— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur I Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen..— 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:— 8. * für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .———e auf Monat: 1 Mt. pPf. 1 NMk. 50 Pf. 2 Mk.—pf 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Jetzt rückte die Zeit heran, da ſich die Familie Tra⸗ vers in die Hauptſtadt begeben wollte, und auf Sybellas dringende Bitten ſtellte Sir Marmaduke das Geſuch, Kate O'Donoghue möchte ſie begleiten und ſo die Freu⸗ den eines Winters in Dublin genießen, das damals, in Bezug auf geſelliges Leben keiner andern Stadt in Europa nachſtund. Das in den ſchmeichelhafteſten, herzlichſten Ausdrü⸗ cken abgefaßte Empfehlungsſchreiben langte gerade an, als die O'Donoghue's am Frühſtücke ſaßen und wurde, wie gewöhnlich bei ſolchen Gelegenheiten, von Kate ſelbſt eröffnet; kaum hatte ſie den Inhalt überblickt, als ſie mit erhöhter Farbe und einem leichten Zittern in ihrer Stimme den Brief über den Tiſch hin ihrem Oheim reichte und ſagte—„darüber haſt Du zu entſcheiden, Oheim.“ 4 „Dann mußt Du es mir vorleſen Kate; denn mein Gehör hat mein Geſicht überlebte⸗ „Soll ich es thun?“ fie Kates Weſen einiges Zögern b gutmüthig zu Hülfe kam. „Von Herzen gerne, Archy,“ erwiederte O'Donoghue, „oder vielmehr, wenn Du mir einen Gefallen thun willſt, ſo ſage mir nur, wovon die Rede iſt— briefliche Höf⸗ lichkeiten machen auf mich ſo ziemlich den gleichen Ein⸗ druck, wie die Ceremonien der Verbeugung und Begrü⸗ ßung wenn ich einen anfall habe. Ich werde höl⸗ r Archy ein, der in ekt hatte, und ihr jetzt liſch ungeduldig, und würde die Welt darum geben, wenn Alles vorüber, und ich wieder in meinem behaglichen Stuhle wäre.“ „Im gegenwärtigen Falle,“ ſagte Sir Archy,„liegt die Höflichkeit weniger im Styl als im Inhalt. Es iſt ein äußerſt freundlicher, obgleich, das muß ich geſtehen, für mich ſehr unwillkommener Vorſchlag, unſern Liebling Kate für einen Winter von uns wegzunehmen und ihr das Leben und die Luſtbarkeiten der Hauptſtadt zu zeigen.“ „Nun, das iſt wenigſtens anſtändig,“ ſagte O'Do⸗ noghue, deſſen erſter Gedanke aus geſchmeicheltem Stolz entſprang; plötzlich aber wechſelte er ſeinen Ton und ſprach mit leiſer Stimme:„Aber was ſagt Kate ſelbſt dazu?“ Bei dieſen Worten ſeines Vaters richtete Mark ſeine Augen feſt auf ſie, und während eine Todenbläſſe ſein Geſicht überzog, ſaß er dort und erwartete ihre Antwort, wie ein Verbrecher dem Urtheil des Richters entge⸗ genharrt. „Kate fühlt ſich hier zu glücklich, als daß ſie eine Veränderung wagen möchte,“ erwiederte ſie, ohne auch vun eine Sekunde nach der Stelle zu blicken, wo Mark aß. 1 „Aber theuerſte Kate, Sie dürfen eine ſolche Ge⸗ legenheit nicht verlieren,“ flüſterte ihr Herbert begierig ins Ohr.„Dort finden Sie die Scenen und Geſellſchaf⸗ ten, an die Sie gewohnt, zu deren Genuß und Zierde Sie ſo trefflich geeignet ſind, und außerdem——“ Ein ſtrenges Stirnrunzeln von Mark, der, wenn er auch die Worte nicht gehört hatte, doch ihren Inhalt errathen zu haben ſchien, unterbrach plötzlich den Jüng⸗ ling, welcher jetzt verwirrt zu Boden blickte. „Wir ſind ein getheiltes Cabinet, das leuchtet mir ſo ziemlich ein, Kate,“ ſprach O'Donoghue;„obgleich ich, wenn unſere Herzen ſich ausſprechen ſollen, dafür ſtehen möchte, daß ſie alle übereinſtimmen. Indeſſen würde dies ein ſelbſtſüchtiger Urtheilsſpruch ſein, mein 9 theures Mädchen und eine armſelige Belohnung für all das Glück, das Du in dieſe alten Mauern zurückgebracht haſt.“ Dieſe Worte waren mit ſo viel Gefühl geſpro⸗ chen, daß Niemand geneigt war, die darauf folgende Stille zu unterbrechen. „Ich geſtehe, die Hauptſtadt möchte ich gerne ſehen,“ ſagte endlich Kate,„jedoch nur unter der Bedingung, daß meine Abweſenheit eine kurze wäre.“ „Und ich hätte nichts dagegen, daß die Hauptſtadt Sie ſehen ſoll,“ ſprach Sir Archy;„obſchon ich durch meine Großmuth ein Liebchen verlieren könnte.“ „Fürchten Sie nicht für meine Treue,“ erwiederte Kate lachend, indem ſie ihm ihre Hand hinreichte, die er mit antifer Galanterie an ſeine Lippen drückte.„Die Jugend dieſes Landes, ſo weit wenigſtens meine Erſah⸗ rung geht, ſcheint nicht geeignet, einen ſo treuen Be⸗ wunderer zu verdrängen; von jungen Menſchen, die ſo wenig Hingebung für ihr Land beſitzen, kann man wohl mit Recht vermuthen, daß ſie noch weniger für deſſen Töchter haben“ Marks Stirne und Wangen wurden plötzlich dunkel⸗ roth; er ſenkte ſeinen Kopf faſt bis auf den Tiſch, um der Beobachtung zu entgehen, ergriff, wie in der Zer⸗ ſtreuung, das Schreiben und ſchien deſſen Inhalt anzuſtar⸗ ren; plötzlich aber zerdrückte er es in der Hand, erhob ſich vom Tiſche und verließ das Zimmer. „Meine holde Kate,“ ſprach Sir Archy, als er ſie in die Vertiefung eines Fenſters führte,„hüten Sie ſich, daß Sie nicht da, wo Sie blos die Glut des Patriotis⸗ mus anzufachen hofften, die Flamme des Hochverraths anzünden; Augen und Lippen gleich den Ihrigen ſind ge⸗ fährliche Lehrmeiſter! ſeien Sie vorſichtig, Mädchen. Dies Land ſteht, wie auch Andere denken mögen, am Vorabend eines gewaltigen Kampfes; das Volk hat man⸗ che alte Zwiſtigkeiten aufgegeben und ſcheint geneigt, ſich zu einigen.“ „Und der Adel— wo ſind die Männer, die an des 1⁰ Volkes Spitze ſtehen und ſein Loos theilen?“ rief Kate heftig aus; denn die Warnung war weit entfernt, den beabſichtigten Eindruck zu machen, ſondern ſtachelte nur ihren Feuereifer von neuem an und erregte ihre Neu⸗ ierde. 1 8„Der Adel,“ erwiederte Sir Archy in feſtem, ent⸗ ſchiedenem Tone,„will lieber unter einer Regierung leben, die er haßt, als von der Gnade eines Geſindels abhängen, das er verachtet. Ich habe länger als Sie in dieſer unſeligen Welt gelebt, Mädchen, und glauben Sie mir, die Poeſie des Patriotismus hat wenig gemein mit der rachſüchtigen Wuth der Rebellion. Sie wün⸗ ſchen Freiheit für diejenigen, die nicht einmal das Bischen, das ſie davon beſitzen, genießen können. Was wir hier brauchen, das iſt Zeit, um die traurigen Er⸗ innerungen an die Vergangenheit zu vergeſſen— Zeit, um die Schärfe früherer lang entſchwundener Leiden abzuſtumpfen— Zeit, um gewiſſe Ueberlieferungen ſo in den Hintergrund zu drängen, daß ſie auf die Gegen⸗ wart nicht anzuwenden ſind— Zeit, um ſich die Lehre einzuprägen, daß die Hälfte der Energie, die ein Volk in Empörung verſchwenden kann, hinreicht, um es auf die Stufe civiliſirter und gebildeter Weſen zu erheben.“ „Zeit, damit die Irländer vergeſſen, daß einſt das Land ihrer Geburt etwas anderes war, als eine eng⸗ liſche Provinz,“ fügte Kate mit Heftigkeit hinzu.„Nein, nein, nicht in dieſer Art haben Ihre eigenen tapferen Landsleute ihre Pflichten verſtanden.“ „Sie ſammelten ſich um die Fahne eines Prinzen, den ſie liebten,“ ſagte M'Nab in einem Tone, deſſen Feuer gegen ſeine frühere Ruhe grell abſtach. „Wollen Sie damit ſagen, daß das Prinzip der Freiheit nicht heiliger iſt, als die Perſon eines Souve⸗ rans?“ fragte Kate in höhniſchem Tone. „In Betreff des letztern kann man nicht fehlgreifen, aber die Begriffe von Freiheit können ſehr unſicher ſeyn,“ erwiederte er trocken,„indeſſen wir dürfen nicht 8 Lied.“ 11 hadern, liebe Kake, die Zeit iſt uns ohnehin kurz zuge⸗ meſſen. Setzen Sie ſich nieder und ſingen Sie mir ein „Nun ſo ſoll es ein rebelliſches ſeyn, das verſpreche ich Ihnen,“ verſetzte ſie mit einem trotzigen Tone, von dem man unmöglich beſtimmen konnte, ob er ernſt oder nur angenommen war.„Aber hier kommt ein Gaſt, der uns unterbricht, und ſo iſt für dießmal Ihre Loyalität gerettet.“ Dieſe Bemerkung galt einem Reiſenden, der in einem altmodiſchen Wägelchen ſaß und ſein müdes Pferd den ſteilen Weg nach dem Schloſſe hinauftrieb. „Es iſt Swaby, Vater“ rief Herbert, der die Equi⸗ page des Corker Advokaten ſogleich erkannte und über bi⸗ unerwartete Erſcheinung eine gewiſſe Unbehaglichkeit ühlte. „Was führt ihn wohl in dieſe Gegend?“ ſprach O'Donoghue mit erheucheltem Erſtaunen—„er iſt vielleicht unterwegs nach Killarney.„Nun, nun, man laſſe ihn herein.“,. Die Ankündigung des Fremden hatte allem An⸗ ſchein nach auf die Uebrigen keinen angenehmen Eindruck gemacht, denn kaum war die Glocke verſtummt, als alle das Geſellſchaftszimmer verließen, ſo daß O'Donoghue allein zurückblieb, um den Rechtsgelehrten zu empfangen. Obgleich O'Donoghue ſeinen geſetzkundigen Rath⸗ geber mit einiger Ungeduld erwartete, ſo machte dieſer würdige Mann doch nicht ſogleich ſeine Aufwartung, da er auf ſeinem Wege nach dem Geſellſchaftszimmer von Sir Archy aufgehalten wurde, der mit bedeutungsvvller Geberde ihn veranlaßte, ihm nach ſeinem Zimmmer zu folgen. „Ich werde Sie nur wenige Minuten aufhalten, Mr. Swaby,“ ſagte er, als er ihm winkte Plaz zu neh⸗ men.„Ich habe eine kleine Angelegenheit, wobei Sie mir dienen können. Ich brauche kaum zu bemerken, daß ich auf Ihre Verſchwiegenheit rechne.“ 12 Mr. Swaby ſchloß das eine Auge, und drückte mit der Spitze ſeines Zeigefingers an die Naſe— eine Ge⸗ berde, welche die vollkommenſte Treue ausdrücken ſollte. „Zufälliger Weiſe,“ begann Sir Archy, der mit dieſem Unterpfand augenſcheinlich zufrieden war,„zu⸗ fälliger Weiſe brauche ich in dieſem Augenblick eine ge⸗ wiſſe Summe Geldes, die ich auf dieſe Sicherheit hin aufnehmen möchte. Es ſind Hypotheken auf ein Gut, das aus Gründen, zu deren Auseinanderſetzung es mir in dieſem Augenblick an Zeit gebricht, gegenwärtig zu Gunſten meines Erben von einem weitläufigen Ver⸗ wandten verwaltet wird. Sie können ſich überzeugen, daß der Werth bedeutend iſt—“ damit deutete er auf eine furchtbare Reihe von Figuren, die einen der Rande bedeckten.„Die Summe, die ich verlange, beträgt nur tauſend Pfund— fünfhundert auf der Stelle— ſo⸗ gleich— den Reſt in einem Jahre. Können Sie mir dieß beſorgen?“ „Geld iſt noch nie ſo rar geweſen,“ erwiederte Swaby, indem er ſeine Brille putzte, und eines der ſchweren Pergamente entfaltete.„Der Teufel hole mich, wenn ich weiß, wo alles hingekommen iſt. Erſt letzte Woche wollte ich für den alten Hoare auf das Gut Ballyrickan fünftauſend Pfund aufnehmen, und konnte Niemand finden, der mir ſechs Penee vorgeſchoſſen hätte. Das Land iſt unruhig, wie Sie ſehen. Es geht das Gerücht, wir werden bald einen Aufſtand haben, und wer weiß, was dann aus den Landgütern wird.“ „Dieſes Gut liegt in Perth,“ ſagte M'Nab, indem er mit ſeinem Finger auf die Urkunden deutete. „Das ſehe ich,“ erwiederte Swaby;„aber auch dort ſind ſie zuweilen einem Krawall nicht abgeneigt. Der Prätendent hat durch ſeine Umtriebe manche von Ihren Landsleuten in eine ſaubere Falle Plort. Wer Narren Lſuht der findet ſie eben überall.“ Dieſe Frage wollen wir jetzt nicht beſprechen, 44 ſagte Sir Archy ärgerlich;„um auf den Hauptpunkt 13 zurückzukommen, wollen Sie mir gefälligſt ſagen, iſt das Anlehen nicht möglich?“ „Das meine ich juſt nicht,“ erwiederte Swaby, „vielleicht in einer Woche oder in zwei— „Ich muß es vor drei Tagen wiſſen,“ ſiel M'Nab ein. „Der gnädige Herr erwartet Mr. Swaby,“ ſagte Kerry, der jetzt in dem Zimmer erſchien, ohne daß einer von den andern ſeinen Eintritt bemerkt hatte. Sir Archy erhob ſich mit zorniger Geberde, ſprach jedoch keine Silbe, ſondern bedeutete nur Kerry das Zimmer zu verlaſſen. „Sie müſſen zu meinem Schwager, Sir,“ ſagte er endlich,„und wenn unſere Unterhaltung nicht bereits das Geſpräch des Hauſes geworden iſt, ſo bitte ich Sie es geheim zu halten.“ „Das verſteht ſich,“ erwiederte Swaby,„aber ich glaube, ich habe ſo eine Ahnung, wie Ihren Wuͤnſchen entſprochen werden kann; wir wollen alſo dieſen Abend weiter über die Sache reden.“ Mit dieſen Worten ent⸗ fernte er ſich und ließ Sir Archy in einer keineswegs ruhigen Gemüthsſtimmung zurück. Swaby's Erſtaunen über ſein Geſpräch mit Sir Archy, von deſſen Güterbeſitz er nie die leiſeſte Idee gehabt hatte, ſteigerte ſich auf den höchſten Grad, als er hörte, welche günſtige Wendung die Angelegenheiten O'Donoghue's genommen; und während er der Mit⸗ theilung des alten Mannes die erforderliche Aufmerkſam⸗ keit widmete, beſchäftigte ſich ſein ſchlauer Kopf bereits mit den Folgen, die aus dieſer unerwarteten Glücks⸗ wendung erwachſen, und wie ſie zu ſeinem Vortheil am beſten ausgebeutet werden könnten. O'Donoghue war zu ſehr in ſeine eigenen Plane vertieft, als daß er Swaby über ſein Geſchäft mit M'Nab, worüber ihm bereits Kerry O'Leary einen Wink gegeben hatte, aus⸗ forſchen wollte. Der Anwalt konnte daher ungehindert überlegen, wie er das Glück des Einen am vortheilhaf⸗ teſten benutzen könne, um dem Andern auszuhelfen, 14 für ſich ſelbſt aber allen Vortheil daraus zu ziehen. Es wäre unnöthig und zwecklos die Aufmerkſamkeit des Le⸗ ſers auf dieſes Geſpräch zu lenken; es genüge die Be⸗ merkung, daß Swaby die Mittheilung O'Donoghue's mit Vergnügen hörte, da er mit geübtem Scharſſinn erkannte, inwieweit er ein ſo unerwartetes Glück auf Koſten beider Schwäger zu ſeinen eigenen Zwecken aus⸗ beuten, und zugleich einem derſelben aushelfen konnte. Während ſo Jedermann innerhalb der Schranken dieſes kleinen Haushaltes dem Faden ſeines Geſchickes folgte, und jeder eifrig ſeinen beſondern Zweck im Auge hatte, ſaß Kate O'Donoghue allein am Fenſter ihrer Kammer in tiefe Gedanken verloren. Der Beſuch in der Hauptſtadt ſtellte ſich ihrer Phantaſie von ſo man⸗ cherlei Seiten dar, daß ſie, bei all ihrer Luſt an Ver⸗ gnügungen und Genüſſen dennoch Schwierigkeiten ent⸗ deckte, die den Schritt unräthlich, wo nicht gefährlich machen konnten. Unter allen Rückſichten war Geld die einzige, mit der ſich ihre Berechnungen am wenigſten beſchäftigt hatten; jetzt aber beſann ſie ſich, daß eine ſolche Reiſe nothwendig mit Koſten verbunden ſey, die bei den Finanzumſtänden ihres Oheims nur ſchwer be⸗ ſtritten werden konnten. Kaum war ihr dieſer Gedanke in den Sinn gekommen, als ſie ſich verwunderte, daß er ihr nicht gleich von Anfang aufgeſtoßen war, und es durchzuckte ſte ein wahrer Schrecken, ſie möchte in ihrem Verlangen nach dem in Ausſicht ſtehenden Vergnügen nur den Eingebungen der Selbſtſucht Gehör geſchenkt haben. Noch ein Augenblick und ſie war entſchloſſen die Einladung abzulehnen. Sie war nicht dazu gemacht, halbe Maßregeln zu ergreifen, wenn ſie glaubte, daß es ſich um einen Grundſatz handle; und die einzige Schwie⸗ rigkeit lag jetzt darin, wie ein mit ſo viel Freundlichkeit gemachtes Anerbieten auszuſchlagen ſey. Das Schreiben ſelbſt muß den Weg dazu eröffnen, dachte ſie, und in dieſem Augenblicke erinnerte ſie ſich, wie Mark es von dem Fruͤhſtücktiſch weggenommen hatte. „ 18 Sie hörte eben, wie er in ſeinem Zimmer über ihr mit ſchwerem Schritt auf und ab ging, und ohne einen Augenblick zu verlieren, eilte ſie die Treppe hinauf an ſeine Thüre; ſchon war ihre Hand ausgeſtreckt um an⸗ zuklopfen, als ſie plötzlich zögerte, über ihren Geiſt kam eine ſeltſame Verwirrung— was würde Mark von ihrer Bitte halten— würde er ſie nicht einem heftigen Ver⸗ langen zuſchreiben, der Einladung Folge zu leiſten? Solcher Art waren die Fragen, die ſich ihr aufdrängten, aber eben ſo ſchnell kam auch die Antwort—„Mag er denken, was er will, ich werde mich gewiß nicht bemü⸗ hen, ihn zu enttäuſchen. Er allein unter allen im Hauſe hat mir noch nie einen Beweis von Anhänglichkeit oder Vertrauen gegeben.“ Das Blut ſtieg ihr in die Wan⸗ gen und ihre Augen glühten von der augenblicklichen Aufregung; im gleichen Moment wurde plötzlich die Thüre aufgeriſſen und Mark ſtand vor ihr. Sein Erſtaunen war jedoch ſo groß, daß er einige Sekunden lang nicht ſprechen konnte; endlich murmelte er mit dumpfer, tiefer Stimme— „Ich glaubte etwas am Schloſſe zu hören und bin ſo argwöhniſch auf den verdammten Kerry, der ſo oft hier den Horcher macht——* „Doch nicht, wenn Sie allein ſind, Mark?“ ſprach Kate lächelnd. „Ja— auch dann. Ich habe eine närriſche Ge⸗ wohnheit, laut zu denken, und habe mich ſchon lange vergeblich bemüht, ſie los zu werden; auch ſcheint er es zu wiſſen.“. „Auch eine andere Gewohnheit ſcheinen Sie an ſich zu haben,“ ſagte ſie lachend.„Erinnern Sie ſich noch, daß Sie mir das Schreiben weggenommen haben, das gerade anlangte, als wir am Frühſtück waren?“ „Wirklich?“ erwiederte er erröthend;„habe ich es wirklich vom Tiſche genommen? Ja, ja, es fällt mir jetzt wieder ein. Sie müſſen mir vergeben, Bäschen, wenn dieſe unwillkührlichen Gewohnheiten die Geſtalt 1 16 von Rohheit annehmen.“ Er ſchien ganz zu Boden ge⸗ ſchlagen, als er hinzufügte:„Ich weiß nicht, warum ich es in meine Taſche geſteckt: hier iſt es.“ Mit dieſen Worten zog er aus ſeiner Bruſttaſche ein zerkrümpeltes Papier und überreichte es Kate. Sie hätte gerne etwas erwiedert— einige freundliche, wohl⸗ wollende Worte; aber, wie es auch geſchah, ſie ſtam⸗ melte und ſtockte. Zweimal gelang es ihr, die Worte: „Ich weiß, Mark— ich bin überzeugt, Mark,“ heraus⸗ zubringen; doch war ſie nicht im Stande etwas auszu⸗ ſprechen, was vielleicht gerade ihre Unentſchloſſenheit noch ſchwieriger machte, ſie murmelte daher blos ein kurzes„Meinen Dank“ und entfernte ſich. „Der arme Menſch!“ ſagte ſie, als ſie wieder in Zimmer trat;„ſein Loos iſt doch das härteſte von allen.“ Sie hätte ſich oft gerne ſelbſt überredet, Mark's mürriſche, düſtere Laune ſey vielleicht die Unzufrieden⸗ heit eines Menſchen, der die Schmach eines unrühmli⸗ chen Lebens fühle— ein leichtſinniger Wandel habe die Spuren eines kühnen, hohen Sinnes, wodurch ſich ſeine Familie ſo lange ausgezeichnet hatte, vielleicht bedeckt, aber nicht verwiſcht; und jetzt zum erſten Male glaubte ſie, die Beweiſe für eine ſolche Gemüthsſtimmung auf⸗ gefunden zu haben. Sie dachte lange über dieſen Ge⸗ genſtand nach und ſtellte ſich vor, wie Mark's gute Eigen⸗ ſchaften und ſein muthiges Temperament unter Umſtän⸗ den, die ihrer Entwicklung günſtig geweſen wären, ihm Ruhm und Ehre hätten erwerben können.„Und hier,“ rief ſte halblaut aus,„hier muß er vielleicht leben und ſterben als ein Bauer!“ Mit einem tiefen Seufzer warf ſie ſich in einen Stuhl, und gleich als wollte ſie ihren Gedanken eine weniger düſtere Richtung geben, öffnete ſie den Brief, den Mark ihr überreicht hatte. Kaum hatte ſte jedoch ihre Augen darauf geworfen, als ſie einen ſchwachen Schrei ausſtieß, einen Schrei, allerdings zu ſchwach, um eine bloße Angſt auszudrücken, aber in 17 einem Tone, worin eben ſo viel Schrecken als Erſtau⸗ nen gemiſcht war. Der Brief war kurz— er enthielt nur einige Zei⸗ len— und ſie hatte ihn mit einem Blick geleſen, bevor ſie Zeit hatte zu erwägen, in wiefern ſie damit eigent⸗ lich gegen das Vertrauen ſich verſündige; in der That ließ ihr das ſpannende Intereſſe des Inhalts wenig Muße zur Beſinnung. Er lautete folgendermaßen:— „Theurer Bruder— keine Uebereilung— nicht zu haſtig— ohne Frankreich kann nichts geſchehen. T. ſetzt jetzt auf jene Seite große Hoffnungen, und wenn nicht 30000, ſo werden doch 20000 oder wenigſtens 15000 zur Verfügung geſtellt werden, und Waffen für die dop⸗ pelte Zahl. Youghal wird als ein paſſender Punkt ge⸗ nannt, und H. hat Seekarten und dergleichen herüber⸗ geſchickt. Vor allem Geduld; traue keinen Gerüchten, von uns darfſt Du Dir die früheſte und ſicherſte Nach⸗ richt verſprechen. Der Ueberbringer dieſes wird L. ſeyn. Du mußt die Ziffer zu lernen ſuchen, denn eine ent⸗ deckte Correſpondenz würde alles verderben. Immer der Deinige und für die Sache 4 Hier war alſo der Jüngling, den ſie wegen ſeines Mangels an Ehrgeiz, wegen ſeiner am Boden kriechen⸗ den Gedanken beklagt hatte— hier der bloße Bauer! CEr, der Mitſchuldige irgend eines dunkeln, verzweifel⸗ ten Complottes, worin die Waffen Frankreichs gegen die engliſche Regierung gebraucht werden ſollten. War dies das Geheimniß ſeines düſtern Brütens? Führte er deßhalb ein ſo einſames, abgeſchloſſenes Leben, weil er ſeine Geiſteskräfte auf einen ſolchen Plan concentrirte? „O! Mark, Mark, wie falſch habe ich Dich beurtheilt!“ rief ſie aus, und kaum hatte ſie dieſe Worte geäußert, ſo durchzuckte ſie ſchnell wie der Blitz der Gedanke— welch ſchreckliche Gefahren ein Temperament wie das Lever, O'Donoghue II. 2 18 ſeinige bei einer ſolchen Unternehmung laufen müſſe— bei ſeinem gänzlichen Mangel an Welt⸗ und Menſchen⸗ Kenntniß, an gewöhnlicher Klugheit und Vorſicht. Die bloße Thatſache, daß er ſich in dem Brief vergriffen hatte, war ja ein handgreiflicher Beweis, wie unfähig er zur Bewahrung eines Geheimniſſes war. Gleichgül⸗ tig von Natur— faſt in Verzweiflung wegen des Ver⸗ falls ſeines Hauſes— was ſollte da aus ihm werden? Andere würden die Zeit abwarten und ihre Ausſichten berechnen. Er würde nur dem Ruf der Gefahr horchen. Sie kannte ihn wohl, noch von ſeiner Knabenzeit her⸗ und hatte oft geſehen, wie er ſich mehr von der Gefahr, als andere vom Vergnügen, bezaubern ließ. Während ſie ſolche Betrachtungen anſtellte, rich⸗ teten ſich ihre Gedanken unwillkürlich auf alle Gefahren einer ſolchen Unternehmung, in die ſie ihn verwickelt glaubte. Die bezaubernden Traumbilder eines ſpekula⸗ tiven Patriotismus wichen bald vor den Schrecken, die ſie jetzt heraufbeſchwor. Sie wußte, er war das einzige Band, das ſeinen Vater an's Daſeyn knüpfte, und ein Unglück, das Mark widerführe, würde für den alten Mann der Todesſtoß ſeyn. Und doch waren dies nicht die ſchmerzlichſten ihrer Betrachtungen, denn ſie erin⸗ nerte ſich jetzt, wie oft ſie mit Hohn auf diejenigen an⸗ geſpielt habe, die ein niedriges, unrühmliches Leben führten; wie häufig ſie über die klägliche Rolle ſolcher Menſchen geſpottet, die mit hohen Namen und alter Ahnenſchaft begabt, keinen Wunſch an den Tag legten, aus einer unedlen Stellung ſich emporzuheben und nach Einfluß und Macht zu ſtreben; hatte ſie alſo vielleicht beigetragen zu dem raſchen Schritte dieſes Jünglings, hakten ihre eiteln Worte und ihre unbeſonnenen Reden ihn dazu getrieben, ſich einer Sache anzuſchließen, wo⸗ bei ſeine Leidenſchaften, nicht aber ſein Verſtand bethei⸗ ligt waren? Wie unglücklich mußte dieſe Befürchtung ſte machen! Mit jedem Augenblick ſtieg der Schmerz ihrer Seele, 19 während die Zweifel, was ſie beginnen ſollte, immer dichter ſie umflatterten. Sir Archy allein war fähig ihr zu rathen, ſeine ruhige, leidenſchaftloſe Vernunft wäre jetzt unſchätzbar geweſen; aber durfte ſie auch nur ihm ein Geheimniß anvertrauen, hinter das ſie ſo zufällig gekommen war? Würde— konnte es ihr Mark je ver⸗ zeihen, und wie viele Andere konnten durch eine ſolche Mittheilung gefährdet werden! In dieſer Klemme ſah ſie nur einen Weg vor ſich, ſich ohne weiters an Mark ſelbſt zu wenden, ihm zu erklären, wie ihr ſein Ge⸗ heimniß bekannt geworden ſey, von ihm ſo viel als mög⸗ lich über die Gefahren und Schwierigkeiten der beab⸗ ſichtigten Empörung zu erfahren, und wenn es nicht möglich ſey, ihn von der Theilnahme daran abzubringen, ſeinen Entſchlüſſen wenigſtens mit aller Klugheit, mit allem guten Rath, der ihr zu Gebote ſtand, zu Hülfe zu kommen. Kaum war ihr Entſchluß gefaßt, als ſie zum zweiten Mal vor der Thüre ſeines Zimmers erſchien; ſie klopfte zweimal an; da aber keine Antwort erfolgte, offnete ſie ſachte die Thüre. Das Zimmer war leer, er war fort. Ich will ihm ſchreiben, ſagte ſie haſtig und mit dieſem neuen Entſchluß eilte ſie in ihr Zimmer und begann einen Brief. Die Aufgabe, die ſie ſich ſelbſt geſtellt hatte, war nicht ſo leicht; ein dutzend Mal ſuchte ſie ihm, wäh⸗ rend ſie ihm auseinander ſetzte, durch welchen Zufall ſein Geheimniß bekannt geworden, mit lebhaften Farben die Gefahr eines Unternehmens vorzuſtellen, dem ſeine eigene Nachläſſigkeit zum Nachtheil gereichen tönnte; aber mit keinem ihrer Verſuche war ſie zufrieden. Bald ſchien ſie ſich nicht hinlänglich gerechtfertigt zu haben, wegen des Durchleſens ſeines Briefes, wozu ſie keine Erlaubniß hatte; bald ſchien ihr das Gewicht, das ſie gerade auf dieſen Punkt legte, zu ſelbſtſüchtig und zu perſönlich in einem Falle, wo die Intereſſen eines An⸗ dern auf dem Spiele ſtanden; und auch wenn ſie ihm 2* 20 die Glückwechſel vorſtellte, welchen ſeine abenteuer⸗ liche Laufbahn ihn ausſetzen würde, ſo fühlte ſie, wie jedes Wort dem Inhalt ihrer früher ſo oft wiederhol⸗ ten Reden widerſprach. In gänzlicher Verzweiflung, was ſie beginnen ſollte, ſchloß ſie endlich den Brief ein und fügte blos folgende wenige Worte hinzu: „Den angeſchloſſenen Brief habe ich geleſen, aber . K. OD. Darauf verſiegelte ſie das Paket und hatte gerade die Adreſſe geſchrieben, als es an die Thüre klopfte, ſodann Sir Archy eintrat und ſich dem Tiſche näherte. Mit dem ihn auszeichnenden Takt und Zartgefühl erklärte ſich Sir Archy über den Zweck ſeines Beſuches — er drang nämlich in Kate, eine Summe Geldes an⸗ zunehmen, um damit ihre Auslagen in der Hauptſtadt beſtreiten zu können. Der halb gebieteriſche Ton, den er annahm, entwaffnete ſie und machte ſie bedenklich darüber, in wie weit ſie es wagen dürfe, ſich den Wün⸗ ſchen ihrer Freunde in Betreff ihrer ſelbſt zu widerſetzen. „Alſo wünſchen Sie im Ernſt, daß ich nach Dub⸗ lin gehe?“ fragte ſie. „Ja, Kate, aus mancherlei Gründen— aus Grün⸗ den, die ich Ihnen ſpäter ohne Schwierigkeit werde er⸗ klären können. „Ich bedaure faſt, daß ich je daran gedacht habe,“ ſagte Kate, ihre Gedanken unwillkürlich laut ausſprechend. „Das iſt vielleicht nicht der geringſte Grund um zu gehen,“ verſetzte Sir Archy trocken, während im glei⸗ chen Augenblick ſein Auge auf den Brief mit Mark O'Donoghue's Aufſchrift fiel.— Kate ſah, worauf ſein Blick geheftet war, und er⸗ röthete vor Scham und Verwirrung. „So ſey es denn, Oheim,“ ſagte ſie entſchloſſen. „Ich will die Gründe, von denen Sie ſprechen, nicht wiſſen, denn wenn Sie nach meinen eigenen Gegen⸗ Ihr Geheimniß iſt bei mir ſicher.“ 21 gründen fragen wollten, ſo wäre ich ſchwerlich im Stande ſie in Worte zu bringen; es war bloße Laune. „Das hoffe ich, theuerſte Kate,“ ſagte er mit einem Tone inniger Zärtlichkeit—„das hoffe ich von ganzem Herzen,“ mit dieſen Worten drückte er ihr innig die Hand und verließ das Zimmer. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Ein letzter Abend zu Haus. Nach der Erfahrung vergangener Ereigniſſe zu ſchlie⸗ ßen, möchte es jetzt ſcheinen, daß zu damaliger Zeit im engliſchen Kabinet in Betreff der von Frankreich gegen Irland beabſichtigten Invaſion eine ganz unerklärliche Gleichgültigkeit herrſchte; auch iſt es nicht leicht zu be⸗ ſtimmen, ob dieſe Sorgloſigkeit aus Unkenntniß der Ge⸗ fahr hervorging, oder vielmehr aus jenen Mittheilungen darüber, welche die Miniſter bewogen, ſie als unwichtig zu betrachten. Was auch die Urſachen geweſen ſeyn mochten, Ein Punkt iſt klar genug— franzöſiſche Sendlinge durch⸗ zogen ungehindert und unbeläſtigt das Land nach allen Richtungen; jede Woche wurden die genaueſten ſtatiſti⸗ ſchen Mittheilungen nach Paris befördert; über den Zu⸗ ſtand der öffentlichen Meinung, über die Stellung der Parteien, über die Stärke der Truppen, die der Re⸗ gierung zu Gebote ſtanden— ſogar über den Geiſt, der ſie beſeelte, wurden die umſtändlichſten Berichte eingeſandt, und dies alles wurde ein Gegenſtand der Beſprechung auf dem Bureau des Kriegsminiſters von Frankreich. Dies Syſtem wurde zu einer ſolchen Vollkommenheit gebracht, daß mehr als einmal die franzöſiſchen Behörden in Be⸗ treff der Richtigkeit der Mittheilungen argwöhniſch wur⸗ den, und zwar gerade wegen der Leichtigkeit, womit man ſie ihnen übermacht; ſie gaben daher öfters zu ver⸗ 22 ſtehen, eine ſolche Regelmäßigkeit in der Correſpondenz ſey vielleicht den höflichen Aufmerkſamkeiten des eng⸗ liſchen Kabinets zu verdanken; und dieſem Mißtrauen iſt zum großen Theil jene ſchwankende, zögernde Politik zuzuſchreiben, die ihre eigenen Berathungen bezeichnete. Tone's Briefe ſind Beweiſe für das mühſame Ge⸗ ſchäft ſeiner Unterhandlung; Zuſicherungen von Hülfe, die nach Monate langem, peinlichem, ſchmerzlichem Dringen zugeſagt und noch dazu von einigen faſt unmög⸗ lichen Bedingungen abhängig gemacht wurde; die For⸗ derung von Garantien, die er weder geben konnte noch wollte, von Mittheilungen, die man, ſelbſt wenn man im Beſitz des Landes geweſen wäre, nicht ohne die größte Schwierigkeit hätte geben können; und am Ende, als der verſprochene Beiſtand bewilligt wurde, die damit verbundenen Winke und Geſtändniſſe, daß in Frankreichs Augen die Unabhängigkeit Irlands nichts ſey, als ein Todesſtoß für die Macht und Größe Englands— dies Alles war wenig geeignet, den Muth der Bewegungs⸗ partei in Irland zu erhöhen. In der That war keine Partei mit dem Vertrag zu⸗ frieden, und dieſes Mißvergnügen zeigte ſich ſchon lange vor dem Zeitpunkt, da er zur Ausführung gebracht wer⸗ den ſollte. Inzwiſchen ſparten die Inſurgenten keine Mühe, ſtarke Maſſen unter dem Landvolk zu organiſiren, um Frankreich wenigſtens numeriſch eine kräftige Mit⸗ wirkung verſichern zu können. Solche Berichte waren nothwendig, damit Tone auf ſeinen Forderungen mit erhöhter Energie beſtehen konnte; und obgleich er ſelbſt ſich nie täuſchen konnte über die Unbrauchbarkeit ſolcher undisciplinirter und faſt unbewaffneter Maſſen, ſo nahmen ſie ſich doch plauſibel genug auf dem Papier aus, und bürgten für die Bereitwilligkeit des Volkes, das engliſche Joch abzuſchütteln. Jetzt iſt es allgemein bekannt, daß die franzöſiſche Partei in Irland ſehr ſchwach war. Die ſchrecklichen Unbilden, welche die roͤmiſch⸗katholiſche Kirche während 2³ der Revolution erlitten hatte, konnten von den iriſchen Prieſtern weder vergeſſen noch verziehen werden; auch ließ ſich nicht erwarten, daß ſie freiwillig eine Sache fördern würden, deren Weg zur Freiheit über die Aſche ihrer Kirche führte. Diejenigen Prieſter, die am fähig⸗ ſten geweſen wären, über die Sache ein Urtheil abzu⸗ geben— nänlich die in Frankreich erzogenen— fürch⸗ teten natürlich in ihrem Lande eine Wiederholung der ſchrecklichen Scenen, von denen ſie in der Fremde Augen⸗ zeugen geweſen, und ſo verloren die ‚Patrioten’ einen Beiſtand, der mehr als jeder andere geeignet war, die Nation in ihrem Innerſten aufzuregen. Abſtrakte Frei⸗ heitsprinzipien ſind nicht die wirkſamſten Mittel, um ein Volk in Bewegung zu ſetzen; und obgleich die franzöſiſchen Agenten verſchwenderiſch mit ihren Verſprechungen waren, und über das Thema der engliſchen Unterdruͤckung un⸗ zählige Variationen gemacht werden konnten, ſo wurde doch die eigentliche Saite des Volksgefühles nie berührt, und außer denen, die in jedem Lande und jedem Alter⸗ Patrioten ſind— weil ſie nichts zu verlieren haben— ſchloſſen ſich der Sache nur Wenige an. Einige, wie zum Beiſpiel der junge O'Donoghue, waren allerdings aufrichtig und entſchloſſen. Anfangs mehr aus rein per⸗ ſönlichen als patriotiſchen Gründen für die Sache ge⸗ wonnen, lernten ſie bald, ein tieferes Intereſſe am Spiel nehmen, und wurden bezaubert von einem Plan, der ihnen wichtige, einflußreiche Stellungen anwies. Die Nothwendigkeit, ſolchen Köder anzuwenden und jedem Anhänger der Sache einen gewiſſen Grad von Macht und Einfluß zu gewähren, war ebenfalls eine bedeutende Urſache der Schwäche. Meinungsverſchiedenheiten er⸗ hoben ſich über jeden Gegenſtand; perſönliche Zwiſtig⸗ keiten der bitterſten Art; Vorwürfe und Verdächtigungen gingen beſtändig zwiſchen ihnen hin und her, und es bedurfte aller Geſchicklichkeit und Gewandtheit der Häup⸗ ter, um auch nur vorübergehend die widerſpenſtigen Be⸗ ſtandtheile mit einander zu verſöhnen, und wenigſtens 24 einen Schein von Harmonie unter dieſen„Vereinigte Irländern“ herzuſtellen.. Diejenigen, die von ſolchen Scenen der Zwietracht weit entfernt wohnten, beklagten ſich hauptſächlich über das Zögern.„Worauf ſollen wir noch warten?“— „Wann werden wir endlich losſchlagen?“— Dieß waren die ſtets ſich wiederholenden Fragen, und die Unmög⸗ lichkeit, dieſelben auf eine für das Volk befriedigende Weiſe zu beantworten, erhöhte nur die Mißſtimmung. Wenn der Sanguiniker Ungeduld verrieth, ſo zeigte der Zaghafte— und ſolche gibt es allenthalben— Wan⸗ kelmuth, und flüſterte von Verrath und Treuloſigkeit; während zwiſchen beiden die großen Maſſen ſtanden, aufgeregt von jedem oberflächlichen Gerücht, und heute eben ſo ſchwer zurückzuhalten, als morgen zu ver⸗ ſammeln. Dieß war mit kurzen Worten die Lage der Partei, auf die Mark O'Donoghue das Glück ſeines Lebens ſetzte, eben ſo ſorglos um ſein eigenes Schickſal, als unwiſſend in Betreff beſtimmter Plane oder der zur Aus⸗ führung vorgeſchlagenen Mittel. 5 Sein Einfluß unter dem Volke war bedeutend. Abgeſehen von allen Anſprüchen, die ſich auf ſeinen Namen und ſeine Familie ſtützten, war er perſönlich ſehr beliebt. Muth und Kühnheit— Geſchicklichkeit in jeder männlichen Leibesübung, Unerſchrockenheit und Entſchloſſenheit ſind Gaben, die, mit einer rauhen, gut⸗ artigen Natur und mit wahrer Herzensgüte gepaart, ein wildes, ungebildetes Volk ſicher gewinnen; und ſo war Herbert, der faſt nie ein barſches Wort äußerte— der aus Auftrag von Sir Archy täglich die Kranken beſuchte — von deſſen Dienſtfertigkeit Jedermann ſprach, weniger Volksliebling, als ſein Bruder. Dieſer Einfluß, worüber durch Lanty Lawler bald die Abgeordneten in Dublin unterrichtet wurden, war der Grund, weßhalb Mark ganz beſonders ins Vertrauen gezogen und mit einem Commando beehrt wurde, über 25 deſſen Pflichten und Vorrechte er ſich, wie man ihm mit⸗ theilte, in wenigen Tagen hinlänglich würde unterrichten können. 1 Seit dem Tage, da Kate ihren Brief an Mark gerichtet hatte, war beinahe ſchon eine Woche verſtrichen, und noch war er nicht nach Hauſe zurückgekehrt. Seine Abweſenheit war allerdings nichts ungewoöhnliches; aber jetzt ſtieg bei dem Gedanken, in welche hochverrätheriſchen und gefährlichen Plane er verwickelt ſeyn möchte, ihre Ungeduld faſt bis zur Verzweiflung, und ihre Ungewiß⸗ heit, in wie weit ſte ihre Entdeckung den Uebrigen ver⸗ heimlichen ſollte, wurde wahrhaft qualvoll. Endlich kam der letzte Abend, den ſie noch vor ihrer Abreiſe in Carrig⸗na⸗curra zubrachte, und ſie ſaßen um den Thee⸗ tiſch, in Gedanken verſunken und ſchweigend, wie ge⸗ wöhnlich, wenn man vor einer Trennung zum letzten Mal beiſammen iſt. Obgleich ſie mit Vergnügen die Ankündigung hörte, daß Herbert ſie nach der Hauptſtadt begleiten würde, wo er als Student das Trinity⸗College beſuchen ſolle, ſo ſchweiften dennoch ihre Gedanken hin⸗ weg und ſchwebten über dem trüben Geſchick ihres Vetters Mark, das jetzt im Vergleich mit den vor ſeinem Bruder ſich eröffnenden Ausſichten nur um ſo düſterer erſchien. Unter der ganzen Geſellſchaft war Herbert allein heiter geſtimmt. Jetzt ſollte die Laufbahn beginnen, mit der ſich ſein ganzer jugendlicher Ehrgeiz beſchäftigt hatte — der große Wettkampf des Geiſtes, auf dem ſelbſt ſeine Traͤume zu verweilen pflegten. Welche Traumbil⸗ der von feurigem Wetteifer mit ſeinen Gefährten, um den Preis davon zu tragen und einen Ruhm zu gewin⸗ nen, der auf ſein ganzes ſpäteres Leben ſeinen Glanz werfen würde, ſtiegen nicht in ſeiner Seele auf? Von früheſter Kindheit an hatte ihm Sir Archy das Ver⸗ langen nach Auszeichnung eingeflößt, indem er kluger Weiſe einen ſolchen Ehrgeiz an die Stelle irgend eines andern weniger edeln ſetzte. Er hatte ihm die Ueber⸗ zeugung beigebracht, daß ſich an die auf jenem Kampf⸗ platz gewonnenen Lorbeern mehr wahre Ehre knupfe, als an alle, wenn auch noch ſo erfolgreichen Anſtren⸗ gungen, die verlorne Herrlichkeit ihres einſt ſo ſtolzen Hauſes zurückzubringen. Und jetzt ſtand er hart an der Schwelle der Laufbahn, mit der ſich ſeine ganze Seele beſchäftigte. Kein Wunder alſo, wenn ſein Herz ſchlug und ſeine Pulſe klopften. Sir Archy's Augen wendeten ſich ſelten von ihm ab; es ſchien, als wolle er die Frucht ſeines ganzen langen Unterrichts betrachten, und wenn er die flammenden Blicke und die lebhaften Geberden des Jünglings beobachtete, ſchien er zu berechnen, in wie weit ein ſolches Temperament für ſeine Zukunft nützlich oder verderblich werden könnte. D⸗Donoghue war nachdenklicher als gewöhnlich. Der Gedanke der bevorſtehenden Einſamkeit, der für Leute von vorgerücktem Alter doppelt traurig iſt, drückte ihn nieder. In der letzten Zeit waren ſeine Abende unter fröhlichem Genuſſe verſtrichen, den er ſeit Jahren nicht mehr gekannt hatte. Für junge Leute iſt eine Trennung nur eine Unterbrechung der Bande des tägli⸗ chen Verkehrs— für alte hat ſie alle feierliche Bedeu⸗ tung einer Warnung und mahnt an die Annäherung des letzten Abſchieds, wo man ſich für immer Lebewohl ſagt. Dieſe düſtern Ahnungen, konnte er nicht unterdrücken; deßhalb war er ſtumm und traurig. Kate's Aufmerkſamkeit ſchweifte von Herberts künf⸗ tigen Freuden hinweg, um wieder an denjenigen zu denken, um den ſich jetzt Niemand zu kümmern ſchien. Lange und ängſtlich hatte ſie auf irgend einen Ton gelauſcht, der ſeine Ankunft bezeichnen möchte, aber draußen war alles ſtill, und auf der Straße ließ ſich beim Licht des Mondes ſtundenweit kein lebendiges Weſen erblicken; endlich folgte auf den Zuſtand der Aengſtlichkeit eine tiefe Träumerei, und ſie ſaß dort, ihre ganze Umgebung vergeſſend. Inzwiſchen warnte Sir Archy mit leiſer nachdrucksvoller Stimme Herbert 27 vor den Gefahren, ſich in den Kampf der politiſchen Parteien zu miſchen, der damals in Dublin ſo heftig war. Er rieth ihm, jene ertremen, für junge Gemüther ſo bezaubernden Meinungen, die entweder dem Urtheil für's ganze Leben eine nicht zu rechtfertigende Richtung geben, oder wenn ihre Falſchheit entdeckt wird, zu einer eben ſo heftigen Reaktion und eben ſo trügeriſchen Be⸗ griffen führen, zu verwerfen.„Gewinne Dir erſt einen Charakter und Anſehen, Herbert: ſtrebe nach einer Stellung, wo Du Deinen Meinungen Einfluß verſchaffen kannſt, und dann, mein Junge, kannſt Du mit einem nicht raſch gebildeten Urtheil, und mit einem in Unter⸗ ſuchung großer Fragen geübten Geiſte furchtlos in die Schranken treten und Dir Deinen Standpunkt und Deine Partei wählen. Ein Patriot im Sinne der Zei⸗ tungen kannſt Du nicht werden.— Auch iſt es möglich, daß unſere theure Kate Deinen Ehrgeiz für einen arm⸗ ſeligen hält——“ „Kate, haben Sie geſagt?— Kate, Oheim?“ fragte ſie, ihren Kopf erhebend, mit zerſtreutem Blicke. „Ja, meine Liebe, ich ſprach von einigen der Ge⸗ fahren, welche die erſten Schritte zu einer politiſchen Meinung umlagern und, ſagte Herbert, Gefahr bringe nicht immer Ehre,“ „Ganz wahr, Sir— ganz wahr: aber Mark—— ſie hielt inne und die Röthe, die ihr Geſicht bedeckte, ergoß ſich über Nacken und Schultern. Erſt nachdem ihre Lippen den Namen ausgeſprochen, entdeckte ſie, wie leichtſinnig ſie den geheimen Gegenſtand ihres eigenen Nachdenkens verrathen habe. „Mark, meine holde Kate, bedarf, hoffe ich, meiner Warnungen nicht; er lebt fern vom Parteikampf. Und wäre dieß auch nicht der Fall, ſo iſt er älter, und beſſer im Stande, ſich ſeine Meinungen zu bilden, als Herbert hier.“ Dieſe Worte wurden mit Ruhe und mit dem 28 eifrigen Wunſche, Kate's Verwirrung nicht zu erhöhen, geſprochen. „Was iſt mit Mark?“ rief O'Donoghue, der durch die Erwähnung des Namens plötzlich aus ſeinen Ge⸗ danken erweckt wurde.„Es iſt doch ſeltſam, daß er nicht hier iſt, um Kate Lebewohl zu ſagen. Hat ihm Niemand etwas von der zu eurer Abreiſe beſtimmten Zeit geſagt?“ 5 „Ich habe ihm davon geſagt, und er hat mir ver⸗ ſprochen, hier zu ſeyn,“ verſetzte Herbert;„er wollte auf ein Paar Tage nach Beerhaven auf die Jagd, aber drolliger Weiſe hat er ſeine Flinte hier zurückgelaſſen.“ „Der Junge iſt nicht mehr der alte,“ murmelte O'Donoghue.„Vorgeſtern brachte Lanty zwei Pferde, aber er wollte nicht einmal bis zur Thüre gehen, um ſie zu betrachten. Ich weiß nicht, an was er denkt.“ Kate ſprach kein Wort, und ſuchte mit großer An⸗ ſtrengung eine ruhige Miene zu behaupten; auf einmal merkte ſie mit jenem ſeltſamen, ſo ſchwer zu beſchrei⸗ benden und zu erklärenden Inſtinkt, daß Sir Archy ſeine Augen auf ſie heftete und nun wurde ihre Wange todtenblaß. „Da, da kommt er angerannt!“ rief Herbert. Bei dieſen Worten hörte man den dröhnenden Hufſchlag eines ſchnellen Galopps die Straße heraufkommen, und im nächſten Augenblick wurde heftig an der Thüre geläutet. „Ich wußte doch, daß er Wort hält,“ ſprach der Jüngling mit Stolz, indem er ihm entgegeneilte; die Thüre öffnete ſich und herein trat— Frederick Travers. So unerwartet war ſeine Erſcheinung, daß es aller Höflichkeit des darin geübten Sir Archy bedurfte, um vor dem jungen Garde⸗Offizier die Verlegenheit der Uebrigen zu verhehlen; dennoch gelang es ihm nicht gänzlich, denn Frederick war kein gewöhnlicher Beob⸗ achter und entdeckte bald in jedem Geſichte, daß man nicht ſeine Ankunft erwartet hatte. 29 „Ich muß tauſendmal um Verzeihung bitten wegen der Stunde meines Beſuches, um von meiner plötzlichen Erſcheinung gar nichts zu ſagen,“ ſprach er mit anmu⸗ thigem Weſen;„aber wir haben erſt heute zufällig erfahren, daß Herbert ebenfalls nach Dublin gehen will: mein Vater ſendet mich daher mit der Bitte, uns Geſellſchaft zu leiſten.“ „Er iſt im Begriff, das College zu beſuchen,“ ſagte Sir Archy nicht ohne einige Beſorgniß, die Aufmerk⸗ ſamkeit des Jünglings möchte von dem großen Zweck ſeiner Reiſe abgelenkt werden. „Vortrefflich,“ erwiederte Fred munter;“ da können wir unterwegs über Virgil und Homer ſprechen.“ „ Sch fürchte, eine ſo angenehme Geſellſchaft könnte Griechenland und Rom in den Hintergrund drängen;“ ſprach Sir Archy in trockenem Tone. „Ich ſtehe gut dafür, die kurze Erholung vom Studium wird ihm nichts ſchaden; außerdem wollen Sie mir gewiß eine Geſellſchaft nicht verſagen, wenn ich Ihnen erkläre, daß ich ſonſt allein reiſen muß. Mein Vater hat in ſeiner Weisheit beſchloſſen, mich einen halben Tag vorauszuſchicken, um die nöthigen Vorkehrungen für ſeine Ankunft zu treffen. Iſt das auch recht, Miß O'Donoghue?“ „So weit es uns betrifft, nicht. Was aber Sie betrifft,“ fügte ſie ſchalkhaft hinzu,„ſo möchte ich be⸗ haupten, ein ſo ausgezeichneter Reiſender finde ſtets auch auf dem langweiligſten Wege Stoff zur Unterhaltung. Ich erinnere mich einer kleinen Theorie, die Sie ſelbſt über dieſen Punkt aufgeſtellt; Sie haben davon geſpro⸗ chen, als ich das erſte Mal das Vergnügen hatte, Sie zu ſehen.“ Die Anſpielung bezog ſich auf die Art, wie Travers auf dem Briſtoler Paketſchiff ihre Bekanntſchaft gemacht, und ſie hatte ſeine kaltblütige Verſicherung von damals mit ächt weiblicher Zähigkeit ihm noch immer nicht ver⸗ geben. Travers, der den Umſtand ſpäter oft bereut 3⁰ und gehofft hatte, er ſey ſchon lange vergeſſen, ſah aus wie die leibhaftige Verwirrung. „Ich ſehe, Miß O'Donoghue, Sir Archibald hat Sie noch nicht gelehrt, ſein heimatliches Sprichwort zu Veſbe tiren⸗ daß man keine alten Camillen aufwärmen oll.“ 3„Ich habe ihr nichts Schottiſches gelehrt, Sir,“ verſetzte Sir Archy lächelnd;„außer daß man eine Diſtel lieben ſoll, und zwar gerade darum, weil ſie Stacheln hat.“ 8 „Nicht für Leute, die wiſſen, wie man ſie anzu⸗ greifen hat, mein Oheim,“ ſagte ſie boshaft und mit einem zärtlichen Ausdruck, worüber ſich das Geſicht des alten Mannes lächelnd verklärte. Der Garde⸗Offizier war weniger wohlgemuth als gewöhnlich, und nachdem er über den Zweck ſeines Be⸗ ſuches die nöthige Verabredung getroffen, erhob er ſich, um Abſchied zu nehmen.„» 4 „Alſo um acht Uhr werden Sie bereit ſeyn, Her⸗ bert. Mein Vater iſt ſo pünktlich wie eine Mauer⸗ ſchwalbe, und der Phaeton wird keine Sekunde länger warten. Merken Sie ſich dieß, Miß O'Donoghue, denn er macht nicht einmal bei Damen eine Ausnahme.“ Er ſchritt auf die Thüre zu, kehrte ſich aber plötz⸗ lich um und ſagte:— „Nebenbei geſagt, haben Sie nichts von einer Bewegung hier im Lande gehört? Die Regierung hat augenſcheinlich Mittheilungen über die Sache erhalten, aber ich vermuthe, es ſteckt nichts dahinter.“ „Wie weit erſtrecken ſich wohl dieſe Mittheilungen?“ fragte Sir Archy bedächtig. „Das kann ich Ihnen nicht ſagen; ich weiß weiter nichts, als daß mein Vater ſo eben einen Brief aus dem Schloſſe erhalten hat, mit der Anzeige, daß wir mitten in einer organiſirten Revolution leben, die nur das Signal zu einem offenen Ausbruch erwarte.“ „Dieſelbe Rebellion dauert meines Wiſſens ſchon 31 mehr als vierzig Jahre,“ ſagte O'Donoghue lachend; „und ich habe nie von einem Lord⸗Lieutenant oder Staats⸗ Sekretär gehört, der nicht das Komplott entdeckt und das Königreich gerettet hätte: immer aber ließen ſie ein Neſt⸗Ei des Hochverraths für den Nachfolger zurück, damit auch er ſeine Lorbeeren daran verdienen könne.“ „Ich weiß nicht recht, ob es nicht noch zu einem Ausbrüten kommen wird,“ ſagte Sir Archy mit einem trockenen Kopfſchütteln. „Wenn es dazu kommen ſollte, ſo wünſche ich nur, es möchte geſchehen, ſo lange ich ein Zuſchauer ſein kann,“ ſagte Travers; ſodann kam es ihm plötzlich in den Sinn, die Leichtfertigkeit dieſer Bemerkung möchte den Andern mißfallen; er murmelte daher einige Worte von Hoffnung auf beſſere Ausſichten und entfernte ſich. Waͤhrend dieſes kurzen Geſpräches hatte Kate mit athemloſer Spannung zugehorcht, um irgend eine That⸗ ſache, oder auch nur irgend einen wohlbegründeten Ver⸗ dacht zu erfahren, der dazu dienen könnte, Mark vor⸗ ſichtig zu machen; aber nichts konnte vager und unbe⸗ ſtimmter ſein, als Fredericks Mittheilung; und es war augenſcheinlich, daß er mit nichts hinter dem Berge gehalten hatte. Konnte er vermöge ſeiner Stellung mehr erfahren? war die nächſte Frage, die ſie ſich ſelbſt ſtellte— War er vielleicht nicht im Stande, zu ergrün⸗ den, wo und auf wem der Verdacht der Regierung ruhte? Ihre Entſchluͤſſe waren ſelten mehr als das Werk einer Sekunde; ſobald daher dieſer Gedanke ſie durchzuckt hatte, beſchloß ſie darnach zu handeln. Sie ſchlich geräuſchlos aus dem Zimmer, warf haſtig einen Shawl um ſich und eilte aus dem Hauſe durch eine kleine Pforte, von wo ein bedeutend kürzerer Weg, als Travers machen mußte, nach der Straße hinabführte. Es war keine Zeit zu ſchüchterner Verſchämtheit, und in der That war ſie durch die Sorge um das Ge⸗ ſchick eines Andern zu ſtark aufgeregt, um noch an ſich ſelbſt denken zu können; ſo kurz nun auch der Pfad 32 war, ſo war er doch lang genug für ſie, um ihren Plan zu entwerfen und ſogar um ſich auf die Worte vorzu⸗ bereiten, die ſie dabei anwenden wollte. „Ich darf ihm nicht ſagen, daß ich mich um Mark's willen erkundige; er muß meinen, es ſei ein allgemeiner Wunſch, irgend einen hitzigen oder mißleiteten Enthu⸗ ſiaſten vom Verderben zu retten. Aber da kommt;“ und im gleichen Augenblick näherte ſich die Geſtalt eines Mannes, der ſein Pferd am Zügel führte. Der dunkle Schatten des Schloſſes fiel über die Straße und diente dazu, die Geſtalt unkenntlich zu machen. Kate wartete nicht ab, bis er näher kam, ſondern ſchritt haſtig auf ihn zu und rief— „Kapitän Travers, ich habe Sie um eine Gefällig⸗ keit zu bitten— eine Gefälligkeit, die mein Hieher⸗ kommen——“ 3 „Sprechen Sie nicht weiter, Kate, damit ich nicht höre, was nicht für meine Ohren beſtimmt war,“ ſprach eine dumpfe, tiefe Stimme. „Mark— Vetter Mark, ſind Sie es?“ rief ſie halb erfreut, halb beſchämt. „Ja,“ erwiederte er in noch tieferm Tone;„ich be⸗ daure, daß Sie ſich in mir getäuſcht haben— ich bin's.“ „Oh, Mark, verſtehen Sie mich nicht falſch— thun Sie mir nicht Unrecht,“ ſagte ſie, indem ſie ihre Hand zärtlich auf ſeinen Arm legte.„Ich habe mich ſo ſehr darnach geſehnt— Sie zu ſehen, Sie zu ſprechen, be⸗ vor wir gehen.“ „Mich zu ſehen— mich zu ſprechen?“ fragte er⸗ indem er zurücktrat und das Mondlicht auf ſeine Züge fallen ließ, die jetzt blaß waren, wie der Tod;„nicht ich war es, den Sie hier erwartet haben.“ „Nein, Mark, aber um Ihretwillen bin ich gekom⸗ men; mein Wunſch war, Ihnen zu dienen— vielleicht Sie zu retten. Ich kenne Ihr Geheimniß, Mark, aber bei mir iſt es ſicher.“ „Und ich kenne das Ihrige, junge Lady,“ erwiederte 33 er mit Bitterkeit.„Ich kann nicht ſagen, in wie wei meine Verſchwiegenheit mit der Ihrigen wetteifern wird.“. Während er ſprach, flog raſch ein Neiter vorüber, und als er aus dem Schatten emportauchte, drehte er ſich in ſeinem Sattel um, heftete ſeinen ſtarren Blick auf die Geſtalten vor ihm, nahm dann ſeinen Hut ab und ſagte— „Gute Nacht, Miß O'Donoghue.“ Als ſich Kate von ihrem Erſtaunen erholte, fand ſie ſich allein— Mark war verſchwunden; und ſie kehrte jetzt langſam nach dem Schloß zurück, das Herz zer⸗ wühlt von widerſtreitenden Aufregungen, unter denen ihr verwundeter Stolz keineswegs die ſchmerzloſeſte war. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Eine Geſellſchaft zum Abendeſſen⸗ Da wir im Begriff ſind, unſern Leſer auf kurze Zeit von den Scenen wegzuführen, wo er bisher ſo freundlich mit uns herumgeſchlendert hat, ſo iſt es uns vielleicht erlaubt, einen letzten Blick auf ſie zu werfen, ehe wir ſcheiden. An dem Abend, der auf den in unſerm letzten Ka⸗ pitel erwähnten folgte, ſaßen die beiden alten Männer allein in dem Thurm von Carrig⸗na⸗curra, ſchweigend und nachdenklich, da jeder fuür ſich über das Schickſal Desjenigen brütete, für den er ſich am tieſſten intereſ⸗ ſirte, und jeder litt unter dem Druck des Kummers, der niemals ausbleibt, wenn man verlaſſen iſt, oder ſich für verlaſſen hält. „Das Gedächtniß an und für ſich kann keine ſolche Erinnerungen an vergangene Freuden heraufbeſchwören, wie ſie mit Hülfe der an gluͤckliche Tage und Nächte Lever, O'Donoghue. I. 3 34 geknüpften Gegenſtände und Scenen hervorgerufen wer⸗ den; ſie treten mit einer Kraft auf, welche nie von bloßer Spekulation erzeugt wird, und rufen alle die kleinern, aber ergreifendern Ereigniſſe des ſtündlichen Verkehres zurück, die zu ihrer Zeit ſo unbedeutend wa⸗ ren, aber wenn man ſich nach Jahren ihrer erinnert, ſo wichtig ſcheinen. Die glänzendſten Augenblicke des Lebens ſind am ſchwierigſten ins Gedächtniß zu rufen; ſie gieichen den ſtrahlenden Beleuchtungen einer Landſchaft, die wir hundertmal beſuchen können, ohne ſie unter gleich gün⸗ ſtigen Umſtänden zu betrachten, oder mit der gleichen Begeiſterung zu bewundern, wie das erſte Mal. So geſchah es, daß ſowohl O Donoghue, als auch Sir Archy jetzt an das Mädchen dachten, deſſen Anweſenheit ſo manche Stunden der Einſamkeit erheitert, und ſogar noch auf den morſchen, verwitterten Stamm das Reis der Hoffnung gepfropft hatte. Von beiden Seiten wur⸗ den verſchiedene Verſuche gemacht, eine Unterhaltung anzuknupfen, aber immer vergeblich, und beide ſanken in ein düſteres Schweigen zurück, woraus ſie plötzlich erweckt wurden durch ein heftiges Läuten am Thore und durch die Stimmen mehrerer Perſonen, unter denen Mark O'Donoghue deutlich ſich vernehmen ließ. „Ja, aber ich beſtehe darauf,“ rief er;„wenn ihr nicht mitkommt, ſo beleidigt ihr mich.“ Darauf wurden einige Worte im Tone von Gegen⸗ vorſtellungen geſprochen; er aber erwiederte mit noch größerer Energie— „Was kümmert mich das? Hier iſt meines Vaters Haus, und wer zu ſagen wagt, daß ſein älteſter Sohn nicht das Recht hat, ſeine Freunde einzuführen——“ Ein beftiger Lärm an der Glocke unterdrückte den Reſt der Rede. „Es ſcheint, wir bekommen Geſellſchaft,“ ſagte Sir Archy, indem er ſich vorſichtig nach ſeinem Buch und 35 nach ſeiner Brille umſah, um ſie mit in ſein Schlaf⸗ zimmer zu nehmen.. „Bei Gott, Sie haben es errathen,“ ſagte Kerry, der, nachdem er die Geſellſchaft durch ein tleines Fen⸗ ſter neben der Thüre gemuſtert, ſich jetzt kluger Weiſe erſt Raths erholte, ob er ſie einlaſſen ſollte.„Es ſind wenigſtens acht bis neun, und es ſcheint nicht, daß ſie nüchtern ſind.“ „Warum öffneſt Du die Thüre nicht?— Soll man Dir die Knochen zerſchmeißen?“ rief der alte O'Donoghue in barſchem Tone. „Ich würde ſie gehen laſſen, woher ſie gekommen ſind,“ ſagte der weiſe Sir Archy;„wenn ich nach ihren Worten ein Urtheil wagen darf, ſo ſind ſie nicht im ge⸗ eigneten Zuſtand, ein achtbares Haus zu beſuchen. Höre doch, höre doch!“ Jetzt hörte man von außen ein furchtbares Ge⸗ ſchrei. 1„Was ſteht der Schurke da und gafft?“ rief O'⸗Do⸗ noghue, die Zähne knirſchend.„Auf der Slelle öffne die Thüre.“ Aber kaum waren dieſe Worte geſprochen, als ein entſetzlicher Krach durch das ganze Gebäude erdröhnte, gefolgt von einem dumpfen Geräuſch, wie wenn ein ſchwerer Gegenſtand gefallen wäre. „Beim Teufel, er hat das Fenſter eingebrochen,“ rief Kerry in einem Tone ungeheuchelten Schreckens; und ohne eine Sekunde zu warten, ſtürzte er aus dem Zimmer, um ſich vor Mark's Ingrimm in irgend einem Winkel zu verbergen. Bald darauf hörte man das Klirren der maſſiven Kette, die ſchwer an die eichene Thür anſchlug; raſch wurde ein Riegel nach dem andern zurückgeſtoßen, und unter dem Geſchrei—„folgt mir— hieher!“ riß Mark die Thure weit auf und trat in den Thurm. Ein ober⸗ flächlicher Blick reichte hin, um ſich zu überzeugen, daß . 3* 4 36 ſeine Aufregung nicht blos die Frucht der Leidenſchaft war— ſeine wilden, blutrünſtigen Augen, ſeine flam⸗ menden Wangen, ſeine geſchwollenen, ſchweren Lippen, alles verrieth, daß er ſtark getrunken hatte. Seine Halsbinde war loſe, ſeine Weſte offen, und die Finger ſeiner rechten Hand waren— eine Folge von dem Un⸗ geſtüm, womit er ſeinen Eintritt erzwungen hatte— ein einziger Blutklumpen. 3 „Komm her, Talbot— Holt, hieher— herein, ihr Jungen,“ rief er ſeinem Gefolge zu.„Ich habe ihnen geſagt, daß ihr kommen würdet, obgleich ſie behaupteten, es ſei ſchon zu ſpät.“ „Es iſt nie zu ſpät, einen Gaſt zu bewillkommnen, Mark, aber immer zu früh, um von einem zu ſcheiden,“ rief O'Donoghue, der, obgleich erſchrocken über den Zu⸗ 1 ſtand ſeines Sohnes, entſchloſſen war, ſich nichts an⸗ merken zu laſſen. „Das iſt mein Freund Harry Talbot, mein Vater — Sir Archy M'Nab, mein Oheim. Holt, wo biſt Du? Ich will mich hängen laſſen, wenn ſie nicht ent⸗ ſchlüpft ſind;“ und mit furchtbaren Verwünſchungen über ihre Verrätherei ſtürzte er aus dem Zimmer, wo er es Talbot überließ, ſich ſelbſt vorzuſtellen. Das raſche Getrampel von Fuͤßen und das laute Gelächter der Fluchtlinge draußen erſtickten für einige Sekunden ſeine wenigen Worte; aber ſeine Manier und Miene hatten auf Sir Archy einen ſo beruhigenden Eindruck gemacht, daß er, der ſchon im Begriffe war, das Zimmer zu ver⸗ laſſen, ſtehen blieb und ihn höflich begrüßte. „Es wäre ſehr unanſtändig von mir,“ ſagte Talbot lächelnd,„die gaſtfreundlichen Abſichten meines Freun⸗ des Mark zu verſchmähen; aber fürwahr, ich muß mich wegen der Art, wie wir dieſen Abend hieherkommen, ſo ſehr ſchämen, daß ich nicht ausſprechen kann, welches Vergnügen mir ein ſolcher Beſuch unter paſſendern Um⸗ ſtänden gemacht hätte.“ Sir Archibald wurde durch ſein Erſtaunen über den 37 Ton, worin dieſe Worte geſprochen wurden, nicht gehin⸗ dert, eine geziemende Erwiederung zu geben, er entſagte ſeiner Abſicht, ſich zurückzuziehen, löſchte ſein Licht aus und nahm gegenüber von Talbot Platz. 3 Da wir bereits in einem frühern Kapitel unſern Leſer mit dieſem Herrn bekannt gemacht haben, ſo brau⸗ chen wir bei gegenwärtiger Gelegenheit kaum noch etwas beizufügen. Sein Gewand war allerdings etwas ver⸗ ſchieden; damals war er in einem Reitkoſtüm erſchienen — jetzt trug er einen reichbeſchnürten, dicht mit ſchwar⸗ zem Pelz beſetzten Rock; eine Kappe von dem gleichen Stoff, geziert mit einer dichten goldenen Quaſte trug er in der Hand— ſein ganzes Koſtüm hatte für die damalige Zeit einen fremdartigen Anſtrich. Während Sir Archy mit dem neuangekommenen Gaſt Höflichkeiten austauſchte, war es dem alten O'Do⸗ noghue vermittelſt wiederholten Schellens an der Glocke gelungen, Kerry O'Leary zu bewegen, daß er ſein Hei⸗ ligthum verließ und ſich an die Thüre des Zimmers wagte, wobei er eine Vorſicht beobachtete, die nur durch lange Uebung erworben werden konnte. „Iſt er hier, Sir?“ flüſterte er, während ſeine Augen einen fluͤchtigen, aber forſchenden Blick auf das Zimmer warfen.„Heilige Jungfrau, aber heute Nacht iſt er in einer ſchrecklichen Laune.“„ „Bring' auf der Stelle etwas zu eſſen herauf,“ rief O'Donoghue, mit ſeinem ſchweren Rohr ärgerlich auf den Boden ſtoßend;„wenn ich Dir es noch einmal ſagen muß, ſo hoffe ich, er bricht Dir jedes Bein am ganzen Leibe.“ „Ich bitte Sie, doch ja nichts für mich zu be⸗ ſtellen, Sir,“ ſagte Talbot, ſich verbeugend;„wir haben ſchon ein vortreffliches Abendeſſen zu uns genommen, drunten im Thale in einer kleinen Hütte, wo ich unter andern Vortheilen das Vergnügen hatte, die Bekannt⸗ ſchaft Ihres Sohnes zu machen.“ „Aha, gewiß bei Mary,“ ſagte der alte Mann, 38 „Dieſe kleine Schenke iſt nicht das ſchlimmſte Wirths⸗ haus; aber Sie müſſen mir erlauben, Ihnen ein Glas Claret anzubieten, der gar nicht ſo übel ſchmeckt, wenn man ein Stück Haſelhuhn⸗Paſtete dazu nimmt.“. „Sie müſſen das Reiſen in dieſen Gegenden etws beſchwerlich gefunden haben,“ ſagte M'⸗Nab, der auf dieſe Art dem Fremden iegend eine Andeutung über Zweck oder Ziel ſeiner Reiſe zu entlocken ſuchte. „Wir haben es in dieſer Hinſicht nicht ſo genau ge⸗ nommen,“ ſaate Talbot lachend.„Einige junge Studenten, die in den wilden Gebirgen dieſer maleriſchen Landſchaft eine kleine Luſtreiſe machen wollen, trugen nicht wenig dazu bei, das Vergnügen unſers Streifzuges zu erhöhen.“ „Im Herbſt ſollten Sie uns beſuchen,“ ſagte O'Do⸗ noghue, wenn unſere Haiden und Erdbeerbäume in vol⸗ ler Blüte ſtehen; ſchon manche Leute, die weit gereist ſind, haben mir geſagt, daß man nicht einmal in der Schweiz etwas ſchöneres findet, als unſer Thal zur Herbſtzeit. Kommen Sie näher mit Ihrem Stuhl und ſchenken Sie mir das Vergnügen, ein Glas Wein mit Ihnen zu trinken.“ Kaum hatte die Geſellſchaft an der Tafel Platz ge⸗ nommen, als Mark wieder in's Zimmer trat, erhitzt und aufzeregt von der Verfolgung der Flüchtigen. „Sie ſind fort,“ murmelte er ärgerlich,„das Thal hinunter, und ich hoffe nur, ſie verlieren ihren Weg und muſſen die Nacht auf der Haide zubringen.“ Bei dieſen Worten ſielen ſeine Augen in den Win⸗ kel des Zimmers, wo Kerry, zitternd vor Furcht ſich be⸗ mühte, müttelſt eines ſehr unpraktiſchen Korkziehers einen Pfiopf aus einer Flaſche zu ziehen.. „Ah! Du da,“ rief er mit flammenden Augen. „Halte die Flaſche in die Höhe— halte ſie feſt, alter Narr,“ und mit wildem Grinſen zog er eine Piſtole aus der Bruſttaſche und zielte damit nach dem Pfropf. Kerry war auf die Kniee geſtürzt; mit der einen Hand hielt er ſich am Boden, mit der andern ſtreckte 39 er die Flaſche emvor, womit er itrotz aller Anſtrengung hin und her ſchwankte.. „O Herr, liebſter Herr— O mein lieber Sir Archy— o Joſeph und Maria!“ 9„Ich habe zu viel Wein getrunken, als daß ich es im Flug treffen könnte,“ ſagte Mark mit dem Gelächter eines Betrunkenen,„und der Narr will nicht feſt halten. Da!“ Mit dieſen Worten krachte es, es zitterten alle Wände, und der Hals der Flaſche war ungefähr einen halben Zoll unter dem Pfropf abgeſchoſſen. „Wohlgetroffen, Mark— das muß wahr ſeyn,“ rief der alte O'Donoghne, indem er die Flaſche aus Kerry's Hand nahm, der mit einem Schritt, um den ihn ein Känguruh hätte beneiden koͤnnen, dem Tiſche ſich näherte, und noch immer ſich fürchtete, in Marks Ge⸗ genwart gerade zu ſtehen. „Auf die Gefahr hin für einen Epikuräer gehalten zu werden,“ ſaate M'Nab, muß ich erklären, daß ich wünſche, mein Wein möchte zarter behandelt werden.“ „Aber geſchickt war es doch,“ ſagte Talbot, indem er ſich aus der erbrochenen Flaſche ein Glas einſchenfte. „Ich erinnere mich eines Spieles, das wir in St. Cyr trieben, und das darin beſtand, auf einen Pfropf eine Kugel zu legen, und dann auf zehn Schritte den Kork wegzuſchießen, ſo daß die Kugel in die Flaſche fiel.“ „Das hat gewiß Keiner zweimal gethan,“ rief Mark mit rauher Stimme. „Ich wette hundert Guineen daß ich es in fünf Schüſſen zweimal thue,“ erwiederte Talbot mit vollkom⸗ mener Kaltbluͤtigkeit. „Es gilt hundert Guineen.— Ich ſage, es gilt,“ rief Mark, ihm zutraulich auf die Schulter klopfend. „Ich möchte Dir nicht auf ſo unedle Art Dein Geld abgewinnen,“ ſagte Talbot lachend,„und wenn ich mich enthalten kann, von dieſem trefflichen Bordeaur zu viel zu trinken, will ich morgen das Kunſtſtück ohne Wette auffuhren.“ 40 Gleich den meiſten Perſonen, die auf Kunſtſtücke ein großes Gewicht legen, ärgerte ſich Mark, daß ſich ein Anderer mit höherer Geſchicklichkeit brüſtete, und antwortete gleichgültig, das Ding ſey am Ende vielleiſht leichter als es ſcheine. 4 „Ganz wahr,“ ſtimmte Talbot in ſanftem Ton ein, „was wir weder ſelbſt gethan, noch von andern geſehen haben, das ſcheint uns immer ſchwierig; was man Weis⸗ heit nennt, iſt wenig anderes, als das Vermögen, auf Gründe der bloßen Wahrſcheinlichkeit hin Erfolg oder Mißlingen zu berechnen.“, „Ihre Definition hat den Vortheil, daß ſie für die Gelegenheit genügt,“ ſagte Sir Archy lächelnd.„Es freut mich, daß Ihnen unſer Thal nicht mißfallen hat: aber wenn Sie den See und die Bucht von Glengariff noch nicht geſehen haben, ſo erwarte ich von Ihnen ein noch höheres Lob.“ „Wir brachten den Tag auf dem Waſſer zu,“ er⸗ wiederte Talbot,„und wenn es keine Ketzerei wäre, ſo würde ich behaupten, daß dieſe kühnen Gebirge größer und erhabener ſind, in der Schauerlichkeit des Winters, als im Goldglanz und im Purpurgewande des Sommers. Die See war herrlich, wie ſie in die große Bucht hin⸗ einrollte, die Felſen hinanſprang und ſtolz gegen die hohen Klippen anſchwoll, was meinen Augen größere Wonne gewährt, als die ſpiegelglatte Oberfläche des ruhigen Waſſers. Bewegung iſt das Leben unbeſeelter Gegenſtände, und Leben hat ſtets ſeine eigenen Reize.“ Während ſie ſich ſo unterhielten, wobei M'Nab durch geſchickte Anſpielungen den eigentlichen Grund des Beſuches zu errathen, Talbot hingegen durch Lobſprüche auf die Landſchaft oder gelegentlich durch den Vortrag irgend eines abſtrackten Satzes jeder direkten Frage aus⸗ zuweichen ſuchte— ſetzte Mark, müde eines Geſpräches, das ihn auch in ſeinen lichtern Momenten nicht intereſ⸗ ſirt hätte, ſtark dem Weine zu, und ſchenkte ſich ein Glas um das andere voll, waͤhrend der alte O'Donoghue der 41 Unterhaltung nur denjenigen Grad von Aufmerkſamkeit widmete, den die Höflichkeit erforderte. So geſchah es, daß, während Sir Archy glaubte, er habe nun Talbot dazu gebracht, über den Zweck ſei⸗ ner Ankunft ſich zu äußern, dieſer letztere von ihm al⸗ lerlei Aufſchlüſſe über das Land im Allgemeinen, über die Sitten des Volkes und deſſen Lebensweiſe kerhielt, was er auf die ruhigſte, unbefangenſte Weiſe bewirkte. „Das Leben eines Fiſchers,“ ſagte er als Antwort auf eine Bemerkung von Sir Archy—„das Leben eines Fiſchers iſt aber doch ein recht armſeliges; denn wenn auch ſein Gewinn zu gewiſſen Zeiten groß iſt, ſo gibt es doch Tage— ja, ganze Monate, wo er ſich nicht in die See hinaus wagen kann. Nun bin ich überzeugt, daß gerade in dieſer Bantry⸗Bai das Gewell furchtbar ſeyn muß, wenn der Wind aus Weſt oder Nordweſt geht.“ „Sie haben Recht, ganz Recht—“ antwortete M'Nab, der ſogleich ein Geſpräch über den Zuſtand der Bucht unter den mannigfaltigen wechſelnden Umſtänden von Wind und Fluth anknüpfte.„So weit mein eigenes Gedächtniß reicht, ſind ſchon viele unſerer armen Teufel dort zu Grunde gegangen, und wahrlich, wenn wir nicht einen öſtlichen Wind haben.——“ „Einen öſtlichen Wind?“ wiederholte Mark, indem er den Kopf plötzlich aus ſeinen Händen emporhob und mit dem Staunen eines Betrunkenen um ſich her ſtarrte. „Iſt das der Toaſt— haſt Du den gemeint?“ „O warum nicht?“ erwiederte Sir Archy lächelnd. „Es gibt wenige Trinkſprüche für die Bewohner dieſer Gegend, die eines Glaſes würdiger wären. Wollen Sie nicht mit anſtoßen, Mr. Talbot?“ „ Ci natürlich,“ ſagte Talbot lachend; aber bei all ſeinen Anſtrengungen wohlgemuth zu ſcheinen, hätte ein ſcharfer Beobachter den warnenden Blick bemerken kön⸗ nen, den er dem jungen O'Donoghue zuwarf. „Nun denn!“ rief Mark, ſich erhebend, während der Wein von dem bis zum Rand gefüllten Becher uͤber 42 eine Hand hinunterlief—„ich will ihn auskringen; ſeyd ihr fertig?“ „Fir und fertig, Mark!“ verſetzte der alte OH'Do⸗ noghus, über die ernſthafte Gravität in Mark's Geſicht herzlich lachend. „ Verdammt!“ rief der Jüngling leidenſchaftlich; ich habe den Reim vergeſſen.“ „Thut nichts— thut nichts,“ fiel Talbot mit ſchlauem Blicke ein;„wir können eben ſo gut anſtoßen.““ „Halt— halt,“ rief Mark.„Jetzt hab' ich's,“ und ſeine Augen funkelten, ſeine Augenbraunen ſtießen zuſammen, während er rief— „Feſt geſinnt, Ein öſtlicher Wind, Und der Teufel hinter den Sachſen.“ Sir Archy ſetzte ſein Glas, ohne es an die Lippen gebracht zu haben, auf den Tiſch, während Talbot mit geſchickter Verſtellung in ein Gelächter ausbrach und rief:„Du mußt mich entſchuldigen, wenn ich Deinen freundſchaftlichen Trinkſpruch wiederhole, der, wenn ich nicht ganz falſch rathe, ein Spott auf mein eigenes Land iſt.“ „Ich wünſchte gerne eine Erklärung über dieſen Toaſt zu hören,“ ſagte Sir Archy bedächtig, während ſeine Blicke bald auf Mark bald auf Talbot fielen. „Nun das ſollſt Du,“ erwiederte Mark in barſchem Tone,„und zwar auf der Stelle.“ „Ei, das iſt ſchön,“ ſtimmte Talbot ein, während er ſeine Augen mit ſo feſtem Blicke auf den Jüngling heftete, daß ſie den trüben Dunſt ſeines umwölkten Kopfes zu durchdringen ſchienen, und daß in ſeinem öden Ge⸗ hirn ein Licht aufflammte.„Heraus mit Deiner Er⸗ klärung.“.. Mark ſah einige Sekunden lang aus, als ſey er plötzlich aus einem tiefen Schlaf erwacht, und ſuchte ſeine irren Geiſteskräfte zu ſammeln, während er ſeine Augen unverwandt auf Talbot heftete, gleich als ſuche 8 4³ er inſtinktmäßig bei ihm einen Leitfaden in ſeiner Ver⸗ wirrung. Er ſah aus, wie ein wahres Ideal von be⸗ trunkenem Blödſinn. „Ich befürchte, wir haben kein Recht, die Erklärung zu verlangen,“ flüſterte Talbot Sir Archy ins Ohr. „Wir ſollten zufrieden ſeyn, daß er uns den Reim ge⸗ geben, wenn er auch den Sinn vergeſſen hat.“, „Ich glaube, Sie haben Recht, Sir,“ erwiederte M'Nab;„aber ich vermuthe, wir haben den Dichter eben ſo wenig vor uns, als den Ausleger!“ Mark, der dem Sinn von Talbots Rede langſam gefolgt war, hatte gerade in dieſem Augenblick den Ge⸗ genſtand ihres Geſpräches eingeholt, und brach nun in ein ſchallendes Gelächter aus, das, was auch die andern davon denken mochten, wenigſtens Talbot aus aller Ver⸗ legenheit befreite: Er ſah, daß Mark, wenn auch etwas ſpät, ſeine Warnung verſtanden hatte und fühlte ſich ſo⸗ gleich aller Beſorgniß wegen ſeiner Unklugheit enthoben. Sir Archy jedoch war weit entfernt, ſich befriedigt zu fühlen. Was er gehört hatte, ſo kurz und abgebro⸗ chen es auch war, diente nur dazu, ſeinen Argwohn zu erregen, ſo daß er den Gaſt als eine wenigſtens ſehr zweideutige Perſon betrachtete. Ein zu ſchlauer Diplo⸗ mat, als daß er ſeine Nachforſchungen weiter fortgeſetzt hätte, lenkte er geſchickt die Unterhaltung auf gleichgül⸗ tigere Gegenſtände, wobei er ſich vorbehielt, Talbots Manier genau zu beobachten und den Grad ſeiner Be⸗ kanntſchaft mit Mark O'Donoghue ſorgfältig zu erfor⸗ ſchen. In welche Schule auch Talbot gegangen ſeyn mochte, ſo war ſeine Geſchicklichkeit dem alten Sir Archy mehr als gewachſen. Nicht nur entdeckte er ſogleich die Politik des alten Mannes, ſondern es gelang ihm auch, dieſelbe ſeinen eigenen Zwecken dienſtbar zu machen, in⸗ dem ſie ihm Gelegenheit darbot, den Einfluß zu wuͤrdi⸗ gen, den er auf ſeinen Neffen üben konnte, und zu be⸗ urtheilen, in wie weit im Nothfall Mark mehr von ihm, als von irgend einem Mitglied ſeiner Familie ſich leiten 44 laſſen würde. Die Offenheit ſeines Benehmens, die augenſcheinliche Aufrichtigkeit ſeiner Natur machten ſeine Aufgabe zu einem bloßen Spiel; und am ganzen Tiſche ſah keiner ſo wohlgemuth aus wie Harry Talbot. Während Sir Archy mit aller Geſchicklichkeit, die ihm zu Gebote ſtand, den geheimen Grund— und ein ſolcher, das wußte er wohl, mußte vorhanden ſeyn— von Talbots Beſuch in jener wenig bereisten Gegend herauszugrübeln ſuchte, bot Kerry O'Leary ſeinen ganzen Scharfſinn auf, um ſich dieſes Ereigniß zu erklären. Der Fall bot aber eine mehr als gewöhnliche Schwie⸗ rigkeit dar. Talbot ſah weder wie ein Gerichtsdiener, noch wie ein Sheriff aus; auch hatte er keine äußere Aehnlichkeit mit einem Rechtsgelehrten oder Advokaten. Kerry war mit den Zügen aller dieſer Perſonen auf's genaueſte vertraut. Wenn er ein Freier um Miß Kate war— ſeine letzte Vermuthung— ſo kam er um einen Tag zu ſpät. „Aber nein, das kann er nicht ſeyn: wenn er auf die junge Lady aus wäre, ſo wäre er gewiß nicht in der Stille der Nacht mit einem Schwarm lär⸗ mender Vagabunden gekommen. Wahrlich, mir ſteht der Verſtand ſtill— der Teufel hole mich, wenn es nicht wahr iſt,“ ſagte er indem er einen ſchweren Seufzer ausſtieß, und in trauriger Reſignation die Hände über einander ſchlug. „Bei meiner Seele, es war noch gnädig von ihm, daß er Euch nur das Haar geſtreift hat!“ ſagte Mrs. Branagan, die ihre ruhigen Betrachtungen über den Piſtolenſchuß anſtellte, der durch Kerry's Haar gefahren war und ſeine Locken etwas beſchädigt hatte. „Seht nur— bei der heiligen Meſſe! Wenn er einen halben Zoll niedriger getroffen hätte, ſo hätte er mir das Leben genommen; und wenn er mir das Leben genommen; und wenn er ſo viel wäre, als fünfzig O'Donoghues zuſammen, ſo würde ich mich rächen. 4⁵ Verwünſcht! ſie meinen, Leute meines gleichen brauchten gar nicht zu leben.“ „Ja freilich,“ verſetzte Mrs. Branagan, aus dem Winkel ihres Mundes ein zartes Rauchwölkchen blaſend —„ja freilich; und wenn ſie nicht ſchlimmeres thäten, als einem ſolchen Gewürm den Garaus machen, ſo würden ihre Seelen leicht in den Himmel kommen.“ Kerry ſenkte den Kopf und ſeine Lippen murmelten; aber eine deutliche Antwort ließ ſich nicht vernehmen. „Wenn ich nur eine einzige gute Eigenſchaft von Euch wüßte!“ ſagte ſie mit unerbittlicher Härte.„Ich erinnere mich der Zeit, da Ihr mir alles zu erzählen pflegtet, was droben vorging; und obgleich die Hälfte davon immer erlogen war, ſo war es doch beſſer, als nichts; aber jetzt ſeyd Ihr ſo dumm und träge, wie die alte Beſtie da vor dem Feuer— von Morgens früh bis Abends ſpät kommt kein Wort aus Eurem Kopf. O je, habt Ihr vielleicht das Gehör verloren?“ „Bei der heiligen Mutter, ich wollte, es wäre ſo,“ murmelte er andächtig vor ſich hin. „Da iſt jetzt ein Mann droben im Geſellſchaftszim⸗ mer, der ißt und trinkt, und Ihr wißt gewiß nicht mehr von ihm, als wenn er die Königin von Sheba wäre.“ „Nicht?— Wirklich nicht?“ ſagte Kerry ſpöttelnd und mit ſo geheimnißvollem Blicke, daß Mrs. Branagan vollſtändig dadurch getäuſcht wurde. „Nun, was iſt er denn, ſprecht es frei heraus, auf der Stelle,“ ſagte ſie.„Verdammt! wollt Ihr mich wie einen Verräther behandeln?“ „Nein, gewiß nicht, Mrs. Branagan; das habe ich gewiß nicht im Sinne— wahrlich, ich kannte Eure Leute von väterlicher und mütterlicher Seite— von zwei Generationen her. Miles Buoy— der gelbe Miles, wie man ihn nannte— war der beſte Pferdekenner in Kerry— es wundert mich, daß er nicht eine Maſſe Geld zuſammengebracht hat.“ „Das hat er freilich, aber nachher hat er es wieder Koͤchin mit wildem Blicke.„Von hier bis nach Cork 4⁸ vergeudet. Da gab es Gauner mit alten Kamaſchen und Einem Sporn daran, die ihm ſeinen letzten Schilling aufzehrten.“ „Nun, nun! da hört einmal!“ ſagte Kerry mit der gravitätiſchen Meene eines Menſchen, der uber irgend eine ſeltſame Unregelmäßigkeit im geſellſchaftlichen Leben nachdenft;„und ſo ging alles fort?“ „War es nicht natürlich genug?“ fragte Mrs. Bra⸗ nagan mit flammenden Augen,„wenn er eine Brut von Spitzbuben fütterte, die an nichts Anderes dachte, als die Welt zu betrügen. Noch heute bekomme ich Sodbrennen, wenn ich ein Paar Stulpſtiefel ſehe.“ „Mir thaut immer das Herz auf,“ verſetzte Kerry mit tiefer Beſcheidenheit. Ein verachtlicher Seitenblick war Mrs. Branagans Antwort und Kerry fuhr fort— „So wechſelts in der Welt— geſtern reich— heute arm! Ich weiß ja ſelbſt, was Armuth iſt. Ja, das waren noch ſchöne Zeiten, da ich auf einem Thiere, das ſeine achtzig Guineen in Gold werth war, ausritt, mit Kleidern am Leibe, um die mich ein Lord beneiden könnte; und jetzt, ſeht mich an!“ Mrs. Branagan, der dieſe redneriſche Ausdrucks⸗ weiſe eine direkte Aufforderung zu ſeyn ſchien, blickte ihn an; die Inſpektion ſchien ihr aber kein Vergnügen zu machen, denn ſie kehrte ſich plötzlich wieder um und rauchte ihre Pfeife mit einer Miene tiefer Verachtung. „Wahrlich, Ihr könnt recht haben,“ fuhr Kerry fort, indem er ihren Blick in Worte verwandelte.„Heut⸗ zutage bin ich ein armſeliges Geſchöpf. Der Rock an meinem Leibe iſt durchſichtig wie ein Spinnengewebe, und in me ne Hoſen iſt, mit Eurer Erlaubniß, ſo ſchwer hineinzukommen, wie in ein Fiſchernetz; und wenn ich Pferde dreſſtren müßte, ſo konnte ich nicht kürzer ge⸗ halten werden.“ „Was ſagt Ihr da von Eurer Koſt?“ fragte die 47 gibt es Niemand, der Euch an Appetit gleichkommt. Mit einer Kerry⸗Kuh wurdet Ihr nicht weit reichen; und doch geht Alles in eine ſchlimme Haut. Ihr ſeyd ein Schimpf für ein anſtändiges Haus.“ „Ja freilich, das iſt nicht zu läugnen!“ ſprach Kerry mit einem Seuſzer, worin mehr Verzweiflung als Reſig⸗ nation lag. „Wollt Ihr Euch aufhängen mit dieſem Strick da?“ ſagte ſie, auf das Ende einer ſtarken Schnur deutend, die aus Kerrys Taſche hing. „Wer weiß, ob es nicht noch dazu kommt,“ ent⸗ gegnete er, fuhr dabei mit der Hand in ſeine Taſche und zog einen großen Knäuel Strick hervor, an deſſen Ende ein kleineres Gewicht befeſtigt war.„Da ſeht nun,“ fuhr er fort,„Ihr ſeyd ein ſcharfſinniges Weibs⸗ bild— könnt Ihr mir ſagen, was das zu bedeuten hat?“ Mrrs. Branagan warf auf den fraglichen Gegenſtand einen einzigen Blick, worauf ſie ſich wieder umkehrte, gleich als ſey es unter ihrer Würde, der Sache nachzu⸗ forſchen. „Einige würden es ein Waſchſeil nennen, und noch mehr würden ſagen, es ſey zum Fiſchen; aber doch iſt keine Spur von Angelhaken darun; und wozu iſt das Stück Blei?— Das iſt es, was mir durchaus nicht einleuchten will.“ Dieſe Bemerkungen waren Verſuche, um Mrs. Branagan zu bewegen, ihre eigenen Gedanken darüber von ſich zu geben; aber ſie waren vergeblich— dieſe kluge Perſon geruhte weder Kerry noch dem Gegen⸗ ſtand ſeiner Bemerkungen die geringſte Aufmerkſamteit zu widmen. „Nun, ich will es gerade da liegen laſſen, wo ich es gefunden habe,“ ſagte er halb für ſich; aber ſeine Worte hatten wenigſtens die Wirkung, die Neugierde ſeiner Gefährtin zu erwecken. „Und wo war das?“ fragte ſie. „Da draußen," entgegnete er gleichgültig,„vor der Hallenthüre, wo ich auch dieſes kleine Nonzenbuch ge⸗ 48 funden habe,„und damit zog er einen kleinen Taſchen⸗ Almanach heraus, eingeſchlagen mit weißen Blättern, auf die da und dort kurze Bemerkungen mit dem Blei⸗ ſtift geſchrieben waren.„Ich will beides dort laſſen, denn ich weiß nicht warum, der Anblick davon iſt mir zuwider.“ „Zuvor aber müßt Ihr mir ein Stück daraus vor⸗ leſen,“ ſagte Mrs. Branagan in verſöhnlicherm Tone als bisher. „Das kann ich eben nicht,“ ſagte Kerry,„denn es iſt in irgend einer fremden Sprache geſchrieben, und das geht über meinen Horizont.“ „Vor der Thüre habt Ihrs gefunden, ſagt Ihr?“ „Draußen vor dem Thurm. Die Geſellen, die vor Mr. Mark davonliefen, haben es fallen laſſen. Du biſt ein ſo närriſches Stück Strick, wie ich noch keines ge⸗ ſehen habe,“ fügte er hinzu, indem er das Blei in der Hand wog,„wenn man nur wüßte, was man mit Dir anſtellen ſoll.“ Darauf wendete er ſich an das Buch und heſtete einige Minuten lang ſeine Blicke auf eine Seite, wo einige Zeilen mit Bleiſtift geſchrieben waren.„Bei meiner Seele, ich hab's, ſagte er enrlich;„und wahr⸗ lich, es war nicht dumm von mir, daß ich es heraus⸗ gebracht habe. Nun, was meint Ihr, wozu der Strick iſt?“ 373 habe Euch ja ſchon geſagt, daß ich es nicht weiß.“ „Gut, ſo höret— und es iſt keine Lüge— es iſt zum See⸗Meſſen.“ „Zum Meſſen der See! Was für Unſinn Ihr ſchwatzt! Iſt nicht die See tauſend und aber tauſend Meilen lang?“ „Wer läugnet das?— Aber es iſt ja zum Aus⸗ meſſen der Tiefe. Höret nur— Bantry⸗Bai, elf Faden bei kleinem Waſſer inwärts der Inſel Whiddy; aber die Uferſttömung bei halber Ebbe macht bei jedem Wind aus dem Weſten die Landung ſchwierig;“ und da ſteht noch etwas, aber halb verwiſcht, daß Boote mit flachem Boden füͤr die Brandung am beſten ſind.“ 49 „Es ſind wieder Schmuggler da,“ ſiel Mrs. Bra nagan ein, als ob ihre Meinung klar bewieſen wäre. „Nein, wahrlich, das glaube ich nicht; ſie fanden es niemals ſchwierig, zu landen, der Wind mochte gehen, wie er wollte. Es fällt mir eben ein, wie ich es am Ende noch herausbringen kann.“ „Und wie denn?“ 2 „Ich gehe hinauf in's Geſellſchaftsszimmer, mache ein unſchuldiges Geſicht, lege die Schnur und das kleine Buch auf den Tiſch vor den Fremden hin und ſage: „‚Da hat Ew. Ehren vor der Thüre etwas fallen laſſen;“ und vielleicht will dann der alte Archy das Geheimniß wiſſen.“ „Ja, thut das, Kerry,“ ſagte Mrs. Branagan, die endlich ſeinen erfinderiſchen Kopf aufrichtig zu beloben geruhte.„Thut das, und ich brate Euch ein Stück Fleiſch, bis Ihr wieder herunter kommt.“ „Mit einer Zwiebel daran, Madame, wenn es Euch beliebt,“ ſprach Kerry einſchmeichelnd. „Schon recht, ich weiß ja, wie Ihr's gerne habt; und wenn Ihr das ganze Geheimniß herausbringt, ſo bekommt Ihr vielleicht noch einen Tropfen dazu, um es hinunter zu ſpülen.“ „Gott ſchenke Euch Geſundheit und glückliche Tage, Mrs. Branagan, fügte Kerry mit einer höflichen Galan⸗ terie hinzu, die er ſtets gegen die Köchin im Ruͤckhalt hatte; darauf erhob er ſich von ſeinem Stuhle und be⸗ gann ſeinen Anzug zu ordnen, um in einem ſeiner neuen Sendung würdigen Aeußern zu erſcheinen, wobei er zu⸗ gleich ſeine Anrede einprebirte. „Hier iſt der Strick und das kleine Buch, Ew Eh⸗ ren, werde ich ſagen, das Sie draußen haben fallen laſſen, und nach der Mühe, die Sie ſich genommen haben, um gewiſſe Stellen auszumeſſen, wäre es doch ſchade, wenn ſie es verloren hätten. Das wird für den alten Lever, O'Donoghue. II. 4 4 50 Archy genug ſeyn; er darf das Wild nur einmal in der Naſe haben, ſo wird er ihm ſchon nachſetzen.“ Mtt dieſer geſcheiten Betrachtung ſtieg Kerry in guter Laune über ſeinen eigenen Scharſſinn und über den bei ſeiner Rückkehr ihn erwartenden, herrlichen Lohn die Treppe hinauf. Als er ſich der Thüre näherte, ließen ſich drinnen laute, lärmende Stimmen vernehmen; dieß galt wenigſtens von der Stimme Marks; und es ſchien, als ob Talbot ſich bemühte, die Heftigkeit, womit er ſprach, zu mäßigen, und zwar mit Erfolg; denn bald brach ein ſchallendes Gelächter aus, in welches Talbot herzlich einzuſtimmen ſchien. „Vielleicht verderbe ich euch den Spaß,“ murmelte Kerry boshaft vor ſich hin, öffnete die Thüre und ging hinein. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Die Hauptſtadt und ihre Vergnügungen. Das geſellſchaftliche Leben in Dublin war zur Zeit, von der wir ſprechen, ungemein anziehend. Rang, Schönheit, Geiſt und Reichthum trugen das ihrige dazu bei; und während der Ton der Geſellſchaft alle Reize einer jetzt verſchwundenen Feinheit beſaß, war zugleich eine eben ſo natürliche, als bezaubernde Fröhlichkeit und Herzlichkeit darein gemiſcht. In jenen Tagen machte faſt jeder Irländer von Rang ſeine Reiſen. Dieſelben wurden als die Vollen⸗ dung der Erziehung betrachtet, und wenige Nationen beſitzen eine leichtere Nachahmungsgabe oder eine größere Geſchicklichkeit, fremde Sitten an heimatliche Gewohn⸗ heiten anzupaſſen, als die Irländer; denn während bei dem Franzoſen die Eitelkeit— bei dem Engländer die Kälte— bei dem Deutſchen dumme Gleichgültigkeit un⸗ überwindliche Schranken gegen dieſen Vorzug bilden, ſo 51 begünſtigt die natürliche Munterkeit des iriſchen Cha⸗ rakters, ſeine Lebhaftigkeit, aber vielleicht noch mehr als Alles, der angeborne Wunſch zu gefallen, eine Eigen⸗ ſchaft, die, wenn gehörig ausgebildet, jenes große Ele⸗ ment zu ſiegreichem Auftreten in der Geſellſchaft wird— die koſtbarſte unter allen Unterhaltungsgaben, genannt Takt. Es wäre ein großer Mißgriff, wenn wir den Ge⸗ ſchmack und die Vergnügungen damaliger Zeit nach dem heutigen Dublin beurtheilen wollten. Damals hatte ſich noch kein Provinzialismus mit all den kleinlichen Uebeln in ſeinem Gefolge dort niedergelaſſen. Der Charakter einer Hauptſtadt wurde aufrecht gehalten durch einen glänzenden Hof, durch ein dort ſitzendes Parlament, durch eine große, bevorrechtete Ariſtokratie. Die hervorragen⸗ den Geſtalten jener Zeit waren Menſchen, deren Namen in hohem Anſehen ſtanden, und deren Stellung an jedem europäiſchen Hof anerkannt war. Es herrſchte ein Reich⸗ thum, der mit der Wohlfeilheit des Landes in keinem Verhältniß ſtand; und während Gewandtheit und Talent faſt jeden Cirkel auszeichneten, warf der Hang zu präch⸗ tigem Aufwand in und außer dem Hauſe einen Glanz auf die Scene, der dazu diente, die ſtolzeren Vorzüge des Geiſtes zu verherrlichen, keineswegs ſie zu verdun⸗ keln. Die vergleichungsweiſe Beſchränktheit des Kreiſes und der gänzliche Mangel an engliſcher Zurückhaltung brachte hier eine innigere Miſchung aller Klaſſen, aus denen die gute Geſellſchaft beſteht, zu Stande, als in London, und die Vortheile davon ſprangen in die Augen; denn während die Ariſtokratie durch den ſteten Verkehr mit Männern, deren Streben ein rein geiſtiges war, un⸗ ermeßlich viel gewann; ſo erwarben ſich dieſe letztern einen viel weitern, freiern Geſichtskreis, da ſie ſich aller Feſſeln eines bloßen Berufslebens entledigten und deſſen Pedanterei als ein Kleid, das zu ihrer Stellung in der Geſellſchaft nicht paßte, wegwarſen. Aber was jene Zeit beſſer als alles andere charakteriſirt, das war die That⸗ 2, 4* ſache, daß Geltung in der Geſellſchaft— der ſogenannte Succès des Salons eine Sache war, wonach Jedermann ſtrebte. Für den ſtolzen Pair, der im Cabinet nach Rang und Einfluß trachtete, wie für den angehenden Rechtsgelehrten, der nach parlamentariſcher Auszeichnung ſtrebte— für den faſhionablen Pflaſtertreter, wie für den Anzettler geheimer, politiſcher Intriguen— war dies gleich unentbehrlich. Die bloße Zulaſſung in gewiſſe Cirkel war nichts— die Thatſache, daß man ſich unter die hundert Andern miſchte, die ſich anmelden laſſen, ſich verbeugen, lächeln und wieder hinwegſchlüpfen, ver⸗ lieh damals noch keinen Anſpruch auf die Ehre, zu einer ausgezeichneten Klaſſe in der Geſellſchaft zu gehören; eben ſo wenig hätten die wohlfeilen Plattheiten der Ge⸗ genwart, worin der Narr oder Gimpel jederzeit die Haupt⸗ rolle ſpielen kann, den Mangel an geſellſchaftlicher Ge⸗ wandtheit, an fertigem Witz und ſcharfem Geiſt erſetzt, die damals um jede Tafel der Hauptſtadt vereinigt waren. Es iſt nicht unſere Schuldigkeit noch weniger haben wir Luſt, zu unterſuchen, warum alle dieſe löblichen Ei⸗ genſchaften uns verlaſſen haben, oder woher es komme, daß gleich der Glasmalerei die Kunſt ſich angenehm zu unterhalten, vielleicht für immer verloren gegangen iſt. Es iſt einmal ſo; wir ſind in trübſelige Zeiten gerathen, und wer alt genug iſt, ſich beſſerer zu erinnern, der hat den traurigen Troſt, zu wiſſen, daß er ihr Ende ge⸗ ſehen hat. 3 So ſehr auch die Hauptſtadt mit Perſonen von Rang, Reichthum und Einfluß angefüllt war, ſo machte doch die Ankunft von Sir Marmaduke Travers gleich⸗ falls bedeutendes Aufſehen. Sein ungeheures Vermögen war allgemein bekannt; außerdem lag etwas beſonderes in der Thatſache, daß ein durch das ſo lockere Band eines kleinen Gutes an Irland geknüpfter Engländer, ohne alle Bekanntſchaften oder Freunde im Lande, ſeine Wohnung in Dablin aufſchlug, ein Umſtand, der dem Stolz der Eingebornen eben ſo ſehr ſchmeichelte, als er 53 allgemeine Neugierde erregte; und die Schnelligkeit, wo⸗ mit die prachtvollſte Wohnung in Stephensgreen für ſeinen Empfang hergerichtet wurde, wetteiferte mit der Neugierde, welche Urſache ihn wohl bewogen haben mochte, dahin zu ziehen. Die Gerüchte von der Pracht, die er entfalten würde, ſo wie der Glanz ſeiner Equi⸗ page, bildeten das Stadtgeſpräch und lieferten Stoff zu Zeitungsartikeln. Es war in der That ein wunderſamer Wechſel für die beiden jungen Mädchen, ſich aus der ſtillen Einſam⸗ keit Glenflesks in die Munterkeit der Hauptſtadt— aus einem zurückgezogenen, beſchaulichen Leben, in die blen⸗ denden Scenen und bezaubernden Vergnügungen einer neuen Welt verſetzt zu ſehen. Der erſte Eindruck, den dies alles auf Sybella machte, war der, daß ihre natür⸗ liche Schüchternheit ſich vermehrte— daß ſie noch vorſichti⸗ ger wurde, da ſie ſich von ſo neuen und ſeltſamen Einflüſſen umgeben fand, und ſo miſchte ſich in ihr Vergnügen ein Gefühl von Aengſtlichkeit, das alle ihre Gedanken färbte. und ſich ſogar ihrer aͤußern Erſcheinung mittheilte. Nicht ſo Kate; der Inſtinkt, kraft deſſen ſie ſich in der Welt zu Hauſe fühlte, war nur das Bewußtſein ih⸗ rer eigenen Reize. Sie liebte Geſellſchaft als den Schau⸗ platz, wo, obgleich mit conventionellen Sitten übertüncht, menſchliche Leidenſchaften und Gefühle ſpielten und wo die Macht, Andere zu leiten, oder zu beherrſchen, dem Daſein einen Reiz verlieh, der weit höher und edler war als alle Freuden der Zurückgezogenheit. Es war Leben im wahren Sinne. Jeder Tag hatte ſeine beſondern Intereſſen. Die Wirkſamkeit wurde gleichſam dramati⸗ firt und aus den alltäglichen Ereigniſſen der Welt wurde ein Roman gemacht, worin ſie ihren eigenen Charakter wieder fand. Nicht minder Mitſpielerin als Zuſchauerin ſtürzte ſie ſich in die Vergnügungen der Geſellſchaft mit einem Feuer, das nur der Zugaben von Jugend, Schön⸗ heit und Talent bedurfte, um anſteckend zu werden. So verſchieden ſowohl in ihrem Charakter als in ihrer Er⸗ 7 54 ſcheinung, wurden dieſe beiden jungen Mädchen plötzlich die anerkannten Schönheiten der Hauptſtadt, und jedes war von einer Schaar von Bewunderern begleitet, deren Enthuſiasmus auf hunderterlei Art ſich kund gab. Ihre Lieblingsfarben, worin ſie auf einem Ball er⸗ ſchienen, waren am nächſten Tage Mode auf der Pro⸗ menade und ſogar die Ladies wurden mit angeſteckt; auch ſie rotteten ſich in Parteien, deren gegenſeitige Ei⸗ ferfucht Niemand mehr beluſtigte als die beiden Mädchen, die ihre Urſache waren. Während damals die bittere Feindſchaft des Celten gegen den Sachſen in tauſend iriſchen Herzen heimlich gährte und ſich zum Element offener Empörung geſtal⸗ tete, war die Hauptſtadt durch einen friedlichern Hader getheilt, die engliſche und die iriſche Partei ſtanden einander gegenüber auf einem Kampfplatze, wo es den Sieg der Schönheit galt. Es wäre unmsglich, ſich einen Wettſtreit vorzuſtel⸗ len, wo jedes unedle oder unwürdige Gefühl ſo gänzlich ausgeſchloſſen war. Weit entfernt von jeder Spur von Eiferſucht, war jeder kleine Triumph der Einen eine Quelle herzlicher Freude für die Andere, und während Sybella das Entzücken der Anhänger Katens über einen Erfolg zu Gunſten der iriſchen Sache theilte, ſo kannte Kate kein größeres Vergnügen, als den Aerger ihrer eigenen Partei, wenn Sybella unzweifelhaft Siegerin war. Es iſt ein Glück für uns, daß wir nicht verpflichtet ſind, eine ſo neue und liebliche Erſcheinung zu erklären— ge⸗ nug wenn wir ſie erwähnen. So viel iſt gewiß, der Mangel an allem Neide ſteigerte ihre Reize und erhöhte ſie in den Angen ihrer Bewunderer. Ueber dieſen Punkt allein war die Meinung ungetheilt— keine Partei nahm für ihren Abgott einen Vorzug dadurch in Anſpruch, daß ſie ihm einen größern Antheil an jener guten Eigenſchaft zuſchrieb, und auch die Bosheit hätte in ihrer gegenſei⸗ tigen Zuneigung keinen Unterſchied auffinden können. Eine einzige Perſon im ganzen Kreiſe ihrer Bekannt⸗ 5⁵ ſchaften verhielt ſich neutral— außer Stande, ſich ei⸗ ner natürlichen Parteilichkeit zu entäußern; um ein ge⸗ rechter Richter zu ſein. Sir Marmaduke Travers ge⸗ ſtand ehrlich ein, daß er ſich inkompetent fühle. Die Modehelden, die großen Schiedsrichter über den bon ton waren glücklich getheilt, und wenn England ſich einer Mehrheit unter der Partei des Schloſſes rühmen konnte, ſo neigte ſich die Wagſchale zu Gunſten Irlands durch das Gewicht derjenigen, die Gelegenheit gehabt hatten, fremdes Weſen kennen zu lernen und in Kate den höch⸗ ſten Grad franzöſiſcher Anmuth mit einheimiſcher Liebens⸗ würdigkeit vereinigt fanden. So viel von der„Senſation,“ um uns des von den Zeitungen gebrauchten Ausdruckes zu bedienen, welche ihr Eintritt in die ſaſhionable Welt Dublins machte. Kehren wir jetzt zu den Hauptperſonen ſelbſt zurück. In einem großen, glänzend ausgeſtatteten Zimmer in Sir Marmadukes Wohnung ſaßen der Baronet, ſeine Toch⸗ ter und Kate zuſammen am Frühſtück, während deſſen ſie abwechſelnd aus den Morgenblättern vorlaſen und die Neuigkeiten beſprachen. „Aber, meine liebe Kate,“— Sir Marmaduke hatte ſich ſeit einer Woche von dem förmlichen„Miß“ eman⸗ cipirt—„fangen Sie einmal eine andere Spalte an und laſſen Sie uns hören, ob es keine politiſche Neuig⸗ keiten gibt.“ „Ueber Politik, Sir, ſteht kein Wort da, wenn man nicht vielleicht eine Anſpielung auf die rebelliſche Farbe meines Kleides, das ich auf dem Kanzlers Ball trug. dafür nehmen will. Du ſiehſt, Sybella, Falkner ficht nicht unter meinem Banner.“ ⸗ „Ich glaube, Du haſt mir den Kanzler ſelbſt ent⸗ wendet,“ entgegnete Sybella lachend,„und ich muß be⸗ merken, das war gar nicht hübſch von Dir. Er hatte mir gerade ſeinen Arm gegeben, um mich zu einem Stuhle zu führen, als Du irgend etwas in halbem Flüſtern ſagteſt— ich konnte es durchaus nicht verſtehen— er 56 ließ meinen Arm fallen, brach in ein lautes Gelächter aus und eilte hinüber zu Lord Clonnell, wahrſcheinlich um es zu wiederholen.“ „ Dann war es nicht werth, daß man es nacher⸗ zählte,“ ſagte Kate den Kopf in die Höhe werfend.„Ich bemerkte blos, wie närriſch es ſei, daß Lady Ridgeway trotz ihrer ſchönen Zwickel an den Strümpfen nicht Takt halten konnte. „O, liebſte Kate,“ rief Sybella, die ſich nicht ent⸗ halten konnte in ein ſchallendes Gelächter auszubrechen, aber doch über die Keckheit ihrer Freundin ſcharlachroth wurde. „Ei, Meddlicot gab dies ja beim Souper als ſei⸗ nen eigenen Witz aus,“ ſagte Sir Marmaduke, „Freilich Sir; aber ich warnte ihn, daß ſein Pa⸗ tent zum Großhandel noch lange nicht die Erlaubniß gebe Scherze nachzuerzählen. Iſt nicht der würdige Sheriff ein Spezereihändler? Aber was gibts da?— Allerlei Verſetzungen im Staat— Lord Sellbrigde ſoll zu ſei⸗ nem Regiment nach Hounslow, dagegen der Kapitän— Dein Bruder, Sybella— Kapitän Frederick Travers— und bei dieſen Worten überflog ihre Wangen eine leichte Röthe—„ich wußte noch gar nicht, daß er zum Adjutant des Vizekönigs ernannt war.“ „Ich eben ſo wenig, meine Liebe,“ ſagte Sir Mar⸗ maduke.„Ich wußte, daß er den innigſten Wunſch hegte, mit Lord Sellbrigde zu tauſchen; aber jetzt höre ich zum erſten Male von dem Erfolg ſeiner Unterhandlungen.“ „Du ſiehſt, Kate,“ ſagte Sybella, während ein ſchlauer Blick unter ihren langen Augenwimpern hervor⸗ Mdobe„daß ſogar Fred ein Anhänger Irlands gewer⸗ den iſt.“ „Vielleicht hat die Ausſicht auf eine Empörung, wor⸗ auf er angedeutet hat,“ entgegnete Kate mit einer Miene verächtlichen Stolzes,„den Gardeoffizier bewogen, die⸗ ſem Lande für einen Augenblick den Vorzug zu geben.“ „Ich nehme einen ganz andern Grund an,“ ſagte 57 Sybella, aber mit einer ſo leiſen Stimme, daß nur Kate es verſtehen konnte, die darüber tief erröthete und ſehr verwirrt ſchien. „Ha! das iſt's,“ ſagte Sir Marmaduke, indem A laut einen Artikel vorlas, der ſich darüber verbreitete, wie jeder Verſuch von Seite innerer oder äußerer Feinde den Frieden des Königreichs zu ſtören, ſcheitern müſſe, und mit einer feurigen Lobrede auf die Segnungen der brittiſchen Verfaſſung ſchloß. ‚Die Regierung, obgleich auf die Lojalität und Tapferkeit der Unterthanen unbe⸗ dingt vertrauend, hat dennoch keine Maßregel der Vor⸗ ſicht gegen die unſinnigen Attentate unſerer natürlichen Feinde vergeſſen, deren Verwegenheit gewiß wieder mit der gleichen harten Lehre beſtraft wird, die ihnen bei jedem frevelhaften Verſuch gegen unſer Land zu Theil geworden iſt.V Ja— ja— ſchnelle und kräftige Maß⸗ regeln, das iſt das Beſte,“ murmelte er für ſich ſelbſt. „Darf ich fragen, worin dieſe Vorſichtsmaßregeln be⸗ ſtehen?“ fragte Kate. „In einer vollſtändigen Organiſation der Miliz und Yeomen,“ erwiederte Sir Marmaduke mit Stolz, denn er kommandirte ein Regiment Landwehr von Northamp⸗ tonſhire.„Außerdem in Verſtärkung der verſchiedenen Beſatzungen in den großen Städen, in Ausrüſtung der Forts mit Kanonen von ſchwerem Kaliber—“ Kate brach in ein herzliches Gelächter aus und gab ſich keine Mühe es zu unterdrücken. „Ich kann nicht umhin zu lachen, weil mich die gleichen Worte an eine Unterhaltung zwiſchen zwei fran⸗ zöſiſchen Offizieren erinnern, die ich einſt in Brügge mit angehört hatte; der Eine, der Irland gut zu ken⸗ nen ſchien, behauptete, dieſe Forts ſeien ſo angebracht, daß ſie uur dazu dienlich wären, einander ſelbſt niever⸗ zuſchießen. Ich weiß, er führte als Beiſpiel zwei an der ſüdlichen Küſte an, die ſich nach drei Salven unvermeid⸗ lich Breſche ſchießen müſſen.“ „Meine theure, junge Lady,“ entgegnete Sir Mar, 58 maduke mit ungewöhnlicher Gravität,„nicht von unſern Feinden dürſen wir Lobſprüche auf unſere Vertheidigungs⸗ mittel erwarten, auch hat die Erfahrung bis jetzt noch nicht gezeigt, daß brittiſcher Muth für einen Franzoſen mit Recht ein Gegenſtand des Gelächters ſein kann.“ „Und was die Miliz und die Yeomens betrifft,“ fuhr Kate fort; denn ſie ſchien ihre neckiſche Laune zu haben und war gleichgültig in Betreff der Folgen, die für ſie daraus entſpringen konnten,„ſo nannte ſie Oberſt Delcamp wandernde Arſenale, die vortreflich geeignet ſeien, eine Invaſions⸗Armee mit Waffen und Munition zu verſehen.“ „Ich wünſchte herzlich, ihr Freund, Oberſt Del⸗ camp, möchte uns mit einem Inſpektionsbeſuch beehren,“ ſagte der Baronet, kaum im Stande ſeinen Aerger zu bezähmen. „Ich möchte dieſen Fall nicht für unmöglich halten,“ war die kaltblütige Antwort,„und wenn er kommt, ſo darf ich Sie wohl verſichern, daß Ihnen ſein feines an⸗ genehmes Weſen gewiß recht gut gefallen wird.“ Sy⸗ bellas flehender Blick war ganz vergeblich. Kate gehörte, wie ſie ſelbſt ſagte, zu einem Geſchlecht, das weder Par⸗ don gab noch nahm, und ein ſolcher Streit war für ſie ein wahres Feſt. Wie er weiter fortgeſetzt worden wäre, iſt nicht leicht anzugeben; denn er wurde unterbrochen durch die Ankunft von Frederick Travers, der nach Hauſe kam, um die Nachricht von ſeiner Anſtellung zu über⸗ bringen. Während Sir Marmaduke und Sybella über ſeinen Erfolg ihre Freude ausdrückten, ging Kate, halb ärger⸗ lich über die Unterbrechung eines Spieles, das ſie be⸗ reits gewonnen glaubte, nach dem Fenſter und ſah hinaus. „Habe ich gar keinen Glückwunſch von Miß O'Do⸗ noghue zu erwarten?“ fragte Frederick, indem er an ihre Seite trat. „Ich weiß kaum ob in dieſem Falle ein Glückwunſch 59 am rechten Orte iſt. Die Herrlichkeit des Londoner Le⸗ bens, der Zauber eines großen Hofes und die Geſellſchaft der erſten Perſonen im Lande, gegen den geringern Glanz einer Hauptſtadt zweiten Ranges zu vertauſchen;— vielleicht hätten Sie gelächelt über die Einfalt, Ihnen zu alle dem Gluck zu wünſchen,“ und hier nahm ihre Stimme einen tiefern vollern Ton an.„Ich geſtehe, Irland iſt nach meinem Ermeſſen nicht in der Lage, auch nur ein verächtliches Lächeln ohne Beleidigung gegen eines ſei⸗ ner Kinder zu ertragen.“ „Ich habe bisher nicht bemerkt, daß ſie mich im Verdacht eines ſolchen Gefühles halten könnten.“ „Sie ſind ein Engländer Sir, das iſt genug,“ ſagte Kate eilig;„in euern Augen ſind wir das Volk, das ihr beſiegt habt, und es wäre zu viel, wenn man von euch erwartete, ihr würdet große Achtung vor den Vor⸗ urtheilen hegen, deren Unterdrückung euch am Herzen gelegen war. Aber am Ende ſollte man doch einen Un⸗ terſchied machen, und Sie haben ihn nicht gemacht.“ „Und der iſt, wenn ich fragen darf?“ „Es beſteht ein großer Unterſchied zwiſchen der That⸗ ſache ein Land zu erobern und der andern, die Liebe ei⸗ nes Volkes zu gewinnen. Das Eine iſt euch geglückt; das Andere wird euch nie gelingen, wenigſtens nicht durch eure jetzigen Mittel.“ „Sprechen Sie ſich deutlicher aus,“ ſagte Travers, der in einer Unterhaltung, die jeden Augenblick eine An⸗ ſpielung auf ſein eigenes Glück enthielt, ein doppeltes Intereſſe fand. „Sehen Sie, Sir,“ erwiederte Kate mit Stolz,„Ihre eigene Bitte kann Ihnen als Antwort dienen. Wir hier, die wir uns ſeit einiger Zeit kennen gelernt haben und Gelegenheiten hatten, unſere Meinungen und An⸗ ſichten auszutauſchen, können keinen einzigen Gegenſtand aus dem gleichen Geſichtspunkt betrachten; wie können Sie annehmen, daß Millionen, welche durch das Meer, durch Sitten und Neigungen von einander getrennt ſind, 34 6 ν erreichen konnen, was uns, trotz allen unſern Vortheilen, mißlungen iſt. Sehen Sie nicht ein, daß wir nicht das gleiche Volk ſind?“ „Aber müſſen denn unſere Unähnlichkeiten uns tren⸗ nen— können ſie nicht vielmehr zu Bändern nmgewan⸗ delt werden, die uns enger an einander knüpfen?“ fragte er zärtlich. „Gleichſtellung für die Zukunft, auch wenn wir ſie erhielten, kann die Erinnerung an die Vergangenheit nicht entwurzeln. Die Strafgeſetze—— „Erlauben Sie, daß ich Sie unterbreche. Betrach⸗ ten Sie zum Beiſpiel die Univerſität— nebenbei geſagt,“ und hier ergriff Travers mit Begierde die Gelegenheit zu entrinnen,„wie ſteht es mit Herbert? Wird er nicht bald ſein Examen machen?“ „Gerade heute, am 28. Februar,“ ſagte ſie, in ei⸗ nem kleinen Notizenbuch leſend.„Geſtern waren es ſechs Wochen ſeitdem wir ihn zum letzten Male geſehen— der arme Junge!“ „Wie blaß und krank er ausſah. Ich wünſche von Herzen, er moͤchte nicht ſo begierig nach Auszeichnung im College ſtreben.“ „Nur Weiber können ohne irgend einen Ehrgeiz le⸗ ben;“ erwiederte Kate traurig, wir führen aber auch ein armſeliges Daſein, das verſichere ich Sie.“— „Wie wäre es, wenn wir ihm zuſammen entgegen⸗ gingen, wenn er herauskommt? Wir könnten ihn viel⸗ leicht überreden mit uns zu diniren.“ „Ein guter Gedanke, Fred,“ ſagte Sir Marmaduke. Herbert ſcheint uns in der letzten Zeit vergeſſen zu ha⸗ ben, und da ich wußte, wie begierig er nach Auszeich⸗ nung ſtrebt, ſo trug ich wirklich Bedenken, ihn von ſei⸗ ner Arbeit abzuhalten.“ „Es iſt ſehr gütig von euch allen,“ ſagte Kate mit ihrem ſüßeſten Lächeln,„des armen Studenten zu ge⸗ denken, und der von euch vorgeſchlagene Plan gefällt mir ausgezeichnet.“ 61 „Wir müſſen die Stunde ausfindig machen, wo ſie die Halle verlaſſen,“ ſagte Frederick. „Er ſagte einmal, um vier Uhr,“ ſprach Sybella ſchüchtern, und es waren dieß ihre erſten Worte, die ſie in der Unterhaltung wagte. „Ou haſt doch ein vortreffliches Gedächtniß, Sy⸗ bella,“ flüſterte Kate ihrer Freundin in's Ohr, und ſo einfach auch die Worte waren, ſo jagten ſie ihr doch augenblicklich das Blut auf die Wangen. Der Morgen verſtrich unter den tauſend kleinen Geſchäften, die der Ueberfluß und die Behaglichkeit er⸗ funden hat, um die Langeweile zu verbannen und das Leben beſtändig intereſſant zu machen. Einige Minuten vor vier Uhr fuhr die glänzende Equi⸗ page von Sir Marmaduke Travers in aller Vollkommen⸗ heit eines maſſiven LondonerKunſtwerkes, vor dem äußern Thore der Univerſität auf und hielt dort, weil es die Geſellſchaft vorzog, zu Fuß in die Hofräume zu gehen. Als Frederick Travers mit ſeinen zwei Gefährtinnen innerhalb der Mauern erſchien, gingen ihre Namen un⸗ ter der Menge von Studenten, die bereits im Hof ver⸗ ſammelt waren, von Mund zu Mund. Nach der Uhr des College fehlten zwar noch fünf Minuten an der Stunde, aber dennoch hatte ſich ſchon eine beträchtliche Anzahl von Schülern verſammelt, voll Neugierde, das Reſultat des Tages zu hören. Der einfache aber maſſive Stil der Gebäude, der plötzliche Uebergang von dem Tumult und Lärm einer dicht bevölkerten Stadt in die Stille und Ruhe jener geräumigen Vierecke, die Menge von jungen Leuten in ihrem Univerſttätskoſtüm, die entweder mit geſpannten Geſichtern nach der Thüre des Prüfungsſaales hinblickten oder eifrig mit einander ſprachen, waren lauter intereſ⸗ ſante Gegenſtände für Travers' Geſellſchaft, die ſich in einer von der, worin ſie ſich täglich bewegten, ſo ver⸗ ſchiedenen Welt ſah. Auch waren es nicht bloß Stu⸗ denten, die dort herumlungerten; hie und da ſah man 62 unter ihnen irgend einen von den erſten Rechtsgelehrten des Tages oder ein Paar von den ausgezeichnetſten Mit⸗ gliedern des Unterhauſes— Männer, die ſelbſt die Süßigkeit eines Sieges im College gekoſtet hatten, und gerne wieder, wenn auch nur für einen Augenblick, die Erinnerung an ihre jugendlichen Triumphe erneuerten, oder durch den Anblick vertrauter Gegenſtände ſich jene Tage vor die Seele ruſen wollten, in Vergleich mit denen aller Ruhm des ſpätern Lebens nur armſelig iſt. Manche von dieſen wurden von den Studenten erkannt und mit Zeichen tiefer Ehrfurcht begrüßt; namentlich wurde einer, ein kleiner, ſchlichter Mann, mit pech⸗ ſchwarzen Augen und olivenfarbigem Geſicht, mit einem Jubel empfangen, der nur mit Schwierigkeit unterdrückt wurde durch einen Wink mit ſeiner Hand, und durch eine Geberde nach der Hallenthüre zu, wo jetzt mit einem hohlen Ton ein ſchwerer Riegel zurückgezogen und das weite Portal geöffnet wurde. Eine allgemeine Bewegung unter der Menge bewies, welche geſpannte Erwartung herrſchte; aber es war ihr noch eine weitere Prüfung vorbehalten, denn es war nur der erſte Portier in ſeinem karmoiſinrothen Gewand und mit ſeiner Kappe, die er eine Armslänge vor ſich her hielt, der, gefolgt vom Rektor, herauskam. Die Studenten nahmen ihre Kappen ab und blieben mit reſpektvollem Schweigen ſtehen, wahrend er vorüberging. Die Thüre wurde wie⸗ der geſchloſſen und alles war ſtill. „In alle dem liegt etwas, wodurch die Neugierde ſtark gereizt wird,“ ſagte Kate;„als ich hieher kam, hätte ich geduldig ein Paar Stunden warten können, aber jetzt haben der Anblick aller dieſer geſpannten Geſichter, dieſer begierigen Augen, welche die Thüre ſelbſt durch⸗ bohren möchten, dieſer kurzen Sätze, unterbrochen durch ſchnelle Blicke auf die Uhr; mich in eben ſo hohe und fieberhafte Aufregung verſetzt, als die Jünglinge ſelbſt.“ „Es fehlt jetzt nur noch eine Minute,“ ſagte Fred. „Mir iſt, als habe ſich ſeit den letzten zehn Minu⸗ 63³ ten der Zeiger gar nicht bewegt,“ meinte Sybella mit. ſchwachem Lächeln. „Ich hoffe, er hat den Preis gewonnen,“ murmelte Kate leiſer als ſie athmete; in dieſem Augenblick ſchlug die Glocke, die weiten Thüren, gleich als hätte der Klang ſie erbrochen, flogen weit auf, worauf eine Flut von Menſchen herausſtrömte und ſich unter die außen ſtehen⸗ den miſchte. Aber welch einen verſchiedenen Anblick boten ſie dar. Die Geſichter waren meiſtens hochgerö⸗ thet und erhitzt, die Augen flammend, der Anzug in Unordnung, die Halsbinden ſchief, das Haar verwirrt— alle Zeichen langanhaltender und heftiger geiſtiger Auf⸗ regung ließen ſich wahrnehmen, außer einigen Wenigen, deren gleichgültiger Blick und leidenſchaftloſer Ausdruck bewies, daß in ihnen kein hoher Ehrgeiz gährte, hatten alle den gleichen Ausdruck von Begierde gemiſcht mit Erſchöpfung. Manche unter dieſen wurden ſchnell von ganzen Schaaren neugieriger Freunde umringt, und der vor⸗ übergehende Fremde konnte in dem Ton und Ausdruck des Sprechers leicht ſein Schickal leſen, ſein gutes oder ſein ſchlimmes. „Wo iſt Herbert? Wo kann er ſeyn?— Ich ſehe nichts von ihm,“ ſagte bald Kate, bald Sybella, bald Frederick, als ſie ſich unter die Menge miſchten, und ihre begierigen Blicke nach allen Seiten warfen; aber unter dem Lärm, unter dem Gewimmel und Geplap per fühlten ſie ſich ganz verwirrt. „Wollen wir einmal in ſeinem Zimmer nachſehen,“ ſagte Frederick;„er wird aller Wahrſcheinlichkeit nach bald dort ſeyn;“ und ſogleich begaben ſie ſich nach dem Winkel des Vierecks in der Nähe der Bibliothek, wo Herbert ſein einſames Leben führte; denn obgleich er dem Namen nach mit einem Gefährten— einem Stuben⸗ burſchen, wie es in der Studentenſprache heißt— zu⸗ ſammen war, ſo erſchien dieſer letztere doch nur ſelten 64 innerhalb der Wände und auch dann nur für einige we⸗ nige Tage. Als ſie die Thüre erreichten, fanden ſie ſie offen, und traten ohne länger zu warten oder irgend eine No⸗ tiz von ihrer Ankunft zu geben ein, aber ſo geräuſchlos und behutſam, daß die tiefen Töne des Kummers— das ſchwere Stöhnen gebrochener Schluchzer— plötzlich ihre Ohren erreichte. Sie hielten inne und ſtarrten einander ſchweigend an, gleichſam ihre eigene Angſt im Geſicht des andern leſend. 24 „Der arme Teufel,“ ſagte Kate, indem ihre ſtolze Lippe vor Aufregung zitterte.„Das iſt ein trauriger Anfang.“- „Laßt uns zurückgehen,“ flüſterte Sybella mit ſchwacher Stimme und ihre Wange ward blaß wie der Tod. „Nein, nein,“ verſetzte Frederick haſtig,„wir müſſen ihn aufheitern. Was hat auch der ganze Handel zu be⸗ deuten— das Ganze ein knabenhafter Ehrgeiz, über den er nächſter Tage nur lachen wird.“ „Nicht ſo,“ ſagte Kate.„Der erſte Sieg oder die erſte Niederlage im Leben iſt nicht ſo unbedeutend, als Sie glauben. Wenn er ſchwachherzig iſt, dann hat er ſeine Rolle für immer ausgeſpielt— iſt er aber aus feſterem Stoff gemacht, wie dieß bei einem Menſchen ſeines Namens und ſeines Hauſes der Fall ſeyn ſollte, ſo wird er ſeine gegenwärtige Niederlage durch eine große Zukunft rächen. Ich muß ihn ſehen;“ damit machte ſie plötzlich ihren Arm los und ging hinein in das Zimmer. Frederick dagegen und ſeine Schweſter begaben ſich in den Hof, um ihre Rückkehr abzuwarten. Als Kate O'Donoghue in's Zimmer trat, ſaß Her⸗ bert vor einem Tiſche, auf den er ſeinen Kopf ſtützte, die Hände an's Geſicht gedrückt. Ihm zu Füßen lag ſeine Kappe, nebſt den Büchern, die er aus dem Saal mit zurückgebracht hatte. Ohne ihre Nähe zu merken, todt für alles außer für ſeinen niederdrückenden Kummer, 65 ſchluchzte er mit ſo krampfhafter Anſtrengung, daß ſein Korper und ſogar der Tiſch zitterte, während ihm zuweilen ein ſchwaches Stöhnen herzzereißenden Kum⸗ mers entfuhr. „Mein theurer Bruder,“ ſagte Kate ihn umhalſend. Der Jüngling fuhr zuſammen und blickte auf; ſie aber, ob ſie gleich darauf gefaßt war, Spuren des Leidens auf ſeinem Geſicht zu ſehen, erſchrack über die Verhee⸗ rungen, die das Studium langer Tage und Nächte und tiefer Kummer dort angerichtet hatte. Seine Augen waren eingeſunken und von dunkeln Ringen umgeben, ſo daß ſie unter den Brauen ganz begraben ſchienen; ſeine Stirne, umzogen von einem Netz blauer Adern, hatte jene durchſichtige Farbe, die von geiſtiger Anſtren⸗ gung herrührt, ſeine Lippen waren dünn und farblos; während auf jeder Wange ein brennender rother Fleck wie das Zeichen der Schwindſucht ausſah. Er gab keine Antwort, aber ſeinen Augen entſtrömten reichliche Thrä⸗ man und ſein Mund bebte, wenn er etwas zu ſagen uchte. hin, bückte ihren Kopf, bis die ſeidenen Locken ſeine Wange berührten nnd redete ihn an— nicht mit Wor⸗ ten der Ermunterung oder Aufheiterung— denn ihr eigener Inſtinkt ſagte ihr, daß ſolche nicht am Platze ſeyen, ſondern in den ſanften Tönen zärtlicher Liebe, in⸗ dem ſie weder die Quelle ſeines Kummers zu gering ſchätzte, noch geſtattete, daß er ſich von ſeinem Schmerz⸗ gefühl gänzlich fortreißen ließ.„Bedenken Sie, mein lieber Freund,“ ſagte ſie,„Sie ſind uns trotz alle dem nicht weniger lieb— bedenken Sie, daß wir, da ſo viel Erfolgs nicht verſichern, daß wir nur darnach ſtreben können. Hätten Sie heute geſiegt, ſo hätte irgend ein Anderer ſich grämen müſſen, wie Sie jetzt thun, und Lever, O⸗Donoghue. II. 5 66 wer kann ſagen, ob er ſo viele theilnehmende, liebende Herzen hätte zählen könnnen, die mit ihm fühlen und ihn tröſten würden?“ „O, wenn Sie wüßten, wie ich gerungen— wie ich um Erfolg gebetet habe!“ ſprach er mit einer von krampfhaftem Schluchzen faſt erſtickten Stimme. „Es wird noch kommen, Herbert; Ihre Natur iſt nicht von der Art, daß ſie ſich durch Eine Niederlage abſchrecken läßt, und wer Ihren Namen führt, darf kei⸗ nen Kampf zu ſchwer finden. Der Ehrgeiz iſt nur dann edel, wenn der Pfad ſteil iſt. Wer weiß, wie träge Sie vielleicht geworden wären, wenn Sie den Preis zu leicht gewonnen hätten. Kommen Sie, Herbert, laſſen Sie die Vergangenheit; blicken Sie jetzt vorwärts mit fri⸗ ſchem Muthe und mit neuer Hoffnung. Der nächſte Kampf wird beſſer ausfallen; vor allem aber zeigen Sie vor der Welt ein munteres Geſicht. Ich erinnere mich einiger franzöſiſchen Gefangenen, die nach Cour⸗ tray gebracht wurden und uns durch ihr fröhliches Weſen, durch ihr luſtiges Ausſehen ſo ſehr ergötzten— ihr Ge⸗ heimniß war, eine Niederlage ſey nur dann eine Schande, wenn ſie den Muth beuge und das Herz ſinken mache. Sie waren ſtets wohlgemuth und ich verſichere Sie, wir dachten alle nur um ſo beſſer von ihnen.“ „Aber mein Oheim— wer wird ihm ſagen— ¹ „Ich will es ihm ſagen— ich ſehe, Sie haben ſchon einen Brief begonnen——.“ „Der ward letzte Nacht geſchrieben„“ ſagte der Jüngling, indem ſeine Thränen von neuem floſſen— „letzte Nacht, da meine Hoffnung faſt Gewißheit war.“ „Dann will ich ihn fertig machen,“ ſagte Kate, den zur Hälfte geſchriebenen Brief aufnehmend. „Sagen Sie ihm— ich wünſche, daß er alles wiſſe— ſagen Sie ihm, ich habe alle meine Gegner beſiegt, bis auf Einen, und auch er gab faſt den Wett⸗ kampf auf, als ich— ich kann jetzt nicht genau ſagen wie oder warum— mit dem Examinator über den Sinn eines 67 Wortes im Terenz in Streit gerieth; der Eifer, womit ich eine Zeit lang meine Meinung vertheidigte, ſchien ihm Freude zu machen, und er ermunterte mich zur Ausdauer, bis ich endlich, da mein Gemüth aufgeregt und mein Gehirn erhitzt war, etwas ſagte— ich weiß nicht was— aber es war augenſcheinlich eine Belei⸗ digung, denn er ſchloß das Buch und erwiederte blos— „Genug, Sir, ich gebe Ihrem Gegner den Preis; ſein Gemüth erſetzt jeden Mangel ſeines Wiſſens mehr als hinlänglich;“ und ſo war ich geſchlagen.“ Die letzten Worte erweckten von neuem all ſeinen Kummer, und der Jüngling brach in Thränen aus. 1 „Nun das nenne ich doch Unrecht,“ ſagte Kate lei⸗ denſchaftlich,„es ſey denn, daß der Herr eben ſo wohl über das Temperament als über die Talente zu ent⸗ ſcheiden hatte. Sehen Sie, Herbert, gerade dieß ſollte Sie mit Ihrem Schickſal ausſöhnen. Sie ſind nicht mit Schimpf unterlegen.“ „Aber mein Oheim, Kate— mein Oheim wird es ganz anders aufnehmen. Gerade vor die em Fehler meines Temperamentes mich zu hüten, war das letzte Verſpre⸗ chen, das ich ihm gegeben habe, und nun, bei meiner erſten Prüfung, wie habe ich Wort gehalten?“ „Ueberlaſſen Sie die Erklärung mir, geloben Sie mir nur Eines— und merken Sie ſich's, Herbert, es iſt dieß ein Verſprechen, das Sie nicht vergeſſen dürfen — thun Sie Alles, was in Ihren Kräften ſteht, um den nächſten Preis zu gewinnen. Ich ſelbſt frage nichts darnach, ob Sie überhaupt einen Preis gewinnen, aber einen müſſen Sie doch haben. Sind Sie einverſtanden? — Geben Sie mir die Hand darauf. So, jetzt ſehen Sie ſich wieder gleich, und nun verlieren Sie keinen Gedanken mehr mit der Vergangenheit. Die Travers laſſen Sie auf heute zum Diner einladen.“ „O, nein— nein.“ 5* 68 „Nein— ich habe keine Abſicht, in Sie zu drän⸗ gen, kommen Sie nur bald einmal, uns zu beſuchen, mich zu beſuchen.“ Damit küßte ſie ihn zärtlich auf die Stirne und ſchwebte raſch aus dem Zimmer. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Erſte Eindrücke. Kate O'Donoghue war von Herberts Niederlage tiefer ergriffen, als ſie ihm hatte merken laſſen, tiefer, als ſie ſich ſelbſt eingeſtanden hatte. Nicht als ob der Charakter ſeines Ehrgeizes ihre Sympathien erweckt oder ihr Intereſſe gefeſſelt häͤtte. Weit entfernt: ſie dachte zu niedrig von ſolchen Triumphen, und wußte nicht, in wie weit ſie auf eine künftige Laufbahn Einfluß übten. Ihre Erziehung, alle ihre frühern Vorurtheile machten ſie geneigt, den Beruf eines Soldaten als den einzigen zu betrachten, der einem Gentleman gezieme. Die durch die großen Siege der Republik und des Conſulates in ganz Europa verbreitete Leidenſchaft für kriegeriſchen Ruhm drang in jedes abgelegene Dorf des Continentes, und nicht einmal die gefängnißartigen Mauern des Klo⸗ ſters konnten die Muth erregenden Töne der Trommel und Trompete, den Takt marſchirender Truppen und das ſtolze Getümmel des Krieges ausſchließen. Es war eine Zeit, wo der Soldat alles galt. Es gab nur Einen Lebenspfad; worauf Ehre, Rang, Ruhm und Reichthum zu gewinnen war. Der Niedrigſte konnte nach dem Hoͤchſten ſtreben, denn die Laufbahn ſtand allen offen; oder nach der Ausdrucksweiſe der damaligen Zeit, jeder Rekrute hatte in ſeinem Torniſter einen lee⸗ ren Winkel für den künftigen Marſchallsſtab. Alles was ſie von der Geſellſchaft im Auslande ge⸗ ſehen hatte, theilte dieſen Charakter. Denn ſeltſamer Weiſe, wurde auf den Ruinen einer Ariſtokratie ein 69 neues glänzendes Ritterthum gegründet— ein Ritter⸗ thum, deſſen Zauber manches Unrecht bedeckte und manche ſchlechte Sache durch den Heldenmuth, den ſie hervorrief, zu einer rühmlichen machte! Ein friedlicher Lebenspfad war alſo in ihren Augen ein unrühmlicher. Dennoch konnte ihre ſtolze Natur auch hier keine Niederlage ertragen. Nicht ohne einen gewiſſen Einfluß auf die Herzen und Seelen der Ihrigen figurirte der Adler als ihre Helmzier. Der ſtolze Vogel mit ausgeſtreckten Schwingen, hoch über ſeines gleichen dahin ſchwebend, ſprach von einem Geſchlecht, das, einſt wenigſtens kein Ziel für ſeinen kecken Flug zu hoch hielt, und ſie war würdig des hochfahrendſten unter ihren Ahnen. Zu ſtolz, um auf einen umſtändlichen Bericht über Herberts Niederlage ſich einzulaſſen, machte ſie die Sache ſo kurz ab als ſie konnte, und erſchien im Geſellſchafts⸗ zimmer ohne irgend eine ſichtbare Veränderung in ihrem Benehmen, auch ſchien ſie keine Notiz zu nehmen von der Mittheilung, die Sir Marmaduke ſeinem Sohne machte, daß Hamsworth, der gerade von Schottland herübergekommen war, dem Diner beiwohnen würde. Kate hatte ihn nie geſehen, aber ſein Name war in ihrer Seele ſeit langem an Anekdoten von Unterdrückung und Grauſamkeit gegen ihren Oheim geknüpft— an kleinliche Quälereien und Kränkungen, wovon die Briefe von Carrig⸗na⸗curra beſtändig zu erzählen pflegten, und worüber ſich ihre Verwandten häufig in ihrer Gegen⸗ wart verbreitet hatten. Das Gemälde, das ſie im Stillen von ihm entworfen hatte, war kein ſchmeichelhaftes— es war zuſammengeſetzt aus Zügen und Beſtandtheilen, die alles repräſentirten, was gemein, niederträchtig und verrätheriſch war— ſie dachte ſich ihn als einen ge⸗ meinen Verläumder und als einen unbarmherzigen Ty⸗ rannen. Wie groß war ihr Erſtaunen, faſt könnte man ſagen ihr Aerger, als Hamsworth eintrat und ſie einen Gentleman erblickte von ungefähr fünfundvierzig Jahren, ſchlank und wohlgebaut, mit regelmäßigen Zügen, die 70 mehr Melancholie, als etwas anderes ausdrückten, mit einer äußerſt ſanften, angenehmen Stimme, ſein Weſen eine Miſchung von feinem, leichten Anſtand und jener tiefen Ehrfurcht, die ſo oft bei Leuten vorkommt, welche einen großen Theil ihres Lebens im Umgang mit Per⸗ ſonen höhern Ranges zugebracht haben, ohne daß ſich jedoch die leiſeſte Spur von verächtlicher Unterwürfigkeit entdecken ließ. So tadelſüchtig ſte auch geſtimmt war, ſo konnte ſte doch ſowohl in ſeiner Manier als in ſeiner Unterhaltung nur wenig fehlerhaftes finden und keine Spur von Ziererei entdecken; im Gegentheil, er ſchien geſprächig, gleich einem Menſchen, der ſich unter Freun⸗ den fühlt und ſeiner natürlichen Ungezwungenheit keine Schranken zu ſetzen braucht. Ueber die verſchiedenen Gegenſtände, die vorkamen, ſprach er mit geſundem Verſtand und mit Würde, und auch als auf die oft be⸗ rührte Frage des Zuſtandes von Irland angeſpielt wurde, ſetzte er Kate in Erſtaunen durch ſeinen ruhigen leiden⸗ ſchaftloſen Ton, indem er von dem Volke in freund⸗ lichem, ja ſogar liebreichen Ausdrücken ſprach— die angebornen Tugenden ihres Charakters pries und mit Vergnügen auf den Zügen verweilte, die den iriſchen Bauern ſo vortheilhaft vor dem Landvolk anderer Län⸗ der auszeichnen. Anfangs hörte ſie mit Verdacht und Mißtrauen, ſpäter mit geſpannter Aufmerkſamkeit und zuletzt mit wahrem Entzücken die Erzählung an, die er von dem ſozialen Zuſtand Irlands gab: wobei er ſich zu zeigen bemühte, daß eine irrige Beurtheilung des Volkes von Seite Englands— eine falſche Anſicht vom National⸗ Charakter, vielleicht eine Verachtung desſelben— Ge⸗ wohnheiten fortgepflanzt habe, die durch ihre Ungerech⸗ tigkeit den Haß und die Erbitterung des Landes erregen mußten und zu dem Zuſtand kränkender Herabwürdigung einerſeits und ſtolzen Trotzes anderſeits führten, welche die beiden Völker gegen einander bewieſen. So gut und geſchickt ſpielte er ſeine Rolle, ſo kräf⸗ 71 tig unterſtützte er jeden Satz durch Anführung irgend einer Thatſache, woran ſein Gedächtniß einen reichen Vorrath hatte— daß ſich Sir Marmaduke vorderhand überwunden, wenn auch nicht überzeugt bekennen mußte. — Frederik aber, ärgerlich über die Gunſt, die Kate dem Sprecher bewies, machte, als er zu Ende war, blos die Bemerkung:— „Das alles iſt ſehr bündig und überzeugend, ich hege keinen Zweifel daran; aber nach meinem Dafür⸗ halten kommt Ihre ganze Rede auf den Beweis hinaus, daß wir Engländer eine ſehr tief ſtehende Nation und ſehr unwürdig ſind, ein Volk zu beherrſchen, das uns ſo ſehr überlegen iſt. Kates Augen flammten von einem ungewöhnlichen Feuer; und fuͤr einen Augenblick konnte ſie faſt nicht der Verſuchung widerſtehen, dieſe Stichelei zu beant⸗ worten; aber ein ruhiges Lächeln halber Zuſtimmung auf Hamsworths Geſicht drückte ſo genau aus, was ſie zu ſagen wünſchte, je och nicht wagte, daß ſie blos das Lächeln erwiederte und ſchwieg. Hätte Hamsworth an jenem Abend die einzige Ab⸗ ſicht gehabt, Kate O'Donoghue's Abneigung zu verban⸗ nen, jede Erinnerung an die mancherlei Unbill gegen ihre Familie, die ihm ſchnld gegeben worden war zu verwiſchen— ſo hätte er keinen ſichern Pfad wählen können. Sie bewunderte den Grad von Feſtigkeit und Entſchiedenheit, womit er ſeine Meinungen äußerte, ohne dabei der Höflichkeit eines Mannes zu entſagen, der nicht dafüͤr gelten will, als ob er ſeine Anſichten für unwiderleglich halte. Es waren blos ſeine Meinungen — ſeine Art geweſſe Dinge zu betrachten und zu wür⸗ digen, worüber ein Anderer anders urtheilen konnte. Alles, was er behauptete, war er bereit mit ſeinen Gründen zu unterſtützen— ſie mochten ſeicht, unſtich⸗ haltig ſein— aber ſie waren die ſeinigen, und zum Gluck für ihn auch die ihrigen. „Alſo glauben Sie, Hamsworth, daß wir keine 72 Empörung haben werden?“ fragte Sir Marmaduke, während ſie beim Thee ſaßen. „Ich möchte kaum ſo weit gehen,“ erwiederte er in ernſtem Tone.„Es gibt zu vielerlei Gründe für eine entgegengeſetzte Beſorgniß, als daß man dieß geradezu behaupten dürfte, ſelbſt wenn der Staatsſekretär uns verſichert hat, daß die Gefahr vorüber ſey. Die Jugend Irlands wird immer gefährlich ſeyn, wenn ihrem Ehr⸗ geiz keine Laufbahn eröffnet wird; und von ihr wird ge⸗ wiß jede Gefahr kommen, die man jetzt vielleicht befürch⸗ tet. Manche junge Männer aus den beſten Familien des Landes, deren Güter tief verſchuldet— vielfach verpfändet und mit ſchweren Laſten behaftet ſind— werden bei der erſten Gelegenheit bereit ſeyn, irgend einem kühnen Ver⸗ ſuche, der eine neue Ordnung der Dinge verſpricht, ſich anzuſchließen. Sie ſehen ſich allenthalben bei Austhei⸗ lung von Gunſtbezeugungen übergangen— von jedem Amte ausgeſchloſſen— zuweilen aus Gründen der Reli⸗ gion— zuweilen auch wegen ihrer Familie oder wegen eines bloßen Namens. Sie ſind bereit ein kühnes Spiel zu wagen, wo dem Verlierenden ein blos etwas ſchnelleres Werberden droht, dem Gewinnenden ein glorreicher Sieg winkt.“ „Aber was könnten einige wenige, leichtſinnige und verzweifelte junge Männer gegen eine ſo große, ſo wohl⸗ befeſtigte Macht, wie England, ausrichten?“. „Vielleicht nur wenig, was den Umſturz einer Re⸗ gierung betrifft; aber in Bezug auf künftige Ruhe kön⸗ nen ſie ungeheuren Schaden ſtiften. Eine Rebellion in Irland, auch wenn ſie nur eine Woche— ja, nur einen Tag dauert— wird eine fünfzigjährige Saat des Un⸗ glücks ſtreuen und wenigſtens um ein ganzes Jahrhundert die Befeſtigung friedlicher Zuſtände verzögern. Hätte der Miniſter dieſelben Konzeſſtonen hier gegeben, die er den Schotten ſo gerne bewilligte— hätte er, ohne eine Nationalität zu kränken, dieſelbe in ein Banner ver⸗ wandelt, unter welchem die Lojalität nur um ſo rühm⸗ — 73 licher erſchien wäre— ſo hätten Sie vielleicht in Irland einen beſſern Zuſtand der Dinge geſehen. „Ich kann, ſo wahr ich lebe, nicht einſehen, unter welchen Uebeln, unter welchem Unrecht dieſes Volk lei⸗ det. Ich habe eine ſehr ausgebreitete iriſche Bekannt⸗ ſchaft in London, und luſtigere, fröhlichere Geſellen, als ſie ſind, kann man nicht finden.“ „Nicht alle jungen Irländer von Familie ſtehen bei der Garde,“ entgegnete Hamsworth mit einem Lächeln, das trotz all ſeiner Freundlichkeit die Schärfe ſeiner Be⸗ merkung nur ſchwach bedeckte. Frederiks Geſicht erglühte vor Zorn, und er kehrte ſich weg, ohne Wort zu ſprechen. „Sollten wir nicht wegen dieſes Gegenſtandes un⸗ ſerer Unterhaltung die Ladies um Verzeihung bitten?“ ſagte Hamsworth.„Ich bin überzeugt, weder Miß Tra⸗ vers, noch Miß O'Donoghue finden das Thema anziehend oder amüſant.“ „Im Gegentheil, Sir, ich glaube, ich darf für uns beide antworten,“ ſagte Kate,„alles, was das Schick⸗ ſal eines uns ſo nahe am Herzen liegenden Landes be⸗ trifft, hat unſere ganze Sympathie; und als Irländerin bin ich Ihnen dankbar für die Erläuterung von Grün⸗ den, die ich, ſo gut ich ſie auch zu würdigen weiß, doch nicht ſo gut erklären könnte.“ „Wie glücklich bin ich, den Beifall meiner Lands⸗ männin zu finden!“ ſagte Hamsworth mit höflicher Ver⸗ beugung und mit beſonderm Nachdruck auf die an Kate gerichteten Worte. Ddie Manier, worin er ſprach, war ſo augenſchein⸗ lich auf ſie berechnet, daß ſie allen Zauber einer Schmei⸗ chelei fühlte, welche durch die Ungleichheit der Jahre noch erhöht wurde. Bald nach dem Thee zog ſich Sir Marmaduke mit Hamsworth in ſein Studirzimmer zurück. Frederik em⸗ pfahl ſich zu gleicher Zeit, ſo daß Sybella und Kate allein zurückblieben. 3 74 „Dieſen Abend habe ich einen langen Brief zu ſchrei⸗ ben, meine theure Sybella,“ ſagte Kate, nachdem ſie einige Zeit geplaudert hatten.„Der arme Herbert iſt in der Prüfung unterlegen, und ich habe verſprochen, dieſe Nachricht meinem Oheim mitzutheilen, eine Auf⸗ gabe, die nicht ſo ſchwierig iſt, als der arme Junge meint; allein er fühlt ſich ihr nicht gewachſen.“ „Schmerzt es ihn denn ſo tief?“ fragte Sybella ſchüchtern. „ 3u tief, was den Gegenſtand bes Ehrgeizes he⸗ trifft; aber nicht tiefer, als eine Niederlage überhaupt ſchmerzen muß. Es iſt ſo ſchlimm, Sybella, geſchlagen zu werden;“ ſagte ſie mit ſcharfer Betonung jeden Wor⸗ tes.„Ich haſſe den Anblick dieſer Univerſität, bis er den nächſten Preis davon trägt; dann aber— dann iſt es mir gleichgültig, ob ihn ſeine Neigung auf eine an⸗ dere Bahn wirft;:“ mit dieſen Worten umarmte ſie ihre Freundin, und ſagte ihr gute Nacht. Der Brief, den Kate zu vollenden verſprochen hatte, war an und für ſich von bedeutender Länge— er war in verſchiedenen Zwiſchenräumen während der Woche vor dem Eramen geſchrieben, und enthielt einen umſtändlichen Bericht über ſeine Fortſchritte, ſeine Hoffnungen und Beſorgniſſe bis zu jenem Augenblick. Es ſtand wenig darin, was andere Leute intereſſiren konnte, außer den Adreßaten, der mit jeder Anſpielung vertraut war, und jede Beziehung auf irgend ein Buch oder auf einen ſonſtigen Gegenſtand vollſtändig fannte— welche Schwie⸗ rigkeiten er da, welche Dunkelheit er dort gefunden— wie geſchickt er dies überwunden habe, wie ſehr er fürchte, etwas anderes verfehlt zu haben— bis zu dem Abend des erſten Prüfungstages, da folgende wenige Zeilen mit zitternder Hand geſchrieben zum Vorſchein kanien „Es heißt, ich werde den Preis gewinnen. H—— nannte meine lieberſetzung des Horaz eine glaͤnzende, und erſuchte den Vize⸗Rektor, Acht zu geben, wenn ich ſie wiederholte. Ich gab ſie in ungereimten Verſen. O 75 mein theuerſter Oheim, täuſche ich mich ſelbſt, und täuſche ich Dich? Werde ich morgen Nacht im Stande ſeyn, ſo zu ſchreiben?“ Sodann kam eine mit zitternder Hand geſchriebene Linie, datirt:„12 Uhr.“. „Beſſer und beſſer— ich könnte faſt jetzt ſchon ſagen: Sieg; aber mein Herz iſt zu ſtark aufgeregt, um einen Gedanken über die Zukunft zu ertragen.“ „Und mir, mein theurer Oheim,“ ſchrieb Kate hin⸗ ter dieſen Worten,„mir blieb das unholde Geſchäft vor⸗ behalten, ſchlimme Zeitungen zu berichten, ich, die ich nie ſo glücklich war, Ihnen etwas Freudiges zu berich⸗ ten, ich muß Ihnen jetzt von Unglück ſprechen.— Mein theurer Vetter iſt unterlegen.“ Sie begleitete dieſe wenigen Zeilen mit der kurzen Erzählung Herberts— wobei ſie weder ſeine Fehler zu beſchönigen, noch auch ſeine Raſchheit zu entſchuldigen ſuchte— wohl wiſſend, daß Sir Archy die auf ſolche Art ertheilte Lehre als eine reiche Entſchädigung für die Ehre eines ſo knapp verlorenen Sieges betrachten würde. „Von Ihnen erwartet er jetzt Troſt— von Ihnene Sir, dem zu liebe alle ſeine Anſtrengungen gemacht wurden, und deſſen Lob zu gewinnen er ſich Tag und Nacht abmühte. Sie, der das menſchliche Herz beſſer kennt als ich, können ſagen, in wie weit eine ſo herbe Entmuthigung auf ſeine Zukunft gut oder übel einwirken, wird; was mich betrifft, ſo betrachte ich auch den Strom des Glückes als ein nur träges Gewäſſer, deſſen Flut zu dämmen, keine Anſtrengungen erfordert, und wäre ſein Kummer vorüber, ſo würde ich mich eher freuen, daß er eine Niederlage erlitten hat, weil er jetzt ent⸗ decken kann, daß er Muth beſitzt, ihr zu begegnen. „Auch ich, um ein ſo troſtloſes Thema fortzuſetzen, auch ich werde der Vergnügungen müde und bekomme das luſtige Weſen ſatt. Die geſchäftige, genußſüchtige Welt gönnt uns keinen einzigen ſeligen Augenblick, und ſchon ſehne ich mich zurück nach dem ſtillen Thale Glenflesk. 76 Nicht, als ob nicht Dublin ſehr glänzend, oder als ob die Geſellſchaft hier weniger angenehm wäre, als ich gehofft hatte,— in beider Hinſicht wurden meine Er⸗ wartungen übertroffen; auch könnte ich nicht über Mangel an Erfolg bei meinem debut, wie man in Frankreich ſagen würde, klagen, im Gegentheil, ich bin die Löwin des Tages, oder vielmehr die halbe Löwin— denn Sy⸗ bella theilt die öffentliche Gunſt mit mir,— aber ich weiß nicht wie es kommt, hier widerſpricht mir Niemand — Niemand hat den Muth zu erklären, daß ich Unrecht habe— Niemand wagt zu ſagen, was Sie oft geſagt und noch öfter durch Blicke angedeutet haben, daß ich über Dinge ſchwatze, wovon ich nichts verſtehe; und in der That, mein theurer Oheim, Jedermann iſt ſo bis über die Ohren in mich verliebt, daß ich anfange, ſie zu verabſcheuen, und die Welt darum geben würde, wenn ich wieder heim käme, bevor ſich mein Haß auf mich ſelbſt ausdehnt, was nothwendig geſchehen muß, wenn mir Niemand zuvorkommt.. „Sie haben mir einmal geſagt, ich würde treulos gegen Sie werden. Aber nein, ich habe der Himmel weiß wie viele„glänzende Anträge“— wie ſie von den Antragſtellern ſelbſt genannt wurden— verſchmäht. Generale von achtzig, Gardeoffiziere von zwanzig Jah⸗ ren, Würdeträger der Kirche, Rechtsgelehrte, Landedel⸗ leute hordenweiſe, zwei Baronets und ein unglücklicher Viscount haben um die werthloſe Hand angehalten, die dieſe Zeilen ſchreibt, und doch— und doch, mein theurer Cavalier, unterzeichne ich noch auf dieſem Blatte Kate O'Donoghue. Ich zweifle nicht, daß Sie, wenn Sie dieſes leſen, auf meine Beharrlichkeit eitel ſind, und zwar mit vollem Rechte, denn ich verſichere Sie, in meinem kirſchfarbenen, mit weißen Roſen beſetzten Kleid in meinem chapeau des paysannes bin ich wirklich eine ganz hübſche Perſon. Wenigſtens ſcheint dieß ein Punkt, worüber die zwölf Richter einverſtanden ſind, und der Lord Urkunden Bewahrer ſagt mir, mit ſol⸗ 77 chen langen Angenwimpern könne ich meine Augen in der That ſehr hoch empor richten. „Und jetzt, mein theurer, gütiger Oheim, theilen Sie Ihren Kummer zwiſchen Ihrer Nichte, die vor Eitelkeit ſtirbt, und Ihrem Neffen, der vor Gram ver⸗ zweifelt— bewahren Sie uns beiden Ihre Liebe— und ſeyn Sie verſichert, daß ich mit aller Aufrichtigkeit ver⸗ bleibe Ihre zärtlich und treu liebende Kate O'Donoghue. „Ich habe Hamsworth getroffen und ſo auffallend es klingen mag, einen recht angenehmen Menſchen an ihm gefunden.“ So lauteten die Schlußzeilen eines Briefes, woraus Niemand, der nicht den Scharfſinn Sir Archy's beſitzt, den wahren Charakter der Brieſſtellerin richtig wird beur⸗ theilen können. Dreißigſtes Kapitel. Alte Charaktere mit neuen Geſichtern, Zur Zeit, von der wir ſprechen, war Clontarif der faſhionable Kurort für die Einwohner von Dublin, und obgleich es ſich nur wenig anderer Bequemlichkeiten rühmen konnnte, außer einer kleinen Anzahl ſtrohbedeck⸗ ter Hütten, woraus ſich die Fiſcher entfernten, um für ihre reichern Gaſte Platz zu machen, verſammelte ſich dort dennoch im Sommer die vornehme und wohlhabende Welt der Hauptſtadt, um die Reize einer Seeküſte zu genießen, verbunden mit dem nicht geringern Vergnügen einer veränderten Lebensweiſe in ſolchen beſchränkteren Kreiſen des Genuſſes. Wenn dieſer Ort trotz des Sonnenſcheins und blauen Waſſers, trotz ſeines wogenden Laubwerkes und ſeines goldenen Strandes in ſeinen weiß angeſtrichenen Wänden und mit Netzen bedeckten Gärten ein Bild beſcheidener Armuth im Sommer gewährte, war er im Winter wirk⸗ 78 lich ein ſehr troſtloſer, trauriger Aufenthalt. Die See über⸗ fluthete in langen Wogen die ſchmale Straße und drang bis zu den Thuͤren der Hütten, ſo daß der ſchmutzige Schaum an den Fenſterſchwellen hängen blieb, und oft ſogar die Dächer benetzte; das Dach war mit ſtarken Seilen befeſtigt, mit Ruthen und Balken geſtützt, um dem wilden Sturmwind zu widerſtehen, der ſo oft aus Südoſt heranblies. Die ſchmucken Sommerwohnungen waren jetzt nichts als elende Hütten für die Armen, ihre Gärten waren verheert, ihr heiteres Ausſehen ver⸗ ſchwunden; jede Spur von Leben ſchien entflohen; nur ſehr wenige von den Einwohnern ließen ſich draußen blicken, und wenn nicht dann und wann eine verhüllte Geſtalt, das Geſicht gegen den peitſchenden Sturm ge⸗ ſchützt, ſich vorüber bewegte, war alles todt und regungs⸗ los. An der kleinen Herberge, die zur Sommerszeit von Morgen bis in die Nacht hinein voll Menſchen war, und aus deren offenen Fenſtern das luſtige Gelächter und die fröhlichen Stimmen der Gäſte erſchollen, waren jetzt alle Läden geſchloſſen und alle Vorſichtsmaßregeln gegen den gefürchteten Winter getroffen; ſogar das Schild eines rieſenmäßigen, roh in Holz geſchnittenen und roth angeſtrichenen Krebſes war jetzt beſeitigt, und auf dem Schenktiſch brannte ein einziges, gezogenes, melancholi⸗ ſches Licht, gleichſam um Wache zu halten über die ſchlafende Luſt des Ortes. Wenn ſolcher Art das Aeußere ein düſteres Aus⸗ ſehen gewährte, ſo nahm ſich das Innere etwas heiterer aus. In einem kleinen Gaſtzimmer hinter dem Schenk⸗ tiſch brannte ein luſtiges Feuer, vor welchem ein für ein Abendeſſen zierlich gedeckter Tiſch ſtand; Couverte waren nur fur zwei⸗Perſonen da, aber der Vorrath an Weisflaſchen ſchien für eine größere Zahl beſtimmt. Die ſchimmernden Gemälde an den Wänden ſtrahlten glänzend im röthlichen Schein; die eherne Schutzplatte und die Spiegel funkelten im hellen Licht, und bis auf die kleinen, ſcharfen Augen Billy Corcorans, des Wirthes, 79 der beſtäͤndig ein und aus rannte, um zu ſehen, ob alles in der Ordnung ſey, bildete alles einen höchſt erquicklichen Kontraſt gegen die ſchauerliche Troſtloſigkeit der nächtlichen Außenwelt. Es war augenſcheinlich, daß Mr. Corcorans Gäſte ſich verſpätet hatten; über ſeine Ungeduld konnte ſich Niemand täuſchen. Er ging unaufhörlich aus der Küche in das Gaſtzimmer und wieder zurück, bald warf er ein Stück Torf auf das Feuer, bald rückte er die bratenden Hühnchen etwas weiter von den Flammen weg, bald blieb er ſtehen, um zu horchen, ob vielleicht das Raſſeln von Rädern zu vernehmen wäre. Er hatte ſich auf jeden Stuhl des Zimmers niedergeſetzt, hatte aus jeder Kanne auf dem Tiſche ein halbes Glas genommen, hatte nach der Reihe jedes Meſſer gewetzt und bereits alles mögliche verſucht, um die Zeit zu vertreiben, als ſich plötzlich auf der Straße das Knarren eines Wagens vernehmen ließ, worauf er ſchleunigſt die Thüre auf⸗ ſchloß und zwei Perſonen hereinließ, deren tropfende Hüte und durchnäßte Ueberröcke bewieſen, wie es draußen heruntergoß. „Nun, Billy,“ ſprach der zuerſt Eintretende,„dieſer Regen wird doch am Ende den Wind niederſchlagen, ſo daß wir auf dem Markt einige Fiſche bekommen können.“ „Ich zweifle ſehr, Sir,“ entgegnete Billy, indem er dem Sprecher ſeine naſſen Kleider ausziehen half, den andern Fremden dagegen ſich ſelbſt überließ.„Der Wind dreht ſich mehr gegen Oſten, und aus dem Ge⸗ räuſch am Bull weiß ich, daß er ſich noch nicht ſo bald legen wird. Ich war in Angſt, es möchte Ihnen etwas begegnet ſeyn, Sir; Sie kommen eine Stunde ſpäter, als Sie geſagt hatten“ „Ja wohl. Ich wurde bei einem Diner aufgehal⸗ ten, und auch mein Freund hier ließ einige Minuten auf ſich warten.“ 8⁰ „Es war nicht meine Schuld,“ fiel der Andere ein: ich war ſchon fertig, als——“ „Hat nichts zu bedeuten— es kam nichts darauf an; das einzige Unglück war, daß wir keine Kutſche finden konnten und uns genöthigt ſahen, uns mit einem Karren zu begnügen, ſo daß wir für unſere Mühe noch recht naß wurden; aber das Abendeſſen, Billy— das Abendeſſen.“ „Dampft bereits hier auf dem Tiſche,“ war die Antwort, und als er die Thuͤre in das Gaſtzimmer öffnete, konnten ſich ihre Sinne von der Richtigkeit der Thatſache überzeugen. Die Fremden ſaßen bald an der Mahlzeit und ließen ſich das Eſſen nach den ausgeſtandenen Strapazen nur um ſo beſſer ſchmecken. Wir brauchen nicht viele Zeit damit zu verlieren, ſie unſerm Leſer vorzuſtellen; beide ſind ihm bereits bekannt. Der eine war Mr. Hamsworth, der andere keine geringere Perſon als Lanty Lawler, der Roßhändler. Nur eine Bemerkung iſt noth⸗ wendig. So bekannt auch dieſe Charaktere bereits ſind, ſo erſchienen ſie hier in einer etwas andern Geſtalt als bisher. Hamsworth, jetzt nicht mehr ein Gaſt in faſhionabler Geſellſchaft, hatte ſein ſeidenglattes, beſchei⸗ denes Weſen gegen einen Ton ruhiger averſij ver⸗ tauſcht, der ihm nur um ſo beſſer anzuſtehen ſchien; Lanty dagegen hatte alle ſeine gewöhnliche Selbſtzufrie⸗ denheit verloren, machte ein ſchüchternes Schafsgeſicht, und nahm ſich gerade ſo aus, als ſey er in den Händen eines Mannes, der nach Willkühr über ſein Geſchick verfügen könnte. All ſein zungenfertiger Witz, all ſeine anerworbene Ungezwungenheit waren jetzt dahin, und an ihre Stelle war ein ängſtlich zögerndes Weſen getre⸗ ten, das im höchſten Grade Furcht und Schrecken ver⸗ rieth; auch gab er ſich augenſcheinlich die angeſtrengteſte Muhe, ſeine Angſt zu verheimlichen. Er verſchlang gefräßig von allen Speiſen, die vor ihm ſtanden, und ſuchte durch die Geſchäfte der Tafel ſeinen wahren 81 Gemüthszuſtand zu verdecken; auch dem Weine ſetzte er ſtark zu, indem er zu verſchiedenen Malen während der Mahlzeit einen großen Becher bis an den Rand mit Peres füllte, dieß alles entging jedoch der Aufmerkſam⸗ keit Hamsworths nicht, der endlich, indem er die Kanne ergriff, in ruhigem aber gebieteriſchem Tone ſagte:— „Eine Pipe, Lanty, wenn's beliebt; ein anders Mal ſteht Ihrem Durſt eine ganze Lage am Quadal⸗ quivir zu Dienſten; aber jetzt, wenn's beliebt, müſſen wir für ruhige Köpfe und für kalten Verſtand ſorgen. Es iſt ziemlich lange her, ſeitdem wir uns nicht mehr getroffen haben, und es kann noch länger währen, bis wir wieder ſo eine Gelegenheit finden, wie jetzt.“ „Ganz wahr, Sir,“ ſagte Lanty unterwürfig, indem er ſein Glas ungekoſtet vor ſich hin ſtellte.„Ich fürch⸗ tete nur eine Erkältung; meine Kleider waren durch und durch naß.“ Hamsworth widmete der Entſchuldigung keine Auf⸗ merkſamkeit, ſondern ſaß für einige Minuten dort, tief in Gedanken verſunken; alsdann richtete er plötzlich den Kopf empor und ſagte:— „Alſo haben ſich dieſe Papiere nirgends vorge⸗ funden?“ „Nirgends, Sir. Ich habe mir alle Mühe gege⸗ ben. Ganze Tage habe ich an dem Orte zugebracht und außerdem noch von andern ſuchen laſſen. Ich ſagte, ich wolle dem Finder fünf Guineen geben,— und Sie wiſſen, was eine ſolche Belohnung dort heißen will; aber bis zu dieſer Stunde iſt mir noch nichts davon zu Geſicht gekommen.“ Während er dieſe Worte ſprach, hielt Hamsworth ſeine Augen unverwandt auf ihn ge⸗ heftet, nicht mit einem Ausdruck von Strenge oder Barſchheit; auch verrieth ſein Blick keinen Argwohn. Derſelbe war feſt und leidenſchaftslos und ſchien mehr hr Erklärung zu ſuchen, als irgend ein Motiv zu ahnen. Lever, O'Donoghue. N. 3 6 „Sie ſind vollkommen überzeugt, daß es die Papiere waren, die wir vermiſſen?“ „Ja wohl, ich öffnete ſie— ich las die Handſchrift ſelbſt, als ich ſie dem alten Manne aus dem Pulte nahm.“ „Sie wären beſſer dort geblieben,“ murmelte Hamsworth vor ſich hin; aber laut genug, daß der andere es hören konnte; darauf ſammelte er ſich ſchnell wieder und fügte hinzu:„Es hat indeſſen nichts zu bedeuten, wir haben ja genug Beweiſe von anderer Art. Wo ſind die Briefe, die Mark an die Abgeord⸗ neten ſchrieb?“ „Ich glaube, Mr. Morriſſy hat die meiſten, Sir,“ erwiederte Lanty zoͤgernd;„er iſt der Mann, der alle Schriften aufbewahrt.“ „Mag ſeyn, Lanty; aber Sie ſelbſt haben einige davon: drei oder vier ſind ſo gut als dreißig oder vierzig, und ſo viel haben Sie gewiß— ja, und zwar hier in Ihrer Taſche, in dieſem Augenblick. Hören Sie, mein würdiger Freund, im Pferdeſleiſch können Sie mich vielleicht betrügen, wenn ich thöricht genug bin, mich mit Ihnen einzulaſſen; aber in unſerm jetzigen Spiel bin ich Meiſter. Zeigen Sie mir dieſe Briefe.“ „Wie ſollte ich dazu kommen, Herr Kapitän,“ ent⸗ gegnete Lanty mit flehender Stimme;„Sie wiſſen doch ſo gut wie ich, daß ich mit dem ganzen Anſchlag nichts zu thun habe.“ „Außer daß Sie einen Kontrakt abgeſchloſſen haben, um fünfhundert Franzoſen gleich nach ihrer Landung in Irland beritten zu machenz das Geld dafür haben Sie bereits erhalten, und ich bin im Beſitz des von Ihnen ſelbſt unterzeichneten Wechſels, Mr. Lanty. Ein höchſt bündiger Beweis vor einem Gerichtshof— mehr als genug, um Sie an den Galgen zu bringen. Das iſt Alles.“ „Es hat ſchon Mancher ein Pferd verkauft, ohne 8³ zu wiſſen, wozu es beſtimmt war,“ erwiederte Lanty halb trotzig. „Ganz richtig; aber ein Kontrakt, worin ſtarke Thiere ausbedungen ſind, die zwölf Stein ſchwere Maͤnner in vollſtändiger Cavallerie⸗Ausrüſtung tragen können, iſt wohl zu unterſcheiden von einem Verſpre⸗ chen, Ackerpferde zu liefern.“ Darauf änderte er ſeinen Ton und fügte hinzu:„Laſſen wir das, Sir, ich habe keine Zeit zu ſolchem Wortgefecht. Zeigen Sie mir die Briefe— zeigen Sie mir, daß Sie etwas gethan haben, womit Sie Strafloſigkeit verdienen, oder bei Gott, ich laſſe Sie hängen wie einen alten Hund.“ * Lanty wurde todtenblaß; auf ſeine Lippen trat für einen Augenblick ein krampfhaftes Zucken, und er ſchien einen Ausbruch ſeiner Leidenſchaft niederzukämpfen, während er ſeinen Stuhl mit beiden Händen hielt; aber er ſprach kein Wort. Hamsworth zog gemächlich ſeine Uhr hervor, legte ſie vor ſich auf den Tiſch und ſprach: „Es fehlen noch elf Minuten bis Ein Uhr; bis zu dieſer Stunde gebe ich Ihnen Zeit, ſich zu entſchließen, ob Sie fünfhundert Pfund baar vorziehen, oder mit den andern in die Docks wandern wollen; denn bedenken Sie wohl, wir mögen Ihre Beweiſe bekommen oder nicht, ſo ſind die Burſche deßwegen doch in unſern Händen. Ich möchte im gegenwärtigen Falle nur die Kunſt ſtu⸗ diren, wie man mit Zeugniſſen umzugehen hat; meine Vee Gauner ſpare ich für wichtigere Gelegenheiten auf.“ . Es möchte vielleicht ſcheinen, als wäre dieſer Hohn in einem ſolchen Augenblick nicht am rechten Platze ge⸗ weſen; aber Hamsworth kannte das Temperament ſeines Gefährten wohl und ſprach keine Silbe in's Blaue hin⸗ ein. Lanty blieb noch immer ſtumm und ſchien von dem trotzigen Entſchluß beſeelt, die Minuten verſtreichen zu laſſen, ohne zu ſprechen; den Kopf auf die Bruſt ge⸗ ſenkt, die Augen zu Boden geſchlagen, ſaß er dort, ohne 6 ⅔ nur die geringſte Bewegung zu machen. Hamsworth füllte inzwiſchen ſein Glas, ſchlug die Arme über einan⸗ der und ſchien ohne Ungeduld den Entſchluß des Andern abzuwarten. Jetzt fehlte nur noch eine halbe Minute. Hamsworth nahm die Uhr von dem Tiſch, hielt ſie Lanty vor die Augen und ſagte— „Die Stunde iſt bald voll, Mr. Lawler; weigern Sie ſich noch immer?“ „ Ich ſtelle nur eine Bedingung,“ erwiederte Lanty mit ſchwachem Fluſtern. „Hier wird nichts geſchachert: die Briefe oder——. So, jetzt iſt es zu ſpät.“ Mit dieſen Worten ſteckte er wieder die Uhr in die Taſche und erhob ſich vom Tiſche. Lanty beweate keine Muskel, während Hamsworth auf die Feuerſtelle zuging und an der Glocke zog. Er kehrte dabei dem Roßhaͤndler den Rücken; überwachte ihn aber mittelſt des kleinen Spiegels über dem Kamin. So blieb er einige Sekunden ſtehen, als Lanty— in deſſen flammenden Augen und dunkler Farbe die innere Wuth ſich malte— mit dem Arm plöoͤtzlich nach der Bruſttaſche fuhr. Hamsworth kehrte ſich raſch um, fiel ihm kräftig in den Arm und ſagte in kaltblütigem, ent⸗ ſchloſſenem Tone— „Nein, nein, Lanty; ich bin auch bewaffnet.“ „Ich habe nach der Brieftaſche geſucht, Sir,“ er⸗ wiederte Lanty mit einer krampfhaften Anſtrengung zu lächeln, während er eine ſchwarze lederne Taſche hervor⸗ zog und ſie Hamsworth einhändigte.„Da ſind ſie alle — ſiebzehn Briefe— außer zwei franzöſtſchen Beſtal⸗ lungen, unterzeichnet von dem jungen Mark, und einem Schein für vierhundert Pfund in franzöſiſchem Gold.“ „Es muß Ihnen ſchwer gefallen ſein, Lanty, für die Piſtolen, die ich Ihnen gegeben habe, Kugeln auf⸗ zutreiben,“ ſagte Hamsworth mit ruhiger Stimme;„ich vergaß, Ihnen die Kugelform dazu zu geben.„Erin⸗ nern Sie mich doch morgen, oder dieſer Tage daran.“ 85 Lanty murmelte ein ſchwaches„das will ich,“ ſah aber dabei aus wie ein wahres Jammerbild. „Zeigen Sie, Lanty,“ ſprach Hamsworth ſo ruhig und gleichgültig, als möglich.„Wenn ich mich nicht irre, ſo hat das Kaliber ungefähr einen Viertelzoll im Durchmeſſer.“ „So ungefähr, Sir,“ erwiederte Lawler, während er die beiden Piſtolen aus derſelben Bruſttaſche hervor⸗ zog, woraus er die Briefe genommen hatte. Hamsworth unterſuchte mit aller Gemächlichkeit zuerſt die eine, dann die andere, ließ in jede nach ein⸗ ander den Ladſtock fallen, öffnete die Pfanne, beſichtigte das Zündkraut und ſtrich mit ſeinem Finger ſorgfältig das Pulver zurecht.„Sie verderben ſolche Piſtolen, Lanty, wenn Sie zwei Kugeln hineinladen,“ ſprach er, indem er ſie ihm wieder zurückgab.„Sie ſind zu gut gebohrt, als daß man ſo grob damit umgehen dürfte. Dieß hier iſt eine minder delikate Waffe, die kann ſchon mehr vertragen,“ und damit zog er eine kurze Piſtole mit vier Drehläufen hervor, deren Kaliber ſo groß war, wie das einer Muskete. Lanty ſtarrte erſtaunt und er⸗ ſchreckt das moͤrderiſche Werkzeug an. Hamsworth ließ die Feder, wodurch die Läufe gedreht wurden, mit ge⸗ übtem Finger ſpielen und ſchien ſich an dem angſtlichen Ausdruck Lanty's zu ergötzen. Darauf ſteckte er die Waffe ſchnell wieder zu ſich und fuhr fort—„Nun, es freut mich um Ihrer ſelbſt willen, daß Sie vernünftiger ſind. Sie müſſen wiſſen, daß ich mich in Betreff irgend eines einzelnen Dienſtes nie auf nur Einen Mann ver⸗ laſſe. Das hieße nicht die Rolle des Herrn, ſondern die des Sklaven ſpielen. Aber vor allem, wie ſind Sie zu dieſen Briefen gekommen?“ „Mark hat mich beauftragt, ſie den Abgeordneten zu übergeben, und da ſie nie etwas von ſeiner Hand⸗ ſchrift ſahen, ſo copirte ich eben die Briefe und behielt alle Originale, ſo daß er ſeine Antworten regelmäßig erhielt, ohne zu ahnen, was vorgegangen war.“ * 8⁶ „Ganz gut ſo weit— und der jüngere Bruder,— wie ſteht es mit dem?“ „O, der ſteht zu ſehr unter dem Einfluß des alten Mab, als daß er hätte in's Garn gelockt werden können. Ich ſtehe nicht dafür gut, ob er in dieſer Mi⸗ nute kein Proteſtant iſt.“ „Ihr Verdacht ſcheint Sie tief anzugreifen, Lanty,“ ſagte Hamsworth lächelnd.„Nun, nun, wir müſſen das Beſte hoffen; und was den andern Burſchen betrifft— wo und wie kann ich ihn ſehen— dieſen Talbot meine ich?“ „Ja, da liegt eben der Knoten,“ erwiederte Lanty mit augenſcheinlich ruhigerm Weſen als bisher.„Sie können ihn gewiß nicht treffen, wenn Sie ſich nach ihm umſehen; aber wenn Sie nichts von ihm wollen, ſtoßen Sie jeden Tag zwanzigmal mit der Naſe auf ihn.“ „Könnten Sie es nicht einleiten, Lanty, daß ich hier mit ihm zuſammentreffe?— Für das Uebrige will ich ſchon ſorgen.“ „Ich glaube nicht, daß es geht; der Burſche iſt gar vorſichtig; er ängſtigte mich ſchon einige Mal durch ein Wort, das er fallen ließ. In ſeiner Geſellſchaft iſt es mir niemals wohl.“ „Er mag nun ein falſches Spiel treiben oder nicht, ſo könnte er uns einen unermeßlichen Dienſt leiſten,“ ſagte Hamsworth nachdenklich;„könnte ich ihn nur ſehen und ſprechen, ſo würde ich ihn bald überzeugen, daß er für ſeine Perſon keine Gefahr läuft. Das iſt ein ſchlech⸗ ter Jäger, Lanty, der ſeine Lock⸗Ente ſchießt,“ ſagte er, indem er ihn gutmüthig in die Wange kniff. Lanty ſuchte zu lachen, aber es gelang ihm nur halb. In⸗ zwiſchen erſchien der Wirth, dem jetzt zum zweiten Mal geſchellt worden, und auf Hamsworths Befehl wurde der Karren vor die Thüre gebracht; denn ſo rauh auch die Nacht war, ſo beſchloß er doch in die Stadt zuruck⸗ zukehren. 87 „Kommen Sie mit zurück in die Stadt, Lanty?“ fragte er. „Nein, Sir; ich werde hier bei Billy bleiben, wenn Ew. Ehren nichts dawider hat.“ 1 „Ei bewahre. Vergeſſen Sie nicht, am Dienſtag mich zu beſuchen; bis dahin werde ich für Ihre Reiſe nach dem Süden alles bereit halten— behüte Sie Gott ſo lange;“ damit gab Hamsworth dem Wirthe zwei Guineen in Gold— denn er pflegte flott zu zahlen— ſtieg in den Karren und fuhr davon.— Lanty ſah ihm nach, bis er in der Finſterniß ver⸗ ſchwunden war, darauf knöpfte er ſeinen groben Rock bis an den Hals zu und machte ſich auf den Weg nach der Stadt, indem er murmelte—„Ich wollte, ich hätte Dich zum letzten Mal geſehen.“ ——— Einunddreißigſtes Kapitel. Einige Winke über Harry Talbot. Wir müſſen den Leſer bitten, uns wieder, aber nur für einen flüchtigen Augenblick, in das Thal Glenflesk zu begleiten. Als wir Carrig⸗na⸗curra zum letzten Mal verließen, war es Nacht; die Geſellſchaft war beim Abendeſſen im alten Thurm und Kerry ſtand außen vor der Thüre, zum zehnten Mal den Vortrag einübend, worin er ſeine Mittheilung eröffnen wollte. Marks Stimme, die ſich lauter vernehmen ließ als gewöhnlich, bedeutete ihm, daß ſeine Sendung nicht ohne Gefahr ſei, wenn er durch irgend einen Umſtand den Jüngling beleidigen würde. Niemand kannte beſſer als Kerry die heftige Gemüthsart des jungen O'Donoghue, und wie wenig er ſich bezähmte, wenn es galt, ſeinen Zorn an einem Menſchen auszulaſſen, der ihm in die Quere kam. Er ſtellte alſo genaue Berechnungen an, wie er zu ver⸗ fahren habe; auf der einen Seite lag die Strafe, auf 88 der andern der Lohn für ſein Wagniß— wie ſollte er jener entgehen und dieſen ſich ſichern? Nach einiger Ueberlegung war er mit ſeinem Plan im reinen. „Ich will nicht hineingehen, beim Teufel, keinen Schritt, ſondern ich will ſagen, ich habe mich mit ihnen dieſe halbe Stunde lang unterhalten, und die Schnur ſamt dem Stück Blei ſei nur ein neues Werkzeug, um Seefräulein und andere weibliche Fiſche in der Bai da⸗ mit zu fangen; und beſtimmt, wenn ich nur ſage, daß dieſes Verfahren durch eine Parlaments⸗Akte verboten iſt, ſo wird ſie mir nicht nur alles glauben, ſondern ſte wird auch das Geheimniß noch auf ihrem Sterbebette bewahren.“ Mit dieſer tiefen Betrachtung über Mrs. Branagans Charakter und mit wohlgeheucheltem Er⸗ ſtaunen auf ſeinem Geſicht kehrte Kerry in die Küche zurück, um ſeine Entdeckung zu verkundigen. Es iſt nicht unſere Abſicht, bei der nun folgenden Scene zu verweilen; wir haben die Thatſache nur in ſo ferne berührt, weil von einem ſo unbedeutenden Um⸗ ſtande, wie Kerry's Entſchluß war, die Entzeckung eines Komplottes abhing, das, wenn einmal M'Nab darum wußte, auf der Stelle der Regierung mitgetheilt worden wäre. Das Schickſal hatte es anders beſchloſſen, und als ſich die Geſellſchaft im alten Thurme trennte, war Sir Archy über Talbots Charafter ſo wenig mit ſich im reinen als je, und noch immer begierig herauszu⸗ bringen, woher und weshalb er gekommen und in wel⸗ cher Abſicht er Marks Bekanntſchaft gemacht habe. Mit manchem ſchlauen Plan für den nächſten Tag begab ſich der alte Mann zur Ruhe, feſt entſchloſſen, keine Mühe zu ſcheuen, um dem Geheimniß auf die Spur zu kom⸗ men; doch am Ende half auch dies nichts, denn als der Tag anbrach, waren Talbot und Mark bereits meh⸗ rere Stunden weit unterwegs nach Dublin. Nachdem O'Donoghue mit Swaby in’s Reine ge⸗ kommen war, wußte er nichts Beſſeres zu thun, als ſei⸗ nem Sohne Mark fünfhundert Pfund zu Verfügung zu 89 ſtellen, eine weit groͤßere Summe, als der junge Mann je in ſeinem Leben beſeſſen hatte. Talbot, dem dieſer Umſtand von Mark mitgetheilt worden war, überredete ihn leicht, Dublin zu beſuchen, nicht blos wegen der Vergnügungen und Beluſtigungen der Hauptſtadt, ſon⸗ dern damit er den Abgeordneten perſönlich bekannt wer⸗ den und mit den Häuptern der drohenden Empörung in Verkehr treten könne. Talbot verſtand ſich vortrefflich auf die Art von Schmeichelei, wodurch der Jüngling zu ködern war, und ſtachelte durch Anſpielungen auf ſein altes Geſchlecht, auf ſein mehr als adeliches Blut, auf die ihm gebührenden Rechte, in die er ohne Zweifel wieder eingeſetzt werden ſolle, nicht nur ſeinen Eifer für die Sache, ſondern verpflichtete ihn auch zur Dankbar⸗ keit gegen alle, die ihn ermunterten, ſich dabei zu be⸗ theiligen. Marks Charakter war bei allen ſeinen Fehlern auf⸗ richtig und offen in allen Dingen; er machte ſeinem Freunde aus ſeinem gegenwärtigen Unglück kein Geheim⸗ niß, und verhehlte ihm nicht, daß eine unbezahlte Schuld der Rache in Bezug auf den jungen Travers ihm ſchwer auf dem Herzen lag. Es war zum erſten Mal in ſeinem Leben, daß er die Bitterkeit einer Beleidigung gekoſtet hatte, und ſie wirkte in ihm gleich einem tödtlichen Gift, nagte an ſeiner Geſundheit und vergällte ihm die Stun⸗ den ſeiner Einſamkeit; ſelten, weder bei Tag noch bei Nacht, verließ ihn der Gedanke, wie dieſe Schmach zu tilgen ſei. Als daher Talbot von einer Reiſe nach der Hauptſtadt ſprach, willigte Mark freudig ein, aber mehr in der geheimen Hoffnung, daß ſich irgend eine Gelegen⸗ heit darbieten möchte, ſeine längſt genährte Leidenſchaft zu befriedigen, als mit dem Wunſche, den Glanz der Hauptſtadt zu ſchauen; und während der Eine die ſchim⸗ mernden Seenen fröhlicher Feſte, wozu Jugend und Geld Zutritt verſchaffen, ausmalte, brütete der Andere örr den Ausſichten, ſeinen Feind zu finden und ihn zu ordern. 3 90 Am Abend des dritten Tages, nachdem ſie Carrig⸗ na⸗curra verlaſſen, näherten ſie ſich der Hauptſtadt, und nachdem Mark das Verſprechen gegeben, ſich in allen Dingen von ſeinem Freunde leiten zu laſſen und keinen Schritt ohne ſeinen Rath zu thun, betraten beide die Stadt. „Du ſiehſt, Mark,“ ſagte Talbot, als ſie durch eine der breiteren und beſſer beleuchteten Fahrſtraßen gekom⸗ men waren und ſich einem weniger beſuchten und düſte⸗ ren Theile der Stadt näherten;„Du ſiehſt, Mark, daß der Tag noch nicht gekommen iſt, da wir den Ehren⸗ platz einnehmen ſollen, ein beſcheidener, ruhiger Gaſt⸗ hof wird uns für die Gegenwart am dienlichſten ſeyn; aber die Stunde iſt nicht ſehr ferne, mein Junge, da der ſtolzeſte Bau der Hauptſtadt ſeine Thore weit öffnen wird, um uns zu empfangen. Der Sachſe hat nur noch für kurze Zeit Beſitz davon.“ „Ich ſehe keinen Grund, warum wir ſo geheim thun ſollen,“ ſagte Mark halb verdrießlich,„wir haben gute Namen und eine volle Börſe, warum ſollen wir uns in ein ſo duüſteres, trübſeliges Quartier ver⸗ fügen?“ „Weil ich der Führer bin,“ erwiederte Talbot la⸗ chend,„und wenn dieſer Grund nicht ausreicht, ſo iſt er doch der einzige, den ich gegenwärtig ſagen kann; aber komm, da ſind wir, und ich glaube nicht, daß Du Dich über die Bewirthung beklageſt.“ Bei dieſen Wor⸗ ten fuhr der Wagen in den geräumigen Hofraum einer altmodiſchen Herberge, die von Thomasſtreet aus, wo ſte ſtand, durch eine der engen, an das Quai hinab führenden Straßen eine Ausſicht auf den Fluß darbot. „Dies war vor einigen fünfzig Jahren das faſhionable Haus,“ ſagte Talbot, indem er ſeinem Freund aus dem Wagen half;„und obgleich das Juchheißa ſeiner Jugend vorüber iſt, ſo bewahrt es doch in ſeinem hohen Alter noch manche edle Eigenſchaften— auch Deines Vaters 91 Keller kann ſich keiner beſſern Flaſche Burgunder rühmen.“ Talbots Empfehlung war keineswegs eine unver⸗ diente. Der Schwarze Jack, wie die Herberge genannt wurde, war ein äußerſt gemächliches Haus aus der al⸗ ten Schule, mit großen, niedrig getäfelten Zimmern, breiten Treppen und geräumigen Gängen. Das Ganze war in einem Stil ausgeſtattet, der, weit entfernt auf Eleganz oder Modegeſchmack Anſpruch zu machen, für den müden Reiſenden, der Raſt und Ruhe ſuchte, große Vorzüge beſaß. Hier alſo ſtiegen unſere jungen Freunde ab. Talbot wurde mit aller einem alten Bekannten ſchuldigen Höflichkeit und Artigkeit empfangen; der Gaſt⸗ wirth ſelbſt erſchien, um die Honneurs des Hauſes zu machen und einen geſchätzten Gaſt zu bewillkommnen. Wir müſſen unſern Wirth, Billy Croſſley, einladen, mit uns zu ſoupiren, Mark. Niemand kann uns über alles, was hier vorgeht, ſo viel erzählen, denn ich weiß nicht wie es kommt, Billy kennt alle Gegenſtände des Tagsgeſpräches, mögen ſie nun die Mode, oder die Po⸗ litik, oder Jagd und Pferde betreffen, er intereſſirt ſich für alles, was in der Welt vorgeht.“ Mit dieſen Wor⸗ ten eilte Talbot ſogleich zu dem Gaſtwirth, um ſich für den Abend ſeine Geſellſchaft zu ſichern. 1 Billy war etwas zu ſpröde, als er ſeinen angeneh⸗ men Umgang Jedermann gegönnt hätte, aber bei gegen⸗ wärtiger Gelegenheit willigte er ohne weiters ein, und nach kaum einer halben Stunde ſaßen die drei zuſammen bei einer Mahlzeit, die keinem Gaſthof von anſpruchs⸗ vollerm Aeußern Schande gemacht hätte. Mr. Croſſley machte die Honneurs der Tafel gleich einem Wirth, der ſeine Freunde regalirt. „Ich hätte kaum erwartet, Mr. Talbot, Sie ſo bald zu ſehen,“ ſagte er, als die Aufwärter das Zimmer verlaſſen hatten und die Geſellſchaft ſich um das Feuer herum ſetzte.„Man ſagte mir, Sie würden den Win⸗ ter auf dem Lande zubringen.“ 92 „Dies war meine Abſicht Billy, aber ein glücklicher Zufall wollte daß ich im Süden mit meinem Freund hier, Mr, O'Donoghue, Bekanntſchaft machte; dies än⸗ derte meine Plane; denn da er die Hauptſtadt noch nicht geſehen hatte und nichts von euerm muntern Treiben hier kannte, kam es mir in den Kopf, mit ihm zurück⸗ zufehren und ihm wenigſtens die Karte des Landes zu zeigen.“ „Seyn Sie mir willkommen, Sir,“ ſagte Billy ge⸗ gen Mark ſich verbeugend;„Sie hätten nicht leicht einen beſſern Führer ſinden können, als Mr. Harry. Ich kann Sie verſichern, daß er überall, wo es gottlos hergeht, zu Hauſe iſt— in der königlichen Caſerne ſo gut, wie im Trinity⸗College.“ „Schmeichelei, grobe Schmeichelei, Billy. Ich war eben Ihr Zögling, darum können Sie nicht umhin par⸗ teiiſch zu ſeyn.“ „Sie ſind das herrlichſte Pröbchen von Privater⸗ ziehung, das muß wahr bleiben,“ ſagte Croſſley lachend, „und ich habe Urſache ſtolz auf Sie zu ſeyn. Hat Mr O'Donoghue ſchon davon gehört, wie Sie beim Hazard⸗ ſpiel Hancey Henneſy ausgebeutelt haben— den Bur⸗ ſchen, der die falſchen Würfel mit ſich fuͤhrte?“ „Laſſen Sie das, Billy. Laſſen wir dieſe albernen Geſchichten.“ „Auch nicht, welchen Streich Sie dem Corny Me⸗ han bei der Volksverſammlung im Frühling mit dem Rothſchimmel geſpielt haben, der zu hinken wußte, ſo oft Sie es haben wollten.— Das Pferd war ein ſo großer Spitzbube wie er ſelbſt, Mr. O'Donoghue. Wenn Sie ihn hätten reiten geſehn, ſo hätten Sie darauf ge⸗ ſchworen, das Thier habe einen bösartigen Blutſpath⸗ dnd doch war es ein reines Vollblut ohne Makel und adel.“ Talbot ſchien einige Sekunden lang etwas unzufrie⸗ den mit dieſen traulichen Reminiscenzen ſeines Freundes Croſſley, da er nicht recht wußte, wie Mark ſie aufneh⸗ 93 men würde; als er aber ſah, daß ſie ein herzliches Ge⸗ lächter hervorriefen, theilte er ungenirt die Fröhlichkeit der Andern. „Das beſte von allem war doch das Wicklower Kirchthurmrennen. Wahrlich, das war ein guter Spaß;“ dabei lachte Croſſley, bis ihm ſeine Augen überſtrömten. „Das müſſen Sie mir erzäͤhlen,“ ſagte Mark. „Nun das war ſo:— Mr. Henry hier hatte mit Kapitän Steevens vom Stab gewettet, daß er das Ziel vor ihm erreiche, wenn beide im gleichen Augenblick von Quins Thüre in Bray abfahren würden; gut, was thut er? Er beſtach einen der Jungen, damit ihn dieſer als Poſtillion vor Steevens Kutſche reiten ließ, weil er ſo überzeugt war, ſeine Wette zu gewinnen. Es ging alles vortrefflich, die blaue Jacke und die Stiefel ſtanden ihm ſehr nett— ſie waren beide neu— beſonders für dieſen Tag gemacht, und Mr. Talbot lag im Stall ver⸗ ſteckt, wo er wartete bis die Kutſche vorfahren ſollte, als es hieß: ‚Nummero vier, zwei Kaſtanienbraune; nun ſpringt er in den Sattel, trabt vor die Thüre hin, hütet ſich, ſich umzudrehen und drückt ſein Kinn in die Cravate um ſein Geſicht zu verbergen. Er ſah ſich kein einziges Mal um, ſondern ließ, die Jungen anſpannen, ohne ein Wort zu ſagen. „»Mylord ſagt, Sie möchten langſam fahren,“ ſagte einer der Jungen. „Er drehte ſich um, und was meinen Sie, daß er ſah? In der Kutſche ſaß ein alter Mann mit einer hufförmigen Perrücke und in vollem Biſchofs⸗Ornat. „Ei wer iſt doch das,“ fragte Talbot. „Der Biſchof von Cloyne, flüſterte der Junge.„Er begibt ſich zum Lever.“ „Bei meiner Seele, das geht nicht,“ ſagte Talbot, denn in dieſem Augenblick bemerkte er Steevens, der in ſchnellem Trab von der Thüre abfuhr; ſogleich lenkte er des Biſchofs Pferde raſch herum, ſchwang tüchtig die Geißel über ſie⸗ ünd kam zuerſt nach Wicklow.“ 94 „Nie hörte man einen Menſchen ärger ſchreien, als den Biſchof. Einige ſagen, er habe ſchwer geflucht; allein das iſt nicht wahr, er betete— flehte und ſchrie— half aber alles nichts. Talbot gab den Thieren bei je⸗ dem Satz die Sporen und nach einem langen geſtreckten Galopp fuhr er am Ziel vor unter einem Jubel der die Rennbahn erſchütterte; und ein ſchöner Anblick war es, wie der kleine Mann mit den leinenen Aermeln heraus⸗ ſtieg, das Geſicht roth vor Scham und Zorn Zwölf engliſche Meilen in zwei und vierzig Minu⸗ ten, Mylord,“ ſagte Talbot auf ſeine Uhr zeigend, ‚ich hoffe, Ihre Lordſchaft wird den Jungen nicht vergeſſen,“ Wenn Mark O'Donoghue ſeine herzliche Freude an der Geſchichte hatte, ſo war er nicht wenig erſtaunt, daß Harry Talbot der Held davon war— alles, was er bisher von dieſem Gentleman wußte, hatte ihm eine ganz andere Meinung von ſeinen Neigungen und Be⸗ ſtrebungen beigebracht. In der That, er kannte Talbot nur aus deſſen eigenem Munde; und ſo kam es, daß er ihn als einen von der iriſchen Partei in Frankreich ab⸗ geſchickten Sendling betrachtete, der über den Zuſtand der Inſurgenten in Irland Bericht erſtatten und im Nothfall für die franzöſiſche Landung auf der iriſchen Küſte Vorbereitungen treffen ſollte. Mark konnte nicht recht begreifen, wie ein mit einer ſolchen Sendung be⸗ auftragter Mann in ſo lächerlichen Abenteuern ſeine Zeit vergeuden und ſeine Sicherheit gefährden mochte; auch trug er kein Bedenken, ſein Erſtaunen darüber an den Tag zu legen. Talbot erwiederte dieſe Betrachtung mit einem be⸗ deutungsvollen Lächeln, wechſelte einen Blick mit Croſſ⸗ ley und ſprach— „Bei den Beſtrebungen, denen ich mich ſeit einigen Jahren hingegeben habe, Mark, bin ich gezwungen ge⸗ weſen, ſchon allerlei verſchiedene Rollen zu ſpielen; und ich habe oft gefunden, das beſte Mittel gegen Entdeckung war immer in ſchwierigen Umſtänden ſeinen Humor 9⁵ ſpielen zu laſſen. Ein unwiderſtehlicher Hang den Nar⸗ ren zu machen, ſelbſt in ſolchen Augenblicken, wo hohe Intereſſen auf dem Spiele ſtanden, hat mich ſchon mehr als einmal gerettet; und durch Gewohnheit, habe ich eine gewiſſe Praxis mir angeeignet, die in den Augen der Welt als Gewandtheit gilt. So bin ich abwechſelnd Schauſpieler, Schmuggler, franzöſiſcher Offtzier, iriſcher Flüchtling, Jagd⸗ und Pferdeliebhaber, Lebemenſch, In⸗ trigant geweſen; und wie ſehr ſich auch ſolche Züge in meinen wahren Charakter gemiſcht haben mögen, ſo iſt doch meine wirkliche Rolle unentdeckt geblieben. Mr. Croſſley hier könnte Dir einige Winke darüber geben; aber— aber, wie Peachem ſagt, ‚wir könnten einander hängen, he, Billy?“ Ein Nicken und ein Lächeln, mehr ernſt als mun⸗ ter, war Croſſley's Antwort; und es erfolgte ein allſei⸗ tiges Schweigen. Sogar in der Leichtfertigkeit der Tal⸗ bot'ſchen Worte lag ein ernſter Ton, der mit ſeinem ge⸗ wöhnlichen Weſen keineswegs übereinſtimmte; und Mark begann zum erſten Mal zu fühlen, daß er von ſeinem Freunde ſehr wenig wiſſe. Das Schweigen dauerte ei⸗ nige Zeit ununterbrochen fort; denn während Mark über die verſchiedenen Auslegungen, die Talbots Worte zulie⸗ ßen, nachdachte, beſann ſich Talbot ſelbſt auf das, was er ſo eben geäußert hatte. Menſchen von feinem Geiſte beſitzen eine ſehr ſeltſame aber nicht ganz unerklärliche Neigung, nahe genug an gewiſſe Eröffnungen hinzuſtrei⸗ fen, um Verdacht zu erwecken, ohne jedoch die Neugierde Anderer zu befriedigen. Die Gewandtheit womit ſie ſich der Gefahr nähern, ohne ſich jedoch wirklich hinein zu ſtürzen, iſt eine Uebung, mit der ſie ſich gerne zu brüſten pflegen; und wie der Indianer ſeinen Kahn durch die gefährlichen Stromſchnellen des St. Lorenzo lenkt— bald rechts bald links ſteuernd— jeden Augenblick in Ge⸗ fahr und doch ſtets ruhig gefaßt— ſo empfinden auch ſie bei ihren kühnen Wagniſſen alle Aufregung des Glück⸗ ſpiels. Unter dim Einfluß einer ſolchen Neigung hatte 96 auch Talbot geſprochen, und die rückſichtsloſe Freiheit ſeines Benehmens zeigte ſelbſt einem ſo armſeligen Beob⸗ achter, wie Mark war, daß die Worte einen verborgenen Sinn enthielten. 6 „Und unſere luſtige Stadt Dublin, wie ſteht es da⸗ mit Billy?“ fragte er, indem er endlich auf andere Ge⸗ danken überſprang, mit dem Kopfe nickte und Croſſley zutrank. „O ganz prächtig, wie Sie bereits wiſſen, ein kurzes und luſtiges Leben ſcheint hier der Lieblingsſpruch zu ſeyn. Jedermann vergeudet Geld und Charakter.—“ „Gleich Gentlemen, Billy— ſo heißt der Spruch—“ fiel Talbot ein;„und wirklich es iſt ein ſehr körniges Wort. Aber was macht denn das Parlament?“ „Ei das waͤhlt ſich ſelbſt in Regierungsplätze hinein.“ 4 „Und der Vize⸗König?“ „Der beſchneidet das Parlament.“ „Und die Regierung in England?“ „Die beſchneidet den Vize⸗König.“ „Gut, da haben doch alle wenigſtens Beſchäftigung, und das iſt, wie die Franzoſen ſagen immer etwas. Und wer ſind denn die Hauptſpieler jetzt?“ „Noch immer die alte Brut. Tom Waley und Lord Drogheda— Ihr alter Freund Giles Daren— Sandy Moore——“ „Aha, wie iſt's mit Sandy? Ich habe gehört, er habe bei dem Oktoberrennen ſo ungeheuer gewonnen.“ „Ja wohl, er brachte im Hazard den ganzen Klubb an den Bettelſtab, wurde aber die Nacht darauf, als er durch Naas kam, ſeines Geldes beraubt.“ „Ha! davon habe ich nie gehört, Billy. Erzählen Sie uns doch das Ganze.“ „Das iſt bald erzählt, Sir. Sandy, der nie ſpart, außer wenn er viel gewonnen hat, und mit dem Geld ziemlich leichtſinnig umgeht, wenn er am Rand des Ver⸗ derbens ſteht, hörte, als er das Wettrennen verließ, ein 97 fremder Gentleman wünſche noch einen Reiſegefährten nach Dublin. Sandy ſchickte ſogleich den Kellner hin um die Unterhandlungen zu eröffnen; ſie waren bald ab⸗ geſchloſſen und der Fremde erſchien— ein fetter, ſchwer⸗ fälliger, alter Burſche mit gepuderter Perrücke und grü⸗ ner Brille— nicht eben das erbaulichſte Muſter von einem Reiſegefährten; aber das that nichts zur Sache, er hatte einen dunkeln Kaſtanienbraunen bei ſich, der von guter Race und ſtark genug ſchien, jede Laſt fortzuſchaffen. „‚Das Thier wird der Kutſche folgen, mein Sohn hat es dazu abgerichtet ſagte der alte Kerl, indem er aus der Herberge heraushumpelte und im Wagen Platz nahm. „Gut, Sandy ſprang hinein, alle ſeine Taſchen von Guineen ſtrotzend und mit einem Buch voll Banknoten in ſeinem Hute— ſehr zufrieden mit ſeinem Glück, am meiſten aber darauf ſtolz, daß er ſo das halbe Poſtgeld erſparte. „Denk' an Deine fünf Stunden Burſche, wo nicht, ſo bekommſt Du keine ſechs Pence,“ ſagte der alte Gent⸗ leman, zog darauf ſeine Nachtkappe über die Augen, und ſing bald an tüchtig darauf los zu ſchnarchen. „Und doch ſah man ihn jetzt zum letzten Mal, denn als der Poſtillion bei Carriks anhielt, um friſche Pferde zu nehmen, fand man Sandy allein in der Kutſche, die Hände auf den Rücken gebunden und den Mund gekne⸗ belt. Sein Gefährte, und der dunkle Kaſtanienbraune waren fort, und mit ihnen aller Gewinnſt.“ „Prächtig, beim Jupiter,“ rief Talbot in entzückter Bewunderung. „Was für ein verächtlicher Lump muß Dein Freund Sandy ſeyn!“ rief Mark in gleichem Athem.„Mann gegen Mann— ich kann es kaum begreifen.“ „Ein kecker, wohlbewaffneter Burſche, Mark,“ be⸗ merkte Talbot gravitätiſch,„konnte den Streich ausfüh⸗ Leper, O'Donoghue. II. 7 98- ren, ohne daß Sandy deßwegen eine Memme zu ſeyn braucht.“ Unter ſolchem Geplauder verſtrich der erſte Abend; und wenn Mark zuweilen geneigt war, die Moralitäͤt ſeines neuen Freundes zu bezweifeln, ſo war er doch weit entfernt, ſeine Menſchenkenntniß in Frage zu ſtel⸗ len; ſeine Bemerkungen waren ſtets ſcharfſinnig und kauſtiſch, ſeine Lebensanſichten die eines Menſchen, der die Welt mit forſchendem Blick betrachtete, und wenn auch der junge O'Donoghue an ſeinem jungen Gefährten gerne einige Spuren von dem Enthuſiasmus geſehen hätte, von dem er ſelbſt für den beabſichtigten Aufſtand glühte, ſo war er doch überzeugt, daß ein kälteres Ur⸗ theil und ein berechnenderer Kopf als der ſeinige, in einer von ſo vielen Gefahren umringten Sache unum⸗ gängliche Erforderniſſe ſeyen. Er überließ ſich daher mit unbedingtem Vertrauen Talbots Leitung, entſchloſſen, ohne ſein Wiſſen und ſeine Einwilligung nirgends hin⸗ zugehen und Niemand zu beſuchen, nicht einmal ſeinen Bruder. Wenn die Scenen, wo Mark O'Donoghue von Tal⸗ bot eingeführt wurde, nicht unter die des faſhionablen Lebens gehörten, ſo waren ſie für einen ſo jungen, uner⸗ fahrenen Menſchen wenigſtens neu und intereſſant. Tal⸗ bot war vertraut mit den Schenken, wo junge vornehme Leute zuſammen kamen, mit den Sammelpunkten der Jagd⸗ und Pferdeliebhaber, mit dem Ballhof, aber noch mehr mit den Häuſern, wo man hoch zu ſpielen pflegte — er kannte allenthalben den Ton der Geſellſchaft und nicht wenig von ihrer Privatgeſchichte; dennoch ſchien er ſelbſt nur wenig bekannt und mehr durch ſein ge⸗ wandtes, anziehendes Benehmen, als durch irgend einen Umſtand früherer Bekanntſchaft empfohlen zu ſeyn. Mark wunderte ſich deshalb, ſo wie auch darüber, daß Talbot obgleich ſie jetzt ſchon mehrere Wochen in Dublin waren, noch keine Miene gemacht hatte, ihn den Häuptern der Inſurgentenpartei vorzuſtellen, und in der letzten Zeit 99 ſogar nur äußerſt ſelten auf die beabſichtigte Bewegung anſpielte. 3 Der junge O'Donoghue war nicht der Mann, der einen geheimen Gedanken lange unausgeſprochen in ſeiner Bruſt bergen konnte; er drückte daher Talbot mit kurzen Worten ſein Erſtaunen— faſt ſogar ſeine Unzufrieden⸗ heit— aus, über das Leben, das ſie fuͤhrten. Anfangs ſuchte Talbot über ſolche Nachforſchungen zu lachen, oder wenigſtens durch irgend einen flüchtigen Scherz ſie zu beſeitigen; aber als ihm Mark härter zuſetzte, geſtand er, ſeine gegenwärtige Rolle ſey eine von ſeinen Freunden in Frankreich ihm auferlegte Pflicht; dieſelben wünſchen ſich vor allen Dingen der Stimmung unter jungen Leuten von Familie und Vermögen in der Hauptſtadt zu vergewiſſern— zu erfahren, wie ſte gegen England ge⸗ ſinnt ſeyen, und mit welchem Erfolg ſie falls franzöͤfi⸗ ſcher Republikanismus ſie nicht bekehren könne, von dem Zauber Pariſer Sitten und Laſter beſtrickt werden möchten. „Jedes Temperament, Mark, muß ſeinen eigenen Köder haben,“ ſagte er am Schluſſe einer ſehr weitläͤu⸗ ſigen Auseinanderſetzung ſeiner Anſichten und Kunſtgriffe. „Für Leute, wie Du biſt, genügt der bloße Ruhm, und zum Glück haſt Du Stoff genug, Deinen Heißhunger zu befriedigen; aber einige müſſen mit Gold erkauft werden, einige mit Verſprechungen der Rache an andern, einige mit Strafloſigkeit für begangene Verbrechen und nicht wenige mit der vagen Hoffnung auf Neuerungen, die von unzufriedenen Menſchen ſtets als etwas Beſſeres betrachtet werden. Die Tiefen aller ſolcher Beweggründe zu er⸗ forſchen, iſt ein Theil meiner hieſtgen Aufgabe, und daher habe ich ſorgfältig alle diejenigen vermieden, denen ich mehr als oberflächlich bekannt bin; aber in acht oder vierzehn Tagen werde ich meine jetzige Rolle gegen eine andere vertauſchen, und dann, Mark, werden wir uns in die fröhlichere Welt jener Plätze miſchen, wo Dein „ 7*† 100 ſchones Bäschen ſo glänzend ſtrahlt. Inzwiſchen habe einige Geduld mit mir und erlaube mir, ein wenig in⸗ konſequent zu ſcheinen, damit ich in Wahrheit deſto kon⸗ ſequenter ſeyn kann. Ich ſehe, Mark, Du biſt nicht mit mir zufrieden, und es thut mir leid, auch nur für eine kurze Zeit den Vorwürfen eines Freundes ausgeſetzt zu ſeyn, aber höre— ich gebe Dir ein Verſprechen. Heute iſt der Zwölfte, in fünf Tagen gibt der Vizekönig ſeinen St. Patricksball, wo ich einen unſerer Verbün⸗ deten treffen werde. Du ſcheinſt erſtaunt hierüber; allein wo läßt ſich über Hochverrath ſicherer ſprechen, als unter dem Himmel des Thrones?“ „Aber wie gedenkſt Du denn dahin zu kommen, Du erwarteſt doch keine Einladung?“ „Freilich nicht; aber dem ungeachtet werde ich hin⸗ gehen, und Du mit. Ja, Mark, Du brauchſt weder die Stirne zu runzeln, noch den Kopf zu ſchütteln. Eben dieſer Ball iſt eine öffentliche Verſammlung, wozu alle bei den Levers Vorgeſtellten wählbar ſind, auch ohne daß ſie eingeladen werden. Wer kann ſagen, daß Harry Talbot und Mark O'Donoghue dem Vizekönigthum keine Aufwartung gemacht haben? Wenn Du meinſt, es ſey mit dem Schritte einige Gefahr verbunden, ſo will ich das nicht läugnen; aber Du biſt, glaube ich, nicht der Mann, der deshalb zurückbebt.“ Dieſe geſchickte Wendung von Talbot machte der Sache ein Endez denn Mark ſchämte ſich jeder Einwen⸗ dung gegen ein Vorhaben, das er, wie ſehr er ihm auch abgeneigt war, jetzt von einem gewiſſen Grad von Gefahr begleitet glaubte. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Ahnung einer Gefahr. Als der lang erſehnte Abend heranrückte, an welchem Talbot ſeinem Verſprechen gemäß dem jungen O'Do⸗ 101 noghue nähere Umſtände über ihre Unternehmung eröffnen und ihn mit andern Theilnehmern des Komplottes be⸗ kannt machen ſollte, zeigte er in ſeinem Weſen Aufre⸗ gung und Verwirrung— wenn er angeſprochen wurde antwortete er mit Zeichen der Ungeduld, und ſchien ſo vertieft in ſeine eigenen Gedanken, daß er unfähig war, ſeine Aufmerkſamkeit davon abzulenken. Mark, im all⸗ gemeinen das Gegentheil von einem ſcharfſinnigen Be⸗ obachter, bemerkte dies; da er es aber den ſchweren Ver⸗ luſten zuſchrieb, die er neulich beim Spiel erlitten hatte, ſo unterließ er es, Notiz davon zu nehmen. In Folge ſeines Schweigens wurde Talbot gleichgültiger gegen den äußern Schein und legte ſeinem Benehmen weniger Zwang an. Auch trank er mehr als gewöhnlich und ſchien zu wünſchen, um jeden Preis einiger unwillkommenen Ge⸗ danken los zu werden. „Es iſt nun bald Zeit, daß wir uns anziehen, Mark,“ ſagte er mit einer Anſtrengung, ruhig und wohl⸗ gemuth zu ſcheinen.„Laß uns aber noch eine Flaſche Burgunder trinken, ehe wir gehen.“ „Ich trinke keinen Wein mehr, und auch Du wirſt es bleiben laſſen, wenn Du auf guten Rath hören willſt,“ ſagte Mark im ernſten Tone. „Ha! meinſt Du alſo, ich habe ſchon zu viel ge⸗ trunken, Mark? Weit iſt es vielleicht nicht gefehlt, und unter gewöhnlichen Umſtanden möchte es wirklich der Fall ſeyn; aber es gibt Zeiten, wo die Seele gleich dem Korper doppelte Nahrung verlangt, und bei mir kräftigt der Wein die Gedanken, ohne ſie zu verwirren. Du mußt wiſſen, Mark, daß ich eine Ahnung von Unglück habe;— woher und in welcher Geſtalt es kommen wird, kann ich Dir nicht ſagen; aber ich bin ſo über⸗ zeugt davon, als wäre es mir offenbart worden.“ „Du verzagſt an unſern Ausſichten,“ ſprach Mark mit düſterm Blicke. Talbot gab keine Antwort, ſondern ſtützte ſeinen Kopf auf das Kaminſtück und ſchien in tiefe Gedanken 1⁰² begraben;— alsdann ſammelte er ſich wieder und ſagte mit leiſer, aber deutlicher Stimme— Haſt Du nicht geſtern im Ballhof Notiz von einem Kerl genommen, der die ganze Zeit, wo ich mit dem Marqueur zu thun hatte, neben mir ſtand? O! ich vergaß— Du warſt ja gar nicht dort. Nun, es war ein Burſche mit gemeinen Zügen und flammenden Augen, mit jenem Geſichtsſchnitt, der Hinterliſt und Verſchmitzt⸗ heit verräth. Ich begegnete ihm geſtern im Park, und dieſen Abend, als ich zum Diner kam, ſah ich ihn in der Halle im Geſpräch mit dem Neffen des Gaſtwirths.“ „Nun, und was ſoll das Alles? Wenn Einer Rech⸗ nung darüber führen wollte, wo und wie oft er in dieſer letzten Woche den Einen oder Andern von uns geſehen, könnte er nicht eben ſo ſtarke Verdachtgründe als die Deinigen heraufbeſchwören? Wir dürfen nur anfangen, uns vor Schatten zu fürchten, dann werden wir uns gewiß tapfer wehren, wenn wirkliche Gefahren uns nahen.“ 3 „Schatten ſind Warnungen, Mark, und nie ver⸗ nachläſſigt ein weiſer Mann eine Warnung“ „Wer in jeder ſchwarzen Wolke über ſeinem Kopf einen Donnerkeil ſieht, der iſt nur der Narr ſeiner eige⸗ nen Furcht,“ verſetzte Mark in rauhem Tone und ſchritt nach dem Fenſter.„Iſt das vielleicht Dein Freund, Tal⸗ bot,“ fügte er hinzu, als er den dunkeln Umriß einer Geſtalt bemerkte, die drunten ſtand und aufmerkſam nach dem Fenſter zu ſchauen ſchien. „Das iſt der Burſche! rief Talbot; denn gerade in dieſem Augenblick fiel ein vorubergehender Lichtſtreif auf die Geſtalt und ließ ſie deutlich erkennen. „Er hat etwas an ſich, das ich ſelbſt ſo halb und halb kenne,“ ſagte Mark;„aber er iſt ſo dicht eingehüllt in ſeinen Ueberrock und ſeine Cravatte, daß ich ihn nicht deutlich unterſcheiden kann.“ „Wahrlich! beſinne Dich ums Himmelswillen, Mark, 1⁰³ wo und wann Du ihn geſehen haſt; denn ich geſtehe, ich bin ſeinetwegen in ganz ungewöhnlicher Angſt.“ „Das will ich bald herausbringen,“ ſprach Mark, indem er plötzlich ſeinen Hut ergriff, aber im gleichen Augenblick öffnete ſich die Thüre und herein trat ein Kellner. „Es iſt ein Gentleman drunten, Mr. Talbot, der gerne ein Paar Worte mit Ihnen ſprechen möchte. Talbot veranlaßte Mark durch eine faſt unwahrnehm⸗ bare Geberde ſich in das anſtoßende Zimmer zu begeben; daranf näherte er ſich dem Kellner und fragte in leiſer, behutſamer Stimme— ob ihm der Fremde bekannt ſey. „Nein, Sir— ich habe ihn noch nie geſehen. Er ſcheint vom Lande zu kommen: Mr. Croſſley ſagt, er ſey aus dem Süden.“ „Führe ihn herauf,“ ſagte Talbot haſtig; und kaum hatte der Kellner das Zimmer verlaſſen, ſo ſetzte er ſich in einer Stellung geſchickt erheuchelter Gleichgültigkeit und Behaglichkeit in ſeinen Stuhl. Dies war kaum geſchehen, als der Fremde eintrat und die Thüre hinter ſich zuſchloß. „Guten Abend, Mr. Talbot, ich hoffe, Ew. Ehren befinden ſich wohl,“ ſprach er in einem Kerry⸗Accent, worüber man ſich nicht täuſchen konnte. „Guten Abend, Freund,“ erwiederte Talbot.„Mein Gedächtniß iſt nicht ſo gut wie das Ihrige, ſonſt würde ich Sie auch bei Ihrem Namen nennen.“ „Ich bin Lanty Lawler, Sir— der Mann, der an Ew. Ehren im letzten Winter in der Grafſchaft Kerry den dunkeln Kaſtanienbraunen verkaufte. Eben das iſt der Wunſch, weshalb ich immer gewünſcht habe, Ew. Ehren wieder zu ſehen.“ „Wie ſo?“ fragte Talbot, der plötzlich blaſſer wurde, ohne jedoch in ſeinem Weſen eine andere Spur von Auf⸗ regung zu verrathen.„Wurde nicht damals unſer Kon⸗ trakt in allen Ehren abgeſchloſſen?“ „Allerdings, Sir— ohne Zweifel. Ew. Ehren 104 zahlten wie ein Gentleman, und noch dazu in Gold— aber juſt, das iſt die Sache, weshalb ich hieher komme. Es war franzöſiſches Geld, was Sie mir gaben, und ich bin in Verlegenheit damit gekommen— denn einige ſagen, ich ſey ein Spion, andere wollen gar noch etwas ſchlim⸗ meres aus mir machen; und ſo nahm ich mir vor, nichts mehr davon auszugeben, bis ich Sie ſehen würde; viel⸗ leicht daß Sie mir es wechſeln.“ Während er ſo ſprach, waren Talbots Augen un⸗ verwandt auf ihn gerichtet— zwar ohne Neugier zu ver⸗ rathen, aber doch mit ſolcher Aufmerkſamkeit, daß ſie ſein ganzes Mienenſpiel beobachteten. „Damals ſagten Sie mir übrigens, franzöſiſches Gold ſey ihnen juſt ſo anſtändig, wie engliſches,“ ſprach er mit gutmüthigem Lächeln,„und in Anbetracht der Geſellſchaft, worin ich Sie traf, fand ich keine Schwie⸗ rigkeit, Ihnen Glauben beizumeſſen.“ „Die Zeiten haben ſich geändert, Sir,“ erwiederte Lanty ſeufzend.„Gott helfe uns— wir müſſen unſer Beſtes thun.“ Dieſe ausweichende Antwort ſchien Talbot vollkom⸗ men zu befriedigen; wenigſtens nickte er mit dem Kopfe, als er ſagte— „Ganz recht, Lanty; wenn Sie morgen hieher kom⸗ men wollen, ſo will ich Ihnen Ihr Gold wechſeln.“ „Großen Dank, Ew. Ehren,“ erwiederte Lanty mit einer Verbeugung; aber er machte noch immer kein Zeichen, das Zimmer zu verlaſſen, ſondern ſtellte ſich in einer Haltung ſchüchterner Verzagtheit bald auf den einen, bald auf den andern Fuß.„Ich hätte noch ein kleines Anliegen, Sir, aber ich fürchte, Sie damit zu ſtören—“ „Und das wäre—— Laſſen Sie hören, Lanty.“ „Nun, Sir, es iſt das Pferd— das Thier mit dem einen weißen Hufhaar. Es heißt, Sir, es ſey von dem Mann, der Mr. Moore von Moore⸗croft ausgeplündert hat, in der Stallung Morau's zurückgelaſſen worden. Der taube Colliſon, der Poſtknecht, kann darauf ſchwoöͤ⸗ 105⁵ ren, daß es daſſelbe iſt; und da ich es ſelbſt bei Dy⸗ cer's kaufte, ſo verlangt man von mir Rechenſchaft, wann und an wen ich es verkauft habe.“ „Ei, Ihre Verlegenheit mit dieſer unglücklichen Be⸗ ſtie will ja gar kein Ende nehmen, Lanty,“ ſagte Talbot lachend;„und ich geſtehe, es iſt wirklich hart, wenn man Ihnen nicht nur zumuthet, für die Geſundheit Ihres Pferdes zu ſtehen, ſondern auch dafür zu bürgen, daß der Reiter ein ehrlicher Mann iſt.“ „Hol mich der Teufel, wenn es nicht ſo iſt,“ ſagte Lanty, über den Einfall herzlich lachend. „Nun, wir müſſen ſehen, was da zu machen iſt, Lanty; denn obgleich ich nicht wünſche, daß mein Name in die Geſchichte verwickelt wird, ſo darf Ihnen doch kein Nachtheil daraus erwachſen. Ich erinnere mich, daß ich mit dem gleichen Thiere meine Rechnung in Nadhmallow bezahlt habe. Es überſprang ſich, als ich einen Hügel hinabritt, und wurde bockſteif; ich gab es daher dem Eigenthümer der kleinen Herberge auf dem Markt für meine Zeche.“ 3 „Sehen Sie jetzt, was für Lügner es nicht in der Welt gibt,“ rief Lanty in frommem Entſetzen ſeine Hände emporſtreckend.„Der alte Finn vom Kopf ſagte mir, das Thier habe vor der Thüre ein Maß Haber gefreſſen und ein Gentleman, der ganz wie Ew. Ehren ausſah, ſey damit wieder nach Askeaton geritten, und zwar in der Nacht, nachdem ich es verkauft. Er kannte den Gaul wohl; und zum Beweis dafür ſagte er, er habe in der Schulter von den an dem Sattel befeſtigten Pi⸗ ſtolenhalftern Galle gehabt. Nun denken Sie und doch hat er ihn hernach gekauft! Alſo morgen früh ſoll ich zu Ew. Ehren kommen?“ fragte er, auf die Thüre zu⸗ gehend. „Ja— recht ſo— nein, Lanty, nein— um zwölf Uhr. Ich ſtehe ſpät auf. Warten Sie noch einen Au⸗ genblick, Lanty; ich habe Ihnen noch etwas zu ſagen, wenn es mir nur ſchuell einfiele.“ Bei dieſen Worten 106 fuhr er mit der Hand über die Stirne, gleich als wolle er ſich eines verlornen Gedankens erinnern.„Es einerlei,“ ſagte er nach einer Pauſe von einigen Mi⸗ nuten;„bis morgen wird es mir ſchon einfallen.“ „Gute Nacht alſo, Sir,“ ſagte Lanty mit unter⸗ würfiger Verbeugung, indem er die Thüre öffnete. Ihre Augen begegneten ſich; nur eine Sekunde lang aber ſo klar und deutlich laſen ſie gegenſeitig in ihren Blicken, daß beide bedeutungsvoll lächelten— Talbot ſchritt in dieſem Augenblick raſch auf Lanty zu, ſchloß mit der einen Hand die Thüre und legte die andere ſanft auf ſeine Schulter. „Hören Sie, Lanty,“ ſagte er in ſcherzhaftem Tone, „auf zehn Pfund, wenn es einen tollen Streich gilt, kommt es mir nicht an. Sagen Sie mir, wer das war, der Sie dieſen Abend nach mir geſchickt hat, und ich will Ihnen das Geld geben.“ „Topp! rief Lanty, ſeine Hand drückend;„und weiter wollen Sie nichts wiſſen, als ſeinen Namen.“ „Weiter nichts. Ich gebe Ihnen mein Wort; und hier iſt das Geld.“ „Kapitän Hamsworth, der Verwalter des reichen Engländers in Glenflesk.“ „Ich wüßte nicht, daß ich ihn je in meinem Leben geſehen hätte— ich bin überzeugt, daß ich ihn nicht kenne. Iſt er nicht ein großer Mann mit ſchwarzem Geſicht?“ „Mehr kann ich Ihnen nicht ſagen,“ ſprach Lanty. „Der Teufel hole mich, wenn es nicht immer gefährlich war von ihm zu ſprechen.“ „Auch gut, Lanty— ein Handel iſt ein Handel; alſo gute Nacht.“ Sie ſchüttelten ſich mit erkünſtelter Herzlichkeit die Hände und ſchieden von einander. „Das war eine lange Conferenz,“ ſagte Mark; der mit Ungeduld auf den Augenblick wartete, wo das Schweigen draußen ihm erlauben würde, wieder heraus zu kommen. — — 107 „Nicht ſo lang, als ich gewünſcht hätte,“ war die Antwort Talbot's, der über das Vorgegangene in tiefes Nachdenken verſunken ſchien.„Es iſt gerade ſo, wie ich befürchtete, Mark; es lauert irgendwo eine Gefahr auf mich, aber wie und in welcher Geſtalt kann ich nicht einmal ahnen. Eben dieſer Roßhändler, dieſer Lanty Lawler——„ „Lanty Lawler, ſagſt Du?“ „Ja. Alſo kennſt Du ihn?“ „Allerdings. Wir hatten ſchon manche Geſchäfte mit einander. Er iſt ein ſchlauer Fuchs und in ſeinem Ge⸗ werbe nicht ſehr gewiſſenhaft; aber abgeſehen davon iſt er ein treuherziger, ehrlicher Burſche, und ein Freund unſerer Sache.“ „Das emeinſt Du, Mark,“ ſagte Talbot mit bedeu⸗ tungsvollem Lächeln.“ „Ich weiß es, Talbot. Ich kenne ihn nicht erſt von geſtern her. Meine Bekanntſchaft mit ihm datirt ſchon ſeit mehrern Jahren. In das Komplott iſt er ſo tief verwickelt als Einer und hat ſich vielleicht ſchon größeren Gefahren ausgeſetzt, als wir Beide. „So, ſo,“ ſagte Talbot ſeufzend, als ob er des Thema's müde oder nicht geneigt wäre zu widerſprechen; „laß uns an andere Dinge denken. Werden wir auf dieſen Ball gehen oder nicht? Ich möchte faſt lieber ſagen Nein.“) „Was! Nicht hingehen?“ ſagte Mark, indem er er⸗ ſtaunt zurückfuhr.„Ei, auf was ums Himmelswillen haben wir denn noch gewartet, außer auf dieſe Gelegen⸗ heit?— Und welchen Grund haben wir jetzt, unſere Plane zu ändern?“ „Es mag gute und hinlängliche Gründe geben, auch wenn ſie in Betreff meiner rein perſönlich ſeyn ſollten,“ ſagte Talbot in einem Tone ſchlecht verhehlten Aergers.„Aber komm; wir wollen gehen. Ich bin zu lang über einer Mine gegangen, als daß ich eine bloße Petarde zu fürchten brauchte. Und jetzt wollen wir 108 keine Zeit mehr verlieren, ſondern uns ſchnell ankleiden.“ „Muß ich wirklich dieſen abgeſchmackten Anzug anlegen, Talbot? Ich muß mich ja ſo ſchämen, daß ich mich gar nicht umſehen darf.“ „Du mußt das Koſtüm anlegen, Mark. Bedenke, daß Deine Sicherheit auf der Thatſache beruht, daß wir keine Aufmerkſamkeit erregen. Wir müſſen trachten, ſo wenig als möglich bemerkt zu werden; und aus dieſem Grunde werde ich die Uniform eines engliſchen Miliz⸗ regiments tragen, dergleichen immer viele bei jedem Lever erſcheinen. Beim Eintritt in den Saal werden wir uns trennen und nur von Zeit zu Zeit zuſammen⸗ kommen: aber unterwegs werde ich Dir alle nöthigen Inſtruktionen geben. Ziehen wir uns alſo jetzt ſo ſchnell als möglich an. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Der St. Patricks Ball. So ſehr ſich auch O'Donoghue über die Verände⸗ rung wunderte, die das Hofgewand in ſeiner Erſchei⸗ nung hervorbrachte, ſo war er doch noch mehr erſtaunt, als er die vollſtändige Umwandlung ſeines Freundes Talbot bemerkte. Die Scharlach⸗Uniform ſchien ihn dicker und fetter zu machen; während ein falſcher, ſchwarzer Backenbart ihn um einige Jahre älter erſcheinen ließ und den Aus⸗ druck ſeines Geſichtes völlig veränderte. „Ich leſe in Deinem Antlitz, Mark,“ ſagte er lachend,„daß die Verkleidung vollſtändig gelungen iſt. Du kannſt mich kaum erkennen— um wie viel ſicherer darf ich nicht den meiſten Andern trotzen 2 „Aber Du kommſt mir größer vor 20 „Höchſtens um anderthalb Zoll— falſche Ferſen in meinen Stiefeln geben mir einen kleinen Vortheil 1⁰9 über Dich. Du darſfſt indeſſen nicht eiferſüchtig ſeyn, uuf. ehrlichem Fuße kann ich mich nicht mit Dir meſſen.“ Dieſe Schmeichelei ſchien erfolgreich; denn Mark lächelte und erröthete etwas. Während ſie dahinfuhren, begann Talbot einen umſtändlichen Bericht über die Leute, die ſie dort treffen würden, und machte Mark auf die Nothwendigkeit aufmerkſam, jedes, auch nur das geringſte Zeichen von Erſtaunen uüͤber irgend etwas, das er ſehen würde, zu vermeiden— ſich unter die Menge zu miſchen und dem Strome von Saal zu Saal zu folgen, wobei er ſich ſorgfältig zu hüten habe, irgend eine zufällige Bekanntſchaft zu machen— vor allem aber ſich nicht von ſeinem Bäschen Kate erkennen zu laſſen, wenn er je in ihre Nähe gerathen ſollte. Mititten in dieſen Anweiſungen wurde Talbot un⸗ terbrochen durch das plötzliche Anhalten der Wagen in der Linie, die ſich bereits über eine halbe Stunde vom Schloßthor weg erſtreckte. „Da ſind wir endlich, Mark, mitten unter den Hofleuten— glüht nicht Dein Patriotismus der Zeit entgegen, da Du Deine Huldigung einem eingebornen Souverän darbringen wirſt? Ha! Da fährt einer aus der privilegirten Klaſſe— dieſer Wagen mit den zwei Bedienten gehört dem Lord Kanzler, er hat das Recht des Privat Eingangs, und fährt den beſcheidenen Leuten, unter die auch wir gemiſcht ſind vor.“ Unter der Menge erhob ſich ein dumpfes Knurren, während die erwähnte Equipage dahinflog. Solche Offenbarungen der öffentlichen Stimmung waren dazu⸗ mal häufig und beſchränkten ſich nicht immer auf blos mündliche Ausdrücke des Mißfallens. Schon der Um⸗ ſtand, daß der Wagen die regelmäßige Linie verließ und den übrigen vorfuhr, ſchien allgemeinen Unwillen zu er⸗ regen, und es war zum Verwundern, mit welcher Fer⸗ tigkeit die Menge Anſpielungen auf das öffentliche und Privatleben derjenigen machte, die ſich ſo auf Augen⸗ 110 blicke ihrem Unwillen ausſetzten. Irgend eine Rede oder ein Votum im Parlament— irgend ein Richter⸗ ſpruch— irgend eine Handlung oder ein Ereigniß ihrer Privatgeſchichte wurde auf der Stelle in einer mehr un⸗ gezwungenen als ſchmeichelhaften Art angeführt und bekrittelt. Keiner entging ſolchen Bemerfungen, denn trotz der zahlreichen berittenen Polizeimannſchaft, welche die Straße offen hielt, fehlte es nicht an frechen Bur⸗ ſchen, die ſtets bereit waren, an den Kutſchenſchlag zu ſpringen und im nächſten Augenblick den Uebrigen den Namen des Inſaſſen zu verkündigen. Dieß alles machte Mark großes Vergnügen— er hatte wenig Sympathien für diejenigen, die bei der Menge in geringer Gunſt ſtanden, und konnte über alle die Ausfälle lachen, womit die Mitglieder der Regierung überſchüttet wurden. Die beißenden Witze und perſönlichen Anſpielungen, die ven iriſchen Mitgliedern im Parlamente nicht geſpart wur⸗ den, hörte man hier von Leuten wiederholen, in deren Munde ſie nicht viel von ihrer Schärfe verloren. „Seht da, Flood, ihr Jugen— da kommt der alte Geier mit dem krummen Schnabel und dem leichen⸗ haften Geſicht— ein Grunzen für Flood, ihr Jungen,“ und dem Begehren wurde von tauſenden gewillfahrt. „Da kommt Ton Connolly,“ ſchrie eine laute Stimme,„drei Hoch für die Freiwilligen, drei Hoch für Caſtletown.“ „Meinen Dank, ihr Jungen, meinen Dank,“ ant⸗ wortete eine wohlklingende Stimme, als ſich das Volk in ſeinem Enthuſiasmus um den Wagen des beliebten Parlamentsmitgliedes drängte, und ſogar dem Bedienten hinten auf dem Wagen die Hände ſchüttelte. 4 „Da kommt Luttrel, da kommt Luttrel,“ riefen ver⸗ ſchiedene Stimmen zugleich, und in einem Augenblick nahm die Aufregung, die kurz vorher nichts als Jubel war, den Charakter der ärgſten Verwünſchung an. Zur Vorſorge war der Wagen dieſes Gentlemans, der dieſe Volksſtimmung gegen ſich kannte, von zwei 111 Mann der berittenen Polizei bewacht— und wirklich war dieſe Vorſichtsmaßregel nicht überflüſſig, denn kaum hatte man ihn erkannt, als die ganze Volksmaſſe heran⸗ wogte, ſo daß der Wagen für ein Paar Augenblicke von der Linie getrennt wurde. „Ein Grunzen, ihr Jungen, ein Grunzen, aber rührt ihn nicht an, den Verräther,“ ſchrie ein wild ausſehender Burſche, der mit Kopf und Schultern über die Menge emporragte. „Hätteſt Du mit den achtzigtauſend Pfund, die Dir die Regierung gab, keine neuen Livreen kaufen kön⸗ nen,“ bellte ein Anderer und alsbald wurde dieſer Aus⸗ fall mit einem Ausbruch wilden Gelächters erwiedert. „Wirf uns einen Penny heraus,“ rief ein Dritter, „mit einem Penny kannſt Du alle Deine Freunde in Ir⸗ land traktiren— laßt ihn weiter, Jungen, laßt ihn weiter, er verſperrt nur beſſern Leuten den Weg.“ „Da kommt der Mann, der ſein Geld anzubringen weiß, drei Hoch für den Engländer von Stephensgreen, drei Hoch für Sir Marmaduke Travers,“ und die Hoch erſchollen mit einem Enthuſiasmus, der bewies, um wie viel leichter ein wohlwollender Charakter und per⸗ ſönliche Gutherzigkeit die Achtung des Volkes gewann, als alle Vorzüge eines politiſchen Parteihauptes. Eine Lampe daher— eine Lampe!“ ſchrie ein jämmerliches Geſchöpf in zerlumpten Kleidern,„holt eine Lampe herunter, ihr Jungen, damit wir die zwei Schön⸗ heiten betrachten können.“— So ſeltſam auch der Einfall ſcheinen mag, ſo wurde er doch mit triumphiren⸗ dem Jubelgeſchrei begrüßt, im nächſten Augenblick war eine Straßenlampe herabgenommen und über die Köpfe der Menge hinweg an Sir Marmaduke's Wagen hin⸗ gereicht, worauf der alte Baronet in freundlicher Nach⸗ ſicht mit dem närriſchen Treiben des Volkes das Fenſter herabließ, damit ſie beſſer hineinſehen konnten. Plötzlich zrat eine ehrfurchtsvolle Stille ein unter der bunten, terlumpten Menge, alle ſtanden in ſtummer Bewunde⸗ 112 rung da, ohne ein Wort oder eine Bemerkung zu wa⸗ gen, bis ſie endlich gleichſam überwältigt von ihrem begeiſterten Gefühl in Ein lautes Jubelgeſchrei ausbra⸗ chen, das vom College bis zu den Thoren des Schloſſes wiederhallte; und mit innigen, glühenden Glückwünſchen, gleich wie zum Dank für irgend eine bewieſene Gunſt, ließ man den Wagen wieder weiter fahren. „Da kommt Morris, der Oberſt,“ ſchrie man jetzt, und ein Ausbruch des luſtigſten Gelächters, das je aus fröhlichen Herzen erſcholl, begrüßte den Ankömmling; „hebt ihn heraus, Jungen, hebt ihn heraus und zeigt uns ſeine Beine, das iſt der Lump, der in Flan⸗ dern davonlief,“ aber noch ehe die Luſtigkeit nachgelaſſen hatte, war der unglückliche Oberſt weiter gefahren. „Wer kommt da in der Miethkutſche?“ fragte Einer, als der Wagen herankam, worin Talbot und Mark ſaßen. Im Augenblick war das Fenſter niedergelaſſen, worauf Talbot ſeinen Kopf herausſtreckte und mit leiſer Stimme ein Paar Worte flüſterte. Welcher Art auch ihr Inhalt geweſen ſeyn mochte, ihre Wirkung war magiſch, und ein Hurrah, ſo wild wie das Kriegsgeſchrei von Indianern, erſchütterte die Straße. „Was haſt Du ihnen geſagt?“ fragte Mark. „Drei Worte auf Iriſch,“ erwiederte Talbot lachend, „es ſind die drei einzigen in meinem Wörterbuch und ſie bedeuten: ‚Wart eine Weile; woher es auch kom⸗ men mag, für Irländer ſcheint eine tiefe Bedeutung darin zu liegen.“ Der Wagen fuhr weiter, und bald ſtiegen die beiden Freunde in dem glänzend erleuchteten Vorhof ab, der jetzt von Hatſchiren beſetzt war und vom Klang einer Blechmuſik wiederhallte. Sie miſchten ſich unter die Menge, die ſich die Treppe hinauf ergoß und traten in das erſte Geſellſchaftszimmer, ohne daß ſie anhielten, um gleich den andern ihre Namen einzutragen; denn Talbot flüſterte ſeinem Gefährten zu, er ſolle vorwärts gehen und ihm auf der Ferſe folgen. 113 Die niederſchlagende Beſorgniß, die Mark bis zu dieſem Augenblick gequält hatte, daß er nämlich Andern ein Gegenſtand der Aufmerkſamkeit ſeyn möchte, ver⸗ ſchwand auf der Stelle, als er ſich in dieſer glänzenden Verſammlung befand, wo Schönheit in allem Glanz von Kleiderpracht und Juwelen ſtrahlte, und wo zum erſten Mal die vornehme, elegante Welt vor ſeine erſtaunten Sinne trat. Der Muth, mit dem er ſich ohne Zittern der Mündung einer Kanone entgegen geſtürzt hätte, fing jetzt an zu wanken, und er begann verzagt zu werden, da er ſich unter Menſchen befand, unter denen zu er⸗ ſcheinen er kein Recht hatte. Talbot's Scharfſinn ſchien zu ahnen, was in Mark's Seele vorging. denn er nahm ihn am Arm, führte ihn vorwärts und flüſterte ihm von Zeit zu Zeit gewiſſe Andentungen über die Geſellſchaft zu, um ihn zu überzeugen, daß die Perſonen, wie ſehr ſie auch durch Rang oder durch ihr Außeres ſich aus⸗ zeichnen mochten, in Betreff ihrer Charaktere wenig Anſpruch auf ſeine Achtung hatten. Mit ſolchem Er⸗ folg vernichtete er den Glanz berühmter Namen— ſo geſchickt wußte er durch ſeine Spottreden diejenigen her⸗ abzuwürdigen, gegen die ſie gerichtet waren— daß bald darauf Mark mit tiefſter Verachtung durch das prun⸗ kende Gedränge ſchritt, das zuerſt einen ſo tiefen Ein⸗ druck auf ihn gemacht hatte. Er vernahm jetzt, daß der ſtolz um ſich blickende General, deſſen Rock Ein Glanz von Ordensſternen war, eine Memme ſey; der gutmü⸗ thige Richter mit dem milden Geſicht ein ſchonungsloſer, unbarmherziger Tyrann; der Biſchof, deſſen anſpruchs⸗ loſes, ſanftes, freundliches Benehmen alle Herzen ge⸗ wann, in Wahrheit nichts als ein ſchlauer Stellen jäger und ein verſchmitzter Intrignant— ſolcher Art waren die Mittheilungen, die ihm Talbot in's Ohr träufelte, während er gegen die Schönen noch unglimpflicher verfuhr. „Die Geſellſchaft hier iſt faul, bis in ihr innerſtes Lever, O'Donoghue. II.. 8 114 Mark hinein,“ ſagte er mit Bitterkeit,„es gab nie we⸗ der ein Land noch ein Jahrhundert, wo Liederlichkeit ſo hoch im Preiſe ſtand. Wir wollen doch ſehen, ob ſich unſere Freunde nicht beſſer anlaſſen— für eine Zeit lang wenigſtens hoffe ich mit Beſtimmtheit, daß ſie es thun; aber jetzt, nachdem ich Dich mit der Geſellſchaft einigermaßen bekannt gemacht habe, wollen wir uns tren⸗ nen, damit wir nicht auffallen. Dieſer Pfeiler kann uns ſtets als Sammelpunkt dienen. So oft Du mich nöthig haſt, komme hieher;“ mit dieſen Worten und mit einem leichten Händedruck miſchte ſich Talbot unter die Menge und war Marks Blicken bald entſchwunden. TCalbots Offenbarungen minderten anfangs das Ver⸗ gnügen, womit Mark die ſtrahlende Seene rings um⸗ her betrachtete; aber als er wieder allein war, machte der magnetiſche Einfluß eines ſo nenen Glanzes und ſo blendender Schönheit einen weit mächtigeren Eindruck auf ſein Herz als die kalten Spötteleien ſeines Gefährten. Zuweilen fing er im Vorübergehen einen auf Andere ge⸗ richteten Blick auf und fuhlte in ſeiner Bruſt ein pochen⸗ des Entzücken. Glänzende Augen, die nicht fuͤr ihn ſtrahl⸗ ten, erregten einen Wonneſchauer in ihm. Die Ath⸗ moſphäre des Vergnügens, die er bisher noch nie ge⸗ athmet hatte, erwärmte jetzt den Strom ſeines Blutes, und ſeine Pulſe ſchlugen hoch und heftig. All die bit⸗ teren Gedanken, die er gegen die Feinde ſeines Landes gehegt hatte, konnten nicht Stand halten vor ſeiner Be⸗ wunderung dieſer prächtigen Verſammlung und er fühlte ſich beſchämt bei dem Gedanken, daß er, und andere ſei⸗ nes gleichen, zum Sturze eines Syſtem konſpiriren ſol⸗ len, deſſen Aeußerlichkeiten ſo bezaubernd waren. So wanderte er von Saal zu Saal in einem Traume voll Wonne— indem er bald inne hielt, um die Tänzer zu betrachten, bald nach einem der verſchiedenen Erfriſchungs⸗ zimmer ſich begab, wo Geſellſchaften in vertraulichen Kreiſen umher ſaßen, alle in vollem Genuß der glän⸗ zenden Feſtlichkeit. Gleich einem Kinde, das nach Will⸗ 115 kür durch einen ſchönen Garten ſtreift, ſeinen Genuß durch den ſchnellen Wechſel neuer Wonnen erhöht und in dem raſchen Uebergang der Gefühle eine Quelle glühen⸗ dern Entzückens findet, ſo ſchritt auch er von Ort zu Ort und in dieſer Art flog ihm die Zeit dahin, ſo daß er das mit Talbot verabredete Rendezvous gänzlich vergaß. Endlich, als es ihm plötzlich in den Sinn kam, wollte er den Ort aufſuchen, war aber, um dahin zu gelan⸗ gen, genöthigt, durch ein Spielzimmer zu gehen, wo ver⸗ ſchiedene Geſellſchaften bei den Karten ſaßen. Um einen der Tiſche hatte ſich eine dichtere Menge als gewöhnlich verſammelt. Während Mark dort vorüberging glaubte er Talbots Stimme zu hören. Er hielt inne, trat nä⸗ her hinzu, bahnte ſich nicht ohne einige Schwierigkeit einen Weg durch das Gedränge und ſah ſeinen Freund am Tiſche ſitzen, mit ganzer Seele in ein Spiel vertieft, das nach dem vor ihm liegenden Haufen Gold zu urtheilen, ſehr hoch ſchien. Sein Gegner war ein alter ſtattlicher Mann in Generalsuniform; aber während Mark zuſah, ſtand er auf und räumte ſeinen Platz einem andern— da es die Etikette verlangte, daß der Gewinner blieb, bis er aufhörte zu gewinnen. „Er muß,“ ſagte neben Mark ein Herr zu ſeinem Freunde,„er muß wenigſtens vierhundert Pfund gewon⸗ nen haben.“ „Wiſſen Sie vielleicht wer er iſt?“ „Nein, auch kenne ich Niemand, der es wüßte. Da! ſehen Sie!— er hat ſchon wieder gewonnen.“ „Er iſt ein verteufelt kaltblütiger Spieler, das iſt Ausgemacht⸗ Ich habe noch nie einen ruhigeren geſe⸗ hen.“ „Ich habe bemerkt, daß er weit mehr ſeinen Geg⸗ ner als ſeine Karten ſtudirt.“ 3 „O, da kommt der alte Clangoff um ſein Glück zu verſuchen;“ und nun öffnete ſich die Menge, um ei⸗ 8 116 nen großen, ſchon ſehr bejahrten Mann an den Tiſch zu laſſen. Trotz ſeiner tief gebückten Schultern und ſeines ſchneeweißen Haares zeigten ſich an Lord Clangoff im⸗ mer noch die Spuren, daß er einſt der ſchönſte Mann ſeiner Zeit geweſen war. Ob er gleich die einfache Windſor⸗ Uniform trug, zeugten doch die glänzenden Ringe an ſei⸗ nen Fingern und eine mit ungeheuern Diamanten be⸗ ſetzte Doſe von ſeiner Prachtliebe, um derenwillen er berühmt war. In der würdevollen Haltung, womit er ſeinen Sitz einnahm und ſeine Bekannten in der Nähe be⸗ grüßte, lag ein ſtarker Contraſt gegen die zutraulichen Manieren die damals Mode wurden, während ſich in ſeiner höfllichen Verbeugung gegen Talbot ſein feiner Ton offenbarte. „Es iſt etwas Stolzes, Sir, an einen ſolchen Geg⸗ ner ſich zu wagen,“ ſagte er lächelnd.„Ich habe ſo ker gehört, daß Sie unſere beſten Spieler beſiegt ha⸗ en.“ „Die Laune des Glücks Mylord, die ſo oft den Un⸗ würdigſten begünſtigt,“ erwiederte Talbot mit einer Ge⸗ berde demüthigſter Beſcheidenheit. „Im Spiele ſollte Ihr Glück eigentlich nicht groß ſein, wenn das franzöſiſche Sprüchwort recht hätte,“ ſagte ſeine Lordſchaft auf Talbots ſchöne Züge anſpie⸗ lend, die auf Gunſt bei dem ſchönen Geſchlechte zu deu⸗ ten ſchienen. Nach dieſer Theorie Mylord habe ich jetzt den Vor⸗ theil über Sie.“ Dieſe gewandte Schmeichelei auf den frühern Ruf des Andern als Eroberer von Weiberherzen ſchien ihm höchlich zu gefallen; denn während er einem ſeiner Freunde die Doſe reichte, flüſterte er—„In der That ein Burſche von feiner Bildung.“ Darauf wendete er ſich wieder an Talbot und ſagte:„Lieben Sie hohes Spiel?“ „Ich ſtehe gänzlich zu Ihren Dienſten, Mylord— wie es Ihnen beliebt.“ 117 „Wollen wir fünfzig ſetzen?— oder wollen Sie lie⸗ ber hundert?“ „Wenn es Ihnen gleich iſt, ſo bin ich mehr für Letzteres.“ Der alte Lord lächelte darüber, daß er einen ihm ähnlich geſinnten Gegner gefunden hatte und nahm mit einer Miene augenſcheinlicher Freude ſeine Brieftaſche heraus, während man in den geſpannten Blicken der Umſtehenden ihr Intereſſe an dem bevorſtehenden Kampfe leſen konnte. „Sie geben, Mylord,“ ſagte Talbot, die Karten überreichend.„Indeſſen wenn vielleicht ein Herr noch fünfzig ſetzen will——“ „Das will ich, Sir,“ erwiederte eine Stimme hin⸗ ter Lord Clangoffs Stuhl in einem Tone, daß Mark, betroffen darüber, ſeine Augen auf den Sprecher richtete. Plötzlich ſchoß ihm das Blut ins Geſicht; denn es war Hamsworth, der vor ihm ſtand— der alte Feind ſeines Hauſes— der Tyrann, deſſen kleinliche Quälereien und berechnete Kränkungen ein Thema geweſen, mit dem er von Kindheit an vertraut war. All ſeine Beſorgniß, ſelbſt erkannt zu werden, verſchwand in der wilden Wol⸗ luſt, die er darüber empfand, daß er den Mann, den er faßte, feſt anſtarren konnte. Er hätte viel darum gegeben, Talbot dieſen Namen ins Ohr flüſtern zu können, aber da er bedachte, wie leicht ein ſolcher Verſuch dazu beitragen könnte, ihn ſelbſt zu entdecken, ſtand er davon ab und erwartete mit po⸗ chendem Herzen das Reſultat des Spieles. Inzwiſchen war Hamsworths ganze Aufmerkſamkeit dermaßen auf Talbot concentrirt, daß er ſeine Angen nach keiner an⸗ dern Seite richtete. Mark hielt den Augenblick für gün⸗ ſtig, zog ſich ſachte durch die Menge zurück, machte ſich⸗ endlich los und ſetzte ſich auf eine Bank neben einen Thürweg. Seine Seele war voll von wilden Gedanken, welche die Nähe des verhaßten Feindes in ihm erweckt hatte; er verlor alle Erinnerung an den Ort, wo er ſich 118 befand und bemerkte nicht, daß zwei Perſonen eingetre⸗ ten waren und ſich in ſeine Nähe geſetzt hatten, als ihm ein Wort, ein einziges Wort zu Ohren drang. Er kehrte ſich um und ſah ſein Bäschen Kate neben Frederick Tra⸗ vers ſitzen. Er konnte nicht umhin, vor Erſtaunen zu⸗ ſammenzufahren und dadurch ihre Aufmerkſamkeit zu er⸗ regen. Sie drehte ſich ebenfalls um und ſprach mit einer Todtenbläſſe im Angeſicht das einzige Wort:„Mark.“ Travers, dem der Name ſogleich auffiel, beugte ſich vor und nun begegneten ſich die Augen der beiden jungen Männer und blieben einige Sekunden auf einander haften. „Ich hätte Sie ſchon beſucht, Bäschen Kate,“ ſagte Mark nach einer vorübergehenden Anſtrengung ruhig und gefaßt zu ſcheinen;„aber ich fürchtete, das heißt, ich wußte nicht—— ℳ „Aber Mark, lieber Mark, wie kommen Sie hie⸗ her?“ fragte ſie in äußerſt ängſtlichem Tone.„Wiſſen Sie nicht, daß außer Solchen, die bei den Levers vor⸗ geſtellt und dem Lordlieutenant bekannt ſind, Niemand auf dieſen Bällen erſcheinen darf?“ „Ich kam mit einem Freund,„ ſagte Mark mit ei⸗ ner Stimme, worin Aerger und Selbſtvorwurf gemiſcht waren,„wenn er mich irregeleitet hat, ſo muß er es verantworten.“ „Es war unklug, Mr. O'Donoghue, das iſt das Ganze,“ ſagte Travers in ſanftem Tone,„und Ihr Freund hätte Sie nicht irre führen ſollen. Ich werde ſorgen, daß keine unangenehmen Folgen daraus entſprin⸗ gen. Bleiben Sie nur einen Augenblick hier.“ „Halt Sir,“ ſagte Mark, als Travers von ſeinem Stuhle aufſtand;„ich haſſe Gunſtbezeugungen, auch wenn ſie dazu dienten, mich aus einer ſo ſeltſamen Lage zu befreien, wie meine jetzige iſt. Da kommt mein Freund Talbot, vielleicht kann er erklären, was ich nicht kann.“ „„Ich habe mein Geld verloren, Mark,“ ſagte Tal⸗ bot, als er näher kam, und mit nicht geringer Angſt 119 bemerkte, daß ſich ſein junger Freund in eine Unterhal⸗ tung eingelaſſen hatte.„Laß uns herumgehen und die Tänzer betrachten.“ 1. „Warte nur noch einige Sekunden,“ ſagte Mark in ſtrengem Tone,„und erkläre dieſem Herrn, daß es nicht meine Schuld war, wenn ich hierher kam, außer inſo⸗ fern ich mich von Dir dazu verleiten ließ.“ 3 „Darf ich fragen, wie der Herr dazu kommt, eine Erklärung zu verlangen?“ ſprach Talbot mit Stolz. „Ich wünſchte, daß er von den Umſtänden unter⸗ richtet würde,“ ſagte Mark. „Und ich,“ fiel Travers ein,„habe als erſter Adju⸗ tant Seiner Excellenz doch wohl ein Recht zu ſolcher Frage.“ „Alſo,“ flüſterte Talbot mit einem Lächeln,„war es blos die Impertinenz des Standes.“ Travers wurde über und über roth und ſeine Lippen bebten, als er mit eben ſo leiſer Stimme ſagte— „Wo und wann, Sir, werden Sie dieſe Worte zu wiederholen wagen?“ „Morgen früh um ſieben Uhr auf dem Strand un⸗ ter Clontarf und in Gegenwart dieſes Herrn,“ flüſterte ihm Talbot ins Ohr.“ Travers winkte. So war die Sache abgemacht und Talbot nahm haſtig Mark am Arm indem er ſagte— „Gehen wir weiter, Mark, es iſt Alles im Reinen, morgen finden wir uns.“ Mark warf einen Blick auf Kate, die gerade im Begriff war, an Travers Arm in das Ballzimmer zu⸗ rückzukehren. Ihre Blicke begegneten ſich für einen Au⸗ genblick aber mit welch verſchiedener Bedeutung!— In den ihrigen eine Welt voll Angſt und Beſorgniß— in den ſeinigen der ſtolze verachtungsvolle Trotz eines Menſchen, der mit dem Schickſal ſich nicht vergleichen zu wollen ſchien. „Alſo iſt es Dein Freund Travers, Mark, mit dem 12⁰ ich die Ehre haben werde, mich zu ſchlagen! Um Dei⸗ netwillen thut es mir leid, daß es ſo iſt.“ „Und warum das?“ fragte Mark in ſtrengem Tone; denn in ſeiner gegenwärtigen Gemüthsſtimmung war er ebenſo wenig mit Talbot als mit Travers zufrieden.“ „Weil Du, wenn ich mich nicht ſehr irre, keine Gelegenheit haben wirſt, die alte Rechnung, die ihr noch mit einander habt, zu ſtreichen. Ich werde ihn niederſchießen Mark!“ Dieſe letzten Worte murmelte er zwiſchen ſeinen faſt geſchloſſenen Zähnen und in einem Tone kaum unte drückten Aergers.„Sieht denn einer von uns beiden ſo blutdürſtig oder wild aus, Mark? das möchte ich doch wiſſen; denn ſieh nur, wie die Leute uns angaffen und flüſtern, wenn wir vorübergehen!“ Dieſe Bemerkung war nicht unbegründet; denn ſchon waren auf die beiden jungen Männer alle Augen gerichtet und die verſchiedenen Perſonen, die ihnen im Wege ſtanden, wichen aus, ſobald ſie ſich näherten. „Wie befinden Sie ſich Mylord? Ich hoffe, recht wohl,“ ſagte Talbot mit einer zutraulichen Verbeugung gegen einen ehrwürdigen alten Herrn, der in der Nähe ſtand und ſeinen Gruß eben ſo raſch erwiederte. „Vor wem haſt Du Dich ſo eben verbeugt?“ fragte Mark flüſternd. „Vor dem Lord Oberrichter. Nicht als ob ich ihn kennte oder er mich; aber in dieſem gefährlichen Augen⸗ blick dient eine ſolche Begrüßung ſtatt eines Leumunds⸗ zeugniſſes, das wenigſtens ſo lange gelten wird, bis wir die Treppe drunten ſind. Komm, laß mich vorausgehen und folge mir;“ mit dieſen Worte bahnte er ſich einen Weg über eine dichtbeſetzte Thürſchwelle und überließ es Mark ihm zu folgen, ſo gut er konnte. Dies war je⸗ doch eine ſchwierigere Aufgabe, als es ſcheinen mochte. Denn ſchon hatte eine Anzahl von Perſonen den Thür⸗ weg belagert, begierig etwas mit anzuhören, was ein Gentleman ſeiner Umgebung erzählte. „Ich kann Ihnen nur ſagen,“ fuhr er fort,„daß 12¹ Niemand weder den einen noch den andern zu kennen ſcheint.“ Da Clangoff die diamantene Doſe, die der Kai⸗ ſer von Oeſterreich ihm geſchenkt, verloren hat— er ver⸗ mißte ſie nachdem er den Kartentiſch verlaſſen— ſo läßt ſich vermuthen, daß wir mit einer etwas zweideu⸗ tigen Geſellſchaft beehrt ſind.“ „Carysford ſagt,“ rief ein Anderer,„er kenne den Einen davon wohl, und habe ihn oft in Paris in den Spielhäuſern geſehen.“ Nach dieſen Worten lief ein leiſes Flüſtern umher, und im gleichen Augenblick waren alle Augen auf Mark O'Donoghue gerichtet. Der junge Mann erwiederte ihre Blicke mit trotzigem Stirnerunzeln und betrachtete bald den Einen, bald den andern, um zu ſehen, ob ſich vielleicht irgend Einer durch eine Geberde oder einen Ausdruck vor den Andern auszeichnen würde, damit er dann ihn für die Uebrigen büßen laſſe— ſein Blut kochte, als er die beleidigenden Blicke bemerkte, die auf ihn fielen, und er war gerade im Begriff, ſeinem Zorn Luft zu machen, als ein Arm in den ſeinigen ſchlüpfte und Frederick Travers ihm in's Ohr flüſterte:— „Ich hoffe, Ihr Freund iſt ſicher entkommen. Es gibt dieſen Abend einige Burſche von anerkannt ſchlechtem Charakter hier und Mr. Talbot könnte darüber in Ver⸗ legenheit gerathen.“ „Er hat dieſen Ort verlaſſen und ich hoffe, daß er jetzt bereits drunten auf der Straße iſt.“ „So laſſen Sie mich Ihren Begleiter ſeyn,“ ſagte Travers gutmüthig.„Dieſe Narren werden mit ihrem ſkandalöſen Geſchwätze aufhören, wenn ſie uns zuſammen ſehen.“ Darauf nahm er eine Miene leichter Vertrau⸗ lichkeit an und führte Mark durch die Menge, die ihnen ſchon jetzt andere Blicke zuwarf. „Gute Nacht, Sir,“ ſagte plötzlich Mark, als ſie in das Zimmer kamen, durch das er, wie er ſich erin⸗ nerte, eingetreten war,„ich ſehe meinen Freund dort warten.“ Travers erwiederte den Gruß und reichte ihm 122 halbwegs die Hand entgegen, aber Mark kehrte ſich mit einer kaltblütigen Verbeugung um. Im nächſten Augen⸗ blick war er an Talbots Seite. „Dem Himmel ſey Dank, daß wir wieder freie Luft athmen,“ rief er, als ſie in die Straße traten;„noch einige Minuten länger und ich wäre erſtickt.“ „Nicht wahr, von Travers haſt Du oben an der Treppe Dich verabſchiedet?“ fragte Talbot. „Ja, er war höoflich genug, mich zu begleiten, nach⸗ dem Du mich verlaſſen hatteſt, und die Geſellſchaft, ſo wie ich ſelbſt, haben Urſache, ihm dankbar zu ſeyn, denn gewiß, wir beide vergaßen in jenem Augenblick die guten Manieren faſt gänzlich. Es machte ihnen Vergnügen, mich mit einer Art ſehr zweideutiger Höf⸗ lichkeit anzugucken, und ich, ich zweifle ſehr, ob ich höf⸗ licher war. Es ſcheint, Talbot, es haben ſich einige Gauner oder Taſchendiebe in die Geſellſchaft eingedrängt, und wir hatten die Ehre, mit ihnen verwechſelt zu werden— ſo viel was die Klugheit unſers erſten Schrittes.“ „Ei, ei, Mark, nur nicht wegen Kleinigkeiten den Muth gleich verloren.“ „Ja, wäre es wohl eine Kleinigkeit geweſen, wenn ich einen der goldgeſchnürten Gecken zum Fenſter hinaus geworfen hätte? Ich verſichere Dich, es kam mich ein⸗ mal ein verdammt ſtarker Kitzel an, ſo etwas zu thun. Aber was haben wir durch den ganzen Spaß gewonnen — wo blieben die Freunde, die Du hiüttteſt finden ſollen— wen haſt Du geſehen, wen kennen gelernt?“ Talbot gab keine Antwort, ſondern ging ſchweigend weiter. „Oder haben wir uns dem frechen Hohn dieſer Menſchen ausgeſetzt, um des eiteln Vergnügens willen, uns unter ſie zu miſchen? Iſt das unſer Gewinn?“ Talbot gab noch immer keine Antwort und Mark wurde als hätte er ſeinem Aerger jetzt gehörig Luft gemacht, jetzt ebenfalls ſtumm. So gingen ſie in ihren 123 Gaſthof zurück, jeder in ſeine eigenen Gedanken ver⸗ unken. 3„Jetzt, Mark,“ ſagte Talbot, nachdem ſie ihr Zim⸗ mer erreicht hatten,„jetzt laß uns zuſammen ſitzen und nachdenken, was zu thun iſt, ohne mit Betrachtungen über das Geſchehene Zeit zu verlieren. Morgen um ſieben muß ich Travers treffen: vor neun Uhr muß ich unterwegs nach Frankreich ſeyn, das heißt wenn er nicht ein bleiernes Ausgangsverbot gegen mich erläßt. Ich werde allerdings auf ihn ſchießen— Dein hübſches Bäschen wird es mir nie verzeihen, das weiß ich ſchon—“ hier ließ er einen verſtohlenen Blick auf Mark fallen, über deſſen Züge ein Blitz der Leidenſchaft gefahren war—„dennoch bedaure ich den ganzen Vorfall, weil ich hier noch manche Dinge in Ordnung zu bringen ande⸗ darunter auch einige, die Dich ſelbſt näher be⸗ trafen.“ „Mich! Mich betrafen!“ rief Mark erſtaunt. „Ja; ich bin tiefer in Deine Geheimniſſe einge⸗ weiht, als Du ahnſt— vielleicht tiefer als Du ſelbſt. Was würdeſt Du ſagen, Mark, wenn ich Dir den Be⸗ ſitz Deines Eigenthums und Gutes ſichern könnte, ſo wie es von Deinem Großvater hinterlaſſen wurde, ohne Schulden oder ſonſtige Laſten, frei von allen Pfand⸗ briefen?“ „Frei von Hamsworth!“ rief Mark leidenſchaftlich. „Auch das— gerade darauf wollte ich kommen.“ „Ich weiß nicht, was ich ſagen würde, Talbot, aber ich weiß, was ich thun würde— jeden Heller würde ich in die Wagſchale werfen„ in die ich bereits mein Leben und meine Hoffnung geworfen— in die Wagſchale, worin die Sache meines Landes liegt.“ Talbot ſchüttelte ein Paar Sekunden lang zweifelnd den Kopf, darauf ſagte er:„nicht Geld iſt es, was der Unternehmung fehlt; es iſt etwas ganz anderes, was man nicht mit Geld erkaufen kann— der rückſichtsloſe Muth von Männern, die bereit ſind, ſich einer Sache 124 zu weihen, deren Sieg zu erleben ſie nicht hoffen dürfen, deren Gräber die Wälle ſeyn müſſen, auf denen Andere die Freiheit erkämpfen werden. Nein, meine Hoffnungen für Dich folgen einer andern Richtung. Ich wünſche Dich als das Haupt und als den Repräſentanten eines alten Namens und Hauſes zu ſehen, als einen Mann, der mit dem Einfluß, welchen Reichthum und Stellung ertheilen kann, nicht als Glucksritter, ſondern als Mann von Rang und Gewicht an der Bewegung Theil nimmt.“ Talbot hielt einen Augenblick inne, gleichſam um die Wonne zu genießen, die dieſes Gemälde künftiger Größe dem Jüngling einflößte. Darauf fuhr er fort:„Eine ſolche Stelle kann ich Dir anbieten, Mark“ „Wie und unter welchen Bedingungen,“ rief Mark, vor Ungeduld beinahe berſtend. „Ich ſtelle keine Bedingungen; ich bin Dein Freund und verlange nichts als Deine Freundſchaft— ein glück⸗ licher Zufall hat mir Gelegenheit verſchafft, Dir zu dienen— das einzige, was Du mir verſprechen mußt, beſteht darin, daß Du Dich nach dieſem Zufall nicht weiter erkundigen willſt.“ Mark ſtand in ſtummem Erſtaunen da, während Talbot ſeinen Schreibpult aufſchloß, eine dunkle, lederne, mit einer Schnur umbundene Brieftaſche herausnahm und ſie gemächlich auf den Tiſch vor ſich hin legte. „Ich muß doch noch eine Bedingung ſtellen, Mark,“ ſagte Talbot nach einer Pauſe,„obſchon ich überzengt bin, daß es eine Schwäche iſt, die ich mir kaum zuge⸗ traut hätte. Wir werden uns bald trennen— wer weiß wann oder ob wir uns wiederſehen. Wenn nun die Menſchen mir Dinge nachſagen ſollten, die eines Mannes, der Dein Freund geweſen, unwürdig ſind, wenn ſie mich ſchimpflicher Handlungen anklagen ſoll⸗ ten——“ „Wer wird ſich unterſtehen, mir ſo etwas in'’s Ge⸗ ſicht zu ſagen,“ rief Mark unwillig. „Es wird dennoch geſchehen, Mark, und ich ver⸗ 12⁵ lange nicht von Dir, daß Du den Abweſenden vertheidigſt — ſondern nur, daß Du ſolchen Verläumdungen keinen Glauben ſſchenkſt. Ich habe Dir aus meinem Leben bereits genug erzählt, um Dich wiſſen zu laſſen, in welchen ſchwierigen und gefährlichen Umſtänden mir ver⸗ ſchiedene Rollen aufgezwungen wurden, und es iſt mög⸗ lich, daß, während ich die Rollen Anderer ſpielte, ſie aus Rache unter meinem Namen ſich masfirt haben. Dieß iſt kein bloßer Verdacht. Ich weiß, daß es bereits vorgekommen iſt; beherzige es wohl, und wenn Dein Freund Henry Talbot angegriffen wird, ſo erinnere Dich meiner Erklärung und Deines eigenen Verſprechens.“ Mark drückte Talbot feſt die Hand und ſchüttelte ſie mit der Wärme treuer Freundſchaft. „Komm, Mark, ſetze Dich her zu mir,“ ſprach Talbot, indem er die Stuͤhle an den Tiſch rückte,„und lies dieſes da.“ Mit dieſen Worten knüpfte er die Schnur der Brieftaſche anf und nahm aus einem Umſchlag, deſſen Siegel bereits erbrochen war, ein kleines Papier. „Dieß iſt an Deinen Vater adreſſirt, Mark,“ ſagte er, indem er ihm die Auſcchrift zeigte. „Ich kenne die Handſchrift,“ ſagte Mark mit feſten Blicken ſie anſtarrend;„es iſt die des Paters Rourke.“ „Ja, das iſt der Name,“ erwiederte Talbot, den Brief öffnend.„Da lies,“ und mit dieſen Worten über⸗ Feichi⸗ eer Mark das Papier, während er ſelbſt laut as:— 3 „Mark O'Donoghue, Sohn von Miles O'Donoghue und Mary, ſeiner Frau, geboren den 25. December 1774 und getauft am Morgen des 27. Decembers, im gleichen Jahre von mir, Nicholas Rourke, P. P. Bal⸗ lyvourney und Glengariff. Bezeugt von uns, Simon Gaffney, dem Verwalter und Sam Wylie, dem Keller⸗ meiſter.“ „Und wozu das Alles?“ fragte Mark mit einer Stimme augenſcheinlicher Unzufriedenheit,„Meinſt Du, 126 ich brauche dieſes Geburts⸗ oder Taufzeugniß, um mei⸗ nen Namen oder meine Verwandtſchaft damit zu be⸗ weiſen?“ „Nein, aber doch um Deine Anſprüche auf Dein Gut und Vermögen damit geltend zu machen,“ verſetzte Talbot haſtig.„Siehſt Du nicht, daß dieſes Dokument von 1774 datirt iſt, und daß Du erſt am letzten Weih⸗ nachtstage großjährig geworden biſt—— „Das kann nicht ſeyn,“ unterbrach ihn Mark. „Ich habe mich nebſt meinem Vater vor zwei Jahren auf einem Schuldſchein unterſchrieben; der Verkauf an Hamsworth ging zu derſelben Zeit von ſtatten, und ich muß volljährig geweſen ſeyn. um ſo etwas zu thun.“ „Das folgt nicht daraus,“ erwiederte Talbot lächelnd, „es diente den Planen Anderer, Dich dies glauben zu machen; aber Du warſt damals wenig mehr als neun⸗ zehn Jahre alt. Hier iſt der Traungsſchein Deiner Mutter, datirt vom Februar 1773.“ Marks Geſicht wurde todtenblaß, ſeine Lippen wur⸗ den blau, während ſich ſeine Nüſtern abwechſelnd heftig zuſammenzogen und ſeine Bruſt ſchwer athmete. „Du haſt demnach die Wahl,“ bemerkte Talbot ſtichelnd,„Deinen Vater für einen Ehrenmann zu halten oder Deine Mutter——“ „Halt,“ rief Mark, indem er ſeinen Arm ergriff und ihn in ſeiner ſtarken Fauſt ſchüttelte,„ſprich das Wort und beim Himmel, Du kommſt nicht mehr lebendig von dieſer Stelle.“ Talbot ſchien über dieſe wilde Drohung keinen Aerger zu fühlen, ſondern ſagte gelaſſen:— „Es war nicht meine Abſicht, Deine Gefühle zu verletzen, Mark. Wenn Du nur ein wenig nachdenkſt, ſo wirſt Du Dich überzeugen, daß ich keinen andern Zweck im Auge haben kann, als. Dir zu dienen. Du ſchienſt zu bezweifeln, was ich von Deinem Alter ſagte, und ich wollte Dich nur überzeugen, daß ich Recht habe. Du biſt erſt letzten December volljährig geworden. 127 Ein falſches Geburts⸗ und Taufzeugniß ſetzte Deinen Vater in Stand, unter Deiner Zuſtimmung eine beträcht⸗ liche Summe Geldes zu erheben, und erlaubte ihm, an Hamsworth ein Gut zu verkaufen, das unveräußerlich Dir und den Deinigen gehört. Dieſe beiden Handlungen waren geſetzwidrig und ungerecht. Wenn Hamsworth der rechtmäßige Eigenthümer dieſes Gutes iſt, ſo iſt Deine Geburt eine illegitime— nein, nein— ich ſetze ja nur den Fall, den Du weder annehmen kannſt noch darfſt. Du mußt mich mit Faſſung anhören, Mark, mit Ruhe und Gelaſſenheit. Es iſt ein trauriges Schickſal, wenn man lernen muß, unglimpflich von denen zu denken, zu denen man immer mit Ehrfurcht empor⸗ geblickt hat. Aber bedenke, daß Dein Vater zur Zeit jener Vorfälle von Schwierigkeiten aller Art umringt war. Es zeigte ſich keine Rettung aus den ihn umge⸗ benden Gefahren. Unvermeidliches Verderben war ſein Loos. Er beabſichtigte ohne Zweifel einen beträchtlichen Theil jenes Geldes zur Verbeſſerung ſeiner zerrütteten Umſtände zu verwenden— über ſeine Liebe zu Dir kann kein Zweifel walten——“ „Halt da!“ ſagte Mark, ihn rauh unterbrechend; „es iſt nicht nöthig, einen Vater vor ſeinem Sohn zu vertheidigen. Sage mir lieber, warum Du mir über⸗ haupt dies Geheimniß enthüllt und zu welchem Zwecke Du dadurch mein ſonſtiges Unglück noch erſchwert haſt!“ Mit dieſen Worten ſtand er auf und ging mit lang⸗ ſamen Schritten im Zimmer auf und ab, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, die Arme verdroſſen an beiden Seiten hängen laſſend. Talbot betrachtete das mit allen Zügen der Verzweiflung bezeichnete Geſicht und ſchien einige Augenblicke ſeine Mittheilung wirklich ernſtlich zu be⸗ reuen; bald aber ſammelte er wieder ſeine gewohnte Energie und ſagte— „Wenn ich gedacht häte, daß Du weder Ehrgeiz für Dich ſelbſt noch Haß gegen einen Feind hegſt, ſo hätte ich Dir nie dieſe Dinge geſagt. Ich bildete mir 128 indeſſen ein, Du ſeyeſt ein Mann, der voll Entrüſtung gegen ein unrühmliches Schickſal kämpft, und noch mehr, ich glaubte, Du gehöreſt keinem Geſchlecht an, das Be⸗ leidigungen mit Vergeſſenheit vergilt. Hamsworth iſt, wie Du mir oft geſagt haſt, der Erzfeind Deiner Fa⸗ milie geweſen. Nicht zufrieden, euch euers Vermögens zu berauben, hat er ſein möglichſtes gethan um euch euern guten Namen zu ſtehlen— ein geehrtes Haus zu einer unedlen Bauernfamilie herabzuwürdigen und den hohen ſtolzen Geiſt eines edeln Geſchlechts durch die er⸗ niedrigenden Uebel der Armuth zu brechen. Wenn Du ihm ſein Unrecht verzeihen kannſt, willſt Du ihm auch ſeinen Hohn und ſeinen Spott vergeſſen?“ „Willſt Du, ich ſoll mich für beides dadurch rächen, daß ich meinen Vater als einen Verbrecher anklage?“ „Nicht ſo, Mark; es ſtehen Dir noch manche an⸗ dere Wege offen. Der Umſtand, daß Du von dieſer Thatſache unterrichtet biſt, ſetzt Dich in eine ſolche Lage, daß Du Hamsworth Deine eigenen Bedingungen ſtellen kannſt. Er, der dreißig tauſend Pfund auf einen An⸗ kauf ohne Rechtsgrund verſchwendet hat, muß nothwen⸗ dig in alle Forderungen ſich fügen, die Du zu ſtellen für gut findeſt— Du brauchſt nur zu drohen——“ „Daß ich meinen Vater vor Gericht anklagen werde, murmelte Mark zwiſchen ſeinen Zähnen;„daß ich in die eine Wagſchale Geld, in die andere die Ehre mei⸗ nes Hauſes legen, daß ich den Namen und den guten Ruf meines Geſchlechtes gegen die Ländereien vertauſchen will, die einſt ihnen gehörten. Nein, nein, Du irrſt Dich ſtark in mir; Du kennſt wenig von der Art Rache, nach der mein Herz dürſtet, ſonſt hätteſt Du mir gewiß nicht einen ſolchen Köder vorgehalten.“ „Sey es ſo,“ erwiederte Talbot kaltblütig;„Hams⸗ worth darf von Glück ſagen, daß er mit einer Gemüths⸗ art, wie die Deinige iſt, zu thun hat; ein gewöhnlicher Menſch, wie ich, hätte Gleiches mit Gleichem vergolten. Aber ich habe das Meinige gethan; behalte das Papier, 4 3 129 Mark, es könnte eine Zeit kommen, wo es Dir vielleicht noch von Nutzen iſt. Horch!— Was iſt das für ein Lärm da drunten? Hörſt Du nicht Lawlers Stimme im Hofraum?“— Während er ſo ſprach, erhob der Wirth, Billy Croſſley, ſeine Stimme lauter als ge⸗ wöhnlich und rief— „Ich ſage euch, ihr Herren, daß Mr. Talbot nicht im Hauſe iſt; er hat heute anderswo geſpeist und iſt ſeit dem Diner nicht zurückgekommen.“ Dieſer Erklärung folgte ein verworrenes Gemurmel, Croſſley aber rief abermals und zwar noch lauter— „Ihr habt vollkommen Freiheit, ihn zu ſuchen, wo es euch beliebt; ihr ſollt mir nicht nachſagen, daß ich euch irgendwie gehindert habe; folgt mir— ich will euch den Weg zeigen.“ Talbot errieth augenblicklich die Abſicht des Spre⸗ chers und erkannte in Croſſleys Heftigkeit eine dringende Warnung für ſich ſelbſt. „Man iſt mir auf der Spur, Mark,“ rief er: „Da nimm dieſen Schlüſſel,— verbrenne die Papiere in dieſem Pult— alle zuſammen. Morgen um ſieben finden wir uns am Strand; wenn alles richtig iſt, werde ich pünktlich erſcheinen, wo nicht——“ Der Reſt ſeiner Rede wurde abgebrochen durch das eilige Getrappel von Füßen auf den Treppen und durch Croſſleys Stimme, der im lauteſten Tone fortfuhr zu betheuren, Talbot ſey nicht im Hauſe und er habe ihn ſeit dem Diner nicht geſehen. Mark ſchloß haſtig den Pult auf und nahm die Papiere heraus; aber als er ſich umdrehte, war Talbot fort; eine zitternde Bewegung der Wandtapeten ſchien anzudeuten, daß er durch eine geheime Thüre dahinter entwiſcht war. Er hatte jedoch keine Zeit über den Um⸗ ſtand weiter nachzudenken, denn kaum hatte er die Papiere an der Kerze angeſteckt, als die Thüre heftig auffuhr und drei fremde Männer, gefolgt von Lanty Lawler, ins Lever, O⸗Donoghue. II. 9 13³⁰ Zimmer traten, während Croſſley, den ſie rauh bei Seite geſtoßen hatten, draußen auf dem Gang ſtehen blieb und immerfort ſchrie, wie zuvor. „Iſt es der da?“ fragte einer der Burſche, der wie ein Conſtabler in voller Uniform ausſah. „Nein,“ flüſterte Lanty, hinter der Schulter des Sprechers hervorſchielend,„das iſt ein anderer Herr.“ „Waren Sie allein in dieſem Zimmer?“ fragte derſelbe Mann, der zuerſt geſprochen hatte, mit ge⸗ bieteriſchem Tone an Mark ſich wendend. „Es iſt eher an mir, zu fragen, was Sie eigent⸗ lich hier zu thun haben,“ erwiederte Mark, indem er fortfuhr, die Flammen mit den Briefen und Papieren zu füttern. „Ich werde Ihnen meinen Verhaftsbefehl zeigen, wenn Sie meine Fragen beantwortet haben. Inzwiſchen kann dieß da von einiger Wichtigkeit ſeyn,“ ſprach der Andere, indem er ſich dem Herde naherte und ſich bückte, um die brennenden Papiere zu ergreifen. „Die gehen Sie nichts an,“ ſorach Mark, indem er ſeinen Fuß mitten in die Flammen ſetzte. „Zurück, Sir,“ rief der Conſtabler, indem er ſeinen Arm etwas erhob, als wolle er Gewalt anwenden. „Rührt mich nur mit einem Finger an,“ ſprach Mark mit verächtlichem Blick,„und ich zerſchmettere Euch den Kopf an der Wand.“ Die unverſchämte Drohung hätte vielleicht üble Folgen nach ſich gezogen, wäre nicht Lanty haſtig her⸗ beigeſprungen, um den Conſtabler am Arm zu ergreifen. „ Das iſt der O'Donoghue von Glenflesk,“ rief er, „ein junger Gentleman von Rang und Reichthum.“ „Was kümmern wir uns um ſeinen Rang und Reich⸗ thum,“ erwiederte der Andere leidenſchaftlich.„Wenn er dem königlichen Befehl zur Verhaftung eines Hoch⸗ verräthers oder Miſſethäters entgegen wirkt, ſo achte ich ihn nicht höher, als den gemeinſten Straßenbettler. 131 Dieſe Papiere da könnten, ſo viel ich davon verſtehe, einiges Licht auf das ganze Komplott werfen.“ „Sie ſtehen Ihnen jetzt zu Dienſten,“ ſagte Mark, indem er die ſchwarze Aſche mit ſeinem Fuße von ſich ſtieß und ſie in flatternden Bruchſtücken durch das Zim⸗ mer ſchleuderte. Da der Conſtabler nicht geneigt ſchien einen Streit fortzuſetzen, worin ſeine Autorität nur auf Trotz geſtoßen war, gab er ſeinen Untergeordneten Befehl, das Zim⸗ mer und das daran ſtoßende Schlafgemach ſorgfältig zu unterſuchen, indeſſen ſich Mark gleichgültig in einen Arm⸗ ſtuhl ſetzte, vom Tiſch eine Zeitung nahm und that als ob er darin leſe. Lanty blieb einige Sekunden ſtehen, unentſchloſſen, was er thun ſollte; darauf ſtahl er ſich ſachte hinter Marks Stuhl und murmelte mit abgebrochenen Worten— „Wenn ich gedacht hätte, daß er Ihr Freund ſey, Mr. Mark—— aber es hat nichts zu ſagen— ich weiß, er iſt fort. Ich hörte in dem Augenblick, da wir hereintraten, den Galopp eines Pferdes drunten auf dem Pflaſter. Ei, ei, ich hätte nie erwartet Sie hier zu ſehen.“ Mark erwiederte dieſe Rede einfach mit einem an⸗ haltenden Stirnerunzeln, unter deſſen verächtlichem Aus⸗ druck Lanty zuſammenkauerte, während er fortfuhr— „Es war durchaus nicht meine Schuld, wenn ich mich genöthigt ſah mit den Conſtablern zu kommen. Es liegen mehr Anklagen, als die meinige, gegen ihn vor. Der Burſche mit dem ſchwarzen Backenbart ſagt—— „Es iſt ganz klar,“ ſprach der Conſtabler, der jetzt wieder ins Zimmer trat;„es iſt ganz klar, daß dieſer Mann noch vor wenigen Minuten hier war, und eben ſo klar, daß Sie ſeinen Schlupfwinkel kennen. Ich ſage Ihnen geradezu, Sir, wenn Sie ſich beharrlich weigern, Aufſchlüſſe über ihn zu geben, ſo mache ich Sie zu meinem Gefangenen. Ich habe zwei Verhaftbefehle gegen 9* 13³² thn— einen wegen Straßenräuberei, den andern wegen Hochverrath.“ „Zum Teufel, haben Sie nicht auch beſchworene Zeugniſſe gegen ihn, daß er ein Mörder iſt?“ fragte Mark in frechem Tone, denn die Sprache des Gerichts⸗ dieners hatte ſeine ganze Wuth aufgeregt.„Wer es auch ſein mag, den Sie hier ſuchen, er ſcheint ein reines Gewiſſen zu haben.“ „Mr. Mark weiß durchaus nichts von ihm, dafür ſtelle ich jede Bürgſchaft.“ „Wir brauchen keine Bürgſchaft von Ihnen, mein guter Freund; wir wollen den Mann, der ſich in Herts— Harvey Middleton, in Surrey— Godfrey Middleton, in Frankreich Chevalier Duchatel, in Irland Harry Tal⸗ bot nennt, der aber in den Polizeiregiſtern beſſer bekannt iſt. Damit öffnete er ein bedrucktes Papier, deutete auf die Worte und ſagte—„Vollſtändiges Signalement von John Barringtons, der bei den Maidſtone⸗Aſſiſen überführt nnd zu fünfzehnjähriger Deportation verur⸗ theilt worden iſt.“ Das Lächeln frecher Ungläubigkeit, womit Mark dieſe Verunglimpfungen ſeines Freundes mit anhörte, konnte zwar den Aerger des Conſtablers nicht beſänf⸗ tigen, aber überzeugte ihn doch, daß er wenigſtens kein geübter Helfershelfer ſey; er wendete ſich daher an Lanty und ſprach mit ihm einige Minuten in leiſem Geflüſter. „Ich ſage Ihnen,“ erwiederte Lanty leidenſchaftlich auf die Bemerkungen des Andern,„Seine Excellenz wird Ihnen nie verzeihen, wenn Sie ihn verhaften; ſeine Zeit iſt noch nicht gekommen, und Sie werden wenig Dank verdienen, wenn Sie ſich in Dinge miſchen, wozu Sie keinen Auftrag hatten.“ Sey es, daß der Conſtabler durch dieſe Vorſtellungen überzeugt oder von der Verhaftung Marks durch das Bewußtſeyn von der Geſetzwidrigkeit einer ſolchen Hand⸗ lung abgeſchreckt wurde, er rief ſeiner Mannſchaft, gab ihnen mit leiſer Stimme ſeine Befehle, und verließ end⸗ . * 13³ lich das Zimmer gefolgt von den Andern. Auch Lanty war im Begriff hinauszugehen, als er durch eine Geberde von Mark zurückgehalten wurde.„Ein Wort mit Ihnen, Lanty,“ ſprach er mit feſter Stimme. „Wie lautet die Anklage gegen Talbot?— Was ſoll er gethan haben?“. „Ei, haben Sie es denn nicht ſelbſt gehört?“ er⸗ wiederte Lanty mit einfältigem Lächeln und verſtellter Schüchternheit.„Es heißt, er fey der Räuber Barring⸗ ton, und fürwahr, ſie haben ſtarke Beweiſe dafür, daß ſie nicht allzuweit vom Ziele ſind. Ich bin wegen eines Pferdes hiehergekommen, das ich an ihn verkauft habe. Ich wollte Niemand etwas zu Leide thun, und wenn ich gedacht hätte, daß er ein Freund von Ihnen ſey—“ „Er iſt ein Freund von mir,“ ſagte Mark,„und darum ſind alle dieſe Geſchichten nichts als ein Gewebe von Lügen. Wiſſen Sie auch, Lanty—“ und bei dieſen Worten ſank ſeine Stimme zu einem Flüſtern herab— „wiſſen Sie auch, daß Talbot ein Agent der franzöſtſchen Regierung iſt, daß er ſich hier zu Land aufhält, um über den Zuſtand unſerer Partei Bericht zu erſtatten und für den Aufſtand Anſtalten zu treffen 22 „Das iſt doch nicht Ihr Ernſt!“ rief Lanty mit einem Ausdruck geſchickt erheuchelten Erſtaunens.„Iſt es Wahrheit, was Sie mir ſagen, Mr. Mark?“ „Ja, und noch mehr. Der Tag des Losſchlagens iſt nicht mehr ferne.“ „Ich bedarf Ihrer hier, mein würdiger Freund,“ ſagte der Conſtabler, indem er ſeinen Kopf zur Thüre hineinſteckte und Lanty auf die Schulter klopfte. Der Roßhaͤndler ſah beſtürzt darein und ſchien einen Augen⸗ blick unentſchloſſen; plötzlich aber gewann er wieder ſeine Faſſung, warf Mark ein bedeutungsvolles Lächeln zu, wünſchte ihm gute Nacht und entfernte ſich. 134 Vierunddreißigſtes Kapitel. Der Tagesanbruch am Strand. Mit einer faſt zum Wahnſinn geſteigerten Ungeduld erwartete Mark O'Donoghue die Morgendämmerung und hatte ſchon lange vorher alle Vorbereitungen getroffen um ſeinen Freund aufzuſuchen. Ein Pferd ſtand geſat⸗ telt im Stall und ſeine Piſtolen— die Waffen, die Talbot, ſo wohl zu handhaben verſtand,— waren ſorg⸗ fältig in den ſchweren Halftern verwahrt. Die für das Zuſammentreffen feſtgeſetzte Zeit war ſieben Uhr, aber er war überzeugt, daß Talbot vor dieſer Stunde, wo nicht gar ſchon jetzt auf dem Platze ſein würde. Auch die auf Talbots Entweichung gefolgte Scene hatte ſeine Begierde, ihn zu treffen, erhöht; nicht als ob auch nur der leiſeſte Verdacht in Betreff der Ehre ſeines Freundes durch ſeine Seele gefahren wäre, nein, er wollte ihn vor den Gefahren warnen, die ſich um ihn her zuſam⸗ menzogen; denn wenn er auch nur auf einen Verdacht hin verhaftet wurde, wer konnte ſagen, welche triftigen Beweiſe nicht gegen ihn in ſeinem wahren Charakter als franzöſiſcher Spion aufgebracht werden konnten? Mark war nicht der Mann, lange über zweifelhafte Umſtände zu brüten, und für Schwierigkeiten, die nur das Gewand des Verdachts annahmen, eine Erklärung zu ſuchen. Stets geneigt in allen Fällen von ſeinen erſten Eindrücken ſich leiten zu laſſen, haßte und ſcheute er alles, was die ſo haſtig gebildeten Meinungen ſtören konnte. Wenn ihm Dinge in den Weg kamen, die zu verwickelt und zu verſtrickt waren, als daß er ſie ſogleich hätte begreifen können, kehrte er ihnen leichtfertig den Rücken und ſuchte ſich lieber zu überzeugen, daß es ein Ehrenpunkt ſey, auf Geradewohl zu trauen, als daß er einen Zweifel aufkommen ließ, auch wenn die Umſtände geeignet waren, einen ſolchen zu erwecken. Dieſe Ge⸗ müthsverfaſſung erſparte ihm alle Unruhe, in Betreff 13⁵ der Ehre Talbot's; er hatte oft gehört, wie manche Verkleidungen und Masken ſein Freund in den Vorkomm⸗ niſſen ſeiner wilden, gefährlichen Laufbahn geiragen hatte; und wenn er fühlte, wie unfähig er ſelbſt ge⸗ weſen wäre, ſo verſchiedene Rollen zu ſpielen, ſo unter⸗ drückte in ihm eben dieſer Grund jeden Zweifel über die Nothwendigkeit ſolcher Ausflüchte. Daß Harry Talbot eine oder alle die von dem Conſtabler erwähnten Rollen geſpielt habe, bezweifelte er im Ganzen nicht; er be⸗ trachtete daher den Verhaftsbefehl gegen ihn blos als einen weitern Beweis für ſeine Geſchicklichkeit und Ge⸗ wandtheit; daß aber auf ſeinem Charakter auch nur der geringſte Makel hafte, das war ein Gedanke, der ihm auch nicht von ferne in den Sinn kam. Unter allen ſeinen Beſorgniſſen in jener langwierigen Nacht entſprang keine einzige aus dieſer Urſache; in keinem Winkel ſei⸗ nes Herzens lauerte ein geheimes Mißtrauen gegen ſei⸗ nen Freund; nur um Talbot's Sicherheit war er be⸗ ſorgt, und— was er wahrſcheinlich eben ſo hoch an⸗ ſchlug— um das richtige Einhalten der mit Frederick Travers beſtimmten Stunde; aber welch eine Welt von widerſtreitenden Gefühlen öffnete ſich hier! In einem Augenblick ein Gefühl wilden, unverſöhnlichen Haſſes gegen den Mann, der ihn ſo tief beleidigt hatte, im nächſten ein ſchrecklicher, ſchmerzlicher Schauer bei dem Gedanken, dieſer nämliche Travers möchte der Gegen⸗ ſtand von ſeines Bäschens Liebe ſeyn, in welchem Falle von ſeinem Geſchick ihr ganzes Lebensglück abhängen würde. Hätte er ſelbſt ſich mit Travers ſchlagen müſſen — wäre die Zeit endlich erſchienen, um jene alte, no obſchwebende Rechnung auszugleichen, ſo wären, wie er dachte, derlei Empfindungen in dem befriedigten Gefühl der Rache untergegangen, aber jetzt, wie ſollte er zu⸗ ſchauen und ſehen, wie er vielleicht durch die Piſtole eines Andern fiel?— Sehen, wie ein Anderer ſein Leben ausſetzte an einem Orte, wo eigentlich er ſelbſt hätte ſtehen ſollen? Dieß konnte er Talbot nicht ver⸗ 136 geben, und jeder ſchmerzliche Gedanke, den der ganze Vorgang erweckte, erbitterte ihn gegen ſeinen Freund als die Urſache ſeines Leidens. Und doch war es für ihn ſelbſt eine Möglichkeit, Travers herauszufordern? Mußte nicht das auf der Straße unter der Klippe ent⸗ deckte Geheimniß Kate's, wie er es in ihrer Gegenwart genannt hatte, ein für allemal eine ſolche Kataſtrophe verhindern? Dies waren einige der quälenden Betrach⸗ tungen, die in Marks Seele wühlten, und denen ſeine eigene verdrießliche Stimmung und ſeine natürliche Reiz⸗ barkeit eine noch größere Schärfe verliehen, während Eiferſucht ſeinen Haß nährte, in jedem ſeiner Gefüble lebte und jeden ſeiner Gedanken färbte. Solcher Art waren ſeit manchem Tage im Wachen und im Schlafen ſeine Gedanken geweſen— Gedanken, die, gleich einem geheimen Gifte in ihm lauernd, noch nie ſo deutlich in ſeiner Seele aufgeſtiegen waren als jetzt; ſelbſt ſein Patriotismus, die Anhänglichkeit, die er für ſein Ge⸗ burtsland zu fühlen glaubte, ſeine glühende Freiheits⸗ liebe, ſeine Wünſche für die Größe ſeiner Nation, alles entſprang dieſem einzigen Gefühle des Haſſes gegen den Sachſen und der Eiferſucht gegen den Mann, der ſein Nebenbuhler war. Frederick Travers war die Verkör⸗ perung aller dieſer Gefühle, von denen er ſelbſt glaubte, daß ſte nur der Sache ſeines Landes dienten. Während dieſe Gedanken in ihm arbeiteten, öffneten ſie neue Quellen des Schmerzes und verwirrten ihn ſo ſehr, daß keine Rettung aus ſeinen Schwierigkeiten mög⸗ lich ſchien. Mark gehörte jedoch nicht unter diejenigen, die ſich ihre Lebensbahn in Augenblicken ruhiger Er⸗ wägung vorzeichnen und alsdann die beſtimmte Richtung verfolgen. Er war vielmehr gewohnt, Leidenſchaft und innern Drang in die gleiche Wagſchale mit den Umſtän⸗ den zu werfen und es auf den Erfolg ankommen zu laſſen. Er beſaß nicht die Gabe der Berechnung, und ſein Geiſt war nicht von der Art, daß er ruhig die Thatſachen vor ſich hinſtellen und ſeine Folgerungen 137 daraus ziehen konnte. Nein, er ging den Gefahren des Lebens entgegen, gerade wie er es in der Schlacht ge⸗ than hätte, mit unerſchrockenem Herzen und mit einem Sinn, der entſchloſſen war, nie umzukehren. Sein ſtör⸗ riſcher Muth, wenn er ihm auch keine Hoffnung einflößte, ſtattete ihn wenigſtens mit Entſchloſſenheit aus— und die viele gehen durch's Leben ohne einen andern Leit⸗ ern! Endlich erſchien über den Giebeln der Häuſer das Grau des dämmernden Tages und draußen regte ſich ſchwach das dumpfe ferne Geräuſch, das der lebensvollen Bewegung in großen Städten vorangeht. „Dem Himmel ſey Dank, die Nacht iſt endlich vor⸗ über,“ rief Mark aus, indem er den bleifarbigen Wolken⸗ ſtreif betrachtete, der den Morgen verkündete. Alle ſeine Vorbereitungen zur Abreiſe waren ge⸗ troffen, ſo daß er nur in den Stall hinunterzugehen und ſein Pferd zu beſteigen brauchte. Letzteres hatte, wie man ihm geſagt, früher Talbot gehört, und nur die beſondere Gunſt Billy Croſſleys konnte ihm ein ſo vor⸗ treffliches Thier verſchafft haben. „Seit zehn Tagen, Sir,“ ſagte Billy, der ſelbſt den Steigbügel hielt—„ſeit zehn Tagen iſt es nicht aus dem Stall gekommen, aber es hat Feuer genug, um Sie, wenn Sie Eile haben, fünf Meilen weit in der Stunde zu tragen.“ „Und wenn dieß der Fall wäre, Billy,“ ſagte Mark, denn gerade jetzt durchzuckte ihn ein plötzlicher Gedanke —„wenn dieß wirklich der Fall wäre und wenn ich Ihnen das Thier nicht mehr zurückbringen ſollte, wie hoch ſteht es alsdann im Preis?⸗ „Keinem Menſchen in der Welt würde ich es für hundert Guineen geben, außer Mr. Talbot ſelbſt; aber wenn es ſich darum handelt, ihn oder irgend Jemand, den er für ſeinen Freund hält, aus einer Gefahr zu retten, dann, Sir, will ich Ihnen aufrichtig ſagen, dann iſt Billy Croſſtey kein ſo armer Mann, daß er nicht 138 auch großmüthig handeln könnte. Nehmen Sie's. Ich ſehe, Sie verſtehen darauf zu ſitzen; behandeln Sie es gut und freundlich, behalten Sie es, bis Sie Zeit fin⸗ den, es zurückzugeben, und jetzt wünſch' ich Ihnen gute Reiſe, wohin Sie auch reiten mögen; eilen Sie,“ flü⸗ ſterte Billy,„denn ich ſehe an dem Thore zwei Burſche, die unſerer Unterhaltung aufmerkſam zu lauſchen ſcheinen.“ „Für alle Faälle nehmen Sie dies als ein Unter⸗ pfand,“ ſagte Mark, indem er Croſſley eine Börſe in die Hände drückte, die über hundert Pfund in Gold ent⸗ hielt. Bevor dieſer das Geld zurückgeben konnte, hatte Mark dem Thier die Sporen eingedrückt und eilte im nächſten Augenblick die Thomasſtreet hinunter. Mark war noch nicht weit gekommen, als er anfing Schritt zu reiten— er bedachte, daß es noch zwei Stunden zu früh ſeyen, und ſchonte mit dem alten In⸗ ſtinkt eines Reiters die Kräfte ſeines edeln Thieres. Sey es, daß jetzt der Augenblick nahte, der einige von den vielen, ihn umringenden Schwierigkeiten löſen ſollte, oder daß die freie Morgenluft und das Vergnügen, das er fühlte, wieder einmal im Sattel zu ſitzen, ſeine Geiſteskräfte geſammelt und ſeinen Muth erhöht hatte— kurz, Marks Herz wurde jeden Augenblick leichter, und während er dahinritt, beſeelten ihn andere Gedanken, wenn auch keine fröhlichere, doch ſolche, die wenigſtens ſeiner Jugend und dem kühnen Herzen, das in ſeinem Buſen ſchlug, angemeſſener waren. Die Straßen waren verlaſſen, die große Stadt noch in Schlaf verſunken, die Wege, die er ſonſt mit glänzenden Equipagen und mit eilenden Maſſen von Fußgängern angefüllt geſehen hatte, waren jetzt ſtill und leer; und als ſich Mark von einer Seite auf die andere wendete, um die ſtattlichen öffent⸗ lichen Gebäude zu betrachten, die jetzt in ihren eigenen Schatten ſchliefen, dachte er an den ſchrecklichen Kampf, der ſich vielleicht bald in derſelben Stadt erheben, und worin er möglicherweiſe eine Hauptrolle ſpielen würde— 139 er dachte an das wilde Geſchrei der Inſurgentenmaſſen, wie ſie ſich mit lang unterdrückter, jetzt aber entfeſſelter Wuth in die ihnen preis gegebenen Straßen ergießen würden— ſchon hörte er im Geiſte den ſchmetternden Klang der Trompeten und das Klirren der Waffen, welches das Anrücken von Truppen verrieth, ſo wie das knatternde Kleingewehrfeuer aus verſchiedenen Theilen der Stadt, wo ein Poſten nach dem andern angegriffen wurde. Er hielt vor dem Schloßthore, wo ein einziger Dragoner regungslos in ſeinem Sattel ſaß, den Kara⸗ biner in Ruh unter ſeinem langen Mantel, das wahre Emblem ſichern Friedens; während ihn Mark betrach⸗ tete, zuckte auf ſeiner Lippe ein höhniſches Lächeln bei dem Gedanken an die falſche Sicherheit der Schloßbe⸗ wohner; und jenes ſtolze Banner, deſſen ſchwere Falten ſich in der Morgenluft kaum bewegten,„wie bald wer⸗ den wir es durch eine Nationalflagge verdrängt ſehen? — murmelte er, indem er ſo langſam wie bisher weiter ritt. Einige Minuten nachher ritt er an der Front des College vorüber Alles war ſtumm und ſtill in dieſem weiten Gebäude, deſſen Mauern entlang zur Mittagszeit der Reichthum und das Leben der Stadt ſich ergoß. Eine einzige Geſtalt ward hier ſichtbar, ein armſeliges, jämmerliches Geſchöpf in zerlumptem ſchwarzem Ge⸗ wand, beſchäftigt, an die Front des Poſtgebäudes einen Zettel anzuheften. Mark hielt an, um den Burſchen zu betrachten— es lag etwas trauriges und klägliches in dem Loos dieſes armen Geſchöpfes, deſſen Beſtim⸗ mung war zu arbeiten, während Andere den Schlaf ge⸗ noſſen. Er ritt näher und fand, als das Papier vor ſeinen Augen ausgebreitet wurde, in großen Buchſtaben die Worie„Todesverbrechen— 500 Pfund Belohnung—“ und darunter eine Beſchreibung von John Barrington, die in allen Einzelnheiten der Größe, des Alters, des Ausſehens und der Geberde vollkommen auf Talbot zu paſſen ſchien. „Ich will verdammt ſeyn, wenn ich dich nicht lie⸗ 140. ber herunterriſſe, als anheftete,“ ſagte der Zettelmann, indem er die Arme nachläſſig über die Bruſt kreuzend und den zerlumpten Hut ſchief auf dem Kopfe ſitzend, das Werk ſeiner Hände anredete. „Und warum, mein lieber Burſche,“ ſprach Mark, als Erwiederung auf die Worte. Der Andere drehte ſich ſchnell um, riß ſeinen Hut ab, und rief in einem Tone ungeheuchelten Entzückens—„Donner und Wet⸗ ter, Kapitän, ſind Sie es ſelbſt? O! O! nein,“ fügte er in einem Tone äußerſter Verzweiflung hinzu—„der Rappe da hat mich getäuſcht, ich bitte Ew. Ehren um Verzeihung.“ „Alſo kennſt Du dieſes Pferd,“ fragte Mark nicht ohne Aengſtlichkeit in ſeinem Weſen. Der Zettelmann gab keine Antwort, ſondern be⸗ trachtete Mark einige Augenblicke ſorgfältig vom Kopf bis zu Fuß, nahm darauf, gleich als ſei er mit dem Ergebniß ſeiner Forſchung nicht ganz zufrieden, ſein Handwerksgeräthe langſam wieder zu ſich und ſchickte ſich an, weiter zu gehen. „Halt einen Augenblick,“ ſagte Mark,„ich weiß, was Du meinſt, dieſes Pferd gehörte——“ Dabei deutete er mit ſeiner Peitſche auf den Na⸗ men des Zettels.„Sey unbeſorgt, denn ich bin ſein Freund, vielleicht ſein beſter Freund, den er auf der Welt hat.“ „Wenn Sie ſein Bruder wären, ſo würden Sie ihn nicht lieber haben, als ich. Ich werde nie die Nacht vergeſſen, da er für mich auf der Brücke dort ſeinen Kopf gewagt hat. Die Polizei wollte mich wegen eines Liedes, das ich auf Major Sirr ſang, aufgreifen, und ſte ſchleppten mich über die Rinne und ſtießen mich bei jedem Schritte. Da kommt der Kapitän heran, ſchleu⸗ dert den Einen da, den Andern dorthin und unterſchlägt dem Rottenführer ein Bein, während er mir beſtändig zurief: ‚Reiß aus, Dinny, reiß aus, wie ein Mann; ich will Dir ſchon für einen Vorſprung von fünf Mi⸗ 141 nuten ſorgen!e Und er hielt Wort, obgleich ihm einer von ihnen den Kopf bis auf den Knochen durchhieb; und zur Belohnung dafür heſte ich ihn jetzt an; Gott verzeihe mir meine Sünde!“— Dieſe letzten Worte ſprach der arme Teufel in einem Tone von Selbſtvor⸗ wurf, der ihm die hellen Thränen in die Augen brachte. Mark warf ihm einen Kronenthaler zu und ritt wieder von dannen; aber die Ueberzeugungen, die zuvor Widerſtand geleiſtet hatten, waren jetzt durch dieſes ſelt⸗ ſame Zuſammentreffen einigermaßen erſchüttert. Aus dem Umſtande, daß der Zettelmann das Pferd ſo ſchnell erkannt hatte, ergab ſich, daß Talbot und Barrington die gleiche Perſon ſeyn mußten, und obſchon Mark auch jetzt noch jeden Gedanken verwarf, der die Ehre ſeines Freundes verletzen konnte, ſo fühlte er ſich doch genö⸗ thigt, zu glauben, Talbot habe, um irgend einer In⸗ trigue willen, den Namen und Charakter dieſer berüch⸗ tigten Perſon angenommen. Auch die Thatſache, daß er den Zettelmann befreite, unterſtützte dieſe Anſicht. Eine ſolche Handlung ſtimmte nach Marks Dafürhalten weit mehr mit dem rückſichtsloſen Trotz im Charakter Tal⸗ bots überein, als mit dem Benehmen eines Menſchen, der auf dieſe Art Gefahr gelaufen wäre, ergriffen zu werden. Mit dem Scharfſinn, womit wir, ſobald wir wollen, Gründe zur Unterſtützung unſerer eigenen Ueber⸗ zeugung auftreiben können, malte ſich Mark aus, wie bereitwillig Talbot die Rolle eines Barrington ange⸗ nommen haben mochte, um einen Meiſterſtreich zu ſpielen. Unter ſolchen Betrachtungen erreichte er das Ufer und ſah vor ſich jenen langgeſtreckten öden Strand, der nur bei hoher Flut mit Waſſer bedeckt und unter dem Namen „Bull“ bekannt iſt. Dies war der zum Duell beſtimmte Punkt; aber obgleich jetzt nur noch eine halbe Stunde bis zur feſtgeſetzten Zeit fehlte, ſo war auf der ſchauer⸗ lichen Oberfläche doch noch Niemand zu ſehen. Mark ritt weiter über den ſchmalen Kanal, der den Bull vom Feſtland trennt, und erreichte den Ort, über den ſein 1⁴4² Auge eine Meile weit hinſchweifen konnte. Dennoch ver⸗ mochte er Niemand zu entdecken; das leichte Gerieſel der Ebbe war das einzige Geräuſch in der Stille des Mor⸗ gens; tiefe Ruhe lag auf der Oberfläche der See, über welche die Strahlen der Morgenſonne ſchwach dahin⸗ glitten, und gleich Goldſtreifen glitzerten, wenn ein vor⸗ überſtreichender Wind oder eine Uferſtrömung das Ge⸗ wäſſer aufregte. Ein einziges Schiff war zu ſchauen, ein kleiner Schooner, aber auch dies ſchien ſich mit ſeinen ſchlaffen Segeln kaum zu bewegen. Mark beobachtete es, wie man einen Gegenſtand beobachtet, um ſich die Langeweile des Wartens zu ver⸗ treiben, er betrachtete ſein ſchlankes Take werk und ſeine weißen, in der See wiedergeſpiegelten Segel, als plöͤtz⸗ lich aus der Seite des Schiffes ein glänzender Blitz her⸗ vorbrach; ein lichtblauer Rauch, gefolgt von einem kra⸗ chenden Schall waͤlzte ſich empor, und eine Kugel hüpfte über die Oberfläche des Waſſers ungefähr eine halbe Stunde weit in der Schiffsſpur; im nächſten Augenblicke wurde auf der Maſtſpitze eine Flagge aufgezogen und nachdem ſie einen Moment dort geflattert hatte, wieder eingehißt. Mark, der mit dem Schmugglerleben vertraut war, hielt dieſe Zeichen für Signale, und wendete ſeine Blicke landwärts, um zu entdecken, wem ſie gelten moch⸗ ten; aber obgleich die Küſte ſtundenweit vor ſeinen Augen ausgebreitet lag, ſo konnte er doch nichts entdecken, was ſeinen Verdacht beſtätigte. Eine einzige Perſon zu Pferd war Alles, was er erblickte, aber auch dieſe war zu weit entfernt, um ſie genau beobachten zu können. Mark richtete ſeine Blicke abermals nach dem Schiffe, das jetzt friſchern Wind bekam und ihn zu benutzen begann. Das weiße Gewell, das ſich an dem Schnabel brach und ſchäumend an den Seiten dahinwogte, bewies, daß das Fahrzeug ſchnell fortkam, und zwar nicht ohne den Willen der Mannſchaft an Bord; denn als der Wind ſtärker blies, ſpannten ſie ihr Hauptſegel voller aus und entfalteten überhaupt ein Segel nach dem andern, Der 143 hohle Hufſchlag eines am Strand dahergaloppirenden Pferdes veranlaßte Mark, ſich raſch umzudrehen, und er ſah, wie der Reiter, den er ſchon vorher bemerkt hatte, ſeine Richtung gerade auf ihn zu nahm. In der Mei⸗ nung, es müſſe Talbot ſeyn, ritt Mark ihm entgegen, ſo daß der Andere, der ſeiner Eile keinen Einhalt that, ihm ſchnell näher kam. Es war Frederick Travers, er war weder von einem Freund, noch von einem Diener begleitet, und ſchien dem Zuſtand ſeines Pferdes nach ſo ſchnell als möglich geritten zu ſeyn. Bevor Mark ſich beſinnen konnte, wie er Talbots Abweſenheit ent⸗ ſchuldigen oder erklären ſollte— redete ihn Travers an—— „Ich war halb in Sorgen, Sie möchten es nicht ſeyn, Mr. Donoghue,“ ſprach er, indem er ſich den Schweiß von der Stirne wiſchte, denn er ſchien nicht weniger erſchöpft, als ſein Pferd.. „Ich bin allein, Sir,“ ſagte Mark;„und wären Sie nicht unbegleitet, ſo würde ich die Schwierigkeit meiner jetzigen Lage noch ſchmerzlicher empfinden.“ „Ich weiß— ich habe es erfahren,“ erwiederte Tra⸗ vers haſtig,„Ihr Freund hat ſich fortgemacht. Ich höͤrte es erſt vor einer Stunde; Sie ſind aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach erſt durch jenes Signal davon unterrichtet worden.“ „Was!— Ein Signal von Talbot! Kam es von ihm?“ „Von Talbot oder Barrington,“ verſetzte Travers lächelnd;„vielleicht ſollten wir ihn lieber bei dem Namen nennen, unter dem er am beſten bekannt iſt.“ „Alſo theilen Sie die alberne Meinung, die Hary albot mit einem Straßenräuber verwechſelt?“ fragte Mark in ſtrengem Tone. „ Ich fürchte,“ erwiederte Travers,„daß ich auf dieſe Art nur der Meinung der ganzen Welt folge. Die Art, wie er Sie getäuſcht hat, gehört nicht unter die ungeſchickteſten ſeiner Streiche. Seyen Sie verſichert, 1⁴⁴4 Mr. O'Donoghue, daß die Sache keinen Zweifel ge⸗ 5 ſtattet. Der gegen ihn erlaſſene Verhaftsbefehl, die genau, ſondern ich ſelbſt habe gewiſſe Notizen geleſen über ſeinen vertrauten Umgang mit Ihnen, über die von Ihnen beſuchten Plätze, über die Zwecke, wozu, wie verſichert wird, Sie ſich mit ihm verbündet haben— dieſe alle ſind in gegenwärtigem Augenblick in den Hän⸗ den des Staatsſekretärs. Verzeihen Sie mir, Sir, wenn ich Ihnen ſage, daß Sie Leuten, die nicht von Ihren eigenen Grundſätzen von Ehre geleitet werden, zu unbe⸗ dingtes Vertrauen geſchenkt zu haben ſcheinen. Noch heute wird ein Verhaftsbefehl vom Geheimen Rath gegen Sie ſelbſt erlaſſen werden, und zwar auf die Anzeige eines Mannes hin, den Sie, wie ich vermuthe, nie im Verdacht gehabt haben. Er iſt ein Roßhändler und heißt Lawler— Lanty Lawler.“ „Er hat mich angezeigt und ſeine Ausſagen gegen mich beſchworen?“ „Er hat mehr gethan; er hat Briefe vorgelegt, die von Ihrer eigenen Hand geſchrieben und an verſchiedene Häupter der„Vereinigten Irländer“ gerichtet ſind, Briefe, deren hochverrätheriſcher Inhalt keinen Zweifel zuläßt. „Und der Schurke hat meine Briefe?“ fragte Mark, während ſein Geſicht vor Zorn dunkelroth wurde. „Er hat ſie nicht mehr,“ erwiederte Travers.„Hier ſind ſie, Sir. Sie wurden im Vertrauen meinem Vater gezeigt, von einem Manne, der gewiß nicht Ihr Freund iſt. Sir Marmaduke bat um Erlaubniß, dieſelben mir zu zeigen und ich habe es ohne Erlaubniß auf mich ge⸗ nommen, ſie Ihnen zurückzuſtellen.“ „Wer,“ fragte Mark mit Stolz,„wer iſt auf den Einfall dieſes Gnadenaktes gekommen? Vielleicht Ihr Vater, der ſeinen Schutz einem Unterthanen angedeihen läßt, oder Sie ſelbſt, weil Sie vielleicht wünſchen, durch eine Verbindlichkeit mich zu demüthigen?“ „Davon iſt keine Rede,“ erwiederte Travers offen⸗ gegen ihn beſchworenen Zeugniſſe ſind nicht nur klar und 4 145 herzig.„Ich glaube, Schurken ohne Herz und Muth haben einem Mann, der beides beſitzt, eine Falle gelegt. Ich verlange nicht, daß Sie mein Benehmen als eine Gunſtbezeugung anſehen, noch weniger als einen Verſuch, eine zwiſchen uns ſchwebende Rechnung zu tilgen, die zwei Gentlemen von gleichem Rang und Stand von ein⸗ ander verlangen oder erwarten können.“. „Iſt das wirklich Ihr Ernſt?“ rief Mark, indem ſeine Augen vor Freude flammten,„iſt das wirklich Ihre Meinung?“ „Hier haben Sie meine Hand,“ erwiederte Travers, „als Freund oder Feind!“ „Mark ergriff ſeine Hand und ſchüttelte ſie mit krampfhaftem Drucke. „Alſo wiſſen Sie, daß Sie mir eine ſolche Genug⸗ thuung ſchuldig ſind,“ ſagte er mit einer vor Aufre⸗ gung zitternden Stimme.„Sie haben alſo jenen Tag in Carrig⸗na⸗curra neben dem Herde— vor meinem Bru⸗ der— nicht vergeſſen?“ Ich erinnere mich deſſen noch wohl,“ entgegnete Travers,„und bitte Sie wegen der Beleidigung um Verzeihung. Es war nicht recht von mir, ſo zu ſpre⸗ chen; und ich habe es mir nie vergeben können.“ Mark ſenkte den Kopf und ſprach kein Wort. Lieber hätte er Travers verwundet und blutend geſehen, als ſo erhaben über ihn ſelbſt durch ſeine Gemüthsruhe und männliche Aufrichtigkeit. Die Rache, nach der er ſo lange gedürſtet, war ihm jetzt nicht nur entriſſen, ſon⸗ dern ihr Stachel war auch jetzt gegen ihn gerichtet. „Dies wäre eine unwürdige Urſache zum Streit,“ ſprach Travers;„eine Urſache, worüber ich mich nur ſchämen müßte und worüber ſie nicht ſtolz ſeyn könnten. Wenn wir keine Freunde ſeyn wollen— und ich ſuche Niemandens Freundſchaft, der nicht bereit iſt, die mei⸗ nige anzunehmen— wenn wir nicht Freunde ſeyn wollen, ſo laſſen Sie uns wenigſtens ſorgen, unſere Feindſchaft Lever, O'Donoghue II. 10 146 beſſer zu begründen— über die Mittel dazu komme wir gewiß nicht in Verlegenheit. 4 „Mark nickte beifällig, und Travers fuhr fort— „Aber wir haben noch etwas Dringenderes zu thun, als dies. Mein Vater wird im Stande ſeyn, den Er⸗ laß des Verhaftsbefehles gegen Sie um drei Tage, bis ſich der Geheime Rath wieder verſammeln wird, zu ver⸗ ſchieben; bis dahin ſind Sie ſicher. Benützen Sie alſo Ihre Zeit, verlaſſen Sie die Hauptſtadt— ſuchen Sie einen ſichern Platz zu erreichen; und nach einiger Zeit, wenn der erſte Eifer vorüber iſt——⸗ „Und ich mich als reuigen Sünder bekenne, bin ich vielleicht ſo glücklich, des Königs Verzeihung zu erhalten. Das wollten Sie doch ſagen, nicht wahr?“ „Das juſt nicht,“ erwiederte Frederick lächelnd; „aber jetzt, da die Regierung im Beſitz von geheimen Berichten über dieſes Komplott und genau über alle da⸗ rein verwickelten Perſonen, ſowie über ihre Zwecke, un⸗ terrichtet iſt, wäre es hoffnungsloſe Thorheit, dabei zu beharren. Glauben Sie mir, die Ausſichten waren nie zu Ihren Gunſten, und in dieſem Augenblick bleibt Ihnen keine einzige mehr übrig. Für Ihre eigene Perſon, Mr. O'Donoghue, iſt dies das größte Glück. Der Muth, der, in einer hoffnungsloſen Sache vergeudet, als Wahn⸗ finn erſcheinen würde, wird Ihnen Ruhm und Ehre gewinnen, wo die Ausſichten günſtiger ſind. Es gibt eine neue Welt jenſeits der Meere, wo Männer von kühnem Sinn und Unternehmungsgeiſt Rang und Reich⸗ thum ſich erwerben— in Indien, wo der Krieg alle Züge des Ritterthums an ſich hat, wo perſönliche Kühn⸗ heit und Heldenmuth ſicherer zu Auszeichnung führen, als Einfluß und Gönnerſchaft; dort wird kein Preis zu hoch ſein für Ihren Ehrgeiz.“ Mark ſchwieg, und Travers, der vermuthete, ſeine Worte ſeyen ihm mit überzeugender Gewalt zu Herzen gedrungen, fuhr fort, das abenteuerliche Leben auszu⸗ malen, das ſich ihm eröffnen würde, wenn er ſein Land 147 verlaſſen und ſein Glück jenſeits der Meere ſuchen wollte. Während er ſo ſprach, ritten ſie neben einander und er⸗ reichten endlich den Theil der Küſte, wohin eine Straße auslief. Hier hielt Mark plötzlich inne und ſagte— „Ich muß Ihnen hier Lebewohl ſagen, Mr. Tra⸗ vers. Mein Weg geht jetzt dahin. Glauben Sie nicht, daß es mir an Gefühl fehlt, weil ich Ihnen für den Antheil, den Sie an mir genommen, nicht gedankt habe; aber in der That, Sie haben ein drohendes Uebel von einem Menſchen abgewendet, für welchen das Leben keinen Werth hat. Sie haben mich aus einer Gefahr gerettet, aber ich bin ohne Hoffnung. Verrathen und betrogen von Allem, denen ich traute, kümmere ich mich nur wenig um die Zukunft, weil ich keine Zuverſicht mehr habe. Nein, nein— ſprechen Sie nicht weiter davon. Ich werde nicht nach Indien gehen— ich werde keine Gunſt von einem Lande annehmen, das der Feind mei⸗ nes eigenen geweſen. Die Epaulette, die Sie mit Ehren tragen, waͤre auf meiner Schulter ein Zeichen der Schmach. Leben Sie wohl, ich bin Ihnen Dank ſchuldig, weil Sie mir Ihren Dienſt nicht in Form einer Genugthuung geleiſtet haben.“ Travers unterließ es weiter in ihn zu dringen. Er hatte die richtige Anſicht, daß einſtweilen genug ge⸗ ſchehen, und daß, wenn er nur erſt in Sicherheit ge⸗ bracht ſey, Zeit und Gelegenheit das Uebrige gewähren würden. Er ſchüttelte die ihm dargebotene Hand mit Herzlichkeit, und nun trennten ſie ſich. Frederick, um nach Dublin zurückzukehren, Mark, um planlos herum⸗ zuſtreifen. „Er hatte Recht,“ rief Mark aus,“ ſobald er ſich von ſeinem Gefährten entfernt ſah—„er hatte Recht, die Ausſichten waren nie zu unſern Gunſten, und gegen⸗ wärtig bleibt uns keine einzige mehr übrig. Eine Sache, die ſich auf ſolche Elemente ſtützt, iſt ſchlimmer als hoff⸗ nnngslos.“ Dies waren die Worte, die ihm entfuhren, 10* 148 als er ſich voll Schmerz und Scham an den Charakter ſeiner Gefährten erinnerte, und er fühlte ſich gebeugt bei dem Gedanken an die Geſellſchaft, in die er gerathen war.„Wäre nur ein Einziger mir treu geweſen!“ rief er in klagendem Tone aus,„ſo hätte ich mit feſtem Muthe dem Stoß widerſtehen können; aber alle falſch zu finden— alle!“ Er ſuchte einen der am wenigſten beſuchten Pfade aus und ritt mehrere Stunden weit fort, gleichgültig auf welchem Wege, ſo lange er nur von der Hauptſtadt ab⸗ führte; denn obgleich bis jetzt noch keine perſönliche Gefahr ihn bedrohte, ſo mußte er doch bei ſeinem tiefen Schamgefühl den Anblick ſeiner frühern Bekannten ſcheuen, Wieder und wieder trat ihm der Gedanke vor die Seele: „Was wird Kate dazu ſagen, wenn ſie hört, wie man von mir ſpricht? In welchem Lichte werden meine Handlungen ihr dargeſtellt werden? Werde ich als der jämmerliche Spielball eines ſo armſeligen Tropfs, wie Lawler iſt, oder als der Freund und Spießgeſelle eines Barringtons erſcheinen? Und doch, was habe ich zu fürchten, ich, dem keine Hoffnung mehr übrig bleibt!“ Unter den vielen Ouellen ſeines Kummers öffnete ſich eine jeden Augenblick und miſchte ſich in jeden an⸗ dern Gedanken:„Was werden unſere edelherzigen Freunde in Frankreich von uns ſagen?— Wie werden ſie von einem Lande ſprechen, deſſen Freiheitskampf mit Verrä⸗ therei befleckt iſt, und das unter den Reihen ſeiner Ver⸗ theidiger nur Miſſethäter oder Geächtete aufzeigen kann?“ Der mit dem Volk geſpielte Betrug ſchmerzte ihn tief. Er wußte, mit welcher Hingebung es der Sache anhing— welche Entbehrungen es im Stillen ertragen, mit welcher Geduld es die Zeit der Rache erwartet— wie es in der Hoffnung auf den Tag einer größeren Abrechnung alle Ausbrüche vorübergehender Leidenſchaft unterlaſſen, mit welcher Zuverſicht es ſeinen Führern gehorcht— wie unbedingt es jeder ihm ertheilten An⸗ weiſung vertraut hatte. Kann ein Patriotismus gleich 149 dieſem eine ſolche Prüfung überleben— werden ſie je wieder an die Worte ihrer Führer glauben?— Dies waren Fragen, die ſein Herz mit einem verzweifelnden Nein beantwortete. Unter ſolchen traurigen Betrachtungen verſtrich der Tag, und am Abend gelangte Mark nach einem weiten Umweg in das Dorf Lucal, wo er die Nacht zubrachte. Mit Tagesanbruch war er wieder unterwegs und zwar nach Wicklow, wo er in der wilden Gegend unweit Bleſſington Bekanntſchaft mit mehreren Pächtern hatte, die alle der„Vereinigten Partei“ aufrichtig zugethan waren. Dorthin begab er ſich ſowohl um von ſeinem eigenen Charakter jeden falſchen Verdacht, den man dar⸗ auf werfen konnte, abzuwälzen, als auch in der Hoffnung, günſtige Nachrichten zu hören. Auch verſprach ihm die Gebirgslandſchaft Sicherheit für die Gegenwart und ließ ihm Zeit, ſich zu beſinnen, was er weiter zu begin⸗ nen habe. Mark täuſchte ſich nicht über die gute Geſinnung des Volkes in jener Gegend. Kein noch ſo glänzender Erfolg hätte ihn nur halb ſo populär gemacht, als ſein jetziges Unglück. Der Umſtand, daß er verrathen wor⸗ den war, trug mehr als alles andere dazu bei, ihm ihre Herzen zu gewinnen; und wäre Irlands Befreiung von ſeiner Sicherheit abhängig geweſen, ſo hätten keine grö⸗ ßern Anſtrengungen gemacht werden können, um für dieſelbe zu ſorgen. Auch fand er, daß die Verrätherei einzelner Individuen das allgemeine Vertrauen auf den Erfolg des Komplottes nicht zu erſchüttern vermochte, ſo ſtark war die Hoffnung, die ſie auf Frankreichs Bei⸗ ſtand und Mitwirkung bauten. Dieſe Erwartungen wa⸗ ren oft übertrieben worden, weil man die Siege der franzöſiſchen Heere als Triumphe dargeſtellt hatte, denen nichts zu widerſtehen vermöge; aber ſie dienten dazu, den Muth der Nation aufrecht zu halten; und das Thema aller ihrer Geſpräche und Geſänge war immer das gleiche: „Die Franzoſen werden uns zu unſerm Rechte verhelfen.“ 1⁵⁰ Wenn Mark die mit ſolcher Zuverſicht gebildeten Erwartungen nicht ganz theilte, ſo fühlte er ſich eben ſo wenig geneigt ſie zu dämpfen; und endlich als er durch täglichen Verkehr mit dieſen Hoffnungen ſich ver⸗ traut gemacht hatte, ſetzte er doch ein theilweiſes Ver⸗ trauen auf eine Zukunft, der noch immer Alle, ungebeugt durch erlittene Niederlagen, entgegen ſchauten: So rollte die Zeit dahin; die Aſche der Empörung aber ſtarb nicht aus, ſondern glühte nur im Verborgenen fort. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Des Wanderers Rückkehr. Ungefähr zwei Monate nach den im letzten Kapitel erzählten Ereigniſſen, am Abend eines glänzenden Tages im hohen Sommer, geſchah es, daß ein einſamer Rei⸗ ſender einen der Gebirgspäſſe herabſtieg, die von Ma⸗ croom nach Glengariff führen, und die nur den mit der Gegend wohl Vertrauten bekannt waren. Er führte ſein Pferd am Zügel, denn der Boden erlaubte nicht zu rei⸗ ten; aber ſelbſt wenn dieſer beſſer ausgeſehen häͤtte, ſo zeigte das Thier zu viele Spuren einer angeſtrengten Reiſe, als daß Reiten räthlich geweſen wäre, und in dieſer Hinſicht waren Roß und Reiter wohl mit einander einverſtanden. Der Mann, obgleich jung und athletiſch, war abgemagert und erſchöpft. Seine einſt guten Klei⸗ der ſchienen vernachläſſigt, und ſein ungeſchorener, unge⸗ kämmter Bart gab dem blaſſen, abgezehrten Geſichte ei⸗ nen wilden Ausdruck, während ſein Pferd bei allen Spuren beſſererer Tage unzweifelhafte Merkmale von Ermüdung und Entkräftung darbot. Der Pfad, auf dem er hinabſtieg, war eine von einem Bergſtrom aufgeriſſene Kluft, ein rauher, ſteiler Weg mit vielen ſchwierigen und gefährlichen Stellen; aber weder dieſe, noch die Scene, die ſich drunten im Thale eröffnete, feſſelten ſeine Auf⸗ merkſamkeit; und doch boten wenige Seenen einen ſchöneren 151 Anblick dar. Die Sonne ging gerade unter, ihre letzten Strahlen beleuchteten die purpurnen Tinten auf den Ge⸗ birgen und ergoſſen eine goldene Flut über See und Fluß. Das glänzende Gelb des Stachelginſters und die bunten Farben des Fingerhutes bildeten einen Kontraſt gegen die ſchauerliche Groͤße der dunkeln Felſen, während in dem üppigen Geſträuch der wilden Stechpalme und des. Erdbeerbaums, das auch an den ſteilſten Orten wuchs, die Scene für ein an das Laubwerk dieſes lieblichen Thales nicht gewöhntes Auges den Charakter anſcheinen⸗ der Kultur beſaß. Der Wanderer, der über eine Stunde lang ſeinen Weg fortgeſetzt hatte, wobei er mit der Ge⸗ ſchicklichkeit eines Gebirgsbewohners ſich über Stellen ſchwang, wo ein falſcher Schritt das Leben hätte ge⸗ fährden können, und ſein Pferd mit einer Vorſicht führte, die Inſtinkt zu ſeyn ſchien— ſo wenig Aufmerkſamkeit koſtete es ihm— machte endlich Halt, ſtützte ſich mit dem Arm auf den Sattel und blieb einige Zeit in Be⸗ trachtung des Gemäldes verſunken ſtehen. Von der Stelle, wo er ſtand, war neben der Straße, die ſich durch das Thal wand, eine einzeln ſtehende Hütte ſichtbar, aus deren Kamin ein dünner blauer Rauch langſam empor⸗ wirbelte und ſich längs der Gebirgswand hinzog. Auf dieſe kleine Wohnung waren die Augen des Wanderers geheftet, bis ſein Blick durch eine vorübergehende Auf⸗ regung getrübt wurde. Er fuhr mit der Hand hart über ſein Geſicht, als ärgerte er ſich über ſeine eigene Schwäche, und war im Begriff ſeinen Weg fortzuſetzen, als ein durch⸗ dringender Pfiff von einer Klippe über ſeinem Haupte herab ihn plötzlich aufhielt. Es war ein Gebirgsgruß, den er wohl kannte, er war im Begriff zu antworten, als plötz⸗ lich in raſchen Sprüngen, die an einem ſolchen Orte ge⸗ fährlich ſchienen, eine in die elendeſten Lumpen gekleidete Krat mit nackten Beinen und bloßem Kopfe auf ihn zu kam. „Ich kannte Sie von der Spitze der Goorhaunklippe — ich kannte Sie wohl, Mr. Mark. Es gibt nicht 1⁵² viele Leute mit einem guten Rock am Leibe, die ſich auf den Weg wagen würden, den Sie gekommen ſind, und ich ſagte bei mir ſelbſt, daß Sie es ſeyen,“ rief Terry the Woods, indem er mit ſeinen blaſſen zu einem Lächeln verklärten Zügen den jungen O'Donoghue auf ſeinen heimatlichen Hügeln bewillkommte. „Wie geht es ihnen allen dort?“ fragte Mark mit einer faſt flüſternden Stimme, mit ſeinem Finger das Thal aufwärts nach der Richtung von Carrig⸗na⸗ curra hindeutend, ohne daß er das Schloß von ſeinem Standpunkt aus ſehen konnte. „Geſtern ſah ich den Herrn,“ erwiederte Terry, der den alten O'Donoghue bei dem ehrwürdigen Titel nannte. unter dem er in ſeinem eigenen Hauſe bekannt war.„Er ſaß in einem großen Stuhle am Fenſter und das junge Mädchen mit den ſchwarzen Augen las ihm etwas aus einem Buche vor— aber er hat gewiß nicht ſehr auf⸗ gemerkt, denn als er mich ſah, winkte er mir zu und ſagte:„Terry, Du Schuft, warum kommſt Du nie hieher und erzählſt mir etwas? ‚Wahrlich,“ ſagte ich, zich habe nicht das Herz dazu. Seit Mr. Mark fort iſt, gefällt es mir nicht mehr an dieſem Orte,“ und der Herr wiſchte ſich die Augen und das junge Mädchen gab mir ein Zeichen, nicht weiter darüber zu ſprechen.“ „Und wer iſt jetzt in der„Lodge?“ fragte Mark, in⸗ dem er ſelbſt vor Terry jeden Schein von Rührung zu verhehlen ſuchte. „Es iſt Niemand dort, als der Verwalter. Die Familie iſt nach England gezogen, bis das Haus für ſie fertig iſt. Aber gewiß, Sie werden ſich verwundern, wenn Sie ſehen, wie herrlich der Ort jetzt iſt, mit ſeinen Thürmen und Erkern— ringsumher nichts als Garten, mit Raſengängen ſo fein wie ein Teppich, und die ſchönſten Blumen, die an den Wänden bis zu den Fenſtern hinauf wachſen, und eine Fontaine, wie ſie es nennen, von kaltem Waſſer, das in die Luft ſpritzt und gleich einem Regen wieder hinunterfällt.“ 1⁵³ „Und mein Bruder— wo iſt der?“ „Der iſt mit der Familie aus der„Lodge“ hinüber nach England; das ſchwarzäugige Mädchen, Miß Kate, wollte nicht mit. Es heißt— aber ich weiß nicht ob es wahr iſt— es heißt, Hamsworth gefalle ihr beſſer als der Kapitän— und wahrlich, wenn das wahr iſt, ſo hat ſie einen närriſchen Geſchmack.“ „Was! Hamsworth? Heißt es wirklich, mein Bäs⸗ chen finde Gefallen an Hamsworth?“ fragte Mark, deſſen Aerger knur noch durch Betrachtung der ruhigen Züge des armen, blödſinnigen Geſchöpfes niedergehalten wurde. „So heißt es,“ erwiederte Terry ruhig,„und es iſt auch wahrſcheinlich, wenn man ſieht, daß er von Morgen bis Nacht nie aus dem Hauſe kommt.“ „Aus welchem Hauſe?— Wo meinſt Du?“ „Was könnte ich ſonſt meinen, als Carrig⸗na⸗ curra— das Haus Ihres Vaters?“ Mark fuhr mit der Hand über ſeine Stirne und über ſeine geſchloſſenen Augenlider, und ſchien einige Sekunden lang ſich zu bemühen, irgend eine ſchreckliche Viſion zu verſcheuchen, denn ſo tief gewurzelt auch ſeine Eiferſucht gegen Frederik Travers war, ſo hatten ſeine düſterſten Ahnungen doch nie den Gedanken an einen Nebenbuhler, wie Hamsworth, heraufbeſchworen; auch maß er der Sache noch keineswegs Glauben bei. Sein Unwille war jedoch kaum geringer, wenn er bedachte, daß dieſer Mann jetzt auf vertraulichem oder freund⸗ ſchaftlichem Fuße mit denjenigen ſtehen ſollte, die er ſo lang mit Kränkung und Unterdrückung verfolgt hatte. Er widmete Terry keine Aufmerkſamkeit, während der⸗ ſelbe fortfuhr, die in ſeiner Abweſenheit vorgegangenen Veränderungen und die verſchiedenen unter dem Volke herum laufenden Vermuthungen über ſeine lange Ab⸗ weſenheit zu erwähnen, als ſie ſich endlich der Straße näherten, die das Thal hinauf führte. Hier machte Terry Halt, deutete in der Richtung der ungefähr eine Viertelſtunde entfernten Hütte Marys und ſagte— 154 „Weiter darf ich nicht mit Ihnen gehen. Ich traue mich nicht dahin.“ „Und warum nicht, guter Burſche?“ fragte Mark mitleidig, denn der in ſeinem Geſicht ausgeprägte Schrecken verrieth zu deutlich die Rückkehr irgend eines Irrwahns. „Dort ſind ſie,“ ſagte Terry mit ſchwachem Flü⸗ ſtern und lauern auf mich. Schon fünf Wochen lang liegen ſie dort um mich zu fangen, aber wenn ich in den Gebirgen bleibe, ſo brauche ich nichts zu fürchten.“ „Wen meinſt Du denn, Terry?“ „Die Soldaten,“ erwiederte Terry über und über zitternd,„ich bin ihnen davon gelaufen und nun wollen ſte mich als Deſerteur erſchießen.“ „Alſo ſind Soldaten bei Mary einquartiert?“ „Ja, ſo wie auch in Macroom und in Bantry und in Kinſale— ſie haben uns ganz umringt; aber ich ſcheere mich keinen Teufel um ſie; ſo lange ſie in den Städten bleiben, werde ich mich nicht um ſie kümmern.“ „Und wie befindet ſich die arme Mary dabei?“ fragte Mark. „Schlecht genug, wie ich höre, denn ſeit ſie die Rothröcke hat, geht Niemand mehr ins Haus, und ſie grämt ſich den ganzen Tag ab; aber ich muß weiter. Ich werde bald herunterkommen und Sie beſuchen, Mr. Mark, und ich hoffe, Sie verlaſſen uns nicht wieder ſo ſchnell.“ Terry wartete auf keine Antwort, ſondern ſprang mit der Behendigkeit ſeines wilden Lebens leicht den Berg hinauf, von wo noch lange nachher ſein luſti⸗ ges Jodeln herunterſcholl. Mark ſah ihm einige Augenblicke nach, und wahr⸗ ſcheinlich waren unter die mitleidigen Gefühle, womit er den armen Burſchen betrachtete, auch Empfindungen des Neides gemiſcht, ſo fröhlich und glücklich ſchien er in all ſeiner Armuth zu ſeyn. S „Sogar mit ihm könnte ich tauſchen,“ ſprach Mark 15⁵5⁵ laut; dann aber ſetzte er, gleich als hätte er ſein Herz von einer ſchweren Laſt befreit, ſeinen Weg fort. Das graue Zwielicht ging ſchnell in dunkle Nacht über, als er ſich der kleinen Herberge näherte, und nicht ohne Aufregung betrachtete er das Licht, das aus den Fenſtern auf die Straße ſtrömte. Manchen Abend ſeiner glücklichen Knabenzeit hatte er neben dieſem beſcheidenen Herde zugebracht— mancher ergreifenden Erzählung und mancher luſtigen Geſchichte hatte er dort gelauſcht. Unter dieſem Dache war es, wo er zuerſt die ſtolzen Gedanken ſeines Hauſes und ſeiner Familie eingeſogen, und kennen gelernt hatte, in welcher Achtung ſein Name bei den Leuken ſtand. Dort war es, wo er zum erſten Mal den Geiſt ſeines hohen Ranges gefühlt, dort war es auch, wo er zum erſten Mal der Sache ſeines Lan⸗ des ſich geweiht hatte. Ach! es waren nur traurige Erinnerungen, wie er gelebt hatte, um von Jedem, dem er Vertrauen geſchenkt, betrogen zu werden; Falſchheit und Verrätherei hatten ihn in ſo mancherlei Geſtalten umgeben, daß alle ſeine Hoffnungen erloſchen waren und das Leben ihm eine ſchwere, unnütze Laſt erſchien. Er ſtand einige Sekunden vor der Thüre und lauſchte mit unwilligem Geiſte dem rohen Getümmel der Soldaten, die darin lärmten. Ihr Gelächter klang in ſeinen Ohren wie Hohn, und er verließ die Stelle voll Zorn und Ungeduld. Ein vager Entſchluß, nach Hauſe zurückzukehren und ſeinem Vater ein letztes Lebe⸗ wohl zu ſagen, war der einzige Plan, den er ſich vor⸗ nehmen konnte; wohin oder wie er ſodann weiter kom⸗ men wolle, das wußte er nicht, und darum kümmerte er ſich nicht. Wie die meiſten Menſchen die Verfehlung ihrer Zwecke einem darüber waltenden böſen Geſchick, und nicht ihren eigenen Fehlern und Thorheiten zuſchrei⸗ ben, ſo machte ihn ſein Fatalismus gleichgültig gegen die Zukunft, und ſtatt der Hoffnung entſprang in ſeinem Herzen ein ſeltſames Gefühl der Neugierde, welche Prüfungen das Schickſal noch für ihn bereit haben 1⁵6 moͤchte. Er dachte oft darüber nach, wie er ſeinen Vater begrüßen, wie er von ihm ſcheiden— ob er eingeſtehen ſolle, daß er um das Geheimniß des gegen ihn verübten Betruges wiſſe, oder ob er ſeine Kenntniß davon in ſeiner Bruſt verſchließen wolle. Endlich ent⸗ ſchloß er ſich zu Letzterem. Er wollte dem alten Mann den weitern Jammer, zu wiſſen, daß ſein Sohn ſein verbrecheriſches Verfahren entdeckt habe, erſparen; dieſen Entſchluß hatte ihm ſein beſſeres, reineres Gefühl ein⸗ gegeben, und obgleich er auf ſolche Art ſeine Abſicht, ihn zu verlaſſen, der einzigen Entſchuldigung, die er vorbringen konnte, beraubte, zog er dieſe Handlungs⸗ weiſe doch dem Jammer vor, den eine andere erzeugen mußte. Endlich erreichte er den alten Thorweg, und ſo oft es auch ſein Loos geweſen war, ein ſchweres, kum⸗ mervolles Herz mit unter deſſen Schatten zu bringen, ſo hatte er ihn doch noch nie mit ſo tiefer Niederge⸗ ſchlagenheit betreten, wie jetzt. „Weiter, gutes Thier,“ ſagte er, indem er ſein müdes Pferd ſtreichelte,„hier ſolltt Du Ruhe haben, und das,“ fuhr er mit einem Seufßzer fort,„das iſt mehr, als ich mir ſelbſt verſprechen kann.“ Mit dieſen traurigen Worten arbeitete er ſich den ſteilen Weg hinauf und erreichte die Terraſſe vor dem Schloſſe. Es brannten Lichter in dem alten Thurme und in der Halle, aber alle übrigen Theile des Gebän⸗ des waren in Finſterniß gehüllt. Die Thüre ſtand offen, und als Mark darunter ſtand, hörte er die ſanften Töne einer Harfe, die den lang gewölbten Gang daher wogten, vermiſcht mit einer Stimme, welche die Fibern ſeines ſtarken Herzens aufregte und ihn zittern machte, wie ein Kind. „Warum ſollte ich nicht da weilen?“ ſagte er; „warum nicht bleiben und dieſen ſüßen Tönen lauſchen? Ich werde ſie doch nie mehr hören!“ Er blieb mit geſpanntem Ohre ſtehen, um ſie einzuſchlürfen, und 1⁵⁷ regte ſich nicht, bis ſie aufhörten. Der letzte Saiten⸗ klang war erſtorben— jetzt band er haſtig ſein Pferd am Thürring an, trat unbemerkt in den langen Gang und erreichte die Thüre. Die Töne von Stimmen, die luſtig mit einander zu plaudern ſchienen, und das laute Gelaͤchter, in das ſie ausbrachen, machte einen widrigen Eindruck auf ſeine Ohren und ſeine Sinne.. „Sie kümmern ſich wenig um den Geächteten— das iſt ausgemacht,“ ſagte er, indem er mit ſchwellen⸗ dem Herzen und ſtolzem Tritt die Thüre öffnete und eintrat. Dieſer Theil des Zimmers lag in tiefem Schatten, und während Mark die Andern deutlich gewahren konnte, ſahen ſie nur einen trüben Umriß von ſeiner Geſtalt, ohne daß ſie fähig waren, ihn zu erkennen. Sein Vater und Sir Archy ſaßen, wie ſonſt auch zu beiden Seiten des Kamines; Kate lehnte ſich an ihre Harfe, auf der ſie gerade aufgehört hatte zu ſpielen; während neben ihr und in der Haltung eifriger Aufmerkſamkeit vorwärts gebeugt, Hamsworth ſelbſt ſaß, gerade der Mann, den er unter allen Andern in einem ſolchen Augenblick am wenigſten zu ſehen wünſchte. „Wer iſt das?“ rief der alte O'Donoghue.„Wer ſieht dort?“ Und bei dieſen Worten richteten alle ihre Augen nach der Thüre. „Warum ſprecht Ihr nicht?“ fuhr der alte Mann fort.„Habt Ihr keine Nachrichten von meinem Sohne? — Bringt Ihr mir vielleicht etwas neues von Mark?“ „Ja wohl, Sir,“ erwiederte der Andere, indem er langſam in das volle Licht vortrat, die Arme über über die Bruſt gekreuzt, die Stirne ſtreng zuſammen gezogen. „Mark!— Mein Junge! Mein Sohn!“ rief der alte Mann von ſeinem Stuhl aufſpringend, ſtürzte mit einer Kraftanſtrengung, die ſowohl ſeinem Alter als ſeiner Schwäche zu trotzen ſchien, auf ihn zu und ſchloß ihn in die Arme,„Da iſt er— er iſt wieder bei uns!“ 158 rief er mit einer von Schluchzen erſtickten Stimme— „mein Sohn! meine Hoffnung! mein Stolz!— Und während der alte Mann in dieſe Worte der Seligkeit ausbrach, ſtand der junge blaß, kalt, ſcheinbar gleich⸗ gültig dort. Seine Augen ſtarrten eine Zeit lang ins Leere, ſeinen Zügen fehlte aller Ausdruck der Leiden⸗ ſchaft; endlich wendete er ſich von Sir Archy, der die eine Hand drückte, ab, und betrachtete Kate, welche die andere in den ihrigen hielt. Aber in ſeinen Augen lag mehr das Starren eines Menſchen, der plötzlich aus langem Fieberſchlaf zum Bewußtſeyn erweckt wird, als der geſunde Blick eines Wachenden. „Sie ſind doch nicht krauk, Mark— ſondern nur müde,“ ſprach Kate, während eine Thräne langſam über ihre Wange rieſelte und auf ſeine Hand fiel. Mark fuhr zuſammen als er den Tropfen fühlte, und ſah ſie mit forſchendem Blicke an; darauf richtete er ſeine Augen auf Hamsworth und wieder zurück auf ſie, und jetzt zum erſten Mal zuckte auf ſeiner Lippe ein grauſames, verächtliches Lächeln. Kate ſchien den Blick zu leſen, erwiederte ihn mit einem eben ſo ſtolzen und hochmüthigen, während ſie ſeine Hand ſinken ließ⸗ und ging ohne zu ſprechen auf ihren Stuhl zu. „Wir müſſen ihm ſo bald als möglich etwas zu eſſen verſchaffen,“ ſagte Sir Archy, deſſen praktiſcher, geſunder Sinn einſah, welchen Einfluß die körperliche Ermüdung auf das Benehmen des Jünglings übte. „Etwas zu eſſen!“ rief der alte O'Donoghue;„ja, wahrlich, alle Flaſchen im Keller ſind zu wenig, um die Rückkehr des Jungen zu feiern. Ziehe die Glocke, Archy, wo iſt Kerry? Was treibt denn das Volk, daß es nichts von der Ankunft ſeines jungen Herrn weiß?“ „In einem andern Augenblick möchte ich Mr. O'Do⸗ noghue bitten, meiner zu gedenken,“ ſprach Hamsworth mit ehrfurchtsvoller Verbeugung,„Und ich hoffe, es kommt noch eine Zeit, wo es mir vergönnt ſein wird⸗ meine Bekanntſchaft zu erneuern;— für jetzt fühle ich, 159 wie unpaſſend die Anweſenheit eines Fremden bei einer ſolchen Gelegenheit iſt, und kann nicht beſſer zeigen, wie ſehr ich Ihr Gefühl zu würdigen weiß, als wenn ich mich empfehle.“ Mit dieſen Worten machte er gegen O'Donoghue, Sir Archy und Kate eine höfliche Verbeugung; gegen Mark aber ſtreckte er die Hand aus und ſagte—. „Bitte, Sir, entſchuldigen Sie meine Freiheit und erlauben Sie mir, Sie zu bewillkommnen.“ „Sie machen die Honneurs des Hauſes zu früh, Sir,“ lautete Marks trotzige Antwort, während er die Arme über der Bruſt kreuzte und Hamsworth mit einem Blick durchbohrender Verachtung maß.„Ich bin hier unter meines Vaters Dach, und keinem Fremden ziemt es mich hier zu bewillkommnen.“ 3 Hamsworth lächelte und murmelte einige Worte in dem milden Tone der Zuſtimmung und Entſchuldigung und mit einer bis zur Selbſterniedrigung demüthigen Haltung. Darauf verbeugte er ſich tief und mit einem Blick auf die Andern, der durchaus kein Gefühl von Beleidigung verrieth, entfernte er ſich. „Du biſt aber ſtreng mit Mr. Hamsworth verfah⸗ ren, Mark,“ ſprach Sir Archy in ernſtem Tone.„Wenn ſeine Höflichkeit ſich übel ausdrückte, ſo war es doch gut gemeint.“ „Mark hatte ganz Recht, in allem, was er ſagte,“ rief der alte Mann triumphirend.„Bei Gott, ich hätte den Jungen dieſen Abend nicht geſcholten, wenn er es auch für paſſend gehalten hätte, den Kerl zum Fenſter hinaus zu werfen.“ „Es ſollte mir leid thun, wenn meine Rauhheit Andere beleidigt hätte,“ ſagte Mark mit einem Seiten⸗ blick auf Kate.„Was Mr. Hamsworth betrifft, ſo ver⸗ ſtehen wir einander. Er denkt weder beſſer noch ſchlim⸗ mer von mir als zuvor.“ „Der verdammte Hamsworth!“ ſagte der alte O'Do⸗ noghue;„was haben wir überhaupt mit ihm zu ſchaffen? 160 Setze Dich her zu mir, Mark, damit ich Dich wieder auf Deinem alten Platze ſehe. Gib mir Deine Hand und laß mich glauben, meine drei Monate des Kum⸗ mers ſeyen nur ein Traum geweſen.“ „Wollte Gott, ſie wären auch für mich ein Traum geweſen,“ erwiederte Mark mit einem tiefen Seufzer, indem er ſich neben den Alten hinſetzte. „Höre, Mark, höre,“ ſprach Sir Archy,„Du haſt oft über mein ſchottiſches Sprichwort:„Was vor⸗ über, iſt vorüber,“ gelacht; jetzt mußt Du mir erlauben, daß ich es auf Dein eigenes Geſchick anwende.“ „So, kommſt Du endlich,“ rief der alte O'Do⸗ noghue, als Kerry O'Leary unter der Thüre erſchien. „Soll Mr. Mark ohne Nachteſſen zu Bette gehen?— „Mr. Mark!“ ſchrie Kerry.„O Tod und Leben, iſt er es wirklich? O geſegnete Stunde! Aber es freut mich, Sie wieder daheim zu ſehen, und daß Ew. Ehren ſo wohl und munter ausſieht. Gewiß, wenn die Jungen es höten, ſo zünden ſie Freudenfeuer auf den Hügeln an. „Das Nachteſſen, das Nachteſſen. Verdammter Burſche, der Junge hat Hunger, und der Schurke ſteht da und ſchwatzt von Freudenfeuern.“ „Mein Pferd bedarf der Pflege weit mehr als ich,“ ſprach plötzlich Mark, da er ſich des müden Thieres er⸗ innerte, das er an der Thüre angebunden hatte.„Ich muß zuerſt nach dem armen Thiere ſehen, ehe ich ſelbſt etwas zu mir nehme;“ und mit dieſen Worten verlie er das Zimmer, da es Niemand in den Sinn kam, ihm in irgend etwas zu widerſprechen. „Der arme Burſche!“ ſagte O'Donoghue, wie blaß und abgehärmt er ausſieht— er ſcheint viel gelitten zu haben.“ 3 „Verlaſſe Dich darauf,“ ſagte Sir Archy in ernſtem Tone,„der Junge hat, ſeitdem wir ihn zum letzten Mal geſehen, viel gelernt. Sein Ausſehen, wenn es auch von einigem Kummer zeugt, mißfällt mir keines⸗ wegs, Was ſagt Kate?“ 7 161 Auf dieſe Frage folgte keine Antwort, ſondern das junge Mädchen drehte ſich um und half den Tiſch decken. „Höre, Archy,“ ſprach O'Donoghue mit Eifer, „merke Dir'’s, erwähne kein Wort von ſeiner Abweſen⸗ heit, verſchone ihn mit allen Fragen— der Junge hat ſchon zu viel Kummer erlebt, als daß man ihm den Schmerz zumuthen könnte, davon zu erzählen. Auch trage Sorge, daß keine Anſpielung auf Hamsworth ge⸗ macht wird; Mark weiß noch nicht, wie freundſchaftlich er in neueſter Zeit an uns gehandelt hat, und kennt ihn nur von der Seite, wie wir ſonſt über ihn zu denken und zu ſprechen pflegten— aber ſtill, da kommt er.“ Als Mark wieder in das Zimmer trat, ſchien er wennigſtens wohlgemuther, wenn auch nicht fröhlicher zu ſeyn, als zuvor. Die Wolke, die Hamsworths Nähe auf ihn geworfen hatte, war verſchwunden, und er wünſchte ſich in günſtigern Farben zu zeigen, als in den erſten Augenblicken ſeiner Ankunft. Während er nun alles mögliche aufbot, um die freundlichen und herzlichen Begrüßungen, womit ihn Vater und Oheim empfingen, zu erwiedern— beobachtete er gegen ſein Bäschen Kate eine ſtrenge Kälte oder gänzliche Gleich⸗ gültigkeit; und als ſte endlich nach manchen vergeblichen Verſuchen ſeine Aufmerkſamkeit zu gewinnen, ſich erhob, um ſich zur Ruhe zu begeben, nahm er einen ceremo⸗ niellen Abſchied von ihr und ſchien ſie mit Freuden ziehen zu ſehen. Vom alten O'Donoghue wurde dieß nicht be⸗ merkt; aber Sir Archy war ein ſcharfer Beobachter und nahm den Umſtand mit Mißfallen wahr; zu bedächtig jedoch, um zu zeigen, daß er es bemerkt habe, ver⸗ ſparte er ſeine Vermittlung auf einen andern günſtigen Augenblick, wünſchte ihnen bald darauf gute Nacht, und verließ das Zimmer. „Für mich iſt es nun auch Zeit zu gehen,“ ſagte Mark, als er nach einem Stillſchweigen von einigen Augenblicken aufſtand und ein Licht anzündete.„In der Leyer, ODonoghue. II. 11 16² letzten Zeit war ich nicht an gute Betten gewöhnt, und ich fühle, daß ich einen geſunden Schlaf nöthig habe.“ „Damit hat es keine Eile, Mark, deßwegen brau⸗ chen wir noch nicht auseinander zu gehen. Ich habe Dir ſo viel zu ſagen, ſo viel von Dir zu hören. Wäh⸗ rend Deiner Abweſenheit iſt mancherlei vorgefallen, was ich Dir erzählen muß.“ „Vor allem,“ fiel Mark raſch ein,„wie kommt es, daß dieſer Hamsworth hier ſo vertraut iſt? Was hat er für ein Recht, unſere Thüre mit ſeinem Schatten zu verfinſtern?“ „Das wohlbegründete Recht treuer Freundſchaft,“ erwiederte der alte Mann in feſtem Tone,„einer Freund⸗ ſchaft, die ich nicht ſo häufig im Leben gefunden habe, daß ich ſie unterſchätzen könnte, wenn ſie ſich darbietet. Ohne ihn wäre bei den letzten Aſſiſen unſere Verſtoßung von Haus und Hof durchgegangen— auch hinderte er, daß das dem Drake gegebene Pfand als verfallen erklärt wurde— außerdem ſchoß er mir auf einen bloßen Schein, worauf ſich Archy als Bürge unterzeichnet hat, was aber, wie Du wohl weißt, nur eine Formſache iſt, fünf⸗ tauſend Pfund vor. Dieß Alles, nebſt der Wohlthat, daß er alle Prozeſſe hintertrieb, welche die Travers gegen uns hätten anfangen können, aus Nache, weil es ihnen mit Kate nicht nach Wunſche ging.“ „Sprich deutlicher, Vater, ich bitte Dich, und vor allem bedenke doch, daß ich nichts von alle dem weiß⸗ worauf Du anſpielſt. Was iſt mit Kate?“ „O ich vergaß, daß Du damals nicht bei uns warſt. Es war ein Heirathsantrag. Der junge Travers machte Deinem Bäschen einen, was das Geld betraf, glänzen⸗ den Antrag; Kate aber hat ihn ausgeſchlagen. Es fan⸗ den einige Unterhandlungen ſtatt, um die Sache offen zu laſſen, etwas in Betreff der Zukunft— ich weiß nicht recht mehr was— ich weiß nur ſo viel, daß ſie beſtimmt und entſchieden war, wie ſie immer iſt, und mir ſchrieb, ich ſolle ſie heimnehmen. Archy holte ſie von 16³⁸ Dublin ab, und bald darauf verließen die Travers Ir⸗ land, aufs höchſte gegen uns aufgebracht, wie wir bald fanden, entſchloſſen, uns ihre Feindſchaft fühlen zu laſſen. Bei dieſer Gelegenheit war es, daß wir Hamsworth würdigen lernten, den Mann, in dem wir uns immer ſo vollſtändig getäuſcht hatten, und wahrlich, wenn er. nicht geweſen wäre, ſo hätten wir kein Wort von Dir gehört.“ „Von mir, was wußte er denn von mir?“ „Alles, Mark; Alles—“ ſagte der alte Mann mit leiſem Flüſtern, indem er einen ſpähenden Blick durch das Zimmer warf, um ſich zu überzeugen, ob ſie nicht belauſcht würden. „Noch einmal, Vater, ſprich Dich aus, und zwar deutlicher— ſage, was dieſer Menſch von mir zu wiſſen chien?“ 1„Er kannte Talbot— oder vielmehr Barrington— ſprach der alte O'Donoghue mit leiſer Stimme—„er war unterrichtet von Deinem Umgang mit ihm— von der Falle, die Dir dieſer Burſche legte, um Dich für ſeine Plane zu gewinnen— er wußte alles von dem bei Curragh begangenen Raub, und rettete Dich ohne Dein Wiſſen von aller Theilnahme daran. Ohne ihn, Mark, würde Dein Name auf dem Steckbrief figuriren. Ueber eine Belohnung für Deine Habhaftwerdung hat man bereits im Geheimen⸗Rath Berathung gepflogen. Hamsworth hat dies hintertrieben—“ „Der Schurke— der gemeine hölliſche Schuft,“ rief Mark,„hat er es gewagt, ſo von mir zu ſprechen?“ „Du irrſt Dich, Mark, er ſagte nie, daß Du ſchuldig ſeyeſt— er beklagte nur den unglücklichen Zu⸗ fall Deiner Vertraulichkeit mit Barrington— mit einem zweimal uͤberwieſenen und verurtheilten Manne— daß Du in Geſellſchaft mit dieſem Menſchen gewiſſe Spiel⸗ hauſer beſucht haſt, wo mehr als ein großer Diebſtahl begangen wurde. Darauf kam der Schloßball— iſt es 11 164 nicht wahr, daß Du dort geweſen?— Gut, die dem Lord Clangoff am Spieltiſch geſtohlene Diamantdoſe—“ „Höoͤlle und Teufel, Du machſt mich verrückt,“ rief Mark, vor Zorn mit dem Fuße ſtampfend.„Dieſe höl⸗ liſche Miſchung von Wahrheit und Falſchheit— dieſe halb richtigen, halb erlogenen Thatſachen ſind mehr, als mein Gehirn ertragen kann. Was meint denn dieſer Schuft?— Etwa daß ich eines Diebſtahls ſchuldig bin?“ „Behüte der Himmel, mein Junge, aber daß Du auf dem Fuße der innigſten Freundſchaft mit einem gebrandmarkten Miſſethäter gelebt, und daß die Polizei Anzeige von Deiner Vertraulichkeit mit ihm erhalten hat, die Polizei, die aus politiſchen Gründen— Du weißt ſchon, welche ich meine— darauf aus war Dich in ihre Krallen zu bekommen. Auch fanden ſich Briefe vor, Mark, geſchrieben von Dir und von einem Inhalt, der Dich, wenn ſie als Beweis benuzt worden wären, das Leben gekoſtet hätte; in den Beſitz dieſer Briefe wußte ſich Hamsworth zu ſetzen und er hat ſie vernichtet.“ „Ah, wirklich?“ rief Mark leidenſchaftlich, denn 1 jetzt ging ihm ein plötzliches Licht auf über das Spiel, das Hamsworth getrieben hatte,„alſo er hat meine Briefe verbrannt?“ „Du weißt demnach etwas von den Dienſten, die er Dir geleiſtet hat,“ ſagte der alte Mann, der endlich anfing, ſich zu freuen, daß ſich ſeine Ueberzeugung au Mark mitzutheilen ſchien. „O ja,“ erwiederte er ruhig,„ich glaube, daß ich ſeine Freundlichkeit würdigen kann, und glaube auch verſprechen zu dürfen, daß ich nicht undankbar ſein werde — und Kate, Vater, was ſagte ſie zu dieſen Eröffnungen in Betreff meiner Perſon?“— „Was wir alle ſagten, Mark, daß Du Dir nichts Unehrenhaftes konnteſt zu ſchulden kommen laſſen— Raſchheit, Unklugheit, Thorheit könne man Dir viel⸗ Fic vorwerfen, Schuld oder Ehrloſigkeit aber gewiß nicht.“ 165 „Und mein Oheim, er iſt gewöhnlich ein ſcharf⸗ ſinniger, bedachtſamer Richter— was war ſeine Meinung?“ „Wahrlich, das iſt ſchwer zu ſagen, Mark, aber ich glaube, bei all der Vorurtheilsloſigkeit, womit er ſich brüſtet, begt er über Hamsworth noch immer ſeine alten Anſichten, und beharrt darauf, die Familie Travers für höchſt liebenswürdig und hochſinnig zu erklären. Ja⸗ er zwang mich, Herbert mit ihnen nach England gehen zu laſſen, denn ich ließ ihn den Knaben in ſeine eigenen Hände nehmen, und da die Einladung gemacht und an⸗ genommen worden war, bevor Kate das Anerbieten des Kapitäns ausgeſchlagen hatte, ſo dachte ich, es würde ſich beſſer ausnehmen, wenn man den Dingen ruhig ihren Lauf ließe, als ob nichts begegnet wäre.“ „Das war wohl gethan,“ ſagte Mark beifällig, „jetzt aber habe ich genug gehört, um wenigſtens eine Nacht darüber zu träumen, und will alſo zu Bette gehen.“ „Bedenke, Mark,“ ſprach O'Donoghue, ſeinen Sohn am Arm faſſend,„bedenke, ich habe Hamsworth ein feierliches Verſprechen gegeben, Dir nie etwas von dieſen Dingen zu ſagen, es war ein Verſprechen, das er mir abnöthigte; ich verlaſſe mich darauf, Mark, daß Du mich nicht verräthſt.“ „Meine Verſchwiegenheit, Vater, geht über alles,“ erwiederte Mark mit zweideutigem Lächeln und verließ das Zimmer.. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Verdacht allenthalben. Am folgenden Morgen früh war Mark O'Donoghue unterwegs nach der„Lodge“ Hamsworth zu beſuchen und ihn aufzufordern, ſeine Behauptungen über ihn zu be⸗ weiſen, oder ihn wo möglich zu einem Duell zu reizen, mit ſolchen Gedanken beſchäftigte er ſich die ganze Nacht, ſo daß er bei all ſeiner Mdigkeit und Erſchöpfung nicht 166 einſchlummern konnte. Er kannte in der That nicht die volle Tiefe der gegen ihn verübten Verrätherei; aber in allem, was er entdeckt hatte, erblickte er einen wohl⸗ angelegten, ſyſtematiſchen Schurkenſtreich. Je mehr Mark über dieſe Dinge nachdachte, deſto mehr über⸗ zeugte er ſich von der Nothwendigkeit, mit einer gewiſſen Vorſicht zu verfahren. Hamsworths Stellung in Carrig⸗ na⸗curra, die Fortſchritte, die er in der Achtung ſeines Vaters gemacht, der Platz, den er in Kates Gunſt ein⸗ zunehmen ſchien, waren von ſolcher Art, daß jeder Wortwechſel, der nicht damit endete, die Schändlichkeit ſeines Benehmens zu entlarven, nur als ein Ausbruch knabenhafter Leidenſchaft und Ungeduld betrachtet werden mußte; und obgleich Mark noch zu ſehr unter dem Ein⸗ fluß ſolcher Motive ſtand, ſo war dieß doch jetzt weit weniger der Fall als früher; außerdem hätte man, wenn er Hamsworth zu einem Duell treiben wollte, in dieſer Abſicht die Folgen einer gewiſſen Eiferſucht von ſeiner Seite geſehen, eines Zornes darüber, daß ſein Bäschen Jenen ihm ſelbſt vorgezogen habe. Dieſer Gedanke war ihm unerträglich; die große Anſtrengung, die er ſeinem Herzen auferlegen wollte, war jedes zärtliche Gefühl für ſein Bäschen und jedes Intereſſe für ſie auszureuten. Sie als eine Perſon betrachten zu können, deren Geſchick nie mit dem ſeinigen ſich gekreuzt habe, dieß war jetzt für ihn eine Frage der Selbſtachtung und des Stolzes ge⸗ worden. Ihre Gleichgültiakeit mit gleichem Hochmuth zu erwiedern, war eine Pflicht, die er ſich ſelbſt ſchul⸗ dig zu ſeyn glaubte, und darum ſcheute er Alles, was ihm nur den geringſten Anſchein hätte geben können, als wolle er ſeine eigene Niederlage rächen. Dieß waren einige der Schwierigkeiten ſeiner gegen⸗ wärtigen Lage und er dachte lange und geduldig darüber nach, indem er die Folgen, die jede Handlungsweiſe nach ſich ziehen könnte, wohl erwog und bei ſich ſelbſt überlegte, welchen Weg er einſchlagen ſolle. Sein erſter Entſchluß, der darin beſtand, Hamsworth zu einem feind⸗ 3 167 ſeligen Zuſammentreffen zu zwingen, wurde daher gegen eine andere Verfahrungsweiſe vertauſcht, die ihm beſſer dünkte— und dieſe beſtand einfach darin, dieſen Herrn zu beſuchen, von ihm eine Erklärung über die Ausſagen zu verlangen, die er in Betreff ſeiner gemacht hatte, ihn aufzufordern, alles, was darin unbegründet ſey, zu widerrufen und einzugeſtehn, daß er ſeinem Benehmen. einen Anſtrich gegeben habe, der von der Wirklichkeit gänzlich verſchieden ſey. Durch dieſe Mittel glaubte Mark ſeinen Feind in Kates Achtung zu erniedrigen, er glaubte ihn zu jämmerlichen Ausflüchten und Entſchul⸗ digungen zu zwingen, und weidete ſich ſchon im Voraus an all den kläglichen Behelfen und verächtlichen Schlichen, womit er ſeine Falſchheit werde erläutern und ſeine wah⸗ ren Motive verhehlen wollen. Wenn er ihn in den Augen Kates, eines Mädchens, deſſen hohes Ehrgefühl keine Handlung ertragen konnte, die nur im Geringſten nach Nothbehelf ſchmeckte, in einem ſolchen Lichte darſtellen konnte, ſo verſprach er ſich hievon eine genügendere Nache, als von einem Zweikampf. „Sie ſoll ihn in ſeinen wahren Farben ſehen 14 murmelte er unterwegs vor ſich hin;„ſie ſoll den Mann kennen lernen, dem ſie Ehre und Neigung widmen wollte; und dann, wenn ſeine Verrätherei klar am Tage liegt und die Schwärze ſeines Herzens enthüllt iſt, dann ſoll ſie die Wahl haben, ihn ganz und unverletzt zu nehmen. Ich werde ihm nie ein Haar krümmen.“ Mark fühlte bei dieſem ſeinem Benehmen einen ge⸗ wiſſen Stolz. Zu zeigen, daß er noch andere Eigen⸗ ſchaften beſitze, als die des raſchen und ungeſtümen Muthes— daß er ruhig urtheilen und beſonnen handeln könne, das war jetzt der große Gegenſtand, der ihm am Herzen lag, und nicht das ſchwächſte Motiv, das ihm den Wunſch eingab, ſich Kate unter günſtigern Umſtän⸗ den zu zeigen, als in einem bloßen Ausbruch wüthenden Zorns. Je mehr er über dieſe Dinge nachdachte, um ſo 168 feſter waren ſeine Entſchlüſſe, nicht zuzugeben, daß Hamsworth ſeinen Schwierigkeiten durch den Kunſtgriff, die Forderung einer Erklärung in einen unmittelbaren Anlaß zu einem Duell zu verwandeln, entrinnen könne. Daß Hamsworth zu einer ſolchen Taktik, als dem beſten Nothbehelf, ſeine Zuflucht nehmen würde, hielt er für höchſt wahrſcheinlich. „Nein,“ ſagte Mark bei ſich ſelbſt,„er ſoll finden, daß er ſich in mir geirrt hat; meine Geduld und Aus⸗ dauer wird die Probe beſtehen; er muß und ſoll ſeine Niederträchtigkeit eingeſtehen; und dann, wenn er Luſt hat ſich zu ſchlagen—“ Die gepreßte Lippe und das flammende Auge, wo⸗ mit dieſe Worte begleitet waren, bewieſen deutlich, daß, wenn Mark zu einer friedlicheren Verfahrungsweiſe ſich entſchloſſen hatte, dieß nicht dem innerſten Wunſche ſei⸗ nes Herzens entſprach. In ſeine Träumereien verſunken, fand er ſich vor der„Lodge,“ bevor er es gewahr wurde; und obgleich ſeine Gedanken von der Art waren, daß ſie wenig Raum zu andern Betrachtungen übrig ließen, ſo konnte er doch nicht umhin, die in ſeiner Abweſenheit vorgegangenen Veränderungen zu bewundern und anzuſtaunen. Die niedliche, aber anſpruchsloſe Hütte war jetzt in ein Ge⸗ bäude des Eliſabeth⸗Stils verwandelt; die Front erſtreckte ſich den See entlang, an welchen zwei terraſſirte Gär⸗ ten hinabgingen. Die großen, bis auf den Boden her⸗ abgehenden Fenſter enthüllten eine Reihe von Gemächern, ausgeſtattet mit allen möglichen Gegenſtänden des guten Geſchmackes und des Luxus— die Wände waren mit Gemälden verziert, und die Flügel der Thüren wie der Fenſterläden aus Spiegelglas gemacht, worin ſich die Gebirgslandſchaft in aller Mannigfaltigkeit von Licht und Schatten wiederſpiegelte. Die ſeltenſten Blumen, die koſtbarſten, aus fernen Gegenden um hohen Preis und mit großem Riſiko hergebrachten Geſtraͤuche waren 169 hier verſammelt, um eine Scene zu verſchönern, wo die Natur bereits ſo verſchwenderiſch geweſen war. Während ſich Mark nach dem Eingang des Gebäu⸗ des umſchaute, ſah er einen Mann auf ſich zukommen, deſſen Züge ihm wohl bekannt waren. Es war Nie⸗ mand anders, als Sam Wylie, den Unterverwalter, der⸗ ſelbe, den er bei ihrem letzten Zuſammentreffen ſo rauh⸗ behandelt hatte. Der Burſche ſchien zu wiſſen, daß, ob⸗ ſchon ſich in gewiſſen Hinſichten das Blatt jetzt gewen⸗ det hatte, dennoch einem Feinde, wie Mark O'Donoghue, gegenübtr eine triumphirende Miene nicht räthlich ſeyn möchte; er rührte alſo an ſeinen Hut und war im Be⸗ vif ſchweigend weiter zu gehen, als Mark ihm zu⸗ rief— „Ich möchte mit Euerm Herrn ſprechen— kann ich ihn fehen?“ „Mit meinem Herrn!“ erwiederte Wylie, und ſein bleiches Geſicht wurde noch bleicher und krankhafter; „wenn Sie Mr. Hamsworth meinen— „Ei natürlich, wenn ich von Sir Marmaduke Tra⸗ vers geſprochen hätte, ſo würde ich ſeinen Herrn mei⸗ nen.— Iſt er zu Haus?“ 4 „Nein, Sir; er hat die ‚Lodge“ verlaſſen.“ „Verlaſſen!— Seit wann? Ich habe ihn doch erſt letzte Nacht um zehn Uhr geſehen.“ „Vor elf Uhr iſt er von hier abgereist,“ erwiederte Wylie. „Wann wird er zurückerwartet?“ „Vor acht Tagen auf keinen Fall, Sir. Es kann noch länger dauern, wenn er, wie er ſagte, vielleicht nach England gehen muß.“ „Nach England!“ rief Mark in bitterm Verdruß, denn eine ſo weite Reiſe ſchien die Hoffnung auf ſchleu⸗ nige Rache gänzlich zu vernichten.„Wie lautet ſeine Adreſſe in Dublin?“ fragte er, indem er ſich wieder ſammelte. 3 „Ich ſoll alle ſeine Briefe nach der Kanzlei des 17⁰0 Oberſekretariats adreſſiren,“ erwiederte Wylie, der jetzt zum erſten Mal eine leichte Annäherung zu einem Lä⸗ cheln wagte. „Sein Hotel, meine ich. Wo logirt er in der Stadt?“— „Gewöhnlich im Untern Schloßhof, Sir, wenn er in der Stadt iſt, und wahrſcheinlich wird er jetzt dort ſeyn, da gerade der Geheime Rath ſeine Sitzungen hält, und man vielleicht manches von ihm wiſſen möchte.“ Der langſame, gemeſſene Ton, worin dieſe Worte geſprochen wurden, verlieh ihnen eine unmittelbare An⸗ wendung auf Mark ſelbſt, die ihn tief erröthen machte. Er blieb einige Sekunden ſcheinbar unentſchloſſen ſtehen und trat darauf ſeinen Rückweg nach Hauſe an. „Habt Ihr gehört, was der junge O'Donoghue dort ſagte, als er vorüberging?“ fragte Wylie einen Tagelöhner, der dort ſtand und dem Jüngling nach⸗ gaffte. „Ja freilich,“ erwiederte dieſer; ich habe es ziem⸗ lich deutlich gehört.“ „Was denn, Pat— ich möchte es gar zu gerne wiſſen.. „Er ſagte— diesmal iſt er mir entronnen; aber bei Gott, er ſoll nicht immer das gleiche Glück haben.““ „Er wollte Mr. Hamsworth aufſuchen,“ ſagte Wylie, „ihn hat er gemeint.“ „Allerdings; ich hörte ja, wie er nach ihm fragte.“ „Schon recht— das habt Ihr gehört,“ fügte Wylie nickend hinzu.“ Gebt Acht, daß Ihr die Worte nicht vergeßt, das laßt Euch geſagt ſeyn, und hier habt Ihr ein Trinkgeld, um Cuer Gedächtniß friſch zu er⸗ halten.“ Mit dieſen Worten drückte er dem Mann ein Sechs⸗ penceſtück in die Hand worauf derſelbe ein ſchlaues Ge⸗ ſicht machte, das bewies, wie er überzeugt ſey, daß zwiſchen beiden ein Vertrag beſtehe. Mark begab ſich in tiefes Nachdenken verſunken, 171 nach Hauſe. Es hatte eine Zeit gegeben, wo eine ge⸗ täuſchte Hoffnung ihn eher gereizt, als ihm einen neuen Plan eingegeben hätte. In dieſer Hinſicht hatte er ſich jetzt geändert. Wenn auch ſein Zweck vereitelt war, ſo ſah er darin noch keine Niederlage. Nachdem ſein erſter Aerger vorüber war, begann er darüber nachzudenken, wie er am leichteſten eine Zuſammenkunft mit Hams⸗ worth bewerkſtelligen und ihn zwingen könne, ſeine Ver⸗ läumdungen gegen ihn zu widerrufen. Sich wieder zu⸗ rück nach Dublin zu wagen, wäre in jeder Hinſicht ge⸗ fährlich geweſen. Die von Lanty Lawler gegen ihn be⸗ ſchworenen Ausſagen konnten in jedem Augenblick benutzt werden, um ihn gefänglich einzuziehen. In Glenflesk allein war er ſicher; ſo lang er dort blieb, konnte keine Mannſchaft, welche die Regierung gegen ihn ausſenden mochte, etwas ausrichten; auch war es nicht wahrſchein⸗ lich, daß man wegen eines ſo geringen Individuums, wie er war, Maßregeln ergreifen würde, welche die Wirkung haben konnten, die Kenntniß, welche die Re⸗ gierung von dem Komplott hatie, zu enthüllen, und auf dieſe Art andere und wichtigere Perſonen vor der dro⸗ henden Gefahr zu warnen. So wurde Marks erſter Entſchluß, ſeine Heimat auf der Stelle zu verlaſſen, durch dieſe zufälligen Um⸗ ſtände abgeändert. Er mußte Hamsworth's Rückkehr abwarten, da er ohne die gewünſchte Erklärung ſich nicht entſchließen konnte, von ſeinen Freunden zu ſcheiden. Während er ſolche Betrachtungen anſtellte, ritt ein Be⸗ dienter in Hamsworth's Livree ſchnell an ihm vorüber. Mark blickte plötzlich auf und ſah nicht ohne Erſtaunen aus dem Zug des Staubes auf der Straße, daß der Mann von Carrig⸗na⸗curra kam. So unbedeutend auch dieſer Umſtand ſeyn mochte, ſo lenkte er doch ſeine Ge⸗ danken von ſeinem eigenen Geſchick ab auf das ſeines Bäschens Kate. Durch welches Zaubermittel ein Menſch wkle Hamsworth in ihren Augen Gnade gefunden habe, konnte er nicht begreifen. Daß er alle Vorurtheile ſei⸗ 172 nes Vaters überwunden haben ſollte, ſchon das ſchien ſeltſam genug; aber daß Kate, deren Meinungen über Menſchen ſelten oder nie eine Veränderung erlitten, und die mehr als alle andern ihren Haß gegen Hamsworth's geſchmeidiges Weſen ausgeſprochen hatte, daß ſie die Tyranneien, mit denen ſein Name verknüpft war, ver⸗ zeihen und vergeſſen konnte, ſie, deren Geiſt durch keinen ſchmutzigen Köder, durch keinen gemeinen Gegenſtand einer perſönlichen Leidenſchaft in Verſuchung geführt werden konnte— dies war in der That unerklärlich. Ein Paar Mal durchzuckte ihn der Gedanke, ob es viel⸗ leicht nicht wahr,— ob es bloß eines jener Gerüchte wäre, welche die Welt auf gewiſſe Umſtände baut,— Hamsworth's Vertraulichkeit könnte vielleicht der einzige Grund des Gerüchtes und ſeine freundlichen Beſuche die einzigen Quellen der Geſchichte ſeyn. „Das muß ich herausbringen,“ ſagte Mark;„es iſt vielleicht doch noch nicht zu ſpät, ſie zu retten. Viel⸗ leicht bin ich gerade im rechten Augenblick zurückgekom⸗ men, und in dieſem Falle werde ich eine ſolche Laune des Glückes für mehr als genug halten, um mich für alle Unfälle meines Lebens zu entſchädigen.“ Als er ſo ſprach, hatte er den kleinen Blumengar⸗ ten erreicht, der vor dem Thurme lag und der einzige kultivirte Fleck rings um das alte Gebäude war. Sein Auge ſtreifte über die, wenn auch noch ſo geringen und unbedeutenden Spuren von Pflege mit freundlichen Ge⸗ danken an die Gärtnerin, die dort waltete, als er bei einer Biegung des Weges ſein Bäschen langſam auf ſich zukommen ſah. „Guten Morgen, Mark,“ ſagte ſie, ihm ihre Hand entgegenſtreckend, und mit einem Lächeln, das keine ſchmerzliche Erinnerung an die vergangene Nacht ver⸗ rieth.„Sie haben nur wenig Schlaf genoſſen, obgleich Sie ſo müde waren.“ 3 „Und Sie, mein Bäschen, wenn ich mich nicht 173 irre, eben ſo wenig. Ich ſah in Ihrem Zimmer ein Licht brennen, als der Tag anbrach.“ „Eine alte Kloſterſitte,“ verſetzte ſie lächelnd;„wir pflegten immer früh aufzuſtehen.“ Ein leiſer, ſanfter Seufzer folgte auf dieſe Worte. „Ja,“ ſagte Mark,„Sie haben Grund, ſich darnach zurückzuſehnen; Ihr Leben dort war glücklicher; dort. freuten Sie ſich des Gedankens, daß manche Meile weit in dieſem entfernten Lande Verwandte und Freunde wohnten, denen Sie theuer waren, und auf die Sie ſtolz ſeyn konnten; eine traurige Erfahrung hat Ihnen geſagt, wie unwürdig wir Ihrer Anhänglichkeit ſind, um wie viel tiefer wir ſtehen, als Sie glaubten. Die kal⸗ ten Wirklichkeiten, die das Leben ſeines idealen Glückes berauben, laſſen ſich nur dann ertragen, wenn das Alter unſere Wünſche abgeſtumpft und unſere Herzen erkältet hat. In der Jugend grenzt der Schmerz darüber an Verzweiflung. Ja, Kate, ſelbſt vor Ihnen wage ich zu ſagen, ich wollte, Sie wären nie in unſere Mitte ge⸗ kommen.“ „Ich will Sie nicht mißverſtehen, Mark; ich will nicht denken, daß in Ihren Worten ein Mangel an Liebe liegt: ich will es ſo nehmen, wie Sie es meinen, daß es beſſer für mich geweſen wäre; aber gerade auf Ihre eigenen Beweiſe geſtützt ſage ich Nein. Wenn ich innerhalb dieſer alten Mauern einige Thränen vergoſſen habe, ſo ſind mir hier doch auch die glänzendſten Stun⸗ den verſtrichen. Nie, bis ich hieher kam, wußte ich, was es ſey, fremdes Glück zu befördern; nie zuvor habe ich gefühlt, welches Entzücken darin liegt, die Freude wonnevoller und den Kummer weniger drückend zu machen. Das Tochtergefühl hat in meinem armen Herzen den Raum ausgefüllt, der einſt leer war; und wenn Sie mich wegen dieſes einſamen Lebens bemit⸗ leiden, ſo ſage ich Ihnen, daß mein Puls vor Entzücken pocht bei dem Gedanken, wie eine Pflicht erfüllt von einem ſo geringen, unbedeutenden Geſchöpf, wie ich bin, das Leben veredeln und aus dieſem ruhigen Thale eine Scene thätigen Genuſſes machen kann.“ „Alſo ſind Sie glücklich hier, Kate,“ ſagte er, in⸗ dem er ihre Hand ergriff,„und hegen keinen Wunſch von hinnen zu ſcheiden?“ „Nein, Mark, nie; mein Ehrgeiz würde kein Ziel kennen, da wo die große Welt mit allen ihren ſchim⸗ mernden Schätzen ſich vor mir öffnet— jener Ehrgeiz, der nicht die Geſtalt perſönlicher Vergrößerung, ſondern hoher Hoffnung auf Gegenſtände annehmen würde, die nicht in die Sphäre eines Weibes gehören. Hier ſtehe ich unter dem Scepter der Liebe; dort fäme ich vielleicht unter den des Vorurtheils und der Leidenſchaft.“ „Chrgeiz,“ murmelte Mark, an das Wort ſich hal⸗ tend.„Ehrgeiz: die Qual, der man ſich ſeinetwegen unterzieht, iſt zu ſtark; und wäre auch der Sieg gewiß, ſo iſt er theuer erkauft durch ein Herz, das für alle rei⸗ neren Regungen todt, für jedes Familienleben kalt iſt, und durch einen Geiſt, den die Verrätherei argwöhniſch gemacht hat. Nein, Kate, nein, der geringſte Bauer auf dieſem Gebirge, der ſich für das tägliche Brod ab⸗ müht, deſſen letzte Hoffnung am Abend dahin geht, daß er am Morgen die nöthige Geſundheit genießen möge, um noch mehr Arbeit ertragen zu können, er führt ein edleres Leben als Leute, die hohe Wünſche nähren, in⸗ dem ſie die Verbrechen und Fehler anderer ausbeuten. Ich hatte einſt einen Ehrgeiz; Gott weiß es, er ent⸗ ſprang in mir nicht aus einer unwürdigen Hoffnung auf perſönlichen Vortheil. Ich dachte damals ſo gering von mir wie jetzt; aber ich träumte davon, daß ſchon manch⸗ mal durch geringe und unwürdige Mittel große Dinge geſchehen ſind. Der Funke, der das Zündrohr in Brand ſtedt, iſt unbedeutend an und für ſich ſelbſt, mag auch die Exploſion das feſte Mauerwerk zerreißen, das Jahr⸗ hunderte gedauert hat. Aber, aber, der Traum iſt vor⸗ uͤber; laſſen Sie uns von etwas anderem ſprechen. Er⸗ 175 zählen Sie mir von Herbert, Kate. Wie ging es ihm auf der Univerſität?“ „Das erſte Mal wurde er beſiegt, aber die zweite Prüfung entſchädigte ihn für dieſe Niederlage reichlich. Er trug über ſeine Mitbewerber beide Preiſe davon, Mark, und gilt jetzt anerkannter Maßen als der ausge⸗ zeichnetſte Jüngling ſeiner Zeit; die Niederlage hat ſei⸗ nen Muth nur geſtählt. Es war eine Schmach zu rächen, ein Ziel zu gewinnen, und er hat beides er⸗ reicht.“ „Ein glücklicher Junge, daß ſeine Lebensbahn bloß von ſeinen eigenen Anſtrengungen abhängt— er brauchte nur ſeinem eigenen feſten Entſchluß zu vertrauen, nur ſeinem eigenen beharrlichen Streben, und kümmerte ſich nicht darum, welche Komplotte, Plane und Intriguen um ihn her geſchmiedet wurden.“ „Ganz richtig, Mark; die Preiſe des intellektuellen CEhrgeizes haben den Vortheil, daß ſie ſelbſt errungene ſind. Aber bedenken Sie, ſind nicht andere Gegenſtände eben ſo edel— verdienen nicht die Anſtrengungen. die wir für andere machen, mehr Ruhm, als die, welche von dem Verlangen nach rein perſönlicher Auszeichnung diktirt werden?“ Mark erſchrak faſt über dieſe Worte, deren unmit⸗ telbare Anwendung auf ihn nicht bezweifelt werden konnte, und ſeine Wange erröthete theils vor Stolz und theils vor Scham. 8 „Ja,“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe,„das ſind edle Aufgaben, fähig, ein Herz zu bewegen, das ſo be⸗ kümmert iſt wie das meinige— aber die Pfade, die auf⸗ wärts führen, Kate, ſind dunkel und krumm— die Führer falſch und verrätheriſch.“ „Sie haben ſie allerdings ſo gefunden,“ ſprach Kate mit einem tiefen Seufzer. „Ich habe ſie ſo gefunden? Was meinen Sie da⸗ mit?“ rief Mark, erſtaunt über ihre Worte. „Ich meine, was ich geſagt habe, Mark, daß Sie 176 ſeit manchem Tage von der Falſchheit und Verrätherei verfolgt wurden. Sie wollten Ihr Geheimniß vor mir verborgen halten, Mark, und wollen auch jetzt mir nicht vertrauen, nachdem ein Zufall mich in ſeinen Beſitz ge⸗ ſetzt hat. Der Zufall hat mir manche Umſtände aus Ih⸗ rem Geſchicke enthüllt, und auch jetzt Mark fürchte ich, nur, Ihre eigenen Vorurtheile möchten Ihre Sicherheit gefährden. Soll ich weiter gehen? Darf ich noch deut⸗ licher ſprechen?“ Mark winkte und ſie fuhr fort— „Ein Mann der Ihre Sache nie begünſtigte, wahr⸗ ſcheinlich gerade wegen der Theilnehmer, denen man ſich anſchließen müßte— deſſen Sympathie jedoch erregt wurde, als er ſah, wie viel Treue und Ehre dabei ihm Spiele waren, hat lange über Sie gewacht— hat un⸗ geſehen die Hand ausgeſtreckt, die Ihnen helfen und den Schild, der Sie ſchützen ſollte. Er ſah in Ihnen die edle Kühnheit eines Menſchen, deſſen Herz von wahrem Muth erfüllt iſt, von einem Muth, den die Ränkeſtifter blos auszubeuten pflegen, ohne ihn ſelbſt zu beſitzen. Er ſah, daß Sie einſt im Strome würden mit ſortge⸗ riſſen werden, während ſie ſelbſt vom Ufer aus Ihnen zuſehen würden. Er ſah dies, ſage ich, entſchloß ſich mit einer Großmuth, die um ſo größer iſt, weil keine Gefühle der Freundſchaft ihn leiteten, Sie zu retten.“ „Und dieſer unſichtbare Wohlthäter,“ ſprach Mark mit ſtolzem, verächtlichen Blick,„ſein Name iſt—“ „Wenn Sie mich ſo fragen, werde ich ihn nicht nennen,“ ſagte Kate erröthend; denn ſie las in ſeinem Blicke den Vorwurf, wovon ſein Herz voll war.„Könn⸗ ten Sie ſich Ihrer Vorurtheile ſo weit entledigen, um ruhig zu hören und leidenſchaftlos zu ſprechen, ſo könnte ich Ihnen Einiges— Alles ſagen, Mark.“ „Nein, Kate, nein,“ erwiederte er mit zweifelhaf⸗ tem Lächeln:„ich habe kein Recht ein ſolches Vertrauen zu verlangen, vielleicht nicht einmal es anzunehmen.“ „Nun ſo ſei es,“ ſagte ſie mit Stolz,„wir 177 wollen nicht weiter darüber ſprechen;“ darauf wendete ſie ſich mit einer leichten Verbeugung und mit einer Bewe⸗ gung ihrer Hand nach einem andern Gang des Gartens, während Mark zurückblieb um ſchweigend über die Scene nachzudenken. Kaum war ſie jedoch hinter den Bäͤu⸗ men ſeinen Blicken entſchwunden, als ſie ihre Schritte beſchleunigte und bald das Haus erreichte. Sie ſtieg ſchnell die Treppen hinauf und klopfte an Sir Archy's Thüre. „Herein, meine holde Kate,“ ſprach er mit ſeiner ſanfteſten Stimmte;„dieſes leiſe Klopfen würde ich un⸗ ter tauſenden herauskennen; aber mein liebes Kind, war⸗ um ſo blaß? Was hat Sie ſo ergriffen? Setzen Sie ſich her und erzählen Sie mir.“ „Leſen Sie dies, Sir,“ ſprach ſie, indem ſie aus den Falten ihres Sacktuches einen Brief nahm— dies wird Ihnen Alles ſagen, und zwar kürzer und bündiger als ich vermöchte. Ich wünſche Ihren Rath und zwar ſchnell; denn es iſt keine Zeit zu verlieren.“ „Mr. Hamsworth Handſchrift,“ ſagte Sir Archy, indem er ſeine Brille aufſetzte, um zu leſen.„Wann haben Sie's erhalten?“ Vor einer Stunde etwa,“ erwiederte Kate halb un⸗ geduldig über die Gelaſſenheit und Kaltblütigkeit des al⸗ ten Mannes, der endlich anfing. ſich den Brief zu be⸗ ſehen, aber ohne den mindeſten Beweis von Unruhe oder Begierde. Seine Unempfindlichkeit war jedoch nicht von langer Dauer— es entfuhren ihm kurze Ausdrücke des Erſtaunens, gefolgt von Ausrufungen des Schre⸗ ckens und der Bangigkeit, bis er endlich den Brief nieder⸗ legte und ſagte:„Verlaſſen Sie mich, holde Kate, laſ⸗ ſen Sie mich allein, um dieſen Brief zu leſen und zu erwägen; ſeien Sie verſichert, ich werde keine Zeit verlie⸗ ren, um mich darüber zu beſinnen, denn ich ſehe daraus daß die Stunden koſtbar ſind.“ Kate verließ das Zimmer, Sir Archy aber legte Lever, ODonoghue. II. 12 178 den offenen Brief auf einen Tiſch vor ſich hin und ſetzte ſich nieder um den Inhalt ſorgfältig zu erwägen. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Hamsworths Brief. Der Brief, über den Sir Archy in tiefes Nachden⸗ ken verſunken war, kam von Hamsworth. Er war von der letzten Nacht datirt, an Kate O'Donoghue gerichtet und trotz der Erklärung, daß er in Eile geſchrieben ſei⸗ konnte doch ein ſo ſcharfſinniger Beobachter, wie Sir Archy, deutliche Spuren großer Sorgfalt und reiflicher Erwägung darin entdecken. Scheinbar klare und offene Ausdrücke waren in Wirklichkeit vage und verworren; die meiſten Behauptungen waren mit gewiſſen Einſchrän⸗ kungen umgeben, und ſtatt direkter, beſtimmter Mitthei⸗ lungen, waren allenthalben Hoffnungen, Beſorgniſſe, Wünſche und Erwartungen zerſtrent, die ſich alle gel⸗ tend machen konnten, welchen Ausgang auch die bezüg⸗ liche Angelegenheit haben möchte. Der Brief begann mit einer reſpektvollen Entſchul⸗ digung wegen des Umſtandes daß er an Miß O'Do⸗ nogbue gerichtet ſei; aber es war die Hoffnung ausge⸗ drückt, die Dringlichkeit des Falles und die Beweggründe des Briefſtellers könnten wohl als hinlängliche Rechtfer⸗ tigung angeſehen werden. Nachdem in Ausdrücken, die vage genug waren, um die Auslegung zweideutig zu machen, die Gründe angegeben waren, warum das Schrei⸗ ben an ſie, anſtatt an einen ihrer beiden Oheime ſich wendete, ging es ſogleich auf den Gegenſtand der Mitthei⸗ lung über und zwar in folgenden Worten:— „Ich habe lange gezögert und gezweifelt, Miß O'Do⸗ noghue, in wie weit meine Einmiſchung in die Angele⸗ genheiten Ihrer Familie mißdeutet werden, und ob die Vorurtheile, die einſt zu meinem Nachtheil gehegt wur⸗ 179 den, nicht auch jetzt hervorgerufen werden könnten, um meinen Handlungen einen falſchen Anſtrich zu geben. Dieſe Zweifel habe ich gelöst durch die Betrachtung, daß ſie größtentheils nur perſönlich ſind, und daß es, wenn es mir nur gelingt, einen wirklichen Dienſt zu er⸗ zeigen, eine vergleichungsweiſe gleichgültige Frage iſt, welches Licht oder welchen Schatten ich dadurch auf mein. Benehmen werfen werde. Wenigſtens von Ihnen er⸗ warte ich ein aufrichtiges und unparteiiſches Urtheil, und ich geſtehe, daß ich auf die Meinungen Anderer weniger Gewicht lege.“. In dieſem Tone ging es noch ein wenig weiter, bis endlich der Brief auf die Erwähnung kam, daß die plötz⸗ liche Rückkehr Marks dem Brieſſteller keine andere Wahl gelaſſen habe, als dieſe Correſpondenz zu wagen, von welchen Folgen auch ein ſolcher Schritt begleitet ſein mochte.— jedenfalls, gab der Verfaſſer handgreiflich zu verſtehen, würden dieſe Folgen für ihn ſelbſt vom ge⸗ ringſten Belang ſein. Der Inhalt— und der Leſer wird es uns danken, wenn wir ihn mit Hamsworths umhüllter Erzählung verſchonen und blos den Inhalt geben,— ging hauptſächlich dahin, die Regierung habe Mitiheilungen erhalten über Mark O'Donoghue's Ver⸗ wiklung in das Complott der„Vereinigten Irländer;“ dieſe Mittheilungen ſeien durch ſolche Beweiſe unterſtützt worden, daß ein richterlicher Befehl erlaſſen worden ſei, ſeiner Perſon und aller ſeiner Papiere habhaft zu werden; die „Vollſtreckung dieſes Befehls ſei jedoch durch freundſchaft⸗ liche Vermittlung— dieſer Umſtand wurde von Hams⸗ worth zweifelhaft und zart hingeſtellt— theils in An⸗ betracht der Thatſache, daß ſeine Jugend und ſeine Un⸗ bekanntſchaft mit den wirklichen Abſichten der Inſurgen⸗ ten zu ſeinen Gunſten geſprochen, verſchoben worden, ſo daß der junge Mann frei habe herumgehen dürfen. So lange er ſich von dem Umgang mit den übrigen Verſchwörern fern gehalten und Aufſehen vermieden, ſei 12* 15 18⁰ die Regierung bereit geweſen, über das Vergehen ein Auge zuzudrücken. Es ſei jedoch beſchloſſen worden, im Falle man ihn noch einmal mit einem der Häupter der Bewegung zuſammen finden, oder er es wagen ſollte, nach Glensflesk zurückzukehren, wo ſein Einfluß unter dem Landvolk der Regierung wohl bekannt ſei und von ihr gefürchtet werde, für dieſen Fall mit den geeigneten Maßregeln nicht länger mehr zu zögern. Er ſolle auf der Stelle ergriffen und unter hinlaͤnglicher Bedeckung nach Dublin gebracht werden, um ſich dort mit fünf Andern wegen Hochverraths zu verantworten. Die Be⸗ weiſe ſeiner Schuld ſeien unzweifelhaft, beſtehend aus geſchriebenen und empfangenen Briefen, aus Geſprächen, die durch Zeugen erhärtet werden könnten, ſo wie aus einem Monatelangen vertrauten Umgang mit Barrington, deſſen thätige Theilnahme an den Aufſtandsplanen eben ſo wohl bekannt ſei, als die Thatſache, daß er ein über⸗ wieſener Miſſethäter ſei. Eine Hoffnung auf ſeine Un⸗ ſchuld zu gründen wurde ſo als rein unmöglich darge⸗ ſtellt. Seine vertrauteſten Gefährten haben Zeugniß ge⸗ gen ihn geleiſtet; Dokumente, von ſeiner Hand geſchrie⸗ ben, ſeien ebenfalls in den Händen der Kronbeamten und in der That weit mehr als genug, um ihn auf das Schaffot zu bringen. Hamsworth, der überall leiſe andeutete, wie wohl⸗ thätig ſeine Vermittlung geweſen ſei, war einer von de⸗ nen, die mit Marks Verhaftung beauftragt waren, im Fall er es je wagen ſollte, in ſeinem Lande wieder zu erſcheinen. Die Befehle des Geheimen Rathes hierüber waren beſtimmt und deutlich und ließen keine falſche Auslegung zu. „Sie können alſo beurtheilen,“ fuhr er fort,„wie es mir zu Muthe ſein mußte, als ich ihn letzte Nacht plötzlich ins Haus treten ſah— als ich bedachte, daß ich, während ich das Vergnügen Ihrer Geſellſchaft und die gaſtfreundſchaftlichen Aufmerkſamkeiten ihres Hauſes genoß, in demſelben Augenblick den offiziellen Befehl in 181 der Taſche hatte, den älteſten Sohn meines Wirthes— den Freund und Gefährten Ihrer Jugend— zu ergrei⸗ fen— Kummer und Trauer unter das Dach zu brin⸗ gen, wo ich ſo manche glückliche Stunden zugebracht— alle Träume zu verſcheuchen, die ich über eine durch Bande der Freundſchaft und des Wohlwollens an einan⸗ der geknüpften Nachbarſchaft zu nähren begonnen hatte.. Ich hatte die Wahl, ob ich mich zu dieſem Schritte ent⸗ ſchließen oder durch eine handgreifliche Pflichtverſäu⸗ mung mir ſelbſt eine Anklage zuziehen und mir den ge⸗ fährlichſten Deutungen meiner Feinde gegenüber eine Blöße geben wollte. Im letztern Falle war nur meine eigene Perſon gefährdet. Ich habe dieſes vorgezogen und ehe dieſer Brief in ihre Hände kommt, werde ich auf dem Wege nach Dublin ſein, angeblich um der Raths⸗ fitzung beizuwohnen, in Wahrheit aber um der Noth⸗ wendigkeit, die mir meine läſtige Stellung auflegt, zu entrinnen. Außer den Leuten unter Ihrem Dache weiß Niemand, daß ich Mr. Mark O'Donoghue getroffen habe und ich werde bereits den halben Weg nach Dublin zu⸗ rückgelegt haben, bevor ſeine Ankunft im Lande ruch⸗ bar wird. „Soviel in Kurzem über die Vergangenheit und die Gegenwart. Jetzt an die Zukunft. Es ſtehen dieſem jungen Gentleman, oder denen, die ihm dienen und be⸗ hülflich ſein wollen, zwei Wege offen. Einmal kann er durch ein offenherziges und unbeſchränktes Geſtändniß über alle Umſtände des Komplottes, ſo weit ſie zu ſei⸗ ner Kenntniß gelangt ſind, über die darein verwickelten Perſonen, über ihre größere oder geringere Betheiligung an dem Unternehmen, nebſt genauen Zeit und Ortsan⸗ gaben, um Begnadigung für ſich einkommen— um eine Gnade, wobei ich, wie ich kaum zu ſagen brauche, allen meinen Einfluß aufbieten werde, um ſie für lihn auszuwirken, oder aber er geht für eine Zeit lang freiwillig ins Exil; er entzieht ſich der Aufmerkſamkeit der Regie⸗ rung, bis die Gefahr vollſtändig vorüber iſt, die poli⸗ 182 tiſche Erbitterung ſich gelegt hat und die Nothwendigkeit, ſtrenge Exempel zu ſtatuiren, nicht mehr ſo dringend iſt. Dieſen letztern Weg halte ich aus mehreren Grün⸗ den für den beſſern. Er erheiſcht kein Opfer des Stol⸗ zes oder der Ehre. Er gewinnt dadurch Sicherheit ohne ſeine Zukunft durch ein Verſprechen zu binden. Auch braucht die Abweſenheit nicht lange zu ſein; ein Jahr oder höchſtens zwei; es iſt wahrſcheinlich, daß die Re⸗ gierung, bei ihrer jetzigen Kenntniß von den Planen der Inſurgenten, die Ereigniſſe weder beſchleunigen noch nach Willkür aufhalten oder in die Länge ziehen kann. Ihr Verfahren in dieſer Hinſicht hängt von dem Rang und dem Einfluß derjenigen ab, die auf die eine oder andere Weiſe in ihre Hände fallen. Nach dem, was be⸗ reits geſchehen iſt, zu ſchließen, möchte ich es für wahr⸗ ſcheinlich erklären, daß ihre Abſicht iſt, zu warten, die Hoffnungen und den Muth der„Vereinigten Partei“ durch häufige Abtrünnigkeiten zu ſchwächen und zu bre⸗ chen, Mißtrauen und Argwohu unter ſie zu fäen und ſo mit Vermeidung der Nothwendigkeit des Blutvergießens durch langwierige Furcht die Rebellen zu ermüden. Wenn auch bei Andern, die durch Alter und Stellung eine bedeutendere Rolle in dieſen Planen ſpielten, eine längere Verbannung erfordert würde, um das Andenken an ihre Handlungen zu verwiſchen, ſo braucht Ihr jun⸗ ger Verwandter, zu deſſen Gunſten die Jugend und die Jugendhitze ſpricht, keine ſo lange Abweſenheit aus ſei⸗ nem Heimatland zu befürchten. „Vor allem jedoch bedenken Sie, daß keine Stunde zu verlieren iſt. Jeden Augenblick kann die Krone auf irgend eine neue Spur des Komplottes kommen, wo⸗ durch Maßregeln erhöhter Strenge hervorgerufen werden könnten. Die Proklamation, welche für die Habhaftwer⸗ dung von vier Perſonen, unter die auch Ihr Vetter ge⸗ hört, eine Belohnung ausſetzt, liegt bereits gedruckt im Secretariatsgebäude. In einer Stunde kann ſie an al⸗ len Ecken der Hauptſtadt paradiren, einen oder zwei Tage 183 ſpäter kann ſie den entfernteſten Winkel des Landes er⸗ reichen. Alsdann könnten alle Anſtrengungen von mei⸗ ner Seite, auch wenn ſie möglich wären, vergeblich ſein. Erwägen Sie dies wohl. Es handelt ſich nicht blos um eine Geldbuße oder auch um Gefängniß. Das Le⸗ ben ſelbſt ſteht auf dem Spiele, und zwar ein Leben, das, wenn es kraft der Geſetze genommen wird, einen großen Namen mit Schande und ein großes Haus mit Schimpf und Schmach brandmarken wird; denn es hat kein Kampf, kein Verſuch, keine kühne gefahrvolle That ſtattgefunden, die dem Hochverrath einen mildern An⸗ ſtrich geben könnten. Man hat blos Komplotte geſchmie⸗ det um fremden Beiſtand zu gewinnen; kein Selbſtver⸗ trauen, kein Patriotismus, der, wenn auch auf Irrwe⸗ gen begriffen, doch aufrichtig und männlich geweſen wäre. Erwägen Sie dies Alles und bedenfen Sie, daß ein in dieſer Sache geopfertes Leben kein Märtyrerthum hat, welches auf das mit dem Miſſethäter und Straßen⸗ rauber getheilte Grab ſeinen Glanz werfe. Vergeben Sie mir, wenn ich in der Wärme meines Eifers ein einziges Wort geſagt habe, das Sie beleidigen könnte. Ohne dieſe ſtarke Sprache würde ich ein Verräther an meinem eigenen Herzen ſein. Ich habe in Eile und ohne Zweifel hie und da unbedacht geſchrieben; aber die Aufrichtigkeit meiner Abſicht wird, im Fall die Unbeſonnenheit meines Eifers einer Rechtfertigung bedarf, zu meinen Gunſten ſprechen. Sie fragen vielleicht, warum ich eine ſo ſchwierige Auf⸗ gabe Ihnen zugemuthet— Warum ich Sie mit einer ſo ſchweren Verantwortlichkeit belaſtet habe? Meine Antwort iſt einfach die: Ich wagte es nicht, an den alten O'Donoghue über die Unbeſonnenheit ſeines Soh⸗ nes zu ſchreiben— hätte ich die Handlungen des jun⸗ gen Mannes angegriffen, ſo hätte ich dadurch allen Ein⸗ fluß auf den Alten verwirkt. Dann aber fragen Sie vielleicht, warum ich mich nicht an Sir Archibald ge⸗ wendet?. Aus dem einfachen Grunde, weil die Vorur⸗ 184 theile ſeines Landes zu ſtark in ihm ſind, als daß er Leute entſchuldigen könnte, die wegen ihrer reizbaren oder heftigen Naturen irren; nicht nur würde er ein zu ſtren⸗ ges Urtheil über Mark fällen, ſondern ſich auch ange⸗ legen ſein laſſen, dieſes Urtheil als eine Warnung dem jungen Herbert vorzuhalten, für den allein er ſich inte⸗ reſſirt. Ich erſuche Sie daher dringend— oder ſehe es als ausgemacht zwiſchen uns an, daß Sie dieſen Brief weder dem O'Donoghue noch ſeinem Schwager zeigen. Ich habe mich offen und aufrichtig gegen Sie ausgeſpro⸗ chen, aber in der ſtillen Ueberzeugung, daß mein Ver⸗ trauen nicht auf Andere ausgedehnt wird. In der Rolle, die ich übernommen habe, laufe ich bereits betraͤchtliche Gefahr. Wir leben in einer Periode, wo Lojalität nicht einmal verdächtigt werden darf; dennoch habe ich durch meine Freundſchaft gegen dieſen Jüngling die meinige aufs Spiel geſetzt. Ich ſchließe werthes Fräulein mit der Verſicherung, daß jede Gefahr, die ich laufe, ſo wie jede Angſt die ich fühle, reichlich entſchädigt werden wird, wenn ich nur weiß, daß Sie nicht unwürdig denken von William Hamsworth. Sir Archy ſtudirte dieſen Brief mit der Geduld und Sorgfalt die ein Anwalt einer Urkunde widmet. Er dachte über jeden Satz nach und überlegte reiflich jeden Aus⸗ druck. In ſeiner Jugend war es ſein Loos geweſen in ungewöhnlich ſchwierige Lagen geworfen zu werden, und dort hatte er ſich einen durchdringenden Scharffinn an⸗ geeignet, der, wie lange er auch unbenützt lag, doch nicht ganz vernachlaͤſſigt wurde; mit Hülfe dieſer Ei⸗ genſchaft zeigte ſich ihm Hamsworths Brief in einem ganz andern Lichte, als ſeiner Nichte Kate. Die Be⸗ kanntſchaft mit jedem Umſtande aus dem Leben Marks verrieth ein ängſtliches Weſen, das er weit entfernt war Motiven der Freundſchaft zuzuſchreiben. Sir Archy kannte gar wohl die gegenſeitige Abneigung die zwiſchen dieſen beiden Männern beſtand— wie ſollte er ſich alſo dieſen plötzlichen Wechſel von Hamsworth Seite erklä⸗ 185 ren?— Welchem wunderbaren Umſtande dieſes Intereſſe für Mark zuſchreiben? „Laßt uns,“ ſprach der alte Mann bei ſich ſelbſt, „laßt uns die Frucht ſehen, und dann können wir ein Urtheil über den Baum fällen. Wohin zielt denn eigent⸗ lich Hamsworths Wohlwollen?— Auf Schmach oder Verbannung? Dieß ſind die Bedingungen, die er ſtellt; dieß die Wechſelfälle, die ſeine Freundſchaft darbietet. Könnten ſie aber kein anderes Motiv haben als Freund⸗ ſchaft?— Könnten ſie nicht die Quelle von durchaus verſchiedenen Gefühlen ſeyn?— Welchen Gewinn mag er wohl von Mark's Verbannung erwarten?— Das iſt die Frage. Hofft er auf günſtigere Bedingungen von dem alten Mann für den kleinen Reſt des Gutes, der noch ihm gehört— oder iſt es blos die Hefe des alten Haſſes, die noch immer in ſeinem Herzen zehrt? — Oder“— und hier flammte ſein Auge, während ein neuer Gedanke ſein Gehirn durchzuckte—„oder hat er Mark im Verdacht, daß er eine Stelle in dem Herzen ſeines Bäschens einnehme, und iſt Eiferſucht die Quelle dieſer geheimnißvollen Gutmüthigkeit?“ Kaum war dieſer Verdacht in ſeiner Seele aufge⸗ ſtiegen, als er ſich alle Umſtände aus Hamsworth's neuerlichem Benehmen ins Gedächtniß rief— die An⸗ ſtrengungen, die er gemacht, um ſich ihrer günſtigen Aufmerkſamkeit zu empfehlen— alle ſeine Verſuche, um ſich bei Kate in Gunſt zu ſetzen— die großartigen Anſichten, die er in politiſchen Dingen heuchelte— ſeine großherzigen, weitreichenden Plane zur Verbeſſerung der Volkszuſtände. Daß ſein Benehmen ein erkünſteltes, daß ſeine Grundſätze nur vorübergehend angenommen waren, hatte der ſchlaue Schotte ſchon längſt geahnt; und dieſer Brief war weit entfernt, ſeine Zweifel zu verſcheuchen, ſondern erhöhte ſie um's zehnfache. Außer⸗ dem ſchien einiger Grund zu der Beſorgniß vorhanden, Kate möchte nicht ganz gleichgültig gegen ihn ſeyn. Die Ungleichheit der Jahre ſprach in ſo ferne zu ſeinen 186 Gunſten, als ſie ſich allerdings geſchmeichelt fühlen mußte durch die Aufmerkſamkeit eines Mannes, der ſo viel gereist war und ſo viel geſehen, der mit der Welt ſo vielfach verkehrt hatte, und in jeder Hinſicht als ein kompetenter Richter in Sachen des Geſchmacks gelten konnte. Jeder Vergleich zwiſchen ihm und Mark mußte zu großem Vortheil von erſterm ausſchlagen. Bei ſeiner gelehrten Bildung, bei ſeiner angenehmen Un⸗ terhaltungsgabe und ſeiner Feinheit im Umgang, war er ein gefährlicher Mitbewerber für den halbgebildeten, nachläſſigen Jüngling, deſſen mürriſches, ſchüchternes Weſen mehr auf üble Gemüthsſtimmung als auf Miß⸗ trauen zu deuten ſchien. Mark war ſich der Nachtheile, unter denen er litt, ſelbſt bewußt, und wenn auch Sir Archy wenig Beſorgniß hegte, daß ein ſolcher Bewun⸗ derer die Gunſt des muntern, launiſchen Mädchens ge⸗ winnen könnte, das in der Fremde gelernt hatte, geſelligen Eigenſchaften den höchſten Werth beizulegen, ſo war es doch möglich, daß Hamsworth eine andere Meinung hegte, und daß Eiferſ icht das große Geheimniß des ganzen Planes war. Kate, mit ihren zehntauſend Pfund Erb⸗ zins konnte ſehr leicht der Gegenſtand der Wünſche eines Hamsworth ſeyn; und nachdem er bereits einen ſo großen Theil des Familiengutes an ſich geriſſen hatte, konnte ihn eine ſolche Zugabe faſt zum Herrn des ganzen machen. Es war alſo ſehr leicht möglich, daß dieß ſeine Abſicht war, und daß er, wenn er Mark vom Schauplatz zu verdraͤngen ſuchte, ſowohl auf die Dankbarkeit rech⸗ nete, die ſeine Großmuth erzeugen würde, als auch ſeinen eigenen Erfolg ſich zu ſichern ſuchte. Während Sir Archy auf dieſe Art Hamsworth's Motive überlegte, verlor er keineswegs die dringende Gefahr Mark's aus den Augen. Es war offenbar, daß er an der Inſurrektionsbewegung thätigen Antheil ge⸗ nommen hatte, und zwar ohne die geringſten Vorſichts⸗ maßregeln für ſeine perſönliche Sicherheit. Seine erſte Sorge war daher, von ihm uͤber die volle Ausdehnung 187 ſeiner Gefahr ſich unterrichten zu laſſen, und ſich zu erkun⸗ digen, welche ſchriftliche oder andere Beweiſe zu ſeinem Nachtheil vorgebracht werden könnten. „Sage mir, Mark, offen und unverholen,“ ſprach er laut, indem er aufſtand und im Zimmer auf⸗ und abſchritt;„ſage mir offen, wie es mit Dir ſteht, wer Deine Verräther ſind, welche Gefahren Dich bedrohen, und ich ſtehe dafür, die Gefahr wird ſich abwenden laſien.“ „Ich bin gekommen, um Deinen Wunſch zu erfüllen,“ ſagte eine Stimme hinter ihm— und Mark O'Donoghue ſtand an der Thüre. Achtunddreißigſtes Kapitel. Ränke und Schwänke. Während diejenigen, die eine Invaſion in Irland beabſichtigten, von dem Zuſtand der Parteien und der öffentlichen Meinung in dieſem Königreich vollſtändig unterrichtet waren, gab ſich die engliſche Regierung mit vagen unzuverläſſigen Gerüchten über jene Abſichten zufrieden, die noch dazu aus zweifelhaften Quellen floſſen, oder durch Perſonen, die im Dienſt ihrer Gegner ſtan⸗ den, ausgeſprengt wurden. So viel iſt gewiß, man wür⸗ digte weder die Größe der Gefahr, noch ahnte man ihre Näahe. Viele Leute in England betrachteten das Ganze als eine Drohung, und glaubten, die Verlegenheiten des franzöſiſchen Direktoriums ſeien hinlänglich, um deſſen Gedanken ven Feindſeligkeiten gegen fremde Länder auf näher drohende Gefahren abzulenken. Ihr großer Mangel an Geld, Waffen und Munition war wohl bekannt und wurde als eine Bürgſchaft für den Frieden angeſehen. Andere dachten, es könne wohl ein raſcher Verſuch ge⸗ macht werden, aber ſie waren eben ſo überzeugt, daß er durch unſere Seemacht vereitelt werden müſſe, bevor 188 eine Landung bewerkſtelligt werden könne; und noch Andere glaubten, das Brüſten mit fremdem Beiſtand ſey nur eine Drohung der einheimiſchen Unzufriedenen, um Konzeſſionen zu erzwingen. Die Thatſachen ſelbſt ſollten zeigen, wie unbegründet alle dieſe Berechnungen waren, und wie wenig Ürſache wir hatten, zu wähnen, daß unſere Sicherheit auf unſern eigenen Vorſichtsmaß⸗ regeln beruhte. 4 Nach der Zuſammenſetzung der franzöſiſchen Re⸗ gierung jener Zeit wäre nichts leichter geweſen, als über ihre Plane vollſtändige Kenntniß zu bekommen. Die höchſtgeſtellten Männer waren erſt vor kurzem zur Gewalt gelangt und zwar aus ſehr untergeordneten Stellungen, ohne Gewandtheit in öffentlichen Geſchäften, ohne Erfahrungen in der Kunſt, ſchwierige Angelegen⸗ heiten zu leiten, und viele unter ihnen waren in Betreff der Rechtſchaffenheit von ſehr zweideutigem Charakter; und doch, trotz all dieſer für uns ſo günſtigen Bedingun⸗ gen, waren einzelne zerſtreute, ſchlecht begründete und vage Thatſachen alles, was unſere Regierung entdeckte; und auch dieſe blieben unberückſichtigt, außer wenn irgend ein verdächtiger Charakter in unſerm eigenen Lande darein verwickelt war; alsdann nahm allerdings der Parteihaß den Schein von ſtaatsmänniſcher Wachſamkeit an, und in Hochverrathsprozeſſen und offtziellen Denunziationen erblickte man die Schutzwaffen des Reiches. Bei Gelegenheiten dieſer Art war die Thätigkeit der Regierung äußerſt merkwürdig, und während die große Frage der Nationalſicherheit überſehen wurde, ſparte man keine Mühe, um den ſchmalen Pfad zu verfolgen, wo irgend ein unbedeutender Verrath angeſponnen wurde, um den Verſchwörer auf's Schaffot zu bringen. Unge⸗ heure Geldſummen wurden verſchwendet, um geheime Beweiſe aufzutreiben, und das ganze Wiſſen der Re⸗ gierung beſchrankte ſich auf ein Spionirſyſtem. Dieſe armſelige, engherzige Politik war großentheils die Folge von dem großen Vertrauen, das die Regierung auf die 189 Juriſten ſetzte, die, Alles durch die Brille ihres eigenen Standes betrachteten und die Sicherheit des Reiches auf den Erfolg eines Hochverrathsprozeſſes zu gründen ver⸗ meinten. Gerade in einem Augenblick, wo dieſe Lieblings⸗ politik im Schwange war, kam Hamsworth nach Dublin, ohne zu ahnen, in wie weit die dortigen Ereigniſſe die Kataſtrophe beförderten, an welcher er betheiligt war. Lanty Lawler, der lange Zeit Niemand, als Hamsworth, Mittheilungen über die Bewegung der„Vereinigten Partei“ gemacht hatte, war endlich wegen ſeiner eigenen Sicher⸗ heit beſorgt geworden; und da er, im Falle ihm irgend ein Unglück widerfahren ſollte, nur wenig Vertrauen auf Hamsworth's Ehrlichkeit ſetzte, hatte er dem Major Sirr alles, was er von dem Komplott wußte, mitge⸗ theilt, die Ramen verſchiedener darein verwickelter Per⸗ ſonen und beſonders die ganze Geſchichte von der Mit⸗ ſchuld Mark O'Donoghue's. Die Anzeige kam zu rechter Zeit. Die Kronanwälte wünſchten mit einem Staats⸗ prozeß zu paradiren und es wurden alle gewöhnlichen Maßregeln getroffen, um deſſen Erfolg zu ſichern. Lanty, jetzt ein Gefangener in Newgate, aber mit dem Ver⸗ ſprechen, daß man ihn auf freien Fuß ſetzen und beloh⸗ nen würde, war zu wiederholten Malen vom Staats⸗ anwalt verhört, und ſeine Ausſagen waren vollkommen richtig und konſequent gefunden worden. Er erzählte von den verſchiedenen Zuſammenkünften der Abgeordneten, denen er in Dublin beigewohnt— von den Botſchaften, die er von ihnen an verſchiedene Individuen im Lande erhalten und beſorgt hatte— von den Depots, wo Piken und Musketen aufgehäuft waren, und von den verſchiedenen Sammelpunkten, die man für den Fall des Aufſtandes beſtimmt hatte. Auch enthüllte er manche Thatſache in Betreff der unter dem Volke herrſchenden Stimmung und erläuterte den verwickelten Zuſtand der über das Land verbreiteten Meinung— wie z. B., daß Viele wegen der Zögerung entmuthigt und ermüdet ſeyen 190. und ſich von Frankreich betrogen glauben, während Andere vell Hoffnung und Zuverſicht ſeyen, geſpannt auf die nächſte Zukunft und bereit, ſich jeder Gefahr zu unterziehen. Wahrend er in allen dieſen Mitthei⸗ lungen äußerſt aufrichtig und umſtändlich war, verrieth er doch nie den Namen Mary MeKelly's und ſpielte auch nicht von ferne auf ihre Hütte als auf den Zu⸗ fluchtsort der franzöſiſchen Spione und die geheime Nie⸗ derlage von Waffen und Munition an. Möglich, daß bei der Schwärze ſeiner Verrätherei gegen Andere, dieſer einzige Funke beſſerer Empfindung gegen ſie fortlebte— daß in einem gegen jedes andere edle Gefuͤhl abgeſtumpften Herzen heimlich eine Liebe ſortglomm, oder vielleicht beherrſchte ihn das gemeinere Motiv, daß er durch ihre Rettung aus dem allgemeinen Verderben, ſich ſelbſt eine Perſon ſichern wollte, die als ſein Weib ihm einen nicht unbedeutenden Reichthum zubringen würde. Welche von dieſen Erklärungen ſeines Benehmens auch die rich⸗ tige iſt, ſeltſam bleibt es immer, daß die gemeinſten Handlungen zuweilen mit einem Ueberreſt von Gewiſſen begangen werden, das beweist, wie viel Sophiſtik die Schuld erſordert und wie ſehr es dem Geiſt des Böſen an Muth gebricht, wenn er ſeine Energie auch nur von dem Schein einer guten Sache zu borgen hat. Anfangs wagte Lanty nicht ohne Widerſtreben den Verrath gegen Mark O'Donoghue; auch wollte er ſich durchaus nicht darauf einlaſſen, bis ſeine eigene Sicher⸗ heit von Hamsworth bedroht und ihm zugleich ein feier⸗ liches Verſprechen gegeben war, daß er nie als Zeuge mit ihm konfrontirt und niemals vor der Welt als Verräther hingeſtellt werden ſolle. Dieß war der Name, den er am meiſten fürchtete— der einzige Vorwurf, der einigen Schrecken für ihn hatte. Allmälig jedoch, nach⸗ dem er Hamsworth ſo viele Mittheilungen gemacht, minderte ſich dieſer Schrecken, und dagegen ſtiegen ſeine Beſorgniſſe für die eigene Sicherheit. Hamsworth's Ab⸗ ſicht war, ihn glauben zu machen, daß dieſelbe blos 191 von ihm abhänge— daß er in jedem Augenblick Er⸗ öffnungen machen könne, die hinlänglich ſeyen, um ihn zu überweiſen— und dieß war das Band, wodurch er an einen Mann gefeſſelt war, den er aus ganzer Seele verabſcheute. Nach vielem Wanken und Schwanken ge⸗ ſchah es, daß ſich Lanty entſchloß, welche Folgen auch für ſeinen Ruf daraus entſpringen möchten, der Regie⸗ rung ein vollſtändiges Geſtändniß abzulegen und ſich nur ſein eigenes Leben auszubedingen. Hamsworth's Abweſenheit von Dublin bot die Gelegenheit dazu dar, und er ergriff ſie unverzüglich. Solcher Art war die Lage der Dinge, als Hamsworth die Hauptſtadt erreichte und erfuhr, daß ſein Agent Lanty ihm nicht mehr zur Verfügung ſtand, ſondern im Newgate⸗Gefängniß einge⸗ ſperrt, und daß ſtrenge Befehle gegeben waren, ohne beſondere Erlaubniß von Seite der Kronbeamten Nie⸗ mand zu ihm zu laſſen. Obgleich nun Hamsworth von den Mittheilungen, die Lanty machen konnte, für ſeine eigene Perſon wenig zu fürchten hatte, ſo konnten ſie doch alle ſeine argliſtigen Plane in Betreff der O'Do⸗ noghue'a durchkreuzen; das über dieſer Familie ſchwebende Schickſal war bis zum Augenblick vollfommen zu ſeiner eigenen Verfügung geſtanden, und es bildete den Haupt⸗ gegenſtand ſeiner Politik, daſſelbe zu verzögern oder zu beſchleunigen. Mark konnte, das wußte er wohl, nicht vor Gericht gezogen werden, ohne daß er ſelbſt in dem Lichte eines Feindes und Anklägers erſchien, da er die⸗ jenige Perſon war, welcher Lanty ſeine Mittheilungen urſprünglich gemacht hatte. Eine ſo feindſelige Rolle haͤtte ein unüberwindliches Hinderniß gegen jeden Erfolg bei Kate und demnach gegen ſeinen Hauptplan auf das Gut Glenflesk gebiloet. Hamssworth verlor nach ſeiner Ankunft in der Stadt keinen Augenblick, ſondern that ſogleich die nöthigen Schritte, um Erlaubniß zu einer Unterredung mit Lanty zu erhalten; und da er mit dem Sheriff auf dem Fuße alter Vertraulichkeit ſtand, überredete er ihn endlich, 192 ihm eine kurze Friſt zu einer Beſprechung zu bewilligen; eine Erlaubniß, die unter den gegebenen Umſtänden nur mit größtem Widerſtreben ertheilt wurde. Es war bald neun Uhr— die ſpäteſte Stunde, zu welcher Beſuche im Gefängniß geſtattet waren— als Hamsworth mit dem Schreiben des Sheriffs am Thore erſchien. Er wurde zugelaſſen, aber erſt nach einigem Verzuge, denn auch auf eine ſolche Autorität hin trug der Kerkermeiſter Bedenken von den ihm gegebenen Vorſchriften abzu⸗ weichen. Er folgte einige Minuten lang dem Schließer durch Gänge und über Höfe. Darauf erreichten ſie einen Winkel des Gebäudes, der zum Gewahrſam für diejenigen beſtimmt war, die von der Krone als Angeber gegen ihre frühern Freunde und Mitſchuldigen feſtge⸗ halten wurden. Manche von dieſen waren mehrere Monate lang im Kerker geweſen, da der Beweis, den ſie be⸗ kräftigen ſollten, zur Reife gediehen war; und da nicht wenige die Sicherheit eines Gefängniſſes den Gefahren vorzogen, denen ſie ſich als Verräther außerhalb der Kerkermauern ausgeſetzt hätten. Als ſie näher kamen, ließ ſich ein verworrenes Geräuſch von Stimmen und rauhem Gelächter vernehmen; der Schließer ſchlug ſeinen Bund Schlüſſel an eine ſchwere Thüre und rief:„Still da, ihr Burſchen, mit ſechs von euch hat man mehr zu ſchaffen, als mit allen verurtheilten Gefangenen,“ darauf wendete er ſich an Hamsworth und fügte mit leiſerer Stimme hinzu: „Dieſe Burſche erwartet eine Reiſe über die See— ſie haben ihr Zeugniß ſchon lange abgelegt und ſind jetzt nicht mehr nöthig. Der da mit der knarrenden Stimme iſt Cope, der Burſche, der den Pfarrer Jackſon verfolgte— aber hier, das iſt die Zelle Ihres Mannes — wir können Ihnen nicht mehr als eine Viertelſtunde geſtatten; verlieren Sie alſo keine Zeit.“ Hamsworth legte ſeine Hand auf den mit dem Schlüſſel ausgeſtreckten Arm des Schließers.„Noch eine Sekunde— wartet nur noch eine Sekunde,“ ſagte er, indem er ſeine Finger an die Stirne drückte und nachzudenken ſchien; darauf 193 fügte er hinzu:„Ja, das wird helfen— öffnet jetzt, und ich werde bereit ſeyn, mich zu entfernen, ſobald es Euch beliebt.“ Sey es, daß der Lärm draußen das Geräuſch er⸗ ſtickt hatte, oder daß ſeine Aufmerkſamkeit zu ſtark in Anſpruch genommen war, um Notiz davon zu nehmen, kurz, Lanty rührte ſich nicht und blickte nicht um, als die ſchwere Thüre geöffnet und hinter Hamsworth wieder zugeſchloſſen wurde. Er ſaß in einem Winkel des Fen⸗ ſters, ſein Geſicht war an die Eiſenſtangen gedrückt, und er belauſchte mit Intereſſe die Bewegung drunten auf der Straße, wo eine beträchtliche Anzahl von Menſchen vorüberging, die Augen empor nach der Front des Ge⸗ bäudes gerichtet, ohne daß es ihm jedoch möglich ge⸗ weſen wäre, irgend etwas davon zu ſehen. Hamsworth blieb einige Minuten ſtehen und betrachtete ihn, ohne zu ſprechen— er ſchien die im Gehirn des Andern auf⸗ tauchenden Gedanken gleichſam zu berechnen— darauf ſchritt er ſachte auf Lawler zu, legte die Hand auf ſeine Schulter und ſprach: „Ja, Lanty, das iſt der Lohn, den ſie erhalten. Zwei von ihnen ſollen morgen fortgeſchafft werden.“ „Zwei von welchen, Sir?“ fragte Lanty, der bei der Stimme ſo erſchrack, daß ſein Geſicht todtenblaß wurde. 1 „Ich dachte, Sie wüßten es bereits!“ ſagte Hams⸗ worth mit erheucheltem Staunen;„es ſind die Angeber gegen Bond. Die Regierung hat die Schurken jetzt nicht mehr nöthig, und es erſpart Koſten, wenn man ſie hängt; ſte wurden daher eines bei Sallins im letzten März be⸗ gangenen Mordes angeklagt. Ich höre, daß ſie nicht dabei waren; aber das thut nichts, ſie ſind außerdem ſchwer genug gravirt.“ „Aber, Mr. Hamsworth, ſie werden doch ihre eigenen Freunde nicht ſo behandeln?“ „Warum nicht, Lanty? Sie kennen die Leute noch Lever, O'Donoghue. I. 4 13 194 nicht ſo gut, wie ich. Schurken glauben ſie wenig Treue ſchuldig zu ſeyn, am wenigſten ſolchen Schurken, die ſo thöricht waren, ſich fangen zu laſſen; aber ich darf keine Zeit verlieren; gerade dies iſt die Urſache mei⸗ nes Hierſeyns. Ich hörte dieſen Abend, in welcher Klemme Sie ſich befinden.“ „Ich in einer Klemme!“ rief Lanty, während ſeine Augen vor Schrecken weiter wurden. „Allerdings, und zwar in einer hölliſch gefährlichen Klemme, mein Freund; haben Sie nicht bei dem Staats⸗ anwalt Ausſagen gegen den jungen O'Donoghue abge⸗ geben?“ Lanty nickte, und Hamsworth fuhr fort— „Haben Sie nicht das ganze Komplott eingeſtanden und alles ausführlich erzählt?“ „So ziemlich, allerdings!“ erwiederte Lanty, indem er den Kopf ſenkte und ſeußzte. „Und was erwarten Sie dadurch zu gewinnen, Mr. Lanty? Hoffen Sie eine Belohnung zu gewinnen, wenn Sie zeigen, daß Sie ihnen zu nichts mehr nütze ſind — daß nichts mehr in Ihnen ſteckt? Sind die Leute von der Regierung um Ibrer Familie und Freunde willen ſo zärtlich gegen Sie, oder vielleicht wegen Ihrer aus⸗ gezeichneten Ehrlichkeit?“ Hierauf brach er dieſen höh⸗ niſchen Ton ab und fügte mit langſamer, feierlicher Stimme hinzu:„Sind Sie verrückt, mein Herr?— oder ſehen Sie nicht ein, in welche Gefahr Sie ſich ſelbſt ſtürzen? Worauf können Sie ſich berufen, wenn die Unterſuchung des jungen O'Donoghue's vorüber iſt? Die Kronanwälte werden Sie in der Zeugenloge be⸗ halten, bis Sie ausgepreßt ſind. Der Teufel hole mich, wenn ein Tropfen in Ihnen bleibt; und wenn ſie ſagen: „Tretet ab,“ ſo nehmen Sie mein Wort darauf, Sie werden in allem Ernſte abtreten; und nichts auf der Welt wäre im Stande, Sie wieder zurückzubringen.“ „Hamsworth ſchwieg einige Sekunden, um ihm Zeit 195⁵ zu laſſen, die Worte zu beherzigen; darauf fuhr er ort— f„So lange Sie mir vertraut haben, waren Sie ſicher. Ich hatte Sie nie einem öffentlichen Gerichts⸗ verfahren preisgegeben.“ „Nein, Sir, das will auch der Staatsanwalt nicht. Er ſagte, man wünſche weiter nichts von mir, als eine eidliche Ausſage.“ „Und Sie haben dieſelbe gegeben!“ rief Hamsworth in einem Tone übel verhehlter Aengſtlichkeit. „Noch nicht ſo ganz, Sir,“ erwiederte Lanty mit einem Lächeln ſchlauer Bosheit.„Ich habe eine Ab⸗ ſchrift von ihnen verlangt, um ſie zu leſen, bevor ich unterſchreiben würde, und ſie haben mir eine gegeben“ — hier zog er aus ſeiner Bruſttaſche eine Rolle Papier hervor und zeigte ſie Hamsworth—„morgen ſoll ich ſie mit meiner Unterſchrift zurückgeben.“ „Die Herren haben ein geſchicktes Spiel mit Ihnen getrieben, Lanty,“ ſagte Hamsworth, während er gleich⸗ gültig das Papier öffnete und ſich das Anſehen gab, als widme er demſelben keine Aufmerkſamkeit.„Die Advo⸗ katen haben Sie geſchickt in die Falle gelockt; und für⸗ wahr, früher habe ich Sie immer für einen geſcheiten Burſchen gehalten. Ihr Beweis, ſo lange er noch in Ihren eigenen Händen lag, war fünftauſend Pfund werth; aber jetzt, da man Ihr Geheimniß kennt, möchte ich keine fünf für Ihre Ausſicht auf ein glüͤckliches Ent⸗ kommen geben.“. „Was würden Sie dazu ſagen, wenn man mein Ge⸗ heimniß noch gar nicht wüßte?“ erwiederte Lanty mit einem Blicke unverſchämter Zudringlichkeit, den er bis⸗ her noch nie gewagt hatte.„Was würden Sie dazu ſagen, wenn der wichtigſte Theil meines Zeugniſſes erſt noch abzulegen wäre, wenn ich Sie verſichere, daß ich noch kein Wort ſagte über das franzöſiſche Fahrzeug, das die Musketen in Glengariff⸗Bai landete, und in der 13 196 gleichen Nacht in Ihrem eigenen Haus zwei Pipen Wein zurückließ?“ „Ah! ein ſolches Spiel möchten Sie treiben, wirk⸗ lich?“ fragte Hamsworth mit einem Lächeln tödtlicher Bosheit;„aber auf dieſen Fall bin ich ſchon vorbereitet, mein ehrenwerther Lanty. Ueber dieſen Gegenſtand habe ich bereits die Anzeige gemacht. Sie ahnen vermuthlich nicht, daß ich jenen Burſchen meinen Schutz als Lock⸗ ſpeiſe gegeben habe. Nein, gewiß nicht!— aber ich benutzte ſie zu demſelben Beweiſe, der ſie jeden Tag überführen kann;— ja, und auch Sie, mein Herr; Sie, einen bezahlten Spion Frankreichs, ein beeidigtes Mitglied der Vereinigten Irlander, der achtzehn Sol⸗ daten von der Roscommon⸗Miliz den Eid abgenommen hat und in dieſem Augenblick durch einen unterzeichneten Vertrag verpflichtet iſt, für eine Abtheilung franzöſiſcher Cavallerie bei ihrer Landung hier in Irland Pferde zu liefern. Sind dies Thatſachen, Mr. Lanty, oder bloße Phantaſieſpiele?“ „Ich bin ein Zeuge für die Krone,“ erwiederte Lawler trotzig,„und wenn ich alles ſage, was ich weiß⸗ ſo ſind ſie verpflichtet, mich zu ſchützen.“ „Wer ſoll ſie denn dazu verpflichten?“ fragte Hams⸗ worth in höhniſchem Tone,„etwa Ihre Freunde, die Vereinigten Irländer, die durch Sie verrathen worden? — Sollen dieſe vielleicht über Ihr koſtbares Leben wa⸗ chen?— Oder meinen Sie, Sie hätten ſtäͤrkere An⸗ ſprüche bei der andern Partei, deren Ermordung blos Sie beſchworen haben? Woher ſoll die Sympathie und der Schutz kommen? Sagen Sie mir das, denn ich bin neugierig, es zu wiſſen.“ Lanty warf einen wilden Blick auf ihn— ſeine Augäpfel ſtarrten und ſeine Unterlippe zuckte krampfhaft, während ſich ſeine Hände feſt zuſammenballten. Hams⸗ worth beobachtete dieſe Spuren von wachſendem Zorn, ohne daß er ſie jedoch zu beachten ſchien, als der Schlüſſel ranh im Schloſſe knarrte, die Thüre ſich öff⸗ 197 nete und der Schließer mit einem rohen Verſuche zu lachen, ausrief— „Die Zeit iſt herum, ich muß Sie fortſchicken, Sir.“ „Eine kurze Friſt,“ ſagte Hamsworth, den rohen Scherz luſtig aufnehmend, und drückte dem Burſchen ſeine Börſe in die Hand. „Vermuthlich, um Familien⸗Angelegenheiten in's Reine zu bringen,“ ſagte der Schließer, indem er ſich mit grinſendem Lächeln zurückzog und die Thüre noch einmal ſchloß. Die hier beſchriebene Unterbrechung ſchien Hams⸗ worth eine günſtige Gelegenheit darzubieten, der Unter⸗ redung eine freundliche Wendung zu geben, denn mit veränderter Stimme und einem Blick geſchickt erheuchelter Freundſchaft ſagte er— „Ich habe meine Augenblicke hier unnütz verſtreichen laſſen, Lanty. Ich bin gekommen, um Ihnen einen Freundſchaftsdienſt zu erzeigen, nicht um ärgerliche Worte mit Ihnen zu wechſeln. Wäre ich in Dublin geweſen, ſo bin ich überzeugt, Sie wären nie in dieſe gefhrliche Lage gerathen. Laſſen Sie uns ſehen, wie am Beſten daraus zu entrinnen iſt. Dieſe Ausſagen— ich ſehe, ſie beſchränken ſich alle auf das Treiben des jungen ODonoghue— haben keinen Werth, ſo lange ſie nicht von Ihnen unterzeichnet ſind. Sie gelten als nicht ab⸗ gegeben. Wenn Sie daher feſt entſchloſſen ſind, ſie nicht zu unterzeichnen, ſo brauchen Sie keinen Grund dafür anzugeben, ſondern nur, wenn Sie gefragt werden, ſich einfach zu weigern. Thun Sie dies, dann iſt alles gut.“ „Kann man mich nicht deportiren,“ fragte Lanty mit ſchwacher Stimme, aber mit einem Tone, der ver⸗ rieth, welches unbedingte Vertrauen er auf Hamsworths Antwort ſetzte. „Sie werden damit drohen, und noch mit ſchlim⸗ mern Dingen; aber geben Sie nur nicht nach; es liegt nichts gegen Sie vor, als Ihr eigenes Zeugniß. Wenn die Zeit kömmt— geben Sie acht, ich ſage, wenn die 198 Zeit kömmt— iſt Ihr Zeugniß fünftauſend Pfund werth; aber jetzt wird dadurch nichts anderes bezweckt, als daß der junge O'Donoghue überwieſen und alle Andern ge⸗ warnt werden. Ich glaube nicht, daß dies Ihr Wunſch iſt; der junge Menſch hat Ihnen nie etwas zu Leide ge⸗ than.“ „Nie,“ ſagte Lanty, vor Scham ſeinen Kopf ſen⸗ kend, denn ſelbſt in der Nähe eines ſolchen Menſchen quälte ihn ſein Gewiſſen. „Sehr wohl— es dient zu nichts, ihn in Verle⸗ genheit zu bringen. Befolgen Sie Ihren eigenen Rath, dann wird alles gut gehen.“ „Ich beſinne mich ſo eben auf einen Plan, von dem ich mir einbilde, daß er nicht ohne gute Wirkung ſeyn wird,“ erwiederte Lanty nachdenkend.„Morgen früh ſoll ich Vater Kearmey, den Prieſter von Luke's Kapelle ſehen— er wird kommen, um meine Beichte zu hören. Gut, wenn der Staatsanwalt und die andern kommen und meine Unterſchrift verlangen, ſo werde ich ohne weiteres ſagen, daß ich mich nicht unterzeichne. Ich werde nicht ſagen, warum— es wird kein anderes Wort über meine Lippen gehen, als: ‚ich thu's nicht“. Sie werden ſogleich meinen, der Prieſter habe mich da⸗ gegen aufgehetzt. Ich weiß wohl, was ſie ſagen werden: Vater Kearmey habe mir ein Gelübde aufgelegt; das mögen ſie immerhin. Ihn werden ſie ſchwerlich bewegen, viel darüber zu ſagen, und daß ſie von mir nicht zuviel erfahren, dafür will ich ſchon ſorgen. „Dieſer Gedanke war Ihrer würdig, Lanty,“ ſagte Hamsworth lachend,„aber hüten Sie ſich, daß Sie nicht von Ihrem Entſchluß abweichen. Bedenken Sie, daß keine Anklage gegen Sie vorliegt, kein Wort, keine Silbe von einem Zeugniß. Natürlich wird man Sie mit den ſchlimmſten Folgen bedrohen. Man wird von Anklagen wegen Meineid u. dgl. ſprechen. Laſſen Sie ſich das nicht kümmern— warten Sie geduldig Ihre Zeit ab. Wenn die Stunde kömmt, ſo will ich Ihre Sache füh⸗ 7 199 ren, und es wird nicht blos das Zeugniß gegen ein Individuum, ſondern die Entdeckung eines großen Kom⸗ plottes von Rebellen ſeyn, wofür man Sie bezahlen muß. Cockayne erhielt viertauſend Pfund und volle Be⸗ gnadigung. Ihre Dienſte werden weit mehr gelten.“ „Wenn Sie nich nicht öffentlich vor dem Gerichts⸗ hof vorbringen werden,“ ſagte Lanty furchtſam,„ſo ver⸗ ſtehe ich mich zu allem, was Sie wollen.“ „Aus eben dieſem Grunde müſſen Sie meinen Rath befolgen. Da höre ich jetzt, daß der Kerl im Begriff iſt, für die Nacht zuzuſchließen, und ich muß mich ent⸗ fernen. Sie brauchen vielleicht dann und wann etwas Geld. Ich werde Mittel ſuchen, Ihnen zu ſchicken, ſo 3 Sie bedürfen. Einſtweilen genügen vielleicht zehn Pfund.“ Lanty nahm das Geld mit Beſchäamung und Be⸗ ſtürzung. Er merkte, daß es mehr eine Beſtechung als ein Geſchenk war, und er bemaß die von ihm erwar⸗ teten Dienſte nach dem Preis, den ſie koſteten. Die Gegenwart des Schließers geſtattete keine Fortſetzung des Geſpräches, und ſo ſchieden ſie mit beiderſeitigem Ver⸗ dacht und Mißtrauen, da Jeder berechnete, in wie weit das Eigenintereſſe ausgebeutet werden könnte, um die Handlungen des Andern zu leiten. „Ich bin ſeiner kaum ſicher,“ ſagte Hamsworth, indem er langſam nach ſeinem Hotel zurückkehrte.„Sie werden nichts unterlaſſen, um ihn ſo lange zu ängſtigen, bis er die Ausſagen unterzeichnet, und wenn der Prozeß weiter geht und der junge O'Donoghue überwieſen wird, ſo zerplatzt das Komplott. Die Andern werden entrin⸗ nen, und alle meine lang entworfenen Mittheilungen an die Regierung werden nutzlos. Außerdem mißlingt mir ein Plan von höherer Bedeutung. Wenn ich eine Hei⸗ rat zwiſchen Travers und dem Mädchen hinderte, ſo iſt dies von wenig Belang, wenn ich ſie nicht zu meinem eigenen Weibe machen kann; aber doch mußte jene Ver⸗ hindung in jeder Hinſicht vereitelt werden. Sonſt wären 200 die Travers hieher auf denſelben Fleck verpflanzt worden, den ich für mich ſelbſt beſtimme. Nein, nein. Ich muß Sorge treffen, daß ſie Irland nie mehr ſehen. In der That, dieſe Vereitelung der Heirat wird ſich als ſtarkes Hinderniß gegen ihre Rückkehr bewähren. So muſterte er ſeine Plane, indem er ſich zuweilen zu dem Erfolg der Vergangenheit Glück wünſchte, zuweilen wegen der Zukunft ängſtigte, aber immer mit Vertrauen auf die Geſchicklichkeit ſeiner eigenen Unterhandlungen ſich ver⸗ ließ— auf einen Erfindungsgeiſt, der ihm in ſeinen Schwierigkeiten noch nie verſagt hatte. Der nächſte Tag war die für Lantys Schlußverhör beſtimmte Zeit, wo er ſeine Ausſagen unterſchreiben ſollte. Hamsworth lungerte auf dem Schloſſe in einer Amtsſtube herum, wo die Morgenneuigkeiten beſprochen wurden, und harrte mit ängſtlicher Neugierde auf die Nachricht, wie ſein Schützling ſich benommen babe. Während die Schreiber und Unterbeamte über den Anzug oder die Equipage der Gerichtsperſonen ſich unterhielten, die dann und wann nach dem Park zufuhren, belauſchte Hamsworth, der ſich ſtellte, als ſey er in ein Morgen⸗ blatt vertieft, eine Bemerkung nach der andern— „Der Gerichtshof hat es heute mit einem rechten Teufel zu thun. Der Burſche, den man, wie es ſcheint, als Zeugen gegen Coyle und M'Nevin und Conſorten in Newgate aufbewahrt hatte, weigert ſich jetzt, ſeine Ausſagen zu beſtätigen. Sie haben guten Grund, zu glauben, daß alles, was er ſagte, wahr iſt; aber ſie können ohne ihn nicht weiter gehen.“ „Was ſoll das heißen? Er war doch geſtern voll⸗ kommen bereit dazu.“ „Es heißt, ein Prieſter aus Luke's Kapelle ſey dieſen Morgen bei ihm geweſen und habe ihm bei Strafe mit einer gewiſſen Anzahl von Flüchen und Verwünſchungen im Falle des Ungehorſams verboten, gegen die Verei⸗ nigten Irländer auch nur eine Silbe anzugeben.“ „Sie können ihn jedoch dazu zwingen. Erinnern 201 Sie ſich nicht, daß Cockayne in der Jackſon'ſchen Sache ſich eben ſo benahm, worauf man ihn in Cord Clon⸗ mels Haus brachte und dort unterzeichnen ließ.“ „Dies geſchah, aber daſſelbe Spiel wird nicht zum zweiten Mal vorkommen. Curran brachte es durch Kreuz⸗ und Querfragen heraus und wies nach, daß der Zeuge von den Kronbeamten durch Androhung von übeln Folgen für ihn ſelbſt als Mitſchuldigen eingeſchüchtert ward, ſo daß ſich die Jury ganz zu Gunſten Jackſons entſchied.“ 4 Mehr wollte Hamsworth nicht hören. Die wichtige Thatſache, daß Lanty feſtgeblieben, war alles, um das er ſich kümmerte, und nach einigen zufälligen Bemer⸗ kungen über die Morgenblätter ſchlenderte er fort mit der trägen Gleichgültigkeit eines Müſſiggängers. Neununddreißigſtes Kapitel. Die Brüder. Unter die unerklärten Erſcheinungen jener Zeit ge⸗ hört ein ſehr merkwürdiger und ohne Zweifel wichtiger Umſtand— die Schläfrigkeit oder Ruhe in den Be⸗ wegungen der Vereinigten Irländer, die im ganzen Som⸗ mer und Herbſt des Jahres 1796 ſichtbar war. Der Frühling hatte ſich mit hohen Hoffnungen und zuver⸗ ſichtlichen Erwartungen eröffnet. Tone's Briefe aus Paris athmeten Aufmunterungen; die Verlegenheiten Englands waren gute Vorbedeutungen für ihre Sache; und Manche, die vorher gewankt hatten, fanden ſich jetzt zu jeder Unternehmung bereit. Auf dieſe glühen⸗ den Gefühle folgte eine Zwiſchenzeit des Zweifels und der Unruhe; widerſprechende Nachrichten waren im uUm⸗ 8 lauf, und die Gemüther der Menſchen waren beſtürzt, ohne daß eine Urſache ſichtbar war. Eine vage Furcht. 20⁰2 vor Angeberei und Verrath machte ſich geltend, und doch war Niemand im Stande, dieſe Furcht aus einer beſtimmten Quelle abzuleiten. Das Reſultat zeigte ſich jedoch in der größern Vorſicht bei Allem, was das Unternehmen betraf— in einer Zurückhaltung, die eine gänzliche Aufgebung des Planes befürchten ließ; ſo we⸗ nigſtens kam es denjenigen vor, die gleich Mark O'Do⸗ noghue wenig oder keine Gelegenheit zu einem Verkehr mit den Häuptern hatten, und geneigt waren, ſich von der Oberfläche der Ereigniſſe beherrſchen zu laſſen. Was ihn anbetraf, ſo hatte ſeine Korreſpondenz mit Lanty's Verrath aufgehört. Er kannte weder die wahren Na⸗ men, noch die Adreſſen derjenigen, an die er früher ge⸗ ſchrieben, und hatte keinen einzigen Bekannten, bei dem er ſich nach Rath und Beiſtand hätte umſehen können. Alle Bemühungen Sir Archy's, ſein Vertrauen zu gewinnen, waren vergeblich. Nicht etwa, weil Mark in ſeine Klugheit oder Treue Mißtrauen geſetzt hätte, ſondern weil er ſein Geheimniß als ein heiliges Ver⸗ mächtniß betrachtete, wobei die Ehre Anderer betheiligt ſey; und bei aller Neigung, ſich Raths zu erholen, wollte er ihre Sicherheit doch nicht um ſeines eigenen Vortheils willen gefährden. Unfähig, durch Bitten das Geheimniß zu entlocken, und wohl wiſſend, wie wenig durch Drohungen auszurichten war, entſagte Sir Archy jedem weitern Verſuche und begnügte ſich damit, Mark den Brief Hamsworths zu übergeben, nicht ohne ſeine eigenen Zweifel über die Unbeſcholtenheit des Schreibers anzudeuten. 8 Mark ſetzte ſich im Garten hin, um den Brief zu ſtudiren; und ſo ſorgfältig er auch abgefaßt war, ſo verrieth ihm doch die aus ſeinem eigenen Leben ge⸗ ſchöpfte Erfahrung bei jeder Zeile die Unehrlichkeit des Schreibers. „Ich ſtehe ſeinen Planen im Wege— meine An⸗ weſenheit hier ſcheint ſeine Abſichten zu durchkreuzen,“ ſagte er, indem er das Papier zuſammenfaltete.„Ich 203 muß auf jede Gefahr hin bleiben; auch iſt nicht viel Gefahr vorhanden, ſo lange ich meine Wanderungen auf dieſe großen Gebirge beſchränke— wer mich hier fangen will, muß kühner ſeyn als Hamsworth.“ Geleitet von dieſem Einen Entſchluß, und in der Hoffnung, daß die Zeit einige von den ihn umgebenden Geheimniſſen aufklären würde, wartete Mark zu, wie Männer ein Ereigniß abwarten, das ihre Kräfte oder ihren Muth zu irgend einer außergewöhnlichen An⸗ rengung aufrufen wird. Dieſelben Schläge des Schick⸗ lals, die ihm Mißtrauen eingeflößt, hatten ihm auch Geduld eingepflanzt; aber es war die Geduld des india⸗ niſchen Kriegers, der Tage lang im Verſteck lauert, bis der Augenblick der Rache gekommen iſt. Und während er auf dieſe Art Andern ganz verändert vorkam, nicht mehr ſo leicht von heftigen Anregungen beherrſcht oder von Zorn fortgeriſſen, wurden die zurückgedrängten Lei⸗ denſchaften durch den Druck nur um ſo mehr konzentrirt. Er miſchte ſich wenig unter die Uebrigen, zeigte ſich ſelten, außer bei Mahlzeiten, und nahm alsdann nur wenig Antheil an der gemeinſchaftlichen Unterhaltung. Er entfernte ſich nicht, wie früher, ganze Tage oder Wochen lang von der Heimat, ſondern brachte ſeine Zeit meiſtens in ſeinem eigenen Zimmer zu, wo er Stunden lang las und ſchrieb— eine ſeltſame und ungewöhn⸗ liche Lebensweiſe für einen Menſchen, der nie ein an⸗ ddeeres Vergnügen geſucht oder gefunden hatte, außer in den Beſchwerden der Jagd. Auch ſein Benehmen war nicht mehr das gleiche. Ruhiger und geſetzter als zu⸗ vor, ließ er weder augenblickliche Ausbrüche des Ueber⸗ muthes noch der Niedergeſchlagenheit auffkommen. Die⸗ Stimmung ſeiner Seele war freilich eine traurige, aber es war die Traurigkeit, die eben ſo gut Kraft und Be⸗ harrlichkeit, als den Schmerz des Leidens verrieth. Die veränderten Züge ſeines Charakters prägten ſich allen einen Handlungen ein; und in ſeinem Benehmen lag ine Ruhe und eine Sanftmuth, die ſeinem frühern 20⁰4 rauhen, abſtoßenden Weſen gänzlich fremd war. Auf Niemand machten dieſe Dinge einen ſo großen Eindruck, als auf Kate; ihr weiblicher Takt befähigte ſie, dieſelben aus einem andern und richtigern Standpunkt zu betrach⸗ ten, als die Uebrigen. Sie ſah, daß eine gewaltige Veränderung in ihm vorgegangen war: daß nicht ge⸗ täuſchte Erwartungen, nicht vereitelter Ehrgeiz dieß be⸗ wirkt haben konnten: eben ſo wenig konnte ſig es irgend einem Gefühl gegen ſie ſelbſt zuſchreiben, denn er war nie kälter und zurückhaltender als jetzt. Sie errieth alſo ganz richtig, daß es der erſte Schritt einer von ihren eigenen ſtarken Leidenſchaften gefeſſelten Seele zur Freiheit war. Es war der erſte energiſche Freiheits⸗ kampf eines kühnen muthigen Geiſtes, der endlich die niederſchlagenden Einflüſſe eines mißleiteten Ehrgeizes fühlen lernte. Wie glühend wünſchte ſie jetzt, daß ihm irgend eine Laufbahn, irgend ein großer Lebenspfad offen ſtehen möchte: ſie fürchtete weder deren Gefahren noch ihre Prüfungen— ſeine Natur flößte eher alles andere, als Furcht ein. Wie traurig war der Gedanke, daß eine Energie gleich der ſeinigen aus Mangel an Gelegenheit, ihren Glanz zu entwickeln, dahinſchwinden, verflackern und erſterben ſollte! Sie konnte nicht umhin, dieſe Gedanken Sir Archy mitzutheilen, der ſeit einiger Zeit die zunehmende Veränderung in dem Benehmen des Jünglings beobachtet hatte. Der alte Mann horchte ihren Worten mit Aufmerkſamkeit, und ſein glänzendes Auge, ſo wie ſeine hochrothe Wange zeigten, wie ihre mädchenhafte Begeiſterung ihn bewegte; es tauchte ſo manche Erinnerung an die Vergangenheit vor ihm auf, und ſeine Stimme zitterte, als er ſprach— „Ach, mein ſüßes Mädchen, die Welt bietet wenige Gelegenheiten gleich denen, von welchen Sie ſprechen, dar, und unſer politiſcher Zuſtand verwirft ſie gänzlich. Das Land, das in ſicherm Frieden leben will, darf den kühnen Planen jugendlicher Energie nur wenig Auf⸗ munterung geben. Höher ſind die Belohnungen deſſen, 2⁰⁵ der ſich einen wohlbetretenen und ausgeebneten Pfad wählt, und durch Gewerbſamkeit oder höhere Geſchick⸗ lichkeit diejenigen zu übertreffen ſucht, welche den glei⸗ chen Pfad einſchlagen. Die Talente, die man ſchätzt, ſind diejenigen, die zu irgend einem Zwecke des alltäg⸗ lichen Lebens brauchbar ſind. Gaben, welche die Menſch⸗ heit weiſer und glücklicher machen, nur ſolche bringen Ruhm und Ehre; während der meteorähnliche Glanz des bloßen Heroismus nur vorübergehende Bewunderung erregen kann.“ „Sie mißkennen Mark, mein theurer Oheim— Sie unterſchätzen die in ſeinem Charakter vorgegangene Veränderung. Es fehlt ihm nicht an Fähigkeit, wenn er ſich nur mehr darauf verlaſſen wollte, als auf die zufälligen Launen des Glückes. Wenn nur Herbert hier wäre—“ „Herbert kommt heute Nacht nach Hauſe. Ich hatte im Sinne, der Ueberraſchung halber mein Ge⸗ heimniß zu bewahren, aber Sie haben es mir ent⸗ riſſen.“ „Herbert kommt heim! O, wie glücklich machen Sie mich! Die Brüder wieder beiſammen— wie ſehr kann einer dem andern nützen! Nein, Oheim, Sie dür⸗ fen nicht ſo lächeln. Wenn auch Herbert in den Vor⸗ theilen, die durch Erziehung und Studium gewonnen werden, den Vorrang behauptet, ſo beſitzt doch Mark die Gaben der Entſchiedenheit und Entſchloſſenheit, die mit eben ſo viel Zuverſicht auf Erfolg rechnen können. Aber hier kommt er— darf ich ihm nichts von Her⸗ berts Ankunft ſagen?“ 3 Sir Archy nickte lächelnd, und das glückliche Mädchen war im nächſten Augenblick an der Seite Marks, dem es mit Entzücken die fröhliche Nachricht mittheilte. MNark hörte ſie mit Vergnügen an. Jede kleine Eiferſucht, die er einſt wegen höherer Kenntniſſe, als er ſelbſt beſaß, empfunden, war ſchon lange einem beſ⸗ 2⁰6 ſern und brüderlichern Gefühle gewichen, und er ſehnte ſich, ihn zu ſehen und ſich wieder mit ihm zu unter⸗ halten. 4 „Und doch, Kate, wie ganz anders mag er ſeyn als früher? Wer kann ſagen, welche Veränderungen die Zeit in ihm bewirkt hat?“ „Solche Veränderungen ſind nicht immer Ver⸗ ſchlimmerungen, Mark, ſagte Kate furchtſam, denn ſie fühlte, wie die Anſpielung aufgenommen werden konnte. Ein leichtes Roth färbte Marks Wangen, und ſein Auge ward von einem Blick der Wonne verklart. Er fühlte die Schmeichelei in ihrer ganzen Kraſt, getraute ſich aber nicht zu antworten. „Ich bin begierig,“ ſagte er nach einer längeren Pauſe—„ich bin begierig, was Herbert fuhlen mag, wenn er unſer wildes Thal wieder ſieht. Werden dieſe rieſenhaften Felſen und kühnen Schluchten in ſeinem Herzen die gleichen Sympathien erregen wie ſonſt; oder werden die Sitten des Lebens, das er verlaſſen hat, noch an ihm haften, und ihm dieſe Größe blos als Ein⸗ öde erſcheinen laſſen?“ „Sie haben gewiß nicht ſo gefühlt, Mark?“ ſagte Kate, indem fie einen Blick liebevoller Theilnahme auf ihn richtete. „Ich?— Ich hätte ſo denken ſollen? Nein! Dieß Thal war mir ein Ort der Ruhe— ein lang erſehnter Hafen. Ich kam nicht hieher aus der muntern und glänzenden, an Bezauberungen und Vergnügungen rei⸗ chen Welt. Ich hatte nicht unter den Großen und Ge⸗ lehrten gelebt, und nicht gehört, welche Geringſchätzung ſie gegen unſer armes Land hegen. Ich bin hieher ge⸗ kommen gleich dem Seemanne, deſſen Barke vom Sturm zerſchmettert und von den Winden umhergepeitſcht zurück⸗ treibt, unfähig der Fluth zu widerſtehen. Ja, ſchiff⸗ brüchig in allen Dingen.“ „Herbert, Herbert!“ rief Kate. Im gleichen Augenblick lenkte eine in vollem Ga⸗ 207 lopp daherfahrende Kutſche von der Straße in den Fahr⸗ weg gegen das Haus zu ein. Der Jüngling erblickte die Geſtalten in dem Garten, riß die Thüre auf, ſprang heraus und ſtürzte auf ſie zu. „Meine theure, theure Kate,“ war ſein erſter Aus⸗ ruf, indem er ſie zärtlich küßte; darauf rief er in einem Tone unbegränzten Erſtaunens—„welch ein hübſcher Kerl Du geworden biſt, Mark!“ Und die beiden Brü⸗ der lagen einander in den Armen. Das Geſühl, das ihm ſo im erſten Augenblick des Staunens entfuhr, war das wahre Seitenſtück zu Marks eigener Empfindung, als er Herbert betrachtete. Die Zeit hatte in Beiden günſtige Veränderungen bewirkt. Bei dem ältern Bruder hatte der feſter ausgeprägte Stempel der Mannheit dem Aus ruck ſeiner Züge eine gewiſſe Erhabenheit und ſeiner Miene das Gepräge von Geſetztheit gegeben; während bei Herbert die Laufbahn des Studiums, abwechſelnd mit einem in gebildeten und verfeinerten Kreiſen zugebrachten Leben den unge⸗ ſchlachten Aufſchößling in einen Jüngling mit anmuthi⸗ gem, elegantem Benehmen umgewandelt hatte. Bei ihm war die Veränderung noch größer als bei ſeinem Bru⸗ der. Bei dieſem war ſie gleichſam nur das Wachsthum und die Entfaltung eigenthümlicher Charakterzüge; an jenem waren neue und ganz verſchiedene Eigenſchaften zu erkennen. Seine Gedanken, ſeine Ausdrücke, ſogar die Betonung ſeiner Worte waren verändert; dennoch ſchimmerte ſeine alte Natur hindurch, glänzend, fröhlich und herzlich wie immer. Es war derſelbe Geiſt, wenn auch mit kühnern und höhern Flügen— dieſelbe Seele, aber ihre Wirkungen waren mächtiger und freier. Der Eine hatte das Ziel ſeines Ehrgeizes ſo hoch geſteckt, daß er kaum hoffen durfte, es zu erreichen; der Andere hatte bereits einige von den Freuden des Sieges ge⸗ noſſen— das Leben hatte einige von ſeinen Bezaube⸗ rungen um ihn her ergoſſen, und ſein lebhaftes Gemüth angefeuert. Sieger auf dem Kampfplatz des Geiſtes 208 empfand er jenen Schauer von Entzücken, den eine an⸗ erkannte Ueberlegenheit mit ſich führt. Er wußte, was es war, ſich der Meiſterſchaft über Andere bewußt zu ſeyn, und auch jetzt noch leuchtete die Flamme des Ehr⸗ geizes in ſeinem Herzen, ihre warme Glut ſprühte in ſeinen Adern und pochte in jedem Pulsſchlag. Vergebens hatten diejenigen, die ihn einſt kannten, den furchtſamen, ſchüchternen Jüngling geſucht, der aus bloßer Furcht vor Mißlingen ſich kaum getraute, einen Verſuch zu machen. Sein flammendes Auge und ſeine ſtolze Braune ſprachen von Sieg; dennoch zeigte um ſeinen ſchönen Mund herum das Lächeln der glücklichen Jugend, daß ſich in ſeine Natur noch kein unedles Gefühl, kein un⸗ würdiger Stolz gemiſcht hatte. „Ich habe gehört, Du haſt der Univerſität ihre Preiſe weggenommen, Herbert— iſt es nicht ſo?“ fragte Mark, indem er ſeinen Arm zärtlich auf ſeine Schulter legte.. „Du wirſt nur armſelig von meinen Triumphen denken, Mark,“ erwiederte Herbert lächelnd.„In den Schranken, worin ich kämpfe, wird weder Leib noch Le⸗ ben gefährdet.“ „Dennoch iſt bei dem Spiele Ehre zu gewinnen,“ ſagte Mark.„Wo auf der einen Seite Erfolg, auf der andern Niederlage iſt— wo man hofft zu gewinnen und fürchtet zu verlieren— da kann es nie einen un⸗ würdigen Ehrgeiz geben.“ „Aber wie ſteht es mit Dir, Mark? Erzähle mir von Dir ſelbſt. Haſt Du einen Bock im Thale gelaſſen, oder lebt noch ein vereinzeltes Haſelhuhn auf dem Ge⸗ birge? Was haſt Du gethan, ſeit dem wir uns zum letzten Mal geſehen?“ Mark wurde roth und ſah verwirrt aus, als Kate. ihm zu Hülfe kam und erwiederte: „Wie können Sie ſo fragen, Herbert? Welche Ver⸗ aͤnderung kann das Leben in dieſem ruhigen Thale gewaͤhren? Iſt nicht gerade der Umſtand, daß wir von 209 der Zeit keine Notiz nehmen können, die Probe unſers Glückes? Aber hier kommt mein Oheim. Bei dieſen Worten kehrte ſich Herbert um und ſtürzte auf den alten Mann zu. „Haſt Du beide gewonnen, Herbert,“ rief er—„beide Preiſe? Dann muß ich Dir zwei Hände geben, mein lieber Junge,“ ſagte er, indem er ihn zärtlich in die Arme drückte.„Waren die Mitbewerber tüchtige Burſche. Koſtete der Sieg viele Mühe? Erzähle mir Alles haarklein.“ Mit geſenktem Haupte und haſtigen Worten erzählte der Jüngling in leiſer Stimme den Ausgang ſeiner Prüfung. „Weiter, weiter.“ rief Sir Archy M'Nab,„erzähle mir was darauf folgte.“ Herbert fuhr in gleichem Tone wie zuvor fort. „Ha!“ rief Sir Archy mit unwiderſtehlichem Ent⸗ zücken,„alſo ſagten ſie, Dein Latein ſchmecke nach Schottland? Sie haben Aberdeen darin gerochen? Nun, mein Junge wir ſchlagen ſie— das können ſie nicht läugnen. Der Preis iſt unſer— um ſo beſſer, je mühſamer er erkämpft wurde.“ Und ſo ſchwatzten ſie noch einige Zeit fort, indem ſie neben einander im Garten umher gingen. Der feſte Schritt des alten Mannes und ſein freudiger Blick ver⸗ kündeten den Stolz, der ſein Herz erfüllte, während Herbert die lang geſammelten Gedanken, die ſich in ſeinem Gehirne drängten, in glücklichem Vertrauen ergoß; und ſie brachen ihre Unterhaltung nicht eher ab, als bis Kerry kam, um den Jüngling in das Zimmer ſeines Vaters zu beſtellen. „Er iſt jetzt wach,“ ſagte Kerry, indem er den ſchlanken, ſchönen Jüngling mit unverhehltem Entzücken angaffte,„und ein ſtolzer Mann ſollte er an dieſem Tage ſeyn, wo er ein Paar ſolche Söhne ſieht.“ Die Jünglinge lächelten über dieſe Schmeichelei und traten Arm in Arm ihren Weg nach dem Hauſe an. Lever, O'Donoghue. I. 1 210 Vierzigſtes Kapitel. Die Stille vor dem Sturm. Wieder einmal unter dem alten Dache verſammelt, ſchienen die verſchiedenen Glieder der Familie mehr als je geneigt, durch Genuß des gegenwärtigen Glückes ſich für allen Kummer der Vergangenheit zu entſchädigen. Nie war der alte O'Donoghue ſo zufrieden;— nie ſchlug Sir Archy's Herz leichter. Herbert war feurigen hochfliegenden Geiſtes, wie dieß bei ſeinem gegenwärti⸗ gen Glüͤcke und bei ſeinen Hoffnungen natürlich war; Kate, welcherlei Beängſtigungen auch im geheimen auf ihre Seele gedrückt haben mochten, that ihr Mögliches, um die allgemeine Freude zu erhöhen;— während Mark, deſſen Gemüthsart ruhiger und weniger veränderlich geworden war, mit ſeinem Schickſal wenigſtens mehr ausgeſöhnt ſchien. Die Ruhe, die im Lande herrſchte, ſchien ihren beſänftigenden Einfluß auch über dieſe beſcheidene Woh⸗ nung ergoſſen zu haben, wo das Leben gleich einem ungetrübten Strom dahinrollte, und wo man ſich jeden Tag jener Einförmigkeit im Genuſſe freute, die für Alle, deren Seelen je von den widerſtreitenden Sorgen der Welt gequält wurden, ſo köſtlich iſt. Seit manchem Jahre war der alte O'Donoghue nicht ſo ſorgenfrei geweſen. Die Anleihe, die er auf Kate's Vermögen hin kontrahirt, hatte ihn der drückend⸗ ſten Verlegenheiten enthoben und ihm Geld genug übrig gelaſſen, um andere Gläubiger hinzuhalten. Sir Archy genoß bereits den Vorgeſchmack von jenem Erfolge, den er ſo glühend für Herbert wünſchte, und bei der Ruhe des politiſchen Lebens hoffte er, der unbeſonnene Plan, auf den ſich Mark eingelaſſen, würde jetzt ver⸗ geſſen werden; die Zeit würde nicht ferne ſeyn, wo jede Erinnerung daran erlöſchen werde. Seine eigene Erfah⸗ rung hatte ihn gelehrt, daß man aus den getäͤuſchten. 211 Hoffnungen und vereitelten Planen jugendlichen Ehr⸗ geizes weiſe Lehren ſammeln kann, und aus den ver⸗ änderten Zügen in Marks Charakter leitete er die gün⸗ ſtigſten Hoffnungen für die Zukunft ab. Aber unter allen denen, welchen ſich glücklichere Ausſichten eröffneten, ſchwelgte Niemand in ſo großer Wonne, wie Herbert. Die Zauber jener neuen Welt, in die er erſt einen flüchtigen Blick geworfen, hingen gleich einem Traume über ihm. Das Leben eröffnete ſich vor ihm in einem Augenblicke, wo er ſelbſt Auszeichnung gewonnen hatte, während eine neue Leidenſchaft ſein Herz aufregte und ſeine Hoffnung aufs Höchſte ſtachelte. Kate, ſeine täg⸗ liche Lebensgefährtin, entdeckte bald das lauernde Ge⸗ heimniß ſeiner Gedanken, und bewog ihn, daſſelbe ihr zu vertrauen. Herbert hatte nie etwas von Frederick Travers Neigung zu ſeinem Bäschen gehört; noch weni⸗ ger ahnete er, daß er ihr einen Heiratsantrag gemacht. Die gefliſſentliche Vermeidung ihrer Namen in ſeiner Familie war ein Geheimniß, das er nicht löſen konnte, und er bat Kate, ihm darüber Auskunft zu geben. „Wie ſeltſam, Kate,“ ſagte er eines Tages, da ſie etwas weiter als gewöhnlich das Thal entlang wanderten, „wie ſeltſam iſt dieſes Schweigen in Betreff der Familie Travers! Ich kann es mir durchaus nicht erklären. Wenn ich von ihnen ſpreche, ſo gibt mir Niemand Antwort— wenn ich auf ſie anſpiele, ſo wird die Unterhaltung plötzlich abgebrochen. Sagen Sie mir, eun Sie es wiſſen, welches Geheimniß da zu Grunde iegt.“. Kate wurde feuerroth und murmelte etwas über alten, nicht ganz vergeſſenen Groll, aber er unterbrach ſie ſchnell mit den Worten:— „Dieß kann kaum der Grund ſeyn;— wenigſtens zeigte ſich in ihren Gefühlen nichts der Art gegen uns. Sybella ſpricht von Ihnen wie von einer Schweſter, die ihrem Herzen am nächſten ſteht. Sir Marmaduke ſprach . 4 1 14 21² immer nur mit den Ausdrücken der wärmſten Anhäng⸗ lichkeit von Ihnen, und wenn ſich der muntere Garde⸗ Offizier nicht darüber verlauten ließ, ſo geſchah es vielleicht, weil er um ſo tiefer fühlte.“ Kate's Wangen wurden von höherem Scharlach gefarbt und ihr Athem beſchleunigte ſich, aber ſie gab keine Antwort. „Meine Erklärung,“ fuhr Herbert fort, der mehr mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, als auf ſeine Gefährten aufmerkſam war, läuft darauf hinaus;— aber freilich iſt es eine ſehr traurige Erklärung, die nichts klar macht;— daß Hamswort irgendwie dem ganzen Verhältniß zu Grunde liegt. Sybella erzählte mir, welche Ueberredungskünſte er aufgeboten, um ihren Vater von der Rückkehr nach Glenſlesk abzumahnen, und daß er, nachdem er mit allen Einwürfen geſcheitert, jetzt unter dem Vorwand, das Haus zu erweitern, den vorhandenen Theil des Gebäudes unbewohnbar gemacht habe. 5 „Aber welchen Zweck könnte er dabei haben?“ fragte Kate, der es vorkam, als ob Herbert nur die alten Vorurtheile ſeiner Familie gegen Hamsworth nährte.„Er wünſcht den Frieden und die Wohlfahrt dieſes Landes— ihn ſchmerzen die Armuth und die Entbehrungen des Volkes, und als Heilmittel dagegen betrachtet er, mag er nun Recht haben oder nicht, den Aufenthalt eines gebildeten und reichen Grundbeſitzers in ihrer Mitte, der Verſtand genug beſitzt, um ihr Elend einzuſehen und die Fahigkeit, demſelben abzuhelfen.“ „Ganz wahr, Kate,“ erwiederte Herbert;„aber ſehen Sie nicht, daß er von dieſen Erforderniſſen eines hier wohnenden Adels gerade die Familie Travers aus⸗ ſchließt, deren Unbekanntſchaft mit Irland er oft an den Pranger ſtellte, wenn er ſich das Anſehen gab, als halte er ihrem Wiſſen eine Lobrede? Die Eigenſchaften, die er empfiehlt, glaubt er ſelbſt zu beſitzen. „Nein, Herbert, da thun Sie ihm Unrecht,“ ſagte ſie 213 mit Wärmez;„er geſtand mir ſelbſt, welch unabläſſigen Schmerz es ihm mache, daß in ſeiner beſcheidenen Sphäre alle Bemühungen für das Wohl des Volkes unwirkſam ſeyen— daß in Ermanglung des Einfluſſes, den der Selbſtbeſitz ertheilt, Wohlthaten aus ſeinen Händen verdächtig und Maßregeln bloßer Gerechtigkeit als Handlungen der Grauſamkeit betrachtet werden. „Nun, ich weiß nur, daß dieß Frederick Travers Meinung von ihm iſt,“ ſagte Herbert, nicht wenig be⸗ troffen über die unerwartete Vertheidigung ihres alten Feindes durch Kate.„Frederick erzählte mir ſelbſt, er werde nicht eher ruhen, als bis ſein Vater verſpreche, ihm die Verwaltung zu entziehen. In der That, er wird nur dadurch gehindert, die Sache ernſtlicher zu betreiben, weil Hamsworth auf lange Zeit einen Theil des Gutes gemiethet hat, das ſie um jeden Preis zurück haben möchten. Das Land war ihm als faſt werthlos, zu einer Nominal⸗Rente überlaſſen werden. Nun ſtellte ſich heraus, daß es der beſte Theil des Thales iſt!— Sogar der Zugang zu der„Lodge“ geht durch daſſelbe, ſo daß ſie, wie Frederick ſagt, nicht einmal ihre Hallen⸗ thüre erreichen können, ohne Anklage wegen Verletzung fremden Eigenthums, ſobald es Hamsworth einfiele, den Verdrießlichen zu ſpielen.“ Kate fühlte, daß ſich Fredericks Abneigung vielleicht auf andere und richtigere Weiſe erklären laſſe, aber ſie wagte nicht darauf anzudeuten. „Sie hegen eine zu günſtige Meinung von Hams⸗ Varth„ Kate. Sybella ſelbſt ſagte mir etwas Aehn⸗ iches.“ „Sybella? Wirklich?“ ſagte Kate, während eine Röthe halb vor Scham, halb vor Aerger ihre Wange überzog. „Ja,“ rief Herbert, denn er merkte, daß er in einer ſchwierigen Lage war, und daß ihm kein anderer Weg offen ſtand, als der kühne, gerade aus;„ja, ſie ſah, was Sie nicht ſahen; daß Hamsworth es wagte, 214 ſeine Augen zu Ihnen empor zu heben— daß alle ſeine patriotiſchen Redensarten nur dazu gewählt wurden, um Ihre günſtige Aufmerkſamkeit zu feſſeln, und daß bei ſeinen Geſprächen über Irland mit Frederick ſein ganzes Streben dahin ging, die Unwiſſenheit des Offtziers bloß zu ſtellen und lächerlich zu machen, ohne daß er ihm geſunde Anſichten beizubringen, oder irrige Mei⸗ nungen zu bekämpfen ſuchte.“ „Kapitän Travers war eine zu leichte Zielſcheibe für ſolche Waffen,“ ſagte Kate ärgerlich.„Es war ſeine Luſt, Irland zum Gegenſtand ſeines Spottes zu machen.“ „Das war Hamsworths Werk!“ rief Herbert be⸗ gierig, denn es war dieß ein Gegenſtand, über den er ſchon lange gerne geſprochen hätte und worüber er be⸗ reits viel von Sybella gehört hatte.„Ich weiß wohl, welches Spiel er trieb, und auch mit welchem Glücke.“ Kate wurde über und über roth; einen Augenblick glaubte ſie, ihr eigenes Geheimniß ſey Herbert bekannt; aber im nächſten Moment überzeugte ſie ſich, daß alles wohl verwahrt ſey.. „Sybella ſagte mir, wie er auf Gelegenheiten lauerte, um mit Frederick in Ihrer Gegenwart ein Ge⸗ ſpräch anzuknüpfen, wobei er wohl wußte, welche Ge⸗ genſtände ihn reizen, und berechnete, wie ſehr kleinliche Widerlegungen und halb unterdrückte Spötteleien ihn in Verlegenheit ſetzen und argern müßten— um ſo mehr, weil Frederick ſah, wie ungleich günſtiger Sie Hamsworths Urtheile betrachteten, als ſeine eigenen, und in der That, zuweilen bildete ich mir ein, Kate, es ſey ein Punkt, worin der Garde⸗Ofſtzier ſehr zart fühlte;— nein, liebes Bäschen, ich wollte kein Wort ſagen, was Sie beleidigen könnte.“ „Dann ſprechen Sie nicht mehr davon, Herbert,“ ſagte ſie mit leiſer Stimme. „Es iſt ein unglückliches Land,“ ſprach Herbert ſeufzend.„Diejenigen, welche es wohl kennen, ſind mit 215 dem wohlfeilen Patriotismus zufrieden, über ſeine Lei⸗ den zu deklamiren. Die ſeine Leiden am ſchmerzlichſten fühlen, find größtentheils zu unwiſſend, um denſelben abzuhelfen. Ich fange an zu meinen, daß mein Oheim ganz Recht hat— daß das Beſte, was wir thun können, der Abſchluß eines Waffenſtillſtandes wäre— eine Hin⸗ ausſchiebung des Spiels für einige zwanzig bis dreißig Jahre, um zu verſuchen, ob die neue Generation nicht vernünftigere Hülfsmittel erfinden kann, als ihre Väter.“ „Ein unglückliches Land, in der That!“ ſagte Mark, der im gleichen Augenblicke herankam und die letzten Worte gehört hatte.„Du hatteſt Recht, es ſo zu nen⸗ nen— das Land, wo der Sohn eines O'Donoghue keinen rühmlichern Pfad vor ſich offen ſieht, als den eines ſchalen Vergleiches mit ſeinen Gegnern. Kate und Herbert erſchracken über dieſe Worte, und während das Geſicht des Mädchens halb vor Stolz, halb vor Scham ſich röthete, blickte Herbert beſchämt und faſt erzürnt über den Vorwurf zu Voden. „Vergib mir, Herbert,“ ſagte Mark mit einer Stimme tiefer Melancholie.„Nicht einmal dieſes Thema ſollte einen Streit zwiſchen uns veranlaſſen. Ich bin gekommen um euch Lebewohl zu ſagen“ „Lebewohl, Mark?“ rief Kate, die erſtaunt und erſchreckt zuſammenfuhr. „Du willſt uns verlaſſen, Mark!“ rief Herbert in einem Tone ächten Kummers. „Nur für einige Tage— wenigſtens hoffe ich, daß es nicht länger dauern wird,“ ſagte Mark.„Aber ich habe Nachrichten erhalten, die es nothwendig machen, daß ich eine kurze Zeit verborgen bleibe. Du ſiehſt, Herbert,“ ſagte er lachend,„Deine Theorie hat in Be⸗ treff der Klugheit den Vortheil auf ihrer Seite. Hätte ich ſie befolgt, ſo hätte ich ſchwerlich die Aufmerkſam⸗ keit des Geheimen⸗Rathes Sr. Majeſtät auf mich ge⸗ zogen.“ 216 „Des Geheimen⸗Rathes! Das kann ich nicht ver⸗ ſtehen, Mark.“ „Vielleicht iſt dieß der leichteſte Weg, es zu erkären,“ ſagte Mark, indem er ein bedrucktes Papier entfaltete, mit der Ueberſchrift„Hochverrath— Belohnung für die Habhaftwerdung Mark O'Donoghue's Eſq. oder für Mittheilungen, die zu ſeiner Habhaftwerdung führen können,„Iſt dieß genug? Kommt, kommt— ich habe jetzt keine Zeit zu langen Geſchichten. Wenn ihr die meinige hören wollt, ſo müßt ihr mich in meinem Verſteck beſuchen— in der niedrigen Hütte auf der Weſtſeite des Hungry⸗Gebirges. Einſtweilen wenigſtens werde ich dort verweilen.“ „Aber iſt dieß nöthig, Mark? Sind Sie über⸗ zeugt, daß man etwas weiteres damit bezweckt als Drohung?“ fragte Kate. „Ich glaube, daß Carrig⸗na⸗curra heute Abend, oder ſpäteſtens morgen von einer Militär⸗Abtheilung durchſucht wird— daß die ausgeſetzte Belohnung drei bis vier beſtochen haben wird— keinen von unſern Leu⸗ ten, ihr müßt mich nicht mißverſtehen— mich auszu⸗ ſpüren. Wenn mein Hierbleiben dem Hauſe meines Vaters den Schimpf einer Durchſuchung erſparen würde, oder wenn dem Volk eine beſſere Sache am Herzen läge, als die eines ſo unwürdigen Menſchen, wie ich bin, ſo würde ich bleiben, Kate.“ „Nein, nein, Mark. Dies wäre die reinſte Toll⸗ heit, unwürdig Ihrer ſelbſt, ungerecht gegen alle, die Sie lieben.“ Die letzten wenigen Worte waren ſo leiſe geſprochen, daß ſie nur von ihm allein gehört werden konnten; und während ſie dieſelben äußerte, rollte eine ſchwere Thräne über ihre Wange, die jetzt blaß wie Marmor war. „Aber gewiß, Mark,“ ſagte Herbert, der nie etwas von den Intriguen ſeines Bruders geahnt hatte,„dies muß auf reinem Irrthum beruhen. Es liegt ja kein 217 Beweis gegen Dich vor— gegen Dich, deſſen ruhiges, zurückgezogenes Leben jeder Verläumdung trotzen kann.“ „Aber die Wahrheit nicht zu längnen vermag,“ verſetzte Mark mit kummervollem Lächeln.„Ein für allemal, ich kann jetzt nicht über dieſe Dinge ſprechen. Meine Zeit eilt ſchnell dahin; und bereits macht mein Führer dort ein ungeduldiges Geſicht über meine Zöͤge⸗ rung. Merkt euch die Hütte am Fuße des Gebirges. Wenn es Nebel hat, ſo braucht ihr nur zu pfeifen.“ „So iſt alſo der arme Terry Ihr Führer?“ ſagte Kate, die mit einigem Anſchein von Ruhe zu lächeln ſich die Miene gab. „Nicht nur mein Führer, ſondern auch mein Wirth,“ erwiederte Mark in munterm Tone.„Es iſt die einzige Einladung, die ich auf Weihnachten erhalten habe, und ich nehme ſie ſehr gerne an, das verſichere ich euch.“ Eine ungeduldige Geberde Terrys, der auf einer ſchmalen Felszinne ungefähr fünfzig Fuß über der Straße ſtand, feſſelte Marks Aufmerkſamkeit und er rief ihm zu:— „Nun, was gibt's?“ „Die Dragoner!“ ſchrie Terry mit entſetzter Stimme. „Sie ſetzen bei Caher⸗Mohill, eine Stunde von hier, über die Furth— acht, neun, zehn— ja, jetzt ſind zwölf hinüber; und der Burſche in dem dunkeln Rock iſt der dreizehnte. Wart! ſie fragen nach dem Weg: ſo iſt's, ich bin's überzeugt. Recht ſo!— Meinen Sigen über Dich heute, wer Du auch ſeyn magſt. Ich wil nicht mehr leben, wenn er ſie nicht in die Irre ſcickt! Sie reiten das Thal hinab auf Killarney zu;“ ols er ausgeredet hatte, ſprang er von der Höhe hinab ind eilte den Abgrund hinunter in einem ſchnellen Laufe, jer bei jedem Schritt Vernichtung zu drohen ſchien. „Auch in dieſem Falle, Terry, haben wir nicht nehr Zeit, als wir brauchen. Es iſt ein weiter Weg zach der Weſtſeite des Gebirges. Alſo leben Sie wohl, nein liebes Bäschen. Leb wohl, Herbert. Ich hoffe, 218 es wird eine kurze Abweſenheit ſeyn;“ damit riß ſich der junge Mann eilig los, um keine Spur von Rührung ſehen zu laſſen, und kletterte hinter Terry den ſteilen Pfad hinan; auch drehte er ſich nicht eher um, als bis die Entfernung ihn befähigte, unbemerkt hinabzuſehen, worauf er abermals rief:„Lebt wohl! Merkt euch die Weſtſeite des Hungry!“ Damit ſchwenkte er ſeine Kappe und verſchwand, während Herbert und ſein Bäschen ihren kummervollen Weg heimwärts antraten. Einundvierzigſtes Kapitel. Eine Entdeckung. Als Kate zu Hauſe ankam fand ſie ein Billit von Hamsworlhs Hand vor, mit der Aufſchrift:„Eile“ Da ſie ſogleich errieth, worauf es ſich beziehen müſſe, er⸗ brach ſie das Siegel mit pochendem Herzen und las: „Mein theures Fräulein. „Ich bin nicht im Stande geweſen, das Verfahren gegen Ihren Vetter laͤnger hinauszuſchieben. Es ſcheint faſt, daß die gegen ihn vorliegenden Beweiſe wicht ger und drohender ſind, als wir beide vermutheten, werig⸗ ſtens ſo viel ich aus der vor mir liegenden Mittheilung entnehmen kann. Der Geheime Rath hat beſchloſſen, ihn ſogleich verhaften zu laſſen. Weiſungen, um den Ver⸗ haftsbefehl durch eine Militär⸗Abtheilung zu unterſtützen, ſind an Ofſiziere erlaſſen worden, die in verſchiedenn Städten des Südens kommandiren, und die Abſichten der Krone gegen ihn ſind nicht mehr zweifelhaft. Aber es ſtehen ihm nun zwei Wahlen offen— entweder ſich zu ergeben und ſich vor Gericht zu ſtellen— oder ſollte er vielleicht, ohne dadurch ſeinem Muth zu nahe zu treten, dies ſcheuen, an die Küſte in die Nähe von Kemnare zu fliehen, wo Mittwoch Nachts ein Lugger liegen wird. Auf ſolche Art wird er im Stande ſeyn, irgend einen 219 4 Hafen in Frankreich oder Flandern zu erreichen; oder vielleicht, im Fall der Wind umſchlagen ſollte, auf einem der amerikaniſchen Fahrzeuge, die an der Weſtküſte kreuzen ſollen, Schutz zu finden. „Indem ich Ihnen dieſe Mittheilung mache, brauche ich kaum zu bemerken, welch' unbedingtes Vertrauen ich⸗ auf den Gebrauch ſetze, den Sie davon machen werden. Sie ſoll ein Mittel ſeyn, um für die Sicherheit Ihres Vetters zu ſorgen— ſollte ſie aber durch irgend einen Zufall unter andere Augen als die Ihrigen gerathen, ſo wäre dies das unvermeidliche Verderben Ihres ergebenſten Dieners Wm. Hamsworth.“ „Und ſie wollen nicht an die Redlichkeit dieſes Mannes glauben!“ rief Kate, nachdem ſie das Billet geleſen hatte.„Eines Mannes, der ſeinem leiblichen Feind zu Liebe ſeine eigene Stellung auf's Spiel ſetzt! Nun, Ungerechtigkeit der Andern ſoll nicht meine Ehre rauben“„Habt Ihr dieſen Brief gebracht?“ ſagte ſie zu Wylie, der mit dem Hut in der Hand unter der Thüre ſtand. „Ja, Mylady, und man ſagte mir, ich würde viel⸗ leicht eine Antwort erhalten.“ „Nein— es braucht keine; ſagt ‚ſehr wohl⸗— ich habe es geleſen. Wo iſt Mr. Hamsworth?“ „In Macroom. Es war dort eine Verſammlung von obrigkeitlichen Perſonen, wodurch er aufgehalten wurde; er ſchrieb daher dieſes Billet und ſchickte mich hieher, anſtatt ſelbſt zu kommen.“ „Sagt ihm, daß es mich freuen werde, ihn zu ſehen — das iſt genug,“ ſprach Kate eilig und begab ſich in das Haus zurück. In allen Schwierigkeiten, die bisher ihren Pfad umgeben, hatte ſie immer an Sir Archy einen tüchtigen und bereitwilligen Rathgeber gefunden; aber jetzt war die Zeit gekommen, da ſie nicht nur ohne ſeinen Beiſtand handeln mußte, ſondern vielleicht ganz im Widerſpruch 220. mit ſeinen Anſichten— wäbrend ſie zu ihrem Leitſter einen Menſchen nahm, der faſt von jedem Mitgliede ihrer Familie mit Mißtrauen angeſehen wurde. Allein welche Wahl blieb ihr übrig— wie ſollte ſie Hamsworths Be⸗ nehmen verrathen in einem Falle, der, wenn er bekannt wurde, ihn als einen falſchen und insgeheim gegen die ihm ertheilten Befehle handelnden Diener der Regierung darſtellen mußte? Daran konnte ſie nicht denken, und ſo ſah ſie ſich durch die Gewalt der Umſtände gezwun⸗ gen, Hamsworth als Bundesgenoſſen anzunehmen. Ihre ängſtlichen Erwägungen hierüber wurden plötzlich unter⸗ brochen durch das Getrappel herangaloppirender Pferde, und als ſie hinausſah, ritt das in Frage ſtehende In⸗ Biädunme gefolgt von ſeinem Reitknecht, den Hochweg aher. Der alte O'Donoghue war allein im Geſellſchafts⸗ zimmer und dachte über die traurigen Ereigniſſe nach, die Marks Verſteck nothwendig machten, als Hamsworth, erhitzt durch einen langen, ſcharfen Ritt, eintrat. „Iſt Ihr Sohn zu Hauſe, Sir— Ihr älteſter Sohn?“ fragte er, ſobald die erſte Begrüßung vor⸗ über war. „Wenn Sie gefälligſt an dieſer Glocke ziehen wol⸗ len, die ich wegen meiner Gicht nicht erreichen kann, ſo wollen wir nachfragen,“ erwiederte der alte Mann mit geſchickt erheuchelter Gleichgültigkeit. „Ich darf keinen Verdacht unter der Dienerſchaft erregen,“ ſprach Hamsworth beſorgt,„ich habe Grund zu glauben, daß einige Gefahr über ihm ſchwebt, und daß er wohl daran thun würde, dieſes Haus für ein Paar Tage zu verlaſſen.“ Die anſcheinende Offenherzigkeit, womit er ſprach, entwaffnete den O'Donoghue vollſtändig; er nahm Hams⸗ worth bei der Hand, und ſagte— „Meinen aufrichtigen Dank dafür. Der arme Junge hat dieſen Morgen Wind davon bekommen, und ich hoffe, er hat bereits einen ſichern Ort erreicht— aber 221 welche Schritte können wir thun?— Können Sie uns einen Rath ertheilen?— Ich bin wirklich durch alles, was ich höre, ſo verwirrt und ſo irre über Wahres und Falſches, daß ich mir keine Meinung bilden kann. Hier kommt der einzige klare Kopf im Hauſe. Kate, mein liebes Kind, Mr. Hamsworth iſt als gütiger Freund wegen der Geſchichte mit Mark hiehergekommen— willſt Du und Sir Archy mit ihm darüber ſprechen?“ „Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich Sie un⸗ terbreche, Sir, aber ich muß Sie daran erinnern, daß ich eine obrigkeitliche Perſon bin, beauftragt mit der Verhaftung Ihrs Sohnes; und wenn ich durch einen unvorſichtigen Ausdruck“, hier lächelte er bedeutungsvoll, „meine Inſtruktionen verrathen habe— ſo erwarte ich von Ihrem Ehrgefühl, daß Sie mich nicht den Folgen davon ausſetzen werden.“ Der alte O'Donoghue lauſchte ohne den Sinn, auf den der Andere andeutete, gänzlich zu verſtehen, ſchüt⸗ telte darauf, gleich als mißfiele ihm die Qual eines ſtörenden Gedankens, den Kopf und murmelte:„Ganz wohl— ſey es ſo— meine Nichte kennt dieſe Dinge beſſer als ich.“ „Ich ſtimme dieſer Meinung vollkommen bei,“ ſprach Hamsworth in leiſem Tone,„und wenn mich Miß O'Donoghue einige Minuten lang mit ihrer Ge⸗ ſellſchaft im Garten beehren will, ſo bin ich vielleicht im Stande, ihr zu einem klaren Verſtändniß des Falles zu verhelfen.“ Kate lächelte zuſtimmend, während Hams⸗ worth auf die Thüre zuſchritt und ſie öffnete; darauf bot er ihr, wie es ſchien, nach einem vorübergehenden Kampfe mit ſeinem eigenen Mißtrauen, ſeinen Arm dar; dieſen ſchlug Kate aus, und ſo gingen ſie nebeneinander auf und ab. Sie hatten faſt die Mitte des Gartens erreicht, be⸗ vor Hamsworth dem Schweigen ein Ende machte. End⸗ lich ſprach er mit einem tiefen Seufzer—„Ich fürchte, wir kommen zu ſpät, Miß O'Donoghue. Der wahre 222 oder verſtellte Eifer der Landesbehörden hat ihre Wach⸗ ſamkeit auf's Höchſte geſtachelt. Spione ſind im ganzen Lande zerſtreut— er wird unausbleiblich ergriffen werden.“ Kate wiederholte die letzten Worte in einem Tone tiefen Schmerzes und ſchwieg darauf. „Ja,“ fuhr er fort,„entweichen iſt rein unmöglich — denn ſollte er auch die See erreichen, ſo ſtehen zwei Kreuzer auf der Lauer nach jedem verdächtigen Segel.“ „Und wie, wenn er ſich ergibt und ſeine Unterſu⸗ chung beſteht?“ fragte Kate kühn. Hamsworth ſchüttelte traurig den Kopf, ſprach aber kein Wort. „Welchen Zweck kann eine Regierung dabei haben, einen heftigen, unerfahrenen Jüngling, den unvorſichtige Kühnheit in's Verderben geſtürzt hat, niederzuhetzen? Auf wen würde ein ſolches Beiſpiel Eindruck machen, oder wo würde die Lehre Schrecken verbreiten, außer unter jenem alten Dache dort, wo es ohnedies ſchon Kummer genug gibt?“ „Die Korreſpondenz mit Frankreich— darin liegt ſeine Gefahr. Der Verkehr mit der unruhigen Partei im Inlande könnte durch ſeine Jugend entſchuldigt wer⸗ den— die Verſchwörung mit auswärtigen Feinden da⸗ gegen läßt keine Rechtfertigung zu.“ „Und welchen Beweis hat man dafür?“ „Ach, nur zu viel— der Tiſch des Geheimen Rathes war wahrhaft bedeckt mit Abſchriften von Briefen und Dokumenten— die zum Theil von ihm ſelbſt ge⸗ ſchrieben waren— und ſich faſt alle auf ihn, als auf einen zuverläßigen und eingeweihten Agenten der Sache beriefen. Dies kann ihm nicht verziehen werden! Als ich ein Mitglied des Rathes ſagen hörte:„Jackſons Blut iſt bereits aufgetrocknet!“ ſo ahnete ich, welches ſchreckliche Reſultat die Gefangennehmung dieſes jungen Mannes haben würde.“ 1 Kate ſchauderte zuſammen bei dieſen Worten, die ein einem ſchwachen, vor Aufregung zitternden Tone ge⸗ 223 ſprochen wurden.„O Gott,“ rief ſie,„ſtrafe uns nicht mit einem ſolchen Unglück. Armuth, Noth, Verbannung, Alles— nur nicht den Tod eines Miſſethäters!“ Hamsworth drückte ſein Sacktuch an die Augen und blickte weg, als das junge Mädchen mit emporgerichtetem wſht ein kurzes, aber inbrünſtiges Gebet gen Himmel ickte. „Aber Sie, ein ſo begabter und ſo welterfahrener Mann“ rief ſie, einen flehenden Blick auf ihn richtend —„fällt Ihnen denn gar nichts ein? Gibt es keine, wenn auch noch ſo ſchwierige und gefährliche Mittel, durch die er gerettet werden kann? Könnte nicht die Ehre eines alten Hauſes zu ſeinen Gunſten ſprechen? Könnte ein Pfand fuͤr die Zukunft ihm nichts helfen?“ „Es gibt nur Ein ſolches Pfand und dieſes— hier hielt er inne und wurde feuerroth, worauf er gleich⸗ ſam mit Anſtrengung fortfuhr—„führen Sie mich, ich bitte Sie, nicht in Verſuchung, etwas zu äußern, was, wenn es einmal ausgeſprochen iſt, über das Ge⸗ ſchick meines Lebens entſcheidet.“ Er ſchwieg, ſie dagegen richtete auf ihn einen Blick der Verwunderung und des Staunens. Sie glaubte ihn nicht recht verſtanden zu haben, und inmitten ihrer un⸗ beſtimmten Beſorgniſſe rang eine ſchwache Hoffnung, daß noch eine Ausſicht auf Marks Rettung übrig ſey. Viel⸗ leicht war der bloße Ausdruck des Zweifels, den ihre Züge annahmen, ergreifender, als ein Blick der Unzu⸗ friedenheit, denn Hamsworth ſchien mehrere Minuten lang ſeine Faſſung verloren zu haben; endlich aber ſam⸗ melte er ſich wieder und ſagte—— „Bitte, denken Sie nicht mehr an meine Worte, ich ſprach ſie in der Eile. Ich weiß nicht, wie dieſem jungen Mann geholfen werden kann. Er verwarf meine Rathſchläge, als ſie ihm hätten dienen können. Ich finde, wie unmöglich es iſt, das Vertrauen von Leuten zu gewinnen, deren Vorurtheile in widerwärtigen Um⸗ ftnden genährt worden ſind. Jetzt komme ich zu ſpät 224 — meine beſcheidene Aufgabe beſteht blos darin, Ihnen einen Rath anzubieten, den der Tag des Unglücks Ihnen vielleicht wieder in's Gedächtniß ruft. Die Regierung beabſichtigt an ihm ein ſtrenges Exempel zu ſtatuiren. So viel hörte ich durch Zufall von dem Unterſekretär. Im Falle ſeiner Ueberweiſung— worüber kein Zweifel ſtattfinden kann— wird man zur Konſiskation ſeines Eigenthums ſchreiten— Vermittlung zu gehöriger Zeit könnte hier von Nutzen ſeyn.“ Dieſe Drohung mit weiterm Unglück ſchien auf Kates Seele nicht den ſchrecklichen Eindruck zu machen, den er ſich davon verſprochen hatte. Sie ſtand ſtumm und regungslos da und ſchien von ſeinen Worten kaum Notiz zu nehmen. „Ich fühle, wie barbariſch eine ſolche Grauſamkeit gegen einen alten, unſchuldigen Vater ſeyn muß,“ ſagte Hamsworth,„gegen einen Vater, deſſen Herz durch den noch friſchen Verluſt eines Sohnes zerriſſen iſt.“ „Er darf nicht ſterben,“ ſagte Kate mit hohler Stimme, und ihre blaſſe Wange zitterte vor krampf⸗ — hafter Bewegung.„Mark muß gerettet werden. Was meinten Sie unter dem Pfand, auf das Sie anſpielten?“ Hamsworths Augen flammten und auf ſeiner Lippe kräuſelte ſich ein triumphirender Ausdruck. Der lang erſehnte, lang gehoffte Augenblick, der ſowohl ſeine Rache, als auch ſeinen Ehrgeiz befriedigen ſollte, war endlich erſchienen. Seine Aufregung ging ſchnell vor⸗ über, und ſeine Züge nahmen den Schein unterdrückten Kummers an. „Ich fürchte, Miß O'Donoghue,“ ſagte er,„meine Hoffnung war nur der Strohhalm, nach welchem die Hand des Ertrinkenden greift; aber da ich mich mit Planen abgequält habe, welche ein reiferes Nachdenken ſtets als unausführbar gefunden at⸗ ſo gefiel ich mir e in dem Glauben an die Möglich zu hoffen mein Herz mir verbietet.“ Er wartete einige Sekunden, um ihr Gelegenheit it einer Sache, die . 225 zum Sprechen zu geben, aber ſie blieb ſtumm und er fuhr fort— „Die Bürgſchaft, auf die ich anſpielte, würde das Pfand eines Mannes ſeyn, deſſen Lojalität gegen die Regierung über allen Verdacht erhaben iſt; eines Mannes, deſſen Dienſte keine Belohnung gefunden haben, aber nur den Augenblick erwarten, eine ſolche zu verlangen; ein ſolcher Mann könnte ſeinen eigenen Charakter und ſein Lebensglück als Unterpfand für das Benehmen dieſes jungen Mannes einſetzen und die Bezahlung ſeiner eigenen Dienſte gegen eine Begnadigung deſſelben vertauſchen.“ „und wer wäre ſo hochgeſtellt und bereitwillig uns einen ſolchen Freundſchaftsdienſt zu erzeigen?“ Hamsworth legte die Hand auf's Herz, verbeugte ſich mit tiefer Beſcheidenheit, und murmelte mit leiſer, ſchwacher Stimme— 4„Derſelbe, der jetzt vor Ihnen ſteht!“ „Sie,“ rief Kate, entzückt ihre Hände faltend und ihre thränenvollen Augen auf ihn heftend;„Sie wollen dieß thun?“ Darauf wurde ſie plötzlich blaß, ein krank⸗ hafter Schauder kam über ſie, und ſte ſprach mit tiefer, gebrochener Stimme.„Um welchen Preis, Sir?⸗ Der feſte Blick, den ſie auf ihn heftete, ſchien ihm Chrfurcht und Scheu einzuflößen und er ſprach jetzt mit ungeheuchelter Bewegung. „Um einen Preis, den die Hingebung eines ganzen Lebens nicht bezahlen könnte. Ach! um einen Preis, nachdem ich eben ſo wenig ſtreben, als ihn hoffen darf.“ „Sprechen Sie deutlich, Sir,“ ſagte Kate in feſtem, geſammeltem Tone,„es iſt jetzt keine Zeit uns gegen⸗ ſeitig zu täuſchen. Welche Rolle habe ich bei dieſem Vertrag zu ſpielen? Denn aus Ihrem Benehmen ver⸗ muthe ich, daß Sie mich in denſelben einſchließen?“ „Verzeihen Sie mir, junge Lady, ich habe nicht den Muth, mein ganzes Lebensglück auf Einen Wurf zu ſetzen; ſchon fühle ich die Schwere des Herzens, die Lever, O'Donoghue. II. 15 226 auf Unglück deutet. Lieber wollte ich ſelbſt mit dieſem ſchwachen Hoffnungsſchimmer, als in der Dunkelheit ewiger Verzweiflung leben.“ Die Hände fielen ihm matt zur Seite herab, der Kopf ſank auf die Bruſt, und gleichſam ohne eine Anſtrengung ſeines Willens, faſt ohne Bewußtſeyn, murmelten ſeine Lippen die Worte: „Ich liebe Sie.“ Wären dieſe Worte der Stachel einer Natter ge⸗ weſen, ſo hätten ſie keinen ſchmerzlichern Ausdruck her⸗ vorrufen können, als jetzt über Kates Züge fuhr. „Und dieß iſt alſo der Preis, auf den Sie ange⸗ deutet haben— ſollte dieß die Bedingung ſeyn?“ Der ſtolze Blick der Verachtung, den ſie auf ihn warf, rief kein ärgerliches Gefühl in ſeiner Bruſt her⸗ vor, er ſchien niedergedrückt von Kummer und wagte nicht einmal aufzublicken. „Sie beurtheilen mich hart und auch falſch; ich meinte nie, daß meine Vermittlung erkauft werden ſollte— ſo beſcheiden ich auch bin, ſo wäre ich noch unwürdiger geweſen, hätte ich einen ſolchen Gedanken gehegt; meine Hoffnung war die: um meine Vermittlung erfolgreich zu machen, ſollte ich mich mit dem Schickſal des Hauſes verknüpft zeigen, das ich zu retten ſuchte— das ſollte ein Fall ſeyn, wo mein eigenes Intereſſe, mein ganzes Glück, alles was ich auf der Welt beſaß, auf dem Spiele ſtand, wenn Sie einwilligten—“ hier zögerte er, ſtam⸗ melte, und ſchwieg endlich; darauf ſtrich er mit den Händen über die Augen und fuhr raſcher wieder fort— „aber ich darf nicht davon ſprechen; ach! daß meine Zunge es verrathen mußte! Sie haben mir mein Ge⸗ heimniß entriſſen und damit mein Glück für immer— vergeſſen Sie dieß, ich bitte Sie, vergeſſen Sie, daß ich in einem ſo unbewachten Augenblick meine Augen zu dem Heiligthum emporzuheben wagte, das mein Herz verehrt hat. Ich verlange kein Pfand, keine Bedingung, ich will mein Aeußerſtes thun, um dieſen Jüngling zu retten; ich will es weder an Anſtrengungen, noch an 227 dem Einfluß, den ich bei der Regierung beſttze, fehlen laſſen, ich will ſeine Begnadigung als die mir ſelbſt ſchutdige Belohnung verlangen; aber wenn dieß unmög⸗ lich iſt, ſo will ich mich bemühen, ſeine Entweichung zu begünſtigen und der ganze Lohn, den ich dafür ver⸗ lange, iſt Ihre Verzeihung meiner Anmaßung.”’“ Kate ſtreckte ihm die Hand hin, während ein Lächeln von bezaubernder Liebenswürdigkeit auf ihren Zügen ſpielte, „das heißt wirklich ein Freund ſeyn,“ ſagte ſie. Hamsworth beugte ſein Haupt, bis ſeine Lippen anf ihren Fingern ruhten, wobei die heißen Thraͤnen auf ihre Hand tropften; ſodann fuhr er plötzlich auf und ſagle:„Ich darf keine Zeit verlieren, wo werde ich Ihren Vetter finden?— In welchem Theile des Lan⸗ des hat er Schutz geſucht?“ „Die Hütte am Fuße des Hungrygebirges nannte er ſeinem Bruder Herbert als das einſtweilige Stelldichein.“ „Iſt er allein— hat er keinen Gefährten?“ „Keinen, außer vielleicht den verrückten Jungen, der ihm als Führer im Gebirge dient.“ „So leben Sie wohl,“ ſagte Hamsworth,„Sie werden bald hören, welcher Erfolg meine Bemühungen begleitet; leben Sie wohl“— ohne langer zu warten, eilte er von dannen und bald hörte man, wie er in ſchnellem Schritte die Straße hinabritt. Kate ſtand einige Augenblicke in Gedanken verloren dort, und als der immer mehr ſich entfernende Hufſchlag ſie erweckte, blickte ſie auf, murmelte bei ſich ſelbſt:„Das heißt edel gehandelt,“ und kehrte mit langſamen Schrit⸗ ten in das Haus zurück. 3 Während Hamsworth ſein Pferd ſpornte und zur äußerſten Geſchwindigkeit antrieb, entfuhren ihm dann und wann Ausdrücke des Triumphes, gemiſcht mit Rache —„endlich mein,“ rief er—„mein trotz aller Hinder⸗ niſſe.— das Glück iſt ſelten ſo gütig— Nache und Ehrgeiz zugleich befriedigt— ich, den ſie wegen meiner 15 228 Armuth und niedrigen Geburt verachteten— ich ſoll dazu beſtimmt ſeyn, ſie in den Staub zu treten!“ Dieſe Worte waren kaum ausgeſprochen, als ſein über alle Kräfte ange⸗ ſtrengtes Pferd über ein Geleiſe in der Straße ſtrauchelte, ſchwer zu Boden ſtürzte und den Reiter unter ſich warf. Lange Zeit kehrte kein Schein von Bewußtſeyn zu⸗ rück und der Reitknecht, der ſich fürchtete ihn zu ver⸗ laſſen, hatte Stunden lang zu warten, bis vielleicht ein Landwagen vorüberging, auf den ſein verwundeter Herr gelegt werden konnte. Endlich kam ein ſolcher vorbei, Hamsworth wurde darauf gelegt und nach der„Lodge“ zurückgebracht. Bevor er jedoch das Haus erreichte, war ſein Bewußtſeyn zurückgekehrt und er fühlte, daß ſein Fall von keinen ernſtlichen Folgen begleitet war; die Erſchütterung war der einzige Umſtand von einiger Be⸗ deutung. Der Arzt von Macroom war bald bei ihm und be⸗ ſtätigte theilweiſe ſeine eigenen erſten Anſichten, ſchrieb ihm aber ausdrücklich Ruhe vor, da im Fall irgend einer ungewöhnlichen Aufregung die ſchlimmſten Folgen daraus entſtehen könnten. Hamsworth fügte ſich der Vorſchrift mit aller ſcheinbaren Standhaftigkeit, die ihm zu Gebote ſtand, in ſeinem Innern aber verwünſchte er das Mißgeſchick, das die Stunde ſeiner lang geſuch⸗ ten Rache in ſolche Ferne rückte. „Dieß kann alſo noch eine Woche dauern?“ rief er voll Ungeduld. „Der Doktor nickte bejahend. „Zwei— drei Wochen vielleicht?“ „Es wird wenigſtens einen Monat dauern, bevor ich Sie außer Gefahr erklären kann,“ ſagte der Arzt bedenklich. „Einen Monat! Großer Himmel!— Einen Mo⸗ nat! Und welche Gefahren befürchten Sie, im Fall ich mich nicht füge?“ „Deren gibt es verſchiedene und ſehr ernſte— Hirn⸗ entzündung, Fieber, ja ſogar Geiſtesverwirrung.“ 229 „Wirklich? Und ſind Sie überzeugt, daß mich dieſe Einkerkerung nicht toll machen wird?“ rief er leidenſchaftlich;„ſtehen Sie dafür, daß mein Gehirn gegen die qualvollen Gedanken, die mich die ganze Zeit über martern müſſen, Stand halten wird?— Oder können Sie verſprechen, daß die Ereigniſſe ſtille ſtehen werden, bis zu dem Augenblick wo ich wieder meinen Platz unter den Menſchen einnehmen kann?“ Der heftige, aufgeregte Ton, worin er ſprach, war nur ein um ſo beſtimmterer Beweis für die Wahrheit der ärztlichen Beſorgniſſe; der Arzt gab, ohne eine di⸗ rekte Antwort zu wagen, einige Anweiſungen, wie er zu behandeln ſey, worauf er ſich entfernte. Die Beſorgniſſe des Doktors waren wohlbegründet. Die erſten wenigen Stunden nach dem Unfall ſchienen keine ernſte Gefahr zu drohen; aber mit Einbruch der Nacht ſtellte ſich heftiges Kopfweh und Fieber ein, und vor Tagesanbruch lag der Patient in vollſtändigem De⸗ lirium. Kaum war die Kunde nach Carrig⸗na⸗curra gekom⸗ men, als Kerry abgeſchickt wurde, um Nachrichten über den Zuſtand des Kranken einzuholen; denn wie verſchie⸗ den auch die Meinung war, die Jeder von ihm hatte, ſo waren doch Alle von einem gemeinſchaftlichen Gefühl beherrſcht— dem Gefühl des Kummers uͤber ſein Un⸗ glück. Tag für Tag kam Sir Archy oder Herbert herüber, um ſich nach ihm zu erkundigen; aber ſeine Krankheit ſchien einen chroniſchen Charakter angenommen zu haben, und er lag in einem unveränderlichen Zuſtand lethar⸗ giſcher Bewußtloſigkeit.. In dieſer Art verſtrich eine Woche nach der andern, und der Zuſtand des Landes ſchien dem des kranken Mannes zu gleichen— es war ein Zuſtand der Schlaf⸗ ſucht und der Unempfindlichkeit. Die mit ſo viel Eifer begonnene Verfolgung Marks war gleichſam erſtorben. Die Belohnungsverſprechungen wurden gleich bei ihrem erſten Erſcheinen vom Landvolk herabgeriſſen, ohne wieder 23⁰ erneuert zu werden; die Militärabtheilung begab ſich, nachdem ſie ohne Erfolg Killarney durchſucht, nordwärts nach Tralen, und kehrte bald darauf ins Hauptquartier zurück. Dennoch, trotz aller dieſer Zeichen von Sicher⸗ heit, wagte es Mark, den ſeine kurze Lebenserfahrung Vorſicht gelehrt hatte, nur ſelten nach Carrig⸗na⸗curra, und brachte nie mehr als einige Augenblicke unter dem Dache ſeines Vaters zu. Während Jeder eine Ahnung hatte, daß dieſe Ruhe nur die einem Sturm vorangehende Stille ſey, nahmen ihre Beſorgniſſe ganz verſchiedene, entgegengeſetzte Rich⸗ tungen. Kate's Befürchtungen, über die Folgen von Hamsworths Krankheit ſtiegen mit jedem Tage; ſie ſah die Zeit vorüberſchleichen, wo ein Entrinnen möglich ſchien, und wußte doch nicht, wie ſie die Gelegenheit benutzen ſollte. Sir Archy verknüpfte die Thätigkeit, womit Marks Verfolgung anfangs unternommen wurde, mit dem plötzlichen Erſcheinen Hamsworths im Lande, ſowie mit dem Aufgeben aller Bemühungen, ihn zu fangen, das auf Hamsworths Unfall erfolgte; und ſo erwachte in ihm ein ſtarker Verdacht, daß der Verwal⸗ ter der eigentliche Urheber der ganzen Geſchichte ſey, und daß ſeine frühern Zweifel über ihn gute Begrün⸗ dung haben; während Herbert, der über den wahren Zuſtand der Dinge weniger unterrichtet war, als alle Andern ſich Meinungen bildete, die mit jedem Tage wankten und wechſelten. Bei dieſer Lage der Dinge war Sir Archy eines Morgens allein hinübergegangen, um ſich nach Hams⸗ worth zu erkundigen, deſſen Zuſtand ſeit einigen Tagen drohender war, als gewöhnlich— denn Symptome heftigen Deliriums waren an die Stelle der früheren Tod⸗ähnlichen Lethargie getreten. Tief in ſeine Ver⸗ muthungen begraben über die eigentliche Natur der Rolle, die er ſpielte, und in wie weit ſeine Motive ſich mit ehrbaren Abſichten vertragen möchten, wankte der alte Mann müde dahin, erwog unterwegs jedes —— 231 Wort, von dem er ſich erinnern konnte, daß es auf die fraglichen Ereigniſſe Bezug hatte, und ſuchte ſich ſorgfältig jeder Spur von Vorurtheil zu entäußern. Unter ſolchen Betrachtungen kam er zufällig von dem regelmäßigen Weg ab und gerieth auf einen ſchmalen Pfad, der an die Hinterſeite der„Lodge“ führte; er wurde ſeinen Irrweg nicht eher gewahr, als bis er am Ende des Ganges das große Fenſter eines Zimmers ſah, von dem er ſich erinnerte, daß es zu dem frühern Gebaäude gehörte. Der Fenſterladen war offen, die Vor⸗ hänge aber waren eng zugezogen, ſo daß man weder hinein noch hinaus ſehen konnte. Dieſe Dinge bemerkte er, als er ſich, ermüdet von einer ungewohnten An⸗ ſtrengung, um einen Augenblick auszuruhen, auf eine Bank unter den Bäumen ſetzte. Bald drang zu ſeinem Ohr ein anhaltendes dumpfes Stöhnen; er lauſchte und erkannte deutlich das ſchwere Athmen eines Kranken, begleitet von tiefen Seufzern. Auch ließen ſich Stimmen von Perſonen vernehmen, die beſorgt mit einander ſprachen, und er hörte deutlich die Worte:„Endlich iſt er eingeſchlafen,“ worauf ſich die Thüre ſchloß und alles ſtill war. Die feierliche Stimmung, welche von ſchwerer Krankheit eingeflößt wird, empfand der alte Mann in ihrer ganzen Kraft, während er wie verzaubert dort ſaß, unfähig ſich zu entfernen. Das mühſame Athmen, das die Ebbe des Lebens zu verkünden ſchien, machte ſein eigenes ſtarkes Herz zittern, denn er bedachte, wie er in ſeinen letzten Stunden ihm Unrecht thun könnte. „O, wenn ich ungerecht geweſen bin— wenn ich ihn bis zuletzt mit unedlen Zweifeln verfolgt habe— ſo ver⸗ gieb mir, o Himmel; jetzt in dieſer Stunde iſt faſt mein eigenes Herz mein Ankläger;“ und ſeine Lippen murmelten ein tiefes, inbrünſtiges Gebet um jene Barnm⸗ herzigkeit und Gnade, die er bei ſeiner gebrechlichen Natur einem Andern verweigert habe. Mit beruhigtem Geiſte, mit ſtärkerem Muthe, erhob er ſich von ſeinen 7 232 Knieen und war im Begriff ſich zurückzubegeben, als ein plötzlicher Schrei aus dem Krankenzimmer ſeine Schritte hemmte. Dieſem erſten folgte ein noch gellen⸗ derer und durchdringenderer Schrei und darauf ein gräß⸗ licher Ausbruch wahnſinnigen Gelächters: ſo ſchrecklich auch die vom Schmerz entriſſenen Töne des Leidens ſind— wie matt ſcheinen ſie in Vergleich mit den Aus⸗ brüchen der Luſtigkeit von den Lippen eines Wahnſinigen! „Da— da,“ rief eine Stimme, die er ſogleich als die von Hamsworth erkannte—„das iſt er, das iſt euer Gefangener— verſichert euch ſeiner; denkt an eure Befehle, Soldaten!— Hört ihr? Wenn man eine Be⸗ freiung verſucht, ſo ladet mit Kugeln und ſchießt tief. Merft das, ſchießt tief. Ha, wie blaß ihr ſeyd!“ Und abermals er⸗ ſcholl das wilde Gelächter„Ja, mein Fräulein,“ fuhr er in einem Tone frechen Hohnes fort,„jede Ehre ſoll ihm zu Theil werden— ein Stuhl im Kerker— ein Teppich am Galgen. Sie ſollen Trauer für ihn tragen— den ganzen Honigmonat hindurch, wenn es Ihnen beliebt. Ja,“ ſchrie er mit wilder, wüthender Stimme,„das heißt Rache! Ihr habt mich einſt getroffen— ihr nanntet mich einen rohen Plebejer! Vielleicht ſind wir im Stande das Blut zu ſehen, auf das ihr ſtolz ſeyd — ja, das Blut! das Blut!“— Darauf holte er, gleich⸗ ſam erſchöpft von ſeiner Anſtrengung, einen ſchweren Seufzer und verſank in tiefes Stöhnen, wie zuvor. Sir Archy, der in der Scene eine unmittelbare Erwiederung auf ſein gen Himmel gerichtetes Gebet er⸗ kannte, begab ſich näher an das Fenſter und horchte. Allmählig, und gleich einem aus einem ſchweren Schlum⸗ mer erwachenden Menſchen, ſtreckte der Kranke ſeine Glieder aus, holte einen tiefen Seufzer, deſſen röcheln⸗ der Ton von großer Schwäche zeugte, fuhr ſodann in ſeinem Bette auf und ſchrie— „Es iſt, es iſt der königliche Verhaftsbefehl— wer wagt es ſich ihm zu widerſetzen! Neitet ſchneller zu, Soldaten— ſchneller; ſammelt euch hier auf der Weſtſeite des Gebirges. Da— da, dort, neben dem Wer hat von Gnade geſprochen? Nie! Leiſtet er Widerſtand, ſo haut ihn nieder. Reitet zu, Sol⸗ daten, reitet zu!“ Und in der Aufregung ſeines Wahn⸗ ſinns ſprang er aus ſeinem Bette auf den Boden.„Da Strand. — das dor fünfbundert Guineen für die Hand, die ihn zuerſt er⸗ greift,“ d Vorhang auf die Seite und ſchaute hinaus. Erſchöpft und abgezehrt, mit einem ſeit Wochen nicht geſchorenen Bart und mit Augen, die vom Glanz des Wahnſinns glizerten, machte der Ausdruck ſeiner Züge das Herzblut des alten Mannes gerinnen, als er faſt an ſeiner Seite ſtand; unfähig, ſich weiter zu be⸗ wegen. Ein Paar Sekunden lang gaffte Hamsworth den Andern an erkennung mit wüthendem Toben— „Sie acht Tage. Acht Tage nicht in dieſer Welt—“ und ein fürchterliches Grinſen der Boshei mit verändertem Tone und einem ſchwachen Lächeln, dem die Krankh „Ich habe ergeben— aber er wollte nicht— nein, er wollte nicht!“— Mit einem abermaligen Ausbruch des Gelächters wankte er zurück in d Sir Archy Simmung; men, eilte als möglich 233 t iſt er; er hat ſich in die Gebirge geflüchtet; amit wankte er auf das Fenſter zu, riß den „ gleich als hätte ein Kampf der Wieder⸗ in ſeinem Gehirn gearbeitet; darauf ſchrie er * kamen zu ſpät; der Nath bewilligte nur Ich unterdrückte die Proklamation im Süden. — ſpater kein Pardon mehr— wenigſtens t durchzuckte ſein Geſicht; darauf ſprach er eit die oft angenommene Verſtellung entriß: alles gethan, um ihn zu überreden, ſich zu die huldreiche Gnade der Krone anzunehmen; as Zimmer und ſiel hülflos auf den Boden. war in dieſem Augenblick in keiner mitleidigen ohne dem Patienten einen Gedanken zu wid⸗ er den Pfad hinunter und kehrte ſo ſchnell nach Carrig⸗na⸗curra zurück. 234 Zweiundvierzigſtes Kapitel. Die Waldhütte. Sir Archy's bei jedem Vorkommniß des Lebens ſo beſtimmtes und abgemeſſenes Weſen hatte, bevor er nach Carrig⸗na⸗curra kam, eine höchſt merkwürdige Verän⸗ derung erlitten; jeden Augenblick entfuhren ihm Aus⸗ rufe, gemiſcht mit glühend ausgedrückten Hoffnungen er möchte nicht zu ſpät kommen, um Mark aus ſeiner Ge⸗ fahr zu retten. Die Aufregung ſeiner Seele, ſowie die beſtandenen Anſtrengungen üͤberwältigten ihn vollſtaͤndig, und als er das Haus erreichte, warf er ſich erſchöpft auf einen Sitz nieder. „Sind Sie unwohl, mein lieber Oheim?“ riefen Kate und Herbert zugleich, indem ſie ſich zu beiden Sei⸗ ten ſeines Stuhles ſtellten. „Müde, erſchöpft, erhitzt, meine lieben Kinder; weiter nichts. Schicket mir Kerry her, ich möchte ihn gerne ſprechen.“ Bald erſchien Kerry, worauf Sir Archy ihn zu ſich winkte und ihm haſtig einige wenige Worte in's Ohr flüſterte Kerry gab keine Antwort, ſondern ſtürzte aus dem Zimmer, und bald darauf ſah man ihn die Straße hinabeilen. „Ich ſehe, mein lieber Oheim,“ flüſterte Kate in — zitterndem Tone—„ich ſehe, Sie haben dieſen Morgen uͤble Zeitungen für uns— es geht ihm ſchlimmer.“ „Schlimmer könnte es nicht mit ihm ſtehen,“ mur⸗ melte Sir Archy mit einer Bedeutſamfkeit, die den Wor⸗ ten einen ſehr zweideutigen Sinn verlieh. „Aber es iſt noch Hoffnung vorhanden. Geſtern hörten wir, morgen werde die Kriſis der Krankheit ein⸗ . 1 treten, der zwanzigſte Tag ſeit dem Rückfalle.“ „Ja, ja!“ verſetzte der alte Mann, der, ohne ihre Bemerkung zu beachten, den Gang ſeiner eigenen Be⸗ trachtung verfolgte.„In's Netz— in die Falle gelockt 235⁵ — jetzt ſehe ich Alles. Und nur acht Tage bewilligt! — Und auch von dieſen erhielt er keine Kunde. Armer Burſche, wie biſt Du betrogen worden!“ „Aber dieſes Delirium kann wieder vergehen, Oheim,“ ſagte Kate, die betroffen über ſeine vagen Ausdrücke ihn wieder auf das Thema von Hamsworths Krankheit zu bringen ſuchte. „Alsdann kömmt die Strafe, Mädchen,“ rief er energiſch.„Die Regierung kann einem Rebellen nicht vergeben, wie es Eltern mit ungezogenen Kindern machen, gegen das Verſprechen, ſich künftig beſſer aufzuführen. Wenn ein kühner Plan— aber wart ein wenig, hier iſt Kerry. Komm her an's Fenſter, mein Mann; komm her,“ und mit dieſen Worten rief er ihn zu ſich. Welche Zeitungen auch Kerry gebracht haben mochte, Sir Archy ſchien in großer Freude darüber; er nahm Herbert am Arm, eilte aus dem Zimmer und ließ den alten O⸗Donoghue mit Kate in einem Zuſtand äußerſter Verwirrung zurück. „Ich fürchte, meine liebe Nichte, Hamsworths Zu⸗ ſtand iſt gefährlich. Archy hat heute einen hölliſch wil⸗ den ſonderbaren Blick an ſich,“ ſagte der O'Donoghue achend. „Ich hoffe, er hat keine ſchlimmen Nachrichten er⸗ fahren, lieber Oheim. Er iſt ſelten ſo aufgeregt wie heute. Aber was kann dies zu bedeuten haben? Hier kömmt eine Kutſche die Straße herauf. Sieh da, ſie hält am Thore und dort eilt Kerry mit einem Mantel⸗ ſack hinunter.“ 4 Waäͤhrend ſie ſprach, trat Sir Archy in's Zimmer im Reiſeanzug, näherte ſich dem Stuhle ſeines Schwa⸗ gers und flüſterte ihm einige wenige Worte in's Ohr. „Der Himmel ſey uns gnädig,“ rief der alte O'Do⸗ noghue, halb bewußtlos in ſeinen Sitz zurückfallend. Sir Archy dagegen wendete ſich an Kate, nahm ihre Hand in ſeine beiden und ſagte— „Mein innigſt geliebtes Mädchen, ich habe keine 236 Geheimniſſe vor Ihnen; aber die Zeit iſt zu kurz, um jetzt viel zu ſprechen. Genug wenn ich Ihnen ſage, daß Mark in Gefahr iſt— in der größten und drohendſten Gefahr. Ich muß nach Dublin eilen, um den Sekretär und wo möglich den Lord⸗Lieutenant zu ſprechen. Es iſt vielleicht nöthig, daß ich nach London reiſe. Herbert hat ſich bereits in's Gebirge begeben, um Mark auf ſeine Gefahr aufmerkſam zu machen. Wenn er ent⸗ kommen kann, bis ich wieder da bin, ſo kann noch alles gut gehen. Vor allen Dingen jedoch laſſet nichts von meiner Reiſe verlauten. Ich gehe nur nach Macroom oder Cork, merkt euch das, und komme morgen Abend oder übermorgen wieder zurück.“ Eine Geberde von Kerry, der auf dem Felſen üͤber der Straße ſtand, erinnerte ihn, daß alles fertig ſey; er verließ daher mit herzlichem, aber ſchleunigem Ab⸗ ſchied das Zimmer, gewann die Straße und eilte bald auf Dublin zu, ſo ſchnell die Poſt nur fahren konnte. „Dieſe Thiere können es ſchon aushalten,“ ſagte Kerry, der ſie mit der Bewunderung eines Kenners be⸗ trachtete,„und der kleine mit dem Rattenſchwanz iſt noch nicht der ſchlimmſte.“ „Woher kam dieſe Kutſche, Kerry?“ rief O'Do⸗ noghue, der ſich die Schnelligkeit in Sir Archy's Be⸗ wegungen nicht erklären konnte. —„Sie kam mit dem Doktor Dillon von Macroom, Sir, und ſollte ihn wieder dahin zurückbringen; aber Sir Archibald ſagte mir, ich ſolle dem Knecht eine Pfund⸗ note geben, damit er einen Fehler mache und für ihn hieherkomme. So nun geſchah es.a 3 Während wir den alten O'Donoghue und ſeine Nichte dem Austanſch ihrer Beſorgniſſe und Vermuthun⸗ gen über die Gefahr überlaſſen, welche, wie ſie Beide glaubten, dem Sir Archy von Hamsworth mitgetheilt worden war, müſſen wir Herbert begleiten, der ſich jetzt unterwegs nach dem Gebirge befand, um Mark zu unterrichten, daß ſein Verſteck bereits entdeckt und Maß⸗ —;;J— 237 regeln für ſeine Habhaftwerdung ergriffen ſeyen, in einem Geiſte, der einen Zweck perſönlicher Feindſeligkeit verrathe. Herbert wußte nicht viel mehr als dieß, denn es gehörte nicht zu Archy's Plan, irgend Jemand mitzu⸗ theilen, wie er Hamsworths Verrätherei entdeckt habe, damit nicht im Falle ſeiner Wiedergeneſung ihr Beneh⸗ men ihn zu einer Aenderung ſeiner Taktik bewegen möge. Hamsworth war ein zu ſchlauer Gegner, als daß man ihm irgend einen Vortheil einräumen durfte. In der That, die einzige Ausſicht auf Erfolg gegen ihn lag in Ergreifung der Gelegenheit ſeiner jetzigen Krank⸗ heit, um ſeinen Bewegungen zuvorzukommen. Sir Archy ließ daher die Familie in Carrig⸗na⸗curra in Unwiſſen⸗ heit über die Schurkerei dieſes Menſchen, indem er dieſe Unwiſſenheit als ein Mittel betrachtete, ihn in Sicher⸗ heit einzulullen. Die Ausdrücke, die ihm halb unwill⸗ kürlich im Geſellſchaftszimmer entfallen waren, trugen glücklicherweiſe zu dieſem Zwecke bei und bewogen ſo⸗ wohl den O'Donoghue als auch Kate zu dem Glauben, daß, welcher Art auch die Nachrichten ſein mochten, die Sir Archy erfahren hatte, die Quelle derſelben keine andere ſey, als Hamsworth ſelbſt, über deſſen gute Ab⸗ ſichten gegen Mark kein Verdacht beſtand. Herberts Rolle war auf die bloße Warnung be⸗ ſchränkt, daß Mark ein geſicherteres Verſteck aufſuchen ſolle; aber von welcher Art die Gefahr war, von wem oder woher ſie kam, darüber wußte der Jüngling nichts. Marks politiſche Geſinnungen waren ihm allerdings nicht unbekannt, auch unterſchätzte er nicht die Wirkung, welche ſeine Grundſätze auf ſeine Handlungen ausüben konnten. Er kannte ihn als unerſchrocken, furchtlos und entſchloſſen; auch wußte er, wie der Mangel an einem regelmäßigen Beruf oder Lebenszweck dazu gedient hatte, ſeine Begriffe noch mehr zu verwirren, und die Unzu⸗ friedenheit mit ſeiner Lage zu erhöhen. Wenn auch Herbert an Mark nicht höhere Geiſtesgaben bewunderte, 238 ſo lagen doch Züge in ſeiner Natur, die ihm die höchſte Achtung einflößten. Die raſche Kühnheit, womit er der Gefahr zuvorkam und entgegenging, ſeine Fruchtbarkeit an Hülfsmitteln, die er in Augenblicken bewies, wo ſich die meiſten Menſchen von Furcht und Schrecken über⸗ wältigen laſſen, die Ruhe ſeines Geiſtes, wenn eine große Gefahr drohte, bewieſen, daß ſein leidenſchaftliches, wunderliches Weſen aus dem Kampf mit kleinlichen Verhältniſſen entſprang, und nicht der eigentliche Keim ſeines Gemüthes war. Herbert ſah voraus, daß ein ſolcher Charakter nur die für ihn paſſende Sphäre zu finden brauche, um ſich emporzuſchwingen; aber eben ſo wohl erkannte er auch die Gefahren, denen ſich ſein Eigenthümer ausſetzte. Mit dieſem Thema befchäftigten ſich ſeine Gedanken den ganzen Tag, als er den einſamen Pfad unter den Ge⸗ birgen dahinwandelte; und er fand auf dem ganzen Wege kein einziges menſchliches Weſen. Endlich, als der Abend hereinbrach, näherte er ſich dem Thale, das ſich am Fuße des Gebirges dahinwand, und als er ſich beſann, welchen Pfad er einſchlagen wolle, feſſelte ein dumpfes Pfeifen ſeine Aufmerfſamkeit. Da er ſich erinnerte, daß dieß das Signal ſey, ſo erwiederte er es. Im nächſten Augenblicke kroch aus 31 dichten Gebüſche Terry hervor und kam auf ihn zu. „Ich wollte mich Eurer erſt vergewiſſern, ehe ich Euch paſſiren ließ, Mr. Herbert,“ rief er,„denn ſo, wie Euer Kopf herunterhing, konnte ich nichts von Euerm Geſichte ſehen. Schlaget den kleinen Pfad links ein und kehret nicht ſeitwärts, bis Ihr den Weißdorn erreicht— alsdann ungefähr eine Viertelmeile weit gerade das Gebirge hinauf, bis Ihr drei Steine übereinander fin⸗ det. Von dieſem Punkte aus werdet Ihr die Waldhütte unter Euch ſehen.“ „Iſt mein Bruder jetzt dort?“ fragte Herbett. „Ja; er bleibt nie lange weg; und letzten Abend, — 239 als der franzoͤſtſche Schooner in die Bucht kam, bekam er ein wenig Angſt.“ „Ein franzöſiſcher Schooner hier in der Bucht?“ „Allerdings; aber mit einer engliſchen Flagge. Er landete, zehn Mann an der Spitze, und ſegelte darauf, ſo ſchnell er konnte, wieder in die See hinaus. Er war noch vor Einbruch der Nacht verſchwunden.“ „Und die Mannſchaft, was wurde aus ihr? „Sie blieb eine Stunde oder noch etwas länger bei Mr. Mark. Einer davon war, glaube ich, ein alter Freund von ihm; denn ich ſah nie eine ähnliche Freude, wie bei ihm, als er Euren Bruder erblickte. Er gab ihm zwei Bücher, ſo wie einiges Papier und ein Bün⸗ del— ich weiß nicht, was darin war— darauf begaben ſie ſich auf einer in dieſen Gegenden ſehr wenig bekann⸗ ten Straße nach Kenmare⸗Bay.“ Alle dieſe Einzelnheiten erregten Herberts Erſtau⸗ nen und Intereſſe in nicht geringem Grade;— denn obgleich weit entfernt, den Berichten Terry's, daß das Fahrzeug ein franzöſiſches ſey, unbedingt zu glauben, ſchien doch das Ereigniß nicht unbedeutend, da es be⸗ wies, daß Mark Freunde beſaß, die ſein gegenwärtiges Verſteck kannten. Ohne jedoch weitere Zeit zu verlieren, ſagte er Terry Lebewohl und eilte den Pfad entlang hinunter in's Thal. Nach Terry's Weiſungen ſich richtend fand Herbert den Pfad, der an manchen Stellen durch Ginſtergeſträuch verdeckt war, augenſcheinlich um eine Entdeckung durch Fremde zu verhüten, und nachdem er endlich den Ge⸗ birgsrücken erreicht hatte, bemerkte er die kleine Wald⸗ ütte in einer Entfernung von etlichen hundert Fuß unter ihm. Es waren blos einige wenige junge Bäume, bedeckt mit Raſenſtuͤcken, die an den Abhang des Hügels ch anlehnten, gegen die See zu aber ſich öffneten, und man genoß daſelbſt zu beiden Seiten eine Ausſicht von ungefahr fünfzehn Stunden. In jedem andern Augenblicke hätte die herrliche 240 Landſchaft Herberts ganze Aufmerkſamkeit gefeſſelt. Die ruhige See, über die ſich die Nacht langſam dahin ſtahl — die vorſpringenden Felſengebirge, deren Wände der weiße Schaum beſpritzte— die hohlen dunkeln Klippen, durchlöchert von mancher Höhle, durch welche die See donnergleich brauste— dies alles feſſelte ſeine Gedan⸗ ken nur eine Sekunde lang, und ſchon eilte er in ſchnel⸗ len Sprüngen den ſteilen Pfad hinab, wo ſich im näch⸗ ſten Augenblick eine Scene enthullte, die ſein Intereſſe weit lebhafter erregte. Durch das Dach der Waldhütte, wo da und dort der trockene Raſen hinabgefallen war, erblickte er ſeinen Bruder, ausgeſtreckt auf dem bloßen Boden, aufmerkſam eine große Karte betrachtend, die weit ausgebreitet vor ihm lag. Es war wirklich Marks Geſtalt. Der maſſive Kopf, zu deſſen beiden Seiten in wallenden Locken das lange Haar herabfloß,— dies alles geſtattete keinen Zweifel. Das Koſtüm aber hatte Herbert noch nie ge⸗ ſehen. Es war eine einfache blau und weiße Uniform, mit einer einzigen ſilbernen Epaulette und einem Degen mit einem Griff vom gleichen Metall. Der Tſchacko war von dunklem Pelz, verziert mit einem großen Bou⸗ quet dreifarbiger Bänder, deren munter prangende Far⸗ ben in ſeltſamem Kontraſt über den dunkeln Boden ſtrömten. Trotz all ſeines Schreckens beim Anblick dieſer Embleme hüpfte ſein Herz vor Stolz über die kriegeriſche ſchöne Geſtalt, die auf Einen Ellbogen geſtützt mit der andern Hand die Linien auf der Karte verfolgte. Un⸗ fähig ſeine Ungeduld länger zu unterdrücken, rief er aus— „Mark, mein Bruder!“ und im nächſten Augenblick lagen ſie einander in den Armen. „Biſt du im Gebirge an Terry vorübergekommen? Er war doch, hoffe ich, auf ſeinem Poſten?“ fragte Mark äangſtlich. „Ja, ohne daß er mir den Weg gezeigt, hätte ich ihn nicht finden können.“ — 241 „Nun, dann iſt alles gut. So lange ich nicht ein gewiſſes Signal von ihm höre, fürchte ich nichts. Der Burſche ſcheint weder zu eſſen, noch zu ſchlafen. We⸗ nigſtens ſo lange ich hier bin, hat er in den Gebirgen Tag und Nacht Wache gehalten.“ „Er hat Dich ſtets geliebt, Mark.“. „O ja: aber jetzt denkt er an etwas anderes, als an mich. Er iſt mit ganzem Herzen für die Sache— für ein höheres und edleres Gut, als ein ſo werthloſes Leben iſt, wie das meinige.“ „Der arme Burſche! Im beſten Falle iſt er nur halb bei Verſtand,“ ſagte Herbert. „Um ſo mehr Grund, auf ſeine Treue zu bauen,“ verſetzte Mark mit Bitterkeit.„Die Menſchen von Ver⸗ ſtand ſind Verräther an ihren Eiden und falſch gegen ihre Freunde. Die Unternehmung kann auf Niemand rechnen, als auf Thoren oder Narren. Ich weiß, wor⸗ auf Dein Spott gezielt.“ „Mein theuerſter Bruder,“ rief Herbert mit ſtrö⸗ menden Augen. „Mein herzgeliebter Herbert, vergib mir,“ ſprach Mark, indem er ihn umhalste.„Dieſe leidenſchaftlichen Ausbrüche überfallen mich nach langem und angeſtreng⸗ tem Denken. Ich bin heute müde. Erzähle mir, wie ſich Alle in Carrig⸗na⸗curra befinden.“ „Gut, und ich mochte ſagen, ſie wären glücklich, Mark, wären ſie nicht ſo ſehr um Dich beſorgt. Der Oheim hörte heute einige Neuigkeiten von ſo drohender Natur, daß er mit Extrapoſt nach Dublin aufgebrochen iſt und blos dieſe wenigen Zeilen ſchrieb, die er mir vor ſeiner Abreiſe an Dich gab.“ Mark überlas das Papier zweimal, zerriß es darauf und warf die Bruchſtücke auf den Boden, während er murmelte— „Ich kann, ich darf dieſen Ort nicht verlaſſen.“ „Aber Deine Sicherheit hängt davon ab, Mark— Lever, O'Donoghue. II. 16 242² bies wenigſtens hat mir der Oheim eingeprägt. Die Gefahr iſt drohend, und wie er ſagte verhängnißvoll.“ „ Dies wäre der Fall, wenn ich meinen Poſten ver⸗ laſſen wollte. Ich kann Dir nicht ſagen, Herbert, ich darf Dir nicht enthüllen, was unſer Eid mir verbietet: — aber ich muß hier bleiben.“ „Und dies Gewand, Mark— warum erhöhſt Du noch die Gefahr durch eine Uniform, die auf Hochverrath deutet?“ „Wer wagt es, mir ſo etwas zu ſagen?“ rief Mark mit Ungeſtüm.„Die Uniform iſt die eines franzöſiſchen Grenadiers— deſſen Dienſt der Ruhm und deſſen Sache die Freiheit iſt. Genug, daß ich ſie nicht ohne Erlaub⸗ niß trage. Hierüber kannſt Du Dich bald überzeugen. Da lies,“ und nun entfaltete er ein Papier, das, mit dem Wappen und Siegel der franzöſiſchen Republik ver⸗ ſehen, eine Anſtellung als Lieutenant in Hoche's Grena⸗ dier⸗Regiment enthielt, übertragen an Mark O'Donoghue, als Zeichen der Achtung für ſeine Treue gegen die Sache der iriſchen Unabhängigkeit.„Du wunderſt Dich, daß ich die Sprache leſen kann, Herbert,“ ſagte er lächelnd; „aber ich habe dieſen Sommer ſchwer gearbeitet und mit Kate's Beiſtand einige Fortſchritte gemacht.“ „Und iſt Dein Traum von iriſcher Unabhängigkeit ſo tief geſunken, Mark— daß die Freiheit, von der Du ſprichſt, durch die Tapferkeit von Fremden gewonnen werden muß?“ Diejenigen find keine Fremden, deren Herzen gleich warm für die Freiheit ſchlagen. Sprache, Land, Meer können uns trennen, aber wir ſind Brüder in der glor⸗ reichen Sache der Menſchheit. Ihre Schwerter ſind jetzt für uns, wie die unſrigen für ſie ſeyn würden, falls die Gelegenheit dies erforderte. Außerdem müſſen wir die Verräther lehren, mein Junge, daß wir ohne ſie handeln können— daß Irland, wenn auch ſeine eigenen Söhne falſch ſind, doch noch treue Freunre hat; und dann wehe denen, die es verrathen haben. O mein Bruder, — 243 Du Bruder meines Herzens, wie wollte ich niederknieen und dem Himmel danken, wenn die gleichen Hoffnungen, die mich durchzucken, auch Dich beſeelten, wenn der Geiſt, den Du beſitzeſt, der theuern Sache Deines eige⸗ nen Landes geweiht wäre— wenn wir zuſammen auf⸗ treten und der Gefahr entgegen gehen könnten, Hand in Hand, und Seite an Seite, ſo wie wir jetzt ſtehen.“ „Meine Liebe zu Dir, Mark, würde dies Opfer bringen,“ ſagte Herbert, waͤhrend ihm die Thränen ſchwer über die Wange rollten;„aber meine Ueberzeu⸗ gungen, meine Vernunſt, meine Religion, dies alles verbietet mir es im gleichen Maße.“ „Deine Religion, Herbert?— Habe ich Dich recht verſtanden? „O ja. Ich bin Proteſtant.“ Mark bebte zurück bei dieſen Worten ſeines Bruders; eine kalte bleierne Farbe verbreitete ſich über ſeine Züge, und er glich einem Kranken, der mit einem Schmerze ringt. „SO, iſt es nicht Zeit!“ rief er, indem er die Hände über dem Haupte faltete und ſie in ſchmerzlicher Auf⸗ regung rang—„iſt es noch nicht Zeit, den Streich zu führen, ehe jedes Band, das uns an das Land knüpft, auseinander reißt; Rang, Ehrenſtellen, Reichthum und Macht, Alles haben ſie uns geraubt; unſer Glaube iſt erniedrigt, unſer Geſchlecht verhöhnt, ſelbſt die Bande des Blutes ſind zerriſeen— man hat uns keine Brüder mehr gelaſſen!“ Herbert legte den Kopf auf die Kniee und weinte bitterlich. „Wer kann von mir ſagen, ich ſey noch nicht ge⸗ prüft worden?“ fuhr Mark in einem Tone leidenſchaft⸗ lichen Kummers fort—„betrogen allenthalben— mei⸗ nes Erbtheils beraubt— meine Freunde alle falſch— mein Vater“— hier hielt er plötzlich inne, denn in dieſem Moment blickte Herbert auf, und ihre Augen be⸗ gegneten ſich. 16* 244 „Was ſagſt Du von unſerm Vater, Mark?“ „Ach, meine Gedanken waren irre,“ ſagte Mark mit gebrochener Stimme. Ich bitte abermals um Ver⸗ zeihung— wir ſind noch Brüder, wenn wir nur von Herzen treu dem ſind, der alle Herzen kennt, ſo wird er nicht zugeben, daß wir getrennt werden. Kannſt Du eine Weile bei mir bleiben, Herbert?— Ich weiß Du machſt Dir nichts aus einem rauhen Bivouak.“ „Ja, Mark, ich werde Dich nicht verlaſſen. Zu Hauſe iſt alles wohl, und ſie werden errathen, welche Urſache mich hier zurückhält.“ Unter ſolchen Geſprächen ſetzten die Brüder ſich Seite an Seite nieder, und blie⸗ ben, die Hände feſt ineinander gedrückt, in ſtilles Nach⸗ denken verſunken. Die ganze Nacht hindurch ſprachen ſie mit einan⸗ der. Es war ſeit manchem langen Jahre der erſte Au⸗ genblick, daß ſie ihre Herzen gleich Brudern ausſchütte⸗ ten, und in der Fülle ihrer Gemüthlichkeit theilten ſie ſich ihre geheimſten Gedanken mit, ausgenommen einen einzigen Punkt, worüber keiner von beiden zu ſprechen wagte; denn waͤhrend jedes Ereigniß der Vergangenheit ins Gedächtniß gerufen und Freunde erwähnt wurden, ſpielte Mark kein einziges Mal auf Kate an, und eben ſo wenig ſprach Herbert den Namen Sybella Travers aus. Aus ſeinen Planen für die Zukunft machte Mark kein Geheimniß. Er hatte eine Stelle in der franzöſiſchen Armee angenommen unter der Bedingung, daß eine In⸗ vaſion Irlands beſchloſſen würde, in welchem Falle ſeine Dienſte von einigem Werth geweſen wären. Er hoffte Frankreich auf dem Schooner zu erreichen, der, nachdem er ſeine Fracht in der Nähe der Shanon⸗Mündung ge⸗ landet, ſogleich nach Cherbourg zurückfahren ſollte; dort angelangt wollte er in den Dienſt treten und die Dis⸗ eiplin erlernen. „Ich habe mit ihnen meinen Vertrag abgeſchloſſen meine Blicke werden ſich nie von England ablenken, bis Irland frei iſt; nachher trete ich unter die Reihen, um 245 an den Rhein oder an die Donau zu marſchiren, kurz, wohin ſte wollen. Perſönlichen Ehrgeiz habe ich keinen! — Als einfacher Grenadier in den Reihen der Armee zu dienen, welche die Fahne der Freiheit zuerſt hier aufpflanzen wird— das iſt meine einzige Bedingung. Sprich mir von Niederlage oder Unglück, wenn Du willſt; aber ſuche nicht mich von einem Unternehmen abzumahnen, an dem ich beſchloſſen habe mich zu be⸗ theiligen, noch bemühe Dich, mir Gründe entgegenzuhal⸗ ten, wo mein innerer Drang mächtiger ſpricht als meine Vernunft.“ In dieſem Tone ſprach Mark, und Herbert, der ihm bekümmert zuhörte, kannte die Natur ſeines Bruders zu gut, um ein Wort des Einwurfes gegen ſeinen Entſchluß fallen zu laſſen. 3 Mark ſeinerſeits veranlaßte ſeinen Bruder, über manchen ſeiner eigenen Zukunftsplane zu ſprechen, wobei ein anderer, durchaus verſchiedener Ehrgeiz zu Tage kam. Herbert hatte die Schranken betreten, wo Geiſt und Ge⸗ nius die Waffen der Kämpfer ſind, und hatte in ſeinen frühen Triumphen jene Leidenſchaft für Erfolg eingeſo⸗ gen, die, wenn man ihr einmal fröhnt, nur mit dem Leben ſelbſt erſtirbt. Ueber dieſer Unterhaltung brach der Morgen an, und ſchon ergoß ſich das Sonnenlicht uͤber den weſtlichen Ozean, als ſie neben einander lagen und ſchliefen. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Die Verbündeten. Der Paroxysmus, wovon Sir Archibald Zeuge ge⸗ weſen war, blidete die Kriſis in Hamsworts Krankheit; und am Abend des gleichen Tages hatte die Heftigfeit derſelben ſo weit nachgelaſſen, daß das Delirium auf⸗ hörte und aͤußerſte Schwäche jetzt das einzige Symptom 246 von großer, zurückgebliebener Gefahr war. Mit ſeinen Kräften kehrte auch ſein Gedächtniß zurück— klar und unumwölkt, ſo daß er ſich bis zum Augenblick ſeines Falles jedes Ereigniſſes erinnerte; und während er ſchwach und abgezehrt auf ſeinem Bette lag kehrte ſein Geiſt zu⸗ rück zu den Planen und Entwürfen, deren Ausführung durch ſeine Krankheit unterbrochen worden war. Die mit dem Gegenſtand verbundene Aufregung ſchien ihm mehr dienlich als ſchädlich zu ſein; das Gefühl zurückkeh⸗ render Geſundheit beſchleunigte ſeine Geneſung, geiſtige Ermüdung führte einen tiefen Schlaf herbei, und am folgenden Tage erwachte er erfriſcht und geſtärkt. Der Gang der Zeit in der Krankheit iſt wahrſchein⸗ lich einer der ſchmerzlichſten Gedanken, die uns bei der Geneſung erwarten. Die Lethargie⸗ in die wir ver⸗ ſunken waren, gleicht dem Tode; während der Gang der Ereigniſſe um uns her zeigt, wie unbedeutend unſer Da⸗ ſein iſt und wie unabhängig von uns das Werk des Le⸗ bens fortſchreitet. Als Wylie vor das Bett ſeines Herrn gerufen wurde, war die erſte an ihn geſtellte Frage die, der wie vielte Tag im Monat es ſei? Und Hamsworths Erſtaunen war in der That groß, als er hörte, daß es der ſech⸗ zehnte Dezember ſei und daß er über zwei Monate auf dem Krankenbette gelegen habe. „Zwei Monate hier!“ rief ſeitdem ereignet.“ „Faſt nichts, Sir,“ ſagte Wylie, der den Sinn der Frage wohl verſtand.„Das Land und Volk ſind ruhig, viel⸗ leicht zu ruhig, als daß es lange währen kann. Der junge O'Donoghue iſt ſeit mehreren Wochen nicht im Thale geſehen worden; aber ſein Bruder geht häufig von Carrig⸗na⸗curra nach der Küſte und wieder zurück, wes⸗ halb ſich kaum bezweifeln läßt, daß er ſich noch in ſei⸗ nem alten Verſteck befindet. Talbot— Barrington meine ich— iſt auch wieder hier geweſen.“ 1 er;„und was hat ſich 247 „Barrington!— Was bringt ihn zurück? Ich dachte, er ſei in Frankreich.“ „Das Gerücht geht, er habe mit einem franzöſtſchen Agenten bei Bantry gelandet. So viel iſt gewiß, der Burſche hatte eines Tages, da ich in Macroom war, die Unverſchämtheit, hier einzuſprechen und Ihnen ſeine Karte zurückzulaſſen. Die Frechheit bedeutet nichts Gutes,“ ſprach Hams⸗ worth.„Was weiß man von den andern? Wer hat von Carrig⸗na⸗curra hier eingeſprochen?“ „Jeden Tag ein Bote, zuweilen kam er zweimal am gleichen Tage.“ „Ein Bote!— Niemand von der Familie?“ „Seit mehreren Wochen hatten ſie Niemand, der kommen konnte. Sir Archy und der jüngere Bruder ſind beide nicht zu Hauſe.“ „Wo iſt denn Sir Archy?“ fragte Hamsworth voll Begierde. „Das ſcheint für Jedermann ein Geheimniß zu ſein. Er verreiste eines ſchönen Morgens augenblicklich in der Kutſche, die den Doktor hieher gebracht hatte. Der Poſtknecht behauptete, er ſei entlaſſen worden; aber ich behaupte, dieſe Entſchuldigung war blos erdichtet, und der Burſche war beſtochen. In Macroom nahm der Alte friſche Pferde und verreiste nach Cork.“ ler nd welches Gerücht geht darüber im Lande um, ylie?“ „Es gibt deren zwei. Nach dem einen ſoll er von einer gegen ihn vorliegenden Anklage gehört haben, daß er mit den Vereinigten Irländern intriguire, daher er es für das Beſte gehalten, eine Weile nach Schott⸗ land zu gehen.“ „Das iſt Thorheit; aber das andere Gerücht?“ „Iſt wahrſcheinlicher,“ erwiederte Wylie, indem er unter ſeinen halbgeſchloſſenen Augenlidern einen ſchlauen Blick hervorwarf.„Es heißt, er habe beſchloſſen nach 248 Dublin zu gehen, den Lordlieutenant zu ſprechen, und ihn um Begnadigung für Mark zu bitten.“ Bei dieſen Worten ſprang Hamsworth im Bette auf, gleich als wäre er geſtochen worden. „Und wer ſagt dies, Wylie?“ „Ich glaube ich war der erſte, der es ſagte“ er⸗ wiederte Wylie mit erheuchelter Beſcheidenheit;„als Kerry mir erzählte, daß der alte Mann ein Hofgewand und ei⸗ nen Degen eingepackt habe.“ „Sie haben recht Sam; es waltet kein Zweifel dar⸗ über. Wie lange iſt es her?“ 1 „Am letzten Dienſtag waren es fünf Wochen.“ „Fünf Wochen!— Fünf Wochen bereits verloren! Und haben Sie gehört, was er ausgerichtet? Welchen Erfolg er geerntet hat?“ „Nein, Sir; aber Sie können bald ſelbſt etwas dar⸗ über erfahren.“ „Wie meinen Sie das?— Ich verſtehe Sie nicht.“ „Dies ſind die zwei einzigen Briefe, die er bisher geſchrieben hat. Dieſer eine kam am Samſtag. Ich ging jeden Morgen hinunter zu Mary„M'Kelly,“ ehe der Briefſack kam, und da ſie nicht recht leſen konnte, ſo ſortirte ich die Briefe für ſie und ließ dieſe unter die Ih⸗ rigen gleiten.“ Hamsworth und ſein Gefährte wechſelten Blicke. Schneller offenbarten ſich wahrſcheinlich noch nie in Bli⸗ cken die Gefühle zweier Herzen. Jeder kannte die Nie⸗ derträchtigkeit des Andern ſehr wohl; aber Hamsworth ſah ſich zum erſten Mal in der Gewalt eines Andern, und er beſann ſich, in wie weit der Vortheil der Entde⸗ ckung den ſchweren Preis verdiene, den er dafür zahlen ſollte; außerdem ließen ihn die Gewohnheiten ſeines Le⸗ bens die Verletzung des Briefgeheimniſſes in einem ganz andern Lichte betrachten, als dies bei ſeinem ge⸗ mein erzogenen Geſellen der Fall war und er machte keine Geberde, ſite aus ſeiner Hand zu nehmen. „Dieſer hat ein engliſches Poſtzeichen,“ ſagte Wyllie, 249 der ſich abſichtlich mit dem Briefe beſchäftigte, um nicht von Hamsworths Zögerung Notiz nehmen zu müſſen. „Sie haben hoffentlich die Siegel nicht erbrochen,“ ſprach Hamsworth in leiſem Tone. „Nein, Sir; ich wußte etwas beſſeres als das,“ erwiederte Wylie mit erheuchelter Behutſamkeit.„Ich wußte, Ew. Ehren hatte ein Recht dazu, wenn Ihnen die Correſpondenz als hochverrätheriſch vorkam, weil Sie in der Commiſton ſind, und es Ihre Pflicht iſt; aber ich konnte es nicht auf eigene Fauſt wagen.“ „Ich fuͤrchte Ihr Geſetz iſt nicht ganz richtig, Mr. Wylie,“ ſagte Hamsworth, der ſich von der Aufrichtig⸗ keit ſeiner Meinung keineswegs überzeugte. „Jedenfalls iſt es gut genug für Glensflesk,“ er⸗ wiederte der Burſche kühn; denn er ſah, daß in Hams⸗ worths gegenwärtigem Nervenzuſtand Kühnheit von mehr Erfolg ſein würde als Unterwürfigkeit. „Sie meinen, daß wir damit den Fall in unſern Händen haben, Wylie; nun, Sie haben nicht ganz Un⸗ recht darin; dennoch kann ich keinen Brief erbrechen.“ „Ei, ich bin nicht ſo ſerupulös, wenn es ſich um die Intereſſen meines Herrn handelt;“ mit dieſen Worten riß er einen nach dem andern auf und warf ſie auf das Bett.„Da, Sir, Sie können mich wegen des Verbre⸗ chens deportiren laſſen, ſobald es Ihnen beliebt.“ „Sie ſind ein wunderlicher Kauz, Sam,“ ſagte Hamsworth, deſſen Nerven von der Krankheit zu ſehr angegriffen waren, als daß er mit ſeiner gewöhnli⸗ chen Entſchiedenheit hätte handeln können er nahm daher einen der Brieſe auf und las ihn lang⸗ ſam durch.„Dies iſt blos eine Ankündigung von ſei⸗ ner Ankunft in Dublin. Er hat dem Sekretär ſeine Aufwartung gemacht ohne ihn zu ſehen— er findet es ſchwierig eine Audienz zu erhalten— ein Schwall von parlamentariſchen Geſchäften für die neue Sitzung— keine Aufregung über die Vereinigte Partei. Welche Be⸗ richte enthält der andere? Ha!— Was iſt das?“— 25⁰0 Und ſein dünnes hageres Geſicht wurde ſſcharlachroth. „Verlaſſen Sie mich, Sam; ich muß ein wenig Zeit haben, um dies zu überlegen. In einer Stunde kom⸗ men Sie zu mir zurück.“ Wylie ſprach kein Wort ſondern ſchritt auf die Thüre zu; während auf ſeinen gelblichen Zügen das wilde Lächeln der Schadenfreude flackerte. Waͤhrend Hamsworth den Brief vor ſich auf dem Beite ausbreitete, glitzerten ſeine Augen und funkelten von dem Feuer aufgeregten Geiſtes. Die Kräfte die wäh⸗ rend ſeiner langen Krankheit brach gelegen, waren durch die Ruhe gleichſam erfriſcht und geſtarkt wieder zu ihrer gewohnten Thaͤtigkeit aufgeregt, und über dieſes von Krankheit blaſſe und hagere Geſicht ſtahl ſich eine Röthe ſelbſtbewußter Kraft, die jede Linie und jeden Zug er⸗ hellte und das Uebergewicht geiſtiger Anſtrengung über blos körperliche Schwäche enthüllte. „Alſo wagt es dieſer Schotte in die Schranken mit mir zu treten,“ ſprach er mit verächtlichem Lächeln; ner mag es verſuchen.“ Vierundvierzigſtes Kapitel. Das Gebirge bei Sonnenaufgang. Etwas weiter unter dem von Terry im Thale ein⸗ genommenen Wachtpoſten war ein kleiner Bergſtrom, über den man nur auf Schrittſteinen gehen konnte; dies war der gewöhnliche Scheideplatz der beiden Brüder, ſo oft Herbert für einen oder mehrere Tage heimkehrte, und dieſe Schranken überſchritt Mark ſelten oder nie, da er ſie als die Grenzen ſeines kleinen Gebietes betrachtete. Neben dieſem Bache ſaß Mark bei Anbruch der Nacht und erwartete mit einiger Ungeduld die Ankunft ſeines Bruders; denn ſchon war der dritte Abend verſtrichen, wo Herbert verſprochen hatte zurückzukehren und doch war er noch nicht gekommen. 8* 25¹1 Er wartete in ängſtlicher Spannung, bald ſich bü⸗ ckend, um zu lauſchen, bald ſeine Augen anſtrengend, um zu ſpähen, und während er jeden möglichen Zufall erwog, den er erſinnen konnte, um ſich ſeine Abweſen⸗ heit zu erklären, faßte er halb den Entſchluß, das Thal weiter hinunterzugehen und im Nothfall den ganzen Weg nach Carrie⸗na⸗curra zu wagen. Gerade in dieſem Augenblick drang ein Ton zu ſeinen Ohren— er lauſchte und erkannte ſogleich die Stimme Terrys, der, einige rohe Verſe ſingend, in aller Eile das Thal herunterge⸗ ſprungen kam. „Ha! ich dachte, Sie würden hier ſein,“ rief er mit Entzücken auf ſeinem Geſicht;„ich wußte, Sie wür⸗ den hier auf dieſem Felſen ſitzen.“ „Was hat ſich denn ereignet, Terry, daß Du nach mir verlangſt.“ „Dieſen Morgen gab mir ein Mann in Matroſen⸗ kleidung einen Auftrag an Ew. Ehren, und ich weiß nicht wie es kam, ich vergaß, Ihnen davon zu erzählen als Sie vorübergingen, obgleich er mir eingeſchärft hatte, es ja nicht zu vergeſſen.“ „Laß hören, Terry.“ „Ach, es will mir eben nicht mehr einfallen, und doch wußte ich es dieſen Morgen ſo gut. Laſſen Sie mich ein wenig nachden en.“ Mark unterdrückte jedis Symtom von Ungeduld; denn er wußte wohl, wie de leiſeſten Proben von Un⸗ zufriedenheit auf ſeiner Seite jede Ausſicht zerſtören würde, dem armen Burſchen wieder zum Gedächtniß zu verhelfen; er wartete daher ſchweigend mehrere Minuten. Endlich ſprach er in der Abſicht, ihn bei ſeiner Erinne⸗ rung zu unterſtützen— 4 „War es nicht ein Schmuggler, Terry?“ „Doch, aber ich habe ihn nie zuvor geſehen. Er kam von Kinſale über die Gebirge herüber. Verdammt, warum hat er nicht mehr geſagt; dann hätte ich es ge⸗ wiß nicht vergeſſen.“ 1 25⁵² t„Nur Geduld, allmählig wird es Dir ſchon ein⸗ allen.“ „Mag ſein. Der Burſche hatte ein närriſches Aus⸗ ſehen, einen kurzen Hirſchfänger an der Seite und eine haarige Kappe auf dem Kopfe, und er ſchien Ew. Ehren wohl zu kennen; denn er ſagte— „Wie geht es den O'Donoghues— wohnen ſie nicht hier in der Nähe?“ „Ja,“ erwiederte ich,„einige Stunden weiter hinab.“ „ Iſt der älteſte Sohn zu Hauſe?“ fragte er. „Vielleicht, vielleicht auch nicht,“ ſagte ich; denn ich wollte ihm nicht ſagen, wo Sie ſeien.. „„Könnt Ihr ihm nicht einen Auftrag ausrichten,“ fragte er, ‚einen Auftrag von einem Freund? 4 „Wenn es ein Freund iſt,“ erwiederte ich. „Ein wahrer Freund,“ verſetzte er. ‚Sagt ihm— ſagt ihm nur——“ „Da haben wirs nun— der Teufel hole mich, wenn ich weiß was er ſagte.“ Mark ließ ſich kein Zeichen von Aerger entfahren, ſondern ſaß ohne ein Wort zu ſprechen dort, während ſich Terry murmelnd jeden Satz wiederholte, um ſich auf das zu beſinnen, was darauf folgte. „Jetzt hab ichs,“ ſagte er endlich, und vor Freude in die Hände klatſchend rief er:„So lauteten ſeine eige⸗ nen Worte— „Saget Mr. Mark, es ſei ein ſchöner Anblick, die Sonne von der Spitze des Hungrygebirges aufgehen zu ſehen, und wenn der Wind anhält ſo werde es der Mühe werth ſein, dieſen Anblick morgen zu genießen.““ „Waren dies ſeine Worte?“ fragte Mark begierig. „Ja, keine andern— jetzt habe ich wieder alles im Kopfe.“ „Welchen Weg ſchlug er ein, als er Dich verließ?“ „Er ging das Thal hinauf nach Googawn Barra, und ich ſah ihn hernach über das Gebirge ſchreiten; 2⁵³ aber hier kommt Mr. Herbert;“ und im gleichen Au⸗ genblick ſah man dieſen ſchnellen Schrittes das Thal heraufeilen, Nachdem die erſten Begrüßungen vorüber waren, theilte Herbert ſeinem Vruder mit, eine gewiſſe Bewe⸗ gung im Thale und in der Nachbarſchaft während der letzten Tage habe ihn zu größerer Vorſicht gensthigt; man habe mehrere Fremde um Carrig⸗na⸗curra herum⸗ lungern ſehen; und außer dem bei Mary aufgeſtellten Mili⸗ tärpoſten ſei dieſen Morgen eine Sergeantenwache nach der„Lodge“ gekommen, und habe dort ihr Quartier aufgeſchlagen. Alle dieſe Zeichen von Wachſamkeit verei⸗ nigten ſich, um Herbert vorſichtiger zu machen und be⸗ wogen ihn, ſeine Rückkehr nach der Waldhütte um ein Paar Tage zu verſchieben. „Hamsworth iſt zweimal bei uns im Hauſe gewe⸗ ſen,“ fuhr Herbert fort, und ſcheint in Betreff Deiner äußerſt ängſtlich; er kann nicht begreifen, warum wir noch nichts vom Oheim gehört haben. Es ſcheint mir, Mark, als ob ſich die Schwierigkeiten um uns her dich⸗ ter zuſammenzögen und doch iſt vielleicht dieſe Furcht nur eine Beſorgniß, die aus dem Geheimniß entſpringt. Durch dieſe dunkle, umwölbte Athmoſphäre kann ich mei⸗ nen Weg nicht ſehen.“ „Kümmere Dich nicht um die Gefahren, Herbert, die gleich Schatten komme Begleite mich morgen vor Sonnenaufgang auf das Gebirge, und holen wir uns Rath in der freien, friſchen Luft, auf der Spitze des alten Hungry“ 4 Herbert war nur zu glücklich, ſeine eigenen düſtern Gedanken ſo kräftig bekämpft zu finden, und durch fort⸗ geſetztes Geſpräch erleicherten Sie ſich gegenſeitig das Herz, ſo daß ſie, ols ſie ſich endlich erſchöpft auf das Haidekraut in der Hütte niederlegten, einſchliefen, ohne zu träumen. Es war noch finſter, wie um Mitternacht als Mark erwachte und auf ſeine Uhr ſah— es war dreiviertel 25⁴4 auf vier. Die Nacht war wild und ſtürmiſch, gelegent⸗ lich erhob ſich ein leichtes Schneegeſtöber, und die Küſte entlang war die See in heftiger Brandung, gleich als wüthete ein Sturm in einiger Entfernung. Die Botſchaft des Schmugglers war ſein erſter Ge⸗ danke, als er erwachte; aber konnte er auf Terrys Ver⸗ ſion hinlängliches Vertrauen ſetzen, um irgend eine Folgerung daraus zu ziehen? dennoch beſchloß er den Berg hinauf zu ſteigen, ſo ungünſtig auch das Wetter für eine ſolche Unternehmung ſich anließ. Nicht ohne Widerſtreben fand ſich Herbert aufgefordert, ſeinen Bru⸗ der zu begleiten. Die ſchwarze ſchauerliche Nacht, der fegende Wind, der naſſe Schaum, der bis zur Hütte hinſpritzte, waren nicht die angenehmſten Lockungen, ins Freie zu gehen; und er gab ſich alle Mühe, ihn zu bereden, den Ausflug auf eine günſtigere Gelegenheit zu verſchieben. „Wir werden durch und durch naß werden, und zum Lohn für unſere Mühen doch nichts ſehen, Mark,“ ſagte er halb verdrießlich, da der Andere jeden Einwurf nach der Reihe niederſchlug.. „Möglich, daß wir naß werden,“ ſagte Markz; aber bei dem Nordoſtwind wird der Nebel verſchwinden, und bei Sonnenaufgang muß die Küſte herrlich ſein; auch iſt eine Springfluth und die See wird berghoch gehen.“ „Ich weiß wohl, wir werden auf der Spitze des Berges uns in einer Wolke finden; es gibt nur einen inz gen Tag im Jahre, wo man eine günſtige Ausſicht hat.“ „Und wer kann ſagen, daß dies nicht der heutige Tag iſt? Es iſt mein Geburtstag, Herbert— die gün⸗ ſtigſte Vorbedeutung, wenn wir von glücklichen Zufällen ſprechen.“ Der ſarkaſtiſche Ton, worin er dieſe Worte ſprach, beſchwichtigte Herberts Bedenklichkeiten, ſo daß er ſich ohne weitern Einwurf anſchickte, Mark zu folgen. Der peitſchende Regen und der ſchwammige ſchwere 25⁵ Grund, wo jeden Augenblick die Füße bis an den Riſt einſanken, machten den Weg ſchwierig und mühſam, und die beiden Brüder ſprachen ſelten, als ſie ſich den ſteilen Weg hinaufarbeiteten. Mark war dermaßen in ſeine Gedanken vertieft, daß er den ſchauerlichen Weg nicht beachtete; Herbert aber folgte nur mit Widerwillen, halb aufgebracht über ſich ſelbſt, weil er einer nach ſeinem Dafürhalten abge⸗ ſchmackten Laune nachgegeben hatte. Der Weg war nicht ohne ſeine eigenthümlichen Gefahren, und Mark machte von Zeit zu Zeit Halt, um ſeinen Bruder vor einem Abgrund zu warnen oder ihn auf die Nothwen⸗ digkeit aufmerkſam zu machen, ſich vor der ſchlüpfrigen Oberfläche des Haidekrauts in Acht zu nehmen. Solche Fälle ausgenommen, ſprach er ſelten, ſondern ging feſten Schrittes voran, in ſeine eigenen Betrachtungen verloren. „Wir ſind zwölfhundert Fuß über dem See, Her⸗ bert,“ ſagte er nach langem beiderſeitigem Schweigen. „ und das Gebirge auf dieſer Seite gleicht einer Wand Unſere Inſel hier hat doch herrliche Bollwerke zur Vertheidigung.“. Herbert gab keine Antwort; die eilig vorübergehen⸗ den, ſchwer mit Dunſt beladenen Wolken umhüllten jeden Gegenſtand, und für ihn war der rauhe Pfad ein trauriger, freudloſer Weg. Abermals ſetzten ſie das Steigen fort, und nun wurde der Weg bei jedem Schritte ſteiler und ſchwieriger. Obgleich Mark mit jeder Windung und Krümmung des ſchmalen Pfades vertraut war, ſo ſah er ſich doch mehr als einmal ge⸗ nöthigt inne zu halten und den vor ihm liegenden Weg zu überlegen. Herbert, für den dieſe Unterbrechungen friſche Quellen des Unmuths waren, rief endlich aus: „Mein theurer Mark, ſind wir noch nicht weit genug gegangen, um uns zu überzeugen, daß es nichts hilft, wenn wir weiter gehen? Es iſt in dieſem Augen⸗ blicke finſter wie um Mitternacht— Du ſelbſt biſt kaum 256 des Weges gewiß— allenthalben gibt es Abgründe und Schlünde— und angenommen, wir erreichen bis Sonnenaufgang die Spitze, was werden wir mitten unter den ungeheuren Wolkenmaſſen um uns her ſehen können?“ „Nein, Herbert, gerade dieſe rückkehrende Politik iſt es, die im Leben jeden Erfolg durchkreuzt. Du ſelbſt hätteſt auf ſolchem Wege nie die Ehren gewon⸗ nen, Die Dir geworden ſind. Vorwärts heißt das Wort der Hoffnung für Alle. Und wenn auch der Tag nicht hell anbricht, ſo iſt es doch eine herrliche Sache, auf der Spitze des alten Hungry zu ſitzen, während die kreiſenden Wolken toll unter uns umherjagen, aus weiter, weiter Ferne das Donnern der See zu hören und das Geſchrei des Wettervogels, das ſich in den klagenden Wind miſcht— ſich ſelbſt hoch erhaben zu fühlen über der geſchäftigen Welt in der ſchauerlichen Region des Nebels und des Schattens. Wenn in ſol⸗ chen Momenten das Auge nicht meilenweit über Küſte und See, über lang gewundene Thäler und weite Flä⸗ chen hinſchweift, ſo blickt der prophetiſche Geiſt, genährt in ſolcher Umgebung, hinaus auf das Leben, und Bilder der Zukunft flattern ſchnell vorüber in Wolkengeſtalten und wechſelnden Formen. Sieh nur dort die ſchwarze Maſſe, die ſich langſam dahinbewegt und uns mit ihrem Rieſenarme zu winken ſcheint. Du wirſt doch eine ſo offenbare Vorbedeutung nicht verwerfen?“ „Ich ſehe nichts, und wenn ich dieſen Weg noch lange weiter gehe, ſo werde ich auch nichts mehr füh⸗ len, ſo erſtarrt bin ich bereits von Kälte und Näͤſſe.“ „Nun ſo trink einmal— ich hatte mir vorge nommen, Dir“ nichts zu geben, bis wir den Gipfe erreicht hätten. Herbert ſchlürfte das Bischen Whisky hinunter und ſetzte darauf ſeinen Weg freudiger fort. „Hier unter uns iſt eine Bucht— ein kleiner lieb⸗ licher Winkel im Sommer mit einem Ufer gleich Gold — 257 und mit Wellen ſo glänzend wie der grünſte Smaragd. Heute iſt es ein wilder, ſtürmiſcher Fleck— kein Boot könnte auch nur einen Augenblick dort liegen, und ſo ſteil iſt die Klippe, daß dieſer Stein in einer Minute den Boden erreichen wird.“ Mit dieſen Worten riß Mark ein Felsſtück vom Berge ab und ſchleuderte es hinunter, ſo daß es über den Rand des Abgrunds hüpfte, während Herbert, voll Schreck über die Nähe der Gefahr inſtinktmäßig vom Nand der Klippe zurückbebte. „In dieſer kleinen Bucht ſcheiterte ein Schiff von der ſpaniſchen Armada. Man zeigt Dir noch heute am Strand einige Erdhügel, die man die Gräber der Spanier nennt,„ſagte Mark, indem er mit ſeinen Augen durch den finſtern Nebel hinab in die Tiefe zu dringen ſuchte.„Das Landvolk hatte auf dieſem Felſen ein Feuer angezündet, und das Schiff, ein Dreidecker, nahm, getäuſcht durch das Signal, ſeine Richtung nach dem Ufer und war verloren. Gütiger Himmel!“ rief er, nach einer kurzen Pauſe,„warum iſt ſolches Unglück immer unſer Loos geweſen? Warum haben wir immer unſere Feinde mit Lächeln, unſere Freunde dagegen mit Haß und Untergang bewillkommt? Ja, dieſe Spanier waren unſere Brüder und unſere Verwandten, und die bittern Feinde unſerer Dränger; dennoch können wir das Andenken ihres Untergangs verewigen als einen Gegenſtand des Stolzes und des Triumphes. Soll es immer ſo bleiben, oder wird uns ein beſſerer Morgen tagen?“ Herbert, der aus Erfahrung wußte, daß Mark durch den geringſten Widerſpruch nur um ſo mehr aufgeregt wurde, hütete ſich zu ſprechen, und ſie ſetzten ihren Weg von neuem fort. So waren ſie eine Zeit lang weiter gegangen, als Mark ſeinen Bruder am Arm nahm und auf eine ſchwarze Maſſe deutete, die gerade über ihren Häuptern Kever, ODonoghue. II. 17 258 ſichtbar wurde, wo ſie zu beträchtlicher Höhe ſich auf⸗ thürmend in eine ſcharfe Zinne auslief. „Dort iſt der Gipfel, Herbert— faſſe nur noch Muth für eine Viertelſtunde und die Breſche iſt ge⸗ wonnen.“ 3 Der Jüngling holte einen tiefen Seufzer und murmelte:— „Wollte Gott, ſie wäre es ſchon.“ Wenn Herbert durch den düſtern, ſchauerlichen Weg, wo keine Ausſicht und kein Ton die einförmige, trübe Mühſeligkeit unterbrach, muthlos und erſchöpft wurde, ſchien Mark bei jedem Schritte leichtern Sinnes zu werden. Gleich als hätte er die Laſt ſeiner Sorgen drunten in der Tiefe gelaſſen, ſprach ſeine leichte, ſprin- gende Bewegung und ſeine fröhliche Stimme von einem Herzen, das des drückenden Kummers entledigt wieder einmal in jugendlichem Entzücken ſchwelgte. „Da Du doch ein Poet biſt, Herbert, ſo ſage mir, ob Du an jene unwillkürlichen Phantaſien glaubſt, welche die Ereigniſſe vorzubilden ſcheinen. 8 „Wenn Du mit Deiner Frage meinſt, ob ich mir aus meinen gegenwärtigen Gefühlen eine Erfältung oder einen Anfall von Rheumatismus verſpreche, ſo ſage ich, ganz gewiß,“ erwiederte Herbert halb ver⸗ drießlich. Mark lächelte und fuhr fort:— „Nein, dieß iſt der gewöhnliche Lauf der Dinge. Ich wollte von Dir eine Erklärung über meine eigenen Gefühle in dieſem Augenblick. Warum ermuntert hier auf dieſem einſamen, düſtern Gebirge ein geheimes Flüſtern mein Herz zur Hoffnung— zur Hoffnung, daß die Tage und Nächte meines Unglücks bald vorüber ſind— und daß der Wendepunkt meines Lebens vor mir ſteht, gerade wie dieſer kühne Gipfel über uns.“ „Ich muß geſtehen, Mark, dieß iſt ein ſeltſamer Zeitpunkt und Ort für ſolche roſenfarbige Träume,“ ſagte Herbert, indem er von ſeinen durchnäͤßten Klei⸗ 259 dern den Regen abſchüttelte;„meine Einbildungskraft kann mich nicht zu ſolch einem hohen Fluge fortreißen.“ Mark war zu ſehr mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, als daß er dem in Herberts Bemerkung lie⸗ genden Ton und Geiſt große Aufmerkſamkeit gewidmet hätte, und er eilte aus allen Kräften vorwärts gegen den Gipfel. Nach kurzer, aber mühſamer Anſtrengung erreichte er die Spitze und ſetzte ſich auf einen kleinen Steinhaufen, der den höchſten Punkt des Berges be⸗ zeichnete. Die Finſterniß war noch immer groß; ſchwache Umriſſe von den kleineren Bergen in der Tiefe konnten nur durch Maſſen von ſchwerem Gewölke erkannt werden, das über der Erde ausgeſpannt war, während ſich über die See eine ungewöhnliche Schwärze verbrei⸗ tete. Der Wind blies mit ſchrecklicher Gewalt rings um den hohen Gipfel, wo Mark ſaß, und aus den fernen Thälern herauf vernahm er das Geräuſch kra⸗ chender Aeſte, wenn der Sturm durchs Gehölze fegte; aus der See ſelbſt erhob ſich ein dumpfes, donnerndes Getöſe, wenn die Höhlen längs der Küſte wiederhallten vom Gebrauſe der anſchwellenden Wogen. Herbert erreichte endlich die Stelle, aber ſo erſchöpft durch die ungewohnte Beſchwerde, daß er ſich Mark zu huhen warf und mit einem mühſeligen Seufzer aus⸗ rief:— „Dem Himmel ſey Dank, es iſt überſtanden.“ „Der Tag wird nicht vor einer halben Stunde anbrechen,“ ſagte Mark weſtwärts deutend,„die graue Dämmerung zeigt ſich immer über der See. Ich habe die ganze Oberfläche wie vergoldet geſehen, bevor auf die düſtern Gebirge ein einziger Lichtſtrahl gefallen war.“ Das ſchwere Athmen des Jünglings, der mit ſeinem Kopfe auf Marks Knien lag, feſſelte ſeine Aufmerkſam⸗ keit; er blickte nieder und ſah, daß Herbert in einen tiefen ruhigen Schlaf geſunken war.„ 17 2 260 „Der arme Burſche,“ rief Mark, indem er ihm das Haar aus der Stirne ſtreichelte;„dieſe Anſtrengung war zu ſtark für ihn.“ Er nahm eine ſolche Stellung, daß er ſeinen Bruder am beſten vor dem Sturm ſchützen konnte und erwartete die anbrechende Dämmerung. Die hohen Hoffnungen, die während des beſchwerlichen Bergſteigens ſein Herz geſchwellt hatten, begannen bereits zu ermat⸗ ten; die Anſtrengung hatte ſie hervorgerufen, und jetzt, da er ſchweigend in der ſchauerlichen finſtern Einöde ſaß, ſank ſein Muth mit jedem Augenblick. Von den glänzenden Viſionen, die er herauſbeſchworen hatte, ſchwand eine nach der andern dahin, das Haupt ſank ihm ſchwer auf die Bruſt, und Gedanken, düſter und finſter wie der ſchauerliche Morgen, umhullten ſein Gehirn.. Während er ſo in traurige Betrachtungen verſun⸗ ken da ſaß, brach die graue Dämmerung über der See an, und allmählig färbte ein blaſſes Roth den öſtlichen Himmel. Der Regen, der bis zu dieſem Augenblicke in ſchweren Maſſen herabgegoſſen, ließ nach und ſtatt des heftigen, ſtoßweiſe tobenden Sturmes trieb ein ſanfter Wind die Nebel durch die Thäler, gleich als wollte er auf Befehl des Morgens den Vorhang der Nacht weg⸗ nehmen. Anfangs zeigten ſich durch die dichten Wolken die Bergſpitzen; darauf erſchienen allmählig ihre ſteilen, mit Felſen umgürteten und von manchem Bergſtrom durchfurchten Wände. Endlich begannen ſich die tiefen Thäler und Schluchten vor dem Auge zu öffnen, nebſt den rohen Hütten des Landvolks, aus denen ſich dünne blaue Rauchwolken in die Luft erhoben, bis ſie durch den friſchen Morgenwind zerſtreut wurden. Ueber die See her glitzerte das Sonnenlicht, das die luſtigen ans Ufer hin tanzenden und hupfenden Wellen betupfte und den weißen Schaum der Brandung glänzender erſcheinen ließ als Schnee. Mark betrachtete die ſo plötzlich ver⸗ 261 änderte Scene, ſchüttelte ſeinen Bruder am Arm und rief:— „Wach auf, Herbert! ſieh nur welch ein herrlicher Tag anbricht. Schau, wie dort der Zuckerhut die weiße Wolfe durchbohrt; und dort iſt Caſtle⸗Lown. Sieh nur, wie das ganze Ufer von vorſpringenden Spitzen und Klippen umzogen iſt. Ich ſehe den Fluß Kenmare, wie er in die See ausmündet.“ „Es iſt wirklich ſchön, rief Herbert aus, der im Entzücken des Augenblicks alle Beſchwerden vergeſſen hatte.„Iſt nicht das dort Garran⸗Thual, Mark, jener Berg, deſſen Haupt ſich über die andern erhebt?“ Aber Marks Augen waren auf eine andere Seite hin gerichtet, und er widmete der Frage keine Auf⸗ merkſamkeit. „Ja,“ rief Herbert, noch immer begierig auf das Land hinblickend,„und das muß Mangherton ſeyn. Habe ich Recht, Mark?“ „Was hat wohl das zu bedeuten?“ ſprach Mark, indem er Herbert am Arm ergriff und auf einen fernen Punkt jenſeits der Bandry⸗Bay deutete.„Dort, ſiehſt Du nichts?“ „Ja, eine glänzende Flamme. Sieh nur, wie ſtät ſie jetzt brennt.“ „Ja, und dort unter Beerhaven iſt noch eine, und dort am Schmugglerfelſen eine dritte.“ Während er ſo ſprach, glänzten die drei Feuer im grauen Licht des Morgens. Der dunkle Nebel, der ſich über die See hin bewegte, wich vor der ſtarken Morgenluft und es zeigte ſich das hohe Tackelwerk eines großen Schiffes, das um die Spitze bog und ſeine Rich⸗ tung in die Bandry⸗Bay nahm. Selbſt in ſolcher Ent⸗ fernung konnte Marks geübtes Auge entdecken, daß es ein Kriegsſchiff war— die Lucken, auf welche die Sonne eine vorübergehende Helle warf, ſtarrten von Kanonen, und ſeine ganze Haltung verrieth eine Fregatte. „Gewiß ein königliches Schiff, Mark, begriffen in 262 Verfolgung eines Schmugglers,“ ſagte Herbert,„und die Feuer, die wir geſehen haben, waren Signale für die andern. Wie ſchön es dahin ſegelt; aber ſiehe, kommt da nicht ein Zweites?“— Mark gab keine Antwort, ſondern deutete gerade hinaus in die See, wo man jetzt deutlich ſieben Schiffe zählen konnte, die mit vollen Segeln der Bucht ent⸗ gegen eilten. Der Knall eines Kanonenſchuſſes richtete ihre Augen auf die Fregatte und ſie bemerkten, daß ſie bereiis hart an der Inſel Whitty war, wo ſie ankern wollte. „Dieſer Schuß wurde von ihr abgefeuert, und ſiehe, da erhebt ſich ihre Flagge. Was bedeutet ſie wohl, Mark?“ „Sie bedeutet Freiheit, mein Junge!“ ſchrie Mark mit gellender Stimme gleich einem Wahnſinnigen. „Frankreich iſt zur Befreiung erſchienen! Siehe, das ſind ſie— acht— neun! Und die glorreiche Trikolore weht auf jedem Maſte! O großer Himmel, in deſſen Hand die Geſchicke der Menſchen und der Königreiche liegen, ſchaue jetzt gnädig herab auf unſern Kampf. Ja, mein Bruder, ich hatte Recht— eine glänzendere Stunde wird über unſerem Lande erſcheinen! Sieh dort— denke an jene tapfern Männer, die Heimat und Vaterland verlaſſen haben, um die Freiheit über das Meer herüber zu bringen, und ſage, ob Du weniger warm für die Sache ſein willſt, als der Fremde und der Ausländer. Wie ſtolz ſie daher fahren! Herbert, ſey jetzt mit uns— tritt zu uns!“ „Wie groß auch unſere Leiden hier ſeyn mögen,“ erwiederte Herbert in ſtrengem Tone;„ich weiß von keiner Sympathie, die uns an Frankreich knüpft, und ich möchte keine Geſchenke annehmen aus den blutbefleckten Händen eines ſo treuloſen Landes.“ „Halt ein, Herbert; laß uns hier, wo wir uns vielleicht zum letzten Male ſehen, nicht Worte austau⸗ ſchen, die vielleicht unſere gegenwärtige Erinnerung trüben könnten. Mein Weg geht dorthin.“ 263 „So leb denn wohl, Mark, ich will mich nicht ver⸗ geblich bemühen, Dich von Deinem raſchen Vorhaben abzulenken. Die Gründe, die in der Stunde ruhigen Nachdenkens kalt und werthlos ſchienen, haben im Au⸗ genblick Deines eingebildeten Triumphes wenig Ausſicht auf Erfolg.“ „Eingebildeter Triumph!“ rief Mark, während ſeine Wange leicht erröthete.„So willſt Du nicht glauben, was Du mit eigenen Augen vor Dir ſiehſt? Sind dieß Träume? War dieſer laute Schuß eine Täuſchung der Einbildungskraft? O, Herbert, wenn die Loyalität, deren Du Dich rühmſt, keine beſſere Grundlage hat als dieſe Phantaſien, ſo ſey mit Deinem Lande, ſtehe zu ihm im Tage der Gefahr.“ „Das will ich thun, Mark, und nicht mit wanken⸗ dem Gemüthe,“ ſagte Herbert, indem er ſich traurig und bekümmert abwendete.. „Du wirſt uns doch nicht verrathen wollen,“ rief Mark, als er ſeinen Bruder ſich anſchicken ſah, den Berg hinabzuſteigen. „O Mark, das hätteſt Du nicht ſagen ſollen.“ Und in einem Strom von Thränen warf er ſich ſeinem Bruder an die Bruſt. Einige Minuten blieben ſie einander feſt in die Arme geſchloſſen, darauf riß ſich Herbert los, drückte Marks Hand in ſeine beiden und küßte ſie. Das letzte Lebewohl entfuhr gleichzeitig ihren Lippen, und ſie ſchieden. Mark blieb auf der Stelle, wo ſein Bruder ihn verlaſſen hatte, ſeine Augen feſt auf die Bucht gerichtet, wo bereits ein zweites Schiff angekommen war— ein großer Dreidecker, mit einer von der Maſtſpitze flatternden Admiralsflagge. Nachdem der erſte Ausbruch ſeines wilden Enthuſiasmus vorüber war, begann er darüber nachzudenken, was zunächſt ge⸗ ſchehen müſſe. Natürlich durfte er keine Zeit verlieren, um ſich den Befehlshabern der Erpedition vorzuſtellen und ihnen ſeinen Namen bekannt zu machen, ſo wie die Stelle, die er im Vertrauen ſeiner Landsleute einnahm. 264 Sein Hauptbedenken war, ob er nicht dieſen Schritt durch Maßregeln einleiten ſollte, um das Volk zu ſam⸗ meln, das über die plötzliche Ankunft der Franzoſen offenbar eben ſo erſtaunt ſeyn würde, als er ſelbſt. Die Schwierigkeit der Lage war groß; denn obgleich tief in das gefährliche Komplott verwickelt, hatte er nie auf vertraulichem Fuße mit den Häuptern gelebt. Wie ſollte er alſo die Franzoſen überzeugen, daß er ſich in einer ſolchen Stellung befinde, die ihn zu ihrem Ver⸗ trauen berechtige? Das einzige Mittel, ſich aus dieſer Klemme zu ziehen, beſtand darin, eine beträchtliche Maſſe von Landvolk um ſich zu ſammeln, das bereit war, ſich um die Waffen der Eindringlinge zu ſchaaren und ihrem Glücke zu folgen. „Sie können nicht lange Mißtrauen in mich ſetzen, wenn eine Schaar von dreihundert Mann hinter mir ſteht,“ rief Mark laut aus, als er mit ſchnellen Schrit⸗ ten Berg hinabeilte.„Ich kenne jeden Weg in dieſen Thälern— jeden Ort, wo Widerſtand geleiſtet oder ein Rückzug bewerkſtelligt werden kann. Wir wollen die Militärabtheilung bei Mary M'Kelly überrumpeln, und dort, dort find Waffen genug für alles Landvolk der Umgegend.“ Mit dieſen Worten und indem er ſich die Namen der verſchiedenen Pächter wiederholte, die er als treue Anhänger der Sache kannte, und auf deren Muth und Bereitwilligkeit er ſich in dieſem Augenblick verließ, eilte er weiter. „Holt an der Kreuzſtraße verſprach achtzehn Mann, alle mit Feuergewehren bewaffnet. M'Sweeny hat ſechs Söhne, und zwar lauter handfeſte tüchtige Burſche. Dann ſind die O'Leary's da, aber es herrſcht ein Hader unter ihnen— verwünſcht ſeyen ihre kleinen Fehden, jetzt iſt keine Zeit denſelben nachzuhängen. Sie werden und müſſen erſcheinen— ja, Hand in Hand, obſchon ſie zwölf Monate lang Feinde geweſen. Der ſchwarze O'Sullivan zählt nahe an achtzig Mann— alle mit Picken ver⸗ 265 ſehen. Unſere franzöſiſchen Freunde mögen über ihre zerlumpten Kleider lächeln, aber unſere Feinde werden kaum mitlachen. Carrig⸗na⸗curra muß beſetzt werden, es iſt der Schlüſſel des Thales. Die„Lodge“ werden wir bis auf den Grund niederbrennen, aber nein, wir dürfen die Sünde des Dieners nicht an dem Herrn heimſuchen. Der junge Travers hat ſich edel gegen mich benommen— es iſt eine wilde Zeit im Anzug. Drum laß uns wenigſtens unſer Werk in beſſerm Geiſte beginnen, denn auf Blutvergießen folgt bald Grauſam⸗ keit.“ Indem er bald ſolche kurze und abgebrochene Sätze murmelte, bald ſich ſelbſt befragte, wie ſtark die franzoͤ⸗ ſiſche Mannſchaft ſeyn möchte— wie bewaffnet— wie geſtimmt für das Unternehmen— welcher Geiſt unter den Offizieren herrſchen— und welche Ausſicht auf Er⸗ folg die Häupter beſeelen möchte— ſchritt er dahin, begierig auf die Stunde, wo ſich die grüne Fahne ent⸗ falten und das iriſche Kriegsgeſchrei in den heimiſchen Thälern wiederhallen würde. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Fortgang des Verraths. Wir verlaſſen einſtweilen Mark O'Donoghue bei dem freiwillig übernommenen Geſchäfte, das Volk um die franzöſtſche Fahne zu ſammeln, und wenden uns nach dem alten Schloſſe Carrig⸗na⸗curra, wo das Leben in ununterbrochener Ruhe ſich fortzubewegen ſchien. Seit mehreren Tagen war Hamsworth noch ſchwach von ſei⸗ ner letzten Krankheit, ein häuſiger Gaſt geweſen, und ob er gleich betheuerte, der große Gegenſtand ſeiner Be⸗ kümmerniß ſey die Sicherheit des jungen O'Donoghue, fand er doch Zeit und Gelegenheit, Kate zu verſtehen zu geben, daß ein zärtlicheres Gefühl ihn beherrſche, ſo 266 geſchickt hatte er ſeine Rolle geſpielt und ſeine Aufmerk⸗ ſamkeiten waren mit ſo vielen Zügen von Ergebung und Hochachtung gemiſcht, daß, wie wenig ſie auch ge⸗ neigt ſeyn mochte, ſeine Bewerbungen zu ermuthigen, die Schwierigkeit, dieſelben zurückweiſen, in der That ſehr groß war. Dieſe Delikateſſe von ihrer Seite wurde von Hamsworth entweder mißverſtanden oder als ein günſtiges Zeichen aufgenommen. Alle ſeine Lebenser⸗ fahrungen beſtätigten die Thatſache, daß für den ge⸗ ſchickten Spieler der Erfolg ſtets erreichbar iſt; daß Zufälle anſtatt Hinderniſſe und Unterbrechungen zu ſein, für einen Menſchen von Scharfſinn und Schunellblick nur eben ſo viele Hülfsmittel und Bundesgenoſſen ſind. Seine Krankheit allein hatte ſeine Plane geſtört; aber jetzt, da er wieder wohl und im Stande war, die Ausführung derſelben zu leiten, war er um das Reſultat nicht bange. Bis zu dieſem Augenblick ſchien ihm Alles Erfolg zu verſprechen. Es war mehr als zweifelhaft, ob die Travers je nach Irland zurückkehrten. Von Frederick war es ſehr unwahrſcheinlich, daß er geneigt ſeyn möchte, die Nach⸗ barſchaft zu beſuchen, wo ſeine Neigungen einen ſo empſindlichen Stoß erlitten hatten. Der unruhige Zu⸗ ſtand des Landes und die Ereigniſſe, die, wie Hams⸗ worth wohl wußte, bald erfolgen mußten, ſchreckten aller Wahrſcheinlichkeit nach Sir Marmaduke von jedem Wunſche ab, ſein iriſches Gut wieder zu beſuchen. Da⸗ mit war ſchon Ein Schritt gewonnen; ſchon war er im Beſitz eines großen Theiles von dem Gute Glenflesk, worauf ſeine Anſprüche, wie er wohl wußte, nur man⸗ gelhaft waren; denn er hatte es bei dem alten O'Do⸗ noghue als einen Grund beträchtlicher Verminderung des Kaufſchillings hingeſtellt, daß ſein Sohn zur Zeit des Verkaufs eigentlich minderjährig war. Marks Schickſal lag jedoch in ſeinen Händen und er hatte wenig Furcht, daß das Geheimniß irgend einem andern bekannt ſeyn möchte. Seine Wünſche waren alſo voll⸗ ſtändig erfüllt, mit Ausnahme ſeiner Abſichten auf Kate, 267 Im Falle ſie ſein Weib wurde, mußte der kleine Reſt, des Gutes, der noch ihnen gehörte, in ſeine Hände fallen, und er der Herr des Bodens werden. Sein Ehrgeiz ſtrebte jedoch noch höher. Durch ſein Werkzeug Lanty Lawler hatte er die Verſchwörung in allen ihren Ein⸗ zelnheiten kennen gelernt. Er kannte die Namen der verſchiedenen Führer, die ihnen angewieſenen Rollen, ihre Sammelplätze, ihre Hoffnungen, ihre Befürchtungen und ihre Schwierigkeiten. Er war unterrichtet von den Abſichten Frankreichs und hatte Abſchriften von verſchie⸗ denen Papieren in ſeinem Beſitz, die zwiſchen Mitglie⸗ dern der franzöſiſchen Regierung und den Häuptern der vereinigten Partei in Irland gewechſelt worden. Weit entfernt, die Regierung davon zu unterrichten, ſparte er ſein Geheimniß auf, als die Quelle ſeiner eigenen künftigen Erhöhung. Von Zeit zu Zeit machte er aller⸗ dings gewiſſe Thatſachen in Betreff von Individuen bekant, die er entweder wegen ihrer Macht fürchtete, oder im Verdacht hatte, ſie möchten gegen ihre eigene Partei ſich als falſch bewähren und das Komplott ver⸗ rathen; aber abgeſehen von dieſen wenigen Beiſpielen enthüllte er nichts von dem, was er wußte, und beſchloß im günſtigen Augenblick ſein Geheimniß zur Grundlage ſeines Glückes zu nehmen. „Eine Rebellion von vier und zwanzig Stunden“, ſagte er,„ein einziger Tag oder eine Nacht des Mordes und Blutvergießens wird mich zu einem Pair des Kö⸗ nigreichs machen. Ich weiß wohl, in welchen Schrecken das Land gerathen wird, wenn das erſte Gerücht von einer franzöſiſchen Landung in Umlauf kömmt. Ich kann mir die entſetzten Blicke des Geheimen Rathes vorſtellen; die auf jedem Geſicht gemalte Angſt, wenn die Poſt die Nachricht bringt, daß eine bewaffnete Schaar auf dem Marſch nach der Hauptſtadt begriffen iſt; und dann— dann, wenn ich anjeden Rebellen die Hand legen und ſagen kann, dieſer iſt ein Verräther, der da ein Rebelle — wenn ich zeigen kann, wo Waffen geſammelt und 268 Vorräthe aufgehäuft ſind— wenn ich ihren Operations⸗ plan, ihre Anzahl, ihre Organiſation und ihre Mittel anzugeben vermag— dann habe ich meinen Lohn ſelbſt zu beſtimmen.“— Solcher Art waren die Betrachtungen, welche die trägen Stunden ſeiner Wiedergeneſung beſchäftigten, ſol⸗ cher Art die Gedanken, welche die erſten Tage ſeiner wiederkehrenden Geſundheit erfüllten. Die letzten Briefe aus Frankreich, die er geſehen hatte, meldeten, die Expedition werde nicht vor Januar abſegeln, und dann, im Falle ſie der engliſchen Seemacht im Kanal entrinnen würde, werden fünfzehntauſend Mann an den Ufern des Shanon landen. Die Urſache, welche das Abſegeln der franzöſiſchen Flotte vor der urſprünglich beſtimmten Zeit beſchleunigten, waren Hamsworth unbe⸗ kannt, und an demſelben Morgen, wo die Schiffe in Bandry⸗Bay ankerten, war er ſelbſt ein Gaſt unter dem Dache von Carrig⸗na-curra, wo er die vergangene Nacht zugebracht, da das ſtrenge Wetter ihn dort zurückgehalten hatte. Er wußte daher nichts von dem, was ſich zuge⸗ tragen und dachte ruhig über den Fortſchritt ſeiner eige⸗ nen Plane nach, als Ereigniſſe vorkamen, die beſtimmt waren, ſie zu ſtören und zu vernichten. Die Familie ſaß beim Frühſtück, und Hamsworth, deſſen Briefe von der„Lodge“ herübergebracht worden waren, las gerade ſolche Neuigkeiten vor, welche den alten O'Donoghue und Kate intereſſiren oder beluſtigen konnten, als ihm gemeldet wurde, Wylie ſey draußen und verlange äußerſt begierig, ihn einige Minuten zu ſprechen. Er konnte ſich in dieſem Augenblick keine Nachricht von großer Bedeutung denken und ließ ihm ſagen, er möge nur warten. Wylie dagegen drang aber⸗ mals auf eine kurze Beſprechung— eine einzige Minute würde genügen— ſeine Botſchaft ſey von der höchſten Wichtigkeit. „So macht er es immer,“ ſagte Hamsworih vom Tiſche ſich erhebend;„wenn ein Nachbar dem andern den 269 Graben zugeſchüttet hat, oder wenn eine Kuh in den Pfandſtall geſperrt wird, ſo kommt er ſtets mit gleicher Wichtigthuerei“; ſo ſehr ihn aber die Unterbrechung ärgerte, verließ er das Zimmer dennoch, um die Neuig⸗ keit zu hören „Noch immer kein Brief von Archy, Kate,“ ſagte O'Donoghue, als ſie allein waren; abermals iſt die Poſt gekommen und hat nichts für uns. Ich werde immer unruhiger wegen Mark; dieſe Weitſchweiſtgkeiten werden den armen Jungen quälen und vielleicht zu einem unbe⸗ ſonnenen Schritte verleiten.“ „Mr. Hamsworth thut indeſſen ſein möglichſtes,“ ſagte Kate, weit mehr, um ihrem Oheim Troſt darzu⸗ bieten, als weil ſie in ihrem Innern über den Stand der Dinge beruhigt geweſen wäre.„Er ſteht in fort⸗ währender Korreſpondenz mit der Regierung; die einzige Schwierigkeit beſteht darin, daß ſie Mittheilungen ver⸗ langen, die mein Vetter weder geben kann noch darf. Eine Verzeihung iſt keine Gnade, wenn ſie den Tod in Schmach verwandelt. Es wird, hoffe ich, bald über⸗ ſtanden ſeyn.“ Während ſie noch ſprach, öffnete ſich ſachte die Thüre, worauf Kerry mit geräuſchloſem Schritte herein⸗ ſchlüpfte, ſich ungeſehen und ungehört dem Tiſche näherte, und, ehe er bemerkt wurde, neben dem Stuhle O'Do⸗ noghue's ſtand. „Pst, lieber Herr— Pst, Miß Kate,“ ſagte er, indem er gegen die Thüre hin eine warnende Geberde machte.„Da draußen gibt es große Neuigkeiten. Der Franzoſe hat gelandet— acht und zwanzig Schiffe ſind drunten in Bandry⸗Bay. Bony ſelbſt iſt bei ihnen. Ich hörte alles, was Sam Wylie dem Hamsworth erzählte; ich ſtand hinter der Thüre der Speiſekammer.“ „Die Franzoſen gelandet!“ rief O'Donoghue, bei dem das Staunen jedes Gefuͤhl der Freude oder des Kummers überwand. 48 „Die Franzoſen hier in Irland ¹“ rief Kate, deren 27⁰ Augen von enthuſiaſtiſchem Entzücken funkelten; aber ehe ſie noch ein Wort hinzufügen konnte, trat Hamsworth wieder ein. Mochten nun ſeine Anſtrengungen, ruhig und unbewegt zu erſcheinen, wirklich wohlgelungen ſeyn, oder mochte, was wahrſcheinlicher iſt, die Beſchäftigung mit ſeinen eigenen Gedanken ihn verhindert haben, die Andern genau zu beobachten, kurz, er bemerkte weder an dem alten O'Donoghue, noch an ſeiner Nichte irgend eine Spur von Aengſtlichkeit oder Ungeduld; während Kerry, nachdem er ſich allerlei unnöthige Beſchäftigungen mit der Tafel gemacht hatte, endlich das Zimmer ver⸗ ließ, mit einem Seufzer über die Unmöglichkeit, ſein Weggehen zu verſchieben. Hamsworths Auge richtete ſich, ehe er ſprach, auf die Thüre, um zu ſehen, ob ſie geſchloſſen ſey, darauf beugte er ſich vor und ſprach mit leiſer, bedächtlicher Stimme—— „So eben habe ich einige Neuigkeiten gehört, die ſich als ſehr wichtig herausſtellen können. Im Thale hat ſich eine Anzahl bewaffneten Volkes verſammelt, Ihr Sohn Mark ſteht an der Spitze. Welcher Art ihre Ab⸗ ſichten ſind, oder wohin ſie ihre Schritte lenken wollen, weiß ich nicht; aber ich ſehe deutlich, dieſer junge Mr. ODonoghue wird ſich eine fatale Blöße geben, wenn ein ſo übereilter Schritt bekannt wird. Die Regierung kann ein ſolches Verfahren von ſeiner Seite nie verzeihen. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß dieſes Wagſtück ein hoffnungsloſes Unternehmen ſeyn muß; ſolche Streiche führen nur zu Einem Ende— zum Schaffot.“ Der alte Mann und ſeine Nichte wechſelten gegen⸗ ſeitig Blicke— ſchnell, aber verſtändnißinnig. Beide ſchienen ſich gegenſeitig zu fragen:„Iſt dieſer Menſch falſch? Uuterdrückt er dieſem Augenblick einen Theil von der Wahrheit— oder iſt das Ganze nichts als eine Er⸗ findung? Warum hat er nicht von dem großen Ereigniß geſprochen— von der Ankunft der Franzoſen.“ 271 Kate war die erſte, die es wagte, ihm auf den Zahn zu fühlen; ſie fragte— „Und iſt der Aufſtand nichts als ein plötzliches Auf⸗ brauſen der Unzufriedenheit, oder haben ſie eine Bewe⸗ gung mit Andern in der Ferne verabredet?“ „Nichts als ein vereinzelter Ausbruch— die thö⸗ richte Uebereilung hirnverbrannter Knaben, ohne Plan, wie ohne Zweck.“ „Was ſoll aus dem armen Mark werden?“ rief „Donoghue, der allen Verdacht wegen Verrath über der Angſt um die Sicherheit ſeines Sohnes vergaß. „Daran habe ich ſchon gedacht,“ ſagte Hamsworth haſtig.„Die Bewegung muß auf der Stelle niederge⸗ ſchlagen werden. Als Magiſtratsperſon, und im Beſitz des vollen Vertrauens von Seite der Regierung habe ich keine andere Wahl, und ich habe daher das Militär von Macroom aufgeboten. Es liegen dort vier Schwadronen Cavallerie und ein Regiment Infanterie. Gegen dieſe Truppen wird das ſchlecht disciplinirte Geſindel nie vor⸗ zurücken wagen, ſondern ſich bald auflöſen und in die Gebirge zerſtreuen— blos die Führer werden einige Gefahr laufen. Was jedoch ihren Sohn betrifft, ſo brauchen Sie nur ein Paar Zeilen an ihn zu ſchreiben und ſie ihm durch irgend einen vertrauten Boten zu über⸗ ſenden; Sie brauchen nur zu ſagen, daß Sie von allem, was ſich zugetragen, unterrichtet ſeyen, alles kennen— und daß Sie, ohne ſeine Plane ſtören oder durchkreuzen zu wollen, den Wunſch hegen, ihn alsbald hier zu ſehen und zu ſprechen. Das wird er nicht ausſchlagen. Iſt er nur einmal wohlbehalten hier zwiſchen dieſen Wänden, ſo werde ich mit aller Eile die Verfolgung der thörichten Bauern beſchleunigen; und ſollte auch einer von ihnen ergriffen werden, ſo wird Ihr Sohn nicht darunter ge⸗ hören. Sie müſſen jedoch dafür Sorge tragen, wenn er hier iſt, daß er nicht eher aus dem Hauſe geht, als bis ich zurückkehre.“ „Und ſollen dieſe wackeren Burſche, ſo mißleitet ſie 272 auch ſeyn mogen, auf dieſe Art und durch unſere Mit⸗ wirkung in die Falle gelockt werden?“ ſagte Kate, in der zum erſten Mal eine Furcht wegen Hamsworths Zwei⸗ deutigkeit aufſtieg. 3 „ ‚Ich hätte nicht gedacht, daß Miß O' Donoghue's Intereſſe einen ſo hohen Flug nehmen würde, oder daß ihre Sympathien ſo katholiſch ſeyen,“ erwiederte Hams⸗ worth mit einem zweideutigen Lächeln.„Allein wenn ſie ihren Vetter retten will, ſo muß ſie meinen Plan gut heißen, oder wenigſtens einen beſſern vorſchlagen.“ „Ja, ja, Kate, Mr. Hamsworth hat Recht,“ ſagte der O'Donoghue, bei welchem Selbſtſucht immer vor⸗ herrſchend war;„wir müſſen Mark hieher zu bekommen ſuchen, und wenn wir ihn haben, feſthalten.“ „Und Sie können ſich darauf verlaſſen, Miß O'Do⸗ noghue,“ flüſterte Hamsworth,„daß meine Verfolgung gegen die Andern ſich keines übermäßigen Eifers fuͤr die Sache der Loyalität rühmen wird. Solche Leutchen darf man ſchon entwiſchen laſſen, ohne daß der König oder die Konſtitution Grund hätte, darüber Klage zu führen.“ Kate antwortete mit huldreichem Lächeln und zurnte ſich ſelbſt wegen ihres, wenn auch nur augenblicklichen Zweifels an der Ehrenhaftigkeit von Hamsworths Mo⸗ tiven. „Mr. Hamsworths Pferd ſteht vor der Thüre,“ ſagte Kerry im gleichen Augenblick. „Alſo iſt es ausgemacht, daß Sie auf der Stelle dieſen Brief ſchreiben,“ ſagte Hamsworth, indem er ſich über den Stuhl des alten Mannes lehnte und ihm die Worte in's Ohr flüſterte. O⸗Donoghue nickte ein Ja. „Ohne dies zu wiſſen,“ fuhr Hamsworth fort, „würde ich in Betreff meines Verfahrens zweifelhaft ſeyn. Ich darf nicht zugeben, daß mich die Regierung für unwiſſend oder lau hält. Verlieren Sie daher keine Zeit; ſchicken Sie den Brief fort und überlaſſen Sie das Uebrige mir.“ — 273 „Sie werden doch hoffentlich nicht fortreiten wollen“, ſagte Kate, die zum Fenſter hinaus in das Thal hinab⸗ ſah, wo bereits der Regen in Strömen fiel und der Wind gleich einem Orkan wüthete. Hamsworth mur⸗ melte einige Worte in leiſem Tone, worüber Kate errö⸗ thete und wegblickte. „Nein, Miß O'Donoghue,“ ſagte er noch immer flüſternd,„ich bin keiner von denen, die mit der Ach⸗ tung Schacher treiben; wenn ich ſie nicht gewinnen kann, will ich ſie auch nicht erkaufen.“ In ſeinen Worten lag eine Traurigkeit und in ſei⸗ nem Geſichte ein Zug von Selbſtachtung, wovon Kate weit mehr ergriffen wurde, als von jedem bisherigen Ausdruck ſeiner Gefühle. Als ſie ihn das Zimmer ver⸗ laſſen ſah, war ihr erſter Gedanke:„Es iſt geradezu gemein, ihn im Verdacht zu haben.“ „Iſt es nicht ſeltſam, Kate,“ ſprach der alte O'Do⸗ noghue, ihre Hand ergreifend,„daß er uns kein Wort von der franzöſiſchen Landung geſagt. Was hat dies wohl zu bedeuten?“ „Ich glaube es zu wiſſen,“ erwiederte Kate nach⸗ denklich; denn ſchon hatte ſie in ihrem Geiſte ausgeſonnen, Hamsworth trage, weil er für die Sicherheit von Car⸗ rig⸗na⸗curra keine Maßregeln verſäumen wollte, Be⸗ denten, Neuigkeiten mitzutheilen, die ſie in Angſt und Schrecken ſetzen könnten.„Aber laß uns an den Brief denken; Kerry eignet ſich nach meinem Dafürhalten am Beſten dazu, ihn zu überbringen.“ „Ja, Kerry kann ihn hintragen; und da der Weg nicht an Mary's Haus vorüberführt, ſo iſt es möglich, 43 3 ihn ohne dreiſtündigen Aufenthalt auf der Straße a gi.“ „ ier, iſt es recht ſo?“ fragte Kate, indem ſie ihm ein Papier überreichte, worauf in Eile einige wenige Zeilen geſchriebenen waren. Vortrefflich— es könnte gar nicht beſſer ſeyn; Lever O'Donoghue II. 18 274 merke Dir nur das, meine liebe Kate, wenn ein Billet anfängt:„Mein lieber Sohn“, ſo paßt doch wohl nicht die Unterſchrift: ‚von Herzen, Ihre Kate O'Donoghue.“ Kate erröthete hoch, riß das Papier in Stücke, und ſetzte ſich ohne ein Wort zu ſprechen, wieder an den Tiſch. „Diesmal habe ich es beſſer gemacht,“ ſagte ſte, indem ſie das Billet zuſammenlegte und verſiegelte; während der alte Mann mit einer ihm ganz ungewöhn⸗ lichen Energie ſich erhob und die Glocke zog, um Kerry zu rufen. „Habe ich mir je eingebildet, daß ich ſo etwas thun könnte,“ ſprach Kate bei ſich ſelbſt, während eine Thräne langſam über ihre Wange lief und auf den Brief ſiel; „daß ich es wagen könnte, ihn zurückzurufen, wenn ſo⸗ wohl die Ehre, als das Vaterland ſeine Dienſte verlan⸗ gen; daß ich für Rettung eines Lebens komplottiren könnte, wenn Alles, was dieſes Leben werth macht, in der entgegengeſetzten Wagſchale liegt?“ „Du mußt Mr. Mark aufſuchen, Kerry,“ ſprach der O'Donoghue,„und ihm dieſen Brief geben; es darf keine Zeit damit verloren werden.“ „Fürchten Sie nichts; ich will ihn noch heute ihm einhändigen.“ „Noch heute!“ rief Kate ungeduldig.„Er muß ihn binnen drei Stunden haben. Fort auf der Stelle — der Fuß des Hungrygebirges— die Waldhütte— Bandry⸗Bay— es kann Euch nicht ſchwer fallen, ihn ausfindig zu machen.“ Kerry wartete keine weitern Befehle ab, und ob⸗ gleich keineswegs entſchloſſen, eine ungewöhnliche Anſtren⸗ gung zu machen, verließ er das Zimmer mit einer Eile, die zu guten Hoffnungen berechtigte. „ Ei,“ ſagte Mrs. Branagan, die aus Neugierde die Küchentreppe hinaufgeſtiegen war, eine Erxeurſion, die ſie vermuthlich in keinem frühern Augenblicke ihres Lebens gemacht hatte,„na, Kerry was gibt es neues?“ „Ja, Madame, das will ich Euch ſagen,“ ſprach 275 er ſeufzend;„ich bin es, den ſie gerne umbringen möch⸗ ten. Da ſchicken ſie mich mit einem Briefe fort, und wohin meint Ihr?— Auf den Gipfel des Hungryge⸗ birges, in der Bandry⸗Bay, das iſt die Adreſſe— der Teufel hole mich, wenn es erlogen iſt.“ „Und an wen iſt er?“ fragte Mrs. Branagan, die, indem ſie ſich ſtellte, als ob ſie dem Dokument eine kri⸗ tiſche Aufmerkſamkeit widme, die Aufſchrift von der ver⸗ kehrten Seite betrachtete. „Er iſt an Mr. Mark; ich hörte alles außen vor der Thüre; ſie wollen nicht, daß er ſich den Jungen anſchließt, jetzt da der Franzoſe gelandet iſt und wir im Begriffe ſind, ddas Land für uns ſelbſt zu erobern. Es geht ſeltſam zu, wenn nicht einmal ein O'Donoghue für die Ländereien ſeines Vaters fechten will.“ „Wehe den Mattherzigen, wo ſie auch ſeyen,“ rief Mrs. Branagan;„gebt ihm den Brief nicht, lieber Kerry; bleibt ruhig im Thale bis Abend und ſagt dann, Ihr habet ihn um keinen Preis ſinden können. Thut ih dies, ſo wird es ein guter Dienſt für Euer Land ſeyn.“ „Gerade daran habe ich ſo eben auch gedacht,“ ſagte Kerry, deſſen Entſchloſſenheit wenig Aufmunterung nöthig hatte;„ich will über den Fluß ſetzen, nach dem Prieſterthal gehen und mich nicht regen bis Abend.“ Mit dieſen ehrenwerthen Abſichten in Betreff ſeiner Sendung machte ſich Kerry auf den Weg, und wenn ſich ſein Treubruch irgend wie entſchuldigen ließe, ſo könnte der Sturm zu ſeinen Gunſten ſprechen; derſelbe hatte jetzt den höchſten Grad ſeiner Heftigkeit erreicht. Der ind, der in kurzen, häuſigen Stößen blies, zerriß die großen Aeſte gleich bloßen Zweigen und bedeckte die Straße mit Baumſtücken; auch die Bergſtröme waren angeſchwollen und ſtürzten wie toll mit betäubendem Ge⸗ töſe die Felsklippen hinab, während der in Strömen vorüberrauſchende Regen den Himmel verhüllte und die . 18. 276 Erde mit Finſterniß bedeckte. Kerry murrte nicht eben im günſtigſten Geiſte über die Wunderlichkeit des Ge⸗ ſchlechtes, deſſen beſonderer Vermittlung er ſeinen jetzi⸗ gen Ausflug zuſchrieb, ſchleppte ſich ſo fort, und warf unterwegs einen verzweifelnden Blick auf die öde, ſchauer⸗ liche Umgebung. Schutz im Thale zu ſuchen, davon war, wie er wohl wußte, keine Rede; bald faßte er daher den Entſchluß, ſich nach der Hütte des Prieſters zu be⸗ geben, wo er überzeugt war, daß ihn ein behagliches Torffeuer und einer Schnitte Speck bewillkommnen würden. So fürchterlich auch das Wetter war, ſo wunderte ſich Kerry doch, daß er Niemand unterwegs begegnete. Er hatte erwartet, allerlei Gruppen von Volk und alle Zeichen jener Aufregung zu ſehen, die durch die Ankunſt der Franzoſen hätte hervorgerufen werden ſollen; aber im Gegentheil, alles war einſam wie gewöhnlich, es zeigte ſich kein menſchliches Weſen, und er vernahm weder ein Signal, noch ſonſt einen Ton, der auf eine Volks⸗ maſſe deutete. „Es ſollte mich wundern, wenn es eine Lüge von Sam Wylie geweſen und die Franzoſen gar nicht hier wären,“ ſagte er bei ſich ſelbſt;„ich habe ſchon oft ge⸗ hört, Hamsworth könne die Rebellion ausbrechen laſſen, ſobald es ihm beliebe, und wer weiß, ob er nicht aus⸗ geſprengt hat, daß die Franzoſen hier ſeyen, nur um die Jungen hervorzulocken und ihnen das Militär nach⸗ zuhetzen. Kaum war dieſer Gedanke in Kerry aufgetaucht, als er beſtätigt wurde durch einen Jungen, der mit einem Torfkarren von Glengariff her kam und ihm erzählte, die Schiffe, die mit der Morgenflut gekommen, haben alle die Anker gelichtet, ſeyen vor zwölf Uhr aus der Bai abgeſegelt, und Niemand wiſſe etwas von ihnen, weder was ſie wollten, noch woher ſie kamen. „Wir dachten, es ſeyen die Franzoſen,“ ſagte der Junge,„bis wir ſie wegſegeln ſahen; da aber wußten 277 wir, daß es nicht die Franzoſen ſeyen; im Gegentheil, einige behaupteten, es ſeyen die Schiffe des Königs ge⸗ weſen, die gekommen, um Bandry zu bewachen.“ „Alſo ſind ſie jetzt nicht mehr dort?“ fragte Kerry. „Kein einziges mehr; vor einer Stunde ſind ſie in die See hinaus und verſchwunden. Kerry bedachte ſich einige Sekunden, ob nicht dieſe Nachricht ihn berechtigen könne heimzukehren; aber ein zweiter Gedanke— die Küche des Prieſters— ſchien die Oberhand zu gewinnen; dorthin alſo lenkte er jetzt ſeine Schritte. Sechsundvierzigſtes Kapitel. Die Hütte des Prieſters. Als ſich Mark und Herbert auf dem Gebirge trennten ſchlug jeder einen verſchiedenen Weg abwärts ein. Mark, entſchloſſen auf der Stelle das Volk zu verſammeln und die Ankunft ſeiner Freunde zu proklamiren, nahm ſeine Richtung nach Glengariff und nach der Küſte, wo die Fiſcher bis auf den letzten Mann in das Komplott ver⸗ wickelt waren. Herbert, unentſchloſſen, was er beginnen ſollte, war doch eben ſo ſehr darauf bedacht, keine Zeit zu verlieren, konnte ſich aber keinen beſtimmten Plan bilden, wie er ſich aus ſeinen Schwierigkeiten heraus⸗ winden ſolle. Von der franzoſiſchen Landung Anzeige zu machen, die Behörden von dem bevorſtehenden Aus⸗ bruch zu unterrichten, war natürlich ſeine Pflicht; aber konnte er nicht, wenn er dieß that, das Werkzeug zu Marks Verderben ſeyn?— Wahrend auf der andern Seite die Verheimlichung deſſen, was er wußte, ein Akt der Illojalität gegen ſeinen Souverän, ein Frevel gegen die von ihm hochgehaltenen Grundſätze und viel⸗ leicht die Quelle der ſchrecklichſten Uebel für ſein Land ſein konnte. Wo ſollte er auch Rath ſuchen?— Sein 278 Vater würde, das wußte er wohl, nur auf die Rettung ſeines Bruders bedacht ſeyn und ſich um alle andern Folgen nichts kümmern; Kates Meinungen, unklar und unbeſtimmt wie ſie waren, würden in direktem Wider⸗ ſpruch mit ſeinen eigenen ſtehen. Auf Hamsworth wagte er kein Vertrauen zu ſetzen— was blieb ihm alſo übrig! Meilenweit in der Runde war nur ein einziger Menſch, deſſen Urtheil und Chre er glaubte; aber von ihm hatte er ſich in der letzten Zeit gefliſſentlich fern gehal⸗ ten. Dieß war ſein alter Lehrer, Vater Rourke. Her⸗ bert, der dem alten Manne keinen Schmerz verurſachen wollte und doch nicht im Stande war ſich mit einer ge⸗ wiſſen Zweideutigkeit auszuſöhnen, hatte die Gelegenheit vermieden, ihm zu begegnen, und jenen Wechſel ſeines religiöſen Glaubens einzugeſtehen, der, obgleich ſeit manchem Jahre heimlich beſchloſſen, erſt während ſeiner Abweſenheit von der Heimat zur Ausführung gekommen war. Er ahnte, wie eine ſolche Mittheilung ſeinen alten Freund ſchmerzen müſſe— wie vergeblich der Verſuch ſein werde ihn zu überreden, daß eine ſolche Verän⸗ derung ihren Urſprung in der Ueberzeugung und nicht in Planen weltlichen Ehrgeizes habe; und um ſich ſelbſt die Demüthigung, ſich gegen eine ſolche Anklage zu vertheidigen, ſo wie die Qual einer Erörterung der Sache zu erſparen, hatte er es vorgezogen, die Eröff⸗ nung, die von ſeinen Lippen für beide Theile peinlich geweſen wäre, der Zeit und dem Zufall zu überlaſſen. Dieſe Erwägungen, die bedeutend genug waren, inſo⸗ fern ſie ſein eigenes Glück betrafen, hatten jetzt wenig Gewicht für ihn. Die ernſtern Fragen— die Sicher⸗ heit des Landes, das Schickſal ſeines Bruders— hatten alle andern verſchlungen. Es war gewiß, daß die Sym⸗ pathie des Prieſters ausſchließlich für Eine Partei ſeyn, daß er den bevorſtehenden Kampf nicht mit Herberts Augen anſehen würde; aber konnte er nicht dennoch die Reſultate bei ſich erwägen?— Konnte er nicht, und zwar mit einer wegen ſeiner reifen Erfahrung um ſo zu⸗ 279 verläſſigern Vorherſehung, das ſchreckliche Unglück eines von Buͤrgerkrieg verheerten Landes ahnen?— War es nicht möglich, daß er am Erfolg verzweifelnd es vorzog, lieber zu ertragen, was er als Uebel betrachtete, als das Land den Schrecken einer Rebellion und der Voll⸗ ſtreckung von Strafen auszuſetzen, die dadurch hervor⸗ gerufen werden mußten? Die auf ſolche Berechnungen gegründeten Hoffnungen ſtiegen um ſo höher, weil Mark ſelbſt oft eingeſtanden hatte, daß die Franzoſen ausdrücklich nur unter der Be⸗ dingung in die Unternehmung einwilligen wollten, wenn ſie unterſtützt würden von der faſt einmüthigen Stimme der Nation. Ihre Rede war:„wir ſind bereit, Eng⸗ land mit bewaffneter Gewalt anzugreifen, vorausgeſetzt daß unter ſeinen Reihen kein Irländer fämpft.“ Sollte alſo Vater Rourke aus Gründen der Politik oder Klug⸗ heit ungünſtig von dem Plane denken, ſo würde ſein unbeſchränkter Einfluß auf das Volk, den Aufſtand dämpfen und entweder die Franzoſen von jeder weitern Bewegung abſchrecken, oder dieſelbe wenigſtens verzögern, und der Regierung Zeit verſchaffen, Vertheidigungs⸗ maßregeln zu treffen. Dieß allein konnte vielleicht bei Mark von Wirkung und wohl auch das Mittel ſeyn ihn zu retten. Sey es, daß Herbert dieſe einzige Ausſicht auf Ret⸗ tung vor ſich ſah, während alles um ihn her hoffnungs⸗ los ſchien, oder daß die Seele die Gefilde ihrer eigenen Erfindung befruchtet, kurz er wurde jeden Augenblick feſter überzeugt, dieſer Plan werde glücklichen Erfolg haben, und eilte voll Verlangen nach dem Thale wo der Prieſter wohnte. In ſeinem Eifer gerieth er jedoch vom Pfade ab und erreichte endlich einen Theil des Ge⸗ birges, wo ihm ein ſchauerlicher Abgrund entgegentrat, ſo daß er ſchlechterdings nicht weiter konnte. Der mit jeder Minute wachſende Sturm machte den Weg ſchwie⸗ rig und gefährlich, denn rings um die verſchiedenen Spitzen fegte der Wind mit einer Gewalt, die alles 280 mit fortriß. In der Angſt über ſeine Verirrung beſchloß er wo möglich einen neuen Weg das Gebirge hinab zu entdecken; aber bei dieſer Bemühung kam er nur noch weiter von ſeinem Ziele ab und fand ſich endlich wieder im Angeſicht der See. 4 Der ſchwere Regen und das dichte Gewölke verſchloß für einige Minuten die Ausſicht; aber als er endlich wieder die Bai ſah, mit welchem Erſtaunen bemerkte er da, daß die franzöoſiſche Flotte nicht mehr da war; er richtete ſeine Augen nach allen Seiten, aber das ſturm⸗ gepeitſchte Waſſer trug kein Fahrzeug auf ſeiner Ober⸗ fläche, und mit Ausnahme einiger Fiſcherkähne, die in den kleinen Winkeln und Buchten der Küſte vor Anker lagen, war kein Maſt ſichtbar. Kaum im Stande ſeinen Augen zu trauen, kniete er auf der Klippe nieder und richtete ſeinen Blick feſt auf die Bai; endlich als er endlich überzeugt und gewiß war, daß keine Täuſchung ſtattfand, begann er zu zwei⸗ feln, ob nicht das Ganze unweſenhaft geweſen ſey, und ob nicht vielleicht die Aufregung ſeines Zuſammentreffens mit Mark die Bilder heraufbeſchworen habe, mit denen ſich ſeine Wünſche beſchäftigten. Die ſchwach flackernde Aſche eines faſt erloſchenen Feuers auf dem Schmuggler⸗ felſen entſchied die Frage, und nun wußte er auf ein⸗ mal wieder, daß alles wirklich ſich ereignet hatte. Er wartete nicht lange, um über die Gründe dieſer plötzlichen Flucht nachzudenken— genug für ihn, daß die dringendſte Gefahr vorüber und Zeit gegeben war Mark zu retten; ohne einen fernern Gedanken an dieſe Kriegsmacht, deren Drohung ihn bereits mit Angſt er⸗ füllt hatte, eilte er haſtig das Gebirge hinab und machte nicht eher Halt, als bis er das Thal drunten erreicht hatte. Die Heftigkeit des Sturmes— der peitſchende Regen— ſchien ihn zu höheren Anſtrengungen ſeiner Kräfte und ſeiner Standhaftigkeit zu erregen, und ſeinen Muth zu ſteigern, je dichter die Schwierigkeiten um ihn her ſich ſammelten. Es war jedoch ſpät am Tage, als 281 ihm endlich die Hütte des Prieſters zu Geſicht kam, von wo jetzt, da es ſchon finſter wurde, ein blendendes Licht ihm entgegen ſchien. Mit einer letzten Anſtrengung ſeiner durch Müdig⸗ keit und Hunger faſt erſchöpften Kraft erreichte Herbert die Thüre; dieſe ſtand, wie gewöhnlich, weit offen, und als er eintrat, ſank er überwältigt auf einen Stuhl. Die Energie, die ihn bisher aufrecht gehalten, ſchien ihn plöͤtzlich verlaſſen zu haben, und er legte ſich zurück, faſt ohne alles Bewußtſeyn und nicht im Stande ſich zu regen. Die nach ſchwerer Anſtrengung ſo allgemeine Sinnenverwirrung hinderte ihn eine Zeit lang, etwas von den Stimmen in dem kleinen Geſellſchaftszimmer neben ihm zu hören, aber nach einiger Zeit wurde er dieſer Nachbarſchaft gewahr, als plötzlich die wohlbe⸗ kannte Stimme Marks ihm zu Ohren drang; er ſprach lauter als gewöͤhnlich und augenſcheinlich mit einer An⸗ ſtrengung, ſeine ſteigende Leidenſchaft zu bemeiſtern, während der Prieſter mit leiſer, ruhiger Stimme ihm irgend ein Vorhaben ausreden zu wollen ſchien. Es erfolgte ein kurzes Schweigen, während deſſen Mark mit langſamen, ſchweren Schritten im Zimmer auf und abging; ſodann hielt er plötzlich inne und ſagte: „Wie kommt's denn, Sir, daß wir früher nichts von ſolchen Scrupeln gehört haben?— Warum hat man uns nicht früher geſagt, daß das ungläͤubige Frankreich kein anſtändiger Bundesgenoſſe für das heilige Irland ſey? Aber wozu frage ich: wäre die ganze Flotte wohl⸗ behalten angekommen— fehlten nicht noch dreizehn Schiffe, ſo wrden wir von ſolchen chriſtlichen Zweifeln weniger hören.“— „Sie ſind ungerecht, Mark,“ ſagte der Prieſter ruhig,„Sie kennen mich zu wohl und zu lange, als daß es Ihnen mit Ihren Vorwürfen Ernſt ſein könnte. Ich weigere mich, das Volk aufzurufen, weil ich es nicht in einer ungerechten Sache moͤchte fallen oder auch ſiegen ſehen. Erhebet das Banner der Kirche——“ 282 „Das Banner der Kirche!“ rief Mark mit ſpoͤt⸗ tiſchem Lachen. —„Was ſagt er?“ flſterte eine dritte Stimme auf Franzöſiſch, denn es miſchte ſich ein neuer Sprecher in den Dialog. „Er ſpricht vom Banner der Kirche!“ erwiederte Mark in höhniſchem Tone. „Qui parbleu, wenn es ihm beliebt,“ verſetzte der Franzoſe lachend;„es ſchmeckt ein wenig nach Mit⸗ telalter; aber das alte Sprichwort hat Recht:„Eine ſöhlf hie Etikette hat noch nie einen guten Wein ver⸗ dorben.“ „Sollen wir alſo im vollen Chorherruſchmuck und mit Weihrauchfäſſern dem Sachſen entgegen gehen.“ fragte Mark mit ſpöttiſchem Lächeln. „Laſſen Sie mich ausreden, Mark,“ unterbrach ihn der Prieſter;„ich habe nicht geſagt, daß wir auch nur dazu gehörig vorbereitet ſeyen; es iſt noch viel zu thun, wahrlich, vielmehr als Sie ſich einbilden. Jede mangel⸗ haft entworfene uund ſchlecht unterſtützte Expedition muß mißlingen, jedes Mißlingen verzögert die Erfüllung un⸗ ſerer Hoffnungen; und mißlingen muß dieſe Unternehmung, wenn jetzt——“ „Jetzt oder nie,“ verſetzte Mark, indem er mit ge⸗ ballter Fauſt heftig auf den Tiſch ſchlug—„jetzt oder nie, wenigſtens was mich betrifft. Sie haben mich dieſen Franzoſen als einen Thoren oder als etwas noch Schlim⸗ meres hingeſtellt, als einen Menſchen mit Einfluß, wäh⸗ rend doch kein Mann hinter mir ſteht, mit Muth, wäͤh⸗ rend Sie mich auffordern, die Sache zu verlaſſen— mit dem Vertrauen meiner Landsleute, und ich komme allein, unbegleitet, unbeglaubigt um ihnen meine eigene Geſchichte zu erzählen. Welche andere Schmach haben Sie noch für mich bereit, oder in welchem andern Licht ſoll ich zunächſt noch ſiguriren? Ohne dieſes Papier gingen Sie vielleicht noch weiter und würden behaupten, ich ſey kein O'Donoghue;„und in ſeiner Leidenſchaft 4 28³3 riß Mark eine Brieftaſche auf und hielt dem alten Mann ſein von des Prieſters Hand geſchriebenes Taufzeugniß vor die Augen.„Ja, Sie haben mich gezwungen, von einer Sache zu ſprechen, die ich ſtets in meinem Innern zu verſchließen gedachte. Da iſt's, leſen Sie's und be⸗ denken Sie, wie wohl es dem, der mich meiner Erb⸗ ſchaft berauben half, anſteht, mir auch meine Ehre zu ſtehlen.“ „ Sie müſſen dieſe Worte widerrufen,“ ſprach der Prieſter in eben ſo ſtrengem und gebieteriſchem Tone wie Mark;„ich war nie zu einem Betrug behülflich, und war nicht einmal im Lande, als Ihr Vater ſein Gut verkaufte.“ „Ich kümmere mich nicht darum wie es geſchah,“ rief Mark leidenſchaftlich.„Wenn mein eigener Vater Solches thun konnte, ſo liegt mir wenig daran, wer ſeine Mitſchuldige waren;“ mit dieſen Worten zerriß er das Papier in Stücke und zerſtreute ſie über den Boden. „Eine andere, durchaus verſchiedene Urſache brachte mich hieher. Die franzöſiſche Flotte iſt angekommen.“ Hier murmelte der Prieſter etwas in leiſem Tone, worauf Mark ruhig erwiederte— „Und wenn ſie dieß thaten, ſo geſchah es, weil ihre Anker ſchleppten; Sie wollen den Schiffen doch nicht zumuthen, an den Klippen zu landen? Mit der nächſten Flut werden ſie wieder in der Bai ſeyn. Das Volk, das hätte bereit ſein ſollen, um ſie zu be⸗ willkommnen, hielt zurück. Das ganze Land ringsum⸗ her iſt plötzlich verzagt geworden; von den Hunderten, die ſich vor einem Monat um mich ſammelten, ſind dieſen Morgen fiebzehn erſchienen, und das waren lau⸗ ter Elende, die ſich mehr nach Raub, als nach dem Felde ehrenvollen Krieges ſich ſehnten. Die Sachen ſtehen demnach ſo: entweder treten Sie ſogleich auf, um das Volk anzureden und es zu ſeinem beſchworenen Ge⸗ horſam zurückzurufen, oder die Expedition geht ohne Sie von ſtatten— von ſtatten gehen wird ſie.“ 284 Hier kehrte er ſich raſch um und ſprach einige Worte auf Franzöſiſch, worauf die angeredete Perſon erwiederte: „Gewiß, die franzöſiſche Republick ſchickt keine Kriegsmacht gleich dieſer zu einer bloßen Luſtfahrt aus. „So verlaſſen Sie die Sache,“ fuhr Mark in einem Tone der Anklage fort; verlaſſen Sie uns, und bei Gott, Ihr Schickſal wird härter ſeyn, als das unſerer offenen Feinde. Heute Nacht werden die Truppen lan⸗ den; morgen werden wir den ganzen Tag und auch die ganze Nacht marſchiren: die flammenden Kapellen werden uns auf dem Wege leuchten.“ „Haben Sie Acht, raſcher Jüngling, haben Sie Acht; die Rache des beleidigten Himmels iſt ſchrecklicher, als Sie meinen. Welcher Verbrechen auch Andere ſich ſchuldig machen, bedenken Sie, daß Sie ein Irländer ſind, daß, was der Fremde rückſichtslos wagen darf, beim Sohne des Landes eine Verletzung des Heiligthums iſt. „So bewahren Sie mich denn vor dieſer Schuld— bewahren Sie mich vor mir ſelbſt;“ rief Mark in einem weichen, bewegten Tone.„Ich kann dieſe Sache nicht verlaſſen, drum bitte ich Sie, machen Sie nicht, daß ſie mir zur Schande gereicht.“ Der alte Mann ſchien überwältigt durch dieſe plötz⸗ liche Berufung auf ſein Gemüth, und gab keine Ant⸗ wort; das tiefe Athmen Marks, deſſen Bruſt in ſtarker Aufregung wogte, war das einzige Getöne in der Stille. Herbert, der bisher mit jenem vagen halben Bewußt⸗ ſeyn, das eine Folge übermäßiger Anſtrengung iſt⸗ zugehört hatte, wurde plötzlich gewahr, daß der ereig⸗ nißvolle Augenblick erſchienen war, wo Mark, falls der Prieſter wanken oder zögern ſollte, mit ſeiner Bitte durchdringen konnte, ſo daß alle Hoffnung ihn zu retten für immer verſchwinden mußte. Mit der CEnergie eines verzweifelten Entſchluſſes ſprang er alſo auf und trat in das Zimmer gerade als der Prieſter im Begriff war zu antworten. 8 „Nein, Vater, nein,“ rief er wild; nſein Sie 285 feſt, ſein Sie entſchloſſen, wenn dieſes unglückliche Land der Schauplatz von Blutvergießen ſein ſoll, ſo mögen wenigſtens ſeine eigenen Söhne nicht in entgegengeſetzten Lagern gefunden werden.“ „Dieß von Dir, Herbert,“ rief Mark in vorwurfs⸗ vollem Tone, indem er einen kalten, ſtrengen Blick auf ſeinen Bruder heftete. „Und warum nicht von ihm,“ ſagte der Prieſter haſtig.„Iſt er nicht ein Irländer mit Leib und Seele? Iſt nicht das Land ihm eben ſo theuer als uns?“ „Ich gratulire Ihnen zu dem Bündniß, Bater,“ ſagte Mark mit verächtlichem Lachen.„Herbert iſt ein Proteſtant.“ „Was!— habe ich recht gehört?“ rief der alte Mann, indem er mit todtenbleichem Geſicht auf den Jüngling zuwankte und ihn an beiden Armen ergriff. „Iſt dieß wahr, Herbert? Sage mir, mein Junge, auf der Stelle, daß es nicht ſo iſt.“ 4 „Es iſt wahr, Sir, vollkommen wahr; und wenn ich Ihnen bisher den Schmerz erſpart habe, den es Ihnen hätte bereiten können, ſo glauben Sie mir, es geſchah nicht, weil ĩch einige Scham über das Geſtänd⸗ niß empfunden hätte.“ Der Prieſter wankte zurück und ſank ſchwer in einen Stuhl; eine blaugelbe Farbe verbreitete ſich über ſeine Züge, ſeine Augen wurden gläſern und glanzlos. „Freilich müſſen wir unglücklich und elend ſeyn,“ rief er mit ſchwachem Seufzer aus,„wenn wir falſch ſind gegen den Himmel, der ſich darüber verwundern muß, daß wir Verräther gegen einander ſind.“ Der franzöſiſche Offizier— denn ein ſolcher war er— murmelte Mark einige Worte in's Ohr, worauf dieſer erwiederte— „Ich kann Ihre Ungeduld nicht tadeln; es iſt jetzt keine Zeit zu thörichtem Geſchwätz. Alſo nach dem Thale. Leben Sie wohl, Vater. Herbert, wir werden 286 uns bald wieder ſehen;“ und ohne länger zu warten eilte er mit ſeinem Gefährten aus dem Zimmer. Herbert blieb einige Sekunden unentſchloſſen ſtehen. Er wünſchte etwas zu ſagen und wußte doch nicht was oder wie. Endlich näherte er ſich dem Stuhle des alten Mannes und ſprach— „Noch iſt es Zeit die Gefahr abzuwenden; das Volk i*ſt unentſchloſſen— manche haben einen Widerwillen gegen den Aufſtand; mein Bruder wird durch ſein raſches Weſen fallen.“ 3 „Beſſer er fällt als er lebt in Schande,“ ſagte der Prieſter, indem er Herbert rauh ſeine Hand entriß. „Verlaſſe mich, junger Menſch— gehe hinweg; dieß iſt ein armes und beſcheidenes Dach; aber noch nie, bis auf dieſe Stunde, hat es einen Apoſtaten beherbergt.“ „Ich dachte nie, daß ich ſolche Worte hören würde,“ ſagte Herbert in mildem Tone;„aber ich kann nicht in Mißmuth von Ihnen ſcheiden.“ „Es war eine Zeit, Herbert, wo Du mich nie ver⸗ ließeſt ohne meinen Segen,“ ſagte der Prieſter, deſſen Anger in Thränen ſchwammen,„knie jetzt nieder, mein ind.“ Herbert kniete zu den Füßen des Prieſters nieder, worauf dieſer dem jungen Manne die Hand aufs Haupt legte, ein glühendes Gebet über ihn murmelte und mit folgenden Worten ſchloß— „Möge Er, der alle Herzen kennt, das Deinige leiten und lenken und Dich von Deinen Irrwegen zu⸗ rückbringen, wenn Du von der Wahrheit abgewichen biſt.“ Er küßte den jungen Mann auf die Stirne, bedeckte darauf die Augen mit den Händen und ſaß in ſeine trau⸗ rigen Gedanken verloren dort. In dieſem Augenblick hörte Herbert ſeinen Namen von einer Stimme draußen flüſtern; er ſtahl ſich ſchwei⸗ gend aus dem Zimmer, und als er auf den kleinen Bogengang kam, fand er Kerry O'Leary, der durch und durch naß und erſchöpft die Hütte erreicht hatte, nach⸗ 287 dem er ſich mehrere Stunden abgemüht, über die durch den Regen zu Strömen angeſchwollenen Gewäſſer zu etzen. „Ein Brief aus Carrig⸗na⸗curra, Sir,“ ſagte Kerry; denn ſeiner Excurſion herzlich müde beſchloß er, ſich die Miene zu geben, als ob er nicht recht wiſſe, an welchen Bruder der Brief addreſſirt ſey und ſich auf dieſe Art ſeines unangenehmen Auftrags mit einem Male zu entledigen. Das Billet begann:„Mein theurer Sohn;“ und ohne einen Namen zu nennen drang es einfach auf ſeine augenblickliche Rückkehr nach Hauſe. Dorthin fühlte ſich Herbert ſowohl von ſeiner Pflicht als auch von ſei⸗ ner Neigung gerufen; er zögerte daher keinen Augen⸗ blick, verließ die Huͤtte und brach, begleitet von Kerry, nach Carrig⸗na⸗curra auf. Die Nacht war finſter und ſternenlos, aber dennoch ſchleppten ſie ſich weiter, und als der Regen aufhörte, wurde der Wind ſtärker, während man ſtundenweit in Irland das Brauſen der See gleich einem dumpfen an⸗ haltenden Donner hören konnte. Herbert war zu ſehr mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, um viel zu ſprechen, und auch Kerry unterbrach bei ſeiner Er⸗ ſchöpfung nur ſelten das Schweigen. Als ſie aber in die Nähe des Schloſſes kamen, ſchritt eine Geſtalt über den Weg, kam auf ſie zu und ſagte— „Gute Nacht.“ „Wer mochte das ſeyn, Kerry?“ ſagte Herbert, als der Fremde weiter ging. „Ich kenne die Stimme wohl,“ erwiederte Kerry, wobgleich er ſie zu verſtellen gedachte. Das iſt Sam Wylie, und es bedeutet nichts Gutes, daß er hier iſt.“ Kaum waren die Worte geſprochen, als vier Burſche heranſprangen und ſich ihrer bemächtigten. „Dies iſt unſer Mann,“ ſagte einer von den An⸗ greifern, indem er Herbert mitsſolcher Gewalt am Kra⸗ 288 4 gen ergriff, daß er ſich nicht wehren konnte;„aber ver⸗ ſichert Euch auch des andern.“ Herberts Widerſtand war vergeblich, obgleich er ſich muthig wehrte; er rief um Hülfe, aber man erſtickte ſein Geſchrei und ſchleppte ihn etwas weiter an einen Ort, wo eine Kutſche ſtand, mit vier berittenen Drago⸗ nern zu beiden Seiten. In dieſe wurde er hineinge⸗ ſtoßen und zwiſchen zwei Männern in voller Uniform niedergeſetzt, worauf das Wort vorwärts erſcholl. „Ihr kennt Euere Befehle für den Fall, daß eine Befreiung verſucht werden ſollte,“ ſagte eine Stimme, woran Herbert ſogleich den Verwalter Hamsworth er⸗ kannte.— Die Antwort ging im Geräuſche der Räder ver⸗ loren; denn ſchon waren die Pferde ſo ſchnell als mög⸗ lich davon geeilt, ſo daß die Bedeckung alle Mühe hatte, um ihnen nachzukommen. Siebenundvierzigſtes Kapitel. Der Tag der Nechnung.. Nie hatten O'Donoghue und Kate einen Tag ſchmerz⸗ licherer Angſt zugebracht. Sie gingen von einem Fen⸗ ſter zum andern, ſo oft ſich eine Ausſicht in das Thal eröffnete, oder lauſchten, um unter dem Geräuſch des Sturmes etwas zu vernehmen, das auf Marks Rückkehr deuten konnte; ihre Beſorgniffe ſtiegen, während die Stunden dahinſchlichen und noch immer erſchien kein Zeichen ſeiner Ankunft. Das alte Schloß zitterte bis auf den Grund, wenn die ſchrecklichen Windſtoͤße durch das Thal dahinfuhren, und gelegentlich übertönte das Krachen irgend eines alten Bruchſtückes vom Gemäuer laut den brüllenden Wind— während drunten auf der Straße Baumäſte, Schiefern und Ziegel zerſtreut lagen, lauter Beweiſe 289 von der Heftigkeit des Orkanes. Unter dem Schutz des großen Felſens hatte ſich eine zitternde Heerde von Ge⸗ birgsſchafen geſammelt, unter die ſich da und dort eine Kuh oder ein wildes Pferd miſchte, ſo daß jeder Unter⸗ ſchied der Lebensweiſe in dem gemeinſamen Verlangen nach Rettung verſchwand. Im Innern des Hauſes hatte alles ein trauriges düſteres Anſehen; die Küche, wo mehrere vom Markt zurückkehrende Landleute ſich verſammelt hatten und vergeblich auf einen günſtigen Augenblick zur Heimreiſe warteten, bot keines von den gewöhnlichen Zeichen von Munterkeit dar. Da ließ ſich keine einzige fröhliche Stimme vernehmen; kein Geläch⸗ ter, keine von jenen hundert kleinen Erzählungen per⸗ ſönlicher Abenteuer, womit ſich der Bauer die Lange⸗ weile vertreiben kann. Alle ſaßen entweder ſchweigend um das Torffeuer herum, oder unterhielten ſich in lei⸗ ſem, ängſtlichem Geflüſter, während Mrs. Branagan ſelbſt in einem Zuſtand mürriſcher Würde, die der Scene riheß noch feierlichern, ernſtern Anſtrich erlieh, ihre Pfeife rauchte. Es war eine ſeltſame Unterhaltung, und ſie ver⸗ diente kaum hier erwähnt zu werden, außer als Beiſpiel von der wunderbaren Vorſicht und Zurückhaltung des Volkes in ſchwierigen Zeiten; aber Niemand ſprach von dem Aufſtand, und keiner ſpielte, außer nur aus weiter Ferne, auf die wichtigen militäriſchen Bewegungen an, die in Macroom vorgingen. Die Furcht vor Verrätherei war damals allgemein; allenthalben herrſchte die Be⸗ ſorgniß, es möchten weit und breit durch das Land Spione zerſtreut ſeyn, und das Erſcheinen eines Fremden oder eines Mannes aus einem entlegenen Theile des Landes war ſtets hinreichend, um jede offenherzige, vertrauliche Unterhaltung zum Schweigen zu bringen. So war es jetzt— Niemand ſprach von etwas anderm, als von dem ſchrecklichen Sturm— von der Verheerung, die er im Lande anrichten würde— wie die Fluten hier eine Kever, O'Donoghue. II 19 290 4 Brücke, dort eine Mühle fortreißen— welche Straßen ungangbar— welche Flüſſe nicht mehr zu paſſiren ſeyn würden— einige hatten ihren Torf noch nicht einge⸗ heimst, und waren jetzt in Verzweiflung, ob ſie ihn unter Dach bringen könnten— ein Anderer hatte ſein Heu auf einer niedrigen, unbedeckten Stelle gelaſſen, und machte ſich keine Hoffnung, es wieder zu ſehen— während einige wenige, deren Betrachtung einen höhern Flug nahm, es wagten, ſich über die ſchrecklichen Folgen des Sturmes zur See zu verbreiten, ein Thema, das, wenn es einmal auf's Tapet gebracht war, zu mancher keönecgen Erzählung von Schiffbruch an der Küſte ührte.* Während ſie über ſolche trübſelige Gegenſtände ſich leiſe und murmelnd mit einander unterhielten, kam Kate, welche das ſtille Zuwarten nicht länger mehr aus⸗ halten konnte, die Treppe herab und trat in die Küche, um hier einige Nachrichten über neue Ereigniſſe zu er⸗ fahren. Bei ihrem Eintritt ſtanden die Leute ehrfurchts⸗ voll auf, und während Alle ihre unterthänigen Kompli⸗ mente machten, erhob ſich unter ihnen auf Iriſch ein Gemurmel des Staunens und der Verwunderung über ihre Anmuth und Schönheit; denn wie hart auch die Entbehrungen des iriſchen Bauern, wie armſelig und dürftig ſein Loos im Leben ſeyn mag, ſo wohnen doch immer zwei Eigenſchaften inſtinktmäßig in ihm— Wohl⸗ gefallen an muntern Scherzen und Bewunderung für Schönheit— letztere wie erſtere werden ſtets Anerken⸗ nung bei ihm finden, und in ſeiner Freude über die eine oder die andern kann er ſich ſelbſt und alles Elend ſeiner Lage vergeſſen. Die Männer ſtarrten ſie als eine übermenſchliche Erſcheinung an; der Ausdruck ihrer Züge, erhöht durch ein ihren Augen fremdes Koſtüͤm, erregte ebenſowohl ihr Erſtaunen, als ihr Entzücken— während die Weiber mit kritiſcherm Blick und mehr Faſſung, aber vielleicht mit nicht geringerer Bewunde⸗ rung ſie betrachteten. Mrs. Branagan warf einen ſtol⸗ 291 zen Blick rings umher, gleich als wollte ſie ſagen: „Ihr habt euch gewiß nicht eingebildet, hier zu Lande etwas der Art zu ſehen.“ Kate nahm ſich bei dieſer Gelegenheit ungewöhnlich ſchön aus. Mit einer Koketterie, die wir nicht zu er⸗ klären brauchen, hatte ſie ſich äußerſt hübſch gekleidet, und zwar in acht franzöſiſchem Stile— Mark hatte noch nie eine Bemerkung über ihr Koſtüm gemacht, außer als ſie einmal dies Kleid trug, und ſie hatte ſein Urtheil darüber nicht vergeſſen. 3 „Ich wollte euch durchaus nicht ſtören,“ ſagte Kate mit ihrem etwas fremd klingenden Aecent;„bitte, ſetzt euch wieder— oder wenn ihr nicht wollt, ſo muß ich euch verlaſſen— Jedermann läßt mir meinen eigenen Willen— nicht wahr, Mrs. Branagan?“ Mrs. Branagan's Antwort ging in dem allgemei⸗ nen Chorus der andern ganz verloren; ſie lautete— „Und warum nicht? Gott ſegne Sie wegen Ihrer Schönheit!“ Darauf ſtieß ein ſtarker Burſche mit ſchwarzem Bart mit ſeinem Stock heftig auf den Boden und rief in ſeinem Enthuſiasmus— „Den Mann möchte ich ſehen, der etwas dagegen ſagen wollte— das iſt alles.“ Kate lächelte nicht ganz undankbar für eine ſo rauhe Galanterie, dem Sprecher zu, und fuhr fort—„ich möchte wiſſen, ob ihr Nachrichten aus der Stadt mit⸗ bringt— war dort keine Bewegung unter den Trup⸗ pen, oder ging nicht ſonſt etwas ungewöhnliches vor?⸗ Jeder ſah den Andern an, als ſey er nicht geneigt, die Antwort auf ſich zu nehmen, bis endlich ein alter Mann mit ſchneeweißem Kopfe ſagte— „Ja, Mylady, die Soldaten ſtehen ſeit neun Uhr alle unter Waffen; da kam die Nachricht, daß die Fran⸗ zoſen in der Bai ſeien und die Armee wurde nach Cork geſchickt.“ 19* 292 „Nein, nach Limerick, hörte ich ſagen,“ rief ein Anderer. „Ja, nach Limerick! Von Dublin her kommen ſie mit Kanonen; aber das hilft nichts, denn die Franzoſen ſind ſo ſchnell wieder fortgeſegelt, als ſie gekommen.“ „Die franzöſiſche Flotte iſt fort!— hat die Bucht verlaſſen?— Gewiß, ihr müßt euch irren,“ ſprach Kate eifrig. „Wahrlich, ich weiß es nicht ſo ganz genau; aber hier iſt Tdom MCarthy, der ſie kurz nach zwölf Uhr fortſegeln ſah.“ Der ſo angeredete Mann ſchien mit den auf ihn gerichteten Hindeutungen keineswegs zufrieden, und warf einen ſchnellen mißtrauiſchen Blick um ſich her, als ob er keineswegs beruhigt ſey über die Geſellſchaft, vor der er ſich erklaͤren ſollte, ein Gefüͤhl, das ſich gewaltig ſteigerte, als ſich jetzt jedes Auge auf ihn richtete. Kate ſah mit dem ſchnellen Blick, der ſie nie ver⸗ ließ, ſeine ſchwierige Lage⸗ trat nahe auf ihn zu und ſprach mit einer nur ihm verſtändlichen Stimme— „Erzählet mir, was Ihr in der Bai geſehen habt, und habet keine Furcht vor mir.“ M'Carthy, der die grobe blaue Jacke eines Fiſchers trug, beſaß jenen Scharffinn, den man unter Leuten ſei⸗ nes Standes ſo oft findet, und ſchien durch dieſes Zeichen von Vertrauen ſogleich beruhigt zu ſeyn. „Ich war in dem Boot, Mylady,“ ſagte er,„das Mr. Mark hinaus nach der franzoͤſiſchen Fregatte ruderte und daneben wartete, um ihn wieder zuruͤckzubringen. Er war länger als eine Stunde an Bord und ſprach mit den Offizieren, zuweilen drunten in der Kajüte, öfter aber auf dem Hinterdeck, wo ein Mann von wildem Ausſehen, in blauer Uniform, auf einem weißen Fell lag— auf einem Bärenfell, wie mir Mr. Mark ſagte. Der Offizier hatte, ſchon ehe er Frankreich verließ, eine Wunde im Bein, und die Seereiſe hatte ſie verſchlim⸗ mert, aber deſſen ungeachtet lachte und ſcherzte er gleich den Uebrigen⸗“ 293 4„Alſo lachten ſie und waren guten Muthes?“ fragte ate. „Das wollte ich meinen. Ich höoͤrte nie zuvor ſo luſtige Herren, und gerade ſo waren auch die Matroſen — ſie ließen es ſich nicht nehmen, es mußte jeder von uns eine Flaſche Rhum trinken, auf gutes Glück, ver⸗ muthe ich— hol mich der Teufel, wenn Einer ein trauriges Geſicht machte, außer Mr. Mark; was ihm auch fehlen mochte, er wollte keinen Biſſen eſſen, und zu dem einzigen Glas Wein, das er trank, machte er ein Geſicht, als ſey es Gift geweſen— ja er warf ſo⸗ gar das Glas, nachdem er es geleert hatte, über Bord. Und gewiß, an den Franzoſen lag keine Schuld ſie be⸗ handelten ihn gleich einem Bruder— der Eine ſchüt⸗ telte ihm die Hand— ein Anderer ſchlang den Arm um ſeine Schulter und“— hier erröthete Tom, ſtam⸗ melte und ſchwieg endlich plöͤtzlich ſtille. „Nun, fahret fort, was wolltet Ihr ſagen?“ „Wahrlich, ich ſchäme mich— aber es iſt doch wahr— mit Reſpekt vor Ihnen zu ſagen, ich ſah, wie zwei ihn küßten.“ Kate konnte nicht umhin, wegen Toms Erſtaunen über ein ſolches Beiſpiel von franzöſiſcher Begrüßung zu lachen— während, vielleicht zum erſten Mal, das Gefühl des Bauern ſich ihr ſelbſt aufdrängte, und die Sitte, von der ſte, ohne daß es ihr aufgefallen wäre, im Ausland ſo oft Zeuge geweſen war, jetzt plötzlich ihrem Zartgefühl widerſtrebte. „Und iſt Mr. Mark allein zurückgekommen?“ fragte ſie, nachdem ſie eine Minute gezögert. „Nein, Mylady, er war begleitet von einem kleinen dunkeln Mann mit goldenen Epauletten und einem De⸗ gen. Ich hörte ihn Mr. Morris nennen, aber er ſprach kein Wort Engliſch oder Iriſch.“ „Und wo landeten ſie, und welchen Weg ſchlugen ſie darauf ein?“ 294 „Ich ſetzte ſie bei Glengariff an's Land, wo ſie zu Pferde ſtiegen. Ich hörte, ſie wollten zuerſt Vater Rourka im Thale beſuchen.“ „Und dann weiter?“.. „Weiter weiß ich in der That nichts. Sie ſind mir ſeither nie mehr zu Geſicht gekommen— ich wollte einem der franzöſiſchen Schiffe ein Tau zuwerfen, denn die Anker ſchleppten— ſie kamen an die falſche Seite der Inſel und geriethen in den Nordkanal, und dies war der Grund, weßhalb ſie ihre Taue kappten und ſich hinaus in die See begaben, um das Ende des Sturms abzuwarten; aber für die nächſte Zeit iſt noch keine Aus⸗ ſicht dazu.“ Kate ſchwieg mehrere Minuten; endlich aber ſagte „Erzählet mir doch vom Volke, war es in großer Anzahl längs der Küſte verſammelt? Waren viele im Gefolge Mr. Marks, als er an die Küſte kam?“ „Ich will Ihnen keine Lüge ſagen, Mylady; es waren nicht viele da— es waren einige Jungen von Caſtletown und der Umgegend gekommen— aber die O’'Leary's und die Sullivans und die M'Carthy's— meine eigenen Leute— und die Neal's hatten ſich nicht eingefunden; da war es allerdings kein Wunder, daß Mr. Mark zornig wurde, als er ſich umſchaute und die Burſche ihm folgen ſah.„Zurück, ſagte er,„fort mit euch, Leute eures gleichen kommen nur um zu rauben und zu plündern— wenn die Männer, die Herz und Muth für die Sache haben ſollten, nicht erſcheinen wollen, ſo will ich auch an ihrer Stelle keine Schurken wie euch anführen.“’ Das waren die Worte, die er ſprach, und es waren harte Worte.“ „Der arme Menſch!“ ſagte Kate, indem ſie ſich eine Thräne aus dem Auge wiſchte,„Niemand ſtand ihm bei, kein Einziger, und warum iſt dies der Fall?“ fragte ſie leidenſchaftlich.„Iſt das Volk mattherzig ge⸗ worden— ſind vielleicht Memmen darunter?“ —— 295 „Wenigſtens Geſellen, die nicht beſſer ſind,“ er⸗ wiederte M'Carthy mit leiſem, ängſtlichem Geflüſter— „es gibt Verräther, die lieber Blutgeld ernten, als recht⸗ ſchaffen leben wollen— es gibt manche unter ihnen, die damit umgehen, Mr. Mark ſelbſt zu fangen, und er darf von Glück ſagen, wenn er endlich durchkommt.“. „Da kommen Pferde die Straße herauf, und wahr⸗ lich, ſie haben Eile,“ ſprach Einer unter den Landleu⸗ ten, und wirklich hörte man das Klappern eines ſchnellen Galopps längs der ſchlammigen Straße. Kate's Herz ſchlug faſt hörbar, und ſie ſprang fort die Treppen hinauf. Der Hufſchlag der Pferde kam näher, bis ſie endlich vor der Thüre Halt machten. „Er iſt's— Mark iſt's,“ ſagte ſie bei ſich ſelbſt in wonnevollem Entzücken, ſchob mit zitternden Fingern den ſchweren Riegel zurück und nahm die Kette weg, während ſie mit einer nur bei ſolcher Gelegenheit mög⸗ lichen Kraftanſtrengung das ſchwere mit Eiſen beſchla⸗ gene Thor weit aufriß. „O, wie ſchmerzlich habe ich auf Sie gewartet!“ rief ſie, als eine haſtig abſteigende Geſtalt auf ſie zu⸗ ging; und im gleichen Augenblicke gab ſich durch ſeine Stimme Hamsworth zu erkennen, indem er ſagte— „Wenn ich glauben könnte, dieſer Gruß gelte wirk⸗ lich mir, Miß O'Donoghue, ſo würde ich dieſen Augen⸗ blick den glücklichſten meines Lebens nennen.“ „Ich dachte, es ſey mein Vetter,“ ſagte Kate, die faſt ohnmächtig in einen Stuhl zurückſank;„aber viel⸗ leicht haben Sie Nachrichten von ihm; können Sie mir ſagen, ob er außer Gefahr iſt?“ 3 „Dieſe Nachricht erwartete ich von Ihnen zu hö⸗ ren,“ ſagte er, indem er, den Aerger über ſeine Täu⸗ ſchung unterdrückend, die gleiche Ehrfurcht wie früher zeigte;„iſt er noch nicht zurückgekehrt?“ „Nein, wir haben ihn noch nicht geſehen, und auch der Bote iſt noch nicht zuruckgekommen. Auch Herbert iſt fort, ſo daß wir hier ganz allein find.“ 5 296 Hamssworth bot ihr ſeinen Arm dar, um ſie in das Geſellſchaftszimmer zurückzubegleiten, und ſuchte ſie unterwegs wegen Mark zu beruhigen, während er zu verſtehen gab, daß die Franzoſen, welche dieſen Morgen mit elf Schiffen in die Bandrybai eingelaufen, unvor⸗ bereitet auf die von ihm getroffenen, kräftigen Verthei⸗ digungsmaßregeln, wieder unter Segel gegangen ſeyen, entweder um den Reſt der Flotte abzuwarten, oder viel⸗ leicht um nach Frankreich zurückzukehren;„ich möchte keinen Tadel auf diejenigen werfen, deren Unglück be⸗ reits hart genug iſt, aber ich muß Ihnen ſagen, Miß O'Donoghue, daß jeder Schritt dieſes Unternehmens mit Zweideutigkeit und Feigheit bezeichnet war. Ich brauche natürlich nicht zu ſagen, daß in beiden Hinſich⸗ ten Ihre Freunde ſchuldlos ſind. Aber Ihr Vetter hat ſich von aller Welt betrügen laſſen, von Jedem, der es der Mühe werth hielt, mit ihm ſein Spiel zu treiben und ihn zu täuſchen— er glaubte ſich im Vertrauen der Anführer der Expedition— ſie hatten noch nicht einmal von ſeinem Namen gehört. Er glaubte ſich in einer einflußreichen Stellung zu befinden— er wird von Niemand anerkannt— weder ſeine eigene Partei noch auch die Franzoſen nehmen Notiz von ihm, und ſeine einzige Berühmtheit wird die zweideutige des Mär⸗ tyrthums ſeyn.“ Jedes Wort dieſer mit trauriger, theilnehmender Stimme geſprochenen Rede, wobei der Sprecher ſich über die mißleiteten Meinungen eines theuern Freundes zu grämen ſchien, ſchnitt Kate tief in die Seele— ſie wußte im Augenblick nicht recht, ob ſie für ihren Vetter nicht lieber einer augenſcheinlichen Gefahr hätte trotzen, als zuſehen ſollen, wie er betrogen und getäuſcht wurde. Hamsworth ſah die Wirkung, die ſeine Worte hervor⸗ brachten und fuhr fort— „Wollte Gott, es gäbe keine ſchlimmere Gefahr, und das Schickſal Eines unbedachtſamen, aber hochſin⸗ nigen Jünglings wäre alles, was auf dem Spiele ſtehte 297 — mit dieſen Worten warf er einen vorſichtigen Blick in dem geräumigen Zimmer umher, um zu ſehen, ob ſie wirklich allein feyen. „Großer Himmel! es wird uns doch nicht noch ſchlimmeres Unglück drohen?“ rief Kate mit einer Stimme herzzerreißenden Schmerzes. „Es droht etwas weit ſchlimmeres, Miß O'Do⸗ noghue; es droht das Verderben eines ganzen Hauſes — eines edeln, geehrten Namens— Ihr Oheim iſt dieſen unſeligen Planen leider nicht fremd— ich habe der Anzeige nur ungerne Glauben geſchenkt.“ „Sie iſt falſch— ich weiß— ſie iſt falſch,“ ſagte Kate leidenſchaftlich—„mein armer, theurer Oheim, gebeugt von manchem Unglück, hat ſich ſtandhaft und edel benommen, aber einer Theilnahme an kühnen, ge⸗ fährlichen Planen iſt er unfähig— bedenken Sie nur ſein Alter, ſeine Gebrechlichkeit. 4 „Ich kenne beides, mein Fräulein, aber ich weiß auch, daß ſeit Jahren ſeine Geldverlegenheiten der Art waren, daß er vor nichts zurückbebte, wodurch er ſich aus ſeiner Klemme zu helfen hoffte. Manche haben gleich ihm ſich eingebildet, daß ſchon ein vorübergehen⸗ der Triumph über England die Verhältniſſe zwiſchen den beiden Ländern ändern, zu Konzeſſionen der einen oder andern Art, zum Widerruf von Geſetzen und zur Zurücknahme von Konfiskalionen führen werde; auch waren dieſe Erwartungen vielleicht nicht ſo ganz unbe⸗ gründet. Irland hat noch wenig auf dem Weg der Gnade erhalten, aber ſchon viel auf dem der Drohung durchgeſetzt.“ „Er hat ſich nie einen ſolchen Ausgang von dem Kampfe verſprochen, Sir; verlaſſen Sie ſich darauf, nie hat eine unwürdige Ausſicht auf perſönlichen Gewinn einen O'Donoghue bewogen, für eine ſolche Sache in die Schranken zu treten. Sie haben mich jetzt über⸗ zeugt, daß er nicht in dieſes Komplott verwickelt iſt.“ „Ich wünſche aufrichtig, meine Ueberzeugungen 298 könnten den Ihrigen folgen, mein Fräulein; aber ich habe mich einem undankbaren Geſchäfte unterzogen. Wollte der Himmel, ich wüßte, wie ich mich deſſelben ſchicklich entledigen könnte. Um aufrichtig zu ſeyn, Miß O'Donoghue, das Geſetz über Hochverrath, kraft deſſen das Gut Ihres Oheims der Konfiskation verfallen iſt, wird, wenn nicht ſchleunige Maßregeln ergriffen werden, auch Sie Ihres Vermögens berauben; um dies zu ver⸗ hüten“— „Halten Sie ein, Sir, ich kann Ihnen jede Sorge in Betreff meiner erſparen. Ich habe kein Vermögen und keinen Anſpruch auf das Gut meines Oheims.“ „Verzeihen Sie mir, junge Lady. aber meine Stel⸗ lung hat mich mit Ihren Familienangelegenheiten be⸗ kannt gemacht; Ihre Anſprüche erſtrecken ſich auf ein ſehr beträchtliches und ſehr werthvolles Eigenthum.“ „Ich muß Sie noch einmal unterbrechen, Sir, ich habe nichts.“ 3 „Wenn ich es wagen dürfte, Ihnen zu widerſpre⸗ chen, ſo würde ich ſagen——“ „Nein, nein, Sir,“ rief ſie theils vor Scham theils vor Zorn erröthend—„dies muß ein Ende nehmen, ich weiß nicht welch ein Recht Sie haben, mir ein Geſtänd⸗ niß abzupreſſen. Das Eigenthum, wovon Sie ſprechen, iſt nicht mehr mein; mein Oheim erwies mir die Ehre, es von mir anzunehmen. Wollte Gott, die Gabe könnte den tauſendſten Theil der Liebe ausdrücken, die ich für ihn hege.“ „Sie haben Ihre Anſprüche Ihrem Oheim abgetre⸗ ten!“ ſagte Hamsworth mit einem Zuge der Bosheit und des Aergers auf ſeiner Stirne, indem er zwiſchen jedem Worte eine Pauſe ließ. „Wer wagt es, mich über einen ſolchen Gegenſtand auszufragen!“ rief Kate; denn der von Hamsworth ſo plötzlich angenommene beleidigende Ausdruck erweckte ih⸗ ren ganzen Unwillen.— „Iſt dies alſo wirklich ſo?“ ſprach Hamsworth, der, 299 nicht gewohnt, jemals überliſtet zu werden, die ganze Bitterkeit ſeiner Täuſchung fühlte. Kate gab keine Antwort, ſondern ſchritt auf die Thüre zu; Hamsworth dagegen kam ihr zuvor und lehnte ſich mit dem Rücken daran. „Was will das heißen, oder wie kommt es, daß Sie es wagen, mich unter dem Dache meines Oheims ſo zu behandeln?“ „Nur ein einziges Wort, Miß O'Donoghue,“ ſprach Hamsworth nicht ohne Anſtrengung ſeinen gewöhnlichen ehrfurchtsvollen Ton anzunehmen;„darf ich fragen, ob dieſe Eigenthumsübertragung geſetzlich und unter den ge⸗ hörigen Formen gemacht wurde.“ „Sir,“ erwiederte Kate, indem ſie ſich aufrichtete und ihm voll ins Geſicht ſtarrte, ohne ein anderes Wort zu ſagen. „Ich ſehe alles,“ ſagte Hamsworth raſch und gleich⸗ ſam laut denkend.„Dies war das Geld womit Hickſon bezahlt wurde— auf dieſem Wege wurde der Pfand⸗ brief ausgelöst und auch die Schuld von zweitauſend Pfund getilgt— getäuſcht und betrogen bei jedem Schritte. Und ſo, Mylady“— hier warf er einen Blick frecher Drohung auf ſie—„ſo bin ich die ganze Zeit über eine Puppe in Ihren Händen geweſen, und nicht zufrieden, meine Plane zu durchkreuzen, haben Sie auch geſucht, die Quelle meines Glückes zu untergraben. Ja, Sie brauchen keine Unwiſſenheit zu heucheln, ich kenne Sir Archibalds gütige Vermittlung zu meinen Gunſten. Sir Marmaduke Travers hat mir die Verwaltung ſeines Gutes entzogen; er hätte ſich Zeit nehmen können, um ſich zu erkundigen, wo das Eigenthum ſei, das er mir entzogen hat— wie viel davon ihm, dem Herrn, oder mir gehört. Dies war das Werk Ihres Oheims. Ich habe es von ſeiner eigenen Hand, und der an Sie ge⸗ richtete Brief——“ „Alſo haben Sie ſich erfrecht, Sir, das Siegel mei⸗ nes Briefes zu erbrechen!“ 30⁰0 3 „Ich habe mehr gethan, Mylady— ich habe eine Abſchrift davon dem Staatsſecretär üherſchickt, von dem ich einen Verhaftsbefehl beſitze; die jungen Beamten von dem Miniſterium des Innern werden mir ohne Zweifel danken für das Vergnügen, das ich ihnen bereitet habe. Die Kupplertalente Sir Archys und die Zauberkünſte ſeiner Nichte ſind jedoch für diesmal ohne Erfolg geblie⸗ ben. Der Gardeoffizier ſcheint ſeine kurze Leidenſchaft uͤberwunden zu haben.“ „Zurück, Sir, laſſen Sie mich hinaus.“ „Nur noch einen Augenblick mein Fräulein; wenn ich von Ihrer Familie einige Kränkungen erlitten, ſo habe ich doch wenigſtens Eine Schuld der Dankbarkeit anzuerkennen— ohne das von Ihrer eigenen Hand ge⸗ ſchriebene Billet wäre es mir kaum gelungen einen Re⸗ bellen zu fangen, deſſen Verrätherei nicht lange auf die gebührende Strafe zu warten haben wird— ohne Ih⸗ ren trefflichen Beiſtand hätte Ihr Vetter entrinnen kön⸗ nen; fürwahr, es mag ſich der Mühe verlohnen, Ihnen mitzutheiten, daß Sir Archibald die beſten Hoffnungen hatte ſeine Begnadigung auszuwirken, ein Umſtand, wor⸗ über ſich ohne Zweifel die überlebenden Familienglieder freuen können.“ „Mein Vetter Mark ergriffen!“ rief Kate, indem ſie in einem Anfall von Verzweiflung die Hände an beide Seiten ihres Kopfes drückte. d „Ergriffen und unter militäriſcher Bedeckung auf dem Wege nach Dublin; am Mittwoch wird er vor ein Kriegsgericht geſtellt werden; ich boffe und vertraue auf den Donnerſtag— aber vielleicht wäre es grauſam, Ihnen zu erzählen, was am Donnerſtag vorgeht.“ Kate ſchwindelte und ſuchte ſich an einem Stuhl zu halten; aber die Mattigkeit des Todes ſchlich über ſie, und mit einem ſchwachen, leiſen Seufzer ſank ſie leblos zu Boden; im gleichen Augenblick flog mit heftiger Ge⸗ walt die Thüre auf und Hamsworth wich ins Zimmer zurück. Es war Mark, von Koth beſpritzt und von Naͤſſe 301¹ tropfend, mit einer von heftiger Anſtrengung glühendem Geſicht. Mit einem Blicke auf Hamsworth und einem audern auf die ohnmächtige Geſtalt vor ihm ſchien er Alles zu errathen. „Der Tag unſerer Rechnung iſt endlich gekommen, Sir,“ ſagte er mit dumpfer deutlicher Stimme;„es hat jedoch etwas lang gewährt.“ „Wenn Sie etwas von mir verlangen, Mr. O'Do⸗ noghue,“ erwiederte Hamsworth mit erzwungener Ruhe, „ſo bin ich bereit zu gehöriger Zeit und am geeigneten Orte Ihnen jede Genugthuung zu geben.“ 3 Zeit und Ort iſt ſchon da, Sir,“ verſetzte Mark, der ohne das geringſte Zeichen von Leidenſchaft die Thüre verſchloß und einen ſchweren Tiſch an dieſelbe rückte. „Hier in dieſem Zimmer, das Einer von uns beiden nicht lebendig verlaſſen wird.“ „Bedenken Sie, Sir, was Sie thun; ich bin be⸗ waffnet,“ ſprach Hamsworth, indem er einen ſchnellen Blick umherwarf, um zu ſehen, ob ſich noch irgend eine Hoffnung auf Rettung darbiete. „Das bin ich ebenfalls,“ erwiederte in kaltblütigem Tone Mark, der ſich noch immer damit beſchäftigte, je⸗ den Gegenſtand aus der Mitte des Zimmers zu entfer⸗ nen, wäahrend er Kate ſanft aufhob und in ihrer Be⸗ wußtloſigkeit auf ein Sopha legte. „Vermuthlich hat keiner von uns Beiden viel Zeit zu verlieren,“ ſprach er mit bitterem Lachen;„wählen Sie alſo Ihren Platz, Sir, und feuern Sie, wenn es Ihnen beliebt— der meinige iſt dort.“ Mit dieſen Wor⸗ ten machte er eine halbe Wendung, um ſich an den an⸗ gedeuteten Ort zu begeben. Mit Blitzesſchuelligkeit ergriff Hamsworth den Augenblick, zog eine Piſtole aus der Bruſttaſche, zielte und feuerte; die Kugel ſtreifte Mark an der Schulter, ſo daß er vorwärts hintaumelte; aber in einer Sekunde raffte er ſich wieder auf; der Zufall rettete ihn; denn während ſeines Falles war eine zweite Kugel der erſten nachgepfiffen. Mit einem Rachegeſchrei, 302 von dem die alten Wände erbebten, ſprang Mark auf ihn los; es war der tödtliche Sprung eines Tiegers auf ſeine Beute; der Ungeſtüm war ſo groß, daß, als er ihn in die Arme faßte, beide zugleich auf den Boden hinrollten. Der Kampf war bald vorüber; Mark, über⸗ legen an Jugend, Stärke und Rüſtigkeit, brachte ihn bald unter ſich und drückte ihn mit dem Knie auf der Bruſt an den Boden. Es trat eine Pauſe ein, während deren ſich keine andere Töne vernehmen ließen, als das ſchnelle Athmen beider, die mit Blicken des Haſſes ein⸗ ander anſtarrten;— Mark packte mit der einen Hand Hamsworth an der Kehle, mit der andern griff er nach ſeiner Piſtole; langſam zog er die Waffe hervor und ſpannte ſie; darauf ſetzte er die kalte Mündung an die Stirne des Andern und berührte den Drücker; der Hahn knackte, aber das Zündkraut brannte ab. Zornig warf er die Waffe weg und zog eine andere hervor; aber ehe er ſie richten konnte, hatte Hamsworth aufgehört zu ath⸗ men; eine kalte blaugelbe Farbe verbreitete ſich über ſeine Züge und ein klebriger Schweiß bedeckte ſeine Stirne — er lag in einer Ohnmacht. Mark ließ die Waffe fallen, indem er murmelte— „ein würdiges Geſchick— der Tod einer Memme.“ Dar⸗ auf erhob er ſich, näherte ſich dem Fenſter, das auf die Straße hinausging und riß es weit auf. Der Sturm tobte noch immer mit ſeiner ganzen Gewalt und löſchte in einer Sekunde die Lichter im Zimmer aus, ſo daß alles in Finſterniß verſank. Mit vorſichtigen Schritten näherte ſich Mark dem Orte, wo der Leichnam lag, nahm ihn in ſeine ſtarken Arme und ſchleppte ihn ans Fenſter; mit Einem kraftvollen Schwunge ſchleuderte er den leblo⸗ ſen Körper hinaus und hoͤrte, wie die ſchwere Maſſe un⸗ kerrben Buſchwerk niederkrachte, das den Abgrund be⸗ eckte. Mark ſtarrte einige Sekunden in die ſchwarze Tiefe hinunter darauf zog er ſich zurück und verſchloß das Fen⸗ ſter. Mit Hülfe ſeiner Piſtole ſchlug er Licht, zündete . 1 303 die Kerzen wieder an und näherte ſich dem Sopha, wor⸗ auf Kate lag. „Bin ich krank geweſen, Mark?“ fragte ſie, indem ſie ſeine Hand anfaßte—„bin ich krank geweſen und habe ich einen ſchauerlichen Traum geträumt? Ich dachte Hamsworth ſei hier, und— und— aber er war hier — jetzt weiß ich— Sie haben ihn hier getroffen. O Mark, theuerſter Mark, was iſt geſchehen; wo iſt er?“ Mark deutete aufs Fenſter, ohne jedoch ein Wort zu ſprechen.. „Iſt er todt— haben Sie ihn getödtet?“ fragte ſie, indem ihre Augen den wilden Ausdruck des Schre⸗ ckens annahmen.„O barmherziger Himmel, der du uns ſo ſchwer heimgeſucht haſt, warum bleibt die Ver⸗ nunft da, wo Wahnſinn eine Gnade wäre! Sie haben ihn getödtet!“ „Er iſt nicht durch meine Hand geſtorben, obgleich er es wohl verdient hätte,“ ſprach Mark in ſtrengem Tone, „aber ſind uns jetzt ſo viele Stunden gegönnt, daß wir ſie mit einem ſolchen Gegenſtand verſchleudern können? Die Fran zoſen ſind in der Bucht— wenigſtens ein Theil der Flotte— ſechzehn Fahrzeuge, worunter neun Li⸗ nienſchiffe, liegen unter unſern Klippen vor Anker; noch zwanzig andere find draußen in der See, oder geſcheitert oder von den Engländern gekapert; denn wer kann das Maß unſeres Unglücks nennen? Alles iſt gegen uns ver⸗ ſchworen; aber Alles könnten wir überwinden, wenn wir keine Verräther unter uns hätten.“ „Die Regierung iſt von dem Komplott unterrichtet, Mark— ſie kennt alle dabei Betheiligten, und iſt voll⸗ ſtändig gerüſtet euch zuvorzukommen.“ „So geht das Gerücht; aber es iſt nichts Wahres daran: das Volk hält ſich zurück und gibt dies nur als Entſchuldigung für ſeine Feigheit vor. Die Prieſter wol⸗ len es nicht anreden, und der Schrecken vor Angeberei und Verrath verbreitet ſich mit jedem Augenblicke weiter. Lanty Lawler, der Burſche, der Pferde für die Artillerie 3⁰4 hätte liefern ſollen, iſt ein Angeber; dasſelbe ſind die Hälfte von den Uebrigen. Nur ein kühner Streich kann noch retten— erſt wenn um jeden Hals die Schlinge ſchwebt, erſt dann wird der Muth kommen, allen Schwie⸗ rigkeiten zu trotzen— ſo meint Tone, und er iſt ein großherziger Menſch und bereit für jede Gefahr.“ Ein lautes Klopfen an der Thüre des Thurmes un⸗ kerbrach jetzt die Unterhaltung und Kerry O'Leary rief aut— „Oeffnen Sie die Thüre, Mr. Mark, ſchnell, die Soldaten kommen.“ Mark rückte eilig den ſchweren Tiſch von der Thüre weg und öffnete ſie. Kerry mit zerriſſenen Kleidern, an Geſicht und Händen blutend, ſtand vor ihm, Schrecken in jedem ſeiner Züge.„Sie nahmen mich an dem Thore dort gefangen, aber es gelang mir zu entſchlüpfen und das Gebirge zu erreichen; aber in der letzten Stunde haben ſie mich tüchtig gehetzt——“ „Aber die Soldaten— wo ſind ſie?“ „Ungefähr eine halbe Stunde unterhalb Marys Haus im Thale ſtehen zwei Truppen Reiter, die nur auf Hamsworths Befehle warten um vorzurücken.“ „Weiter,“ ſagte Mark mit ſtrengem Lächeln;„dann werden ſie ſich wahrſcheinlich ſo bald nicht regen.“ „Das weiß ich nicht,“ ſagte Kerry;„denn ich ſah Hamsworth die Straße hinaufreiten, während er ſich von zwei Männern auf dem Pferde halten ließ; er ſchien einen ſchweren Fall gethan zu haben, denn das Blut rann ihm über das Geſicht und ſeine Wangen waren blaß⸗ wie die einer Leiche.“ „Du haſt Hamsworth geſehen, und er lebte noch?“ „Allerdings, darüber herrſcht gar kein Zweifel; nie lebte ein Mann in dieſen Gegenden, der ſo fluchen konnte wie er, und ich hörte ihn, wie er unterwegs ſich verſchwor, was er hier thun wolle.“ „Oh fliehen Sie, Mark; verlieren Sie keine Se⸗ kunde, ums Himmelswillen——“ 30⁵ „Und ſoll ich euch hier der Wuth dieſes Schurken und ſeiner Bluthunde preisgeben.“ „Nein, nein; wir ſind hier ſicher; er wird es nicht wagen ſeine Rache an uns auszulaſſen; aber Sie ſind ſein größter Feind.“ „Sie hat vollkommen Recht,“ rief Kerry haſtig. „Ich hörte, wie Hamsworth zum Sam Wylie ſagte, der Kapitän Travers ſei mit ſeinem Regiment in Mac⸗ room und komme hierher um das Schloß zu bewachen; aber es ſei Zeit genug, um Sie vor ſeiner Ankunft wegzu⸗ nehmen, und überdies ſtehe ein Baum da, um Sie dar⸗ an zu hängen.“ „Ich laſſe Sie alſo in ſicherer Hut,“ ſprach Mark in ſarkaſtiſchem Tone;„nur noch ein Wort zum Abſchied von meinem Vater und dann gehe ich.“ Es dauerte etliche Augenblicke, bevor der alte O'Do⸗ noghue aus der tiefen von Schmerz und Angſt erzeugten Betäubung ſich erholen und ſeinen Sohn Mark erkennen konnte, der ſich über ſeinen Stuhl lehnte; darauf be⸗ fühlte er ſeine Hände und betaſtete ſeine Arme, gleich als wollte er ſich überzeugen, daß es nicht etwa ein vor⸗ übergehender Traum ſl⸗ der ihn quäle, „Die Verfolgung iſt zu heftig,“ ſagte Mark nach einigen Verſuchen, ihm begreiflich zu machen, was ei⸗ gentlich vorgehe, und ich muß mich entfernen. Hams⸗ worth hat eine ſtarke Mannſchaft im Thale; aber fürchte nichts, er kann euch nicht beläſtigen, und außerdem iſt ihm nur kurze Zeit gegönnt.“ „Und willſt Du mich verlaſſen, Mark; willſt Du jetzt von mir gehen? fragte der alte Mann, der in der der Selbſtſucht des Alters alles außer ſein eigenes Ich vergaß. „Nein, wenn Du wünſcheſt, daß ich bleibe;z wenn Du meinſt es ſei mehr Ehre dabei, wenn ich unter Dei⸗ nem eigenen Dache zum Gefangenen gemacht werde, ſo iſt es mir auch recht.“ 3 „O, mein Oheim,“ rief Kate vorſtürzend;„halten Lever, O'Donoghue. II. 20 306 Sie ihn nicht auf, ſagt euch Lebewohl, aber ſchnell; denn ſchon rücken die Dragoner an.“ „Horch, ein Schuß, das war eine Kanone!“ rief Mark entzückt, indem er ſeine Hand ans Ohr hielt um zu lauſchen—„noch einer! noch einer! Sie landen— ſie kommen— Du wirſt mich vor Tagesanbruch wieder ſehen, Vater,“ ſagte er, indem er den alten Mann zärt⸗ lich umarmte und ſich umdrehte, um Kate Lebewohl zu ſagen. Sie hielt ſich die Hände vor die Augen, wäh⸗ rend ihr Buſen heftig bebte. Mark betrachtete ſie einen Augenblick, darauf drückte er ſeine Lippen auf ihre Wange, flüſterte ein einziges Wort und war fort. Hamsworths Pferd⸗ das Kerryim Stalle gefunden hatte, ſtand für Mark bereit, ohne einen Augenblickzu verlieren ſprang er auf das Thier und flog in aller Eile die Straße hin⸗ ab. Inzwiſchen wurden die lauten Kanonenſchüſſe gegen die Bai von Zeit zu Zeit wiederholt und mehr als eine Rakete warf ihren hellen Glanz durch die Schwärze der Nacht. „Endlich landen ſie,“ rief Mark; bei jedem Schuß hüpfte ſein Herz vor freudiger Hoffnung und raſch ritt er durch den Sturm dahin. Siebenundſechzigſtes Kapitel. Das Thal und die Bai. Kerry O'Learys Nachricht war richtig in allen ih⸗ ren Einzelnheiten. Hamsworth war nicht nur noch am Leben, ſondern hatte auch von ſeinem Abenteuer nichts davon getragen als einige OQuetſchungen und einen Riß an der Stirne. Das Gebüſch hatte ihn im Falle auf⸗ gefangen und ſo die Erſchütterung geſchwächt; obgleich die Höhe beträchtlich war, war er doch, als er den Bo⸗ den erreichte, blos betäubt, ohne alle ernſtliche Verle⸗ ung. Nach kurzer Zeit war er im Stande aufzuſtehen und hatte es dahin gebracht, ungefähr eine Viertelſtunde 307 weit das Thal hinauf zu gehen, als ihm Wylie und ein Theil ſeines Gefolges begegneten, die zurückkehrten, nachdem ſie die Kutſche einige Meilen weit begleitet hatten. Weder Raum noch Neigung erlauben uns bei der nun folgenden Scene zu verweilen, wo Hamsworth, in der Ueberzeugung, daß er überliſtet worden, ſich der hef⸗ tigſten Leidenſchaft hingab, Jedermann nach der Reihe der Verrätherei anklagte und am ganzen Hauſe O'Oo⸗ noghue ſchwere, blutige Rache zu nehmen gelobte. Auf Wylie's Pferde ſitzend und auf beiden Seiten von zwei Männern gehalten— denn anfangs als er im Sattel ſaß, nahm ſeine Schwäche zu— ritt er im Schritte vorwärts. Auf Wylie's Vorſchlag, nach der „Lodge“ zurückzukehren, wollte er nicht hören, ſondern rief beſtändig—„ſo ſchnell als möglich nach Keim⸗an⸗ eigh— zu den Dragonern!“ Und endlich hatte der Zorn ſeine Energie in ſo weit erſetzt, daß er im Stande war, ſchneller zu reiten, als plötzlich ein durch die Finſterniß blinkendes Licht ihm verkündete, daß er in der Nähe der kleinen Straßenherberge ſei. „Etwas Wein, Wylie, aber ſchnell!“ rief er, als ſie die Thüre erreichten. „Sie werden beſſer thun, abzuſteigen und einige Augenblicke zu ruhen, Sir,“ verſetzte der Andere. „Ruhen!— ich werde nicht ruhen,“ ſchrie er mit einem ſchauerlichen Eide—„bis ich den Burſchen am Galgen baumeln ſehe! Etwas Wein, auf der Stelle!“ Auf das laute Anrufen Wylie's erfolgte keine Ant⸗ wort, und das Licht, das noch vor einem Angenblick ſo glänzend geſchienen hatte, war jetzt ausgelöſcht. „Oeffnet die Thüre! Daß Euch das Wetter! Was macht Ihr ſo lange?“ ſchrie Hamsworth.„Da werden gewiß aufrühreriſche Umtriebe gemacht?“ „Im gleichen Augenblicke erſchien das Licht wieder und Mary rief von innen— „Wer iſt's, der in dieſer nächtlichen Stunde ſolchen Lärm macht?“ 20* 308 „Oeffnet die Thüre und geht zum Teufel!“ rief Hamsworth, der abgeſtiegen war und ſich jetzt bemühte, mit dem Fuße die ſtarke Thüre einzuſtoßen. „Um dieſe Dielen einzuſtoßen, braucht es einen beſſern Mann, als Ihr ſeyd,“ ſagte Mary, die, obgleich ſie die Stimme erkannt hatte, ſich dennoch ſtellte, als ob ſie den Sprecher nicht kenne. Und ſie hatte Recht, die Thüre war einſt ein Theil von dem Steuerruder eines Indienfahrers geweſen und beſtand aus ſtarker Eiche mit Eiſen beſchlagen.— „Ein Licht an das Dach! Ziehen Sie Ihre Piſtole, Wylie, und zünden Sie's an““ rief Hamsworth mit wilder Stimme; denn jeder Widerſtand in dieſem Augen⸗ blick erregte die ganze Bosheit ſeiner Natur. „O, ſind Sie es, Kapitän?“ rief Mary mit einer Stimme erheuchelten Reſpektes; der. Herr verzeihe mir, daß ich Sie draußen in der Kälte gelaſſen habe!“ Mit dieſen Worten öffnete ſie die Thüre und begrüßte ihren Gaſt mit manchem tiefen Knicks. Hamsworth ſtieß ſie rauh zur Seite, murmelte einen Fluch und trat, von den andern gefolgt, in die Hütte. „Warum wurde das Licht ausgemacht,“ fragte er, „als Ihr uns an die Thüre klopfen hörtet?“ „Ich habe das Klopfen nicht gehört,“ verſetzte Mary.„Ich war dort in dem kleinen Zimmer und wollte gerade zu Bette gehen. Die Heiligen ſeyen mir gnädig! — Seit die Soldaten hier waren, iſt mir vor dem Klopfen das Gehör vergangen— ſo haben ſie vom Morgen bis in die Nacht hinein gelärmt und getobt! — Und jetzt, da ſie fort ſind— Dank Ew. Ehren, die ſie ſeit zwei Tagen nach der„Lodge“ beordert hat— meine ich immer, ſie ſeyen noch hier.“ „Bringt uns etwas Wein,“ ſagte Hamsworth,„und zwar vom Beſten in Euerm Hauſe. Heute Nacht braucht Ihr auf den Zapfen nicht ſehr Acht zu geben, denn es iſt das letzte Mal, daß Ihr unter dieſem Dache ein⸗ ſchenken werdet. Nun;— ſeht nur nicht ſo erſtaunt 309 und unſchuldig aus;— Ihr wißt gar wohl, was ich meine. Dies iſt eine Rebellenhöhle, aber bevor ich von dannen gehe, ſoll ſie ein Aſchenhaufe werden“ „Sie werden doch nicht mein kleines Haus hier nie⸗ derbrennen wollen, Herr Kapitan?“ rief Mary mit einem Blick, worin ein ſcharfſinniger Beobachter einen ganz andern Ausdruck als Furcht hätte leſen können.„Sie werden mir doch nicht die Mittel rauben wollen, mein Brod zu verdienen?“ „Wein her, Weib; und wenn Ihr das Feuerwerk nicht mit anſehen wollt, ſo macht Euch fort, das Thal hinauf. Ich will an dieſer Stelle ein Denkmal laſſen, das den Verräthern zur Warnung diene. Das Volk ſoll künftig davon reden und darauf deuten, als auf den Platz, wo die Rebellion ihre erſte Züchtigung gefunden.“ „Und wer wagt zu ſagen, daß je in dieſem Hauſe Hochverrath geſponnen wurde?“ „Wenn,“ verſetzte Wylie,„mein Eid Euch nicht genug iſt, Mrs. M'Kelly—— „Euer Eid!“ unterbrach ihn Mary;—„Euer Eid!— der Eid eines deportirten Verbrechers?“ „Was meint Ihr von Euerm alten Liebhaber, Lanty Lawler?“ fragte Hamsworth, indem er von dem ſtarken Weine einen Becher nach dem andern leerte.„Würdet Ihr Euch nicht jetzt zweimal beſinnen, ihm einen Korb zu geben, wenn Ihr wüßtet, welchen Preis es Euch koſtete?“ „Lieber wollte ich meine Gebeine ſo ſchwarz ſehen, wie ſein verratheriſches Herz,“ rief Mary mit flammen⸗ den Augen,„als daß ich einen ſolchen Schurken nehmen möchte! Hier, Herr Kapitän, das iſt der Beſte aus dem Keller und da iſt das Haus für Sie und hier,“ ſprach ſie, indem ſie ſich auf die Knie warf,„und hier iſt der Fluch des einſamen Weibes, das Sie dieſe Nacht hinaus auf die Straße werfen, ohne ihr ein Obdach zu gönnen; möge er Ihnen jetzt zünden und Sie für immer be⸗ gleiten!“ 3¹0 „Nach ſo heißen Wünſchen putzt und ſpielt Eure Kehle,“ ſagte Hamsworth mit brutalem Lachen; denn dies Aufbrauſen weiblicher Leidenſchaft war für ihn der erſte Augenblick des Genuſſes. „Mit drohender Geberde und einer auf Iriſch in all der Energie, welche die heimatliche Sprache beſitzt, aus⸗ geſprochenen Verwünſchung begab ſich Mary hinaus auf die Straße und verließ ihre Heimat für immer. „Was hat ſie da geſagt?“ fragte Hamsworth, an einen der hinter ſeinem Stuhle ſtehenden Männer ſich wendend. „Es war ein iriſches Sprichwort, Sir,“ erwiederte der Burſche mit einfältigem Lächeln,„und der Sinn davon iſt, daß nicht derjenige, der ein Feuerwerk an⸗ zndet, bleibt, bis er um die Aſche tanzen kann.“ „Ha! alſo war es eine Drohung! Sie will uns die Rebellen auf den Hals bringen,— aber dafür habe ich geſorgt. Ich habe eine ſtarke Abtheilung des andern Weges geſchickt, um ihr Vorrücken von der Bai her zu verhindern und wir werden das Feuern bald genug hören, um auf unſerer Hut zu ſeyn. Und dieſe Abtheilung,“ ſagte Hamsworth vor ſich hin murmelnd,„ſollte jetzt auf ihrem Poſten ſeyn;“ hier ſah er auf ſeine Uhr: „es iſt elf; Wylie, Sie haben doch dem Kapitän Tra⸗ vers den Befehl überbracht, um Googawn⸗Barra her⸗ umzugehen und den Paß zwiſchen Carrig⸗na⸗curra und Bandry⸗Bai zu beſetzen?“ „Ja wohl, Sir, und er iſt in demſelben Augen⸗ blick aufgebrochen, da ich ihm den Brief übergab.“ „Alſo kann mir der Burſche, dieſer Mark, nicht entgehen,“ ſagte Hamsworth.„Wenn er das Schloß verläßt, ehe ich komme, ſo fällt er den Andern in die Hände. Dennoch wäre es mir lieber, wenn ich ſelbſt Richter und Jury, und Sie, Sam, der Henker ſeyn könnten. Ihr ſeyd beide einander nicht grün; alſo würde es für Sie ein ganz angenehmes Geſchäft ſeyn.“ „Wenn ich es nicht recht mache,“ erwiederte Wylie⸗ 311 „ſo muß mir der junge Gentleman verzeihen, da es mein erſtes Probeſtück iſt;“ und beide lachten herzlich über den rohen Scherz. „Aber worauf warten wir noch?“ fragte Hamsworth, während er ſein Glas leerte.„Holen wir die Dragoner und verſichern wir uns ſogleich ſeiner Perſon. Ich bin jetzt ſtark und bereit zu jeder Anſtrengung.“ „Es wäre doch ſchade, Herr Kapitän, den kleinen Ort niederzubrennen,“ ſprach ein Burſche aus dem Ge⸗ folge.„Mancher wackere Junge wird ſich glüͤcklich ſchätzen, wenn er etwas der Art zu ſeiner Belohnung erhielte.“ „O ſo zieht nur hier ein,“ ſagte Hamsworth,„denn ich will es Euch auf drei Menſchenleben vermiethen— ſo lange Ihr lebt und Wylie und ich ſelbſt— ſeyd Ihr zufrieden damit?“ Der Burſche ſtarrte den Sprecher an und richtete ſodann ſeine Blicke auf Wylie, gleich als ob er nicht wiſſe, ob er auf dieſe Worte Vertrauen ſetzen dürfe. „Ich habe jedoch nicht geſagt, daß Ihr das Gebäude in gutem Zuſtande erhalten ſollet,“ ſagte Hamsworth mit bitterem Lachen,„ich habe nicht viel Aufhebens von dem Dache gemacht,“ im gleichen Augenblick nahm er ein brennendes Torfſtück vom Heerde und warf es auf das Dach, während Wylie, um ſich bei ſeinem Patron einzuſchmeicheln, ſein Beiſpiel nachahmte. „Wohin führt dieſe Thüre?“ fragte Hamswortb, auf de kleine Pforte deutend, die in den Felſen nach dem hü⸗ führte. „Das iſt der Weg nach dem Stalle,“ ſagte Wylie, indem or ſie öffnete und in den Gang ſah; aber hier iſt eine awere Thüre, die ich nie zuvor geſehen.“— Dr führt an den Ort, Sir, wo ſie ihren Brannt⸗ wein hat, ſagte Einer aus dem Gefolge;„dort hat ſie alle ihre Liqueure.“ „Nchts geht über Whiskyflammen,“ ſagte Hams⸗ worth nit halb betrunkenem Gelächter.„Brecht die 312 Thüre da auf!“— Aber alle ihre Anſtrengungen waren vergeblich; ſie war mit aller erdenklichen Vorſicht befe⸗ ſtigt und mit ſtarken Nägeln beſchlagen. „Halt!“ ſagte Hamsworth, indem er die Andern rauh wegſtieß.„ich weiß ein beſſeres Mittel, als Ihr, um ſie aufzubrechen. Ich werde das Schloß in Stücke ſchießen!“ Mit dieſen Worten nahm er Wylie die Pi⸗ ſtole aus der Hand, unterſuchte bedächtig Zündkraut und Feuerſtein. und ſetzte die Mündung auf das Schloß. „Schnell, Sir, ſchnell!“ ſagte Wylie;„der Ort füllt ſich mit Rauch an!“ Und ſo war es; das Krachen des Daches und die dichten Maffen ſchwarzen Rauches, welcher die Hütte erfüllte, bewieſen, daß das Werk der Zerſtörung begon⸗ nen war. „Nun alſo: hiemit drücke ich das Siegel auf Euern Miethkontrakt, Peter,“ ſagte Hamsworth, indem er abdrückte. Es erfolgte ein heftiger Knall und darauf ein Ge⸗ krache wie von zerſplittertem Holz, und plötzlich wie der Blitz brach ein Getöſe los, lauter als der Donner; im gleichen Augenblick wurde das Haus und Alles, was darinnen war, in die Luft geblaſen, während der maſſive Felſen fünfzig Fuß hoch über die Straße emporgeſchleudert wurde. Knall folgte auf Knall, jeder begleitet von einer neuen, furchtbaren Exploſion, bis endlich ein großer Theil der Klippe auseinander geriſſen und in ungeheuern Bruchſtücken über die Straße zerſtreut ward, wo mitten unter den Mauerſtücken und unter dem verkohlen Ge⸗ bälke vier Leichen lagen, ſchwarz und leblos, ohne einen Zug, woran man ſie von einander unterſcheider konnte. Auf der Stelle ſelbſt war alles ſtill, aber derch jede Gebirgsſchlucht wiederholte das Echo in vedoppelten Schlägen den Donner der ſchrecklichen Exploion, und durch manches entlegene Thal erſcholl dieſes letzte Re⸗ quiem über die Todten. 4 Einige Zeit lang brannte das Gebälke un das Dach 313 fort; zuweilen ſchoßen trübe Flammen empor, wenn das Feuer brennbarere Stoffe fand, während dann und wann ein lauter Knall und eine plötzliche Exploſion verkündete, daß ein bisher unberührter Vorrath an Pulver Feuer ſing: endlich als der Tag erbrach, erloſchen und erſtarben die Flammen, die zerriſſenen Felſen aber und die in Schutt da liegende Hütte blieben als traurige Denk⸗ mäler des Ereigniſſes. Dies waren indeſſen nicht die einzigen Vorfälle, wo⸗ von das Thal in jener Nacht Zeuge war. Mark, vor Sehnſucht brennend nach dem Augenblick, da der Kampf beginnen ſollte, ritt mitten durch den Sturm dahin, während die krachenden Aeſte und die laut brauſenden Bergſtröme ſeinen wilden Muth noch zu erhöhen und ſeine Begeiſterung bis zum Wahnſinn zu iſteigern ſchie⸗ nen. Das betäubende Getöſe des Orkanes nahm zu, je näher er der Bai kam, wo die See vom Sturm ge⸗ peitſcht und angeſchwollen mit einem Gedonner gleich Artilleriefeuer an die Felſen ſchlug. Aber weit lauter als alle andern Töne waren die kurzen Kanonenſchüſſe, von denen die tiefen Thäler wie⸗ derhallten, und deren feierlicher Donner in manche ent⸗ legene Schlucht drang. „Sie kommen! Sie kommen!“ rief Mark, vor toller Freude in ſeinem Sattel aufſpringend.„Welche herr⸗ liche Muſik zum Marſch ſie haben!“ „Halt!— Auf der Stelle!— Halt an, Mr. Mark!“ ſchrie eine Stimme ſeitwärts von der Straße herüber, während ein Burſche von einer Klippe herunterſprang und auf den Reiter zueilte. „Halte mich jetzt nicht auf, Terry; ich kann nicht warten,“ ſagte Mark,„als er den Jüngling erkannte; ſo eben landen die Franzoſen. „Oheim!“ rief Terry mit einem Schrei der Ver⸗ zweiflung;„ſie ſegeln fort, und laſſen uns für immer im Stich, und das Thal iſt voll Soldaten. Die Dra⸗ 314 goner ſind da; ja, keine Viertelſtunde von uns,“ und damit deutete er durch die Finſterniß nach der Schlucht hin. „Die Dragoner da!— Was iſt das für eine Ver⸗ rätherei?“ „Ich ſah ſie dieſen Abend um die Spitze des Sees kommen, und dachte, ich ſey es, den ſie ſuchten; aber ſie dachten nicht daran, die Straße zu verlaſſen, ſondern ritten bis zur Oeffnung der Schlucht, und dort ſind ſie jetzt und warten vermuthlich, bis die Franzoſen weg⸗ gehen.“ „Die Franzoſen gehen nicht fort, Du Narr!— Sie landen! Hörſt Du nicht die Kanone— Jetzt! Und jetzt wieder! Es iſt nur noch eine Wahl, aber ein küh⸗ nes Herz braucht nicht mebr, laß den Zügel los, Terry.“ „Ich kann, ich will Sie nicht gehen laſſen. Sie werden in Stücke gehauen. Ich ſah ſie vor Kurzem, wie ſie ihre Säbel betrachteten. O, ſtoßen Sie meine Hand nicht weg!“ „Laß mich los! Kein Harniſch ſchützt ſo gut, als Rückſichtsloſigkeit!“. Mit dieſen Worten zog er die Zügel an, gab ſeinem Pferde die Sporen, ſetzte über Terry hinweg und war im Nu verſchwunden. Die nächſten Minuten bewieſen, daß Terry nur zu gut unterrichtet war. Rings um ein flammendes Feuer unter dem Felſen war eine Abtheilung abgeſtiegener Dragoner gelagert, die vergeblich ihre durchnäßten Kleider zu trocknen ſuchten, während vor ihnen zwei Mann mit losgeſchlungenen Karabinern und ſchlagfertig zu Pferde ſaßen. Ein kühner Verſuch, mit Gewalt ſich den Weg hindurch zu bahnen, war die ein⸗ zige Ausſicht, die ihm übrig blieb. Seine ganze Hoff⸗ nung lag in der Schnelligkeit ſeines Pferdes und in ſeiner gewandten Hand. Er beſchloß daher, weder Säbel noch Piſtole zu ziehen, ſondern durch bloße Reitkunſt hin⸗ durchzukommen. Wenige Menſchen waren zu einem ſo kühnen Wagſtück beſſer geeignet, oder beſſer dazu aus⸗ 315 gerüſtet. Das Thier, das er ritt, war ein kräftiges Vollblut, vortrefflich dreſſirt und zugeritten. Ohne den geringſten Lärm ſtieg Mark ab, ſchnallte den Sattel los und befeſtigte ihn weiter hinten. Darauf unterſuchte er ſorgfältig den Zügel, um zu ſehen, ob alles in Ordnung ſey, und erweiterte die Kinnkette, um dem Kopf des Pferdes freien Spielraum zu geben. So⸗ fort drückte er die Kappe feſt über die Stirne und ſprang wieder in den Sattel. Die glänzenden Flammen befähigten ihn, die Truppe vor ſich zu betrachten, und während er ſelbſt aller Be⸗ obachtung entging, ſeine Plane in aller Gemächlichkeit zu entwerfen. Er näherte ſich daher in langſamem Schritte und lenkte ſein Pferd auf den tiefen Grund, wo ſeine Hufe keinen Lärm machten. Er zählte ſieben Geſtalten um das Feuer herum, ſowie zwei Schildwa⸗ chen, und vermuthete ſogleich, die ganze Mannſchaft ſey nicht beiſammen. Dennoch blieb ihm keine andere Wahl. Der Weg über das Gebirge hätte ihn wenigſtens einen Tag lang aufgehalten, und ein Tag war jetzt ſo viel werth, als ein Leben. Er ſchlich ſachte vorwärts, kam dem Vorpoſten bis auf einige Schritte nahe und konnte ihre Stimmen, als ſie mit einander ſprachen, deutlich vernehmen. Er hielt ein Paar Sekunden inne und blickte zurück in das Thal hinab. Es war dies eine unwillkührliche Handlung, denn ſelbſt, wenn nicht alles finſter um ihn her geweſen wäre, ſo war doch ſeine Hei⸗ mat, der er ein letztes Lebewohl zu ſagen wünſchte, ver⸗ ſchwunden. In dieſem Augenblick erſcholl ein Kanonenſchuß; Mark nahm es für ein Signal, zog die Zügel ſtraff an, gab darauf ſeinem Pferd die Sporen, ließ es toll vor⸗ wärts ſpringen und ſchoß in einem Satze durch den Raum zwiſchen den zwei Schildwachen hindurch, von denen jede anlegte, aber ſich nicht zu feuern getraute, aus Furcht, ihren Kameraden zu treffen. „Heran— folgt mir!“ rief Mark, mit der Hand * 316 winkend, als ob er Andere ermuntern wollte, worauf ſich alle Blicke hinunter nach dem Thale richteten, von wo er gekommen war, und woher jetzt ein wildes, durch⸗ dringendes, entſetzliches Geſchrei erſcholl. „Feuer!— Nieder mit ihm!— Feuer!“ ſchrien die Soldaten einander zu, während Mark auf die Mähne ſeines Pferdes ſich vorlehnend zwiſchen ihnen hindurch⸗ ritt; die Kugeln pfiffen ſchnell über ihn weg und um ihn her, aber keine einzige traf ihn.„Ihm nach, Jack — ihm nach!“ rief eine von den Schildwachen, die, als ſie bemerkte, daß Mark von Niemand gefolgt war, mit ihrem Pferd umkehrte, um ihn zu verfolgen; aber ein neues Geſchrei, wilder als das erſte, hielt ihn auf und er hörte eine Stimme rufen:„Hieher, Jungen, hieher — hier haben wir ſie!“ Es war Terry, der ſeine Mütze ſchwingend hervorſprang und unaufhörlich Andern zurief, ihm zu folgen. In einem Augenblick war die ganze Auf⸗ merkſamkeit nach vornen gerichtet, während der arme Terry mit einem Säbelhieb blutend und bewußtlos zu Boden geſtreckt wurde. „Es iſt nur der verwünſchte Narr, den wir ſo oft in Macroom an den Kaſernenthoren ſahen,“ ſagte einer der Dragoner, der ihm ein brennendes Stück Holz an's Geſicht hielt;„und der andere Burſche hat gewiß nicht viel mehr Verſtand, ſonſt häͤtte er es nicht verſucht, mitten durch eine Schwadron Cavallerie zu reiten. Aber horch!— er iſt geſtürzt! Haſt Du nicht dieſen Krach gehört?— Das war der Sturz eines Pferdes!“ So war es wirklich; Mark hatte kaum die erſte Abtheilung paſſirt, als er auf eine weit ſtärkere Truppe ſtieß; ſein bereits doppelt verwundetes Pferd wurde end⸗ lich in die Schulter getroffen, ſo daß es kopfüher hin⸗ ſtürzte und den Reiter unter ſich warf. Mit einer Ge⸗ wandtheit, die zauberhaft ſchien, machte ſich Mark von dem verwundeten Thiere los, zog ſeine Piſtole und ſchickte ſich an, ſein Leben theuer zu verkaufen. 317 „Sie ſind gefangen, Sir,“ rief der Sergeant, indem er mit furchtloſen Schritten auf ihn zuging. „Noch einen Schritt näher, und ich jage Ihnen eine Kugel durch den Leib,“ erwiederte Mark;„meine Leiche koͤnnt Ihr als Beute haben, aber ſo lange ich lebe, werdet Ihr keine Hand an mich legen.“ „Nur nicht gefeuert, nur nicht gefeuert!“ rief eine Stimme, und gleich darauf ſprengte der Ofſizier heran, ſprang aus dem Sattel und befahl der Mannſchaft, zu⸗ rückzuweichen. Mit Blicken des Erſtaunens und ſogar des Aergers zogen ſich die Dragoner zurück, während der Kapitän den Säbel in die Scheide ſteckte und auf Mark zuging. „Geprieſen ſey der Himmel, Mr. O⸗Donoghue, daß Sie nicht auf meine Leute gefeuert haben.“ „Bin ich Ihr Gefangener, Kapitän Travers?“ fragte Mark, indem er ſeine Waffe wieder einſteckte. „Nein, weit entfernt! Nur um Ihnen zu dienen, habe ich das Kommando dieſer Abtheilung übernommen. Ich kannte den Anſchlag, von dem Sie bedroht waren; Hamsworth——“ „Der iſt ausbezahlt,“ verſetzte Mark, der Kerrys Geſchichte noch immer nicht glauben konnte. „Er iſt doch nicht todt?— das werdeu Sie doch nicht ſagen wollen?“ 4 „Doch, Sir; aber er iſt nicht ſo umgekommen, wie Sie zu vermuthen ſcheinen.“ „Gleichviel!“ rief Travers in wilder Verzweiflung, denn tauſend ſchreckliche Beſorgniſſe drängten ſich in ſeiner Seele.„Sie müſſen auf der Stelle fliehen; dieſer Umſtand wird gefährlicher für Sie ſeyn, als ſelbſt die Anklage auf Hochverrath. War ein Zeuge bei ſeinem Tod zugegen?“ „Nein,“ erwiederte Mark, denn er erinnerte ſich, daß Kate während des Kampfes, den er für tödtlich hielt, noch in Ohnmacht gelegen war. „Sie müſſen auf der Stelle fliehen,“ wiederholte ⁸½ 318 Travers, denn obgleich er die Schuld nicht beſtimmt Mark zuſchrieb, ſo befuͤrchtete er doch die Folgen dieſes ſchrecklichen Ausganges. Verſtecken Sie ſich für einige kurze Zeit im Gebirge und wenn dieſes tolle Unternehmen zerplatzt iſt——“ „Dann wird das Land in andern Händen ſeyn,“ fiel Mark ein;—„ja, Sir, Sie mögen ungläubig den Kopf ſchütteln, aber die Zeit iſt vielleicht nicht mehr ferne, wo ich im Stande ſeyn kann, Ihre jetzige Ge⸗ fälligkeit zu erwiedern. Die Franzoſen landen— „Sie ſteuern in die See hinein— ſie rücken nicht vor— ſie fliehen,“ erwiederte Travers mit Stolz. „Nein, nein, Sie irren ſich in ihnen, ſprach Mark mit einem ungläubigen Lächeln. Es iſt noch keine Vier⸗ telſtunde her, daß ich die Kanonen hörte— wollte der Himmel, ich hätte ſie nie verlaſſen.“ „Da, nehmen Sie mein Pferd, ſteigen Sie ſchnell auf, eilen Sie nach der Bai und laſſen Sie es am Strand los, erreichen Sie die Flotte wenn Sie können — jedenfalls fliehen Sie, es iſt keine Zeit zu verlieren.“ „Aber Sie— wie werden Sie dieß verantworten können?“ fragte Mark.„Wird Ihre Lojalität die harte Probe, die Flucht eines Rebellen begünſtigt zu haben, beſtehen können?“ „Laſſen Sie das gut ſeyn, mit meinen Schwierig⸗ keiten will ich ſchon ſelbſt fertig werden; denken Sie nur an Ihre eigenen— der Himmel weiß es, es ſind deren genug.“ Der Ton, worin er ſprach, machte auf Marks Ge⸗ fühle mehr Eindruck als alles, was er zuvor geſagt hatte; er ergriff daher Travers an der Hand und ſagte— „O, wenn ich Ihre Freundſchaft nur ſonſt gehabt hätte, welch ein ganz anderer Menſch würde ich heute ſeyn; und auch mein Vater— was ſoll aus ihm werden?“ „Erſparen Sie ihm wenigſtens den Kummer zu ſehen, wie ſein Sohn wegen Hochverrath vor Gericht 319 geſtellt wird, wenn nicht gar wegen einer noch ſchlim⸗ mern Sache.“ Zum Glück überhörte Mark die letzten Worte, die dem Kapitän aus Unachtſamkeit, jedoch nur leiſe, ent⸗ fahren waren. „Horch,“ rief Mark, als der laute Knall mehrerer Kanonenſchüſſe erdonnerte,„ſie haben gelandet— ſie werden bald hier ſeyn.“ Während er ſprach, ritt ein Dragoner auf Travers zu und flüſterte ihm einige Worte in's Ohr. Frederick veranlaßte den Mann zurückzureiten; darauf näherte er ſich Mark und ſagte— „Ich hatte Recht, Sir, die franzöſiſche Flotte hat die Anker gelichtet, die Expedition iſt aufgegeben; hin⸗ weg denn, bevor alle Ausſichten für Sie verſchwunden ſind— eilen Sie hinunter an die Bucht und an Bord;. Sie werden wenigſtens einen Pfad finden, wo Sie eben ſo viel Ruhm als Gefahr erwartet; ſchnell alſo — hinweg.“ „Es iſt nicht möglich, daß ſie dieß gethan haben,“ rief Mark in ſchmerzlicher Leidenſchaft;„ſie konnten nicht die Sache aufgeben, die ſie genährt haben, und uns hier unſerm Schickſal überlaſſen.“ Mit dieſen Worten ſchwang ſich Mark auf Travers Pferd, während jedes Gefühl für ſeine eigene Rettung in ſeiner Beſorgniß um den Ausgang des Komplottes verſchwand. „Verrätherei haben wir genug gehabt— mit dem Fluch der Feigheit können wir wohl verſchont bleiben. Adieu, leben Sie wohl— wenige Menſchen, ſeyen es nun Freunde oder Feinde geweſen, haben mir Dienſte geleiſtet, wie Sie. Wenn wir uns wieder finden, Travers—“ „Leben Sie wohl, leben Sie wohl,“ rief Travers, „wir werden uns nie als Feinde begegnen;“ damit eilte Travers von dannen, während Mark ſich im Sattel vor⸗ bog, ſeinem Pferde die Sporen gab und fortſprengte. Mit der Eile eines Menſchen, der auf nichts ge⸗ 320 ringeres als auf ſeine eigene Rettung bedacht iſt, flog Mark dahin; und verließ den gewöhnlichen Weg und nahm ſeine Richtung nach der Küſte längs des Gebirgs⸗ fluſſes— es war ein langer, gefährlicher Pfad, von Hinderniſſen umringt und häufig hart am Rand des Ab⸗ grundes; endlich erreichte er die Bai, über der der finſtere Sturm in all ſeiner Heftigkeit wüthete; der in kurzen, plötzlichen Stößen einherfahrende Wind ſchleu⸗ derte die großen Wogen donnernd an die Felſen und mit ſchrecklichem Gebrülle durch die Höhlen und Spal⸗ ten der Küſte. Er ritt tollkühn weiter, bis der weiße Schaum über ihn wegſpritzte, und ſchaute ſich nach allen Seiten um, ob nicht die Boote der Flotte nach dem Land ſteuern, aber alles war öde und einſam; er ſchrie laut, aber ſeine Stimme wurde in dem Aufruhr der Elemente ertränkt; kund dann, aber auch erſt dann überkam ihn die niederſchlagende Furcht, daß er ver⸗ laſſen ſey. Der Blitz ſchoß über die ſchauerliche Ober⸗ fläche der See hin und her; aber kein Segel war zu ſchauen— alle, alle waren fort. Es war ein felſiges Vorgebirge da, das eine be⸗ trächtliche Strecke weit in die Bai hinaus lief und jede Ausſicht verſchloß; die letzte Hoffnung, die er hegte, war die, ſie möchten vielleicht in der Bai unter dieſem Felſen Schutz geſucht haben; er gab daher ſeinem Pferd die Sporen und ſtürzte mit ihm in die ſiedende Bran⸗ dung hinein— bald bäumte ſich das edle Thierf, wenn es von der See getroffen wurde— bald ſtemmte es den weißen Wellen ſeine kräftige Bruſt entgegen— es trotzte dem ſturmgepeitſchten Waſſer und trug ihn bald ſpringend bald ſchwimmend, je nachdem die Flut vordrang oder zurückwich. Dieſer Kampf nebſt aller damit verbundenen Lebens⸗ gefahr belebte in Marks Herzen den wankenden Muth; er ermunterte ſein Pferd mit freudigem Triumphgeſchrei, ſo oft eine große Welle über ſie dahin ging, und un⸗ erſchrocken ritt er weiter. Es war eine kurze aber 321 verzweifelte Aufgabe, um die Spitze des Vorgebirges zu kommen, wo die See mit verdoppelter Wuth anſchlug; aber die gleiche kühne Unerſchrockenheit ſchien Mann und Roß zu beſeelen, und nach einem Augenblick der höchſten Gefahr erreichten beide wohlbehalten die Bucht. Im nämlichen Augenblick, wo das Thier den Strand be⸗ rührte, zuckte ein ſchneller Blitz über die See, worauf ein donnernder Kanonenſchuß erfolgte. Dieſer wurde von einem andern weiter draußen in der See beantwortet, darauf flammte ein blaues Licht in die Höhe und warf ſeinen trüben Glanz auf das Takel⸗ und Segelwerk eines großen Schiffes— jedes Tau und jeder Block, jeder Mann und jede Kanone traten ſichtbar hervor in dem geſpenſterhaften Lichte. Es war ein großartiger aber ſchauerlicher Anblick, wie die ungeheure Maſſe in der See arbeitete und wie im nächſten Augenblick die ſchwarze Decke einer Wolke ſie umſchloß; denn ſo war es wirk⸗ lich; nachdem das Licht erloſchen blieb keine Spur von dem Schiffe zurück, und auch ſonſt nichts, was die Stelle bezeichnete, die es eingenommen hatte. Von Zeit zu Zeit deuteten der Blitz und der Knall einer Kanone dahin, wo ein Schiff mit der wüthenden See rang; aber für Mark war dieß alles ein Geheim⸗ niß; er wußte nicht, was es zu bedeuten hatte und ſchwankte zwiſchen Hoffnung und Verzweiflung, ob dieß die Vorbereitungen zum Landen oder die letzten Sig⸗ nale vor dem Abſegeln ſeyen. In einer niedrigen Fiſcherhütte, nicht weit von dem rte wo er war, ſchimmerte noch ein Licht; dorthin eilte er alſo: ſie gehörte dem Manne, der ihn an Bord der Fregatte gerudert und mit welchem Kate in der Küche geſprochen hatte. Als Mark die Thüre erreichte, hörte er verſchiedene Stimmen, die in leiſem, halb un⸗ terdrücktem Tone mit einander ſprachen; er riß die Thüre auf, trat ein und fand ungefähr ein Duzend Fiſcher um Lever, O'Donoghue II. 21 322 den lebloſen Koͤrper eines Mannes in franzöſiſcher Uni⸗ form herumſtehen. „Wer iſt das? Was iſt geſchehen?“ fragte Mark eilig. „Es iſt einer der franzöſiſchen Offiziere, Sir,“ er⸗ wiederte Tom M'Carthy;„dieſen Morgen iſt er mit uns ans Ufer gekommen, und dieſen Abend, als ſich der Sturm erhob und er die Signale zum Abſegeln ſah⸗ drang er darauf an Bord zurückzukehren; wir thaten unſer Möglichſtes: zweimal ſtießen wir ab, und zweimal wurden wir wieder zurückgeworfen; aber wir verſuchten es noch einmal, da wurde das Fahrzeug umgeſtürzt, der arme Burſche konnte nicht ſchwimmen, und ſo ſahen wir ihn nicht eher wieder, bis vor einer Stunde, wo wir ſeine Leiche am Strand fanden.“ 7 Mark hielt das Licht vor die blaſſen Züge und ſah, daß es ein Jüngling von nicht mehr als achtzehn Jahren war; ſeine Züge waren nicht verdreht, ſondern ruhig, als läge er im Schlafe. „Laßt uns ihn zur Erde beſtatten, ihr Jungen,“ ſagte Mark mit einer vor Rührung zitternden Stimme; „es iſt die geringſte Ehre, die wir ihm erzeigen können, wenn wir ihn in dem Lande ſchlummern laſſen, zu deſſen Rettung er gekommen.“ Die Männer hoben die Leiche ohne ein Wort zu ſprechen auf, und folgten Mark, der eine Laterne trug, aus der Hütte. Nach wenigen Schritten hatten ſie einen kleinen Grashügel erreicht, wo der zwiſchen Felſen ſich dahin windende Abgrund ſein reiches Grün unbetreten und unberührt bewahrte. „Hier, dieß wird hinreichen, ihr Jungen,“ ſagte Mark;„dieſer Felſen wird die Stelle bezeichnen.“ Die Arbeit war bald vorüber; als das letzte Raſen⸗ ſtück über die Leiche gedeckt wurde, erdonnerte ein be⸗ deutendes Artilleriefeuer über die See her, und plötzlich kzuchä hie und da durch die dunkle Atmoſphäre Lich⸗ er auf. „Ihm iſt ein Soldatenbegräbniß geworden,“ ſagte 323 Mark,„möge ſeine Ruhe ſanft ſeyn. Und jetzt— u¹ in dieſem Augenblick nahm ſeine Stimme einen feſten, ent⸗ ſchloſſenen Ton an—„und jetzt, wer wird mich an Bord eines zu dieſer Flotte gehörenden Schiffes bringen? Ich habe euch weder Gold zu bieten, noch Silber um euch zu beſtechen. Ich bin arm und machtlos, aber wenn die ſchönen Ländereien, die einſt unſer waren, jetzt mein wären, ſo würde ich ſie alle für dieſen einzigen Dienſt hingeben.“ „In dieſer Brandung kann es kein Boot zehn Mi⸗ nuten lang aushalten. Die See geht ſo hoch, daß ſie einen Schooner umwerfen kann,“ ſagte ein alter Mann mit weißem Bart. „Ueber die Klippen dort können wir unmöglich hinauskommen,“ bemerkte ein Anderer. „Ich meine, wir haben für Eine Nacht genug ge⸗ habt,“ murmelte ein Dritter mit einem Seitenblick auf das neue Grab. „Und Ihr,“ ſagte Mark, indem er ſich raſch gegen Tom M'Carthy umdrehte,„welche Worte des Troſtes habt Ihr für mich?“ „Ei, daß ich bereit bin mit Ihnen zu gehen, der Teufel mag dafür ſorgen, wer der Andere iſt,“ erwie⸗ derte der derbe Burſche.„Ich ſah einſt, wie Sie ſelbſt in ein Boot ſprangen, um die Mannſchaft eines geſchei⸗ terten Schiffes dort unter der Spitze zu holen; in jener Nacht legte ich einen Eid ab, daß es Ihnen in meiner egenwart nie an zwei Ruderhänden fehlen ſolle, ſo lange ich noch eine regen kann. Die Wellen, die nicht zu hoch für Sie ſind, ſind auch nicht zu groß für mich.“ „Recht ſo, Tom,“ rief ein ſtarker junger Burſche neben ihm,„und ich will das Vorderruder nehmen, wenn Ihr es erlaubt.“ „Und hier ſind noch zwei,“ rief ein Anderer, der einen Kameraden an der Hand hielt,„die nie Seine Ehren in Noth laſſen werden, wie ſehr es auch ſtür⸗ men mag.“ 21 3 24 Das Zögern und Zweifeln, das noch vor einem Augenblick vorgeherrſcht hatte, war jetzt plötzlich in Ver⸗ trauen und Entſchloſſenheit umgewandelt; acht Männer eilten an den Strand, um das Boot los zu machen und zu dem Wagſtück auszurüſten. „Wenn wir jetzt nur einen Blitz ſehen oder einen Schuß hören könnten, um zu wiſſen, welches Weges wir ſteuern ſollten,“ ſagte Tom, der mit ſeinen ſee⸗ wärts gerichteten Augen am Ufer ſtand. „Dort— dort geht einer los!“ rief Mark, als eine rothe Flamme emporſchoß und eine Sekunde lang über dem dunkeln Waſſer glitzerte. „Das iſt die Fregatte, ſie liegt noch an ihren Ankern.“ „Ich wußte, ſie würden uns nicht verlaſſen, ihr Jungen!“ rief Mark mit wildem Enthuſiasmus, denn die Hoffnung ſtieg in ihm mit jedem Augenblick der Gefahr. „Jetzt alſo herbei und vorwärts,“ rief Tom, in⸗ dem er dem pfeifenden Sturm entgegen ſteuerte; das Fahrzeug, gleich als ob Leben in ihm wohnte, ſprang über die Wellen und ſpaltete ſeinen Weg durch die brau⸗ ſende Brandung, während die kühnen Fiſcher jede Nerve anſtrengten und aus allen Kräften arbeiteten. Mark kniete im Vordertheil, ſtrengte ſeine Augen an, um irgend ein Signal zu entdenken, und ſchien ganz außer ſich im Ungeſtüm ſeiner Freude. „Lufwärts— hier kommt eine große Woge— prächtig ihr Jungen— wie es über die See ſteuert— hier kommt noch eine;“ aber dießmal kam die Warnung zu ſpät, denn die Woge ſtürzte über das Boot herein und fiel in Strömen über die Mannſchaft. Mit ver⸗ doppelter Kraftanſtrengung ſchafften die ſtarken Burſche und von neuem eilte das Boot in ſeiner Richtung wei⸗ ter, während Mark ſie mit einem den Sturm über⸗ tönenden Geſchrei ermunterte, und mit tiefer kräftiger Stimme die kunſtloſen Verſe eines Liedes ſang— „Der Fiſcher liebt den gekräͤufelten Stromn, Das mondbeſchienene Meer 3 25 Für Liebende iſt, mich aber erfreut Der finſtere Sturm, wenn die Möve ſchreit— Nichts ergötzt meine Seele ſo ſehr, „Als wenn auf weißer ſchäumender Flut Der Wettervogel ſich wiegt, Und wenn die Wellen Am Schifflein zerſchellen, Daß es luſtig über ſie fliegt.“ „Genug, Mr. Mark, wir haben Wind genug, und Ihr braucht nicht noch mehr herbeizuſingen,“ rief einer von den Fiſchern, der mit dem Aberglauben ſeines Ge⸗ werbes über Marks Geſang keineswegs erfreut war; „und da kommt eine Welle, die ein Linienſchiff umſtür⸗ zen könnte,„bei dieſen Worten rollte eine berghohe Woge vorüber und ſtürzte ſie hinab in eine ſchauerliche Tiefe; während der trübe Glanz eines Blitzes alle Schiffe der Flotte zeigte, wie ſie mit ausgeſpannten Topſegeln draußen in der See ſtanden.„Da gehen ſie hin,“ ſagte einer von den Fiſchern,„und das iſt der ganze Vor⸗ theil, den ſie uns gebracht haben.“ „Friſch, ihr Jungen,“ rief Mark leidenſchaftlich. „Es iſt vielleicht noch nicht zu ſpät, ſtrengt jede Muskel an— das Schickſal unſers Landes kann von dieſen ſich biegenden Rudern abhängen. Vorwärts, ihr Männer, vorwärts; jetzt handelt es ſich nicht um ein Leben— ganz Irland ſteht auf dem Spiel:“ indem er ſo den ſinkenden Muth der Mannſchaft aufmunterte und be⸗ gierig in die See hinausſchaute, glühte ſein eigenes Herz von einem Enthuſiasmus, der ihn jede Gefahr ver⸗ geſſen ließ; und endlich nach einer Stunde verzweifelter Anſtrengung, als faſt alle ihre Kraft erſchöpft war, er⸗ blickten ſie über ſich die dunkle Maſſe eines großen Schiffes. Mark feuerte ſeine Piſtole ab, um die Aufmerkſamkeit der Wache auf dem Verdeck zu erregen, ſein Signal wurde erwiedert und im nächſten Augenblick hatte das Boot 326 angelegt; Mark kletterte die ſteile Schiffswand hinauf und ſtand auf dem Hinterdeck. „Werden die Truppen nicht landen?“ rief Mark, als die Offiziere eifrig um ihn ſich drängten.„Iſt die Expedition aufgegeben?“— „Meinen Sie nicht, junger Mann, der Orkan könnte dieſe Frage beantworten?“ erwiederte ein von Wind und Wetter gebräunter Offizier, der das Kom⸗ mando zu führen ſchien—„oder ſind Sie in Seeange⸗ legenheiten ſo unkundig, daß Sie ſich einbilden, in einem ſolchen Sturme könne man Truppen ants Land ſetzen?“ „Eine Luſtpartie könnte darunter leiden,“ erwie⸗ derte Mark mit rauher Stimme,„aber was Männer betrifft, die gekommen ſind, um harte Streiche auszu⸗ theilen und zu empfangen, dieſe brauchen ſich, wie mich dünkt, durch ſo etwas nicht ſtören laſſen.“ „Und wer ſoll uns beiſtehen, wenn wir landen?« fragte der erſte Sprecher—„welche Streitkräfte ſtehen unter Waffen um ſich uns anzuſchließen?— Welche Zurüſtungen ſind für uns getroffen?— Habt ihr eine Muskete, habt ihr ein Pferd, oder repräſentiren Sie ſelbſt in eigener Perſon die Allianz, die wir ſuchen?“ Mark ließ beſtürzt und beſchämt den Kopf hängen: er wußte zu wohl, wie die Grundlage des Komplottes durch Verrätherei untergraben worden war; er wußte zu wohl, daß das Volk, verrathen und verlaſſen von ſeinen Führern, entweder gleichgültig oder angſtlich geworden und daß, wenn ein Streich für Irlands Un⸗ abhängigkeit geführt werden ſollte, dieß durch den Arm des Fremden geſchehen mußte. „Es iſt unnöthig, Sir, Worte zu verlieren,“ ſprach der franzöſiſche Kapitän, denn dieß war er.„Der Ad⸗ miral hat zwei Mal das Signal gegeben in die offene See zu ſteuern. Die franzöſiſche Republik, einiger der ſchönſten Schiffe ihrer Flotte beraubt, hat Verluſt genug erlitten, ohne daß ſie füüfzehntauſend tapfere Burſche — 327 in einem ſo hoffnungsloſen Unternehmen Preis zu geben braucht.“. „Der Kapitän hat ganz Recht,“ fiel ein Anderer ein;„Irland iſt nicht reif für ein ſolches Unternehmen; Ihren Landsleuten mag es nicht an dem nöthigen Muthe fehlen, aber ſie verſtehen nicht gemeinſchaftlich zu han⸗ deln. Keine Sklaverei iſt ſo ſchlimm als Zwietracht.“ „Dies Boot wird unterſinken,“ ſagte der Offtzier von der Wache, indem er auf das Fiſcherboot deutete, das noch immer leewärts am Schiffe lag;„wenn Sie an's Land zurückkehren, mein Herr, ſo laſſen Sie ſichs um Ihrer Kameraden willen gerathen ſein, keine Zeit zu verlieren.“ „Weit beſſer wäre es, er käme mit uns,“ ſagte ein kräftig ausſehender Mann in der Uniform eines In⸗ fanterieregiments;„der junge Herr ſcheint zum Kriegs⸗ dienſt geneigt. Ma foi, bei uns fehlt es ſelten an Ge⸗ legenheit dazu.“ „Zurück gehe ich nicht mehr,“ ſprach Mark,„ich habe mein Heimatland zum letzten Mal geſehen.“ Mit mancher Rede des Willkomms drängten ſich die Ofſiziere um ihn und drückten ihm die Hände, für einen Augenblick all ihr Mißgeſchick vergeſſend über der Freude, womit ſie ihren neuen Kameraden empfingen.“ „Wer wird mir einiges Gold leihen?“ fragte Mark, „dieſe tapfern Burſche haben ihr Leben für mich gewagt und ich habe ihnen nichts als Dank zu geben.“ „Dieß mag auf Koſten der Expedition gehen,“ ſagte der Kapitän lachend, indem er Mark ſeine Börſe zuwarf. Der junge Mann lehnte ſich über das Boll⸗ werk, begrüßte das Boot, und nach einem Augenblick großer Schwierigkeit erreichte einer von den Fiſchern das Verdeck. „Ich möchte Euch Lebewohl ſagen, Tom,“ ſprach Mark, indem er die rauhe Hand in der ſeinigen drückte. „Ihr ſeyd das Letzte’, was ich von meinem Lande ſehen werde; ſo fahret denn wohl; aber, wie tief auch das 328 Unrecht und die Unterdrückung euch erbittern mag, ſo be⸗ denket, daß der Ruhm des Widerſtands zu theuer erkauft iſt, durch eine Genoſſenſchaft mit dem Verräther und dem Feigling. Lebet wohl für immer.“ Damit drückte er dem armen Burſchen die Börſe in die Hand, aber nur mit Mühe ließ ſich dieſer bewegen, ſie anzunehmen. Einige Minuten ſpäter durchfurchte das Boot das dunkle Waſſer, das Vordertheil nach dem Lande gerichtet, das Mark für immer verlaſſen hatte. Auf dem Verdecke ſitzend, ſchweigend und gedanken⸗ voll ſchien Mark gleichgültig gegen den ſchrecklichen Sturm, deſſen Ungeſtüm mit jedem Augenblick zunahm, und während das Schiff unter den hohen Klippen la⸗ virte, während jedes Herz ängſtlich pochte und jedes Auge hinauf gegen die ſtarren Felſen ſchaute, war ſein Blick ruhig und ſein Puls langſam; es war ihm zu Muthe, als habe das Schickſal das Aeußerſte gethan, und könne für die Zukunft keinen härtern Schlag für ihn in Bereitſchaft haben. Nennundvierzigſtes Kapitel. Das Ende. Der Sturm jener ereignißvollen Nacht lebt noch im Gedächtniß des Landvolkes im Süden. Keiner war in ſeinem Leben von einem ſo heftigen Wetter Zeuge geweſen— keiner hat ſeither einen ſo ſchrecklichen und anhaltenden Orkan mit angeſehen: denn meilenweit die Küſte entlang verkündete das zerſtreute Takelwerk und das ſchwere Gebälke Schiffbruch und Unglück, während auf dem Lande ſelbſt zerriſſene Bäume und zerſplitterte Felſen ſeine Gewalt bezeugten. Das alte Schloß Carrig⸗na⸗curra entging der allge⸗ meinen Verheerung nicht; die maſſiven Mauern, die Jahrhunderte lang den Stürmen des Krieges und der Zeit getrotzt, wurden bis auf den Grund erſchuttert, — 329 und einer von den ſtarken, viereckigen Thürmen, die alte Burg, wurde von oben bis unten durch den Blitz zer⸗ riſſen, während man weit und breit Trümmer von Ge⸗ bälfe und ſogar Mauerſtücke vom Sturm herumgeſchleu⸗ dert ſah. Ganze Tage lang, nachdem ſich das Unge⸗ witter gelegt, hallte in der Luft ein unaufhörliches Getöſe wieder— das Brauſen der fernen See und das Rauſchen der Bergſtröme, die angeſchwollen und unge⸗ ſtüm dahinſtürzten. Die ſo weit verbreitete Verwüſtung ſchien ſich nicht blos auf die materielle Welt beſchränkt, ſondern ihre Spuren auch über die Menſchen erſtreckt zu haben: der Orkan wurde als die Dazwiſchenkunft des Himmels be⸗ trachtet und das Mißgeſchick der franzöſiſchen Flotte als die Rache des Allmächtigen angeſehen. Es bedurfte nicht des abergläubiſchen Charakters der ſüdlichen Bauern, um ſie zu dieſem Glauben zu bewegen: die Umſtände in allen ihren Einzelheiten waren zu überzeugend, um ihre Gewalt nicht auch auf feſtere Gemüther auszuüben; und ſelbſt der Umſtand, daß die franzöſiſchen Schiffe unſerer Kanal⸗Flotte entkommen waren, was zuerſt als eine Gunſt des Schickſals gegolten hatte, wurde jetzt als ein deutlicheres Zeichen der himmliſchen Rache be⸗ trachtet. Mißmuth und Schrecken waren auf jedem Ge⸗ ſichte gemalt. Die ſchauerlichen Zeichen des Sturms, die man allenthalben ſah, erregten Trauer und Furcht und Jeder machte ſich Gedanken darüber, in wie weit der Zorn Gottes auf eine ſchuldige Nation fallen würde. Es iſt kein Grund vorhanden, die Thatſache zu bezweifeln, daß, wie auch der Ausgang des Kampfes ſeyn mochte, das Schickſal des Landes in jener Nacht entſchieden wurde. Wäre die franzöſiſche Flotte in voller Macht angekommen und hätte die Truppen an's Land geſetzt, ſo waren von Seite der Regierung keine Vor⸗ kehrungen zum Widerſtand noch getroffen. In wie weit das Landvolk ſich einer Sache würde 330 angeſchloſſen haben, welche der römiſchen Geiſtlichkeit damals augenſcheinlich ein Gräuel war, mag noch in Frage geſtellt werden; aber in jedem Lande und unter jedem Alter gibt es Leute genug, die bereit ſind, zu den Waffen zu greifen, ohne eine andere Ausſicht, als auf Raub und Plünderung. Solche Menſchen hätten ſich zu Tauſenden um die dreifarbige Fahne geſchaart und würdige Genoſſen wären ſie geweſen für jenen Theil der Invaſions⸗Armee, der die legion des francs ge⸗ nannt wurde— ein Bataillon, das aus befreiten Ver⸗ brechern und Galeerenſklaven beſtand— die Mörder und Räuber von Frankreich, bewaffnet, geübt und disci⸗ plinirt, um Irland die Freiheit zu bringen! Mit dieſer Mannſchaft und mit einer Kompagnie von der leichten Artillerie hatte Wolf Tone die Landung beſchloſſen; da die Expedition offenbar verfehlt war, ſo wäre jeder weitere Verluſt unbeträchtlich geweſen; und was die Legion betraf, ſo bemerkte er naiv, die Republik werde froh ſeyn, wenn ſie dieſelbe los wäre. Wenden wir uns jedoch von dieſem Gegenſtand weg zu den Charakteren unſerer Geſchichte, über die wir nur noch wenige Worte zu ſagen haben. Terry, der nach ſeiner Verwundung durch die Dragoner entwichen war, hatte die erſte Nachricht von Marks Zuſammentreffen mit denſelben nach Carrig⸗na⸗curra gebracht; und wäh⸗ rend der alte O'Donoghue nebſt Kate noch voll Schrecken ſich ihre Gedanken über das Reſultat machten, kam im ſchnellen Trott eine kleine Abtheilung Cavallerie, wor⸗ unter eine Perſon in buntem Gewande ritt. „Es iſt Mark— mein Sohn iſt gefangen!“ rief der alte Mann in einem Ausbruch von Schmerz, be⸗ grub das Haupt in die Hände und ſchluchzte laut. Kate ſprach kein Wort, aber eine kalte, krankhafte Schwäche überkam ſie, und ſie ſtand faſt athemlos vor Anaſt. Sie hörte, wie die Pferde vor der Thüre hielten, beſaß aber nicht Kraft genug, um das Fenſter zu erreichen und hinauszuſchauen. Die Glocke wurde heftig angezogen— 2— 42— 331 bei jedem Klang fuhr ihr ein Stich durch das Herz. Die Thüre öffnete ſich und jetzt hörte ſie Kerry's Stimme, ohne jedoch die Worte unterſcheiden zu können. Darauf entſtand ein Geräuſch, als ob einige abſtiegen, und auf dem Fließboden der Halle hörte man das Raſſeln eines Säbels. Dies hörte auf, und nun konnte ſie Kerry's Schritt erkennen, der durch den Gang auf die Thüre des Thurmes zukam. „Herein,“ rief ſie, als er klopfte, aber trotz all ihrer Anſtrengung konnte ſie die Worte nicht hörbar machen.„Herein,“ ſagte ſie noch einmal. Kerry hörte es nicht, öffnete jedoch vorſichtig die Thüre und trat ein. „Es iſt der Kapitän, Miß Kate, der gerne wiſſen möchte, ob er den Herrn ſprechen kann. „Ja,“ erwiederte ſie mit einer faſt flüſternden Stimme.„Wer iſt bei ihm? Iſt ein Gefangener dabei?“ „Wahrlich, ſo iſt es; aber Kapitän Travers wird Ihnen alles ſelbſt erzählen.“ „Kapitän Travers!“ rief Kate, während eine tiefe Röthe ihr Geſicht bedeckte. „Ja, mein Fräulein,“ ſagte Frederick, der im glei⸗ chen Augenblick eintrat,„ich fühle mich als Ueberbringer von angenehmen Zeitungen zu glücklich, als daß ich be⸗ dacht hätte, wie unhöflich es iſt, ſich unangemeldet ein⸗ zudrängen.“ „Verlaßt das Zimmer— ſchließt die Thüre, Kerry,“ ſagte Kate, indem ſie, die Augen auf Travers geheftet, wartete, ob er nicht fortfahren würde. „Ihr Vetter, Miß O'Donoghue, iſt gerettet— er hat die Flotte erreicht und iſt bereits unterwegs nach Frankreich.“ „Gelobt ſey Gott!“ rief Kate inbrünſtig aus, in⸗ dem ſie ihrem Oheim um die Schultern fiel und ihm die Nachricht jn's Ohr flüſterte. 332 Der alte Mann blickte auf und ſtarrte wild um ſich her. „Wo iſt Mark, mein Liebling— wo ſagſt Du, daß er iſt?“ „Er iſt gerettet, Oheim— er iſt an Bord eines franzöſiſchen Schiffes und unterwegs nach Frankreich, außer aller Gefahr.“ „Nach Frankreich! So hat er mich verlaſſen— hat ſeinen alten Vater verlaſſen?“ „Sein Leben war in Gefahr, Sir,“ flüſterte Kate, gereizt durch die Selbſtſucht des alten Mannes und bei⸗ nahe ärgerlich. „Mein Sohn hat mich verlaſſen,“ murmelte der alte O'Donoghue; dieſer einzige Gedanke verſchlang alle andern, beherrſchte ſeine Seele und ließ ihn taub gegen jede Erklärung oder Vorſtellung. „Sie haben Recht, Miß O'Donoghue,“ ſagte Tra⸗ vers in ſanftem Tone,„er ſchwebte in der drohendſten Gefahr— die gegen ihn vorliegenden Beweiſe waren entſcheidend und vollſtändig; und obgleich einer der Hauptzeugen nicht erſcheinen konnte, ſo hat doch Lanty Lawler——“ „War er wirklich ein Verräther?“ „Ja wohl, mein Fräulein; aber mitten in ſeiner Verrätherei hat ihn ein gerechtes Schickſal erreicht. Barrington, der den Burſchen ſtrafen wollte, hat ſich freiwillig geſtellt und ſolche Beweiſe von der Schuld des Roßhändlers vorgelegt, daß ſeine Ueberführung nicht zweifelhaft iſt; die Summen, die er von Frankreich er⸗ hielt, ſind alle von ſeiner eigenen Hand unterzeichnet, und jetzt, da Hamsworth nicht mehr iſt und Lawlers Verrätherei keinen Patron mehr hat, iſt für ihn nur wenig Hoffnung übrig. Er iſt in dieſem Augenblick mein Gefangener; wir ergriffen ihn auf dem Gebirge, wohin er mit einer Truppe gegangen war, um ſich Mr. Mark O'Donoghue's zu bemächtigen, auf deſſen Fang eine große Belohnung geſetzt war.“ — 333 Während Kate dieſer Erzaͤhlung lauſchte, deren Ton bewies, wie verächtlich der Sprecher von einer Unternehmung dachte, wobei ſolche Menſchen betheiligt waren, empörte ſich ihr eigener Stolz über die Nieder⸗ znachüggket derjenigen, denen ſich ihr Vetter angeſchloſſen atte. „Ja,“ ſagte ſie endlich, indem ſie unwillkürlich laut ſprach,„eine Sache, woran ſolche Menſchen Theil nah⸗ men, konnte nicht gedeihen; es muß tiefe Verderbtheit in einem Bunde herrſchen, der ſolche Triebfedern zu⸗ ſammenkettet. So hatte denn mein Vetter keinen ein⸗ zigen Freund?— War kein einziger da, der ihm beim Abſchied die Hand drückte?“ fragte ſie haſtig, indem ſie den Gegenſtand ihrer Gedanken änderte. „Doch, es war einer da,“ erwiederte Travers be⸗ ſcheiden;„Mr. O'Donoghue war edelherzig genug, ſo⸗ gar in der Stunde des Unglücks ſeinen alten Groll zu vergeſſen und mich ſeinen Freund zu nennen. Er that mehr— er wünſchte, wir möchten früher Freunde ge⸗ worden ſeyn.“ „Wollte der Himmel, ihr wäret es geweſen,“ ſprach Kate, während ihren Augen Thränen entquollen und über die Wangen rannen. „Ja, wir hätten es ſeyn können,“ fuhr Travers fort,„hätte nicht Betrug und Bosheit Zwietracht zwi⸗ ſchen unſern Familien geſäet. Sie wiſſen nicht, Miß O⸗Donoghue, wie tief dieſe Verrätherei gewirkt hat und wie geſchickt ihre Plane angelegt waren. Die nämlichen Hoffnungen, durch deren Vereitelung mein Leben ver⸗ dunkelt iſt, wurden genährt und gepflegt von dem, der wußte, wie wenig Grund ich hatte, mich ihnen hinzu⸗ geben; verzeihen Sie mir, ich bitte Sie, wenn ich auf einen Gegenſtand anſpiele, den ich nie hätte erwähnen ſollen. Hamsworth war es, der mich überredete, meine Bewerbung werde nicht ohne Erfolg bleiben; auf ſeinen Rath hin habe ich das Geſtändniß gewagt, welches mich das Glück meines künftigen Lebens gekoſtet hat. Ich 334 werbe nicht mehr davon ſprechen,“ ſagte Travers, der aus der hohen Röthe, welche Kate's Züge bedeckte, ſah, welche Unruhe ihr der Gegenſtand verurſachte. „Es war ein ſelbſtſüchtiger Gedanke, der mich ver⸗ leitete, meine Dreiſtigkeit auf Koſten Ihrer Gefühle zu entſchuldigen.“. „So dürfen Sie nicht ſprechen, Sir,“ ſagte Kate mit einer vor tiefer Bewegung ſchwachen Stimme,„es war keine große Dreiſtigkeit von einem Manne, der, mit allen Gaben des Glückes begünſtigt, ſich zu einem ſo geringen Mädchen, wie ich bin, herabließ; aber es be⸗ ſtand eine weitere Kluft zwiſchen uns, als die des Ran⸗ ges, und wenn ich jetzt einſehen kann, wie ſehr dieſe Ungleichheiten durch die Falſchheit und Verrätherei An⸗ derer übertrieben wurden, ſo weiß ich doch, daß unſere Meinungen zu weit auseinander gehen, als daß ein Ein⸗ verſtändniß zwiſchen uns etwas anderes ſeyn könnte, als ein Vergleich.“ „Moͤchte nicht vielleicht die Zeit ſolche Unierſchiede wo nicht verwiſchen, doch mildern?“ flüſterte Travers ſchüchtern. „Bei mir nicht,“ verſetzte Kate entſchloſſen;„auf unſerer Seite bleibt immer die Niederlage und meine Natur iſt eine hartnäckige— ſie hat keine Sympathien außer mit den Unglücklichen. Aber wir können Freunde ſeyn,“ ſagte ſie, indem ſie ihm zutraulich ihre Hand hinſtreckte—„feſte und treue Freunde, die ſich nicht weniger hochachten, weil unſere Neigungen nicht ſtark genug waren, unſere Ueberzeugungen zu uüberwinden.“ „Sprechen Sie nicht ſo beſtimmt, Miß O'Dono⸗ ghue,“ ſagte Travers, deſſen Lippe vor ſtarker Auf⸗ regung zitterte,„wie ſehr hat ſogar in dieſem Augen⸗ blicke die Verläumdung unſere gegenſeitigen Anſichten von einander umwölkt; laſſen Sie, ich bitte inſtändig, die Zeit dieſe falſchen Eindrücke zerſtreuen, oder geben Sie mir wenigſtens Gelegenheit, Ihrer Achtung würdi ger zu werden.“ 33⁵ „Während ich in der Ihrigen ſinken wuͤrde,“ unter⸗ brach ihn Kate ſchnell;„nein, nein; meine Pflichten ſind hier,“ damit deutete ſie auf den alten Mann, der mit dem Ausdruck des Stumpf⸗ und Blödſinnes mit ge⸗ falteten Händen dortſaß und ins Leere hinausſtarrte. „Machen Sie durch Abforderung eines ſolchen Verſpre⸗ chens mich nicht unfähig, meiner Pflicht zu genügen. „Außerdem,“ fügte ſie mit einem Lächeln hinzu,„ſind Sie ein zu guter Engländer, als daß Sie ſich ent⸗ ſchließen könnten, Ihre Treue zu theilen; wir ſind Freunde, mehr können wir nicht ſeyn.“ Travers drückte, ohne ein Wort zu ſprechen, die weiße Hand an ſeine Lippen, und im nächſten Augen⸗ blick hörte man ſein Pferd die Straße hinabſprengen; denn mit verzweifelter Eile ſuchte er dem für alle ſeine Hoffnungen ſo verhängnißvollen Orte zu entrinnen. Kaum hatte Frederick das Schloß verlaſſen, als eine Kutſche mit vier Pferden vor der Thüre anraſſelte und Sir Archy, gefolgt von Herbert, herausſprang. Der alte Mann, mit Staub bedeckt und Koth beſpritzt, hielt ein offenes Papier in der Hand und rief, indem er in's Geſellſchaftszimmer trat— „Er iſt begnadigt, Mark iſt begnadigt!“ „Er iſt fort, unterwegs nach Frankfreich,“ ſagte Kate, die aus Furcht, den alten O'Donoghue zu einer geiſtigen Anſtrengung zu erwecken, ſorgſam auf dieſen hindeutete. „Um ſo beſſer, mein holdes Mädchen,“ rief M'Nab, indem er ſie in die Arme ſchloß;„ſein Arm wird nicht weniger kühn in der Schlacht ſeyn, weil kein unver⸗ ziehener Hochverrath auf ſeinem Herzen laſtet. Aber mein Bruder, was fehlt ihm? Er ſcheint keine Notiz von mir zu nehmen.“ „Er iſt krank— mein Vater iſt krank,“ ſagte Her⸗ bert mit erſchrockenem Tone. „Schlimmer als krank,“ flüſterte M⸗Nab bei ſich 336 ſelbſt, indem er ihm die Hand unier der Weſte auf's Herz legte. So war es— der Muth, der jedem Angriff des Mißgeſchicks widerſtand— jedem Unglück, das aus Ar⸗ muth und Noth entſpringen kann, war endlich dahin⸗ geſchwunden;— das ſtarke Herz war gebrochen— der alte O'Donoghue war todt. Wir bitten unſere Leſer, uns noch einmal in das Thal nach dem Schauplatz unſerer Geſchichte zu beglei⸗ ten. Es war ein milder ruhiger Auguſtmonat, wie der, womit unſere Geſchichte ſich eröffnete, im Jahr 1815, als zwei Reiſende, den Poſtillion mit dem Wagen zurück⸗ laſſend, um ſeine Pferde zu füttern, allein und zu Fuß über eine halbe Stunde weit in dem ruhigen Thale vorausgingen; in der Luft herrſchte jene Grabesſtille, die dem Herbſt ſo eigenthümlich iſt; über Berg und See aber war der gleiche reiche Schmelz ergoſſen. Während die Reiſenden langſam dahingingen, hielten ſie von Zeit zu Zeit inne, um die Scene zu betrachten; und wenn auch ihre Blicke ſich begegneten und einander zu antworten ſchienen, ſo ſprachen doch beide kein Wort: ihrem Ausſehen nach hätte man ſie für Fremde halten können. Der Mann, von Sonne und Wetter gebräunt, beſaß Züge, die trotz aller Strenge dennoch auffallend ſchön waren: er trug einen kurzen dicken Schnurrbart, aber der an die Bruſt befeſtigte armloſe Aermel ſeines Rockes ſprach noch unwiderleglicher als ſeine Haltung dafür, daß er ein Soldat war. Seine Gefährtin war eine Lady in voller Blüthe der Schönheit, aber ihr Ge⸗ wand verrieth auffallender als das ſeinige die Fremde; in dem ſchnellen Blicke, den ſie von der kühnen Land⸗ ſchaft rings umher auf das Geſicht des Mannes warf, an deſſen Seite ſie ging, konnte man entweder eine un⸗ mittelbare Berufung auf das Gedächtniß leſen, oder den Ausdruck der Verwunderung über die Stelle. Zu ſehr 337 in ſeine eigenen Gedanken vertieſt, oder zu ſtark mit der vor ihm liegenden Scene beſchäftigt, ſchritt der Mann dahin, bis er endlich vor eine niedrige in Trüm⸗ mern liegende Mauer unter einer hohen überhängenden Klippe kam. Er hielt einige Sekunden inne und be⸗ trachtete die Stelle mit ſo geſpannter Aufmerkſamkeit, daß er die Geſtalt einer Bettlerin überſah, die mit allen Zeichen äußerſter Armuth unter den Ruinen zuſammen⸗ gekauert dort ſaß. Sie war oder ſchien wenigſtens ein altes, ſehr altes Weib— ihr Haar, von keiner Kappe oder Haube bedeckt, war weiß wie Schnee, aber ihre Züge beſaßen noch einen Ausdruck von Scharfſinn, als ſie, den Kopf aus der Haltung traurigen Nachdenkens emporrichtend, ihre Augen feſt auf die Reiſenden richtete. 3 „Gib ihr etwas, mein Lieber,“ ſagte die Lady zu ihrem Gefährten auf Franzöſiſch; aber die Bitte wurde zweimal wiederholt, bevor er ſie zu beachten ſchien. Das Weib blieb inzwiſchen ſtill ſitzen, und bat weder um ein Almoſen, noch ſuchte ſie ihr Mitleid zu er⸗ regen. 8 „Dieß iſt Glenflesk, nicht wahr, gute Frau,“ ſagte er endlich mit fremder Betonung. Das Weib nickte bejahend, gab aber keine Antwort. „Wem gehört dieß alles hier?“ fragte er, mit der Hand nach beiden Seiten des Thales deutend. „Damit kann ich nicht dienen,“ erwiederte das Weib mit einer Stimme augenſcheinlichen Mißmuthes.„Als ich ein Kind war, gehoͤrte es den O'Donoghue's, aber ſie ſind jetzt todt und dahin gegangen, ich weiß nicht, wem es gehört.“ „Alſo die O'Donoghue's, ſagt Ihr, ſind todt und dahin gegangen? Was iſt aus dem letzten von ihnen geworden?— Kennt Ihr nicht ſein Schickſal?“ „Meinen Sie den, der Proteſtant wurde?“ fragte das Weib, während ein Ausdruck teufliſcher Bosheit Lever, O'Donoghue. II. 22² 338 unter ihren dunklen Augenbraunen hervorſchoß:„er war der einzige, der Glück hatte, vielleicht weil er ein Ketzer war.“ „Aber in wie ferne hat er denn Glück gehabt?“ fragte der Fremde.. „Hat er nicht die Tochter des reichen Engländers geheirathet, der da drüben wohnte? Und wurde er nicht Parlamentsmitglied? Und wahrlich, man hat mir geſagt, er ſey über die See gegangen, um irgendwo in fremden Gegenden— in Indien, glaube ich, Richter zu wer⸗ den.“ „Und wer wohnt in dem alten Familienſchloſſe?“ „Krähen und Culen wohnen jetzt dort,“ verſetzte das Weib mit gellendem Geläͤchter—„gerade wie in meiner kleinen Heimat hier jetzt Wieſel und Ratten hauſen. Ja, Ihr mögt gaffen und Euch verwundern, aber hier, wo Ihr mich ſitzen ſeht, unter dieſen alten Steinen und ſchwarzen Balken war einſt mein gemäch⸗ liches Heimweſen— das Haus, worin ich geboren und erzogen wurde— und der Herd, an dem ich ſaß, als ich ein Kind war.“. Der Mann flüſterte ſeiner Gefährtin mit tiefer leiſer Stimme einige Worte zu— ſie erſchrack und war im Begriff zu ſprechen, als er ihr mit den Worten zu⸗ vorkam—„nein, nein, lieber nicht;“ darauf wendete er ſich an das Weib und fragte:„waren denn keine undeh hier, von deren Schickſalen Ihr zu erzählen wißt?“ „Es verlohnt ſich kaum der Mühe, von ihnen zu ſprechen,“ ſagte das alte Weib, dem das eigene Unglück alle Erinnerungen an andere verbitterte.„Es war ein alter Schotte da, der noch lange, nachdem die andern dahingegangen waren, dort wohnte, und als die Nichte in das Nonnenkloſter nach Frankreich zurückkehrte, blieb er ganz allein da. Die Leute ſahen ihn gewöhnlich, wie er das Zimmer ordnete, Bücher dahin, Papiere dorthin ſtellte und alles auf ihre Rückkehr vorbereitete— und 339 ſo verbrachte er ſeine Zeit bis zu dem Tage ſeines To⸗ des. Weinen Sie nicht, Mylady, er war ein hartherzi⸗ ger alter Mann, und Augen gleich den Ihrigen ſollten keine Thränen um ihn vergießen; wenn Sie Jemand bemitleiden wollen, ſo haben Sie Mitleid mit der Armen, die heimat⸗ und freundlos iſt.“ „Und die„Lodge,““ ſagte der Fremde—„iſt nicht dieß der Name, den ſie dem hübſchen Hauſe neben dem See geben?“ „Es iſt jetzt kein hübſches Haus mehr,“ erwiederte die Alte lachend,„es iſt eine Ruine gleich den Uebrigen.“ „Wie kommt das?— wird ſie vom Engländer nie beſucht?“ „Warum ſollte er ſie beſuchen? Sie liegt ja ſeit dem Tode des ſchwarzherzigen Schurken Hamsworth im Prozeß. Niemand weiß, wem ſie gehoͤrt, und es heißt, es werde nie ausfindig gemacht werden; aber,“ fügte ſie hinzu, indem ſie ſich erhob, ihren Mantel um ſich warf und ſich anſchickte, weiter zu gehen—„es ruht weder Glück noch Segen auf dem Orte. Gott der Allmächtige machte ihn ſchön und lieblich anzuſchauen, aber die Menſchen und die Gottloſigkeit der Menſchen brachten einen Fluch über ihn.“ Der Mann zog ſeine Börſe hervor, aber während er mit Hülfe der einzigen ihm noch übrig gebliebenen Hand einige Geldſtücke herausnehmen wollte, kehrte ſie ſs plötzlich um, ſtarrte ihm feſt ins Geſicht und agte:— „Behalten Sie Ihr Geld— mit Geld iſt mir jetzt nicht gedient— wer ſelbſt arm iſt, wird mich nie in Mangel ſehen.“ „Haltet einen Augenblick,“ ſagte der Fremde,„ich habe eine Forderung an Euch.“ „Die haben Sie nicht,“ erwiederte das Weib in ſtrengem Tone—„ich kenne Sie wohl, Mark O'Do⸗ noghue— ja, und auch Ihre Frau, Miß Kate; aber nicht durch eine Borſe voll Gold werden Sie es gut 340 Pachen. daß Sie die Sache Alt⸗Irlands verlaſſen aben.“ „Zürnen Sie ihr nicht,“ flüſterte eine leiſe milde Stimme hinter ihm. Er kehrte ſich um und ſah einen ſehr alten ſchwarz gekleideten Mann, der allem Anſchein nach ein Prieſter war.„Zürnen Sie ihr nicht, Sir; die arme Mary redet oft irre, und,“ fügte er mit einem Seufzer hinzu,„ſie hat ſchwere Prüfungen beſtanden, und man darf ihr wohl verzeihen, wenn ſie in der Bit⸗ terkeit ihres Schmerzes die Welt mit wenig Gunſt oder Nachſicht betrachtet. Sie hat Sie für einen andern angeſehen und daher ihr Aerger.“ Ende. Im Verlage der Franckh'ſchen Verlagshandlung iſt erſchienen, und in allen Buchhandlungen zu haben: Fragen der Zeit, vom hiſtoriſchen Standpunkte betrachtet. Von Dr. Karl Hagen. 2 Bde. 8. eleg. geh. Preis 6 fl. oder 3 Thlr. 18 Ngr. Der Verfaſſer dieſes Werkes, welcher ſich dem deutſchen Publikum bereits durch ſeine hiſtoriſchen Forſchungen uͤber das Reformations⸗Zeitalter bekannt gemacht hat, behan⸗ delt hier die wichtigſten Fragen der Gegenwart, und zwar vom hiſtoriſchen Standpunkte aus. Doch iſt dieſes keineswegs derjenige der ſogenannten hiſtoriſchen Schule, welche, nur Intereſſe fuͤr die Inſtitutionen der Vergan⸗ genheit fuͤhlend, der Mitwelt den Beruf zu einer ſelbſt⸗ ſtändigen Entwicklung abſprechen moͤchte; ſondern gerade das Studium der Geſchichte hat ihn zu dem Reſultate geleitet, daß nur das wahrhaftes Leben ſei und laͤngere Dauer verbuͤrgen koͤnnte, was aus dem friſchen Quelle des Bewußtſeins und aus den Beduͤrfniſſen der Zeit ent⸗ ſpringt. Die Geſchichte bietek ihm nur einen neuen Beweis von der Nothwendigkeit des Fortſchritts und daß die wich⸗ tigſten Forderungen der heutigen oͤffentlichen Meinung dem Weſen der deutſchen Nationalitaͤt entſprechen, welche zu erheben und durchzubilden eine der vorzuͤglichſten Aufga⸗ ben des Verfaſſers iſt. Auch hat eben wegen dieſer vom Verfaſſer eingeſchlagenen Richtung der erſte Band, welcher ſchon im Jahre 1843 erſchienen, ſich einer allgemeinen Anerkennung von Seite des deutſchen Publikums erfreut, wie die vielfaͤltigen guͤnſtigen Recenſionen beweiſen, die in verſchiedenen Blaͤttern erſchienen find. Auch andere Nationen ſind bereits darauf aufmerkſam geworden. Im Februar 1846. Franckh'ſche Verlagshandlung. In unſerem Verlage iſt ferner erſchienen, und in allen Buchhandlungen zu haben: Weltpanorama. Eine Chronik der neueſten Reiſen und Aben⸗ teuer bei allen Nationen der Welt, mit beſonderer Rückſicht auf die politiſchen Ereigniſſe der Gegenwart. Nach den beſten Quellen des Auslandes. 120. geh. 61— 64 Bdchn. à 12 kr. od. 4 Ngr. Auch unter dem beſondern Titel: J. Tansky's ſpaniſche Zuſtände in den Jahren 1843 und 1844. Aus dem Franz. überſetzt. 4 Thle. 48 kr. oder 16 Ngr. Tansky's„Briefe über Spanien“ haben bei ihrem erſten Erſcheinen im Journal des Debats das groͤßte Aufſehen erregt. An Ort und Stelle, mitten unter ſich draͤngenden Ereigniſſen geſchrieben, weihen ſie den Leſer in die Verwicklungen ein, deren Zuſammenhang und Bedeutung dem in der Ferne ſtehenden Zuſchauer oft ganz unverſtaͤndlich iſt. Charakteriſtiken der Perſonen, welche in der neueſten Geſchichte Spaniens hervorragen, Rollen ſpielen, Schilderungen ihrer ſich kreuzenden, nicht ſelten raͤnkevollen Thaͤtigkeit welchſeln mit ausführlichen Darſtellungen aus dem Gebiete der Adminiſtration, der Rechtspflege und des Finanzweſens, mit lebendigen Ge⸗ maͤlden aus dem Volksleben ab und gewaͤhren eine ebenſo anziehende, als belehrende Lektuͤre. Stuttgart, im Februar 1846.— Franckh'ſche Verlagshandlung. nfſſſiſſ ſſſſiſiſſnenmnm 8 9 10 11 14 15 1 d 12 13 6 17