eihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Okltmann in Gießen, 6 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. 0ffensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 8 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 1 den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 8 wird.* 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. bpeträgt: 2 8 für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: b —————— auf 1 Monat: 1 Nk. Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Ni. Pf. 3 den 6 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo ie der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 Werke Sämmtliche von Charles NKever. Aus dem Engliſchen von Gottlob Fink. V—,— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846. O'Donoghue. Eine Erzählung aus Irland, wie es vor fünfzig Jahren war. Von Charles Lever. Deutſch von Gottlob Fink. I.. Erſtes bis fünftes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846. Erſtes Kapitel. Glenflesk. In jenem wilden, maleriſchen Thale, das ſich zwi⸗ ſchen der Stadt Macroom und der Bantry⸗Bucht hin⸗ windet, und unter dem Namen Glenflesk bekannt iſt, entfaltet ſich der Charakter iriſcher Landſchaft vielleicht vollkommener, als in irgend einem andern Striche von gleicher Ausdehnung auf der Inſel. Die Berge, rauh und ſchroff, ſind äußerſt phantaſtiſch in ihren Umriſſen; ihre Wände bilden eine aus Granit und Graswuchs ge⸗ miſchte Maſſe, wo das dunkelſte Grün und das Pur⸗ purroth der Haide⸗Blume harmoniſch in einander ver⸗ ſchmelzen. In der Tiefe bietet das bald weiter, bald enger werdende Thal eine einzige, reiche Wieſe dar, be⸗ waͤſſert von einem tiefen, reißenden Strom, der von tauſend Bächen genährt wird, welche taumelnd und dam⸗ pfend über die Bergwände hinabſtürzen und dem Wan⸗ derer als weiße Streifen erſcheinen, welche die dunkle Oberfläche des Abgrunds bezeichnen. Meilenweit in dieſem einſamen Thale ſieht man kaum eine Hütte, und könnte man nicht da und dort eine Heerde von Rindvieh oder Schafen entdecken, ſo würde es ſcheinen, als wäre der Ort von den Menſchen vergeſſen, und in ſeiner düſtern Einſamkeit dem Schlummer überlaſſen. Der Fluß ſelbſt hat einen Charakter von eigenthümlicher Wildheit— bald braust er über rauhe Felſen, bald ſchäumt er zwiſchen hohen, engen, ſteilen Wänden, bald fließt er, ohne auf der Oberfläche ſich zu kräuſeln, über eine Granit⸗Schicht, alsdann ſtürzt er ſich wüthend in einen ſinſtern Abgrund, um wieder emporzutauchen, und in einer wilden Flut von Dampf und Schaum das Thal 3 8 hinunter zu ſtroͤmen; ſein dumpfes Getöſe iſt der einzige Laut, der in dem Bergſchlund wiederhallt. Selbſt da, wo man das beſcheidene Dach einer verlaſſenen Hütte ſieht, wird durch dieſen Anblick das Gefühl von Einſamkeit mehr erhöht, als vermindert. Der Gedanke an Armuth, die ungeſehen und unbekannt ihre Entbehrungen erträgt, ohne daß ein Auge ihr Rin⸗ gen bemerkt, ohne daß ein Herz ihren Kummer lindert, beſchleicht traurig die Seele, und man iſt neugierig, was für ein Menſchenkind wohl ſeine Wohnung in ſolcher Einöde aufgeſchlagen hat. Vergebens ſchweift das Auge umher, um ein ein⸗ ziges, menſchliches Weſen zu erſpähen, es müßte denn jener dunkle Fleck ein ſolches ſeyn, der die Klippe krönt, und deſſen Umriſſe am klaren Himmel dahinter hervortraten. Ja, es iſt ein Kind, das die den Berg entlang weiden⸗ den Ziegen hütet, und während man hinblickt, wird es in den vorüberſtreichenden Nebel gehüllt. Trauriges, düſteres Leben! Welche trübe Gedanken müſſen die Ge⸗ fährten eines Geſchöpfes ſeyn, das den lieben langen Tag auf dieſen wilden Haiden zubringt, das Auge auf der ſpurloſen Wüſte ruhend, wo kein Mitgeſchöpf ſich regt! wie mancher düſtere Traum wird über ſeine Seele fahren! wie mancher ſchauerliche Aberglaube wird ſeine Einbildungskraft beſchleichen, den flüchtigen Wolken Form und Geſtalt geben, und die dunklen, vorüberſtreichenden Schnl als lebendige, weſenhafte Dinge erſcheinen aſſen! Armes Kind des Kummers! Wie hat Dich das Geſchick dem Elend geweiht! Für Dich gibt es keine kindiſchen Sprünge im Sonnenſchein— keinen munteren Geſpielen— kein Plätſchern im rinnenden Bach, der ſich glänzend und ſchimmernd gleich der glücklichen Kind⸗ heit dahin ſtiehlt— keine knoſpende Ahnung einer ſchö⸗ nen, fröhlichen Welt; nein, alles iſt eine traurige Wuſte, die Verdrießlichkeit des Alters, vermiſcht mit den Schrecken der Kindheit. 9 An einem milden Abend, ſpät im Herbſt eines Jah⸗ res gegen Ende des letzten Jahrhunderts, ging gerade die Sonne unter, als ſich ein einſamer Reiſender auf einen der großen Steine neben der Straße niederſetzte; er legte Flinte und Jagdtaſche ab, ſtreckte ſich nachläßig in ſeiner ganzen Länge aus und ſchien ſich an der leichten Luft, die das Thal heraufkam, zu erlaben. Er war ein junger Mann von ſtarkem Körperbau; ſeine rüſtige Geſtalt und kräftige Glieder zeigten, wie ſehr Gewohnheit und Uebung dazu beigetragen hatten, das Erklettern der ſteilſten Bergpfade zu einer leichten Aufgabe für ihn zu machen. Er hatte kaum mehr als mittlere Größe, aber eine ungeheuer breite Bruſt und jenen vierſchrötigen Gliederbau, der bedeutende Körper⸗ ſtärke verräth; ſein Geſicht war, abgeſehen von einem Blicke gänzlicher Gleichgültigkeit und Leerheit angenehm; die Augen waren groß und voll, und von jenem tiefen Grau, das ins Blaue ſpielt; die Naſe groß und wohl⸗ gebildet; der Mund allein war widerwärtig— hatte einen Ausdruck von übler Laune und Unzufriedenheit, und dieſer Charakter ſchien ſo gewöhnlich, daß auch jetzt, wo er ſo allein und in ſolcher Einöde ſaß, das Kraͤu⸗ ſeln der Oberlippe ſeine Natur verrieth. Sein Anzug beſtand aus einer Jagd⸗Jacke von grobem Zeug, durchnäßt von manchem Berggewäſſer; aus weiten Hoſen von grauem Tuche, ſchweren Schuhen — wie ſie das Landvolk trägt, wo dergleichen Lurus⸗ artikel überhaupt zu haben ſind. Auf den erſten Anblick wäre es ſchwierig geweſen, zu beſtimmen, welcher Klaſſe, welchem Stande er angehöre. Denn wenn auch gewiſſe Züge eine Perſon von angeſehenem Rang verriethen, ſo widerſprach doch dieſer Annahme die allgemein ſicht⸗ bare Vernachlaͤßigung ſeines Aeußeren. Er lag einige Zeit gänzlich regungslos dort, als ſich plötzlich aus einiger Entfernung vom Thale herauf Pferdegetrampel vernehmen ließ, das ihn aus ſeiner an⸗ 2 ſcheinenden Gleichgültigkeit weckte; er ſtützte ſich auf den 8 10 Ellbogen und lauſchte. Die Töne kamen näher und näher, und jetzt ließ ſich das dumpfe Rollen eines Fuhr⸗ werks hören; ein fremdartiges Geräuſche in dieſem ein⸗ ſamen Thale, wo ſogar der Hufſchlag eines einzigen Pferdes nur ſelten die Echos erweckte. Eine plötzliche Verſenkung des Weges in geringer Entfernung von dem Orte, wo er lag, verhüllte die Ausſicht, ſo daß er in geſpannter Erwartung blieb, neugierig, was wohl dieſe Töne bedeuten mochten, als auf einmal der Wagen zu halten ſchien, und Alles ſtill war. Einige Minuten lang ſchien der Jüngling zu zwei⸗ feln, ob ihn nicht vielleicht ein durch dieſe oder jene Bergſchlucht fahrender Windſtoß getäuſcht, als ihm menſchliche Stimmen zu Ohren drangen und im gleichen Augenblick auf dem Kamm des Hügels zwei Geſtalten erſchienen, die langſam den Weg daher gingen. Die eine Perſon war ein Mann von vorgerücktem Alter, aber noch von geſundem, kräftigen Ausſehen— ſeine Züge waren noch jetzt auffallend ſchön, und hatten einen ge⸗ miſchten Ausdruck von Offenheit und Stolz; ſie ver⸗ riethen die Gewohnheit, einen gewiſſen Grad von Ein⸗ fluß und Herrſchaft uber andere auszuüben— und gaben dem Geſichte einen Anſtrich, über den man ſich unter allen Charakterzügen am ſeltenſten täuſcht. An ſeiner Seite ging eine Perſon, die man auf den erſten, auch nur flüchtigen Blick für ſeine Tochter erklären konnte, ſo auffallend war die Aehnlichkeit zwi⸗ ſchen beiden. Sie ſchien nicht über ſechszehn Jahre alt, aber in ihren jugendlichen Zügen konnte man vollkommen den Geſichtsausdruck ihres Vaters erkennen, gemildert durch die zarte Schönheit, die in ſolchem Alter die Lie⸗ benswürdigkeit des Mädchens mit den Reizen der Weib⸗ lichkeit ſchmückt. Eher über, als unter mittlerer Größe beſaß ihre Geſtalt jene auszeichnenden Merkmale von feinem Anſtand, den hohe Geburt ertheilt und ſchon in ihrem Gang konnte ein guter Beobachter einen Anſtrich von Rang erkennen, 4 11 Als ſte den Gipfel des Hügels erreicht, hielten beide plötzlich inne und ſchienen erſtaunt über die Scene vor ihren Augen. Das dämmernde Grau des Zwielichts warf ſeine finſtern Schatten über das Thal, aber die Bergſpitzen waren von der untergehenden Sonne beſtrahlt und zeigten jene reichen, veilchenblauen und purpurrothen Farben, welche ſich auf der Herbſthaide ſo ſchön ſpiegeln. Das dunkle Laub der Stechpalme und die glänzende Blüte des Erdbeerbaums liehen ihre Farbe jedem vor⸗ ragenden Fels und Vorgebirg, ſo daß die Landſchaft für Augen, die nicht mit der Gegend bekannt waren, ein Bild von Cultur darſtellte, das mit der öden Umgebung in ſeltſamem Widerſpruch ſtand. „Sybella, iſt dieß für Deine Phantaſie wild ge⸗ nug?“ fragte der Vater mit freundlichem Lächeln, indem er den wechſelnden Ausdruck auf den Zügen des jungen Mädchens beobachtete,„oder ſehnſt Du Dich nach einer noch öͤderen Gegend?“ Aber ſie gab keine Antwort. Ihr Blick war auf eine dünne Rauchſäule gerichtet, die in dem Thale unter der Straße aus einem niedrigen Erdhügel, wie es ſchien, emporwirbelte; einige Baumäſte, bedeckt mit grünem Raſen, waren auf einander geſchichtet, und durch dieſe fand der Dampf einen Weg in die Luft empor. „Ich möchte wiſſen, was das Feuer zu bedeuten hat,“ ſagte ſie, mit ihrem Finger abwärts zeigend. „Da iſt Jemand, der es uns erklären wird,“ ver⸗ ſetzte der Vater, als er zum erſten Mal den Jüngling bemerkte, der in ſeiner bisherigen Haltung auf der Bank ausgeſtreckt blieb, und mit erkünſtelter Gleichgültigkeit den Fremden, deren Erſcheinung ihn noch vor Kurzem in ſolches Erſtaunen verſetzt hatte, keine Aufmerkſamkeit widmete. „Hört, mein lieber Junge, was bedeutet wohl der Rauch da drunten?“ Der ZJüngling ſprang mit einer ſo raſchen, unge⸗ ſtümen Bewegung auf, daß der Frageſteller faſt dar⸗ 12 über erſchrack: ſeine Züge, vor einem Augenbllick noch ſo gleichgültig und farblos, ſchienen jetzt faſt krampfhaft zu zucken, und wurden dunkelroth. „Meinten Sie mich?“ fragte er in tiefen, vor Lei⸗ denſchaft faſt zitternden Kehltönen. „Ja——“ Aber ehe der alte Herr ausreden konnte, unterbrach ihn haſtig ſeine Tochter, die den Irrthum, worein ihr Vater gerathen war, mit weiblichem Schnellblick er⸗ kannte, und ſagte— „Ja, Sir, wir wollten Sie nach der Urſache des Feuers dort am Fuße jener Klippe fragen.“ Der Ton und die Art, wie dieſe Worte geſvrochen wurden, ſchienen ſeinen Aerger plötzlich entwaffnet zu haben; und obſchon er einige Sekunden lang keine Ant⸗ wort gab, nahmen doch ſeine Züge den früheren, gleich⸗ gültigen Ausdruck wieder an, als er erwiederte— „Cs iſt eine Hütte— dort, jenſeits des Fluſſes ſteht noch eine.“ „Eine Hütte! Sie wollen doch nicht ſagen, daß Leute darin leben?“ ſprach das Mädchen, indem ſich⸗ über ihre Wangen eine krankhafte Bläſſe verbreitete. „Ja wohl,“ verſetzte der Jüngling;„hier zu Lande hat man keine beſſern.“ „Welche Armuth— welches ſchreckliche Elend!“ rief ſte aus, indem große Thränen aus ihren Augen drangen und ſchwer über ihr Geſicht herunterrollten. „Sie ſind nicht ſo arm,“ erwiederte der junge Mann in einem faſt verweiſenden Tone.„All das Vieh dort den Berg entlang gehört jenen Leuten— auch die Zie⸗ gen, die Sie drunten im Thale ſehen, gehören ihnen.“ „Und wem mag wohl dieß Gut gehören?“ fragte der alte Mann.“ Sey es nun, daß der Frageſteller oder die Frage den vorigen Aerger des Jünglings auf's neue erweckte — kurz, er ſah ihn eine Zeitlang, ohne ein Wort zu 4 13 ſprechen, mit feſten Blicken an, und bemerkte alsdann langſam— „Es gehöoͤrt einem Engländer— einem gewiſſen Sir Marmaduke Travers.— Es iſt das Gut O'Do⸗ noghue's.“— „War es einſt, meinen Sie,“ verſetzte der alte Herr raſch. „Ich meine, was ich ſage,“ erwiederte der Andere in rauhem Tone.„Durch Confiszirung kann kein Recht genommen werden, kann höchſtens—“ 3 Zum Gluck wollte das Schickſal, daß dieſer Satz nicht ausgeredet wurde, denn während er ſprach, ent⸗ deckte ſein ſchneller Blick einen über ſeinen Kopf hin⸗ ſchwebenden Gegenſtand. In einer Sekunde hatte er ſeine Flinte ergriffen, er zielte feſt und gab Feuer. Der laute Knall hallte in manchem fernen Thale wieder, und ehe das letzte Echo erſtorben war, fiel nur wenige Schritte von dem Orte, wo ſie ſtanden, ein ſchwerer Gegenſtand auf die Straße herab. „Dieſer Kerl da,“ ſprach der Jüngling, indem er einen großen ſchwarzen Adler vom Boden aufhob— „dieſer Kerl da war auch ein Confiskator, und ſehen Sie, was aus ihm geworden. Sie werden mir doch nicht ſagen wollen, daß unſere Lämmer ihm gehörten— oder? Zum Glück wurden dieſe Worte durch das Rollen von Rädern erſtickt; denn inzwiſchen hatten die Poſtil⸗ lions den Ort erreicht, und die vier Poſtpferde keichten vor bem ſchwerbeladenen Reiſewagen mit ſeinen unzäh⸗ ligen Schachteln und Koffern. Die Poſtknechte begrüßten den jungen Mann mit ſichtbarer Ehrerbietung; er aber geruhte kaum, dafür zu danken, ſondern hängte ſeine Jagdtaſche um und ſchien ſich wieder auf den Weg machen zu wollen. Inzwiſchen hatte der alie Herr ſeiner Tochter in den Wagen geholfen und war im Begriff, ihr zu folgen, als er ſich plötzlich umkehrte und ſagte— „Wenn Eure Reiſe dieſes Weges geht, ſo darf ich Euch vielleicht einen Sitz bei uns anbieten?“ 4 14⁴ Der Jüngling ſtarrte ihn an, als ob er das Aner⸗ bieten nicht recht verſtand, und ſeine Wange wurde roth, als er kaltblütig antwortete— „Ich danke Ihnen, mein Weg führt über das Ge⸗ ge. 4 Beide begrüßten ſich aus der Ferne, der Kutſchen⸗ ſchlag war geſchloſſen und der Befehl„Vorwärts“ ge⸗ geben, als ſich der junge Mann dem Fenſter näherte und zwei ſchwarze Federn aus dem Flügel des Adlers zog. „Beinahe hätte ich es vergeſſen,“ ſagte er mit zögernder, zagender Stimme,„vielleicht nehmen Sie Das junge Mädchen lächelte, nahm das Geſchenk an und flüſterte, halb erröthend, einige Worte des Dankes. Im nächſten Augenblick liefen die Pferde vorwärts, und nach einigen wenigen Minuten war die Straße ſtill und verlaſſen wie zuvor; außer dem immer weiter ſich nehmen. Zweites Kapitel Das Wirthshaus am Wege⸗ Je weiter ſich das Thal zwiſchen den Gebirgen hin⸗ windet, deſto ſchmaler wird es allmählig und verengt ſich endlich in eine bloße Kluft, auf beiden Seiten von zwei ſteilen Felswänden umgeben, die mehrere hundert Fuß über die Straße ſich erheben; dies iſt der Paß Keimaneigh, eine der wildeſten, romantiſchſten Schluch⸗ ten in den Gebirgen des Südens. Am Eingang dieſes Paſſes ſtand zur Zeit, von der wir ſprechen, eine kleine Herberge, die ſich hauptſäch⸗ lich dadurch empfahl, daß ſie Meilenweit zu beiden Sei⸗ ten des Gebirges der einzige Ort war, wo man Obdach und Erfriſchungen finden konnte. 15 In einer an den Granitfels des Thales ſtoßenden, mit niedrigem Dach verſehenen Hütte, auf deren faſt verwiſchtem Schilde St. Fiabar einen nicht ſehr an⸗ ſprechenden Heiden bekehrte, hielt Mary M⸗Kelly„Wirth⸗ ſchaft für Menſchen und Thiere.“ Ein zufällig vorübergehender Reiſender, der auf dieſes beſcheidene Gebäude einen flüchtigen Blick warf, mochte meinen, eine Herberge in ſolch einem traurigen, un⸗ beſuchten Thale müſſe eine ſehr uneinträgliche Spekulation einmal anhalten. Das Gerücht jedoch ſprach anders; im Lande herrſchte die Ueberzeugung,„Mary's“— wie es kurz genannt wurde— habe mehr Einkehr, als man⸗ cher verſprechendere und anmaßendere Gaſthof. Wirklich hielt man es allgemein für den Zufluchtsort aller Schmugg⸗ ler der Küſte und für den Markt, wo die Krämer des Küche der Hütte, oder vielmehr in den Raum, der dem doppelten Zweck des Kochens und Eſſens diente— in das allgemeine Wirthszimmer, wo um ein flammendes Feuer von ſchwarzem Torf eine Geſellſchaft von drei Perſonen ſich befand. An der einen Seite ſaß die wohlbeleibte, ſtattliche Mary ſelbſt, eine Frau von etwa vßl und berfe nliche ren, mit jenem Ausdruck rauhen, raſchen Temperamentes, — glichen einander ſo genau, daß man glaubte, in ihnen 16 das man ſich in einer Straßen⸗Herberge ſo leicht angPee wöhnt. Sie beſaß ein klares, volles Auge— einen weiten, jedoch nicht unangenehmen Mund— und eine Stimme, die zu der honigſüßen Betonung eines Kerry⸗-⸗ Accentes nicht übel paßte. Ihr gegenüber ſaßen zwei hagere, abgezehrte alte Männer, die man nach Kleidung, Ausſehen, Alter, Stimme und Manieren faſt durchaus nicht von einander unterſcheiden konnte; denn nicht blos die verwitterten, verrunzelten Geſichter, ſondern auch ihre blauen Tuchjacken, ihre Lederhoſen und Stulpſtiefel ſeyen die Zwillingsbrüder Dromios wieder auferſtanden, um als Poſtillione zu figuriren. So waren ſie jetzt— ſo waren ſie ſchon ſeit mehr als fünfzig Jahren geweſen. Von ihrem Knabenalter an hatten ſie mit einander das Land durchſtreift— ſie hatten ihre Laufbahn zuſammen betreten, und zuſammen humpelten ſie vorwärts, der letzten Station entgegen, der einzigen, auf der ſie Ruhe zu finden hofften! Joe und Jim Daly waren zwei Na⸗ men, die man nie getrennt hörte; ſte wurden als nur Ein Leib betrachtet, und wenn auch zuweilen ſie ſelbſt Unterſcheidungen machen wollten, ſo traute ihnen die Welt doch nie das Bewußtſeyn verſchiedener Perſönlich⸗ keit zu. Dies waren die Poſtillione des Reiſewagens, ſie hatten ihn, ungefähr eine Stunde von da an dem Ort ſeiner Beſtimmung gelaſſen, und thaten ſich nun fünic bei Mary's, wo die Pferde die Nacht über ruhen ollten. „Sicher, Madam, das könnt Ihr Fahren heißen,“ ſprach Einer von dem Paar, einen dampfenden Trank ſchlürfend, den die Wirthin ſo eben gebraut hatte, n„den ganzen Weg ſtrengen Galopp, außer auf der kleinen Hügelſtrecke bei Carrignacurra.“ „Schön, ich hoffe, Ihr habt ein anſtändiges Trink⸗ geld bekommen, Jim?“ „Ich bin der Joe, Madam, wenn's Euch belieht⸗ 44 17 Jim reitet die Vorderpferde. Aber das iſt wahr— ſte haben ſich anſtändig benommen.“ „Eine Guinee in Gold, beim Teufel! keinen Knopf weniger—“ ſagte der Andere,„das läßt ſich nicht läug⸗ nen. Bei Gott, es war ganz natürlich, ſie ſind ſo reich wie Cröſus; ich ſah mit eignen Augen, wie die junge Lady den Straßen⸗Jungen, an denen wir vorüber⸗ fuhren, Zehnpfennigſtücke binauswarf, gleich als waͤre es Dreck, aber ich hätte faſt das böſe Kreuz gekriegt mit dem Biſchof von Cloyne.“ „Mit wem?“ fragte die Wirthin. „Mit dem Sattelpferd, Madam, das iſt ein knie⸗ brüchiger alter Teufel, den wir vom Biſchof gekauft und nach ihm benannt haben;— wie geſagt, ich wollte über die Burſche wegreiten und ſtürzte, ſo daß ich mit ihnen nach dem Geld raffen konnte.“ „Sie ſehen ſo arm aus,“ ſagte fie. Gott helfe ihr— ſie hat noch wenig Armuth geſehen— unter all den Creaturen iſt nicht Eine, die nicht ihren Sack Erd⸗ äpfel hal.“ „Ja— und mehrere noch ein Schwein.“ „Und Hennen.“ ſtimmte der erſte Sprecher mit ein, ent⸗ ſetzt über die Betrügerei des ſo wohl verſehenen Volkes, das ſich ſtellte als ob es unter Noth und Armuth litt.“ „Aber was führt ſie denn eigentlich hieher?“ ſagte Mr. M'Kelly mit etwas rauher Stimme; denn ſie verſprach keine angenehme Zukunft aus der Anweſenheit eines vornehmen Mannes, von dem ſchwerlich anzunehmen war, daß er dem von ihren Haupt⸗Kunden betriebenen Gewerbszweig einige Aufmunterung geben würde. „Das weiß ich leider ſelbſt nicht,“ war die vor⸗ ſichtige Antwort des angeredeten Individuums, der in Ermanglung jeder andern Anſicht uͤber die Sache, außer daß der Umgegend ein bedeutender Vortheil daraus er⸗ wachſen müſſe, dieſe Antwort einer beſtimmteren vorzog. „Es heißt, ſie wollen das Gut verbeſſern,“ ver⸗ Lever, O⸗Donoghue. I. 2 — 18 ſetzte der Andere, der nicht mit gleicher Vorſicht begabt war.„Er iſt gekommen, um ſelbſt nach dem Gut zu ſehen.“„ „Verbeſſern! Ja wohl!“ wiederholte die Wirthin. „Solche Verbeſſerer thun uns freilich noth! Warum haben ſie uns nicht die alten Familien des Landes ge⸗ laſſen? Als ich ein Kind war, hoͤrten wir wenig von Verbeſſerung. Gott ſey uns gnädig!— Da war der alte Miles O'Donoghue, der Vater des jetzigen Herrn; ich möchte wiſſen, was er geſagt haben würde, wenn ſte ihm hätten von Verbeſſerungen ſchwatzen wollen. O jal ich erinnere mich noch wohl der Zeit, da ein Orhoft Claret keine vierzehn Tage ausreichte. Mein Vater, Gott hab' ihn ſelig! pflegte jeden Montag Morgens in's Schloß zu gehen, um ſeine Beſtellungen abzuholen; und zugleich ſah man ihm eine Reihe von Karren folgen mit Thee, Zucker, Wein, Branntwein, Pomeranzen und Citronen. Das waren Verbeſſerungen zu nennen!“ „Ihr habt recht, Madam. Es war ein ſtattlich Haus, ich habe viel davon gehört.“ „Sechs und vierzig in der Küche, ohne etliche vier⸗ zehn Jungen, die immer dort herum lungerten.“ „Hu! das war groß!“ „Ein Fäßchen Schnaps mit einem Hahn daran in der Geſinde⸗Stube; da brauchte man nicht zu ſagen: mit Erlaubniß; ſondern man trank, ſo lange man ſtehen konnte.“ „Der Herr ſei uns gnädig!“ war der fromme Stoß⸗ ſeufzer des Zwillings⸗Paares. „Die Schinken wurden in Keres geſotten.“ „Himmel! wäre ich damals ein Schwein geweſen!“ „Und kein Hecht durfte auf die Tafel kommen, ohne einen anſtändigen Pudding, fünf Pfund werth, im Leib!“ „Der Fiſch hat doch immer Glück!“ war die tiefe Betrachtung. „O je, o je!“ fuhr die Wirthin in klagendem Tone fort. Als das alte Vermögen noch da war, hoͤrten wir 19 nie von Verbeſſerungen. Am Ende will er, daß ich ein Patent nehme,“ ſagte ſie mit einer Stimme halb ver⸗ ächtlicher Kaltblütigkeit. „Beim Blitz, man kann es nicht wiſſen,“ verſetzte Joe, indem er aus ſeiner Pfeife die Aſche ſchüttelte und bedeutungsvoll mit dem Kopfe nickte, gleich als wollte er ſagen, in den elenden Zeiten, in die ſie gerathen, ſey Alles möglich.— „Patentirt für Schnaps und Gewürze,“ ſagte Mrs. MKelly mit einem faſt hyſteriſchen Kichern, als ob dieſer Gedanke für ihre Nerven zu ſtark wäre. Das Geſpräch wurde jetzt unterbrochen durch ein lautes Klopfen an die Thüre, die für die Nacht bereits verriegelt und verſchloſſen war. „Wer da?“ rief Mary, indem ſie einen Mantel vor das flammende Feuer hielt, damit man durch die Spalten der Thüre kein Licht ſehen ſollte—„wir ſind ſchon im Bett, und es iſt ohnehin ſchon ſpät." „Oeffnet die Thüre, Mary, ich bins,“ ſprach eine etwas zuverſichtliche Stimme.„Ich ſah das Feuer nahterſuh brennen— und Ihr braucht es nicht zu ver⸗ ecken.“ „O wahrlich, Mr. Mark, Sie laſſe ich nicht draußen in der Kälte,“ erwiederte die Wirthin, ſchloß die Thüre auf und ließ den Gaſt herein, den wir vor einiger Zeit im Thale geſehen.„Vor einem O'Donoghue ſchließen wir doch gewiß keine Thüre.“ „Meinen Dank, Mary,“ verſetzte der junge Mann; „ich bin den Tag im Gebirg geweſen, ohne etwas zu erlegen; und da mir der artige alte ſchottiſche Oheim keine Ruhe läßt, wenn ich mit leeren Händen heim⸗ komme, ſo habe ich beſchloſſen, die Nacht hier zu blei⸗ ben, und morgen mein Gluck zu verſuchen. Laßt Euch nicht ſtören, Jim— es iſt Platz genug da, Joe: Mary's Feuer iſt nicht ſo neidiſch, daß nicht jeder von uns ein 2** 20 warmes Plätzchen hier fände. Was iſt in dem dicken Topf hier? Mary?“ „Ein Braten, Sir; Ew. Ehren haben ihn ja ſelbſt geliefert.“ „Ich?— wie ſo?“ „Es iſt der Haſe, den Sie geſtern Morgens vor der Thüre geſchoſſen; gewiß, es iſt ein wahres Gluüͤck, daß ich ihn jetzt für Sie habe;“ und während ſich Mary mit der luſtigen Arbeit beſchäftigte, das Abend⸗ eſſen herzurichten, rückte der junge Mann näher an's Feuer und knüpfte mit den Andern ein Geſpräch an. „Dieſer Reiſewagen, Joe, ging vermuthlich nach Bantry?“ fragte der Jüngling in gleichgültig hinge⸗ worfenem Tone. „Nein, Sir; ſie haben droben an der Lodge(des Verwalters Wohnung) gehalten.“ „An der Lodge?— Es wird doch nicht die eng⸗ liſche Familie ſeyn— Sir Marmadufke?“ „Doch, gerade der und ſeine Tochter. Ich hörte ſie ihre Namen nennen, als wir Macroom verließen. Sie wurden vor drei Wochen nicht hier erwartet, und Kapitän Hamsworth, der Verwalter, iſt nicht daheim; auch heißt es, ſeyen keine, Bedienten im Hauſe, und überhaupt nichts für die Herrſchaft bereit; gewiß, wenn ein großer Lord, gleich dieſem—— „Er iſt kein Lord, du Narr; er hat keinen Tropfen edlen Blutes in ſeinem Leibe: er iſt ein Londner Bankier — reich genug, um ſich den Adel zu kaufen, wenn es ſich mit Gold thun ließe.“ Der Jüngling hielt in ſeinem Ungeſtüm inne, und fügte alsdann mit murmelnder Stimme hinzu—„reich genug, um das Erbe von Leuten zu kaufen, die Blut in ihren Adern haben.“ Der Ton, in dem der junge Mann ſprach, und der mürriſche Blick, der dieſe Worte begleitete, verſetzte die Geſellſchaft in eine düſtere Stimmung, und eine Zeit 1 21 lang blieb Alles ſtumm. Endlich unterbrach er plötzlich das Schweigen mit den Worten:— „Alſo das war ſeine Tochter?“ „Ja, Sir, ſie iſt ein hübſches Ding, und auch gut⸗ herzig. Sobald ſie hörte, daß ſie auf ihres Vaters Gut ſey, fing ſie an, nach den Namen aller Leute zu fragen, und ob ſie wohl auf ſeyen, und was ſie zu eſſen hätten, und wo die Schulen ſeyen.“— „Die Schulen!“ fiel Mary in höhniſchem Tone ein —„hoho, wir Leute im Thale ſollten freilich tüchtig geſchult werden, damit wir lernen Armuth und Kälte ertragen, ohne zu klagen: Lernen iſt ein gar huͤbſches Mittel gegen Hunger——„ Ihre Ironie war zu fein für den dicken Schädel des armen Jim, der meinte die Anmerkung ſolle auf ihn gehen, und mit Andacht erwlederte;—„So iſt's, ge⸗ lobt ſey Gott!“ „Schön,“ ſprach der junge Mann, der jetzt höchſt begierig ſchien, den Gegenſtand wieder aufzunehmen— „ſchön, und was weiter?“ „Dann nahm es ſie Wunder, wo die Straßen hinauf nach den Hütten auf den Bergen ſeyen, als ob derlei Leute Straßen hätten!“ „Sie haben ihre eigenen Wege— dieſe Engländer,“ unterbrach ihn Jim, der mit Eiferſucht ſäh, daß man ſich immer an ſeinen Gefährten wendete—„denn ſo oft wir an einem kleinen Erdäpfelbeet oder an einer Ziegenheerde vorüberfuhren, hieß es immer„Gott ſey uns gnädig, aber hier zu Lande ſind ſie doch gar zu arm z“, ais wir dagegen in den wahrhaft armen Theil des Thales kamen, wo weit und breit kein Haus, kein menſchliches Weſen zu ſehen war, da ging kaum ein an⸗ deres Wort über ihre Lippen, als„ſchön, berrlich, einzig!“ bis wir Keimaneigh erreichten, und dort hätte man ge⸗ meint, es lägen funfzig Acker Weizen vor ihren Augen, ſo voll Lob waren ſie auf die dicken Felſen und ſchwarzen Klippen über unſern Hauptern.“ 22 „Ich zeigte ihnen Ew. Chren Ahnenſchloß im Ge⸗ birge,“ ſagte Joe. „Ja wirklich,“ fiel Jim ein;„und die junge Lady lachte und ſagte,„Du ſiehſt, Vater, ſo haben wir wenig⸗ ſtens einen Nachbar.““ e Dem Jüngling ſtieg das Blut in die Wange, ſo daß ſie ſaſt purpurroth wurde, aber er ſprach kein Wort. „Es iſt die Familie O'⸗Donoghue, Mylady,“ ſagte ich, fuhr Joe fort, der die Tölpelei ſeines Bruders ein⸗ ſah und ſich beeilte, ſie wieder gut zu machen,—„das dort iſt ihr Schloß, mit dem hohen Thurm. Seit neun Jahrhunderten hat die Familie dort gelebt, und das ganze Land gehoͤrte ihnen; und ſte waren Könige hier.“ „Und haſt Du gehört, was der alte Gentleman darauf ſagte?“ fragte Jim. „Nein, ich hörte es nicht— ich gab nicht auf ihn Acht,“ verſetzte Joe, der ſich aus allen Kräften an⸗ ſtrengte, die unbeſonnene Schwatzhaftigkeit des Andern zu unterdrücken. „Was war es, Jim?“ fragte der junge Mann mit erzwungenem Lächeln. „Beim Blitz, er ſing an zu lachen, Ew. Ehren, und ſagte,„wir müſſen bei Hof unſere Aufwartung machen, ſagte er; und ich bin überzeugt, wir werden gut aufgenommen, denn wir kennen bereits Seine königliche Hoheit— ſo nannte er Ew. Ehren.“ Der Jüngling ſprang plötzlich auf mit einer ſo heftigen Geberde, daß die ganze Geſellſchaft darüber zuſammenfuhr. .„Was!“ rief er,„find wir ſo tief geſunken, daß wir einem Londoner Geldwechsler zum Spott und Hohne dienen? Hätte ich nur die Worte aus ſeinem Munde gehört——“ „Bewahre, er hat keine Silbe der Art geſagt!”“ ſprach Joe mit einem Blick, der ſeinen Widerſacher an allen Gliedern zittern machte.„Der Pinſel da möchte Sie glauben machen er ſey in der Kutſche geſeſſen und 23 habe ſich den ganzen Weg über mit ihm unterhalten. Und doch war ich es, der das Hinterpferd ritt, habe aber kein Wort davon gehört. Still, ſage ich Dir, und reize mich nicht.“ „He, ſtopft euch das Maul mit etwas der Art!“ ſiel Mary ein, indem ſie das dampfende, duftende Ge⸗ richt auf den Tiſch ſtellte. Jim ſchlug beſtürzt und beſchämt die Aüugen nieder; ſein Zeugniß war der Glaubwürdigkeit beraubt; und ohne zu wiſſen, warum oder weshalb, hatte er doch eine un⸗ beſtimmte Ahnung, daß man ihm jeden Rechtfertigungs⸗ Verſuch übel aufnehmen würde; er ſprach daher kein Wort mehr; ſein Schweigen war anſteckend, und die Mahlzeit, die noch vor wenigen Augenblicken ſo viel Vergnügen verſprochen, ging unter düſterem Zwange vorüber. Alle Schmeicheleien der Mary MKelly, unterſtützt durch eine dampfende, Bowle Glüherin— ein Getränke, mit deſſen würzhaftem Geſchmack kein Schloß an der Rhone wetteifern konnte— dieß Alles wurde vergeblich aufgeboten, um den jungen Mann wieder zu guter Laune zu bringen; er ſaß dort in düſterem Schweigen, das nur zuweilen durch leiſe, hingemurmelte Töne un⸗ terbrochen wurde. Mary, die das kleine Zimmer für ihn zurecht gemacht hatte, wünſchte ihm endlich gute Nacht und begab ſich zur Ruhe. Die Poſtillione ſuchten ihr Lager über dem Stall; der Jüngling dagegen ſaß, augenſcheinlich in Gedanken verloren, allein neben der Aſche des Torffeuers, und ſchlief endlich ein, wo er ſaß, neben dem Kamin⸗Winkel. Drittes Kapitel. Die Hütte und das Schloß. Von Sir Marmaduke Travers haben wir dem Leſer außerdem, was er aus einigen Andeutungen vielleicht * — 24— ſchon errathen hat, nur noch wenig zu erzählen. Er war ein Londoner Bankier und galt für ungehener reich. Urſprünglich ein jüngerer Sohn, trat er die Baronet⸗ ſchaft und die großen Güter ſeiner Familie erſt in etwas ſpätem Alter an. Die Gewohnheiten eines thätigen Stadtlebens jedoch— die Beſchäftigungen, die eine lange Laufbahn ihm zur andern Natur gemacht hatte, machten ihn unfähig, ſich den weniger aufregenden Pflichten eines Landedelmanns zu unterziehen; das Land⸗ leben ſchien ihm vielmehr alles Intereſſes, alles Ver⸗ gnügens bar. Er blieb daher noch mehrere Jahre, nachdem er Baronet geworden, in London: und erſt nach dem Tode ſeiner Frau, die er innigſt liebte, wurde ihm das dortige Leben zuwider; er fand, daß er nicht laͤnger eine Lebensweiſe fortſetzen konnte, die ihm die Geſell⸗ ſchaft ſeiner Gefährtin und gegenſeitiger Gefühls⸗Aus⸗ tauſch angenehm gemacht, und faßte daher den plötzlichen Entſchluß, ſich auf eines ſeiner Güter zurückzuziehen, wo vielleicht ein neuer Geſchäfts⸗Kreis den Kummer über den erlittenen Verluſt lindern konnte. Dieſem Plane ſtand kein Hinderniß entgegen. Sein einziger Sohn hatte ſich bereits eine Carrière als Garde⸗Offtzier eröff⸗ net; und außer ihm und ſeiner Tochter, die wir erſt vor Kurzem dem Leſer vorgeführt, hatte er keine anderen Kinder. Die Bemühung, ſein Leid zu vergeſſen, bewährte ſich in dieſem Falle ſo erfolglos wie gewöhnlich. Der alte Herr ſuchte im Landleben den erwarteten Troſt, ohne ihn jedoch zu finden; weder ſeine Neigungen noch ſeine Gewohnheiten paßten zu denen ſeiner Nachbarn; er fand wenig Vergnügen an der Jagd, noch weniger an der Landwirthſchaft. Das geſellſchaftliche Leben auf dem Lande war eine armſelige Entſchädigung für den unun⸗ terbrochenen Strom der Londoner Geſellſchaft. Er wurde ſehr bald der neuen Lebensart müde und ſehnte ſich wieder zurück nach ſeinen alten Gewohnheiten und Be⸗ ſchäftigungen. Es ſtand ihm jedoch immer noch eine 25 andere Ausſicht offen, und er war nicht geneigt, der⸗ ſelben ohne weiters zu entſagen. Er konnte nämlich auch noch Irland beſuchen, wo er ein großes Gut beſaß, das er noch nie geſehen hatte. Dieſes Landgut, urſprünglich ſeinem Vater verpfändet, war ihm als äußerſt maleriſch und romantiſch, desgleichen auch als reich an minera⸗ liſchen und andern, noch nie unterſuchten oder ausge⸗ heuteten Schätzen geſchildert worden. Sein Verwalter, Kapi tän Hamswort, ein Herr, der auf dem Gute wohnte, pflegte bei den Beſuchen, die er von Jahr zu Jahr dem Eigenthümer abſtattete, über die mannigfal⸗ tigen Vortheile und Kräfte des Gutes ſich zu verbreiten, und drang unaufhörlich in ihn, daſſelbe, wenn auch nur für ein paar Wochen, einmal zu beſuchen, wobei er jedoch feſt hoffte, eine ſolche Abſicht werde ihm nie in den Sinn kommen. Dieſe von Jahr zu Jahr wieder⸗ holten Bitten waren die regelmäßigen Begleiterinnen jeder Rechnungs⸗Berichtigung und wurden gewöhnlich mit einem halben Verſprechen erwiedert, womit es in⸗ deſſen nicht ernſtlicher gemeint war, als mit den Einla⸗ dungen. Ein dreijähriges Landleben indeſſen hatte jetzt Sir Marmaduke geneigt gemacht, über dieſe lang verſchobene Reiſe nachzudenken; unbekümmert um die Thatſache, daß ſein Verwalter gerade auf der Haſelhuhn⸗Jagd in Schottland war, brach er auf einmal auf, und ohne dem Haushalt der Lodge über ſeine beabſichtigte Ankunft auch nur eine Sylbe mitzutheilen. erreichte er das Haus an einem Herbſt⸗Abend auf der bereits beſchriebenen Straße. . ir ſind nur gerecht gegen Sir Marmaduke. wenn wir bemerken, daß er zu dieſem Schritte durch andere als blos ſelbſtſüchtige Erwägungen ſich bewegen ließ. Der Zuſtand Irlands war in der letzten Zeit für die reſſe in beiden Ländern ein Hauptgegenſtand der Be⸗ ſprechung geworden. Die Armuth des Volkes— auf mancherlei Weiſe ausgelegt und verſchiedenen Urſachen zugeſchrieben— war ein beſtändiges Thema der Erör⸗ 5 26 terung und Unterhaltung. Die ſeltſame Erſcheinung eines von Ueberfluß ſtrotzenden und doch mit einer dar⸗ benden Bevölkerung überfüllten Landes hatte damals ge⸗ rade angefangen, die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen; und es gingen allerlei Theorien im Schwange, welche jenen auffallenden und unregelmäßigen ſocialen Zuſtand, den leider auch die Erfahrung eines weiteren, halben Jahrhunderts noch nicht zu löſen vermocht hat, erklären wollten. Sir Marmaduke war in dergleichen populären Schriften wohlbewandert: den„Geſammtzuſtand von Irland,“ wußte er auswendig, und war von ſeiner voll⸗ kommenen Sachkenntniß ſo feſt überzeugt, daß er wirk⸗ lich mit Ungeduld ſich nach dem Lande ſehnte, um das große Werk der Wiedergeburt und Civiliſation zu beginnen, wodurch Irland und ſein Volk in die Reihe der be⸗ günſtigſten Nationen treten ſollten. Er hatte viel gehört von der Trägheit und dem Aberglauben in Irland— von iriſcher Bigoterie und Unduldſamkeit— von der Gleichgültigkeit gegen gemächliche Lebenseinrichtungen— von der Abneigung gegen Anſtrengungen— von der Sorgloſigkeit in Betreff der Gegenwart— von dem Mangel an Vorſicht für die Zukunft; es war ihm ge⸗ ſagt worden, Feiertage und Heiligenfeſte nehmen mehr als die Hälfte der Arbeitszeit in Anſpruch— Unwiſſen⸗ heit mache die andere Hälfte faſt werthlos; er hatte ge⸗ leſen, die Zufriedenheit, womit man ſich in die Armuth füge, habe eine allgemeine Abneigung gegen alle In⸗ duſtrie erweckt und einen Abſcheu vor jeder Anſtrengung, ſofern ſie nicht unumgänglich nothwendig ſey. „Warum ſoll ein ſolcher Zuſtand länger dauern, da er doch weder in Norfolk noch in Yorkſhire beſteht?“ war die Frage, die er ſich beſtändig vorlegte, und auf die er in ſeiner Kenntniß keine Antwort fand. Dort kam der Aberglaube, wenn— was er jedoch nicht wußte — wirklich dergleichen vorhanden war— der täglichen Arbeit nicht in den Weg. Um Heiliger willen wurde 27 3 weder das Geſpann ausgeſchirrt noch der Pflug in Ruhe gelaſſen— Verlangen nach Gemächlichkeit war ein Sporn zu allgemeiner Betriebſamkeit; Ordnungsliebe und Schick⸗ lichkeitsgefühl erwarben dem Beſitzer dieſer Tugenden allenthalben Achtung— Armuth galt faſt allgemein als eine Folge üblen Lebenswandels, wenigſtens als ein Vorwurf. Warum alſo nicht den Zuſtand jener glück⸗ lichen Gegenden auch in Irland verbreiten? Dieß zu i war der große Zweck und Gegenſtand ſeines Be⸗ uches. das unbegräͤnzteſte Verlangen, Gutes zu thun— hatte aber die beſchränkteſten Anſichten über das Wie. Gleich den meiſten Theoretikern war ihm keine ſpeculative kein praktiſches Hinderniß war ſo geringfügig, daß er ſich nicht davor entſetzt hätte. Es kam ihm augen⸗ ſcheinlich nie in den Sinn, daß die Menſchen nicht allent⸗ alben gleich ſeyen, und dieſes kleine Verſehen war die Quelle von Schwierigkeiten, welche er beharrlich Urſa⸗ chen zuſchrieb, die außer ihm lagen. Edelſinnig, gut⸗ herzig und wohlwollend, war er gerne bereit, Beleidi⸗ gungen zu vergeben, und fügte Niemand dergleichen mit Abſicht zu; indeſſen war er auch hitzig und leidenſchaft⸗ eines löblichen Zweckes bewußt war, konnte er nicht er⸗ tragen, und war gänzlich unfähig, Vorurtheile und Nei⸗ gungen an Andern zu dulden, aus dem einfachen Grunde, weil er ſie nie in ſeiner eigenen Bruſt gehegt. Spolch ein Menſch war, in wenigen Worten, der jetzige Bewohner der„Lodge“— wie die Wohnung des 1 28 Verwalters genannt wurde. Urſprünglich ein Jagdhäus⸗ chen, war ſie von Kapitän Hamsworth erweitert, ver⸗ ziert und in eine Hütte von ſeltener Schönheit im Aeu⸗ ßern, und von nicht geringer Behaglichkeit im Innern verwandelt worden. Sie lag in einem Einſchnitt des Thales Keimaneigh, am Geſtade eines kleinen Gebirgs⸗ Sees, deſſen Oberfläche mit waldigen Inſeln betupft war. Hinter der Hütte, unter dem Schutz der Bucht, wuchſen die einheimiſchen Eichen zu gewaltiger Höhe empor und ſtachen durch das vom Wind durchſäuſelte reiche Laubwerk gegen die dunklen Wände des gegenüber⸗ ſtehenden, rauhen, kahlen, unwandelbaren Felſens ab. In der Ueppigkeit dieſes milden Climas erreichten Geſträuche die Höhe von Bäumen; und Blumen, die anderswo ſo ſelten waren, daß ſie die ſorgfältigſte Pflege erforderten, wuchſen hier ungepflegt und unbeſorgt. Selbſt das Gras hatte ein weicheres, dem Auge angenehmeres Dunkelgrün, als an andern Orten. Es ſchien, als ob die Natur uüber dieſe einſame Stelle, den einzigen glän⸗ zenden Edelſtein im düſtern Schatten des Winters, zur Entſchädigung für die öde Umgegend ihre ſchönſten Ga⸗ ben ausſchütten wollte. Ungefähr eine halbe Stunde weiter unten im Thale auf einer hohen Felszinne, unmittelbar über der Straße, ſtand das einſt ſtolze Schloß der O'Donoghues. Noch waren zwei viereckige, maſſive Thürme übrig als Denk⸗ mäler ſeiner alten Stärke und noch ließen ſich die Rui⸗ nen von verſchiedenen Außenwerken und Baſteien erken⸗ nen, die ſich nach allen Seiten in beträchtlicher Entfer⸗ nung ausdehnten. Zwiſchen den viereckigen Thürmen erſtreckte ſich auf dem Raume, wo urſprünglich ein Zwiſchenwall ſtand, ein langes niedriges Gebäude, deſſen hohes Giebeldach und ſchmale Fenſter ein Alter von wenig mehr als hundert Jahren andeuteten. Es war ein ſeltſamer, unförmlicher Bau, wo Feſtung und Päch⸗ terhaus an einander gekittet ſchienen— das Ganze kein übles Abbild ſeiner ehemaligen und jetzigen Cigen⸗ — 29 thümer. Man gelangte dahin auf einem ſchmalen, in den Felſen gehauenen Weg; dieſer war geſchützt durch einen viereckigen Thurm, unter deſſen tiefem Bogen die Straße durchging, und auf beiden Seiten lief eine nied⸗ rige mit Zinnen verſehene Mauer hin; längs derſelben, mitten unter Trümmern und Schutt, erhoben ſich ſtatt⸗ lich und ſchön zwei Reihen von Linden. Sie breiteten ihre ſchwankenden Zweige umher und warfen einen zar⸗ ten, feierlichen Schatten auf den Weg. Außer dieſen Linden war kein Baum, nicht einmal ein Gebüſch zu ſehen— das große, von der Hand der Natur gepflanzte Gehölze war verſchwunden— es war den Zufallen des Kriegs und unruhiger Zeiten, oder dem noch verheeren⸗ dern Schritt der Armuth erlegen, und entblößt ſtand jetzt der kahle Berg, wo einſt Wälder und ſchattige Haine gerauſcht, die Heimath geſiederter Sänger, der Aufent⸗ halt des wilden Hirſches. Kühe und Bauernpferde hatten jetzt ihre Stallung, wo einſt die Außenwerke des Schloſſes geweſen. Land⸗ wirthſchaftliche Geräthe lagen allenthalben zerſtreut um⸗ her, überall fiel das Auge auf Vernachläſſigung und Verfall, die Gartenmauer war an manchen Stellen ein⸗ geſtürzt, und das Vieh zog nach Willkür unter den zer⸗ riſſenen Obſtbäumen und zerfallenen Terraſſen umher, während, gleichſam um der Scene einen noch traurigern Anblick zu gewähren, der Boden auf eine beträchtliche Strecke im Umkreis gepflügt worden war, ohne daß man ihn hernach wieder als Wieswachs anlegte, ſo daß jetzt auf der gefurchten Oberfläche ſchädliches Unkraut und üppige Diſteln wucherten, und aus der feuchten, ſchwam⸗ migen Erde giftige Duͤnſte aufſtiegen und die Luft ver⸗ peſteten. Wenn Außen Alles traurig und betrübt ausſah, ſo nahm ſich das Innere nicht viel beſſer aus. Eine ge⸗ räumige, gepflaſterte Halle öffnete ſich auf zwei lange, ſchlecht beleuchtete Corridors, in die ſich eine Anzahl kleiner Wohnzimmer mündete. Viele von dieſen waren 30 alles Geräthes beraubt; in den andern ſchienen die we⸗ nigen Ueberreſte ihre Erhaltung mehr ihrer Werthloſig⸗ keit als irgend einer andern Eigenſchaft zu verdanken. Zerbrochene Spiegel— verſtümmelte, durch irgend eine plumpe Hand wieder ausgebeſſerte Stühle— zerriſſene, geflickte Teppiche, und hie und da eine eingerahmte Lein⸗ wand, ſo von Schmutz entſtellt, daß kein Auge unter⸗ ſcheiden konnte, ob ſie ein Gemälde oder eine Tapete vorſtellen ſollte— dieß waren die einzigen Gegenſtände, die man dort finden konnte. Dieſe Gemächer zeigten wenig oder keine Spur von Bewohnung; in der That war ſeit vielen Jahren ſelten ein Fuß über ihre Schwelle gekommen. Ein großes viereckiges Zimmer in einem der Thürme, von etlichen vierzig Fuß im Durch⸗ ſchnitt, war der gewöhnliche Aufenthaltsort der Familie, und diente als Geſellſchafts⸗ ſowie auch als Speiſezim⸗ mer. Dieß hatte ein etwas beſſeres Ausſehen; hier wa⸗ ren alle Hausgeräthe beiſammen, die den Zwecken der Gemächlichkeit oder Brauchbarkeit nur einigermaßen ent⸗ ſprachen; und hier fand man altmodiſche Sofas, tiefe Armſtühle, ſchmucke, mißgeſtaltete Tiſche gleich Tauſend⸗ füßen, und wohlgefütterte alte Fußſchemmel, die ehrwür⸗ digen Werke längſtvergeſſener Großmütter. Ein unge⸗ heurer Ofenſchirm, bedeckt mit einem bunten Gemiſch von Zeichnungen und Zerrbildern, trennte die um die Feuerſtelle ſitzende Gruppe vom übrigen Theile des Zim⸗ mers, und dieſer trauliche Kreis iſt es, in den wir jetzt unſern Leſer einführen wollen. In dem großen Armſtuhl, rechts von der umfang⸗ reichen Feuerſtelle, ſaß ein kräftiger alter Mann, deſſen Haar, weiß wie Schnee, in langen, wallenden Maſſen zu beiden Seiten des Kopfes hinabfiel. Seine Stirne, breit und maſſiv, thronte über zwei dunklen, durchdrin⸗ genden Augen, die nicht einmal das hohe Alter ihres Glanzes beraubt hatte. Seine übrigen Geſichtszüge wa⸗ ren mehr durch eine ſorgloſe, unverholene Sinnlichkeit, als durch irgend einen andern Charakter bezeichnet, außer 31 daß ſich um den Mund ein ſtarker Ausdruck von Feſtig⸗ keit vorfand. Sein Anzug war ein ſeltſames Gemiſche aus den Koſtümen eines Gentleman und eines Bauern. 4 Sein abgetragener, fadenſcheiniger Rock zeigte in Schnitt und Fagon Spuren von beſſeren Tagen: auch an ſeiner Weſte war längs des Randes der Schlapptaſchen ein Stückchen von beſchmutzter Stickerei ſichtbar; aber die groben, kurzen Baumwollhoſen und die dicken, um die Beine ſchlotternden Strümpfe von grauer Schafwolle waren nicht beſſer als diejenigen, die von den ärmern Pächtern der Nachbarſchaft getragen wurden. hagere, dünnbeinige Figur, mit grauen Augen und vor⸗ ſtehenden Backenknochen, die bewieſen, daß er einem an⸗ dern Stamm angehörte, als der betagte Häuptling. Ein Ausdruck durchdringenden Scharfſinns bezeichnete jeden Zug ſeines Geſichtes und ſchien um die Winkel ſeines Mundes concentrirt, wo ſich eine Reihe von Falten unter einander kreuzte und vermiſchte, Zeichen eines ſarkaſtiſchen Geiſtes, den der Beſitzer ohne den geringſten Zwang ſpielen ließ. Sein ſteifes graues Haar war von ſeinen knöchernen Schläfen ſorgfältig zurückgekämmt und hinten in einen kurzen Zopf befeſtigt, ſo daß ſein war Sir Archibald M'Nab, der Bruder von O'Do⸗ 32 noghue's verſtorbener Frau; denn wir haben noch zu bemerken, daß der alte Mann ſeit mehreren Jahren verwittwet war. Gewiſſe Umſtände von zweifelhafter, geheimnißvoller Natur hatten ihn vor vielen Jahren veranlaßt, ſeine Heimat, Schottland, zu verlaſſen, und ſeitdem hatte er ſeine Wohnung bei ſeinem Schwager aufgeſchlagen, deſſen zurückgezogene Lebensweiſe und ein⸗ ſamer Wohnſitz die ſicherſte Gewähr gegen ſeine Ent⸗ deckung darbot. Er muß faſt in gleich hohem Alter mit O'Donoghue geſtanden ſeyn; aber die Energie ſeines Charakters, die Leichtigkeit eine Körpers und die Ge⸗ wohnheiten ſeines Lebens, Alles keug dazu bei, ihn viel jünger erſcheinen zu laſſen. 4 Nie gab es zwei unähnlichere Naturen. Der Eine rückſichtslos⸗ verſchwenderiſch, unvorſichtig; der Andere vorſichtig, ſparſam, voll Bedachtſamkeit. O'Donoghue war freimüthig und offenherzig— ſeine Meinungen leicht zu erkennen— ſeine Entſchlüſſe haſtig gebildet. MNab war verſchloſſen und geheimnißvoll, Alles ſorg⸗ fältig erwägend, bevor er zu einem Entſchluß kam, und alsdann wenig geneigt, ſeine Anſichten mitzutheilen. In einem einzigen Punkte beſtand zwiſchen beiden einige Aehnlichkeit— Stolz auf Ahnen und Geburt beſaßen beide gemeinſchaftlich; aber dieſer Zug weit entfernt, die andern Widerſprüche ihre Naturen mit ein⸗ ander auszuſöhnen, hielt ſie noch weiter aus einander und fügte der paſſiven Entfremdung ſchlecht zuſammen⸗ paſſender Gefährten ein Element aktiver Zwietracht bei. Neben dem Feuer auf einem niedrigen Stuhle ſaß ein Junge von fünfzehn bis ſechszehn Jahren, eifrig damit beſchäftigt, beim flackernden Licht des Holzfeuers die Seiten eines alten Buches zu entziffern, in das er gänzlich vertieft ſchien. Das flammen Tannenholz, wenn es ſeinen röthlichen Glanz über das Zimmer warf, zeigte die ſchöne Stirne des Jünglings, und das lichtbraune Haar, das in reichen Locken darüber herab⸗ hing; während ſein Geſicht eine auffallende Aehnlichkeit 33 mit dem des alten Mannes hatte, glich der milde Aus⸗ druck deſſelben— zum Theil das Reſultat der Jugend, zum Theil der von ſeiner gegenwärtigen Beſchäftigung mitgetheilte Charakter— weder dem ſeines Vaters, noch dem ſeines Bruders; denn Herbert O'Donoghue war der jüngere Sohn des Hauſes und, wie man ſagte, ſowohl im Aeußern wie im Innern ſeiner Mutter ähnlich. 4 In einiger Entfernung vom Feuer, mit einer halb zuverſichtlichen, halb gezwungenen Miene, ſaß ein Mann von etwa fünf und dra ahren, deſſen Anzug, be⸗ ſtehend in einem g Rock, in kurzen Hoſen und Stulpſtiefeln, ſogleich den Jockey vermuthen ließ, eine Vermuthung, die durch den aus Zutraulichkeit und Ver⸗ ſchmitztheit gemiſchten Blick vollkommen beſtärkt wurde. Dieß war zu damaliger Zeit eine im Süden Irlands wohl bekannte Perſon. Sein Name war Lanty Lawler. Die Pferde⸗Liebhaberei des Adels— ſeine bereitwillige Herablaſſung— die Vortheile eines ſtets mit Baar⸗ ſchaft verſehenen Käufers, ſo oft ein Stall„geſäubert“⸗ werden ſollte, gab dem Roßhändler ziemlich freien Zu⸗ tritt unter einer Klaſſe, wo ihn weder ſeine Sitten noch ſein Stand empfehlen konnten. Aber ganz abge⸗ ſehen von dieſen Eigenſchaften, hielt man in entlegenen, unbeſuchten Gegenden, wie die von uns beſchriebene war, ein großes Stück auf Lanty, da er über alles, was vorging, ſehr unterrichtet war. Er wußte immer das Neueſte aus der Hauptſtadt— kannte den Haar⸗ ſchnitt und die übrige Toilette— die von den ton⸗ angebenden Ladies getragenen Farben, ſowie die neueſten Gerüchte von einer beabſichtigten Veränderung— er war eingeweiht in das politiſche Partei⸗Geſchwätz— über den wahrſcheinlichen Gang der Ereigniſſe in und⸗ außer dem Parlament konnte er eine Vermuthung wa⸗ gen, mit ziemlicher Ausſicht, daß ſie eintreffen werde. Mit den Preiſen landwirthſchaftlicher Produkte, mit dem Lever, O'Donoghue. I. 3 7 Steigen und Fallen derſelben war er gründlich bekannt, und beſaß außerdem einen ungeheuern Vorrath von Geſchichten und Anekdötchen über alle möglichen Gegen⸗ ſtände, bei deſſen Auskramung er ſich mit dem feinſten Takt nach den Neigungen und dem Charakter ſeiner Geſellſchaft richtete, ſo daß der einen Hälfte ſeiner Be⸗ kanntſchaft die Gaben, wodurch er ſich bei der andern beliebt und berühmt zu machen wußte, gänzlich unbe⸗ kannt waren. Ein herumſchweiſendes Vagabunden⸗Leben gab ihm einen gewiſſen freien und leichten Ton, der bei den meiſten ſeiner Geſellſchafter viel dazu beitrug, ihn be⸗ liebt zu machen; aber er wußte wohl, wann er den⸗ ſelben abzulegen und welchen Grad von Ehrerbietung er in ſeiner jeweiligen Geſellſchaft anzunehmen hatte. Wenn er ſich O'Donoghue ſelbſt gegenuber vollkommen in ſeinem esse gefühlt hätte, ſo legte ihm die Anweſen⸗ heit Sir Archy's und deſſen ſtilles, feierliches Weſen einen unangenehmen Hemmſchuh an und miſchte in ſeine Zwangloſigkeit einen nichts weniger als behag⸗ lichen Grad von Zurückhaltung. Er war jedoch nicht ohne einen gewiſſen Zweck gekommen, und ein glück⸗ licher Erfolg hätte ihn für jede vorübergehende Unbe⸗ quemlichkeit reichlich entſchädigt; mit dieſem Gedanken tröſtete er ſich, als er etwa zehn Minuten vorher in's Zimmer trat. „Sie wollen alſo mit⸗Mark ſprechen,“ ſagte O'Do⸗ noghue zu Lanty.„Das Gelüſte nach ſeinem Grau⸗ ſchimmel läßt Ihnen gewiß keine Ruhe.“ „Ja wohl, Sir, das läßt ſich nicht läugnen. Ich will ihm die vierzig Pfund dafür geben, ſo feſt ich auch überzeugt bin, daß er das Geld nicht werth iſt; aber wenn ich einmal Luſt oder Verlangen nach einem Thier habe, ſo hilft Alles nichts— ich muß es kaufen— das iſt die Sache!“ „Schon recht; aber ich glaube nicht, daß er es 35 Ihnen jetzt gibt; er hat es ſo ruhig, ſo zahm gemacht, daß ich zweifle, ob er ſich davon trennen mag.“ „Ein zahmes paßt eben nicht fuͤr ihn; gew ß, er wird es bald ſatt haben, wenn es nicht wie toll ſich bäumt oder ausechlägt! Er iſt ein trefflicher Reiter, Gott ſegne ihn! Ich habe jetzt einen Rappen— das wäre ein Thier für ihn; er ſtammt aus dem famoſen Mooney Geſtüt und ſetzt über eine ſechs Fuß hohe Mauer mit vierzehn Stein auf dem Rücken, und außer einer kleinwinzigen Spur von Steingalle an der Kniekehle, ſind Sie nicht im Stand, einen fehlerhaften Fleck am Thier 33 entdecken.“ „Gerade jetzt iſt er nicht ſehr aufgelegt zum Ein⸗ kauf,“ verſetzte O'Donoghue mit einer Stimme, der eine plötzlich erwachte Erinnerung einen Ton bedeuten⸗ der Niedergeſchlagenheit mittheilte. „Oh, einen Tauſch könnten wir ſchon machen,“ er⸗ wiederte Lanty, entſchloſſen, ſich nicht ſo leicht abfertigen zu laſſen; und als keine Antwort kommen wollte, fugte er nach einer langen Pauſe hinzu:„Und habe ich nicht auch einen eleganten Pony für Mr. Herbert da? einen Apfelſchimmel— mit glänzendem Haar, weißer Mähne und gleichfarbigem Schwanz. Wenn er der Prinz von Wales wäre, ſo dürfie er ihn reiten. Er läuft wie ein Wettrenner— hat man mir geſagt, denn ich habe ihn erſt wenige Tage; und es kann nicht fehlen, bei jedem Grafſchafts⸗Rennen müſſen Sie damit gewinnen. Der Jungling blickte von ſeinem Buch auf und lauſchte mit leuchtenden Augen und lebhaften Zügen der Beſchreibung, die für einen Menſchen von ſeiner Erziehung keine geringe Anzi hungskraft beſaß. „Es bleiht dabei, morgen laſſe ich ihn holen, und dann können Sie ihn probiren,“ ſagte Lanty gleichſam als Antwort auf den Blick, womit der Knabe ihn anſah. „Das könnt Ihr bleiben laſſen,“ fiel M'Nab ein. / 3* — — 36 „Behaltet Ihr Eure Schurkereien und Spitzbübereien für die alte Generation, die Ihr zu Grunde richten halfet; die Jungen aber könnt Ihr verſchonen; ſie haben an andere Dinge zu denken, als an Würfelſpiel und Wettrennen.“ Sei es, daß O'Donoghue die ſcharf auf ihn ge⸗ münzte Anſpielung verſtand oder ärgerlich darüber war, daß ein Anderer ſich die väterliche Autorität über ſeinen Sohn anmaßen wollte, oder daß beide Urſachen zuſammen wirkten, kurz er warf einen zornigen Blick auf Sir Archy und ſagte— „Und warum ſollte der Junge nicht reiten? gab es einen Einzigen ſeines Namens oder aus ſeiner Fa⸗ milie, der nicht verſtanden haͤtte, über ein Feld zu jagen? Ich möchte nicht, daß ein Hochländer Krämer aus ihm würde.“ 3„Er könnte noch etwas ſchlimmeres werden,“ ver⸗ ſetzte M'Nab feierlich,„vielleicht ein iriſcher Bettler.“ „Bei meiner Seele, Sir,“ fiel O'Donoghue ein; aber zum Glück wurde die Rede unterbrochen; denn im gleichen Augenblick öffnete ſich die Thüre, und herein trat Mark O'Donoghue, mit Koth bedeckt und ſichtlich erſchöpft. „Ha, Mark,“ rief der alte Mann, mit leuchtenden Augen ſeinen Lieblings⸗Sohn ſetrachtend—„Gute Beute, mein Junge?“ „Armſelig genug; fünf Paar in zwei Tagen, und zwei Haſen— das will nicht viel heißen. Ah, Lanty— Sie da; wie geht’s?“ „Paſſabel, wie's ſo kommt, Mr. Mark,“ erwiederte der Roßkamm, einen Grad von Ehrerbietung heuchelnd, den er nicht für nöthig gehalten haben würde, wären ſie allein geweſen.„Es freut mich, Sie wieder hier zu ſehen.“ 3 Nun— was für alte, lahme Teufel haben Sie „ uns wieder gebracht? Burſche, wie Sie, verderben die Zucht des ganzen Landes. Wo ein gutes Pferd zu fin⸗ 37 den, da nehmen Sie's fort, und überſchwemmen das Land mit Spathbehafteten, windgalligen Thieren, die nicht einmal für den Hundeſtall taugen.“ „So iſt's, Mark— laß ihn die Sporen fühlen, mein Junge,“ rief der alte Mann vergnügt aus. „Ich weiß recht wohl, worauf Sie aus ſind,“ fuhr der Jüngling fort, ermuthigt durch dieſe Zeichen des Beifalls,„Sie möchten gerne meinen Schimmel. Sie wiſſen irgend einen feinen engliſchen Offtzier, der bereit iſt, Ihnen hundert und fünfzig, vielleicht auch zweihun⸗ dert Guineen dafür zu geben, ſobald Sie ihn hinuüber nach England bringen.“ „Nein, weiß Gott nicht——„ „Das iſt Ihr Gewerbe. Nichts zu ſchlecht für uns, nichts zu gut für Sie.“ „Sehen Sie, Mr. Mark, ich will nie—— „Schon recht, Lanty, nur noch Ein Wort; lieber jage ich ihm in dieſer Minute noch eine Kugel durch den Kopf, als daß ich ihn für eure zierlichen engliſchen Herrchen hergebe.“ „Wollen Sie mich denn gar nicht zu Wort kom⸗ men laſſen?“ fiel der Roßhändler in halb flehendem, halb verbittendem Tone ein.„Wenn ich das Thier kaufe— und wenn ich dieß nicht thue, ſo geſchieht es nicht aus Mangel an einem anſtändigen Gebote— ſo ſoll mich der Teufel holen, wenn es ſeinen Fuß auf engliſchen Boden ſetzt. Es iſt für Jemand hier in der Nachbarſchaft; aber mehr ſage ich nicht, das iſt genug.“ Mit dieſen Worten zog er aus der Bruſttaſche ſeines Rockes eine ſchmutzige, ſchwarzlederne Brieftaſche, öffnete ſie und nahm eine dicke, mit einem Stück Bindfaden umpickelte Rolle von Banknoten heraus—„So— hier in dieſem Bündel ſind ſechzig Pfund— wenigſtens hoffe ich dieß, denn ich habe noch nie nachgezählt, ſeit⸗ dem ich ſie eingenommen— nehmen Sie's für das Pferd, oder laſſen Sie's— ganz nach Belieben; und ich will nie mehr Glück mit einem Thier haben, wenn in der Grafſchaft ein Gentleman iſt, der Ihnen das gleiche Geld dafür gibt.“ Hier ſenkte er ſeine Stimme bis zu einem Flüſtern hinab und fügte hinzu:„Gewiß,⸗ der flinke Wallach iſt unter Brüdern mit zehn Pfund bezahlt“ „Was!“ rief der Jüngling, indem ſeine Augen⸗ braunen ſich vor Zorn zuſammen zogen und ihm das Blut in's Geſicht ſtieg. „Nun, nun— das hat nichts zu bedeuten, das wäre nur mein Gebot; und wenn ich eine Zehnpfund⸗ Note dafür biete, ſo iſt das Alles, was ich im Leben habe; ich bin nicht zu einem ſo ſchönen Gut und Eigen⸗ thum geboren, wie Sie.“ Dieſe Worte, in einem für die Uebrigen unver⸗ nehmlichen Tone geſprochen, ſchienen den Zorn des jungen Mannes zu beſänftigen, denn er ſtreckte, obgleich noch etwas verdrieß ich, ſeine Hand aus, nahm das Bündel und breitete es vor ſich auf dem Tiſch aus. „Ein trockener Handel, heißt es, war noch nie ein glücklicher, Lanty— nicht wahr?“ ſprach O'Donoghue, indem er eine kleine Handglocke ergriff und eine Portion laret beſtellte, ſowie auch die gewöhnlicheren Elemente zu einem Punſch, im Fall der Roßhändler, wie wahr⸗ ſcheinlich war, dieſes Getränke vorziehen ſollte. „Dieſe Noten ſcheinen ſchon etwas mitgemacht zu haben,“ murmelte Mark:„hier iſt ein zerlumpter Fetzen; man kann nicht herausbringen, ob er zwei oder zehn gilt.“ „Sie ſind ſchon durch manche Hände gegangen, ſonder Zweifel,“ verſetzte Lanty,„die Lehnsleute haben ſie ausbezahlt; und Sie wiſſen ja ſelbſt, wie lange ſie an einer Note herumfingern und drücken, bevor ſie ſich davon trennen. Man ſollte meinen, ſie wollten Ab⸗ ſchied davon nehmen. Mancher kann kein Wort leſen und ſagt Ihnen doch den Werth einer Note, bloß dem Griff nach!— Ich danke, Sir, ich halte es mit dem Schnaps— den bin ich am meiſten gewöhnt.“ 4 39 „Von wem haben Sie die Noten eingenommen, Lanty?“ fragte O'Donoghue. „Von Malachi Glynn, Sir, von Cahernavorra, und da fällt mir ein, wie herzlich ich in dieſem Hauſe ein⸗ mal lachen mußte.“ „Was war es?“ fragte der alte Mann, denn er ſah an Lanty's Blinzeln mit den Augen, daß eine Ge⸗ ſchichte unterwegs war. „Nun, Sir, das ging ſo zu. Im letzten Jahre kurz nach Weihnachten kam Mr. Malachi die Luſt an, für vier oder ſechs Wochen nach Dublin zu gehen und die jungen Ladies mitzunehmen, nur um ſie gelegentlich zu zeigen: denn Sie wiſſen, in hieſiger Gegend laſſen ſich keine Geſchäfte machen; und er dachte, er wolle ſie mitnehmen und ſehen, was dort zu machen ſei. Hu! aber das iſt eine Waare, die ſchwer an Mann zu brin⸗ gen iſt! auch wird ſie nicht eben beſſer, wenn man ſie lange aufhebt. Da es aber dort Viſiten und Geſell⸗ ſchaften und Bälle gab, hoffte er doch ein Paar los zu werden. Nun, der Plan war gar nicht ſo übel, wenn es nicht an Geld fehlte: aber da war beim Teufel weit und breit kein Heller aufzutreiben, außer ſiebzig Pfund, die ich für die zwei Wagenpferde gab und für die Jähr⸗ linge, die draußen auf dem Felde waren, und damit war freilich nicht auszureichen. Er bohrte die Pächter für den November an, aber was half's, ob er gleich für zehn Schilling eine Quittung von einem vollen Pfund anbot?— Da fiel ihm plötzlich ein glücklicher Gedanke ein. Fürwahr, Sie dürfen es auch einen großen Gedanken nennen. Er ging vor der Thüre auf und ab, nachdenkend und nachſinnend, wie das Geld aufzutreiben ſei, als er auf dem Raſen vor ſich die Schafe weiden ſah— nicht daß er eines davon hätte verkaufen können, denn ſeit einem Jahre trugen ſie das Zeichen der Verpfändung.„Fürwahr,“ ſagte er, ‚wenn ein Menſch ſchiecht bei Kaſſe iſt, ſo ſieht er ſich oft genöthigt, einen fadenſcheinigen Rock zu tragen und in 40⁰ Winterszeit in lichtem Kleid zu gehen. Nun iſt es doch wahr; Schafe ſind nicht beſſer als Chriſten; und bei Gott,“ ſprach er, ‚ich will euch euer Vließ nehmen, wäre auch das Wetter noch zweimal ſo kalt.: Geſagt, gethan. Noch am gleichen Abend wurden ſie in den Hof getrieben, und, ſo wahr Sie da ſitzen, drei Tage nach Weihnachten ihrer Wolle beraubt. Huh! aber es war ein jammervoller Anblick, wie ſie auf dem ſchnee⸗ bedeckten Boden ſchauerten und zitterten. Auch bekam es ihnen übel; denn drei ſtarben ſchon in der erſten Nacht. Als er ſah, was daraus entſtand, ließ er ſie alle wieder eintreiben, und nun ſuchte man alle alten Tücher und Lumpen im ganzen Hauſe zuſammen, und putzte ſie aus, wenigſtens diejenigen, die am ſchlimmſten daran waren. Noch nie hat man eine Heerde von ſol⸗ chen Geſchöpfen geſehen. Das eine hatte einen alten Unterrock an, das andere eine Flanell⸗Weſte; manche mußten mit einer Halsbinde oder ein Paar Gamaſchen vorlieb nehmen; der Widder aber zeichnete ſich vor allen aus, denn er trug ein Paar Baumwoll⸗Hoſen und einen alten Spenzer von dem Herrn; ich will auf der Stelle ſterben, wenn ich mich nicht in voller Lange am Boden wälzte, als ich ihn ſah.“ Einige Minuten bevor Lanty ſeine Geſchichte aus⸗ erzählt hatte, brach die ganze Geſellſchaft in ſchallendes Gelächter aus, ſogar Sir Archy ließ ſich zu einem gra⸗ vitätiſchen Lächt herab, als er, die Geſchichte in einem verſchiedenen betrachtend, vor ſich hinmurmelte— „Sie ſind ſich doch alle gleich— lauter Taugenichtſe, rückſichtsloſe Teufel.“ Die Anekdote hatte indeſſen wenigſtens Eine gute Wirkung— die Geſellſchaft war ſogleich wieder in gute Laune verſetzt— der Handel wurde endlich abgeſchloſſen, und Lanty war ſo glücklich, durch geſchickte Schmeiche⸗ leien noch fünf Pfund unter dem Titel Glücks⸗Pfennig abzuzwacken— eine Bedingung, gegen die MNab ſo⸗ gleich würde Einſpruch erhoben haben, wenn er ſich nicht 41 aus ganz beſonderen Gründen vorgenommen hätte zu ſchweigen. 55 Die Geſellſchaft trennte ſich bald darauf um zu Bette zu gehen, und als Lanty das gewöhnlich für ihn beſtimmte Zimmer aufſuchte, wünſchte er ſich murmelnd Glück zu ſeinem Handel. Schon hatte er faſt das Ende des langen Corridors, wo ſeine Kammer lag erreicht, als eine Thüre vorſichtig geöffnet wurde, und Sir Archy, in einem Schlafrock und eine Kerze in der Hand, vor ihm ſtand. „Auf ein Wort, Mr. Lawler,“ ſprach er in leiſem, trockenem Tone, der dem Roßhändler nur halbwegs ge⸗ fiel.„Auf ein Wort, bevor Ihr zu Bette geht.“ Lanty folgte dem alten Manne mit einer Miene erheuchelter Sorgloſigkeit, an deren Stelle jedoch bald Erſtaunen trat, als er das Zimmer betrachtete, das allen andern in jenem düſteren Hauſe ſo unähnlich war. Die Wände waren mit reich beladenen Büchergeſtellen be⸗ deckt; Karten und Zeichnungen lagen zerſtreut auf den Tiſchen umher; ein eichener Schrank von großer Schön⸗ heit in Bezug auf Form und Schnitzwerk füllte eine weite Vertiefung neben dem Kamin aus; über der Feuer⸗ ſtelle hingen ein Schwert von ächtem Hochländer Ur⸗ ſprung und ein Paar mit Silber beſchlagene Piſtolen gleich einer Trophäe; über dieſen eine flache Hochländer Mütze mit einer dünnen, ſchwarzen Adlerfeder. Sir Archy ſchien am Erſtaunen ſeines Gaſtes ſich zu weiden und machte einige Minuten lang keinen Ver⸗ ſuch, das Stillſchweigen zu unterbrechen. Endlich ſagte er— „Ihr habt von einem kleinen Pony für den Junker maſdrocher, Mr. Lawler— darf ich Euch um den Preis ragen?“ Dieſe Worte wirkten gleich einem Talisman— Lanty hatte in einem Augenblick ſich ſelbſt wieder gefun⸗ den. Schon allein die Erwähnung von Pferdefleiſch erweckte in ihm das Gedränge ſeiner täglichen Ideen und mit 42² ſeiner eigenthümlichen Beweglichkeit begann er, nicht die Frage zu beantworten, ſondern die mancherlei Tugenden und Vollkommenheiten des„charmanteſten Thieres, das je auf vier Füßen geſtanden“ aufzuzählen. 4 Sir Archy wartete geduldig, bis die beredte Lob⸗ preiſung vorüber war, und wiederholte dann trocken ſeine erſte Frage. „Was der Preis iſt?“ erwiederte Lanty, der durch Wiederholung der Frage Zeit gewinnen wollte, um zu erwägen, in wie fern die Umſtände ihm geſtatten würden, ſich auf einen Handel einzulaſſen. Nach dem Preis fragen Sie mich, Sir Archibald? Ich verſichere Sie: in ganz Kerry iſt Niemand, der Ih⸗ nen ſagen könnte, welcher Preis darauf ſteht. Mit Gold iſt das Thier nicht zu bezahlen, wenn man auf ſeinen Werth ſieht. Sehen Sie, es iſt keine vierzehn Hand hoch, aber ich will nicht mehr aus dieſer Stube gehen, wenn es mich nicht— ja, mich ſelbſt hier, der ich über zwölf Stein wiege— über jeden Zaun zwiſchen hier und Inchigenla trägt.“ „Ich habe nicht gefragt, ob oder wie es Euch tra⸗ gen kann,“ ſprach der alte Mann in rauherem Tone als zuvor. „Nun gut, für Mr. Herbert iſt es gewiß das beſte Thier——“ 8 „Was verlangt Ihr dafür?— Könnt Ihr keine Antwort auf eine beſtimmte Frage geben? wiederholte Sir Archy mit einer Stimme, über die man ſich nicht täuſchen konnte. „Zwanzig Guineen alſo,“ erwiederte Lanty in tro⸗ tzigem Tone;„und wenn Sie mir eben ſo viele Pfund anbieten, ſo wird nichts daraus.“ „Sir Archy gab keine Antwort; er wendete ſich nach dem alten Schrank, ſchloß eine der kleinen Thüren auf und holte einen langen, ledernen,⸗ ſeltſam mit Silber geſtickten Beutel hervor; aus dieſem nahm er zehn Gui⸗ 43³3 neen in Gold und legte ſie gemäͤchlich auf den Tiſch. Der Roßhändler beängelte ſie von der Seite, aber ohne das geringſte Zeichen, als ob er ſie geſehen. „Ich habe nicht im Sinne, Euer Thier zu kaufen, Mr. Lawler,“ ſagte der alte Mann langſam;„ich wollte nur Euer Menſchen⸗ und Rechtsgefühl erkaufen. Zwan⸗ zig Guineen ſagt Ihr, iſt der Pony werth?“ „So war ich hier ſtehe. Ich möchte nicht——“ „Schon aut, ſchon gut, ich bin zufrieden. Da iſt die Hälfte des Geldes; nehmt es hin, aber laßt nirgends ein Wort davon verlauten; nehmt das Thier mit fort; verkauft's oder ſchießt es todt, macht damit, was Ihr wollt; aber merkt's Euch, Mann“— hier wurde ſeine Stimme voll, ſtark und gebieteriſch—„hütet Euch, daß Ihr Euch nichts mit dieſem braven Jungen, Herbert, zu ſchaffen macht. Setzt ihm keine hochfahrenden Hunds⸗ und Pferdegedanken in den Kopf. Laſſet wenigſtens Ei⸗ nen im Hauſe ſeyn mit einer beſſeren Seele, als ein Küchenjunge oder Stallknecht hat. Ihr habt des Bö⸗ ſen genug hier geſtiftet; den Knaben, hoff’ ich, könnt Ihr verſchonen: da, Sir, nehmt Euer Geld.“ Ein Paar Sekunden lang ſchien Lanty unentſchloſ⸗ ſen, ob er einen ſo erniedrigenden Vorſchlag verwerfen oder annehmen ſolle; und als er endlich einwilligte, that er es mehr aus Furcht vor den Folgen ſeiner Weigerung, als aus Zufriedenheit mit dem Handel. „Ich fürchte, Sir Archibald,“ ſagte er halb ängſt⸗ lich,„ich fürchte, Sie verſtehen mich nicht recht.“ „Ich fürchte, ich verſtehe Euch,“ verſetzte der alte Mann mit einem bittern Lächeln auf ſeiner Lippe:„aber es iſt beſſer, wir machen uns gegenſeitig verſtändlich. Gute Nacht.“ „Nun, gute Nacht, wenn es ſeyn muß,“ ſagte Lanty mit einem leichten Seufzer, indem er das Geld in die Taſche ſchob und das Zimmer verließ. „Ich habe den Schurken wohlfeil erkauft!“ mur⸗ melte Sir Archy, indem ſich die Thüre ſchloß⸗ 44 „Bei Gott, ich hätte ihn für noch einmal ſo pfiffig gehalten!“ war Lanty's Betrachtung, als er in ſeine Kammer ging. Viertes Kapitel. Kerry O'Leary. Lanty Lawler war zuerſt im Hauſe munter. Die ſpäte Sitzung des vergangenen Abends, und das reich⸗ liche Getränke, das er zu ſich genommen, ließen an ſei⸗ nem daran gewöhnten Körper nur wenig Spuren von Müdigkeit zurück. In jenen Tagen wurden ſelten ein Vertrag abgeſchloſſen ohne die Feierlichkeit eines Trink⸗ gelages, und die Lebensweiſe der Familie O'Donoghue war keine der enthaltſamſten. Es war alſo noch Alles ſtill und ſtumm, als der Roßhändler die Treppe hinab⸗ ſtieg und den Weg nach dem Stalle einſchlug, wo er die Nacht zuvor ſeinen Klepper eingeſtellt hatte. Es war Lanty's Abſicht, von ſeinem neuen Eigen⸗ thum Beſitz zu ergreifen und ſich auf den Weg zu machen, bevor die Andern aufſtunden; zu dieſem Zwecke nahm er ſeinen Weg durch den verunkrauteten Garten nach dem weiten, traurigen Hofraum des Gebäudes. Wäre er zu moraliſchen Betrachtungen geneigt ge⸗ weſen— allerdings eine Beſchäftigung, womit er ſich wenig abgab— ſo hätte es ihm nicht an Gelegenheit dazu gefehlt, als er allenthalben die Ueberbleibſel lang vergangener Größe und die Zeichen gegenwärtigen Ver⸗ falls betrachtete. Schön proportionirte Säulen mit Blumenkränzen verſahen die Stelle von Thorpfeilern. Reiches Schnitzwerk und Wappenbilder fanden ſich auf den Steinen, die dazu dienten, die Lücken in den Man⸗ ern auszubeſſern. Bruchſtücke von Inſchriften und halb verwiſchte Jahreszahlen erſchienen mitten unter bemooſten Ruinen; ſelbſt die Stallthuͤre war ein Portal geweſen 45 von ſchwarzer Eiche, mit großen Nägeln beſchlagen, bei ſeiner urſprünglichen Stärke noch wohl erhalten, wenn auch das Mauerwerk zuſammenbrach und zerfiel. Lanty ging an dieſen Dingen mit vollkommener Gleichgültig⸗ keit vorüber. Ihre Stimme erweckte kein Echo in ſeiner Bruſt; und wenn er auch Notiz davon nahm, ſo ge⸗ ſchah es mehr, um irgend eine ſpöttiſche Anſpielung auf ihren verfallenen Zuſtand zu machen, als mit einem Gefühle der Ehrfurcht vor dem, was ſie einſt geweſen. Jetzt aber erſchreckte ihn das tiefe Gebell eines Hundes. Er kehrte ſich raſch um, und hart neben ihm, aber innerhalb der niedrigen Wand eines verfallenen Hundeſtalls lag ein großer Fuchshund, ſo alt und ſchwach, daß er, obgleich durch die Annäherung eines Fremden aufgeregt, ſich nicht vom Boden zu erheben vermochte, ſondern hülflos auf der Erde lag und mit aufgerichte⸗ tem Kopfe ein lang anhaltendes Geheul von ſich gab. Lanty lehnte ſich auf die Mauer und betrachtete ihn. Jetzt ſchienen die Regungen in ihm aufzutauchen, die durch andere Gegenſtäͤnde nicht in ihm erweckt werden konnten. Dieſer arme Hund, der letzte von einer einſt edlen Koppel, deren Töne ſonſt durch jedes Thal durch jede Schlucht der wilden Gebirge zu hallen pflegten, verſetzte ſein Herz in eine Rührung, der er nicht wi⸗ derſtehen konnte; er blieb ſtehen und betrachtete ihn mit unverwandten Blicken. „Armer, alter Kerl,“ ſagte er mitleidig,„es iſt doch traurig, ſo verwaiſt zu ſeyn, nachdem alle deine alten Freunde und Gefährten geſtorben und dahingegan⸗ gen. Rory, alter, kennſt du mich nicht mehr?“ Seine Stimme ſchien das Thier zu beſänftigen, denn es antwortete in tiefen, unbeſchreiblich melancho⸗ liſchen Tönen.“ „Du biſt mein alter Kerl. Wußt' ich doch, du würdeſt mich nicht vergeſſen;“ dabei buckte er ſich hinüber und ſtreichelte dem armen Thier den Kopf. „Ei guten Morgen, Mr. Lawler,“ rief eine Stimme 48 gerade über ſeinem Kopf— und im gleichen Augen⸗ blick ſtreckte ſich ein ſeltſames Geſicht durch das kleine, einſcheibige Fenſter eines Heuſchobers heraus—„Ihr ſeyd früh am Tag.“ „Ah, Kerry, wie geht’s, mein Mann? Ich habe mich hier nach Rory umgeſehen.“ „Ah, das Jammerbild!“ erwiederte der Andere mit einem Seufzer;„einſt war er anders. Ich weiß noch die Zeit, da er der Meute über das Cuhber⸗na⸗erena Gebirge voranlief, und kein Hund witterte, wie er, die Spur nach einem harten Froſt und Nordwend Ich erinnere mich nicht, daß er ſich jemals irrte. Seine Zunge war immer ſo wahrhaftig, wie die des Priſters — ich will verdammt ſeyn, wenn's erlogen iſt.“ Ein dumpfes Winſeln, in welches das arme alte Thier ausbrach, ſchien für das geſpendete Lob zu danken; und Kerry fuhr fort— „Ich ſage die reine Wahrheit; und wäre es nicht ſo geweſen, ſo würde er ſelbſt mir widerſprechen.— Hollaho! Rory— hollaho! mein alter Kerl;“ und beide, Mann und Hund, ſtimmten zuſammen ein tiefes Ge⸗ heul an. Von den alten Mauern hallte das Echo zurück, und einige Sekunden lang wogten die Töne durch die ſtille Luft des Morgens. Lanty horchte mit belebten Zügen und aufgeſperrten Augen auf Töne, die ſo oft die ſtärkſten Saiten ſeines Herzens angeregt, und dann rief er plötzlich, gleich als hätten ſeine Gedanken wieder ihre frühere Richtung ge⸗ nommen.— „Komm herab, Kerry, alter Kerry— komm herab und ſchließe mir die Stallthüre auf. Ich muß mich die⸗ ſen Morgen früh auf den Weg machen.“ Kerry O'Leary— denn ſo wurde er genannt, um ihn von Andern gleiches Namens in der anſtoßenden Graſſchaft zu unterſcheiden— erſchien alsbald unten im Hofraum. Seine Toilette war ſchnell gemacht, ſie be⸗ 47 ſtand blos aus einem Paar abgetragener kurzer Baum⸗ wollhoſen und einem alten blauen Frack mit einem ab⸗ geſchoſſenen Scharlachkragen, und dirto Aufſchlägen, den er bei gegenwartiger Gelegenheit der Bequemlichkeit hal⸗ ber am Hals zugeknöpft hatte; die Aermel ließ er, ohne die Arme hineinzuſtecken, ſchlaff an der Seite herunter⸗ hängen. Beine und Füße waren nackt, ſowie auch der Kopf, außer daß dieſer mit einem dichten Fell von ſtar⸗ ken, ſchwarzen Haaren bedeckt war, die gleich einem ſchlecht gemachten Dache zu beiden Seilen hinabfielen. Kerry zeichnete ſich eben nicht durch gutes Ausſehen aus. Seine Augenbraunen waren niedrig und beſchatte⸗ ten zwei durchdringende ſchwarze Augen, die ſo eng an einander ſtanden, daß ſie dem Beobachter einen einzigen zuſammenhängenden dunklen Strich unter der Stirne darzubieten ſchienen: eine kurze Schnupftabaksnaſe, ein weiter Mund mit dicken Lippen; und eine ſchwere, maſ⸗ ſive Kinnlade bildeten zuſammen ein Ganzes, das, wenn es ſich ruhig verhielt, wenig Merkwürdiges oder Auffal⸗ lendes darbot, aber im Zuſtand der Belebung und Auf⸗ regung die allerwunderlichſte Miſchung von tiefer Ver⸗ ſchmitzheit und Einfalt, geſpannter Neugierde und ſtum⸗ pfer Gleichgültigkeit zeigte. Seine Geſtalt war kurz, ſo daß er ſich faſt ausnahm wie ein Zwerg, und ſeine ungeheuer langen Arme trugen nicht wenig dazu bei, ſeinem Ausſehen dieſen Charakter zu geben Seine Beine waren ſtark gebogen, und ſein Gang hatte jene geſpreizte, ſchlotternde Bewegung, die ſo deutlich eine unter Pfer⸗ den und Stallknechten gewonnene Erziehung verräth. So war es wirklich; Kerry hatte ſeine Laufbahn als Jockey begonnen. Im dreizehnten Jahre machte er ein Wettrennen in Curragh mit, und gewann den erſten Preis auf dem Rücken des Blauwinds des gottloſeſten Pferdes jener Zeit in Irland. Von jener Stunde an war er eine Berühmtheit geworden, und blieb der Haupt⸗ Jokey ſeiner Zeit, bis er zum Reiten zu alt war. Vom Jockey wurde er Bereiter, der gewöhnliche Uebergang 48 vom Dickkopf zum Froſch, und als die O'Donoghues das Wettrennen mit dem Jagen vertauſchten, führte Kerry die Meute auf das Feld ihres Ruhmes. Als im Verlauf der Zeit ſein Herr in eine traurige Lage ge⸗ rieth, litt auch Kerry's Beſchäſtigung darunter; die Pferde wurden verkauft, die Hunde aufgegeben und der Hundeſtall ſiel in Trümmer. Von dem zahlreichen Ge⸗ ſinde, das einſt das Schloß füllte, waren nur wenige beibehalten worden, unter dieſen aber war Kerry. Nicht daß er brauchbar geweſen wäre, oder daß ſeine Dienſte etwas zur Gemächlichkeit oder Bequemlichkeit der Fa⸗ milie hätten beitragen können; weit entfernt, von den gewöhnlichſten Geſchäften des häuslichen Lebens verſtand er nichts, und ſelbſt wenn er ſie verſtanden hätte, ſo hätte er davor wie vor einer Erniedrigung zurückgeſchau⸗ dert. Seine ganze Geſchicklichkeit beſchränkte ſich auf den Stall, und da waren ſeine Dienſte jetzt unnöthig. Es ſchien als häͤtte man ihn mehr als eine Art Anden⸗ ken an frühere Verhältniſſe beibehalten, als zu irgend einem andern Zwecke. Es lag ein Stolz darin, einen Menſchen zu unterhalten, der den ganzen Tag nichts that, als daß er in ſeinem alten zerlumpten Jägerhabit in der Geſindeſtube und im Hofraume herum lungerte. Und auch ſo machte es einen Eindruck auf das Volk, das bei ſeinem Anblick glaubte, der alte Glanz des Hauſes könne jeden Augenblick wieder aufleben, und Kerry werde wie vor Jahren auf ſeinem Vollblut hinaus reiten, um die Thäler von Muſik erſchallen zu laſſen. Er war gleichſam eine Art Stab, nach dem man das ganze Regiment beurtheilen konnte. In dieſem Geiſte lebte, webte und ſprach er. Er ſtreifte ſtets umher und ſah ſich nach einem„hübſchen Thiere für den Herrn“ um, und nach einem„Stück von ächtem Blut für Mr. Mark;“ nicht ſelten ſchickte er einen Laufjungen zu Barry O Brien auf der Brücke, um ihn zu fragen, ob er„von einem Fuchs auf dem Revier unter der Straße“ gehört. Wirklich deuteten ſeine Vorbereitungen ſtets auf 49 eine ſchnelle Wiederaufnahme der Gewohnheiten, in denen er ſein Jugend⸗ und Mannegalter zugebracht. 2 So war die Perſon, die jetzt in dem ſchon beſchrie⸗ benen leichten Negligé mit einem großen Bund Schlüſ⸗ ſel in der Hand in den Hof herab kam und den Weg nach dem Stall einſchlug. „Ich habe die kleine Mähre in den Klepperſtall ge⸗ ſtellt, Mr. Lawler,“ ſagte er,„weil die Jagdpferde ge⸗ rade dreſſirt werden, und ich ſie nicht durch ein fremdes Thier ſtören möchte.“ „Jagdpferde dreſſirt!“ verſetzte Lanty erſtaunt.„Ei ich dachte, er habe nichts als die graue Mähre mit den ſchwarzen Beinen!“ „Nun, wenn er auch keine andern hat,“ erwiederte Kerry flink,„könnte er keine kaufen, wenn er wollte?“ „Oh, das iſt's eben,“ ſagte der Andere, vor ſich hinlachend.„Sonder Zweifel, Kerry. Mit Geld läßt ſich viel ausrichten.“ „Das verdammte, verwünſchte Geld! Aller Friede, alle Freude iſt dahin, ſeitdem ſie ſich in's Geld ver⸗ narrt. Ich erinnere mich auch der Zeit, da es hieß:, Kerry, geh hinunter und bringe das, oder hole das;“ und Kurz⸗ weil aller Art gab's Damals. Aber jetzt! wenn die Pferde Erbſenbrei eſſen und Punſch trinken könnten, ſo hätte ich es ſonſt für ſie bekommen; aber jetzt hört man nichts als Sparen, Sparen. Und doch, was hilft das Geld? Gott ſteh uns bei, wie ich Vater Luke ſagen hörte, er würde eben ſo gern etwas für fünfzehn Schil⸗ ling als fuͤr fünfzig Pfund thun, wenn er einem armen Jungen helfen könnte.“ „Was für Unſinn ſprichſt Du da, Du alter Sün⸗ der, von Sparen? Ei, Mann, ſie haben noch nicht ſo viel gewonnen, daß ſie ſich Glück dazu wünſchen könnten. Du brauchſt Dich nicht zu ärgern, Kerry. Lanty Lawler laͤßt ſich nicht ſo leicht an der Naſe herumführen. Iſt ein Acker auf dem Gute, den ſie ihr Eigenthum nen⸗ Lever, O Donoghue. I. 4 5⁰ nen können? Nein, auch wenn man jede Ruthe davon vierfach nehmen wollte, ſo könnte man damit ihre Schul⸗ den noch nicht bezahlen.“ 1 „Und wenn ſie Schulden haben,“ verſetzte Kerry unwillig,„wer hat ein beſſeres Recht dazu? ſagt mir doch das! Soll ein O'Donoghue hinter dem übrigen Adel des Landes zurückbleiben?— Bei Gott, es iſt frech von Euch, daß Ihr hieher kommt und uns ſo was ſagt.⸗ „Ich habe nichts von der Art geſagt— ich wollte nur ſagen, daß, wenn ſie gänzlich ruinirt ſind——* „Halt an] reizet mich nicht. Nehmt Euer Thier und geht in Gottes Namen!“ Mit dieſen Worten ſtieß Kerry, deſſen Geduld auf der Neige war, die Stallthüre weit auf und deutete auf die Stelle, wo Lanty's Klepper ſtand. „Bring mir die graue Mähre heraus, Mr. Kerry,“ ſagte Lanty in einem Tone unverſchämter Gleichgültig⸗ keit, den er abſichtlich angenommen hatte, um den alten Jager zum Zorn zu reizen.„Bring ſie mir hieher.“ „Und wozu ſoll ich ſie Euch bringen?“ „Vielleicht ſage ich Dir das ſpäter,“ war die Ant⸗ wort.„Jetzt thue nur, was ich ſage.“ „Der Teufel hole mich, wenn ich auf Euer Geheiß das Thier anrühre; und was noch mehr iſt, ich werde auch nicht leiden. daß Ihr einen Finger daran legt.“ „Sei ruhig, alter Narr,“ ſprach eine tiefe Stimme hinter ihm. Er kehrte ſich um, da ſtand Mark O'Do⸗ noghue ſelbſt, blaß und verſtört in Folge ſeiner nächt⸗ lichen Ausſchweifung.„Sei ruhig, ſage ich. Die Mähre iſt ſein— bringe ſie ihm.“ „Heilige Jungfrau!“ rief Kerry,„nächſtens geht die Jagd auf, und dann haben Sie nichts zu ſatteln, außer— außer——„ „Außer was?“ ſiel Lanty mit unverſchämtem Grin⸗ zen ein. Der junge Mann erröthete über die freche Frage, 51 ſprach aber einige Minuten kein Wort: endlich rief er plötzlich— 6 3 „Lanty, ich habe mich anders beſonnen; ich behalte das Thier.“ Der Roßhändler fuhr zuſammen und ſtarrte ihm voll in's Geſicht.— „Das iſt gewiß nicht Ihr Ernſt, Mr. Mark. Das Thier iſt bezahlt— der Handel abgemacht.“ „Das ſcheert mich wenig. Da haben Sie Ihr Geld wieder. Ich behalte das Thier.“ „Ei, ſo nehmen Sie doch Vernunft an. Das Thier iſt mein. Mein war es, ſobald Sie mir den Glücks⸗ pfennig einhändigten— und wenn ich es nicht laſſen will, ſo können Sie mich nicht zwingen.“* „Nicht?“ verſetzte Mark mit höhniſchem Lachen; „kann ich wirklich nicht? Wollen Sie mir ſagen, warum ich nicht kann? Wollen Sie mich verklagen? Meinen Sie Das mit Ihrer Drohung?“ „Der Teufel ſtrafe Jeden, der da ſagt, ich habe jemals dieß gemeint!“ erwiederte Lanty mit einer Miene tief verwundeten Stolzes.„Ich habe mich nie ſo tie erniedrigt, zum Geſetz meine Zuflucht zu nehmen, und doch handle ich ſchon fünfzehn Jahre mit Pferden in Munſter. Nein Mr. Mark, das iſt's nicht; aber ich will Ihnen nur die Wahrheit ſagen— das Thier iſt ſchon ſo gut wie verkauft;— da haben Sie's nun, das iſt das ganze Geheimniß.“ „Verkauft? Was meinen Sie damit?— daß Sie's verkauft hatten, bevor Sie's gekauft?“ „Allerdings,“ rief Lanty, eine gezwungene Miene ruhiger Zuverſicht annehmend, die ihm in dieſem Augen⸗ blick keineswegs eigen war.„Nichts iſt gewöhnlicher in meinem Gewerbe. Kein Einziger von uns kauft ein Feiei, uhu⸗ zu wiſſen, wo der nächſte Eigenthümer zu nden.“ „Und wollen Sie Sir,“ ſagte Mark, indem er ihn 4 ½ 5² mit feſtem Blick anſah,„wollen Sie damit ſagen, daß Sie mit Ihren Banknoten hiehergekommen, wie in eine armſelige Pächterhütte, um nach Belieben zu nehmen, wozu Sie gerade Luſt haben mochten, feſt überzeugt, die Noth werde uns zwingen, Alles zu verkaufen, was Sie zu kaufen wünſchen— wagen Sie zu ſagen, daß Sie ſo verfahren ſind, und zwar mit mir?“ Für einen Augenblick war Lanty betroffen. Er konnte kein Wort herausbringen, und ſah ſich nach allen Seiten nach Beiſtand um; allein vergeblich, es kam keiner. Kerry war der einzige unbeſchäftigte Zeuge der Scene, ſein Geſicht ſtrahlte von unausſprechlicher Freude über die Wendung, welche die Dinge genommen, er rieb ſich die Hände und konnte kaum den Wunſch unterdrücken, über die klägliche Figur ſeines Widerſachers laut auf⸗ zulachen. „Ein Wort, Mr. Mark,“ ſprach endlich Lanty im ſanfteſten Tone—„nur ein einziges Wort in's Ohr laſſen Sie mich ſagen;“ damit führte er den jungen Mann zur Stallthüͤre hinaus, flüſterte ihm einige Mi⸗ nuten mit größter Ernſthaftigkeit in's Ohr, und ſchloß mit einer Stimme, die laut genug war, um auch von Kerry verſtanden zu werden— „Nach allem dem bin ich überzeugt, daß ich nichts mehr zu ſagen brauche.“ Mark gab keine Antwort, ſondern lehnte ſich mit dem Rücken an die Wand und kreuzte die Arme über der Bruſt. „Ich will nie von hinnen gehen, wenn es nicht die reine Wahrheit iſt,“ ſagte Lanty mit einer äußerſt heftigen, leidenſchaftlichen Geberde;„und jetzt ſtelle ich Alles Ihnen ſelbſt anheim.“ „Soll er das Pferd wegnehmen?“ fragte Kerry, ängſtlich beſorgt, ſein Feind möchte den Sieg davon getragen haben. „Ja,“ war die mit tiefer, hohler Stimme gegebene 53 Antwort, wobei ſich der Sprecher umdrehte und den Stall verließ. 8* Während Lanty damit beſchäftigt war, ſeinem neuen Pferde den Sattel aufzulegen, eine Arbeit, wobei Kerry ſich nicht überwinden konnte, ihm nur den geringſten Beiſtand zu leiſten, ſchritt Mark O⸗Donoghue langſam im Hofraum auf und ab mit über einander geſchlagenen Armen, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, auch erwachte er nicht eher aus ſeiner Träumerei, als bis er den Tritt des Pferdes auf dem Pflaſter n ben ſich hörte. „Armer Kittane,“ ſagte er, plötzlich aufblickend, „du warſt mein Liebling; ich hoffe, ſie werden ſo gut gegen dich ſeyn, wie ich war; auch würden ſie beſſer da⸗ bei fahren,“ fügte er halb aufgebracht hinzu,„denn du haſt einen Tropfen celtiſchen Blutes in den Adern, und kannſt Dich rächen, wenn du eine barſche Behandlung findeſt. Sagen Sie dem neuen Eigenthümer, daß es, wenn es nicht mißhandelt wird, das ſanfteſte Thier von der Welt iſt, aber man jage es einmal in Harniſch, dann — beim Jupiter— gibt es keinen Strom im Gebirge, der ſo tolle Sprünge macht. Auch kennt es ſeinen Na⸗ men, ich hoffe, man wird ihn nicht abändern. Es wurde bei Laugh Kittane aufgezogen und darnach benannt. Sehen Sie, wie es folgt;“ damit ſprang der Jüngling dahin, ergriff die oberſte Stange einer Zaunthüre und ſchwang ſich leicht hinüber; aber kaum hatte er den Boden erreicht, als das Thier ihm nachſprang und neben ihm ſtand, den Kopf auf ſeine Schulter legend. Mark warf einen ſtolzen Blick auf die Andern und ſah ſodann das edle Thier neben ihm mit allem Stolz und aller Bewunderung eines Meiſters an, der ſeine Arbeit betrachtet. Es war in der That ein Muſter von Ebenmaß und verdiente wirklich alles ihm gezollte Lob. Ein paar Augenblicke betrachtete es der Jüngling mit blitzendem Auge und bebender Lippe, während es aufgeregt von der freien Morgenluft und von dem gemach⸗ tem Sprung mit geſchwellten Adern und zitternden Glie⸗ 54 dern dort ſtand, ebenſo thatenluſtig, wie er ſelbſt. Beide ſchienen von einem Geiſte beſeelt. So ſchien Mark es anzuſehen, als er mit einem Satz in den Sattel ſprang und mit wildem Jauchzen dahinſchoß. Mit Blitzeseile ging es fort, und in einem Augenblick waren ſie ver⸗ ſchwunden. Kerry erkletterte einen zerfallenen Thorpfei⸗ ler und ſtrengte ſeine Augen an, um ſie zu entdecken, während Lanty über den tollköpfigen Jüngling Flüche vor ſich hinmurmelte und ſich allenthalben nach einer Stelle umſchaute, von wo er das Schauſpiel mit anſe⸗ hen konnte. „Da fliegt er hin,“ jauchzte Kerry;„ſeht ihn jetzt, er kommt an den Graben voll Ginſt auf dem Gerſten⸗ feld: ſeht, ſeht! es ſieht den Zaun nicht; ſein Kopf iſt hoch in der Luft. Huhu— prächtig, beim Blitz- mit keinem Huf daran geſchlagen!— Mordjo! wie galoppirt es auf dem tiefen Grund, und wie es ausgreift! Ha, er kann es nicht halten; es geht durch.“. „Wollte der Himmel, es riße ein Steigbügel!“ mur⸗ melte Lanty. „Oh Joſeph!“ ſchrie Kerry,„das war ein Satz— zwanzig Fuß, ſo wahr ich lebe. Wo iſt er jetzt?— ich ſehe ihn nicht mehr.“ „Möchtet Ihr ihn nie mehr ſehen,“ grollte Lanty deſſen Aerger jetzt alle Schranken durchbrochen hatte,„ſo behandelt man kein Pferd, das einem Andern gehört.“ „Da fliegt er hin, der Herzensgaul; ſeht ihn auf dem Stoppelfeld; es iſt doch wahrlich zum Malen, wie er ſo behaglich dahin reitet. Hurrah, er iſt über der Mauer. Was zum Teufel iſt jetzt los? ſie ſind fort;“ und ſo war es: das Thier, das einen Augenblick zuvor ganz zahm galoppirte, hatte jetzt geſtreckte Carriere an⸗ geſchlagen. „Das Thor— Achtung auf's Thor— Mr. Mark — Donner und Wetter, Achtung auf's Thor,“ ſchrie Kerry, als ob ſein Zuruf auf eine Viertelſtunde weit hörbar geweſen wäre.„Oh, heilige Marial er iſt durch,“ und ſo war es— das wilde und jetzt erſchrockene Thier ſprang durch das zerbrechliche Gebälke und ſetzte, ohne zu halten, ſeinen Lauf fort.„Er hat das Thor in Splitter zerbrochen.“ „Der Teufel hol' mich, wenn ich nicht wünſche, es, wäre ſein Hals geweſen,“ ſagte Lanty mit unverhehltem Aerger. „Wirklich?“ rief Kerry.„So wahr ich Kerry O'Leary heiß, ſo werde ich, wenn an ſeinem Kopfe nur ein Haar gekrümmt iſt——⸗ Welche Drohung beabſichtigt war, können wir nicht ſagen! denn ſein Auge erblickte wieder ſeinen Abgott, und er ſchrie mit gellender Stimme: „Achtung auf die Schafe. Zum Guckuck mit den Schafen, die müſſen immer in den Weg kommen. Ein herrlicher Junge!— ich ſelbſt habe ihn gelehrt, eine leichte Hand zu führen. Ah, Kittane, kommſt Du end⸗ lich zur Vernunft?“ „Die Mähre iſt keine ſechs Pence werth,“ murmelte Lanty,“ „Das war mir ſo lieb, wie ein Jagdtag,“ ſagte Kerry, indem er ſich die Stirne mit den weiten Aermeln ſeines Rockes wiſchte und ſich anſchickte, von ſeiner Höhe herabzuſteigen; denn der junge Mann hatte bereits den Raſenplatz erreicht und kehrte in behaglichem Galopp nach dem Stallhof zurück. „Da!“ ſprach Mark, indem er ſich aus dem Sattel ſchwang.„da, Kittane, es iſt vielleicht zum letzten Mal, daß du einen flotten Ritt gemacht; wer weiß, für mich vielleicht auch. Es hat mit der Bruſt an dem Thore dort geſtreift Lanty; aber es hat ihm nichts gethan.“ Lanty murmelte einige unverſtändliche Worte, indem er dem Thiere einen Blutfleck von der Bruſt wiſchte, und betrachtete mit mürriſchem Blicke die keuchenden Hüften und die von Dampf und Schweiß rauchenden Seiten. „Du warſt ein prächtiges Thier,“ ſagte Kerry, in⸗ 56 ven er es von den Mähnen, bis zum Schwanze ſtrei⸗ elte. 5 „Gewiß, dieſer Riß ſchadet mir alleweg 10 Pfund,“ ſprach Lanty, auf die leichte Ritze deutend, woraus noch immer einige Blutstropfen drangen. „Alſo iſt es nichts mit dem Handel?“ fragte Mark ſtrenge indem er ſich umkehrte; denn er war bereits im Begriff fortzugehen. „Das habe ich nicht geſagt,“ war die Erwiederung. Ein paar Sekunden lang ſchien Mark ungewiß, wel⸗ che Antwort er geben ſollte; ſodann ſchien er ſeinem Zorn Gewalt anzuthun, nickte gleichgültig und ſchlenderte mit einem„Adieu, Lanty“ langſam nach dem Hauſe. „Nun, Mr. O'Leary, ſagte Lanty in einem Tone er⸗ künſtelter Höflichkeit, den die Irlaͤnder gelegentlich, wenn ſie ſich ſelbſt in Reſpekt zu ſetzen ſuchen, ſo gerne an⸗ nehmen,„darf ich Euch bemühen mir meinen Klepper herauszubringen?“ „Es macht mir Vergnügen, Mr. Lawler, aber durchaus keine Mühe, wenn ich dazu beitragen kann, Euch los zu werden,“ erwiederte Kerry, indem er fort⸗ watſchelte, um das Pferd zu holen. Lanty gab keine Antwort; vielleicht fand er die Streitkräfte ungleich— vielleicht verachtete er ſeinen Geg⸗ ner; jedenfalls wartete er geduldig, bis Kerry erſchien; darauf ſteckte er durch den Zaum jedes Pferdes einen Arm und ſtieg langſam hinab nach der Hochſtraße. Fünftes Kapitel. Irlands Eindrücke auf die Fremden⸗ Nicht ohne ein mit Verlegenheit verwandtes Gefühl mußte Sir Marmaduke Travers die Bemerkung machen, daß ſeine Ankunft auf ſeinen iriſchen Gütern von Sei⸗ ten der Lehnsleute durch keinen jener Freudenbeweiſe ge⸗ 57 feiert wurde, die ihm ſein Verwalter, Kapitän Hamsworth, oft ſo lebhaft vorgemalt hatte. Man ließ die Poſtpferde unbeläſtigt den Wagen an den Ort ſeiner Beſtimmung ziehen; es gab keine Volksverſammlung um ihn zu be⸗ willkommnen, kein Freudenfeuer, um ſeine Ankunft zu begrüßen. Freilich war er gänzlich unerwartet gekom⸗ men. Die zwei Diener, die er vorausgeſchickt hatte, um das Haus für ſeinen Empfang vorzubereiten, waren kaum einen Tag vor ihm ſelbſt dort eingetroffen. Aber Sir Marmaduke hatte ſeine Yorkſhire⸗Pächter doch auch ſchon mehrmals überraſcht, und dort ſtets eine Deputation, einen Zug von berittenen Meomen vorgefunden. Dort gab es Adreſſen, Triumphbogen, Zeitungsartikel, und alle jene unzähligen, aber wohlbekannten Beweiſe der Freude, wenn ein reicher Herr geruhte, ſein Gut zu be⸗ ſuchen. Ganz anders aber war es jetzt. Keine Jubeltöne un⸗ terbrachen die ruhige Stille des tiefen Thales. Keine Volkshaufen zu Pferd oder zu Fuß bedeckten den Weg. Die Sonne ging hinter den purpurnen Hügeln unter, ruhig und golden, unbehelligt von dem trüben Glanz ei⸗ nes einzigen Freudenfeuers. Abgeſehen von erhöhter Ge⸗ ſchäftigkeit und Ruhrigkeit in der nächſten Umgebung des Hauſes deutete nichts ſeine Ankunft an. Dort ſah man allerdings Bediente hin und hergehen; im Blumengarten und auf den Anlagen waren Arbeiter beſchäftigt und al⸗ lenthalben zeigten ſich Spuren von Sorgfalt und Auf⸗ merkſamkeit auf dem Landſitz und ſeiner Umgebung. Au⸗ ßerhalb dieſes Gebietes aber war Alles ſtill und einſam wie zuvor. Die Gebirge ſchienen unbewoht. Meilen⸗ weit ſah man keinen Wanderer auf der Straße. Die friedliche Feierlichkeit des tiefen Thales, worüber lang⸗ ſam die Schatten der Wolken hinſtrichen, erhöhten das Gefühl der Einſamkeit, und Sir Marmaduke begann bereits zu ahnen, ſein letzter Verſuch, auf dem Lande zu leben, werde ſich ſchwerlich glücklicher herausſtellen, als die früheren. Alter und Reichthum ſind unnachſichtige Gebieter 58 — wer an Herrſchen gewöhnt iſt, dem fällt es ſchwer ſich ſelbſt zu beherrſchen. Der alte Baronet war ver⸗ drießlich über den Irrthum, in den er nach ſeiner Mei⸗ nung verfallen und konnte dem Lande, das die Urſache davon war, nicht verzeihen. Er war ausdrücklich gekom⸗ men, um mit eigenen Augen zu ſehen, mit eigenen Oh⸗ ren zu hören und aus ſelbſt gemachten Erfahrungen zu urtheilen— und doch, er wußte nicht wie es kam, daß ſich ihm nichts offenbarte. Selbſt die Taglöhner, die im Garten arbeiteten ſchienen unmittheilſam und ſcheu. Ihre tiefe Ehrerbietung ſah er als vorſichtige Zurückhaltung an. Er mußte Hamsworth holen laſſen— anders war nicht zu helfen. Hamsworth war an die Leute gewöhnt und konnte erklären wie man mit ihnen umzugehen habe. Schon ihre Mundart forderte einen Ueberſetzer, und ohne einen Dollmetſch konnte er unmöglich auskommen. Nicht ſo ſeine Tochter. Für ſie hatte die Szene al⸗ len Zauber der Romantik. Die einſame Wohnung neben dem blauen See, die hohen Berge, deren Spitzen ſich in die weißen Wolken verloren, der rauſchende Wald mit ſeinen verſchlungenen Pfaden, die glänzenden Inſeln, die gleich Edelſteinen die ruhige Oberfläche des Waſſers be⸗ ſprengelten, verwirklichten manchen poetiſchen Traum ih⸗ rer Kindheit, und ſie fühlte jenes ſelbſtgeſchaffene Glück, das Heiterkeit der Seele, vereinigt mit der warmen Ein⸗ bildungskraft der Jugend, allein gewähren kann. Es war ein ſchönes Daſein, ſo abgeſchloſſen in dem einſamen Thale zu leben, wo die Blumen für ſie allein zu blühen ſchienen; für ſie ſangen die Sommervögel ihre frohen Lieder, und der herrliche Mond ergoß ſein blei⸗ ches Licht über Hügel und Flut, ohne daß außer ihnen noch andere ſeinen Glanz wahrnahmen. Dieſe Gedanken waren jedoch nicht die einzigen, die ihre Seele füllten. Schon hatte ſie die kunſtloſen Sitten des geringen Land⸗ volkes bemerkt— ſeine Dankbarkeit für die unbedeuten⸗ ſten Dienſte, ſeine herzlichen Begrüßungen, die rührende Schönheit ſeiner Ausdrücke, die reich an nie zuvor ge⸗ 59 hörten Bildern waren. Das alles machte auf ihre Seele einen weit gewaltigeren Eindruck, als auf die ihres Vaters. Schon fühlte ſie ſich angezogen von der reichen Bil⸗ derſprache, einer dem Volke ſo eigenthümlichen Gabe. Die warme Glut der Phantaſie, die ſie nur für das Vorrecht hoch gebildeter Geiſter gehalten, fand ſie hier mitten unter Armuth und Entbehrung; glänzende Witze blitzten aus dem Düſter alltäglicher Noth, und das Feuer, das dem Leben ſeine Energie verleiht, brannte glänzend unter der Aſche mancher erloſchenen Hoffnung. Dies waren Züge, die ſie nicht erwartet hätte unter einem Landvolk, das in einer wilden, unbeſuchten Gegend lebte, und von Tag zu Tag wurde ſie ſtärker davon bezaubert. Dieſe verſchiedenen Eindruͤcke auf Vater und Toch⸗ ter waren aber nicht blos der Verſchiedenheit ihrer Ge⸗ müthsanlagen zuzuſchreiben. Das Volk ſelbſt nahm ge⸗ gen ihn einen ganz andern Ton an, als gegen ſie. Von Sir Marmaduke hatten ſie immer ſprechen gehört, als von einem hartherzigen Mann, deſſen Strenge gegen die Lehnsleute zum Glück gemildert wurde durch die perſön⸗ liche Herzensgüte des Verwalters. Kapitän Hamsworth ſtellte ihnen beſtändig vor, alle harten Maßregeln kom⸗ men urſprünglich von ſeinem Prinzipal her— jede Milde ſei nur ihm ſelbſt zu verdanken. Wenn er hohe Steuern eintrieb, wenn er ſtreng auf dem Buchſtaben des Ge⸗ ſetzes beſtand, ſo behauptete er immer, er ſei zu ſolchen Handlungen gezwungen, trotz alles Widerſtrebens ſeiner eigenen heſſeren Gefühle. Jeden kleinen Akt der Nach⸗ ſicht begleitete er mit der Verſicherung, er hoffe, Sir Marmaduke werde nichts davon hören, da die Folgen für ihn verderblich ſein könnten. Wirklich gelang es ihm beiden Parteien irrige Anſichten von einander beizubrin⸗ gen, und es ſtand nicht zu vermuthen, daß ihre erſte gegenſeitige Bekanntſchaft der Täuſchung ein Ende machen werde. Das Landvolk ſah indeſſen den Irrthum zuerſt ein: lange bevor Sir Marmaduke einigen Fort⸗ 60 ſchritt in Entzifferung der myſtiſchen Symbole ihrer Naturen gemacht, hatten ſie die ſeinige ſchon durch und durch erkannt. Sie durchſpähten ihn mit einer Beobach⸗ tungsgabe, worin es kein anderes Volk in Europa mit ihnen aufnehmen kann, und während er über den Ge⸗ ſammteinfluß ihres Aberglaubens, ihrer Unwiſſenheit und der Gleichgültigkeit, womit ſie ihre Leiden ertrugen, phi⸗ loſophirte, dachten ſie ſich alle möglichen Vortheile aus, die ihnen aus dem Aufenthalt eines ſo gutherzigen, ob⸗ gleich ſo einfältigen Mannes, wie er war, immer er⸗ wachſen möchten. Sie horchten mit aufrichtigem Vergnügen— denn ſie haben es immer gern, wenn man ſich an ſie wendet— den Vorſchriften über Fleiß und Mäßigkeit, die er ihnen ſo freigebig mittheilte; auch gaben ſie nie die Antwort, die auf jeder Lippe bereit lag, daß Fleiß nicht anwend⸗ bar ſey ohne Beſchäftigung, und daß Mäßigkeit nicht über die Schranken des Darbens und Hungerns ſich aus⸗ dehnen laſſe. Nein, ſie antworteten mit einem Schein von Zuſtimmung—„Sie haben ganz recht, Sir, hol's der Teufel, wenn's erlogen iſt— Ew. Ehren kennen es ganz gut.“ Oder wenn ſie mit einem Verweis wegen ihrer Unvorſichtigkeit oder Gleichgültigkeit heimgeſchickt wurden, lautete die ſtets fertige Antwort— „Gewiß, Sir, es iſt der Wille Gottes;“ ein Stück Fatalismus, das ihnen aus mancher Schwierigkeit helfen mußte, wenn keine andere Hülfe bei der Hand war. „Es iſt ein einfältiger Menſchenſchlag,“ ſagte Sir Marmaduke, als er in dem kleinen Geſellſchaftszimmer, das auf das Thal hinaus ging, am Frühſtück ſaß.„Sehr unwiſſend, ſehr barbariſch, aber leicht zu leiten— ich durchſchaue ſie wohl.“ „Mir gefallen ſie ſehr,“ verſetzte ſeine Tochter, „ihre Dankbarkeit für die geringſten Dienſte kennt keine Grenzen, ſie beſitzen eine Art angeborner Höflichfeit, die unter dem Landvolke ſonſt ſo ſelten zu finden: wie der arme Burſche letzte Nacht durchaus die Klippe, wo 61 ein Adlerneſt iſt, hinaufklettern wollte, weil ich thörich⸗ terweiſe geſagt, ich habe noch nie einen jungen Adler geſehen.“ „Man hat lauter falſche Begriffe von ihnen,“ meinte Sir Marmaduke wohlweiſe, indem er mehr ſeinem eigenen Gedankengang folgte, als von der Bemerkung ſeiner Toch⸗ ter Notiz nahm;„Alles was man über ihre alberne Prieſter⸗Verehrung oder über ihre ergebene Anhänglich⸗ keit an die alten Familien ihres Landes hört, iſt lauter Unſinn. Du haſt gehört, wie Dan dieſen Morgen lachte, als ich mit ihm über Fegefeuer und die Heiligen ſcherzte; und welch eine drollige Beſchreibung geben ſie nicht von jenem närriſchen Haushalt— dem Stammeshaupt— wie heißt er doch?“ „O'Donoghue.“ „Ja; ich kann es nie behalten. Nein, nein; ſie find nicht ſo bigott; ſie ſind blos ununterrichtet. Wir werden bald manche Veränderungen unter ihnen ſehen. Ich habe mir von Bradſton Plane zu Hütten und auch den Riß zu einem Schulhaus beſtellt; und dann, da iſt die Ka⸗ pelle— die erinnert mich, daß ich dem Prieſter ſeinen Beſuch noch nicht zurückgegeben, er war vorgeſtern hier.“ „Wenn es Dir recht iſt, ſo wollen wir dahin rei⸗ ten; ich habe gehört, das Thal ſey ſo ſchön weiter oben.“ „Ich wollte Dir gerade den gleichen Vorſchlag ma⸗ chen; dieſes Thier ſcheint ziemlich zahm: Lawler ſagt, die letzten zwei Jahre ſey es von einer Lady geritten worden; willſt Du es probiren.“ „Von Herzen gerne;— ich bin überzeugt, es iſt die Sanftmuth ſelbſt.“ „Ein närriſcher Kauz, dieſer Roßhändler,“ ſagte der alte Herr halb für ſich.„Auf der ganzen Welt gibt es kein zweites Land, wo ein ſolcher Simpel das Jockey⸗ Gewerbe treibt; er wußte nicht einmal, welchen Preis er für ſein Pferd fordern ſollte; er überließ es ganz unſerem Ermeſſen. In London würde er auf die Art nicht weit ſpringen; aber was gibt's da— was um's 6² Himmelswillen hat das alles zu bedeuten?“ rief er laut, indem er plötzlich vom Tiſche ſich erhob und ſich einer kleinen Glasthüre näherte, die auf den Raſenplatz hin⸗ aus ging. Der Gegenſtand, der ſein Erſtaunen erregte, war eine Schaar von etwas mehr als hundert armen Leuten jeden Alters und Geſchlechtes— von der Kindheit bis zum läppiſchen Greiſenalter— ſie ſaßen auf dem Raſen in einem weiten Halbkreis, und erwarteten den Augen⸗ blick, da er hinaus kommen würde. Da war jede Phaſe menſchlichen Elends und Jammers zu ſehen. Einige hatten erſt das Krankenbett verlaſſen und kamen nun mit blaſſen, abgezehrten Wangen, andere hatten nur etliche zerfetzte Lumpen, um ihre Blöße zu decken; manche waren verkrüppelt, unfähig, ohne Hülfe zu gehen. Es waren bleiche, kranke Kinder und zitternde Greiſe dabei; dennoch verrieth der Ton ihrer Stimmen keine Spur von Traurigkeit: ſie lachten und ſchwazten mit allem Anſchein von Fröhlichkeit, und manches drollige, luſtige Wort ent⸗ fuhr dieſer bunten Maſſe von Kummer und Elend. Sir Marmadukes plötzliche Erſcheinung an der Thüre ſchlug augenblicklich alle Luſtigkeit nieder, und es erfolgte eine feierliche Stille, als er heraus kam und vor ihnen ſtand. „Was wollt ihr, meine lieben Leute?“ fragte er endlich, da Niemand geneigt ſchien, die Verhandlung zu eröffnen.. „Wären ihre Zungen durch einen Zauberſpruch ge⸗ löst worden, ſo hätte die Wirkung nicht ſchlagender ſein können— es erfolgte eine wahre Salve von Ge⸗ ſchrei, ſo daß Sir Marmaduke vergeblich ſich bemühte, den Worten jedes einzelnen Sprechers zu folgen. Ihr ſchnelles Schnattern, ihr heftiges Geberdenſpiel, und eine gewiſſe, ihm ganz neue Art von Kehltönen mach⸗ ten ſie durchaus unverſtändlich, ſo daß er mehrere Minu⸗ ten verwirrt und beſtürzt dort ſtand und nach allen Sei⸗ ten herumſtierte. „Um's Himmelswillen, ſeyd doch ruhig,“ rief er 63 zuletzt;„laßt Einen oder höchſtens Zwei zugleich reden, und dann werde ich erfahren, was ihr wollt.“ Auf dieſe Worte folgte eine Erneuerung des Ge⸗ ſchreis; aber diesmal war es eine allgemeine Anſtrengung, Stillſchweigen zu erzwingen— ein Verfahren, das einen weit größeren Lärm verurſachte, als zuvor. „Wer, oder was ſeyd ihr 2u rief Sir Marmaduke, der zuletzt, da der Tumult gar kein Ende nehmen zu wollen ſchien, alle Geduld verlor.. „Wir ſind Ew. Ehren Lehensleute wir alle, wie wir da find,“ ſchrie die Menge wie mit Einer Stimme. „Meine Lehensleute!“ wiederholte er entſetzt und erſtaunt.„Wie! iſt es möglich, daß ihr Lehensleute auf meinem Gute ſeyd? Wo wohnet Ihr, armer alter Mann?“ redete er einen ehrwürdigen Greis an mit einem Kopf weiß wie Schnee, und einem Bart gleich einem Patriarchen. „Er ſpricht kein Wort Engliſch, Ew. Ehren er kann nichts als Iriſch; er wohnt drunten im Thale,“ erwiederte ein anmuthiges Weib zu ſeiner Seite, „Und Ihr ſelbſt, woher ſeyd Ihr?“ „Ich bin eine arme Wittwe, Ew. Ehren, mit ſechs Kindern; und habe nichts im Leben, als den kleinen Garten und Gras für eine Ziege; fünfzehn Schilling jedes halbe Jahr iſt mehr als ich bezahlen kann, bei allem Sparen.“ Sir Marmaduke wendete ſein Geſicht ab, wobei ſein Auge auf ein armes Geſchöpf fiel, deſſen aufge⸗ dunſene Wangen und geſchwollene Glieder Waſſerſucht verriethen. Der Kranke deutete den Blick als eine mit⸗ leidige Frage und ſprach mit ſchwacher Stimme— „Ich brachte die neun Schilling mit, Ew. Ehren; und obgleich der Kapitän ſich weigerte, ſie anzunehmen, ſo bin ich doch überzeugt, Sie werden mich nicht von dem kleinen Orte verſtoßen, weil ich ein wenig zu ſpät damit komme, Es iſt die Waſſerſucht— gelobt ſey Gott!— 64 an der ich leide; aber ſie ſagen, es gehe wieder beſſer mit mir.“ 3 Während das arme Geſchöpf ſprach, brachen die Umſtehenden in ein dumpfes Murmeln des Mitleids aus, und mancher theilnehmende Blick, manches tröſtende Wort ward ihm von Menſchen geſpendet, die kaum weniger zu bejammern waren, als er ſelbſt. Jetzt war endlich eine Art Ordnung hergeſtellt; Sir Marmaduke ging daher die Reihe entlang, um eines Jeden Bitte oder Klage anzuhören. Der Eine war mit einem Beſchlag ſeines Schweines bedroht, weil er zwei halbjährige Renten ſchuldete und nur einen Theil davon zahlen konnte. Dort war die Kartoffel⸗Ernte miß⸗ rathen und in Folge deſſen große Hungersnoth. Ein Anderer hatte ſich ſo eben erſt von der fallenden Sucht erholt und bat um Zeit, da ſein Hafer, wenn er ihn auch jetzt dreſchen wollte, auf dem Markt nichts gelten würde. Ein Dritter bat um Erlaubniß, ſeinen Torf auf einem entfernteren Moor zu ſtechen, da er auf dem jün angewieſenen Platze bis an die Kniee im Waſſer ſtehe. Einige kamen mit einzelnen Schillingen, die ſie noch vom letzten Zinstag ſchuldeten und baten demüthig um Erlaubniß, ihre Kinder unentgeldlich in die Schule ſchicken zu dürfen.—. Jeder hatte um irgend eine Gunſt zu bitten— für den, der ſie bewilligen ſollte, oft eine wahre Kleinig⸗ keit; für den, der darum bat, die ganze Welt— und darum waren Manche Meilenweit aus ihrer Heimat im Gebirge hergekommen— eine ſchwache Hoffnung auf Erfolg die einzige Aufmunterung zu der mühevollen Reiſe. Während Sir Marmaduke mit erzwungener Ruhe Erzählungen anhörte, worüber ihm das Herz blutete⸗ bemerkte er zufällig eine wunderliche Figur in einer alten ſcharlachrothen Uniform und einer papiernen Mütze müt einer quer darauf geſteckten Hahnenfeder. Der Eigen⸗ thümer, ein ſchlanker Jüngling mit gelbem Haar, irug 65 auf der Schulter eine lange Latte, gleich einer Flinte, und als der alte Baronet ſein Auge auf ihn warf, ſtellte er ſich augenblicklich kerzengerade hin und hielt die Latte vor die Bruſt, gleich einem Soldaten, der das Gewehr präſentirt. „Schulterts Gewehr!“ rief er und bei dieſen Wor⸗ ten brach die Menge in ein herzliches Gelächter aus; „Wer iſt dieſer Burſche?“ fragte Sir Marmaduke, halb unentſchloſſen, in wiefern er ſich über den Scherz und einen Schritt vorwärts auf ihn zutrat: hol' mich der Teufel, wenn ich je einen Heller Steuer bez ahlt habe oder zahlen werde. Ich bin kerngeſund— gelobt Grund fragte, warum Terry dieſen Morgen da ſei— wenn er doch keine Bitte anzubringen habe. „Ich bin nur gekommen, um meine Aufwartung zu machen,“ ſprach Terry ruhig,„um Sie in dieſem Lande zu bewillkommnen. Ich dachte, da Sie dieſelbe Lebensart führen wie ich, ſo möchten wir keine üble Kameraden ſeyn, ſehen Sie, da doch Keiner von uns Beiden viel zu thun hat: und dann,“ fuhr er fort, in⸗ Lever, O⸗Donoghue, I. 5 66 dem er ſeine papierne Mütze abnahm und eine tiefe Verbeugung machte,„ich wollte gerne die junge Lady da ſehen, denn man ſagte mir, ſie ſey ein Wunder von Schönheit.“ 3. Miß Travers erröthete. Sie war jung genug, um über ein aus ſolcher Quelle fließendes Compliment zu erröthen; ihr Vater dagegen fragte lachend— „Nun, Terry, und hat man Euch getäuſcht?“ „Nein,“ verſetzte er ernſthaft, indem er mit feſtem Blicke ſeine großen blauen Augen auf die ſchönen Züge vor ihm heftete.„Nein— ſie iſt ein niedliches Ge⸗ ſchöpf— ein Hang zur Traurigkeit oder ſo was— aber ſte gefällt mir darum nur um ſo beſſer. Ich war ge⸗ rade ſo, als ich jünger war.“ Terry's Bemerkung war ganz richtig. Das junge Mädchen hatte einige Zeit lang die Geſchichten der armen Leute mit angehört, und ihr Geſicht verrieth die traurigen Regungen ihres Herzens. Noch nie zuvor hatten ſolche Scenen menſchlichen Leidens vor ihren Augen ſich enthüllt— die gewundenen Schickſalswege der Armen, wo Mangel und Krankheit auf diejenigen lauern, deren glücklichſte Stunden ihre Kämpfe gegen Armuth und ihre Uebel ſind. „Ich kann Ihnen die ſchönſte Stelle im ganzen Lande zeigen“, ſagte Terry, indem er auf Miß Travers zuging und in leiſer Stimme ſie anredete,„ich will Ihnen ſagen, wo das weiße Heidekraut wächst, mit dicken Glocken daran, gleich Bechern, um den Thau aufzufangen. Waren Sie ſchon einmal jenſeits des Keim⸗an⸗eigh?“ 4 „Noch nie,“ verſetzte ſie, lächelnd über den Eifer des Frageſtellers. „Nun, ſo will ich Sie auf dem nächſten Weg dahin bringen, Sie können den ganzen Weg reiten, und wir ſchießen vielleicht einen Adler— haben Sie eine Flinte im Haus?“ 67 „Ja, es ſind drei bis vier da,“ verſetzte ſie ſcherzend. 7 „Und wenn ich ihn ſchieße, gebe ich Ihnen die Schwingfedern— das geben die Jungen hier zu Land jedes Mal ihrem Liebchen; aber die Zeiten ſind vorbei.“ Das Mädchen wurde über und über roth, da es ſich an das Geſchenk des jungen O'Donoghue von jenem Abend her, da ſie das Thal hinauf kamen, erinnerte. Sie rief ſich die mißtrauiſche und gezwungene Miene, womit er es anbot, in's Gedächtniß, und entzog für einige Minuten ihre Aufmerkſamkeit dem armen Terry, der indeſſen fortfuhr, ſo ſchnell wie zuvor zu ſprechen. „Da, da marſchiren ſie vorbei,“ ſagte Terry— „Takt gehalten!“ mit dieſen Worten ſchulterte er aber⸗ mals ſeine Latte und ſtand aufrecht dort. Dieſe Be⸗ merkung machte er in Bezug auf den Haufen der armen Leute, die, nachdem Sir Marmaduke inzwiſchen ihre Na⸗ men und Wohnorte aufgeſchrieben, jetzt mit fröhlichen und getröſteten Herzen nach ihrer Heimat zurückkehrten. „Da gehen ſie,“ rief Terry,„aber es iſt ein linkiſcher Haufe.“ „Wart Ihr einmal Soldat, Terty?“ fragte Miß Travers. Der arme Jüngling wurde todtesblaß— ſelbſt von ſeinen Lippen wich das Blut, als er murmelte:„das war ich.“ In dieſem Augenblick trat Sir Marmaduke herzu⸗ worauf Terry ſogleich ſich ſelbſt unterbrach und agte— „Wenn Sie etwas von mir wollen, brauchen Sie nur nach Mary MiKellys drunten im Thale zu berichten; dann werde ich es ſchon erfahren.“ „Aber möchtet Ihr nicht lieber hier bei uns bleiben? Ihr könntet im Garten und in den Anlagen helfen.“ „ Nein; von Schaffen mag ich nichts wiſſen; Arbeit iſt mir ein Gräuel.“ 5 5* 68 „Ja, aber leichte Arbeit, Terry,“ ſagte Miß Tra⸗ vers,„unter Blumen und Geſträuchen hier?“ „Nein— es wäͤre mir ganz ſchwach und wehe, wenn ich an Einem Orte bleiben müßte, und wer weiß— wer weiß“— flüſterte er ſo leiſe, daß nur ſie es ver⸗ ſtehen konnte— hier könnten ſie mich finden.“ „Nein; hier habt Ihr nichts zu fürchten,“ ſagte ſie,„wir werden Sorge tragen, daß Euch Niemand ſtört— bleibet hier, Terry.“ „Gut, ich meine, ich will bleiben,“ erwiederte er nach einer Pauſe;„ich kann ja wieder gehen, ſobald es mir beliebt.“ „Freilich, und nun laßt uns ſehen, wo wir Platz für Euch finden,“ ſprach Sir Marmaduke, der, bereits beſtochen von jenem unerklärlichen Gefühle, das aus unſerem Mitleid mit Verrückten entſteht, auf ſeiner Tochter Plane für die Wohlfahrt des armen Terry einging. Eine kleine Hütte neben dem Fährhaus am Rand des Sees, bewohnt von einem Taglöhner und ſeinen Kindern, bot das erwünſchte Aſyl dar; hier wurde Terry alsbald eingeführt und galt als Mitglied der Hausge⸗ noſſenſchaft. Sechstes Kapitel. Das„Schwarze Thal.“ Sir Marmaduke's Beſuch bei dem Prieſter war durch die Ereigniſſe des Morgens zwar verſchoben, aber nicht aufgegeben worden, und endlich machte er ſich mit ſeiner Tochter auf den Weg, das Thal hinan. Nachdem ſte ungefähr zwei Stunden weit die Hochſtraße verfolgt, lenkten ſie in ein enges Thal, aus welchem man nir⸗ gends anders wieder heraus konnte, als wo man hin⸗ eingekommen war. Ungeheure Granitmaſſen, Schichte 69 auf Schichte gehäuft, hingen gleichſam ſchwebend über ihre Köpfe herein, verſchlungenes Geisblatt fiel in rei⸗ chen Gewinden davon hernieder, und der purpurne Erd⸗ beerbaum glühte gleich Weintrauben unter dem Laub. Es war ein milder Herbſttag, wo die Wärme des Co⸗ lorits durch die dichten Schatten langſam ziehender Wolken gedämpft wurde. Die Luft war heiß und dick, und ſogar drückend, außer wenn gelegentlich ein friſcher Wind vom Waſſer daher kam. Im Thal herrſchte tiefe Stille— kein Vogel ließ ſich hören, und im ganzen Luftraum ſah man keine ein⸗ zige Schwinge ſich regen. Als ſie dahinritten, machten ſte oft Halt, um die ſeltſamen, aber ſchönen Beleuch⸗ tungen zu bewundern, die jetzt langſam die Gebirge entlang glitten— verſchwanden— und dann wieder erglänzten; während die rieſenhaften Schatten einander durch das ſchauerliche Thal zu jagen ſchienen. Indem ſie ſo dahin ſchlenderten, ohne Notiz von der Zeit zu nehmen, kam ihnen endlich die lange, niedrige Hütte, worin der Prieſter wohnte, zu Geſicht. Es war ein beſcheidener Sitz, aber ſchön gelegen in der Tiefe der Schlucht; das ganze Thal mit ſeinem glänzenden Bach und ſeinen kühnen Granitwänden, lag ausgebreitet vor ihm. Die Hütte ſelbſt war wenig beſſer, als die eines armen Pächters, von der ſie ſich in keiner Hinſicht unterſchied, außer durch den Zierrath einiger Schlingpflanzen, die an den Wänden hinaufgezogen waren und am Eingang eine tiefe Bogenwölbung bildeten. Hie und da ſah man einen angebauten Fleck von der roheſten Art, aber ohne alle Spur von Umzäunung oder Einhegung. Ei⸗ nige wilde Obſtbäume ſtanden zerſtreut voran auf dem kleinen Raſenplatz, wenn der ſchmale Gras⸗Streif längs des Fluſſes ſo genannt werden konnte, und hier weidete eine kleine Kerry⸗Kuh, das einzige, lebende Weſen, das ſich ſehen ließ. Hart am Wege entſprang eine kleine Quelle, von Felsſtücken überwölbt und auf denſelben ein kleines, 7⁰ hölzernes Kreuz, und der Wilddorn, der ſie überſchat⸗ tete, war allenthalben mit kleinen Fetzen von allen mög⸗ lichen Farben und Geweben, woraus menſchliche Klei⸗ dungen je beſtanden, überhangen; ein neuer Anblick für die Augen der Reiſenden, die nicht wußten, daß die Kapelle heilig gehalten wurde, und daß der Baum der Aufbewahrungsort für die beſcheidenen Opfer derjenigen war, deren körperliche und geiſtige Leiden dort Hülfe und Erleichterung ſuchten. Sir Marmaduke ſtieg ab und näherte ſich der Thüre, die weit offen ſtand; er klopfte leiſe mit ſeiner Peitſche an, was er, da keine Antwort kam, mehrmals wieder⸗ holte, Jetzt wagte er, laut zu rufen, aber es kam Nie⸗ mand, ſo daß endlich Vater und Tochter auf die Ver⸗ muthung geriethen, es möchte Niemand zu Hauſe ſeyn. „Das iſt doch ſeltſam,“ ſagte er nach einer langen Pauſe und nach einem Verſuche, durch die halb mit Geisblatt verdeckten Fenſter hineinzublicken.„Der Ort ſcheint gänzlich verlaſſen. Verſuchen wir's indeſſen am Hinterhaus.“ Während der alte Baronet nach der Rückſeite der Hütte umbog, murmelte er einen halben Vorwurf gegen ſeine Tochter, daß ſie nicht in ſeinen Wunſch gewilligt, einen Reitknecht mitzunehmen— da ſie doch die Dienſte eines ſolchen in ihrer jetzigen Lage ſo gut hätten brauchen können. Sie entſchuldigte ſich lachend und ſprang in gleichem Augenblick aus dem Sattel, um ihren Vater in ſeinen Nachforſchungen zu unterſtützen. Als wir das Thal heraufkamen, habe ich gewiß einigen Nauch aus dem Kamin aufſteigen geſehen, und es muß wenigſtens ganz kürzlich Jemand hier geweſen ſeyn,“ ſagte ſie, indem ſie ſich nach allen Seiten be⸗ gierig umſah. „In der That, Alles einſam,“ murmelte ihr Vater, indem er einige Minuten lauſchte, während deren eine ſchauerliche Stille herrſchte. Indeß er ſprach, hatte ſich Miß Travers einem nie⸗ 71 drigen, vergitterten Fenſter genähert; ſie lugte hinein, zog ſich ſogleich wieder zurück und winkte ihrem Vater mit der Hand herbei, durch eine ſorgfältige Geberde ihm bedeutend, er möge ſich leiſe nähern. Sir Mar⸗ maduke ſchlich zu ihr heran, lehnte ſich über ihre Schulter und ſah in's Zimmer. Alsbald fingen Vater und Tochter an, Blicke zu wechſeln, und nur mit Mühe ſchienen ſie des Lachens ſich zu enthalten, während ſich auf beiden Geſichtern ſtarkes Erſtaunen malte. Je länger ſie aber die Scene betrachteten, deſto mehr verwandelte ſich ihre erſte Aufregung darüber in geſpanntes Intereſſe. Neben dem großen Torffeuer der prieſterlichen Küche— denn das war es— ſaß ein Jüngling von fünfzehn bis ſechzehn Jahre. Schlank und wohlgebaut trug er ein Gewand, wonach zu ſchließen er unter die beſſere Klaſſe gehörte, ob es gleich durch Nachläſſigkeit und Zeit ſchon hie und da gelitten hatte. Seine Stirne war hoch und fein geformt— die Schläfe waren mit mancher dünnen, blauen Ader bezeichnet, die dem Geſicht ein zartes Ausſehen würden gegeben haben, wenn nicht die tiefe Glut der Geſundheit ſeine Wangen beſtrahlt und ſeinen Augen einen flammenden Glanz mitgetheilt hätte. Vor ſich hielt er ein offenes Buch, woraus er laut vorlas oder vielmehr deklamirte„ und zwar zur be⸗ ſonderen Erbauung und Unterhaltung eines kleinen, zer⸗ lumpten Buben von ungefähr neun Jahren— der mit bloßen Beinen und Füßen, ihm gerade gegenüber, auf einer kleinen Torfpyramide ſaß. Wohl mochten Sir Marmaduke und ſeine Tochter von Staunen ergriffen werden; das Buch war nichts anderes, als Homer, woraus der Jüngling mit erha⸗ bener Stimme und flammendem Auge vorlas— ſo daß die tiefbetonten Sylben mit lieblicher, aber feier⸗ licher Muſik durch das niedriggewölbte Zimmer hallten. Einen merkwürdigen Contraſt gegen die glühende Be⸗ redtſamkeit des Jünglings bildete die ſtumme Verwun⸗ derung und entzückte Aufmerfſamkeit des kleinen Zuhö⸗ — 72 rers. Staunen, Ehrfurcht und geſpannte Neugier miſchten ſich in dieſem armen, kleinen Geſicht, wo jeder Zug vor Aufregung zitterte. Wenn ſich in dem einen hochfliegende Einbildungskraft und erhabener Gedanken⸗ ſchwung malten, ſo war auf dem andern die ſtumme und zitternde Begierde leidenſchaftlichen Intereſſes nicht weniger ſtark aufgetragen. Der Jüngling hielt einige Sekunden inne und ſchien über das Geleſene nachzudenken, als der Knabe in ängſt⸗ lich gebrochenem Tone ausrief: „Lest es nech einmal, Mr. Herbert. Oh, lest es noch einmal. Es lautet gleich dem Gebell des großen Hirſchhundes in Carrignacurra.“ „Es iſt die Sprache der Götter, Mickey— ſchöner und größer, als je ein Menſch ſprach,“ erwiederte der Jüngling begeiſtert.„Höre nur!“ und nun deklamirte er mit feierlichem Tonfall etliche zwanzig Verſe, wäh⸗ rend der kleine Burſche, gleich als wären es Zauber⸗ ſprüche geweſen, regungslos dort ſaß, mit gefalteten Händen und ſtarrenden Augen vor ſich hingaffend. „Was bedeutet das, Mr. Herbert?— was will das heißen?“ fragte er, zitternd vor Begierde. „Das handelt von einem großen Helden, Mickey, der ſich zur Schlacht rüſtet. Er zieht ſeine Rüſtung an, Waffenrock und Blechhaube, und gürtet ſich das Schwert um“ „Ja, ja,“ fiel der Kleine ein,„und ſagt er nicht, wie er Alles vor ſich her morden und umbringen will?“ „Ganz recht,“ erwiederte der Jüngling lachend. „Das haſt Du gut errathen.“ „Ha, dacht' ich's doch,“ ſprach der Knabe.„Ich ſah, wie Ihr die Fäuſte balltet, und Eure Augen leuch⸗ teten gleich Feuerfunken, und ich wußte, in dem Buch da war von einem kühnen Mann die Rede. Was hat er am Ende gethan, Mr. Herbert? Erzählt mir das.“ „Er ging hinaus in ſeinem Wagen——“ „Sagt es zuerſt in ſeinen eigenen Worten, Sir, 73 wenn’s Euch beliebt,“ ſprach der Junge mit bittendem, flehendem Blick.„Ich hör' es ſo gerne aus dem Buch.“ Der Jüngling ſchlug, dieſer Bitte gemäß, den Band wieder auf und las mehrere Minuten, ohne inne zu halten. „Oh, wie groß!“ rief der Knabe in einem Aus⸗ bruch von Begeiſterung.„Ganz auf's Haar, ſo kommt der Donner in's Thal herunter— zuerſt grollend, weit entfernt, in den Gebirgen, ſodann anſchwellend in ein lautes Getöſe, und endlich Schlag auf Schlag, gleich wie wenn ein Rieſe in die Haͤnde klatſcht. Hat er den Feind getödtet, lieber Herr?“ „Nein, er ward ſelbſt getödtet, und ſeine Leiche ward über das Schlachtfeld geſchleift.“ „Wehe, wehe, wehe!“ ſiel das Kind ein, indem es die Hände rang und in einen Strom heftigen Schmerzes ausbrach. „Er ſiel, Mickey,“ und nun höre der Klage ſeiner „Vater Luke iſt nicht zu Haus, Sir. Er wurde nach Ballyvourney gerufen—“ „Sie ſind vermuthlich ein Verwandter von ihm?“ ſagte Sir Marmaduke, ohne ihn ausreden zu laſſen. „Ich bin ſein Zögling,“ verſetzte der Jüngling in ſe Tone, worin ſich deutlich beleidigter Stolz aus⸗ prach. „Ich bitte um Verzeihung.“ ſagte der Baronet ha⸗ ſtig.„Ich habe meine Frage nur in der Abſicht geſtellt, um an den würdigen Vater meine ergebenſten Grüße 74 aufzutragen. Vielleicht erlauben Sie mir die Bitte, Sie möchten gefälligſt ausrichten, daß Sir Marmaduke Tra⸗ vers hier geweſen iſt.“ Während Sir Marmaduke ſprach, waren die Augen des Jünglings unverwandt auf die Züge des jungen Mädchens geheftet, deſſen Anweſenheit er bis dahin nicht bemerkt zu haben ſchien. So feſt und ernſt auch ſein Blick war, ſo lag doch nichts Rohes, noch weniger Be⸗ leidigendes darin. Es war der unzweideutige Ausdruck des Staunens. das plötzlich erweckte Gefühl der Bewun⸗ derung bei einem Menſchen, auf den bis zu dieſem Au⸗ genblicke die Schönheit keinen Zauber geübt hatte. Seine Augen blieben auf ſie geheftet, als Sir Marmadufe ausgeredet hatte, und der alte Herr lächelte, als er die ſtaunende Bewunderung des Jünglings ſah. „Sie haben vielleicht die Güte zu ſagen, Sir Mar⸗ maduke Travers—“ wiederholte er noch einmal, um den zerſtreuten Jüngling zum Bewußtſeyn zu bringen. „Und ſeine Tochter?“ murmelte der Andere, indem er ſie noch immerfort angaffte. 3„Ja, ſeine Tochter,“ erwiederte Sir Marmaduke lächelnd.„Darf ich fragen, ob es keinen kürzeren Weg zurück nach der ‚Lodge’ gibt, als den da; denn ich ſehe, es iſt zwei volle Stunden ſpäter als ich vermuthete.“ „Zu Pferd gibt es keinen kürzeren. Der Bergpfad liegt dort, aber nicht einmal zu Fuß geht man ihn ohne Gefahr.“ „So komm', Sybella; laß uns keine Zeit verlieren. Wir müſſen ſcharf reiten, um bei Tage noch heim zu kommen. Es iſt ſchon ſpät genug.“ „Zu ſpät, wenn Sie nicht ſehr ſchnell reiten,“ ver⸗ ſetzte der Jüngling.„Dieſen Nachmittag hat's im Ge⸗ birge ſtark geregnet. Sehen Sie nur den Waſſerfall dort. Heute am Morgen bin ich trockenen Fußes darüber gegangen, und jetzt iſt's ein Katarakt. Der Fluß da wächſt ſchnell, und manchmal habe ich nach einer ein⸗ 4 75 zigen Regennacht das ganze Thal in Einen See ver⸗ wandelt geſehen.“. 3 „Was iſt da zu thun?“ rief Miß Travers aufge⸗ regt, denn jetzt machte ſie ſich ſelbſt Vorwürfe über ihre Weigerung, einen Reitknecht mitzunehmen; aber ſie war auch wegen ihres Vaters beſorgt. „Halten Sie ſich links im Thale, bis Sie den hohen ſchwarzen Fels erreichen, ‚Kanzel genannt— Sie kennen ihn, wenigſtens müſſen Sie ihn auf dem Herweg geſehen haben— alsdann reiten Sie über den Strom, er wird jetzt noch ſeicht genug ſeyn, und ſo ſchnell als möglich unter den Klippen weg, bis Sie an die zerbrochene Brücke gelangen, ich meine die zwei Pfeiler. Dort paſſiren Sie den Strom wieder, gelangen auf die Wieſe, und in eini⸗ gen hundert Schritten ſind ſte ſicher auf der Straße. Fort alſo; verlieren Sie keine Zeit mehr; von einer Minute hängt Rettung oder Gefahr ab;“ mit dieſen Worten ſprang er hinaus und hob das junge Mädchen in den Sattel, bevor es Zeit oder Beſinnung genug hatte, dieſen Dienſt auszuſchlagen. „Dürfen wir nicht den Namen unſeres gütigen Rathgebers wiſſen?“ fragte Sir Marmaduke, indem er zu Pferd ſtieg. 8 „Horch! da kommt's!“ ſagte der Jüngling, emvor nach einer Klippe deutend, über die gerade eine Waſſer⸗ maſſe herabzuſtürzen begann.„Wenn Derrybahn ſpritzt, find die Bergſeen ausgetreten. Fort! fort! wenn es mit einem haſtigen Lebewohl ihre Pferde an. So kurze Zeit auch verſtrichen war, ſeitdem ſie denſelben Weg gemacht hatten, fanden ſie die Szene doch wunderbar verändert; der ſanfte Fluß, der murmelnd über ſein Kiesbett geſchlichen war, rauſchte jetzt in gelben, mit weißem Schaum beſtreiften Fluten dahin; die ſchwachen Bächlein, die tropfenweiſe auf die Straße herabgerieſelt waren, ſtürzten ſich jetzt in anhaltenden Strömen herab 76 und eilten, dem Hauptfluß ihren Tribut zu bringen. Der Himmel ſelbſt war ſchwarz und trübe, ſchwere Wolken „lagerten über den Bergen oder trieben langſam vorüber, während ſich unten kein Luftchen regte. Die vielen Waſ⸗ ſerſtürze erfüllten die Luft mit einem dumpfen eintönigen Getöſe, gleich dem Geräuſch von Baumwipfeln, wenn ein drohender Sturm ſie ſchüttelt. „Es war mir als hörte ich eine Stimme uns zu⸗ rufen,“ ſagte Sir Marmaduke, als ſie zum erſten Mal etwas langſamer ritten, um über verſchiedene abgeriſſene Steine zu kommen, die ihnen im Weg lagen—„haſt Du nichts gehört?“. „Doch, es kam mir auch ſo vor,“ erwiederte ſeine Tochter; aber ich ſehe Niemand in der Nähe. Da ruft es wieder.“ Sie hielten inne und lauſchten; aber das anſchwel⸗ lende Getöſe der Waſſerfälle erſtickte jeden Ton, und aus Furcht, ſich zu lang zu verweilen, ſpornten ſie ihre Pferde weiter; dennoch kam es ihnen unterwegs vor, als könnten ſie die Worte vernehmen„kommt zurück, kommt zurück!“ aber aus einer ſeltſamen Furcht, ſich gegenſeitig und unnöthiger Weiſe zu ängſtigen, theilten ſie einander nichts davon mit. „Er ſagte, links im Thale; aber gewiß er hat ſich geirrt: ſieh nur, wie das Waſſer hier geſtiegen, und drü⸗ ben auf dem andern Ufer ſcheint Alles trocken.“ „Befolgen wir ſeinen Rath, Vater,“ rief Sybella; „wir haben keinen andern, an den wir uns halten könn⸗ ten; er konnte— wollte uns gewiß nicht täuſchen. Iſt es nicht herrlich! Trotz aller Gefahr kann ich's bewundern.“ Bei dieſen Worten erkrachte über ihren Häuptern ein furchtbarer Donnerſchlag und machte das ganze Thal erzittern, während durch die Erſchütterung die ſchweren Wolken aufgeriſſen ſchienen und der Regen in Strömen herabgoß. Gleich der fegenden Flut des ſchäumenden Ozeans, wenn er vom Sturm gepeitſcht und getrieben wird, kam der Regen hernieder, Alles ringsum in dichte 77 Finſterniß hüllend. Und nun ſtürzten die angeſchwolle⸗ nen Katarakte raſend über die Bergwände herunter, von Fels zu Fels ſpringend und in dem lehmigen Boden tiefklaffende Spalten aufreißend. Abermals erdröhnte der Donner, und jedes Echo hallte ihn wieder, bis das ganze Thal von dem betäubenden Aufruhr erbebte. Den⸗ noch eilten ſie weiter. Die erſchreckten Pferde ſtrengten jedes Glied an und ſchoſſen wie raſend über Felſen und rauſchendes Waſſer dahin, bald in Einem Satz einen ſchäumenden Strudel überſpringend— bald mit kräftiger Bruſt gegen den anprallenden Regen ſich ſtemmend. Der Sturm nahm zu; der heulende Wind verſchmolz mit dem tieftönenden Donner in Ein langes ununter⸗ brochenes Getöſe, ſo daß ſogar die Luft davon erſchüt⸗ tert ſchien. „Dort!“ ſagte der Vater, indem er auf die hohe dunkle Felszinne deutete, die dem Landvolk unter dem Namen ‚Kanzel⸗ bekannt war—„dort!“ Sybella ſtrengte ihr Auge an, um durch den dicken peitſchenden Regen zu ſchauen, und entdeckte endlich die ungeheure Maſſe, um deren Gipfel die ſchweren Wolken flogen. „An dieſer Stelle müſſen wir über den Fluß,“ ſagte der alte Herr, indem er plötzlich ſein Pferd anhielt und mit entſetztem Blick den angeſchwollenen Strom anſtarrte, der brauſend und ſchäumend vor ihnen dahin ſtürzte, Baumäſte und Felsſtücke in ſeinen Fluten mit ſich rei⸗ ßend.„Dieſe Stelle meinte der Jüngling.“ „Laß uns nicht zaudern, Vater,“ rief das junge Mädchen mit einem Tone feſter, kühner Entſchloſſenheit, den man bisher noch nie von ihr vernommen—„be⸗ denke, was er ſagte, eine Minute kann uns retten, oder verderben. Großer Himmel! was iſt das?“ Auf dieſe Worte folgte ein ſchrecklicher Schrei, und ſie ſtürzte mit dem Kopf auf die Mähne ihres Pferdes; ein breiter flammender Blitz war aus einer Wolke ge⸗ 78 fahren und hatte mit ſeinem hellen Leuchten ihre Augen geblendet. „Vater, lieber Vater, ich ſehe nicht mehr,“ ſchrie ſie laut, indem ſie ihren Kopf aufhob und ſich die Aug⸗ äpfel rieb. „Mein Kind, mein Kind!“ rief der alte Mann mit dem durchdringenden Schrei eines brechenden Her⸗ zens;„ſieh' mich an, ſieh' mich an. Oh, ſage, daß Du mich ſiehſt— mir ſchwindelt, mir ſchwindelt.“ „Oh Gott, ich danke Dir!“ ſagte das erſchrockene Mädchen, als ihr das Geſicht wiederkehrte und die Ge⸗ genſtände vor ihren Augen dunkel ſich zu geſtalten be⸗ gannen. Mit entblößtem Haupt und emporgerichteten Augen blickte der alte Mann auf und ſchickte ſein dankbares Gebet gen Himmel. Der wüthende Sturm ſchlug, ohne daß er es fühlte, auf ſeine Stirne; ſeine Gedanken waren im Aufſchwung zu dem Thren der Barmherzigkeit be⸗ griffen, und vergeſſen die Erde ſammt all' ihrem Leid. In dieſem Augenblick brach ein Donnerſchlag aus der dichten Wolke über ihren Häuptern, worauf in ſchnel⸗ ler Folge, gleich einem lebhaften Artilleriefeuer, noch mehrere andere kamen, während der gezackte Blitz hin⸗ und herflog und endlich, gleich als wäre die Erde bis in ihren Mittelpunkt geſpalten, mitten unter den Wol⸗ ken ein dumpfes Getöſe ſich erhob; die Finſterniß wurde dichter, und nun erfolgte ein Krach, der den Boden unter ihnen erſchütterte und die wilden Wellen nach allen Seiten hin ſpritzte. Der Schaum ſprang wild in die Höhe und immer lauter wurde das Brauſen des Stromes; die Wolken flogen vorüber, und die hohe Kan⸗ zel war dahin! Vom Blitz getroffen, hatte ſie ihr Gleich⸗ gewicht verloren und war über den Fluß herein geſtürzt, deſſen ſtrömende Fluten in weißem Schaum und Giſcht daruͤber emporſpritzten. 4 „Gott iſt uns nahe, mein Kind,“ ſagte der alte Mann mit Andacht;„laß uns weiter reiten.“. 1 79 Ihre uͤberſtrömenden Augen warfen auf ihn Einen Blick der Zärtlichkeit— das Zeichen innigſter Liebe— worauf ſie ſich anſchickte ihm zu folgen. An Rückkehr war jetzt nicht mehr zu denken, der Fluß hatte bereits den ganzen Weg hinter ihnen über⸗ ſchwemmt; die einzige Möglichkeit der Rettung lag vor ihnen. „Bleib' an meiner Seite, mein Kind,“ ſprach der Vater, indem er in den Fluß vorausritt und das entſetzte Thier gegen den Strom zu leiten ſuchte. „Ich bin Dir nahe, Vater, habe nur keine Angſt um mich,“ erwiederte ſie mit feſtem zur Gefahr geſtähl⸗ tem Herzen. Einige Sekunden lang ſchienen die erſchrockenen Pferde an den Boden gewurzelt und blieben wie ver⸗ zaubert mitten in der brauſenden Strömung ſtehen; als aber ein Baumſtamm in ſeinem Laufe dem vorderen Pferde in die Seite ſtieß, ſprang es wie toll vorwärts, das andre hinter ihm her. Bald gegen den Strom ſich ſtemmend, bald bis an die Mähne unterſinkend kämpften die edlen Thiere ſich wacker durch bis zu der Stelle, wo zwiſchen der Kanzel und dem andern Ufer eine unge⸗ heure Waſſermaſſe, durch keine Schranke gehemmt, ſich dahin ergoß. „An meine Seite, mein Kind— hart, hart an meine Seite,“ rief der Vater, als ſein Pferd in die ſie⸗ dende Flut ſprang und bis über die Mähne unterſank. „Ich kann nicht, Vater. ich kann nicht,“ ſchrie ent⸗ ſetzt das Mädchen, da ihr Pferd mit einem ſchrecklichen Zweimal ſuchte das heldenmüthige Mädchen dem Strome zu trotzen, aber vergeblich— das Pferd bäumte 8⁰0 ſich wild empor und drohte zurück zu fallen, als ſich plötzlich durch den weißen Schaum eine Geſtalt arbeitete und den Zügel ergriff; im nächſten Augenblick ſprang ein Mann vor und ſtemmte ſeine Bruſt der Brandung entgegen— „Gegen den Strom— gegen den Strom, wenn Sie können,“ rief er, immer noch anhaltend, während die wilden Wellen über ihn hinweg ſpülten; aber das arme Thier, unlenkſam in ſeiner Angſt. hatte dem Strome nachgegeben, und kam jetzt dem Katarakt jeden Augenblick näher. „öHalten Sie ſich feſt an mich,“ rief der Jüngling, indem er mit der Kraft der Verzweiflung das Mädchen vom Sattel riß und zugleich mit der andern Hand einen Eſchenzweig packte, der über ſeinem Kopfe herab⸗ hing. Während er dieß that, ſprang das Thier vor⸗ wärts— die Wellen ſchloßen ſich über ihm, und es wurde in den Abgrund hinunter geriſſen. „Halten Sie ſich feſt an mich und wir ſind geret⸗ tet,“ rief der Jüngling, hielt ſich mit kräftigem Griff an dem Baum, ſchwamm mit Hülfe deſſelben durch den Strom und erreichte das Ufer. Erſchöpft und abge⸗ mattet, an Leib und Seele entkräftet, ſanken beide be⸗ wußtlos in's Gras. Der letzte Schrei der Verzweiflung entfuhr dem Herzen des Vaters, als er das der Reiterin beraubte Pferd von der Fluth hinwegſchwemmen ſah. Das Ge⸗ ſchrei erweckte das Mädchen aus ſeiner Ohnmacht; es ſtand auf und rief ihm zu. Im nächſten Augenblick lagen beide einander in den Armen. „Er war es, der mich gerettet, Vater,“ ſprach ſie mit einer vor Freude und Kummer gebrochenen Stimme, „er hat ſein Leben für das meinige gewagt.“ Der Jüngling kam wieder zum Bewußtſeyn, als ihn der alte Mann an ſein Herz drückte. „Iſt ſie gerettet?“ waren die erſten Worte, die er 81 ſprach, indem er unſtät um ſich blickte und darauf, gleich⸗ ſam überwältigt, ſchwer auf den Raſen zurückſank. Jetzt brachen mehrete Stimmen in der Nähe in ein Freudengeſchrei aus, und in dieſem Augenblick ſah man mehrere Landleute herbeieilen, Terry an der Spitze. „Da ſind wir— da ſind wir, und gerade noch zu rechter Zeit,“ rief Terry; nhättet Ihr nicht den Rath eines Narren befolgt, ſo wären wir den andern Weg gegangen. Der Wagen iſt im Thale, Mylady,“ ſagte er, neben Sybella niederknieend, die noch immer in der Umarmung ihres Vaters lag, Inzwiſchen waren einige von Sir Marmaduke's Bedienten angelangt, die dem alten Herrn und ſeiner Tochter nach der Straße halfen, während zwei andere den armen Jüngling trugen, der bis jetzt noch immer unfähig war, die geringſte Anſtrengung zu machen. „Dieſer brave Junge— dieſer herrliche Burſche,“ ſagte Sir Marmaduke, indem er ſich niederbückte, um die blaſſe, hohe Stirne zu küſſen, von welcher das naſſe Haar zurückhing.—„Kann mir Niemand ſagen, wer er iſt?“ „Das iſt der junge O'Donoghue,“ erwiederte ein halb Dutzend Stimmen zugleich;„allewege eine gute Gewähr für Muth und Tapferkeit.“ „Ein O'Donoghue?“ wiederholte Sir Marmaduke, der in der Verwirrung des Augenblicks vergeblich ſich bemühte, ſich des Namens zu entſinnen, und wo er ihn gehört habe. „Ja, ein O⸗Donoghue,“ rief eine rauhe Stimme neben ihm, wäͤhrend eine neue Geſtalt auf einem klei⸗ nen Bergpony auf ihn zuritt.„Ein Name, der in die⸗ ſen Gegenden nicht fremd klingen ſollte. Steht auf, Mr. Herbert, ſteht auf, lieber Junge— die Näſſe wird Euch doch nicht ſo erſchreckt haben?“ „Was! Kerry, Du da?“ ſagte der Jüngling mit ſchwacher Stimme, indem er mit halbgeſchloſſenen Au⸗ genliedern um ſich blickte.„Wo iſt mein Vater?“ Lever, O'Donoghue. 1. 6 8² „Oh, der ſitzt behaglich am Feuer, mein Lieber, wo auch ſein Sohn ſeyn ſollte, wenn er nicht dem Feind ſeines Hauſes und Stammes als Wegweiſer im Gebirge diente. 3 Dieſe Worte wurden nur geflüſtert, aber mit einer Energie, die den Jüngling aus den Armen ſeiner Trä⸗ ger hinwegſchreckte. „Hier iſt der Pony, Mr. Herbert, ſitzt auf und ſprengt auf der Stelle davon; gewiß mancher Gauner mit Litzen am Nock würde über Eure alten Kleider lachen, wenn das Licht kömmt.“ Als dieſe Worte geſprochen wurden, waren Sir Marmaduke und ſeine Tochter einige Schritte voraus, und der alte Baronet gab Anweiſungen, dem Jüngling, den er für ſeinen Gaſt hielt, alle mögliche Sorgfalt und Aufmerkſamkeit zu widmen. Letzterer aber gehorchte, ſowohl beſchämt als belei⸗ digt, dem Rathe Kerry's und ließ ſich in den Sattel heben. „Nun, ſo haltet feſt, ich will Euch führen,“ ſagte Kerry, indem er ſich rechts und links durch die Menge ellbogte und mit dem Pony auf und davon rannte, ſo daß er in weniger als einer Minute in der Finſterniß verſchwunden war. Sir Marmaduke gerieth in Beſtürzung über den Verluſt ſeines Wohlthäters und ſchickte einen Boten nach dem andern ab, um ihn zurück zu holen, aber Alles umſonſt; Kerry und ſein Pony hatten bereits einen ſolchen Vorſprung gewonnen, daß Niemand ſie einholen konnte. „Morgen alſo, mein Kind,“ ſagte Sir Marmaduke, „morgen werde ich hoffentlich im Stande ſeyn, meine Dankbarkeit auszuſprechen; aber dieſe Nacht werde ich nicht gut ſchlafen— ich habe mich noch nie mit einer ſo ſchweren Schuld auf dem Herzen zur Ruhe begeben.“ Mit dieſen Worten ritten ſie langſam heimwärts. 83 Siebentes Kapitel. Sir Archy's Geduldprobe. Es war ſeltſam, daß, obſchon der alte Herr und ſeine zarte Tochter ohne alle andern üblen Folgen, als mit dem bloßen Schreck, der ſie noch immer nicht ganz verlaſſen, aus ihrem Abenteuer davon gekommen waren, der junge, kräftige, an Flut und Feld gewöhnte Jüng⸗ ling die ernſtlichſten Nachwehen verſpürte. Die Anſtrengung, die er gemacht, um Sir Mar⸗ maduke und ſeine Tochter einzuholen, gefolgt von dem Ringen in dem angeſchwollenen Strome, hatte ſeinen Körper ſo erſchüttert, daß er ehe der Tag anbrach, in einem Fieber lag. Die geiſtige Aufregung, verbunden mit Müdigkeit und Erſchöpfung, hatten die Symptome ſeiner Krankheit mit ſolcher Schnelligkeit entwickelt, daß auch ungeübte Augen ſeinen gefahrvollen Zuſtand er⸗ kannten. Sir Archibald war die erſte Perſon am Bette des kranken Jünglings. Die Wechſelfälle eines langen Lebens hatten ihm ſo viel von der Heilkunde gelehrt, daß er entdecken konnte, wenn ein Fieber im Anzug war; als er daher den ſtarken, heftigen Puls fühlte, das rothe, faſt geſchwollene Geſicht vor ſich ſah, erkannte er den Anfang einer ernſtlichen, gefährlichen Krankheit. Vage, verworrene Bilder von dem Abenteuer der letzten Nacht oder aus dem dunklen Thal und dem Sturm beſchäftigten alle Gedanken dee Jünglings; ob⸗ gleich er ſich, wenn er angeredet wurde, bemühte, Zu⸗ ſammenhang und Gedächtniß zu behalten, war es doch ein vergeblicher Kampf, und wenn der unmittelbare Ein⸗ druck einer Frage vorüber war, wanderten ſeine Gedan⸗ ken zurück zu dem Gegenſtand, der ſeine Seele füllte. „Wie ging's denn eigentlich zu?“ fragte Sir Archy, der, neben dem Krankenbett ſitzend, den Jüngling über 6* 84 ſein Abenteuer ausforſchte.„Du haſt etwas von einem Pferd geſagt.“ f „Ja, ſie war zu Pferd. Oh, wie wacker ſie ritt! Es war ein herrlicher Anblick, wie ihr der Schaum gleich einem Schleier über das Geſicht fiel und wie ſie die Tropfen von ihrem Haare ſchüttelte.“ „Woher kam ſie? Wer war die Lady?“ „Achtung— AOchtung,“ ſprach der Jüngling in feierlichem Flüſtern, feſt vor ſich hinblickend;„Derry⸗ bahn hat ſeine Warnung erlaſſen— der Sturm iſt im Anzug. Es iſt nichts fuͤr ein ſo zartes Geſchöpf wie Du biſt, über den Fluß des ſchwarzen Thales Dich zu wagen.“ „Sey ſtill, mein Junge,“ ſagte der alte Mann,„Du mußt nicht ſo ſprechen; Du wirſt Kopfweh bekommen, wenn Du nicht ruhig biſt— ſey ruhig.“ „Ja, mein Kopf, mein Kopf,“ murmelte er, die durch ſeine Seele ſchwirrenden Worte wiederholend. „Sie ſchlang den Arm um meinen Nacken—— da, da,“ rief er, indem er in ſeinem Bette wild auffuhr, „faß' es, greif' es— meine Füße gleiten aus— der Felſen regt ſich— ich kann nicht länger halten, da, da!“ und mit einem dumpfen, klagenden Seufzer ſank er ohnmächtig auf das Kiſſen zurück. Sir Archibald bot alle mögliche Verſuche auf, um ihn zur Ruhe zu bringen; und nachdem es ihm theil⸗ weiſe geglückt, eilte er nach O'Donoghue's Zimmer, um mit dem Vater des Knaben zu berathen, welche Schritte geſchehen ſollten, um ärztliche Hülfe aufzutreiben. Es war noch einige Stunden vor der gewöhnlichen Zeit ſeines Erwachens, als der alte Mann das hagere, abgezehrte Geſicht Sir Archy's zwiſchen dem Vorhang ſeines Bettes hereinſtarren ſah. „Nun, was gibt's?“ fragte er, einigermaßen be⸗ unruhigt über die unerwartete Erſcheinung.„Hat Gub⸗ bins die Beſchlagnahme verfügt? Wollen uns die Schur⸗ ken auspfanden?“ 8⁵ „Nein, nein, es iſt etwas anderes, was mich her⸗ führt, erwiederte MNab mit einer Feierlichkeit, die noch tiefer war als gewöhnlich. 1 1 „Die hölliſche Verſchreibung! Bei Gott, ich wußte es, es kam mir dieſe letzten drei Nächte nicht aus den Träumen. Mark kam vermuthlich zu ſpät mit dem Zins, und doch hat der arme Junge ſeine Mähre ver⸗ kauft um das Geld aufzutreiben.“ „Faſle doch nicht jetzt von ſolchen Dingen,“ ſagte M'Nab ungeduldig.„Es handelt ſich von dem armen Jungen Herbert— er iſt ſehr krank— er leidet, glaub' ich, an einem Fieber.“ „Oh, Herbert!“ verſetzte O'Donoghue in einem Tone augenſcheinlicher Beruhigung, daß ſein Unglück eine andere Geſtalt angenommen hatte, als die vielge⸗ fürchtete der Geldnoth.„Was iſt mit ihm?“ „Er hat das Fieber; ſein Geiſt iſt beſtändig irre.“ „Das hat nichts zu bedeuten; er iſt nur naß ge⸗ worden— es iſt eine gewöhnliche Verkältung. Der Junge ſiel letzte Nacht an der alten Bruͤcke in den Fluß, Kerry erzählte mir etwas davon; alſo kann Mark am Ende doch noch zu rechter Zeit nach Cork kommen.“ „Ich ſpreche jetzt nicht von Mark,“ ſagte M⸗Nab verdrießlich,„ſondern von dem andern Jungen, der ge⸗ fährlich krank werden kann, wenn man nicht ſchnell et⸗ was dagegen thut.“ „Nun, ſo ſchicke nach Roach. Laß einen der Jun⸗ gen ein Pferd ſatteln und hinüber nach Killerney reiten. Ohl ich hätte es faſt vergeſſen; ſchicke einen Burſchen zu Fuß hin. Es iſt doch verdammt traurig, nichts in den Ställen zu haben, nicht einmal ein Thier, um einen Boten beritten zu machen. Ich hoffe, Mark iſt im Stande, die Sachen in Cork in's Reine zu bringen. Der zenne Burſche, er haßt die Geſchäfte ſo herzlich wie ich.“. Sir Archy wartete nicht auf den Schluß dieſer umſchweifenden Antwort. Lange bevor O'Donoghue aus⸗ 86 geredet hatte, war er ſchon die Hälfte der Treppe hin⸗ abgeſtiegen, um einen zuverläſſigen Boten aufzuſuchen, den er nach Killerney an den Doktor Roach ſchicken könne; unterwegs aber murmelte er zwiſchen den Zäh⸗ nen— „Wir haben nicht viel Ausſicht, daß der Doktor kommt, wenn wir ihn nicht mit Roß und Wagen ab⸗ holen können. Wie, wie?— es iſt ein pfiffiger Kerl, dieſer alte Roach, und kann einen Lohn ſo gut wittern wie ein Fieber;“ und mit dieſer klugen Betrachtung ſetzte er ſeinen Weg fort. Inzwiſchen hatte O'Donoghue ſelbſt Kräfte genug geſammelt, um einen alten zerlumpten Schlafrock anzu⸗ ziehen und ein paar unbehülfliche Pantoffeln, mit denen angethan er in das Zimmer des kranken Jünglings trat. „Nun, Herbert, mein Junge,“ ſprach er, indem er den Vorhang zurückzog und das graue Licht auf die Züge des Jünglings fallen ließ,„wie ſteht's? Dein Oheim hat mir etwas von Dir vorgeplaudert.“ Aber plötzlich hielt er inne, als er die in einigen wenigen Stunden mit dem Jüngling vorgegangene Ver⸗ änderung ſah. Die tief in ihre Höhlen begrabenen Au⸗ gen glänzten von einem unnatürlichen Feuer, die Wan⸗ gen waren eingefallen und blaß, und nur ihre Mitte war mit einem hochrothen Fleck bezeichnet; die Lippen, trocken und runzlig, hatten eine leichte, zitternde Bewe⸗ gung, gleich als murmelte er vor ſich hin. „Der arme Burſche,“ ſagte der Vater,„wie ſchreck⸗ lich übel er ausſieht. Haſt Du Schmerzen, mein Juuge?“ Der Knabe kannte die Stimme und den gütigen Ton, die Worte aber konnte er nicht verſtehen; während ſeine Augen von Freude glänzten, zog er leiſe ſeine brennende Hand unter der Bettdecke hervor und ſtreckte ſie zitternd ſeinem Vater hin. „Wie plötzlich dieß gekommen iſt: letzte Nacht warſt Du doch noch ganz wohl, Herbert?“ „Letzte Nacht!“ erwiederte der Jüngling, mit ſelt⸗ 87 ſamem Nachdruck; denn dieß waren die einzigen Worte, die er aufgegriffen hatte. „Nein, nebenbei geſagt, ich meine die vorletzte Nacht. Die letzte Nacht habe ich Dich nicht geſehen; aber nur getroſt, mein lieber Junge; wir haben nach dem Doktor Noach geſchickt— er wird Dich wieder herſtellen. Ich hoffe, Mark kommt heim, bevor der Doktor geht. Ich möchte gerne ſeinen Rath über dieſen Zug im Hinterhof haben.“ Dieſe letzten Worte im Selbſtgeſpräch gemurmelt, ſchienen einem Gedankengang zu entfließen, der mit dem Kranken nicht im geringſten Zuſammenhang ſtand. In ſeine Betrachtungen verſunken, begab er ſich an's Fenſter, das auf den alten Hofraum hinter dem Hauſe hinaus⸗ ging, und wo jetzt ein ſehr beträchtlicher Haufe von Bettlern ſich verſammelt hatte, um die Almoſen zu holen, die jeden Morgen aus der Küche ausgetheilt zu werden pflegten. Jeder war mit einem großen leinenen Sack verſehen, der an einem Strick um den Hals be⸗ feſtigt und fäͤhig war, die gewöhnliche Gabe, nämlich einen wenigſtens für ein paar Tage ausreichenden Vor⸗ rath von Mehl oder Kartoffeln einzunehmen. Alle waren emſig damit beſchäftigt, ihre verſchiedenen Arten Provi⸗ ant, je nachdem das Glück oder auch die Gunſt der Köchin darüber verfügte, zu verſorgen, wobei der Eine über ſeine Portion lachte, der Andere über die ſeinige vielleicht murrte, als plötzlich Sir Archibald M'Nab eilig in ihre Mitte trat— eine Erſcheinung, die nach der ge⸗ ſteigerten Eile zu urtheilen, womit ſich die Bettler fortzu⸗ machen ſuchten, ihnen kein beſonderes Vergnügen machte. Donoghue lachte, als er die Beſtürzung des zer⸗ lumpten Haufens ſah und öffnete das Schiebfenſter, um die Szene zu betrachten. „Wir müſſen gehen; Gott ſey uns gnädig!“ „Ihr braucht nicht ſo zu fluchen,“ ſagte eine alte Here mit einem Sack auf dem Rücken, weit genug, daß ein Kind darin ſtecken konnte. 88 „Hoho! der Herr nehme ſich der Armen an,“ rief ein kleiner fetter Burſche mit einer wollenen Nachtkappe und mit Strümpfen ohne Füße;„es gibt keine Barm⸗ herzigkeit mehr, keine mehr.“ „Der Himmel ſey Euer Bett, immerdar,“ ſagte ein kleines Weib mit harten Zügen in einem Tone, der dem Wunſche einen ganz entgegengeſetzten Sinn verlieh. „Heiliger Joſeph! wir ſind doch gewiß weder Räuber noch Diebe, daß Ihr uns ſo fortjagt.“ Solches Geſchrei ertönte von allen Seiten, ver⸗ miſcht mit dem Gebrumme„der filzige Schotte“—„der alte Knicker!“ und anderen gleich höflichen und ſchmeichel⸗ haften Benennungen. „Das iſt kein Ort für euch, ihr alten Hexen und Gauner; fort mit euch,— packt euch, auf der Stelle!“ „Das ſind die Worte, die Ihr einſt im Himmel hören werdet, lieber Herr,“ ſagte ein altes Satansweib mit Einem Auge und einem mit einem einzigen Zahn beſetzten Mund.„Das ſind die nämlichen Worte, mit denen Euch der heilige Petrus abweiſen wird!“ „Bei Gott!“ murmelte ein Anderer,„an dem an⸗ dern Orte wird er alleweg kein Fremdling ſeyn. Er wird dort die meiſten ſeiner Landsleute treffen.“ Dieſe Rede war das Signal zu einem allgemeinen Ausbruch des Gelächters. „Fort mit euch, ihr zerlumpten Teufel, ihr ſeyd eine Schande für ein chriſtliches Land.“ 4 „Ei, wir haben doch Hoſen an,“ ſagte ein alter Kerl mit Krücken;„und ſoviel ich höre, iſt man in den Gegenden, woher Ew. Ehren kömmt, noch nicht ſoweit.“ Sir Archy's Zorn ſprudelte über bei dieſer neuen Beſchimpfung. Er ſtürmte und fluchte mit aller unge⸗ ſtümen Wuth eines Menſchen, der„aus dem Häuschen“ iſt; aber die Wirkung auf ſeine Zuhörer ging gänzlich verloren. Sie nahmen keine Notiz davon, höchſtens riefen ſie gelegentlich aus— „Hört nur, hört nur! Oh, heiliger Vater! hört, 89 was er ſagt! Oh, heilige Mutter! iſt er nicht ein ſchrecklicher Mann?“— aber ſolche Bemerkungen waren keineswegs geeignet, ſeinen Zorn zu beſchwichtigen. In⸗ zwiſchen mehrten ſich die Symptome der ſbevorſtehenden Gebietsräumung. Krüppel wurden von ihren Freunden auf Rücken und Schultern genommen. Säcke und Ta⸗ ſchen um die Hälſe geſchlungen. Manches vorläufige Schütteln mit den Lumpen bewies, daß der Träger der⸗ ſelben ſich zur Reiſe anſchickte, als Sir Archy, im velltn Strome ſeines Zornes plötzlich ſich faſſend, aus⸗ rief— „Hört einmal— wartet noch eine Minute, ihr alten Beſtien— ich habe Etlichen von euch ein Wort zu ſagen.“ Der veränderte Ton, worin er ſprach, ſchien bei der Menge den ganzen Strom ihrer Gefühle verändert zu haben, denn jetzt fielen ſie alle ein— „Hoho, er iſt eben doch ein guter Mann; gewiß, er hat nur manchmal ſeine Grillen— und dieſe An⸗ ſichten wurden mit erhöhter Wärme ausgeſprochen, als Sir Archibald eine ziemlich wohlgefüllte Börſe aus der. Taſche zog und einige Silberſtücke in die Hand nahm, ſo daß Manche riefen— „Ein gutes Herz braucht oft harte Worte; und gewiß, man kann es ihm am Geſicht anſehen, daß er nicht grauſam iſt“ „So hört mich an,“ rief Sir Archy laut, indem er ihren ausdrucksvollen Augen einen Schilling vorhielt,„es iſt man⸗ cher unter euch, der ein Stück Silber verdienen könnte. Wer von euch will hinunter nach Killarney laufen, um dem Doktor zu ſagen, er möchte ſchleunigſt hieher kom⸗ men? Ihr müßt aber ſchnell laufen, und ihn noch dieſe Nacht hieher bringen oder ſchicken, und wenn ihr es thut, ſo geb' ich euch dieß Stück Silber, wann ihr zu⸗ rückkommt.“ Auf dieſe Rede erfolgte ein allgemeines Murren unter derjenigen Klaſſe, die wegen Alter und Krank⸗ 9⁰0 heit von der Mitbewerbung ausgeſchloſſen waren, wäh⸗ rend dem rüſtigeren Theil ein nicht weniger unzweideu⸗ tiger Ausdruck der Unzufriedenheit entfuhr. „Hinunter nach Killarney!“ rief Einer;„bei Gott, es wundert mich, daß Ihr nicht geſagt habt, nach Kemnare— hol' mich der Teufel, wenn es weniger als fünf Stunden ſind.“ I „Wahrlich, es ſollte mir einfallen, mit meinen eigenen vier Beinen den Weg zu machen, auf dem ganzen Weg kein Haus, wo ein Tropfen Milch oder Brannt⸗ wein zu finden wäre.“ „Das iſt die Mildthätigkeit gegen die Armen, ver⸗ muth' ich,“ ſagte der fette Kerl mit der Nachtmütze: „Wahrlich ſehr angenehm, dieſe Mildthätigkeit.“ „Wir ſollen vermuthlich den Doktor auf unſern Rücken berbringen,“ ſprach ein Krüppel in einem Korbe. „Hat Jemand etwas Aehnliches gehört oder ge⸗ ſehen?“ rief M'Nab aus, indem er mit emvorgehobenen Händen verwundert um ſich gaffte.„Es iſt kaum zu glauben.“ „Ihr habt ganz recht, Liebſter,“ erwiederte Einer aus der Gruppe.„Ich bin drei und fünfzig Jahre auf der Straße und habe nie gehört, daß irgend Jemand uns zumuthete, eine Hand zu rühren. „Geht mir aus dem Geſicht, ihr nichtsnutzigen Taugenichtſe; fort mit euch, auf der Stelle und für immer. Zehn Meilen in der Runde laß' ich mich er⸗ kundigen, ob kein Bullenbeißer zu haben, um ihn auf den Erſten zu hetzen, der ſich an's Haus heranwagt.“ „Bei meiner Ehre, es wird Euch ſchwer fallen, eine ruchloſere Beſtie zu finden, als Ihr ſelbſt ſeyd.“ „Bei Gott, häßlicher kann es keinen geben.“ Unter ſolchen Bemerkungen und dem herzlichen Ge⸗ lächter, das darauf folgte, zog die zerlumpte Gruppe mit allen Kriegsehren zum Hofraum hinaus und ließ den von Staunen und Aerger überwältigten Sir Archy allein zurück. 91 Ein leiſes kicherndes Gelächter, ſowie das Schließen des Fenſters über ſeinem Haupte, veranlaßte ihn em⸗ porzuſchauen, ſo daß er gerade noch O'Donoghue er⸗ blicken konnte, wie er ſich vom Fenſter zurückzog; denn über der beluſtigenden Szene hatte der alte Mann den kranken Sohn und alles Andere vergeſſen, und alle ſeine Gedanken hatten ſich ausſchließlich mit dem lächerlichen Auftritt beſchäftigt. „Sein eigener Vater— ſein eigener Vater!“ mur⸗ melte Sir Archy, während er mit zuſammengezogenen Augenbraunen und rückwärts geſchlagenen Armen über Alles, was er ſah, die traurigſten Betrachtungen an⸗ ſtellte.„Was bringt euch wieder zurück, ihr faulen Schurken? Wie unterſteht ihr euch, wieder hieher zu kommen?“ Dieſe nicht ſehr höfliche Frage war an den armen Terry the Woods gerichtet, der, gefolgt von einem Be⸗ dienten Sir Marmaduke's, in dieſem Augenblick in den Hof trat. „Was ſuchſt Du hier, frage ich, und was will der Burſche neben Dir?“ Terry ſtand wie vom Blitz gerührt über den plötz⸗ lichen Ausbruch des Zorns und ſah ſogleich das ver⸗ antwortliche Individuum an, dem er blos als Führer gedient, gleich als wolle er ihm ſagen, er möge die Frage beantworten.. „Und wollt Ihr auch betteln?“ redete M'Nab mit höhniſcher Betonung den Bedienten an.„Mich dünkt, Ihr könntet Euch fur die goldene Litze auf Euerm Hut ein Fleiſchgericht kaufen, und dann eher einem anſtän⸗ digen Chriſten gleich ſehen. Ihr habt wahrſcheinlich keinen Platz?“ Dieſe letzten Worte waren von einem Ausdruck der Ironie begleitet, dem ein Anſtrich von Ungläubigkeit alle mögliche Biſſigkeit verlieh, und ſie waren die ein⸗ zigen, die das glatte, wohlgenährte Individuum, an das ſie gerichtet waren, verſtehen konnte. 9² Aller Wahrſcheinlichkeit nach hätte er, wenn ihm Hochverrath oder Straßenräuberei vorgeworfen worden wäre, kraft ſeiner Selbſtachtung ſeinen Gleichmuth be⸗ wahrt; jeder gewöhnlichen Uebertretung des geſchriebenen Geſetzes hätte man ihn beſchuldigen können, ohne einen übermäßigen Unwillen in ihm zu erwecken, aber die ver⸗ ächtliche Frage, ob er ohne Platz ſey, war mehr, als die Geduld eines Bedienten ertragen konnte: auch mun⸗ dete ihn die Beleidigung nicht beſſer, weil ſie von einer Perſon kam, die er ſelbſt für einen Bedienten hielt. Mit dem wahren Gefühle beleidigter Würde alſo erwie⸗ derte er— „Ich für meine Perſon, guter Freund, bin zwar nicht ohne Platz; aber wenn man Euch nicht beſſer be⸗ handelt, als Euer Ausſehen verräth, ſo möchte ich Euch rathen, Euch nach einer neuen Stelle umzuſehen“ Wahrlich, Sir Archibalds Geduld war an dieſem Morgen dazu beſtimmt, harte Prüfungen zu beſtehen, aber dieß letztere war ein Stoß, auf den er bei aller Vorſicht nicht gefaßt ſein konnte. „Ich hoffe wenigſtens, daß ich meinen Verſtand nicht verliere,“ ſagte er, indem er mit beiden Händen ſeine Schläfe drückte.„Der Herr bewahre mich vor hele höchſten Unglück, das einen Menſchen befallen ann.“ Dieſer fromme Wunſch, mit wahrer, ungeheuchel⸗ ter Inbrunſt ausgeſprochen, ſchien wie ein Zauberſpruch auf das Gemüth des alten Mannes zu wirken und ſchon die bloßen Worte beſchwichtigten ſeinen Zorn. Er ſprach alſo mit aller Würde ſeines natürlichen Charakters, wenn er durch vorübergehende Wolken der Leidenſchaft unge⸗ trübt war.. „Was habt Ihr hier für einen Auftrag auszu⸗ richten?“ So einfach auch dieſe wenigen Worte waren, lag doch in der Ruhe und Anſpruchloſigkeit ihres Tones ein gewiſſes Etwas, das den Bedienten in einer Sekunde 93 erkennen ließ, welchen Mißgriff er gethan. Er ſah ſo⸗ gleich die unermeßliche Kluft, die beide trennte und keinen Verſuch von Anmaßung oder Unverſchämtheit ge⸗ ſtattete, nahm mit der Taktfertigkeit ſeines Berufes ehr⸗ erbietig den Hut ab, und reichte ohne alle Erwiederung oder Entſchuldigung einen verſiegelten Brief dar. Sir Archibald ſetzte ſeine Brille auf, und kehrte, nachdem er die Auſſchrift ſorgfältig geleſen, ohne zu ſprechen, nach dem Hauſe zurück. „Hier iſt ein Brief für Dich, O'Donoghue,“ ſagte er, indem er in das Geſellſchaftszimmer trat, wo das Familienhaupt bereits an ſeinem Frühſtück ſaß, während Kerry O'Leary in geringer Entfernung hinter ſeinem Sunht die Umſtände des Abenteuers von der letzten Nacht erzählte. „Von Mark?“ fragte der alte Mann begierig, als er aber einen Blick auf die Schrift gerichtet, warf er mißmuthig den Brief weg und bemerkte,„ich bin in großer Unruhe um dieſen Jungen.“ „Wäre es nicht beſſer, den Brief zu leſen? Der Bote, der ihn gebracht, ſcheint auf eine Antwort zu warten,“ verſetzte M⸗Nab. „Ein Bote!— he— nicht mit der Poſt? Iſt Hamsworth zurückgekommen?“ rief O Donoghue mit ſicht⸗ barer Angſt in ſeinem Weſen. „Nein, Sir,“ ſagte Kerry, der errieth, um wel⸗ chen Gegenſtand die Gedanken ſeines Herrn ſich drehten; „der Kapitän, heißt es, kommt vor vier bis ſechs Wo⸗ chen noch nicht.“ „Gott ſey Dank!“ murmelte O'Donoghue;„der Schurke läßt mir nie die Nachtruhe, wenn ich höre, daß er in der Nachbarſchaft iſt. Willſt Du ſehen, was darin ſteht, Archy?— mein Kopf iſt ganz verwirrt dieſen Morgen; ich bin drei Stunden vor meiner Zeit aufgeſtanden.“ Sir Archibald ſetzte ſeine Brille wieder auf und erbrach das Siegel. Der Inhalt ſchien etwas lang zu 94 ſeyn, denn er brauchte einige Minuten, um den Brief für ſich durchzuleſen. „Fahre fort, Kerry,“ ſagte O'Donoghue,„ich möchte dieſe Geſchichte ganz hören.“ „Nun, ich glaube, Ew. Ehren kennt jetzt das meiſte davon, denn als ich das Thal hinauf kam, waren ſie alle wohlbehalten über dem Fluß, ausgenommen die Mähre; ſie wurde den Waſſerfall hinunter geriſſen, und eine halbe Stunde ungefähr unter der alten Brücke zog man ſie heraus, maustodt. Dem Mr. Mark wird es das Herz abfreſſen, wenn er es hört.“ „Das iſt ein ſehr höflicher Brief,“ fiel Sir Archy ein, indem er das Schreiben offen vor ihn hinlegte, „von Sir Marmaduke Travers, der zu wiſſen wünſcht, wann er Dir ſeine perſönliche Aufwartung machen und ſeinen innigſten Dank— das ſind ſeine eigenen Worte — für das edelmüthige Benehmen Deines Sohnes, der mit Gefahr des eigenen Lebens ſeine Tochter rettete, abſtatten kann. Der Brief iſt mit viel Beſcheidenheit und Verſtand geſchrieben, und der Verfaſſer kann nichts anderes ſeyn, als ein ächter Edelmann.“ „Travers— Travers,“ wiederholte O'Donoghue; ei, das iſt ja der Mann ſelbſt. Er war es, der das Gut kaufte; er iſt Hamsworths Prinzipal.“ „Und wenn er es iſt,“ verſetzte M'Nab,„kann nicht ein ehrlicher Mann einen ſchlechten Diener haben? Hier ſteht nichts von Hamsworth. Es iſt eine höfliche Bitte, von einem Gentleman an einen andern ge⸗ richtet.“ „So iſt es alſo Sir Marmaduke, der dieſe letzten Wochen in der„Lodge,“ gewohnt. Das war Marks Geheimniß— der arme liebe Junge, er wollte mir es nicht ſagen, aus Furcht, ich könnte mich darüber ärgern. Nun, was will er?“ „Dich beſuchen, O'Donoghue.“ „Welcher Unſinn! Das Unglück iſt bereits geſche⸗ hen, Das Pfand iſt für verfallen erklärt, und was 9⁵ Carrignacurra betrifft, ſo könen ſie vor dem nächſten Termin nichts machen; wenigſtens verſichert dieß Swaby.“ „Kannſt Du nicht begreifen? Es iſt keine Prozeß⸗ ſchrift, ſondern ein höfliches Geſuch, Deine Bekannt⸗ ſchaft zu machen. Sir Marmaduke möchte Dir ſeinen Beſuch abſtatten.“ „Gut, er mag kommen,“ verſetzte O'Donoghue lachend;„er darf verſichert ſeyn, mich zu Hauſe zu fin⸗ den. Dafür ſteht ihm der Sheriff. Morgen oder über⸗ morgen wird Mark hier ſeyn; vorher, hoffe ich, wird er nicht kommen.“ „Die Antwort muß eine ſchriftliche ſeyn,“ ſagte M'Nab; es wäre gegen die Höflichkeit, die Antwort dem Bedienten zu geben.“ „Von Herzen gerne, Archy, wenn ich ſie nur nicht abfaſſen ſoll. Miles O'Donoghue ſind die einzigen Worte, die ich ſeit Jahren geſchrieben und“— fügte er mit bitterem Lächeln hinzu—„es wäͤre gut für den armen Mark geweſen, wenn ich auch das vergeſſen hatte.“ Sir Archibald eutfernte ſich, um die Antwort zu ſchreiben, was ihn jedoch in nicht geringe Verlegenheit ſetzte; denn während es ſeinem Herzen innig wohl that, daß ſich ſein Liebling Herbert ſo edel benommen, empörte ſich doch ſein Stolz, wenn er bedachte, welche Eindrücke ein Beſuch bei der Familie O'Donoghue auf einen „hochmüthigen Südländer,“ für den er ihn hielt, machen müße. Es war jedoch nicht zu helfen. Das Entgegen⸗ kommen des Briefſtellers war ſo ehrerbietig, jede Zeile athmete einen ſo ſichtbaren Wunſch, wohl aufgenommen zu werden, daß von einer abſchlägigen Antwort oder auch von einer nur kalten Aufnahme des anerbotenen Beſu⸗ ches keine Rede ſeyn konnte. In der Antwort wurde daher die Verſicherung ausgeſprochen, daß man die beabſichtigte Ehre mit Vergnügen annehmen werde; ſie enthielt ferner eine Entſchuldigung, daß man wegen Uebelbeſinden, Sir Marmaduke die Aufwartung noch nicht gemacht, und ſchloß mit einigen Worten über Herbert, nach dem ſich der Baronet in ſeinem Schreiben angelegentlich erkundigt hatte. Dieſer Brief, geſchrieben in den deutlichen, ſchmucken, aber altmodiſchen Zügen aus der Zeit des Verfaſſers, und„O'Donoghue“ unter⸗ zeichnet, wurde ſorgfältig zuſammengelegt und in einen großen, viereckigen Umſchlag eingeſchloſſen, woranf ſich N Ra mit demſelben wieder in das Fruͤhſtückzimmer begab. „Soll ich Dir die Antwort vorleſen, O'Donoghue, bevor ich ſie verſiegle?“ fragte Sir Archy mit gewich⸗ tiger Miene. „Nein, nein, ich bin überzeugt, daß Alles iſt, wie ſich's gehört. Du haſt natürlich erwähnt, daß Mark abweſend iſt, aber daß wir ihn jeden Tag zurück erwarten?“ „Ich habe nichts der Art bemerkt. Ich ſagte, Du würdeſt Dich freuen, ihn zu ſehen, und ſeyeſt ſtolz auf die Ehre, ſeine Bekanntſchaft zu machen.“ „Ich will verdammt ſeyn, Archy, wenn das wahr iſt,“ fiel in rauhem Tone der alte Mann ein. Für einen ſo großen Wahrheitseiferer wie Du biſt, ſind dieſe Worte nicht recht an ihrem Platze. Ich fühle weder meinen Stolz, noch mein Ehrgefühl gekitzelt. Laß es indeſſen ſeyn, dann hat doch der Bettel ein Ende.“ „Ich habe einen Boten an Roach nach Killarney geſchickt; der hirnloſe Junge Terry, hat den Bergpfad dahin eingeſchlagen und wir können den Doktor dieſen Abend hier erwarten;“ mit dieſen Worten entfernte ſich Sir Archy, um ſeinen Brief abzuſchicken; O'Donoghue dagegen lehnte ſich in ſeinen Stuhl zurück, ſchwer ermü⸗ det von den Beſchwerden des Tages. 1 97 Achtes Kapitel. Das Krankenhaus. Wie ſchmerzlich verbreitet ſich das Gefühl einer gefährlichen Krankheit durch alle Theile eines Haus halts! Wie feierlich iſt der Einfluß, den ſie auf jedes Individuum, auf jeden Gegenſtand übt; der geräuſch⸗ loſe Schritt, die geflüſterten Worte, die geſchloſſenen Vorhänge, die Unterbrechung der gewöhnlichen Geſchäfte oder die Verrichtung derſelben in Traurigkeit und Nie⸗ dergeſchlagenheit. Wo Wohlhabenheit herrſcht, da nimmt Alles die Züge höchſter Sorgfalt für den Leidenden an; Alles was freundliche Behandlung und Geſchicklich⸗ keit vermag, wird aufgeboten, um ihn zu pflegen; wo aber Armuth und ihre Uebel ihren Sitz aufgeſchlagen, wo nicht weniger gegen drückende Noth als gegen die Leiden der Krankheit zu kämpfen iſt, da wird das Ge⸗ mälde wirklich düſter. Die mancherlei Mängel in Bezug auf Behaglich⸗ keit, die man durch tägliche Gewohnheit uͤberſehen gelernt hat, die Entbehrungen, die man im thätigen Kampfe mit der Welt vergißt, erſcheinen jetzt in der Einſamkeit des Krankenhauſes, um uns zu betrüben, zu erſchrecken, und wir grämen uns über manches Elend, das wir ſchon lange vergeſſen hatten. Seit der verhängnißvollen Krankheit, die O'Donoghue zu einem Wittwer gemacht hatte, war ſein Haus nie mehr von einem ähnlichen Uebel heimgeſucht worden, und gleich den meiſten Leuten, die den Segen ununter⸗ brochener Geſundheit lange genoſſen, hatte man dort nie an ein derartiges Unglück gedacht, noch auch ein ſolches unter die möglichen Fälle des Lebens gerechnet. Jetzt aber fühlte der ganze Haushalt die Veränderung. as lärmende Gelächter in der Küche, das laute Spre⸗ chen war verſtummt, die ſonſt vom Wind oder von dem ever, O'Donoghue. J. 71 98 rauheren Ungeſtüm ſorgloſer Hände auf und zugeſchla⸗ genen Thüren wurden leiſe geſchloſſen— Alles verrieth die Anweſenheit des Leidens. O'Donoghue ſelbſt ſchritt in dem Zimmer des alten Thurms auf und ab, indem er bald inne hielt, um einen Blick in's Thal hinabzu⸗ werſen, wo er noch immer Mark ankommen zu ſehen hoffte, bald in ſeiner Herzenstraurigkeit den melancho⸗ liſchen Gang wieder fortſetzte. In dem dunkeln Krankenzimmer neben dem Bette ſaß Sir Archibald, vom Vorhang verhüllt, aber nahe genug, um im Nothfall dem kranken Jüngling beizu⸗ ſtehen. Er ſaß dort, in ſeine düſteren Gedanken begra⸗ ben, die noch düſterer wurden, wenn er dem beſchleu⸗ nigten Athmen und dumpfen Gemurmel des Jünglings zuhörte, deſſen Fieber noch immer im Steigen begriffen war. Die alte übel gelaunte Köchin, deren Zunge der Schrecken ihrer Umgebung war, ſaß rauchend am Feuer, ohne die Nähe des alten Fuchshundes zu bemerken, der Kerry in die Küche gefolgt war, und jetzt ſchlafend vor dem Feuer lag. Kerry ſelbſt hörte auf, ſeine Stücke aus Liedern und Balladen zu ſummen, wodurch er ſonſt den langweiligen Tag ſich zu verkürzen ſuchte. Allent⸗ halben herrſchte Traurigkeit, und auch draußen war der Anblick nicht erfreulicher. Der Regen ſchlug in ſchweren Stößen an die Fenſter, der Wind ſchuttelte heftig die alten Bäume und ſchlug ihre knorrigen Aeſte in wilder Verwirrung an einander, in kläglichem Tonfall durch das tiefe Thal hinſeufzend, oder durch die ſchmalen Gänge des alten Hauſes lang gedehnte melancholiſche Laute ergießend. Das Getöſe des Sturms, noch ver⸗ nehmlicher bei dem düſteren Schweigen der Menſchen, ſchien jedes Herz niederzudrücken. Sogar der barfüßige kleine Laufjunge, Mickey, der von Vater Luke mit einer Botſchaft herübergekommen war, ſaß ſtumm und traurig dort und ſchien, indem er mit ſeinem nackten Fuße in der weißen Torfaſche herumwühlte, die ſchmerzliche Nie⸗ dergeſchlagenheit der Stunde zu fühlen. 99 „Es iſt ein ſchrecklicher Regentag gelobt ſey Gott!“ ſagte Kerry, indem er ein altes beſchmuztes Zeitungs⸗ ſtück aus der Taſche zog und ſeinen Sitz neben dem flammenden Feuer nahm. Einige Zeit beharrte er bei ſeiner Beſchäftigung ohne Unterbrechung; aber nachdem Mrs. Branagan augenſcheinlich ihre eigenen Betrach⸗ tungen erſchöpft hatte, wendete ſie ſich an ihn um neuen Stoff. „Was ſteht in den Zeitungen, Kerry O'Leary? Ich dächte, Ihr könntet es eben ſo gut laut leſen, als ſo für Euch hinmurmeln,“ ſagte ſie in einem Tone, der in dem Reiche, wo ſie herrſchte ſelten beſtritten wurde. „Verdammt!“ erwiederte Kerry, ſich hinter den Ohren kratzend, der kleine Druck macht mich ganz irre; die Buchſtaben ſtehen ſo eng an einander, daß ſie keinen Raum haben, ſich zu regen, und meine Augen gehen bald eine Zeile zu hoch, bald zu niedrig, ſie können durchaus nicht in der geraden Linie bleiben. Komm her, Mickey, heda! Du mußt ein großer Gelehrter ſeyn, da Du in Einem Hauſe mit Sr. Hochwürden wohnſt. Sie ſagen,“ flüſterte er der Köchin ins Ohr,„ſie ſagen, er könne ſchon Meſſe leſen.“ Mrs. Branagan nahm bei dieſen Worten ihre Nudel aus dem Mund und gaffte voll Staunen den kleinen Burſchen an, welcher, der Einladung gehorchend, neben Kerry Platz nahm und ſich anſchickte, ſein Ge⸗ ſchäft zu beginnen. „Wo ſoll ich anfangen Sir?“ „Mit den Neuigkeiten natürlich,“ erwiederte Kerry, einigermaßen in Verlegenheit, welche Art von Nach⸗ richten er am liebſten höre.„Was iſt das mit dem großen W am Anfang?“ „Wohlſtand Irlands, Sir,“ verſetzte das Kind. „Ja, lies das, Mickey,“ ſagte die Köchin, ihre Pfeife wieder in den Mund ſteckend. Mit leiernder Betonung, die weder Paragraphen, 7* noch Perioden beobachtete, ſondern die ganze Spalte durch ſich gleich blieb, begann der Kleine:—— „Allgemein im ganzen Lande hat man jetzt Aus⸗ ſicht auf eine reiche Ernte, und ſollte das himmliſche Wetter noch eine Woche oder länger anhalten, ſo hoffen wir, das Korn wird alles glücklich unter Dach kommen.“ Da die Anſpielung des Journaliſten auf eine Periode von mehreren Jahren zuvor ſich bezog, ſo war es den Zuhörern nicht zu verargen, wenn ſie die Angabe nicht ganz richtig fanden. „Himmliſches Wetter, ja wohl!“ grunzte die Köchin, indem ſie ihre Augen auf die Fenſter richtete, an die der heftige Regen ſchlug—„lies weiter, Mike.“ „Letzte Nacht wurde Mr. Foran in Baggot⸗ſtreet von vier Schurken angehalten, die in Stonny⸗Batter wohnen, und ſeiner Uhr und Kleider beraubt; die Thäter ſind wohl bekannt, und werden gewarnt, auf ihrer Hut zu ſeyn, da ſolche Beraubungen nicht lange unbeſtraft blei⸗ ben können. Die zwei Schurken, die bei dem Erzbiſchof von Dublin einbrachen und die Hausmagd gemordet haben, werden nächſten Samſtag an„Lord Temple's Galgen“ gehängt; dieß wird für das Volk von Kroß⸗Poddle eine Lehre ſeyn, die ihm hoffentlich zu ſeinem Beſten dient.“ „Sir Miles M'Shane benachrichtigt die Perſon, die nach dem letzten Lever ſeine Schuhſchnalle fand, daß er eine Belohnung von einem Schilling acht Pence dafür geben will, wenn ſte in Nro. 2 Cly⸗Platz abge⸗ geben wird; ſollte es der Finder vorziehen, ſo wird es Sir Miles auf das Loos ankommen laſſen, wer das Paar behalten ſoll. Es ſind Paſte, keine Diamanten, obgleich ſehr gut nachgeahmt.“ „Paſte! Die Lügner und Diebe!“ rief Mrs. Branagan, deren Begriffe in Betreff dieſes Materials auf Paſteten beſchränkt waren. „Die Böcke(Gecken) ahmen die Ladies in allen Künſten, die Perſon zu verſchönern nach.— Manche trugen auf dem letzten Ball der Herzogin Schminke 101 und Pläſterchen. Wir hoffen, dieſe Verweichlichung wird ſich nicht weiter verbreiten.— Mr. Rigby iſt es, und nicht Mr. Harper, der den ſeidenen Schlafrock be⸗ kömmt. Sir George Roſe wird für ſeine Dienſte in Nordamerika das rothe Band erhalten.“ „Einen ſeidenen Schlafrock und ein rothes Band!“ rief Mrs. Branagan.„Die ſollten ſich doch, Gott ſtraf' mich, vor ſich ſelbſt ſchämen.“ „Wahrlich, ich glaubte nie, was mir einſt Darby Long ſagte,“ ſiel Kerry ein.„Er ſagte mir, er habe den Biſchof von Cork in einem ſchwarz ſeidenen Weiber⸗ unterrock geſehen. Stehen keine Mordthaten mehr da, Mickey?“ „Ich weiß nicht, Sir, ob ſie vielleicht unter den Modenachrichten ſtehen.“ „Gut, lies weiter.“ „Donald, dieſe Beſtie, die bei den letzten Aſſiſen in Trim durchaus nicht aus ihrer Gefängnißzelle heraus⸗ wollte, und auf die daher eine Abtheilung Infanterie Feuer gab, wurde geſtern vom Chirurg Huſton aus dieſer Stadt das Bein amputirt, und es geht ihm jetzt merkwürdig gut.“ „Wo find die Pferde⸗ und Jagdneuigkeiten?“ fragte Kerry.„Stehen ſie nicht hier?“ und dabei deutete er auf eine Pferdefiqur oberhalb einer Spalte. „Mr. Conolly's Pferd, Gabriel, wäre das erſte ge⸗ weſen, aber Whaley, der Jockey, ſiel herunter. Nächſten Freitag ſoll das Wettrennen von Neuem beginnen. Es war Mr. Daley und nicht Mr. Crosbie, der den An⸗ walt letzten Donnerſtag beim Rennen reitpeitſchte. Mr. Crosbie brachte den Tag beim Herzog von Leinſter zu und iſt ſehr ärgerlich, daß ſein Name in der Ge⸗ ſchichte erwähnt worden iſt, beſonders da er ſich ver⸗ pflichtet hat, drei Jahre lang mit allen Gliedern des Gerichtshofes Friede zu halten.“ „Kapitän Heavyſide und Mr. Malone wechſelten dieſen Morgen vier Kugeln ein Jeder. Der Streit 10² drehte ſich um Wettrennen und Politik und vermiſchte Gegenſtände.“ 3 „Es geht das Gerücht, der Lord Oberrichter aus England werde ſich weigern, dem Urkunden⸗Bewahrer perſönliche Genugthuung zu geben; aber wir können dem Gerücht keinen Glauben beimeſſen——“ „Die Karmeliterinnen haben Ranelagh⸗Haus ge⸗ kauft, um ein Nonnen⸗Kloſter daraus zu machen.“ „Das iſt die einzige Stelle in der Zeitung, für die ich meine Pfeifen⸗Aſche geben möchte,“ ſagte Mrs. Branagan.„Lies es noch einmal, Lieber.“ Der Knabe las die Stelle noch einmal. „Nun, nun, es wundert mich doch, ob Miß Kate wieder zurück kommen wird,“ ſagte ſie während einer Pauſe. „Allerdings wird ſie das,“ verſetzte Kerry;„was könnte ſie hindern? Hat ſie nicht eine hübſche Rente vom Gute? Zehntauſend, habe ich vom Herrn gehört.“ „Oh jal gewiß, es iſt ſchon lange Alles fort; kein rother Heller iſt übrig, weder für ſie noch für ſonſt Je⸗ mand. Der Herr hat Stein und Bein verkauft, aus⸗ genommen das Haus, das über uns ſteht, und gewiß, auch das iſt ſchon ſo gut wie verkauft. Ah, Miß Kate war ein ſauberes Kind und von einſchmeichelndem Weſen.“ „Schade, daß ſie eine Nonne wurde,“ ſagte Kerry. „Schade! warum ſchade, Kerry O'Leary?“ rief die alte Lady, vor Zorn ſchnaubend.„Sind nicht die Nonnen glücklichere und anſtändigere und höhere We⸗ ſen, als andere Weiber, die Lumpen zu Männern, und Schurken aller Art zu Kindern haben? Wollen etwa Leute gleich Euch oder gleich dem Geſchöpfe neben Euch einem Menſchen den Weg zum Himmel zeigen? Hoho! Aber ſie, die Nonnen, führen ein ſeliges Leben— ſie faſten und beten, thun alle Arten Buße und reden über ihre Sünden mit heiligen Männern.“— „Pſt! was iſt das? droben wird geklingelt,“ ſagte 1⁰³ Kerry, indem er plötzlich auffuhr und horchte.„Ha, noch einmal;“ bei dieſen Worten gähnte er und ſtreckte ſich, ließ einiges Murren über die Störung vernehmen und ſtieg langſam die Treppe hinauf in das Geſell⸗ ſchaftszimmer. „Schlaft ihr da drunten, ihr faulen Teufel?“ rief ihm Sir Archy vom Treppen⸗Geländer entgegen.„Habt ihr die Glocke nicht gehört?“ „Ich habe ſie erſt jetzt gehört,“ erwiederte Kerry ruhig, denn er ließ Sir Archy nie denſelben Grad von Ehrerbietung angedeihen, wie den übrigen Familien⸗ Gliedern.“ „Geht und ſeht, ob keine Zitronen im Hauſe ſind, aber verlieret keine Zeit damit.“ „Wahrlich, darnach brauch' ich nicht weit zu gehen,“ ſprach Kerry in weinerlichem Tone;„der Herr hatte dieſe letzten zwei Nächte nicht einmal für ſeinen Punſch eine; ſie haben die kleine Schachtel in einen feuchten Winkel geſtellt, und nun, als ſie nach ihnen ſahen, hatten die nämlichen Zitronen in der That Bärte gleich Juden.“ „So geht hinunter zur Frau M'Kelly im Thale, und ſeht, ob ſie keine hat.“ „Mordjo! Mordjo!“ murmelte Kerry, da ihn der pfeifende Sturm an das ſchreckliche Wetter draußen er⸗ innerte.„Es hilft nichts, ohne Geld hinzugehen,“ fügte der Schlaue hinzu, in der Hoffnung durch dieſen tiefen Stich dem Auftrag zu entrinnen. „Ihr braucht ihr nur zu ſagen, ſie ſoll es auf die Rechnung ſchreiben.“ „Dann würde ſie's in ſchlimme Geſellſchaft brin⸗ gen,“ murmelte Kerry leiſer als er athmete, und fügte dann laut hinzu—„Wenn ich nicht ſechs Pence in der Hand habe, gibt ſie mir gewiß keine einzige.“ „Könnt Ihr nicht ſagen, daß es nicht für Euch iſeſendern fuͤr's Haus— dann weigert ſie ſich gewiß nicht.“ 104 „Hilft Alles nichts,“ wiederholte er feierlich;„ſie iſt ein ausgemachter Geizhals, und wollte nicht einmal dem Vater Luke eine Woche lang ſeinen Schnupftabak borgen, obſchon er ihn ſchon ſeit dreißig Jahren bei ihr kauft.“ „Wehe, wehe!“ ſprach M⸗Nab mit gepreßter Stimme;„die Welt wird immer ſchlimmer. Ihr könnt ihr einen Schilling bezahlen, aber habt Acht, daß ſie Euch keine ſchlechte Waare dafür gibt; ſie ſollte Euch zwölf für ſechs Pence geben.“ Kerry nahm das Geld, ohne ein Wort zu erwie⸗ dern; ſein Plan war vereitelt, und mit manchem ge⸗ murmelten Spott auf den alten Schotten ſtieg er die Treppe wieder hinab. „Befindet ſich Mr. Herbert ſchlimmer?“ fragte die Köchin, als der alte Jäger in die Küche trat. „Bei Gott, es muß ganz ſchlecht mit ihm ſtehen, wenn der alte Archy einen Schilling für ihn bergibt. Pht da, ich ſoll hinunter zur Mary und Zitronen olen.“ Kerry warf die Münze auf den Tiſch, wie um zu probiren, ob ſie ächt ſei, und murmelte vor ſich hin— „Beim Teufel, ſie iſt wirklich ächt.“ „Da klingelt's wieder, huh, wie heftig!“ „Diesmal ließ ſich Sir Archy's Stimme laut ver⸗ nehmen; er rief Kerry um Hülfe, da Herbert plötzlich kränker geworden und der alte Mann nicht im Stande war, den Jüngling zurückzuhalten, der aus dem Bette ſpringen und zum Zimmer hinausſtürzen wollte. Das wilde, heftige Geſchrei des Jünglings miſchte ſich in die tieferen Toͤne des alten Mannes, der alle ſeine Kräfte aufbot, um ihn zu beruhigen und zurück⸗ zuhalten, als Kerry eintrat. Mit ſeiner Hülfe wurde der Jüngling zurück in's Bett gebracht, wo er, erſchöpft durch ſeine eigenen Anſtrengungen, einige Stunden lang liegen blieb, ohne zu ſprechen oder ſich zu regen. Es war jedoch leicht zu erkennen, daß dieſer Zu⸗ 105 ſtand von ſchlimmerer Vorbedeukung war, als der frühere. Die heftigen Ausbrüche wilden Wahnſinns verriethen, ſo lange ſie wahrten, einen Grad von Lebens⸗ kraft, die jetzt gänzlich verſchwunden ſchien; und obgleich Kerry dieſe Veränderung als eine Beſſerung anſah, er⸗ blickte der geübtere und unterrichtetere Sir Archibald ganz andere und weit entmuthigendere Anzeichen darin. So verſtrichen die langwierigen Stunden, und end⸗ lich begann der lange Tag zu ſinken, aber noch immer verkündete kein Zeichen, kein Ton die Ankunft des Dok⸗ tors, ſo daß MNabs Aengſtlichkeit mit jeder Stunde höher ſtieg. „Wenn er nicht bald kommt,“ ſagte er nach langem, bangen Schweigen,„ſo braucht er ſich nicht die Mühe zu geben, ihn zu beſuchen.“ „Das dachte ich auch,“ verſetzte Kerry mit feier⸗ licher, faſt empörender Gravität—„wenn die Finger ſo hin und hergehen, ſo iſt das ein gewaltig ſchlimmes Zeichen. Ich habe ſchon manche Hunde mit ihren Zehen ſo arbeiten geſehen, aber ich wüßte nicht, daß einer dann davon gekommen wäre. Neuntes Kapitel. Beſuch eines Doktors. Die Nacht war ſchon weit vorgerückt, als der Dok⸗ tor, vom Regen durchnäßt und ermüdet von den ſchlech⸗ ten Straßen, wo er oft genöthigt war, über eine Stunde weit zu Fuß zu gehen, in O'Donoghue's Haus ankam. Doktor Roach war nicht in der ſanfteſten Gemüths⸗ verfaſſung, als er den Ort ſeiner Beſtimmung erreichte; und in Wahrheit, er beſaß eine Natur, die keiner wei⸗ teren Zuthat von Herbheit bedurfte. Der Doktor war das Muſterbild von einem einſt ziemlich allgemein ver⸗ 106 breiteten, jetzt aber— es iſt ſchwer zu ſagen warum— in Irland faſt erloſchenen Geſchlecht. So geht es eben; die Früchte der Erde wechſeln im Lauf der Jahre nicht auffallender, als die Gemüthsarten der Menſchen. Sitten, die in der einen Generation populär ſind, gelten in einer andern als Ueberſpanntheiten, und finden in einer dritten ihr Grab. Vor etwa ſechzig oder ſiebzig Jahren war es eine ziemlich allgemeine Anſicht in der Welt, daß ein Mit⸗ glied des ärztlichen Standes, der einen gewiſſen Grad ſeiner Kunſt erreicht, vollkommen berechtigt ſei, jeder Liebenswürdigkeit und Höflichkeit, die das geſellſchaftliche Leben unter weniger privilegirten Perſonen ſchmücken, ſich zu entſchlagen. Die Conceſſionen, die man jetzt blos noch einem Koch bewilligt, wurden damals auch auf den Arzt ausgedehnt; und in Uebereinſtimmung mit dem Vorrecht, kraft deſſen er die widerwärtigſten Doſen für den Körper verordnete, durfte er ſein Gebiet aus⸗ dehnen und auch für die Seelen ſeiner Patienten Arz⸗ neien darreichen, die kaum beſſer mundeten. Gleich als hätten die übelſchmeckenden Getränke den Geiſt, der ſie erſann, gefärbt, ſo beſaßen auch ſeine Gedanken einen bitteren Geſchmack, ſo daß er die widerſtreitenden Kräfte der Arzneimittel in ſeiner eigenen Perſon vereinigte, und herbe, ſtechend und einſchläfernd zugleich war. Das Collegium der Aerzte hätte dem Doktor Roach keinen Vorwurf machen können, von ihren Privilegien auch nur ein Jota geopfert zu haben. Nie hat einer in der Praxis ſeines ganzen Lebens an den heiligen Gerechtſamen des Doktors zäher gehalten als er. Das magiſche Wort„Recipe“, das über jeder ſeiner Ver⸗ ordnungen ſtand, verlieh Allem, was er ſagte, einen gebieteriſchen Ton, und ſeine Arzneien wie ſeine Befehle wurden ohne Gegenvorſtellung hinunter geſchluckt. Es mag kein ſchmeichelhaftes Geſtändniß für die Menſchheit darin liegen, aber dennoch iſt es ein wahres, daß die Ausübung der Gewalt, gleichviel wie niedrig 107 oder wie beſchränkt ihre Sphäre, in dem Machthaber je nach Umſtänden eine tyranniſche Richtung erzeugen wird. Doktor Roach wenigſtens bildete keine Ausnahme von dieſer Regel. Der Czaar ſelbſt war kein unum⸗ ſchränkterer Selbſtherrſcher in den Steppen Rußlands, als er in jedem Hauſe, das von Krankheit heimgeſucht war. Von dieſer Stunde an ſchlug er dort ſeinen Thron auf. Alle Launen des Alters, alle Thorheiten der Kindheit, die gewohnte Ungezwungenheit des Hau⸗ ſes, die Freiheiten, die in einem Haushalt durch Ge⸗ wohnheit eingeführt waren, mußten dem allmächtigen Monarchen, dem Doktor, weichen. Man ertrug dieſe Nothwendigkeit mit der gleichen Geduld, mit der man die Krankheit zu beſtehen ſuchte. Man fühlte ſich dabei unglücklich und elend, aber man ſah einer Zeit der Er⸗ löſung entgegen und ſehnte ſich mit Schmerzen nach der Stunde, da die Krankheit und der Doktor zugleich abziehen würden. Wenn die Freude über eine ſolche Erlöſung groß war, ſo ſchien ſie dem Arzt nach Undankbarkeit zu ſchmecken.„Geſtern habe ich ſein Leben gerettet,“ ſagte er,„und heute muß ich ſehen, wie ſehr es ihn freut, mich zu entlaſſen.“ Aber wer iſt je dankbar für die Schmerzen des Zahnwehs?— oder welches Herz kann in der Erinnerung an gravitätiſche Verordnungen, Se⸗ nes und ſchmale Koſt Vergnügen finden? „Niie wurde das Glück wiederhergeſtellter Geſundheit mit gerechterer Dankbarkeit gefühlt, als von den Pa⸗ tienten des Doktor Roach. Von ſeinen knarrenden Schuhen, ſeinem dumpfen, trockenen Hüſteln, ſeiner bar⸗ ſchen Betonung, ſeinen noch barſcheren Worten, ſeinen Widerſprüchen, ſeinen Spötteleien, ſeiner Selbſtſucht endlich erlöst zu ſein, verbreitete um die Wiedergeneſung einen Lichtglanz, welchen die Angehörigen des Patienten nicht genug ſchätzen konnten. Solcher Art war das Individuum, deſſen rumpeln⸗ des, raſſelndes Fuhrwerk jetzt in den Hofraum von 1⁰⁸ Carrig⸗na⸗curra einzog, begleitet von dem armen Terry, der ihm auf dem ganzen Weg zu Fuß nachgelaufen war. Der weite Weg, den er zurückgelegt, ſeine Zweifel oder vielmehr ſeine Hoffnungsloſigkeit in Betreff der zu er⸗ wartenden Gebühr, das ungeſtüme Wetter, waren Zu⸗ gaben, von denen ſich nicht annehmen ließ, daß ſie die Schwächen ſeines Gemüthes gut machen würden; wäh⸗ rend eine noch ſtärkere Quelle der Erbitterung in der gegenſeitigen Abneigung zwiſchen ihm und Sir Archi⸗ bald M'Nab lag. Ein gelegentliches Zuſammentreffen in einem kleinen Speiſehaus in Killarney, das Sir Archy jeden Sommer einige Tage zu beſuchen pflegte— die einzige Erholung, die er ſich erlaubte— hatte die⸗ ſes Gefühl zu einem ſolchen Grad geſteigert, daß ſie nie ohne gegenſeitiges Mißfallen zuſammentrafen oder ohne ernſtlichen Streit auseinander gingen. Der Dok⸗ tor war ein Demokrat und ein Römling erſter Quali⸗ tät; Sir Archy war ein Mitglied der ſchottiſchen Epis⸗ copal⸗Kirche; und auf welche Seite in der Politik er ſich auch früher geneigt, in welcher Geſellſchaft er auch ſeine thätigen Jahre zugebracht haben mochte, ſo hatte ihn die Erfahrung das Trügeriſche mancher Meinungen gelehrt, die einen gewiſſen Grad von Wahrheit und Beſtändigkeit der Thatſache verdanken, daß ſie nie über das Stadium ſpekulativer Begriffe hinaus in das Be⸗ reich wirklichen, praktiſchen Daſeins getreten ſind:— vor Allem aber fürchtete der kluge Schotte das Vor⸗ herrſchen dieſer Meinungen unter jungen, unreifen Ge⸗ müthern, die ſtets bereit ſind, die kurze, gewagte Lauf⸗ bahn des Glückes der langſamen, geduldigen Anſtren⸗ gung täglicher Betriebſamkeit vorzuziehen. Wenn ſich der Doktor von Sir Archy's Geſellſchaft nur wenig Genuß verſprach, ſo hoffte der letztere eben ſo wenig Vergnügen im Umgang mit Roach zu finden. Indeſſen, da der Zuſtand des armen Herbert mit jeder Stunde bedrohlicher wurde, beſchloß der alte Mann, jeden Grund gegenſeitiger Abneigung in Vergeſſenheit 8 1⁰9 zu begraben, und ſo lange der Doktor im Hauſe blieb, jede mögliche oder unmögliche Conceſſion zu machen, um das Wohlwollen eines Mannes zu gewinnen, auf deſſen Dienſte ſo viel ankam. „Hört Ihr?“ rief Roach in barſcher Stimme Kerry zu, der vom Küchenfeuer hinweggerufen war, um ſein Pferd zu beſorgen;„gebt dem Pony eine Kleien⸗Meiſche, eine heiße Meiſche, und verlaßt ihn nicht eher, als bis er trocken iſt.“ Seyen Sie unbeſorgt, Sir,“ erwiederte Kerry, indem er das matte, erſchöpfte Thier in den Stall führte,„ich werde dafür ſorgen, als wäre es ein Renner;„als aber Roach verſchwunden war, fügte er hinzu—„das ſollte mir einfallen, ein ſolches Thier, ein altes Bergroß, abzuwiſchen. Eine Kleien⸗Meiſche, freilich! Mit Kleie es fuͤttern! Bei Gott, an Diſteln und Kletten iſt es am beſten gewöhnet!“ mit dieſer weiſen Betrachtung über die Gewohnheiten des Thieres ſchloß er die Stall⸗Thüre und begab ſich wieder an ſeinen früheren Platz neben dem flammenden Torffeuer. O'Donoghue empfing den Doktor äußerſt herzlich. Er freute ſich aus mehreren Gründen, ihn zu ſehen. Er freute ſich immer, wenn er Jemand ſah, der ihm erzählen konnte, was in der Welt vorging, da ihm aller Verkehr mit derſelben abgeſchnitten war; er freute ſich, weil man mit dem Abendeſſen anderthalb Stunden län⸗ ger als gewöhnlich gewartet hatte, und weil er unge⸗ mein hungrig geworden war; und endlich war er wirk⸗ lich um Herbert beſorgt, ſo oft ſeine Gedanken dieſe Richtung nahmen. „Wie geht's, Roach?“ rief er ihm entgegen, indem er mit ausgeſtreckter Hand auf ihn zuging. Das iſt ſchön von Ihnen— Sie haben einen ſchrecklichen Tag gehabt, fürchte ich.“ „Ich willverdammt ſeyn, wenn ich in dieſem verwünſch⸗ ten Thale je beſſeres Wetter geſehen. Ich habe nie einen Fuß darein geſetzt, ohne durch und durch naß zu werden.“ 11⁰ „In der That, wir können uns nicht über Mangel an Regen beklagen,“ erwiederte der Andere mit gutmü⸗ thigem Lachen;„aber wenn wir Sturm haben, ſo haben wir auch Schutz.“ 3 Der Doktor, der die Anſpielung abſichtlich mißver⸗ ſtand und das den kühnen Bergen ertheilte Lob auf das zerfallene Wohnhaus bezog, warf einen troſtloſen Blick im Zimmer umher und wiederholte das Wort„Schutz“ mit einer keineswegs ſchmeichelhaften Stimme. O'Donoghue's Blut war in einem Augenblick in Wallung. Seine Stirne runzelte ſich und ſeine Wange glühte als er in dumpfem, tiefem Tone ſagte— „Es iſt ein altes, gebrechliches Ding. Sie haben ganz recht— weder die Wände noch die Geſellſchaften darinnen ſind, was ſie ehedem waren.“ Deer dieſe Worte begleitende Blick erinnerte den Doktor an ſeine Impertinenz; denn gleich gewiſſen, an⸗ gebundenen Thieren, die ſich ihres Zwanges nicht be⸗ wußt werden, ſo lange ſie nicht den Strick an ihrem Nacken fühlen, konnte auch bei ihm ſein Eigendünkel nur durch einen derben Stoß erſchüttert werden. „Ja, ja,“ murmelte er, indem er eine Entſchul⸗ digung wegen ſeines Lachens herausgackerte,„die Zeit ſetzt uns allen zu.— Aber ich ſehe, daß das Abendeſſen wartet.“ Die Pflichten der Gaſtfreundſchaft waren ſtets hin⸗ reichend, um O'Donoghue jeden vorübergehenden Aerger vergeſſen zu machen; er ſetzte ſich daher mit all ſeiner gewohnten, guten Laune und Leutſeligkeit an den Tiſch. Im Verlauf der Mahlzeit erkundigte ſich der Doktor nach dem kranken Jüngling und nach den ſeine Krankheit begleitenden Umſtänden; das Intereſſe, das er der Er⸗ zählung widmete, war hauptſächlich der Erwähnung des Namens Sir Marmaduke Travers zu verdanken, von deſſen Anweſenheit im Lande er bisher noch nichts gehört hatte, und von deſſen Aufenthalt er bereits manche Vor⸗ theile für ſich ſelbſt zu erwarten anfing. 111 „Man ſagt mir,“ fuhr O'Donoghue fort,„der Junge habe ſich vortrefflich dabei benommen. Wirklich, wenn die alte Stromſchnelle noch einigermaßen iſt, wie ſie früher war, ſo war die Gefahr keine geringe. Sonſt pflegte eine Strömung dort zu ſeyn, ſtark genug, um ein Dutzend Reiter fortzureißen.“ 3 „Und wie befindet ſich die junge Lady? Hat ihr die Erkältung und die Durchnäſſung und die Erſchütterung nichts gethan?“ „Wahrlich, ich muß geſtehen, ich war nicht ſo ga⸗ lant, nach ihr zu fragen. Bei dem Leben, das ich ſeit einigen Jahren führe, bin ich hinter allen Anforderungen der Zeit traurig zurückgeblieben. Sir Marmaduke war ſo höflich, zu ſagen, daß er mir ſeine Aufwartung ma⸗ chen wolle; aber er könnte mir einen noch größern Ge⸗ fallen erzeigen, wenn er mich nämlich allein ließe.“ „Zwiſchen euch beiden hat ein Prozeß oder ein Streit beſtanden, nicht wahr?“ „So etwas der Art,“ verſetzte O'Donoghue mit ärgerlicher Miene;„aber das ſind Dinge, die von Gent⸗ lemen ihren Advokaten überlaſſen werden, und in die ſie ſich nicht ſelbſt zu miſchen ſuchen.“ „Ein voller Beutel iſt der Nerv des Krieges,“ murmelte der unbarmherzige Doktor;„und ich höre, jer iſt einer der reichſten Männer in England.“ „Das mag er meinetwegen ſeyn.“ „Nun, nun,“ hub der Andere nach einer langen, nachenklichen Pauſe wieder an,„man kann nicht wiſſen, wie dieß kleine Abenteuer vielleicht noch ausgeht. Wenn Ihr Sohn dem Mädchen das Leben gerettet, ſo glaube ich kaum, daß er Sie ſo hart drängen wird——“ „Hüten Sie ſich, Sir,“ fiel O'Donoghue ein und ergriff bei dieſen Worten des Doktors Handgelenke mit ſeiner ſtarken Jauſt;„hüten Sie ſich, von Dingen zu ſprechen, die Sie durchaus nichts angehen;“ und als er den erſchreckten Blick ſah, den ſeine Rede hervorge⸗ rufen hatte, fügte er hinzu:„ich bin in der letzten Zeit 1 11² ſehr reizbar geworden, und wünſche nie über ſolche Ge⸗ genſtände zu ſprechen;„wenn es Ihnen daher beliebt, wollen wir ein anderes Thema wählen.“ 3 In dieſem Augenblick wurde behutſam die Thüre ge⸗ öffnet, und herein trat Kerry mit einer Meldung von Sir Archibald, ſobald Doktor Roach es angemeſſen finde, ſ werde er ſich freuen, ihn im Kranken⸗Zimmer zu ehen. „Ich bin jetzt fertig,“ ſagte der Doktor, von ſeinem Stuhl ſich erhebend, und keineswegs verdrießlich über die Gelegenheit, einem téte à téte zu entgehen, das hauptſächlich durch ſeine Schuld beiden Parteien ſo wenig mehr mundete. Während er die Treppe hinaufſtieg, fuhr er in halbem Selbſtgeſpräch und in abgebrochenen Sätzen fort, auf das Haus und den Wirth zu ſchmähen. —„Eine gebrechliche, alte Baracke iſt es— alles Ge⸗ räthe, unter dem doch keine fünfzig Schillinge werth— die Enten waren ſo zäh, wie eingeweichtes Pergament — und woher ſoll das Honorar kommen?— das möchte ich wiſſen— es ſey denn, daß ich einen dieſer alten Teufel dafür nehme;„dabei berührte er den Rahmen eines großen, verſchimmelten, entfärbten Porträts von irgend einem langbegrabenen Ahn, dergleichen mehrere an den Wänden des Treppenhauſes hingen. „Mit dem Jungen geht es ſchlimmer— viel ſchlim⸗ mer,“ flüſterte eine leiſe, aber deutliche Stimme neben ihm.„Sein Verſtand iſt ganz irre— er kennt Nie⸗ mand.“ Doktor Roach ſchien ſich darüber zu ärgern, daß Sir Archibald in ſeinem Eifer um den Jüngling die Zeremonie der Begrüßung vergeſſen hatte, und gab trocken zur Antwort— „Ich habe hoffentlich die Ehre, Sir, Sie wohl zu ſehen?“ „Es iſt Jemand hier, der leider gar nicht wohl iſt,“ verſetzte Sir Archy, der ſich um die Rede nicht im 113 geringſten küämmerte.„Wir haben ſchon zu viel Zeit ver⸗ loren— ich hoffe, Sie kommen nicht ſchon zu ſpät.“ Der Doktor gab keine Antwort, ſondern nahm ihm mit lrauher Geberde die Kerze aus der Hand und ging auf das Bett zu— „Ja, ja, murmelte er, indem er die glänzenden Augen und die weiten Pupillen— die roſenrothen Wan⸗ gen und die trockenen, aufgeriſſenen Lippen des Jünglings betrachtete;„er hat es, das iſt ſicher.“ „Was hat er?— was iſt's?“. „Das Fieber— das Gehirn⸗Fieber, und zwar im höchſten Grade.“ „Alſo iſt Gefahr vorhanden?“ flüſterte M'Nab. „Gefahr? wahrlich, ich möchte wiſſen, wie viele da durchkommen. Pahl es hilft nichts, ſeinen Puls zu zählen;“ dabei warf er die Hand rauh auf das Bett zurück.„Der geht ſo ſchnell, wie ſein Vater mit dem Vermögen eilte.“ Auf dieſe rohe Rede folgte ein herbes, dumpfes Gelächter, ſo daß Sir Archy alle Geduld, die er ſich vorgenommen hatte, zuſammenraffen mußte, um ſich zu halten. „Kennen Simich?“ fraate der Doktor mit der lauten Stimme, womit er gewöhnlich das ſchlummernde Gehör zu erwecken pflegte.„Kennen Sie mich?“ „Ja,“ erwiederte der Jüngling, ihn feſt anſtarrend. „Nun, wer bin ich denn? bin ich Ihr Vater?“ Ein leerer Blick war die ganze Antwort. „Sagen Sie mir, bin ich ihr Vater?“ Es erfolgte keine Antwort. „Bin ich denn Ihr Oheim?“ fragte der Doktor noch lauter. „Das Wort„Oheim“ ſchien irgend eine neue Saite ſeines erweckten Bewußtſeyns anzuſchlagen; ein ſchwaches Lächeln ſpielte auf ſeinen ausgedörrten Lippen und ſeine Augen wanderten vom Sprecher hinweg, gleich als ſuchten ſie irgend einen Gegenſtand, bis ſie endlich auf Siy Lever, O'Donoghue. J, 8 Archy ſielen, der unten am Bette ſtand; nun verklärte ſich plötzlich ſein ganzes Geſicht und er wiederholte für ſich das Wort„Oheim“ mit unausſprechlich zärtlicher, rührender Stimme. 5 „Er hat mich nicht vergeſſen,“ murmelte M'Nab in einem Tone tiefer Erſchütterung„Mein lieber Her⸗ zens⸗Junge— er kennt mich noch.“ „Sie regen ihn zu ſtark auf,“ ſagte Roach, der in ſeinem Innern wenig Sympathie mit den Gefühlen weder des Einen noch des Andern hatte.„Sie müſſen nich allein hier laſſen, um ihn zu befragen.“ M'Nab ſagte kein Wort, ſondern ſchlich ſich leiſen Schrittes aus dem Zimmer. Der Doktor ſah ihm nach und folgte ihm ſodann, um zu ſehen, ob die Thüre ge⸗ ſchloſſen ſey. Darauf winkte er Kerry, der zurückge⸗ blieben war, zu ſich und ſetzte ſich bedächtlich in einen Stuhl am Fenſter.— „Sagt mir, mein lieber Burſche,“ ſprach er, indem er einen zutraulichen Ton annahm,„ſind ſie nicht ganz fertig hier? iſt nicht Alles ruinirt?“ „Fertig— ruinirt!“ wiederholte Kerry, indem er beide Hände mit geheucheltem Erſtaunen emporhob;„das iſt ein närriſcher Ruin; bei Gott, ich habe noch nie ſo viel Gelo geſehen, als dieſe letzten Jahre. Gewiß, wenn man nicht darüber ſchimpfen würde, ſo wurde er ſich nach Wagenpferden umſehen und Jagdpferde kaufen, um vom Hundeſtall gar nichts zu erwähnen.“ „Iſt es Euch ernſt?“ fragte Roach erſtaunt. „So wahr als mein Name Kerry O'Leary iſt. Letzten Freitag boten wir Lanty Lawler hundert und zwanzig Guineen für einen Wettrenner, und haben noch nicht mit ihm abgebrochen; es iſt ein ſtarker Brauner, mit einem Stern auf der Stirne; und der Hengſt für den Herrn koſtet vierzig Pfund. Morgen oder uͤbermorgen wird er hieher kommen, dann können Sie ihn ſelber ſehen.“ „Das Haus wird bald zuſammenbrechen— das 115 Dach wird keinen Winter mehr halten,“ ſiel der Dek⸗ tor ein. „Nun, und wer anders iſt Schuld daran, als dieſer dürrbeinige Murphy, der die Arbeiter nicht eher will anfangen laſſen, als bis er Eichenholz aus dem ſchwarzen Meer bekommt?— es iſt, wie ich höre, das ſchönſte Holz auf der Welt und dauert immer und ewig.“ „Aber ſind ſie nicht allenthalben im Lande Geld ſchuldig? Es gibt keinen noch ſo kleinen Laden in Kollar⸗ ney, wo ſie nicht eine Rechnung ſtehen haben.“ „Ganz natürlich, und gerade ſo iſt es, damit in Cork— ja, und in Tralen. Meinen Sie vielleicht, ſie ſollten nur einem einzigen Platze aufhelfen?— Unter allen dieſen Krämer⸗Seelen iſt keine einzige, die ihre Rechnung ſchicken will— nein, obſchon wir eine Woche nach der andern darnach fragen. Sie fürchten ihre Kund⸗ ſchaft zu verlieren; und ich wette, ſie ſagen Ihnen, ſie können auf keine Weiſe, weder mit Haken noch mit Häkchen zu ihrem Gelde kommen; das iſt's— ich kenne es wohl.“ Ueber dieſe ſeltſamen Enthüllungen, die Allem, was er von den Umſtänden der O'Donoghue's gehört, ſo gerade⸗ zu widerſprachen, ſtellte der Doktor lange Betrachtungen an; und obgleich ſeine eigene Ueberzeugung ſtark gegen Kerrys Erzählung ſprach, ſetzte ihn doch das einfältige, ernſthafte Geſicht dieſes Mannes in bedeutende Verle⸗ genheit, ſo daß er zögerte, auf welche Seite er ſich hin⸗ neigen ſollte. Nach einer langen Pauſe, aus der ihn die zuſam⸗ menhangsloſen Faſeleien des kranken Jünglings erweckten, blickte er Kerry an, deutete darauf mit ſeinem Daumen nach dem Bett und murmelte— „Es geht ſchnell mit ihm.“ „Schnell mit ihm!“ wiederholte Kerry mit einer von ſeinem früheren Tone ganz verſchiedenen Stimme. „Oh weh! Es iſt nichts ſo ſchlimm als der Tod! Noth 8 116 und Armuth iſt hart genug, aber das iſt das wahre Unglück.“ Ein trockenes, ſarkaſtiſches Grinſen vom Doktor ſchien zu ſagen, daß das Geheimniß des armen Kerry entdeckt ſey. Die Anſpielung auf die Nothdurft des Lebens kam zu natürlich, als daß ſie nicht von den gegen⸗ wärtigen Umſtänden eingegeben geweſen wäre, und der Scharfſinn des Doktor Roach hielt ſogleich die Ent⸗ deckung feſt. „Jetzt wollen wir hinunter,“ ſprach der Doktor; „ich glaube den ganzen Zuſtand zu kennen;„und mit dieſen zweideutigen Worten kehrte er zurück nach dem Geſellſchaftszimmer. Zehntes Kapitel. Ein Abend bei Mary M'⸗Kelly⸗ Wenn über das einſt ſtolze Haus der O'Donoghues, zwiſchen deſſen Wänden jetzt leiſe Schritte dahinſchlichen und nur geflüſterte Worte ſich vernehmen ließen, der Kummer ſeinen finſtern Schatten geworfen hatte; ſo bot ſich eine durchaus verſchiedene Scene in dem kleinen Gaſt⸗ hof der Mary M'Kelly dar. Dort wurde vor der geräumigen Feuerſtelle eine Hammelskeule gebraten— während ver⸗ ſchieden: Küchengeräthe an und über dem Feuer durch das ganze Zimmer einen wohlſchmeckenden Duft verbrei⸗ teten. Eine Tafel, bedeckt mit einem ſchneeweißen Tiſch⸗ tuch und mit Couverten für eine Geſellſchaft von ſechs Perſonen, nahm die Mitte des Zimmers ein; Becher und Trinkgefäſſe von künſtlich gearbeitetem Silber, ſil⸗ berne Gabeln und Löffel von ſchöner Fagon waren eben⸗ falls da— gewiß ein ſeltſames Schauſpiel unter dem beſcheidenen Dache einer Straßen⸗Herberge. Mary ſelbſt entfaltete in ihrer Toilette eine ungewöhnliche Sorgfalt und Aufmerkſamkeit, und trug an ihrer wohl anſtehenden 117 Haube mit einer dichten Spitzen⸗Einfaſſung ein kokett angebrachtes Bouquet von dreifarbigen Bändern, deſſen Enden frei auf den Hals herabſtelen. Während ſie mit Herrichtung der Tafel beſchäftigt war, knüpfte ſie von Zeit zu Zeit eine flüchtige Unterhaltung mit einer Perſon an, die rauchend im Kamin⸗Winkel ſaß. Obgleich die⸗ ſelbe durch einen Schirm vor dem Glanz des Feuers ge⸗ ſchützt war, zeigte doch das rings herum verbreitete Licht genng von ihrem Gewand und ibrer Haltung, um ſie ſogleich als Lanty Lawler, den Roßhändler, zu er⸗ kennen. Die Nachläßigkeit, womit er ſich in einen Stuhl zurücklehnte und auf einem andern ſeine Beine ausſtreckte, bezeugte die vollkommene Behaglichkeit, während ſich in der leichtfertigen Manier, womit er das lange Pfeifen⸗ rohr zwiſchen ſeinen Fingern hielt, die Affektirtheit eines Menſchen erkennen ließ, der hier als heimiſch gelten und ſich heimiſch fuͤhlen wollte. „Welche Stunde haben ſie genannt, Mary?“ fragte er nach einer Pauſe von einigen Minuten, während deren er fleißig aus ſeiner Pfeife ſchmauchte. „Der Laufjunge, der von Beerhaven kam, ſagte, es werde jedenfalls neun werden; aber jetzt iſt es frei⸗ lich ſchon näher an zehn. Sie wollten zur Flutzeit kommen! Pſt! was war das?— Hat nicht das wie Räder getönt?“ „Nein, das iſt der Wind, und es iſt eine rauhe Maäͤcht. Ich vermuthe, Mary, der Sturm hält ſie zurück.“ „Ei bewabre; es iſt eine Bucht da drunten, die, wie ich höre, ſicherer iſt, als irgend ein Hafen in Ir⸗ land, und man kann dort keine Spur von einem Schiff ſehen, außer wenn man gerade daran ſteht, aus dem Wetter werden ſie ſich gewiß wenig machen. Der Kapi⸗ tän Jack, wie ſie ihn nennen, ſagt, es gebe keine beſſere Zeit zum Geſchäft, als wenn ein tüchtiger Wind blaſe. Die letzte Nacht, da ſie hier waren, gingen in der Bay zwei Schiffe unter.“ 118 „Ich erinnere mich wohl, Mary. Wahrlich, ich habe noch nie einen Toaſt mit ſo ſchwerem Herzen ge⸗ trunken, als den ſie nach dem Abendeſſen ausbrachten.“ „Sprecht mir nicht davon,“ ſagte Mary, ſich an⸗ dächtig bekreuzend;„ſie brachten ihn aus teufliſcher Luſt aus, ſo wahr ich lebe.“ „Nun, mag ſein,“ murmelte er bedächtig.„Es ſind immerhin wilde Burſche, führen aber auch ein wil⸗ des Leben.“ „Wahrlich, wenn ich ein Mann wäre, ein ſolches Leben würde mir auch gefallen,“ ſagte Mary mit einem Blicke feſter Entſchloſſenheit, der gut zu ihren Worten paßte.„Sie haben gute Zeiten, gehen durch die ganze Welt auf Beute aus und haben ſich um nichts zu küm⸗ mern— Gold, ſo viel ſie wollen— feine Kleider— herrlich Eſſen und Trinken; gewiß, es iſt keiner darun⸗ ter, der aus etwas ſchlechterem trinkt als Silber.“ „Beim Blitz, Mary, dafür bekommen ſie am Ende noch Eiſen um ihre Knöchel.“ „Ei bewahre— der Kerker iſt noch nicht gebaut, der ſie feſthält. Was iſt das für ein Geräuſch jetzt? Das ſind ſie. O, nein, es iſt das Waſſer, das den Berg herabrauſcht.“ „Ei ſo wollte ich doch, daß ſie endlich kämen,“ ſprach Lanty,„denn morgen muß ich früh auf ſein— dem alten Bankier da droben ſoll ich ſechs Thiere be⸗ ſorgen, und da möchte ich vor dem Morgen doch noch einige Stunden ſchlafen.“ „Da macht Ihr gewiß ein hübſches Proſitchen, Lanty,“ ſagte Mary mit einem pfiffigen Blick aus dem Winkel ihres Auges. „Allerdings ein gutes Geſchäft, Mary,“ erwiederte er lachend.„Was meint Ihr, daß ich geſtern früh mit ihm angefangen? Ich hörte hier, wie Ihr wißt, was dem Grauſchimmel begegnete, den ich von O'Donoghue gekauft— daß er den Waſſerfall hinuntergeriſſen wurde und ertrank. Was fang ich an? Ich gehe nach der 119 „Lodge“ und frage nach Sir Marmaduke, und ſage: „Ich komme, Sir, um Ihnen für das kleine Thier, das ich Ihnen für hundert verkauft, hundert und fünfzig zu bieten; ich habe erſt jetzt ſeinen wahren Werth entdeckt und wenn ich es heute nach Cork bringe, ſo kann ich auf der Stelle zweihundert dafür bekommen; Ew. Ehren wird gewiß einen armen Mann nicht hindern wollen, in ſeinem Gewerbe einen kleinen Profit zu machen.’ „Sie ſind ein ehrlicher Burſche, Lanty,“ ſagt' er— hol' mich der Teufel, Mary, wenn's erlogen iſt, Ihr müßt nicht lachen— ‚Sie ſind ein ehrlicher Burſche; zwar kann ich Ihnen Ihr Pferd nicht zurückgeben, denn es iſt letzte Nacht umgekommen; dagegen dürfen Sie für die vier Wagen⸗ und die zwei Reit⸗Pferde, die ich be⸗ ſtellt, den Preis ſelbſt beſtimmen. Darauf begann ich über das Thier zu weinen und das Geſicht zu verziehen, und ſchwor, ich habe es lieb gehabt, wie eine Schweſter. Da, wollte ich, hättet Ihr ſeine Tochter geſehen; bei meiner Ehre, es war ein wahres Schauſpiel. ‚Sie haben ſo viel Gefühl,“ ſagte ſie zu ihrem Vater. Für Poſſen,“ ſagte ich zu mir ſelbſt. Oh Mord und Todt⸗ ſchlag, Mary, und das ſind die Leute, die uns be⸗ herrſchen!“ „Dummköpfe ſind ſie, beim Teufel!“ ſiel Mary ein, deren herzliche Verachtung gegen den Sachſen in der Leichtigkeit ihren Grund hatte, mit der er ſich be⸗ trügen ließ. „Das iſt's, was ich immer ſage,“ verſetzte Lanty. „Ich will den John Bull immer lieber betrügen, als mich mit ihm herum ſchlagen! Durch Liſt könnt Ihr ihm das Hemd vom Leib ausziehen, und fürwahr, am Ende iſt dieß doch der leichteſte Weg, es zu gewinnen.“ „Das iſt ein gemeiner Weg, Lanty,“ erwiederte Mary mit ſtolzem Blicke,„das iſt ein ſchmutziger, ge⸗ meiner Weg, und ziemt ſich für keinen Irländer.“ „Wartet nur, bis die Zeit kömmt, Mary M'Kelly,“ 12⁰. ſprach Lanty halb erzürnt,„und vielleicht bin ich dan ſo gut bei der Hand, wie ein Anderer.“ „Ich wollte, ſie wäre ſchon da,“ erwiederte Mary ſeufzend,„wollte die Jungfrau, ſie wäre ſchon da, die Vorbereitungen habe ich wirklich von Herzen ſatt. So wahr ich lebe. ich weiß nicht, was ſie weiter brau⸗ chen, wenn es nicht an feſten Herzen fehlt. Dort in dem Felſen liegen acht Fäſſer Schießpulver,“ ſagte ſie leiſe flüſternd,„hinter Euerm Rücken— Ihr braucht Euch nicht zu regen, Lanty. Bei Gott, wenn ein Funke hinfährt, ſo blast es Euch und mich und das Haus, das über uns iſt, ſo hoch in die Luft, als der Berg Hungry iſt.“ „Die Engel ſtehen uns bei!“ rief Lanty, das Zei⸗ chen des Kreuzes machend. „Ja,“ fuhr Mary fort,„und Musketen für tauſend Mann, und Piken fur zweitauſend. Auch Sättel und Zäume ſind da, achtzehn Orhoft voll.“ „Ganz wahr,“ ſtimmte Lanty ein,„und ich habe eine Beſtellung von fünfhundert Kavallerie⸗Pferden— zahlbar von der franzöſiſchen Bank. Huh, ich wollte, es gebe einen Platz näher daheim,“ „Traut Ihr vielleicht nicht recht, Lanty Lawler?“ „Ei bewahre, aber es iſt immer noch Zeit genug, die Thiere aufzutreiben, wenn wir nur erſt die Reiter ſehen. Ich könnte zweitauſend Mann in vierzehn Tagen beritten machen, zu jeder Zeit, wenn gehörig Geld vorgeſchoſſen wird, ja, und zwar gut beritten machen, nicht mit jenen Teufeln, die ich der Regierung gebe und die kaum drei Tage Strapazen aushalten können. Huh, Mary, aber es wird ſehr ſpät, der Hammelsbra⸗ ten wird ſo trocken werden, wie ein Scheit Holz.“ „Die Franzoſen haben's ſo am liebſten,“ verſetzte Mary mit einem ſchalkhaften Blick, gleich als wollte ſie zu verſtehen geben, daß ſie die Abſicht des Sprechers errathen.„Schaut einmal nach der Straße hinunter, Lanty, und ſchaut, ob Ihr nicht Jemand kommen hört“ 121 Lanty erhob ſich mit ſichtbarem Widerſtreben aus ſeinem bebaglichen Winkel, legte mit einem halben Seufzer ſeine Pfeiſe weg, ſchritt langſam nach der Thüre der Hütte, machte ſie auf und trat hinaus in die Finſterniß. „In einer ſolchen Nacht wird man etwas hören können,“ murmelte er vor ſich hin,„wo die Bäume berſten und die Felſen niederſtürzen! Das heißt ein Sturm!“. „Iſt nichts von ihnen zu ſehen, Lanty?“ rief Mary, indem ſie die Thüre offen hielt und in die finſtere Nacht hinauslugte. 3 „Ich ſehe meine eigene Hand nicht.“ „Hört Ihr nichts?“. „Wahrlich, ich höre genug über meinem Kopf, das war Donner! Iſt nicht zu befürchten, Mary, daß es an’s Pulver kommt?“ „Zum Teufel mit der Furcht, macht Euch darum keinen Kummer,“ erwiederte die unerſchrockene Mary. „Könnt Ihr gar nichts ſehen?“ „Keinen Deut, außer die Lichter droben in Carrig⸗ na⸗curra; ſie flackern dort merkwürdig hin und her. Was geht wohl bei O'Donoghue vor?“ 3 „Der jüngere Sohn, Herbert, iſt krank,“ verſetzte Mary, indem ſie die Thüre öffnete, um Lanty wieder hereinzulaſſen.„Das arme Kind liegt im Fieber. Kerry O'Leary war dieſen Abend hier, um Citronen zu einem Getränke für ihn zu holen. Der arme Kerry! er er⸗ zählte mir, wie hart er es ſelbſt dabei habe, wegen des alten Schotten, der droben iſt; dem habe es noch Nie⸗ mand aleich gethan im Schimpfen, Schmähen und Kei⸗ fen; O'Donoghue aber kümmert ſich um nichts, weder in noch außer dem Hauſe, ſondern ſitzt den ganzen lieben langen Tag in ſeinem großen Seſſel, gerade als ſchlafe er. Zuweilen macht er vielleicht wirklich ein Schläſchen, denn er ſpricht von Gerichtsboten und Vorladungen und dergleichen mehr. Der arme alte Mann! Es iſt ein 12² ſchlimmes Ende, wenn der Rechtstrieb mit den grauen Haaren kommt.“ 4 „Ich wollte wetten, ſie haben auch bei Euch eine ſchwere Rechnung,“ ſagte Lanty neugierig. 1 „Wahrlich, das ſollte mir einfallen, ihnen etwas anzurechnen,“ verſetzte ſie unwillig.„Ihnen und den Ihrigen verdanken ich und mein Vater und meines Va⸗ ters Vater das Dach, das über mir iſt. Hoho, das würde mir wohl anſtehen, ihnen Geld abzunehmen, für eine Kleinigkeit von Wein und Spiritus, Thee und Taback, als ob ich nicht ſtolz darauf wäre, wenn ſie manchmal hieher ſchicken. Lanty, jetzt muß es aber doch ſchon recht ſpät ſeyn. Ich fürchte, es iſt in der Bay ein Unglück paſſirt.“ „Daſſelbe habe ich auch gedacht,“ verſetzte Lanty mit einem ſchlauen Blick auf den Braten, deſſen wohl⸗ ſchmeckender Duft eine faſt unwiderſtehliche Verſuchung war.— „Ihr habt ein flinkes Thier im Stall,“ ſagte Mary, „es hat inzwiſchen ſeinen Hafer gefreſſen und muß wieder friſch auf den Beinen ſeyn; legt ihm doch den Sattel auf, lieber Lanty, und reitet eine halbe oder auch ganze Sunde die Straße hinab,— und viel Glück auf den eg!?“ Ein unangenehmerer Vorſchlag hätte dem Indivi⸗ duum, an das er gerichtet war, nicht gemacht werden können; eine warme Feuerſtelle zu verlaſſen, war ſchon ſchlimm genug, aber in eine Nacht hinauszugehen, in die es grauſam geweſen wäre, einen Hund hinaus zu laſſen, das war ſeiner Gefälligkeit zu viel zugemuthet, dennoch weigerte ſich Lanty nicht beſtimmt; nein, er hatte ſeine guten Gründe, mit Mary MKelly auf gutem Fuße zu bleiben: er begann daher ein Syſtem diploma⸗ tiſcher Zögerung und Erörterung, um dadurch wenigſtens einige Zeit zu gewinnen, worin die lang erwarteten Gäſte möglicherweiſe ankommen oder das Projekt von freien Stücken aufgegeben werden könnte, 123 „Welchen Weg werden ſie kommen, Mary?“ fragte er, von ſeinem Sitze aufſtehend. „Das Thal herauf, natürlich— welchen andern Weg könnten ſie von der Bai aus einſchlagen! Ihr werdet ſie deutlich genug hören, denn ſie ſchreien und ſingen auf dem ganzen Wege, als wären ſie allein Herr, ſo wilde Teufel ſind's.“ „Was? ſie ſingen auch? wirklich, ſingen ſie?“ „Ja fürwahr, die drolligſten Lieder, die Ihr je ge⸗ hört, franzöſiſche und ruſſiſche Lieder— die gefallen ihnen am beſten.“ „Leichte Herzen haben ſie von ſelbſt.“ 3 „Da habt Ihr recht, Lanty Lawler; ſchön Wetter oder ſchlechtes, das iſt den Jungen alles gleich; aber tummelt Euch jetzt und holt Euer Thier“ —„Ich geh' ſchon, ich geh' ſchon; ich möchte ſie wirk⸗ lich ſelbſt gerne ein ruſſiſches Lied ſingen hören. Pſt! Was war das? Habt Ihr nicht ein Geſchrei gehört?“ „Da ſind ſie, da kommen ſie,“ rief Mary, ſprang auf die Thüre und ſchob den Riegel zurück, während ſich ein heftiges Klopfen vernehmen ließ und im gleichen Augenblick eine Stimme rief— „Holla! Haus auf!“ In demſelben Moment flog die Thüre auf, und herein trat ein kurzer, unterſetzter Mann in einem gro⸗ ßen Schiffsmantel, gefolgt von einer ſchlankeren, gleich⸗ falls verhuͤllten Geſtalt. Der Erſtere ließ ſeine ſchwere Hülle fallen, warf eine Wachstuch⸗Kappe von ſeinem Kopfe weg, ſtreckte ſeine Arme weit aus und rief— „Marie, ma mie! embrasse moi 1ec darauf ſprang er, ohne die Erfüllung ſeiner Bitte abzuwarten, auf die flinke Wirthin zu, ſchloß ſie in ſeine Arme und küßte ſie auf jede Wange mit einer aus wahrem Gefühl und Bühnen⸗Effekt gemiſchten Miene. „Hier iſt mein Freund und Reiſegefährte, Henry Talbot, gekommen, um von Ihrer Gaſtfreundſchaft Ge⸗ brauch zu machen, Mary,“ ſagte er in einem Engliſch, 124 dem ein Anſtrich von fremdem Accent einen ſingenden Ton verlieh. „Einer von uns, Mary— Einer von uns.“ Das beſprochene Individuum hatte inzwiſchen ſeinen Mantel auf den Boden geworfen, und zeigte die Geſtalt eines ſchlanken, noch ſehr jungen Mannes, deſſen Züge, bis auf einen Blick großer Verweichlichung, ausgezeich⸗ net ſchön waren, ſein Geſicht war hübſch wie das eines Mädchens, und in Folge der Anſtrengung hatte ſeine Wange die Farbe eines blaſſen Roſenroths; er trug einen Reitrock und Stulpſtiefel, die nach der Mode des Tages kurz und um das Bein gefaltet waren; ſein Haar war ungepudert und ſiel lang auf ſeinen Nacken hinab; eine ſchwere, mit Silber verzierte Reitpeitſche, die ein⸗ zige Waffe, die er trug, vervollſtändigte ſein Koſtüm— das dem ſeines Gefährten ſo ungleich als möglich war. Kapitän Jaques Flahault war ein Burſche von ſtar⸗ kem Körperbau, dunkler Farbe und vier bis fünfundvier⸗ zig Jahren; ſein Geſicht eine groteske Miſchung von Frechheit und Drolligkeit; die Augen ſchwarz wie Pech, die Braunen ſo gewölbt, daß ſie einem Antlitz, deſſen unterer Theil von Schnurr⸗ und Kinn⸗Bart bedeckt, ſtreng und wild ausſehen ſollte, ſtets einen lachenden Anſtrich gaben. Sein Anzug beſtand aus einem kurzen blauen Frack, unter dem er ein buntgeſtreiftes Jerſey⸗Hemd trug; um letzteres war ein breiter Gürtel von Büffelleder geſchlun⸗ gen, worin vier Piſtolen und ein Dolch ſteckten; Reit⸗ ſtiefel gingen ungefähr bis zur Mitte des Schenkels hin⸗ auf und waren mit Riemen von ſtarkem Leder an ſeinen Leib befeſtigt, augenſcheinlich keine unnütze Vorſicht, da ſie bei ihrer Weite ſonſt leicht hätten herunter fallen kön⸗ nen; ein ſchwarzes loſe geknupftes Tuch ließ einen mus⸗ kulöſen, ſtarken Hals, gleich dem eines Stieres, zum Vorſchein kommen und gab dem ganzen Kopfe das Aus⸗ ſehen großen Umfangs— dies war wenigſtens der erſte Eindruck, den er auf jeden Fremden machte, 125 „Ha ha! Lawler, Ihr da? wie geht's, mein alter Freund? Setzt Euch her und erzählt mir alle Spitzbü⸗ bereien, die Ihr getrieben, ſeitdem wir uns zum letzten Male geſehen. Par St. Pierre, Henry, das iſt der ärgſte Pripon im Königreich“— Talbot verbeugte ſich und begrüßte Lanty mit holdem höflichem Lächeln, gleich als hätte er die Rede wie eine Vorſtellung angenommen, —„ein Burſche, der in ſeinem Gewerbe den St. Petrus aſelbſt betrügen könnte.“ „Wo ſind die Andern, Kapitän Jack?“ fragte Mary, deren Geduld die ganze Zeit über auf eine harte Probe geſtellt war—„wo ſind die Uebrigen?“ „Place pour le potage! Ma Mie!— Suppe, be⸗ vor ich erzähle; Sie ſollen nach und nach Alles hören, Tragen Sie nur ſchnell das Eſſen auf.“. Lanty ſtimmte in dieſen Vorſchlag bereitwillig mit ein, und in wenigen Augenblicken dampften die Ge⸗ rüchte auf der Tafel, an der die ganze Geſellſchaft mit ſichtbarem Wohlgefallen Platz genommen hatte. Während Mary die geſchäftige Wirthin machte, in⸗ dem ſie eine Platte nach der andern auftrug und jede durch den Appettit der Gäſte verurſachte Lücke alsbald wieder ausfüllte, aßen die Andern wie hungerige Men⸗ ſchen. Kapitän Jaques allein miſchte von Zeit zu Zeit in die Geſchäfte der Tafel dieſe oder jene Bemerkung. „Ventre bleu! wie es bläſt; wenn es ſich mehr nach Süden dreht, wird das Schiff ſchwer zu kämpfen haben. Trinquons, mon ami. Trinquons toujours. Ma belle Marie, Sie eſſen ja nichts.“ „Ich bin in Unruhe, Kapitän Jack, über das Schick⸗ ſal der Andern,“ ſagte Mrs. M'Kelly. „Noch einen Becher, Ma Mie, dann will ich die Geſchichte erzahlen— um ſo lieber, weil ſie etwas kurz iſt Allons donc— jetzt alſo dran. Wir verließen die Bai um neun oder vielleicht halb zehn Uhr, in der Ab⸗ ſicht, ſogleich das Thal heraufzugehen und mit der Mor⸗ genflut die Anker zu lichten; denn diesmal iſt unſere 1 126 Fracht nach einer kleinen Bucht an der Nordweſtküſte be⸗ ſtimmt, während wir hier kein anderes Geſchäft haben, als meinen Freud Harry ans Land zu ſetzen“— hier verbeugte ſich Talbot und lächelte—„und zwei Orhoft Bordeaur zurückzulaſſen für den treuherzigen, freundlichen brave homme, Hamsworth droben in der„Lodge“. Sie erinnern ſich, letzten Winter haben wir einen Vertrag mit ihm geſchloſſen, ſeinen Keller zu verſehen, unter der Bedingung, daß die Zollbeamten keinen Wind davon be⸗ kommen. Gut, der Wein war in einem der Keller an der Küſte wohlbehalten untergebracht und wir brachen mit leichtem Gewiſſen auf; wir hatten weder Depeſchen noch Branntwein zu ſchmuggeln und uns um nichts zu kümmern, als um unſer Abendeſſen; saluer madam“ — hier wandte er ſich um und küßte mit ſcherzhaf⸗ ter Ehrerbietung Mary die Hand—„und ſodann wee⸗ der flott zu werden. Als wir in die Nähe der„Lodge“ kamen, beſchloß ich einen kurzen Beſuch abzuſtatten; ich ließ daher meine ganze Geſellſchaft, Harry mit einge⸗ ſchloſſen, außen zurück und näherte mich dem Hauſe, wo zu meinem Erſtaunen aus faſt jedem Fenſter Lichter ſchimmerten. Dies machte mich vorſichtig, und ſo kroch ich verſtohlen an ein niedriges Fenſter, über welches der Vorhang nur locker gezogen war, und Mort de ma vie: was ſah ich! das niedlichſte Geſicht in Europa. Une ange de beauté. Sie lehnte ſich gerade über einen Tiſch und zeichnete gerade einen Kupferſtich, oder ein Gemälde oder etwas der Art ab. Tète bleu! das war eine Ueber⸗ raſchung! Ich hatte ſie nie zuvor geſehen, obſchon ich ein Dutzendmal bei Hamsworth war.“ „Weiter, weiter,“ ſagte Lanty, deſſen Neugierde auf die Fortſetzung im höchſten Grade geſpannt war. „Eh bien— ich probirte das Fenſter, aber es war verſchloſſen. Darauf ging ich nun um das Haus herum und unterſuchte ein Fenſter nach dem andern— überall das Gleiche. Que faire? ich wollte dreiſt an die Hin⸗ 127 terthüre klopfen, aber da hätte ich keine Ausſicht gehabt, die Schöne zu ſehen.“ „Was hatten Sie auch vom Sehen?“ fragte Mary in rauhem Tone. 4 „Diable, was hatte ich davon! Ich wollte ſie be⸗ wundern, anbeten— oder wenigſtens ihr meine Auf⸗ wartung machen, wie es einem Fremden und einem Franzoſen geziemt. Poursuivons. Es fand ſich kein entrèe, ohne einiges Geräuſch— alſo zog ich das Zim⸗ mer, worin ſie war, jedem andern vor, machte ſachte meinen Dolch los und ſteckte ihn zwiſchen die zwei Schieb⸗ feuſter hinein, um den Drücker, der ſie befeſtigte, aufzu⸗ heben. Mort bleu! Die Wafefe glitt aus und fuhr mit entſetzlichem Krachen durch die Scheibe. Sie fuhr zu⸗ ſammen und ſchrie— nun half kein weiteres Zögern. Ich ſetzte meinen Fuß ins Fenſter und riß es plötzlich auf— aber ehe ich noch recht im Zimmer war. ſchellten allenthalben Glocken und ſchrien eine Maſſe Stimmen einander zu— als ſich plötzlich die Thüre öffnete und mir— piff!— eine Piſtolenkugel hart am Kopf vorbei⸗ flog, den Fenſterladen hinter mir durchbohrend. Als meine Burſche draußen den Schuß hörten, nahmen ſie ihre Gewehre ab und gaben, ehe ich zu ihnen hinunter kommen konnte eine Salve herein— warum, wozu und auf wen, kann nur der Teufel ſagen, der ſie dazu an⸗ trieb. Die Beſatzung hatte ſich inzwiſchen in ſtarker An⸗ zahl verſammelt und gab Antwort— beim Jupiter, das that ſie; denn einer von uns, Emile de Louvois, iſt ſchwer verwundet. Ich blies zum Rückzug, aber die Schurken wollten mir nicht gehorchen und ehe ich im Stande war es zu verhüten, téte bleu! hatten ſie ſich im Hofe verſammelt und die Korn⸗Schober in Brand ge⸗ ſteckt; in einer Sekunde ſtand Stroh und Heu in Flam⸗ men und hüllte das Haus und alles in Rauch ein. Ich blies nochmals zum Rückzug, und jetzt eilten die Schur⸗ ken mit dem armen Emil nach dem Boot; ich dagegen, da ich meinen würdigen Freund hier als müßigen Zu⸗ 128 ſchauer des Ganzen an einem Wald neben der Straße fand, beſchloß mein Abendeſſen nicht aufzugeben— und ſo me voici!— aber hört, kann mir Niemand von Euch die Sache erklären? Was hat Hamsworth mit all dieſem bewaffneten Geſinde und dieſer gefangenen Prin⸗ zeſſin vor?“ „Iſt die Lodge’ niedergebrannt?“ fragte Lanty, deſ⸗ ſen Intereſſe für die Bewohner einen ſelbſtſüchtigen Ur⸗ ſprung hatte. „Nein, ſie ſind des Feuers Meiſter geworden. Ich ſah einen wilden Teufel einen Schober hinaufſteigen und ein großes naſſes Segeltuch auf die Flammen werfen— und ehe ich den Ort verließ, war die ‚Lodge’ ganz un⸗ verſehrt“ 3 „Das thut mir leid,“ ſprach Mary mit wilder Ent⸗ ſchloſſenheit.„Das thut mir im Grund meines Herzens leid. Es war kein Gluck und kein Segen mehr im Thale ſeitdem der erſte Stein dazu gelegt wurde— und wird auch keines mehr kommen, als bis ſie eine Ruine iſt! Warum haben ſie ſie nicht in Aſche gelegt, da ſie doch ein⸗ mal daran waren?“ „Wahrlich, es ſchien mir,“ ſagte Talbot mit leiſer, ſanfter Stimme,„daß ſie es ganz ernſtlich im Sinne hatten. Ich ſah nie in meinem Leben ſolche Bullenbeißer. Si. hatten genug zu thun, Flauhault um ſie zurückzu⸗ rufen.“ „Freilich,“ erwiederte Jaques lachend.„Ein ſolcher Spaß iſt ihre höchſte Wolluſt.“ „Nach einer ſolchen Nacht werden die Engländer nicht lange hier bleiben,“ war Lanty's weiſe Bemerkung, die er jedoch in der gegenwärtigen Geſellſchaft nicht laut äußerte. Darauf begann er, Jaques Aufforderung zu⸗ folge, zu erklären, welche ganz andere Leute ſeit ſeinem letz⸗ ten Beſuch die ‚Lodge' jetzt bewohnten, und daß ein engli⸗ ſcher Baronet mit ſeiner Tochter nebſt einer zahlreichen Dienerſchaft an die Stelle Hamsworths und ſeines klei⸗ nen Geſindes getreten ſei. Bei jedem Abſatz der 1²9 Erzählung ließ Flahault inne halten, um ſich auszulachen. Für ihn war das Abenteuer im höchſten Grade drollig. Nicht einmal die Erinnerung an ſeinen verwundeten Ka⸗ meraden war im Stande, ſeine Freude über eine Scene zu dämpfen, die von den traurigſten Folgen hätte be⸗ gleitet ſein können, und er kicherte hundertmal, wenn er bedachte, welchen Eindruck auf die Engländer dieſer ſein erſter Beſuch in Irland machen müſſe.„Ich könnte mor⸗ gen die Poſt ausplündern, nur um des Spaßes halber, ſeine Briefe an ſeine Freunde zu leſen,“ ſagte er. „Mort bleu! welch eine Schilderung von iriſchen Räu⸗ bern, fünfhundert an der Zahl, mit Piken bewaffnet.“ „Ich wollte, Ihr gäbet ihm Urſache zu einer ſolchen Schilderung,“ verſetzte Mary mit Bitterkeit—„was halen ſie hier zu thun? wer braucht ſie? wer wünſcht ſie 2“ „Sie haben rechtz Mary,“ ſprach Talbot in mil⸗ dem Tone.„Irland für die Irländer!“ Ja, Irland fuͤr die Irländer!“ wiederholten Mary und Lanty; und es wurden dem Spruch alle Ehren ei⸗ nes beliebten Toaſtes zu Theil. Einige Zeit lang fuhr die Geſellſchaft fort, die Ge⸗ ſchichte Flahaults zu beſprechen und jede mögliche Wen⸗ dung, wozu ſie Veranlaſſung geben könnte, zu berech⸗ nen. Alle ſtimmten endlich in dem einen Punkte über⸗ ein, daß Sir Marmaduke ſchwerlich wagen würde, ſei⸗ nen Aufenthalt in einem Lande zu verlängern, wo ſein Beſuch mit einem ſolchen Empfang begrüßt worden. Der Ton der Unterhaltung ſchien nicht ſehr angemeſſen der Laune des Kapitän Jacques nicht ſehr zuzuſagen; denn ſein Zech⸗Genie fand wenig Vergnügen in ausge⸗ ſonnenen Erörterungen irgend einer Art. „Que le Diabſe l'emporte!“ rief er endlich.„Ue⸗ ber dieſes verwünſchte Geſchwätz iſt ſchon ſeit einer hal⸗ ben Stunde die Flaſche ſtille geſtanden. Kommen Sie, Talbot, ſingen wir eins, mein Junge! ſchütteln Sie nur Lever, O'Donoghue J.. 9 3 . 1³⁰ den Kopf nicht; mon enfant.—— Gut, alſo ange⸗ fangen!“ Mit dieſen Worten rückte Flahault ſeinen Stuhl ein wenig vom Tiſche zurück und ſang in vollem tiefen Baß der durch das Gebälke der Hütte drang, folgende rauhe Berſe nach einer franzöſiſchen Vaudeville⸗Melodie— in⸗ dem er dem Endbuchſtaben e der franzöſiſchen Wörter am Ende der Zeilen jenen eigenthümlichen a Ton gab, ſo daß contrabande wie contrabanda lautete. Obgleich dieſe Bemerkung in Betreff des Vortrags unſeres Kapitäns von geringer Bedeutung ſcheint, ſo war es doch Thatſache, daß aller Geiſt, den die Knit⸗ telverſe beſaßen, nur der Manier des Sängers und dem durch die erwähnte Betonung hervorgebrachten Effekt zu⸗ geſchrieben werden konnte. La Contrabande. Stoßt an, mes enfans, die Sorgen verſcheucht, Stoßt an, hoch lebe L'lrlande, Das Land der belles femmes— le pays de bonne chere, Et toujours de la contrabande! Der Eine liebt Mädchen, der Andere Krieg, Der gehorcht der Schönheit commande! Doch was iſt ein Auge noir oder bleu, Verglichen mit la Contrabande. Wenn ein Fürſt dem Bauer ſein Geld wegnimmt Und ihn liegen läßt sur la lande, So nenn's wie Du willſt; ich ſchwör', es iſt Viel ſchlimmer als la Contrabande. Ein geſtohlener Kuß am ſüßeſten ſchmeckt, Sinkt gleich einem Schiff, qui fende; Und was vom Kuß, das gilt auch vom Gold, Denn beides iſt nur Contrabande, 131 3 Wenn der König Dein Geld nimmt, ſo ſagt er Dir nicht: „Mon ami, le Dieu, vous le rende;“ Für den Segen ſogar nimmt der Prieſter ſein Geldz G'est partout et toujours Gontrabande. Die Güter des Lebens ſind ungleich vertheilt— Drum müſſen wir machen l'amende. Gebt dem Armen, was ihr dem Reichen nehmt: Voila, que j'appelle Contrabande. Doch darf ſich Niemand verwundern darob, Daß, wenn la France et l'lrlande Gut Freund ſind, es nicht an Solchen fehlt, Die ſagen, das ſei Contrabande. „NVive la Contrabande, mes amis,“ ſchrie Jaques, indem er, das Glas in der Hand, aufſtund und das Zimmer vom Toaſte ertönen ließ, worauf jede Stimme die Worte wiederholte, ſo gut ſie es vermochte. „Fürwahr, ein herrliches Lied, ſagte Lanty,„wenn man nur alles verſtehen könnte— und die Melodie geht ganz wie die ‚Cruiskeen Wieſe.“ „Nun Harry, ſprach Flahault, indem er ſeinem Freund auf die Schulter klopfte,„macht Ihnen das Lied keine Luſt, Schmuggler zu werden? Ich fürchte, nein. Sie treiben lieber Ihre eigene Contrabande un⸗ ter den glänzenden Blicken und dunklen Locken der Haupt⸗ ſtadt. Nun, es gibt noch ſchlechtere metiers. Ich fand dieſe fünfzehn Jahre Gefallen an dem meinigen, und weder auf den Gewäſſern des Ontario noch auf dem Champlain, noch an den nebligen Ufern der Schelde bekam ich es ſatt. Aber, um ein wenig von Geſchäfts⸗ ſachen zu ſprechen— wo iſt der Padre? wo iſt Vater Luke? wollte er dieſen Abend nicht hieher kommen?“ Mary flüſterte die Antwort dem Kapitän in's Ohr. „Ha, parbleu!“ rief er laut— nſteht s ſo? Treibt 9 13² er ein wenig Contrabande in ſeiner eigenen Art?— will er einen jungen Burſchen wohlbehalten über die Grenze, in eine andere Welt ſchmuggeln?“ „Oh ſchämen Sie ſich, Kapitän Jaques,“ verſetzte Mary in frommer Entrüſtung.„So darf man nicht von den heiligen Sakramenten reden.“ „Ich wollte, ich hätte den alten Maurice Dulang hier, den Prieſter von Trois Riviéres, das iſt der beſte Junge, um die Leute leicht zu befördern.“ Weder Lanty noch Mary gaben Flahault zu der neuen Wendung des Geſprächs einige Aufmunterung; er wendete ſich daher an Talbot und fuhr fort— „Eines Tages ſpeisten wir zuſammen in der kleinen Herberge in Trois Riviéres, als ein Bote von Lachégon kam und den Pater holte, um einem Sterbenden den letzten Troſt zu ertheilen. Maurice verſprach, in einer halben Stunde dort zu ſeyn, rührte ſich aber nicht von der Stelle— und obgleich drei bis vier Boten an ihn kamen, gab er immer die gleiche Antwort— bis end⸗ lich die Nachricht kam:„C'est trop tard, il est mort.“ „Trop tard! ſagte Maurice, ‚bewahre; gebt mir Dinte, Feder und Papier. Darauf faltete er ein Stück Papier nach Art einer Note, und ſchrieb— „Mon cher Pierre— Thue Dein Möglichſtes für dieſen armen Teufel, der ohne meinen Beiſtand aus der Welt gerathen iſt. Wahrſcheinlich hatte er ſtarke Eile, aber Du wirſt Dein Beſtes thun. 3 Dein alter Freund Maurice Dulang.⸗ „S. Pierre, à la Conciergerie au Paradis.“ „Steckt ihm das in den Mund,“ ſagte Maurice, zund dann könnt Ihr außer Sorgen ſeyn. 3 „Der arme Maurice erzählte die Geſchichte, als er auf den Richtplatz geführt wurde— aber obgleich der Commiſſär herzlich lachte und ſich ſehr darüber freute, ſo konnten ſie ihn doch nicht loslaſſen, weil ſie in ſei⸗ 133³3 nem Mantelſack ein Brevier gefunden hatten. Pauvre bére! Mit der pièce de conviction in der Welt herum zu reiſen! Was, Harry, keinen Wein mehr?“ „Für mich danke ich, obgleich dieſer Claret ver⸗ führeriſch iſt.“ „Und welch ein Bouquet! Was ſagt Ihr, Mr. Lawler— mundet er Eurem Gaumen nicht?“ „Mir kommt er allmählig etwas kalt vor,“ erwie⸗ derte Lanty;„ich bin nicht gebildet genug füͤr Wein, Gott helfe mir— aber es iſt gewiß auch Zeit, zu Bette zu gehen— und Mary da ſchläft ſchon.“. „Ich gehe nicht vom Fleck, bis die Flaſche leer iſt,“ ſagte Jaques mit feſter Entſchloſſenheit,„und wenn ihr auch nicht trinken wollt, ſo braucht ihr mir doch wenigſtens eure Geſellſchaft nicht zu entziehen. Es iſt ſchwer zu ſagen, wann wir wieder zuſammen kommen. Sie gehen nordwärts, Talbot, nicht wahr?“ „Ja, und das iſt eben der Punkt, auf den ich zu kommen wünſchte— wo und wie werde ich einen Berg finden?— Ich verließ mich auf dieſen Prieſter, von dem Sie mir ſagten, ich würde ihn treffen, aber er iſt ja nicht erſchienen.“ „Sie haben es noch nie glücklicher erwiſcht— hier iſt der Mann, der Ihnen das beſte Pferd in ganz Ir⸗ land aufzutreiben weiß. He, Lanty, was kann man jetzt haben?“ „Hol mich der Teufel, wenn jetzt etwas für Geld oder gute Worte zu haben iſt,“ erwiederte Lanty.„Hätte mir der Herr nur geſtern etwas davon geſagt—— „Geſtern, Mr. Lanty, haben wir weiße Pferde auf dem weſtlichen Ozean geritten— aber das iſt abgethan — laßt uns von heute ſprechen.“ „Mein eigener Klepper ſteht hier im Stall. Wenn er Sr. Ehren gefällt, ſo verkaufe ich ihn; aber es iſt mein Lieblingsthier und muß auch darnach bezahlt werden. 5 „Iſt es ſtark und flink genug zu einem ſchnellen 134 Ritt,“ ſagte Talbot,„und wird ſeine Conſtitution es aushalten?“ „Ich ſtehe dafür— Sie dürfen in kurzem Galopp nach Cork reiten, wenn Sie ihm in Macroom zehn Minuten Raſt und ein Glas Whiskey geben.“ „Das iſt genug— was ſoll es gelten?“ „Sehen Sie es nur zuerſt an,“ verſetzte Lanty, „denn wenn Sie ein Thier beurtheilen kaͤnnen, ſo wer⸗ den Sie gegen den Preis nichts einzuwenden haben.“ Mit dieſen Worten zuͤndete er ein Licht an, ſteckte es in eine alte eiſerne Laterne, die an der Wand hing, öff⸗ nete eine kleine Thüre an der Hinterſeite der Hütte und ging, gefolgt von Talbot, durch einen ſchmalen, in den Felſen gehauenen Gang nach dem Stalle, während Fla⸗ hault, gleichſam in Nachdenken verſunken, zurückblieb. Kaum waren jedoch die Beiden verſchwunden, ſü ſchüt⸗ telte er Mary heftig an der Schulter und flüſterte in raſchem aber gefaßten Tone— „Mary, Mary— hört— iſt dem Kerl recht zu trauen?“ „Freilich iſt ihm zu trauen,“ erwiederte ſie, in einer Sekunde ihre gewohnte Ruhe wieder annehmend.„Warum fragen Sie jetzt?“ „Ich will Ihnen ſagen, warum— um mich ſelbſt kümmere ich mich keinen Sou— ich bin heute hier, morgen dort— aber Talbot ſteckt tief in der Geſchichte — ſein Hals iſt in der Schlinge— koöͤnnen wir dem Lawler um ſeinetwillen trauen?— einen Mann von Rang und Reichthum, wie er iſt, kann man nicht ſo leicht entbehren— was meinen Sie?“ „Ihr dürft ihm trauen, Kapitän.“ erwiederte Mary, „er weiß, er würde keine zwei Stunden am Leben blei⸗ ben, wenn er ein Verräther würde— und dieſer Mr. Talbot alſo, ſagen Sie, iſt ein vornehmer Mann?“ „Er iſt ein naher Verwandter von einem großen Pair und hat viel auf dem Spiele ſtehen— das iſt Alles, was ich weiß, Mary— und in der That, die 135⁵ gegenwärtige Reiſe wurde mehr unternommen, um ihn herüber zu bringen, als aus irgend einem andern Grunde — aber ſtille, da kommen ſie.“ „Ich will Sie gleich bezahlen— Sie werden, hoffe ich, nichts gegen franzöſiſches Gold einzuwenden haben — ich habe ſeit mehreren Jahren kein anderes geſehen,“ ſagte Talbot beim Eintreten. „Ich kenne es wohl.“ erwiederte Lanty,„und nehme es ſo gerne, als wäre König Georg darauf.“ „Sie ſagten vierzig Pfund, fünfzig Louis ſind nicht viel weniger.— Sind Sie damit zufrieden?“ fragte der Jüngling, indem er eine ſchwer mit Gold gefüllte Borſe auf den Tiſch ausſchüttete und dem Roßhändler fünfzig Stück hinſchob. „Ganz wohl, Sir,“ erwiederte Lanty, indem er das Geld in ſeine lange lederne Brieftaſche ſteckte und die⸗ ſelbe wieder in ſeine Bruſttaſche ſchob. „Wird Mrs. MKellt dieſes kleine Geſchenk als Andenken annehmen?“ fragte der Jüngling, indem er von ſeinem Hals eine ſchöne goldene Kette von venetia⸗ niſcher Arbeit nahm und ſie mit galanter Geberde der Wirthin um den Nacken ſchlang:„es iſt dieß das erſte Obdach, das ich nach langer Verbannung wieder im Heimatland gefunden; und Sie, mein alter Kamerad, Ihnen habe ich die Piſtolen zurückgelaſſen, die Ihnen ſo wohl zu gefallen ſchienen, ſie ſind im Fahrzeug— und ſo ſage ich Euch allen Lebewohl; ich muß mich ſogleich auf den Weg machen— es hätte mich gefreut, den Prieſter hier zu finden, aber dazu ſcheint nun alle Hoff⸗ nung verſchwunden.“ Lang und herzlich war der Abſchied des jungen Mannes von den Uebrigen; denn ebſchon er ſich nur wenig in die Abendunterhaltung gemiſcht, hatte er ſich doch durch ſanftes, beſcheidenes Benehmen, verbunden mit dem Zauber ſeiner gutherzigen Blicke, in ihre Gunſt geſetzt; ganz abgeſehen davon, daß er einer Sache zu⸗ gethan war, die alle ihre Sympathieen beſaß. . 136 Während das letzte Lebewohl geſprochen wurde, hatte Lanty den Klepper geſattelt und aufgezäumt, und führte ihn jetzt vor die Thüre. Der Sturm wüthete noch im⸗ mer ſo heftig, und die Nacht war noch immer ſo dunkel wie je. „Ihr thätet am beſten, Lanty, wenn Ihr das Thal hinauf ein Stück weit neben ihm herginget,“ ſagte Mary, indem ſie in die wilde, ſchauerliche Nacht hinaus ſah. „Das habe ich auch gemeint,“ erwiederte Lanty, vich will mitgehen bis an die Wendung des Weges.“ Obgleich der Fremde gegen das höfliche Anerbieten ſich ſträubte, blieb Lanty feſt auf ſeinem Entſchluß; der junge Mann ſchwang ſich daher in ſeinen Sattel, rief den Andern noch ein letztes Lebewohl zu und ritt neben ſeinem Führer weiter. Mary hatte kaum Zeit, die Ueberbleibſel des Abend⸗ eſſens abzutragen, als Lanty ſchon wieder in die Hütte trat. „Das nenn ich einmal einen edelherzigen Burſchen,“ ſagte er,„von dem erſten Preis, den ich verlangte, zog er keinen Schilling ab;“ und damit fuhr er mit der Hand in die Bruſttaſche, um noch einmal die fremde Münze Frankreichs zu unterſuchen. Plötzlich aber fuhr er mit einem ſchrecklichen Fluche zuſammen.—„Mein Geld— meine Brieftaſche iſt verloren,“ rief er in wil⸗ der Aufregung, während er eine Taſche nach der andern durchſuchte.„Verdammt ſey dieſes Thal, ich habe es dort verloren, und bei dem Regen, der in Strömen heruntergießt, wird es ſich nie mehr finden— oh, Mord, das iſt zu traurig.“ Vergebens ſuchten die Andern ihn zu tröſten und zu beruhigen— alle ihre Verſicherungen, daß man es am nächſten Morgen wieder finden werde, waren um⸗ ſonſt. Lanty zündete die Laterne wieder an, murmelte Flüche auf das Wetter, auf die Straße und ſeine eigene Höflichkeit, und ging hinaus, um nach ſeinem Schatz zu ſuchen, eine Beſchäftigung, die trotz aller ſeiner Ausdauer 137 erfolglos war; denn als der Tag anbrach, tappte er noch immer auf der Straße herum, ſein hartes Schick⸗ ſal und Alles was einige Veranlaſſung dazu gegeben hatte, verwünſchend. „Der Geldverluſt iſt noch nicht einmal der ſchlimm⸗ ſte,“ ſagte Lanty, indem er ſich erſchöpft und abgemattet auf ſein Bett warf.„Der Geldverluſt iſt noch nicht einmal der ſchlimmſte— aber es waren Papiere in der Brieftaſche, die ich nicht um den doppelten Betrag des Geldes gegeben hätte.“ Lange nachdem der Schmuggler am folgenden Tage in die See geſtochen hatte, wanderte Lanty Lawler im Thale hin und her und durchſuchte bald das naſſe Laub, das haufenweiſe neben dem Wege lag, bald— aber eben ſo vergeblich— jedes Bächlein und Gewäſſer, das dahin ſtrömte. Alles war war fruchtlos, aber auch kein Wunder— die Straße war Meilen weit mit Felsſtücken und Baumſtämmen beſtreut, während noch immer der angeſchwollene Strom wild dahin brauste, die Hochſtraße aufwühlte und mitten unter der Zerſtörung des Orkanes ſchäumte. Dennoch ſetzte er, unbekümmert um den peitſchen⸗ den Regen und den kalten, heftigen Wind, den ganzen Pun ſeine Nachforſchungen nach dem, was er verloren, ort. „Eure Seele iſt auf Geld aus, daran zweifle der Teufel, Lanty,“ ſagte Mary, als er endlich von Näſſe triefend und vor Kälte zitternd wieder in die Hütte trat, „nicht um einen Krug voll Gold möchte ich ſo herum⸗ wühlen, wenn ich auch überzeugt wäre ihn zu finden.“ „Es iſt nicht das Geld, Mary, wie ich Euch ſchon vorhin ſagte— es war noch etwas anderes in der Brieftaſche,“ verſetzte er halb ärgerlich, während er ſich niederſetzte, um im Stillen über ſein Unglück nachzu⸗ brüten. „Alſo ein Brief von Eurem Liebchen,“ ſagte ſie mit einer Beimiſchung von eiferſüchtiger Bosheit, denn 138 Lanty hatte der Mrs. Mary, deren Reichthum als ziem⸗ lich bedeutend galt, mehr als einmal den Hof gemacht. „Vielleicht, vielleicht auch nicht,“ lautete die raſche Antwort. „Nun, die bekommt jedenfalls einen ſparſamen Ehe⸗ mann,“ verſetzte Mary in herbem Tone,„und einen, der weiß, wie man das Geld feſthält.“ Dieſe Lobrede auf ſeine Sparſamkeit würdigte der Roßhändler keiner Antwort, ſondern er heftete die Au⸗ gen auf den Boden und dachte über ſeinen Verluſt nach, inzwiſchen wurde Mrs. M'Kelly's Neugierde, geſtachelt durch ihre ſorgloſen Bemühungen, etwas zu erfahren, jeden Augenblick ſtärker und endlich unüber⸗ windlich. „Könnt Ihr mir nicht ſagen, was Ihr eigentlich verloren habt, des Samſtags geht doch mancher hier vorbei nach dem Markt— und wenn Ihr ein Kenn⸗ zeichen angebt—— ⸗Das kann nichts helfen— nicht die Spur!“ ſagte er verzweifelnd. „Ihr kennt Eure eigenen Geheimniſſe am beſten,“ ſagte Mary, die alle ihre Anſtrengungen vereitelt ſah, „und es müſſen närriſche Geheimniſſe ſeyn, wenn Ihr ſo in Furcht ſeyd, man möchte dahinter kommen.“ „Fürwahr,“verſetzte Lanty, indem ihm ein Strahl von ſeiner alten Galanterie durch den Kopf fuhr,„für⸗ wahr, es gibt Niemand, dem ich ſo gern ein Geheimniß anvertrauen möchte, als Euch, Mary MKelly; Ihr kennt mein Herz bereits zum größten Theil, und warum ſolltet Ihr es nicht ganz kennen wollen?“ „Wahrlich, daran iſt mir wenig gelegen,“ erwie⸗ derte Mary mit einer erkünſtelten Gleichgültigkeit, welche von der vollendetſten Koketterie nicht hätte übertroffen werden können.„Ihr könnt es ſagen oder auch nicht, gerade wie es Euch beliebt.“ „Da haben wir's jetzt,“ rief Lanty—„ſo machen’'s die Weiber in der ganzen Welt; kümmert man ſich nicht 139 um ſie, ſo laſſen Sie einem weder Ruhe noch Frieden, und thut man ihnen ihren Gefallen, ſo kann man ſehen, welchen Dank man davon hat. Ich war im Begriff, Euch alles zu erzählen.“ „Und warum thut Ihr es nicht?“ unterbrach ſie, halb beſorgt, ſie möchte die Sehne bereits zu ſtark ge⸗ ſpannt haben;„warum ſagt Ihr es nicht, lieber Lanty?“ Dditeeſe letzten Worte wirkten. Gleich der Feder, die dem Kameel den Rücken brach, bedurfte es nur dieſer wenigen flüchtigen Sylben, um den Widerſtand des Roß⸗ händlers zu überwinden. 4 „Nun, ſo böret,“ ſprach er, indem er ſich vorſichtig umſah, um ſich gegen Belauſchung zu ſichern.„Es war in dieſer Brieftaſche ein Brief, verſiegelt mit drei dicken Siegeln, den mir geſtern Abend Vater Luke gab, mit den Worten:„Lanty Lawler, ich gehe hinüber nach Bally⸗ vourney, und darauf gehe ich nach Cork, und es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß ich nach Dublin gehe, denn der Bi⸗ ſchof iſt vielleicht dort, und in dieſem Falle muß ich ihm folgen; hier iſt ein Brief,“ ſagte er, ‚den müßt Ihr mit eigenen Händen dem O'Donoghue übergeben⸗— ſo lauteten die Worte— ‚mit eigenen Händen, Lanty; und jetzt ſchwöret, daß Ihr ihn keinem Andern übergeben, ſondern thun wollt, wie ich Euch ſage;“ und ſo habe ich meinen Eid darauf gegeben, und nun iſt er verloren; ich weiß nicht wie ich ihm je wieder vor die Augen treten kann; und Gott weiß was darin ſteht.“ „Und drei Siegel waren darauf?“ fragte Mary nachdenklich, als ob ſolche außerordentliche Vorſichtsmaß⸗ regeln nichts Gutes bedeuten könnten. .„ Jedes ſo dick wie eine halbe Krone— und inwen⸗ dig war es auch dick; ach, es war ein böſer Tag, da meine Augen es geſehen!“ mit dieſer Anſpielung auf das verlorne Geld, das er durch ein Kunſtſtück des Aber⸗ glaubens mit dem von dem Brief ihm gebrachten Un⸗ gluͤck verband, nahm Lanty Abſchied von Mary und ſetzte mit ſchwerem Herzen ſeine Reiſe fort. 1⁴4⁰ Eilftes Kapitel. Irrthümer allenthalben. Die von Flahault ſo kürzlich erzählte Geſchichte von dem nächtlichen Angriff auf die„Lodge“ wurde von den Bewohnern derſelben nicht ſo leichtfertig behandelt; und es waren ſo viele verſchiedene Verſionen darüber in Umlauf, daß Miß Travers, die einzige, die einiges Licht darauf hätte werfen können, durch die Maſſe von Wun⸗ derdingen, die ſie hörte, verwirrt wurde und ganz unfähig war, ſich zu erinnern, was ſich wirklich begeben hatte. Sir Marmaduke ſelbſt verhörte die Dienerſchaft und ver⸗ glich ihre Ausſagen mit einander; aber Furcht und Uebertreibung vereinigten ſich, um die Zeugniſſe ungültig zu machen. Einige behaupteten, es haben wenigſtens hundert Angreifende zugleich das Haus umringt— An⸗ dere, ſie haben eine Art Uniform getragen, und die Ge⸗ ſichter geſchwärzt gehabt— wieder Andere hatten den Tag über einige Perſonen in der Umgebung herumſchlei⸗ chen geſehen und konnten mit Beſtimmtheit auf Einen Mann ſchwören,„auf einen langen Kerl in zerlumptem blauem Rock, ohne Schuhe, ohne Strümpfe“— keine ungewöhnliche Erſcheinung in jenen Gegenden. Der Kellermeiſter aber widerſprach all' dieſen Behauptungen und verſicherte ſteif und feſt, es könne weder von An⸗ griff noch von Angreifern die Rede ſeyn— die ganze Geſchichte ſey ein Streich von Terry geweſen, um ſeinen Eifer und ſeinen Muth zu zeigen; kurz, er habe nur um ſeines Vortheiles willen den Schober in Brand ge⸗ ſteckt und den Tumult veranlaßt. Je mehr dieſe oder jene Ausſage durch irgend ein Zeugniß widerlegt wurde, um ſo feſter und entſchloſſener beharrte der betreffende Zeuge darauf— Umſtände, die einen Augenblick zuvor zweifelhaft waren, ſielen ihm jetzt auf einmal ein und wurden beſchworen nebſt zahl⸗ reichen kleinen Beweiſen, deren man ſich neuerdings er⸗ 141 innerte. In Einem Punkt jedoch ſtimmten mehr oder weniger alle Zeugniſſe überein, nämlich in der Beſchul⸗ digung gegen Terry, daß er die Urſache oder wenigſtens ein Mitſchuldiger der That geweſen ſey. Der arme Teu⸗ fel— gerade ſeine Hingebung hatte ihm allenthalben Feinde erweckt— die Behendigkeit, womit er den bren⸗ nenden Schober hinaufſtieg, war ein Vergehen, das nicht ſobald von Leuten vergeſſen wurde, die weder Leib noch Leben gewagt; auch ſollten ihm die Spötteleien, die er ſich auf ihre Trägheit und Saumſeligkeit erlaubte, nicht verziehen werden. Unglücklicher Weiſe war Terry nicht beliebt bei der Dienerſchaft: er hatte nie gelernt, wie viel Ehrerbietung ein zerlumpter Menſch dem wohlge⸗ nährten Geſinde eines reichen Haushalts ſchuldig iſt; er war nicht gewöhnt an jene Unterthänigkeit und Krie⸗ cherei, womit ſich ein armes, heimath⸗ und freundloſes Geſchöpf gleich ihm den beſchnürten und belitzten Be⸗ dienten eines reichen Herrn hätte unterwerfen ſollen. Von Terry war es ein ſeliſames Verſehen, daß er ſich in ſeiner Freiheit und Unabhängigkeit einbildete, er ſey beſ⸗ ſer als die Andern; er wußte, daß Nichtsthun das Vor⸗ recht der Großen iſt, und da er dieſer Bedingung in hohem Grade nachkam, ſtellte er ſich vor, er muͤſſe auch die damit verbundenen Privilegien genießen. Aus die⸗ ſem Grunde hatte er beſtändig den ganzen Bedientenſtand als tief unter ihm ſtehend betrachtet; und obgleich er gerne bereit war, für Sir Marmaduke oder ſeine Tochter jeden Augenblick ſein Leben zu wagen, ſo hatte er doch ohne alles Bedenken den Andern auch die gewöhnlichſten Dienſte verweigert. Keine Einſchüchterung konnte ihn ſchrecken, keine Beſtechung beugen— Furcht kannte er nur unter einer einzigen Geſtalt— nämlich er könne als Deſerteur ergriffen und erſchoſſen werden— und von einer Ausſicht, ſeine Dienſte zu erkaufen, konnte durchaus nicht die Rede ſeyn. In einem iriſchen Haushalt wäre Terry's Charakter alsbald nach Verdienſt gewürdigt worden. Die Achtung, 14² die man dort keinem Unglück, am wenigſten dem größ⸗ ten aller Leiden, verſagt, hätte ihm ſowohl Nachſicht als auch eine herzliche Aufnahme geſichert— in ſeine Wun⸗ derlichkeit und Laune hätte ſich jeder auch noch ſo unfreund⸗ liche Diener der Familie geſchickt; aber Sir Marma⸗ duke's Gefolge beſtand aus lauter Engländern und be⸗ ſaß ungefähr ebenſoviel Kenntniß von oder Sympathie mit einem ſolchen Geſchöpf, als er ſelbſt von oder mit Londoner Leben und Sitten. Da ſeine Verachtung auf keiner Klugheitswage ab⸗ gemeſſen war, ſondern bei jeder Gelegenheit kaltblütig hervortrat, wurde er von allen zuſammen über alle Maßen gehaßt— die Meiſten, behaupteten er ſey ein abgefeimter Schurke, deſſen Narrheit nur eine angenom⸗ mene Maske ſey, um ſich ein müßiges Leben zu ſichern — alle betrachteten ihn als einen Spion, der ſtets be⸗ reit ſey, ſie ihrem Herrn zu verrathen. Als daher die Bedienten, einer nach dem andern, fortfuhren, den armen Terry entweder offen anzuklagen oder heimlich zu verdächtigen, gerieth Sir Marmaduke in peinliche Verlegenheit. Allerdings war er ſelbſt von ſeinem Benehmen in der letzten Nacht Augenzeuge ge⸗ weſen; aber wenn ihre Behauptung richtig war, ſo wa⸗ ren all' ſein Muth, all' ſeine Kühnheit und Energie eben ſo viel Beweiſe gegen ihn. Er ſträubte ſich freilich ge⸗ gen eine ſo ſchlechte Meinung von dem armen Teufel — aber wie ſollte er die Ausſagen ſeiner ganzen Die⸗ nerſchaft Lügen ſtrafen? Sein Kellermeiſter war ſeit Jahren in ſeinen Dienſten geſtanden— welche Anſprüche hatte er alſo nicht, allen üblen Einfluß, alle kleinliche Tyrannei eines niedrig denkenden wie niedrig gebornen Menſchen auszuuben, das Gift ſeiner Verläumdungen tropfenweiſe und in Augenblicken unbewachter Sorgloſig⸗ keit eingießend? Auch ſein Lackei—— aber wozu fort⸗ fahren? Seine Tochter allein verwarf die Einflüſterungen mit Unwillen; aber in dem Eifer, womit ſie zur Ver⸗ theidigung der Ehre des armen Burſchen auftrat, kämpfte 143 1 gerade ihre Aufregung gegen ihren Erfolg— denn das Alter urtheilt immer ſo über die Jugend und vermengt zu leicht eine hochherzige Erhebung gegen das Unrecht mit einem irregeleiteten Enthuſiasmus. Allerdings hörte er Alles an, was ſie über Terry's Hingebung und Muth ſagte— über ſein unerkünſteltes, einfaches Weſen— über ſeinen aufrichtigen, ſanften Charakter; aber je wei⸗ ter wir in den Jahren vorrücken, deſto häufiger tritt die unſelige Richtung ein, daß ſich die Wage des Zweifels immer zum Nachtheil der menſchlichen Natur hinneigt. Er ſchüttelte alſo traurig den Kopf und ſagte— „Ich wollte, er käme mir nicht verdächtig vor.“ „Laß' ihn wenigſtens holen,“ ſprach die Tochter, nicht ohne Anſtrengung ihre Aufregung niederdrüͤckend; „ſprich wenigſtens ſelbſt mit ihm.“ „Zu welchem Zwecke, mein Kind, wenn er wirklich unſchuldig iſt?“ „O, ja, freilich, freilich iſt er's,“ rief ſie, indem ihr endlich die Thräͤnen über die Wangen rannen. „Gut denn, es ſey,“ verſetzte Sir Marmaduke, in⸗ dem er die Glocke zog und befahl, man ſolle Terry holen. Während Miß Travers, den Kopf in die Hände begraben, dort ſaß, ſchritt ihr Vater langſam im Zim⸗ mer auf und ab; und ſo vertieft war er in ſeine Ge⸗ danken, daß er Terry, der inzwiſchen in's Zimmer getre⸗ ten war und jetzt ehrerbietig neben der Thüre ſtand, nicht bemerkt hatte. Als endlich die Augen des alten Herrn auf ihn ſtelen, fuhr er erſchreckt und erſtaunt zurück. Die Kleider des armen Mannes waren wirklich in eine Maſſe von verbrannten Lumpen verwandelt— der eine Aermel fehlte gänzlich, ſo daß man ſeinen nack⸗ ten, von Feuer geſenkten und geſchwärzten Arm ſehen konnte— Hand und Finger waren in eine Bandage von grober Leinwand gehüllt— eine tiefe Wunde be⸗ zeichnete ſeine Stirne— ſein Haar war noch von Blut 144 zuſammengeklebt— während ſich auf ſeinem Geſicht die Farbe des Todes zeigte. „Kannſt Du jetzt noch an ihm zweifeln, Vater?“ flüſterte das junge Mädchen, indem es den armen Bur⸗ ſchen anſtarrte, deſſen unſtäte Augen in völliger Bewußt⸗ loſigkeit ſeiner ſelbſt und ſeiner Leiden über die Verzie⸗ rungen des Zimmers hinſtreiften. „Nun, Terry,“ ſprach Sir Marmaduke nach einer Pauſe,„wie erklärt Ihr die Geſchichte der letzten Nacht?“ „Das iſt ein Gemälde von Keim⸗an⸗Eigh,“ ſagte Terry, indem er ſeine großen Augen, ſoweit er ſie auf⸗ ſperren konnte, auf ein eingerahmtes Gemälde an der Wand richtete.„Das iſt die Adlerklippe, und das da der Murrow⸗Waſſerfall— und hier iſt der See— ja, und ſieh', ob kein Boot darauf iſt. naeahe de aber ers es iſt ſchön— man könnte den Schaſerspfad hinauf gehen, hier, wo die Ziege iſt— ja, da geht ein Burſche hinauf— huhn, das bin ich— ich gehe auf dem Fuß⸗ pfad hinüber nach Cubberna⸗crenna.“ „Erzählt mir Alles, was Ihr von der Geſchichte der letzten Nacht wißt, Terry,“ wiederholte Sir Mar⸗ maduke. 5 3 „Es war ein großes Feuer, der Teufel kann daran zweifeln,“ ſagte Terry in Eiſer; die Flammen des dicken Schobers waren zweimal ſo hoch als das Dach; aber als ich das naſſe Segeltuch des Bootes darauf warf, vmrunee in ſchwarzen Rauch auf; er hätte mich faſt erſtickt.“ „Wie gerieth er in Brand, Terry? kennt Ihr uns das ſagen?“ „Sie ſteckten ein Stück Zunder daran; ich gab ih⸗ nen einen alten Lappen, und ſie rieben Pulver darauf und zündeten ihn an.“ „Wer waren ſie, die dieß thaten?“ „Die Kerle, die mich niederwarfen— welche ſchöne Piſtolen ſie hatten, ganz mit Silber beſchlagen! Sie ſagten, ſie wollten mich durchaus nicht ſchlagen, und 145 thaten es auch nicht. Als ich ihnen den Lumpen gab, ſagten ſie, ‚Jetzt, Junge, wollen wir Dir ein hübſches Feuer anmachen;“ und gewiß, ich habe nie ein größeres geſehen.“ 4 In dieſem vagen, irren Tone beantwortete Terry jede ihm geſtellte Frage, und ſeine Gedanken drehten ſich ſtets in Einem vagen Kreiſe. Wer die waren, die den Schober in Brand ſteckten, wie viele, und wie ſie aus⸗ geſehen, darüber wußte er durchaus nichts; denn abge⸗ ſehen von ſeiner natürlichen Geiſtesſchwäche, hatte die Erſchütterung des Abenteuers, ſowie das von ſeinen Wunden und Quetſchungen verurſachte Fieber die weni⸗ gen Ueberreſte von Verſtand, die ihn ſonſt noch zu leiten pflegten, gänzlich zerrüttet. Nux bei Beantwortung einer einzigen Frage zögerte er und heduchte ſich, bei der Frage nämlich, wie es ge⸗ kommen, daß er zu einer ſo ſpäten Stunde in der Nähe der„Lodge“ geweſen, da doch die Thüren ſchon beträcht⸗ liche Zeit vorher verſchloſſen und verriegelt worden ſeyen. Bei dieſer Frage wurde Terry's Geſicht ſcharlach⸗ roth, und er gab keine Antwort; er warf unter ſeinen Augenlidern hervor einen verſtohlenen, ſcharfen, flüchti⸗ gen Blick auf Miß Travers, wendete ihn aber eben ſo ſchnell wieder ab, während ſeine Röthe immer höher und höͤher ſtieg. 3 Der alte Mann bemerkte die Verlegenheit, und plötzlich lebte ſein ganzer Verdacht wieder auf.„Das müßt Ihr mir ſagen, Terry,“ ſprach er in etwas unge⸗ duldigem Tone;„ich beſtehe darauf.“ „Ja, Terry, ſagt es frei heraus; Ihr könnt keine Urſache haben, es zu verbergen,“ ſagte Sybella ihn er⸗ munternd. „Das ſage ich nicht!“ erwiederte er nach einer Pauſe von etlichen Sekunden, während welcher er alle Gründe für und wider bei ſich ſelbſt zu erwägen ſchien—„das ſage ich nicht.“ Lever, O⸗D noghue. I. 10 „Ei,“ ſprach Sir Marmaduke aufgebracht,„ich muß und will es wiſſen; Eure Zögerung hat einen Grund, und den müßt Ihr angeben.“ Der Junge fuhr bei den ſeinen Ohren ſo unge⸗ wöhnten Tönen zuſammen und ſtarrte den Sprecher mit ſtummem Erſtaunen an.. „Ich bin Euch nicht böſe, Terry,— wenigſtens werde ich es nicht ſeyn, wenn Ihr frei und offen mit mir ſprecht. Alſo Antwort auf meine Frage— Was brachte Euch zu ſo ſpäter Stunde nach der Lodge?“ „Das ſag' ich nicht,“ erwiederte der Junge ent⸗ ſchloſſen. „Schämt Euch, Terry,“ ſagte Sybella mit leiſer, ſanfter Stimme, indem ſie ihm näher trat;„wie könnt Ihr ſo zu meinem Vater ſprechen? Ihr wollt doch nicht daß ich Euch böſe werde?“ Das Geſicht des Jungen wurde blaß wie der Tod, und ſeine Lippen bebten vor Aufregung, während ſeine Augen, von ſchweren Thränen ſchimmernd, zu Boden gerichtet waren; dennoch ſprach er kein Wort. „Nun, was hältſt Du jetzt von ihm?“ fragte Sir Marmaduke fluͤſternd ſeine Tochter. „Daß er unſchuldig iſt— vollkommen unſchuldig,“ erwiederte ſie triumphirend.„Der arme Teufel hat ſeine eigenen Gründe zum Schweigen; ſie ſind allerdings ſeicht genug, aber ohne alle Spur von Schuld. Laß mich ſehen, ob ich der Sache nicht auf den Grund kom⸗ men kann— ich will hinunter in's Boothaus gehen“ „Das edelmüthige Mädchen zögerte keinen Augen⸗ blick, ſondern eilte aus dem Zimmer, wo ſie Sir Mar⸗ maduke und Terry ſtumm einander gegenüber ſtehen ließ. Kaum war die Tochter fort, ſo fühlte ſich Sir Marmaduke durch ihre gute Meinung von Terry und durch ihre Vermittlung zu ſeinen Gunſten nicht mehr eingeſchränkt; er änderte demnach alsbald ſein Beneh⸗ men, ging hart auf ihn zu und ſagtee— 147 „Ich laſſe Euch nur noch eine dovppelte Wahl. Ant⸗ wortet auf meine Frage, jetzt oder nie.“ „Alſo nie!“ wiederholte Terry, in einem Ton offe⸗ nen Trotzes. Dieſe Worte, und der Blick, mit dem ſie begleitet wurden, überwältigten in einem Augenblick die Geduld des alten Herrn, und er ſagte— „Das dachte ich. Ich wußte, wie tief die Dank⸗ barkeit in einem ſolchen Herzen geſunken. Hinweg! kommt mir nie mehr vor die Augen.“ Der Burſche wendete ſeine Blicke von dem Sprecher ab, ſo daß ſie auf ſeinen verſengten, verbrannten Arm und auf die in ihre grobe Bandage gewickelte Hand fielen. Dieſer ſtumme Wink war ſeine ganze Antwort, und darauf brach er in einen Strom von Thränen aus. Der alte Herr wendete ſich ab, um ſeine eigenen Regun⸗ gen zu verbergen, und als er ſich wieder umſah, war Terry verſchwunden. Die Hallenthüre ſtand offen. Er war hinaus auf den Raſenplatz gegangen— es war nichts mehr von ihm zu entdecken. „Ich weiß es, Vater, ich weiß jetzt Alles,“ rief Sybella, als ſie vom See heraufgelaufen kam. „Es iſt zu ſpät, mein Kind: er iſt fort— hat uns, fürchte ich, für immer verlaſſen,“ ſagte Sir Mar⸗ maduke, indem er vor Scham und Kummer ſeinen Kopf auf ihre Schulter legte. Einige Sekunden lang konnte ſie ſeine Worte nicht verſtehen; als ihr endlich ein Licht darüber aufging, brach ſie in folgende Worte aus: „Und denke nur, lieber Vater, wie unrecht wir ihm gethan. Seine Sorgfalt, ſeine Hingebung für uns war es, weßhalb der arme Menſch unſere Zweifel erregte. Es war ſeine Gewohnheit, jede Nacht unter dem Fen⸗ ſter zu ſitzen, ſo lange noch Lichter inwendig brannten. Er ſuchte nicht eher ſeine Ruhe, als bis ſie ausgelöſcht waren. Dies erzäͤhlte mir der Fährmann; auch ſei es 10* ſeine Anſicht geweſen, Gott wache nur über die dunkeln Stunden, und bis dahin ſey menſchliche Vorſicht nöthig.“ 5 Sir Marmaduke wendete ſich mit aufrichtigem, innigem Kummer ab. Bediente wurden zu Fuß und zu Pferd abgeſchickt, um den Verrückten ausfindig zu ma⸗ chen und zur Rückkehr zu bewegen; aber ſein Pfad ging durch eine wilde Berggegend, wohin nur wenige ihm folgen konnten, und bei Einbruch der Nacht lehrten die Boten ohne Erfolg zuruck. Wenn über ſein Verſchwinden im Geſellſchaftszim⸗ mer tiefe Trauer herrſchte, ſo gab ſich ganz das entgegengeſetzte Gefühl in der Küche zu erkennen. Dort jauchzte einer nach dem Anderen in lauter Freude auf und bemühte ſich, ſeine Anſprüche auf Dankbarkeit wegen Verbannung eines ſo verhaßten Geſellen zu üder⸗ treiben. 3 Unruhe über den Angriff in der letzten Nacht und Kummer über die ungerechte Behandlung des armen Terry waren nicht die einzigen Gefühle Sir Marmaduke's an dieſem traurigen Morgen. Sein Bote von Carrig⸗ na⸗curra war gerade zurückgekehrt mit ſehr entmuthi⸗ genden Berichten über Herbert O'Donoghue. Rückſicht für die Gefühle der Familie unter den Umſtänden einer gefährlichen Krankheit hatten ihn bewogen, ſeinen beab⸗ ſichtigten Beſuch auf eine paſſendere Gelegenheit zu ver⸗ ſchieben; aber er ſchwebte in beſtändiger Angſt wegen des Jünglings und erwartete die Rückkehr jedes Be⸗ dienten, den er abgeſchickt hatte, um ſich nach ihm zu erkundigen, mit der ſchmerzlichſten Ungeduld. In dieſer Gemüthsſtimmung wanderte er eines Abends hinunter nach der Straße, um die neueſte Nachricht über den Jüngling einige Minuten früher zu erfahren. Es war eine ruhige, friedliche Stunde, kein Laub regte ſich in der ſtillen Luft, und das ganze Thal ſchien ſich im ruhigen, ſanften Glanz der untergehenden Sonne zu baden. Der Contraſt gegen den ſchrecklichen Sturm, der vor ſo kurzer Zeit durch den Gebirgspaß gefahren⸗ 149 ſtach ſeltſam ab und rief dem alten Manne das Bild des menſchlichen Lebens vor die Seele, das ſo abwech⸗ ſelnd Gutes und Böſes darbietet. Er blieb ſtehen und dachte über ſein eigenes Leben nach, deſſen Verlauf bis jetzt ſo ruhig geweſen, deſſen Schickſal aber bereits in den Bewegungen eines zerrütteten Landes ſich zu ver⸗ flechten ſchien. Er bereute es bitter, daß er je nach Irland gegangen war. Er begann einzuſehen, wie wenig man im Stande iſt, das Steuerruder des menſchlichen Schickſals zu führen, wenn es einmal vom ſtürmiſchen Strome ergriffen iſt, und erkannte ſich bereits als den Spielball eines Geſchickes, das er nie geahnt hatte. Wenn ihn der Anblick eines reich mit Geiſt be⸗ gabten und dennoch barbariſch unwiſſenden— eines thätigen, energiſchen, und dennoch fataliſtiſchen Land⸗ volks in Verlegenheit ſetzte, ſo gerieth er in noch größeres Erſtaunen über die wenigen Andeutungen, die er in Betreff ſeines Nachbars, O'Donoghue, erhielt, und trotz aller Anſtrengung ſeiner Einbildungskraft war er nicht im Stande, das Bündniß zwiſchen Familienſtolz und Armuth— zwiſchen der Ehrfurcht vor Ahnen und einer gänzlichen Gleichgültigkeit gegen die Gegenwart zu begreifen. Eine ſolche Anomalie, wie Anmaßung ohne Reichthum, konnte er nicht verſtehen, und die einzige befriedigende Erklärung, die er finden konnte, war die, daß in einer wilden, abgelegenen Gegend das Anſehen, das dieſes alte Familienhaupt noch beſaß, ihm die Achtung aller Geringeren gewann und ſogar ſeinen betrübten Umſtänden noch einen Anſtrich von Reichthum und Macht verlieh. Wenn er in ſeiner Zuvorkommen⸗ heit gegen O'Donoghue alle Formen einer gemeſſenen Ehrerbietung beobachtet hatte, ſo geſchah es, weil er ſich ihm für einen Dienſt ſo tief verſchuldet fühlte, daß er nichts unterlaſſen wollte, denſelben zurück zu erſtatten: ſeine Dankbarkeit war aufrichtig und herzlich, und er wollte in ſeiner Erkenntlichkeit durch nichts ſich hindern laſſen. 15⁰0 Aus ſolchen Betrachtungen wurde er plötzlich durch das Geräuſch von Rädern erweckt, welches das Thal herauf kam— er lauſchte und hörte jetzt den dumpfen Trab eines Pferdes und den ärgerlichen, ungeduldigen Zuruf eines Mannes. Im nächſten Augenblick erſchien ein altmodiſches Wägelchen, gezogen von einem kleinen, elenden Pony, begleitet von einem Mann, der den gan⸗ zen Hügel hinauf zu Fuß nebenher ging. „Ein ſchöner Abend, Sir,“ ſagte Sir Marmaduke, als der Fremde, den ſein Gewand als einen Gentleman verrieth, näher kam. Der Andere hielt plötzlich inne und betrachtete den Baronet ohne zu ſprechen; darauf ſchlug er den Kragen ſeines großen Rockes zurück, den er hoch um ſein Ge⸗ fuis trug, machte eine reſpektvolle Verbeugung und agte:— „Ein lieblicher Abend, Sir. Ich habe, wie ich glaube, die Ehre, Sir Marmaduke Travers zu ſehen? Darf ich mich ſelbſt vorſtellen? Doktor Roach von Killarney.“ 3 „Ah wirklich? Dann kommen Sie wahrſcheinlich von Mr. O'Donoghue? Geht es dem jungen Herrn dieſen Abend beſſer?“ Naach ſchüttelte bedenklich den Kopf gab aber keine Antwort. „Ich hoffe, Sir, Sie fürchten keine Gefahr für ſein Leben?“ fragte Sir Marmaduke nicht ohne Anſtrengung, ruhig zu ſcheinen. „ Allerdings,“ verſetzte Roach in feſtem Tone;„das Unglück iſt bereits geſchehen.“ „Er iſt doch nicht ſchon todt?“ rief Sir Marmaduke faſt athemlos vor Schreck. fähr kann er abfahren.“ „Und können Sie ihn in einem ſolchen Zuſtand verlaſſen? Kann nicht geholfen werden? Können Sie nicht rathen?“ rief der alte Mann, kaum fähig, ſeinen 1 4* „Todt nicht; aber ſo gut wie todt: morgen unge⸗ 15⁵¹ Unwillen über das herzloſe Benehmen des Doktors zu unterdrücken. „Man könnte noch mancherlei verſuchen,“ erwiederte Roach, ohne von der Gemüthsſtimmung des Fragenden Notiz zu nehmen,„denn es iſt ein junger Menſch; aber wie kann ich um einer ſolchen Möglichkeit willen meine Praxis und meine andern Patienten im Stiche laſſen? Und fürwahr, ſo wenig Ausſicht auf Geneſung er auch hat, ſo iſt die meinige auf ein Honorar noch geringer. Ich glaube, ich habe in dieſer Minute alles Korn in Aegyptenland in meiner Taſche,“ ſprach er, mit der Hand an die Börſe ſchlagend,„eine von den Guineen des vdrig Königs; Gott weiß, wo ſie ſie bis jetzt liegen hatten.“ „Ich bin höchſt erfreut, Sir, Sie getroffen zu haben,“ verſetzte Sir Marmaduke haſtig, nicht ohne große Anſtrengung den Widerwillen, den dieſe Rede in ihm erregt hatte, verheimlichend.„Ich wünſche Ihre Anſicht über das Befinden meiner Tochter— vermuth⸗ lich iſt es eine Erkältung— aber morgen wird es ſich beſſer ſchicken. Könnten Sie nicht noch dieſen Abend zu Mr. O'Donoghue zurückkehren? Hier habe ich Ihnen kein Bett anzubieten. Und ſo wird vielleicht beiden Parteien gedient, da ich mit Zuverſicht hoffe, es kann für den Jüngling noch etwas geſchehen.“ 6 „Morgen alſo wird es mir Vergnügen machen, Miß Travers zu beſuchen.“ „Verlaſſen Sie ihn nicht, Sir, ich bitte Sie, bis ich hinüberſchicke; es wird noch immer genug ſeyn, wenn Sie von mir Nachricht erhalten: laſſen Sie den Jüngling Ihre erſte Sorge ſeyn, Doktor; inzwiſchen empfangen Sie dieſe kleine Vergütung, denn ich bitte Sie, die Sache ſo anzuſehen, als widmen Sie Ihre Zeit jetzt mir;“ und damit drückte er dem Doktor einige Guineen in die willige Hand.. Als Roach das ſchimmernde Gold betrachtete, errieth ſein pfiffiger Scharfblick die Abſichten des alten Baronets 1⁵²⁷ und mit einer durch lange Gewohnheit zur Vollkom⸗ menheit gebrachten Munfertigkeit ſagte er:— „Gefahrvolle Fälle gehen immer allen andern vor. Ich will ſogleich umkehren und ſehen, was für den Jungen geſchehen kann.“.. Sir Marmaduke neigte ſich gegen ihn und flüſterte ihm einige Worte haſtig ins Ohr. „Sein Sie unbeſorgt— ganz unbeſorgt, Sir Marmaduke,“ war die Antwort des Doktors, indem er in ſein Fuhrwerk ſtieg und mit ſeinem Pony wie⸗ der nach dem Thale umlenkte. „Verlieren Sie keine Zeit, ich bitte Sie,“ rief ihm der alte Herr nach, zum Abſchied mit der Hand win⸗ kend; auch blieb dieſer Wunſch nicht unerfüllt, den der Doktor machte mit verdoppelter Energie von der Geißel Gebrauch und eilte die Straße in einem Galopp dahin, der dem zerbrechlichen Fuhrwerk bei jedem Satz des Thieres Vernichtung drohte. „Fünf hundert!“ murmelte Sir Marmaduke für ſich, als er ihm nachſah.„Ich würde gerne mein halbes Vermögen hergeben, wenn ich ihn damit retten könnte.“ Inzwiſchen ſetzte Roach ſeinen Weg fort, über den Gewinn ſpekulirend, den ihm dieſes glückliche Zuſam⸗ mentreffen bringen könnte, und hernach überlegend, welche Gründe fuͤr ſeine ſchleunige Rückkehr er bei O'Donoghue vorbringen ſolle. 3 „Ich will ihm ſagen, es ſey mir im Thale ein glücklicher Gedanke in den Kopf gekommen,“ murmelte er;„oder wie! wenn ich ſage, ich habe etwas vergeſſen — eine Brieftaſche oder meine Inſtrumente— es wird ſchon gehen—“ und mit dieſer tröſtlichen Betrachtung trieb er ſein Thier weiter. Die Nacht brach herein, als er abermals den ſchmalen, ſteilen Hochweg hinauf fuhr, der nach dem alten Thurm führte; hier war nun Kerry O'Leary im Begriff, das ſchwere, aber alte Thor zu ſchließen und es mit manchem Schloß und Riegelazu befeſtigen, als 1⁵³ ob irgend ein inwendig verborgener Schatz ſo vieler Vorſicht werth geweſen. Plötzlich ſchien das Knarren der Räder das Ohr des Jägers erreicht zu haben; denn haſtig ließ er den ſchweren Haken herab, der den Riegel des Thores feſt klappte, und öffnete eben ſo ſchnell ein kleines Schiebfenſter, das, mit Eiſen ver⸗ gittert, der Oeffnung einer Kloſterthüre glich. „Dießmal kommen Sie zu ſpät,“ rief Kerry. „Fahren Sie nur den Weg, den Sie gekommen ſind, wieder zurück, Freund, und ſeyen Sie froh, daß ich Sie geſehen nabe; denn beim heiligen Vater, wenn Mr. Mark hier wäre, ſo würden Sie in Ihrem Zwerch⸗ fell mehr Blei mit wegnehmen, als Ihnen lieb iſt.“ „Wie, Kerry?— was ſagt Ihr da?“ fragte der erſtaunte Doktor;„kennt Ihr mich nicht, Mann?“ „Kerry iſt mein Name, das iſt wahr; aber ſo geſchickt Sie auch ſeyn mögen, ſo werden Sie doch draußen vor der Thüre bleiben. Machen Sie ſich in Gottes Namen fort. Ich warne Sie in allem Ernſt, und wahrlich, wenn Sie nicht auf Vernunft hören, ſo hören Sie vielleicht auf etwas Schlimmeres;“ bei die⸗ ſen Worten ließ ſich jener fatale Ton, das Knacken eines Flintenhahnes hören, worauf alsbald die Mün⸗ pung eines Karabiners zwiſchen den Eiſenſtäben heraus ugte. „Tod und Teufel! Schuft! Ihr werdet doch keine Kugel auf mich losſchießen.“ „Es ſind nur Schrote,“ lautete die Antwort, als Kerry das Gewehr richtete und zu zielen ſchien, ſo gut es die Finſterniß geſtattete;„hol mich der Teufel, wenn es etwas anderes iſt, als Schrote, wie Sie bald erfahren werden. Ich will drei zählen und keine Stiefel mehr tragen, weun ich nicht drücke; es ſey denn, daß Sie Wue umwenden. Alſo Eins!“ rief er in lauterem one.. .„Ihr Heiligen, ſteht mir bei! Er bringt mich um!“ murmelte der alte Roach, ſich ſegnend, aber unfähig vor Schreck, laut zu ſprechen oder ſich vom Flecke zu rühren. 6 „Zwei!“ rief Kerry noch lauter. „Ich gehe!— ich gehe! gebt mir nur Zeit, dieſen verwünſchten Ort zu verlaſſen; verdammt ſey der Tag und die Stunde, da ich ihn ſah“ 3 „Es iſt zu ſpät,“ ſchrie Kerry.„Drei!“ Bei dieſem Worte krachte das Gewehr und ein Hagel von Entenſchroten pfefferte über dem Kopf des alten Pony vorbei, denn Noach war in ſeiuem Schrecken auf die Kniee gefallen um zu beten. Das ſo rauh empfangene unglückliche Thier ſchlug aus, drehte ſich mit einer lang vergeſſenen Schnelligkeit um und rannte den Hoch⸗ weg hinab, das alte Gefährt an der Ferſe, das raſſelte als wollte es in Stücke gehen. Kerry brach in ein ſchallendes Gelächter aus und ſchrie: „Ich will Ihnen noch einen zweiten geben, bei Gott! das war nur eine Abſchrift; aber jetzt ſollen Sie das Original bekommen, Sie alter Wurm!“ Ein ſchweres Stöhnen von dem unglücklichen Doktor, der in eine Ohnmacht ſank, war die einzige Antwort; denn in ſeiner Angſt dachte er, der Inhalt des Gewehres ſey in ſeinem Leibe. „Hoho! ich hoffe, er iſt nicht todt,“ ſagte Kerry, indem er behutſam die Pforte öffnete und mit einer Laterne hinauszündete.„Miſter Caſſidy— Miſter James, ſtehen Sie endlich auf— ich habe ja nur einen Scherz gemacht.— Heiliger Joſeph! hab' ich ihn umgebracht?“ ergriffen von der plötzlichen Furcht, einen Mord began⸗ gen zu haben, trat Kerry jetzt hinaus und näherte ſich der regungsloſen Figur vor ihm.„So wahr ein Gott lebt, ich habe dem Sheriff den Garaus gemacht,“ ſprach er über dem Leichnam ſtehend.„Oh wehe! wehe! wer hätte auch gedacht, daß ein Paar Schrotkörner ihn tödten würden!“ „Was gibts hier? wer hat den Schuß abgefeuert?“ ſprach eine tiefe Stimme, während Mark O' Donoghue 15⁵ an Kerry's Seite erſchien, ihm die Laterne aus der Hand riß und ſie niederhielt, bis das Licht auf die blaſſen Züge des Doktors fiel. „Ich bin ermordet! ich bin ermordet!“ war der ſchwache Ausruf des alten Roach.„Höret mich, das ſind meine letzten Worte, Kerry O'Leary hat mich ermordet.“ „Wo ſind Sie verwundet? wo iſt die Kugel?“ rief Mark, mit ängſtlicher Begierde Rock und Weſte auf⸗ reißend. „Ich weiß nicht, ich weiß nicht; ich fühle ein inwendiges Bluten.“ „Unſinn, Mann, Sie haben weder eine Wunde noch eine Quetſchung an ſich; Sie find erſchrocken, das iſt Alles. Kommt, Kerry, gebt eine Hand, wir wollen ihn hinein bringen.“ Aber Kerry war entflohen; die Idee des Galgens war ihm gerade durch den Kopf geſchoſſen, und er wartete keine weiteren Enthüllungen uͤber ſein Opfer ab; ſondern lag tief im Innern eines Heuſchobers zu⸗ ſammengekauert und ſuchte zu beten. Inzwiſchen hatte Mark den halb lebloſen Körper auf die Schulter ge⸗ nommen, ſchleppte ihn mit der Ruhe und Gleich⸗ gültigkeit, die er einer lebloſen Laſt gewidmet haben würde, kaltblütig ins Geſellſchaftsszimmer und warf ihn da auf ein Sopha. Zwölftes Kapitel. Das Thal um Mitternacht. „Was haſt Du da aufgeleſen, Mark?“ rief O'Do⸗ noghue, als der junge Mann den noch immer empfin⸗ dungsloſen Doktor auf das Sopha warf. „Den alten Roach von Killarney,“ antwortete Mark verdrießlich.„Kerry, der verdammte Narr, hat 15⁵6 wie es ſcheint an der Thüre belꝛuſcht, was wir ſagten, und ihn für Caſſidy, den Unter⸗Sheriff genommen; er feuerte eine Ladung von Schrot auf ihn ab, das iſt gewiß; aber ich glaube nicht, daß viel Unglück geſchehen iſt.“ Bei dieſen Worten füllte er einen Becher mit Wein und goß ihn ohne alle Umſtände dem Doktor die Kehle hinunter.„Das kann nicht ſchaden, Mann,“ fügte er in rauhem Tone hinzu;„ich wollte wetten, Sie Leute ſchon manche gefährlichere Doſe gegeben, und die haben ſind doch noch am Leben.“ „Ich befinde mich jetzt beſſer,“ ſagte Roach mit ſchwacher Stimme,„ich fuͤhle mich etwas beſſer, aber nie will ich dieſe Stelle verlaſſen, wenn ich den Schurk, O'Leary, nicht verklage. Es war nichts als Bosheit— darauf kann ich ſchwören.“ „Ei bewahre, Roach; Mark ſagt, der Burſche habe Sie für Caſſidy gehalten.“ „Nein, nein— ſagen Sie mir nicht ſo etwas: er kannte mich wohl, aber ich habe Alles vorausgeſehen. Er füllte meinen Pony mit Waſſer an, ich hätte eben ſo gut ein Faß vor mir herrollen, als dieſen Morgen mit ihm fahren können. Der Lump hatte mich auf der Mucke, weil ich ihm nichts gab, dafür aber ſoll er hängen.“ „Nun, nun, Roach, nur nicht ſo böſe; es iſt ja jetzt Alles vorüber, der Burſche hätte es nicht beſſer machen können.“ „Nicht beſſer machen können! Eine geladene Don⸗ nerbüchſe auf ſeine Mitmenſchen abzufeuern!“ „Das that er freilich,“ fiel Mark mit gebieteri⸗ ſchem Blick und Ton ein.„Aber es iſt Ihnen nichts zu Leide geſchehen, und Sie brauchen nicht ſo viel Lärm davon zu machen.“ „Wo iſt denn der Pony und die Kutſche?“ rief Roach, der ſich plötzlich erinnerte, wie er ſie zum letzten Mal geſehen hatte. „Ich hörte die alte Beſtie das Thal hinunter raſſeln, 1 157 als hätte ſie fünfzig Keſſel am Schwanz. Man wird ſie ſchon aufhalten, und thut man es nicht, ſo glaube ich auch nicht, daß viel daran gelegen iſt: das ganze Geſpann war keine Fünfpfund⸗Note werth— nein, nicht einmal wenn ſich der Eigenthümer auch noch ſelbſt in den Kauf gegeben hätte,“ murmelte er, indem er ſich abwendete. Der in dieſer Rede liegende Unwille wirkte wie ein Zauber auf Roach, gleich als wäre er durch die Belei⸗ digung galvaniſirt worden, ſaß er kerzengerade auf dem Sopha und fuhr mit ſeinen Händen in die tiefſten Winkel ſeiner Hoſentaſchen, das unveränderliche Signal zu ernſtem Gefecht.„Was, Sir, ſagen Sie mir, mein Fuhrwerk mit dem Pony, Geſchirr und Allem—“ „Geduld, Roach,“ unterbrach der alte Mann, „Mark hat ja nur geſcherzt. Kommen Sie, ſetzen Sie ſich zu uns.“ Im gleichen Augenblick flog plötzlich die Thüre weit auf, und herein ſtürzte Archy mit ſehr un⸗ gewöhnlicher Eile.„Es geht etwas beſſer,“ rief er freudig,„der Junge iſt wieder zur Beſinnung gekommen, und wenn wir die verdammte alte Beſtie Roach ein⸗ holen und zurückbringen könnten, ſo wäre noch Rettung möglich.“ „Die verdammte alte Beſtie,“ rief Roach, indem er vom Sopha aufſprang und ſich vor ihn hinſtellte,„fühlt ſich ſehr geehrt durch Ihre ſchmeichelhafte Erwähnung ihrer Perſon.“ Darauf wendete er ſich an O'Donoghue und fügte hinzu—„machen Sie ſich meine Anweſen⸗ heit noch zu Nutze, ſo lange ich da bin; denn beim Vater der Heilkunſt, Ihr werdet Denis Roach nie mehr unter dieſem Dache ſehen.““ O Donoghue lachte, daß ihm die Thränen über die Wangen ſtrömten, und ſchüttelte ſich in ſeinem Stuhl, als hätte er Kräampfe.„Sieh, Archy,“ rief er—„ſieh nur!— hören Sie mich, Roach!“ dieß waren die einzigen Worte, die er zwiſchen den Lachan⸗ fallen aäußern konnte, während M⸗Nab, ein leibhafti⸗ 158 ges Gemälde von Schaam und Verwirrung, dort ſtand, überwältigt von ſeinem Verſehen, und unfähig, ein Wort zu ſagen. „Treiben wir hier keine Narretei,“ ſagte Mark in rauhem Tone, indem er den Doktor am Arm nahm; „kommen Sie zu meinem Bruder und ſehen Sie, was ſich für ihn thun läßt.“ Mit unterdrücktem Grollen der Drohung und der Wuth ließ ſich der alte Roach von dem jungen Mann fortführen, während ihnen Sir Archy langſam die Treppe hinauf folgte. O'Donoghue mußte, obgleich allein, noch immer über die ſo eben mit angeſehene Szene lachen, auch wußte er nicht, worüber er ſich mehr freuen ſollte, ob über die erſtickte Wuth des Doktors, oder über die Schaam und Verlegenheit M'Nabs. Es war in der That etwas ſeltenes, Gelegenheit zu einem ſolchen Triumphe über Sir Archy zu finden, deſſen ſorgfältige Beobachtung aller Höflichkeiten und Schicklichkeiten einen ſo ſtarken Contraſt gegen ſeine eigene ſorgloſe, gleich⸗ gültige Lebensweiſe bildete „Archy wird es nicht verſchmerzen können— das iſt gewiß, und bei Gott, er ſoll es auch nicht aus Mangel an Erinnerung. Die verdammte alte Beſtie!“ und mit dieſen Worten begann von neuem ſein Ge⸗ lächter, das noch nicht aufgehört hatte, als Mark wie⸗ der in das Zimmer trat.„Nun, mein Junge,“ rief er,„haben ſie's ausgemacht— was hat Sir Archy mit ihm angefangen?“ „Herbert iſt beſſer,“ ſagte der Jüngling mit tiefer leiſer Stimme, und mit einem Blicke, der dem Vater ſeine herzloſe Vergeſſenheit ſtreng verwies. „Ah, beſſer, wirklich? Nun, das iſt eine gute⸗ Nachricht, Mark; und Roach meint, er könne wieder geneſen?“ „Er hat jetzt einige Ausſicht, in wenigen Stunden wird es ſich entſcheiden. Roach will bis vier Uhr bei 159 ihm aufbleiben,— und dann werde ich den übrigen Theil der Nacht auf mich nehmen, denn der Oheim ſcheint vom Wachen ganz erſchöpft.“ „Nein, Mark, mein Junge, Du darſſt Deine Nachtruhe nicht verlieren, Du haſt heute einen langen und beſchwerlichen Ritt gemacht.“ „Ich bin nicht müde und kann es ſchon aushalten,“ verſetzte er in dem entſchloſſenen Tone des Eigenwillens, den ſein Vater von Kindheit an nie einzuſchränken ge⸗ ſucht hatte. Darauf trat eine lange Pauſe ein, die Mark endlich mit folgenden Worten unterbrach—„So, jetzt iſt es ziemlich klar, daß unſer Spiel aus iſt. Das Pfand iſt für verfallen erklärt. Hamsworth hat den Lehnsleuten von Batlyvourney die Weiſung ertheilt, uns die Renten nicht zu bezahlen, und nun geht die Aus⸗ werfung vor ſich.“ „Wie iſt's mit Callaghan?“ fragte O'Donoghue mit ſinkender Stimme.— „Er weigert ſich— weigert ſich geradezu, die Scheine zu erneuern. Wenn wir ihm fünfhundert geben,“ fuhr der Jüngling mit bitterem Lachen fort,„ſo ſagt er, wolle er es um einen Grad höher treiben.“ „Du haſt ihm doch geſagt, Mark, in welchen Umſtänden wir ſind? Haſt Du nichts von Kate's Geld erwähnt?“ „Nein,“ erwiederte Mark in ſtrengem Tone, indem ſich ſeine Stirne in Runzeln zog.„Nein, Sir, ich habe kein Wort davon erwähnt. Sie ſoll nicht durch unſere Verſchuldung eine Bettlerin werden. Ich habe es Dir ſchon lange geſagt, und wiederhole Dir es jetzt, ich werde es nicht zugeben.“ „Höre mich doch an, Mark. Es handelt ſich ja nur für den Augenblick. Ich werde es zurückzahlen—“ „Zurückzahlen!“ lautete das verächtliche Echo des inngen Mannes, indem er einen zermalmenden Blick auf ſeinen Vater warf. 160 „Nun dann ſehe ich nichts als Ruin vor uns,“ ſprach ODonoghue in feierlichem Tone—„ſonſt nichts!“ Dem alten Mann ſank der Kopf auf die Bruſt, er ließ die Hände verdrießlich zu beiden Seiten fallen und ſaß da als die wahre Verkörperung überwältigender Be⸗ trübniß, während Mark mit ſchwerem, langſamen Schritt im geräumigen Zimmer auf und abging. „Hamsworths Schreiber ließ einige Winke fallen über die Abſicht dieſes alten Bankiers; hier zu bauen, fing er nach einer langen Pauſe an. „Bauen? wo?— drüben an der Lodge?“ „Nein, hier— in Carrig⸗na⸗curra— er will ver⸗ muthlich dieſes alte Gebän einreißen und dafür eine moderne Villa aufführen.“ „Was!“ rief O'Donoghue mit einem Blick feurigen Unwillens.„Wollen ſie uns mit Wurzeln und Aeſten ausrotten?“, 3 „Deßhalb iſt er ohne Zweifel hieher gekommen,“ fuhr Mark fort,„er wartete nur, bis er das ganze Gut im Beſitz hatte, und mit dieſem Termin wird er es erhalten.“ „Ich wollte, er hätte noch ein wenig länger ge⸗ wartet— ein Jahr oder höchſtens zwei wären genug geweſen,“ ſagte der alte Mann mit tief gebeugter Stimme, und fügte dann mit krankhaftem Lächeln hin⸗ zu—„Du haſt wenig Anhänglichkeit an die alten Mauern, Mark.“ Der Jüngling gab keine Antwort, der Vater aber fuhr fort— 3 „Auch iſt es nicht zu verwundern. Du haſt ſie nie in ihren glücklicheren Tagen gekannt! aber ich kannte ſie, Mark— ja, ich kannte ſie. Ich erinnere mich noch wohl der Zeit, da Dein Großvater das Haupt dieſer großen Grafſchaft war— da die Stolzeſten und Vor⸗ nehmſten im Lande mit unbedecktem Haupte vor ihm ſtanden, wenn er ſie anredete, und ſie eine Einladung n ſein Haus für die höchſte Ehre hielten, die ihnen zu 161 Theil werden konnte. In dieſem Zimmer, wo wir jetzt ſitzen, habe ich dreißig Gäſte verſammelt geſehen, deren Namen Alles umfaßten, was in der Provinz zu Rang und Stand gehörte, und doch betrachteten ihn alle als ihr Oberhaupt, und er war es auch, der Abkömmling eines Ahnen, der ein König war. Die belebten Züge des zuhorchenden jungen Mannes ermuthigten den O'Donoghue fortzufahren— „Sieben und dreißig tauſend Acker erbte mein Großvater, und auch das war nur ein Theil von un⸗ ſeren früheren Beſitzungen.“ „Genug davon,“ unterbrach Mark mit rauhem Tone. „Es iſt ja doch nur ein unfruchtbares Thema. Das Spiel hat begonnen, Vater,“ fügte er mit tiefer, ſtrenger Stimme hinzu,„und ich für meine Perſon habe wenig Luſt abzuwarten, bis der Gewinner den Satz an ſich zieht. Wäreſt nur Du aus der Klemme, ſo wäre ich, ehe eine Woche vergeht, Meilen weit von hier.“ „Du willſt mich doch nicht verlaſſen, Junge!“ rief der alte Mann, indem er die Hände des Jünglings in die ſeinigen drückte, und ihn mit überſtrömenden Augen anſtarrte.„Du wirſt doch nicht Deinen armen alten Vater verlaſſen wollen. Oh nein— nein, Mark, dieß würde Dir nicht gleich ſehen. Ein wenig Geduld, mein Kind, und der Tod wird Dir dieſe Grauſamkeit erſparen.“ Die Bruſt des jungen Mannes hob ſich und ſank gleich einer an chwellenden Woge, aber er ſprach kein Wort und verzog keine Muskel in ſeinen ſtrengen Zügen. „Bis jetzt habe ich alles Mißgeſchick noch wohl er⸗ tragen,“ fuhr der Vater fort,„um meinetwillen, Mark, habe ich mir wenig Kummer gemacht, meine einzige Sorge war um Dich, aber ſo lange wir beiſammen waren, mein Junge— ſo lange wir Hand in Hand gegen den Sturm ſtanden, fühlte ich, daß es mir nicht an Muth gebrach. So bleibe denn bei mir, Mark— ſage mir, daß Du mich, was auch kommen mag, nie Lever, O'Donoghue. J. 11 — 4 ———õõ———; verlaſſen willſt. Gib nicht zu, daß es heißt, als Alter und Kummer über den O'Donoghue kam, habe ſein Sohn— der Junge ſeines Herzens— ihn verlaſſen. Du ſollſt über Alles Herr ſeyn, ſagte er in leidenſchaft⸗ lichem Tone, indem er ſeine Augen auf das Geſicht des Jünglings heftete.„Ich verlange weiter nichts, als Dir nahe zu ſeyn. Das Haus— das Gut— Alles ſoll Dir gehören.“ „Welches Haus— welches Gut— meinſt Du?“ fragte Mark in rauhem Tone.„Sind wir nicht Bettler?“ Der alte Mann ließ ſein Haupt ſinken; er ließ die Hand ſeines Sohnes fahren, und ſein ausgeſtreckter Arm fiel kraftlos an ſeiner Seite herab.„Ich habe mich ver⸗ geſſen,“ murmelte er mit gebrochener Stimme—„es iſt, wie Du ſagſt— Du haſt recht, Mark— Du mußt gehen.“. So einfach auch dieſe wenigen Worte waren, ſanken ſie dem jungen Mann doch tief in's Herz, ſie ſchienen die letzte Anſtrengung des der Verzweiflung entriſſenen Muthes und athmeten ein Pathos ein, dem er unfähig war zu widerſtehen. „Ich werde Dich nicht verlaſſen,“ ſagte er mit einer Stimme, die kaum lauter als ein Flüſtern war:„Da haſt Du meine Hand darauf,“ und dabei ſchüttelte er mit ſeiner ſtarken Hand die nicht widerſtehenden Finger des alten Mannes.„Du haſt mein Wort, Vater, und jetzt laß uns nicht weiter davon reden.“ „Ich will zu Bette gehen, Mark,“ ſagte O'Do⸗ noghue, indem er die Hände an ſeine klopfenden Schläfe drückte. Schon ſeit manchen Tagen hatte ihn keine Auf⸗ regung mehr erſchüttert, und jetzt hatte ihn der Kampf der Leidenſchaft ermüdet und erſchöpft.„Gue Nacht, mein Junge— mein Herzens⸗Junge,“ dabei fiel er dem Jungling um den Hals, halb erſtickt von Schluchzen. Als O'Donoghue langſam die Treppe hinaufſtieg, um ſich in ſein Schlafzimmer zu begeben, warf ſich Mark in einen Stuhl und begrub das Geſicht in die 163 Hände. Sein Kummer war tief. Der Entſchluß, auf den er ſo eben verzichtet hatte, war ſeit manchem Tage der Lieblingstraum ſeines Herzens geweſen— ſein Troſt in jeder Betrübniß— ſeine Stütze gegen jede Wider⸗ wärtigkeit. Sein Glück in irgend einem fremden Dienſte zu ſuchen— einen ehrenvollen Namen zu gewinnen, wenn auch in einem fremden Lande, war der ganze Ehr⸗ geiz ſeines Lebens, und ſo vertieft war er in ſeine eigenen Berechnungen, daß ihm nie in den Sinn kam, was wohl ſein Vater dazu ſagen würde. Die Armuth, die in das Herz der Familie hinein frißt, unterläßt es ſelten, die Bande häuslicher Liebe zu lockern. Der tägliche, ſtünd⸗ liche Kampf gegen die Noth zerſtört nur allzuoft jene kindliche Treue, jene Bereitwilligkeit zum Schutz, die der Jugend dem Alter gegenüber niemals fehlen ſollte. Die Kräfte, die ſich in gegenſeitiger Liebe und Achtung hätten bewähren ſollen, werden in der Abwehr gegen einen gemeinſamen Feind verbraucht, und in müden Seelen, in ausgetrockneten Herzen finden die ſanfteren Regungen des Lebens wenig Sympathien. So war es hier. Mark nahm ſeine Selbſtſucht für Unabhängigkeits⸗ Gefühl, Gleichgültigkeit gegen Andere für Selbſtver⸗ trauen— und er war nicht der erſte, der dieſen Fehler machte.—. Von Nachdenken erſchöpft und gequält von Schwie⸗ rigkeiten, aus denen er kein Entrinnen ſah, riß er das Fenſter auf, um ſich die pochenden Schläfe von der kühlen Nachtluft anfächeln zu laſſen, und ſetzte ſich an demſelben hin, um den erfriſchenden Einfluß zu ge⸗ nießen. Die Kerzen im Zimmer waren niedergebrannt, und das in eine bloße Maſſe rother Aſche verwandelte Feuer warf kaum einen Schimmer über den breiten Herdſtein hinaus. Der alte Thurm ſelbſt warf einen tiefen Schatten auf den Felſen ſowie über die darunter vorbeigehende Straße, und mit Ausnahme des Kranken⸗ 11 164 zimmers in einem entlegenen Theile des Gebäudes war kein Licht zu ſehen. Die Nacht war ruhig und ſternenhell: ringsumher herrſchte eine faſt peinliche Stille. Es ſchien als ob die erſchöpfte Natur, ermüdet von dem Werke des Stur⸗ mes und Orkanes, in einen tiefen Schlaf geſunken wäre. Tauſende von glänzenden Sternen beſprengelten den dunkten Himmel; dennoch hob das Licht, das ſie auf die Erde ergoſſen, Berg und Thal nur in düſteren Umriſſen hervor, außer da, wo die ruhige Oberfläche des Sees den Glanz der Geſtirne in einem Himmel zu⸗ rückſpiegelte, der eben ſo ſanft und regungslos war, als ihr eigener. Dann und wann ſchoß ein glänzendes Meteor über das blaue Gewölbe und verſchwand in der Finſterniß, während in ruhigem Glanze die Planeten leuchteten, gleich als wollten ſte ſagen, in ewigem Licht zu ſtrahlen, ſey eine höhere Beſtimmung, als in vor⸗ übergehendem Glanz dahin zu ſchweifen, ſo ſchimmernd auch die weite Laufbahn ſey. Der junge Mann betrachtete den Himmel. Die Lehren, die er, wären ſtie menſchlichen Lippen entfloſſen, mit Verachtung und Ungeduld verworfen haben würde, ſanken jetzt, da ſie von dieſen ſtillen Mahnern kamen, tief in ſein Inneres. Die Sterne blickten gleich Augen in ſeine Seele hinein, und es war ihm, als könnte er ſein ganzes Herz der ſchweren Laſt entledigen und mit dem Himmel einen Bund des Vertrauens ſchließen. „Sie deuten immer abwärts,“ ſprach er für ſich, indem er den glänzenden Sireif der fallenden Sterne anſchaute und über ihre Aehnlichkeit mit dem menſchli⸗ chen Geſchick ſeine Betrachtungen anſtellte. Aber als er ſprach ſchoß eine rothe Linie gen Himmel empor und brach in tauſend ſchimmernde Funken, über Berg und Thal einen ſchwachen aber ſchönen Glanz ergießend, der kaum länger dauerte als der Blitz des Wetters. war eine Rakete, die vom Ufer der Bai emporſtieg und alsbald von einer andern aus dem entfernten Ende des * 165 Thales erwiedert wurde. Der Jüngling fuhr zuſammen, lehnte ſich zum Fenſter hinaus und blickte das Thal hin⸗ ab; aber da war weder etwas zu ſehen noch zu hören — Alles war ſtill, wie zuvor, und ſchon war der Blitz der Signale— denn das mußten ſie, wie er nicht zwei⸗ feln konnte, geweſen ſein— entſchwunden, und der Him⸗ mel erſchien wieder in ſeiner eigenen funkelnden Schön⸗ heit. „Es ſind Schmuggler!“ murmelte Mark, indem er in ſeinen Stuhl zurückſank; denn in jener wilden Ge⸗ gend wurden ſolche Signale ohne große Furcht von ih⸗ nen angewendet, da ſie den Zollwachen entweder als Mit⸗ ſchuldigen trauen oder mit überlegener Anzahl ihnen Trotz bieten konnten. Mehr als einmal war er durch Zufall unter dieſe geſetzloſe Bande gerathen und hatte manche dringende Einladung von den Führern erhalten, ſich ih⸗ nen anzuſchließen; aber doch nahm ſein jugendlicher Ehr⸗ geiz, außer in ſeinen trübſten Stunden, einen höheren und edleren Schwung; die mit der Laufbahn verbundene Gefahr war der einzige Zauber, der für ihn darin lag. Jetzt aber waren alle dieſe Gedanken verändert: er hatte ſei⸗ nem Vater das feierliche Verſprechen gegeben ihn nie zu verlaſſen, und mit einem Gefühle halben Stumpfſinns ſetzte er ſich hin und dachte darüber nach, welcher Kut⸗ ter es wohl ſein möchte, der geankert habe, und deſſen Mannſchaft ſich jetzt zur Landung der Fracht vorbereitete. „Ambroſe Denner vielleicht,“ murmelte er für ſich, „der Flamänder von der Schelde— ein geiziger alter Schuft; er weigerte ſich einen armen Unglücklichen, der durch das Gefängniß in Limerick gebrochen war, mitzu⸗ nehmen, weil er für die Ueberfahrt nichts bezahlen konnte. Ich wollte, die Leute hier gedächten es ihm. Vielleicht iſt es auch Hans„der Teufel,“ wie ſie ihn nennen; oder Flahault— er iſt der beſte unter ihnen, wenn da überhaupt ein Unterſchied zu machen iſt. Ich bin halb geſonnen, das Thal hinunter zu gehen und mich umzuſehen;“ aber während er noch zögerte erreichte 166 ein dumpfes einförmiges Geräuſch, wie von marſchiren⸗ den Maſſen ſein Ohr, sund als er lauſchte, hörte er den fernen Tritt von Männern, die, wie es ſchien, in gro⸗ ßer Anzahl aufzogen. Das konnten keine Schmuggler ſein, das erkannte er wohl, ſo rückſichts⸗ und furchtlos ſie auch waren, kamen ſie doch nie in ſo großen Maſſen, wie jetzt das Geränſch andeutete. 3 Es liegt etwas Feierliches in dem Tritt des Mar⸗ ſches, wenn man ihn in der Stille der Nacht hört, und ſo kam es auch Mark vor, da er ſich mit angehaltenem Athem über das Fenſter hinauslehnte und ſein Ohr ſpitzte. Sie kamen näher und näher, bis endlich der ab⸗ gemeſſene Tritt laut und dumpf auf dem Boden erdröhnte. Zuerſt war eine dunkle ſich bewegende Maſſe, welche die ſchmale Straße auszufüllen ſchien, Alles was er unter⸗ ſcheiden konnte; aber als dieſe näher kam bemerkte er, daß ſie in Compagnien oder Diviſionen marſcherten, jede von ihrem Befehlshaber geführt, der von Zeit zu Zeit ſeinen Platz verließ, um zu ſehen, ob Alles ordentlich und pünktlich zugehe. Es waren lauter Landleute; ihre Kleidung, ſo gut er ſie unterſcheiden konnte, das all⸗ tägliche Koſtüm, durch kein militäriſches Emblem aus⸗ gezeichnet. Auch trugen ſie keine Waffen; die Kapitäns allein hatten eine Art weiße Schaͤrpe um die Schulter, die ſogar bei dem unvollkommenen Licht deutlich zu ſehen war. Sie allein trugen Degen, womit ſie die Bewe⸗ gung von Zeit zu Zeit aufhielten. Kein Wort wurde laut unter den dichten Reihen— kein Gemurmel unterbrach die Stille der feierlichen Scene, als ſich die Schaar da⸗ hin ergoß. Blos das Commando:„Rechte Schulter vor — kehrt Euch!“ ließ ſich zuweilen vernehmen, wenn die Abtheilungen unter dem Felſen vorbeizogen, wo die Straße eine plötzliche Wendung machte. Das Schauſpiel war ſo ſeltſam, ſo verſchieden von Allem, was der Jüngling je geſehen, daß er mehr als einmal dachte, ein müdes, ſieberhaftes Gehirn möchte das Trugbild hervorgerufen haben; als er aber fortfuhr 167 die ſich bewegende Menge zu betrachten, war er von ih⸗ rer Wirklichkeit überzeugt und wurde jetzt gepeinigt von Vermuthungen, was wohl das alles zu bedeuten habe. Faſt eine Stunde lang— ihm ſchienen es mehrere zu zu ſein— ergoß ſich die Menſchenſlut dahin, bis endlich das Geränſch ſchwächer wurde, und die letzte Abtheilung zog vorbei, in kleiner Entfernung von zwei Figuren zu Pferd gefolgt. Die langen Mäntel verhüllten vor ſeinen Augen die Geſtalten der Reiter, aber er konnte deutlich die ſtählernen Säbelſcheiden erkennen und ihr ſchweres Anſchlagen an die Hüfte der Pferde vernehmen. Sie ließen die Maſſe vorüber marſchiren und hielten einige Sekunden am Fuße des Felſens, wo Einer dem Andern in einer Stimme zurief, wovon Mark jede Sylbe verſtand:— „Das iſt der Ort, Godfrey, und auch in dieſem Dunkel können Sie ſeine Stärke erkennen.““ „Aber warum hält er nicht mit uns?“ entgegnete der Andere haſtig.„Hat er kein Erbgut wieder zu ge⸗ winnen— keine Confiskation zu tilgen?“ „O freilich,“ verſetzte der erſte Sprecher;„aber achtzig Winter ſind nicht geeignet, die Nerven eines Mannes zu einer kühnen Unternehmung zu ſtärken. Doch hat er einen Sohn, und das iſt, wie ich höre, ein kecker Burſche.“ „Haben Sie Acht auf ihn, Harvey; es iſt von Wich⸗ tigkeit für uns, ſo nahe an der Bucht Jemand zu ha⸗ ben. Ziehen Sie ſchnell Erkundigungen ein. Wenn er ſo iſt, wie Sie ſagen und ein Commando wünſcht—“ Der Reſt ging in dem Hufſchlag verloren, und in weni⸗ gen Minuten waren die Maſſen wie die Führer ſeinen Blicken gänzlich entſchwunden. 3 Mit manchem Zweifel, mit mancher Vermuthung, jede wilder als die andere, dachte Mark über das, was er ſoeben mit angeſehen hatte nach, ohne zu bemerken, wie die Zeit verſtrich, bis das Grau der Morgendämmerung hn an die Stunde mahnte. Das Gerumpel eines Bauern⸗Karrens hatte gerade jetzt ſeine Aufmerkſamkeit gefeſſelt und er erblickte einen Landmann mit einer kleinen Ladung Torf, die er auf den Markt nach Killarney fahren wollte. In der Meinung, der Mann müße dem Zuge begegnet ſein, rief er ihm zu— 1 „Höret guter Freund, wo ſind dieſe Nacht die Burſche alle hingezogen?“ „Was für Burſche, Ew. Ehren?“ fragte der Mann, ehrerbietig an den Hut rührend. „Die große Volksmenge— Ihr müßt ihr begegnet ſein— ſie konnten keinen andern Weg einſchlagen.“ „Ich habe wahrlich weder Mann noch Weib noch Kind geſehen, Ew. Ehren, ſeitdem ich mein Heimweſen verlaſſen habe, und das ſind doch vier Stunden von hier.“ Mit dieſen Worten ſetzte er ſeine Reiſe fort und ließ Mark in größerer Unklarheit als zuvor. Dreizehntes Kapitel. Der Garde⸗Offizier. Wir verlaſſen für eine kurze Zeit Glenflesk und ſeine Bewohner und erſuchen unſern Leſer uns nach London zu begleiten, zu einer etwas andern Scene, als die un⸗ ſeres letzten Kapitels war. In einem ſchön ausgeſtatteten Empfangzimmer in St. James⸗Street, wo Gegenſtände des Comforts und des Lurxus mit der Schauſtellung jenes Geſchmackes ver⸗ miſcht waren, der unter den jungen faſhionablen Män⸗ nern jener Zeit ſo allgemein herrſchte, ſaß oder lag viel⸗ mehr in einem reichgepolſterten Armſtuhl ein junger Of⸗ fizier, der auch in ſeinem Morgen⸗Negligé und trotz ſicht⸗ barer Spuren der Erſchlaffung und Ausſchweifung auf ſeiner Stirne, auffallend ſchön war. Obgleich nicht über drei bis vierundzwanzig Jahre alt, ließen ihn die Ge⸗ 169 wohnheiten ſeines Lebens und die Zuverſichtlichkeit in ſei⸗ nem ganzen Benehmen um mehrere Jahre älter erſchei⸗ nen. Von Natur war er ſchlank und wohlgebaut, wäh⸗ rend ſein Geſicht jene Linien zeigte, die ſo deutlich auf ſächſiſchen Urſprung hinweiſen;— maſſive aber wohlge⸗ meißelte Züge, deren harmoniſcher Ausdruck noch auffal⸗ lender iſt, als ihre individuelle Auszeichnung; ein freier, kecker Blick, den Manche geneigt ſind, als Hochmuth aus⸗ zulegen, war der hervorſtechendſte Zug in ſeinem Ge⸗ ſichte, und der Eindruck wurde nicht vermindert durch eine gewiſſe„hauteur“, welche die KAriegsleute jener Zeit anzunehmen pflegten und auf die er beſonders ſich etwas zu gute that. Die Gaben des Glücks und die Reize der Perſon ſcheinen dem Eigenthümer oft einen Anſtrich von Hoch⸗ muth und Uebermuth zu verleihen, während ſich in Wirk⸗ lichkeit weiter nichts als ungezügelter Jugendmuth und eine in ihren eigenen Aeußerungen ſchwelgende Kraft vorfinden. Wir haben keine Luſt, unſern Leſer zu myſtifiziren, und machen ihn daher gleich mit Frederick Travers, Sir Marmaduke's einzigen Sohn und Kapitän im erſten Garde⸗ regiment bekannt. Reichthum und ein hübſches Geſicht waren vor fünfzig Jahren ſo beliebt, als in dem Jahre, wo wir ſchreiben und Frederick Travers war in den Zir⸗ keln, die er beſuchte, ſo allgemein beliebt, wie nur ir⸗ gend Jemand ſeiner Zeit. Höfliche Manieren, eine durch nichts zu lähmende Munterkeit, ein vor nichts zurück⸗ ſchreckender Muth, ein Hang zur Verſchwendung, der eben ſo ſchnell befriedigt wurde, als er erwachte, waren lauter Eigenſchaften, die ihm die Gunſt ſeiner Bekannten ge⸗ wannen und ſie ſtolz auf ſeine Vertraulichkeit, auf ſeine Freundſchaft machten. Daß Umſtände gleich dieſen einen jungen Mann eigenſinnig und gebieteriſch machen konnten, iſt nicht zu verwundern, und er war es wirk⸗ lich— weniger jedoch wegen der unbegrenzten Freiheit ſeiner Stellung, als vielmehr wegen eines erblichen 170 Zuges, der jedes Mitglied ſeiner Familie auszeichnete und ſie durchaus keinen Zwang ertragen ließ, ſo wunder⸗ lich auch ihre Plane waren. Das Motto ihres Hanſes war der Anzeiger ihres Charakters und in all ihrem Thun und Denken ſchienen ſie unter dem Einfluß ihres Wap⸗ penſpruches zu ſtehen, der da hieß:„A tort et à tra- vers.“ Auf ſeinen Vater übte Frederick Travers einen un⸗ beſchränkten Einfluß; von Kindheit an war er nie ei⸗ nem Widerſpruch begegnet, und ſeine natürliche Gut⸗ müthiigkeit ſo wie ſein herzliches Weſen machten den al⸗ ten Mann an die Vortrefflichkeit eines Syſtems glauben, deſſen Erfolg weniger ſeinem Prinzip als der guten Ge⸗ müthsart deſſen zu verdanken war, an dem es in An⸗ wendung gebracht wurde. Sir Marmaduke that ſich etwas zu gute auf die Laufbahn ſeines Sohnes und hatte ſeine größte Freude über die ſchmeichelhafte Aufnahme des jungen Mannes in der Geſellſchaft. Frederick war ſein Stolz, ſeine Wonne, und ein Brief von ihm hatte ſtets die Wirkung, ſeine Munterkeit wieder herzuſtellen, wenn er den Augenblick zuvor auch noch ſo tief gebeugh war. De rJüngling erwiederte ſeines Vaters Zärtlichkeit mit ganzem Herzen; er kannte und ſchätzte alle hohen⸗ edlen Eigenſchaften ſeiner Natur; er würdigte mit ehrenwer⸗ them Stolze jene Gaben, wodurch ſich Sir Marmaduke die Achtung und Verehrung ſeiner Mitbürger erworben hatte; aber doch meinte er gewiſſe Charakterſchwächen an ihm zu entdecken, wovon ihn ſeine ausgedehntere Lebens⸗ ſphäre bef eit habe. Faſhionable Genoſſen, Umgang mit Leuten von Witz und Lebensluſt, ſcheinen oft ſchärfere Lebensanſichten zu verſchaffen, als man in minder hoher und ausgezeich⸗ neter Geſellſchaft gewinnen kann; die witzigen Epigramme und ſcharfen Redensarten, die unter geiſtreichen Menſchen gewöhnlich ſind, erſcheinen der Welt als die höchſten Potenzen ihrer Weisheit. Nichts iſt gewöhnlicher als dieſer Irrthumz 171 nichts findet man häufiger, als daß der Umgang mit ſolchen Leuten nur ſehr wenige von ihren auszeichnenden Ver⸗ dienſten den weniger begabten Geſellſchaftern mittheilt, die aus dieſem Verkehr ſelten etwas anderes lernen, als eine herzliche Verachtung gegen alle, die davon ausgeſchloſ⸗ ſen ſind. Zu dieſer Schule gehörte Frederick; die Sipp⸗ ſchaft, in der er ſich bewegte, war ſeine Religion— ihre Redensarten, ihre Vorurtheile, ihre Leidenſchaften betrachtete er als Standarten, aufgepflanzt zu Jedermanns Nachahmung. Es iſt daher nicht überraſchend, wenn er manche von den Begriffen ſeines Vaters als abgenutzt und veraltet anſah, und wären es nicht die Anſichten ſeines Vaters geweſen, ſo hätte er ſie vielleicht ins Lä⸗ cherliche gezogen. Dieſe etwas weitſchweiſige Erklärung eines Charak⸗ ters, mit dem wir hinfort nicht lange mehr zu thun ha⸗ ben, bedarf einiger Entſchuldigung; denn ohne dieſelbe wären wir nicht im Stande, unſern Leſern den Grund der Ereigniſſe zu erklären, deren Erzählung wir entge⸗ gen eilen. Auf dem Tiſche, unter den Materialien eines noch unberührten Frühſtückes, lag ein offener Brief, worin der junge Mann von Zeit zu Zeit las, den er aber eben ſo oft unter Ausdrücken der Ungeduld und des Aergers wieder wegwarf. Eine mehr als gewöhnlich ausſchwei⸗ fende Nacht hatte ihn reizbar gemacht, und der Inhalt der Epiſtel ſchien nicht von beruhigendem Charakter. „Ich wußte es,“ ſagte er endlich, indem er das Schreiben in ſeiner Hand zerdrückte.„Ich wußte es wohl; mein Vater iſt nicht der Mann dazu, mit dieſen Wilden ſich herumzubalgen; was ihn dazu bringen konnte, ſich unter ſie zu wagen, weiß ich nicht; die paar Hun⸗ dert jährlich, die das ganze Gut einträgt, ſind nicht werth, daß man ſich einige Wochen lang Verdrießlichkeiten aus⸗ ſetzt. Hamsworth kennt die Leute wohl; er iſt der ein⸗ zige Mann, der mit ihnen umgehen kann. Oh weh!“ 172 am Freitag,— und am Samſtag die erſte fragen können; Sybella nicht minder— warum rief er ſeufzend aus,„es gibt ſchwerlich ein anderes Mittel, als ſie ſobald als möglich wieder zurückzubrin⸗ gen— und der verwünſchte Zufall, der dem Hamsworth in den Hochlanden begegnet iſt, wird ihn fünf Wochen ins Bett nöthigen— ich muß am Ende ſelbſt gehen. Und doch hätte mir nie etwas ſo ungelegen kommen kön⸗ nen. Am Mittwoch das Feſt der Königin; das Ballſpiel Hirſchhunde. Es iſt zu fatal. Hamsworth hätte auch über dieſe Leute aufrichtig ſein, und ſeine Hölle zu keinem Arkadien machen ſollen. Mein Vater iſt ebenfalls zu tadeln; er hätte mich bei dieſem Streich um Rath nicht? Sie vor allen hätte mich von der Narrheit in Kenntniß ſetzen ſollen;“ und ſo klagte er nach de Alle an, die Theil an eiinnem Unglück hatten, am Ende hauptſächlich doch nur in der Ungemä wiedergeſpiegelt ſah, die es ihm ſelbſt verurſachte Nun verdient Hamsworth allerdings einige fertigung von unſerer Seite. Es war dieſem würdigen Mann trotz ſeiner reichen Phantaſie nie im Traume ein⸗ gefallen, einen Beſuch von Sir Marmaduke auf ſeinem iriſchen Gute im Bereich der Möglichkeit zu glau denn obgleich er, wie wir bereits erwähnt haben, pfehlung ſtets mit gewiſſen, zufälligen Winken i treff der Sitten und Gewohnheiten der Eingebornen zu begleiten; mit Winken, die für hinlaͤnglich gelte ten, um auch einen abenteuerlicheren Reiſenden, alten Baronet, abzuſchrecken; und während er in ihn drang, zu kommen, und mit eigenen Augen zu ſehen, verſah er ihn zu gleicher Zeit mit Journalen und 3 tungen, deren Spalten mit dem fruchtbaren Thema von Verbrechen angefüllt waren, wobei die Commentare der Herausgeber oft eine noch tiefere Barbarei verriethen, 173 als das Verbrechen ſelbſt, das zu beklagen ſie ſich die Miene gaben. Das Ereigniß, das endlich zu Sir Mar⸗ maduke's eiliger Abreiſe führte, war ein Zufall, den Hamsworth überſehen hatte, und als er hörte, die Fa⸗ milie habe wirklich die„Lodge“ bezogen, war ſein Ver⸗ druß in der That nicht gering. Erſt am Tag zuvor, ehe die Nachricht ihn erreichte— denn der Brief war ihm vierzehn Tage lang von Ort zu Ort gefolgt— hatte er das Unglück, auf einer Hirſchjagd durch den Sturz von einer Klippe das Bein zu brechen. So dringend auch die Maaßregel ſeyn mochte, er war gänzlich unfähig, eine Reiſe nach Irland zu unternehmen, wohin er unter an⸗ dern Umſtänden mit aller Schnelligkeit geeilt wäre. Hamsworths Correſpondent, von dem wir ſpäterhin Ge⸗ legenheit haben werden, mehr zu ſprechen, war der Un⸗ terverwalter des Gutes,— ganz ſeine Kreatur in allen Beziehungen und weit mehr im Intereſſe des Verwalters, als in dem des Prinzipals. Er erzählte ihm in ſtarken Ausdrücken, wie Sir Marmaduke ſein Werk iriſcher Re⸗ form angefangen; bereits habe ſowohl der Baronet, als auch ſeine Tochter das Geſchäft der Verbeſſerung unter den Lehensleuten begonnen; Renten ſollten erniedrigt, Schulhäuſer errichtet, für Kranke und Leidende ärztliche Hülfe geſichert, bequemere Wohnungen gebaut, höherer Lohn bewilligt werden; er erzählte, wie ſchnell das Volk, obſchon anfangs mißtrauiſch und argwöhniſch, ſich daran gewöhne, auf ſeinen Wohlthäter Vertrauen zu ſetzen, und wie eifrig es ſich ſein Wohlwollen zu Nutze mache; vor allem aber verweilte er bei der Ueberzeugung, die mit jeder Stunde mehr Boden unter ihnen gewinne, daß Hamsworth ihnen den Gutsbeſitzer in einem falſchen Lichte dargeſtellt habe, und anſtatt das Werkzeug, vel⸗ mehr das Hinderniß ihrer Wohlfahrt und ihres Glückes geweſen ſey. Der Brief ſchloß mit der dringenden Bitte, er möge doch ſchleunig nach der„Lodge“ zurückkehren, da das Unglück, falls er länger wegbleibe, unheilbar werden könne. Nie erhielt ein Verwalter einen beunruhigenderen Brief, er ſah das Spiel, das er ein halbes Leben lang fortgeſetzt hatte, im Augenblick des Gewinns ihm ent⸗ gleiten. Ueber zwanzig Jahre lang war ſein Dichten und Trachten darnach gegangen, Eigenthümer des Gutes zu werden; ſeine Plane, Anſchläge, Kunſtgriffe hatten alle keinen andern Zweck oder Gegenſtand. Von der tiefſten Berechnung ſeiner Politik bis zum gemeinſten Gewaltſtreich hatte er dieß im Auge gehabt. Durch ſeine ſchlaue Leitung der Dinge war der Gutsbeſitzer und das Volk durch einen Schleier getrennt, den kein Scharf⸗ ſinn von der einen oder andern Seite durchdringen konnte. Selbſt wenn der Eigenthümer eine Wohlthat beabſichtigt hatte, mußte ſie erſt einen ſolchen Umweg nehmen, da ſie ihr urſprüngliches Ziel nicht erreichte, und weniger zum Segen als zum Ungluck ausſiel. Der Herr war gelehrt worden ſeine Unterthanen als unheilbar in Bar⸗ barei, Unwiſſenheit und Aberglauben verſunken zu be⸗ trachten; der Unterthan, den Herrn für einen grauſa⸗ men, fühlloſen Zuchtmeiſter zu halten, dem nichts am Herzen liege, als ſeine Reute, der weder Sympathie für ihre Leiden noch Kummer wegen ihres Unglücks kenne. Hamsworth ſpielte ſein Spiel meiſterhaft; denn während er ſeinem Prinzipal den geringſten Rentener⸗ trag zukommen ließ, legte er dem Volk die läſtigſten, drückendſten Bedingungen auf. Indem er ſo den ſchein⸗ baren Werth des Gutes verringerte, hoffte er es mit der Zeit kaufen zu können, und ſorgte zugleich dafür, daß es ein gewinnreicher, werthvoller Beſitz wurde; denn obgleich die Renten dem Namen nach wenig eintrugen, ſo war doch der Betrag der Gebühren und der Frohnen ungeheuer. Es war kaum ein Mann auf dem Gute, der ſeine Rente auf Tag und Stunde bezahlte, und für die Vergünſtigung einer kurzen Friſt wurden gewiſſe Dienſte verlangt, wodurch die Unterthanen in die jäm⸗ merlichſte, entwürdigendſte Knechtſchaft geriethen. Wenn alſo das Auge über eine armſelige, von einer 175 darbenden Bevölkerung bewohnte Gegend ſtreifte, mit elenden Hütten; nackten Kindern, roh und unvortheilhaft angebaut, ſo brauchte man nur auf das Feld um die „Lodge“ herum zu blicken, und dort waren die ſchmucken Zäune, die wohlgeſäuberte Frucht und die ſorgfältig an⸗ gebauten Felder ein Beweis dafür, was wohlgeleitete Arbeit bewirken konnte; und mit Erſtaunen ſah man da die Lehre geſchrieben!— Hier iſt ein Gegenſtand zur Nachahmung. Betrachte jenen Weizen, beſchaue dieſen Klee, und drüben jene Wieſe. Sie könnten Alles eben ſo machen. Ihr Land iſt das gleiche, das Klima das gleiche, die Abgaben die gleichen; aber ihre Unwiſſen⸗ heit, ihre Hartnäckigkeit ſind unheilbar. Durch Lehre kann man ihnen nichts beibringen— ſie ziehen ihre barbariſchen Gewohnheiten neueren und beſſeren Metho⸗ den vor— kurz bei ihnen fruchtet weder Lehre noch Beiſpiel. Aber wie verhielt es ſich in der Wirklichkeit? Um dieſes Muſtergut zu bauen, um dieſe Felder zu einem ſolchen Zuſtand der Vollkommenheit zu bringen, mußten Familien darben, mußte das Alter ungepflegt dem Grabe zuwanken— mußten die Erwachſenen mit Noth und Elend ringen, mußte die Kindheit zu Leiden erwachen, die ein ganzes Leben dauerten. Frohndienſt ruft den Armen von der beſcheidenen Pflege ſeines eigenen Pacht⸗ gutes ab, um mit ſeinem ganzen Hauſe auf den Feldern des Reichen zu arbeiten, und die einzige Entſchädigung dafür beſteht in der armſeligen Bewilligung einer wö⸗ chentlichen oder monatlichen Friſt für Abzahlung einer Rente, die er, verhindert durch jene Anſtrengungen, nicht erſchwingen konnte. Frohndienſt ruft ihn weg von ſei⸗ nem eigenen werthloſen Boden; um die Früchte ſ.iner Anſtrengungen zu betrachten, die zum Genuß eines An⸗ dern wachſen, und die er ſelbſt nie koſten darf! Frohn⸗ dienſt ſucht die Tage des blauen Himmels und Sonnen⸗ ſcheins aus, und überläßt dem Armen die düſtern Stun⸗ den des Winters, da er, Finſterniß außen, Verzweiflung 176 innen, bei ſeiner harten Arbeit über das Mißverhältniß des Lebens zwiſchen ſeinem Tyrannen und ſich ſelbſt nachdenken mag! Frohndienſt iſt das Bild einer Skla⸗ verei, die das Herz verhärtet, indem er alle Hoffnung vertilgt, alles Selbſtvertrauen, alle Zuverſicht ausrottet, bis in ſeinem ſchmählichen, verworfenen Zuſtand der Unglückliche gleichgültig um ſein Leben wird, während ſeine Rache nach dem Blute ſeines Zuchtmeiſters dürſtet. Und damit hat das Syſtem noch nicht einmal ſeinen Gipfel erreicht;— der Verwalter muß durch all erlei Geſchenke gewonnen,— die dürftige, dem Elend ent⸗ riſſene, durch Fleiß errungene Gabe muß ihm dargebo⸗ ten werden, um eine armſelige Vergünſtigung zu ge⸗ winnen, worauf in den häufigſten Fällen der Bittſteller ein wohlbegründetes Anrecht hat. Eine Tyrannei gleich dieſer dehnt ihren verderblichen Einfluß weit über die Noth der bloßen Armuth aus— ſie bricht den Geiſt, verdirbt das Herz eines Volkes: denn wo wurde je ein Räuberſold erpreßt, ohne daß er auf der einen Seite Grauſamkeit, auf der andern verwörſen⸗ Sklaverei er⸗ zeugte? Weit entfernt, die in Rang und Stand über ſie Geſſellten ihre natürlichen Freunde und Beſchützer zu betrachten, ſahen die Landleute in dem vornehmen Mann ihren Unterdrücker; ſie kannten ihn nicht als ihren Trö⸗ ſter in Krankheit, als ihre Hülfe in der Zeit der Noth — ſie ſahen in ihm nur den ſtrengen Erpreſſer ſeiner Rente, den ſchonungsloſen Zuchtmeiſter, der ſich um keine Zeit kümmerte, außer um den Termin der Zah⸗ lung; und da Jahr für Jahr Armuth und Elend tiefer in ihre Herzen fraßen, und die Hoffnung erſtarb, blitz⸗ ten ſchreckliche NRachegedanken in Seelen auf, denen keine Ausſicht auf beſſere Tage leuchtete; und in der düſtern Troſtloſigkeit ihrer finſtern Stunden erſehnten und er⸗ flehten ſie ſich eine Aenderung, gleichviel in welcher Ge⸗ ſtalt ſie kommen und von welcher Gefahr ſie umgeben 177 ſeyn mochte, wenn nur der jetzigen Knechtſchaft ein Ende würde. 4 Man ſprach von ihrer Leichtherzigkeit, von ihrem muntern Sinn, von ihrem blitzenden, glänzenden Witz. Wie wenig wußte man, daß ſolche Eigenſchaften, vermöge irgend eines ſeltſamen Widerſpruchs in unſeren Natu⸗ ren, die Begleiterinen tief nachdenkender, mit Einbil⸗ dungskraft begabter, aber von düſterem Schickſal über⸗ ſchatteter Seelen ſind. Die ſchimmernde Phantaſie, die den Pfad des Lebens zu erleuchten ſcheint, iſt oft nur das Irrlicht, das über der ſchauerlichen, öden Haide tanzt. Ihre Gleichgültigkeit und Arbeitsſcheu wurde ihnen zum Vorwurf gemacht; aber hat man je davon gehört, daß man ſich gerne einer Mühe unterzog, wenn dieſelbe hoffnungslos war, und daß man freiwillig arbeitete, ohne Ausſicht auf Belohnung. Wir haben uns, faſt unwillkürlich, zu dieſer etwas weitläuſigen Abſchweifung verleiten laſſen, fühlen uns aber nicht bewogen, auch wenn ſie ſich nicht auf die Umſtände unſerer Geſchichte bezöge, deßhalb um Ent⸗ ſchuldigung zu bitten. Von ſolcher Art, glauben wir, waren großentheils die Leiden Irlands— die frucht⸗ bare Quelle jener tauſend Uebel, die das Land heim⸗ ſuchten. Aus dieſer einzigen Quelle iſt, wo nicht alles, doch das meiſte Unglück des Landes entſtanden. Ein Glück wäre es, wenn wir ſagen könnten, daſſelbe habe aufgehört zu beſtehen— ein ſolcher Zuſtand der Dinge ſey nur noch eine Sache hiſtoriſcher Unterſuchung oder finde ſich blos in der Erinnerung eines alten Man⸗ nes vor— und in unſeren Tagen gebe es keine derar⸗ tigen Beiſpiele mehr unter uns. Als Hamsworth ſah, daß der Zweck ſeines Lebens in Gefahr ſchwebte, beſann er ſich auf alle Mittel, wo⸗ durch dieſelbe abgewendet werden könnte. Ein ſo wohl⸗ begründetes Vertrauen er auch in die Gewandtheit ſei⸗ nes Stellvertreters ſetzte, war ſeine Stellung unter ge⸗ Lever, O'Donoghue. I. 1½ 178 genwärtigen Umſtänden doch eine unüberſteigliche Schranke für ſeine Nützlichkeit. Sam Wylie, ſo hieß dieſer Wür⸗ dige, war vortrefflich als Spion, konnte aber durchaus nicht als bevollmächtigter Miniſter verwendet werden; es war jetzt ein Mann nöthig, der mehr Einfluß auf Sir Marmaduke ſelbſt beſaß. Zu dieſem Zwecke ſchien Frederik Travers die einzige paſſende Perſon; an ihn ſchrieb daher Hamsworth einen Brief unter dem Siegel der ſtrengſten Verſchwiegenheit, worin er mit pünktlicher Genauigkeit die unvermeidlichen Uebelſtände auseinander ſetzte, die Sir Marmaduke's Beſuch auf ein Volk häufen müſſe, deſſen Begehrlichkeit ſich durch kein Wohlwollen und keine Conceſſionen befriedigen laſſe— Er erzählte die ſchrecklichen Beiſpiele ihrer Rache, ſo oft eine Enttäuſchung dem ſtarken Strom ihrer Hoff⸗ nungen entgegen getreten ſey; und verbreitete ſich mit allem Schein von Wahrheit über Scenen von Mord und Blutvergießen, wofür man ſich keinen Grund denken könne, außer dem düſtern Argwohn eines Volkes, das lange gewöhnt geweſen, den Sachſen als ſeinen Tyran⸗ nen zu betrachten. Der nachtliche Angriff auf die„Lodge“ lieferte ebenfalls ſein Schreckensthema; und ſo geſchickt miſchte er Thatſache und Dichtung, wahre Berichte und falſche Folgerungen, daß der junge Mann den Brief mit ängſt⸗ lich pochendem Herzen las und ſich nach der Stunde ſehnte, wo er die Menſchen, die ihm am theuerſten wa⸗ ren, aus einem ſolchen Lande der Anarchie und des Un⸗ glücks abholen könnte. Nicht zufrieden mit dem Zwecke, den er unmittel⸗ bar im Auge hatte, bot Hamsworth alle Kunſtgriffe auf, Frederick falſche Anſichten über den Werth eines ſolchen Gutes beizubringen, indem er, nicht ohne einige Wahrheit auf ſeiner Seite, vorſtellte, die einzige Aus⸗ ſicht, den Zuſtand eines ſo tief geſunkenen und entwür⸗ digten Landvolkes zu verbeſſern, liege darin, daß man in Mitte deſſelben ſeine Wohnung aufſchlage, eine Zu⸗ 179 muthung, die ſich in den Augen des Jünglings durch nichts aufwiegen ließ.. Auf einem abgeſonderten Papierſchnitzel, worauf bemerkt war:„nach dem Leſen gleich zu verbrennen,“ entzifferte Frederick folgende Zeilen— „Vor allen Dingen möchte ich Sie warnen vor einer Familie, die, obgleich ſie nur Pächtersrang beſitzt, einen Adel ſich anmaßt, deſſen Urſprung auf etliche Dutzend von Jahrhunderten zurückgeht, und inzwiſchen reichlich Gelegenheit gehabt hat, auszutröpfeln; dieß ſind die O'Donoghues, eine gefährliche Brut, hochmü⸗ thig, bösartig, ränkevoll. Sie werden ſich alle Mühe geben, Einfluß über Ihren Vater zu gewinnen, und ich kann Ihnen die damit verknüpfte Gefahr nicht ſtark ge⸗ nug ſchildern. Geben Sie um Alles in der Welt nicht zu, daß ſich ſein Mitleid oder ſein irregeleitetes Wohl⸗ wollen ihnen zuwendet. Wären ſie blos unwürdigg, ſo würde ich gar kein Wort darüber verlieren, aber ſie ſind im höchſten Grade gefährlich in einem Land, wo ihre Anſprüche blos als erledigt betrachtet werden, wo man die Anſicht hat, daß ſie durch die Conſiskation blos übertragen, nicht getilgt werden. „E. H.“ Es würde die Zwecke unſerer Geſchichte in keiner Weiſe befördern, wollten wir unſern Leſern die rühren⸗ den Scenen ſchildern, die der Abreiſe Frederick's von London vorangingen, ſowie die Erklärungen, die man ihm bei ſeinen Abſchiedsbeſuchen von Haus zu Haus über eine ſo plötzliche und außerordentliche Reiſe ab⸗ verlangte; denn ſogar noch vor fünfzig Jahren war ein Beſuch in Irland eine Sache von größerer Bedeutung, und von feierlicheren Vorbereitungen begleitet, als jetzt manchmal einer Reiſe nach Indien gewidmet wird. Die Lady Marys und Bettys der faſhionablen Welt betrach⸗ teten ihn ungefähr ebenſo, wie die Damen der alten Zeit einen mannhaften Ritter, wenn er nach Paläſtina 1²* 180 aufbrach. Daß kindliche Liebe ein ſolches Beiſpiel von Hingebung erzeugen könne, erregte mehr noch ihr Stau⸗ nen als ihre Bewunderung, und zahlreich waren die Warnungen, zahlreich die freundſchaftlichen Rathſchläge, die dem Jüngling in ein ſo gefahrvolles Land mitge⸗ geben wurden. Frederick war Soldat, und ein tapferer Soldat, aber doch war er nicht ganz frei von jenen Beſorgniſſen, welche die Unwiſſenheit der Zeit verbreitete; und ob⸗ gleich er nur einen einzigen Bedienten mitnahm, waren doch beide bis an die Zaͤhne bewaffnet und gerüſtet, um ſich im Nothfall tapfer zu wehren gegen die iriſchen „Schurken und Landſtreicher.“. Hier alſo, nachdem er ſeinen Freunden Lebewohl geſagt und ſeine Reiſe nach Irland angetreten hatte, wollen wir ihn einſtweilen verlaſſen. Vierzehntes Kapitel. Erklärungen über eine beſchleunigte Abreiſe. So kurz auch unſere Abweſenheit von Glenflesk gewährt hat, ſind inzwiſchen doch manche Veränderun⸗ gen dort vorgegangen. In Herbert O'Donoghue's Krank⸗ heit war eine glückliche Veränderung eingetreten und an dem Tage nach des Doktors ereignißvoller Rückkehr war Ueberwältigung der Krankheit ſchien auf Roach unſterb⸗ liche Ehre zurückzuſtrahlen; er ſelbſt trug wenigſtens kein Bedenken, ſeiner Geſchicklichkeit zuzuſchreiben, was eigentlich der innern Lebenskraft und Jugend zu ver⸗ danken war. Sir Archy allein war undankbar genug, die Anſprüche der Heilkunſt zu läugnen, und gab Roach unter der Hand zu verſtehen, er habe ſeinem Patienten, wo nicht durch Recepte, doch wenigſtens durch ſein Bei⸗ ſpiel geholfen, ſintemal er die ganze Nacht hindurch er wirklich wieder außer aller Gefahr. Dieſe plötzliche 181 geſchlafen habe, ohne aufzuwachen. Dieſe Bemerkung war ſogleich eine Kriegserklärung und Roach zögerte nicht, die Herausforderung anzunehmen— in der That waren beide Parteien des Wafeenſtillſtandes ziemlich müde und ſehnten ſich nach Kampf. Sir Archibald hatte nur den Augenblick abgewartet, wo man des Doktors Dienſte im Krankenzimmer ungeſtraft entbehren konnte, um ſein Feuer wieder zu eröffnen, während es dem durch einen ſo unerwarteten Frieden gepeinigten Roach zu Muthe war wie einer belagerten Feſtung bei den Ope⸗ rationen der Mineurs, da er nicht wußte, wann und wie die gefürchtete Erploſton ſtattfinden würde. Jetzt aber war die Signalkanone abgefeuert— jetzt war es aus mit noch längerer Zögerung, und die Kampfhelden zeig⸗ ten in der That keine Abneigung, ſich zu ſchlagen. „Sie werden dieſen Morgen hungrig ſeyn, Dok⸗ tor,“ ſagte Sir Archy,„ich habe daher das Frühſtück etwas früher beſtellt. Ein Stück Schinken um zwölf 8 und ein Quart Reres macht Appetit zum Früh⸗ ü. „Bei Gott, oder auch zum Abendeſſen,“ erwiederte Roach,„wenn der Schinken ein Schinkenbein und die eresflaſche gleich einer Vier⸗Unzen⸗Mirtur war.“ „Sie haben auf Ihre kleine Erquickung vortrefflich Keſchlaſen Ich hörte Sie ſchnarchen gleich einem Nord⸗ aper.“ „Auf keinen Fall drückte mich der Alp wegen Un⸗ verdaulichkeit,“ verſetzte Roach grinſend.„Ich kann Ihnen mit beſtem Gewiſſen einen Schein ausſtellen, daß dieſe Krankheit hier nicht zu Hauſe iſt.“ „Es iſt ein Glüc für uns, daß wir ein Mittel dagegen kennen— ein beſſeres, als Sie gegen den Fall wiſſen, womit Sie es ſo eben zu thun hatten.“ „Ich habe dem Jungen das Leben gerettet,“ verſetzte Roach unwillig.’ „Sie haben ihn freilich nicht umgebracht, das kann man Ihnen in keinem Fall nachſagen. Danken wir dem Herrn für ſeine Barmherzigkeit, und daß er Ihnen einen ſo geſunden Schlaf geſchenkt hat.“ Wie dieſer Wortwechſel weiter fortgeſetzt werden ſollte, iſt nicht leicht zu ſagen; aber in dieſem Augen⸗ blick öffnete ſich ſachte die Thüre des Frühſtückzimmers, und verſtohlen blickte ein wilder, rauher Kopf herein, dem allmählig der Hals und ſodann die übrige Geſtalt Kerry O'Leary's folgte, der auf beide Kniee vor dem Doktor niederfiel und im kläglichſten Tone ausrief— „O, liebſter Doktor— theurer Doktor— ver⸗ zeihen Sie mir— beim heiligen Joſeph— verzeihen Sie mir!“ Roach war nicht gerade in der ſanſteſten Gemüths⸗ ſtimmung; im Gegentheil, ſein Geſicht wurde purpur⸗ roth vor Zorn, als er den Urheber ſeines Unglücks zu ſeinen Füßen ſah. „Geh' mir aus den Augen, Du Schurke, ich will Dich nicht eher wieder ſehen, als bis Du auf den Werf⸗ ten biſt— ja, und Handſchellen anhaſt.“ „O jemine, o jemine! Sie werden mich doch nicht anklagen wegen ein Paar rothen Tropfen? o, liebſter Doktor, ſagen Sie nicht, daß Sie das thun wollen.“ „Ich will Dein Leben haben, ſo wahr mein Name Roach iſt.“ „Verſuchen Sie's mit einer Mirtur,“ fiel M'Nab ein. „Bei Gott, das will ich,“ rief Kerry, den Ge⸗ danken aufſchnappend.„Ich will Alles nehmen, nur nicht die ſchwarze Schmiere, die er dem Herrn gab— die könnte den Teufel todt machen.“ Dieſes ausnehmende Compliment auf ſeine Ge⸗ ſchicklichkeit war dem Doktor nicht ſehr angenehm; im Gegentheil ſprudelte ſein Zorn über bei der neuen Be⸗ leidigung. „Fünfzig Guineen gebe ich drum, wenn ich Dich 5 183 an den Galgen bringe— da haſt Du mein Wort darauf.“. „Oh weh! oh weh!“ rief Kerry, der aus Angſt vor der Wirkung des Geldes auf die Nichter über und über zitterte—„iſt das mein Lohn dafür, daß ich die ganze Nacht den Pony auf den Straßen geſucht!“ „Wo iſt der Pony— wo iſt das Wägelchen?“ rief Noach, durch dieſe materiellen Intereſſen plötzlich erinnert, daß es ſich noch um mehr handle, als um bloße Rache. „Das Thier ſteht wohl verſorgt im Stall— dort ſteht es und frißt eine Metze Weizen— Frucht vom letzten Jahre— hol' mich der Teufel, wenn's nicht wahr iſt.“ „Und das Wägelchen?“ „O, das Wägelchen, wo das iſt? Hoho, wir ha⸗ ben es auch,“ erwiederte Kerry aber mit einem inneren Widerſtreben, das dem ſcharfſinnigen Frageſteller nicht entgehen konnte.. „Nun, wo iſt es denn?“ fragte Roach unge⸗ duldig. „Wo wird es ſein, außer im Hof?— wir ſind gerade daran, es abzuwaſchen.“ Der Doktor wartete den Schluß dieſer Antwort nicht ab, ſondern eilte aus dem Zimmer, die wenigen Treppen hinab, die nach dem alten Hofraum führten, gefolgt von Sir Archy und Kerry, von denen der Eine begierig war, das Ende der Scene mit anzuſehen— der Andere in ſehr verſchiedener Gemüthsſtimmung murmelte—„O, aber jetzt werden wir erſt unſere liebe Noth bekommen!“ Sobald Roach im Hofraum ankam, wendete er ſeine Augen nach allen Seiten, um ſein Gefährt zu ſuchen; aber obgleich alte Eggen, zerbrochene Pflüge und unbrauchbare Schubkarren in Maſſe da waren, ſo fand ſich doch nichts, was mit dem Gegenſtand ſeines Suchens Aehnlichkeit beſaß. 8 184 „Wo iſt es?“ fragte er Kerry mit einem Ausdruck von Erbitterung, der jedem Verſuch, ihn durch blauen Dunſt zu beſänftigen, Trotz bot—„wo iſt es 2* „Nun, hier iſt es,“ verſetzte O'Leary in einem Tone, als wäre ſein Muth durch äußerſte Verzweiflung geſtärkt, während er zugleich zwei Räder und eine Achſe hervorholte, die einzigen Ueberbleibſel von dem Fuhr⸗ werk ſelig. Während er ihnen das Wrack vorzeigte, überwältigte der Humor— der bei einem iriſchen Bauern trotz aller perſönlichen Gefahr immer die Ober⸗ hand gewinnt— ſeine beſcheideneren Inſtinkte, ſo daß er ſein Geſicht zu einem breiten Grinſen verzog und ausrief—. „„Da haben wir jetzt das Innere davon!⸗ wie Darby Coſoon ſagte, als er ſeine Uhr in Stücke brach, ‚und bei Gott wir wollen jedenfalls ſehen, wie ſie ein⸗ gerichtet iſt!““ Unſere wahrhaftige Geſchichte darf die Ausdrücke, die ſich Noach erlaubte, nicht berichten; es genügt die Bemerkung, daß ſein Zorn in den heftigſten Schmäh⸗ reden auf das Haus, das Thal, die Familie und ihre Angehörigen bis ins dritte und vierte Glied, ſich Luft machte, während er dazu ſtampfte und ſich geberdete gleich einem Wahnſinnigen.— „Sie werden dort wenig Raum für Ihr Gepäck haben,“ ſagte M'Nab mit ſeinem trockenſten Lachen, während er ſich umkehrte und ins Haus zurück ging. „Wo iſt mein Pony?— wo iſt mein Pony?“ ſchrie der Doktor, entſchloſſen, all ſeinem Unglück auf einmal in's Geſicht zu ſchauen. „O, wahrlich, dem hat es nichts gethan!“ ver⸗ ſetzte Kerry, indem er die Stallthüre aufſchloß und mit allem Stolz der Wahrhaftigkeit auf eine vor ihnen ſtehende Beſtie deutete.„Da iſt er; den ganzen Mor⸗ gen hat er die luſtigſten Sprünge gemacht, gleich einer nackten Zicke.“ Obgleich nun der erſte Theil des von Kerry ge⸗ 185 brauchten Gleichniſſes ganz beſtimmt unrichtig war, da, ſo viel wir uns entſinnen können, nie eine Zicke die geringſte Aehnlichkeit mit dem fraglichen Thier hatte, ſo hatte es doch mit der Thatſache der Nacktheit ſeine unumſtößliche Richtigkeit, da das Thier von den Schul⸗ tern bis zu den Knöcheln faſt gänzlich geſchunden war, ſeine Augen zwei runde Maſſen von der Größe einer Billard⸗Kugel darſtellten, und ſein hinabhängender, mit Gelenken und Knoten verſehener, aber aller Haare be⸗ raubter Schwanz einige Aehnlichkeit mit einem ſtarken Bambusrohr beſaß. „Der Allerwelts⸗Dieb,“ ſagte Kerry, indem er das Thier liebkoſte und ſtreichelte;„er hat ihm mit dem Ausſchlagen ein wenig Haar abgeſtreift; aber man braucht nur ein wenig Schießpulver und Butter drauf zu ſtreichen, ſo wird es in ein Paar Tagen ſchon wieder kommen.“ „Lügner, der Du biſt, Kerry— man würde eine Kiſte Pulver und ein Faß Butter brauchen, um die nöthige Salbe daraus zu machen!“ Es gibt Uebel, die man ſich unmöglich in ihrer ganzen Schwere vorſtellen kann, und dieſe werden, viel⸗ leicht zur Entſchädigung, meiſtentheils ohne jenen hefti⸗ gen, übermäßigen Schmerz ertragen, den geringeres Unglück erregt. So war es— Roach ſprach kein Wort: Eine Drohung mit ſeiner geballten Fauſt gegen Kerry war der einzige Beweis, den er von ſeinem In⸗ grimm gab, worauf er den Stall verließ. „Ich habe hier ein Billet an Doktor Roach,“ ſagte ein Bedienter in Sir Marmaduke's Livree zu Kerry, der im Begriff war, die Stallthüre zu ſchließen. „Ich bin's,“ ſprach der Doktor, indem er das Billet nahm und das Siegel erbrach.„Habt Ihr kei⸗ nen Wagen bei Euch?“ fragte er, nachdem er mit dem Leſen fertig war. „Ja, Sir, er ſteht auf der Straße. Sir Marma⸗ —— 186 duke befahl mir, nicht vor das Haus zu fahren, um den kranken Herrn nicht zu ſtören.“ „Nun, ich bin bereit,“ ſagte der Doktor; und ohne einen Blick zurück zu werfen oder noch ein Wort zu geruhen, ging er zum Thore hinaus und ging nach der Straße hinab. 6 „Ich werde das Thier gut verpflegen, bis ich Sie wiederſehe, Sir,“ rief ihm Kerry nach; und dann, als die Entfernung zwiſchen Beiden größer geworden war, fügte er hinzu:„möge ich Deine alte gelbe Perücke von heute an nie mehr ſehen. Der Teufel hole mich, wenn ich nicht hoffe, Du haſt am Ende doch einige von den Schroten in Dir ſtecken;“ und mit dieſen glühend ausgedrückten frommen Wünſchen kehrte Kerry ins Haus zurück, das Herz bedeutend erleichtert durch die plötzliche Abreiſe des Doktors. Kaum ſaß er neben dem Küchenfeuer, dem Aſyl, das er als ſeine Heimat betrachtete, als alle ſeine Be⸗ ſorgniſſe wegen ſeiner Miſſethat und ihrer Folgen ver⸗ ſchwanden und er in ächt iriſcher Weiſe über die Gründe der plötzlichen Abreiſe des Doktors ſeine Betrachtungen anzuſtellen begann. Er iſt jetzt fort nach der„Lodge“— wahrlich⸗ wenn er dahin kommt, ſo werden ſie ihn nicht ſo leicht wieder hinausbringen— ſie werden zu thun haben, wenn ſie ihn einen Tag in der Woche los bekommen wollen. Nun, nun, gelobt ſei Gott, daß er von hier fort iſt. „Iſt er fort, Kerry?“ ſagte Mrs. Branagan. „Hat er für Mr. Herbert eine„Kur“ zurückgelaſſen, ehe er ging?“ „Bewahre,“ rief Kerry, als ob ihn ein plötzlicher Gedanke durchzuckt hätte,„das hat er nicht gethan!“ und ohne noch einen Augenblick zu zaudern, ſprang er von ſeinem Stuhle und ſtieg die Treppen nach dem Geſellſchaftszimmer hinauf, wo jetzt O'Donoghue, Marxk und Sir Archy beim Frühſtück verſammelt waren, 187 „Er iſt fort, Sir, er iſt wieder fort,“ ſagte Kerry, als ob der Inhalt ſeiner Nachricht keine umſtändlichere Erkläͤrung nöthig hätte. „Wer iſt fort? Wer iſt gegangen?“ riefen ſie alle in Einem Athem. „Der Doktor, Sir, Doktor Roach. Es kam ein Burſche in einer himmelblauen Livree mit einem Zettel an ihn, er ſolle dahin kommen, und als er ihn geleſen, kehrte er ſich nur ſo um,“ hier führte Kerry eine nicht ſehr anmuthige Pirouette aus,„und ohne zu ſagen, mit Ihrer Erlaubniß, geht er hinunter auf die Straße und ſteigt in die Kutſche. ‚Wollen Sie nicht Mr. Her⸗ bert ſehen, bevor Sie gehen, Sir,“ ſagte ich; ‚Sie wollen ihn doch nicht ſo verlaſſen?“ aber ich will ver⸗ dammt ſein, wenn er nur ein einziges Wort erwiederte, nein, er ging mit grinſendem Geſichte fort.“ „Was!“ rief Mark, feuerroth vor Zorn.„Iſt dies wahr?— Seid Ihr überzeugt, daß, was Ihr ſagt, Wahrheit iſt?“ „ Ich will darauf ſchwören,“ verſetzte Kerry mit feierlicher Stimme. „Nun, Archy,“ ſagte O'Donoghue, an ſeinen Schwa⸗ ger gewendet.„Du biſt ein guter Richter in ſolchen Dingen. Iſt dies Benehmen von Seiten unſers Nach⸗ bars paſſend oder ſchicklich? War es recht und anſtän⸗ dig, nach einem Mann hier zu ſchicken, um deſſen Dienſte wir uns ſo ſehr bemüht hatten, und die wir vielleicht noch ſo nothwendig brauchen können? Meinſt Du nicht, man hätte uns zuvor fragen ſollen?“ „Kein armer Pächter im Thale, den das nicht er⸗ bittern würde!“ rief Mark leidenſchaftlich. „Sachte, ſachte,“ ſprach Sir Archy bedächtlich, „wir haben die Geſchichte noch nicht genau gehört. Roach kann ſie vielleicht erklären.“ „Lieber ſoll er wegbleiben,“ ſiel Mark ein, indem er zornig das Zimmer auf und ab ſchritt;„er liebt, ſich ſchleunig zu entfernen, und bei Gott, ich will ihm dazu behülflich ſein; denn zu dieſem Fenſter muß er hinaus, ſo wahr ich Mark heiße.“ „Dies iſt ohne Zweifel der Weg, ihm zu dienen,“ ſtimmte Kerry ein, der ſogleich bedachte, wie angenehm er auf ſolche Art jeder gerichtlichen Schwierigkeit ent⸗ hoben werden könnte. „Ich will den Mann nicht entſchuldigen,“ ſagte Sir Archy gemäßigt.„Es iſt wohl bekannt, wir hegen keine große Liebe zu einander; aber ein ehrliches Spiel iſt immer das beſte.“ „Ich habe noch nie von einer gemeinen Handlung gehört, ohne daß es ein ſchottiſches Sprichwort zu deren Rechtfertigung gegeben hätte,“ murmelte Mark in einem für die Uebrigen unhörbaren Geflüſter. „Es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß Sir Marmaduke Travers ſich erkundigen ließ, ob der Doktor zu entbeh⸗ ren ſei, und es iſt nicht unmöglich, daß Roach die Be⸗ antwortung der Frage auf ſeine eigene Fauſt über⸗ nahm.“ „So denke ich nicht,“ ſiel Mark ein;„die ganze Geſchichte hat in meinen Augen eine andere Geſtalt. Sie ſchmeckt nach engliſcher Höflichkeit gegen einen iriſchen Bauer.“ „Beim Jupiter, Mark hat Recht,“ ſagte O'Dono⸗ ghue, deſſen Vorurtheile, durch Armuth befeſtigt, auf jeden Argwohn in Betreff einer beabſichtigten Beſchim⸗ pfung bereitwillig eingingen. „Sie haben das Spiel noch nicht lange gelernt,“ ſprach Mark mit Bitterkeit;„ſie ſind, wenn ich mich recht erinnere, kaum zwei Monate im Land, und ſiehe da, ſie behandeln uns bereits als bloße Irländer.“ „Du biſt immer zu haſtig, Mark. Ich habe nicht viel Reſpekt vor Roach, und möchte nicht für ſeinen guten Ton ſtehen; aber einem Gentleman, wie dieſer Marmaduke ſeinem Briefe nach ohne Zweifel iſt——“ be Welchem Brief nach? Ich habe nie davon ge⸗ ört.“ 189 „O!l es war ein höfliches Schreiben, Mark, wo⸗ rin er ſagt, ich würde ihn verbinden, wenn ich ihm er⸗ lauben wolle, hier ſeine Aufwartung zu machen. Ich vergaß, Dir davon zu erzählen.“ „Will der Feind die Feſtung betrachten, damit er berechnen kann, wie lange wir noch aushalten können?““ verſetzte der Jüngling in ſtrengem Tone. „Bei Gott, mit den Jungen von Ballyvourney und Inchignela wollen wir den Platz gegen die ganze eng⸗ liſche Armee behaupten,“ ſagte Kerry, der die bildliche Ausdrucksweiſe falſch verſtand; und er rieb ſich die Hände vor Freude über die bloße Ausſicht auf eine ſolche Heldenthat. Sir Archy warf ihm einen ärgerlichen Blick zu, und bedeutete ihm mit der Hand, das Zimmer zu ver⸗ laſſen. Kerry ſchloß die Thure hinter ſich zu, und für einige Minuten blieb die Stille ununterbrochen. „Was hat es am Ende auf ſich?“ ſprach O'Do⸗ noghue ſeufzend.„Es iſt ja die reinſte Thorheit, uns jetzt um ſolche Dinge zu bekümmern. Wenn das Kleid abgetragen und fadenſcheinig iſt, ſo braucht man ſich wohl nicht zu beunruhigen, daß auch die Treſſe ein we⸗ nig abgenutzt iſt.“ „Wahr, Sir, ganz wahr; aber Du biſt nicht ver⸗ pflichtet, dem, der ſie Dir auch nur einen Tag oder eine Stunde vor der Zeit abreißen will, es zu vergeſſen oder zu verzeihen.“ „Es iſt nicht gut, aus eingebildeten Uebeln Folge⸗ rungen zu ziehen. Die Schatten ſind ſchon ſchlimm ge⸗ nug; ſie brauchen nicht auch noch Kinder und Enkel zu haben; und ſo will ich dem Jungen eine Taſſe Thee bringen;“ mit ſolcher Weisheit in Praris und Theorie verließ Sir Archy bald das Zimmer, während O'Dono⸗ ghue und Mark, die des Themas bereits müde waren, ſich nicht weiter damit beſchäftigten. Fünfzehntes Kapitel. Einige Freuden des Landlebens. gn dem kleinen, aber höchſt gemächlichen Zimmer der„Lodge“, welches wegen ſeiner Büchergeſtelle und der ſchmucken Bände das Studierzimmer genannt wurde, ſaß Sir Marmaduke Travers. Vor ihm ſtand ein Tiſch, bedeckt mit Schreibmaterialien, Büchern, Flugſchriften, Kupferſtichen und Zeichnungen; ſein großer Armſtuhl war ein wahres Ideal von üppigem Müſſiggang, und in dem weichen Teppich waren die Pantoffeln ſeiner Füße faſt gänzlich verborgen. Von dem Fenſter zu ſeiner Rechten aus ſah man durch eine Allee in dem Buchen⸗ wald eine Gebirgslandſchaft vor ſich, mit der ſich ſchwer⸗ lich eine andere in irgend einem Lande Europas meſſen konnte. Mit einem Worte, es war ein äußerſt reizendes, kleines Zimmer, das geeignet war, die Lüſternheit von Leuten zu erregen, die ſich durch ihren Geiſt ihren Un⸗ terhalt verſchaffen müſſen, und die ihre mühſame Arbeit ſelten verrichten, ohne daß ſie von jedem Tone und An⸗ blick ausgeſchloſſen ſind, der ihrer Einbildungskraft Nah⸗ rung geben könnte. Wie iſt dieß nicht faſt unveränderlich der Fall! Wer hat nicht ſchon hundertmal ein vortreff⸗ liches, kleines Zimmer geſehen, das in jeder Einzelnheit ſeiner Einrichtung darauf berechnet ſchien, die Arbeit des Geiſtes zu erleichtern, das von allerlei, zum Genuß einladenden Eigenſchaften ſtrotzte, und doch mehr zum Nachdenken ermunterte, als dem Lurus diente— mit ſeinen Gemälden, Bildwerken, mit ſeiner antiken Rü⸗ ſtung, die bald an eine Stelle in der Geſchichte, bald an ein Blatt der Dichtung erinnerte;— wer hat nicht geſehen, daß ſolche Zimmer dem halbſtündigen Zeitver⸗ treib mit einer Zeitung oder der mühſamen Berechnung der Ausgaben und Einnahmen mit dem Verwalter ge⸗ widmet waren, während der Mann, deſſen Geiſt hoch zwiſchen Himmel und Erde ſchwebte, zu irgend einer 191 düſtern, von Spinnen umwebten Scheibe auf einen Wald von Kaminen hinausſah, umringt von allen Uebeln der Armuth und gequält vom täglichen Kampf mit der Noth. Hier ſaß Sir Marmaduke und hatte einen großen, einem Hauptbuch ähnlichen Band offen vor ſich, worein er von Zeit zu Zeit kurze Bemerkungen eintrug. Ihm gerade gegenüber ſtand in ehrerbietig aufmerkſamer Hal⸗ tung ein Mann von ungefähr fünf und vierzig Jahren, der, obgleich einfach gekleidet, doch etwas Vornehmes an ſich hatte; ſeine Züge waren ungeſchlacht, aber ver⸗ ſtändig, und obgleich, wenn er ſprach, ein ſchneller, ſcharfer Blick aus ſeinem grauen Auge ſchoß, ſo gab doch die ſanfte, weiche Stimme ſeinen Worten eine gemeſſene Ruhe, die auf eine geduldige, milde Gemüthsſtimmung hindeutete. Seine Geſtalt verrieth Kraft, ſein Geſicht dagegen war blaß und farblos, und hätte ohne die ſon⸗ ſtigen Beweiſe von rüſtiger Geſundheit in Gang und Haltung eine zarte Conſtitution vermuthen laſſen. Dies war Sam Wylie, der Unterverwalter— ein Menſch, deſſen Geſchichte in wenigen Worten gegeben werden kann.— Sein Vater war Kellermeiſter im Hauſe der O'Donoghues geweſen, wo er ſtarv und ſeinen Sohn, noch ein kleines Kind, ſeinem Herrn als Vermächtniß hinterließ. Der Knabe wollte jedoch nicht gut gerathen; er wurde über Vergehen von verſchiedener Art— dar⸗ unter auch Diebſtahl— ertappt; und nach vielen, aber unwirkſamen Bemühungen, ihn zu beſſern, wurde er fortgejagt, mit dem Rathe, wenn er einem ſchlimmern Schickſal entgehen wolle, ſo möge er die Grafſchaft ver⸗ laſſen. Er befolgte den Rath und ließ mehrere Jahre nichts mehr von ſich ſehen oder hören. Es ging das Gerücht, er befinde ſich ſchon ſeit 14 Jahren in einer Strafkolonie; aber wie dem auch ſeyn mochte, als er zuerſt wieder in Kerry erſchien, geſchah dies im Gefolge eines Civil⸗Ingenieurs, der gekommen war, die Graf⸗ ſchaft aufzunehmen. Seine Gewandtheit und Geſchick⸗ lichkeit in dieſer Beſchaftigung empfahl ihn der Aufmerk⸗ 19² ſamkeit Hamsworths, der ihn bald darauf als Vogt und ſpäter als Unterverwalter auf dem Gute anſtellte; in dieſer Eigenſchaft hatte er nun ungefähr 15 Jahre zur vollkommenen Zufriedenheit und mit dem vollen Ver⸗ trauen ſeines Vorgeſetzten gedient. Von ſeinem frühern Leben wußte Sir Marmaduke nichts; er kannte nur das unbedingte Vertrauen, das Hamsworth auf ihn ſetzte, und ſeine eigene kurze Erfahrung beſtärkte ihn in ſeiner guten Meinung. Er fand ihn wenigſtens verſtändig und von allen Verhältniſſen des Gutes gründlich unterrichtet. Wenn er gefragt wurde, waren ſeine Antworten raſch, beſtimmt, ſchlagend; und für einen Geſchäftsmann, wie Sir Marmaduke, lag in dieſer Eigenſchaft ein Verdienſt von nicht geringem Grade. Wenn er einen Fehler an ſich hatte, ſo war er von der Art, daß ihn der Baronet leicht verzeihen konnte— WMilde gegen das Volk— ein Wunſch, ſeine Irrthümer zu beſchönigen und ſeine Fehler zu bemänteln— und immer gute Hoffnungen zu machen, wenn auch die Gegenwart noch ſo troſtlos ausſah. Seine herzliche Bereitwilligkeit, alle Verbeſſerungsplane des alten Baronets zu unterſtützen, trug ebenfalls dazu bei, ihn in nicht geringe Gunſt zu ſetzen; und ſchon wurde Wylie als ein ſcharfſinniger Burſche betrachtet, der ſeine Stellung mit wunderbarer Schlauheit zu benutzen wiſſe; als ob dieſer ſo geſchätzte Scharfſinn und dieſe Schlau⸗ heit auf einem üppigern Boden hätte gedeihen können, als in dem Herzen und Geiſt eines unter dem Volke gebornen und aufgewachſenen Menſchen, der ſeine Sitten, ſeine Denkungsart, ſeine Gebräuche und ſeine Triebfedern kannte— und zwar nicht durch eine falſche Vermittlung der Spekulation oder Theorie, ſondern praktiſch und aus angebornem Inſtinkt— der das Landvolk nicht wie eine algebraiſche Formel oder wie einen Euklidiſchen Satz ſtu⸗ dirt hatte, ſondern es beobachtete, wenn es an ſeinem Torffeuer, im Rauche ſeiner Lehmhütten ſaß, vor der Kälte des Winters ſich zuſammenkauernd, und um das 193 dürftige Kartoffelgericht— den einzigen Tribut, den ſie dem Grundbeſitzer nicht bezalt hatten— verſammelt. „Roger Sweeny,“ ſagte Sir Marmaduke—„Roger Sweeny beklagt ſich, daß er ſo weit vom Sumpfe ent⸗ fernt ſey; er kann ſeinen Torf nicht ſo leicht gewinnen, als wenn er auf dem Moor unter dem See wohnte; aber ich meine, dieſer Uebelſtand iſt zu heben, wenn er umzieht.“ „Er iſt einer von Ballyvourney, Ew. Ehren,“ er⸗ wiederte Sam in gelaſſenem Tone,„und wenn Sie ihm den Torf nicht vor ſeine Thüre bringen, und für ihn zurechtſchneiden und aufſchichten, und einen Korb voll hineintragen, um das Feuer anzuſchüren, ſo wird er nicht zufrieden ſeyn.“ „O, ſteht es ſo?“ ſagte Sir Marmaduke, indem er eine Erklärung annahm, die er keineswegs vollſtändig verſtanden hatte.„Dann iſt ein Jack Heffernan hier — was meint wohl dieſer Burſche, wenn er ſagt, daß ein Berkſhire⸗Schwein nicht gut ſey?“ „Er meint weiter nichts, Ew. Ehren, als daß er für den Platz zu gut ſey und beſſere Koſt wünſche, als die übrige Familie.“ „Der Mann iſt ein Narr, und man muß ihm den Kopf zurecht ſetzen. Lord Mudford ſagte mir, er habe noch nie eine ſo vortreffliche Race geſehen, und ſein Schweinehirt iſt einer der erfahrenſten Burſche in Eng⸗ land. Wittwe Mul— Mul— was?“ ſagte er, indem er aus dem vor ihm liegenden Buche einen ungewöhnlich langen Namen zu leſen ſuchte—„Mulla——“ „Mullahedert, Ew. Ehren,“ fiel Wylie ein,„eine höchſt anſtändige Perſon.“ „Warum will ſie nicht ihre Bienenſtöcke behalten? Will es ihr nicht einleuchten, welch' eine vortreffliche Sache Honig in einem Hauſe iſt— wenn z. B. eines ihrer Kinder krank würde?“ „Sie haben ganz recht, Sir,“ erwiederte Sam ohne Lever, O'Donoghue. J. 13 194 die geringſte Veränderung ſeiner Züge.„Es iſt zum Verwundern, wie Ew. Ehren an ſolche Dinge denken kann— auf mein Wort, es iſt zum Erſtaunen.“ „Samuel W'Elroy weigert ſich, das Land trocken zu legen— nicht wahr?“. „Nein, Sir; er ſagt nur, es verlohne ſich nicht der Mühe, Gräben zu ziehen, es wachſe ja dort nichts. Er iſt ebenfalls einer von Ballyvourney, Sir.“ „So ſo!“ ſagte Sir Marmaduke, indem er dies als einen gültigen Schein für jeden Grad von Verrückt⸗ heit annahm. „Schamus M'Gillieuddy— Himmel, welch' ein Name! Dieſer Schamus ſcheint ein ganz verzweifelter Burſche; er ſchlug vorgeſtern einen Mann, als er vom Markt zurück kam“ „Es war nur ein Nachbar, Sir; ſie wohnen neben einander.“ „Ein Nachbar! aber um's Himmels willen, das macht ja die Sache um ſo ſchlimmer.“ „Gewiß, Sir, es iſt nicht der Mühe werth, davon zu ſprechen; ein gewiſſer Darby Lenahan ſagte, der Bullenbeißer, Ew. Ehren ſey eine wahre Zierde für den Ort, während Schamus behauptete, der O'Donoghueeſche ſey immerhin ein ſchöneres Thier; ſo gab ein Wort das andere, und das Ende davon war, daß Lenahan einen Schlag auf den Schädel bekam, ſo daß er auf die Gänſe⸗ blümchen niedertaumelte.“ „Ein wilder Lümmel, dieſer Schamus; ich werde ein ſcharfes Auge auf ihn haben.“ „Wahrlich, es iſt nicht nöthig— er iſt einer aus Ballyvouneyr.“ Der alte Baronet ſah von ſeinem großen Buch auf und ſchien einen Augenblick unentſchloſſen, ob er nicht nach dem Sinn einer Redensart fragen ſollte, die jeden Augenblick vorkam und ihm ganz unerklärlich ſchien; aber der Gedanke, er möchte dadurch vor dem Unterverwalter ſeine Unwiſſenheit eingeſtehen, ſchreckte ihn ab und er 195⁵ beſchloß, die Aufklärung darüber der Zeit und ſeinem eigenen Scharfſinn zu überlaſſen. „Was iſt mit dem alten Burſchen, der die Mühle hat?— Hat er ſich zu dem oberſchlächtigen Rad ver⸗ ſtanden?“ „Am Dienſtag, Sir, hat er es damit probirt,“ er⸗ wiederte Sam mit einem faſt unmerklichen Lächeln,„allein die Schleuße gab nach und riß das Haus und das Ende der Scheunen in ihrem Strome mit fort. Er iſt ge⸗ gangen, um wegen des Schadens gegen Ew. Ehren Klage zu führen.“ „Der undankbare Schurke! ich ſagte ihm ja, ich wolle für alle Unkoſten aut ſtehen, und ſetzte ihm aus⸗ einander, wie viel Waſſer er durch das neue Rad er⸗ ſparen würde.“ „Ganz wahr, Sir; aber da der Strom ſeit dreißig Jahren nicht ausgetrocknet iſt, ſo dachte der alte Narr, er werde Zeit Lebens Waſſer genug haben. Bei Gott, am Dienſtag hatte er Waſſer genug.“. „Er iſt auch aus Ballyvourney, nicht wahr?“ „Ja Sir, ja,“ verſetzte Wylie mit der Gravität eines Richters. Abermals fühlte ſich Sir Marmaduke zu einer Frage verſucht, unterdrückte ſie aber und fuhr fort— „Iſt denn der Berg eingetheilt worden, wie ich an⸗ geordnet habe?“ „Ja, Sir; ſchon vor Samſtag waren die Linien alle ausgeſteckt.“ „Nun, ich hoffe, es iſt den Leuten lieb, zu wiſſen, daß jeder ſeinen abgeſonderten Weideplatz hat?“ „Wahrlich, Sir, ich möchte Ihnen keine Lüge ſagen — es gefällt ihnen nicht; ſie wollten lieber, es ware noch wie ſonſt.“ „Was, ſo habe ich mir alle dieſe Mühe umſonſt gegeben?— Iſt es möglich, daß es ihnen beſſer gefällt, 13* 196 wenn ihr Vieh wild im Lande herumſtreift, als wenn ſie es friedlich auf ihrem eigenen Boden weiden ſehen?“ „Juſt das iſt es, Sir; denn ſehen Sie, als ſie den Berg gemeinſchaftlich hatten, zogen ſie auf, was ſie auf⸗ treiben konnten; der Eine hatte eine Heerde Ziegen, ein Anderer vielleicht ein Schaf oder auch zwei, eine junge Kuh, einen Eſel oder ein Rind.“ „Was?“ „Einen kleinen Stier, Ew. Ehren; und es lag ih⸗ nen nichts daran, ob der eine mehr hatte als der andere, noch auch wohin das Vieh ging, denn der Platz war ihr Eigenthum; aber jetzt, da alles ausgeſteckt und ab⸗ getheilt iſt, geſchieht es, daß, wenn ein Thier über die Grenze geht, Einer mit einem Prügel herankommt und es wieder zurücktreibt, dann will der Eigenthümer na⸗ türlicher Weiſe auf ſeiner Kuh, oder was es auch war, keine Schande haften ſehen, und das führt immer zu einer Schlägerei. In der That vergeht jetzt kaum ein Tag, da es nicht über die Grenzen zu Blutvergießen kommt?“ „Wahrhaftig es ſind wilde Menſchen!“ ſagte Sir Marmaduke, indem er die Brille auf die Stirne rückte und in ſtummem Erſtaunen die Feder aus den Fingern gleiten ließ;„ich habe nie gehört— nie geleſen von einem ſolchen Volke.“ „ Sie ſind aus Ballyvourney,“ ſiel Wylie zuſtim⸗ mend ein. „Verdammt——“ Sir Marmaduke hielt plötzlich inne, denn es durch⸗ zuckte ihn der Gedanke, er ſollte wenigſtens wiſſen, was er verwünſchen wollte; er enthielt ſich daher eines ſo gefährlichen Verfahrens und ſetzte ſeine Forſchungen in dem dicken Buche fort. Ach! ſein Streben nach Beleh⸗ rung war auch jetzt nicht glücklicher: jeden Augenblick entdeckte er einen Fall, wo ſeine ehrlichen Bemühungen, den Zuſtand des Volkes zu verbeſſern, wegen Unbekannt⸗ ſchaft mit deſſen Sitten, wegen gänzlicher Unkenntniß 197 der ſozialen Verſchiedenheiten zwiſchen zwei ſich durchaus ungleichen Nationen, geſcheitert waren, und ohne Be⸗ denken ſchrieb er den Vorurtheilen des Landvolkes Un⸗ annehmlichkeiten zu, die viel billiger ſeiner eigenen Un⸗ geſchicklichkeit beigemeſſen worden wären. Er vergaß, daß ein lange vernachläſſigtes Volk nicht auf einmal gehoben werden kann, daß Vertrauen eine Pflanze iſt, die lang⸗ ſam wächſt; vor allem aber verlor er die Thatſache aus den Augen, daß jeder Verſuch die Gewohnheiten und Bedürfniſſe reicherer Gemeinſchaften einem in Armuth und Noth verſunkenen Volke einzupfropfen— neue und verbeſſerte Ackerbauarten unter demſelben einzuführen— ihm Begriffe einzuflößen, die in begünſtigtern Ländern Jahrhunderte gebraucht haben, um zur Reife zu gedeihen, mißlingen muß. Auf beiden Seiten fehlten die Elemente des Erfolges. Das Landvolk ſah— denn, wie ſeltſam es auch ſcheinen mag, in keiner Erſcheinungsweiſe der Noth und des Elends leidet ſein Verſtand oder ſeine Wahrnehmungsgabe— es ſah den ängſtlichen Wunſch des Gutsherrn, ihm zu dienen; man hielt ihn für gut⸗ herzig und wohlwollend, aber man wußte auch, daß er verkehrtes Zeug im Kopfe hatte und das Land nicht kannte, ſo daß er, was er in Betreff ſeines guten Wil⸗ lens gewann, in Rückſicht auf ſeinen geſunden Verſtand verlor; Paddy aber, ſo armſelig auch ſein Loos, ſo hart auch ſeine Lage ſeyn mag, hat eine angeborne Achtung vor Geſchicklichkeit, und wendet ſelten ſeine Anhänglich⸗ keit dem Herzen zu, wo er keinen Reſpekt für den Kopf hat. Es iſt ein unerfreuliches Geſtändniß, das ſich je⸗ doch ohne Nachtheil für den Charakter des Volkes erklä⸗ ren läßt, daß Popularität in Irland weit mehr von Verſtandesgaben als von moraliſchen Grundſätzen abzu⸗ hängen ſcheint. Der Romanismus hat dieſes Gefühl genährt, und darum iſt es für den Gläubigen ſo natür⸗ lich, Macht und Güte für unzertrennlich zu halten, und die Heiligkeit der Religion als identiſch mit dem Scepter und Einfluß der Prieſterſchaft zu betrachten. Wenn die Unterthanen den Herrn als einen einfältigen, mit Grillen behafteten alten Gentleman ohne Arg betrachteten, ſo glaubte dagegen der Gutsherr, ſie ſeyen faſt unheilbar in Barbarei und Aberglauben verſunken. Die ange⸗ borne Höflichkeit, womit ſie ſich weigerten, Rathſchläge anzunehmen, die ſie nie zu befolgen gedachten, ſah er als Falſchheit an; er konnte nicht begreifen, daß die entſchiedene Strenge des engliſchen Ausdrucks hier keine Parallele hat; daß Höflichkeit, wie ſie dieſelbe verſtanden, ein Anrecht hat, dem die Wahrheit ſelbſt geopfert wer⸗ den darf; und er nahm ſtets in buchſtablichem Sinne, was das Volk in der gewohnten Bedeutung aufgenom⸗ men wiſſen wollte. 3 Aber es erfolgte ein noch nachtheiligeres Reſultat, als alle bisher genannten: der wohgeſittete und achtbare Theil der Lehnsleute ſchämte ſich, Plane und Ideen anzunehmen, von denen ſie wußten daß ſie untauglich und auf ihre Lage unanwendbar ſeyen; ſie hielten ſich daher zurück und zogen ſich durch ihre ehrliche Enthalt⸗ ſamkeit den Vorwurf der Hartnäckigkeit und der Barbarei zu; während ſich die Müßigen, die Träͤgen und die Lie⸗ derlichen zu Anſichten und Meinungen bekehren ließen, die ihnen ein leichtes Leben und die Gunſt des reichen Mannes verſprachen. Dieſe fanden auf den erſten An⸗ blick Gnade bei ihm, als ob ſie mehr Intelligenz und Lenkſamkeit als ihre Nachbarn beſäßen; für ſie wurden daher Hütten gebaut, Renten herabgeſetzt, Kapital vor⸗ geſchoſſen und hundert Plane erſonnen, um ſie zu einem Muſter für alle zu machen. Unglücklicher Weiſe wurden die Bedingungen des Vertrages falſch aufgefaßt: das Volk glaubte, alles, was der Gutsbeſitzer wünſche, ſey eine geduldige Ertragung ſeines Wohlwollens; ſie rech⸗ neten nie auf eine Gegenſeitigkeit von Pflichten; ſie träumten nie davon, daß ein Schweizerhaus nicht in gleichem Zuſtand gelaſſen werden könne, wie eine Lehm⸗ hütte; daß ſtehende Pfühle vor der Thüre; verunkrautete Felder und zerbrochene Zäune ſich ſchlecht paſſen zu 199 künſtlichen Anlagen, zur Drillkultur und zu ſchmucken Hecken. Sie nahmen alles, was ſie erhalten konnten, hatten aber keinen Begriff von der Verpflichtung, das Erhaltene zu erſetzen. Sie dachten(vielleicht nicht ganz ohne Grund),„es iſt das Steckenpferd des alten Herrn, daß wir eine Anzahl von Gebräuchen und Methoden, an die wir nie gewohnt waren, annehmen— in ſeltſamen Häuſern leben und mit ſeltſamen Werkzeugen arbeiten ſollen. Sei es ſo; wir wollen ihm gerne willfahren,“ ſagten ſie,„aber wenn wir nach ſeiner Pfeife tanzen ſollen, ſo ſoll er auch dafür zahlen.“ Er anderſeits dachte, ſte nähmen alles begierig auf, was ſie ſich blos gefallen ließen, und hielt alle, die von ſeiner Güte lebten, für Leute, die zu ſeiner Meinung bekehrt ſeyen. Daher erſchien jeden Morgen ein Haufe der unwürdigſten, unverbeſſerlichſten unter den Lehnsleuten vor ſeiner Thüre, alle voll Begierde, bei irgend einem Neuerungsplane, worunter ſie drei Mahlzeiten täglich und nichts zu thun verſtanden, betheiligt zu werden. Wie mit dieſen zwei verſchiedenen, einander ganz entgegengeſetzten Klaſſen umzuſpringen ſey, verſtand Mr. Sam Wylie ganz vortrefflich; und während er hervor⸗ zuheben ſuchte, daß Ein Theil der Lehnsleute, deren ſtarrer Widerſtand gegen Sir Marmadukes Lehren ei⸗ nem trotzigen Geiſt des Selbſtvertrauens und der Un⸗ abhängigkeit entſprang, eine Brut von zügelloſen, unver⸗ beſſerlichen Wilden ſey, brachte er auf ſchmeichleriſche Weiſe ſeine Komplimente über den glücklichen Erfolg bei andern Klaſſen an, obſchon er wohl wußte, welche Re⸗ ſultate am Ende hervorgehen würden. „Da ſind ſie jetzt, Sir,“ ſagte Wylie, indem er einen Blick durch das Fenſter auf den Raſenplatz warf. wo Sir Marmaduke mit ſtrenger Pünktlichkeit jeden Morgen ſein Lever hielt, und wo wirklich eine äußerſt ſeltſame, bunte Menge erſchien. Der alte Baronet öffnete das Fenſter, worauf ein allgemeines Gemurmel von Dankſprüchen und Glückwün⸗ 200 ſchen ſeine Ohren erreichte— Töne, die ihn, ſeinem glänzenden Auge und ſtrahlenden Antlitz nach zu ſchlie⸗ ßen, nicht wenig erfreuten. Aber nicht mehr flehend und bittend, wie ſonſt, nicht mehr mit zitternder Stimme und furchtſamem Blicke zeigten ſie ſſich jetzt vor ihm. Dieſe Leute waren jetzt angeworben unter ſeine Armee von„Regeneratoren“; ſie waren bekehrt zu ſeinen man⸗ nigfaltigen Theorien von verbeſſertem Ackerbau, niedlichen Hütten, Schweinſtällen, Taubenſchlägen, Bienenſtöcken, und weiß der Himmel von welchen andern Thorheiten, womit Reichthum und Wohlſtand die Oberfläche rauhen Elends zu belegen ſuchte. „Der Herr ſegne Ew. Ehren jeden Morgen, wo Sie aufſtehen, für das niedliche Plätzchen, das Sie mir zu bewohnen gegeben haben. Wahrlich, ich lebe jede Nacht glücklich und gemächlich, nur daß die Ziegel zu⸗ weilen herunter fallen— das böſe Kreuz auf die Ziegel, einer davon ſchlug dieſen Morgen dem kleinen Jon ein Loch in den Kopf, und ich brachte ihn mit um ein we⸗ nig Pflaſter darauf zu bekommen.“ Dies war die Anrede eines unterſetzten Weibes von mittlerem Alter, das ſtatt eines Mantels einen Manns⸗ Ueberrock umgeworfen hatte. „Ziegel fallen herab?— Warum macht ſie Euer Mann nicht feſt? Er ſagte, er ſey ein geſchickter Burſche und verſtehe alles, was ein Haus betreffe.“ „Nun das war keine Lüge; Thady Morris verſteht ſich allweg auf allerlei Geſchäfte, und wenn ein Stroh⸗ dach darauf wäre——“ „Ein Strohdach— ei, Weib, ich will kein Stroh⸗ dach haben, ich will nicht, daß die Hütten niederbrennen, auch will ich nicht, daß ſie ſo ſchmutzige Hütten haben, wie bisher.“ „Das will Ew. Ehren nicht?— Gewiß, Ver⸗ nunft und geſunder Verſtand ſind dagegen,“ ſtimmten alle Anweſenden ein, während das Weib fortfuhr— „Nun, er hat es auch verſucht, Ew. Ehren, und A 201 wenn er es that, ſo war es bei meiner Seele um ſo ſchlimmer für ihn, denn als er ſah, daß jede Minute die Ziegel vom Wind weggeriſſen wurden, legte er die Egge auf den Giebel—— „Die Egge— er legte die Egge auf das Dach 2“ „Ja wohl— war dies nicht natürlich? Aber ſo⸗ bald ſich der Wind erhob, flog die Egge herunter und riß eine Maſſe von Ziegeln mit ſich fort.“ „Alſo iſt das Dach weg,“ ſagte Sir Marmaduke mit erſtickter Wuth. „Die Sparren ſind ſo nackt wie meine fünf Finger,“ erwiederte ſie mit unerſchütterlicher Gravität. „Das iſt zu traurig— Wylie, haben Sie's ge⸗ hört?“ ſprach der alte Herr mit einem vor Zorn ſchwar⸗ zen Geſichte. „Ja,“ ſtimmte ein halb Dutzend Freunde des Weibes an—„nichts widerſteht dem Wind ſo gut wie ein Strohdach.“ Wylie flüſterte ſeinem Herrn einige Worte ins Ohr und veranlaßte die Frau durch eine Handbewegung von der Seite ſich zu entfernen. Der Wink wurde ſogleich befolgt und ihre Stelle augenblicklich durch eine andere Perſon erſetzt. Dieß war ein kleiner alter Burſche in gelben Lumpen, ſein Geſicht war in ein Sacktuch ge⸗ huͤllt, und als er dieß wegnahm, zeigte ſich ein Antlitz, das nicht die entfernteſte Aehnlichkeit mit irgend einem menſchlichen Weſen hatte: die Augen waren gänzlich begraben unter den angeſchwollenen Maſſen der Wangen und Augenlider— die Naſe hätte man für acht Naſen anſehen können— die runden ungeheueren Lippen und die kleine Oeffnung dazwiſchen glichen der Mündung einer Zettelbüchſe. „Wer iſt das?— Was gibt's hier?“ fragte Sir Marmaduke, indem er mit einem Geſichte, worauf ſich Schrecken und Erſtaunen miſchte, den Gegenſtand vor ſeinen Augen anſtarrte. „Wahrlich, Sie dürfen mich wohl fragen,“ erwie⸗ 202 derte der kleine Mann in dicken Kehltönen. Es kannte mich dieſen Morgen kein einziger von den Nachbarn. Ich bin Tim M'Garrey von der Kreuzſtraße.“ „Was iſt Euch denn begegnet?“ fragte Sir Mar⸗ maduke, etwas verſtimmt durch den trotzigen Ton, der in der Anrede des zerlumpten Burſchen lag. „Nun, das iſt Ihr eigenes Werk— hols der Teufel, wenn es nicht wahr iſt— Sie können ſtolz darauf ſeyn.“ „Mein Werk!— Wie könnt Ihr wagen, ſo etwas zu behaupten?“ „Das iſt durchaus nichts gewagt— es iſt ſo wahr als ich hier bin. Die mörderiſchen Bienenſtöcke, die Sie mir mit heimgaben, ſetzte ich in einen Winkel des Hauſes und zum Unglück war es der Schweinswinkel; das Schwein wühlte darin herum, brachte ſie in Aufruhr, und nun ſiel die ganze Brut über uns alle her, und es dauerte zwei Stunden bis wir ſie umbringen konnten— der Teufel ſoll mich holen, wenn Sie je ein ſolches Gefecht geſehen haben: Peggy hatte den Hammer, ich die Backpfanne, um ſie an der Wand zu zerdrücken, und wir arbeiteten vielleicht nur zu langſam, während die Kinder ſich durch Schreien und Wimmern zu wahren ſuchten.“ „Himmliſche Barmherzigkeit, kann man ſo etwas glauben?— Kann man ſich eine ähnliche Barbarei vor⸗ ſtellen?“ rief Sir Marmaduke, indem er überwältigt von Staunen mit emporgehobenen Händen dort ſtand. Wylie flüſterte ihm wieder etwas in's Ohr, und bedeutete dem Sprecher abermals, ſich zu entfernen, aber der kleine Mann behauptete ſeinen Platz und fuhr fort— „Dem Tom Lenahan haben Sie eine junge Kuh gegeben, und es iſt doch närriſch, daß die M'Garrey's nicht ſo gut ſeyn ſollen, als die Lenahan's, daß wir nichts als Bienen, ſie dagegen ein hübſches Thier be⸗ kommen haben!“ 203 „Tretet auf die Seite, Sir,“ verſetzte Sir Mar⸗ maduke,„Wylie hat in Betreff Euerer meine Aufträge erhalten. Wer iſt das?“ „Ich bin's, Sir— Andrew Maher. Ich bin ge⸗ kommen um Ew. Ehren den Schlüſſel zu geben— ich konnte nicht länger dort bleiben.“ „Was!l nicht in dem gemächlichen Hauſe bleiben, mit dem niedlichen Laden, den ich für Euch gebaut und mit Waaren verſehen habe? Was ſoll das heißen?“ „So iſt es, Ew. Ehren— das Haus iſt ein nied⸗ liches Plätzchen; abgeſehen von dem Dampf, und dem kleinen Herd, wo durchaus kein Torf brennen will, könnte man ganz gut darin wohnen, aber der Laden iſt des Teufels.“ „Wie ſo— was fehlt denn daran?“ „Alles. Zuerſt und vor allem, Ew. Ehren, haben die Nachbarn kein Geld, und obgleich ſie ganz gut ohne Tabak, ohne gebrannte Waſſer, ohne Thee, Lichter, Seife und dergleichen Kleinigkeiten leben können, ſo lange ſie denſelben nicht nahe kommen, ſo können ſie das alles doch nicht vor der Naſe haben, ohne Gelüſte darnach zu bekommen, und ſo holt der Eine ein Pfund Zucker, der Andere ein halb hundert Nägel oder einen Bund Schwefelfaden, oder eine Unze Stärke— und der Teufel hol mich, wenn ſie etwas anderes ſagen, als ſſchreibt es nur in das Buch, Andy.“ Bei meiner Seele bas wäre ein hübſches Buch, welches dies alles faſſen könnte.“ „Aber ſie werden ſchon zu rechter Zeit bezahlen— ſie werden bezahlen, wenn ſie die Frucht verkaufen.“ „Ohol ich bitte Ew. Ehren um Verzeihung— wenn ſie zu Markt gehen, ſo haben ſie die Renten, den Zehnten, und die Steuern zu bezahlen, und wenn dies geſchehen iſt, ſo brauchen ſie einen Sack voll Saatkar⸗ toffeln für das nächſte Jahr; nun moͤchte ich wiſſen, woher Geld für mich kommen ſoll.“ 204 „Iſt dies wahr, Wylie?— Eind ſie wirklich ſo arm?“ fragte Sir Marmadufe. Wylie's Antwort war abermals ein Flüſtern. „Nun,“ ſagte Andy mit einem Seufzer,„für alle Fälle, hier iſt der Schluͤſſel. Lieber will ich wieder den Schulmeiſter für die Nachbarn machen, als den Laden behalten.“ Auf dieſe Klagen folgten andere, verſchieden in Art und Faſſung, aber alle in der Gewaltthätigkeit überein⸗ ſtimmend, die gegen ſie ausgeübt wurde, und alle gegen die Verbeſſerungen gerichtet, für deren Ausführung Sir Marmaduke ſich ſo eifrig intereſſirte. Wenn man ſie hörte, ſo hätte man auf den Gedanken gerathen können, daß die Leiden der Armuth und der Noth ſich beſſer mit Gemäch⸗ lichkeit und Genuß vertragen, als alle Güter, die der Reichthum gewähren kann: und daß die Entbehrungen, wozu uns Gewohnheit abgehärtet hat, oft größeres Glück erzeugen, als der Genuß unumſchränkter Freiheit. Weit entfernt einen Zufriedenen zu finden, ſah Sir Marmaduke nur einige Wenige unter der Menge, die be⸗ reit waren, ſich ſeine Güte gefallen zu laſſen, um dadurch andere Zugeſtändniſſe zu gewinnen, um die es ihnen noch mehr zu thun war. Sie wollten ihre Hütten ſauber hal⸗ ten, wenn etwas dadurch zu gewinnen war: ſie wollten ihre Kartoffelfelder jäten, wenn nur Sir Marmaduke für das Unkraut einen Preis anbieten wollte. In der That, ſie waren bereit, überall und eifrig auf Sauberkeit, Wohl⸗ anſtändigkeit und Schicklichkeit zu ſehen, aber es mußte immer um einer beſondern Rückſicht willen geſchehen. Sonſt ſahen ſie keinen Grund ein, warum ſie ſich einer Arbeit unterziehen ſollten, die nichts eintrug und die reellen Wohlthaten, die ihnen dargeboten wurden, waren ſo oft mit neugebackenen, albernen Neuerungen verknüpft, daß beide in dieſelbe Ungnade fielen, und beide gleich lächerlich erſchienen. Dies war der Auswurf unter den Lehnsleuten, denn wir haben geſehen, daß ſich die beſſern Klaſſen bei ihrem Unabhängigkeitsgefühl von allen Verbeſſerungspla⸗ 205 nen fern hielten, die durch die Theilnahme der andern ver⸗ dorben wurden. Sir Marmaduke war es alſo zu verzeihen, wenn er über das Fehlſchlagen ſeiner Hoffnungen einigen Miß⸗ muth empfand, und trotz aller Zureden ſeiner Tochter, bis zum Ende bei ſeinem Plan zu beharren, ſtand er mehr als einmal nahe daran, das Feld zu räumen und einzugeſtehn, daß das Spiel über ſeine Kräfte gehe. Hätte er nur die Hälfte von der Mühe, die er auf das alberne Unternehmen verwendete, den Nationalcharakter nach ſeinem Gutdünken zu modeln, dem Studium des⸗ ſelben gewidmet, ſo wäre der Erfolg vielleicht ein ganz anderer geweſen. Er hätte wenigſtens gelernt, zwiſchen denen, die ſeine Güte wirklich verdienten, und den an⸗ dern, denen ſie unverdienter Weiſe zu Theil wurde, einen Unterſchied zu machen— einen Unterſchied zwiſchen dem ehrlichen, unabhängigen Bauern, der im Schweiße ſei⸗ nes Angeſichts ſein Brod erwarb, und dem elenden Unterwürfigen, der alle Wahrheit, allen Charakter auf⸗ opferte, nur um ein träges Leben führen zu können, und mit dieſer Kenntniß, ſo gering ſie ſcheinen mag, wird es gelingen, die Schwierigkeiten zu würdigen, welche alle Verſuche ſozialer Verbeſſerung in Irland begleiten, und einen großen Theil von den in verſchiedenen Gegen⸗ den des Landes bemerkbaren Erfolg oder Nichterfolg zu erklären. Aber Sir Marmaduke fiel in den unveränder⸗ lichen Irrthum ſeiner Landsleute— er ließ ſich anfangs durch blauen Dunſt bezaubern, und als er der Betrügerei und der Kniffe endlich müde war, ſchöpfte er kaltblütig die Ueberzeugung, es gebe keine Wahrheit im Lande. Sechzehntes Kapitel. Der Brief aus der Fremde. Die Ankunft eines Poſt⸗Briefes war im Hauſe der O'Donoghue's ein Ereigniß von ſolcher Seltenheit, daß 2⁰6 es immer einige Aufregung verurſachte; und manche Vermuthung, welches neue Unglück wohl über der Fa⸗ milie ſchweben möge, wurde von Mrs. Branagan und Kerry O'Leary aufgeſtellt, als der Letztere den Brief in ſeiner Hand wog, gleich als könne deſſen Gewicht und Geſtalt ſeiner Divinationsgabe zu Hülfe kommen. Nachdem er alle die verſchiedenen Aktenſtücke, von denen er glaubte, daß ſie in ſolcher Geſtalt befördert werden koͤnnten, erwogen und in ſeiner Einbildungs⸗ kraft ein ganzes Heer von Sheriffs, Unter⸗Sheriffs, Ge⸗ richtsboten und Geldeintreibern als deren Vorbote der verhängnißvolle Brief ſich bewähren ſollte, heraufbe⸗ ſchworen hatte, ſtieß er einen ſchweren Seufzer über die von ſeinen Ahnungen geſchaffene düſtere Zukunft aus und ſtieg langſam hinauf nach dem Schlafzimmer ſeines Herrn „Wie ſteht es mit Herbert?“ fragte O'Donoghue, als er die Fußtritte neben ſeinem Bette hörte, denn er hatte einige Minuten vorher von dem Jungen ge⸗ träumt.„Wer iſt das? Ah! Kerry. Nun, wie geht es ihm heute?“. „In Wahrheit, es iſt keine bemerkenswerthe Verän⸗ derung eingetreten,“ erwiederte Kerry, der, in der Er⸗ wartung, über dieſen Gegenſtand nicht befragt zu wer⸗ den, ſich ſelbſt noch nicht erkundigt hatte, und daher dieſe, wie er dafür hielt, vorſichtige Antwort einem Ge⸗ ſtändniſſe ſeiner Unwiſſenheit vorzog. „Hat er gut geſchlafen, Kerry?“ „O! was Schlafen betrifft, ſo läßt ſich davon nicht viel rühmen. Aber hier iſt ein Brief für Ew. Ehren, der mit der Poſt gekommen iſt.“ „Laß ihn auf dem Bette und erzähle mir von dem Knaben.“ „Da läßt ſich wahrlich Ew. Ehren nichts beſon⸗ ders ſagen— zuweilen befand er ſich ſo— zuweilen anders— zuweilen wieder ſo. So ging es die ganze Nacht durch.“ 207 O'Donoghue beſann ſich ein Paar Sekunden, be⸗ mühte ſich aus dieſen dürftigen Materialien irgend einen deutlichen Begriff zu bilden, und ſprach als⸗ dann:— „Schicke mir Mr. Mark.“ Im gleichen Augenblick zog er den Vorhang bei Seite und erbrach den Brief. Aber ſchon die erſten wenigen Zeilen ſchienen ſeine Neugierde zu befriedigen, obgleich die Schrift ſehr enge war und mehr als drei Seiten einnahm; er warf ihn daher gleichgültig auf das Bett und legte ſich wieder nieder. Zährend dieſer ganzen Zeit jedoch hatte ſich Kerry im Zimmer allerlei zu ſchaffen gemacht, und indem er ſich ſtellte, als ob er Kleider und anderes Geräthe in Ordnung zu bringen habe, die Züge ſeines Herrn ſcharf beobachtet. Dieß half ihm indeſſen nichts. Die Blicke des alten Mannes waren ſo gleichgültig wie gewöhnlich, und er ſchien die Botſchaft, die Kerry mit ſo manchem Schrecken und Unglück ausgeſtattet hatte, bereits vergeſſen zu haben. „Herbert hat eine gute Nacht zugebracht,“ ſagte Mark, der einige Augenblicke nachher eintrat.„Das Fieber ſcheint nachgelaſſen zu haben, und abgeſehen von einiger Schwäche, iſt er glaube ich, ſo ziemlich wieder hergeſtellt. Was!— ein Brief! Woher?“ „Von Kate!“ erwiederte der alte Mann gleich⸗ gültig.„Ich bin gekommen bis zu den Worten: ‚mein theurer Onkel;“ zum Reſt muß ich warten bis es heller wird, und vielleicht auch bis ich ein ſchärferes Geſicht bekomme— denn das Mädchen hat ſich die neue Mode luh kritzeln angewöhnt, die mir faſt ganz unverſtänd⸗ i iſt.“ Während O'Donoghue ſprach, hatte ſich der junge Mann dem Fenſter genähert und beſchäftigte ſich eifrig mit Durchleſung des Briefes. Sein Geſicht wechſelte ndst mehr als einmal die Farbe. Er brach ab und agte:— „Du weißt alſo nicht, welche Neuigkeiten wir hie 208 haben? Mehr Verlegenheiten— ja beim Jupiter, und größere, als es auf den erſten Anblick ſcheint. Die franzöſiſchen Armeen ſcheint es, ſind allenthalben in den Niederlanden ſiegreich; eine Stadt nach der andern fällt in ihre Gewalt, und ſo öffnen ſich die Klöſter; auch das Sacré Coeur, wo Kate iſt, hat ſeine Nonnen freigelaſſen, und ſie kehren jetzt zu ihren Freunden zurück. Sie kommt hieher.“ „Was!— hieher?“ rief O⸗Donoghue mit zweifeln⸗ der Miene über eine ſo ſeltſame unerwartete Nachricht. „Ei, Mark, mein Junge, das iſt unmöglich— das Haus iſt eine Ruine; wir haben kein Zimmer, wir haben keine Dienerſchaft und durchaus keine Bequem⸗ lichkeit für das Mädchen.“ „Nun ſo höre,“ ſagte Mark, indem er aus dem Briefe vorlas:—„Du kannſt Dir alſo denken, mein lieber alter Papa— denn jetzt, da wir wieder zuſam⸗ menkommen, muß ich Dich auch wieder bei dem alten Namen nennen— wie ſehr ich mich freue wieder ein⸗ mal Carrig⸗na⸗curra zu ſehen. Ich ſtelle mir lebhaft den alten Buchenwald im Thale vor, den ſteilen Pfad neben dem Waſſerfall, und das hölzerne Geländer am Abgrund. Habe ich nicht recht? Und über dem Sumpf, weiter unten, ſteht eine Eſche. Vetter Mark kletterte einmal hinauf, um Beeren für mich zu pflücken, und fiel herunter in den Pfuhl.“ „Es wird ihr Mühe koſten, den Wald jetzt wieder zu finden,“ ſagte ODonoghue mit einem traurigen Ver⸗ ſuch zu lächeln.„Fahre fort, Mark.“ „Es geht ganz in gleichem Tone fort: ſie ſpricht von Molly Cooney's Hütte und von dem rothen Fähr⸗ haus, ſo wie von fünfzig andern Dingen, die ſeit man⸗ chem Tage dahin ſind. Seltſam genug, ſie erinnert ſich an Sachen, die ich ſelbſt ſchon lange vergeſſen habe. „Wie ſehne ich mich nach meinem kleinen blauen Schlaf⸗ zimmer, das gegen Keim⸗an⸗eigh hinausging!——““ „Halt Mark— lies nicht weiter, mein Junge. 2⁰0 9 Die arme liebe Kate!— Was würde ſie ſagen, wenn ſie jetzt das Zimmer ſähe?“ „Es iſt unmöglich,“ ſprach Mark in ſtrengem Tone;„das Mädchen hat ſich hundert Neigungen und Liebhabereien angeeignet, die nicht zu unſerem rohen Leben paſſen; ihre franzöſiſchen Sitten würden zu unſerer Barbarei übel ſtimmen. Du mußt an Deine Baſe ſchreiben— an die alte Mrs. Bedingſield— wenn dieß ihr Name iſt. Sie muß ſie wenigſtens einſtweilen zu ſich nehmen; ſie hat ſich ja ſchon früher einmal dazu erboten.“ „Ja,“ verſetzte der alte Mann mit einer Energie, die er bisher noch nicht gezeigt hatte,„das hat ſie ge⸗ than, aber ich wollte nicht. Mein armer Bruder ver⸗ abſcheute dieſes Weib, und hätte, wäre er am Leben geblieben, ſeine Tochter nie ihr anvertraut. Wenn das Mädchen Luſt hat, ſo ſoll es hier ſeine Wohnung auf⸗ ſchlagen, das Kind meines armen Harry ſoll nicht zwei⸗ mal um ein Obdach bitten, ſo lange ich ihm eines auzubieten habe.“ „Haſt Du auch bedacht, wie lange Du die Gaſt⸗ freundſchaft, von der Du ſprichſt, wirſt üben können? Gehört dies Haus noch Dir an, daß Du es Jemand anbieten kannſt?— Und wenn es Dein wäre, kannſt Du hieher, in dieſe düſtern, entfärbten Wände, in dieſen Schutt von außen und von innen einen Gaſt wünſchen — und zwar einen ſolchen Gaſt?“ „Was meinſt Du damit, mein Junge?“ „Ich meine, was ich ſage. Das Mädchen iſt mitten im Lurus erzogen, verzärtelt und verhätſchelt. Der Abbe hat es uns ſelbſt geſagt, wie ſie der allge⸗ meine Liebling war, und wie natürlich ſie einen Ton der Ueberlegenheit und der Oberhoheit über die Mädchen ihres Alters annahm— wahrlich, wenn eine Buße bezweckt würde, dann wäre der Einfall nicht ſo übel.“ „Ich ſage noch einmal— dies iſt ihre Heimat. Lever, O⸗Donoghue. 1. 14 Es ſchmerzt mich, daß es hier ſo wild ausſieht, aber verweigern werde ich ſie dem Mädchen nie.“ „Auch ich möchte es nicht,“ murmelte Mark mit düſterer Miene,„wenn ſie ihren Sitten oder Neigungen angemeſſen wäre. Sie mag indeſſen kommen; eine wöchentliche Erfahrung wird ſie ſicherer enttäuſchen, als wenn wir zwölf Monate lang Briefe ſchrieben.“ „Du mußt an ſie ſchreiben, Mark; Du mußt ihr ſagen, daß es uns in der letzten Zeit nicht zum beſten gegangen iſt— daß ſie hier manche Veränderung finden wird; aber höre, Du mu hinzuſetzen, wie ſehr wir uns freuen, Sie zu empfankin.“ „Auch kann ſie ſich ein blaues Schlafzimmer aus⸗ ſuchen— ſoll ich ihr das ſagen?“ ſprach Mark in einem faſt wilden Tone.„Der Dampf hat ihnen allen eine Farbe ganz nach ihrem Geſchmack gegeben, und was die Ausſicht betrifft, von der ſie ſpricht, ſo ſteht ihr gewiß nichts im Wege: das Fenſter, das gegen Keim⸗ an⸗eigh hinausging, iſt ſchon längſt zuſammengebrochen.“ „Wie kannſt Du mich ſo quälen, Junge,“ ſprach der alte Mann mit flehendem Blick, dem ſeine weißen Haare und ſeine verwitterten Züge einen äußerſt ſchmerz⸗ lichen Ausdruck verliehen. Aber Mark kehrte ſich ab und gab keine Antwort. „Mein Oheim,“ ſagte er nach einer Pauſe,„muß dieſen Brief beantworten. Das Briefſchreiben fällt ihm nicht ſchwer, ſondern macht ihm, glaube ich, ſogar noch Vergnügen. Es geſchieht ihm ein Gefallen damit. Eine Gelegenheit dazu bietet ſich ſo ſelten dar.“ Es kam nicht oft vor, daß Mark O'Donoghue ſeinem Oheim Sir Archibald in ſeinem Zimmer einen Beſuch abſtattete; der alte Mann empfing ihn daher, als er eintrat, mit aller Höflichkeit, die er gegen einen Frem⸗ den bewieſen hätte— mit einer Aufmerkſamkeit, die in der That weit entfernt war, Mark aus ſeiner Verle⸗ genheit zu ziehen. „Ich habe Dir einen Brief gebracht,“ ſagte er, faſt — 211 eehe er Platz nahm—„einen Brief, für deſſen Beant⸗ woortung mein Vater Dir danken würde. Er iſt von meinem Bäschen Kate, die im Begriff iſt, nach Irland zurückzukehren und hier ihre Wohnung außzuſchlagen.“ „Du willſt doch nicht ſagen, daß ſie hieher nach Carrig⸗na⸗curra kommt?“ 4 „Doch freilich! obgleich ich mich nicht verwundere, daß Du es kaum für glaublich häͤltſt.“ 4„Es iſt mehr als das— es iſt weit mehr— es iſt geradezu unglaublich.“ „Das dachte ich auch; aber mein Vater kann nicht mit mir übereinſtimmen.*Er will nicht glauben, daß dieſe alte Baracke kein Baronenſchloß iſt, und fällt be⸗ ſtändig in die Vergangenheit zurück, anſtatt die Gegen⸗ wart in's Auge zu faſſen; von der Zukunft nur gar nicht zu ſprechen.“ „Aber hier kann ſie nicht leben, Mark,“ ſagte Sir Archy, deſſen Gedanken ſich ſtets mit der Hauptfrage beſchäftigten,„es iſt kein Fleck im ganzen Hauſe, den ſie bewohnen könnte. Ich kenne einigermaßen dieſe fran⸗ zöſiſchen Dämchen und ihre Lebensweiſe; die Fremden aber, die dort ihre Bildung ſuchen, ſind noch ſchlimmer, als die Eingebornen. Ich erinnere mich der Zeit, da ich in Paris war mit Sr. Königlichen——“" hier huſtete Sir Archy, wurde roth und ließ ſeine Schnupftabaksdoſe fallen, ſo daß der ganze Inhalt über den Boden zer⸗ ſtreut wurde. „Gott ſtehe uns bei, hier iſt ein Unglück! es war ein ächter Makuba und koſtete zwei Schilling die Unze. Ich will ſehen, ob ich es mit einem Stück Papier wieder aauſſcharren kann;“ damit ſetzte er ſich ſorgfältig hin, um unter beſtändigen Verwünſchungen ſeines Unglücks ddeen zerſtreuten Staub wieder zu ſammeln. Mark regte ſich nicht und ſprach kein Wort, ſondern ſaß mit dem offenen Briefe in ſeiner Hand dort und kerwartete geduldig die Fortſetzung des Geſpräches. 14 212 „Nun, nun,“ rief Sir Archy, indem er ſeinen Sitz wieder einnahm,„wir wollen doch den Brief durch⸗ ſehen, vielleicht finden wir irgend etwas auf, um ſie ferne zu halten. „Mein Vater beſteht darauf, daß ſie kommt,“ er⸗ wiederte Mark in ſtrengem Tone. „Das mag er, mein Junge,“ verſetzte Sir Archy; aber ſie mag ihre eigenen Gründe haben, es auszuſchla⸗ gen— ſiehſt Du das nicht ein? Dieſer Ort iſt eine Ruine. Man kann ja ſagen, es werde eine Ausbeſſerung vorgenommen— das Dach ſey abgedeckt und werde vor ſechs Monaten nicht wieder darauf kommen. Auch das Land iſt in einem ſehr aufgeregten Zuſtande. Unter dem Volke hört man allerlei verdächtige Reden.“ 7 Mark dachte an den mitternächtlichen Marſch, den er mit angeſehen hatte; aber er ſprach kein Wort. „Außerdem iſt ein Fieber im Hauſe, und wer kann ſagen, wen es zunächſt ergreifen wird. Der Herr ſey uns gnädig!“ fügte er ernſthaft hinzu, gleich als habe dieſer letztere Gedanke zu ſtark an eine Verſuchung der Vorſehung gegränzt. „Wenn ſie noch einigermaßen ſo iſt, wie ſie als Kind war,“ erwiederte Mark,„ſo würde da ein Plan ſchwerlich ſeinen Zweck erreichen. Sage ihr, der Ort ſey eine Ruine, ſo wird ſie aus bloßer Neugierde die Welt darum geben, um ihn zu ſehen; ſage ihr, es ſtehe eine Rebellion bevor, ſo wird ſie ihr Leben wagen, um in der Nähe zu ſeyn; und was das Fieber betrifft, ſo waren wir nie im Stande, ſie aus den Hütten zu brin⸗ gen, wenn dort eine Krankheit herrſchte. Wahrlich, ich glaube, es war die damit verbundene Gefahr, und nicht das Wohlwollen, woran ſie ihre Freude fand.“ „Du haſt nicht ſehr Unrecht. Ich erinnere mich ihrer noch wohl— ſie war ein keckes Geſchöpf; und ich kann den Morgen nicht vergeſſen, da ſie mir zu meinem Ge⸗ burtstag einen Bund Diſteln gab und es einen ſchottiſchen Strauß nannte.“ 213 „Jedenfalls lies einmal den Brief,“ ſagte Mark, indem er ihm das Schreiben übergab. Sir Archy nahm es und las es von Anfang bis zu Ende durch, ohne ein Wort zu ſprechen; darauf legte er es offen auf ſeine Knie und ſagte— „Das Herz des Mädchens iſt nicht ſo ſchlimm, Mark, verlaſſe Dich darauf. Wenige erinnern ſich der einfachen Anekdoten aus den Tagen der Kindheit, wenn ſie nicht etwas von dem ſchuldloſen Geiſt behalten haben, der ſie damals beſeelte. Ich möchte ſie ſelbſt gerne ſehen,“ fügte er nach einer Pauſe hinzu.„Aber was ſteht hier in der Nachſchrift?“— Und nun las er folgende Zeilen laut: „Ich erinnere mich noch zu gut an den Haushalt von Carrig⸗na⸗curra, als daß ich es für nöthig hielte, mich zu entſchuldigen, wenn ich die Zahl des Geſindes in der Perſon meines Kammermädchens, der Mademoi⸗ ſelle Hortenſe, vermehre, von deren Ueberraſchung und Erſtaunen über unſere iriſchen Gebirge ich mir einen reichen Genuß verſpreche. Sie iſt eine ächte Pariſerin, die an nichts glauben kann, was außerhalb der Boule⸗ vards vorhanden iſt. Was wird ſie zu Mrs. Branagan und zu Kerry O'Leary ſagen?— Und was werden ſie von ihr denken?“ „Der Herr ſey uns gnädig, Mark, das iſt eine furchtbare Geſchichte, ein franzöſiſches Dienſtmädchen hier! Ebenſo gut könnte ſie einen bengaliſchen Tiger mit⸗ bringen! Wahrhaftig, ich möchte lieber den letztern, als erſteres ſehen.“ „Sie wird nicht lange bleiben; mache Dir keinen Kummer um ſie; auch Kate wird es nicht lange hier aushalten, wenn ſie eine ſolche Dienerin braucht.“ „Ganz recht, Mark; wir müſſen die Krankheit ſich ſelbſt heilen laſſen; ich glaube daher, das Mädchen muß die Nacktheit des Landes mit eigenen Augen betrachten, obgleich es freilich nicht ſehr angenehm iſt, ſeine Armuth blos zu ſtellen.“ „Alſo wirſt Du den Brief ſchreiben,“ ſagte Mark, 214 indem er aufſtand,„und wir müſſen thun, was wir kön⸗ nen, um die nöthigen Vorbereitungen zu treffen. Die Zeit iſt kurz genug, denn der Brief iſt faſt vor einem Monat geſchrieben— ſie könnte noch dieſe Woche kommen.“ 4 Während er ſprach, ließen ſich im Gang draußen ſchwankende Tritte vernehmen; der junge Mann ſprang an die Thüre, ſchaute hinaus und erblickte gerade Keyxy O'Leary, der mit einem Paar Stiefel unter dem An die Treppe hinabſtieg. „Der Schlingel Kerry lanſchte wie gewöhnlich,“ ſagte Mark.„Ich hörte ihn vor ungefähr vierzehn Tagen vor meiner Thüre, als ich gerade mit Herbert ſprach, und jagte eine Kugel durch den Thürflügel— ich dachte, das könnte ihn kuriren.“ „Ich wundere mich, daß es ihn nicht getödtet hat!“ rief M'Nab entſetzt aus. 4 „Nein, nein, meine Hand iſt zu feſt dazu. Ich zielte wenigſtens zwei Zoll über ſeinen Kopf hin— es hat ihm vielleicht das Haar geſtreift.“ „Bei meiner Seele, ich möchte nicht den Lauſcher bei Dir machen, Mark; oder ich würde wenigſtens vorher die Ladung aus Deinen Piſtolen ziehen.“ „Sie kann mein Zimmer haben,“ ſagte Mark, die Rede nicht beachtend.„Ich will in jenen alten Thurm ziehen, den man die Wachtſtube nennt; ich glaube, ich werde nicht lange verdrängt bleiben,“— mit dieſen Worten verließ der Jüngling das Zimmer, um die Vor⸗ kehrungen zu treffen, von denen er geſprochen hatte. „Es iſt, wie ich Euch geſagt habe,“ ſprach Kerry, indem er ſeinen Stuhl neben das Küchenfeuer rückte; „ich hatte ganz recht, ſie kommt wieder, um hier zu wohnen— ich habe an der Thüre gelauſcht und alles gehört.“ Mrs. Branagan mit heiligem Entſetzen auf ihrem An⸗ tlitz—„ſie verläßt den herrlichen Ort, die Prieſter, die „Und ſie verläßt das heilige Nonnenkloſter!“ rief 215 Moͤnche und die Laienbrüder, um wieder hieher zu kom⸗ men, in die Mitte aller Gottloſigkeit und Teuſelei— O weh! O weh!“ „Von welcher Gottloſigkeit, von welcher Teufelei ſprecht Ihr da?“ fragte Kerry voll Unwillen über den auf die Sitten des Hauſes geworfenen Schimpf. Mrs. Branagan entſetzte ſich über die bloße Idee eines Widerſpruchs, warf einen Blick wilden Ingrimms auf ihn und ſagte: „Bei meiner Ehre, Ihr ſeyd keck, daß Ihr ſo mit mir redet!— Welche Gottloſigkeit! Iſt Pferderennen, Karten⸗ und Würfelſpiel keine Gottloſigkeit? Iſt Trinken und Fluchen keine Gottloſigkeit? Iſt das keine Gottlo⸗ ſigkeit, wöchentlich drei Schafe, und alle vierzehn Tage eine Kuh zu ſchlachten, um eine Brut von ſchmutzigen Reit⸗ und Stallknechten damit zu füttern? Iſt es keine Gottloſigkeit— aber ich will nicht viele Worte und Zeit an Euch verlieren. Wann hat je Einer von euch ſeine Pflicht gethan? Gebt mir darauf Antwort. Wie viel hat Einer von euch in dieſen zehn Jahren an Oſtern oder Weihnachten bezahlt? Ein Beweis dafür, Vater Lucke hat kein Wort für euch, wenn er hieher kommt— er behandelt euch mit Verachtung.“ Kerry war beſchämt und eingeſchüchtert. Als er das Schleußenthor öffnete, kannte er nur ſchlecht den Strom, der hernieder ſtürzen würde; und jetzt hätte er gerne alle Buße gethan, um wieder Waffenſtillſtand her⸗ zuſtellen, aber Mrs. Branagan war ein Weib, und da ſie die Unterjochung ihres Gegners geſehn, war Gnade ihr letzter Gedanke. „Gottloſigkeit, fürwahr! Wenn man zehn Jahre hier lebt, und ſieht, wie es hier her geht, ſo erſpart man damit fünfzig Jahre am Fegefeuer, gewiß nicht weniger.“ „Hol's der Teufel, wenn das erlogen iſt,“ ſtimmte Kerry demüthig ein;„kein Wort, das Ihr ſagt, iſt zu beſtreiten.“ „Ich moͤchte ſehen, wer ſich unterſtehen wollte, eines 216 zu beſtreiten,— und zum Beweis dafür, es liegt ein Fluch auf dem Ort,— es will nichts hier gedeihen.“ Wahrlich, ſo ſolltet Ihr nicht ſprechen,“ verſetzte Kerry einſchmeichelnd:„Ihr habt keinen Grund, ſo etwas zu ſagen. In der letzten Woche am Dienſtag hörte ich Vater Luke— er hat es zu mir ſelbſt geſagt— ‚wie befindet ſich Mrs. Branagan, Kerry?: fragte er. ‚Sie befindet ſich wohl auf und iſt munter, Ew. Hochwürden,“ ſagte ich. Ich will Euch ſagen, wie ſie iſt, Kerry,“ ſagte er, ‚ſie ſieht gerade ſo aus, wie vor fünf und dreißig Jahren; und ein hübſcheres, ſtattlicheres Frauen⸗ zimmer war in den drei Baronien nicht zu finden. Ich erinnere mich wohl,“ ſagte er, ‚ich ſah ſie auf dem Jahr⸗ markt von Killarney, wo ſie eine Kappe mit rothen Bän⸗ dern trug. ‚Hattet Ihr nicht eine Kappe mit rothen Bändern daran.“ Ein Nicken war die Antwort. „Alſo hatte er Recht, Ihr ſeht, er hat es nicht ver⸗ geſſen; und er ſagte, Ihr ſeid das hübſcheſte Frauenzimmer geweſen, das auf dem Marktplatz herumgegangen ſei.“ „Vater Luke war damals ſelbſt ein kleiner, ſchlanker Mann und hatte nette Beine und Füße.“ „Killarney, habe ich gehört, war ein ſchöner Ort,“ ſagte Kerry, in der pfiffigen Abſicht, dem Geſpräch eine an⸗ dere Wendung zu geben.„Ich ſelbſt war nicht oft dort, aber ich hoͤrte, es ſei immer ein luſtiger Jahrmarkt ge⸗ weſen.“ „Allerdings,“ erwiederte Mrs. Branagan;„es gab keine Art von Scherz und Luſt, die nicht dort zu finden war. Am Montag ging es an und dauerte die ganze Woche hindurch; aber die Zeit verging ſchnell genug. Da gab es Tanz, Schlägerei, Geſang, und Stationen, auf bloßen Knien hinauf nach Aghadon und wieder her⸗ unter, und eine Wallfahrt nach der heiligen Quelle— dreimal rund herum nach einem zweiſtuͤndigen Tanz; ferner war ein Zwerg da, der wahrſagte, und ein Mönch, der heilige Sprüche gegen das Fieber und die fallende 217 Sucht verkaufte, Bänkelſänger und Schauſpieler. Wahr⸗ lich, es gab nie etwas ähnliches;“ und in dieſem Tone ergoß ſte einen Strom von leidenſchaftlicher Beredſam⸗ keit auf die Erinnerung an jene fleiſchlichen Lüſte und Genüſſe, die ſie noch vor wenigen Minuten an Andern ſo ſtreng verdammt hatte. Erſt am Ende ihrer Rede ſah ſie plötzlich ein, wie weit ſie von ihrem Text abge⸗ ſchweift war; ſte murmelte daher mit einem ſchweren Seufzer—„Oh weh! wir ſind doch allzumal ſündhafte Geſchöpfe, auch die Beſten unter uns.“ Kerry erwiederte dieſen Spruch mit einem erheuchelten Seufzer, und nun war der Friede wieder hergeſtellt. „Ihr würdet aber nicht glauben, was Miß Kate mit herüberbringt— wahrlich, das würdet Ihr nicht glauben.“ „Vielleicht einen Affen,“ ſagte Mrs. Branagan, die eine unklare Vorſtellung hatte, daß Frankreich ir⸗ gendwo innerhalb der Wendekreiſe liege. „Oh, etwas noch ſchlimmeres.“ „Einen Bären,“ fragte ſie abermals. „Nein, aber ein franzöſiſches Mädchen, um ihr Haar zu kräuſeln und ſie zu pudern, und Pfläſterchen auf ihr Geſicht zu heften.“ „Still, ſag' ich Euch,“ rief Mrs. Branagan,„und ſprecht mir nicht von ſolchen Dingen. Miß Kate war nie eine Perſon, die an ſolchem Zeug Geſchmack fand.“ „Und dennoch ſage ich Euch die Wahrheit; ich hörte alles, was Mr. Mark mit dem Herrn, und hernach mit dem alten Sir Archy geſprochen hat, und alle drei ſind in einer wahren Furcht vor der Kammerjungfer; ſie ſagen, es werde ein Teufel von Unverſchämtheit ſein.“ „Sie ſoll nur kommen!“ ſagte Mrs. Branagan mit einem Auge, das jetzt ſchon von Kampfluſt glänzte. „Wir werden keinen Tag Frieden oder Ruhe ha⸗ ben, ſo lange ſie hier iſt— hat der Herr geſagt. ‚Mich dauert nur die arme Mrs. Branagan,“ ſagte er; ‚ſie 218 eſen ruhiges Geſchöpf, und wird ſich zu viel gefallen aſſen——ℳ „Ich? bei meiner Seele, das wollen wir ſehen!“ „Es ſind ſeine Worte ‚und wenn Kerry und ſie ihre Köpfe nicht zuſammenſtecken, um den Ort für ſie zu heiß zu machen, ſo wird ſie beide in ein Mausloch jagen.““ „Ueberlaſſet das nur mir— überlaſſet das nur mir allein, Kerry O'Leary.“ „Ich habe das gleiche gedacht, Madam,“ erwiederte Kerry mit einem drolligen Seitenblick;„ich wollte jeden Tag auf Euch wetten.“ Da Kerry wahrnahm, daß ihr Zorn rege war, ſparte er nichts, was ſie noch mehr erbittern konnte, er verbreitete ſich über jede mögliche und unmögliche Kränkung, die ihr durch den neuen Beſuch zu Theil werden könnte und ſchilderte den Kummer des Herrn über das ſie erwartende Unglück. „Wenn ſie nicht auf der Stelle zum Land hinaus⸗ geſchreckt wird, ſo iſt nicht zu helfen,“ ſagte er endlich. „Ich habe ſchon einen Plan gefaßt, aber er könnte viel⸗ leicht ſchlimm ausfallen.“ „Ei, was füͤr einen?— Sprecht Euch doch frei aus.“ „Gleich, wenn ich an der Kutſche ſtehe— ſie wird wahrſcheinlich in einer Kutſche kommen——, Aber worin Kerry's Plan beſtand, das ſollte weder Mrs. Branagan, noch ſoll es der Leſer hören; denn in dieſem Augenblick verkündete ein lautes Rufen am Hallen⸗ thor— ein ſehr ungewöhnlicher Ton— die Ankunft eines Fremden; Kerry hatte daher kaum Zeit, um haſtig mit einem Taſchenkamm vor einem kleinen Stüͤck Spie⸗ gel, das er in der Taſche trug, ſeine Toilette zu machen, um den Beſuch zu empfangen.— —η— 219 Siebenzehntes Kapitel. Kate O'Donoghue. Bevor Kerry O'Leary die Halle erreicht hatte, lag bereits der Gegenſtand, um deſſen Ankunft ſich alle ſeine Plane drehten, in den Armen des Oheims. „Meine theure, liebe Kate!“ rief der alte Mann, indem er ſie wieder und wieder umarmte, während ſie, überwältigt von einer Maſſe widerſtreitender Gefühle, ihr Geſicht an ſeiner Schulter verbarg. „Das iſt Mark, mein theuerſtes Mädchen— Vet⸗ ter Mark.“ Das Mädchen blickte auf und heftete ſeine großen vollen Augen auf das Geſicht des jungen Mannes, der mit zögernder Schüchternheit dort ſtand, ungewiß, in wie weit die Freundſchaft früherer Tage ſein Entgegen⸗ kommen rechtfertigen möge. Auch ſie ſchien in gleicher Verlegenheit; und als ſie ihre Hand ausſtreckte, die er mit halber Kälte nahm, verrieth die Begrußung eine nur geringe Wärme in beiden Herzen. „Und Herbert— wo iſt er?“ rief ſie begierig, in der Hoffnung, mit dieſer Frage den kalten Empfang zu bedecken—„und mein Oheim Archy—— „Steht hier, um ſelbſt Rede und Antwort zu geben,“ ſprach M'Nab in ruhigem Tone, indem er ſchnell ihr entgegen kam und ſie auf beide Wangen küßte; darauf nahm ſie die beiden alten Männer am Arm und ging in ihrer Mitte nach dem Geſellſchafts⸗ zimmer. „Und biſt Du allein, mein liebes Kind— biſt Du allein gekommen?“ fragte O'Donoghue. „Ja wohl, Papa;— meine anhängliche, treue Hor⸗ tenſe hat mich in Briſtol verlaſſen. Die Seekrankheit hat ihre Liebe überwunden. Außerdem hatte ſte einen Traum, ſie werde umkommen, verſchlungen oder von einem Meer⸗ mann weggeſchleppt werden, und Gott weiß was ſonſt noch. 220 Das Ende vom Lied war, ſie weigerte ſich weiter zu gehen, und that ihr Möglichſtes, mich zu ihrer Meinung zu be⸗ kehren. Sie bedachte nicht, daß ich meine Effekten ſchon herübergeſchickt hatte, und daß mein Herz bereits hier war.“. „Mein liebſtes Herzenskind!“ rief O'Donoghue, in⸗ dem er ihre Hand feurig in der ſeinigen drückte. „Aber wie haben Sie die Reiſe ſo allein gemacht?“ fragte Sir Archy, indem er die zarte Geſtalt vor ſeinen Augen betrachtete. „Ganz vortrefflich, Oheim. Während der Reiſe bewies mir Jedermann die größte Höflichkeit und Auf⸗ merkſamkeit. Auch reiste ein ſchöner, junger Garde⸗ Offizier mit, der ſich vielleicht noch zuvorkommender ge⸗ zeigt hätte, wäre er nicht Gentleman genug geweſen, um zu wiſſen, daß ich eine Lady war. Und in Cork traf ich im Augenblick der Landung einen alten Freund, Vater Luke, der bis hieher für mich Sorge trug. Er verließ mich erſt am Thore, um, wie er ſagte, unſere erſten Begrüßungen nicht zu ſtören. Aber ich ſehe nichts von Herbert— wo iſt er?“ „Der arme Herbert iſt gefährlich krank geweſen, meine Liebe,“ ſagte der Vater,„ich glaube kaum, daß es für ihn räthlich iſt, Dich zu ſehen.“ „Nein, nein,“ fiel Sir Archy mit Zartgefühl ein. „Wenn Ihr Anblick das ausgetrocknete Herz eines alten Kerls gleich mir bewegen kann, ſo wäre dies nicht das ſicherſte Mittel, das hitzige Blut eines Jünglings zu beruhigen.“ 4 Sir Archy hatte vielleicht nicht Unrecht. Kate O'Donoghue war in der That ein ungemein anziehen⸗ des Mädchen. Ihre Geſtalt, mehr unter als über der mittlern Größe, war dennoch ſo vollkommen wohl ge⸗ formt, daß ſie in Bezug auf Ebenmaß und Anmuth ein wahres Muſter weiblicher Schönheit war, während ihr Geſicht einen mehr gewinnenden als ſchönen Aus⸗ druck von Liebenswürdigkeit hatte; ihre Augen waren 221 groß, voll, und von einem ſchimmernden, faſt in's Schwarze übergehenden Blau; ihr Haar reiches Braun, deſſen Gold faſt der Farbe eines herbſtlichen Sonnen⸗ untergangs glich, und ihrem Antlitz einen Glanz verlieh, deſſen es bei ſeiner durchſichtigen Schönheit nicht ein⸗ mal bedurfte; aber weitaus das Schönſte an ihr war ihr Mund. Beim Sprechen bewegten ſich die runden Lippen mit anmuthiger Wellenbewegung, worin mehr Ausdruck lag als in dem bloßen Ton, und wenn ſie zuhörte, verlieh das leichte Beben der Lippen, das mit dem leuchtenden Glanze ihrer Augen harmonirte, ihrem Geſichte den Stempel eines hellen Verſtandes, der ihrem lebhaften Temperamente ſehr wohl anſtand. Sie ſah aus, wie ſie war— wie ein edelherziges, hochſinniges Mädchen, nur von ruhmwürdigen, erhabenen Gedanken beſeelt; wie ein Mädchen, das ſich auch nicht von ferne auf eine zweideutige Handlungsweiſe einließ, ſondern feurig nach dem griff, was recht war, und feſt für die Folgen einſtand. Obgleich innerhalb der Mauern eines Kloſters erzogen, war ſie doch in Anbetracht ihrer zar⸗ ten Jugend viel unter die Geſellſchaft der Stadt ge⸗ kommen, worin ſie gelebt hatte, und war daher ebenſo vertraut mit allen conventionellen Sitten der Geſell⸗ ſchaft, als gebildet in jenen holden Eigenſchaften, die denſelben all ihren Reiz verleihen. Ein oberflächlicher Beobachter glaubte vielleicht in ihrem Weſen etwas Koketterie wahrzunehmen; aber bei einiger Aufmerkſam⸗ keit erkannte man, daß eine ſolche ſich gleich bleibende Anmuth nicht das Reſultat bloßer Uebung ſein konnte, und daß der angeborne Charakter ein Gewand ange⸗ nommen hatte, das ihm am beſten paßte, kein ſolches, das blos für eine beſtimmte Zeit getragen wurde. Auch in ihrem Accent, wenn ſie Engliſch ſprach, lag fremde Betonung genug, um einen Vorwurf der Geziertheit zu begründen; aber der wäre ein halsſtarriger Kritiker geweſen, der auf dieſer Anklage hätte beharren können. Es war vielmehr zu befürchten, man möchte juſt die 222 fehlerhafte Ausſprache als einen Vorzug anſehen, ſo viel Pikantes lag gelegentlich in Ausdrücken, die von andern Lippen matt und trivial geklungen hätten. Wer die anmuthige Koketterie franzöſiſchen Weſens, gepfropft auf die ſinnigere Beredſamkeit iriſcher Schönheit, ge⸗ ſehen hat, dem wird mein Porträtirungs⸗Verſuch ein ſehr magerer, dürftiger Umriß erſcheinen; auch fühle ich wohl, wie armſelig meine Bemühung iſt, ein Bild von einem Mädchen zu liefern, dem ſeine ſpaniſche Ab⸗ kunft ein Vermächtniß von Anmuth und Eleganz hinter⸗ laſſen hatte, welche ſofort durch den glühenden celtiſchen Charakter erwärmt und belebt, durch den unübertreff⸗ lichen Reiz franzöſiſcher Manieren wieder gemäßigt werden ſollten. 3 Die Fröhlichkeit und Freundlichkeit, womit ſie zwi⸗ ſchen den beiden alten Männern ſaß und bald dem Einen bald dem Andern zuhörte, die anmuthige Munterkeit, womit ſie die an ſie geſtellten Fragen beantwortete— die Zartſinnigkeit, womit ſie den Anſpielungen auswich, die von Zeit zu Zeit auf die Verlegenheiten gemacht wurden, worein der Verfall des Hauſes ſie verſetzt haben mußte— und die lachende Munterkeit, womit ſie von dem neuen Leben ſprach, das ſich jetzt vor ihr eröffnen ſollte, war wirklich anſteckend. Sie vergaßen bereits die Beſorgniſſe, die ihre erwartete Ankunft ihnen eingeflößt hatte, und betrachteten ſie mit der warmen Herzlichkeit des Will⸗ kommens. O! welch eine Gabe iſt Schönheit, und wie mächtig iſt ihr Einfluß, erhöht durch die reiche Beredtſamkeit einer fleckenloſen Natur, unter langen Augenwimpern hervorſtrahlend, wenn zwei Männer gleich dieſen, ausgetrocknet und abgehärtet durch die Wider⸗ wärtigkeiten der Welt— herumgeworfen auf dem Nade des Glückes— in ihren ausgebrannten Herzen bei An⸗ blick des Mädchens eine Glut langvergeßner Fröhlichkeit empfinden konnten! Aber Niemand hatte errathen können, welche An⸗ ſtrengung ſie dieſe ſcheinbare Fröhlichkeit gekoſtet hatte. 223 Das arme Mädchen! kaum war ſie allein, kaum hatte ſie die Thüre ihres Zimmers geſchloſſen, als ſie in einen Strom von Thränen ausbrach, auf das Bett fiel und ſchluchzte, als ob ihr Herz brechen wollte. Alles was Vater Luke unterwegs erzählt hatte— und der freund⸗ liche alte Mann hatte ſein Aeußerſtes gethan, um ſie auf die veränderten Glücksumſtände ihres Oheims gefaßt zu machen— war weit entfernt, ſie auf die kalte Wirk⸗ lichkeit vorzubereiten, von der ſie jetzt Zeuge war. Nicht die verfallenen Wände, nicht das baumloſe Gebirge, der troſtloſe, öde Anblick der ganzen Umgebung waren es, was ihr das Herz zerriß; ſo traurig auch dieſe Zei⸗ chen waren, ſo hatte doch ihr Kummer eine tiefere Quelle: dieſe war der Anblick des alten Mannes, den ſie Vater nannte, und der jetzt, umgeben von Bildern der Armuth und des Unglücks, ſchwach dem Grabe zuwan⸗ delte. Es war der Anblick ihres Vetters Mark, den ſie ſich im Geiſte als einen vollendeten Gentleman in ſeinem Aeußern und Benehmen vorgeſtellt hatte, als den Nach⸗ kommen eines mehr als adelichen Hauſes— als den Erben eines ungeheuren Gutes; und jetzt ſah ſie ihn, in Geberden und Manier, in ſeinem armſeligen, nach⸗ läßigen Anzug kaum über dem Bauern ſtehen. Sie war gefaßt auf ei Leben einförmiger Abgeſchiedenheit und Einſamkeit. Sie war vorbereitet, den langen Winter in einer trübſeligen Einöde auszuhalten— aber nicht in einer ſolchen Geſellſchaft. Daran hatte ſie nie ge⸗ dacht. Ihre ſchlimmſten Befürchtungen hatten in ihrer Seele nie etwas traurigeres heraufbeſchworen, als ein gleichförmiges Daſeyn mit wenig Abwechslung und Freu⸗ den, und jetzt ſah ſie vor ſich ein Leben unter den jäm⸗ merlichen Ausflüchten und Windungen der Armuth, mit all ihren geringfügigen, niederſchlagenden Zufällen und Umſtänden, die ihre Achtung vor denen, zu welchen ſie mit Liebe emporblicken wollte, ſchwächen mußten. Und dieß war Carrig⸗na⸗curra, das ſtolze Schloß, das ſie ihren Schulgefährtinnen ſo oft geprieſen, der Baronen⸗ 224 ſitz, den ſie ſo gerne über die alien Schlöſſer Frankreichs und Flanderns erhoben hatte, und dies waren die hoch⸗ ſinnigen Verwandten, die, nach ihren Erzählungen, jede Verbindung mit den Sachſen verwarfen und jede Blutvermiſchung mit einem weniger edeln Geſchlechte verſchmähten. Selbſt das Zimmer, worin ſie ſaß, wie ſehr widerſprach es ihren eigenen lebhaften Schilderungen von ſeiner ehemaligen Pracht und Herrlichkeit. Ach! es kam ihr vor, als hätte ſie aus Falſchheit und Prahlerei von ſolchen Dingen geſprochen. Mehr als einmal fragte ſie ſich ſelbſt—„waren ſie immer ſo?“ Das arme Kind! es wußte nicht, daß im Gefolge der Armuth Krankheit, Kummer und vorzeitiges Alter wandeln können. Sie kann die Felder verheeren, die zarten Triebe ausrotten, Herz und Heimat erkälten! Wenn die Noth nur mit Entbehrung ſich begnügte, dann brauchte man nicht ſo ſehr vor ihr zu zittern. Aber der wahre Schrecken der Armuth liegt in ihren erniedri⸗ genden, entwürdigenden Einflüſſen. In den Erfindungen und Ausflüchten, womit der Arme dem drohenden Uebel zu begegnen oder auszuweichen ſucht, wird der hohe, ge⸗ rade Sinn geopfert, und der Weg u verbrüchlicher Ehre verlaſſen. Wenn der ſtolze Dreinschet in aller Majeſtät ſeiner Macht ungeſtört ſeinen Weg dahin ſegelt, muß die beſcheidene Barke in der gleichen See ſich wenden und mühen und ſich nach jedem Windſtoß richten, um wohlbehalten den Hafen zu erreichen. So iſt es mit den Prüfungen des armen, aber ſtolzen Mannes. Es iſt nicht der Mangel an Livreebedienten, an Silberge⸗ ſchirr, an Equipagen, an all dem Prunke und Gepränge des Reichthums, was ihm das Herz zerreißt und ſeinen Geiſt beugt. Die armſeligen Ausflüchte, auf die er an⸗ gewieſen iſt— der ewige Kampf zwiſchen ſeinen Um⸗ ſtänden und ſeinem Gewiſſen— zwiſchen dem was er thut, und dem was er fühlt— das iſt es, was ihm das Leben verbittert. Es iſt wahr, Kate wußte nichts von dieſen Dingen, 225 aber doch hatte ſie die Reſultate davon allzudeutlich vor ſich, als daß ſie ſich hätte täuſchen können. Sir Archi⸗ bald war der einzige, bei dem das Mißgeſchick weder Sorgloſigkeit noch Rohheit hervorgerufen hatte. Er ſchien in Kleidung wie im Benehmen wenig verändert im Ver⸗ gleich mit früheren Jahren; auch ſonſt hatte die Zeit keinen ſichtbaren Eindruck auf ihn gemacht. Wie aber ſtand es wohl mit Herbert? Dieß war die Frage, die ſtets in ihrer Seele aufſtieg, ohne daß ſie ſich eine günſtige Antwort verſprach. Während Kate O'Donoghue ſolche Betrachtungen üͤber die Charaktere der Leute, mit denen ſie jetzt leben ſollte, anſtellte, boten ſie anderſeits alles Mögliche auf, um der lang vernachläſſigten Wohnung nur einigen Schein ihrer alten Gemächlichkeit wieder zu geben. In der alten Halle wurde ein Feuer von Sumpftannen angezündet, deſſen milde Flammen das dunkle eichene Getäfel be⸗ leuchteten und durch den Gang bis an die Thüre des Thurms einen reichen Glanz warfen. In dem großen Zimmer, wo ſie ſaßen, urden jetzt manche Geräthe, deren man ſich längſt eneahnt, und die man halb ver⸗ geſſen hatte, zuſammengehäuft, und gaben durch ihre Maſſe der geräumigen Stube das Ausſehen erhöhter Gemächlichkeit. Auch vergaß man die Zierrathen nicht, die man noch beſaß. Die wenigen Gemälde, die dem Rauch und dem Zahn der Zeit entgangen waren, wur⸗ den an den Wänden angebracht, und ein kleines Minia⸗ turbild von Kate, ein armſeliges Kunſtwerk, das ſie als Kind darſtellte, wurde über dem Kamin aufgehängt, gleichſam um diejenige zu ehren, deren Anweſenheit durch dieſe beſcheidenen Anſtalten gefeiert werden ſollte. Sir Archy, der ſich mit dieſen Vorbereitungen ſo eifrig beſchäftigte, als Mark ſelbſt, hatte aus ſeinem Zimmer mehrere Bücher und illuſtrirte Bände gebracht, um ſie auf den Tiſchen auszubreiten; während gleich einem Altar für die Gottheit des Hauſes ein kleiner Tiſch von Lever, O'Donoghue. I. 1⁵ zu bezeugen wünſchte; während Mark aus ſeiner dürf⸗ 226 künſtlichſter eingelegter Arbeit und ein reich geſchnitzter Stuhl neben dem Feuer den Ort bezeichnete, den Kate als den ihrigen einnehmen ſollte, und zu deſſen Ver⸗ herrlichung er ſogar die Edelſteine ſeiner Sammlung heruntergeholt hatte. Es iſt kaum möglich zu begreifen, wie vollſtändig ſogar einige Kleinigkeiten wie dieſe die Stimmung einer Geſellſchaft verändern können— wie das, was ſo eben noch drückend, traurig und niederſchlagend erſchien, plötz⸗ lich ein heiteres und fröhliches Ausſehen gewinnt. Aber ſo iſt es: Dinge, die vom menſchlichern Denken und Fühlen ſprechen, berufen ſich auf ganz andere Empfin⸗ dungen, als ſolche, die blos zu materieller Gemäch⸗ lichkeit dienen; und wir nehmen das Vorhandenſeyn eines einzigen Buches, eines Kupferſtiches oder einer Zeichnung als einen Beweis an, daß die Nahrung des Geiſtes nicht vergeſſen iſt. Wenn die eben erwähnten Veränderungen dem alten Thurm ein ganz anderes Ausſehen gewährten, ſo ver⸗ vollſtändigte Kate's eigene Gegenwart den Zauber der Verwandlung. In ſchwarze Seide gekleidet und reich mit Spitzen von der gleichen Farbe geſchmückt— denn ihr Koſtüm war für eine ganz andere Sphäre beſtimmt — nahm ſie ihren Platz in dem Familienkreis, wo ſie ihrer ganzen Umgebung einen Anſtrich von Verfeinerung und Eleganz mittheilte und aus dem düſtern Zimmer einen geräumigen Salon machte. Ihre Guitarre, ihre Stickerei, ihr altmodiſcher, mit Silber ausgelegter Schreibpult, feſſelten das im Zimmer umherſchweifende Auge, und ſprachen von weiblicher Anmuth und Grazie, die den rohen Emblemen der Jagd und des Feldes, welche hinfort in die alte Eingangshalle verbannt wurden, ſo fremd waren. O'Donoghue ſelbſt fühlte den Einfluß der Anweſen⸗ heit des jungen Mädchens und bewies in ſeinem ver⸗ änderten Anzug und Benehmen die Achtung, die er ihr 227 tigen Garderobe das einzige Gewand nahm, das den RNang einer Jagdjacke überſtieg, und mit einer halb ſchüchternen, halb mürriſchen Miene in's Zimmer trat, gleich als ärgere und ſchäme er ſich über ſo viel Nach⸗ giebigkeit gegen die Gebräuche der Welt. Obgleich Kate Scharfſinn genug beſaß, um zu ſehen, daß dieſe Veränderungen um ihretwillen eingetreten waren, ſo hatte ſie doch zu viel natürlichen Takt, als daß ſie dieſe ihre Ueberzeugung merken ließ, und ſie empfing die ihr bewieſenen Aufmerkſamkeiten mit jener glücklichen Miſchung von Höflichkeit und Vertraulichkeit, die an einem hübſchen jungen Frauenzimmer ſo bezaubernd iſt. Das Diner— und es war ein Meiſterwerk von Seite der Mrs. Branagan— ging äußerſt fröhlich vorüber. Die Furcht, die durch ihre Ankunft erregt worden war, wich jetzt vor dem Vergnügen, das ihre Anweſenheit verbreitete. Es war allen zu Muthe, als ob ſie ihr in ihrem Urtheil eine Ungerechtigkeit angethan hätten, und ſie beeilten ſich, für ihre ſchlimme Meinung allen möglichen Erſatz zu geben. Seit Jahren hatte ſich O'Do⸗ noghue nicht mehr ſo glücklich gefühlt. Das kalte, freud⸗ loſe Zimmer war abermals zu einer Heimat erwärmt. Das Feuer, neben dem er ſo oft in Traurigkeit gebrütet hatte, war jetzt ein luſtiger, von fröhlichen Geſichtern umgebener Herd. Erinnerungen an die Vergangenheit, die bei allem Kummer eine beſänftigende Wirkung hatten, ſtrömten ſeiner Seele zu, während er da ſaß und ſie mit ruhigem Entzücken betrachtete. Auch in Sir Archi⸗ bald erwachten bei dem gutem Tone, der ſich mit ihr wieder eingeſtellt hatte, Erinnerungen an frühere Tage, und er bewies durch ſein aufmerkſames, höfliches Weſen, wie glücklich ihn nach ſo langer Zeit die Wiederkehr zu einer gewiſſen feinen Lebensweiſe machte, deren er ſo gerne gedachte, da fie mit der glänzendſten Periode ſeines Lebens verknüpft war. Was Mark betraf, ſo ging in ihm, obgleich er auf 15 228 der Scene weniger handelnd auftrat als die Uebrigen, eine nicht weniger auffallende Veränderung vor. Alle ſeine angenommene Gleichgültigkeit verließ ihn, wenn er ihren Schilderungen von fremder Geſellſchaft und von den Sitten der Menſchen, unter denen ſie bisher gelebt hatte, zuhörte. Der melodiſche Klang ihrer Stimme, das glänzende Funkeln ihrer dunklen Augen, die anmu⸗ thige Eleganz ihrer Geberden— das Vorrecht einer franzöſiſchen Dame— übten einen noch nie erfahrenen Zauber auf ihn; und obgleich dann und wann eine dunkle Furcht durch ſeine Seele zuckte, wie ein Geſchöpf, ſo ſchön und begabt gleich dieſem, das öde, düſtere Leben, worin die Tage der Seinigen verſtrichen, theilen könne, ſo zeigte doch die zarte Anhänglichkeit, die ſie gegen ſeinen Vater bewies, die Herzlichkeit, womit ſie bei jedem kleinen Ereigniß ihrer Kindheit— bei jedem kleinen Theile der Gebirgslandſchaft verweilte— einen Geiſt, der ſich mit einem auch noch ſo beſcheidenen Heimweſen, ſo wie mit den wohlfeilſten, einfachſten Vergnügungen begnügen konnte.„O! wenn ſie uns nur nicht ſatt wird!“ war der ſtille Wunſch, der jeden Augenblick in ihm aufſtieg, da er ihr zuhörte; und gerade die Angſt des Zweifels erhöhte noch das Entzücken des Genuſſes. Und dieſes Glück zu erkaufen, gab es nichts, das er nicht hätte wagen wollen. Der Gedanke, daß ihn, wenn er die Thäler durchſtreift und durch zerriſſene Gebirgs⸗ ſchluchten den wilden Hirſch verfolgt, eine Heimat gleich dieſer erwarte, war für ihn ein Gemälde des Gluͤckes, das zu glänzend und blendend war, als daß er es hätte anſehen können. „Nun denn, ma belle,“ ſagte Sir Archibald, in⸗ dem er von ſeinem Sitze ſich erhob und mit galanter Manier, die einſt in Verſailles hätte ihr Glück machen können, das Band der Guitarre ihr um den Hals warf—„was Sie verſprochen haben— die kleine Romanze, die Sie erwähnt.“ „Gern, lieber Oheim,“ erwiederte ſie, indem ſie zu 229 einer Art Vorſpiel in die Saiten griff.„Soll ich Ihnen eine unſerer Kloſterhymnen ſingen, oder wollen Sie lie⸗ ber die Romanze? „Es iſt nicht recht, Einem die Wahl ſchwer zu machen,“ verſetzte M'Nab mit ſchlauem Blicke:„aber da Sie ſo ſprechen, ſo muß ich beides hören, bevor ich mich entſcheide.“ „Ihr Lieblingsſtück zuerſt,“ ſagte ſie lächelnd, und begann das kleine Lied der ſchottiſchen Garde, das Lied der verbannten Adelichen im Dienſte Frankreichs, das dem Herzen jedes Schotten ſo theuer war. Während die Melodie die Verſammlung der Glane in den Gebirgen ſchilderte, wo ſie zuſammenkamen, um von ihren ſcheidenden Verwandten Abſchied zu nehmen, verklärten der gemeſſene Takt der Muſik und der muthige Klang des kriegeriſchen Marſches das Geſicht des alten Häuptlings, und ſein Auge glänzte von dem wilden Feuer angeborenen Stolzes; als aber der Augenblick des Abſchiednehmens und der herzzerreißende Ruf„Lebewohl!“ kam, wurde ſein Auge feucht und trübe, und mit einer vor Rührung zitternden Hand unterbrach er die Sän⸗ gerin. „Nein, nein, Kate; das kann ich nicht ertragen. Sie haben den Felſen zu plötzlich angegriffen, Mädchen,“ und die Thränen rollten ſchwer über ſeine ausgetrockne⸗ ten Wangen. 4„Sie müſſen mich ausfingen laſſen, Oheim,“ ſagte ſie, indem ſie ihre Hand losmachte; in dieſem Augen⸗ blick griff ſie mit kühnem, kräftigem Finger in die Sai⸗ ten und begann eine glänzende, ritterliche Schilderung der ſchottiſchen Tapferkeit im Dienſte Frankreichs, wobei jede Zeile ihre ſtolzen Heldenthaten feierte, wenn ſie vor⸗ an in die Schlacht marſchirten. Darauf folgte das Kra⸗ chen und der Tumult des Kampfes, das durchdringende Geſchrei der mit bunten Schürzen geſchmückten Krieger, vermiſcht mit dem Kriegsruf der Gallier, bis das Lied mit einem Ausbruch von Triumph und Siegsgejauchze 23⁰ ſchloß. Jetzt ſprang der alte Mann vom Stuhl auf, warf entzückt ſeine Arme um ſie und rief— „Es iſt ſchade, Mädchen, daß Sie nicht vor fünf⸗ zig Jahren gelebt haben: bei meiner Seele, es läßt ſich nicht ſagen, wie manchen tapfern Burſchen ein ſolches Lied zu Boden geſtreckt hätte!“ „Wenn das eine der Hymnen iſt, Kate, von denen Du geſprochen,“ ſagte O'Donoghue lächelnd,„ſo glaube ich, Mark hätte nichts dagegen, eine Nonne zu werden, aber wo iſt er?— Er hat das Zimmer verlaſſen.“ „Ich hoffe, es war nichts in meinem Geſang, was ihm mißfallen hat,“ fragte ſie furchtſam; aber bevor man Zeit zu einer Antwort hatte, öffnete ſich die Thüre, und herein trat Mark, mit Herbert in ſeinen Armen. „Da!“ ſagte er, indem er ihn ſachte auf das Sopha legte; wenn nur Bäschen Kate das noch einmal ſingen wollte, ſo ſtehe ich dafür, Du wirſt vierzehn Tage frü⸗ her wieder geſund.“ Kate kniete neben dem kranken Jüngling nieder und küßte ihn zärtlich; während er, der arme Burſche, kaum wagte, an die Wirklichkeit der ganzen Erſcheinung zu glauben, mit den langen Locken ihres ſeidenen Haares ſpielte und ſie ſchweigend anſtarrte. „Wir müſſen vorſichtig ſeyn, Mark,“ flüſterte M'Nab bedächtlich; aber Mark hatte weder Ohren noch Augen, außer für ſie, die jetzt neben ſeinem Bruder ſaß und mit ſanfter, leiſer Stimme ihre zärtlichen Grüße ihm zuflüſterte. In dieſer Art verſtrich der erſte Abend nach ihrer Ankunft— eine Nacht, deren Zauber tief in jedem Herzen wohnte und jeden Träumer glücklich machte. 231 Achtzehntes Kapitel. Eine übereilte Verpflichtung. Während ſich dieſe Dinge innerhalb des verfallenen Schloſſes der O'Donoghue's begaben, war ein eben ſo unerwarteter Gaſt, wie bei ihnen, in der„Lodge“ ange⸗ kommen. Frederick Travers, der durch widrige Winde in Briſtol aufgehalten worden, war im gleichen Paket⸗ ſchiff mit Kate herübergekommen, ohne jedoch erfahren zu können, wie ſie hieß, oder wohin ſie ging. Seine unerwartete Erſcheinung in der„Lodge“ war eine höchſt willkommene Ueberraſchung ſowohl für Sir Marmaduke⸗ als auch für Sybella; und da er den wirklichen Zweck ſeiner Ankunft nicht eingeſtehen wollte, ſo ſahen ſie darin nichts anderes als den deutlichſten Beweis ſeiner An⸗ hanglichkeit. Sie wußten wohl, wie ſehr das Londoner Lebin ihn feſſelte— welche Reize deſſen eigenthümliche Sittm und Vergnügungen für ihn beſaßen— und mit welche Geringſchätzung er auf jeden Theil der Erde herabſah, der nicht den faſhionablen Thorheiten und Be⸗ luſtigungen ſeiner eigenen Sippſchaft geweiht war. Im Grunde war er nicht unempfänglich fur andere und beſſer Einflüſſe; ſeine Liebe zu Vater und Schweſter kannte keine Grenzen; er beſaß einen kühnen, mannhaf⸗ ten Geiſt, dem alles Gemeine und Schmutzige fremd war; ein dles, aufrichtiges Gemüth, und ging mit ernſter Entſhiedenheit auf ſein Ziel los, wobei er oft von ſeinem ungeſtüm weiter fortgeriſſen wurde, als ſeine Ueberzeugung ihm folgen konnte. Dennoch ſprach er bereits das cowentionelle Kauderwelſch ſeiner Kamera⸗ den, und der geringſchätzende, halbverächtliche Ton, welcher dieſe Herren charakteriſirte, hatte auch ihn an⸗ geſteckt; ja er ſchimte ſich, Gefühle und Anſichten ein⸗ zugeſtehen, die zu zeſitzen und nach denen zu handeln ſein höchſter Stolz litte ſeyn ſollen.. „Nun, Fred,“ ſante Sybella, als ſie ſich nach Tiſch 232 um das Feuer ſetzten, in jenem glücklichen, heimlichen Kreiſe, der ſo reichen Genuß gewährt,„laß einmal hören, wie Dir die Landſchaft gefallen hat. Nicht wahr, Glen⸗ flesk iſt ein hübſches Thal?“ „Matlock in größerem Maßſtab,“ erwiederte er kaltblütig.„Weniger Holz, mehr Felſen.“ „Matlock! lieber Freund. Eben ſo gut könnteſt Du Keim⸗an⸗eigh mit Holborn vergleichen— es iſt ge⸗ wiß nur Scherz von Dir.“ „Was vergleichen? MPeberhol den drolligen Namen noch einmal, ich bitte Dich. „Keim⸗an⸗eigh. Es iſt ein Gebirgspaß ganz in un⸗ ſerer Nähe hier,“. „Vortrefflich! Ja, liebe Sybella es ſollte mich nicht mehr wundern, Dich bald in einem rothen Unter⸗ rock und barfuß zu ſehen. Du haſt ſeit euerer Ankunft ungemein viel gelernt.“ „Ich habe das Volk von Herzen lieb, Fred,“ war ihre ungekünſtelte Antwort;„und wenn ich durch Nach⸗ ahmung ihres Koſtümes ſo manche von ihren Sigen⸗ ſchaften, zum Beiſpiel ihre Verſöhnlichkeit und unver⸗ wüſtliche Geduld mir aneignen könnte, ſo vrrſpreche ich Dir, ich würde das Scharlachkleid anlegen.“ „Ja, Fred,“ ſagte Sir Marmaduke mit inſter Be⸗ tonung,„jenſeits des Waſſers hat man von dieſen Ir⸗ ländern nicht die mindeſte Kenntniß. Man hat ganz falſche Begriffe von ihnen. Es fehlt ihnen nichts als Unterricht, ein kleines Beiſpiel— ein weni Aufmunte⸗ rung das iſt Alles: ſie ſind ſo gelehrig un) lenkſam als möglich. Morgen will ich Dir zeigen, welche Verbeſſe⸗ rungen in etlichen wenigen Monaten zu Stande gekom⸗ men ſind. Ich werde Dich auf einem lhlile des Gutes herumführen, wo keine Hütte war, in fer ſich auch nur ein Hund hätte wohl befinden könne, und Du wirſt ſehen, welche gemächliche Wohnunfen ſie jetzt haben. In England hören wir nichts als die alte Leier von Papismus, Aberglauben und derxleichen Zeug. Aber, — — 233 mein lieber Fred, dieſe Leute bekümmern ſich kein Haar um den Prieſter— ſie ſind ganz, wie ich ſie wuͤnſche.“ „Dann haben ſie freilich verteufelt erhabene Grund⸗ ſätze,“ verſetzte Fred trocken. „Das wollte ich gerade nicht ſagen; wenigſtens nicht in dem Sinne, wie Du es nimmſt. Ich wollte ſagen, ihr Vertrauen, ihre Dankbarkeit gegen den Guts⸗ beſitzer ſey ſo groß, daß— daß—— „Daß ſie mit Einem Worte für eine Herabſetzung der Renten türkiſch werden. Nun, liebe Sybella, iſt dieß auch einer von den Zügen, die Du Dir ſo gerne aneignen möchteſt?“ „Warum willſt Du auch Alles mißverſtehen, Fred?“ fragte Sybella bittend.„Kannſt Du nicht begreifen, daß ſich ein ununterrichtetes Volk durch Dankbarkeit weit über die Grenzen der Vernunft verleiten laſſen kann— mein Vater iſt ſo gütig gegen ſie.“ „Damit bin ich ja vollkommen einverſtanden— ich habe nicht das Geringſte dagegen einzuwenden; in der That weiß ich nicht, wenn das ganze Gut ſo ausfieht, wie der Theil, durch den ich dieſen Nachmittag gekommen bin, ob nicht meine Großmuth noch weiter gehen, und anſtatt die Renten herabzuſetzen, ihnen mit dem ganzen Gut einfach ein anſtändiges Geſchenk machen würde.“ „Thörichter Junge!“ ſprach Sir Marmadufe halb im Zorn.„Es find vierzigtauſend Morgen verbeſſerungs⸗ fähigen Landes——⸗ „Die im Jahre des Herrn 3095 Frucht tragen können.“ t5„Es ſind Minen da von unerſchöͤpflichem Reich⸗ hum.“ 4 „Und würden ohne Zweifel eben ſo großen Reich⸗ thum erfordern, um ſie zu bearbeiten. Höre, Vater, höre— Hamsworth hat unter dieſen Leuten ſein Leben zugebracht. Er kennt fie beſſer, als wir ſie jetzt kennen oder je kennen werden.“ „Ich ſage Dir,“ erwiederte Sir Marmaduke, ge⸗ 4 234 reizt durch ſolchen Hohn auf ſeine Beobachtungstalente, „ich kenne ſie durch und durch— ich kann in ihnen leſen, wie in einem Buche. Es ſind unſchuldige, einfache, vertrauensvolle Leute— jeden Gedanken, den ſie haben kannſt Du ihnen am Geſicht anſehen. Es bedarf nichts als die gewöhnlichſte Freundlichkeit um ſie für ſich zu ewinnen, und was politiſche oder religiöſe Neigungen betrifft, ſo habe ich ſie ziemlich genau ausgeforſcht, und ohne alle Ausnahme nichts gehört, als Geſinnungen der Loyalität und Anhänglichkeit an die Kirche.“ „Schon gut, ich hoffe nur, Du haſt nicht im Sinne, Deinen Aufenthalt hier zu verlängern. Ich bin über⸗ zeugt, Du haſt jedem gewöhnlichen Gewiſſensdrang genug gethan, und wenn dem noch nicht ſo iſt, ſo greiſe das Ding mit rechtem Ernſte an— verwandle die Zehnten in Hunderte— mache es allen ſo behaglich als möglich— und lomme dann um's Himmels willen wieder nach England zurück. Es gibt keinen Grund auf der Welt, weßhalb Du Deine Zeit hier zubringen ſollteſt, und was Sybella betrifft——“ „Halt, Fred, ſchließe mich nicht in Deine Gründe zur Abreiſe ein. Ich fühlte mich in meinem Leben noch nie ſo glücklich.“ „Da Junge, da haſt Du ein Beiſpiel, und wenn Du noch eines brauchſt, ſo bin ich hier, bereit, das Nämliche zu geſtehen. Damit will ich nicht ſagen, daß es nicht kleine Schwierigkeiten und Entmuthigungen hier gibt. Da iſt der Narr mit dem Mühlrad, und der Burſche, der darauf beſteht, den Fluß mit einem Netze auszufiſchen“ und ſo murmelte er einige Minuten zwiſchen den Zähnen fort, zur augenſcheinlichen Beluſtigung Freds, deſſen bebende Lippen und lachendes Auge verriethen, wie er die widerſtreitenden Zeugniſſe, welche ſein Vater vor⸗ brachte, aufnahm. So wurde eine Zeit lang die Unterhaltung fortge⸗ ſetzt, bis ſich Miß Travers zu Bette begab. Jetzt rückte Sir Marmaduke ſeinen Stuhl näher an den ſeines 23⁵ Sohnes und erzählte ihm die ganze Geſchichte von Sy⸗ bella's Rettung aus dem Gebirgsſtrom— wobei er mit dankbarer Beredſamkeit bei dem Heldenmuth des jungen O'Donoghue verweilte, der ihr zu Hülfe geeilt war. „Der Jüngling iſt kaum mit ſeinem Leben davongekom⸗ men. Der Doktor, der ihn erſt vor etlichen Stunden verlaſſen hat, ſagte, er habe nie einen gefährlicheren „Dieſe O'Donoghue's ſind Deine Lehnsleute, nicht wahr?“ fragte der junge Mann. „Ja, ſie ſind Lehnsleute, aber in dieſer Hinſicht können wir nicht viel zu ihren Gunſten ſagen. Wylie erzählt mir, ſie ſeyen ſeit Jahren mit Hamsworth in Fehde gelegen— ſie bezahlen keine Renten, und wollen doch auch das Gut nicht abtreten. Die ganze Sache iſt ſchwer zu verſtehen; vor allem iſt ein Pfand da— „Halt, lieber Vater, halt, beläſtige weder mein Gehirn noch Deines mit einer Aufzählung, die doch kein Ende haben wird. Der einzige Punkt, den ich iſen möchte, beſteht darin, ob ſte Deine Lehnsleute ſfind——“ „Ja, wenigſtens haben ſie einen Theil des Landes, das ſie beſitzen, zu Lehen. Ueber einen andern Theil wird Prozeß geführt; aber ich glaube, Hamsworth hat den Staatsanwalt auf ſeine Meinung gebracht, ſo daß ſie nichts gewinnen können.“ „Still— kein Wort von dem Staatsanwalt. Gib den ganzen Handel auf, ſchicke ihm oder ſeinem Bater, oder wer es auch ſeyn mag, eine Quittung für die ſchuldigen Renten, und ſorge dafür, daß ihn Hamsworth nicht weiter beläſtigt.“ „Aber Du weißt ja nicht, mein Sohn, was wir vorhaben. Wir hoffen das ganze Gut Callyvourney zu 236 Lehnsleute dort leben im Zuſtande des tieſſten Elends und der höchſten Noth.“ „Dann gib ihnen in Gottes Namen zu eſſen; es hat, glaube ich, wenig zu bedeuten, weſſen Lehnsleute ſie ſind, wenn ſte hungern.“ Auf eine ſo ausgedehnte Baſis für ſeine Philan⸗ tropie war der alte Gentleman kaum vorbereitet, wenig⸗ ſtens war er für einige Augenblicke über den Vorſchlag ſeines Sohnes ganz verblüfft; Fred dagegen fuhr fort: „Wenn ich die Sache recht verſtehe, ſo ſteht ſie ſo: Du möchteſt gerne eine Schuld der Dankbarkeit ab⸗ ſtatten— möchteſt ſie aber nicht zu theuer bezahlen.“ „Im Gegentheil, ſehr gerne,“ fiel Sir Marmaduke ein;„aber der Preis ſoll von der Art ſeyn, daß er einen ſeinem Betrage angemeſſenen Nutzen bringt. Wenn ich dieſen Leuten den Beſitz ihres Landes ſichere, welche Bürgſchaft habe ich, daß ſie nicht immerfort die⸗ ſelbe unnütze, verſchwenderiſche Brut bleiben, die ſie immer waren— daß ſie nicht den andern Lehnsleuten das ſchlechteſte Beiſpiel geben und die ganze Kraft der Lehre ſchwächen, die ich ihnen beizubringen ſuche?“ „Dieß,“ verſetzte Fred,„iſt nach meinem Dafür⸗ halten mehr ihre Sache als Deine; Deine Sache iſt es nicht, eine Gnade zu ertheilen, und hernach deren Vortheile zu überwachen— aber höre, was ſind es denn für Leute?“ „O! halb Adel und halb Bauern, glaube ich— ebenſo ſtolz, als arm— als O'Donoghue's halten ſie ſich wenigſtens für unſeres Gleichenz ſie leben aber, wie ich glaube, in Entbehrungen aller Art.“ „Sehr wohl; ſetze Dich alſo nieder, gib mir einen Wechſel von fünfhundert Pfund an Deinen Banquier und überlaſſe die Geſchichte mir.“ „Aber Du irrſt Dich, Fred, ſie ſind ſo hochmüthig wie Luzifer.“ „Ueberlaß nur die Sache mir, Vater, ich glaube gewinnen— das iſt ein Theil unſeres Planes; die 1 237 die Welt inzwiſchen einigermaßen kennen gelernt zu haben. Es iſt vielleicht mehr Geld nöthig, aber für das Reſultat will ich ſtehen.“ Sir Marmaduke's Vertrauen auf den Takt und die Weltklugheit ſeines Sohnes gehörte unter ſeine Glau⸗ bensartikel, er ſetzte ſich daher an den Tiſch und ſtellte den verlangten Wechſel aus.“ „Hier Fred,“ ſagte er;„ich bitte Dich nur zu be⸗ denken, daß durch den Ausdruck meiner Dankbarkeit für das Benehmen des Jünglings ſein Zartgefühl nicht ver⸗ letzt werden darf, und wenn ſie über der Klaſſe der Pächter ſtehen, was ich in der That nicht ergründen kann, ſo mußt Du bei jedem Deiner Schritte alle Vor⸗ ficht anwenden.“ „Ich hoffe, Vater,“ ſprach Fred mit einiger Eitel⸗ keit,„ich habe Dir noch nie Urſache gegeben, über mein linkiſches Benehmen zu erröthen, und gedenke es auch jetzt nicht zu thun. Ich ſtehe für den Erfolg meiner Unterhandlung; aber ich darf kein Wort mehr ſagen, wie ich ihn zu erreichen gedenke.“ Sir Marmaduke fühlte ſich keineswegs beruhigt, auch nur in ſo weit einen Plan begünſtigt zu haben, in den er ſich durch ſein eigenes blindes Vertrauen auf die Gewandtheit ſeines Sohnes für einen Augenblick hatte verſteicken laſſen; er hätte ſeine Einwilligung gerne zurückgenommen, aber aus alter Erfahrung wußte er, daß Fred erſt dann vollſtändig von der Richtigkeit ſeiner Anſicht überzeugt wurde, wenn er auf Widerſpruch ſtieß. für die Nacht, mit der Hoff⸗ ihm einen weiſern Rath und hellern Kopf angedeihen laſſen, und ſein Sohn werde, wenn man ihm freieres Spiel laſſe, über die Richtig⸗ de ſeiner Meinung vielleicht ſelbſt einigen Zweifel Was Fred betraf, ſo war er kaum allein, als er anfing die Verpflichtung zu bereuen, zu der ihn ſeine Uebereilung fortgeriſſen hatte. Welcherlei Anträge er 238 machen— wie er in einer Gegend, mit deren Sitten und Vorurtheilen er gänzlich unbekannt war, die Unter⸗ handlung eröffnen ſolle, darüber hatte er auch nicht den unbeſtimmteſten Begriff, und als er ſein Zimmer auf⸗ ſuchte, hatte er ſich bereits halb überredet, das ſicherſte und ehrenvollſte werde am Ende ſeyn, am Morgen ein⸗ zugeſtehen, daß er ſeine diplomatiſchen Fähigkeiten über⸗ ſchätzt habe, und einer Aufgabe, der er ſich nicht gewachſen fühlte, ehrlich zu entſagen. Dieß waren ſeine letzten Gedanken beim Einſchlafen; ſeinen Entſchlüſſen beim Erwachen müſſen wir ein neues Kapitel widmen. Neunzehntes Kapitel. Niederlage eines Diplomaten. Wenn Frederick Travers am Abend mit beträchtli⸗ chen Zweifeln über die Ausführbarkeit ſeiner Plane ſo Betreff der O'Donoghue's zu Bett gegangen war, in waren ſeine Gedanken beim Erwachen weit entfernt, ihn zu beruhigen, und er wünſchte herzlich, ſich nie auf die Unternehmung eingelaſſen zu haben. Jetzt war indeſſen gewiſſermaßen ſeine Ehre verpfändet; er hatte ſo zuverſichtlich von Erfolg geſprochen, das ihm nichts anderes mehr übrig blieb, als vorwärts zu ſchreiten, und nach beſten Kräften ſein Verſprechen zu löſen. Zur Zeit, von der wir ſprechen, legten Militärs die Embleme ihres Standes keinen Augenblick ab; die Uniform und der Degen, der Federhut und die hohen Stieſel bildeten nicht ein Koſtüm, das man zu gewiſſen Perioden trug und in andern wieder ablegte, ſondern war ihr täglicher Anzug, und wechſelte blos nach dem Grade der vollen oder halben Galla, je nachdem es die Gelegenheit mit ſich brachte. Man ſtrebte nicht nach der glücklichen Freiheit eines„Mufti“— man ſehnte ſich nicht nach dem Inkognito eines ſchwarzen Rockes —.,— —,.— 239 und runden Hutes; im Gegentheil, die königliche Livree wurde mit einem Stolz getragen, der, nach der entgegen⸗ geſetzten Seite ſich verirrend, einen Grad von Dünkel und eingebildeter Wichtigkeit einflößte, wodurch ſich der Soldat von dem Bürgerlichen in ſeiner Haltung mehr oder weniger unterſchied und der allmälig von Seiten des beſcheidener gekleideten Bürgers eine reizbare Em⸗ pfindlichkeit gegen den begünſtigteren Stand erzeugte. Ein gewiſſer hochmüthiger, hoffärtiger Ton war damals Mode unter der Armee, beſonders unter denje⸗ nigen Regimentern, deren Offiziere ſich eines unvermiſch⸗ ten Adels rühmten, Wenn ſie ſchon dem übrigen Mi⸗ litär gegenüber einen hohen Ton annahmen, ſo ſahen ſie um ſo verächtlicher auf den bloßen Bürgerlichen herab, den ſie ſo betrachteten, wie wenn er einer untergeordne⸗ ten Klaſſe von Menſchen angehörte. Das Gefühl dieſes Standesunterſchiedes in hundert kleinen Manieren und hundert geringfügigen Gebräuchen an den Tag zu legen, bildete einen Beſtandtheil der militäriſchen Erziehung und wurde eine untrüglichere Probe des Soldaten im Umgang, als ſogar die Kokarde und das Wehrgehänge. Wer annehmen wollte, daß ein ſolches Benehmen den⸗ jenigen, gegen die es gerichtet war, kein Gefühl von Gegenhaß eingeflößt hätte, der würde die menſchliche Natur ſchlecht kennen. Wirklich erwiederte der Civiliſt die Unverſchämtheit des Soldaten mit Widerwillen, und in ihrer gegenſeitigen Entfremdung wurde der Bruch allmalig immer weiter— die übermüthige Tyrannei der Einen, ſo wie die niedrige Gemeinheit der Andern bil⸗ deten Gegenſtände, worüber ſich beide Parteien ohne Unterlaß zu verbreiten pflegten. Dieſes Bewußtſeyn der höhern Würde nun war weit entfernt, für Frederick Travers ſein ſchwieriges Ge⸗ ſchäft einigermaßen zu erleichtern, und machte daſſelbe noch zehnmal ſchwieriger. Er wußte und fühlte, daß es von ihm eine ganz unverantwortliche Herablaſſung war, dieſe Leute überhaupt aufzuſuchen; und obgleich er die 240 feſte Ueberzeugung hegte, ſeine ariſtokratiſchen Freunde würden höchſt unwahrſcheinlich von ſeinem Benehmen in einer ſo abgelegenen, wenig beſuchten Gegend etwas hören, ſo war es doch eine andere und noch weit kitz⸗ lichere Sache, wie er ſich wegen eines ſolchen Verfahrens vor ſich ſelbſt rechtfertigen ſollte. Er beſchloß daher im ächten Geiſte ſeines Standes, ſeinem Verfahren allen ſtehend, ſo daß er eine mit goldenem Saum beſetzte Weſte von weißem Caſimir zeigte— ſeine Hoſen von gleicher Farbe und gleichem Stoffe, an die ſich am Knie die hohen, blanken Stiefel anſchloſſen, bedurften nur noch der Zugabe ſeines mit Straußenfedern beſetzten Stulphutes, um eine Figur von ausgezeichneter Eleganz und Symmetrie zu bilden, Die jungen Männer jener Zeit fingen gerade an dem Haarpuder zu entſagen, Fred trug daher ſeine reichen braunen lend nach der neuen Mode— eine Mode, die ihm wohl anſtand und dazu diente, die etwas hoffärtige Haltung ſeines Kopfes zu mildern. Das Militärkoſtüm jener Zeit zeichnete ſich durch eine gewiſſe Freiheit und Zwang⸗ lofigkeit aus, die ſicherlich dazu beitrugen, die Vortheile natürlicher Schönheit zu erhöhen, gerade wie die jetzige, ſteife, preußiſche Mode bei weniger begünſtigten Indi⸗ viduen manche Mängel in Form und Geſtalt zu verde⸗ cken ſucht. Die weit herabfallenden Weſtenflügel— die tief herabhängenden Aufſchläge des Rockes— die leich⸗ ten Falten des langen Hemdes verliehen einer Uniform, die heut zu Tage für unſere Augen keineswegs einneh⸗ mend iſt, einen ſtattlichen Charakter. Wirklich wurde die anmuthige Haltung und das höfliche Benehmen im 241 Geſellſchaftszimmer weder durch das Halseiſen einer modernen Cravatte, noch durch die ſtarre Unbiegſamkeit eines faſt bis zum Berſten geſchnürten Rockes gehemmt. „Biſt Du heute im Dienſt, Fred,“ fragte Sir Marmaduke lachend, als ſein Sohn ſo ſorgfältig aufge⸗ putzt im Frühſtückszimmer eintrat. „Ja, Vater; ich habe mich zu meiner Sendung ge⸗ rüſtet; einem Geſandten würde es übel anſtehen, ſeine Beglaubigungsſchriften in gewöhnlicher Bekleidung zu überreichen.“ „Bei welchem Hof biſt Du denn beglaubigt?“ fragte Sybella lachend. „Bei Sr. Majeſtät dem O'Donoghue,“ ſiel der Vater ein;„dem Koͤnig von Glenflesk, Baron von Inchignela, Lord Protektor von— von der Hälfte der Gauner im Lande, wie ich glaube,“ fügte er in natür⸗ licherem Tone hinzu. 4 „Gehſt Du wirklich nach Carrig⸗na⸗curra, Fred?“ fragte Miß Ttavers haſtig;„willſt Du unſere Nachbarn beſuchen?“ 4 „Ich wage nicht zu behaupten, daß dies der Ort iſt, noch weniger maße ich mir an, es nach Dir auszu⸗ ſprechen, meine theure Schweſter, aber ich bin im Be⸗ griff, dieſen würdigen Leuten die Aufwartung zu machen, wenn fie mir es erlauben, in das Innere ihres Pfahl⸗ werks oder Wigwams, was es auch ſeyn mag, einen Blick zu werfen.“ „Zu ſeiner Zeit muß es ein ſehr großes Gebäude geweſen ſeyn: noch jetzt hat das alte Schloß einige hübſche Partien an ſich,“ erwiederte ſie ruhig. „Wie Windſor vermuthlich,“ verſetzte Fred, worauf er wohlgefällig den wohlanſchließenden Stiefel betrachtete, der ſein Bein zierte.„Sie werden, hoffe ich, nicht all⸗ zuviele Ceremonien machen, um mir eine Audienz zu bewilligen.“ „Vormittags glaube ich ſchwerlich,“ erwiederte Sir⸗ Lever, O'Donoghue. I. 16 Marmaduke trocken; denn er erinnerte ſich, welche Schil⸗ derung ihm der alte Roach vom ſeinem Empfang durch Kerry O'Leary gegeben habe, ein Umſtand der, nebenbei geſagt, in der Rechnung, die der Doktor dem alten Ba⸗ ronet üdergeben hatte, mit einigem Prunke ſigurirte. „O dann empfangen ſie früh Morgens,“ fuhr Fred fort;„der alte franzöſiſche Stil— das petit lever du roi— vor 10 Uhr. Noch eine Taſſe Thee, Sybella⸗ und dann muß ich mich nach einem Pferd umſehen.“ „In dieſer Hinſicht habe ich ſchon Befehle ertheilt. Ich ſchmeichle mir, mein Thier wird Dir gefallen; denn das gehöͤrt auch unter die Abſonderlichkeiten Irlands, daß ich einen ehrlichen Roßhändler gefunden habe.“ „Wirklich?“ ſagte der junge Mann mit mehr In⸗ tereſſe, als er bisher in der Unterhaltung gezeigt hatte; „den Burſchen muß ich kultivieren, in London könnte man ihn mit großem Erfolg ſehen laſſen.“ „Ohne Zweifel, Fred, er iſt eine Merkwürdigkeit; denn während er in Betreff des Werthes eines Thieres ein vollkommener Einfaltspinſel iſt, ein leichtſinniger, gutmüthiger Burſche— ſo habe ich in Rückſicht auf Kenntniß eines Pferdes, ſeiner einzelnen Theile, ſeiner Feiſnnden und ſeiner Geſundheit nie ſeines Gleichen ge⸗ ehen.“ „Ich werde ihm Auftrag geben, mir zwei Militär⸗ pferde zu verſchaffen,“ ſagte Fred, voll Freude über die Ausſicht, aus ſeiner iriſchen Reiſe wenigſtens ſo viel Gewinn zu ziehen.„Warum ſo ernſt, Sybella?“ „War ich das wirklich Fred? Ich wüßte kaum— vielleicht“— fügte ſie muthwillig hinzu—„habe ich be⸗ dauert, daß es in Carrig⸗na⸗curra keine Ladie's gibt, um einen ſo überaus ſchmucken Cavalier zu bewundern.“ Frederick erröthete leicht und zwang ſich zu lachen, aber das Bewußtſeyn, daß die Pracht ſeines Koſtüms etwas am unrechten Platze war, wurmte ihn, und er gab keine Antwort. „Du wirſt nicht lange ausbleiben, Fred,“ ſagte ſein 243 Vater;„ich moͤchte dann noch einen Sbpaziergang mit Dir nach dem See machen.“ „Nein Fred— Du mußt bald wieder kommen; es iſt höchſtens eine Stunde von hier.“ „Soll ich Dir nicht lieber einen Führer mitgeben?“ „Nein, nein; wenn der Ort größer iſt, als eine Lehmhütte, ſo kann ich ihn nicht verfehlen. So, da kommt unſer Pferd. Nun, ich geſtehe, es iſt das beſte, was ich in dieſen Gegenden geſehen habe;“ dabei öffnete der Jüngling die Fenſterthüre und ſchritt hinaus auf das Thier zu. Es war in der That eine gar nicht ſo üble Probe von Lanty's Geſchmack in Bezug auf Pferde⸗ fleiſch— ein wahres Muſter von einem feſten, ſtarkge⸗ bauten Wallachen. „Hundert Guineen, he?“ ſagte Fred in fragendem one. „Sechszig— kein Pfund mehr,“ erwiederte der alte Herr mit ſtolzem Selbſtgefühl.„Der Burſche wollte nur fünfzig; zehn gab ich noch aus freien Stücken dazu.“ Frederick beſtieg den Wallachen und ritt hin uͤber den Raſenplatz mit jener ruhigen Hand und jenem feſten Sitz, der einen Sachkenner und kompetenten Richter ver⸗ räth.„Ein wenig, ein klein wenig hartmäulig; ſonſt arbeitet er vortrefflich,“ ſagte er, indem er an das Fen⸗ ſter zurückkehrte und das Thier in einer ſolchen Stellung zeigte, daß ſein hübſches Ebenmaaß in das vortheilhaf⸗ teſte Licht trat.„Der Prinz hat eine Leidenſchaft für ein Pferd dieſer Art; ich hoffe Du biſt nicht zu ſtark daran gefeſſelt.“ „Seine Königliche Hoheit ſoll es auf der Stelle haben, Fred, wenn er Dir die Ehre erzeigen und es annehmen will.“ Bei dieſen Worten legte er einen Nach⸗ druck auf das Dir, um zu beweiſen, welches Vergnügen es ihm mache, wenn das Geſchenk von Frederick, und nicht von ihm ſelbſt dargeboten würde. „Nun alſo mit Gott und St. Georg!“ rief Fred 16 244 lachend, indem er mit ſeinem Federhut ein Lebewohl winkte, und in leichtem Galopp nach der Straße ritt. Es war ein heller, froſtiger Dezembertag, mit einem blauen Himmel droben, während unten Alles in einer durchſichtigen Atmoſphäre glänzte und ſchimmerte. Der See, klar wie Kriſtall, ſpiegelte jede Klippe, und jeden Fels am Gebirge zurück— waͤhrend jede Inſel auf ſei⸗ ner Oberfläche in ſcharf gezackten Umriſſen hervortrat, die kaum weniger ſchön waren als in dem wogenden Laubwerk des Sommers. Auch die buntgefärbten Hai⸗ den ſchimmerten in glänzendern und mannigfaltigern Farben, als dies in unſerm feuchten Klima gewöhnlich iſt; und die Stimmen, die das Schweigen unkerbrachen, wurden durch die weite Entfernung in ihren Tönen ge⸗ mildert und gedämpft, ſo daß ſie mit der Einſamkeit der großartigen Scene vortrefflich harmonirten. Auch war Frederick Travers nicht unempfindlich gegen deren Ein⸗ fluß; die Höhe dieſer kühnen Gebirge— ihre wilden phantaſtiſchen Umriſſe— die Schluchten, die ſich in der Tiefe dahin wanden— der launiſche Strom, der durch die tiefen Thäler dahinfloß, und als ob er ſein Spiel mit ihnen triebe ſich hin und her ſchlängelte, dies Alles gewährte ihm ein Landſchaftsbild, dergleichen er nie zu⸗ vor geſehen, während die vollkommene Einſamkeit ihm Furcht und Grauen einflößte. Er war noch nicht lange geritten, als ihm die hohen Thürme des alten Schloſſes Carrig⸗na⸗curra, die ſtolz auf der kühnen Felsmaſſe über der Straße emporragten, in die Augen ſielen. Die unſcheinbare Zugabe des Bauernhauſes und der Stallung verſchwand in ſolcher Entfernung oder vermiſchte ſich mit der großen Maſſe des Gebäudes, ſo daß das Ganze einen Eindruck von Größe und Ausdehnung machte, auf den er keineswegs gefaßt war. Dieſe Züge verwiſchten ſich jedoch allmälig⸗ als er näher kamz das hohe Dach, von ſchmalen, zer⸗ fallenen, verklebten Fenſtern durchbrochen— die zuſam⸗ menbrechenden Zinnen der Thürme ſelbſt— die Trüm⸗ 245 merhaufen der äußern Gebäude entzauberten ihn bald und benahmen ihm ſeine erſte, günſtigere Meinung; ſo daß er endlich, als er das mißgeſtaltete Durcheinander mit ſeinem ſchauerlichen Gebirgs⸗Hintergrund überſchaute, ſich wundern mußte, wie er es von irgend einem Geſichts⸗ punkt aus für etwas anders halten konnte, als für den düſteren Aufenthalt, den er in dieſem Augenblick vor ſich zu haben glaubte. Das einzige Weſen, das Frederick Travers während ſeines Rittes geſehen hatte, war ein Mann, der eine Flinte in der Hand trug, und ungefähr wie ein Wild⸗ hüter gekleidet war. Er eilte in einiger Entfernung von der Straße raſch über die Felder dahin, ſprang mit dem Schritt eines geübten Bergſteigers leicht von Hügel zu Hügel, und ſchien die Laſt, die er auf der einen Schulter trug, nicht einmal zu beachten; er ſchritt ſo raſch dahin, daß es Frederick ſchwierig fand, gleichen Schritt mit ihm zu halten, da die Straße tief durchſchnitten, und keines⸗ wegs ſicher zu reiten war. Da Travers gerne gewußt hätte, was der Jäger trug, ſo ſpornte er ſein Pferd eifrig an, und kam endlich, aber nicht ohne Anſtrengung an dem Gitterthore, das von der Straße aus den äu⸗ ßern Eingang in das Schloß bildete, auf Grußweite ihm nahe. Die Bürde war jetzt leicht zu erkennen, und Fre⸗ derick glaubte ſogleich den Grund zu entdecken, weshalb ſich der Träger ſo beeilt hatte. Es war ein junger, eben erſt erlegter Bock; das Blut rieſelte noch aus der Kopf⸗ wunde. „Laſſet das Thor da offen, mein lieber Junge,“ rief Frederick mit gebieteriſcher Stimme, während der Andere das zerbrechliche Portal weit aufſtieß und wieder ſchwer zurückfallen ließ—„habt Ihr mich nicht ver⸗ ſtanden?— Laſſet offen.“ 3 „Wenn wir zu Pferd ſind, ſetzen wir darüber,“ lau⸗ tete die kaltblütige Antwort, während der Sprecher den Kopf umdrehte und darauf ohne den Fremden noch eines 246 Wortes oder Blickes zu würdigen, ſeinen Weg den ſteilen Pfad hinauf fortſetzte. Travers empfand den rauhen Hohn ſchmerzlich, und hätte viel darum gegeben, wenn er in der Nähe des Spötters geweſen wäre; aber ſey es nun, daß er es verſchmähte, einen mit ſolcher Unverſchämtheit ertheilten Rath zu befolgen, oder vielleicht auch, daß er auf ſein Pferd kein all zu großes Vertrauen ſetzte, er ſtieg ab, ſchlug das Thor weit auf und ritt ſchnell den Hochweg hinan— ohne daß er jedoch im Stande war, den An⸗ dern einzuholen; denn obgleich den Weg auf beiden Seiten Mauern einſchloſſen, ſo war er doch bereits verſchwun⸗ den, aber wie und wohin, ſchien unmöglich zu erklären. „Mein Vater hat, wie es ſcheint, in ſeinem Ver⸗ zeichniß iriſcher Tugenden das Wildern vergeſſen,“ mur⸗ melte der junge Mann, indem er durch das gewölbte Thurmthor ritt und vor dem Haupteingang des Hauſes anhielt. Die Thüre ſtand offen und zeigte die luſtigen Flammen eines Tannenfeuers, das in der ſcharfen Luft des froſtigen Morgens im weiten Kamin munter brannte. „Ich ſehe, mein Ritt wird vergeblich ſeyn,“ dachte Fred, als er in die weite Halle trat und an den Wänden herum die alten Wappen und Hirſchgeweihe betrachtete. „Dieſes Volk möchte den großen Herrn ſpielen, und geht hungrig zu Bett, um von vierzehn Wappenſchilden zu träumen. Sey es ſo. Auf alle Fälle will ich das alte Dohlenneſt in Augenſchein nehmen. Mit dieſen Worten zog er kräftig an der alten Glocke, die laut Antwort gab, ſowohl in eigener Perſon, als auch durch das dumpfe Geheul des alten Fuchshundes; der damals in dem Geſellſchaftszimmer am Feuer lag. Dieſe Töne erſtarben bald, und nun erfolgte eine ſo tiefe, ununterbro⸗ chene Stille wie zuvor. Travers wiederholte das Klingeln zum zweiten, zum dritten Male, aber ohne beſſern Erfolg, außer daß der Hund nicht mehr Laut gab;— es ſchien, als habe er ſich mit der Störung, die keine weitere Aufmerkſamkeit von ihm erfordere, ausgeſöhnt. 247 „Ich muß mich ſelbſt umſehen,“ dachte Fred, band ſein Pferd an einen maſſiven Ring, woran ſonſt eine Kette über dem Portal zu hängen pflegte, und begab ſich in das Haus. Er ging gemächlich fort und erreichte den langen Corridor; ein Paar Sekunden war er un⸗ entſchloſſen, was er anfangen ſollte, als ein Lichtſchim⸗ mer aus der halb offenen Thüre des Thurmes ihn weiter leitete. Da er in die Nähe kam, hörte er die tiefe Stimme eines Mannes, der, wie es ſchien, eine Jagd⸗ geſchichte erzählte; die letzten Worte wenigſtens lauteten —„ich habe nur einmal geſchoſſen— die Heerde iſt be⸗ reits wild genug.“ Travers ſtieß die Thuͤre weit auf und tat ein; kaum hatte er dieß gethan, ſo machte er unwillkührlich Halt; die Zeugniſſe von Gewohnheiten und Gebräuchen, auf die er nicht gefaßt war, verwies ihm plötzlich ſeinen unangemeldeten Eintritt, und er hult ſich gerne zurückgezogen, wäre es jetzt möglich ge⸗ weſen. 5 „Nun, Sir,“ ſprach die gleiche Stimme, die er zuvor gehört hatte. Es war ein junger Mann, der ſich mit einem Arm auf das Kaminſtück lehnte und in der andern Hand ſeine Flinte hielt, während er ſich augen⸗ ſcheinlich mit einem blaſſen, kranken Jüngling unter⸗ halten hatte, der auf einem weichgepolſterten Armſtuhl lag. Sie beide waren die einzigen Menſchen im Zimmer. „Nun, Sir, es ſcheint faſt, Sie haben ſich verirrt; die Herberge iſt weiter unten im Thale— Sie werden einen Schild über der Thüre ſehen.“ Der Blick, der dieſe unhöfliche Rede begleitete, erinnerte Frederick ſogleich an die Geſtalt, die er im Thale geſehen hatte, und verletzt durch Unverſchämtheit von einer ſolchen Seite her, entgegnete er— „Seyd unbeſorgt, junger Burſche; Ihr dürft zehn Stunden in der Runde wildern— deßwegen habe ich Euch nicht verfolgt.“ „Wildern! Mich verfolgt!“ wiederholte Mark O'Do⸗ noghue, denn wir brauchen kaum zu ſagen, daß er es 248 war; darauf brach er, gleich als wäre er noch mehr zu Scherz als zu Zorn geneigt, in ein rauhes Gelächter aus; das blaſſe Geſicht des kranken Jünglings dagegen nede plötzlich dunkelroth, als er mit ſtammelnden Worten agte— „Sie müſſen hier fremd ſeyn, Sir.“ „Das bin ich,“ ſagte Travers mit milder Stimme und mit jener Achtung, die man Leidenden immer ſchuldig iſt;„mein Name iſt Travers. Ich bin hieher gekommen, um mich nach einem jungen Herrn zu erkundigen, der meiner Schweſter das Leben gerettet hat.“ „Dann haben Sie ihn mit Glück verfolgt,“ fiel Mark ein, mit beſonderm Nachdruck auf dem letzten Worte.„Das iſt er.“ v 3 „Wollen Sie nicht Platz nehmen,“ fragte Herbert, indem er mit ſeiner abgezehrten Hand auf einen Sitz deutete. Frederick nahm ſogleich Platz neben dem Jüngling und ſagte:—„Ihnen, Sir, ſind wir den größten Dank ſchuldig, den uns das Schickſal je aufgelegt hat; und wenn irgend etwas im Stande wäͤre, unſere Verbindlich⸗ keit zu erhöhen, ſo wäre es der Heldenmuth, die per⸗ ſönliche Kühnheit——“ „Halt da,“ ſprach Mark in ſtrengem Tone.„Bei uns hier iſt es nicht Sitte, Komplimente auf unſern Muth anzuhören— wir ſind O'Donoghue's.“ „Die Kühnheit dieſes jungen Herrn war keine ge⸗ wöhnliche,“ verſetzte Travers, durch die Stichelei eini⸗ germaßen verletzt. „Mein Bruder wird ſich durch Ihr Gerede kaum geſchmeichelt fühlen,“ lautete Marks hochmüthige Ant⸗ wort; und für einige Sekunden wußte Frederick nicht, wie er die Unterhaltung fortſetzen ſollte; endlich wendete er ſich wieder an Herbert und ſagte— „Kann ich hoffen, daß wir, ohne Sie zu beleidigen, das Gefühl, von dem ich ſpreche, in irgend einer Art ausdrücken dürfen? Es handelt ſich um eine Schuld, die 249 nicht getilgt werden kann: erlauben Sie uns wenigſtens irgend einen Beweis, daß wir ſie anerkennen.“ „Um ſo mehr Aehnlichkeit hat ſie mit unſern eige⸗ nen Schulden,“ ſiel Mark mit wildem Gelächter ein; „Urkunden haben wir genug, aber wir bezahlen nicht. Der Verwalter Ihres Vaters könnte Ihnen davon er⸗ zäͤhlen.“ 5 Frederick widmete dieſer Rede ſcheinbar keine Auf⸗ merkſamkeit, ſondern fuhr fort—„Wenn ich ſage, daß nichts in unſerer Gewalt ſteht, was wir für hinlänglich halten können, ſo drücke ich nur meines Vaters und meine eigenen Gefühle aus.“ „Halt,“ rief Mark, indem er Herbert, der eine Ant⸗ wort auf der Zunge hatte, zuvorkam,„Sie haben weit mehr Worte gemacht, als eine naſſe Jacke und ein Paar Wochen lang ſchmale Koſt verdienen. Erklären Sie ſich lieber über das Wildern, wovon Sie geſprochen haben.“ Sein feſter, ſtarrer Blick— die gerunzelte Stirne, womit dieſe Worte begleitet worden, verriethen ſogleich die Abſicht eines Menſchen, der Genugthuung für eine Beleidigung verlangte, und drückten dieſen Sinn ſo ſchnell und ſo deutlich aus, daß Travers in einer Se⸗ kunde den ganzen Zweck ſeiner Sendung vergeſſen hatte; er ſprang auf und flüſterte folgende, nur Mark verſtaͤnd⸗ liche Antwort— „Freilich habe ich nur ſo auf Geradewohl vermu⸗ thet,, aber wenn wir in England einer mancheſternen Jacke und einem durchlöcherten Hut, begleitet von einer Flinte und einer Jagdtaſche begegnen, ſo laufen wir wenig Gefahr, wenn wir den Eigenthümer für einen Jagdhuter oder Wilddieb erklären.“ Mark ſtieß ſeine Flinte mit ſolcher Heftigkeit auf den Boden, daß der Schaft vom Lauf abſprang, wäh⸗ rend er mit der andern Hand krampfhaft nach dem Winkel des Kaminſtückes griff. Der Zorn ſchien ihn gänzlich gelähmt zu haben. Während er ſo dort ſtand, öffnete ſich die Thüre und herein trat Kate ODonoghue. 25⁵⁰ Sie war in einem reizenden Morgen⸗Negligé und trug auf dem Kopfe eine jener ſilbergeſtickten Kappen von blauem Sammt, die unter dem Landvolk in den deut⸗ ſchen Rheingegenden ſo gewöhnlich ſind. Das leichte Schweben ihres Schrittes, während ſie ohne irgend eine Ahnung von der Anweſenheit eines Fremden hereinkam, zeigte ihre Geſtalt im anmuthigſten Lichte. Plötzlich ſielen ihre Augen auf Frederick Travers, ſie hielt inne und begrüßte ihn mit leiſer Stimme, während er, voll Staunen über das unerwartete Wiederfinden ſeiner Rei⸗ ſegefährtin, kaum im Stande war, ihren Gruß mit ge⸗ hörigem Anſtand zu erwiedern. „Mr. Travers,“ ſagte Herbert, nachdem er vergeb⸗ lich gewartet hatte, ob nicht Mark ſprechen würde;„Mr. Travers war ſo gütig hieherzukommen um ſich nach mir zu erkundigen. Miß O'Donoghue, Sir,“ mit dieſen Worten ſuchte der Jüngling nicht ohne einige Schüch⸗ ternheit die Ceremonie der Vorſtellung auf ſich zu nehmen. „Mein Vetter, Mr. Mark O'Donoghue,“ ſagte Kate, mit einer anmuthigen Handbewegung gegen Mark, aus deſſen Haltung ſie vermuthete, daß er Travers nicht bekannt ſey. „Ich habe bereits ſelbſt die Ehre gehabt mich vor⸗ zuſtellen,“ erwiederte Frederick mit einer Verbeugung; Mark aber erwiederte die Verbeugung nicht, ſondern ſtand ſtille mit geſenktem Kopfe und gepreßter Lippe, dem An⸗ ſchein nach unbekümmert um Alles, was um ihn her vorging, während Kate ſich ſetzte und Travers erſuchte, ſeinen Platz wieder einzunehmen. Sie merkte, wie noth⸗ wendig es war, durch ihr Benehmen die auffallende Rauhheit ihres Vetters wieder gut zu machen: und da ihre anfängliche Beſorgniß⸗ Frederick's Beſuch möchte ihr gelten, verſchwunden war, knüpfte ſie mit ihm eine un⸗ befangene, fröhliche Unterhaltung an, über die Begeb⸗ niſſe ihrer letzten Reiſe und uͤber ihre beiderſeitigen Reiſegefährten. 251 Wenn Kate nicht zu ihrem Bedauern erfuhr, daß die„Lodge“ von Perſonen bewohnt wurde, die vermöge ihres Standes und Ranges angenehme Nachbarn ſeyn konnten, war anderſeits Travers höchſt erfreut, ſolche Reize in ſo geringer Entfernung zu wiſſen, während ſich Herbert verwunderte, wie Perſonen, die noch ſo wenig bekannt mit einander waren, einander ſo viele, und wie es ſchien, beiderſeits ſo intereſſante Dinge zu ſagen hatten. Aber ſo iſt es, wer die Welt und ihre Sitten nicht kennt, begreift kaum die große Ausdehnung jener Allge⸗ meinheiten, die den Stoff der täglichen Unterhaltung bilden— ebenſowenig das Intereſſe, womit ſo manche das Spiel des Lebens ſpielen, und ſich noch dazu falſcher Münze bedienen. Anfangs lauſchte er mit Erſtaunen, hernach mit Entzücken der anmuthigen Zungenfertigkeit beider, wenn ſie abwechſelnd über Scenen, Luſtbarkeiten und Menſchen ſprachen, von denen er faſt noch nie ge⸗ hört hatte. Die Gentilesse des franzöſiſchen Weſens — wollte Gott, wir hätten in unſerer Sprache einen Namen dafür— theilte dem Geſpräche Kate's eine anmuthige Leichtigkeit mit, die unſere förmlichern Sitten ſelten er⸗ lauben, und während in ihrem Koſtüm und ihrer Hal⸗ tung eine gewiſſe Koketterie zu bemerken war, miſchte ſich doch kein Zug von Geziertheit in ihre Meinungen oder Ausdrücke. Travers, der ſeit langer Zeit an die beſte Geſellſchaft in London gewöhnt war, hatte bisher doch kaum etwas von dem Zauber fremder Anmuth ge⸗ ſehen und überließ ſich ſo unwillkürlich ihrem Reize, daß unbemerkt eine Stunde dahinſtrich, daß er den großen Zweck ſeines Beſuches gänzlich vergaß und alle Erinnerung an das unglückliche Thier verlor, das er an den Thürring gebunden hatte— unglücklich ſagen wir, denn ſchon begann draußen ein ſchweres Schneege⸗ ſtöber, und der Tag hatte ein echt winterliches Ausſehen angenommen. „Sie können jetzt nicht gehen, Sir,“ ſagte Herbert, gls Frederick aufſtand um ſich zu empfehlen;—„drau⸗ 2⁵² ßen ſtürmt ein wildes Schneegeſtöber;“ der Jüngling fand nämlich an allem was er hörte ein ſolches Intereſſe, daß er den Gedanken an ſeine Abreiſe nicht ertragen konnte. „Oh das iſt nichts,“ ſprach Travers in leichtem Tone.„Ein altes Sprichwort ſagt— Schnee darf keinen Soldaten ſchrecken.“ „Die franzöſiſchen Soldaten haben ein anderes Sprüchwort,“ ſagte Kate lachend, indem ſie auf den flammenden Herd deutete—„Le Soldat ne tourne pas son dos au feut.(Der Soldat wendet dem Feuer den Rücken nicht.) „Ich nehme die Vorbedeutung an,“ rief Frederick, über die falſche, aber witzige Anwendung des Sprüch⸗ worts herzlich lachend, und nahm ſeinen Sitz wieder ein. „Bäschen Kate ſpielt Schach,“ ſagte Herbert, voll Vegierde, einen annehmbaren Vorwand aufzufinden, um Frederick's Entfernung zu verzögern. „Ich liebe das Spiel leidenſchaftlich; kann ich viel⸗ leicht das Vergnügen haben?“ „Sehr gerne,“ ſagte ſie lächelnd;„ich ſtelle nur eine Bedingung, point de gräce— es darf nichts zu⸗ rückgegeben werden— die O⸗Donoghue's nehmen und geben nie Pardon; nicht wahr, Mark? O! er iſt fort;“ und jetzt bemerkte man zum erſten Mal, daß er das Zimmer verlaſſen hatte. Wenige Augenblicke nachher hatten ſie den kleinen eingelegten Tiſch hart an's Feuer gerückt und waren gänzlich in das Spiel vertieft. Anfangs ſpielten beide mit anſcheinender Aufmerk⸗ ſamkeit, die wenigſtens Herbert täuſchte, der mit ge⸗ ſpannter Begierde den Fortgang des Spiels beobachtete. Frederick Travers war jedoch weit mehr mit Beobachtung ſeiner Gegnerin, als mit Anordnung ſeiner Thürme und Bauern beſchäftigt. Sie dagegen, die ſeine Unaufmerk⸗ ſamkeit bald bemerkte, hatte ihn halb im Verdacht, er halte ſie für einen Feind, gegen den es nicht der Mühe 253 werth ſey alle ſeine Geſchicklichkeit aufzubieten, und ſo widmete ſie dem Spiele, zum Theil aus Bosheit, mehr Aufmerkſamkeit als anfangs. „So, Mademoiſelle,“ rief endlich Travers, als er ſich wieder auf ſein Spiel beſann.„Ich ſehe, Sie haben mir nur deßwegen erlaubt, ſo weit vorzudringen, um mir den Rückzug für immer abzuſchneiden. Wie ſoll ich mich jetzt retten?“ „Das iſt ſchwer zu ſagen, Herr Kapitän. Es iſt die alte, gegenſeitige Taktik der Celten und Sachſen; Sie wollten in's Herz des feindlichen Landes vordrin⸗ gen, und da unglücklicher Weiſe die Figuren von Elfen⸗ bein treuer find, als die Eingeborenen hier waren, und ſich nicht beſtechen laſſen wollen, um gegen ihre Brüder zu fechten, ſo müſſen Sie, je nachdem Sie es ſelbſt verdienen, ſtehen oder fallen.“ Sch„Nun denn, friſch gewagt iſt halb gewonnen. S ach.“ „Sie verlieren Ihren Thurm.“ „Und Sie Ihren Biſchof(Läufer)!“ „Wir müſſen die Kirche rächen, Sir. Haben Sie Acht auf Ihre Königin.“ „Parbleu Mademoiſelle, Sie ſind ein grauſamer Feind. Was ſagen Sie dazu, wollen wir die Schlacht unentſchieden laſſen?“ „Nein, nein, Bäschen Kate; fahren Sie fort und Sie werden gewinnen.“, „Nun ſo ſey es. Und jetzt bin ich an der Reihe,“ ſagte Travers, der wirklich ein Spieler erſten Ranges war, und endlich anfing, ſich für das Reſultat zu in⸗ tereſſiren. Die Bewegung, die er machte, bewies ſo viel Ge⸗ ſchicklichkeit, daß Kate vorherſah, das Glück des Tages werde ſich bald ändern. Sie ſtützte die Stirne auf die Hand und beſann ſich lange uber ihren Zug; endlich erhob ſie den Kopf und ſagte— „Es würde mir großes Vergnügen machen, Sie 254 zu ſchlagen— aber bedenken Sie wohl, in ehrlichem Kampf— keine Galanterie, keine Gnade.“ „Ich darf an beides nicht, denken,“ ſagte Travers lächelnd. „Dann iſt Niederlage keine Schande. Ich ziehe ſo.“ „Und ich ſo,“ rief Fred eben ſo raſch. „Was hindert mich, Sie zu nehmen. Ich ſehe nichts.“ „Ich eben ſo wenig,“ verſetzte er halb verdrießlich, denn ſein Zug war ein Verſehen. „Sie ſind zu ſtolz, als daß Sie um Gnade bitten — natürlich zu ſtolz— ſonſt würde ich ſagen, Sie ſoll⸗ ten es zurücknehmen.“— „Nein, Kate, nein,“ flüſterte Herbert, deſſen Span⸗ nung den höchſten Grad erreicht hatte. „Ich muß mein Schickſal erwarten,“ ſagte Frede⸗ rick ſich verbeugend;„um ſo ruhiger, da ich das Spiel gewonnen habe.“ „Das Spiel gewonnen! Wie?— Wo?“ „Schach!“ „Wie ſpöttiſch er es jetzt ſagt,“ ſprach Kate, wäh⸗ rend ihre Augen funkelten.„In dem ganzen Benehmen liegt zu viel vom Sieger.“ Frederick's Blick begegnete in dieſem Augenblick dem ihrigen und ihre Wange färbte ſich roth. Wer kennt die Quelle ſolcher Regungen, oder aus wie viel Luſt und Schmerz ſie beſtehen! „Und doch, ich habe nicht gewonnen,“ ſprach er mit leiſer Stimme. „Dann wollen wir es unentſchieden laſſen,“ ſagte Kate.„Sie können den Großmüthigen ſpielen, aber ich kann es nicht ertragen, geſchlagen zu werden.— Das iſt die Wahrheit vom Ganzen.“ „Wenn ich nur gewinnen könnte!“ murmelte Tra⸗ vers, indem er vom Tiſch aufſtand; aber ob ſie nun die Worte überhörte und nicht merkte, daß ſie mehr enthiel⸗ 255 ten, als eine bloße Anſpielung auf das Schach, kurz, ſie kehrte ſich haſtig um und ging auf das Fenſter zu. „Iſt der Schneeball da drunten Ihr Pferd, Herr Kapitän?“ fragte ſie mit muthwilligem Lächeln. „Meines Vaters Leibpferd, beim Jupiter!“ rief Frederick; und als ſey ihm plötzlich die Erinnerung an ſeinen langen Beſuch in den Sinn gekommen, verab⸗ ſchiedete er ſich mit mehr Verwirrung, als einem faſhio⸗ nablen Gardeoffizier eigentlich ziemte— und ging ſei⸗ nes Weges. „Er gefällt mir,“ ſagte Herbert, als er ihm zum Fenſter hinaus nachſah; Ihnen nicht auch Bäschen Kate?“ Aber Bäschen Kate gab keine Antwort. 5 Zwanzigſtes Kapitel. Verſuchung in einer ſchwachen Stunde. Als Mark O'Donoghue das Zimmer verließ, war ſein Zorn faſt unzähmbar geworden— der Eintritt von Bäschen Kate hatte den Strom ſeines Ingrimmes nur gedämmt— und während der wenigen Augenblicke nachher, in denen er ſich ſtill verhielt, war ſein Tem⸗ perament auf eine grauſame Probe geſtellt worden, da er von ihrem höflichen Benehmen gegen den Fremden und von der augenſcheinlichen Vertraulichkeit, die zwi⸗ ſchen ihnen beſtand, Zeuge ſeyn mußte.„Das hätte ich wiſſen ſollen,“ murmelte er ein Mal über das an⸗ dere Mal vor ſich hin.—„Das hätte ich wiſſen ſollen! die bunte Jacke dieſes Burſchen und ſein Federhut ſind ihrem Weiberherzen lieber, als die rauhe Verehrung eines Menſchen wie ich bin. Fluch über ſie, überall hin erſtreckt ſich ihre Verfolgung— auf Haus, Heimat, Land, Rang, Reichthum, Stellung— ja ſogar die iiebe unſerer Verwandten mißgönnen ſie uns! hat je 256 eine ähnliche Selaverei beſtanden? Und mit dieſen herben Worten, dem Erzeugniß noch herberer Gedanken, ſchritt er den Pfad hinab und erreichte die Straße. Es war ein dichtes Schneegeſtöber— ein kalter Nordwind jagte die dünnen Flocken umher— aber er achtete es nicht. Das Feuer des Zorns, das in ſeinem Buſen brannte, trotzte der Kälte des Winters; und mit pochender Stirne, mit fieberhafter Hand ſchritt er dahin, von Zeit zu Zeit ſich umkehrend, um einen Blick auf das alte Schloß zu werfen, von woher er jeden Augenblick Travers erwar⸗ tete. Bald eilte er begierig vorwärts, gleich als wollte er irgend einen beſtimmten Punkt erreichen— bald hielt er inne und kehrte zurück, zweifelhaft, gleich als ſey er halb entſchloſſen wieder heim zu gehen. „Erniedrigt, beſchimpft, geſchmäht am Herde meines väterlichen Hauſes!“ rief er laut, indem er in Ver⸗ zweiflung ſeine Hände rang und ſeinem Zorne Luft machte. Wieder ſchritt er vorwärts und gelangte end⸗ lich an den Theil des Thales, wo die Straße zwiſchen den zwer Gebirgen, die ſich zu beiden Seiten gleich Wänden mehrere hundert Fuß hoch erheben, durchge⸗ hauen ſchien. Hier machte er Halt, und nachdem er die Stelle einige Sekunden lang unterſucht hatte, mur⸗ melte er vor ſich hin:„Er hat keine Wahl hier, ent⸗ e* weder muß er ſtehen oder umkehren!“ Mit dieſen Wor⸗ ten zog er aus der Bruſttaſche zwei Piſtolen, unterſuchte das Zündkraut von beiden, und ſteckte ſie darauf wieder zu ſich. Die Ausſicht auf baldige Rache ſchien ſeinen Geiſt beſchwichtigt zu haben, denn jetzt ging er mit langſamem Schritte auf und ab, gleich einer Schildwache auf ihrem Poſten, hielt nur gelegentlich inne, um zu horchen, ob nicht auf der Straße Pferdehufe ſich ver⸗ nehmen ließen, und ſetzte darauf ſeinen Spaziergang wieder fort. Einmal fuhr er zuſammen, als er in dem Gebüſche über ſeinem Haupte etwas rauſchen hörte, aber die über die Straße haͤngenden Granitſelſen hinderten 257 ihn zu ſehen, woher es kam, und ſein Sinn beſchäf⸗ tigte ſich jetzt mit einem ganz andern Gegenſtand, als mit der Verfolgung des Hirſches. In dieſem Augenblicke hätte der ſtolzeſte aus der Heerde auf Piſtolenſchußweite ſicher vor ihm graſen dürfen— er hätte es verſchmäht, Notiz davon zu nehmen. So verſtrich eine Stunde— eine zweite— eine dritte— und ſchon brachen die düſtern Schatten der nahenden Nacht herein— aber es wollte noch immer Niemand kommen. Gequält von ſelt⸗ ſamen Vermuthungen ſah Mark den Tag ſchwinden, und doch ließ der, auf den er wartete, nichts von ſich ſehen, noch hören. Die Dichter ſollen ſchweigen von der glühenden Herzens⸗Sehnſucht eines Liebenden, wenn er mit pochenden Pulſen diejenige erwartet, deren Lächeln für ihn Leben, Hoffnung und Himmel iſt. Verglichen mit der raſenden Ungeduld des nach Rache Duͤrſtenden iſt ſeine Leidenſchaft nur ein träger Stumpfſinn. Das Böſe iſt's, was ſtets die höchſte Energie der menſchlichen— Natur hervorruft. Nur im Verbrechen erhebt ſich der Menſch über die gewöhnlichen Eigenſchaften der Menſch⸗ heit. Hier war jetzt Einer, der für einen kurzen Augen⸗ blick der Rache ſeine rechte Hand unter das Beil gelegt, und der gerne ganze Jahre voll Leiden auf ſich genom⸗ men hätte, wäre nur jetzt ſein Feind vor ihm erſchienen. „Er muß meine Meinung, als ich das Zimmer ver⸗ ließ, errathen haben,“ murmelte er jetzt voll Hohn vor ſich hin, während ſein ungeſättigter Zorn die Geſtalt hochmüthiger Verachtung gegen ſeinen Feind annahm. „Ein Irländer hätte keines deutlicheren Winkes bedurft!“ Es wurde dunkler— die Berge zürnten drohend unter der Wolkendecke und die Nacht brach ſchnell herein, als Mark aus dem Düſter ſeiner faſt erloſchenen Hoff⸗ nung plötzlich erweckt wurde. Er hörte den Hufſchlag eines Pferdes; der dumpfe Wiederhall auf dem tiefen Schnee erfüllte die Luft, und zuweilen ſchien er von Lever, O'Donoghue l. 17 258 der entgegengeſetzten Seite des Thales zu kommen, als er ſchwächer und endlich faſt unhörbar wurde. „Es iſt noch hell genug, wenn wir dort auf die breite Straße gehen,“ ſprach Mark vor ſich bin, wäh⸗ rend er ſich vorbeugte um zu lauſchen; in dieſem Augenblick ſah er einen Mann, der ſein Pferd am Zügel führte, während er ſelbſt auf der Straße, wo noch kein Schnee bingefallen war, gleich wie nach einem ver⸗ lornen Gegenſtand zu ſuchen ſchien. Auf den erſten Blick auch bei dem unvollkommenen Licht und in einer Entfernung von etlichen dreißig Schritten, erkannte Mark, daß es nicht die Perſon war, die er ſuchte, und hätte nicht die Haltung derſelben ſeine Neugierde ge⸗ feſſelt, ſo hätte er keinen zweiten Blick auf ſie ver⸗ ſchwendet, aber der Reiter hatte inzwiſchen Halt gemacht und ſcharrte mit dem Griff ſeiner Reitpeitſche unter den Kieſeln des Bergſtromes herum, „Ich finde es nicht mehr— es iſt vergebliche Mühe!“ rief der Sucher aus, indem er die Zügel wie⸗ der zuſammennahm und ſich anſchickte aufzuſteigen. „Seh ich recht? Lanty Lawler?“ rief Mark, als er die Stimme erkannte,„hören Sie, ſind Sie nicht einem jungen Offizier begegnet, der in der Richtung von Carrig⸗na⸗curra das Thal herunter ritt?“ „Nein, gewiß nicht, Mr. Mark— ich ſah keine lebendige Seele ſeitdem ich Bandry verlieg.“ Der junge Mann hielt einige Sekunden inne— darauf ſprach er, gleich als wollte er alle Gedanken von ſeiner Frage ablenken:„Was haben Sie da herum verloren?“ 3 „O, mehr als ich werth bin,“ lautete die Ant⸗ wort, vermiſcht mit einem tiefen ſchweren Seufzer— „aber, gerechter Himmel! wozu dieſe Piſtolen? O, Mr. Mark, lieber Herr— gewiß— gewiß—— „Was iſt gewiß?“ rief der Jüngling mit heiſerem Gelächter—„gewiß, ich bin kein Straßenräuber ge⸗ worden. Iſt es das, was Sie ſagen wollten? Be⸗ 259 ruhigen Sie ſich, Lanty— bis zu dieſem Punkte bin ich doch noch nicht gekommen, obſchon ich, wenn Gleich⸗ gültigkeit gegen das Leben einen Mann in Verſuchung führen kann, eben nicht behaupten möchte, daß ich weit davon entfernt ſey.“ „Alſo ein Duell,“ verſetzte Lanty ſchnell,„aber ich hoffe, Sie ſchlagen ſich nicht ohne Sekundanten. O, das iſt ſo gut wie Mord— was hat er Ihnen gethan? War es Einer von den Burſchen, die Sie in Cork trafen?”? „Sie ſind ganz auf dem Holzweg,“ ſprach Mark in mürriſchem Tone. Indeſſen iſt es genug, daß kei⸗ ner von uns beiden gefunden zu haben ſcheint, was er geſucht hat. Sie haben Ihr Geheimniß, ich das meinige“ „O, wahrlich, das meinige iſt bald geſagt— es war meine Brieftaſche, mit einem Werth von ſiebzig Pfund in Gold, die ich vor drei Wochen hier verlor und nie habe ich ſeither etwas davon wiedergeſehen, auch waren Papiere darin— ja fürwahr, Papiere von großem Werth— und ohne ſie darf ich dem Vater Luke nicht mehr vor die Augen treten. Wenn er hört, was ſich ereignet hat, muß ich ohne weiteres das Land verlaſſen.“ „Wohin gehen Sie jetzt?“ fragte Mark mit düſterm Blicke. „Ich gehe nach Mary's Herberge, um dort zu über⸗ nachten. Vielleicht gehen Sie auch mit hinab und neh⸗ men etwas zu Nacht? Wenn der Mond aufgeht, wird ſich das Wetter aufklären.”“ Der junge Mann kehrte ſich um, ohne zu ſprechen, und ſchlug den gleichen Weg wie Lanty ein. Der Roßhändler kannte die menſchliche Natur zu gut, um ein Vertrauen, von dem er vorher ſah, daß es ihm endlich freiwillig zu Theil werden müſſe, heraus⸗ zupreſſen; er ging daher neben Mark dahin ohne ein Wort zu ſprechen, und ſchien in ſeine eigenen wichtigen Gedanken vertieft. Seine Berechnung bewährte ſich als 17 260 richtig. Sie hatten noch nicht viele Schritte zurückgelegt, als der junge O'Donoghue ſein ganzes Herz vor ihm ausſchüttete und ihm mit aller energiſchen Beredtſamkeit verwundeten Stolzes von der Schmach erzählte, die er in ſeinem eigenen Hauſe, vor den Augen ſeines jüngern Bruders habe erleiden müſſen. Er ſchilderte, ohne den geringſten Umſtand dabei zu vergeſſen, das hochmüthige, unverſchämte Benehmen Frederik Travers— mit wel⸗ cher kaltblütigen Zuverſicht er in das Haus getreten ſey und mit weicher gleichgültigen Leichtfertigkeit er ſein Bäschen Kate behandelt habe. „Ich habe meine Heimat verlaſſen mit einem Eid, nicht ungerächt zurückzukehren,“ ſprach er,„ich thue es gewiß nicht, obgleich dießmal das Glück gegen mich zu ſeyn ſcheint. Wäre er nur gekommen, ich hätte ihn die Piſtole und ſeine eigene Diſtanz wählen laſſen. Meine Hand iſt ſicher, auf fünf Schritte ſo gut wie auf dreißig, aber noch iſt er mir nicht entronnen.“ „Lanty unterbrach die Erzählung nie, außer um von Zeit zu Zeit eine Frage zu ſtellen, deren Beant⸗ wortung in dem Jüngling immer noch tieferen Unwillen erregen mußte. Ein dumpf gemurmelter Commentar, der eine herzliche Sympathie mit ſeinem Schmerze aus⸗ drücken ſollte, war alles, was er über ſeine Lippen gehen ließ, ſo wurde Marks leidenſchaftliche Heftigkeit genährt und ſein Zorn ſtieg allmälig bis zum Wahnſinn. „Kommen Sie jetzt herein,“ ſagte Lanty, als er vor Mary's Hütte Halt machte,„aber ſagen Sie kein Wort von dieſer Sache. Ich habe einen Gedanken im Kopf, der Ihnen gute Dienſte leiſten kann, aber hal⸗ ten Sie reinen Mund vor den Leuten— verſtehen Sie mich?“ In dieſen Worten lag ein geheimnißvoller, myſteriö⸗ ſer Ton, deſſen Sinn Mark nicht durchdringen konnte, aber wie dunkel auch derſelbe war, ſie ſchienen einige Hoffnung auf jene Rache zu verſprechen, nach der ſein 261 Herz lechzte, und mit dieſem Glauben ging er in das Haus.— Mary empfing ſie mit gewohnter Gaſtfreundſchaft— Lanty war ein erwarteter Gaſt— und ſte bewies, wie geſchmeichelt ſie ſich fühlte, den jungen O'Donoghue unter ihrem Dache zu haben. „Ich dachte, Sie haben mich gänzlich vergeſſen, Mr. Mark,“ ſagte ſte.„Sie ſind ſchon zweimal an der Thure vorüber gegangen, und haben nicht einmal geſagt: Grüß Gott, Mary.“ 3 „Bei alle dem habe ich Euch nicht vergeſſen, Mary,“ ſprach er mit Wärme,„ich beſitze zu wenig Freunde in der Welt, als daß ich einen davon entbehren möchte; aber es iſt mir in der letzten Zeit allerlei im Kopf herum gegangen.“ Geſchlecht— das beſte Blut in Kerry, ſtreift jetzt mut⸗ terſel allein herum, anſtatt gefolgt von einer Diener⸗ ſchaar mit goldgeſtickten Wappenröcken, gleich Ihrem Großvater— der Himmel ſey ſein Bett! acht und dreißig Mann zu Pferd, bewaffnet, ja, und wohlbewaffnet, ritten hinter ihm her an dem Tage, da der engliſche General herüberkam, um die bei Bantry einquartirten Truppen zu muſtern.“ „Kein Wunder, daß wir jetzt zu Fuß gehen müſſen,“ ſagte Mark mit Bitterkeit. „Nun, nun— es iſt Gottes Wille,“ verſetzte Mary mit einem frommen Stoßſeufzer;„und wer weiß was Ihnen noch bevorſteht.“ „Das iſt es eben was ich ſagen wollte,“ ſprach Lanty, der nur den rechten Augenblick abgewartet hatte, um ſich ins Geſpräch zu miſchen.„Schöne Zeiten ſind im Anzug.“ Mary ſtarrte den Sprecher mit begierigem Blicke an, als wünſche ſie ſeiner Rede einen tiefern Sinn zu 2 262 entlocken, als in den bloßen Worten lag; aber auf eine Geberde von Lanty hin unterdrückte ſie ihre Neugierde und ſchickte ſich an, das Abendeſſen aufzutragen, das nur auf ſeine Ankunft gewartet hatte. Mark aß nur wenig obgleich Marys Kochkunſt nicht ohne ihre verführeriſche Reize war; aber von dem Wein, — und es war ſtarker Burgunder— trank er reichlich. Einen Becher nach dem andern ſtürzte er hinab, mit je⸗ ner heftigen Begierde den Durſt zu ſtillen, die mehr eine von Leidenſchaft als von Krankheit fieberiſch aufgeregte Seele verräth. Dennoch, ſo viel er auch trank, zeigte ſich keine Spur von Berauſchung; im Gegentheil, in ſei⸗ nen Worten lag ein Ton von immer feſterer Entſchloſſenheit und ein beſtimmterer Vorſatz als anfangs, da er erzählte, wie er verſprochen habe, ſeinen Vater nie zu verlaſſen, obſchon alle ſeine Hoffnungen auf die ruhmvolle Laufbahn gerichtet ſeien, die ſich ihm in einem fremden Dienſte öff⸗ nen würde. 4 „Da haben Sie kein gutes Gelübde geleiſtet und die Heiligen mögen Ihnen beiſtehen es zu halten,“ ſagte Mary. 1 „Und was den Ruhm betrifft, ſo kann man den viel⸗ leicht hier in der Heimat gewinnen, ohne daß man ihn weit zu ſuchen braucht,“ ſiel Lanty ein. „Was meinen Sie damit?“ fragte Mark begierig. „Füllen Sie Ihr Glas. Nehmen Sie das große; denn ich will einen Toaſt ausbringen— ſind Sie fertig? Nun alſo— Achtung: Feſt geſinnt, Ein öſtlicher Wind, Und der Teufel hinter den Sachſen.“ Mark wiederholte die Knittelverſe ſo gut er konnte und trank nur auf den einzigen Spruch, den er verſtehen konnte, auf den letzten Theil nämlich, mit allem Enthu⸗ ſtasmus. „Jetzt könnt Ihr ihm ſagen, was Ihr wollt,“ flü⸗- ſterte Mary dem Roßhändler ins Ohr; denn ihr Scharf⸗ 8 263 ſinn erkannte, daß ſein Blut vom Wein erhitzt und ſein Herz jeder Mittheilung offen war. Lanty zögerte nur eine Sekunde, darauf rückte er ſeinen Stuhl hart neben Mark und ſagte— „Ich bin jetzt im Begriff mein Leben in Ihre Hände zu geben, aber ich kann nicht anders. Wenn Irland auf dem Punkte ſteht, für die Freiheit zu kämpfen, ſo ſollte nicht ein O'Donoghue der Letzte in den Reihen ſein. Schwören Sie mir, nie etwas von dem zu erwähnen. was ich Ihnen ſagen werde— ſchwören Sie mir auf das Buch.“ Im gleichen Augenblick gab ihm Mary ein Gebet⸗ buch in die Hand mit einem goldenen Kreuz auf dem Einband; Mark nahm es ehrerbietig an und küßte es zweimal.„Genug— Ihr Wort würde mir genügen, aber ich muß denen gehorchen, die über mir ſtehen.“ Mit dieſen Worten begann Lanty dem erſtaunten jungen O'Donoghue den Plan einer franzöſiſchen Landung in Irland vorzulegen— nicht in unbeſtimmten, vagen Aus⸗ drücken, nicht in der bloßen Sprache des Gerüchtes oder zufälliger Anſpielung, ſondern mit ſolchen Rückſichten auf Zeit und Umſtände, die ihm den Anſchein einer mit ihrem Gegenſtand vertrauten Perſon gaben. Die Wie⸗ derherſtellung iriſcher Unabhängigkeit— die Wiederein⸗ löſung verwirkter Güter— die Rückkehr des ächten Lan⸗ desadels zu ſeiner lang verlornen, einflußreichen und her⸗ vorragenden Stellung, dies waren die Hauptpunkte, über die er ſich mit vollendeter Geſchicklichkeit verbreitete, in⸗ dem er jede Thatſache hervorhob, die bei der eigenen Lage des Jünglings ihre beſondere Wirkung auf ihn aus⸗ üben mußte, auf ihn, der nicht länger zum bloßen Bauern erniedrigt bleiben ſondern ſeine rechtmäßige Stel⸗ lung wieder einnehmen und an die Spitze ſeines großen Gutes treten würde— als Erbe eines geehrten Namens und Hauſes. Das Gerücht von franzöſtſcher Sympathie mit den Leiden Irlands, welches das Tagesgeſpräch bil⸗ dete, kannte Lanty wohl, überdies glaubte er auch unbe⸗ 1— 264 dingt daran. Er hatte oft die Gründe gehört, die für den Erfolg einer ſolchen Expedition ſprachen— eigent⸗ lich die Gründe, weshalb ein Mißlingen für unmöglich gehalten wurde. Dieſe wiederholte er in fließendem Vor⸗ trage, indem er ſeiner Erzählung den Anſtrich einer un⸗ beſtreitbaren Mittheilung gab, und dann ſagte er ihm von Breſt nach Dublin habe man bei günſtigem Wind, bei jenem„öſtlichen“ Wind, auf den der Toaſt anſpielte fünfzig Stunden zu ſegeln; die Franzoſen könnten dreißig, ja fünfzigtauſend Mann nach Irland ſchicken, ohne da⸗ durch ihre eigene Armee merklich zu ſchwächen. England ſei durch Parteigeiſt zerrüttet, durch Schulden verarmt, durchaus unfähig, eine Invaſion abzuwehren, und wenn Irland nur ſich ſelbſt treu bleibe, ſo ſei an einem Er⸗ folg gar nicht zu zweifeln. Auch ſprach er davon, wie in Irland bereits Ver⸗ ſchwörungen und Verbindungen beſtehen, die bereit ſeien, die Unabhängigkeit ihres Landes zu erkämpfen; die An⸗ dern aber, die ſich der guten Sache ferne hielten, oder gar ihr widerſtrebten, ſollen wie Feinde behandelt wer⸗ den. Auf der Ausdehnung und Vollſtändigkeit der Or⸗ ganiſation verweilte er mit ſtolzer Zufriedenheit; als er aber von großen Maſſen ſprach, die zu gemeinſchaftlichen Bewegungen geübt werden, unterbrach ihn Mark ploͤtz⸗ lich mit den Worten— „Ja, ich habe ſie geſehen; es iſt noch keine Woche, daß einige Hunderte um Mitternacht durch dieſes Thal marſchirten.“ „Ja, das war Holt's Mannſchaft,“ ſagte Mary ruhig;„und hübſche Männer ſinds, das muß man ſagen.“ „Sie waren unbewaffnet,“ ſprach Mark. „Wahrſcheinlich, weil der General ihre Waffen nicht muſtern wollte.“ „Waffen ſind genug da, wenn die Zeit kommt um ſie zu brauchen,“ fiel Mary ein. „Wollt Ihr ihm nicht zeigen—“ aber Lanty zögerte 265 eine Rede zu ſchließen, deren Unklugheit er bereits inne wurde. „Freilich will ich,“ erwiederte Mary.„Ich hake nie Einem ſeines Namens mißtraut;“ damit erhob ſie ſich von der Feuerſtelle und nahm ein Licht in die Hand. „Kommen Sie auf eine Minute hieher, Mr. Mark.“ Sie ſchloß in der Hinterwand der Hütte eine kleine Thüre auf, betrat einen engen Gang, der nach dem Stalle führte, aus welchem jedoch eine ſchmale, von der Wand kaum zu unterſcheidende Thüre in ein in Felſen ausge⸗ hauenes, geräumiges Gewölbe ging. Hier war vom Bo⸗ den bis zum Dach eine ungeheure Maſſe von Kiſten und Fäſſern aller möglichen Geſtalt und Größe aufgehäuft. Einige von den Kiſten waren geöffnet und die Deckel la⸗ gen unverſchloſſen auf ihnen. Mary hob einen derſelben auf, deutete auf den Inhalt und ſagte— „Sehen Sie da?— Franzöſiſche Musketen und Carabiner; hier in dieſer Kiſte ſind Piſtolen und dort oben Schwerter und Dolche. Dort im andern Winkel ſind Spitzen zu Picken und in den Fäſſern da ſind Sät⸗ tel, Halfter und derlei Zeug.“ Mark bückte ſich und nahm eine von den Musketen heraus; es war ein leichtes bequemes Gewehr und auf dem Schaft ſtanden die Worte:— Armée de la Sam- bre et Meuse— es waren nämlich keine neuen Ge⸗ wehre. „Die ſind alle aus Frankreich,“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe. „Alle ohne Ausnahme,“ erwiederte Mary ſtolz;„es ſind von dort noch mehr unterwegs. „Aber warum können wir nicht für uns ſelbſt, ohne Frankreichs Beiſtand unſere Kämpfe ausfechten?“ fragte Mark mit kühnem Blicke.„Wenn wir der Unabhängig⸗ keit wirklich würdig ſind, ſollten wir denn nicht im Stande ſein, ſie zu gewinnen?“ „Weil Berräͤther unter uns ſind,“ ſprach Mary— die antwortete, ehe Lanty einfallen konnte—„weil Ver⸗ 266 räther unter uns ſind, die ſich gegen uns kehren könnten, ſo lange uns der Sieg nicht gewiß iſt; aber wenn ſie ſehen, daß wir ſowohl die Macht als auch die gute Sache fur uns haben, ſo werden ſie es beſtimmt mit der Par⸗ tei halten, welche die beſſern Ausſichten hat..“. „Darum kümmere ich mich nicht,“ ſagte Mark. „Solche Bundesgenoſſen brauche ich nicht. Ich ſage nur, wenn wir unſere Freiheit verdienen, ſo ſollten wir ſtark genug ſein, ſie zu erkämpfen.“ „Es gibt noch Manche, die gerade ſo denken wie Sie,“ verſetzte Lanty ruhig.„Ich hörte dieſelben Worte, die Sie ſo eben vorgebracht haben, letzte Woche aus dem Munde eines Abgeordneten. Aber ich ſehe nicht ein, was es ſchaden kann, von einem Freunde ſich helfen zu laſſen, wenn die Wahrſcheinlichkeit gegen uns iſt.“ „Ich aber ſehe es ein und erblicke darin einen gro⸗ ßen Nachtheil. Um welchen Preis wird uns die Hülfe zu Theil?— Sagen Sie mir das.“ „Oh, hierüber können Sie ganz ruhig ſein. Die Franzoſen haſſen die Engländer. Mögen Sie nun uns lieben oder nicht.“ 4 „Und warum ſollten ſie uns nicht lieben,“ fragte Mary, halb ärgerlich über eine ſolche Annahme,„ſind wir nicht alle Katholiken? Gehören wir nicht beide der alten Kirche an? Und haben wir nicht geſchworen die Ketzer zu vernichten, wo wir ſie auch finden? Ja, und wir wollen es auch!“ „Ich bin mit euch, was auch daraus entſtehen mag,“ ſagte Mark nach einigem Nachdenken,„ich bin mit euch und wenn die Uebrigen eben ſo wenig zu ver⸗ lieren haben, ſo glaubet mir, ſie werden nicht die an⸗ genehmſten Gegner ſein.“ 4 Voll Freude über dieſes kühne Gelübde, das dem von ihnen gewünſchten Erfolg die Krone auſſetzte, führten ſie Mark in die Hütte zurück und tranken auf das Wohl des„ächten O'Donoghue.“ 267 Einundzwanzigſtes Kapitel. Die Rückkehr des Geſandten. Sir Marmaduke Travers und ſeine Tochter hatten über das lange Ausbleiben Fredericks einen ſehr unruhi⸗ gen Morgen zugebracht. Der Mittag kam, und noch war nichts von ihm zu ſehen. Sie wandelten die Straße entlang in der Hoffnung ihm zu begegnen, und kehr⸗ ten endlich wieder heim in der Abſicht einen Diener nach Carrig⸗na⸗curra zu ſenden, weil ſie fürchteten, er möchte ſeinen Weg verfehlt haben. Dieſen Entſchluß gaben ſie jedoch wieder auf, da ihnen von einem Landmann ge⸗ ſagt wurde, er habe das Pferd, das der junge Travers Mitien. noch an dem Thore des Schloſſes ſtehen ge⸗ ehen. In die Unruhe des alten Mannes über die Abwe⸗ ſenheit ſeines Sohnes miſchte ſich eine gewiſſe Neugierde, ſeinen Bericht über die O'Donoghue's zu hören; als ſich daher der Tag neigte und noch immer nichts auf ſeine Rückkehr deutete, ging er alle Augenblicke unter die Thüre und ſah ängſtlich die Straße entlang, auf der er ſeine Ankunft erwartete. Auch Sybella war nicht ohne Beſorgniſſe, und ſo vag und unbeſtimmt dieſelben auch waren, ſo fürchtete ſie doch ein feindſeliges Anein⸗ andergerathen zwiſchen dem heißblütigen Mark und ihrem Bruder. Der Abend ihrer erſten Ankunft ſchwebte ihr ſtets vor der Seele, und ſie dachte oft, was damals ſich hätte begeben können, wenn Frederick dabei geweſen wäre. Sie hatten ſich in allen möglichen Vermuthungen über ſein Ausbleiben erſchöpft, hatten auf jede mögliche Urſache gerathen, und waren endlich eben im Begriff einen Boten nach ihm abzuſchicken, als ſie den Hufſchlag eines Pferdes hörten, das jedoch nicht auf der Straße, ſondern, wie es ſchien, über die vor ihnen liegenden Felder daherkam. Noch einige Minuten ängſtlicher Er⸗ 268 wartung, und dann hielt Frederick mit ſeinem kothbe⸗ ſpritzten, keuchenden Pferde neben ihnen. „Nun, Du weißt doch ein Land nicht übel zu ſchätzen, Vater,“ ſagte er munter.„Auf dem Weg, den Du mir angerathen haſt, bin ich durch drei Hecken ge⸗ kommen, die mich allerliebſt zerzaust haben.“ „Was willſt Du damit ſagen, mein Sohn?“ fragte Sir Marmaduke, der aus dieſer Rede eben ſo wenig klug wurde, als wahrſcheinlich jeder unſerer Leſer. „Einfach das, daß ich, obgleich der Wallache ein Kapitalpferd iſt und gar nicht übel ſetzen kann, zu einem ſolchen Ritt lieber den Tag vor mir habe; ich glaube in der That, der zerlumpte Kerl, den ihr nach mir ge⸗ ſchickt habt, hat den ſteilſten von allen Wegen ausge⸗ wählt. Ich ſah den Schurken grinſen, als ich den Mühlenbach hinaufkam.“ „Ein Bote!— Ein zerlumpter Kerl! Der Junge träumt.“ „Mein lieber Frederick, wir haben keinen Boten geſchickt. Wir waren allerdings ſehr in Angſt wegen Deines Ausbleibens aber wir haben Dir Niemand ent⸗ gegengeſchickt.“ Frederick ſtarrte Beide an und wiederholte dann erſtaunt die letzten Worte—„Keinen Boten geſchickt!“ Aber als ſie dieß abermals verneinten, gab er folgen⸗ den Bericht über ſeine Rückkehr:— „Es war ſehr ſpät, als ich das Schloß verließ. Ich verweilte den ganzen Tag dort; kaum aber hatte ich die Straße erreicht, ſo kam mir ein wilder Kerl mit einem großen Pfahl in der Hand entgegen und rief: „Wollen Sie nach der„Lodge“?„Ja,“ ſagte er als Antwort auf ſeine eigene Frage, ‚Sie ſind ihr Bruder. Ich bin hieher geſendet, um Ihnen zu ſagen, daß Sie nicht auf der Straße zurückkehren ſollen, denn die Brücke iſt abgebrochen; Sie müſſen über die Felder reiten, und ich will Ihnen den Weg zeigen.“ „In der Vorausſetzung, der Kerl ſey wirklich, wo⸗ für er ſich ausgab— nämlich ein Bote von euch— folgte ich ihm; und beim Georg, das war kein Spaß; denn er ſprang wie ein Hirſch und ſchien ein ungemei⸗ nes Vergnügen darin zu finden, es dem Wallachen gleich zu thun. Ich muß geſtehen, ich hätte den Wettſtreit gerne aufgegeben, aber der Schurke hatte mich in ſeiner Gewalt. Denn als es dunkel wurde, wußte ich nicht, wohinaus und wohinan, bis er endlich ſchrie— Da iſt jetzt die„Lodge,“ dort, wo Sie das Licht ſehen.“ Was aber nachher aus ihm geworden iſt kann ich euch nicht ſagen.“ „Das war Terry, der arme Terry,“ rief Sybella. „Ja, das muß Terry geweſen ſeyn,“ wiederholte der Vater. „Und iſt dieſer Terry angeſtellt, um mit den Leuten blinde Kuh zu ſpielen?“ fragte Fred;„oder thut er es aus Liebhaberei?“ Aber ſowohl Sir Marmaduke als Sybella waren zu ſtark damit beſchäftigt, die Urſache dieſer ſeltſamen Handlungsweiſe zu errathen, als daß ſie ſeiner Frage die gehörige Aufmerkſamkeit gewidmet hätten. Da ſich Frederick für ſeinen Führer nur wenig in⸗ tereſſirte und ſich nicht darum kümmerte, was aus ihm geworden, ſo waren ſie nicht im Stande, von ihm einen Wink darüber zu bekommen, welchen Weg er eingeſchla⸗ gen habe; noch auch, welche Ausſicht vorhanden war, ihn einzuholen. „So war dieß alſo ein Akt der Höflichkeit, den ich dem Einfall eueres Freundes Terry zu verdanken habe,“ ſagte Fred halb ärgerlich.„Der Kerl würde wohl daran thun, mir künftig aus dem Wege zu bleiben.“ „Du wirſt ihm nichts zu Leide thun, Fred, Du könnteſt es gewiß nicht, wenn ich Dir erzähle, wie tapfer er ſich hier benommen hat.“ „Holde Schweſter, ich bin dieſes ewigen Themas wirklich müde— ſeit meiner Ankunft habe ich von 270 nichts gehört als von Heroismus. Ein für allemal ich gebe die Sache zu und will gerne von den Irländern das Nämliche glauben, wie von der Familie Bayard, daß alle Männer tapfer ſind und alle Frauen tugendhaft. Aber jetzt laßt uns zum Diner gehen.“ „Du haſt uns noch nichts von Deinem Beſuch in dem Zauberſchloß erzählt, Fred,“ ſagte ſeine Schweſter, als ſich die Bedienten entfernt hatten und ſie wieder allein waren;„ich bin voll Ungeduld, von Deinen dor⸗ tigen Abenteuern zu hören.“ „Auch ich geſtehe,“ ſprach Sir Marmaduke,„daß ich mit großer Neugierde darauf geſpannt bin.— Er⸗ zaͤhle doch.“— „Ich habe wenig zu berichten,“ erwiederte Frede⸗ rick nicht ohne einiges Zögern;„ich ſah weder den O'Donoghue, wie ſie ihn nennen, noch ſeinen Schwager, der Eine lag im Bett, der Andere war in's Gebirg ge⸗ gangen, um irgend eine kranke Perſon zu beſuchen. Da⸗ gegen habe ich die Bekanntſchaft Deines tapfern Ritters gemacht, Sybella, ein hübſcher Junge, obgleich von ſei⸗ ner Krankheit etwas abgezehrt; er war da mit einem ältern Bruder, einem unverſchämten Geſellen— halb Bauer, ganz Raufbold.“ „Er hat es doch nicht an dem nöthigen Reſpekt gegen Dich fehlen laſſen,“ ſagte Sir Marmadnke.„Ich hoffe, Fred, er hat bedacht, wer Du biſt?“ „Wahrlich, Sir, ich glaube, er hat ſich ſehr wenig darum bekümmert; und wäre ich ein noch viel wichti⸗ geres Individuum geweſen, ſo hätte er mich wahrſchein⸗ lich auf die gleiche Art behandelt— auf eine Art, die, um das Geringſte zu ſagen, mit Höflichkeit eben nicht überladen war.“ „Hattet ihr einen Wortwechſel mit einander, mein Sohn?“ fragte Sir Marmaduke mit augenſcheinlicher Aeugſtlichkeit in Blick und Stimme. „Einen bloßen Austauſch von Grüßen,“ erwiederte Fred lachend,„wobei jede Partei ihre Zähne zeigte, 271 ohne jedoch zu beißen. Ich hielt ihn unglücklicher Weiſe für einen Wildhüter— und was noch ſchlimmer war, ich ſagte ihm dieß; er aber gerieth über dieſe Vermu⸗ thung in nicht geringen Aerger, da er es wahrſcheinlich vorzog, für einen Wilddieb gehalten zu werden. Er iſt ein rauher, ungeſchlachter Geſelle,“ fügte er mit verän⸗ derter Stimme hinzu,„ſtolz genug, um den Gentleman ſpielen zu wollen— aber ohne die nöthige Erziehung und Bildung, um dieſen Charakter behaupten zu können.“ „Der Beſuch war demnach kein ſehr angenehmer,“ ſagte Miß Travers,„und es wundert mich nur, wie Du dazu gekommen biſt, ihn ſo weit in die Länge zu zie⸗ hen, Du haſt ja den ganzen Tag dort zugebracht.“ Obgleich nicht die leiſeſe Spur von Verdacht in dieſer Bemerkung lag, warf Fred doch einen flüchtigen Blick auf ſeine Schweſter, um zu ſehen, ob ſie wirklich mehr ſagen wollte, als die bloßen Worte enthielten. Nachdem er ſich aber überzeugt hatte, daß dies nicht der Fall war, ſprach er in gleichgültigem Tone— „O, das Wetter änderte ſich; es kam ein ſchwe⸗ res Schneegeſtöber; und da der jüngere Bruder in mich drang, zu bleiben, und ich keine Luſt hatte, dem Orkan zu trotzen, ſo ſetzte ich mich nieder zu einer Partie Schach.“ „Schach! Ci Fred, ei, das klingt ja ganz civiliſirt. Und wie ſpielte er denn?“ „Nicht mit ihm habe ich geſpielt,“ erwiederte er zögernd. „Was?— mit dem ältern?“ „Nein, auch mit dem nicht, mein Gegner war ein Bäschen— ich glaube, ſie nannten ſie Bäschen“ „Ein Bäschen?“ fragte Sybella ſchlau.„Alſo, Mr. Fred, war eine Lady mit im Spiele. Nun, das ban lange gebraucht, bis wir endlich auf ſie gekommen n. „Ja, ſie iſt erſt neulich angekommen— Geſtern 272 oder vorgeſtern— aus einem Kloſter in den Nieder⸗ landen, wo ſie ſeit ihrer Kindheit gelebt hat.“ „Eine ſeltſame Heimath für ſie,“ ſiel Sir Mar⸗ maduke ein.„Wenn ich von den Leuten dort keinen ganz falſchen Begriff habe, ſo müſſen ſie für eine in einem franzöſiſchen Kloſter erzogene junge Lady nicht die paſſendſte Geſellſchaft ſeyn.“. „Das würdeſt Du zugeben, wenn Du die Lady ſehen würdeſt,“ ſagte Fred, mit Begierde die Gelegen⸗ heit ergreifend, einer Meinung beizuſtimmen, die er ſich nicht recht getraute, ſelbſt zu außern.„Sie iſt durch⸗ aus fremd in Allem, in Blick, Kleidung, Benehmen— ſie hat ganz die Manier des Pariſer Lebens, anmuthig und liebenswürdig im Geſpräch; die beiden Jungen da⸗ gegen, wenigſtens der eine davon, iſt ein echter Bauer— dem andern will ich keineswegs ſein freundliches Geſicht, noch ſeine Gutherzigkeit beſtreiten, aber doch ſteht er in jeder Hinſicht unendlich weit unter ihr.“ „Iſt ſie hübſch, Frederick?“ fragie Sybella, ohne von ihrer Arbeit aufzublicken. 8 „Ich möchte ſagen hübſch,“ erwiederte er zögernd, gleich als wollte er ſein Lob durch ein Wort mäßigen das nicht zu viel bedeutete.„Ich für meine Perſon ziehe eine ruhigere Art von Schoͤnheit vor; eine weniger blendende, weniger ſchimmernde; etwas, das man eden Tag ſehen kann, und das um ſo beſſer gefällt, je länger man es ſieht“— dabei ſchlang er ſeinen Arm um den Leib ſeiner Schweſter und betrachtete ſie, als wollte er feinen Worten die nöthige Auslegung geben. „Du haſt mich ganz neugierig gemacht, ſie zu ſehen, Fred,“ ſagte Sybella.„Schon die bloße Thatſache, eine Perſon wie ſie an einem ſolchen Orte zu finden, hat ihr eigenes Intereſſe.“ „Wie, wenn Du ſie beſuchen wollteſt, meine Liebe?“ fragte Sir Marmaduke;„eine ſolche Aufmerkſamkeit wäre ganz am Platze; uͤberdieß haſt Du Bücher und 273 Muſikalien hier, die ſie vielleicht in einer ſo abgelegenen Gegend gerne annähme.“ Frederick ſprach kein Wort, ſondern erwartete in ängſtlicher Spannung die Antwort ſeiner Schweſter. „Mit größtem Vergnügen; was ſagt Fred zu dem Vorſchlag?“ „Ich wüßte nicht, was ich dagegen haben ſollte,“ erwiederte er mit einer geſchickt erkünſtelten Gleichgül⸗ tigkeit.„Sie iſt eine höchſt anſtändige Dame; und wenn es euere Abſicht iſt, einige Wochen länger in die⸗ ſer Einöde zu bleiben, ſo hätte ihre Geſellſchaft unend⸗ lichen Werth.“ „ Noch einige Wochen länger!— Ich bleibe bis Weihnachten, Junge,“ ſprach ſein Vater mit Entſchloſ⸗ ſenheit.„Ich habe Irland Geſchmack abgewonnen; meine Abſicht iſt daher, im Winter für einige Monate nach Dublin zu gehen, im Frühling aber hieher zurück⸗ zukehren.““ Jetzt war plötzlich eine Gelegenheit da, den Gegen⸗ ſtand zu beſprechen, weßhalb Frederick herübergereist war; aber ſey es, daß er den Zeitpunkt für ungünſtig hielt, oder daß ſeine Ideen über die Sache ſeit ſeiner Ankunft einige Veränderung erlitten hatten— er be⸗ gnügte ſich einfach mit einem bedenklichen Kopfſchütteln, gleich als ſetze er nicht das größte Vertrauen auf Sir Marmaduke's Feſtigkeit, und machte keinen Verſuch, ſei⸗ nen Entſchluß durch irgend eine Gegenvorſtellung zu bekämpfen. Im Gegentheil, er hörte mit Geduld und ſogar mit anſcheinendem Intereſſe dem umſtändlichen Bericht ſeines Vaters über ſeinen Plan an— wie er bereits Auftrag gegeben habe, ihm für den Winter ein Haus in Stephen's— green zu beſtellen, in der Abſicht, mit dem Adel der Hauptſtadt Bekanntſchaft zu machen, und nebſt ſeiner Tochter an dem vizeköniglichen Hof zu er⸗ einen. „Sybella kann ihren erſten Eintritt in die Geſell⸗ Lever, O'Donoghue. 1. 18 274 ſchaft eben ſo gut hier als in London machen,“ ſagte Sir Marmaduke.„In der That, ich weiß nicht, ob die Provinz für ein erſtes Auftreten nicht am beſten geeig⸗ net iſt. Jedenfalls iſt dieß der Plan, den ich für mich ſelbſt entworfen habe; und wenn mir derſelbe auch nur eine Seereiſe nach England in ſolcher Jahreszeit er⸗ ſparte.“ Auch hoffte Sir Marmaduke bis zur Zeit ſeiner Rückkehr in der„Lodge“ allerlei Verbeſſerungen anzu⸗ bringen, um ſich den Aufenthalt daſelbſt bequemer zu machen; verſchiedene Plane dazu waren in der Biblio⸗ thek auf dem Tiſch aufgehäuft oder lagen zerſtreut auf den Stühlen umher.. Miß Travers hatte bereits zu allen Entwürſen ihres Vaters ihre herzliche Einwilligung gegeben und unter⸗ ſtützte mit aller Geſchicklichkeit und allen Gründen, die ſie auftreiben konnte, alle ſeine Abſichten, ſo daß Fre⸗ derik, auch wenn er geneigt war, dagegen Einſprache zu erheben, einſah, gegenwärtig ſey dazu nicht der ſchick⸗ liche Zeitpunkt; er verſparte daher ſeine Einwürfe kluger Weiſe für eine andere Zeit; denn wenn ſie jetzt erfolg⸗ los blieben, ſo hätte er nie mehr mit Vortheil darauf zurückkommen können. Die Unterhaltung dauerte lange. Sie beſprachen mit Lebhaftigkeit jeden einzelnen Umſtand ihrer Plane; denn ſo iſt es— die Freuden des Schlöſſerbauens ſind unerſchöpflich, und die glücklichſte Wirklichkeit im Leben iſt arm und vage, verglichen mit den Freuden, die un⸗ ſerer Hoffnung und Phantaſie entauellen. Die geringſte Wahrſcheinlichkeit hat Inhalt genug, um eine Grund⸗ lage zu bilden— aber für das Gebäude, das wir darauf errichten, gibt es keine Schranken. So plauderten ſie fort bis zu einer ſpäten Stunde, und ſchieden für die Nacht in fröhlichſter Laune ausein⸗ ander, nachdem ſie für den folgenden Tag noch einen Beſuch bei O'Donoghue verabredet hatten. ——— 278 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Ein Beſuch. Am folgenden Nachmittag begab ſich Sir Marma⸗ duke, begleitet von ſeinem Sohn und ſeiner Tochter, nach dem Schloſſe O'Donoghue's. Der Tag war ſchoön und glänzend, ein blauer Himmel droben, ein hartge⸗ frorner Boden unten, der Spaziergang war ſo angenehm, als dies in friſcher Luft und bei gehöriger Leibesbewegung möglich iſt. Der Wagen ſollte erſt auf dem Ruckweg ihnen entgegen kommen, und ſie hatten ihn weniger wegen der Entfernung beſtellt, als weil die Kürze der Tage eine ſolche Vorſicht räthlich machte. Sie gingen unter angenehmem Geplauder ihres Weges dahin. Die Zeit entſchwand ihnen ſchnell. Bald betrachteten ſie die kühne, majeſtätiſche Landſchaft rings umher— bald ſprachen ſie von dem Volke, ſeinen Sit⸗ ten, Vorurtheilen und Neigungen, oder auch von der Familie O'Donoghue, die unter all den wunderlichen Gegenſtänden, welche ihnen das Land darbot, gewiß nicht derjenige war, über den ſie ſich am wenigſten die Kopfe zerbrachen. „Wir müſſen auf Mittel ſinnen, Fred, dieſem Jungen unſere Dankbarkeit zu beweiſen,“ ſagte Sir Marmaduke flüſternd.„Du ſcheinſt die Sache ſchwieriger gefunden zu haben, als Du Dir vorgeſtellt hatteſt.“ „Allerdings, Vater. Während des erſten Theiles meines Beſuches wurde meine Abſicht durch die Unter⸗ brechung von Seite des ältern Bruders vereitelt, und ſpäter, glaube ich, ja— ja, fürchte ich, habe ich es gänzlich vergeſſen. Indeſſen habe ich doch an etwas gedacht, und das ſollte geſchehen, ohne auch nur einen Augenblick zu verlieren. Du mußt an Carden, den Ad⸗ vokaten, ſchreiben, und jedem Verfahren Einhalt thun, das Hamsworth gegen dieſe Leute vielleicht ſchon begon⸗ 18 1 276. nen hat. Es waͤre aͤußerſt ſchimpflich⸗ wenn wir, wäh⸗ rend wir ſie unſers Wohlwollens und unſerer Freund⸗ ſchaft verſichern, der Waffe des Geſetzes uns bedienen wollten, um ſie zu quälen und in Noth zu ſtürzen.“ „Das werde ich ſogleich thun, Fred— mit der nächſten Nachtpoſt. Im Grunde habe ich den ganzen Handel noch nie recht verſtanden, auch kann ich nicht klar einſehen, weßhalb Hamsworth ein ſo ſummariſches Verfahren gegen ſie eingeſchlagen hat. Es muß mehr an der Sache ſeyn, als ich davon weiß.“ „Das Schloß erhebt ſich doch ſtolz, von dieſem Punkt aus betrachtet,“ ſagte Sybella, etwas gelang⸗ weilt durch eine ſo leis geführte Unterhaltung, daß ſie dieſelbe nicht verſtehen konnte, und ihre Bemerkung hatte die Wirkung, ſie auf andere Gedanken zu bringen, während deren Beſprechung ſie den alten Thurm von Carrig⸗na⸗curra erreichten. Ob neuerliche Ereigniſſe die Aufmerkſamkeit Kerry O'Leary's auf ſeine Pflichten geſchärft, oder ob Kate O'Donoghue einigen Einfluß geübt hatte, um einen ſo wünſchbaren Erfolg zu bewerkſtelligen, wiſſen wir nicht; aber beim erſten Erklingen der Thürgloke kam er zum Vorſchein in einem Koſtum, das vermehrt, wo nicht verbeſſert war, durch ein Paar äußerſt ſchwerfällige Stulp⸗ ſtiefel von ſeinem Herrn, die ungefähr bis zur Mitte des Schenkels reichten, wo ſie ſich an eine grüne Sam⸗ metweſte aus der gleichen Garderobe, die für den gegen⸗ wärtigen Eigenthümer ebenfalls zu weit und zu umfang⸗ reich war, anſchloßen. Gäſte, die in O'Donoghue's Haus einſprachen, waren gewöhnlich von der Art, daß Kerry es für nöthig hielt, vor ihnen die Thüre zu verſchließen. Sie kamen leider nicht mit einer Viſitenkarte, ſondern mit irgend einem furchtbaren Sendſchreiben vom Gericht, in Geſtalt einer Urkunde zur Beſchlagnahme— eines Zi⸗ tates— oder des beſcheidenen und weniger gefürchteten Geſchützes eines proteſtirten Wechſels. Es ſiel ihm alſo 277 ein bedeutender Stein vom Herzen, als er zu dem ſchma⸗ len Fenſter neben der Thüre hinauslugte und das Flat⸗ tern eines Damengewandes erblickte, und ſein Herz dehnte ſich vor Dankgefühl aus, als er das Thor aufſchloß, um ſie hereinzulaſſen. Nachdem er den Gäſten mitgetheilt hatte, daß die Familie zu Hauſe ſey, ging er ihnen nach dem Geſell⸗ ſchaftszimmer voran, mit einem Schritt, deſſen Geräuſch glücklicherweiſe das Kichern übertönte, deſſen man ſich bei ſeinem Anblick nicht enthalten konnte. Um die Ver⸗ legenheit zu verhüten, die aus der toͤlpigen Ankündigung Kerry's, der unterwegs die Namen„Sir Marmaduke, Sir Marmaduke Travers,“ um ſie ſeinem Gedächtniß einzuprägen, beſtändig wiederholt hatte, nothwendiger⸗ weiſe entſtehen mußte, trat der alte Herr, nachdem die Thüre geöffnet war, ein, nannte ſeinen Namen und ſtellte ſeine Tochter und ſeinen Sohn vor. Der alte O'Donoghue, der in ſeinem Stuhle ſaß, ſtand halb auf, denn er war wieder einmal von der Gicht geplagt, weßhalb er ſich nicht ohne große Schwierigkeit rühren konnte, und bewillkommte ſeine Gäſte mit einem Blick und einer Stimme, die den Gentleman verriethen. Herberts Augen ſtrahlten vor Entzücken, als er die Geſellſchaft betrachtete; Sir Archibald verbeugte ſich mit einer altmodiſchen Grazie, die dem Hofmann eines ver⸗ gangenen Jahrhunderts geziemt hätte, und wies Jedem mit dem gehöͤrigen Ceremoniel einen Stuhl an. Kate O'Donoghue war nicht im Zimmer, auch Mark nicht — der Letztere war wirklich ſeit geſtern nicht nach dem Schloſſe zurückgekehrt. Nachdem die gewöhnlichen Begrüßungen vorüber waren und Sir Marmaduke in wohlgewählten Worten die Dankbarkeit ausgedrückt hatte, deren er ſich ſchon längſt gerne entledigt hätte, nahm die Unterhaltung einen leichten, angenehmen Ton an. Sir Marmaduke, der neben O'Donoghue ſaß, hatte mit ihm ein Geſpräch über den Zuſtand des Landes und Volkes angeknüpft— ͤſͤſͤ 278 Frederik, der neben Herbert Platz genommen hatte, unterhielt ſich mit dem Jüngling uͤber luſtige Streiche und Geſchichten, die ihm um ſo reicher vom Munde ſtrömten, je begieriger der Andere zuhörte; Sir Archi⸗ bald dagegen hatte in einer Haltung reſpektvoller Auf⸗ merkſamkeit mit Miß Travers ein Geſpräch über das Thal und die Landſchaft angeknüpft, dem ſein richtiger Geſchmack und ſeine treffliche Würdigung des Pittoresken nicht wenig Reiz und Intereſſe verliehen. In dem Tone, womit ſie empfangen wurden, lag ſo wenig Gezwungenes und Geziertes, daß all ihr Erſtaunen über einen ſo vor⸗ trefflichen Wirth in dem Vergnügen verſchwand, das Travers genoß. Die herzliche Gutmüthigkeit O'Do⸗ noghue's— ſein offenes Geſpräch, ſein guter Humor bezauberte Sir Marmaduke jeden Augenblick mehr und mehr. Auch Frederik konnte ſich nicht ſattigen an dem friſchen, fröhlichen Geiſt, der jedem Blicke und Worte Herberts entſprühte, deſſen glühendes Temperament und hochherziger Sinn gleich empfänglich war für den Enthu⸗ ſiasmus ſeines eigenen Geiſtes, und was Sybella be⸗ traf, ſo war ſie hochvergnügt über das einnehmende Weſen Sir Archy's, der ſich gerade in Damergeſell⸗ ſchaften vortrefflich zu benehmen wußte, ſo daß ſie bald den leiſen Hang unterdrücken konnte, über die Präziſion einer Sprache zu lächeln, wo tiefer, geſunder Sinn und hohes Gefühl mit dem einzigen Fehler der Pedan⸗ terie gemiſcht waren. Während man ſich ſo allerſeits aufs angenehmſte unterhielt, öffnete ſich die Thüre und herein trat Kate, aber ſo leiſe, daß ſie bereits mitten in der Geſellſchaft ſtand, bevor man ſie bemerkte. Sie begrüßte Frederick Travers mit einem anmuthvollen Lächeln, erwiederte Sir Marmadukes Gruß mit einer tiefen Verbeugung, und nahm darauf, da gleiches Alter weniger Ceremonie erforderte, ihren Platz neben Miß Travers, mit einer herzlichen Miene, die ihr ſo gut anſtand. Wie in einem Orcheſter mitten in Zuſammenklang mehrerer Inſtru⸗ 279 mente, wo der dumpfe Donner ſich in ſanftere Töne miſcht, zuweilen eine Arie ſich erhebt, die höhere Ge⸗ fühle und Sympathien einflößt, ſo lieblich erklang ihre Stimme unter den übrigen. Ihre Worte waren mit einem Ausdruck beflügelt, den nur ihr Blick und ihre Geberde ihnen verleihen konnte— und in der wechſeln⸗ den Farbe ihrer Wangen, auf ihrer glänzenden Stirne, auf ihren, auch wenn ſie ſchwieg, beredten Lippen, zeigte ſich eine Liebenswürdigkeit, die über bloßer Schön⸗ heit eben ſo erhaben iſt, wie das Leben über dem Mar⸗ mor. Die vollkommenere Regelmäßigkeit in den Zügen Sybellas— ihr klaſſiſches Profil— die Reinheit ihrer Züge— dies Alles ſchien kalt und leblos, verglichen mit der ausdrucksvollern Liebenswürdigkeit Kate's. Auch der furchtloſe Charakter ihrer Seele war mit ſo viel weiblicher Delikateſſe und Feinheit gemiſcht— der Wunſch zu gefallen mit einem ſolchen Anſchein von Selbſtver⸗ geſſenheit vermählt, daß jede ihrer Bewegungen und Geberden voll von jenem Reize waren, für den es kein anderes Wort gibt, als„Bezauberung.“ Auch jene Beimiſchung von fremdem Accent, wovon wir bereits geſprochen haben, diente dazu, Allem was ſie ſagte, ein eigenthümliches Etwas zu verleihen, ſo daß es noch lange nachher im Herzen eingegraben blieb. Mit innigem Entzücken beobachtete Frederik Travers den Eindruck, den dieſe Vorzüge auf ſeine Schweſter machten. Er ſah das Vergnügen, womit Sybella ihr zuhörte, ja er erkannte bereits die Symptome jener Er⸗ oberung, wodurch eine Seele die andere unterjocht— und war entzückt, als er dies Alles ſah. Als Sir Marmaduke freundlich die Hoffnung aus⸗ ſprach, daß dieſer Beſuch das Vorſpiel zu näherer Ver⸗ traulichkeit bilden werde, antwortete O'Donoghue nicht ohne einen Anſtrich von Traurigkeit in ſeiner Stimme, er ſelbſt ſey ein Invalide, der ſeinen Fuß nie mehr über die nächſte Umgebung ſeines Hauſes ſetze; aber —— 280 ſein Schwager, ſeine Nichte und die Jungen würden gewiß gerne eine ſolche Nachbarſchaft ſich zu Nutze machen. Sir Archibald verbeugte ſich tief und vielleicht etwas ſteif als Zeichen der Einwilligung in ein Ver⸗ ſprechen, das ſo ohne ſeine Zuſtimmung gegeben war; aber Herberts glänzende Augen wurden noch glänzender und ſeine Wange glühte vor Entzücken über die bloße Ausſicht auf eine ſolche Zukunft. „Und Sie, Miß O'Donoghue,“ ſagte Sir Marma⸗ duke an Kate gewendet.„Unſere kleine Bibliothek in der ‚Lodge’ ſteht vollkommen zu Ihren Dienſten, und wir ſtellen nur die einzige Bedingung, daß Sie in eigener Perſon kommen und ſich etwas auswaͤhlen.“ 3 „Dieſes freundliche Verſprechen iſt bereits gegeben, Vater,“ fiel Sybella ein, deren vergnügter Blick bewies, wie ſehr ſie für ihre neue Freundin eingenommen war. Während alles im freundlichſten Geſpräch begriffen war, öffnete ſich plötzlich die Thüre und herein ſchritt Kerry O'Leary, der in ſeiner Haſt als Ueberbringer von Neuigkeiten die Gäſte ganz vergeſſen hatte und ausrief: „Das heißt ein Streich, lieber Herr! Solch ein Lärm! Ich will nie in Sünden ſterben, wenn ich je etwas Aehnliches geſehen!“ „Was meint er? Iſt der Kerl toll?“ rief O'Do⸗ noghue ärgerlich, während ſich Sir Archy mit drohen⸗ dem Stirnrunzeln gegen ihn hinbeugte und murmelte: „Weißt Du denn gar nicht, was der Anſtand er⸗ fordert? Du verwünſchter Bengel, wo fehlts?“ „Ich bitte Sie um Verzeihung, ich bitte die Herr⸗ ſchaften um Verzeihung,“ ſagte Kerry mit einem Aus⸗ druck kläglicher Reue wegen ſeines unhöflichen Eintritts, „aber wenn Sie es geſehen hätten, ſo würden Sie mir gewiß gerne verzeihen.“ „Da iſt gewiß irgendwo ein luſtiger Streich vor⸗ gefallen,“ rief Frederik Travers, der ſeine Neugierde⸗ Perrds Geheimniß zu erfahren, nicht länger unterdrücken onnte.. 281 „Was iſt's denn, Kerry?“ fragte O'Donoghue. „Laß doch hören.“ „Mr. Mark hat's gethan, Gott ſegne ihn dafür,“ rief Kerry voll Freude über die Erlaubniß, ſich frei aus⸗ ſprechen zu dürfen.„Er war mit den Windhunden drüben in Ballyvourney, als er den ſchmutzigen Schuft Sam Wylie mit einem Protokellführer zuſammenſah, wie ſie ein Verzeichniß von den Lehnsleuten aufnahmen. Der Schreiber war ein Fremder und Mark rührte ihn nicht an; aber er brachte die Jungen dazu, daß ſie Sam auf Lik⸗Malones Eſel ſetzten und ihm einen Hieb gaben, ſo daß er— prächtig anzuſehen— mit ihm den Berg hinunter rann, hinein in den Pferdeteich, wo der Eſel ihn kopfuͤber herunterwarf; und bei Gott, Sie hätten ihn für keinen Chriſten gehalten, wenn Sie ihn in dieſer Minute geſehen hätten, wie er tropfnaß heraus⸗ kam, um und um mit Waſſerlinſen behangen—— und er läuft noch immer weiter— denn er meint, Mr. Mark wolle ihm das Leben nehmen, ſobald er inne halte.“ Cin ſchallendes Gelächter von Frederick, worein Herbert und zuletzt O'Donoghue ſelbſt einſtimmten, ver⸗ hinderte einige Augenblicke jeden Commentar über dieſes muthwillige Verfahren; alsbald aber ſprach Sir Mar⸗ maduke, langſam ſich erhebend— „Ich bin hier fremd, mit dem Land und ſeinen Sitten gänzlich unbekannt; aber ich habe noch zu ler⸗ nen, daß Jemand in Ausübung ſeiner Berufspflicht ſo behandelt werden darf. Ich fordere Sie auf, Sir, dieſe Sache zu unterſuchen, und wenn es ſich ſo verhält, wie wir gehört haben, gebührende Genugthuung zu geben—“ „Sie haben viel Grund zu Ihren Aeußerungen, Sir,“ fiel Sir Archy ein;„aber die jungen Leute hier dürfen ſich die ärgſten Poſſen und Thorheiten er⸗ lauben.Ä“ „Ich ſetze mein Leben daran, Mark hatte Recht,“ 282 rief der alte O'Donoghue.„In ſolchen Dingen macht der Junge nie einen Mißgriff.“ „Wenn der Burſche unverſchämt war,“ ſagte Fre⸗ derik,„ſo iſt Ihr Sohn ganz recht mit ihm ver⸗ fahren.“ Kate warf dem Sprecher einen Blick der Dankbar⸗ keit zu, der ihn für ſeine raſche Fürſprache reichlich be⸗ lohnte. „Mag es denn ſein,“ ſagte Sir Marmaduke, der ſich glücklich ſchätzte über die Gelegenheit, das Geſpräch über einen ſo unangenehmen Gegenſtand abzubrechen. „Der Kapitän hat gut gerathen,“ rief Kerry.„Der Schuft ſagte zu Mr. Mark, er werde morgen mit einer Notiz vom Herrn ſelbſt hieherkommen, und es müßte wunderlich zugehen, wenn wir nicht vor Oſtern den Platz räumen müßten.“ „Iſt's möͤglich!“ ſagte Sir Marmaduke tief er⸗ röthend.„Ich bitte, mein lieber Herr, mir jeden haſti⸗ gen Ausdruck, den ich vielleicht gebraucht habe, zu ver⸗ eihen.“ veij„Ich für meine Perſon kann dem Burſchen ver⸗ zeihen,“ ſagte Sir Archy mit Stolz. „Ich aber nicht,“ fiel Kate ein,„ich nicht. Mark hätte den Kerl von oben bis unten durchpeitſchen ſollen.“ Sybella Travers erſchrack über die Energie in Stimme und Geberde, die dieſe Worte begleiteten; wäh⸗ rend ſich ODonoghue aus ſeinem Stuhl erhob, lang⸗ ſam zu Kate hinwankte und ihr einen Kuß auf die Stirne drückte. „Die iſt von ächtem Schrot und Korn— das iſt nicht zu läugnen,“ murmelte Kerry, indem er ſie faſt mit einem Ausdruck von Verehrung angaffte.„Solches Blut kann nie nachgeben— hol' mich der Teufel, wenn es erlogen iſt!“ 1 Herbert, der von dem unfreundlichen Zuſammen⸗ treffen zwiſchen ſeinem Bruder und dem jungen Trayerz 9„ 283 allein Zeuge geweſen war, warf dem Letztern einen freundlichen Blick zu und ſagte mit halbem Flüſtern— „Das war ſehr gütig von Ihnen!“ Es wäre eine ſchwierige— ja faſt unmögliche Aufgabe geweſen, die Geſellſchaft wieder in jene Stim⸗ mung zu verſetzen, die der unglücklichen Unterbrechung vorangegangen war. Alle Bemühungen Sir Marma⸗ dufe's, die Unterhaltung fortzuſetzen, hatten die frühere Leichtigkeit verloren— O'Donoghue ſelbſt war miß⸗ ſtimmt; denn er war nicht ganz überzeugt von den Worten, die Sir Marmaduke bei erwähnter Gelegenheit gebraucht hatte, und wußte nicht recht, in wie weit es ſeine Pflicht ſei, einen Widerruf derſelben zu verlangen; Sir Archibald endlich, unruhig und verdrießlich darüber, was nach dieſem Benehmen Mark's die Fremden von dem ganzen Hauſe denken würden, fand es äußerſt ſchwierig, eine heitere, ruhige Miene anzunehmen. Frederick Travers allein ſchien glücklich und ent⸗ zückt. Die plötzliche Aeußerung Kate O'Donoghue's, ſo ganz verſchieden von Allem, was er je aus dem Munde einer jungen Lady gehört, hatte ihn eben ſo ſehr überraſcht als erfreut, und er hätte ſich gerne ver⸗ pflichtet, für einen zweiten Blick aus ſolchen flammenden Augen ein ganzes Dutzend Schreiber durchzupeitſchen; Sybella dagegen konnte ſich eines gewiſſen an Furcht gränzenden Gefühles nicht erwehren. Beim Gedanken an ein Mädchen, das, jung wie ſie ſelbſt, begabt mit aller weiblichen Anmuth und Liebenswürdigkeit, dennoch einen Grad von Heftigkeit und Leidenſchaft an den Tag gelegt hatte, den ſie mit ſolchen Reizen nicht verſöhnen konnte. Was Kate ſelbſt betraf, ſo hatte ihre Aeußerung in ihrer Bruſt keine Aufregung hervorgerufen. Der Wunſch war eben ſo natürlich ausgeſprochen, als gefühlt worden; und ſie würde über die Verwunderung der Uebrigen über ihre Worte, wenn ſie dieſelbe bemerkt hätte, noch mehr geſtaunt haben, als dieſe über ihre Aeußerung. 284 Der Beſuch nahm bald ein Ende; Sir Marmaduke, dem es ſo ziemlich gelungen war, den günſtigen Eindruck, den er zuerſt gemacht hatte, wieder herzuſtellen, verab⸗ ſchiedete ſich von O'Donoghue, wendete ſich darauf an Sir Archy und ſagte— „Es freut mich, Sir, daß wenigſtens Sie kein In⸗ valide ſind. Darf ich mir das Glück verſprechen, Sie zuweilen zu ſehen?“ Sir Archy machte eine tiefe Verbeugung und er⸗ wiederte mit einer Bewegung ſeiner Hand gegen Miß Travers— „Ich habe bereits hier eine Verpflichtung einge⸗ gangen, Sir.“ 5 „Ja,“ ſagte Sybella, an welche dieſe Rede halb gerichtet ſchien,„Sir Archibald iſt gütig genug geweſen, mir ſeine Begleitung das Thal hinauf anzubieten; es ſoll dort mehrere Punkte geben, ſchöner als alle, die ich geſehen habe.“ Kühn gemacht durch den Erfolg dieſer Anträge, ſtellte Sir Marmaduke mit einer Höflichkeit, deren er vollkommen Meiſter war, die Bitte an die Geſellſchaft, ſie möchte ihre freundlichen Abſichten nicht zu lange verſchieben, ſondern ihn am folgenden Tage mit ihrem Beſuch beehren.: Es iſt zweifelhaft, ob nicht vielleicht Sir Archy eine ceremoniellere Einladung ausgeſchlagen haben würde; aber in der Zwangloſigkeit der jetzigen lag etwas ſo Offenes, daß er augenblicklich einwilligte; und nach⸗ dem auch Kate verſprochen hatte, ihn zu begleiten, empfahlen ſie ſich gegenſeitig und gingen auseinander. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Verſchiedene Charakterzüge. 8 Es mag ſeltſam und faſt parador ſcheinen— aber es war doch ſo, Kate's Anweſenheit ſchien in dem gan⸗ 1 28⁵ zen Haushalt O'Donoghue's eine wahrhaft magiſche Veränderung bewirkt zu haben. Die Anſtrengungen der Bewohner, um ihrem Gute den Schein des Verfalls zu benehmen, erzeugten eine fröhlichere Gemüͤthsſtim⸗ mung, als das tägliche Brüten über ihr Unglück; der Kampf ſelbſt entlockte ihnen einen Muth, den ſie lange hatten brach liegen laſſen; und die Heiterkeit, die an⸗ fangs nur eine angenommene war, wurde allmälig im⸗ mer natürlicher. Für den alten O'Donoghue, der ſeit langer Zeit keinen Wunſch mehr hatte, als das Uebel für ſeine eigene kurze Friſt abzuwehren, der in der Selbſtſucht eines in ſtetem Kampf mit Armuth zuge⸗ prachten hohen Alters in den verbeſſerten Zuſtänden der Seinigen nichts als eine Leibrente ſuchte, war das Maäͤdchen ein unſchätzbares Gut. Ihr leichter Schritt, ihr fröhliches Lachen, ihr luſtiger Ton in der Unterhal⸗ tung, ihre vielen Anekdoten und Erzählungen von Orten und Menſchen, von denen er bis dahin noch nie etwas dhar hatte, waren unfehlbare Mittel gegen Trüb⸗ ſinn. Auch Sir Archy fühlte ſeine alten Jugend⸗Erinne⸗ rungen wieder aufleben in der Nähe eines jungen, ſchönen, mit ſo vielen Vorzügen begabten Mädchens, ddeeſſen Anmuth und Eleganz einen Lichtglanz um ſie her verbreiteten, und aus dem alten, zuſammenfallenden, düſtern, verwahrlosten Thurm einen Salon machten, deer reich an allerlei Mitteln gegen Niedergeſchlagenheit war, und wo ſie ſelbſt, ausgerüſtet mit ſo manchen be⸗ zaubernden Gaben, Luſt und Freude um ſich her ver⸗ breitete. Bei alle dem war er nicht ſelbſtſüchtig. Er bemerkte mit Entzücken den Eindruck, den das anziehende Weſen ſeines Bäschens auf ſeinen Liebling, Herbert, machte. Wie unmerklich hatte ſich der Jüngling von einer rauhern Lebensweiſe, von rohern Vergnügungen abgewendet, um neben ihr zu ſitzen, wenn ſie ſang, oder in ihrer Nähe, wenn ſie las; mit welchem Intereſſe fertigte er unter ihrer Aufſicht ſeine franzöſiſchen Auf⸗ 286 gaben, mit welchem Eifer befolgte er jeden vont ihr empfohlenen Studienplan: Sir Archibald beobachtete dies Alles und berechnete ſorgfältig den Erfolg. Er ſah voraus, wie Kate's einnehmendes Weſen die roheren Neigungen in den Hintergrund draͤngen würden, denen ſonſt der Jüngling in ſeiner Lage hätte preisgegeben werden können, und wie dadurch der große Zweck ſeines ganzen Daſeins gefördert werden könne, der dahin ging, wenigſtens ſeinen Liebling aus dem Schiffbruch des Hauſes zu retten. Auf Mark allein ſchien ihre Anweſenheit keinen Eindruck zu machen; außer daß die wilden Ausſchwei⸗ fungen des Uebermuthes, denen er ſich von Zeit zu Zeit hingegeben hatte, jetzt vorüber und an ihre Stelle ein düſteres Brüten, ein mürriſcher Charakter getreten war, ſo daß er gewöhnlich in ihrer Gegenwart ſchwieg oder in ſeine eigenen traurigen Betrachtungen verſank. Kate ſuchte zuweilen die dunkeln Wolken aus ſeiner Seele zu verſcheuchen, aber ſtets erfolglos; es verdroß ihn entweder, der Gegenſtand von Bemerkungen zu ſein, oder er verließ das Zimmer, ſo daß ſie endlich auf alle Verſuche verzichtete, in der Hoffnung, die Zeit und ihre Wechſel würden bewirken, was die Gegenwart verſagte. Vielleicht auch hatte ſie Gründe zu einer ſolchen Hoff⸗ nung. Mehr als einmal hatte ihr weiblicher Scharf⸗ ſinn bemerkt, wie er, das Auge auf ſie geheftet, dort geſtanden, ohne zu wiſſen, daß er geſehen wurde; wie er, wenn er im Begriff ſtand, das Zimmer zu verlaſſen, herumſchlenderte, gleich als ſuche er noch etwas, in Wahrheit aber nur, um dem Lied zu lauſchen, das ſie ſang. Sie ließ es aber nicht merken, als hätte ſie der⸗ gleichen geſehen; ſondern nahm ſtets in ihrem Beneh⸗ men gegen ihn eine ſorgloſe Gleichgültigkeit an, die der ſeinigen möglichſt ähnlich war. Ganze Tage, zuweilen eine ganze Woche lang blieb er vom Hauſe weg, und da er auf Fragen nicht gerne Antwort gab, ſo rief ſeine Rückkehr keine andere Bemerkung hervor, als dann 287 und wann eine flüchtige Erinnerung deſſen, was in ſei⸗ ner Abweſenheit begegnet war, ohne daß ihm dadurch ein Austauſch von Vertrauen entlockt wurde. Dieſe Symptome von Mark's verändertem Charak⸗ ter machten auf ſeinen Vater einen tiefern Eindruck, als vielleicht wichtigere Ereigniſſe gethan hätten. Er beobachtete jede Bewegung, jeden Ausdruck ſeines Lieb⸗ lingsſohnes, um irgend eine Urſache der Veränderung aufzuſpüren; aber Alles umſonſt. Der junge Mann machte nie, auch nicht einmal zufällig eine Anſpielung auf ſich ſelbſt: eben ſo wenig kümmerte er ſich jetzt um die Bedrängniſſe der Familie; im Gegentheil, es ſchien eine ſtumpfſinnige Gleichgültigkeit über ihm zu brüten, und er ging herum, als häͤtte er alle Luſt zum Leben und allen Sinn für ſeine Genüſſe verloren. Der alte O'Donoghue kannte den Charakter ſeines Sohnes zu gut, als daß er gehofft hätte, durch eine bloße Erkundigung Aufſchluß über das Geheimniß zu erhalten; es blieb ihm daher nichts anderes übrig, als über die mancherlei Urſachen der Veränderung und über den geheimen Schmerz ſeines Sohnes ſeine eigenen Betrachtungen und Muthmaßungen anzuſtellen. Bei dieſem Verfahren fühlte er ſich, wie Alle, die lange un⸗ ter dem Druck eines beſondern Unglücks gelitten haben, ſtets geneigt, Mark's Leiden derſelben Urſache zuzuſchrei⸗ ben, die ſeine eigenen erzeugte, nämlich dem geſunkenen Zuſtand des Hauſes und dem Ruin, der es bedrohte. Dennoch hatten in der neueſten Zeit die Dinge einiger⸗ maßen eine günſtigere Wendung genommen. Sein An⸗ walt in Cork hatte ihm mitgetheilt, daß wegen irgend eines Formfehlers im Prozeß die Verſtoßung von Haus und Hof, wenigſtens für den gegenwärtigen Termin ver⸗ ſchoben worden ſei. Die an die Lehnsleute ergangenen Weiſungen, nicht zu bezahlen, waren zuruückgenommen worden, und die Renten gingen wieder ein, wie zuvor; das einzige wahrhaft drückende Uebel waren die Wechſel⸗ deren Erneuerung immer eine bedeutende Summe bag⸗ 288 ren Geldes erforderte. Daß dieſer Uebelſtand eine Nie⸗ dergeſchlagenheit verurſachen ſollte, die durch das ge⸗ häufte Elend früherer Tage nicht bewirkt worden war, das konnte er nicht begreifen; aber nach langem Nach⸗ denken und reiflicher Erwägung gewann er endlich die Ueberzeugung, daß dieß doch der Fall, und daß Mark's Kummer um ſo größer ſei, weil er ſah, wie nahe ſie an einer günſtigern Wendung der Dinge ſtanden, und wie ihnen durch jenen einzigen mißlichen Umſtand den⸗ noch jede Hoffnung abgeſchnitten war. Nicht gieriger greiſt die Hand des Ertrinkenden nach dem Strohhalm, als die gequälte, erſchöpfte, von Zweifeln geängſtigte, von Vermuthungen gehetzte. Seele nach irgend einer wenn auch nur ſcheinbaren Löſung einer Schwierigkeit, unter deren Druck ſie lange gelitten; alsdann verwandelt ſie, Wehn blick, jeden vorübergehenden Umſt in einen Beweis für die Richtigkeit der Löſung. O'Donoghue ſah ein, oder glaubte wenigſtens zu ſehen, warum Mark die Andern bei ihren Beſuchen in der„Lodge“ niemals begleiten— und warum er nicht anweſend bleiben wollte, wenn Jemand von der Familie Travers in's Schloß kam; er erklärte die Abneigung ſeines Sohnes gegen die ihm erzeigten Höflichkeiten ohne weiters aus jenem verwundeten Stolz, der ihn ſeine gegenwärtige Lage ſo ſchmerzlich empfinden ließ, und ihm als dem künftigen Familienhaupt über ein ſo herabgekommenes Gut ſo gerechten Kummer einflößte. „Der arme Burſche,“ ſagte er⸗„iſt zu ſtolz, als daß er ein Gaſt bei Leuten ſeyn möchte, für die er kein Wirth ſeyn kann. Ein eeddler Junge! In Deinen Adern wenigſtens ſtrömt immer noch das alte Blut.“ Wie dies Uebel zu bekämpfen ſey, das ward jetzt ſein einziger Gedanke. Er ſann darüber bei Tage— er träumte davon bei Nacht. Eine Stunde um die andere erlitt er die folternden Qualen einer Armuth, gegen die aller Kampf vergeblich war, und deren au u für den Augen⸗ ——— —— 289 Angriffe ſich ohne Unterlaß wiederholten. Jeder Plan, den er erſann, ſtieß auf unzählige Hinderniſſe; und wenn er, erſchöpft von nutzloſen Entwürfen, beſchloſſen hatte, dem Gegenſtand für immer zu entſagen, ſo bewog ihn der Anblick von Marks eingefallener Wange und eingeſun⸗ kenem Auge zu einem neuen Verſuche, wobei er jedes⸗ mal gelobte, er ſolle der letzte ſeyn. Die alten, oft mit Erfolg angewendeten Mittel, Mark aufzuheitern, ſtanden ſeinem Vater nicht mehr zu Gebote, wie zum Beiſpiel die Befriedigung irgend einer Laune, irgend einer vorübergehenden Liebhaberei für ein Pferd oder einen Hund— für ein Boot oder eine Angelruthe. Außer dem fühlte er, daß Marks Kummer, welche Urſache er auch hatte, für derlei oberflächliche Mittel zu tief lag, und er dachte lange und angeſtrengt über die Sache nach. Leider hatte er Niemand, dem er ſeinen Kummer hätte mittheilen, der der ihn mit ſeinem Rath hätte unterſtützen können. Von Sir Archibald hatte er ſtets geglaubt, er ſey gegen Mark eingenommen und immer mehr geneigt, ſeine Fehler zu übertreiben als zu bemän⸗ teln. Hätte er ihm ſein Herz oͤffnen wollen, ſo hätte er ſich nur einigen ſehr plauſiblen, aber, wie er dafür hielt, ſehr unpractiſchen Bemerkungen über Mäßigkeit und Ordnung ausgeſetzt— über die Nothwendigkeit, ſich dem Wechſel des Glücks zu unterwerfen— und im Nothfall irgend einen beſcheidenen aber ehrbaren Beruf als Erwerbszweig zu wählen. Dieſe und ähnliche Vor⸗ ſtellungen waren ihm ſchon mehrmals unter die Naſe gerieben worden: aber ſie geradezu aufzuſuchen und aus freien Stücken hervorzurufen, das fiel ihm doch nicht ein. So war denn Kerry O'Leary der einzige, an den er ſich wenden konnte, und wer weiß, welches Vertrauen man in Irland alten Dienern ſchenkt, die das Schick⸗ ſal der Familie lange getheilt haben, und die für treu gelten, weil ſie wegen gänzlicher Unbrauchbarkeit dem Lever, O⸗Donoghue. 1. 19 ſie ſchützenden Hauſe zugethan ſind, der wird ſich über O'Donoghue's Wahl nicht verwundern. Kerry, ſage ich, war ſeine letzte Zuflucht; und von ihm hoffte er wenig⸗ ſtens einen Aufſchluß über das Geheimniß zu erhalten. Kaum hatte ſich daher O'Donoghue in ſein Schlafzim⸗ mer begeben, als er Kerry zu ſich kommen ließ und nach kurzer Einleitung ihn fragte, ob er nicht wiſſe, wo, wie oder mit wem ſein junger Herr in den letzten Tagen ſeine Zeit zugebracht habe. „Wahrlich, gerade das iſt es⸗ worüber auch ich mir ſchon den Kopf zerbrochen habe,“ ſagte Kerry, deſſen Neugierde ebenfalls im höchſten Grade angeregt worden war.„Zuweilen denke ich ſo, zuweilen anders— aber in's Neine bin ich noch nicht gekommen.“ 4 „Nun, was hatteſt Du denn für Gedanken, Kerry?“ „Letzten Dienſtag hatte ich Joe Lenahans Tochter im Verdacht— das ſchöͤnhaarige Mädchen, droben an den drei Wieſen; ſodann ſetzte ich mir in den Kopf, er möchte auf einen Dachs aus ſeyn— denn er ging immer das Ufer des Fluſſes entlang; aber zweimal in der Woche glaubte ich ſicher ihn zu haben— und für⸗ wahr ich glaube, ich habe ihn am Ende doch.“ „Wie ſo, Kerry? Sprich doch, mein Mann 1“ „Lanty Lawler hat einen hübſchen Braunen— ein vierjähriges Thier, ſo ſtark, wie ich noch wenige geſehen — das iſt's worauf er aus iſt— hobs der Teufel, wenn es nicht wahr iſt. Ich habe ihn geſehen, am Freitag, wie er damit über die großen Hecken unter dem Ginſterfeld ſetzte— ja, ich habe den Sprung ge⸗ meſſen— und ich will nie in Sünden ſterben, wenn er⸗ nicht neunzehn Fuß über den Graben ſetzte.“ „Weißt Du nicht, Kerry, was er dafür verlangt?“ rief der alte Mann begierig. „So viel Pfund in Gold, als das Thier ſelbſt wiegt, hörte ich ſagen, denn der Kapitän drüben in der „Lodge“ will ihm für ein Militärpferd ſo viel geben, 291 als er nur verlangt— und dreihundert Guineen erwar⸗ tet Lanty für beſagtes Thier. O weh! er iſt ein Schauſpieler, dieſer Lanty und verſteht's wie man die Herrn zu bürſten hat.“ „Und Du meinſt alſo, Kerry, das iſt's?“ „Man ſoll mich in's Meßgewand ſtecken, wenn ich weit fehlgeſchoſſen habe. Ich habe nie gehört, daß Mr. Mark in ein Freudengeſchrei ausbrach, wenn er über einen Zaun ſetzte, ohne daß er zugleich ein Gelüſte nach dem Thier unter ihm bekommen hätte.„Hopp!’ ſagte er, indem er die rechte Hand ausſtreckte, ‚„da geht der Weg.’„Das Thier iſt Ihnen an's Herz gewachſen,“ ſagte ich, ‚und es iſt zum Verzweifeln, daß es nicht Ihr Eigenthum iſt.“ „Du kannſt mich verlaſſen, Kerry,“ ſagte der alte Mann mit einem ſchweren Seufzer;„es geht ſchon auf zwölf.“ „Gute Nacht, Sir, und wünſche wohl zu ruhen.“ „Warte einen Augenblick— halt noch einige Mi⸗ nuten. Sind ſie noch drunten im Geſellſchaftszimmer?“ „Ja, Sir; ich hörte Miß Kate ſingen, als ich die Treppe heraufging.“ „Gut, Kerry, ich möchte alſo, daß Du warteſt, bis ſie das Zimmer verläßt, und dann flüſterſt Du ihr zu — aber gib AOcht, bei Deiner Seele, daß Dich Nie⸗ mand ſieht noch hört— Du ſagſt ihr alſo blos, ich mochte ſie gerne dieſen Abend für einige Sekunden hier bei mir ſehen. Verſtehſt Du mich?“ „Seyn Sie unbeſorgt, Sir, ich will es ſchon ſo einrichten, daß es der Klügſte nicht beſſer machen könnte.“ Mit dieſen Worten verließ Kerry das Zimmer und ſein Herr war nicht lange zum Warten verdammt, denn bald darauf kündigte ein ſanftes Klopfen an der Thüre Kate's Gegenwart an. 1 „Komm, ſetze Dich, meine liebe Kate,“ rief O'Do⸗ 19 292 noghue, indem er einen Stuhl neben den ſeinigen ſtellte, „und laß mich fünf Minuten mit Dir plaudern.“ Das junge Mädchen gehorchte mit einem Lächeln und erwiederte mit Wärme den Händedruck des Oheims. „Kate, mein Kind,“ ſagte er— indem er mit ſichtbarer Schwierigkeit und Verlegenheit ſprach, und ſeine Augen nicht auf ſie, ſondern auf das Feuer heftete, „Kate, Du biſt in ein trauriges, freudloſes Haus gekom⸗ men, mit wenig Gemächlichkeit, mit wenig oder keinen Freuden für ein ſo junges und ſo liebenswürdiges Ge⸗ ſchöpf wie Du biſt.“ „Mein lieber Oheim, wie kannſt Du ſo mit mir ſprechen? Kannſt Du mich in Deinem Herzen von Deinen andern Kindern trennen? Mark und Herbert klagen nicht, meinſt Du, ich könne es?“ „Das ſind ganz andere Menſchen, als Du, mein holdes Kind. Die Moosroſe wird die Stürme des Winters nicht aushalten, während ihnen der wilde Dornſtrauch ohne Gefahr trotzt. Für Dich muß dieſes ſchauerliche Haus ein Gefängniß ſeyn. Ich weiß es— ich fühle es.“ 8 „Nein, nein, Oheim. Wenn Du ſo denkſt, ſo muß es meine Schuld ſeyn— nur irgend eine Unart von mir konnte Dich auf den Gedanken bringen, daß ich unzufrieden ſey; aber ich bin es nicht— weit entfernt. Ich liebe den theuern alten Sir Archy und meine Vettern herzlich: ja, und meinen Oheim Miles auch, obgleich er zu wünſchen ſcheint, meiner los zu werden.“ Der alte Mann drückte ihre Finger an ſeine Lippen und wendete ſein Haupt weg.— „Höre, Kate,“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe, „das war gewiß nicht meine Abſicht. Keiner von uns könnte jetzt ohne Dich mehr leben. Meine Gedanken hatten einen ganz andern Zweck.“ „Und der wäre——“ „Einfach der“— und hier bemühte er ſich ſichtbar raſch zu ſprechen, gleich als ſcheue er ſich, bei den Wor⸗ 293 ten zu verweilen.„Prozeſſe und Schurken von Advo⸗ katen haben drei Viertheile meines Vermögens ver⸗ ſchlungen, vom Reſt weiß ich kaum, ob ich Herr darüber bin oder nicht; zu dieſem Theile gehören indeſſen das alte Haus und die wenigen Morgen, die aus dem Schiffbruch gerettet wurden. In dieſem Augenblicke ſchweben inhaltsſchwere Rechtsfragen vor den Gerichts⸗ höfen, und wenn ſie zu meinen Gunſten entſchieden werden, ſo werde ich im Beſitz der Heimat meines Vaters bleiben und nicht als Bettler in die Welt hin⸗ ausgeſtoßen werden. Nein, mein Kind, Du mußt nicht ſo blaß werden— das iſt jetzt eine alte Geſchichte und hat wenig Schrecken für uns, ſo lange ſie ein blos be⸗ fürchtetes Uebel bleibt. Für Deine Ohren aber wird es traurig klingen. Ich weiß es,“ ſagte er indem er ſich eine Thräne abwiſchte, die gegen ſeinen Willen kommen wollte. Beide ſchwiegen jetzt. Der alte Mann machte eine Pauſe, unentſchloſſen, wie er fortfahren ſollte. Kate ſprach nicht; denn bis jetzt konnte ſie weder die Abſicht ſeiner Mittheilung erkennen, noch konnte ſie auch, wenn ihr dieſelbe eingeleuchtet hätte, einſehen, in wie fern ſie ſich in der Sache betheiligen ſollte. „Weißt Du auch, meine Liebe,“ begann er nach einer beträchtlichen Pauſe,„daß ſich Dein Vater mit Deiner Mutter vermählte, als ſie erſt ſechzehn Jahre alt war?“ „Ich habe oft gehört, ſie ſey kaum mehr als ein Kind geweſen,“ ſagte Kate ſchüchtern— denn ſie konnte ſich ihrer Eltern nicht mehr erinnern, weder ihres Vaters noch ihrer Mutter. „An Jahren, meine Liebe, war ſte ein Kind, aber ein Weib in Rückſicht auf Anmuth, Verſtand und jeg⸗ liche Vortrefflichkeit— in der That, ſo glücklich war mein armer Bunder in ſeiner Wahl, daß er ſtets die Jugend ſeines Weibes als einen der Gründe ihrer Lie⸗ benswürdigkeit betrachtete. Oft haben wir mit einan⸗ 294 der darüber geſprochen, und nichts konnte ihn vom Ge⸗ gentheil überzeugen. Er blieb feſt bei ſeinem Glauben und handelte auch danach; denn er beſchloß, wenn er je eine Tochter bekäme, ſo ſollte ſie mit ſechzehn Jahren — dem Alter, wo ihre Mutter heirathete— volljährig ſeyn. Ich ſuchte ihn davon abzubringen. Ich that mein Möglichſtes ihm die Gefahren und Schwierigkeiten eines ſolchen Planes auseinanderzuſetzen. Vielleicht, meine Liedſte, wäre ich weniger hartnäckig in meinen Vorſtellungen geweſen, wenn ich geahnt hätte, wie meine Nichte ſeyn würde; aber es war alles vergeblich. Die Idee war einmal vorherrſchend in ihm geworden, ſo daß ich nachgeben mußte, und jetzt, Kate, nach einem Zwiſchenraum von vielen Jahren— denn die Unterhal⸗ tung, auf die ich anſpiele, fand vor langer Zeit ſtatt — jetzt iſt es mein Schickſal, zu ſagen, daß mein Bruder Recht, ich aber Unrecht hatte— daß er mit richtigerm Blicke in die Zukunft ſah, als ich. Vor zwei Monaten wurdeſt Du volljährig.“ Das junge Mädchen horchte mit geſpannter Neu⸗ gierde auf jedes Wort, das von den Lippen des Oheims ſiel, und ſchien verlegen, als er aufhörte zu ſprechen. Mittheilungen, die ſo weit und nicht weiter gegangen, konnten ſie nichi befriedigen, und ſie wartete mit Unge⸗ duld auf die Fortſetzung. „Ich ſehe, mein Kind,“ ſagte er mit ſanfter Stimme, „Du weißt nicht, was es mit der Volljährigkeit für eine Bewandtniß hat; Du haſt vielleicht noch nicht gehört, daß ich als Dein Vormund, das Vermögen in meinen Händen habe, welches Dir Dein Vater hinterlaſſen; es war der für ihn, als jüngern Sohn beſtimmte Antheil, denn der arme Mann hatte auch den Familienfehler, daß er nie mit ſeinem Einkommen ausreichen konnte. Deine Zehntauſend— er nannte ſie ſtets die Deinigen — hat er jedoch nie angetaſtet und dieſe Summe wenigſtens iſt Dir geſichert geblieben.“ Obſchon Kate wußte, daß ihr Oheim ihr Vormund 295⁵ war, und gehört hatte, daß ihr einiges Vermögen zufal⸗ len würde, ſo hatte ſie doch nicht die entfernteſte Idee davon, wie hoch es ſich belief, noch auch, daß es ihr ſo bald zur Verfügung ſtehen würde. „Ich ſehe, Oheim— ich verſtehe alles, was Du ſagen willſt,“ ſprach ſie haſtig;„ich bin volljährig und im Beſitz von zehntauſend Pfund.“ 8 Der entſchloſſene Ton, worin ſie ſprach, ſetzte O'Do⸗ noghue faſt in Schrecken, er zweifelte an der Klugheit ſeiner Mittheilung, und zögerte faſt, ihr die beſtimmte Antwort zu geben—„Ja, mein Kind, es iſt ein Erb⸗ zins— ein——“ „Was kümmert mich der Name, Sir; v iſt es wirk⸗ lich ſo viel werth?“ „Ohne Zweifel, ja.“ „Nun ſo nimm es, theuerſter Oheim,“ ſagte ſte, indem ſie ihn umhalste,„nimm es, und gebrauche es, ſo daß es Dir einige Gemächlichkeit, wenigſtens einige Erheiterung verſchaffen und Deinem Haus ein fröhlicheres Ausſehen geben kann. Was brauchſt Du Dich um Deine Söhne zu kümmern— Mark und Herbert ſind nicht von der Art, daß Du ein Mißlingen zu fürchten brauchſt, welchen Pfad ſie auch einſchlagen mögen; und was mich betrifft, ſo wird das Sacré Coeur, wenn Du meiner müde wirſt, mich gerne wieder zurücknehmen; in der That, ſie wiſſen, daß ihr Werk, mich zu bekehren, noch keineswegs vollendet iſt,“ fügte ſie lächelnd hinzu,„und die lieben Nonnen n urde es freuen, wenn fie ihre Auf⸗ gabe fertig bringen könnten.“ „Kate, mein Kind, Liebling meiner Seele,“ rief der alte Mann ſie an ſein Herz drückend,„dieß darf nicht, dieß kann nicht ſein.“ 4 „So muß es, und ſo ſoll es ſeyn, Oheim,“ ſprach ſte entſchloſſen.„Wenn der Wille meines theuern Va⸗ ters keine Null ſeyn ſoll, ſo habe ich Gewalt über mein Vermögen.“ ₰ 296 „Aber nicht um Dich in's Verderben zu ſtürzen, Kate.“ „Nein, das werd' ich auch nicht. Wird mich mein theurer Oheim weniger lieben, wenn ich mir bewußt bin recht gehandelt zu haben? Wird er ein Lächeln weniger für mich haben, weil ich es ihm in meinem glücklichern Bewußtſeyn mit wärmerer Herzlichkeit, erwie⸗ dern kann? Das kann ich nicht glauben; eben ſo wenig kann ich denken, daß Du Deines Bruders Tochter ihres Vaters unwürdig machen willſt. Du wirſt doch ihm nichts abſchlagen.“ Ihre Lippe zitterte und ihre Augen wurden voll, als ſie dieſe letzten Worte mit einer Stimme äußerte, die dem alten Mann tief zu Herzen ging. „Es gibt nur einen Weg, Kate.“ „Was brauchen wir mehr, Oheim? Wozu zwiſchen verſchiedenen Wegen wählen, wenn wir einen geraden Pfad vor uns ſehen?“ „Ja, Theuerſte— aber man wird ſagenz ich hätte ſo etwas nicht zugeben ſollen— ich hätte bei Annahme eines Anlehens——“ „Ein Anlehen!“ murmelte ſie mit vorwurfsvollem Blicke. „Nur als ſolches kann ich's annehmen, ſonſt könnte ich keinen Heller davon anrühren,“ erwiederte O'Donog⸗ hue. Nein, nein! Noth und Elend haben ſeit manchem Jahre ſchwer auf mir gelaſtet; aber noch iſt nicht alles Ehrgefühl aus dieſem armen Herzen verwiſcht.“ „Sey es, wie es Dir beliebt, mein theurer, theurer Oheim,“ ſagte das zärtliche Mädchen;„nur laß es Dich keinen weitern ſchmerzlichen Gedanken mehr koſten. Aber ſprechen wir nicht weiter davon;“ mit dieſen Wor⸗ ten küßte ſie ihn zweimal und erhob ſich von ihrem Stuhle.„Morgen gehen wir nach der„Lodge“ um den Tag über dort zu bleiben; Herbert iſt ſo wohl, daß er mit uns kommt.“ „Und Mark— wie ſteht es mit dem, meine Liebſte?“ „Mark wird uns nicht begleiten, Sir. Wir ſind 297 entweder zu munter, oder zu leichtſinnig, oder zu ein⸗ fältig, oder ſonſt etwas der Art für ſeine feierliche Stim⸗ mung, wenigſtens weiß er weiter nichts, als die Stirne zu runzeln und uns anzuſtarren; aber das alles wird bald vorübergehen; ich werde ſchon einmal den Schlüſſel zu ſeinem Temperament finden, und dann wird er mir für ſein mürriſches Weſen mit reichlichem Zins bezahlen müſſen.“ Unſere ſchlimme Lage iſt es, meine Liebe, die ihn ſo umgewandelt hat,“ ſagte der Vater, der den Trübſinn des jungen Mannes zu entſchuldigen ſuchte. „Um ſo armſeliger iſt ſen Muth,“ erwiederte das hochherzige Mädchen,„ich kann keinen Mann leiden, der nur den Spiegel des Glückes macht— der zürnt, wenn es zürnt, und lächelt wenn es lächelt. Nein! ich liebe das Temperament, das ſich des Sonnenſcheins freut und dem Sturm trotzt— das alles Gute, das die Welt darbietet, genießt, und ein kühnes Herz zeigt im Kampf gegen das Uebel.“ „Mein leiblicher Bruder, mein armer lieber Harry, ſpricht aus Dir,“ rief der alte Mann voll Entzücken, indem er aufſprang und ſeine Arme um ſie warf;„und das iſt Deine Lebensweisheit, holde Kate?“ „Ja wohl; ein feſtes Herz in ſchwerem Leid, wie Sir Archy es nennen würde, und wie er jeden Abend murmelt, wenn er die ſteile Treppe nach ſeinem Schlaf⸗ zimmer hinaufklettert. Und jetzt, gute Nacht, lieber Oheim— gute Nacht.“ Mit zärtlichem Gruße nahm der alte Mann für die Nacht Abſchied von ihr, und ſetzte ſich in einer aus Freude und Scham gemiſchten Gemüthsſtimmung nieder, um uͤber das, was vorgegangen war, nachzudenken. O'Donoghue war ſehr weit entfernt, ſich mit ſeinem Verfahren zufrieden zu fühlen. Wäre Kate ſchwer zu uͤberreden geweſen— hätte ſie ſeinen Vorſtellungen nach⸗ gegeben, oder ſich durch Auseinanderſetzung ſeiner Plane uberzeugen laſſen, ſo hätte er ſich mit ſeiner Handlungs⸗ 298 weiſe bald ausgeſöhnt und ſich damit getröſtet, daß beide Parteien dazu mitgewirkt. Jetzt dagegen ſah er, daß Anhänglichkeit ihre einzige Triebfeder war; daß ſie kei⸗ nen andern Gründen horchen wollte, als den Eingebun⸗ gen ihres eigenen warmen Herzens; ſie wollte nicht einmal zugeben, daß er ſich vor den Vorwürfen ſeines eigenen Gewiſſens zu rechtfertigen habe; und obgleich von ihr freigeſprochen, fühlte er die Schuld doch noch auf ſich. Es war eine Zeit, wo er ſich zu einem ſolchen Ver⸗ fahren nicht würde erniedrigt haben; aber damals war er reich— reich an den Gütern der Welt und an der Ehre, die dem Ueberfluß zur Seite ſteht; denn ach! ſo demüthigend auch das Geſtändniß ſcheinen mag, die edeln Züge, die im Glück ſo oft bewundert werden⸗ ſind nur die Eingebungen eines Geiſtes, der in Genüſſen ſchwelgt — man iſt freigebig und großmüthig, weil dieſe Eigen⸗ ſchaften eine Wolluſt ſind; man theilt gerne mit, weil das Mittheilen zu Dankbarkeit verpflichtet; und Dank⸗ barkeit iſt der Weihrauch, den die Schwäche der Macht — den die Armuth dem Reichthum darbringt. Wie oft wird Herzenswärme genährt durch glückliche Umſtände, als Beweis für edle Grundſätze angeſehen! Wie oft wer⸗ den Neigungen, an denen man ſein Vergnügen hat, mit wohlüberlegten Vorſätzen verwechſelt? Dieſer Mann war weniger verändert, als er ſelbſt wußte— ſeine Umſtände hatten ſich verwandelt, er ſelbſt hingegen nicht viel; die gleiche Selbſtſucht, die ihn einſt freigebig gemacht hatte, machte ihn jetzt gemein; aber ob er nun Wohlthaten ertheilte oder annahm, der Geiſt war immer der gleiche. Wie erfinderiſch iſt nicht überdieß dieſer Geiſt, wenn es ſich darum handelt, Gründe zur Befriedigung ſeiner Wünſche aufzutreiben?— Wie natürlich, wie leicht ſchien es ihm nicht zu borgen und zurückzuzahlen! Die Worte allein beſchwichtigten ſeine Scrupel hierüber; aber wenn er wirklich ſo zufrieden mit ſich ſelbſt war, warum fürchtete er, es möchte Jemand hinter die Ge⸗ —— 299 ſchichte kommen? Warum kauerte er ſich beſchämt zu⸗ ſammen, wenn er daran dachte, daß ſein Schwager oder auch nur Mark davon hören könnte? Waren dies die Zeichen eines guten Gewiſſens, oder nicht vielmehr die Beweiſe eines Geiſtes, der in Spitzfindigkeiten und Selbſt⸗ täuſchung Ruhe ſuchte? In dieſem Widerſtreit abwech⸗ ſelnder Billigung und Verdammung verbrachte er den größern Theil der Nacht— zuweilen wurde das in ihm kämpfende Ehrgefühl ſo mächtig, daß er ein mit ſo vie⸗ len Erniedrigungen aller Art beladenes Verfahren be⸗ reute; dann aber rann wieder ein Schauer des Ent⸗ zückens durch ſein Herz, wenn er an all' das Vergnügen dachte, das er ſeinem Lieblingsſohn zuwenden— an all' die Freuden, mit denen er ihn wieder einmal über⸗ ſchütten konnte; er malte ſich das Glück der Erlöſung von drückenden Schwierigkeiten vor, wie raſch Marks brauſendes Temperament zugleich mit ihrer Lage ſich aufheitern, wie er wiederum der muntere, kecke Jüng⸗ ling werden würde, den er ſo gerne vor ſich ſah. „Er muß den Braunen haben, von dem Kerry ſpricht,“ murmelte er vor ſich hin.„Sir Marmaduke ſoll uns nicht wegbeißen, und wir wollen ſehen wer von den beiden am beſten im Sattel ſitzt. Ich wette Eins gegen Tauſend, mein Sohn trägt über ſeinen ſcharlach⸗ röckigen Gecken den Sieg davon. Auch hat mir Kerry geſagt, ſie haben einige Koppel Hunde in's Gebirge her⸗ aufgebracht— wir müſſen uns darnach erkundigen; mit acht bis zehn Koppeln könnte Mark hübſche Jagden im Thale anſtellen. Was dieſen Wechſel von Callaghan be⸗ trifft, ſo wird er nicht hart in uns drängen, wenn er ſieht, daß wir Geld haben. Caſſidy muß ſeine achthun⸗ dert Pfund bekommen, ja, er ſoll ſie haben; auch der Schurk Swaby wird ſeine Rechnung ſchicken; aber ein Paar hundert Pfund ſollten ihm den Mund ſtopfen. Auch Archy— beim Jupiter, ich weiß gar nicht, wie viel ich ihm jetzt ſchuldig bin, aber er hat es nicht ver⸗ geſſen, dafür ſtehe ich. Nun, nun— wenn wir auch 30⁰0 den Leck nicht verſtopfen können, ſo werden wir wenig⸗ ſtens Zeit gewinnen die Pumpen anzuwenden, ja, Zeit, Zeit! Mehr verlangte er nicht; er ſuchte nur in eigener Perſon den Hafen zu erreichen und kümmerte ſich wenig, wie es mit dem Fahrzeug oder der Mannſchaft weiter gehen würde. 4 Sein näͤchſter Gedanke war, wie alle juriſtiſchen Vorkehrungen in dieſen verwickelten Dingen zu bewerk⸗ ſtelligen ſeyen, ohne daß Mark oder Sir Archy etwas davon erführen; und über dieſen ſchwierigen Punkt zer⸗ brach er ſich faſt bis zum Morgen den Kopf. Das beſte und einzige Mittel ſchien ihm, an Swaby ſelbſt zu ſchrei⸗ ben und ihn von dem ganzen Vorgang zu unterrichten. Dies würde natürlich mit gewiſſen Uebelſtänden verbun⸗ den ſeyn, da Swaby dafür ſorgen würde, ſich ſelbſt zu⸗ erſt bezahlt zu machen; aber doch ſchien ihm dies der einzige Ausweg, und mit dem Entſchluß, am nächſten Mor⸗ gen denſelben zu verſuchen, legte er ſich auf ſein Kiſſen und ſchlief ein. Der Morgen brach an und fand zwei Glückliche, den Oheim und die Nichte; aber ihr Glück war von ſehr verſchiedener Art. Für ihn war die Erlöſung des Geiſtes von den ſo lange darauf laſtenden Sorgen wegen Schulden und ſonſtigen Uebelſtänden ein Gut von un⸗ ſchätzbarem Werth— Leben und Freiheit zugleich für die eingekerkerten Gefühle ſeines ſtolzen Herzens. In ihrem Buſen erweckte die höhere und edlere Freude, die dem Bewußtſeyn einer guten Handlung entquillt, ein Entzücken, deſſen nur die hochherzige Jugend fähig iſt. Und während ſo der alte O⸗Donoghue über die Genüſſe und Freuden nachdachte, die ihm in Folge des neuen Zuſchuſſes zu Gebote ſtehen würden, ſchwelgte ſie in der Wonne, etwas zum Glück eines Mannes beigetragen zu haben, den ſie ſtets als einen Vater betrachtet hatte, und fühlte ſich ſogar für die Regungen ihres eigenen Herzens zur Dankbarkeit gegen ihn verpflichtet. Als O'Donoghue erwachte, war ſein erſter Gedanke, 301 die bedeutende Summe zur Tilgung einiger ſeiner drü⸗ ckendſten Schulden zu verwenden und dafür zu ſorgen, daß die Familie, wenn auch ſparſam, doch gemächlich leben könne. Zu dieſem Zwecke wollte er diejenigen Gläubiger, deren üͤbermäßige Zinſen den ganzen Reſt ſeines Einkommens verſchlangen, bezahlen, und ſich mit den Andern zur allmäligen Abtragung ſeiner Schulden vergleichen. Je mehr er über dieſe guten Abſichten nachdachte, deſto weniger Vergnügen machten ſie ihm. Seit vielen Jahren hatte er ſich daran gewöhnt, einen Gläubiger als einen unverſöhnlichen Feind zu betrachten. Der bloße Gedanke, einen ſolchen zu befriedigen ſchmeckte nach einer Niederlage. Er hatte dem Geſetz ſo lange Trotz geboten, daß es ihm jetzt Feigheit ſchien, ſich zu ergeben; außerdem bot ihm auch die Verwicklung ſeiner Angelegenheiten eine Entſchulbigung dar, nach der er begierig die Hand ausſtreckte. Wie konnte er Caſſidy vollſtändig bezahlen, und dagegen Hickſon nur einen Theil geben? Würde nicht ſchon allein das Gerücht, daß er ſeine Schulden bezahle, eine ganze Flut von Forderungen aufregen, die beinahe ſchon eingeſchlafen waren? Er hatte oft gehört, ſein Großvater habe ſein Vermögen durch Bezahlung kleiner Schulden verzettelt, es ließ ſich alſo nicht erwarten, daß er die Ueberliefe⸗ rungen ſeines eigenen Hauſes verwerfen würde— auch that er es wirklich nicht. Es war eine kluge, wenn auch nicht ehrliche Be⸗ rechnung von ihm, daß die Erneuerung einer koſtbaren Lebensweiſe mehr dazu beitragen würde, die Plagen der Mahner zu beſchwichtigen, als das forgfältigſte Liquidi⸗ rungsſyſtem. Gaſtereien und Equipagen, dachte er, ein Stall voll Pferde und ein Haus voll Gäſte ſeien ein vollgültiger Schein, und wenn auch mancher demſelben nicht recht trauen möge, ſo ſey man doch ſelten kühn genug, ihn offen zu beſtreiten. „Wenn dieſer Plan geringere Vorzüge hatte, ſo ſagte er ihm wenigſtens beſſer zu; und er eröffnete den Feldzug 3⁰2 mit Nachdruck. Kaum hatte er einen feſten Entſchluß gefaßt, ſo ſchickte er Kerry O'Leary nach Cork mit einem Brief an Swaby, ſeinen Anwalt, den er erſuchte, au⸗ genblicklich nach Carrig⸗na⸗curra zu kommen, mit der Bemerkung, wenn er zugleich ein Paar hundert Pfund mitbringe, ſo könne er ſie zu den übrigen Koſten ſchlagen und für das Ganze zuſammen einen Wechſel nehmen. Während der alte Herr ſeinen Brief zuſiegelte, kicherte er bei dem Gedanken, wie Swaby ſtaunen und welche Vermuthungen der pfiffige Advokat anſtellen würde, um ſich einen ſo unerwarteten Glückswechſel zu erklären. Das bischen Kummer, das ihm noch übrig geblieben war, verſchwand vor dem gemeinen Vergnügen über die Ueberraſchung des Juriſten; denn ſo iſt's, der Kampf mit der Armuth kann die Seele erniedrigen, und die Ausflüchte der Noth als Beweiſe von Gewandtheit und Geſchicklichkeit erſcheinen laſſen. Es war faſt für alle ein Tag der Freude. Sir Archy, gekleidet in ein Gewand, das ſeit manchem Jahre das Tageslicht nicht mehr geſehen hatte, reichte Kate ſeinen Arm, und machte ſich mit Herbert auf den Weg, um den Tag in der„Lodge“ zuzubringen. Mark allein hatte keinen Theil an der allgemeinen Freude; er ſtand mit gekreuzten Armen am Fenſter des alten Thur⸗ mes und betrachtete die Gruppe, welche die Straße dahin ging. Obgleich es ihm nie in den Sinn gekommen war, ſie zu begleiten, ſo erweckte in ihm ſeine Lage doch ein Gefühl von Verlaſſenheit, deſſen er ſich nicht erwehren konnte. Mit der Vorſtellung von dem Vergnügen, das ſie in ihrem Beſuch finden würden, kam zugleich der Gedanke, daß er von ſolchem Genuß ausgeſchloſſen ſey, und das bittere Gefühl des Zurückſtehens jagte ihm das Blut in pochendem Strome durch ſeine Schläfe und be⸗ deckte ſein Geſicht mit einer tiefen Röthe. Seine ſelbſt⸗ verſchuldete Vereinzelung machte er denen zum Vorwurf, welchen er ſo ſorgfältig ausgewichen war und klagte ſie deſſelben Fehlers an, den er ſich ſelbſt vorzuwerfen 303 hatte.„Mein Oheim ſteht mir jetzt ferner, als je,“ murmelte er,„und auch Herbert, Herbert, der ſich ſonſt an mir außzurichten und ſich auf mich zu ſtützen pflegte, auch er ſcheut mich, Den Namen ſeines Bäschens ſprach er nicht aus, aber eine einzige Thräne, die ſchwer über ſeine zitternde Wange rollte, bewies, daß in ſeinem Herzen noch eine andere, und zwar tiefere Quelle des Kummers geöffnet war. Mit einer plötzlichen Geberde der Ungeduld raffte er ſich aus ſeinen Grübeleien auf, ſtieg haſtig die Treppe hinab, ſchritt über den alten Hofraum und ging, ohne ein beſtimmtes Ziel im Sinne zu haben, die Straße hinunter; erſt nachdem er eine Strecke zurückgelegt, bemerkte er, daß er die kleine. Ge⸗ ſellſchaft auf ihrem Wege nach der„Lodge“ beinahe ein⸗ geholt hatte; er verließ daher die Straße und verlor ſich bald in einem der Gebirgsthäler. Was die Andern betraf, ſo war es für ſie wirklich ein ungewöhnlich ge⸗ nußreicher Tag, dergleichen in jenem einſamen Thale ſelten vorkamen. Alles, was Freundlichkeit und Gaſt⸗ freundſchaft erſinnen konnte, um ihnen den Beſuch an⸗ genehm zu machen, wurde von der Familie in der„Lodge“ aufgeboten; und während Sir Marmaduke mit ſeinem Sohn und ſeiner Tochter in höflichen Aufmerkſamkeiten für ſeine Gäſte wetteiferten, bewieſen ſie ihrerſeits ihre Freude über ſolche Zuvorkommenheit durch nicht weniger erfolgreiche Bemühungen, ſich angenehm zu machen. Sir Archy beſaß in nicht geringem Maße die Gabe zu unterhalten— oh ſie gleich lange brach gelegen hatte — und konnte in ſeine Bemerkungen über die Gegen⸗ wart die Weisheit reifen Nachdenkens und die Erfahrung eines langen Verkehrs mit der Welt miſchen; während, gleichſam um die düſtere Färbung ſeiner Gedanken zu mildern, Kate's lebhafte Einfälle und ſprühender Witz das Gemälde erheiterten, und ihm ſowohl Glanz als Leben verliehen. Die Unterhaltung berührte in zwang⸗ loſem Geſpräche die Gegenſtände, die den gewöhnlichen Stoff feinen Verkehrs in der gebildeten und faſhionablen 3⁰4 Welt bilden; und obgleich Sir Archy lange nicht mehr einer ſolchen Geſellſchaft beigewohnt hatte, ſo ließ ſich doch leicht erkennen, wie gelaͤufig es ihm war, eine Gat⸗ tung von Gegenſtänden zu beſprechen, mik welcher er einſt vertraut geweſen. So ſaßen ſie, bald über die Vergangenheit, bald über die Gegenwart ſprechend— Ernſt und Scherz in jener glücklichen Miſchung verbindend, die dem geſelligen Verkehr zerſchiebener Altersſtufen entſpringt— nach dem Der fene und betrachteten durch das Fenſter den glänzenhen Mond, deſſen Licht über das Thal ſich ergoß und auf dem See glitzerte, als die Unterhaltung von der Landſchaft auf den Zuſtand Irlands und die dama⸗ lige Lage ſeiner Bevölkerung überging. Sir Maͤrma⸗ duke behauptete, trotz ſeiner neuen Erfahrungen, mit voller Zuverſicht die Richtigkeit ſeiner Einſicht in Dinge, über die ſich vor und nach ihm ſchon weiſere Männer die Köpfe zerbrochen haben, und ſein Selbſtvertrauen ſchöpfte Nahrung aus der vorſichtigen Zurückhaltung Sir Archys, der ſelten eine Meinung und nie eine beſtimmte Behauptung wagte. In England,“ ſagte Sir Marmaduke,„wollte man mich glauben machen, Irland ſtehe am Abgrund einer Rebellion; die Rebellen ſeyen vollſtändig organiſirt und erwarten nur die Mitwirkung Fr kreichs, um loszu⸗ ſchlagen; aber wie albern erſcheinen ſolche Behauptungen uns hier, die wir mitten unter ihnen leben.“ Sir Archy lächelte bedeutungsvoll und ſchüttelte den Kopf. „Sie, Sir, haben doch gewiß keine Beſorgniſſe hier⸗ über? Es iſt nicht möglich, einen tiefern Frieden ſich vorzuſtellen, als den wir um uns her bemerken. Ohne ſtarke Leidenſchaften und heftige Impulſe ergreift man nicht die Waffen gegen eine rechtmäßige Obrigkeit. Wöo aber finden ſich hier ſolche Anzeichen?“ „Sie werden zugeben, Sir Marmadufe, daß man 305 Sie, wenn man einen Aufſtand vor hat, ſchwerlich zum Vertrauten machen wird,“ bemerkte MNab trocken. „Freilich; aber könnten ſie denn ihre Abſichten vor mir verbergen?— Das iſt die Frage.„Meinen Sie, ich wäre nicht ſchon lange dahinter gekommen und hätte es der Regierung angezeigt?“ „Ich bin überzeugt, Du würdeſt dies nicht gethan haben,“ ſiel Fred ein.„Ich habe von Maitland gehört, es ſey keine Hoffnung, dies Land im Zaum zu halten, wenn wir nicht alle dreißig bis vierzig Jahre einen Strauß mit ihnen bekommen; und wenn ich mich nicht nicht irre, ſo iſt jetzt die Zeit für eine ſolche Lektion wieder da.“ „Iſt es ſo gewiß, auf welcher Seite der Lehrer iſt?“ ſagte Kate mit einer Stimme, deren artikulirte Betonung die Geſellſchaft wahrhaft elektriſirte; und als ſich alle Augen nach ihr richteten, ſtieg das Roth auf ihren Wangen noch höher. „Es iſt mir nie eingefallen, hierüber Zweifel anzu⸗ ſtellen,“ erwiderte Fred in einem Tone ſchlecht verhüllter Empfindlichkeit. „Und doch,“ verſetzte ſie raſch,„tragen ſich jeden Tag Dinge zu, welche die Welt in Erſtaunen ſetzen. Sehen Sie dort!— Sehen Sie! jene Bergſpitze war noch vor einem Augenblick dunkel; und jetzt ſehen Sie das flammende Feuer, das plötzlich dort emporgelo⸗ dert iſt!“ Die ganze Geſellſchaft ſprang auf und begab ſich nach dem Fenſter, von wo aus man in einer Entfernung von ungefähr einer Stunde den rothen Schein eines Feuers ſehen konnte. Einige Minuten lang brannte es glänzend, darauf wurde es immer ſchwächer und ſchwä⸗ cher, bis es erloſch und das dunkle Gebirge in ſeiner vorigen Nacht und Schwärze zurückließ. „Was kann dies wohl zu bedeuten haben?“ fragte Sir Marmaduke erſtaunt.„Iſt es vielleicht ein Signal Lever, O'Donoghue. 1 20 3⁰6 von Schmugglern? Ich höre, ſie wagen ſich noch immer an dieſe Küſte.“. 1 „Den Berg dort kann man nicht von der Bucht aus ſehen,“ ſprach Sir Archy bedachtlich.„Das kann es nicht wohl ſeyn.“ „Ich glaube, wir müſſen uns von Miß O'Donoghue eine Erklärung darüber erbitten,“ ſagte Fred Travers. „Sie iſt die einzige hier, die über die Erſcheinung nicht erſtaunt iſt.“ „Miß O'Donoghue gehört unter dieſenigen, die, wie Sie behaupten, belehrt werden müſſen und daher unfähig ſind, Andere zu belehren,“ erwiederte ſie mit einem leiſen Geflüſter, das nur der neben ihr ſtehende Frederick vernehmen konnte, und er erſchrack faſt über 1 ſeltſame Bedeutung, die in den Worten zu liegen ſchien. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Ein Spaziergang bei Mondſchein. Der im letzten Kapitel erwähnte Beſuch bildete den erſten Schritt zu einer Bekanntſchaft, die bald in Vertraulichkeit überging. Selten verſtrich ein Tag ohne irgend einen Austauſch von Freundſchaftsbeweiſen; und je mehr ſie einander kennen lernten, deſto höher ſtieg ihre gegenſeitige Achtung, ſo daß ſie ſich in Kurzem als Mitglieder Einer Familie betrachten lernten. Die con⸗ ventionellen Gewohnheiten der Geſellſchaft ſind ſtärkere Schranken gegen das Gefühl der Freundſchaft, als die Welt gewöhnlich glaubt. Das Leben in den Städten bietet für den geſellſchaftlichen Verkehr einen Münzfuß dar, der den Werth des wahren Gefühles nur ſehr un⸗ vollkommen vertritt, während man ſich in abgelegenen und weniger cultivirten Gegenden dieſer falſchen Münze 307 gerne entledigt, und lieber offen und frei mit einander umgeht. Wie wenig dachte jetzt Sir Marmaduke an all die Eigenthümlichkeiten Sir Archys in Benehmen und Aus⸗ drucksweiſe! Wie ſelten hielt Sybella Kate's Meinungen für wild und überſpannt! Und wie ſchwer hätte es ge⸗ halten, den ſtolzen Garde⸗Ofſizier zu überreden, daß die Geſellſchaft von St. James in Ton oder Eleganz irgend Vorzüge vor den Abenden in der„Lodge“ beſitze. Die wahren Elemente gegenſeitigen Wohlgefallens waren hier vereinigt. Die Abweichungen in Charakter und Neigung— die großen Verſchiedenheiten des Alters und der Denkweiſe waren dennoch durch die gegenſeitige Würdigung ſolcher Eigenſchaften, die man an ſich ſelbſt vermißte, in Ein harmoniſches Ganze vereinigt. Wenn Kate das einfache, aber hochherzige engliſche Mädchen bewunderte, deſſen Gedanken ſelten irrig waren, außer wenn es Andern höhere und reinere Motive, als in der Welt gewöhnlich, unterſchob, ſo blickte Sybella mit be⸗ geiſtertem Entzücken empor zu den ſchimmernden Ta⸗ lenten ihrer iriſchen Freundin;— die warme, edle Glut ihrer Einbildungskraft— die leuchtenden Blitze ihres Witzes— ihre zungenfertige Beredſamkeit, und was viel⸗ leicht nicht das geringſte war, die Unerſchrockenheit und Furchtloſigkeit ihres Weſens, flößten ihr beinahe ein Gefühl von Ehrfurcht ein, das ihre Liebe zu Kate O⸗Donoghue in den Hintergrund drängte, ohne ſie zu ſchwächen. Es gereicht vielleicht nicht zur Ehre der menſch⸗ lichen Natur; aber wie oft werden unſere Freundſchaften von Selbſtliebe eingegeben? Wie häufig erheben und rühmen wir Eigenſchaften, die den unſrigen gerade ent⸗ gegengeſetzt ſind, nur um das Vergnügen zu genießen, das unſere ſcheinbare Unparteilichkeit uns gewährt? Wahrlich, Gerechtigkeit muß eine große Tugend ſeyn, wenn ſchon ihr bloßer Schatten fähig iſt, die menſch⸗ 20 308 liche Natur zu veredeln. Solche Motive waren indeſſen im gegenwärtigen Falle nicht vorherrſchend. Kate's Be⸗ wunderung für Sybellas nie irrendes Gefühl und für ihren richtigen Takt war eben ſo makellos als Sybellas inniger Enthuſiasmus für die Irländerin. Was Fre⸗ derick Travers betraf, ſo war dieſelbe Unähnlichkeit im Charakter, die ihm anfangs Kate in Vergleich mit ſeiner Schweſter in einem unvortheilhaften Lichte zeigte, jetzt Urſache, daß er von ihren Eigenſchaften ganz bezaubert war. Seit ihrem erſten Zuſammentreffen war ſie in ſeiner Achtung unendlich hoch geſtiegen; und jede Idee einer Vergleichung zwiſchen den beiden Mädchen wäre ihm jetzt lächerlich vorgekommen. Es ließ ſich nicht leugnen, manche von ihren Anſichten hatten ein zu na⸗ tionales Gepräge, als daß er ſie hätte bewundern können. Sie war mit Leib und Seele iriſch— wenigſtens, was er dafür hielt. Die Ueberlieferungen, denen ſie als Kind mit Begierde und Entzücken gelauſcht— hatten ihrer Seele einen Hang eingeflößt, der mit den Jahren immer ſtärker wurde, Die unmittelbaren Umſtände ihrer eigenen Familie erhöhten dies Gefühl, und der Verfall ihres Hauſes hatte ihren Stolz mit Kummer gefärbt. All ihre Liebe zu ihren Vettern konnte ſie über die großen Mängel derſelben nicht verblenden. In Mark ſah ſie einen Menſchen, deſſen Lebensgeiſter durch den Druck der Noth gebeugt ſchienen, ſtatt dadurch erweckt zu werden. Herbert ſchien ihr bei all ſeiner Offenherzigkeit und Gutmüthigkeit mehr dazu gemacht, den Sonnen⸗ ſchein des Lebens zu genießen, als ſich zum Kampf mit ſein en Stürmen zu rüſten. Wie oft wünſchte ſie ein Knabe zu ſein; wie man⸗ cher Traum von einer Laufbahn, die ſie hätte einſchla⸗ gen mögen, ſchwammen vor ihrer Seele. Irland eine Nation— ſeine eigenen Söhne ſeine Herren— war das Thema mancher oft gehörten Erzählung geweſen und in dem Gedanken an ein Volk, das ſich eine lang ver⸗ lorene, lang geſuchte Nationalität erkämpfen würde, 3⁰9 lag eine Poeſie, die ihre Einbildungskraft erregte und ſteigerte. Die klöſterliche Erziehung hatte ihre Seele mit Er⸗ zählungen von den Leiden der Eingeborenen und von der ſächſiſchen Tyrannei angefüllt und ſie ſehnte ſich nach dem Tage, da man an den ſtolzen Eindringlingen Rache nehmen würde. Groß war ihre Verſtimmung, als ſie ihre Vettern für jedes Gefühl dieſer Art ſo taub und ſo todt fand; und ſie zeg die ritterliche Glut des engliſchen Soldaten der trägen Gleichgültigkeit Marks ſowie der gluͤcklichen Sorgloſigkeit Herberts vor. Wäre Frederick Travers ein Irländer geweſen, würde er alsdann die Leiden ſeines Landes ſo demüthig ertra⸗ gen? Dies war eine Betrachtung, die ſich ihrer Seele mehr als einmal aufdrang und nie mächtiger, als da ſie an dem bereits erwähnten Abend von ihm ſchied. Er hatte ſie auf ihrem Rückweg nach Carrig⸗na⸗curra beglei⸗ tet, den ſie, da die Nacht ſchön und der Mond beinahe voll war, zu Fuß zurücklegten. Kate, die, wenn ſie ſpa⸗ zieren ging, ſelten einen Arm annahm, hatte bei dieſer Gelegenheit zufälliger Weiſe den ſeinigen genommen, während Sir Archy ſich an Herbert hielt. Mit hoch⸗ ſchlagendem Herzen lauſchte der junge Offizier, als ſie ein Ereigniß erzählte, deſſen Schauplatz die Gegend geweſen war, über die ſie kamen. Es war ein treulo⸗ ſer Mord, verübt an einem Häuptling und ſeinen An⸗ hängern, der unter dem Vorwand der Freundſchaft dahin verlockt worden. „Man ſagte ihm,“ erzählte ſie,„ſein junges Weib, das ihm gewaltſam entriſſen und zwei volle Jahre ein⸗ gekerkert worden war, ſolle ihm an dieſem Ort wieder zurückgegeben werden; er brauche nur mit einem Ge⸗ folge von zwölf Perſonen, ohne andere Waffen als Schwer⸗ ter, ſich einzufinden und da, wo wir jetzt ſtehen, ſollte ſie wieder ſein eigen werden. Die beſtimmte Stunde war um die Zeit des Sonnenunterganges und er war⸗ tete mit ängſtlicher Ungeduld dort unter jener Klippe, —— 310 wo Sie die tiefe Schlucht ſehen. Seltſam genug, daß ſte der wahren Geſchichte eine Legende beigefügt haben, gleich als könne die ihnen zugefügte Unbill durch Dich⸗ tung noch verſtärkt werden! Und noch heute geht die Sage der große Fels ſei erſt in jener Nacht zerriſſen. Benannt wird er, das ‚gebrochene Wort.“ Langweile ich Sie viel⸗ leicht mit dieſen alten Geſchichten?“ „Nein, nein, fahren Sie fort, ich bitte Sie. Ich kann Ihnen nicht ſagen, welchen Zauber Ihre Geſchichte auf die Gegend wirft.“ „Er ſtand dort wo ſich jetzt der ſchwarze Schatten über die Straße ſtreckt, und nachdem er abgeſtiegen gab er ſein Pferd einem ſeiner Begleiter und ſchritt mit po⸗ chendem Herzen auf und ab, ihre Ankunft erwartend.“ „Sein Gefolge hatte weniger Sympathie für den Kummer des Häuptlings, als ſich erwarten ließ; denn ſie war keine Kandeselligehorend, ſondern die Tochter ei⸗ nes engliſchen Grafen. Er liebte ſie vielleicht nur um ſo mehr— ihre freundloſe Lage war ein weiteres Band, das Beide aneinander knüpfte,“ „Sagt die Legende ſo, oder iſt dies blos eine Ver⸗ muthung von Ihrer Seite,“ flüſterte Travers ſanft. „Das weiß ich kaum,“ fuhr Kate in einem etwas weniger ſichern Tone als bisher fort.„Ich glaube, ich erzähle Ihnen die Geſchichte, wie ich ſie gehört habe; aber warum ſollte ſie nicht die Seinige in jedem Gefühl und Gedanken geweſen ſein— warum ſollte ſie ſich nicht das Recht dazu erworben haben, von dem, den ſie ge⸗ lehrt hatte, zu lieben?“ Die letzten Worte waren kaum ausgeſprochen, als Kate mit einem plötzlichen Ausruf, worin weniger Furcht als Erſtaunen lag, Travers Arm ergriff und fragte— haben Sie's geſehen?“ „Es ſchien mir als ſei ein dunkler Gegenſtand an der Straße vorübergeſtrichen.“ „Ich ſah einen Mann vorübergehen, der hinter uns her kam und dort in dem Dickicht verſchwand; er war jedoch allein.“ — ——;—-—:— ——-—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ— 311 „Und ich bin bewaffnet,“ ſprach Travers kaltblütig. „Und wenn Sie es nicht wären,“ verſetzte ſie mit Stolz,„ſo hat ein O'Donoghue nichts zu fürchten in dem Thale Glensflesk. Laſſen Sie uns indeſſen meinen Oheim einholen, denn ich ſehe er hat uns weit zurück⸗ gelaſſen.“ Während ſie nun vorwärts eilten, ſetzte ſie ihre Geſchichte mit der gleichen Ruhe fort, wie vor der Unterbrechung. Travers horchte begierig zu, allerdings weniger aus Intereſſe fuͤr die Geſchichte, als weil die leidenſchaft⸗ liche Beredtſamkeit der Erzählerin etwas ungemein An⸗ ziehendes für ihn hatte.„Solcher Art,“ ſagte ſie, als ſie an dem alten Thurme neben der Straße ſich umkehrte um ihm Lebewohl zu ſagen,„ſolcher Art ſind die Ueber⸗ lieferungen unſeres Landes; ihre Angaben in Betreff der Zeik, der Oertlichkeit und der Perſonen lauten ver⸗ ſchieden; aber durch alle geht nur Eine Lehre, wie ſchreck⸗ lich Sclaverei iſt!“ Travers wollte durch irgend ein abgenu tztes Compli⸗ ment, in Betreff ihrer eigenen Macht Feſſeln zu legen⸗ ihren Worten eine andere Auslegung geben; aber ſie fiel ihm plötzlich in die Rede und ſagte:„Nein, nein, das ſind keine Dinge zum ſcherzen, obgleich ſie vielleicht da⸗ für halten mögen, daß ſie ſich für ein junges unerfahre⸗ nes Mädchen, wie ich bin; nicht paſſen; auch will ich nicht wieder davon ſprechen, wenn ſie nur als Stoff zum Gelächter dienen.“ Mitten unter ſeinen Betheuerungen, daß dieſer Vor⸗ wurf, den er in ſeiner Hitze weiter trieb, als ein kalt⸗ blütigeres Urtheil zugegeben hätte, ungerecht ſei, ſchüt⸗ telten ſie ſich herzlich die Hände und ſchieden. „Er iſt ein edelherziger Menſch,“ dachte Kate, als ſie langſam und ſchweigend dahinging. Wenn er auch ein Sachſe iſt, ſo hat er doch in ſeiner Bruſt eine Saite, die für Wahrheit und Ehre erklingt.“ „Ein herrliches, edles Mädchen,“ ſagte Frederick halb laut,„es möchte ſchwer ſein, gegen Hochverrath ſich zu 4 312 ſträuben, wenn er von ſolchen Lippen empfohlen wird;“ darauf fügte er mit einem Lächeln hinzu—„es iſt doch nicht recht, einen Gardeofftzier einer ſolchen Verführung auszuſetzen.“ So ſtellten Beide ihre Betrachtungen über ihren 4 gegenſeitigen Charakter an und malten ſich aus wie er ſich bei weiterem Verkehr beſſer formen und bilden laſſe „Ihr ſolltet dieſe Straßen icht ſo ſpät gehen,“ ſagte Mark O'Donoghue in faſt rau m Tone, als er die Thüre öflnete um ſie einzulaſſen. Die Schmuggler ſind jetzt an der Küſte und kommen nicht ſelten gegen Abend das Thal herauf.“ „Warum ſind Sie uns alsdann nicht entgegengekom⸗ men?“ fragte Kate lächelnd. „Wozu, wenn Sie den muntern Soldaten als Be⸗ deckung hatten?“ erwiederte er mit Bitterkeit. „Woher wiſſen Sie das, mein werther Vetter?“ fragte Kate raſch und fügte dann mit, h. entundavollem* Kopfſchütteln flüſternd hinzu—„ich ſehe, es ſind wirk⸗ lich gefährliche Menſchen in der Gegend.“ Marks Geſicht wurde ſcharlachroth, er wendete ſich plötzlich weg und ſuchte ſchweigend ſein Zimmer. ſnſinſſtnſnſfſſſſſnſſſſſ 9 12 13 14 1 10 11 3 16 17