Leihbibliothet deutſcher, eugliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otftmann in Gießen, 8 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. 6ffensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 1 4. Abonneiſent. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— beträgt:— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 30 Pf. 2 Nt. Pf. Sämmtliche von Charles Xever. Aus dem Engliſchen von Gottlob Fink. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. ———————— Bekenntniſſe von Harry Lorrequer. Von Charles Lever. Deutſch von Gottlob Fink. Fünfter bis achter Theil. Stuttgart. 4 Franckh'ſche Verlagshandlung. 1845. Erſtes Kapitel. Ein Tag in Dublin. Am dritten Tag meines Aufenthaltes in Curry⸗ glaß langte mein Freund Mortimer an, um mich zu erſetzen; er brachte mir meinen Urlaub vom Oberſten nebſt einem ungemein verbindlichen Briefe, worin er abermals handgreifliche Anſpielungen auf meine Aus⸗ ſichten bei der Familie Callonby machte, ſo wie über das Ziel meiner Reiſe, wovon ich ihm nichts gemeldet hatte, allerlei Winke fallen ließ urd dazu bemerkte, daß ich, im Fall ich beim Generaliſſimus die Abſicht, in Deutſchland zu ſludiren, als Grund für mein Geſuch angeben würde, mit aller Sicherheit auf einen Urlaub von ſechs Monaten rechnen könne. Mit welcher Mun⸗ terkeit befahl ich Stubber meinen Mantelſack zu packen und im Dubliner Poftwagen gleich auf die kommende Nacht Plätze für uns beide zu nehmen, während ich ſelbſt eilte, von meinem gütigen Wirth und ſeinen Gäſten Abſchied zu nehmen und ihrem geneigten Wohlwollen meinen vortre fflichen Freund Mortimer zu em pfehlen, der ein jovialer Burſche, ganz und gar nicht verliebt und deßhalb ein glücklicher Tauſch gegen mich zu nen⸗ nen war; denn ich hatte trotz der Kapitalgeſchichten Dalys die letzten zwei Tage damit zugebracht, die Hoch⸗ ſtraße mit dem Feuer meiner Blicke zu beſtreichen, die 8 beszierſn der Ankunft meines Nachfolgers entgegen lau⸗ erten. So ſagte ich denn zum zweiten Mal Curriglaß und ſeinem gaſtlichen Eigenthümer, deſſen Anſtrengun⸗ gen, um„Irland Recht zu verſchaffen,“ mir noch lange Zeit im Gedächtniß bleiben werden, Lebewohl, ſetzte mich in's Innere Sr. Majeſtät Poſtwagen und über⸗ ließ mich dem vollen Strom meiner Hoffnungen und Phantaſien, die ſich zuletzt in einem geſunden, erſri⸗ ſchenden Schlafe verloren, aus welchem ich erſt erwachte als wir in Damſon⸗reet vor der Thüre des„Hiberni⸗ ers“ anfuhren. Schon in dieſer frühen Stunde des Tags herrſchte eine bedeutende Geſchäftigkeit und zurüſtende Emſigkeit, die ich mir nicht zu erklären vermochte, bis der Kellner mir ſagte, daß mehr als dreihundert Fremde im Hauſe ſeien, indem man an dieſem Tage die Ankunft Sr. Majeſtät zu höchſt Ihrem Beſuch in Irland erwadte und zu dieſer Gelegenheit eine ſehr namhafte Geſell⸗ ſchaft aus der Grafſchaft Galway ſich mit Weib und Aind in dieſem ihrem Lieblingshotel eingefunden habe. . Obſchon ich in den letzten drei Monaten tagtäg⸗ lich von dieſem herannahenden Ereigniſſe geleſen hatte, ſo konnte ich doch nicht umhin, mich über die ſpannende Aufregung zu verwundern, welche durch daſſelbe ſo all⸗ gemein hervorgerufen wurde, und in meiner kurzen Unterhaltung mit dem Kellner erfuhr ich, daß es ſchlech⸗ terdings unmöglich ſei, eine Unterkunft zu bekommen, und daß er mir kein Bett verſchaffen könnte, ſelbſt wenn ich fünf Guineen dafür böte. Da ich unter ſol⸗ chen Umſtänden keine Neigung zum Schlafen hatte und auch unter günſtigeren Bedingungen wenig darnach gefragt hätte, ſo beſtellte ich mir auf zehn Uhr ein Frühſtück und machte mich auf einen Spaziergang durch die Stadt. Bei meinem kurzen Umherſchlendern in den Straßen konnte ich mich recht deutlich überzeugen, 9 wie wundervoll die würdigen Dubliner ſich für all die Ehren geeignet machten, die ihrer warteten; Blu⸗ menkränze, Transparente, Fahnen und andere Infignien der Fröhlichkeit wurden allenthalben in Bereitſchaft ge⸗ ſetzt, und am Ende der Sackville⸗ſtreet erbaute man eine bedeutende Erhöhung, die große Aehnlichkeit mit einem improviſirten Galgen und, wie ich nachher er⸗ ſuhr, die Beſtimmung hatte, den hochverehrten Lord⸗ mayor in den Stand zu ſetzen, dem Königthum die Thore der Stadt zu öffnen; man erſchuf ſich alſo ein Hinderniß, wo keines vorhanden war, ein höchſt ſinn⸗ reicher Einfall und obendrein merkwürdig iriſch. Ich konnte mich des Wunſches nicht erwehren, mit eigenen Augen zu ſehen, wie die Sache ablaufen werde, ent⸗ ſagte aber dennoch bei meiner ängſtlichen Begierde, ſo ſchnell als möglich auf den Continent zu gelangen, ſogleich jedem Gedanken an ein längeres Verweilen. Als ich in das Kaffeezimmer meines Hotels zurückkam, fand ich es übermäßig vollgedrängt; an jedem Tiſch⸗ chen, das urſprünglich für einen einzigen Gaſt beſtimmt war, ſaßen wenigſtens zwei, ſogar drei Perſonen. Während ich einen flüchtigen Blick durchs Zimmer warf, um mir ein Plätzchen zu ſuchen, fiel mir ein ſtämmiger, alter Gentleman mit rothem Backenbart und hoher, kahler Stirne in die Augen; er hatte trotz der erdrückenden Schwüle des Tages drei Weſten an und legte durch die braune Yorker Lohe ſeiner langge⸗ ſpitzten Stiefel eine höchſt durchgreifende Verachtung, ſowohl gegen Wetter als gegen Faſhion an den Tag; in dem lebhaften Glanze ſeines grauen Auges las ich, daß er halb zweifelnd der Erzählung ſeines Neben⸗ ſitzers lauſchte, der ſeinen Rücken mir zugekehrt hatte und nach den Worten zu ſchließen, die gelegentlich zu mir drangen, eine etwas wunderbare melodramatiſche Deutung der zu erwartenden Vergnügungen der Haupt⸗ ſtadt preiszugeben ſchien. Es lag in der Stimme des Sprechers etwas, das ich zu erkennen glaubte; ich rückte daher näher, und wie groß war meine Ueberra⸗ ſchung als ich meinen Freund Tom O'Flaherty entdeckte. Nachdem unſere erſte Begrüßung vorüber war, ſtellte mich Tom ſeinem Freunde Mr. Burke von Irgendwo⸗ her vor, der, wie er mich weiter in einem Bühnenge⸗ flüſter unterrichtete, die echte Einfalt vom Lande war und Dublin noch nie geſehen hatte. „Alſo, Sir, ſagen Sie, kann Seine Majeſtät ohne Erlaubniß des Lordmayors nicht in die Stadt kommen?“ „ Ja, des Lordmayors und der Aldermen,“ ant⸗ wortete Tom.„Es iſt dieß eine alte feudale Ceremonie, wenn Seine Majeſtät vor das Thor kommt, bittet er um Einlaß, und der Lordmayor verweigert denſelben, weil er ſonſt ſein großes Vorrecht als Haupt der Stadt vergeben würde; dann machen ſich die Aldermen um ihn her, beſtärmen ihn mit Bitten und Liebkoſungen, und allmälig läßt er ſich durch das Verſprechen, zum Ritter geſchlagen zu werden, erweichen, der König ge⸗ winnt den Tag und hält ſeinen Einzug.“ „So wahr ich ein ehrlicher Mann bin, eine ſehr lächerliche Ceremonie das!“ ſagte Mr. Burke,„und hat große Aehnlichkeit mit einem Schafshandel auf dem Ballinaslöer Markte, wo Käufer und Verkäufer ſich den Anſchein geben, als wollen ſie mit einander raufen, bis dann ein gemeinſchaftlicher Freund dazwiſchen tritt und den Handel vermittelt.“ In dieſem Augenblicke ſprang Mr. Burke plötzlich von ſeinem Stuhle, der zunächſt am Fenſter ſtand, auf⸗ um hinaus zu ſehen; ich folgte ſogleich ſeinem Beiſpiel und erblickte eine etwas lächerliche Prozeſſion, wenn man einem Aufzug von ſo wenigen Perſonen überhaupt dieſen Namen geben kann. Die Hauptperſon in der Gruppe war ein rothbackiger, fetter, vergnügt drein blickender Gentleman von etwa fünfzig, mit einem dich⸗ ten, beinahe weißen, am Kinn zuſammen laufenden Backenbart, und auf einem frommen Streithengſt ſitzend, der ſeinen zelterartig abgemeſſenen, ſtolzirenden Schritt 11 augenſcheinlich durch lange Gewohnheit in Prozeſſionen zu gehen erworben hatte; dieſe erhabene Figur war mit einem Scharlachrock bekleidet, hatte cinen Federhut, Ne⸗ ſtelſchnüre, ſo wie das ganze übrige Geprunke eines Generals; er trug dicke Buckſtinhoſen und hohe Kurier⸗ ſtiefel, wie die blauen Dragoner und die Garde zu Pferd; als er mit ſelbſtvergnügter, zufriedener Miene von einer Seite zur andern blickte, ſchien er ſich um das Geleite, das hinter und vor ihm herzog, ganz und gar nicht zu bekümmern; letzteres beſtand aus etlichen Dutzend zerlumpten Jungen, die mit der vollen Macht ihrer Lunge jubelten und ſchrien, erſteres aus invaliden, abgedankten Muſikanten der Dubliner Stadtmiliz, die zur Vervollſtändigung dieſes wahrhaftigen Conterfeis von einem ächten luſtigen Lumpengefindel männiglich beitrugen. Nur Schade, daß ſie nicht auch den Spitz⸗ bubenmarſch blieſen, allein darin hätte man vielleicht eine Perſönlichkeit gefunden. Als dieſe muntere Prozeſſion heran zog, hefteten ſich Mr. Burke's Augen feſt darauf; es war das erſte Wunder, das er bis jetzt geſchaut hatte, und er ver⸗ ſchlang es mit gierigen Blicken. „Dürfte ich Sie fragen, Sir,“ ſagte er endlich, „wer das iſt?“ „Wer das iſt!“ verſetzte Tom, ihn langſam vom Kopf bis zum Fuß überſchauendz„wahrhaftig, Sir, Sie ſcheinen ſcherzen zu wollen, ſonſt würden Sie eine ſolche Frage nicht machen; es wird wohl nicht leicht Jemand geben, der nicht wüßte, wer das iſt. Nicht wahr, Harry?“ ſetzte er mit einem Blick auf mich hinzu, wodurch er mich zur Beſtätigung ſeiner Ausſage aufforderte, die ich, wie ſich von ſelbſt verſteht, gleich⸗ falls durch einen Blick bekräftigte. „Ganz gut, mein lieber Mr. O'Flaherty, aber Sie vergeſſen, wie unbekannt ich noch mit Allem hin was hier—“ 4 12 „Ah, richtig,“ fiel Tom ein,„ich vergaß, daß Sie ihn noch nie geſehen haben. „Und wer iſt er denn, Sir 29 „Der Herzog von Wellington.“ „Gott ſteh' mir bei!“ rief Mr. Burke, indem er den Tiſch ſammt dem ganzen Frühftücksapparat umwarf und wie ein Beſeſſener durch die Stube rannte. Ehe ich mch noch von meinem ſchallenden Gelächter über dieſen Vofall erholen konnte, ſah ich ihn Hals über Kopf die Dawſon⸗ſtreet hinab rennen, ſeinen Hut ſchwingen und mit der vollen Kraft ſeiner Lunge jauch⸗ zen:„Hoch lebe Ew. Gnaden— lang lebe Ew. Gna⸗ den— Hurrah für den Helden von Waterloo, den gro⸗ ßen Helden des Jahrhunderts u. ſ. w. u. ſ. w., was, wie ich wegen der Undankbarkeit des belobten Indivi⸗ duums mit Bedauern ſagen muß, dieſem ſelbſt nicht halb das Vergnügen und ganz und gar nicht das Er⸗ götzen gewährte, wie dem Volkshaufen, der in das jubelnde Vivatgeſchrei einſtimmte und den Helden ſo lange damit verfolgte, bis er ſich hinter den Mauern des Manſion⸗Houſe verborgen hatte. „Und nun,“ ſagte Tom zu mir,„vollenden Sie Ihr Frühſtück ſo ſchnell als möglich; denn wenn Burke zurück kommt, ſo wird er mich quälen, mit ihm zu Mittag zu ſpeiſen, oder ſonſt einen andern Beweis von Dankbarkeit dafür, daß ich ihm den Herzog gezeigt, von ihm anzunehmen. Wiſſen Sie auch, daß er durch meine einfache Vermittlung in den letzten drei Tagen in Dublin mehr Wunder geſehen hat, als ein ſechs⸗ monatlicher Ausflug auf den Continent den meiſten Menſchen vor die Augen führt? Ich habe ihm weiß gemacht, Burke Bethel ſei Lord Brougham, und ich ſtehe im Begriff, ihn zu einer Soiree bei Mylady ein⸗ zuführen, die er für die Marquiſe von Connyngham hält. Inzwiſchen laſſen Sie uns jetzt aufbrechen, denn ich ſehe Burke bereits wieder kommen, und ſo wahr ich lebe, ich bin es müde, ihm vorzulügen, und muß 13 nuich jetzt wenigſtens ein paar Stunden auf's Ohr egen.“— „Sie hätten übrigens dieſe Lügen auch gar nicht nöthig,“ meinte ich;„denn wo ſich ſo viel Neues vor⸗ findet, wie eine ſo große Stadt dem zum erſten Mal angekommenen Gaſte darbietet, da könnten Sie, glaube ich, Ihre Einbildungskraft ſchon ein wenig ſchonen.“ „Ach, mein lieber Harry, wie wenig Sie doch vom Leben wiſſen! dieß iſt ein Mann, bei dem das Ver⸗ langen nach dem Außerordentlichen dermaßen überhand genommen hat, daß man ihn mit Wundern vollſtopfen muß, wenn er nicht Hungers ſterben ſoll, und Sie kön⸗ nen es eben ſo gut verſuchen, einen Tiger mit einer Gangleberpaſtete zu füttern, als ihn mit ver nackten, unüberfirnißten Wabrheit zu befriedigen. Ich kann Ih⸗ nen einen luſtigen Beleg dazu geben; Sie ſahen vor⸗ hin ſein Entzücken, als der Herzog vorüber ritt; was ich jetzt erzähle, iſt die Kehrſeite dieſes Satzes. Vor⸗ geſtern Nacht gingen wir, weil wir nichts Beſſeres zu thun hatten, ins Theater;„die Peruvianerin“ war angekündigt, die man in den letzten zwei Monaten fort⸗ während bei vollgedräogten Häuſern aufgeführt hatte, um einige nordamerikaniſche Indianer zur Schau zu ſtellen, die ein Theaterſpekulant, mit allen Schauerlich⸗ keiten von Pelzwerk, Wampum und gelbem Ocker, expreß mitgebracht hatte. Die Comödie war mir etwas unin⸗ tereſſant; ich lehnte mich daher in meine Loge zurück und verſank in einen gelinden Schlummer. Mittler⸗ weile verließ mein wißbegieriger Freund, Mr. Burke, der bei allem einen unwiderſtehlichen, natürlichen Drang in ſich verſpürt, den Sachen auf den Grund zu kom⸗ men, ſeinen Platz, um über das Stück ſelbſt, das Pub⸗ likum und vor Allem über die Aechtheit der Indianer, die ihn in gewaltiges Staunen verſetzten, Erkundigun⸗ gen einzuziehen. 3 „Nun begab es ſich, daß etwa vierzehn Tage vor⸗ her dieſe intereſſanten Individuen von einer heftigen, 3 14. leiden ſchaſtlichen Sehnſucht, in ihr eigenes Land zurück⸗ zukehren, befallen worden waren; ein unwiderſtehliches Verlangen hatte ſie überkommen, dem wilden, unna⸗ türlichen Traktament, beſtehend aus Roaſtbeef und Gui⸗ neß'ſchem Porter, für immer zu entſagen und ihre vor⸗ maligen ziviliſirteren Lebensgewohnheiten wieder anzu⸗ nehmen. In der That war ihnen zu Muthe, wie der alten afrikaniſchen Lady auf dem Kap, von welcher der Miſſionär erzählt; ſie fühlten, daß ſie glücklich ſterben könnten, wenn ſie nur noch einmal ein gebratenes Kind zum Nachteſſen bekämen, und da ſolche Leckerbiſſen hier zu Lande etwas zu theuer find, ſo wollten ſie um keinen Preis eine Woche länger bleiben; der Direktor machte ihnen Vorſtellungen, er beſtürmte ſie mit den dringendſten, flehentlichſten Bitten und brauchte zuletzt Drohungen. Aber vergebens; ſie waren entſchloſſen, zu gehen und Alles, was der Unternehmer ausrichten konnte, war, daß er ihnen ihre Beſitzthümer, beſtehend in Pelzwerk, Gürteln, Bogen, Pfeilen und Federn, abkaufte und ſie in größter Stille ziehen ließ, ohne das Publikum davon zu benachrichtigen. Das Stück war indeß zu einträglich, als daß er es hätte aufgeben können, und er ſah ſich daher ängſtlich um, wie er den Abgang in ſeinem dramatiſchen Corps erſetzen ſolle. Mehrere Tage lang ſtieß ihm nichts auf, und das Pub⸗ likum verlangte mit immer lauterem Geſchrei nach der Wiederholung des Drama's, woran es ſich höchlich er⸗ götzt hatte. Was war zu thun? In einer trübſeli⸗ gen Stimmung voll Zweifel und Ungewißheit machte der unglückliche Direktor ſeinen gewöhnlichen Spazier⸗ gang nach dem Hafendamm, wo eine Anzahl Landsleute, blosbeinig und ſchmächtig, mit Schnüren von Heu ſtatt der Gürtel um ihre alten grauen Röcke, neben einem Paketboot ſtand, das eben nach England zur Ernte ab⸗ reiſen ſollte. Ihr ungeſchlachtes Ausſehen, ihre wil⸗ den Blicke, ihre heftigen Geberden und vor Allem ihre fremdklingende Kehlſprache— ſie bedienten ſich näm⸗ 15 lich ſammt und ſonders des iriſchen Dialekts— zog die Aufmerkſamkeit des Direktors auf ſie; ſein geübtes Kennerauge verſprach ſich den glänzendſten Effekt, ein Gedanke fuhr ihm durch den Kopf; das waren ja ge⸗ rade die Burſche, deren er bedurfte. Es war kaum nöthig, etwas an ihnen zu ändern, ſie waren ſehr ſchnell zugeſtutzt und in manchen Beziehungen beſſere Wilde als ihre Vorgänger. Durch Vermittlung eini⸗ ges Whiskey's, der geeigneten Flüffigkeit bei allen Ver⸗ trägen dieſer Art, war ſchnell ein Handel abgeſchloſ⸗ ſen; binnen zwei Stunden wurden mit dieſen„vierzig Dieben“ auf den klaſſiſchen Brettern unſers Theaters eine Probe abgehalten, und noch einmal ſtrahlte die Peruvianerin in der ganzen Glorie rother Frakturbuch⸗ ſtaben in den Morgenankündigungen. Der Erfolg blieb nach wie vor ungeſchwächt; die Indianer waren zur Wuth geworden; ſie bildeten den ausſchließlichen Ge⸗ genſtand der Gedanken und Geſpräche in Dublin, und bereits war das Benefiz des Ashewaballagh Cho ange⸗ kündigt, der, beiläufiz geſagt, ein kleiner Burſche aus den Martin'ſchen Beſitzungen in Connemara und einer der drolligſten Geſellen war, von denen ich je gehört habe. In einer der Nächte alſo, in welcher ſie auftra⸗ ten, befand ich mich mit Mr. Burke als Zuſchauer in einer Loge; ich war in einen leichten Schlummer ver⸗ fallen, als ich auf einmal durch ein ſchreckliches Ge⸗ lärme in der Vorhalle aus meinen Träumen aufge⸗ ſchreckt wurde, und ein lautes Geſchrei:„Werft ihn hinaus! Tretet ihn zu Boden! Schlagt ihm den Hirn⸗ ſchädel ein!“ ſo wie andere menſchliche Vorſchläge der gleichen Art mich ſchnell zum Bewußtſein zurückriefen; ich ſtürze hinaus und erblicke zu meinem Erſtaunen mitten in einem bedeutenden Gedränge meinen Freund Mr. Burke, der den Billeteinnehmer aus Leibeskräften mit einem baumwollenen Schirme von ctwas unliebli⸗ chen Verhältniſſen bearbeitete und jeden Schlag mit einem Ausruf begleitete:„He, du Schurke, ſind es 16 jetzt immer noch Connaughter? Sag's noch einmal, ſind ſie alle weſtlich von Athlone zu Hauſe? Ich weiß nicht, was mich verhindert, der die Seele aus dem Leibe zu klopfen!“ Nachdem ich eine karze Einſtellung der Feindſeligkeiten erlangt und den armen Sharkey, der vor Schreck mehr todt als lebendig war, wieder auf die Beine gebracht hatte, erfuhr ich endlich die entſetz⸗ liche Urſache des Kriegs. Mr. Burke hatte ſich, wie es ſcheint, mit Sharkey, dem Billeteinnehmer, in ein Geſpräch eingelaſſen über ſämmtliche Einzelheiten des Theaters und das gegenwärtige Stück, ganz beſonders aber über die wirkliche und authentiſche Geſchichte der Indianer, deren Sprache, wie er bemerkte, in vielen Beziehungen der iriſchen ähnelte. Der arme Sharkey, der nächſtens ſein Beneſiz haben ſollte, dachte ſich für ſeine ganze Lebenszeit einen Freund zu ſichern, wenn er ein bedeutungsvolles Staatsgeheimniß mittheilte, und als man ihm daher in Beziehung auf die Wilden und ihre Herkunft etwas ſcharf zu Leibe ging, beſchloß er einen kühnen Streich zu verſuchen und ſeinem unbe⸗ kannten Frageſteller zu trauen.„Sie wiſſen alſo niirk⸗ lich nicht, woher dieſe Leute kommen, und können's auch nicht errathen?“„Von Peru wahrſcheinlich,“ ſagte Mr. Burke unſchuldig.„Rathen Sie noch ein⸗ mal, Sir,“ verſetzte Sharkey mit einem ſchlauen Grin⸗ ſen.„Von der Behringsſtraße vielleicht,“ meinte Mr. Burke.„Was würden Sie zu Galway ſagen, Sir?“ flüſterte Sharkey mit einem Schielen, das eine Freund⸗ ſchaft auf Lebenszeit feſtkitten ſollte; kaum aber waren dieſe Worte über ſeine Lippen gekommen, als Burke, der darin ſogleich eine Ungezogenheit gegen ſich ſelbſt und ſeine Grafſchaft betrachtete, ihn zu Boden ſchlug und ſeine Disziplin fortwäbrend noch handhabte, als ich auf dem Schlachtfeld ankam. Zweites Kapitel. Eine Nacht in Howth. „Und müſſen Sie uns wirklich ſo bald verlaſſen?“ ſagte Tom, als wir auf die Straße traten;„ich hatte ſchon für eine ganze Woche Abenteuer ausgeheckt. Die Stadt wimmelt dergeſtalt von müßigem Volk aller Ar⸗ ten, daß ich Ihnen gewiß zu angenehmen Zeitvertrei⸗ ben hätte verhelfen können.“ „Daran,“ antwortete ich,„habe ich nie gezwei⸗ felt; aber aus den eben erwähnten Gründen iſt es durchaus nothwendig, daß ich keinen Augenblick ver⸗ liere; ich habe nur noch einige Kleinigkeiten hier in Ordnung zu bringen, dann aber will ich Morgen mit dem früheſten Paketboot abreiſen und ohne Unterbre⸗ chung nach London eilen.“ „Beim Jupiter,“ ſagte Tom,„das iſt ein wahres Glück. Da fällt mir eben etwas ein, das merkwürdig gelegen kommt, Sie gehen nach Pares— nicht wahr?“ „Ja, direkt nach Paris.“ „Ganz allerliebſt. Eine genaue Freundin von mir, Mrs. Bingham, eine ungemein artige Perſon, wartet ſchon ſeit mehreren Tagen auf einen Reiſebegleiter, der ſich ihrer und ihrer Tochter ein wenig annehmen könnte — die Tochter iſt ein liebenswürdiges Mädchen und erſt neunzehn, Sie Gauner— Sie wollen nach London und von da nach dem Kontinent: die Mama iſt ein entzückendes Weibchen und Wittwe mit einem höchſt anſtändigen Leibgeding— Sie verſtehen mich— die Tochter aber eine regelmäßige, anerkannte Schönheit mit einem pflegſchaftlichen Vermögen von ſo viel tau⸗ ſend Pfund, daß ich kaum wage, die Summe auszu⸗ ſprechen. Es ſind nämlich, müſſen Sie wiſſen, die 18 Bingham von— mein Seel, ich vergeſſe ſelbſt woher, aber im höchſten Grad anſtändige Leute.“ „Ich bedaure das Vergnügen ihrer Bekanntſchaft nicht zu haben, und bedaure es um ſo mehr, weil ich dicss im Stande ſein werde, dieſe Bekanntſchaft zu machen.“ „Und warum denn nicht?“ fragte Tom ernſthaft. „Erſtens weil ich ſo verdammt preſſirt bin, daß ich unter keinerlei Umſtänden, mögen ſie ſein, welche ſie wollen, mich im Mindeſten aufhalten kann; und Ihre ſchönen Freundinnen ſind ohne Zweifel nicht ſo eifrig erpicht, Tag und Nacht zu reiſen, bis ſie nach Paris kommen. Zweitens würde ich, aufrichtig geſtanden, da meine gegenwärtigen Hoffnungen und Befürchtungen alle meine Gedanken beſchäftigen, nicht der angenehmſte Geſellſchafter zweier Laries mit ſolchen Anſprüchen, wie Sie da ſagen, abgeben; und drittens—“ „Der Teufel hole Ihr Drittens. Sielbrächten es, glaube ich, wie ein Presbyterianiſcher Pfarrer in ſeiner Predigt, zu einem Sechszehntens, wenn ich Sie ge⸗ währen ließe. Sie werden dadurch um keine Stunde aufgehalten. Mrs. Bingham, mein lieber Mann, be⸗ kümmert ſich um die Reiſe ſelbſt ebenſo wenig wie Sie; und was Ihre petits soins betrifft, ſo glaube ich, man wird von Ihnen weiter nichts verlangen, als daß Sie ſich der ſchönen Damen auf dem Zollamte anneh⸗ men und ſie zu London in einem Hotel ſicher unter⸗ bringen.“* „Trotz aller Ihrer Vorſtellungen muß ich Jönen die unbedingte Unmöglichkeit erklären, eine ſolche Laſt auf mich zu nehmen in einem Augenblick, wo meine eigenen Angelegenheiten das bischen Aufmerkſamkeit, deſſen ich fähig bin, vollſtändig in Anſpruch nehmen; denn wäre ich mit Ihren ſchönen Freundinnen einmal verwickelt, ſo könnte es mir leicht gänzlich unmöglich werden, meine eigenen Pläne zu verſolgen.“ Während ich ſo ſprach, erreichten wir die Thüre 86 19 eines hübſchen Hauſes in Kildare⸗ſtreet, worauf Tom meinen Arm fahren ließ und mit der Bemerkung, er wolle hier nur eine Karte abgeben, laut anklopfte. „Iſt Mrs. Bingham zu Hauſe?“ fragte er, als der Bediente die Thüre öffnete. „Nein, Sir, ſie iſt ausgefahren.“ „Gut, Sie ſehen, Harry, Ihr ſchlechtes Glück iſt Ihnen noch günſtig; denn ich war entſchloſſen, Sie meinen Freundinnen vorzuſtellen und das Uebrige dem Schickſal zu überlaſſen.“ 4 „In dieſem Fall kann ich Sie nur verſichern, daß ich die Treppe nicht hinaufgegangen wäre,“ ſagte ich. „So wenig ich mich ſelbſt kenne, ſo habe ich mich doch über einen einzigen Punkt in meinem Charakter nie getäuſcht, nämlich über die unglückſelige Leichtigkeit, womit jedes neue Ereigniß oder Abenteuer mich von meinen gereifteſten und überlegteſten Planen abbringen kann; und da ich mir dieſer Schwachheit, ſowie meiner Unverbe ſſerlichkeit in dieſem Punkte bewußt bin, ſo vermag ich nichts Geſcheidteres zu thun, als die Ver⸗ anlaſſungen zu fliehen.“. „So wahr ich lebe,“ ſagte Tom,„Sie ſind ja ſeit unſerem letzten Zuſammentreffen ein ganzer Philoſoph geworden. Inzwiſchen gibt es ein altes Sprüchwort, daß ein König nie vollkommen gnädig zu nennen ſei, wenn er nicht ein oder zwei Jahre entthront geweſen: und ſo glaube ich, daß euch Jungfernfreſſer von Pro⸗ feſſion— wie z. B. Sie, mein Freund— ganz ruhige Thiere werden, wenn ſie ein paar Mal an der Naſe herumgeführt worden ſind. Aber jetzt, da Sie noch einige Geſchäfte zu beſorgen haben, erſuche ich Sie, dieſelben ſo ſchnell als möglich abzumachen, und dann laſſen Sie uns zum Diner wieder zuſammentreffen. Wo ſpeiſen Sie heute?“ n dieſer Beziehung ſtehe ich vollkommen zu Jhren Dienſten.“ „Nun gut, ſo habe ich einen Plan, der Ihnen 20 gewiß paſſen wird. Sie ſagten, Sie wünſchten bei Holyhead einzuſteigen, um nicht aufg halten zu werden, deßhalb wollen wir um ſechs zu Skinner fahren und am Bord des Paketboots in Howth Mittag machen. Bringen Sie Ihr Gepäck mit, ſo iſt Ihnen am Mor⸗ gen ein großer Theil der Mühe und Plackereien erſpart.“ Keine Anordnung konnte mir beſſer zuſagen als dieſe; ich erklärte mich alſo damit einverſtanden, und nachdem das Stelldichein auf ſechs Uhr feſtgeſetzt war, verabſchiedete ich mich von O'Flaherty, innerlich erfreut, daß meine Plane ſo weit gefördert ſeien, und daß ich mich weder mit Mrs. Bingham, noch mit ihrer Toch⸗ ter, deren Bekanntſchaft oder Geſellſchaft ganz und gar kein Ziel meines Ehrgeizes war, zu plagen brauche. Meine Geſchäfte, obſchon ſehr zahlrrich, nahmen die übriggebliebenen Stunden weg und es war bereits einige Minuten über ſechs Uhr, als ich unter der Piazza des Poſtamtes meinen Stand nahm, um auf O'Flaherty zu warten. Dies brauchte ich nicht lange zu thun, denn unmittelbar nachdem ich auf den Platz angelangt war, erſchien auch mein Freund in einem offenen vierſpän⸗ nigen Charabanc mit drei andern jungen Männern, denen er mich vorſtellte, deren Namen ich aber gänzlich vergeſſen habe; ich erinnere mich nur ſoviel, daß zwei von ihnen Militärs waren und derzeit in der Stadt in Quariier lagern. Als ich meinen Sitz eingenommen hatte, konnte ich nicht umhin, Tom zuzuflüſtern, daß ſein Freund Skinner ſich immerhin zu einem Beſuch von zwei Gäſten über Mittag recht wohl eignen würde, daß wir aber jetzt, da wir ſo ſtark angewachſen ſeien, nothwendig im Gaſthof diniren ſollten. „O,“ ſagte er,„ich habe das Alles in Ordnu gebracht; ich habe ihm vor zwei Stunden einen Ex⸗ preſſen geſchickt und deßhalb können Sie ſich vollkommen beruhigen; wir werden gut aufgenommen ſein, und er ſoll auch nicht ſchlecht dabei fahren.“ 6 4 21 Unſere Fahrt ging, obſchon ſie zu den langen ge⸗ hörte, ſchnell vorüber, und ehe wir unſern Beſtimmungs⸗ ort erreichten, hatte ich mich mit der ganzen Geſellſchaft, die wirklich aus ausgezeichneten jungen Männern beſtand und von O'Flaherty für einen vergnügten Abend nicht beſſer hätte ausgewählt werden können, auf einen recht vertrauten Fuß geſtellt. Wir fuhren dem Wehr entlang bis an das Werft, wo der Dämpfer lag, und wurden von Toms Freund mit dem warmen Willkomm und der ganzen Gaſtlichkeit eines Seemannes empfangen, der mit dieſen Eigen⸗ ſchaften noch die Gewandtheit und Politur eines echten, vollendeten Gentleman vereinigte. Als wir die Leiter zur Kajüte hinabſtiegen, entſchlug ſich mein Gemüth plötzlich aller Befürchtungen, die ich in Betreff eines etwaigen Mangels an Vorbereitungen von Seite un⸗ ſeres Wirthes hätte hegen können. Die Tafel war mit Allem überdeckt, was man ſich gerne zu hübſchen Plat⸗ ten und geſchliffenen Gläſern denkt, während die Sei⸗ tentiſche von einem prachtvollen Deſſert funkelten und zwei anſehnliche Weinkühlfäſſer eine Reihe ſchimmernder Champagnerhälſe mit ihren bleiernen Cravatten, die einen Einſiedler hätten verlocken können, unſern Blicken entgegenführten. 3 Ich entfinne mich von dieſem Abend beinahe auf nichts mehr als auf den erwähnten Ueberblick; überdies würde ich, ſelbſt wenn mein Gedächtniß getreuer wäre, Bedenken tragen, auf die Geduld meines Leſers zu ſündigen durch umſtändliche Aufführung von ſolchen Vergnügungen, die, gleich Liebesbriefen, zwar den un⸗ mittelbar betheiligten Parteien ſehr angenehm ſein mö⸗ gen, für alle andern aber höchſt unerbaulich ſind. So viel indeß erinnere ich mich noch, daß gute Geſchichten und herrliche Liedchen aufeinander folgten mit einer Schnelligkeit, der bloß das Geknalle der Pfröpfe gleich⸗ kam; auch habe ich noch eine ſehr unbeſtimmte, undeutliche Bekenntniſſe Lorrequers. II. 2 22 Erinnerung von einem Tanz um den Tiſch herum, der augenſcheinlich einen Chor beſchließen ſollte, aber, wie aus Allem hervorgeht, auch mir den Garaus machte, denn ich ſah für dieſe Nacht nichts mehr. Wie mancher hat ſchon die Empfindungen verzeich⸗ net, mit denen ſeine Mitmenſchen nach einer durch⸗ ſchwärmten Nacht erwachten, und doch weiß ich keinen, der auch nur ein entfernt ähnliches Bild für das ge⸗ miſchte Gedränge von Gefühlen zu Stande gebracht hätte, die ſich bei einer ſolchen Gelegenheit im Gehirn des betreffenden Unglücklichen ſtoßen und treiben. Der Zweifel über das Vorgefallene, wenn er allmälig dem halben Bewußtſein der Wahrheit Platz macht, das bei jedem nicht habituellen Trunkenbold ſich einſtellende Ge⸗ fühl der Scham über die im trüben Dämmerlichte vor⸗ ſchwebenden Ereigniſſe, das prickelnde Kopfweh und der brennende Durſt, nebſt dem Abſcheu vor dem Ge⸗ tränke, in welchem man vor ſo kurzer Zeit geſchwelgt hat, die rückkehrende Erinnerung an die Spaßhaftigkeit und Drolligkeit einer Geſchichte oder einer Vorkommen⸗ heit, die von Neuem zum Lachen reizt, obſchon in Folge der Erſchütterung das Gehirn zerſpringen möchte;— alles dieſes und noch mehr haben die meiſten Menſchen empfunden, und wohl ihnen, wenn ihre Gedanken beim Erwachen, in Zeiten wie dieſe, ſich auf ſolches be⸗ ſchränken. Um ein anſehnliches ſchlimmer wird der Gegenſtand, wenn der folgende Morgen zu irgend einer bedeutenden Kraftanſtrengung ruft, der man ſich nur in den beſten und ruhigſten Augenblicken gewachſen fühlt. Es iſt höchſt unergötzlich, beim Ausreiben der Augen und Oeffnen der Ohren die Entdeckung zu machen, daß die große Glocke die halbe Stunde vor dem viertel⸗ jährlichen Examen aaläutet, während Locke, Lloyd und Lucian einen wilden, wüſten Wirbelwalzer, der hart an Wahnfinn ſtreift, in Deinem Gehirne tanzen; kaum weniger angenehm iſt eine Benachrichtigung, daß Dein Freund, Kapitän Wildfire, in ſeinem Cabriolet vor der / 23 Hausthüre warte, um Dich nach dem Phönir zu be⸗ gleiten, allwo Du Dich zwölf Schritte vor einem kühlen Gentleman aufſtellen follſt, der ſeit einer halben Stunde dageſeſſen und ſeinen Arm in eau de Cologne gehalten hat, um Dir nach den Regeln der Kunſt das Lebenglicht auszublaſen. Außer dieſen gibt es noch un⸗ zählige Lagen, in welchen unſere nächtlichen Vorberei⸗ tungen ſich keineswegs als die klügſten ausweiſen möch⸗ ten; aber ich ziehe es vor, auf die meinige überzugehen, die, obſchon von bedeutend untergeorvneter Schwierig⸗ keit, keineswegs ohne ihre eigenen Mißliebigkeiten war. Als ich am Morgen nach unſerer Schmauſerei am Bord des Fire⸗fly erwachte, war ich gänzlich außer Stands durch einen mir möglichen geiſtigen Prozeß zu entdecken, wo ich mich befand. Daß ich am Bord eines Schiffes ſein mußte, fühlte ich wohl— die ſchmale Hängematte, die übergoldete, in Fächer eingetheilte Kajüte, auf die mein Auge durch meine halboffenen Vorhänge ſtieß, und die eigenthümliche ſchwankende Bewegung, die von einem im Waſſer liegenden Schiffe unzertrennlich iſt, Alles überführte mich von dieſer Thatſache. Ich blickte um mich, konnte aber Niemand ſehen, der mir den entfernteſten Begriff von meiner Stellung beizubringen vermocht hätte. Wär's möglich, daß wir uns auf dem Weg nach Korfu befänden und daß ich einige Zeit bindurch krank gelegen hätte? Aber dieſe Kajüte hatte wenig Aehnlichkeit mit einem Packetbootes. Hier nun hatte ich einigermaßen einen Schlüſſel für meine Lage, und zwar einen Schlüſſel, der vermuthlich alles nach und nach ans Licht gebracht haben würde; aber juſt in dieſem Augenblick erſparte mir eine Stimme auf dem Verdeck alle weitere Berech⸗ nungen. Zwei Perſonen ſprachen mit einander: ihre Stimmen waren mir nicht ganz unbekannt, aber ich wußte nicht woher. „Alſo, Kapitän, betrachten Sie dies als eine vor⸗ treffliche Fahrt?“ „ Ja, natürlich betrachte ich's ſo,“ erwiederte der Kapitän;„es ſind erſt fünf Stunden, ſeit wir Howth verlaſſen haben, und jetzt befinden wir uns demnächſt am Ziele; wenn wir dieſe ſtarke Flut noch einige Zeit behalten, ſo werden wir vor zwölf Uhr den Head er⸗ reichen.“ „Ha, ha,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„jetzt fange ich an klug zu werden. Alſo ſind wir über den Kanal ge⸗ fahren, ſo lang ich ſchlief— eben nicht die unangenehmſte Nachricht für die Ohren eines Mannes, den die See⸗ krankheit zum Märtyrer macht— aber ich will doch weiter lauſchen.“ „und dieſer große Berg dort— iſt das Snow⸗ don? 3 „Nein. Sie können Snowdon nicht ſehen; er iſt zu ſehr vom Nebel eingehüllt. Der Berg iſt der Capel Carrig und dort die kahle Spitze oſtwärts das iſt Pen⸗ men Mawr.“ „Da iſt alſo keine Zeit zu verlieren,“ dachte ich, ſprang aus der Hängematte und nahm, angekleidet wie ich war, in Pluderhoſen und Pantoffeln nebſt einem rothen Taſchentuch nachtmützenartig um den Kopf ge⸗ bunden, meinen Weg durch die Kajüte. Mein erſter Gedanke, als ich auf die Beine kam war, wie ſchrecklich das Schiff ſtampfe; ſo lange ich in meiner Hängematte lag, hatte ich es nicht bemerkt, aber jetzt mußte ich meine ganze Kraft zuſammennehmen, 4 5 d/ um nicht bei jedem Schritte zu fallen. Ich war eben im Begriff den Verwalter zu rufen, als ich die Stim⸗ men auf dem Verdeck wieder hörte. „Sie haben diesmal nur wenige Paſſagiere?“ „Ich glaube nur Sie und einen Kapitän Lorrequer, der, beiläufig geſagt, dieſe ganze ſchöne Küſte verſchläft, was gewiß recht Schade iſt.“ Er ſoll das nicht länger thun, dachte ich, denn da ich höre, daß keine andern Paſſagiere da find, ſo will ich meine Toilette auf dem Schiff machen und auch die Ausſicht ein wenig genießen. Mit dieſem Entſchluß ſtieg ich langſam und vorſichtig die Leiter hinauf und ſchritt auf das Verdeck hinaus; kaum aber hatte ich dies gethan, als ein ſchallendes Gelächter mich plötzlich veranlaßte, meinen Kopf nach dem Hintertheil des Schif⸗ fes zu drehen, und dort erblickte ich zu meinem grau⸗ ſenden Entſetzen Tom O' Flaherty zwiſchen zwei Ladies fitzend, deren höchſt lärmende Luſtigkeit, wie ich bald bemerkte, auf meine Koſten ſich breit machte. Die ganze Geſellſchaft von der vorigen Nacht war gleichfalls da, und als ich mich von ihren grinſenden Geſich⸗ tern hinweg gegen das Land zuwandte, ſah ich zu meiner Beſchämung und Verwirrung, daß wir immer noch ruhig neben dem Damm von Howth lagen, während unaufhörlich Reiſewägen vor dem Landunzsplatz auffuhren und Schach⸗ teln, Koffer und Mantelſäcke in Maſſe ſich auf das Schiff hereinergoßen. Ich ſtand gänzlich rathlos und verdutzt da— Beſchämung über mein lächerliches Koſtüm würde mich zu jeder andern Zeit in jähe Flucht getrieben ha⸗ ben— aber jetzt blieb ich da und ließ mich geduldig auslachen, ließ mich von dieſem garſtigen O'Flaherty vorwärtsführen und ſeinen Freundinnen vorſtellen mit den Worten—„Mrs. Bingham, Mr. Lorrequer; Mr. Lorrequer, Miß Bingham. Faſſen Sie kein Vorurtheil gegen ihn, meine Ladies, denn wenn er nicht verliebt und dabei ſauber angekleidet iſt, dann iſt er ein ganz exzellenter junger Gentleman; und was— 26 Was der Reſt des Satzes beſagen wollte, erfuhr ich nicht, denn ich ſtärzte jetzt in die Kajüte hinab und verſchloß die Thüre, um ſie nicht wieder zu öffnen, bis ich vom Fenſter aus bemerken konnte, daß wir wirklich auf der Fahrt nach England begriffen, und ich noch einmal das lachende Geſicht O'Flaherty's erkannte, der vom Damm aus ſeine Freundinnen mit einer letzten Hutſchwenkung begrüßte und ſie daran erinnerte, daß ſie unter der Vorſorge und Obhut ſeines Freundes Lorre⸗ quer ſtehen, welcher, wie er feſt überzeugt ſei, ihnen zu Liebe ſeinen Reiſehabit vervollſtändigen werde. Drittes Kapitel. 8 Die Reiſe. Als ich mich endlich auf das Verdeck wagte, geſchah es in einem ausgeſucht feinen Koſtüm, und mit ſo viel Manier, als ich immer aufzubringen vermochte, um den unglücklichen Eindruck meiner erſten Erſcheinung auf immer zu verwiſchen; dieſes Mannöver ſollte jedoch nicht von dem vollſtändigſten Erfolge gekrönt werden, und nach einigen Minuten ſah ich mich genöthigt, in das Gelächter auf meine Koſten mit einzuſtimmen, das ſich, wie ich mich deutlich überzeugte, ſchlechterdings nicht unterdrücken ließ. Inzwiſchen hatte dies alles wenig⸗ ſtens eine gute Folge. Ich kam dadurch beinahe ſogleich auf einen ſehr freundſchaftlichen Fuß zu Mrs. Bingham und ihrer Tochter zu ſtehen, und ein guter Theil von der Unbequemlichkeit in meiner Stel⸗ lung als ihr Chaperon, wozu ich nun einmal nolens volens beſtimmt war, hatte ſich von ſelbſt verloren. Mrs. Bingham gehörte zur Kategorie der fetten, ſchö⸗ — 9 — 4 nen Vierziger Wlittwen mit einer nie verſiegenden Flut lebhafter, beinahe ungeſtümer Munterkeit— einem vor⸗ trefflichen Temperament, guter Geſundheit— und einer wohlgeſpickten Börſe. Das Leben war ihr ein Spiel, bei welchem ſich mit Vergnügen ſpekuliren ließ. War, wie ſie glaubte, die Geſellſchaft anſtändig, und kannte ſie ihre Trümpfe, ſo machte ſie ſich um das Ergebniß wenig Sorgen. Sie liebte Kingstown, einen Robber Whiſt— ſie liebte das Militär— ſie liebte die jün⸗ gern Advokaten, von denen ſie ziemlich viele kannte— ſie hatte ein wohlausgerüſtetes Haus in Kildareſtreet— und einen wohlgepolſterten Kirchſtuhl in der St. Annen⸗ kirche— ſie war im Schloſſe gern geſehen— und Dr. Labatt kannte ihre Conſtitution. Warum ſie mit all' dieſen Vortheilen auf den Einfall gerathen konnte, das glückliche Thal ihrer Geburtsſtadt zu verlaſſen, iſt etwas ſchwer zu errathen. Waren vielleicht Heirathsgedanken, wozu der Continent immer mehr Ausſichten bietet, in das Herz der ſchönen Wittwe eingezogen? hatte etwa die ver⸗ änderte Lage, in welche die Politik einen großen Theil der Stadt Dublin verſetzt, dieſen Meinungswechſel her⸗ voorgebracht? Oder war es vielleicht die unbeſchreibliche Sehnſucht nach dem unbekannten Etwas, wovon wir in der pathetiſchen Geſchichte der ſchönen Lady leſen, die, ich glaube, von Petrarch gefeiert worden iſt? ich führe jedoch die Stelle aus dem Gedächtniſſe an: „Mrs. Gill iſt ſchrecklich unpaß, Keine Kur vermag zu nützen, Als zu watſcheln durch den Louvre Und in den Tuilerien zu ſitzen.“ Keiner von dieſen, obſchon meines Dafürhaltens an und für ſich ſelbſt guten und triftigen Gründen, ge⸗ hörte im gegenwärtigen Fall zu den bewegenden Trieb⸗ federn; die einzige und allein genügende war, daß Mrs. Bingham eine Tochter hatte. Nun war Miß Bingham gleichfals Dublin— aber Dublin in einer ſpätern 28 Ausgabe— und ein hübſcherer, friſcherer, wärmerer Abdruck als ihre Mamma. Sie war in Mrs. Some⸗ body's Inſtitut in Mountjoysquare erzogen worden— hatte bei Montague Tanzunterricht genoſſen— hatte von einer Schweizer⸗Gouvernante franzöſiſch gelernt— und beſaß neben einer Anzahl ähnlicher Vortheile ein recht hübſches Geſichtchen— dunkle Augen— lange Augenwimpern und ein Grübchen im Kinn— endlich, worauf ich aber natürlich das wenigſte Gewicht lege, den wohlverdienten Ruf eines anſehnlichen Vermögens. Sie hatte mit großem Glück debütirt in der Dubliner Welt, wo ſie viel bewundert und umſchmeichelt wurde, was, wie es in ähnlichen Fällen ſehr häufig bei jungen Debutantinnen aus der Provinz geſchieht, in ihrem lebe haften Geiſte bald den Gedanken hervorrief, ihre Friſche nicht auf den kleinern Theatern zu vergeuden, ſondern alsbald auf den großen Brettern aufzutreten; jedenfalls bewährte ſie dadurch einen höhern Flug der Einbil⸗ dungskraft und mehr Unternehmungsgeiſt, als man ge⸗ wöhnlich unter ihren etwas blöderen und lammartig ſchüchternen Altersgenoſſinnen ſindet. Sie beſaß weit mehr natürlichen Verſtand als ihre Mamma und ver⸗ ſprach unter günſtigen Verhältniſſen ſehr ſchnell mit der Welt und ihren Gewohnheiten vollkommen bekannt zu werden. Mittlerweile bemerkte ich, daß ſie in höchſt bedeutender Gefahr ſtand, von einem ſchnurrbärtigen Po⸗ len mit einem Namen wie Schnizy, welcher ſich des Zu⸗ tritts in den faſhionablen Geſellſchaften des Feſtlands rühmen konnte, daaongeführt zu werden. Schon ein ſehr oberflächliches Studium meiner beiden ſchönen Freundinnen ſetzte mich in den Stand, ſo viel zu ſehen, und ein ſehr kurzer Umgang genügte, um mich bald mit beiden vertraut zu machen; die un⸗ gezwungene Leutſeligkeit der Mama, welche die Com⸗ forts angenehmer Connexionen wohl zu ſchätzen wußte, ergötzte mich ſehr und erſchloß mir ſchnell einen Pfad zu ihrer Gunſt durch die Gelegenheit, die ſie mir ver⸗ 29 ſchaffte, Kalbskottelets und Londner Porter für ſie zu beſtellen, woran ich Theil nahm, ohne ſichtbarlich das Mindeſ in der Achtung der ſchönen Tochter einzu⸗ üßen.. Während ich ſo ihren Proviantmeiſter machte, rei⸗ nigte ich mein Gedächtniß von dem Korſaren und Childe HKarold und beſprach abwechſelnd Stilton und Southey, Lover und Seekrebſe, Haynes Bayley und Schinken. Es war ein ausnehmend ruhiger und heitrer Tag, ſo daß wir das Verdeck nie verließen, und die ſecs Stunden, welche uns von Land zu Land brachten, ſtri⸗ chen auf dieſe Art ſchnell vorüber; ehe wir den Head erreichten, war ich der warme Freund und geſetzliche Rathgeber der Mutter geworden, und bei der Tochter war ich als oberſter Vertrauter aller ihrer Sorgen und Kümmerniſſe eingeſetzt, zwei Anſtellungen, die mich ein feierliches Verſprechen koſteten, bis zu ihrer Ankunſt in Paris, wo ſie viele Freunde und Bekannte hatten, die auf ſie warteten, Sorge für ſie zu tragen. Wie ge⸗ wöhnlich bethätigte ſich auch hier die unüberwindliche Leichtigkeit, mit der ich mich jederzeit jedem hingab, der ſich die Mühe nahm, einen Einfluß auf mich aus⸗ zuüben. An einem Entſchluß hielt ich jedoch unver⸗ brüchlich feſt, an dem nämlich, meine Ankunft in Pa⸗ ris durch keinerlei Umſtände auch nur um einen einzigen Tag hinausſchieben zu laſſen; wenn daher mein Amt als Geſellſchafter auch unterwegs einige Mühe bereiten mochte, ſo ſollte es, das hatte ich mir feſt vorgenom⸗ men, wenigſtens der Erreichung meines Hauptzweckes keinen Eintrag tbun. Wäre mein Gemüth nicht ſo gänzlich von meinen eigenen unmittelbaren Ausſichten Anſpruch genommen geweſen, in einem Augenblicke, wo Hoffnung plötzlich und unerwartet wieder aufge⸗ lebt, aber ſich auch dermaßen mit Befürchtungen und Zweifeln gefärbt hatte, daß ich beſtändig wie auf die Folter geſpannt war, ſo hätte meine gegenwärtige Stellung mir viel Spaß machen müſſen, denn ich ſaß da bei meinen ſchönen Freundinnen, rollte mit ihnen in ihrem behaglichen Reiſewagen durch Wales— gab in den verſchiedenen Hotels alle Befehle— ſah nach dem Gepäcke— und gerirte mich in jeder Beziehung en maitre. Die gute Wittwe ergötzte ſich hauptſächlich an der Verlegenheit, worein die eigenthümliche Art meiner Stellung zu ihr und ihrer Tochter die verſchiedenen Gaſtwirthe an der Straße verſetzte, die mich bald für ihren Gemahl, bald für ihren Sohn und einmal für ihren Tochtermann hielten, welche höchſt beunruhigende Muthmaßung auf die Wange der ſchönen Tochter eine karmoiſinrothe Farbe trieb, einen Ausdruck, von den ich in meiner Unwiſſenheit meinte, er habe ſehr viele Aehnlichkeit mit einer Neigung, in meinen Armen in Ohnmacht zu fallen. 4 Endlich erreichten wir London und nachdem wir daſelbſt im Hotel Mivart ſicher untergebracht waren, eilte ich hinweg, um auf der Kanzlei des Generaliſſi⸗ mus mein Schreiben abzugeben und für unſere Päſſe nach dem Kontinent zu ſorgen. „Nro. 9, Poland⸗ſtreet,“ ſagte der Kellner, als ich nach der Adreſſe des franzöſiſchen Konſuls fragte. Nachdem ich erfahren, daß meine Unterredung mit dem Oberbefehlshaber auf vier Uhr feſtgeſetzt war, beſchloß ich, keine Zeit zu verlieren, ſondern alle möglichen An⸗ vennnnatn zu treffen, um London am Morgen zu ver⸗ laſſen. Cin Kabriolet brachte mich ganz bequem an das Haus des Konſuls, vor welchem mehrere andere Fuhr⸗ werke von aller Art und Geſtalt ſtanden, während man im Gange ſelbſt eine Maſſe Leute ſich drängen und preſſen ſah, wie im Parterre des Opernhauſes in einer vollen Nacht. Ich warf mich bald mitten in dieſe Ver⸗ ſammlung und erreichte, getragen von dem Strom, endlich ein kleines Hinterzimmer, das gleichfalls mit Leuten angefüllt war; eine Thüre, die ſich in ein an⸗ 4 31 deres kleines Zimmer nach vorn öffnete, zeigte auch hier eine ähnliche Menſchenmenge, aber außer ihr noch einen kleinen ältlichen Mann mit Zopfperücke und Brille, ſehr mit Schnupftaback beſchmiert und in einem höchſt zornigen Tone die verſchiedenen Bittſteller um Päſſe anſchnauzend, die, obſchon ſie kein Wort franzöſiſch verſtanden, gleichwohl ſich's nicht nehmen ließen, ihre Geſuche mit gelegentlich eingeſtreuten Phraſen zu be⸗ ſpicken und ſomit eine Art gewürfeltes Sprachenpflaſter zu Tage förderten, wovor ſich die große Babel geſchämt haben würde. Zunächſt an dem Tiſche, an welchem der Beamte ſaß, ſtand ein ſchnurbärtiger Gentleman in einem blauen kurzen Ueberrock, weißen Hoſen, den wei⸗ ßen Hut ungemein keck auf eine Seite des Kopfes ge⸗ drückt, und mit gelben Handſchuhen. Er warf einen flüchtigen Blick von ſehr geringſchätziger Bedeutung auf das Gedränge um ſich her, wandte ſich dann gegen den Conſul und ſagte in hohem Sopran zu ihm— „Pass port, Monsieur!“ „Que voulez vous que je fasse?“ fragte der alte Franzoſe mürriſch. „Je suis j'ai— das heißt donnez- moi pass- port.“ „Wohin reiſen Sie?“ fragte der Konſrl. „Calai.“ „Comment diable, ſprechen Sie engliſch, ſo ver⸗ ſtehe ich Sie beſſer. Ihr Name?“ 3 „Lorraine Snaggs, gentilhomme.“ „Alter?“ „Zwei und zwanzig?“. C'est ca,“ ſagte der alte Conſul, den Paß über den Tiſch hinüberwerfend mit der Miene eines Mannes, welcher die Anſprüche des Bittſtellers auf die Bezeich⸗ nung als engliſcher gentilhomme vollkommen begriff. „⸗Während ich dem würdigen Vertreter von Seven⸗ dials mit meinem Auge folgte, hatte eine andere Per⸗ ſon ſich dem Tiſche genähert. Sie war ein recht hüb⸗ ſches junges Weibchen mit blauen Augen, braunen, über der Stirne ſchlicht geflochtenen Haaren und einem einfach eng anliegenden Hütchen von ſehr kokettem Ausſehen. „Wollen Sie ſich ſetzen, Mademoiſelle?“ ſagte der höfliche alte Franzoſe, der bisher mehr einem Bären, als einem menſchlichen Weſen geglichen hatte— Ou allez-vous donc? wohin, ma chère?“ „Nach Paris, Sir.“ Deber Calais?“ „Nein, Sir, über Boulogne— „C'est bon; quel äge avez-vous? Wie alt, ma belle?““ „Neunzehn, Sir, im Juni.“ „Und find Sie allein, ganz allein, he?2⸗ „Nein, Sir, mein kleines Mädchen.“ „Ahl Ihr kleines Mädchen— c'est fort bien— je m'appercois; und Ihr Name?“ „Fanny Linwood, Sir.“ „C'est fini, ma chère Mademoiselle Fanny Linwood,“ fagte der alte Mann, indem er den Na⸗ men niederſchrieb.“ „O, Sir, ich bitte um Verzeihung, aber Sie ha⸗ ben mich als Mademoiſelle hineingeſetzt und— und— Sie ſehen, Sir, ich habe da mein kleines Mädchen bei mir.“ „Ah, c'est égal, Mamselle, in Frankreich nimmt man's darin nicht ſo genau— au plaisir de vous voir. Adieu.“ „ In Frankreich nimmt man's darin nicht ſo genau,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, die Phraſe des alten Konſulzs wiederholend, die ich nicht umhin konnte, als ein gan⸗ zes Kapitel über ſeine Nation anzuſehen. 4 Mein Geſchäft war bald abgemacht, denn ich ſprach nichts als engliſch— ſchon die oberflächlicht Weltkenntniß hätte mich gelehrt, daß es, wenn wit irgend ein auch noch ſo unbedeutendes Anliegen haben daß wir unſern Spaziergang ganz 33 immer gute Politik iſt, der Eigenliebe deſſen, an den man ſich wendet, etwas zu Gefallen zu thun, wenn ſich glücklicher Weiſe Gelegenheit dazu vorfindet. Als ich in's Hotel zurückkam, traf ich eine ge⸗ ſchriebene Antwort auf meinen Brief vom Morgen; Se. Lordſchaft, meldete man mir, ſtehe im Begriff, dieſen Nachmittag die Stadt zu verlaſſen, wolle aber meiner Abreiſe auf das Feſtland nichts in den Weg legen, und es ſei mir ein viermonatlicher Urlaub be⸗ willigt, zugleich aber gebe man mir den Rath, in Weimar zu ſtudiren. Der nächſte Tag brachte uns nach Dover, zeitig genug, um noch am Abend unter den Klippen umher⸗ ſchlendern zu können, wo ich dann mit der Tochter wieder ſentimental phantaſirte, bis es ſehr ſpät wurde. Die Mutter ſelbſt war zu müde, um auszugehen, ſo d 1 allein hatten. Es iſt ſeltſam genug, wie ſchnell dieſes Zuſammenreiſen eine Vertraulichkeit unter uns begründet hat. Iſabella ſagt, es ſei ihr, als wäre ich ihr Bruder; und ich meinerſeits fange an zu denken, daß ſie mir nicht ganz wie eine Schweſter iſt. Sie hat einen merkwürdig hübſchen Fuß und Knöchel. Das Klippenerklimmen iſt ein ſehr gefährlicher Zeitvertreib. Wie wahr iſt doch das franzöſiſche Sprüch⸗ wort— C'est plus facile de glisser sur le gazon due sur la giace!— Inzwiſchen kann es hier zu keinem Ergebniß kommen; denn wenn Lady Jane nicht eine Verrätherin iſt, ſo muß ich mich bereits als ver⸗ ſagt betrachten. „„Gut, aber ich hoffe,“ ſagte ich, mich ſelbſt aus meiner Träumerei von mehreren Minuten aufweckend und unabſichtlich den Arm drückend, der ſich an den meinigen lehnte„ich hoffe, Ihre Mamma wird ſich über unſere lange Abweſenheit nicht beunruhigen?“ „O, nicht im Mindeſten; ſie weiß ja, daß ich bei Ihnen bin.“ Und hier fühlte ich eine Erwiederung 3 ⁵ 6 des Druckes, die vielleicht ebenſo unabſichtlich gemeint war, aber, wie es ſich nun auch damit verhalten mochte, thatſächlich alle meine Ueberlegungen und Berechnun⸗ gen über den Haufen zu ſtürzen drohte; und beiderſeits ſchweigend kehrten wir in das Hotel zurück. Die Erſcheinung der choère mamma neben dem ziſchenden Theekeſſel brachte uns wieder zum Bewußt⸗ ſein; wir plauderten noch ein Stündchen und wünſch⸗ ten uns gute Nacht, um am Morgen nach dem Feſt⸗ lande aufzubrechen. 3 4 Viertes Kapitel. Calais. Es war ein lieblicher Herbſtabend, als das Dover Dampfboot in den hölzernen Hafendamm zu Calais einlenkte, mitten unter einer Flut kleiner Nachen voll von ängſtlich gierigen Geſichtern die in allen Arten von ſchlechtem Engliſch und franzöſiſchem Patois, um die Aufmerkſamkeit und Gönnerſchaft der Paſſagiere buhl⸗ ten. „Hotel de bain, mi lor!“ „Hotel d'Angleterre in einem Tone der achtung⸗ gebietenſten Ueberlegenheit:„C'est superb— ſehr ut.“— 8 1„Hotel du Nord, Ewr. Excellenz— remise de- poste und delays(relais) zu allen Stunden.“ „Commissionaire, mi ladi;“ kreiſchte eine gel⸗ lende Stimme mitten aus einem vollgedrängten Boote, das unter unſerm Schaufelrad beinahe unterſank. Welch eine Scene der Geſchäftigkeit, Verwirrung 35 und Aufregung bietet nicht das Verdeck eines Dampf⸗ boots bei einer ſolchen Gelegenheit dar! Alles rennt da und dorthin.„Sauve qui peut,“ iſt jetzt das Loo⸗ ſungswort, und Freundſchaften, die noch vor einer halben Stunde lebenslängliche Dauer verhießen, finden hier eine ſchleunige Auflöſung. Die Lady, welche die ganze Nacht in die Falten Deines Aſtrachanpelzes ein⸗ gehullt auf dem Verdecke geſchlafen hat, würdigt dich kaum eines dankenden Wörtchens, während ſie vor dem Spiegel in der Kajüte ihre Locken ordnet. Der höfliche Gentleman, der einem Ridicule oder Riechfläſchchen zu Liebe auf die hohe See hinausgeflogen wäre, weicht im Hafen nicht von ſeinem Gepäcke; und die Galante⸗ rie und Ergebenheit, die ſich einem halben Sturme und einer naſſen Jacke gegenüber bewährt haben, erweiſen ſich unſtichhaltig, wenn es ſich um die Rettung eines Tüchleins oder um die Sicherbeit eines Mackintoſh handelt. All die verſchiedenen Vermummungen, deren man ſich per viaggio bedient hat, werden jetzt alsbald auf die Seite gelegt, und entkleidet des Reiſekoſtüms der Artigkeit und Höflichkeit, wozu man fich über die Dauer der Fahrt bequemt hat, zeigen nunmehr alle ohne Erröthen eine Stirne, auf der Selbſtſucht und Eigen⸗ nutz geſchrieben ſteht. Einige zärtliche Scenen finden mitten unter die⸗ ſem chaotiſchen Zuſtand ihren Platz. Hier kann man eine beſorgte Mutter zahlloſe Syawle und Tüchlein um ein Hals einer ſeegrünen huſtenbehafteten jungen Lady legen ſehen; ihr Kammermädchen nimmt in demſelben Augenblick gerührten Abſchied von dem Kellner in der hintern Kajüte. Da iſt ein ſehr rothgeſichtiges, beißgräthiges In⸗ dividuum mit Punſchfarbigen Hoſen und Gamaſchen, das um einen Brandy zu viel in ſeiner Rechnung ftreitet und ſchwört, der Geſellſchaft davon Anzeige zu machen, ſo bald es nach England zurückkomme. Hier legt eine hagere ältliche Fran mit grauen Augen und ſcharfher⸗ 36 vorſtehenden Backenknochen verſchiedene der Verzollung unterworfene Artikel, die bis jetzt ruhig im Koffer ge⸗ legen, in ihren Muff nieder. Dort der grimmig drein⸗ blickende junge Gentleman mit dem zerknitterten kurzen Nock, der loſe geknüpften Cravatte und dem ſeekranken Geſichte, fragt Jedermann, ob ſie meinen, daß er ohne Paß ans Land kommen könne. Kaum würdet ihr in ihm den Cigarren ſchmauchenden Dandy von geſtern erkennen, welcher ſprach, als ob er ſein halbes Leben auf dem Continent zugebracht hätte. Ein Paar Schritte von da ſteht ein artiges Mädchen und blickt eifrig auf irgend einen Gegenſtand im blauen Waſſer, der eben hinweggerudert wird. Du biſt theilnehmend um ſie beſorgt, aber ſie weiß ſich ſchon ſelbſt zu helfen, denn der ſchlanke, freundliche Mann mit dem ſchlauen Backenbart flüſtert ihr offenbar etwas Beruhigendes ins Ohr. „Kellner, das iſt nicht mein Koffer— der meinige war von Leder—“ „Die ledernen ſind alle mit dem erſten Boot ab⸗ gegangen Sir.“ „Eine höchſt fkandalöſe Art, die Sachen zu beſor⸗ gen.“ „Darf ich Sie um zwei Schillinge und ſechs Pence bemühen, Sir?“ „Da huſtet Mathilde wieder,“ ſagt eine ſpindel⸗ dürre Keiferin, mit einem triumphirend giftigen Blick auf ihre ſtärkere Hälfte;„aber Sie wolltens ja immer, ſie ſolle den dünnen Shawl tragen.“ „Was auch der Shawl verſchuldet haben mag, ich glaube, an ihren Waden iſt nichts auszuſetzen,“ mur⸗ melt ein junger Militär die Leiter hinaufblickend. Inmitten dieſer babyloniſchen Sprachenverwirrung und dieſes aufrühreriſchen Getöſes dringt der Grund⸗ baß des Dampfkeſſels mit ſeinem hölliſchen Gedonner durch, bis Dir wirklich das Hirn wirbelt und Du, ſo krank Du auch von der Reiſe geweſen biſt, Dich wie⸗ 37 der halb auf die See zurückwünſcheſt, und wäre es nur um einen Augenblick des Friedens oder Ruhe zu er⸗ halten. 3 Eine Menge Menſchen, von denen man bisher nichts geſehen hat, drängen ſich jetzt auf dem Verdeck. Blaß, gelb, eingeſchrumpft, haben ſie all eden ſeekran⸗ ken Blick und die abgezehrte Wange des ächten Mar⸗ tyrers, alle bis auf einen ſtämmigen, ſchwärzlichbrau⸗ nen Vierziger von eiſenfeſter Geſtalt und mit einer Stimme, wie die vierte Saite eines Violoncello. Du wunderſt Dich, warum er ſich in ſein Bett gelegt hatte: ſo erfahre denn, daß er Sr. Maj. Kurier bei dem Miniſterium der auswärtigen Angelegenheiten iſt, daß er mit Depeſchen nach Conſtantinopel abgeht und ſich, da er für die nächſten vierzehn Tage in kein Bett zu kommen erwarten darf, auch mit der ſchwachen Aehn⸗ lichkeit eines ſolchen begnügt, wie er es in der Hän⸗ gematte eines Dampfſchiffes findet. Endlich biſt du am Ufer und ziehſt inmitten einer langen Reihe, die einem Haufen überwieſener Verbrecher gleicht, nach dem Zoll⸗ bureau, allwo eine Unterſuchung des Gepäckes beginnt, die vermöge ihrer kleinlichen Genauigkeit die zu einem Aufenthalt im Schweizerlande beſtimmten drei Monate wegzunehmen verheißt⸗ Nach Verfluß von einer Stunde machſt du die Entdeckung, daß der soi-disant Com⸗ miſſionär Alles um ein Paar wenige Franken beſorgen will, und nach einem höchſt verdrießlichen Warten in einem filzigen Zimmer, wo du herumgeſtoßen, mit den Ellenbogen bearbeitet und von Bauernlümmeln in Holz⸗ ſchuhen auf die Zehen getreten worden biſt, verfügſt du dich in dein Wirthshaus und fängſt an zu empfinden, daß du nicht in England biſt. Unſere kleine Geſellſchaft hatte von dem hier auf⸗ gezählten Elend nur wenig auszuſtehen. Mein savoir faire, in aller Beſcheidenheit ſei es geſagt, iſt lange in der Kunſt und Geſchicklichkeit zu reiſen geſchult wor⸗ 3 Bekenntniſſé Lorrequers. I. 38 den, und während unſere minder erfahrene Mitrei⸗ ſende noch emfig mit den neuen Geheimniſſen der baumwollenen Strümpfe und Unterröcke beſchäftigt waren, die höchſt prahleriſch auf jedem Tiſch des Bu⸗ reau's zur Schau dalagen, ſaßen wir behaglich in dem hübſchen Saal des Hôtel du Nord, auf einen hübſchen Grasplatz hinausblickend, der mit Orangebäumen um⸗ geben war und in der Mitte einen Springbrunnen von der Höhe eines Spazierſtockes hatte. „Nun, Mr. Lorrequer,“ ſagte Mrs. Bingham, als ſie ſich an das offene Fenſter ſetzte,„vergeſſen Sie nicht, wie gänzlich wir auf Ihre Hülfsleiſtungen ange⸗ wieſen ſind. Iſabella hat bereits die Entdeckung ge⸗ macht, daß das Franzöfſch von Mountjoy⸗ſquare, ob⸗ ſchon in der Nähe dieſes Inſtituts und auch in Mount⸗ reet noch wohl verſtändlich, hier Koptiſch und Sans⸗ krit iſt; und was mich ſelbſt betrifft, ſo gedenke ich mich taubſtumm zu ſtellen, bis ich Paris erreiche, wo, mie ich höre, Jedermann ein wenig engliſch ſprechen ann.“ Um alſo meine Verrichtungen zu beginnen, ſagte ich bei mir ſelbſt, indem ich dem Kellner klingelte und in meinem Geiſte ſchnell überlegte, wie manche un⸗ ſchätzbare Winke für meine neue Stellung mein gegen⸗ wärtiger Ausflug mir gewähren konnte, immer voraus⸗ geſetzt(wie die Advokaten ſagen), daß Lady Jane Callonby ſich verſucht fühlen möchte, meine Reiſebeglei⸗ terin zu werden, in welchem Fall—— aber zum Hen⸗ ker, wie gerathe ich wieder in's Luftſchlöſſerbauen hin⸗ ein! Mittlerweile ſieht Mrs. Bingham ſo ausgehun⸗ gert aus, als wollte ſie den Kellner anbeißen. Hal da iſt ja die Karte.— „Allons faire petit souper.“ „Coteletts d'Agneau“ „Maionnaise d'homard.“ „Perdreaux rouges aux truffes— merken Sie ſich das, aux truſfes. 39 „Eelée au marasquin.““ 3 „Und der Wein, Sir?“ ſagte der Kellner mit ei⸗ nem Blick der Beiſtimmung zu meiner Wahl—„Cham⸗ pagner— kein anderer Wein, Sir?“ 4 „Rein,“ antwortete ich,„nur Champagner, mit Eis, verſteht ſich,“ fügte ich hinzu, und der Kellner entfernte ſich mit einem Bückling, der dem Oberzere⸗ moniemeiſter in St. James Ehre gemacht hätte. So lange unſer immaterieller und beſſerer Theil verdammt ſein wird mit ſeinem fleiſchigen Gezelte, ſammt allen dazugehörigen Jämmerlichkeiten als da find: Gicht, Unverdaulichkeit u. ſ. w. Geſellſchaft zu hal⸗ ten, wie viel von unſeren Freuden in dieſer Welt hängt da nicht von den blos zufälligen Umſtänden ab, durch elche das Geſchäft des Lebens weiter geführt und durch⸗ geſetzt wird, und die zu verachten weder von guter Po⸗ litik noch von geſunder Philoſophie zeugt. In dieſem Schluß hat eine etwas lange Erfahrung im Wander⸗ leben mich vollkommen bekräftigt. Nirgends aber drängt er ſich dem Gemüthe ſchmerzlicher auf, als wenn man zum erſtenmal in einem feſtländiſchen Wirthshauſe an⸗ langt, während die beſten Hotels von England, die man ſo eben verlaſſen hat, fortwährend friſch im Ge⸗ dächtniſſe leben. Ich beſtreite keinen Augenblick die un⸗ gemeine Ueberlegenheit der letztern in Beziehung auf Einrichtungen, welche das Behagen befördern, worun⸗ ter ich hauptſächlich alle die Aehnlichkeiten mit dem ei⸗ genen Hauſe verſtanden wiſſen will, die ein engliſches Hotel in ſo ausgezeichnetem Grade beſitzt, während es jedem andern ſo entſchieden daran mangelt; aber ich meine, daß in Beziehung auf Anordnungen, um den Geiſt in einigen Schwung zu bringen, den abgehetzten, ermatteten Wanderer durch Gegenſtände zu erfreuen, die, obſchon ſie ſich lediglich an die Sinne halten, doch wenigſtens nicht gerade finnlich erſcheinen, ein fremdes Wirthshaus auch nicht zu. verachten iſt; gebt mir einen großen, geräumigen Salon mit hohen Wänden und luf⸗ 40 tigen, breiten Fenſtern(ich werde nichts dagegen ein⸗ wenden, wenn das Karniß und Simswerk vergoldet iſt, weil man es doch in der Regel ſo antrifft)— laßt die Sonne und die Hitze eines Sommertages durch die tie⸗ fen Gitter einer wohlanſchließenden Jalouſie gemildert werden, welche den reichen Weihrauch eines duftigen, in der Blüthe ſtehenden Orangebaumes hereinlaſſen— dabei die ſtrahlenden Tropfen einer Quelle in der Nach⸗ barſchaft, deren ſanſtes Plätſchern inmitten des Geſum⸗ mes der Bienen nur ſchwach vernehmbar iſt— laßt dies die Annehmlichkeiten von Außen ſein, während drin⸗ nen die weſenhafteren Freuden der Tafel warten, in ſolchergeſtalt, wie nur eine franzöſiſche Küche ſie bieten kann— gebt mir dieſes, ſage ich, ſo werde ich nie⸗ mals nach den fernhinberühmten und lang beweinten Herrlichkeiten einer Loge in einem Kaffeezimmer ſeufzen, die ganz einem Kirchſtuhl in einer Gemeindekirche gleicht, obſchon freilich nicht ſo wohl gepolſtert, dagegen voll⸗ kommen ebenſo trübſelig, mit einem heißgrätigen Kell⸗ ner und einem kalten Beefſteak— das einzige Ding, was höher iſt, als Dein Ergötzen, die Wirthsrechnung, und das einzige, was weniger trinkbar, als Dein Port⸗ wein, der Porter. Denken Sie ſich jetzt, mein theurer Leſer, ob ich mit ſolchen exotiſchen Begriffen mich glücklich fühlte oder nicht, als ich ſo zwiſchen meinen zwei ſchönen Freun⸗ dinnen daſaß, die Honneurs eines kleinen Soupers machend, und die erheiternden Kräfte unſers Champa⸗ gners mit Witzesanſtrengungen unterſtützend, die unter günſtigen Umſtänden wie dieſe immer den gewünſchten Erfolg haben, und da ſie gleich der ſchäumenden Flüſ⸗ ſigkeit, welche ſie hinabſchwemmt, unverzüglich verſchluckt werden müſſen, wegen der Aufregung, die ſie hervor⸗ bringen, ſtets als gut erfunden werden, ohne daß man ernſtlich einen gediegeneren Werth bei ihnen ſuchen würde. Nichts macht einen Mann ſo angenehm, als der Glanbe, daß er es ſei: und gewiß ſchienen meine 41 ſchöne Gefährtinnen den vortrefflichſten Begriff von mei⸗ nen Fähigkeiten in dieſer Beziehung zu haben; ich glaube aber auch, daß ich an dieſem glücklichen Abend mehr Witze losließ, mehr Epigramme zum Beſten gab und mehr ausgezeichnete Geſchichtchen auf die Bahn brachte, als jetzt hinreichen würden, um meine Schneidersrech⸗ nung zu bezahlen, wenn ich ſie noch aus dem Gedächt⸗ niſſe für Bentleys Miscellany ſammeln könnte und Cruik⸗ ſhank Illuſtrationen dazu geben wollte— ach, daß gleich dem guten Getränke, das ſie würzte, alle dieſe guten Dinge dahin find, und ich ihr drolliges Andenken in trübſeliger Stunde verzeichnen, die Glut des Trauben⸗ ſaftes mit Sodawaſſer nachäffen muß! Eines jedoch iſt gewiß— wir bildeten eine höchſt angenehme Geſell⸗ ſchaft, und wenn ein Gefühl der Düſt rkeit einen Au⸗ enblick durch meine Seele drang, ſo galt es der tau⸗ ſendfach erhärteten Thatſache, daß Abende wie dieſe in dieſer Alltagswelt ſo ſelten vorkommen, daß wir jeden ſolchen nothwendig als unſern letzten betrachten ſollten. Hätte ich mich nicht meinem Leſer bereits als ei⸗ nen flüchtigen, unbeſtändigen Geſellen erſten Grads gezeigt, ſo würde ich jetzt vielleicht Anſtand nehmen, zu bekennen, daß ich die Kürze der Zeit halb bedauerte, in welcher ich das Vorrecht genießen ſollte, als Führer und Mentor meiner beiden Freundinnen aufzutreten. Die ungeſtüme Haſt, die ich vorher nöthig gefunden hatte, um Paris unverzüglich zu erreichen, wurde jetzt durch kluge Gedanken über vieles Reiſen bei Nacht und Betrachtungen über Sonnenſtiche bei Tag gemildert; ja, ſelbſt Augenblicke, die am innigſten dem Gegen⸗ ſtande der Beſtrebungen meines Herzens geweiht waren, fanden einen gewiſſen Eintrag in der höchſt philoſo⸗ phiſchen Betrachtung, daß es dem Vergnügen und Glück, die meiner warten, keinen Abbruch thun könne, wenn 4 ich, um ſie zu erreichen, auf dem Blumenpfad reiſe. Ich machte meine Folgerungen ſo: Wenn Lady Jane treu iſt— wenn— mit einem Wort, wenn ich be⸗ 42 ſtimmt bin, in der Familie Callonby einiges Glück zu machen, ſo wird ein Tag oder zwei keine Gefahr brin⸗ gen. Meinen gegenwärtigen Freundinnen werde ich natürlich Lebewohl ſagen in Paris, wo ihre eigenen Bekannten auf ſie warten; und wenn ich auf der an⸗ dern Seite abermals zu bitterer Enttäuſchung verdammt ſein ſollte, ſo werde ich ohnehin keine Luſt mehr ver⸗ ſpüren, mich auf irgend eine neue Verbindung einzu⸗ laſſen. So räſonnirte und ſo glaubte ich; und obſchon ich in Liebesangelegenheiten für meine Freunde eine Art Rathgeber und Wegweiſer war, ſo merkte ich in dieſem Augenblick wirklich nicht, daß man zu keiner Zeit ſo ſehr in Gefahr ſteht, ſich zu verlieben, als unmit⸗ telbar nachdem man gefoppt worden iſt. Wenn der ge⸗ ſunde Menſchenverſtand uns lehrt, mit einem verſtauch⸗ ten Beine keinen Bolero zu tanzen, ſo ſollte er uns ebenſo gut die gleich wichtige Mahnung ertheilen, un⸗ ſer weit lebenskräftigeres und entzündlicheres Organ nicht am Tage, nachdem es verſenkt worden iſt, dem Feuer auszuſetzen. Betrachtungen wie dieſe drängten ſich mir im ge⸗ genwärtigen Augenblicke nicht auf; ohnehin reiste ich mit einer Vierzigpferdekraft von Annehmlichkeit, die mir nur wenig Zeit zu Gedanken ließ, am allerwenig⸗ ſten, wenn ſie ernſter Natur waren. So ſtanden die Dinge. Ich hatte ſo eben unſere hohen, ſchlanken Glä⸗ ſer mit der ſchäumenden und ſprudelnden Quelle des Witzes und der Begeiſterung gefüllt, als das laute krak, kral, krak einer Poſtillonspeitſche, begleitet von dem erderſchütternden Geſtampfe eines tüchtigen Poſtzuges und dem Gerolle von Rädern eine neue Ankunſt ver⸗ kündete.„Da kommen ſie,“ ſagte ich,„man darf ſie nur anſehen— vier Pferde und ein Poſtillon, alle ſcheinbar loſe und nach eigenem Gutdünken dahinjagend, und dennoch greifen ſie überraſchend richtig in einander ein. Ich will doch ſehen, wie ſie durch dieſen ſchmalen Bogenweg kommen— der beſte Vierſpännerfahrer in Srland käme in Verlegenheit, wenn er's beſſer machen ollte. „Welch' ein hübſcher, junger Mann, wenn er nicht dieſen garſtigen Schnurrbart hätte. Wie, Mr. Lorre⸗ Aer, er kennt Sie: ſehen Sie, er verbeugt ſich gegen e. „Gegen mich! O nein. Ei, zum Teufel, das iſt ja— es iſt Lord Kilkee, Lady Janes Bruder. Ich kenne ſeine Gemüthsart ſchon. Beobachtet er meine vertraute Bekanntſchaft mit meinen ſchönen Freundinnen nur fünf Minuten lang, dann lebt wohl all' ihr ſchönen Hoffnun⸗ gen, Lord Callonby jemals Schwiegervater zu nennen. Es iſt daher kein Augenblick zu verlieren.“ Während dieſe Gedanken ſich durch meine Seele wälzten, fühlte ich, daß Verlegenheit mein Geſicht mit Scharlach überzogen hatie, und mit einer Art ſtam⸗ melnder Entſchuldigung, daß ich ſie ſo plötzlich für einen Augenblick verlaſſen müſſe, rannte ich die Treppe hinab, während es eben noch Zeit genug war, Kilkee's Fra⸗ gen übe ſie Zahl meiner Zimmer, um die er ſich ge⸗ rade erkundigen wollte, zuvor zu kommen. Nachdem unſere erſten Begrüßungen vorüber waren, fragte mich Kilkee über meine Route aus und fügte hinzu, daß die ſeinige jetzt nothwendig eine unentſchiedene ſei, denn wenn ſeine Familie ſich nicht in Paris befinde, ſo ſehe er ſich genöthigt, in den deutſchen Bädern nach ihr zu ſuchen.„Jedenfalls, Mr. Lorrequer,“ ſagte er,„wol⸗ len wir dann dieſe Jagd gemeinſchaftlich anſtellen. Ich muß darauf beſtehen, daß Sie mit mir kommen.“ „Daran dürfen Sie nicht denken,“ erwiederte ich. „Ihr Gefährt iſt ein Coupé, und es kann mir nicht einfallen, Sie beläſtigen zu wollen.“ „Wie, Sie werden mich doch hoffentlich nicht im Ernſt beleidigen wollen; denn ich ſchmeichle mir, daß ein vollkommenerer Wagen für zwei Leute gar nicht ge⸗ baut werden kann. Hobſon hat ihn nach einem eige⸗ nen Plane von mir gemacht, und ich kann Sie ver⸗ * . 44 ſichern, daß ich mir ungemein viel darauf einbilde. Kommen Sie, die Sache iſt ſo gut wie abgemacht— und nun zum Souper. Sind gegenwärtig viele Eng⸗ länder hier?— Beiläufig geſagt, die fremden Men⸗ ſchenkinder, bei denen ich Sie auf dem Balkon ſtehen ſah, wer find ſie?⸗ 2— „Ol die Ladies— Ol ja, Leute, mit denen ich herüber kam—“ „Die eine war hübſch, wie mir ſchien. Haben Sie ſchon ſoupirt? Beſtellen Sie doch etwas, ich will in⸗ zwiſchen ein paar Zeilen ſchreiben, ehe die Poſt ab⸗ geht.“— So ſprechend eilte er hinter dem Kellner her die Treppe hinauf und überließ mich meinen Betrach⸗ tungen. „Das beginnt luſtig zu werden,“ dachte ich, als die Thüre ſich ſchloß und ich nun allein im Salon war. In Umſtänden von ſolcher Bedeutſamkeit war ich nie ſo ſehr in Verlegenyeit geweſen, wie jetzt über die Möglichkeit, Kilkee's Einladung abzulehnen, ohne meine vertraute Freundſchaft mit Binghams zu entdecken— und doch durfte und konnte ich dieſe ſchlechte dings nicht ſo plötzlich im Stiche laſſen. Das alſo war das Di⸗ lemma. Ich ſehe nur ein einziges Mittel, ſagte ich düſter, indem ich mit gebeugtem Kopfe und die Hände auf dem Rücken durch das Zimmer ſchritt,„es bleibt mir nur ein einziges Mittel— ich muß über Nacht krank werden, ſo daß ich am Morgen nicht im Stande bin, mein Bett zu verlaſſen— ein Fieber— ein an⸗ ſteckendes Fieber— blaue und rothe Flecken auf dem ganzen Leibe— dann muß ich vor dem Frübſtück noch deliriren; und wenn er je meiner Freundſchaft mit den Ladies oben auf die Spur kommen ſollte, ſo muß ich ſie blos für ein Erzeugniß der Symptome einer Krank⸗ heit ausgeben, die ſchon im Schiffe mich ergriffen habe. Und nun zu einem Doktor, der ſich auf meinen Fall verſteht und Vernunft annimmt, wie man es in Ir⸗ land nennen würde.“ Mit dieſer vorherrſchenden Idee ging ich in den Hof hinaus, um nach einem Lohnbe⸗ dienten zu ſehen, der mir den Weg zeigen ſollte. Rings herum auf allen Seiten ſtanden die verſchiedenen Wägen und Fuhrwerke des Hotels und ſeiner Bewoh⸗ ner, vollkommen ebenſo charakteriſtiſch und eigenthüm⸗ lich wie ihre Beſitzer.„Ach, der da gehört Kilkee,“ ſagte ich, als mein Auge auf den wohlgewiegten, ele⸗ ganten, kleinen Wagen fiel, den er mit vollkommen⸗ ſtem Recht ſo eben geprieſen hatte. Er iſt in der That herrlich gebaut, und doch wollte ich eine Hand voll Louisd'or darum geben, wenn er jenem ehrwürdigen Cabriolet dort gliche mit Einem Rad und ohne Deich⸗ ſel; aber ach, dieſe Federn geben nur wenig Hoffnung zu zerbrechen, und die verdammte Achſe wird den Künſt⸗ ler, der ſie verfertigt hat, um ein Gutes überleben. Wie, ſollte man denn wirklich nichts ausrichten können? — Ha, da kommt mir ein Gedanke.„Sag' einmal, Burſche, wer ſchmiert die Räder an dem Wagen hier? „C'est moi, Monsieur,“ antwortete ein großer Lümmel in Holzſchuhen und einer Blöuſe. „Verſtehſt Du Dich denn auch auf dieſe da?“ fragte ich weiter, indem ich mit meinem Stock die Radbüchſe berüyrte.. 1 Er ſchüttelte den Kopf. „Nun, wer beſorgt es denn ſonſt?“ „O, Michel verſteht dieſe Geſchichten ganz gut.“ „So bring' ihn her,“ ſagte ich. In wenigen Minuten machte ein kleiner, verſchmitz⸗ ter, alter Burſche in einem Schmiedsſchurzfell ſeine Auf⸗ wartung und ſiellte ſich ſelbſt als Meiſter Michel vor. Ich hatte nicht viel Mühe, ihn in meinen Plan einzu⸗ weihen, welcher darin beſtand, daß er eines der Räder, ſcheinbar in der Abſicht, die Achſe einzuölen, los machen und etwas daran verderben ſolle, ſo daß es vor wenig⸗ ſtens vierundzwanzig Stunden nicht mehr eingeſetzt werden könne. „Dieß iſt meine Idee,“ ſagte ich; inzwiſchen 46 braucht Ihr Euch nicht ſo ſtreng daran zu halten. Alles, was ich verlange, iſt, daß Ihr den Wagen außer Stand ſetzet, morgen fort zu fahren, und dafür gebe ich Euch hier drei Louisd'or.“ „Soyez bien tranquille, Monsieur, Milor wird den morgenden Tag in Calais zubringen, wenn ich mich einigermaßen auf meine Kunſt verſtehe—“ ſo ſprechend ging er fort, um ſein Handwerkszeug zu ho⸗ len, während ich mit erleichtertem Herzen nach dem Salon zurück kehrte, vollkommen vorbereitet, auf der Dringlichkeit meiner unverweilten Ankunft in Paris zu beſtehen. „Ah, ſchön, Mr. Lorrequer,“ ſagte Kilkee, als ich eintrat,„das Souper iſt ſchon bereit und ich habe Hunger wie ein Wolf.“ „O, bitte um Verzeihung— ich habe inzwiſchen alles für unſere Abreiſe morgen früh in Bereitſchaft geſetzt, denn ich habe Ihnen noch nicht geſagt, wie dringend ich wünſche, vor dem achten nach Paris zu kommen— ein Familiengeſchäft, das meine perſönliche Anweſenheit erfordert, nöthigt mich dazu.“ „Was dieß betrifft, ſo ſeien Sie ganz außer Sor⸗ gen, denn ich werde, wenn Sie es wünſchen, morgen auch die Nacht durchreiſen. Und nun zum Volnay. Warum trinken Sie denn nicht? Was würden Sie zu dem Vorſchlag ſagen, den ſchönen Ladies droben un⸗ ſere Aufwartung zu machen? Ich bin überzeugt, die petits soins, welche Sie ihnen auf der Ueberfahrt ge⸗ widmet haben, würden eine ſolche Freiheit ſchon ent⸗ ſchuldigen.“ 4 „O, nur das nicht,“ ſagte ich,„keine von beiden iſt hübſch, und ich wünſchte es vielmehr zu vermeiden, eine regelmäßige Bekanntſchaft mit ihnen zu machen.“ „Ganz wie Sie wollen— nur laſſen Sie uns jetzt, da Sie doch keinen Wein annehmen, ein wenig in der Stadt herum ſchlendern.“ Nach einem kurzen Spaziergang, auf welchem Kil⸗ — 47 kee mir die ganze Zeit vorerzählte, aber ich weiß nicht von was, denn meine Gedanken waren mit meinen eigenen unmittelbaren Angelegenheiten beſchäftigt, kehr⸗ ten wir nach dem Hotel zurück. Als wir in das Hof⸗ thor traten, kam mein Freund Michel an mir vorbei, und als er grüßend ſeinen Hut abnahm, warf er mir mit ſeinem ſchlauen Auge einen flüchtigen Blick zu, der mich vollkommen überzeugte, daß Hobſon's Stolz auf den Wagen meines Freundes in dieſer Zeit auf eine Art herausgefordert worden ſei, welche ihm leicht einen Schlaganfall zuziehen könnte. „Beiläufig geſagt,“ bemerkte ich,„laſſen Sie uns doch Ihren Wagen beſehen. Ich bin neugierig darauf —“(und das war ich auch). „Nun, ſo kommen Sie hieher, man hat ihn unter einen dieſer Schuppen geſtellt, welche hier die Remiſen vorſtellen ſollen.“ Ich folgte meinem Freund durch den Hof, bis wir an die fatale Stelle gelangten; aber ehe wir ſie noch erreichten, hatte er bereits flüchtig das Unglück bemerkt und ſtieß einen wirklich entſetzlichen Fluch über den Ur⸗ heber der That aus, die ſich ſeinen Blicken entgegen ſtellte. Das vordere Rad des Coupe's war von der Achſe genommen, und bei der Schwierigkeit, dieß zu thun, weil die Arbeit wirklich eine vortreffliche genannt werden mußte, waren zwei Speichen zerbrochen— die Radbüchſe war nur noch eine Maſſe zerriſſenen Metalls und das Ende der Achſe hing herab wie ein Karft. „Ich kann keinen Begriff von der Wuth des armen Kilkee geben, und aufrichtig geſtanden, die meinige war nicht viel weniger; denn der Elende hatte meine Befehle ſo ſehr überſchritten, daß ich mich über die grauſame Zerſtörung vor mir gänzlich entſetzte. Wir polterten und tobten daher beide im imponirendſten Engliſch und Franzöſiſch; zuerſt jeder einzeln und dann gemeinſchaftlich. Wir boten eine Belohnung für die Ergreifung des Miſſethäters, den Niemand zu kennen 5 ’ b 48 ſchien, obſchon zufälligerweiſe alle Angehörigen der gro⸗ ßen Haushaltung, mit Ausnahme des Eigenthümers ſelbſt, den Handel wußten. Wir ſchimpften über alle Gaſthofsbeſitzer, Kellner, Hausknechte und Zimmermäd⸗ chen, ſowohl in Maſſe genommen als einzeln— wir verdammten Calais als einen Pfuhl von Schändlichkeit und brandmarkten alle Franzoſen als Spitzbuben und Vagabunden. Dieß ſchien meines Freundes Gram be⸗ deutend zu erleichtern und meinen Durſt rege zu ma⸗ chen— vielleicht zum Glück für uns— denn wenn unſere Beredtſamkeit noch viel länger angehalten hätte, ſo fürchte ich, unſere Zuhörerſchaft möchte ihre Geduld verloren haben; und ich bin in der That vollkommen überzeugt, wenn unſer Franzöſiſch nicht beinahe in einem ebenſo zerrütteten Zuſtande geweſen wäre, wie diefpeichen der Kaleſche, ſo hätte es ſo weit kommen müſſen. „Auf dieſe Art, Mr. Lorrequer, können wir alſo, glaube ich, keine Reiſegefährten ſein. Denn wenn Sie durchaus Morgen gehen müſſen— „Ich kann es leider nicht ändern,“ ſagte ich. „So wollen wir jedenfalls verabreden, wo wir einander treffen können, denn ich hoffe einen Tag nach Ihnen in Paris zu ſein.“ „Ich will im Meurice abſteigen.“ „Meurice, ganz recht, ſagte er,„nun gutie Nacht, auf Wiederſehen in Paris.“ Fünftes Kapitel. Der Gendarm. Glücklicherweiſe hatte ich Einfluß genug auf meine ſchönen Freundinnen, um ſie zu überreden, daß ſie Calais 4 49 am andern Morgen in der Frühe verließen, und zwei Stunden, bevor Kilkee ſeine Augen über dieſes ſterb⸗ liche Leben geöffnet hatte, befanden wir uns ſchon weit auf der Straße nach Paris. 4 Da mir mein Plan bis dahin vollkommen geglückt war, ſo wuchs auch mein Muth und meine Munterkeit ſchnell wieder, und ich bot Alles auf, um meinen Ge⸗ fährtinnen den Weg zu verkürzen. Unglücklicherweiſe gebricht es dieſem Theile Frankreichs gänzlich an allem landſchaftlichen Reize; unüberſehbare Striche von wo⸗ genden Kornfeldern mit einem Hintergrund von un⸗ endlichen Wäldern und gelegentlich, jedoch nur ſelten, ein Blick auf irgend ein altes zerfallenes Schloß mit ſeinem ſpitzigen Giebel und ſeinen terraſſenförmigen Spaziergängen, ſind beinahe alles, was das Auge in den Zwiſchenräumen zwiſchen den kleinen Städten und Dörfern zu entdecken vermag. Nichts jedoch iſt fad und unerquicklich für diejenigen, die es anders zu machen wünſchen; gute Geſundheit, Munterkeit und ſchönds Wetter find herrliche Reiſegefährten und machen uns ziemlich unabhängig von den Zaubern der Landſchaft. Jede Meile, die mich von Calais weiter entfernte und die Wahrſcheinlichkeit einer Einholung verminderte, ſteigerte meine Heiterkeit, und ich ſchmeichle mir, daß ſelten ein vergnügteres Geſellſchäftchen dieſe wohlbe⸗ ſuchte Straße durchreist hat. Wir erreichten Abbeville zum Mittageſſen und tranken in dem ſchönen kleinen Wirtbshausgarten unſern Caffe; der Abend war ſo köſtlich, daß ich den Vorſchlag machte, auf der Pariſer Straße voranzugehen, bis der agen nachkäme, dem es an einer Schraube, einem Achſenblech oder ſonſt einer Kleinigkeit fehlte, was einem in Frankreich alle Augenblicke begegnet. Dagegen wandte die chere mamma ein, daß ſie müde ſei, fügte aber hinzu, Iſabella und ich können wohl vorangehen und ſie werde uns in einer halben Stunde einholen. Dieſe Anordnung war fü —————— 50 lungen machte, bis es mir gelang, ihre Bedenklichkeiten zu überwinden und ſie mir erlaubte, ihr den Shawl umzulegen. Man hat Uneingeweihten gegenüber immer einen ungeheuren, gewaltigen Beweis in der Hand, wenn man ſich auf Sitten und Gebräuche bezieht, die von den unſrigen gänzlich verſchieden ſind. So trugen die talismaniſchen Worte—„O, ſtoßen Sie ſich nicht, bedenken Sie, daß Sie in Frankreich find,“ mehr zur Beruhigung meiner jungen Freundin bei, als alles, was ich in einer ganzen Stunde hätte ſagen können. Sie wußte nicht, daß nur in England eine unverheirathete junge Lady einige Freiheit hat, und daß die fremden Begriffe von Anſtand in dieſer Beziehung viel, ja un⸗ endlich ſtrenger ſind als die unſern. „La première Rue à gauche,“ ſagte ein alter Mann, den ich um die Straße fragte. „Et puis?“ fügte ich hinzu. „Und dann gerade aus; Sie haben fortwährend Chauſſee und können nicht fehlen.“ „ und nun, Miß Iſabella,“ ſagte ich,„laſſen Sie uns verſuchen, ob wir nicht ein gutes Stück von der Landſchaft ſehen können, bevor der Wagen nachkommt.“ — Wir hatten bald die Stadt hinter uns und erreich⸗ ten eine ſchön beſchattete Hochſtraße mit blühenden Obſt⸗ bäumen und geisblattbedeckten Hütten; es waren den Tag über mehrere leichte Regen gefallen und die Luſt hatte den ganzen friſchen, duftigen Wohlgeruch eines Herbſtabends, ſo erquickend und beruhigend, daß es nur wenige Menſchen geben wird, die nicht in der einen oder andern Zeit ihres Lebens die Einflüſſe eines ſol⸗ chen empfunden haben. Ich dachte, meiner ſchönen Gefährtin ergehe es ſo, denn während ſie an meinen Seite voranſpazierte, waren ihr Schweigen und der ſanfte Druck ihres Armes weit beredter als Worte. Wenn die außerordentliche Unruhe und Verwirrung der Empfindungen, welche Dich dann und wann über⸗ wartet, daß ich Miß Bingham alle möglichen Vorftel⸗ 51 kömmt, wenn Du auf einer einſamen Landſtraße wan⸗ derſt, mit einem hübſchen Mädchen am Arme, die ihren Arm in den Deinigen gelegt hat, und deren Gedanken, ſo weit Du muthmaßen kannſt, denſelben Pfad ziehen wie Deine eigenen— wenn dies thieriſcher Magnetis⸗ mus oder eine ſeiner Erſcheinungen iſt, dann ſchwöre ich zu Mesmer: Verhalte es ſich damit wie es wolle, ſei es Täuſchung oder ſei es Wahrheit, mir hat es die leuchtendſten Augenblicke meines Lebens verſchafft— dieſe ſind die wahren„beſchwingten Träume“ von Ver⸗ gnügungen, welche andere von weit ſpannenderem und weſenhafterem Intereſſe überleben. Wie viele unſerer glücklichſten Gefühle verdanken wir nicht am Ende der Schwäche unſerer Natur! Allen Reſpekt vor dem Mann, der mit neunzehn Jahren weiſe iſt, aber ihn zu benei⸗ den würde mir niemals einfallen; und jetzt, noch jetzt, da ich mehr Jahre zähle, als ich mit Vergnügen be⸗ kenne, will ich mich noch immer nicht von der argwöh⸗ niſchen Wachſamkeit des Alters überſchleichen laſſen, ſondern lieber friſchweg und wohlgemuth glauben, wenn auch jede Stunde des Tages mir einen Beweis bringen ſollte, daß ich genarrt und betrogen worden bin. Wäh⸗ rend ich mich dieſes Fehlers ſchuldig bekenne, laſſe man mich als Milderungsgrund anführen, daß er auch ſeine Genüſſe mit ſich bringt— denn obſchon ich, wie ein höchſt flüchtiger Blick auf dieſe Bekenntniſſe beweiſen mag, der treuergebenſte, ſtandhafteſte Menſch bin, der da athmet, ſo habe ich mich doch niemals einer ent⸗ ſchiedenen Vorneigung zu erwehren vermocht, mich zum bloßen Zeitvertreib zu verlieben. Der Spieler, der ſich niederſetzt, um Karten zu ſpielen oder zu ſeinem eigenen Schaden zu haſardiren, iſt vielleicht die einzige Perſon, welche dieſe meine Gemüthsrichtung begreifen kann. Wir ſpielen Beide um nichts(oder um Liebe, was meines Erachtens gleichbedeutend iſt), wir ver⸗ geuden Beide unſere Kräfte um Nichts; aus dem näm⸗ lichen Grunde und ganz in denſelben Verhältniſſen wie 52 der Kellner in Vaurhall, welchen man über die Geſchick⸗ likeit, womit er ſeine Limonade einſchenkte, belobte, und der dann bekannte, daßt er ſeine Vormittage dar⸗ auf verwende, ſich mit Waſſer einzuüben, bringen wir einen anſehnlichen Theil unſeres Lebens mit einer mi⸗ miſchen Kriegführung zu, die, wenn ſie auch unergiebig ſcheinen mag, nichtsdeſtoweniger ſehr viel Angeneh⸗ mes hat.. Brauche ich nach dieſer ganzen langen Tirade noch zu fagen, wie unſer Spaziergang von ſtatten ging? Wir waren auf eine Art Erörterung über die merkwür⸗ dige Vertraulichkeit gerathen, welche ſich ſo ſchnell zwiſchen uns ergeben hatte, und die kaum lange Jahre dauernder hätten befeſtigen können. Wir ſtellten Ver⸗ ſuche an, die Gründe dafür und die Natur der auf dieſe Art ſo plötzlich erſtandenen Freundſchaft zu analyfiren — ein etwas gefährlicher und ſchwieriger Punkt, wenn beide Theile jung ſind— der eine ausnehmend hübſch und der andere ungemein geneigt, höchſt angenehm zu erſcheinen. O, meine theuren jungen Freunde beiderlei Geſchlechts, welcher Art immer eure Gefühle für ein⸗ ander ſein mögen, behaltet ſie für euch; ich kenne nichts, was halb ſo gewagt wäre wie dieſes Vergleichen von Notizen, womit man ſich zuweilen beſchäftigt. Die Analyſe iſt ein ſchönes Ding in der Mathematik und Chemie, aber auf die Verrichtungen des Herzens an⸗ gewandt, richtet ſie traurige Verwüſtungen an. „Mamma ſcheint uns vergeſſen zu haben,“ ſagte Iſabella, nachdem ſie einige Zeit ſchweigend neben mir einhergeſchritten war. „O ſeien Sie ohne Sorgen, die Ausbeſſerung des Wagens hat all dieſe Zeit weggenommen; aber find Sie müde?,. in Nem⸗ ganz und gar nicht; der Abend iſt köſtlich, indeß—⸗ 3 „Dann langweilen Sie ſich vielleicht?“ ſagte ich halb empfindlich, um wo möglich ein entſchiedenes Nein hervorzurufen. Auf dieſe argliſtige Bemerkung erhielt ich verdientermaßen keine Antwort und wir ſchlenderten aufs Neue weiter, ohne zu ſprechen. „Wem gehört dieſes Schloß da, guter Freund? redete ich einen Mann an, der vorüber ging.. „A Monsieur le Marquis, Sire,“ antwortete er. „Und wie heißt er?“ 7 „Ja, das kann ich Ihnen nicht ſagen,“ erwiederte der Mann. Aus dieſem einzigen Zuge kann man erſehen, wie in der franzöftſchen zovinz bis auf den heutigen Tag der Reſpekt vor der Ariſtokratie vorwaltet; es genügt, daß der Beſitzer dieſes hübſchen Guts Monsieur le arquis iſt; aber alles andere, wer und was er iſt, hält man für überflüſſig zu wiſſen.„Wie weit haben wir noch ins nächſte Dorf?“ „Etwa eine Meile.“ 3 „irliwe Ich dachte doch La Scarpe liege ganz ahe „Ah, Sie meinen wahrſcheinlich Sie ſeien auf der Straße nach Amiens?⸗ „Ja natürlich, iſt's nicht ſo?“ „O nein, die Straße nach Amiens liegt jenſeits des niedrigen Hügels dort rechts. Sie haben an der erſten Barriere den falſchen Weg eingeſchlagen.“ „Iſt's möglich, könnten wir uns verirrt haben?⸗ „O Mr. Lorrequer, ich bitte Sie um Alles, ſagen Sie das nicht.“ „Und was für eine Straße iſt denn das, mein Freund?“ „Die Straße nach Albert und Peronne.“ „Ich glaube leider, er hat ganz Recht. Gibt es vielleicht vom näͤchſten Dorfe aus einen Nebenweg auf die Straße nach Amiens?“ „Ja, Sie köanen dieſelbe in etwa drei Meilen er⸗ reichen.“ 3 Bekenntniſſe Lorrequers. I. 4 1 „Im Wirthshaus können wir doch einen Wagen bekommen?“ 4 „Das möchte ich nicht mit Beſtimmtheit ſagen. Im goldnen Löwen vielleicht.“ „Aber warum nicht nach Abbeville zurückgehen?“ „O, Mrs. Bingham muß ſchon lange weggefahren ſein, und überdies vergeſſen Sie die Entfernung; wir find zwei volle Stunden gegangen. Nun alſo in’s Dorf;“ ſagte ich, den Arm meiner Freundin feſter in den meinigen ziehend und einen muntern Schritt ein⸗ ſchlagend. Iſabella ſchien entſetzlich beunruhigt über den gan⸗ zen Handel; was ihre Mamma denken, wie ſie ſich äng⸗ ſtigen werde, wenn ſie uns auf der Straße nicht treffe, und hundert andere aufmunternde Betrachtungen dieſer Art ließ ſie unaufhörlich vom Stapel laufen. Ich ſelbſt wußte nicht recht, was ich davon halten ſollte; meine alte Luſt zu Abenteuern war noch immer ſtark genug in mir, um jedem Ding, was die mindeſte Aehnlichkeit mit einem ſolchen darbot, eine Würze zu verleihen. Dies verſchwieg ich jetzt gänzlich, ich ſympathifirte viel⸗ mehr mit meiner ſchönen Freundin über unſer Mißge⸗ 1 ſchick und ſuchte ſie durch die Verſicherung aufzurichten, daß wir Mrs. Bingham durchaus noch vor ihrer Ankunft in Ammiens einholen müſſen. leat 199, da iñ das Dorf in dem Thale; wie ſchön es ieg „O, ich kann jetzt nichts bewundern, Mr. Lorre⸗ quer, ich bin ſo ängſtlich.“ „Aber gewiß ohne Grund,“ ſagte ich, zärtlich unter ihren Hut blickend. „Wenn das kein Grund iſt!“ antwortete ſie, und wir gingen ſchweigend weiter. Als wir im goldnen Löwen ankamen, erfuhren wir, daß das einzige Fuhrwerk, das aufzutreiben war, aus einem offenen Marktkarren mit zwei Pferden beſtand, auf welchem meine ſchöne Freundin und ich nothwendig 35 uns neben einander aufs Stroh ſetzen mußten, es gab ſchlechterdings keine andere Wahl, und Miß Bingham hätte ſich, glaube ich, lieber von einem Eſel in einem Korbe weiter tragen laſſen, als daß ſie hier geblieben wäre. Wir nahmen alſo unſere Plätze ein, und ſie konnte ſich eines Lachens nicht erwehren, als wir unſere Reiſe in dieſem abgeſchmackten Fuhrwerk antraten, auf welchem wir dermaßen geſchüttelt und gerüttelt wurden, daß ich meine ganze Aufmerkſamkeit aufbieten mußte, um meine holdſelige Begleiterin vor dem Hinabfallen zu ſchützen. Nach etwa zweiſtündiger Fahrt gelangten wir au die Straße nach Amiens und machten an der Barriere Halt. Ich erkundigte mich ſogleich, ob ein Wagen wie der von Mrs. Bingham vorübergekommen ſei, und er⸗ fuhr, daß dies vor einer Stunde wirklich der Fall ge⸗ weſen, und daß man der darin ſitzenden Lady geſagt habe, zwei Perſonen, die ganz ihrer Beſchreibung ent⸗ ſprachen, ſeien in einer Kaleſche geſehen worden und ſehr raſch nach Amiens gefahren, worauf ſie ſo ſchnell als möglich ihnen nachgeeilt ſei. „Wahrhaſtig,“ ſagte ich,„der Spaß macht ſich im⸗ mer ſchöner; ohne dieſes unglückſelige Mißverſtändniß hätte ſie höchſt wahrſcheinlich auf uns gewartet. Amiens iſt nur noch zwei Meilen von hier, wir haben alſo nicht mehr lang zu fahren und werden, ehe es ſechs Uhr ſchlägt, alle zuſammen über das luſtige Begegniß lachen.“ ir raſſelten weiter, und als die Straße immer verlaſſener, die Schatten länger wurden, konnte ich nicht umhin mich über die ſeltſamen Lagen zu wundern, wo⸗ rein der abenteuerliche Charakter meines Lebens mich ſo oft verwickelt hatte. Mittlerweile wurde meine ſchöne Freundin immer verzagter und betrübter, und nur mit der größten Mühe war ich im Stande, ihren Muth auf⸗ recht zu erhalten. Ich verſicherte ſie, und nicht ohne Grund, daß, ſo oft auch in meiner ereignißreichen Lauf⸗ bahn Begegniſſe eingetreten ſeien, welche mir die Er⸗ 56 reichung des erſtrebten Zieles zweifelhaft und ſchwierig gemacht, auf der andern Seite auch die Reſultate ſo oft über Erwarten angenehm ausgefallen ſeien, daß ich immer eine Art unwillkürliche Befriedigung empfinde, ſobald ſich ein Hinderniß in meinen Weg ſtelle, denn ich betrachte dies als ein beſonderes Mittel des Glücks, um das Vergnügen zu erhöhen, das meiner warte; „und nun,“ fügte ich hinzu,„auch hier vielleicht, wäh⸗ rend wir unſere Straße verfehlt haben— ſind die Em⸗ pfindungen, die ich gehört, die Gefühle, deren Aeuße⸗ rung ich vernommen— was ich weiter ſagen wollte, weiß der Himmel— vielleicht war nichts geringeres als eine förmliche Werbung im Anzug; aber in dieſem kritiſchen Augenblick ritt ein Gendarme neben unſern Wagen und beobachtete uns mit der eigenthümlich be⸗ deutungsvollen, ſauertöpfiſchen Miene, die nur ſeinem Stande allein gegeben iſt. Nachdem er einige Minuten nebenher getrabt, befahl er dem Kutſcher Halt zu ma⸗ chen und forderte barſch unſere Päſſe. Nun ruhten unſere Päſſe in dem gegebenen Augenblick ganz ruhig in der Seitentaſche von Mrs. Binghams Wagen; ich erklärte daher dem Gendarme, in welchen Umſtänden wir uns befinden, und fügte hinzu, daß bei unſerer Ankunſt in Amiens der Paß zum Vorſchein kommen werde. Darauf antwortete er, dies alles möge vollkommen wahr ſein, allein er glaube kein Wort davon— er habe Befehl erhalten, auf zwei engliſche Perſonen zu fahnden, welche dieſen Weg reisten— und er müſſe ſich demgemäß unſerer Geſellſchaft nach Chantraine zurück erbitten, allwo ſein Ofſizier ſtationirt und zugleich der Maire des Ortes ſei. „Aber warum wollen Sie uns nicht nach Amiens begleiten,“ ſagte ich,„zumal wenn ich Ihnen erkläre/ daß wir dort unſere Päſſe zeigen können.“ 8 „Ich gehöre zum Diſtrikt Cbantraine,“ war die lako⸗ niſche Antwort, und gleich dem Gentleman, der über die Predigt nicht weinen konnte, weil er zu einer andern 57 Pfarre gehörte, wollte dieſes Urbild eines franzöſiſchen Landreiters keine Vernunft annehmen, außer in ſeiner eignen Gemeinde.—. Keine Beweisgründe, die ich aufzubringen vermochte, hatten die mindeſte Wirkung auf ihn, und unter einem Schwarm von Bitten und Verwünſchungen, die beide gleich wenig fruchteten, mußten wir der Straße nach Amiens den Rücken kehren und in ſcharfem Trab nach Chantraine, auf der Straße nach Calais, zurückfahren. Die arme Iſabella, ich hatte wirklich inniges Mit⸗ leid mit ihr. Bis dahin war ihr Muth hauptſächlich durch die Ausſicht, Amiens bald zu erreichen, vor gänz⸗ lichem Verfalle bewahrt worden, nun aber konnte man nicht mehr abſehen, wie unſer Abenteuer zu Ende gehen ſollte; überdies fing ſie auf dem elenden Fuhr⸗ werk ernſtlich müde zu werden an, und war trotz der Stütze meines Armes kaum noch im Stande ſich auf⸗ recht zu erhalten. Welch eine gefährliche Lage für mich, einem hübſchen Mädchen auf einer einſamen Straße Troſt und Muth zuzuflüſtern, während die einzige Per⸗ ſon in der Nähe nichts von der Sprache verſtand, in der wir redeten! Ach wie wenig verſtehen wir uns doch auf die Wege des Schickſals, und wie oft verach⸗ ten wir Umſtände, die alle unſere Geſchicke in der Welt beſtimmen! Zu denken, daß ein Gendarm mit meinem künftigen Lebenslooſe irgend etwas zu ſchaffen haben und daß der wirkliche Mangel eines Reiſepaſſes den wahrſcheinlichen Mangel einer Heirathserlaubniß in ſich ſchließen könnte.„Ja,“ ſagte ich bei mir ſelbſt, nes entſpricht dies vollkommen jedem Schritte, den ich noch durchs Leben gethan habe. Ich kann jetzt mögli⸗ cherweiſe als Verbrecher vor den Maire geführt wer⸗ den und als Ehemann ihn verlaſſen.“ 3 Als wir in die Stadt kamen, erlaubte man uns nicht vor dem Wirthshaus anzuhalten, ſondern wir mußten, ſogleich vor das Haus des Commiſſärs fah⸗ ren, welcher zugleich der Maire des Bezirks war. 1 58 Der würdige Beamte war ſchon lange im Bett, und erſt nachdem man eine halbe Stunde lang heftig ge⸗ klingelt, blickte am obern Fenſter unter einer ſchmutzi⸗ gen baumwollenen Mütze ein Kopf hervor und ſchien mit geduldiger Aufmerkſamkeit die Verſammlung unten zu überſchauen. Mittlerweile hatte ſich aus den um⸗ liegenden Bierhäuſern und Kneipen eine bedeutende Menſchenmenge verſammelt, welche hier eine herrliche Gelegenheit zu finden glaubte, uns mit dem hölliſchſten Hohn und Jubelgeſchrei zu beehren, und dadurch ihre Gerechtigkeitsliebe und ihre Freude über entdeckte Spitz⸗ bübereten zu bekunden; daß wir nämlich beide in einem ſolchen Verdacht ſtanden, brauchte man uns nicht erſt zu ſagen. Inzwiſchen glaubte der arme alte Maire, der in den ſtürmiſchen Tagen der Revolution, ſowie auch unter Napoleon Beamter geweſen war und mit Swift vollkommen darin übereinſtimmte, daß ein gro⸗ ßer Haufe immer Gefindel ſei, ſelbſt wenn er aus Bi⸗ ſchöfen beſtehe, nicht anders, als der Aufruhr unten auf der Straße verkünde einen neuen Umſchwung der Dinge in Paris; er beſchloß daher, früh genug auf dem Felde ſich einzuſtellen und ſchrie mit der ganzen Macht ſeiner Lunge—„vive le peuple— vive la charte— à bas les autres!“ Ein erderſchütterndes Gelächter be⸗ grüßte dieſe Kundgebung eines unerwarteten Republi⸗ kanismus, und der arme Maire zog ſich, nachdem er ſeinen Mißgriff erfahren, beſchämt und beſtürzt von ſei⸗ nem Fenſter zurück. 3 Ehe noch die durch dieſen luſtigen Zufall verur⸗ ſachte Heiterkeit ſich gelegt hatte, ging die Thüre auf, und wir wurden in die Kanzlei des Commiſſärs ge⸗ führt, begleitet von der eifrigen Menge, welche vor Begierde brannte, die Einzelheiten unſers Verbrechens zu erfahren. 3 Bald erſchien der Maire, der inzwiſchen ſeine Nachtmütze mit einem ſchwarzen Sammtkäppchen ver⸗ tauſcht und ſeine ſchmächtige Figur in einen ſchmutzigen⸗ — 59 ſeidenen Schlafrock gehüllt hatte; er erlaubte uns zu ſitzen, während der Gendarm die verdächtigen Umſtände unſerer Reiſeweiſe erzählte und den Befehl vorwies, einen Engländer und ſeine Frau zu verhaften, die mit dem letzten Boulogner Paketboote angekommen ſeien, und aus einem Bankierhaus eine bedeutende Summe Gold und Papier entwendet habe. „Ich zweifle durchaus gar nicht, daß dies die Leute ſind,“ ſagte der Gendarm;„hier der Steckbrief, laſſen Sie uns einmal vergleichen— Alter zwei bis drei und vierzig Jahre.“ „Ich hege die Zuverſicht, Herr Maire,“ ſagte ich, als ich dies hörte,„daß Damen mir nicht ſo viele Jahre zuerkennen werden.“ 4 „Geſichtsfarbe, bleich und leichenhaft,“ fuhr der Gendarm fort. „Wirklich ſehr höflich und ein dankenswerthe Compliment,“ fügte ich hinzu. 1 „Schielt bedeutend mit dem linken Auge. Schauen Sie einmal gefälligſt monsieur le maire an,“ ſagte der Gendarm. Auf dies wiſchte der alte Beamte ſeine Brille mit einem Tabackbeſchmuzten Nastuche ab, als wollte er damit eine Sonnenfinſterniß unterſuchen, blickte mich einige Minutenlang ſtarr an und ſagte— „Ja, ja, ich merke es deutlich; leſen Sie weiter.“ „Fünf Fuß drei Zoll,“ ſagte der Gendarm. „„Sechs Fuß ein Zoll in England, wenn auch dies Klima bereits einigen Abbruch gethan haben mag.“ „Spricht gebrochen und ſchlecht franzöſtſch.“. „Im Gegentheil, wie ein Landeskind,“ ſagte ich; „wenigſtens erklärten das im Jahre fünfzehn meine reunde in der Chauſſee d'Antin.“ Hier endigte der Katalog, und es erfolgte nun eine kurze Konferenz zwiſchen dem Maire und dem Gendarmen, welche ſich zu dem Schluſſe vereinigten, daß morgen die Unterſuchung gegen uns beginnen und 60 wir inzwiſchen unter Aufſicht des Gendarmen im Wirths⸗ hauſe bleiben ſollten. 1 Bei der Ankunft in demſelben war meine arme Freundin ſo gänzlich erſchöpft, daß ſie ſich ſogleich auf ihr Zimmer begab; ich aber eilte ein ihr gegebenes Verſprechen zu erfüllen und einen Expreſſen nach Ami⸗ ens abzuſchicken mit einer Depeſche an Mrs. Bingham, worin ich ſie von allen unſern Mißgeſchicken in Kenntniß ſetzte, und um ſchleunige Hülfe erſuchte. Nachdem dies geſchehen war und ich Iſabella mit großer Schwierig⸗ keit überredet hatte, auf ihrem eigenen Zimmer an einem guten Nachteſſen mit mir Theil zu nehmen, ge⸗ wann ich meinen Gleichmuth wieder und fühlte mich aufs Neue behaglich. 3 Der Gendarm, unter deſſen Auſſicht man mich ge⸗ ſtellt hatte, war ein wirkliches Muſter ſeiner Klaſſe; ein großer, mächtig gebauter Mann von ungefähr fünf⸗ zig, mit einem ungeheuern gräulichbraunen Bart, der über und uster der Unterlippe zuſammenlief; ſeine Au⸗ genbrauen waren dicht und hervorragend und verbar⸗ gen beinahe ſeine ſcharfen, grauen Augen, während eine tiefe Säbelwunde auf ſeiner Wange eine lange weiße Narbe zurückgelaſſen hatte, die ſeinen Zügen ein höchſt kriegeriſches und trotziges Anſehen gab. Als er ſchweigend und bewegungslos einige Zeit ſeitwärts von mir ſaß, konnte ich nicht umhin, mir Ge⸗ danken zu machen, an wie manchem heißen Kampftage er wohl Theil genommen habe, denn nach ſeinem Alter und ſeiner Haltung zu ſchließen, war er augenſcheinlich einer der Soldaten des Kaiſerreichs geweſen. Ich lud ihn ein, bei meiner Flaſche Medoc mitzuhalten, was ihm zu ſchmeicheln ſchien. Als die Flaſche ſich ihrem Ende zuneigte und durch eine andere erſetzt wurde, hatte er ſichtlich ſchon viel von ſeinem gezwungenen Weſen abgelegt und ſchien ſchnell die verdächtigen Um⸗ ſtände zu vergeſſen, die er in Verbindung mit mir ſetzen zu müſſen geglaubt— er wurde ungemein ver⸗ 61 traulich und mittheilſam und ließ ſich herbei, etliche Züge aus ſeinem Leben mitzutheilen, das nicht ohne ſeine Wechſelfälle geweſen; denn er hatte, wie ich gleich Anfangs vermuthet, zur Garde— zur alten Garde — gehört; war bei Marengo verwundet worden und hatte auf dem Schlachtfeld von Wagram aus des Kai⸗ ſers eigenen Händen das Ehrenkreuz erhalten. Die gedankenlos enthuſiaſtiſche Anhänglichkeit an Napoleon, die ſeine kurze ſtürmiſche Laufbahn ſelbſt denjenigen entlockte, welche ſeinetwegen lang und tief gelitten, gehört nicht zu den am wenigſten merkwürdigen Um⸗ ſtänden, welche dieſer Theil der Geſchichte in ſich ſchließt. Während die Schauerlichkeiten der Conſcription jede Familie von der Normandie bis zur Vendee hart tra⸗ fen— während die unbebauten Felder, die ruinirten Speicher, die halb verödeten Dörfer, Alles die Ent⸗ völkerung des Landes bezeugte, ſchienen die talisma⸗ niſchen Worte l'empereur et la gloire kraft irgend eines magiſchen Mechanismus allgenügend, nicht blos, um Kummer und Gram zu unterdrücken, ſondern auch den Stolz aufzuſtacheln und Tapferkeit aufzumuntern; ja ſogar noch jetzt, da man annehmen ſollte, daß gleich dem leuchtenden Glas einer Zauberlaterne der glänzende Flitter verſchwunden ſei und nur noch Finſterniß und Verödung hinter ſich gelaſſen habe— noch jetzt lebt das Andenken an dieſe Tage unter dem Kaiſerreich un⸗ befleckt und ungeſchwächt fort, und jedes Opfer an Freunden oder Glücksgütern wird gering geachtet, wenn dagegen die Ehre von la belle France und die Tri⸗ umphe der großen Armee in die Waagſchale gelegt ſind. Die bethörten, enthuſiaſtiſchen Anhänger dieſes großen Mannes könnten in gewiſſen Beziehungen dem Trunkenbold im Vaudeville zu gleichen ſcheinen, der ſein beſtändiges Zechen damit entſchuldigt, daß er, wenn er nüchtern ſei, über ſeine Armuth ſich betrübe. „Mein Haus,“ ſagt er,„iſt eine Höhle; mein Weib eine Maſſe alter Lumpen, mein Kind ein unglückſeliger - 62 Raub des Elends und der Krankheit. Aber gebt mir Brandy, gebt mir nur Brandy, dann iſt meine Hütte ein Palaſt, mein Weib eine Prinzeſſin und mein Kind das wahre Abbild von Geſundheit und Glück;“ ſo er⸗ geht es dieſen Leuten— verzaubert von den Triumphen ihrer Nation, ſchwindelköpfig vom Siege können ſie im Grauen der Nüchternheit, welche der Frieden ihnen nothwendig auferlegt, nicht exiſtiren; und wenn je das Geſpräch auf die Noth der Zeit oder auf die ſchlechten Ausſichten des Landes fällt, ſo rufen ſie zwar nicht wie er Trunkenbold nach Brandy; ſagen aber ganz in dem⸗ ſelben Geiſte—„Ha, wenn ihr Frankreich je wieder glücklich und blühend ſehen wollt, ſo gebt uns nur wieder unſere Ehrenkreuze, unſere Epauletten, unſere freiwilligen Steuern, unſere Murillos, unſere Velas⸗ quez, unſere Spolien von Venedig und unſern ver⸗ größerten Länderbeſitz.“ Das iſt die Sprache des Bo⸗ napartiſten überall und zu allen Zeiten, und die Maſſe der Nation iſt ungemein geneigt, in dieſen Ton mit⸗ einzuſtimmen. Das Kaiſerthum war die Aeneis der Nation, und Napoleon der einzige Held, an welchen ſie jetzt glauben. Ihr könnt euch davon mit Leichtigkeit überzeugen. Jedes Café liefert Beweiſe dafür, jede Geſellſchaft gibt Zeugniß davon, ja ſelbſt das elendeſte Vaudeville— ſo abgedroſchen der Stoff, ſo mager die Geſchichte, ſo armſelig die Diction ſein mag, laßt nur den Kaiſer ſeine Rolle darin haben— laßt ihn ſo la⸗ koniſch als möglich ſein, die Hände auf dem Rücken halten, das wohlbekannte niedere Hütchen und den grauen Ueberrock tragen, dann iſt der Erfolg gewiß — jeder Satz, den er ausſpricht, wird beklatſcht, jede einzelne Anſpielung auf die Pyramiden, auf die Sonne von Auſterlitz, die Ehre und die alte Garde darf mit Sicherheit auf donnerndes Beifallsgeſchrei rechnen. Aber ich vergeſſe mich ſelbſt und vielleicht auch meinen Leſer. Die Unterhaltung mit dem alten Gendarmen führte mich gelegentlich auf Beirachtungen wie dieſe, und er 63 war in manchen Beziehungen wohl geeignet, ſolche hervorzurufen. Seine hingebungsvolle Anhänglichkeit = ſeine perſönliche Liebe zum Kaiſer, wovon ich rüh⸗ rende Beweiſe bei ihm erblickte, läßt ſich treffend ver⸗ anſchaulichen durch einen Vorfall, den ich erzählen will, in der Hoffnung, daß der Leſer ſich eben ſo ſehr daran ergötzen möge, wie ich. 3 Als Napoleon auf die päbſtlichen Beſitzungen die Hand gelegt und den Pabſt Pius VI. nach Paris hatte abführen laſſen, ſtand dieſer alte Soldat, damals Mus⸗ ketier der Garde, bei der Compagnie, welche die Wache des heiligen Vaters bildete. Während der erſten Mo⸗ nate ſeiner Gefangenſchaft hatte der heilige Vater die Erlaubniß, zu jeder beliebigen Stunde ſeine Gemächer zu verlaſſen und über den Hof des Palaſtes nach der Kapelle zu gehen, wo er die Meſſe las. In ſolchen Augenblicken ſtand der dienſthabende Theil der Kaiſer⸗ garde unter den Waffen und empfing aus der erhabenen Hand des Pabſtes, als er vorüberging, ſeinen Segen. Aber eines Morgens kam plötzlich ein Expreſſer aus den Tuillerien, und der dienſtthuende Offtzier theilte ſeiner Mannſchaft ſeine Inſtruktionen mit, dahin lau⸗ tend, daß dem Statthalter Chriſti auf Erden nicht mehr wie bis jetzt erlaubt ſein ſolle, nach der Kapelle zu gehen, und daß man über alle ſeine Bewegungen die ſtrengſte Oberaufſicht zu führen habe. Mein armer Ka⸗ merad kam an dieſem unglückſeligen Tag auf den Po⸗ ſten, er war noch nicht lange dageſtanden, als er Fuß⸗ tritte nahen hörte, und bald ſah er die Prozeſſion, welche den heiligen Vater jedesmal zu ſeinen Andachts⸗ übungen begleitete, auf ſich zukommen. Er ſtellte ſich alsbald mitten auf den Weg und verſperrte, Gewehr im Arm, den Ausgang, indem er zugleich erklärte, daß dies ſeine Befehle ſeien. Vergebens wandten ſich die Prieſter, welche das Geleite bildeten, an ſein Herz, ſuchten ſeine Gefühle anzuregen, und als ſie zuletzt bei dieſer Verfahrungsweiſe wenig Erfolg hoffen zu koͤnnen ſich überzeugten, ſetzten ſie ihm aus einander, welche Todſünde und welches ewig verdammungswürdige Ver⸗ brechen er auf ſich lade, wenn er darauf beſtehe, Se. Heiligkeit nicht vorbeizulaſſen, und ſomit dem Haupt der ganzen katholiſchen Kirche ein Hinderniß in den Weg lege, die Meſſe zu feiern. Der Soldat blieb feſt und unbeweglich, die einzige Antwort, die er gab, war, er habe ſeine Befehle und wage es nicht, ihnen unge⸗ horſam zu ſein. Inzwiſchen beharrte der Pabſt auf ſeinem Entſchluß und bemühte ſich, vorbeizukommen; da trat der kühne Veteran einen Schritt zurück, fällte das Gewehr und rief: im Namen des Kaiſers, ſo daß die fromme Geſellſchaft endlich nachgab und ſich lang⸗ ſam in den Palaſt zurückzog. Wenige Tage hernach wurde das ſtrenge Verbot zurückgerufen, und der heilige Vater erhielt von Neuem Erlaubniß, zu jeder beliebigen Zeit von der Kapelle in den Palaſt und umgekehrt zu gehen, und wie zuvor präſentirten die Garden, wenn er über den Corridor kam, das Gewehr und empfingen den heiligen Segen, alle, mit Ausnahme eines einzigen; gegen dieſen run⸗ elte das Haupt der Kirche finſter die Stirne und kehrte ihm den Rücken zu, während er über die andern alle ſeine frommen Hände ausbreitete.„Und doch,“ ſagte der arme Burſche, als er ſeine Geſchichte ſchloß,„und doch konnte ich nicht anders handeln; ich hatte meine Befehle und mußte ſie befolgen, und wenn der Kaiſer befohlen hätte, ſo hätte ich dem heiligen Vater ſelbſt mein Bajonet in den Leib gerannt.“ „Sie ſehen alſo, mein lieber Sir, wie innig ich den Kaiſer geliebt habe; denn ich bin für ihn nicht blos in dieſer Welt manchen Tag im Feuer geſtanden, ſondern muß auch nach meinem Tode noch für ihn in's Feuer gehen.“ Er hörte zwar die Tröſtungen, die ich ihm in die⸗ ſer Beziehung zuſprach, gutwillig an, aber ich ſah deutlich, daß ſie ſein Gemüth nicht von der ſchrecklichen 65 Ueberzeugung zu befreien vermochten, die auf ihm la⸗ ſtete, von der Ueberzeugung, daß er durch ſeine An⸗ hänglichkeit für den Kaiſer ſein Seelenheil für immer verſcherzt habe. 1. Dieſe Geſchichte hatte uns bis an's Ende der drit⸗ ten Flaſche Medoc gebracht, und da ich weder der Pabſt war, noch ſehr entſchiedene Neigung hatte, die Meſſe zu leſen, ſo ſtellte er mir kein Hinderniß entgegen, als ich mich nunmehr für die Nacht zurückziehen und in mein Bett verfügen wollte. Sechstes Kapitel. Das Wirthshaus in Chantraine. Wie elend muß nicht dem müden Wanderer ein franzöſiſches Schlafzimmer erſcheinen, wenn er es mit den Behaglichkeiten eines engliſchen in einem guten Gaſthofe zuſammenhält! Statt des Teppich bedeckten Fußbodens, der mit hübſchen Vorhängen geſchmückten Fenſter, des reich belegten Bettes, des wohlgepolſterten Armſtuhles und der zaylloſen andern Herrlichkeiten, die ſeiner warten, hat er nichts als ein ſchmales Lager ohne Vorhänge, einen kahlen Boden, auf dem höchſtens ein armſeliger Fußteppich liegt, drei harte Strohſeſſel und einen Spiegel, der Dir einen Begriff beibringen kann, wie Du unter dem vereinigten Einfluß der Cho⸗ lera und eines Schlaganfalles ausſehen würdeſt, denn die eine Hälfte Deines Geſichts iſt zweimal ſo lang, als die andere, und das Ganze hat eine bläulich grüne Tinte, hübſch genug für eine von Turners Landſchaften, aber in ihrer Anwendung auf das göttliche Menſchen⸗ geſicht ganz und gar nicht anſtändig. Möge kein in 8 66 ſpäteren Jahren vom Continent Angekommener mir mit ſeinen Erfahrungen aus neueſter Zeit widerſprechen, die zu erwerben ihn etliche zwanzig Pfund und die Eiſenbahnen(der Teufel hole ſie dafür!) in den Stand geſetzt haben. Ich ſpreche von den Dingen zur Zeit, wo es noch nicht ganz Charnig⸗Croß und Cheapſide einfiel, eine Luſtfahrt zwiſchen Dover und Calais zu machen und die Welt mit den Witzköpfen der Brannt⸗ weinſchenken zu überſchwemmen. Nein, in den Tagen, von denen ich ſchreibe, gehörten die Reiſenden einer andern Gattung von Menſchen an, und Du konnteſt noch bei Verry zu Mittag ſpeiſen oder in der italieni⸗ ſchen Oper Deine Loge haben, ohne bei dem Einen von Deinem Schneider angebrummt zu werden oder in der andern Deine Waſchfrau als vis-äa-vis zu haben. Vielleicht habe ich dies Alles im Trotz und Grimm eines Mannes geſchrieben, welcher einſieht, daß ſein Louisd'or nur noch halb ſo weit reicht, als bisher, und der alle ſeine verminderten Genüſſe, alle Be⸗ ſchränkungen ſeiner Schwelgereien der unverſieglichen Strömung ſeiner Landsleute zuſchreibt, welche Schickſal und Schuldthurmgeſetz hieher treiben. Ob ich in ſo weit ſchuldig bin oder nicht, das iſt jetzt nicht die Frage, es genüge zu ſagen, daß Harry Lorrequer aus Grün⸗ den, die er ſelbſt am beſten kennt, auswärts lebt, all⸗ wo er ſich äußerſt glücklich ſchätzen wird, einen ſeiner alten und früheren Freunde zu ſehen, die en route in ſein Quartier kommen; und mit den Worten eines kriegsluſtigen Bruders von der Feder, aber in einem ganz andern Geiſt möchte er hinzufügen, daß Jeder⸗ mann, der hierin eine Anſpielung auf ſich ſelbſt er⸗ blickt, die Adreſſe des Verfaſſers bei ſeinem Verleger erfahren kann. Doch zurück zu unſern Hämmeln, wie Barney Coyle in der Dublin Library zu ſagen pflegte — denn Barney war ein großer Freund von franzöſi⸗ ſchen Anſpielungen, die er gelegentlich in ihrer eigenen Sprache wiedergab, wie z. B. als er eine Unterredung 67 mit Lord Cloncurry ſchilderte, bei welcher er die Ver⸗ handlung plötzlich abbrach, was er mit den Worten beſchreibt:„Ich ſagte ihm, daß ich auf einen ſolchen Vorſchlag nie eingehen könne, und meinen chateau Leaenn) auf den Kopf ſetzend, verließ ich ſchnell das aus.“ Es war beinahe drei Uhr Morgens, als ich in Begleitung des Kellners, der gleich andern ſeiner Zunft eine Art Somnambul ex officio geworden war, mei⸗ nen Weg eine Treppe hinauf nahm, ſodann eine an⸗ dere Treppe hinab, hierauf einen ſchmalen Corridor entlang, dann wieder zwei Stufen hinab, hierauf durch eine Vorhalle und einen andern Corridor bis an Nro. 82, welche Wohnung mir für die Nacht ange⸗ wieſen wurde. Warum ich ſo weit von dem bewohn⸗ baren Theile des Hauſes, in welchem ich meinen Abend zugebracht hatte, weggeführt wurde, überlaſſe ich er⸗ fahrneren Perſonen zu erklären; was mich ſelbſt betrifft, ſo iſt mir immer, wenn ich in einem großen, geräu⸗ migen Hotel ein Zimmer verlangte, der eigenthümliche Stolz aufgefallen, womit man große Treppen hinauf, Gänge hinab, durch Corridore hin und dann noch über eine Vorhalle geführt wird, bis man den blauen Him⸗ mel durch das Gewölbefenſter ſieht an Nro. 199, dem einzigen noch übrigen Schlafzimmer im Hauſe, während doch die Stille und Oede in der ganzen Anſtalt auf et⸗ was ganz anderes zu deuten ſcheint, und ein Paar ſchmutzige Wellington vor Nro. 72 die einzige Spur ſind, die auf fremde Bewohner leitet. „Sind wir doch endlich angekommen?" ſagte ich mit einem tiefen Seufzer, indem ich mich auf einen nichts weniger als eleganten Stuhl warf und mit ſchnel⸗ lem Blick mein dürftig ausſehendes Gemach überſchaute. „Ja, dieß iſt Monſieurs Zimmer,“ antwortete der Kellner mit einem höchſt eigenthümlichen, halb Kroilen. halb drolligen Blicke.„Madame se couche Nro. 28,. 8* 68 „„Schon recht, gute Nacht,“ ſagte ich, haſtig die Thüre ſch ießend und ohne mich weiter um die Blicke zu bekümmern, die der Burſche auf mich heftete, als wollte er erforſchen, welcher Grad von Verwandtſchaft eigentlich zwiſchen mir und meiner ſchönen Freundin ſtatt finde, die er abſichtlich Madame genannt hatte, um eine Bemerkung aus mir herauszulocken.„Ich wollte doch zehn gegen eins wetten,“ ſagte ich, indem ich mich entkleidete, ob ſie nicht alle glauben, ſie ſei meine Frau— wie gut— und doch wieder— ach es iſt doch möglich, wenn ich bedenke, daß wir in be reich ſind. Nro. 28 iſt, nach meiner Nummer zu ſchlieſ⸗ ſen, offenbar weit genug von dieſem Theile des Hau⸗ ſes— der arme Gendarm war doch ein prächtiger Kerl— welche unerſchütterliche Anhänglichkeit an Na⸗ poleon; und die Geſchichte mit dem Papſt, die werde ich hoffentlich nicht vergeſſen. Iſabella, das arme Mädchen— dieſes Abenteuer wird ihr vermuthlich zu Herzen gehen— hoffe nur, daß ſie nicht weint— ein verteufelt hartes Bett— und keine fünf Fuß lang— und Gott ſoll mich holen, gar keine Decke als dieſer Lappen da; ſo muß ich ja zu Grunde gehen. Ich kann —— — weiter nichts thun als alle meine Kleider noch über mich werfen, denn ungliücklicherweiſe findet ſich nicht einmal ein grober Fries vor; doch es läßt ſich einmal nicht helfen— verſuchen wir's alſo zu ſchlafen— Nummero achtundzwanzig.“ 2 Wie lang ich in einer Art von unbehaglichem, ſie⸗ berhaftem Schlummer blieb, vermag ich nicht zu ſagen; aber ich erwachte ſchauernd vor Kälte— ich quälte mich, wo ich ſei, und in meinem Gehirn trieben ſich die abgeriſſenen Bruchſtücke von einem halben Dutzend Träume herum, die ſich ſämmtlich mit den unlieblichen Wirklichkeiten meiner Lage in Verbindung ſetzten. ⸗Welch eine hölliſche Einrichtung von einem Bett,“ dachte ich, als mein Kopf mit einem harten Puff am obern Ende anſtieß, während meine Beine um ein Namhaftes über 69 das Fußgeſtell hinausragten; auch reichte der elende Pack Kleider, den ich auf mir hatte, kaum hin, die Nachtluft ein wenig zu mildern, die im Herbſte gele⸗ gentlich ſcharf und ſchneidend iſt.„Rein, ſo geht es nicht weiter. Ich muß klingeln und das Haus auf⸗ wecken, ſei es auch nur um ein Feuer zu bekommen, wenn ſie keine Bettdecken da beſitzen.“ Ich ſtand ſo⸗ gleich auf und bemühte mich an der Mauer hintappend die Glocke ausfindig zu machen, aber vergebens, und war aus demſelben genügenden Grunde, warum von Troil in ſeinem Werk über Island den Schlangen kein Kapitel widmete, nämlich weil keine da waren. Was war alſo zu thun? Von der Geographie meines ge⸗ genwärtigen Aufenthaltes wußte ich vielleicht ſo viel, als das große Publikum von dem Kupferfluſſe und der Behringsſtraße weiß. Freilich lag die Welt vor mir, ich hatte nur zu wählen, ein ganz vortreffliches Ding für ein epiſches Gedicht, aber ein entſchieden unglück⸗ licher Umſtand für einen ſehr kalten Gentleman„wel⸗ cher nach einer Bettdecke verlangt. So denkend öffnete ich die Thüre meines Zimmers und ohne im Mindeſten entſchloſſen zu ſein, was ich beginnen ſollte, ſchritt ich hinaus in den langen Gang, der finſter war, wie die Mitternacht ſelbſt. An der Mauer hin mein en Weg ſuchend erreichte ich bald eine Thüre, die ich vergebens zu oͤffnen mich bemühte; in ei⸗ nem andern Augenblick fand ich eine andere und wieder eine andere, die mir aber ſämmtlich verſchloſſen blieben. So tappte ich den ganzen Corridor entlang und bot alle Anſtrengungen auf, um zu entdecken, wo die Leute vom Haus ſich wohl verſteckt haben möchten; aber ohne Er⸗ folg. Was war jetzt zu thun? Es half mir nichts, wenn ich auf mein Zimmer zurückging und es wieder eben ſo troſtlos antraf, wie ich es verlaſſen hatte. Ich beſchloß daher meine Forſchungen fortzuſetzen; mittler⸗ weile war ich oben an einer kleinen Treppe angelangt, Bekenntniſſe Lorrequers. II. 5 υ 70 die ich heraufgekommen zu ſein mich erinnerte und die in einen andern langen, dem bereits durchſuchten ähn⸗ lichen, jedoch querlaufenden Gang führte; dieſe Treppe ſtieg ich vorſichtig hinab, indem ich mich mit der Hand fortwährend an der Wand hielt, theils der Sicherheit wegen, theils um irgend eine befreundete Thüre aufzu⸗ finden, hinter welcher ein barmherziger Samariter wohnen könnte, der mir vielleicht einen Theil ſeines Bettzeuges liehe; Thüre um Thüre folgte auf dieſem vermaledeiten Gang, der gar nicht mehr aufhören zu wollen ſchien, endlich jedoch, als mir vor Jammer al⸗ ler Muth entſchwinden wollte, gelang es mir, einen Schlüſſel herumzudrehen und ich befand mich in einem Zimmer. Wie ſollte ich mich nun anſtellen? Denn im Fall dieſes Gemach nicht von Leuten aus dem Wirthshauſe beſetzt war, ſo hatte ich eine ſehr ſchlechte Entſchuldigung, wenn ich die Ruhe irgend eines Rei⸗ ſenden ſtörte, der im Artikel der Betttücher glücklicher geweſen war als ich. Zurückzugehen wäre inzwiſchen abgeſchmackt geweſen, nachdem ich mir bereits ſo viele Mühe gegeben hatte, ein Zimmer ausfindig zu ma⸗ chen, das bewohnt war— denn daß es ſich mit die⸗ ſem ſo verhielt, davon überzeugte mich ein kurzes, dickes Geſchnarche— ich entſchloß mich alſo ohne weiteres Bedenken, den Schläfer zu wecken und mir Mühe zu ge⸗ ben, ſein Mitgefühl für meine verlaſſene Lage anzure⸗ gen. Demgemäß näherte ich mich dem Platze, woher die Naſentöne zu kommen ſchienen, und erreichte bald einen Bettpfoſten. Ich wartete einen Augenblick, dann begann ich: „Monsieur, voulez vous bien me permettre—0 „Was das Whiſt anbelangt, ſo kann ich es nicht ausſpielen; alſo genug davon,“ ſagte mein unbekann⸗ ter Freund mit einer tiefen, rauhen Stimme, die mir, ſonderbar genug, nicht gänzlich unbekannt war: aber wann und wie ich ſie ſchon gehört hatte, davon konnte ich mir keinen Begriff machen. 71 „Gut,“ dachte ich,„es iſt jedenfalls ein Lands⸗ mann und ſein Patriotismus wird mir hoffentlich meine Zudringlichkeit zu gut halten; alſo verſuch ich's, ihn zu wecken, obſchon er einen verdammt harten Schlaf zu haben ſcheint. Bitte um Verzeihung, Sir; aber unglücklicher Weiſe fehlt es mir an——„ „Nun freilich, wenn Sie keine Trümpfe haben, ſo können Sie nichts anderes machen,“ ſagte er. „Der Teufel hole die Träume dieſes Spielnarren,“ dachte ich, indem ich zugleich meine Stimme erhob zu den Worten:. „Vielleicht, Sir, mag eine kalte Nacht mir als Entſchuldigung dienen.“— „Kalt, ja, ja, ſtecken Sie ein heißes Eiſen hinein,“ murmelte er;„ein heißes Eiſen, ein bischen Zucker und etwas Muskatnuß— weiter nichts— dann iſt es köſtlich.“ „So wahr ich lebe, das iſt nicht zum Aushalten,“ ſagte ich zu mir ſelbſt.„Verſuchen wir's einmal mit dem Schütteln.„Sir, Sir, Sie würden mich unend⸗ lich verbinden—— ℳ „Ci, ſchütteln Sie mich nicht, ich will Ihnen ja ſagen, wo ich die Cigarren aufbewahrt habe— ſie lie⸗ gen unter meinem Strohhut am Fenſter.“ „Nun wahrhaftig,“ dachte ich,„wenn die Bekennt⸗ niſſe dieſes Gentleman intereſſanter Art wären, ſo könnte man dies für einen guten Spaß gelten laſſen; da aber die Nacht kalt iſt, ſo muß ich die Sitzung ab⸗ kürzen und will daher noch eine Anſtrengung machen.“ „Sir, wenn Sie mir gütigſt einen kleinen Theil Ihres Bettzeuges abtreten wollten.—“ „Nein, danke Ihnen, keinen Wein mehr, aber fin⸗ gen will ich Ihnen mit Vergnügen.“ Und hier begann der Wicht mit der Stimme eines Froſches, der die Halsbräune hat:„Ach, warum ſollt ich nicht klagen?“ „Gut, Du ſollſt nicht vergebens klagen,“ ſagte ich, indem mir jetzt alle Geduld ausging, nahm ſofort 72 vie Betidecke und einige Kiſſen am Zipfel, riß fie mit einem kräftigen Zug vom Bette herab und rannte da⸗ mit zum Zimmer hinaus— in einer Sekunde war ich auf dem Corridor meinen Raub hinter mir herſchlep⸗ pend, denn ich hatte in meiner Haſt nicht Zeit gehabt, ihn zu einem Pack zuſammen zu machen. Mit Blitzes⸗ ſchnelligkeit ſtürzte ich über den Gang hin, erreichte die Treppe und war in einer Minute auf der zweiten Gal⸗ lerie angelangt, als ich auf einmal hinter mir eine Thüre zuwerfen hörte und in demſelben Augenblicke die Fußtritte einer über den Corridor hinlaufenden Perſon vernahm, die Niemand anders ſein konnte, als mein Verfolger, welchen meine letzte Appellation an ſeine Menſchenliebe wirklich aus ſeinem Schlafe geweckt hatte. Ich eilte den dunkeln und ſchmalen Gang entlang, eutdeckte aber bald zu meinem Entſetzen, daß ich an ueiner Zimmerthüre bereits vorüber gekommen ſein mußte, denn ich hatte den Fuß einer ſchmalen Hinter⸗ treppe erreicht, welche zu dem Speicher und den Zim⸗ mern des Geſtndes unter dem Dache führte. Hätte ich jetzt umkehren wollen, ſo wäre ich unvermeidlich in die Hände meines beleidigten Landsmannes gefallen, über deſſen Sehnen und Muskeln ich nicht im Mindeſten unterrichtet war, wie es mich auch keineswegs nach ei⸗ ner genauen Kenntniß derſelben gelüſtete. Es blieh mir wenig Zeit zu Betrachtungen, denn er war bereit oben auf der Treppe und lauſchte offenbar auf jedes Geräuſche, das ihm einen Leitfaden geben könnte; ver⸗ ſtohlen und ſchweigſam, ja kaum athmend ſtieg ich die ſchmale Treppe Tritt für Tritt yinan, aber ehe ich noch oben angelangt war, hörte er das Rauſchen des Bett⸗ zeuges und begann ſeine Hetzjagd auf's Neue. In der unnachläßigen Hitze ſeiner Verfolgung lag etwas, was mich auf den Gedanken leitete, daß ich's mit einem höchſt gefährlichen Feinde zu thun haben mußte, und da Furcht meine Schritte beflügelte, ſo rannte ich auf dem niedrigen Gange hin, voll geſpannter Erwartung 73 wie meine Ausſichten auf ein glückliches Entrinnen ſich wohl jetzt geſtalten würden. Juſt in dieſem Augenblick kam meine Hand, mit welcher ich mir die Wand ent⸗ lang fortgeholfen hatte, an eine Thürklinke— ich drehte den Schlüſſel um— die Thüre öffnete ſich— ich zog meine koſtbare Beute hinein, verſchloß die Thüre ohne Geräuſch und ſetzte mich dann athemlos und ſtill auf den Fußboden. Kaum war dies, das Werk einer Sekunde, voll⸗ endet, als der ſchwere Tritt meines Verfolgers in der Nähe erdröhnte. „Es ſollte mich doch verdammt wundern, wenn ich Euch jetzt nicht hätte, mein Freund; Ihr müßt jetzt in einer Sackgaſſe ſein, wenn ich mich irgend auf das Haus verſtehe; und der Teufel ſoll mich holen, wenn ich Euch nicht zu Brei zermalme, ſobald ich Euch in die Hände bekomme. Einen unflätigern Bubenſtreich kann man ſich ja nicht denken.“ Brauche ich noch hiazuzuſetzen, daß dieſe Worte den echten Beigeſchmack eines iriſches Accentes hatte, welcher Umſtand aus allerlei verſchiedenen Gründen keineswegs geeignet war, meine Befürchtungen für den Fall der Entdeckung zu beſchwichtigen. Von dieſem Mißgeſchick erlöste mich indeß mein guter Genius, denn nachdem mein Gegner den Gang bis an's Ende durchſtrichen, entdeckte er zuletzt einen Andern, welcher über eine lange Treppe zu dem zwei⸗ ten Stock führte, den er dann hinanging, indem er bei jedem Schritt ſeine Entſchloſſenheit, ſich zu rächen, vor ſich herbrummte und ſeine unabänderliche Abſicht, von der Verfolgung nicht abzulaſſen, ſollte ſie ihm auch die ganze Nacht hinwegnehmen. „Nun gut,“ dachte ich,„da er ſich ſchwerlich wie⸗ der herauf wagen wird und ich mich, wenn ich dieſen Platz verlaſſe, nur der Gefahr ausſetze, ihm in die Hände zu laufen, ſo wird es wohl für mich das Klügſte ſein, da zu hleiben.“ Mit dieſem Plane ſchickte ich mich an, das Zimmer auszuforſchen, das, nach der vollkom⸗ menen Stille zu ſchließen, unbewohnt ſein mußte. Nach⸗ dem ich einige wenige Minuten herumgetappt, erreichte ich ein niedriges Bett, das glücklicherweiſe leer ſtand, und obſchon die Berührung des Bettzeuges mir nicht den günſtigſten Begriff von ſeiner Sauberkeit oder Ele⸗ ganz beibrachte, ſo hatte ich doch im gegebenen Augen⸗ blick durchaus keine Wahl, bemächtigte mich daher die⸗ ſes neuen Raubes und beſchloß, geduldig den Tages⸗ anbruch abzuwarten, um dann in mein eigenes Zimmer zurückzukehren. Wie es unter ſolchen Umſtänden immer geht, wurde ich unverſehens vom Schlaf überfallen— ohne Zwei⸗ fel wird Jedermann ſelbſt ſchon die Erfahrung gemacht haben, daß er, wenn er in aller Frühe mit einer Mor⸗ genkutſche abfahren ſoll und ſich unglücklicherweiſe erſt ſpät in der Nacht zu Bette begeben hat, ſchlechterdings nicht einſchlafen kann, aus dem einfachen Grunde, weil er einzuſchlafen wünſcht; aber er ſetze einmal voll Ent⸗ ſchloſſenheit ſeinen Kopf darauf, nicht ſchlafen zu wol⸗ len, ſo iſt, mag nun dieſer Entſchluß auf Beweggrün⸗ den des Anſtandes, der Pflicht, der Convenienz oder der Geſundheit beruhen, zehn gegen eins zu wetten, daß er, bevor acht Minuten vergehen, bereits tüchtig ſchnarcht. Wie Mancher hat es trotz der beſten Wünſche, trotz aller Anſtrengungen ſeines Herzens und Gehirnes un⸗ möglich gefunden, in den Hundstagen während einer langweiligen Predigt mit unverſchloſſenen Augen und Ohren dazuſitzen; wie Mancher erwartungsvoll verlan⸗ gende Erbe hat ſich von den einſchläfernden Einflüſſen überwältigen laſſen, wenn er ſich alle Mühe gab, bei einer ſtrengen Vorleſung ſeines Oheims, der irgend eine Ausſchweifung rügen zu müſſen glaubte, zerknirſcht zu erſcheinen; wer hat nicht in einem abgeſchmackten Land⸗ hauſe eine halbe Stunde vor dem Mittageſſen eine un⸗ widerſtehliche Neigung verſpürt, einzunicken? Ich brauche 75 die tauſend andern Lagen im Leben, die noch unend⸗ lichmal ſchneller zum Schlafe treiben, als Morphin, nicht einzeln aufzuführen; ich ſelbſt habe meine ange⸗ nehmſten und geſundeſten Augenblicke vollſtändiger Ver⸗ geſſenheit dieſer trübſeligen Welt und aller ihrer Sor⸗ gen auf einer eichenen Bank genoſſen, wo ich bolzge⸗ rade einem Profeſſor der Botanik gegenüber ſaß, deſſen beruhigende Töne, verbunden mit dem geſänftigten Lichte eines Herbſttages, der ſeine milden Strahlen durch das ſchmale, ſpinnwebenumhangene Fenſter hereinſandte, ſo wie unter wirkſamſter Mithülfe des Geruches friſcher Pflanzen und Blumen alles in ſich vereinigten, um die Seele in Schlaf zu lullen, ſo daß man in unmerkbaren Abſtufungen und Graden in jenen Zuſtand eines behag⸗ lichen Schlummers verſank, bei welchem keine Träume kommen, und des Profeſſors letzte Töne, ſeine Hypo⸗ gynus und Perigynus lieblich und angenehm dahin ſtar⸗ ben, bis Deine Sinne in Ruhe verſanken, die letzten Silben in der Entfernung verſchmolzen und leider für immer dem Gedächtniß entſchwanden.— Friede ſei mit Ihnen, Doktor A. Wenn ich irgend Jemand Dankbar⸗ keit ſchulde, ſo ſind Sie's. Schon meine bloße Erin⸗ nerung an Sie iſt mir mehr werth, als Mohn und Bilſenkraut. Im gegenwärtigen Falle verſank ich indeß ohne den mindeſten Beiſtand von Seiten der Wiſſen⸗ ſchaft in einen tiefen Schlaf und erwachte erſt, als das Geknalle von Peitſchen und das Geſtampfe von Pferde⸗ hufen auf dem Pflaſter des Hofes mich erinnerte, daß die Welt ſich zu ihrem Tagewerk erhoben, und daß auch mich die Pflicht dazu rufe. Aus einem flüchtigen Blick, den ich gleich bei meinem Erwachen auf das Zimmer warf, ſchloß ich, daß es die Höhle einiger Hausknechte ſein müſſe— zwei niedrige Rollbetten der allergemein⸗ ſten Art ſtanden an der Wand dem meinigen gegen⸗ über; in dem einen war offenbar die Nacht über ge⸗ ſchlafen worden, aber welche Art von lebendigen Ge⸗ ſchöpfen es beſeſſen, das konnte nur der Himmel wiſſen. 76 Ein alter, zerfetzter Sattel mit meſſingenem Knopf, ei⸗ nige verroſtete Zäume und etliche Steigbügeleiſen lagen da und dort auf dem Boden herum, während an einer Art von Kleiderrechen, der an einem Sparren ange⸗ racht worden war, eine ſchmutzige Poſtillonslivree hing und Mütze, Jacke, Lederhoſen, auch die Kurierſtiefel nicht zu vergeſſen, Alles zum Gebrauch bereit war; nach der Art, wie er ſie in Ordnung gebracht, lebte der Ei⸗ genthümer offenbar des Glaubens, daß er darin eine höchſt achtungswerthe Figur machen müſſe. Ich betrachtete dieſe eigenthümlichen Kleidungsſtücke etwa, wie ein Antiquar eine alte Eiſenrüſtung; die lan⸗ gen Epauletten mit gelben, baumwollenen Schnüren, der ſchwere Gürtel mit ſeiner metallenen Schnalle, die gewichtigen Stiefel, gleich Butterfäſſern, mit einer Art von eiſernen Reifen umbunden, bildeten einen etwas ſcherzhaften Gegenſatz gegen den Aufzug unſerer leich⸗ ten, luftigen Jockeys, die in Nankingröcken und hüb⸗ ſchen Stiefelchen über unſere ebenen Macadamſtraßen dahin raſſeln. „Aber,“ dachte ich,„es iſt die höchſte Zeit nach Nr. 82 zurückzukehren und unten meine Aufwartung zu machen, obſchon ich nicht die entfernteſte Ahnung davon hatte, in welchem Theil des Gebäudes mein Zimmer lag, und wie ich denſelben ohne meine Kleider errei⸗ chen ſollte. Eine weiße, wollene Decke iſt ein unge⸗ mein comformtabler Artikel, wenn man im Bette liegt, aber als Coſtüm zum Gehen eignet ſie ſich ſchlechter⸗ dings nicht und ſtößt gegen die angenommenen Regeln der Convenienz; ein Ausfall en sauvage oder im Na⸗ turzuſtande aber hätte zwar während der Nacht nichts Unſchickliches gehabt, allein am hellen Tage, wo bereits das ganze Haus munter und auf den Beinen war, er⸗ hoben ſich ſehr ernſtliche Einwendungen dagegen; das in einem fremden Wirthshauſe beinahe unaufhörliche Getöſe des Scheuerns, Fegens, Putzens bewies mir klar, daß mir in meinem gegenwärtigen, nackten, ver⸗ 77 wahrlosten Zuſtande nichts übrig blieb, als der grelle, lächerliche Poſtillonsanzug, und ich brauche nicht zu verfichern, daß der Gedanke an dieſe Nothwendigkeit durchaus nichts Angenehmes darbot. Ich blickte aus dem ſchmalen Fenſter auf das Ziegeldach, aber ohne ble Augſcht gehört zu werden, wenn ich auch noch ſo aut rufe. Das hölliſche Getöſe, welches das Scheuern der Böden verurſachte, aecompagnirt von einem Volkslied, das eine normäniſche Bauerndirne trillerte, während ſie mit ihren ſchweren Holzſchuhen den Takt dazu ſchlug, geſtattete mir noch weit weniger Ausgſicht; nachdem ich daher eine halbe Stunde lang alle Schwierigkeiten hin und her überlegt und allerlei Plane geſchmiedet hatte, beſchloß ich mich in die blaue und gelbe Uniform zu ſtecken und unverweilt nach meinem eigenen Zimmer aufzubrechen, in der ſichern Hoffnung, ich werde bei ge⸗ bührender Vorſicht im Stande ſein, es ungeſehen und unbemerkt zu erreichen. Da ich mich um die Figur, die ich in meinem neuen Aufzuge machen würde, ſehr wenig bekümmerte, ſo kränkte mich auch die Entdeckung nicht ſonderlich, daß die Kleider um ein bedeutendes zu klein waren, denn die Jacke reichte mir kaum unter die Arme und die Aermel waren ſo kurz, daß meine Hände und Hand⸗ gelenke gleich zwei ungeheuern Klauen vorn hinaus hingen; auch die Lederhoſen waren von ſehr beſchränk⸗ ter Länge und ließen, als ich fie gehörig hinaufgezogen hatte, unten meine Kniee ſehen, ſo daß mein Aufzug gewaltige Aehnlichkeit mit dem kurzen Koſtüm eines ſpaniſchen Stierfechters darbot, nur bei Weitem nicht ſo graziös war; da ich mich nicht auch vollends mit den ſchweren, geräuſchvollen Maſſen von Holz, Eiſen und Leder beläſtigen wollte, welche man in dieſer Ge⸗ gend der Welt, die ſtarken Stiefel nennt, ſo ſteckte ich meine Füße in meine Pantoffeln und ſtahl mich ſachte aus der Kammer hinaus. Ich überlaſſe es meinem Leſer ſich eine Vorſtellung zu bilden, wie ich in dieſem Augenblick ausgeſehen haben muß, als ich mit vorſich⸗ tig ängſtlichem Schritte die untere Gallerie entlang ſchlich, welche zu der ſchmalen Treppe führte, die ich ſofort Stufe um Stufe ſachte hinabſtieg; aber als ich juſt unten ankam, bemerkte ich in kurzer Entfernung von mir eine vierſchrötige, unterſetzte Bauerndirne, die den Rücken mir zugewandt auf den Knieen lag und mit einer Bürſte den wohlgewichſten Boden bearbeitete; da es nun ſchlechterdings unmöglich war, vorüberzu⸗ kommen, ſo entſchloß ich mich ſogleich, ſie anzureden, in mein Intereſſe zu ziehn und als Wegweiſerin anzu⸗ werben. „Guten Morgen, mein liebes Kind,“ ſagte ich in ſanftem, einſchmeichelndem Tone; ſie hörte mich nicht, ich wiederholte alſo:„Guten Morgen, mein liebes Kind, guten Morgen.“ Nun drehte ſie ſich raſch um, blickte mich eine Se⸗ kunde lang ſtarr an und rief dann im dicken Pathos: „Ei, du meine Güte, wie ſpaßhaft Du heute biſt, Fran⸗ cois; aber nein, das iſt ja nicht Francois,“ ſo ſpre⸗ chend ſprang ſie aus ihrer knieenden Stellung ſchnell auf ihre Füße und rannte mit einer Geſchwindigkeit, auf die man ſich zu ihrer Figur und ihren Holzſchuhen nicht hätte verſehen ſollen, die Treppe hinab, gleich als hätte ſie den leibhaftigen Teufel geſchaut. „Was mag wohl an dem Weihsbilde ſein?“ ſagte ich,„wenn ich auch freilich nicht Francois bin, was, Gott ſei Dank, ſeine Richtigkeit hat, ſo kann ich doch nicht ſo abſcheulich ausſehen, wie es nach alledem ſchei⸗ nen ſollte.“ Ich hatte nicht viel Zeit, Betrachtungen anzuſtellen, denn bevor ich noch die Nummer einer Thüre vor mir entziffert hatte, machte das Getöſe meh⸗ rerer Stimmen auf dem Boden unten meine Aufmerk⸗ ſamkeit rege; unmittelbar darauf folgte ein polterndes Fußgeſtampfe und in einem Augenblick war der Gang vollgedrängt vom ganzen weiblichen und männlichen 79 Perſonal des Hauſes— Kellner, Hausknechte, Köche, Küchenjungen, Zimmermädchen und mitten unter ihnen Gendarmen, Bauern, Leute aus der Stadt, alle ſtürm⸗ ten voll Eifer die Treppe herauf; als ſie jedoch anka⸗ men, ſchienen ſie geneigt, ſich in ehrerbietiger Entfer⸗ nung zu halten und rotteten ſich an dem einen Ende des Ganges zuſammen, während ich im peinlichen Voll⸗ gefühl der Lächerlichkeit meiner Erſcheinung das andere beſetzt hielt; die Ernſthaftigkeit, womit ſie Anfangs mich zu betrachten geneigt ſchienen, ſchwand bald, um einem lauten, ſchallenden Gelächter Platz zu machen, und Jung und Alt, Männer und Weiber, ja ſelbſt die ſo trotzig dreinblickenden Gendarmen, alle zeigten ſich au⸗ ßer Stande der Luſtigkeit zu widerſtehen, die meine höchſt eigenthümliche Art, aufzutreten, ihnen entlockte; und unglücklicherweiſe ſchien dieſe Meinung keine ſo ſchnelle Endſchaft erreichen zu wollen, denn die Scherze und Witzeleien, die über meine Erſcheinung fielen, drohten die Heiterkeit ins Unendliche zu verlängern. „Seht nur ſeine Achſeln an,“ ſagte eine. „Ach, mein Gott, ſieht er mit ſeinen gelben Schen⸗ keln nicht gerade aus wie ein Froſch,“ rief eine zweite Stimme. „Er gäbe einen prächtigen Käsbauer für ein Vaudeville,“ meinte der Direktor einer reiſenden Thea⸗ tergeſellſchaft, die derzeit im Orte verweilte.„Ich will ihm ſiebzig Franken Gage wöchentlich geben und Scribe ſoll expreß für ihn ein Stück ſchreiben.“ „Hol der Teufel Euch alle zuſammen„Ihr grin⸗ ſenden Paviansgeſichter,“ rief ich, indem ich, vom gan⸗ zen Haufen verfolgt, die Treppe wieder hinaufſtürzte; kaum aber war ich auf der oberſten Stufe angelangt, als die rauhe Hand des Gendarmen mich bei der Schulter faßte, während er mit tiefer, brummender Stimme ſagte:„Geben Sie ſich keine Mühe, mein Herr, Sie können nicht entwiſchen— das Plänchen war allerdings gut angelegt, allein die Gendarmen 80 Frankreichs laſſen ſich nicht ſo leicht übers Ohr hanen, und Sie hätten auch in dieſem Aufzug nicht lange un⸗ bemerkt bleiben können.“ Jetzt kam die Reihe zu ſpot⸗ ten an mich, zu ihrem großen Erſtaunen ſchlug ich ein langes, überlautes Gelächter auf; daß ich hätte auf den Gedanken kommen können, mein gegenwärtiges Koſtüm werde mich den beobachtenden Blicken entziehn, während es im Gegentheil geeignet war, dieſelben auf mich zu lenken, war wirklich eine zu abgeſchmackte Vor⸗ ausſetzung, als daß ſelbſt ein Dorfmaire ſich hätte darauf einlaſſen können; überdies fiel es mir jetzt erſt ein, daß ich in der Rolle eines Gefangenen ſigurirte. Das wiederholte Gelächter, das mir der Mißgriff von ihrer Seite entlockte, ſchien meinem Fänger nur ge⸗ ines Vergnügen zu machen, denn er ſagte jetzt är⸗ gerlich: „Wenn Sie ſich genug erluſtigt haben, mein Freund, ſo werden Sie uns die Gefälligkeit erweiſen, vor den Maire zu kommen.“ „Allerdings werde ich das; zuvor aber werden Sie mir erlauben, meine eigenen Kleider wieder anzu⸗ rhen, denn ich bin dieſer Poſtillonsmaske herzlich müde.“ „Nicht ſo hitzig, mein Freund,“ ſagte der argwöh⸗ niſche, alte Diener Fouche's,„nicht ſo hitzigz es gehört ſich, daß der Maire Sie in der Vermummung ſieht, in welcher Sie zu entwiſchen ſuchten. Dies muß im Protokoll beſonders aufgeführt werden.“ „Nein, die Sache iſt zu lächerlich,“ erklärte ich. „Ich werde keine fünf Minuten brauchen, um Ihnen deutlich auseinanderzuſetzen, warum, wie und wo ich zuſe verdammten Lumpen an den Leib bekommen abe.“ 2 „So ſagen Sie dies dem Maire auf der Kanz⸗ 1 lei.“ „Aber zu dieſem Behuf brauche ich nicht am hel⸗ len Tag durch die Straßen geführt zu werden, um 81 mich auslachen zu laſſen; nein, ich gehe ſchlechterdings nicht. In meinen eignen Kleidern werde ich Sie mit Vergnügen begleiten.“ „Victor, Henri, Guillaume,“ ſagte der Gendarm, ſich an ſeine Untergebenen wendend, die alsbald einen Kreis um mich ſchloſſen.„Sie ſehen,“ fügte er hinzu, „Widerſtand würde Ihnen nichts helfen.“ Brauche ich meiner Beſchämung und meines un⸗ ausſprechlichen Aergers zu gedenken? ach, es iſt wahr, nur allzuwahr, Harry Lorrequer— der Mann, wel⸗ chen Stultze erſuchte, ſeine Kleider zu tragen, die Zierde von Hyde⸗Park, die letzte Inſtanz in Beziehung auf Kleider, Faſhion und Equipagen— war genöthigt, durch den Pöbel eines franzöſiſchen Marktfleckens hin⸗ durch zu paradiren, mit vier Gendarmen als Beglei⸗ tern, und er ſelbſt im Koſtüm einer gemiſchten Charak⸗ terrolle— halb Poſtillon, halb Delawar Indianer. Das unaufhörliche, ſchallende Gelächter, das Gekreiſche der Kinder und die Ergießung aller Arten von Hohn und Spott auf meine Koſten war nicht Alles— denn als ich aus dem Hofthor bervorkam, erblickte ich Iſa⸗ bella am Fenſter: ihre Augen waren rothgeweint; aber kaum hatte ſie mich erblickt, als ſie in ein Gelächter nuabeac das ich ſogar auf der Straße deutlich ver⸗ nahm. Es hatte ſich jetzt eine ſolche Wuth meiner bemäch⸗ tigt, daß ich vor glühendem Rachedurſt die Lächerlich⸗ keit meines Aufzuges vergaß. Mit den Schritten ei⸗ nes Märtyrers ging ich durch den grinſenden Haufen hindurch. Ohne Zweifel muß meine heroiſche Haltung und mein kriegeriſches Gebahren die Drolligkeit der Scene noch erhöht haben, denn die Teufel lachten nur um ſo mehr. Die Kanzlei des Maire's konnte nicht den zehnten Theil der eifrigen und neugierigen Menge faſſen, welche den Eingang umdrängte, und ungefähr zwanzig Minuten lang waren alle Anſtrengungen der Gendarmen ungenügend, um Ordnung und Stille zu 82 ſchaffen. Endlich erſchien der Maire, und ſo ſehr er im Laufe einer langen Amtsführung an Auftritte ab⸗ geſchmackter und außerordentlicher Art gewöhnt ſein mochte, ſo war doch die Lächerlichkeit meines Koſtüms und Ausſehens ſtärker als er, und er lachte laut auf. Natürlich war dies das Signal zu erneuter Luſtigkeit für den Volkshaufen, während die Außenſtehenden, von dem Beiſpiel angeſteckt, in den Jubel einſtimmten, ſo daß ich mir das Vergnügen machen konnte in aller Stille zu berechnen, wie viele Backenkiefer wohl in dieſem Augenblick auf meine Koſten thätig ſeien. Inzwiſchen begann die Unterſuchung, und ich er⸗ hielt endlich Gelegenheit auseinanderzuſetzen, unter welchen Umſtänden ich mein Zimmer verlaſſen, und wie und warum ich mich veranlaßt gefunden habe, dieſe vermaledeite Kleidung, die Urſache alles meines Unglücks, anzulegen. „Dies mag vollkommen wahr ſein,“ ſagte der Maire,„und iſt wirklich ſehr glaublich; wenn Sie viel⸗ leicht Zeugen haben, die Ihre Ausſage beſtätigen.“ „Wenn es bloß an Zeugen fehlt, Herr Maire, ſo will ich einen Theil der Geſchichte bekräftigen,“ rief eine Stimme aus dem Haufen in einem Accent und Ton, der mich verſicherte, daß der Sprecher der beleidigte Eigen⸗ thümer der geſtohlenen Betttücher ſei. Ich drehte mich raſch, um mein Opfer zu ſehen, und wie groß war meine Ueberraſchung, als ich in ihm einen ſehr alten Dubliner Bekannten, Mr. Fitzmaurice O'Leary, enideckte. „Guten Morgen, Mr. Lorrequer,“ ſagte er,„dieſe Geſchichte hat unendlich viele Aehnlichkeit mit unſern alten Streichen im College⸗Green; aber ſo wahr ich lebe, der Maire läßt ſich nicht ſo zum Beſten halten, wie damals der alte Gimpel von Rektor. Ein Glück für Sie, daß ich Sr. Geſtrengen, wie wir ihn zu Hauſe nennen würden, kenne, ſonſt dürfte die Sache nicht ſo leicht ablaufen. Nichts würde dieſe Leute überreden, daß Sie nicht Lucian Bonaparte oder die eiſerne Maske . — 5 83 oder ſonſt etwas der Art wären, wenn ſie ſichs einmal in den Kopf geſetzt hätten.“ r. O'Leary war ein Mann von Wort. In einer Art von Franzöſiſch, von welcher ich wohl zu behaupten wagen darf, daß ſie in Mullingar vollkommen verſtänd⸗ lich ſein würde, gelang es ihm, dem Maire auseinan⸗ derzuſetzen, daß ich weder ein davongelaufener Tagdieb noch ein Gauner ſei, ſondern ein ſehr alter Freund von ihm und folglich ein Mann ohne allen Tadel. Der Beamte war jetzt eben ſo freigebig mit ſeinen Höflich⸗ keiten, wie zuvor mit ſeinen argwöhniſchen Vermuthun⸗ gen, und bat uns ſehr gaſtfreundlich zum Frühſtück. Dies mußte ich jedoch aus vielen Gründen ablehnen, worun⸗ ter nicht der unbedeutendſte das Verlangen war, mein gegenwärtiges Koſtüm los zu werden. Wir ließen ſo⸗ fort einen Wagen kommen und ich kehrte ins Hotel zurück, zwar befreit von den gaffenden Blicken, aber fortwährend begleitet von dem Geſchrei der Menge, welche ſich augenſcheinlich ſehr lebhaft für den ganzen Vorgang intereſfirte. kleidete mich augenblicklich um und wollte eben in den Salon hinabſteigen, als der Beſitzer des Hotels mir meldete, Mrs. Binghams Kurier ſei mit dem Wa⸗ gen angekommen, und ſie erwarte uns ſo bald als mög⸗ lich in Amiens. »Ganz recht— nun, Mr. O'Leary, muß ich Sie um Verzeihung bitten, wegen all' der Freiheiten, die ich mir gegen Sie herausgenommen habe, auch müſſen Sir mir erlauben, die Erklärung aller Umſtände, die im Augenblic ſeltſam erſcheinen können, zu verſchieben 11— „Bis zum Nimmermehrstag, wenn die Geſchichte lang iſt, mein theurer Sir. Ich haſſe außer kaltem Punſch nichts mehr als lange Erklärungen.“ „Sie gehen nach Paris, nicht wahr?“ fragte ich. „Ja, ich hab's im Sinn. Ich war vor drei Wo⸗ chen am Trollhätta in Norwegen, mußte aber ſchnell 84 abreiſen, weil ich mit einem Freunde eine Zuſammen⸗ kunft in Genf verabredet habe.“ „Und wie reiſen Sie denn?“ „Zu Fuß, ganz ſo, wie Sie mich da erblicken; nur vaß ich oben noch einen Tabacksbeutel und einen Regen⸗ ſchirm habe.“ „Leicht Gepäck, das iſt wahr; inzwiſchen müſſen Sie uns bis nach Amiens begleiten, damit ich Sie dort meinen Freundinnen vorſtellen kann.“ Mr. O'Leary hatte dagegen nichts einzuwenden, und da Miß Bingham in ihrem Verlangen nach ihrer Mutter jeden Aufſchub unerträglich fand, ſo brachen wir ſogleich auf— das einzige, was die Vollſtaͤndigkeit meiner Freude im Augenblick ſtörte, war der Anblick der nämlichen Kleider, worin ich noch ſo eben figurirt hatte und die jetzt die ganze Station entlang vor meinen Augen hin und herſchwebten, auch meinen Freund Mr. O'Leary zu zahlreichen, boshaften Anſpielungen veran⸗ laßten, an welchen meine ſchöne Gefährtin viel zu gro⸗ ßen Gefallen fand. Um zwölf kamen wir in Amiens an, allwo ich mich beeilte, meinen Freund, Mr. O'Leary bei Mrs. Bingham einzuführen. 3 Siebentes Kapitel. Mr. O'Leary. 4 Am Schluß meines letzten Kapitels ſtand ich im Begriff, dem Leſer meinen Freund Mr. O'Leary vorzu⸗ ſtellen, und da er beſtimmt iſt, in der Geſchichte dieſer Bekenntniſſe ein Plätzchen auszufüllen, ſo wird man mir vielleicht erlauben, dies etwas ausführlicher zu thun, 85 als man dem erſten Anſchein nach durch ſeine innern Verdienſte gerechtfertigt finden möchte. 4 Mr. O'Leary war, und ich habe alle Urſache zu glauben, daß er es noch immer iſt, ein ausnehmend kurzer, ſchmierig ausſehender Gentleman mit einem Kopf frei von phrenologiſcher Entwicklung wie eine Billardkugel, und einem Antlitz, das in Zügen und Farbe beinahe einem Cherubsgeſichte glich, wie wir ſie auf alten Kanzeln in Eichen geſchnitten finden. An ſeiner kurzen Statur machen die Gliedmaßen nur den geringſten Theil aus. Dagegen ſtellen ſeine Hände und Füße, vermöge ihrer großartigen Verhält⸗ niſſe, einiges Gleichgewicht her und geben ſeiner ganzen Erſcheinung bedeutende Aehnlichkeit mit einem kieinen Fiſche, der ſich durch kurze, dicke Floſſen auszeichnet und ge⸗ meiniglich Quappe genannt wird. Seine Stimme, die in ihren Cadenzen von dem tiefen Bariton bis zur hohen Fiſtel variirt, hält an dem auszeichnenden, charakterifirenden Accent der Dubliner Ausſprache unverbrüchlich feſt, und es geſchieht nie ohne eine gewiſſe Betonung, wenn er⸗ Beefſtick verlangt. Aus welchem Theil der Inſel er urſprünglich gekommen, oder wie alt er ſein mag, das find Fragen, worüber ich ſelbſt die tiefſte Unwiſſenheit beklagen muß; ich habe viele Anekdoten gehört, welche darauf ſchließen laſſen, daß er, wie man im gemeinen Leben zu ſagen pflegt, kein heuriger Haſe mehr iſt— aber ſeine eigenen Beobachtungen beſchränken ſich größ⸗ tentheils auf Ereigniſſe, welche ſeit dem Frieden von Fünfzehn vorgekommen find. Seinen perſönlichen Rei⸗ zen, ſo wie ſie find, war er niemals bemüht, durch die buhleriſchen Hilfskünſte der Kleidung etwas hinzuzufügen. In ſeinen Rock hätte man in Anbetracht der Länge des Leibes und der geräumigen Schöße wenigſtens drei ge⸗ wöhnliche Menſchenkinder ſtecken können, während ſeine Pluderhoſen, die aus einem wohlleilen, einſchrumpfen⸗ den Material gemacht find, ſich allmälig bedeutend zu⸗ * 1 6 Bekenntniſſe Lorrequers. I. 86 ſammengezogen haben und jetzt gerade ausſehen wie Kniehoſen, nur daß unten die üblichen Knöpfe ſehlen. Dieſe Stücke nebſt der Beigabe einer grünen Brille, wovon ein Glas fehlt und ein ſcharfes graues Auge, zwinkernd von Drolligkeit und guter Laune, hervorbli⸗ cken läßt, bilden den augenfälligſten Theil ſeiner äußern Erſcheinung. Was ſeinen Charakter betrifft, ſo haben ihn diejenigen, die ihn am beſten kannten, jeder Zeit als den harmloſeſten, gutherzigſten Burſchen, der nur athmet, dargeſtellt; ſtets bereit, einem Freunde zur Seite zu ſtehen, und immer ſeine eigenen Plane und Abſichten, wenn er überhaupt welche hatte, den Wünſchen und Entwürfen Anderer hinterſtellend. Zu ſeinen vielen Sonderbarkeiten gehörten eine beharrliche Vorliebe für das Fußreiſen und eine große Leidenſchaft für das Leben im Auslande, welche beide Liebhabereien er befriedigte, obſchon ſeine Figur der erſten Hinderniſſe in den Weg zu legen und ſeine gänzliche Unbekanntſchaft mit jeder feſtländiſchen Sprache die andern von ſelbſt auszuſchlie⸗ ßen ſcheinen ſollte; neben einer großen Vorneigung für Tabak, was er den ganzen Tag rauchte, ſo wie einem entſchiedenen Hang zum Whiſt und zu Malzgetränken, hatte er gar keine Antipathien, und wenn man ihn nicht aufforderte, ſich mehr als einmal in der Woche zu raſt⸗ ren oder zwe mal im Tage ſeine Hände zu waſchen, ſo war es ſehr ſchwer, ihn in Harniſch zu bringen. Sein Vermögen war ſehr bedeutend, aber obſchon ſeine Lebens⸗ weiſe weder auf Prunk berechnet noch koſtſpielig war, ſo verbrauchte er doch immer ſein ganzes Einkommen. DGolcher Art war der Gentleman, welchen ich jetzt mei⸗ nen Freundinnen vorſtellte, die, ich muß es geſtehen, über ſeine Manieren und ganze Erſcheinungsweiſe nicht wenig verblüfft waren. Dieſe Empfindung verſchwand jedoch bald, und ehe er noch den Morgen in ihrer Ge⸗ ſellſchaft zugebracht, hatte er weit mehr Foriſchritte in ihrer Gunſt gemacht und ſich bereits auf einen weit ver⸗ trauteren Fuß mit ihnen zu ſtellen gewußt, als mancher ungleich glücklicher ausgeſtattete Gentleman mit einem vorwurfsfreien Rock und tadelloſen Backenbart in vier⸗ zehn Tagen vermocht hätte. Worin ſeine Vorzüge in dieſer Richtung beſtanden, darüber befinde ich mich lei⸗ der in der beklagenswertheſten Unwiſſenheit; er beſaß, Gott weiß es, nicht das mindeſte Converſationstalent— auf erfolgreiche Schmeicheleien verſtand er ſich etwa wie ein Neger auf die Nationalſchuld— allein die leut⸗ ſelige Freundlichkeit ſeines Charakters ſchien alles Man⸗ elnde zu erſetzen, und es iſt mir kein einziger Fall be⸗ aannt, wo es ihm nicht, bevor er die gewöhnliche Periode eines Beſuches vollendet hatte, gelungen wäre, ein In⸗ tereſſe für ſich rege zu machen. 4 Ich glaube Waſhington Irving iſt es, der ſo be⸗ wundernswürdig den Aerger eines Angelnden Dandy geſchildert hat, welcher, ſeinen Kaſtorhut wohl ausge⸗ rüſtet mit braunen Fliegen, mit einer wohlgewogenen Angelruthe, einem polirten Haken, einem hübſchen Netze und allem übrigen Zubehör aufs Beſte ausgeſtattet, ſeinen langen Sommertag damit zubringt, eine Fluß⸗ forelle zu verfolgen, ohne daß ihn auch nur die mindeſte Erhebung des Waſſers oder das kleinſte Wellchen be⸗ lohnte, während keine zehn Schritte von ihm ein zer⸗ lumpter ſchmutziger Junge mit einer Weidengerte und einem gebogenen Nagel, den Raſen mit Myriaden ge⸗ fleckter und ſchuppiger Fiſche von einem Pfund bis auf vier bedeckt— ſo ergeht es in Allem— ein Schnell⸗ füßiger braucht nicht zu rennen, wie das Sprüchwort ſagt; die Elemente des Erfolgs im Leben, was auch das Ziel des Beſtrebens ſein mag, ſind ſehr, gar ſehr verſchieden von dem, was wir auf den erſten Blick als ſolche betrachten, und alſo war es auch mit Mr. O'Leary; habe mehr als einmal den Triumph ſeiner unge⸗ ſchlachten Manier und ſeines plumpen Humors über den feinern, gebildeteren Geſchmack ſeiner Mitbewerber um Gunſt mit angeſehen; ja nur der Himmel weiß, wo ſolche Erfolge ihre Grenzen gefunden haben würden, 88 wenn ſie nicht durch ein Gebrechen aufgewogen worden wären, das genügend iſt, ein Linienſchiff verſinken zu machen. Das genannte Verbrechen beſtand einfach in einer höchſt unglücklichen Vorneigung in jeder Geſell⸗ ſchaft, wo er ſich befand, von dem unrechten Orte, der unrechten Perſon und der unrechten Zeit zu ſprechen; und dieſe Liebhaberei für das mal-à-propos erſtreckte ſich ſo weit, daß nie Jemand ohne Angſt und Zittern mit ihm als Freund in Geſellſchaft zu gehen wagte; aber auch dieſer, ich glaube ſein einziger Fehler ent⸗ ſprang aus der natürlichen Güte ſeines Charakters und ſeiner Abſichten, denn da er in ſeiner ehrlichen Einfalt glaubte, daß die willkürlichen Klaſſen und Rangesunter⸗ ſchiede von Andern ebenſo leichten Kaufes weggegeben werden, wie von ihm ſelbſt, ſo trug er kein Bedenken, einer Herzogin von einer Kneipſcene zu erzählen, und würde mit ebenſo wenig Skrupel auf Verlangen die „Cruiskeenwieſe“ oder den„Punſchkrug“ geſungen haben, unmittelbar nachdem Lablache ſein Forceſtück: Dort ver⸗ giß— im Figaro vorgetragen. Von falſcher Scham wußte er nichts; ich glaube in der That nicht, daß ihm überhaupt eine Art von Scham eigen war, ausgenom⸗ men vielleicht, wenn man ihn mit einem Rock entdeckte, der noch irgend Spuren von Neuheit an ſich trug, oder wenn er ſich hatte überreden laſſen, Handſchuhe anzu⸗ ziehen, was er immer als ein ſpezielles Merkmal wei⸗ biſcher Verweichlichung betrachtete. Dies war mit wenigen Worten der Gentleman, welchen ich jetzt meinen Freundinnen vorſtellte, und wie weit er ſich in ihre Gunſt einſchmeichelte, möge die Thatſache beweiſen, daß ich ihn, als ich etwa nach einſtündiger Abweſenheit in's Frühſtückzimmer zurück⸗ kehrte, die nähern Umſtände einer Route entwickeln hörte, welche ſie auf ſeinen Rath einſchlagen wollten, und daß ich jetzt erfuhr, daß ſie ihm einen Sitz im Wagen bis nach Paris angeboten und er denſelben angenommen hatte. 89 „So werde ich mir alſo das Vergnügen machen, mich Ihrer Geſellſchaft anzuſchließen, Mrs. Bingham,“ ſagte er.„Bingham, nicht wahr, iſt Ihr Name, Madame?“ 3 „Ja, Sir.“. „Darf ich fragen, ob Sie vielleicht verwandt ſind mit einem ſehr theuren Freund von mir deſſelben Na⸗ mens aus Currynaslattery in der Grafſchaft Werford?“ „Ich weiß wirklich nicht,“ antwortete Mrs. Bing⸗ ham.„Uebrigens hatte mein Mann viele Verwandte in dieſer Grafſchaft.“ „Ach, was für ein luſtiger Kerl nicht Tom war!“ fuhr Mr. O Leary nachdenklich fort, in dem eigenthüm⸗ lichen Tone, welcher mich zittern machte, denn ich wußte, daß jetzt eine Reminiscenz anrückte.„Wirklich ein ganz luſtiger Kerl.“ „Lebt er noch, Sir?“— „Ich glaube, Madame; aber ich höre, er kann das Klima nicht gut ertragen.“ „Ah, dann hält er ſich alſo im Auslande auf; in Italien vermuthlich?“ „Nein, Madame, in Botanybay. Sein Bruder, ſagt man, hätte ihn retten können, aber er überließ den armen Tom ſeinem Schickſal, denn 1 Madte da⸗ mals juſt einer Miß Crow, mit großem Vermögen, glaube ich, den Hof. O Gott, was habe ich geſagt; aber das begegnet mir doch immer!“ Der letztere Aus⸗ ruf war das Ergebniß eines ſchweren Falles auf den Boden, denn Mis. Bingham war in Ohnmacht geſun⸗ ken— ſie war nämlich dieſelbe Lady, auf die er ange⸗ ſpielt hatte, und ihr Mann war der Bruder des luſtigen Tom Bingbam geweſen. Mr. O'Leary mit der einen Hand aus dem Zimmer führen und mit der andern klingeln, war das Werk eines Augenblicks; bei geeigneter Pflege wurde Mrs. Bingham zur rechten Zeit wieder zum Bewußtſein ge⸗ bracht und hatte dann glücklicherweiſe die plötzliche Ür⸗ 90 ſache ihres Unwohlſeins gänzlich vergeſſen; es verſteht ſich von ſelbſt, daß weder ihre Tochter, noch ich ein Wor fallen ließen, welches ſie darüber hätte aufklären nnen. Als wir wieder auf der Straße waren, begann ich, um jede unangenehme Erinnerung an den letzten Auftritt zu verwiſchen, Mrs. Bingham mein Abenteuer in Chantraine zu erzählen, wobei ich natürlich meinem Freund O'Leary die ganze Ehre, ausgelacht zu werden, vorzugsweiſe zuwendete, indem ich auf meine eigene Maskerade nur ſehr wenig Gewicht legte. „Sie haben vollkommen Recht,“ ſagte O'Leary, in das herzliche Lachen gegen ſeine eigene Perſon einſtim⸗ mend,„vollkommen Recht, ich war immer ein harter Schläfer— wäre ich das nicht, ſo wäre ich jetzt wahr⸗ haftig nicht hier und würde nicht frei wie die Luft als arcon in der Welt herumreiſen;“ hier ſtieß er einen heufzer aus, der zu ſeinem jovialen Ausſehen und vergnügten Ausdruck ſo ganz und gar nicht paßte, daß wir Alle von Neuem laut auflachten. „Aber wie, Mr. O'Leary— was kann Ihre Schlaf⸗ ſucht mit zärtlichen Erinnerungen dieſer Art zu ſchaffen haben? denn auf ſolche deutet doch offenbar Ihr Seufzer.“ „Ach, Madame, es mag ſeltſam ſcheinen, aber es iſt dennoch wahr; ohne dieſe unglückſelige Hinneigung wäre ich jetzt der glückliche Beſitzer einer höchſt anmuth⸗ begabten und liebenswürdigen Lady und eines jährli⸗ chen Einkommens von achthundert Pfund in 3 ⅓ pro⸗ zentigen Renten.“ „Vermuthlich verſchliefen Sie den Hochzeittag?“ „Sie ſollen es ſogleich hören, Madame, denn die Geſchichte iſt ſehr kurz: Es ſind jetzt etwa acht Jahre, daß ich durch den Süden Frankreichs ſtreifte und eben Lyon erreicht hatte, wo das verdammte Pflaſter mit ſeinen ſpitzigen Steinen mich nöthigte, einige Raſttage zu machen, um neue Kräfte zu ſammeln; zu dieſem ehuf ließ ich mich in die Penſion der Madame Gour⸗ 91 gead Rue des Petits Carmes aufnehmen, ein ruhiges Haus, wo wir zu Zehn Mittags um zwölf ſpeisten, und zwar etwa zwei Pfund geſchmortes Ochſenfleiſch nebſt Knoblauch und Moorrüben bekamen— eine leichte Suppe, deren Hauptbeſtandtheil das Waſſer war, wo⸗ rin man beſagtes Fleiſch gekocht hatte, etliche einge⸗ machte Kirſchen und ein Omelette nebſt einer Pinte Beaune, ſechster Qualität glaube ich, einer Art holz⸗ ſauren Weines, aus Traubenſtengeln bereitet, aber Sommers zum Salat recht wohl ſchmeckend; dann ſpielten wir Abends Domino oder Whiſt, um einen Soun das Point, und führten miieinander eine ſehr gemüthliche, tugendhafte Exiſtenz oder, wie Madame ſich ſelbſt ausdrückte, une vie tout-à- fait patriarchale; ich kann indeß nichts Beſtimmtes darüber ſagen, wie weit ſie mit ihrer Vermuthung Recht hatte, daß die Patriarchen große Aehnlichkeit mit uns gehabt. Aber um in meiner Geſchichte weiter zu kommen, in dem⸗ ſelben Inſtitut lebte eine Wittwe, deren ſeliger Ehege⸗ mahl Weinhändler in Dijon geweſen war— auch er hatte, vermuthlich in Folge ſeines Aufenthaltes in die⸗ ſem Lande, die Patriarchen nachgeahmt, denn er ſtarb eines Tags. Nun gut, die Lady wurde in Lyon wegen einer Rechtsſache aufgehalten, und ſo begab es ſich, daß ihres Mannes Teſtament und die ſcharfen Pflaſter⸗ ſteine auf den Straßen Veranlaſſung zu unſerer gegen⸗ ſeitigen Bekanntſchaft wurden. Ich kann Ihnen das Entzücken meiner ſchönen Landsmannin nicht ſchildern, als ſie erfuhr, daß eine Perſon, die engliſch ſprach, in der Penſion angelangt ſei— ich ſelbſt theilte eini⸗ germaßen ihre Empfindung, denn, aufrichtig geſtanden, ich war damals noch kein großer Held im Franzöſiſchen. Bald wurden wir, wahrſcheinlich in weniger Zeit als es ſonſt hätte geſchehen können, mit einander vertraut; denn da die andern Alle kein Wort engliſch verſtanden, ſo war ich während des Eſſens in Stand geſetzt, viele 92 ſanſte und zärtliche Dinge zu ſagen, die man in Ge⸗ ſellſchaft gewöhnlich nicht ſagen würde. „Ich erzählte meine Reiſen und gab verſchiedene Abenteuer aus meinen Wanderungen preis, bis ich zu⸗ letzt fand, daß meine ſchöne Freundin, welcher die Sache Spaß machte, ſich für meine Erzählungen zu intereſſiren anfing und häufig, wenn ich ihr das Bouillon reichte, habe ich im Winkel ihres Auges eine Thräne geſehen: mit einem Wort, ſie liebte mich, wie Othello ſagt, um der Gefahren willen, die ich überſtanden hatte. Lachen Sie immerhin, wenn es Ihnen Vergnügen macht, aber es iſt Wahrbeit, was ich ſage.“ Bei dieſem Theil von Mr. O Leary's Erzählung fanden wir Alle es un⸗ möglich, dem ſpaßhaften, affektirten Heroismus in ſei⸗ nem Geſichte und Ton zu widerſtehen, und lachten daher laut und lang. Als wir endlich wieder ſtill wurden, fuhr er fort—„Bevor drei Wochen vorüber waren, hatte ich meinen Antrag gemacht und war angenommen worden, denn ich hatte gerade wie Sie, Mr. Lorrequer, den Ball im Fluge gefaßt, ſo wie Sie es in Chelten⸗ ham machten, wo aber die Lady Sie an der Naſe her⸗ umführte und mit Ihrem Freund. Mr. Waller, davon⸗ lief; ich las dies Alles in den Zeitungen, obgleich ich domals in Norwegen Fiſche fing.“ Hier entſtand eine neue Unterbrechung durch ein Gelächter, das freilich nicht auf Mr. O'Leary's Koſten aufgeſchlagen wurde. Ich warf ihm einen ungemein drohenden Blick zu, wäh⸗ rend er fortfuhr—„Der Heirathscontract war bald im Reinen und beſtand, wie alle großen diplomatiſchen Dokumente, aus einer Reihe von Gewinnen und Aus⸗ gleichungen; z. B. ſie ſollte nichts Stärkeres trinken als Kirſchenwaſſer oder Frantz Brandy, und ich beſchränkte mich auf ein Pfund kurzgeſchnittenen Tabak in der Woche u. ſ. w. Aber um mit meiner Geſchichte vor⸗ arzukommen, die Lady, die eine gute Kathbolikin war, beſtand darauf, von einem Prieſter ihrer eigenen Con⸗ feſſion getraut zu werden, bevor die Ceremonie bei der 93 brittiſchen Geſandtſchaft in Paris vor ſich ginge; da⸗ gegen hatte ich nichts einzuwenden, und wir wurden demgemäß eines Morgens nach Unterzeichnung der ge⸗ ſetzlichen Papiere durch die heiligen Bande vereinigt.“ „Alſo, Mr. O'Leary, ſind Sie wirklich ein ver⸗ heiratheter Mann?“ 4 „Das iſt eben der Punkt, an den ich jetzt komme, Madame, denn ich habe alle Juriſten darüber befragt, allein ſie können ſich nicht verſtändigen. Hören Sie, wie die Sache zuging. Ich ſandte eine höfliche Note an den Biſchof Luscombe und traf alle Anſtalten für die bevorſtehende Ceremonie, nahm ein Quartier in der Rue Helder in der Nähe des Eſtaminet und ſah mit ängſtlicher Spannung dem Tag entgegen, der mich glücklich machen ſollte; denn unſere Vermählung in Lyon war nur eine Art Verlobung geweſen. Nun hatte meine ſchöne Freundin nur noch eine einzige Schwie⸗ rigkeit, die gute, liebe Seele— ihren Namen will ich aus Delikateſſe nicht nennen; aber die gute, liebe Mrs. Ram konnte den Gedanken nicht ertragen, in demſel⸗ ben Wagen mit mir nach Paris zu reiſen, denn ſo lang ſie ſchon im Auslande gelebt hatte, ſo hatte ſie doch immer alles Franzöſtſche, ſogar die Sprache ver⸗ mieden, deßhalb machte ſie mir den Vorſchlag, ich ſolle mit der Diligence abfahren, die Morgens um vier Uhr gehe, während fie ſelbſt um neun ihre Reiſe an⸗ treten wolle; ich würde auf dieſe Art einige Stunden früher in Paris eintreffen und bereit ſein, ſie bei ihrer Ankunft zu empfangen; auch bleiben ſo ihrer Scham⸗ haftigkeit alle Vorwürfe wegen unſeres Zuſammenrei⸗ ſens erſpart. Es half alles nichts, daß ich zu ihr ſagte, ich reiſe immer zu Fuß und haſſe jede Art von Dili⸗ gence; ſie antwortete kaltblütig, in unſerem Stadium des Lebens können wir nicht mehr die zu einer Pilger⸗ fahrt nach Jeruſalem nothwendige Zeit erübrigen, denn als ſolche betrachte ſie die Reiſe von Lyon bis Paris; weil ich alſo fürchtete, es könnte irgend ein Zweifel 94 auf die Gluth meiner Neigung geworfen werden, ſo gab ich nach, denn ich erinnerte mich in dem Augen⸗ blick, was mein armer Freund Tom Bing—— o Gott, jetzt komme ich ſchon wieder daran.“ „Sir, ich habe Sie nicht recht verſtanden.“ „Nichts, Madame, ich wollte blos bemerken, daß Ladies von einem gewiſſen Lebensalter, zumal Witt⸗ wen, einen Liebhaber wünſchen, der ein wenig feurig iſt, oder ſo etwas.“ Hier erröthete Mes. Bingham, ihre Tochter ſchlug die Augen nieder, und ich erſtickte faſt vor Scham und unterdrücktem Lachen. „Nachdem ich meiner Braut oder Frau, ich weiß ſelbſt nicht, was ſie war, ein ungemein zärtliches Lebe⸗ wohl geſagt, entfernte ich mich für die Nacht mit einem Gemüth, das ſchwankte zwiſchen meinen Hoffnungen auf Glück und meinen Befürchtungen über das Ergebniß einer allen meinen Reiſegewohnheiten ſo widerſprechen⸗ den Fahrt, einer Fahrt, bei der ich nicht ohne Beben an die vielen Zufälligkeiten zu denken vermochte, worein meine habituelle Faulheit und meine Abneigung gegen alle Stunden, die ich nicht ſelbſt ausgewählt hatte, mich vielleicht verwickeln konnte. „Kaum hatte ich mich ins Bett gelegt, als dieſe Gedanken mit ſolcher Macht über mich kamen, daß vom Schlafen ganz und gar nicht mehr die Rede war; und dann das Elend Morgens um vier aufſtehen— beim ſtackernden Licht der Lampe des Portiers die Kleider anziehen zu ſollen— die Stiefel an die unrechten Füße zu bekommen— und alle mögliche Verdrießlichkeiten dieſer Art— ich peinigte mich dermaßen mit ſolchen Vorſtellungen, daß ich mir, ehe eine Stunde vorüber ging, vorkam wie ein ächter Märtyrer. Inzwiſchen,“ dachte ich,„etwas muß gethan werden— es war ſehr geſcheidt von mir, daß ich hieher in das Meſſagerie⸗ hotel zu ſchlafen kam, von wo die Diligence abfährt, ſonſt wäre zehn gegen eins zu wetten, daß ich die rechte Zeit verſchnarchen würde. Nun aber werden Sie mich 95 doch gewiß rufen; ich kann alſo bis dahin ruhig ſchla⸗ fen. Mittlerweile hatte ich vergeſſen, meinen Koffer zu packen— meine Papiere u. ſ. w. lagen alle in einem Zuſtand bedeutender Verwirrung im Zimmer umher. Ich ſtand daher mit aller Eile, über die ich gebieten konnte, auf, das Packen nahm mir eine lange Zeit weg, es war beinahe zwei Uhr, ehe ich fertig wurde, und mich niederſetzen konnte, um einſam ein Pfeifchen zu rauchen— das letzte, deſſen Genuß mich, wie ich glaubte, Gott weif, für wie lange Zeit, erfreuen ſollte, denn Mrs. Ram hatte, ich muß freilich bekennen, erſt in einem ziemlich ſpäten Stadium unſerer Vertraulich⸗ keit, ſtarke Anſichten gegen den Tabal im Zimmer aus⸗ geſprochen. „Als ich meinen kleinen Pack beiſammen hatte, ſchlug es drei Uhr, und ich ſchrack zuſammen bei dem Gedanken, wie wenig Zeit mir noch für das Bett übrig bleibe. Das Bett! Ja, ſagte ich, daran iſt jetzt frei⸗ lich nicht mehr zu denken, denn ich werde mich kaum niedergelegt haben, ſo werde ich bereits genöthigt ſein, wieder aufzuſtehen. Unter ſolchen Betrachtungen klei⸗ dete ich mich für die Reiſe an, und da die Jahrszeit Winter, das Wetter aber abſcheulich war, ſo trug ich Sorge, mich mit allen möglichen Kleidungsſtücken zu bedecken, die ich unter die Hand bekommen konnte; ich hatte ein paar lange ungariſche Gamaſchen angezogen und eine Kurtſcha von Schafswolle, darüber her noch einen braunen Bärenpelz, ferner eine wales'ſche Per⸗ rücke, endlich eine breite blaue Brille, um die Augen vor dem Schnee zu ſchützen, und auf dieſe Art war ich nicht blos für alle Wirkungen des Wetters gänzlich un⸗ zuugänglich, ſondern auch gegen alle Einflüſſe auf Ge⸗ ſcht und Gehör ſo trefflich geſchützt, daß zehn Schritte von mir ein Vulkan hätte ziſchen und donnern können, ohne im Mindeſten meine Aufmerkſamkeit rege zu ma⸗ chen. Jetzt dachte ich, will ich, ſtatt hier zu bleiben, in den Hof hinab gehen, will mich behaglich in die 96 Diligence ſetzen und dann, nachdem ich mir die Ecke im Coupè geſichert, einſchlafen mit der Gewißheit, nicht zurück gelaſſen zu werden und vermuthlich einige Mei⸗ len von meiner Reiſe zurück gelegt zu haben, bevor ich erwache. „Demgemäß ging ich die Treppe hinab und fand zu meiner Ueberraſchung ſchon in dieſer frühen Stunde, daß viele der dienſtbaren Geiſter des Hauſes bereits emſig und thätig waren, um all' das Gepäck in den ungeheuren hölzernen Leviathan zu ſchaffen, der uns weiter befördern ſollte. Da ſtanden ſie wie die Bienen um einen Korb herum zuſammen gedrängt, ſummend und alle ſo eifrig, daß ich nur mit Schwierigkeit eine Antwort auf meine Frage, was für eine Diligence es ſei, erhalten konnte.„La Diligence pour Paris, Monsieur.“ „ Ah, ganz Recht,“ ſagte ich und ſtieg dann, eine Gelegenheit wahrnehmend, wo ich es unbemerkt thun konnte, denn ich dachte, ſie würden mich ſonſt ausla⸗ chen, ganz ſachte ins Coupé, allwo ich unter dem Ge⸗ ſchnarre der Stricke und dem Geſtampfe der Füße auf dem Dache in einen ſo geſunden Schlaf verfiel, wie nur je in meinem Leben— dieſe Töne kamen nämlich meinen eingemummten Ohren ſanft und lieblich vor, wie die Echo's am Rheine. Wann ich erwachte, ver⸗ mag ich nicht zu ſagen; aber als ich meine Augen rieb und nach einem höchſt erfriſchenden Schlafe etwas gähnte, bemerkte ich, daß es immer noch ganz dunkel rings herum war, und daß die Diligence vor der Thüre eines Gaſthofes ſtand, ohne ſich zu bewegen. Ach, dachte ich, dieß iſt die erſte Station, eine hübſche Einrichtung, daß man immer beim Wechſel der Pferde erwacht; es iſt dieß eine Art von Inſtinkt, welchen die Vorſehung uns eingepflanzt hat, vermuthlich um uns auf eine kleine Erfriſchung unterwegs hinzuweiſen. Mit dieſen frommen Gefühlen ließ ich das Glas hinab und rief den Kellner nach einem Glas Brandy und einer Ci⸗ 97 garre. Bis er ſie brachte, haite ich Zeit, mich umzu⸗ ſehen und bemerkte zu meinem großen Entzücken, daß ich das Coupé ganz allein hatte.„Kommen vielleicht noch Paſſagiere da herein?“ fragte ich, als der Kellner mit einem Gläschen erſchien.„Ich denke nicht, Sir,“ antwortete der Burſche mit einem ſchielenden Blick. „So werde ich alſo das ganze Coupé allein haben?“ fragte ich.„Sie brauchen keine Störung zu befürchten; ich kann Sie verſichern, daß in ven nächſten vierund⸗ wanzig Stunden Niemand herein kömmt.“ Dieß war n der That eine angenehme Nachricht; ich ſchleuderte ihm alſo ein Zehnſousſtück zu, verſchloß das Fenſter, da der Morgen kalt war und warf mich noch einmal, um zu ſchlafen, zurück mit einem Erfolg, welcher mich niemals außer Stich gelaſſen hat. Ein blauer, wolken⸗ loſer Himmel leuchtete mir entgegen, und die ſcharfe, klare Luft eines ſchönen Wintertages wehte mich an, als ich endlich meine Augen aufſchlug. Ich zog meine Uhr heraus und entdeckte, daß es gerade zwei Uhr war; deßhalb ließ ich das Fenſter herab, blickte um mich und bemerkte zu meiner großen Ueberraſchung, daß die Diligence ſich nicht bewegte, ſondern äußerſt friedlich unter einer ſehr gedrängten Verſammlung anderer ähn⸗ licher und unähnlicher Fuhrwerke ſtand, die mir alle zuſammen unter einem phyſiſchen Gebrechen zu leiden ſchienen, indem es den einen am Bock, den andern am Innern fehlte u. ſ. w., ſo daß ich in der That auf den Gedanken kam, es ſei dieß ein Hoſpital für alte, ge⸗ brechliche Wägen beiderlei Geſchlechts, Poſtwägen und andere.„O, jetzt weiß ich's!“ rief ich,„wir find in St.⸗Geran, die Andern ſitzen alle an der Tafel, und weil ich allein im Coupe war, haben ſie's vergeſſen, mich zu rufen. Ich öffnete ſogleich den Schlag und ſchritt hinaus in den Hof, wo Conducteurs und Grooms in Maſſe herum ſtanden und, wie mir ſchien, etwas überraſcht waren, als ſie mich aus der Diligence her⸗ vor kommen ſahen. 8 98 „Ihr wußtet wohl nicht, daß ich da innen war,“ ſagte ich mit einem ſchlauen Blinzeln, als ich an ei⸗ nem von ihnen vorüberging. „Freilich wußten wir's nicht,“ antwortete der Bur⸗ ſche mit einem Gelächter, welches für alle andern das Zeichen war, mit einzuſtimmen.„Iſt die Table d'Hote vorbei?“ fragte ich, ohne von der Luſtigkeit um mich her Notiz zu nehmen.„Der Herr kommt eben recht,“ erwiederte der Kellner, der in dieſem Augenblick vorüber⸗ kam.„Wollen Sie nur gefälligſt hier eintreten.“ Ich hatte kaum Zeit, die genaue Aehnlichkeit des Kellners mit dem Burſchen zu bemerken, welcher mir am Mor⸗ gen Brandy und eine Cigarre gebracht hatte, als er mich nur ſchnell in ein großes Zimmer führte, wo etwa vierzig Perſonen an einer langen Tafel ſaßen und offenbar mit Ungeduld auf die Suppe warteten, um ihr Mahl zu beginnen. Ob ſie ſich an dem Spaß, mich abſichtlich nicht gerufen zu haben, ſo ſehr ergötz⸗ ten, oder ob ſie über mein Reiſecoſtüm lachten, ver⸗ mag ich nicht zu ſagen, aber im Augenblick, wo ich eintrat, bemerkte ich, daß ein allgemeines Gekicher durch die Verſammlung ging.„Immerhin noch nicht zu ſpät, Gentlemen,“ rief ich, indem ich gravitätiſch auf die Tafel losmarſchirte. „Sie kommen zur gelegenſten Zeit,“ ſagte der Wirth, neben ſeinem Stuhle Platz für mich machend. Obſchon von meinen ſchweren Kleidern bedeutend belä⸗ ſtigt, ſchickte ich mich an, den Fleiſchſpeiſen vor mir vollſtändige Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, und entſchuldigte mich lachend gegen den Wirth mit dem Rei⸗ ſendenappetit. „Dann find, Sie vielleicht dieſen Morgen ſchon weit hergekommen?“ fragte ein Gentlman, der mir ge⸗ genüber ſaß. „Ja,“ antwortete ich,„ich bin ſchon ſeit vier Uhr unterwegs.“ 535 „Und wie find die Straßen?“ fragte ein Anderer. 3 99 „Die erſten Stationen von Lyon her ſehr ſchlecht, nachher bedeutend beſſer.“ Dieß ſagte ich bloß aufs Gerathwohl, denn ich fing an mich zu ſchämen, daß ich vor meinen Mitreiſenden beſtändig geſchlafen hatte. Sie ſchienen mich indeß nicht vollkommen zu verſtehen, und ein alter Knabe nahm ſeine Brille von der Naſe, lehnte ſich gegen mich herüber und ſagte:„Und woher kuhei Sie denn dieſen Morgen, wenn ich fragen darf?“* „Von Lyon,“ erklärte ich mit der ſtolzen Miene eines Mannes, der etwas Tüchtiges geleiſtet hat und ſich ſeiner Heldenthat nicht zu ſchämen braucht. „Von Lyon!“ ſagte einer.„Von Lyon!“ rief ein anderer.„Von Lyon!“ wiederholte ein dritter. „Ja,“ ſagte ich,„was zum Henker iſt denn daran ſo Merkwürdiges? man reist heutzutage ſo ſchnell und macht ſich aus zwanzig Meilen vor dem Mittageſſen nichts mehr.“ 1 Das hölliſche Gelächter, das auf meine Erklärung folgte, tönt mir immer noch in den Ohren; vom ei⸗ nen Ende der Tafel bis zum andern erſcholl ein anhal⸗ tendes Ha, ha— von dem ſchmierigen Wirth an bis zu dem kleinen buckeligen Kellner grinsten alle zuſam⸗ men und ſchnitten Geſichter. „Und wie reiste der Herr denn?“ fragte der alte Gentleman weiter, welcher die Unterſuchung gegen mich fortführen zu wollen ſchien. „Mit der Diligence, dem ſchwarzen Adler,“ ant⸗ wortete ich, nicht ohne einigen Stolz, daß ich den Na⸗ men des Fuhrwerks kannte. „Dann haben ſie ſich jedenfalls nicht über die Straßen zu beklagen,“ ſagte der Wirth ſchmunzelnd; „denn die einzige Reiſe, welche die Diligence heute ge⸗ macht hat, iſt von der Thüre bis in den Hof gegan⸗ gen; als ſie nämlich das Gepäck ſchon faſt ganz in Oidnung hatten, fanden ſie, daß die Achſe beinahe ge⸗ 1⁰0 brochen war, füͤhrten den Wagen in den Hof zurück und richteten für die Reiſenden einen andern zu.“ „Und wo bin ich jetzt?“ fragte ich. „In Lyon,“ riefen zwanzig Stimmen, halb er⸗ gickend vor Lachen. Ich war bei dieſer Nachricht zuerſt wie vom Don⸗ ner gerührt; da ich aber mit Meſſer und Gabel fleißig arbeitete, ſtimmte ich bald in die Luſtigkeit der Geſell⸗ ſchaft ein, die um nichts vermindert wurde, als ich ihr den Zweck der beabſichtigten Reiſe mittheilte. „Ich denke, junger Mann,“ ſagte der alte Kerl mit der Brille,„Sie ſollten den Vorfall als einen warnenden Wink der Vorſehung aufnehmen, daß das Heirathen ſür Sie nicht taugt.“ Ich begann derſelben Meinung zu ſein; aber nun kam das Leibgedinge in Betracht. Freilich hätte ich auch den Tabak aufgeben müſſen und überhaupt nicht mehr ſo frei umherſchwei⸗ fen dürfen, wie als Garçon. Indem ich ſo alle Dinge in Erwägung zog, beſtellte ich eine zweite Flaſche Bur⸗ gunder, um ſie auf Mrs. Rams Geſundheit zu trinken — ließ mir meinen Paß nach Barege viſiren und brach noch am ſelben Abend nach den Pyrenäen auf.“ „Und haben Sie nie mehr von der Lady gehört?“ fragte Mrs. Bingham. „O ja. Sie war bis auf den letzten Augenblick getreu, denn als ich den letzten Winter in Rom war, erfuhr ich, daß ſie in den Zeitungen einen Preis auf mich ausgeſetzt und mich wirklich durch den ganzen Continent zu verfolgen angefangen hatte. Und die Wahrheit zu ſagen, es fiele mir jetzt nicht ein, meine Schritte nach Paris zu lenken, wenn ich nicht ziemlich zuverläßige Nachricht hätte, daß ſie mich gegenwärtig mit Schmerzen in der Wenger⸗Alp ſucht, denn ich habe eine Notiz in den Galignani ſetzen laſſen, um ſie dort⸗ hin zu verlocken, wo ſie, wenn die Vorſehung in ihrer Gnade bald Schnee eintreten läßt, den ganzen Win⸗ ter zubringen muß.“—— — Achtes Kapitel. Paris. —Es ſtieß uns jetzt vor unſerer Ankunft im Meurice am dritten Tage nichts Merkwürdiges mehr auf. Mein Freund O'Leary war mit ſeinem gewöhnlichen Glück ſeinen neuen Bekannten unentbehrlich geworden, und nicht ohne einen Anflug von lauerndem Mißvergnügen bemerkte ich, wie weit weniger oft meine Dienſte in Anſpruch genommen wurden, ſeit er ſich an unſere Ge⸗ ſellſchaft angeſchloſſen hatte; auf ſeine Kenntniſſe wurde, trotz ihres höchſt armſeligen Umfangs, fortwährend ent cheidender Werth gelegt, und ſein äußerſt unvoll⸗ kommenes Franzöſiſch wurde unaufhörlich zu Hülfe ge⸗ rufen, wenn die Ladies über irgend eine Frage Erklä⸗ rungen wünſchten.„Ja,“ dachte ich,„Othello's Ge⸗ ſchäft iſt dahin; eines von zwei Dingen iſt ſicherlich ge⸗ ſchehen, entweder haben Mrs. Bingham und ihre Toch⸗ ter meine fortwährende Zerſtreutheit bemerkt und die⸗ ſelbe ihrem wahren Grunde, d. h. der Voreingenom⸗ menheit meiner Neigungen zugeſchrieben, oder denken ſie auf der andern Seite, ich ſei zum Verzweifeln in die eine oder andere von ihnen verliebt, und meinen jetzt, eine kleine etwas auffallende Bevorzugung des Mr. O'Leary werde mich anſpornen, alsbald mit einem Antrag ins Feld zu rücken. Für beide Fälle beſchloß ich unver⸗ weilt meinen Abſchied zu nehmen, was ich mit um ſo weniger Schwierigkeit thun konnte, als die Ladies den Ort ihrer Beſtimmung erreicht hatten und in Paris zahlreiche Freunde beſaßen, die ihnen mit Rath und That beiſtehen konnten; überdieß hatte ich das eigent⸗ liche Ziel meines Ausfluges zu lange vernachläßigt und beſchloß daher jetzt ohne weitern Aufſchub die Callon⸗ by's aufzuſuchen, um auf einmal zu erfahren, welche Bekenntniſſe Lorrequer's IUM. 7 10⁰² Ausſichten auf Erfolg hier meiner warten. Ich über⸗ ließ es daher meinen ſchönen Freundinnen, ſich nach der Reiſe zu erquicken und überantwortete Mr. O'Leary dem Genuſſe ſeines Meerſchaums, mit deſſen Hülfe er ſein Zimmer zu einer Art holländiſcher Backſtube machte, wenigſtens ſah man von ſeiner ganzen Figur vor dem qualmenden Dampfe nichts als ſeine kurzen Beine und ſchweren Schuhe.— 3 Als ich in der Bue de la Paix in das Haus kam, wo Callonby gewohnt hatte, erfuhr ich, daß ſie ſich ſortwährend in Baden aufhielten und erſt in eini⸗ gen Wochen in Paris erwartet wurden; daß Lord Kil⸗ kee dieſen Morgen angekommen war und im Geſandt⸗ ſchaftshotel dinirte, ſo wie daß er für mich eine Ein⸗ ladung zum Mittageſſen auf den folgenden Tag zurück⸗ gelaſſen hatte, im Fall ich einſprechen ſollte. Ich wandte mich unentſchloſſen, wohin meine Sohritte len⸗ ken, vom Hauſe weg, ging, ohne es ſelbſt zu wiſſen, nach dem Boulevard und war dermaßen mit meinen Gedanken über alle Ausſichten, die mir blühen oder auch nicht blühen könnten, beſchäftigt, daß ich nicht merkte wo ich ſtand, bis der ſtrahlende Glanz einer großen Gaslampe über meinem Kopfe mich belehrte, daß ich mich vor der Thüre des wohlbekannten Salon des Etrangers, an der Ecke der Rue Richelieu befand; Fuhrwerke aller Art, Charabancs, Citadinen, Vigilan⸗ ten und andere ſtanden in gedrängten Haufen da und raſſelten von allen Seiten herbei, denn die Armee der Faſhion und des grünen Tiſches eilte jetzt auf ihr Schlachtfeld. Da ich kein Mitglied des Salons war und, ſelbſt wenn ich es geweſen wäre, wenig Luſt ge⸗ habt hätte einzutreten, ſo blieb ich einige Minuten ſie⸗ hen und ſah mir den Menſchenhaufen an, der ſich fort⸗ während die ſtrahlende, glänzend beleuchtete Treppe hinaufdrängte, welche von der Straße nach den Zim⸗ mern dieſes Palaſtes führt, denn ſo kann man das 103 Haus, vermöge der Pracht und des verſchwenderiſchen Reichthums ſeiner Dekorationen wohl nennen. Als ich eben im Begriff ſtand, mich wegzuwenden, bog von der Baluſtrade her ein großes, ſehr hübſches Cabriolet um die Ecke, in Beziehung auf Geſchirr und überhaupt die ganze Ausſtattung das Schönſte, was ich ſeit langer Zeit in dieſer Art geſehen hatte. Während ich noch immer die Zierlichkeit und Ele⸗ ganz der Equipage bewunderte, ſprang ein junger Mann in tiefer Trauerkleidung heraus und ſtand vor mir auf dem Pflaſter.„Um zwei Uhr, Charles,“ ſagte er zu ſeinem Bedienten, der langſam das Cabriolet umlenkte. Die Stimme kam mir wohlbekannt vor. Ich wartete, bis er ſich der Lampe näherte, um ſein Geſicht vor das Auge zu bekommen; und wie groß war meine Ueber⸗ raſchung, als ich meinen Vetter Guy Lorrequer vom 10ten erblickte, den ich ſeit ſechs Jahren nicht geſehen hatte. Mein erſter Gedanke war, mich ihm nicht zu erkennen zu geben. Unſere gegenſeitige Stellung in Beziehung auf Lady Jane war wenigſtens für mich noch ſo ſehr ein Geheimniß, daß ich das Ergebniß eines Zuſammentreffens fürchtete, bis ich genau wüßte, wie die Sachen ſtänden, und ob wir uns als Freunde und erwandte oder als Nebenbuhler und folglich als Feinde zu begegnen hätten.“ Bevor ich Zeit fand, meinen Entſchluß zu faſſen, hatte Guy mich erkannt und rief, meine Hand mit ſei⸗ nen beiden faſſend:„Harry, mein alter Freund, wie geht es Ihnen? Wie lange ſind Sie ſchon hier und haben mich noch nicht beſucht? Wie, mein lieber Mann, was ſoll das bedeuten?“ Ehe ich ihm auseinanderſetzen konnte, daß ich erſt wenige Stunden in Paris ſei, unterbrach er mich auf's Neue mit den Worten:„Und wie kommt es, daß Sie nicht trauern? Sie müſſen es doch gehört haben.“„Was gehört?“ rief ich, beinahe ſtarr vor Schreck.„Unſer armer alter Freund Sir Guy iſt geſtorben; haben Sie das miht gewußt?“ —õõyy—— 104 Nur wer ſelbſt empfunden hat, wie ſtark die Bande der Verwandtſchaft ſind, wenn ihre Zahl einmal ab⸗ nimmt, kann ſich einen Begriff machen, wie ſchmerzlich dieſe Nachricht mir auf's Herz fiel. Alle Beweiſe von Zärtlichkeit, die mir mein armer Oheim gegeben, dräng⸗ ten ſich jetzt in Maſſe vor mein Gedächtniß; ſeine liebe⸗ vollen Ermahnungen, ſeine wohlgemeinten Verweiſe, die mir noch theurer waren, als ſein Lob und Beifall, ſchwebten mir jetzt in der ergreifendſten Geſtalt vor; und ſprachlos, meiner ſelbſt nicht mächtig, ſtand ich vor meinem Vetter, der mir über die ſehr ſchnellen Fortſchritte von Sir Guy's Krankheit erzählte, einem Gichtanfall im Kopf, welcher ihn binnen drei Tagen weggerafft. Briefe waren nach verſchiedenen Orten an mich abgeſchickt worden, aber keiner angelangt; und eben in dieſem Augenblick verfolgte mich der Schreiber von meines Oheims Anwalt durch die ganzen Hoch⸗ 3 aube wohin ihn eine irrige Nachricht über mich ver⸗ ockte. 4 „Sie wiſſen alſo,“ fuhr Guy fort,„noch garnichts davon, wie freundlich unſer Oheim Sie und wahrhaftig uns beide bedacht hat; ich habe ſeine Beſitzungen in Somerſetſhire erhalten, mit welchen die Baronetſchaft verbunden iſt; aber die Cumberland'ſchen Güter gehören alle Ihnen, und ich wünſche Ihnen von Herzen Gllck zu einer Jahresrente von etwa achttauſend Pfund und einem der lieblichſten Landſitze, die man ſich nur am Derwentwater denken kann. Doch kommen Sie jetzt mit mir,“ ſprach er weiter, indem er mich durch den Gang die breite Treppe hinanzog,„ich habe Ihnen viel zu ſagen und wir können hier vollkommen allein ſeinz es wird uns Niemand ſtören.“ Nichts wiſſend von Allem, was um mich her vorging, folgte ich Guy die goldſtrahlende glitzernde Vorhalle entlang, die zu dem Salon führte, und erſt als der Bediente in reicher Livree vortrat, um mir Hut und Stock abzunehmen⸗ erinnerte ich mich, wo ich war. Nun drang das volle 105 Gefühl alles deſſen, was ich ſo eben gehört hatte, mäch⸗ tig auf mich ein, und der Gedanke, wie ungeeignet, ja wirklich, wie unſchicklich der Ort für ſolche Mitthei⸗ lungen ſei, machte ſich in aller Schärfe geltend. Es iſt wahr, Sir Guy hatte meinen Vetter immer mir vorgezogen, er war von je beſtimmt geweſen, ſowohl ſeine Guter, als ſeinen Titel zu erben, und ſeine Wild⸗ heit, ſowie ſeine albernen Ausſchweifungen hatten im⸗ mer ſanftern Tadel und leichtere Verweiſe nach ſich ge⸗ zogen, als meine Tollheiten und meine Mißgeſchicke. Inzwiſchen war er mein letzter Verwandter geweſen; der einzige Menſch in der ganzen Welt, an den ich mich in der Noth und Trübſal wenden konnte; und ich fühlte mich inmitten meiner neu erworbenen Wohlhabenheit und Reichthümer ärmer und verlaſſener als je in mei⸗ nem Leben. Ich folgte Guy in ein kleines, ſchwach⸗ beleuchtetes Cabinet neben dem großen Salon, wo er mir, nachdem wir uns geſetzt hatten, die verſchiedenen Ereigniſſe zu erzählen fortfuhr, die ein paar kurze Wochen mit ſich geführt. Von ſich ſelbſt ſprach er nur wenig und auf die Callonbys ſpielte er gar nicht an; alles, was ich erfahren konnte, war, daß er ſeinen Ab⸗ ſchied genommen habe und den Winter über in Paris zu bleiben gedenke, wo er ſich, wie es ſchien, bereits in den vollſten Strudel der Zerſtreuungen und Ver⸗ gnügungen geſtürzt hatte. „Es verſteht ſich von ſelbſt,“ ſagte er,„daß Sie jetzt das Soldatenſpiel auch aufgeben; wenn man ein⸗ mal fünf und zwanzig auf dem Rücken hat, beginnt es ein ärmlicher Zeitvertreib zu werden, aber geradezu unausſtehlich iſt es, wenn man die Mittel beſitzt, in der fröhlichen Welt ſich herumzutreiben; und nun Harry, wollen wir uns ein wenig unter den Haufen da mi⸗ ſchen, denn die Herren Bankiers halten nicht viel von Leuten, die blos der Kapaunen und des Champagners wegen hieherkommen, wie man von uns es glauben könnte, wenn wir viel länger noch hier blieben.“ 8 106 Alles, was ich da hörte, machte mir den Kopf der⸗ maßen wirbeln und brachte eine ſolche Verwirrung in meinen Ideen hervor, daß ich jeder Anleitung meines Vetters unbedingt mit einem kindergleichen Gehorſam folgte, über deſſen vollſtändigen Umfang ich mir erſt bewußt wurde, als ich mich an der Tafel des Salons ſitzend fand, zwiſchen meinem Vetter Guy und einem alten Herrn von harten Zügen und blaſſer Farbe, der, wie mir Guy zuflüſterte, der Miniſter Villèle war. Welch einen reichlichen Stoff für Studien würde nicht demjenigen, der die Leidenſchaften und Aufre⸗ gungen ſeiner Mitmenſchen beobachten wollte, der rouge-et-noir⸗Tiſch darbieten— die bei andern Spie⸗ len erforderliche Geſchicklichkeit und Gewandtheit kommt hier gar nicht in Betracht, und ſo kann ſich der Spie⸗ er vollſtändig den Wirkungen der Leidenſchaft über⸗ laſſen. Das Intereſſe iſt kein ſtufenweiſe ſich ſteigern⸗ des oder ſchwankendes, je nachdem Glück und Kenntniß des Spieles günſtig mitwirken; das Ergebniß bleibt unbeeinflußt! von allem, was er ſelbſt thun könnte; mit der letzten Karte, die der Croupier umſchlägt, iſt er ein reicher Mann oder ruinirt, und ſo iſt dieſes Spiel in Folge der ängſtlichen Verzückung, worein es verſetzt, dasjenige, das von allen am peinlichſten auf⸗ regt; das Geraſſel des Würfelbechers iſt für den Haſ⸗ ſardſpieler ein Genuß, und der Gedanke, daß er zu ſeinem Glück oder Unglück ſelbſt einigermaßen thätig mitwirkt, hat etwas Angenehmes für ihn. In dem Ergebniß einer Chance dagegen, die man ſelbſt auf keinerlei Weiſe anregen oder abwenden kann, liegt eine ſolche Aehnlichkeit mit dem unvermeidlichen Charakter des Fatums, daß ich trotz einer ſtarken Neigung zum Spiel den rouge-et-noir⸗Tiſch jederzeit gefürchtet und gemieden habe; bisher hatten Beweggründe der Klug⸗ heit Antheil an dem Entſchluſſe, ein kleiner Verluſt im Spiel wird eine bedeutſame Sache für einen Subal⸗ ternen in einem Infanterieregiment, und deßhalb blieb —— 107 ich feſt bei meinem Entſchluß, den Spieltiſch zu meiden. Nun hatten meine Glücksumſtände einen Umſchwung genommen; und als ich den Haufen glänzender Louis⸗ d'ors vor mir erblickte, welchen Guy, der ein Bank⸗ billet von großem Betrage hatte wechſeln laſſen, vor mich hinſchob, da fühlte ich die ganze Bedeutſamkeit meiner veränderten Stellung, die nunmehr mit den alten und lange beobachteten Vorurtheilen, welche ſich mit den Jahren immer mehr feſtgeſetzt hatten, in Zu⸗ ſammenſtoß geri th. Ueberdies hat ſchon der Anblick eines hohen Spiels für die meiſten Menſchen einen gewiſſen wunderbaren Zauber: ſein Vermögen gegen das eines andern einzuſetzen— zu ſehen, ob ſein Glück gegen andere etwas vermag oder nicht— das find Gefühle, die in den meiſten Buſen Platz finden und jedenfalls, wenn ſie nicht ſchon von Natur da ſind, in der Geſchäftigkeit und Aufregung des Spielhauſes un⸗ gemein leicht erzeugt werden. Der Glanz der Deco⸗ ration, der verſchwenderiſche Reichthum der vergoldeten Zierrathen, die umfangreichen, prachtvoll eingerahmten Spiegel, die funkelnden Kronleuchter; neben all dieſen effektvollen Gegenſtänden die parfümirte Luft des Zim⸗ mers, das mit Orangebäumen und anderem duftigem und würzigem Geſträuch beſetzt iſt, der Aufzug der Geſellſchaft, unter der ſich viele Ladies in Coſtümen befanden, die ſich am Hof ſehen laſſen dürften; das Gefunkel der Diamanten, das Glitzern von Sternen und Dekorationen, das noch magiſcher erſcheint, wenn man weiß, daß die Inhaber weltgeſchichtliche Namen ſind. Dort mit ſeinen runden, aber breiten Schultern und dem großen, maſſiven, mit ſchneeweißen Haaren bedeckten Kopfe ſteht Talleyrand, er, der Könige macht und vernichtet, mit einem Blick ſchlecht verhehlter Aengſt⸗ lichkeit den Fortgang ſeines Spiels überwachend. Da iſt Soult mit ſeinem griesgrämigen Blick und den über⸗ hängenden Augenbraunen; dort ſteht Balzac, der Schrift⸗ ſteller, der ſeine Gewinnſte weniger vom Spiel ſelbſt, 108 als von den Spielern bezieht; er hat offenbar ein be⸗ ſonderes Augenmerk auf einige von ihnen gerichtet, die ihm bei der anſcheinenden Gutmüthigkeit ſeiner ſorg⸗ loſen Manieren und ſeines behaglichen Sichgehenlaſſens unbedenklich Anekdoten und Züge anvertrauen, welche dann aus dem Schmelztiegel ſeiner glühenden Einbil⸗ dungskraft wie geläutertes Gold aus dem Ofen her⸗ vorkommen. Und hier betrachtet einmal dieſen alten verwitterten Mann mit grauen Augenbrauen und ſtar⸗ kem Schnurrbart, der aus der Bruſttaſche ſeines Rockes unaufhörlich eine Hand voll Goldſtücke auf den Tiſch wirft; er kennt augenſcheinlich die Summe nicht und bekümmert ſich nichts darum, denn der Bankier ſelb iſt genöthigt, den Satz für ihn zu zählen— das iſt Blücher, der nie ausbleibende Beſucher des Salons; er hat ungeheuer viel verloren, ſpielt aber immer wei⸗ ter mit derſelben unerſchütterlichen Beharrlichkeit, wo⸗ mit er ſeine kühnen Reiterſchaaren durch eine von der Artillerie zerwühlte Schlucht ergießen würde; das Glück iſt ihm fortwäyrend abhold, allein er bleibt mit einem Muthe, der niemals wankt, feſt ſtehen. Ein ſtarker Zug des alles gleichmachenden Cha⸗ rakters der Spielſucht hat jederzeit einen ganz beſon⸗ dern Eindruck auf mich gemacht— nicht blos ſchwinden die individuellen Eigenthümlichkeiten des Menſchen vor der allverſchlingenden Leidenſchaft dahin, ſondern was noch auffallender iſt, ſelbſt die kühnſten Züge der Na⸗ tionalität verwiſchen ſich ihr gegenüder und werden un⸗ ſichtbar; unter dem Stempel, dem gewaltigen Drang dieſes mächtigſten aller Aufregungsmittel, ſcheint ſich der Menſch geradezu in einen abſtrakten Zuſtand auf⸗ zulöſen. Unter allen Zügen, worin ſich die Franzoſen vor den Eingeborenen jedes andern Landes auszeichnen, iſt keiner hervorſtechender, als eine gewiſſe, nie ſich ver⸗ läugnende Elaſtizität des Temperaments, die beinahe alle Unbilden eines mißgünſtigen Schickſals trotzig her⸗ —,— — 10⁰9 auszufordern ſcheint. Laß geſchehen was da will, der Franzoſe ſcheint in ſich ſelbſt, in ſeinem feurigen Tem⸗ perament eine gewiſſe mächtige Hilfsquelle zu beſitzen, auf die er nach Belieben Wechſel ausſtellen kann; und ſei es am Tage nach einer Niederlage, ſei es im Au⸗ genblick, wo er ſich in ſeinen begründetſten Hoffnungen auf erwiederte Liebe getäuſcht fühlt, wo er einen lange Zeit ſeinem Herzen theuer geweſenen Wunſch auf im⸗ mer vernichtet ſieht— gleichviel— er gibt nie gänz⸗ lich nach: aber betrachte ihn am Spieltiſch— beob⸗ achte die geſoannte, qualvolle Aengſtlichkeit, womit ſein Auge jeder Karte folgt, wie ſie von der Hand des Crou⸗ pier fällt— betrachte den Blick kalter Verzweiflung, der ſeinem Einſatz nachſieht, wenn der Bankier ihn un⸗ ter ſeine Gewinne einſtreicht— dann wirſt Du Dich auf einmal überzeugen, daß wenigſtens hier ſeine ge⸗ wohnte Kraft ihn verläßt. Kein Scherz entfährt den Lippen eines Mannes, der auf den Stufen der Guil⸗ lotine Witze reißen könnte. Der Spötter, der im Stande wäre, ſich über die Qualen einer Revolution luſtig zu machen, ſteht wie ein zaghafter Feialing vor dem un⸗ empfindlichen Auge und der blaſſen Wange eines Crou⸗ pier. Während ich fortfuhr, mich mit Beobachtung der verſchiedenen Gruppen umher zu beſchäftigen, hatte ich beinahe mechaniſch das Spiel verfolgt und jedesmal, ſo oft es anfing, einiges Gold auf den Tiſch gelegt; das Ergebniß jedoch halte mich ſo wenig intereſſirt, daß meine eigene Aufmerkſamkeit erſt dann auf mein Spiel gelenkt wurde, als ich ſah, mit welcher Verwunderung es die Andern betrachteten. Ich gewahrte jetzt, daß ich meine Gewinnſte auf dem Tiſch hatte anwachſen laſſen, und daß ich in der Tour, welche eben begann, einen Satz von nahe zu fünfhundert Pfund ſtehen hatte. „Faites votre jen, le jeu est fait,“ ſagte der Croupier,„trente deux.“ „Bei Gott, Sie haben verloren,“ ſagte Guy in 110 einem leiſen Geflüſter, worin ich einen Zug von Auf⸗ regung entdecken konnte. „Trente et une;“ fügte der Croupier hinzu, „rouge perd et couleur.“ Ein Gemurmel der Verwunderung verbreitete ſich durch das Zimmer über mein außerordentliches Glück, denn ich hatte alſo, obſchon alle Chancen gegen mich ſtanden, von Neuem gewonnen. Als der Croupier die Bankſcheine auf den Tiſch legte, hörte ich einen alten Veteran hinter mir voll Lob und Bewunderung von der Kaltblütigkeit und Verſtän⸗ digkeit meines Spieles ſprechen;„lauter Glück,“ dachte ich,„meine Verſtändigkeit beſteht in einer vollſtändigen Unkenntniß aller Chancen, und meine Kaltblütigkeit iſt weiter nichts, als gänzliche Gleichgültigkeit gegen den Erfolg; ob nun die Schmeichelei ihre Wirkung auf mich ausgeübt, oder ob die Leidenſchaft für's Spiel, welche ſo lange Zeit geſchlummert, ſich plötzlich meiner be⸗ mächtigt hatte, vermag ich nicht zu ſagen, aber meine Aufmerkſamkeit blieb von dieſem Augenblick an auf das Spiel gefeſſelt, und ich ſetzte fortwährend. Guy, der von Anfang an mit dem nichtsſagenden Erfolg, von welchem ich ſo oft die Berechnungen alter, erfahrener Spieler begleitet geſehen habe, mitgemacht, gab es jetzt auf und beſchäftigte ſich nur noch damit, mein Spiel zu beobachten. „Harry,“ ſagte er zuletzt,„ich bin jetzt in der größten Unwiſſenheit, ob Sie Ihre Louisd'or nur ſo auf's Gerathewohl hinwerfen, oder ob Sie nicht der tiefſte Spieler ſind, der mir je vorgekommen iſt.“ „Das werden Sie ſogleich ſehen,“ verſetzte ich, indem ich mich zum Bankier hinüberneigte und flüſterte: „Wie hoch darf man ſetzen??. „Fünfzehntauſend Franken,“ ſagte der Croupier mit einem Blick der Ueberraſchung.. „Nun ſo ſei es denn,“ erklärte ich;„fünſzehntau⸗ ſend Franken, rouge.“ 111 In einem Augenblick gewann rouge, und ſo das zweite, dritte und vierte Mal; als ich meine Rollen für den fünften Satz zurecht machte, ſland der Bankier auf und ſagte:. „Messieurs, la banque est ferméèée pour ce soir,“ verſchloß ſeine Kaſſe und verließ den Tiſch. „Nun, Sie haben Ihre Satisfaction,“ ſagte Guy aufſtehend.„Sie ſehen, Sie haben die Bank geſprengt, ein recht artiger Zwiſchenfall beim erſten Beginn eines Feldzuges in Paris.“ Nachdem ich mein Gold gegen Noten ausgetauſcht, ſteckte ich dieſelben mit glücklich affektirter Gleichgültig⸗ keit in die Taſche und ſchlenderte im Salon herum, wo ich nunmehr Gegenſtand eines ungleich größeren In⸗ tereſſes geworden war, als alle Marſchälle und Mini⸗ ſter um mich her.— „Nun, Harry,“ ſagte Guy, vich will jetzt im Ca⸗ binet ein Souper für uns beſtellen und bin dann im Augenblick wieder bei Ihnen.“ Als ich einige Minuten allein blieb und Guy's Rückkehr abwartele, wurde meine Aufmerkſamkeit auf ein Gedränge in einem kleinen Salon gelenkt, wo das übliche, ſchweigende Decorum des Spieltiſches nicht ſonderlich reſpectirt zu werden ſchien, denn jeden Au⸗ genblick hörte ich ein herzliches Gelächter, oder ließ ſich auch ein Ausbruch der Freude oder des Aergers verneh⸗ men, woraus ich ſogleich erſah, daß hier die Freunde des Rouletts zu finden ſeien, eines Spiels, bei wel⸗ chem die ſtrenge Anſtändigkeit und Etikette, woran man beim rouge et noir immer feſtbält, nicht gefordert wird. Als ich mich näher hindrückte, um die Urſachen der Luſtigkeit zu entdecken, da denke man ſich meine Ueberraſchung, unter der vorderſten Reihe der Spieler meinen Bekannten Mr. O'Leary zu erblicken, von dem ich bis auf dieſe Minute geglaubt hatte, er vergnüge ſich noch im Meurice mit ſeinem Meerſchaum. Meine Verwunderung, wie er Zutritt in den Salon erhalten 112 hatte, war weniger ſtark, als meine Furcht, daß er mich erkennen möchte. Es iſt zu keiner Zeit angenehm, wenn der Mann, der als der Buffo einer Geſellſchaft betrach⸗ tet wird, ſich als unſer Freund herausſtellt; noch weit weniger aber können wir eine Freude daran finden, wenn das Individuum, das auf unſere Bekanntſchaft Anſpruch macht, in ſeiner Kleidung oder ſeinen Ma⸗ nieren eine in die Augen fallende Abgeſchmacktheit beur⸗ kundet, welche zu den Perſonen und Dingen rings um⸗ her einen ſchreienden Gegenſatz bildet; und ſo erging es jetzt— Mr. O'Leary's äußerer Menſch, als wir ihn auf der Straße von Calais her trafen, mit ſeinen ver⸗ ſchiedenen Schmuckſachen, ſeiner Deckelkappe, Brille und Tabakspfeife hatte nichts ſehr Uebertriebenes oder Auf⸗ fallendes, aber wenn ſich dieſe ſelbe Figur unter der Elegans der Pariſer Welt einſtellte, die von Lau de Portugal duftete und in aller Herrlichkeit brokatener Weſten und glänzender Sammetröcke prunkte, dann wurde das Ding zu einfältig, und ich wünſchte nichts ſehn⸗ licher, als mich wegſtehlen zu können, bevor ſich Aus⸗ ſicht auf eine Erkennungsſcene ergäbe. Dies war jedoch unmöglich, da der ganze Haufe vom andern Tiſch ſich um uns ſammelte. Ich ſah mich alſo genöthigt, ſtehen zu bleiben und konnte mich nur mit der Hoffnung trö⸗ ſten, die Aufregung des Spieles, das ihn gänzlich zu beſchäftigen ſchien, werde ſein Auge in einer andern Richtung gefeſſelt halten; ich bemerkte jetzt, daß die⸗ ſelbe Scene, bei der ich ſo eben am rouge-et-noir- Tiſch die Hauptrolle geſpielt hatte, ſich hier, jedoch un⸗ ter ganz verſchiedenen Umſtänden, wiederholte. Mr. O'Leary war, wie ich vorhin, der einzige Spieler, nicht jedoch weil ſein Glück das ganze Intereſſe der Umſte⸗ henden verſchlang, ſondern weil leider ſein beſtändiger Mangel an Erfolg ihm fortwährend ſtarke Ausbrüche des Mißvergnügens und Argwohns entlockte, worüber die Andern laut auflachten, was er aber in ſeiner ängſt⸗ 113 lichen Spannung auf das Spiel ganz und gar nicht zu bemerken ſchien. „Faites votre jeu,“ ſagte der Croupier. „Warten Sie ein wenig, bis ich dies da gewech⸗ ſelt habe,“ ſagte O'Leary, einen engliſchen Souverän hervorziehend; die Aktion diente zur nähern Auslegung ſeiner Wünſche und das Geld wurde in Spielcoupons verwandelt. Ich entdeckte jetzt eine Haupturſache der Luſtigkeit der Umſtehenden, wenigſtens der Engländer unter ihnen. Mr. O Leary beobachtete, wenn er ſein Geld auf den Tiſch legte, den eigenthümlichen Brauch, den Betrag ſeines Satzes laut anzukündigen, den er dann zu ſei⸗ ner eigenen Belebrung nicht blos auf engliſchen, ſon⸗ vern auch auf iriſchen Courant reduzirte; ſo wurde die Stille im Zimmer jeden Augenblick durch einen ſtarken, iriſchen Accent unterbrochen, der etwas folgender Art ausſprach—„fünf Franken vier Schilling ein Penny — zehn Franken acht Schillinge drei ein halb Pence. Der Spaß, welchen dieſe Rechenübungen machten, wurde noch erhöht durch die Aufregung, worein ihn ſeine Ver⸗ luſte jagten. Er ſetzte jetzt mehreremale aus, rückte aber doch zuletzt wieder mit ſeinem gewöhnlichen Ein⸗ ſatze in's Feld. 4 „Perd,“ ſagte der Croupier, mit einem verächt⸗ lichen Blick auf die Kleinheit des Satzes, das Stück ein⸗ ziehend und keineswegs erfreut, daß das Intereſſe, wel⸗ ches Mr. O'Leary erweckte, die andern Spieler von thätiger Theilnahme abhielt. „Perd,“ eiferte O'Leary,„ſchon wieder. Zum Teufel, Sie können auch kein anderes Liedchen ſingen, als dieſes perd, und ich bin noch gar nicht überzeugt, ob Sie mich nicht die ganze Zeit über betrogen haben — dann aber gnad' Ihnen Gott.“ Während er dies ſprach, wurde der obere Theil eines ungeheuern Schwarzdornſtockes halb über den Tiſch geſtreckt, was erneuerte Freude verurſachte; denn 114 das Reglement des Hauſes verlangt, daß jeder Stock, wenn auch noch ſo zierlich und fein, vor der Thüre ab⸗ gegeben wird; und ſo entſtand eine neue Verwunde⸗ rung darüber, wie es ihm wohl gelungen ſei, den ſei⸗ nigen in den Salon mitzubringen. „Da nehmen Sie's wieder,“ ſagte O'Leary, ohne auf das Gelächter zu achten, und drei oder vier Num⸗ mern mit ſeinen Stücken bedeckend. Die Kugel drehte ſich von Neuem im Kreiſe her⸗ um, und er verlor abermals. „Ei, ſo ſchlag doch der Teufel drein; er läßt fie herumlaufen, wie es ihm gefällt. Ich will nun doch einmal ſelbſt die Scheibe drehen; es iſt etwas Schö⸗ nes um ein ehrliches Spiel, wir wollen dann ſchon ſe⸗ hen, wie Sie dabei fahren.“ So ſprechend, traf er Anſtalten, ſich in den Stuhl des Croupier zu drängen, den er mit nicht gerade den ſanfteſten Mitteln zu vertreiben beabſichtigte. Hier fand er natürlich Widerſtand, und als die laute Luſtig⸗ 4 keit der Zuſchauer immer lärmender wurde, erhoben die Freunde der Bank ein lautes Geſchrei:„A la porte, à la porte! „Nur nicht verzagt, Pat,“ ſagte Guy über meine Schultern hin, der ſich für den ganzen Vorgang unge⸗ mein zu intereſſiren ſchien. 2 Bei dieſer unerwarteten Bekanntmachung ſeiner Nativität, denn Mr. O'Leary hätte nie geglaubt, daß man ihm vermittelſt ſeines Accentes auf die Spur kommen könnte, blickte er über den Tiſch hin und be⸗ kam nun auf einmal mich zu ſehen. 6 „O, jetzt bin ich gerettet! Helfen Sie mir Mr. Lorrequer, ſo wollen wir das Zimmer ſäubern.“ So ſprechend und ohne im mindeſten weiter ge⸗ reizt zu werden, warf er den Croupier, Stuhl und Alles mit einem plötzlichen Stoß auf den Boden, verſetzte der Kaſſe einen furchtbaren Fußtritt, ſo daß die Fänffranken⸗ ftücke hochaufflogen, ſprang ſodann auf den Tiſch, ſchwang —— — ᷣ ᷣͦᷣͦᷣᷣ— 115 ſeinen Schwarzvorn durch den Ormolukronleuchter, zerſtreute die Wachskerzen nach allen Seiten und be⸗ gleitete ſeine Heldenthat mit einem Kriegsgeſchrei, das ganz Connemarn um Mitternacht aus dem Schlaf auf⸗ geſchreckt haben würde, wenn man es dort gehört hätte; in einem Augenblick kamen die Gendarmen, die ſich immer nahe genug aufhielten, um für den Nothfall ge⸗ rufen werden zu können, in das Zimmer hereingeſtürzt, und in der Meinung, der ganze Handel ſei ein voraus abgekarteter Plan, um das Geld der Bank in Beſitz zu nehmen, begannen ſie, an mehreren Mitgliedern der Ge⸗ ſellſchaſt, die an der Verwirrung ihre Freude zu haben, folglich ſie zu begünſtigen und zu befördern ſchienen, Hand anzulegen. Mein Vetter Guy war einer der erſten, die ſo behandelt wurden— ein Verfahren, auf welches er mit einer bei den meiſten Engländern ungemein be⸗ liebten Appellation antwortete, indem er nämlich den Gendarmen alsbald zu Boden ſchlug; dies war das Signal zu einem allgemeinen Gemenge, und bevor noch eine Erklärung möglicherweiſe verſucht werden konnte, begann ein furchtbarer Kampf. Die Franzoſen im Zimmer nahmen die Partei der Gendarmerie und machten gemeinſchaftliche Sache gegen die Engländer, die, obſchon an Zahl bedeutend ſchwächer, durch lange Gewohnheit in Straßenhändeln und Borereien einen anſehnlichen Vortheil beſaßen. Was mich ſelbſt betraf, ſo hatte ich das Glück, an einem äußerſt kurzathmigen und ungelenken Franzoſen als meinen Gegner zu ge⸗ rathen, der zwar vortrefflich ſakramentirte, aber mir nicht einen einzigen Schlag beibrachte; während ich mich daher begnügte, das Eins, Zwei, wie es der alte Cribb nannte, an ſeinem fetten Leichnam zu appliziren, hatte ich überflüſſig Zeit, alles zu beobachten, was um mich her vorging, und wahrlich einen ſpaßhaftern Han⸗ del habe ich noch nie geſehen. Man denke ſich etwa fünfzeyn oder ſechszehn junge Engländer, größtentheils baumſtarke, athletiſche Burſche, die einen ungeordneten, 8 116 an Zahl wenigſtens fünf mal überlegenen Haufen vor ſich hertrieben, lauter Leute, welche zwar Muth genug hatten, Widerſtand zu leiſten, aber der edlen Kunſt des Boxens ſo ganz und gar unkundig waren, daß ſie ſich verwirrt vor der ſchmetternden Phalanx ihrer derben Gegner zurückzogen— die komiſchſte Figur von allen aber war Mr. O'Leary ſelbſt, der auf dem Tiſche ſte⸗ hend mit einem meſſingenen Leuchter, welchen er los⸗ geriſſen hatte, um ſich ſchlug und mit dieſem neuen Kriegsinſtrument bedeutenden Schaden anrichtete, indem er die ganze Zeit rief:„Schlagt ſie alle zuſammen todt! Gebt ihnen ein neues Waterloo zu koſten!“ Kaum hatte er dieſen letzten patriotiſchen Grundſatz ausgeſprochen, als er von einem Gendarmen mit der Degenſpitze eine gelinde Ermahnung von hinten erhielt, in Folge deren er mit der Munterkeit eines Harlekins vom Tiſch hinabhüpfte und mitten in das dichteſte Schlachtgewühl zu liegen kam. Meine Aufmerkſamkeit wurde jetzt nach einer andern Seite gelenkt, denn trotz des entſetzlichen Kampfgetöſes konnte ich deutlich Trom⸗ melgewirbel und die abgemeſſenen Schritte von Sol⸗ daten herannahen hören, was mich ſogleich auf die Ver⸗ muthung führte, daß eine Verſtärkung der Gendarme⸗ rie anrüͤcke. Hinter mir war ein großes Fenſter, mit einem ſchweren ſcharlachrothen Vorhang; mein Entſchluß war ſogleich gefaßt; ich warf meinen Gegner, den ich bisher mit der barmherzigſten Langmuth behandelt hatte; zu Boden und ſprang ſchnell hinter dieſen Vor⸗ hang. Eine kurze Ueberlegung zeigte mir, daß ich im Fall einer Durchſuchung, die nothmendig erfolgen mußte, hier keine ſichere Zufluchtsſtätte zu erwarten hätte, deßwegen öffnete ich ſchnell das Fenſter und ſuchte mir Gewißheit darüber zu verſchaffen, wie tief es bis auf den Boden ſei; die Nacht war ſo finſter⸗ daß ich nichts ſehen konnte, da ich aber aus den Blät⸗ tern und Zweigen, die bis ans Fenſter reichten, ſchloß, daß unten ein Garten ſei, und da ich aus den dufti⸗ 7 117 gen Wohlgerüchen der Stauden mich zu überzeugen glaubte, daß es keine hohen Bäume ſein können, ſo beſchloß ich einen Sprung, ein Beſchluß, zu deſſen Aus⸗ führung ich wenig Zeit hatte, denn bereits wurden die Fußtritte der Soldaten auf der Treppe vernommen. Indem ich daher meinen Hut feſt in die Stirne drückte und meinen Rock dicht zuknöpfte, ließ ich mich an den Häuden vom äußern Gefimſe hinab und kam auf dem ſanften Boden des Gartens ſicher und unbeſchädigt auf meine Beine zu fallen. Aus dem immer zunehmenden Lärm und Getöſe oben, konnte ich erſehen, daß die Kampfwuth ihren höchſten Grad erreicht hatte, und es koſtete mich wenig Mühe, den wohlklingenden Accent und die wilden Drohungen meines Freundes Mr. O'Leary heraus zu finden, der alle andern umher weitaus überſchrie. Ich hielt es indeß nicht räthlich, mich lange an dieſem Ohrenſchmauſe zu weiden, ſon⸗ dern machte mich ſogleich auf, um meine Flucht aus der gegenwärtigen Gefangenſchaft zu ſichern. Dies machte mir nicht viel Beſchwerden, denn ich wurde durch ein Licht an eine kleine Thüre geleitet, die, wie ich beim Nähertreten fand, in das Zimmer des Con⸗ eierge führte und durch eine andere Thüre mit der Straße in Verbindung ſtand. Ich öffnete ſie daher ſogleich und war im Begriff, auch die Zweite zu öffnen, als ich mich von einer ſtarken Hand beim Kragen ge⸗ faßt fühlte, und als ich mich umdrehte, ſah ich die mannhafte Geſtalt des Concierge ſelbſt, der ein kurzes Bajonet nur wenige Zoll von meiner Kehle blinken ließ.„Tenez mon ami,“ ſagte ich ruhig und drückte ihm ein halb Duzend Louisd'or, einen Theil meiner er⸗ worbenen Beute in die Hand, wodurch ich ihn ſchnell überzeugte, daß ich, ſelbſt wenn ich ein Dieb wäre, je⸗ denfalls zu denjenigen gehörk, welche ſich auf die Con⸗ venienzen der Geſellſchaft verſtehen und dieſelben zu reſpectiren wiſſen. Er ließ mich nun ſchnell los, ſenkte Bekenntniſſe Lorrequers. II. 8 118 ſeine Waffe, riß mit der einen Hand ſeine Mütze herab, um mit der andern die Schnur zu ziehen, welche das Hofthor öffnete, und begleitete mich unter höflichen Bücklingen bis auf die Straße. Ich hatte kaum Zeit gehabt, mich in die dichte Vo ksmaſſe zu drängen, wel⸗ che ſich in Folge des Getöſes und der Verwirrung drinnen vor dem Hauſe verſammelt hatte, als die dop⸗ pelte Flügelthüre des Gebäudeg ſich öffnete und ein Zug Gendarmerie heraus kam, in der Mitte meinen Freund Mr. O'Leary und einige andere von den Cra⸗ vallern führend, unter denen ich mit großem Vergnü⸗ gen meinen Vetter nicht erblickte. Nach der Unord⸗ nung ſeiner Keider und ſeinem narbevollen Geſichte zu ſchließen, muß Mr. O'Leary's Widerſtand gegen die vom Staat eingeſetzten Behörden nachdrucksvoller Art geweſen ſein und die Drolligkeit ſeiner Erſcheinung wurde um nichts durch den Verluſt ſeines Kappenſchil⸗ des gemindert, in Folge deſſen ſeine Kopfbedeckung in dieſen bedrängten Umſtänden große Aehnlichkeit mit einem Brühpfännchen darbot.. Da ich in dieſem Augenblick ſchlechterdings nichts zu ſeiner Rettung beizutragen vermochte, ſo beſchloß ich am folgenden Tage bei ſeiner Unterſuchung zuge⸗ gen zu ſein, und ihm alle Hülfe zu leiſten, die in mei⸗ nen Käften ſtände. Mittlerweile kehrte ich, weit mehr mit den verſchiedenen Abenteuern des Abends, als mit meinen Glücksumſtänden beſchäftigt, in's Meurice zurück. Neuntes Kapitel. Paris. Das Erſte was mir, als ich am Morgen nach dem Handel im Salon erwachte, ins Auge fiel, war die 119 Rolle von Bankſcheinen, die ich geſtern im Spiele ge⸗ wonnen hatte, und ich brauchte mehrere Minuten, bis ich mich überzeugen konnte, daß die ganze Erinnerung an den Abend eine gediegenere Grundlage habe, als ein erhitztes Gehirn und eine ſieberkranke Phantaſie. Der plötzliche Sprung vom Subalternen im Aten Re⸗ giment mit ein Paar hundert Pfund jährlich„als gan⸗ zes Gemüſe“ bis zunt wirklichen Beſitzer von verſchie⸗ denen Tauſenden und einem hübſchen Hauſe in Cum⸗ berland war ein Gedanke, dem ich kaum nachzuhängen wagte— ſo ſehr fürchtete ich, gleich das erſte Begeg⸗ niß am Tage möchte die Täuſchung verſcheuchen und mich in die trübſelige Wirkiichkeit zurückwerfen, der ich zu entfliehen hoffte. „Es gibt kein wahreres Sprüchwort als das alte lateiniſche: daß man das, was man wünſche, gern glaube; ich hatte daher wenig Schwierigkeit, mich zu überzeugen, daß ſich Alles ſo verhalte, wie ich es be⸗ gehre— obſcon freilich meine verworrene Erinnerung an den vergangenen Abend nicht viel zu dieſer Ueber⸗ zeugung beitrug. Ich ſetzte mich alſo inmitten eines wahren Wirbels vorausgenoſſener Vergnügungen und neuer Plane im Betreff künftigen Lebensgenuſſes zu einem Frühſtück nieder, wozu ich, um ohne Zeitverluſt die meiner würdige Laufbahn zu beginnen, die ausge⸗ ſuchteſten Fleiſchſpeiſen beſtellt hatte, welche ſelbſt die franzöſiſche Kochkunſt zu liefern vermag. Meine Plane waren bald entſchieden. Ich beſchloß, nur ſo lange in Paris zu bleiben, bis ich mir einen eomformtablen Reiſewagen angeſchafft und einen tüch⸗ tigen Courier aufgetrieben hätte, dann aber nach Baden aufzubrechen, allwo, wie ich überzeugt war, meine Anſprüche, mochte es ſich nun mit der Art, wie ſie bisher aufgenommen worden waren, verhalten wie es wollte, jetzt wenigſtens mit mehr Ausſicht auf Erfolg angehört werden mußten Ich öffnete den Galignani von heute, um darin —— 121 Widerſtand entgegenſetzten. Der Aufruhr wurde nach langem verzweifeltem Kampfe gedämpft, die Cravaller ſelbſt, mit Ausnahme von zweien, gefangen und in den Kerker abgeführt, wo ſie dem Ergebniß einer ge⸗ richtlichen Unterſuchung entgegenſehen, deren Einzel⸗ heiten wir nicht ermangeln werden, dem Leſer mit⸗ zutheilen. „Obiges war ſchon gedruckt, als wir erfuhren, daß einer der Rädelsführer bei dieſem verwerflichen Streiche ein berüchtigter engliſcher Gauner iſt— ein Betrüger, der bereits in C. verhaftet war, weil er mit einem falſchen Paſſe reiste, dem es aber durch Collu⸗ ſion mit einem Andern ſeines Gelichters geglückt iſt, den Ortsbehörden zu entwiſchen. Wenn dies der Fall iſt, ſo hegen wir die Zuverſicht, er werde in Bälde entdeckt und zur Strafe gezogen werden.“ So ſehr mich auch der Anfang dieſer lächerlichen Angabe ergötzt hatte, ſo machte mir doch die am Ende enthaltene Anſpielung keineswegs das gleiche Vergnü⸗ gen, und ich überſchaute mit einem flüchtigen Blick wie manchen Verdruß, wie manche Verzögerungen und Hinderniſſe ſogar ein ſolch lächerlicher Vorfall in meinen gegenwärtigen Umſtänden herbeiführen könnte.„Mein Paß wird jedoch Alles ins Reine bringen,“ dachte ich und ſtreckte meine Hand nach der Taſche aus, worein ich ihn nebſt einigen Briefen gelegt hatte. Man denke ſich meinen Jammer, als ich die Ent⸗ deckung machte, daß die ganze Taſche weggeſchnitten war, vermuthlich in der Hoffnung, die Bankbillets zu erhalten, die ich im Spiele gewonnen, aber beim Weg⸗ gehen von der Tafel aus dieſer Taſche herausgenommen und in eine Bruſttaſche gelegt hatte. Dies führte mich ſogleich auf den Gedanken, daß an dem Argwohn des Zeitungsſchreibers in Betreff eines wohlangelegten Planes etwas Wahres ſein möchte, und erklärte mir auch ſchnell etwas, worüber ich mir zuvor den Kopf zerbrochen hatte— nämlich die ungemeine Schnelligkeit, womit die Elemente der Zwietracht ſich verbreitet hatten, denn die ganze Affaire war das Werk einiger Sekunden. Während ich fortſuhr, über dieſe Angelegenheiten nach⸗ zuſinnen, trat der Kellner herein mit einer kleinen Note in einem Umſchlag, die ein Commiſſionär ſoeben für mich gebracht hatte, und entfernte ſich wieder mit der Erklärung, es bedürfe keiner Antwort. Ich öffnete ſie haſtig und las:— F „Lieber H.— der vermaledeite Handel von ge⸗ ſtern Nacht hat mich veranlaßt, Paris auf einige Zeit zu verlaſſen; überdies habe ich noch einen ganz vortrefflichen Grund bekommen, mich zu entfernen, nämlich ein ſchwarzes Auge, das mich für die ganze künſtige Woche verhindern wird, öffentlich aufzutreten. Da Sie hier fremd ſind, ſo brauchen Sie eine Ent⸗ deckung nicht zu fürchten. So viel Unangenehmes das Abenteuer hat, ſo kann ich nicht umhin, darüber zu lachen, und ich bin herzlich froh, daß ich Gele⸗ genheit gehabt habe, die Wiſſenſchaft des alten Jack⸗ ſon an dieſen elenden Gendarmen zu erproben. Ihr getreuer G. d „Nun wahrhaftig,“ dachte ich,„dies verbeſſert meire Lage noch. Mein Vetter Guy— der Einzige, an den ich mich in zweifelhaften oder ſchwierigen Lagen wenden könnte, der flieht, ohne mich wiſſen zu laſſen, wo ich ihn aufſuchen kann.“ Ich klingelte haſtig, ſchrieb auf meine Karte eine Zeile, worin ich Lord Kilkee erſuchte, ſobald als möglich zu mir zu kommen und ſchickte ſie in die Rue de la Paix. Der Bote kehrte bald zurück mit der Antwort, Lord Kilkee habe ſich in Folge wich⸗ tiger Briefe aus Baden geſtern Abend ſpät noch ge⸗ nöthigt geſehen, Paris zu verlaſſen. Meine Angſt wurde immer größer. Ich dachte nicht anders, als daß ich im Augenblick, wo ich es wagte, aus dem Hotel zu treten, von einem der Zeugen des nächtlichen Skandals erkannt werden müßte, und alle Gedanken, dem armen O'Leary —— 1 123 zu Hülfe zu kommen, wurden gaͤnzlich vergeſſen uͤber der Furcht vor den Verdrießlichkeiten, worein dieſer ganz lächerliche Handel mich verwickeln könnte. Ohne in Beziehung auf künftige Schritte einen Entſchluß ge⸗ Pt zu haben, kleidete ich mich an und gedachte Mrs. ISingham und ihrer Tochter, die in demſelben Hotel waren und die ich ſeit unſerer Ankunft nicht geſehen hatte, meine Aufwartung zu machen. Als ich ins Beſuchzimmer trat, fand ich zu meiner Ueberraſchung Miß Bingham allein. Sie mußte offen⸗ bar geweint haben— wenigſtens contraſtirten ihre Bemühungen, heiter und wohlgemuth zu erſcheinen, merklich mit dem Ausdruck ihrer Züge bei meinem Ein⸗ treten. Auf meine Fragen nach Mrs. Bingham erhielt ich zur Antwort, die Freunde, welche ihre Mutter zu treffen gehofft, ſeien vor einigen Tagen nach Baden abgereist, ſie habe ſich daher entſchloſſen, ihnen nach⸗ zureiſen, und ſei jetzt bloß ausgefahren, um vor ihrer Abreiſe, die am nächſten Morgen ſtattfinden werde, einige Einkäufe zu beſorgen. Es liegt etwas ſo Botrübendes in dem Gedanken, unter irgend welchen Umſtänden von ſeinen Freunden verlaſſen und ſich ſelbſt überantwortet zu werden, daß ich nicht ausſprechen kann, wie ſchmerzlich mich dieſe Mittheilung berüyrte. Das Maß ſchlimmer Nachrichten ſchien ſich jetzt für mich gefüllt zu haben, mit dem Un⸗ glück der Geſellſchaft der wenigen Freunde beraubt zu werden, zu einer Zeit, wo ich ihrer juſt am meiſten bedurfte. Ob Miß Bingham meine Verlegenheit bemerkte oder nicht, darüber vermag ich nichts zu ſagen; jeden⸗ falls ſchien ſie nicht mißvergnügt darüber, und in der halb ermuthigenden Art ihres Benehmens lag etwas, was mich auf die Vermuthung führte, daß ihr der Eindruck, welchen ihre Nachricht auf mich hervorzu⸗ bringen ſchien, ganz und gar nicht mißfalle. Ohne im Mindeſten auf meine verbeſſerten Glücks⸗ 124 umſtände oder die Ereigniſſe der letzten Nacht anzu⸗ ſpielen, begann ich, von der kommenden Reiſe zu ſpre⸗ chen und drückte mein aufrichtiges Bedauern darüber aus, daß ich meinen Paß unter Umſtänden, die ſeine Wiedererlangung leicht verzögern könnten, verloren habe und ihnen deßhalb nicht Geſellſchaft leiſten könne, wie ich ſonſt gethan haben würde. 4 Miß Bingham hörte dieſe Sprache mit größerer Bewegung, als eine ſo einfache Erklärung hervorzu⸗ bringen berechnet war, und während ſie ihre Augen unter ihren langen dunkeln Wimpern niederſchlug und flüchtig erröthete, fragte ſie— „Und wünſchten Sie wirklich mit uns zu kommen?“ „Allerdings,“ antwortete ich. „ eund haben Sie kein anderes Hinderniß als den a 4 „Ganz und gar keines,“ erwiederte ich, warm werdend, denn das Intereſſe, das ſie an mir zu nehmen ſchien, warf alle meine Berechnungen gänzlich über den Haufen, überdies hatte ich ſie noch nie ſo ſchön geſehen, und das will auch etwas heißen, vont toujours quel- que chose, wie die Franzoſen weislich bemerken. „O, dann bitte ich, kommen Sie mit uns, was Sie ganz leicht thun können, denn Mama hat ſo eben außer ihrem Paß auch einen für ihren Neffen erhalten, und da wir in der That nach dieſem ebenſo wenig Verlangen haben, als er nach uns, ſo werden ſich beide Theile um ſo leichter fühlen, von einander frei zu ſein; Sie können ſich ja dann den Ihrigen mit der Poſt nach Baden nachſchicken laſſen.“ „Wohl,“ ſagte ich,„aber wie kann ich, wenn ich ein ſo ſchmeichelhaftes Anerbieten annehme, auf Ihre Verzeihung dafür rechnen, daß ich den Platz des theuren Vetters ausfülle? denn wenn ich recht vermuthe, ſo iſt es„der liebe Edward“, der Ihren Reiſegeſellſchafter ab⸗ zugeben beabſichtigt.“ „Ja, Sie haben ganz richtig gerathen; aber Sie “ —y— —1 4 dürfen mich nicht der Unbeſtändigkeit zeihen, wenn ich Ihnen ſage, daß ich meinen armen Vetter ſeit geſtern Nacht recht herzlich ſatt bekommen habe.“ „Und früher bewunderten Sie ihn doch ſo außer⸗ ordentlich.“ p„Dies iſt Alles wahr, aber jetzt thue ich es nicht mehr.“ „Warum denn?“ ſagte ich, ihr ſchlau ins Auge blickend. „Aus Gründen, die Mr. Lorrequer nie erfahren ſoll, und wenn er auch darnach zu fragen hätte,“ ant⸗ wortete das arme Mädchen, ihre Augen mit beiden Hän⸗ den bedeckend und bitterlich ſchluchzend. Was ich bei dieſer Gelegenheit dachte, ſagte oder that, vermag ich, trotz meines aufrichtigſten Wunſches, in dieſen Bekenntniſſen mein Gewiſſen von allen ſeinen Laſten zu erleichtern, nicht zu ſagen; nur ſo viel weiß ich, daß ich zwei Stunden nachher mich immer noch auf dem Sopha neben Miß Bingham ſitzend fand, welche ich die ganze Zeit über ſchlechtweg Iſabella genannt, und daß ich mehr von perſönlichen Angelegenheiten und meinen eigenen Verbältniſſen ſprach, als für einen jungen Mann ge⸗ genüber einer jungen Lady, die jünger iſt als ſeine Mutter, rathſam und ungefährlich ſein möchte. Alles, worauf ich mich in Bezug auf dieſe Unter⸗ redung noch entſinnen kann, iſt die Thatſache, daß ich meine Abreiſe nach der von Miß Bingham vorgeſchla⸗ genen Art einzurichten verſprach und daß ich dieſem Vorſchlag mit einem affektirten Vergnügen beitrat, das, wie ich fürchte, meine ſchöne Freundin bedeutend ge⸗ täuſcht hat. Nicht als ob meine Freude über dieſe Ausſicht ganz und gar heuchleriſch geweſen wäre; aber jedenfalls war die Gewohnheit mich von der Laune und Stimmung des Augenblickes leiten zu laſſen, ſo ſehr in meine Natur übergegangen, daß ich ſchon daran verzweifelt bin, mich jrmals gegen die anerworbene Neigung, jeder Nichtung zu folgen, die Jemand für mich beſtimmen will, ver⸗ 126 wahren zu können. Wie der arme Harry Lorrequer immer der erſte geweſen, der ſich auf den Wink eines Freundes in eine Rauferei einließ, ſo war ete er auch jetzt blos auf die allerunbedeutendſte Gelegenheit, um ſich in eine Klemme oder ein Unglück zu verwickeln, Donusgeſehe daß Jemand die Güte hatte, ihm dazu zu rathen. Als ich in mein eigenes Zimmer trat, um Vorbe⸗ reitungen zu meiner Abreiſe zu treffen, konnte ich nicht umhin, über alle die Ereigniſſe nachzudenken, die ſich auf dieſe Art in einen Zeitraum von wenigen Stunden zu⸗ ſammengedrängt hatten. Mein plötzlicher Reichthum— meine immer noch unentſchiedenen Ausſichten in Betreff der Familie Callonby— meine unangenehmen Ereig⸗ niſſe im Salon— mein letzter Beſuch bei Miß Bing⸗ ham, wobei es blos noch an dem förmlichen Heiraths⸗ antrage gefehlt hatte, waren beinahe allein ſchon genug, um ein vernünftiges Gemüth zu beſchäftigen, und ich begann mich entſchieden zu dieſer Anſicht hinzuneigen, als der Kellner mich benachrichtigte, daß der Polizei⸗ commiſſär unten warte und mich zu ſprechen wünſche. Ich äußerte einige Verwunderung über dies Verlangen, deſſen Zweck ich ſogleich durchſchaute, und bat, ihn ein⸗ zuführen. Meine Vermuthungen erwieſen ſich als ganz richtig. Die Kunde von meiner Betheiligung bei dem Skandal im Salon war den Behörden zugekommen, und der Comm ſſär hatte Befehl erhalten, ſich für mein Erſcheinen vor dem Tribunal, an dem und dem Tag in der Woche eine Bürgſchaft ausſtellen zu laſſen, oder mich alsbald ins Gefängniß zu bringen. Der Com⸗ miſſär war höflich genug, mir zur Erwerbung der ge⸗ forderten Bürgſchaft bis zum Abend Zeit zu laſſen, und verabſchiedete ſich mit der Erklärung, daß er Maß⸗ regeln ergreifen könne, um meine etwaige Flucht zu verhindern. Kaum war er gegangen, als Mr. Edward Bingham angemeldet wurde— den Grund für dieſen Beſuch konnte ich nicht ſo leicht errathen, inzwiſchen 127— blieb mir wenig Zeit zu Muthmaßungen, denn in dem⸗ ſelben Augenblick ſtellte ſich ein ſehr lebhafter, flinker, kleiner Gentleman, gekleidet nach der ganzen Gecken⸗ haftigkeit der franzöfiſchen Mode, mir vor. Sein Haar, das er über die Schultern rollen ließ, war auf der Mitte des Kopfes geſcheitelt; ſein Schnurrbart war ein wenig aufwärts dreſſirt und ſorgfältig gewichst, und ſein Bischen Kinnflaum, was einen Henri quatre vor⸗ ſtellen ſollte, war höchſt zierlich gelockt; er trug drei äußerſt glücklich contraſtirende Weſten und Sporen von glitzerndem Meſſing. Sein Beſuch währte kaum fünf Minuten, hatte aber offenbar die Abſicht, eine ganz förmliche Breſche in der Familie Bingham zu eröffnen, wobei ich mir den Zweck wenigſtens denken konnte. Meine Verlegenheiten ſollten hiemit ihre Endſchaft noch nicht erreichen; denn kaum hatte ich Mr. Binghams erſte Verbeugung oben auf der Treppe erwiedert, als ein anderes Individuum ſich bei mir einführte. Dieſe Figur war in jeder Beziehung der Widerpart meines letzten Gaſtes. Obſchon vollſtändig nach der neueſten Pariſer Schule des Dandyismus gebildet, ſah man doch, daß die école militaire das Weſentlichſte an ſeiner Er⸗ ziehung geleiſtet hatte. Der Kapitän Eugene von Jon⸗ court, denn als ſolchen ſtellte er ſich vor, war ein ſtatt⸗ licher Mann, etwa fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt und hatte jene Miſchung von Bonhommie und Trotz in ſeinen Zügen, weiche die Krieger der napoleoniſchen Armee entweder erkünſtelten oder wirklich beſaßen. Seine Züge, die man wirklich hübſch nennen konnte und die einen angenehmen Ausdruck hatten, waren, wie es ſchien, durch einen ungemein kriegeriſch und ſchrecklich ſein ſollenden Backen⸗ und Schnurrbart aus ihrer urſprüng⸗ lich gutmüthigen Richtung abgelenkt worden, und das routinirte Stirnrunzeln ſowie das ſchnelle Aufblitzen ſeines dunklen Auges waren offenbar blos die anerwor⸗ benen Vortheile ſeiner militäriſchen Laufbahn; ein hübſcher Mund mit auffallend regelmäßigen und guten Zähnen 128 benahm dem trotzigen Ausſeben ſeines obern Geſichts nicht wenig und trug mit Hülfe einer ſehr angenehmen Stimme dazu bei, einen günſtigen Ausdruck hervorzu⸗ bringen: ſeine Kleidung war ein kurzer blauer Schnür⸗ rock mit dem Band der Ehrenlegion geſchmückt; aber weder dieſe beiden Dinge noch das Klirren ſeiner lan⸗ gen Reiterſporen wären nothwendig geweſen, um Dich zu überzeugen, daß der Mann ein Soldat war; außer⸗ dem bekandete ſich in ſeinem ganzen Benehmen jene Miſchung von Höflichkeit und Taktfeſtigkeit, welche deutlich zeigte, daß er vollſtändig an die Gebräuche der beſten Geſellſchaft gewöhnt war. „Darf ich mir die Frage erlauben,“ ſagte er, in⸗ dem er ſich langſam ſetzte, ob dieſe Karte Ihren Na⸗ men und Ihre Adreſſe enthält?“ Und dabei überreichte er mir eine meiner Viſitenkarten. Ich antwortete ſo⸗ gleich: Ja. „Sie ſind alſo engliſcher Militär?⸗ „Ja.“ „Dann werden Sie entſchuldigen, daß ich Sie mit dieſen Fragen beläſtige, und mir erlauben, Ihnen den Grund meines Beſuches auseinanderzuſetzen. Ich bin der Freund des Baxrons von Haulpenne, mit welchem Sie geſtern Nacht im Salon den Wortwechſel hatten, und in deſſen Namen ich gekommen bin, Sie um die Adreſſe eines Freundes von Ihrer Seite zu erſuchen.“ „Ho, ho,“ dachte ich, der Baron iſt alſo der ſtäm⸗ mige Gentleman, den ich geſtern ſo unbarmherzig am Fenſter herumpuffte; aber wie kam er zu meiner Karte? und überdies ſehe ich bei einem Streite dieſer Art gar nicht ab, wie die Sache über die Ereigniſſe des Augen⸗ blickes hinausgezogen werden kann.“ Dies waren die Gedanken, die mir eine Sekunde Zeit wegnahmen und, behor ich etwas antworten konnte, fuhr der Kapitän ort: „Sie ſcheinen den Umſtand vergeſſen zu haben, und icc wünſchte dies wirklich auch zu koͤnnen; aber unglück⸗ 1²9 licherweiſe ſagt Haulpenne, Sie haben ihn mit Ihrem Stocke geſchlagen und bei einem ſolchen Stand der Dinge, gibt es, wie Sie wiſſen, nur ein einziges Mittel.“ „Nur ſachte,“ ſagte ich,„ich hatte geſtern Abend gar keinen Stock.“. „O, ich bitte um Verzeihung,“ unterbrach er mich; „aber mein Freund iſt in ſeiner Ausſage äußerſt be⸗ ſtimmt; er erklärt, der Streit habe ſich vom Salon bis auf die Straße fortgeſponnen, wo Sie ihn geſchlagen und ihm zu gleicher Zeit Ihre Karte zugeworfen haben. Zwei unſerer Offiziere waren gleichfalls zugegen, und obſchon, wie aus Ihrer dermaligen Vergeßlichkeit her⸗ vorgeht, die Sache in der Hitze und Aufregung des Augenblicks ſtattgefunden haben mag, ſo iſt doch im⸗ merhin—“ „Aber immerhin,“ ſagte ich, ihm das Wort aus dem Munde nehmend,„habe ich den Gentleman, den Sie beſchrieben, nicht geſchlagen— es hat auf der Straße kein Wortwechſel ſtattgefunden—— und—— „Iſt das Ihre Adreſſe?“ fragte der Franzmann mit einer leichten Verbeugung.„ „Ja, allerdings iſt ſie es.“ „Nun denn,“ ſagte er mit einer leichten Verzie⸗ hung ſeiner Oberlippe— halb Lächeln, halb Hohn. „Oh ſeien Sie ganz ohne Sorgen, verſetzte ich. „Wenn irgend Jemand durch Zufall von meinem Na⸗ men Gebrauch gemacht hat, ſo ſoll durch dieſes Miß⸗ verſtändniß Niemand zu Schaden kommen. Ich werde gang zu Ihren Dienſten ſein, ſo bald ich einen Freund nde, an den ich mich wenden kann.“ Es koſtete mich viele Mühe, dieſe wenigen Worte mit dem gebührenden Grade von Gelaſſenheit zu ſagen, ſo erbittert war ich über das unverſchämte Benehmen des Franzmannes, deſſen Kaltblütigkeit und Höflichkeit mit jedem Augenblick nur zuzunehmen ſchien. „Dann habe ich die Ehre, mich Ihnen zu empfeh⸗ 130 len,“ ſagte er mit ſehr milder Stimme, indem er ſich erhob;„zugleich will ich mir die Freiheit nehmen, zur Belehrung Ihres Freundes meine Karte hier zu laſſen.“ So ſprechend legte er ſeine Karte auf den Tiſch— „Le Capitaine Eugène de Joncourt, Cuirassier de la Garde.“ „Ich brauche Sie wohl nicht daran zu erinnern, daß ſchene Beförderung der Sache ſehr wünſchens⸗ werth iſt.“ „Ich werde keinen Augenblick verlieren,“ ſagte ich, als er mit der vollkommenen renommirenden Noncha⸗ lance, worin ein Franzos immer Meiſter iſt, die Treppe des Hotels hinabraſſelte; dann kehrte ich auf mein Zim⸗ mer zurück, um über meine zahlreichen Verlegenheiten nachzudenken und mich über die Schwierigkeiten zu be⸗ fnen⸗ deren Zahl zu vermehren jeder Augenblick bei⸗ rug. 1„Die Anklage hat freilich vielerlei Punkte,“ dachte „Für's erſte— ein halb ſtillſchweigendes, aber als ganz genommenes Verſprechen, eine junge Lady zu hei⸗ rathen, mit welcher ich, offen geſtanden, die Reiſe durch dieſes Leben blos bis Baden zu machen beabſich⸗ ge.“ „Zweitens eine Klage auf Betrug— denn dahin lautet die Anſchuldigung im Salon. „Drittens ein unverantwortlicher Aufſchub meiner Reiſe zu Callonby, bei denen ich ſtündlich mich zu com⸗ promittiren in Gefahr bin; und letztens die Ausſicht auf ein Duell mit irgend einem verwünſchten Franzo⸗ ſen, der ſich in dieſem Augenblick auf einer Piſtolen⸗ galerie einübt.“ Solcher Art waren die Hauptpunkte meiner Be⸗ trachtungen, und ſolcher Art die unangenehmen Ein⸗ drücke, mit denen mein Beſuch in Paris ſich eröffnen ſollte; welche Folgen ſie nach ſich zogen, erſpare ich auf ein anderes Kapitel. — Zehntes Kapitel. Capitän Trevianion's Abenteuer. Da der Tag ſich jetzt ſchnell ſeinem Ende zuneigte, und ich immer noch Niemand hatte, den ich zum Se⸗ kundanten brauchen konnte, ſo machte ich mich auf, um die verſchiedenen großen Hotels der Nachbarſchaft zu durchſuchen, in der Hoffnung, von meinen zahlreichen Bekannten wenigſtens den einen oder andern in Paris zu treffen. Mit dem äangftlichſten Auge durchmuſterte ich die Liſten der Neuangekommenen in den gewöhnli⸗ chen Abſteigequartieren meiner Landsleute in der Rue Rivoli und auf dem Vendomeplatze, aber ohne Er⸗ folg; es waren lange Reihen von Lords mit ihren Ku⸗ Fiere aufgezählt, allein kein Name von allen war mir ekannt. Ich begab mich in Galignani's Buchhandlung, die, obſchoa immer vollgedrängt von Engländern, mir nicht ein einziges Freundesgeſicht entgegenführte. Von da wandte ich mich ins Palais ropal, und endlich ſetzte ich mich, gänzlich erſchöpft von dem ewigen lnerge. den und krank vor Aerger, im Tuileriengarten auf eine ank. Kaum war ich einige Minuten da, als ein Gent⸗ leman mich engliſch anredete und ſagte:„Darf ich fragen, ob das Ihnen gehört?“ Dabei hielt er mir eine Brieſtaſche entgegen, die ich unachtſamerweiſe mit meinem Schnupftuch herausgezogen und auf den Bo⸗ den geſchleudert hatte. Als ich ihm für ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit gedankt hatte und mich bereits abwenden wollte, merkte ich, daß er mich fortwährend ſehr feſt anſah. Endlich ſagte er; „Ich glaube mich nicht zu täuſchen; ich habe ge⸗ wiß das Vergnügen, Mr. Lorrequer zu ſehen, der ſich vielleicht meines Namens erinnern wird, Trevanion vom 43ſten. Das letzte Mal trafen wir uns in Malta.“ „O ich entſinne mich recht gut; ich müßte in der That ſehr undankbar ſein, wenn ich es nicht thäte, denn für ihre freundlichen Dienſte dort bin ich Iyhnen zeit⸗ lebens verpflichtet. Sie erinnern ſich gewiß noch des Straßenſkandals vor der Kaſerne.“ „Ja, es war dieß eine etwas lebhafte Affaire; aber bitte, wie lange ſind Sie ſchon hier?“ „Eiſt einige Tage und ich brenne vor Verlangen ſo bald als möglich wieder abzureiſen; denn abgeſehen von dringenden Gründen, mich anderswohin zu wün⸗ ſchen, habe ich ſeit meiner Ankanft nichts als Aerger und Verdruß gehabt und bin in dieſem Augen⸗ blick in ein Duell verwickelt, ohne mir die min⸗ deſte Veranlaſſung denken zu können, und was noch ſchlimmer iſt, ohne den Beiſtand eines einzigen Freun⸗ des, der die erforderlichen Unterhandlungen für mich übernähme.“ „Wenn meine Dienſte Ihnen irgendwie—— „O, mein lieber Kapitän, dieß iſt wirklich eine ſolche Gefälligkeit, daß ich Ihnen gar nicht ſagen kann, wie ſehr ich Ihnen danke.“ „Kein Wort davon, ſondern ſeien Sie verſichert, daß ich gänzlich zu Ihrer Verfügung ſtehe; denn ob⸗ ſchon wir nicht ſehr alte Freunde ſind, ſo habe ich doch von einigen unſerer Leute ſo viel von Ihnen ge⸗ hört, daß es mir iſt, als wären wir ſchon lange mit einander bekannt.“ Dieß war ein ungeheures Glück für mich; denn unter allen meinen Bekannten war er am beſten geeig⸗ net, in dieſem Augenblick mir zur Seite zu ſtehen. Außer einer vollſtändigen Kenntniß des Feſtlandes und ſeiner Gewohnheiten ſprach er geläufig franzöſiſch und war ſeit geraumer Zeit für eine ſehr ausgebreitete militäri⸗ ſche Bekanntſchaft die rennommirteſte Autorität in Duell⸗ ſachen geweſen;z denn er verband mit einem vollendeten 133 Takt und merkwürdiger Feinheit in ſeiner Diplomatie eine Gemüthsruhe, weiche ſich niemals erſchüttern ließ, und den makelloſeſten Ruf für Muth. Mit einem Wort, wer Trevanion zum Selundanten hatte, der durſte nicht blos auf alle günſtigen Chancen hoffen, ſondern, was noch beſſer war, mit Sicherheit darauf rechnen, daß er ſich mit Ehren aus der Sache ziehen werde, mochte ſie nun ein Ende nehmen, welches ſie wollte. Es war der Einzige unter allen meinen Bekann⸗ ten, der ſich viel mit Händeln dieſer Art abgegeben hatte und doch niemals und unter keinen Verhaͤltniſſen zum Eiſenfreſſer ausgeartet war; ruhigere, an pruchs⸗ loſere Manieren konnte man unmöglich finden, und bei den verſchiedenen Anekdoten, die ich von ihm gehört, habe ich jederzeit einen Grad von Geduld entdeckt, welchen Leute von weniger bekannten Tapferkeit ſich nicht erlauben dürften. Wurde er dagegen einmal durch et⸗ was, das einer vorüberlegten Inſulte, einer abſichtli⸗ chen Beſchimpfung glich, in Harniſch gebracht, dann war er geradezu unbändig, und es mochte gerathener ſein, den Löwen in ſeiner Höhle am Bart zu zupfen, als ihm über den Weg zu kommen. Unter den vielen Geſchichten, und es waren in ſeinem Regiment ſehr viele über ihn im Umlauf, war eine ſo ausnehmend charakteriſtiſch für den Mann, daß ich ſie, da ich ſei⸗ nen Namen hier beiläufig erwähnt habe, erzählen will, wobei ich freilich vorausſchicken muß, daß ich, da ſie wohl bekannt iſt, für manche meiner Leſer vielleicht nur etwas Oftgehörtes wiederhole. Als das Regiment, bei welchem Trevanion ſtand, der Occupat onsarmee in Paris beigegeben wurde, ließ man ihn ernſtlich krank an den Folgen einer bei Waterloo erhaltenen Säbelwunde in Verſailles zurück und ſein Wiederaufkommen war im Anfang äußerſt zweifelhaft. Nach Verfluß mehrerer Wochen kam er je⸗ doch außer Gefahr und war im Stande, die Beſuche Bekenntniſſe Lorrequers. II. 9 machen. ſeiner Kameraden zu empfangen, wenn ſie je ſo glück⸗ lich waren, auf einen Tas Urlaub zu erhalten und hieherzueilen, um ihn zu ſehen. Von ihnen erfuhr er denn, daß während der Dauer ſeiner Krankheit einer ſeiner älteſten Freunde im Regiment in einem Duell gefallen und zwei andere Offiziere gefährlich verwun⸗ det worden waren— der eine ſo, daß er wohl nicht mehr davonkommen werde. Als er ſich nach den Grün⸗ den dieſer vielfachen Unglücksfälle erkundigte, erzählte man ihm, daß ſeit dem Einzug der Alliirten in Paris die franzöſiſchen Offiziere, kochend vor Wuth und Ent⸗ rüſtung über ihre letzte Niederlage und voll Schmerz über ihre ſtündliche Beſchimpfung, welche ſie in der Anweſenheit ihrer Ueberwinder erblicken, auf alle nur erdenkliche Arten Gelegenheit zu Hader ſuchen, aber immer die Sache ſo ſchlau einleiten, daß die Gegen⸗ partei fordern müſſe und ihnen ſelbſt die Wahl der Waffen überlaſſen bleibe. Wenn man nun bedenkt, daß die Franzoſen die erfahrenſten Degenkämpfer in Europa ſind, ſo kann über den Ausgang ſolcher Ge⸗ fechte wenig Zweifel obwalten, und in der That ver⸗ ging kein Morgen, ohne daß drei oder vier engliſche oder preußiſche Offiziere, wo nicht todt, ſo doch ſchwer verwundet und verdammt, ihr Lebenlang die Qualen wilder, blutdürſtiger Rachſucht mit ſich herumzutragen, die Barrière de l'Etoile hereingebracht wurden. Als Trevanion dieſe trübſelige Erzählung anhörte, und kaum ein Tag verging, ohne die lange Liſte der Unglücksfalle zu vermehren, merkte er ſogleich, daß die ruhige Haltung und das anſpruchsloſe Benehmen, welche den engliſchen Offizier ſo ſtark charakteriſiren, von ihren franzöſiſchen Gegnern als Mangel an Muth ausgelegt wurden, und ſay, daß gegen einen ſolch ſyſtematiſchen Mordplan kein gewöhnliches Mittel angewandt werden konnte, ſondern daß ſchlechterdings ein Staatsſtreich nothwendig war, um ihm ein für allemal ein Ende zu 135 In der Geſchichte dieſer blutigen Kämpfe kehrte beſtändig ein Name wieder, gewöhnlich als die Haupt⸗ perſon, manchmal aber auch als Aufſtifter zum Streite. Es war dieß ein Offizier eines Chaſſeurregiments, der im Rufe ſtand, der beſte Fechter im ganzen franzöſiſchen Armeecorps zu ſein, und ſich nicht weniger durch ſeine Gewandtheit in den Wafſen auszeichnete, als durch ſei⸗ nen grenzenloſen Haß gegen die Britten, mit welchen allein er unter allen alliirten Truppen beſtändig anzu⸗ binden ſuchte und allgemein dafür bekannt war. Ja ſo gefeiert war der Kapitän Auguſtin Gendemar wegen ſeiner Verfolgungen, daß er, was damals Jedermann in Paris wohl wußte, der Präſident eines Duellir⸗ Klubbs war, welcher den ausdrücklichen und eingeſtan⸗ denen Zweck hatte, zu Inſulten aufzureizen und jeden engliſchen Offizier, dem man etwas anhängen konnte, beinahe mit Gewißheit zum Tode verurtheilte. Das Café Philidor, damals in der Rue Vivienne, war der Sammelplatz dieſer achtungswürdigen Geſell⸗ ſchaft, und hier herrſchte der Kapitän mit oberſter Ge⸗ walt, Berichte einziehend über die verſchiedenen„Affai⸗ ren,“ die obſchwebten, Rath ertheilend und Plane für die Zukunft ſchmiedend. Sein gewaltiger Einfluß bei ſeinen Landsleuten war vollkommen unbeſtritten, und da er große Muskelkraft beſaß, ſo wie jenes eigenthüm⸗ lich trotzige Aeußere, ohne welches der Muth in Frank⸗ reich nichts gilt, ſo eignete er ſich in jeder Beziehung zu dem ſchändlichen Rädelsführeramt, das er an ſich gezogen hatte.— 3 3 Unglücklicherweiſe pflegten in dieſem ſelben Café, das in dem ſogenanten engliſchen Viertel lag, die Offi⸗ ziere des 43ſten Regiments zuſammen zu kommen, ohne alle Kenntniß von den Complotten, womit ſie umge⸗ ben wurden, und ohne alle Ahnung von dem verwor⸗ renen Gewebe überlegter und kaltblütiger Mörderei, worein man ſie verwickelte; und hier hatte der Streit ſtattgefunden, welcher den Tod von Trevanion's Freund 136 einem ſehr hoffnungsvollen und bei ſeinem Regiment allgemein beliebten Offizier, zur Folge hatte. Als Trevanion dieſe Erzählungen hörte, wurde ſeine Ungeduld täglich größer, daß ſein geſchwächter Zu⸗ ſtand ihn verhindern ſolle, unter ſeinen Kameraden zu ſein, zu einer Zeit, wo ſein Rath und Beiſtand ſo ge⸗ bieteriſch gefordert wurden, und wo ſie, wie er trotz aller ihrer Beſorgtheit um ſeine gänzliche Wiederher⸗ ſtellung deutlich genug ſehen konnte, ſo ſehnſüchtig nach ihm verlangten. Endlich kam der Tag, und zu einer Aehnlichkeit mit ſeinem frühern Selbſt wieder hergeſtellt, erſchien Trevanion von Neuem an der Offtzierstafel ſeines Re⸗ giments. Unter den vielen aufrichtigen und herzlichen Glückwünſchen über ſein wiedergewonnenes Ausſehen fehlte es nicht an halben Winken und Andeutungen, daß er ſich für einige kurze Zeit noch nicht viel in der Welt zeigen möchte. Auf dieſe freundſchaftlichen Ermahnun⸗ gen antwortete Trevanion mit einem gutmüthigen La⸗ chen und der muntern Verſicherung, daß er ihre wohl⸗ meinende Freundſchaft erkenne, aber ganz und gar nicht geneigt ſei, ſich von Neuem auf die Invalidenliſte ſetzen zu laſſen.„In der That,“ ſagte er,„ich bin hieher gekommen, um das Leben ein wenig zu genießen, nicht um es zu riskiren; aber unter den Merkwürdigkeiten Euerer luſttigen Hauptſtadt wünſche ich vor allem Euern famoſen Kapitän zu Geſicht zu bekommen, von dem ich zu viel gehört habe, um nicht einiges Intereſſe für ihn zu empfinden.“ Trotz der vielen Einwendungen hiegegen, welche die Abſicht hatten, ſeinen Beſuch im Philidor auf eine ſpätere Periode zu verſchieben, wurde zuletzt beſchloſſen, daß ſie ſich noch am nämlichen Abend in Maſſe nach dem Café begeben wollen, aber mit der ausdrücklichen Beſtimmung, jede Urſache zu Hader ſtreng zu vermei⸗ den und nur ſo lange dazubleiben, bis Trevanion Zeit 137 gehabt hätte, ſeine Neugierde in Beziehung auf die Per⸗ ſonalia des berühmten Kapitäns zu befriedigen. Es war ein wenig vor der Zeit, da ſich das Café zu füllen pflegt, als eine Anzahl engliſcher Offiziere, und unter ihnen Trevanion in den Salon des Pbilt⸗ dor trat; da ſie beſchloſſen hatten, keine ungewöhnliche Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, ſo theilten ſie ſich in kleine Gruppen und Partien von drei und vier, und zerſtreuten ſich in dem Zimmer, wo ſie entweder ihren Kaffee ſchlürſten oder Domino ſpielten, damals wie jetzt das Hauptvergnügen eines franzöſiſchen Café. Die Glocke über dem Comptoir ſchlug acht, und in demſelben Augenblick erſchien ein Kellner mit einem kleinen Tiſch, den er neben das Feuer ſtellte, richtete dann eine Lampe zurecht, ſtellte einen breiten Lehnſtuhl davor und war eben im Begriff, ſich zurück zu ziehen, als Trevanion, deſſen Neugierde durch die Eigenthüm⸗ lichkeit dieſer Zurüſtungen erweckt wurde, ihn fragte, für weſſen Behagen dieſelben gemünzt ſeien. Der Kell⸗ ner ſtarrte bei dieſer Frage einen Augenblick mit einer Miene, als zweifelte er, ob ſie ernſtlich gemeint ſei, unndd antwortete endlich—„für den Herrn Capitän, ſo viel ich weiß,“ mit einer gewiſſen bedeutſamen Beto⸗ nung der letzten Worte.. „Den Kapitän! Aber was für einen Kapitän?“ ſagte Trevanion fahrläßig,„denn ich bin ein Kapitän und dieſer Gentleman da iſt einer— und dort ſitzt wieder ein anderer,“ dabei warf er ſich gleichgültig in den wohlgepolſterten Stuhl und ſtreckte ſeine Beine ihrer vollen Länge nach gegen das Kamin aus.. Der Blick des Entſetzens, weichen dieſes ruhige Verfahren von ſeiner Seite dem Kellner entlockte, be⸗ fremdete ihn dermaßen, daß er nicht umhin konnte zu ſagen—„Was iſt Ihnen, mein Freund, ſind Sie unwohl?“ „Nein, mein Herr, ich bin nicht unwohl; mit mir —ÿ——ÿy—— iſt es nichts, aber Sie, Sir, Sie, Sir, bitte, gehen Sie weg.“ „Ich,“ ſagte Trevanion,„ich! ei, mein lieber Mann, ich war in meinem Leben nie wohler; bringen Sie mir jetzt nur meinen Kaffee und den Moniteur, wenn er zu haben iſt, und nun ſtieren Sie mich nicht ſo an, ſondern thun Sie, wie ich befehle.“ Es lag in dem ſichern Ton dieſer wenigen Worte etwas, das jedes aufſteigende Gefühl des Kellners für ſeinen Auftraggeber entweder verſcheuchte oder zurück drängte, dann ſchweigſam ſeinen Kaffee und die Zeitung überreichend, verließ er das Zimmer, nicht jedoch ohne bei ſeinem Abſchied einen Blick ſo voll Angſt und Schreck auf ihn zu werfen, daß unſer Freund ſich eines Lächelns nicht erwehren konnte. Alles dieß war das Werk we⸗ niger Minuten, und erſt, nachdem das Geräuſch neu⸗ angekommener Gäſte die Aufmerkſamkeit ſeiner Kame⸗ raden auf ſich gezogen, merkten ſie, wo er ſich aufge⸗ pflanzt, und welcher Gefahr er ſich ſomit, unwiſſentlich, wie ſie meinten, ausgeſetzt hatte. Inzwiſchen war es jetzt zu ſpät, um Vorſtellungen zu machen; denn bereits hatten mehrere franzöſiſche Offiziere den Umſtand bemerkt und beurkundeten durch ihren Austauſch von Blicken und Zeichen offen ihr Ver⸗ gnügen darüber und ihren Hochgenuß an der Kata⸗ ſtrophe, die für den unglücklichen Engländer unvermeid⸗ lich ſchien. In großem Jammer dagegen über ihren Fehler, ihm von dem geheiligten Charakter dieſes Platzes Nichts geſagt zu haben, ſtanden Trevanions Kameraden ſchwei⸗ gend da und ſahen ihm zu, wie er, augenſcheinlich von den Dingen und Perſonen um ihn her nichts wiſſend, ſeinen Kaffee weiter ſchlürfte. Es herrſchte jetzt eine ungewöhnliche Stille in dem Café, das zu allen Zeiten durch das ruhige und ge⸗ räuſchloſe Benehmen ſeiner Gäſte bekannt war, als die Thüre von dem dienſteifrigen Kellner aufgeworfen * 139 wurde, und der Kapitän Auguſtin Gendemar eintrat. Er war ein großer, vierſchrötig gebauter Mann, mit einem äußerſt wilden Ausdruck des Geſichtes, dem ein buſchiger Backenbart und ein zottiger, überhängender Schnurrbart trefflich zu Statten kamen. Seine Augen waren von tiefen, vorliegenden Wimpern und langen, ſchief darüber hängenden Brauen beſchattet, welche ihrem durchbohrend ſcharfen Blick etwas Widerliches gaͤben; in ſeinem ganzen Weſen und Benehmen lag jene gewiſſe franzöſtſche Art renommirender Eiſenfreſ⸗ ſerei, wie man ſie immer bei Leuten bemerkt hat, die von der Pike auf gedient und den raufboldartig trotzi⸗ gen Blick beibehalten haben, der ihrem frühern Ruf für Muth beſonderes Verdienſt gab. Die freundlichen Begrüßungen ſeiner Landsleute erwiederte er auf höchſt geringſchätzige und kalte Weiſe, indem er einen Blick der Verachtung um ſich warf, als er auf ſeinen gewohnten Platz am Feuer los ging; dieß that er mit ſo viel Getöſe und ungezogenem Lärm, als nur möglich war; er ließ ſeinen Säbel hinter ſich her raſſeln, klirrte mit den Sporen, trat ſo ſchwerfällig als möglich, ja eigentlich maſtig wie ein Elephanten⸗ kalb auf, um die gewünſchte Aufmerkſamkeit zu erwe⸗ cken. Trevanion allein nahm keine Notiz von ſeinem Eintritt und ſchien gänzlich in die Spalten ſeines Jour⸗ nals verſunken, von welchem er die Augen nicht auf⸗ ſchlug. Der Kapitän erreichte endlich die Feuerſtelle, ſah aber nicht ſobald ſeinen gewohnten Platz in Beſitz eines andern, als er vor Ueberraſchung und Aerger einen Schritt zurück ſtarrte. Was ſein erſter Gedanke geweſen ſein mag, iſt ſchwer zu ſagen, denn das Blut ſtrömte ihm in Ge⸗ ſicht und Stirne, er ballte feſt ſeine Hände und ſchien für einen Augenblick, indem er den Fremdling anſchaute, einem Tiger zu gleichen, der im Begriff iſt, auf ſein Opfer loszuſpringen; dies währte jedoch nur eine Se⸗ kunde, denn er drehte ſich raſch gegen ſeine Geſellſchaft um, warf ihr einen eigenthümlich bedeutungsvollen Blick zu, indem er zwei Reihen weißer Zähne zeigte mit einem Gegrinſe das zu ſagen ſchien: Ich habe meinen Plan entworfen; und das hatte er auch. Mit donnernder Stimme befahl er j tzt dem Kellner, ihm einen Stuhl zu bringen, riß ihm denſelben barſch aus der Hand und ſtieß ihn krachend auf den Boden, dem Trev nions unmittelbar gegenüber und ſo nahe bei demſelben, daß er ſich kaum ſetzen konnte, ohne ihn zu berühren. Die geräuſchvolle Heftigkeit dieſes Verfahrens ſchien Trevanions Aufmerkſamkeit endlich rege gemacht zu haben, denn er blickte jetzt zum erſtenmal von ſei⸗ nem Papier auf und ſah ſein vis-à-vis ruhig an. Man kann ſich keinen ſtärkern Contraſt gegen den freundlichen Blick und höflichen Ausdruck in Trevanions hübſchem Geſichte denken, als den wilden, hohnvollen Trotz des wüthenden Franzmannes, in deſſen Zügen das heftige, ſchlecht unterdrückte Gewühle der Leidenſchaft jede ein⸗ zelne Linie ſichtbarlich verzerrte; in der That konnten keine Worte eine halb ſo ſtarke Inſulte ausſprechen, wie dieſer Blick— eine offene, handgreifliche, in⸗ grimmige, feſtbeſchloſſene Inſulte. Trevanion, der blos einige Sekunden lang von ſeinem Papier aufgeſchaut hatte, ſenkte ſeine Augen wieder und ſchien nicht die mindeſte Notiz von der Nähe des Franzoſen zu nehmen, noch weniger aber von dem wilden, infultirenden Charakter ſeiner Blicke. Der Kapitän, dem es alſo nicht gelang, auf dieſe Weiſe die gewünſchte Erklärung herbeizuführen, ſuchte ſeinen Zweck jetzt durch andere Mittel zu erreichen; er nahm die Lampe, bei deren Licht Trevarion fortwäh⸗ rend las, ſtellte ſie auf ſeine Seite des Tiſches, ſtreckte dann ſeinen Arm aus und riß ihm das Journal aus der Hand, wobei er einen triumphirenden Blick auf die Umſtehenden warf, als wollte er ſagen: Ihr ſeht, was er ſich gefallen laſſen muß. Worte vermögen das Stau⸗ nen der brittiſchen Offiziere nicht zu beſchreiben, als —— —— — — 141 ſie Trevanion bei dieſer plumpen, offenen Beſchimpfung ſich mit einem leichten Lächeln und halben Bück ing, wie wenn er eine Höflichkeit erwiederte, begnügen und dann, gleich als wäre er in Gedanken vertieft, ſeine Augen niederſchlagen ſahen, während das triumphirende Hohnlächeln der Franzoſen bei dieſem unerklärlichen Benehmen ſie beinahe zum Wahnſinn brachte. Aber ihre Geduld ſollte eine noch härtere Probe beſtehen, denn in dieſem Augenblick ſtreckte der Kapitän ein ungeheures Bein, das in maſſiven Kanonenſtiefeln ſteckte, aus und ließ krachend die Ferſe auf den Fuß ihres Freundes Trevanion fallen. Endlich läßt er ſich wecken, dachten ſie, denn ein flüchtiges Karmoifinroth zog über ſeine Wange, und ſeine Oberlippe zitterte von einer ſchnellen krampfhaften Verzerrung; aber dieſe beiden Zeichen waren in einer Sekunde vorüber, ſeine Züge blieben ſo ruhig und unbeweglich wie zuvor, und der einzige Beweis, daß er ſich beleidigt fühlte, war, daß er ſeinen Stuhl zurückſchob und ſeine Beine, wie Schutz ſuchend unter denſelben ſtellte. Dieſer letzte Schimpf und die zahme Geduld, wo⸗ mit er aufgenommen wurde, brachte bei den Umſtehen⸗ den ganz die entgegengeſetzte Wirkung hervor, und Blicke unbezähmbarer Wuth und hohnvoller Verachtung wurden unaufhörlich gewechſelt. In der That, hätte nicht das Intereſſe, das die beiden Hauptakteurs auf der Bühne konzentrirt, alles verſchlungen, ſo hätte es ſchon jetzt zu einem feindlichen Zuſammenſloß zwiſchen den Parteien kommen müſſen. Die Glocke des Café's ſchlug neun, um welche Stunde Gendemar ſich jedesmal entfernte, er rief da⸗ her dem Kellner um ſein Gläschen Likör, legte die Zei⸗ tung auf den Tiſch, ſtemmte ſeine beiden Ellenbogen darauf und ſein Kinn in beide Hände und ſiarrte Tre⸗ vanion mit einem Blick des hohnvollſten Triumphes, welcher die Heldenthat des Abends krönen ſollte, offen in's Geſicht. Von dieſer, wie von allen ſeinen früheren In⸗ ſulten ſchien Trevanion ſich immer noch nicht anregen zu laſſen und blickte ihn blos mit ſeinem unveränder⸗ lichen halben Lächeln an; das Gläschen kam; der Ka⸗ pitän nahm es in ſeine Hand, grüßte Trevanion mit einem Nicken der hohnvollſten Vertraulichkeit und fügte mit lauter Stimme, ſo daß er von allen Seiten ge⸗ hört werden konnte, hinzu— Auf Ihren Muth, Eng⸗ länder! Kaum hatte er den Likör ausgetrunken, als Trevanion ſich langſam von ſeinem Stuhle erbob, vor den ſtaunenden Blicken des Franzmannes die koloſſalen Verhältniſſe und gigantiſche Geſtalt eines Mannes ent⸗ wickelnd, der als der größte Offizier in der brittiſchen Armee bekannt war; mit einem Schritt war er neben dem Stuhl des Franzoſen, und mit Blitzesſchnelligkeit faßte er mit der einen Hand ſeine Naſe, während er mit der andern ſein Kinn ergriff, mit der Stärke eines Wehrwolſs ihm den Mund aufriß und in den Hals hinabſpuckte.— So plötzlich war die Bewegung, daß, bevor zehn Sekunden verſtrichen, Alles vorüber war und der Fran⸗ zos, die Fragmente ſeines Kiefers(er war nämlich zerbrochen) mit der Hand haltend, aus dem Zimmer ſtürzte, gefolgt von ſeinen Landsleuten, die von Stund an das Café Philidor mieden; von dem famoſen Ka⸗ pitän war, ſo lange das Regiment in Paris ſtand, nie mehr die Rede. Eilftes Kapitel. Schwierigkeiten. Während wir mit einander nach dem Meurice gingen, ſetzte ich Trevanion meine Lage auseinander⸗ erzählte ihm ausführlich von dem Auftritt im Salon, 4* 143 ſo wie von O'Leary's Gefangennehmung, bat ihn um ſeinen Beiſtand für dieſen und erſuchte ihn, mich aus meinen mannigfachen Verlegenheiten zu erlöſen. Merkwürdig genug— obſchon ich im Anfang von andern Gedanken in Anſpruch genommen, der Sache nur wenig Aufmerkſamkeit ſchenkte— ſchien kein Theil meines ereignißreichen Abends ſo ſtarken Eindruck auf ihn zu machen, wie meine Erzählung, daß ich meinen Vetter Guy geſehen und von ihm den Tod meines Oheims erfahren habe. Bei dieſem Abſchnitt meiner Geſchichte lächelte er ſo bedeutungsvoll, daß ich nicht umhin konnte, ihn um den Grund zu fragen. „Es iſt immer eine unangenehme Aufgabe, Mr. Lorrequer, auf irgend eine Weiſe, wenn auch noch ſo ſchonungsvoll, geringſchätzig von den Anverwandten eines Andern zu ſprechen; und deßhalb, da wir nicht lange genug bekannt ſind— 4 „Bitte,“ ſagte ich,„ſchlagen Sie ſich dieſe Rück⸗ ficht aus dem Sinn und denken Sie nur an die Lage, worin ich mich jetzt befinde. Wenn Sie etwas von dieſer Sache wiſſen, ſo erſuche ich Sie, es mir zu ſa⸗ gen— ich verſpreche Ihnen, alles, was Sie mir mit⸗ theilen, ebenſo gut aufzunehmen, wie es gemeint iſt.“ „Gut denn, ich glaube, Sie haben NRecht; aber vor Allem laſſen Sie mich fragen, wie Sie ihres Oheims Tod erfahren haben, denn ich habe Grund, daran zu zweifeln.“ „Von Guy; er hat es mir ſelbſt geſagt.“ „Wann ſahen Sie ihn und wo?⸗ „Ich hab's Ihnen ja geſagt; geſtern Nacht im Salon.“ 5 „Und können Sie ſich nicht getäuſcht haben?“ „Unmöglich! Ueberdies hat er mir heute Morgen ein Billetchen geſchrieben, da iſt es.“ „Hem— ha— gut, ſind Sie überzeugt, daß es ſeine Handſchrift iſt?“ ſagte Trevanion, als er langſam die Note zweimal überlas. 144 „Das verſteht ſich— doch halt— Sie haben Recht; es iſt nicht ſeine Hand und ich kenne überhaupt, da Sie mich jetzt aufmerkſam machen, dieſe Schrift nicht. Aber was kann das bedeuten? Sie werden doch nicht ſagen wollen, daß ich einen falſchen für ihn ge⸗ nommen habe; denn abgeſehen von allem andern wäre ſeine Kenntniß meiner Familie und der Angelegenheiten meines Oheims ein ſicherer Beweis dagegen.“ „Wirklich ein ſehr verwickelter Handel,“ verſetzte Trevanion nachſinnend.„Wie lange mag es ſein, daß Sie Ibhren Vetter nicht geſehen haben— ich meine vor der letzten Nacht?“ 3 „Mehrere Jahre; gewiß ungefähr ſechs.“ „O, dann iſt es wohl möglich,“ fuhr Trevanion nachdenklich fort,„Sie müſſen wiſſen, Mr. Lorrequer, daß dieſer Handel mir mehr Verlegenheiten in ſich zu ſchließen ſcheint, als Sie glauben, und zwar aus dem einfachen Grunde— ich bin geneigt, zu denken, daß Wi Ihren Vetter geſtern Nacht gar nicht geſehen aben.“ b„Ei zum Henker, darüber glaube ich Ihnen voll⸗ ſtändige Beweiſe in die Hände liefern zu koͤnnen. Sie werden nicht läugnen, daß ich Jemand geſehen habe, der ihm ungemein glich, auch hat er mir mehr als dreitauſend Franken zum Spiele geliehen, und dies ſteht offenbar eher einem Vetter als einem wildfremden Menſchen gleich.“ „Haben Sie das Geld wirklich bekommen?“ fragte Trevanion trocken. „Ja,“ ſagte ich;„Sie ſind doch der hartgläubigſte Menſch, den ich kenne, und ich halte es für ein großes Glück, daß ich zwei von den Bankſcheinen noch in Hän⸗ den habe, denn ſonſt würden Sie mir vermuthlich wieder nicht glauben.“ Hier öffnete ich meine Brief⸗ taſche und zog die Noten hervor. Er nazm ſie, prüfte ſie einen Augenblick aufmerk⸗ ſam, hielt ſie gegen das Licht, faltete ſie wieder zu⸗ 145 ſammen, legte ſie dann in meine Brieftaſche und ſagte —„hdacht' ich's doch— ſie ſind faiſch.“ „Halt,“ ſagte ich,„mein Vetter Guy mag zwar viele tollen Streiche gemacht haben, doy iſt er gänz⸗ lich unfähig—“„ „Ich habe noch nie das Gegentheil behauptet,“ ver⸗ ſetzte Trevanion in demſelben trockenen Tone, wie zuvor. „Nun was können Sie alſo damit meinen? denn ich ſehe keine andere Möglichkeit mehr, entweder muß die Sache wahr ſein, oder kann ich meinen eigenen Sinnen nicht mehr trauen.“ „Vielleicht vermag ich einen Mittelweg auszufin⸗ den,“ ſagte Trevanion;„leihen Sie mir alſo auf etliche Minauten ein geduldiges Ohr, ſo werde ich wohl im Stande ſein, einiges Licht auf dieſen Handel zu wer⸗ fen. Sie haben wahrſcheinlich noch nicht gehört, daß hier in der Stadt Paris ein Menſch iſt, der Ihrem Vetter Guy ſo außerordentlich ähnlich ſieht, daß ſeine vertrauteſten Freunde ihn täglich mit ihm verwechſelt haben, und dieſe Verwechslung kam um ſo häufiger vor, weil beide gewohnt waren, dieſelbe Klaſſe von Geſell⸗ ſchaft zu beſuchen und mit denſelben Leuten umzugehen, was die Schwierigkeit, ſie von einander zu unterſchei⸗ den, bedeutend vergrößerte. Dieſes Individuum, das ſchon zu viele Rollen geſpielt hat, als daß man wiſſen könnte, mit welcher beſondern man es bezeichnen ſollte, gehört der zahlreichen Klaſſe von Subjekten an, die ein hoher Stand der Civiliſation aller Orten erzeugt und auf die Oberfl che der Geſellſchaft hinwirft; er iſt ein Mann von niedriger Geburt und gemeinen Con⸗ nexionen, aber mit den einnehmendſten Manieren, ei⸗ ner unvergleichlichen Gewandtheit und Meiſterſchaft in der Kunſt, aufzutreten, begabt; dieſe Vortheile, ſo wie der Beſitz eines ſcheinbar unabhängigen Vermögens haben ihm den Zutritt zu mehreren Leuten eröffnet, die in der Geſellſchaft gut bekannt und wohl gelitten find und ihm auch, was er weit höher anſchlägt, den Zu⸗ 146 laß in verſchiedenen Klubs verſchafft haben, wo hohes Spiel gäng und gäbe iſt. In dieſer gemiſchten, durch Beluſtigungen aller Art und namentlich durch Spiel (dieſem großen Gleichmacher aller Unterſchiede) zuſam⸗ mengeführten Geſellſchaft haben dieſer Mann und Ihr Vetter Guy einander häuſig getroffen, und in Folge der beſtändigen Anſpielungen auf die ungemeine Aehn⸗ lichkeit zwiſchen ihnen hat Ihr excentriſcher Vetter, der, ich muß es ſagen, in Beziehung auf ſeine Bekanntſchaf⸗ ten nie ſonderlich heikel und wähleriſch war, ſich häufig mit ihren gemeinſchaftlichen Freunden allerlei Späße gemacht, welche dazu beitrugen, die Vertraulichkeit zwi⸗ ſchen beiden zu nähren; ſo kam es denn, daß Mr. Dudley Morewood, denn vas iſt ſein neuer Geſchlechts⸗ name, oft und viel Gelegenheit gehabt haben muß, von Ihrer Familie und Ihren Bekannten zu hören und Er⸗ kundigungen einzuziehen, die er niemals vernachläßigte, obſchon er für den Augenblick keinen unmittelbaren Nu⸗ tzen dabei vorausſehen konnte. Dieſer Mann nun, der von jedem in Paris angekommenen Engländer mit dert gleichen Sicherheit weiß, wie die Polizei ſelbſt, wird ſogleich Ihr Hierſein erfahren haben, und da er von Guy wußte, wie wenig Verkehr er in den letzten Jah⸗ ren mit Ihnen gehabt, ſo wollte er die Gelegenheit nicht hinauslaſſen, die Aehnlichkeit zu benützen, um zu ſehen, ob ſich nicht irgend ein Vortheil erhaſchen ließ.“ „Halt,“ rief ich;„Sie haben mir die Augen voll⸗ ſtändig geöffnet; denn jetzt erinnere ich mich, daß, wäh⸗ rend ich geſtern Nacht fortwährend gewann, dieſer Mann, der an einem andern Tiſche Haſard ſpielte, beſtändig von mir entlehnte, und zwar immer in Gold, die Bank⸗ ſcheine aber, als zu hoch für ſein Spiel, beharrlich ausſchlug.“— „Nun, dabei war ſein Zweck klar genug; denn außerdem, daß er Ihr Gold erhielt, machte er Sie um Mittel, falſche Bankſcheine unter die Leute zu -ringen.“ 1 1⁴⁷ „So habe ich alſo wirklich mit den falſchen Pa⸗ pieren dieſes Schurken geſpielt und gewonnen,“ ſagte ich,„und vielleicht bin ich in dieſem Augenblick bereits als ein Betrüger erſter Klaſſe in das ſchwarze Buch der Polizei eingeſchrieben; aber wes konnte er mit ſei⸗ ner Note von dieſem Morgen beabſichtigen?“ „Dies,“ verſetzte Trevanion,„iſt allerdings ſchwer zu ſagen; nur auf Eines können Sie ſich mit Beſtimmt⸗ heit verlaſſen— die Epiſtel war, was auch ihr Zweck geweſen ſein mag, nicht unnöthig, er vergeudet ſein Pulver nie, wenn der Vogel zu hoch fliegt; wir müſſen alſo geduldig die Entwickelung ſeiner Plane abwarten und uns vor der Hand damit begnügen, daß wir we⸗ nigſtens Etwas wiſſen. Was mich am meiſten über⸗ raſcht, iſt, daß er es gegenwärtig wagt, öffentlich zu erſcheinen, denn erſt vor zwei Monagten hat ein ſehr zweideutiger Streich von ihm die Aufmerkſamkeit der Spielerwelt dermaßen auf ſich gezogen, daß er genöthigt ar, Paris zu verlaſſen, und man glaubte, er werde ie mehr zuruckkehren.“ „So iſt doch wenigſtens ein glücklicher Umſtand vorhanden,“ bemerkte ich,„der, ich darf es wohl ſagen, alle Verdrießlichkeiten, worein dieſer unglückſelige Han⸗ del mich ſtürzen kann, bei Weitem aufwiegt; mein alter Oheim lebt alſo noch. Nicht alle meine vorausgenoſ⸗ ſenen Vergnügungen in Folge meiner neuerworbenen Wohlhabenheit hätten mir ſo große Befriedigung ge⸗ währen können, wie dieſe Thatſache, denn obſchon ich nie ſo ſehr bei ihm in Gunſten ſtand, wie mein Vetter, ſo iſt mir doch das Bewußtſein ſeines Schutzes, das Gefühl des Vertrauens, das von dem zwiſchen uns be⸗ ſtehenden Verwandtſchaftsgrad unzertrennlich iſt— denn ich habe ihn jederzeit als meinen Vater betrachtet— unendlich werthvoller, als der Beſitz von Reichthümern, welche jeden Augenblick die Erinnerung an einen theuern, für immer verlorenen Freund in mir hätten zurückrufen müſſen. Aber ſo viele Gedanken ſtürmen auf mich ein 148 — ſo viele Wirkungen dieſes Handels ſtarren mir in's Geſicht, daß ich in der That nicht weiß, wohin ich mich wenden ſoll, und auch meine Ideen nicht genügend zu ſammeln vermag, um zu beſtimmen, was zuerſt gethan erden muß.“ 4 „Ueberlaſſen Sie das Alles mir,“ ſagte Trevanion. „Es iſt ein v rworrenes Gewebe, doch hoffe ich Ord⸗ nung hineinbringen zu können; inzwiſchen wo wohnt der Militär, denn von allen dringenden Geſchäften muß der Handel mit dem Franzoſen zuerſt abgemacht werden, und obſchon Sie eigentlich nicht verpflichtet find, ihm Satisfaktion zu geben, blos deswegen, weil er Ihre Karte hervorzieht und darauf beſteht, daß Sie für die Beleidigungen eines beliebigen Menſchen, der dieſelbe für ſeine eigene Adreſſe ausgibt, verantwortlich ſeien, ſo halte ich es doch für einen höchſt glücklichen Umſtand, daß Sie, während in dieſem Augenblick ſo ſchwere An⸗ klagen, wie die Ereigniſſe der letzien Nacht in ſich ſchlie⸗ tzen können, über Ihrem Haupte ſchweben, öffentliche Gelegenheit haben, mit einem Gegner im Feld zuſam⸗ menzutreffen, wodurch Sie beweiſen, daß Sie die Pu⸗ blizität nicht fürchten und auch keineswegs die Abſicht hegen, ſich zu verbergen; denn ſeien Sie verſichert, daß die Polizei in dieſem Augenblick von dem Vorgang un⸗ terrichtet iſt, und daß Sie in Folge der Schlaghändel, die ſtattgefunden, nicht übel Luſt hat, das Ganze als einen abgekarteten Plan zu betrachten, und ſich des Eigenthums der Bank zu bemächtigen: ein hier zu Lande eben nicht ſeltenes Mittelchen, wenn man kein Glück gehabt hat. Mein Rath iſt daher, machen Sie vor Allem das Duell ab; ich werde Sorge tragen, daß der Präfekt in Kenntniß geſetzt wird, daß Sie von einem Menſchen, der ſich für Ihren Verwandten ausgegeben, betrogen worden ſind; auch werde ich mich für Ihr Erſcheinen, im Falle Sie je vorgeladen werden ſollten, verbürgen; wenn dies im Reinen iſt, werden wir einen Augendlick Zeit haben, uns ein wenig umzuſehen und 149 die übrigen Punkte dieſes ſchwierigen Geſchäftes in's Auge zu faſſen.“ „Nun, hier iſt die Adreßkarte,“ ſagte ich:„Eu⸗ gene v. Joncourt, Rittmeiſter, Nr. 8, Chauſſee d'Antin.“ „Von Joncourt! zum Henker, das iſt nicht ganz angenehm; er iſt einer der beſten Schützen in Paris and führt den Degen wie ein Teufel; das gefällt mir nicht.“ „Sie vergeſſen, daß er hier blos der Freund und nicht die Hauptperſon iſt.“ „Um ſo beſſer für Sie,“ ſagte Trevanion trocken, „denn ich geſtehe, daß ich Ihnen zwanzig Schritte von ſeinem Piſtol nicht viel für Ihre Chance geben würde; wer iſt alſo der andere?“ „Der Baon von Haulpenne,“ verſetzte ich,„und ſein Name iſt Alles, was ich von ihm weiß; ſogar ſein Ausſehen iſt mir unbekannt.“ „Ich meine ihn ein wenig zu kennen,“ ſagte Tre⸗ vanion;„aber da ſind wir ja am Meurice. Ich will jetzt ſchnell einem Rechtsfreund einige Zeilen ſchreiben, damit er für Mr. O'Leary's Befreiung ſorgt, deſſen Dienſte uns nöthig ſein werden, da hier zu Lande der Brauch beſteht, daß man auf beiden Seiten zwei Per⸗ ſonen hat; und dann an's Werk.“ Nachdem vie Note geſchrieben und abgeſandt war, ſtzte ſich Trevanion in ein Cabriolet, fuhr nach der Chauſſee d'Antin und überließ es mir, ſo gut als mög⸗ lich die Maſſe von Verlegenheiten und Verdrießlichkeiten zu überdenken, worein ein vierundzwanzigſtündiger Auf⸗ enthalt in Paris mich verwickelt hatte. Bekenntniſſe Lorrequers. II. 10 Zwölftes Kapitel. Erklärung. Es war ſieben Uhr vorbei, als Trevanion in Be⸗ gleitung O'Leary's erſchien, und nachdem er mich mit 29 wenigen Worten benachrichtigt, daß ein Rendezvous für den folgenden Morgen in der Nähe von St. Cloud feſtgeſetzt ſei, machte er den Vorſchlag, ſogleich bei Very ein Mittageſſen einzunehmen, nach welchem wir Zeit genug haben würden, die verſchiedenen Schritte zu beſprechen, welche gethan werden müſſen. Als wir zu dieſem Behuf das Hotel verlaſſen wollten, erſuchte mich ein Kellner, Mr. Meurice ein paar Worte mit mir zu erlauben; ich war es zufrieden, trat in das kleine Bureau, wo dieſer Czar aller Hotels auf ſeinem Throne ſitzt, und wie groß war meine Ueberraſchung, zu erfahren, daß ſein Anliegen nichts Geringeres betrug, als daß ich ihn ſehr verbinden würde, wenn ich ihm mein Zimmer im Hotel abtreten wollte, indem meine Gefälligkeit ihn in den Stand ſetzen würde, einen„Mi⸗ lor“ aufzunehmen, der eine Wohnung bet ihm beſtellt 4 habe und demnächſt mit zahlreicher Dienerſchaft an⸗ kommen werde. Da ich argwöhnte, daß vielleicht irgend ein Gerücht über die Ereigniſſe im Frascati meinen Freund Meurice zu dieſem ungebräuchlichen Anſinnen veranlaßt habe, ſo weigerte ich mich barſch und wollte mich eben abwenden, als er, vielleicht weil er errieth, daß ich ſeinen Ausſagen nicht glaube, mir einen offenen „ Brief überreichte und ſagte:„Sie ſehen, Sir, das iſt der Brief, und da ich um einige wenige Zimmer ſehr in Gehränge bin, ſo muß ich jetzt den Schreiber ab⸗ weiſen.“ Als mein Auge die Schrift erblickte, ſtarrte ich zu⸗ rück vor Verwunderung, denn es war die Hand meines —— 2* 151 Vetters Guy, welcher Zimmer beſtellte für Sir Guy Lorrequer, meinen Oheim, der am Ende der Woche in Paris ankommen ſollte. Hätte ich noch Zweifel haben können in Betreff des Betrugs, womit ich übertölpelt worden war, ſo hätte dieſes Schreiben ſie gänzlich ver⸗ ſcheuchen müſſen; doch ich war ja ſchon lange vorher über die Sache aufgeklärt und wunderte mich jetzt nur, wie der falſche Guy— Mr. Dudlei Morewood— es wohl angegriffen, um ſich mir in einem ſo gelegenen Augenblick vorzuſtellen, und durch welche Mittel er in ſo kurzer Zeit mit meiner perſönlichen Erſcheinung be⸗ kannt geworden ſei. Als ich dieſen Umſtand des Briefes gegen Treva⸗ nion erwähnte, konnte er ſeine Befriedigung über den Scharfſinn, womit er das Geheimniß aufgedeckt hatte, nicht verhehlen, während dieſe neue Kunde die vollſtän⸗ dige Richtigkeit aller ſeiner Erklärungen beſtätigte. Indeß wir gegen das Palais royal zuwandelten, bemühte ſich Trevanion, jedoch ohne ſonderlichen Erfolg, meinem Freund O'Leary die Art des Betrugs ausei⸗ nanderzuſetzen, der hier ausgeführt worden ſei, und verſprach für ein ander Mal nähere Enthüllungen über das tugendbegabte Indivivuum, welches den Plan dazu entworfen habe und an Frechheit alle Künſtler ſeines Gelichters überbiete. Wer beim Erwachen die verworrene Erinnerung an einen Traum gehabt hat, worin Ereigniſſe derge⸗ ſtalt vermengt und verwirrt waren, daß ſie keine über⸗ einſtimmende Erzählung bilden, ſondern blos eine Maſſe ſeltſamer, ungereimter Begebenheiten ohne Zweck oder Zuſammenhang, der mag ſich einen Begriff von dem Zuſtand ruheloſer Aufregung bilden, worin mein Ge⸗ hirn ſich abquälte, als die vielen conflictirenden Ideen, welche durch meine letzten Abenteuer hervorgerufen wurden, in ſchneller Reihenfolge vor meinen Geiſt traio. der Glanz, das Getöſe und Gelärme eines fran⸗ 15² zöſiſchen Café ſind ſicherlich nicht die erforderlichſten Mittel, um Jemanden wieder zum Genuſſe ſeiner aus dem Geleiſe getretenen Geiſteskräfte zu verhelfen, und wenn ich ſchon vorher verworren und ſchwindlich ge⸗ weſen war, ſo hatte ich kaum die Schwelle von Very überſchritten, als ich ſchlechterdings nicht mehr wußte, wo mir der Kopf ſtand. Der große Salon war un⸗ gewöhnlich vollgedrängt und mit Mähe erhielten wir Platz an einem Tiſche, wo mehrere andere Engländer ſaßen, unter welchen ich meinen Bekannten von dieſem Morgen, Mr. Eduard Bingham, bemerkte. Außer einer Taſſe Kaffee hatte ich den ganzen Tag nichts genoſſen, und meine verſchiedenen Kümmerniſſe hatten ſo vollſtändig allen Appetit verdrängt, daß die ausgeſuchteſten Leckerbiſſen dieſer weltberühmten Re⸗ ſtauration mich nicht im Mindeſten verlockten, der Champagner allein hatte einen Reiz für mich, und verführt von der eiſigen Kälte des Weines, leerte ich ein Glas um's andere. Dies war alles, was noch fehlte, um die wahnfinnartige Verworrenheit meines Gehirns zu vervollſtändigen, und die Wirkung trat voll⸗ kommen ein: die Lichter tanzten vor meinen Augen, die Kronleuchter wirbelten ringsumher; und was die zerſtreuten Bruchſtücke von Unterhaltung betraf, die von beiden Seiten an mein Ohr ſchlugen, ſo war ich im Stande, mir einen nicht ganz ungenauen Begriff vom Weſen der Verrücktheit zu bilden. Politik und Litera⸗ tur, mexikaniſche Schuldverſchreibungen und Noblet'ſche Beine, Rebhühnerpaſteten und Quarantänege etze, die äußerſte Linke und die bains chinois, Victor Hugo und rouge et noir hatten eine Art großes Ballet in meinem fieberheißen Gehirn gebildet, und ich war voll⸗ ſtändig außer mir ſelbſt; gelegentlich wollte ich auf meine eigenen Verhältniſſe zurückkommen, allein ich war kaum im Stande, einen Gedanken länger als etliche Minuten feſtzuhalten, und gänzlich unfähig, das Falſche vom Wahren zu unterſcheiden. Ich fuhr fort, den Pſeu⸗ 153 doguy mit meinem Vetter zu verwechſeln und mich zu verwundern, wie mein armer Oheim, für den ich die tieffte Trauer anzulegen im Begriff ſtand, möglicher⸗ weiſe daran denken konnte, mich aus meiner Wohnung zu vertreiben. Von meinem Duell am nächſten Mor⸗ gen hatie ich nur die dämmerndſte Vorſtellung und konnte nicht recht begreifen, ob O'Leary oder ich die Hauptperſon ſein ſolle, was mich auch in der That ſehr wenig bekümmerte. In dieſem glückſeligen Zuſtand eines unabhängigen Stilllebens muß ich geraume Zeit zugebracht haben, und da mein gänzliches Schweigen, wenn ich angeredet wurde, oder meine unpaſſenden Antworten meine Geſellſchaft endlich ermüdet zu haben ſchienen, ſo überließen ſie mich dem ununterbrochenen Genuß meiner vergnüglichen Einbildungen. „Hören Sie, Lorrequer,“ ſagte Trevanion endlich, noder ſchlafen Sie, mein theurer Freund? dieſer Gent⸗ leman hat die Güte gehabt, uns auf Morgen nach St. Cloud zum Frühſück einzuladen.“ Ich blickte auf und war juſt im Stande, den wohl⸗ gewichsten Schnurrbart Mr. Edward Bingham's zu erkennen, der einige Worte murmelnd vor mir ſtand, „St. Cloud— Was von St. Cloud?“ fragte ich. „Wir haben morgen dort etwas zu beſorgen.“ „Was iſts O'Leary, können wir gehen?“ „Oh, gewiß— unſer Geſchäft will in der Frühe abgemacht ſein.“ „„Wir nehmen Ihre höfliche Einladung mit Ver⸗ gnügen an—“ Hier beugte er ſich über den Tiſch und wiſperte etwas in mein Ohr, was, kann ich nicht ſagen, aber ich weiß, daß meine Antwort, die jetzt gleichfalls für mich verloren iſt, bei meinen beiden Freunden ein herz⸗ liches Gelächter erweckte.— Meine nächſte Erinnerung iſt, daß ich mich in einer gedrängt vollen Loge im Theater befand. Wie es ſcheint, war O'Leary auf einen Vorſchlag von Seiten 154 der andern Geſellſchaft eingegangen, ſie ins Porte St. Martin zu begleiten, wo Mrs. Bingham und ihre Toch⸗ ter eine Loge genommen hatten. Inmitten all der Un⸗ klarheit, die verworrene Gedanken und Wein in mei⸗ nem Innern hervorgebracht hatten, konnte ich nicht um⸗ hin, eine ſtudirte Höflichkeit und Aufmerkſamkeit von Seiten des Mr. Edward Bingham gegen mich zu be⸗ merken, und meine erſte an Nüchternheit ſtreifende Be⸗ trachtung trat ein, als ich fand, daß für mich an der Seite von Miß Bingham ein Platz aufbewahrt war, von dem ich, auf welche Art und Weiſe kann ich ſchlech⸗ terdings nicht erklären, beinahe ſogleich Beſitz ergriff. Zu all den Aufregungen von Champagner und Punſch laſſe man noch die Anziehungskräfte eines franzöſiſchen Ballets kommen, und zwar mit einer ausnehmend hüb⸗ ſchen Geſellſchafterin an deiner Seite, bei der du be⸗ reits genügende Fortſchritte gemacht haſt, um zu mer⸗ ken, daß du ihr nicht gleichgültig biſt, und ich wage es vorherzuſagen, daß deine Unterhaltung ſich viel wahrſcheinlicher auf Liebeständeleien als auf Staats⸗ wirthſchaft zu lenken, und überdies, daß du während der Ausführung eines einzigen Pas de deux auf der Bühne weit mehr Fortſchritte machen wirſt, als du bisher in zehn Morgenbeſuchen gethan, mit einem ta⸗ delloſen Backenbart und den beſtanliegenden Handſchu⸗ hen in Paris. Ach leider, nur der reiche Mann ge⸗ winnt immer im rouge et noir. Der wohlverſicherte Oſtindienfahrer mit ſeiner Millionenladung kommt glücklich in den Hafen, während das ganze Wagniß eines kecken Veteranen der Woge im Angeſicht ſeiner vaterländiſchen Küſte ſcheitert. So geht es immer; wo der Erfolg alles in allem ſein würde, da kommt er nie, aber ſei nur gleichgültig oder fahrläßig, und das Glück liegt dir zu Füßen, dich bittend und flehend, daß du ſeine Gunſtbezeugungen annehmeſt. Was würde ich nicht um die Hälfte dieſer Beſorgniß, die Miß Bing⸗ ham jetzt ſo gütig zu meinen Gunſten ausſprach, gege⸗ *. 155 ben haben, wenn ſie von den Lippen der Lady Jane Callonby gekommen wäre— wie würde mein Herz um ein leichtes Lächeln von der einen gepocht haben, wäh⸗ rend ich mich undankbar in der offen ausgeſprochenen Bevorzugung von Seite der andern ſonnte! Dies waren meine erſten Gedanken— welcher Art waren die folgenden? 3 „Comment elle est belle!“ ſeate eine Franzöfin, aus der Loge zunächſt bei uns herüberſehend und zu⸗ gleich die Augen eines ſchnurrbärtigen Helden auf meine ſchöne Geſellſchafterin lenkend. Welche Richtung dieſer unerwartete Ausruf mei⸗ nen Gedanken gab! Ich fing jetzt an, ſie aufmerkſa⸗ mer zu betrachten und ſtimmte vollkommen in den Aus⸗ ſpruch der Franzöfin ein. Ich hatte ſie nie zuvor auch nur halb ſo ſchön geſehen. Der große Fehler in ihren Zügen, die äußerſt klaſſiſch, regelmäßig waren, lag in dem eintönigen und gleichförmigen Charakter ihres Ausdrucks. Nun war dies gänzlich verändert. Ihre Wange war leicht geröthet und ihre Augen ſtrahlender als je; während ihre leicht geöffneten Lippen ihrem Ausdruck eine Art von ſprechendem Ernſt gaben, der ſie vollkommen ſchön machte. Ob dies die Veranlaſſung war, vermag ich nicht zu ſagen, aber gewiß fühlte ich mich nie in meinem Leben ſo plötzlich entſchloſſen, mein bisheriges Verfah⸗ ren mit dem entgegengeſetzten zu vertauſchen, wie ich mich jetzt gedrungen fühlte, bei meiner lieblichen Ge⸗ fährtin den aimable zu machen. Und hier muß ich, fürchte ich, in der Ehrlichkeit dieſer Bekenntnißeinzel⸗ heiten geſtehen, daß Eitelkeit gleichfalls Antheil an dem Entſchluſſe hatte. Der angenommene und bevorzugte Anbeter der hübſcheſten Dame in der Geſellſchaft zu ſein, iſt in den meiſten Fällen, auch abgeſehen von andern Verlockungen hiezu, eine mächtige Aufforderung, ſich zum Verzweifeln in ſie zu verlieben. Wie weit meine Erfolge meinen guten Abſichten — 156 in dieſer Beziehung entſprachen, kann ich jetzt nicht ſagen. Ich erinnere mich nur, daß mehr als einmal O'Leary mir etwas wie Vorſi it auf die eine oder an⸗ dere Art zuflüſterte; aber Iſabella's aufmunterndes Lächeln und ihre noch aufmunterndern Reden hatten weit mehr Wirkung auf mich, als alle Beredtſamkeit beider Parlamentshäuſer, wenn ſie ſich meinetwegen hätten anſtrengen wollen, hervorgebracht haben würde. Auch Mrs. Bingham, die, um ihr Gerechtigkeit wie⸗ derfahren zu laſſen, von unſerer Verfahrungsweiſe nur wenig merkte, zeigte von Zeit zu Zeit jene Art von mütterlicher Befriedigung, worüber ſehr junge Män⸗ ner ſich gewaltig freuen und ältere ſich höchlich beun⸗ ruhigen. Als das Stück aus war, gerirte ſich O'Leary als Beſchützer von Madame, während ich Iſabella in ihren Caſchemir hüllte und ihren Arm in den meinigen zog. Was meine Hand mit der ihrigen zu ſchaffen hatte, weiß ich nicht; es bleibt dies eine der unerklärten Ver⸗ wicklungen dieſes ereignißreichen Abends. Es iſt wahr, ich habe eine nebelige Erinnerung davon, einen ſehr ſpitzigen und zartgeformten Finger gedrückt zu haben — und ich entſinne mich auch des Schmerzes, den ich am andern Morgen beim Erwachen in Folge des Drucks eines allzu engen Ringes empfand, der durch irgend einen ſeliſamen Zufall ſeinen Weg an meinen Finger gefunden hatte, für welchen er ſeiner Größe nach nur ſchlecht paßte. „Ich hoffe, Sie ſoupiren mit uns,“ ſagte Mrs. Bingham, als Trevanion ſie in ihren Wagen hob. „Mr. Lorrequer, Mr. O'Lea⸗y, wir erwarten Sie.“ Ich war im Begriff zuzuſagen, als Trevanion rich plötzlich unterbrach mit der Erklärung, wir haben be⸗ reits eine Einladung angenommen, die uns unglück⸗ licherweiſe verhindere; er wünſchte ſofort den Ladies ſchnell gute Nacht und riß mich ſo haſtig hinweg, daß —— 157 ich der ſchönen Iſabella nicht einen einzigen Abſchieds⸗ blick widmen konnte. „Wie, Trevanion,“ ſagte ich,„von was für einer Einlarung träumen Sie? Ich für meine Perſon wäre ſehr gerne mit Binghams nach Hauſe gefahren.“ 3„Das merkte ich,“ antwortete Trevanion ernſt; „und eben deßwegen habe ich mit ſolcher Entſchievenheit eine Sache abgelehnt, die ich ſelbſt mit dem größten 4 Vergnügen angenommen haben würde.“ „Nun, ſo haben Sie die Güte, mir's zu erklären.“ „Nichts leichter als das. Sie haben mir bereits bei Erzählung Ihrer mannigfachen Verlegenheiten von dieſen Leuten genug geſagt, um mich merken zu laſſen, daß dieſelben einen Heirathsplan mit Ihnen vorhaben; und Sie, mein Freund, ſind in der That vollkommen weit genug gegangen, um eine ſolche Erwartung zu ermuthigen. Ihr gegenwärtiger aufgeregter Zuſtand hat Sie dieſen Abend weit genug geführt, und ich konnte nicht dafür ſtehen, daß Sie, bevor das Eſſen zu Ende geweſen wäre, einen förmlichen Antrag gemacht hätten; deßwegen blieb mir kein anderes Mittel, als Mrs. Binghams Einladung mit Entſchiedenheit abzu⸗ lehnen. Aber hier find wir jetzt am rothen Zifferblatt, wir wollen uns einen Hummer und ein Glas Moſel⸗ wein zu Gemüth führen und dann zu Bette, denn wir dürfen nicht vergeſſen, daß wir um ſieben in St. Cloud ſein müſſen.“ „Ah, das iſt ein guter Gedanke von Ihnen mit dem Hummer),“ ſagte O'Leary,„und jetzt, da Sie ſich auf dieſe Dinge verſtehen, beſtellen Sie das Eſſen und laſſen Sie uns ſchmauſen.“ Mit all der gewohnten Flinkigkeit eines Reſtaurant wurde bald ein höchſt appetitliches petit souper vor uns aufgeſtellt, und obſchon die ſpannende Aufregung, die mich bisher beſeſſen hatte, auf einmal gänzlich verſchwunden war, ſo befand ich mich doch bei der — 158 herrlichſten Laune und habe mir's niemals bei einem guten Mahle und guter Kameradſchaft wohler ſein laſſen. Nachdem ich einen vollen Humpen auf die Geſund⸗ heit der ſchönen Iſabella vorgeſchlagen, und alle drei redlich Beſcheid gethan hatten, ſetzte Trevanion auf's Neue auseinander, wie viele weit ernſtlichere Schwie⸗ rigkeiten aus einem einzigen falſchen Schritt in dieſer Beziehung erwachſen würden, als aus allen meinen andern Klemmen zuſammengenommen. Er ſtellte mir dies ſo kräftig vor, daß ich zum erſten Mal die ganze zuſammenhaͤngende Reihe ſchlim⸗ mer Folgen, die ſich unvermeidlich daraus ergeben mußten, zu bemerken anfing und mit redlichem Herzen verſprach, die Rathſchläge, die er mir ertheilen wollte, zu meiner Richtſchnur zu machen. „Ei wie Schade,“ ſagte O'Leary,„daß dieſer Fall nicht mich betrifft. Eine Verbindung, die ich im Sinne habe, abzubrechen, koſtet einen Andern nur ſehr wenig Mühe. Ich habe für dieſe Dinge immer ein ganz eigenthümliches Talent gebabt.“ „Wirklich?“ verſetzte Trevanion,„bitte, laſſen Sie uns Ihr Geheimniß wiſſen; vielleicht ſteht es nicht mehr lange an, ſo haben wir Gelegenheit, Gebrauch davon zu machen.“ „Ja, ſagen Sie's uns,“ redete ich zu. „Wenn ich es thue,“ erklärte O'Leary,„ſo müſſen Sie mir geduldiges Gehör ſchenken; denn meine Er⸗ fahrungen ſind mit zwei Epiſoden aus meinem frühern Leben verknüpft, die, wenn auch nicht ergötzlich, doch wenigſtens belehrend find.“ „Rücken Sie immerhin heraus damit,“ ſagte Tre⸗ vanion;„denn wir haben noch zwei Flaſchen Chamber⸗ tin übrig und müſſen damit fertig werden, ehe wir aufbrechen.“ „Nun es ſei,“ ſagte O'Leary,„da jedoch das, was ich Ihnen jetzt anvertrauen will, ſtreng confidentiell iſt, ſo müſſen Sie mir ein für allemal verſprechen, nie⸗ — 159 mals ſpäter die entfernteſte Anſpielung darauf zu ma⸗ chen, und noch viel weniger in eine unziemliche Luſtig⸗ keit über den Inhalt meiner Erzählung auszubrechen.“ Nachdem wir uns zur Verſchwiegenheit und ge⸗ bührendem Ernſte verpflichtet, begann O'Leary ſeine Geſchichte wie folgt:— Dreizehntes Kapitel. Mr. O'Leary's erſte Liebe. „Die Ereigniſſe, die ich zu erzählen im Begriff ſtehe, fanden während des Vizekönigthums des verſtor⸗ benen Herzogs von Richmond ſtatt. Es ſind alſo ſchon etliche Jährchen darüber verſtrichen, und ich war da⸗ mals jünger und in Beziehung auf meine Kleider etwas ſorgfältiger als jetzt.“ Hier warf der kleine Mann einen Blick ſtoiſcher Befriedigung auf ſeinen wunderlichen An⸗ zug, ſo daß wir beinahe unſern Vertrag vergeſſen und laut aufgelacht hätten.„Nun gut, in jenen wilden, halsſtarrigen Tagen jugendlicher Hitze verliebte ich mich, verliebte mich zum Verzweifeln— und wie es, glaube ich, immer bei unſern jugendlichen Erfahrungen in die⸗ ſer unglückſeligen Leidenſchaft der Fall iſt, der Gegen⸗ ſtand meiner Neigung paßte ganz und gar nicht für mich. Sie war ein ſchlankes, dunkelhaariges, ſchwarz⸗ äugiges Mädchen mit romantiſcher Einbildungskraft und einer Art halbverrückter poetiſcher Glut, die mich oft für ihren Verſtand fürchten machte. Ich bin ein kurzer, ein wenig fetter— ich war nämlich von jeher ſo“— hier tätſchelte er auf eine Weſte, worin Daniel Lam⸗ bert Platz gehabt hätte—„vergnügter kleiner Burſche, liebte Abends meine Auſtern im Pigeon⸗houſe, nebſt 160 andern derartigen Annehmlichkeiten, und haßte Alles, was aufregte oder einen aus der Faſſung brachte, ge⸗ rade wie ich ein Blaſenpflaſter haſſe. Damals alſo, der Teufel ſoll's holen— denn ſo gewiß die Ehen im Himmel geſchloſſen werden, ſo gewiß ſtammen die Liebeständeleien von einem ganz andern Orte her— damals geſchah es, daß ich mich ganz unwiederbring⸗ lich in Lady Agnes Moreton verlieben ſollte. So wahr ich lebe, es treibt mir an dieſem heißen Tage den Schweiß aus, wenn ich an Alles denke, was ich ihr zu liebe durchmachen mußte; denn ſeltſam genug, je mehr ich in ihrer Gunſt vorzurücken ſchien, um ſo mehr ver⸗ langte ſie von mir; das Ding war wie die Jakobs⸗ leiter— wenn ſie zum Himmel führte, ſo war jeden⸗ falls die Reiſe entſetzlich lang und ſehr hart für die Beine von Unſereinem. Da gab es auch keine erdenk⸗ liche Ergötzlichkeit, kein Ding, das ſich noch ſo wenig mit meinem Geſchmack und meinen Fähigkeiten vertrug, ohne daß ſie nicht ſogleich ihr Köpfchen darauf geſetzt hätte; an ein Entrinnen aber war nicht zu denken, ich ſah mich jedesmal genöthigt, mit der Flut zu ſteuern, und der Himmel weiß, ob mich nicht alles das in's Grab gebracht hätte, wäre nicht der glückliche(ich nenne ihn jetzt ſo) Vorfall eingetreten, welcher der Sache für immer ein Ende machte. Einmal ſetzte ſie ſich's in ihr Köpfchen, in einer Yacht zu fahren mit all den Damen⸗ knechten, die ſie umflatterten— ſie hatte nämlich im⸗ mer einen ganzen Schweif von ſolchen Laffen um ſich — junge Aojutanten ihres Vaters, des Generals, und tagdiebende Huſaren mit klirrenden Säbeln und höchſt abgeſchmackten Schnurrbärten— alle billigten den Ge⸗ ſchmack und ſchwatzten ihr ſo viel Anekooten von Kor⸗ ſaren und Schmugglern vor, daß ſie ſich zuletzt nicht mehr zufrieden gab, bis ich— ich, der ich immer lieber auf niedriges Waſſer gewartet und es vorgezogen hätte, den Liffey ſammt all ſeinem ſchwarzen Schlamm zu durchwaten, als in einer Fähre hinüberzuſetzen, denn 161 ich hatte ungemeine Furcht vor der Seekrankbeit— bis alſo ich mich genöthigt ſah, in öffentlichen Blättern ein Luſtboot zu ſuchen und mich, bevor drei Wochen ver⸗ gingen, als Eigenthümer eines klinkerweiſe gebauten Schooners von achtundvierzig Tonnen erblickte, der durch einen Spott des Zufalls„die Woane“ getauft war. Ich wollte, Sie hätten mich geſehen, wie ich jetzt einen Monat lang jeden Morgen an dem Zollhausquai ſtand und Befehle zur Ausrüſtung des kleinen Fahrzeuges ertheilte. Im Anfang wurde ich, wenn die Flut es etwas unſanft auf⸗ und abſchaukelte, gewöhnlich etwas ſchwindelig und taumelig, endlich ader lernte ich es anſehen, ohne daß mir der Kopf wirbelte. Ich begann mich für ein gewaltiges Stück von einem Secemann zu halten, eine Selbſttäuſchung, die bedeutend ermuthigt wurde durch eine ungeheure Jacke und dicke Segeltuch⸗ hoſen, was beides ich, obgleich es in den Hundstagen war, auf ausdrückliches Verlangen meiner Agnes be⸗ ſtändig tragen mußte, denn ſie ſagte, ich habe ſo weit mehr Aehnlichkeit mit Dirk Hatteraick, der, wie ich hörte, einer ihrer Lieblingshelden aus Walter Scott war. Und wirklich nannten auf dieſen Einfall hin ſo⸗ wohl ſie als ihre Freunde mich nur noch den Dirk. „Nun gut, endlich nach, Gott weiß wie vielen, Eatſchuldigungen von meiner Seite und inſtändigen Bitten um Auſſchub wurde ein Tag zu unſerer erſten Fahrt feſtgeſetzt. Ich werde dieſen Tag nie vergeſſen— die ganze Nacht, die ihm vorherging, konnte ich kein Auge zuthun; der Schiffsmann hatte mir in ſeinem ver⸗ wünſchten Seekauderwelſch geſagt, daß wir, wenn der Wind von einer Seite her blaſe, eine kurze, ſtoßende See haben werden; und wenn von einer andern, eine lange, rollende und ſchwellende; und wenn von einer dritten, eine glückliche Vereinigung von beiden— in der That ſchien er's für ausgemacht zu halten, daß es ſchlechterdings nicht von der Seite herblaſen könne, eine Anſicht, in welche ich von ganzem Herzen ein⸗ 162 ſtimmte und mit andachtsvoller Frömmigkeit um eine Windſtille betete, die uns nicht geſtatten würde, unſern Hafengrund zu verlaſſen, ſo daß unſere beabſichtigte Luſtpartie ſich zerſchlagen müßte. Mein Gebet blieb unerhört, dagegen ſtiegen meine Hoffnungen auf einer andern Seite, denn es ſtürmte ſchrecklich die ganze Nacht hindurch, und obſchon gegen Morgen einige Ruhe ein⸗ trat, ſo ging die See doch noch, ſelbſt im Fluſſe, bedeu⸗ tend hoch. „Ich hatte ſoeben voll Vergnügen den Schluß ge⸗ zogen, daß ich für diesmal gerettet ſei, als der Pro⸗ viantmeiſter ſeinen Kopf ins Zimmer ſteckte und ſagte: „Mr. Brail läßt fragen, Sir, ob er heute das neue Schönfahrſegel aufziehen ſoll, da es ein Bischen friſch bläst und die Spieren ihm ein wenig leicht vor⸗ kommen.“. 3. „Zum Henker, er wird uns doch nicht in einem Orkan hinaustreiben wollen; gewiß, Pipes, wir können heute die Ladies nicht mit hinausnehmen.“ „Ei, warum denn nicht? freilich, Sir; es bläst zwar allerdings ein wenig, aber die„Wonne“ iſt ein gutes Seeboot und wir können, wenn es friſcher kommt, nach Arklow oder an den Hool fahren.“ „Ei, dummes Zeug, das iſt doch wahrhaftig kein Vergnügen; überdies werden's ſie gewiß nicht wollen — die Ladies werden's nicht wagen— Sie werden ſchon ſehen.“ „Ei, Sir, die ſind bereits alle an Bord; es ſind acht Ladies in der Kajüte und ſechs auf dem Verdeck; ferner haben wir ſo viele Körbe mit Victualien und Geſchirr bei uns, als ſollte die Fahrt nach Madeira gehen. Kapitän Grantham, Sir, der Offizier mit dem dicken Bart, bereitet Punſch in dem großen Grognapf.“ „An den Folgen dieſes Tags erkläre ich mich un⸗ ſchuldig,“ ſagte ich mit feierlicher Stimme, indem ich eine Segeltuchhoſen anzog und mich anſchickte, aufzu⸗ rechen. 163 „Und das Schönfahrſegel, Sir,“ ſagte der Verwal⸗ ter, der mich nicht verſtand, zum zweiten Mal. „Mir iſt es gleich, welches er nimmt,“ verſetzte ich grämlich;„ich werde bei dieſer eigenfinnigen Geſchichte keine handelnde Rolle übernehmen.“ „Schön, ſchön, ſagte der dumme Wicht,„dann will ich alſo melden, daß Sie kommen und er kann das große Segel aufziehen, denn der Schiffer ſagt, er liebe eine naſſe Jacke, wenn er Gentlemen draußen hat.“ „Nie hat ein Schlachtopfer mit ſchwererem Herzen ein flammenfarbenes Gewand, das Sinnbild des Fa⸗ 7 tums, angelegt und ſeinen Todesgang angetreten, als ich an dieſem Morgen mein Pilotenwamms anzog, um mich zu meinen Freunden zu verfügen. „Meine letzte Hoffnung verließ mich, als ich das kleine Fahrzeug neben dem Quai liegen ſah; denn ich hatte bis jetzt immer noch die Zuverſicht gehegt, beim Herausfahren aus der Docke werde ſich irgend ein Un⸗ fall oder ein Ungeſchick ergeben und uns den Spaß ver⸗ derben. Aber nein; da lag das Schiff, ſelbſt am Anker noch, dermaßen auf und abſchwebend und ſchaukelnd, daß die Leute nicht auf dem Verdeck ſtehen konnten, ohne ſich feſtzuhalten. Jamitten des Stroms von Kom⸗ plimenten über die Vollendung aller meiner Anordnun⸗ gen und unter zahlloſen ſchönen Sachen wegen meines Geſchmacks, den ich bei den Dekorationen und überhaupt bei der Ausſtattung meiner Kajüte bewieſen, fühlte ich mich kaum einige Minuten flott und wir ſtachen in die See unter einem Geräuſche und Getöſe, das mir ein⸗ fürallemal jede Möglichkeit des Denkens denghm. 8 „Bisher war das Ziel unſerer Fahrt noch nicht beſprochen worden, und da die ganze Geſellſchaft ſich deßhalb an Lady Agnes hielt, ſo konnte ich auch nicht weniger galant ſein und reihte mich daher den Fragenden an. „Nun denn, was denken Sie von Lambay?“ ſagte fie, den Schiffsmann anblickend. 164 „Wir können's ſchon machen, Milady,“ antwortete der Mann;„aber wir werden ein Bischen rauhe See berommen, denn der Wind bläst dort ſtark von Weſten er.“ „Dann fahren wir lieber nicht hin,“ ſagte ich; „wir ſind zum Vergnügen ausgezogen, aber nicht um unſere Freundinnen ſeekrank zu machen oder zu erſchre⸗ ſe Bei uns Männern hätte es natürlich nichts zu agen.“ 5 „Da hat man Sie wieder, Dirk, mit Ihren un⸗ gezogenen Spöttereien über Frauennerven und weib⸗ liche Zaghaftigkeit; jetzt erkläre ich, daß nichts als Lam⸗ bay mich zufrieden ſtellen wird— was ſagen Sie dazu, Ladies?2“ Ein allgemeines Beifallsgeſchrei war die Antwort, und der Vorſchlag wurde durch Zuruf angenommen. „Nun, ſo ſei es denn, Lambay!“ ſagte ich mit der Stimme eines Menſchen, welcher bittet, erſchoſſen zu werden, aber berichtet wird, daß man ihm dieſes Vergnügen nicht machen könne, indem ſein Urtheil auf Strick laute. Doch ich muß über dieſe peinlichen Er⸗ innerungen wegeilen. Wir fuhren den Strom hinab, und ließen bald den Leuchtthurm, ſowie den Hafendamm hinter uns; der Maſt bog ſich wie eine Peitſche und die See ziſchte gegen das Schanddeck hin, als hätte man Hefe hinein geſchüttet. Gleichwohl wurde unſere Geſellſchaft immer munterer, und nichts als Lobes r⸗ hebungen auf die Mannſchaft ſowohl, als auf den Lauf des Schiffes erſchollen von allen Seiten; das Getöſe und Geſumme der Unterhaltung ging in lauten Lärm über und war noch rückhaltsloſer, als wenn ſich die Geſellſchaft am Lande befunden hätte; alle, ſelbſt ich, ſchienen hochvergnügt, denn bis auf dieſen Augenblick war ich nicht ſeekrank geweſen, doch warnten mich ge⸗ wiſſe liebliche Empfindungen, die ſich abwechſelnd in meinem Magen und in meinem Kopfe kundthaten, daß etwas für mich im Anzug ſei. Nun hieß es, man * 165 müſſe laviren; ich ſtand im Begriff, mich bei Lady Agnes aufs Bitten zu legen, als auf einmal das ver⸗ maledeite Geſchrei erſcholl: Macht Euch fertig, Steuer⸗ bord da; ſteht ſtill, halt! das Schiff ſank köpflings in die brauſende See, die jedesmal, wenn es ſich wieder hinab neigte, laut aufziſchte; die ſchwere Leeſegel piere flatterte herum und nahm meinen Hut mit— beinahe auch meinen Kopf. Die übrige Geſellſchaft, möglicher⸗ weiſe beſſer unterrichtet als ich, änderte ſchnell ihre Plätze und verfügten ſich nach der entgegen geſetzten Seite des Bootes, wäbhrend ich mich fortwährend feſt an dem Schanddeck hielt, bis ein tüchtiger Windſtoß mich Hals über Kopf unter die Singels in der Kuble warf. Mein Gott, wie lachten ſie da zuſammen! Selbſt Agnes, der ich früher nie etwas anderes als ein ſchwa⸗ ches Lächeln hatte abgewinnen können, bekam vor aus⸗ gelafſener Luſtigkeit beinahe Krämpfe. Was mich be⸗ traf, ſo hatte nur noch dieß gefehlt, um mein Unglück, das ſchon lange gedroht, zu vervollſtändigen; die See⸗ krankheit in allen ihren jammervollſten Geſtaltungen kam über mich, und ehe eine halbe Stunde verging, lag ich auf dem Haufen kleiner Steine, ſo gleichgültig gegen alles um mich her, als wäre ich todt. O, die langen, trübſeligen Stunden dieſ s melanckoli chen Ta⸗ ges! er kam mir vor, wie ein Jahr. Sie lavirten und lavirten; ſie wurden herum geworfen und laoirten wieder; die See ſchlug über mir zuſammen und die ſchuftigen Matroſen trampelten ohne die mindeſten Ge⸗ wiſſensbiſſe auf mir herum, ſo oft ſte Gelegenheit hat⸗ ten, zurück oder vorwärts zu kommen. Aus meiner langen, qualvollen Betäubung wurde ich theilweiſe ge⸗ weckt durch den Verwalter, der mich an der Schulter ſchüttelte und ſagte: Die Gentlemen laſſen fragen, Sir, ob Sie etwas zu eſſen wünſchen, da die Geſelſſchaft jetzt einen Biſſen zu ſich nehmen wäll; wir befinden uns nunmehr in todtem Waſſer.“ Bekenntniſſe Lorrequers. I. 11 166 „Wo ſind wir?“ verſetzte ich mit der Stimme eines dem Grabe Entſtiegenen. „Meber dem Hoock, Sir; wir haben eine pracht⸗ volle Fahrt gehabt, aber ich fürchte, wir bekommen bald etwas aufs Dach; dort von Weſten her iſt ein garſtiges Wetter im Anzug.“ „Gott gebs!“ ſagte ich fromm und in leiſem Tone. „Sagten Sie, Sie wollen etwas eſſen, Sir?“ „Nein!— nichts da!— mich wie einen Kanni⸗ balen liegen laſſen!— hören Sie einmal, mein guter Junge, ſo bald wir ans Land kommen, werde ich Ih⸗ nen Ihren Lohn auszahlen, aber Sie werden nie wie⸗ der einen Fuß mit mir an Bord ſetzen.“ „Der Mann ſah ganz verblüfft aus, als er ſich hinweg trollte, und meine Gedanken wurden bald von den Dingen, die um mich her geſchahen, in Anſpruch genommen. Die Meſſer und Gabeln, die Teller und Gläſer wurden mit großer Fertigkeit und munterem Geklirre zugerüſtet, und dazwiſchen fielen allerhand lu⸗ ſtige Bemerkungen, denn dafür mußte ich fie nach der Heiterkeit, die immer darauf folgte, halten, von Seite meiner Gäſte. Endlich glaubte ich, meinen Namen, oder wenigſtens das Wort zu hören, das ſie an deſſen Stelle zu ſetzen beliebten; ich ſtrengte meine Ohren an, um zu lauſchen, und hörte, wie ſie verabredeten, ſie wollen jetzt über einen angeblichen Plan ſprechen, nach Cowes zu fahren und die Regatta zu ſehen. Dieß er⸗ örterten ſie dann ungefähr zwanzig Minuten lang mit ſehr lauter Stimme, um zu ſehen, welche Wirkung es auf mich mache; da ich nun aber den Kniff wußte, ſo ſtellte ich mich, als merkte ich gar nichts. „Der arme Dirk,“ ſagte Grantham;„ich glaube, er bekümmert ſich in dieſem Augenblick ſehr wenig darum, wohin ſein Schiffchen ſteuert; doch hier kommt etwas, was beſſer iſt, als alle unſere Verhandlungen. Lady Agnes, ſetzen Sie ſich hieher— Miß Pelham, 167 da iſt ein trockenes Kiſſen für Sie— wünſchen Sie ein Flügelchen, Lady Mary?“„ „Nun begann das Getöſe und Getöne des Schmau⸗ ſes; die Champagnerpfröpfe knallten, die Gläſer klirr⸗ ten, und es ſehlte nichts an all' dem eigenthümlichen Gemiſche von Lärm und Luſtigkeit, wovon ein ſolches, etwas ungceordnetes Mahl immer begleitet iſt. Wie ſie lachten, aßen, ach! und wie ſie tranken! Granthams Punſch ſchien guten Erfolg zu haben, denn ſo krank ich war, ſo konnte ich doch merken, daß die Stimmen der Männer allmälig lauter wurden, auch entging mir nicht, wie zwei Gentlemen, die am Morgen auffallend blöde geweſen waren und kaum die Lippen geöffnet hatten, jetzt einen aufrühreriſchen Lärm anhoben, und einer ſogar ein Lied vorſchlug. „Wenn,“ dachte ich,„irgend Jemand einen Augen⸗ blick die kleine Scene, die hier vorgeht, anſehen könnte, welche Moral würde er nicht daraus ziehen! Sprecht immer von der niederträchtigen Undankbarkeit der Welt, zu viel könnt Ihr nie ſagen. Wer ſollte es denken, daß es mein Boot war, worin dieſe Leute verſammelt ſaßen; daß es mein Champagner war, den dieſe Leute tranken; daß es mein Wildpret und meine Faſanen waren, woran dieſe Lippen ſich gütlich thaten, die ſel⸗ ten ſprachen, außer um auf meine Koſten einen Witz zu reißen. Mein Aerger verſchlimmerte meine Krank⸗ heit, und meine Krankheit verdoppelte meinen Aerger. „Mr. Brail,“ ſagte ich leiſe flüſternd.„Mr. Brail!“ „Haben Sie geſprochen, Sir?“ fragte er mit ſol⸗ cher Verwunderung, wie wenn ein Leichnam ihn ange⸗ redet hätte. 85 „Mr. Brail!“ ſagte ich,„iſt Gefahr vorhanden?“ „Gott behüte, Sir, das Schiffchen zieht ſtolz da⸗ hin, wie ein Spanier, und die See geht tief; wir werden herrliches Wetter bekommen, und ſie find alle ſehr vergnügt, Sir— die Ladies.“ „Das merke ich,“ ſagte ich mit einem Geſtöhne, 168 „das merke ich; aber Mr. Brail, könnten Sie nichts thun, wiſſen Sie nur— nur um ſie ein wenig zu er⸗ ſchrecken; nur zum Spaß meine ich? Laſſen Sie das Schiff ein paarmal tüchtig untertauchen; es liegt mir nichts daran, ob ein bischen Schaden geſchieht, Mr. Brail, und wenn das Tafelzeug nebſt allem Wein weg geſchwemmt würde, ſo hätte ich ganz und gar nichts dagegen“ 3 „Wie, Sir, Sie find ja ungemein ſpaßhaft ge⸗ worden; die Krankheit iſt demnach im Abnehmen.“ „Nein, Mr. Brall, ſie iſt ſchlimmer als je; es iſt mir, als wäre mein Kopf zerſpalten und als läge mir der Magen im Munde; aber Sie könnten mir damtt eine große Freude machen— thun Sie's doch einmal, und da ſind zwanzig Pfund in meiner Brieftalche, die ſollen Sie dafür haben; nun erweiſen Sie mir die Ge⸗ fälligkeit, und hören Sie, Mr. Brail— wenn Kapi⸗ tän Grantham durch bloßen Zufall überſchwemmt wer⸗ den ſollte, ſo kann man ihm nicht helfen; Zufälle kom⸗ men bei Bootpartien immer vor. Gehen Sie jetzt nur, Sie wiſſen ſchon, wie ich's meine.“ „Aber, Sir,“ begann er. „Schon gut, Mr. Brail, Sie wollen alſo nicht— ganz gut: ich habe Ihnen jetzt nur noch Eines zu ſa⸗ gen: ſo bald ich wieder Kraſt genug habe, werde ich ein Brett zuſammen ſchlagen, ich werde das Schiff durchlöchern, und dann haben Sie's; ich habe mir's feſt vorgenommen, und Sie mögen dann zuſehen, wie es Ihnen geht.“ „So ſprechend warf ich mich von Neuem auf den Ballaſt, und als der luſtige Chor eines Trinkſiedes zu mir herüber geweht wurde, betete ich inbrünſtig, Gott möchte uns alle zu Geunde gehen laſſen. Nachdem der Geſang vorüber war, hörte ich eine rauhe, brummige Stimme in die etwas civilifirteren Töne der Geſellſchaft ſich miſchen, und merkte bald, daß Mr. Brail von dem Vorſchlag, den ich ihm gemacht, erzählte, was das 169 unbändigſte Gelächter hervor rief, das ich jemals ge⸗ hört habe. Es folgte jetzt eine Menge luſtiger Anträge in Bezug auf meine künftige Behandlung; der eine meinte, ich ſolle wegen Meuterei vor ein Kriegsgericht geſtellt und zum Kielholen von der Seite her verur⸗ theilt werden; ein anderer ſchlug vor, man ſolle mir den Rücken eintheeren, und dieſer letzteren ungemein menſchlichen Anſicht pflichtete die ſchöne Agnes bei mit der Bemerkung, ſie ſei entſchloſſen, mich meinen Spitz⸗ namen Dirk Hatteraick verdienen zu laſſen. Jetzt wurde mein Zorn Meiſter, ſelbſt über tödtliche Krankheit. Ich machte mich auf meine Knie, und nachdem ich mich vergebens bemüht, auf die Beine zu kommen, rutſchte ich vorwärts. In dieſer Stellung erreichte ich das Hinterverdeck. Welche Abſicht ich bei dieſem Ausflug eigentlich hatte, davon weiß ich jetzt nichts mehr, nur habe ich noch eine ſehr vage Idee, daß ich Kehama's Fluch über die ganze Geſellſchaft herab zu ſchleudern gedachte. Endlich nahm ich alle meine Kraft zuſam⸗ men, um außzuſtehen; aber ach, kaum war ich auf die Füße gekommen, als ein furchtbarer Stoß des Bootes von der einen Seite her mich auf das Schanddeck warf, und ehe ich im Stande war, das Gleichgewicht wieder zu erhalten, ein zweiter Schlag mich köpflings in die See ſchleuderte. Ich habe, Gott ſei Dank, keine wei⸗ tere Erinnerung mehr von meinem Unglück. Als ich wieder zum Bewußtſein kam, fand ich mich in eine Pilotenjacke eingehüllt, während meine Kleider getrock⸗ net wurden: das Schiff lag in Werford vor Anker. Meine anhänglichen Freunde waren mit Poſtpferden nach der Stadt aufgebrochen und hatten mich von Liebe und Waſſer gleich gründlich geheilt zurück gelaſſen. „Die„Wonne“ ging wenige Tage darauf an irgend einen beglücktern Soyn Neptuns über, und ich reiste, um meine Scham und mein Unglück zu verbergen, ein Jahr lang auf dem Continent herum.“ „Obſchon ich zugebe,“ ſagte Trevanion,„daß ich 170 bisher aus Mr. O Leary's Erzählung nichts profitirt habe, ſo denke ich doch, daß ſie nicht ohne ihre Moral iſt.“ „ Ja, gewiß,“ verſetzte ich,„aber er hat uns noch ein anderes Abenteuer mitzutheilen; wir haben noch hinlänglich Zeit dazu, deßhalb geben Sie den Wein herüber und fangen Sie an.“ „Ich habe den Burgunder eben ausgetrunken,“ ſagte O'Leary,„und wenn Sie noch eine Flaſche be⸗ ſtellen wollen, ſo mache ich mir nichts daraus, Ihnen auch die Geſchichte meiner zweiten Liebe preiszugeben.“ Vierzehntes Kapitel. Mr. O'’Leary's zweite Liebe. „Sie können ſich leicht denken,“ begann Mr. O'Leary, „daß das unglückliche Ende meiner erſten Leidenſchaft mir für lange Zeit gegen meine unſeligen Tendenzen zu dem ſchönen Geſchlechte als Schild diente, und ſo war es auch wirklich. Drei volle Jahre konnte ich mit keiner jungen Lady ſprechen, ohne daß mir der Kopf wirbelte, ſo innig waren Liebe und Seekrankheit in meiner Anſchauung verwachſen. Doch was thut am Ende nicht die Zeit! Ungefähr vier Jahre nach dem er⸗ zählten Abenteuer hatte ich mein erſtes Mißgeſchick ſo weit vergeſſen, daß ich mein Glück aufs Neue verſuchte. Meine dießmalige Wahl war der erſteren gänzlich un⸗ gleich, ſie ſiel auf ein luſtiges, lebhaftes Mädchen, das immer die beſte Laune von der Welt, aber auch einen Hang zu Spöttereien hatte, womit ſie Niemand ver⸗ ſchonte; ſelbſt die Mitglieder ihrer eigenen Familie waren in ihren Augen nicht heilig, und ihr Vater, ein 171 ehrwürdiger Dechant, ſigurirte ehenſo häufig unter den Verſpotteten, wie ſeine Nachbarn. „Die Evershams waren ſehr alte Freunde einer reichen Tante von mir geweſen, die, beiläufig geſagt, ſich niemals herab gelaſſen hatte, die mindeſte Notiz von mir zu nehmen, bis ich die Bekanntſchaft dieſer Leute machte; kaum aber hatte ich das gethan, als ſie zu mir ſchickte und mir zu verſtehen gab, daß ich, im Fall meine Bemühungen um die Hand der Fanny Evers⸗ ham glücken, ihr Erbe und der Beſitzer von etwa ſechs⸗ zigtauſend Pfund werden ſolle. Sie ließ es dabei nicht bewenden, ſondern ſtimmte auch den Dechant zu mei⸗ nen Gunſten und brachte die Sache bald auf einen höchſt günſtigen Fuß, ſo daß ich in nicht zwei vollen⸗ Monaten als erklärter Liebhaber der ſchönen Fanny, damals eine der herrſchenden Schönheiten in Dublin, empfangen wurde. 3 „Sie lebten um dieſe Zeit etwa drei Meilen von der Stadt, wo ich gewöhnlich alle meine Vormittage und auch viele meiner Abende zubrachte, in einer Wonne, die ich als vollkommen betrachtet haben würde, wären nicht zwei unglückſelige Uebelſtände geweſen— der eine, die Liebhaberei meiner Verlobten, ihre Freunde zu ver⸗ lachen; der andere, die ſataniſche Neigung meines Schwiegerpapa's, von Politik zu ſprechen. Das Erſtere konnte ich mir noch gefallen laſſen, aber bei dem Letz⸗ tern machte ich durch Unterwerfung die Sache nur noch um ſo ſchlimmer; denn ſobald ich nachgab, brauste er jedesmal auf und bemerkte trocken: mit Leuten, die keine entſchiedene Anſicht haben, ſei nicht gut auszukommen; oder mit Menſchen, die es mit ihrer Politik halten, wie ein Schuljunge mit ſeinem Taſchengeld, das er niemals ausgebe, aber immer einzuwechſeln bereit ſei, ſei es un⸗ luſtig, zu disputiren. Vorwürfen wie dieſe unterwarf ich mich ſo gut als möglich, beſchloß aber heimlich, da ich nunmehr ſowohl die Anſicht der Whigs als der To⸗ ries kenne, die Sache ſo einzurichten, daß ich nach der 172 Vermählung meinen bleibenden Wohnſitz außerhalb der Diözeſe des würdigen Dechants auf chlage. „Die Zeit ſtrich hin, und endlich brachte ich es durch inſtändiges Bitten ſo weit, daß ein Tag für un⸗ ſere Vermählung feſtzeſetzt wurde. Selbſi das trüb⸗ ſelige Ende auch dieſes meines zweiten Liebeshandels vermag mir die glückliche Exinnerung an die wenigen Wochen nicht zu rauben, die unſerer Vereinigung noch vohergehen ſollten. „Die Vormittage wurden mit Durchwühlung aller Läden zugebracht, worin Hochzeitsſtaat zu bekommen war— Spitzen, Blonden, Sammet und Atlas lagen in allen Winkeln des Pfarrhauſes herum, und es gab in der ganzen Stadt kaum ein Fuhrwerk, worein ich mich nicht auf beſondern Befehl der Mrs. Eversham geſetzt hätte, um die Federn zu erproben; dieſe gute Frau ſchwatzte mir nämlich unaufhörlich von der un⸗ geheuren Verantwortlichkeit vor, die ich auf mich nehme, indem ich einen ſo koſtbaren Juwel wie ihre Tocter heirathe— eine Anſicht, die ich bei vielen meiner Freun⸗ dinnen im Kildare⸗Street⸗Klub ziemlich verbreitet fand. „Unter den vielen unumgänglichen Käufen, die ich zu machen hatte, und über welche Fanny fiy mit mehr, als gewöhnlichem Eifer ausſprach, betraf einer der wichtigſten, ein Reitpferd für mich. Sie war nämlich eine große Reiterin und haßte es, blos mit einem Be⸗ dienten auszureiten, was ſie mir in den letzten fünf Wochen jeden Tag wenigſtens ein halb Duzendmal zu verſtehen gegeben hatte. Soll ich es bekennen oder nicht— die ritt rlichen Künſte waren nie meine Force. Ich hatte mein ganzes Leben lang vor dem Pferd als Thier bedeutenden Reſpekt, ſo wie ich einen Löwen oder Tiger fürchtete; aber mich auf den Rücken eines ſolchen Thieres zu ſetzen und darauf ſpazieren zu reiten, war mir bis jetzt ebenſo wenig eingefallen, als mich von einem Giraffen in der Welt herumtragen zu laſſen; und was vollends den Gedanken betrifft, eine Beſtie dieſer 8 173 Art zu kaufen, auf meine eignen Koſten zu füttern und zu erhalten, ſo hätte ich mich ebenſo leicht entſchließen öönnen, mir einen Pranger oder einen Tauchſchemel an⸗ uſchaffen, um meine Mußeſtunden damit vergnüglich auszufüllen. „Jazwiſchen war Fanny hartnäckig— ob ſie etwas argwohnte oder nicht, vermag ich nicht zu ſagen, aber nichhts ſchien ſie von ihrem Vorſatz abzubringen, und obſchon ich tauſenderlei Verzögerungsgründe anführte, ſo wurde ſie doch mit jedem Tage ungeduldiger, und ich ſah zuletzt ein, daß mir nichts übrig blieb, als Un⸗ terwerfung. „Als ich mich zu dieſem letzten, kühnen Entſchluß ermannte, konnte ich nicht umhin einzuſehen, daß der Beſitz eines Pferdes ohne die Fähigkeit, es zu reiten, den Spott recht eigentlich herausforderte, und ich hatte doaher nur noch eine einzige Wahl; es blieben mir noch zwei volle Wochen bis zu dem Tag, der mich glücklich machen ſollte, ich beſchloß alſo, während dieſer Zeit Unterricht zu nehmen und mir alle erdenkliche Muhe zu geben, um mich vor meiner Braut ſo feſt, als mög⸗ lich im Sattel zu zeigen. 3 8 Der gute alte Lalouette begriff nur wenig von Jder Dringlichkeit des Falles, als ich ihn um Erlaubniß bat, meine Lektionen jeden Morgen um ſechs Uhr zu nehmen, denn den Tag über durfte ich mich nicht zu entfernen wagen, ohne Verdacht zu erwecken; und nun bbehaupte ich gewiß nicht zu viel, wenn ich ſage, daß niemals ein irrender Ritter aus alten Zeiten ſich här⸗ ter um die Hand ſeiner Heißgeliebten abgemüht hat, als ich während dieſer trübſeligen vierzehn Tage; denn wäre das Thier, das ich beſtieg, ein Hippogryph gewe⸗ ſen, ſtatt daß es in Wirklichkeit blos eine giasäugige, alt Mähre war, ich hätte nicht mehr Angſt uber meine Vrrwegenheit ausſtehen, aber auch nicht ſtolzer auf mmeine Heldenthaten ſein können. In den erſten dret Tagen kam mich die ungewohnte Uebung ſo hart an, 174 daß ich mich, im Pfarrhaus angelangt, kaum rühren konnte und beinahe einen Zirkel beſchrieb, wenn ich über die Hausflur lief. Nichts glich indeß der Freund⸗ lichkeit meiner theuren, guten Schwiegermutter im Em⸗ bryo und auch des Dechants ſelbſt. Fanny freilich ſagte nichts; ich glaube eher, ſie war geneigt, ein wenig zu lachen, aber nach meinem Rheumatismus, wie man es nannte, wurde tagtäglich gefragt, und man zwana mich beim Eſſen, in meinem Portwein ein hölliſches Pulver einzunehmen, das mich beinahe am Tiſch krank machte. „Gewiß, Sie gehen zu viel!“ ſagte Fanny mit einem ihrer ſchlauen Blicke.„Papa, meinen Sie nicht auch, er ſollte reiten? es wäre weit beſſer für ihn?“ „Allerdings, mein Kind,“ antwortete der Dechant. „Aber Du ſiehſt ja, er iſt mit Pferden ſo ſchwer zu⸗ frieden zu ſtellen; Ihre alten Jägerzeiten haben Sie verwöhnt; aber Sie muſſen jetzt Melton und Gran⸗ tham vergeſſen und ſich mit Miethklepper begnügen.“ „Ich muß verdammt albern dareingeblickt haben, denn Fanny verwandte ihre Augen nicht von mir und lachte an einem fort in ihrer eigenthümlichen gottloſen rt. „Es war jetzt ungefähr der neunte oder zehnte Tag ſeit ich meine Fegfeuerverrichtungen begonnen hatte, und gewiß, wenn fleiſchliche Peinigungen ein Verdienſt haben, ſo mußten mir dieſe mit religiöſer Gewiſſenhaftigkeit ausgeführten Uebungen hernachmals in Gutem angerech⸗ net werden. Es war eine Revue im Phönixpark an⸗ gekändigt worden, und Fanny hatte das ungemeſſenſte Verlangen ausgeſprochen, derſelben anzuwohnen; da nun der Dechant ihr nicht erlauben wollte, ohne einen Chaperon dahin zu gehen, ſo blieb mir keine Möglich⸗ keit zu entwiſchen, und ich verſprach alſo, ſie zu gelei⸗ ten. Kaum hatte ich dieſe unbeſonnene Verpflichꝛung auf mich genommen, ſo eilte ich zu meinem vertrauten Freunde Lalouette, iheilte ihm mein ganzes Geheimniß mit und fragte ihn dann in feierlichem, achtunggebie⸗ 175 tendem Tone:„Kann ich es thun?“ Der alte Mann ſchüttelte zweifelnd ſein Haupt, ſchaute ernſthaft drein und murmelte zuletzt:„Hängt ſehr viel vom Pferde ab.“„Ich weiß— ich weiß— ſehe es wohl ein,“ ſagte ich eifrig—„wo können wir aber ein Thier finden, auf deſſen Rücken ich dieſen ſchrecklichen Tag in Ruhe überſtehen kann?— der Preis iſt mir ganz und gar gleichgültig.“ 4 „Das, was Sie brauchen, wird nicht gar zu hoch zu ſtehen kommen,“ verſetzte er. „Nun, was meinen Sie alſo?“ ſagte ich. „Er erklärte mir jetzt, daß in Folge eines eigen⸗ thümlich glücklichen Zufalls noch am nämlichen Tage eine Auktion von ausgeſchoſſenen Pferden, wie man ſie nennt, ſtattfinden ſolle, von Pferden nämlich, welche die berittene Polizei bis jetzt gehabt habe; eines von dieſen würde ſich am Beſten für mich eignen, denn ſie ſeien in Folge langjähriger Uebung ſelbſt im Feuer leicht zu reiten und ſcheuen nicht, wenn es einen Lärm oder ein Getöſe gäbe.“ „ Ich hätte den alten Kerl für ſeinen glücklichen Ein⸗ fall beinahe an's Herz gedrückt und wartete mit Un⸗ geduld, bis es drei Uhr ſchlug, um welche Stunde wir uns dann zuſammen nach der Eſſexbrücke verfügten, dem für ſolche Käufe damals üblichen Orte. „Anfangs ſtieß ich mich ein wenig am Ausſehen der Thiere, die vorgeführt wurdenz ſie waren elendig⸗ lich mager— hatten meiſtens geſchwollene Beine— wenige waren ohne wunde Rücken und unter dreien waren im Durchſchnitt zwei blind; doch griffen ſie alle noch tüchtig aus und hatten lange Schwänze.„Da kommt was für Sie,“ ſagte der alte Franzos, als eine langbeinige, geigenköpfige Beſtie herausgeführt wurde, die ihre Vorderfüße auf eine Art ſchlänkerte, daß der Mann, der neben ihr herging, in beſtändiger Gefahr ſchwebte. 1 „Ja, das wäre ein Thierchen für Sie,“ ſagte Char⸗ 176 ley Dycer, als er mein Auge auf die elende Beſtie ge⸗ heftet ſab; läuft mit Windhunden in die Wette; iſt auf allen ſeinen Beinen ſicher, und ich garantire, daß es keinen Fehler hat, außer,“ flüſterte er hinzu,„einen unbedeutenden Spath an beiden Hinterfüßen, ein Ring⸗ bein und einen etwas kurzen Athem.“ Hier huſtete das Thier wie zur Bekräftigung.„Will einer der Gentle⸗ men zum Anfang fünfzig Pfund ſagen?“ Aber kein Gentleman ſagte etwas. Endlich bot ein Miethskutſcher fünf Pfund, und der Aufſtreich wurde eröffnet. Die Beſtie trabte auf und ab, und jeden Augenblick beinahe über die Liebhaber hin, wobei ſie vorn und hinten aus⸗ ſchlug, ſo daß man des Lebens nicht ſicher war. „Fünf Pfund zehn Schilling— ſechs Pfund— danke Ihnen, Sir— fieben Pfund,“ ſagte ich mich ſelbſt überbietend, denn ich merkte nicht, daß ich zuletzt geſprochen hatte,„danke Ihnen, Mr. Moriarty,“ ſagte Dycer, ſich gegen einen unſichtbaren Käufer wendend, den man unter dem großen Haufen vermuthen mußte. „Danke Ihnen, Sir, Sie laſſen gewiß ein ſo herrli⸗ ches Thier nicht um einen ſolchen Spottpreis weggehen.“ Hier drehte ſich Jedermann um in der Abſicht, den ſehr ſachkundigen Gentleman ausfindig zu machen, aber er konnte nirgends ausfindig gemacht werden. „Dycer fuhr fort:„Sieben Pfund zehn Schil⸗ linge für Moriarty— für ſieben Pfund zehn Schillinge abgehen— ein grauſames Opfer— Schade für dich, du prächtiges Thierchen.“ Hier war der Satan geſtol⸗ pert und tödtete beinahe ein Weib, das einen Korb und zwei Kinder trug. „Achtl“ rief ich.„Acht Pfund“—„Ganz abſurd,“ ſagte Dycer beinahe barſch;„ein Schlachtroß wie die⸗ ſes um acht Pfund— für acht Pfund abgehen— He, Gentlemen, bietet Niemand mehr? Das Thier kommt aus den Stutereien Sr. Maj.— Bietet Niemand mehr? — acht Pfund zum letzten Mal— fort damit.“ „Unter einem herzlichen Jubelgeſchrei von Seiten 177 der Volksmenge, Gott weiß warum— aber ein Dub⸗ liner Volkshaufe kann das Jubeln nie laſſen— kehrte ich zurück, begleitet von einem zerlumpten Burſchen, der mein neu erworbenes Eigenthum an einem Strick mitführte.„Was bedeuten dieſe Buchſtaben?“ ſagte ich auf ein ſehr ſichtbares G. R. und verſchiedene an⸗ dere räthſelhafte Zeichen deutend, welche dem Thier auf ſein Hinterquartier gebrannt waren. 1 „Das bedeutet, daß er zur Polizei gehörte,“ ſagte der Burſche zähnefletſchend;„wenn Sie daher mit La⸗ pins reiten, ſo müſſen Sie ihnen die andere Seite hin⸗ alten.“ „Der glückbringende Morgen kam endlich, und ſon⸗ derbar, mein erſter Gedanke beim Erwachen galt dem unglückſeligen Tage, an welchem ich vor vier Jahren die Expedition mit der Yacht unternommen hatte. Wie dieß kam, darüber vermag ich keine Vermuthungen anzuſtellen, die Umſtände boten, wenigſtens ſo weit die Sache bis jetzt gediehen war, durchaus keine Analogie dar.„Was macht Marius?“ fragte ich meinen Be⸗ dienten, als er die Fenſterläden öffnete. Hier muß ich erwähnen, daß ein Freund aus dem Kildare⸗ſtreet⸗Klub dieſen Namen in Folge des merkwürdig klaſſiſchen Cha⸗ rakters im Geſicht meines Streithengſis erſonnen; ſeine Naſe, verſicherte er mich, ſei vollkommen römiſch. „Marius befindet ſich ganz wohl, Sir, bis auf ſeinen Huſten und die Kleinigkeit, daß ihm die Hinter⸗ füße weh thun.“ „Ich kann ihn doch ſicher reiten, Simon, he d⸗ „Ganz ſicher; dafür ſtehe ich, wenn Sie weiter nichts wollen!“ „Das war noch Troſt; Simon hatte ja vierzig Jahre als Laufbube bei meiner Mutter zugebracht und verſtand ſih folalich auf Pferde. Ich kleidete mich da⸗ her mit großer Munterkeit an, und wenn in frühern Tagen meine Pllotenjacke und Wachstafftkappe mich halb und halb auf die Ueberzeugung geleitet hatten, — daß ich für Helventhaten zur See geboren ſei, ſo tru⸗ gen an dieſem Morgen meine Reitgerte und Stulpen⸗ ſtiefel viel dazu bei, mich glauben zu machen, daß ich früher einmal ein ſehr kecker Jägersmann geweſen ſein müſſe, ohne es ſelbſt zu wiſſen. Es war ein köſtlicher Julitag, als ich auszog, um mich zu meinen Freunden zu verfügen, die eine große Geſellſchaft angeworben und die Ecke von Stephansgreen zum Sammelplatz be⸗ ſtimmt hatten; dorthin nun ritt ich in einem zelterarti⸗ gen kurzen Galopp, der, wie ich häufig bemerkt habe, der Lieblingsſchritt ſchüchterner Reiter und der Gentle⸗ men von der mediziniſchen Fakultät iſt. Ich wurde, als ich von der Grafton⸗ſtreet her einlenkte, mit einem ungemein herzlichen Willkomm begrüßt von einer groſ⸗ ſen Geſellſchaft, unter welchen ich mehrere Freundinnen von Mrs. Eversham bemerkte und einige junge Dra⸗ gonerofſtziere, die ich nicht kannte, die aber mit Fanny ſehr bekannt zu ſein ſchienen und mit ihr herzlich lach⸗ ten, als ich heranritt. „Ich weiß nicht, ob andere Menſchen auch ſchon die Erfahrung gemacht haben, von der ich jetzt ſpre⸗ chen will, aber für mich wenigſtens gibt es keine pein⸗ lichere Empfindung, als mitten unter einer Anzahl wohlberittener und gutequipirter Menſchen zu kommen, während das Thier, das man ſelbſt reitet, kaum werth iſt, auf den Schindanger geworfen zu werden. Jeder Blick, der auf dein unglückliches Streitroß fällt— jede geflüſterte Bemerkung über dich ſind Pfähle in dein Fleiſch, bis du zuleßt einzuſehen anfängſt, daß deine Erſcheinung zu ſehr wenig Anderm gut iſt, als zum Ergötzen und Spaß der Verſammlung, und daß du jedesmal, ſo oft du dich in die Steigbügel ſtellſt, ein Gelächter verurſachſt. 3. „Um's Himmelswillen, wo haben Sie dieſe Beſtie aufgegabelt?“ rief Fanny, Marius durch ihr Glas be⸗ trachtend.. „Ei, nicht wahr, ein recht hübſches Pferd, wenn 179 es gut gehalten wird— ein Schlachtroß, müſſen Sie wiſſen.“ 1 „Wirklich?“ lispelte ein junger Lancier;„es würde mir doch verdammt ängſtlich zu Muthe, wenn ich mit ihm einen Angriff ausführen oder aushalten müßte.“ Und hier kicherten ſie alle zuſammen über den einfälti⸗ gen Scherz dieſes Laffen; ich aber warf mich in die Bruſt, um weitern Ungezogenheiten vorzubeugen. „Verſteht ſich das Thier vielleicht aufs Fechten?⸗ fragte ein junger Gentleman vom Lande. „Seinem linken Auge nach zu ſchließen, möchte ich es eher für einen Boxer halten,“ bemerkte ein Anderer. „Hier begann nun auf Koſten meines armen Roſ⸗ ſes ein wahres Pelotonfeuer von ſchlechten Witzen, die ſich nicht damit begnügten, ſeine phyſiſchen Verhält⸗ niſſe anzugreifen, ſondern ſich auch auf ſeine morali⸗ ſchen Eigenſchaften ausdehnten. Ein alter Gentleman neben mir bemerkte, ich hätte überhaupt nicht auffitzen ſollen, denn ich habe ja aus ſeinem wackeligen Gange ſehen müſſen, daß es verdammt beſoffen ſei: darauf diente ich ihm aber mit der Erklärung, wenn andere Anweſende eben ſo frei von dem Einfluß hitziger Gei⸗ ſter wären, wie mein Pferd, ſo hätte die Geſellſchaft ſich nicht zu beklagen; eine Bemerkung, von der ich mir ſchmeichle, daß ſie die Luſtigkeit gegen den alten Kerl lenkte, denn ſie lachten alle zuſammen wenigſtens eine Viertelſtunve lang. „Nun gut, endlich ſchlugen wir einen muniern Trott an, und an Fanny's Seite vergaß ich ſchnell all meinen Verdruß über der Ausſicht, eine vortheilhafte Figur vor ihr zu machen. Als wir College⸗green er⸗ reichten, hielten die Führer des Zugs plötzlich an, und wir fanden bald, daß die ganze Straße der Bank ge⸗ genüber von einem dichten Volkshaufen angefüllt war, der gleich einer gewaltigen Beſtie bald hieher bald dort⸗ hin zu ſchwenken ſchien, da die Individuen, aus denen er beſtand, in hitzigem Kampfe mit einander lagen. Es 180 4 war nichts mehr und nichts weniger als einer jener Schlaghändel, die beinah allwöchentlich zwiſchen den Studirenden der Univerſität und den Stadtbewohnern vorkamen und ſelten ohne ernflliche Folgen endeten. Die große Volksmaſſe, die ſich nach dem Kampfplatz drängte, verſperrte uns bald den Rückzug, und wir mußten ſehr gegen unſern Willen als Zuſchauer da⸗ bleiben. Beide Parteien riefen ſich mit großem Ge⸗ ſchrei politiſche Loſungsworte zu, und endlich nahmen die Studenten, welche der Ueberzahl zu weichen ſchie⸗ nen, die Vermittlung der Polizei in Anſpruch. Die Hülfe war näher als ſie erwarteten; denn in demſel⸗ ben Augenblick ſah man eine Schaar berittener Polizei⸗ diener, die durch ihre hohen Helme kenntlich genug wa⸗ ren, in ſcharfem Trab die Damerſtreet herabkommen. Sie erſchienen mit gezogenen Säbeln, angeführt von einem ſtattlichen, gentlemäniſch ausſehenden Mann in ſchlichten Kleidern, der ſich ſogleich mitten ins Schlacht⸗ gewühl ſtürzte, ſeine Befehle ertheilte und ſeinen Leu⸗ ten einſchärfte, die Rädelsführer feßzunehmen. Bis auf dieſen Augenblick war ich ein höchſt geduldiger Zu⸗ ſchauer geweſen und hatte mich ſogar am ganzen Han⸗ del nicht wenig ergötzt. Nun aber ſollte meine Rolle beginnen, denn bei dem Wort: Eingehauen! das der Sergeant mit rauher, tiefer Stimme rief, ſpitzte Ma⸗ rius, ſeinem alten Ir ſtinkte getreu, die Obren, warf ſeinen Schwanz in die Höhe, ſchlug mit beiden Hin⸗ terfüßen aus, ſo daß er beinabe dem Rektor die Fen⸗ ſter zertrümmerte und ſtürzte ſich wie ein leibhaftiger Satan ins dichteſte Kampfgewühl. „Die Selbſterhattung muß ein mächtiger Natur⸗ trieb ſein, denn ich erinnere mich noch gut, daß it mich wenig darum bekümmerte, als ich das Volk ne⸗ ben und vor mir taumeln und zu Boden ſtürzen ſah, während ich ſelbſt beſtändig meinen Sitz behaupteie. Einen Augenblick zuvor hatte ſich dieſe ungeheure Maſſe noch in den Haaren gelegen; jetzt ſchien die ganze Ent⸗ rüſtung beider Theile ſich gegen mich zu lenken; man rief laut nach Ziegeln und Pflaſterſteinen, um ſie mir an mein gottſeliges Haupt zu ſchleudern; der wilde Jä⸗ ger in der deutſchen Romanze hat nicht halb ſo viel Schreck und nicht den zehnten Theil ſo viel Unglück verurſacht, als ich in weniger denn fünfzehn Minuten, denn die vermaledeite Beſtie wand und drehte ſich wie eine Schlange, ſchlug dabei fortwährend nach hinten und vorn aus und biß auch gelegentlich: lauter Vorzüge, die, wie ich nachmals erfuhr, zwar im bürgerlichen Leben nicht ſehr geſucht ſind, aber bei der berittenen Polizei hoch angeſchlagen werden. Jeder neue Befehl des Sergeanten wurde von Ma⸗ rius nach ſeiner eigenen Weiſe befolgt, und er brachte es ſehr bald ſo weit, auf meine unglückliche Perſon das ganze Intereſſe von etwa fünfzehnhundert Menſchen zu konzentriren. „Nehmt dieſen Schurken da feſt,“ ſagte der Be⸗ amte, mit ſeinem Finger auf mich deutend, als ich eine achtbar ausſehende alte Lady mit einem grauen Muff über den Haufen ritt,„nehmt ihn feſt, haut ihn zu⸗ ſammen.“ 4 „Ja, dann fährt er dem Teufel noch warm in den Rachen,“ meinte ein Neuigkeitskrämer mit gebrochenem Schienbein.. Inzwiſchen kam ich immer weiter vorwärts, und das Schickſal wollte, daß die verdammte Beſtie, ſtatt mich aus der weitern Gefahr hinauszutragen, unmittel⸗ bar vor den Platz drang, wo der Commiſſär, umgeben von ſeinen Polizeiſoldaten, ſeinen Stand hatte. kann es noch ſehen, wie er ſich entfärbte, als ich her⸗ ankam. Vermuthlich waren meine eigenen Blicke auch nicht die luſtigſten, denn dem würdigen Mann gefielen ſie ſichtbarlich ganz und gar nicht. Wir, d. h. mein Pferd und ich, drangen mitten unter die Gruppe, war⸗ fen dabei einen Korporal ſammt ſeinem Roß zu Boden Bekenntniſſe Lorrequers. II. 12 und ſchienen es durchaus auf den Alderman ſelbſt ab⸗ geſehen zu haben. „Haut ihn um's Himmels willen zuſammen; will Niemand ihn über den Haufen ſchießen?“ rief er mit einer Stimme, die vor Furcht und Aerger zitterte. Bei dieſen Worten hob ein Elender ſeinen Säbel und verſetzte mir einen Hieb auf den Kopf. Ich bückte mich plötzlich, warf mich vom Sattel und faßte den armen Alderman um den Hals, ſo daß wir beide zu gleicher Zeit auf den Boden hinab rollten. Er war ſo vollſtändig von der Meinung beſeſſen, ich wolle ihn ermorden, daß er, während ich mich aus ſeinen Armen loszumachen bemüht war, mich ſortwährend in den herzzerreißendſten Ausdrücken um ſein Leben anflehte. Meine Geſchichte iſt jetzt bald erzählt. Die Poli⸗ zeidiener retteten den Alderman ſo nachdrücklich aus aller Gefahr, daß Sie mich bewußtlos liegen ließen, und ich mich, als ich wieder zu mir kam, in Green⸗ ſtreet im Gefängniß befand, wegen nicht weniger als neunzehn Punkten angeklagt, während doch der Teufel, der mich dazu verlockte, dieſe hölliſche Beſtie zu kaufen, die einzige Schuld an all meinem Unglück war. Ich war von den erhaltenen Schlägen ſo betäubt, daß ich vom ganzen Proceßverfahren nur wenig weiß. Meine Freunde ſagten mir nachher) ich ſei nur mit knapper Noth der Deportation entgangen; ich verdanke es nur ſehr bedeutenden Einflüſſen, daß ich nicht den Herbſt mit der angenehmen Erholung, Auſterſchalen zu zer⸗ klopfen und Wolle zu krämpeln, zugebracht habe; und es muß wirklich ſehr ſchlecht um mich geſtanden haben, denn ſo betäubt ich war, ſo erinnere ich mich doch noch an die Aufregung im Gerichtsſaale, als der Alderman mit einem Pflaſter über ſeinem Auge eintrat. Die er⸗ greifende Rede des kleinen Richters, der, als er mein Ürtheil verkündigte, auf die frühere Achtbarkeit meines Lebenswandels und den Rang meiner Verwandten auf⸗ 183 merkſam machte, brachten wirklich die Gallerie zu Thränen. 3 Vier Monate in Newgate und eine Geldbuße be⸗ lohnten damals meine Liebhaberei für Reiterübungen; kein Wunder, wenn ich's jetzt vorziehe, zu Fuß zu gehen.* Was Miß Cversham anbetrifft, ſo machte folgende kurze Note von dem Dechant meinen Hoffnungen in dieſen Richtungen ein Ende.— „Pfarrhaus, Mittwoch Morgen. Sir,— nach der höchſt mißlichen Publizität, welcher Ihr neuliches Benehmen Sie ausgeſetzt hat — dieſes ſo offene Bekennen zu einer politiſchen Meinung, welche, ich darf es wohl ſagen, mit den Anſichten jedes Gentleman in Widerſpruch ſteht— und nach dem Urtheilsſpruch, welchen ein Richter in Folge des Erkenntniſſes von zwölf Ihrer Landsleute über Sie gefällt hat— ſollte ich hoffen, daß Sie meine gegenwärtige Erinnerung nicht für nothwendig halten werden, Sie zu belehren, daß Ihre Beſuche in meinem Haus aufhören müſſen. Die Geſchenke, welche Sie meiner Tochter mach⸗ ten, ſo lange wir uns in unſerer unglückſeligen Un⸗ kenntniß Ihres wahren Charakters befanden, ſind in Ihr Hotel geſchickt worden, und ich bin Ihr gehorſamſter ergebenſter Diener 3 Oliver Eversham.“ Hier endete mein zweiter Liebeshandel, und ich geſtehe offen, daß ich, wenn ich nur auf einer Seer eiſe oder einem Kirchthurmrennen eine Frau bekommen kann, höchſt wahrſcheinlich noch manches Jährchen auf Freiersfüßen herumwandeln werde. Fünfzehntes Kapitel. Das Duell. Mr. O'Leary hatte kaum die Erzählung ſeines zweiten Abenteuers beſchloſſen, als man das graue Licht des anbrechenden Tages ſchwach durch die halb⸗ vorgezogenen Vorhänge hereindrängen ſah, um uns zu melden, daß es ſchon ſpät ſei. „Ich dächte, wir hätten gerade noch Zeit zu einer Flaſche Chambertin,“ ſagte O'Leary, indem er den Reſt der Bouteille in ſein Glas leerte. „Dagegen proteſtire ich,“ rief Trevanion.„Wir haben alle zuſammen Wein genug gehabt, wenn wir bedenken, welches Geſchäft unſer wartet; und überdies wiſſen Sie vermuthlich nicht, daß es ſchon vier Uhr vorüber iſt. Alſo, Gargon— He da Gargon— wie feſt der arme Burſche ſchläft— geben Sie uns ein wenig Kaffee, und dann erkundigen Sie ſich, ob an der Ecke der Rue Vivienne ein Wagen bereit ſteht.“ Der Kaffee kam, wie es ſchien, zu großem Verdruß Mr. O'Leary's, der ſich jedoch, um die Kälte des Wei⸗ nes, den er getrunken hatte, wieder gut zu machen, mit verſchiedenen Glägschen tröſtete und endlich ſeine gute Laune wieder gewann. „Wiſſen Sie auch,“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe, in welcher wir alle geſchwiegen hatten, n„daß das, was wir jetzt vorhaben, die aller albernſte Art iſt, einen luſtigen Abend zu beſchließen. Ich meines Theils liebe die Manier, die wir in Old Trinity hatten; nachdem wir ein halb Duzend Thürklopfer ausgeriſſen, die Lampen im Poſthof zuſammengeſchlagen und die Feuerſpritzen in der Gemeinde Werburgh herausgezogen, prügelten wir noch ein paar Nachtwächter durch und gingen dann friedlich zu Bette.“ „Ganz gut,“ meinte Trevanion;„übrigens bin ich, 185 obſchon kein Irländer, halb geneigt zu glauben, daß auch unſer jetziges Vorhaben für Leib und Leben nicht minder vortheilhaft iſt; doch bier kommt mein Bedien⸗ ter. Nun, John, iſt Alles in Ordnung? ſteht der Wagen bereit?“ Nachdem wir uns vergewiſſert, daß der Wagen angeſpannt war und daß auch eine gewiſſe kleine meſ⸗ ſingene Büchſe mit einem Bramaſchloß ſich darin be⸗ ſand, bezahlten wir unſere Rechnung und machten uns auf den Weg. Ein kalter, rauher, nebeliger Morgen, mit Maſſen von dunkeln, trübſeligen Wolken über un⸗ ſern Häuptern und ganzen Kanälen von dunklem, ko⸗ thigem Waſſer zu unſern Füßen, bildete die angenehmen Ausſichten, die uns in's Auge ſtachen, als wir aus dem Café traten. Die Lampen, die mitten über die Stra⸗ ßen hingen(es war dies vor mehreren Jahren) knarr⸗ ten in dumpfem, kläglichem Getöne, vom Winde hin und her getrieben. Kein Fußtritt ließ ſich auf der Straße vernehmen— nichts, als das ſchwerfällige Platſchen des Regens, der unaufhörlich auf das breite Pflaſter herabfiel. Es war wirklich eine höchſt nieder⸗ drückende und unluſtige Zugabe zu unſerer beabſichtigten Ausfahrt, und ſelbſt O'Leary, der für äußere Einflüſſe beinahe kein Gefühl zu haben ſchien, empfand es, denn er ſprach nur wenig und ſaß kaum zehn Minuten im Wagen, als er ſchon feſt ſchlief. Dies war, ehrlich geſtanden, ein großer Troſt für mich; denn ſo ſehr ich die vielen ausgezeichneten Eigenſchaften meines Freun⸗ des ſchätzte und noch bis auf dieſe Stunde ſchätze, ſo bekenne ich doch, daß dies nicht gerade die Zeit war, wo ich mich nach ihrer weitern Entwicklung ſehnte und daß ich die Geſellſchaft irgend eines andern Menſchen, den ich weniger lang gekannt, weit vorgezogen hätte. Niemand eignete ſich für einen ſolchen Fall beſſer zum Begleiter, als Trevanion, und gegen ihn konnte ich ohne Verlegenheit mein Herz über Gegenſtände aus⸗ hu 186 ſchütten, die ich vor vierundzwanzig Stunden ſelbſt einem Bruder nicht mitzutheilen vermocht hätte. Es gibt nichts, was die Geheimniſſe des Herzens gründlicher erſchließt, als die möglicher Weiſe unmit⸗ telbare Nähe des Todes. In der That, ich frage, ob nicht ein großer Theil der Bitterkeit, welche der Ge⸗ danke an ihn einflößt, eben von dieſem Umſtande her⸗ rührt. Die Betrachtung, daß das lange Zeit ſorgfäl⸗ tigſt wie in einer Schatzkammer verwahrte Geheimniß unſeres Lebens(und wer iſt wohl ohne ein ſolches*) im Begriff ſteht, bekannt und die Heimlichkeit unſeres innerſten Herzens blosgelegt zu werden, iſt an ſich ſchon niederdrückend. Nicht ein freundliches Wort, nicht ein erinnerungsreiches Lebewohl zu denjenigen, die wir für immer verlaſſen ſollen, kann beſprochen oder beſchrie⸗ ben werden, ohne ſeine eigene Geſchichte vom halbver⸗ geſſenen Kummer oder, was in einem ſolchen Augen⸗ blick noch ſchlimmer iſt, von einem Glück, woran man nie wieder Theil nehmen ſoll, herauf zu rufen. „Ich weiß nicht, wie es kommt,“ ſagte ich zu Tre⸗ vanion,„aber, obſchon ich leider oft genug, theils als Hauptperſon, theils als Freund ſolche Dinge mitge⸗ macht habe, ſo war ich doch niemals früher ſo gänz⸗ lich niedergedrückt und ſo kleinmüthig— niemals er⸗ hoben ſich in mir ſo viele Gedanken des Bedauerns in Beziehung auf Vergangenheit und des Kummers über die Möglichkeit, einer Zukunft entſagen—“ „Ich verſtehe Sie,“ unterbrach mich Trevanion— „ich habe von Ihren Ausſichten bei der Familie Cal⸗ lonby gehört und kann wahrhaftig bei ſolchen Hoffnun⸗ gen wohl begreifen, wie wenig man geneigt iſt, auch nur den mindeſten Zwiſchenfall zu verſchmerzen, der ſich ihrer Verwirklichung in den Weg ſtellen kann; aber jetzt, da Ihres Vetters Guy Anſprüche in dieſer Be⸗ ziehung abgethan find, ſo glaube ich nach allem, was ich gehört habe, daß den Ihrigen keine großen Hinder⸗ niſſe entgegen ſtehen können.“ 187 „Guy's Anſprüche abgethan! Ich beſchwöre Sie, ſagen Sie mir alles, was Sie von dieſer Sache wiſ⸗ ſen— denn bis auf dieſen Augenblick befinde ich mich in der gänzlichſten Unwiſſenheit in Betreff ſeiner Stel⸗ lung zu der Familie Callonby.“ „Leider,“ antwortete Trevanion,„weiß ich nur wenig, aber dieſes Wenige iſt authentiſch— denn Guy ſelbſt hat das Geheimniß einem ſehr vertrauten Freund von mir mitgetheilt. Wie aus allem bervor geht, hat Ihr Vetter gehört, daß die Callonby's ſich in Irland ſehr freundlich und ungemein zuvorkommend gegen Sie erwieſen haben, und zwar in der Meinung, daß Sie der andere Neffe des Sir Guy und folglich der Erbe eines bedeutenden Vermögens, d. h. Guy ſelbſt ſeien, und daß Callonby Ihren Irrthum während Ihres Auf⸗ enthaltes in Irland nicht entdeckt, daher auch die in⸗ nigſte Vertraulichkeit zwiſchen Ihnen und Lady Jane nicht blos geſtattet, ſondern ihr ſogar Vorſchub gelei⸗ ſtet habe. Iſt es ſo weit wahr?“— „Ich habe es ſchon lange geargwohnt. In der That kann ich mir den Empfang, der mir bei Cal⸗ lonby's zu Theil wurde, auf keine andere Weiſe erklä⸗ ren. Aber wie iſt es möglich, daß Lady Jane ſich zu einem ſolch' unwürdigen Verfahren hergegeben haben könnte?“ „Bitte, hören Sie mich aus,“ ſagte Trevanion, den die Verzagtheit in meinem Ton und ganzen Weſen augenſcheinlich ſehr überraſchte.„Guy hatte alſo vom Mißgriff der Callondy's gehört, und da er darin gün⸗ ſtige Zeichen für ſich ſelbſt zu erblicken glaubte, kam er, ſobald er ſie in Paris wußte, plötzlich herüber und ließ ſich bei ihnen einführen. Von dieſer Zeit an ver⸗ ließ er ihr Haus beinahe nie mehr, außer um ſie in die Geſellſchaften oder in Theater zu begleiten. Bei Lady Jane, ſagt man, machte er keine Fortſchritte. Jhr Benehmen war gleich zu Anfang kalt und förm⸗ lich und wurde es mit jedem Tage mehr, ſo daß er 188 ſich zuletzt halb und halb entſchloß, eine Bewerbung aufzugeben, zu welcher ihn, beiläufig geſagt— er hat dieß ſelbſt geſtanden— pekuniäre Rückfichten mehr veranlaßt hatten, als Neigung zu der Lady. Da kam er plötzlich auf den Gedanken, einen Umſtand zu be⸗ nützen, in welchem er anfangs das Haupthinderniß ſeines Erfolges erblickt hatte. Er behauptete auf ein⸗ mal, er wünſche ein näheres Verhältniß zu Lady Jane blos, weil Sie ihm ſo viel von ihr erzählt haben— er ſtellte ſich, als beſäße er ihr unbedingteſtes Vertr auen — er ſpielte wirklich die Rolle eines Freundes— eines mit allen Ihren Gefühlen und Hoffnungen aufs Ge⸗ naueſte bekannten Freundes, der keinen höhern Wunſch habe, als mit allen ihm zu Gebot ſtehenden Mitteln Ihre Abſicht zu fördern— „Und kam er auf dieſe Art weiter?“ fiel ich ein. „Wenigſtens gab er ſich die größte Mühe,“ ſagte Trevanion. „Ja, und den Erfolg weiß ich nur zu gut,“ ver⸗ ſetzte ich.„Mein Oheim hat mir ſelbſt einen Brief von Guy gezeigt, worin er von der ganzen Sache ſpricht, wie wenn ſie längſt abgemacht wäre, und von Lady Jane, wie wenn ſie demnächſt ſeine Frau werden ſollte.“ „Dieß mag alles wohl wahr ſein; aber Sie brau⸗ chen nur Guy's Taktik ein wenig näher ins Auge zu ffaſſen, um ihm hinter ſeine Schliche zu kommen; denn, wie ich höre, veranlaßte er durch Vorſpiegelungen die⸗ ſer Art Ihren Oheim, den Callonby'g in Beziehung auf die Heirath die allerſchönſten Vorſchläge zu machen, und um die Sache kurz abzufertigen, nur die entſchie⸗ dene Weigerung der Lady Jane, die zuletzt ſein ganzes Spiel durchſchaute, verhinderte die Heirath.“ „Sie hat ihm alſo wirklich einen Korb gegeben?“ ſagte ich mit ſchlecht unterdrücktem Frohlocken. Daran kann gar nicht gezweifelt werden; denn abgeſehen von den beſtändigen Neckereien, die ſich Guy 189 in ſeinen Geſellſchaften deßhalb gefallen laſſen mußte, machte er ſelbſt weiter kein Geheimniß aus der Sache, ſondern erklärte offen, er betrachte eine Zurücktreibung nicht als eine Niederlage, und ſei entſchloſſen, die Be⸗ lagerung ſo nachdrücklich als je fortzuſetzen.“ 3 So innig mich alles intereſſirte, was Trevanion ſagte, ſo konnte ich nicht umhin, in ein tiefes Nach⸗ denken über meine erſte Bekanntſchaft mit Callonby's zu verſinken. Es gibt vielleicht nur wenige Dinge, welche demüthigender ſind als die Erfahrung, daß wir Aufmerkſamkeiten oder Höflichkeiten, die man uns er⸗ wieſen hat, blos einer Verwechslung mit einer andern Perſon verdanken, und in demſelben Maß, wie man ſie früher hoch angeſchlagen hat, verabſcheut man ſie jetzt, wenn die Wahrheit an den Tag kommt. Für all' die niederdrückenden Einflüſſe, welche die⸗ ſer Gedanke mit ſich führte, hatte ſich inzwiſchen jetzt der heilende Balſam gefunden, die Gewißheit, daß Lady Jane mir treu ſei— daß ſie wenigſtens, wenn auch andere ſich durch weltliche Rückſichten haben beir⸗ ren laſſen, nur mich ſelbſt— nur mich allein im Auge gehabt habe. Mein Leſer(ach, was mag er wohl von meiner Urtheilskraft denken) weiß, auf welch' ſchwa⸗ chen Grund ich dieſe Ueberzeugung baute; aber ich habe es ja in dieſen Bekenntniſſen ſchon oft geſtanden, daß mein Hauptfehler eine große Vorliebe zur Selbſt⸗ täuſchung war; und hier fand ſich eine Kapitalgelegen⸗ heit, ihr nachzuhängen. „Wir weiden überflüſſig Zeit haben, dieß ſpäter zu beſprechen,“ ſagte Trevanion, ſeine Hand auf meine Schulter legend, um meine abſchweifende Aufmerkſam⸗ keit anzuregen—„denn jetzt haben wir, wie ich ſehe, nur noch acht Minuten übrig.“ 3 Waͤhrend er ſprach, kam ein Dragoneroffizier ans Wagenfenſter hergeritten, blickte uns einige Sekunden lang feſt an, fragte, ob wir Messieurs les Anglais wären, und fügte, beinahe ohne die Antwort abzuwar⸗ 190 ten, hinzu:„Sie würden wohl thun, nicht weiter voran zu fahren, denn die nächſte Straßenbiegung wird Sie ins Angeſicht des Dorfes bringen.“ Wir befahlen alſo dem Kutſcher, Halt zu machen und ſtiegen aus, nachdem wir mit einiger Schwierig⸗ keit O'Leary geweckt. Der Militär gab jetzt ſein Pferd einem Groom, ging voran und führte uns auf einem ſchmalen Wege, mit deſſen Windungen und Krümmun⸗ gen er ſichtlich aufs Genaueſte vertraut war, durch ein Kornfeld. Endlich erreichten wir den Gipfel eines klei⸗ nen Hügels, von welchem wir eine ausgebreitete Aus⸗ ſicht auf das Land vor uns hatten und ein gutes Stück der Seine überſchauten, die ruhig zwiſchen wohlange⸗ bauten Feldern dahinſtrömte, mit manchem freundlich hervor ſchimmernden Häuschen an ihren Ufern. Schnell von da aufbrechend, geleitete uns unſer Führer einen ſchmalen, ſteilen Pfad hinab in ein kleines, mit Pappeln und Weiden bewachſenes Thal. Ein kleiner Fluß zog ſich durch daſſelbe und aus einem Geklapper erſahen wir bald, daß eine Mühle in der Nähe war, vor welche eine weitere Krümmung des Weges uns führte. Und hier kann ich nicht umhin, bei dem Gemälde zu verweilen, das ſich unſern Blicken darbot. Auf dem freien Platz vor der kleinen ländlichen Mühle ſaßen zwei Gentlemen, deren einen ich ſogleich als den Kar⸗ telträger von geſtern erkannte, während der andere, wie ich richtig vermuthete, mein Gegner ſein mußte. Vor ihnen ſtand ein kleiner Tiſch, mit einem ſchnee⸗ weißen Tuche bedeckt, auf welchem ſich die Zurüſtungen zu einem Frühſtück befanden— eine höchſt einladende Melone und eine lange, ſchlankhalſige Flaſche, in einer kleinen Eisgölte ſtehend, bildeten einen Theil des Ma⸗ terials. Mein Gegner ſchmauchte kaltblütig ſeine Ci⸗ garre— eine halb leere Taſſe Kaffe ſtand neben ihm — ſein Freund war beſchäftigt, das Schloß der Duellir⸗ piſtolen zu unterſuchen, die auf einem Stuhle lagen. Kaum hatten wir um die Ecke gebogen, die uns zu 191 ihnen führte, als ſie beide ſich erhoben, mit großer Höflichkeit ihre Hüte abnahmen und uns guten Morgen wünſchten. „Darf ich Ihnen eine Taſſe Kaffee anbieten?“ ſagte Monſieur Derigny zu mir, als ich herankam, indem er zugleich einſchenkte und eine kleine Flaſche Cognac ge⸗ gen mich ſchob.— Ein Blick von Trevanion beſtimmte mich von dem höflichen Anerbieten Gebrauch zu machen, und ich ſetzte mich auf den Stuhl neben den Baron. Mittlerweile hatte Trevanion meinen Gegner, ſo wie den Fremden, der uns den Weg gezeigt, in ein Geſpräch gezogen, und O'Leary allein unbeſcäftigt gelaſſen, was er in⸗ zwiſchen nicht lange blieb; denn obſchon von den An⸗ dern nicht eingeladen, ergriff er Meſſer und Gabel und begann einen nachdrücklichen Angriff auf eine Rebhuhn⸗ paſtete, die neben ihm ſtand; mit der gleichen Weg⸗ ſetzung über langweilige Höflichkeitsſormeln öffnete er ſofort den Champagner und ſchenkte ſich einen ſchäu⸗ menden Kelch, beinahe den dritten Theil der ganzen Flaſche ein, indem er bemerkte: „Ich denke, Mr. Lorrequer, wir können nichts Ge⸗ ſcheidteres thun, als Ihnen zeigen, daß wir ganz ebenſo kalt und unbekümmert find wie ſie.“ Nach den Blicken der Geſellſchaft zu ſchließen, konnte eine glücklichere Art, ihr unſere unbefangene Gleich⸗ müthigkeit zu beweiſen, nicht wohl erſonnen werden. Von allem Aerger über dieſes Benehmen befreite mich inzwiſchen ſchnell Trevanion, indem er O'Leary auf die Seite rief, um ihm auseinanderzuſetzen, daß er nomi⸗ nell als Sekundant zu fungiren habe, indem Trevanion, als in Paris wohnhaft, füͤr den Fall, daß etwas Ernſt⸗ liches herauskomme, in Unterſucung gezogen werden könnte, während O'Leary als blos Durchreiſender ſich nur über die Gränze nach Deutſchland zu begeben brauche, um ſich allen Unannehmlichkeiten zu entziehen. O Leary erklärte ſich ſogleich einverſtanden— viel⸗ 192 leicht um ſo bereitwilliger, weil er erwartete, man werde ihn zu ſeinem Frühſtück zurückkehren laſſen— aber hierin fand er ſich bald getäuſcht, denn die ganze Geſellſchaft brach jetzt auf und zog ſich, den Baron an der Spitze, dem Lauf des kleinen Fluſſes entlang. Nachdem wir etwa fünf Minuten gegangen, fan⸗ den wir uns am Ausgang des Thales, der durch einen großen Steinbruch gebildet wurde, welcher mit ſeinen auf beiden Seiten dreißig bis vierzig Fuß hohen Mauern von rohem Granit eine Art Amphitheater vorſtellte. Der Grund war glatt und eben, wie ein mit Brettern belegter Stubenboden, und Liebhaber ſolcher Vergnü⸗ gungen konnten ſich gewiß keinen Platz wünſchen, der ſich vollkommener zu ihrer Art von Zuſammenkünſten geeignet hätte. Der Fremde, der uns entgegengekommen war, ſah unſere Blicke der Befriedigung über die Wahl des Ter⸗ rains und konnte nicht umhin gegen mich zu bemerken: .„Es iſt dies nicht die erſte Affaire, die auf dieſem Plätzchen ausgemacht wird; die Mühle von St. Cloud iſt nach meiner Anſicht der allerbeſte Paukplatz in der ganzen Umgegend von Paris.“ Trevanion, der waͤhrend dieſer Worte mit Deri⸗ guy geſprochen hatte, zog mich jetzt auf die Seite. „Nun, Lorrequer, haben Sie jetzt eine Erinnerung, Ihren Gegner je geſehen zu haben, oder können Sie wenigſtens die Urſache von all' Dem vermuthen?“ „Bis auf dieſen Augenblick habe ich ihn nie geſe⸗ hen,“ ſagte ich, nach der ſchlanken, ſtattlich gebauten Figur meines Gegners hinblickend, der mit aller Muße eine Schnur von ſeinem dichtanliegenden Rock ablöste, als ob er beſorgte, ich möchte ſie zum Gegenſtand mei⸗ nes Zielens machen. „Nun gleichviel, ich werde ſchon Alles gehörig ver⸗ anſtalten. Wie ſteht es mit Ihrem Fechten? denn ſie haben auch Stoßdegen mitgebracht.“ 193 „Darin bin ich kein Künſtler; ich habe ſeit meiner Knabenzeit nicht gefochten.“— „Thut nichts, ſo wollen wir es alſo auf Barriere ausmachen. Ich weiß, ſie ſind darauf von Engländern micht vorbereitet; treten Sie jetzt auf die Seite und überlaſſen Sie mir die Unterhandlungen.“ Da der beſchränkte Raum mir eine weite Entfer⸗ nung nicht geſtattete, ſo wurde ich unwillkürlich Ohren⸗ zeuge eines Zwiegeſprächs, worüber ſelbſt der Ernſt des Augenblicks mich kaum verhindern konnte, laut aufzu⸗ lachen. Um alle möglichen Unannehmlichkeiten von Seiten des Gerichts zu vermeiden, war es nothwendig, daß O'Leary zu jedem einzelnen Punkt der Veranſtaltung ſeine Einwilligung gab; und da er beinahe kein Wort fran⸗ zöſiſch verſtand, ſo mußte Trevanion nicht blos für ihn überſetzen, ſondern auch O'Leary's eigene Bemerkungen oder Einwendungen gegen die Vorſchläge der Andern verdolmetſchen. „Alſo es bleibt dabei— die Herren ſchießen auf Barriere,“ ſagte der Kapitän Derigny. „Was iſt das, Trevanion?“ „Wir haben beſchloſſen, ſie an eine Barrier zu ſtellen,“ erklärte Trevanion. „Sonderbar,“ murmelte O'Leary für ſich, denn er wußte zwar, daß das Wort einen Schlagbaum be⸗ vnua, hatte aber von einem andern Sinn deſſelben keine Ahnung. 3 „»NVingt quatre pas, n'est ce pas?“ ſagte De⸗ rigny. 3 „Das iſt zu weit,“ wandte Trevanion ein. „Was ſagt er jetzt?“ fragte O'Leary. „Vier und zwanzig Schritte Diſtanz.“ „Vier und zwanzig Schritte,“ ſagte O'Leary mit den Fingern ſchnalzend. 8 würde er von der Länge der Sackville⸗Street halie Fragen Sie ihn einmal das.“ 194 „Was ſagt Monſieur?“ fragte der Franzos. „Er hält die Diſtanz für viel zu groß.“ „Er dürfte ſich leicht irren,“ meinte der Kapitän, mit einem halb höbniſchen Lächeln.„Mein Freund iſt de la pnemière force.“- „Das muß Ihrem Blicke nach etwas Unverſchäm⸗ tes ſein, Mr. Trevanion? iſt es nicht Jammerſchade, daß ich nicht franzöſiſch ſprechen kann?⸗ „Was würden Sie denn zu zwölf Schritten ſagen? Sie ſchießen zuſammen, und Jeder hat zwei Kugeln, wenn bei der erſten nichts herauskommt.“ „Und für den Nothfall,“ fügte der Franzos gleich⸗ gültig binzu,„können fie's ja mit dieſen da ausmachen,“ dabet ſtieß er mit ſeinem Fuße an die Degen. „Die Wahl der Waffen ſteht, ſo viel ich weiß, uns zu,“ entgegnete Trevanion.„Wir haben uns be⸗ reits für Piſtolen entſchieden und werden die Sache mit ſolchen ausmachen.“ Endlich nach zahlloſen Einwendungen kam man da⸗ hin überein, wir ſollen beide Rücken an Rücken geſtellt werden, ſodann auf ein Kommando Jeder bis auf eine gewiſſe mit einem Stein bezeichnete Diſtanz vorange⸗ hen, wo wir Halt zu machen haben und auf das Si⸗ gnal: une, deux uns umzudrehen und zu feuern haben. Dieſe Art zu duelliren, die weſentlich eine fran⸗ zöſiſche Erfindung iſt, war für mich vollkommen neu, keineswegs aber für Trevanion, der ſehr deutlich ein⸗ ſah, von welch' unermeßlicher Wichtigkeit es war, daß mein Gegner auch nicht einen Augenblick Zeit zum Zie⸗ len erhielt; denn bei dieſer Manier zu feuern kann auch der gewandteſte, gefährlichſte Schütze möglicherweiſe fehlen— namentlich, wenn das Signal ſchnell gege⸗ ben wird. Während Trevanion und der Kapitän den Boden ausmaßen, war ein kleiner Umſtand, der in meiner Nähe vor ſich ging, ſeden als nicht ſonderlich geeignet, meine Nerven zu ſtärken. Der Fremde, der uns den . Weg gezeigt, hatte die Piſtolen zu unterſuchen ange⸗ fangen, und als er fand, daß eines davon geladen war, wandte er ſich zu meinem Gegner mit den Worten: „Haulpenne, Sie haben vergeſſen, den Schuß heraus⸗ zuziehen; laſſen Sie ſehen, was für eine Hand Sie heute haben?⸗ Zugleich zog er ſeinen großen Reithandſchuh ab und überreichte das Piſtol ſeinem Freunde. „Einen doppelten Napoleon, Sie treffen den Dau⸗ men nicht.“. 4 „Gilt,“ ſagte der andere, die Waffe zurechtmachend. Dies war kaum geſprochen, als derjenige, der die Wette vorgeſchlagen hatte, den Handſchuh mit aller Kraft in die Luft warf. Mein Gegner erhob ſein Pi⸗ ſtol und wartete einen Augenblick, bis der Handſchuh ſeine höchſte Höhe erreicht hatte und zu fallen anfing. Click, drückte er jetzt los— der Handſchuh wirbelte ein halb Duzendmal herum, fiel etwa zwanzig Schritte vor dem Schützen nieder und der Daumen war oben am Gelenke vollſtändig weggeſchoſſen. Dies— was nicht halb ſo viel Zeit wegnahm, als ich zur Erzählung gebraucht habe— war ſicherlich kein erbauliches Vorſpiel für mich, der, ich mich jetzt fünf⸗ zehn Schritte vor dieſem Künfller aufſtellen ſollte, und ich würde ohne Zweifel das ganze Gewicht dieſes Um⸗ ſtandes empfunden haben, ware nicht mein Blick durch den ſpaßhaften Ausdruck des Kummers auf O'Leary's Geſicht abgelenkt worden, der mich offenbar beinahe ſchon als todt anſah. „ Jetzt, Lorrequer, ſind wir fertig,“ ſagte Treva⸗ nion, vorwärts tretend, und fügte dann etwas leiſer hinzu:„Es iſt alles zu Ihren Gunſten; ich habe das Commando und werde in dem Augenblick commandiren, wo Sie Halt machen. Drehen Sie ſich dann ſchnell um und feuern Sie ſogleich, aber beſchreiben Sie nur beim Umdrehen keinen zu Poßen Kreis— dies iſt der gewöhnliche, ſtets ſich wiederholende Fehler bei dieſer * 196 Art zu feuern; inzwiſchen übereilen Sie ſich auch nicht, bleiben Sie ruhig.“ „Nun, Messieurs,“ ſagte Derigny, indem er mit ſeinem Freund, der ſich auf ſeinen Arm lehnte, her⸗ vortrat und ihn an den angewieſenen Platz ſtellte. Tre⸗ vanion nahm jetzt meinen Arm und ſtellte mich Rücken an Rücken zu meinem Gegner. Als ich mein Plätzchen einnahm, geſchah es zufällig, daß meines Gegners Sporn mich ein wenig ſtreifte, worauf er ſich alsbald umdrehte und mit dem verbindlichſten Lächeln tauſendmal um Verzeihung bat; er hoffe, ich werde mich nicht beſchä⸗ digt haben. O'Leary, der den Zwiſchenfall ſah und vermuthete, der Kampf werde jetzt beginnen, rief: „O, der kaltblütige Schurke; ich gebe den Teufel um Ihre Chance, Mr. Lorrequer.“ „Messieurs, Ihre Piſtolen,“ ſagte der Garde⸗ kapitän, überreichte uns ſofort die Waffen, wiederholte noch einmal die Bedingungen des Kampfes und com⸗ mandirte:„Vorwärts!“. Ich ging jetzt langſam bis an den mit dem Steine bezeichneten Platz, aber es ſcheint, daß ich meinem Gegner voraus war, denn ich erinnere mich noch, daß einige Sekunden vergingen, bevor Trevanion ein wenig huſtete und dann mit voller, klarer Stimme: Une, deux! rief. Kaum hatte ich mich halb umgedreht, als mein rechter Arm plötzlich wie von einem galvaniſchen Schlag in die Höhe zuckte, mein Piſtol wurde aufwärts geworfen, ging in vemſelben Augenblick los und entſank dann meiner kraftloſen Hand, die, wie ich jetzt ſpürte, von warmem Blute bedeckt wurde, das aus einer Wunde am Ellnbogen kam. Von dem ſtechenden, aber nur augenblicklichen Schmerz, den ich dabei empfand, wurde meine Aufmerkſamkeit bald abgelenkt, denn kaum war mein Arm getroffen, als ein lautes rauſchendes Getoſe zu meiner Linken mich veranlaßte, mich umzudrehen, und nun ſah ich zu meinem Erſtaunen meinen Freund *8 197 O'Leary ungefähr zwölf Fuß vom Boden an einigen Eſchenzweigen hängend, die aus den Spalten des Gra⸗ nits hervorwuchſen. Rings um ihn her rollte zerbrö⸗ ckeltes Geſtein herab, und ſeine Stellung ließ jeden Augenblick einen Sturz befürchten. Er kreiſchte aus voller Lunge, aber was er ſagte, ging gänzlich ver⸗ loren in dem ſchallenden Gelächter Trevanions und der Franzoſen, die vor unbändiger, ausgelaſſener Luftigkeit ſich kaum auf den Füßen halten konnten. Ich hatte nicht Zeit, ihm zu Hülfe zu eilen, was ich trotz meiner Wunde gethan haben würde— denn ſchon trennte ſich der Zweig, woran er ſich geklammert hatte, mit ſeinem Gewichte los, und die runde, plumpe Figur meines armen Freundes rollte über das kleine Felsgeröll herab, ſtürzte dann nach einigen ſchwachen Anſtrengungen ſchwerfällig auf den Boden nieder und zag zuletzt friedlich auf der Haide da— ſein Gekreiſche dieſe ganze Zeit über war laut genug geweſen, um ſeltzſt das lärmende Gelächter der Andern zu übertäuben. Ich rannte jetzt zugleich mit Trevanion, auf unſern gefallenen Freund zu, der ſeine Augen gegen mich auf⸗ ſchlug und im jammervollſten Tone ſagte: „Mr. Lorrequer, ich vergebe Ihnen— bier iſt meine Hand— der Teufel hole dieſe franzöſiſche Art zu fechten, das ſage ich— ſie taugt zu nichts, als daß man den eigenen Freund umbringt. Ich glaubte da oben ſicher zu ſein, möchte kommen was da wollte.“ „Mein theurer O'Leary,“ ſagte ich mit einem ſchmerzgefühl, das mich verhinderte, von den lachenden eſichtern um mich her Notiz zu nehmen,„Sie wer⸗ den doch nicht ſagen wollen, daß ich Sie verwundet abe?, „Nein, beim Himmel, verwundet nicht, aber ge⸗ radezu getödtet— es muß durch das Hirn gegangen ſein nach den Schmerzen, die ich ausſtehe.“ Das Welächter, mit welchem dieſe Worte aufge⸗ Bekenntniſſe Lorrequers. II. 13 * 8 * 198 nommen wurden, machte mich wieder ruhiger, wäh⸗ and Trevanion, der vor Lachen kaum ſprechen konnte, agte: „Wie, Lorrequer, haben Sie denn nicht geſehen, daß Ihre Kugel hoch in den Steinbruch hinauffuhr? glücklicherweiſe jedoch noch anderthalb Fuß höher als Mr. O'Leary's Kopf, deſſen ernſtlichſte Wunden wohl ſeine geritzten Hände und etliche Quetſchungen in Folge ſeines Sturzes ſein mögen.“ Dieſe Erklärung befriedigte mich vollkommen, war aber keineswegs gleich tröſtend für den armen O'Leary, der ganz bewußtlos für Alles, was um ihn her vor⸗ ging, und auf's jammervollſte ſtöhnend, dalag. Etwas von dem Blut, das fortwährend ſchnell aus meiner Wunde floß und ihm auf ſein Geſicht tropfte, weckte ihn wieder ein wenig— aber nur, um ſein Wehklagen über ſein Geſchick, das, wie er glaubte, ſchnell ſich vollendete, von Neuem zu beginnen. 4 „Durch den Schädel— rein durch den Schädel— und das Bewußtſein bis auf den letzten Augenblick zu behalten. Mr. Lorrequer, neigen Sie ſich zu mir her⸗ ab, ein Sterbender erſucht Sie, verweigern Sie mir meine letzte Bitte nicht. Es iſt weder Glück, noch Gunſt, weder Ehre, noch Ruhm bei einer ſolchen Art zu fechten— deßhalb verſprechen Sie mir, daß Sie den grinſenden Laffen dort todtſchießen wollen, ſobald er vom Platze geht, da es doch einmal Brauch iſt, auf einen Mann zu feuern, der Ihnen den Rücken kehrt. Siehen Sie ihn über den Haufen, dann will ich gerne erben.“ Mit dieſen Worten ſchloß er ſeine Augen, machte ſeine Beine ſteif, ſtreckte auf beiden Seiten ſeine Arme und verſetzte ſich, ſo gut die Umſtände und der Boden es geſtatten wollten, in die Lage eines Leichnams— während ich jetzt ohne weiteres an der Luſtigkeit der andern Theil nahm, die, ſo laut und geräuſchvoll ſie war, doch nicht mehr zu O'Leary's Ohren drang. — 199 Mein Arm war jetzt ſo ſchmerzhaft geworden, daß ich Trevanion erſuchen mußte, mir den Rock ausziehen zu helfen. Die Franzoſen waren ungemein überraſcht, als ſie hörten, daß ich verwundet ſei; O'Leary's Kata⸗ ſtrophe hatte bis dahin ausſchließlich alle Aufmerkſam⸗ keit verſchlungen. Mein Arm wurde nunmehr unter⸗ ſucht, und es zeigte ſich, daß die Kugel von einer Seite bis zur andern durchgefahren war, ohne ſcheinbar den Knochen zu verletzen; die Kugel ſelbſt und das Stück von meinem Rock, das ſie mitgeriſſen hatte, lagen beide in meinem Aermel. Die einzige ernſtliche Folge, die zu befürchten ſtand, betraf die Verletzung des Blut⸗ gefäßes, aus welchem unaufhörlich Blut hervorſtrömte, und ich war juſt Chirurg genug, um zu vermuthen, daß eine Arterie zerriſſen ſei. Trevanion band ſein Schnupftuch dicht um die Wunde und half mir auf die Straße, die ich— ſo ſchnell war der Blutverluſt— nur mit Mühe erreichte. Während all dieſer Veranſtaltungen konnte man ſich unmöglich etwas Freundſchaftlicheres und Zuvorkommen⸗ deres denken, als das Benehmen unſerer Gegner. All das trotzige und renommiſtiſche Gebahren, welches ſie vorher für unerläßlich gehalten hatten, war auf einmal verſchwunden, und ſtatt deſſen fanden wir die Aufmerk⸗ ſamkeit und Höflichkeit wahrhaft gebildeter Menſchen. Sobald ich im Stande war, über die Sache zu ſprechen, bat ich Trevanion, nach dem armen O'Leary zu ſehen, der noch immer gänzlich bewußtlos auf dem Boden lag. Als Kapitän Derigny meinen Wunſch hörte, kehrte er ſogleich nach dem Steinbruch zurück und nur mit der größten Schwierigkeit überredete er meinen Freund, aufzuſtehen und das Gehen zu verſuchen, wozu er ſich zuletzt anſtrengte, aber ihn als Zeugen aufrief, daß dies vielleicht der einzige Fall in der Weltgeſchichte ſei, wo ein Mann mit einer Kugel im Hirn eine ſolche Strapaze durchmache. Aus Rückſicht auf meine Bequemlichkeit und Ruhe 200 ſetzten ſie ihn in das Cabriolet des Barons, verſprachen dann noch unmittelbar bei ihrer Ankunft in Paris Du⸗ puytren zu mir zu ſenden, und verabſchiedeten ſich, worauf Trevanion und ich gleichfalls heimwärts fuhren. Nicht alle meine Erſchöpfung und Schwäche, ſelbſt nicht der brennende Schmerz, den ich litt, konnte mich verhindern, über O'Leary's Abenteuer zu lachen, und Trevanion mußte ſeine ganze Klugheit aufbieten, um die Erinnerung an daſſelbe nicht gar zu mächtig in mir werden zu laſſen. Als wir im Meurice ankamen, fand ich Dupuytren bereits wartend; er erklärte ſogleich, die Hauptarterie ſei verletzt, und legte augenblicklich einen Verband an. Nachdem dieſes ſchmerzliche Geſchäft vorüber war, brachte man mich auf einen Sopha, verſah mich tüchtig mit Limonade, ſchärfte mir ein, mich ruhig zu verhalten, und überließ mich bis zum Abend meinen eigenen Be⸗ trachtungen, wie ſie kommen mochten— Trevanion hatte es auf ſich genommen, unſer Nichterſcheinen bei Mrs. Binghams Dejeuner zu entſchuldigen, und O'Leary ſchlief feſt in ſeinen eigenen Gemächern. —— Sechszehntes Kapitel. Erinnerungen an Tage der Kindheit— eine erſte Liebe. Ich kenne keine Empfindungen, die einander ſo vollkommen ähneln, wie diejenigen, die ſich beim Er⸗ wachen nach einem plötzlichen und ſehr bedeutenden Blutverluſt, und diejenigen, die ſich nach dem Genuß einer anſehnlichen Doſts Opium einſtellen. Zuerſt der Schwindel, die Verworrenheit und eine Art von Denk⸗ unfähigkeit, die allmählig, wenn die Sinne klarer wer⸗ 201 den, einem unbeſtimmten, undeuklichen Bewußtſein Platz machen; dann der ſeltſame Nebel, worein Thatſachen und Phantaſiegebilde gehüllt ſind— die wirre Ver⸗ wechslung von Perſonen, Orten und Zeiten; alles das ſind Dinge, worüber man ſich nicht abquält und ärgert — denn vor eitel Schwäche kann gar kein Unmuth aufkommen— ſondern die ein panoramiſches Gemälde von ſeltſamen und ungereimten Dingen darbieten, deren vorherrſchende Wirkung eine vergängliche iſt. Von den Umſtänden, durch welche ich hier auf's Krankenlager gebannt worden war, hatte ich noch nicht die unklarſte Erinnerung— die Geſichter und der Auf⸗ zug aller derer, die ich in der lezten Zeit geſehen hatte, ſtanden mir lebhaft vor den Augen; aber wie und zu welchem Zweck, das wußte ich nicht. Etwas in ihrer Freundlichkeit und Aufmerkſamkeit hatte einen angenehmen Eindruck auf mein Gemüth hinterlaſſen, und ohne im Stande zu ſein, oder auch nur einen Verſuch zu machen, dieſen zu ergründen, fühlte ich mich glücklich in dem Gedanken. Wäyrend auf dieſe Art die„Stunde vorher“ in unklarem Dämmerlicht ſchwebte, traten mir die Ereigniſſe der veraangenen Jahre in lebhaften, glänzenden G mälden vor die Augen; und ſeitſam genug, je entfernter die Periode war, um ſo handgreiflicher und gegenwärtiger ſchien ſie meiner Ein⸗ bildungskraft. Denn ſo iſt's, es wohnt dem Gedächt⸗ niß eine Art geiſtiger Fernſichtigkeit inne, die, obſchon blind für die Gegenſtände in unmittelbarer Nähe, die blauen Berge und den geſtirnten Himmel erreichen kann, die viele Meilen entfernt liegen. Iſt dies eine Krankheit? oder iſt es vielmehr eine Gabe der Vor⸗ ſehung, um die langweiligen Stunden des Kranken⸗ bettes zu erleichtern und den verlaſſenen Dulder auf⸗ Phenern, deſſen einziges Königreich ſeine Gedanken ſind Die Tage meiner Schulzeit mit all ihren feſtlichen Anregungen; der Hügel, wo ich die erſten Schlüſſel⸗ blumen des Jahres gepflückt: der(lare, aber reißende Strom, an dem ich Tage lang die geſprenkelten Fo⸗ rellen beobachtet, wie ſie friedlich hinabſchwammen, oder im fröhlichen Sonnenſchein ihre glänzenden Floßen ſchüttelten; die prächtige Waſſerjungfer, die über ſeinen kräuſelnden Wellen ſpielte und ihre ftrahlenden Flügel hineintunkte— das Alles ſtand jetzt vor mir. Und dann kam der Gedanke an die Schule ſeloſt mit ihrer kleinen Welt kindiſcher Sorgen und Nacheiferungen; die früb eingeſogene Leidenſchaft für Erfolg; das glü⸗ hende Verlangen nach Ueberlegenheit; das ſchwellende Hochgefühl des Herzens, wenn ich dem väterlichen Hauſe näher kam, zu denken, daß ich den erſehnten Preis— das Ziel mancher mühereichen Stunde— den Gedanken manches nächtlichen Traumes gewonnen: meines Vaters Lächeln; meiner Mutter Kuß! O welch eine Welt zarter Erinnerung führt nicht dieſer eine Gedanke mit ſich! Denn was ſind alle unſere ſpätern Erfolge im Leben— ſo glänzend ſich unſer Geſchick immer geſtalten mag— im Vergleich mit den Tri⸗ umphen unſerer frühen Kindheit? Wo können wir un⸗ ter der mißgünſtigen Nebenbublerſchaft der Einen, den kalten, halberpreßten Lobpreiſungen Anderer, den eigen⸗ ſüchtigen, theilnahmsloſen Rückſichten Aller etwas fin⸗ den, was uns die auffauchzende Trunkenheit unſerer jungen Herzen erſetzte, wenn diejenigen, die uns gewiegt und geliebt haben, auf unſere Erfolge ſtolz werden! Was mich betrifft, ſo hat es meinem Leben an allem Blendwerk günſtiger Prophezeiungen gemangelt— meine Jahre ſind auf einander gefolgt, nur um die Verhei⸗ ßungen zu nichte zu machen, welche gütige, wohlwol⸗ lende Freunde ausgeſprochen hatten— es iſt mir nur wenig geblieben, woran ich mit Freude hängen, was ich als Erfolg betrachten könnte. Und doch habe auch ich einige Augenblicke gehabt, welche meinen jugend⸗ lichen Traum des Ehrgeizes halb zu verwirklichen ſchienen und meine Lebensgeiſter mächtig in mir auf⸗ 203 friſchten; aber was waren ſie alle in Vergleich zu mei⸗ nen Kinderherrlichkeiten? was iſt die vorübergehende Anregung, welche das Herz in der verlaſſenen, ſelbſti⸗ ſchen Einſamkeit aus ſeinen eigenen Mitteln ſchöpft, im Vergleich mit der kleinen Welt von Mitgefühl und Liebe, welche ſich in der Heimath unſerer Kindheit vorfand, wenn wir ſtolz auf irgend eine geringfügige Auszeichnung einer Mutter in die Arme fielen und von unſerem Vater die Worte vernahmen: Gott ſegne Dich, mein Junge! Nein, nein; die Welt hat keinen Erſatz für dieſes; es gleicht der ſtrahlenden Morgenröthe, die, wenn ihre Herrlichkeiten den Oſten vergolden, eine ganze Welt von Schönheit und Verheißung vor uns entwickelt— vernichtete Hoffnungen haben unſere Her⸗ zen noch nicht welken gemacht, falſche Freundſchaften haben ſie noch nicht verderbt, kaltes, ſelbſtſüchtiges In⸗ tereſſe hat ſie noch nicht verhärtet, die Quellen unſerer Liebe ſind noch nicht vertrocknet, und wir ſind wirklich glücklich; aber wiederum wie der Anbruch des Morgens iſt dies flüchtig und vergänglich, und wiederum wie dieſer ſchwindet es dahin, um nie, nie wiederzukehren. Von Gedanken ſolcher Art wanderte mein Geiſt zu vorgerückteren Jahren, als ich, aus dem eigentlichen Knabenalter heraustretend, mich halb einen Mann glaubte und ganz überzeugt war, daß ich verliebt ſei. Im Ganzen war dies vielleicht für die Zeit, die ſie andauerte— zehn Tage glaube ich— die aufrich⸗ tigſte Leidenſchaft, die ich je empfunden habe. Ich hatte etliche Wochen mit. einigen Verwandten meiner utter in einem kleinen Bade in Wales zugebracht. Dort gab es, wie man ſich leicht denken kann, nur wenig Zerſtreuung, und die Vergnügungen, welche der Platz darbot, beſchränkten ſich auf die Reize der Landſchaft und gelegentliche Fiſchereien in dem kleinen Bache Dolgelly, der in der Nähe floß. Bei all den kleinen Ausflügen, welche der jüngere Theil der Familie zuſammen machte, wurde immer viel von einer ſehr 20⁴ theuern Coufine geſprochen, deren Beſuch alle mit der größten Spannung entgegenſahen— die Aelteren von der Geſellſchaft mit einem gewiſſen, ruhigen Vergnü⸗ gen, als ob ſie mehr wüßten, als ſie ſagten, die jün⸗ geren mit all der kindlichen Ueberſchwenglichkeit jugend⸗ lichen Entzückens. Clara Mortray ſchien nach allem, was ich ſtündlich hörte, in jeder Beziehung ein wahres Muſter und Vorbild zu ſein. Wenn ein Mädchen we⸗ gen ihrer Schönheit geprieſen wurde, ſo wurde ſogleich Clara für noch weit hübſcher erklärt— ſang eine, ſo war Clara's Stimme und Geſchmack weit überlegen. Wenn auf unſern Spaziergängen nach Hauſe die Schat⸗ ten der dunkeln Hügel mit maleriſchem Effeft auf den blauen See fielen, ſo rief gewiß eine:„O wie würde ſich Clara freuen, dies zu zeichnen!“ Kurz, es gab keinen Reiz, keinen Vorzug, womit je ein Weib be⸗ gabt worden, den Clara nicht beſeſſen, oder, was ſo ziemlich auf's Gleiche hinauslief, den meine Bäschen ihr nicht unbedingt zugeſchrieben hätten. Die beſtändig wiederkehrenden Lobpreiſungen auf eine und dieſelbe Perſon wirken je nach den verſchiedenen Stadien un⸗ ſeres Lebens verſchieden auf uns. In der Jugend iſt das vorherrſchende Gefühl ein glühendes Verlangen, das Wunder zu ſehen, von dem wir ſo viel gehört haben— in ſpäteren Jahren verwünſchen wir herzlich, was durch Aufforderungen zu Vergleichen ſtündlich un⸗ ſere Selbſtltebe beleidigt. Wir würden Alles thun, um ein Zuſammentreffen zu vermeiden, das wir unange⸗ nehm zu finden innerlich entſchloſſen ſind. Ich befand mich im erſteren Falle; aber obſchon meine Neugierde ſehr geſpannt war, ſo machte ich mich doch auf eine bedeutende Enttäuſchung gefaßt und wünſchte die all⸗ erſehnte Ankunft halb und halb nur, um etwas be⸗ kritteln zu können, woran die Andern keinen Fehler zu finden vermochten. Der gluckſelige Abend kam endlich und wir gingen alle zuſammen ſpazieren, um dem Wagen entgegen⸗ 205 zuziehen, der die vielgeliebte Clara zu uns bringen ſollte. Wir waren noch nicht über eine Meile gegangen, als das ſcharfe Auge der Vorderſten in der Ent ernung auf der Straße eine Staubwolke entdeckte, und ein paar Minuten darauf ſah man vier Poſtpferde im ſchärfſten Trabe heranlaufen. Im nächſten Augenblick machte ſie die Runde bei einem Duzend Onkel, Tan⸗ ten, Vettern und Bäschen, die alle zuſammen, wie mir ſchienen, kein ſonderliches Verlangen an den Tag leg⸗ ten, ihre herzliche Umarmung dem zunächſt folgenden Verwandten abzutreten. Endlich kam ſie doch zu mir und vielleicht in der Verwirrung des Augenblicks, weil ſie ſich nicht genau erinnerte, ob ſie mich ſchon geſehen habe oder nicht, blieb ſie ein Weiſchen ſtille ſtehen— eine tiefe Röthe überzog ihre liebliche Wange— wal⸗ lende braune Locken flatterten unordentlich über ihre Schultern— ihre großen, klaren blauen Augen leuchteten über mir. Ein Blick war genug. Ich war vollſtändig — war unrettbar verliebt. „Unſer Vetter Harry— Harry Lorrequer— der wilde Harry, wie wir ihn zu nennen pflegten, Clara,“ ſagte eines der Mädchen, mich vorſtellend. Sie ſtreckte ihre Hard aus und ſazte lächelnd et⸗ was. Was, weiß ich nicht— auch kann ich nicht ſa⸗ gen, wie ich antwortete; aber ein wenig abgeſchmackt muß es ſich herausgeſtellt haben, denn ſie lachten alle herzlich, und der würdige Papa felbſt klopfte mir ſcher⸗ zend auf die Schulter mit dem Bemerken:. „Sei ohne Sorgen, Harry— Du wirſt's, wenn ich mich nicht ganz in Dir täuſche, mit der Zeit ſchon beſſer machen.“ Ob ich mir bewußt war, daß ich mich albern be⸗ nommen oder nicht, kann ich nicht ſagen; aber die ganze Nacht brütete ich über zahlloſen Planen, wie es mir wohl gelingen könne, mich bei Bäschen Clara in ein vortheilhaftes Licht zu ſtellen und mich gegen jeden 206 Schein von Schuljungenmanieren, den mein erſtes Auf⸗ treten erweckt haben könnte, zu verwahren. Am folgenden Tag blieben wir zu Hauſe. Clara war zu müde, um auszugehen, und Niemand von al⸗ len wollte ſie verlaſſen. Welch ein beglückter Tag das war! Ich verſtand mich ein wenig auf Muſik und konnte die zweite Stimme ſingen. Clara war hoch erfreut darüber, denn die andern hatten ſich in dieſer edlen Kunſt nur wenig geübt. Wir brachten alſo den ganzen Morgen damit zu. Dann zog ſie ihr Skizzenbuch her⸗ vor, ich brachte das meinige und wir wechſelten unſere Gefangenen aus. Sofort wurden Kunſtſtücke mit Pa⸗ pierſchnitzeleien ausgeführt und Landſchaften auf chine⸗ ſiſchem Papier aufgenommen. Endlich ging ſie auf den grünen Plan hinaus, um meinen Pony ſpringen zu ſehen, und verſprach, ihn am andern Tag zu reiten. Sie tätſchelte die Windhunde und erklärte Gipſy, den meinigen, für den hübſcheſten; mit einem Wort, bevor die Nacht einbrach, hatte Clara mein Herz mit allen ſeinen Fibern gewonnen, und ich ging als der glück⸗ lichſte aller Sterblichen auf mein Zimmer. Die nächſten drei Tage— für mich die glorreich⸗ ſten trois jours meines Lebens— brauche ich nicht zu beſchreiben. Clara hatte mich ſichtlich ausgezeichnet und zog mich allen übrigen vor. An meiner Seite ritt ſie, an meinen Arm lehnte ſie ſich beim Spazieren⸗ gehen— und um das Maß meiner unausſprechlichen Wonne voll zu machen, hörte ich zufällig, wie ſie zu meinem Oheim ſagte:„O ich bin ganz vernarrt in den guten Harry!“ dieß iſt um ſo luſtiger, weil ich vorausſehe, daß Mortimer ſehr eiferſüchtig werden wird.“ „Wer mag dieſer Mortimer wohl ſein?“ dachte ich; „es kommt alſo noch eine neue Charakterrolle, von der wir bisher nichts geſehen haben.“ ch blieb hierüber nicht lange in Zweifel, denn noch am nämlichen Tag, während wir noch zu Tiſche ſaßen, kam der leibhaftige Mortimer ſelbſt. Er war 8 207 ein hübſcher, etwas raſcher Mann von etwa fünf und dreißig Jahren, von ſoldatiſchem Anſehen mit dickem Schnurrbart und bronzefarbigen Wangen— in ſeinem Benehmen etwas ernſt, aber vollkommen gutmüthig, und wenn er lächelte, zeigte er eine ſehr hüdſche Reihe regelmäßiger Zähne. Clara ſchien(ſo glaubte ich) über ſeine Ankunft weniger erfreut als die andern und machte ſich das Vergnügen, ihn mit allerlei kindiſchen Neckereien zu quälen, die mir wirklich leid thaten, weil ich glaubte, er finde durchaus keine Freude daran; er blickte ſie daber auch von Zeit zu Zeit halb ſtrafend an, aber ohne allen Erfolg, denn ſie ließ ſich durch nichts ſtören und endete gewöhnlich damit, daß ſie meinen Arm nahm und ſagte:„Komm, Harry, Du biſt immer freundlich und ſiehſt nie ſo grämlich drein; mit Dir kang ich auskommen.“ Dieß war Muſik für meine Ohren, doch konnte ich ſolche Aeußerungen nicht hören ohne ein inniges Mitgefühl für Mortimer, welchen der anerkannte Vorzug, den Clara mir gab, augenſchein⸗ lich tief ſchmerzte, und dem ſeine Jahre— ich glaubte damals fünf und dreißig ſtreife beinahe ins Patriar⸗ chaliſche— mehr Anſprüche auf Reſpekt hätten verlei⸗ hen ſollen. 3 „Nun gut,“ dachte ich eines Abends, als dies Spiel übergewöhnlich lang getrieben worden war,„ich hoffe, ſie iſt jetzt zufrieden, denn Mortimer iſt gewiß eiferſüchtig; der Erfolg bewies es auch, denn er ent⸗ fernte ſich auf den aanzen folgenden Tag und kam erſt ſpät am Abend zurück. Er war, wie ich zufällig hörte, im biſchöflichen Pallaſte geweſen, und ver Biſchof ſelbſt ſollte Morgen mit uns frühſtücken. 5 „Hariy, ich habe ein Geſchäft für Dich,“ ſagte Clara.„Du mubt Dich Morgen in aller Früh auf⸗ machen, auf den Caderberg ſteigen und mir einen großen Straus von den blauen und purpurrothen Haideblumen bringen, die mir das letzte Mal, als wir dort waren, ſo gut gefielen. Vergiß nicht in aller Frühe, denn ich 208 wünſche den Biſchof morgen mit meinem Geſchmack in Blumenſachen zu überraſchen.. Kaum war die Sonne aufgeſtiegen, als ich aus meinem Bette ſprang und auf meine Wanderung aus⸗ zog. O die glorreiche Schönheit dieſes Morgenſpazier⸗ ganges! Als ich den Berg hinanklomm, lag ringsum⸗ her tiefer Nebel und außer dem Pfad, auf dem ich ging, war nichts ſichtbar; aber ehe ich den Gipfel er⸗ reichte, wichen die ſchweren Dunſtmaſſen dem Einfluß der Sonne, und als ſie ſich immer höher heraufwälzten, öffneten ſich jeden Augenblick neue Thäler und Schluch⸗ ten vor mir, glänzend in all ihrem ſaftigen Grün und bunt mit Schafen bedeckt, deren klingende Glöckchen fort⸗ während an mein Ohr ſchlugen. Ich zählte über zwanzig Seen in verſchiedenen Richtungen unter mir, einige ſtrahlend und glänzend wie blanke Spiegel, andere ni t minder ſchöne dunkel und feierlich im Schatten gewaltiger Berge. Ass ich weiter ins Land ſah, erhoben die Berge ihre ungehbeu⸗ ren Kämme einer über den andern, ſo weit das Auge reichen mochte. Nach der entgegengeſetzten Seite hin lag ſtill und ruhig die See unter mir, gebadet im geiben Gold einer aufſteigenden Sonne; einige wenige Schiffe lagen friedlich in der Bucht vor Anker, und das ein⸗ zige Ding, was ſich bewegte, war ein Boot, deſſen ſchwerfällige, eintönige Raderſchläge in der Stille der Morgenluft ſich vernehmbar machten. Nicht eine ein⸗ zige menſchliche Wohnung konnte ich entdecken, auch ſonſt keine Spur von einem menſchlichen Weſen, wenn ich nicht jene Maſſe auf dem Felſen dort, weit unter mir, dafür halten ſoll, denn ich ſehe den Schafhund immer wieder an denſelben Platz zurückkehren. Mein Strauß war geſammelt; die Gentiana der Alpen, die ſich hier findet, mußte zum Beweis dienen, we ich ihn geſucht hatte, und ich eilte nach Haus zurück. Die Familie war beim Frühſtück, als ich eintrat; 209 wenigſtens ſagten die Bedienten ſo, denn ich erinnerte mich erſt jetzt, daß der Biſchof unſer Gaſt war; und daß ich mich nicht zeigen konnte, ohne einige Aufmerk⸗ ſamkeit auf meinen Anzug zu verwenden. Ich eilte auf mein Zimmer und kaum war ich fertig, als eine meiner Coufinen, ein kleines Mädchen von acht Jahren, an die Thüre gelaufen kam und rief: „Harry, Du ſollſt herabkommen; Clara fragt nach Dir.“ Ich eilte die Treppe hinab, aber als ich ins Früh⸗ ſtückzimmer trat, blieb ich vor Ueberraſchung ſchweigend ſtehen. Die Ladies waren ſämmtlich weiß gekleidet, und ſelbſt mein kleines Bäschen trug ein Gallakoſtüm, das mich mit Staunen erfüllte. „Mein Bouquet, Harry; Du wirſt es doch hoffent⸗ 3 lch nicht vergeſſen haben?“ ſagte Clara, als ich mich näherte. Ich überreichte es ihr ſogleich, worauf ſie fröhlich und kokett mir die Hand zum Küſſen hinſtreckte. Ich that es, aber dabei drang mir das Blut ins Geſicht und Schläfe, ſo daß ich beinahe das Bewußtſein verlor. „Ei wie, Clara, ich muß mich wirklich wundern über dich,“ ſagte Mortimer.„Wie kannſt Du den ar⸗ men Jungen ſo behandeln?“ Bei dieſen Worten wurde ich todesblaß, drehte mich um und blickte dem Sprecher feſt ins Geſicht. „Armer Kerl,“ dachte ich,„er iſt eiferſüchtig, es thut mir wirklich leid um ihn;“ und mit dieſem Gedanken wandte ich mich wieder zu Clara. „Da kommt er— ei wie hübich, Papa!“ rief ei⸗ nes der jüngern Kinder, eifrig ans Fenſter laufend, als ein ſchöner offener Wagen mit vier Pferden vor dem Hauſe auffuhr. „ Der Biſchof hat Geſchmack,“ murmelte ich, ohne die Equipage eines zweiten Blicks zu würdigen. Clara verließ das Zimmer, kam aber bald wie⸗ der— ſie hatte ein anderes Kleid angezogen und ei⸗ 210 nen Shawl angelegt, wie wenn ſie ausgehen wollte. Was konnte dies alles bedeuten?— Und dieſes Ge⸗ flüſter, was mag das auf ſich haben.?— Und warum ſind ſie alle ſo traurig?— Clara hat geweint. „Gott ſegne Dich, mein Kiud— leb wohl,“ ſchluchzte meine Tante, indem ſie ihre Tochter zum dritten Male in ihre Arme ſchloß. „Leb wohl, leb wohl,“ hörte ich von allen Sei⸗ ten. Endlich ging Clara auf mich zu, ergriff meine Hand und ſagte:. „Mein guter Harry, ſo müſſen wir alſo ſcheiden; ich gehe nach Italien.“ „Nach Italien, Clara? Ach nein— ſage nein. Italien? So werde ich dich alſo nie mehr ſehen?“ „Willſt Du nicht dieſen Ring von mir tragen, Harry? Er hat Dir ja immer ſo wohl gefallen. Und wenn wir einander wieder ſehen—⸗ „Ach theuerſte Clara,“ rief ich,„ſprich nicht ſo.“ „Leb wohl, mein guter Junge, leb wohl,“ ſagte Clara haſtig, ſtürzte dann aus dem Zimmer und wurde in den Wagen gehoben von Mortimer, der ſich unmit⸗ telbar nach ihr gleichfalls hinein ſchwang; die Peitſche knallte, die Pferde liefen und in einer Sekunde war alles meinen Blicken entſchwunden. „Warum iſt ſie auch mit ihm gegangen?“ ſagte ich, in vorwurfsvollem Tone mich gegen meine Tante wendend. „Ei, mein Sohn, dazu hat ſie zureichende Gründe; ſie hat ihn dieſen Morgen geheirathet.“ Das war meine erſte Liebe. 4 Siebenzehntes Kapitel. Weiſe Entſchlüſſe. Unter Betrachtungen über dieſes kindiſche Aben⸗ teuer verſank ich in tiefen Schlummer und brauchte nach meinem Erwachen mehrere Minuten, bis ich wie⸗ der ſo weit zum Bewußtſein kam, daß ich mir ſagen konnte, wo ich war. Die ganze Geſtalt der Dinge in meinem Zimmer war vollſtändig verändert, Blumen waren in die Porzellanvaſen auf den Tiſch⸗eſtellt wor⸗ den— auf den Conſols ſtanden zwei hübſche mit Gaſe überhangene Lampen— illuſtrirte Bücher, Gemälde und Karrikaturen lagen da und dort zerſtreut. Auch ein Pianoforte hatte ſich durch irgend eine Zauberkraft in den Winkel neben dem Sopha eingeſchlichen— ein hübſches kleines Theeſervice von altem Dresdnerporzel⸗ lan ſchmückte ein allerliebſtes Tiſchchen von eingelegter Arbeit— und ein niedlicher Piquettiſch ſtand höchſt ein⸗ ladend neben dem Feuer. Ich hatte kaum Zeit, meine Augen von einem dieſer neuen Zimmerbewohner auf den andern zu richten, als ich den Griff meiner Thüre ſachte, wie von einer vorſichtigen Hand, drehen hörte, was mich veranlaßte, alsbald meine Augen zu ſchlieſ⸗ ſen und mich ſchlafend zu ſtellen. Durch meine halb verſchloßnen Augenlieder bemerkte ich, daß die Thüre ſich öffnete. Nach einer Pauſe von etwa einer Se⸗ kunde kam der Schoos eines weißen Mouſſelinkleides zum Vorſchein— hierauf ſtahl ſich ein niedlicher Fuß etwas vorwärts— und endlich trat die leichte anmuths⸗ volle Geſtalt Iſabella Binghams geräuſchlos ins Zim⸗ mer. Furcht hatte ſie todesblaß gemacht; aber der Ef⸗ fekt ihres reichen braunen Haares, das ſich in ſchlich⸗ ten Flechten über ihren Wangen hinzog, paßte ſo gut zum Charakter ihrer Züge, daß ſie mir weit hübſcher 212 vorkam als je. Sie trat auf den Tiſch zu und ich konnte jetzt bemerken, daß ſie etwas in ihrer Hand hatte, das einem Briefe glich. Sie legte dies neben meine Hand, ſo nahe, daß ſie dieſelbe beinahe damit berührte. Sie beugte ſich über mich— ich ſpürte ih⸗ ren Athem auf meiner Augenbraune, rührte mich aber nicht. In dieſem Augenblick fiel eine Flechte ihres Haa⸗ res, die ſich gelöst hatte, auf mein Geſicht herab. Sie bebte zurück— die Bewegung warf alle meine Behut⸗ ſamkeit über den Haufen, und ich blickte auf. Sie ſtieß einen ſchwachen, kaum hörbaren Schrei aus und ſank in den Stuhl neben mir; gleichwohl erholte ſie ſich augenblicklich wieder, ergriff den Brief, den ſie ſo eben weggelegt hatte, zerknitterte ihn zwiſchen ihren Fingern und warf ihn ins Feuer. Nachdem dies ge⸗ ſa ehen war, fiel ſie, als wäre die Anſtrengung für ihre Kraft zu groß geweſen, von Neuem auf ihren Stuhl zurück und ſah ſo blaß aus, daß ich beinahe glaubte, ſie ſei ohnmächtig geworden. Bevor ich Zeit zum Sprechen hatte, ſtand ſie zum zweiten Mal auf; und nun war ihr Geſicht von Pur⸗ purröthe überzogen— ihre Augen ſchwammen in auf⸗ quellenden Thränen, und ihre Lippen zitterten vor in⸗ nerer Bewegung, als ſie ſprach: „Ach, Mr. Lorrequer, was werden— was können Sie von dieſem Benehmen denken? Wenn Sie nur wüßten—;“ und hier ſtammelte ſie und wurde wieder blaß, während ich, mit Mühe mich vom Sopha auf⸗ richtend, ihre Hand ergriff und ſie an den Stuhl neben demſelben führte. „Und darf ich's wiſſen?“ fragte ich;„darf ich's wiſſen, meine theure—“ ich kann nicht mit Beſtimmt⸗ heit verſichern, ob ich nicht ſagte: meine Theuerſte— „Miß Bingham, wenn dieſe Mittheilung mich vielleicht zum Glücklichſten der Sterblichen machen würde?“ Dies war ein vollſtändiger Rückfall, wenn man meine letzten Entſchlüſſe bedenkt; ſie verbarg ihr Geſicht 213 zwiſchen ihren Händen und ſchluchzte einige Sekunden lang „Wenigſtens,“ fuhr ich fort,„hoffe ich, daß Sie mich den Inhalt dieſes Briefes wiſſen laſſen, der vor etlichen Augenblicken noch für mich beſtimmt war.“ „Ach nein, jetzt nicht— jetzt nicht, bat ſie inſtän⸗ dig; zugleich ſtand ſie auf und kehrte ſich ab, um das Zimmer zu verlaſſen. Ich hielt fortwährend ihre Hand und drückte ſie in der meinigen. Es war mir, als erwiederte ſie den Druck. Ich beugte mich vor, um ihr ins Auge zu ſehen, als die Tyure ſchnell ſich öff⸗ nete, und eine höchſt außerordentliche Geſtalt ſich ein⸗ führte. Es war ein kleiner, fetter Mann mit einem un⸗ geheuern feuerrothen Schnurrbart, einem gewaltigen, buſchigen Backenbart von derſelben Farbe, einem blauen Schnürrock, mit mehrern Kreuzen und Bändern ge⸗ ſchmückt, eng anliegenden Beinkleidern und Schlappſtie⸗ feln mit langen meſſingenen Sporen. Er hielt einen großen Stock mit goldenem Knopf in der Hand und blickte mit einem Ausdruck ſehr zweideutiger Drollig⸗ keit, worein Furcht gemiſcht war, um ſich. „Darf ich fragen, Sir,“ ſagte ich, als dieſes In⸗ dividuum die Thüre hinter ſich verſchloß,„darf ich fragen, womit Sie dieſes Eindringen rechtfertigen wollen?“ „ So wahr ich lebe, die Sache macht ſich— jetzt bin ich überzeugt, daß ich Revue paſſiren kann,“ ant⸗ wortete die wohlbekannte Stimme Mr. O'Leary's, deſ⸗ ſen vergnügte Züge ſich unter dem Wald von rothen Haaren, worein er gemummt war, aufzuheitern began⸗ nen.„Aber ich ſehe, Sie find beſchäftigt, fügte er mit einem ſchlauen Blick auf Miß Bingham hinzu, die er noch nicht erkannte;„ich muß mich alſo, wie es ſcheint, irgendwo anders zu verbergen ſuchen.“ „Es iſt Miß Bingham,“ ſagte ich,„welche die Güte gehabt hat mit ihrem Mädchen hieher zu kommen Bekenntniſſe Lorrequers. II. 14 214 und mir einige Blumen zu bringen. Bitte, melden Sie Mrs. Bingham meine reſpektvolle Empfehlung und ſa⸗ gen Sie ihr, wie innig ich für ihre freundliche Auf⸗ merkſamkeit mich verpflichtet fühle.“ 1 Iſabella ſtand augenblicklich auf, und verſetzte mit ſchnell wiedergewonnener Geiſtesgegenwart:. „Sie vergeſſen, Mr. Lorrequer, daß es ein Ge⸗ heimniß iſt, von wem die Blumen kamen; wenigſtens hoffte Mamma, ſie ohne Ihr Wiſſen in Ihre Vaſen zu ſtellen. Ich erſuche Sie deßhalb, nicht davon zu ſpre⸗ chen, und ich bin überzeugt, Mr. O'Leary wird nicht ſchwatzen.“ 4 Ob Mr. O'Leary von dieſer gewandten Rede ein Wort hörte, weiß ich nicht; jedenfalls ſchenkte er ihr keine Aufmerkſamkeit und ebenſo wenig der Sprecherin ſelbſt, welche das Zimmer verließ, ohne daß er es zu beachten ſchien. „Nun, da ſie fort iſt— wofür der Himmel ge⸗ prieſen ſei,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„wollen wir doch ſehen, was dieſer Burſche da vor hat.“ Als ich von der Thüre zurücktam, konnte ich mich eines lauten Lachens über die Geſtalt vor mir kaum erwehren. Er ſtand vor einem großen Spiegel, hatte ſeinen Hut ſchöps auf dem Kopfe ſitzen, den einen Arm in ſeiner Bruſt ſtecken, den andern ausgeſtreckt und auf ſeinen Stock gelehnt; ein Blick von ſo großer Wildheit, als ſolche Züge aufzubringen vermochten, war ange⸗ nommen worden, und ſeine ganze Haltung war eine Art Karikatur eines melodramatiſchen Helden in einem deutſchen Schauſpiel. „Wie, O'Leary, was ſoll das alles bedeuten?“ fragte ich. 3. „Bst, Bst,“ ſagte er in einem ängſtlichen Geflü⸗ ſter;„nennen Sie dieſen Namen nie wieder, bis wir über der Grenze find.“ 4 „Aber, mein lieber Mann, ſo erklären Sie doch, was wollen Sie damit?“ 215 „Können Ste's nicht errathen?“ fragte er tro⸗ en. „Unmöglich; wenn nicht anders vielleicht die Ge⸗ ſchichte im Salon Sie zu dieſer Vermummung veran⸗ laßt hat, ſo kann ich mir keinen Grund denken.“ „Nichts weniger als das, mein theurer Freund; etwas weit Schlimmeres.“ „Nun, ſo rücken Sie endlich damit heraus.“ „Sie iſt gekommen— ſie iſt da— in dieſem Hauſe da— Nro. 29, über dem Entreſol.“ „Wer iſt da, in Nro. 29, über dem Entreſol?“ „Wer anders als Mrs. O'Leary in leibhaftiger Geſtalt? Ich hätte ihr beinahe tauſend Donnerwetter auf den Hals gewünſcht.“ „Und weiß ſie, daß Sie hier ſind?“ „Eben das kann ich nicht genau ſagen,“ verſetzte er,„aber ſie hat ſich das Fremdenbuch auf ihr Zimmer bringen laſſen und allerhand unangenehme Nachfor⸗ ſchungen über den Eigenthümer einer gewiſſen mit O beginnenden Hieroglyphe angeſtellt, was mich ſehr beunruhigt hat, um ſo mehr, als alle Kellner einer um den andern ihr die Aufwartung machen mußten und ſcharf ins Gebet genommen worden ſind. Ich habe deßhalb keine Zeit verloren, ſondern bin unter den Auſpizien Ihres Freundes Trevanion die bezaubernde Figur geworden, als welche Sie mich jetzt erblicken, und heiße nunmehr Graf O'Lieuki, ein Pole von edler Familie, von der rufſiſchen Regierung verbannt, mit einem Vater in Sibirien und alles das; übrigens hoffe ich am Schluß der Woche ein Ecarté ſpielen und der Polizei ſelbſt eine Naſe drehen zu können.“ Die Idee einer ſolchen Metamorphoſe von Seiten O'Leary's war zu abgeſchmackt, als daß ich nicht ein herzliches Gelächter hätte aufſchlagen ſollen, in welches der würdige Emigrant einſtimmte. „Aber warum nicht lieber ſogleich aufbrechen,“ 216 ſagte ich,„wenn Sie ſo große Angſt haben, erkannt zu werden?“ 3 „Sie vergeſſen die Unterſuchung,“ antwortete O'Leary;„ich muß am ls8ten hier ſein, ſonſt iſt meine ganze Caution verwirkt.“ „Richtig, daran habe ich nicht mehr gedacht. Nun gut, und Ihre Plane für den Augenblick—“ „Beſchränken ſich einfach darauf, mich ruhig zu verhalten, bis der Handel vor dem Gericht abgemacht iſt, und dann Frankreich ſchnell zu verlaſſen. Mittler⸗ weile meint Trevanion, wir könnten durch eine kühne Kriegsliſt Mrs. O'Leary auf eine falſche Fährte aus⸗ ſenden, und hat Mrs. Bingham erſucht, ihre Bekannt⸗ ſchaft zu machen und ſie auf ihr Zimmer zum Thee einzulaven, wo ſie mich dann en Polonais, in einer gewiſſen Entfernung natürlich, ſehen, durch Trevanion von meinem melancholiſchen Schickſal etwas erfahren und mit der feſten Ueberzeugung, daß ſie keine Anſprüche an mich zu machen hat, das Hotel verlaſſen wird. Ei⸗ nige andere von der Geſellſchaft werden zufällig er⸗ wähnen, daß ſie Mr. O'Leary irgendwo getroffen, oder von ſeinem Abſterben gehört haben, oder auch werden ſie ſonſt einen luſtigen Zufall preisgeben, der ſie mit ihm zuſammengeführt hat.“ „Der Plan iſt vortrefflich,“ ſagte ich,„denn aller Wahrſcheinlichkeit nach wird ſie Ihnen nicht wieder in den Weg kommen, wenn man ſie diesmal auf eine tüchtige Irrfahrt ausſendet.“ „Das glaube ich auch,“ verſetzte O'Leary;„und ich habe große Luſt, ihr zu Ohren zu bringen, daß ich mit Belzoni in Egypten ſei und mich verpflichtet habe, die Chriſtfeiertage beim Dei von Algier zuzubringen. Dies würde ihr für den Reſt des Jahrs genügende Bewegung verſchaffen, und zugleich Gelegenheit, die Pyramiden zu ſehen. Aber ſagen Sie mir aufrichtig, bin ich ein guter Pole?“ „Etwas kurz,“ meinte ich,„und vielleicht ein bis⸗ chen zu fett.“ „Das kommt von der Beimiſchung von tartari⸗ ſchem Blute her, weiter nichts; und meine Mutter war eine Finnin,“ ſagte er,„ſie wußte ſelbſt nicht, von Carlow oder vom Kaukaſus. Wie ſchwelge ich in dem Gedanken in ihrer Geſellſchaft ein Pfeifchen ſchmauchen zu können, ohne eine Ruheſtörung zu veranlaſſen! doch ich muß gehen; auf Nro. 8 iſt ein Gentleman, der die Halsbräune hat und mir eine Lektion im polniſchen ge⸗ ben will. Alſo Adieu, und vergeſſen Sie nicht auf den Abend munter zu ſein, denn Sie müſſen meinem Debüt anwohnen.“ Kaum war O'Leary gegangen, als meine Gedan⸗ ken zu Iſabella Bingham zurückkehrten. Ich war nicht Geck genug, um mir einzubilden, daß ſie in mich ver⸗ liebt ſei; inzwiſchen lag doch in der ganzen Sache et⸗ was, das ſehr ſtark daran erinnerte, und obſchon durch einen ſolchen Umſtand die Verlegenheiten, die mich drängten, unendlich größer geworden waren, ſo konnte ich mich doch einer angenehmen Empfindung bei dem Gedanken nicht erwehren. Sie war wirklich ein ſehr hübſches Mädchen und gewann ungemein bei näherer Bekanntſchaft. Les absens ont toujours tort. iſt das wahrſte Sprüchwort, das irgend eine Sprache aufzu⸗ weiſen hat, und ich empfand ſeine Wahrheit in ihrer pollien Stärke, als Trevanion in mein Zimmer rat. »Nun, Lorrequer,“ ſagte er,„die Zeit ſcheint Ihnen in Paris nicht lang werden zu ſollen, wenn Beſg äfti⸗ gung dies verhindern kann, denn ich ſehe, daß Sie jitzt in eine Klen me gerathen ſind.“ Was meinen Sie damit?“ fragte ich etwas er⸗ ſchrocken. D— Leary, der ſeit Ihrer Unpäßlichkeit der beſtän⸗ dige Gaſt von Binghams iſt, jeden Tag dort dinirt und alle Abende bei iynen zubringt, hat mir ſo eben 218 geſagt, die Mamma warte nur noch auf die Ankunft des Sir Guy in Paris, um die Laufgräben in aller Form zu eröffnen; und nach allem, was ſie von Sir Guy gehört hat, hält ſie es für höchſt wahrſcheinlich, daß er ihre Bemühungen, Sie zum Ehegemahl der ſchö⸗ nen Iſabella zu machen, auf's Nachdrücklichſte unterſtü⸗ tzen werde.“ „Sie hat vollkommen Recht,“ ſagte ich,„denn ſo bald man meinem Oheim zu verſtehen gäbe, daß ich nur ein einziges Mal in meinen Huldigungen etwas zu weit gegangen ſei, könnte nichts ihn beſtimmen, die Sache zurückgehen zu laſſen. Er ſtieß in ſeiner Jugend ſelbſt bei Herzensſachen auf allerlei Widerwärtigkeiten und hat ſeitdem eine Menge Leute unglücklich gemacht mit ſeinem wohlwollenden Grundſatz, ſie allen Hinder⸗ niſſen zum Trotz zu verheirathen.“ „Wie artig es bei Ihnen auf einmal ausſieht!“ ſagte Trevanion, einen Blick in meinem Zimmer um⸗ herwerfend und die neuen Geräthſchaften eine um die andere in's Auge faſſend.„Sie müſſen mit Sicherheit darauf rechnen, Ihre ſchöne Freundin hier zu ſehen, ſonſt wäre all dieſe Eleganz elendiglich vergeudet.“ Es war jetzt Zeit, ihm den Beſuch von Miß Bingham mitzutheilen, und ich that dies, natürlich mit Auslaſſung aller der Einzelheiten, die mir unnöthig erſcheinen, oder meine Beſtändigkeit verdächtigen konn⸗ ten. Trevanion hörte mich geduldig an— ſchwieg ei⸗ nige Augenblicke— dann fügte er hinzu— „Und Sie haben den Brief nicht geſehen?“ Nein; denn er wurde vor meinen Augen ver⸗ brannt.“ 3 „Die Sache ſcheint mir eine ſehr ernſthafte Ge⸗ ſtalt anzunehmen, Lorrequer. Sie mögen die Neigung dieſes Mädchens gewonnen haben. Es liegt jetzt we⸗ nig daran, ob die Mamma eine wohlerfahrne Eheſtif⸗ terin, oder der Vetter ein duellirſüchtiger Renommiſt * 219 iſt. Wenn das Mädchen ein Herz hat und Sie daſſelbe gewonnen haben—“ Dam muß ich ſie heirathen, wollen Sie ſa⸗ gen 614 „Allerdings; auch ohne daß Ihr würdiger Oheim darauf beſteht, ſehe ich kein anderes Mittel, wie Sie ſich mit Ehren aus der Sache ziehen können; mein Rath iſt deßhalb der: Vergewiſſern Sie ſich und zwar ſchnell— in wie weit Ihre Aufmerkſamkeiten den Er⸗ folg gehabt haben, den Sie fürchten— und dann entſchließen Sie ſich ſogleich. Fühlen Sie ſich ſtark genug, dieſen Morgen auf Mrs. Binghams Zimmer zu gehen? Wenn dem ſo iſt, ſo kommen Sie. Ich werde Ihnen die chère mamma gänzlich abnehmen, ſo lange Sie mit der Tochter ſprechen. Eine halbe Stunde Muth und Entſchloſſenheit, ſo iſt Alles geſchehen.“ Nachdem ich die effektvollſte Toilette gemacht, die meine Mittel geſtatteten, brach ich, den rechten Arm in der Schlinge haltend und noch zitternd vor Schwäche, an Trevanions Seite auf, um mein Glück in der Liebe zu verſuchen, mit ſo ängſtlichen Befürchtungen um das Ergebniß, wie nur je der blödeſte Bewunderer empfun⸗ den hat, wenn er einer hochmüthigen Schönen den Hof machte— jedoch aus einem ganz andern Grunde. Achtzehntes Kapitel. Der Antrag.— Als wir vor Mrs. Binghams Gemächer gelangten, erfuhren wir, daß ſie ſo eben ausgegangen ſei, um Mrs. O'Leary zu beſuchen und daß folglich Miß Bingham allein ſei. Trevanion wünſchte mir daher viel Glück zu meinem 220 mißlichen Geſchäft, ſchüttelte mir warm die Hand und ging weiter. Ich ſtand einige Minuten unentſchloſſen da, meine Hand an die Thürklinke halt nd. Der Gedanke, daß die nächſten Paar Augenblicke vielleicht unſer ganzes Lebens⸗ ſchickjal entſcheiden werden, hat ſchon an ſich ungemein viel Beängſtigendes; aber die Betrachtung, daß wir durch dieſe Entſcheidung des Schickſa's gezwungen werden könn⸗ ten, in Kummer zu beſchließen, was wir in der Tollheit angefangen haben, iſt geradezu unerträglich. In dieſer Lage befand ich mich jetzt. Ich hatte bii mir eelbſt be⸗ ſchloſſen, wenn das Ergebniß meines dermaligen Be⸗ ſuces dohin gehe, daß ich Miß Binghams Neigung gewonnen habe, ihr ohne Weiteres einen Antrag zu machen und ſie zu heirathen. Wenn ich dagegen fand, daß auch ſie ſich mit einer kleinen vorüberg henden Lie⸗ beständelei blos einen Spaß gemacht batte, nun, dann war ich wieder ein freier Mann, aber freilich bei etwas genauerer Selbſprüfung ein Mann, der wenige Luſt in ſich ſpürte, einen neuen Liebesfeldzug anzutreten. Mit Blitzesſchnell gkeit überlief mein Geiſt alle Abſchnitte unſerer Bekanntſchaft— unſer erſtes Zuſam⸗ mentreffen— unſere einſamen Spaziergänge, unſer tägliches, ſtündliches Beiſammenſcin— unſere vertrau⸗ liche Freundſchaft auf der Reiſe— das Abenteuer in Chantraine;— in dem Allem lag freilich nichts, was als eine eigentliche, thatſächliche Werbung ausgelegt werden könnte, aber doch überflüffig genug, um einen alten Sünder gleich mir zu überführen, daß die junge Lary in bedeutende Gefahr verſetzt worden, und daß ich ſelbſt, obſchon mein Herz ſich anderweitig ſtark be⸗ theiligt habe, durchaus nicht ohne allen Schaden davon gekommen ſei. 3 „Ja,“ ſagte ich halblaut zu mir ſelbſt, indem ich die Vergangenheit noch einmal überſchaute,„es iſt dies blos wieder ein Kapitel in meiner Geſchichte, das mit den andern übereinſtimmt; ein erſter Schritt hat mich 221 zum zweiten geführt und ſofort zum dritten; Dinge, die für andere Menſchenkinder nichtsſagende Kleinigkei⸗ ten waren, haben ſich für mich immer zu ernſtlichen Schwierigkeiten geſta tet; die falſche Begeiſterung, mit der ich allem nachgehe, blendet mich ſtets für einige Zeit; ich halte Gefalligkeit irrthümlich für Neigung und fühle nie, wie wenig mein Herz beim Erfolg intereſſirt iſt, bis mein Fieber ſich gänzlich gelegt hat.“ Dies waren recht erbauliche Gedanken für einen, der im Begriff ſtand, ſich einem hübſchen Mädchen zu Füßen zu werfen und ſeine„Seele voll Liebe“ vor ihr auszugießen; inzwiſchen war dies für mich das Ge⸗ ringſte. Curran ſammelte, ſagt man, ſeine Thatſachen bei einem Prozeß gewöhnlich aus den Ausſagen ſeines Gegenadvokaten; ich verließ mich in Beziehung auf meine Art, etwas durchzuführen, immer auf die zufälli⸗ gen Umſtände des Augenblicks und traute mir Lebhaf⸗ tigkeit des Geiſtes genug zu, um allem, was mich ge⸗ rade beſc äftigte, ein Intereſſe abzugewinnen. Ich öffnete die Thüre. iß Bingham ſaß, ihren Kopf auf beide Hände gelehnt, an einem Tiſch— einige offene Briefe, die vor ihr lagen, beſchäftigten augen⸗ ſcheinlich ihre Aufmerkſamkeit dermaßen, daß ſie mein Nahen nicht hörte. Als ich ſie anredete, drehte ſie ſich plötzlich um und wurde zuerſt ſcharlachroth, dann to⸗ desblaß: ſofort kebhrte ſie ſich wieder gegen den Tiſch um, warf haſtig ihre Briefe in eine Schublade und hieß mic an ihrer Seite Platz nehmen. Nach den erſten kurzen und gemeinplätzlichen Er⸗ kundigung über meine Geſundheit und Wünſchen für baldige Wiedergeneſung wurde ſie ſtill, und auch ich konnte, obſchon mir unzählige Dinge auf dem Herzen lagen, obſchon ich wußte, wie wenig Zeit mir übrig blieb, bis Mrs. Bingham zurückkehrte— kein Wort hervor bringen. „Ich hoffe, Mr. Lorrequer,“ ſagte ſie endlich,„Sie 222 werden ſich doch dadurch, daß Sie Ihr Zimmer ſo früh verließen, keiner Gefahr ausgeſetzt haben?“ „Das iſt nicht zu befürchten,“ antwortete ich,„übri⸗ gens wenn ich es ſogar mit Gewißheit vorausſehen könnte, ſo hätte doch das ängſtliche Verlangen, das mich quälte, Sie unter vier Augen zu ſehen und zu ſprechen, alle Beſorgniſſe in dieſer Beziehung zurück⸗ drängen müſſen. Seit dieſer unglückliche Handel mich auf mein Zimmer gebannt, war meine einzige Beſchäf⸗ tigung, über Umſtände nachzudenken, welche ſich zuletzt meiner ſo gänzlich bemächtigt haben, daß ich, es mochte koſten, was es wollte, eine Gelegenheit ſuchen mußte, mich Ihnen zu erklären—“ hier ſchlug Iſabella ihre Augen nieder und ich fuhr fort:„Ich brauche kaum zu ſagen, was meine Gefühle ſchon längſt verrathen haben müſſen, daß der Genuß des täglichen Glückes in Ihrer Geſellſchaft zu leben, Ihren Werth zu ſchätzen, Ihre Zauber zu empfinden, nicht das Geeignetſte war für einen Mann, der nur zu gut wußte, wie wenig er in Folge ſeiner Stellung odor ſeines perfönlichen Werthes die Hoffnung verdiente, Sie zu der Seinigen zu machen; und doch, wie wenig hat Klugheit oder Vorſicht mit Lagen, wie dieſe iſt, zu ſchaffen!“ Sie errieth den Sinn dieſer Sprache nicht.„Ich fühlte Alles, was ich beſchrieben habe; und doch, und doch zögerte ich, weil ich das Glück der gegenwärtigen Stunde zu hoch an⸗ ſchlug, um es durch irgend ein Bekenntniß meiner Em⸗ pfindungen, das mir ewige Verbannung aus Jhren Augen hätte zuziehen können, in Gefahr bringen zu wollen. Wenn dieſer Wechſel von Hoffnungen und Be⸗ fürchtungen ſich zuletzt als zu ſtark für meine Vernunft erwieſen hat, ſo kann ich nicht helfen; und dies iſt es, was mich jetzt zu meinem Bekenntniſſe veranlaßt hat.“ Iſabella wandte ihren Kopf von mir ab; aber die Auf⸗ regung in ihrem ganzen Weſen zeigte, wie tief meine Worte ihr zu Herzen gegangen waren, und auch ich 223 fühlte jetzt, da ich zu Ende war, daß ich die Farben ein wenig ſtark aufgetragen hatte. 1 „„Ich hoffte, Mr. Lorrequer,“ ſagte ſie endlich,„ich kann's nicht läugnen, ich hoffte auf eine Gelegenheit Sie zu ſprechen.“(Jetzt, dachte ich, hat das Spiel ein Ende, und Biſchof Luscombe iſt um fünf Pfund reicher, als ich ihn wünſche.)„Etwas, ich weiß ſelbſt nicht was in Ihrem Benehmen hat mich auf die Vermuthung geleitet, daß Ihre Neigungen mir zugewandt ſein möch⸗ ten. Winke, die Sie fallen ließen, ſo wie hie und da zufällige Anſpielungen von Ihrer Seite beſtärkten mich in dem Glauben, und ich beſchloß endlich, nicht durch mädchenhafte Scham unſer beiderſeitiges Glück zu ge⸗ fährden, ſondern mich mit Ihnen auseinander zu ſetzen. Dies kam mich aber ſo ſchwer an, daß ich einen Brief ſchrieb, und dieſen Brief, der mir alle qualenvollen Erklärungen hätte erſparen können, verbrannte ich heute Morgen in Ihrer Gegenwart.“ „Aber warum, theuerſtes Mädchen—“ ſchon wie⸗ der ein Rückfall—„warum, wenn der Brief jedes Mißverſtändniß heben, oder Zweifel zerſtreuen konnte — warum ihn dann nicht ſehen laſſen?“ „Hören Sie mich zu Ende,“ rief ſie eifrig, und offenbar ohne auf meine Unterbrechung zu achten,„ich beſchloß, wenn Ihre Neigungen in der That—“ hier brach eine Flut von Thränen hervor und ertränkte ihre Worte; ihr Kopf ſank zwiſchen ihre Hände und ſie ſchluchzte bitterlich. „Corpo di Bacco!“ ſprach ich bei bei mir ſelbſt, „jetzt iſt es aus mit mir; as arme Mädchen iſt offen⸗ bar eiferſüchtig und das Herz will ihr brechen.“ „Theuerſte, theuerſte Iſabella,“ ſagte ich, meinen Arm um ihren Leib ſchlingend und meinen Kopf in die unmittelbarſte Nähe des ihrigen bringend,„wenn Sie glauben, daß irgend eine andere Liebe, als die zu Ih⸗ nen je in dieſem Herzen ſchlagen— daß ich Sie ſtünd⸗ lich vor mir ſehen— unter Ihrem Lächeln leben, Ihre 224 Schönheit bewundern, und was noch mehr iſt, als Alles das— verzeihen Sie die Kühnheit des Gedankens— fühlen könnte, daß ich Ihnen nicht gleichgültig bin—.“ „O, erſparen Sie mir weniaſtens das,“ bat ſie, ihre thränenvollen Augen auf mich richtend, wobei ſie wirklich zauberiſch ſchön ausſah.„Habe ich es Ih⸗ nen denn deutlich gezeigt?“ „Ja, theuerſtes Mädchen! Der Inſtinkt, welcher uns ſagt, daß wir geliebt werden, hat in mir ge⸗ ſprochen, und hier in dieſem klopfenden Herzen.“ „O, ſagen Sie nichts mehr,“ ſprach ſie,„wenn ich wirklich Ihre Neigungen gewonnen habe—.“ „Wenn, wenn, ſagte ich, ſie an mein Herz drückend, indeß ſie fortwährend ſchluchzte, und ich mich wegen meines Erfolges hätte todtſchießen mögen. In⸗ zwiſchen hat ein Liebeshandel wie eine Fuchsjagd etwas, das uns gegen den eigenen Wihen weiterreißt, und ich fuhr fort, ganze Rhapſodien von Liebe auszugießen, die dem pastor fido Ehre gemacht hätten. „Genug,“ ſprach ſie,„es iſt genug, daß Sie mich lieben und daß ich Sie hierin ermuthigt habe. Aber ach, ſagen Sie mir und bedenken Sie wohl, welch' großer Theil unſers künftigen Glück s von Ihrer Ant⸗ wort abhängen kann— ſagen Sie, ſollte es nicht viel⸗ leicht eine vo üdergehende Neigung ſein, welche die Umſtände erzeugt haben, und die durch andere Um⸗ ftände wieder verdrängt werden kann? Sagen Sie, möchte nicht vielleicht Zeit oder Adweſenheit oder ein würdigerer Gegen—“ Dieß war gewiß eine ſehr peinliche und verfäng⸗ liche Frage, während ich die Prüfung bereits überſtan⸗ den zu haben glaubte, und da ich nicht genügend dar⸗ auf vorbereitet war, ſo wußte ich nicht beſſer zu ant⸗ worten, als indem ich ihre ſpitz'gen Finger, einen um den andern an die Lippen drückte und etwas murmelte, das ſür eine Erklärung unveränderlicher Liebe gelten 225 ſollte, aber in meinen eigenen Ohren einer Wehklage über meine Narrheit glich. Sie iſt jetzt mein, dachte ich, und wir müſſen uns ſo gut, als möglich in die Sache fügen; auch iſt ſie wahrlich ein ſehr hübſches Mädchen, obſchon keine Lady Jane Callonby. Der nächſte Schriti iſt zur Mamma; inzwiſchen ſetze ich von dieſer Seite wenig Schwierig⸗ keiten voraus. „Verlaſſen Sie mich jetzt,“ ſagte ſie mit leiſer, gebrochener Stimme,„aber verſprechen Sie mir von dieſer Unterredung Niemand etwas zu ſagen, bevor wir uns wieder ſehen. Ich habe meine Gründe; glauben Sie mir, daß dieſelben genügend ſind, und verſprechen Sie mir's, bevor wir uns trennen.“ Nachdem ich bereitwillig das gewünſchte Verſprechen gegeben, küßte ich wieder ihre Hand und ſagte ihr Le⸗ bewohl, war aber die ganze Zeit über nicht wenig ver⸗ blüfft über die Bemerkung, daß Iſabella ſeit meiner Erklärung und ihrer offenbaren Annahme meiner Wer⸗ bung nichts weniger als vergnügt geſchienen und ſicht⸗ barlich gegen irgend ein geheimes Gefühl, von dem ich nichts wußte, angekämpft hatte. Ja, dachte ich, als ich meinen Weg den Corridor entlang ſchlich, das arme Kind iſt ſchrecklich eiferſüchtig, und ich muß während unſerer vertraulichen Bekanntſchaft Manches geſagt haben, was ihr wehe that. Inzwiſchen iſt dies Alles auf im⸗ mer vorbei, und jetzt kommt eine neue Rolle für mich: das nächſte Mal werde ich als guter Ehemann auf⸗ reten. Neunzehntes Kapitel. Gedanken über Ehen im Allgemeinen und beim Militär ins⸗ eſondere— Der Nitter von Kerry und Billy M'Cabe. „ So,“ dachte ich, als ich die Thüre meines Zim⸗ mers hinter mir ſchloß,„ſo bin ich alſo angenommen, 226 der Würfel iſt geworfen, der mich in den gottgeſegne⸗ ten Eheſtand einführen ſoll; aber der Himmel weiß, daß nie ein Mann weniger Luſt verſpürt hat, ſich ſei⸗ nes guten Glücks übermäßig zu freuen!“ Welch' eine glückliche Erfindung wäre es, wenn wir beim Einſchla⸗ gen einer Lebensbahn es nur dahin bringen könnten, zu vergeſſen, daß wir immer eine andere im Auge gehabt hatten! Das ewige Zurückblicken in dieſer Welt iſt es, was den Hauptgrund alles unſeres Elendes bildet; und wir find für ſolches Unglück nur ſchlecht belohnt durch die glänzendſten Vorausgenüſſe, welche wir der Zukunft abgewinnen können. Wie viel von all' dem Vergan⸗ genen ſtand jetzt im Begriff, eine Quelle peinlicher Er⸗ innerungen zu werden, und auf wie wenig von der Zukunft konnte ich mit einiger Hoffnung hinblicken! Unſere Schwachheiten ſind weit beſchränkter im Ur⸗ grund aller unſerer Verdrießlichkeiten und Kümmerniſſe, als ſogar unſere Laſter. Die letzteren können wir ei⸗ nigermaßen beherrſchen: den erſteren ſind wir in voll⸗ ſtändiger Sklaverei unterthan. Dieſer Gedanke kam mit ſeiner vollen Gewalt über mich, als ich über den Schritt nachdachte, der mich allmälig zu meiner gegenwärtigen Verlegenheit führte.„Nun gut, es iſt jetzt einmal ſo,“ ſagte ich, aus der reichlichen Quelle des Troſtes ſchöpfend, welche dem Mann, der ſein eigen Glück verdirbt, im⸗ mer offen ſteht.„Das Vergangene läßt ſich nicht mehr ändern;“ ein Brocken Philoſophie, der im Verein mit ſeinem Zwillingsbruder, nämlich, daß es in hundert Jahren noch ebenſo gehen werde, von Kindheit an eine goldene Regel für mich geweſen iſt. Der Uebergang von einer Lebensart zu einer an⸗ dern gänzlich verſchiedenen iſt mir immer als eine ſchwere Prüfung für den moraliſchen Muth eines Man⸗ nes erſchienen, ſelbſt abgeſehen davon, daß der ewige Abſchied von einer, wenn auch noch ſo unbedeutenden und werthloſen Sache jederzeit von peinlichen Ahnungen begleitet iſt. Es iſt wahr, mein Junggeſellenleben hatte 227 ſeinen Antheil an Widerwärtigkeiten und Enttäuſchun⸗ gen; aber im Ganzen war es doch ein höchſt glückli⸗ ches— und jetzt ſtand ich im Begriff, ihm für immer Lebewohl zu ſagen, ohne mich dazu durch Neigung und Liebe für eine Perſon beſtimmen zu laſſen, die allein meinem Leben ſeinen hauptſächlichen Werth verleihen könnte, ſondern blos in Folge einer mißlichen, aner⸗ worbenen Gewohnheit, jeden Schatten, der mir über den Weg kam, mit Eifer zu verfolgen. Alle meine Jugendfreunde— alle meine herumſchweifende Phan⸗ taſien— alle meine tagtäglichen Zukunftsträume ſollte ich jetzt hingeben— denn was wird aus unſern Freun⸗ den vom Junggeſellenſtande her, wenn wir einmal verheirathet ſind? was wird aus unſerem fröhlichen Herumſchweifen auf Hochſtraßen und Nebenwegen, wenn wir einmal ein Weib haben? Und welcher Vorausge⸗ nuß bleibt uns nach der Hochzeit übrig, als vielleicht über die Anordnungen unſeres Leichenbegängniſſes zu ſpekuliren? Für einen Militär mehr als für einen An⸗ dern ſind dieß ernſte Gedanken. Alle Zauber des Sol⸗ datenlebens im Krieg oder im Frieden liegen in dem täglichen, ja ſtündlichen Beiſammenſein mit Deinen Kameraden; die Cigarre und das Umherfaullenzen am Morgen— die Spazierritte Nachmittags— das Bil⸗ lardſpiel vor dem Eſſen— die Offizierstafel—(dieſe höchſte Vollendung aller Schmausgeſellſchaften)— die Plane für den Abend— das muntere Gabelfrühſtück um zwölf— alles das bildet eine Menge Anknüpfungs⸗ punkte, wenn wir unſere tägliche Fahrt durch das Leben antreten. Dagegen nun bekommſt Du die ſchrecklichſte Verkehrung von allem, was natürlich iſt, eine Offi⸗ ziersfrau. Sie iſt in ihrer Jugend eine Schönheit ge⸗ weſen, hatte ſchwarze Augen und eine geſunde Geſichts⸗ farbe, eine gute Figur, nur etwas zum Embonpoint geneigt, eine gewiſſe Elaſticität in ihrem Gang und eine gewiſſe Munterkeit in ihrem Weſen; lauter Reize, die auf einen Subalternen in einem Infanterieregiment 228 mit Sicherheit wirken. Sie kann Brettſpielen, kann di tanti palpiti fingen, und wenn ſie eine Irländerin iſt, iſt ſie auch gewiß im Stande, ein Kirchthurmrennen mitzumachen, dabei hat ſie einen Oheim, der ein Lord iſt, aber, wie ſich beiläufig immer ausweist, nach Kö⸗ nig Jakobs Abdankung dazu erhoben wurde. Schließ⸗ lich frühſtückt ſie mit Papilloten in den Haaren— tritt ihre Schuhe an den Ferſen ab— nennt jeden Offizier des Regiments bei ſeinem Namen— hat eine große Neigung, die Zahl von Seiner Majeſtät Dienſt⸗ mannen zu vermehren und erfreut ſich am Lond'ner Porter. Gegen dieſe Gattung von Frauen habe ich immer den innerlichſten Abſcheu gehegt; und doch wie oft habe ich Mädchen, die hübſch und intereſſant ſchie⸗ nen, zu etwas von dieſer Art herabſinken geſehen! und wie oft habe ich mir jedes Schickſal lieber gewünſcht, als der Ehegemahl eines Weibes zu werden, das mit der Bagage weiter geſchafft werden muß! Hätten alle meine ſanguiniſchen Hoffnungen ſich 4 . zu verwirklichen verſprochen, wäre meine Bewerbung um Lady Jane eine glückliche geweſen— ich hätte ſelbſt dann meinem Junggeſellenleben kaum ohne einen Seuf⸗ zer Lebewohl geſagt. Keine Ausſicht auf künftiges Glück kann je vollkommen alles Bedauern ausſchließen, wenn wir unſern gegenwärtigen Stand für immer verlaſſen. Ich bin überzeugt, wenn ich eine Raupe geweſen wäre, ich hätte nur mit ſchwerem Herzen meine Flügel als Schmetterling angenommen. Nun aber war die Meta⸗ morphoſe die umgekehrte: darf man ſich wundern, wenn ich betrübt war? So vollſtändig war ich in meine Gedanken über dieſe Angelegenheit verſunken, daß ich den Eintritt O'Leary's und Trevanions nicht bemerkt hatte, die mich, da ich in einer dunkeln Ecke auf dem Sopha lag, gleich⸗ falls nicht ſahen, daher ihre Stühle an das Feuer ſtell⸗ ten und zu ſchwatzen anfingen. „Wiſſen Sie auch, Mr. Trevanion,“ ſagte O'Leary, 229 „daß ich über dieſe meine Vermummung halb erſchro⸗ cken bin? Ich meine manchmal, ich ſehe keinem Polen gleich, wenn ſie mich entdeckte“—. 1„Das haben Sie nicht zu fürchten; Ihr Coſtüm iſt vortrefflich, Ihr Bart über allen Tadel erhaben. Ich hätte höchſtens vielleicht etwas weniger Wanſt ge⸗ wünſcht; aber dann“— 1 i, der kommt vom Kummer her, wie Falſtaff ſagt; und Sie dürfen nicht vergeſſen, daß ich aus mei⸗ mem Lunde verbannt bin.“ 3„Was nun Ihre Unterhaltung betrifft, ſo möchte hicch Ihnen rathen, ſehr wenig zu ſprechen; nicht ein einziges Wort engliſch, eher könnten Sie, wenn man Ihnen hart zuſetzt, das iriſche zu Hülfe rufen.“ „In dieſer Beziehung habe ich wieder meine ge⸗ gründeten Beſorgniſſe; man kann durchaus nicht wiſ⸗ ſen, wie dieß zu einer Entdeckung führen mag. Sie kennen doch die Geſchichte von dem Ritter von Kirry uund Billy M'Cabe?“— „Ich fürchte meine Unkenntniß geſtehen zu müſſen — ich habe nie davon gehört.“ .„Dann kennen Sie auch Giles Daxon nicht?“ „Auch dieſes Vergnügens kann ich mich nicht rühmen.“ „Gott ſteh' mir bei, das iſt höchſt ſeltſam. Ich dachte, er wäre beſſer bekannt, als der Herzog von Wellington oder der herumziehende Pfeifer. Nun gut, ich muß Ihnen die Geſchichte erzählen, denn ſie hat eine Moral, ja es laſſen ſich ſogar mehrere moraliſche Nutzanwendungen daraus ziehen, aber dieſe müſſen Sie ſelbſt heraus finden. Es ſcbheint alſo, daß eines Tags der Ritter von Kerry den Strand entlang in London ſpazieren ging, um ein Stündchen Zeit todt zu ſchla⸗ gen, bis das Haus ſein Gebet verrichtet hatte, und Hume es ſelber müde würde, ſich ſprechen zu hören. Sein Auge wurde von einem ungeheuern Gemälde ge⸗ Bekenntniſſe Lorrequers. II. 15 1 7 230 feſſelt, das an der Mauer eines Hauſes aufgerollt war, eine menſchliche Figur vorſtellend, mit langen, dunklen Haaren bedeckt, mit ungeheuern Nägeln an den Händen und einem höchſt ſchrecklichen Ausdruck im Geſichte. Im Anfang dachte der Ritter, Doktor Bow⸗ ring ſei's; aber als er näher kam, hörte er einen Mann in einer Scharlachlivree und mit gekremptem Hute laut rufen: Nur herein ſpaziert, meine Herren und Damen — die wunderbarſte Merkwürdigkeit, die je geſehen worden iſt— koſtet nur einen Schilling— der wilde Mann von Chippoowango in Afrika— ißt rohe Hüh⸗ ner ungekocht und verrichtet noch manche andere über⸗ raſchende und ergötzliche Kunſtſtücke.“ „Der Ritter bezahlte ſein Geld und wurde einge⸗ laſſen. Im Anfang verhinderte ihn das Gedränge, etwas zu ſehen— denn der Platz war zum Erſticken voll und das Getöſe entſetzlich; außer den Ausrufungen und dem Beifallsgeſchrei der Zuſchauer befanden ſich nämlich noch drei Drehorgeln da, die an einem fort ſpielten, und der wilde Mann ſelbſt trug ſeinen Antheil dazu bei. Endlich erlangte der Ritter durch fortwäh⸗ rendes Drängen, Puffen und Stoßen einen Vorderplatz, wo er zu ſeinem namenloſen Entſetzen eine Geſtalt er⸗ blickte, durch welche das Portrait vor dem Hauſe noch weit verdunkelt wurde.. Es war ein beinahe nackter Mann, und mit lan⸗ gem, zottigem Haare bedeckt, das ihm auch über ſei⸗ ner Naſe und den Backenknochen wuchs. Er ſprang beſtändig herum, bald auf ſeinen Füßen, bald auf allen Vieren; dabei aber ſtieß er fortwährend das ſchrecklichſte Geſchrei aus und glotzte die Menge auf eine Art an, die wirklich gefährlich war. Dem Ritter war bei dem ganzen Handel nicht ſonderlich wohl zu Muthe, und er begann ſich herzlich ins Haus zurück zu wünſchen, und ſollte er in einem Privilegium⸗Comité ſitzen müſſen, als auf einmal der Wilde ein noch wahnſinnigeres Ge⸗ kreiſche erhob denn zuvor und ein Stück rohes Fleiſch 231 ergriff, das ihm ein Wärter an einer Gabel, ſo lang wie eine Kurierpeitſche— er war nämlich, wie es ſcheint, in der Nähe ſeines Lebens nicht ſicher— hin⸗ ſtreckte; dieß zerriß er haſtig zu Stücken und verſchlang es mit der abſcheulichſten Gefräßigkeit unter großem Händegeklatſche und andern Zeichen der Befriedigung von Seiten des Publikums.„ZJetzt will ich gehen,“ dachte der Ritter,„denn Gott weiß, ob er nicht in ſei⸗ nem Heißhunger auf den Einfall kommen kann, ſeine Mahlzeit mit einem Parlamentsmitglied zu beſchließen.“ Juſt in dieſem Augenblicke trafen einige Töne ſein Ohr, die ihn nicht wenig überraſchten. Er lauſchte aufmerk⸗ ſamer, und begreifen Sie, wenn Sie können, ſein Er⸗ ſtaunen, als er fand, daß der Wilde mitten unter ſei⸗ nem ſchrecklichen Geheul und ſchauerlichen Geſchrei Iriſch ſprach. Lachen Sie, wenn Sie wollen, aber es iſt die reine Wahrheit, nichts Geringeres als Iriſch. Der Naturmenſch ſprang vier Fuß hoch in die Luft und fraß ſein rohes Fleiſch, er raufte ſich ganze Hände voll Haar aus, und mitten unter all dieſem fluchte er nach Her⸗ zensluſt in einem ſo guten Iriſch, als man je in Tra⸗ lee gehört hat, über die ganze Geſellſchaft. Nun hatte der Ritter zwar von rothen Juden und weißen Negern gehört, niemals aber einen Bericht über afrikaniſche Irländer geleſen; deßhalb lauſchte er ſehr aufmerkſam, und allmälig verſtand er nicht blos die Worte, ſondern auch die Stimme kam ihm wohlbekannt vor. Endlich, als einiges, was er hörte, keinen weitern Zweifel bei ihm übrig ließ, wandte er ſich gegen den Wilden und redete ihn auf Iriſch an, indem er zugleich einen Blick der forſchendſten Bedeutung auf ihn heftete. 1 „Wer ſeid Ihr, Ihr Schurke?“ ſagte der Ritter. „Billy M'Cabe, Ew. Geſtrengen.“ „Und was wollt Ihr mit dieſen Poſſen da, ſtatt Euer Brod wie ein ehrlicher Mann zu verdienen?“. „Still,“ verſetzte Billy,„und behalten Sie das Geheimniß wohl; ich verdiene mir den Pachtzins für aus die zwei noch ungeöffneten Epiſteln. Meine letzte 232 Ew. Geſtrengen. Um aus einem Virrtel ſchlechten Lan⸗ des zwei Pfund zehn Schillinge zu bezahlen, muß man allerhand wunderliche Dinge thun.“ „Dies war genug: der Ritter wünſchte Billy allen möglichen Erfolg und verließ ihn unter dem Beifalls⸗ geſchrei eines wohlzufriedenen Publikums. Dieſes Aben⸗ teuer hat, wie es ſcheint, den würdigen Ritter zu einem großen Freund der Einführung der Armengeſetze gemacht; denn er bemerkt ſehr richtig, mehrere von Billy's Lands⸗ leuten könnten vielleicht Luſt zu einem wilden Leben bekommen, wenn das Geheimniß bekannt würde.“ Als Mr. O⸗Leary ſeine Geſchichte geendet hatte, war es mir unmöglich, mein Incognito länger zu be⸗ wahren, und ich ſah mich genöthigt, mit in Trevanions Gelächter einzuſtimmen. Zwanzigſtes Kapitel. Eine Remini scenz. Kaum hatten O'Leary und Trevanion das Zimmer verlaſſen, als der Kellner mit zwei Briefen eintrat— der eine trug ein deutſches Poſtzeichen und war von der wohlbekannten Hand der Lady Callonby— mit der Handſchrift auf dem andern war ich nicht weniger ver⸗ traut, denn ſie war die von Iſabella Bingham. Begreife irgend einer, der geduldig genug geweſen iſt, mir durch dieſe Bekenntniſſe zu folgen, meine Auf⸗ regung in dieſem Augenblick; da lag mein Schickſal vor mir, aller Wahrſcheinlichkeit nach verbunden mit einem Ueberblick, wie es ſich unter glücklichen Auſpicien hätte geſtalten können— ſo deutete ich wenigſtens zum Vor⸗ 233 Beſprechung mit Miß Bingham ließ keinen Zweifel mehr übrig, daß ich mir ihre Neigungen geſichert habe; und ſowohl Trevanions Rathſchläge als auch mein eigenes Rechtsgefühl hatten mich zu dem Entſchluſſe vermocht, ſie zu heirathen— mit welcher Ausſicht auf Glück, da⸗ ran wagte ich freilich nicht zu denken!. Ach und abermals ach! es gibt keine Beithörung, welche der Neigung zu Liebeständeleien gliche, zu bloß leeren, nicht ernſtlich gemeinten, herzloſen Liebestände⸗ leien. Du verbirgſt den Würfelbecher und die Billard⸗ queue, damit Dein Sohn kein Spieler werde— Du legſt den Wettrennkalender auf die Seite, damit er keine Vorliebe für die Jockeis einſauge, aber Du zitterſt nicht ob ſeinem Wohlgefallen an weißem Muslin und Atlas⸗ pantöffelchen, obſchon dies weit gefährlichere Liebhabe⸗ reien ſind, und dem Frieden und der Wohlfahrt eines Mannes unendlich mehr Eintrag thun können als alle Trumpfköniginnen, die jemals auf Pappendeckel oder Doncaſterpapier figurirt haben.„Die Weiber ſind meine ſchwache Seite, Ew. Geſtrengen,“ ſagte ein ehrlicher Patländer, als er vor dem Lordmayor angeklagt wurde, vier lebendige Frauen zu haben, und ohne daß ein ſolcher algier'ſcher Akt auf meinem Gewiſſen laſtete, fürchte ich, eine ähnliche Entſchuldigung für meine Ver⸗ gehungen auffinden und in demüthiger Dankbarkeit ge⸗ ſtehen zu müſſen, daß beinahe jedes Unglück, das mir im Leben widerfahren iſt, auf die eine oder andere Art ihnen zugeſchrieben werden muß. Und dies ſage ich ohne irgend eine Rückſicht auf ein beſonderes Land, eine beſondere Klaſſe oder Geſchlechtsfarbe, ſchwarz, braun . oder weiß; von meinem erſten Schritt ins Leben an, den ich als unerfahrner Subalterner im tapfern 4ten that, bis auf dieſe Stunde habe ich kein anderes Ge⸗ ſtändniß und kein anderes Bekenntniß abzulegen.„Sei jederzeit mit dem Piſtol bereit,“ war der Rath eines iriſchen Staatsmannes, den er ſeinen Söhnen auf dem Todtenbett ertheilte; der meinige würde unter dieſen 234 Umſtänden eher lauten: Gardez-vous des femmes, und abſonderlich wenn ſie Irländerinnen ſind. Es liegt in der Leichtigkeit, mit welcher ein iriſches Mädchen Deine jugendlichen Huldigungen empfängt und ihr Gefallen daran zu haben ſcheint, etwas beinahe Verrätheriſches, das einem jungen Kerl den Kopf un⸗ fehlbar ſchon ſchwindeln macht, wenn er noch lange keine Ausſicht hat, ihr Herz zu rühren. Sie findet es ſo natürlich, wenn man ihr den Hof macht, daß weder affektirte Sprödigkeit, noch Aufregung oder Ueberraſchung dabei ins Spiel kommen. Sie hört Deine Liebeser⸗ klärung ſo gelaſſen an, wie der Gerichtspräſident einen juriſtiſchen Vortrag, und überläßt die Entſcheidung einer beſtochenen Jury von ihren Verwandten, welche Dich ſelten zur Begnadigung empfiehlt. Auch find Liebe und Duell in Irland ſo innig verbunden, daß eine Herzens⸗ angelegenheit ſelten Fortſchritte macht, ohne daß zwi⸗ ſchen einigen von den betheiligten Parteien wenigſtens einmal Kugeln gewechſelt würden. Meine erſten vier⸗ undzwanzig Stunden in Dublin liefern für dieſe That⸗ ſache einen ſo luſtigen und charakteriſtiſchen Beleg, daß ich die Geſchichte erzählen will, ſo lange der Gegen⸗ ſtand vor uns liegt; überdies kann ich, da dieſe Be⸗ kenntniſſe unter Anderem die Beſtimmung haben, der Jugend zu warnenden Wegweiſern zu dienen, zugleich eine nützliche Lehre ertheilen, indem ich zeige, warum man das Liebesgeſchäft nicht im Dunkeln treiben ſoll. Es war an einem rauhen, kalten, rieſelnden Fe⸗ bruarmorgen des Jahres 18— als unſer Regiment, das von Liverpool her in aller Eile beordert worden war, einige aufrühreriſche Bewegungen in Dublin zu dämpfen, am Northwall landete. 3 Wir marſchirten auf die Kaſerne zu, und unſere Muſik ſpielte den Patrickstag zur höchlichen Verwunde⸗ rung einer ſo nackten Bevörkerung, als jemals die Muſik liebte. Das—ſte Dragonerregiment lag damals in der Stadt— recht angenehme joviale Geſellen, die 235 uns bald zu verſtehen gaben, daß die Unruhen ſchon vor unſerer Ankunft aufgehört haben, und daß die ſtädtiſchen Behörden jetzt ihre Erkenntlichkeit für die glückliche Rettung vor Feuer und Schwert durch eine Reihe von Feſtmahlen von der köſtlichſten, obſchon einigermaßen ungereimten Art an den Tag legen, denn die Geſellſchaft ſei kaum weniger gemiſcht als die Ge⸗ richte, die auf die Tafel kommen. Pairs und Comö⸗ dianten, Richter und Kerkermeiſter, Erzbiſchöfe, Schneider, Anwälde, Seiler und Apotheker, alle vereinigen ſich da zum feſtlichen Genuſſe leckerer Speiſen und trinken auf das glorreiche Andenken, von deſſen Bedeutung die halbe Geſellſchaft nichts wiſſe, ſondern bloß vermuthe, daß es etwas gegen die Papiſten ſei. Ihr möget lächeln, aber es waren dies vergnügte Zeiten, und ich habe beinahe keine Luſt mehr, dahin zurückzukehren, ſeit ſie ſich ſo gewaltig verändert haben. Aber um wieder zur Sache zu kommen, das— ſie hatten ſo eben eine Einla⸗ dung auf einen Ball erhalten, welchen der Oberſheriff geben wollte, und wozu, wie ſie mit bedeutſamem Winke ſagten, auch wir eingeladen werden mußten. Dieſe Unterhandlung wurde ſo gut geleitet, daß wir alle noch vor Mittag unſere Karten erhielten von einem Burſchen in grüner Livree, der auf einem ſehr ausge⸗ magerten Klepper daher geritten kam, ſo daß ſein gan⸗ zer Aufzug uns wenigſtens von des Oberſheriffs Ge⸗ ſchmack in Sachen der Equipage keinen hohen Begriff beibrachte. „Wir dinirten mit dem—ſten und nahmen, wie gewöhnlich, bevor man in eine Abendgeſellſchaft ging, die„andere Flaſche“ Claret zu uns, die jenſeits der Grenzen der Klugheit liegt. In der That war vom Oberſtlieutenant bis zu dem neueingetheilten Fähndrich herab kein einziges Geſicht in der Geſellſchaft, das nicht Zeichen der Zeiten verrieth, die für die Fröhlichkeit auf des Sheriffs Ball das Beſte verhießen. Wir waren ſo vollſtändig an der Grenzlinie angelangt, daß unſer 236 Major, ein Eingeborner aus Connemara, als wir in Maſſe aus dem Speiſezimmer aufbrachen, ſagte:„Ein einziges Gläschen Liqueur würde uns vollends den Treff geben.“ Auf dieſem Gipfelpunkte unſerer Lebhaftigkeit und Munterkeit gallopirten wir dann in allen möglichen Arten von Fuhrwerken, die der Zufall in unſere Dienſte gepreßt hatte, deren Namen aber Niemand ſo leicht anzugeben vermöchte, die Barracks⸗ſtreet hinab, mit lautem Hurrah empfangen von dem verſammelten Volks⸗ haufen, während wir ſelbſt lachten und, ich fürchte fat, auch ein wenig juchheiten— die Nachtwächter kamen wie inſtinktmäßig bei dem Geräuſch herbeigeſprungen, und die ganze Bevölkerung der umliegenden Stadt⸗ viertel war auf den Beinen und hegte augenſcheinlich eine hohe Meinung von unſern Eigenſchaften als Zech⸗ brüder. Unſere Stimmen wurden inzwiſchen allmählig anſtändiger, als wir dem civiliſirteren Stadtviertel nahe kamen, und mit etlichen wenigen Unterbrechungen der Prozeſſion, wenn etwa ein von ſeinem Sitz Herabge⸗ ſunkener aufgehoben werden mußte, langten wir end⸗ lich vor der Wohnung unſeres Wirthes irgendwo in der Sackoille⸗ſtreet an. Hätte unſere Ankunft dem ehrenwerthen Gaſtgeber den Ritterorden eingetragen, er hätte uns nicht mit eifrigerer Freundſchaftlichkeit empfangen können. Er ſchüttelte uns allen, achtunddreißig an der Zahl, nach einander die Hand und ſtellte uns dann förmlich ſeinem Ehgemahl vor, einer ungemein mit Juwelen behangenen Lady von etlichen vierzig Jahren, die zwiſchen ihren Locken, Federn und ihrem Turban gerade ausſah, wie eine chineſiſche Pagode auf einem Brühnäpſchen. Die Zimmer waren zum Erſticken vollgedrängt— das Ge⸗ töſe erſchrecklich— und die Geſellſchaft ſtieß und puffte ſich ein wenig mehr, als man erwarten ſollte, wenn die eine Hälfte dem ſanfteren Geſchlechte angehört. Doch man gewöhnt ſich an Alles, ſagt das Sprüch⸗ wort, und es hat Recht, denn wir Alle wußten uns ſo vortrefflich in die Gewohnheiten des Ortes zu fin⸗ den, daß wir, bevor eine halbe Stunde verging, ganz wie die übrige Verſammlung die Leute herumſtießen, liebäugelten und Champagner tranken. „Ein verdammt heißes Tagewerk,“ ſagte der Oberſt, als er mit zwei roſenwangigen, lächelnden Ladies am Arme bei mir vorüberging.„Der Major— der kleine Kerl dort mit den punſchfarbigen, kurzen Hoſen, hat mich mit Champagner beinahe kampfunfähig gemacht; ich erſuche Sie, nehmen Sie ſich ſeiner an.“ So betrunken ich ſelbſt war, ſo war ich mir doch noch klar genug, um die ganze Drolligkeit der Scene vor mir deutlich zu überſchauen. Liebeständeleien, die unter andern Umſtänden die Heimlichkeit und Einſamkeit eines ländlichen Spaziergangs oder einer Gartenlaube erheiſchen, wurden hier trotz des Glanzes der Wachs⸗ kerzen und Kronleuchter mit der zwangloſeſten Unbe⸗ fangenheit betrieben; Blicke wurden gewechfelt, Hände wurden gedrückt, ſanfte Dinge geflüſtert und überfreund⸗ liche Geſichter geſchnitten, bis endlich der Zauber des Punſchnegus und würzigen Portweins dem weit grö⸗ ßern Zauber ſtrahlender Blicke und zärtlicher Augen vollſtändig das Feld räumte. Quadrille und Contre⸗ tänze— gewalzt wurde, vielleicht zum Glück für uns Alle, nicht— Whiſt, Huittage und Loo, Spiele, die wegen des aufrühreriſchen Lärms häufig unbeendigt blieben— Brod⸗ und Fleiſchſchnitten und warme Ge⸗ tränke beſchäftigten uns ziemlich lebhaft, bis das Sou⸗ per angekündigt wurde, worauf dann wieder ein großes Gedränge die Treppe hinauf anhob— denn die Ver⸗ ſammlung ſtrebte dahin mit einer Gierde, welche ſich höchſtens durch ein vierundzwanzigſtündiges Faſten rechtfertigen ließe. Unter dieſer dichten Maſſe von ſich bewegendem Muslin, Sammt und anderem feinen Zeug erblickte ich mich als Chaperon einer äußerſt ver⸗ führeriſchen kleinen Dame mit lachenden blauen Augen 238 83 und dunkeln Wimpern, die für den Weg hinauf meiner. Obhut und Sorgfalt anvertraut worden war. „Miß Moriarty, Mr. Lorrequer,“ ſagte eine alte Lady in grünem Seidekleid und allerhand Geflitter, die, wie ich nachher erfuhr, Lady Mayoreß war. „Das hübſcheſte Mädchen im Saale,“ bemerkte ein Gentleman mit einem Tipperary Accent,„und hat ein ſehr hübſches Landgut bei Athlom.“ 3 Dieſer Wink ging für mich nicht verloren, und ich begann ſchnell bei meiner Schutzbefohlenen den aima- ble zu machen, ſo daß ich, bevor wir den Speiſeſaal erreichten, bereits einige Einzelheiten aus ihrer Ge⸗ ſchichte wußte, die ich noch nicht vergeſſen habe. Sie war, wie es ſcheint, die Schweſter einer gleichfalls anweſenden Lady, der Frau eines Anwalts, der ſich in dem ergötzlichen und klaſſiſchen Namen Mr. Mark An⸗ thony Fitzpatrick gefiel; beſagter Mark Anthony aber war ein himmellanger, ungeſchlachter, ſchwarzbärtiger, finſterer Kerl, der über die ganze Eſſenszeit höchſt un⸗ liebliche Blicke auf mich und Mary Anne warf— denn ſo nannte ſich ſeine Schwägerin. Nach wenigen Mi⸗ nuten jedoch vergaß ich ihn und überhaupt alles Andere gänzlich in dem Zaubernetz meiner ſchönen Nebenſitzerin. Sie theilte ihren Stuhl mit mir und ich hielt ſie auf demſelben, indem ich meinen Arm um ihren Leib ſchlang; wir aßen unſere gepöckelten Salmen, Gallerten, Pa⸗ ſteten, kalte Hühner, Schinken und Rahmtörtchen von demſelben Teller, mit einem gelegentlichen Drücken der Finger, wenn unſere Hände zuſammentrafen— ihre Augen richteten die ganze Zeit über eine ſchreckliche Verheerung in mir an, während ich meine Erzählung von Liebe— von ewiger, brennender, alles verzehren⸗ der Liebe in ihr nicht abgeneigtes Ohr flüſterte. „Ach, es iſt Ihnen ja doch nicht Ernſt.“ „O, gewiß Mary Anne, bei Allem was—, „Nun, ſchwören Sie nur nicht, und ſeien Sie ein 239 wenig vorſichtig— Mark Anthony ſieht ſchon wieder zu uns herüber.“ „Mark Anthony mag zum—“ „Ei, wie leidenſchaftlich Sie doch ſind; ich könnte gewiß nicht gut mit Ihnen leben. Da geben Sie mir ein wenig von dem Blitzkuchen und drücken Sie mich nicht, man ſieht es ja.“ 3 „O, an mein Herz will ich Sie drücken, mein theuerſtes Mädchen.“ „Ach, da haben Sie mir ja Käſe gegeben,“ ſagte fe i einer Grimaſſe, die meine Leidenſchaft beinahe zurirte. „Ein Häuschen, eine Hütte mit Ihnen— mit Ihnen,“ ſprach ich in einer Cadenz, der es Macready gleich thun ſoll, wenn er kann—„was iſt weltlicher Glanz oder der gehaltloſe Flitter des Rangs!“ Hier blickte ich auf meine Epauletten, auf welche, wie ich ſah, ihre Augen feſtgeheftet waren. „Es iſt doch etwas Köſtliches um das Ingwerbier,“ ſagte ſie, ein Glas Champagner leerend. Ich war noch immer nicht aus meiner Verzückung aufzuwecken und fuhr mit ſo großer Wärme wie nur je fort, von Liebe zu ſprechen.. „Hoffentlich kommſt Du jetzt nach Hauſe,“ ſagte eine ärgerliche Stimme hinter Mary Anne. Ich wandte mich um und bemerkte Mark Anthony, der einen grimmigen Blick von eigenthümlicher Bedeut⸗ ſamkeit auf mich warf. 5 „Ach, lieber Mark, ich bin von dieſem Gentleman noch zu einem Tanz engagirt.“ „So, biſt Du das wirklich?“ erwiederte Mark, mich ſeitwärts anblickend.„Wahrhaftig, ich dächte, der Gentleman thäte beſſer, wenn er ſich jetzt nach Hauſe trollte und auf ſeinen Flohſack legte.“ Bei meinen derzeit etwas verworrenen Verſtandes⸗ verhältniſſen machte mich gleichwohl dieſe weſtländiſche Synonyme für Bett ein wenig verblüfft. 240 „Ja, Sir, die Lady iſt von mir engagirt, haben Sie etwas dagegen einzuwenden?“ „Vor der Hand ganz und gar nicht,“ ſagte Mark beinahe ſchüchtern. „O Gott, o Gott,“ ſchluchzte Mary Anne;„jetzt werden ſie ſich duelliren und er wird um's Leben kom⸗ men— ich ſehe das ſchon zum Voraus.“ Für welchen von uns dieſes Schickſal beſtimmt war, darüber ſtellte ich jetzt nicht lange Betrachtungen an, ſondern nahm die Lady unter meinen Arm und bohrte mir mit dem Ellbogen einen Weg in den Tanz⸗ ſaal, indeß mehrere Mitglieder der Geſellſchaft, die mein Benehmen billigten, mich zu verſchiedenen Malen auf den Rücken tätſchelten und zwiſchen die Schulter klopften. Die drei Geigen, die Flöte und das Fagot, die unſere Bande bildeten, hatten fich inzwiſchen total betrunken und ſpielten nun nach eigenen Melodien, was kraft einer der ſeltſamen Sympathien unſerer Natur ſeinen Einfluß auf unſere Beine ausübte, ſo daß ein Contretanz mit freien ungezwungenen Geſti⸗ culationen zu Stande kam, der jeder Beſchreibung ſpot⸗ tete. Nach achtzehn Touren lehnte ich— müde von meinen Anſtrengungen— und dieſe waren nicht gering geweſen— meinen Rücken an die Wand des Saales, die, wie ich jetzt zum erſten Mal merkte, eine ganz eigenthümliche und neue Art von Ueberzug hatte— der nämlich aus nichts Geringerem beſtand, als aus einem rauhen, grünen Boituch, welches ſich bei jedem Luftzug bewegte und hin und herſchwankte. Ich ſchenkte dieſem Umſtand wenig Aufmerkſamkeit, bis auf einmal, als ich meinen Kopf umdrehte, etwas hinter demſelben nachgab. Ich ſpürte hinten im Nacken einen Schlag und ſtürzte vorwärts in's Zimmer, allwo eine vollſtän⸗ dige Lawine von Kamingittern, Feuerzangen, Brat⸗ pfannen und Kupferkeſſeln, vermiſcht mit leichter Ar⸗ tillerie, als da ſind Nägel, Thürſchlüſſel, Riegel u. ſ. w. mich überſchüttete. Da lag ich denn, inmitten 1 1 241 des lärmendſten Freudengeſchreis, das ich je gehört hatte, halb betäubt unter dieſem verdammten Eiſen⸗ kram. Nachdem das Gelächter vorüber war, half man mir aufſtehen, und nachdem ich eine Pinte Eſſig ge⸗ trunken und Geſicht und Schläfe mit ſtarkem Whiskey⸗ punſch gewaſchen— es war nämlich bei der Anwen⸗ dung dieſer Flüſſigkeiten eine kleine Irrung vorge⸗ gangen— erfuhr ich, daß unſer Wirth, der Ober⸗ ſheriff, ein berühmter Zinn⸗ und Eiſenhändler war, daß ſeine Empfangſäle aus nichts anderem beſtanden, als aus ſeinem Metallmagazin, und daß er, um die wohlgefüllten Fächer vor den Blicken ſeiner ariſtokrati⸗ ſchen Gäſte zu verbergen, dieſelbe auf die erwähnte Art hatte überziehen laſſen; durch irgend ein Mißge⸗ ſchick nun hatte mein unglücklicher Kopf eine Störung hervorgebracht, und auf dieſe Weiſe eine Calamität herbeigeführt, die für ihn ſelbſt nicht weniger betrübend war als für mich. Ich hätte mich kaum mit der Er⸗ zählung dieſer Geſchichte aufgehalten, hätte nicht die liebevolle Art, wie Mary Anne mich in meinem Elend verpflegte, das vervollſtändigte, was ihre zauberiſchen Reize begonnen hatten, und obſchon ſie ſich eines lau⸗ ten Lachens über den Vorfall nicht erwehren konnte, ſo verzieh ich ihr gerne um ihrer Freundlichkeit willen. „Vergeſſen Sie's nicht,“ ſagte ich, indem ich ſie durch ein ſchwarzes, von der Ecke eines Kamingitters bemaltes Auge liebevoll anzublicken ſuchte,„vergeſſen Sie es nicht, Mary Anne, daß ich Sie in Ihrem Hauſe beſuchen will.“.— „Ach, lieber Sir, ich wüßte in der That nicht, wie Sie das einrichten ſollten.“ Hier unterbrach Mark Anthony's Herzutritt plötz⸗ lich ihre Rede, denn er kam, um ihr zu erklären, daß einige der Offiziere ſeine Kutſche genommen haben, worüber er, wie man leicht denken konnte, nun einen haushohen Zorn hatte. 4 „Wenn, Sir,“ ſagte ich mit einer Miene der zu⸗ 242 vorkommendſten Höflichkeit,„wenn ich Ihnen irgend⸗ wie behülflich ſein kann, die lieben Ihrigen nach Hauſe zu begleiten—“, „Ja wohl, Sie ſind allerdings ein allerliebſtes Kerlchen, um Ladies nach Hauſe zu begleiten; beſehen Sie ſich doch einmal im Spiegel,“ ſagte er. Ich hätte es in dieſem Augenblick bei aller gebüh⸗ renden Rückſichtsnahme auf Zeit, Ort und anderwär⸗ tige Umſtände für keinen Hausfriedensbruch angeſehen, ihm den Hirnſchädel einzuſchlagen, und würde gewiß zu dieſem Mittel gegriffen haben, hätte mich nicht ein Blick der flehendſten Art von Mary Anne davon abge⸗ halten. Mittlerweile hatte er ſie am Arm genommen und führte ſie hinweg. Ich ſtand unentſchloſſen da, bis ein Blick meiner Heißgeliebten auf mich fiel; dann ent⸗ ſchloß ich mich ſogleich und folgte ihnen die Treppe hinab. Hier war die Scene vollkommen ebenſo ergötz⸗ lich wie oben, denn das Anziehen der Mäntel, Shawls, Schuhe u. ſ. w. von Seiten der Ladies iſt gewiß ein ſo luſtiger Prozeß, wie man ihn nur anzuſehen wün⸗ ſchen kann. Da bemühten ſich Mütter, ihre Töchter zu ſammeln, wie eine Henne ihre Küchlein, und wie dieſe verloren ſie gewöhnlich, wenn ſie die einen ſuchten, alle andern; griesgrämige Papas fluchten, Liebhaber blinzelten, während ſie die Boas um die ſchönen Hälſe ihrer Dulzineen ſchlangen; Liebesſchwüre miſchten ſich in Wehklagen ob einem verlornen Ueberſchuh oder ei⸗ nem verirrten Mantel. Manchmal wurden die Kerzen ausgelöſcht und dann verdoppelte ſich das Gewühl, bis Ordnung und Licht wieder hergeſtellt waren. Mittler⸗ weile hatte jeder von den Unſern ſich ſeine Schöne ge⸗ ſichert bis auf mich, und ich wurde wegen meines Man⸗ gels an Savoir faire von allen Seiten verhöhnt. Aer⸗ gerlich darüber, drang ich in die Ecke des Zimmers, wo Mary Anne ihren Shawl anzog; ich erkannte ſie trotz des Gedränges, warf ihr den Mantel über die Schultern, und in demſelben Augenblick, wo Mark 243 Anthony den Arm ſeiner Frau in den ſeinigen zog, that ich daſſelbe mit meiner Freundin und folgte ihnen bis an die Thüre. Hier drehte ſich der grimmige Schwa⸗ ger ſchnell, um Mary Anne's Arm zu ergreifen, und als er ſie bei mir ſah, lachte er blos auf ſeine plumpe Weiſe und murmelte:„Sehr gut, Sir: ſo wahr ich lebe, ich ſehe es ſchon, Sie wollen es nicht anders haben.“ Während dieſer kurzen Zwiſchenzeit war ich dermaßen beſchäftigt, ihn zu beobachten, daß ich meiner ſchönen Freundin nicht ein einziges Mal in das Go⸗ ſicht ſehen konnte; aber der ſanfte Druck ihres Armes, mit welchem ſie ſich an mich lehnte, verſicherte mich, daß mein Benehmen ihren Beifall habe.. Welchen Gang meine Gedanken einſchlugen, und was der Gegenſtand unſerer Unterhaltung war, dies jetzt noch zu wiſſen bin ich unglücklicherweiſe außer Stands. Ich erinnere mich nur, daß ich glaubte, es können nur fünf Minuten verſtrichen ſein, als wir in York⸗ſtreet anlangten. „Dann geſtehen Sie alſo, daß Sie mich lieben?“ ſagte ſie, als ich ihren Arm an meine Seite drückte. „Ja, bei dieſem Kuß; ich ſchwöre, Sie nie zu verlaſſen.“— Was ich noch hinzufügen wollte, weiß ich in der That nicht; aber wahr iſt, daß ein gewiſſes ſchmatzen⸗ des Getöne hier Mr. Mark Anthony's Aufmerkfamkeit anzog, daß er ſich ſchnell umdrehte, uns feſt ins Ge⸗ ſcht ſchaute und dann ernſthaft hinzufügte:„Begnüg⸗ ſamkeit iſt eine ſchöne Sache. Ich wünſche Ihnen an⸗ genehme Träume, Mr. Larry kar, wenn das Ihr Name iſt; Morgen ſollen Sie weiter von mir hören.“ „Das erwarte ich, ſagte ich;„gute Nacht, Theuerſte, denken Sie an—“ die Hausthüre, die unmittelbar vor meiner Naſe zugeworfen wurde, machte der angefange⸗ nen Rede ein Ende, und ich ſuchte jetzt meinen Heim⸗ eg. Bis ich in der Kaſerne ankam, hatten ſich die verei⸗ 7 244 nigten Wirkungen von Champagner, Xeres und Shef⸗ fieldeiſen um ein Gutes gelegt, und mein Kopf war klar genug geworden, um einen leichten Rückblick auf die Vergnügungen des Abends zu geſtatten. Von zwei Täuſchungen war ich wenigſtens zurück⸗ gekommen; erſtens der Ball des Oberſheriffs war nicht gerade ein Muſterbild der guten Societät; zweitens, ich war in Mary Anne Moriarty ganz und gar nicht ernſtlich verliebt. So ſeltſam dies erſcheinen und ſo gering auch immer der ſeltſame Zuſammenhang zwi⸗ ſchen dieſen beiden Thatſachen ſein mag, die Wahrheit der einen hatte einen bedeutenden Einfluß auf die Be⸗ ſtimmung der andern.„Gleichviel,“ ſagte ich,„das Ding iſt vorbei; im Ganzen war es jedenfalls ein gu⸗ ter Spaß, bis auf die herabgefallene Kaſſerole; und was die Lady betrifft, ſo muß ſie ebenſo gut, wie ich ſelbſt, bemerkt haben, daß es blos Scherz war. Als ſolchen gedenke ich wenigſtens die Sache zu behandeln, und da wir bei unſerer Unterhaltung keinen Zeugen hatten, ſo werde ich wohl die ganze Geſchichte ohne Mühe abſchütteln können.“ Am folgenden Tage, als ich mich eben ankleidete, um auszureiten, kündigte mein Bedienter keine gerin⸗ gere Perſon an, als Mr. Mark Antony Fitzpatrick, wel⸗ cher ſagte, er komme wegen eines kleinen Geſchäftes und müſſe mich augenblicklich ſprechen. Mr. Fitzpatrick eröffnete, nachdem er ſich hatte an⸗ melden laſſen, ſeine Unterhandlung ſchnell damit, daß er mich in äußerſt zierlichen und unzweideutigen Wor⸗ ten um meine Abſichten in Betreff ſeiner Schwägerin fragte. Nachdem ich die größte Verwunderung über dieſe Frage und ihre mögliche Bedeutung zu erkennen gegeben hatte, erwiederte ich, dieſelbe ſei eine aller⸗ liebſte Perſon, mit der ich ganz und gar nichts zu thun beabſichtige. „Und haben Sie ihr nicht geſtern Nacht auf dem Ball einen Heirathsantrag gemacht?“ 3 245 „Einer Lady auf einem Ball, wo man ſie zum erſten Mal ſieht, einen Heirathsantrag machen!“ 4 „Allerdings. Erſtreckt ſich ihr Gedächtniß etwa nicht ſo weit zurück? Oder vielleicht würde ich wohl thun, es wieder aufzufriſchen,“ und hier wiederholte er den ganzen Inhalt der Unterhaltung auf dem Heimweg, manchmal ſogar mit meinen eigenen Worten. „Aber, mein lieber Sir, die junge Lady wird doch nicht behaupten wollen, daß ich eine ſolche Sprache ge⸗ führt habe, wie Sie da wiederholen.“ „So wollen Sie alſo wieder abbrechen? Nun ſo ſage ich Ihnen hiemit, daß Sie in einer garſtigen Klemme ſitzen, denn Sie haben geſtern Nacht meine Frau nach Hauſe geführt und nicht Miß Moriarty; ich überlaſſe Ihnen jetzt nach eignem Belieben zu wählen, ob ich Ihnen wegen des Bruchs eines ECheverſprechens oder wegen Verführung einen Prozeß an den Hals hängen ſoll; ſo wahr ich lebe, Sie können es noch für eine geoße Gefälligkeit halten, daß ich Ihnen die Wahl frei⸗ ſtelle.“ Welch eine artige Entdeckung! Während ich mir alſo einbildete, ich drücke die Hand und gewinne das Herz der ſchönen Mary Anne, bereitete ich blos einen ſehr einfachen Prozeß für eine Jury, wobei ich mich vor der Welt blamiren und, wenn ich zum Schaden⸗ erſatz verurtheilt werden ſollte, um mein halbes Ver⸗ mögen kommen könnte. Es blieb mir alſo nur ein Mittel übrig, nämlich die Sache zum Gegenſtand ei⸗ nes Duells zu machen, und ſo viel ich von meinem Freund Mark Anthony geſehen hatte, ſchien dies nicht ſehr ſchwer zu ſein.. Demgemäß nahm ich jetzt einen hohen Ton an, lachte über die ganze Geſchichte, ſagte, es ſei dies ſo Bekenntniſſe Lorrequer's II. 16 4 246 der Brauch bei uns Militärs— wir haben nie etwas Ernſtes dabei im Sinne, u. ſ. w. u. ſ. w.“ In wenigen Minuten merkte ich, daß er anbiß. Mr. Fitzpatricks weſtländiſches Blut brauste auf: alle Gedanken an den geſetzlichen Weg wurden aufgegeben und er ſtürzte aus dem Zimmer, um einen Freund auf⸗ zuſuchen, nachdem ich ihm zuvor einen von den Unſern als den meinigen für dieſen Fall bezeichnet hatte. Es ging ſehr wenig Zeit verloren, denn noch an demſelben Nachmittag vor drei Uhr war ſür den fol⸗ genden Morgen ein Rendezvous an dem North Bull feſtgeſetzt worden; und ich hatte die Befriedigung zu vernehmen, daß ich der boshaften Beredtſamkeit des Staatsprokurators in der Kings⸗Bench nur entgangen ſei, um mich von dem beſten Schützen im ganzen We⸗ ſten über den Haufen ſchießen zu laſſen. Dieſer Ge⸗ danke war ganz und gar nicht angenehm, und ich ent⸗ ſchädigte mich für meine mißliche Lage mit einem ſehr befriedigenden Bannſtrahl, den ich über den Oberſhe⸗ riff und ſeinen Ball, ſo wie über ſeine verdammten Pfannen ausſprach, denn dem zarten Mitgefühl für meine Leiden ſchrieb ich einen großen Theil meiner Narrheit zu. 4 Am nächſten Morgen ſtand ich mit Curzon und dem Doktor auf dem unlieblichen Theil von Ihrer Maj. Beſitzungen, welchen man North Bull nennt, und war⸗ tete in einem kalten Regen und rauhen Nebel, bis es dem Mr. Mark Anthony gefallen würde zu kommen und mich todt zu ſchießen; denn daß unſer Duell kein anderes Ende nehmen könne, darüber ſchienen beide Parteien einverſtanden. Inzwiſchen verſtrich die Zeit; es wurde halb neun, es wurde dreiviertel, es ſchlug zuletzt neun Uhr, ohne daß mein Gegner erſchien; endlich als Curzon bereits erklärt hatte, wir wollen von dem Platz abziehen, ſa⸗ hen wir ein Cabriolet in geſtrecktem Galopp die Straße heranfahren. Es kam näher und hielt zuletzt an; zwei 247 Herren ſprangen heraus und traten auf uns zu, der eine von ihnen nahm, als er in unſere Nähe kam, höf⸗ lich den Hut ab und führte ſich ſelbſt als Mr. O'Gor⸗ man, Sekundant von Mark Anthony, ein. „Ich komme in einer höchſt unangenehmen Sache, Gentlemen,“ ſagte er,„Mr. Fitzpatrick iſt auf ein Hin⸗ derniß geſtoßen, das ihm ſchlechterdings nicht das Glück eſtgtted, dieſen Morgen mit Ihnen zuſammen zu reffen.“ „Dann können Sie uns nicht zumuthen, Sir, daß wir morgen wieder vergebens auf ihn warten,“ ſagte Curzon, ihm in die Rede fallend. „Nein, ganz und gar nicht,“ erwiederte der An⸗ dere friedlich,„denn es würde ihm auch morgen ebenſo ungelegen ſein; aber ich will Ihnen nur den Vorſchlag machen, daß Sie, da ich für meinen Freund hier bin und ſämmtliche Einzelheiten des Falles kenne, die Güte haben möchten, alle Etikette bei Seite zu ſetzen und mich an ſeinen Platz ſtehen zu laſſen.“ 1 „Das fällt uns gar nicht ein,“ erklärte Curzon. „Die Etikette bei Seite ſetzen!— Ei, Sir, wir haben mit Ihnen keinen Streit; wir haben Sie ja noch nie geſehen.“. „Das iſt doch hart,“ ſagte Mr. O'Gorman zu ſei⸗ nem Freund, der mit dem Piſtolenhalfter neben ihm ſtand;„aber ich ſagte es Mark doch, ich könne mir's zum Voraus denken, daß ſie die Sache mit kleinlicher Genauigkeit behandeln werden, denn es ſeien Englän⸗ der. Nun gut, Sir,“ fuhr er gegen Curzon fort,„es gibt alſo, wie ich ſehe, nur noch ein einziges Mittel, die Sache in's Reine zu bringen. Mr. Fitzpatrick iſt dieſen Morgen wegen einer Bagatell von 140 Pfund verhaftet worden. Wenn Sie und Ihr Freund hier ge⸗ meinſchaftlich mit uns für ihn Bürgſchaft leiſten wol⸗ len, ſo können wir ihn berausbekommen, und dann wird er ſich morgen zu Ihrer Befriedigung mit Ihnen ſchlagen.“ ———ÿ˖—;—ꝛ—;yyõꝛ:ꝛr————jꝛ————————— ———xm— 248 Nachdem unſer billiges Erſtaunen über dieſen Vor⸗ ſchlag ſich gelegt hatte, verſicherten wir Mr. O'Gor⸗ man, daß wir ganz und gar nicht geneigt ſeien, unſere Beluſtigung zu einem ſolchen Preis zu bezahlen eine Thatſache, worüber er und ſein Freund ſich höchlich zu verwundern ſchienen— im Uebrigen fügten wir hinzu, daß wir Mr. Fitzpatrick perſönlich zu jeder ſpätern Zeit Rede ſtehen werden, und verließen den Platz, Curzon herzlich lachend über das originelle Auskunftsmittel, das man uns angemuthet hatte, ich aber im Innern eine höchſt glühende Rede auf das Schuldthurmgeſetz haltend. Bevor dem Mr. Fitzpatrick die befreiende Parla⸗ mentsacte zu Gute kam, wurden wir anderswohin kom⸗ mandirt, und ich habe ſeitdem nie mehr von ihm gehört. Einundzwanzigſtes Kapitel. Die zwei Briefe. Von der Abſchweifung im letzten Kapitel wurde ich aufgeſtört durch den Anblick der zwei Briefe, die während meiner Träumerei ungeöffnet vor mir lagen. Ich erbrach zuerſt die Epiſtel der Lady Callonby, die folgendermaßen lautete: „München, weißes Kreuz. „Mein lieber Mr. Lorrequer— ſo eben höre ich von Kilkee, daß Sie endlich im Begriff ſtehen, uns Ihren lang verheißenen Beſuch abzuſtatten, und ſchreibe dieſe paar Zeilen, um Sie zu bitten, vor Ihrer Ab⸗ reiſe von Paris gefälligſt die Commiſſionen für mich zu beſorgen, deren ich eine furchtbare Liſte beifüge, oder wenigſtens diejenigen, die Ihnen nicht allzuviel Be⸗ ſchwerde machen. Unſer Aufenthalt hier wird nur noch 249 ſo kurz ſein, daß Sie der größten Eile bedürfen wer⸗ den, um uns anzutreffen, bevor wir nach Mailand rei⸗ ſen, da Lady Jane's Geſundheit eine unverzügliche Luft⸗ veränderung erheiſcht. Unſer gegenwärtiger Plan iſt, in Italien zu überwintern, obſchon Lord Callonby, der von ſeinen Freunden gewaltig beſtürmt wird, ein De⸗ partement anzunehmen, ſeine Rechnung nicht ganz da⸗ bei zu finden glaubt. Doch ich erſpare dies Alles und anderes Geplauder für unſere Zuſammenkunft. In⸗ zwiſchen leben Sie wohl, und wenn einige meiner Auf⸗ träge Sie beläſtigen, ſo legen Sie dieſelben friſchweg bei Seite; nur dürfen Sie die weißen Roſen und den Brüſſeler Schleier nicht vergeſſen, da Lady Jane ſolche durchaus zu haben wünſcht. „Ihre aufrichtig ergebene „Charlotte Callonby.“ „Wie viel lag nicht in dieſen wenigen und ſchein⸗ bar nichtsſagenden Zeilen für mich? Für's Erſte wurde mein Beſuch nicht blos erwartet, ſondern man ſah ihm wirklich entgegen, man rechnete darauf, man— viel⸗ leicht daß ich mir ſelbſt dieſe Schmeichelei zuflüſterte— man wünſchte ihn. Ferner wurde Lady Jane's Geſund⸗ heit als nicht ganz feſt bezeichnet: weniger wirkliche Krankheit— ſagte ich zu mir ſelbſt— als bloße Zart⸗ heit der Conſtitution, die den blauern Himmel und die wärmeren Lüfte Italiens erheiſcht. Vielleicht war ihr Inneres angegriffen— eine leichte Gemüthskrankheit — eine falſch angelegte Leidenſchaft— was weiß ich? In der That war mein Gehirn ſo erfinderiſch an Muth⸗ maßungen, daß ich durch einen ſchnellen, weniger lo⸗ giſchen, als angenehmen Gedankengang zur Ueberzeu⸗ gung gelangte, die liebenswürdige Lady Jane Callonby ſei wirklich verliebt: in wen, das laſſe ich den Leſer errathen. Und Lord Callonby ſelbſt im Begriff, in's Miniſterium zu treten— nur um ſo beſſer, wenn man einen Schwiegervater hat, der am Ruder ſitzt— das Apvancement geht heut zu Tage ohnehin ſo verdammt 250 langſam von Statten. Dann endlich die ſchlaue An⸗ ſpielung auf die Commiſſionen— die Bosheit, ihren Namen zu nennen, um mich zu intereſſiren. So ſchwach ſolche Materialien, auf die ich jetzt alle meine Hoff⸗ nungen baute, Andern erſcheinen mögen, ſo kam es mich doch ganz und gar nicht ſchwer an, mich als den theuern Freund der Familie und den anerkannten Lieb⸗ haber der Lady Jane zu betrachten. Inmitten alh dieſer Selbſtbeglückwünſchungen aber fiel mein Blick auf den Brief von Iſabella Bingham, und ich erinnerte mich plötzlich, wie tödtlich er ſich für all' ſolche glücklichen Vorausſetzungen erweiſen könne. Ich riß ihn in leidenſchaftlicher Haſt auf und las: „„Mein lieber Mr. Lorrequer— da ich in Folge unſerer Unterredung von heute früh geneigt bin zu glau-⸗ ben, daß ich Ihr Herz gewonnen habe, ſo würde ich es für eine ſchlechte Belohnung Ihrer Gefühle für mich halten, wenn ich Ihnen verhehlen wollte, daß ich Ih⸗ nen das meinige nicht dagegen zuſichern kann— denn ich habe es in der That nicht mehr zu verſchenken. So ſchwer mich dieſes offene Bekenntniß angekommen ſein mag, ſo glaube ich es doch Ihnen zu ſchulden. Sie werden vielleicht ſagen, es haͤtte früher kommen ſollen; darauf erwiedere ich, daß dies auch geſchehen wäre, wenn ich die Natur Ihrer Gefühle für mich gekannt, oder auch nur gemuthmaßt hätte. Denn— ich ſchreibe dies in aller Wahrheit und mit der vollkommenſten Hochachtung für Sie— ich erblicke in Ihren Aufmerk⸗ ſamkeiten nur die flatterhaſten Gewohnheiten eines Man⸗ nes von Welt einem höchſt unerfahrenen und unwiſſen⸗ den Mädchen von achtzehn Jahren gegenüber, mit welcher zuſammenzureiſen ihm einiges Vergnügen gemacht hat, ſo daß er es auch ſpäter der Mühe werth fand, mit ihr zu ſprechen. Mit bitterem Bedauern ſehe ich jetzt meinen Irrthum ein, halte es aber für beſſer, dieſes peinliche Geſtändniß abzulegen, als Sie in einem Irr⸗ ———;:—— 251 thum verharren zu laſſen, welcher Ihr Glück in den Untergang des meinigen verwickeln könnte. „ Ich verbleibe von Herzen „Jhre getreue Freundin „Iſabella Bingham“. „Welch' ein herrliches Mädchen!“ rief ich, als ich mit dem Brief zu Ende war,„wie voll von wahrem Gefühl, wie ehrenhaft, wie aufrichtig: und doch iſt es verdammt auffallend, wie ſchlau ſie ihre Rolle geſpielt hat— es ſcheint jetzt wirklich, daß ich auf ihr Herz niemals Eindruck machte; Meiſter Harry, ich fange an zu fürchten, daß Sie nicht der ſchreckliche Jungfernwür⸗ ger find, für den Sie ſich gehalten haben.“ Solcher Art waren meine Betrachtungen über dieſe eigenthüm⸗ liche Note; in meine Wonne, mich wieder einmal frei zu wiſſen, miſchte ſich etwelcher Verdruß, daß ich an der Naſe herumgeführt worden ſei, und zwar von ei⸗ ner jungen Miß von achtzehn Jahren. Verdammt un⸗ angenehm, wenn meine Kameraden es erführen, dachte ich. Per Bacco— wie würden ſie Witze reißen über meine Verlegenheit, um dieſe Verbindung abzubrechen, während die Lady ſelbſt keinen andern Wunſch hatte, als mich los zu werden! Dieſe Geſchichte darf ihnen nie zu Ohren kommen, ſonſt bin ich verloren; und nun, je ſchneller die Unter⸗ handlungen geſchloſſen werden, um ſo beſſer. Ich muß mir noch eine Unterredung mit Iſabella verſchaffen, muß die Wahrheit und Richtigkeit aller ihrer Anſichten anerkennen, mein tiefes Bedauern über die Sache aus⸗ ſprechen, aber zugleich andeuten, daß ich blos ihr ei⸗ genes Spiel mit ihr geſpielt habe; denn es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn ich ſie auf dem Glauben laſſen ſollte, daß ſie mich verbrannt habe, während ſie ſelbſt kein Feuer gefangen; wir wollen alſo beide un⸗ ſere Einſätze zurücknehmen und als gute Freunde ſcheiden. Nachdem ich dieſen mannhaften Entſchluß gefaßt, ſchrieb ich eine ſehr kurze Note, worin ich ſie um eine 252 Unterredung bat, und ſchickte mich ſofort an, eine mög⸗ lichſt furchtbare Toilette für die bevorſtehende Zuſam⸗ menkunft zu machen; bevor ich dieſe noch zu Ende ge⸗ bracht hatte, erhielt ich durch ihr Mädchen die münd⸗ liche Antwort, Miß Bingham ſei allein und bereit, mich zu empfangen. Als ich meinen Weg den Corridor entlang nahm, konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, daß unter allen meinen merkwürdigen Klemmen und Verlegenhei⸗ ten, in denen ich mich ſchon befunden, mein gegenwär⸗ tiger Gang ſicherlich nicht zu den leichteſten gehöre— denn die Schwierigkeit, ſo wie ſie an und für ſich war, wurde noch bedeutend vergrößert durch meine verwünſchte Eigenliebe, die mir nicht geſtattete, mich mit meiner wiedererrungenen Freiheit zu begnügen, wenn ich nicht darauf beſtehen wollte, ganz ohne allen Schaden da⸗ von zu kommen. In der That, ich war nicht zufrie⸗ den, die Feſtung räumen zu dürfen, ſondern ich wollte auch mit allen Kriegsehren abziehen. Dieſes Gefühl ſuche ich weder zu bemänteln, noch zu vertheidigen. Ich verzeichne es einfach, da unter dieſen Bekenntniſſen ja bereits zu viele ſind, die bei voller Wahrheit nichts deſto weniger Stoff zu Reue darbieten. 5 Meine Hand war am Schloß der Thüre. Ich hielt an, ich zögerte, ich lauſchte. Gewiß, ich hörte etwas. Ja es iſt nur zu wahr— ſie ſchluchzt. Wie gänzlich warf dieſes leiſe Getöne alle meine ſelbſtiſchen Entſchlüſſe, alle meine egoiſtiſchen Plane über den Haufen! Ihre Thränen floſſen dem bittern Gram, von dem ſie mich verzehrt glaubte.— Zweifelsohne miſchte ſich auch ei⸗ gener Kummer darein— denn ſo viel war mir klar, mein begünſtigter Nebenbuhler mochte ſein, wer er wollte, ſo war das Verhältniß entweder der Mutter unbekannt, oder von ihr nicht gut geheißen. Ich wünſchte, nicht gelauſcht zu haben; alle meine Entſchlüſſe waren gänz⸗ ch zum Wanken gebracht, und als ich die Thüre öff⸗ — 253 nete, fühlte ich, daß mein Herz beinahe hörbar an meine Rippen pochte. In einem gedämpften Dämmerlicht— gemildert durch die roſafarbigen Vorhänge, mit einer kleinen Se⸗ vresvaſe, worin friſch gepflückte Moosroſen prangten, auf dem Tiſche— ſaß oder vielmehr lehnte Iſabella Bingham auf einem Sopha, das Geſicht in ihren Hän⸗ den begraben, als ich eintrat. Sie hörte mein Nahen nicht, ſo daß ich über eine Minute Zeit hatte, den an⸗ muthsvollen Charakter ihres Kopfes und die feinen Wellenlinien ihres Nackens und ihre Schultern zu be⸗ wundern, bevor ich ſprach. „Miß Bingham,“ ſagte ich. Sie fuhr zuſammen— blickte auf— ihre dunkel⸗ blauen Augen, ſtrahlend obſchon thränenvoll, waren eine Sekunde lang auf mich geheſtet, als ſuchten ſie meine innerſten Gedanken zu erforſchen. Sie ſtreckte ihre Hand aus und machte, ihren Kopf ſeitwärts hal⸗ tend, auf dem Sopha an ihrer Seite Platz für mich. Ein ſeltſames Mädchen, dachte ich, die im Augenblick, da ſie auf immer mit einem Manne bricht, ihre be⸗ zauberndſte Toilette macht, ſich aufs aller verführeriſchſte gufputzt und ihm einen Empfang zu Theil werden läßt, der nur darauf berechnet iſt, ſeinen Kopf ſchwind⸗ lig und ihn ſelbſt noch zehnmal verliebter zu machen als je. Ihre Hand, die fortwährend in der meinigen blieb, brannte wie im Fieber, und die convulſiviſchen Bewegungen ihres Nackens und ihrer Schultern bewie⸗ ſen mir, wie ſchwer ihr dieſe Zuſammenkunft wurde. Wir ſchwiegen beide ſtilll, bis ich zuletzt, da ich einſah, daß irgend eine zufällige Unterbrechung unſer gegen⸗ ſeitiges Verſtändniß noch länger hinausſchieben könnte, den Anfang zu machen beſchloß. „Meine liebe, meine theure Iſabella,“ ſagte ich, „bitte, vergrößern Sie das Unglück, das ich in dieſem Augenblick erdulde, nicht dadurch, daß ich Sie ſo ſehen muß. Wie groß auch Ihre Verſchuldung gegen mich 254 4 ſein mag, ſo iſt dies doch eine zu ſchwere Vergeltung. Meine Abſicht war nicht, Sie unglücklich zu machen, wenn mir auch die Wonne verſagt ſein ſollte, alle meine Kräfte aufzubieten, um Sie glücklich zu ma⸗ chen.“ „O, Harry,“— es war dies das erſte Mal, daß Sie mich je ſo genannt hatte—„wie ſieht es Ihnen gleich, daß Sie in einem ſolchen Augenblick an mich denken, an mich, als ob ich nicht die Urſache alles un⸗ ſers gegenwärtigen Unglücks wäre— aber nicht durch böſen Willen, nicht abſichtlich. O nein, nein— Ihre Aufmerkſamkeiten, das ſchmeichelhafte Bewußtſein, daß Sie mir Ihre Beachtung ſchenkten, that mir wohl, und in der Befriedigung meiner Selbſtachtung vergaß ich alles andere. Ich hörte auch, daß Sie mit einer an⸗ dern ſo gut als verlobt ſeien, und da ich glaubte, daß Sie mit meinen Neigungen nur Scherz treiben, ſo ſparte ich keine Mühe, um die Ihrigen zu gewinnen. Ich geſtehe, ich wünſche dies von ganzer Seele.“ „Und nun,“ ſagte ich,„da Sie dieſelben gewon⸗ nen haben“— welche Meiſterſchaft bekundete ich hier wieder in der Ausführung meiner überlegteſten Plane! — nund nun, Iſabella“— „Aber habe ich dieſe auch wirklich?“ fragte ſie, ſich haſtig umdrehend und ihre großen vollen Augen auf mich heftend, waͤhrend eine ihrer Hände krampfhaft in meinem Haar ſpielte—„habe ich wirklich Ihr Herz, Ihr ganzes Herz?“ „Können Sie daran zweifeln, Theuerſte!“ rief iche ſie leidenſchaftlich an meinen Buſen drückend, dabei aber für mich murmelnd:„Was zum Henker iſt jetzt wieder im Anzug! wir ſtehen offenbar noch nicht im Begriff, unſere Trennung zu bewerkſtelligen, ſondern verlieben uns noch in allem Ernſt.“ Da lag ſie, ihren Kopf an meiner Schulter, ihre langen, braunen, wellenden Locken loſe über mein Ge⸗ ſicht und meine Bruft fallend, ihre Hand in der meini⸗ —,— 255⁵ gen. Was ihre Gedanken waren, kann ich nicht muth⸗ maßen— die meinigen waren, Gott verzeih es mir, ein glühender Wunſch, daß entweder ihre Mutter kom⸗ men, oder plötzlich Feuer im Hotel ausbrechen, oder irgend ein anderes bedeutendes Unglück entſtehen möchte, um dieſer höchſt mißlichen Lage mit einem Streich ein Ende zu machen. Inzwiſchen ſollte von alledem nichts geſchehen; Iſabella blieb ſchweigend und bewegungslos liegen, ſchien kaum zu athmen und war blaß wie der Tod. Was mag dies bedeuten? dachte ich, dies iſt doch wahr⸗ lich nicht die gewöhnliche Art, einen verſchmähten Lieb⸗ haber zu behandeln; wenn es ſo wäre, nun beim Ju⸗ piter, dann hat der Beglückte allein den Schaden da⸗ von— auch hoffe ich zu Gott, daß Lady Jane nicht in dieſem Augenblick irgend einem in ſeinen Hoffnun⸗ gen getäuſchten Schäfer den Abſchied gibt. Sie er⸗ hob langſam ihre langen, ſchwarzbefransten Augenlie⸗ der und blickte mir ins Geſicht mit einem zugleich ſo zärtlichen und ſo klagenden Ausdruck, daß ich einen ge⸗ waltigen innern Kampf zu kämpfen hatte, ob ich ſie jetzt an mein Herz drücken ſolle, oder—— ich hoffe mein Leſer weiß, worauf dies oder zielte, denn ich weiß es wahrhaftig nicht. Und am Ende, dachte ich, wenn wenn wir uns doch heirathen, dann erlaube ich mir nur einen kleinen Vorausgenuß; wo nicht, ei, ſo wird ein keuſcher Kuß, wie Minifred Jenkins es nennt, auch weiter nichts ſchaden. Dieſem Entſchluß ſogleich folge zu geben, beugte ich mich hinab und ſtrich ihr eben die Locken aus ihrer jetzt feuerrothen Wange, als ich zu meinem Schreck mehrere Mal hinter einander im Cor⸗ ridor meinen Namen rufen hörte. In demſelben Au⸗ genblick wurde die Thüre plötlich aufgeſtoßen, und Tre⸗ vanion erſchien. 4 „Harry, Harry Lorrequer,“ rief er, indem er ein⸗ trat; dann aber hielt er plötzlich an ſich und fügte 256 „Pinzu„bitte tauſend, tauſend Mal um Verzeihung, aber“—— „Aber was?“ rief ich leidenſchaftlich, alles vergeſ⸗ ſend nur nicht die Lage der armen Iſabella;„wie koͤn⸗ nen Sie“— „Allerdings könnte ich ein ſolches Eindringen mit Nichts entſchuldigen,“ antwortete Trevanion, meinen Satz für mich beendigend,„außer mit der ſehr drin⸗ genden Gefahr, worin Sie dieſen Augenblick ſtehen, verhaftet zu werden. O'Leary's Unklugheit hat Sie blosgeſtellt; Sie ſind nicht mehr ſicher und müſſen Pa⸗ ris binnen einer Stunde verlaſſen.. „O, Mr. Trevanion,“ ſagte Iſabella, die mittler⸗ weile wieder eine angemeſſenere Haltung gewonnen hatte,„bitte, ſagen Sie's heraus. Was iſt es? Iſt Harry— Iſt Mr. Lorrequer, meine ich, in Ge⸗ fahr?“ „Die Sache hat nichts auf ſich, Miß Bingham, wenn er nur klug zu Werke geht und ſich von ſeinen Freunden leiten läßt; Lorrequer, Sie werden mich in einer halben Stunde in Ihrer Wohnung finden, bis dahin Adieu.“ Während Iſabella mich mit Fragen über die Art und Ausdehnung meiner gegenwaͤrtigen Verlegenheit überhäufte, konnte ich nicht umhin, den Takt zu be⸗ wundern, mit welchem Trevanion ſich entfernt hatte und es mir überließ, mich ſo gut als möglich von Iſa⸗ bella zu verabſchieden— denn ich ſah auf den erſten Blick, daß ich Paris unverzüglich verlaſſen mußte. Ich gab ihr daher kürzlich einige Winke über den Vorfall im Salon, den ich auch wirklich für die Urſache der angedrohten Verhaftung hielt, und war eben im Be⸗ griff, ſie meiner unveränderten und unveränderlichen Ahogung zu verſichern, als ſie mir plötzlich Halt gebot. „Nein, Mr. Lorrequer, nein. Zwiſchen uns iſt alles vorbei. Wir dürfen uns nie— nie wiederſehen. — 257 Wir haben beide eine Rolle geſpielt. Leben Sie wohl — leben Sie wohl: Vergeſſen Sie mich nicht ganz, und noch einmal, Harry, leben Sie wohl.“. Was ich gedacht, geſagt oder gethan haben würde, weiß ich nicht; aber die Ankunft von Mrs. Binghams Wagen vor dem Hauſe ließ mir zu nichts anderem mehr Zeit als zur Flucht. Ich preßte daher noch ein⸗ mal ihre Hand feſt an meine Lippen und ſagte:„Auf Wiederſehen, Iſabella, auf Wiederſehen und kein Lebe⸗ wohl;“ damit ſtürzte ich aus dem Zimmer und erreichte das meinige wieder, als Mrs. Bingham juſt auf den Corridor kam.— Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Mr. O'Leary's Gefangennehmung. Ob ſie ſich wohl wirklich um mich grämt? war meine erſte Frage, als ich das Zimmer verließ. Oder ſollte dieſe Geſchichte von bereits verſchenkten Herzen blos eine Erfindung ſein, um die Stärke meiner Nei⸗ gung zu erproben? Wenn dem nicht ſo wäre, ſo iſt ihr Benehmen höchſt unbegreiflich, und ſo viel Erfah⸗ rung ich in ſolchen Dingen ſchon gemacht habe, ſo muß ich geſtehen, daß mein Witz hier Bankerott macht. Wäh⸗ rend ich über dieſe Schwierigkeit nachdachte, kam Tre⸗ vanion herauf und belehrte mich mit wenigen Worten ausführlicher über das, was er vorhin nur angedeutet hatte. Wie es ſchien, hatte O'Leary, welchen die Noth⸗ wendigkeit, den Nachforſchungen ſeiner Frau zu entge⸗ hen, weit gebieteriſcher däuchte, als die mit der Poli⸗ zei nichts zu thun zu bekommen, in dem Hotel ſehr dunkle und geheimnißvolle Andeutungen über den Grund ſeines Aufenthaltes in Paris fallen laſſen, in der feſten 258 Ueberzeugung, daß er, um ein tüchtiger Pole zu ſein, blos revolutionäres Zeug zu ſchwatzen, alle Könige, Zaare und Kaiſer den unterirdiſchen Mächten zu wei⸗ hen, über die ſeiner Nation widerfahrenen Unbilden zu weinen, Branntweinduftige Kleider zu tragen und un⸗ aufhörlich zu rauchen brauche. Die zwei letztgenannten Bedingungen wurden ihm ſehr leicht, aber auch die er⸗ ſten erfüllte er ſo gewiſſenhaft, daß er dieſen Morgen im Tuilleriengarten verhaftet worden war, mehrerer hochverrätheriſcher Anſchläge beſchuldigt, und unter an⸗ derem einer Verſchwörung, die den Zweck gehabt haben ſollte, in Verbindung mit einigen ſeiner Landsleute den Kriegsminiſter zu ermorden. So lächerlich eine ſolche Anſchuldigung gegen den armen O'Leary war, ſo machte doch ein Umſtand die Sache ganz und gar nicht ſcherzhaft. Obgleich in Be⸗ ziehung auf dieſe ſchweren Verbrechen ſeine Unſchuld ſogleich an den Tag kommen mußte, ſo war es doch ebenſo gewiß, daß nunmehr auch der Handel im Salon bekannt, daß ich alsbald darein verwickelt und meiner Abreiſe aus Paris Hinderniſſe in den Weg gelegt wurden. „So,“ ſagte Trevanion, als er mir in kurzen Worten die Schwierigkeit meiner Lage vor Augen führte, „ſo werden Sie alſo einſehen, daß Sie, wenn Ihre Neigungen nach einer gewiſſen Seite hin auch noch ſo ſtark betheiligt ſind, nichts Beſſeres thun können, als Paris unverzüglich verlaſſen. O'Leary's Verhaftung wird ganz ſicherlich die Ihrige zur Folge haben, und wenn Sie einmal unter der Obhut der Polizei ſtehen, ſo iſt an ein Entrinnen nicht mehr zu denken.“ „In allem Ernſt, Trevanion,“ verſetzte ich, ärger⸗ lich über den ſpöttiſchen Ton, womit er ſprach,„Sie müſſen doch ſelbſt ſehen, daß ganz und gar nichts an der Sache iſt. Ich nahm bloß Abſchied von der ſchö⸗ nen Iſabella. Sie hat ihr Herz ſchon lange vorher verſchenkt und ich—“ „War einzig und allein bemüht, ſie in ihrer An-⸗ 259 hänglichkeit an den begünſtigten Nebenbuhler zu beſtär⸗ ken. Nicht wahr?“ „Spotten Sie nicht. Ich geſtehe, daß mir das Scheiden ſehr ſchwer auf's Herz fiel, ſobald ich einſah, daß es unumgänglich war.“ „Das konnte ich mir,“ ſagte Trevanion trocken, „nach der intereſſanten Scene denken, die ich ſo uner⸗ wartet geſtört habe. Aber Sie haben ganz recht; ein bischen Zärtlichkeit iſt immer am Platze, ſo lange der Gegenſtand jung, hübſch, und was noch mehr als dies alles, gleichfalls dazu geneigt iſt.“ „Weit fehlgeſchoſſen, mein Freund. Iſabella hat ſich nicht nur nie etwas aus mir gemacht, ſondern iſt ſogar weit genug gegangen, es mir zu ſagen.“ „Dann waren Sie,“ verſetzte er,„nach allem, was ich von ſolchen Sachen verſtehe, beide auf dem beſten Weg, den Mißgriff von Ihrer Seite wieder gut zu machen. Doch halt, was iſt das?“ Ein furchtbares Getöſe auf der Straße unterbrach hier unſere Unter⸗ redung, und als wir das Fenſter öffneten, trat uns eine ſeltſame Scene entgegen. Mitten in einer dichten Maſſe jubelnden, lärmenden und ſchreienden Pöbels befanden ſich zwei Gendarmen mit einem Gefangenen zwiſchen ſich. Der unglückliche Mann wurde von einer wohlgekleideten Frau in mittlerem Alter verfolgt, welche die beſte Luſt zu haben ſchien, den Verbrecher, den wir auf den zweiten Blick als O'Leary erkannten, vor dem ganzen Publikum mit den zärtlichſten Liebkoſungen zu überhäufen.— „Ich erkläre Ihnen noch einmal, meine liebe Ma⸗ dame, daß Sie ſich täuſchen,“ ſagte O'Leary mit großer Härte in Ton und Benehmen. „Mich täuſchen! Nie, nie. Wie könnte ich mich täuſchen in dieſer theuren Stimme, dieſen lieblichen Augen, dieſem herzigen kleinen Näschen.“ „Bringt ſie hinweg; ſie iſt nicht bei Sinnen,“ — 28 260 ſagte O'Leary zu den Gendarmen.„Gewiß, wenn ich ein Pole bin, ſo iſt dies ſchon Unglück genug.“ „Ich ſolge ihm bis ans Ende der Welt, ja, das thue ich.“ 1 1 „Gott ſei Dank, ich gehe auf die Galeeren,“ ſagte O'Leary. „Auf die Galeeren— zur Guillotine— überall hin,“ antwortete ſie, ſich an ſeinen Hals werfend, weit weniger, wie es ſchien, zu ſeiner Befriedigung, als zur Beluſtigung des Pöbels, der ein erderſchütterndes Gelächter und Geſchrei aufſchlug. „Schämen Sie ſich denn nicht, Mrs. Ram?“ „Er nennt mich beim Namen,“ rief ſie,„und er will mich nicht kennen, ha! hal ha!“ und alsbald ver⸗ ſiel ſie in einen heftigen Paroxismus, worin ſie die Umſtehenden ſtieß, kniff und ſchlug, eine unter dem Namen Hyſterie wohl bekannte Krankheit, die aber nicht viel anderes iſt, als eine privilegirte Mode bei gewiſſen Damen, alte Rechnungen auf eine Art zu bezahlen, die in ihren nüchternen Augenblicken nicht als anſtändig erfunden wird. „Führt mich hinweg— irgend wohin— über⸗ führet mich, weſſen Ihr wollt,“ ſagte er,„nur laßt ſie mir nicht nachfolgen.“ Die Gendarmen, welche die Art der Scene, die ſie vor ſich hatten, ſchlecht begriffen, hatten keine Luſt, eine Erneuerung derſelben bei Mrs. Rams Wiederge⸗ neſung abzuwarten, und ergriffen daher die Gelegen⸗ heit, weiter zu marſchiren mit O'Leary, der um die Ecke der Rue Rivoli bog, während der Janhagel, der ihn begleitete, ihm unaufhörlich allerhand Ehrentitel, wie Mörder und Schurke nachſchrie, die glücklicherweiſe ganz unbewußt an ſeinen Ohren vorübergingen. Die Möglichkeit, in einer ſolchen Prozeſſion zu figuriren, verſchaffte den Vorſtellungen Trevanions er⸗ höhten Nachdruck, und ich beſchloß, Paris ſogleich zu verlaſſen. 261 „Verſprechen Sie mir alſo, ſich in der nächſten halben Stunde in keine neuen Verlegenheiten zu ver⸗ wickeln. Packen Sie alles zuſammen, was Sie mit⸗ nehmen wollen. Um ſieben Uhr werde ich mit Ihrem Paß kommen und alles zur Abreiſe vorbereitet haben.“ Mit klopfenden Pulſen und in einem Wirbel zu⸗ ſammenſtoßender Gedanken warf ich meine Kleider im Koffer hin und her; Lady Jane und Jſabella ſchwebten unaufhörlich meiner Einbildungskraft vor, ſo daß ich häufig vor eitel Unentſchloſſenheit alle meine Vorbe⸗ reitungen zur Abreiſe wieder einſtellte, mich nachdenk⸗ lich auf einen Stuhl ſetzte und halb und halb dazubleiben beſchloß, mochte daraus erfolgen, was da wollte. End⸗ lich hatte doch die Möglichkeit, bei einer gerichtlichen Unterſuchung bloßgeſtellt zu werden, ihr bedeutendes Gewicht. Ich fuhr in meiner Beſchäftigung fort, bis der letzte Rock hineingelegt und der Schlüſſel umge⸗ dreht war, worauf ich mich meinem Gepäcke gegenüber ſetzte und mit Ungeduld auf die Rückkehr meines Freun⸗ des wartete.— —— 2 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Die Reiſe. Endlich kam Trevanion. Er hatte meinen Paß erhalten und einen Wagen gemiethet, der mich eiwa acht Meilen weit bis in ein Dorf führen ſollte, wo mich die Diligence einholen konnte— da er glaubte, daß dieſe Art zu reiſen weniger Aufmerkſamkeit erregen werde, als wenn ich mit der Poſt fahre, und daß ſie folglich meiner Flucht förderlicher ſein müſſe. Es war zehn Uhr vorüber, als ich die Rue St. Honoreé verließ, Bekenntniſſe Lorrequers. II. 17 202 nachdem ich Trevanion zum letzten Mal die Hand ge⸗ ſchüttelt und ihm tauſend freundliche Grüße an die zurückbleibenden Lieben aufgegeben hatte. Als ich ins Dorf St. Jacques kam, war die Di⸗ ligence noch nicht da. Um die Zeit hinzubringen, be⸗ ſtellte ich ein kleines Abendeſſen und eine Flaſche St. Julien. Kaum hatte ich mich zu meiner Cotelette ge⸗ ſetzt, als ſchnelles Rädergeraſſel außen vernommen wurde und ein Cabriolet raſch vor der Thüre auffuhr. Der Flüchtling denkt ſo natürlich immer an Verſolgung, daß auch mein erſter Eindruck kein anderer war, als man ſei mir auf den Ferſen. In dieſer Anſicht wurde ich beſtärkt durch die Töne einer gellenden unharmoni⸗ ſchen Stimme, die in einem höchſt eigenthümlichen Fran⸗ zöſiſch fragte, ob die Diligence ſchon durchgefahren ſei. Als man dies verneinte, ſchritt der Eigenthümer be⸗ ſagter Stimme in das Zimmer, wo ich war, und ver⸗ ſcheuchte gleich durch ſein erſtes Erſcheinen alle Beſorg⸗ niſſe, die ich wegen meiner Sicherheit gehegt hatte. Nichts konnte weniger einem hochgewachſenen, mannhaft trotzigen Gendarmen gleichen, als das miniaturbildliche Individuum, das jetzt vor mir ſtand. Er war kaum fünf Fuß hoch, und der Kopf bildete ein vollſtändiges Viertheil der ganzen Geſtalt, gewann aber ein noch größeres Anſehen durch eine Maſſe ſchwarzes Haar, das ihm loſe über Nacken und Schultern flatterte, ſo daß er bedeutende Aehnlichkeit mit einem ſchwarzen Löwen auf einem Aushängeſchild hatte. Sein ſchwarzer Rock mit Pelzkragen und Schnüren, ſeine ſchlechtge⸗ machten Stiefel, ſeine aus der Bruſttaſche hervorſtehende Meerſchaumpfeife, hauptſächlich aber ſeine ungewaſchenen Hände und ein ſchwerer Goldring am Daumen— alles das bildete ein zuſammenhängendes Ganze von Beweiſen, daß er nichts anderes ſein konnte als ein Deutſcher. Seine Manieren waren unruhig, ungeduldig und hätten, wären ſie nicht bloß lächerlich geweſen, leicht als un⸗ gezogen ausgerechnet werden können, denn er ſtarrte „ 263 allen Leuten feſt ins Geſicht und murmelte einige ab⸗ gebrochene Aeußerungen ſeiner Anſicht über ſie in halb⸗ lautem Deutſch vor ſich bin. Seine Commentare lau⸗ teten:—„Bon soir, Monsieur,“ zu dem Wirth— „ein Böſewicht, ganz ſicher,“ und dann fügte er leiſe hinzu:„Man ſieht's ihm auf den erſten Blick an, daß er ſtiehlt.“—„Ah, postillon, comment va“— vein aufgelegtes Spitzbubengeſicht“—„weiß ſchon, wofür ich Dich zu halten habe“—„verfluchte Frau“— dieſes Compliment galt der Wirthin, die in ihrer Unwiſſen⸗ heit Knixe bis auf den Boden machte. Endlich ging er auf mich zu, blieb ſtehen, und nachdem er mich feſt angeblickt, murmelte er—„ein echter Engländer— ißt an einem fort.“ Ich konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, ihn zu verſichern, daß ich ſeine ſchmeichel⸗ hafte Aeußerung wohl verſtanden habe, allein bald be⸗ reute ich meine Uebereilung, denn weniger auf den erhaltenen Verweis achtend, als vielmehr vergnügt, Jemand zu finden, der deutſch verſtand, rückte er ſeinen Stuhl neben mich und knüpfte eine Unterhaltung an. Gewiß hat ſchon Jedermann da oder dort in ſei⸗ nem Leben die unausſtehliche Qual empfunden, in ſei⸗ nen Gedanken und Betrachtungen geſtört und durch die gemeine egoiſtiſche Impertinenz eines Aufdringlings unterbrochen zu werden, der unſere gedankenſchwere Verſunkenheit als Aufmerkſamkeit, unſere Verzweiflung als Entzücken deutet und uns mit ſeinem ganzen Leben und deſſen Abenteuern martert, während unſere eigenen Geſchicke vielleicht auf der Wagſchale ſchweben. Zu einem ſolchen Loos war ich jetzt verurtheilt. Beſchäftigt wie ich war mit der Hoffnung auf die Zu⸗ kunft und meinen Befürchtungen, es möchten meiner Flucht Hinderniſſe in den Weg gelegt werden, die meine Ausſichten auf immer zerſtören könnten, hielt ich es gleichwohl für gerathen, den Perſonalien dieſes ver⸗ dammten Burſchen einige Aufmerkſamkeit zu ſchenken, damit nicht ſeine Fragen meinen eigenen Angelegenheiten 264 ſich zuwenden und argwöhniſche Vermuthungen in Be⸗ treff der Gründe meiner Reiſe erwecken könnten. „Mit ſehnendem Verlangen ſah ich der Ankunft der Diligence entgegen, in der zuverſichtlichen Hoff⸗ nung, mein Freund werde mit echt deutſcher Sparſam⸗ keit die Wohlfeilheit eines innern Sitzes der Pracht des Coupé vorziehen, ſo daß ich ihn nicht mehr zu ſehen bekomme. Aber in dieſer angenehmen Erwartung ſollte ich mich getäuſcht finden, denn kaum ſaß ich an meinem Platze, als ich ihn neben mir erblickte. Der dritte Inhaber dieſer privilegirten Höhle bot, ſo weit ich ihn beim Laternenſchein beurtheilen konnte, nichts dar, was mir irgend einen Erſatz für den Deutſchen verſprach. Er war ein großer, hagerer Mann mit ein⸗ gefallenen Wangen, einer Habichtsnaſe und hervorſte⸗ hendem Kinn; ſein Haar, das er erſt ſeit ganz kurzer Zeit hatte wachſen laſſen, bildete jene Wellenlinie über ſeiner Stirne, wie wir ſie auf gewiſſen altmodiſchen, hufeiſenförmigen Perrücken ſehen; ſeine eingepreßten Lippen und harten Züge gaben ihm den Ausdruck eines Mannes, der einen guten Theil von der Welt geſehen hatte, ohne deßhalb beſſer von ihr zu denken. Ich be⸗ merkte, daß er den wenigen Worten, die wir bei ſei⸗ nem Einſteigen ſprachen, mit einiger Aufmerkſamkeit lauſchte, dann aber wie einer, der die Sprache nicht verſtand, uns ſeine Schulter zukehrte und bald ein⸗ ſchlief, ſo daß ich jetzt gänzlich in die Gnade meines redſeligen Nebenſitzers gegeben war, der wahrhaftig nicht ſchonend mit mir verfuhr. Trotz meines feſten Entſchluſſes, ſeinen Erzählungen ein taubes Ohr ent⸗ gegen zu halten, konnte ich nicht umhin, zu erfahren, daß er Mufikdirektor in den Dienſten irgend eines deutſchen Fürſten ſei, und daß er in Paris geweſen, um eine Oper zur Aufführung zu bringen, die allda einen pyramidalen Erfolg gehabt habe, daher er ſie jetzt auch in Straßburg geben laſſen wolle. Ferner that er mir zu wiſſen, ein elſäßiſcher Deputirter habe 265 ihm von der Regierung die Erlaubniß ausgewirkt, mit dem Kurier zu reiſen; da er indeß vorzugsweiſe ge⸗ ſelliger Natur und ganz und gar nicht ſtolz ſei, ſo ziehe er die Demokratie der Diligence der einſamen Vor⸗ nehmheit der Kaleſche vor(der Teufel danke ihm das!) und ſei auf dieſe Art mein Reiſegefährte geworden. Mufik in allen ihren Geßaltungen und Formen bildete den Hauptinhalt der Geſpräche des kleinen Man⸗ nes. Da gab es kaum eine Oper oder Ouverture von Mozart bis auf Donizetti, aus der er mir nicht einige Partien vorgeſungen hätte; und dann ergoß er ſich in höchſt pathetiſchen Wehklagen über die engliſche Unem⸗ pfänglichkeit für Muſik, welche er großentheils dem Ümſtand zuſchrieb, daß wir blos eine einzige Oper be⸗ ſitzen, die, wie er mich zu belehren die Güte hatte, „Bob und Joan“ heiße. So wenig ich Luſt hatte, dem Strom ſeiner Geſchwätzigkeit durch irgend eine Anſtren⸗ gung meiner eigenen Sprachorgane Einhalt zu thun, ſo konnte ich doch der Verſuchung nicht widerſtehen, ihm eine Geſchichte mitzutheilen, die mir Sir Walter Scott einmal erzählt hatte, und die in ſo ferne hieher paßte, als ſie meine eigene Anſicht über die Verdienſte unſerer Nationalmuſik in ſich ſchloß, die freilich in ihrer Vergeſellſchaftung mit Scenen, Perſonen und Orten, welche nur wir allein kennen, für das Ohr eines Frem⸗ den viel Unverſtändliches haben muß. Ein junger franzöſiſcher Vicomte war ſo glücklich, die Hand einer ausnehmend hübſchen ſchottiſchen Erbin von alter Familie und bedeutendem Vermögen zu er⸗ halten, die ihm unter vielem andern ein großes alt⸗ modiſches Haus in einem entfernten Bezirk der Hoch⸗ lande zubrachte, wo ihre Vorfahren ſeit Jahrhunderten reſidirt hatten. Dorthin begab ſich das junge Paar, um den Honigmonat zuzubringen; der verliebte Ehe⸗ mann benützte mit Vergnügen die Gelegenheit, ſich bei ſeiner neuen Verwandtſchaft dadurch in Gunſt zu ſetzen, daß er ſich zu der Abſchließung bequemte, die er bei 266 den Engländern in ſolchen Fällen gebräuchlich fand. So übereinſtimmend mit unſern Begriffen von Glück und ſo förderlich für unſern Lebensgenuß dieſe Gewohn⸗ heit ſein mag— obſchon ich ſelbſt ſtarke Zweifel dar⸗ über hege— ſo wenig wollte ſie dem flüchtigen Fran⸗ zoſen zuſagen, der ſich um Paris, ſeine Cafés, ſeine Boulevards, ſeine Spielhäuſer und ſeine Soireen ab⸗ härmte. Er brachte ſeine Tage damit zu, von den tiefen, ſchmalen Fenſtern irgend eines mit Eichenbret⸗ tern eingefaßten Zimmers auf den kahlen, haidebewach⸗ ſenen Moorgrund hinab zu ſchauen, oder die Schatten der Wolken zu beobachten, wie ſie über die dunkeln Fichten dahin zogen, welche die Entfernung begrenzten. Tödtlich gelangweilt und überzeugt, daß er genug, ja mehr als genug dem Barbarismus geopfert habe, der einen ſolchen Aufenthalt verlange, ſaß er eines Abends verdrießlich auf der Terraſſe vor der Fronte des Hauſes, auf eine ſchleunige Flucht aus dieſer dü⸗ ſtern Wohnung ſinnend und ſich auf das vergnügungs⸗ volle Leben freuend, das ſeiner warte, als auf einmal das unharmoniſche Geſchwirre einer wilden Muſik an ſein Ohr ſchlug und ihn aus ſeiner Träumerei weckte. Das gellende regelloſe Getöſe einer hochländiſchen Sack⸗ pſeife iſt gewiß nicht ſehr geeignet, die reizbaren und bereits aufgeſtörten Gefühle einer zum Zorn geneigten Perſon zu beſchwichtigen— nein, wer es hört, möchte aus der Haut fahren. So dachte wenigſtens der Vi⸗ comte. Er fuhr haſtig auf und erblickte nun gerade vor ſich auf dem kiesbedeckten Gange das eherne Ge⸗ ſicht und die ſtarkknochige Geſtalt eines alten Hochlän⸗ ders, der mit der ganzen Kraft ſeiner Lunge die Zu⸗ ſammenberufung der Clans blies. Mit aller Eile, die er aufbieten konnte, ſtürzte er in das Haus, rief ſeine Bedienten und befahl ihnen, den Eindringling ſogleich aus ſeinem Gute zu verjagen. Als der Befehl dem alten Pfeifer bekannt gemacht wurde, konnte er nur mit der größten Schwierigkeit dazu gebracht werden, —,.— 267 ihn zu begreifen— denn ſeit undenklichen Zeiten war ſeine Erſcheinung immer mit allen Kundgebungen der Freude bewillkommt worden, und jetzt— doch nein; das Ding war nicht möglich— es mußte ein Irrthum vorgegangen ſein. Er ſtand alſo im Begriff, von Neuem zu beginnen, als eine zweite und ſtärkere Andeutung ihn belehrte, daß er wohl thun würde, ſich zu entfer⸗ nen. Vielleicht liebt der Kerl die Pfeife nicht, ſagte der Hochländer nachdenklich, indem er ſein Inſtrument zuſammen packte und ſich anſchickte, fort zu gehen. Viel⸗ leicht kann er mich nicht leiden; vielleicht war er auch gerade nicht in der Laune, mich anzuhören. Er hielt einen Augenblick ein, als ob er nachdenke, denn er war noch nicht überzeugt, die wahre Löſung gefunden zu haben, als auf einmal ſein Auge glänzte, ſeine Lip⸗ pen ſich zuſammen zogen und er, einen feſten Blick auf den zornigen Franzmann heftend, rief—„Mag ſein, daß Sie recht haben— Sie haben dieſe Dinge in Waterloo zu viel gehört, als daß Ihnen nicht alle Luſt darnach vergangen ſein ſollte,“ mit welcher befrie⸗ digenden Erklärung, die ohne alle Bitterkeit oder Ab⸗ ſicht zu ſpotten, preisgegeben wurde, ſondern nur in dem einfachen Glauben, daß er endlich das Ziel der Antipathien des Vicomte getroffen habe, legte der alte Mann ſein Inſtrument zuſammen und trollte ſich davon. So geneigt ich war, einen kurzen Schlaf zu ma⸗ chen, ſo hatte doch der kleine Deutſche beſchloſſen, daß mir dieſe Wohlthat nicht zu Gute kommen ſolle, denn. wenn ich auch ein halbſtündiges Stillſchweigen beob⸗ achtete, ſo ließ er ſich dadurch nicht irre machen, ſon⸗ dern half ſich mit irgend einem deutſchen Lied, das er mit einer Kraft der Stimme vortrug, die jeden Schlä⸗ fer in der Diligence aufſtören mußte, ſo daß ich, um dicß zu vermeiden, es fürs Beſte hielt, ihn immer mit ſeinen Abenteuern, deren er als Mann von erfolgrei⸗ cher Galanterie wirklich viele mitzutheilen hatte, auf dem Laufenden zu erhalten. Endlich wurde ich aber 268 auch dieſer untergeordneten Rolle müde und verfiel in eine Art Halbſchlummer, während deſſen mir die Klänge des in Deutſchland ſehr populären Pabſtliedes in den Ohren ſchwirrte, Vierundzwanzigſtes Kapitel. Die Reiſe. Es gewährte mir ein unausſprechliches Wonnege⸗ fühl, als ich mich Morgens beim Erwachen auf der Straße fand. Das Geſchrei, der Lärm, das Getöſe, die endloſen Verwicklungen meines neuerlichen Lebens in Paris hatten mich dermaßen überreizt und zugleich abgeſpannt, daß ich kaum mehr eines Gedankens fähig war. Nan lagen alle dieſe Sorgen und Unruhen hin⸗ ter mir, und es war mir, wie einem befreiten Gefan⸗ genen, als ich auf die graue Dämmerung des kom⸗ menden Tages blickte, wie allmälig ihre trübe, bleierne Tinte hinſchwand und ſich in das Roth und Gelb der aufſteigenden Sonne verlor. Die unüberſehbaren far⸗ benreichen Ebenen von la belle France lagen vor mir, und Frankreich bleibt immer la belle France, obſchon es an ländlicher Schönheit einigen Theilen Eng⸗ lands nachſteht— die großen Striche von wallenden gelben Kornfeldern, gleich einem See in dem friſchen kühlen Morgenwinde wogend— die endloſen Wä der, auf welchen die Schatten ſpielten und flüchtig darüber hinzogen, den Effekt verdüſternd— und der Maſſe einen gewiſſen weichen Schmelz gebend, wie wir es an Ruysdaels Gemälden ſehen— während da und dort ein hochgiebeliges, altergraues Schloß mit ſeinem verſtümmelten Söller und ſeinem Wittwenſchleier von hingeſchwundener Größe am Ende einer langen Linden⸗ 269 allee hervor blickt, alle dieſe Dinge haben ihre eigenen Züge von Schönheit, einer Schönheit, mit welcher ſämmtliche Gegenſtände rings umher wohl harmoniren. Der ſchläfrige Bauer in ſeiner Blouſe und ſeiner ge⸗ ſtreiften Nachtkappe— das mit ſchweren Teppichen be⸗ legte Pferd, das mitten in einem babyloniſchen Thurm von flimmernden, wollenen Quaſten und meſſingenen Glöckchen ſeinen Kopf ſchüttelt— der hochbeladene Wagen, der langſam dahin kriecht— alles das paßt zu einer Scene, wo ſelbſt der aus dem Thal aufſtei⸗ gende Nebel faul und verdroſſen ſcheint, und nicht ge⸗ willt, den reichen Duft des Graſes mitzutheilen, wo⸗ mit er geſchwängert iſt. Jedes Land hat ſeinen eigen⸗ thümlichen Charakter von Schönheit. Die Glatther⸗ berge, die Alpenſpitzen, die ſchmetternden Waſſerfälle der Schweiz und des Tyrols ſind in ihrer Art nicht ſchöner, als die langen flachen Moorgründe einer flä⸗ miſchen Landſchaft mit ihren dichten Klumpen von ver⸗ butteten Weiden an einem klaren Bache, wo die Ochſen ſtehen und Schutz vor der Mittagshitze ſuchen— wäh⸗ rend weiter unten ein kunſtloſes Waſſerrad ſeine Töne mit den Sommerbienen und den fröhlichen Stimmen des Müllers und ſeiner Genoſſen vermiſcht. So ſchweif⸗ ten meine Gedanken umher, als der Deutſche mich am Arme ſchüttelte und fragte, ob ich nicht zu meinem Frühſtück bereit wäre. Glücklicherweiſe gibt es auf dieſe Frage nur eine einzige Antwort. Wer iſt nicht zu einem Frühſtück bereit, wenn er ſich unter Wegs beſindet? Wie köſtlich, wenn auf dem Continent, der kerkerglei⸗ chen Diligence zu entfliehen, wo Du mit Deinen Knien zunächſt am Schlüſſelbeine daſitzeſt, ohnmächtig vor Hitze und erſtickt vor Staub, und Dich nun plötzlich vor den rauchenden Platten eines franzöſiſchen Dejeu⸗ ner zu finden, mit ſeinen Cotelettes, ſeinen gebackenen Fiſchen, ſeinem Geflügel, ſeinem Salat und ſeinem Obſtentrée, alles ſchmackhafter gemacht durch eine nicht zu verachtende Flaſche Beaumer. In England iſt der 270 Wechſel beinahe eben ſo angenehm— denn obſchon wir dort beſſer reiſen und in unſern Wägen weniger beengt ſind, ſo bleibt es immerhin ein höchſt erfreuli⸗ cher Tauſch, aus der Landkutſche heraus ins Wirths⸗ zimmer hinein, das duftet von ſchwarzem aromatiſchem Thee, geröſteten Butterbroden, Eiern, nebſt einem noch blutenden Lendenbraten auf einem gaſtlichen Seitentiſche und Yorker Schinken, wornach einem Juden das Maul wäſſern möchte. In Amerika iſt der Tauſch am aller⸗ größten, wie Jedermann bezeugen wird, der ſich plötz⸗ lich aus der Ofenhitze eines neunſitzigen ledernen Fuhr⸗ werkes heraus, das zehn Meilen per Stunde über eine holprige Straße geſtolpert hat, während die Geſellſchaft rauchte, wenn ſie nichts Schlimmeres that, emanzipirt hat zu dem wonnevollen Anblick köſtlicher Fleiſchſpeifen, die auf dem Frühſtücktiſche herum ſtehen, allwo bei dem Büffelbraten, den Kürbispaſteten, den Birkhühnern und verſchiedenen andern Verlockungen, derjenige wirklich ein eckler Gauch ſein muß, der ſein halbes Stündchen nicht gut anzuwenden weiß. Es iſt nur Schade, wenn man da ſo viel Gutes zu eſſen hat, daß die Leute es nicht wie civiliſirte Weſen zu ſich nehmen und mit der Miene fröhlicher Dankbarkeit, die alle Nationen mehr oder weniger an den Tag legen, wenn ſie die guten Gaben der Erde genießen. Aber das iſt wahr, in dem Nankee ſteckt ein Geiſt der Unzufriedenheit, welcher ſelbſt Wohlthaten in einem Tone der Nichtbefriedigung, wo nicht der Verdrießlichkeit anzunehmen ſcheint. Ich machte einmal dieſe Bemerkung gegen einen vortrefflichen Freund, der nicht mehr iſt, der mir aber nicht erlau⸗ ben wollte, dieſen Zug ausſchließlich den Amerikanern beizulegen, ſondern hinzufügte: Wo finden Sie dieß ſtärker ausgeprägt als in Irland? Und Sie werden doch gewiß den Irländer nicht undankbar nennen wol⸗ len? Als Beleg für ſeine Anſicht erzählte er mir fol⸗ gende kurze Anekdote:— Der Pfarrer der Gemeinde, in welcher mein 271 Freund lebte, war ein Mann, der mit dem Einkommen, das er aus ſeiner Pfründe bezog, ein ſehr hübſches Privatvermögen verband, welches er gänzlich zur Un⸗ terſtützung der Armen um ihn her verwendete. Unter den Gegenſtänden ſeiner Güte wurde ein altes Weib, eine kinderloſe Wittwe auffallend bevorzugt. Sei es nun, daß er ihre gänzliche Hülfloſigkeit oder ihr voll⸗ ſtändiges Alleinſtehen in der Welt beſonders bemitlei⸗ dete, er bedachte ſie reichlicher, als die meiſten andern Armen oder, man kann wohl ſagen, als alle. Sie führte häufig ihre Armuth als Grund an, warum ſie ſich nicht unter ihren Nachbarinnen in der Kirche zeige und er ergriff mit Freuden eine Gelegenheit, ihre Um⸗ ſtände ſo aufzubeſſern, daß in dieſer Beziehung wenig⸗ ſtens kein Hinderniß mehr vorhanden war. Nachdem alle ſeine Plänchen, um ihr ein angenehmes Daſein zu verſchaffen, in's Werk geſetzt waren, ergriff er eines Tags eine Gelegenheit, wie zufällig bei ihr einzuſpre⸗ chen. Er lenkte die Unterhaltung allmälig auf ihre veränderte Lage im Leben— wie ſie früher blos eine kalte, feuchte, rauchige Höhle gehabt, und dagegen jetzt ein warmes, reines, ſchieferbedecktes Häuslein habe — vor ihrer Thüre einen heitern Garten, ſtatt früher einen Miſthaufen und Ententeich— und wie überhaupt in wenigen Wochen ſo viele glückliche Veränderungen für ſie eingetroffen ſeien. Sodann fragte er, ob ſie ſich nicht zum Dank verpflichtet füͤhle gegen die gütige Vorſehung, die ſo viele Wohlthaten auf ihr Haupt her⸗ abgeſchüttet habe. „Ja, ja, es iſt wahr, hochwürdiger Herr, ich bin dankbar,“ antwortete ſie in einem weinerlichen, unhar⸗ moniſchen Tone, der den würdigen Pfarrherrn in Er⸗ ſtaunen ſetzte. „Das verſteht ſich doch von ſelbſt, meine gute Frau, das verſteht ſich von ſelbſt— aber ich meine, ob Ihr nicht fühlt, daß Euer ganzes Leben, das Ihr noch vor Euch habt, zu kurz iſt, um Euern Dank gegen 272 die gütige Vorſehung auszudrücken für das, was ſie an Euch gethan hat?“ „Ach ja, lieber Herr, es iſt Alles wahr; ſie iſt ſehr gut, ſie iſt ungemein liebreich, ja das iſt fie!“ „Ei wie, und anders erkennet Ihr das nicht an?⸗ fuhr der Pfarrer, etwas hitzig werdend, fort.„Hat ſie Euch nicht ein Haus, hat ſie Euch nicht Nahrung und Kleidung gegeben?“ „Ja wohl, das hat ſie Alles gethan.“ „Nun denn, wo iſt Eure Dankbarkeit für ſo große Gnade?“ „Ei,“ ſagte die ſtarrköpfige Alte, durch die Zu⸗ dringlichkeit des Frageſtellers endlich beläſtigt.„Ei, wenn ſie mir's auch gethan hat, ſo bringt ſie es mir dafür wieder durch Hühneraugen ein.“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Eine Remeniscenz aus dem Morgenlande. Die Frühſtückstafel vereinigte die drei Generationen der Menſchen, die aus den drei Abtheilungen der Di⸗ ligence hervorkamen, und bot das buntſcheckige Ge⸗ miſche einer Verſammlung von verſchiedenen Ranges⸗ und Altersſtufen, ſo wie Vaus verſchiedenen Ländern dar, das einen ſo höchſt ergötzlichen Theil an den Er⸗ fahrungen eines Reiſenden bildet. Zuerſt kam die hohe Ariſtokratie des Coupé, dann die Mittelklaſſe des innern Wagens und endlich der tiers état der Rotunde mit ihrem Gemiſch von jüdi⸗ ſchen Geldmäcklern, Unteroffizieren nebſt Weibern und einer normänniſchen Amme mit hoher Haube und ro⸗ them Unterrock, während, um die Proceſſion zu ſchlie⸗ ————— ———„.,ꝛ—— 273 ßen, ein deutſcher Student mit Bart, Blouſe und Meerſchaumpfeife vom Dach herabſtieg. Aus ſolchen Materialien war unſere Geſellſchaft zuſammengeſetzt und doch amalgamirten wir uns, trotz der durchgängi⸗ gen Verſchiedenheit in allen unſern Zwecken und In⸗ tereſſen, ſchnell zu einer ſehr geſelligen Vertraulichkeit und plauderten mit vielem guten Humor und großer Munterkeit zu unſerem Frühftück. Jedes einzelne Mit⸗ glied ſchien erfreut über die augenblickliche Gelegenheit, einen neuen Zuhörer zu finden, nur mein ſchlanker Ka⸗ merad aus dem Coupé nicht. Er bewahrte ein mürri⸗ ſches Stillſchweigen, das nicht einmal durch eine zu⸗ fällige Aeußerung gegen den Kellner unterbrochen wurde, welcher mittelſt eines ſchnellen, offenbar durch Uebung erworbenen Inſtinkts ſeine Wünſche erlauſchte und den⸗ ſelben entgegen kam. Da ich nicht umhin konnte, mich einigermaßen um ſeine eremitenartige Neigung für das Alleinſein zu intereſſiren, ſo beobachtete ich ihn eine Zeit lang genau, und endlich, als der Braten an ihn kam und er ſich damit verſehen und davon gekoſtet hatte, merkte er, daß mein Auge auf ihn geheftet war, und während er mich gleichfalls einige Sekunden feſt anſah, ſchien er ſich über einen vorübergehenden Zwei⸗ fel, der ihn beſchäftigte, klar zu werden, indem er mit einem höchſt eigenthümlichen Kopfſchütteln ſagte: no mangez, no mangez cela.“ „Ah,“ verſetzte ich, da ich in meines Freundes Franzöſiſch den engliſchen Urſprung gewahrte,„Sie find Engländer, ſo viel ich bemerke?“ „Daran zweifle der Teufel,“ ſagte er halb ärger⸗ lich in ſeinem iriſchen Accent. „Und noch dazu Irländer— um ſo beſſer,“ be⸗ merkte ich. 5 „Iſt es nicht ſonderbar, daß mein Franzöſiſch den Leuten verräth, daß ich Engländer, und mein Engliſch, daß ich Irländer bin? Ein wahres Glück für mich, daß es in dieſer Weiſe nicht weiter fortgehen kann.“ 274 Hocherfreut, auf ein Original geſtoßen zu ſein, als was der Irländer ſich augenſcheinlich auswies, rückte ich meinen Stuhl neben den ſeinigen, und da ich gleichwohl fand, daß er über die Art, wie ich ſeine Bekanntſchaft machte, nicht ſonderlich erfreut war, da ich überdies die Empfindlichkeit ſeiner Landsleute im Sprachenpunkte kannte, ſo beſchloß ich, ihm durch Er⸗ zählung eines Umſtandes aus meinem frühern Leben noch näher zu lommen. Unſere Landsleute, Engländer ſowohl als Irländer, reiſen heut zu Tage ſo viel, daß man ſich nicht wun⸗ dern darf, ſie allenthalben zu finden. Die Anekdote, die ich jetzt mittheilen will, wird die Wahrbeit dieſer Thatſache bis auf eine gewiſſe Ausdehnung bekräftigen und darthun, daß es im ganzen Bereich menſchlicher Berechnung keine Lage gibt, die zu ſonderbar oder zu unwahrſcheinlich wäre. Als das 10te Infanterieregiment, zu welchem ich damals gehörte, in Corſu lag, erhielt ich mit drei andern Offizieren einen kurzen Urlaub, um einen klei⸗ nen Abſtecher nach Morea zu machen und bei dieſer Gelegenheit einen flüchtigen Blick auf Konſtantinopel zu werfen, welche Stadt damals weit weniger beſucht wurde, als heut zu Tage. Nach mehrwöchentlichem angenehmem Herumſchwär⸗ men waren wir im Begriff zurückzukehren, beſchloßen aber doch, vor unſerer Abfahrt noch eine Einladung etlicher Offiziere der damals dort ſtationirten Fregatte Dwarf anzunehmen, dahin lautend, daß wir auf einen Tag nach Pera kommen und auf dem Berg einem Picknick anwohnen möchten. Ein ſchöner freundlicher Morgen wurde dazu aus⸗ gewählt, eine höchſt appetitliche kleine Mahlzeit ſorg⸗ fältig eingepackt, und wir brachen, vierzehn an der Zahl, zu unſerem Ausfluge auf. Das Wetter war herrlich und die Landſchaft vor uns weit hübſcher, als einer von Allen gedacht hatte 275 — denn die Ausſicht vom Berge beherrſcht die ganze Stadt, welche in der reichen Farbenpracht ihrer Dome und Minarets prachtvoll anzuſchauen iſt, während auf der einen Seite das goldene Horn ſichtbar war, voll⸗ gedrängt mit Schiffen aller Nationen und man auf der andern ein Stück vom Marmorameer erblicken konnte, das blau und ruhig unten glänzte. Der Bos⸗ porus war wie eine Landkarte vor uns ausgebreitet, ſriedvoll und doch bewegt von lebendiger Rührigkeit. Hier war die Flagge von Altengland zu ſchauen, die neben den Lilien Frankreichs flatterte— wir ſprechen von Zeiten, wo es noch Lilien und keine Barrikaden gab— dort die hohen ſpitzigen Spieren einer Nankee⸗ fregatte, welche das niedrige Gebälke und den ſchwer⸗ fälligen Rumpf eines holländiſchen Schooners um ein Namhaftes überragte— weiterhin das vergoldete Hin⸗ terdeck und die gekrümmten Gallerien eines türkiſchen Dreideckers, vor Anker liegend neben dem überhangen⸗ den Maſt und dem gebogenen Verdeck eines verdächtig ausſehenden Fahrzeuges, deſſen rothbekappte, dunkel⸗ farbige Mannſchaft des nackten Dolches an ihrer Seite nicht bedurft hätte, um ſich als Malaien auszuweiſen. Das Ganze duftete von Leben und bot einer erregba⸗ ren Phantafie unendlich viel Stoff dar.— Während wir uns mit Rückſicht auf unſern Im⸗ biß über die Wahl eines Platzes beriethen, welcher die hauptſächlichen Ausſichten in der Nähe beherrſchen würde, kam einer von der Geſellſchaft und meldete uns, er habe juſt etwas von der Art entdeckt, wie wir ſuchen. Es war dies ein kleiner Kiosk, auf einen vorſpringen⸗ den Fels gebaut, der auf den Bosporus, ſo wie die ganze Stadt hinabſchaute und offenbar wegen der aus⸗ gedehnten Ausſicht, die er darbot, zum Bauplatz ge⸗ wählt worden war. Das Gebäude ſelbſt war ein nach allen Seiten offenes Achteck, das ſowohl land⸗ als ſee⸗ wärts die mannigfaltigſten, prachtvollſten Ueberſichten gewährte. Da wir Niemanden und auch keine Spur von ei⸗ ner Wohnung in der Nähe ſahen, ſo beſchloßen wir, den guten Geſchmack des Bauherrn uns zu Nutze zu machen, breiteten den Inhalt unſerer Körbe aus und trafen Anſtalten, uns eines höchſt vortrefflichen Mah⸗ les zu erfreuen. Als die guten Dinge verſchwunden waren und der Wein zu kreiſen begann, bemerkte ei⸗ ner aus der Geſellſchaft, wir ſollten nicht daran den⸗ ken uns der Fröhlichkeit zu überlaſſen, bevor wir einen Humpen bis an den Rand gefüllt haben auf das Wohl unſers guten Königs, deſſen Geburtstag zufällig war. Unſere vaterländiſchen Gedanken und unſere Loyalität paßten trefflich zuſammen: wir füllten unſere Gläſer und begleiteten unſern Toaſt mit einem ſo herzlichen Hip, Hip, Hurrah, daß ich zweifle, ob die Echos die⸗ fer alten Felſen je ein ähnliches gehört haben. Kaum ſtarb das letzte Hoch in der Entfernung hin, als die Thüre des Kiosks ſich öffnete und ein in weißen Muslin gekleideter Neger erſchien, an den Armen und Knöcheln jene großen maſſiven Goldringe tragend, mit welchen nur Perſonen von Rang ihre Diener aus⸗ zeichnen. Nach einem ſehr tiefen Bückling erklärte er in ei⸗ nem recht erträglichen Franzöſiſch, ſein Herr, der Ef⸗ fendi Ben Muſtapha Al Halak, in deſſen Eigenthum wir unſern Schmaus hielten, ſende uns ſeine Grüße und laſſe uns, ſofern es nicht unſern Gebräuchen u. ſ. w. entgegen ſei, für ſich und ſein Gefolge um Erlaub⸗ niß bitten, in den Kiosk zu kommen und uns bei un⸗ ſerem Mahle zu beobachten. Abgeſehen von der Höflichkeit, womit er ſeinen Wunſch vortragen ließ, konnten wir uns von ſeinem Anblick vollkommen eben ſo viel Unterhaltung verſpre⸗ chen, als er ſich von dem unſrigen, und erklärten uns daher ſehr gerne bereit, ſeinen Beſuch anzunehmen, auch ließen wir eine ziemlich klare Andeutung fallen, ob er 277 uns nicht vielleicht die Ehre erweiſen wolle, uns Gr⸗ ſellſchaft zu leiſten. Nach Verfluß einer halben Stunde wurde die Thüre abermals aufgeworfen und ein ehrwürdiger alter Türke trat herein: er grüßte dreimal höchſt ehrerbietig und erſuchte uns, ſitzen zu bleiben, lehnte aber zu gleicher Zeit durch eine artige Bewegung der Hand unſere Ein⸗ ladung ab. Jhm folgte ein Grleite von ſechs Perſonen, alle prachtvoll aufgeputzt und ſowohl durch ihr Koſtüm als durch ihre Manieren von dem hohen Rang ihres Herrn Zeugziß ablegend. Da wir wußten, daß ſein Beſuch nur den einzigen Zweck hatte, unſere Gewohn⸗ heiten beim Genuß der Tafelfreuden zu beobachten, Baebien wir uns ſogleich wieder und füllten unſere äſer. Als die Offiziere von des Effendi's Hauſe einer um den andern die Runde durch das Zimmer machten, boten wir ihnen einen Kelch Champagner, den ſie mit einem höflichen, aber feierlichen Lächeln ablehnten, alle mit Ausnahme eines einzigen, eines großen wilddrein⸗ blickenden Türken mit höchſt trotzigen Geberden und dem größten ſchwarzen Bart, den ich je geſehen habe. Dieſer begnügte ſich nicht mit einer ſtummen Abwei⸗ ſung unſers Anerbietens, ſondern blieb plötzlich ſtehen, hob ſeine Hände über den Kopf und murmelte auf Tür⸗ kiſch einige Worte, die, wie uns einer von der Ge⸗ ſellſchaft erklärte, eine unbedingte Ueberweiſung der ganzen Geſellſchaft, welche ſich ſolche ketzeriſche Gräuel erlaube, an den Satan enthielten. Die Prozeſſion bewegte ſich langſam im Zimmer umher, ging dann nach der Thüre zurück und entferhle ſich wieder, wobei jedes Mitglied ebenſo wie beim Hereintreten dreimal ſeinen orientaliſchen Gruß darbot. Kaum waren ſie gegangen, als wir in ein lautes Ge⸗ lächter über den wilden Kerl ausbrachen, der uns ex⸗ kommuniziren zu müſſen geglaubt hatte, und wir woll⸗ Bekenntniſſe Lorrequers. II. 18 ten eben über den mehr als gewöhnlichen Anſtoß, den er an unſerm Verfahren fand, weiter ſorechen, als die Thüre von N uem ſich öffnete und ein beturbanter Kopf hereinblickte; aber ſo verändert waren die Züge, daß wir ſie, obſchon wir ſie erſt einen Augenblick vorber ge⸗ ſehen hatten, kaum noch für dieſelben halten konnten. Die dunkie Farbe, der lange buſchige Bart waren frei⸗ lich geblieben— aber ſtatt des ſchläfrigen und feierli⸗ chen Charakters des Orientalen mit ſchwerfälligem Auge und geſchloſſenen Lippen that ſich in ſeinem Blick und theilweiſe offenen Mund eine nrollige Schalkhaftigkeit kund, die einen höchſt lächerlichen Kontraſt zu ſeinem Kopfputz bildete. Er blickte verſtohlen einen Augendlick umher, als wollte er ſich überzeugen, daß nichts zu befurchten ſtehe, dann aber ſagte er mit einem Ton und Ausdruck, den ich nie vergeſſen werde: Ich will Ihren Wein koſten, Gentlemen, wenn Sie's gütigſt erlauben.“ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Ein Tag im Phönix. Als wir uns wieder im Coupé der Diligence be⸗ fanden, richtete ich meine ganze Aufmerkſamkeit auf meinen iriſchen Bekannten, ſowohl wegen ſeiner augen⸗ ſcheinlichen Originalität, als um dem kleinen Deutſchen in der entgegengeſetzten Ecke auszuweichen. „Dann ſind Sie alſo nicht lange in Frankreich ge⸗ weſen, Sir?, ſagte ich, als wir unſere Unterhaltung wieder aufnahmen. „Drei Wochen, und ſie kommen mir vor wie drei 3 Jahre— nichts zu eſſen— nichts zu trinken, und 279 Niemand, mit dem man ſprechen kann. Aber ich werde bald zurückgehen— ich reiſe blos auf einen Monat.“ „In dieſer kurzen Zeit werden Sie wohl nicht viel vom Continent ſehen.“ 4 „Ich kümmere mich den Teufel darum— ich bin anicht gekommen, um etwas zu ſehen.“ „Wirklich!“ „Nichts von der Art; ich reiste blos— um von Haus entfernt zu ſein.“ „Aha, ich merke.“ „Sie ſind ganz irr,“ ſagte mein Gefährte, meine Meinung falſch deutend,„es war nichts von der Art. Ich habe keine ſechs Pence Schulden. Ich wurde aus Irland hinausgelacht— das iſt das Ganze, obſchon es ſchlimm genug iſt.“ 5 „Hinausgelacht!“ 4 „Ja, nicht anders— und Sie kennen Irland noch wenig, wenn Sie ſich darüber wundern.“ Nachdem ich anerkannt, daß ein ſolches Ereianiß, aus dem zu ſchließen, was ich ſelbſt mit angeſehen hatte, wohl möglich ſei, erhielt ich folgenden kurzen Bericht über die Gründe, die meinen Gefährten zur Reiſe bewogen: „Wohlan, Sir,“ begann er,„es ſind etwa vier Monate, ſeit ich von Galway eine kleine kaſtanienbraune Stute mit geſtutzten Obren und Stumpfſchwanz, ſtark⸗ knochig, aber etwas niedrig, nach Dublin brachte, ei⸗ nen recht muntern, lebhaften Springer für ein leichtes Wägelchen. Kein Menſch ließ ſichs einfallen, daß dieſe „ Stute Vollblut war und eine leibliche Schweſter der berühmten Wettrennerin Jenny— aber es war wirk⸗ lich ſo, und ein beſſeres Thierchen hat noch nie in Ballinaston auf den Boden geſtampft. Gut, ich brachte ſie alſo nach Dublin und ritt ſie zwei oder drei mal in der Woche, indem ich manchmal kleine Wetten im Trott eeinging— etwa eine Meile oder ſo etwas auf dem . Graſe herumzutraben— am andern Tag die Länge der 280 neun Acres bis an die Lodge zu galoppiren, und dann manchmal auf dem Rückweg für eine Zehnpfundnote über den dickſten Ginſterſtrauch zu ſetzen, den man fin⸗ den konnte, was ſie alles mit der größten Leichtigkeit thut. Da jeder, der heute verloren hatte, morgen ge⸗ wiß mit einer höhern Wette entweder für ſich oder ſei⸗ nen Freund ſich wieder einſtellte, ſo hatte ich für jeden Tag der Woche Wetten genug in mein Büchlein ein⸗ getragen, denn mein kleiner Jokei, der ritt, gewann immer um eine halbe Pferdkopfs⸗ oder um eine Naſen⸗ länge. Und ſo fielen uns Tag für Tag zehn bis dreißig Pfund in die Taſche. „Dies war ungemein luſtig, ſo lange es dauerte, denn außerdem, daß ich Geld gewann, hatte ich noch meinen eigenen Spaß dabei, die Einfaltspinſel auszu⸗ lachen, die meine Wetten nicht ſchnell genug verzeich⸗ nen konnten. Es waren meiſtens Infanterieoffiziere, und jüngere Advokaten, größtentheils recht hübſche Leutchen, aber im Wettrennen höchſt unerfahren. Wie lang ich es ſo trieb, kann ich ſelbſt nicht ſagen; aber eines Morgens bekam ich es mit einem fetten ältli⸗ chen Gentleman in kurzen Hoſen und Gamaſchen zu thun, der einen dunkelbraunen Hengſt ritt, welcher äußerſt unruhig und hitzig war, folglich offenbar ſeinem Reiter viel zu ſchaffen machen mußte. „Ein recht niedliches Thier, was Sie da reiten, Sir,“ ſagte ich,„und lauft gewiß wie alle Teufel.“ „Ja, das thut es auch,“ entgegnete der alte Gent⸗ leman halb verdrießlich. „Ohne Zweifel hat es auch einen muſterhaſten Trab?“ „Zwölf iriſche Meilen in fünfzig Minuten mit mei⸗ nem Gewicht,“ dabei blickte er auf einen Wanſt hinab, der einem Zuckeroxhoft zu vergleichen war. „Mag ſein, daß es zu einem Kirchthurmrennen nicht übel iſt,“ fuhr ich fort, um den alten Kerl, der, 281 wie ich ſah, auf ſeinen Klepper ſtolz war, ein wenig aufzumuntern. „Ich habe noch keinen geſehen, der es ihm gleich gethan hätte,“ hier warf er einen höchſt verächtlichen Blick auf mein Pferd. „Gut, ein Wort gab das andere, und das Ende vom Lied war, daß wir eine Wette ſchriftlich aufſetzten, mit der beide Parteien gleichwohl zufrieden waren. Sie lautete alſo: Jeder von uns ſollte ſein eigenes Thier reiten, und zwar von der Schule im Park weg um die fünfzehn Acres herum, am Monument vorbei und zu⸗ rück nach dem Ausgangspunkt— im Ganzen etwa an⸗ derthalb Meilen— der Boden gut und auch ſanft gr⸗ nug. In Betracht ſeines größeren Gewichtes jedoch ſollte ich ihm ein Stück Wegs vorausgeben, und da wir uns nicht vereinigen konnten, wie viel, ſo wurde zuletzt beſchloſſen, daß er zuerſt wegreiten und ich ihm, ſo ſchnell ich nur könne, nachfoigen ſolle, nach⸗ dem ich zuvor eine zinnerne Quartflaſche Guineßſches Doppelbier getrunken hätte— eine drollige Beſtimmung, werden Sie ſagen, allein es war des alten Kerls ei⸗ gener Gedanke, und da wir die Sache bisher in aller Gemüthlichkeit abgemacht hatten, ſo ließ ich ihn ge⸗ währen. 7 „Am nächſten Morgen war der Phönix ſo vollge⸗ drängt, als wäre eine Revüe angeſagt worden. Alle Dubliner Berühmtheiten und Nichtberühmtheiten kamen in Barouchen, Tilburys und allen möglichen Fuhrwer⸗ ken dahergeſchwärmt— naſenweiſe Poſtamtsſchreiber erſchienen auf ſtetigen Teufeln aus Dycer's und La⸗ louette's Ställen— Advokatenweiber nebſt ihren Töck⸗ tern aus der York⸗Street ſtellten ſich ein und ein her⸗ gelaufener Doktor kam auf einem Klepper, welcher aus⸗ ſah, als hätte er ſechs Wintermonate hindurch zu chirur⸗ giſchen Experimenten herhalten müſſen. Mein Gegner erſchien eine halbe Stunde zu ſpät, welche Zeit ich dazu benützte, Wetten mit beinahe allen Umſtehenden in mein 282 Büchlein einzutragen— ich bot zehn, fünſzehn, ja zu⸗ letzt fünf und zwanzig gegen Eins. Endlich erblickte man den fetten Gentleman in einem Cabriolet einher⸗ fahrend, und hinter ihm einen Groom, der den Hengſt führte. Ich wollte nur, Sie hätten den Jubel gehört, der ihn bei ſeiner Ankunft begrüßte, denn offenbar war er ein wohlbekanntes Original und erfreute ſich der ganz beſondern Gunſt des Pöbels. Nachdem er abgeſtiegen war, wackelte er in ein Zelt, wohin ihm ſeine Freunde folgten, und kam nach fuͤnf Minuten in vollem Renner⸗ koſtüm heraus— blau und gelb geſtreifte Jacke, blaue Kappe und Lederhoſen— gewiß eine ſo drollige Figur, wie Sie kaum je geſehen haben. Ich dachte jetzt, es ſei Zeit, meinen weißen Ueberrock abzuwerfen und mich in Roth und Orange zu zeigen, die Farben, in denen ich die letzten zwei Monate gewonnen hatte. Während einige von der Geſellſchaft ausgeſandt wurden, um ſich an verſchiedenen Plätzen um vie fünfzehn Acres herum aufzuſtellen, ließ ſich mein fetter Freund in ſeinen Sat⸗ tel helfen und ſchlug zur Vorübung einen kurzen Ga⸗ lopp von etwa hundert Schritten an, der ein allgemei⸗ nes Gelächter erregte. Die Chancen waren jetzt fünfzig gegen eins zu meinen Gunſten, und ich bot dies jedem, der Luſt bezeugte.„Mit Ihnen, Sir, in Pfunden, wenn Sie wollen, ebenſo mit dem rothbärtigen Gentleman dort. Sehr gut, auch in halben Souverainen, wenn Sie dies vorziehn.“ So wettete ich nach allen Seiten hin, bis die Glocke das Zeichen zum Aufſitzen gab. Da ich wußte, daß mir Zeit genug übrig blieb, ſo nahm ich wenig Notiz davon, ſondern muſterte blos die Gur⸗ ten und fuhr fort, in aller Muße meine Wetten einzu⸗ tragen. Endlich kam die Zeit, und auf das Comman⸗ dowort: Vorwärts! jagte der fette Gentleman auf dem Braunen in einem haſtig wackligen Galopp davon, wo⸗ bei er nach allen Seiten hin Koth auswarf und wie⸗ derüm ein allgemeines Gelächter hervorrief. Ich war⸗ tete geduldig, bis er dem obern Ende des Parkes nahe 283 war, ich trug in jeder Minute eine neue Wette ein, und jetzt, da er einen ſo bedeutenden Vorſprung hatte, zeigten ſich Liebhaber in Menge. Endlich, als er mir beinahe um die Hälfte der Bahn voraus war, und ich fand, daß kein Geld mehr zu holen war, rief ich ſeinen Freunden, ſie ſollen mir den Podter bringen, warf mich in den Sattel und nahn die Zügel in die Hand. Das Volk wich auf beiden Seiten zu ück, während aus dem bereits erwähnten Zelte ein hagerer, einäugiger Burſche mit einer zinnernen Quartkanne in der Hand herar⸗ trat: er reichte ſie mir herauf und ich nahm fie; aber wie groß war mein Schreck, als ich fand, daß der Por⸗ ter ſiedend war und das Gefäß ſo heiß, daß ich es kaum halten konnte; gleichwohl machte ich einen Ver⸗ ſuch zu trinken: der erſte Mundvoll verſengte mir die ganze Haut an Lippe und Zunge, der zweite erſtickte mich halb, und beim dritten bekam ich beinahe einen Schlag. Der Pöbel aber jubelte und ſchrie die ganze Zrit üder wie beſeſſen. Mintlerweile hatte der alte Kerl den Ginſterbuſch erreicht und ritt jetzt gemächlich weiter. Ich verſuchte den Porter von Neuem, bekam aber jetzt einen Huſtenanfall, der fünf Minuten dauerte. Die Kanne war nunmehr ſo heiß, daß ſie mir beinahe bei jedem Verſuch ein Stück vom Munde mitnahm. Ich wagte es noch einmal, und mit der Verzweiflung eines Raſenden ſtürzte ich das Getränke bis auf den letzten Tropfen hinab. Nun aber wirbelte mir der Kopf, meine Augen blickten wild umher und mein Gehirn ſtand in Flammen. Es war mir, als ſähe ich fünkzig fette Gen⸗ tlemen auf jeder Seite neben mir galoppiren, und als regnete es vom ganzen Himmel herab blau und gelbe Jacken. Halb mechaniſch ergriff ich die Zügel und drückte meinem Pferd die Sporen ein; aber bevor ich wegkom⸗ men konnte, matte mich ein lauter Jubel des Pöbels halb betäubt. Ich drehte mich um und ſah den Brau⸗ nen im zappelnden Galopp einherkommen, ſchaumbedeckt und ſo athemlos, daß weder er noch der Reiter zwan⸗ 284 zig Schritt mehr hätten machen können. Die Wette indeß war gewonnen. Ich aber hatte beinahe gegen alle Leute auf dem Felde verloren, und was noch das Allerſchlimmſte war, ich wurde dermaßen ausgelacht, daß ich mich kaum auf die Straßen wagen konnte, ohne Anſpielungen auf mein Mißgeſclick zu hören; denn ein gewiſſer Freund von mir, ein Tom O'Flaherty—⸗ „Tom vom liten leichten Dragonerregiment?“ „Derſelbe; Sie kennen alſo Tom? Dann hat er Ihnen gewiß auch von mir erzählt, Maurice Malone.“ „Vielleicht Mr. Malone vom Fort Peak?“ „Hol' ihn der Henker, ich bin in Verbindung mit dem Fort Peak ſo wohl bekannt, wie der Herzog in Verbindung mit Waterloo. Es gibt keine Gegend der merit⸗ wo er die verdammte Geſchichte nicht erzählt ätte.“ Da meine Leſer möglicherweiſe nicht alle zu O'Fla⸗ herty's Bekanntſchaft gehören, ſo will ich es wagen, die Anekdote, über deren weite Verbreitung Mr. Ma⸗ lone ſich beklagte, mitzutheilen. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Ein Abenteuer in Canada. Gegen das Ende des letzten Kriegs mit Amerika hielt ein ſchwaches Detachement das kleine Blockhaus auf dem Fort Peak beſetzt, das etwa acht Meilen vom Niagarafall den letzten Außenpoſten an der Gränze bil⸗ dete. Das an und für ſich unanſehnliche Fort hatte blos inſofern einige Bedeutung, als es einen Theil des Fluſſes beherrſchte, wo er leicht zu überſetzen war, in⸗ dem der ſanfte Abhang des Ufers dem Feinde einen 285 ſichern Haltpunkt zum Herbeikommen darbot, ſo bald er Luſt hatte, den Krieg auf unſer Gebiet zu ſpielen. Da inzwiſchen von dieſer Gegend her kein Einfall zu befürchten ſtand und die natürliche Stärke der Stel⸗ lung bedeutend war, ſo wurde blos eine Handvoll Sol⸗ daten mit zwei Subalternoffizieren auf den Poſten beor⸗ dert— denn man glaubte, ſie werde im Stande ſein, ſich zu halten, bis aus dem Hauptquartier, welches da⸗ mals in Klein⸗York auf der entgegengeſtzten Seite des See's ſich befand, Unterſtützung käme. Die Offtziere dieſer kleinen Garniſon waren unſer alter Bekannter, Tom O Flaherty, und unſer neu erworbener Freund Maurice Malone. Was immer die Verdienſte kommandirender Offi⸗ ziere ſein mögen, auf eine Tugend können ſie nicht Anſpruch machen, nämlich auf Einblick in die Charak⸗ tere ihrer Untergebenen oder wenigſtens einige Berück⸗ ſichtigung derſelben. Selten werden zwei Männer nach einem entfernten Quartier auf Detachement ausgeſandt, um allva Monatelang alltäglich und ſtündlich mit ein⸗ ander zu verkehren, ohne daß ſie in Folge irgend eines glücklichen Zufalls gerade diejenigen Leute find, die am allerwenigſten zuſammenpaſſen. Der grauköpfige, wet⸗ terfeſte, mißvergnügte Peninſulaner wird mit dem eſſen⸗ zenduftigen, geſchniegelten Adonis des Corps zuſam⸗ mengeſchmiedet, der Mann, der Sinn für Literatur und überhaupt für cultivirtere Beſtrebungen hat, mit dem hohlköpfigen, uneingeweihten Bengel, der friſch aus Harrow oder Weſtminſter kommt. Der vorliegende Fall bildete keine Ausnahme von der Regel; denn ob⸗ ſchon wenige Menſchen mehr Aſſimilationsgabe beſitzen, als O'Flaherty, ſo ſetzte doch ſein dermaliger Kamerad dieſes Talent auf die härteſten Proben, da er in allen Stücken der entſchiedenſte Gegenſatz von ihm war. Tom war die gute Laune und Munterkeit ſelbſt— er wußte allen Dingen die beſte Seite abzugewinnen— er ge⸗ rieth niemals in Verlegenheit— ließ ſich niemals ab⸗ 286 ſchrecken— war ſtets vollkommen zu Hauſe, ob er nun mit einer Lady Charlotte in ihrem Beſuchszimmer tän⸗ delte, oder in den Hochlanden einem Birkyuhn nach⸗ ſtellte— war beleſen genug, um über jeden gewöhn⸗ lichen Unterhaltungsgegenſtand ein Wort mitſprechen zu können, und beſaß immer Geiſtesgegenwart genug, um dies in noch höherem Grade zu ſcheinen. Ein Cavalier in des Worts verwegenſter Bedeutung, ob er nun im Park zu Melton Parade machte, ob in Wales einer Bachforelle auflauerte, oder einen Haufen Rebhühner und wilde Enten erlegte; ein unvergleichlicher Richter über alle guten Dinge im Leben von einem hübſchen Kaöchel an bis zu einem wohlgepolſterten Tilbury— von den Chancen im Haſard piel an bis zu einem wohl arrangirten Feſtmahl; das war Tom. Sein College da⸗ gegen war von alledem nichts; er war aus der Gal⸗ wayer Militz zur Linie befördert worden, als Beloh⸗ nung für einige Dienſte, die ſeine Familie bei einer Wahl dem Regierungskandidaten geleiſtet hatte; war griesgrämig und mißvergnügt, hatte immer über Lap⸗ palien zu klagen und gab ſich nie zufrieden, bis ſeine Bekümmerniſſe in Jamaikarhum ertränkt waren, deſſen er ſich, ſeit das Regiment auswärts war, in reichlichem Maße als eines Erſatzes für den Whisky bediente. Dieſe Leidenſchaft hatte bei ihm dergeſtalt überhand ge⸗ nommen, daß er, wenn er nicht zu Hauſe ſpeiste, im⸗ mer einen Corporal auf ſich warten ließ, der ihn in die Kaſerne zurückgeleiten mußte. Die trübſelige Eintönigkeit einer kleinen Garniſon mit einem ſo gänzlich ungleichartigen Kameraden härte Mancken um ſeine Munterkeit bringen können, nicht aber O'Flaherty. Er wußte, wie bei allen Vo komm⸗ niſſen ſeines Lebens, auch hier das Beſte aus der Sache zu machen, und auf kurzen Ausflügen innerhalb vorge⸗ zeichneter Gränzen längs dem Fluſſe hin fand er den Tag über immer zu ſchießen und chen genug, um ſeine magere Koſt aufzubeſſern. alone erſchien nie — —— 287 vor dem Mittageſſen, denn ſeine langen nächtlichen Sitzungen erforderten immer beinahe den ganzen fol⸗ genden Tag, um zu einem neuen Angriff auf die Rhum⸗ flaſche Kräfte zu ſammeln. Obſchon nun dieſer äußerſt ſchwache Verkehr mit ſeinem Kameraden für O'Flaherty nichts weniger als unangenehm war, ſo wurde ihm doch die lange Weile eines ſolchen Lebens verdrießlich, und er bot allen ſei⸗ nen Witz auf, um für eine angemeſſene Beſchäftigung zu ſorgen. Kein Tag verging, ohne daß er ein brün⸗ ſtiges Gebet um einen Angriff des Feindes zum Him⸗ mel geſandt hätte; jeder Wechſel der Dinge, jeder ein⸗ tretende Zwiſchenfall wäre ihm in Vergleich mit ſeinem dermaligen Leben als eine Segnung erſchienen. Die Yankeetruppen inzwiſchen ſchienen von keinem ſolchen Geiſte befeelt; meilenweit ließ ſich nicht ein einziger Soldat blicken, und alle Reiſenden, die am Fort vor⸗ beikamen, ſtimmten dahin überein, daß die Amerikaner eeticſen vier Tagemärſche von der Gränze entfernt ſeien. Wochen verſtrichen, der alte Stand der Dinge blieb unverändert, und O'Flaherty ließ allmälig in ſeiner Strenge im Dienſt etwas nach; kleine Fouragier⸗ partien von drei und vier Mann erhielten täglich Er⸗ laubniß, auf einige Stunden das Fort zu verlaſſen, wohin ſie gewöhnlich beladen mit wilden Tru hühnern und Fiſchen— zwei Artikeln, die ſich in großem Ueber⸗ fluß in der Nähe vorfanden— zurückkehrten. Solcher Art war das Leben der kleinen Garniſon zwei oder drei lange Sommermonate hindurch, in de⸗ nen jeder Tag dem andern ſo gleich ſah, daß kein Unterſchied zu finden war. Wie ſich die Verhältniſſe des Krieges oder über⸗ haupt die Lage der Dinge geſtaltete, darüber ließ man ſie in gänzlicher Unkenntniß. Journale kamen nie zu ihnen, und ob nun in Folge zu großer Beſchäftigung im Hauptquartier, oder weil die Abſendung von Brie⸗ 288 fen mit Schwierigkeiten verbunden war, ihre Freunde ſchrieben nie eine Zeile, ſo daß ſie in trägem Schlen⸗ drian dahin vegetirten, bis ihnen endlich die Gedanken im Gehirn zu verſumpfen anfingen und OFlaherty ſeinen Kameraden beinah beneidete um den Troſt, den er in der Spiritusflaſche zu finden wußte. So ſtanden die Dinge im Fort, als O'Flaherty eines Abends auf dem kleinen Wall, der gegen den Ontarioſee hinabſchaute, mit einer ſichtbaren Spannung und Ungeduld auf und ab ging, die gegen ſeine all⸗ tägliche phlegmatiſche Weiſe einen auffallenden Kontraſt bildete. Wie es ſchien, war die Mannſchaft des Kor⸗ porals, die er am Morgen in die Nähe des Falles auf Fourage ausgeſchickt hatte, noch nicht zurückgekehrt und bereits vier Stunden über die feſtgeſetzte Zeit ab⸗ weſend. Er ſuchte ſich nun alle erdenklichen Erklärungs⸗ gründe für ihr Ausbleihen auf. Manchmal fürchtete er, ſie ſeien vielleicht von den indianiſchen Jägern an⸗ gefallen worden, die ganz und gar nicht freundlich ge⸗ gen ihre wilddiebenden Nachbarn geſinnt waren. Dann dachte er wieder, ſie werden ſich blos im Walde ein wenig verirrt haben; oder ſollte es möglich ſein, daß ſie es gewagt hätten, in einem Kahn nach Goat Js⸗ land hinüberzufahren, und daß ſie von der Strömung fortgeriſſen wurden? Solche peinigende Zweifel ſtiegen in ihm auf, und nur hie und da ließ ſich der gellende Schrei eines Eichhorns oder das heißere Gekreiſche einer Nacht ule vernehmen, und dann war alles wieder ſtill. Während auf dieſe Art die Stunden langſam hinſchli⸗ chen, wurde ſeine Aufmerkſamkeit durch ein glänzendes Licht am Horizont angezogen. Es ſchien, als ſpiegelte ein Theil des Himmels irgend einen ſtarken, von unten kommenden Glanz zurück; denn bei aufmerkſamer län⸗ gerer Betrachtung fand er, daß das im Anfang blaſſe und farbloſe Licht immer größer und glänzender wurde und endlich, die trübe Schwärze der Nacht durchbre⸗ —;; -9 289 chend, ein klarer, ſtarker Feuerſtrom ſich von der Erde erhob und in hohen Flammen aufſchlug. Der Richtung nach mußte es entweder am Falle oder unmittelbar in der Nähe deſſelben ſein, und nun überkam ihn die ſchaudervolle Ueberzeugung, ſeine Leute ſeien von den Indianern weggefangen worden und werden nunmehr nach altem Gebrauche zum Behufe eines kriegeriſchen Mahles geſchlachtet werden. Es war kein Augenblick zu verlieren. Die kleine Garniſon wurde zuſammen getrommelt und als die Mannſchaft beiſammen war, warf O'Flaherty ſeine Augen rings umher, um ſich einige tüchtige Burſche auszuſuchen, die ihn begleiten ſollten. Kaum waren die Gewählten aus ihren Reihen getreten, als die Schildwache am Thor von einer wohlbekannten Stimme angerufen wurde und einige Augenblicke darauf ſtand der Korporal der Fouragirmannſchaft unter ihnen. Er konnte vor Mattigkeit und Erſchöpfung einige Minuten kein Wort hervorbringen. Endlich erholte er ſich ſo weit, um folgenden kurzen Bericht abzuſtatten: Die kleine Schaar hatte ſich oberhalb Quenſton mit Wildpret verſehen und war auf dem Rückweg nach dem Fort begriffen, als ſie plötzlich auf Fußſtapfen ge⸗ riethen, die ihnen, auch bei ſehr geringer Erfahrung im Waldleben, bald hätten beweiſen müſſen, daß einige neue Jäger im Revier angekommen ſeien, denn bei genauer Prüfung ergab es ſich, daß die Spuren nicht von den Indianern und ebenſo wenig von den Schuhen der Garniſon herrührten. Sie ſchritten nun vorſichtig weiter, um die beſagten Spuren drei oder vier Meilen zurück zu verfolgen, und ſo erreichten ſie das Ufer des Niagarafluſſes oberhalb des Strudels, wo von der amerikaniſchen Seite her mit der größten Leichtigkeit übergeſetzt werden kann. Nun war das Geheimniß auf einmal erklärt: die Yankee's hatten Mannſchaſt abgeſandt, um das Fort Peak zu überrumpeln, und der kleinen Schaar blieb alſo nichts mehr übrig, als un⸗ 290 verzüglich zu ihren Freunden zurückzukehren, damit Vorbereitungen zum Empfang getroffen werden könnten. Mit dieſer Atſicht ſchlugen ſie den Weg am Fluſſe hin als den kürzeſten ein, waren aber noch nicht weit gekommen, als ihre Befürchtungen ſich beſtätigten; denn in einer kleinen Bucht erblickten ſie eine Gruppe von zwanzig blauen Booten, deren Mannſchaft ihre Waffen zufammengeſtellt hatte und auf dem Boden um⸗ berlag, als wartete ſie die Stunde zum Angriff ab. Der Anblick dieſer Krieger vermehrte ihre Beſorgniß bedeutend, denn ſie bemerkten fetzt, daß die Amerikaner ihre Streitkräfte vertheilt hatten, indem die zuerſt ge⸗ ſehenen Fußſtapfen augenſchein lich einer andern Abthei⸗ lung angehörten. Als der Korporal und ſeine paar Leute von dem niedrigen dichten Gebüſch aus ihre Re⸗ cognoscirung fortſitzten, erſahen ſie mit ungemeinem Vergnügen, daß es keine regelmäßigen Truppen, ſon⸗ dern Milizen waren. Dies gab ihnen neuen Muth; ſie zogen ſich geräuſchlos in den Wald zurück und gingen ihres Weges weiter. Kaum waren ſie jedoch eine Meile marſchirt, als das Getöne von Stimmen und lautes Gelächter ihnen verkändete, daß eine andere feindliche Schaar ſich in der Nähe befand, und zwar, ſo viel ſie in der zunehmenden Dankelheit zu erkennen vermochten, eine größere, als die zuerſt geſehene. Sie waren jetzt genöthigt, einen weiten Umweg zu machen und ſich immer tiefer in den Wald zu begeben. Da ſie aber mit jeder Stunde mehr fürchten mußten, der Feind möchte vor ihnen am Fort anlangen, ſo beſchloſſen fie in dieſer Klemme, ſich zu trennen, und zwar ſollte der Korporal allein am Ufer hin weiter gehen, die Andern aber auf einem Umweg von ctlichen Meilen ſo gut als möglich die Stärke der NYankees und ihre muth⸗ maßliche Angriffsweiſe zu erkunden ſuchen. Von dieſem Augenblick an wußte der Korporal nichts mehr; denn nach zweiſtündiger, müh voller Anſtrengung hatte er jetzt das Fort erreicht, geſtand aber ſelbſt, daß er nicht 291 mehr die Kraft gehabt hätte, eine Meile weiter zu gehen. So freudig der arme O'Flaherty unter andern Umſtänden eine ſolche Nachricht begrüßt haben würde, ſo kam ſie doch jetzt wie ein Donnerſchlag über ihn. Sechs Leute von ſeiner geringen Mannſchaft waren weg, vielleicht bereits vom Feinde gefangen genommen, die Yankee's kamen, ſo viel er aus dem Bericht ent⸗ nehmen konnte, in guter Anzahl heran und er ſelbſt ſtand ganz allein, ohne einen einzigen Rathgeber da — denn Malone hatte zu Mittag geſpeist und befand ſich folglich in dem angenehmen Zuſtande der Unem⸗ pfindlichkeit, worin er einen Feind nur in demienigen Manne erkennen konnte, der ſich weigerte, ihm die Flaſche herüberzureichen.. Halb und halb in der Hoffaung, der Zuſtand ſei⸗ nes Kameraden möchte ihm eine ſchwache Anwendung ſeiner Denkfähigkeiten geſtatten, ging O'Flaherty auf die kleine Höhle zu, die ſie zum Speiſezimmer auser⸗ ſehen hatten, um denſelben aufzuſuchen. So wenig er ſich in einem ſolchen Augenblick zur Luſtigkeit geſtimmt füyhlte, ſo war doch das Gemälde, das ſich ihm beim Hineintreten vor die Augen ſtellte, zu drollig, als daß er nicht hätte lachen müſſen. Auf der einen Seite des Kamins ſaß Maone mit einem feuerrothen Geſicht und berabhängenden Augen. Auf dem Kopf hatte er ein kleines Indianerkäppchen mit zwei Pfauen⸗ federn und einem Stück Scharlach, das hinten herab⸗ hing. In der einen Hand hielt er einen rauchenden Kelch Rhumpunſch und in der andern eine lange In⸗ dianerpfeife. Ihm gegenüber, aber auf den Boden gekauert, ruhte ein rorher Indianer, der als Wegweiſer im Fort lebte, gleichfalls betrunken, aber deßungeachtet eine unempfindliche, ernſte Miene beibehaltend, die „gegen die hohe Aufregung in Malone's Geſicht ſeltſam contraßirte. Der rothe Mann teug Malone's Uniform⸗ rock, welchen er verkehrt angezogen hatte— aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach war als Akt freundſchaſtlicher Höflich⸗ keit ſein Kopfputz dagegen ausgetauſcht worden. Da ſaßen ſie, ſtarr einander anſehend; keiner ſprach oder lächelte— die Rhumflaſche allein, die in kurzen Zwi⸗ ſchenräumen vom einen zum andern überging, hielt einen freundlichen Verkehr aufrecht, mit welchem beide zufrieden waren. Auf O'Flaherty's herzliches Gelächterantwortete Malone mit einem Blick trunkenen Trotzes und nickte dann ſeinem rothen Freund zu, welcher die Höflichkeit erwiederte. Als der arme Tom das Zimmer verließ, ſah er, daß in dieſer Richtung nichts zu hoffen war, und beſchloß, ohne allen weitern Aufſchub die Garniſon unter die Waffen rufen zu laſſen. Kaum hatte er die Thüre hinter ſich geſchloſſen, als ihm ein plötzlicher Gedanke durch's Gehirn blitzte. Er blieb ſtehen, ging wieder einige Schritte vorwärts, hielt von Neuem an, rief dann den Korporal und ſagte zu ihm: „Sie wiſſen's mit Beſtimmtheit, daß es Milizen ſind?“ „Ja, Sir, ganz gewiß.“ „Nun, bei Gott, dann habe ich's“ rief O'Fla⸗ herty.„Wenn es die Streiter von Buffalo ſein ſoll⸗ ten, dann könnten wir aus dieſer Klemme beſſer kom⸗ men, als ich gehofft hätte.“ „Ich glaube, Sie haben Recht, Sir; denn ſch hörte, als ich vorbeiging, einen von den Leuten ſpre⸗ chen: Was werden ſie in Buffalo ſagen, wenn die Sache vorüber iſt?“ „Schicken Sie Mathers her, Korporal, und be⸗ ordern Sie vier Mann mit Seitengewehren, ſich un⸗ verzüglich bereit zu halten.“ „Mathers, Sie haben die Nachricht gehört?“ ſagte O'Flaherty, als der Sergeant eintrat.„Kann ſich das Fort gegen eine ſolche Streitmacht, wie Jackſon be⸗ richtet, halten? Sie zweifeln; gut, ich bezweifle es auch und nun laſſen Sie uns ſehen, was zu machen 7 293 iſt. Können Sie ſich noch erinnern, war es nicht die Buffaloer Miliz, die am letzten Herbſt von den De⸗ lawaren ſo furchtbar zuſammengedroſchen worden iſt?“ „Ja, Sir, die jagten ſie zwei Tage und Nächte hindurch, und hätten die guten Milizen nicht die Stadt Buffalo erreicht, die Delawaren hätten im ganzen Re⸗ giment keinen Skalp übrig gelaſſen.“ „Können Sie ſich auch noch aufden Namen des Häupt⸗ lings erinnern— ich meine Carran— oder ſo etwas?“ „Caudan⸗Dacwagan.“ „Ganz richtig. Wo vermuthet man ihn gegenwärtig?“ „In Detroit, Sir, ſagen die Leute, aber man weiß es nicht beſt mmt. Dieſe Burſche ſind heute hier und morgen dort.“—. Nun gut, Sergeant, hören Sie meinen Plan;“ ſo ſprechend ging O'Flaerty weiter auf ſein Quartier zu, begleitet von dem Sergeanten, mit dem er ſich einige Zeit eifrig unterhielt, wie es ſchien, gelegentlich auf Einwendungen antwortend und Erklärungen ge⸗ bend, deren der Andere zu bedürfen ſchien. Das Ge⸗ ſpräch währte eine halbe Stunde, und obſchon der er⸗ graute Sergeant augenſcheinlich ſchwer zu überzeugen war, ſo ſagte er doch endlich, als er das Zimmer verließ: „Nun gut, Sir, alſo im ſchlimmſten Fall, meinen Sie, kann es blos zu einer Klopferei kommen. Ich will ſetzt die Patrouillen ausſchicken, um ſie Feuer ma⸗ chen zu laſſen, und dann will ich die Mannſchaft für die Pikets ausleſen, denn wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Etwa eine Stunde ſräter ſaß eine Anzahl Miliz⸗ offtziere von verſchiedenen Graden um ein Bivouak⸗ feuer am Ufer des Niagarafluſſes. Die Unterhaltung ſchien zorniger Art zu ſein, denn die Stimmen der Sprechenden waren laut und äcgerlich, und ihre Geber⸗ den zeugten von einem Zuſtand bedeutender Aufregung. „Ich ſehe ſchon,“ ſagte einer, welcher der Oberſte unter ihnen zu ſein ſchien,„ich ſehe ſchon, wie das en⸗ Bekenntniſſe Lorrequers. II. 19 294 den wird. Wir werden wieder eine Gueenstor⸗Affäre haben, wie das letztemal mit den Delawaren.“ „Ich ſage blos,“ verſetzte ein anderer,„daß Sie, wenn Sie wünſchen, daß unſere Leute morgen früh noch Stand halten, ſo wenig als möglich an die De⸗ lawaren erinnern dürſen. Ei, was iſt das für ein Ge⸗ räuſche dort? ich meine, ich höre trommeln.“ Bei dieſen Worten ſprangen alle auf und blieben einige Sekunden lang in einer lauſchenden Stellung. „Wer da?“ rief eine Schildwache von ihrem Poſten und dann fügte ſie nach einem Augenblicke hinzu.„Paſ⸗ ſirt Waffenſtillſtandsflagge in Major Browns Quartier.“ Kaum waren die Worte geſprochen, als drei Offi⸗ ziere in Scharlachuniformen, einen Trommler mit wei⸗ ßer Flagge voran, vor den Amerikanern ſtanden. „ An wen habe ich mich zu wenden?“ ſagte einer der Britten, der, wie ich meinen Leſern beiläufig ſagen will, Niemand anders war, als O'Flaherty,„wer iſt der kommandirende Offizier?“ „Ich bin der Major Brown,“ antwortete ein dicker, vollſäftiger kleiner Mann in blauer Uniform und run⸗ dem Hut,„und wer ſind Sie?“ „Major O'Flaherty von Sr. Maj. 5tem Infante⸗ rieregiment,“ erklärte Tom mit einem ſehr klingenden Nachdruck auf jedes Wort,„der Ueberbringer einer Flagge zu Waffenſtillſtand und friedlichem Vergleich vom Generalmajor Allen, Kommandanten der Garni⸗ ſon des Fort Peak.“ b Die Amerikaner, die ſichtlich ſehr verblüfft waren, ihre feindſeligen Abſichten bereits entdeckt zu ſehen, ſchwiegen alle ſtill, während O'Flaherty fortfuhr— „Gentlemen, es mag einigermaßen ſeltſam erſchei⸗ nen, daß eine Garniſon, welche die natürliche Stärke einer mächtigen Stellung beſitzt— welche mit Lebensmitteln und Kriegsvorräthen aller Art reichlich verſehen iſt, am Vorabend eines Kampfes einen Waffenſtillſtand anbie⸗ 1 295 tet, ſtatt lieber den Augenblick abzuwarten, wo ein ſchar⸗ fer, wohlbereiteter Empfang am Beſten für ihre Wach⸗ ſamkeit und Disziplin zeugen würde. Aber die Gründe zu dieſem Schritt ſind leicht erklärt. Sie beabſichtigen eine Ueberrumplung. Wir wiſſen dies ſchon lange. Un⸗ ſere Spione haben Sie von dem Augenblick, wo Sie oberhalb des Strudels über den Fluß ſetzten, bis zu Ihrer Ankunft dahier nie aus dem Auge gelaſſen. Ihre Mannſchaft iſt von uns gezählt; und was noch mehr iſt, ſie iſt auch von unſern Verbündeten gezählt— ja Gentlemen, ich muß es wiederholen, Verbündeten— obſchon ich als Britte über dieſes Wort erröthe. Schmach und ewige Schande dem Manne, welcher zuerſt die eh⸗ renhaften Gebräuche des Kriegs mit den unmenſchli⸗ ſchen, blutigen Grauſamkeiten der Wilden in Verbindung gebracht hat! Ja, ſo iſt es: die Delawaren der Hü⸗ gel“— hier wechſelten die Yankees höchſt eigenthüm⸗ liche Blicke—„ſind dieſen Morgen beim Fort Peak angekommen und haben Befehl, Ihre ganze Grenze vom Fort George bis zum Erieſee zu verwüſten, ſie brachten uns die Nachricht von Ihrer Annäherung, und ihr Häuptling wird, während ich dies ſpreche, den ſchmachvollen Vorſchlag machen, daß für jeden Skalp, den er am Morgen vorzuweiſen hat, ein Preis ausbe⸗ zahlt werden ſoll. Nun kann es der General nicht ab⸗ lehnen, gemeinſchaftliche Sache mit den Wilden zu ma⸗ chen, ohne ſich bei dem Oberbefehlshaber zu compro⸗ mittiren, und auf der andern Seite vermag er eine ſolche Unterſtützung nicht ohne Gewiſſensbiſſe anzuneh⸗- men. Er hat deßhalb den einzigen Ausweg ergriffen, der ihm offen ſtand: er hat mich und meine Kameraden hier“— O'Flaherty deutete auf zwei Civiliſten, welche die Uniform ſeines Regiments trugen— abgeſandt, um Ihnen Bedingungen anzubieten.“— Hier pauſirte O'Flaherty in der Erwartung, die Gegenpartei werde etwas erwiedern. Sie ſchwieg aber fortwährend, als auf einmal vom dichten Walde her 4 —* ein wildes, erderſchütterndes Geſchrei erſcholl, das wie die Pfeife des Hochländers mehrere Male ſtieg und fiel, zuletzt aber mit einem lauten Geheul endigte, welches etliche Sekunden lang ſchauerlich nachhallte. Hören Sie's!“ ſagte O'Flaherty mit einem Ton des Entſetzens—„hören Sie's! das Kriegsgeſchrei der Delawaren! die Wilden ſind voll Wuth auf ihre Beute erpicht. Möge es noch Zeit ſein, Sie von einem ſol⸗ chen Schickſal zu retten! Die Sache drängt— unſere Bedingungen ſind dieſe— da dieſelben keine Erörte⸗ rungen zulaſſen und ſogleich entweder angenommen oder verworfen werden müſſen, ſo kann ich ſie nur JIh⸗ nen allein mittheilen.“ So ſprechend nahm er den Maior Brown allein bei Seite, ging mit ihm von den Andern hinweg und führte ihn langſamen Schritts in den Wald hinein. Während OFlaherty ſich unaufhörlich über die Grau⸗ ſamkeiten eines Jndianerkriegs und den rachſüchtigen Charakter der Wilden verbreitete, näherte er ſich adſicht⸗ lich immer mehr der Flußſeite, bis zuletzt der Glanz eines Feuers durch die Dunkelheit ſichtbar wurde. Ma⸗ jor Brown hielt plötzlich an und deutete nach der Flamme. „Es iſt dies das indianiſche Piket,“ ſagte O'Fla⸗ herty ruhig,„und da die Thatſachen, die ich ſo eben auseinandergeſetzt habe, Ihnen auf dieſe Art einleuch⸗ tender ſein werden, ſo ſollen Sie dieſe wilden Krieger mit eigenen Augen ſehen. Ja, ich wiederhole es, Sie können durch dieſes Gebüſch hindurch Caudan Dac⸗ wagan ſelbſt erblicken— denn er iſt in Perſon bei ihnen.“ So ſprechend führte O'Flaherty den nunmehr vor Schreck ſprachloſen Major hinter einen maſſiven Kork⸗ baum, von welchem aus ſie beide nach dem Ufer hin⸗ abſehen konnten, wo neben einer kleinen Bucht fünf ober ſechs Perſonen in Leintüchern und mit ſcharlache⸗ nen Kopfbedeckungen ſaßen; ihre Geſichter waren mit 297 gelben und rothen Schminkpflaſtern belegt, denen der Glaſt des Feuers erhöhte Schrecklichkeit verlieb. In der Mitte ſaß einer, dem ſeine leidenſchaftlichen Geberden und ſein wildes Geſchrei ein wahrhaft dämoniſches Ausſehen gaben, während er ſich mit aller Macht den Anſtrengungen der Andern, ihn zurückzuhalten wider⸗ ſetzte, dabei die ganze Zeit über wie ein Beſeſſener todte und durchaus aufzuſtehen verlangte. „Das iſt der Häuptting,“ ſagte O'Flaherty;„er will nicht länger warten. Wir haben die Andern durch Geſchenke dahin gebracht, ihn wo möglich für kurze Zeit ruhig zu erhalten; aber ich ſehe ſchon, es wird ihnen nicht gelingen.“ Ein lautes Triumpfgeſchrei von unten unterbrach hier Toms Rede; der raſende Wilde— der Niemand anders war, als Mr. Malone— hatte ſich nämlich der Rhumflaſche bemächtigt, um welche er bis jetzt mit aller Macht gefochten hatte— und ſeine Gemüths⸗ ſtmmung war während des Kampfes nickt ſehr geſänf⸗ tigt worden durch gelegentliche Anmahnungen, welche ihm die andern Indianer, die ſeine eigenen Soldaten waren und nach O'Flaherty's Befehlen handelten, mit dem rothen Ende einer Zigarre auf der nackten Haut applizirten. „Nun,“ ſagte Tom,„da Sie ſich ſelbſt überzeugt haben und Ihren Kameraden das Geſehene mittheilen können, wollen Sie es vielleicht jetzt noch auf den Kampf ankommen laſſen, oder wollen Sie die ehren⸗ haften Bedingungen des Generals annehmen, daß Sie Ihre Waffen uug einen Haufen zu legen und ſich vor Tagesanbruch über den Fluß zurückzuziehen haben? Ihre Musketen und Munition werden für die gierige Lüſternheit der Wilden als Lockſpeiſe dienen, ſo daß Sie in Sicherheit kommen können, bevor dieſelben an eine Verfolaung denken.“ Major Brown hörte den Vorſchlag ſchweigend an erklärte zuletzt, ſeine Kameraden zu Rathe ziehn zu wollen. „Meine Zeit iſt um,“ ſagte O'Flaherty,„doch halt; es ſteht freilich ſo manches Menſchenleben auf dem Spiel.“ Damit gingen ſie, ohne weiter zu ſprechen, nach den Wachtfeuern zurück, um welche die Andern herumſtanden. Als Brown ſich mit den Offizieren zu einer Bera⸗ thung zurückzog, vernahm Tom mit Vergnügen, wie mächtig ſeine zwei Gefährten während ſeiner Abwe⸗ ſenheit auf die Befürchtungen der Yankees eingewirkt hatten durch Schilderung der rachſüchtigen Wuth der Delawaren und ihrer Gelübde, die Miliz von Buffalo zu vertilgen. Bevor fünf Minuten verſtrichen, hatten ſie einen Entſchluß gefaßt. Nachdem O'Flaherty ſich feierlich verpflichtet, die Bedingungen des Vertrags buchſtäblich einzuhalten, kamen ſie dahin überein, mit ihren Waffen bis an die Furt zu marſchiren, dort dieſelben aufzu⸗ ſchichten, ſodann überzuſetzen und ſich ſo ſchnell als möglich nach Hauſe zurückzubegeben. Am nächſten Morgen bei Sonnenaufgang war von dem gedrohten Angriff auf das Fort Peak nichts mehr zu ſehen, als die rauchende Aſche einiger Holzfeuer— achtzig im Fort aufgeſtellten Musketen— und der gelbe Ocher, ſo wie die rothen Streifen, welche noch immer das Geſicht des geweſenen Indianerhäuptlings und nunmehr ſchlafenden Lieutenants Maurice Malone ſchmückten. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Der Paß des Couriers. 3 Eine zweite Nacht folgte auf den trübſelig langen Tag in der Diligence und die einzige angenehme Be⸗ trachtung erwuchs aus dem Bewußtſein, daß jede zu⸗ 299 rückgelegte Meile die Wahrſcheinlichkeit der Verfolgung vermindern und mich immer weiter von dem Schau⸗ platz meiner vielfachen Unruhe und Verdrießlichkeiten, ſo wie von der Affäre O'Leary entferne, unter welchem Titel die Pariſer bald ſehr viel zu ſchwatzen be⸗ kamen. Wie er ſich aus den zahlreichen Mißlichkeiten ſei⸗ ner Stellung herauswickeln werde, das bekümmerte mich, ehrlich geſtanden, weit weniger, als die Ungewiß⸗ heit meiner eigenen Schickſale. Ihm ſchien das Glück beſtändig zu lächeln— mich hatte es immer nur weit genug begleitet, um mich ſeine nachmalige Treuloſigkeit deſto ſchmerzlicher empfinden zu laſſen. Inwiefern ich mir ſelbſt dabei Vorwürfe zu machen habe, darüber wollte ich jetzt keine lange Betrachtungen anſtellen, ſon⸗ dern brütete nur in trüber, mißvergnügter Stimmung über die Thatſache. Der einzige Gedanke, der alle an⸗ dern beherrſchte, war: Wie wird Lady Jane mich em⸗ pfangen— bin ich vergeſſen— oder denkt man mei⸗ ner nur noch als des unglückſeligen Gegenſtandes jener Irrung, der zufolge ich unter der Maske eines ältern Sohnes gefeiert und mit der größten Zuvorkommenheit behandelt worden war? Welche Anſprüche ich hatte, ohne Vermögen, Rang, Einfluß und überhaupt Aus⸗ ſichten irgend einer Art, um die Hand des ſchönſten Mädchens ihrer Zeit und zugleich der Beſitzerin unge⸗ heurer Glücksgüter nachzuſuchen, das wagte ich mich nicht zu fragen— die Antwort würde alle meine Hoff⸗ nungen niedergeſchmettert und mich beſtimmt haben, auf weitere Bemühungen ein für allemal zu verzichten. „Sagen Sie den Leuten, Sie ſcien ein ausgezeichneter Prediger“ war der Rath eines alten gelehrten Geiſt⸗ lichen an einen jüngern und weniger erfahrenen Colle⸗ gen-„Sagen Sie es ihnen jeden Morgen, jeden Mittag und jeden Abend, dann werden ſie es zuletzt zu glauben anfangen.“ So dachte auch ich: ich will Cal⸗ lonbys die Ueberzeugung beibringen, daß ich eine ganz 3⁰0⁰ unvergleichliche Partie ſei. Sie ſollen es bei jeder Ge⸗ legenbeit zu hören bekommen— wenn ſie beim Früh⸗ ſtück ihre Journale aufſchlagen— wenn ſie beim Im⸗ biß ihre Suppe ſchlürfen— wenn ſie beim Mittageſſen ihre Handtücher zurecht lecen— wenn ſie Nachts zu ihrem Weine plaudern. Mein Einfluß im Hauſe wird unbegrenzt ſein— meine Liebhabereien wird man zu Rathe halten— nach meinen Abneigungen wird man ſich bequemen. Die Lçute, die bei mir in Gunſt ſie⸗ hen, werden dreimal in der Woche da Diniren— die⸗ jenigen, die ſich dieſes Glückes nicht zu erfreuen haben, müſſen ſich anderweitig zu t öſten ſuchen. Meine An⸗ fichtn über alle Gegenſtände werden ein Geſetz ſein, ob ich nun über Politik ein entſcheidendes Wort ſpreche, oder in Erörterungen über ein Feßmabl eingebe: und alles das werde ich erreichen, indem ich der Mylady auf gewandte Art ſchmeicle— dem Mylodd ein we⸗ nig vo renommire— der jüngſten Schweſter eine bin⸗ gekungsvolle Aufmerk amkeit widme— K lkee's Freund⸗ ſchaft ganz beſonders cultivire und Lady Jane auf eine höchſt entſc iedene Art vernachläſſige. Dies waren meine hol wachen Gedanken, als der ſchwere Wagen über das Pflaſter von Nancy rumpelte, und ich wurde aufgeweckt durch ein haſtiges Aufreißen des Schlages, zu weſchem ſich ein ehernes Geſſcht mit ſchwarzem Ba⸗ cken⸗ und Schr urrbart zwiſchen uns hereinſteckte. „Ihre Päſſe, Messieurs,“ ſagte der Commiſſär, während eine Laterne Einem um den Andern vor das Geſicht gehalten wurde, worauf wir ihm unſere zer⸗ knitterten und abgeriebenen Papiere überreichten. Die Nacht war ſtürmiſch und dunkel— Windſtöße brausten enher und jagten Donnerwolken vor ſich hin, indeß bald ein fallender Dack ziegel, bald eine zerbrochene Laternenſcheibe ihr klirrendes Getöne hineinmiſcten. Vergebens bemühte ſich der Offizier, die Päſſe offen zu halten, waͤhrend er ſeinen Namen einſchrieb, und juſt als das letzte Gekritzel beendigt war, erloſch die 301 Laterne. Mit einem ſündhaften Fluch über das Wetter warf er uns unſere Papiere en masse herein, ſchlug die Thüre zu und rief: en route! Von Neuem ſtolperten wir weiter, und ehe wir die letzten Laternen der Stadt hinter uns hatten, war die ganze Geſellſchaft bis auf mich allein wiederum in Schlaf verſunken. Stunde um Stunde verſtrich, der auf das Dach platſchende Regen und das harte Ge⸗ ſtampfe der Pferdehufen fügten ihre kläglichen Töne zu der Melancholie, die mich überſchlich. Endlich fuhren wir vor einem kleinen Gaſthof an, und aus dem Ge⸗ räuſch, ſowie der Geſchäftigk it außen konnte ich erſehen, daß hier die Pferde gewechſelt werden ſollten. Voll Verlangen, meine Beine zu ſtrecken und mich, wenn auch nur ſür einen Augenblick, aus der entſetzlichen Eintönigkeit der Nacht zu erlöſen, ging ich hinaus und ſchritt in das kleine Wirthszimmer. Hier loderte ein luſtiges Feuer in einem offenen Kamin, neben welchem eine ſtattliche Figur in Schafpelz, hohen Juchtenſtiefeln und einer tuchenen Reiſekappe mit go denem Bande ſtand, lauter äußere Anzeichen, aus denen ich auf das Gewerbe des Ueberbringers hätte ſchließen können hätte mir auch die Haſt, womit er das Abendeſſen verzehrte, nicht die Thatſache angekündigt, daß er ein Regierungs⸗ n kurier war.— „Spute Dich mit den Pferden, Antoine, ſonſt werde ich's dem Poſtmeiſter melden.“ ſagte er, den Mund mit einer Paſtetenkruſte gefüllt und einen Schluck Beauner nehmend, als ich eintrat. Ein verdroſſener Bauernlümmel mit einer Blouſe, Holzſchuhen und einer geſtreiften Nachtkappe erwiederte etwas in einem mir unverſtändlichen Patois, worauf ddeer Kurier wieder ſagte: 3 „Nun, ſo nimm die Pferde, die für die Diligence beſtimmt ſind, ich muß unter allen Umſtänden weiter; die Leute draußen find nicht ſo preſſirt; überdies wird den Gendarmen ein Ritt von etlichen Meilen erſpart, wenn ſie ihre Beute hier einholen.“ „Werden denn unſere Päſſe hier nochmals viſitirt?“ fragte ich den Kurier,„ſie ſind ja ſchon in Nancy be⸗ ſichtigt worden.“ „Nicht gerade viſitirt,“ erwiederte der Kurier, mich verdächtig anſehend und dann mit ſeiner frühern Ge⸗ fräßigkeit weiter eſſend. „Was haben wir denn alſo mit den Gendarmen zu ſchaffen, wenn ich fragen darf?“ „Sie ſind Jemand auf der Spur,“ antwortete der Kurier mürriſch und mit dem Tone eines Mannes, der nicht mit vielen Fragen beehrt zu werden wünſcht. Ich beſtellte ſogleich eine Flaſche Burgunder, füllte den großen Kelch, der vor ihm ſtand, und ſagte mit vieler Ehrerbietung: „Auf Ihre glückliche Reiſe, Herr Kurier.“ Darauf that er ſogleich Beſcheid, indem er ſeine Mütze abnahm und ſich höflich verbeugte, während er den Wein austrank. „Haben wir etwa einen davongelaufenen Gauner, oder einen flüchtigen Galeerenſklaven unter uns?“ ſagte ich lachend,„oder was ſoll dieſe Verfolgung 2 „Nein, Monsieur,“ antwortete der Kurier,„aber die Regierung hat Befehl ertheilt, auf dieſer Straße einen Mann zu verhaften, der in ein furchtbares, in Paris ſo eben zum Ausbruch gekommenes polniſches Komplott verwickelt iſt. Ich fuhr in Nancy an einer Reiterabtheilung vorbei, und binnen einer halben Stunde werden ſie wohl hier ſein.“ „Ein polniſches Komplolt? Ich habe doch Paris erſt vor zwei Tagen verlaſſen und nichts davon gehört.“ „Iſt das möglich? Am Ende iſt es vielleicht bloß eine Polizeigeſchichte; aber ſo viel iſt wahr, daß ſie im Meurice einen Mann deßwegen verhaftet haben, auf dem noch überdies die Anſchuldigung laſtet, im 303 ſeusean einen Raub⸗ und Mordverſuch gemacht zu aben.“ Ach! dachte ich mit einem halbunterdrückten Seuf⸗ zer, es iſt alſo nur zu wahr; dieſer Höllenbraten von O'Leary hat mich zu Grunde gerichtet. Ich werde jetzt nach Paris zurückgebracht und aus dem Gefängniß nur erlöst werden, um mich der Schande und Schmach eines öffentlichen Prozeſſes zu unterziehen. Was war zu thun?— Jeder Augenblick war koſtbar. Ich ſchritt auf die Thüre zu, um meine Auf⸗ regung zu verbergen. Alles war dunkel und düſter. Flucht hieß mein einziger Gedanke; aber wie dies an⸗ ſtellen? Jedes Geräuſch außen führte meinem ängſt⸗ lichen Gemüthe die nahen Tritte von Pferden vor— jedes Raſſeln des Pferdegeſchirrs däuchte mich wie das Geklirre von Polizeiſäbeln. Während ich noch zögerte, fühlte ich, daß mein Schickſal auf der Wage lag. Mich verbergen, war ſchlechterdings unmöglich, und um weiter zu kommen, hätte ich für all mein Geld keine Pferde erhalten kön⸗ nen. Meine letzte und einzige Hoffaung blieb alſo der Kurier; er konnte ſich vielleicht durch Geld gewinnen laſſen, ſich meiner mißlichen Lage anzunehmen. Freilich konnte ſeine Ueberzeugung von der Abſcheulichkeit des in Frage ſtehenden Verbrechens ihn abſchrecken, und für eine Auseinanderſetzung war keine Zeit mehr übrig, ſelbſt wenn er ſie hätte anhören wollen. Ich kehrte ins Zimmer zurück; er hatte ſein Mahl beendigt und beſchäftigte ſich jetzt mit allen Vorbereitungen, um einer naffen, ſchaurigen Nacht die Stirne zu bieten. Ich zögerte; die Furcht, für den Fall, daß er mein Aner⸗ bieten ausſchlage, jede Möglichkeit einer Flucht zu ver⸗ lieren, ſchreckte mich einen Augenblick ab. Endlich, als er ſich einen großen wollenen Shawl um den Hals band und ſein Koſtüm vervollſtändigt zu haben ſchien, nahm ich all meinen Muth für eine Kraftanſtrengung 304 zuſammen und ſagte mit ſo großer Dreiſtigkeit im Ton, als ich nur aufzuwenden vermochte: „Herr Kurier, ein Wort mit Ihnen.“ Hier ſchloß ich die Thüre und fuhr fort:„Mein Lebensglück, alle meine Ausſichten hängen davon ab, daß ich morgen Nacht in Straßburg eintreffe. Sie allein können mir dazu verhelfen. Eibt es irgend einen Preis, für wel⸗ chen Sie mir dieſen Dienſt leiſten wollen, nun, ſo bitte ich, ihn zu beſtimmen.“ „Alſo, Monsieur,“ verſetzte der Kurier langſam —„Sie ſind alſo der—“ „Sie haben's errathen,“ ſagie ich, ihn unterbre⸗ chend.„Nehmen Sie meinen Voſchlag an?⸗ „Uamöglich,“ antwortete er, rein unmöglich; denn ſelbſt wenn ich geneigt wäre, das Riſiko für meine eigene Perſon zu übernehmen, ſo würde Ihnen dies nicht heifen; gleich in der Stadt, wohin wir kommen, würde man Ihnen den Paß abfordern, und da von einer miniſteriellen Erlaubniß, mit dem Kurier zu reiſen, nichts darin erwähnt iſt, ſo würden Sie alsbald an⸗ gehalten und verhaftet werden.“ „Dann bin ich verloren!“ ſagte ich, mich auf einen Stuhl werfend, bei welcher Bewegung mein Paß, den ich in meiner Bruſttaſche hatte, heraus und dem Kurier vor die Füße fiel. Er hob ihn auf und öffnete ihn mit Muße. Ich war von meinem Unglück dermaßen in Anſpruch genommen, daß ich einige Minuten lang nicht merkte, wie er, während er den Paß las, von Zeit zu Zeit ſchmunzelte, bis mich endlich ein herzliches Ge⸗ lächter aus meiner gedankenſchweren Verſunkenheit weckte. Mein erſter G danke war, ihn bei der Kehle zu packen, doch kämpfte ich meinen Unmuth mit Anſtrengung nie⸗ der und ſagte: „Darf ich fragen, in wie fern meine Stellung in dieſem Augenblick Ihnen ſo ungemein ergötzlich erſcheinen kann? Iſt vielleicht etwas ſo ausnehmend Drolliges, ſo ungemein Spaßzaftes in meiner Lage— oder welche —jy— 30⁵ belondere Gabe beſitzen Sie, die mich verhindern könnte, Sie zum Fenſter hinauszuwerfen?“ „Ach, lieber Herr,“ ſagte er, halberſtickend vor Lachen,„wiſſen Sie auch, in welchen Irrthum ich ver⸗ fallen wahr? Es iſt wirklich zu gut. Wenn Sie' er⸗ rathen könnten, für wen ich Sie angeſehen hatte, Sie würden auch lachen.“. Hier wurde er von ſeiner Luſtigkeit dermaßen überwältigt, daß er ſich niederſetzen mußte; er ſank auf einen Stuhl mir gegenüber und ſchüttelte ſich wirk⸗ lich vor Lachen. Wenn dieſe Komödie vorüber iſt, dachte ich, ſo werden wir vielleicht anfangen, einander zu verſtehen. Da ich inzwiſchen keine Ausſicht hiezu erblickte, ſo wurde ich am Ende ungeduldig, ſprang ſtampfend auf und ſagte: 3 „Es iſt genug, Herr, mehr als genug mit dieſen Poſſen. Glauben Ste mir, Sie haben alle Urſache, Gott zu danken, daß meine gegenwärtige Verlegenheit mich dermaßen in Anſpruch nimmt, daß ich keine Zeit habe, Sie tüchtig durchzuprügeln.“ 3 „Bitte tauſend Mal um Vergebung,“ ſagte er demüthig;„aber ich bin überzeugt, Sie werden mir ver⸗ zeihen, wenn ich Ihnen ſage, daß ich dumm genug war, Sie für den flüchtigen Engländer zu halten, welchem die Gendarmen auf der Ferſe ſind. Das iſt doch ge⸗ wiß ſehr gut, he?“ 4 „O ja, verdammt gut— aber was meinen Sie denn eigentlich?⸗ 3 „Ei, ich hielt Sie für den Kerl, der im Frascati den Spektakel machte und alles das—“ 19„Und nun was weiter? Alſo für den hielten Sie mich.“„. „Allerdings, ſo lange, bis ich Ihren Paß ſah.“ „Bis Sie meinen Paß ſahen!“ Zum Henker, was kann er damit meinen? dachte ich.„Aber wie,“ fügte ich halb ſcherzend hinzu, wie konnten Sie auch in einen ſolchen Irrthum verfallen?“ „Ei, Ihr verblüfftes Benehmen— Ihre Ungeduld weiter zu kommen— Ihre haſtigen Fragen— Alles das waren mir Beweiſe. Ich hätte wahrhaftig die größte Wette eingegangen, daß Sie der Engländer wären.“. Wofür mag er mich um Gotteswillen jetzt halten? dachte ich, indem ich mich bemühte, in ſein Gelächter über einen ſo ſpaßhaften Mißgriff einzuſtimmen. „Doch wir verzögern uns entſetzlich,“ ſagte der Kurier.„Sind Sie bereit?“ „Bereit?— Zu was bereit?“ „Mit mir zu fahren natürlich. Sie wünſchen ja doch früh nach Straßburg zu kommen?“ „Allerdings wünſche ich das.“ „Nun denn, ſo kommen Sie. Aber bitte, denken Sie jetzt nicht an Ihr Gepäck, denn meine Kaleſche iſt beladen. Ihre Inſtrumente können in der Diligence nachkommen.“. „Meine Inſtrumente in der Diligence! Er iſt toll — ſo viel liegt auf der Hand.“ „Wie werden ſie in Straßburg über meinen Irr⸗ thum lachen?“ 3 „Ja, das werden ſie,“ dachte ich.„Nur ſteht ſehr zu bezweifeln, ob Sie dann mitlachen werden.“ So ſprechend folgte ich dem Kurier durch die Thüre, ſprang in ſeine Kaleſche und jagte im nächſten Augen⸗ blick über das Pflaſter dahin mit einer Schnelligkeit, die jeder Verfolgung Trotz bot und uns für den lan⸗ gen Aufenthalt bald zu entſchädigen verſprach. Kaum war der pelzgefütterte Deckel der Kaleſche eingehängt und die Fenſter hinabgelaſſen, als ich mich mit dieſem neuen Abenteuer zu beſchäftigen anfing. Da ich mei⸗ nen Paß von dem Augenhlick an, wo Trevanion ihn mir in Paris übergab, nicht mehr angeſehen hatte, ſo kannte ich auch ſeinen Inhalt nicht und befand mich 307 folglich in gänzlicher Unwiſſenheit, welche Anſicht er von mir veranlaſſen könne. Wenn ich den Kurier dar⸗ nach fragte, ſo konnte dieſer wieder Verdacht ſchöpfen; ich war alſo ganz und gar im Unklaren, welchem Um⸗ ſtande ich ſeine plötzliche Umwandlung zu verdanken habe, oder in welcher Eigenſchaft ich mit ihm reiſe. Von Neuem und abermals tauchte der Gedanke an Verrath in mir auf.„Steht er in Begrtff, mich den Gendarmen zu überliefern? Und fahren wir jetzt blos nach Nancy zurück Wenn es ſo ſteht, Monsieur le Courrier, dann mag mein Schickſal ſein, welches es wolle, das Ihrige iſt gewiß kein beneidenswerthes.“ Meine Betrachtungen über dieſen Punkt wurden bald un⸗ terbrochen, denn mein Begleiter kam von Neuem auf ſeinen Irrthum zurück und verſicherte mich, daß er mög⸗ lichſt nahe daran geweſen ſei, mich in der falſchen Meinung, daß ich ich ſei, zurückzulaſſen; zugleich be⸗ merkte er, ganz Straßburg werde entzückt ſein, mich zu ſehen, eine Nachricht, die mir um ſo mehr ſchmei⸗ cheln mußte, als ich keinen Menſchen dort kannte und in meinem Leben nie dort geweſen war; endlich nach⸗ dem er mich eine Stunde lang mit Frageu über meine Liebhabereien, Gewohnheiten und Beſchäftigungen ge⸗ quält, verſank er in einen feſten Schlaf und überließ mir die Löſung des ſchwierigen Problems, ob ich nicht Jemand anders oder— der einzige ſonſt noch denkbare Fall— ob nicht vielleicht vas Kurierreiſen ein Mittel ſei, welches die Aerzte wahnfinnigen Patienten ver⸗ ordnen. 4 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Eine Nacht in Straßburg. Mit Tagesanbruch fing mein Jammer von Neuem an; denn nachdem er das Fenſter hinabgelaſſen und ei⸗ 308 nige ſehr inbrünſtige Flüche über den Poſtillon losge⸗ donnert, weil er nicht ſchneller fuhr, as ſeine Pferde zu laufen im Stande waren, kam der Kurier abermals auf ſeinen Mißgriff von geſtern Abend zurück und ſchickte ſich an, mich in aller Gemächlichkeit über die wahr⸗ ſcheintiche Dauer meines Aufenthaltes in Straßburg zu katechiſiren, wohin ich von da weiter reiſen werde u. ſ. w. Da ich immer noch im Zweifel war, für was oder wen er mich hielt, ſo antwortete ich mit der größ⸗ ten Umſicht und lauerte fortwährend voll Begierde auf irgend einen Schlüſſel, der mir eine Entdeckung mei⸗ ner ſelbſt ermöglichen würde. Auf dieſe Art brachte ich, indem ich gelegentlich allen zu nah eingebenden und zu nachdrücklichen Fragen auswich und zuweilen, wenn ich hart bedrängt wurde, mich ſchlafend ſtellte, den langen, angſtoollen Tag hin— augſtvoll, denn die Furcht, eingehott zu werden, miſchte ſich beſtändig in den Gedanken, irgend ein unglückſeliges Geſtändniß von meiner Seite möchte dem Kurier meinen wirklichen Charakter enthüllen, und er könnte mich dann gleich auf der nächſten Station den Behörden überantworten. Könnte ich nur die Rolle errathen, die ich ohne mein Wiſſen jetzt ſpielen muß, dachte ich, ſo wollte ich es ſchon ſo einrichten, daß er in ſeiner Täuſchung ver⸗ bliebe; aber meine Aufmerkſamkeit war ſo vollſtändig durch ſeine Anfälle, die ich alle zu pariren hatte, in Anſpruch genommen, daß ich ſchlechterdings auf keine Spur kommen konnte. Endlich als die Nacht heran⸗ rückte, erfriſchte der Gedanke, daß wir uns Straßburg nähern, meine Lebensgeiſter von Neuem, denn ich hielt es für durchaus nicht ſchwer, mich von hier aus allen Verfolgungen zu entziehen, auch freute ich miw unaus⸗ ſprechlich, meinen gegenwärtigen Quälgeiſt los zu wer⸗ den, der, ſo oft ich aus einem Halbſchlummer erwachte, auf unſer eigenthümliches Zuſammentreffen zurückkam mit einer Hartnäckigkeit, die, wenn ſie nicht wirklice 7— 309 Pesbei war, doch die größte Aehnlichkeit mit einer ſol⸗ chen hatte. „Da ich ſehe, daß dies ihr erſter Beſuch in Straß⸗ burg iſt,“ ſagte der Kurier,„ſo kann ich Ihnen durch Empfehlung eines Gaſthofes vielleicht einen D enſt er⸗ weiſen. Ich rathe Ihnen, ſteigen Sie im Bären ab — ein ganz vortreffliches Hotel und kaum zeyn Minu⸗ ten vom Theater entfernt.“ Ich dankte ihm für den Rath, und hoch erfreut über die Thatſache, daß mein Doppelgänger, er mochte nun ſein, wer er wollte, in der Stadt unbekannt war, begann ich einer kleinen Hoffnung Raum zu geben, daß ich mich vielleicht auch durch dieſe Klemme, wie ſchon durch viele andere glücklich durchſchlagen werde. „Man hat die Hugenotten für Ihre Ankunft auf⸗ geſpart und ganz Straßburg harrt Ihrem Eintreffen mit Ungeduld entgegen.“. „Wirklich?“ ſagte ich etwas murmelnd, das be⸗ ſcheiden klingen ſollte;„wer zum Teufel bin ich denn, um all dieſen Lärm zu verurſachen? Ich hoffe zu Gott, doch nicht der neue Präfekt oder der Oberbefehlshaber.“ „So viel ich weiß, iſt die Zauberflöte Ihre Lieb⸗ lingsoper.“ 3. „Ich kann nicht ſagen, daß ich ſie gehört habe— ich meine nämlich gut aufgeführt.“ Hier quälte ich mich ab vor Angſt mich vergeſſen und vielleicht in Gefahr gebracht zu haben. „Ein großes Unglück! Nun ich hoffe, Sie ſollen das nicht mehr lange zu ſagen haben; inzwiſchen find wir am Ziel— hier iſt der Bären.“ Wir raſſelten zu dem geräumigen Hofthor eines großen Hotels ein— der Poſtillon knallte mit ſeiner ungeheuren Peitſche und von allen Seiten klingelte es, wie wenn der Kronprinz von Rußland angefahren wäre, naicht aber ein armer Subalterner des 4ten Infanterie⸗ regiments. Bekenntniſſe Lorrequers. I. 20 Der Kurier ſprang heraus, rannte zu dem Wirth hinauf und flüſterte ihm ein paar Worte ins Ohr, worauf dieſer mit einem tiefen: Ah, wirklich! ant⸗ wortete und mich dann mit einer Höflichkeit begrüßte, bei der mir ganz unheimlich zu Muthe wurde. „Ich werde morgen meine Aufwartung machen,“ fagte der Kurier, indem er mit großer Eile weiter fuhr, um ſeine Depeſchen abzugeben, und es meinem eigenen Scharfſinn überließ, eine Nolle durchzuführen, über welche ich nicht die entfernteſten Muthmaßungen hatte. Auch meinen Paß, das einzige, was einiges Licht auf die Sache werfen konnte, hatte er mitgenommen mit dem Verſprechen, ihn viſiren zu laſſen, um mir jede Mühe zu erſparen. Von allen mißlichen und beklemmenden Lagen, worin ich mich in meinem Leben ſchon befunden, war dieſe gewiß die ſchlimmſte; denn ſo oft es ſchon mein Loos geweſen, andere Perſonen vorzuſtellen, ſo hatte ich doch immer das Glück gehabt, zu wiſſen, als was und als wer ich auftrat. Nun aber konnte ich alles ſein, vom Marſchall Soult bis herab auf Monſieur Scribe; nur eines war gewiß, nämlich, daß ich eine Celebrität war. Die verdammten Umſtände und Com⸗ plimente, womit man mich empfing, bewieſen mir dieſe Thatſache und führten mich auf die angenehme Betrach⸗ tung, daß meine Entdeckung, im Fall ſie ſtatt haben ſollte, jedenfalls eine ſehr allgemeine Publizität im Ge⸗ folge haben würde. Nachdem ich mit einer gewiſſen rüchhaltſamen Miene, die im Stande war, ſelbſt einen elſäßiſchen Gaſtwirth von weitern zudringlichen Fragen abzuhalten, ein Abendeſſen beſtellt, benützte ich meine Zeit zu einem Spaziergang an den Fluß. Da lag er, der breite, glänzende Rheinſtrom, mich durch einen kurzen Abſtand von dem Lande trennend, in das ich nur einen Fuß zu ſetzen brauchte, um für immer ſicher zu ſein. Nie hat dieſe große Völkergrenze einen ſo gewalti⸗ gen Eindruck auf mich gemacht, als jetzt, da meine eige⸗ 311 nen armſeligen Intereſſen und Verhältniſſe auf dem Spiele ſtanden. Die Nacht ſenkte ſich ſchnell auf die niedrigen, flachen Ufer des Stromes herab, und nichts bewegte ſich, als ſeine unaufhörlich kräuſelnden Wellen. Ein einziges Fiſcherboot war am Waſſer. Ich grüßte den einſamen Inhaber deſſelben und beſtimmte ihn nach kurzer Unterhandlung, mich überzuſetzen. Dies konnte jedoch nur geſchehen, wenn die Nacht weiter vorgerückt war— denn man durfte nur zu gewiſſen Stunden und zwiſchen zwei feſtgeſetzten Punkten, wo Zollbeamte ſtationirt waren, hinüberfahren. Der Fiſchersmann ließ ſich indeſſen leicht durch einiges Geld beſtimmen, das Geſetz zu umgehen und bedang ſich blos aus, daß ich mich vor Tagesanbruch beim Ufer einzufinden habe. Nachdem ich dieſen Punkt zu meiner Befriedigung er⸗ ledigt, kehrte ich in weit beſſerer Laune in mein Hotel zurück und trank zu einer Straßburger Gänſeleber⸗ paſtete eine Flaſche Nierenſteiner auf meine baldige Befreiung. Wie ich die langen, trübſeligen Stunden zwiſchen dieſer Zeit und meiner Abreiſe hinbringen ſollte, das wußte ich nicht; denn ſo müde ich war, ſo ſah ich doch ein, daß ich unmöglich ſchlafen konnte. Das üb⸗ liche Anskunftsmittel einer Plauderei mit dem Wirth konnte mir gleichfalls zu nichts dienen, und alles, was übrig blieb, war das Theater, das, wie ich mich erin⸗ nerte, zum Glück nicht weit vom Hotel lag. Es wurde eine Oper gegeben und das Haus war gedrängt voll; inzwiſchen erhielt ich durch einige ge⸗ wandte Manipulationen zuletzt doch noch einen Platz in einer Loge, unweit der Bühne. Das Stück ſelbſt, genannt die Freimaurer, wurde vortrefflich durchge⸗ führt und erwarb ſich von Seite des Publikums, das durch ſeine Muſikkennerſchaft bekannt iſt, wiederholten donnernden Beifall. Was mich betraf, ſo war mir das Haus eben ſo merkwürdig wie die Oper. Der An⸗ blick von mehreren hundert Leuten, welche die höchſten 312 Leiſtungen des muſtkaliſchen Genius vollkommen zu ſchätzen und zu genießen wußten, war mir vollkommen neu und überraſchend. Endlich ſiel der Vorhang nach dem fünften Akt und nun erſcholl das betäubendſte Bravogeſchrei und inmitten des lärmendſten Enthuſias⸗ mus kündigte der Direktor die Oper für den folgenden Abend wieder an. Kaum hatte ſich dieſer Lärm gelegt, als ein Getöſe ſich durch das Haus verbreitete. Im Anfang war es leiſe und gedämpft, allmälig aber wurde es immer lauter; es zog ſich von den Logen auf den Balkon, vom Balkon aufs Parterre und endlich auch auf die Gallerien. Zahlreiche Gruppen ſtanden auf den Bänken und blickten ſtarr nach einer Seite des Hauſes; ſodann drehten ſie ſich um und ſchauten ebenſo geſpannt nach der andern. Was mag dieß bedeuten? dachte ich. Brennt es vielleicht im Theater? gewiß iſt ein Unglück geſchehen. In dieſer Ueberzeugung und angeſteckt vom Geiſt der Neugierde ſlieg ich auf einen Sitz und ſchaute mich nach allen Seiten um, aber noch immer unfähig, den Gegenſtand zu entdecken, der die allgemeine Aufmerk⸗ ſamkeit anzuziehen ſchien, wollte ich eben meinen Platz wieder einnehmen, als meine Augen auf ein wohlbe⸗ kanntes Geſicht ſielen, in welchem ich alsbald meinen Reiſegefährten, den Kurier erkannte. Um nicht von ihm entdeckt zu werden, wollte ich mich ſchnell wieder ſetzen, aber bevor ich dieß ausführen konnte, hatte der Kerl mich bemerkt und erkannt; ich ſah jetzt ſogar, wie er mit entzückten Geberden mich einigen Freunden neben Parterre ein neuer Lärm ausbrach, die Worte: l'au- teur! l'auteur! miſchten ſich in das laute Geſchrei: Meerberger! Meerberger heraus! So, dachte ich, wie — 318 es ſcheint, iſt alſo der große Componiſt hier. Bei Gott! den muß ich noch ſehen, ehe ich gehe. Ich lehnte mich alſo weit über meine Loge hinaus und blickte um mich, voll Begierde, einen der Koryphäen ſeiner Zeit und ſeines Landes zu ſchauen. Wie groß war aber meine Ueberraſchung, als ich bemerkte, daß vielleicht zweitauſend Augen feſt auf die Loge geheftet waren, in der ich ſaß, während ungefähr halb ſo viel Kehlen unaufhörlich ſchrien: Meerberger— es lebe Meerber⸗ ger— es lebe der Verfaſſer der Freimaurer, Meer⸗ berger— die Freimaurer hoch! Ehe ich mich umkehren konnte, den Helden der Scene zu ſehen, wurden meine Beine von unten gefaßt, und ich ſelbſt von mehreren ſtarken Männern empor gehoben und über die Loge hinaus gehalten, während das ganze Publikum ſich in Maſſe erhob und mich— ja mich, den Harry Lorre⸗ quer— mit einem Jubel begrüßte, der das Haus er⸗ ſchütterte. Voll Angſt, ins Parterre hinab zu fallen, wenn ich nur die mindeſte Bewegung machte, und halb außer mir vor Schreck ſtierte ich wie ein Beſeſſener um mich, während eine ſchöne junge Dame, welche ihr Begleiter an der Hand hielt, auf dem Stand der Loge herum trippelte und mir anmuthsvoll einen Kranz von Noſen und Lorbeeren auf die Stirne drückte. Hier war der Applaus erdbebenartig. „Hol' der Teufel Euch alle zuſammen,“ war meine dankbare Antwort auf ein ſo ſchallendes Jubelgeſchrei, als nur je die Mauern eines Hauſes erzittern machte. „Auf die Bühne! auf die Bühne!“ ſchrie der Theil des Publikums, der ſich auf derſelben Seite wie ich befand und mich daher beſſer zu ſehen wünſchte; ſo wurde ich denn eine ſchmale Treppe hinab durch eine Seitenloge auf die Bühne gezogen, über das halbe Balletcorps hinweg, das ſich eben bereit hielt, herein zu tänzeln. Was half es mir, daß ich wie ein Beſeſ⸗ ſener um mich ſchlug, ſtieß und ſtampfte, man bracte mich mit Gewalt hinein, und der Direktor führte mich 314 bis an die Lampen vor, während meine zerquetſchen Wangen und zerriſſenen Kleider einen jammervollen Contraſt zu meinem Blumenkranz bildeten. Gott ſei geprieſen, die Menſchenkinder find nur bis zu einem gewiſſen Grad einer Kraftanſtrengung fähig, und die eine Hälfte des Publikums huſtete ſich beinahe die Lunge heraus, während die andere ſich binnen weniger als fünf Minuten ſo heiſer ſchrie wie ein Rieſenfroſch. „Ihr werdet es drei Wochen lang in Euern Häl⸗ ſen ſpüren; das iſt mein einziger Troſt,“ dachte ich, indem ich unter vielen Bücklingen durch die Thüre, die ich herein gekommen war, wieder abtrat, während die tauſend Stimmen des Parterre's meinen Namen oder, wie gerade der Geiſt über ſie kam, den Namen einer meiner Opern brüllten. Als ich hinter das Proſcenium zurück kam, hatte ich, nur in engern Grenzen, deinahe eben ſo viel auszuſtehen, wie vor dem Publikum. Nachdem ich eine zwei Minuten lange Umarmung von Seite des Direktors ausgehalten, warf ich den Hand⸗ ſchuh der Prima Donna, dem letzten Triangel des Or⸗ cheſters an den Kopf, der mir, um ſich Zeitlebens eines Souvenir rühmen zu können, hinten am Rock einen Knopf abſchnitt. Dieſe ganze Zeit über hatie ich, das muß ich geſtehen, ſelbſt ſehr wenig zu thun. Die Leute waren ſo überglücklich in ihrer Selbſttäuſchung, daß ſie mir nicht geglaubt hätten, und wenn ich vor dem Maire— für den Fall nämlich, daß es in einer ſol⸗ chen Narrenſtadt einen ſolchen Beamten geben ſollte— eine eidlich bekräftigte Erklärung niedergelegt hätte. Müde und erſchöpft von all' dem ausgeſtandenen Unge⸗ mach ſetzte ich mich endlich auf eine Bank und barg, als wäre ich von meinen Gefühlen überwältigt, das Geſicht in mein Schnupftuch. Dieß war der erſte, ru⸗ hige Augenblick, der mir ſeit meiner Ankunft zu Theil wurde; aber er ſollte nicht lange währen, denn der Direktor neigte jetzt ſein Haupt unmittelbar an mein Ohr und wiſperte:. — —— 315 1„Monſieur Meerberger, ich habe eine Ueberraſchung hir Sie, wie Sie gewiß ſchon lange Zeit keine gehabt d. en.“ „Das will viel heißen,“ dachte ich.„Wenn ſie jetzt einen König Salomo aus mir machten, ſo würde es mich nicht mehr in Erſtaunen ſetzen.“ „Und wenn ich Ihnen mein Geheimniß ſage,“ fuhr er fort,„ſo werden Sie zugeben müſſen, daß ich nicht ſehr eiferſüchtiger Natur bin. Madame Baptiſte hat mir ſo eben geſagt, ſie kenne Sie von frühern Zeiten her und Sie— d. h. Sie haben— Sie verſtehen mich — es habe ſo zu ſagen eine kleine Liebſchaft zwiſchen Ihnen ſtattgefunden.“ Ich ſeufzte im Geiſt und dachte:„Jetzt iſt an keine Kettung mehr zu denken— hol' der Teufel Ihre Re⸗ miniscenzen.“. „Ich ſehe wohl,“ fuhr der gute Eheberr fort,„Sie können nicht errathen, von wem ich ſpreche; aber wenn ich Ihnen den Namen Amelie Grandet nenne, ſo wird Ihr Gedächtniß vielleicht beſſer ſein.“ „Amelie Grandet!“ ſagte ich theatraliſch zuſammen⸗ fahrend; ich brauche nicht zu erwähnen, daß ich dieſen Namen zum erſten Mal hörte.„Amelie Grandet hier!“ „Ja, das iſt ſie,“ erwiederte der Direktor, ſich die Hände reibend,„und zwar iſt ſie meine Frau“— „Verheirathet!— Amelie Grandet verheirathet! Nein, nein, es iſt nicht möglich, ich kann's nicht glau⸗ ben— aber wenn es wahr wäre— wenn es wirklich wahr wäre, ſo möchte ich für Alles in der Welt nicht mit ihr zuſammen treffen.“— „Coment il est droôle,“ ſagte der Direktor laut mit ſich ſelbſt ſprechend,„meine Frau nimmt die Sache viel leichter, denn ſie haben einander ſeit ihrem fünf⸗ zehnten Jahre nicht mehr geſehen.“ „Ho, ho,“ dachte ich,„dann iſt die Sache nicht halb ſo ſchlimm, die Zeit macht große Veränderungen, 316 „und erinnert ſie ſich meiner noch?“ ſagte ich mit der Stimme eines Romeo im Garten. „Ja, ſie erinnert ſich noch des kleinen Jungen, der in dem Obſtgarten am Häuschen ihrer Mutter bei Pirna mit ihr ſpielte, und mit dem ſie ſo oft auf der Elbe herum gefahren iſt. Aber kommen Sie, meine⸗ Frau beſteht darauf, Sie zu ſehen, und wartet auf un⸗ ſerem Zimmer mit einem Abendeſſen auf Sie.“ „Eine echte Deutſche muß ſie jedenfalls ſein,“ dachte ich,„mit ihren Sympathien und ihrem Abend⸗ eſſen— vermuthlich jagen ihr ihre Reminiscenzen und der Rheinwein gemeinſchaftlich durch das Hirn.“ Aus unſerer langen Trennung von einander fri⸗ ſchen Muth ſchöpfend, folgte ich dem Direktor durch eine Wildniß von Pavillons, Wäldern und Waſſerfäl⸗ len, und endlich gelangten wir an eine kleine Thüre, an welcher er leiſe anpochte. „Herein,“ rief eine ſanfte Stimme von innen. Wir öffneten und erblickten eine ſehr ſchöne junge Frau im Tyrolercoftüm. Sie ſollte im zweiten Stück auftreten — ihr niedriges Schnürleibchen und der kurze ſchar⸗ lachene Unterrock ließen das vollkommenſte Ebenmaß der Formen und die lieblichſte Rundung der Verhält⸗ niſſe zur Entwicklung kommen. Sie machte, als wir eintraten, eben ihr Haar vor einem niedrigen Spiegel und drehte ſich kaum, als wir uns näherten. Dann aber ſprang ſie, als hätte ein plötzlicher Gedanke ſie durchzuckt, ſchnell herum, blickte mich über eine Minute lang— die wirklich höchſt qualvoll war— feſt an, ſah ſodann ihren Ehegemahl an, auf deſſen Geſicht deutlich zu leſen ſtand, daß ſie Recht habe, warf ſich endlich mit dem Ausruf: Er iſt's— ja, er iſt's, in meine Arme und ſchluchzte krampfhaft. 3 „Wenn dieß die einzigen Früchte meiner Verper⸗ ſönlichung! ſind,“ dachte ich,„ſo iſt die Sache nicht ſo ſchlimm; aber ich ſfürchte ſehr, die guten Leute wer⸗ 317 den vor Morgen auch ein Weib mit ſieben Kinderlein ausfindig machen.“ Ob der Direktor glaubte, es ſei für den Bühnen⸗ effekt genug geſchehen, weiß ich nicht; aber er machte die liebenswürdige Amelie ſanft von mir los und führte ſie an einen Sopha, allwo ſie mich mit einem Blick aus einem höchſt verführeriſchen blauen Augenpaar ſchnell an ihre Seite winkte. „Mein lieber Franz, Du mußt die Chaumire aufgeben, ich kann heute Abend nicht ſpielen.“ „Aufgeben! denk' doch auch an das Publikum, mein Herzchen— Sie werden das Haus einreißen.“ „Das iſt möglich,“ verſetzte ſie gleichgültig,„wenn es ihnen Vergnügen macht, ſo kann man ſie nicht daran verhindern; aber man muß mir doch meinen Willen auch ein wenig laſſen. Ich ſpiele nicht.“ Der Ton, in welchem dies geſagt wurde, der Blick — die zuverſichtliche, kommandirende Gebärde— die jammervolle Niedergeſchlagenheit des unglücklichen Ehe⸗ herrn endlich, bewies mir, daß Amelie, wenn ſie auch als Liebchen ſehr gefügig ſein mochte, als Frau gewiß ihren eigenen Weg wandelte. Während alſo der liebe Franz ſich entfernte, um dem Publikum den Vorſchlag zu machen, etwas Anderes ſtatt der Chaumière zu geben, indem ein plötzliches Un⸗ wohlſein der Madame Baptiſte ſie aufzutreten verhin⸗ dere, begannen wir unſere alte Bekanntſchaft mit tau⸗ ſend Fragen über jene lang entſchwundene Zeit zu er⸗ henenß da ſie mein Schätzchen und ich ihr Liebhaber geweſen. „Sie erinnern ſich alſo meiner noch gut?“ ſagte ich. „Ja, wie wenn es von geſtern wäre. Sie ſind viel ſchlanker und Ihre Augen dunkler, aber die Grund⸗ züge haben ſich nicht verwiſcht. Sie müſſen übrigens wiſſen, daß wir Sie ſchon ſeit zwei Tagen erwarten; — ziun ſagen Sie mir aufrichtig, wie finden Sie mi 71 ᷣ 318 „Schöner, tauſendmal ſchöner als je; nur Eines will mir nicht gefallen, Amelie.“ „Und das wäre?“ „Sie ſind verheirathet.“— „Sie ſcherzen. Aber laſſen Sie uns einmal zurück⸗ blicken, denken Sie auch noch an unſere alten Verträge?“ hier zupfte ſie ein Blatt von einer Roſenknospe in ihrem Bouquet ab und küßte es;„und ich wette, das haben Sie vergeſſen.“ Gott weiß, wie ich auf dieſes maureriſche Zeichen geantwortet haben würde, ader glücklicherweiſe trat der Direktor herein, um uns zu melden, daß das Publi⸗ kum ſich in ſeiner Güte dazu verſtanden habe, das Haus nicht einzureißen, ſondern ſtatt deſſen eine fünfaktige Tragödie anzuhören, worin er ſelbſt die Hauptrolle hatte. „Warte alſo mit dem Souper nicht auf mich, Amelie, und unterhalte mir Herrn Meerberger recht gut, bis ich zurückkomme.“. So wurden wir denn auf's Neue unſern Erin⸗ nerungen überlaſſen, bei welchen ich, wenn ich auch manchmal hart in's Gedränge kam, den Krieg regel⸗ mäßig in's feindliche Land ſpielte, durch flüchtige Er⸗ wähnung von Ereigniſſen, die, wie ich wohl nicht zu bemerken brauche, niemals ſtattgefunden haben. Unter tauſend Geſchichten von unſerer Jugendliebe, worin ſich gelegentliche Seufzer über ihren flüchtigen Charakter miſchten, bald in wehmüthigen Rückblicken auf die glück⸗ liche Vergangenheit uns ergehend— bald über die Zu⸗ kunft moraliſirend— plauderten Amelie und ich die Stunden hinweg, bis die Tragödie zu Ende geſpielt war. Mittlerweile rückte die Zeit der Abreiſe heran— und nach einem äußerſt zärtlichen Abſchied von meinem neuen Freunde und meiner alten Liebe verließ ich end⸗ lich das Theater, um langſam am Fluſſe hinzugehen. „So verhielte es ſich alſo mit Jugendneigungen,“ dachte ich;„wie unendlich mehr Vergnügen finden wir 319 doch, wenn wir uns unſere Vergangenheit nach unſerer Phantaſie ausmalen, als wenn wir uns ihrer ſo erin⸗ nern, wie ſie wirklich war!— Hinweg mit all dem unerträglichen Kauderwelſch von glücklicher Kindheit und den herrlichen Tagen der Schulzeit, die in der Regel faktiſch keine ſolidere Grundlage haben, als die Luft⸗ ſchlöſſer, welche wir uns für die Zukunft bauen. Ich weite, der wirkliche Jugendliebhaber, wenn er kommt, iſt der ſchönen Amelie nicht halb ſo lieb, wie ſein un⸗ würdiger Schatten; indeß wünſche ich ſehr, daß Lady Jane nicht auch auf premiers amours zurückzublicken hat, außer auf ſolche, worin ich eine Rolle geſpielt.“ Das Plätſchern von Rudern in meiner Nähe weckte mich aus dieſen Träumereien auf, und der nächſte Augenblick ſah mich über den ſchönen Rheinſtrom fahren. Was werden ſie in Straßburg morgen ſagen? Wie werden ſie ſich das gebeimnißvolle Verſchwinden des Monſieur Meerberger erklären? Arme Amelie Grandet! Denn ſo vollſtändig hatten meine letzten Begegniſſe meine Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen, daß ich für den Moment das ſeltſamſte von allen aus dem Auge verloren hatte, nämlich wie ich dazu gekommen war, t de weltberühmten Componiſten verwechſelt zu werden. 4 Dreißigſtes Kapitel. 1 Eine Ueberraſchung. Es war am folgenden Tag ſchon ſpät, als ich aus dem langen, tiefen Schlaf erwachte, der meine Arbei⸗ ten in Straßburg beſchloß. In der Verwirrung der erſten Gedanken wähnte ich immer noch, vor einem ſehr zahlreichen und enthuſiasmirten Publikum zu ſein. Der Glanz der Lampen— das Getöͤſe des Orcheſters 320 — das jubelnde Gebrülle l'auteur, l'auteur— alles das ſchwebte mir vor und machte mir den Kopf ſo verwirrt, daß ich, als der Kellner mit heißem Waſſer eintrat, dem Drange nicht widerſtehen konnte, mit der einen Hand meine Nachtmütze herabzureißen und die andere an mein Herz zu drücken, nach dem üblichen Theaterſtyl beim Dank für einen höchſt ſchmeichelhaften Empfang. Der verblüffte Blick des armen Burſchen, der ſich der Thüre näherte, um zu entfliehen, weckte mich aus meiner halben Verrücktheit und führte mich zu der Ueberzeugung, daß der Verdacht der Mondſucht noch ein weit ſchwererer Anklagepunkt ſein könnte, als wei Hineinfahren in die Geſtalt des Monſieur Meer⸗ erger. Mit Gedanken dieſer Art nahm ich meine zuver⸗ ſichtlichſte Haltung an, beſtellte mein Frühſtück in der regelrechteſten Weiſe— verzehrte es wie ein Menſch, der fünf Sinne hat; und als ich mich in dem weiden⸗ geflochtenen Fuhrwerk, das ſie Kaleſche nannten, zurück⸗ warf und Kehl Lebewohl ſagte, da hätte mir gewiß die ganze Wirthshausgenoſſenſchaft vor jedem Gerichtshof in Europa ein Zeugniß für die Geſundheit meines Kopfes ausgeſtellt. „Nun alſo nach München,“ ſagte ich, als wir zu dem Städtchen hinausraſſelten.„Nach München mit all der Geſchwindigkeit, wozu uns der erſte aller Poſt⸗ meiſter und langſamſte aller Menſchen, der Fürſt von Thurn und Taris, verhelfen kann.“ Die Zukunft beſchäftigte alle meine Gedanken, und ſo viel mir auch an meinen letzten Abenteuern uner⸗ klärlich geblieben war, ſo kehrte ich doch nicht einen Augenblick zu der Vergangenheit zurück.„Wird ſie die Meinige werden?“ war die Frage, die immer und immer wieder in meinem Gemüth aufſtieg. Die tauſend Schwie⸗ rigkeiten, die mir in den Weg gekon men, hätten mei⸗ nen ſo hoffnungsloſen Beſtrebungen längſt ein Ende machen müſſen, hätte nicht die Idee in meinem Herzen d — ——— 321 gelebt, daß ich vom Schickſal beſtimmt ſei, diesmal mein Ziel zu erreichen. Sheridan antwortete auf das erſte Hohngelächter ſeiner Zuhörerſchaft:„Lacht immer⸗ hin, aber ich habe es in mir und beim—— es muß heraus.“ So flüſterte ich mir zu:— Nur muthig voran, Harry, das Glück iſt Dir freilich bisher immer ungünſtig geweſen; aber Du haſt noch einen Wurf im Becher, und ein gewiſſes Etwas ſcheint zu ſagen, daß er glücklich fallen wird; und dann, ja dann—— doch ich kann mich mit ſolchen Vorausſetzungen nicht weiter abgeben. Ich weiß wohl, wie wenig die Welt mit dem Manne ſympathifirt, deſſen Geſchicke das Spiel ſeines Temperamentes ſind— eine ſolche apriltagsähnliche Gemüthsverfaſſung iſt immer Gegenſtand des Spottes und Hohnes für jene kühneren und härteren Naturen, die ſich zwar des Erfolges niemals übermäßig erfreuen, aber auch durch das Fehlſchlagen ihrer Plane niemals zu Boden gedrückt werden. Daß ich in den erſtgenann⸗ ten Model geworfen worden bin, haben die vorliegenden Bekenntniſſe leider genug bewieſen, aber ob ich es be⸗ daure, dieſe Frage muß ich, und ſollte man mir's auch zum Nachtheil meines geſunden Verſtandes auslegen, mit Nein beantworten. Beſſer ferne ſein Und tief im Dunkeln liegen, Als lichtbeglückt und ſehn Das Licht weit, weit verfliegen; iſt allerdings eine ſehr artige Poeſie, aber es ſteckt eine höchſt erbärmliche Philoſophie darin. Auch mir hat dieſe ſchöne Welt einige freundliche Sonnenblicke geſchenkt, die allerdings flüchtig und vorübergehend genug waren, und doch bin ich nicht ſo undankbar, mein Glück anzu⸗ klagen, weil es nicht lange dauerte, ſondern ich erkenne im Gegentheil mit dankbarem Herzen jene ſtrahlenden Stunden von der Liebe jungem Traume an, die, wenn auch nichts anderes, doch wonnige Erinnerungen ſind. 1 322 Sie bilden in dem verworrenen Gewebe unſeres Da⸗ ſeins den goldenen Faden, der inmitten der dunklern Oberfläche umher, immer wieder erſcheint und einen ſchönen Glanzring über etwas verbreitet, was ohne ihn kalt, farblos und kahl wäre. Nein, nein— „Das Licht, das leuchtet In der Frauen Auge,“ wäre es auch zweimal ſo flüchtig, wie es zehnmal glänzender iſt als der gezackte Blitz, beſtrahlt das düſtere Dunkel in uns noch manchen langen Tag, nachdem es aufgehört hat, uns zu beſcheinen. Wie es für den Knaben der vermenſchlichende Einfluß iſt, welcher die trotzigen, unbändigen Leidenſchaften der Natur beſänf⸗ tigt, ſo bildet es für den Mann das Ziel, nach wel⸗ chem alle unſere höhern, beſſern Beſtrebungen gerichtet find, die uns ſagen, daß es etwas gibt, das mehr werth iſt als Gold, und einen noch höhern Gipfelpunkt des Ehrgeizes als das Lob und die neidiſche Bewun⸗ derung unſerer Mitmenſchen; auch dürfen wir verſichert ſein, daß, wenn dieſes Gefühl in uns ſtirbt, auch alle Ideale des Lebens mit ihm ſterben und nichts übrig bleibt als die trübe Wirklichkeit unſerer Alltagsſorgen und Alltagsbeſchäftigungen. Ich habe gelebt und ge⸗ liebet, ſagt Schiller, und wenn dieſe Phraſe nicht etwas tautologiſch klänge, ſo würde ich ſagen, ich habe ſie zu meinem Motto erwählt. Wenn nur Lady Jane treu bleibt— wenn ich wirklich bei ihr Glück gemacht habe— wenn mit einem Wort— doch warum auf ſolche Chancen ſpekuliren?— Was für Anſprüche habe ich?— Was für Gründe, zu einem ſolchen Preis meine Augen zu erheben?— Ach, und abermals ach, wollte ich mich genauer chatechiſiren, ſo fürchte ich, meine Pferde würden ihre Köpfe gegen Calais zuwenden, und ich müßte der einzigen Ausſicht auf Glück, die ich mir in dieſer Welt denken kann, den Rücken zukehren. In Betrachtungen ſolcher Art rollten die Stunden dahin, 323 und es war ſchon ſpät in der Nacht, als wir das kleine Dorf Merchem erreichten. Bis friſche Pferde angeſpannt wurden, benützte ich die Gelegenheit, an der Table d'hote des Wirhshauſes Theil zu nehmen, vor welchem die Diligence angefahren war. An der langen, nicht allzu ſkrupulös reinlichen Tafel ſaß die gewöhnliche Verſammlung eines deutſchen Eilwagens, rauchend, Salat zurecht machend, ſtrickend und gelegentlich mit den Gabeln in den Zähnen ſtochernd, bis die Suppe erſchien. Ich ſetzte mich mitten unter dieſes buntſcheckige Gemiſche ſchnurrbärtiger Schafzüchter und voluminös beunterrockter Frauen, und ſtellte eben Betrachtungen an, wie lang wohl menſcliche Geduld eine ſolche Ge⸗ ſellſchaft aushalten könnte, als meine Aufmerkſamkeit durch einen Gaſt in meiner Nähe erweckt wurde, der ſeinem Freunde die Umſtände meines Auftretens in Straßburg erzählte mit gewiſſen eigenen Randgloſſen, die mich nicht wenig überraſchten. „Und ſo ſtellte es ſich denn heraus, daß es nicht Meerberger war?“ ſagte der Zuhörer. „Natürlich nicht,“ erwiederte der andere,„Meer⸗ bergers Paß wurde ihm in der Diligence von dieſem engliſchen Gauner geſtohlen, und die Folge war, daß unſer armer Landsmann verhaftet wurde, weil man den andern Paß bei ihm fand; während der Englän⸗ der weiter nach Staßburg reiste, daſelbſt ſein Benefiz in der Oper einſtrich und ſich mit mehr als zwölftau⸗ ſend Gulden aus dem Staube machte.“ „Sapperment,“ ſagte der entrüſtete Zuhörer, ſein Bier wegſtoßend;„Aber ein geſchickter Kerl muß er doch ſein, wenn er die Freimaurer dirigiren konnte.“ „Ja, das iſt noch das Merkwürdigſte am Ganzen; denn ſie ſagen in Straßburg, er habe noch ſchöner ge⸗ geigt als Paganini; übrigens ſchwebt über dem gan⸗ zen Handel ein geheimnißvolles Dunkel, denn Madame Baptifte ſchwört, es ſei Meerberger, und in der That iſt die Sache noch ganz und gar nicht aufgeklärt, wie ſte es auch nicht ſein kann, bis man den Spitzbuben aufgegriffen hat.“ „Was in den nächſten Tagen noch nicht geſchehen ſoll,“ fagte ich zu mir ſelbſt, indem ich geräuſchlos aus dem Zimmer ſchlich, mich wieder in meine Kaleſche ſetzte und ſchnell weiter fuhr. Es geht doch nichts über wahrheitgemäße Mittheilungen. Eine Sache in⸗ zwiſchen iſt gewiß— der zufälligen Verwechslung der Päſſe verdanke ich meine Rettung; und überdies noch „die Genugthuung, meinen kleinen deutſchen Bekannten für all den Verdruß und die lange Weile, die er mir Knnuhude bereitet hat, nach Verdienſt gezüchtigt zu wiſſen. Nur wer die Trübſeligkeit einer langen Reiſe, auf der man ausſchließlich mit einem einzigen Gedanken, einem einzigen überwältigenden Gefühl beſchäftigt iſt, aus eigner Erfahrung kennt, kann mein ungeduldiges, ängſtliches Verlangen nach Verdienſt bemitleiden, als die Tage langſam auf dem abſcheulichen Wege dahin frichen, der vom Rhein nach dem Süden Deutſchlands ührt. Der Morgen meines vierten Reiſetages brach an, als die hohen Thürme Münchens inmitten der öden, dürren Sandwüſte, worin dieſe Stadt liegt, ſich vor meinen Biicken erhoben.„Endlich,“ rief ich aus, als der Poſtillon mit ſeiner Peitſche an das Fenſter klopfte und nach der Stadt deutete;„endlich! O, welches won⸗ nige Hochgefühl, wenn ich jetzt die martervolle Angſt der Erwartung gegen die herrliche Gewißheit austau⸗ ſchen könnte, nach der mein Herz ſchmachtet, jitzt da meine Reiſe ſich ihrem Ende nähert, und ich im Be⸗ griff ſtehe, als mein Eigenthum einen Schatz anzuſpre⸗ chen, nach welchem ich blos in der ſanguiniſchen Hoff⸗ nung eines Herzens trachte, das ſich mit aller Gewalt gegen die Verzweiflung anſtemmt. Aber nur Muth gefaßt, Harry, es iſt ein edler Einſatz, um welchen du 325 ſpielſt, und nur der kecke Spieler gewinnt.“ Kaum hatte ich halb laut dieſe Betrachtungen angeſtellt, als ein plötzlicher Stoß mich von dem Sitze warf. Ich fiel gegen den Schlag, dieſer fuhr auf, und ich wurde auf die Straße hinaus geſchleudet, in demſelben Au⸗ genblick, wo die Kaleſche, an welcher die Achſe gebro⸗ chen war, auf die entgegengeſetzte Seite fiel und eines der Pferde mit auf den Boden riß, während das an⸗ dere, auf welchem der Poſtillon ſaß, nach hinten und vorn ausſchlug und auf den Boden ſtampfte. Nachdem ich dem erſchrockenen Burſchen abſteigen geholfen und die Stränge des ſtettigen Thieres abgeſchnitten hatte, merkte ich, daß ich ſelbſt nicht unbeſchädigt davongekom⸗ men war. Ich konnte kaum ſtehen, und als ich mit der Hand über mein Oberbein fuhr, machte ich die Entde⸗ ckung, daß ich den Knöchel verrenkt hatte. Der Tag war eben erſt im Anbrechen. Weit und breit ließ ſich kein Menſch blicken, und nach kurzer Ueberlegung hielt ich es für das Beſte, das gefallene Pferd wieder auf die Beine zu bringen und den Poſtillon nach dem etwa drei Stunden entkernten München zu ſchicken, um da⸗ ſelbſt einen Wagen zu holen, während ich auf der Land⸗ ſtraße geduldig ſeine Rückkehr abwartete. Dieſer Ent⸗ ſchluß wurde alsbald ausgeführt, und in weniger als einer Viertelſtunde, nachdem das Unglück geſchehen war, ſaß ich auf einer Bank und ſah dem Poſtillon nach, der bald hinter einem Hügel verſchwand. Nachdem die augenblickliche Ungeduld ausgetobt hatte, konnte ich nicht umhin, mir Glück zu wünſchen, daß ich wenigſtens ſo nahe an das Ziel meiner Reiſe gekommen war, ehe das Mißgeſchick mich traf. Wäre es mir in Stuttgart begegnet, ſo glaube ich wahrhaftig, es hätte mich halb wahnſinnig gemacht. IZch befand mich nicht lange in meiner gegenwär⸗ tigen Lage, als eine Anzahl Bauern mit breitkrempigen Hüten und vielknöpfigen Röcken des Weges kamen, um Bekenntniſſe Lorrequers. II. 21 326 ſich an ihr Tagewerk zu machen; ſie grüßten mich alle ehrerbietig; aber obſchon ſie den zerbrochenen Wagen ſahen und die Art des geſchehenen Unglückes wohl er⸗ rathen konnten, ſo dachte doch keiner daran, ſeine Dienſte anzubieten, oder auch nur aus Neugierde ſich um das Nähere zu erkundigen.„Wie echt deutſch,“ ſagte ich bei mir ſelbſt:„Dieſe Leute find die Türken Europas, verdummt durch Tabak und ſtarkes Bier. Sie denken an nichts in der Welt als an ſich ſelbſt und ihre unmittelbaren Beſchäftigungen.“ Endlich als ich einen bemerkte, deſſen beſſerer Rock und verſtän⸗ digeres Ausſehen auf einen etwas höbern Stand ſchlie⸗ ßen ließ, bot ich all mein Deutſch auf, um zu fragen, ob nicht vielleicht in der Nähe ein Haus ſei, wo ich bleiben könne, bis der Poſtillon zurückkomme, und er⸗ fuhr zu meiner großen Befriedigung, daß ich auf einem Fußweg, welcher durch ein vor mir liegendes Fichten⸗ wäldchen führe, zu einem Schloß gelangen werde; wer aber der Eigenthümer ſei, wußte er nicht; die Leute ſeien erſt vor Kurzem angekommen, und er glaube, ſie ſeien Ausländer. Engländer, meinte er. O, wie hüpfte mir das Herz, als ich ſagte:„Sollten es vielleicht Callonbys ſein? Iſt die Familie zahlreich? Sind Damen— junge Damen unter ihnen?“ über das Al⸗ les wußte er keinen Beſcheid zu geben. Nachdem ich mit meinem neuen Freund ſchnell dabin übereingekom⸗ men war, daß er bis zu meiner Rückkehr den Wagen bewachen ſolle, ſchlug ich den Pfad ein, den er mir zeigte, und eilte, obſchon mich bei jedem Schritt mein Fuß ſchmerzte, ſo ſchnell als möglich auf das Schloß zu. Ich war noch nicht lange gegangen, als eine Lich⸗ tung im Walde mir einen Blick auf das alte Gebäude geſtattete und ſchnell meinen kurzen Wahn verſcheuchte. Callonby's konnten es nicht ſein. Das Haus war alt; es mußte früher ſchön geweſen ſein, bot aber jetzt zahl⸗ reiche Spuren von Verfall dar. Die reichen Karnießen, die das Dach hielten, waren an manchen Orten ein⸗ 327 gefallen und lagen in Bruchſtücken auf der Terraſſe un⸗ ten; die Säulenhalle vor der Thüre war halb einge⸗ ſtürzt, die Architrave an den Fenſtern zerbrochen und eingeſunken, die ſchlanken, einſt reich verzierten Ka⸗ mine waren aller ihrer Schnitzereien beraubt und rag⸗ ten kühn aufrecht in ihrer ganzen Nacktheit über das hochgieblige Dach hervor. Ein verwahrloster Spring⸗ brunnen kämpfte ſich kräflig durch eine Maſſe kriechen⸗ der Stauden und üppigen Schlingkrautes durch, das um und über eine reich mit Schnitzwerk verzierte Fon⸗ taine gewachſen war, und ergoß ſich in einem funkeln⸗ den Regenſchauer über das fette Gras und das hohe Unkraut ringsumher. Sein ſanftes Murmeln war der binzige Ton, welcher die Stille des Morgens unter⸗ rach. Ein paar wenige Götterbilder von Blei und Stein, verſtümmelt und zerbrochen, ſtanden wie die Genien des Platzes da, die Verwüſtung um ſich her überwa⸗ chend, während ein alter, lebensſatter Pfau mit nieder⸗ hängendem, ſchadhaftem Schwanze das einzige leben⸗ dige Geſchöpf war, das ſich ſehen ließ. Alles zeugte von geſunkener Größe und Vornehmheit, und alles ag mir deutlich, daß Callonby's hier nicht wohnen önnen.. Halb zweifelnd, ob das Haus überhaupt bewohn ſei, und halb Bedenken tragend, für dieſen Fall die Inhaber aus ihrer Ruhbe aufzuſtören, ſetzte ich mich auf die Stufen der Terraſſe nieder und verſank in ein ſtil⸗ les Nachdenken über die Gegenſtände rings umher, dieſer ſeltſame Hang meiner Landsleute, ſich in abgele⸗ genen, unbeſuchten Gegenden des Continents niederzu⸗ laſſen, war mir nie früher ſo aufgefallen, denn obſchon hier unzweifelhafte und augenſcheinliche Spuren von früherer Größe vorlagen, ſo war es doch eine längſt entſchwundene Herrlichkeit; und in den ſchadhaften Mauern, den mit Unkraut überwachſenen, zerbrochenen Statuen, ſo wie dem finſtern, bahnloſen Fichtenwalde, 328 ſteckten mehr Winke zur Traurigkeit, als ich an einem Wohnſitze, den ich mir ſelbſt wählen könnte, gerne um mich haben möchte. Das mißtönende Knarren einer ſchwe⸗ ren Thüre hinter mir weckte mich auf; ich blickte um und ſah einen alten Mann in einer ſchmutzigen, mottenzer⸗ freſſenen Art Livree, der die Thüre in der Hand hal⸗ tend hinwiederum mich mit einem gemiſchten Ausdruck von Furcht und Neugierde anſah. Nachdem ich ihm in kurzen Worten meine Umſtände auseinandergeſetzt und mich zur Bekräftigung einer Ausſage, die, wie ich merkte, einer ſolchen Unterſtützung bedurfte, auf die zer⸗ brochene Kaleſche auf der Straße berufen hatte, lud der alte Mann mich ein, hereinzutreten, mit dem Bemer⸗ ken, der gnädige Herr und die gnädige Frau ſeien noch nicht aufgeſtanden, inzwiſchen könne er mir ſelbſt ein Frühſtück geben, wornach mich wirklich ſehr verlangte. Das Zimmer, in das ich geführt wurde, entſprach dem Aeußern vollkommen. Es war groß, kahl, ſchlecht möb⸗ lirt; die gewaltigen Fenſter ohne Vorhänge, die kahlen, weiß angeſtrichenen Wände, der Fußboden ohne Tep⸗ piche: alles gab ihr ein unwirthliches, elendes Anſehen. Ein paar Stühle in Louis XIV. Geſchmack mit blauen abgeſchoſſenen und abgenützten Sammetüberzügen, ein breſthafter Marmortiſch auf Füßen, die einſt vergoldet geweſen waren, zwei kaum mehr zu entdeckende Por⸗ träts eines bepanzerten Helden und einer kanm minder furchtbaren Schönen bildeten den Hauptartikel im Ameu⸗ blement dieſer düſtern Wohnung, wo alles ſo triſt und niederdrückend ausſah, daß ich die Neugierde halb be⸗ dauerte, durch die ich mich aus der balſamiſchen Luft und den köſtlichen Morgen draußen in die Oede und Verlaſſenheit um mich her hatte verlocken laſſen. Der alte Mann erſchien bald wieder mit einer nicht zu verachtenden Taſſe Kaffee und einem gewaltigen Stück Brod. Da das Sprüchwort vom geſchenkten Gaul ſo ziemlich allgemeine Geltung hat, ſo verzehrte ich mit dankbarem Gemüthe, was mir vorgeſetzt wurde, 329 und machte von Zeit zu Zeit Fragen über die Hausbe⸗ ſitzer, in Betreff deren ich mich einer gewaltigen Neu⸗ gierde nicht erwehren konnte. Der alte Diener wußte indeſſen wenig oder nichts von den Leuten, die er be⸗ diente; ſein Herr war der gnädige Baron, aber ſeinen Namen wußte er nicht; die gnädige Frau ſei jung; ſie wohnen noch nicht lange hier; ſie kennen Niemanden — bekommen keine Beſuche— er habe gehört, daß es Engländer ſeien; aber für gewiß könne er das nicht ſagen; ſie ſeien gute Leute, und das ſei ihm genug. Wie ſeltſam erſchien dies Alles, daß zwei noch junge Leute ſich von den Annehmlichkeiten und Vergnügungen der Welt trennen und in der trüben, düſtern Einſam⸗ keit niederlaſſen ſollten, wo ihre ganze Umgebung nur zur Schwermuth, und Alles, was ſie ſahen, nur zu traurigen Betrachtungen auffordern konnte. In folche Gedanken verloren, ſaß ich neben dem Fenſter und ach⸗ tete nicht auf den alten Mann, als er geräuſchlos das Zimmer verließ. Meine Betrachtungen galten jetzt den ſeltſamen Geſtalten, in welchen das Leben auſtritt, und ich ſann darüber nach, wie wenig am Ende äußere Einflüſſe mit dem Seelenfrieden zu ſchaffen haben, der ſeinen Urſprung im Innern hat. Der Jadianer, deſſen Wigwam neben dem Niagarafall ſteht, achtet nicht auf ſeine Donner und ſpürt ſeinen Schaum nicht, der in ewigem Thau auf ihn herabfällt; der Araber in der Wüſte ſieht die Oedigkeit in dieſen endloſen Ebenen nicht, auf deren Horizont ſein Auge von ſeiner Kind⸗ heit an bis in ſein Alter geruht hat. Wer weiß, ob nicht der Bewohner dieſer einſamen Stätte einſt in der fröhlichen Welt geglänzt, an ihren Tollheiten Theil genommen, ihre Zauber gekoſtet hat; und denken zu müſſen, daß jetzt—— das leiſe Murmeln der Fichten⸗ wipfel, das ſanfte Rauſchen des Waſſers durch das üppige Gras und dazu noch meine eigenen Gedanken überwältigten mich endlich, und ich ſchlummerte ein— wie lang ich ſchlief, weiß ich nicht; aber als ich er⸗ 330 wachte, zeigten mir gewiſſe Veränderungen umher, daß eine geraume Zeit verſtrichen ſein mußte; ein luſtiges Holzfeuer brannte im Kamin; ein reichliches Frühſtück ſtand auf der Tafel und die Times in ihrer ganzen Breite und Größe ruhte nachläßig auf einem tiefen Armſeſſel. Bevor ich noch überlegt hatte, wie ich die kaltblütige Zwangloſigkeit meines Eindringens ent⸗ ſchuldigen ſolle, öffnete ſich die Thüre, und ein ſchan⸗ ker, wohlgebauter Mann trat ein; ſein Jagdrock und ſeine Gamaſchen zeugten von ſeiner engliſchen Herkunft, während ein buſchiger Schnurbart und ein ſehr üppiger Henri quatre Züge beinahe verdeckten, die mir gleich⸗ wohl nicht ganz unbekannt waren. Er blieb ſtehen, blickte mich feſt an, legte eine Hand auf eine meiner Schultern, rief dann: Harry— Harry Lorrequer, bei allen Göttern! und ſtürzte unter ſchallendem Gelächter aus dem Zimmer.. Hätte ich mich durch Angabe des Namens meines Freundes vom Galagen retten können, ic hätte ohne Gaade baumeln müſſen; denn nie war ich ſo vollſtän⸗ dig verblüfft wie jetzt. Zum Henker, was kann er auch mit dieſer Art fortzurennen meinen? Es würd ihm Recht geſchehen, wenn ich durch ein Fenſter ſpränge, bevor er käme; doch horch, da naht Jemand. „Ich ſage Dir, ich kann mich nicht täuſchen,“ ſagte der Mann noch draußen. „Nein, unmöglich,“ erwiederke eine Damenſtimme, die mir vorkam, als hörte ich ſie nicht zum erſtenmal. „So beurtheile es ſelbſt; freilich mag die Art, wie Du ihn das letzte Mal ſaheſt, Dein Gedächtniß ein wenig irre machen.“ „Was zum Henker kann er damit meinen,“ ſagte ich, als die Thüre ſich öffnete und eine ſehr ſchöne junge fra hereintrat, die nach kurzem Zögern ſchnell ausrief: „Ja, wahrhaftig, es iſt Mr. Lorrequer. Aber er ſcheint mich vergeſſen zu haben.“ — ——— 331 Die Augen, die Lippen, der Ton der Stimme, alles klang mir vertraut.„Wie, wär's mögl ch?“ Ihr Begleiter, der jetzt eingetreten war, ſtand hinter ihr und konnte ein lautes Lachen kaum verbeißen; endlich rief er:. „Harry, mein Junge, Sie waren ſelbſt an unſe⸗ rennadſchi en eihen kaum verworrener, als die gelben ü——“ „Beim Himmel, ſie iſ's,“ rief ich, indem ich vor⸗ ſprang, meine ſchöne Freundin in die Arme nahm und meine ehmalige Flamme Miß Kamworth, nunmehr die Frau meines alten Freundes Jack Waller, deſſen ich in einem frühern Kapitel meiner Bekenntniſſe gebührende Erwähnung gethan habe, auf beide Wangen küßte. Hätte man mir ein Verzeichniß aller meiner Be⸗ kannten vorgelegt⸗ damit ich ſagen ſolle, wer von ihnen dieſes alte Gebäude bewohne, Jack Waller wäre gewiß der letzte geweſen, auf den meine Wahl gefallen wäre — der luſtige, lebhafte, brauſeköpfige, allzeit wohlge⸗ muthe Jack, der Freund von fröhlicher Geſellſchaft, fei⸗ nem Aufzug und ſchönen Equipagen; er, der auf einem hohen Fuß in der Welt gelebt, der Jedermann wohl bekannt und überall gut gelitten, mit einem Wort, eine Art Celebrität in ſeinen Kreiſen war. Suchteſt Du einen Cavalier, um Dir im Opernhauſe durch das Gedränge einen Weg zu Deiner Frau zu bahnen, einen Sekundanten; einen Reiter für Dein ungebärdiges Noß bei einem ſtrengen Kirchthurmrennen, einen Ru⸗ derer für Dein Boot bei einer Wettfahrt, ſo war Jack Dein Mann. Meine Ueberraſchung, ihn hier zu finden, war daher auch ſo groß, daß ich, obſchon ich gar vie⸗ les von ihm zu erfahren wünſchte, vor Allem fragte: „Und wie kommen Sie denn hieher 24 „Das Leben hat ſeine Wechſelfälle,“ verſetzte Jack lachend;„es ſind ſchon manche ſeltſamere Dinge vor⸗ gegangen, als meine Beſſerung. Aber vor Allem laſ⸗ 332 ſen Sie uns jetzt an ein Frübſtück denken; Ihre Neu⸗ gierde ſoll hernach reichliche Befriedigung finden.“ „Ich glaube dies kaum, denn ich bin ungemein preſſirt nach München.“ „Aha, ich merke; aber Sie müſſen wiſſen, daß— Ihre Freunde nicht dort find.“ „Callonby's nicht in München!“ rief ich voll Schreck. „Nein, ſie haben auf einige Wochen einen Ausflug nach Salzburg und in's Tyrol gemacht, inzwiſchen brauchen Sie ſich nicht zu beunruhigen, denn man er⸗ wartet ſie Morgen zu dem Maskenball, den der Hof gibt; folglich können Sie bis dahin mein Gaſt ſein.“ Ueberglücklich ob dieſer Nachricht wandte ich meine Aufmerkſamkeit nunmehr meiner Wirthin zu, die ſich noch bedeutend verſchönert hatte; das Embonpoint, das ſich im ehlichen Stande einzufinden pflegt, hatte die Reize einer von jeher hübſchen Dame um ein Nam⸗ haftes erhöht, und ich konnte nicht umhin anzuerkennen, daß mein Freund Jack bei jedem Anſchlag, durch wel⸗ chen er ſich ein ſolches Kleinod zu ſichern geſucht hatte, vollkommene Entſchuldigung verdiente. . 4 Einunddreißigſtes Kapitel. Jack Wallers Geſchichte. 1 Der Tag verging ſchnell bei meinen neugefundenen Freunden, denen ich meine Abenteuer ſeit unſerer Tren⸗ nung erzählen mußte, bevor ſie mir die ihrigen preiss gaben. Nach einem frühzeitigen Mittageſſen jedoch, als ein neues Saeit im Kamin brannte, blieben Jack und ich allein bei einer kruſtigen Flaſche Heremitage ſitzen und konnten nun feiſch von der Leber weg mit einander ſprechen. 333 „Nach der Art, wie wir uns das letzte Mal trenn⸗ ten, hätte ich kaum erwarten können, daß unſer näch⸗ ſtes Zuſammentreffen ſo ausfallen würde, Jack,“ be⸗ gann ich. „Ja, bei Gott, Harry; ich glaube, ich glaube, ich habe mich in dieſer Sache etwas ſchuftig gegen Sie benommen; aber Sie wiſſen ja, Liebe und Krieg, und überdies hatten wir einen ganz klaren und deut⸗ lichen Vertrag aufgeſetzt.“ „Wohl wahr, und am Ende ſind Sie vielleicht weniger zu tadeln, als mein eigenes elendes Schickſal, das auf der Lauer zu liegen ſcheint, um mich bei jedem entſcheidenden Schritt, den ich thue, auf die boshafteſte Weiſe in die Falle zu locken und dann zu enttäuſchen. Sagen Sie, was wiſſen Sie von Callonby?“ „Perſönlich nicht viel; wir ſind bei einer Mit⸗ tagstafel zuſammengetroffen, haben uns gegenſeitig einen Beſuch gemacht, das iſt Alles; ſie haben ſich ſeit ihrer Ankunft zum beſondern Geſchäft gemacht, alle möglichen Landſchaften, Gemäldegallerien und ſonſtige Raritäten zu ſehen und find nicht viel in München; aber wie ſtehen Sie mit dieſen Leuten? Sein oder Nichtſein— he?“ „Ja, das iſt die Frage, nach deren Löſung ich vor allem andern verlange, und doch befinde ich mich in der gänzlichſten Unwiſſenheit hierüber; aber die Zeit naht, die Alles entſcheiden muß. Ich habe weder Laune noch Geduld, die Sache länger ſo anzuſehen, und deß⸗ halb laſſen Sie uns auf den Erfolg unſeres Unter⸗ nehmens trinken.“ „Oder,“ ſagte Jack, ſein Glas wegſchiebend,„oder wie man in England ſagen würde, auf Ihre Geſund⸗ heit und Neigungen, wofern ſie tugendhaft find.“ „Aber jetzt, Jack, erzählen Sie mir etwas von Ihren eigenen Schickſalen, ſeit dem Tag, an dem Sie in der vierſpännigen Poſtchaiſe an mir vorüberbrausten.“ „Die Geſchichte iſt kurz. Sie erinnern ſich, daß 334 ich, als ich Mary entführte, durchaus nicht die Abſicht hatte, England zu verlaſſen: mein Plan war vielmehr, gleich nach der Kopulation Unterhandlungen mit dem alten Oberſten zu eröffnen, und nach dem vielbewäbrten Verluche mit reuevollen Briefen, flehentlichen Bitten um Verzeihung und rührenden Verſicherungen, daß nur noch ſeine Genehmigung fehle, um uns die Erde zum Himmelreich zu machen, hätten wir uns wie gebräuch⸗ lich ihm zu Füßen geworfen, geſchluchzt, unſere Augen und Naſen rothgeweint und endlich unſere Toilette zum Diner gemacht, als ſehr vergnügte, bleibende Inſaßen des ungemein niedlichen Landſitzes, genannt Hydrabad Cottage. Nun wurde Mary, die in den erſten Tagen großen Muth gezeigt hatte, hernach verzagt und nie⸗ dergeſchlagen; die Deſertion von ihrem Vater, wie ſie ſich als Soldatenmädchen ausdrückte, lag ihr ſchwer auf dem Herzen, und alle meine Verſuche, ſie aufzu⸗ richten und zu tröſten, blieben fruchtlos und vergebens. Inzwiſchen erwartete ich jeden Tag entweder vom Ober⸗ ſten ſelbſt oder durch irgend einen Bevollmächtigten Mittheilungen, die dieſem geſpannten Zuſtande ein Ende machen ſollten; aber nein— drei Wochen vergingen, und obſchon ich Sorge getragen hatte, daß er unſere Adreſſe erfuhr, ſo kam uns doch nicht die mindeſte Nachricht zu. Sie erinnern ſich, ich wußte, daß Mary ein bedeutendes Vermögen entweder bereits beſaß oder doch jedenfalls zu erwarten hatte. Ich ſelbſt dagegen beſaß auf der Welt weiter nichts, als die Mittel, die üblichen Koſten einer Hochzeitsreiſe zu beſtreiten. Ich kalkulirte ſo: Bis die Verſöhnung zu Stande kommt, kann es, in Anbetracht der Verzögerungen auf den Poſten, der Entfernung und der nothwendigen Ueber⸗ legung möglicherweiſe einen Monat, ich will ſagen, fünf Wochen anſtehen— wenn ich nun wöchentlich vierzig Pfund brauche, ſo kommen gerade zweihundert Pfund heraus, und ſo hoch belief ſich gerade mein ganzer Reichthum, als ich, geſegnet mit einem Weib, 335 einem Bedienten, einer Kammerkatze, einer Hutſchachtel und einem Pudel im Royalhotel zu Edinburgh anlangte. Wäre ich Lord Francis Egerton mit ſeinen Hundert⸗ tauſend jährlich geweſen und hätte mich nach einer Zer⸗ ſtreuung um jeden Preis umgeſehen, oder noch mehr, wäre ich ein Londner Krämer geweſen, der einen Sonn⸗ tag in Boulogne ſur Mer zubringt und irgend etwas Koſtſpieliges ausſindig zu machen bemüht iſt, weil er ſich nur einen einzigen Tag aufhalten kann, ich hätte nicht gefliſſentlicher nach Gelegenheiten zu Ausſchwei⸗ fungen ſuchen können, und jeden Tag wußte ich zwei oder drei Bekannte zu finden, die ich zum Diner mit nach Hauſe brachte. Da ich mir nun den Anſchein gab, als wäre ich ſchon lange verheirathet, ſo fühlte ſich Mary unter Fremden weniger beengt, und wir lebten ganz vergnügt in den Tag hinein. Gleichwohl laſtete ihr das Schweigen des Oberſten ſchwer auf der Seele, und obſchon ſie von dem Zuſtand meiner Finanzen ganz und gar nichts kannte, folglich auch meine Beſorgniſſe in dieſer Richtung nicht theilen konnte, ſo lag ſie mir doch ſo beſtändig mit Vorſtellungen und Bitten an, daß ich ihr am Ende erlauben mußte, ihrem Vater zu ſchreiben. Ihr Brief war wirklich ſehr fein; ſie ſprach darin eine pflichtgemäß kindliche Reue über ihre Flucht aus dem väterlichen Hauſe, zugleich aber die Hoffnung aus, daß ihre Wahl vollkommen geeignet ſei, ihre Raſchheit zu entſchuldigen oder doch wenigſtens ihren Fehler zu bemänteln. Sie erklärte, daß ihres Vaters Anerkennung das Einzige ſei, deſſen ſie bedürfe, um ihr Glück vollſtändig zu machen und bat daher um Er⸗ laubniß, dieſelbe in Perſon nachzuſuchen. Dies war der weſentliche Inhalt des Briefs, der mich im Gan⸗ zen befriedigte und ich wartete ängſtlich auf Antwort. Nach Verfluß von fünf Tagen kam eine. Sie lautete folgendermaßen: „Liebe Mary! „Du haſt Deinen eigenen Lebenspfad erwählt, 336 und nachdem Du dies gethan, habe ich weder ein Recht noch irgend Luſt, auf Deine Beſchlüſſe einzu⸗ wirken; ich werde weder Dich noch die Perſon, die Du zu Deinem Manne gemacht haſt, empfangen, und um allen weitern Unannehmlichkeiten vorzubeu⸗ gen, melde ich Dir hiemit, daß ich Morgen von hier abreiſe, ſpätere Briefe alſo, die Du an mich zu rich⸗ ten für geeignet halten möchteſt, mir nicht zukommen werden. Dein aufrichtiger Oberſt Kamworth. „Hydrabad Cottage.“ Dies war ein furchtbarer Schlag und kam uns beiden gänzlich unerwartet; auf mich machte er eine betäubende Wirkung, weil ich wußte, daß unſre Finan⸗ zen ſehr ſchnell dahin ſchwanden und nahezu erſchöpft waren. Mary dagegen, die vom Geldpunkt nichts wußte und auch nicht daran dachte, raffte ſich ſchnell aus ihrer Niedergeſchlagenheit auf, und nachdem ſie ſich herzlich ausgeweint, trocknete ſie ihre Augen, legte ihre Arme um meinen Hals und ſagte: „Je nun, Jack, ſo muß ich Dich um ſo mehr lie⸗ ben, da Papa keinen Theil an meinen Neigungen ha⸗ ben will.“ „Ich wollte, er theilte wenigſtens ſeine Börſe mit uns,“ murmelte ich für mich, indem ich ſie in meine Arme drückte und mich bemühte, vollkommen glücklich zu ſcheinen. „Ich will nicht lange bei der peinlichen Aufre⸗ gung verweilen, worein dieſer Brief mich verſetzte; ich batte immer noch hundert Pfund übrig und eine Tante in der Harley⸗ſtreet, deren Liebling ich von jeher geweſen war. Dieſer Gedanke, der einzig aufrichtende, den ich beſaß, rettete mich vor der Hand, und da Grämlichkeit überhaupt nie meine Sache war, ſo ließ ich Mary durchaus nicht merken, daß irgend etwas nicht nach Wunſch ſtehe, und hielt mich in dieſer Be⸗ ziehung ſo gut, daß auch ſie wieder ungemein munter —— 337 wurde, und wir an einem ſchönen ſonnenhellen Mor⸗ gen nach London aufbrachen, ein ſo vergnügt drein⸗ blickendes Pärchen, als nur je auf dieſer Straße ein⸗ her gefahren iſt. „Als wir in Clarendon anlangten, war mein er⸗ ſtes Geſchäft in ein Cabriolet zu ſteigen und mich in die Harley⸗ſtreet führen zu laſſen. Ich klingelte, und ohne lange zu fragen, ob meine Tante zu Haus ſei, rannte ich die Treppe hinauf, gerade auf das Beſuchs⸗ zimmer zu, ſtürzte hinein, aber fiatt der alten Lady Lilford, die ich mit ihrem fetten Pudel an der Seite an einer Stickerei zu finden hoffte, erblickte ich jetzt einen„großen jungen Mann mit ſchwarzem Schnurr⸗ bart, der einer jungen Lady, die neben ihm auf dem Sopha ſaß, ungemein zärtliche Dinge zu ſagen ſchien. „Ei, was iſt das, wahrhaftig das muß ein Irr⸗ thum ſein.“ Ich hätte nämlich darauf ſchwören mögen, daß ſolche Dinge in der Wohnung meiner guten Tante rein unmöglich ſeien. „Ich glaube das beinahe auch, Sir,“ ſagte der Gentleman mit dem Schnurrbart langſam und nach⸗ drücklich, indem er mich äußerſt kaltblütig durch ſein Glas anblickte. „Darf ich fragen, ob Lady Lilford zu Hauſe iſt?“ ſagte ich in einem ſehr entſchuldigenden Tone. „Ich habe nicht die Ehre, Ihre Herrlichkeit zu ken⸗ nen,“ erwiederte er liſpelnd und augenſcheinlich ſich an meiner Verlegenheit weidend, die mit jedem Augenblick deutlicher hervor trat. „Aber das iſt doch ihr Haus,“ ſagte ich,„we⸗ nigſtens⸗— „Lady Lilford iſt in Paris, Sir,“ verſetzte die junge Lady, die jetzt zum erſten Mal ſprach.„Papa hat das Haus für die Saiſon genommen und dieß mag vielleicht Ihren Irrthum erklären.“ „Was ich als Entſchuldigung für mein Eindringen murmelte, weiß ich nicht; aber ich ſtammelte— die 338 junge Lady erröthete, der Galan drehte ſich kichernd gegen das Fenſter, und als ich wieder auf die Straße kam, wußte ich kaum, ob ich über den Mißgriff lachen, oder mein böſes Geſchick verfluchen ſollte. 3 „Am andern Morgen beſuchte ich den Rechtsfreund meiner Tante, ließ mir von ihm ihre Adreſſe geben und ging dann in den Klubb der Jüngeren, um noch vor Abgang der Poſt an ſie zu ſchreiben. Als ich meine Augen über die Morgenjournale ſchweifen ließ, konnte ich nicht umhin, über den flammenden Artikel zu lächeln, welcher meine Vermählung mit der einzigen Tochter und Erbin des Millionärs Oberſten Kamworth ankündigte. Da ich ohnehin nicht wußte, wie ich die Correſpondenz mit meinen würdigen Verwandten eröff⸗ nen ſollte, ſo legte ich das Papier, das die Nachricht enthielt, zuſammen und ſchrieb darauf die Adreſſe: Lady Lilford, Hotel de Briſtol, Paris. „Als ich im Clarendon ankam, fand ich meine Frau und ihre Zofe mit einer Menge Band⸗ und an⸗ dern Schachteln umgeben; Spitzen, Atlas⸗ und Sammt⸗ zeuge lagen nach allen Seiten hin ausgebreitet, wäh⸗ rend ein Emiſſär von Norr und Mortimer auf einem Seitentiſch eine glänzende Heerſchau von Bijouteriewaa⸗ ren veranſtaltete, an deren einer Hälfte ſchon der Ra⸗ jah von Myſore ſich zum Bettler gekauft hätte. Mein Rath wurde alsbald in Anſpruch genommen, man preßte mich förmlich hiezu und ſo blieb mir nichts übrig, als zu prüfen, zu bekritteln und zuweilen auch zu loben, was ich mit um ſo größerer Bereitwilligkeit that, als ich bedachte, daß mir für jede Troddel an einer Va⸗ lenciennesſpitze das Fleet blühte, und als ich nicht um⸗ hin konnte, eine koſtbare Diamantnadel mit lebensläng⸗ licher Zwangsarbeit und dem Klima von Neuſüdwales in Verbindung zu ſetzen. Meine gänzliche Zerſtreutheit führte einige drollige, verkehrte Antworten herbei, und da meiner Frau Begeiſterung für Ihre Ankäufe immer eine war zu meinem Unglück die ſchwierigſte und un⸗ Ich will Ihnen nicht näher ausführen, wie ſchwer mich 4 339 mehr zunahm, ſo verſank ich gänzlich in der Tiefe mei⸗ ner Gedanken.* „Sieh nur, wie ſchön, Jack?— wie fein gear⸗ beitet— das mag eine gute Zeit koſten?“ „Sieben Jahre,“ murmelte ich, indem meine Ge⸗ danken nach einer ganz andern Richtung ſchweiften. „Ach nein, ſo viel nicht,“ ſagte ſie lachend,„aber es muß eine ſehr harte Arbeit ſein.“ „Nicht halb ſo hart als Wolle krempeln und Au⸗ ſterſchaalen ſtoßen.“ „Wie abgeſchmackt Du biſt. Gut, ich nehme das, es wird ſo hübſch laſſen in—“ „Botany⸗Bay,“ ſagte ich mit einem Seufzer, der die ganze Geſellſchaft lachen machte, ſo daß ich am Ende wieder zu mir kam und mit in ihre Heiterkeit einſtimmte. „Endlich nachdem die eine Seite des Zimmers mit Putzwaaren angefüllt war und die andere von Juwe⸗ len und Bijouterieſachen glitzerte, wurde meine Frau der Anſtrengungen müde, und wir befanden uns jetzt allein.. „Als ich ihr ſagte, das meine Tante ihren Wohn⸗ ſitz in Paris aufgeſchlagen habe, ſiel es ihr ſogleich ein, wie angenehm es wäre, wenn wir auch dahin reisten; und da ich, obſchon aus ganz verſchiedenen Gründen, in dieſe Anſicht einſtimmte, ſo wurde zuletzt beſchloſſen, dieß zu thun; die einzige Schwierigkeit, die noch vorhanden war, betraf die Mittel dazu; denn ob⸗ ſchon die Journale von Ankündigungen wimmeln: vier Gelegenheiten täglich von London nach Paris, ſo liefen doch dieſe Gelegenheiten alle auf eine hinaus, und dieſe erreichbarſte— nämlich das Geld. „Inzwiſchen blieb mir noch immer eine einzige letzte Hülfsquelle offen— der Verkauf meiner Stelle. dieſer Entſchluß ankam, er war ſchmerzlich, wurde aber doch bald gefaßt, und noch an demſelben Tag, ehe es fünf Uhr ſchlug, hatten Cox und Greenwood Auftrag, die Sache zu beſorgen, worauf ſie mir ſogleich tauſend Pfund vorſtreckten. Nachdem ich unſere Rechnung be⸗ zahlt hatte, und zwar auf eine Art, daß die Kellner ſich bis auf den Boden verbeugten(bekanntlich iſt der ruinirte Mann immer der ſplendideſte) beſtellte ich Poſt⸗ pferde und ſetzte mich voll Ungeduld neben meine Frau, während mein Bedienter auf dem Kinterſitz einen Son⸗ nenſchirm über das Zöſchen hielt, alles nach der belieb⸗ ten Art von Leuten, die einen unbegrenzten Credit bei Coutts und Drummond haben; die Peitſchen kaallten, die Vorderpferde zogen an und mit einem gnädigen Nicken gegen den Eigenthümer des Clarendon raſſelten wir nach Dower. „Nachdem wir die üblichen Mühſeligkeiten, See⸗ krankheit, Mattigkeit und elende Koſt überſtanden, lang⸗ ten wir am fünften Tag in Paris an und ſtiegen im Hotel de Londres auf dem Vendomeplatze ab. „Um ſich einen annähernden Begriff von dem Zu⸗ ſtand meiner Gefühle zu machen, als ich in die glän⸗ zenden Gemächer dieſes fürſtlichen Hotels trat, umgeben von allen Herrlichkeiten, welche Reichthum verſchaffen, oder eleganter Geſchmack erſinnen kann, müſſen Sie ſich in die Lage eines Mannes denken, der am Vorabend ſeiner Hinrichtung mit einem köſtlichen Mahle bewirthet wird. Die unvermeidliche Endſchaft alles meines gegen⸗ wärtigen Glanzes kam mir keinen Augenblick aus dem Gedanken und die Heimlichkeit, womit ich meine Ge⸗ fühle für mich behalten mußte, bildete eine der Haupt⸗ quellen meines Elends. Der Schlag wird, wenn er kommt, hart genug ſein, und die arme Mary mag ſich, ſo lang die Täuſchung angeht, erfreuen, ohne ſchon jetzt wie ich zu leiden. Mit dieſer Betrachtung kämpfte ich jeden Entſchluß, ihr den wahren Zuſtand unſerer Finanzen zu entdecken, nieder, und ſolcher Art war die Gemüthsſtimmung, worin ich meine Tage in Paris 341 hinbrachte, die einzigen wirklich unglücklichen, die mein Gedächtniß belaſten. „Kaum hatten wir uns im Hotel eingerichtet, als meine Tante, welche die entgegengeſetzte Seite des Platzes bewohnte, zu uns herüberkam, um uns ihre Glückwünſche darzubringen. Sie hatte den Artikel in der Poſt geleſen und billigte, wie alle anderen Leute mit übervollen Kaſſen, eine Heirath wie die meinige aus ganzem Herzen. „Sie war entzückt über Mary; trotz ihrer altjüng⸗ ferlichen Rückhaltſamkeit wurde ſie wirklich cordial und lud uns für heute, wie überhaupt, ſo oft wir Luſt dazu hätten, zum Mittageſſen ein. So weit wäre alles gut, dachte ich, als ich ihr meinen Arm bot, um ſie nach Hauſe zu geleiten; aber wenn ſie wüßte, von welchem Werth ſchon dieſe kleine Aufmerkſamkeit für uns iſt, würde ſie dann wohl auch ſo zuvorkommend ſein?— Inzwiſchen iſt keine Zeit zu verlieren; ich kann dieſe ſtündliche Aufregung und Unruhe nicht mehr aushalten, ich muß meine Kümmerniſſe gegen Jemanden ausſchüt⸗ ten können, und wer eignete ſich beſſer dazu als ſie, die ſowohl rathen, als helfen kann? Obſchon ich nun hiezu entſchloſſen war, ſo konnte ich doch ſchlechterdings den Muth zur Ausführung nicht finden. Die Freudig⸗ keit, mit der mir meine Tante zu meiner Verbindung Glück gewünſcht hatte, zwang mich, vor dem Geſtänd⸗ niß zurückzubeben; und während ſie ſich über die Schön⸗ heit und Anmuth meiner Frau ausließ, Punkte, worin ich ihr vollkommen beipflichtete, gab ſie mir zugleich ihre vollſtändige Befriedigung über die Beweggründe der Klugheit und Anſtändigkeit zu erkennen, die mich zu der Verbindung veranlaßt haben. Zwanzig Mal ſtand ich auf dem Punkt, ſie zu unterbrechen und ihr zu ſagen: aber, beſte Tante, ich bin ein Bettler, meine Frau hat keinen Schilling— ich beſitze rein nichts— ihr Vater verſtößt uns— meine Stelle iſt verkauft und Bekenntniſſe Lorrequers. II. 22 342 in drei Wochen werden das Hotel de Londres und das Palais royal um etliche hundert Pfund reicher, ich aber nicht einmal ein Cabriolet zu bezahlen im Stande ſein, um an die Seine zu fahren und mich zu ertränken. „Solcher Art waren meine Gedanken; aber ſo oft ich ſie auszuſprechen bemüht war, kam mir etwas in den Hals, ſo daß ich beinahe erſtickte; meine Schläfe pochten, meine Hände zitterten, und war es Scham, oder war es die Hülfloſigkeit der Verzweiflung, ich kann es nicht ſagen, aber die Worte wollten nicht kommen, und Alles, was ich von ihr auf dieſe Art erreichen konnte, war ein Compliment auf die Schönheit meiner Frau, oder irgend ein ſchaales Lob, daß ich geſcheivt genug geweſen ſei, ein ſolches Kleinod zu erhaſchen. Kurz und gut, Harry, obſchon ich meine Mary von ganzem Herzen und ganzer Seele liebte, wie ich fühlte, daß ſie geliebt zu werden verdiente, ſo hätte ich ſünf⸗ zig Mal des Tags mein Leben darum gegeben, wenn Sie der glückliche Liebhaber geweſen, Jack Waller aber ein Junggeſelle geblieben waͤre, um das einzige Weib, das er je liebte, als das Weib eines Andern zu ſehen. „Aber die Sache fängt an, langweilig zu werden, Harry, und ich muß mich etwas kürzer faſſen. Zwei Monate verſtrichen in Paris, und wir lebten fortwäh⸗ rend im Londres, gaben Diners, Soireen, Dejeuners, fuhren in den hübſcheſten Equipagen auf den elyſäiſchen Feldern herum und waren ganz in der Mode; meine Frau verſtand, was bei einer Engländerin ſelten genug iſt, ſich zu kleiden. Unſere Abendgeſellſchaften waren weit und breit geſucht, und wäre es mir möglich ge⸗ weſen, irgend ein Vergnügen an Glanz und Ruhm zu finden, an Veranlaſſungen dazu hätte es nicht gefehlt, denn ich gewann alle Wetten im Bois de Boulogne, und überwand Lord Henry Seymour in eigener Perſon bei einem Kirchthurmrennen. Die fortwährende Be⸗ ſchäftigung, worein uns das Vergnügen verwickelt, bildet gewiß ſeinen größten Reiz— ein ernſtes Nachdenken wenn ich Sie nicht früher zu meiner Vertrauten machte. 343 iſt unmöglich; die Gegenwart iſt ſelbſt zu ausgefüllt, um von der Vergangenheit und ebenſo von der Zukunft etwas gelten zu laſſen, und ſelbſt ich begann, trotz aller Schrecken, die meiner warteten, unter den vielfachen Sorgen meiner dermaligen Lebensweiſe gegen das End⸗ ergebniß halb und halb gleichgültig zu werden. Auf dieſem fataliſtiſchen Standpunkt war ich angelangt, als die Viſion augenblicklich zerſtört wurde durch einen Be⸗ ſuch meiner Tante, die uns meldete, ein dringendes Geſchäft erheiſche ihre unmittelbare Anweſenheit in Lon⸗ don, ſie werde daher noch heute Abend abreiſen, hoffe uns aber bei ihrer Rückkehr noch in Paris zu finden. Ich war wie vom Donner gerührt, denn obſchon ich bis jetzt von der alten Lady ganz und gar keine Unter⸗ ſtützung erhalten hatte, ſo betrachtete ich doch ſchon ihre bloße Anweſenheit als eine Art Sicherheit für uns und dachte, für plötzliche, unvorhergeſehene Fälle könnte ich mich an ſie halten. Mein Geld war nahezu ausgegeben, die zweite und letzte Rate von meiner Stelle war alles, was übrig blieb, und auch hievon ſchuldete ich einen guten Theil an Kaufleute. Ich beſchloß daher, zu ſprechen — in ein paar Tagen, dachte ich, muß das Schlimmſte doch bekannt werden— alſo jetzt oder nie. Mit dieſem Entſchluß nahm ich meine Tante am Arm, ſagte ihr, ich wünſche ſie einige Minuten allein zu ſprechen, und führte ſie in einen der weniger beſuchten Spaziergänge im Tuileriengarten. Als wir weit genug waren, um keine Lauſcher fürchten zu müſſen, begann ich denn— Meine theuerſte Tante, der ſchmerzliche Kampf, den es mich gekoſtet hat, Ihnen den Gegenſtand meines jetzigen Bekenntniſſes zu verbergen, muß mich entſchuldigen, Als ich ſo weit war, gerieth meine Tante in ſolche Aufregung, daß ich ein paar Minuten nicht weiter zu ſprechen wagen konnte. Endlich ſagte ſie haſtig flüſternd: Nur zul! und obſchon ich jetzt Alles, was ich in der —ÿ—ÿ—’x;-—— ————— 344 Welt beſaß, darum gegeben hätte, fortfahren zu können, ſo vermochte ich doch kein Wort herauszubringen. „Lieber John, was iſt es denn? betrifft es Mary? ſprich, ums Himmels willen.“ —„Ja, theuerſte Tante, es betrifft Mary, ganz allein ar— 1 „Ah, bei Gott, ich fürchtete es ſchon lange; aber John, Du mußt doch auch bedenken, daß ſie ſehr hübſch iſt, ſehr bewundert wird und—“. „Das macht die Sache nur um ſo ärger, meine liebe Tante— je glänzender ihre gegenwärtige Stellung iſt, um ſo härter wird ſie das Gegentheil empfinden.” „Ei, wahrhaftig, John, vor lauter Befürchtungen übertreibſt Du die Gefahr—“ 3 „Nein, ganz und gar nicht, ich habe keine Worte, um Ihnen zu ſagen—“ „Um Gottes willen ſprich nicht ſo?“ ſagte die alte Lady erröthend,„denn obgleich ich ſchon oft bemerkte, daß ſie eine luſtige, tändelnde Manier gegenüber von Männern hat— ſo bin ich doch überzeugt, ſie denkt nichts Böſes dabei— ſie iſt ſo jung— und ſo—“ „Ich blieb ſtehen, trat dann vorwärts und blickte meiner Tante feſt ins Geſicht; dann aber brach ich in ein ſolches Gelächter aus, daß ſie vor Schreck, ich möchte irgend einen Anfall von Wahnſinn bekommen haben, beinahe in Ohnmacht ſiel. „Sobald ich wieder Ernſthaftigkeit genug gewinnen konnte, um meiner Tante ihren Irrthum zu erklären, bemühte ich mich, dies zu thun, aber ſo ſpaßhaft war die Sache und die alte Lady ſchämte ſich ihres grund⸗ loſen Verdachtes dermaßen, daß ſie kein Wort mehr hören wollte, ſondern mich erſuchte, ſie in ihr Hotel zurückzuführen. Dieſe unerwartete Wendung warf alle meine Plane über den Haufen, und nach einem längern, ſehr verlegenen Schweigen von beiden Seiten murmelte ich etwas über koſtſpielige Lebensweiſe, theure Equipagen, 345 große Anzahl der Pferde u. ſ. w., und deutete darauf hin, daß einige Beſchränkung am Platz ſein würde. „Mary reitet ſehr ſchön,“ ſagte meine Tante trocken. „Ja, aber, beſte Tante, das war es nicht, wovon ich ſprechen wollte, denn in der That— „Schon gut, John,“ unterbrach ſie mich,„ich kenne Deine Delikateſſe zu gut; aber wahrhaftig, ich habe das, worauf Du anſpielſt, ſchon ſelbſt bemerkt, und wünſchte ſchon lang, mich mit Dir darüber zu beſprechen.“. „Gott ſei Dank,“ ſprach ich bei mir ſelbſt,„end⸗ lich verſtehen wir einander, und nun iſt doch das Eis einmal gebrochen.“ „In der That, ich glaube Deinem Wunſch hierin zuvorgekommen zu ſein; aber da die Zeit drängt, und ich nach meinen Packereien ſehen muß, ſo will ich Dir jetzt auf einige Wochen Lebewohl ſagen, und auf den Adend wird Jepſon das, was ich meine, Dir in Dein Hotel hinüberbringen, alſo noch einmal Lebwohl!“ „Leben Sie wohl, meine theuerſte, gütigſte Freun⸗ din,“ ſagte ich, indem ich von der alten Lady höchſt ſinlicen Abſchied nahm.„Welch ein herrliches Weib!“ uhr ich halblaut für mich fort, als ich nach Hauſe ging —„wie fein, wie wahrhaft gütig, mir alle Mühe einer Erklärung zu erſparen! Jetzt fange ich an, wieder aufzuathmen. Wenn im Londre eine Flaſche Johannis⸗ berger zu haben iſt, ſo werde ich ſie heute auf ihre Geſundheit trinken, und Mary ſoll mir dazu helfen;“ ſo ſprechend, trat ich mit leichterem Herzen und feſterem Schritt als je in das Hotel. „Wir werden gewiß die alte Lady ſehr vermiſſen, Mary, ſie iſt ſo freundlich?“ „Ja, das iſt ſie allerdings; auf der andern Seite aber, John, iſt ſie auch ſo zurückhaltend.“ Jetzt konnte ich nicht umhin, mich an die ganze Unterhaltung im Tuileriengarten zu erinnern, und es war mir nicht ganz wohl zu Muthe. 1 346 „So zurückhaltend und ſo ungeheuer altmodiſch in ihren Anſichten.“ „Ja, Mary,“ ſagte ich mit mehr Ernſt, als ſie erwarten konnte;„ſie iſt zurückhaltend, aber ich bin nicht überzeugt, ob unter fremder Geſellſchaft, wo weniger Freiheiten geſtattet ſind als in unſerem Lande, ein ſolches Benehmen nicht klüger iſt;“ was ich hinzu⸗ fügen wollte, weiß der Himmel, denn in demſelben Augenblick trat der Kellner ein und überreichte mir ein großes, ſorgfältig verſiegeltes Paket mit, den Worten: de la part di mi ladi Lilfore— doch halt, hier kommt, wenn mich nicht Alles täuſcht, eine beſſere Lobrede auf meine Tante, als ich je eine halten könnte. „Wie ſchwer es iſt,“ ſprach ich zu mir ſelbſt, das Ding in meiner Hand wiegend,„es iſt keine Antwort nöthig,“ ſagte ich zu dem Kellner, der ſtehen blieb, als ob er eine erwartete. „Der Bediente wünſcht einen Schein dafür, daß er es in Ihre eigene Hände abgeliefert habe, Sir.“ „So ſchicken Sie ihn herauf,“ ſagte ich. „Jepſon trat ein— he da, Georg, mit dem Paket hat es ſeine Richtigkeit, und hier iſt ein Napoleon, den Du auf meine Geſundheit vertrinken kannſt.“ „Kaum hatten die dienenden Geiſter das Zimmer verlaſſen, als Mary, deren Neugierde auf's Höchſte ge⸗ ſpannt war, herüber huſchte und mir das Paket zu ent⸗ reißen ſuchte; nach einem kurzen Kampfe gab ich nach, ſie flog an's Ende des Zimmers und riß die Siegel auf, wobei mehrere Papiere auf den Boden fielen. Ehe ich Zeit hatte, dieſelben aufzuheben, hatte ſie einige Zeilen geleſen, drehte ſich ſchnell gegen mich um, warf ihre Arme um meinen Hals und ſagte: ja, Jack, ſie ver⸗ dient wirklich all' das Lob, das Du ihr geſpendet haſt; ich ſah in den Brief hinein und las— mit welchem Gifäbl⸗ das überlaſſe ich Ihnen zu errathen— wie olgt: 347 „Lieber Neffe und liebe Nichte! „Anliegend empfanget Ihr nebſt meinen wärmſten Wünſchen für Euer Glück ein Frankfurter Lotterieloos nebſt dem ganzen Plane. Ich benütze zugleich die Ge⸗ legenheit, Euch zu ſagen, daß ich den Ungar, von dem wir heut früh ſprachen, für Mary gekauft habe. Er ſteht in Johnſtons Stall und wird abgegeben werden, ſobald Ihr darnach ſchicket.“ „Denk Dir nur, Jack, der Borgheſe mit dem Sei⸗ denſchwanz mein; o die gute, liebe, alte Frau! So ſehr habe ich mir gar nichts gewünſcht, wie dies, denn man ſagt, die Prinzeſſin habe jedes Gebot darauf abgelehnt.“ „Während Mary in dieſem Tone ſortplauderte, ſaß ich betäubt und ſtumm da; der plötzliche Umſturz mei⸗ ner Hoffnungen beraubte mich einen Augenblick aller Denkfähigkeit, und es waren mehrere Minuten nöthig, bis ich die volle Ausdehnung meines Unglücks begreifen onnte. „Wie die verrückte, alte Jungfer, denn ſo nannte ich ſie jetzt bei mir ſelbſt, meine ganze Meinung ſo miß⸗ verſtanden, wie ſie ſich trotz ſo handgreiflicher Andeu⸗ tungen dermaßen geirrt haben konnte, das vermochte ich nicht zu begreifen; was half einem bis über den Hals in Schulden ſteckenden Menſchen ein Loos in ei⸗ ner deutſchen Lotterie und ein rahmweißer Pony, gleich als ob nicht mein ganzes Leben eine fortgeſetzte Lot⸗ terie geweſen wäre, worin jeder Tag eine Niete brachte; und was Pferde betraf, ſo hatte ich bereits ihrer eilf in meinen Ställen ſtehen. Doch vielleicht dachte ſie, die Zahl zwölf würde ſich beſſer in dem Inventar aus⸗ nehmen, wenn ich mich in der nächſten Woche zahlungs⸗ unfähig erklärte. 4 „Außer Stands, das kindiſche Entzücken Mary's über ihren neu erworbenen Beſitz länger zu ertragen, ſtürzte ich aus dem Hauſe und wandelte einige Stun⸗ den auf den Boulevards umher. Endlich bot ich allen meinen Muth auf, um meiner Frau das Nöthige zu 348 erklären. Ich kehrte abermals nach Hauſe zurück und trat in ihr Toilettezimmer, wo ſie eben ihren Kopf⸗ ſchmuck zu einem Ball im Geſandtſchaftshotel zurecht ge⸗ macht hatte. Meine Entſchloſſenheit verließ mich— „jetzt nicht,“ dachte ich,„morgen wird es auch noch Zeit ſein— ich will ihr noch eine glückliche Nacht gön⸗ nen und dann—“ mit Vergnügen und Stolz ſah ich, wie Schmuck um Schmuck, ſtrahlend von Diamanten und Smaragden, in ihren Haaren und an ihren Ar⸗ men glänzte, ihre Schönheit noch erhöhte und ihr lieb⸗ liches Geſicht mit blendendem Schimmer umgoß.— Doch es muß kommen— und wenn je die Stunde ſchlägt; ſie wird das Unglück immer gleich bitter em⸗ pfinden; überdies habe ich jetzt noch die Kraft dazu— und wer kann ſagen, wann ich ſie wieder haben werde— nalſo ſei es denn,“ ſagte ich, indem ich die Zofe ab⸗ treten hieß, ſodann einen Stuhl neben meine Frau ſtellte und meinen Arm um ſie ſchlug. „Ei, mein theuerſter John, hab doch Acht; Du zerknitterſt mir ja dieſe herrlichen Malnierſpitzen, woran Roſetta ſich eine halbe Stunde lang faſt zu Tod gekün⸗ ſtelt hat.“ „Nun, und dann?“ fragte ich. „Und dann könnte ich nicht auf den Ball gehen, Du garſtiger Geſelle; ich denke heute Nacht eine große Eroberung zu machen; alſo ſtör' mich nicht in ſolchen guten Abſichten.“ 8 „Und würdeſt Du es wirklich ſehr bedauern, wenn Du nicht hingehen könnteſt?“. „Allerdings würde ich das; aber was meinſt Du denn? iſt ein Grund vorhanden, warum ich nicht hin⸗ gehen ſollte? Du ſchweigſt, John— ſprich, o ſprich, iſt ein Unglück geſchehen— vielleicht meinem ℳ 3 „Nein, nein, Theuerſte, ich weiß von nichts, was dem Oberſten widerfahren wäre?“ „Nun denn, was iſt es ſonſt? Sag' es mir ſchnell.“ „Ach, meine Theure, es iſt Niemand bei der Sache 349 betheiligt, als wir ſelbſt;“ ſo ſprechend zog ich ſie trotz der Mahnung wegen ihrer Spitzen zu mir her und er⸗ klärte ihr mit ſo wenigen Worten, aber ſo deutlich, als es mir möglich war, alle unſere Umſtände— meine Bemühungen, ſie zu verbeſſern— meine Hoffnungen— meine Befürchtungen— und jetzt meine bittere Ent⸗ täuſchung, wo nicht Verzweiflung. „Nachdem die erſte Erſchütterung vorüber war, zeigte Mary nicht allein mehr Muth, ſondern auch mehr Verſtand und Beſonnenheit, als ich je geglaubt hätte. Al' die Leichtfertigkeit ihres frühern Benehmens verſchwand bei der erſten Berührung des Unglücks, ge⸗ rade wie wir früher, Harry, unſere luſtigen, flittern⸗ den Jäckchen dahinten ließen, wenn der active Dienſt uns zu etwas Ernſterem forderte. Sie rieth, ſie ſann auf Mittel, ſie ſprach mir Muth zu, und in weniger, als einer halben Stunde war mein qualvollſter Kum⸗ mer der, daß ich ſie nicht früher zu meiner Vertrauten gemacht und unſerer unſinnigen Verſchwendung nicht ſchon vor einiger Zeit Einhalt gethan hatte. „Ich will Sie nicht mehr länger hinhalten. In drei Wochen hatten wir unſere Wägen und Pferde ver⸗ kauft, unſere Gemälde(auch dieſe Liebhaberei gehörte zu unſern Tollheiten), unſere koſtbaren Waſen u. dgl. folgten nach, und unter dem Vorwand von Geſund⸗ heitsrückſichten brachen wir nach Baden auf. Niemand von allen unſern Pariſer Bekannten konnte den wah⸗ ren Grund der Abreiſe ahnen und bei uns an Geld⸗ verlegenheit denken, denn wir bezahlten unſere Schulden. „ Am ſelben Tag, wo wir Paris verließen, ſchrieb ich meiner Tante einen Brief, worin ich ihr alle un⸗ ſere Umſtände auseinanderſetzte und zu verſtehen gab, daß ſie, da ich für immer aus dem Militär ausgetre⸗ ten ſei, vielleicht die Güte hätte einige ihrer Freunde — und ſie hatte deren einflußreiche— dafür zu in⸗ tereſſiren, daß ſie etwas für mich thäten. „Nachdem wir kurze Zeit am Rhein hingeſchlen⸗ * 350 dert, wählten wir Heſſenkaſſel zu unſerm Wohnort. Es war da ſehr ruhig— ſehr wohlfeil. Die Gegend um⸗ her iſt maleriſch und, was nicht das Unweſentlichſte für uns war, es lebten keine Engländer in unſerer Nach⸗ barſchaft. Die zweite Woche nach unſerer Ankunft brachte uns Briefe von meiner Tante. Sie hatte uns für den Augenblick vierhundert Pfund jährlich ausgeſetzt und ſandte das erſte Jahr voraus, zugleich verſprach ſie uns einen Beſuch, ſo bald wir bereit wären, ſie zu empfangen, und verpflichtete ſich, uns nicht zu vergeſſen, wenn ſich eine Gelegenheit zeigen ſollte, uns zu dienen. „Von dieſem Augenblick an,“ ſagte Jack,„iſt uns Alles gut gegangen. Wir haben allerdings nicht viele Herrlichkeiten, aber wir haben auch nicht viele Bedürf⸗ niſſe, und was noch beſſer iſt, keine Schulden. Die gute, alte Tante macht uns immer einige kleine Geſchenke, und ich habe fortwährend ein Gefühl, als ob uns noch ein größeres Glück erwartete; aber wahrhaftig, Harry, ſo lang ich eine angenehme Häuslichkeit habe und ein warmes Kamin für einen Freund, der gelegentlich bei mir einkehren will, ſo kann ich kaum ſagen, daß ich mir etwas viel Beſſeres wünſchen möchte.“ „Nur über einen einzigen Punkt, Jack, haben Sie mich noch nicht aufgeklärt, nämlich wie Sie hieher ka⸗ men. Ihr Schloß da liegt einige hundert engliſche Mei⸗ len von Heſſen entfernt.“ „Ja, richtig, da habe ich in meiner Erzählung et⸗ was Wichtiges ausgelaſſen, aber warten Sie, ich will es Ihnen ſogleich erklären; ſehen Sie hier“— ſo ſpre⸗ chend zog er aus einer kleinen Schublade eine große Lithographie von einem prachtvollen, kaſtellartigen Ge⸗ bäude mit Thürmen und Baſteien, Zwingern und Schloß⸗ gräben und ſogar einer Zugbrücke, die Wälle mit Ka⸗ nonen bepflanzt und über ihnen ein ſtolzes Banner mit einem Adler flatternd. „Was zum Henker iſt das?“ „Das iſt,“ ſagte Jack,„das Schloß Eberhauſen, — wie es im Jahr der Sündfluth war, denn das gegen⸗ wärtige Gebäude, worin wir unſern Wein ſchlürfen, hat keine ſonderliche Aehnlichkeit mit demſelben. Aber um Ihnen das Geheimniß aufzuklären, dies war das große Loos in der Frankfurter Lotterie, das wir mit dem Billet, welches meine Tante mir in Paris ſchenkte, zu gewinnen das Glück hatten. Wir ſind erſt wenige Wochen hier, und obſchon das Ding etwas ärmlich aus⸗ ſieht, ſo hoffen wir doch in kurzer Zeit und ohne allzu große Mühe es einigermaßen wohnlich zu machen. Es iſt eine herrliche Jagd von etlichen hundert Morgen da, eine Menge Waldung, auch habe ich noch unzählige grundherrſchaftliche Rechte, wovon ich, zum Glück für meine Nachbarn, nichts verſtehe, und um die ich mich im Grunde auch nicht kümmere. Unter Anderem heiße ich hier Graf von— „Nun aber, Herr Graf, haben Sie die Güte, mich zum Kaffee mit ihrer Geſellſchaft zu beehren, denn es iſt bereits zehn Uhr, und wenn ich meine frühern An⸗ ſprüche auf Mr. Lorrequer bedenke, ſo haben Sie mir i ſehr wenig von ſeiner Geſellſchaft zu gut kommen aſſen.“ Wir begaben uns jetzt in's Geſellſchaftszimmer, wo wir bis nach Mitternacht plauderten; ſodann zog ich mich auf mein Stübchen zurück, ſann ſo lange über Jack's Abenteuer nach und wünſchte mir von Herzen, daß die meinigen ein ebenſo günſtiges Ende nehmen möchten. — Zweiunddreißigſtes Kapitel. München. Die Ruhe, die ich am letzten Tage genoſſen, hatte mich von den Wirkungen meines Unfalls ſo weit her⸗ geſtellt, daß ich beſchloß, gleich nach dem Frühſtück von 3⁵² meinen gütigen Freunden Abſchied zu nehmen und nach München aufzubrechen. „Wir ſehen uns auf den Abend, Harry,“ ſagte Waller, als ich einſtieg—„wir kommen ins Cafino — und vergeſſen Sie nicht, daß das weiße Kreuz Ihr Hotel iſt, und Schnetz, der Schneider auf dem großen Platze, wird Sie mit allem verſorgen, was Sie zur Toilette nöthig haben.“ Dieſe letztere Mittheilung war für mich ſehr beru⸗ higend, da der größere Theil meines Gepäckes, meine Uniform u. ſ. w. in der franzöſiſchen Diligence zurück geblieben war; und da der Ball unter den Auſpizien des Hofes ſtattfand, ſo war ich ſehr in Verlegenheit, wie ich auf demſelben erſcheinen ſollte. Schlechte Straßen und noch ſchlechtere Pferde lie⸗ ßen mir die paar Stunden, die ich noch zu machen hatte, als den langweiligſten Theil meiner Reiſe er⸗ ſcheinen. Aber wie natürlich hatte an dieſem Gefühl die Ungeduld ihren Antheil. Noch ein paar Stündchen, dann ſollte ſich mein Schickſal entſcheiden, und doch glaubte ich, die Zeit würde nie kommen. Wenn Cal⸗ lonby's nicht eintreffen ſollten— wenn mein böſer Stern wiederum im Aufſteigen wäre und irgend cin neues Hinderniß unſerem Zuſammentreffen ſich entgegen ſtellte— doch ich kann, ich will das nicht denken— das Schickſal muß es offenbar müde ſein, mich beſtän⸗ dig zu verfolgen, und ſchon um ſeinen alten Ruf des Wankelmuths zu behaupten, muß es mich jetzt begün⸗ ſtigen. Ach, da wären wir alſo in München— und das iſt das weiße Kreuz— welch' ein ſchmutziges, altes Haus! Unter einer maſſiven, auf ſchweren, ſteinernen Pfeilern ruhenden Vorhalle ſtand die ſtattliche Geſtalt des Andreas Behr, Beſitzers dieſes Gaſthoſs. Eine weiße, in einem Knopfloch befeſtigte und anmuthiglich auf der Seite herab hängende Serviette— ein Sup⸗ penlöffel, den er ſcepterartig in der rechten Hand hielt, und die malmende Bewegung ſeines Kiefers, alles be⸗ 7 wies, daß er von ſeiner Table d'Hote aufgeſtanden war, um den neuen Gaſt zu bewillkommen, und ge⸗ wiß, wenn Lärm und Getöſe das Phänomen erklären konnten, die Art, wie mein Wagen über das Pflaſter rollte, hätte beinahe Todte erwecken müſſen. „Während mein Poſtillon ſich gewaltig anſtrengte, mit einem ſchweren Stein den Griff am Schlage zu öffnen und mich ſomit aus meinem Käfig zu befreien, merkte ich, daß der Wirth vorwärts kam und etwas zu ihm ſagte: worauf dieſer antwortete, ſeine Bemühun⸗ gen, die Thüre zu öffnen, alsbald einſtellte und müßig um ſich blickte. Ich ließ jetzt das Fenſter hinab und rief hinaus: „Bin ich denn nicht am weißen Kreuz?“ „Ja,“ antwortete der bergartige Mann mit der Serviette. „Nun gut, ſo öffnen Sie gefälligſt den Schlag. Ich will hier abſteigen.“ „Nein.“ „Nein! Was meinen Sie damit? Hat nicht Lord Callonby Zimmer hier?“ „Ja.“ „Nun ja, ich bin ein ganz genauer Freund von ihm und will auch hier bleiben.“ „Nein.“ „Was zum Teufel haben Sie mit Ihrem Ja und Nein,“ verſetzte ich.„Hat Ihre verdammte Sprache nichts als einſilbige Worte, um einem Fremden Rede zu ſtehen?“ Ob ihm nun der Ton mißfiel, welchen der Streit annahm, oder ob er ſich erinnerte, daß ſein Eſſen war⸗ tete, das weiß ich nicht. Genug, bei dieſen Worten drehte ſich mein fetter Freund gemächlich um und wat⸗ ſchelte ins Haus zurück, wo ich einen Augenblick darauf das Vergnuͤgen hatte, ihn an der Spitze einer langen Tafel zu erblicken, Fleiſch zerlegend mit einer ungemein grö⸗ ßeren Thätigkeit, als er im Zwiegeſpräch entwickelt hatte. —— 354 Mit einem kräftigen Stoß machte ich den Schlag auffahren, warf bei dieſer Gelegenheit den armen Po⸗ ſtillon, der ſeine Operationen an demſelben aufs Neue begonnen hatte, über den Haufen und ſchritt ſchäumend vor Aerger nach dem Speiſeſaal. Nichts vermag eine plötzliche Gährung ſchneller zu dämpfen, als die fried⸗ lichen und unbekümmerten Geſichter einer Anzahl Leute, die Dich ſelbſt, ſo wie Deine augenblicklichen Gründe zum Aerger nicht kennen, und Dich daher blos als einen Tollhäusler anzuſehen ſcheinen. Ich empfand dieß ſtark, als ich mit feuerrothem Geſichte und juckenden Fingern in den Saal trat. „Nehmen Sie mein Gepäck,“ ſagte ich zu einem gaffenden Kellner,„und ſtellen Sie mir einen Stuhl hieher, hören Sie's.“ Vermuthlich lag in meinen Blicken etwas, das nicht viel Federleſens von meiner Seite zu verheißen ſchien, denn der Burſche machte mir ſogleich Platz an der Tafel und verließ, ohne ein Wort zu ſagen, das Zimmer, als ob er den andern Theil meines Befehls vollziehen wollte. Als ich meine Serviette zurecht legte, raffte ich alle meine Geiſteskräfte und all' mein Deutſch beſt möglich zuſammen, um einem Angriff des Wirthes zu begegnen, der, wie ich aus ſeinem erſten Benehmen ſchloß, nunmehr erfolgen mußte; aber zu meiner gro⸗ ßen Ueberraſchung ſandte er mir meine Suppe, und die Mahlzeit ging ohne alle Unterbrechung von Statten. Als der Nachtiſch erſchien, winkte ich den Kellner zu mir her und fragte ihn, was ich von dem ſeltſamen Empfange des Wirthes zu denken habe. Er zuckte die Achfeln und zog ſeine Augenbrauen hinauf, als wollte er ſagen: Es iſt ſeine Art ſo. „Nun gut, immerhin,“ ſagte ich,„haben Sie mein Gepäck hinauf geſchickt?“ „Nein, Sir, wir haben keine Zimmer mehr, das Haus iſt beſetzt.“. „Das Haus beſetzt! Zum Teufel, das iſt zu är⸗ 355 gerlich. Ich habe höchſt dringende Gründe, hier blei⸗ ben zu wollen. Können Sie's nicht auf irgend eine Art einrichten? Sehen Sie doch nach, Kellner.“ Hie⸗ mit ließ ich einen Napoleon in ſeine Hand gleiten und gab ihm zu verſtehen, daß er nach beendigter Unter⸗ handlung wieder einen zu erwarten habe. Ungefähr eine Minute nachher bemerkte ich ihn⸗ hinter dem Stuhl des Wirths, wo er meine Sache mit bedeutendem Nachdruck verfocht; aber zu meinem größ⸗ ten Aerger hörte ich den Andern auf alle ſeine Beredt⸗ ſamkeit mit einem lauten Nein antworten, welches er auf eine Art heraus ſchnauzte, die der Berathung ein ſchnelles Ende machte. „Ich kann ihn nicht dahin bringen, Sir,“ ſagte der Kellner, als er hinter mir vorbei ging,„aber ver⸗ laſſen Sie das Haus nicht, bis ich Sie wieder ſpreche.“ „Welches verdammte Geheimniß mag dahinter ſtecken!“ dachte ich;„ſollte denn in meinem Ausſehen oder Auftreten etwas ſo Verdächtiges liegen, daß der alte Bär mit der Pelzkappe mich nicht einmal aufneh⸗ men will? Was mag dieß alles bedeuten? Eines jedoch ſteht feſt bei mir beſchloſſen— nur Gewalt kann mich entfernen.“ So bei mir ſelbſt ſprechend zündete ich meine Ci⸗ garre an, ging dann, um dem Kellner Gelegenheit zu verſchaffen, ohne Wiſſen ſeines Herrn mit mir zu ver⸗ handeln, in die Vorhalle hinaus und ſetzte mich nieder. Wenige Minuten darauf kam er zu mir, warf lach allen Seiten verſtohlene Blicke umher und ſagte ann— „Der Herr Andreas iſt ein Mann, mit dem ſchwer auszukommen iſt, und wenn er einmal etwas ſagt, ſo geht er nie mehr davon ab. Er wartet jetzt ſchon ſeit zehn Tagen auf den neuen engliſchen Geſchäftsträger und hat um ſeinetwillen das halbe Hotel leer behalten; da nun Mylord Callonby die andere Hälfte gemiethet hat, ſo haben wir jetzt gar nichts zu thun; er fragte 356 den Poſtillon ſogleich, ob Sie Mylord wären, und als dieſer, es verneinte, beſchloß er, Sie nicht aufzu⸗ nehmen.“— „Aber warum hat er nicht einmal die Höflichkeit, dieß zu erklären?“ „Er ſpricht ſelten, und wenn er es thut, nur ein oder zwei Worte auf einmal. Er iſt von dem, was er heute ſchon durchgemacht hat, ganz müde und wird ſich ſehr früh zu Bett begeben; deßhalb habe ich Sie erſucht, da zu bleiben, denn da er niemals oben hinauf kommt, ſo will ich Ihnen eines von den Zimmern des Ge⸗ ſandten einräumen, das dieſer, ſelbſt wenn er kommt, nicht vermiſſen wird. Wenn Sie ſich alſo ruhig ver⸗ halten und keine beſondere Aufmerkſamkeit auf ſich len⸗ ken, ſo wird alles gut gehen.“ Dieſer Rath ſchien ſo vernünftig, daß ich ihn zu befolgen beſchloß, denn ich wollte mir alle Unbequem⸗ lichkeiten gefallen laſſen, wenn ich nur mit meiner ge⸗ liebten Jane unter demſelben Dache ſein konnte; und ſo viel mir der Kellner ſagte, ſchien ihre Ankunft heute Abend außer allen Zweifel geſetzt zu ſein. Um daher ſeinen Mahnungen buchſtäblich nachzukommen, ging ich auf den großen Platz, den Schneider zu ſuchen und zugleich einen Brief von Waller an den Kammer⸗ herrn abzugeben, der mir eine Karte für den Ball ver⸗ ſchaffen konnte. Monſieur Schnetz war die Höflichkeit ſelbſt, aber thatſächlich eben ſo ſtörriſch, wie mein dicker Kreuzwirth. Alle ſeine Leute waren mit einem Anzug für den engliſchen Geſchäftsträger beſchäftig, deſſen Kof⸗ fer einen falſchen Weg genommen, und der daher von Frankfurt aus einen Kurier abgeſchickt hatte, um ſich eine Uniform zu beſtellen. Dieſe Art, wie er mir nun ſchon zum zweiten Mal über den Weg kam, ärgerte mich dermaßen, daß ich ſehr befürchte, alle meine Hoch⸗ achtung vor dem Miniſterium der auswärtigen Ange⸗ legenheiten und den von demſelben angeſtellten Würde⸗ trägern würde dieſe hohen Herrn nicht vor einer guten 357 Anzahl herzlicher Verwünſchungen geſchützt haben, hätte nicht Monſieur Sanetz die Diplomatie vor einem ſol⸗ chen Unglück bewahrt, durch die Erklärung, daß er, wenn ich mich mit einem einfachen Civilrock begnügen wofle, ſich alle Mühe geben werde, mich damit zu ver⸗ ehen.— 3 „Es iſt mir Alles recht, Monſieur Schnetz, kleiden Sie mich wie den päbſtlichen Nuntius oder wie den Lordmayor von London, wenn Sie wollen, nur ſetzen Sie mich in Stand, auf den Ball zu gehen.“ Obſchon meine Antwort dem Künſtler keinen über⸗ trieben hohen Begriff von meinem Geſchmack in Sachen des Coſtüms beizubringen ſchien, ſo bewies ſie ihm doch, wie viel mir daran gelegen war; er nahm daher ſchnell mein Maaß, verſicherte mich, daß das Kleid eben ſo hübſch als anſtändig ausfallen ſolle, und fügte hinzu:„Um neun Uhr, Sir, ſollen Sie es haben— ganz dieſelbe Figur, wie Seine Excellenz, der Herr Geſchäftsträger.“ „Hol' der Teufel den Geſchäftsträger,“ murmelte ich und verließ das Haus. 4 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Ein Gaſthof in München. Da ich früher nie in München geweſen war, ſo ſchlenderte ich in der Stadt herum, bis es zu dämmern anfing. Um dieſe Zeit hatte der Geſchmack des jetzt lebenden Königs die Hauptſtadt noch nicht mit den zahl⸗ loſen Kunſtgegenſtänden bereichert, kraft deren ſie nun⸗ mehr keiner andern in Europa nachſteht. Es war da⸗ mals wirklich nicht ſehr viel Schönes zu ſehen— enge Straßen, hohe, unarchitektoniſche Häuſer und düſtere Bekenntniſſe Lorrequers. 1I. 3 23 n 123 3⁵8⁸ Kirchen, die alles Eindrucks ermangelten. Gelangweilt kehrte ich nach meinem Gaſthof zurück und war ſehr be⸗ gierig zu erfahren, ob Anion wirklich ſo glücklich ge⸗ weſen ſei, mir das Zimmer zu verſchaffen, oder ob ich dennoch genöthigt ſein werde, ein anderes Quartier zu ſuchen. Kaum hatte ich die Vorhalle betreten, als ich ihn mit einer Kerze in der Hand auf mich wart end antraf. Er führte mich ſogleich die breite Eichentreppe hinan, dann die Gallerie entlang in ein großes ge⸗ täfeltes Zimmer mit einem äußerſt geräumigen Beit. Ein Auſtiges Holzfeuer brannte und praſſelte im Kamin — der Tiſch war bereits für das Abendeſſen gedeaͤt— (man bedenke wohl, daß es in Deutſchland war)— die Zeitungen vom heutigen Tag wurden vor mich hin⸗ gelegt— und mit einem Wort, alle Arten von Auf⸗ meriſamleiten bewieſen mir, daß ich den wahren Schlüſ⸗ ſel zu Antons Gunſt und Gewogenheit gefunden hatte, denn er ſtand jetzt in augenſcheinlicher Verzückung über ſeine Pfiffigkeit vor mir und machte einen Bückling um den andern. „Sie haben Alles gut gemacht, Anton, und nun ein Abendeſſen— beſtellen Sie ſelbſt für mich— ich kann mich in einer deutſchen Speiſekarte nicht zurecht finden— und ſorgen Sie dafür, daß der Fiaker gewiß um neun kommt— Schlag neun.“ Anton entfernte ſich und überlies mich meinen ei⸗ genen Betrachtungen, die jetzt, wente auch nicht trüber, doch ängſtlicher Art zu werden anfingen. Kaum war das Eſſen aufgetragen, als ein furcht⸗ Vorhalle hindurch, bei welchem Rennlauf ich mehrere Kellner auf die Seite ſtieß und verſchieden Zimmer⸗ bares Roßgeſtampfe über die Straße hin und lautes Peitſchengeinalle einen neuen Gaſt ankündigte. „Das find ſie,“ ſagte ich, indem ich aufſpringend die Suppe umſtieß und Anton den Braten beinahe in's Geſicht warf, den er eben vor mir aufſtellte. Sofort rannte ich die Treppe hinab und durch die 359 mädchen über den Haufen warf. Der Wagen ſtand bereits vor der Thüre; jetzt eine Ueberraſchung, dachte ich, indem ich mich durch das Gedränge hindurch ar⸗ beitete und die Thüre juſt in dem Augenblick erreichte, als die Tritte raſſelnd herabgeworfen wurden und ein Gentleman auszuſteigen begann, welchen zwanzig er⸗ wartungsvolle Stimmen, die nunmehr von ſeiner Iden⸗ tität in Kenntniß geſetzt waren, als den neuen Ge⸗ ſchäftsträger bewillkommten. „Ei, ſo wollt' ich doch— Was ich Sr. Excellenz wünſchte, dies zu wieder⸗ holen wäre weder höflich, noch ſonderlich klug; aber gewiß iſt, daß ich die Treppe mit einem ſo geringen Grad von Wohlwollen gegen den außerordentlichen Ge⸗ ſandten hinanſtieg, als ſich nur immer mit der pflicht⸗ ſchuldigen Loyalität vertrug.. Als ich wieder in meinem Zimmer war, wünſchte ich mir Glück dazu, von jetzt an wenigſtens von un⸗ angenehmen Irrungen dieſer Art geſchützt zu ſein— der ewige Geſchäftsträger, von dem ich ſeit meiner An⸗ kunft beſtändig hören mußte, kann doch nicht zweimal kommen— er iſt jetzt da, und hoffentlich habe ich nichts mehr mit ihm zu ſchaffen. Das Eſſen war, einigen Schmutz abgerechnet, gut, der Wein vortrefflich. Meine Lebensgeiſter ermunter⸗ ten ſich allmälig wieder, und ich ſchritt mein Zimmer auf und ab in jenenn gemiſchten Zuſtand von Hoffnung und Furcht, der inmitten ſeiner Bänglichkeit Augenblicke des Entzückens hat. Ein neues Geräuſch außen— ei⸗ niger Pöbellärm auf der Straße, horch, es kommt nä⸗ her— ich höre das Geraſſel von Rädern; ja, das find Pferde— ſie kommen näher und immer näher. Ah, jetzt hört man wieder nichts mehr— doch halt— ja ja— ſo iſt's— ſie ſind da. Der Lärm und das Ge⸗ räuſche außen nahm mit jedem Augenblicke zu; der ſchellende Trott von ſechs oder acht Pferden erſchütterte die Straße, und ich hörte das raſche, rumpelnde Ge⸗ 360 töne eines ſchweren Wagens, der endlich vor der Thüre des Gaſthofes auffuhr. Ich weiß nicht wie es kam, aber diesmal konnte ich nicht von der Stelle— mein Herz ſchlug beinahe laut genug, daß ich es ſelbſt hörte — meine Schläfe pochten, dann kam ein kalter klebri⸗ ger Schweiß über mich, und ich ſank in einen Stuhl. Da ich mich wirklich unwohl fühlte und eine Ohnmacht fürchtete, ſo wurde ich ärgerlich über mich ſelbſt und verſuchte es, mich aufzuraffen, konnte aber nicht, und erſt nach einiger Zeit kam ich wieder zu klarem Be⸗ wußtſein, als ich hörte, wie die Wagentritte herabge⸗ laſſen wurden, und daß unmittelbar darauf einige Per⸗ ſonen die Gallerie entlang gegen mein Zimmer her⸗ kamen. „Sie kommen,“ dachte ich;„ſie kommt. Und nun vernimm Dein Urtheil.“ I Draußen ſprachen einige Stimmen. Ich horchte, denn ich fühlte mich immer noch unfähig aufzuſtehen; Die Stimmen wurden lauter— Thüren wurden geöff⸗ net und geſchloſſen— dann trat eine Stille ein— hier⸗ auf wurden wieder Thüren zugeworfen und wieder ge⸗ ſprochen— dann war wieder Alles ſtill, und endlich hörte ich die Tritte von Perſonen, die ſich zu entfernen ſchienen; wenige Minuten darauf wurde der Wagen⸗ ſchlag geſchloſſen, und auf's Neue erſcholl ſchweres Roſſe⸗ geſtampfe auf dem Pflaſter. In dieſem Augenblick trat Anton ein. „Nun, Anton,“ ſagte ich mit einer vor Schwäche und Aufregung zitternden Stimme,„find ſie's jetzt?“ „Es war Se. Gnaden der Oberhofmarſchall,“ er⸗ wiederte Anton, über der Bedeutſamkeit des erlauchten Gaſtes meine Frage kaum beachtend. „So, der Oberhofmarſchall,“ ſagte ich gleichgültig; „wohnt er hier?“ „Sapperment, nein, mein Herr; aber er hat Sr. Excellenz dem neuen Geſchäftsträger die Aufwartung gemacht.“ Bei Allem, was Geduld heißt, frage ich, wer könnte das aushalten! Von der Stunde meiner Ankunft an quälte mich immer und ewig dies eine Bild— der Geſchäftsträger. Seinetwegen bin ich beinahe verdammt worden, obdachlos und nackt umherzugehen; und nun find ſelbſt die heiligſten Gefühle meines Herzens ſeinem Einfluſſe unterworfen. Ich ſchritt in einer Art Todes⸗ kampf auf und ab. Noch eine ſolche Enttäuſchung, dachte ich, dann wird mir das Gehirn zerſpringen und man kann auf meinen Grabſtein ſchreiben— ſtarb an Liebe und einem Geſchäftsträger. „Es iſt Zeit, Ihre Toilette zu machen,“ ſagte der Kellner. 3 „Ich könnte ihn mit meinen eigenen Händen er⸗ würgen,“ murmelte ich, durch die Aufregung meiner Leidenſchaft in fieberhafte Hitze gejagt. „Der Geſchäfts— „Sprich dieſen Namen noch einmal, Schurke, ſo ſchlage ich Dir den Schädel ein,“ rief ich, indem ich Anton bei der Kehle packte und an die Wand drückte; „wag' es, ihn nur noch zu murmeln, ſo wirſt Du bald auf immer ausgeſchnauft haben.“ Der arme Kerl wurde grün vor Schreck und fiel vor mir auf die Kniee. „Geben Sie mir jetzt meine Kleider her,“ ſagte ich in etwas gedämpfterem Tone,„ich wollte Sie nicht erſchrecken— aber merken Sie ſich, was ich Ihnen er⸗ klärt habe.“ Während Anton ſich mit den Vorbereitungen zu meiner Toilette beſchäftigte, ſaß ich brütend neben der glühenden Aſche und ſann über mein Schickſal nach. Man pochte an die Thüre. Es war ein Schnei⸗ dergefell, der meine Kleider brachte. Er legte den Pack ab und entfernte ſich, während Anton ihn öffnete und eine blaue Uniform mit geſticktem Kragen und dito Auf⸗ ſchlägen hervorzog, das Ganze zwar nicht ſchimmernd, 362² aber doch hübſch genug und vollkommen ſo in bie Au⸗ gen fallend, wie ich es wünſchen konnte.— Der arme Kellner drückte ſein unbevingtes Lob über das Koſtüm aus und ſprach von dem bevorſtehenden Ball, als von etwas über alle Maßen Prachtvollem. „Sehen Sie jetzt nach dem Fiaker, Anton,“ ſagte ich;„es iſt neun Uhr vorüber.“ Er ſchritt auf die Thüre zu, öffnete ſie, kehrte ſich dann wieder um und ſagte in einer Art von leiſem, vertraulichem Geflüſter, indem er mit dem Daumen ſeiner linken Hand nach der Wand des Zimmers deutete: „Es iſt doch ſonderbar— er will nicht gehen.“ „Wen meinen Sie?“ fragte ich ohne alle Ahnung, was die Anſpielung zu bedeuten habe. „Den Geſchäfts—— Ich machte einen Sprung gegen ihn, aber er warf die Thüre zu, und bevor ich den Gang erreichen konnte, hörte ich ihn die Eichentreppe von oben bis unten hin⸗ abpurzeln mit einem Getöſe, woraus ich ſchließen mußte, daß er wenigſtens etliche Beine gebrochen habe. Vierunddreißigſtes Kapitel. Der Ball. Ich wußte, daß der König ſich in eigner Perſon auf dem Ball einfinden würde, und wußte auch, daß nach deutſcher Etikette die Geſellſchaft vor Sr. Majeſtät zu erſcheinen hatte; obſchon ich daher jede Minute die Ankunft von Callonby's erwartete, ſo wagte ich es doch nicht, mich länger aufzuhalten. 8 „Sie kömmen ganz ſicher auf den Ball,“ ſagte Waller, und dieſer Ausſpruch kam mir nie aus dem Sinn. Ich ſchwang mich alſo in den Fialer und befand 363 mich binnen wenigen Minnten in der langen Reihe von Wägen, die nach dem Hofſaal führte. Jedermann, der in München war, wird mit's bezeugen, daß der könig⸗ liche Ballſaal einer der ſchönſten in Europa iſt, und für mich, der ich einige Zeit nicht in der hohen Welt ge⸗ lebt, hatte ſeine Herrlichkeit wirklich etwas Blendendes. Der Glanz der Kronleuchter— das Getöne der Muſik — die Pracht der Kleider— die Schönheit der bai⸗ riſchen Damen= Alles überraſchte mich und erfüllte mich mit Staunen. Es waren mehrere hundert Perſonen anweſend, aber da der König noch nicht gekommen war, ſo hatte der Tanz nicht begonnen. In meiner derma⸗ ligen Gemütysverfaſſung war es mir mehr eine Er⸗ leichterung, als eine Verlegenheit, daß ich Niemand kannte. Ich fand Unterhaltung genug, indem ich in den Salons auf und abging und mir die ſeltſamen Ko⸗ ſtüme ſo wie die verſchiedenen Gruppen anſchaute, die ſich um die glänzenden Behälter von Eis und Cham⸗ pagner verſammelten. Das Geſumme der ſprechenden Stimmen und das fröhliche Gelächter übertönte ſelbſt das Orcheſter, und als die muntern Haufen in den Zimmern hin und her paradirten, war Alles Vergnü⸗ gen und Heiterkeit. Plötzlich hörte man draußen ein furchtbares Getöſe, dann kam ein lautes Trommelge⸗ wirbel, das mehrere Sekunden andauerte, vermiſcht mit Musketengeklirr— ſodann ein ſchallendes Lebehochz— es iſt der König. 1 ds. Der Königl erſcholl es von allen Seiten; und im nächſten Augenblick wurden die großen Flügelthüren am Ende des Saales aufgeworfen und die Muſtk ſtimmte die bayriſche Nationalhymne an. 9 Se. Majeſtät trat ein, begleitet von der Königin, ſeinem Bruder, zwei oder drei Prinzeſſinnen und einer langen Suite von Offtzieren. Ich konnte nicht umhin, den wirklich feinen Ge⸗ ſchmack zu bemerken, welchen die Verſammlung bei dieſer Gelegenbeit an den Tag legte. Obſchon alle 364 fammt und ſonders mit großer Begierde darauf erpicht waren, Se. Majeſtät zu ſehen zu bekommen und von ihr geſehen zu werden, ſo fand doch ganz und gar kein Gedränge gegen die Eſtrade hin ſtatt, wo der König ſtand, Niemand zeigte eine plumpe Neugierde, ſondern die Gruppen ſammelten und zerſtreuten ſich nach wie vor. Der einzige Unterſchied war, daß man am ge⸗ polſterten Sammtſtuhl, der vorher beobachtende Blicke auf ſich gezogen hatte, mit einer tiefen, ehrfurchtsvollen Verbeugung vorüberging.„Wie anſtändig,“ dachte ich, gund welche Aufmunterung für einen Monarchen unter ſein Volk zu kommen, das ihn mit ſo wahrer Höflich⸗ keit zu empfangen verſteht.“ Während dieſe Gedanken mir durch den Kopf gingen und ich mich an einen Pfeiler unter der Gallerie des Orcheſters lehnte, lorg⸗ nettirte mich ein Herr, der, nach ſeiner mit Gold und Stickereien beſetzten Uniſorm zu ſchließen, dem Hof an⸗ gehörte, von der Seite und ging dann raſch vorüber. Es bildete ſich eben eine Quadrille in meiner Nähe und ich ſah mit einigem Intereſſe dem Treiben zu, als dieſelbe Figur, die ich vorhin bemerkt hatte, auf mich zutrat, indem ſie ſich mit jedem Schritt tief verbeugte und mit jedem Bückling eine wahre Puderwolke vom Kopfe ſchüttelter. „Darfnich mir die Freiheit nehmen, mich Ihnen vorzuſtellen?“ ſagte er.—„Graf Benningſen.“ Hier verbeugte er ſich wieder, und ich dankte mit noch tie⸗ ferem Bückling.„Bedauerte ſehr, daß ich nicht ſo glück⸗ lich war, dieſen Abend Ihre Bekanntſchaft zu machen, als ich bei Ihnen vorfuhr.“. G ſelbſt. „Hab' nichts davon gehört,“ ſprach ich bei mir Ew⸗ Exzellenz find dieſen Abend angekom⸗ men?“ 3 —„Ja,“ ſagte ich,„erſt vor einigen Stunden.“ 2„Welche Titelnarren doch dieſe Deutſchen ſind,“ dachte ich.„Ich wußte, daß in Wien Jedermann Se. 365 Gnaden iſt, und dachtsé nun, die bayriſche Höflichkeit bringe es mit ſich, Jedermann Exzellenz zu nen⸗ nen. „Sie ſind, glaube ich, noch nicht vorgeſtellt?“ „Nein,“ ſagte ich; aber ich hoffe bald Gelegenheit zu bekommen, Sr. Majeſtät meine Huldigungen dar⸗ zubringen.“ „Ich habe ſo eben Befehl erhalten, Sie jetzt vor⸗ zuſtellen,“ verſetzte er mit einem neuen Bückling. „Den Teuſel haben Sie,“ dachte ich.„Welch au⸗ ßerordentliche Höflichkeit!“ und obſchon ich viele Anek⸗ doten von der ungezwungenen Lebensweiſe am bayri⸗ ſchen Hof gehört hatte, ſo überraſchte mich dies doch dermaßen, daß ich wirklich, um einer Irrung vorzubeu⸗ gen, ſagte:„Habe ich dies ſo zu verſtehen, Herr Graf, daß Se. Majeſtät huldreichſt geruhen⸗— „Wenn Sie mir gefälligſt folgen wollten,“ ver⸗ ſetzte der Hofmann mit ſeinem Hute winkend, und im nächſten Augenblick drängte ich mich durch einen Hau⸗ fen von Baroneſſen, Gräfinnen und Herzoginnen nach der erhabenen Plattform, wo der König ſtand. „Gott gebe, daß ich ihn nicht mißverſtanden habe,“ war mein letzter Gedanke, als die Schaar der Höflinge auf beiden Seiten zurückwich, und ich mich mit einem tiefen Bückling vor Sr. Majeſtät befand. Wie der Oberhofmarſchall mich betitelte, hörte ich nicht; aber als der König mich ſogleich engliſch anredete und ſagte: „Ich hoffe, Ew. Erzellenz haben eine gute Reiſe ge⸗ habt,“ da dachte ich: 16 gG „Nein, es iſt doch kein Irrthum, Harry, ſondern blos wieder eine Laune des Schickſals, das jetzt freund⸗ lich gegen Dich geſtimmt iſt.“ Der König war ein hübſcher, großer, wohlgebau⸗ ter Mann mit einem langen buſchigen Schnurrbart, und beſaß einen, wenn auch nicht gerade ſchönen, doch höchſt angenehmen Ausdruck; er ſprach ſehr ſchnell und nicht gerade das beſte Engliſch, ſo daß ich nur mit der 366 größten Schwierigkeit ſeinen Fragen nachkommen konnte, die hageldicht über mich kamen. Nach einigen gewöhn⸗ lichen Redensarten über die Straßen, das Wetter und die Jahreszeit ſagte Se. Majeſtät:. „ord Callonby wohnt ſeit einiger Zeit hier, Sie kennen ihn ohne Zweifel?“ dann fügte er, ohne eine Antwort abzuwarten, hinzu,„ein angenehmer Mann— wohlunterrichtet— habe ihn ſehr lieb, und ſeine Töch⸗ ter ungemein hübſche Damen.“ Hier erröthete ich und es wurde mir ganz ſeltſam zu Muth, als der König fortfuhr:— „Hoffe, daß ſie einige Zeit bei uns bleiben, ſie ſind wirklich eine Zierde unſeres Hofes. Herr Graf, Se. Erzellenz wird tanzen wollen.“ Hier murmelte ich eine Entſchuldigung wegen meines verrenkten Knö⸗ chels, und der König wandte ſich gegen einige Hofda⸗ men, um mit ihnen zu ſprechen. Sr. Mafeſtät Notiz⸗ nahme von mir veranlaßte jetzt mehrere Perſonen, ſich mir vorzuſtellen, und in einer Viertelſtunde war ich don Bekannten umgeben, die an Aufmerkſamkeiten ge⸗ gen mich wetteiferten. „München iſt eben nicht der ſchlimmſte Ort, Mei⸗ ſter Harry,“ dachte ich, als ich eine fette Herzogin mit vierzehn Ahnen nach dem Erfriſchungszimmer führte und ſo eben Einladungen genug angenommen hatte, um mich auf drei volle Wochen zu beſchäftigen. „Ich habe mich überall nach Ew. Erzellenz umge⸗ ſehen,“ ſagte der Oberhofmarſchall, indem er ſich athem⸗ los und keuchend einen Weg zu mir bahnte,„Se. Ma⸗ jeſtät läßt Sie erſuchen, eine Partie Whiſt mitzuſpielen; bitte alſo, kommen Sie ſogleich.“ 3 „Figaro quà, Figaro la.“ murmelte ich;„ſo ge⸗ ſucht war gewiß nicht leicht Jemand; Gott gebe, daß nicht die ganze bayriſche Königsfamilie wahnfinnig iſt; es ſieht wenigſtens ſehr darnach aus. Lady Jane mag ſich wohl zuſammennehmen, denn ich brauche jetzt nur —— einem ſchönen Vormittage König von Tirol zu ſein.“ des Neuangekommenen, in welchem ich jetzt Lord Cal⸗ 367 meine Augen auf eine Prinzeſſin zu werfen, um an „Sie ſpielen natürlich Whiſt? alle Engländer ſpielen das,“ ſagte der König;„Sie ſind mein Part⸗ ner.“ Unſere Gegner waren der Prinz Maximilian, Bruder Sr. Majeſtät, und der preußiſche Geſandte. Als ich mich zur Tafel ſetzte, konnte ich nicht umhin, in meinem Herzen zu ſagen:„Jetzt blüht dein Wei⸗ zen. Harry; wenn Lord Collonby dich ſieht, ſo iſt dein Glück gemacht.“ In dieſem Augenblick ging Waller vorüber, und als er ſich vor dem König verbeugte, ſah ich, wie er vor Verwunderung eigentlich zurückfuhr, als er mich erblickte—„dies iſt ein beſſerer Spaß als in den gelben Plüſchhoſen zu figuriren, Meiſter Jack,“ murmelte ich, als er wie vom Donner gerührt weiter ging. Aber das Spiel hatte begonnen, und ich war genöthigt, aufzumerken. Wir gewannen den erſten Robber, und der König war in der roſenfarbigſten Laune, als er einige Franken von dem preußiſchen Miniſter einſtrich, der, ſo klein auch der Betrag war, doch am Verlieren ganz und gar keinen Spaß zu fin⸗ den ſchien. Se. Majeſtät bekomplimentirte mich jetzt über mein Spiel, und war eben im Begriff, einiges hinzuzufügen, als er in der Verſammlung Jemand be⸗ merkte und ſeinen Adjutanten zu ihm ſchickte. „Ah, Mylord, wir erwarteten Sie ſchon früher,“ und dann ſagte er noch einige Worte, die ich nicht hö⸗ ren konnte, wobei er aber gegen mich deutete. Wenn Waller überraſcht war, mich an dieſem Platze zu ſe⸗ hen, ſo war dies noch nichts gegen die Verwunderung lonby erkannte. Rückſicht auf die hohen Anweſenden ließ es jedoch auf beiden Seiten zu keinem Ausbruch unſerer Empfindungen kommen, und ein komiſcheres Gemälde, als wir darſtellten, läßt ſich kaum denken. Was ich darum gegeben hätte, wenn die Whiſtpartie 85 368 zu Ende geweſen wäre, brauche ich nicht zu ſagen— und jedenfalls waren Sr. Majeſtät Lobſprüche auf mein Spiel zu früh gekommen, denn meine Augen irrten unaufhörlich von dem Tiſche ab, um zu ſehen, ob Lady Jane nicht zu finden ſei, und ich war ſo zerſtreut und verwirrt, daß ich jedes Trick verlor, ja ſogar am Ende nicht einmal mehr bekannte. Der König ſtand halb verdrießlich auf, mit dem Bemerken:„Se. Erzellenz hat offenbar den Kopf verloren,“ und ich ſtürzte fort, um Lord Callonby die Hand zu ſchütteln, ohne der königlichen Mißbilligung des Entzückens, worein mich die Entdeckung meines Freundes verſetzt hatte, im Min⸗ deſten Rechnung zu tragen. „Lorrequer, ich bin ungemein erfreut, Sie zu ſe⸗ hen, wann kamen Sie an 2— „Dieſen Abend!— dann haben Sie ja ſchon erſtaun⸗ liche Fortſchritte gemacht; Sie ſcheinen ja hier wie zu Hauſe zu ſein.“ „Ich werde Ihnen Alles erzählen,“ ſagte ich haſtig; naber iſt Lady Callonby hier?“ „Nein. Kilkee allein iſt bei mir, er figurirt dort in einer Gallopade. Die Ladies waren zu müde und namentlich da ſie Morgen bei Hof diniren, wäre die Anſtrengung zu groß für ſie.“ „Ich habe von Sr. Maj. Befehl, Ew. Exzellenz auf morgen zum Diner einzuladen,“ ſagte der Ober⸗ hofmarſchall, der dieſen Augenblick herankam. Ich verbeugte mich dankbar zuſagend und wandte mich dann wieder gegen Lord Callonby, deſſen Ueber⸗ raſchung jetzt ihren Gipfelpunkt erreicht zu haben ſchien. „Ei wie, Lorrequer, ich habe doch nie davon ge⸗ hört; ſeit wann haben Sie dieſe neue Laufbahn ein⸗ geſchlagen?“ Da ich den Sinn der Frage nicht verſtand, aber doch begriff, daß ſie ſich auf meinen Erfolg bei Hof bezog, ſo antwortete ich, was mir gerade in den Mund kam, ich ſei aus dem Wagen gefallen, ich ſcheine hier 7 — 369 Glück zu machen u. ſ. w., begann aber dann mit er⸗ neuten Kräften meinen Angriff wieder, indem ich mich höchſt angelegentlich nach Lady Callonby's Geſundheit erkundigte. „Sie befindet ſich ziemlich gut, Jane allein iſt et⸗ was unpäßlich, aber ich hoffe, Italien wird ſie wieder herſtellen.“ Juſt in dieſem Augenblicke bekam Kilkee mich zu ſehen, huſchte ſchnell von ſeiner Tänzerin weg, ſchüttelte mir beide Hände und ſagte: „Ich freue mich ſehr, Sie hier zu ſehen, Lorre⸗ quer, aber da ich mich jetzt nicht aufhalten kann, ſo verſprechen Sie, heute Abend im Kreuz mit mir zu ſoupiren.“ Ich nahm natürlich die Einladung an, und er walzte im nächſten Augenblicke weiter mit einer der lieblichſten deutſchen Damen, die ich je geſehen habe. Lord Callonby ſah, welchen Eindruck ſte auf mich machte, und bemerkte, gleich als antwortete er auf den Inhalt meiner Blicke: 3„Ja, ſie iſt wirklich ſehr hübſch, aber Kilkee geht wahrhaftig zu weit. Ich verlaſſe mich ſehr auf Sie, daß Sie ihn von ſeiner Narrheit abbringen, denn wir ſind Alle darüber einig, daß Sie einen bedeutenden Einfluß auf ihn haben und daß er Sie wahrſcheinlich am geduldigſten anhören wird.“ Hier wurde mir alſo eine neue Rolle zugetheilt: ich wurde zum vertrauten Freund und Rathgeber der Familie erhoben und in ein äußerſt zartes, wichtiges Geheimniß eingeweiht, das mich nothwendig in den innigſten Verkehr mit ihnen allen bringen mußte; denn das wir des Lords deutete auf eine Familienberathung, bei welcher ich zum Vermittler auserſehen war. Ich verſprach ſogleich meinen Beiſtand, bemerkte aber da⸗ bei, wenn Kilkee ernſtlich verliebt ſei und auch Urſache habe, an Gegenliebe Seitens der Lady zu glauben, ſo werde es wohl nicht angehen; ſobald die Sache über eine gewöhnliche Liebeständelei hinaus ſei, ſo müſſe . 370 ich jede Einmiſchung von meiner Seite für unklug, wo nicht für ungebührlich halten— Lord Callonby lächelte ein wenig und erwiederte: 2 „Sie haben ganz recht, Lorrequer, auch ich bin durchaus gegen jeden Zwang, wenn nur keine großen Hinderniſſe im Wege ſtehen; aber hier, wo alle Ele⸗ mente der Ungleichheit ſtattfinden, Verſchiedenheit der Religion, des Vaterlandes, der Sprache und Gewohn⸗ heiten, da iſt nicht an die Sache zu denken.“ Ich argwöhnte, Se. Lordſchaft leſe in meiner theilweiſen Vertheidigung Kilkees einen leichten Ver⸗ ſuch, meine eigene Sache zu verfechten, und dieſe Ent⸗ deckung machte mich über alle Maßen verworren und verlegen. 4 „Wir werden übrigens zu alldem noch Zeit genug haben; jetzt erzählen Sie mir etwas von meinem alten Freund Sir Guy; wie ſieht er aus?“ 3 „Ich bin leider nicht im Stand, Ihnen Nachricht von ihm zu geben. Ich verließ Paris einen Tag be⸗ vor er daſelbſt eintreffen ſollte.“ „Dann weiß ich alſo noch mehr als Sie; denn in ſeinem Brief, den ich geſtern empfing, ſchreibt er, daß wir ihn nicht vor Dienſtag zu erwarten haben.“ „Ihn erwarten— kommt er denn hieher?“ „Ja, ich dachte, Sie wüßten das; er hat uns ſchon lange einen Beſuch verſprochen, und endlich iſt es uns durch inſtändiges Zureden gelungen, ihn über's Waſſer herüber zu bekommen; wenn wir ihn nicht er⸗ warteten, wären wir jetzt ſchon in Florenz.“ 1 Ein Hoffnungsſtrahl zuckte durch mein Herz, als ich zu mir ſelbſt ſagte, was dieſer Beſuch wohl bedeu⸗ ten könnte, aber einen Augenblick darauf wurde es mir ſterbensweh, indem ich fragte, ob mein Vetter Guy auch erwartet werde. „Freilich, und ich glaube, wir werden ſein bedür⸗ fen,“ ſagte Lord Callonby mit einem höchſt eigenthüm⸗ lichen Lächeln. 371 Bei dieſen Worten meinte ich in vie Erde verfinken zu müſſen;„komm, Harry,“ dachte ich,„s iſt beffer, Du erfährſt Dein Schiakſal ſogleich, jetzt oder nie; lieber ſterben, als noch länger in dieſer Spannung leben. Wenn der Schlag einmal geſchehen muß, ſo kann er mich nicht tiefer niederſchmettern, als ich es jetzt ſchon bin;“ ſo denkend legte ich meine Hand auf Lord Callonby's Arm, und mit einem Geſicht, bleich wie der Tod, zugleich aber mit einer Stinme, die Alles, nur nicht undeutlich war, ſagte ich: „Sie werden verzeihen, Mylord, aber— „Mein lieber Lorrequer“ verſetzte Se. Lordſchaft, mich unterbrechend,„um's Himmels willen ſetzen Sie ſich; wie ſchlecht Sie ausſehen! Wir müſſen Ihnen ei⸗ was eingeben, armer Junge.“ n 4 Ich ſank auf eine Bank— die Lichter tanzten vor meinen Augen— die Klänge der Mufik tönten wie das Rauſchen eines Waſſerfalls, und ich fühlte, daß mir ein kalter Schweiß über Geſicht und Stirne aus⸗ brach. In demſeihen Augenblick erkannte ich Kilkee's Stimme und ohne recht zu wiſſen, warum und wie, entdeckte ich mich in der friſchen Luft. 3 lin* „Kommen Sie, Sie ſind jetzt beſſer,“ ſagte Kil⸗ kee,„und werden wieder ganz gut werden, wenn Sie etwas gegeſſen und ein Bischen von dem Tokayer ge⸗ trunken haben, den Se. Maj. uns zu ſchicken die Ge⸗ wogenheit hatte.“ „Se. Majeſtät läßt fragen, ob Se. Excellenz wie⸗ der beſſer ſind,“ fragte ein Adjutant. Ich murmelte einige Worte des gefühlteſten Dankes. „Es ſteht für Ew. Excellenz ein Hofwagen bereit,“ ſagte ein ehrwürdiger alter Herr mit einer Knoten⸗ perücke, in dem ich den Miniſter der auswärtigen An⸗ gelegenheiten erkannte, als er etwas leiſer gegen Lord Callonby bemerkte:„Ich fürchte, er hat ſich in der letzten Zeit zu ſehr angeſtrengt. Seine Bemühungen 372 vnda griechiſche Anlehen ſind Sr. Majeſtät wohl be⸗ annt. „Wirklich?“ ſagte Lord Callonby, zurückfahrend vor Ueberraſchung;„ich bade nie davon gehört.“ Höüätte ich dieſe ſichtbarliche Verwunderung nicht bemerkt, ich wäre vor Schreth geſtorben. Sie war das Einzige, was mir bewies daß ich nicht verrückt war; um ſo feſter aber glaubte ich dieß jetzt von dem alten Gentleman, denn ich hatte in meinem Leben nie von einem griechiſchen Anlehen gehört. „Leben Sie wohl, mein lieber Herr Collega,“ ſagte der ehrwürdige Miniſter, als ich in den Wagen ftieg, ungemein verwundert über das eigenthümliche Band der Brüderſchaft, das einen Subalternen von Sr. Maj. Atem Infanterieregiment mit dem Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten der Krone Baiern vereinige. Als ich im weißen Kreuz anlangte, waren meine Nerven, die ſich doch ſonſt vielfach ſehr probefeſt er⸗ wieſen hatten, dermaßen erſchüttert und zerrüttet, daß ich fürchtete, bei dem ſchwierigen Spiel, das ich vor mir hatte, könnte irgend ein, wenn auch noch ſo un⸗ bedeutender Mißgriff, alle meine Ausſichten vernichten; ich ſagte daher meinen Freunden ſogleich gute Nacht und legte mich ſchlafen. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Eine Entdeckung. „Ein Billet für den gnädigen Herrn,“ ſagte der Kellner, indem er mich zu gleicher Zeit aus dem ge⸗ ſundeſten Schlafe und dem entzückendſten Traume auf⸗ weckte. Das Brieſchen lautete wie folgt: 115 „Wenn Ew. Excellenz nicht die nächſten vier⸗ undzwanzig Stunden verſchlafen wollen, ſo möchte 5 373 ich Sie erinnern, daß wir mit dem Frühſtück auf Sie warten. Ihr getreuer 4 Kilkee.“ z„ ſagte ich, den Gaukel⸗ „So iſt es alſo wal bildern meines Traumes achgehend, ſo iſt es alſo zieder mit Callonby's unter wahr, ich wohne wirklich ioe einem Dache. Meine Waxbung geht glücklich von Statten, und endlich iſt der lang erſehnte, lang ge⸗ hoffte Augenblick gekommen— 4 „Nun, Harry,“ ſagte Kilkee, indem er die Thüre aufriß,„nun Harry, wie iſt es Ihnen? hoffentlich beſſeie geſtern Nacht?“ ja um ein Namhaftes. Ich kann mir wahr⸗ haftig nicht erklären, was an mir war; aber ich fühlte mich verdammt unbehaglich.“ „Wirklich, ei wie, was ſoll das bedeuten? War es denn nicht bloßer Scherz?“ „Ein Scherz!“ ſagte ich, zurückfahrend. „Ja allerdings. Ich dachte, es ſei blos die Fort⸗ ſetzung der andern Schnurre.“ 3 „Die Fortſetzung der andern Schnurre? Gütiger Himmel,“ dachte ich, erblaſſend vor Schreck,„wenn er es wagte, meine Neigung zu ſeiner Schweſter ſo zu bezeichnen!“ „Kommen Sie jetzt nur, es iſt Alles vorüber. Was zum Teufel konnte Sie auch veranlaſſen, das Ding ſo weit zu treiben?“ „Wahrhaftig, ich befinde mich ſo gänzlich im Dun⸗ keln über das, was Sie meinen konnen, daß ich mir gar nicht zu rathen weiß. Was meinen Sie denn ei⸗ gentlich?“. 8„Was ich meine, ei natürlich die Geſchichte von geſtern Nacht. Ganz München ſpricht davon, und zu Ihrem größten Glücke hat der König die Sache von dhrer luſtigſten Seite aufgefaßt und lacht herzlicher dar⸗ über, als alle Andern.“ 4 Bekenntniſſe Lorrequers. II. 24 374 „Dann muß ich alſo,“ dachte ich,„während meines Unwohlſeins geſtern Nacht etwas gethan oder geſagt haben, woran ich mich jetzt nicht mehr erinnern kann. Nun, ſo rücken Sie doch damit heraus, Kilkee. Was iſt geſtern Nacht geſchehen, woran ſich die guten Münch⸗ ner beluſtigen? denn ſo wahr ich lebe, ich verſtehe nichts von allen Ihren Anſpielungen.“ „Und Sie erinnern ſich alſo nicht mehr an das griechiſche Anlehen?“. „Das griechiſche Anlehen!“ „Und an Ew. Excellenz ausgezeichneten Empfang bei Sr. Majeſtät? Bei Gott, das iſt das ſeltſamſte Stück von Unverſchämtheit, wovon ich je gehört habe; ein gekröntes Haupt zum Beſten haben, einen Geſalb⸗ ten des Herrn an der Naſe herumführen, das iſt doch etwas ſtark.“ „Wenn Sie mich nicht wirklich wahnſinnig machen wollen, ſo bitte ich Sie um Gottes Barmherzigkeit willen, ſagen Sie mir mit klaren einfachen Worten, was dies Alles bedeuten ſoll.“ „Gut, ich ſehe ſchon, Sie ſind unverbeſſerlich; da man indeß bereits geraume Zeit mit dem Frühſtück wartet, ſo wollen wir Ihre Erklärungen unten anhören.“ Bevor ich Zeit zu einer andern Frage hatte, ſteckte Kilkee ſeinen Arm in den meinigen und führte mich den Gang entlang, wobei er ſich fortwährend in ganzen Rhapſodien über den gottvollen Schwank mit meinem Unwohlſein ergoß, der, wie er ſich auszudrücken be⸗ liebte, von einem Ende Europa's bis zum andern be⸗ rühmt werden müſſe. Lord Callonby war allein im Frühſtückzimmer als wir eintraten, und ſobald er mich bemerkte, rief er: „He, Lorrequer, noch immer hier? Ei, mein lieber Mann, ich hätte geglaubt, Sie wären ſchon in aller Frühe über die Grenze geeilt.“ „Wahrhaftig, Mylord, ich ſehe durchaus keinen dringenden Grund zu einer ſo ſchleunigen Flucht.“ 375 „Nicht? in der That nicht? So müſſen Sie alſo zum Voraus gewußt haben, daß Se. Majeſtät der gutherzigſte Mann in ſeinem ganzen Reiche iſt, ſonſt hätien Sie nicht auf eine ſolche Liſt verfallen können, obſchon ich geſtehen muß, daß ſie meiſterhaft durchgeführt wurde. Der alie Helderſteen, der Miniſter der aus⸗ wärtigen Angelegenheiten, iſt dieſen Morgen beinahe ein Narr darüber geworden— wie es ſcheint, war er der erſte, der in die Falle ging, aber aufrichtig ge⸗ ſprochen, ich möchte Ihnen wirklich rathen, ſich aus dem Staube zu machen. Der König hat zwar aller⸗ dings die größtmögliche Leutſeligkeit an den Tag ge⸗ legt; inzwiſchen—“— „Mylord, ich habe Sie um eine Gunſt zu bitten, und zwar iſt es aller Wahrſcheinlichkeit nach die letzte, um die ich Ew. Lordſchaft angehen werde— erklären Sie gefälligſt, auf was Sie die ganze Zeit über an⸗ ſpielen und aus welchem ſpeziellen Grunde Sie mir zu einer ſo augenblicklichen Abreiſe von München rathen.“ „Nun, ſo wahr ein Gott im Himmel lebt, Sie können doch wohl nicht die Abſicht haben, die Sache noch weiter zu treiben— es kann Ihnen doch nicht einfallen, Ihre miniſteriellen Funktionen am hellen Tage wieder antreten zu wollen?“ 1 „Meine was— meine miniſteriellen Funktionen!“ „Nein, nein, das geht wirklich zu weit, obſchon Se. Majeſtät Sie für den angenehmſten Diplomaten erklärte, der ihm ſeit langer Zeit vorgekommen ſei.“ „Ich ein Diplomat!“ „Ja verſteht ſich. Sie können doch jetzt nicht Thea⸗ ter ſpielen; oder bei allen Göttern, Lorrequer, wär's möglich, daß Sie's nicht abſichtlich gethan hätten? wußten Sie wirklich nicht, in welchem Charakter Sie geſtern bei Hofe erſchienen?“— 4„Wenn ich in einem andern Charakter erſchienen bin, als in dem des Harry Lorrequer, ſo gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß ich davon keine Silbe weiß.“ „Und die Uniform, die Sie trugen, wußten Sie nicht, was ſie zu bedeuten hatte?“ Der Schneider ſchickte ſie mir auf mein Zimmer.“ „Nun, bei Gott, das wird mich unter den Boden bringen,“ ſagte Lord Calkonby, indem er ein ſchallendes Gelächter aufſchlug, worein Kilkee, der bisher den ſchweigenden Zuhörer gemacht hatte, ſo maßlos ein⸗ ſtimmte, daß ich glaubte, es würde ihm eine Arterie ſpringen. „Nun, ſo wiſſen Sie's, lieber Mann, daß Sie als der Geſchäftsträger erſchienen ſind.“ „Als der Geſchäftsträger!“ „Ja, das ſind Sie, und zwar haben Sie mit un⸗ gemeinem Erfolge debütirt.“ Trotz aller Scham und Verwirrung über den ab⸗ geſchmackten, ſpaßhaften Mißgriff, deſſen ich mich ſchuldig gemacht, trat mir doch die komiſche Seite deſſelben ſo ſtark in die Augen, daß ich auf einen Sopha ſank und mit den Andern volle zehn Minuten darüber lachte. „Ew. Excellenz ſind, wie ich mit Vergnügen ſehe, ſehr wohl gelaunt,“ ſagte Lady Callonby, indem ſie eintrat und mir die Hand hinhielt. „Das macht die Freude über den Abſchluß des griechiſchen Anlehens,“ bemerkte Lady Catherine, indem ſte lächelte und halb boshaft mit dem Auge zwinkerte. Juſt in dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre, und Lady Jane trat ein. Zu meinem Glück war die Ge⸗ ſellſchaft durch ihre Luſtigkeit über die Mittheilung des Lords, daß der Irrthum auf meiner Seite geweſen ſei, verhindert, mir einige Aufmerkſamkeit zu ſchenken; denn als ich der Ankommenden mit einem halben Sprung entgegeneilte, hätte meine Aufregung jedem Beobachter den ganzen Zuſtand meiner Gefühle enthüllen müſſen. Ich ergriff ihre Hand, die ſie gegen mich ausſtreckte, beugte mich, ohne zu ſprechen, tief über dieſelbe, hob dann den Kopf in die Höhe, ſchaute ihr in die Augen, als ob ich mit einem Blick mein Schickſal leſen wollte;. 377 und als ich die Hand fallen ließ, da hätte ich mein Glück nicht für ein Königreich vertauſcht. „Du haſt gehört, Jane, auf was Art unſer Freund geſtern ſeinen Feldzug in München eröffnete.“ „„O, ich hoffe, Mr. Lorrequer, es iſt dies nur Scherz. Sicherlich konnten Sie nicht— „Nicht können. Was er nicht thun könnte und auszuführen im Stande wäre, das geht jedenfalls über den Kreis meiner Berechnungen,“ ſagte Kilkee lachend. „Ihm iſt Alles möglich, eine Radachſe zu zerſtören und einem König eine Naſe zu drehen;“ man kann ſich leicht denken, daß ich gegen dieſe Anſpielung taub blieb, ob⸗ ſchon ſie mich wirklich erſchreckte, da ich nicht wußte, wie weit Kilkee's Mittheilungen führen konnten, oder wie weit er Luſt hatte, davon Gebrauch zu machen. Lady Jane wandte mir einen halb vorwurfsvollen Blick zu, als ob ſie meine Tollheit mißbilligte, aber in die⸗ ſem Blick beurkundete ſich ein ſolches Intereſſe an mir, daß ich ihn nicht mit dem Lächeln der ſtolzeſten Königin in der Chriſtenheit vertauſcht hätte. Nach dem Frühſtück unternahm es Lord Callonby, bei Hof die Art zu erklären, wie ich ohne Wiſſen und Willen den neu angekommenen Miniſter vorgeſtellt habe, und da der Mißgriff mehr von ihnen als von mir ver⸗ anlaßt war, ſo wurden meine Entſchuldigungen ange⸗ nommen, und Se. Lordſchaft brachte bei ſeiner Rückkehr ins Hotel eine Einladung für mich mit, in meinem eigenen, unbeglaubigten Charakter bei Hof zu diniren. Mittlerweile hatte ich die Belagerung ſo raſch betrie⸗ ben, als es die Umſtände erlaubten, und da Lady Callonby ſich ungemein für ihre neu angekommenen Einkäufe intereſſirte, Lady Catherine aber gutherzig genug war, ſich ſo zu ſtellen, ſo hatte ich wirklich viele Gelegenheit, mit Lady Jane zu ſprechen. Da ich fürchtete, ich möchte es nicht oft ſo bequem haben, ſo beſchloß ich, meine Zeit beſtmöglich zu be⸗ nützen und lenkte die Unterhaltung ſchnell auf das Ziel 378 meines Strebens, indem ich fragte, ob Lady Jane die wilden Klippen und die ſteinige Küſte von Clare in⸗ mitten der hohen Berge und Gletſcher Tyrols gänzlich vergeſſen habe. „Nein, nicht im mindeſten,“ antwortete ſie,„ich habe eine ſehr klare Erinnerung an den kühnen Mogher und die rollenden Wogen des atlantiſchen Ozeans, und ich ſehne mich, ihren Schaum wieder einmal auf mei⸗ ner Wange zu verſpüren; aber ich kenne dieſe Herr⸗ lichkeiten ſchon von Kindheit auf— Ihre Bekanntſchaft mit denſelben iſt von jüngerem Datum und wohl auch mit weniger glücklichen Erinnerungen verknüpft.“ „Mit weniger glücklichen Erinnerungen— wie können Sie ſo ſprechen? Habe ich nicht dort die glän⸗ zendſten Stunden meines Lebens zugebracht? Habe ich nicht dort zum erſten Mal— „Kilkee ſagt mir,“ verſetzte Lady Jane, mich kurz unterbrechend,„daß Miß Bingham ungemein hübſch iſt.“ Dieſe Bemerkung forderte mich zur Rache heraus; ich murmelte daher etwas von Verſchiedenbeit des Ge⸗ ſchmacks u. ſ. w., und fuhr dann fort:„Wie ich höre, hat mein würdiger Vetter Guy das Glück gehabt, in Paris Ihre Bekanntſchaft zu machen.“ Nun war es an ihr, zu erröthen; ihre Wangen flammten, und ſie antwortete nichts. „So viel ich weiß, wird er demnächſt in München erwartet,“ ſagte ich, meine Augen auf ſie heftend und mich bemühend, ihre Gedanken zu leſen; ſie wurde noch röther, aber mir ſtrömte das Blut eiskalt nach dem Herzen, indem ich Alles überdachte, was ich gehört hatte, und ich murmelte vor mich hin:„Sie liebt ihn.“ „Mr. Lorrequer, der Wagen ſteht bereit, und da wir dieſen Morgen in die Gallerie gehen, wo viel zu ſehen iſt, ſo bitten wir um Ihre Begleitung.“ „O, ich bin feſt überzeugt,“ ſagte Catherine,„daß er uns von bedeutendem Nutzen ſein wird, namentlich wenn ſeine Kunſtkennerſchaft auf gleicher Höhe ſteht wie 379 ſein Takt in der Botanik— meinſt Du nicht auch, Jane?“— Aber Jane war gegangen. Sie verließen das Zimmer, um ihre Toilette zu machen, und ich war allein, allein mit meinen bangen, jetzt verzweiflungsvollen Gedanken, die ſich in meinem pochenden Hirne drängten.„Sie liebt ihn und ich bin bloß gekommen, um Zeuge zu ſein, wie ſie die Frau eines Andern wird. Ich ſehe es Alles nur zu deutlich; — die Ankunft meines Oheims— Lord Callonby's vertrauliches Weſen— Jane's eigenes Bekenntniß. Alles, alles beweist mir, daß mein Schickſal entſchie⸗ den iſt. Nun denn noch eine letzte kurze Erklärung, und ich verlaſſe München, um ſie nie mehr zu ſehen.“ Als ich juſt ſo zu mir ſelber geſprochen hatte, trat ſie herein. Sie hatte ihre Handſchuhe im Zimmer gelaſſen und kam jetzt, ohne zu wiſſen, daß ich da war. Was hätte ich nicht in dieſem Augenblick für die ſchnell be⸗ ſonnene Zuverſichtlichkeit, für die unbefangene Geiſtes⸗ gegenwart gegeben, mit der ich ihr entgegengetreten ſein würde, wäre mein Herz nicht allzu tief betheiligt geweſen! Ach, mein Muth war dahin; es ſtand zu viel auf dem Spiel, und jetzt, da die Zeit gekommen war, zog ich jeden zweifelvollen Aufſchub, jedes Schwan⸗ ken der ſchrecklichen Gewißheit einer abſchlägigen Ant⸗ wort vor. Dies waren meine erſten Gedanken, als ſie ein⸗ trat; wie die andern lauteten, kann ich nicht ſagen. Dieſelbe augenſcheinliche Verworrenheit meines Ge⸗ hirns, welche ich einſt bei der Erſtürmung einer Bre⸗ ſche verſpürt, hatte ſich jetzt wieder gänzlich meiner be⸗ meiſtert; und wie ich damals, als Tod und Vernichtung auf allen Seiten raßten, auf meinem Weg blieb, ohne auf ein Hinderniß zu achten, und alles vergaß, nur nicht das Ziel vor mir, ſo ſetzte ich jetzt in der Glut meiner Aufregung alles aus den Augen, nur nicht die Geſchichte meiner Liebe, welche ich mit einer Inbrunſt, dergleichen nur die Wahrheit verleihen kann, vor ihr ausgoß. Aber ſie ſprach nicht— ihr abgewendetes Haupt— ihre kalte zitternde Hand und ein halb aus⸗ geſtoßener Seufzer war Alles, was ſie mir antwortete, während ich dem einen Wort entgegen harrte, von wel⸗ chen mein ganzes Glück abhing. Endlich wurde ihre Hand, die ich kaum in der meinigen hielt, ſachte zurück⸗ gezogen; ſie erhob dieſelbe an ihre Augen, ſchwieg aber ſortwährend ſtill.„Genug,“ ſagte ich,„ich ſuche Sie nicht länger zu quälen. Der vermeſſene Ehrgeiz, der mich trieb, Sie zu lieben, hat ſeine ſchwerſte Vergel⸗ tung gefunden. Leben Sie wohl— Sie, Lady Jane, haben ſich nichts vorzuwerfen, Sie haben mich nie er⸗ muthigt, Sie haben mich nie getäuſcht. Ich und ich allein bin zu tadeln geweſen; ich allein habe alſo auch zu leiden. Noch einmal, leben Sie wohl, und jetzt für immer.“ Sie kehrte ſich langſam um, und als ihr das Schnupftuch aus der Hand fiel— ihre Züge waren weiß wie Marmor— ſah ich, daß ſie ſich bemühte, zu ſprechen, aber es nicht konnte; endlich, als langſam wieder einige Farbe in ihre Wangen trat, bewegten ſich ihre Lippen, und juſt als ich mich mit klopfendem Herzen vorwärts beugte, um zu hören, kam ihre Schwe⸗ ſter hereingerannt, blieb aber plötzlich ſtehen, indem ſie lachend ſagte: 8 „Bitte tauſendmal um Verzeihung, Jane, aber Se. Exzellenz muß eine andere Zeit wähien, die die Qua⸗ druppel⸗Allianz zu erklären, denn Mamma wartet ſchon ſeit zehn Minuten im Wagen.“ Ich folgte ihnen bis an die Thüre, hob ſie in den Wagen und wollte mich eben wieder dem Hauſe zudre⸗ hen, als Lady Callonby ſagte— „Ei, Mr. Lorrequer, wir rechnen auf Sie, Sie dürfen uns nicht untreu werden.“ Ich murmelte etwas von Unwohlſein. „Vielleicht beſchäͤftigt auch das griechiſche Anlehen Ihre Aufmerkſamkeit, oder mag ſein, daß irgend ein — —— — 381 Gegen tigkeitabestrag nicht nach Wunſch gedeihen w„ Die Bosheit ihres letzten Ausfalls that ihre Wir⸗ kung, denn Jane wurde feuerroth, und ich meinte vor Scham in den Boden zu finken. „Bitte, kommen Sie doch, die Fahrt wird Ihnen wohl thun—„. „Ew. Herrlichkeit werden mich gewiß entſchuldi⸗ en—— So weit war ich juſt gekommen, als ich Lady Ja⸗ ne's Auge zu ſehen bekam, zum erſten Mal ſeit wir das Zimmer verlaſſen hatten. Was ich darin las, könnte ich für mein Leben nicht ſagen; aber ſtatt mei⸗ nen Satz zu vollenden, ſchwang ich mich in den Wagen und fuhr mit zur höchlichen Ueberraſchung der Lady Callonby, die, da ſie niemals Magnetismus ſtudirt hatte, die Urſache meiner plötzlichen Geneſung nicht zu ahnen vermochte. Der Hoffnungsſtrahl, der ſo ſchnell nach dem dü⸗ ſtern Dunkel meiner verzweiflungsvollen Gedanken mein Herz durchzuckte, hielt mich aufrecht, und waͤhrend ich mir zuflüſterte:„vielleicht, daß noch nicht Alles verlo⸗ ren iſt,“ bot ich meine beſten Geiſteskräfte auf die Wacht. Glücklicherweiſe eignete ich mich beſſer zum Cicerone in einer Gallerie, als zum Führer in einem Gewächshauſe, und mit der Zuverſichtlichkeit, welche Sachkenntniß immer einflößt, ſchwatzte ich über Kunſt und Künſtler zur höchlichen Erbauung von Lady Cal⸗ lonby— zur gewaltigen Verwunderung von Lady Ca⸗ therine, und was mehr war als dies alles, augen⸗ ſcheinlich zur Befriedigung von ihr, deren Lob zu ge⸗ winnen ich mit Freuden mein Leben daran geſetzt ätte. „Hier,“ ſagte ich, indem ich meine ſchöne Freun⸗ din vor eine herrliche, kleine Madonna von Carlo Dolci ſtellte,„in dieſem Bilde hier feiert die Farbengebung vielleicht ihren Triumph— denn 382 die ruhige Sanftheit dieſer Wange— die wonnevolle Tiefe dieſes blauen Auges— der wogende Reichthum dieſer glänzenden Locken, alles iſt vollkommen— glück⸗ licherweiſe iſt dieſer Kopf kein Monopol, denn er hat noch mehrere Copien davon gemalt.“ „Sehr wahr,“ ſagte eine Stimme hinten,„und die⸗ meinige in Elton iſt jedenfalls noch beſſer als ieſe.“ Ich drehte mich um und erblickte meinen guten, alten Oheim, Sir Guy, der neben Lady Callonby ſtand. Während ich meinen würdigen Verwandten bewill⸗ kommte, konnte ich nicht umhin, einen Blick um mich zu werfen, um zu ſehen, ob Guy auch hier ſei, und da ich ihn nicht bemerkte, ſchlug mein Herz freier. Mein Oheim war, wie es ſchien, ſo eben ange⸗ kommen, und hatte uns unverzüglich in der Gallerie aufgeſucht. Sein Benehmen gegen mich war bis auf einen gewiſſen Grad herzlich, und ich bemerkte, daß er, unmittelbar, nachdem er Lady Jane vorgeſtellt worden war, ſich bedeutende Mühe gab, ſie zu beobachten und ihr die entſcheidendſte Aufmerkſamkeit bewies. Im erſten Augenblick, den ich unbemerkt erhaſchen konnte, nahm ich eine Gelegenheit wahr zu fragen, ob Guy mitgekommen ſei. Dieſer eine Umſtand war für mich alles und an der Antwort auf meine Frage hing ich mit herzinnigſter Angſt. „Guy? Nein, er iſt noch nicht da. Du mußt nämlich wiſſen, mein lieber Harry, daß Guy hier nicht ſo weit gekommen iſt, als ich es wünſchen möchte. Zwiſchen uns iſt alles im Reinen— Callonby hat ſich äußerſt hühſch benommen, und was mich ſelbſt betraf, warf ich keine Hinderniſſe in den Weg. Inzwiſchen weiß ich nicht, wie es kam, aber Guy machte keine Fortſchritte und die Sache—“ „Bitte, wie ſtehts jetzt? haben Sie Hoffnung, alles wieder zurecht zu ſetzen?“ 3 — — — 383 „Ja, Harry, mit deiner Hülfe, denke ich, kann viel geſchehen.“ „O, rechnen Sie in allweg auf mich,“ ſagte ich mit Bitterkeit, die meinem Oheim nothwendig hätte aauffallen müſſen, wäre ſeine Aufmerkſamkeit nicht von Lady Callonby abgelenkt worden. 1 „Was habe ich gethan? welche Sünde habe ich vor meiner Geburt ausgeheckt, daß allen meinen Unter⸗ nehmungen der ſchmähliche Stempel des Mißlingens aufgedrückt ſein muß? Iſt es nicht genug, daß mein Vetter, der nur um ein Paar Monate älter iſt als ich, reich ſein ſoll, während ich arm bin— geehrt und mit Titeln geſchmückt, während ich unbekannt und ungeehrt bleibe?— Soll er mir auch noch auf jedem Schritte des Lebens vorgezogen werden? Gibt es kein, auch noch ſo heiliges Gefühl des Herzens, das nicht dem Erſigeburtsgeſetze unterliegen müßte?“ „Was für ein lieber, alter Herr Sir Guy iſt!“ ſagte Lady Catherine, mich in meinen trübſeligen Ge⸗. danken unterbrechend,„und wie galant; er macht Lady Jane recht eigentlich den Hof.⸗ Und ſo war es auch. Der alte Gentleman brachte ſeine Huldigungen mit einer ſtudirten, ängſtlichen Be⸗ gierde zu gefallen dar, die mir wirklich ans Herz ging, wenn ich ſie mit anſah. Der Reſt des Tages war für mich qualvoll und ſchmerzhaft. Meine Abſicht, Mün⸗ chen plötzlich zu verlaſſen, war aufgegeben worden, warum? wußte ich ſelbſt nicht. Ich fühlte, daß ich hoffte, wo nichts zu hoffen war, und daß mein länge⸗ rer Aufenthalt keinen andern Erfolg haben werde, als den martervollſten Beweis, wie gewiß ich zur Enttäu⸗ ſchung verurtheilt ſei. Mein ganzes Räſonnement lief auf einen Punkt hinaus. Wenn fie Guy wirklich liebt, dann können meine gegenwärtigen Huldigungen ſie nur unglücktich machen, liebt ſie ihn nicht, welche Aus⸗ ſicht iſt dann vorhanden, daß eine ſo ſtolze Familie wie Callonby's ihre Tochter eine bloße Neigungsheirath 384 eingehen laſſen mit einem Menſchen, der lediglich nichts aufzuweiſen hat, als ſeine Liebe? Auf dieſe Frage war nur eine Antwort möglich, und ich hatte endlich den Muth ſie mir zu geben: und doch hatten Callonby's mich zum Gegenſtand ihrer ausgezeichnetſten Aufmerkſamkeiten gemacht, und doch waren ſie zu weit aus ihrem gewöhnlichen Geleiſe ge⸗ treten, um mir Unrecht geben zu können, wenn am Ende alles zu nichts führen ſollte. Wenn es mir nur möglich wäre, den Gedanken zu faſſen, daß dies ein ſyſtematiſches Spiel ſei, wozu ſie ſich herabgelaſſen ha⸗ ben, um hernach die Verbindung mit meinem Vetter einzuleiten!— Wenn ich nur meine Zweifel in dieſer Beziehung zu löſen vermöchte!— Welche Rachedro⸗ hungen ich für dieſen Fall murmelte, deſſen kann ich mich nicht mehr entſinnen, denn ich wurde eben im kritiſchen Augenblick aufgefordert die Geſellſchaft zum Palaſt zu begleiten. Mein aufgeregter Zuſtand war eine ſchlechte Vor⸗ bereitung für die ſtrenge Etikette einer königlichen Ta⸗ fel. Inzwiſchen ging alles gluͤcklich vorüber, und der Monarch ſelbſt beruhigte mich durch eine höchſt gutmü⸗ thige Anſpielung auf die Irrung der letzten Nacht voll⸗ kommen über dieſen Punkt. Ich wurde neben Lady Jane geſetzt, und halb aus verletztem Stolz, halb weil die Ueberzeugung, daß Al⸗ les verloren ſei, ſich mir mit jedem Augenblick mächti⸗ ger aufdrang, ſchwatzte ich luſtig dahin, ohne ein ſtär⸗ keres Gefühl an den Tag zu legen, als die Nähe einer hübſchen Perſon immer einflößen muß. Welchen Erfolg dieſes Spiel hatte, weiß ich nicht, aber die Qual, die es mich koſtete, werde ich nie vergeſſen. Doch hatte ich einige Genugthuung— ſie war augenſcheinlich be⸗ leidigt und wandte ſich mehrmals an die Perſon auf ihrer andern Seite, nur um den gleichgültigen Ton nicht hören zu müſſen, womit ich Dinge beſprach, die mir in dieſem Augenblick wirklich das Herz zuſammen⸗ 4 .. — —— 6* 55 6e ss 4 ſchnürten. Aber ſo verbittert war meine Stimmung, daß ich ihr dieſes Benehmen als Koketterie auslegte und durchaus von der Ueberzeugung ausging, jede kleine Aufmunterung, die ſie jemals meinen Huldigun⸗-⸗ gen habe zu Theil werden laſſen, ſei blos darauf ge⸗ münzt geweſen, durch Hinzufügung eines neuen Namens dſde Liſte ihrer Eroberungen, ihre Citelkeit zu itzeln.. Je mächtiger ſich dieſes Gefühl in mir regte, deſto ſchneidender wurde vermuthlich mein Benehmen gegen ſie, denn das Ende vom Liede war, daß wir zuletzt gar nicht mehr mit einander ſprachen, und als wir das Schloß verließen, begleitete ich fie ſchweigend an den Wagen und wünſchte ihr aus kalter Ferne gute Nacht, ohne auch nur einen Schritt zu thun, um zum Abſchied ihre Hand zu berühren, und doch hatte ich dieſen Ab⸗ ſchied zu unſerem letzten beſtimmt. Den größten Theil dieſer Nacht brachte ich damit zu, daß ich Briefe ſchrieb. Der eine war an Jane ſelbſt: ich geſtand ihr darin meine Liebe, bekannte, daß ſelbſt die Rauhheit meines letzten Benehmens eine Frucht der⸗ ſelben ſei, und verſicherte ſie ſchließlich, daß ich, da es mir nicht gelungen, ſie zur Erwiederung meiner Lei⸗ denſchaft zu vermögen, beſchloſſen habe, ihr nie mehr in den Weg zu kommen. Auch an meinen Oheim ver⸗ faßte ich ein kurzes Billet, worin ich ihm für Alles, was er früher zu meinen Gunſten gethan, dankte, aber für die Zukunft jede Unterſtützung von ihm kalt ablehnte, indem ich mir vorgenommen hatte, mein Glück fortan nur noch auf meine eigenen Anſtrengungen zu gründen. An Lord Callonby ſchrieb ich ausführlicher: ich hielt ihm die ganze Geſchichte unſerer Bekanntſchaft vor und be⸗ ſchuldigte ihn, daß er mich zu Erwartungen ermuthigt habe, die, da er nie damit Ernſt zu machen beabſich⸗ tigt, mich nothwendig haben in's Verderben ſtürzen müſſen. Ich ſagte noch mehr, noch weit mehr und würde mir das Geſtändniß deſſen, was ich ſagte, ſehr 386 gerne erſparen, wenn ich mich nicht in dieſen Bekennt⸗ niſſen zu unbedingter Ehrlichkeit verpflichtet hätte, folg⸗ lich auch zur unverholenen Aufdeckung der ganzen Bit⸗ terkeit und des ganzen Jammers meiner Gemüthsſtim⸗ mung. Mit einem Wort, ich fühlte mich ſchwer belei⸗ digt; ich ſah keine Möglichkeit, wie die Sache wieder gut zu machen wäre und der einzige Troſt, der meinem verletzten Stolze, meiner in den Staub getretenen Nei⸗ gung übrig blieb, war, zu zeigen, daß ich mich zwar allerdings als Opfer fühle, jedenfalls aber nicht der Genarrte ſei. Sofort packte ich meine Sachen für die Reiſe zuſammen; wohin wußte ich nicht. Mein Urlaub war demnächſt abgelaufen; aber der Gedanke an meine Rückkehr zu meinem Regiment war mir unerträglich. Miein einziger Wunſch ging darauf, München zu ver⸗ laſſen und zwar ſchleunigſt. Als alle meine Anordnun⸗ gen bereinigt waren, ging ich, um für Tagesanbruch Poſtpferde zu beſtellen, auf den Hof hinab und fand da zu meiner Ueberraſchung Alles in geſchäftiger Thä⸗ tigkeit. Noch in dieſer ſpäten Nachtzeit war ein Kurier aus England mit wichtigen Regierungsdepeſchen für Lord Callonby angekommen. Dies würde mich in jedem andern Augenblick gewaltig intereſſirt haben; jetzt aber hörte ich die Nachricht ohne die mindeſte Theilnahme an und traf alle nöthigen Anordnungen zu meiner Ab⸗ reiſe, ohne dem, was um mich her vorging, auch nur die geringſte Aufmerkſamkeit zu widmen. Ich war eben damit fertig, als Lord Callonby's Kammerdiener zu mir kam und ſagte: Se. Lordſchaft wünſche mich unverzüg⸗ lich auf ſeinem Zimmer zu ſehen. Obſchon ich gerne jeder weitern Zuſammenkunft ausgewichen wäre, ſo ſah ich doch keine Möglichkeit hiezu und folgte alſo dem Bedienten. Ich fand Lord Callonby in einem Schlafrock, mit einer Nachtkappe auf dem Kopf, umgeben von Papie⸗ ren, Briefen, Depeſchenbüchſen und rothverſiegelten Pa⸗ 387 keten mit rothen Schnüren, die alle ſehr geſchäftsmäßig ausſahen. „Setzen Sie ſich, lieber Lorrequer, ich habe Ihnen viel zu ſagen, und da uns nicht viel Zeit übrig bleibt, ſo müſſen Sie ſchon auf ein Bischen Schlaf verzichten. Iſt die Thüre verſchloſſen? Ich habe ſo eben höchſt wichtige Nachrichten aus England erhalten und um gleich zu beginnen—“ hier öffnete Se. Lordſchaft einen Brief und las wie folgt: „Mylord— endlich find ſie draußen— die Ma⸗ jorität vom Freitag wuchs geſtern Abend bis auf vier⸗ zig, und da reſignirten ſie. Der Herzog hat inzwiſchen, dis weitere Anordnungen getroffen werden können, die Zügel in die Hand genommen, und es werden Depe⸗ ſchen abgeſandt, um alle unſere Freunde um uns zu verſammeln. Bis jetzt weiß man nur ſo viel: L. für die Colonien, H. für die auswärtigen Angelegenheiten, W. Präſident des Raths und wir hoffen ſehnlichſt, Sie Vicekönig von Irland. Jedenfalls kommen Sie unver⸗ züglich nach England zurück. Der Kampf wird heiß werden, denn unſere Gegner ſind halb raſend, und wir werden Ihrer ſehr bedürfen. 4„Ihr ergebenſter „Henry—.“ „Das kommt weit ſchneller, als ich vorausſah, Lorrequer, vielleicht, als ich wünſchte; aber da die Sachen einmal ſo ſtehen, ſo dürfen wir den Kampf nicht ablehnen. Was ich nun von Ihnen wünſche, iſt das— wenn ich nach Irland gehe, ſo wäre es mir ſehr lieb, wenn Sie den Poſten des Privatſekretärs übernehmen würden. Machen Sie keine Einwendungen, Sie wiſſen, daß Sie die Armee nicht zu verlaſſen brau⸗ chen, Sie können ſich unbeſtimmten Urlaub geben laſſen, dafür will ich ſchon ſorgen. Apropos, das betrifft Sie, es kommt vom Kriegsminiſterium. Sie brauchen es aber jetzt nicht zu leſen, es enthält blos Ihre Beför⸗ derung zum Major; Ihr Avancement ſoll inzwiſchen 388 dabei nicht ſtehen bleiben; voch die Hauptſache, die ich von Ihnen wünſche, iſt die— Sie müſſen morgen nach England abreiſen; Umſtände verhindern mich, dies ſelbſt vor einigen Tagen thun zu können. Sie können L. v. W. u. ſ. w. beſuchen und ihnen Alles erklären, was ich zu ſagen habe; ich will einige Briefe ſchreiben und für Sie einige Bemerkungen aufſetzen, wonach Sie ſich richten ſollen. Da Kilkee niemals zu ſolchen Dingen taugen wird, ſo verſehe ich mich zu Ihrer Freundſchaft, daß Sie es für mich thun.“ Da ich blos die Vergangenheit im Auge hatte, und der Vorſchlag meinem bereits gefaßten Beſchluß, Mün⸗ chen zu verlaſſen, entſprach, ſo ſagte ich augenblicklich zu und verſicherte Lord Callonby, ich werde in einer Stunde bereit ſein.„ „Ganz recht, Lorrequer; inzwiſchen iſt eine ſolch“ übertriebene Eile nicht nöthig, Sie können nicht vor eilf oder zwölf abreiſen, und ich habe Sie in der That noch um einen andern Dienſt zu erſuchen, bevor wir uns trennen; inzwiſchen ſuchen Sie ein wenig zu ſchla⸗ fen, denn Sie werden vermuthlich in kein Bett mehr kommen, bevor Sie das Clarendon erreichen.„So ſpre⸗ chend trieb er mich aus dem Zimmer, und als er die Thüre ſchloß, hörte ich ihn ſeine Zufriedenheit, daß Alles ſo weit gediehen ſei, leiſe vor ſich hinmurmeln. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Schluß. Der Schlaf kam über mich, ohne daß ich es merkte, und trotz all' der quälenden Sorgen und peinigenden Gedanken, die mir auf dem Herzen lagen, erwachte ich erſt, als unter meinem Fenſter eine Kaleſche rollte und mir anzeigte, daß ich mich zur Abreiſe bereit halten müſſe. 4 389 „Da die Sachen ſich einmal ſo geſtalten ſollen,“ dachte ich,„ſo iſt es weit beſſer, ich komme auf dieſe Art weg und beuge ſomit allen Unannehmlichkeiten bei einem künftigen Zuſammentreffen mit Lady Jane, ſo wie den tauſend Muthmaßungen, die meine plötzliche und unangemeldete Abreiſe erwecken mußte, vor. So ſei es denn, und ich habe nur noch eine einzige Hoff⸗ nung— nämlich, daß die Art, wie wir uns geſtern trennten, ſte veranlaſſen wird, nicht zum Frühſtück zu erſcheinen;“ unter dieſem Selbſtgeſpräch trat ich in's Zimmer, wo die ganze Familie, auch Lady Jane nicht ausgenommen, verſammelt war. „Das iſt doch wahrhaftig zu ärgerlich, Mr. Lor⸗ requer,“ ſagte Lady Callonby mit ihrem ſüßeſten Lächeln und freundlichſten Weſen,„es iſt doch zu arg, daß wir Sie, da Sie kaum erſt angekommen find, ſchon wie⸗ der verlieren ſollen.“ „Keine geheimen Unterhandlungen da,“ verſetzte Lord Callonby,„mein Freund hier darf ſich nicht durch honig⸗ ſüße Worte und ſanfte Redensarten von der hohen Straße ablenken laſſen, welche zu Ehren und Auszeich⸗ nungen führt— und nun vernehmen Sie Ihre In⸗ ſtruktionen.“ Hier ging Se. Lordſchaft auf eine ſehr gründliche Erörterung über die Bedingungen ein, un⸗ ter welchen man ſeinen Beiſtand mit Zuverſicht erwar⸗ ten könne, während Kilkee von Zeit zu Zeit neckende Anſpielungen auf den niedrigen Preis, den er für ſeine Dienſte feſtſetze, dazwiſchen warf und erklärte, eine Geſandtſchaft für mich müſſe allerwenigſtens in den Ver⸗ trag noch mit aufgenommen werden. Endlich war das Frühſtück vorüber, und Lord Cal⸗ — lonby ſagte:„Jetzt nehmen Sie Abſchied und kommen Sie noch einen Augenblick auf Sir Guy's Zimmer, wir haben dort eine kleine Unterhandlung, bei der wir Ih⸗ rer Unterſtützung bedürfen.“ Ich ſagte alſo Lady Cal⸗ Bekenntniſſe Lorrequers. II. 25 7 F lonby Lebewohl und wollte mich auch Lady Jane zu dieſem Behufe nähern, aber zu meiner großen Ueber⸗ raſchung verbeugte ſie ſich ſehr ſteif und ſagte in ihrem kälteſten Tone:„Ich wünſche Ihnen eine angenehme Reiſe.“ Bevor ich mich von meiner Verblüfftheit über dieſes Benehmen erholt hatte, kam Kilkee auf mich zu und ſagte, er wolle mich einige Meilen begleiten. Ich nahm das freundliche Anerbieten ſehr gerne an, ver⸗ beugte mich dann noch einmal gegen die Ladies und trat ab.„So ſteht es alſo jetzt,“ dachte ich,„ich ver⸗ laſſe nunmehr all; mein lang erträumtes Glück, und das iſt das Ende ſo ſehnſüchtiger, ſo heißer Erwartun⸗ gen.“ Als ich in meines Oheims Zimmer trat, war ich gewiß nicht in der Stimmung, weitere Prüfungen duszuhalten, und doch ſtanden mir deren noch ſchwere bevor. 4 3„Harry, mein Junge, wir bedürfen Ihrer Dienſte ſehr, und da die Zeit drängt, ſo müſſen wir Ihnen die Sache in aller Kürze vortragen. Wie mir Sir Guy ſagt, wiſſen Sie bereits, daß Ihr Vetter Guy der That ſind meiner Tochter einige Geſchichten über Ihren Vetter zu Ohren gekommen, die ihr ein großes Vorurtheil gegen ihn beigebracht haben, und wir haben Urſache zu glauben, ganz mit Unrecht; denn wir haben heraus gebracht, daß einige der in Frage ſtehenden malhonetten Handlungen nicht Guy, ſondern einem Mr. Morewood zur Laſt fallen, der, wie es ſcheint, mehr als einmal ſich für Ihren Vetter ausgegeben hat, und ——— 391 zwar ſehr zu deſſen Nachtheil. Nun wünſchen wir, daß Sie dieſen Dingen auf den Grund zu kommen ſuchen, indem Sie, ſo bald es Ihnen möglich iſt, Lon⸗ don verlaſſen, nach Paris reiſen— ſuchen Sie dort dieſen Mann auf und bringen Sie die Sache wo mög⸗ lich ins Reine; wenn er Geld braucht, ſo ſoll er natür⸗ lich welches haben; aber bedenken Sie Eines wohl, nämlich, daß Sie uns durch jeden Schritt, der im Stande wäre, dieſen unglücklichen Eindruck bei meiner Tochter zu verwiſchen, einen unermeßlichen Dienſt zu leiſten vermögen, den wir Ihnen nie vergeſſen werden. Auch Kilkee iſt dem guten Guy nicht hold. Inzwiſchen brauchen Sie ihm die Sache nur vorzuſtellen, und er wird gewiß auf Sie hören.“ „Und, Harry,“ ſetzte mein Oheim hinzu,„ſag' Guy, ich ſei ſehr unzufrieden mit ihm, daß er nicht hier iſt; ich hoffte, er würde mit mir Paris verlaſſen, Wer⸗ 4 abgeſchmackte Wette im Jockey⸗Klubb hielt ihn feſt.“ „Noch Eines, Harry, Sie müſſen Ihrem Vetter auch ſagen, daß Sir Guy in alle Clauſeln, die er frü⸗ her verworfen, nunmehr eingewilligt hat— er wird die Anſpielung verſtehen.“ 2 „O ja, ſagte mein Oheim,„melde ihm geradezu⸗ vaß er Eltonhall haben ſoll; ich habe Marsdon für mich ſelbſt herrichten laſſen, ſomit bringt dieſer Punkt keine Schwierigkeit.“ 1 „Fügen Sie gefälligſt hinzu, daß meine dermalige Stellung zur Regierung mich in den Stand ſetzt, ihm eine ſehr baldige Ausſicht auf ein Regiment zu ver⸗ ſchaffen, und daß ich der Meinung bin, er ſolle ſeinen Abſchied nicht nehmen.“ „Und ſag' ihm, daß ich mit der nächſten Poſt den Hamercloth'ſchen Wechſel von ſechstauſend Pfund zah⸗ len wolle, und er ſoll mir überhaupt ein Verzeichniß ſeiner größeren Schulden zuſchicken.“ 392 „Und nun vor allen Dingen ſputen Sie ſich. Ich muß unabänderlich nach England abreiſen, und da die Ladies wahrſcheinlich vorziehen werden, den Winter in Italien zuzubringen—“ —„, Ja, verſteht ſich,“ ſagte mein Oheim,„die Hoch⸗ zeit muß jedenfalls vorher ſtattfinden.“ „Ich kann Sie kaum erſuchen, dieſem Feſte anzu⸗ wohnen, obſchon ich Ihnen wohl nicht zu ſagen brauche, wie ſehr wir uns alle freuen würden, wenn Sie es könnten,“ ſagte Mylord. Während ich mit dieſem Kreuzfeuer bombardirt wurde, blickte ich die beiden Sprecher einen um den andern an. Meine erſte Meinung war, ſie haben meine Huldigungen gegen Lady Jane mißfällig bemerkt und beabſichtigen jetzt blos einen ſchlechten Witz, um mir eine tüchtige Lektion für mein künftiges Verhalten zu ertheilen. Mein nächſter Eindruck war, ſie ſprechen wirklich im Ernſt, ſeien aber offenbar die allereinfäl⸗ tigſten zwei alten Gentlemen, die je gepuderte Haare getragen. „Unv iſt dies alles?“ ſagte ich, weit herauf Athem holend und innerlich ein kurzes Gebet um Geduld ſpre⸗ chend. „Ich glaube wenigſtens nichts vergeſſen zu haben,“ antwortete Lord Callonby,„außer daß wir Ihnen, ſo⸗ bald Sie dieſe Sache auf die eine oder andere Art fördern zu können glauben, die unbedingteſte Vollmacht ertheilen.“ „Natürlich,“ ſagte ich,„habe ich die Sache ſo zu verſtehen, daß keine andere Schwierigkeiten, als die von Ew. Lordſchaft erwähnten, im Wege ſtehen und gegenſeitige Zuneigung vorhanden iſt?“— „Ja, das verſteht ſich; ich glaube, Ihr Vetter hat ſich angenehm zu machen gewußt; er iſt ein hübſcher Burſche und ich ſehe wahrhaftig nicht ein, warum ſie hauder nicht lieb haben ſollten; nicht wahr, Sir uy ℳ 4 393 „Allerdings und meine Beſitzungen in Elton laufen die halbe Grafſchaft hindurch mit den Ihrigen in Glou⸗ ceſter zuſammen; eine vernünftigere Heirath könnte gar nicht abgeſchloſſen werden.“. „Dann bleibt nur noch ein einziger Punkt übrig, und wenn dieſer im Reinen iſt, ſo können Sie auf meine Dienſte rechnen; ja, ich möchte Ihnen dann ſo⸗ gar für den Erfolg bürgen. Ich muß Lady Jane's eigener Einwilligung vergewiſſert ſein; im andern Fall erkläre ich wit der größten Beſtimmtheit, daß ich keinen Schritt in der Sache thue; willigt aber ſie frei und ohne Zwang ein, ſo verpflichte ich mich, Alles zu thun, was Sie verlangen.“ „Ganz ſchön, Harry, ich billige Ihre Bedenklich⸗ keiten vollkommen;“ ſo ſprechend erhob ſich Se. Lord⸗ ſchaft und verließ das Zimmer. „Und nun, Harry, was kann für Dich gethan werden? hat Callonby Dir ſchon ſetwas angeboten?“ „Ja, Sir, Se. Lordſchaft hat die große Güte ge⸗ habt, mir das Unterſekretariat von Irland anzubieten. Ich bin aber entſchloſſen, es abzulehnen, obſchon ich es jetzt noch nicht ſagen will, damit er kein Bedenken trägt, mich in dem vorliegenden Falle zu verwenden.“ „Zum Henker, iſt der Junge von Sinnen— es ablehnen— was in aller Welt beſitzeſt Du denn, daß Du eine ſolche Anſtellung ausſchlagen kannſt? Das Blut ſtieg mir in die Wangen, meine Schläfe brannten, und ich weiß nicht, was ich auf dieſen Schimpf geantwortet habe, denn ich wußte mir vor Zorn nicht mehr zu helfen. Als Lord Callonby wieder in's Zimmer trat, war ſein gewöhnlich ruhiges und bleiches Geſicht aufgeregt und erhitzt, ſeine Bewegungen zitternd und haſtig; er ſchwieg einen Augenblick, dann aber wandte er ſich gegen meinen Oheim, ergriff mit inniger Bewegung ſeine Hand und ſagte: „Mein guter alter Freund, es thut mir in der K innerſten Seele leid; aber wir müſſen unſern Plan aufgeben. Ich habe ſo eben mit meiner Tochter ge⸗ ſprochen, und aus den wenigen Worten, die wir wech⸗ ſelten, erſehe ich, daß ihre Abneigung gegen dieſe Ver⸗ bindung unüberwindlich iſt; ich habe ihr ſogar ver⸗ ſprechen müſſen, nie mehr darauf anzuſpielen. Wollte ich auch den Gefühlen meines Kindes Zwang anthun, ſo würden Sie ſelbſt es nicht zugeben. Laſſen Sie daher unſerer alten Hoffnung entſagen und auf einen Plan verzichten, bei welchem unſere Herzen ſo innig betheiligt waren.“ Dieſe wenigen Worte wurden mit tiefem Gefühl geſprochen, und zum erſten Mal betrachtete ich den Lord mit aufrichtiger Hochachtung. Sie ſchwiegen beide einige Minuten lang; Sir Guy, der gleichfalls ſehr aufgereizt war, ſprach zuerſt wieder. „Nun ſo ſei es denn, Callonby, und ich trenne mich alſo vielleicht von der einzig heitern Ausſicht, die mir mein vorgerücktes Alter darbot. Ich habe ſeit langer Zeit gewünſcht, in Ihrer Tochter eine Nichte zu erhalten, und ſeit ich ſie perſönlich kennen gelernt, hat ſich die⸗ ſer Wunſch zehnfach geſteigert.“ „Es war mein liebſter Traum,“ ſagte Lord Cal⸗ lonby.„Da aber Jane's Neigungen— doch laſſen wir's ſchwinden.“ „Und gibt es denn wirklich kein Mittel? Sollte wirklich nichts ausfindig gemacht werden können?“ „Nichts.“ „Hierin bin ich nicht Ihrer Meinung, Mylord,“ ſagte ich bebend. „Nein, nein, Lorrequer, ich weiß, Sie ſind ein ganz geſcheider Burſche, aber dies überſteigt auch Ihren Satſſinn, überdies habe ich Ihr mein Wort ge⸗ geben.“ „Wie! was meinſt Du? Heraus damit,“ ſagte Sir Guy.„Ich gebe Dir auf der Stelle zehntauſend — —— 395 Pfund, wenn Du ein Mittel weißt, dieſe Schwierigkeit zu überwinden.“ „Vielleicht möchten Sie nachher nicht Ja ſagen.“ „Nein, ich gebe Dir mein Wort darauf.“ „Und ich auch,“ erklärte Lord Callonby,„wofern keine unehrliche Kriegsliſt gegen meine Tochter ge⸗ braucht wird. So bald ſie frei und ſelbſtſtändig ihre Einwilligung gibt, bin ich's zufrieden.“ —„Dann müſſen Sie höher bieten, Onkel; zehntau⸗ ſend reichen nicht aus; der Handel iſt wohl einiges Geld werth.“ 20„Nenn' Deinen Preis, Junge, nur halte Dein ort.“ „Gut denn, ich verpflichte mich alſo gegen meinen Oheim, vorausgeſetzt, daß er ſich gleichfalls durch ſein Verſprechen gebunden glaubt, daß ſein Neffe der Ge⸗ mahl der Lady Jane Callonby werden ſoll, und nun Mylord, leſen Sie Harry ſtatt Guy in dem Vertrag, ich bin überzeugt, mein Oheim ſtellt ſein verpfändetes Wort zu hoch und hält zu feſt an ſeinem Verſprechen, als daß er nicht ſeine Zuſtimmung geben ſollte.“ Die Plötzlichkeit dieſer raſchen Erklärung machte beide gänzlich betäubt, bald aber erholten ſie ſich beide zugleich, und ihre Augen begegneten ſich.. „Da find Sie ſchön gefangen, Guy,“ ſagte Lord Callonby,„ein kühner Streich, wenn er nur gelingt.“ „Bei Gott, es gilt,“ verſetzte mein Oheim,„El⸗ ton iſt Dein, Harry, mit ſiebentauſend jährlich, und da Du ja auch mein Neffe biſt, ſo wird Callonby nichts einzuwenden haben.“ Es gibt Augenblicke im Leben, wo ein kühner Hand⸗ ſtreich viel kräftiger, viel überzeugender wirkt, als der langſame Prozeß der Ueberlegung zu thun vermöchte. Zu meinem Glück war dieß einer dieſer gottgeſegneten Zwiſchenpunkte. Lord Callonby, der den Enthuſiasmus meines Oheims nicht erkalten laſſen wollte, nahm mich bei der Hand und ſagte: „Wenn ſie einwilligt, Lorrequer, ſo können Sie auf mich rechnen, und aufrichtig geſtanden, ich habe Sie immer lieber gehabt, als den andern.“ Was mein Oheim hinzu fügte, das wollie ich nicht mehr abwarten; ſondern mit einem Satz ſprang ich hinaus— rannte die Treppe hinauf in Lady Callonby's Geſellſchaftssimmer— blickte raſch um mich, ob ſie da ſei, und wollte, ohne den Fragen von Lady Cal⸗ lonby und ihrer jüngſten Tochter die mindeſte Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſchenken; eben wieder hinausgehen, als mein Auge im Garten unten einen Cachemirſhawl flattern ſah. Im Nu war das Fenſter aufgeriſſen— ich ſtand auf den Sims, ſprang volle zwanzig Fuß hoch hinab, und bevor ſich die Ladies von ihrer erſten Ueberraſchung über mein unerklärliches Benehmen erholt hatten, ſetzte ich ſie in noch weit größeres Erſtaunen dadurch, daß ich meine Arme um Lady Jane ſchlang und ſie an mein Herz drückte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, auf welche Art ich ihr den plötzlichen Glückswechſel erklärte. Ich ent⸗ ſinne mich nur noch ganz unklar wiederholter Schwüre ewiger Liebe, untermiſcht mit Lobpreiſungen auf mei⸗ nen würdigen Oheim, und die Zuſtände meiner Herzens⸗ neigungen und meiner Finanzen lösten ſich verworren in einander auf, doch immerhin verſtändlich genug, um meine geliebte Jane zu überzeugen, daß ich dießmal wenigſtens nicht blos auf eigene Fauſt, ſondern noch mit einem tüchtigen Hinterhalt zu freien komme. Ehe wir halb im Garten herum gekommen waren, hatte ſie verſprochen, die Meinige zu werden, und Harry Lor⸗ requer, der ſich dieſen Morgen in der düſterſten Ver⸗ zweiflung erhoben hatte, war jetzt der glücklichſte aller Menſchen. Ich habe wenig mehr zu bekennen, lieber Leſer; Lord Callonby's Politik wurde glücklicherweiſe höher angeſchlagen, als mädchenhafte Bedenklichkeiten, und 1 ¹ 397 die Miniſterbank höher als die Ausſteuer. Unſere Ver⸗ mählung wurde alſo für die folgende Woche feſtgeſetzt. Mittlerweile ſchien jeder Tag neues Glück zu bringen. Mein guter Oheim, durch deſſen Verwendung Oberſt Kamworth vor vierzig Jahren ſeine Charge erhalten hatte, unternahm es, eine Verſöhnung zwiſchen ihm und den Waller'ſchen zu Stande zu bringen, die jetzt nur noch unſere Hochzeit abwarteten, um nach Hydra⸗ bad Cottage, dieſem allerliebſten Plätzchen für Curry und Madeira, aufzubrechen: Jack geſteht, er wolle lie⸗ ber dort am Kamine die Belagerung von Java anhö⸗ ren, als von den Lippen des großen Herzogs ſelbſt den Schlachtbericht von Waterloo vernehmen. Ich ſchrieb an Trevanion, um ihn nach München zu der Feier einzuladen, und dieſelbe Poſt, mit der er mir meldete, daß er unterwegs ſei, brachte auch einen Brief von meinem excentriſchen Freunde O'Leary, deſ⸗ ſen Name ſo oft in dieſen Bekenntniſſen vorgekommen iſt, daß ich mich verſucht fühle, ihn zum Beſten zu geben, zumal, da er ganz und gar keine Geheimniſſe enthält. Kilkee beſtand darauf, ihn nach Tiſch einem Kante aus der ganzen verſammelten Familie vorzu⸗ eſen. „Lieber Lorrequer! „Die Unterſuchung iſt vorbei, und ich bin freige⸗ ſprochen, aber immer noch in St. Pelagie; denn wie die Regierung entſchloſſen war, mir den Kopf abzu⸗ ſchlagen, im Fall meine Schuld bewieſen wurde, ſo will mich jetzt der Pöbel ermorden, weil ich unſchuldig hin. Ein närriſcher Ort, dieſes Paris: während der Unterſuchung war ich der populärſte Mann in der gan⸗ zen Stadt, mein Kopf war in jedem Buch⸗ und Kunſt⸗ laden ausgeſtellt; Gipsbüſten von mir, mit ſehr aus⸗ gebildetem Revolutionärsorgan, ſtanden auf allen Kreuz⸗ wegen zu ſehen, mein Autograph wurde zu ſechs und zwanzig Sous und eine Locke von meinem Haar zu fünf Franken verkauft. Jetzt, da es erwieſen iſt, daß ich den Kriegsminiſter nicht ermordet habe, der ſich im Gegentheil einer vortrefflichen Geſundheit und Laune erfreut, iſt das Volk wüthend über mich; man betrach⸗ tet mich als einen Betrüger, der ſeine Berühmtheit auf eine unrechtmäßige Weiſe erſchlichen, und Vernet, der mein Gemälde zu einem Judaskopf begonnen hatte, hat es aus Aerger wieder liegen laſſen. Ihr Freund Tre⸗ vanion iſt ein Kapitalkerl. Er hat einen Gentleman aus Tipperary herbeigeſchafft, der mit Mrs. Ram da⸗ vongelaufen iſt, und ſie ſind letzten Dienſtag in Frank⸗ furt kopulirt worden. Beiläufig geſagt, bei Iſabella find Sie ſchön abgefahren; ſie hat Sie die ganze Zeit nur zum Narren gehabt. Sie wird ſich demnächſt mit Tom O'Flaherty vermählen, der jetzt hier iſt. Die Art, wie Iſabella Sie nachmacht, den Hut ein Bischen ſcheps und in der einen Hand ein Nastuch ſchwingend, iſt wirklich allerliebſt; wenn ſie aber niederkniet und ruft: Theuerſte Iſabella u. ſ. w. dann möchte man ſchwören,⸗ Sie ſeien es ſelbſt.(Hier brach die Zuhörerſchaft in ein Gelächter aus, das Kilkee am Weiterleſen hinderte, aber zu meiner größten Beſtürzung fuhr er nach einer Weile fort:)— Verlieren Sie Ihre Zeit gar nicht da⸗ mit, Lord Callonby's Tochter den Hof zu machen— (hier erſcholl abermals ein Gelächter), man ſagt, Sie haben ganz und gar keine Ausſichten und überdies iſt das Mädchen ein kokettes Ding.—(„Dafür haſt Du Dich zu bedanken, Jane,“ ſagte Kilkee, der kaum im Stande war, weiter zu leſen.) Ihr Vater iſt ein hoch⸗ müthiger, alter Tory, der ihr keine ſechs Pence mit gibt; und der alte Knicker, Ihr Oheim, denkt ebenſo wenig daran, für Sie zu ſorgen, als zu ſterben.— (Dieſer letzte Ausfall erregte wieder die allgemeinſte Heiterkeit.)— Kilkee iſt ein Narr, der Ihnen zu nichts 8 —— n- 399 helfen kann.—(„Bei Gott,“ ſagte das betreffende In⸗ dividuum,„ich hatte gehofft, ungeſchlagen davon zu kommen; aber Ihr Freund O'Leary haut nach allen Seiten um ſich.“)“ Der Brief ſchloß nach einigen ſehr ernſthaften Be⸗ trachtungen über die Hoffnungsloſigkeit meines Strebens, mit einem freundlichen Verſprechen, bald zu mir zu kommen und mein Reiſegefährte zu werden.„Mittler⸗ weile,“ fügte er hinzu,„muß ich nach London hinüber und nach meinem neuen Werke ſehen, welches dem⸗ nächſt unter dem Titel:„Arthur O'Leary's Zeitver⸗ treibe“*) herauskommen wird.“ Dieſe elegante Epiſtel gab uns viel zu lachen und zu ſchwatzen, und da beinah Alle zuſammen gleich ſchlecht darin wegkamen, ſo hatte niemand Urſache, ſich ge⸗ gen den Andern zu überheben. So verſtrich der letzte Abend, den ich in München zubrachte— am nächſten Morgen war ich verheirathet. *) Von dieſem Werke bringen wir demnächſt eine Ueberſetzung im:„belletriſtiſchen Auslande.“ Der Ueberſetzer. Ende. ſſſſſnſſſſſſſinſſiſnſſifrſinſſiſſſſſſſſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 1