Leihbibliothek deeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6.. Eduard Ottmann in Gießen, — Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. —*Leih- und Leſebedingungen. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens .7 Uhr bis Abends 8§ Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 1 4 3 „3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 5 für wehentlich 2 ½ Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 e, ver⸗ s, ſo iſt eiterverleihen velche die⸗ Sümumtliche von Charles Pever. (ꝭ— £ Aus dem Engliſchen 5 von Gottlob Fink. Stuttgart. Verlag der Frauckh'ſchen Buchhandlung. 1845. *½ 2 I 9 = — —— 9 ³ Bekenntniſſe von Harry Lorrequer. Von Charles Lever. Deutſch von Gottlob Fink. Mit dem Porträt des Dichters. — Erſter bis vierter Theil. —— Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 3 1845. Vorwort. Es iſt im literariſchen Muſeum in Leipzig ein Büchlein erſchienen:„Harry Lor⸗ requers Abenteuer u. ſ. w., ins Deutſche übertra⸗ gen von Leopold Kraft.“ In dieſem Titel iſt nun deutlich ausgeſpro⸗ chen, daß dieſes eine Ueberſetzung des hier gebo⸗ tenen Werkes ſein ſoll, und doch iſt das, was der Ueberſetzer bietet, eine jammervolle, willkühr⸗ liche, durch Nichts gerechtfertigte Verſtümmelung, eine Zuſammendrängung auf etwa ein Drit⸗ theil, wobei von dem Werke, wie es der Ver⸗ faſſer geſchrieben hat, nur das na ckte Gerippe übrig bleibt. Die Nebenpartien ſind faſt alle weggelaſſen, und ſtatt der vielen höchſt ergötzlichen Erzählungen, die ſie enthalten, wird man mit etlichen trivialen Redensarten abgeſpeist; von den zahlreichen Betrachtungen, worin ſich der Verfaſſer als einer der feinſten Menſchenkenner, VIII der ſcharfblickendſten Beobachter des Weltgang kund thut, und die nach meiner Anſicht einen be⸗ ſondern Vorzug des Werkes bilden, findet ſich hier keine Spur. Auf dieſe Art zu ſpekuliren, ſcheint überhaupt die„ganze Bibliothek des liter ariſchen Muſe⸗ ums in Leipzig,“ zu welcher dieſe zwei Baͤndchen gehören, gegründet zu ſein; wenigſtens iſt der ſchwediſche Noman:„Das Pfarrhaus auf dem Lande,“ welchen ich für das„belletriſti ſche Ausland« überſetzte, gleichfalls auf zwei kleine Bändchen verſtümmelt. Dies zur Warnung! Der Ueberſetzer. — An Sir George Namilton Seymour, bevollmächtigten Miniſter und außerordentlichen Botſchafter in Brüſſel. 5 Mein theurer Sir Hamilton! 6 Wenn eine Feder zeigen will, woher der Wind blläst, ſo mag vielleicht der Umſtand, daß ich Ih⸗ naen eine ſo leichte Waare widme, wie dieſe Be⸗ kenntniſſe ſind, einigermaßen beweiſen, zu welch großem Dank ich mich für die vielfachen Zeichen von Güte verpflichtet fühle, die ich im Laufe un⸗ 3 ſerer Bekanntſchaft von Ihnen empfangen habe. Während ich auf dieſe Art eine Schuld anerkenne, muß ich auch geſtehn, daß mich bei dieſer Gele⸗ ggenheit noch ein anderer Grund mächtig leitet. Ich weiß Niem anden, dem ein von Anekdoten und Abenteuern wimmelndes Buch ſo füglich gewid⸗ met werden könnte, wie Ihnen, dem wohlbekann⸗ ten, unnachahmlichen Erzähler. Könnte ich viel⸗ leicht für meine Geſchichte einen Theil der An⸗, muth von Laune geſtohlen haben, womit Sie— habe ich's doch mit meinen eigenen Ohren gehört — viele der Ihrigen ſchmücken, ſo würde ich auf der einen Seite dieſe Gabe für würdiger halten, Ihnen dargebracht zu werden, und auf der an⸗ blikum findet, mit größerer Zuverſicht entgegen ſehen. Mit ausgezeichneter Werthſchätzung und Hochachtung Ergebenſt Brüſſel, Dezember 1839. Der Verfaſſer. dern dem Empfang, welchen ſie vielleicht beim Pu⸗ — —— Epiſtel, welche die Stelle einer Vorrede vertreten ſoll. Liebes Publikum! Als ich mich zum erſten Mal daran machte, die Szenen aufzuzeichnen, welche den Inhalt dieſer Seiten bilden ſollen, beabſichtigte ich dieſelben nicht anders weiter zu führen, als in den loſen, zer⸗ ſtreuten Bruchſtücken, wie die Spalten eines Ma⸗ gazins*) es mit ſich bringt; und als ich am Ende die Entdeckung machte, daß ſich nicht allein an die Abenteuer ſelbſt, ſondern auch an ihren Erzähler einiges Intereſſe knüpfe, ſo wäre ich mit meinen geringen Lorbeern gerne von einer Bühne abgetreten, auf welcher ich eine Hauptrolle über⸗ nehmen ſollte, während ich mich blos verpflichtet hatte, in den Zwiſchenakten aufzutreten. Unter den Leiden des menſchlichen Lebens iſt *) Das Dublin Univerſity Magazin. XII eines der herzbrechendſten die Nöthigung, einen ſchlecht vorgetragenen Geſang zum zweiten Male anzuhören, weil irgend ein wohlmeinender, aber nicht ſonderlich zartſinniger Freund des Sängers oder der Sängerin aus vollem Halſe da cabe ruft. Ich fange an ſehr zu fürchten, es möchte hier etwas ähnliches ſtatt gefunden haben, 1 und es dürfte wohl ungleich vernünftiger ſein, wenn ich mich mit dem eben nicht überlauten Bei⸗ fallsruf einiger parteiiſcher Freunde begnügt, und mmiit der wonnigen Selbſttäuſchung in Betreff mei⸗ ner errungenen Erfolge von den Brettern zurück⸗ gezogen hätte; aber unglücklicherweiſe iſt mir di⸗ ſelbe leichte Gemüthsart, die mich früher ſchon o † oft in Verwicklungen gebracht hat, hier treu ge⸗ blieben; und wenn Ihr erklärtet, die Sache ge⸗ falle Euch, ſo hätte ich das Mißgeſchick, es zu glauben. So viel zur Entſchuldigung wegen des Ge⸗ genſtandes— nun noch ein paar Worte über die Art, wie ich mich verſchuldet habe, und ich bin zu Ende. Ich ſchrieb, wie es mir ums Herz war—* bald in guter, bald in übler Laune— immer aber ſorglos— denn, Gott helfe mir, ich kann nicht anders. 4 Als für die Lehrer des Trinnity⸗College in Dublin das Cölibat zum aktiven Geſetz erhoben wurde, ſchärfte das Rektorat daſſelbe dadurch ein, XIII daß es alle diejenigen, welche bekanntermaßen dieſe Regel überſchritten hatten, in Gegenwart beſagter Lehrer in's Verhör nahm, und unter dieſen befand ſich Dr. S., von welchem mehrere Söhne zu gleicher Zeit in dem College ſtudirten.„Seid Ihr verheirathet, Dr. S.?“ fragte der Bacca⸗ laureus Vicerektor in aller Würde und Aufge⸗ blaſenheit ſelbſtbewußter Unſchuld.„Verheira⸗ thet!“ rief der Vater von zehn Kindern mit un⸗ willkührlichem Schauer,„verheirathet?“„Ja, Sir, verheirathet.“„Ei, Sir, ich bin eben ſo wenig verheirathet als der Rektor.“ Dies war vollkom⸗ men genug— es wurden keine weitere Fragen vorgelegt und das Haupt der Univerſität fand es gerathener, Gnade für Recht ergehen zu laſſen, als ſeine Frau zu verſtoßen und ſeine Kinder zu verläugnen. Nun zur Anwendung. Gexiſſe ſkep⸗ tiſche, ungläubige Leute haben die Wahrheit der auf nachfolgenden Seiten verzeichneten Abenteuer in Zweifel gezogen; ich halte es nicht für nöthig, mich auf gleich lautende Ausſagen und glaubwür⸗ dige Zeugniſſe zu berufen, aber ich verbürge mich dafür, daß jedes Titelchen, das ich berichtet habe, ebenſo wahr iſt, als ich Lorrequer heiße— brauche ich etwa noch mehr zu ſagen? Eine andere Einwendung iſt gegen meine Erzählung gemacht worden, und an dieſer kann ich nicht ohne ein bemerkendes Wort vorüberge⸗ hen,— es ſoll nämlich dieſen Bekenntniſſen an XIV rührenden Szenen, an Auftritten von pathetiſchem Intereſſe fehlen*)— wahr, vollkommen wahr; aber ich weiß mich in dieſer Beziehung zu tröſten, habe ich doch von einem Autor gehört, von wel⸗ chem ein Buchhändler ſeine Ueberſetzung des Bu⸗ ches Hiob ablehnte, wenn er nicht mehr Pathos hineinbringen könne; und wenn ich nicht unglück⸗ licher oder elender geweſen bin, ſo thut es mir ſehr leid, um Euertwillen, aber Ihr müßt ent⸗ ſchuldigen, wenn ich es ſelbſt um meinetwillen nicht ſonderlich bedaure. Noch ein Geſchichtchen, und ich bin fertig;— Der Newgate Calendar er⸗ zählt von einem notoriſchen Raubmörder, der ſeine ſchmähliche, verbrecheriſche Laufbahn mit der Er⸗ mordung einer ganzen Familie beſchloß, deren Haus er ausplünderte; auf dem Schaffot bat er um die Erlaubniß, zu der verſammelten Menge zu reden, er redete ſie alſo an:—„Meine Freunde, es iſt vollkommen wahr, daß ich dieſe Familie gemordet habe; ich that es mit kaltem Blute— eins ums andere fiel unter meiner Hand; ſodann plän⸗ derte ich ihre Koffer und nahm mit, was mir gefiel; aber Eine Sache wird mir aufgebürdet, die *.) Der Verfaſſer hat uns zu der Erklärung ermäch⸗ tigt, daß er alle pathetiſchen und beweglichen Ereigniſſe ſeiner Laufbahn für eine zweite Reihe „Bekenntniſſe“ aufgeſpart, welche den Titel füh⸗ ren:„Lorrequer der Ehemann.“— Anmerk. des Herausgebers. — XV ich ableugnen muß, bevor ich ſterbe,— man be⸗ hauptet, ich habe eine Lichtputze geſtohlen; der verächtliche Charakter dieſes Diebſtahls iſt ein Fleck für meinen Ruf, der mit meiner Einwilligung mein Gedächtniß nicht ſchänden ſoll.— Mit den gleichen Worten möchte ich mich wegen der ſchwereren Ver⸗ gehungen meines Buches an Euch wenden; ich be⸗ kenne mich ſchuldig,— elendiglich, handgreiflicher⸗ weiſe ſchuldig— ſie kommen alle zuſammen von meiner Hand, und ich wage, ich vermag es nicht, ſie zu läugnen; aber wenn Ihr glaubet, daß die orthographiſchen Schnitzer namentlich im franzöſi⸗ ſchen, die ſich ſo reichlich auf dieſen Blättern vor⸗ finden, auf meine Rechnung zu ſchreiben ſeien, ſo gebe ich mein Wort als Gentleman, daß Ihr mir Unrecht thut, und daß ich nichts mit ihnen zu ſchaf⸗ fen habe. Wenn mein Dank für die Güte und Nachſicht, womit dieſe raſch und flüchtig hingewor⸗ fenen Skizzen von der Preſſe und dem Publikum aufgenommen worden ſind, irgend einen Werth hat, ſo laßt mich zum Schluß nur noch hinzufü⸗ gen, daß kein erkenntlicherer Schriftſteller auf Er⸗ den lebt als . Harry Lorrequer. Ein Wort der Einleitung. „Eine Geſchichte! Gott ſteh Euch bei: ich habe keine zu erzählen, Sir.« 8 Es ſind jetzt viele,— man frage mich nicht wie viele— Jahre, ſeit ich in der Kaſerne der Leibwache zu Pferd die willkommene Nachricht er⸗ hielt, daß ich als Fähndrich bei Sr. Maj.** ſchem Regiment zu Fuß eingetheilt ſei, und daß mein Name, welcher ſo lange Zeit mit dem An⸗ hängſel: ein ſchwieriger Caſus, auf der Liſte des Herzogs geſtanden hatte, endlich einmal in den monatlichen Anzeigen der Beförderungen und An⸗ ſtellungen prangen ſolle. Seit dieſer Zeit iſt mein Leben unter all den Wechſelfällen des Krieges und Friedens dahinge⸗ floſſen. Das Lager und das Bivouae— die ſorgloſe Heiterkeit des Regimentstiſches— das lärmende Gewühl des aktiven Dienſtes— die verdrießliche Eintönigkeit des Garniſonslebens,— das Alles habe ich auf gleiche Weiſe mitgemacht XVII und vielfache Erfahrungen darüber geſammelt. Eine Laufbahn dieſer Art, verbunden mit einem Temperament, das ſtets bereit iſt, auf die Anſchau⸗ ungsweiſe der Kameraden einzugehen, kann immer mit Sicherheit auf einen guten Theil Abenteuer rechnen. Mir hat es nicht daran gefehlt, und ohne weitere Anſprüche als etliche der Szenen, an welchen ich Theil gehabt, zu verzeichnen und das Andenken der andern dabei mitwirkenden Perſo⸗ nen, von denen leider einige nicht mehr auf Erden weilen, wieder aufzufriſchen, habe ich es gewagt, mit dieſen Bekenntniſſen hervorzutreten. Wenn ich hiezu nicht dasjenige Stück aus meinem Leben gewählt habe, das an augenfälligen Ereigniſſen und den denkwürdigen Begebenheiten am reichſten war, ſo liegt meine Entſchuldigung einfach darin, daß ich bei dieſem meinem erſten Erſcheinen auf den Brettern mich lieber, ſo lang ich den Hahn ſpielte, an den Anblick des Hauſes gewöhnen, als in der ſchwierigeren Rolle des Hamlet vor das Publikum treten wollte. Da es höchſt tölpelhafte Menſchen auf der Welt gibt, die, wie Curran ſich ausdrückt, nicht damit zufrieden ſind, zu wiſſen, wer den Mann umgebracht hat, ſondern durchaus auch erfahren wollen, wer jetzt ſeine baumwollenen Hoſen trägt, ſo will ich allen ſolchen in tiefer Demuth ſagen, daß ſie mit meinen Bekenntniſſen nichts zu ſchaf⸗ fen haben— ich trage weder Geſchichte noch Mo⸗ Bekenntniſſe von Lorrequer. I. 2 ral vor— mein einziger Anſpruch in Beziehung auf die Erſtere iſt die Schilderung einer Leiden⸗ ſchaft, die etlihe Jahre meines Lebens bezeichnete! mein einziger Verſuch rückſichtlich der andern iſt, die Bemühung darzuthun, wie fruchtbar an miß⸗ lichen Fährlichkeiten die Laufbahn eines Mannes werden kann, der bei einer warmen Einbildungs⸗ kraft und munterer Gemüthsart zu viel glaubt und ſelten eine Rolle zum Schein übernehmen kann, ohne zu vergeſſen, daß er blos ſpielt. Nachdem ich ſo viel geſagt habe, muß ich noch einmal die Nachſicht anſprechen, die einem wahrhaft bußferti⸗ gen Sünder niemals vorenthalten wird, und be⸗ ginne nun alsbald mit meinen Bekenntniſſen.“ Erſtes Kapitel. Ankunft in Cork.— Feſtlich'eiten von Seite der Bürger⸗ ſchaft— Privattheater. Es war ein prächtiger Herbſtmorgen des Jahrs 181*, als das Transportſchiff Howard mit vierhundert Mann von Sr. Maj. 4tem Regiment in dem ſchönen Hafen von Cove die Anker auswarf; die See leuchtete unter dem Purpurglanz der aufgehenden Sonne in ei⸗ ner prächtigen Roſenfarbe, die einen ſchönen Kontraſt bildete gegen die verſchiedenartigen Tinten des Laub⸗ werks der dichten, bereits herbſtlich vergilbten Wal⸗ dungen. Spike Island lag ſchlummernd da und die große Fahne, welche die Batterte krönt, wurde um ih⸗ ren Stab gewickelt, da ſie bei der völligen Windſtille doch nicht flattern konnte. Es war noch ſo früh, daß nur wenige Perſonen an's Ufer kamen; als wir uns über die Bollwerke hinlehnten und nun zum erſten Mal ſeit acht langen Jahren auf brittiſchen Grund und Bo⸗ den ſchauten, da ging manches Auge über, manche ſich hebende Bruſt ſagte deutlich genug, wie erinnerungs⸗ reich dieſer kurze Augenblick war, wie verſchieden un⸗ ſere Gefühle von der überſprudelnden Luſtigkeit, mit welcher wir von demſelben Hafen nach der Halbinſel abgeſegelt waren; viele von den beſten, bravſten Ge⸗ noſſen hatten wir zurückgelaſſen, und mehr als ein Sohn des Landes, welchem wir nahten, hatte ſeine 20 letzte Ruhe in dem fremden Boden gefunden. Mit einem vermiſchten Gefühl der Wehmuth und Freude ſchauten wir daher auf das friedſame Dörfchen, deſſen weiße Hütten längs am Saume des Hafens zerſtreut lagen. Das gedankenſchwere, düſtere Schweigen, worein wir einen Augenblick verſunken waren, nahm bald ſein Ende: die Vorbereitungen zur Landung hatten begon⸗ nen, und ich erinnere mich bis auf dieſe Stunde, wie ich, die Laſt abſchüttelnd, die mein Herz bedrückte, ein luſtiges Liedchen für mich trillerte, als ich die Lauf⸗ planke hinabging. Und dieſer Elaſtizität meines Ge⸗ müthes, mag ſie nun das Ergebniß meines Handwerks oder eine Gottesgabe ſein, verdanke ich den größern Theil des Glückes, das ich in meinem Leben genoſſen habe, deſſen vielfache Wechſelfälle ſich freilich nicht weit über die Alltagserſcheinungen erheben dürften. Wir ſtellten uns das Ufer entlang in einer Linie auf, und ich konnte mich kaum eines Lächelns über un⸗ ſere Erſcheinung erwehren. Vier Wochen an Bord eines Transportſchiffes tragen wahrhaftig nicht viel dazu bei, der Perſönlichkeit des darauf eingeſperrten Unglücklichen etwas Würdevolles zu geben; aber man muß außerdem noch in Berechnung ziehen, daß wir ſeit drei Jahren keine neuen Monturen erhalten hatten, ſondern bloß Grenadiermützen, die urſprünglich für ein ſchottiſches Regiment beſtimmt waren, aber für dieſe großköpfigen Menſchenkinder ſammt und ſonders zu klein befunden wurden. Mancher braune und graue Fleck gab dem abgeſchoſſ enen Scharlach unſerer Unifor⸗ men etwas Buntfarbiges, und im ganzen Regiment fand ſich kaum ein einziges Paar Kniee, das nicht ſeine Verpflichtungen gegen einen alten Teppich hatte be⸗ kennen müſſen. Aber bei alldem boten wir eine mann⸗ hafte, wetterfeſte Front dar, und wenn der Vorüber⸗ gehende ſich auch geneigt fühlen mochte, auf unſere Koſten zu lachen, ſo bel ehrte ihn doch der allergeringſte 2 21 Grad von Vorſicht, daß es am Gerathenſten war, dieß in ſein Fäuſtchen zu thun. Die Glocken ſämmtlicher Kirchthürme läuteten ei⸗ nen fröhlichen Willkomm, als wir in die ſchöne Stadt Cork einmarſchirten: unſere Mufik ſpielte den Garry⸗ owen, denn wir waren urſprünglich in Irland ausge⸗ hoben worden, und die große Mehrheit unſerer Offi⸗ ziere ſtammte aus dem Lande des Punſches, der Prie⸗ ſter und der Kartoffeln— die zerfetzte Regimentsfahne flatterte ſtolz über unſern Häuptern und es war nicht ein einziger unter uns, deſſen Herz nicht unter einer Waterloomedaille ſchlug. Dem meinigen iſt— leider daß ich es nicht in Abrede ſtellen kann!— der Schmelz ſeiner Jugendfriſche abgeſtreift, aber ich geſtehe, daß mich, einige Augenblicke triumphiren den Hochgefühls abgerechnet, niemals eine ſolche belebende und begei⸗ ſternde Wonne durchglüht hat, wie an dem Tage, da ich an der Spitze meiner Kompagnie die George's⸗ſtreet hinabmarſchirte. Wir wurden bald in der Kaſerne untergebracht, und nun begann Seitens der bürgerlichen Behörden von Cork eine Reihenfolge von Feſtmahlen zu unſern Ehren, welche die Meiſten von uns bald auf den Ge⸗ danken leitete, daß wir den Bomben und Granaten nur entgangen ſeien, um weniger ruhmvoll unter Cham⸗ pagner und Claret zu fallen. Ich glaube nicht, daß ſich auf der ganzen Inſel ein Leichenſchauer findet, der, wenn wir wirklich ſo gefallen wären, einen andern Spruch über das Regiment abgegeben hätte, als den: Getödtet vom Mayor und dem Gemeinderath. Zu allererſt gaben uns die Bürger von Cork ein Diner und, um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu laſ⸗ ſen, eines trinkfähigern Schlages von Gentlemen darf ſich keine Stadt rühmen; ſodann lud uns der Gemein⸗ derath zu einem Feſtſchmauſe einz nach ihm die She⸗ riffs; hierauf kam der Mayor Solo; hernach wurde ein kaltes Mahl gegeben, das acht von uns vierzehn 22 Tage auf die Krankenliſte brachte: den Gipfel von Al⸗ lem aber bildete der große Schmaus im Gemeindehauſe, wozu mehr als zweitauſend Perſonen geladen waren. Es war eine Art von Ball, der Nachmittags um drei Uhr mit einem Dejeuner begann und endete— ich habe bis auf die jetzige Stunde den Mann noch nicht getroffen, der mir ſagen konnte, wann er endete; was mich ſelbſt betrifft, ſo hatte mein Finale etwas Aben⸗ teuerliches, was ich daher berichten will. Nachdem ich etwa eine Stunde lang mit einem der hübſcheſten Mädchen, worauf meine Augen je ge⸗ ruht, gewalzt und einen zärtlichen Händedruck erhal⸗ ten hatte, als ich ſie einer höchſt leutſelig dreinblicken⸗ den alten Lady mit blauem Turban und rothem Sammtkleid zurückbrachte, die mich ungemein gütig anlächelte und Major titulirte, zog ich mich, um für einen neuen Angriff Kräfte zu ſammeln, an eine kleine Tafel zu⸗ rück, wo drei von den Unſern ſich in Ponche à la Romaine gütlich thaten, umringt von einer Menge Corker Herrn, die ſich angelegentlich nach etlichen Hel⸗ den aus ihrer eigenen Stadt erkundigten, deren Waf⸗ fenthaten zu ihrer höchlichen Verwunderung von dem Herzog nicht namentlich aufgeführt waren. Ich ſchmei⸗ chelte mich bald bei dieſer wohlbeſchäftigten Clique ein und gab ihnen nach dem Gelüſte ihres Herzens Rhum zu verſchlucken. Ihre Luſtigkeit hatte etwas Anſtecken⸗ des und da auch der Punſch mir zu Kopfe ſtieg, fand ich nach und nach, daß meine Bekanntſchaft ſich auf ſämmtliche Familienangehörigen der Provinz ausge⸗ dehnt hatte. „Kannten Sie Phil Beamiſh vom 3ten Regiment, Sir?“ fragte ein ſchlanker, rothgeſichtiger, rothgebar⸗ teter, freundlicher Gentleman, der große Aehnlichkeit mit Feargus O'Connor hatte. „Phil Beamiſh!“ verſetzte ich.„Allerdings kannte ich ihn und kenne ihn noch; es gibt in der ganzen brit⸗ tiſchen Armee keinen Mann, auf deſſen Bekanntſchaft 23 ich ſtolzer wäre, als auf die ſeinige.“ Hier muß ich beiläuſig bemerken, daß ich den Namen bis auf dieſen Augenblick nie gehört hatte. „Ei, was Sie ſagen, Sir!“ rief Feargus— denn ſo muß ich ihn der Kürze halber nennen.„Hat er jetzt Ausſichten auf die Kompagnie, Sir?“. „Kompagnie!“ rief ich erſtaunt.„Er hat vor drei Monaten ſeine Majorsepauletten erhalten. Sie können unmöglich in der letzten Zeit von ihm gehört haben, ſonſt müßten Sie das wiſſen.“ „Das iſt wahr, Sir. Ich habe nichts mehr von ihm gehört, ſeit er das 3te Regiment verließ, um nach Verſailles zu gehen, ich glaube, die Herren nennen es der Geſundheit wegen. Aber wie kam er zu dem Avan⸗ cement, Sir?“ „Mit der Kompagnie ging es allerdings merk⸗ würdig genug,“ ſagte ich, einen Kelch Champagner leerend, um meiner Erfindungskraft zu Hülfe zu kom⸗ men.„Sie wiſſen, daß Napoleon am 18. Mittags gegen 4 Uhr Grouchy befahl, mit der erſten und zwei⸗ ten Brigade der alten Garde und zwei Regimentern Jägern vorzurücken und die Stellung anzugreifen, welche Picton mit ſeinen Regimentern beſetzt hielt. Nun gut, Sir, ſie kamen heraa, eingehüllt in den Rauch einer furchtbaren Salve Artillerie, die auf einer leinen Anhöhe zu unſerer Linken ſtand und eine ab⸗ ſcheuliche Verheerung unter unſern armen Burſchen an⸗ richtete— ſo kamen ſie alſo heran, Sir; und als der Rauch ſich theilweiſe verzogen hatte, bekamen wir ſie zu ſchauen, aber ein gefährlicheres Corps wünſche ich meiner Lebtag nicht mehr zu ſehen; graubartige, ver⸗ witterte, eherne Geſellen, etwa fünfunddreißig oder vierzig Jahre alt; ihre Schönheit nicht im Mindeſten erhöht durch den rothen Glanz, welchen jeder Blitz aus den langen Vierundzwanzigpfündern, die zur Rech⸗ ten ſpielten, auf ihre Geſichter und über ihre ganze Linie warf. Juſt in dieſem Augenblick ritt Picton mit hinab, der unſere Flanke einſchloß. Wir hatten nicht viel Zeit, ihren Bewegungen zu folgen, denn unſer eigener Zeitvertreib begann jetzt bald; aber ſo viel erinnere ich mich ganz genau, nachdem wir den fran⸗ zöſiſchen Angriff zurückgeſchlagen und uns gegen zwei gewaltige Anfälle der Küraſſiere im Carré vertheidigt hatten, war das Erſte, das ich auf der Stelle, wo die franzöſiſche Batterie geſtanden, erblickte, Phil Bea⸗ miſh und eine Handvoll wackerer Kameraden, Alles, was vom Scharmützel übrig geblieben war. Er hatte dem Feind zwei Feldſtücke weggenommen und war am folgenden Tag Kapitän Beamiſh.“ „Er ſoll hoch leben!“ riefen wenigſtens zwanzig Stimmen hinter mir und um mich her, während ein allgemeines Geklingel der Gläſer und Schmatzen der Lippen bezeugte, daß Phils Geſundheit in allen Ehren gefeiert wurde. Ich ſelbſt war wirklich dergeſtalt von meiner Erzählung in Anſpruch genommen und ſo auf⸗ geregt von dem Punſch, daß ich ſehr wenig von Dem, was um mich her vorging, ſah oder hörte und nur eine Art trübe Erinnerung davon habe, wie Feargus mich bei der Hand faßte; er war nämlich Beamiſh's Bruder, und würde mich in der Ueberfülle ſeines Herzens an ſeine Bruſt gedrückt haben, wäre ich nicht glücklicher⸗ weiſe von dem Getränke ſo überwältigt geweſen, daß ich bewußtlos unter den Tiſch ſank. Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich noch auf demſelben Platze liegen, wo ich gefallen war. Rings um mich lagen Haufen von Erſchlagenen— die zwei von den Unſern mitten unter ihnen. Einer von beiden— ich erinnere mich, es war der Adjutant— hielt eine Wachskerze in ſeiner Hand. Ob er ſie im Enthuſiasmus meiner Erzählung von Schlachtengewühl und Heldenkämpfen ergriffen, oder ob ein Anderer ſie ihm beigebracht hatte, weiß ich nicht; aber er machte⸗ wirklich eine drollige Figur. Das Zimmer, worin wir uns befanden, war eine Nebenſtube von dem großen 26 Salon, und durch die halboffene Flügelthüre konnte ich ganz deutlich ſehen, daß die Feſtlichkeiten noch immer andauerten. Das Getön der Fideln und Hörner, ſo wie das Geſtampfe der Füße, die ſeit dem Anfange des Tanzes viel von ihrer Schnelligkeit verloren hatten, klang verworren und verwirrend in meinen Ohren. Welche Stunde der Nacht oder des Morgens es war, konnte ich nicht errathen; aber offenbar hatte ſich die Luſtigkeit der Geſellſchaft noch nicht vermindert, wenn ich nach den Beweisſtücken von mir urtheilen wollte, namentlich nach einem kurzen, vollſäftigen Gentleman, der ſich das kahle Haupt abwiſchte, nachdem er ſeine Tänzerin an acht und zwanzig Paaren vorübergeſührt, worauf er ſich an einen Freund wandte mit der Be⸗ merkung:„O, die Diſtanz macht nichts zur Sache, aber die vielen Schritte bringen mich faſt um.“ Der erſte Beweis, den ich von meiner Rückkehr zur Vernunft gab, war ein heftiges, beinahe ängſtliches Verlangen, in mein Quartier zu kommen; aber auf welche Art und Weiſe, das wußte ich nicht. Der ſchwache Schimmer von Verſtand, den ich beſaß, ſagte mir, daß Stehenbleiben hier ſo viel war, als Fallen, und ich ſchämte mich, auf allen Vieren zu gehen, wozu die Klugheit mir gerathen hätte. In dieſem Augenblick erinnerte ich mich, daß ich meinen Stock mitgebracht hatte, mit welchem ich aus einer vielleicht verzeihlichen Eitelkeit gerne Parade machte. Er war ein Geſchenk von den Offizieren meines Re⸗ giments— viele von ihnen ſind leider jetzt todt— und hatte einen äußerſt glänzenden, goldenen Knopf mit einem Hirſch darauf, dem Wappen des Regiments. Ich hätte ihn um Alles in der Welt nicht verlieren mögen, und nun war er dahin! Jd blickte nach allen Seiten um mich her, ich griff unter dem Tiſche herum; ich kehrte die ſchlafenden Trunkenbolde, die in einer nichts weniger, als manierlichen Stellung dalagen, um; aber ach, er war weg. Ich ſprang auf meine Füße und erſt 27 jetzt ſiel es mir ein, wie unpaſſend es ſei, weiter zu ſuchen in einem Zuſtande, wo Tiſche, Stühle, Lichter und Leute ſämmtlich vor mir hertaumelten und ſchwank⸗ ten. Doch gelang es mir, meinen Weg von einem Zimmer in's andere fortzuſetzen, wobei ich mich manch⸗ mal dicht an den Wänden hinzog; einmal aber erinnere ich mich, daß ich die Diagonale meines Zimmers ſuchte und dabei eine Quadrille mit ſolch' ungeſchickter Eilfer⸗ tigkeit durchſchnitt, daß ich einen Corker Dandy und ſeine Tänzerin, die eben das en avant ausführten, über den Haufen rannte: aber obſchon ich fie in Folge meines heftigen Zuſammenſtoßes mit ihnen im Staube liegen ſah, ſetzte ich gleichwohl unverdroſſen meinen Weg fort. In der That hatte ich nur für einen ein⸗ zigen Verluſt einiges Gefühl, und fortwährend meinen Stock ſuchend, erreichte ich die Thüre des Saals. Nun muß man wiſſen, daß die Architektur des Corker Stadt⸗ hauſes blos einen einzigen Fehler hat, daß aber dieſer Fehler ein großer iſt und einen ſtarken Beweis liefert, wie wenig ſich engliſche Baukünſtler darauf verſtehen, Wohnungen für ein Volk aufzuführen, deſſen Geſchmack und Gewohnheiten ſie nur unvollkommen kennen— man muß nämlich wiſſen, daß der Weg von der Saalthüre auf die Straße über eine ſteinerne Treppe von zwölf Stufen führt. Wie ich dieſe hinabkommen ſollte, das war jetzt die große Schwierigkeit. Wenn Falſtaff klagte, acht Ellen unebener Boden ſeien für ihn ſiebzig Mei⸗ len, ſofern er ſie zu Fuß machen müſſe, ſo erſchienen mit derſelben Wahrheit dieſe zwölf verhängnißvollen Stufen meinem champagnerumnebelten Gehirne als ein beinahe unüberwindliches Hinderniß. Während ich noch grübelte und zögerte, löste ſich das Problem von ſelbſt; denn als ich auf den glän⸗ zenden Kies hinabſah, der von den ringsumher bren⸗ nenden Lampen ſtrahlend umleuchtet war, verlor ich 3 mein Gleichgewicht, überſtürzte mich und kam rollend unten an, wo ich auf eine breite Maſſe von weicher 28 Subſtanz fiel, der ich aller Wahrſcheinlichkeit nach mein Leben zu verdanken habe. In wenigen Minuten kam ich wieder zu Sinnen, und wie groß war meine Ueber⸗ raſchung, als ich fand, daß das flaumige Kiſſen unter mir ganz vernehmlich ſchnarchte. Ich ſtellte mich ein wenig auf die Seite und entdeckte dann, daß es in Wahrheit nichts Geringeres war, als ein Alderman von Cork, der, ſeiner Lage nach zu ſchließen, das gleiche Schickſal gehabt hatte, wie ich: da lag er ausgeſtreckt gleich einem Krieger, der ſich zur Ruhe begeben, nur daß er nicht in ſeinen Soldatenmantel gehüllt war, ſondern ein weit behaglicheres und unendlich koſtbareres Gewand um ſich hatte, ein ſcharlachenes Amtskleid nebſt ungeheuern ſammtnen Handkrauſen und einer großen Mütze von demſelben Material. Der wahre Muth be⸗ ſteht in Geiſtesgegenwart, und hier kam mir die mei⸗ nige zu Hülfe: in Erinnerung an den ſo eben erlitte⸗ nen Verluſt, in Anbetracht„ daß Alles um mich her ſtill war, in Befolgung endlich des richtigen, peninſulariſchen Grundſatzes, daß Repreſſalien in Feindeslager etwas Schönes ſind, machte ich mich alsbald daran, den Ge⸗ fallenen auszuplündern, und mit einiger Schwierigkeit, die allerdings der Unſtätigkeit meiner Beine zuzuſchrei⸗ ben war, gelang es mir endlich den würdigen Alder⸗ man abzuziehn, der während der ganzen Operation kein anderes Lebenszeichen von ſich gab, als einige unarti⸗ kulirte, röchelnde Töne; darauf verließ ich ihn, nach⸗ dem ich ſeine Spolien angelegt, und ſuchte meinen Weg in's Quartier mit ſo großer Würde, als ich nur immer zu Ehren meines Coſtüms annehmen konnte. Hier will ich noch in Parentheſe bemerken, daß Niemand je im Beſitz eines behaglicheren Nachtrockes geweſen iſt, und in ſeinen üppig weiten Falten laſſe ich mir's wohl ſein, während ich Dieſes niederſchreibe. Als ich am folgenden Tag erwachte, koſtete es mich bedeutende Mühe, die Ereigniſſe des vergangenen Abends an meinem Gedächtniſſe vorüberzuführen. Der große 29 Scharlachrock indeß enthüllte einen guten Theil des Ge⸗ heimniſſes, und nach und nach lagen mir alle Vorkom⸗ menheiten klar vor den Augen, mit einziger Ausnahme der Epiſode von Phil Beamiſh, in Beziehung auf wel⸗ chen meine Erinnerung ſpäter aufgefriſcht wurde— doch ich will dem Gang der Geſchichte nicht vorgreifen. Nur fünf erſchienen an dieſem Tage bei Tiſch und, all⸗ gütiger Gott, wie geſpenſterhaft ſie ausſahen!— Gelb wie Guineen: ſie verlangten unaufhörlich Sodawaſſer und ſprachen kaum ein Wort mit einander. Es war klar, daß der Gemeinderath von Cork größere Ver⸗ heerungen unter uns anrichtete, als Corunna oder Waterloo, und daß, wenn wir nicht unſer Quartier änderten, diejenigen Gentlemen, denen das Klima nicht zu rauh war, auf baldige Beförderung hoffen durften. Nach einem oder zwei Tagen kamen wir zuſammen, und welche Abenteuer wurden da nicht erzählt! Jeder hatte ſeine eigene Geſchichte vorzutragen; die Zahl der Erlebniſſe war ſo groß, daß man hätte glauben ſollen, es ſeien Jahre vorübergegangen, während es ſich blos um einige Stunden einer AÄbendgeſellſchaft handelte. Meine eigenen Abenteuer gehörten keineswegs zu den intereſſanteſten, doch muß ich bekennen, daß ich mit Hülfe der Wahrſcheinlichkeit, welche ich ihnen durch Vor⸗ zeigung des aldermäniſchen Rockes geben konnte, die Palme errang. Solcher Art war unſer Leben in Cork— Schmau⸗ ſereien, Trinkgelage, Tanzunterhaltungen, Kirchthum⸗ rennen, Taubenſchießen und endlich noch andere kleinere Vergnügungen, welche den kurzen Zwiſchenraum zwiſchen einem ſpäten Frühſtück und der Zeit, wo man ſeine Toilette für's Mittageſſen machen ſollte, ausfüllten; man wird mich hoffentlich hier keiner Ruhmredigkeit be⸗ ſchuldigen, wenn ich hinzufüge, daß unter allen Stän⸗ den und Abſtufungen der Einwohnerſchaft, ſowohl männ⸗ licher⸗, als weiblicherſeits, niemals ein Regiment in höherer Achtung geſtanden hat, als das vierte. Wir —— 30 fühlten den vollen Werth all' der Aufmerkſamkeiten, die uns erwieſen wurden, und wir bemühten uns, dieſelben ſo gut, als möglich, zu vergelten. Wir gaben Garniſons⸗ bälle und Garniſousſchauſpiele, im Winter wenigſtens eine oder auch zwei Vorſtellungen. In letztern bewährte ich die glänzendſte Thäͤtigkeit; morgens beſchäftigte ich mich, die Dekorationen zu malen und alles Zubehör in Ordnung zu bringen; wenn es ſpäter wurde, ſorgte ich für die Lamven, ſah nach den Möbeln, machte ge⸗ legentlich den Vermittler zwiſchen ſtreitſüchtigen. Hitz⸗ köpfen, deren Eiferſüchteleien bei Privattheatern ſo haͤufig zum Ausbruch kommen, wie bei dem geregelten Corps dramatique. Dann machte ich auch den Dirigenten im Orcheſter, und kaum hatte ich in der Ouverture den letzten Geigenſtrich gethan, ſo war ich ſchon genöthigt, aufzutreten und den Prolog zu ſprechen. Das ſind die Sorgen der Größe: um mir Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſie waren mir nicht unlieb, obſchon freilich mein Sinn für das Drama mich ein Bischen theuer zu liehen kam, wie man in der Folge ſehen wird. Wir erfreuten uns damals der ausgedehnteſten Po⸗ pularität. Unſere Bälle galten für die vergnügteſten, unſere theatraliſchen Vorſtellungen für unendlich beſſer, als die von irgend einer regelmäßigen Geſellſchaft, die jemals Cork mit ihren Talenten beehrt hatte, als auf einmal ein unvorhergeſehenes Ereigniß einen düſtern Schatten auf unſere Lebensverhältniſſe warf, und endlich allen Plänen zu Vergnügungen, denen wir uns ſo vollſtändig hingegeben, ein Ziel ſetzte. Dies Ereigniß war nichts Geringeres, als der Abſchied unſers Oberſt⸗ lieutenants. Nach dreißigjährigem aktivem Dienſte bei dem Regiment, das er dermalen kommandirte, erheiſch⸗ ten ſein Alter und ſeine Gebrechlichkeiten, die durch ei⸗ nige ſchwere Wunden noch vermehrt waren, Pflege und Nuhe; er zog ſich zurück aus unſerer Mitte, be⸗ gleitet von der Liebe und Achtung des ganzen Regi⸗ ments. Den alten Offizieren war er durch lange Ka⸗ 31 meradſchaft und unabänderliche Freundſchaft theuer ge⸗ worden; den jüngeren war er in jeder Beziehung ein Vater, mit Rath und That beizuſtehen bereit; die Mann⸗ ſchaft aber erblickte den beſten Beweis ſür ſeinen Werth in der Thatſache, daß körperliche Strafen in dem Corps unbekannt waren. Solcher Art war der Mann, den wir verloren; und hieraus läßt ſich ſchon erſehen, daß ſein Nachfolger, wer oder was er immer ſein mochte, unter Umſtänden von nicht gewöhnlicher Schwierigkeit zu uns kam; wenn ich aber noch hinzufüge, daß unſer neuer Obriſtlieutenant ſich in jeder Beziehung als das Gegenſtück des bisherigen erwies, dann wird man mir gerne glauben, mit wie wenig Herzlichkeit wir ihm ent⸗ gegen kamen. Oberſtlieutenant Carden— denn ſo werde ich ihn nennen, obſchon es nicht ſein wahrer Name iſt— war noch keinen Monat bei uns in Quartier, als man be⸗ reits ſah, daß man einen wahren Manlius an ihm hatte; unaufbörliches Exerziren, fortwährende Rapporte, ſtrapazirende Manöver, und der Himmel weiß, was noch, traten jetzt an die Stelle unſerer bisherigen Morgen⸗ beſchäftigungen, vom Ende der Zeit, die ich erwähnt habe, wurden wir, die wir uns fechtend von Albuera bis Waterloo durchgeſchlagen hatten, als das ungeord⸗ netſte und undisciplinirteſte Regiment verſchrien— von einem Oberſten, der nie Pulver gerochen hatte, außer höchſtens bei einer Revue in Hounslow oder einem Scheingefecht auf den Fifteen Acres. Der Winter nahte jetzt ſeinem Ende— dereits zeigten ſich einige kleine Boten des Frühlings; da unſere letzte Vorſtellung für die Saiſon angekündigt war, ſo bot man Alles auf, um mit einem kleinen zuſätzlichen Eclat abzutreten, und Jeder, der beim Stück betheiligt war, gab ſich ganz ungewöhnlich Mühe. Der Oberſt hatte dieſe Spiele auf's Unzweideutigſte verworfen, aber dies verſchlug nichts; ſie ſtanden nicht unter ſeiner Gerichtsbarkeit, und wir nahmen von ſeinem Unwillen keine Notiz, ſondern 32 ſandten ihm Billete, die aber jedesmal ſogleich zurück⸗ geſchickt wurden. Weil ich der Hauptverbrecher war, ſo hatte ſich ſein Aerger vorzüglich auf mich geworfen, und er hatte ſchon zu wiederholten Malen den Wunſch ausgeſprochen, ſich gelegentlich an mir rächen zu kön⸗ nen; allein da ich ſeine gütigen Abſichten gegen mich kannte, ſo war ich auf's Sorgſamſte darauf bedacht, keine ſolche Gelegenheiten aufkommen zu laſſen. An beſagtem Morgen nun hatte ich kaum mein Quartier verlaſſen, als einer meiner Kameraden mir meldete, der Oberſt habe einen großen Lärm darüber gemacht, daß man einen Theaterzettel an ſeiner Thüre angeſchlagen habe, was er bei ſeinem bekannten Wider⸗ willen gegen ſolche Vorſtellungen als eine abſichtliche Beleidigung betrachte, die er übrigens lediglich mir allein zuſchreibe. Darin hatte er indeß Unrecht, und ich habe bis auf dieſe Stunde nicht erfahren können, wer es gethan hat. Ich hatte wenig Zeit und noch weniger Luſt über den Zorn des Oberſten nachzudenken — dem Theater war all mein Sinnen zugewandt; und in der That war dies ein ungemein anſtrengungsvoller Tag, denn unſere Ergötzlichkeiten ſollten mit einem großen Souper im Schauſpielhauſe endigen, wozu die ganze Elite von Cork eingeladen war. Wo ich immer durch die Stadt ging— und ich hatte vielfache Wan⸗ derungen zu machen— da ſtarrte mir der guoße Thea⸗ terzettel in die Augen, jede Thüre und jeder Fenſter⸗ laden in Cork verkündete mit rieſigen Buchſtaben: Othello— Mr. Lorrequer. Als der Abend heranrückte, verdoppelten ſich meine Sorgen und Beſchäftigungen. Um meinen Jago war es mir bange— doch er war ja auch ein bewunderns⸗ würdiger Lord Grizzle in Tom Thumb geweſen; aber jetzt hatte ich noch die ganze Compagnie anzumalen, und mußte mir dabei heftige Schmähungen gefallen laſſen, wenn ich nicht die garſtigſten Burſche in vollen⸗ dete Apollos umwandelte: zu allerletzt wurde ich noch 33 um Viertel auf ſieben Uhr abgeholt, um Desdemona einzuſchnüren. Erſchrick nicht, geneigter Leſer— meine ſchöne Desdemona— ſie, die an eines Kaiſers Seite hätte liegen und ihm gebieten dürfen— war Niemand anders als der älteſte Lieutenant des Regiments und ein ebenſo großer Verehrer des luſtigen Gottes wie der ehrliche Caſſio ſelbſt. Doch ich muß eilen und kann mich nicht dabei aufhalten, unſere Erfolge im Detail zu berichten. Es genüge die Nachricht, daß ich mit allgemeiner Uebereinſtimmung dem Kean vorgezogen wurde, und der einzige Fehler, den der tadelſüchtigſte Beobachter an Desdemona's Spiel finden konnte, war eine etwas undamenhafte Vorneigung für den Schnupf⸗ tabak. Inzwiſchen wurden kleine Verſtöße bei unſerer Vorſtellung ſchnell vergeſſen, als das Souper begann und der Champagner zu fließen anfing. Hier führte ich den Vorfitz an der Tafel; und im Coſtüm des edlen Mohren brachte ich Toaſte aus, hielt Reden, ſprach Worte des Dankes und ſang Lieder, bis ich mit Othello ſelbſt hätte ausrufen können:„Das Chaos war wieder gekommen;“— und ich glaube, wenn ich dieſe Nacht meine Barake glücklich erreichte, ſo verdankte ich dies vorzüglich der freundlichen Beihülfe Desdemona's, die mich den größern Theil des Wegs auf ihrem Rücken trug. Die erſten wachen Gedanken deſſen, der die Nacht über des Guten zuviel gethan hat, gehören nicht zu den wonevollſten des Lebens, und ſicherlich wird das Vergnügen nicht ſonderlich erhöht durch das Bewußt⸗ ſein, daß er zur Erfüllung von Pflichten berufen wird, bei welchen ein fieberhafter Puls und pochende Schläfe ganz und gar nichts taugen. Mein Schlummer wurde am Morgen nach der Vorſtellung plötzlich unterbrochen durch ein Trommelgewirbel unter meinem Fenſter. Io ſprang haſtig aus dem Bette, ſchaute hinaus und er⸗ blickte zu meinem Entſetzen das ganze Regiment unter den Waffen. Es war dies wiederum eines der Mor⸗ Bekenntniſſe Lorrequers. I. 3 34 genmannöver unſers vertrakten Oberſten; und da unten ſtand er ſelbſt mit dem armen Adjutanten, der die ganze Nacht über gezecht hatte und ſich jetzt kaum an ſeiner Seite aufrecht erhalten konnte. Zwei oder drei von den Offizieren befanden ſich bereits unten, und der Tambour machte die Runde, um auh die andern herbeizutrommeln. Ich ſah, daß kein Augenblick zu verlieren war, und wollte mich nun in aller Eile an⸗ kleiden, aber zu meinem Jammer entdeckte ich rings umher nichts als Theaterlumpen und Dekorationen— da lag ein glänzender Turban, hier ein Paar Schnür⸗ ſtiefel— auf dem einen Tiſche glitzerte ein goldflim⸗ merndes Wamms, auf dem andern ein juwelenverzierter Pallaſch. Endlich entdeckte ich meine Regimentsuniform, die ich am Abend zuvor im heiligen Eifer um mein Mohreiſgewand höchſt ſchimpflich in eine Ecke gewor⸗ een hatte. Ich kleidete mich mit Blitzesſchnelle an; aber als ich in meinem Geſchäft ſchon ziemlich vorgerückt war, da denke man ſich meinen Verdruß bei der Entdeckung, daß der Toilettentiſch und der Spiegel, ja leider auch das Waſchbecken nebſt Zubehör in die Garderobe des heaters gebracht worden waren, und mein Bedienter, der vermuthlich das Beiſpiel ſeines Herrn befolgen zu müſſen geglaubt hatte, war zu betrunken geweſen, um an die Zurückſchaffung derſelben zu denken: ſo daß ich ſchlechterdings außer Stand war, mir die Wolluſt von etwas kaltem Waſſer zu verſchaffen— denn jetzt blieb kein Augenblick mehr übrig— das Trommeln hatte aufgehört und die ganze Mannſchaft war eingerückt. Eilig knöpfte ich meinen Frack zu, ſetzte meinen Tſchako auf, band meine Schärpe ſo zierlich als möglich um und rannte die Treppe hinab nach dem Exerzierplatz. Als ich dort ankam, hatte ſich die Mannſchaft in einer Linie längs des Platzes aufgeſtelſt, wo der Adjutant an ihr vorüberging und ihren Aufzug muſterte. Der Oberſt und die übrigen Offiziere ſtanden in einer Gruppe, aber 35 ohne zu ſprechen. Der Aerger des kommandirenden Offiziers ſchien ſich fortwährend zu ſteigern, und To⸗ desſtille herrſchte auf beiden Seiten. Um den Platz zu erreichen, wo ſie ſtanden, mußte ich an einem Theil der Linie vorbeigehen. Ich that dies, aber wer beſchreibt meine Verblüfftheit über die Geſichter, die mir entgegen kamen! Ein allgemeines Gekicher verbreitete ſich auf der ganzen Reihe, und ſelbſt die Furcht vor den Folgen ſchien nicht im Stande, es zu unterdrücken— denn eine Anſtrengung, das Gelächter zu erſticken, endete von Seiten mehrerer mit einem noch lautern Ausbruche ihrer Luſtigkeit. Ich überſchaute den ganzen Platz, um nach einem Grunde derſelben zu ſuchen; aber da war nichts zu finden, was mir Aufſchluß gab. Nun ging ich vollends auf die Gruppe der Offiziere zu, feſt ent⸗ ſchloſſen, die Sache genau zu unterſuchen, ſobald der Oberſt weg wäre, welcher jeden Verſtoß gegen das Reglement zu ungebührlich ſtrengen Strafen benützte. Mit dieſem Vorſatz trat ich auf die Offiziere zu, wurde aber, als ich ihnen näher kam, von einem all⸗ gemeinen ſchallenden Gelächter begrüßt, dergleichen ich nie zuvor gehört hatte. Ich ſah nun an meinem Coſtüm hinab, in der Meinung, ich habe vielleicht in der Eil⸗ fertigkeit, womit ich mich angekleidet, einige Stüůcke von Othello in die Hand bekommen.— Doch nein, Alles war vollkommen in der Ordnung. Ich wartete noch einen Augenblick, bis der erſte Ausbruch der Luſtig⸗ keit vorüber wäre und ich den Schlüſſel zu dieſem Räthſel erhalten könnte. Aber hiezu ſchien keine Aus⸗ ſicht vorhanden zu ſein; denn als ich ſo geduldig vor ihnen ſtand, nahm ihre heitere Laune ſichtbarlich noch zu. Ja ſelbſt der gute G—, der älteſte Major und einer der gravitätiſchſten Männer Europa's, lachte, daß ihm die Thränen über die Wangen liefen; und dies Alles vereinigt, machte einen ſolchen Eindruck auf mich, daß auch ich zu lachen anfing— wie man in Folge der anſteckenden Natur dieſer ſeltſamen Aufregung häufig 36 thut; aber kaum hatte ich mir dies unterſtanden, als ihre Tollheit keine Grenze mehr kannte und einige von ihnen beinahe überlaut zu kreiſchen anfingen; in dieſem Augenblick nun trat der Oberſt, der einen Theil der Mannſchaft gemuſtert hatte, auf die Gruppe zu und konnte ſein Mißvergnügen nicht verbergen, als das laute Gelächter immer noch nicht aufhörte. Als er her⸗ ankam, wendete ich mich ſchnell um, griff an meine Mütze und wünſchte ihm guten Morgen. Nie werde ich den Blick vergeſſen, den er mir jetzt zuwarf. Wenn das Feuer eines Auges einen Menſchen vernichten könnte, ſo würde die wilde Glut in dem ſeinigen mir den Gar⸗ aus gemacht haben. Einen Augenblick wurde ſein Ge⸗ ſicht purpurroth vor Wuth, ſein Auge verbarg ſich bei⸗ nahe unter der gerunzelten Braue und der Grimm ſchüttelte ihn buchſtäblich. „Gehen Sie, Sir,“ ſagte er endlich, ſobald er im Stande war, einige Worte hervorzubringen.„Gehen Sie in Ihr Quartier, Sir; und bevor Sie daſſelbe verlaſſen, ſoll ein Kriegsgericht entſcheiden, ob ſolche fortgeſetzte Inſulten gegen Ihren kommandirenden Offi⸗ zier Ihnen dafür bürgen werden, daß Ihr Name noch länger auf der Armeeliſte bleibt.“ „Was zum Teufel mag dies Alles bedeuten?“ ſagte ich halb flüſternd, indem ich mich zu den andern umwandte. Aber da ſtanden ſie, die Nastücher vor ihre Mäuler haltend und offenbar beinahe erſtickend vor unterdrücktem Gelächter.— „Darf ich bitten, Herr Oberſt?⸗ ſagte ich. „In Ihr Quartier, Sir!“ brüllte der kleine Mann mit der Stimme eines Löwen und verhinderte mit einer hochmüthigen Bewegung ſeiner Hand alle weiteren Ver⸗ ſuche von meiner Seite, eine Erklärung zu finden. „Sie ſind Alle zuſammen toll,“ murmelte ich, in⸗ dem ich mich langſam auf mein Zimmer zurückzog mit⸗ ten unter denſelben Zeichen von Luſtigkeit, die mein erſtes Erſcheinen hervorgerufen hatte, und die ſelbſt 37 die Anweſenheit des Oberſten, ſo gefürchtet er war, nicht gänzlich zu überwältigen vermochte. Mit der Miene eines Märtyrers ſtieg ich ſchwer⸗ fällig die Treppe hinan und in mein Quartier, auf entſetzliche Racheplane finnend für die nunmehr offen⸗ kundige Tyrannei meines Oberſten, gegen welchen ich ſelbſt jetzt in der ehrlichen Geradheit meines Herzens ein Kriegsgericht hervorzurufen mir gelobte. Ich warf mich auf einen Stuhl und bemühte mich, meine Ge⸗ danken zu ſammeln, welche Umſtände des verfloſſenen Abends wohl all die Luſtigkeit hervorgebracht haben können, an der Offiziere und Soldaten gleichen An⸗ theil genommen hatten, aber ich konnte mich auf nichts befinnen, was das Geheimniß aufzuklären vermochte— denn wahrhaftig die grauſame Seelenpein des mann⸗ haften Othello war kein Gegenſtand zum Lachen. Ich klingelte haſtig meinem Bedienten; die Thüre öffnete ſich. „Stubbes,“ ſagte ich,„merkſt Du vielleicht—“ Weiter war ich in meiner Frage noch nicht ge⸗ kommen, als mein Bedienter, einer von den beſchei⸗ denſten Menſchen der Welt, ſeltſam zu grinſen anfing und ſich gegen die Thüre wandte, um ſein Geſicht zu verbergen. „Was zum Henker ſoll das bedeuten?“ rief ich, voll Unmuth auf den Boden ſtampfend;„der Kerl iſt ſo verrückt, wie die andern Alle.„Stubbes,“ dies ſprach ich im ernſteſten, ſtrengſten Tone,„wie kommſt Du zu dieſer Ungezogenheit?“ „Ach, Sir,“ ſagte der Burſche,„ach, Sir, Sie ſind doch nicht mit dieſem Geſichte auf die Parade ge⸗ gangen?“ und dann brach er in ein unauslöſchliches Gelächter aus. Wie der Blitz drang mir ein plötzlicher Gedanke durch die Seele. Ich ſprang auf nach dem Spiegel,* der wieder an Ort und Stelle gebracht worden war, und o des Entſetzens! da ſtand ich ſo ſchwarz wie der 38 König von Aſhantie. Die verdammte Farbe, die ich aſs Othello aufgelegt, hatte ich noch nicht abgewaſchen, und nun glänzte, von einer ungeheuern Bärenmütze bedeckt und einem ſchwarzen, buſchigen Backenbarte umſchattet, mein langes, ſchwarzes, polirtes Geſicht, ſich ſelbſt glotzend aus dem Spiegel entgegen. Meine erſte Regung war, nachdem die Verblüfft⸗ heit ſich gelegt hatte, ein unbändiges Gelächter, worein Stubbes aus vollem Halſe einſtimmte. Und in der That, als ich, grinſend von einem Ohr zum andern, vor dem Spiegel ſtand, wunderte ich mich ganz und gar nicht mehr über die verdoppelte Luſtigkeit meiner Kameraden, als ich vorhin mit ihnen zu lachen ange⸗ fangen hatte. Ich warf mich auf einen Sopha und lachte nun ſelbſt, daß mir die Rippen weh thaten, als auf einmal die Thüre ſich öffnete und der Adjutant hereintrat. Er blickte einen Augenblick mich, hierauf Stubbes an und brach dann gleichfalls ſo laut als wir aus. Als er ſich endlich wieder geſammelt hatte, wiſchte er ſein Geſicht mit ſeinem Nastuche ab und ſagte in ſehr würdevollem Tone: 7. „Ei, ei, mein lieber Lorrequer, das Ding kann ernſthaft, verteufelt ernſthaft werden. Sie wiſſen, was Oberſt C— für ein Mann iſt; auch haben Sie ohne Wider des Falles; ich ſah auf einen Blick, daß es beſſer ſei, dem Zorn des Oberſten, komme er in wel⸗* cher Geſtalt er wolle, zu trotzen, als mich Zeitlebens von meinen Kameraden verlachen zu laſſen; und mit 39 einem Geſicht voll der größten Gravität und ſtolzen Selbſtaefühls ſagte ich: 3 „Gut, Adjutant, der Oberſt hat Recht; es war kein Verſehen. Sie wiſſen, daß ich ihm geſtern Theater⸗ billete zuſandte. Er hat ſie zurückgeſchickt, und dies ärgerte mich bios aus einem einzigen Grunde, weil ich mit dem Alderman Gullable gewettet habe, daß der Oberſt mich als Othello ſehen ſolle. Was war alſo zu thun? Sie ſehen ſeldſt ein, daß mir nur ein einziges Mittel übrig blieb. Ich habe es ergriffen, alter Knabe und habe meine Wette gewonnen.“ „Und haben vermuthlich gegen ein Duzend Flaſchen Champagner Ihre Stelle verloren,“ ſagte der Adjutant. „Glauben Sie das nicht, mein lieber Junge; ich werde mich aus dieſer Klemme zu ziehen wiſſen, wie ich mich ſchon aus mancher andern gezogen habe.“ „Was gedenken Sie denn jetzt zu thun?“ „Nun, das verſteht ſich von ſelbſt,“ ſagte ich,„daß ich dem Oberſten ſogleich meine Aufwartung mache. Ich erkläre ihm, es ſei ein bloßes Verſehen, eine Un⸗ achtſamkeit meines Bedienten geweſen— ich überant⸗ worte Stubbes den ſtrafenden Mächten(hier kratzte ſich der arme Burſche ein wenig hinter dem Ohr) und ſchließe meinen Frieden, ſo gut ich kann. Aber, Ad⸗ jutant, vergeſſen Sie ja nicht, allen unſern Kameraden den wahren Sachverhalt mitzutheilen und ihnen zu ſagen, daß ſie ihn ſo öffentlich machen können, als ſie nur wollen.“ „Seien Sie hierüber unbeſorgt,“ verſetzte er, in⸗ dem er noch lachend das Zimmer verließ,„ſie ſollen Alle die Wahrheit erfahren; aber ich wünſche von gan⸗ zem Herzen, daß die Sache ein gutes Eade nimmt.“ Ich verlor jetzt keine Zeit mit meiner Totlette und begab mich in's Quartier des Oberſten. Es macht mir kein ſonderliches Vergnügen, dieſe Abſchnitte meines Lebens aufzuzeichnen, in welchen ich die Schnödigkeit des ſtolzen Mannes zu ertragen hatte. Deßhalb will 40 ich mich auf die Bemerkung beſchränken, daß nach einer⸗ ſehr langen Unterredung der Oberſt meine Entſchuldi⸗ gung annahm und wir uns trennten. Bevor eine Woche verſtrich, war die Geſchichte nah und fern ruchbar geworden; in jedem Wirthshauſe von Cork hatte man darüber gelacht. Was mich be⸗ traf, ſo hatte ich unſterbliche Ehre eingeerntet für mei⸗ nen Takt und Muth; der gute Gullable ließ ſich gerne bereit finden, dem Schwanke Vorſchub zu thun und gab uns für die verlorene Wette einen Mittagsſchmaus; der Oberſt aber wurde ſo unbarmherzig gehänſelt und in den Corker Blättern erſchienen ſolch unzarte Anſpie⸗ lungen auf die Art, wie er genarrt worden ſei, daß er ſich, nur um den beſtändigen Witzeleien zu entgehen, genöthigt ſah, um einen Quartierwechſel mit einem andern Regiment einzukommen; in Folge deß marſchir⸗ ten wir dann, ehe ein Monat verging, nach Limerik, um, wie die Ordre lautete, das 9te Regiment abzu⸗ löſen, das zu einem auswärtigen Dienſte beſtimmt war; in Wahrheit aber, um den Oberſtlieutenant C— von der Qual beſtändiger Foppereien zu erlöſen. 3 Wenn inzwiſchen der Oberſt auch zu verzeihen ſchien, ſo vergaß er doch nicht, denn ſchon in der zweiten Woche nach unſerer Ankunft in Limerik erhielt ich eines Morgens beim Frühſtück folgende kurze Note von unſerem Adjutanten: „Mein lieber Lorrequer— Der Oberſt hat Befehl erhalten, zwei Compagnien nach einem abgelegenen Theil der Grafſchaft Clare abzuſenden; da nun Sie dem Staat einige Dienſte geleiſtet haben, ſo ſind Sie für die ſchöne Stadt Kirush auserſehen, wo, um mich der eulogiſtiſchen Sprache der geographiſchen Handbü⸗ cher zu bedienen, ein guter Hafen und ein mit Fiſchen reichlich verſehener Markt iſt. Ich habe ſo eben von der gütigen Abſicht gehört, welche man mit Ihnen vor⸗ hat, und beeile mich, Sie davon in Kenntniß zu ſetzen. Ihr allzeit ergebener Charles Curzon.“ 41 Kaum hatte ich die Epiſtel des Adjutanten zweimal überleſen, als ich von dem Oberſten eine offizielle Zu⸗ ſchrift erhielt, worin ich beordert wurde, mich nach Kilrush zu verfügen, um da und dort, wenn ich dar⸗ um angeſprochen werde, zur Unterdrückung unerlaubter Deſtillationen, ſo wie zu andern ähnlichen Geſchäften, die aber gar zu angenehm waren, als daß ich ſie re⸗ kapituliren möchte, Hülfe und Beiſtand zu leiſten. Ach, ach, Othellos Geſchäft war in der That zu Ende! Die nächſte Sonne, die aufging, erblickte mich auf dem Marſche, zwar mit der ganzen Munterkeit, die ich auf⸗ zubieten vermochte, in Wahrheit aber ſchwer darnieder⸗ gebeugt durch meine Verbannung und auf das gott⸗ ſelige Haupt des Oberſten allerlei Dinge herabrufend, die der keineswegs als Segnungen betrachtet haben würde. Wie kurzſichtig doch wir Sterbliche ſind, ob wir uns nun der ganzen Pracht des Königthums erfreuen, oder an der Spitze einer Kompagnie von Sr. Majeſtät 4ten Regiment dahin marſchiren! Wahrhaftig, ich hatte nicht die leiſeſte Ahnung, daß das Sibirien, wohin ich mich verdammt wähnte, das glücklichſte Quartier werden ſollte, in welches mein Schickſal mich jemals geworfen hatte. Da inzwiſchen dieſer Umſtand eines der wichtiaſten Ereigniſſe meines Lebens in ſich ſchließt, ſo behalte ich ihn für ein an⸗ deres Kapitel vor.—— „Wie heißt dieſer Platz, Sergeant?“ „Bunratty Caſtle, Sir.“ „Wo frühſtücken wir?⸗ „In Clare Island, Sir.“ „Vorwärts, Kinder!“ Zweites Kapitel. Detachirtes Commando.— Burton Arms.— Callonby. Die erſte Woche nach meiner Ankunft in Kilrush war mein Leben zum Entſetzen eintönig. Der Regen, der bei meinem Auszuge aus Limerik angefangen hatte, fiel fortwährend in Strömen herab und ich war ge⸗ fangen in der ſandbeſtreuten Stube meines Wirths⸗ hauſes. Zu keiner Zeit würde ein ſolch ſchnöder Ge⸗ wabrſam angenehm geweſen ſein; aber jetzt, da er den vollſtändigſten Gegenſatz zu Allem bildete, was ich im Hauptqguartier zurückgelaſſen hatte, war er geradezu zum Raſendwerden. Die köſtliche Faullenzerei Vormit⸗ tags, der geſellige Regimentstiſch und die angenehmen Abendpartien waren nunmehr gegen eine kurze Pro⸗ menade von vierzehn Fuß in der einen Richtung und zwölf in der andern ausgetauſcht— denn ſo hoch be⸗ lief ſich bei der genaueſten Berechnung der Durchmeſſer meines Speiſeſaals. Mein Mittageſſen beſtand aus einem Hühnchen mit Beinen ſo blau wie die eines Hockländers im Winter; die Stunden aber, die jeder ehrliche Chriſtenmenſch vergnüglichem Verkehr und an⸗ genehmem Geplauder widmet, verbrachte ich in ver⸗ zweifelter langer Weile, die mich einigemale zu dem mannhaften Entſchluſſe trieb, meinen Lebenswandel zu Jeyen und mich auf immer von loſen Geſellen fern zu alten. Mein Vorderfenſter ſah auf eine lange, öde, ſchlecht⸗ bepflaſterte Straße hinaus, mit ihrer gebührenden Aus⸗ ſtattung an Miſthaufen und Pfüzen; die Häuſer auf bei⸗ den Seiten waren meiſtentheils ſchmutzig, hatten manch⸗ mal blos halbe Thüren und machten keine andern An⸗ ſprüche auf die Würde von Kaufläden, als ein am Fen⸗ ſter ausgeſtelltes Maß Mehl oder Salz verleihen kann; 43 hie und da erſchienen auch zwei quer übereinanderhän⸗ gende Tabakspfeifen als der einzige verkäufliche Artikel des Magazins. Ein elenderes, düſtereres Gemälde ver⸗ zweiflungsvoller Armuth habe ich nie geſehen. 4 Wenn ich mich, um Troſt zu ſuchen, nach der hin⸗ tern Seite des Hauſes wandte, ſo fielen meine Augen auf den kothigen Hof einer ſchmutzigen Kneipe— auf den kaum halb mit Stroh bedeckten Kuhſtall, wo zwei ausgehungerte Thiere ihr hartes Loos betrauerten; die Chaiſe, die gelbe Poſtchaiſe, einſt der Stolz und Ruhm des Inſtituts, ſtand jetzt ihrer Räder beraubt und war ſchimpflicherweiſe zu einem Hühnerhaus erniedrigt wor⸗ den; auf ihrem grasbewachſenen Himmel hatte ein Hahn ſeinen Stand genommen und blickte mit ſtolzer Protek⸗ torsmiene auf die befiederten Inſaßen hinab. Dieſe Chaiſe, welche einſt die blühende Braut, ganz Hold⸗ ſeligkeit und Zärtlichkeit, und den glücklichen Bräutigam in ihrem Honigmond zu einer Luſtfahrt nach Ballybu⸗ nion und ſeinen romantiſchen Höhlen, oder nach Mo⸗ hers rieſigen Klippen und ſeeumgürteten Ufern geführt, oder auch feſtern Schrittes und mit gebührender Gra⸗ vität den Richter des Afſiſenhofes nach dem Orte ge⸗ tragen hatte, wo man Recht ſpricht— ſie war jetzt ein Hoſpital für Geflügel und eine Kinderſtube für Hühn⸗ chen geworden. Da ich ſelbſt von einer glänzenden Höhe herabgeſtürzt war, ſo gewährte es mir eine Art boshafter Befriedigung, dieſe trübſeligen Kehrſeiten des Glückes zu betrachten; und ich glaube wahrhaftig— denn auf eine ſolch' erbärmliche Grundlage ſind unſere größten Entſchließungen gebaut— wenn der Regen noch eine Woche länger angedauert hätte, ſo wäre ich für meine ganze übrige Lebenszeit ein Miſanthrop ge⸗ worden. Ich richtete an meine Wirthin viele Fragen über die Geſellſchaft des Ortes, aber die Antworten, die ich erhielt, führten nur noch zu größerer Verzweiflung. Mein Vorgänger war, wie es ſchien, Offizier eines Veteranenbataillons geweſen, mit einer Frau und dem⸗ 44 jenigen Betrag an Kindern, welcher in der Algebra mit einem X ausgedrückt wird und eine unbekannte Zahl bezeichnet. Der gute Mann war während ſeines zwei⸗ jährigen Aufenthaltes dahier weit mehr für ſeine eige⸗ nen Angelegenheiten beſorgt geweſen, als daß er Be⸗ kanntſchaften mit ſeinen Nachbarn geſucht hätte; die wenigen Perſonen, welche die Gewohnheit gehabt hat⸗ ten, bei„dem Offizier“ einzuſprechen, gaben daher die⸗ ſen Brauch auf, und da keine jungen Ladies vorhanden waren, welche das Andenken des alten Herrn aufzu⸗ friſchen vermocht hätten, ſo vergaßen ſie bald vollſtän⸗ dig, daß eine ſolche Perſon exiſtirte— nach Einfüh⸗ rung dieſer glücklichen Vergeſſenheit nun kam ich, Harry Lorrequer und ſah mich folglich ohne alle freundliche⸗ ren Ausſichten der holdſeligen Anmuth von Mrs. Healy von Burton Arms überlaſſen. Da ich während der Ueberſchwemmung, welche das ganze Land umher unter Waſſer ſetzte, unmöglich das Haus verlaſſen konnte, ſo hatte ich überflüſſige Gele⸗ genheit, die Bekanntſchaft mit meiner Wirthin zu einer gedeihlichen Stufe der Vollendung zu bringen, und es iſt nicht mehr als billig, daß mein Leſer, der ſo weit mit mir gereist iſt, auch bei ihr eingeführt werde. Mrs. Healy, die alleinige Eigenthümerin von Bur⸗ ton Arms, war zwiſchen fünf und fünfzig bis ſechszig Jahre alt, hatte ein rothes, rundes Geſicht, einen kur⸗ zen Hals, eine dicke Figur und ſah aus, als ob ſie ſich's noch manches Jahr hienieden gefallen laſſen wollte. In Beziehung auf Höhe und Breite hatte ſie die auf⸗ fallendſte Achnlichkeit mit einem Zuckerorhoft, deſſen rollender, ſich wälzender Bewegung um eine Ecke hinum ſie in ihrem Gange nachzueifern ſchien. Zu der Plump⸗ heit ihrer Figur trug ihre Art ſich zu kleiden nicht we⸗ nig bei. Gewöhnlich hatte ſie einen dicken, halbwolle⸗ nen Rock an, mit ungeheuern Taſchen auf beiden Sei⸗ ten und ſo weit, daß ihre Reize ſich ungehindert ent⸗ wickeln konnten. Ihre Füße— ihr Götter, welche Füße!— 45 waren mit ſalbendenen Pantoffeln geſchmückt, über welche die Bedeckung ihrer Knöchel herabhing, ſo daß der Zuſchauer ſich auf's Deutlichſte überzeugen konnte, wie ſehr die darauf ruhende Laſt mit den ſie tragen⸗ den Stützen im Mißverhältniß ſtand; ich erinnere mich noch recht wohl meines erſten Eindruckes, als ich dieſe Füße und Knöchel auf einem Strohſchemel ruhen ſah, während ſie ihren Nachmittagsſchlaf machte: ich dachte damals bei mir ſelbſt, ob wohl Elephanten auch vom Podagra zu leiden haben. Es gibt wenig Geſichter auf der Welt, welche man nicht unter eine wohlbekannte Fahne reihen kann, wenn man einen Begriff von ihnen zu geben wünſcht; man hört nichts gewöhnlicher, als Vergleichun⸗ gen mit Vulkan, Venus, Nikodemus und ähnlichen Na⸗ men; aber im gegenwärtigen Fall befinde ich mich in der größten Verlegenheit um irgend ein Ding, das der würdigen Mrs. Healy gliche, es müßte denn nur das ur⸗ alte, ſauertöpfiſche Antlitz ſein, das man in frühern Zeiten — jetzt macht man ſie nicht mehr— auf den eiſernen Thürklopfern zu ſehen pflegte, nur mit dem einzigen Unterſchied, daß Mrs. Healy keinen Ring durch die Naſe hatte; ich fühle mich beinahe verſucht, hiezu zu bemer⸗ ken: und das iſt Schade. So viel über ihre fleiſchliche Erſcheinung; ich wünſchte nur, ſagen zu können, daß ihre geiſtige um ſo bezaubernder geweſen ſei: aber ach die Wahrheit, von welcher ich in dieſen meinen Bekenntniſſen keinen Fingerbreit abweichen mag, zwingt mich, das Gegen⸗ theil zu erklären. Die meiſten Leute auf dieſer erbärm⸗ lichen Welt haben irgend einen überwiegenden, vor⸗ herrſchenden Charakterzug, welcher gewöhnlich allen ihren Gedanken und Handlungen den Ton und die Farbe gibt und das bildet, was wir Temperament nennen; dieſes nun ſehen wir bald mehr, bald weniger ſtark auf ſie einwirken, ſelten jedoch iſt dieſe große Triebfeder der Handlung ohne ihre Augenblicke der Ruhe. Nicht ſo bei derjenigen, von welcher ich ſo eben 46 geſprochen habe. Sie hatte nur eine einzige Leidenſchaft — aber gleich dem Stabe Aarons hatte dieſe eine un⸗ gemein verzehrende Neigung, darin beſtehend, über Je⸗ dermann zu keifen und zu ſchelten, wen ſein hartes Geſchick in den Bereich ihrer Tyrannei gebracht hatte. Die engliſche Sprache lieferte bei all' ihrem Wortreich⸗ thum keine Epitheta, die für ihren Zorn ſtark genug waren; Mrs. Healy ſuchte ſich daher unter den klaſſi⸗ ſchen Schönheiten ihres mütterlichen Idioms, des iri⸗ ſchen, ihren Mehrbedarf aus, und vermöge dieſer hei⸗ ligen Allianz der Sprachen war ſie ſeit Jahren der Schrecken und die Vogelſcheuche des ganzen Dorfes ge⸗ weſen. Nicht blos am frühen Morgen, oder wenn der Tag ſich neigte, auch in den einſamen Stunden der Nacht hörte man ſie thätig in dieſem ihrer Gemüthsart ſo zuſagenden Geſchäfte; und während ſie ſolchergeſtalt fortfuhr zu keifen und fett zu werden, wurde ihr Wirths⸗ haus, das früher beſucht und beliebt geweſen, allmälig immer weniger mit Gäſten beehrt; ja der Drache am Rheinfels hat das umliegende Gebiet nicht gründlicher verödet und zur Wüſte umgewandelt, als der üble Ein⸗ fluß ihrer Zunge die ganze Umgebung ihres Hauſes. Ihr Gaſthof war zur Zeit meiner Ankunft ſeit vielen Monaten auch nicht von einem einzigen Reiſenden beun⸗ ruhigt worden; und in der That, wenn ich ſelbſt nur die mindeſte Vorkenntniß von dem Charakter meiner Wirthin gehabt hätte, ſo wären auch ihre Privatzimmer noch eine gute Zeit unbewohnt geblieben. Ich war erſt ſeit wenigen Stunden eingezogen, als ich bereits eine Probe von ihrer Macht zu fühlen bekam, und bevor die erſte Woche vorüber war, hatte ich mich ſchon ſo gut an ihre beſtändigen, unnachläßi⸗ gen Bemühungen in dieſem Geſchäfte gewöhnt, daß ich bei Gelegenheit einer kurzen, durch ihr Einſchlafen ver⸗ urſachten Beruhigung des Sturmes wirklich mein Zim⸗ mer verließ, un mich zu erkundigen, ob nicht vielleicht ein Unglück geſchehen ſei, gerade, wie der Müller er⸗ 47 wachen ſoll, wenn die Mühle ſtille ſteht. Ich glaube genug geſagt zu haben, um des Leſers Mitgefühl und Mitleid für meine Lage rege zu machen— denn eine jammervollere, als dieſe war, läßt ſich nicht wohl den⸗ ken. Man kann ſich wohl vorſtellen, daß ich unter ſol⸗ chen Umſtänden ſehr vorſichtig zu Werke ging und den Lieblingsplan der Whigs, nämlich Gewinnung des Fein⸗ des— in Ausführung zu bringen ſuchte. Aber das fruchtete nichts; ſie war eiſenfeſt gegen alle ſolche Künſte; und was noch ſchlimmer war, es gab keinen Gegen⸗ ſtand, keine Angelegenheit, kein Ding, in der Vergan⸗ genheit, Gegenwart oder Zukunft, worin ſie nicht mit ihrem teufliſchen Scharfſinn einen Grund zu Hader aus⸗ findig gemacht hätte, und dann kam der ſchnelle Ueber⸗ gang zur augenblicklichen Beſtrafung. So brachte meine offenbar harmloſe Nachfrage in Beziehung auf die ge⸗ ſelligen Verhältniſſe der Gegend ſie auf den Gedanken, ich wünſche Bekanntſchaften zu machen— folglich aus⸗ wärts zu ſpeiſen— folglich nicht zu Hauſe zu ſpeiſen — demnach mich der Nothwendigkeit zu entziehen, eine halbe Krone zu bezahlen und ein Hühnchen zu verzeh⸗ ren— folglich ſie zu betrügen und mich, um ihre ei⸗ gene Terminologie zu entlehnen, aufzuführen„wie ein bettelhafter Küchenjunge, der mit ſeinen vier Schillin⸗ gen des Tags den Gentleman ſpielen will“ u. ſ. w. Durch eine ruhige, Hiobgleiche Ertragung aller Arten von beſchimpfenden Verdächtigungen und unver⸗ dienter Spöttereien gelangte ich endlich bei ihr zu etwas, was an Gunſt erinnern konnte; und bevor der erſte Monat meiner Verbannung verfloſſen war, wurde mir eine Einladung zum Thee in ihrem eigenen Stübchen zu Theil— eine Ehre, deren ſich nie ein Anderer rüh⸗ men konnte, mit Ausnahme des Vaters Malachi Bren⸗ nan, ihres geiſtlichen Rathgebers; und auch dieſer hatte, ſagt man, den Muth, ſich zu einer ſolch' vertraulichen Annäherug zu wagen, ſich zuvor mit verſchiedenen Glä⸗ ſern ertrinken müſſen. Auf dieſe Art vernahm ich von 48 Zeit zu Zeit von meiner Wirthin über die Gegend und ihre Bewohner diejenigen Einzelheiten, die ich zu er⸗ fahren wünſchte; und unter andern Dingen erzählte ſie mir von dem großen Gutsbeſitzer ſelbſt, von Lord Col⸗ lonby, der täglich auf ſeinem Sitze, einige Meilen von Kilrush, erwartet werde; dabei bemerkte ſie aber ſo⸗ gleich, ich habe durchaus nicht nöthig, ſo vergnügt darein zu blicken und meinen Bart zu locken; dieſe Leute werden ſich nie die Mühe nehmen, auch nur nach mei⸗ nem Namen zu fragen. Obſchon dies weder höflich, noch für mich ſonderlich ſchmeichelhaft war, ſo kam es doch auf daſſelbe heraus, was mir einige Kameraden erzählt hatten, welche dieſe Gegend kannten und mich verſicherten, der Earl von Collonby nehme, obſchon er ſeine iriſchen Beſitzungen nur alle drei oder vier Jahre einmal beſuche, niemals die mindeſte Notiz vom Mi⸗ litär in ſeiner Nachbarſchaft; auch gebe er ſich mit dem Landadel ganz und gar nicht ab, ſondern beſchränke ſich auf ſeine eigene Familie oder die Gäſte, die ihn ge⸗ wöhnlich aus England begleiteten und die wenigen Wochen, die er ſich ſelbſt hier aufhalte, bei ihm blie⸗ ben. Der Eindruck, den ich von Sr. Lordſchaft erhielt, war ſomit nicht geeignet, mich durch Ausſichten auf Erheiterungen meiner Einſamkeit aufzurichten. Die Familie des Earl beſtand aus Ihrer Herrlich⸗ keit, einem einzigen demnächſt mündigen Sohne und zwei Töchtern; die älteſte, Lady Jane, galt für aus⸗ nehmend ſchön, und ich erinnere mich, als ſie im vori⸗ gen Jahre nach London kam, nichts Anderes gehört zu haben, als Lobpreiſungen auf die Grazie und Eleganz ihres Benehmens, ſo wie auf die ſchlechtweg klaſſiſche Schönheit ihres Geſichtes und ihrer Figur. Die zweite Tochter war um einige Jahre jünger und, wie man ſagte, gleichfalls ſehr hübſch; doch war ſie bis jetzt noch nicht in die Geſellſchaft gekommen. Von dem Sohne, Lord Kilkee, hatte ich bloß gehört, daß er in Oxford ein ſehr munterer Burſche und allgemein beliebt gewe⸗ 49 ſen ſei, zwar nicht übermäßig ſtudirt, aber doch Be⸗ weiſe von Talent abgelegt habe. Solcher Art waren die Notizen, die ich über meine Nachbarn erhielt, und außerdem wußte ich nichts von den Leuten, die ſo bald einen höchſt wichtigen Einfluß auf mein künftiges Leben ausüben ſollten. Nach einem engen Gewahrſam von etlichen Wo⸗ chen, welche mir vorkamen wie eben ſo viele Jahre, ergriff ich begierig die Gelegenheit, welche mir der erſte Sonnenblick darbot, um einen Ausflug an der Küſte hin zu machen; ich ſtand Morgens in der Frühe auf, und nachdem ich lange Zeit an dem kahlen Haive⸗ land von Kilkee herumgeſtrichen war, keyrte ich am ſpäten Abend nach meinem Quartier zurück. Mein Weg führte mich durch ein wildes ödes Moorland auf welchem niedere Klumpen von dichtem Ginſterkraut hervorſtanden, und nirgends die mindeſte Spur einer menſchlichen Wohnung zu ſehen war. Als ich durch die verwickelten Gebüſche watete, trieb mein Hund Mouche einen Haſen auf, und nach einer ſcharfen, kurzen, ent⸗ ſcheidungsvollen Jagd erwürgte er ihn in einer kleinen Schlucht etliche hundert Schritte von mir. Ich tätſchelte eben meinen Hund und muſterte die Beute, als ich in den niedrigen Gebüſchen nahe bei mir ein Geräuſch vernahm; ich blickte auf und ſah etwa zwanzig Schritte von mir einen kleinen unterſetz⸗ ten Mann, den ſeine barchentne Jacke und leverne Ka⸗ maſchen ſogleich als den Wildhüter ankündigten; er ſtand auf ſeine Flinte gelehnt und wartete, wie es ſchien, ruhig irgend eine Bewegung von meiner Seite ab, bevor er ſich in's Mittel legen wollte. Mit einem einzigen Blick entdeckte ich, wie die Sachen ſtanden, hielt mich dann ſogleich an meine gewöhnliche Politik, den Stier bei den Hörnern zu faſſen, und rief in ei⸗ nem Tone ſelbſtbewußter Rechtvollkommenheit: „Heda, Mann, Ihr ſeid gewiß Sr. Lordſchaft 4 Bekenntniſſe Lorrequers I. Wildſchütz?“ Er nahm ſeinen Hut, trat auf mich zu ud verkündete mir ſehr ehrerbietig, daß er es wirklich ei. „Gut denn,“ ſagte ich,„ſo bringt Sr. Lordſchaft dieſen Haſen nebſt meinen Empfehlungen; hier iſt meine Karte und ſagt ihm, ich werde mich ſehr glück⸗ lich ſchätzen, ihm morgen meine Aufwartung zu ma⸗ chen und die Sache zu erklären.“ Der Mann nahm die Karte und ſchien einige Au⸗ genblicke unentſchloſſen, wie er ſich benehmen ſolle; auf der einen Seite ſchien er zu bedenken, er könne viel⸗ leicht einen Freund Sr. Lordſchaft beleidigen, wenn er ſich weigere, und auf der andern fürchtete er ohne Zweifel von einem frechen Wilddieb an der Naſe herum geführt zu werden. Mittlerweile pfiff ich meinem Hund zu mir heran und machte mich, mit großer Gleichgül⸗ tigkeit ein Liedchen ſummend, auf den Heimweg. Durch dieſes Stück von Geiſtesgegenwart rettete ich den ar⸗ men Mouche, denn ich ſah auf einen Blick, daß er nach ächtem Jägerrecht zum Tode beſtimmt geweſen war, ſobald er das Verbrechen begangen hatte. Am folgenden Morgen, als ich beim Frühſtück ſaß und über die Ereigniſſe des geſtrigen Tages nach⸗ dachte, ohne noch einen beſtimmten Entſchluß gefaßt zu⸗ haben, wie ich die Sache angreifen, ob ich Sr. Lord⸗ ſchaft den Hergang ſchriftlich aus einander ſetzen, oder perſönlich meine Aufwartung machen ſolle, zog mich ein lautes Geraſſel auf dem Pflaſter nach meinem Fen⸗ ſter. Da das Haus am Ende einer Straße ſtand, ſo konnte ich in der Richtung, woher das Geräuſche kam, nichts ſehen; aber wäyrend ich hinauslauſchte, bog eine ſehr hübſche zweirädrige Chaiſe um die Ecke der ſchma⸗ len Straße herum und kam in einem ſcharfen Trab auf den Gaſthof zu; die Pferde waren dunkelbraun, paßten vortrefflich zuſammen und zeigten viel Feuer. Das Gefährt war ſchwarzbraun, die Räder ſo wie ſämmt⸗ liches Geſchirr ſchwarz. Die ganze Erſcheinung— 4 51 und ich war als Dilettant ein vollkommener Kenner ſolcher Dinge— machte einen äußerſt günſtigen Ein⸗ druck; der Kutſcher— denn auf ihn komme ich zuletzt, weil ich ihn zuletzt ſah— war ein faſhionabler junger Geſelle, einfach, aber geſchmackvoll gekleidet und in der Handhabung des Leitſeils augenſcheinlich ſehr wohl erfahren.. Nachdem er ſeine Roſſe ſehr zierlich bis vor die Hausthüre hatte ſpringen laſſen, übergab er die Zügel ſeinem Bedienten und ſtieg aus. Ehe ich es noch recht bemerkte, öffnete ſich die Thüre meines Zimmers und der Gentleman trat mit der ungezwungenen, leichten Manier eines feingebildeten Herrn herein und ſtellte ſich mit den Worten:„Herr Lorrequer ohne Zweifel,“ als Lord Kilkee vor. Ich begann die Unterhaltung ſogleich mit einer Entſchuldigung wegen der geſtrigen ſchlechten Auffüh⸗ rung meines Hundes und verſicherte Se. Lordſchaft, daß ich den Werth eines Haſen in einer Jagdgegend ſehr wohl zu ſchätzen wiſſe, daher mir die Sache un⸗ gemein leid thue. „Nun,“ verſetzte Se. Lordſchaft,„dann muß ich ſa⸗ gen, daß Sie die einzige Perſon ſind, die das Ding bedauert; denn wäre die Geſchichte nicht vorgekommen, ſo iſt es mehr als wahrſcheinlic, daß wir niemals er⸗ fahren hätten, wie nahe Nachbarn wir ſind. In der That waren wir aufs Höchſte erſtaunt, als wir ver⸗ nahmen, daß Sie hier den Einſiedler ſpielen. Sie müſſen es entſetzlich langweilig gefunden und uns Alle in der Gegend geradezu für Wirde angeſehen haben. Nun muß ich Ihnen aber erklären, daß mein Vater ſich in Beziehung auf Beſuche während unſeres hieſigen Aufenthaltes eine unverbrüchliche Regel vorgeſetzt hat. Obſchon ich daher weiß, daß Sie es für kein Kom⸗ pliment halten werden, ſo kann ich Sie doch verſichern, daß meines Wiſſens kein einziger Menſch hier iſt, dem er Aufmerkſamkeit widmen möchte, außer Sie. Er 52 hat dieſen Morgen zwei Verſuche gemacht, ſelbſt hie⸗ her zu kommen, aber das leidige Podagra geſtattete: es ihm nicht, und ſo ſandte er einen Diplomaten von gänzlich untergeordnetem Range ab; laſſen Sie mich daher mit einigem Ruf der Gewandtheit von meiner erſten Sendung zurückkehren und meine Freunde be⸗ nachrichtigen, daß Sie heute um ſieben bei uns dini⸗ ren werden— eine bloße Familienpartie: aber treffen Sie Ihre Anordnungen ſo, daß Sie die ganze Nacht und auch morgen bei uns bleiben; für meinen Freund hier werden wir auf dem Herde ſchon etwas zu thun finden; wie nennen Sie ihn, Mr. Lorrequer?“ „Mouche— omm daher, Mouche!“ „Ah, ſo, Mouche, komm ſchön daher, mein wacke⸗ rer Junge— ein prachtvoller Hund, in der That; ſehr ſchlank für einen Racehund; wollen Sie es alſo nicht vergeſſen, ſieben Uhr, die militäriſche Zeit. Und nun sans adieu.“ Mit dieſen Worten ſchüttelte mir Se. Lordſchaſt herzlich die Hand; und bevor zwei Minuten vorüber waren, hatte er ſeinen Mantel wieder um ſich gewor⸗ fen und war um die Ecke verſchwunden. Ich ſchaute einige Augenblicke auf die wieder ſtill gewordene Straße und fühlte mich beinahe verſucht, das Ganze für einen Traum zu halten, ſo ſchnell war die Sache vor ſich gegangen, und ſo überraſchend war für mich die Entdeckung, daß der ſtolze Earl von Cal⸗ lonby, der ganz und gar nicht durch ſeine Höflichkeit bekannt war, ſich genöthigt finden ſollte, einem armen „Subalternen in einem Regiment zu Fuß, deſſen ein⸗ zige Anſprüche auf ſeine Bekanntſchaft in einem Ver⸗ dacht der Wilddieberei auf ſeinem Gebiete beſtanden, einige Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Ich wiederholte mir mehrere Male all dieſe höflichen Aeußerungen Sr. Lord⸗ ſchaft und bemühte mich, den Schlüſſel zu dieſem ge⸗ heimnißvollen Räthſel zu finden, aber vergebens; tau⸗ ſend Erklärungen kamen mir in den Sinn, allein keine 53 von allen konnte mich befriedigen; daß irgend ein Ge⸗ heimniß dahinter ſtecke, daran zweifelte ich ganz und gar nicht, denn ich hatte namentlich bemerkt, daß Lord Kilkee einigen Nachdruck auf meine Identität gelegt und hauptſächlich darüber ſeine Vern Anderung an den Tag gelegt hatte, daß ich mich in einer ſolchen Ver⸗ bannung definde. O, dachte ich zuletzt, Se. Lordſchaft will gewiß ein Privattheater veranſtalten und hat meinen Kapitän Abſolute oder vielleicht meinen Hamlet geſe⸗ hen— an Othello wollte ich ſelbſt nicht glauben— und nun wünſcht er ein ſolch unvergleichliches Talent, wenn auch nur für eine einzige Nacht, in ſein Haus zu bekommen. Nach mancherlei Muthmaßungen ſchien mir dieſe der Wahrheit am nächſten zu kommen, und bis ich meine Toilette zu dem vornehmen Beſuch voll ndet hatte, war es mir ganz klar, daß ich das Geheimniß von Sr. Lordſchaft Aufmerkſamkeiten gelöst habe. Der Weg nach Callonby übertraf an Schönheit Alles, was ich bisher in Irland geſehen hatte. Mehr als zwei(engliſche) Meilen weit zog er ſich längs dem Rande der hohen Klüfte von Moher hin, bald zu kühnen Vorgebirgen hinausſpringend, bald wieder zurücktretend und kleine Bucten und niedliche Häfen bildend, in welchen das gewaltige atlantiſche Meer ſeine tiefblauen Fluten rollte. Der Abend war vollkommen ruhig und in einer kleinen Entfernung von dem Ufer war(die Oberfläche der See ohne Wellen. Der einzige Ton, der die feierliche Stille ver Stunde unterbrach, war das ſchwerfällige Platſchen der Wellen, wenn ſie ſich in kleinen Schlägen auf den kieſeligen Strand wälzten und jedes Mal beim Zurücktreten einige der größeren und glatteren Steine mit ſich nahmen, deren Geräuſch beim Hineinfallen in das Bett des alten Ozeans ſich mit dem Getöſe der Brandung vermiſchte. In einer der vielen kleinen Buchten, an denen ich vorüberkam, lagen drei oder vier Fiſcherſchmacken. Die Segel wur⸗ 54 den getrocknet und flatterten nachläßig am Maſte hin. Ich konnte die Figuren der Männer ſehen, die auf den Verdecken auf und abgingen, und obſchon die Höhe an achthundert Fuß betrug, hörte ich recht vernehmlich ihre Stimmen. Auf m goldnen Strand, deſſen Tinten immer dunkler wurden, da wo die Flut ihn abgewaſchen hatte, ſtand eine kleine Fiſcherhütte— für eine ſolche hielt ich ſie wenigſtens nach den Netzen, die vor der Thüre hingen. Vor derſelben ſtanden einige Kinder, deren luſtige Stimmen und lachende Töne zuweilen an meine Ohren drangen. Ich konnte mich, als ich von meinem erhabenen Horſte auf dieſe kleine Gruppe von Booten und dieſe einſame Hütte hinabſchaute, des Ge⸗ dankens nicht erwehren, wie viel von der Welt für die beſcheidenen Bewohner da unten in dieſer abgeſchloſſenen Bucht verſchloſſen bleibe. Da die tiefe See, wo ſie in Sturm oder Sonnenſchein ihre Tage zubrachten— dort das einfache Häuschen, wo ſie bei Nacht ausruhten, um deſſen Herd herum alle ihre Sorgen, alle ihre Freuden lagen. Wie fern, wie weit entfernt von den geſchäfts⸗ vollen Wohnungen der Menſchen und all den Kämpfen der ehrgeizigen Welt; und doch wie kurzſichtig, anzu⸗ nehmen, daß nicht auch ſie ihre Beſchwerden und Be⸗ kimmerniſſe haben, und daß ihr demüthiges Loos frei ſei von der Erbichaft jenes vielgeſtaltigen Wehes, das Allen beſchieden iſt! Nur ungern wandte ich mich von dem Ufer ab, um in das Thor des Parkes einzutreten, wo mir in wenigen Augenblicken ſo gänzlich alle Ausſicht auf die See verſchloſſen war, als wäre derſelbe meilenweit von ihr abgelegen geweſen. Eine Allee von ſchlanken alten Lindenbäumen, die ſo dichte Schatten warfen, daß ſie beinahe den Weg unten verbargen, führte mehr als eine Meile weit durch einen ſchönen Wieſenplau, deſſen ſanft wallende und mit jungen Baumſtämmen beſetzte Oberfläche mit Schafen bedeckt war. Endlich kam ich eine ſehr ſteile Straße hinab und erreichte ein ſchönes 55 Flüßchen, über das eine ländliche Brücke geworfen war. Als ich auf den rieſelnden Bach da unten hinabſchaute, über deſſen Oberfläche gräuliche Abendfliegen ſich her⸗ umtummelten, faßte ich den Entſchluß, im Fall ich von Sr. Lordſchaft in Gnaden aufgenonmen würde, einen Tag hier dem Angeln zu widmen, bevor ich die Gegend verlaſſe. Es war jetzt ſpät geworden, und eingedenk der ausdrücklichen Mahnung Lords Kilkee, Punkt ſieben Uhr, warf ich meinem Hengſte Sir Roger(denn bis dahin war ich gegangen) die Zügel über den Hals und ſprengte in einem leichten Galopp den ſteilen Hügel vor mir hinan. Als ich die Spitze erreichte, fand ich mich auf einem breiten flachen Hochlande, das von alten ſchönen Bäumen umgeben war; und in einiger Entfernung, höchſt geſchmackvoll von Zierpflanzungen halb verborgen, konnte ich etwas von Callonby er⸗ blicken. Bevor ich jedoch Zeit hatte, mich umzuſchauen, hörte ich das Stampfen von Pferdehufen hinter mir, und einen Augenblick darauf ſprengten zwei Ladies den Abhang heran und kumen in einem ſcharfen Galopp auf mich zu, gefolgt von einem Groom, der ſo wenig als ſein Pferd an der Reitweiſe ſeiner ſchönen Gebie⸗ terinnen ſonderliches Behagen zu finden ſchien, Ich ritt ein wenig ſeitwärts ins Gras, um ſie an mir vor⸗ über zu laſſen; aber kaum waren ſie zu mir herange⸗ kommen, als Sir Roger, den es nach einem artigen Rennkampf zu gelüſten ſchien, die beiden Vorderfüße in die Höhe warf, ſeine Odren ſpitzte und mit einer Flucht, die mich beinahe aus dem Sattel ſchleuderte, ventre-à-terre— davonjagte. M in erſter Gedanke war an die Ladies neben mir, und zu meinem entſetz⸗ lichen Schreck ſah ich ſie im geſt eckten Galopp hinter mir heriagen; ihre Pferde wa en vom Weze abgekom⸗ men und ſchienen gänzlich meiſterlos geworden zu ſein. Ich bemühte mich, anzuhalten, aber alles vergebens. Sir Roger hatte— ein Lieblinasſtück von iym— das Gebiß zwiſchen ſeine Zähne genommen, und ich war 56 gänzlich außer Stand, ihn zum Stehen zu bringen; die Damen aber, die Vollblutpferde ritten, hatten be⸗ reits eine volle Pferdslänge vor mir voraus, und da ſämmtliche Roſſe ihr Möglichſtes thaten, ſo ging es wie auf Windesflügeln. Die Ladies waren jedoch, weil ihre Pferde beſſer ausgriffen, offenbar im Vortheil, und wird man mir's wohl glauben, oder ſoll ich's überhaupt in dieſen meinen Bekenntniſſen zu geſtehen wagen, daß ich, der ich einen Augenbiick meine beſte Ausſicht auf Beförderung darum gegeben hätte, mein Ros zum Stehen bringen zu können, jetzt unbedenklich mein noch zu eroberndes Herzogthum dafür verpfändet haben würde, wenn ich Sir Roger unvermerkt einige tüchtige Hiebe hätte beibringen können. Ich überlaſſe es den hochgelehrten Perücken, die Vernünftigkeit dieſer Denkweiſe herauszuklügeln, aber die Thatſache verhält ſich nicht anders. Es war ein vollſtändiges Kirchthum⸗ rennen und mein Blut befand ſich in kochender Wallung. Während dieſes ſcharfen Rittes merkte ich, daß ungefähr zweihundert Schritte vor mir ein eiſernes Thor und Pfoſten ſtanden, ohne einen Zaun oder eine Mauer auf einer von beiden Seiten; bevor ich aber über den Zweck einer ſo ſeltſamen Veranſtaltung in⸗ mitten eines großen Wieſenplanes meine Muthmaßungen anſtellen konnte, ſah ich das vorderſte Pferd, das jetzt zwei oder drei Längen dem andern voraus war, wie dieſes andere dem meinen, zwei oder drei kurze Schritte machen und ungefähr acht Fuß hoch über ein Gehege wegſetzen; das zweite folgte in gleicher Weiſe, und die Reiterinnen ſaßen immer noch ſo feſt wie beim Galopp. Ietzt kam die Reihe an mich, und ich bekenne daß ich, als ich in der Nähe dieſer Barriere war, von Herzen wünſchte, glücklich darüber weg zu ſein, denn ſchon die entfernte Möglichkeit eines Mißgeſchicks hätte mich wahn⸗ ſinnig machen können. Sir Roger kam mit gewaltigen Schritten heran, und als er zwei Fuß von dem Gehege . war, machte er ſich in die Höhe und ſetzte darüber 4 57 hinweg wie ein Hirſch. Während ich dieſe Heldenthat ausführte, die dadurch nichts von ihrer befriedigenden Kraft für mich verlor, daß beide Ladies ſich in ihren Sätteln umgewandt hatten, um mich zu beobachten, waren dieſe bereits weit voran; ſie ritten in ihrem bisherigen Schritt um ein kleines Gebüſch herum, das ſie für einen Moment meinen Zlicken entzog, und als ich ſelbſt daran vorüberkam, gewahrte ich, daß ſie eben die Schloßthüre erreicht hatten und abſtiegen. Auf der Treppe ſtand ein ſchlanker, ältlicher, feiner Herr, der, wie ich richtig vermuthete, Se. Lordſchaft ſelbſt war. Ich hörte ihn herzlic lachen, als ich her⸗ ankam. Es gelang mir zuletzt, Sir Roger in einen kurzen Galopp zu bringen, und ungefähr zwanzig Schritte von der Gruppe ſprang ich ab und eilte auf ſie zu, um mich ſo gut als möglich wegen meiner un⸗ glückſeligen Flucht zu entſchuldigen. Glücklicherweiſe erſparte man mir die Unannehmlichkeit einer Erklärung, denn Se. Lordſchaft ging mit ausgeſtreckter Hand auf mich zu und ſagte: „SHerzlich willkommen auf Callonby, Mr. Lorrequer. Ich kann mich nicht irren, ich habe gewiß das Ver⸗ gnügen, mit dem Neffen meines alten Freundes, Sir Guy Lorrequer von Elton, zu ſprechen. Es freut mich ungemein, Sie zu ſehen, und namentlich freut es mich, daß Sie mit heiler Haut vor mir ſtehen, denn ich kann es nicht läugnen, vor fünf Minuten war ich etwas bange um Sie.“ Ehe ich Se. Lordſchaft noch verſichern konnte, daß meine eigene Bangigkeit ſich lediglich auf meine Mit⸗ bewerberinnen in dem Rennkampfe bezogen habe— denn ein ſolcher war es wirklich geweſen— ſtellte er mich den beiden Ladies vor, die noch immer neben ihm ſtanden.„Lady Jane Callonby; Sir Lorrequer; Lady Catherine.“ „Welche von den jungen Ladies, muß ich doch 58 fragen, hat dieſes Rennen veranſtaltet? denn ich ſehe aus Euern Blicken, daß es kein Zufall war.“ „Papa,“ ſagte Lady Jane,„darüber müſſen Sie Mr. Lorrequer fragen, er iſt wahrhaftig zuerſt aufge⸗ brochen.“ „Ich muß allerdings geſtehen, ſo war es.“ „Nun gut, ſo müſſen Sie auch geſtehen, daß wir Sie überflügelt haben,“ verſetzte Lady Jane. Se. Lordſchaft lachte herzlich, und ich ſtimmte in ſeine Heiterkeit mit ein, obſchon es mir furchtbar wurmte, in einer ſolchen Sache den Kürzeren gezogen zu haben. Ich, ein Kirchthurmrenner erſter Größe, hatte mich alſo in einem durchaus männlichen Spiele von zwei jungen Ladies müſſen überwinden laſſen. „Kommen Sie jetzt nur,“ ſagte Se. Lordſchaft, „die erſte Glocke iſt ſchon lange geläutet worden, und ich ſehne mich darnach, Sie tauſenderlei über meinen alten Univerſitätsfreund von vierzig Jahren auszufragen. Euch, Ihr Ladies, erſuche ich, Eure Toilette zu be⸗ ſchleunigen.“ Mit dieſen Worten nahm mich Se. Lordſchaft beim Arm und führte mich in das Geſellſchaftszimmer, wo wir noch nicht lange waren, als Ihre Herrlichkeit zu uns kamen, eine ſchlanke, ſtattliche, hübſche Frau von geſetztem Alter, aber feſt entſchloſſen, trotz der Zeit und den Runzeln noch ſchön zu erſcheinen; die Art, wie ſie mich empfing, war zwar nicht ſo herzlich, wie von Seite Sr. Lordſchaft, aber ungemein höflich, ſogar huldreich. Ich erſah jetzt aus den wiederholten Nach⸗ fragen nach m inem Oheim Sir Guy, daß er und nicht Haml t es war, dem ich die gegenwärtige Ehre ver⸗ dankte, und ich muß in meine Bekenntniſſe die That⸗ ſache mit aufnehmen, daß dies der erſte Vortheil war, den ich aus ſeiner V rwandt chaft zog. Nach em wir etwa eine halbe Stu de angenehm verplaudert, traten die Ladies ein, und nun hatte ic Zeit, die ausnehmende Schönheit ihrer Erſcheinung in's Auge zu faſſen; ſie 59 ſahen einander wunderbar gleich, und wäre Lady Jane nicht etwas ſchlanker und ſchon ausgebildeter geweſen, ſo hätte ich es für eine Unmöglichkeit erklärt, einen Unterſchied zwiſchen ihnen zu finden.. Lady Jane Callonby war damals zwanzig Jahre alt, etwas mehr als mittlerer Größe und hatte eine kleine Anlage zum Embonpoint; ihr Auge war das tieffte klarſte Blau, das aber durch lange Locken von der ſchwarzeſten Gagatfarbe etwas dunkler gemacht wurde; ihre Naſe wich ein wenig, aber auch nur ein klein wenig von der Geradheit der griechiſchen ab, und ihre Oberlippe ſo wie auch der Mund und das Kinn waren vollfommen fehlerlos; der ganze untere Theil des Geſichtes war auf das feinſte ausgemeißelt, und dies, ſo wie ihre Art den Kopf zu tragen, gab ihr allerdings etwas Hochmüthiges; aber die ungemein ſchmelzende Sanſtheit ihrer Augen verwiſchte es wieder und wenn ſie ſprach, ſo lag in ihrer milden, muſikali⸗ ſchen Stimme ein ruhiger Ernſt, der jeden Gedanken an ein ſelbſtſüchtiges Element bei der Sprecherin ſchon im Keim erſtickte. Das Wort bezaubernd taugt beſſer, als ein anderes für den Eindruck, den ihre Erſcheinung machte, und um dieſen hervorzubringen, war ſie mehr, als irgend eine andere Frau, die ich geſehen habe, mit der wundervollen Gabe ausgerüſtet, welche unſere Nachbarn auf der andern Seite des Kanals l'art de plaire nennen. Ich wurde aus meiner vielleicht zu ernſten, weil unbewußten Anſchauung der liebenswürdigen Geſtalt vor mir aufgeweckt durch die Worte Sr. Lordſchaft: „Mr. Lorrequer, Ihre Herrlichkeit erwartet Sie. Ich verbeugte mich vor ihr, bot ihr meinen Arm und führte Sie in das Speiſezimmer. Hier aber halte ich einen Augenblick inne, denn ich will meine Abenteuer auf Callonby ſür das nächſte Kapitel aufbewahren.— . Drittes Kapitel. Leben in Callonby.— Ich verliebe mich.— Miß O'Owod's 4 Abenteuer. Mein erſter Abend in Callonby ſtrich dahin, wie beinahe alle erſten Abende, ſei es wo es wolle. Se. Lordſchaft war höcht angenehm, ſprach viel von mei⸗ nem Oheim Sir Guy, deſſen Stubenburſche er vor einem halben Jahrhundert in Eton geweſen war, ver⸗ ſprach mir einige Kapitaljagden in ſeinen Wäldern, erörterte den Stand der Politik, und als die zweite Karaffe Portwein dahinzu chwinden anſing, wurde er außerordentlich zutraulich und erzählte mir von ſeiner Abſicht, ſeinem Sohn bei der nächſten allgemeinen Wahl für die Grafſchaft Sitz und Stimme im Parlament zu verſchaffen, was überhaupt der Zweck ſei, welcher ſeinen iriſchen Beſitzungen die Ehre ſeiner dermaligen Anwe⸗ ſenheit zugewandt habe. Ihre Herrlichkeit bewies mir die herablaſſendſte Höflichkeit, legte viel zartſinnige Theilnahme für mein Exil, wie ſie mein Quartier in Kilrush nannte, an den Tag; wunderte ſich, wie ich es möglicherweiſe bei einem Infanterieregiment aushalten könne, während ich doch meiner Lebtage nie bei der Kavallerie geſtanden hatte, ſprach ungemein viel von meiner Freundlich⸗ keit, mich ihrer langweiligen Familiengeſellſchaft an⸗ zuſchließen, denn ſie leben ja hier, um ihren eigenen Ausdruck zu gebrauchen, wie die Eremiten, und ſetzte Allem dem die Krone auf durch die ſcherzhafte Verfi⸗ cherung, daß ſie, da aus allen meinen Antworten zu erſehen ſei, daß ich ein ſtrenges Inkoögnito zu beobach⸗ ten wünſche, bei ihrer Rückkehr in die Stadt nichts von mir erzählen werde. Nun kann man mir wohl glauben, daß Alles dies und noch viele andere An⸗ ſpielungen von Seite Ihrer Herrlichkeit für mich ſo — 61 unverſtändlich waren, wie ein chaldäiſches Manuſcript; daß ſie gewiſſe thatſächliche Umſtände über meme Fa⸗ milie und Verwandte wußte, lag auf der Hand; aber eben ſo klar war auch, daß ſie in das beſcheidene Ge⸗ webe meiner Geſchichte eine recht artige Phantaſieſtickerei eingeflochten hatte, und während ſie ſo zahlloſe Aaſpie⸗ lungen auf Lady Marys und Lord Johns zum Beſten gab, die ſicherlich um ihr Leben gern etwas von mir zu hören wünſchen, konnte ich nicht umhin, mit dem guten Chriſtopher Sly zu mir ſelbſt zu ſagen: Iſt dies Alles wahr, ſo muß es noch einmal hoch hinausgehen; denn bis auf dieſen Augenblick hatte ich von all dieſer freundlichen Beſorgtheit hochadeliger Vettern und Ba⸗ ſen um mich nichts gewußt und folglich auch keinen Dank dafür empfunden. Ein düſterer Zweifel ſchoß mir für den Augenblick durch's Gehirn. Vielleicht daß Ihre Herrlichkeit ein Gelübde gethan hatte, niemals einen Namen auszuſprechen, den Dedrett nicht in ſeinem Almanach aufgefuͤhrt, oder auch daß ſie mich blos zu ihrem Spaſſe myſtifiziren wollte. Das Nachdenken einer einzigen Minute verſcheuchte dieſe Furcht; denn ich ſah mich von der ganzen Familie en seigneur behandelt. Was die Töchter des Hauſes betraf, ſo konnte man ſich wohl nichts Gewinnenderes denken, als ihr Be⸗ nehmen. Die älteſte, Lady Jane, fand in meiner nahen Verwandtſchaft mit ihres Vaters älteſtem Freund einen genügenden Grund, um mir gleich von Anfang an auf dem freundlichſten Fuß zu begegnen, während ich bei der jüngern, Lady Catherine, da ſie weniger manierirt war als ihre Schweſter, noch größere Fortſchritte machte, und ſo gelang es mir, bevor wir uns für die Nacht trennten, meine Poſition in der Art zu faſſen, daß ich bereits als ein Angehöriger der Familie betrachtet wurde, zu welchem Zweck Lord und nicht minder Lady Callondy höchſt bereitwillig beizutragen ſchienen, indem ſie mir das Verſprechen abnahmen, den ganzen nächſten Tag, ſo wie alle folgenden Tage, wo ich nicht von 62 meinen militäriſchen Pflichten in Anſpruch genommen wäre, auf Callonby zuzubringen. Als Se. Lordſchaft mir an der Thüre des Geſell⸗ ſchaftszimmers gute Nacht wünſchte, ſagte er halb flüſternd: „Wir wußten geſtern nicht, Mr. Lorrequer, wie bald wir das Vergnügen haben würden, Sie hier zu ſehen, und deßhalb ſind Sie in ein kleines Stübchen neben der Bibliothek verurtheilt, indem dies das ein⸗ zige iſt, von dem wir verſichern können, daß es ge⸗ hörig gelüftet worden. Ich muß Sie daher erſuchen, es nicht übel zu nehmen, wenn Sie ſich von allen Mitgliedern meiner Familie, die in Rahmen um Sie herumhängen werden, umgeben finden. Da aber das Zimmer gewöhnlich zu meinem eigenen Gebrauche dient, ſo habe ich es ohne alle Veränderung gelaſſen.“ Das Zimmer, wegen deſſen ſich Se. Lordſchaft ſo angelegentlich entſchuldigt hatte, bildete einen höchſt erfreulichen Gegenſatz gegen das meinige in Kilrush. Der weiche perſiſche Teppich, auf welchem meine Füße faſt bis zu den Knöcheln einſanken, der glänzend po⸗ lirte Feuerbock, auf dem ein loderndes Holzfeuer brannte, die wohlgepolſterten Lehnſtühle, die zum Schlafe ein⸗ zuladen ſchienen, ohne daß man ſich die Mühe nahm, ſich deßhalb niederzulegen, und zuletzt noch das geräu⸗ mige, uppige Bett, auf deſſen reiche, purpurne Ta⸗ peten der röthliche Glanz des Feuers ein weiches Licht warf— das Alles war ein allerliebſter Tauſch gegen mein Ameublement im Hotel Healy. „Gewiß, Harry Lorrequer,“ ſagte ich zu mir, als ich mich mit dem ganzen pantoffelſeligen Behagen und Abandon eines Mannes, der einen Uniformfrack gegen einen Schlafrock ausgetauſcht hat, auf eine kleine Otto⸗ mane vor dem Feuer warf:„gewiß, Du biſt zu gro⸗ ßen Dingen beſtimmt; ſelbſt hier, wo das Schickſal ſeine ſchlimmſte Laune an Dir auszulaſſen ſchien, öffnet ſich ein kleines Paradies, und was ſich für ordinäre 63 Sterbliche als ein gemeines, elendes, höchſt unerquick⸗ liches Quartier erwieſen hätte, das bietet Dir in der reichlichſten Fülle alle Wonnen einer gaſtlichen Wohnung dar; einen gütigen, beinahe freundlichen Wirth, eine herablaſſende Frau Mamma und Töchter, o ihr Götter! doch was iſt das? Hier ſchlug ich zum erſten Mal meine Augen auf und bemerkte unter dem Kamin ein ſchönes Porträt in Waſſerfarben und in Chalons Styl. Ich ſand ſogleich auf, nahm eine Kerze und ging darauf zu, um es genauer in's Auge zu faſſen. Es war ein wundervoll ähnliches Porträt von Lady Jane in Lebens⸗ größe; das Bild hatte etwas mehr Farbe und vielleicht mehr Rundung, als ich am Originale wahrgenommen hatte; aber wenn in Beziehung auf Glanz etwas ge⸗ wonnen war, ſo war gewiß vom Ausdruck Einiges verloren gegangen, und ich zog ihr blaſſes, aber aus⸗ nehmend ſchönes Geſicht unendlich der rofigen Wange des Gemäldes vor. Die Figur war fehlerlos; dieſelbe holdſelige Anmuth, das Ergebniß vollkommenen Eben⸗ maßes und zugleich feiner Anbildung, wie es unter tauſend, ſelbſt hübſchen Mädchen vielleicht nur eine ein⸗ zige hat, war lebensähnlich dargeſtellt. Je mehr ich es anſah, um ſo mehr fühlte ich mich von ihm bezau⸗ bert. Nie hatte ich etwas ſo wahrhaft Charakteriſtiſches geſehen, als dieſe Skizze, denn mehr konnte man es kaum nennen. Nach einer ruhigen Betrachtung von beinah einer Stunde fing ich an, mich zu erinnern, wie ſpät es in der Nacht ſeiz meine Gedanken waren in dieſer Stunde von dem lieblichen Gegenſtande vor mir zuweilen abgeſchweift, um bewunderungsvollen Betrach⸗ tungen über die Lage Platz zu machen, worin ich mich befand; denn die Herzlichkeit, womit ſämmtliche Mit⸗ glieder der Familie mir entgegenkamen, verbunden mit gewiſſen falſchen Vorausſetzungen in Betreff meiner Gewohnheiten und Bekanntſchaften, machte mir es ſchlechterdings unmöglich, das Geheimniß zu enträthſeln, von welchem ich ſo augenſcheinlich umgeben war.„Viel⸗ 64 leicht,“ dachte ich,„hat Sir Guy meinelwegen an Se. Lordſchaft geſchrieben. Doch nein, eine ſolche Artigkeit iſt ihm nicht möglich. Jedenfalls ſollen ſie ſich im Hauptquartier ſehr verwundern; ſie werden es nicht glauben. Wenn ich nur wüßte, ob Lady Jane meinen Hamlet geſehen hat, denn ſie landeten eben um dieſe Zeit von Briſtol aus in Cork. Sie iſt in der That ein außerordentlich ſchönes Mädchen. Ich wollte, ich wäre ein Marquis, und wäre es auch nur ihretwe⸗ gen. Ei, ei, mein Lord Callonby, Sie mögen ein ungemein weiſer Herr im Oberhaus ſein; aber ich möchte doch fragen, ob es durchaus der Klugheit gemäß iſt, in Ihre Familie auf einem ſo vollkommen vertrau⸗ ten Fuße einen jungen, bezaubernden, hübſchen Geſellen von vierundzwanzig Jahren, obwohl blos ſubalterner Offizier, bei zwei ſolchen Töchtern einzuführen, wie Sie haben? Vielleicht! Eines iſt gewiß— ich habe keine Urſache zu klagen; und ſo, gute Nacht, Lady Jane—“ mit dieſen Worten ſchlief ich ein, um von den dunkelblauſten Augen und den ſchmelzendſten Tönen zu träumen, welche je einen armen Lieutenant in einem Infanterieregiment veranlaßt haben, ſein Schickſal zu verfluchen, daß er nicht den Oberbefehlshaber der gan⸗ zen Militärmacht ſeinen Vater nennen konnte. Als ich zum Frühſtück herabkam, fand ich die ganze Familie in einer Gruppe um Lord Kirfe t rinunelt der ſo eben aus einem entfernten Theil der Grafſchaft zurückgekehrt war, wo er am Tag zuvor die Wahlen ausgeforſcht und mit Patriotismus um ſich geworfen hatte. Er erzohlte eben mit vielem Geiſt und Humor von ſeinen Erfolgen, als ich eintrat; aber als er mich ſah, trat er ſogleich hervor und ſchüttelte mir wie ei⸗ nem alten Bekannten die Hand. Von Lord Callonby und den Ladies wurde ich gleichfalls mit vieler Höflich⸗ keit und Freundlichkeit bewillkommt; auch machte man einige heitere Scherze darüber, daß ich in der Gemälde⸗ galerie, wie Lord Kilkee es nannte, geſchlafen hatte, 65 während das Zimmer doch, wie ich genau wußte, nur ein einziges, aber ſehr ſchönes Porträt enthielt. Ich glaube nicht an Mesmer; aber ſicherlich muß ein Einfluß im Werk geweſen ſein, der viele Aehnlich⸗ keit mit dem hatte, was wir vom Magnetismus hören — denn bevor das Frühſtück zu Ende war, ſchien ſich zwiſchen dieſer Familie und mir ein vollkommenes Ver⸗ ſtändniß ausgebildet zu haben, in Folge deſſen ich mich bei ihr ſo heimiſch fühlte, wie nur je in meinem Leben; und von dieſer Stunde an kann ich eine Innigkeit da⸗ tiren, die ſich mit jedem folgenden Tage vermehrte. Nach dem Frühſtück überließ mich Lord Callonby der Leitung ſeines Sohnes, und wir machten uns auf, um eine gewaltige Verwüſtung unter den Faſanen an⸗ zurichten, mit denen ſein Park wohl verſehen war; und hier muß ich im Vorbeigehen bemerken, daß ich, mit einziger Ausnahme der Fuchsjagd, welche immer eine Leidenſchaft von mir war, niemals jene hartnäckige Jagdwuth begreifen konnte, der einige Menſchen ſich hingeben;— Haſelhühner wegzuſchießen und die Ver⸗ gnügungen, die dazu gehören, vom frühen Morgen bis zum ſpaͤten Abend über Sümpfe und Berge zu ſtolpern, das hatte nie einen ſonderlichen Reiz für mich; und was vollends den Hochgenuß betrifft, Speckenten oder wilde Enten wegzubüchſen, zu welchem Behuf man ſich ſtundenweiſe in eine Art Faß verſtecken und die Flinte an den Bachen halten muß, ſo danke ich höflich dafür — nein, nein, ich betrachte das Schießen oder Angeln blos als einen Zeitvertreib, als ein heiteres Zwiſchen⸗ ſpiel zwiſchen dem Frühſtück und dem Imbiß, worauf man ſich von Neuem in den Staat wirft, um mit den Töchtern des Hauſes einen muntern Spazierritt, oder, wenn das Wetter trübe ausſieht, mit den Herren eine Partie Billard zu machen. Ich habe immer gefunden, daß die glücklichſten Theile unſexer Exiſtenz am ſchwerſten zu verzeichnen Bekenntniſſe Lorrequers. I. 5 66 find. Wir wollen— nein, wir müſſen ſogar unſer Elend und unſere Kümmerniſſe unſern vielen theuern Freunden mittheilen, deren ſtarke Seite Mitgefühl oder Tröſtung iſt— und in Beziehung auf ihre Leiden find alle Menſchen beredt; nicht ſo, wenn es ſich um ihre Freuden handelt: einige ſinden ein filziges Vergnügen darin, ſie zu ihrem eigenen Privatgenuß aufzuſpeichern; andere, und dieſe ſind klug, fühlen, daß die Aufzählung derſelben kaum ihren beſten Freunden angenehm iſt; und nur wenige, unter die ich mich ſelbſt zähle, begnügen ſich damit, glücklich zu ſein, ohne zu wiſſen, warum, und angenehme Erinnerungen zu haben, ohne ſie aus⸗ einanderſetzen zu können. 3 Dies meine Entſchuldigung dafür, daß ich mich nicht ausführlicher auf eine Darſtellung meines Lebens in Callonby einlaſſe. Schon vierzehn Tage hielt ich mich auf dieſem Schloſſe auf und war der tägliche Ge⸗ ſellſchafter zweier ſchönen Mädchen auf allen ihren Spa⸗ ziergängen und Spazierritten in einer romantiſchen, wenig beſuchten Gegend; die übrigen Mitglieder der Familie aber ſah ich nicht viel, denn die Herren waren gänzlich mit ihren Wahlangelegenheiten beſchäftigt, Lady Callonby aber, die ſpät aufſtand, zeigte ſich ſelten vor dem Mittageſſen. Da gab es keine Klippe auf der kah⸗ len, felſigten Küſte, die wir nicht erklommen hätten, keine Höhle auf dem kieſelbedeckten Strande blieb un⸗ unterſucht; zuweilen brachten meine ſchönen Geſellſchaf⸗ terinnen einen Band von Metaſtaſio an den Bach hinab, wo ich zu angeln pflegte, und oft wurde dieſes ange⸗ nehme Spiel über den herzdurchdringenden Verſen des entzückenden Dichters aufgegeben. Ja, viele Jahre ſind verſtrichen, und dieſe Scenen ſind noch ſo friſch in mei⸗ nem Gedächtniſſe, als hätten ſie erſt geſtern ſtattgefun⸗ den. In meinem Gedächtniß, ſage ich, denn was Dich betrifft „Chi sa si te Ti soorerai di me.“ — 8 67 Nach Verfluß von drei Wochen füllte ſich das Haus vom Speicher bis zum Keller mit Geſellſchaft. Die Landedelleute mit ihren Frauen und Töchtern ſtrömten auf allen möglichen Arten von Fuhrwerken, die man ſeit der Sündfluth gekannt hat, herbei: in Familien⸗ kutſchen, welche man ohne ihre gelben Fächer für Lei⸗ chenwagen hätte halten können, in hohen, unförmlichen, geäverten Käſten, welche man vermittelſt mehrerer ſtaf⸗ felähnlichen Tritte erſteigen mußte, und die in endloſer Reihenfolge hintereinander herraſſelten;— ich kann bei dieſer Gelegenheit nicht umhin, als Beleg für den ano⸗ malen Charakter beſagter Fuhrwerke einen Zwiſchenfall aufzuführen, deſſen Entwickelung ich mit meinen eige⸗ nen Augen geſehen habe. Unter den Gäſten, die am zweiten Tage anlang⸗ ten, befand ſich eine jungfräuliche Lady aus der Nähe von Enniſtimon, Miß Eliſabeth O'Dowd, der letzte Spröß⸗ ling einer ſehr alten und ſehr angeſehenen Familie der Grafſchaft, eine Dame, in deren ausgedehnten, dicht mit Freiſaſſen bevölkerten Beſitzungen Lord Callonby einen unumſtößlichen Grund erblickte, ihr jegliche Auf⸗ merkſamkeit zu erweiſen, die in ſeinen Kräften ſtände. Miß Betty O'Dowd— denn ſo wurde ſie allgemein genannt, war die ächte Perſonifikation einer alten Jung⸗ fer: ſteif wie ein Ladſtock und ſo unerbittlich ſtreng in Beobachtung alles Deſſen, was der weibliche Angand erfordert, daß in den Augen des Landadels von Clare die Göttin Diana ſelbſt, ihr gegenüber, eine ungeſchlif⸗ fene Bauerndirne war. Miß Betty lebte, wie geſagt, in der Nähe von Enniſtimon, und der Weg von da nach Callonby hatte zur Zeit, von der ich ſpreche, eben ſo viel Aehnlichkeit mit dem Bette eines Bergſtromes, als mit einer ehren⸗ werthen Hochſtraße: es waren Löcher darin, in denen man alle alte Jungfern fünfzig Meilen im Umkreis hätte begraben können, und da und dort ragten furcht⸗ bare Felſen hervor, die den ſtärkſten Rädern, welche je 68 aus Huttons Magazin hervorgegangen ſind, Verderben bringen konnten. Miß O'Dowd wußte dies wohl; ſie war auf dieſem Wege ſchon einmal umgeworfen wor⸗ den, und ein ſchieferfarbiges, ſeidenes Kleid trug noch manches Jahr nachher die Spuren aller ſich hier vor⸗ findenden Arten von Koth und Schlamm, um ſie an ihr Unglück zu erinnern und die Wunde ihres Grames offen zu erhalten. Als daher die Einladung nach Cal⸗ lonby anlangte, wurde ein ernſter Kriegsrath zuſammen berufen, um über die Art der Reiſe zu entſcheiden; denn abgelehnt konnte die Ehre nicht werden, es mochte koſten, was es wollte. Die Kaleſche kam gar nicht in Beiracht; Nicholas erklärte, ſie würde nicht einmal den Moraan Beg erreichen, wie der erſte jähe Abhang genannt wurde; die große Familienkutſche war ſchon längſt als untaug⸗ lich zu gewagten Unternehmungen erklärt worden; und die einzige Hülfe, die noch übrig blieb, beſtand daher — ich brauche hier die hiberniſche Redeweiſe— in ei⸗ nem niedriglehnigen Karren, d. h. in einem Karren, der ganz und gar keine Lehne hat und nichts mehr und nichts weniger war, als das gewöhnliche Bauernfuhr⸗ werk, auf welches die Pächtersfrauen und Töchter Fe⸗ derbetten legten, wenn ſie zu Märkten, Kirchweihen, Betſtationen u. ſ. w. fahren wollten. Ihre Würde, wenn auch nicht gerade in die Taſche ſteckend, doch mit Be⸗ quemlichkeit auf die Seite ſchiebend, ſetzte Miß O'Dowd ihr ſchönes Selbſt in der ganzen Fülle ihrer Reize der Pracht eiues funkelneuen, grünen Seidenkleides— das Grün bildete ein Mittelding zwiſchen Gras⸗ und Fla⸗ ſchengrün, ich bin gar umſtändlich— auf dieſen beſchei⸗ denen Wagen und machte ſich auf den Weg, wenn auch nicht hocherfreut über ihren Aufzug, doch wenigſtens getröſtet von Nicholas: es werde ſiockfinſter werden, bis ſie das Haus erreichen, und dann könne es kein Teufel merken, daß ſie nicht in einer vierſpännigen Chaiſe an⸗ gefahren ſei. Nicholas hatte Recht; es war finſtere Nacht, als ſie in Callonby ankamen, und nachdem Miß 69 O'Dowd abgeſtiegen war und ihr durch die halb zurück⸗ gelehnte Stellung binnen acht engliſcher Meilen ein wenig zerknittertes Gefieder zurecht geſchüttelt hatte, erſchien ſie im Geſellſchaftszimmer, um allda von Lady Callonby mit den höchlichſten Aufmerkſamkeiten, und von Sr. Lordſchaft ſelbſt mit den ſchmeichelhafteſten Aeußerun⸗ gen empfangen zu werden, wie hoch er ihre Güte an⸗ ſchlagen müſſe, daß ſie ſich ſelbſt und ihre Pferde auf dieſe ſchreckliche Straße gewagt habe, er verſichere fie aber, daß er bei der nächſten Sitzung des Landrathes einen Entwur ſzur Correktion derſelben einbringen werde; „denn, Miß O'Dowd,“ ſetzte er hinzu,„wir gedenken in Zukunft Ihnen mit unſerer Nachbarſchaft ſehr über⸗ läſtig zu werden.“ Der Abend verſtrich herrlich und in Freuden. Miß O'Dowd war entzückt über ihre Wirthe, die ihr ganz fälſchlicher Weiſe in den Geruch des Hochmuths und des Stolzes gekommen zu ſein ſchienen. Lady Jane ſang ihr ein iriſches Liedchen, Lady Callonby gab ihr Ableger von einer Geranie, welche ſie von der Prin⸗ zeſſin Auguſte empfangen hatte, und Lord Kilkee ge⸗ wann ihr Herz durch eine höchſt anmuthsvolle, iriſche Gigue. Aber ach, wie kurzlebig iſt die menſchliche Wonne! denn während dieſe achtungswürdige Lady im vollen Genuß der Freude ſchwebte, hing das Schwert des Damokles über ihrem Haupte; um es auf gut Deutſch zu ſagen, ſie hatte bei ihrer Ankunft in Cal⸗ lonby, in der Abſicht, allen unnöthigen Nachforſchungen über die Art ihres Fuhrwerks zu begegnen, Nicholas Befehl ertheilt, Punkt eilf Uhr vor der Thüre zu er⸗ ſcheinen, ſodann eine Gelegenheit zu ergreifen, die Thüre des Geſellſchaftszimmers ganz ſachte halb zu öffnen und ihr einen Wink zu geben, damit ſie ſich mit franzöſiſchem Abſchied entferne. Nicholas war zeitig zur Hand, und nachdem er den Wagen unter dem Schatten des Säu⸗ lenganges aufgeſtellt, ſchlug er ungeſäumt und unbeob⸗ achtet den Weg nach dem Geſellſchaftszimmer ein. Er 70 öffnete es artig und geräuſchlos, auch nicht weiter, als nothwendig war, um ihm einen Blick über den Saal zu verſchaffen, in welchem er durch den Glanz der Lich⸗ ter und das eifrige Geſumme der Stimmen ſo verwirrt wurde, daß er mehrere Minuten brauchte, bis er ſeine Gebieterin erkannte. Endlich bemerkte er ſie; ſie ſaß an einem Spieltiſch und ſpielte Whiſt mit Lord Cal⸗ lonby als Partner. Wer die andern Spieler waren, wußte er nicht. Stolz füllte des guten Dieners Bruſt, als er ſeine Gebieterin in dieſer Geſellſchaft erblickte, leibhaftig geradezu dem Lord gegenüberſitzend, wie er ſich manchmals ausdrückte; aber ſeine Gedanken waren auf andere Gegenſtände gerichtet, und es war jetzt nicht die Zeit, ſeinen Hochgefühlen nachzuhängen. Er wartete einige Minuten geduldig, ob ihr Auge nicht auf ihn fallen werde, denn ſie ſaß ſo, daß dies möglich war; aber es half nichts. Sodann machte er einen leichten Verſuch, ihre Aufmerkſamkeit dadurch auf ſich zu ziehen, daß er mit ſeinem Finger winkte, Alles vergebens.„Ei, zum Henker,“ ſagte er,„was ſoll das ſein? ich werde wohl mein Maul brauchen müſſen.“ „„Quatre honneurs,“ ſagte ſeine Lordſchaft,„und ein Trick. Wieder ein Double, nicht wahr, Miß O'Dowd?“ Miß O'Dowd nickte ein anmuthsvolles Ja, wäh⸗ rend eine ſcharf darein blickende, alte Wittwe an der Seite des Tiſches rief:„Ein Robber von Vier, My⸗ lord,“ und nun begann eine Auseinanderſetzung des ganzen Spieles. Nicholas ſah, daß dies ſeine Zeit war, und dachte, bei dem Lärm und Gewühl könnte ſein Wink an ſeine Gebieterin gelangen, ohne daß die übrige Geſellſchaft etwas merke. Er ſtreckte daher ſeinen Kopf in das Zimmer hinein, und ſeinen Finger auf die Seite der Naſe legend, das eine Auge ſchlau und mit höchſt geheimnißvoller Miene zudrückend, flüſterte er:„Miß Betty, he, he, Miß Betty!“ Einige Minuten lang übertäubte das Geſumme der Stimmen ſeine Anmah⸗ 71 nungen; als er aber allmälig immer wärmer wurde und immer lauter rief, da wandten ſich Aller Augen dem Orte zu, von wo die außerordentlichen Töne kamen, und gewiß eine Erſcheinung, wie Nicholas in dieſem Augenblick, war wohl berechnet, die Elegants eines Drawingroom in Erſtaunen zu ſetzen. Das eine Auge eifrigſt auf ſeine Gebieterin gerichtet, ſeine rothe zer⸗ zauste Perrücke etwas über die Stirne vorgeſchoben, hatte er in ſeinem eifrigen Bemühen, ſich Gehör zu verſchaf⸗ fen, Alles um ſich her vergeſſen bis auf Miß O'Dowd. Man wird mir wohl glauben, daß eine ſolche Erſchei⸗ nung nicht mit ernſten Geſichtern betrachtet werden konnte, und es verbreitete ſich daher ein allgemeines Gekicher durch das Zimmer, während die Whiſtpartie ſich noch immer um die Tricks und honneurs ſtritt und allein für die Freude rings umher keinen Sinn hatte. —„Miß Betity, holla ho, Miß Betty!“ ſagte Nicho⸗ las mit einem Seufzer, welcher das unterdrückte Ge⸗ lächter der Gäſte in einen unverholenen Ausbruch der Heiterkeit verwandelte. „He, was iſt das?“ fragte Se. Lordſchaft ſich um⸗ wendend, vich fürchte, wir kommen da um einen herr⸗ lichen Spaß.“ In dieſem Augenblicke gewahrte er Nicholas, und nun warf er ſich in ſeinen Stuhl zurück und fing an überlaut zu lachen. Jetzt kam die Reihe an Miß Betty; ſie war im Begriff, vom Tiſch aufzuſtehen, als die wohlbekannten Töne ihres Nicholas in ihr Ohr dran⸗ gen. Nun aber ſank ſie auf ihren Stuhl zurück— denn dort ſtand er, und in welcher Geſtalt? ein Bote des Höllenbeherrſchers ſelbſt wäre ihr in dieſem Augen⸗ blick willlommener geweſen. Ihr Blut rauſchte ihr in Geſicht und Schläfe; in den Händen empfand ſie ein Jucken; ihre Augen ſchloſſen ſich; und als ſie dieſelben wieder aufſchlug, ſiehe, da ſtand der verwünſchte Ni⸗ cholas immer noch da und glotzte ſie an.„Mann, 72 Mann!“ ſagte ſie zuletzt,„was wollt Ihr, was habt Ihr da zu ſchaffen?“ Der arme Nicholas, der keine Ahnung davon hatte, daß die Frage einen Zweifel in Betreff der Bekannt⸗ ſchaft mit ihm bezwecken ſollte, und der überdieß ge⸗ nau wußte, daß die Stunde der Ankündigung gekom⸗ men war, beſann ſich einen Augenblick, wie er das Fuhrwerk bezeichnen ſollte. Kutſche konnte er es nicht nennen, eine Kaleſche war es auch nicht, und eben ſo wenig ein Staatswagen— was ſollte er alſo ſagen? — er blickte ernſthaft, ſogar flehend ſeine Gebieterin an, als wollte er ihr einen Begriff von ſeiner Verle⸗ genheit beibringen, dann aber zwinkerte er, wie wenn plötzlich der Geiſt über ihn gekommen wäre, noch ein⸗ mal mit dem Auge und ſagte:. „Miß Betty, das— das— das—“ und hier ſah er unbeſchreiblich ſpaßhaft aus;—„das Ding, Sie wiſſen ſchon, ſteht vor der Thür.“ Sr. Lordſchaft ganze Höflichkeit reichte hier nicht aus, und die Stimmen von Miß O'Dowds Pächtern wa⸗ ren für das Callonby'ſche Intereſſe auf immer verloren. Viertes Kapitel. Botaniſche Studien.— Das natürliche Syſtem dem Linné'⸗ 3 ſchen vorzuziehen. „Der Wagen ſteht vor der Thüre, Mylord,“ ſagte ein Bedienter ins Zimmer tretend, in dem wir Alle zum Imbiß verſammelt waren.. „Nun denn, Mr. Lorrequer,“ erklärte Lord Cal⸗ lonby,„allons, trinken Sie noch ein Glas und laſſen Sie uns dann abfahren. Bedenken Sie wohl, daß ich eine höchſt glänzende Rede von Ihnen erwarte.“ 73 Se. Lordſchaft ſpielte hier auf unſere Abſicht an, eine entfernte Baronie zu beſuchen, wo an dieſem Tage eine Freiſaßenverſammlung gehalten werden ſollte, für welche ich mich zu einer entſchiedenen und ange⸗ meſſenen Rede gegen die Korngeſetze und die heilige Allianz verpflichtet hatte. „Bitte um Verzeihung, Mylord,“ ſagte Jhre Herr⸗ lichkeit in einem höchſt ſchmachtenden Tone;„aber Mr. Lorrequer iſt bereits verſagt; er hat ſchon in der letz⸗ ten Woche unſerem Gewächshaus einen Beſuch in mei⸗ ner Geſellſchaft verſprochen; er wird dort vier oder fünf Schweizer⸗Gewächſe finden, aus denen Collins nicht klug werden kann, über welche ich um mein Le⸗ ben gern ins Klare zu kommen wünſchte.“ „Mr. Lorrequer iſt alſo ein falſcher Mann,“ ſagte Lady Catherine,„denn beim Frühſtück hat er geſagt, wir wollen den Nachmittag den Kalkhöhlen widmen. Da die Ebbe ſo weit herauskommen wird, ſo können wir ſie alle vortrefflich ſehen.“ „Und ich,“ ſetzte Lord Kilkee hinzu,„muß die Einwendung vorbringen, daß vorbeſagter Mr. Lorre⸗ guer ſich zu einem Wettrennen verſagt hat— Mouche gegen Jeſſie.— Schuldig oder nicht ſchuldig?“ Lady Jane allein ſagte kein Wort. „éSchuldig in allen Punkten der Anklage,“ ſagte ich;„ich appellire an die Gnade des Gerichtshofes.“ „So möge ſein Urtheil Verbannung ſein,“ ſprach Lady Catherine mit affektirtem Zorn,„laßt ihn mit Papa gehen.“ 8 „Ich dächte eher,“ ſagte Lord Kilkee,„man ſollte ihn das Gewächshaus beſuchen laſſen, denn ich wette fünfzig Pfund, daß es ihm ſchwerer ſein wird, ſich mit der Botanik zurecht zu finden, als mit den Frei⸗ ſaßen, he?“ „Wahrhaftig,“ verſetzte Lady Jane, die zum erſten Mal ihr Schweigen brach,„Mama muß ſich unendlich geſchmeichelt fühlen durch den Vorſchlag, Mr. Lorre⸗ 74 Wera Geſellſchaft ihr um ſeiner Sünden willen zuzu⸗ weiſen.“ „Ich laſſe mir nicht Trotz bieten und durch Necke⸗ reien meinen Kavalier nicht abſchwatzen; hier Mr. Lor⸗ requer,“ ſagte Lady Callonby aufſtehend,„nehmen Sie Smiths Buch und reichen Sie mir Ihren Arm; und nun, meine Dämchen, kommt und lernt etwas, wenn Ihr könnt.“ „Eine bewundernswürdige Clauſel,“ ſagte Lord Kilkee lachend;„wenn nur ſeine Botanik auch eben ſo authentiſch iſt, wie die Autographen, welche er der Mrs. Mac Dermot gab, und die er alle zuſammen binnen einer halben Stunde auf meinem Zimmer ge⸗ ſchrieben hat. Napoleon war der einzige, der ihm ei⸗ nige Mühe machte.“ Zum größten Glück drang dieſe unſchöne Entdeckung nicht zu den Ohren Ihrer Herrlichkeit, denn ſie war emſig beſchäftigt, ihre Haube aufzuſetzen, und ich ſtand noch vollkommen mackellos vor ihr da. „Nun, viel Vergnügen,“ ſagte Lord Callonby, „um ſieben Uhr treffen wir uns wieder.“ Und in we⸗ nigen Minuten hatte ſich die kleine Geſellſchaft nach ihren verſchiedenen Beſtimmungsorten zerſtreut. „Wie heiß Ihr da habt, Collins!“ ſagte Lady Callonby, als wir ins Gewächshaus traten. „Blos fünfundſiebzig Grad, Mylady, und die Magnolien erfordern Hitze.“ Ich blieb hier ein wenig zurück, als wollte ich eine Pflanze unterſuchen, und ſagte dann in einem halben Geflüſter zu Lady Jane: „Wie kam es, Lady Jane, daß Sie allein vergeſ⸗ ſen konnten, daß wir etwas Anderes beſckloſſen hatten? Ich dachte, Sie wünſchten eine Skizze von der Cray⸗ moran⸗Abtei aufzunehmen. Haben Sie vergeſſen, daß wir heute dahin reiten wollten?“ Bevor ſie antworten konnte, rief Lady Callonby: ¹ 8 75 „o da iſt's, Mr. Lorrequer! Iſt das eine Haidepflanze? das iſt die Frage.“ 3 Hier deutete Lady Callonby auf ein kleines, arm⸗ ſeliges Ding, das ausſah wie eine Birkenruthe. Ich begann es auf das Allergenaueſte zu unterſuchen, wäh⸗ rend Collins mit der ganzen Aufmerkſamkeit eines Men⸗ ſchen wartete, deſſen Ehre von dem Urtheilsſpruch ab⸗ ing. „Collins erklärt es für eine Jungermannia,“ ſagte ſie. „Und Collins hat Recht,“ ſagte ich, indem ich bei der Art, wie Ihre Herrlichkeit das bedeutungsvolle Wort betonte, meinen eigenen Kenntniſſen nicht traute. Collins blickte lächerlich glücklich darein. „Nun, das iſt allerliebſt,“ ſagte Lady Callonby, als ich ſtehen blieb, um ein anderes Gewächſe anzu⸗ ſchauen. „Welch ein ſchönes Blümchen,“ verſetzte Lady Jane, indem ſie die Glocke einer Cobelia splendens aufhob. „Sie wiſſen ohne Zweifel,“ fragte ich,„wie man dieſe Blume in Frankreich nennt— l'amour tendre.“ „Wirklich?“ .„Allerdings, ich verſichere Sie; darf ich Ihnen dieß Zweigchen davon anbieten?“ Dabei ſchnitt ich ein Stengelchen ab und bot es ihr ſogleich, ohne daß vie Andern es ſahen. Sie zögerte einen Augenblick, ſtreckte aber dann doch ihre ſchöne ſpitzige Hand darnach aus und nahm es. Ich wagte es nicht, ſie dabei anzuſehen, aber ein ſtolzes, triumphirendes Gefühl bemächtigte ſich meines Herzens. „Nun, Collins,“ ſagte Lady Callonby,„ich kann die Alpenroſe nicht finden, die ich aus dem Grindel⸗ wald mitgebracht habe.“ Collins eilte an Ihrer Herrlichkeit Seite. 76 Lady Catherine wurde gleichfalls gerufen, um ſu⸗ chen zu helfen. Ich war allein mit Lady Jane. Jetzt oder nie, dachte ich; ich zögerte— ich ſtam⸗ melte— die Stimme verſagte mir. Sie ſah meine Aufregung; ſie nahm Theil daran und vermehrte ſie. Endlich bot ich meinen ganzen Muth auf, um ihre Hand zu berührenz ſie zog dieſelbe ſanft zurück— aber ſo ſanft, man konnte es keine Abweiſung nennen. „Wenn Lady Jane,“ ſagte ich zuletzt,„wenn die fromme—— 3 „Holla ho!“ rief eine tiefe Stimme von außen, „iſt Mr. Lorrequer da?“ Es war Lord Kilkee, der von ſeinem Wettſpiele zurückkam. Nur wer eine ſolche Unterbrechung ſelbſt erlitten hat, kann für mich fühlen. Ich ſchäme mich zu ſagen, daß ſeine Eigenſchaft als Bruder derjenigen, für welche ich gerne mein Leben hingegeben hätte, mich nicht abhielt, ihn von ganzem Herzen zu den brennen⸗ den Mächten zu wünſchen. „Hinab, ihr Hunde, da legt euch,“ fuhr er fort und trat einen Augenblick darauf roth und erhitzt in das Gewächshaus. „Mouche hat gewonnen— zwei gegen eins— und nun, Mr. Schaal, ſchulde ich Euch tauſend Pfund.“ Wie gerne hätte ich die Wette verloren gehabt, wenn ihre Entſcheidung ſich nur ein klein wenig länger hinausgezogen hätte! Natürlich ſtellte ich mich hocher⸗ freut ͤber den Erfolg meines Hundes und lauſchte ſcheinbar mit großem Intereſſe dem Bericht vom Rennen, um ſo mehr, weil Lord Kilkee, obſchon vielleicht mehr mein Freund als die ältern Mitglieder, augenſcheinlich die wachſende Vertraulichkeit zwiſchen mir und ſeiner Schweſter weniger gern ſah als dieſe; und es war mir ſehr darum zu thun, ihn in Beziehung auf den gegen⸗ wärtigen Fall zu blenden, wo er ohne ſeine Aufregung 77 mit ein klein wenig Scharffinn hätte entdecken müſſen, daß etwas Ungewöhnliches ſtattgefunden hatte. Es war jetzt ſo finſter geworden, daß Ihrer Herr⸗ lichkeit weitere Nachforſchungen um den Alpenſchatz un⸗ möglich wurden, daher wandten wir unſere Schritte nach dem Garten, wo wir ſo lange ſpazieren gingen, bis Lord Callonby kam. Und nun begann eine höchſt eifrige Erörterung über Landbau, Renten, Zehnten und Toryismus, ein Geſpräch, woran die Ladies nur ſehr wenig Antheil nahmen; ich hatte ſogar den Verdruß⸗ zu bemerken, daß Lady Jane ſich im höchſten Grad ennuyirte und die erſte beſte Gelegenheit ergriff, die Geſellſchaft zu verlaſſen und nach Hauſe zurückzukehren, während ihre Schweſter mir von Zeit zu Zeit gewiſſe ſchlaue Blicke zuwarf, als wollte ſie ſagen, daß meine Kenntniſſe in Pachtangelegenheiten und politiſcher Oeko⸗ nomie mit meinem Wiſſen in der Botanik ungefähr al pari ſtehen. „ine wenigſtens hat mich durchſchaut,“ dachte ich; aber die Glocke hatte das Zeichen gegeben, daß man die Toilette für das Mittageſſen zu machen habe, und ſo eilte ich denn auf mein Zimmer, um über künftige Plane nachzudenken und mich ebenfalls über die eigenthümliche Stellung zu verwundern, in welche Schickſal und Dienſtpflicht mich geworfen hatten. Fünftes Kapitel. Verblüfftheit— Erklärung— Aus Uebel ärger gemacht— 8 3 Das Duell. „Keine Briefe?“ fragte Ihre Herrlichkeit einen Bedienten, als ſie über die Halle ging. 78 „Nur ein einziger, Mylady, für Mr. Lorrequer, glaube ich.“ „Für mich!“ dachte ich,„wie kommt das?“ Meine Briefe waren bisher immer in Kilrush gelaſſen worden, warum wurde dieſer hiehergeſchickt? Ich eilte nach dem Geſellſchaftszimmer, wo ich einen doppelten Brief vor⸗ fand. Es war Curzons Hand und auf der Ueberſchrift ſtanden die Worte: Eiligſt zu beſorgen. Ich öffnete und las wie folgt: „Lieber Lorrequer,— haben Sie irgend eine Erinnerung, daß Sie unter Ihren zablreichen loſen Streichen in Cork einen gewiſſen Mr. Giles Beamiſh mit Gedanken, Worten oder Thaten ſchwer beleidigt haben? Wenn Sie ſich darauf beſinnen können, ſo thun Sie mir mit aller möglichen Eile zu wiſſen, ob die Beleidigung der Art iſt, daß ſie eine Ent⸗ ſchuldigung zuläßt— denn iſt dies nicht der Fall, ſo ſei Gott Ihnen gnädig— einen zornigern Gent⸗ leman als den Obengenannten hat mein böſes Schick⸗ ſal mir noch ſelten in den Weg geworfen. Er kam geſtern hieher, um nach Ihrer Adreſſe zu fragen, und als ich ihm dieſelbe mittheilte, ſchrieb er eine Note, welche ich hier beiſchließe. Ich ſchreibe in großer Eile und bleibe Ihr ſtets getreuer C. Curzon.“ N. S.„Ich habe ſeine Note nicht geſehen, deß⸗ wegen erklären Sie mir Alles umſtändlich.“ Der eingeſchloſſene Brief lautete: „Sir,— es kann, obſchon ſeitdem beinahe zwei Monate verſtrichen ſind, Ihrem Gedächtniſſe nicht entfallen ſein, daß Sie bei dem Dejeuner des Ma⸗ jors in Cork ſich auf meine Koſten luſtig zu machen und mich nebſt meiner Familie zur Zielſcheibe Ihrer Witze auszuerſehen beliebt haben. Dieſe Sache for⸗ dert eine augenblickliche Entſchuldigung oder diejenige ——;—;————— 79 Genugthuung, welche Sie als Offizier nicht ver⸗ weigern werden Swinburne'shotel. Ihrem gehorſamſten Diener Giles Beamiſh.“ „Giles Beamiſh! Giles Beamiſh!“ fagte ich, den Namen in allen verſchiedenen Tonarten wiederholend, in der Hoffnung, einen Leitfaden zu dem Schreiben zu finden. Wäre ich in dem letzten Streit über phonetiſche Zeichen zwiſchen Doktor Wall und ſeinen Reviewers als Experter aufgeſtellt worden, ich hätte darüber nicht voll⸗ ſtändiger verblüfft ſein können, als ich über den Inhalt dieſer Note war.„Mich auf ſeine Koſten luſtig machen!“ Wahrhaftig eine große Beleidigung— inzwiſchen glaube ich ſchon über beſſere Leute gelacht zu haben, als er iſt; und ich kann über ſolche unſchuldige Vergnügungen bloß ſagen, was Falſtaff vom Sekt und Zucker ſagt: Wenn das Sünden ſind, ſo helfe der Himmel den Gottloſen! Aber wenn ich nur wüßte, wer er iſt, oder auf was er anſpielt, vorausgeſetzt, daß er kein Narr iſt, was ich für nicht unwahrſcheinlich zu halten beginne.„Beiläufig geſagt, Mylord, kennen Sie vielleicht im Süden einen Herrn, der ſich Sir Beamiſh, Giles Beamiſh nennt?“ „Allerdings,“ antwortete Lord Callonby, von ſei⸗ ner Zeitung aufſchauend,„es gibt verſchiedene höchſt ehrenwerthe Leute dieſes Namens. Einer iſt Alderman in Cork— ein ſehr reicher Mann— doch kann ich mich auf ſeinen Taufnamen nicht beſinnen.“ „Alderman ſagen Sie?“ „Ja. Alderman Beamiſh iſt ſehr wohl bekannt— ich habe ihn häufig geſehen— ein unterſetztes, roth⸗ backiges, kleines Männchen.“ „Aha, das muß er ſein,“ ſagte ich nachſinnend; „dieſer würdige Alderman muß es geweſen ſein, deſſen ehrfurchtgebietende Perſon ich in der Nacht jenes Feſt⸗ ſchmauſes ihres Amtsgewandes entkleidet habe. Aber was kann er damit meinen, daß ich ihn und ſeine Fa⸗ milie zur Zielſcheibe meiner Witze auserſehen habe? Ei, zum Henker, ſein Weib und ſeine Kinder waren doch nicht bei ihm auf dem Pflaſter. O, ich ſehe ſchon, dies iſt die Rhetorik und der Redeſtyl des Stadthauſes. Hat nicht Sir William Curtis ſein Wegbleiben vom Hof damit entſchuldigt, daß er ein Auge verloren habe, was er als eine ſchreckliche häusliche Calamität bezeichnete?“ Nachdem mir nun zur Genüge klar geworden, daß Sir Beamiſh und der große Entkleidete eine und dieſelbe Perſon ſeien, machte ich mich daran, eine möglichſt artige Ehrenerklärung abzugeben. Ich ſchrieb dem Alder⸗ man die friedliebendſte Epiſtel, worin ich aufs Innigſte bedauerte, daß meine Abreife von Cork es mir unmög⸗ lich gemacht habe, meinen Fehler gut zu machen, und zugleich die ängftlichſte Hoffnung, er werde ſich doch nicht erkältet haben, nebſt dem inbrünſtigen Wunſche ausdrückte, daß er noch viele Jahre leben möge, die Würde zu zieren und zu ſchmücken, deren Sinnbild das ihm zukommende Coſtüm ſei. Dieſe Note legte ich in einem Briefe an Curzon bei, worin ich ihm den ganzen Verlauf der Sache auseinander ſetzte und ihn erſuchte, ſie nebſt dem Scharlachrock, welchen er in meinem Zim⸗ mer finden würde, durch ſeinen Bedienten abzuſchicken. Nachdem ich nun gedachte Depeſchen zuſammengelegt und verſiegelt hatte, theilte ich Lord Callonby den gan⸗ zen Handel mit und zeigte ihm Beamiſh's Note, woran er ſich höchlich ergötzte, wie ſie denn auch der ganzen Geſellſchaft den Abend hindurch Stoff genug zum Lachen darbot. Am nächſten Morgen begab ich mich mit Lord Callonby auf die lang angedrohte Stimmwerbungsex⸗ pedition, mit deren Einzelnheiten ich indeß meine Be⸗ kenntniſſe nicht zu belaſten brauche. Es genüge, zu ſagen, daß, während Lord Kilkee im Weſten als Advo⸗ kat des Toryismus auftrat, ich, ſein beglaubigter Ge⸗ ſandter, das Inſtitut der Prälaten, die Pairsſchaft und die Penſionsliſte den unterirdiſchen Göttern weihte — eine Art von Stimmwerbung, die in dieſen unruhe⸗ 81 vollen Zeiten alle Nachahmung verdiente; denn, abge⸗ ſehen von den großen Ausſichten auf Erfolg, wenn man auf beiden Seiten Freunde hat, kann die Hauptperſon immer alle mißliebigen Schlußfolgerungen in Hinſicht auf Wandelbarkeit von ſich abſchütteln und allen Tadel auf den Freund wälzen, der„zu weit ging,“ wie die angemeſſene Redensart lautet. Unſere Sendung war von dem glänzendſten Erfolg begleitet. Lord Callonby freute ſich unmäßig über die ſich eröffnenden Ausſichten, er hatte den noſenfarbigſten Humor und war ſo vollkommen überzeugt, daß ein guter Theil des Erſolges meinen Bemühungen zuzu⸗ ſchreiben ſei, daß er am zweiten Morgen unſerer Fahrt — wir zogen nämlich drei Tage lang in der Grafſchaft umher— lachend mit einer Zeitung in der Hand auf mein Zimmer kam. „Hier, Lorrequer, hier ſind Neuigkeiten für Sie,“ ſagte er,„das müſſen Sie leſen;“ und nun übergab er mir ein Exemplar des Clare Herald, das eine Be⸗ ſchreibung unſerer Volksverſammlung von geſtern Abend enthielt. Nachdem ich die gewöhnliche Einkleidung ſolcher Berichte— nahezu an zweihundert Perſonen— höchſt ehrenwerthe Pächter— der Saal angemeſſen ausge⸗ ſchmückt— Wappen von Callonby— nach den üblichen loyalen Toaſten erhob ſich der Präſident u. ſ. w.— fluchtig und ziemlich gleichgültig überlaufen hatte, kam ich endlich zur Hauptſache bei den Worten:„Sofort ſprach Mr. Lorrequer zu der Verſammlung mit einer Flut von Beredtſamkeit, dergleichen uns ſelten, ja viel⸗ leicht noch nie zu hören vergönnt geweſen iſt. Er be⸗ gann mit: „Ach,“ ſagte Se. Lordſchaft ungeduldig,„Sie wer⸗ den es nicht herausfinden— ſchauen Sie einmal daher — Mr. Lorrequer, von welchem wir oben geſagt, daß er die höchſt anſprechende Rede gehalten habe, die auf Bekenntniſſe Lorrequers. 1. 3 6 82 unſerer erſten Seite verzeichnet ſteht, iſt, wie wir ver⸗ nehmen, der Sohn des Sir Guy Lorrequer von Elon in Shropſhire— eines der reichſten Baronete in Eng⸗ land. Wenn das Gerücht die Wahrheit ſpricht, ſo iſt ſehr nahe Ausſicht auf eine enge Verbindung zwiſchen dieſem talentbegabten, vielverſprechenden jungen Gent⸗ leman und der ſchönen, anmuthreichen Tochter eines gewiſſen edlen Earl vorhanden, in deſſen Haus er ſich ſeit einiger Zeit aufgehalten hat.“ „He, was ſagen Sie dazu? Sohn des Sir Guy Lorrequer. Ich glaubte immer, mein alter Freund ſei ein Junggeſell geblieben, aber Sie ſehen, der Clare Herald weiß die Sache beſſer. Abgeſehen von der letz⸗ ten Nachricht iſt der Artikel recht gut, nicht wahr?⸗ „Ja, ganz vortrefflich,“ ſagte ich, indem ich zu lachen verſuchte, dabei aber feuerroth wurde vor Ver⸗ legenheit und ſo albern drein blickte, wie man es ſich nur wünſchen kann. Nun fiel es mir wie Schuppen von den Augen, daß in der Art, wie Se. Lordſchaft dieſes Artikels ge⸗ dachte, zumal wenn man ſie mit ſeinem und Lady Cal⸗ lonbys Benehmen in den letzten zwei Monaten zuſam⸗ menhielt, etwas äußerſt Sonderbares lag. Sie wußten offenbar genug von meiner Familie, um mein Vermö⸗ gen und meine Ausſichten oder vielmehr meinen Mangel an beiden zu kennen. Und Angeſichts dies ermuthigten ſie mich nicht blos zur Verlängerung eines höchſt an⸗ genehmen Beſuches, ſondern warfen mich auch durch tauſend tägliche und gefährliche Gelegenheiten geradezu in den Weg einer der liebenswürdigſten Perſonen ihres Geſchlechtes, ohne ihrerſeits ſcheinbar das mindeſte zu fürchten.„Eh bien,“ dachte ich mit meiner alten Phi⸗ loſophie,„die Zeit, die alles zur Reife bringt, wird auch hierin Licht ſchaffen, und ſo wollen wir die Sache gewähren laſſen.“ Meine Träumereien über mein gutes und ſchlim⸗ mes Geſchick wurden plötzlich unterbrochen durch einen 8³ Brief, den ich noch am ſelben Abend durch einen Ex⸗ preſſen aus Callonby erhielt.„Wie! ſchon wieder eine Epiſtel von Curzon,“ ſagte ich, als mein Auge die Adreſſe erblickte, und war ungemein begierig, welch' dringendes Ereigniß wohl die auf dem Couvert ſtehen⸗ den Worte„ſo ſchnell als möglich zu beſorgen,“ her⸗ vorgerufen habe. Eifrig erbrach ich das Siegel und las, wie folgt: „Mein lieber Harry— Ich empfing Ihren Brief am 11ten und ſandte Ihre Note nebſt dem Gewand alsbald an Mr. Beamiſh ab. Er war zur Zeit von Haus abweſend, aber um acht Uhr wurde ich von unſrer Tafel abgerufen, um zwei Gentlemen in einer höchſt dringenden Angelegenheit zu ſehen. Ich eilte nach meinem Quartier und traf dort vorbeſagten Mr. B., begleitet von einem Freunde, welchen er als Dr. Da Curcy Finucane von der North Cork Militz vorſtellte— einem Gentleman, der, obſchon blos fünf Fuß hoch, ſo kriegeriſch dreinblickte, wie Sie nur je einen zu ſehen verlangen können. So⸗ bald ich eintrat, ſtanden beide auf und begannen eine Erzählung, denn für eine ſolche mußte ich es halten, ſprachen aber ſo energiſch und ſo beharrlich beide zuſammen, daß ich mich blos höflich verbeugen und erſuchen mußte, der eine oder der andere möchte mich gefälligſt von dem Gegenſtande ihres Beſuches in Kenntniß ſetzen. Nun begann der Spektakel aufs Neue, indem der Doktor ſagte:„He da, jetzt Giles — Mr. Beamiſſh ihn aber unterbrach: ſtill, ſag; ich Ihnen— nun, können Sie mich nicht reden laſſen? Sie ſehen, Mr. Curzons— denn ſo beliebten mich beide zu nennen. Endlich wurde ich der Sache über⸗ drüfſig und ſagte: Vielleicht haben Sie die Note meines Freundes nicht empfangen? Da wurde Mr. Beamiſy roth bisan die Augen und ſchüttete mit der größten Zungenfertigkeit eine Flut zornvoller Bered⸗ ſamkeit aus, ſo daß ich für nöͤthig fand, ihr Einhalt 84 zu thun; dies mißglückte mir aber, denn nachdem er mich ziemlich deutlich in Kenntniß geſetzt, daß er von Ihrer Geſchichte mit dem Alderman und ſeinem Kleide nichts wiſſe, fügte er hinzu, er glaube feſt, daß Ihre angebliche Ehrenerklärung blos eine neue Beſchimpfung ſei und daß— doch mit Einem Wort, er gebrauchte eine ſolche Sprache, daß ich mich ge⸗ zwungen ſah, ihn kurz zu halten, und das Ende vom Lied iſt, ich verabredete mit ihm, daß Sie ihn per⸗ ſönlich treffen werden, obſchon Sie von dem, was er die urſprüngliche Beleidigung nennt, immer noch nicht unterrichtet find.— Aber der Himmel weiß, ſein Betragen geſtern Nacht erheiſcht eine Züchtigung und ich hoffe, Sie werden es daran nicht fehlen laſ⸗ ſen; wenn Sie ihn todt ſchießen, können wir viel⸗ leicht von ſeinen Teſjamentsvollſtreckern das Geheim⸗ niß erfahren. Nichts ging über die Höflichkeit Ihrer beiden Gegner, nachdem ich in dies Arrangement gewilligt hatte. Dr. Finucane ſchlug Carrigaholt, etwa zwölf Meilen von Kilrush, wie ich glaube, als den Ort des Rendezvous und Dienſtag Abend um ſechs als die Zeit vor; denn dies iſt der früheſte Ter⸗ min, an dem wir ankommen können. Und ſo erſuche ich Sie denn, ſich zeitig einzuſtellen. Samſtag Abends. Ihr allzeit getreuer 3 Curzon.“ Es war Montag Abend und zwar ſchon ſpät, als ich dieſen Brief erhielt, ſomit war keine Zeit zu ver⸗ lieren, da ich bis an den von Curzon bezeichneten Ort vierzig iriſche Meilen hatte; nachdem ich alſo Lord Cal⸗ lonby kürzlich in Kenntniß geſetzt, daß die Pflicht mich abrufe, eilte ich auf mein Zimmer, um meine Kleider zuſammenzupacken und die außerordentliche Epiſtel noch einmal zu überleſen. Ich geſtehe, es kam mir etwas drollig vor, daß Curzon die Kampfwuth dieſer„blutdürſtigen Iren“ ſo vollſtändig eingeſogen haben ſollte. Denn ſeiner eigenen 85⁵ Erklärung zufolge wußte er ganz und gar nichts da⸗ von, daß ich dieſen Mr. Beamiſh beleidigt habe, auf welchen ich ſelbſt mich ſchlechterdings nicht beſinnen konnte. Aber natürlich, wenn der Gentleman zornig wird, ſo darf man ihm bei Leibe nichts Unangenehmes ſagen, oder vielleicht auch ſehnte ſich mein Herr Ka⸗ merad an die Tafel zurück, und deßhalb ſagt er ganz kaltblütig:„Mein Freund wird mit Ihnen zuſammen⸗ treffen,“ und dann macht er noch den gottloſen Witz: die Urſache ſeines Streites können Sie von ſeinen Te⸗ ſtamentsvollſtreckern erfahren. Wahrhaſtig, dachte ich, es geht doch nichts über die Gleichmüthigkeit eines Sekundanten. Die gentle⸗ maniſche Zuvorkommenheit, womit er dem Gegner Audienz ertheilt— der gewinnende Ton, womit er von unverſöhnbarer Feindſchaft ſpricht— die tödtende Freundlickeit, mit welcher er jeden Vergleich ablehnt— die Talleyrand'ſche Manier ſeiner kurzen Noten, datirt Hotel ſo und ſo, mit den Worten drei Uhr oder fünf uͤhr auf dem Couvert, was Alles die freundſchaftliche Eilfertigkeit der Unterhandlung anzeigt— dann wenn die Sache verabredet iſt, der geſellige Styl, worin er Dich erſucht, mit ihm in Clarendon eine Cotelette zu verzehren, nicht nach Hauſe zu gehen— ferner der be⸗ wunderungswürdige Takt von beiden Seiten, die aus⸗ geſucht elegante Art, die Gegenpartei zu begrüßen, halb 86 St. Georgskirche, Hannover Square, inmitten eines Regenſchauers genommen, von welchem man glauben ſollte, er müßte allein hinreichen, Hymens Fackel zu verlöſchen, wenn ſie auch ſo ſtrahlend brenne, wie Capitän Drummonds Oxygenlicht; und auf der andern Seite wie häufig breiten ſich nicht das blauſte Azur des Himmels und die balſamigſten Lüfte über das von Kummer verzehrte Herz oder das gramgebeugte Haupt aus; und ohne, wie eine weit höhere Auckorität ge⸗ than hat, den ſittlichen Charakter des Mondes im Ent⸗ fernteſten anfechten zu wollen, wie manche Blut⸗ und Raubſcene hat nicht ſein milder Strahl beleuchtet! Be⸗ trachtungen dieſer Art drängten ſich in mein Gemüth, als ich am Dienſtag Nachmittag dem kleinen Dorfe unſeres Rendezvous näher kam. Die Landſchaft, die in ihrer ganzen friedvollen Schönheit vor mir lag, bil⸗ dete wahrlich einen ſchmerzlichen Contraſt zu der Ver⸗ anlaſſung, welche mich herführte. Ich ſtand auf einer kleinen Halbinſel, welche den Shannon von dem un⸗ ermeßlichen atlantiſchen Ozean trennt. Auf der einen Seite ſtrömte der friedſame Fluß zwiſchen wallenden Kornfeldern und reichen Waiden dahin— da lag die ſchöne Inſel Scattery mit ihren maleriſchen Ruinen, welche ſich in der wogenloſen Flut zurückſpiegelten— die fröhlichen Stimmen der Schnitter und das luſtige Gelächter der Kinder miſchten ſich mit dem ſeemänni⸗ ſchen Geſchrei der Matroſen, welche die Anker lichteten, um die abendliche Flut zu benützen. Das Dorf, das blos aus einigen kleinen Hütten beſtand, war gleich⸗ wohl vermöge ſeiner Lage ein reizender Punkt in dem Gemälde, und der blaue Rauch, der in dünnen Säulen von den niedrigen Wohnungen aufſtieg, nahm der Land⸗ ſchaft ihren einſamen Charakter und rief Gefühle der Heimath und heimathliche Genüſſe hervor, wie menſch⸗ liche Wohnungen, wenn ſie auch noch ſo armſelig find, nie zu thun verfehlen. „Zu jeder andern Zeit,“ dachte ich,„wie würde —— 87 ich mich da an all dem erfreut haben, aber jetzt— ha, ich ſehe, es iſt bereits fünf Uhr vorüber, und wenn ich recht unterrichtet bin, habe ich noch mehr als eine Me⸗ bis nach Carrigaholt, wo wir zuſammentreffen ollten. Ich hatte, um unbemerkt zu bleiben, meinen Wa⸗ gen vor dem Dorfe zurückgeſchickt und ſchlug jetzt einen Fußpfad über die Hügel ein. Eh ich eine halbe Meile gegangen war, hatte ſich die Scene vollſtändig ver⸗ ändert. Ich befand mich in einem kleinen, über und über mit niedrigem Eichengeſträuche bewachſenen Thale, das auf keiner Seite die mindeſte Spur einer Wohnung darbot. Ich ſah, das Terrain war von einem kunſt⸗ geübten Auge auserſehen. Das Thal, das immer ſchmaler wurde, je weiter ich kam, erſchloß meinem Blick auf einmal eine Ausſicht auf das atlantiſche Meer, über welches die ſich neigende Sonne eine Flut von Purpurglorie ausſchüttete. Kaum hatte ich mich von der Betrachtung dieſer Naturſchönheit abgewendet, als ein langes tiefes Pfeifen meine Aufmerkſamkeit anzog. Ich blickte nach der Richtung, von welcher es kam, und entdeckte in einiger Entfernung von mir drei Ge⸗ ſtalten, welche neben der Ruine einer alten Abtei ſtan⸗ den, die ich jetzt zum erſtenmal gewahrte. Hätte ich den mindeſten Zweifel in Beziehung auf ihre Perſönlichkeiten gehegt, ſo wäre dieſer ſchnell ge⸗ löst worden, denn ich ſah jetzt einen aus der Geſell⸗ ſchaft, welchen ich bald als Curzon erkannte, mit ſei⸗ nem Hute mir zuwinken; er kam mir entgegen und ſetzte mir auf den Paar Hundert Schritten, welche wir bis zu den Andern zu machen hatten, alles aus einander, was er von der Gegenpartie wußte, was aber trotz Allem nur ſehr wenig war. Mr. Beamiſh, meinen Gegner, ſchilderte er als einen mürriſchen, ei⸗ ſenfreſſeriſchen Südländer, welcher ſich augenſcheinlich nach einem Ehrenhandel mit einem Militär ſehne, was man damals im Süden als etwas ziemlich Glanzvol⸗ 88 les betrachtete; ſein Sekundant, der Doktor, dagegen ſei der gutherzigſte aller Gurgelabſchneider, ein höchſt ergötzliches Männlein voll von ſeiner eigenen Bedeut⸗ ſamkeit, überſtrömend in mährchenhaften Erzählungen von ſeinen eigenen Thaten in Liebe und Krieg, dabei offenbar geneigt, alle Vorkommenheiten im Leben von ihrer angenehmen Seite zu betrachten; beide ſtimmen blos in einem einzigen Punkte überein, nämlich in dem feſten unverbrüchlichen Entſchluſſe, über den Streit mit mir keine Erklärung abzugeben.„Alſo,“ ſagte ich, nachdem Curzon den obigen Bericht in aller Schnelle vorgetragen hatte,„alſo wiſſen Sie ganz und gar nichts von dem Grunde, warum ich dieſem Mann ein Rendezvous zu geben im Begriffe ſtehe?“ 1 „Ich weiß ſo wenig als Sie,“ erwiederte Curzon mit unzerſtörbarer Gravität;„nur über einen Punkt bin ich vollſtändig im Reinen— hätte ich ihm nicht ſogleich dieſes Rendezvous verſprochen, ſo hätte er Sie am andern Morgen in Limerick öffentlich ange⸗ ſchlagen; da Sie nun die Regel bei unſerem Regiment kennen, ſo hielt ich's für's Beſte—“ ’„O gewiß, Sie haben vollkommen Recht; aber wiſſen Sie auch ſicher, daß ich der Mann bin, der ihn beleidigt hat? denn ich verſichere Sie feierlich⸗ daß ich mich nicht entfernt darauf beſinnen kann, jemals von ihm gehört zu haben.“. „Ueber dieſen Punkt,“ ſagte Curzon,„kann kein Zweifel obwalten, denn er bezeichnete Sie nicht allein als Mr. Harry Lorrequer, ſondern auch als den Gent⸗ leman, der in der Rolle des Othello ganz Cork ſo herzlich lachen machte.“ „Halt ein,“ rief ich;„kein Wort mehr; ich bin ſein Mann.“ Mittlerweile hatten wir die Ruine erreicht, und nachdem wir uns um eine Ecke geſchwenkt, kamen wir in unmittelbare Berührung mit den Feinden; ſie hat⸗ ——-—— 89 ten ſich beide auf einen Grabſtein geſetzt und ſtanden auf, als wir herantraten. „Erlauben Sie mir,“ ſagte Curzon, ein wenig vor mir hintretend,„meinen Freund, Mr. Lorrequer vorzuſtellen, Dr. Finicane— Dr. Finicane, Mr. Lor⸗ requer.“ 4 „Finucane, wenn es Ihnen gefällig iſt; Finucane,“ verſetzte der kleine Gentleman, indem er grüßend ſei⸗ nen Hut gerade über den Kopf hob und ihn dann wie⸗ der höchſt gemeſſen aufſetzte.„Mr. Lorrequer, es ge⸗ währt mir aufrichtiges Vergnügen, Ihre Bekanntſchaft zu machen.“ Hier verbeugte ſich Mr. Beamiſh ſteif, um meinen Gruß zu erwiedern, und in dieſem Augen⸗ blick kreuzte eine vage Empfindung durch meine Seele, als ob ich dieſen rothen Backenbart und dieſes trotzige Geſicht nicht zum erſten Male ſähe; aber die Daumen⸗ ſchrauben des heiligen Offiziums wären nicht im Stande geweſen, in Beziehung auf das Wann mein Gedächt⸗ niß aufzufriſchen. „Kapitän,“ ſagte der Doktor,„darf ich Sie um die Gefälligkeit bitten, mich eine Minute zu begleiten 2 ſie gingen beide auf die Seite; die einzigen Worte, die an mein Ohr ſchlugen, als ich mich wegſtellte, um ihre Konferenz nicht zu ſtören, waren eine Verſicherung von Seiten des Doktors, daß er doch gewiß ein aller⸗ liebſtes Plätzchen auserſehen habe, denn der eine ſtehe im äußerſten Norden, der andere im äußerſten Süden. Sehr wenige Minuten genügten für die Präliminarien, und nun traten ſie beide vor, ſchmunzelnd lächelnd, als hätten ſie einen neuen Plan zur Verbeſſerung des Schickſals der Armen oder zum Vortheil der manufak⸗ turtreibenden Klaſſe erſonnen, ſtatt daß ſie Anſtalten trafen, einen ehrlichen Kerl aus der Welt zu befördern. „Alſo, wenn ich Sie recht verſtehe, Kapitän,“ ſagte der Doktor,„ſo nehmen Sie die Diſtanz und ich kommandire.“ „Sehr wohl,“ verſetzte Curzon. 90 Nach einer ſcherzhaften Anſpielung auf die langen Beine meines Freundes, worüber wir Alle herzlich lach⸗ ten, wurden wir auf unſere Plätze geſtellt, Curzon und der Doktor traten dann zwiſchen uns, die Piſto⸗ len wurden in unſere Hände gegeben, und der Doktor ſagte:„Jetzt, meine Herren, will ich mich ſechs Schritte entfernen und dann umwenden, Sie haben inzwiſchen Zeit genug, ſich fertig zu machen und bei dem Wort Feuer drücken Sie los.“ Mit dem Winke eines wohlerfahrenen Mannes kündigte uns dieß der Dohktor an und entfernte ſich ſogleich. Das Wort Feuer erfolgte und beide Piſtolen gingen zugleich los. Mein Hut wurde oben getroffen, und als der Rauch ſich ver⸗ zog, merkte ich, daß meine Kugel bei meinem Gegner Wirkung gethan hatte; er war ein wenig unter dem Knie verwundet und ſchien ſich mit der größten Schwie⸗ rigkeit aufrecht zu erhalten.„Ihr Freund iſt getrof⸗ fen,“ ſagte Curzon zu dem Doktor, der jetzt mit ei⸗ nem andern Piſtol hervorkam,„Ihr Freund iſt ge⸗ troffen.“ „Das ſehe ich,“ erwiederte er, ſeinen Finger an die Stelle legend,„aber es iſt keine Gefahr für ſein Leben vorhanden; wenn es Ihnen gefällig iſt, machen wir alſo weiter.“ „Sie werden doch keinen zweiten Schuß verlan⸗ gen?“ fragte Curzon. „Allerdings verlange ich das,“ entgegnete der Doktor kaltblutig. „Dann,“ ſagte Curzon,„muß ich Ihnen aufs Un⸗ zweideutigſte erklären, daß ich mich weigere und mei⸗ nen Freund jetzt mitnehme; wäre es nicht um einen beſondern Gebrauch bei unſerm Regiment geweſen, der aber keineswegs für Fälle dieſer Art berechnet iſt, ſo wären wir überhaupt nicht erſchienen; denn bis zu die⸗ ſer Stunde wiſſen wir beide, mein Freund und ich ſelbſt nicht das mindeſte von einer Veranlaſſung, bei welcher er Mr. Beamiſh hätte beleidigen können.“ 1 91 „Giles! hören Sie das?“ fragte der Doktor. Aber Giles hörte es nicht, denn der ſchnelle Blut⸗ verluſt aus ſeiner Wunde hatte ihn dermaßen geſchwächt, daß er in Ohnmacht gefallen war und jetzt friedlich auf dem Graſe lag. Die Etikette war nun zu Ende und wir eilten Alle herbei, um dem Verwundeten bei⸗ zuſtehen; einige Minuten lag er ſcheinbar ganz bewußt⸗ los da, und als er zuletzt wieder zur Beſinnung kam, ſchien er ſich nur mit Mühe an den Platz, an welchem er ſich befand, und an die Geſellſchaft zu erinnern; mehrere Sekunden lang heftete er ſeine Augen ſtarr auf den Doktor, dann aber ſagte er mit bleicher, blut⸗ loſer Lippe und einer vor Schwäche bebenden Stimme: „Fin, habe ich es Ihnen nicht geſagt, daß dieſes Piſtol immer zu hoch ſchießt. Ohl“ und dieß ſagte er mit einem Seufzer, der ihn beinahe überwältigte;„oh Fin, hätten Sie mir nur das mit dem Sägengriff ge⸗ geben, woran ich gewöhnt bin; aber jetzt hilft alles Reden nichts mehr.“ In meinem innerſten Herzen dankte ich dem klei⸗ nen Doktor für ſeinen Mißgriff, denn ich ſah jetzt deut⸗ lich, was das mit dem Sägengriff, woran er gewöhnt war, mir zweifelsohne angethan haben würde und konnte nicht umhin, bei mir ſelbſt die Worte des gu⸗ ten Sir Andreas zu murmeln:„Hätte ich's gewußt, daß er ſich ſo gut auf das Waffenhandwerk verſteht, ſo hätte er können in die Hölle fahren, bevor ich mit ihm gefochten hätte.“ Anſere erſte Pflicht war jetzt, den Verwundeten auf die Straße zu bringen, worüber er ſelbſt und ſein Se⸗ kundant einige Schwierigkeit machen zu wollen ſchienen; ſie ſprachen ein Paar Augenblicke leiſe zuſammen, und dann wandte ſich der Doktor zu uns:„Wir ſehen ein, meine Herren, daß dies keine Zeit iſt, um Verſteckens zu ſpielen; aber offen geſtanden, wir bedürfen hier großer Umſicht, denn ich muß Ihnen zu wiſſen thun, daß wir beide ſtreng verpflichtet ſind, Frieden zu halten.“ 92 „Verpflichtet ſind, Frieden zu halten!“ ſagten Cur⸗ zon und ich zugleich. „Ja, nichts Geringeres und obſchon Niemand in der Nähe iſt, der ſchwätzen wollte, ſo gäbe es doch, wenn die Sache je in die Zeitungen käme, in Cork allerlei Leute, die meinen Freund hier necken würden, denn er iſt ſonſt ſeines Schuſſes gewiß, wenn er das Piſtol mit dem Sägengriffe hat,“ und dabei blinzelte der Doktor. Wir hatten wenig Zeit, über die Seltſamkeit ei⸗ nes ſolchen Zuſammentreffens nachzudenken, denn wir waren jetzt genöthigt, ihn auf der Straße tragen zu helfen, wo wir in Stand geſetzt würden, ihn nach Kil⸗ rush oder nach einer andern Stadt in der Nähe ſchaf⸗ zu laſſen, da er derzeit gänzlich unfähig war zu ehen. 4 Nach halbſtündigem Abmühen erreichten wir end⸗ lich die Hochſtraße, und in dieſer kurzen Zeit hatte ich vollſtändig Gelegenheit gehabt, einen Blick in den Cha⸗ rakter unſerer Gegner zu werfen. Es lag klar am Tage, daß der Doktor die unbeſchränkteſte Macht über ſeinen vierſchrötigen Freund ausübte, welchen er in einem Tone kommandirte, dem der andere ſich niemals zu widerſetzen wagte; denn in den erſten Augenblicken ſprach Mr. Beamiſh ein ſtarkes Verlangen aus, bei Nacht nach Kilrush gebracht zu werden, wo er Gele⸗ genheit finden könnte, auf dem Shannon nach Kerry zu gelangen; dagegen aber lehnte ſich der Doktor mit vielem Eifer auf, weil zu befürchten ſtahe, daß die Sache ruchbar werde, und endlich wurde beſchloſſen, daß wir Alle zuſammen zu ſeinem Freunde, Vater Malachi Brennan, bloß zwei Meilen von da, uns ver⸗ fügen ſollen, wo der Kranke die zärtlichſte Pflege, wir ſelbſt aber, was der Doktor als ebenſo unumgänglich nothwendig betrachtete, ein höchſt vortreffliches Abend⸗ eſſen und einen herzlichen Willkomm finden würden. 93 „Natürlich kennen Sie doch Vater Malachi, Mr. Lorrequer.“ „Ich muß zu meiner Beſchämung nein ſagen.“ „Malachi Brennan nicht kennen und in Clare leben! Nun, nun, das nenne ich einmal ſonderbar; er iſt zwölf Meilen in der Runde von Ihnen der angeſehenſte Prieſter, und ein bräverer, zugleich aber auch luſtigerer Mann lebt in der ganzen Diözeſe nicht; ich bin zwar ſein Vetter, aber was wahr iſt, muß man ſagen.“ Nachdem er uns von allem möglichen Vergnügen vorgeſprochen, das die Bekanntſchaft des Vaters Ma⸗ lachi meinem Freunde und mir ſelbſt gewähren müßte, ſetzten wir Mr. Beamiſh auf ein gerade vorüberziehendes Fuhrwerk und brachen nach dem Wohnſitze des guten Prieſters auf. Auf dem ganzen Weg dahin beſchäftigte mich nur ein einziger Gedanke, nämlich ein glühendes Verlangen, die Urſache unſeres Streites zu erfahren, und ich ſehnte mich nach dem Augenblick, wo ich den Doktor auf die Seite bekommen und mich bei ihm er⸗ kundigen konnte. „Da unten links, wo Sie ſo viele helle Lichter ſehen, da iſt Vater Malachi's Haus; ſo wahr ich de Courcy Finucane heiße, heute Nacht geht es da luſtig zu.“ „Jedenfalls ſcheint eine große Illumination im Thale ſtattzufinden,“ bemerkte ich. „Ganz gewiß wieder eine Betfahrt,“ meinte der Doktor. „Eine Betfahrt!— bitte, was ſoll ich darunter verſtehen?“ „Fragen Sie nicht lange; wenn ich ein guter Pro⸗ phet bin, ſo erfahren Sie es, bevor der Morgen graut.“ Unter derlei Geplauder kamen wir an eine ſchmale Straße, die auf beiden Seiten mit hohen Weißdorn⸗ hecken eingefaßt war, und wenige Minuten darauf ſtan⸗ den wir vor der prieſterlichen Wohnung, einem langen, friſchgeweißten, ſtrohbedachten Hauſe, das alle Arten von Comfort und Annehmlichkeiten verſprach. Hier an⸗ 94 gelangt, ſchien der Doktor die Anordnung des Ganzen auf ſich zu nehmen; denn nachdem er die Klinke aufge⸗ drückt und ſich in das Haus verfügt hatte, kehrte er nach wenigen Minuten zu uns zurück und ſagte: „Warten Sie noch ein Weilchen; wir werden zu Vater Malachi erſt gehen, nachdem wir Giles zu Bette gebracht haben.“ Demgemäß hoben wir den Kranken vom Wagen herab, halfen ihm ins Haus, folgten allda Finucane durch einen ſchmalen Gang und erreichten zuletzt ein höchſt comfortables Zimmerchen mit einem vortrefflichen Bette; in dieſes legten wir ihn, während der Doktor einem baarhäuptigen, rothbeinigen, alten Weibsbilde ohne Schuhe und Strümpfe etliche Aufträge ertheilte und ſeinerſeits die Wunde unterſuchte, welche bedenk⸗ licher war, als ſie anfangs geſchienen hatte. Eine halbe Stunde lang waren wir damit beſchäf⸗ tigt und hörten während dieſer Zeit, ſo oft die Thüre ſich öffnete, einmal ums andere rauſchende Ausbrüche der Fröhlichkeit und ſchallendes Gelächter von einem entfernten Theile des Hauſes, wo der hochwürdige Herr mit ſeinen Freunden ſchmauste: Töne, welche bei dem Doktor jedesmal ein unwiderſtehliches Verlangen her⸗ vorriefen, an dieſer Luſtbarkeit Theil zu nehmen. Wir brachten Alles, was zu Mr. Beamiſh's Comfort noth⸗ wendig war, gehörig in Ordnung, und mit einem großen Becken voll Eſſig und Waſſer, um ſein Knie kalt, ſowie mit einem mächtigen Humpen heißen Pun⸗ ſches, um ſein Herz warm zu halten— die homöopa⸗ thiſche Heilart iſt nicht halb ſo neu wie Doktor Hahne⸗ mann uns glauben machen wollte— überließen wir ihn ſeinen eigenen Betrachtungen und zweifelloſem Aerger darüber, daß er nicht das Piſtol mit dem Sägengriff, woran er gewöhnt war, bekommen habe, während wir ſelbſt uns anſchickten, dem Vater Malachi Brennan unſer Compliment zu machen. Da ich indeß nicht die Abſicht hege, den guten 95 Prieſter mit Undank zu behandeln, ſo werde ich ihn ſtinaß Leſern nicht am Schwanze eines Kapitels vor⸗ hren. Sechstes Kapitel. Des Prieſters Abendſchmaus— Vater Malachi und der Coadjutor— Major Jones und der Abbé. Am Schluß unſeres letzten Kapitels verließen wir unſern weiland Gegner, Mr. Beamiſh, ſeiner ganzen Länge nach auf ein Bett ausgeſtreckt und nach homöo⸗ pathiſchem Gebrauche heißen Punſch für ſein Fieber einnehmend, während wir ſelbſt unſerm Leithammel, Doktor Finucane, unter die Augen des hochwürdigen Vaters Brennan folgten. Die Geſellſchaft, bei welcher wir uns jetzt, ohne die mindeſte Ceremonie unſerſeits, ſelbſt einführten, beſtand aus fünfundzwanzig bis dreißig Perſonen, die um einen großen eichenen Tiſch herumſaßen, welcher mit Trinkmaterialien, ſowie mit Humpen, Bechern und Gläſern von allen Größen und Geſtalten wohl ausge⸗ rüſtet war. Nachdem wir eingetreten waren, trat der Doktor vorwärts, berührte Vater Malachi— denn dafür hielt ich ihn mit Recht— bei der Schulter und ßtellte ſich auf dieſe Art ſeinem Verwandten vor, von welchem er mit allen erdenklichen Freudenbezeugungen bewillkommt wurde. Während die Beiden ihre Erken⸗ nungsgrüße austauſchten und der Doktor die Gründe unſeres Beſuches auseinanderſetzte, war ich in den Stand geſetzt, ungeſtört und unbemerkt einen kurzen Ueberblick über die Geſellſchaft zu erhalten. Vater Malachi Brennan, Pfarrherr von Carriga⸗ 96 holt, entſprach vollkommen dem Bilde, das ich mir ſo oft von einem Ideal ſeiner Kaſte entworfen hatte; ſeine Geſtalt war unterſetzt, fleiſchig, ungemein muskulös und entwickelte Verhältniſſe, denen bloß noch einige Größe abging, um einen vollſtändigen Herkules aus ihm zu machen; ſeine an den Waden ſo dick, an den Knöcheln ſo ſpitz zulaufenden Beine ließen ſich mit nichts vergleichen, was ich je geſehen hatte, ausgenommen vielleicht mit den metallenen Baluſtraden von Carlisle⸗ bridge; ſein Geſicht war breit und roth, und der all⸗ gemeine Ausdruck eine Miſchung von unbändiger guter Laune und unerſchöpflicher Drolligkeit, wozu die raſt⸗ loſe Thätigkeit ſeiner ſchwarzen, geſchweiften Augen⸗ brauen viel beitrug; ſein Mund wäre ohne ein ſcharf hervortretendes Merkmal der Sinnlichkeit und Ueppig⸗ keit an der Unterlippe wirklich hübſch geweſen; ſein Haupt war kahl, mit Ausnahme eines ſchmalen Strei⸗ fens dicht über den Ohren, der mit einem Ring von krauſen dunklen Haaren eingefaßt war, jedoch nicht zahlreich genug, um hinten eine Entwicklung zu ver⸗ bergen, die, wenn etwas Wahres an der Phrenologie iſt, den Schülern der Miß Martineau nur wenig Glück verheißt. Zu dieſen äußern Zeichen denke man ſich eine reiche, fließende, körnige Stimme mit dem weichen Doriſch ſeiner Provinz, ſo hat man ein ſchwaches Bild von einer Erſcheinung, die„jeder Zoll ein Prieſter war.“ Der echte Gegenfüßler dieſer gutmüthigen freundlichen Figur ſaß ihr am andern Ende des Tiſches gerade ge⸗ genüber. Es war dies, wie ich nachher erfuhr, keine geringere Perſon als Mr. Donovan, der Coadijutor oder Pfarrgehülfe: ein langer, hagerer, unbehülflicher Kerl von etwa fünfunddreißig Jahren, mit einem blaſſen ascetiſchen Geſichte, deſſen einziger lesbarer Ausdruck zwiſchen bösartigem Verdachte und entſchiedener Ge⸗ meinheit ſchwankte: über ſeine niedrige, vorſtehende Stirne hing ſchlicht eine Maſſe rothes Haar herab, die 97 in der That— denn die Natur iſt keine Politikerin— beinahe ins Orangefarbige ſchillerte. Dieſes Haar war rings um den Kopf kurz abgeſchnitten und ließ in ihren vollen Verhältniſſen ein Paar ungeheure Ohren ſich entwickeln, die in erhabener Arbeit wie zwei kleine Thürmchen an einem Wachtthurme und ſo ziemlich mit dem gleichen Zwecke hervorſtanden; ſeine Haut hatte jene eigenthümliche Farbe und Zuſammenſetzung, welcher ſämmtliches Waſſer in des großen Neptuns Ozean kein Anſehen der Reinlichkeit zu geben vermöchte, während ſeine Stimme hart, rauh und unbiegſam, einen un⸗ lieblichen, widrigen Eindruck machte. Und doch war auch er, ſo ſeltſam dies erſcheinen mag, ein vollendetes Urbild ſeines Standes, nur mit dem einzigen Unter⸗ ſchied, daß Vater Malachi ein älteres Gepräge mit dem Stempel Donai oder St. Omer, Mr. Donovan dagegen das glänzende, friſch aus der Münze von Maynooth hervorgegangene Metall war. 3 Während ich mich ſo mit der Betrachtung der Scene vor mir beſchäftigte, wurde ich aufgeweckt durch die Worte des Prieſters:„Ah, Fin, mein Herzensjunge, Sie brauchen's nicht zu läugnen, ſo wahr ich Malachi heiße, Sie haben wieder etwas auf dem Strich, und Sie werden ſich nicht ruhig oder zufrieden geben, bis man Sie einmal über die See ſchickt oder bis man Ihnen dort auf dem Kirchhof ein marmornes Denkmal Ihrer mannigfachen Tugenden errichtet.“ „Auf Ehre, bei der geheiligten Ehre eines de Courcy— „„'Schon gut, ſchon gut; Sie ſehen, Ihre Freunde kühlen ſich in der Ecke ein wenig ab; ſtellen Sie mich Ihnen einmal vor.“ „Mr. Lorrequer—“ „Mein Name iſt Curzon,“ ſagte der Adjutant, ſich verbeugend. „Ein recht artiger Name, obſchon ein bischen pro⸗ Bekenntniſſe Lorrequers. I. 7 98 fan; nun gut, Sir Curſeon,*)“ denn ſo ſprach er aus, „Sie ſind willkommen wie die Blüten im Mai, und ich bin ungemein ſtolz, Sie hier zu ſehen.“ f „Mr. Lorrequer, erlauben Sie mir, Ihnen die Hend, 3 ſchütteln— ich habe ſchon viel von Ihnen gehört.“ Darin lag für mich nichts ſonderlich Auffallendes; denn wo ich mich immer in dieſer Grafſchaft zeigen mochte, ſchien ich allgemein bekannt zu ſein, wie nur je Brunell in der Bond⸗ſtreet. 2 „Fin ſagte mir,“ fuhr Vater Malachi fort,„daß Sie ſich aus einem gewiſſen Grunde,“ dabei blinzelte er ſchlau,„nicht zu erkennen geben wollen. Seien Sie ganz wohlgemuth; ein königlicher Haftbefehl iſt nur ein einziges Mal in dieſe Gegend gekommen, und die achte Originalabſchrift ging im Magen des Ueber⸗ bringers nach Limerick zurück; er müßte Sie ſelbſt an⸗ faſſen, Mr. Lorrequer; doch Vorſicht kann nie ſchaden, denn es ſind viele Leute hier. Wir haben einen kleinen Schmaus, einen kleinen vierteljährigen Schmaus hier, Mr. Curſeon, um uns in Geſellſchaft zu vergnügen und eine Kleinigkeit für das iriſche Collegium in Rom einzuſammeln, allwo wir ſelbſt einen oder zwei No⸗ vizen haben.“ „Alſo jedenfalls ſo gut wie eine Betfahrt, und noch mehr Getränke,“ flüſterte ſie mir in's Ohr. „Und nun“ fuhr der Prieſter fort,„müſſen Sie mir erlauben, Sie beide umzutaufen; es wird dies dem Zwecke unſers Zuſammenſeins keinen Eintrag thun; auch bin ich überzeugt, Mr. Curſeon, daß Sie bei dem Tauſche, der blos ein paar Stunden gültig iſt, nichts verlieren werden, denn Sie ſollen einen anſtändigen Namen erhalten.“ 4 Dca ich keine Möglichkeit ſah, gegen dieſen Vor⸗ ſchlag etwas einzuwenden, und Curzon eben ſo wenig, *) Curſeon= Flucher. A. d. U. 99 indem unſer einziger Wunſch darauf gerichtet war, das für unſers Gegners Sicherheit nothwendige Geheimniß beobachtet zu wiſſen, ſo gaben wir ſogleich unſere Ein⸗ willigung, worauf Vater Malachi mich bei der Hand nahm, aber mit einer ſolch totalen Veränderung in ſei⸗ nem ganzen Weſen und Benehmen, daß ich hierüber ganz verblüfft war; er führte mich der Geſellſchaft mit jener zeremoniöſen, von Komplimenten überſtrömenden Ehrerbietung vor, welche ich oft bei Sir Charles Ver⸗ non bewundert habe, wenn er irgend eine ſtolzaufge⸗ donnerte, reiche Wittwe durch die Labyrinthe eines Me⸗ nuets geleitete. Eine beinah unwiderſtehliche Lachluſt überkam mich, als der ehrwürdige Vater eine Arms⸗ länge von mir ſtand, immer meine Hand haltend, und ſich vor der Geſellſchaft verneigend, ungefähr nach Art eines Theaterdirektors, der eine erröthende Debütantin dem Publikum vorführt. Noch einen Augenblick und ich hätte unvermeidlich ein ſchallendes Gelächter aufge⸗ ſchlagen, wenn ich nicht zu meinem unendlichen Schreck gehört hätte, daß der Prieſter mich der Geſellſchaft als ihren vortrefflichen, würdigen, großherzigen und patrio⸗ tiſchen, jungen Gutsherrn, Lord Kilkee, vorſtellte. „Bringt ihm ein freudiges Lebehoch, ein dreifaches Lebe⸗ hoch!“ und gewiß, nie hat Jemand eine ſolche Auffor⸗ derung durch ſein eigenes Beiſpiel emfiger unterſtützt; denn er erhob jetzt ein Huſſah, daß ich glaubte, es müſſe ihm ein Blutgefäß ſpringen; auch darf ich wohl hinzufügen, ich wünſchte es beinahe, denn die Namens⸗ täuſchung, die er ſich erlaubte, war mir unausſtehlich ärgerlich; ich wartete mit heftiger Ungeduld, bis das Getöſe und Geſchrei ſich ein wenig gelegt hätte, um dann die Ankündigung des Prieſters Sylbe für Sylbe zu widerlegen und, koſte es, was es wolle, die Folgen meiner Umtaufung zu beſeitigen. Hiezu wurde ich durch viele gebieteriſche Gründe aufgefordert. Bei meiner Stellung zur Familie Callonby konnte es leicht ruchbar werden, wenn ich mir in einem ſolchen Zeitpunkt ihren 100 Namen anmaßte, und die Folgen davon mußten mein unvermeidliches Verderben ſein; zudem ſah ich, unab⸗- hängig von meinem natürlichen Widerwillen, auf ſolche Art unter falſcher Flagge zu ſegeln, daß Curzon ſich die größte Gewalt anthun mußte, um ſich nicht über die mir zu Theil gewordene Lobpreiſung halb todt zu lachen, und, ſo groß war meine Furcht vor dem ridii- eule, ich dachte mir ſchon, was für ein artiges Ge⸗ ſchichtchen er an unſrer Tafel auf meine Koſten preis⸗ geben werde. Ich erhob mich, um zu antworten, ob Vater Malachi mit ſeinem ſchnellen Blick meine Abſicht errieth oder nicht, darüber weiß ich nichts Beſtimmtes zu ſagen, gewiß aber iſt, daß er entſchloſſen war, mein Manoeuvre zu vereiteln, und daß es ihm glückte, denn während er mit der einen Hand der Geſellſchaft ein Zeichen zum Schweigen gab, hielt er mit der andern, jedoch ohne ſonderlichen und übertrieben gemeſſenen Re⸗ ſpekt, Curzon feſt und ſtellte ihn als Mr. Mac Meesh, den neuen ſchottiſchen Rentmeiſter und Oberinſpektor vor, ein Titel, der in Beziehung auf Popularität um dieſe Zeit mit dem eines Zehnteinziehers oder Acciſers wetteifern konnte. Dieſe Taktik bereitete dem armen Adjutanten, der einen Augenblick zuvor noch über mich gelacht hatte, ein ſo böſes Spiel, daß ich meinen ei⸗ genen Schmerz gänzlich vergaß und mich mit convul⸗ fiviſcher Freudigkeit über ſeine Lage niederſetzte— eine Empfindung, die ſicherlich um nichts geſchwächt wurde, als ich ſah, wie Curzon gleich einem Gemeindearmen von Einem am Tiſch zum Andern ging, bis er endlich ganz unten ein Aſyl fand, unmittelbar neben dem herz⸗ gewinnenden Mr. Donovan, eine Nähe, die, nach den Geſichtern der Betheiligten zu urtheilen, Keinem von beiden ſehr erwünſcht war. 3 Während dies aufgeführt wurde, begrüßte Dr. Fi⸗ nucane Mehrere aus der Geſellſchaft, denen er von ſeinen Beſuchen aus der Nachbarſchaft her ſchon lange bekannt war. Ich nahm jetzt meine Stelle rechts von 101 dem Vater ein, nachdem ich für den Augenblick allen Abſichten, die mir zugedachte Ehre abzuwälzen, entſagt hatte, und der Feldzug ward zeröffnet. Der Prieſter gab ſich nunmehr die größte Mühe, die Unterhaltung wieder in die urſprünglichen Kanäle zu leiten und wo möglich die Aufmerkſamkeit von mir abzulenken, weil er beſtändig fürchtete, ich möchte einige unglückliche Er⸗ klärungen von mir geben. Da ihm ſeine Anſtrengung, die Sachen wieder auf den vorigen Fuß zu bringen, nicht gelingen wollte, ſo richtete er das volle Geſchoß von Aufmerkſamkeiten auf den würdigen Doktor, der zu ſeiner Linken ſaß. „Wie geht es mit dem Prozeß, Fin?“ fragte er; „ſind etwa neue Beweiſe zum Vorſchein gekommen?“ Was Fin antwortete konnte ich nicht hören, aber Vater Malachi erklärte jetzt der Geſellſchaft die einzige Schwierigkeit zwiſchen ſeinem Vetter und dem Rechts⸗ titel auf Kinſale liege in der unglückſeligen Thatſache, daß ſeine Großmutter— Gott habe ſie ſelig— kein Mann geweſen ſei. Dr. Finucane ärgerte ſich ein wenig über die Art, wie dieſes ausgeſprochen wurde, gab aber das Feuer zurück mit der Frage, ob der Biſchof in der neueſten Zeit in der Gegend geweſen ſei. Der Vater ertheilte eine ausweichende Antwort, die meine Neugierde in Be⸗ ziehung auf den Grund ſtachelte, und es bedurfte keiner langen Bitten, um den Doktor zur Erzählung folgen⸗ der Anekdote zu veranlaſſen, woran ſich der hochwür⸗ dige Herr um ſo mehr erlabte, als ſie auf Rechnung von Mr. Donovan ging. „Es find ungefähr vier Jahre,“ begann der Dok⸗ tor,„daß der Biſchof Dr. Plunkett ſich's in den Kopf ſetzte, eine Generalinſpektion vorzunehmen— eine Mu⸗ ſterung, wie wir es nennen würden, Mr. Lor— bei welcher Gelegenheit er, bei Gott! durch die ganze Diö⸗ zöſe zog und weder fern noch nah ein Pfarrhaus ließ, ohne ſeine Naſe hineinzuſtecken und zu ſehen, wie es 102 darin zuging. Er hörte gar ſeltſamliche Geſchichten von dem hochwürdigen Herrn hier, und ſo kam er denn eines Morgens im Juli auf einem alten, grauen Mieth⸗ klepper angeritten, ohne ſich in irgend etwas von jedem beliebigen ältlichen Gentleman in einem abgetragenen, ſchwarzen Gewande zu unterſcheiden. Als er in die Nähe des Dorfes kam, griff er einen jungen Burſchen auf, um ihm den nähern Weg über's Feld nach dem Hauſe hier zu zeigen, und da Se. Lordſchaft ein ſchar⸗ fer und gar feiner Herr war, ſo hielt er unterwegs ſein Auge für Alles offen, bemerkte dies und notirte ſich das.“ „Biſt Du auch regelmäßig in Erfüllung Deiner Pflichten, mein Sohn?“ fragte er den Jungen. „Ja freilich, ich laſſe keinen Sonntag hinaus,“ erwiederte dieſer,„und ſo lange ich Ew. Hochwürden Pferd führe, bete ich die ganze Zeit!“ Se. Lordſchaft ſprach eine kleine Weile nichts mehr, dann aber murmelte er zwiſchen den Zähnen:„O, bloße Verleumdung, nichts als Verleumdung und Lügenge⸗ webe.“ Dieſes Selbſtgeſpräch wurde veranlaßt durch die Bemerkung, daß aus jeder Hausthüre, an welcher er vorbei kam, oder aus jeder Hütte, zwei bis drei Kinder heraushüpften, aber alle mit den feinſten, rothen Köpfen, die er je in ſeinem Leben geſchen hatte. 4 „Wie kommt das, mein Sohn,“ ſagte er endlich; „die Leute erzählen gar ſeltſame Geſchichten vom Va⸗ ter Malachi, und ich ſehe ſo viele von dieſen Kindern mit rothen Haaren. Vater Malachi iſt doch ſchwarz.“ „Sehr richtig,“ verſetzte der Junge,„Vater Ma⸗ lachi iſt ſchwarz, aber der Coadjutor!— der Coadju⸗ tor iſt fuchsroth.“ 3 Als das Gelächter, das dieſe Geſchichte veranlaßte, ſich ein wenig gelegt hatte, rief Vater Malachi:„Mi⸗ ckey Oulachan! Mickey, reicht einmal Sr. Lordſchaft die Spezerei herüber“— ſo nannte er eine viereckige Karaffe, die etwa zwei Quart Whiskey enthielt und 7 103 eine mit Zucker hoch aufgefüllte Bowle—„Mickey iſt ein anſtändiger Junge, Mylord, und es freut mich ſehr, daß ich Gelegenheit habe, Sie mit ihm bekannt zu machen.“ Ich verbeugte mich herablaſſend, während Mr. Oulachan's Augen gleich Diamanten funkelten. „Seine Pachtzeit dauert nur noch zwei Jahre, und ft hf 3 ganzes Neſt voll Kinder,“ fuhr der Prie⸗ er fort. „Verlaſſen Sie ſich darauf, ich werde ihn nicht vergeſſen,“ ſagte ich. „Hirt Ihr das!“ rief Vater Malachi, einen trium⸗ phirenden Blick über den ganzen Tiſch hinwerfend, an welchem man jetzt auf einmal die aller devoteſten Re⸗ densarten hörte, wodurch man ſich bei Prieſter und Pa⸗ tron zu empfehlen ſuchte. Was mich betrifft, ſo habe ich mich berlits zu meiner Hauptſünde bekannt, nämlich zu einer unglüͤckſeligen, unwiderſtehlichen Neigung, mich von der Laune des Augenblicks hinreißen zu laſſen: und ich war ſo emſig und geſchäftig, dem guten Mickey Oulachan eine Raſe zu drehen, als ob meine eigene Perſon bei dem Spaße nicht ſehr betheiligt geweſen wäre. Ich war wieder völlig in meine alte Gewohn⸗ heit hineingeſchleudert, und nichts konnte mich hindern, weiter zu gehen. Die verſchiedenen Individuen am Tiſch wurden mir Eins um's Andere vorgeſtellt und rückten mit ihren mancherlei Bedürfniſſen heraus, zugleich aber auch mit einem unbedingten Vertrauen auf meine Macht, den⸗ ſelben abzuhelfen, einem Vertrauen, dem ich mit der entſprechenden Bereitwilligkeit entgegen kam. Ich ließ Jedem von den Anweſenden etwas vom Zinſe nach. Ich gab alle Gefangenen frei, ein Gnadenakt(ich ſchäme mich, es zu ſagen), welcher der anweſenden Geſellſchaft ausnehmend wichtig zu ſein ſchien. Ich verzichtete auf alle rückſtändigen Zinſe— ich führte eine neue Straße durch ein unpaſſirbares Moorland und über einen un- zugänglichen Berg auf— ich ſchaffte Waſſer für eine 104 Mühle, die, wie ich am andern Morgen erfuhr, im⸗ mer nur vom Winde getrieben wurde. Kaum hatte die Karaffe ihren dritten Rundgang am Tiſche vollendet, als ich keck und dreiſt behaupten konnte, das populärſte Exemplar der ganzen Pairſchaft zu ſein, welches je den„fernen Weſten“ beſucht hat. Während ich nach allen Seiten hin durch mein Wohlwollen Glück und Vergnügen ſchuf, wurde ich von Vater Malachi unter⸗ brochen, den ich bereits auf den Beinen ſah, um eine glühende Lobrede auf ſeines Vetters letztes Regiment, das famoſe North Cork, zum Beſten zu geben⸗ Das war ein Corps!“ ſagte er.„Beſahl man ihnen etwas, ſo ließen ſie nie mehr davon ab; und als ſie daher Ordre erhielten ſich von⸗Wexfor zurückzu⸗ ziehen, da kümmerten ſie ſich nichts, wie ſo manches andere Regiment, um die Annehmlichkeiten der Bagage, ſondern warfen alles weg bis auf ihre zinnerne Fla⸗ ſchen und machten nicht eher Halt, als bis ſie nach Roß kamen, fünfzehn Meilen weiter, als der Feind ih⸗ nen folgte. In der Nacht aber, als ſie ermüdet und erſchöpft von ihren Anſtrengungen, wie man ſich's wohl denken kann, alle zuſammen im Bette lagen und ein junger Tambour im Schlafe ausrief:„Da find ſie— ſie kommen!“ Da ſprangen ſie alle auf, liefen in ih⸗ ren Hemden davon und rannten zwei Meilen über die Stadt hinaus, bis ſie endlich erfuhren, daß es ein blin⸗ der Lärm war.“ Ein lang anhaltendes ſchallendes Gelächter folgte der prieſterlichen Lobrede auf des Doktors Regiment, und wirklich ſtimmte dieſer ſelbſt von ganzem Herzen in die Freude ein, wie er wohl thun konnte, da er ſah, daß ein beſſeres, bräveres Regiment als das North Cork niemals in Irland geſtanden hatte. „Gut,“ ſagte Fin,„man ſieht wohl, Sie können's nicht vergeſſen, was dieſe Herren in Maynooth thaten.“ Vater Malachi ſtellte alle perſönlichen Empfindun⸗ gen in Beziehung auf dieſe Angelegenheit in Abrede, 105 und ich wurde endlich mit folgender Erzählung erfreut, welche ich zu meinem großen Bedauern nicht in des Doktors eigenem Wortkram mittheilen kann, da ich fie überhaupt, wie beinahe immer, aus dem Gedächtniß niederſchreibe, ſo vermag ich bloß den Hauptinhalt wie⸗ derzugeben.— Es war gegen das Ende des Jahres 98— unruhevollen Andenkens— daß die Herren des Regi⸗ ments NorthCork zweifelsohne ihrer Sünden halber Befehl erhielten, aus ihren angenehmen Quartieren in Fermoy wegzumarſchiren und in der Stadt Maynooth Poſto zu faſſen— ein ſehr bedeutender Umſchlag des Glücks für eine Klaſſe von Gentlemen, welche die Freuden der Tafel ungemein hoch ſchätzen und mit einer ſehr heitern Nachbarſchaft herrlich und in Freuden gelebt hatten. Fermoy wimmelte von Adeligen; Maynooth hatte um dieſe Zeit nur wenige oder gar keine, mit Ausnahme Sr. Gnaden von Leinſter; dieſer Herr aber lebte ſehr eingezogen und ſah keine Geſellſchaft. Maynooth war ein albernes, langweiliges Neſt— es gab da weder ſchöne Mädchen noch Bälle— in Fermoy dagegen ging es, um mich der Ausdrücke des Doktors zu bedienen, die ich mir wohl bemerkt habe, hoch her; es waren da allerliebſte junge Ladies, die ihre Schnupftücher in Beuteln trugen und mit den Offizieren tanzten. Sie waren noch nicht diele Wochen in ihren neuen Quartieren geweſen, als ſie ſich über die Veränderung ihres Schickſals zu grämen begannen, und mit einem Gefühl der Freude, das ſie wenige Monate vorher un⸗ begreiflich gefunden haben würden, machten ſie die Entdeckung, daß einer von ihnen einen jungen Prieſter im College zum Bruder hatte: er führte dieſen bei ei⸗ nigen ſeiner Kameraden ein und das natürliche Ergeb⸗ niß blieb nicht aus. Es begannen jetzt gegenſeitige Beſuche zwiſchen dem Regiment und ſolchen Mitglie⸗ ern des Collegs, welche Erlaubniß hatten, die Ring⸗ mauern zu verlaſſen, und die nun, als mit der Zeit 190699 die Bekanntſchaft zur Vertraulichkeit berangereift war, ſehr natürlich die Küche des North Cork der magern Koſt des Refectoriums vorzogen. Zuletzt ging ſelten ein Tag vorbei, ohne daß einer oder zwei der hoch⸗ würdigen Herrn ſich als Gäſte bei der Offtzierstafel einfanden. Die North Corker waren ſehr gaſtfreundli⸗ cher Natur und die Patres ſchienen entſchloſſen zu ſein, dieſe Tugend nicht aus Mangel an Uebung verroſten zu laſſen; ſie blickten nur ſo geſchwind auf einen Augenblick herein, um dem Kapitän O'Flaherty über die Crlaub⸗ niß, auf der Domäne zu ſchießen, ein Wörtchen zu ſa⸗ gen, oder hatten ſie von dem Herzog einen frankirten Brief an den Oberſten zu überbringen, oder ſonſt ei⸗ nen ebenſo dringenden Grund; und ſie wußten es im⸗ mer ſo einzurichten, daß das Roaſtbeef ſie mitten in einer höchſt drolligen Geſchichte überraſchte. Dann ge⸗ nügte ſehr weniges Bitten— eine kurze Entſchuldi⸗ gung wegen der Unregelmäßigkeit der Toilette, und nach einigen Minuten ſaßen ſie ohne weitere Kompli⸗ mente von beiden Seiten zu Tiſche. Unter den Lieblingsgäſten aus dem College waren beſonders zwei ſehr hoch geſchätzt— der Profeſſor Hu- maniorum, Pater Luke Mooney und der Abbé d'Ar⸗ ray, Dozent der Moralphiloſophie und der ſchönen Wiſ⸗ ſenſchaften; luſtigere Geſellen und ächte Kneipgenies, als dieſe beide, hat es aber auch gewiß nicht leicht ge⸗ geben. Der Humaniſt war ein drolliger Kerl, Mitglied des Curranklubs und mehrerer ähnlicher Geſellſchaften; er erzählte die beſten Geſchichten und ſang die ſchön⸗ ſten Liedchen;— der Moralphiloſoph gehörte zwar ei⸗ nem andern Schlage an, war aber gleichfalls ein höchſt angenehmer Geſellſchafter, ein Irländer, der in ſeiner Jugend nach St. Omer verpflanzt worden war und auf ſeinen vaterländiſchen Humor noch einen anſehnli⸗ chen Theil franzöſiſcher Lebhaftigkeit und Schlagfertig⸗ keit in Witzen gepropft hatte— das waren die zwei Herren, die bei allen feſtlichen Veranſtaltungen dieſes 4967 jovialen Regiments die erſte Rolle ſpielten und zuletzt eben ſo regelmäßig an der Tafel ſaßen, wie der Ad⸗ jutant und der Zahlmeiſter; auch hätten ſie dieß noch lange ſo forttreiben können, hätte nicht das Glück, das mit ſeinem mehlthauähnlichen Einfluß auf das Herz weder Prieſter noch Laien verſchont und gegen Mänuſe (ſiehe Aeſops Fabeln) und Moralphiloſophie gleich ſtreng iſt, ſie wirklich ganz abſichtlich der Vernunft beraubt und ins Verderben gelockt. Ihr fragt natürlich, was ſie denn thaten? Wagten ſie etwa Anſpielungen auf den Rückzug nach Roß? Nichts von der Art. Erin⸗ nerten ſie vielleicht in dem Uebermuth, welchen der Wein eingibt, durch Worte, Thaten oder Winke an den wohlbekannten Befehl ihres Oberſten, als er im Phönix ſein Regiment muſterte und, nachdem er es zwei Schritte hatte zurücktreten laſſen, an der Gaſſe rief: Halt, richt Euch! Fern ſei dieß von ihnen: ob⸗ ſchon jeder dieſer beiden Mißgriffe leicht erfunden wor⸗ den wäre gegen ihr wirkliches Verbrechen.“„Nun worin beſtand denn dieß? Sagen Sie's einmal.“„Ja, ſie ermaßen ſich, horresce referens, den Major an der Offizierstafel zu hänſeln!— Nun war der Major John Jones erſt kürzlich aus dem Derry⸗Regiment zum North Cork verſetzt worden. Er war ein heißgräthi⸗ ger Orangiſt und Vicepräfident mehrerer dahin ein⸗ ſchlagender Vereine. Als Schuljunge brach er das Bein, als er am 12. Juli im College⸗green ein orange⸗ farbiges Schnupftuch um König Wilhelms erhabenen Nacken binden wollte, und zu drei verſchiedenen Malen hatte er an dieſem berühmten Jahrestag die Thore von Derry mit ſeinen eigenen loyalen Händen geſchloſſen, mit einem Wort, er war ein Kerl, der, wenn ſeine Kirche ihm eine Buße auferlegt hätte, eine Expedition nach Jeruſalem auf den bloßen Knieen als eine ſehr leichte Strafe betrachtet haben würde für das auf ſei⸗ nem Gewiſſen laſtende Verbrechen, daß er mit zwei weltlich geſinnten Prieſtern aus Maynooth an der Ta⸗ 108 fe ſaß und ihnen wie der übrigen Geſellſchaft vor⸗ nitt. Dem armen Major Jones wurde indeß ein ſolcher Troſt nicht zu Theil, und der nagende Wurm fraß ſich tiefer und tiefer in ſein gramgebeugtes Herz. In den drei oder vier Wochen ihrer vertrauten Bekanntſchaft mit ſeinem Regiment litt er trotz einem Märtyrer. Seine Geſtalt ſchwand dahin, ſeine Farbe nahm eine tiefere Schattirung von Orange an, und alles umher verkündete, daß es bald ein Avancement im Corps ge⸗ ben werde, denn der Major werde demnächſt die Welt ſammt ihrer Pracht und Eitelkeit verlaſſen. Er fühlte, daß es hier mit ihm zu Ende gehen mußte, und ſann daher auf eine Verſetzung, die aber bei den Verhält⸗ niſſen ſeines dermaligen Quartiers nicht zu Stande kam. Ueberwältigt von Gram wurde er endlich, wahr⸗ ſcheinlich weil ſein Geiſt durch ſolch eine beſtändige 5 Reibung ſich etwas glatter abgeſchliffen hatte, allem Anſcheine nach ruhiger; aber es war blos die Ruhe eines gebrochenen, lebensmüden Herzens. So ſtand es um den Major Jones zur Zeit, als der leibhaftige Satan ſelbſt den hochwürdigen Vätern Mooney und d'Array den Gedanken eingab, ihn zur Zielſcheibe ih⸗ rer Spöttereien auszuerſehen. Zuerſt konnte er ſich gar nicht darein finden; das Ding war unglaublich— unmöglich; aber als er an dem Tiſch umherblickte, als er das lang andauernde, lärmende Gelächter hörte; als er hörte, wie einer dem andern ſeinen Namen über die Tafel zuwarf, mit einem ſchlechten Witz daran gehef⸗ tet, wie man einen zinnernen Keſſel einem Hund an den Schwanz heftet, da erwachte er zum ganzen Be⸗ wußtſein ſeines Elends— der Kelch war übervoll. Das Schickſal hatte ſein Schlimmſtes über ihn ver⸗ hängt, und er hätte mit Lear ausrufen mögen: Speie, Feuer, ſtröme herab, Regen! Für ihn gab es kein weiteres Mißgeſchick mehr. Ein mit Trommelgewirbel über ihn zuſammenge⸗ 109 rufenes Kriegsgericht— ein Wink, ſeine Stelle zu verkaufen— der Urtheilsſpruch: aus dem Dienſte ent⸗ laſſen, wären Calamitäten geweſen, über die man ra⸗ ſend werden könnte, und er hätte ſie wie ein Mann ertragen; aber daß ihm, dem Major John Jones, Vicepräſidenten mehrerer orangiſtiſchen Vereine, ihm, der auf das Andenken des Frommen, Glorreichen, Un⸗ ſterblichen getrunken, ihm der rittlings auf der großen Kanone von Athlone geſeſſen hatte, ein ſolcher Schimpf widerfahren ſollte! Ach und abermals ach! Mit tie⸗ fer Betrübniß zog er ſich dieſe Nacht auf ſein Zimmer zurück, er träumte, die Statue Wilhelms III. habe der ungeſtalten Figur Leo's Platz gemacht, und daß Lundy jetzt ſtehe, wo ſonſt Walker geſtanden. In ei⸗ nem Augenblick des Enthufiasmus ſprang er aus ſei⸗ nem Bette, gelobte Rache und er hielt, was er ge⸗ lobt hatte. An dieſem Tage hatte der Major den Felddienſt. Die verſchiedenen Patrouillen, Schildwachen, Pikete und andere Poſten ſtanden alle unter ſeiner ſpeciellen Aufſicht; und man bemerkte, daß er ſich beſondere Mühe gab, die Mannſchaft für den Nachtdienſt auszuwählen, der bei der vorwiegenden Ruhe und Friedſamkeit der Zeit im Uebrigen nicht ſo ſcharf eingehalten wurde. Der Abend kam näher und Major Jones begab ſich, als er den wohlbekannten Trommelruf vernahm, zur Offizierstafel. Seine Collegen kamen einer um den andern, und getreu wie die Magnetnadel dem Pol, erſchienen auch der Pater Mooney und der Abbé. Sie wurden mit der gewöhnlichen Wärme bewillkommt und auffallend genug von keinem mehr, als dem Major ſelbſt, deſſen Heiterkeit keine Grenzen kannte. Wie der Abend vorüberging, damit will ich mich nicht aufhalten: es genüge die Erklärung, daß ſelbſt das North Cork ſich nie eines ſolchen Schmauſes erfreut hatte, der mit glänzendern Witzen und luſtigern Späſ⸗ ſen gewürzt worden wäre. Pater Luke war in der 110 roſenfarbigſten Laune: er gab ſeine drolligſten Geſchich⸗ ten zum Beſten, und der Abbé ſang ein neues Trink⸗ lied, um welches Béranger ihn beneiden dürfte. „Was fällt Ihnen ein, mein beſter Pater d'Ar⸗ ray?“ ſagte der Oberſt.„Sie werden doch noch nicht aufbrechen wollen; es iſt eben ein friſches Fäßchen Port⸗ Pen zängelangt; bitte, bleiben Sie noch ein wenig ſitzen.“ „Es thut mir unendlich leid, mein lieber Oberſt, aber wir müſſen fort; es hat ſo eben halb geläutet, und wir müſſen vor zwölf innerhalb des Thores ſein. Aufrichtig geſtanden, der Superior macht ſich allerhand unnütze Gedanken über unſere fleiſchlichen Vergnügungen, wie er unſere unſchuldige Freude nennt, und deßhalb müſſen wir auf unſerer Hut ſein.“ „Nun gut, wenn es ſein muß, ſo wollen wir uns nicht der Gefahr ausſetzen, um einer einzigen Stunde willen Ihre Geſellſchaft ganz zu verlieren; darum noch ein Glas auf unſer nächſtes Zuſammentreffen, auf mor⸗ gen nämlich, und nun, mein beſter d'Array, auf Wie⸗ derſehen!“ Die würdigen Patres leerten ihre Gläſer, nahmen ſofort einen ungemein herzlichen Abſchied von ihren freundlichen Wirthen und entfernten ſich in Geſellſchaft des Majors Jones, welcher darauf beſtand, ſie ein Stück Wegs zu begleiten, da, wie er vernommen, die Schildwachen an einigen Plätzen verdoppelt und alle üblichen Vorſichtsmaßregeln gegen eine Ueberrumpelung getroffen worden ſeien. So ſehr dieſe höfliche Auf⸗ merkſamkeit die Gegenſtände derſelben überraſchte, ſo wunderten ſich doch die übrigen Herrn Offiziere noch mehr darüber, und kaum ſahen ſie, daß der Major mit ſeinen Begleitern weg war, ſo brachen ſie alle in Maſſe auf, um zu ſehen, welches Ende dieſe höchſt neue und unerwartete Gefälligkeit nehmen würde. Als die Prieſter an das Thor des Kaſernenhofes kamen, wandten ſie ſich wieder, um dem Major ihren 111 Dank abzuſtatten und ihn von Neuem zu bitten, er möchte ſich doch keinen Schritt weiter bemühen.„Nun, Major, von da an wiſſen wir den Weg ganz vor⸗ trefflich, geben Sie uns alſo die Parole und ſetzen Sie ſich nicht länger der Nachtluft aus.“ „Ja, ja, beſter Jones,“ fügte der Abbé hinzu, „bitte, kehren Sie jetzt um; wir ſind ſchon ſo gut wie zu Hauſe. Dieſe wackern Leute, die North Corker kennen uns bereits.“ Der Major lächelte und wollte ihnen durchaus ſeine weiteren Dienſte anbieten, bis ſie an den Piketen vor⸗ über wären, allein die hochwürdigen Herrn gaben dies ſchlechterdings nicht zu. „„Alſo noch die Parole und dann brauchen wir weiter nichts mehr,“ ſagte Pater Luke. „Gut denn, verſetzte der Major im ernſteſten Tone, und er war von Natur ernſthaft,„ſo ziehen Sie ihres Wegs, aber vergeſſen Sie ja nicht laut zu rufen, denn die erſte Schildwache iſt ein wenig taub und obendrein ein ſehr bösartiger hitziger Geſelle.“ „Seien Sie unbeſorgt,“ meinte Pater Mooney lachend:„ich wette darauf, er ſoll mich ſchon hören.“ „Nun wohlan, die Parole für heute Nacht iſt: blutiges Ende dem Pabſt— vergeſſen Sie es nicht: blutiges Ende dem Pabſt,“ und mit dieſen Worten ſchlug er die Thüre zwiſchen ſich und den unglücklichen Prieſtern zu; ſie hörten ihn Riegel um Riegel vor⸗ führnen und dabei gleich dem Satan über ſeine Rache achen.. „‚Daß Dich das böſe Kreuz, Major Jones,“ war die ſchwache, kaum hörbare Herzensergießung des Pa⸗ ter Luke, als er ſich ſo weit geſammelt hatte, daß er wieder ſprechen konnte. „Sapperment, da ſind wir in einer ſchönen Patſche,“ meinte der Abbe, der über die Eigenthümlichkeit dieſer Lage kaum das Lachen verhalten konnte. „Es läutet ſchon Viertel, wir haben keine Zeit 112 mehr zu verlieren— Major Jones, beſter Herzens⸗ major! bitte, bitte, ruiniren Sie uns doch nicht— da finde ſich jetzt Einer wie ein anſtändiger Kerl heraus— der Teufel ſoll ihn holen, er iſt fort. Uebrigens können wir nun einmal nicht die ganze Nacht im Regen da⸗ ſtehen, um am andern Morgen noch obendrein weg⸗ gejagt zu werden— deßhalb kommen Sie.“ Sie wankten ein paar Minuten ſchweigend fort, bis ſie an den Theil der Mauer kamen, wo die erſte Schildwache ſtand. Die Offiziere hatten ſich inzwiſchen unter Anführung des Majors ſachte zum Thore hinaus⸗ geſchlichen und folgten ihnen in einer angemeſſenen Entfernung. Die Patres waren ſtehen geblieben, unt ſich zu berathen, was ſie in dieſem mißlichen Nothfalle thun ſollten— aber ihr Geflüſter mußte gehört worden ſein, denn die Schildwache rief jetzt aus rauher Kehle ein barſches: Wer da? 3 „Der Pater Luke Mooney und der Abbé d'Array“ antwortete der erſtere in ſeinem freundlichſten, ein⸗ ſchmeichelndſten Tone, eine Eigeuſchaft, die er in höchſt ausgezeichnetem Grade beſaß. „Halt, die Parole!“ „Wir kommen von den Herrn Offizieren und gehen nach dem College zurück,“ ſagte Pater Mooney, dieſem Begehren ausweichend und dabei allmälig vorwärts gehend. „Halt oder ich ſchieß!“ rief der North Corker. Pater Luke hielt an, während ein: heilige Mutter Gottes! das er zwiſchen den Zähnen murmelte, ſeine Herzensangſt und Bangigkeit verrieth. „Was ſollen wir thun, d'Array?“ „Die Parole!“ wiederholte die Schildwache, deren Figur ſie etwa dreißig Schritte von ſich im Dunkeln bemerken konnten. „Ach laßt uns doch paſſiren, guter Kamerad, Ihr ſollt dafür zeitlebens an Pater Luke einen Freund ha⸗ 113 ben, an den Ihr Euch in der Noth wenden könnt; verſteht Ihr mich?“ Ob der Soldat ihn verſtand oder nicht, jedenfalls achtete er nicht darauf, denn ſeine einzige Antwort war das kurze Klappen ſeines Hahns, das der Vorbereitung zum Feuer vorangeht. „Nun hilft Alles nichts mehr, ich ſehe, das iſt ein wahrer Heide. Hol' der Teufel den Major!“ und das ſagte er in der Fülle ſeines Herzens ganz laut. „Das iſt die Parole nicht,“ erklärte die unerſchüt⸗ terliche Schildwache, den Flintenkolben auf den Boden ſtoßend mit einem Getöſe, das die Herzen der Prieſter mit Tovesangſt erfüllte. „Hum, hum, hum— dem Pabſt,“ ſagte Pater Luke, nur die letzten Worte deutlich ausſprechend nach der bewährten Praxis eines Dubliner Nachtwächters, der, wenn er durch die letzte Poſt aus ſeinen Träu⸗ men von Schmauſereien und Händeln aufgeweckt wird und nicht weiß, ob es zwölf oder drei geſchlagen hat, das Wort Uhr mit einem langen ſonoren Schnörkel ſingt, welcher alle Bürgersleute aus dem Schlafe weckt, ohne daß ſie wiſſen, woran ſie ſind. 3 „Lauter!“ rief die Schildwache in ungeduldigem Tone. „——— dem Pabſt.“ „Ich höre den Anfang nicht.“ „Nun dann,“ ſagte der Prieſter mit einem Seuf⸗ zer, der jedes andere Herz als das einer Schildwache hätte ſchmelzen müſſen,„Mutiges Ende dem Pabſt“ und mögen die Heiligen im Himmel es mir verzeihen, daß ich's ſage.“ 1 „Noch einmal!“ ſchrie der Soldat, nund nichts gemurmelt.“ „Blutiges Ende dem Pabſt,“ rief Pater Luke in bitterer Verzweiflung. „Blutiges Ende dem Pabſt wiederholte echogleich der Abbé... Bekenntniſſe Lorrequers. I. 8 1 115 Sammlung zu beantragen. Er nahm von einem Sei⸗ tentiſch einen Teller, ſtellte ihn vor ſich und hielt dann eine ſehr kurze, aber ungemein eindringliche Rede an die Geſellſchaft, worin er den Zweck des Inſtituts, als deſſen Sachwalter er auftrat, auseinanderſetzte und mit folgenden Worten ſchloß:— Und nun gibt ein Jeder, was er mag und ſo viel er nach ſeinen Mitteln er⸗ übrigen kann. Dieſe Mahnung hatte, wie die Moral einer Ein⸗ kommenstare, zur unmittelbaren Wirkung, jeden ein⸗ zelnen auf ſeinen Nachbar aufmerkſam zu machen und die bereits aufgeregten Geiſter zu hohem Spiele auf⸗ zureizen, wobei nicht die mindeſte Ausſicht auf Gewinn lühte. Der Teller wurde zu Ehren meines Rangs zuerſt mir überreicht, und nachdem ich eine Handvoll kleinen Silbers hineingelegt hatte, ließ der Prieſter die Münze durch ſeine Finger laufen und rief: „Fünf Pfund zum Mindeſten! kein Heller weniger, ſo wahr ich ein Sünder bin, da ſchaut her, ſeht ein⸗ mal, man ſagt, die vornehmen Herren kümmern ſich nichts um Euresgleichen, aber nun überzeugt Euch ſelbſt. Darf ich Ew. Lordſchaft bemühen, den Teller Mr. Ma⸗ hanh zu überreichen?— Er iſt ungeduldig, wie ich ehe.“ Mr. Mahony, an welchem ich ſehr wenig von der betreffenden Ungeduld gewahrte, war ein grimmig drein⸗ blickender alter Chriſt in einer haſenhärenen Weſte mit langen Klappen, und ſtöberte wenigſtens fünf Minuten in den Winkeln ſeiner Hoſentaſche umher, bis er end⸗ lich drei Schillige hervorzog, welche er mit einem Tone, der meines Dafürachtens ſehr viel Seufzerähnliches hatte, auf den Teller legte. „Sechs Schillinge und ſechs Pence, nicht wahr? oder fünf Schillinge? Alles gleich, Mr. Mahony, und ich werde die Kleinigkeit nicht vergeſſen, von der wir heute früh ſprachen;“ dabei lehnte er ſich zu mir hin⸗ über, wie wenn er eine Fürbitte bei mir einlegen wollte, ——— 114 „Paſſirt blutiges Ende dem Pabſt und gute Nacht,“ ſagte die Schildwache, ihren Spaziergang wieder an⸗ tretend, während ein lautes, lärmendes Gelächter hin⸗ ter ihnen den unglücklichen Prieſtern verkündigte, daß Zeugen ihrer Demüthigung vorhanden waren, und daß die Geſchichte am folgenden Morgen unausbleiblich die Runde durch die ganze Stadt machen werde. Ob nun die Strafe für ihre Ketzerei ſo lange an⸗ dauerte, oder ob ſie nicht mehr Muth genug gewannen, ihrem Verfolger unter die Augen zu treten, ſo viel iſt gewiß, das North Cork bekam ſie nimmer zu ſehen, auch ſah man ſie nie mehr aus den Mauern des Col⸗ lege heraustreten, ſo lange dieſes Regiment in May⸗ nooth lag. Major Jones ſelbſt und ſeine Verbündeten konn⸗ ten ſich nicht herzlicher an dieſer Geſchichte erlaben, als die Geſellſchaft, welcher der Doctor ſie erzählte. Bei weitem der größte Theil des Ergötzlichen daran lag indeß in ſeiner unnachahmlichen Darſtellung und der bewundernswürdigen Mimik, womit er den Dialog mit der Schildwache vortrug, und dies muß leider für meine Leſer verloren gehen, wenigſtens für diejenigen von ihnen, welche nicht das Glück haben, ſich der Be⸗ kanntſchaft des Doktors Finucane rühmen zu können. Sofort wurden in unſerer Abendgeſellſchaft einige Lieder von eigenthümlich kräftiger, naturwüchſiger Schön⸗ heit abgeſungen, und die Luſtigkeit nahm eine immer tobendere, lärmendere Geſtalt an, zumal als Vater Malachi ſich erhob und die Raketen ſeines boshaften Witzes rückſichtslos über alle Köpfe, ſelbſt die ſeines Vetters und des Coadjutors nicht ausgenommen, ſprühen ließ. Man war jetzt in dem eigentbümlichen Stadium angelangt, wo ein erfahrener praktiſcher Präſident alle Einmiſchung und jeden Verſuch, die Sache im Geleiſe der Anſtändigkeit zu erhalten, als nutzlos erkennt und Alles ſeinen Gang nehmen läßt; dieſen glücklichen Au⸗ genblick hatte Vater Malachi auserſehen, um eine kleine —— 116 5 in Wahrheit aber, nur um mir in's Ohr zu flüſtern: „Der größte Knicker von Dan bis Berſaba.“ „Wer hat dieſe halbe Guinee in Gold hineinge⸗ legt?“(und diesmal ſprach er die Wahrheit)„Wer? frage ich.“ „Tim Kennedy, hochwürdiger Herr,“ ſagte Tim, mit der einen Hand ſein Haar ſtreichend und mit ſtol⸗ zer Beſcheidenheit dareinblickend. 8 „Tim, Sie machen uns Ehre, das hab' ich ja im⸗ mer geſagt. Er hat ein Anliegen an Sie, Mylord,“ ſagte er, in einer Art Bühnengeflüſter ſich zu mir wen⸗ dend. Ich nickte und murmelte etwas, worauf er ehr⸗ erbietig dankte, wie wenn ſein Geſuch ſchon genehmigt wäre. „Mickey Oulachan— der Lord blickt auf Euch.“ Dies wurde pianissimo über die Tafel hinübergeſagt und hatte die Wirkung, Mr. Oulachan's Geſchenk von fünf Schillingen auf ſieben zu erhöhen— die letzten zwei warf er hinein nach Art eines Spielers, der ſei⸗ nen letzten Coup machen will und Va banque! ruft. „Die Oulachan's waren jederzeit anſtändige Leute— ſehr anſtändige Leute, Mylord.“ „Zum Henker, die Oulachan's waren nie anſtän⸗ diger, als die Molowneys“ rief ein ſchlanker, athle⸗ tiſcher, junger Burſche, indem er drei Kronen hinein⸗ warf mit einer Derbheit, die das ſämmtliche Geld vom DTeller aufhüpfen machte. 3 „Jetzt fangen ſie Feuer,“ ſagte Vater Brennanz „ich will ſie ſich ſelbſt überlaſſen,“ und wirklich glich ſein Eifer, den Teller in die Hände zu bekommen und die Subſcription in's Reine zu bringen, vollkommen der raubgierigen Aengſtlichkeit, womit ich einmal beim Loo⸗ ſpiel eine alte Jungfer einer Poule von dreißig Schil⸗ lingen entgegenblicken ſah, die auf dem Weg zu ihr allzulange in den Händen mehrerer ihrer ſchönen Mit⸗ bewerberinnen verweilte. „Mr. MNeesh“— Curzon war bis dahin ganz 117 unbemerkt geblieben—„Mr. MNeesh, erlauben Sie Ihr gutes, werthes, liebes Wohlſein!“ rief Vater Bren⸗ nan.„Die Herren da wünſchen von Ihnen heute noch Munhes über die ſchottiſche Landwirthſchaft zu er⸗ ahren.“ Der arme Curzon verſtand ſo viel, als nichts von der Oekonomie. Die Anſpielung des Prieſters wurde indeß von der Geſellſchaft unten am Tiſche begierig auf⸗ gefangen, und ſie begann jetzt mit einer Reihe von Fragen über verſchiedene in Schottland übliche Arten zu pflügen u. ſ. w. Seine kurzen, ungenügenden Ant⸗ worten nahmen ſie als eine hartnäckige Verweigerung aller belehrenden Aufſchlüſſe auf; ſie gingen ihm daher immer ſtärker mit Erkundigungen zu Leibe, ſeine Re⸗ pliken wurden immer einſilbiger, und nicht lange, ſo hatte ſich auf beiden Seiten eine bedeutende Mißſtim⸗ mung eingefunden. Der Vater ſah dies, und um jeden unangenehmen Ausbruch zu verhindern, forderte er mit ſeinem gewöhn⸗ lichen Takt den Adjutanten zu einem Geſange auf. Ob nun dieſer blos ein einziges Lied auf der Welt wußte, oder ob er eine bequeme Gelegenheit zu haben glaubte, ſich für den ausgeſtandenen Verdruß zu rächen, weiß ich nicht; aber wahr iſt, daß er ſeinen Humpen auf ei⸗ nen Zug leerte und mit einer zwar nicht überaus lieb⸗ lichen, aber um ſo mehr volltönenden Stimme das Lied vom Boynefluß anhob.*) Kaum war er in der zweiten Zeile an das Wort Schlacht gelangt, auf das er einen beſondern Nach⸗ druck zu legen beabſichtigte, als mit einem Mal das Signal zu einem allgemeinen Kampfe gegeben zu ſein ſchien. Flaſchen, Gläſer, Krüge, Leuchter— ach, auch der Teller mit dem Gelde— flogen nach rechts und *) Boyne, ein Fluß in Irland, an welchem 1690 das Schick⸗ ſal der Stuarts entſchieden wurde. A. d. U. 118 links, urſprünglich zwar freilich alle für den Kopf des unglücklichen Adjutanten gemünzt, aber da ſie dann und wann ihr Ziel verfehlten und mit dem unrechten Manne in Berührung kamen, ſo erheiſchten ſie unausbleibliche Rache und in wenigen Minuten war das Handgemenge vollſtändig. Was des Doktors politiſche Anſichten bei dieſer Gelegenheit geweſen ſein mögen, darüber kann ich keine Vermuthungen aufſtellen, aber er ſchien geneigt, die Rolle eines luſtigen Lord Stanley zu übernehmen und ſich in einer würdevollen Neutralität zu verſchanzen. In dieſer augenſcheinlichen Abſicht ſtieg er auf den Tiſch, vermuthlich, um ſich über das Getöſe und Getümmel des Parteilärms zu erheben, und ſchwang einen Krug voll brühheißen Waſſers, das er mit vollkommener Un⸗ parteilichkeit über die Kämpfer auf beiden Seiten aus⸗ goß. Dieſer Whigſche Verſöhnungsplan ſchien, obſchon wohlgemeint, bei keiner Partei glücken zu wollen, und manches Wurfgeſchoß ward gegen den unglücklichen Dok⸗ tor gerichtet. Mittlerweile hatte ſich Vater Malachi, ſei es nun, daß er dem friedliebenden Inſtinkt ſeines Standes folgte, welcher in unruhevollen Zeiten eine Freiſtätte zu ſuchen pflegt, oder daß er nach alter Ge⸗ wohnheit, Münzen an niedrigen Orten ſuchen wollte (es war nämlich viel von dem Gelde zu Boden gefal⸗ len), alle Mühe gegeben, unter den Tiſch zu gelangen; endlich glückte ihm dies mit einem kräftigen Stoß, aber eben durch dieſen Stoß hob er den Tiſch in die Höhe, zerſtörte dadurch des armen Fin's Gleichgewicht und ſtürzte ihn ſammt dem Krug und Allem mitten in das dichteſte Kampfgewühl, wo ihm jene freundliche Auf⸗ nahme zu Theil ward, die ein Wohlthäter ſeiner Art jederzeit von einem dankbaren Publikum zu gewärtigen hat. Inzwiſchen bemühte ich mich, den armen Curzon zu retten, der auf den Boden gefallen war und einen Zinnabdruck von ſeinen Zügen machen laſſen mußte, denn darauf ſchien die Operation auszugehen, welche 119 ein ſtämmiger Pächter ſo eben mit einem Quartkruge am Geſichte des Arjutanten vornahm. Trotz meiner angeblichen Lordſchaft gelang es mir nur mit bedeutender Kraftanſtrengung, ihn aus ſeiner gegenwärtigen Lage zu erlöſen, und da er vermuthlich der Anſicht war, es ſei jetzt für ſeine Sitzung genug gethan, ſo erlaubte er mir mit großer Bereitwilligkeit, ihn aus dem Zim⸗ mer zu führen. Bald kam auch der Doktor zu uns und half mir meinen armen Freund zu Bette bringen, wor⸗ auf er mich angelegentlichſt erſuchte, zur Geſellſchaft zu⸗ rückzukehren. Dies lehnte ich indeß feſt, obſchon in freundlichen Ausdrücken, ab, worüber er ſich ſehr ver⸗ wunderte und bemerkte—„Sie werden jetzt Alle lamm⸗ fromm ſein, denn ſie glauben, er habe kein ganzes Bein mehr am Leibe.“ 4 Ich ſprach meine Erkenntlichkeit für die chriſtliche Mäßigung der Geſellſchaft aus, ſchützte aber Müdig⸗ keit vor, wünſchte ihm gute Nacht und verfügte mich auf mein Schlafzimmer, deſſen Einrichtung zwar gegen die Pracht meines Gemachs in Callonby gewaltig ab⸗ ſtach, aber mir dennoch für den Augenblick höchſt an⸗ genehm war; ich verſank bald in einen tiefen Schlaf und erwachte erſt am ſpäten Morgen, um mich ver⸗ wundert zu fragen, wo ich ſei: von allen Zweifeln hierüber wurde ich indeß bald erlöst durch den Eintritt der baarfüßigen Haushälterin, die eine Flaſche Soda⸗ waſſer auf einen Tiſch ſtellte und mir außer einem Kom⸗ pliment von dem geiſtlichen Herrn die Nachricht brachte, daß das Frühſtück bereit ſtehe. Nachdem ich ſchnell meine Toilette gemacht, begab ich mich nach dem Geſellſchaftszimmer, das ich, obſchon die letzten Erlebniſſe es meinem Gedächtniſſe wohl hät⸗ ten einprägen ſollen, kaum mehr erkannte. Statt der langen, eichenen Tafel und der ungeheuren Humpen ſtand jetzt am Feuer ein kleines rundes Tiſchchen mit einem ſchneeweißen Tuche belegt, auf welchem in uͤn⸗ erreichtem Glanze ein allerliebſter Theeapparat ſchim⸗ 120 merte. Dem ziſchenden Keſſel auf dem Rücken des Ka⸗ mins gegenüber befand ſich ein Roſt mit drei friſch ge⸗ fangenen Forellen, die unter der Pflege des hochwür⸗ digen Vaters Malachi ſelbſt brieten— ein Haufen Eier, gleich den Kugeln in einem Zeughauſe in Ordnung ge⸗ ſtellt, ſtand mitten auf dem Tiſch, während ein furcht⸗ barer Thurm gebräunter Butterbemmen vor dem Feuer⸗ roſt ſich erhob— die Morgenblätter lagen auf dem Herde— kurz, Alles verkündete jene aufmerkſame Sorge für Behaglichkeit und Genuß, welche man mit Freuden in einen Hauſe gewahrt, wo man ſich viel⸗ leicht auf einen oder zwei Tage aufhält. „Guten Morgen, Mr. Lorrequer, Sie haben doch wohl geſchlafen?“ ſagte Vater Malachi als ich eintrat. „O, nie beſſer; aber wo ſind unſere Freunde?“ „Ich habe ſie in ihrem Elend beſucht und getröſtet, und ich darf mit Wahrheit verſichern, daß ich noch nicht oft drei ſo krank ausſehende Gäſte gehabt habe. Das war eine höchſt unglückliche Geſchichte geſtern Abend; ich muß mich ſehr entſchuldigen.“ „Bitte, verlieren Sie kein Wort darüber; ich ſah, wie Alles kam, und bin feſt überzeugt, wenn der arme Curzon nicht das unpaſſende Lied——.,⸗ „Sie haben vollkommen Recht,“ ſagte der Vater, mich unterbrechend.„Ihres Freundes muſikaliſcher Ge⸗ ſchmack, der ohnehin nicht weit her zu ſein ſcheint, war die teterrima causa belli.“ „Und die Subſcription,“ fragte ich,„wie iſt dieſe abgelaufen?“ „O, das Geld iſt großentheils in die Rappuſe ge⸗ gangen; ich habe zwar noch ſieben Pfund und einige Schillinge bekommen, muß aber den Krieg doch einen ſehr koſtſpieligen nennen. Den alten Mahrey habe ich während des Getümmels in großer Geſchäftigkeit unter dem Tiſche ertappt; doch laſſen wir jetzt die Sache ru⸗ hen— rücken Sie mit Ihrem Stuhle näher— Thee oder Kaffee?— hier ſteht der Rhum.“ 1121 Ich gehorchte der Aufforderung ſogleich und be⸗ gann einen kräftigen Angriff auf die Forelle, die, wie mein Wirth mir verſicherte, kaum zwanzig Schritte vom Hauſe gefangen worden war. „Ihres armen Freundes Naſe iſt dieſen Morgen kaum mehr ordonnanzmäßig; und was Fin betrifft, der ſich ohnehin niemals durch Schönheit auszeichnete, ſo mag man ihn zerhacken oder zerſchneiden, aber entſtel⸗ len kann man ihn nicht, wie Juvenal— ja, ich meine, Juvenal iſt es— ſagt?“ 7 „Vacuus viator contabit ante latronem,“ zu Deutſch: „Wanderer ohne Geld nicht ſcheut die Piſtolen . des Räubers.“ Hier iſt der Chilieſſig— noch ein Stückchen Forelle?“ „Nein, ich danke; ein ganz vortrefflicher Kaffee, Vater Malachi.“ „Ein Geheimniß, das ich vor etlichen dreißig Jah⸗ ren in St. Omer lernte. Sind Briefe da, Brigitte?“ fragte er ein Mädchen, das mit einem Paket in der Hand eintrat. „Ein Laufbube von Kilrush, Herr Pfarrer, mit einem Billet an den Gentleman hier.“ „An mich!— Ach, wahrhaftig, Harry Lorrequer Esq. Kilrush— nach Carrigaholt.“ So lautete die Ueberſchrift, deren erſter Theil von der Hand einer Lady kam, der letztere aber ungemeine Aehnlichkeit mit den ländlichen Rieſenbuchſtaben der Mrs. Healy darbot. Das Siegel war groß, mit einer Grafenkrone verſehen und das altnormänniſch⸗franzöſiſche Motto verkündete mir, daß es von Callonby kam. Mit welcher zitternden Hand, mit welchem klopfen⸗ den Herzen erbrach ich den Brief und fürchtete doch, ihn zu leſen!— Denn mein ganzes Schickſal konnte auf dieſer einzigen Seite verzeichnet ſtehen. Zum erſten Mal in meinem Leben ließ mich mein ſanguiniſches Gemüth im Stich; ich konnte mir nur einen einzigen 122 Fall als möglich denken, nämlich den, daß Lady Jane ihrer Familie die Art meiner Huldigungen eröffnet habe, daß der vor mir liegende Brief einen kalten Befehl enthalte, für immer ihre Gegenwart zu meiden. Endlich faßte ich den Muth, ihn zu leſen, aber da ich Bedenken getragen habe, meinen Leſern den hoch⸗ würdigen Vater Brennan am Schluß eines Kapitels vorzuführen, ſo kann ich's bei der Mittheilung des Billets Ihrer Herrlichkeit Ehrenhalber nicht minder ge⸗ nau nehmen. Siebentes Kapitel. Der Lady Brief.— Peter und ſeine Bekannten.— Zu ſpat. Ihrer Herrlichkeit Brief lautete wie folgt— „Callonby, Dienſtag Morgen. „Mein lieber Mr. Lorrequer,— Mylord hat mich beauftragt, Ihnen unſere Abſchiedsgrüße zu überſenden und zugleich unſer herzliches Bedauern darüber auszuſprechen, daß wir Sie vor unſerer Ab⸗ reiſe aus Irland nicht mehr ſehen konnten. Eine plötzliche Einberufung des Hauſes und einige uner⸗ wartete Miniſterialveränderungen erheiſchten Lord Cal⸗ lonby's alsbaldige Anweſenheit in der Stadt, und wahrſcheinlich werden wir, noch ehe Sie dieſe Zeilen erhalten, auf dem Wege ſein. Lord Kilkee, der uns geſtern verließ, war ſehr betrübt, daß er Sie nicht ſehen konnte— er erſuchte mich, Ihnen zu ſagen, daß Sie von Leamington aus von ihm hören ſollen. Obgleich ich inmitten der Haſt und Geſchäftigkeit der Vorbereitungen zur Abreiſe ſchreibe, ſo darf ich doch den wichtigſten Theil meines Auftrages nicht vergeſſen, — 42 3IL. 3 oder, wie man uns Damen gewöhnlich vorwirft, für die Nachſchrift verſchieben: Mylord erſucht Sie, wo möglich einen Monat oder zwei von die ſer Saiſon bei uns in London zuzubringen, und im Fall Ihnen wegen des Urlaubs Schwierigkeiten gemacht werden ſollten, bei dem Generaliſſimus, bei dem er einigen Einfluß hat, jeden angemeſſenen Gebrauch von ſeinem Namen zu machen. Da ich weiß, mit welcher Güte Sie immer den Wünſchen Ihrer Freunde willfahren, ſo brauche ich nicht zu ſagen, wie viel Vergnügen dies uns Allen gewähren wird; aber, sans réponse, wir erwarten Sie. Ihre aufrichtige ergebene Charlotte Callonby.“ N. S.„Wir ſind Alle ganz wohl bis auf Lady Jane, die ſich ein wenig erkältet und in den letzten paar Tagen ein bischen Fieber gehabt hat.“ Worte vermögen keinen Begriff zu geben von dem Strom ſtreitender Empfindungen, mit welchen ich die⸗ ſen Brief las. Die Plötzlichkeit der Abreiſe, ohne alle Gelegenheit, auch nur ein kurzes Lebewohl zu ſagen, ſchlug mich gänzlich zu Boden. Was hätte ich nicht darum gegeben, ſie nur noch ein einziges Mal, auch nur für einen Augenblick, ſehen— ihr eine glückliche Reiſe wünſchen— das Gefühl, mit welchem ſie von mir geſchieden wäre, beobachten und daraus entweder einen günſtigen Schluß für meines Herzens theuerſte Hoffnung ziehen, oder das Signal der düſterſten Ver⸗ zweiflung darin erblicken zu können. Als ich weiter las, beruhigte mich der freundliche Ton des übrigen Inhalts wieder ein wenig, und als ich an die Einladung nach London kam, die offenbar auf einen Wunſch von ihrer „Seite, den freundſchaftlichen Verkehr fortzuſetzen, deutete, da war ich genöthigt, ſie zum zweiten und dritten Mal zu leſen, bevor ich mich von ihrer Wirklichkeit über⸗ zeugen konnte. Und doch ſtand ſie höchſt deutlich und leſerlich mit Ihrer Herrlichkeit ſchönſten Buchſtaben da 124 verzeichnet; aber ſo groß auch ihre Wichtigkeit für mich ſein mußte, ſo bildete ſie doch keineswegs den Haupt⸗ inhalt der Mittheilung. Die zwei Zeilen der Nachſchrift enthielten mehr, weit mehr Nahrung für Hoffnungen und Befürchtungen als die ganze übrige Epiſtel. Lady Jane war alſo unwohl, obſchon unbedeutend — eine bloße Erkältung; doch ſie hatte auch ein wenig Fieber. Ich konnte nicht umhin, mich ſelbſt zu fragen, welchen Antheil ich an der krankhaften Röthe dieſer Wangen und der Bangigkeit in dieſem Auge habe, und ich malte mir, vielleicht mit mehr Lebendigkeit als Wahrheit, tauſend kleine Züge in ihrem Benehmen vor, ſämmtlich für mein ſanguiniſches Gemüth ſo unum⸗ ſtößliche Beweiſe wie die heilige Schrift, daß meine Neigung erwiedert werde, und daß ich nicht vergebens liebe. Wiederum und abermals las ich den ganzen Brief; nie hat gewiß ein Advokat beim Studium einer neuen Parlamentsakte mehr Scharfſinn aufgeboten, um ihre verſteckte Beveutung herauszuklügeln, als ich, um aus der offen und klar vorliegenden Phraſeologie die⸗ ſes Briefes die geheime Abſicht der Schreiberin gegen mich herauszufinden. Es iſt ein altes und nicht minder wahres Sprüch⸗ wort, daß man gerne glaubt, was man wünſcht; ſo erging es auch mir— ich ließ mich leicht zu meinen eigenen Hoffnungen und Wünſchen bekehren, und es koſtete mich keine große Mühe, am Ende mich ſelbſt zu überreden, daß Mylord Callonby meine Neigung zu ſeiner ſchönen Tochter nicht bloß bemerkt, ſondern auch gebilligt habe, daß er aus Gründen, die wahrſcheinlich ihm ſelbſt bekannt, mir aber verborgen ſeien, mich für eine angemeſſene Partie halte und daher meiner Be⸗ werbung alle gebührende Aufmunterung zufließen laſſe. Den Wink, Sr. Lordſchaft Einfluß beim Generaliſſimus aufzubieten, beſchloß ich mir zu Nutze zu machen, nicht jedoch, um Urlaub zu erhalten, was ich leichter zu er⸗ langen hoffte, ſondern um mit ſeiner gütigen Einwil⸗ ligung mein Avancement zu betreiben, wenn ich ihn einmal meinen ſehr ehrenwerthen Schwiegervater nennen würde— ein Punkt, über deſſen Angemeſſenheit ich jetzt mit mir ſelbſt vollkommen im Reinen war. Welche Gebilde von aufſteigender Größe erſtanden nicht vor meinem Gemüthe, wenn ich an die Ausſicht dachte, die ſich vor mir eröffnete; aber hier muß ich mir ſelbſt die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zu erwähnen, daß inmitten meiner Wonne und Seligkeit, inmitten meines ſtolzeſten Gedankens, eine in jeder Beziehung ſo hoch über mir ſtehende Perſon beſitzen zu ſollen, mein Herz ſich eines gewiſſen bangen Schauders nicht erwehren konnte bei dem Bewußtſein, daß dieſes Glück zu groß ſei, um auch nur gehofft werden zu können. Wie lange ich in ſolchen Luftſchlöſſern geſchwelgt haben mag, weiß der Himmel; zahlloſe Phantaſien drängten ſich in dichter Maſſe meinem Geiſte auf, und mit einem Gefühl, wie etwa der Töpfer in Tauſend und Eine Nacht, als er die Bruchſtücke ſeiner in einem Augenblick glorreichen Traumſeligkeit zu Boden gewor⸗ fenen und nunmehr zertrümmerten Waaren erdlickte, ſah ich jetzt in das dicke, unariſtokratiſche Geſicht des Vaters Malachi, der, ſeine Zeitung leſend, vor dem Feuer ſaß. Wie kam ich unter ſolche Leute? Mich däucht, der Dechant von Windſor oder der Biſchof von Durham wären eine weit angemeſſenere Geſellſchaft geweſen für einen jungen Mann, der, wie ich, für die hohe Flut des weltlichen Glückes beſtimmt war. Mein Auge ruhte auf dem Datum des Briefes, das vom geſtrigen Morgen lautete, und plötzlich fuhr mir ein Gedanke durch die Seele, daß ſie, da es ein ſinſterer, trüber Tag geweſen, ihre Reiſe vielleicht ver⸗ ſchoben haben könnten; ich beſchloß daher, ſogleich nach Callonby zu eilen, um ſie wo möglich noch zu ſehen. „Vater Brennan,“ ſagte ich endlich,„da habe ich einen Brief erhalten, welcher mich zwingt, ſobald als 126 möglich nach Kilrush zu kommen. Gibt es ein Fuhr⸗ werk im Dorfe?“ „Sie werden uns doch nicht verlaſſen wollen?“ bat der Prieſter;„wir haben eine vortreffliche Ham⸗ melskeule auf den Mittag, und Fin ſagt, er werde dazu herabkommen, Ihr Freund gleichfalls, und den eären Beamiſh werden wir auf einem Sopha bei uns aben.“ „Es thut mir unendlich leid, aber mein Geſchäft leidet keinen Aufſchub; wenn es jedoch möglich iſt, ſo werde ich in ein paar Tagen, vielleicht ſchon Morgen, zurückkommen, um Ihnen für alle Ihre Güte zu danken.“ „Nun dann,“ ſagte Vater Brennan,„wenn es durchaus ſein muß, ſo können Sie Peter, meinen eige⸗ nen Klepper, haben, und ein beſſeres Pferd haben Sie noch nie unter dem Schenkel gehabt; Sie müſſen ihm nur ſeine Zeit gönnen und ihn ſeinen leichten Galopp laufen laſſen, dann iſt er unermüdlich vom Morgen bis in die Nacht hinein. Ich will ſogleich gehen und ihn ſatteln laſſen.“ Nachdem ich dem guten Vater meinen wärmſten Dank für ſeine Freundlichkeit geſagt, eilte ich, um mich vor meiner Abreiſe noch von Curzon ſchnell zu verab⸗ ſchieden. Ich fand ihn im Bette ſitzend und ſein Früh⸗ ſtück einnehmend; ein breiter Streif ſchwarzer Pflaſter, der ſich vom Winkel eines Auges über die Naſe her⸗ über ausdehnte und in der Nähe des Mundes endete, bezeichnete das Lokal einer tüchtigen Wunde, während die blauen, purpurnen und gelben Flecke, in welche ſein Geſicht wie furchenweiſe abgetheilt war, zweifelhaft ließen, ob er mehr dem Kreuzbuben oder einer neuen Karte des Feldzeugmeiſteramtes glich; eine Hand war in Bänderwerk eingehüllt, und im Ganzen habe ich eine kläglichere, jammervollere Figur in meinem Leben noch ſelten geſehen; ja, ich glaube mit Recht behaupten zu können, daß das glorreiche, fromme und unſterbliche Andenken für Daniel O'Connell ſelbſt freundlichere Er⸗ 7 innerungen mit ſich geführt haben wird, als wie dieſen Morgen für den Adjutanten von Sr. Majeſtät 4tem. „Ach, Harry,“ ſagte er, als ich eintrat,„in was für eine Hölle ſind wir da gerathen? Haben Sie je⸗ mals einen ſolchen Auftritt erlebt, wie den von geſtern Abend?“ „Wahrhaftig,“ erwiederte ich,„ich weiß Niemand, der zu tadeln wäre, außer Sie ſelbſt; Sie konnten doch wiſſen, welchen Aufruhr Ihr ſataniſches Lied her⸗ vorbringen mußte.“ „Ich weiß jetzt nicht, ob ich es wußte oder nicht; aber jedenfalls war mir in dem Augenblick Alles lieber als die verdammten Kreuz⸗ und Querfragen, denen ich ausgeſetzt war, und ich hoffte der Sache mit einem Staatsſtreich ein Ende zu machen. Einer der Bengel quälte mich mit grünen Erbſen und ein anderer mit der Mäſtung der Ochſen, zwei Dinge, auf die ich mich ſo gut verſtehe, wie der Eſel auf's Lautenſchlagen.“ „Nun, Sie haben wirklich eine Diverſion gemacht, freilich einigermaßen auf Unkoſten Iyres eigenen Ge⸗ ſichtes, denn wahrhaftig, ich habe noch nie—⸗ „Halten Sie ein,“ ſagte er,„dann müſſen Sie den Doktor noch nicht geſehen haben, der kann es mit mir noch aufnehmen— ſie haben ihm kaum ſo viel Haar auf dem Kopf gelaſſen, als ein Indianer zum Skalpiren braucht; er ſieht dieſen Morgen wirklich zum Erbarmen aus; er war ſo eben hier und hat mir gele⸗ gentlich auch die ganze Veranlaſſung zu ihrem Streite mit Beamiſh auseinandergeſetzt. Wie es ſcheint, ha⸗ ben Sie ihn irgendwo bei einem Eſſen getroffen und eine ſehr blumen⸗ und bilderreiche Erzählung von ei⸗ nem ſeiner Verwandten preisgegeben, der, Ihrer Dar⸗ ſtellung zufolge, von Picton nicht blos zu einem höchſt wichtigen Dienſte auserſehen worden, ſondern auch der perſönliche Freund dieſes Generals ſei; nachdem nun die Familie die Sache in ganz Cork auspoſaunt und zu Eyren ihres Verwandten ein großes Feſtmahl ge⸗ 128 geben hat, ſtellt es ſich heraus, daß derſelbe am glor⸗ reichen 18. ſchneller nach Brüſſel davon gelaufen iſt, als die Franzoſen nach Charleroi; wegen welcher That jedoch kein Mackel auf ſeinen Muth fällt, indem dieſe Eigenſchaft auf Koſten ſeiner Ehrlichkeit vertheidigt worden iſt; mit einem Wort, er war Zahlmeiſter ſei⸗ ner Kompagnie und hatte, was Theodor Hook eine Affektation des Bruſtkaſtens nennt, die eine Luftverän⸗ derung forderte. Da ich bei der ganzen Sache blos das Davonlaufen im Auge hatte, ſo äußerte ich un⸗ glücklicherweiſe einiges Bedauern, daß er nicht zum North Cork gehört habe, und ich bemerkte, daß dem Doktor dieſe Anſpielung ganz und gar nicht gefallen wollte, da dieß, wie ich mich jetzt erſt erinnere, ſein Regiment war, ſo bin ich vermuthlich deßhalb ſehr in Ungnade bei ihm.“ Ich hatte nicht Zeit, mich an Curzons Verlegen⸗ heit zu weiden und konnte ihn kaum von meiner beab⸗ ſichtigten Abreiſe in Kenntniß ſetzen, als eine Stimme vor dem Zimmer rief: Peter ſteht bereit; nachdem ich daher den Adjutanten beauftragt hatte, Mr. Beamiſh und dem Doktor das Geeignete zu ſagen, eilte ich von ihm weg, ſchüttelte noch Vater Brennan herzlich die Hand, verſprach ihm baldige Rückkehr, ſetzte mich auf meine Rozinante und ritt auf und davon. Peters Pas überhob mich durchaus aller Befürch⸗ tungen, daß er die wachenden Träume eines Luftſchlöſ⸗ ſerbauers, wie ich war, ſtören möchte; ohne irgend eine Mahnung von Peitſche oder Sporen hielt er ſich in einem gleichmäßigen kurzen Galopp, der, offen geſtanden, mehr angenehm zu reiten, als anmuthig zu ſchauen war, denn da er den Kopf weit tiefer hängen ließ, als den Schwanz, ſo erſchien er jeden Augenblick in der Stel⸗ lung eines Tauchers, der ſich ins Waſſer hinabſenken will, und mehr als einmal kam ich auf den Gedanken, meine Sicherheit würde beſſer berathen ſein, wenn ich das Geſicht ſeinem Schwanze zukehren würde; doch 129 was vermag nicht die Gewohnheit? Che ich noch eine Meile oder zwei zurückgelegt hatte, war ich dermaßen in meine Träumereien und Betrachtungen verſunken, daß ich von meiner Art, vorwärts zu kommen, nichts mehr wußte und blos für das Schickſal, das meiner wartete, Gedanken und Gefühl hatte; zuweilen bildete ich mir ein, ich ſitze im Unterhauſe(verſteht ſich auf den miniſteriellen Bänken) und irgend ein Haupthahn hatte einen glühenden Panegyrikus auf die überzeu⸗ gende, ſtaatsmänniſche Rede des tapfern Oberſten— welcher nämlich ich ſelbſt war; dann dachte ich, ich treffe Anſtalten, meinen neuen Poſten zu beziehen, und Sancho Panſa konnte ſich nicht inniger nach der Statt⸗ halterſchaft über eine Inſel ſehnen als ich, wenn es auch nur eine weſtindiſche war; endlich erblickte ich in mir den zu einer ſchwierigen Sendung auserwählten Diplomaten und beſchäftigte mich wirklich mit der eben ſo leichten als angenehmen Sache, die Manoeuvre ei⸗ nes Talleyrand und Pozzo di Borgo zu vereiteln, als Peter plötzlich vor der Thüre einer kleinen Hütte an⸗ hielt und mich überzeugte, daß ich immer noch ein ſterblicher Mann war und überdieß Lieutenant in Sr. Majeſtät 4tem Regiment. Bevor ich Zeit hatte, über den Grund dieſer plötzlichen Pauſe Muthmaßun⸗ gen anzuſtellen, kam ein alter Mann aus der Hütte, die, wie ich jetzt ſah, ein Bierhaus an der Straße war, und reichte Peter eine Schüſſel mit Mehl und Waſſer, eine Art Viaticum, woran er an dieſem Orte augenſcheinlich gewöhnt war, ob er nun einen Prieſter oder einen Botſchafter trug. Vor mir lag eine lange Straße voll Hütten, die unregelmäßig hingeworfen und wie aus einem Siebe herausgeſchüttelt waren; dieß war, wie man mir meldete, Kilkee; während nun mein guter Streithengſt ſich ſeines Getränkes erfreute, ſtieg ich ab, um meine Beine zu ſtrecken und um mich zu blicken, und kaum hatte ich das gethan, als ich die Bekenntniſſe Lorrequers. 1. 9 130 halbe Bevölkerung des Dorfes um Peter verſammelt ſah, deſſen Anſprüche auf Berühmtheit, wie man mir jetzt ſagte, nicht von dem glänzenden Namen ſeines Ei⸗ genthümers und auch nicht von meinem augenblicklichen Herrenrechte über ihn herſtammten. Peter war wirk⸗ lich ſeiner Zeit ein Renner geweſen— wann, das hätte vielleicht der ewige Jude ſagen können, wenn er auf ſeinen Wanderungen Clare beſucht hätte, denn ſelbſt der älteſte Einwohner wußte das Datum ſeiner Triumphe auf dem Raſenplatz nicht anzugeben; indeß waren es unbeſtrittene Ueberlieferungen, und nie trat einer auf, der keck genug geweſen wäre, dieß in Zweifel zu zie⸗ hen; ob dieß nun von ſeinem patriarchaliſchen Charak⸗ ter herkam, oder von dem Umſtand, daß er das einzige Rennpferd war, welches man in der Grafſchaft je ge⸗ kannt hatte, vermag ich nicht zu ſagen, aber in Wahr⸗ heit konnte keine der Dalai⸗Lama in Thibet Gegenſtand größerer Verehrung ſein, als Peter in Kilkee. „Ah, ah, der Peter, wie gut er ausſieht!“ rief einer. „Ja, er hat mehr Speck auf ſeinem Rücken liegen, als Du,“ rief ein Anderer. „Und wie er den Schwanz ſo hübſch hält!“ be⸗ merkte ein Dritter. Nach den Geſichtern des verſammelten Haufens zu ſchließen, bin ich feſt überzeugt, daß, wenn in die⸗ ſem Augenblick das Leibpferd Sr. Majeſtät durch Kil⸗ kee gekommen wäre, die Vergleichungen nicht ſehr zu ſeinen Gunſten ausgefallen ſein würden. Mit einiger Schwierigkeit wurde mir geſtattet, mein vielbewunder⸗ tes Roß wieder zu beſteigen, unter einem jubelnden Cheer, in welches jeder Bürger des Dorfs aus voller Kehle einſtimmte, ritt ich, ganz und gar nicht erbaut nurch meine zweidentige Popularität, meines Weges weiter. 4 3 Dca ich keine Zeit zu verlieren wünſchte, ſo lenkte ich von der geraden Straße, die nach Kilrush führt, 1 * 131 ab und ſchlug querfeld einen Nebenweg nach Callonby ein; dieß war, wie ich nachher enideckte, ein Umweg von einer oder zwei Meilen und die Sonne neigte ſich ſchon zum Untergang, als ich den Park erreichte. Ich ritt hinein, und meine Ungeduld ſteigerte ſich jetzt aufs höchſte; denn obſchon Peter ſich fortwährend in demſel⸗ ben Pas gleichförmig weiter bewegte, ſo konnte ich mich doch nicht überzeugen, daß er nicht bei jevem Schritte ſtrauchle, und ich glaubte keck, daß wir kaum vom Platze kommenz endlich erreichte ich die hölzerne Brücke und ſtieg die ſteile Anhöhe hinan, den Platz, wo ich zum erſten Mal mit ihr zuſammen getroffen, mit ihr, bei der jetzt alle meine Gedanken weilten. Ich bog um die Buchengruppe hinum, von wo aus man den erſten Anblick vom Hauſe hat— mit unausſprechlicher Wonne bemerkte ich, daß von vielen Fenſtern her Lich⸗ ter ſchimmerten, und konnte ſehen, wie dieſe von ei⸗ nem Zimmer ins andere getragen wurden. Es war mir, als hätte man einen Zentnerſtein von meinem Herzen genommen, ich ließ mein wackeres Roß jetzt ein wenig ausſchnaufen und begann an die Lage zu denken, in welche wenige kurze Sekunden mich bringen würden. Ich erreichte den kleinen Blumengarten, der mir durch tauſend theure Erinnerungen geheiligt war. O wie unendlich gehaltlos erſcheinen nicht die in ſeli⸗ gen Augenblicken ausgetauſchten Worte und Empfin⸗ dungen gegen die Erinnerung an ſie, wenn ſie einmal durch Zeit und Entfernung geweiht ſind! Der Platz, die Stunde, der Sonnenſchein und der Schatten, Alles gemahnte mich an die glückliche Ver⸗ gangenheit und Alles führte mir jeden einzelnen Theil jenes Traumes von Seligkeit vor das Gemüth, worin ich ſo gänzlich, ſo vollſtändig verſunken war— jeder Gedanke an die Hoffnungsloſigkeit meiner Leidenſchaft hatte ſich in der Brünſtigkeit derſelben verloren, und in der Gluth meiner Liebe wollte ich mit Betrach⸗ 132 tungen über die Möglichkeit des Erfolgs keine Zeit ver⸗ geuden.— Seltſam genug war die äußerſte Ungeduld, die haſtige Aengſtlichkeit, welche mich beim Hereinreiten in die Allee gequält hatte, jetzt gänzlich verſchwunden, und an ihrer Stelle empfand ich blos ein kleinmüthi⸗ ges Mißtrauen in mich ſelbſt und ein unklares Gefühl, daß es tölpiſch von mir ſei, mich ſo unerwartet bei der Familie einzudrängen, während ſie von den Sor⸗ gen und Vorbereitungen einer eilfertigen Abreiſe in Anſpruch genommen werde. Die Thüre zur Halle ſtand wie gewöhnlich weit offen, die Halle ſelbſt war mit Koffern, Schachteln, Paketen und den hundert et cetera der Reiſebagage überſät. Ich ſchwankte einen Augen⸗ blick, ob ich nicht läuten ſollte, beſchloß aber zuletzt, im Vertrauen auf die Innigkeit unſeres Verhältniſſes unangemeldet einzutreten, um zu ſehen, welchen Ein⸗ druck mein plötzliches Erſcheinen auf die Lady Jane machen würde, deren Gefühle dadurch auf die unzwei⸗ deutigſte Probe geſtellt werden mußten. Ich ging den breiten Corridor entlang, trat in den Muſikſaal— es war ſtill darin— ich ſchritt ſofort auf die Thüre des Geſellſchaftszimmers zu— hier hielt ich inne— ich ſchöpfte tief Athem— meine Hand zitterte leicht, als ich die Schnalle aufdrückte— ich trat ein— das Zim⸗ mer war leer, aber das lodernde Feuer auf dem Herd, die breiten Lehnſeſſel ringsumher, die auf den kleinen Tiſchen zerſtreut liegenden Bücher, Alles ſagte mir, daß es noch vor ganz kurzer Zeit bewohnt geweſen war. Ah, dachte ich, auf meine Uhr ſehend, ſie ſind bei Ti⸗ ſche, und begann jetzt auf hundert verſchiedene Plane zu ſinnen, wie ich meine Abweſenheit in der letzten Zeit und meinen gegenwärtigen Beſuch ihnen erklären wolle; ich wußte, daß wenige Minuten ſie wahrſcheinlich in das Geſellſchaftszimmer bringen würden, und je näher die Zeit rückte, deſto heißer wurde es mir um's Herz. Endlich hörte ich Stimmen draußen— ich ſchrack auf 133 von der Betrachtung einer Pinſelzeichnung, die nur theilweiſe vollendet war, bei welcher ich mich aber in Beziehung auf die Künſtlerin nicht täuſchen konnte— ich lauſchte— die Töne kamen immer näher— ich konnte nicht unterſcheiden, wer die Sprechenden waren — das Schloß bewegte ſich und ich ſtand auf, um meine wohlſtudirte, aber wieder halbvergeſſene Rede vorzutragen, und, o der bittern verzweiflungsvollen Enttäuſchung! Mrs. Herbert, die Haushälterin, trat ein. Sie ſchrack zurück, weil ſie mich nicht zu ſehen erwartet hatte, und ſagte ſogleich: „Ah, Mr. Lorrequer, dann müſſen Sie ſie alſo verfehlt haben?“ „Verfehlt!“ verſetzte ich;„wie— wann— wo?“ „Haben Sie keinen Brief von Mylord erhalten?“ „Nein; von wann war er?“. „Ei, du meine Güte, das iſt ſehr unglücklich. Se⸗ hen Sie, Sir, Mylord ſchickte dieſen Morgen in Lord Kilkee's Tilbury einen Bedienten nach Kilrush, um Sie zu erſuchen, heute Abend mit ihnen allen in Ennis zu⸗ ſammenzutreffen, wo ſie zu übernachten beabſichtigt hat⸗ ten; ſie warteten noch bis beinahe vier Uhr; als aber der Bediente zurückkam mit der Nachricht, Sie ſeien nicht zu Hauſe und werden auch nicht ſobald zurück er⸗ wartet, ſo waren ſie genöthigt, aufzubrechen und reiſen jetzt, ohne ſich weiter aufzuhalten, bis nach London; der letzte Auftrag, den Mylord mir gab, war, ich ſolle den Brief Ihrer Herrlichkeit ſo bald als möglich an Sie beſorgen.“Ä“ Was ich dachte, ſagte oder empfand, mag ein gu⸗ ter Gegenſtand für eine Beichte bei Vater Malachi ſein, denn ich fürchte, es iſt etwas Sündhaftes mitunterge⸗ laufen, und ich zweifle nicht, daß die Todesqual, welche ich ausſtand, ſich in einer ſchlecht abgemeſſenen Form der Sprache oder des Benehmens Luft machte; aber hier habe ich nichts darüber zu bekennen, denn ich war ſo gänzlich zu Boden geſchlagen, daß ich nicht wußte, 134 was ich that oder ſagte. Mein erſter Schimmer von Vernunft kündigte ſich durch die Frage an: „So iſt alſo keine Ausſicht vorhanden, daß ſie ſich heute Nacht in Ennis aufhalten?“ Während ich dies fragte, kehrten ſich meine Gedanken ſchwermuthsvoll Peter und ſeinem kurzen Galopp zu. „O, Sott bewahre, Sir, die Pferde ſind ſchon ſeit Dienſtag dahin beſtellt, und die gnädige Herrſchaft wollte in Ennis blos für den Fall bleiben, daß Sie zeitlich genug kämen, um mit ihr zuſammen zu treffen — ſie werden alle recht betrübt ſein.“ „Glauben Sie das, Mrs. Herbert? Glauben Sie 3 wirklich?“ fragte ich in höchſt einſchmeichelndem Tone. „Ja, ich bin es vollkommen überzeugt Sir.“ „O, Mrs. Herbert, Sie ſind gar zu gütig, ſo zu denken; aber vielleicht— das heißt— hat ſie vielleicht etwas geſagt, Mrs. Herbert——.⸗ ¹ „Wer, Sir?“ „Lady Callonby meine ich, hat Ihre Herrlichkeit einen Auftrag wegen ihrer Pflanzen für mich zurückge⸗ laſſen, oder erinnerte Sie—— 2⸗ Mrs. Herbert ſperrte dieſe ganze Zeit über ihre großen, grauen Augen weit auf und blickte mich ſtarr an, während ich ſtammelnd und erröthend vor ihr ſtand. „Nein, Sir; Ihre Herrlichkeit ſagte nichts; aber Lady Jane——.“ „Nun gut, was wollen Sie mir von Lady Jane 4 ſagen, meine liebe Mrs. Herbert?“ „O, Sir, aber Sie ſehen ſo blaß aus; wollen Sie nicht ein wenig Wein und Waſſer zu ſich nehmen, oder vielleicht. 4 3. „Nein, ich danke für Alles; ich bin blos ein wenig müde; aber Sie wollten da von——.“ „Ja, Sir, ich wollte ſagen, daß Lady Jane un⸗ geheuer eigen war wegen einer kleinen Pflanze; ſie be⸗ fahl, man müſſe dieſelbe auf ihrem Toilettenzimmer 8 — —6— 135 laſſen, und obſchon Collins ihr ſagte, daß er einige recht hübſche im Gewächshaus habe, ſo wollte ſie doch nichts haben, als dieſe; wenn Sie vollends ihre Be⸗ fehle alle gehört hätten, wie man das Pflänzchen recht ſorgſam gießen und die welken Blätter wegſchneiden ſolle, dann könnten Sie meinen, ihr ganzes Herz hänge daran.“ 1 Mrs. Herbert hätte keine Urſache gehabt, mir we⸗ gen meiner Bläſſe etwas zu verordnen, wenn ſie mich diesmal nur angeſehen hätte; glücklicherweiſe aber war fie, wie es einer rechtſchaffenen Haushälterin geziemt, geſchäftig unter Büchern, Papieren u. ſ. w. herumzu⸗ ſtöbern, welche ſie in Ordnung zu bringen und zuſammen⸗ zupacken gekommen war. Man hatte ſie zurückgelaſſen, um den Nachtrab und das ſchwere Gepäck nachzuführen. Eine ſehr kurze Betrachtung genügte, mir zu zei⸗ gen, daß jede Verfolgung hoffnungslos war; wie es ſich auch mit Peters Leiſtungen unter der Regierung der Königin Anna verhalten haben mochte, jetzt hatte er große Aehnlichkeit mit jenen Gänſen gewonnen, die mein Freund Lover ſo pathetiſch beſchreibt, d. h. er war etwas ſteif in ſeinen Gliedmaßen geworden, und alle Wahrſcheinlichkeiten ſprachen auf's Ueberführendſte gegen die Möglichkeit, daß er vier Pferde einholen werde, die je nach zehn Meilen friſch an den Wagen kamen, auch abgeſehen davon, daß ſie bereits einige Stunden Vorſprung hatten. Nachdem ich all' die freundlichen Anerbietungen der Mrs. Herbert in Beziehung auf Speiſe, Trank und Lagerſtätte abgelehnt, warf ich zu⸗ letzt noch einen lange verweilenden Blick auf das ſchöne Gemälde, das fortwährend in dem Zimmer hing, wel⸗ ches ich vor Kurzem das meine genannt hatte, und eilte dann weg von einem ſo erinnerungsreichen Orte; trotz der vielen Veranlaſſungen, die ich hatte, mir Glück zu wünſchen, erfüllte mich jeder Gegenſtand, den ich er⸗ blickte, mit ſehnſuchtsvollem Kummer über Stunden, die verſtrichen waren— um nie, nie wiederzukehren. 136 Es war ſehr ſpät, als ich mein altes Quartier in Kilrush erreichte; Mrs. Healy war glücklicherweiſe ſchon zu Bette— ich ſage glücklicherweiſe, denn hätte ſie dieſe Gelegenheit auserſehen, um ihrer Erbitterung über meine lange Abweſenheit Luft zu machen, ſo fürchte ich ſehr, ich möchte in meiner dermaligen Stimmung nur wenig von der Hiobsgeduld bewährt haben, wegen welcher man mich ſonſt ſchätzte; ich trat in mein kleines, gemein ausſehendes Zimmer mit ſeinen drei Stühlen und ſeinem armſeligen Tiſche, und als ich mich auf das elende Surrogat eines Sophas warf und über die wech⸗ ſelnden Ereigniſſe nachdachte, die wenige Wochen mit ſich geführt hatten, da mußte ich das Schreiben Ihrer Herrlichkeit, das ich offen vor mir liegen hatte, zu Hülfe rufen, um mich zu verſichern, daß ich nicht träume. Die ganze Nacht konnte ich nicht ſchlafen; mein Schickſal ſchien auf der Wage zu liegen; und ob ſich nun die Schale auf dieſe oder auf die andere Seite neigte, es muße ſich jedenfalls in der nächſten Zeit ent⸗ ſcheiden. Wie manche Plane und Entſchlüſſe faßte ich, und wie oft wurden ſie aufgegeben, um von Neuem überlegt und von Neuem verworfen zu werden! Die klare Morgendämmerung brach bereits herein und fand mich immer noch ſchwankend und unentſchloſſen. End⸗ lich wurde der Würfel geworfen, ich beſchloß geraden⸗ wegs bei meinem kommandirenden Offizter um Urlaub nachzuſuchen, den er mir, wenn er wollte, auch ohne Anfrage bei dem Generaliſſimus geben konnte, ſofort nach Elton zu reiſen, Sir Guy mein ganzes Abenteuer zu erzählen und ihn durch eine beweglichere Liebesge⸗ ſchichte, als jemals die Spalten der Minerva ge⸗ ſchmückt hat, zu veranlaſſen, mir ein anſtändiges Jahr⸗ geld auszuſetzen und ſeinen Einfluß auf Lord Callonby zu meinen Gunſten außzubieten; ſofort aber nach Lon⸗ don zu eilen und dann— und dann— was dann?— dann in die Morning⸗Poſt— cadeau de noces— — 1 2 137 güsliches Paar= Lord Callonby's Sitz in Hampſhire u. ſ. w. u. ſ. w. „Sie wünſchen um Fünf geweckt zu werden, Sir,“ ſagte Stubber. „Ha, iſt es fünf Uhr?⸗ „Nein, Sir, aber ich hörte Sie etwas von vier Pferden rufen, und ich dachte, Sie haben vielleicht große Eile, deßhalb kam ich ein wenig früher herein.“ „Ganz xecht, Stubber; ſorge, daß ich ſo früh, als möglich mein Frühſtück bekomme, und ſieh' nach, daß der Braune, den ich geſtern Nacht brachte, ordentlich gefüttert wird.“ „Und nun friſch daran,“ ſagte ich, nachdem ich in aller Eile ein Brieſchen an Curzon geſchrieben hatte, worin ich ihn erſuchte, meinen Poſten in Kilrush zu übernehmen, bis er von mir hören würde, und zugleich meine drei Freunde auf's Beſte grüßen ließ. Dieſe Epiſtel übergab ich nebſt Peter meinem Bedienten, wäh⸗ rend ich eilte, mir einen Platz nach Ennis im Poſt⸗ wagen zu verſchaffen, auf deſſen Außenfitz der freund⸗ liche Leſer mich jetzt denken mag, meinen Mantel um mich hüllend, meine Cigarre anſteckend und meine Au⸗ gen nach Limerick gerichtet. Achtes Kapitel. Beglückwünſchungen.— Krankenurlaub.— Wie man der Einſchiffung entgeht. Kaum hatte ich mich in Swinburn's Hotel zu Li⸗ merick an mein Frühſtück geſetzt, als der Kellner mir einen Brief überreichte. Da mein erſter Blick auf die Adreſſe mir Oberſt Cardens Handſchrift entgegenführte, 138 ſo war ich nicht wenig in Sorgen über die Folgen der Raſchheit, mit welcher ich meinen Poſten verlaſſen hatte, und während mir ſchnell hintereinander ſich aufdrän⸗ gende Phantaſten von Arreſt und Kriegsgericht vor⸗ ſchwedten, bot ich zuletzt meine Entſchloſſenheit auf, das Siegel zu erbrechen, und las wie folgt:— „Mein lieber Lorrequer,“(lieber Lorrequer! dachte ich, doch nicht übel von einem Manne, den ich immer als offenen Feind betrachtet hatte)—„mein lieber Lor⸗ requer, ich habe ſo eben zufällig von Jhrer Ankunft gehört und beeile mich, Sie zu benachrichtigen, daß ich, da mir Ihre Gründe für dieſen plötzlichen Abgang von Ihrem Poſten möglicherweiſe nicht ganz unbekannt ſein dürften, Ihre Verletzung der Disziplin nicht ſehr ſchwer ahnden werde. Mein alter und würdiger Freund Lord Callonby, der geſtern hier durchkam, hat ſich ſo warm für Sie verwendet, daß ich mich geneigt fühle, Alles zu thun, was in meinen Kräften ſteht, um Ihnen zu dienen; ganz abgeſehen davon, daß ich auch um Ihrer ſelbſt willen ſo handeln würde. Kommen Sie daher ſo ſchnell als möglich zu mir und laſſen Sie uns Ihre Plane zuſammen beſprechen. „Kaſerne, 10 Uhr. 4 „Ihr ergebenſter „Henry Carden.“ So geheimnißvoll und ſchwer zu enträthſeln einige in dieſen Bekenntniſſen mitgetheilte Umſtände geweſen ſein mochten, ſo trage ich voch kein Bedenken, zu ge⸗ ſtehen, daß der vorerwähnte Brief für mich weit an das Unerklärlichſte war, was das Schickſal bisher über mich verfügt hatte. Daß Lord Callonby einen Mann, in welchem ich den unverſöhnlichſten Feind erblickte, in einen höchſt verbindlichen Freund umgewandelt haben konnte, war mir nichts Unklares, da ich wußte, daß Se. Lordſchaſt von jeher Gönner des Oberſten geweſen war; aber warum er dies gethan, und welche Mit⸗ theilungen er möglicherweiſe in Beziehung auf mich —xx—— —— 139 gemacht haben konnte, ſo daß der Oberſt Carden von meinen Planen ſprechen und mir ſeine Unterſtützung anbieten konnte, das war ein vollſtändiges Räthſel, und die einzige Löſung deſſelben war ſo lächerlich ſchmeichelhaft für mich, daß ich es nicht wagte, daran zu denken. Ich überlas die Note zwei⸗ und dreimal; ich verſetzte die Unterſcheidungszeichen; ich prüfte jeden Ausdruck auf's Genauſte; ich that Alles, um einen von der augenfälligen Bedeutung verſchiedenen Sinn zu ent⸗ becken; denn ich fürchtete eine Selbſttäuſchung, wo ſo viel auf dem Spiele war. Aber da ſtand es mit ganz deutlichen Buchſtaben, ein unverblümtes Dienſtanerbie⸗ ten zu irgend einem dem Schreiber wohlbekannten Zwecke; und mein einziger Schluß aus Allem war, daß Mylord Callonby die Krone ſeines Standes ſei und ein höchſt bemerkenswerthes Talent habe, ſich einen Schwie⸗ gerſohn auszuerſehen. Ich verſank in eine tiefe Träumerei über mein vergangenes Leben und die Ausſichten, die ſich, wie ich wohl einſah, jetzt vor mir öffneten. Pichts ſchien bei ſo wohlbegründeten Hoffnungen, bei ſo glänzenden Erwartungen zu hoch, und mein geiſtiges Auge erblickte nich in der einen Minute mit meiner ſchönen jungen Braut am Arme in den vollgedrängten Salons von Devonſhire Houſe ſpazierend, und in der nächſten be⸗ trachtete ich die Vortrefflichkeit und Vollendung meiner Stutereien in Melton, denn ich war entſchloſſen, das Jagen und Wettrennen nicht aufzugeben. Während ich in dieſer vergnüglichen Uebung meiner Phantaſie einige der Frühſtücksgeräthſchaften von mir wegſchob, oder, wie ich damals glaubte, die Bäume in meinem Park beſſer gruppirte, wurde ich plötzlich zur Welt und ihrer trübſeligen Wirklichkeit zurückgebracht durch folgende Stelle, auf welche mein Auge in dem vor mir liegen⸗ den Journal ſiel— Wie wir vernehmen, erwartet das 4te täglich den Befehl, nach Cork zu marſchiren, von wo aus es zu Anfang des nächſten Monats nach Ha⸗ 140 lifax abſegeln ſoll, um das 88ſte abzulöſen.“ Obſchon ich auf den erſten Blick einſah, daß ich, wenn auch das erwähnte Regiment allerdings dasjenige war, zu wel⸗ chem ich gehörte, doch möglicherweiſe bei dieſer Anzeige unbetheiligt ſein konnte, indem es ſich ganz und gar nicht mit meiner Berechnung vertrug, daß ich mich einer ſolchen Landesverweiſung unterwerfen ſollte, ſo war mir dieſe Notiz doch eine heilſame Mahnung, daß ich keine Zeit zu verlieren habe, um meinen Ur⸗ laub einzugeben; denn wenn ich dieſen einmal hatte, ſo hoffte ich Gelegenheit genug zu erhalten, mich zu einem andern Corps verſetzen zu laſſen. Die wunder⸗ bare Umwälzung, die wenige Tage in meinem ganzen Geſchmack und allen meinen Wünſchen hervorgebracht hatten, entging mir in dieſem Augenblicke nicht. Nur eine Woche oder zwei früher und ich würde einen Be⸗ fehl, in's Ausland zu ziehen, nichts weniger, als un⸗ angenehm gefunden haben— jetzt war mir der Ge⸗ danke unerträglich. Damals hätte ſchon die Neuheit des Lokals großen Reiz für mich gehabt, und vor Al⸗ lem das Glück, dem unſteten Sinne, der mir inne⸗ wohnt, Befriedigung zu verſchaffen; denn es ergeht mir, wie dem Richter Woodcock,„ich würde gewiß ein Vagabund geworden ſein, wenn nicht die Vorſehung einen Friedensrichter aus mir gemacht hätte“— jetzt konnte ich das Ding gar nicht mehr für möglich halten und ich würde wahrhaftig das Commando eines Re⸗ giments ausgeſchlagen haben, wenn daran die Bedin⸗ bunß geknüpft geweſen wäre, nach den Colonien abzu⸗ egeln. Ueberdies verſuchte ich— und wie erfinderiſch iſt nicht die Selbſttäuſchung— ich verſuchte es, zur Unter⸗ ſtützung meines Entſchluſſes Gründe aufzufinden, die von den mich wirklich beherrſchenden Motiven gänzlich verſchieden waren. Ich log mir vor, ich fürchte das Klima und die Einwirkung der Tropenwinde auf meine Geſundheit. Es mag dies, dachte ich, recht gut ſein —Qy—rNny—ͤö— 141 für Leute, denen es an beſſern Ausſichten fehlt; wer weder Talent noch Einfluß, noch mächtige Connexionen beſitzt, der kann ſich immer auf Sierra Leone ſeine Wangen bräunen laſſen, oder auf St. Lucia an einem Zuckerrohr ſaugen. Aber daß Du, Harry Lorrequer, Deine Liebenswürdigkeit an Pflanzerstöchter verſchwen⸗ den ſollteſt— deine ausgezeichneten Eigenſchaften, die nur bekannt zu werden brauchen, um Dir die Welt zu Füßen zu legen— das Ding iſt zu abſurd, man kann gar nicht daran denken! Ja, ſagte ich halblaut, wir leſen in der Armeeliſte, daß Major A. zum 50ſten und Capitän B. zum 12ten Regiment verſetzt iſt; aber wie weit näher der Wahrheit würde es kommen, wenn es lautete—„Se. Maj. hat, in Erwägung der ausge⸗ zeichneten Dienſte des Erſtern ihn gnäͤdigſt zu verſetzen geruht zur— Cholera in Indien, ferner hat ſie den Andern in Anerkennung ſeines muthvollen tapfern Be⸗ nehmens bei der letzten Affaire mit den How⸗Dow⸗ Dallah Indianern gnädigſt befördert zu dem— gel⸗ ben Fieber, das gegenwärtig Jamaika verödet und ver⸗ wüſtet.“ Wie weit mich mein Dienſteifer in dieſer Be⸗ ziehung geführt haben könnte, weiß ich nicht, denn ich wurde aus meinen Betrachtungen plötzlich aufgeweckt durch laute Fußtritte auf der Treppe und die Töne mancher wohlbekannten Stimme von Kameraden, welche mich zu beſuchen kamen. „Nun, Harry, mein Junge,“ ſagte der fette Major beim Eintreten,„iſt es wahr, daß wir diesmal das Vergnüigen Ihrer Geſellſchaft nach Jamaika nicht haben werden?“.. 3 „Er zieht, wie es ſcheint, die bleichen Geſichter den ſchwarzen vor, und wahrhaftig, bei einer Zugabe bon dreißigtauſend iſt ſein Geſchmack wohl zu entſchul⸗ gen. „Aber, Lorrequer,“ bemerkte ein Dritter,„wir haben gehört, daß Sie im Callonby'ſchen Intereſſe 142 Wahlumtriebe gemacht haben. Sagen Sie, wo will das noch hinaus.“ 3 „Was mich betrifft,“ liſpelte ein großaugiger, flachshäriger Fähndrich von drei Monaten,„ſo finde ich es verdammt hart, daß der alte Carden nicht mich dahin geſchickt hat; denn, wie ich höre, ſind zwei Mär⸗ chen im Hauſe. Nicht wahr, Lorrequer?“ Nachdem ich mit all der eigenthümlichen Verſchämt⸗ heit, welche Gelegenheiten dieſer Art nothwendig her⸗ vorrufen, das Glück in Abrede geſtellt, das meine Freunde mir ſo unbedenklich zuſchrieben, gab ich ihnen dennoch deutlich genug zu verſtehen, daß ſie der Wahr⸗ heit um ſo näher kommen, je glänzender ſie meine der⸗ maligen Ausſichten glauben. Eine Sache erfreute mich jedenfalls ſehr. Alle ſchienen hochvergnügt über mein gutes Glück und ſelbſt der alte ſchottiſche Zahlmeiſter machte keine biſſigere Bemerkung als die, es ſolle ihn nicht wundern, wenn ich mit Hülfe meines ſchwarzen Backenbarts noch einmal Gouverneur einer bis jetzt unentdeckten Feſtung werde.. Sollte der eine oder der andere der höchſt gedul⸗ digen Zuhörer dieſer meiner beſcheidenen Bekenntniſſe es hier oder dort einigermaßen befremdlich finden, daß ich meine Luftſchlöſſer auf ſo gänzlich unzuverläßigen Grundlagen aufgeführt, ſo habe ich ihm blos eines zu antworten— daß ich nämlich von meiner Kindheit auf Freude an der Architektur gehabt habe und lieber über etwaige Mängel des Grundes und Bodens wegſehe, als gar nicht baue. Da es ſpät zu werden anfing, ſagte ich ſchnell meinen Freunden Lebewohl und eilte zu Oberſt Carden, der mich in Geſellſchaft meines alten Freundes Fitzge⸗ rald, unſeres Regimentsfeldſcheers, in ſeinem Quartier erwartete. Nachdem die erſten Begrüßungen vorüber waren, zog mich der Oberſt bei Seite in ein Fenſter und ſagte, daß er aus gewiſſen Ausdrücken, welche Lord Callonby gebraucht— gewiſſen Winken, die er. 143 habe fallen laſſen— vollkommen deutlich die delikate Stellung erſehe, in der ich mich zur Familie Sr. Lord⸗ ſchaft befinde.„Wahrhaft, mein lieber Lorrequer, ohne mich im mindeſten in Ihr Vertrauen eindrängen zu wollen, müſſen Sie mir doch die Bemerkung erlauben, daß Sie der glückſeligſte Kerl in Europa find, und ich gratulire Ihnen aus aufrichtigem Herzen zu Ihren Ausſichten.“ „Ei, mein lieber Oberſt, ich verfichere Sie—⸗ „Schon gut, ſchon gut, kein Wort mehr; Sie brauchen gar nicht zu erröthen. Ich weiß, man hält in ſolchen Fällen fremden Leuten gegenüber immer eine gewiſſe Heimlichkeit für nothwendig; ſo laſſen Sie uns jetzt auf Ihre Plane übergehen. So viel ich ſchließen konnte, haben Sie noch nicht förmlich angehalten. Aber natürlicher Weiſe wünſchen Sie Urlaub. Hoffentlich werden Sie die Armee nicht ganz verlaſſen wollen; dies iſt durchaus nicht nothwendig; ein Einfluß, wie der Jhrige kann Ihnen immer zu einem blos ange⸗ nehmen Poſten verhelfen.“— „Ich muß Ihnen noch einmal erklären, Sir, daß, obſchon ich aus gewiſſen Urſachen einen Urlaub ſehr wünſche, ich doch nicht die entfernteſte—— „Sehr gut, ſehr gut; es freut mich ungemein, Sie ſo ſprechen zu hören und Lord Callonby wird es auch freuen, denn er liebt den Dienſt.“ Und ſo wurde denn meine letzte Bemühung, die Sache abzuläugnen, kurz abgeſchnitten von dem red⸗ ſeligen kleinen Oberſten, der meinen unvollendeten Satz als Beiſtimmung zu ſeiner eigenen Anſicht betrachtete. „Allah il Allah,“ dachte ich,„es iſt Mylord Cal⸗ lonby's eigene Veranſtaltung, und ſein Freund Oberſt Carden hilft ihm und leiſtet ihm Vorſchub.“ „Jetzt, Lorrequer,“ fuhr der Oberſt fort,„laſſen Sie uns in der Hauptſache weiter machen. Sie haben natürlich ſchon gehört, daß wir in die Kolonien beor⸗ dert find; bis jetzt bloße Zeitungsnachrichten; nichts deſto weniger hält es äußerſt ſchwer— ja es iſt bei⸗ nahe unmöglich, ohne ein Krankheitszeugniß einen für Ihre Zwecke ausreichenden Urlaub zu erhalten.“ Und hier ſchmunzelte er und ich erröthete, alles ganz nach der Regel. 4 s„Ein Krankheitszeugniß,“ ſagte ich mit einiger Ueberraſchung. E„Das einzige, was Ihnen helfen kann,“ bemerkte Fitzgerald, eine lange Priſe nehmend,„und es thut mir leid, Ihnen ſagen zu müſſen, daß Sie ganz un⸗ verſchämt geſund ausſehen.“ „Ich muß bekennen, ich habe mich ſelten wohler gefühlt.“ „Um ſo ſchlimmer, um ſo ſchlimmer—“ ſagte Fitzgerald verzweiflungsvoll.„Iſt kein Familienübel vorhanden, kein achtungswerthes Krankheitserbſtück, das Sie von Ihrer Verwandtſchaft anſprechen können?“ „Keines, das ich weiß, es müßte denn eine ſehr emſige Thätigkeit bei den verſchiedenen Gelegenheiten des Frühſtücks, des Mittag⸗ und Abendeſſens, verbun⸗ den mit einer ausgeſprochenen Neigung zum Portwein und einem entſchiedenen Hang, von vierundzwanzig Stunden zehn zu verſchlafen, ein Zeichen von Krankheit ſein; an dieſen Symptomen leiden, ſo viel ich weiß, viele aus meiner Familie ſchon ſeit Jahren, ohne die geringſte Erleichterung zu verſpüren, obgleich ſie, ſo ſeltſam dies erſcheinen mag, gelegentlich ärztlichen Beiſtand gebraucht haben.“ Fitzgerald nahm keine Notiz von meinem Hohn gegen die Facultät, ſondern machte ſich jetzt an's Ge⸗ ſchäft, zu verſchiedenen Malen mit ſeiner Fingerſpitze meinen Bruſtkaſten zu beſtreichen.„Verſuchen Sie jetzt einen kurzen Huſten. Ach, damit iſt es nichts!“ „Werden Sie manchmal heiß? vor dem Mittag⸗ eſſen, meine ich.,. „Ja, gelegentlich, wenn ich zu einem tüchtigen Voreſſen komme.“ 145 „Da ſcheitert all mein Scharffinn,“ ſagte der arme Fitz, ſich in einen Stuhl werfend;„die Gicht iſt ein ſehr gutes Ding, aber Sie wiſſen, Sie ſind noch ein Subalterner, und es verſtößt durchaus gegen die Kriegsartikel, ſie zu bekommen, bevor man wenigſtens Stabsoffizier iſt. Ein Stick⸗ und Schlagfluß iſt das Beſte, was ich für Sie weiß. Die Wahrheit zu ſagen, wer Ihre Leiſtungen bei der Tafel mit anſieht, der wird die Möglichkeit eines ſolchen nicht ganz unwahr⸗ ſcheinlich finden.“ „Können Sie nicht vielleicht vor dem Medizinal⸗ kollegium einen Anfall von der fallenden Sucht bekom⸗ men?“ fragte Fitz ganz ernſthaft weiter. „Wenn es abſolut nothwendig iſt und mit guten Inſtruktionen, warum denn nicht?— Etwa auf dieſe Art? Iſt's recht ſo?“* „Nein, nein, Sie machens ganz falſch.“ „Muß man denn nicht ein wenig lachen und ſchreien dabei?“ fragte ich. „Gott bewahre; betrachten Sie ſich einmal den Zahlmeiſter Abends nach Tiſch, dann werden Sie kei⸗ nen Fehler mehr machen— recht heiß in den Wangen; im einen Auge einen ſchläfrigen Ausdruck, das andere ganz geſchloſſen; von Zeit zu Zeit ſchnarchen Sie ein wenig und ſprechen Sie ja nicht viel.“. „Glauben Sie wirklich, daß ich auf dieſe Art bei der Muſterung durchkomme?“ „Ja, es iſt möglich, wenn der alte Camin, der Oberinſpektor, ſich gerade, was nicht oft der Fall iſt, bei guter Laune befindet. Inzwiſchen geſtehe ich, ich wünſchte lieber, Sie wären wirklich krank, denn wir haben in der letzten Zeit eine große Menge falſcher Kranken paffiren laſſen und müſſen es demnächſt etwas ſtrenger nehmen.“ „Meinen verbindlichſten Dank für Ihre gütigen Wünſche,“ fagte ich;„doch iſt es mir immerhin lieber, die Sachen ſtehen ſo, wie ſie ſtehen.“ Bekenntniſſe Lorrequers. I. 10 „ 146 Nachdem ich endlich von dem Doktor einen wahr⸗ haft furchtbaren Bericht über meinen Fall“ und von dem Oberſten ein eindringliches Schreiben erhalten hatte, worin er den Verluſt eines ſo jungen, hoffnungsvollen Offiziers bedauerte, vertraute ich mich ſelbſt nebſt mei⸗ nem Mantelſack dem Innern eines königlichen Poſtwa⸗ gens an und fuhr nach Dublin mit ſo leichtem Herzen und ſo fröhlichem Muthe, als ſich immerhin mit dem delikaten Zuſtande meiner Geſundheit und den Anwei⸗ ſungen meines Doktors vertrug. Neuntes Kapitel. Reiſebekanntſchaften— Ein Paketbootabenteuer. Ich will mich nicht lange mit den Einzelheiten mei⸗ nes Beſuchs bei den würdigen Herren vom Medizinal⸗ kollegium aufhalten, zumal da einige meiner ſpäteren Bekenntniſſe ſich auf Dublin und viele, die darin woh⸗ nen, beziehen. Deßhalb will ich mich hier mit der Nachricht begnügen, daß ich ohne die mindeſten Schwie⸗ rigkeiten einen ſechsmonatlichen Urlaub erhielt und mich, nachdem ich von vielen Mitgliedern dieſer verehrten Brüderſchaft manchen guten Rath und noch mehr Sym⸗ pathie empfangen, reſpektvoll von ihnen verabſchiedete, um mich ſofort in das Hotel Biltons zu verfügen, wo ich ein Mittageſſen und, da man mir mäßige Koſt an⸗ gerathen, eine Flaſche Sncyd's Claret beſtellt hatte. Meine Stunden in Dublin waren gezählt; um acht Uhr am Abend meiner Ankunft eilte ich an den Haterdamm, um mir in dem nach Liverpool beſtimmten Paketboot einen Platz zu nehmen. Und hier, geneigter Leſer, las —,— 2— 147 mich Dich, wenn Du irgend ein fühlendes Herz haft, um Mitleid für die betrübte Lage eines Menſchenkindes, wie ich bin, anflehen. In den Tagen, von welchen ich jetzt ſpreche, gab es keine Dampfboote— mon wußte damals nichts von dem Vergnügen, im Haſen von Kingstown in ein behagliches Bett zu ſteigen und den andern Morgen an der Clarencer Docke in Liverpvol aufzuwachen, nur mit der einzigen Zugabe eines etwas ſchärfern Appetits zum Frühſtück, bevor man ſich zu ei⸗ nem weitern Flug, vierzig Meilen per Stunde durch die Luft, anſchickte. In der Zeit, von welcher ich jetzt zu berichten habe, wurde der Verkehr zwiſchen beiden Ländern durch zwei Segelſchiffe von kleiner Tonnenzahl und höchſt armſe⸗ liger Einrichtung unterhalten. Von dem Einen, das jetzt in Betracht kommt, erinnere ich mich des Namens noch recht gut— es hieß das Alert, und wahrhaftig, ein unglückſeligerer, falſcherer Name läßt ſich nicht wohl denken. Inzwiſchen hatte ich keine Wahl, ich nahm da⸗ her meinen Platz auf dem vollgedrängten Verdeck mei⸗ nes Fahrzeuges, und unter einem froſtigen, rieſelnden Regenſchauer, inmitten eines furchtbaren Getöſes, ei⸗ ner Verwirrung und eines Hin⸗ und Herrennens, wie man es kaum bei der Abfahrt eines Linienſchiffes zu ſehen gewohnt iſt, wackelten wir gänſeartig vom Ufer hinweg und begannen unſere Reiſe nach England. Es iſt nicht meine Abſicht, im gegenwärtigen Sta⸗ dium meiner Bekenntniſſe lang bei der Fahrt zu einem Ereigniſſe zu verweilen, das einen ſo mächtigen und ſo bleibenden Einfluß auf mein ſpäteres Leben hatte; doch kann ich nicht umhin, einen unbedeutenden Zwi⸗ ſchenfall zu verzeichnen, der am Bord des Paketbootes ſtattfand, und deſſen ſich, wie ich nicht zweifle, einige von den Leſern dieſer Zeilen entſinnen werden. Einer meiner Mitpaſſagiere war ein Gentleman, der am Viceköniglichen Hofe eine hohe Charge beklei⸗ dete, ſei es nun, daß er Haushofmeiſter, oder Stall⸗ 148 meiſter oder ſonſt etwas gleich Glänzendes war; in⸗ zwiſchen, wie es ſich auch mit ſeiner Stellung im Leben verhalten haben mag, ſo viel iſt gewiß— einen Men⸗ ſchen von höflicheren Manieren und feinerer Umgangs⸗ weiſe kann man ſich nicht denken, wobei noch in Be⸗ tracht kommt, daß er mit dieſen Eigenſchaften alle An⸗ ziehungskräfte einer ſehr hübſchen Perſönlichkeit und ei⸗ ner höchſt einnehmenden Haltung verband. Das Ein⸗ zige, was der ſkrupulöſeſte Kritiker an ſeinem ganzen Weſen und Benehmen ausſetzen konnte, war eine ge⸗ wiſſe Ueberfeinheit und Heiklichkeit, wie wir ſie von ei⸗ nem Manne von anerkannter Familie und bedeutenden Verbindungen etwas unerklärlich und jedenfalls unnöthig finden. Die Heiklichkeit, von der ich ſpreche, erſtreckte ſich auf Alles um ihn her; er aß nie aus einer gewöhn⸗ lichen Schüſſel, ſprach nie mit einem gemeinen Manne, und ſchon dieſes Bewußtſein an und für ſich flößte ihm einen Abſcheu vor zufälligen Bekanntſchaften ein, ſo daß er ſich auch von Perſonen, die in keiner Beziehung unter ihm ſtanden, mit einer gewiſſen Scheu zurückzog. Diejenigen, die den Sir Stewart Moore kannten, wer⸗ den wiſſen, daß ich weder in meinem Lob noch in mei⸗ nem Tadel übertreibe, und denjenigen, die dieſes Ver⸗ gnügen nicht gehabt haben, kann ich blos ſagen, daß dieß ihr eigener Schade iſt; ſie müſſen deshalb mein Wort für die Thatſache annehmen. Das wahre Widerſpiel gegen die eben erwähnte Perſon war ein anderer Paſſagier am Bord. Sie— denn auch von Geſchlecht waren ſie verſchieden— war ein kurzes, ſtämmiges, rothbackiges, gemein ausſehen⸗ des Weib von ungefähr fünfzig Jahren, höchſt ſchwatz⸗ hafter Gemüthsart und plauderte ohne Unterſchied mit Jedermann, ohne ſich um die Aufnahme, die ihren An⸗ reden zu Theil wurde, und um die vielen ſchnöden, zu⸗ rückſtoßenden Antworten, welche ſie jeden Augenblick erhielt, ſonderlich zu bekümmern. An mich ſchien ſich, der Himmel weiß wodurch angelockt, dieſes ungeſtalte 1⁴9 Stück Weibsfleiſch ganz vorzugsweiſe anhängen zu wol⸗ len. Ob ich mich in den rauchigen, beinahe undurch⸗ dringlichen Winkeln der Kajüte herumdrückte, ob ich dem kalten, durchdringenden Regen auf dem Verdeck Trotz bot, gleichviel, ſie war immer an meiner Seite und quälte mich nicht blos mit der unausſtehlichen Marter ihrer gemeinen Geſchwätzigkeit, ſondern ſchreckte wirk⸗ lich durch den Schein von Bekanntſchaft, den ein ſol⸗ ches beſtändiges Zuſammenſein erwecken mußte, alle Andern von jeder Annäherung an meine Perſon ab und machte mich binnen wenigen Stunden zu einem voll⸗ ſtändigen Paria unter den Paſſagieren. Von Keinem aber wurden wir— denn ach wir waren ſiameſiſche Zwillinge geworden— mit ſolcher Bangigkeit gefürch⸗ tet, wie von dem überfeinen Baronet, deſſen ich oben gedacht habe; er ſchien ſchon vor unſerer Nähe zurück⸗ zuſchaudern und mied uns, als hätten wir alle Plagen Egypti auf dem Leibe. Ich ſah dies— ich empfand es ſchmerzlich, und feſt und entſchloſſen gelobte ich Rache, wozu ich auch bald genug die erwünſchte Ge⸗ legenheit erhielt. Die intereſſante Mrs. Mulrooney— denn ſo nannte ſich meine hübſche Geſellſchafterin— machte gegenwär⸗ tig ihre erſte Seereiſe; ſie begab ſich auf den Markt nach Liverpool als Eigenthümerin und Oberaufſeherin einer Legion von Schweinen, die den unterſten Schiffs⸗ raum einnahmen, und deren honigfüße Töne gelegent⸗ lich auf allen Theilen des Schiffes vernommen wurden. Nachdem ſie mich hievon, ſo wie von etwelchen Um⸗ ſtänden ihrer Geburt und Verwandtſchaft in Kenntniß geſetzt, fing ſie an von den Vorſichtsmaßregeln zu er⸗ zählen, welche ihre Freunde ihr für eine ſo lange Reiſe angerathen haben, und zugleich einige Gegenmittel ge⸗ gen die furchtbare Plage, genannt Seekrankheit, zum Beſten zu geben, an die ſie nicht ohne Angſt und Zit⸗ tern denken konnte, und wegen der ſie mit jeder Stunde unruhiger wurde. 150 „Glauben Sie denn, Sir, Schweinefleiſch ſei nicht gut gegen die Krankheit? Mickey, nämlich mein Mann, Sir, ſagt, es ſei das allerbeſte, beſonders gebraten.“ „Taugt keinen Pfifferling, ich verſichere Sie.“ „Aber Spiritus und Waſſer?“. „Iſt noch weit ſchlechter Madame.“ „So wird doch Hafermehlthee helfen? Das iſt doch ſonſt ein recht hübſches Ding für den Magen.“ „Pures Gift für den gegenwärtigen Fall, Sie können mir's glauben.“ „Heilige Mutter Gottes, was ſoll ich denn thun, was ſoll aus mir werden?“. „Gehen Sie jetzt gleich in Ihre Hängmatte hinab, Madame; legen Sie ſich ruhig hin, und ſprechen Sie kein Wort, bis wir Land zu ſehen bekommen; oder,“ und hier kam ein glänzender Gedanke über mich,„wenn Sie ſich wirklich ſehr unwohl fühlen, ſo rufen Sie den Mann dort mit dem Pelzkragen am Rocke; er kann Ihnen das Einzige geben, was ich je wirkſam gefun⸗ den habe; er iſt der Kellermeiſter oder Steward, Ma⸗ dame, Stewart Moore, aber Sie müſſen ſich ſehr in Acht nehmen, zumal da Sie eine Fremde find, denn er iſt ein eingebildeter Burſche, er hat ſich ein Bischen was zuſammengemacht und will jetzt halb und halb den vornehmen Herrn ſpielen: deßhalb ſtoßen Sie ſich nicht an ſeinem Weſen, wenn Sie ihn auch etwas grob fin⸗ den, andere Leute halten ihn, ſo viel ich gehoöͤrt habe, für ungemein höflich.“ „Und er hat eine Arznei, ſagen Sie?“ „Die einzige, von der ich je gehört habe; es iſt eine kleine Herzſtärkung, wovon Sie alle zehn oder fünfzehn Minuten, ich weiß nicht, wie viel, nehmen.“ „Wenn man ihm aber etwas in die Hand drückt, ſo wird er ſie doch hergeben?“ „Rein, Madame, er hat alle Anerbieten in dieſer Beziebung ausgeſchlagen.“ — ⸗ℳ3so-õ— 151 „Darf ich ſo unverſchämt ſein, und Sie noch ein⸗ mal um ſeinen Namen bitten?“ „Stewart Moore, Madame, Moore iſt der Name, aber man nennt ihn immer Stewart Moore. Rufen Sie ihn nur mit lauter, klarer Stimme, ſo werden Sie ihn bald bei ſich haben.“ Mit den überfließendſten Verſicherungen ihrer Dank⸗ barkeit und Verſprechungen von Schweinefleiſch à dis- crétion, wenn ich je nach Ballinaslon käme, ſchickte ſich meine ſchöne Freundin an, meinen Rath zu befol⸗ gen, und begab ſich in die Cajüte hinab. Einige Stunden nachher verfügte auch ich mich zu meiner Ruhe, aus der ich jedoch gegen Mitternacht auf⸗ geweckt wurde durch ein mühſames Arbeiten und Stam⸗ pfen des Schiffes, das mit einer ungeſtümen See zu kämpfen hatte. Ich ſah aus meiner ſchmalen Krippe hervor, und nun entrollte ſich vor meinen Blicken das jammervollſte Gemälde, das man nur ſehen kann. Da und dort in der düſteren Kajüte lagen die Opfer der Grimmenkrankheit, in jedem Stadium des Leidens und in jeder Haltung des Elends. Ihr Geſchrei und Weh⸗ klagen vermengte ſich mit dem Geknarre der Bretter⸗ verſchläge und dem ſchwirrenden Gepfeife der trüben Lampe, deren unregelmäßige Schwingungen deutlich ver⸗ riethen, wie ſchwankend unſere dermalige Bewegung war. Ich wandte mich von der unanmuthigen Anſicht ab und war im Begriff, Alles aufzubieten, um wieder in einen Schlummer zu verfallen, als ich beim Getöne einer Stimme in der Hängmatte zunächſt neben mir aufſchrack, bei Tönen, die man, wenn man ſie einmal gehört hatte, unmöglich vergeſſen konnte. Die Worte lauteten, ſo wait ich mich erinnern kann, wie folgt: „So wollt ich doch, der Teufel holte euch, ihr Schweine, daß ihr mich in eine ſolche Lage bringt! O Gott, es kommt ſchon wieder!“ und hier fand eine kleine Unter⸗ brechung ihrer Beredtſamkeit ſtatt, während welcher ich in den Stand geſetzt wurde, über die Urheberin der 152 Klagen nachzudenken, die, wie ich kaum zu ſagen brauche, Niemand anders war, als Mrs. Mulrooney. „Ich meine, ein bischen Thee würde meinen Ma⸗ gen wieder in Ordnung bringen, wenn ich ihn nur be⸗ kommen könnte: aber was hilft alles Sprechen an die⸗ ſem abſcheulichen Orte? Man bekümmert ſich um mich nicht mehr, als wenn ich ein Schwein wäre. Steward, Steward! Ei, ſo wollt ich doch, der Kerl hätte das böſe Kreuz! Steward, ſage ich;“ und dies ſagte ſie wirklich mit einer Kraft der Stimme und Action, die mehr als einen Schläfer aufſchreckte.„So kommen Sie doch endlich einmal, Steward!“ „Madame,“ ſagte ein kleines, flinkes, ſchmutziges Männchen in blauer Jacke, mit einem ſchmierigen Tel⸗ lertuch ex officio über den Arm geworfen,„Madame, haben Sie gerufen?“ „Gerufen! Iſt das gerufen? Nein, aber ich brülle ſchon ſeit einer halben Stunde. Da kommen Sie her. Haben Sie von den herzſtärkenden Tropfen gegen die Krankheit?“— „Meinen Sie Brandy, Madame?“ „Nein, nicht Brandy.“ „Wir haben auch Wachholderbranntwein, Madame, und Porter in Flaſchen— auch Apfelmoſt, Madame, wenn Sie belieben.“ 3„Nein, nichts da; ich verlange bloß die Tropfen gegen die Krankheit.“ „Ich weiß wirklich nicht, Madame—⸗ „Ach, Sie ſind ein dummer Kerl; vielleicht ſind Sie gar nicht der rechte Steward. Wie heißen Sie?“ „Smith, Madame.“ „Hab min's doch gedacht; hinweg jetzt Burſche, hinweg von mir.“ Dieſer Befehl, der in abnehmender Cadenz ertheilt wurde, fand plötzlichen Gehorſam, und für einen Augen⸗ blick oder zwei war Alles wieder ſtill. Ich war eben 153 im Begriff, wieder einzunicken, als dieſelbe Stimme, wie vorhin, kreiſchte— „Soll ich hier wie ein Heide ſterben und kommt mir Niemand zu Hülfe? Steward! Steward! Ste⸗ ward Moorel ſage ich.“ „Wer ruft mich?“ ſprach eine tiefe, vollklingende Stimme von der entgegengeſetzten Seite der Kajüte, während im ſelben Augenblick eine hohe, grünſeidene Nachtmütze, auf einer ſehr ariſtokratiſch ausſehenden Stirne ſitzend, zwiſchen den Vorhängen der entgegen⸗ geſetzten Hängematte zum Vorſchein kam. „Steward Moore,“ ſagte die Lady von Neuem, ihre Augen in der Richtung der Thüre anſtrengend, zu welcher er, wie ſie erwartete, hereinkommen ſollte. „Das iſt höchſt ſeltſam,“ murmelte der Baronet halblaut.„Wie Madame, Sie rufen mich!“ „Und wenn ich Sie rufe,“ ſagte Mrs. Mulrooney, „und wenn Sie mich hörten, hatten Sie denn nicht ſo viel Lebensart, auf Ihren Namen zu antworten, he? Sind Sie der Steward Moore?“ „Bei meiner Seele, Madame, geſtern Nacht, als ich an Bord kam, glaubte ich es; aber Sie haben mich wabehaſti an meiner eigenen Identität zweifeln ge⸗ macht.“ „Und Sie liegen da breit auf Ihrem Buckel und laſſen mich hundskrank daliegen!“ „Ich muß das Faktum zugeben, Madame; die Stellung iſt in jeder Beziehung höchſt qualvoll.“ „Warum kamen Sie denn nicht zu mir herüber?“ und dies ſagte Mrs. Mulrooney mit etwas wie Zärt⸗ lichkeit in ihrer Stimme, da ſie auf alle Fälle einen ſo wichtigen Beamten wieder zu verſöhnen wünſchte. „Ei, wahrhaftig, Sie ſind die unbegreiflichſte Per⸗ ſon, die ich je getroffen habe.“ „Was bin ich?“ rief Mrs. Mulrooney, indem ihr das Blut in das Geſicht und die Schläfe ſtieg— aus demſelben Grunde, wie ihre ſchöne Landsmännin mit — 154 ſtoiſchem Gleichmuth alle herben Beiwoͤrter im ganzen Lexikon ertragen haben ſoll, bis ihr Gegner zu ihr ſagte, ſie ſei um keinen Teufel beſſer als ein Pronomen; ſo gerieth auch Mrs. Mulrooney omne ignotum pro horribile nehmend, über dieſe unglückſelige Phraſe gänzlich außer ſich.„Was bin ich? ſagen Sie es noch einmal, wenn Sie das Herz haben, und ich kratze Ihnen die Augen aus. Sie, dreckiger Schlingel, Sie, ganz behaglich unter der Decke dazuliegen und mich anzu⸗ grinſen. Was iſt Ihr Geſchäft— antworten Sie mir darauf— iſt's nicht Ihr Geſchäft, den Frauen aufzu⸗ warten, he?“ „O, das Weib muß wahnſinnig ſein,“ ſagte Sir Steward. „Der Teufel bin ich, aber nicht wahnſinnig— ich bin bloß krank. Jetzt kommen Sie wie ein anſtändiger Menſch zu mir herüber und geben Sie mir von Ihren ſtärkenden Tropfen. Kommen Sie aber ſchnell.“ „Zu Ihnen hinübergehen?“ „Ja, warum denn nicht? Oder wenn Sie ſo ſaul ſind, nun, ſo will ich's verſuchen und zu Ihnen kommen.“ 1 Da dieſe Worte mit gewiſſen Anzeichen einer Orts⸗ veränderung Seitens der Mrs. Mulrooney begleitet wurden, ſo merkte Sir Stewart, daß keine Zeit zu verlieren war, ſprang daher aus ſeiner Hängematte, rannte halb angekleidet durch die Kajüte und dann die Treppe hinauf, als Mrs. Mulrooney eben ein paar ungeheure Beine aus ihrem Lager hervorſtreckte, und nachdem ſie dieſelben einen Augenblick ſchwebend hatte hängen laſſen, auf den Boden hüpfte und ihm auf's Verdeck nachfolgte. Ein entſetzliches Gelächter von Seiten der Matroſen und der Verdeckpaſſagiere ver⸗ hinderte mich, das Zwiegeſpräch zu hören, das jetzt erfolgte; auch weiß ich bis jetzt noch nicht, wie Mrs. Mulrooney ihr Verſehen erfuhr. So viel iſt gewiß, fie zeigte ſich nicht mehr unter den Paſſagieren der — 155 Kajüte, und Sir Stewaris Benehmen am ſolgenden Morgen beim Frühſtück überzeugte mich zur Genüge, daß ich gerächt war. Zehntes Kapitel. Umgeworfen— leiblich und geiſtig. Kaum in Liverpool angelangt, eilte ich, mir mit der erſten Fahrgelegenheit nach London einen Platz zu beſtellen. Damals war die Landkutſche der Gipfel und die Vollendung der ſchnellen Beförderungsmittel, und auf der Imperiale ſitzend, in meinen Mantel tüchtig eingemummt, kehrte ich mit ſo ſehnſüchtiger Begierde und ſo glühenden Erwartungen, wie die meiſten andern Paſſagiere, mein Geſicht der Stadt zu. Alles ging in der regelrechten, eintönigen Routine ſolcher Dinge von Statten, bis wir Northampton erreichten, in welcher Stadt das Sattelpferd die ſteile Straße hinabſtolperte und ſtürzte; die Kutſche wurde furchthar auf die eine Seite geſchleudert, ſiel aber dann plötzlich mit einem entſetzlichen Gekrache auf der andern um, und ſämmt⸗ liche Außenſitzende, ich ſelbſt unter ihnen, flogen wie die Möven durch die Luft. Nachdem ich eine ſehr an⸗ ſehnliche Parabel beſchrieben, brachte mich mein Inci⸗ denzwinkel in den Laden einer Putzmacherin, bei wel⸗ cher ich durch ein großes Spiegelglasfenſter meinen Einzug hielt und allerhand niedliche Sächelchen zerſtörte, für die kaum meine Jahresgage ausgereicht hätte. Ich habe nur noch eine höchſt oberflächliche Erinnerung an die Einzelheiten dieſes Ereigniſſes, bis ich mich in einem ſehr geräumigen Bette im George Inn liegend fand, und aus der Thatſache, daß man mir an beiden Armen zu Ader gelaſſen, ſowie aus der Menge Ban⸗ 156 dagen, womit man mich umwickelt, den erbaulichen Schluß ziehen konnte, daß ich wenigſtens etliche Beine gebrochen haben müſſe. Daß dieſes Schickſal mein Schlüſſelbein und drei Rippen getroffen hatte, erfuhr ich bald, und mit grauſendem Entſetzen vernahm ich von dem Wundarzt, der mich behandelte, daß wenig⸗ ſtens vier oder fünf Wochen erforderlich ſeien, bis ich mit Sicherheit weiter reiſen könne. Das war denn ſchon ein bedeutender Abzug von meinem ſechsmonat⸗ lichen Urlaub, um nichts von dem Elend zu ſagen, das meiner wartete, ſo lange Zeit in einem fremden Gaſt⸗ hofe ohne Bücher, ohne Freunde, ohne Bekannte in's Bett gebannt zu ſein. Doch auch dies ließ ſich mit Hülfe einer guten Geduld überſtehen; ich bot meinen ganzen Vorrath von dieſer Eigenſchaft auf und hielt die harte Prüfung, d. h. eine zweimonatliche Gefangen⸗ ſchaft aus, während deren ich in Folge einer radikalen Hungerkur bedeutende Aehnlichkeit mit einem lebendigen Transparent erhalten hatte. Kaum fühlte ich mich jedoch wieder auf der Straße, als meine Lebensgeiſter ſich von Neuem ermunterten und die ſchönſten Hoffnungen, die glühendſten Erwar⸗ tungen, die ich nur je gehegt, ſich wieder einſtellten. Es war ſpät in der Nacht, als ich in London ankam. Ich fuhr vor einem ruhigen Hotel im Weſtend an und am folgenden Morgen begab ich mich in's Portman⸗ ſquare, berſtend vor Ungeduld, meine Freunde im Cal⸗ lonby'ſchen Hauſe zu ſehen und alle meine Abenteuer zu erzählen— denn da ich zu krank geweſen war, um von Northampton aus zu ſchreiben, da ich ferner das Geſchäft, mit ihnen zu verkehren, keinem Fremden hatte anvertrauen wollen, ſo dachte ich, ſie müſſen meinet⸗ wegen ungemein in Unruhe ſein, und malte mir die tauſend Empfindungen vor, welche meine ſo deutlich von Krankheit erzählende Erſcheinung erwecken würde; ja, ich konnte in meiner Ungeduld, wieder einmal in ihren Kreis zu treten, kaum umhin, förmlich zu rennen. 157 Wie Lady Jane mir begegnen würde, das war der Gegenſtand meiner beſtändigen Ueberlegungen; ob die⸗ ſelbe vorſichtige Rückhaltſamkeit meiner warte, oder ob die Beiſtimmung ihrer Familie in ihrer Art mich zu empfangen eine Veränderung hervorgebracht habe, dar⸗ über Gewißheit zu erhalten, war das Ziel meiner heißeſten Wünſche. Während meine Gedanken auf dieſe Art ſich beſchäftigten, fand ich mich vor der Hausthüre, bemerkte aber ſogleich zu meiner großen Unruhe, daß die verſchloſſenen Fenſterläden und das verlaſſene An⸗ ſehen des Hauſes auf Abweſenheit ſeiner Bewohner deuteten. Ich klingelte und erfuhr nun bald von einem Bedienten, deſſen Geſicht ich noch nie geſehen hatte, daß die Familie etwa vor einem Monat nach Paris gereist ſei, in der Abſicht, den Winter daſelbſt zuzu⸗ bringen. Ich brauche nicht zu ſagen, wie ſchmerzlich dieſe Nachricht mich enttäuſchte, und mehrere Minuten vermochte ich meine Gedanken nicht zu ſammeln. End⸗ lich ſagte der Bediente: „Wenn Sie etwas ganz Beſonderes haben, Sir, was Mylords Advokat beſorgen kann, ſo will ich Ihnen ſeine Adreſſe geben.“— 3 „Nein, danke Ihnen— ich habe nichts;“ zugleich aber murmelte ich bei mir ſelbſt: Ich werde demnächſt eine Beſchäftigung für ihn wiſſen.„Sie waren doch Alle recht wohl, nicht wahr?“ „Ja, Sir, vollkommen wohl. Bloß Mylord hatte einen leichten Schnupfen.“. ſeh 72he. Ja— und ihre Adreſſe iſt Meurice; ehr gut.“— So ſprechend wandte ich mich von der Thüre ab und kehrte mit langſameren Schritten, als ich gekom⸗ men war, nach meinem Hotel zurück. 3 3 Mein erſter Entſchluß war, nach Paris zu reiſen; mein zweiter, zuvörderſt meinen Oheim Sir Guy Lor⸗ requer zu beſuchen, ihm meine ganze Stellung, die vortheilhaften Ausſichten, die mir blühten, auseinander 158 zu ſetzen und ihn zu veranlaſſen, für Lady Jane eine anſtändige Mitgift auszuwerfen, im Fall ich die Bei⸗ ſtimmung ihrer Familie zu unſerer Vermählung erhielte. Da er es ſehr gerne mit vornehmen Leuten zu thun hatte und auf die Vortheile hoher Connerionen großes Gewicht legte, ſo hielt ich die Sache für nicht ſehr ſchwer, und wenn auch die Verwirklichung meiner Hoff⸗ nungen auf Glück ſich verzögerte, ſo glaubte ich, ſie werde dadurch nur um ſo zuverläßiger geſichert. Noch am ſelben Tage fuhr ich nach Elton und kam Nachts zehn Uhr vor meines Oheims Hauſe an. Ich traf den alten Herrn vollkommen ebenſo ausſehend, wie ich ihn vor drei Jahren verlaſſen hatte, ein Bischen über Gicht im linken Fuß klagend— ſein altes Specificum — Portwein preiſend— über ſeine Dienerſchaft ſchimpfend, weil ſie ihn beſtehle— und des Herzogs von Wellington Geſundheit tagtäglich oder vielmehr allnächtlich nach dem Abendeſſen trinkend, bei welchem Mahle ich ihn eben überraſchte und zwar zu meinem nicht geringen Vergnügen, denn ich hatte ſeit meiner Abreiſe von London nichts gegeſſen. „Nun, Harry,“ ſagte mein Oheim, als die Be⸗ dienten das Zimmer verlaſſen und wir uns an ein rundes Tiſchchen geſetzt hatten, um mit ungeſtörtem Behagen unſern Wein zu verplaudern,„welcher gute Wind hat Dich zu mir hergeblaſen, mein Junge? Sonderbar genug, fünf Minuten, bevor ich die Räder auf dem Pflaſter raſſeln hörte, wünſchte ich mir eben, irgend ein anſtändiger Kerl möchte mir bei meinem Birkhuhn helfen— und ſiehe da, mein Wunſch iſt mir erfüllt worden. Vermuthlich die alte Geſchichte, kein Geld? Wirſt nicht umſonſt gekommen ſein, he? Sag's nur oöffen, iſt's nicht ſo?“ 4 „Nein, nicht ganz, Sir; aber ich wünſchte in der That im Augenblick lieber von Ihnen, als von meinen eigenen Angelegenheiten zu ſprechen; über dieſe können 159 wir noch morgen plaudern. Wie vertragen Sie ſich mit dem ſchottiſchen Haushofmeiſter, Sir?“ „Er iſt ein Schurke, Sir— ein Betrüger— ein Spitzbube; aber das ſind ſie Alle, und Dein Vetter, Harry— Dein Vetter, den ich von ſeiner Kindheit an zum Erben beſtimmt habe(ein recht angenehmer Punkt für mich), der bekümmert ſich um mich ſo wenig als die andern Alle und würde nie zu mir kommen, wenn ihm nicht manchmal, wie Dir auch, das Geld aus⸗ ginge, ſo daß er wieder ein paar hundert Pfund aus mir herauslocken muß.“ „Aber Sie vergeſſen, Sir, ich bin in keiner ſolchen Abſicht gekommen.“ „Wollen ſchon ſehen, wollen Morgen ſchon ſehen,“ erwiederte er mit einem ungläubigen Kopfſchütteln. „Aber Guy, Sir, was hat Guy gethan?“ „Was hat er nicht gethan? Kaum iſt er zu dieſen Gelbſchnäbeln, den Huſaren vom— ſten gekommen, ſo hat er ſich ein prächtiges Viergeſpann angeſchafft, das mir neunhundert Pfund aus der Taſche zog— dann hat er in Cowes eine Yacht gekauft— in Schottland einen Birkhühnerpark gepachtet und jetzt hat er Tatter⸗ ſall unbeſchränkte Vollmacht gegeben, die Wreckinton'⸗ ſchen Windhunde zu kaufen, welche er zum Vergnügen ſeines Corps zu halten beabſichtigt. Mit einem Wort, es gibt keine Luſtbarkeit bei dieſem verwünſchten Re⸗ giment, es wird keine Flaſche Champagner an ihrer Tafel getrunken, woran ich nicht meinen Antheil zu bezahlen hätte— alles durch die gütige Vermittlung deines würdigen Vetters Guy Lorrequer.“ 3 Es war für mich ungemein luſtig anzuhören, wie der reiche Oheim meinem Vetter die albernſten Aus⸗ ſchweifungen und Verſchwendungen nachſah, während ich, der Sohn eines ältern Bruders, der mir unglück⸗ licher Weiſe ſeinen eigenen Namen Harry gegeben hatte, Subalternoffizier in einem Infanterieregiment blieb mit nicht einmal dreihundert Pfund Zulage zu meiner Gage und beſtändig der Gefahr ausgeſetzt, ſo bald mir ir⸗ gend ein toller Streich nachgewieſen würde, auch die⸗ ſes armſelige Jahresgeld zu verlieren. Mein Oheim bemerkte indeß den Verdruß, womit ich ſeine Erzählung anhörte, nicht, ſondern fuhr fort, mir verſchiedene Bei⸗ ſpiele von wilder, gedankenloſer Vergeudung ausein⸗ anderzuſetzen, worauf ſich der zukünſtige Beſitzer ſeines anſehnlichen Vermögens bereits eingelaſſen hatte. Um nur auch etwas zu ſagen, ohne recht zu wiſſen was, ließ ich einen Wink fallen, mein guter Vetter werde ſich vermuthlich bald beſſern und heirathen. „Heirathen,“ ſagte mein Oheim,„ja, das iſt, glaub' ich, das Beſte, was wir mit ihm machen kön⸗ nen, und ich hoffe, die Sache iſt jetzt ſo gut, wie im Reinen; ſo lauten wenigſtens die neueſten Nachrichten“ „So, wirklich?“ ſagte ich, mit Mühe ein Intereſſe erheuchelnd, wo ich in Wirklichkeit keines hatte— denn mein Vetter und ich waren nie ſehr vertraute Freunde geweſen, und die Verſchiedenheit in unſern Glücksum⸗ ſtänden war, wenigſtens nach meiner Anſicht, niemals durch ein zuvorkommendes Benehmen von ſeiner Seite aufgewogen worden. „Wie, Harry, haſt Du nichts davon gehört?“ fragte mein Oheim. „Nein, Sir, kein Wort.“ „Sehr ſonderbar, in der That— eine bedeutende Heirath, Harry, wirklich eine ſehr bedeutende Heirath.“ „Irgend eine reiche Bankierstochter,“ dachte ich; „was wird er erſt ſagen, wenn er von meinem Glücke hört?“ „Und dazu noch eine ſehr ſchöne junge Dame, die Schönheit Londons und ein ſplendides Vermögen von einer Tante her.“ Ich glaubte zu berſten vor Ungeduld, ihm von meiner Angelegenheit zu erzählen, und daß er noch ei⸗ nen andern Neffen habe, dem er nur die gewöhnlichſte 161 Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen brauche, um ſein Lebensglück zu begründen. „Guy's Geſchichte ergab ſich auf folgende Art,“ fuhr mein Oheim fort, deſſen Gedanken ſich einzig und allein mit den Erfolgen ſeines Lieblings beſchäſtigten. „Der Vater der jungen Lady traf ihn in Irland oder Schottland oder an einem andern ſol en Orte, wo er mit ſeinem Regiment ſtand— war ſehr eingenommen von ſeinen Manieren und ſeiner Gewandtheit— erfuhr, daß er mein Neffe ſei— bat ihn zu ſich in's Haus— und warf ihm das liebenswürdiaſte Mädchen beinahe an den Kopf, eh ſie noch zwei Monate bekannt war n.“ „Beinahe ganz mein eigenes Abenteuer,“ dachte ich innerlich lachend. 3 „Aber Sie haben mir nicht geſagt, wer die Leute ſind, Sir,“ ſagte ich, indem ich das Ende ſeiner Ge⸗ ſchichte kaum abwarten konnte, um dann die meinige zu beginnen.. „Ich komme ſchon daran— komme ſchon daran. Guy beſuchte mich, ſagte mir aber kein Wort davon, daß er mit der Famtlie zuſammengetroffen ſei, ſondern bat mich um eine Empfehlung an ſie, während ſie in Paris waren, wohin er auf einen karzen Urlaub gehen wollte; und das Erſte, was mir von der Sache mit⸗ getheilt wurde, war ein Brief vom Papa, der mich fragte, ob Guy zu meinem Erben beſtmmt ſei, und in wie weit ſeine Aufmerkſamkeiten in ſeiner Familie meine Beiſtimmung haben.“ „Wie haben Sie denn erfahren, Sir, daß ſie ſchon früher mit einander bekannt waren?“ b „Der Familienanwalt ſagte es mir, und dieſer hatte es Alles erzählen gehört.“ „Und warum ließ ſich denn Guy ein Empfehlungs⸗ ſchreiben von Ihnen geben, wenn er bereits mit den Leuten bekannt war?“. „Darüber kann ich ſelbſt weiter nichts ſagen, als Bekenntniſſe Lorrequers. I. 11 „* daß er Alles anders angreiſt als gewöhnliche Menſchen⸗ kinder, und ohne Zweifel hat der Brief einigen Spaß gemacht. Ich muß Dir doch ſeine Antwort auf mein erſtes Schreiben zeigen, damit Du auch weißt, wie Alles vor ſich ging; denn ich war ſehr unruhig wegen der Sache, als ich von einer Perſon, die mit ihnen zuſammentraf, erfuhr, daß Guy beſtändig im Hauſe ſei, und daß Lord Callonby nicht ohne ihn leben könne.“ „Lord wie?“ fragte ich mit einem Tone, bei wel⸗ chem der alte Herr voll Schrecken ſein. Glas ausſchüttete und von ſeinem Stuhle aufſprang. „Was zum Teufel iſt an dem Jungen! Was macht Dich ſo blaß?“ „Welchen Namen ſprachen Sie in dieſem Augen⸗ blick aus, Sir?“ fragte ich mit einer Gemeſſenheit der Sprache, die mir beinahe das Herz abdrückte. „Den Namen des Lord Callonby, meines alten Schulkameraden und Stubenburſchen in Eton.“ „Und der Name der Lady, Sir?“ ſagte ich in ei⸗ nem kaum hörbaren Geflüſter. „Den habe ich wahrhaftig vergeſſen; aber hier iſt der Brief von Guy, und ich glaube, er nennt ihren Namen in der Nachſchrift.“ Ich riß den halb offenen Brief dem alten Herrn aus der Hand, da er ſich vergeblich bemühte, die Stelle aufzufinden, die er ſuchte, und las wie folgt: „Meine angebetete Jane iſt Alles, was Ihre zärtlichſten Wünſche für mein Glück ſich ausmalen könnten, und ſie ſebnt ſich, ihren lieben Oheim zu ſehen, wie das holdſelige Mädchen Sie bereits bei jeder Gelegenheit nennt.“ Mehr las ich nicht— meine Augen ſchwammen— —r— das Papier, die Kerzen, Alles um mich her war um⸗ nebelt und verworren; ich hörte zwar meines Oheims Stimme immer noch, wußte aber nichts von dem, was er ſagte. Eine gute Weile konnte mein Gemüth die nieder⸗ 163 trächtige Verrätherei, mit der man mich behandelt hatte, nicht in ihrer ganzen Ausdehnung erfaſſen, und ich ſaß ſprachlos, wie niedergedonnert da. Allmälig wur⸗ den meine Geiſteskräfte wieder klarer, und ich überſah mit einem Blick den ganzen Handel, von meinem er⸗ ſten Zuſammentreffen mit ihnen in Kilrush an bis auf den gegenwärtigen Augenblick. Ich ſah, daß ſie in ihren Aufmerkſamkeiten gegen mich den Erben von El⸗ ton, den künftigen Beſitzer von fünfzehntauſend Pfund jährlich zu gewinnen glaubten. Von dieſem verworrenen herzloſen Intriguengewebe hinweg, richtete ich meine Gedanken auf Lady Jane ſelbſt. Wie hatte ſie mich verrathen! denn ſie hatte wahrhaftig meine Huldigungen nicht allein angenommen, ſondern ſogar ermuthigt— und ſchon ſo bald!— denken zu müſſen, daß ſie in demſelben Augenblick, wo mein ungeſtümes Verlangen, ſie zu ſehen, mich leicht hätte in's Verderben ſtürzen können, von einem Andern ſich den Hof machen ließ! O, es war zu ſchlecht, zu ſchlecht!“ Doch genug— noch jetzt vermag ich mich kaum bei der Erinnerung an dieſen Augenblick zu verweilen, an welchem die Hoffnungen und Träume manches lan⸗ gen Tages, mancher langen Nacht ſo grauſam vernich⸗ tet werden ſollten. Ich ergriff die erſte beſte Gelegen⸗ heit, meinem Oheim gute Nacht zu wünſchen und, nachdem ich ihm noch verſprochen, ihm morgen alle meine Plane zu offenbaren, eilte ich auf mein Zimmer. Meine Plane! ach ich hatte keine— dieſer einzige fatale Paragraph hatte ſie in den Wind zerſtreut, und Pond mit gebrochenem Herzen warf ich mich auf mein ett. Ich habe in dieſen Bekenntniſſen ſchon früher ein⸗ mal das mit einer vollſtändigen Enthüllung der Denk⸗ würdigkeiten meines Lebens nicht unvereinbare Vorrecht in Anſpruch genommen, über ſolche Abſchnitte, deren Laſt unglückſelig war und deren Erinnerung immer noch ſchmerzvoll iſt, leicht hinwegzugehen. Ich muß mich 3 164 jetzt hierauf berufen und den Leſer um Erlaubniß bitten, dieſen trübſeligen Theil meiner Geſchichte zu überhüpfen; ſtatt des vollen Ausdruckes meiner vermiſchten Wuth, Verachtung, Erbitterung und Betrübniß aber möge er den Ausſpruch gelten laſſen, den ein gelehrter Pfoffe einſt als Entſchuldigung dafür gebrauchte, daß er ein vielſylbiges Wort in einem lateiniſchen Briefe nicht vor⸗ las—„was dieß betrifft,“ ſagte er, die fragliche Phraſe anblickend,„ſo wollen wir davon abſehen.“ So ſage denn auch ich, und nun wieder auf die Reiſe. Eilftes Kapitel. Cheltenham— Heirathsabenteuer— Freiwerbung für einen Freund. Es war ein rauher, kalter Februar abend, als ich im Theezimmer des alten Pflugs in Cheltenham ſaß, Lucullus cum Lucullo— ohne andere Geſellſchaft, als meine halbgeleerte Flaſche Portwein. Ich hatte meinen Stuhl in den Winkel des geräumigen Feuer⸗ herdes gerückt, und in einem halbtrunkenen Zuſtande ließ ich die Ereigniſſe meines jugendlichen Lebens Re⸗ vue pafſiren, eines Lebens, worin ich wie die meiſten Leute, obſchon noch jung, falſch angewendete Talente, verſäumte Gelegenheiten, unergiebige Anſtrengungen und unheilvollen Müßiggang zu beklagen hatte. Der trübſelige Anblick des großen, ſchlecht beleuchteten Zim⸗ mers— die verſchiedenen Logen deſſelben mit ihren dicht zugezogenen Vorhängen— das ungeſellige Anſe⸗ hen aller Dinge um mich her paßte vortrefflich zu der Stimmung meiner Seele, und ich ſtand auf dem Punkte, ungemein ſentimental zu werden. Das ununterbrochene “ 165 Schweigen, während doch mehrere Leute zugegen wa⸗ ren, blieb gleichfalls nicht ohne Wirkung auf mich, und ich fühlte mich bedrückt, namenlos unglücklich. So ſaß ich eine Stunde lang; die Uhr über dem Kaminman⸗ tel pickte in widerlicher Eintönigkeit— der alte Mann in dem braunen Ueberrock hatte ſich in ſeinem Stuhle umgedreht und ſchnarchte jetzt lauter— der Gentleman, welcher die Times las, hatte das Chronicle zur Hand genommen, und ich meinte, ihn unter den Ankündigun⸗ gen nicken zu ſehen. Der Wirth, der mit einem unge⸗ ſchlachten Sohn von neunzehn Jahren um ſechs Uhr ge⸗ ſpeist hatte, ſaß ſtille und bewegungslos ſeinem Spröß⸗ ling gegenüber und unterbrach die Stille ringsum blos durch das Geknarre der gemeinſamen Flaſche, wenn er ſie über den Tiſch hinüber ſchob. Das einzige Ding, was wirk⸗ liche Lebenszeichen von ſich gab, war ein kleiner zuſammen⸗ geſchrumpfter Mann, der mit einer Brille auf der Naſe und Gaſthofspantoffeln an den Füßen raſch auf und ab ging und gelegentlich an ſeinem Tiſchchen ſtehen blieb, um ein bischen ſchwach ausſehenden Negus zu ſchlür⸗ fen, der ſeit zwei Stunden ſein mäßiges Getränke aus⸗ machte. Ich bin in Verzeichnung dieſer wenigen und augenſcheinlich geringfügigen Umſtände ausführlich ge⸗ weſen, denn werden nicht die größten und bedeutungs⸗ vollſten Ereigniſſe unſers Lebens durch bloße Gering⸗ fügigkeiten herbeigeführt?— Wäre nur der Sattelgaul an der Landkutſche auf den Vorderfüßen feſt geweſen, ſo könnte ich, während ich dieſes ſchreibe—— doch man laſſe mich fortfahren. Die Düſterkeit und Melan⸗ cholie, die nnich befiel, nahm mit jedem Augenblicke zu. Nur drei Monate vorher, und meine Ausſichten ſchloſ⸗ ſen alles Schönſte und Glänzendſte in ſich— jetzt war die ganze Zukunft finſter und trübe. Damals konnten meine beſten Freunde kaum umhin, mich um mein Glück zu beneiden— jetzt mußten meine Unfälle ſelbſt bei ei⸗ nem Feinde beinah Mitleid erwecken. Es war ſeltſam genug, und ich würde es lieber nicht geſtehen, wenn 166 nicht dieſe Bekenntniſſe ihrer ganzen Natur nach darauf berechnet wären, die innerſten Kammern meines Herzens aufzuſchließen; aber gewiß war es ſeltſam— und ich habe es ſpäter oft ſo gefunden, wenn ich darüber nach⸗ dachte— daß, obſchon ich der Lady Jane Callonby mit warmer, inniger Liebe zugethan war und ihren böswilligen Abfall von mir(denn anders kann ich es nicht nennen) ſchmerzlichſt empfand, dennoch der am häufigſten wiederkehrende Gedanke kein anderer war, als: was werden meine Kameraden ſagen— was wer⸗ den ſie im Hauptquartier davon denken?— Die Spöt⸗ tereien, die Neckereien, die halbverſteckten Anſpielungen, der angenommene Ton des Mitleids, was alles mei⸗ ner wartete, je nachdem die Einzelnen mehr oder we⸗ niger vertraut zu mir ſtanden, waren am Ende noch das Unausſtehlichſte vom Ganzen, und ich ſah der Rück⸗ kehr zu meinem Regiment mit peinlicherer Bangigkeit entgegen, als je ein Schulbube dem Wiederbeginn der Arbeiten nach Verfluß der Ferien. Ich hatte alle mög⸗ lichen Plane entworfen, um dieſem gefürchteten Ereig⸗ niſſe auszuweichen; zuweilen dachte ich daran, mich zu einem afrikaniſchen Corps verſetzen zu laſſen— manch⸗ mal auch für immer meinen Abſchied zu nehmen. In⸗ zwiſchen, wie ich auch die Sache überlegen mochte, von allen Seiten ſtellten ſich mir zahlloſe Schwierigkeiten entgegen und ich war zuletzt bei jenem willenloſen Stillſtandspunkte angelangt, wo man nach beſtändigem Schwanken blos auf den unbedeutendſten Impuls von außen her wartet, um ſich, gleichviel für welchen Plan, zu entſcheiden. In dieſer beneidenswerthen Gemüths⸗ ſtimmung ſaß ich da, meinen Wein ſchlürfend und von Zeit zu Zeit nach der Uhr hinaufblickend, ob ich mich nicht bald mit gutem Gewiſſen in mein Bett verfügen könne, als der Kellner mich mit der Frage aufweckte, ob mein Name Mr. Lorrequer ſei, denn ein Gentleman, der im Comptoir meine Karte geſehen, habe ſchon im — 167 hanzen Hotel nach dem Eigenthümer derſelben ſich er⸗ undigt.. „Ja,“ ſagte ich,„ſo heiße ich; aber ich bin, ſo . ich mich erinnern kann, hier mit Niemanden be⸗ annt.“ „Der Gentleman iſt erſt vor einer Stunde mit der Londoner Poſt hier angekommen, und da kommt er.“ In dieſem Augenblick trat ein ſchlanker, ſehr leb⸗ hafter Burſche, etwas renommirenden Gangs und tüch⸗ tig in einen Mantel eingehüllt, in das Zimmer, zog, um es ſich leicht zu machen, ein Tuch von ſeinem Kopfe ab und zeigte mir das ehrliche, mannhafte Ge⸗ ſicht meines Freundes Jack Waller vom— ſten Drago⸗ der imeni⸗ mit dem ich auf der Halbinſel gedient atte. Fünf Minuten genügten für Jack, um mir zu ſagen, daß er einer kühnen Spekulation wegen in dieſer ſchein⸗ bar unpaſſenden Zeit nach Cheltenham gekommen, daß er die feſte Ueberzeuaung hege, daß ſpäteſtens in eini⸗ gen Wochen ſein Glück gemacht ſei und, was er als ei⸗ nen beinahe eben ſo hochwichtigen Punkt zu betrachten ſchien, daß er ganz und gar ausgehungert ſei und ſich nach einem warmen Eſſen ſehne, aber ſogleich. Nachdem Jack dieſes angenehme Mahl mit dem Appetit eines Reiſenden befördert, ſetzte er mir ſofort ſeine Plane auseinander wie folgt:. Es wohne irgendwo in der Nähe von Chelten⸗ ham(die Richtung konnte er mir nicht angeben) ein alter oſtindiſcher Oberſt, der nach einer langen, erfolg⸗ reichen Laufbahn als Stabsoffizier und Regierungskom⸗ miſſär mit dem mäßigen Vermögen von zweimalhun⸗ derttauſend Pfund zurückgekehrt ſei. Er beſitze ferner einen Sohn und eine Tochter; der erſtere, ein Wüſt⸗ ling und Spieler, ſei ſchon ſeit geraumer Zeit ſeinem Schickſal überlaſſen worden, die letztere aber beabſich⸗ tige er als Unioerſalerbin einzuſetzen. Daß ſie ſchön wie ein Engel— mit allen Vorzügen des Geiſtes und 1 168 Herzens ausgeſtattet— liebenswürdig, angenehm und Alles das ſei, davon war Jack, der ſie niemals geſe⸗ hen hatte, zum Voraus überzeugt; daß ſie auch ent⸗ ſchloſſen ſei, ihn oder einen beliebigen andern Gentle⸗ man, deſſen Anſprüche hauptſächlich auf Mangel an Geld beruhten, zu heirathen, darauf hatte er unbedenk⸗ lich einen Eid abgelegt; und er war wirklich über die Ausführbarkeit der ganzen Sache ſo mit ſich im Kla⸗ ren, daß er einen zweimonatlichen Urlaub genommen hatte und ausdrücklich hieher gekommen war, um zu ſe⸗ hen, ſich zu verlieben und mit der Geliebten ſogleich davonzufahren. 4 „Aber,“ ſagte ich, indem ich ihn mit Mühe un⸗ terbeich⸗„wie lange kennen Sie denn ihren Vater chon ſe nie lange ich ihn kenne? Ich habe ihn noch nie geſehen.“ „Nun, das iſt ſchon eine gute Abkühlung; und wie gedenken Sie denn ſeine Bekanntſchaft zu machen? Wollen Sie ihn vielleicht zum Helfershelfer bei der Flucht ſeiner eigenen Tochter machen, indem ſie ihm dafür verſprechen, ihn nachher mit ſeinem eigenen Gelde zu bezahlen?“. „Nun, Harry, Sie haben jetzt den Punkt berührt, in welchem, das müſſen Sie bekennen, mein Genius immer unerreicht und unvergleichbar daſtand— geſte⸗ hen Sie's, wenn Sie nicht für alle Dankbarkeit erſtor⸗ ben find— geſtehen Sie's, wie oft Sie in unſern Bi⸗ vouacs auf der Halbinſel ungegeſſen ſich hätten ins Bett trollen müſſen, wenn nicht der Scharfſinn Ihres gehorſamſten Dieners immer etwas aufgefunden hätte — erkennen Sie's, daß, wenn es in einem Umkreis von zwanzig Meilen einen Hammel aufzutreiben oder ein Stück Rind zu ſtehlen gab, unſere Tafel wenigſtens keine Faſten hatte. Ich brauche Sie nicht an den kal⸗ ten Morgen des Rückzugs von Burgos zu erinnern, als der unerbittliche Lake fünf Mann durchprügeln ließ⸗ 169 weeil ſie Truthühner geſtohlen hatten, während ich in demſelben Augenblicke eine köſtliche Fleiſchſuppe zube⸗ reitete, Dank einer jungen Kuh, die ich Abends zuvor in Kurierſtiefeln in unſer Zelt gebracht hatte, um nicht durch ibre Fußſtapfen verrathen zu werden.“ „Ganz richtig, Jack, ich habe auch Ihr ſpartani⸗ ſches Talent nie in Zweifel gezogen, aber dieſer Han⸗ V del erſcheint, wenn man alles genau betrachtet, doch einigermaßen ſchwierig.“ „Und wenn er nicht ſchwierig wäre, würde ich mich dann darauf eingelaſſen haben? Nein, nein, Harry. Ich lege allen gebührenden Werth auf das Mädchen mit ihren zweimalhunderttauſend Pfund Na⸗ delgeld; doch muß ich Ihnen ehrlich geſtehen, daß die Intrigue, das Plänchen ſelbſt eben ſo großen Reiz für mnich hat, als irgend ein Theil des verlockenden Er⸗ olgs. 1 „Nun, Jack, was iſt denn alſo der Plan?“ „Der Plan, ja, ja, der Plan. Ich habe deren mehrere; aber ſeit ich Sie geſehen und das Ding mit Ihnen beſprochen habe, iſt mir eine ganz neue Art, die Laufgräben zu eröffnen, eingefallen.“ „Ei, ich ſehe doch nicht ein, wie ich möglicher⸗ weiſe einen neuen Lichtſtrahl auf die Affaire geworfen haben ſollte.“ 3 „Da ſind Sie ganz irre. Hören Sie mich nur ohne Unterbrechung an, und ich will Ihnen Alles er⸗ klären. Vor Allem muß ich die Wohnung des würdi⸗ gen Oberſt ausfindig machen— Hydrabad Cottage nennt er ſie; ein recht hübſcher Name, nicht wahr?— Dann will ich einen Ausflug in die unmittelbare Nähe un⸗ ternehmen und auf ſeinem Grund und Boden, zehn Schritte vor dem Hauſe, entweder gefährlich krank werden, oder unmittelbar vor ſeiner Thüre mit mei⸗ nem Gig umwerfen und mir den Hirnſchädel zerſchel⸗ len; das iſt mir ſo ziemlich gleichgültig. Da nun, wie ich höre, der alte Gentleman der gutherzigſte, gaſt⸗ freundlichſte Kerl von der Welt iſt, ſo wird er mich ſo⸗ gleich in ſein Haus aufnehmen; ſeine Tochter wird mir mein Krankenlager beteiten— wird mich verpflegen— wird mir vorleſen; ein glorreicher Spaß, Harry. Ich werde ihr mit ungeheurem Ungeſtüm den Hof machen; und jetzt iſt der einzige Punkt, über den ich noch nicht mit mir einig bin, der, ob ich ſie, nachdem ich bei dem Oberſten ſo viele Güte und Gaſtfreundſchaft genoſſen, entführen, oder mit Einwilligung des alten Papa's heiraihen ſoll. Sie ſehen, es läßt ſich für Beides viel agen.“ 1 „Das gebe ich gerne zu; aber da Sie bis auf die⸗ ſen einzigen Punkt ſo vollkommen im Klaren find, ſo möchte ich Ihnen rathen, dieſe Frage offen zu laſſen, wie die Miniſter ſagen, wenn man ihnen wegen einer beſtimmten Erklärung hart zu Leibe geht.“ „Gut, Harry, einverſtanden; es ſoll ſo bleiben. Nun aber an Ihr Geſchäft bei der Sache; denn das habe ich Ihnen noch nicht erklärt.“ „Mein Geſchäft!“ ſagte ich ganz erſtaunt;„wie iſt es möglich, daß Sie mir eine Rolle in dieſem Drama angewieſen haben können?“ „Das will ich Ihnen erklären, Harry; Sie müſſen in dem Gig mit mir kommen, und zwar in der Eigen⸗ ſchaft meines Bedienten.“ „Ihres, was?“ fragte ich ſchaudernd über ſeine Unverſchämtheit. „Machen Sie jetzt keinen Unſinn, Harry; Sie ſol⸗ len einen Kapitalſpaß von der Geſchichte haben. Sie können ſich jede anſtändige Livree auswählen, die Ih⸗ nen gefällt, und ich überlaſſe Ihnen die ganze weib⸗ liche Welt unterhalb der Treppe; für dieſe herrliche Ge⸗ legenheit nun, die ich Ihnen verſchaffe, verlange ich von Ihnen weiter nichts, als daß Sie mich, Ihren Herrn, in allen möglichen Geſtalten und Formen loben und preiſen, als den angenehſten, edelherzigſten Kerl von der Welt, der bis üder die Obren im Golde ſitze ———QO.ꝑ—jBLůQꝑO— — — und keinen andern Lebenszweck habe, als daſſelbe auf eine anſtändige Art loszuſchlagen.“ Die unvergleichliche Schamlofigkeit dieſes Meiſters Jack, mir einen ſolchen Dienſt übertragen zu wollen, machte mich ganz unfähig, ihm zu antworten, während er ſich ein Langes und Breites über das große Feld der Thätigkeit auszulaſſen fortfuhr, das auf dieſe Art uns Beiden geöffnet werde. Endlich fiel mir eine Anek⸗ dote von einem ähnlichen Plan ein, wobei es ſich aber nicht um das Wegkapern einer jungen Lady, ſondern einer befeſtigten Stadt gehandelt hatte, und ich hoffte, 8 auf immer zum Schweigen zu bringen, indem ich agte: 3 „Nun gut, ich bin's zufrieden; nur mit dem ein⸗ zigen Unterſchied, ich will der Herr ſein und Sie der Bediente.“ Zu meiner äußerſten Beſtürzung ergriff Waller, ohne ſich einen einzigen Augenblick zu bedenken, meine Hand und rief:„Es gilt!“ Natürlich lachte ich herz⸗ lich über die maßloſe Abgeſchmacktheit des ganzen Un⸗ ternehmens, und verhöhnte meinen Freund mit der Aus⸗ ſicht auf Botany Bay, als Lohn für ein ſolches Hel⸗ denſtück; denn die wirkliche Ausführung einer Albern⸗ heit dieſer Art hielt ich nicht im Entfernteſten für möglich. 1 Nun aber ergriff Jack von Neuem das Wort, be⸗ rührte mit meiſterhafter Feinheit und Zartheit meine neuliche Niederlage bei Callonby's, wovon er, wie ich bisher geglaubt hatte, noch kein Wort wiſſen konnte, breitete ſich ſofort über die Ausſicht aus, die mir blühe, dieſes Mißgeſchick wieder gut zu machen und ein noch weit größeres Vermögen zu erlangen, enthielt ſich vor⸗ ſichtigerweiſe jeder Erwähnung der perſönlichen Reize der jungen Lady, weil er aus meinem weinerlichen Aus⸗ ſehen ſchloß, daß mein Herz ſich von dem durch Lady Janes Treuloſigkeit ihm verſetzten Schlage noch nicht erholt hatte, und ich mich auf eine ſolche Verbindung um ſo bereitwilliger einlaſſen werde, als ſie mir das einzige Mittel darbiete, den Spöttereien des Regiments⸗ tiſches, den boshaften Scherzen meiner Kameraden und lebenslänglichen Neckereien des ganzen Armeecorps, ſo weit die Geſchichte bekannt werde, zu entgehen. Die unglückſelige Leichtigkeit meiner Gemüthsart, von der ich ſo oft und ſo offen in dieſen Bekenntniſſen ſprechen muß— die Bereitwilligkeit, mich leiten zu laſſen, wohin nur Einer mich zu führen ſich die Mühe nehmen wollte— die ſorgloſe Gleichgültigkeit, womit ich jede Rolle annahm, welche Schickſal, Zufall oder Abſicht mir übertragen wollte, dies Alles, verbunden mit meinem Antheil an drei Flaſchen Champagner, ver⸗ anlaßte mich zuerſt zuzuhören— dann aufmerkſam zu werden— bald darauf guten Rath zu ertheilen— und endlich geradezu meine Beiſtimmung und Mitwirkung zuzuſagen, bei einem Plane, den ich in jedem andern Augenblick als baaren Unſinn hätte betrachten müſſen. Als die Glocke zwei ſchlug, hatte ich eben meinen Na⸗ men unter einen Vergleich geſetzt, denn Jack Waller hatte ſo viel Methode in ſeiner Tollheit, daß er, aus Furcht, ich möchte am Morgen zurücktreten, das Ganze zu Papier gebracht hatte. Das Originaldokument iſt noch in meinen Händen, und als Müſterchen von Jacks Advokatentalenten will ich hier eine Abſchriſt davon mittheilen. „Pflug, Cheltenham, Dienſtag Nachts oder Mor⸗ gen, zwei Uhr, ein paar Minuten mehr oder weniger. Ich, Harry Lorrequer, Lieutenant in Sr. Maj. 4tem Re⸗ giment zu Fuß auf der einen Seite, und ich, John Waller, gemeiniglich Jack Waller genannt, vom— ſten Dragonerregiment auf der andern, verbinden und ver⸗ pflichten uns hiemit, jeder für ſich ſelbſt und nicht ei⸗ ner für den andern, zu folgenden Bedingungen, welche hienächſt verzeichnet ſtehen: nämlich der vorbeſagte Jack Waller hat dem vorerwähnten Harry Lorrequer für den Zeitraum von einem Monat oder vier Wochen zu die⸗ 173 nen, zu gehorchen und ehrerbietig zu folgen; er muß ſich in allen Beziehungen, auf alle Arten und Weiſen als ſein, des vorbeſagten Lorrequer, Dienſtmann, Kam⸗ merdiener, Lackei oder Stieſelputzer aufführen— muß vorbeſagten Lorrequer pflichtgemäß loben, in den Him⸗ mel erheben und anpreiſen, und ihm auf alle Art die Möglichkeit erleichtern, zu erhalten die Hand und das Vermögen der Lady——.“ duf„Wollen wir hier den Namen hineinſetzen?“ fragte ack. „Ich denke nicht; wir können ihn ſpäter mit dem Bleiſtift ausfüllen.“ .— Nach Verfluß welcher Periode vorbeſagter Harry Lorrequer, wenn er in ſeiner Bewerbung glück⸗ lich geweſen iſt, vorbeſagtem Waller die Summe von zehntauſend Pfund in 3 ½% Renten nebſt einer be⸗ glaubigten, ſchriftlichen Beſcheinigung für treu gelei⸗ ſtete Dienſte zuzuſtellen hat. Wenn dagegen, was der Himmel verhüten wolle, vorbeſagter Lorrequer nicht ſo glücklich ſein ſollte, die Hand der— zu erhalten, ſo hat er binnen zwölf Stunden das Feld zu räumen, ſich an einen von vorbeſagtem Waller paſſend erachteten Ort zu verfügen und ſich daſelbſt pflichtgemäß mit einer von vorbeſagtem Waller ausgewählten Livree zu be⸗ leiden—“. 4 „Sie wiſſen, Jedermann hat in dieſem Punkte ſei⸗ nen beſondern Geſchmack, bemerkte Jack dazwiſchen. „— Und den Zeitraum von vier Kalenderwochen vorbeſagtem Waller als ſein Kammerdiener oder Lackei zu gehorſamen, dann aber, im Falle des Gelingens, die oben erwähnte Vergütigung zu erhalten; jeder ver⸗ ſpricht feierlich die Beſtimmungen dieſes Vergleichs zu beobachten und verpflichtet ſich durch ein feierliches Ge⸗ lübde, für den darin erwähnten Zeitraum allen mit ſarne früheren Stande verbundenen Rechten zu ent⸗ agen.“ Wir unterzeichneten und beſiegelten dieſen Vertrag 174 förmlich und tranken zur vollſtändigen Ratifikation noch eine Flaſche. Nachdem dies geſchehen war, ſchüttelten wir einander herzlich die Hände, dann aber trennten wir uns für die Nacht. Das Erſte, was ich am folgenden Morgen beim Erwachen ſah, war Jack Waller, der neben meinem Bette ſtand und augenſcheinlich mit ſich ſelbſt ſowohl, als mit der ganzen übrigen Welt ungemein zufrie⸗ den war. „Harry, mein Junge, ich habe das Ding gottvoll eingefädelt,“ ſagte er.„Geſtern Nacht, als wir uns trennten, fiel mir noch ein, daß einer der hervorſtechend⸗ ſten Züge im Charakter unſers alten Oberſten eine ge⸗ wiſſe vage Idee iſt, die er irgendwo aufgeſchnappt hat, die Idee nämlich, daß er in irgend einer ſehr ſern lie⸗ genden Periode ſeiner Geſchichte ein höchſt ausgezeich⸗ neter Offizier geweſen ſei. Dieſe Meinung ſcheint förm⸗ lich in ſeinem Kopfe zu ſpuken, und er glaubt ſteif und feſt, daß er jedem Treffen vom ſiebenjährigen Krieg an bis herab zur Schlacht bei Waterloo angewohnt habe. Sie können von keiner Belagerung ſprechen, bei der er nicht die erſte Parallele gelegt, von keinem Sturm, bei dem er nicht den verlornen Poſten ange⸗ führt hätte; ja, es gibt im ganzen Armeekorps, von Pictons fechtender Brigade an bis zur Londner Stadt⸗ militz, nicht ein einziges Regiment, mit welchem er nicht, um mich ſeines eigenen Ausdrucks zu bedienen, gefochten und geblutet hätte. Dieſe Wuth, ein Held ſein zu wollen, iſt drollig genug, wenn man bedenkt, daß der Kreis ſeiner Wirkſamkeit nothwendig beſchränkt war; inzwiſchen haben wir gute Gründe, für dieſe Eigenthümlichkeit, wie Sie ſich auszudrücken pflegen, dankbar zu ſein, zumal wenn ich Ihnen melde, daß ich dieſen Morgen einen Eilboten nach ſeiner Villa ab⸗ geordnet habe, mit einer ungemein höflichen Note) des Inhalts, daß ein Mr. Lorrequer— doch, Harry, ich kann es Ihnen noch wörtlich ſagen— da Mr. Lorre⸗ 175 quer vom— ſten zum Behuf eines großartigen Werkes Materialien zur Verewigung der ausgezeichneten Groß⸗ thaten brittiſcher Offiziere, die in irgend einer Zeit kom⸗ mandirt haben, ſammelt, ſo erſucht er ehrerbietigſt um eine Unterredung mit dem Oberſten Kamworth, deſſen ausgezeichnete Dienſte bei manchem heißen Kampf den unbedingteſten Beifall von Sr. Maj. Regierung hervorgerufen haben. Mr. Lorrequer's Aufenthalt be⸗ ſchränkt ſich nothwendig auf wenige Tage, da er von hier aus Lord Angleſey beſuchen wird, und deßhalb möchte er ergebenft bitten, daß ihm die Zuſammenkunft mit dem Herrn Oberſten ſobald bewilligt werde, als es dieſem nur immer genehm ſein kann. Was denken Sie jetzt von der Sache; iſt dies ein Meiſterſtreich, oder iſt es keiner?“ „Ein Unſinn iſt es,“ ſagte ich mit einem tiefen Seufzer;„wo ſoll das Alles hinaus, Jack? Wie, Sie ſtecken ſchon in der Livree?“ Jetzt erſt bemerkte ich, daß Waller ſich mit einem ſehr anſtändigen dunkelgrauen Fracke nebſt kurzen Hoſen und Schnallenſchuhen ausſtaffirt hatte, ſo daß er wie ein ſehr gewandter Bedienter für einen Tilbury ausſah. „Nun, gefalle ich Ihnen? Ich hätte freilich lieber etwas mehr in die Augen Springendes genommen; aber da Sie geſtern Nacht dies auswählten, ſo gab ich na⸗ türlicherweiſe nach und glaube jetzt ſelbſt, daß Sie Recht haben; die Livree iſt offenbar hübſch.“ „Habe ich ſie heute Nacht ausgewählt? Ich kann mich nicht im Mindeſten mehr darauf beſinnen.“ „Freilich, und Sie waren dazu noch höchſt eigen in Beziehung auf die Länge der Weſte und die Höhe der Kokarde. Sie ſehen aber, daß ich Ihren Befehlen ziemlich genau nachgekommen bin; und jetzt lebe wohl, holdſelige Gleichheit, ich bin vier Wochen lang Ihr ge⸗ horſamſter Bedienter.— Sehen Sie zu, daß Sie dieſe Zeit ſo gut, als möglich, benutzen.“ Während wir ſo ſprachen, trat der Kellner mit einem Briefe an mich ein, der, wie ich mit Recht vermuthete, bloß vom Oberſt Kamworth kommen konnte. Er lautete alſo— 1 „Oberſt Kamworth fühlt ſich ungemein geſchmei⸗ chelt durch die höfliche Aufmerkſamkeit des Mr. Lor⸗ requer und würde es für ein ganz beſonderes Glück halten, wenn Mr. Lorrequer die wenigen Tage ſeines Aufenthaltes in hiefiger Gegend ihm widmen und in Hydrabad Cottage zubringen wollte. Jedweder Auf⸗ ſchluß in Beziehung auf Oberſt Kamworths Dienſte in den vier Theiten des Weltalls ſteht, wie er nicht beſonders bemerken zu müſſen glaubt, Mr. Lorrequer mit größtem Vergnügen zu Dienſten. „Oberſt K. dinirt Schlag ſechs Uhr.“ Als Waller die Note geleſen hatte, warf er ſeinen Hut in die Höhe, jauchzte wie ein beſoffener Bauern⸗ bube und rief— „Das Spiel iſt bereits gewonnen. Harry, mein Junge, geben Sie mir die Anweiſung auf meine zehn⸗ tauſend Pfund; das Mädchen gehört Ihnen.“ Ohne Wallers maßloſen Jubel gänzlich zu theilen, konnte ich nicht umhin, ein immer größeres Intereſſe an der mir zugedachten Rolle zu gewinnen und begann meine Vorübung mit mehr Geiſt, als ich mir ſelbſt vorher zugetraut hatte., An demſelben Abend, in derſelben Stunde, wo ich geſtern allein und troſtlos neben dein Feuer im Wirths⸗ zimmer geſeſſen, ſaß ich jetzt einemhirklich ſtattlichen, reſpektabel ausſebenden alten Mann mit einem großen, weißen, ſteifen Haarzopf gegenüber, der mich zu wie⸗ derholten Malen aufforderte, mein Glas von Neuem zu füllen. Das Zimmer war eine kleine Bibliothek mit hüdſch verſehenen Schränken; es ſtanden darin nur vier Stühle, von denen aber jeder wenigſtens zu drei der modernen Art ausgereicht haben würde; die karmoiſin⸗ rothen Vorhänge verbreiteten in dem Zimmer ein an⸗ genehmes Dämmerlicht, und das luſtige Holzfeuer, das 177 auf dem Herde flackerte und die einzige ſonſtige Be⸗ leuchtung war, gab Allem ein höchſt einladendes, heim⸗ liches Anſehen.„Dies Alles iſt ganz vortrefflich,“ dachte ich;„das Abenteuer mag jetzt enden wie es will, luſtig iſt es jedenfalls, und einen beſſeren Madeira habe ich nie zu koſten bekommen.“ „Alſo, Mr. Lorrequer, haben Sie doch von meiner Affaire bei Cantantrabad gehört, wo ich den Rajah gefangen nahm?“ „Ja,“ ſagte ich,„der Generalgouverneur erwähnte dieſe glorreiche That erſt das letzte Mal, als ich im Gouvernementspalaſt zu Mittag ſpeiste.“ „So, that er das? Es iſt doch ſchön von ihm. Gut, Sir, ich empfing am andern Morgen zwei Mil⸗ lionen Rupien, und zehn weitere wurden mir verſpro⸗ chen, wenn ich ihn entwiſchen laſſen wollte; aber nein — ich verweigerte es rundweg.“ „Iſt's möglich? Und was thaten Sie mit den zwei Millionen?— Natürlich fortgeſandt nach——„ „Nein, das that ich nicht; die dummen Kerls wiſſen den Werth des Geldes nicht zu ſchätzen; nein, nein; ich beſitze ſie bis auf dieſen Augenblick in guten Staats⸗ obligationen.“ „Aber den Sturm auf Java habe ich Ihnen, glaube ich, noch nicht erzählt? Schenken Sie ſich wieder ein, ſo will ich Ihnen Alles haarklein beſchreiben, denn es iſt von unendlicher Wichtigkeit, daß das Publikum eine getreue Darſtelliig erhält— bis jetzt befindet es ſich noch in gänzlicher Unwiſſenheit darüber. Alſo hier iſt das Fort Cornelius, und da iſt der Waſſergraben; die Zuckerbüchſe iſt die Citadelle, die Zange iſt der erſte Laufgraben, die Flaſche ſoll den hohen Thurm am ſüd⸗ weſtlichen Winkel vorſtellen, das Weinglas— das bin ich. Nun gut, es war ein wenig nach zehn Uhr Abends, als ich von dem kommandirenden General Befehl erhielt, auf dieſen Feigenteller da loszumarſchiren, der ein Bekenntniſſe Lorrequers. J. 12 offener Raum vor dem Fort Cornelius war, und meine Stellung in der Front des Forts zu nehmen, ſodann mit vier Feldſtücken— dieſen Wallnüſſen da— mich fertig zu halten, jeden Augenblick das Feuer auf den ſüdweſtlichen Thurm zu eröffnen; aber, mein lieber Sir, Sie haben den Thurm verrückt, indem Sie da Madeira tranken. Wie geſagt, ich war beordert, mein Feuer auf den ſüdweſtlichen Thurm zu eröffnen, oder für den Fall der Noth die Zuckerzange zu ſchützen, die, wie ich Ihnen erklärte, der Laufgraben war. Juſt um dieſe Zeit rüſteten ſich die Belagerten zu einem Aus⸗ fall, um dieſen Teller mit Mandeln und Trauben— die Hochebene links von meiner Poſition— wegzu⸗ nehmen; legen Sie gefälligſt noch ein Scheit ans Feuer, Sir, denn ich kann es nicht ſelbſt beſorgen— ich glaubte mich oben bei den Feigen, und nun finde ich mich unten bei dem Halbmond.“ „FEs iſt neun Uhr vorüber,“ ſagte ein Bedienter, ins Zimmer tretend;„ſoll ich den Wagen für Miß Kamworth vorfahren laſſen, Sir?“ Da dies das erſte Mal war, daß der Name der jungen Lady ſeit meiner Ankunft erwähnt wurde, ſo empfand ich große Luſt, mehr von ihr zu hören; ein lobenswerther Wunſch, der indeß nicht befriedigt wer⸗ den ſollte, denn der Oberſt war äußerſt ärgerlich über die Unterbrechung und entließ den Bedienten mit den Worten— „Was fällt Dir ein, Kerl, in dieſem Augenblick hereinzukommen? Siehſt Du nicht, daß ich den An⸗ griff auf den Halbmond vorbereite? Mr. Lorrequer, ich bitte für einen Augenblick um Verzeihung, dieſer Burſche hat mich gänzlich aus der Faſſung gebracht, und überdies haben Sie, wie ich bemerke, die fliegende Artillerie aufgegeſſen; in der That, mein lieber Sir, Sie würden mich verbinden, wenn Sie die Poſition wieder legen wollten.“ Mit dieſem preiswürdigen Intereſſe beſchäftigte ſich + 179 der Oberſt, das Material unſeres Nachtiſches in Schlacht⸗ ordnung aufzuſtellen, als die Thüre plötzlich aufgeſtoßen wurde, ein ſehr hübſches Mädchen in einer höchſt an⸗ ſtändigen Halbtoilette ins Zimmer ſprang und ſich ohne Weiteres, ſei es nun, daß ſie den Fremdling nicht be⸗ merkt hatte, oder daß ſie keine Notiz von ihm nahm, dem alten Gentleman in die Arme warf mit einer zärt⸗ lichen Zuthulichkeit, die für einen unbetheiligten Zeugen wirklich etwas ungemein Herausforderndes, ja Peini⸗ gendes hatte. „Marxy, mein liebes Kind,“ ſagte der Oberſt, Java und das Fort Cornelius auf einmal gänzlich vergeſſend, „fiehſt Du nicht, daß ich Dir einen Gentleman vorzu⸗ ſtellen habe? Mr. Lorrequer, meine Tochter Miß Kam⸗ worth;“ hier knixte die junge Lady etwas ſteif, ich verbeugte mich ehrerbietig, und wir nahmen alle unſere Plätze wieder ein. Ich erfuhr jetzt, daß Miß Kamworth die letzten vier oder fünf Tage bei einer Freundin in der Nachbarſchaft zugebracht und lieber etwas uner⸗ wartet hatte zurückkommen, als ihren eigenen Wagen abwarten wollen. Wollte ich meine Bekenntniſſe wortgetreu nach den Notizen über meinen vierwöchigen Aufenthalt bei dem Oberſten mittheilen, ſo würden dadurch nur die bereits allzu weitſchweifigen und unintereſſanten Einzelheiten dieſes Kapitels in meinem Leben unnöthigerweiſe ver⸗ mehrt; ich brauche bloß zu ſagen, daß ich, wenn ich mich in Miß Kamworth auch nicht wirklich verliebte, doch eine ganz ungemeine Neigung empfand, dies zu thun; ſie war in der That allerliebſt; ſie hatte Füßchen und Knöchel, bei denen man hätte ſchwören mögen, hatte die ſilbertönigſte Stimme, die ich beinahe je ge⸗ hört habe, und in ihrem Benehmen lag eine gewiſſe neckiſche Schalkhaftigkeit, die beſtändig auf die Folter ſpannte und, während ſie ſich als Schwierigkeit fühlbar machte, gleichwohl einen mehr als gewöhnlichen Eifer in der Verfolgung des lockenden Zieles einflößte. Sie 180 war ein Stück, aber nur ein ganz kleines Stück von einer gelehrten Dame, mehr eine Pfuſcherin in den Ologien, als eine wirkliche Adeptin. Doch machte ſie Sammlungen in Mineralien, braunen Käfern, Kryp⸗ togamen und verſchiedenen andern homöopathiſchen, in ihren Unterabtheilungen unendlichmal kleinen Theilchen der Schöpfung, für welche alle zuſammen ich mich lediglich inſofern intereſſirte, weil ſie mir eine gute Veranlaſſung boten, das holde Kind in ihrem Pony⸗ phaeton zu begleiten. Dies war inzwiſchen ein ſeltenes Vergnügen, denn jeden Morgen mußte ich etwa drei oder vier Stunden lang dem Oberſten gegenüber ſitzen und mich mit der Abfaſſung ſeiner res gestac beſchäf⸗ tigen, mit der Darſtellung von Großthaten, gegen welche die Laufbahn Napoleons gänzlich in Schatten trat und die Lorbeeren Wellingtons nur einen höchſt matten Glanz behielten. Mit dieſer angenehmen Arbeit brachte ich den größten Theil des Tages zu, die uner⸗ trägliche Weitſchweifigkeit des weitſchweifigſten aller Oberſten ertragend, aber doch zuweilen, trotz der nahen Verwandtſchaft, die zwiſchen uns bevorſtand, beinahe bedauernd, daß er nicht bei einer der zahlreichen Ex⸗ ploſionen, von denen ſeine Denkwürdigkeiten überfloßen, in die Luft geſprengt worden war. Hier mag die Mit⸗ theilung Platz finden, daß, während mein literariſches Unternehmen auf dieſe Art vorwärts ſchritt, die junge Lady fortwährend ihren obenerwähnten Beſchäftigungen oblag, jedoch nicht mit mir, als ihrem Begleiter, ſon⸗ dern mit Waller; denn Oberſt Kamworth hatte, wie er mir ſagte, die Tüchtigkeit und Beſtändigkeit meines Bedienten erkannt und trug daher kein Bedenken, ihn zum Kutſcher der Miß Kamworth zu erheben, zumal da ich ihm ein höchſt vortreffliches Zeugniß gegeben hatte, laut deſſen es ihm an keiner von allen Tugen⸗ den mangelte, die ſich nur unter dem Himmel vorfinden. Ich muß zum Schluß eilen.— Der letzte Abend meiner vier Wochen neigte ſich ſeinem Ende zu. Oberß 181 Kamworth hatte mir dringend angelegen, ich möchte doch meinen Beſuch verlängern, und ich wartete nur auf Wallers Rückkehr von Cheltenham, wohin ich ihn zur Abholung von Briefen an mich geſandt hatte, um ihn zur Aufhebung unſeres lächerlichen Vertrages zu veranlaſſen und die Einladung anzunehmen. Wir ſaßen in der Bibliothek ums Feuer, der Oberſt erzählte, wie gewöhnlich, von den Thaten und vielfachen haarſcharfen Fährlichkeiten ſeiner frühern Tage, Mary ſiickte an einem unbeſchreibbaren Etwas, das jeden Abend zum Vorſchein kam, aber durchaus nicht vorrücken wollte, und war ungewöhnlich heiter gelaunt, hatte aber doch etwas Unſicheres, Unruhiges in ihrem Benehmen, und ich konnte aus ihrer häufigen Zerſtreutheit, ja ſogar Geiſtesabweſenheit erſehen, daß ihre Gedanken nicht ſo ausſchließlich mit der Belagerung Java's beſchäftigt waren, als ihr würdiger Vater glaubte. Ohne auf den Umſtand einiges Gewicht zu legen, muß ich den⸗ noch geſtehen, daß Wallers Ausbleiben— denn er ſollte längſt von Cheltenham zurück ſein— mir einiges Unbehagen verurſachte, und mehr als einmal zog ich die Klingel, um mich zu erkundigen, ob mein Bedien⸗ ter noch nicht da ſei. Ich erinnere mich noch recht gut des eigenthümlichen Ausdrucks in Mary's Blick, ſo oſt ich dieſes that, der halben Verlegenheit und halben Schalkhaftigkeit, womit ſie der Frage lauſchte und die verneinende Antwort anhörte. Endlich erſchien das Abendeſſen, und ich fragte den aufwartenden Bedienten, ob mein Kammerdiener mir vielleicht meine Briefe ge⸗ bracht habe— die Variationen in meinen Erkundigungen ſollten meine Aengſtlichkeit verdecken— und wiederum hörte ich, daß er noch nicht zurückgekehrt ſei. Ich be⸗ ſchloß jetzt, am nächſten Morgen in aller Form um Miß Kamworth anzuhalten, und indem ich den Oberſten an meinen Oheim Sir Guy verwieſe, alle Schwierig⸗ keiten, ſoweit es in meinen Kräften ſtände, zu ebnen. Mit dieſem Vorhaben wünſchte ich ihm gute Nacht und 182 begab mich zur Ruhe, nicht jedoch, ohne daß mir der Oberſt mitgetheilt hatte, daß ſie für den nächſten Tag einen Ausflug in die Nachbarſchaft beabſichtigen, daher er mich erſuche, um neun Uhr im Frühſtückzimmer zu ſein, allwo die ganze Geſellſchaft ſich verſammle, um die Expedition frühe anzutreten. Ich lag am folgenden Morgen in geſundem Schlaf, als ein leiſes Pochen an die Thüre mich erweckte; zu gleicher Zeit erkannte ich die Stimme eines Bedienten vom Hauſe, welcher ſagte: „Mr. Lorrequer, das Frühſtück iſt bereit, Sir.“ Ich ſprang ſogleich auf, rief:„Sehr gut, ich werde hinabkommen, und wollte mich in aller Eile ankleiden, aber zu meinem Entſetzen konnte ich keine Spur von meinen Kleidern entdecken; von der ganzen Garderobe, die ich den Tag zuvor noch beſeſſen hatte, war nichts übrig geblieben, ſelbſt mein Mantelſack war verſchwun⸗ den. Nach einem höchſt ſorgfältigen Suchen gewahrte ich auf einem Stuhl in einem Winkel des Zimmers einen kleinen in ein Handtuch zuſammengewundenen Pack, bei deſſen Oeffnung ich eine nagelneue Livree der auffallendſten, ſchreiendſten Art erblickte; die Weſte und die Hoſen von gelbem Plüſch mit hellblauen Bändern und Litzen; dieſelbe Farbe hatte auch der Rock, der überdies einen ſtehenden Kragen nebſt ungeheuren Auf⸗ ſchlägen hatte und mit fein ausgearbeiteten Knopflöchern ſo wie mit großen breiten Knöpfen prachtvoll verziert war. Als ich dieſe Dinge alle hin⸗ und her legte, ohne auch nur die mindeſte Ahnung von ihrer wahren Be⸗ ſtimmung zu haben, gewahrte ich einen kleinen, an dem Rockärmel befeſtigten Streifen Papier, worauf in Wal⸗ lercher Handſchrift folgende wenige Worte zu leſen anden: „„Die Livree wird Ihnen hoffentlich paſſen, da ich in Beziehung auf ihr Ausſehen etwas eigen bin; gehen Sie jetzt ruhig in den Stall hinab und fahren = Q 183 Sie mit dem Tilbury nach Cheltenham, allwo Sie auf weitere Befehle zu warten haben von Ihrem gütigen Herrn John Waller.“ Die entſetzliche Bosheit dieſes Schurkenſtreiches donnerte mich zu Boden. Daß ich mich mit einem ſolch lächerlichen Plunder behängen könnte, davon war gar keine Rede; doch was war zu thun? Ich klingelte hef⸗ tig:„Wo find meine Kleider, Thomas?“ „Weiz nicht, Sir; ich war den ganzen Morgen aus und habe ſie nicht geſehen.“ „Nun, Thomas, ſeien Sie geſcheit und ſchicken Sie mir ſie ſchnell herauf. Nicht wahr?“ Thomas ver⸗ ſchwand, kam aber ſchnell zurück, um zu ſagen, meine Kleider können nirgends gefunden werden; kein Menſch wiſſe etwas von ihnen, und er erſuche mich jetzt hin⸗ abzukommen, da Miß Kamworth ihm aufgegeben habe zu ſagen, unten warte Alles auf mich, und ſie bitte Mr. Lorrequer keine allzugeſuchte Toilette zu machen, indem der Ausflug blos aufs Land gerichtet ſein ſolle Eine ausgeſuchte Toilette! Ich wollte, ſie hätte mein Koſtüm geſehen; nein, zu dieſem kann ich mich nicht verſtehen.„Thomas, Sie müſſen den Ladies und dem Oberſten ſagen, daß ich mich ſehr unwohl befinde; ich bin nicht im Stand, mein Bett zu verlaſſen; ich habe einen Blutandrang— einen ſehr heftigen Blutandrang gegen den Kopf, und man muß mich ruhig und allein laſſen— ganz allein— merken Sie ſich's, Thomas — wenigſtens einen Tag lang.“ Thomas trollte ſich, und als ich halb wahnſinnig vor Wuth in meinem Bette lag, hörte ich vom Frühſtückszimmer her das Gelächter vieler Perſonen, die ſich offenbar an irgend einem vortrefflichen Spaſſe erluſtigten;„wäre es mög⸗ lich, daß ſie über mich lachten!“ Der Gedanke ſchloß eine Hölle in ſich. „Oberſt Kamworth läßt fragen, ob Sie den Doc⸗ tor wünſchen, Sir?“ ſagte Thomas, augenſcheinlich 184 mit der größten Gewalt ein lautes Gelächter nieder⸗ kämpfend, als er wieder an der Thüre erſchien. „Nein, wahrhaftig nicht,“ antwortete ich mit Don⸗ erfäinine,„was zum Teufel ſchneiden Sie ſolche Ge⸗ ter?“. „Kommen Sie immerhin herab, mein lieber Mann; man iſt Ihnen hinter die Schliche gekommen; Sie wiſſen's jetzt Alle,“ fuhr der Kerl mit einem haſſens⸗ würdigen Zähnefletſchen fort. Ich ſprang aus dem Bett und warf aus Leibes⸗ kräften den Stiefelzieher nach ihm, hatte aber keine andere Genugthuung, als daß ich ihn aus vollem Halſe lachend die Treppe hinabrennen hörte, und als er das Verſammlungszimmer erreichte, verkündete mir das Uebermaß der Luſtigkeit und das pöbelhafte Gewieher der Geſellſchaft, daß er nicht der einzige war, der ſich auf meine Koſten luſtig machte. Solchen Demüthi⸗ gungen war alles vorzuziehen; ich beſchloß jetzt ſogleich hinabzugehen— aber wie? ein Betttuch, dachte ich, wäre kein übles Ding, namentlich, da ich mich für krank erklärt hatte; ich konnte ſo wenigſtens bis in des Oberſten Privatzimmer gelangen und ihm den ganzen Handel auseinander ſetzen; aber wenn ich auf dem Wege dahin entdeckt wurde, was beinahe nothwendig geſchehen mußte, da ſo viele Leute im Hauſe herum paradirten, was dann? Nein, es ging nicht an; ich hatte jetzt nur noch eine einzige Wahl, und ſo ſchreck⸗ lich, ſo empörend ſie war, ich konnte ihr nicht entgehen, mit ſchwerem Herzen und unauslöſchlicher Erbitterung über Waller wegen dieſes höchſt ſchurkiſchen Buben⸗ ſtückes, denn anders konnte ich cs nicht betrachten, legte ich daber die gelben Unausſprechlichen an; zunächſt kam die Weſte und endlich der Frack mit ſeinen breiten Klappen und ſeinem Litzenanhängſel hundertmal abge⸗ ſchmackter und hanswurſtartiger, als man ſie je bei einem Bedienten auf der Bühne ſieht, der mit ſeinem 185 Tiſch und ſeinen zwei Stühlen mitten unter dem Ge⸗ ziſche und Gehöhne einer oberſten Gallerie davonläuft. Wenn mein Coſtüme ſehr hart ans Lächerliche ſtreifte, ſo beſchloß ich dagegen, in meine Miene und Haltung mehr als gewöhnliche Strenge und hochfah⸗ renden Trotz zu legen; mit Schritten, wie etwa John Kemble im Coriolanus verließ ich alſö mein Schlaf⸗ zimmer, als ich zufällig mich ſelbſt im Spiegel zu ſehen bekam, ein Anblick, der mich dermaßen kränkte die ſeltſame Grellheit des Coſtüms verwiſchte gänzlich alle Spuren von irgend einer Charakteriſtik deſſen, der es trug; ſo ſataniſch boshaft war es ausgeſonnen. Ich glaube nicht, daß der grämlichſte Märtyrer der Gicht und Unverdaulichkeit mich hätte anſehen können, ohne laut aufzulachen. Mit einer wüthenden Anſtrengung riß ich die Thüre auf, rannte die Treppe hinab und erreichte die Halle. Die erſte Perſon, die mir in den Wurf kam, war eine Art Küchenjunge, eine Beſtie, die „Herr, ich rathe Ihnen, machen Sie ſich davon; man wartet drinnen mit Konſtablern auf Sie.“ Ich warf ihm einen Blick verachtungsvoller Superiorität zu, worüber er noch mehr grinste, und rannte weiter. Ohne mich lange zu deſinnen, wohin ich ging, öffnete ich die Thüre des Frühſtückszimmers und befand mich jetzt mit einem Schlag mitten unter einer Menge Leute. Mein erſter Gedanke war, wieder hinauszugehen, aber gleich das Erſte, was mir in die Augen fiel, em⸗ 186 pörte mich dermaßen, daß ich ganz außer Stands war, etwas zu thun. Unter einer bedeutenden Anzahl von Gäſten, die in kleinen Gruppen um den Frühſtückstiſch herumſtanden, entdeckte ich Jack Waller mit einem höchſt zierlichen ſchwarzen Frack und dunklen Hoſen angethan, in ſeinem Arme aber— ſoll ich's geſtehen?— keine geringere Perſon haltend, als Mary Kamworth, die ſich mit der Vertraulichkeit einer alten Bekanntſchaft an ihn lehnte und luſtig mit ihm plauderte. Das Ge⸗ ſumme der Unterhaltung, wovon bei meinem Eintritt das Zimmer erfüllt war, machte jetzt eine Sekunde lang dem tiefſten Stillſchweigen Platz; dann aber folgte eine wahre Lachſalve, ſo daß ich in meinem augen⸗ blicklichen Aerger nur wünſchte, es möchte irgend einem ein Blutgefäß ſpringen, damit den Uebrigen ein heil⸗ ſamer Schreck in die Glieder führe. Ich nahm eine Miene unbeſchreiblicher Erbitterung an und warf einen Blick, der die zermalmendſte Verachtung ausdrücken ſollte, auf die Verſammlung; aber ach! mein hölliſches Harlekinscoſtüm zerſtörte alle Wirkung und die Schur⸗ ken lachten nur noch lauter. Ich wandte mich von einem zum andern mit der Miene eines Mannes, der ſich Opfer für ſeinen künftigen Zorn auserſieht, aber ohne beſſern Erfolg; endlich ſchritt ich unter der fort⸗ währenden Luſtigkeit der Geſellſchaft gerade auf Waller zu, der ſich vor Lachen die Seiten halten mußte und kaum mehr ſtehen konnte. „Waller,“ ſagte ich mit einer vor Wuth und Scham halb zitternden Stimme,„Waller, wenn dieſer ſchur⸗ kiſche Bubenſtreich von Ihnen kommt, ſo ſelen Sie verſichert, daß der früher freundſchaftliche Fuß zwiſchen uns— Bevor ich meinen Ausſpruch vollenden konnte, lenkte ein Geräuſch an der Thure die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit nach dieſer hin; ich drehte mich um und erblickte den Oberſten Kamworth, gefolgt von einem ſtarken Geleite von Konſtablern, Gerichtsdienern u. ſ. w. 187 ſämmtlich bis unter die Zähne gewappnet und augen⸗ ſcheinlich zu einem tüchtigen Kampfe gerüſtet. Bevor ich im Stande war, meinem gütigen Wirth meine Lei⸗ den zu klagen, brach dieſer ſelbſt folgendermaßen aus: „Alſo, Sie Galgenſtrick, Sie Betrüger, Sie ver⸗ dammter Saubube, alſo geben Sie ſich für einen Gent⸗ leman aus, verſchaffen ſich Zutritt bei einem anſtändi⸗ gen Manne und ſpeiſen an ſeiner Tafel, während Ihr eigentlicher Platz hinter ſeinem Stuhle geweſen waͤre. Der Himmel weiß, wie weit er gegangen wäre, wenn nicht dieſer vortreffliche junge Gentleman, ſein Herr, ihn dieſen Morgen hier erwiſcht hätte; aber Du ſollſt e mir theuer bezahlen, du junger Gauner; das ſollſt Du.“ „Oberſt Kamworth,“ ſagte ich, mich ſtolz in die Bruſt werfend und dadurch, ich kann es nicht läuanen, ein langes, ſchallendes Gelächter hervorlockend,„Oberſt Kamworth, für dieſe Ausdrücke, die Sie ſo eben gegen mich gebraucht haben, wartet Ihrer eine ſtrenge Rechen⸗ ſchaft; nicht, bevor ein anderes, jedoch hier anweſendes Individuum für den Schimpf gebüßt haben wird, wel⸗ chen es mir anzuthun ſich erfrecht hat.“ Bei dieſer Erklärung kannte die Leidenſchaftlichkeit des Alten keine Grenzen mehr; er fluchte und tobte wie ein Beſeſſener und ſchwor, lebenslängliche Transportation ſolle noch ein mildes Urtheil ſein für ſolchen Frevel.. Waller wiſchte ſich endlich die Thränen von den naſſen Augen, machte ſich zum Vermittler zwiſchen dem Oberſten und ſeinem Opfer und bat, man möchte mir verzeihen,„denn in der That, mein lieber Sir,“ ſagle er,„der arme Burſche ſtammt aus einer recht ehren⸗ werthen Verwandtſchaft und hat eine ſolche Neigung zur guten Geſellſchaft, daß er ſich allen Gefahren aus⸗ ſetzen würde, nur um unter beſſern Leuten zu ſein, ob⸗ ſchon nun, wie im gegenwärtigen Fall, eine ſolche Narrheit ſchwere Züchtigung verdient, ſo erſuche ich Sie doch, dieſelbe mir zu überlaſſen. Komm, Henry,“ fuhr er mit einer Miene unausſtehlicher Vornehmheit 188 fort,„bring meinen Tilbury nach der Stadt und er⸗ warte mich im George; ich will Dich mit meinem vor⸗ trefflichen Freund, dem Oberſten Kamworth, auszuſöh⸗ nen ſuchen. Die beſte Art übrigens, wie Du ſelbſt dazu mitwirken kannſt, iſt, wenn Du uns ſogleich von Deiner Geſellſchaft befreiſt.“. Meine Wuth bei dieſen Worten kann ich nicht zu ſchildern ſuchen; inzwiſchen war meine einzige Abſiccht jetzt auf ein glückliches Loskommen aus dieſer teufli⸗ ſchen Lage gerichtet; ich ſtürzte alſo aus dem Zimmer, ſprang in das Tilbury vor dem Hauſe und jagte wie auf Windesflügeln die Allee hinab, mitten unter dem vereinigten Gejubel, Gegrunze und Geziſche des gan⸗ zen Bedientenſchwarmes, der ſich über meine Entlar⸗ vung noch mehr zu ergötzen ſchien, als die gnädigen Herrſchaften ſelbſt. Jetzt auf Rache finnend, auf ſcharfe, kurze, entſcheidungsvolle Rache an Waller, dem Ober⸗ ſten und ſämmtlichen übrigen Theilhabern der teufliſchen Verſchwörung gegen mich, denn an unſern Vertrag hatte ich in meiner gänzlichen Verblüfftheit alle Spuren ver⸗ geſſen, erreichte ich Cheltenham. Unglücklicherweiſe hatte ich hier keinen Freund, welchem ich die Ueberbrin⸗ gung einer Botſchaft anvertrauen konnte, und ſah mich daher genöthigt, ſo bald ich mir wieder Kleider ver⸗ ſchafft hatte, nach Coventry zu eilen, wo das— ſte Dragonerregiment damals in Garniſon lag. Hier wählte ich mir ſogleich einen Sekundanten, that alle nöthigen Schritte, um Meiſter Waller zur Rechenſchaft zu ziehen, und am dritten Morgen erreichten wir wie⸗ der Cheltenham, ich nach Rache dürſtend und immer noch berſtend vor Aerger; nicht ſo jedoch mein Freund, der die Sache niemals mit der gewöhnlichen Ernſthaf⸗ tigkeit beſprechen konnte und ſich ſogar dann und wann eine boshafte Anſpielung auf meine kurze gelbe Hoſe erlaubte. Als wir am letzten Schlagbaum vorüberfuh⸗ ren, kam ein Reiſewagen mit vier Pferden in geſtreck⸗ tem Galopp einhergeraſſelt, und da der Morgen kalt, —.,— 189 die Sonne aber kaum aufgegangen war, ſo rauchte und dampfte das ganze Geſpann dermaßen, daß man es kaum halb ſehen konnte. Uns beiden fiel die große Eilfertigkeit auf, denn da auch wir ſelbſt tüchtig darauf losfuhren, ſo ſchoßen die beiden Wägen mit Blitzes⸗ ſchnelligkeit an einander vorüber. Kaum hatten wir uns angekleidet und ein Frühſtück befohlen, als eine ungewöhnliche Geſchäftigkeit im Hofe uns ans Fenſter lockte; der Kellner, der im ſelben Augenblick herein⸗ trat, ſagte uns, es werden vier Pferde beſtellt, um eine junge Lady zu verfolgen, welche dieſen Morgen mit einem Offizier davon gelaufen ſei. „Aha, ganz ſicherlich unſer Freund in dem grünen Reiſewagen,“ meinte mein Begleiter; da aber keiner von uns dieſe Gegend des Landes kannte und ich von meinen eigenen Gedanken allzuſehr in Anſpruch genom⸗ men war, ſo erkundigte ich mich nicht weiter. Als die zur Verfolgung beſtimmte Chaiſe vorfuhr, blickte ich hinaus, um zu ſehen, wer der Verfolger wohl ſei; und als er aus dem Gaſthof trat, erkannte ich meinen früheren Wirth, Oberſt Kamworth. Ich brauche nicht zu ſagen, daß meine Nache auf einmal geſättigt war; er hatte ſeine Tochter verloren und Waller war auf dem Wege, ſich zu verheirathen. Entſchuldigungen und Erklärungen wegen all meiner ausgeſtandenen Beſchim⸗ pfungen und Leiden liefen in gebührendem Maße ein, und ich geſtehe, was mir an der Sache am meiſten ge⸗ fiel, war, daß ich geraume Zeit hindurch Jack nicht mehr zu ſehen bekam; er reiste nach dem Feſtlande ab, wo er ſeitdem beſtändig von einem kleinen Jahresgelde, das ſein Schwiegervater ihm bewilligt, gelebt, mir aber die feſtgeſetzte Summe niemals bezahlt hat, weil ich offenbar den Vertrag gebrochen habe. So viel von meinem zweiten Verſuch in Eheſtands⸗ angelegenheiten; man ſollte glauben, eine ſolche Er⸗ fahrung müßte als ein genügender Beweis betrachtet „ werden, daß meine Talente nicht dieſem Fache ange⸗ 190 hören. Und hier will ich für den Augenblick ausruhen, muß aber nachträglich noch bekennen, daß die Erinne⸗ rung an dieſes niederträchtige Abenteuer noch lange Zeit ſo friſch in mir geblieben iſt, daß ich unter Lord Angleſey's Gouvernement einen einträglichen Poſten ausſchlug, blos weil ich merkte, daß ſeine Lvree gelbe Plüſchhoſen in ſich ſchloß; ſolche Denkzeichen unaufhör⸗ lich an der Tafel und ſonſt um mich herflattern zu ſe⸗ hen, hätte mir jedes Vergnügen vergällt. Zwölftes Kapitel. Dublin.— Tom O'Flaherty.— Eine Erinnerung an die Halbinſel. Geliebtes, dreckiges Dublin— Jo te saluto— wie viele herrliche Dinge könnten nicht von dir geſagt werden, wenn nicht unglücklicherweiſe der Fall einträte, daß das Thema ein altes und ſchon weit beſſer beſun⸗ gen iſt, als es je beſprochen werden kann. Nachdem ich dieß als Entſchuldigung wegen der Kürze meines Panegyrikus vorausgeſchickt, will ich meinen Leſer, im Fall er mit dem höchſt ergreifenden Liede: die Haine von Blarnay, bekannt iſt, freundlich erſuchen, folgende Zeilen zu ſummen, die ich kurz nach meiner Landung gehört habe, und die meine eigenen Gefühle für den „geliebten Ort“ erſchöpfend ausdrücken: Dublin, Dublin, du Gleichenloſe, Wie freu ich mich, daß ich dich ſeh!. Da haust O'Connell, der famoſe, Da braut die Morgan ihren Thee. —O⏑——— 191 O Hauptſtadt du des ſchönſten Landes, it einem Boden ſo wonniglich! Doch ach! dein Volk, dein vielgewandtes, Aus Frömmigkeit— zerfleiſcht es ſich. So fand ich mich denn abermals in dieſer wogen⸗ reichſten aller Städte und zwar auf der Rückreiſe be⸗ griffen, da mein Urlaub demnächſt abgelaufen war. Seit meiner Abreiſe war mein Regiment nach Kilkenny beordert worden, dieſer lieblichen Stadt, welche im Liede durch ihr Feuer ohne Rauch ſo bekannt iſt, von der man aber jetzt, wenn ſich irgendwie aus ihrem letzten oder gegenwärtigen Repräſentanten ein Schluß auf ihren Charakter ziehen ließe, den Satz umkehren und Rauch ohne Feuer leſen könnte. Die letzten Mit⸗ theilungen, die ich aus dem Hauptquartier erhalten, hatten von nichts als lauter guten Dingen geſprochen — Bälle, Diners, Dejeuners und vor Allem ein Pri⸗ vattheater ſchienen die gänzliche Aufmerkſamkeit der ge⸗ ſammten Mannſchaft des tapfern 4ten zu beſchäftigen. Ich wurde ernſtlich erſucht, zu kommen, ohne das Ende meines Urlaubs abzuwarten— es ſeien mehrere mei⸗ ner alten Rollen für mich offen behalten worden; und die ganze junge Welt von Kilkenny ſehe mit ängſtlicher Geſpanntheit meiner Ankunft entgegen, nicht anders, als ob Sr. Maj. Poſtwagen einen Kean oder Kemble bringen ſollte. Ich ſchauderte ein wenig, als ich dieß las, und erinnerte mich meines letzten Auftretens auf einer gewiſſen Bühne, hatte aber in dieſem Augenblick nicht die mindeſte Ahnung davon, daß mein nächſtes beinahe eben ſo ſpaßhaft und lächerlich ſein ſollte, wie die Zeit und meine Bekenntniſſe darthun werden. Ein Umſtand indeß machte mir bedeutendes Vergnügen. Ich nahm es nämlich als eine ausgemachte Sache an, daß über den mannigfachen und angenehmen Beſchäfti⸗ gungen, welche eine ſo vergnügliche Laufbahn darbot, meine Abenteuer in der Liebe unbeachtet geblieben ſeien, 192 und ich ſelbſt den unbarmherzigen Spöttereien entgehen würde, welche meine zwei vergeckten Verſuche binnen ſechs Monaten natür icherweiſe hervorrufen konnten. Ich ſchrieb deßhalb in aller Eile an Curzon einen Brief, worin ich ihm auseinanderſetzte, wie höchlich ich mich für ihr ganzes Thun und Laſſen intereſſire, und ihn verſicherte, daß mein Aufenthalt in der Stadt möglichſt abgekürzt werden ſolle, denn es verlange mich wieder einmal als König der Bretter mich brüſten zu können; ich ſchloß mein Schreiben mit einem ſchlauen Paragra⸗ phen, welchen ich kunſtvoll als Blitzableiter gegen die Neckereien und Witze, die ich fürchtete, gebrauchen wollte, indem ich mich bemühte, ihn über meine Hei⸗ rathsſpekulationen ins Klare zu ſetzen. Die Nachſchrift lautete ungefähr wie folgt:„Ich habe ſeit unſerem letzten Zuſammentreffen einen gottvollen Spaß gehabt; aber ſtände nicht mein guter Engel mir zur Seite, ſo würde ich bei Abfaſſung dieſer flüchtigen Zeilen bereits an die Herrſchaft eines Weibes glauben; doch das Glück, das mich nie verlaſſen hat, iſt, wie Sie wiſ⸗ ſen, ſtets getreu Ihrem alten Freunde, Harry Lor⸗ requer. Mein Leſer kann ſich— denn er hat ja genugſam hinter die Couliſſen blicken dürfen— wohl denken, mit was für Gefühlen ich dieſe Worte niederſchrieb; doch Alles war beſſer, als die Ausfälle, denen ich entgegen⸗ ſah, und lieber hätte ich mich in das Corps vom Cap Rifle oder unter eine andere Märtyrerarmee verſetzen laſſen, als ich mich mit der Gewißheit, daß mein Be⸗ nehmen in der letzten Zeit dem verdienten Hohn nicht entgehen werde, an die Tafel meines Regiments geſetzt hätte. Nachdem ich mein Bewußtſein von dieſem Schreck entlaſtet hatte, vollendete ich mein Frühſtück und unter⸗ nahm ſofort einen Spaziergang durch die Stadt. 1 ch glaube, Coleridge ſagt es irgendwo, es ſei eines der erhabenſten Vorrechte des Genies, die erſten und glänzenden Eindrücke unſerer Jugend friſch und —j— — 193 unentweiht einer entlegenen Periode des Lebens zu überliefern. Wenn dieß wahr iſt— und ich fühle ganz und gar keine Luſt, es zu beſtreiten— was für be⸗ gabte Leute müſſen denn nicht die würdigen Einwohner von Dublin ſein! Denn ich trage kein Bedenken, zu behaupten, daß unter allen Städten, von welchen uns die Geſchichte, die heilige ſowohl als die profane, er⸗ zählt, keine ſo wenig Wahrſcheinlichkeit darbietet, den ruhigen Strom ſolcher Reminiscenzen zu trüben. Wie es vor alten Zeiten war, ſo iſt es noch jetzt; die Ein⸗ wohnerſchaft erfreut ſich einer wonnevollen Beharrlich⸗ keit in allen ihren Gewohnheiten und Gebräuchen, einer Beharrlichkeit, die ſich durch keinerlei Schickſalswechſel ſtören oder beeinträchtigen ließe; und in dieſer Bezie⸗ hung biete ich O Connell ſammt ſeinem ganzen Schweife Pro„ob er ihr den Beinamen conſervativ verweigern ann. Hätte der vortreffliche Rip van Winkle, ſtatt ſeine Ruhe auf den kalten und kahlen Höhen von Kaatskills zu ſuchen, wie uns Irving der Wahrheit gemäß be⸗ richtet, ſich nur in ein comformtables Bett des Hotel Morriſon oder Bilton verfügt, ſo hätte er ſich nicht allein einer angenehmen Sieſta erfreut, ſondern auch, was der Erfolg als noch wichtiger auswies, des won⸗ nevollen Vergnügens, bei ſeinem Erwachen nicht durch ſchlimme Neuigkeiten außer Faſſung gebracht zu wer⸗ den. Es iſt möglich, daß der Kellner, welcher ihm das Waſſer zum Raſiren gebracht hätte, denn Rip's Bart war, wie man uns berichtet, ungewöhnlich lang ge⸗ worden, einigermaßen als Beiſpiel von der abnutzen⸗ den Macht gelten konnte, welche die Zeit über die Menſchheit ausübt; aber hätte er ihn über die haupt⸗ ſächlichſten Unterhaltungsgegenſtände— die Volksbe⸗ luſtigungen des Tages— ausgefragt, ſo würde er, wie ſchon zwanzig Jahre vorher, gehört haben, daß in der Rotunde eine Verſammlung ſtattgefunden, wie die Ju⸗ Bekenntniſſe Lorrequers. I. 13 X 194 den zu bekehren; eine andere in der Kornhalle, um den anglikaniſchen Geiſtlichen den Brotkorb höher zu hän⸗ gen; daß der Vicekönig mit dem Gemeinderath dinirt und denſelben über den in Irland herrſchenden Wohl⸗ ſtand beglückwünſcht habe, während die Einwohner durch eine Prozeſſion der Bandweber erfreut wurden, die, Gott weiß, wie lange, nicht mehr gewoben hatten. Dies nebſt einem gelegentlichen Schreiben von Mr. O'Connell und dann und wann einem Duell im Phö⸗ nix bildeten die laufenden Zeitvertreibe der Stadt. So war es wenigſtens zu meiner Zeit darin beſtellt, und obſchon ich lange dieſer theuren Oertlichkeit fern war, ſo leitet mich doch ſchon ein flüchtiger Blick in die Zei⸗ tungen auf den Glauben, daß die Dinge ſich inzwiſchen nicht viel verändert haben. Gedanken dieſer Art, die ſich mir unwillkürlich bei Allem, was ich ſah, aufdrängten, in meinem Kopfe wäl⸗ zend, ſchweifte ich einige Stunden durch die Stadt. Derſelbe kleine, graue homunculus, der mir vor Jah⸗ ren Tabak eingehändigt, fiand hinter dem Ladentiſch von Lundy Foot's und wog wie damals, als ich ihn zum letztenmal ſah, Rapee aus. Der fette Portier des Collegs, den ich als Schulbube, Gott verzeih mir's, immer für den Rektor angeſehen hatte, war noch da, eben ſo fett und rothbackig, wie dazumalen, und trug noch mit eben ſo klaſſiſcher Miene ſein römiſches Koſtüm, beſtehend aus einem Helm und Plüſchhoſen. Der alte Stabstrompeter auf der Burg, ein anderer Gegen⸗ ſtand meiner jugendlichen Verehrung, der arme, alte God save the king, wie wir ihn zu nennen pflegten, ſpazierte, wie in alten Zeiten, durch die Straßen, ſeine Wangen waren freilich ein wenig ſchmächtiger und ſeh⸗ nigter geworden; es hatten aber auch viele Vicekönigs⸗ wechſel ſtattgefunden, und die einzige Melodie, woran ſein Herz ſich erfreute, war weit häufiger in Anſpruch genommen worden, bei welchen Gelegenheiten er mit den andern antiken Gentlemen in Waffenröcken im feier⸗ 195 lichen Aufzug voranzumarſchiren pflegte. Während ich ſo dahin ſpazierte und die Gegenſtände um mich her mir jeden Augenblick irgend einen alten Bekannten aus früherer Zeit vor die Augen führten, faßte mich plötzlich Jemand am Arme. Ich drehte mich haſtig um und er⸗ blickte einen lieben, alten Kameraden auf manchem hei⸗ ßen Schlachtfeld und in manchem luſtigen Bivouac, Tom O Flaherty vom 8ten. Der arme Tom hatte ſich ſeit unſerem letzten Zuſammentreffen auf einem Ball in Madrid ſehr zu ſeinem Nachtheil verändert. Er war damals einer der beſtausſehenden Burſche ſeines Stils geweſen, die mir je in den Wurf gekommen ſind— ſchlank und athletiſch, mit dem ungezwungenen Anſtande eines Mannes von Welt und einer großen leichtferti⸗ gen Munterkeit, wie ich ſie noch bei Niemand geſe⸗ hen habe, außer bei Iren, welche viel in Geſellſchaft kommen. Eine gewiſſe, ganz eigenthümliche Hansohneſorgs⸗ natur that ſich ſchon in dem ſelbſtzufriedenen Renom⸗ miren ſeines Gangs und in dem freien, unbewölkten Glanze ſeines ſcharfen, ſchwarzen Auges kund, wozu ſich noch ein Humor geſellte, welchen nichts zu verwü⸗ ſten, und ein Muth, den nichts zu beugen vermochte. Mit ſolchen Eigenſchaften war er der erſte Lieb⸗ ling ſeines Tiſches geworden, an welchen er ſich nie⸗ mals ſetzte, ohne irgend eine drollige Geſchichte zum Er⸗ zählen oder irgend einen köſtlichen Plan für künftige Vergnügungen mit ſich zu bringen. So war Tom frü⸗ her geweſen: jetzt hatte er ſich gewaltig verändert, und obſchon das ruhige Winken ſeines dunkeln Auges ver⸗ kündigte, daß der Geiſt des Scherzes in ihm nicht todt war, ſondern blos ſchlummerte, ſo ſchien es doch mir, der ich etwas von ſeiner Geſchichte wußte, beinahe grauſam, auf irgend eine Art die Erinnerung an ent⸗ ſchwundene Tage in ihm heraufzurufen. Schon der erſte flüchtige Blick zeigte mir, daß er nicht mehr war, was er geweſen, und daß der unglückliche Wechſel in 196 ſeinem Schickſal, der Verluſt aller ſeiner früheſten, älte⸗ ſten Kameraden und die Zerſtörung aller ſeiner Ausſich⸗ ten ein Herz beinahe gebrochen, das niemals einen Freund verlaſſen, niemals vor einem Feinde gezagt hatte. Der arme O'Flaherty war nicht mehr die Wonne des Zirkels, welchen er einſt geſchmückt, der Witz, der die ganze Tafel in Aufruhr verſetzte, hatte von ihr Ab⸗ ſchied genommen. Er war aus dem Dienſte entlaſſen worden!!— Die Geſchichte iſt kurz folgende: Auf dem Rückzug von Burgos machte das achte leichte Dragonerregiment nach einem höchſt beſchwer⸗ lichen Tagmarſch in dem elenden Dorfe Cabenas Halt. Daſſelbe war Tags zuvor von den Einwohnern ver⸗ laſſen und zum Abſchied in Brand geſteckt worden; die ſchwarzen Wände und die eingefallenen Dachſtühle wa⸗ ren beinahe Alles, was noch übrig geblieben, um zu zeigen, wo der kleine Weiler einſt geſtanden hatte. Inmitten eines mehrſtündigen Gußregens, bis auf die Haut durchnäßt, kalt, müde und beinahe ausgehun⸗ gert, erreichte das tapfere achte mit Einbruch der Nacht dieſen melancholiſchen Ort, ohne viel beſſere Ausſichten auf Schutz vor dem Sturm, als die kahle Haide, durch welche ſein Weg führte, ihm gewähren mochte. Unter den Vielen, welche über die jammervolle Beendigung der Leiden eines ganzen Tages Flüche murmelten, zwar keine laute, aber um ſo tiefere, war Einer, den ſeine gewöhnliche gute Laune nicht verließ, und der nicht blos für ſich ſelbſt die Entbehrungen und das Elend rings umher nicht zu beachten ſchien, ſondern wirklich auch die andern, die neben ihm ritten, ihren Verdruß und ihre Un⸗ ruhe ſo vollſtändig vergeſſen machte, als unter ſolchen Um⸗ ſtänden nur immer möglich war. Gute Geſchichten, ſcherz⸗ hafte Anſpielungen auf die Unzufriedenern in der Geſell⸗ ſchaft, lächerliche Plane in Betreff des Nachtquartiers folg⸗ ten einander Schlag auf Schlag, ſo daß die Mühſamkeit des Weges gänzlich vergeſſen wurde; und während ei⸗ nige ihr hartes Schickſal verfluchten, das ſie verrä⸗ 197 theriſcherweiſe immer in ſolche Patſchen führe, lachte ſich die kleine Gruppe um O'Flaherty beinahe todt über die Witze und drolligen Einfälle dieſes Mannes, auf welchen die Umſtände keinen Einfluß ausübten, ja, deſ⸗ ſen Leidenſchaft für kurzweiligen Zeitvertreib ſie nur noch zu erhöhen ſchienen. Er hatte am frühen Morgen einen Truthahn weggekapert, der anmuthiglich an ſei⸗ nem Piſtolenhalfter auf der einen Seite hing, während ein kleiner Ziegenfellſchlauch mit Valenziawein auf der andern ihm das Gleichgewicht hielt. Dieſe guten Dinge hatten die Beſtimmung, auf den Abend einen Feſt⸗ ſchmaus zu bilden, zu welchem er vier andere einge⸗ laden hatte, denn vier war nach ſeiner lieberalſten Rechnung die größte Zahl, die er anſtändigerweiſe mit Wein verſorgen konnte. Als Halt gemacht wurde, nahmen die Anordnun⸗ gen für die Nacht noch einige Zeit weg, und es war beinahe Mitternacht, bevor das ganze Regiment die Billete erhielt und angewieſen wurde, mit den arm⸗ ſeligen Gelegenheiten, welche der Platz darbot, ſich zu behelfen. Tom's Gäſte waren noch nicht angelangt, und er ſelbſt war emſig beſchäſtigt, den Truthahn vor ei⸗ nem großen Feuer zu braten, nehen welchem ein ge⸗ räumiges Gefäß mit würzigem Weine ſtand, als die Geſellſchaft erſchien. Eine ſehr curſoriſche Recognos⸗ eirung im Hauſe, einem der wenigen unbeſchädigten im Dorfe, zeigte, daß der letzte Regen jeden Gedanken an Schlaf in den untern Stockwerken, die bereits beinahe überſchwemmt waren, unmöglich machte; ſie zogen ſich daher höher hinauf und, wie groß war ihre onne, als ſie ein höchſt comfortables, ganz zierlich mit Stüh⸗ len und einem Tiſch verſehenes Zimmer fanden, vor Allem aber ein altmodiſches, breites Bett, den Gegen⸗ ſtand eines Lurus, welchen blos ein alter Kriegsknecht gebührend würdigen kann. Die Vorhänge waren dicht zugezogen und nach einem flüchtigen, oberflächlichen Blicke ſpürten unſere Herren keine Luſt, ſie zu verrücken, 198 ſondern machten ſich lieber daran, den Tiſch vor den Herd zu ſtellen, auf welchen ſie ſchleunigſt das Feuer von unten ſchafften; ehe viele Minuten vergingen, dampfte in Folge der Thätigkeit, welche ein Bivouac⸗ leben unveränderlich lehrt, ihr Nachtſchmaus vor ihnen, und fünf glücklichere Burſche ſaßen in jener Nacht viele Meilen in der Runde nicht beiſamen. Tom übertraf ſich ſelbſt; Magazine von Scherzhaftigkeit, die bisher verſchloſſen geblieben, ergoßen unaufhörlich ihre Schätze, und bei ſeinem glänzenden Talent, die Freunde mun⸗ ter zu machen, ſo wie in Folge der nach einem harten Tagemarſch unvermeidlichen Reaktion, verlor die Ge⸗ ſellſchaft bald das Bischen Vernunft, das in der Re⸗ gel ausreichte, um ſie zu leiten, und wurde ſo ange⸗ nehm beſoffen, als man ſich nur denken kann. Inzwi⸗ ſchen muß alles Gute ein Ende nehmen und ſo auch der Weinſchlauch. Tom hatte ihn liebevoll unter den Arm genommen wie einen Dudelſack, vermochte ihm aber, ſelbſt mit dem kräftigſten Drucke, keinen Tropfen mehr abzulocken; es blieb jetzt nichts mehr übrig, als ſich zur Ruhe zu begeben, und dies ſchien auch, in der That, das Klügſte zu ſein. Das Bett wurde demgemäß der Gegenſtand einer ſehr ernſten Berathung; da es aber blos Zwei beher⸗ bergen konnte, und die Geſellſchaft aus Fünfen beſtand, ſo erklärte man für's Kürzeſte und Geſcheidteſte, die Entſcheidung dem Looſe anheim zu ſtellen. Während nun dies verhandelt wurde, hatte ſich einer dem Kampf⸗ preiſe genähert, die Vorhänge zurückgezogen und wollte ſich eben hineinwerfen, als er zu ſeiner großen Ver⸗ wunderung die Entdeckung machte, daß es bereits be⸗ ſetzt war. Der Schrei der Ueberraſchung, den er aus⸗ ſtieß, führte bald die Andern zu ihm, und zu ihrem Entſetzen fanden ſie jetzt in ihrer Betrunkenheit, daß der Körper vor ihnen einem todten Manne gehörte und in all' dem geiſterhaften Pomp eines Leichnams aufge⸗ putzt war. Eine etwas naͤhere Beſichtigung zeigte, daß 199 er ein Prieſter, vermuthlich der Padre des Dorfes ge⸗ weſen war; auf ſeinem Kopfe hatte er eine kleine Sammet⸗ mütze mit einem geſtickten Kreuz, und ſein Leichnam war in ein Gewand gehüllt, wie es die Prieſter unter dem Volke tragen: in ſeiner Hand hielt er eine große Wachskerze, die blos halb abgebrannt und wahrſchein⸗ lich durch den Luftzug bei Oeffnung der Thüre ausge⸗ löſcht worden war. Nach der erſten kurzen Erſchüt⸗ terung, welche dieſe plötzliche Erſcheinung verurſacht hatte, ſchritt die Geſellſchaft, die inzwiſchen auch etwas nüchterner geworden war, zur Erörterung, was unter ſolchen Umſtänden zu thun ſei, denn nicht ein Einziger von ihnen wäre auf den Gedanken gekommen, einem todten Prieſter ein Bett abzutreten, während fünf leben⸗ dige Menſchen auf dem Boden ſchlafen ſollten. Nach vielem Hin⸗ und Herreden unterbrach O'Flaherty, der bis dahin ſchweigend zugehört hatte, die ſtreitenden Parteien mit den Worten:„Haltet ein, Kameraden, ich hab's.“ „Nun gut,“ ſagte einer von ihnen,„laßt uns Toms Vorſchlag hören“ „O“ ſprach dieſer, mit Schwierigkeit ſich auf den Beinen haltend,„wir wollen ihn zum Quartiermeiſter, zum alten Ridgeway ins Bett legen.“ Das ſchallende Gelächter, das auf Toms Antrag folgte, erneute ſich immer wieder, bis vor lauter Mu⸗ digkeit kein einziger ein Wort mehr ſprechen konnte. Es hatte ſich keine Stimme dagegen erhoben. Der alte Ridgeway war bei dem Corps verhaßt, und ein beſſeres Mittel, den Prieſter wegzuſchaffen, zugleich aber dem Quartiermeiſter vielfaches Leid heimzugeben, ließ ſich nicht denken. Sehr wenig Zeit genügte für ihre Vorbereitungen, und wären unſere Freunde unter dem Herzog von Port⸗ land ſelbſt auferzogen worden, ſie hätten keinen aus⸗ gebildeteren Sinn für luſtige Spitzbübereien bewähren können. Die Zimmerthüre wurde ſchnell aus ihren 200 Angeln gehoben und der Prieſter ſeiner ganzen Länge nach daraufgelegt; ein weiterer Augenblick genügte, um die Thüre auf ihre Schultern zu befördern und unter der Leitung Toms, der eine Kerze hielt zur Ehre ſeiner Eigenſchaft als erſter Leidtragender, wie er ſagte, traten ſie ihren Marſch durch das Lager hindurch nach Ridgeway's Quartier an. Als ſie die Hütte erreichten, worin ihr Opfer lag, gebot Tom Halt und ſchlich ſich leiſe ins Haus, um zu recognosciren. Den alten Quartiermeiſter fand er vor einem großen Feuer auf ſein Schaffell ausgeſtreckt, die Ucberreſte eines reich⸗ lichen Nachteſſens um ſich her zerſtreut und zwei leere Flaſchen neben dem Herde— ſein tiefes Schnarchen bewies, daß Alles ſicher war und ſie ſich durch Beſorg⸗ niſſe wegen eines allenfallſigen Erwachens nicht ſtören zu laſſen brauchten. Sein Tſchako und Säbel lagen neben ihm, aber ſeine Patrontaſche hatte er unter dem Kopfe; Tom nahm die zwei erſtern ſorgfältig weg, eilte dann zu ſeinen Freunden hinaus und begann den Prie⸗ ſter damit zu ſchmücken; zugleich ſprach er ungemeines Bedauern darüber aus, daß zu befürchten ſtehe, Rid⸗ geway könnte erwachen, wenn er ihm das Sammt⸗ käppchen als Nachtmütze auſſetzen wollte. Geräuſchlos, mit Aufbietung ihrer ganzen Geiſtes⸗ gegenwart, traten ſie herein und ſchickten ſich an, ihre Beute niederzulegen, welcher ſie nach einer kurzen Er⸗ örterung zwiſchen dem Quartiermeiſter und dem Feuer, von dem dieſer bis jetzt vollen Genuß gehabt hatte, ihren Platz anwieſen. Nachdem dies geſchehen war, ſtahlen ſie ſich hinaus und eilten nach ihren Quartieren zurück unter unauslöſchlichem Gelächter über den glück⸗ lichen Erfolg ihres Anſchlags und über Ridgeway's Wuth, wenn er am Morgen erwachen werde. Es war im trüben Zwielicht eines nebeligen Mor⸗ gens, als der Trompeter des achten die ſchlafenden Sol⸗ daten von ihren elenden Lagerſtätten aufſchreckte, von denen ſie ſich, ſo wenig Bequemlichkeit ſie auch dar⸗ —— 201 boten, gleichwohl nur ungern erhoben— ſo ab eſpannt und müde waren ſie noch vom geſtrigen Mar ſche her. Keinen unter allen kam das Aufſtehen ſo ſauer an, wie den würdigen Quartiermeiſter; ſeine Amtsgeſchäfte hatten ihm ungewöhnliche Anſtrengungen auferlegt, und in der Poſitur, die er in der Nacht eingenommen hatte, ruhte er bis am Morgen, ohne ein Glied zu rühren. Zweimal hatte die Reveille durch das kleine Lager ge⸗ tönt und zweimal hatte der Quartiermeiſter ſeine Augen zu öffnen verſucht, aber vergebens; endlich nahm er mit Gewalt alle ſeine Kräfte zuſammen und ſetzte ſich bolzgerade auf den Boden, in der Hoffnung durch dieſe plötzliche Anſtrengung vollkommen aufgeweckt zu werden; langſam öffneten ſich ſeine Augen, und das Erſte, was ſie erblickten, war die Figur des todten Prieſters, der mit einem leichten Reiterhelm auf dem Kopfe vor ihm ſaß. Ridgeway, ein guter Katholik, zitterte an allen Gliedern— war es ein Geiſt, war es eine Warnung, er wußte nicht, was er davon denken ſollte— er bil⸗ dete ſich ein, die Lippen bewegen ſich, und am Ende übermannte ihn der Schreck dermaßen, daß er laut aufſchrie wie ein Beſeſſener und nimmer aufhörte, bis die Hütte voll von Offtzieren und Mannſchaft war, die bei dem ſchrecklichen Lärm ihm zu Hülfe eilen wollten — die Ueberraſchung des armen Quartiermeiſters über die Erſcheinung war kaum größer als die ſeiner jetzigen Beſucher— keiner war im Stande, die Sache irgend⸗ wie zu erklären, obſchon ſie alle überzeugt waren, daß das Ganze bloß ein Scherz geweſen ſein könne— die Thüre, auf welcher der Prieſter herbeigeſchafft worden war, lieferte den Schlüſſel zu dem Räthſel— ſie hat⸗ ten vergeſſen, dieſelbe an ihren rechten Platz zurückzu⸗ bringen— demgemäß wurden die verſchiedenen Billete unterſucht und zuletzt O'Flaherty in einem höchſt be⸗ guemen Bett entdeckt, in einem großen Zimmer ohne Thüre, noch immer feſt ſchlafend und allein. Wie und wann er ſich von ſeinen Kameraden getrennt, konnte 202 er nicht genau erklären, obſchon er ſeitdem bekannt hat, daß es ein Theil ſeines Planes geweſen ſei, dieſelben im Dorfe irrezuführen und ſich dann ins Bett zu ver⸗ fügen, das er zu ſeinem alleinigen Gebrauch beſtimmt hatte.— Des alten Ridgeway Wuth kannte keine Grenzen; er ſchäumte buchſtäblich vor Aerger, und je mehr er verlacht wurde, um ſo höher ſteigerte ſich ſein Zorn; wäre inzwiſchen dies das einzige Ergebniß geweſen, ſo hätte der arme Tom von Glück ſagen können, aber zu ſeinem Unſtern wurde die Sache ruchbar in der Gegend— die Bewohner des Dorfes erfuhren von dem Hohn, den man mit dem Padre getrieben habe; ſie reichten eine Denkſchrift bei Lord Wellington ein— ſogleich wurde eine Unterſuchung eingeleitet, O Flaherty vor ein Kriegsgericht geſtellt und ſchuldig beſunden; nur mit der allerſchwerſten Strafe, welche ſich unter den Umſtänden anwenden ließ, wollten ſich die Spanier zufrieden geben, und eben um dieſe Zeit lag es in unſerer Politik, durch jedes Mittel, das in unſerer Macht ſtand, ihre Achtung zu erzielen. Der Genera⸗ liſfimus beſchloß, ein Exempel zu ſtatuiren, und der arme O'Flaherty— das Leben und die Seele ſeines Regiments— der Liebling ſeines Tiſches— wurde kaſſirt, wurde für unfähig erklärt, Sr. Majeſtät je wieder zu dienen. Dies war das Ereigniß, um wel⸗ ches meines armen Freundes Lebensſchickſal ſich drehen ſollte;— er kehrte nach Irland zurück, wenn auch nicht mit vollſtändig gebrochenem Herzen, doch ſo eut⸗ ſtellt, daß ſeine beſten Freunde ihn kaum erkannten; ſeine Beſchäftigung war dahin; der Regimenistiſch war ſeine Heimath, ſeine Kameraden waren ſeine Verwand⸗ ten geweſen, und nun hatte er Alles verloren. Sein ſpäteres Leben brachte er damit zu, von einem Bad⸗ platz an den andern Herumzuziehen, mehr mit der Miene eines Mannes, der ſeine Zeit um jeden Preis todt zu ſchlagen, als ſie zu genießen ſucht; und mit dem ver⸗ —y;— 203 änderten Ausſehen, das ſein Schickſalswechſel herbei⸗ geführt hatte, ſtand er jetzt vor mir, aber ſo ganz und gar ſeinem früheren Selbſt ungleich, daß ich ihn ohne die wohlbekannten Töne einer Stimme, welche mich oft zu krampfhaftem Lachen gebracht hatte, kaum erkannt haben würde. „Lorrequer, mein alter Freund, das hätte ich nicht gedacht, daß ich Sie hier ſehen ſollte— wahrhaftig, das nenne ich Glück.“ „Wie, Tom? Sie mußten doch wiſſen, daß mein Regiment in Irland liegt, oder wußten Sie's nicht?“ „O, freilich. Ich habe erſt vor wenigen Tagen mit ihnen dinirt, aber ſie ſagten mir, Sie ſeien nach Paris abgereist, um allda etwas ganz außerordentlich Schönes und ungeheuer Reiches zu heirathen, die Toch⸗ ter eines Herzogs, wenn ich mich recht erinnere; ohne Scherz, Alle ſagten, Ihr Glück ſei gemacht, und ich brauche Sie nicht zu verſichern, daß Niemand ſich über dieſe Nachricht inniger gefreut hat, als ich.“ „So, ſagten ſie das, ſagten ſie das? Verdammte Burſche, immer nichts als Hohn und Spott— ich wundere mich nur, daß Sie den Schwank nicht merkten — luſtig genug war er gewiß.“ Dies gab ich in kurzen, gebrochenen Sätzen von mir und wurde dabei roth wie Scharlach, und unruhig wie ein Schulmädchen, das kein Sitzfleiſch hat. ⸗ „Ein Schwank! nun, dann war es ein verteufelt guter Schwank,“ verſetzte Tom,„denn der alte Carden glaubte die ganze Geſchichte und ſagte mir, er habe Ihnen einen ſechsmonatlichen Urlaub ausgewirkt, damit Sie Alles ins Reine bringen können. Ferner ſagt er, er habe einen Brief erhalten von Ihrem Schwiegerpapa, dem edlen Lord—— daß ich voch ſeinen Namen nicht behalten kann!“ „Lord Gray vermuthlich?“ ſagte ich mit einem ſchlauen Blick auf Tom. „Nein, mein theurer Freund,“ verſetzte er trocken, 204⁴ „Lord Gray war es nicht; aber um fortzufahren— er hatte einen Brief aus Paris von ihm erhalten, worin er ſeine Ueberraſchung darüber ausſpricht, daß Sie nicht Ihrem Verſprechen gemäß zu ihnen gekommen ſeien; er kenne Ihren Vetter Guy und doch eine Menge ſolcher Dinge, auf die ich mich nicht mehr befinnen kann— was hat nun dies Alles zu bedeuten? Haben Sie den edlen Lord ebenſo zum Beſten gehabt wie den Generaliſſimus, Harry?“ Dies war in der That eine Neuigkeit für mich; ich ſtammelte eine lächerliche Erklärung und verſprach, ſpäter genauer auf die Einzelheiten einzugehen. Wäre es möglich, daß ich den Callonby's Unrecht gethan und daß ſie niemals die Abſicht gehabt hätten, meinen Hul⸗ digungen gegen Lady Jane in den Weg zu treten— daß ſie noch immer treu wäre, und daß unter den ſämmtlich Betheiligten ich allein Tadel verdiente! O, wie hoffte ich, dies möchte der Fall ſein! So peini⸗ gende Vorwürfe mir mein Gewiſſen machen mochte, ſo ſehnte ich mich innig darnach, mir vergeben und Gnade für Recht widerfahren laſſen zu können. Tom ſprach fortwährend von gleichgültigen Dingen, während ſolche Gedanken mir in dem Kopf herumgingen; endlich, als er ſich überzeugte, daß ich nicht aufmerkte, hielt er plötzlich inne und ſagte:— „Harry, ich ſehe deutlich, daß etwas nicht nach Wunſch ergangen iſt, und vielleicht darf ich mir auch über die Art eine Vermuthung erlauben: inzwiſchen können Sie jetzt in der Sache nichts thun; kommen Sie daher, ſpeiſen Sie heute mit mir, und wir wollen dann nach Tiſch den Handel beſprechen; oder wenn Sie irgend eine Zerſtreuung vorziehen, nun, ſo will ich Ihnen auf den Abend ſchon etwas Ergötzliches und Faſhionables verſchaffen. Was würden Sie dazu ſagen, den Vater Keogh predigen zu hören, oder wie gefiele Ihnen ein Souper im Carlingford, oder was meinen Sie zu einer Soiree bei Mylady? Alle dieſe Dinge 205 ſind in Dublin zu haben, ſie find alle drei gut in ihrer Art und gewähren vielen geiſtigen Hochgenuß.“ „Gut, Tom, ich ſtehe Ihnen zu Dienſten; doch wäre es mir lieber, Sie ſpeisten mit mir; ich wohne im Bilton; wir können da ganz allein unſere Cotelette verzehren und—“ „Und einander recht herzlich ſatt bekommen, woll⸗ ten Sie hinzufügen. Nein, Harry, Sie müſſen mit mir ſpeiſen; ich habe Ihnen ganz merkwürdig nette Leutchen vorzuſtellen— ſechs Uhr iſt die Zeit, Punkt ſechs— Numero—— Molesworthſtreet, Mrs. Clan⸗ frizzle's— leicht finden— ein großes, fächerartiges Fenſter über der Thüre— eine ungeheure Lampe in der Halle und ein ſtarker Hammelsbratengeruch auf dreißig Schritte von beiden Seiten des Eingangs— wenn dann das Glück günſtig iſt, ſehe ich den alten Daly, den Rath, wie ſie ihn nennen; er iſt der wahre Mann nach Ihrem Herzen, denn ein Original haben Sie doch immer geliebt.“ So ſprechend machte ſich O'Flaherty von meinem Arme los und eilte über die Straße hinüber auf einen ſtattlichen Gentleman von mittlerem Alter zu, mit dem rötheſten Geſicht, das ich je geſehen habe. Nach einer kurzen, aber ſehr belebten Unterredung kehrte Tom zu⸗ rück und meldete mir, es ſei nun Alles im Blei; er habe ſich Daly's verſichert. „Und wer iſt denn Daly?“ fragte ich forſchend, denn es intereſſirte mich einigermaßen, von den aus⸗ zeichnenden Eigenſchaften dieſes auswärts ſpeiſenden Rathes zu vernehmen, zumal da viele von Toms Freunden weniger als die Spötter, denn als die Ge⸗ genſtände des Spottes merkwürdig waren. „Daly,“ erklärte er mir,„iſt der Bruder eines höchſt ausgezeichneten Mitglieds des iriſchen Barreau, welchem er ſelbſt gleichfalls angehört, ohne jedoch mit jenem wackern Mann etwas Anderes als den Namen gemein zu haben; denn ſo ſicher der Ruf des Einen unzertrennlich mit Erfolg verbunden iſt, ſo unabänder⸗ lich kettet ſich an den Namen des Andern Mißgeſchick und ſeltſam genug, der dumme Menſch iſt feſt über⸗ zeugt, daß ſein Bruder allen ſeinen Erfolg und ſeine⸗ gegenwärtige höchſt angeſehene Stellung blos ihm und ſeiner uneigennützigen Güte verdanke. So geht es im Leben; dem Blödſinn ſcheint ſich immer ein bedeutendes Quantum Eitelkeit beizugeſellen, das eine Maſſe, deren Gewicht ohne ſolchen Beiſtand unausbleiblich in die Dunkelheit verſinken würde, ſchwimmend und flott er⸗ hält. Wiſſen Sie auch, daß mein Freund Denis hier ſich einbildet, der erſte Mann zu ſein, welcher Sir Robert Peel je über die iriſchen Angelegenheiten auf⸗ geklärt hat, und ſo wahr ich lebe, ſein Ruhm ſteht in dieſer Beziehung unbeſtreitbar höher als in den mei⸗ ſten andern.“ 1 „Sie werden mir doch nicht weiß machen wollen, daß Sir Robert Peel je einen ſolchen Menſchen, wie Sie Ihren Freund Denis beſchreiben, zu Rathe ge⸗ zogen oder auf ſeine Mittheilungen einiges Gewicht gelegt habe.“ „Er hat beides gethan, und wenn die Aufſchlüſſe, die er erhielt, ihn ein wenig verblüfft machten, ſo fällt der ganze Schaden einer Regierung zur Laſt, welche Männer zu Herrſchern über uns beſtellt, die mit un⸗ ſerer Denkweiſe unbekannt ſind und von unſerer Sprache ganz und gar nichts verſtehen— ja ich wiederhole Ih⸗ nen das— doch Sie ſollen es ſelbſt beurtheilen; die Geſchichte iſt kurz und das iſt ein Glück, denn ich muß nach Hauſe eilen, um zeitig zu melden, daß ich in Ih⸗ rer Perſon einen werthen Gaſt mitbringe. Als der gegenwärtige Sir Robert Peel, damals Mr. Peel, als Sekretär für Irland herüber kam, lud ein höchſt aus⸗ gezeichneter politiſcher Parteichef des Tags ihm zu Eh⸗ ren eine aus Männern von verſchiedenen politiſchen Richtungen beſtehende Geſellſchaft zu einem Diner ein; darunter befanden ſich, wie leicht zu erachten, viele 207 Mitglieder des iriſchen Barreau; der ältere Daly war ein zu ausgezeichneter Mann, um übergangen werden zu können; da aber beide Brüder beiſammen wohnten, ſo war es mit einiger Schwierigkeit verbunden ihn zu bekommen— inzwiſchen mußte man ihn haben und entſchloß ſich daher zu der einzigen Wahl, welche ſich darbot— d. h. man lud beide ein. Als die Geſellſchaft ſich in's Speiſezimmer verfügte, ſo geſchah es durch einen jener unglücklichen Zufälle, die dem bekannten Sprüchwort zuſolge gelegentlich bei den beſtgeregelten Veranſtaltungen vorkommen, daß der falſche Daly ne⸗ ben Mr. Peel placirt wurde, ein Ehrenpoſten, welchen der Wirth für den angenehmeren und talentbegabteren Bruder beſtimmt hatte. Inzwiſchen war nicht mehr zu helfen, und mit einem wegen der Folgen ſolcher Nähe etwas bange klopfenden Herzen ſetzte ſich der würdige Gaſtgeber nieder, um, ſo gut es gehen mochte, die Honneurs zu machen; während des Eſſens tröſtete er ſich mit der Bemerkung, daß die Andacht, welche der ehrliche Denis auf die Fleiſchſpeiſen vor ihm verwen⸗ dete, thatſächlich alle ſeine Fähigkeiten in Anſpruch nahm, daher Mr. Peels ganze Unterhaltung dem Gent⸗ leman auf ſeiner andern Seite zu Gute kam. Dies Glück ſollte indeß, wie beinahe alles Glück, nur kurz ſein. Als das Deſſert aufgetragen wurde, begann Mr. Peel mit einiger Aufmerkſamkeit den ihm gegenüber⸗ ſitzenden Perſonen zu lauſchen; namentlich einer von dieſen Herrn machte einen ungemeinen Eindruck auf ihn— ein ſo glückliches Talent, ſeinen Gegenſtand klar zu machen, eine ſo lebhafte Phantaſie, eine ſolch logiſche Beſtimmtheit in der Beweisführung, wie dieſer Mann an den Tag legte, entzückte und überraſchte ihn im höchſten Grade. Voll Begierde, den Namen eines ſo begabten Individuums zu erfahren, wandte er ſich an ſeinen bis dahin ſchweigenden Nachbar und fragte, wer es wäre. „Wer es iſt, fragen Sie?“ antwortete Denis mit . 208 einigem Zögern, gleich als zweifelte er halb an einem ſolchen Umfang von Ignoranz, die betreffende Perſon nicht zu kennen. 3 Mr. Peel nickte bejahend mit dem Kopfe. „Bushe iſt's,“ ſagte Denis mit dem ganz eigen⸗ thümlichen Accent eines Stadtdubliners. „Bitte um Verzeihung,“ verſetzte Mr. Peel,„ich habe Sie nicht verſtanden.“ „Bushe!“ wiederholte Denis mit einem bedeuten⸗ den Nachdruck. „Ah, richtig, jetzt weiß ich's,“ ſagte der Sekretär. „Mr. Bushe, ein höchſt ausgezeichnetes Mitglied Ihres Barreau, wie ich gehört habe.“ „Ja, das will ich meinen,“ verſetzte Denis, ſeinen Wein wegſtoßend, als fände er dieſe Anſicht ungemein abgedroſchen. „Bitte,“ fuhr Mr. Peel, ſeinen Angriff erneuernd, fort, obſchon er gewiß über den eigenthümlichen Lako⸗ nismus ſeines Rathgebers, ſo wie über die honigſüßen Töne eines für ihn damals vollkommen neuen Aeccents nicht wenig überraſcht war.„Bitte, was iſt der eigen⸗ thümliche Charakter von Mr. Bushe's Beredſamkeit? ſi neihe natürlich in ſeiner profeſſionellen Eigen⸗ aft. „Eh!“ ſagte Denis,„ich verſtehe Sie nicht recht.“ „Ich meine,“ erklärte Mr. Peel,„mit einem Wort, was iſt ſeine Force?“ 1 „Seine Force!⸗ „Ich meine, worin ſein eigenthümliches Talent beſteht?—“ „Ah, nun merke ich— jetzt verſtehe ich— in den Juries.“ „Richtig, in Behandlung der Juries!“ „Ja der Juries.“ „Würden Sie mir gefälligſt einen Begriff von der Art beibringen, wodurch er in dieſem ſchwierigen Zweige der Beredſamkeit ſolche ausgezeichnete Erfolge erringt?“ 209 „Das will ich Ihnen ſagen,“ verſetzte Denis, mit Muße ſein Glas ausleerend und mit den Lippen ſchma⸗ tend, wie ein Mann, der zu einer gewaltigen An⸗ ſtrengung ſeine Lenden gürtet.„Das will ich Ihnen ſagen; ſehen Sie, ſeine Manier iſt dieſe“— hier ſtieg Mr. Peels Erwartung und Intereſſe auf den höchſten Grad—„ſeine Art iſt dieſe— er ſtreicht ſie wie But⸗ ter auf das Brod und frißt ſie dann mit Haut und Haar. Das iſt Alles; der Teufel ſoll mich holen, wenn ein Geheimniß dahinter ſteckt.“ In wie weit Denis Recht hatte, ſich über die be⸗ lehrenden Aufſchlüſſe, die er zuerſt dem Sekretär er⸗ theilt, zu brüſten, überlaſſe ich dem Urtheil des Leſers. Mein Freund überließ mich jetzt meinem Genius, um die paar Stunden bis zur Eſſenszeit nach eigenem Gutdünken hinzubringen. Der Himmel ſtehe jedem Gentleman bei, der in Dublin auf ſolche Art ſich ſelbſt überlaſſen iſt! Es iſt dies vielleicht die einzige Stadt von dieſer Größe in der Welt, wo keine Gelegenheit, die Zeit angenehm zu vertändeln— keine Promenade zu finden iſt. Man braucht nur wenig Erfahrung, um ſich zu überzeugen, daß die Stadt eine Menge hübſcher Frauen und ſehr angenehmer Männer in guter Anzahl beſitzt; aber wo find ſie am Morgen? Ich wollte, Sir Dick Lauder richtete einmal, anſtatt zu ſpekuliren, wo der Salm ſeine Chriſtferien zubringt, die Forſchungs⸗ kräfte ſeines ſcharffinnigen Geiſtes auf eine ſolche Frage. So viel bleibt einmal wahr, aufzufinden find ſie nicht. Die öffentlichen Plätze ſind verödet— die Straßen ſind es beinahe alle auch— und Alles, was dem un⸗ glücklichen Wanderer, der etwas Schönes ſucht, übrig bleibt, iſt, die Schönheiten von Dame⸗ſtreet zu beäu⸗ geln, welche Ladenjungfern in Grafton⸗ſtreet ſind, oder die Schönheiten von Grafton⸗ſtreet, welche Ladenjung⸗ fern in Dame⸗ſtreet ſind. Aber der Tauſend, wie lang Bekenntniſſe Lorrequers. 1I. 2 14 210 ich herumſchlendere— ich bekomme furchtbaren Hunger. Wahrhaftig, es iſt ſechs Uhr vorüber— nun alſo ſchnell das ſchwarze Gewand angelegt und dann zu Tiſche. Dreizehntes Kapitel. Dublin.— Das Koſthaus.— Auserleſene Geſellſchaft. Meinem Verſprechen gegen O'Flaherty getreu, fand ich mich einige Minuten nach ſechs Uhr vor Mrs. Clan⸗ frizzle's Thüre ein. Auf ein höchſt gebieteriſches Ge⸗ klingel zeigte ſich ein junger blaßgeſichtiger Invalid in einer Livree, deren Geſchmack auf eine höchſt unanmu⸗ thige Weiſe an diejenige erinnerte, worin ich ſelbſt vor ſo kurzer Zeit ſigurirt hatte. Nur mit bedeutender Schwierigkeit überredete ich dieſen wichtigen Würde⸗ träger, mich meinen Hut bis in's Geſellſchaftszimmer mitnehmen zu laſſen, eine Art Vorſicht von meiner Seite, die, wie er dafür zu halten ſchien, ſehr nach Mißtrauen ſchmeckte. Inzwiſchen bereinigte ich dieſen Punkt und folgte dann meinem Wegweiſer eine ſehr ſchlecht beleuchtete Treppe hinauf in das Geſellſchafts⸗ zimmer; hier wurde ich angemeldet durch eine ſchwache Aehnlichkeit mit meinem wirklichen Namen, die inzwi⸗ ſchen nahe genug war, um mir meinen Freund Tom ſogleich entgegen zu führen, der mir alsbald Glück wünſchte, daß ich noch ſo gut weggekommen ſei, denn die Perſon, die vor mir erſchienen, Mr. Jones Blen⸗ nerhaſſet, ſei als Mr. Blatterhatter angekündigt wor⸗ den— eine Abänderung, welche dem betheiligten Gent⸗ leman ganz und gar nicht zu gefallen ſcheine— aber kommen Sie jetzt her, Harry; ſo lange wir auf Daly warten, will ich Sie mit einigen aus der Geſellſchaft 1 211 bekannt machen; dies iſt nämlich, müſſen Sie wiſſen, ein Koſthaus, wo es immer einen Kapitalſpaß gibt— die querköpfigſten Leute, die Sie ſich denken können— ich kann Ihnen nur einen einzigen Wink geben— ge⸗ berden Sie ſich gegen Alle zuſammen, Mann, Weib und Kind, als ob Sie ſie nie geſehen hätten, wenn Sie ſpäter wieder einmal mit ihnen zuſammentreffen ich ſelbſt mache es ſo, obſchon ich bereits ſechs Mo⸗ nate hier lebe.„Bravo,“ dachte ich,„das müſſen recht angenehme Leutchen ſein, denen gegenüber man ein ſolches Benehmen rathſam findet.“ „Mrs. Clanfrizzle, mein Freund Mr. Lorrequer; gedenkt ſich den Sommer über in der Stadt aufzuhal⸗ ten. Mis. Clanfrizzle, er möchte ſich gerne an unſere Geſellſchaft anſchließen.“ Dies letztere wurde sotto voce geſprochen, ein Brauch, den er überhaupt beob⸗ achtete, während er mich ſeinen verſchiedenen Freunden im Zimmer vorſtellte. Miß Riley, eine ſchreckliche alte Vogelſcheuche mit Paradiesvogelfedern auf dem Hute und geſchwärzten Augenbrauen, über und über mit vergoldeten Ketten und Perlenzierraten behängt; mit einem Wort, ſüperb in Goldſtein gefaßt, wie die Griſetten ſagen— Miß Riley, Kapitän Lorrequer, ein Freund, den ich Ihnen ſchon längſt vorzuſtellen wünſchte, fünfzehntauſend Pfund jährlich und eine Baronetſchaft, wenn er ſechs Pence hat“— dies wieder sotto.„Wundarzt M'Culloch,“ — er liebt den Titel,“ ſagte Tom flüßernd—„Wund⸗ arzt, Capitän Lorrequer. Beiläufig geſagt, damit ich's nicht vergeſſe, er wünſcht Sie Morgen früh ſeiner Ge⸗ ſundheit wegen zu Rathe zu ziehen; da iſt Etwas zu machen.“ Das ſchlanke Ding mit grüner Brille neigte ſich und dankte Tom mit einem ſchlauen Ellenbogen⸗ ſtoß für ſeine Güte. Auf dieſe Art machte er ungefähr zehn Minuten lang die Runde durch's Zimmer, und in dieſem kurzen Zwiſchenraum wurde ich in Folge O'Fla⸗ hertys freundlicher Veranſtaltung als Miethsmann in 212 einem Koſthauſe— als Liebhaber von wenigſtens fünf ältlichen und drei jungen Ladies— als Patient— als Klient— als Sekundant in einem Duell aufgeführt, und zwar ſollte ich einem Schreiber des Poſtamts ſe⸗ kundiren, und endlich hatte ich mich(alles durch ihn) freiwillig erboten, mit ſüämmtlichen Poſtwägen Sr. Maj. ſo viele Pakete, Bandſchachteln, Vogelkäfige u. drgl. an den Ort ihrer Beſtimmung zu ſchaffen, daß man bequem rine Pickford'ſche Wanne damit hätte ausfüllen können. Alles dies, ſagte er, ſei nothwendig, um mir eine gute Aufnahme zu ſichern, obſchon nachmals ſich Niemand über den Bruch des Verſprechens Gedanken machte, außer Mrs. Clanfrizzle ſelbſt. Die Ladies wa⸗ ren leider ſchon oft vorher niederträchtig behandelt worden; der Doktor hatte nie einen Patienten gehabt, und was den kriegsluſtigen Ritter betraf, ſo wollte er lieber ſterben, als fechten. 5 Die letzte Perſon, welcher mein Freund mich vor⸗ zuſtellen für nöthig erachtete, war ein Mr. Garret Cud⸗ more aus den Hochlanden von Kerry, ſeit kürzeſter Zeit immatrikulirt zu allen Ehren eines angehenden Studen⸗ ten der Univerſität Dublin. Es war dies ein kleines, unanſehnliches Männlein mit dunklen Augenbrauen, runden Schultern und auffallend langen Armen, deren Gebrauch ihm viel Kummer und Verlegenheit zu berei⸗ ten ſchien. Er ſprach den entſchiedenſten iriſchen Accent, den ich je gehört habe; aber es hielt ſchwer, Etwas aus ihm herauszulocken, denn als er vor einigen Wo⸗ chen in die Stadt kam, hatte ihn irgend ein einſichts⸗ voller Freund in Mrs. Clanfrizzle's Inſtitut unterge⸗ bracht mit der ausdrücklichen Anweiſung, ſo viel als nur immer möglich von den Gewohnheiten und Ge⸗ bräuchen des Zirkels um ihn her zu erlauſchen und 14 zu eigen zu machen, indem derſelbe, wie man ihm wahrheitsgemäß gemeldet habe, der wahre Brennpunkt der feinen Bildung und des guten Tones ſei; dagegen ſolle er, ſchärfte ihm der wohlmeinende Freund ein, 213 unter keinen Umſtänden, außer wenn er durch den Drang einer Krankheit, oder durch die Bedürfniſſe der Natur dazu getrieben werde, ſich auf's Sprechen einlaſſen, was ihn in ſeinem dermaligen, noch ununterrichteten Zuſtande bei einer ſolch heiklen und feingebildeten Geſellſchaft un⸗ vermeidlich für immer zu Grunde richten müßte. Der würdige Garret handelte ſtreng nach dem Buch⸗ ſtaben und Geiſt der empfangenen Mahnung, und man hörte ſeine Stimme kaum je die engen Grenzen über⸗ ſchreiten, die ihm von ſeinen Freunden vorgezeichnet waren. In mehr als einer Beziehung war dies ein guter Entſchluß; denn er hatte ſich ſo vollſtändig mit den Gewohnheiten, den Dingen und Redensarten des Collegs identifizirt, daß er, wenn er je den Mund auf⸗ that, für ein gewöhnliches Publikum unverſtändlich wurde— eine Schwierigkeit, der ſeine eigenthümliche Ausſprache keineswegs abhalf. 1 Meine Vorſtellungsrunde war juſt vollendet, als die bleiche Figur in der hellblauen Livree den Rath Daly und das Mittageſſen zugleich ankündigte; denn beide kamen glücklicherweiſe zuſammen. Den Ehrenpoſten, d. h. Miß Riley's Arm für mich in Anſpruch nehmend, folgte ich Tom, der, wie ich bald bemerkte, den ganzen Haushalt beherrſchte und mit einer andern alten Veſta⸗ lin in ſchwarzem Atlas nebſt ſchwarzen Glaskorallen voranging. Die lange Prozeſſion zog ſich ſchneckenförmig die ſchmale Treppe hinab und ſodann in das Speiſe⸗ zimmer hinein, wo wir endlich alle zuſammen gute Sitze erhielten, und hier möge es mir erlaubt ſein, in Kur⸗ zem die Motive meines Freundes zu rechtfertigen— ſollte ſich irgend eine unfreundliche Perſon finden, die der Wahl ſeines Aufenthaltes eine gemeine, niedrige Leidenſchaft für die grobſinnlichen Freuden der Tafel zu Grunde legen wollte, die Erfahrung dieſes Tages müßte ihn auf ewig von einem ſolchen Vorwurfe rein waſchen. Die Suppe— ach, daß es mir begegnen mußte, dieſes Wort ſo zu proſtituiren! denn die berühmte ſchwarze 214 Brühe von Sparta war eine Schildkrötenſuppe im Ver⸗ gleich zu dieſer— die Suppe alſo wurde abgetragen, um einer Maſſe Ochſenfleiſch Platz zu machen, deſſen Zartheit ich nicht in Zweifel zog, denn es duckte ſich unter dem Meſſer des Verſchneiders zuſammen, wie ein Federbett— ſelbſt Saladin mit all ſeiner Geſchicklichkeit hätte es nicht zu zerlegen vermocht. Der Fiſch war ein aäußerſt rebelliſcher Hecht, woran ſich alle loyalen Mit⸗ glieder an der Tafel beinahe zu Tode würgten; ihm zu beiden Seiten aber prangten verſchiedene Leckerbiſſen, beſtehend aus Hühnern mit azurblauen Brüſten und dito Schenkeln, ferner mit Häuten, ſo rauh wie von einem Rhinozeros; ſofort erſchienen bedeckte Platten mit zer⸗ ſetzten Vegetabilien, genannt Spinat und Kohl, Kar⸗ toffeln in kleinen Maſſen aufgepflanzt und gedräunt, ſo daß ſie ungemeine Aehnlichkeit mit den finnreichen archi⸗ tektoniſchen Kothgebäuden hatten, welche die Kinder auf den Straßen errichten und Dreckpaſteten nennen. Sol⸗ cher Art waren die hauptſächlichen Beſtandtheile unſeres Mahles; ich muß übrigens bekennen, daß ſie bei dem kräftigen Einhauen der Geſellſchaft ſchnell recht artig zuſammenſchmolzen. Die Unterhaltung wurde bald ſowohl laut als all⸗ gemein. Die glückliche Vertraulichkeit, welche ich lange Zeit für das ausſchließliche Vorrecht eines Soldaten⸗ tiſches gehalten hatte, wo das beſtändige, tagtägliche Zuſammenſein ſelbſt den unbedeutendſten Kleinigkeiten ein Intereſſe verleiht— hier fand ich ſie in einer Voll⸗ endung wieder, von der ich nie geträumt hätte, nur mit dem ſchlagenden Unterſchied, daß in dem Betragen der Geſellſchaft ganz und gar keine abgeſchmackte Be⸗ zugnahme auf irgend einen Coder der beſtehenden Eti⸗ kette ſtattfand; jede Perſon neckte ihren Nachbar im allerfreieſten und ungezwungenſten Tone, den man ſich nur wünſchen kann, und alle zuſammen ſchienen ſich offenbar aus langer Gewohnheit und conventionellem Gebrauch ausnehmend über dieſe Einrichtung zu freuen. ————C——ꝗꝗ—. —— Scherzhafte Anſpielungen, gute Geſchichten und lebhafte Repliken fielen hageldicht auf einander, und ſelbſt ſolche blieben ganz harmlos, die an jedem andern Orte, wel⸗ chen ich kenne, ſicherlich am Morgen mehr Erklärungen und vielleicht auch mehr Schießpulver gefordert haben würden, als nach gewöhnlichen Begriffen für angenehm gilt. Hier jedoch verſtand man es beſſer; und obſchon der Advokat den Doktor damit aufzog, daß er nie einen andern Patienten beſeſſen habe, als den Haushund, dem er im Laufe des Winters blos zu ſeiner Uebung ſämmt⸗ liche Arterien unterbunden habe; obſchon der Doktor mit eben ſo grobem Geſchütz darauf antwortete und nachwies, daß die Thätigkeit des Rechtsanwalts den Leuten, die ſich an ihn wenden, etwas ganz anderes als Vortheil bringe, indem ſein einziger Client ſchuldig befunden worden ſei, und zwar hauptſächlich in Folge der ingeniöſen Vertheidigung dieſes großen Juriſten; ſo zeigten ſie doch niemals die mindeſte Erbitterung— im Gegentheile führte dieſes ſcherzhafte, angenehme Ge⸗ plauder immer zu wiederholtem freundlichen Zuſammen⸗ trinken oder zur Verabredung irgend einer angenehmen Partie; und ſo ging es in der ganzen Geſellſchaft; die jungen Ladies machten gelegentlich Ausfälle auf die ältern, welche unausbleiblich und oft mit Vortheil das Feuer erwiederten; alle aber vereinigten ſich dann und wann zu einer gemeinſchaftlichen Sache, zu einem An⸗ griff der ganzen Linie auf Mrs. Clanfrizzle ſelbſt wegen des Ochſenfleiſches, des Hammelbratens, des Fiſches oder des Geflügels, was Alles, ſowohl im Ganzen als in ſeinen einzelnen Theilen betrachtet, ſicherlich einen fre⸗ chen Verunglimpfer fand, der entſchloſſen und bereit war, ſeinen Tadel mit Beweiſen zu belegen. Doch auch dieſe, wie mir ſchien, etwas gefährlichen Anfälle führten zu keinen leidenſchaftlichen Ausbrüchen, ſondern nur zu würdevollen Repliken von Seite der würdigen Gaſtge⸗ berin, welche für die Güte ihrer Koſt einſtand und als Beweis dafür die augenſcheinliche Zufriedenheit während des Eſſens ſelbſt, ſowie den geſunden Appetit der gan⸗ zen Geſellſchaft anführte. Waͤhrend dies im beſten Zuge war, kam Tom hinter meinen Stuhl und flüſterte leiſe— „Nicht wahr, das iſt luſtig? das Leben in einem Koſthaus— Ihnen etwas ganz Neues; aber jetzt ſind Sie noch civiliſirt im Vergleich zu dem, was Sie im Ge⸗ ſellſchaftsſaale finden werden. Wenn einmal das Whiſt, das Point zu fünf Pence im Gange iſt— dann zeigen ſich erſt die wahren Geſichter.“ Während dieſes ganzen allgemeinen Scharmützels bemerkte ich, daß der würdige Fuchs, wie er in der Sprachweiſe des Trinity Colleges genannt würde, be⸗ ſtändig ſtillſchwieg und offenbar in gewaltiger Angſt ſchwebte. Das Geräuſch, das Getöſe der Stimmen und das Gelächter machte ihn ſo verwirrt und beſtürzt, daß es ihm war wie einem, der einen recht ſchrecklichen Traum hat. Da die Aufmerkſamkeit, womit ich ihn beobachtete, meinem Freund O'Flaherty aufgefallen war, ſo meldete er mir, der gelehrte Herr, wie er hier ge⸗ nannt wurde, befinde ſich gegenwärtig einigermaßen in einer Klemme— denn ein Abenteuer, das vor zwei Nächten ſtattgefunden, ſei noch zu friſch in ſeinem Ge⸗ dächtniſſe, als daß er ſich auch nur ſeine ganz beſchränkte, gewöhnliche Munterkeit erlauben könnte, Da beſagtes Abenteuer nicht blos für Mr. Cudmore, ſondern für das ganze Leben, das ich beſchrieben habe, bezeichnend iſt, ſo will ich es mittheilen. ald nach ſeiner Anwerbung unter die Banner der Mrs. Clanfrizzle hatte Mr. Cudmore im Geſellſchafts⸗ zimmer des Inſtituts eine Zufluchtsſtätte geſucht und gefunden, die ihn vermöge ihrer geographiſchen Lage den Beläſtigungen der Unterhaltung weniger auszuſetzen verſprach, als die meiſten andern Theile des Saales. Es war dies ein kleines Eckchen neben der Feuerſtätte, wie man es in altmodiſchen Häuſern nicht ſelten findet, ein Plätzchen, das vermöge ſeiner Unfähigkeit, mehr als eine Perſon aufzunehmen, dem würdigen Klausner die —— — — 217 Abgeſchiedenheit ſicherte, wonach er verlangte; und hier unter verjährten Herdbürſten, einem alten Ofenſchirm, einem aſthmatiſchen Blasbalg und einem verwitterten Keſſel ſaß der ſchüchterne Jüngling allein mitten im Gewühle. Nicht alle Verführungskräſte des Looſpiels, die ſich auf drei Pence beſchränkten, noch ſelbſt das ſo bezeichnende Frageſpiel,„wie gefällt Ihnen Ihre Nach⸗ barſchaft“ vermochten ihn aus ſeiner geliebten Einſam⸗ keit hervorzuziehen. Gleich ſeinem Landsmann Sankt Kevin— mein Freund Petrie hat die Thatſache erho⸗ ben, daß der Heilige von Tralee gebürtig war— floh er vor den Verführungen der Welt und den Schmei⸗ cheleien der Schönen; aber ach, gleich dem Heiligen ſelbſt, wußte unſer armes Füchslein nicht, weſſen dieſes argliſtige Geſchlecht fähig iſt; denn während er fich in der Sicherheit ſeiner Feſtung unendlich wohl gefiel, wurde das Gewebe ſeines Schickſals gewoben. So wahr iſt es, was er ſelbſt nicht weniger pathetiſch als poetiſch auszudrücken pflegte, das Unglück findet dich heraus und lägſt du in einer Theekiſte verſteckt. In Mrs. Clanfrizzle's Inſtitut war der bereits er⸗ wähnte blaue Bediente das einzige Individuum ſeines Geſchlechtes, welches die geſtrenge Gebieterin behalten hatte; und, ohne die Fähigkeit oder Aufmerkſamkeit die⸗ ſes wohlbegabten Menſchen für einen Augenblick in Schatten ſtellen zu wollen, ſo kann man doch recht leicht glauben, daß Peter, der blaue Peter— dies war ſein Spitzname im ganzen Hauſe— bei der Bedienung einer Geſellſchaft von fünſundzwanzig bis dreißig Perſonen beim Mittageſſen, welche er ſämmtlich zuvor als Portier in's Haus gelaſſen und als Haushofmeiſter angemeldet hatte, daß, ſage ich, Peter, da er ſich nicht des Vor⸗ rechtes erfreute, an zwei Orten zugleich ſein zu können, hie und da den Eindruck machte, wie ein Menſch von etwas haſtigen, unruhigen Gewohnheiten: eine Tendenz, die ſich bei ihm auf die Nerven geſetzt hatte und in Bezie⸗ bung auf welche er gewiß nicht verſtändig behandelt 218 wurde— es war nämlich die unveränderliche Gewohn⸗ heit jedes Gaſtes, ſeine Dienſte in Anſpruch zu nehmen, ohne auf die Bedürfniſſe aller andern, von welcher Ge⸗ gend des Saales her ſie auch laut werden mochten, auch nur im Geringſten zu achten— gerade in dem Augen⸗ blick, wo der unglückliche Diener die Lichter putzte, wurde er von dem Einen ausgeſchimpft, weil er keine Kohle bringe, von einem Andern, weil er ihm ſeine Theetaſſe weggenommen hatte, ein Dritter ſandte ihn auf eine Expedition auf Zucker aus, ein Vierter hudelte ihn, weil er die Thüre offen gelaſſen habe, in deren Nähe er gar nicht gekommen war, und ſo ging es fort bis an's Ende. Wenige Tage vor meiner Erſcheinung im Hauſe geſchah es, daß dieſer unermüdliche Caleb, wie ge⸗ wöhnlich, den verſchiedenartigen, ſich widerſprechenden Bedürfniſſen der im Spielzimmer verſammelten großen Geſellſchaft zu genügen bemüht war. Mit ſeiner ge⸗ wohnten Munterkeit hatte er verſchiedene kleine Tiſche zum Gebrauch der Whiſtſpieler oder zu Nutz und Frommen derjenigen, welche ſich an dem edlen Schafkopfen, dem Lieblingsſpiel des Inſtitutes, ergötzen wollten, aus ihrer dunklen Verborgenheit hervorgeholt und an die Wand gerückt. Mit einer Gewandtheit, welche ſtark nach ei⸗ ner Brettererziehung ſchmeckte, hatte er Lichter, Karten, Marken in Ordnung gebracht; er hatte das Feuer geſchürt, hatte den Schemel unter Miß Myley's erhabene Füße geſtellt, und war emſig beſchäftigt, für ein verzweifel⸗ tes Opfer das Loos fünf Schillinge in klein Geld zu wechſeln, als Mrs. Clanfrizzle's dritte und, wie es den Anſchein hatte, letzte Frage nach dem Keſſel an ſein Ohr ſchlug. Seine Loyalität würde ihn verleitet haben, bei einer ſolchen Gelegenheit Alles plötzlich im Stiche zu laſſen, aber die andere dabei betheiligte Par⸗ tie hielt ihn feſt, indem ſie ſagte: „Höre nicht auf ſie Peter— Du haft mir noch ſechs Pence herauszugeben.“. 4 — 219 Der arme Peter ſtöberte in der einen Taſche, dann in der andern herum, zuletzt entdeckte er noch drei Pence in Kupfer und einige Heller, womit er ſeinen Gläubi⸗ ger einſtweilen beſchwichtigen zu wollen ſchien, als Mrs. Clanfrizzle, deren Gedurd endlich vollkommen er⸗ ſchöpft war, ſich an Mr. Cudmore, die einzige unbe⸗ ſchäftigte Perſon, welche ſie bemerken konnte, wandte und mit ihrem holdſeligſten Lächeln zu ihm ſagte: „Mr. Cudmore, dürfte ich mir die Freiheit neh⸗ men, Sie zu erſuchen, mir den Keſſel neben Ihnen herüberzureichen?“ Obſchon nun vorbeſagter Keſſel, wie die Wirthin ſehr paſſend bemerkte, neben ihm ſtand, ſo war doch die Thatſache, daß er, um ihrem Begehren nachzukom⸗ men, nothwendig ſein geliebtes Plätzchen verlaſſen und mit dem Keſſel durch das halbe Zimmer gehen, unter wegs aber vor einer großen, zahlreichen Verſammlung gewiſſe Handleiſtungen verrichten ſollte, welche Geſchick⸗ lichkeit und Geiſtesgegenwart erforderten; ein wahrer Todesſchreck für den armen, blöden Fuchs, und er hätte beinahe eben ſo gern in den Wunſch gewilligt, zu ei⸗ ner Sackpfeife zu tanzen, wenn ihm dies als das Be⸗ gehren der Geſellſchaft vorgetragen worden wäre. In⸗ zwiſchen konnte er einmal die Sache nicht ändern; er bot daher alle ſeine Kraft auf, und ſeine Augenbrauen runzelnd, die Zähne übereinander beißend, wie einer, der ſich zu einem Kampfe auf Leben und Tod anſchickt, ergriff er den ziſchenden Keſſel und ſchritt, gleich dem perſoniſizirten Genius des Dampfes, durch's Zimmer, zum großen Schreck ſämmtlicher alten Ladies in ſeiner Nähe, deren geſchmackvoller Putz durch ſein Herankom⸗ men keineswegs gewann. Doch er ließ ſich durch Alles das nicht beirren; er hatte ſeinen Muth bis zum Schenk⸗ tiſch zuſammengehalten und war in Beziehung auf die Scene vor ihm halb bewußtlos; erſt als ein freund⸗ licher Vermittler ihn am Arme faßte, während eine andere wohlmeinende Perſon ihn an ſeinen Frackflügeln 220 rückwärts zog, ließ er von der Ausgießung heißer War⸗ ſeßſern ab, womit er, nachdem er die Theekanne auf⸗ gefüllt, in ſeiner unglücklichen Zerſtreutheit auch noch das Theebrett ſammt Allem, was ſich darauf befand, beinahe verſinken machte. Mrs. Clanfrizzle kreiſchte laut auf— die alten Ladies accompagnirten ſie— die jun⸗ gen kicherten— die Herren lachten— und mit einem Wort, der arme Cudmore, der ſich jeder außerordent⸗ lichen That vollkommen unbewußt war, fühlte ſich, Ge⸗ genſtand einer allgemeinen Bewunderung geworden, die ihm freilich nur ſehr wenig Befriedigung gewährte. Nachdem er noch einige Minuten lang dieſem ſchallen⸗ den Gelächter ausgeſetzt geblieben, gelang es ihm, die Quelle ſeiner Leiden in das Kamingitter niederzuſtellen, und nun zog er ſich in ſein Heiligthum zurück— nicht jedoch ohne ein Gelübde gethan zu haben, das, wenn ich es ausſprechen wollte, alle ſeine Anſprüche auf die Eigenſchaft eines galanten Mannes für immer verwir⸗ ken würde. . Odb Mr. Cudmore feſt entſchloſſen war, vorerwähn⸗ tem Gelübde in ſeinem ganzen Umfange Kraft zu ge⸗ ben, weiß ich nicht; aber wahr iſt, daß er ſich in die⸗ ſer Nacht tief gebeugt über ſein erſtes Auftreten in der großen Welt, und halb geneigt zu glauben, daß die Natur ihn weder zu einem Brummell noch zu einem OOrſay beſtimmt habe, auf ſein Zimmer zurückzog. Während er über ſolchen Dingen brütete, beſuchte ihn O'Flaherty, mit welchem er immer weit vertrauter ge⸗ ſtanden hatte, als mit allen andern Bewohnern des Hauſes— denn Tom hatte vermöge ſeines Taktes, das, was die Manieren der Andern gar zu deutlich an den Tag legten, nämlich eine vollſtändige Würdigung der närriſchen Eigenthümlichkeiten des Studenten, im⸗ mer verheimlicht. Nach einigen wenigen Bemerkungen über allgemeine Gegenſtände begann O'Flaherty in ei⸗ nem etwas ernſten Tone gegen Cudmore von dem war⸗ men Intereſſe zu ſprechen, das er ſeit ſeinem Eintritt * 221 in dieſen Kreis immer für ihn empfunden habe; von ſeinem innigen Wunſche für ſeine Wohlfahrt und ſei⸗ nem feſten Entſchluſſe, daß kein geringfügiger Umſtand und keine zufällige Aufmerkſamkeit bei blos zeremo⸗ niellen Obſervanzen jemals von den andern Gäſten als ein Grund, ihn zu verunglimpfen, oder als eine Be⸗ rechtigung zum Spotte über ihn betrachtet werden ſolle. „Verlaſſen Sie ſich darauf, mein Lieber,“ ſagte er,„ich habe über Sie gewacht, wie ein Vater; und da ich theilweiſe vorausgeſehen, daß etwas Aehnliches wie die Affaire von heute Nacht früher oder ſpäter ſtatt⸗ finden mußte—— u „Welche Affaire?“ fragte Cudmore, deſſen Augen halb aus ſeinem Kopfe heraushingen.. „Die Geſchichte mit dem Keſſel.“ „Dem Keſſel; ja, ja, freilich! Was iſt es damit?⸗ fragte Cudmore. „Was es damit iſt? Ei, wenn Sie das nicht ſelbſt fühlen, ſo iſt es wahrhaftig nicht meine Pflicht, Sie daran zu erinnern; blos——.“ „Es fühlen— ja, ja, ich fühle es ſchon. Ich ſah ſie lachen, weil ich das Waſſer über die alte Mrs. Jo⸗ nes hinabgoß, oder etwas der Art.“ „Nein, nein, mein lieber junger Freund; deßhalb haben dieſe Leute nicht gelacht— ihre Luſtigkeit hatte einen ganz andern Gegenſtand.“ „Was, zum Teufel, war es denn ſonſt?“ „Wiſſen Sie das wirklich nicht?“ „Nein, wahrhaftig nicht.“ „Und können Sie's auch nicht vermuthen?“ „Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich's kann.“ „Gut. Ich ſehe, Mr. Cudmore, Sie ſind in der That zu unſchuldig für dieſe Leute. Aber nur Geduld — Man ſoll nie ſagen können, daß Jugend und Un⸗ erfahrenheit unter dem unwürdigen Spott und kalten Hohn der niederträchtigen Welt gelitten haben, wäh⸗ rend Tom O'Flaherty als Zuſchauer daneben ſtand.“ 8 222 „Sir,“ fuhr Tom fort, ſeine Hand derb auf den Tiſch ſchlagend und einen Blick trotziger Entrüſtung aus ſeinem Auge ſchießend,„Sir, Sie find heute Nacht mißbraucht worden; ja, Sir, niederträchtig, ſchändlich mißbraucht— ich wiederhole den Ausdruck— zur Ver⸗ richtung eines häuslichen Geſchäftes— eints ſo herab⸗ würdigenden, ſo beleidigenden, für den Rang, die Stellung und die Gewohnheiten von Gentlemen ſo un⸗ geziemenden Geſchäftes, daß mir das Blut in den Adhen ſtarrt, wenn ich an dieſe empörende Gemeinheit denke.“ Den Ausdruck geſteigerter Verwunderung und leber⸗ raſchung, der ſich bei dieſen Worten in Mr. Cudmore's Geſicht abſpiegelte, mag mein Freund Phiz veranſchau⸗ lichen— ich kann ihn nicht zu beſchreiben wagen— es genüge die Nachricht, daß ſogar O'Flaherty es ſchwie⸗ rig fand, ein lautes Gelächter zu vermeiden, als er ihn anſchaute und alſo fortfuhr: „Als Augenzeuge des ganzen Vorfalls, als ein Mann, der tief für die Unerfahrenheit empfindet, welche herzloſe Weltmenſchen mit Füßen zu treten ſich unter⸗ ſtanden haben, bin ich entſchloſſen, Ihnen zur Seite zu tehen, und nur dieſe Abſicht hat mich hierher ge⸗ ührt.“ „Gut, aber in des Teufels Namen, was habe ich denn überhaupt gethan?“ „Wie! Sie wiſſen es immer noch nicht?— Iſt's möglich? Haben Sie nicht den Keſſel vom Herde weg⸗ genommen und die Theekanne gefüllt?— Antworten Sie mir darauf.“* „Ja, das that ich,“ ſagte Cudmore mit einer Stimme, die bereits zitternd wurde. 1 „Iſt das die Pflicht eines Gentlemen? Antworten Sie mir darauf.“ Statt der Antwort erfolgte eine ziemliche Pauſe, worauf Tom fortfuhr:— „Haben Sie ſjemals gehört, daß an mich oder an 223 den Rath Daly oder an Mr. Fogarty, oder an irgend eine andere Perſon ein ſolches Anfinnen geſtellt wurde? Antworten Sie mir darauf.“ „Nein, nie,“ erwiederte Cudmore mit ſinkendem Muthe. „Nun denn, ſo möchte ich doch fragen, warum juſt Sie zu einem Geſchäft auserſehen worden ſind, wozu, Ihrem eignen Geſtändniß zufolge, kein Anderer ſich hergeben würde. Ich will es Ihnen ſagen: des⸗ wegen, weil Ihre Jugend, Ihre Unerfahrenheit, Ihre Unſchuld als ein geeignetes Opfer für das herzloſe Ge⸗ höhne einer kalien, gefühllofen Welt erachtet worden iſt Und hier brach Tom in eine ungemein ſchöne Apoſtrophe aus, die mit den Worten: O Tugend! be⸗ gann(leider bin ich nicht im Stande ſie meinen Leſern mitzutheilen und kann nur verſichern, daß dieſelbe eine ſehr getreue Nachahmung ihres wohlbekannten Vorbil⸗ des war, das Burke bei dem Prozeß des Warren Ha⸗ ſting zum Beſten gab) und mit einer Aufforderung an Cudmore ſchloß, den Flecken ſeiner verletzten Ehre da⸗ durch zu tilgen, daß er in Zukunft ſchon den entfern⸗ teſten Verſuch zu einem ſolchen Schimpf mit Entrüſtung zurückweiſe. 6 Nachdem dies geſchehen war, entfernte ſich O'Fla⸗ herty und überließ es Cudmore, unter griechiſchen Wur⸗ zeln zu wühlen und ſein Mißgeſchick wiederzukäuen. Zur beſtimmten Zeit und am beſtimmten Orte ſah noch der⸗ ſelbe Abend den beleidigten Cudmore ſeinen gewohnten Winkel wieder beſetzen, ſo ziemlich mit demſelben Ge⸗ ſühle, womit ein verlorner Poſten ſich die Lunte in der Hand aufſtellt, um den Train zu verbrennen, der zum Verderben für Tauſende, den Feuerwerker ſelbſt viel⸗ leicht unter ihnen, in die Luft ſprengen ſoll: da ſaß er mit einem ſo brennenden Gehirn und einem ſo aufge⸗ regten Herzen, als müßte er, ſtatt neben einem an⸗ genehmen Steinkohlenfeuer ſeinen Thee zu ſchlürfen, in dieſem Augenblick wegen der Schnitzer in einem 224 lateiniſchen Argument unter dem Stirngerunzel des Dr. Elvington zittern, und welcher Schreck kann im Geiſte eines Füchsleins dieſem gleichkommen! Der Zufall wollte, daß dieß gerade eine der Ge⸗ ſellſchaftsnächte für das Koſthaus war. Verſchiedene junge Ladies mit langen blauen Schärpen und ſehr breiten Bänderſchuhen paradirten durch die Zimmer, luſtig ſchwatzend mit höchſt diſtinquirt ausſehenden jun⸗ gen Gentlemen mit goldenen Vorſtecknadeln und theil⸗ weiſe farbigen Weſten; mehrere ältliche Ladies ſaßen an Spieltiſchen über Honneurs und Tricks diſputirend, und mit Köpfen ſo breit, wie der des Kaſpars im Mario⸗ nettentheater; hübſch heraus geputzte Schreiber auf öf⸗ fentlichen Bureaux, deren Beruf aus der in Folge viel⸗ jährigen Federhaltens auswärts gerichteten Tendenz des rechten Oyres ſatiſam hervor ging, ſchwatzten mit eini⸗ gen ſtolz aufgedonnerten, verheiratheten Ladies, die eine ſolche Unterhaltung dem Spiele vorzogen, über feinen Ton, Glasharmonika und andere Modeartikel. Der Theetiſch, an welchem die liebenswürdige Wirthin den Vorſitz führte, hatte gleichfalls ſeine ſtündigen Ver⸗ ehrer: meiſtens ernſthafte, parlamentariſch drein bli⸗ ckende Gentlemen mit gepuderten Köpfen und ſehr lang⸗ ſchößigen ſchwarzen Roͤcken, unter ihnen Sir Oracle, ein ungeſchlachter, wichtigthuender Beamter von Sei⸗ ner Majeſtät Staatskanzlei: mittlerweile konnte man in allen Theilen des Zimmers den blauen Peter erbli⸗ cken, welcher Thee, Kaffee und Biscuit austheilte, ge⸗ legentlich auch bei Stammgäſten des Hauſes ein Witz⸗ lein einfließen ließ. Während alle dieſe vergnüglichen Beſchäftigungen ihren Fortgang nahmen, nahte für Cudmore die Prüfungsſtunde. Der Theetopf, der, ohne zu wanken, dem Angriff von vierzehn Taſſen wider⸗ ſtanden hatte, begann zuletzt nachzulaſſen und entdeckte den lauernden Augen der Mrs. Clanfrizzle nichts als einen olivenfarbigen Satz von weichen Gegenſtänden, in ſeiner Erſcheinung und chemiſchen Eigenthümlichkeit vergleichbar mit dem zurück bleibenden Niederſchlag in einem abgelaſſenen Fiſchteich, mit eigem leiſen Seufzer ſchloß ſie den Deckel, wandte ſich ſodann gegen das Feuer und ließ einen ihrer holdſeligſten, herzgewinnend⸗ ſten Blicke auf Mr. Cudmore ſchweifen, einen Blick, welcher ſo deutlich, als Blicke immerhin zu ſprechen vermögen, ſagen wollte: Cudmore, ich hätte eine Bitte an Sie. Ob der junge Mann dieß verſtand oder nicht verſtand, darüber vermag ich nichts Beſtimmtes zu ſagen: nur ſo viel weiß ich, daß die Anrufung durch⸗ aus kein Gehör fand. Mrs. Clanfrizzle verſuchte es noch einmal und gab durch eine etwas maureriſche Be⸗ wegung der Hand nach dem Theetopfe, ſo wie durch einen ſchlauen Blick auf den nichts merkenden Grobian, ihren Wunſch zu erkennen— aber immer mit gleich chlechtem Erfolg; zuletzt blieb ihr nichts mehr übrig, als zu ſprechen, und ſie bot den ſanfteſten Modulatio⸗ nen ihrer Stimme, bot ihre überredungskräftigſten Töne auf, indem ſie ſagte— Mr. Cudmore, verzeihen Sie, daß ich Ihnen läſtig falle: vürfte ich mir nicht vielleicht die Bitte an Sie erlauben—“ „Etwa um den Keſſel, Madame?“ ſchrie Cudmore in einem Tone, welcher in dem ganzen Zimmer Schre⸗ cken verurſachte, drei Whiſtpartien außer Faſſung brachte, und die Aufmerkſamkeit der Looſpieler ſo gänzlich ab⸗ ſorbirte, daß die Poule verſchwand, ohne daß Jemand im Stande war, über das Wie ihres Verſchwindens Auskunft zu ertheilen. „Etwa um den Keſſel, Madame?“ „Ja, wenn Sie die große Gefälligkeit haben woll⸗ ten,“ liſpelte die Wirthin. „Nun denn, ſo wahr ich lebe, Sie find ein un⸗ verſchämtes Weib,“ ſagte Cudmore, bis an die Ohren karoiſtnroth werdend und mit Funken ſprühenden ugen.. „Ei, Ei, Mr. Cudmore,“ begann die Lady,„wahr⸗ Bekenntniſſe Lorrequers. I.. 1— 15 haftig, das iſt ſehr ſeltſam. Wie, Sir, was können Sie damit meinen?“ „Eben das, was ich geſagt habe,“ verſetzte der unerſchütterliche Fuchs, der jetzt, da ſein Muth einmal in Thätigkeit verſetzt war, Alles wagte. „Aber, Sir, Sie müſſen mich wirklich mißver⸗ ſtanden haben. Ich bat Sie blos um den Keſſel, Mr. Cudmore.“ „Um den Teufel,“ ſagte Cudmore mit einem Hohn⸗ gelächter. „Ei, ei, wahrhaftig—“. „Ei, ei, wahrhaftig—“ äffte er ſie nach.„Ich will das böſe Kreuz kriegen, wenn ich Ihnen den Keſ⸗ ſel gebe. Rufen Sie ihren eigenen Stiefelfuchs— den blauen Peter dort— der Teufel ſoll mich holen, wenn ich mich länger zu Ihrem Siiefelfuchs hergebe.“ Für die Uneingeweihten habe ich nur noch hinzu zu fügen, daß Stiefelfuchs in der Sprache des Trinily⸗ College ſo viel als Bedienter heißt, und Mr. Cudmore bei der gegebenen Gelegenheit ſich des Ausdruckes deß⸗ wegen bediente, weil er ſein Gefühl für die herabwür⸗ digende Natur des Dienſtes, den man ihm aufzulegen wagte, dadurch am verächtlichſten an den Tag zu legen glaubte. Nachdem ich meinen Leſer bereits über einige Eigenthümlichkeiten der Geſellſchaft in Kenntniß geſetzt, überlaſſe ich's ihm, ſich ſelber eine Vorſtellung zu ma⸗ chen, auf was Art Endmore's Sprache aufgenommen wurde. Sogar das Whiſt hatte für dieſen Abend ein Ende, und nichts als Gelächter, langes, lautes, wie⸗ derholtes Gelächter wiederſcholl ſtundenlang aus allen Ecken des Zimmers. Da ich von meinen eigenen Bekenntniſſen ſo weit abgeſchweift habe, daß ich ein Blatt aus den Materia⸗ lien der künftigen Bekenntniſſe des Mr. Cudmore mit⸗ getheilt, ſo will ich, um dieſen Fehler möglichſt wieder gut zu machen, ehrlich erzählen, daß auch ich ſelbſt, ſo kurz mein Beſuch in den klaſſiſchen Räumen dieſes an⸗ 227 genehmen Inſtituts war, meinerſeits ein Erkieckliches dazu beitrug, Lachen zu erregen, obſchon ich ſelbſt nicht den ſchlimmſten Spaß dabei hatte und daher um ſo bereitwilliger die Geſchichte erzählen kann, die zum Glück für meine Leſer ſehr kurz iſt. In Mrs. Clanfetzzle's Haushaltung herrſchte eine Gewohnheit vor, von der ich bei meiner unglückſeligen Unkenntniß der Koſthäuſer nicht im Stande bin, zu ſagen, ob ſie dem Genus im Allgemeinen, oder blos dieſer Species angehört, obſchon ſie eine ziemlich merkwürdige Thatſache iſt und mitge⸗ theilt zu werden verdient, ſelbſt wenn ſich keine Erzäh⸗ lung daran knüpfte. Die Flaſchen auf der Tafel hatten zwar alle ihre Etiketten, worauf aber nicht ihr eigen⸗ thümlicher Inhalt, ob Claret, ob eres oder Portwein verzeichnet ſtand, ſondern die Namen ihrer reſpektiven Eigenthümer prangten, indem man es für weit unwich⸗ tiger anzuſehen ſchien, daß irgend ein Individuum am Tiſche ſeinen Wein, etwa Portwein mit Madeira ver⸗ miſchen konnte, als daß das wirkliche juriſtiſche Ver⸗ brechen verhindert wurde, daß irgend einer, wenn auch nur aus Verſehen, zum eigenen Nutz und Frommen ſich die Flaſche des Nachbars aneignete. Gleichwohl mag das Syſtem für die regelmäßigen Mitglieder des häuslichen Zirkels recht gut berechnet ſein, und ich bin überzeugt, daß man ſich trefflich dabei befindet— den neu angekommenen Gaſt aber, oder den uneingeweih⸗ ten Beſucher bringt die Sache in Verlegenheit, und ſie kann gelegentlich zu unangenehmen Ergebniſſen führen. Da mein Freund O'Flaherty ſeinen Sitz gewöhn⸗ lich am Ende der Tafel hatte, ich aber meinen Ehren⸗ poſten am obern Theile derſelben einnahm, ſo begab es ſich, daß am erſten Tage meiner Erſcheinung allda die Entfernung nicht blos allen möglichen Verkehr zwiſchen uns abſchnitt, fondern auch alle jenen leiſen Winken in Beziehung auf Gewohnheiten und Gebräuche, welche ein Neuangekommener von ſeinem beſſer unterrichteten Freunde erwarten darf. Da nun für uns die einzige 228 Art einander Lebenszeichen zu geben und zu beweiſen, daß man zuſammengehört, jener vortreffliche und echt engliſche Gebrauch iſt, Wein zuſammen zu trinken, ſo benützte Tom den erſten freien Augenblick, den ihm ſein Beruf als Vorſchneider geſtattete, zu dem Zurufe an mich: „Lorrequer, ein Glas Wein mit Ihnen!“ Da ich, wie ſich von ſelbſt verſteht, damit einver⸗ ſtanden war, ſo fragte er:„was für Wein trinken Sie?“ wobei er, wie ich nachher erfuhr, die Abſicht hatte, mir von ſeinem Ende des Tiſches diejenige Sorte zuzuſchi⸗ cken, die ich wählen würde. Weil ich nun den Sinn ver Frage nicht recht verſtand und mich bisher unbe⸗ denklich einer Flaſche bedient hatte, die eine ſchwache Aehnlichkeit mit Peres darbot, ſo wandte ich mich ſogleich, um genauere Belehrung zu ſuchen, an die Flaſche ſelbſt, deren ſchlankem Halſe der übliche Papier⸗ ſtreif aufgeklebt war. Meine Bemühungen die Schrift zu entziffern nahmen Zeit genug weg, daß O'Flaheriy von Neuem fragen konnte: „Nun, Harry, ich warte auf Sie, wollen Sie Portwein haben?“ 1 „Nein, ich danke Ihnen,“ erwiederte ich, nachdem ich mittlerweile die Inſchrift herausgebracht hatte. „Nein, ich danke Ihnen, ich will mich an meinen alten Freund Bob M'Grotty da halten: denn ſo ſprech ich ganz vertraulich den auf der Flaſche ſtehenden Namen des ehrenwerthen Mr. M'Grotty aus, den ich in mei⸗ ner Unwiſſenheit als den im Koſthauſe üblichen Witz⸗ namen für ſchlechten Xeres betrachtete. Daß Mr. M'Grotty ſelbſt an meiner freundſchaftlichen Art, von ſeinem Namen und Eigenthum Gebrauch zu machen, ganz und gar kein Gefallen fand, dafür erhielt ich ei⸗ nen ſehr entſchiedenen Beweis, denn er drehte ſich auf ſeinem Stuhle um, betrachtete mich mit Blicken wirden Zornes vom Wirbel bis zur Zehe und donnerte mit ſchottiſcher Breitmäuligkeit: 229 „Bei meiner Seele, Freundchen, Sie können jetzt nur die ganze Flaſche austrinken, denn Bob M'Grotty, wie Sie ihn ſchlechtweg nennen, hat heute von ſeinem eigenen Wein kaum ein volles Glas bekommen.“ Das ſchallende Gelächter, welches mein Verſehen und die Wuth des Schottländers am ganzen Tiſche er⸗ regten, dauerte bis das Tiſchtuch weggenommen wurde und die Ladies ſich ins Geſellſchaftszimmer begeben hatten. Die einzige Perſon am Tiſche, die keinen Spaß an der Sache fand, war der beeinträchtigte Ei⸗ genthümer der Flaſche, der zu ſtolz war, aus der Ka⸗ raffe meines Freundes Schadenerſatz anzunehmen, und ſich den ganzen Abend kaum herablaſſen wollte, die Lippen zu öffaen; inzwiſchen gelang es uns trotz dieſer Zurſchautragung ehrlicher Entrüſtung dennoch, unge⸗ mein vergnugt und luſtig zu werden, indem die meiſten aus der Geſellſchaft kleine Epiſoden aus ihrem Leben mittheilten, bei welchen ſie ſelbſt freilich nicht ſelten in Situationen figurirten, welche nur ihre angeborne, na⸗ türliche Aufrichtigkeit zu geſtehen wagen konnte. Eine Geſchichte ergötzte mich ganz beſonders; ſie wurde von dem Rathe Mr. Daly vorgetragen, als Beweis für die Schwierigkeit, im Barreau emporzukommen, und ich werde ſie als Beleg für ſeine eigene Art und Weiſe, die Hinderniſſe zu beſeitigen, womit junge Männer dieſes Standes in Folge harter Nothwendigkeit zu kämpfen haben, ſowie zur Charakteriſtrung ſeines eigenen ſtreng rechtlichen Sinnes, und endlich zur Erbauung des jün⸗ gern Barreau dieſer Tage einmal erzählen. Vierzehntes Kapitel. Eine nächtliche Fahrt. Am Morgen nach meinem Beſuch in dem Koſt⸗ hauſe empfing ich einige in Eile geſchriebene Zeilen von Curzon, worin er mir meldete, ich habe keine Zeit mehr zu verlieren, um beim Regiment einzutref⸗ fen— die Offiziere der Fregatte Dwarf, welche ver⸗ malen in Dunmore liege, werden demnächſt einen gro⸗ ßen Ball geben und haben bei ihrer Einladung an un⸗ ſer Regiment hauptſächlich meine wohlbekannten Dienſte im Auge gehabt. Er legte mir einen Auszug aus dem Wilkenny Moderator bei, welcher alſo lautete: — So eben kommt uns von einer Seite, der wir das vollſte Vertrauen ſchenken können, die Nachricht zu, daß der berühmte erſte Liebhaber Mr. Lorrequer demnächſt unter uns erwartet wird; nach den vielen Berichten, welche wir über die Talente dieſes hochbegabten Gent⸗ leman erhalten haben, dürfen wir wohl ſagen, daß den Freunden der dramatiſchen Kunſt ein ſeltener Hochge⸗ nuß bevorſteht u. ſ. w. u. ſ. w.„Sie ſehen alſo mein theurer Harry,“ ſchloß Curzon,„Ihr Beruf nimmt Sie in Anſpruch; deshalb kommen Sie und zwar ſchnell— zuvor aber verſehen Sie ſich mit einem ſchwarzen Atlaskoſtüm nebſt hellblauen Schlitzen— mit einem Spitzenkragen und Handkrauſen— einem ſpani⸗ ſchen Hut mit Franſen vorn— und wo möglich auch mit einem langen Raufdegen, der einen tüchtigen Korb haben muß.— Carden iſt nicht zugegen; Sie können alſo vollkommen ſtraflos Ihr Geſicht unter jeder be⸗ liebigen Farbe zeigen.— Ihr ergebenſter Couliſſen⸗ freund 4 8 3 C. Curzon.“ 5 Dieſe muntere Epiſtel genügte, mir zu zeigen, daß das tapfere 4te rein theaterwüthig geworden war, und obſchon man nach meinem letzten Auftreten auf einer gewiſſen Bühne leicht glauben könnte, ich ſollte keine abſonderliche Luſt verſpüren, das Experiment zu wie⸗ dhrholen, ſo war doch die Gelegenhe eit, während der Abweſenheit des Oberſten Carden bei meinem Regiment einurdreſen⸗ zu verführeriſch, als daß ich hätte wider⸗ ſtehen können; ich entſchloß mich daher ſogleich zur Ab⸗ reiſe und eilte, ohne einen Augenbl ick zu zögern, auf das Poſtamt, um mich in dem bei der Nacht abgehenden Wagen für einen der innern Plätze einſchreiben zu laſſen; glücklicherweiſe wurde mir der Sitz ohne Schwierigkeit geſichert, denn die Perſonenliſte war noch vollkommen weiß und ich die einzige Perſon, die ſich bis jetzt als Paſſagier angemeldet hatte. Als ich in mein Hotel zurückkam, traf ich daſelbſt O'Flaherty, der mich er⸗ wartete; er war ſehr betrübt, als ich ihm meinen Ent⸗ ſchluß, die Stadt zu verlaſſen, mittheilte— er ſetzte mir auseinander, wie er ſchon für die ganze kommende Woche für mein Ergötzen geſorgt habe— es ſei in einem Comite für das ganze Bans ein Picknick in Dargle beſchloſſen worden, und eine Waſſerpartie nebſt einem Mittageſſen im Pigeon⸗ Houſe bilde noch den Gegen⸗ ſtand der Berathung; gleichwohl widerſtand ich dieſen verführeriſchen Lockungen, ſprach von der Nothwendig⸗ keit, alsbald im Hauptquartier einzutreffen, und als alle andern Gründe für meine Eile nicht verfangen wollten, ſchloß ich mit dem wirklich zu Boden ſchla⸗ genden Argument:„Ich habe bereits mein Billet ge⸗ löst.“ Dies machte, wie ich kaum hinzuzufügen brauche, der Unterhandlung ein ſchnelles Ende— wenigſtens in mir aus meiner Erfahrung kein Fall bewußt, wo dieſe Grund nicht durchgegriffen hätte. Sage Deinen Freun⸗ den, Deine Frau könne jeden Augenblick niederkommen — Dein geliebteſtes Kind liege an den Maſern dar⸗ nieder Dein beſter Freund warte auf Deinen Bei⸗ ſtand in einer bedenklichen Klemme— es fehle nur noch an Deiner einzigen Stimme, um eine Wahl zu entſcheiden. Sage ihnen eines von dieſen Dingen, oder auch alle zuſammen und noch hundert ähnliche, und jeder wird Dir zur Antwort geben—„Bah, bah, mein lieber Junge, fürchte nichts, man muß ſich nicht un⸗ nöthig ängſtigen— nimm's auf die leichte Achſel— Morgen iſt auch noch ein Tag.“ Wenn Du dagegen ſolche nichtige Eiawendungen verwirfſt und ganz einfach ſagſt, ich habe bekeits mein Billet gelöst, ſo fällt aller Widerſtand ſogleich in ſich zuſammen, und Dein bisheriger Gegner, der beinohe den größten Streit angefangen hätte, zeigt ſich jetzt bereit, Dir Deinen Mantelſack packen zu helfen. Nachdem ich meinen Freund Tom bald von der Vergeblichkeit aller ſeiner Einwurfe überzeugt hatte, verſprach ich ihm noch, bei Morriſon einen Imbiß mit ihm einzunehmen und brachte dann den größern Theil des Morgens mit Außzeichnung einiger Notizen für meine Bekenntniſſe ſowie der Einzelheiten von Mr. Daly's Geſcrichte zu, die ich, glaube ich, am Schluß des letzten Kapitels meinen Leſern halb oder ſogar ganz verſprochen habe; inzwiſchen muß ich ſie auf einen ge⸗ eianeteren Zeitpunkt verſchieben und kann mein Wort erſt bei Gelegenheit meines nächſten Zuſammentreffens mit ihm in den ſüdlichen Bezirken halten. Meine Anordnu gen waren ſchnell getroffen. Ich war glück ich g nug, die Kleidung, welche mein Freund in ſeinem Briefe bezeichnet hatte. ur ter den tauſenderlei Koſtüms der Fiſyambie⸗ſtreet zu bekommen, und reich in dem Beſitz des einzigen Eigenthums, das zu erwer⸗ ben mein Loos geweſen iſt, ſchaffte ich meinen Schatz auf das Poſtamt und eilte in das Hotel Morriſon, denn es war nahezu fünf. Hier fand ich O'zlaherty tief im Studium der Karte verſunten, welcher entlang die neuen Speiſevorräthe prangten, und die ich ſeit meiner Kindheit in jedem Hotel von Dublin zu leſen 233 gewohnt bin.„Schildkrötenſuppe, Bouillon, Hammels⸗ braten, Roaſtbeef und Kartoffeln— Hammelskeule und Kartoffeln!— Enten und Erbſen, Kartoffeln!! Schinken und Geflügel, Cotelettes und Kartoffeln!!! Apfeltorte und Käs;“ mit der leichten Cadenz eines Seufzers über die entlegenen Herrlichkeiten Very's oder noch beſſer der „Gebrüder“ ſchlechtweg, ſetzten wir uns zu einem höchſt patriarchaliſchen Mahle und, was man in Dublin immer vortrefflich haben kann, zu einer Flaſche Sneyd'ſchen Claret nieder. Des armen Toms Stimmung war etwas unter ihrem gewöhnlichen Höhepunkt, und obſchon er ſich ge⸗ waltig anſtrengte, zu ſcherzen und fröhlich zu erſcheinen, ſo wollte es ihm doch nimmermehr gelingen. Gleich⸗ wohl ſchwatzten wir von alten Zeiten und alten Freun⸗ den, vergaßen darüber alles andere, und erſt die über dem Kamin hängende Uhr mahnte mich, daß zwei volle Stunden vahingeſchwunden, und daß es demnächſt ſieben Uhr, ſolglich die Zeit der Abfahrt war. Ich ſprang ſogleich auf, und trotz allen Vorſtellungen Toms über die Unmöglichkeit, noch zur rechten Zeit anzugelangen, 3 haite ich nach verichiedenen Richtungen Kellner nach b einem Wagen ausgeſandt, denn ich war jetzt feſter als ¹ je entſchloſſen, abzureiſen; ſo oſt geſchieht es, daß, wenn keine wirklicen Gründe für unſer Benehmen vorhanden ſind, irgend ein zufälliger oder gelegentlicher Widerſtand uns in einer Abſicht beſtärkt, die vorher noch ſchwan⸗ kend geweſen war. A's er mich ſo faſt entſchloſſen ſah, gab Tom endlich nach und rieth mir, den Poſtwagen zu verfolgen, welcher jetzt ſeit wenigſtens zeyn Minuten abgefahren ſein müſſe, den ich aber bei einiger Ge⸗ ſchwindigkeit vermuthlich noch in der Stadt ſelbſt ein⸗ holen werde, indem er da gewöhnlich noch einige Auf⸗ haltungen habe. Ich befahl alſo ſogleich eine Chaiſe, und bevor viele Minuten verſtrichen waren, machte ich mich unter Flüchen und Verſprechungen eines guten Trinkgeldes auf den Weg, um Sr. Majeſtät Poſtwagen 234 zwiſchen Cork und Kilkenny zu verfolgen, einen Wagen, der in dieſem Augenblick noch ganz geduldig im Poſt⸗ hofe wartete. 3 „Welchen Weg jetzt, Euer Gnaden?“ fragte eine gellende Stimme aus der Dunkelheit, denn die Nacht war bereits finſter geworden und einzelne dicke Tropfen kündigten einen furchtbaren Regen an. „Nach Naas,“ ſagte ich, und hör einmal, Burſche, wenn Du den Wagen in einer halben Stunde einholſt, ſo bekommſt Du das doppelte Trinkgeld.“ „Bleibt dabei, ich werde mir Mühe geben,“ ver⸗ ſetzte mein Kutſcher, drückte ſogleich ſeinem Pferde beide Sporen ein und jagte die Naſſau⸗ſtreet hinab, mit einer Schnelligkeit, welche Windhunden zu ſchaffen ge⸗ macht hätte. Wir legten Straße um Straße zurück, und endlich bemerkte ich, daß wir zur Stadt hinaus⸗ kamen und die lange Laternenlinie hinter uns ließen. Die Nacht war pechſchwarz. Ich konnte nicht das Mindeſte ſehen. Das ſchnelle Raſſeln der Räder, das ſcharfe Geknall der Kurierpeitſche und das noch gellen⸗ dere Hüohrufen des Poſtillons bewieſen mir die unge⸗ meine Schnelligkeit unſeres Vorankommens, wenn meinem Kopfe auch die Erfahrung des häufigen An⸗ ſchlagens an das Wagendach, ſo oft wir über einen Stein ſtolperten, oder über eine kleine Höhlung weg⸗⸗ flogen, erſpart geblieben wäre. So dunkel und trübe es war, ſo ließ ich doch das Fenſter beſtändig unten und bemühte mich, meinen halben Leib hinausſtreckend, eine Spur von dem Wild zu entdecken, dem ich nach⸗ jagte; allein ich vermochte nichts zu ſehen. Der Regen ergoß ſich jetzt in wirklichen Strömen herab, und eine elendere Nacht kann man ſich unmöglich vorſtellen. Nachdem wir ungefähr eine Stunde ſo gefahren waren, hielt der Wagen endlich an, aber ſo plößlich und unerwartet von meiner Seite, daß ich beinahe nach Harlekinsmanier durch das Vorderfenſter hinausgewor⸗ fen wurde. Da ich merkte, daß wir uns nicht voran⸗ 235 bewegten, und ſürchtete, es möchte etwas von unſerm Takelwerk zerriſſen ſein, ſo ließ ich das Schiebfenſter wieder hinab und rief hinaus—„He da, Poſtiillon, fehlt es irgendwo?“ Meine Frage blieb jedoch unge⸗ hört, und obſchon ich mitten durch den Dampf, der von den durchnäßten, rauchenden Pferden ausging, verſchiedene ſich hin und her bewegende Geſtalten be⸗ merken konnte, ſo vermochte ich doch nicht zu unter⸗ ſcheiden, was ſie thaten oder was ſie ſprachen. Ich hörte bloß ein Gelächter und fluchte herzlich über den gefühlloſen Schlingel, der, wie ich glaubte, ſich über meine Verlegenheit luſtig machte. Ich bemühte mich nun, von Neuem zu erforſchen, was geſchehen war, und rief daher noch lauter als vorher hinaus. „Wir ſind in Ra'coole, Ew. Gnaden,“ ſagte der Burſche, an die Chaiſenthüre herantretend,„und die Poſt iſt uns bloß um eine halbe Meile voraus.“ „Zum Teufel, was hältſt Du alſo an? Du wirſt doch hier nicht füttern wollen?“ „Nein, gewiß nicht, Ew. Gnaden, von dem Futter hier thut meinen Pferden kein Zahn weh; aber man ſagt mir, die Straße ſei ſo elend, daß wir ohne Vor⸗ ſpann die Poſt vor der nächſten Station nicht einholen können.“ „Ohne Vorſpann!“ ſagte ich,„he, Kamerad, mache mir keine Lumpereien; vier Pferde an einer leichten Poſtchaiſe ohne alles Gepäck; komm, ſitz wieder auf und treib keinen Unſinn.“ In dieſem Augenblick nahte ſich ein Mann, mit einer Laterne in der Hand, dem Fenſter und ſtellte mir den ſchrecklichen Zuſtand der Straßen in Folge der letzten Regengüſſe— die Länge der Sta⸗ tion— die vielen Unglücksfälle, die ſich in der neueſten Zeit ereignet haben u. ſ. w. u. ſ. w. ſo eindringlich vor, daß ich gegen meinen Willen endlich ja ſagte und das Vorſpann deſtellte, wobei ich mich damit tröſtete, daß ich, da der innere Platz in dem Wagen, welchen ich mit ſolchen Anſtrengungen einzuholen ſuchte, weniger 236 als ein Pfund koſtete und ich dieſen Punkt für dieſen Augenblick nicht in Anſchlag zu bringen brauchte, mei⸗ nen Ruf für Entſchloſſenheit freilich etwas theuer be⸗ zahle, aber auch glorreich behaupte. Endlich kamen wir von Neuem auf die Straße, nachdem uns bei unſerer Abfahrt wenigſtens ein Duzend Perſonen, ohne Zweifel Bürger dieſer intereſſanten Lokalität, inmitten deren ich ſpaͤter noch einmal das Gelächter hören ſollte, das mich ſchon jetzt ſo ſehr ärgerte, ein ſchall ndes Halloh nachgeſandt hatten. Der Regen ſtrömte wo möglich noch dichter als zu or herab und drohte augenſcheinlich, die ganze Nacht anzudauern. Ich warf mich in eine Ecke meines ledergepolſterten Wagens und überließ mich dem vollen Genuß der Rocheſoucauld'ſchen Marime, daß man immer beim Mißgeſchick ſelbſt der beſten Freunde ein Vergnügen empfindet, denn ſicherlich war es für mich in meiner Noth kein geringes Behagen, meine gegenwärtige Lage mit der meiner beiden Freunde in den Sätteln zuſam⸗ menzuhalten, welche ſich durch Schlamm und Koth, durch Regen und Sturm hindurchplagen mußten. So kamen wir geſchüttelt, gerüttelt, herumgeworfen und herumgeſtoßen weiter, und ich begann endlich meine erwartungsvolle ſitzende Stellung mit einer bequemern liegenden zu vertauſchen. Meile um Meile wurde zurückgelegt, und nach manchem kurzen und unruhe⸗ vollen Schlummer, dem meine Träume eine ſcheinbare Länge gaben, erwachte ich bloß, um mich noch immer auf der Verfolgungsfahrt zu finden— die Zeit ſchien ſich ſo endlos hinauszuziehen, daß es mir zu Muthe zu werden anfing, als müßte ich mein ganzes Leben im Dunkel zubringen, auf der Verfolgung des Kilkenny⸗ Wagens begriffen, wie wir in der wahrhaftigen Ge⸗ ſchichte von dem fliegenden Holländer leſen, der zur Strafe ſeiner Ungeduld— alſo gerade wie ich Jahrhunderte hindurch vergebens ſich abmühte, das Kap d 237 zu umſchiffen, oder von dem indiſchen Matroſen in Moore's ſchöner Ballade, von welchem uns geſagt wird— Manchem Tag war Nacht gefolgt, Drauf hatte der Morgen gegrauet, Doch ohne Raſt und ohne Ruh Der Seemann nur vorwärts ſchauet! Dies mag Alles in Tropengegenden mit einem flinken Schiſſchen und unzweifelhafter Fülle von Mundvorräthen rect gut ſein— aber in einer Chaiſe bei Nacht und auf der Straße nach Naas waren, ich darf mir wohl dieſe Vorausſetzung erlauben, die Schattenſeiten der Parallele alle gegen mich gerichtet. Endlich kündete der veränderte Ton der Räder unſere Annäherung an eine Stadt an, und nach etwa zwanzig Minuten langem Raſſeln über das Pflaſter zogen wir, wie ich vichtig vermuthete, in Naas ein. Hier hatte ich mir längſt vorgenommen, meiner Ver⸗ folgung ein Ende zu ſetzen. Ich hatte genug, ja mehr als genug gethan, um meinen Ruf gegen jede Anſchul⸗ digung der Unentſchloſſenheit in Betreff der Abreiſe von Dublin zu wahren, und ich beſann mich eben auf die verſchtedenen Arten, am folgenden Tag meine Reiſe fortzuſetzen, als wir plötzlich vor der Thüre des Schwa⸗ nen anfuhren. Die Ankunft einer vierſpännigen Chaiſe vor einem Gaſthof in einer kleinen Landſtadt leitet die verſchiedenen in demſelben beſchäſtigten Perſonen auf ganz andere Gedanken, als daß der Reiſende dem Poſt⸗ wagen nacheile; und ſo wurde ich denn, ehe ich noch recht ausgeſtiegen war, mit unzähligen Anerbietungen in Beziehung auf Pferde, ein Nachteſſen, Bett u. ſ. w. beſtürmt. Dreimal wiederholte ich vergebens meine ängſtliche Frage:„Wann iſt der Poſtwagen durchge⸗ kommen?“ 4 „Der Poſtwagen!“ verſetzte der Wirth zuletzt, „meinen Sie den aus der Stadt?“ 238 „Ja, verſteht ſich; den nach Kilkenny und Cork.“ „Von Dublin, Sir?“ „Freilich, von Dublin.“ „Der iſt noch gar nicht angekommen, Sir, und wird auch erſt in drei Viertelſtunden ankommen; er fährt nie vor Viertel auf acht von Dublin ab und kommt erſt zwanzig Minuten vor elf hier an.“ „Wie, du Sohn einer Kuh, ſo ſind wir alſo die halbe Nacht hindurch wie die Teufel gefahren, und dieſe ganze Zeit iſt die Poſtchaiſe zehn Meilen binter uns?“ „Sonſt hätten wir ſie jedenfalls eingeholt,“ be⸗ merkte der Poſtillon, indem er ſich aus ſeinem naſſen Sattel losmachte und abſtieg;„es iſt nicht meine Schuld, daß die Kutſche nicht vor uns iſt.“ Mit einem kräftigen Bannſtrahl über alle Gaſt⸗ hofsbeſitzer, Kellner und Poſtillone, nebſt einem An⸗ hang, welcher die Kutſcheneigenthümer in ſich ſchloß, folgte ich dem ſchmunzelnden Wirthe in ein wohlbe⸗ leuchtetes Zimmer und an ein loderndes Feuer, allwo ich, nachdem ich ein Abendeſſen beſtellt, in Bälde mei⸗ nen Gleichmuth wieder gewann. Meine Speckſchnitten und weiche Eier, alles, was Naas mir gewähren konnte, waren ſchnell befördert, und als ich mein letztes Glas aus meiner einzigen Pinte Neres eingeſchenkt hatte, kam die langerwartete Kutſche angefahren. Eine Minute nachher trat der Poſtillon herein, um einen Schluck zu nehmen und hinter ihm der Condukteur. Eine kläglicher durchnäßte Jammer⸗ geſtalt, als dieſen letzteren, kann man ſich nicht denken; der Regen ſiel von dem ganzen Umfang ſeines breit⸗ gekrempten Hutes herab gleich dem nie verſiegenden Tropfen am Rande einer antiken Quelle; ſein ſchwarz⸗ brauner Rock hatte eine Orangefarbe bekommen, wäh⸗ rend ſeine ungeheure Figur noch größer erſchien, als er ſo mitten in einem Nebel von Dampf daſtand, wel⸗ cher eine Atmoſphäre für den Planeten Uranus abge⸗ geben hätte. 239 „Reiſen Sie vielleicht heut Nacht noch weiter?“ redete er mich an; rauhes Wetter und keine Ausſicht, daß es beſſer werde; doch Sie haben natürlich einen Platz inwendig?“ „Das verſteht ſich von ſelbſt; oder haben Sie vielleicht den Wagen ſchon voll?“ „Nur einen einzigen Paſſagier, Sir; der ſcheint aber ein ganz querköpfiger Patron zu ſein; er fragte mich auf dem Poſtamt wenigſtens fünfzigmal, ob er nicht die ganze innere. Seite allein haben könne, und als er hörte, daß bereits ein Platz genommen ſei— der Jhrige, glaube ich, Sir— da geberdete er ſich, wie ein angeſchoſſener Eber.“ „Wiſſen Sie vielleicht ſeinen Namen?“ „Nein, Sir, er hat nie einen Namen auf dem Poſtamte angegeben, und ſein einziges Gepäck beſteht aus zwei braunen Papierpäckchen ohne alle Aufſchrift, die er bei ſich drinnen hat; er läßt ſie keine Sekunde von ſeiner Seite.“ „Hier unterbrach das Horn des Poſtillons, welches ankündigte, daß Alles bereit ſei, unſer Geſpräch und verhinderte mich, Näheres über meinen Mitreiſenden zu erfahren, den ich mir indeß ſogleich recht lebhaft als irgend einen unverſchämten alten Grobian verge⸗ genwärtigte, der es ſich überall ſo bequem als möglich mache, ohne an die Bequemlichkeit anderer Leute im mindeſten zu denken. Auf meinem kurzen Weg von der Wirthshausthüre bis an die Kutſche wünſchte ich mir noch einmal von Herzen Glück, gegen den furchtbaren Sturm und Regen, der außen tobte, ein Obdach finden zu können. „Hier iſt der Tritt, Sir,“ ſagte der Condukteur; „ſteigen Sie ein, Sir; wir ſind ſchon um zwei Minu⸗ ten zu ſpät.“ „Bitte um Verzeihung, Sir,“ ſagte ich, über die Beine meines ungeſehenen Begleiters ſtolpernd.„Darf ich Sie erſuchen, mich vorbei zu laſſen?“ Während er 240 mir zu dieſem Behuf Platz machte, merkte ich, daß er ſich gegen den Condukteur hinabneigte und etwas ſagte, was, nach der Antwort zu ſchließen, offenbar eine Frage über mich ſein mußte.„Und wie kam er denn hieher, wenn er in Dublin ſeinen Platz nahm?“ fragte der Unbekannte. „Er kam vor einer halben Stunde, Sir, in einer vierſpännigen Chaiſe,“ antwortete der Condukteur, in⸗ dem er die Thüre hinter ihm ſchloß und der Unterre⸗ dung ein Ende machte. Was immer die Gründe ge⸗ weſen ſein mochten, warum mein Mitpaſſagier ſich ſo angelegentlich um meinen Namen und meine Beſchäf⸗ tigung erkundigte, wußte ich nicht, konnte aber gleich⸗ wohl nicht ohne Vergnügen daran denken, daß ich, da ich meinen Namen auf dem Poſtamte nicht angegeben hatte, für ihn ein eben ſo großes Räthſel ſei, wie er für mich.. „Eine ſtrenge Nacht, Sir,“ ſagte ich, in der Ab⸗ ſicht, eine Unterhaltung einzuleiten.. „Sehr ſtreng,“ antwortete der Unbekannte kurz und halb ärgerlich, aber mit ciner Entſchiedenheit des Dialekts, welche er überall als Taufſchein aus Cork oder der Nachbarſchaft hätte geltend machen können. „Und auch eine ſehr böſe Straße, Sir,“ fuhr ich in Erinnernng an meine zuletzt überſtandene Station ort, „ 1„Dies iſt der Grund, warum ich immer bewaffnet reiſe,“ antwortete der Unbekannte, indem er mit etwas klapperte, was gerade wie der Hahn eines Piſtols tönte. 3 Einigermaßen verwundert über ſeine Berasttwillg. keit, meine Meinung mißzuverſtehen, fühlte ich Luſt, von allen weiteren Ausforſchungsverſuchen abzulaſſen, und war im Begriff, mich ſo comfortable als immer möglich in den Schlaf zu lullen. „Darf ich Sie mit der Bitte beläſtigen, ſich nicht auf dieſes Päckchen da zu lehnen, Sir?“ ſagte er, in⸗ 241 dem er eines der Papierpakete, auf die der Condukteur bereits angeſpielt hatte, unter meinem Ellenbogen wegzog. Bei Erfüllung dieſes etwas groben Anſinnens fiel mir eines meiner Taſchenpiſtolen, die ich in meiner Bruſttaſche mit mir führte, heraus und ihm aufs Knie, worauf er alsbald auffuhr und haſtig fragte:„und ſind Sie ebenfalls bewaffnet?“ „Warum denn nicht?“ antwortete ich lachend; „Männer meines Gewerbes reiſen ſelten ohne etwas dieſer Art.“. „Habe ich doch ſo eben daſſelbe gedacht,“ ſagte der Reiſende mit einem halben Seufzer vor ſich hin. Warum er ſo gedacht, oder auch nicht gedacht, darüber wollte ich mir nicht den Kopf zerbrechen, und war von Neuem im Begriff, mir's in meiner Ecke be⸗ quem zu machen, als ich durch ein ſehr melancholiſches Geſtöhne aufgeſchreckt wurde, das aus dem tiefſten Herzensgrund meines Begleiters zu kommen ſchien. „Sind Sie unwohl, Sir?“ fragte ich in ängſtlich theilnehmendem Tone. „Ja, Sie würden ſo ſagen,“ antwortete er,„wenn Sie wüßten, mit wem Sie ſprechen, obgleich Sie vielleicht ſchon genug von mir gehört haben, wenn Sie mich bis jetzt auch noch nicht ſahen.“ „Auch ohne dieß Vergnügen ſchon gehabt zu haben,“ ſagte ich,„würde es mir leid thun, wenn ich denken müßte, daß Sie in der Kutſche krank wären.“ „Mag wohl ſein, daß ich's bin,“ verſetzte der Unbekannte kurz, mit einer eigenthümlichen Betonung ſeiner Worte, die ich damals noch nicht verſtand.„Ha⸗ ben Sie nie von Barney Doyle ſprechen gehört?“ fragte er jetzt. „Mit Wiſſen nicht.“ „Nun, ich bin Barney,“ ſagte er;„in allen Jour⸗ nalen der Hauptſtadt iſt von mir die Rede; ich war Bekenntniſſe Lorrequers. I. 16 242 ſiebenzehn Wochen im Jervis⸗ſtreet⸗Hoſpital und vier Wo⸗ chen im Irrenhaus, bin aber trotz alldem um keinen Teufel beſſer. Sie müſſen wohl ein Fremder ſein, ſonſt würden Sie mich jetzt wohl kennen.“ „Ich geſtehe, daß ich in den letzten ſechs Monden nur wenige Stunden in Irland war.“ „Aha, das iſt alſo der Grund; ich wußte doch, daß Sie ſich nicht ſehr freuen würden, mit mir zu rei⸗ ſen, wenn Sie wüßten, wer ich bin.“ „Ei, wahrhaftig,“ ſagte ich, indem ich in dieſem Augenblick einige Andeutungen meines Begleiters. zu verſtehen anfing;„ich konnte das Vergnügen, mit Jh⸗ nen zuſammenzutreffen, nicht ahnen.“ „Sie nennen es Vergnügen; nun über Geſchmacks⸗ ſachen kann man nicht rechten, wie Doktor Colles ſagte, ß er mich dem Cuſack Rooney den Daumen abbeißen a „Einem Menſchen den Daumen abbeißen!⸗ ſagte ich entſetzt. 4 „Ja,“ verſetzte er mit einer Art ſataniſcher Wild⸗ heit,„in einem Laden; ich wollte nur, Sie hätten's mit angeſehen, wie ich dem ganzen Geſpräche dort ein Ende machte; bei Gott, es fragte keiner mehr nach dem Preis einer Waare.“ „Nun wahrhaftig, eine recht liebliche Nachbarſchaſt,“ dachte ich.„Und Sie,“ fragte ich in einem ſehr mil⸗ den und beſchwichtigenden Tone,„darf ich Sie viel⸗ leicht um den Grund dieſer eigenthümlichen Vornei⸗ gung fragen?“ „Eben das iſt's, mein Lieber,“ ſagte er, ſeine Hand vertraulich auf mein Knie legend;„eben das iſt's, woraus die Herren nicht klug werden können; Colles ſagt, das Ganze komme vom kleinen Gehirn her, das ſei entzündet und verbrennt; einige Andere meinen, der Rückgrat ſei's, und wieder Andere, die Muskeln; aber mein Eindruck iſt, daß ſie alle zuſammen einen Pfifferling von der Sache verſtehen.“ 2 „Und haben ſie keinen Namen für die Krankheit?“ fagte ich. „Oh, freilich haben ſie einen Namen dafür.“ „Und darf ich fragen——⸗ „Sie würden beſſer thun, nicht darnach;u denn ſehen Sie, ich möchte vielleicht in der 2 Ih nen etwas beſchwerlich werden, obſchon ich es, wenn ich's vermeiden kann, nicht thun werde; und es möchte Ihnen unbehaglich werden, hier zu ſein, wenn ich einen meiner Anfälle bekäme.“ „Einen Ihrer Anfälle! Das iſt nicht möglich, Sir,“ fagte ich;„Sie würden doch nicht in einem ſolchen Zu⸗ ſtande in einem öffentlichen Wagen reiſen; Ihre Freunde würden dieß ſicherlich nicht zugeben.“ „Ja, vielleicht, wenn ſie es wüßten,“ antwortete der intereſſante Patient ſchlau;„wenn ſie es wüßten, ſo würden ſie ſich nicht ſonderlich darüber freuen, aber ſehen Sie, ich bin erſt heute Nacht entwiſcht und das wird morgen früh einen ſchönen Spektakel geben, wenn ſie finden, daß ich davon gelaufen bin; im Uebrigen denke ich, Rooney wird immer noch bellen.“ „Rooney bellen? Wie, was ſoll das bedeuten?“ „Die Leute bellen immer einen Tag oder zwei, nachdem ſie gebiſſen ſind, wenn die urſprüngliche An⸗ ſteckung von einem Hunde kommt.“. „Sie ſprechen doch hoffentlich nicht von der Waſ⸗ ſerſcheu?“ ſagts ich, indem mir vor Entſetzen und Be⸗ ſtürzung das Haar zu Berge ſtand. 1 „Warum nicht?“ antwortete er;„mag ſein, Sie haben es errathen.“.— „Und haben Sie die Krankheit gegenwärtig an ſich?“ fragte ich weiter, mit Zittern auf die Antwort harrend. 3 „Dies iſt der neunte Tag, daß ich zu beißen ange⸗ fangen habe,“ erklärte er ernſthaft und, wie es ſchien, ohne alle Ahnung von dem Schreck, den eine folche Mittheilung nothwendig einjagen mußte. 9⸗ 244 „Und mit einer ſolchen Neigung, Sir, glauben Sie ungeſtört in einem öffentlichen Poſtwagen reiſen zu dürfen, wobei Sie Andere der Gefahr ausſe⸗ tzen—— 4 „Sie würden beſſer thun, Ihre Stimme nicht ſo zu ſteigern,“ antwortete er gelaſſen,„wenn ich aufge⸗ regt werde, ſo iſt es nur um ſo ſchlimmer für Sie, das iſt das Ganze.“ „Gut, gut,“ ſagte ich meinen Eifer mäßigend; haber iſt es denn auch wirklich klug, bei Ihrem gegen⸗ wärtigen delikaten Zuſtand eine Reiſe zu unterneh⸗ men?“ „Ach,“ verſetzte er mit einem Seufzer,„ich habe mich lange geſehnt, die Fuchsjagd bei Kilkenny mit an⸗ zuſehen. Seit drei Wochen denke ich an nichts ande⸗ res; doch weiß ich nicht, wie meine Nerven das Ge⸗ ſchrei werden aushalten können; ich möchte leicht unru⸗ hig werden.“ 4 „So wahr ich lebe,“ dachte ich,„heute früh mache ich meinen erſten Gang nicht aufs Feld hinaus.“ „Hoffentlich, Sir, iſt doch kein Bach, kein laufen⸗ des Waſſer auf dieſer Route— bei allem andern kann ich mich, glaube ich, bemeiſtern; aber Waſſer— namentlich fließendes Waſſer, das macht mich un⸗ ruhig. Da ich wohl wußte, was er mit der letzten Phraſe ſagen wollte, ſo trat mir fühlbarlich der kalte Schweiß auf die Stirne, indem ich mich erinnerte, daß wir nur noch etwa zehn oder zwölf Meilen bis nach Leighlin⸗ Bridge haben konnten, wo wir einen ſehr breiten Fluß paſſiren mußten. Inzwiſchen verſchwieg ich ihm die Thatſache mit aller Aengſtlichkeit und gab ihm zu ver⸗ ſtehen, es ſei vierzig Meilen in der Runde keine Quelle, kein Bach, kein Fluß zu finden. Er verſank jetzt in eine Art ſchwermüthiges Stillſchweigen, das gelegentlich durch ein leiſes, murmelndes Getöſe unterbrochen wurde, wie wenn er mit ſich ſelbſt ſpräche— was dies be⸗ à 245 deuten mochte, wußte ich nicht— aber ich hielt es un⸗ ter allen Umſtänden für beſſer, ihn nicht zu ſtören. Wie behaglich meine dermalige Lage war, brauche ich kaum zu bemerken— einem Mondſichtigen gegenüber zu ſitzen, der ein Paar Piſtolen beſaß— der bereits bekannt hatte, daß er ſich ſeiner Neigung, Böſes zu thun, und ſeiner Unfähigkeit, dieſelbe zu bemeiſtern, bewußt war; alles dies im Finſtern und in den ſtreng gezogenen Grenzen einer Poſtchaiſe, wo kaum Raum genug zur Vertheidigung und keine Möglichkeit zu entfliehen war — wie herzlich wünſchte ich mich in das Kaffeezimmer bei Morriſon zurück, zu meinem armen Freund Tom— wie viel hundertmal verfluchte ich die hölliſche Chaiſe — za ſelbſt die Außenſeite der Kutſche wäre, wenn ich ſie nur erreichen könnte, unter den gegenwärtigen Um⸗ ſtänden eine herrliche Abhülfe für meine Noth. Was waren Regen und Sturm, Donner und Blitz im Ver⸗ gleich zu den Möglichkeiten, die meiner hier warteten? — Wenn ich auch unvermeidlich bis auf die Haut durchnäßt werden mußte, ſo hegte ich doch, Gott ſei Dank, noch nicht den Abſcheu vor aller Feuchtigkeit, woran mein Freund neben mir krank war.„Ha, was iſt das? Es iſt möglich, daß er eingeſchlafen iſt; ſollte es wirklich ein Geſchnarche ſein?— Der Himmel gebe, daß dieſes leichte Schnarchen nicht das iſt, was die Mediziner ein warnendes Symptom nennen— wäre es dies, ſo könnte er jetzt jeden Augenblick über mich herſtürzen. Ah, da iſt es wieder; er muß wirklich eingeſchlafen ſein; jetzt oder nie!“ Mit dieſen Wor⸗ ten, die ich leiſe vor mich hin murmelte, und einem aus Angſt vor ſeinem Erwachen beinahe hörbar klopfen⸗ den Herzen, ließ ich langſam das Kutſchenfenſter nie⸗ der, ſtreckte meine Hand vor, drehte vorſichtig und ſachte den Schlag auf; zunächſt machte ich meine Beine los, und in Folge einer lang anhaltenden kriechenden Bewegung— das Kriechen hatte ich nämlich vortreff⸗ lich gelernt, da ich manchmal als Boa Conſtrictor auf 246 einen Maskenball ging— entwand ich mich dem Sitze und erreichte den Tritt, worauf ich etwas murmelte, was große Aehnlichkeit mit einem Dankgebet zur Vor⸗ ſehung für meine Rettung hatte. Ohne viele Schwie⸗ rigkeit kletterte ich jetzt hinauf neben den Condukteur, deſſen Staunen über meine Erſcheinung ſich nicht be⸗ ſchreiben läß:— daß irgend ein Menſch in einer ſol⸗ chen Nacht die Außenſeite einer Kutſche dem Innern vorziehen ſollte, war ſchon an ſich merkwürdig genug; aber daß die Perſon, die dies that, weder mit einem Mantel, noch mit irgend einem andern ähnlichen Schutz⸗ mittel verſehen ſein ſollte, das erſchien ihm ſo ſeltſam⸗ lich, daß ich nicht zweifle, wenn er über die Anwend⸗ barkeit des Paragraphen wegen Mondſucht auf einen Poſtwagenreiſenden hätte entſcheiden ſollen, ſo hätte er die Palme ſicherlich mir zuerkannt, und nicht meinem Begleiter von vorhin. Inzwiſchen rollten wir dahin und ſo ſchwer auch der Regen ſich herab ergoß, ſo war es mir doch in Folge meiner veränderten Stellung dermaßen leicht ums Herz, daß ich bald feſt einſchlief und nimmer erwachte, bis die Kutſche in die Patrick⸗ ſtreet fuhr. Mit ſo tröſtlichem Gefühle nun das glück⸗ liche Erreichen des Außenſitzes bei der Nacht verbunden gewefen war, ſo blieb doch das Vergnügen, das ich beim Erwachen empfand, nicht unverſetzt. Mehr todt als lebendig ſaß ich da, durchnäßt und erfroren, als hätte mich die Sündfluth in ihre Mitte genommen. Mein ſchwarzer Rock hatte ſich abgefärbt, mein Hnt gleichfalls, und verſchiedene lange Streifen, die ſich über meine gerunzelte Stirne hinzogen, gaben mir voll⸗ ſtändig das Ausſehen eines indianiſchen Kriegers, der ſich zum erſten Mal ſeine kriegeriſche Pulverſchminke aufgelegt hat. Ich muß wirklich, wenn ich blos nach den Geſichtern der Kellner ſchließen will, und nach ih⸗ rem Gaffen, als die Kutſche vor dem Hotel Rice und Walſch anfuhr, ein wahrer Gegenſtand des Jammers geweſen ſein. Trotz aller Kälte, Näſſe und Müdigkeit 247 aber war meine Neugierde, von meinem angenehmen Reiſegefährten etwas Näheres zu erfahren, ſo ſtark als nur je, vielleicht noch ſtärker in Folge der Opfer, die ſeine Bekanntſchaft mir auferlegt hatte. Bevor ich mich indeß aus dem Thurm von Koffern und Schachteln, womit ich mich umgeben hatte, losmachen konnte, war er bereits aus dem Wagen geſtiegen, und alles, was ich von ihm zu erblicken vermochte, war der Rücken eines kurzen dicken Mannes in einer Art von grauem Ueberrock und mit langen Pluderhoſen um die Beine. Er trug ſeine zwei Bündel unter dem Arme und ſchritt munter die Treppen des Hotels hinan, ohne ſeinen Kopf weder auf die eine, noch auf die andere Seite zu drehen. „Glaube nicht, daß Du mir jetzt entrinnſt, guter Freund,“ rief ich, indem ich mit einem Satz von oben herab auf den Boden ſprang und dem großen Unbe⸗ kannten in das Wirthszimmer nachſtürzte. Als ich die⸗ ſes erreichte, hatte er ſich bereits dem Feuer genähert, auf den Tiſch neben demſelben die geheimnißvollen Papierpakete niedergelegt und war jetzt emſig beſchäf⸗ tigt, ſich ſeines großen Ueberrockes zu entledigen; ſein Geſicht war fortwährend mir abgewandt, ſo daß ich Zeit hatte, mich mit der Ausziehung meiner naſſen Kleider beſchäftigt zu ſtellen, bevor er mich bemerkte; endlich wurde der Rock aufgeknöpft, die Gamaſchen folgten, er warf ſie nachläßig auf einen Stuhl, zupfte ſich denn die Schöße ſeines andern Rockes, den er noch an hatte zurecht, warf ſich ſofort ganz comfortable à l'Anglais in einen Lehnſeſſel vor das Feuer und ent⸗ hüllte vor meinen erſtaunten, ja erſtarrten Blicken die angenehmen Geſichtszüge des Doctors Finucane. „Wie Doktor!— Doktor Finucane!“ rief ich,„iſts möglich? Waren Sie wirklich heute Nacht im Poſtwa⸗ gen innen?“ „Ganz ohne allen Zweifel, Mr. Lorrequer, und 249 wahr ich lebe, ich ſprach vier Paternoſter und ein hei⸗ lige Muttergottes, bevor Sie fünf zählen konnten. Als Sie ſich nun geſetzt hatten, da kam mir der Gedanke in den Sinn, Sie würden, da Sie doch einmal ein Hochſtraßenritter ſeien, natürlich nicht gerne eines na⸗ türlichen Todes ſterben, zumal wenn Sie aus Irland ſtammen, und ſo erdichtete ich denn dieſe lange Ge⸗ ſchichte von der Waſſerſcheu, von des Gentlemans Daumen und der Teufel weiß von was noch; aber während ich ſie erzählte, rann mir der kalte Schweiß über das ganze Geſicht hinab, denn jedesmal, ſo oſt Sie zuſammenzuckten, ſagte ich zu mir ſelbſt: Jetzt ſtoßt er Dich nieder. Zwei oder dreimal ſtand ich, da⸗ mit Sie's nur wiſſen, im Begriff, Ihnen fünfzig Pro⸗ zent von meinen Schätzen anzubieten, um mein Leben damit zu erkaufen; und einmal dachte ich, Gott ver⸗ zeih mirs, es wäre kein ſo übler Plan, wenn ich Sie aus Verſehen über den Haufen ſchöße.“ „Nun wahrhaftig, ich bin Ihnen außerordentlich verbunden für Ihre ungemein freundlichen Abſichten; inzwiſchen fühle ich in der That, daß Sie im gegen⸗ wärtigen Falle vollkommen genug für mich gethan haben. Aber kommen Sie jetzt, Dokior, ich muß zu Bette ge⸗ hen, und bevor ich gehe, müſſen Sie mir noch zwei Dinge verſprechen— erſtens, daß Sie heute mit uns am Offizierstiſche eſſen, und zweitens, daß Sie von den Ereigniſſen der letzten Nacht keine Sylbe erwähnen die Geſchichte bringt uns allen Beiden gleich wenig Ehre; deßhalb ſchweigen Sie fein ſtill, denn wenn un⸗ ſere verdammten Burſche Wind davon bekommen, ſo bleibt mir nichts Anderes übrig, als mich in ein an⸗ deres Corps verſetzen zu laſſen oder gar meinen Ab⸗ ſchied zu nehmen; ſonſt muß ich es alle Tage auf dem Brod eſſen.“ „Fürchten Sie nichts, mein Lieber, und vertrauen Sie auf mich. Ich werde mit Ihnen ſpeiſen und Sie können wegen meiner Schweigſamkeit ſo ſicher ſein, wie 2⁵0 eine Kirchenmaus— jetzt aber wechſeln Sie Ihre Klei⸗ der, denn ich glaube, es hat heute Nacht geregnet.“ Einige höchſt zweifelhafte Segenswünſche über das gelehrte Haupt Fin's murmelnd, verließ ich das Zim⸗ mer, unendlich verdrießlicher und ärgerlicher über die Art, wie ſich die Sache aufgeklärt, als über all' das Elend, das ich in Folge dieſes boshaſten Streiches aus⸗ geſtanden hatte; inzwiſchen, dachte ich, wenn der Dok⸗ tor ſein Wort hält, ſo ſteht Alles noch gut; die ganze Sache bleibt zwiſchen uns beiden allein; aber im Fall er ſchwätzt, ſo kann ich vielleicht den halben Tiſch todt⸗ ſchießen, bis die andere Hälfte mich mit ihren Necke⸗ reien verſchont. Unter ſolchen angenehmen Gedanken begab ich mich zu Bette, wurde mir's mit Hülfe glü⸗ henden Portweins und eines lodernden Feuers auf's Reue bewußt, daß ich ein warmblütiges Thier ſei, und verſank in einen geſunden Schlaf, um von Doktoren, Zwanksjacken, raſirten Köpfen und all' den lieblichen Bildern zu träumen, welche in Folge der Erzählung meines Reiſebegleiters im bunten Gemenge mir vor⸗ gaukelten. Fünfzehntes Kapitel. Aus den Denkwürdigkeiten des North Cork. Um ſechs Uhr hatte ich das Vergnügen, den wür⸗ digen Doktor Finucane an unſerm Offizierstiſche ein⸗ zuführen, und benützte zugleich die Gelegenheit, ohne daß er es merkte, drei oder vier von meinen Kamera⸗-⸗ den aufmerkſam zu machen, daß mein Freund wirklich ein Original ſei, das von angeborner Drolligkeit über⸗ 251 fließe und mehr gute Geſchichtchen zu erzählen wüßte, als beinahe alle ſeine Landsleute zuſammen. Nichts konnte beſſer ablaufen, als der erſte Theil des Abends. Seinem Verſprechen getreu, ſpielte Fin nicht ein einziges Mal auf eine Sache an, deren Ver⸗ ſchweigung ihm, wie ich deutlich merkte, beinahe das Herz abdrückte, und ſein unerſchöpflicher Humor, die luſtige Eigenthümlichkeit ſeiner Ausdrücke, ſeine Schlag⸗ fertigkeit in witzigen Repliken, Alles zuſammen noch überdies mit dem lieblichen Dialekte, der ächten bocca corkana ausgeſchmückt, machte uns einmal über das andere laut auflachen. Juſt in dem Augenblick, wo die Funken ſeines Geiſtes am Glänzendſten ſprühten, hatte ich das Unglück, ihn zur Erzählung einer Geſchichte auf⸗ zufordern, auf welche ſein Vetter, Vater Malachi, an dem ewig denkwürdigen Abend in ſeinem Hauſe angeſpielt hatte und die ich durchaus von Fin's eigenen Lippen zu vernehmen wünſchte. Er ſchien geneigt, der Auffor⸗ derung auszuweichen, und als ich forifuhr, dringend auf meinem Geſuch zu beſtehen, ſo bemerkte er trocken: „Wahrhaftig, mein lieber Mr. Lorrequer, Sie ver⸗ geſſen meine ſchwächlichen Leibesumſtände, und dieſe Gentlemen hier wiſſen auch nicht, an welcher traurigen Krankheit ich zuletzt gelitten habe, ſonſt würden ſie mir nicht ſo eifrig mit der Flaſche zuſetzen.“ Ich hatte kaum Zeit gehabt, einen vermiſchten Blick der Bitte und Drohung über den Tiſch hinüber zu werfen, als ſchon ein halb Dutzend andere, die aus des Doktors Ton und komiſch⸗ernſtem Ausdruck mit Recht ſchloſſen, daß ſeine Krankheit mehr Symptome eines luſtigen Spaßes, als eines wirklichen Leidens an ſich trage, Alle zuſammen riefen: „Hilft Alles nichts, Doktor, Sie müſſen uns die Art Ihrer neulichen Unpäßlichkeit mittheilen— Bitte, erzählen Sie's uns.“ „Mit Mr. Lorrequer's Erlaubniß ſtehe ich zu Dien⸗ ſten, Gentlemen,“ ſagte Fin, ſein Glas leerend. ₰ 252 „O, was mich betrifft,“ rief ich,„ſo hat Doktor Finucane unbeſchränkte Vollmacht von mir, Alles zu erzählen, womit er Ihnen die Zeit angenehm vertrei⸗ ben zu können glaubt.“ „Alſo, Doktor, Harry hat nichts dagegen, wie Sie ſehen; deswegen heraus damit, wir find Alle zuſammen bereit, Ihren Leiden und Mißgeſchicken, welcher Art ſie auch ſein mögen, unſere Sy „Nun, ohne ſeine Erlaubniß hätte ich's freilich nicht vortragen dürfen; da er aber jetzt nichts dagegen ein⸗ zuwenden hat— oder ſind Sie es doch nicht zufrieden? In dieſem Fall brauchen Sie nicht ſo zu winken und Geſichter gegen mich zu ſchneiden; ſagen Sie's nur her⸗ aus, und der Teufel ſoll mich lothweiſe zerreißen, wenn ich lüigend einem Menſchenkinde ein Wort davon er⸗ zähle.“ Der letztere Theil dieſer ergötzlichen Rede wurde in einer Art Bühnengeflüſter über den Tiſch hinüber an mich gerichtet, als Antwort auf einige telegraphiſche Signale, womit ich ihm bedeutet hatte, daß er die Un⸗ terhaltung in irgend einen andern Kanal lenken ſolle. „Alſo ſchon genug,“ fuhr er sotto voce fort— vich ſehe, es iſt Ihnen doch lieber, wenn ich nichts ſage.“ „Sagen Sie's und hol' Sie der Teufel!“ ſagte ich, gepeinigt durch die unverbeſſerliche Hartnäckigkeit, womit der Schurke mir zuſetzte. Meine höchſt uner⸗ wartete Energie erregte ein allgemeines Gelächter, nach deſſen⸗ Beendigung Fin ſeine Erzählung von dem Poſt⸗ ompathien zu widmen.“ 253 mit er mich in den Stand der Dinge eingeweiht; aber als er an die Beſchreibung meines offenen und unver⸗ ſtellten Schrecks, ſowie meines heimlichen, eilfertigen Rückzuges auf das Dach der Kutſche kam, da war kein Einziger am Tiſch, der ſich nicht halb krank gelacht hätte, und ich will es nur geſtehen, ich ſelbſt war unfähig, der Wirkung zu widerſtehen und ſtimmte in den allge⸗ meinen Chor gegen meine eigene Perſon ein. „Ei, ei,“ ſagte der gewiſſenloſe Wicht, als er ſeine Geſchichte vollendet hatte,„welch' eine Hartherzigkeit, über ſolch' einen wehmuthsvollen Fall noch zu lachen! Uebrigens ſind Sie vielleicht doch nicht ſo ganz grau⸗ ſam— ich will Ihnen einmal einen Toaſt vorſchlagen: Auf baldige Geneſung des Cuſack Rooney!“ Dieſe Ge⸗ ſundheit wurde unter erneuertem Freudengeſchrei mit allen Ehren getrunken, und ich hatte, bevor der Auf⸗ ruhr noch vorüber war, Zeit genug, die ganze Geſell⸗ ſchaft ſammt und ſonders an den Galgen zu wünſchen. Vergebens bemühte ich mich, jetzt den Stil umzudrehen, indem ich Fin's Schreck über meine vermeintliche Aehn⸗ lichkeit mit einem Straßenräuber ſchilderte— ſeine Ge⸗ ſchichte behielt den Vorzug, und ich bekam während meines Vortrags nichts, als argliſtige Anſpielungen auf tolle Hunde, Beißkörbe nnd Doktoren zu hören; von allen Seiten ließ man deſpektirliche Wortſpiele auf meine Koſten los. 3 „Ich brauche mich meines Mißgriffs nicht ſonder⸗ lich zu ſchämen,“ ſagte Fin;„denn abgeſehen von der Dunkelheit der Nacht, bin ich noch nicht ſo ganz über⸗ zeugt, ob nicht auch bei Tage ſchlimmer Argwohn in mir erwacht wäre.“ „Und überdies, Doktor,“ fügte ich hinzu,„iſt dies nicht der erſte Bock, den Sie im Dunkeln geſchoſſen aben. „Sehr richtig bemerkt, Mr. Lorrequer,“ erwiederte er mit gutem Humor;„und jetzt, da ich den Gentle⸗ men Ihre Geſchichte erzählt habe, liegt mir auch nichts 254 mehr daran, ob ſie die meinige erfahren, obwohl ei⸗ nige von Ihnen vielleicht dieſelbe bereits wiſſen; ſie iſt beim North Cork ſchon ziemlich bekannt.“ Wir erklärten alle, ſie noch nicht gehört zu haben, und nachdem wir einen friſchen Korb Portwein beſtellt, nahmen wir unſere bequemſte Stellungen ein, während der Doktor, wie folgt, anhob: „Es war im harten Winter des Jahres— 99, als wir nach Maynooth in's Quartier kamen. Viele mein⸗ ten, um unſerer Sünden willen— denn an einen düm⸗ mern Platz, Gott ſei ihm gnädig, ſind noch niemals Men⸗ ſchen verflucht worden. Die Leute im College waren weit beſſer daran, als wir—= ſie hatten Alles, was in der Gegend zu bekommen war, und wurden niemals durch Polizei oder nächtliche Patrouillen geſtört. Viele von den Profeſſoren waren gute Seelen, welche den Grog ſo ſehr liebten, wie ihr Griechiſch und die Whiſt⸗, ſo wie einige andere Karten, ſo gut kannten, wie ihre Vulgata oder die Bekenntniſſe des heiligen Auguſtin— ſie trugen ihren frommen Eifer nicht prahleriſch zur Schau, ſondern, wenn ſie nicht gerade faſteten oder be⸗ teten, oder ſonſt etwas dieſer Art, ſo waren ſie immer luſtig und angenehm, und, um ihnen Gerechtigkeit wie⸗ derfahren zu laſſen, ſie ſchlugen unter keinen Umſtän⸗ den und keines Hinderniſſes willen je eine Einladung zu einem Mittageſſen aus. Doch ſelbſt dieſen kleinen Troſt in unſerer Betrübniß verloren wir bald durch ei⸗ nen unglückſeligen Mißgriff des orangiſtiſchen Schurken, Major Jones, der eines Nachts eine falſche Parole gab.— Mr. Lorrequer kennt die Geſchichte(bier ſpielte er auf ein bereits in einem früheren Kapitel meiner Bekenntniſſe mitgetheiltes Abenteuer an)— und von dieſem Tage an bekamen wir nie mehr die vergnügten Geſichter des Abbé d'Array oder des Profeſſors Hu- maniorum an unſerer Tafel zu ſehen. Nun gut, das Einzige, was ich thun konnte, war, daß ich eine Ge⸗ regeneit ergriff, Abends in's College hineinzuſchleichen, 255 wo wir einen ganz gemüthlichen Robber machten und unſere geſellig⸗geiſtige Unterhaltung noch einigermaßen mit etlichen Auſtern und einem Glas Punſch würzten, bevor wir uns trennten; Alles ging ganz beſcheiden und ordentlich zu— kein Geſchrei oder Geſang; denn der Superior hatte ein Vorurtheil gegen profane Lieder. Nun gut, in einer dieſer Nächte, etwa in der erſten Woche des Februars, wurde ich durch das ungeſtüme Wetter von eilf Uhr an, wo wir gewöhnlich gute Nacht ſagten, bis nach zwölf und dann bis ein Uhr aufge⸗ halten, weil wir einen trockenen Augenblick abwarten wollten, um in unſer Quartier, gute anderthalb Mei⸗ len von da, zurückzukehren. Jedesmal, ſo oft der alte Pater Mahony hinausging, um nach dem Wetter zu ſehen, kam er zurück und ſagte: Es wird wo möglich im⸗ mer ärger; eine ſolche Regennacht iſt, ſo wahr der all⸗ mächtige Gott lebt, noch nie geſehen worden! Es war alſo nicht rathſam, hinauszugehen und mich bis auf die Haut einweichen zu laſſen; deßhalb blieb ich ruhig war⸗ tend ſitzen und ſchlürfte zuweilen ein wenig Punſch, nur um nicht ungeduldig zu erſcheinen, oder die hochwürdigen Herren zu beleidigen. Endlich ſchlug es zwei und ich dachte— Je nun, die Bowle iſt jetzt leer, und wenn ich überhaupt gehen will, ſo habe ich für jetzt genug gethan; ſomit wünſchte ich ihnen denn alles mögliche gute Glück und angenehme Träume, ſtolperte dann die Treppe hinab und machte mich auf meinen Weg. Ich hatte immer die Gewohnheit, auf dem Weg etwas ab⸗ zuſchneiden, und indem ich mich quer über die ſoge⸗ nannte Pfaffenwieſe ſchlug, erſparte ich beinahe eine halbe Meile, obſchon ich im gegenwärtigen Falle da⸗ durch jammervoll dem Regen preisgegeben wurde, denn auf dem ganzen Weg war keinerlei Schutz gegen den⸗ ſelben, ja, nicht einmal ein Baum zu finden. Nun gut, ich ſchlug ein kleines Träbchen an, denn ich war ſo lange geblieben, daß ich einige Eile hatte, überdies wurde mir das Laufen leichter, als das bloße Gehen; ich kann ſelbſt nicht ſagen warum; vielleicht daß ein Tropfen von dem Getränke mir zu Kopfe geſtiegen war. So tappte ich alſo über die Gemeindewieſe hin! der Regen ſchlug mir hart in's Geſicht und die Kleider kleb⸗ ten mir an den Leib an; nichts deſto weniger fang ich, um den Weg zu verkürzen, mir ſelbſt ein altes Liedchen vor, als ich auf einmal in meiner Nähe ein Geräuſch hörte, wie wenn ein Mann ſich ſchneuzt. Ich blieb ſte⸗ hen und lauſchte— es war finſter wie in einer Kuh— aber ich konnte nichts hören; jetzt kam mir der Gedanke, es möchte vielleicht nicht recht geheuer ſein, denn es waren allerhand garſtige Geſchichten im Umlauf, was die Prieſter früher auf dieſer Wieſe getrieben haben, und oft wurden in verſchiedenen Theilen derſelben Beine gefunden. Während ich juſt ſo dachte, kam eine an⸗ dere Stimme näher, als die vorige; es mochte wieder ein bloßes Geſchneuze ſein, aber der Ton hatte viele Aehnlichkeit mit einem Geächze.„Gott ſteh' mir bei!“ ſagte ich zu mir ſelbſt, was iſt das?„Habt Ihr die Parole? Habt Ihr die Parole?“ rief ich jetzt laut⸗ noder warum lauft Ihr da herum? in nomine patri.“ Ich war jetzt ganz verwirrt, und mochte es wirklich ein Geiſt ſein oder nicht, ich hatte beſchloſſen, ihn la⸗ teiniſch anzureden— es geht nichts über die todten Sprachen, um einen Geiſt zu beſchwören, das iſt all⸗ bekannt. Richtig, in dem Augenblick, als ich dieſe Worte ſagte, ächzte er noch tiefer und melancholiſcher, als vorher.„Wenn Ihr in Noth ſeid in Folge einer Nach⸗ läßigkeit Eurer Freunde,“ denn ich dachte, er ſei viel⸗ leicht länger im Fegfeuer, als er für zweckmäßig finde, „ſo ſagt mir, was Ihr wünſcht und geht friedlich aus dem Regen nach Hauſe, denn ein ſolches Wetter kann weder Lebendigen noch Todten gut bekommen; geht heim,“ fuhr ich fort,„und wenn Ihr vielleicht. noch mehr Meſſen wünſchet, ſo will ich ſelbſt lieber eine Ta⸗ gesgage daran wenden, als daß Ihr Euch auf dieſe Art länger abhärmen ſollt.“ Dieſe Worte waren kaum 257 aus meinem Munde, als er mir ſo nahe kam, daß der Seufzer, den er ausſtieß, mir durch beide Ohren drang; „Gott ſteh' mir bei!“ rief ich zitternd.„Amen,“ ſprach er. Im Augenblick, wo er dies ſagte, wurde es mir wieder ganz leicht um's Herz, denn ich wußte jetzt, daß es kein Geiſt war, und ich fing an, herzlich über mei⸗ nen Mißgriff zu lachen.„Wer ſeid Ihr denn aber,“ ſagte ich,„daß Ihr um dieſe Stunde in der Nacht ſo herumſchwärmt? Der Pater Luke könnt Ihr nicht ſein, denn dieſer ſchlief feſt auf dem Bodenteppich, als ich das College verließ, und wahrlich, mein Freund, Ihr müßt ganz beſondere Liebhabereien haben, daß Ihr Euch jetzt da herumtreibet.“ Er huſtete jetzt ſo hart, daß ich nicht recht daraus kommen konnte, was er ſagte; nur ſo viel merkte ich, daß er auf der Gemeindewieſe den Weg vrclorc und ſich im Trunke ein wenig überſehen haben mußte. „Das kann dem bravſten Mann paſſiren,“ ſagte ich,„daß er ein bischen zu viel aufladet, obſchon ich dieſe Eigenſchaft nicht habe; da nehmt mich jetzt bei der Hand, ſo will ich Euch in Sicherheit bringen.“ Ich ſtreckte meine Hand aus und erwiſchte ihn nicht beim Arm, wie ich hoffte, ſondern beim Haar; er war tropfnaß und hatte ſeinen Hut verloren.„Gut,“ dachte ich,„dieſe nächtliche Exenrſion wird Dir auch nicht zum Beſten bekommen, wenn Du Neigung zu Rheumatis⸗ men haſt; und nun, wo wohnt Ihr denn, mein Freund, denn ich möchte Euch gern in Sicherheit wiſſen, bevor ich Euch verlaſſe!“ Was er jetzt ſagte, konnte ich nicht genau ermitteln, denn der Wind und Regen tob⸗ ten mir dermaßen ins Geſicht, daß ich kein Wort hö⸗ ren konnte; nur ſo viel war mir klar, daß er unge⸗ heuer betrunken ſein mußte und höchſt unvernünftig herausſchwatzte.„Auch gut,“ ſagte ich,„es iſt jetzt keine Zeit zu langer Unterhaltung; deßwegen kommt und ich will Euch auf die Wachtſtube bringen, vielleicht, Bekenntniſſe Lorrequers. I. 17 daß Ihr Euch inzwiſchen auf Eure Wohnung beſinnet.“ Juſt in dem Augenblicke, da ich dieß ſagte, bemerkte ich erſt, daß er kein Gentleman war. Woran ich dieß bemerkte, würde gewiß keiner von Ihnen errathen; ich habe mir aber auch immer viel darauf eingebildet, daß ich im Finſtern ſo ſchlau bin.“ „Ich muß geſtehen, daß es unter dieſen Umſtän⸗ den etwas ſchwierig war; bitte, wie kamen Sie darauf?“ fragte der Major. „Rathen Sie einmal.“ „Durch den Ton ſeiner Stimme vielleicht, durch ſeinen Accent?“ meinte Curzon. 3 „Gott bewahre, denn er ſprach merkwürdig gut, wenn man bedenkt, wie betrunken er war.“ „Vielleicht durch die Rauhigkeit ſeiner Hand? Kein übles Anzeichen.“ „Wiederum gefehlt, denn ich hielt ihn ja beim Haare, damit er nicht fallen ſollte, weil er immer den Kopf abwärts neigte. Nun, ich ſehe ſchon, Sie erra⸗ Pe es nicht; ich merkte es an einer Berührung ſeines (ußes.“. „Seines Fußes! Wie iſt das möglich?“ „Ja, das iſt eine Sache, aus welcher nur allein ein Irländer klug werden konnte. Denn während er ſo herum ſtolperte, trat er mir zufällig auf die Zehe, und nie in meinem Leben habe ich etwas ſo hart em⸗ pfunden, wie die Wucht ſeines Fußes.„Gut,“ ſagte ich,„der Verluſt Eures Hutes mag Euch eine Erkäl⸗ tung zuziehen, mein Freund; aber, ſo wahr ich ein ehrlicher Kerl bin, wegen naſſen Füßen ſteht ihr mit ſo ſtarken Holzſchuhen, wie Ihr da anhabt, in keiner Gefahr.“ Da lachte er, daß ich dachte, die Seiten müſſen ihm platzen, und ich konnte wahrhaftig nicht um⸗ hin, in ſeine Luſtigkeit einzuſtimmen, obſchon mein Fuß mich ganz beſeſſen ſchmerzte; wir trampelten alſo wei⸗ ter durch den Regen und waren dabei ſo heiter und guter Dinge, als ſäßen wir um ein gutes Feuer, und 259 als dampfte eine Bowle Punſch zwiſchen uns. Wie oft wir in dieſer Nacht fielen, kann ich nicht genau ſa⸗ gen, aber meine Kleider waren am andern Morgen ganz mit Koth überzogen und mein Hut vollkommen zerquetſcht; denn mein Begleiter war ſo bewußtlos be⸗ ſoffen, daß ich ihn kaum aufrecht erhalten konnte, und er ließ immer mit ſolcher Kraft den Kopf gegen den Boden hängen, daß es mich die größte Anſtrengung koſtete, ihn auf den Beinen zu erhalten. Auf der gan⸗ zen Halbinſel hat mich kein Marſch ſo angeſtrengt, wie dieſe gottverfluchten anderthalb Meilen; aber jedes Un⸗ glück nimmt zuletzt ein Ende, und es ſchlug vier Uhr auf der Glocke des College, als wir das Quartier er⸗ reichten. Nachdem ich ein Paar Mal angeklopft und die Parole abgegeben hatte, öffnete die Schildwache das kleine Pförtchen, und mein Herz ſchlug hoch vor Freude, daß ich mich meines Freundes ſo wacker angenommen. Ich rief jetzt den wachhabenden Sergeanten heraus und ſagte: Schaffet doch dieſen armen Burſchen da bis morgen früh auf die Wachtſtube; ich habe ihn auf der Gemeindewieſe getroffen; er konnte ſeinen Heimweg nicht mehr finden und mir auch ſeine Wohnung nicht ſagen.“„Und wo iſt er?“ fragte der Sergeant.„Da draußen vor dem Thor,“ ſagte ich,„er iſt bis auf die Haut naß und ſchüttelt ſich, wie wenn er das kalte Fieber hätte.„Iſt es der da?“ fragte der Sergeant wieder, als er hinaus kam.„Ja,“ ſagte ich,„kennt Ihr ihn vielleicht?“„Mag wohl ſein; ſo ein wenig,“ antwortete er und ſchlug ein Gelächter auf, daß ich glaubte, er müſſe platzen.„Nun, Sergeant,“ ſagte ich,„ich habe Euch immer als Mann von menſchlichem Gefühl kennen gelernt; aber wenn Ihr einen Mitmenſchen in der Noth ſo behandelt.“„Einen Mitmenſchen!“ rief er noch lauter lachend.„Ja, all erdings einen Mitmenſchen,“ ſagte ich— der Sergeant war nämlich ein Orange⸗ man— und wenn er auch in Religionsſachen von Eu⸗ rem Glauben abweicht, ſo bleibt er doch immerhin 260 CEuer Mitmenſch.“„Ei, ei, Dobktor, ich ſollte doch meinen, es fände noch ein anderer kleiner Unterſchied zwiſchen uns ſtatt,“ verſetzte er.„Der Teufel hole Eure Politik!“ ſagte ich.„Der wahren Menſchlichkeit darf ſie niemals Abbruch thun“— Hatte ich nicht Recht, Major?—„Sorget jetzt nur gut für ihn und da habt Ihr eine halbe Krone für Eure Mühe.“ Mit dieſen Worten ſteuerte ich längs der Kaſernenmauer hin und gelangte nach einigem Umhertappen die Treppe hinauf in mein Quartier, wo ich, Dank ſei es einer von Haus aus guten Conſtitution und einem regelmä⸗ ßigen Lebenswandel bald in einen feſten Schlaf verfiel.“ Als der Doktor ſo weit gekommen war, rückte er mit ſeinem Stuhle vom Tiſche hinweg, nahm ſofort ſein Glas und blickte um ſich mit der Gemüthsruhe kines Mannes, der ſeine Erzählung zu Ende gebracht at.. „Nun, nun, Doktor,“ ſagte der Major,„Sie find doch wohl mit Ihrer Geſchichte noch nicht zu Ende? Sie haben uns ja noch nicht geſagt, als wer Ihr in⸗ tereſſanter Freund ſich herausſtellte.“. „Gerade das kann ich in der That nicht ſagen.“ „Nein,“ meinte ein Anderer,„die Erzählung kann unmöglich ſchon aus ſein.“ „Zum Teufel, womit ſoll ſie denn ſonſt aufhören?“ erklärte der Doktor;„hab ich nicht meinen Helden nach. Hauſe gebracht? Bin ich nicht nachher ſchlafen ge⸗ gangen? Und wie konnte ich beſſer endigen als mit belohnter Tugend?“ „Nun, das iſt alles recht ſchön; aber Sie haben uns eine Hauptperſon in Ihrer Erzählung nicht klar gemacht,“ bemerkte ich. „Ja, ſo iſt's,“ ſagte Curzon.„Wir erwarteten alle eine Aänztnde Cataſtrophe am Morgen; wir mein⸗ ten, Ihr Begleiter werde ſich wenigſtens als der Her⸗ zog von Leinſter ausweiſen, oder vielleicht als ein re⸗ 261 belliſcher General, auf deſſen Kopf ein ungeheurer Preis geſetzt wäre.“ Sder das Eine noch das Andere,“ ſagte Fin trocken. .„Und wollen Sie wirklich bebaupten, daß Sie kei⸗ nen Schlüſſel zum Räthſel erhalten haben?“ „Die ganze Sache iſt bis auf dieſe Stunde in ein Geheimniß gehüllt,“ ſagte er.„Die Offiziere haben allerdings großen Spaß davon gehabt; aber dem North Cork fehlte es überhaupt niemals an Stoff zum Lachen.“ „Und was war der Spaß?“ fragten mehrere Stim⸗ men zugleich. 8 „Eine Klage, die der alte Mickey Oulahan, der Poſtmeiſter, Morgens beim Oberſten anbrachte, dahin lautend, daß einige der Herren Offiziere ſeinen blinden Gaul von der Gemeindewieſe weggenommen haben, weßhalb die Briefe zu ſpät gekommen ſeien.“ „Und alſo, Doktor,“ riefen ſieben oder acht zu⸗ gleich,„alſo erwies ſich ihr Freund als—“ „So wahr ich lebe, ſie ſagten ſo. Und dieſer Schurke, der Sergeant, erbot ſich einen leiblichen Eid darauf zu ſchwören; aber meinen eigenen Eindruck zufide ich bis zu meinem letzten Stündlein für mich be⸗ halten.“ Sechszehntes Kapitel. Theatergeſchichten. Unſere Sitzung in dieſer Nacht währte ungewöhn⸗ lich lang, denn nachdem wir bereits mehrere Körbe Claret beſprochen hatten, ſtellte ſich noch ein allgemei⸗ nes Verlangen nach einigen gebratenen Hühnchen, Nier⸗ chen, Leberchen und wie die allerliebſten Dingerchen 2 262 alle heißen mögen, ein, und zu guter Letzt erſchien noch eine ſehr geräumige Bowle Biſchof, bei welchem einfachen Tractament wir bis zu Tagesanbruch die Garderobeangelegenheiten verhandelten. In Folge meiner langen Abweſenheit von dem Corps hatte ich allerlei Neues über ihre bereits geſche⸗ henen und noch zu verrichtenden Thaten zu erfahren, und hörte mit großem Vergnügen, daß ſie ein unge⸗ mein hübſches, mit Scenerie, Garderobe und Dekora⸗ tionen trefflich ausgerüſtetes Theater beſitzen, daß ſie ſich vermöge ihrer bisherigen Leiſtungen auf den Gipfel⸗ punkt, ja man möchte ſagen, auf die Zinne der öffent⸗ lichen Hochachtung empor geſchwungen haben; daß fie die höchſte Krone der Ehre in Folge meines Auftretens erwarten. Es war mir in der That bei der ganzen Sache durchaus keine Wahl gelaſſen; denn ſie hatten mich nicht blos für eine gewiſſe Rolle eingetragen, ſon⸗ dern bereits auch die Theaterzettel in Umlauf geſetzt, und an die Elite der Stadt und der Nachharſchaft allerliebſte, dreieckige Einladungsbillete ausgeſandt, des Inhalts:„das Comite des Garniſonstheaters heabſich⸗ tigt am Freitag Abend eine Vorſtellung der Fami⸗ lienpartie zu geben, und erbittet ſich hiezu von Mr.— und Mrs.— das Vergnügen Ihrer Gegenwart. Mr. Lorrequer wird die Rolle des Kapitäns Beauguarde üternehnen. Souper um zwölf. Man bittet um Ant⸗ wort.“ Der Anblick dieſer artigen kleinen Epiſteln, wovon ich ſo eben eine getreue Abſchrift mitgetheilt habe, wurde mir als große Vergünſtigung noch an dieſem Abend bewilligt; denn ſie hatten vorher beſchloſſen, mich von ihren hochmächtigen Entſchlüſſen von dem nächſten Morgen nichts wiſſen zu laſſen. Es half wenig, daß ich ſie ſowohl alle zuſammen, als jeden einzeln ver⸗ ſicherte, ich wiſſe von dem Kapitän Beauguarde nicht ein einziges Wort— habe das Stück noch gar nicht geleſen— habe daſſelbe noch niemals aufführen geſehen. 263 Ueberdieß fühlte ich, daß mein letztes Auftreten in einer Charakterrolle bei einer Familienpartie nichts weniger als erfolgreich war; und ich zitterte, bei der Beſprechung des Gegenſtandes möchte irgend eine vermaledeite An⸗ ſpielung auf mein Abenteuer in Cheltenham ans Tages⸗ licht kommen. Glücklicherweiſe ſchienen ſie alle zuſam⸗ men nichts davon zu wiſſen, und aus lauter Beſorg⸗ niß, das Geſpräch könnte irgendwie auf den Gegenſtand meiner letzten Reiſen gelenkt werden, ſtimmte ich in ihren Humor mit ein und verſprach, die Rolle zu über⸗ nehmen, wenn es mir in dieſer beſchränkten Zeit— es waren nur noch vier Tage bis zur Vorſtellung— möglich wäre, ſie einzuſtudiren. Meine Zuſage brachte bei weitem nicht die große Befriedigung hervor, die ich erwartet hatte; denn ſie waren ſo ſehr daran gewöhnt, mit mir Alles anzufangen, was ſie wollten, daß mir, wie überhaupt allen Leuten von ſolcher Gemüthsart, meine Einwilligung lange nicht ſo hoch angerechnet wurde, wie andern, die mit ihrer Willfährigkeit etwas karger haushalten. „Sie mußten es thun, Harry,“ ſagte der Major; „und warum denn nicht? Ich ſelbſt wollte das Ding in ein paar Stunden lernen.“ Nun muß man wiſſen, daß vorbeſagter Major ſo unverbeſſerlich langſam im Studiren und ſo ſchwerfäl⸗ lig im Begreifen war, daß man ihn in Beziehung auf ſeinen theatraliſchen Rang von dem Bedienten, der einen Brief zu überbringen hat, nach und nach bis zum Bil⸗ leteinnehmer degradirt hatte. „Er iſt ſo verdammt gut in Liebesſcenen,“ ſagte der junge Fähndrich mit den weißen Augenbrauen. „Ich wette, Curzon wird verteufelt eiferſüchtig werden, weil er mit Fanny ſpielen darf.“ „ Von Eiferſucht kann gar keine Rede ſein,“ erklärte Curzon, der ein wenig angegriffen war. „Ei, warum nich?“ meinte Frazer.„Hepton hat ganz Recht. Lorrequer bekommt die Fanny zu ſeiner 264 Frau und ſo wahr ich lebe, ich könnte mich verſucht fühlen, unter dieſen Bedingungen ſelbſt die Rolle zu übernehmen, obſchon ich wahrhaftig glaube, daß ich das Spielen ganz vergeſſen und ihr in allem Ernſt den Hof machen würde.“ „Und wer iſt denn dieſe engliſche Fanny?“ fragte ich mit etwas Deyvonalgierartigem in meinem Tone. „Darüber mag Curzon Auskunft geben,“ riefen mehrere Stimmen zugleich;„er iſt der einzige Mann, der ſolchen vollendeten Vorzügen Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu laſſen weiß.“ „Spaß bei Seite, meine luſtigen Vögel,“ ſagte Curzon;„jedenfalls weiß ich ſo viel, daß Ihr alle zu⸗ ſammen vor Neid berſten möchtet; und wenn ein ſo liebenswürdiges Mädchen auf einen von Euch ihr Auge geworfen hätte—„ „ Hollah ho,“ rief der alte Fitzgerald,„Curzon ſchnappt noch über. Man wird ihn an einem ſchönen Vormittag ſeinen Trauſchein holen ſehen, oder ich ver⸗ ſtehe mich nicht auf ſolche Sachen.“ „Nun gut, Bat,“ verſetzte ich;„und wenn die Sache ſich wirklich ſo verhält, wie Ihr alle ſagt, wa⸗ rum übernimmt denn nicht Curzon die Rolle, die Ihr für mich beſtimmt?“ „Wir dürfen ihm nicht trauen,“ erklärte der Ma⸗ jor;„denn er könnte das Ding gar zu natürlich ſpielen.“ „Bravo,“ dachte ich,„die Sache macht ſich noch luſtiger, als ich geglaubt hatte, und ich habe jedenfalls herrliche Gelegenheit, meinen Freund ein wenig wüthend zu machen—“ denn es lag klar am Tage, daß die in Rede ſtehende Lady es ihm wirklich angethan hatte. „Sie bleiben alſo bei uns; Ihre Hand darauf— einen Kerl wie Sie hätten wir ſchon längſt gebraucht.“ Dieſe Worte, die ſich vom untern Ende der Tafel her vernhentn ließen, waren an meinen Freund Finucane gerichtet. 5 8 „Gut, ich bleibe,“ antwortete Fin;„Ihre Lebens⸗ —,— weiſe iſt höchſt verführeriſch und Ihr Geſchmack im Milchpunſch wirklich bewundernswürdig.“ „Aber, Doktor,“ ſagte ich,„Sie dürfen keine Drohne in unſerem Korbe ſein; was wollen Sie für uns lei⸗ ſten? Sie könnten einen herrlichen Sir Lucius O'Trig⸗ ger abgeben, wenn wir einmal die Nebenbuhler auf⸗ führen.“ „Meine Force iſt die Pauke— die große Pauke; ſtellt mich unter das Corps, welches die Griechen Mu⸗ foi nennen, ſo werde ich die ganze Welt in Staunen etzen. Es wurde ſogleich beſchloſſen, daß Fin dem Zuge ſeines Genius folgen ſolle und nach einigen weitern Anordnungen für die übrige Geſellſchaft trennten wir uns für die Nacht, nicht jedoch ohne zuvor auf Fanny einen Toaſt ausgebracht zu haben, auf welchen Curzon zu antworten verſuchte, aber überwältigt von Punſch und Gefühlen in ſeinen Stuhl zurück ſank und mit ſei⸗ nen Blicken unausſprechliche Dinge ſagte, die er ſchlech⸗ terdings nicht in vernehmbare Sätze zu bringen ver⸗ mochte. Während der Zeit, die zwiſchen dieſem Diner und der zur Aufführung beſtimmten Nacht verfloß, hatte ich mehr Geſchäfte, als ein Schatzkanzler in der Woche, wo das Budget an die Tagesordnung kommt. Die ganze Anordnung fiel wie gewöhnlich mir zu, und alle diejenigen, die vor meiner Ankunft noch ihren Antheil an der Arbeit auf ſich genommen hatten, thaten jetzt ſchlechterdings nichts mehr, ſondern lungerten müßig auf der Bühne herum oder ſaßen den halben Tag am Orcheſter und hörten irgend eine von den närriſchen Geſchichten des Doktors an, der beſtändig einen ganzen Haufen Schauſpieler, Dekorationsmaler, Geiger und Theaterdiener um ſich verſammelt hatte, die mit ihrem lärmenden Gejubel und wiederholten Ausbrüchen der ausgelaſſenſten Luſtigkeit mich faſt zum Wahnſinn trie⸗ ben, wenn ich beinahe allein und ohne irgend einen 266 Beiſtand die Oberleitung führen ſollte. Von der ſchö⸗ nen Fanny konnte ich weiter nichts erfahren, als daß ſie eine gewerbsmäßige Schauſpielerin von ſehr bedeu⸗ tendem Talent und ausnehmend hübſch ſei; daß Curzon ſich in der einzigen Nacht, da ſie hier aufgetreten, zum Verzweifeln in ſie verliebt und daß ſie, um ſeinen al⸗ bernen Verfolgungen zu entgehen, beſchloſſen habe, erſt am Morgen der Aufführung wieder in die Stadt zu kommen, inzwiſchen aber ſich bei einem Landedelmann in der Nachbarſchaft aufhalte. Da hatte ich nun wie⸗ der mit einer neuen Schwierigkeit zu kämpfen.— Wenn ich meine Rolle allein durchgehen ſollte, ſo konnte ich ſie doch unmöglich effektvoll machen; überhaupt bereitete mir das Ganze ſo vielen Aerger und Verdruß, daß ich manchmal beinahe beſchloß, mich der Fittige der Poſt⸗ kutſche zu bedienen und von denſelben in den äußerſteu Winkel von Südirland tragen zu laſſen, bis alles wie⸗ der ſtill und ruhig wäre. Allmäͤlig jedoch brachte ich die Sache beſſer in Gang, und dadurch, daß ich die Probe beginnen ließ, ehe Fin kam, der nach einem an unſerer Tafel zugebrachten Abend gewöhnlich etwas lange ſchlief, gelang es mir ſogar einigermaßen etwas wie Ordnung zu ſchaffen; der Doktor aber und ſeine verwünſchte Pauke, auf die er, wenn er nicht gerade Geſchichtchen erzählte, unaufhörlich lostrommelte, waren wirklich die großen Schwierigkeiten, die ſich meinen Funk⸗ tionen als Regiſſeur entgegen ſtellten. Er beſaß eine Eigenſchaft, welche ſo gänzlich allen Gewohnheiten der Ordnung zuwider lief, daß ich mir ganz und gar nicht zu rathen und zu helfen wußte. Er hatte einen ſolchen Vorrath an Erzählungen, daß ſchlechter ings gar nichts vorkommen, ja beinahe kein einziger Ausdruck auf der Bühne fallen konnte, ohne daß mein Fin mit einem paſſenden Seitenſtück hervor rückte, das er denn auch ohne Weiteres zum Beſten Aller, die ſich dafür inte⸗ reſſiren, preisgab. Dieſe Intereſſenten aber waren ge⸗ wöhnlich das ganze dramatiſche Corps, das begierig ———— 267 alle Anordnungen und Gruppirungen im Stiche ließ, um ſich an ſeinen lächerlichen Späſſen zu ergötzen. Ich will dieſe Gewohnheit zu unterbrechen nur mit einem einzigen Beiſpiel zu veranſchaulichen ſuchen, und möge der unſelige Wicht, der jemals ein Amt wie das mei⸗ nige verſehen hat, meine Leiden beklagen. Ich ſtand eines Morgens auf der Bühne und übte wie gewöhnlich mein Corps ein. Ich war bemüht, einem höchſt widerſpenſtigen Kopfe, dem man blos ein paar Worte anvertraut hatte und der auch dieſe ver⸗ pfuſchte, wenigſtens einen entfernten Begriff von ſeiner Aufgabe einzutrichtern. „Kommen Sie jetzt, Elsmore, probiren Sie's noch einmal— ganz recht ſo. Ja, kommen Sie auf dieſe Manier vorwärts— faſſen Sie zärtlich ihre Hand— preſſen Sie die Hand an Ihre Lippen; nun treten Sie ein paar Schritte zurück, dann verbeugen Sie ſich ehr⸗ erbietig— recht ſo; und jetzt ſagen Sie: gute Nacht, gute Nacht— nicht wahr, das iſt doch höchſt einfach? Nun gut, das iſt alles, was Sie zu thun haben— und jetzt treten Sie einmal ab.“ „Recht ſo, recht ſo, Mr. Elsmore,“ rief der Dok⸗ tor dazwiſchen hinein,„Sie müſſen ſich unter ſolchen Umſtänden immer in der Nähe der Thüre zu halten ſuchen. Gerade ſo machte es mein guter Freund Cur⸗ ran. Der arme Philpot, als er einmal mit der Gilde der Handelsſchneider dinirte, da verehrten ſie ihm eine goldene Doſe mit ihrem Wappen darauf— einem nied⸗ lichen Bügeleiſen und kreuzweis über einander gelegten Nadeln, oder irgend etwas der Art; ſodann machten ſie ihn zum Meiſter ihrer alten und loyalen Zunft, und veranſtalteten ihm zu Ehren ein großes Diner. Nun gut, Curran war ungemein unterhaltend und ange⸗ nehm; ſie lachten die ganze Nacht mit einander bis zu dem Augenblick, wo er ſich erhob, um heim zu gehen, und dann ſagte er noch zu ihnen, er habe nie einen ſo vergnügten Abend zugebracht und allerhand dergleichen. 268 „Aber, Gentlemen,“ fuhr er fort,„das Geſchäft hat auch ſeine Pflichten, ich muß mich losreißen; ſo wünſche ich Ihnen denn— ſie waren juſt zu achtzehn— ſo wünſche ich Ihnen Glück und Gottesſegen, und erlau⸗ ben Sie mir— er hatte ſich inzwiſchen unvermerkt der Thüre genähert— erlauben Sie mir, mich zu verab⸗ ſchieden und Ihnen beiden gute Nacht zu wünſchen.“ Bei einem unausgeſetzten Feuer ſolcher Anekdoten kann man ſich leicht denken, wie ſchwierig meine Aufgabe war, wenn ich irgend etwas zu Stande bringen wollte. Gut, der langerwartete Freitag kam endlich, und ich erhob mich Morgens mit der ganz eigenthümlichen Gemüthsunruhe eines Mannes, der über die Arbeit, die ihm bevorſteht, halb erfreut und ganz erſchrocken iſt. Kaum hatte ich meine Toilette beendet, als ein Bedien⸗ ter an meine Thüre klopfte und mich fragte, ob ich vielleicht einige Augenblicke für Miß Ersler zu erübri⸗ gen habe, die ſich im Beſuchszimmer befinde. Ich ant⸗ wortete natürlich ein vergnügtes Ja, und da ich mit Recht vermuthete, daß meine ſchöne Freundin die bereits gedachte liebliche Fanny ſein müſſe, ſo folgte ich dem Boten ſogleich die Treppe hinab. „Mr. Lorrequer,“ ſagte der Bediente, ſchloß dann die Thüre hinter mir zu und ließ mich im alleinigen Beſitz der Lady. „Wollen Sie die Gefälligkeit haben, hieher zu ſitzen, Mr. Lorrequer,“ ſagte eine der holdſeligſten Stimmen von der Welt, während ihre Eigenthümerin auf dem Sopha an ihrer Seite Platz für mich machte.„Ich bin ungemein kurzſichtig; deßhalb haben Sie die Güte ſich neben mich zu ſetzen, denn ich kann wirklich mit Nie⸗ mand ſprechen, den ich nicht ſehe.“ Ich platzte mit irgend einem platten Compliment über ihre Augen heraus— den vollſten, lieblichſten, blauen Augen, in die je ein Mann geblickt hat— wo⸗ rüber ſie lächelte, als gefiele es ihr und dann fortfuhr: „Nun, Mr. Lorrequer, ich habe mich wirklich nach Ihrer 4 6 f 269 Ankunft geſehnt; denn Ihre Freunde vom 4ten ſind un⸗ ſtreitig ſehr muntere, geiſtreiche, junge Gentlemen und vollkommen bewandert in den Geſchäften des Kriegs; aber verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen ſage, daß eine elendere Geſellſchaft von herumziehenden Komödianten noch niemals einer Dorfſcheune die Ehre angethan hat. Nun, ſeien Sie nur nicht böſe über meine Aufrichtig⸗ keit und laſſen Sie mich fortfahren. Wie bei allen Liebhabertheatern verſtehen ſich Ihre Herren Kameraden ganz beſonders auf die Vertheilung der Rollen— jeder bekommt gerade diejenige, zu welcher er am allerwenigſten taugt, und ſo ſpielt dieſer arme, gute Curzon— hof⸗ fentlich iſt er kein Freund von Ihnen— in Folge einer wahrhaft entſetzlichen Fatalität immer die Liebhaber⸗ rollen. Ha, ha, ha! Ich kann Sie verſichern, wenn nicht in dieſer Woche Ihre Ankunft angekündigt worden wäre, ſo hätte ich mich längſt von aller Theilnahme losgeſagt und wäre nach Bath abgereist.“ Hier ſtand ſie auf und ordnete vor dem Spiegel ihre braunen Locken, wobei ich Zeit genug hatte, eine. der vollkommenſten Figuren zu bewundern, die ich je geſehen. Sie war höchſt anſtändig gekleidet und zeigte mir einen Fuß, ſowie einen Knöchel, die, vermöge ihres Ebenmaßes und ihrer zierlichen Bedeckung, ſämmtliche Schönheiten der Rue Rivoli zum Kampfe hätten heraus⸗ fordern können. Mein erſter Gedanke war der arme Curzon; mein zweiter der glückſelige, der dreimal beglückte Harry Lor⸗ requer. Inzwiſchen war jetzt keine Zeit, einem ſolchen höchſt verzeihlichen Wonnegefühl nachzuhängen; ich traf daher ſogleich Anſtalten, den Aimable zu machen, ſprach von meiner gänzlichen Unfähigkeit, ihren unzweifelhaften Talenten Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, fügte aber ſchlau hinzu, daß ſie beim verliebten Theil meiner Rolle ſchlechterdings nicht im Stande ſein werde zu bemerken, daß es mir nicht wirklicher Ernſt ſei. Wir ſchwatzten noch länger als eine Stunde heiter mit einander, bis — 270 ihr die Ankunft von ihres Freundes Wagen gemeldet wurde, worauf ſie mir höchſt huldreich ihre Hand hin⸗ ſtreckte, gütig lächelte und mit den Worten: au revoir donc, davonfuhr. Ich ſtand noch auf der Treppe des Hotels, um der Entſchwundenen ſo weit als möglich nachzublicken, als Curzon zu mir trat, der, nach ſeiner ſelbſtvergnügten Miene und ſeinem muntern Gange zu ſchließen, offenbar nich wußte, wie tief er in der ſchönen Fanny Achtung and. „Sehr artig, ſehr artig, tiefer, immer tiefer,“ rief er mir zu, die ungemeine Höflichkeit verſpottend, womit ich den Wagen begrüßt hatte, als er um die Ecke bog und ſeine liebliche Inſaßin noch einmal ihr Händchen küßte.„Freund Harry, Sie werden doch hoffentlich nicht glauben, daß dies Ihnen gegolten habe?“ „Was! der Handkuß? Allerdings glaube ich das.“ „Nun, das iſt himmliſch! Nein, nein, mein lieber Mann, ſie hat in dieſem Augenblick mich herankommen geſehen. Sie und ich— wir verſtehen einander— ſeien Sie nicht böſe darüber— doch man kann's Ihnen freilich nicht übel nehmen.“ „Alſo iſt ſie in Sie verliebt?“ fragte ich.„Nicht wahr, Freundchen?“. „Ja, ich glaube das. Ihnen kann ich den wahren Stand der Dinge wohl bekennen. Ich habe gleich das erſtemal, als wir zuſammen auftraten, einen ungeheuern Eindruck auf ſie gemacht. Es kam bald zu einer kleinen Liebeständelei; aber in der zweiten Nacht, als ich den Mirable ſpielte, war die Sache bereits im Reinen. Sie war ganz angegriffen und konnte kaum ihre Rolle voll⸗ enden. Ich ſah es, und ſo wahr ich lebe, es thut mir leid um ſie; ſie iſt ein wunderſchönes Mädchen, ſolche Lippen und ſolche Zähne! Ich freute mich deßhalb ſehr, als Sie kamen; denn ſehen Sie, ich wäre gewiſſerma⸗ ßen genöthigt geweſen, die gleiche Rolle weiter zu ſpie⸗ len, und ich ſah recht deutlich, wie das hätte enden 271 müſſen; mit Ihnen iſt es freilich etwas ganz anderes, mit Ihnen kann ſie lachend ſchwatzen und alles Mög⸗ liche, ohne dabei von ihren Gefühlen hingeriſſen zu wer⸗ den, Sie verſtehen mich?“ „O vollkommen; wie Sie bemerkten, es iſt ganz anders.“ Wäre ich nicht während dieſes kurzen Zwiegeſprä⸗ ches durch mein Bewußtſein von der Anſicht, welche die theure Fanny ſelbſt ſo eben über die Verdienſte meines Freundes Curzon ausgeſprochen hatte, aufrecht erhal⸗ ten worden, ich hätte, glaube ich, in Verſuchung gera⸗ then können, ihm den Hals umzudrehen. Inzwiſchen war die Sache, ſo wie ſie ſtand, weit beſſer, denn ich brauchte blos mit geziemender Geduld zu warten und konnte mit Sicherheit darauf rechnen, daß mein Freund Charles demnächſt den Helden einer ſehr artigen Epi⸗ ſode für unſern Tiſch abgeben werde. „Die Sache muß Ihnen aber doch gewaltig am Herzen liegen,“ ſagte ich, in der Abſicht, weiter auf den Buſch zu klopfen. „Ja und nein,“ antwortete er,„das Mädchen iſt ſehr hübſch. Morgens iſt es hier zum Sterben lang⸗ weilig, und item man hat doch einen. Zeitvertreib.“ „Nun,“ ſagte ich,„Sie gehen doch niemals leer aus, Curzon. Von allem Glück, was die Welt bringt, müſſen Sie Ihren Antheil haben.“ „O, es iſt nicht alles Glück, mein lieber Freund; denn wie ich Ihnen auseinanderſetzen werde—“ „Nur jetzt nicht,“ verſetzte ich,„denn ich habe noch nicht gefrühſtückt.“ So ſprechend wandte ich mich nach dem Kaffezimmer und gönnte dem würdigen Adjutanten den Hochgenuß, in ſeiner geträumten Eroberung zu ſchwelgen, unglückliche Wichte gleich mir aber zu be⸗ mitleiden. Nach einem frühzeitigen Mittageſſen im Klubhaus eilte ich ins Theater, wo zahlreiche Zurüſtungen füͤr die Nacht im Werke waren. Das große Garderobezimmer 272 war zum Speiſezimmer eingerichtet worden, in welchen man die Zuhörerſchaft, ſobald die Vorſtellung vorüber wäre, eingeladen hatte. Die kleinern Zimmer waren großentheils mit den Fleiſchwaaren angefüllt, welche die Zierde unſeres Mahles bilden ſollten. Impoſante Pa⸗ ſteten und Dutzende von Champagnerflaſchen ſah man in der bewundrungswürdigſten Unordnung neben ein⸗ ander ſtehen. Die bei allen Privattheatern ſo natür⸗ liche und unausbleibliche Verwirrung wurde durch die Umſtände unſers beabſichtigten Feſtſchmauſes ums Zehn⸗ fache vergrößert. Köche und Maſchiniſten, Geiger und Kellner ſtolperten einander unaufhörlich über die Füße, und wie in allen ſolchen Fällen die unwichtigſten Hand⸗ langer ſich die bedeutungsvollſte Miene geben und un⸗ bedenklich ſich alles aneignen, was ihnen in die Hände kommt— ſo hätte ſich der Koch kein Gewiſſen daraus gemacht, mit dem Violoncello des Orcheſters ein Feuer anzuzünden. Auch ertappte ich wirklich einen Küchen⸗ jungen, der einen Pfannenkuchen in einem meſſingenen Helme buck, welchen ich einſt getragen hatte, als ich inlder Rolle des Coriolan die Welt mit Staunen er⸗ üllte. Es ſchlug ſechs Uhr.„Noch ein Stündchen und wir fangen an,“ dachte ich mit entſinkendem Herzen, als ich die Bühne von einer Menge Leute verſtellt ſah, die ſämmtlich nichts darauf zu ſchaffen hatten. Figaro ſelbſt wünſchte ſich die Kunſt, allgegenwärtig zu ſein, nicht ſehnlicher, als ich in dieſer Stunde, wo ich mah⸗ nend und fluchend, bittend und ſcheltend, tobend und flehend von Platz zu Platz eilte. Um das Maß des Elends voll zu machen, hatten die Teufel im Orcheſter ihre Inſtrumente zu ſtimmen angefangen, und ich mußte, um nur von den nächſtſtehenden Perſonen gehört zu werden, brüllen wie ein Hochbootsmann auf einem Kriegsſchiff. Als es ſieben ſchlug, guckte ich durch das kleine Loch im Vorhang hinaus und ſah mit inniger Befrie⸗ 273 digung, die aber, ehrlich geſtanden, ſtark mit Angſt ver⸗ ſetzt war, daß das Haus ſich beinahe, die untern Logen ſich ganz gefüllt hatten. Es waren ſehr viele, hübſch gekleidete Ladies da, die luſtig mit ihren Begleitern plauderten und auf allen Seiten entdeckte ich Bekannte; in der That befand ſich kaum eine einzige Familie von Rang in der Graſſchaft, welche nicht wenigſtens Einen Vertreter geſandt hätte. Als das Orcheſter die Ouver⸗ türe aus Don Juan anhob, zog ich mich von meinem Platz zurück, um die Anordnungen hinten zu beaugen⸗ ſcheinigen. Vor der Familienpartie ſollten wir ein kleines ein⸗ aktiges Stück, betitelt: Ein Tag in Madrid, geben, das mich ſelbſt zum Verfaſſer hatte— die Hauptrollen da⸗ rin waren expreß für Miß Ersler und Mr. Lorrequer componirt. Auf die Geſchichte, die dieſer Poſſe zu Grunde liegt, habe ich nicht nöthig anzuſpielen, oder wenn es nöthig wäre, ſo würde ich kaum die erforder⸗ liche Geduld dazu beſitzen, in ſo engem Zuſammenhang ſteht meine Erinnerung daran mit dem herzzerreißenden Ereigniß, welches nachfolgte. Im erſten Auftritt zeigt der aufgehende Vorhang die ſchöne Fanny inmitten eines prachtvollen Gartens, umgeben von Statuen, Springquellen u. ſ. w. bei ihrer Stickerei ſitzend; im Hintergrunde erblickt man einen Pavillon in altmauriſchem Stile, überhängt von den Zweigen einiger großen, ſchattigen Bäume— ſie kommt vor, drückt ihre Ungeduld über das Ausbleiben des Ge⸗ liebten aus, für deſſen Abweſenheit ſie mit ſelbſtquäle⸗ riſcher Erfindſamkeit hundert verſchiedene Vermuthungen aufſtellt, und nach einer ſehr genugſamen Auseinander⸗ ſetzung ihrer Gefühle, ſo wie einigen kleinen erläutern⸗ den Einzelnheiten über ihre Privatgeſchichte, wodurch man ſowohl von ihrer eigenen Liebenswürdigkeit, als von der Grauſamkeit ihrer Duenna einen ſehr klaren Begriff erhält, beginnt ſie nach der Art anerer jungen Bekenntniſſe Lorrequer's I. 1 274 Ladies in ähnlichen Lagen ihren Gefühlen durch einen Geſang Luft zu machen; nach einem angemeſſenen Prä⸗ ludium von Seiten des Orcheſters, welches ſie in Be⸗ tracht der Leidenſchaftlichkeit ihrer Gemüthsſtimmung mit bewundernswürdiger Geduld abwartet, kommt ſie dann vor und beginnt eine Arie— Ach, warum weilt er ſo ferne? worin ſie in zwei Verſen unter verſchiedenen Trillern und Solfeggios über die Umſtände berichtet und ihren eigenen Unglauben an eine durchaus befriedigende Lö⸗ ſung an den Tag legt.— Mittlerweile, denn ich darf meinen Leſer um meinetwillen nicht der Angſt ausſetzen, in welcher die theure Fanny ſich hier abquälte, traf ich die nöthigen Vorbereitungen, um in ihre Arme zu flie⸗ gen und ſie an mein Herz zu preſſen— d. h. ich hatte bereits einen Schnurrbart aufgeklebt, hatte mir ein tro⸗ tiges, geſchweiftes Augenbrauenpaar angemalt, das mir mit meinen hochgefärbten Wangen halb das Ausſehen von Whiskerando, halb von Grimaldi gab; dieſe Operationen wurden beim Drang der Umſtände in ge⸗ nügſamer Mühe des Gegenſtandes meiner Neigungen vorgenommen, um mir das köſtliche Vergnügen zu be⸗ reiten, von ihren eigenen, honigſüßen Lippen ihren Kum⸗ mer um mich zu vernehmen— mit einem Wort, ſämmt⸗ liche Zimmer bis auf zwei waren mit Mundvorräthen, Gläſern, Porzellan und andern Geſchirren angefüllt, und in dieſer Noth hatte ich, um mich ungeſehen an⸗ kleiden zu können, kein anderes Plätzchen als den bereits erwähnten Pavillon. Hier jedoch war ich vollkommen ſicher und hatte noch überflüſſige Zeit, denn ich ſollte erſt im zweiten Auftritt erſcheinen, dann aber in voll⸗ ſtändigem ſpaniſchen Koſtüm, jeder Zoll ein Hidalgo, hervorkommen. Mittlerweile hatte Fanny geſungen— „Ach warum weilt er u. ſ. w. u. ſ. w.“ Am Schluß des letzten Verſes, juſt als ſie die Worte: warum, warum, warum? in einer höchſt entzückten, ſchmelzenden Cadenz wiederholt, wird ſie durch eine Stimme hinter ſich aufgeſchreckt— ſie dreht ſich um und erblickt ihre Duenna— ſo verhält ſich wenigſtens der Verlauf der Ereigniſſe im wirklichen Drama— daß es aber auch hier auf die gleiche Weiſe ablaufen ſollte, ſchien nicht im Buch des Schickſals geſchrieben zu ſtehen— denn als ſie eben an die bereits erwähnte höchſt bewegliche Apoſtrophe kam und ausrief:„Warum kommt er nicht?“— da antwortete eine ärgerliche Stimme von hinten im ſtärkſten Corker Dialekt:„Ei, er kann doch nicht in puris naturalibus erſcheinen!“ In dieſem Augenblick drang ein lautes Pfeifen durch das Haus, die Pavillonmaſchinerie wurde langſam hin⸗ weggenommen und entdeckte mich, Harry Lorrequer, auf einem kleinen Stuhl vor einem zerbrochenen Spiegel ſitzend, ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ohne weitere Kleidungsſtücke auf dem Leibe als ein Paar lange weiße ſeidene Strümpfe und ein ſehr prachtvoll geſticktes Hemd mit einem großen Spitzenkragen. Noch klingt das ſchallende Gelächter in meinen Ohren; der laute Ausbruch unauslöſchlicher Luſtigkeit, der auf die erſte kurze Pauſe des Erſtaunens folgte, erſchütterte das ganze Gebäude— mein Erinnerungsvermögen mag in einem ſolchen Augenblick unausſprechlicher Beſchämung und Demüthigung einigermaßen gelitten haben; aber doch entſinne ich mich deutlich, geſehen zu haben, daß Fanny, die holdſelige Fanny ſelbſt in einen Lehnſtuhl ſank und ſich vor unbändigem Gelächter kaum zu helfen wußte. Ich kann nicht weiter erzählen; ich weiß ſelbſt nicht, was ich that. Vermuthlich war auch mein Ab⸗ treten nicht minder ſpaßhaft, wenigſtens begleitete mich ein neues ſchallendes Gelächter von den Brettern weg. Ich ſtürzte mich, bloß meinen Mantel um mich hüllend, aus dem Schauſpielhauſe fort und rannte unausgeſetzt in mein Quartier. Doch ich muß aufhören; Schmerzen dieſer Art find ſelbſt für Bekenntniſſe wie die meinigen 276 zu heilig; man laſſe mich deßwegen den Vorhang meines Zimmers zuziehen, zugleich aber mein Kapitel ſchließen und für eine Saiſon Lebewohl ſagen.. Sechszehntes Kapitel. Die Wette. Etwa ſechs Wochen nach Verlauf der im letzten Kapitel geſchilderten Ereigniſſe geſchah es, daß eines Morgens, bevor ich noch aufgeſtanden war, Curzon plötzlich in mein Zimmer ſtürzte und, nachdem er rings umher einen vorſichtigen Blick geworfen, als wollte er ſich verſichern, daß wir allein ſeien, mit ganz unge⸗ wöhnlichem Ernſt meine Hand ergriff, mir feſt ins Auge blickte und ſagte— „Harry Lorrequer, wollen Sie mir zur Seite ſtehen?“ So plötzlich und unerwartet war ſein Erſcheinen in dieſem Augenblick, daß es mir war, als läge ich noch halb im Schlafe, und ich vor lauter Kopfzerbrechen, wie ich mir die Sache erklären ſollte, nicht daran dachte, ihm auf ſeine Frage zu antworten; er merkte dies, deutete mein Schweigen zu ſeinen Ungunſten und fuhr dann fort— 4 „Sollte ich mich denn wirklich in meinem Glauben an einen alten bewährten Freund getäuſcht haben?“ „Zum Teufel, was iſt es denn?“ rief ich.„Wenn Sie in einer Verlegenheit ſind, ſo wiſſen Sie ja ſchon lang, daß Sie an mir Ihren Mann haben; aber im⸗ merhin geziemt es ſich auch, daß man den Sekundanten etwas von der Sache wiſſen läßt.“ „In einer Verlegenheit!“ ſagte er mit einem lang gezogenen Seufzer, welcher die ganze Minervapreſſe in ihrer romantiſchen Cadenz hätte überbieten können. 277 „Ja, nur heraus mit der Sprache,“ verſetzte ich etwas ungeduldig;„mit wem haben Sie Skandal be⸗ kommen? Doch hoffentlich mit keinem von den Unſern? „Ach, mein theurer Harry,“ antwortete er mit demſelben ſchmelzenden Tone, wie zuvor;„Ihre Ein⸗ bildungkraft beſchäftigt ſich doch mit nichts als mit Händeln, Skandalen und Duellen(er, der Sprecher, war nämlich, damit es der Leſer nur weiß, der größte Eiſenfreſſer im ganzen Regiment), als ob das Leben nichts beſſeres zu bieten hätte als eine Herausforderung auf Leben und Tod, oder den ſpöttiſchen Heroismus eines Rencontres.“ Da er hier eine lange Pauſe machte und nach derſelben keine Luſt zeigte, fortzufahren, ſo fügte ich bloß hinzu: „Nun, wenn die Sache ſich ſo verhält, ſo haben wir noch gute Weile und können ſie auf dem Weg nach Corfu beſprechen, denn, ſo viel ich höre, ſind wir das nächſte Regiment, das nach dem Mittelmeer abgehen ſoll.“ Dieſe Bemerkung ſchien ihn aus ſeiner dumpfen Verſunkenheit einigermaßen aufzurütteln, und er ſagte: „Wenn Sie die Art des Verhältniſſes kennten, und wie vollſtändig alle meine künftigen Hoffnungen auf dem Ausgange beruhen—“ „Aha,“ rief ich,„ſo iſt es alſo eine Geldangele⸗ genheit? Hat etwa der alte Watſon einen Haftbefehl ergehen laſſen? Ich wollte hundert Pfund darauf wetten.“ „i, wahrhaftig, Lorrequer,“ erwiederte er, von ſeinem Stuhl aufſpringend und mit größerer Energie ſprechend, als er bisher bethätigt hatte;„Sie ſind doch der weltlichgeſinnteſte, kaltblütigſte Kerl, der mir in meinem Leben vorgekommen iſt. Was habe ich denn geſagt, das Sie auf die Vermuthung führen konnte, daß mir entweder ein Duell oder eine gerichtliche Ver⸗ folgung bevorſtehe? Vernehmen Sie's jetzt ein⸗ für alle⸗ ——— 278 mal, mein lieber Mann, daß ich verliebt bin, und zwar zum Verzweifeln, bis über die Ohren verliebt.“ „Nun und dann?“ fragte ich kalt. „Und daß ich unverzüglich zu heirathen gedenke.“ „Ah, ſehr ſchön,“ bemerkte ich;„das Duelliren und die Schulden kommen alſo ſpäter. Doch ſprechen wir jetzt von der Lady.“ „Sie müſſen rathen, wer ſie iſt.“ „In dieſem Stück bekenne ich meine gänzliche Unfähigkeit; denn Sie haben ſeit unſerer Ankunſt dahier Ihre Huldigungen ſo allgemein und unparteiiſch aus⸗ getheilt, daß es jede Schöne ſein kann, von unſerer verehrungswürdigen Schauſpielerin von geſtern Abend an bis auf Mrs. Henderſon, die Paſtetenbäckerin in- elusive, für deren Maccaroni und Kirſchwaſſer Ihre Gefühle ebenſo warm waren als ſtandhaft geweſen ſind.“ „Kein Scherz jetzt, lieber Harry. Sie müſſen nothwendig das liebenswürdige Mädchen bemerkt haben, mit dem ich letzten Dienſtag auf Powers Ball tanzte.“ „Ein liebenswürdiges Mädchen! Sie meinen doch hoffentlich nicht das kleine Weibchen mit der dicken Perrücke?“ „Nein, ich meine nichts dieſer Art— ſondern ein reizendes Geſchöpf mit den glänzendſten Locken in der Chriſtenheit, hellbraune geringelte Flechten wie Domi⸗ nichino ſie ſo gerne malte, und ein Fuß— haben Sie ihren Fuß geſehen?“ „Nein, das war etwas ſchwer, denn ſie ließ ihn beſtändig auf⸗ und abbaumeln, wie die Jungen ihre Korkpfröpfe in einem Fiſchteich.“ „Halten Sie ein. Ich werde das nicht länger dulden— ich bin nicht hieher gekommen, um—“ „Ei ei, Curzon, mein Junge, Sie werden doch nicht zornig werden?“ „Allerdings bin ich zornig, Sir.“ 3 „Sie haben doch wahrhaftig dieſe ganze Zeit über nicht im Ernſt geſprochen?“ 279 „Und warum denn nicht, wenn ich fragen darf?“ „Nun, ich weiß ſelbſt nicht genau— übrigens habe ich wirklich nicht geglaubt, daß es Ihnen Ernſt ſei, ſonſt hätte ich Ihnen natürlich geſtehen müſſen, daß ich in der beſagten Lady eine der hübſcheſten Per⸗ ſonen gefunden habe, die mir je vorgekommen ſind.“ „Denken Sie wirklich ſo, Harry?“ „Allerdings, und zwar bin ich nicht allein dieſer Meinung; das Mädchen wird allgemein bewundert.“ „Kommen Sie, lieber Harry, entſchuldigen Sie meine böſe Laune. Ich hätte Sie beſſer kennen ſollen. — Geben Sie mir Ihre Hand, alter Knabe, und wünſchen Sie mir Glück, denn mit Ihrer Hülfe und Mitwirkung iſt ſie morgen früh die Meinige.“ Ich ſchlug von ganzem Herzen ein und wünſchte mittlerweile mir ſelbſt Glück, ſo gut aus meiner Klemme entkommen zu ſein; denn ich merkte jetzt erſt, daß Cur⸗ zon den vollkommenſten Ernſt machte. f 27S werden mir alſo zur Seite ſtehen, Harry?“ agte er. „Das verſteht ſich. Zeigen Sie mir nur wie, und ich bin ganz zu Ihren Dienſten. Ich gebe mich zu Allem her, vom reitenden Poſtillon an bis zum Vor⸗ tänzer mit der Brautjungfer. Im Fall Sie eines ſol⸗ chen Würdeträgers bedürfen, will ich auch in loco pa- rentis für die Lady fungiren und ſie mit ſo großer Salbung und Zärtlichkeit weggeben, als hätte ich ebenſo viele heiratshfähige Töchter wie König Priamus ſelbſt. Es geht mir mit dem Heirathen wie mit dem Duelliren — ich bin Alles lieber als die Hauptperſon ſelbſt; auch habe ich ſchon längſt dieſe beiden Methoden als Mittel, Satisfaction zu bekommen, verwerflich gefunden.“ „Nein, nein, Harry, Sie werden mich durch Ihre Spöttereien nicht entmuthigen. Ich merke wohl, Sie haben etwas Unglück gehabt; aber nun zur Sache: Ihr Geſchäft iſt im gegebenen Falle ein ungemein einfaches, und doch wiederum der Art, daß ich es bloß einem ſo 280 innigen Freunde, wie Sie find, anvertrauen kann. Sie müſſen meine theuerſte Louiſe entführen.“ „Sie entführen! Wo?— Wann?— Wie?“ „Dies Alles habe ich bereits angeordnet, wie Sie ſogleich hören ſollen.“ „Ja, aber vor Allem erklären Sie mir gefälligſt, warum Sie, wenn Sie doch mit der Lady davongehen wollen, nicht ſelbſt ihren Begleiter zu machen gedenken?“ „Ich wußte, daß Sie mit dieſer Einwendung kom⸗ men würden, ja, ich hätte darauf wetten wollen; in⸗ zwiſchen wird Ihnen meine Erklärung die ganze Zart⸗ ſinnigkeit und das echt weibliche Anſtandsgefühl meiner Geliebten darthun; vor Allem alſo muß ich Ihnen ſagen, daß der alte Sir Alfred Jonſon, ihr Vater, ein ganz verdammtes Vorurtheil gegen die Armee hat und niemals in ihre Verbindung mit einem Rothrock willigen würde— daß alſo, da an ſeine Einwilligung nicht zu denken iſt, unſer einziges Rettungsmittel auf einer Entführung beruht. Louiſe iſt damit einverſtanden, aber nur unter einer Bedingung— und auf dieſer be⸗ ſteht ſie ſo feſt— ich hätte beinahe geſagt hartnäckig — daß ſie trotz aller meiner Gegenbeweiſe, Vorſtellun⸗ gen und ſogar Bitten unbeugſam bleibt; ich habe alſo zuletzt nachgeben und mich ihrem Willen fügen müſſen.“ „Gut, und was iſt die Bedingung, auf welche ſie ſo großes Gewicht legt?“ „Sie iſt einfach die, daß wir nicht eine einzige Meile mit einander reiſen werden, bis ich mir mein Recht hiezu durch die vollzogene Vermählung erworben habe. Sie hat in dieſer Beziehung allerhand närriſche Begriffe, ſie meint, jede auch noch ſo geringe Ueber⸗ ſchreitung der Geſetze des Anſtandes, welche ſich eine Frau vor ihrer Vermählung erlaube, bleibe dem Manne zu ihrem Nachtheil in Erinnerung, und deßhalb iſt ſie entſchloſſen, ihren Grundſatz ſelbſt in einer ſolchen Kri⸗ ſis, wie die gegenwärtige iſt, nicht zu opfern.“ „Alles ungemein anſtändig, das iſt wahr; aber 1 281 nun erſuche ich Sie, mir etwas zu erklären, was mir offen geſtanden bis jetzt noch einigermaßen ſeltſam er⸗ ſcheint. Wie kann ſich eine ſo zartfühlende Perſon mit dem Gedanken verſöhnen, unter ſolchen Umſtänden mit einem wildfremden Menſchen zu reiſen.“ „Das kann ich Ihnen vollkommen erklären. Sie wiſſen alſo, daß meine geliebte Louiſe, als ſie in die⸗ ſen Schritt willigte, wozu ich ſie nur mit der größten Schwierigkeit bringen konnte, den ebenerwähnten Vor⸗ behalt machte; ich ſtellte ihr ſogleich vor, daß ich keine alte Tante oder verheirathete Schweſter beſitze, der ich ſie in einem ſolchen Augenblick anvertrauen könnte, und was da zu thun ſei? Darauf antwortete ſie ſchnell: haben Sie keinen ältern Kameraden, deſſen Jahre und anerkannte Solidität die ganze Sache in ein ſolches Licht ſtellen würden, daß ſelbſt die Läſterzungen dadurch zum Schweigen gebracht werden müßten? denn einem ſolchen Manne würde ich mich gerne und ohne Beden⸗ ken anvertrauen. Sie ſehen, ich wurde mit aller Ge⸗ walt dazu getrieben. Was konnte ich thun?— Wen konnte ich wählen?— Der alte Hayes, der Zahlmei⸗ ſter, iſt immer betrunken; Jones iſt fünfundvierzig— und wenn er gemerkt hätte, daß dreißigtauſend Pfund bei der Sache zu gewinnen ſind, ei zum Henker, ſo hätte ich nicht mit Beſtimmtheit wiſſen können, ob ich meine Braut auch wirklich am verabredeten Orte an⸗ getroffen hätte. Sie waren meine einzige Hoffnung: ich wußte, auf Sie konnte ich mich verlaſſen. Sie würden die ganze Sache mit Takt und Verſtand zu Ende führen; und was das Alter betrifft, ſo würde Ihre Bühnenerfahrung mit einer kleinen Nachhülfe des Coſtüms Sie in den Stand ſetzen, die Muſterung zu paſſiren; überdies habe ich Sie immer als den wahren Methuſala des Corps dargeſtellt; und in der grauen Dämmerung eines Herbſtmorgens wird wohl, zumal da mädchenhafte Schüchternheit im Spiele iſt, die Un⸗ terſuchung nicht ſonderlich ſtreng ausfallen. Somit 282 fehlt es nur noch an Ihrer Einwilligung, um Anord⸗ nungen zu vollenden, welche mich morgen noch vor dieſer Zeit zum glücklichſten aller Sterblichen gemacht haben werden.“ Nachdem ich in geeigneten Ausdrücken meinen vol⸗ len Dank für die zartſinnige Schmeichekei zu erkennen gegeben, vermöge welcher er mich der Lady als den alten Lorrequer geſchildert, bat ich um eine in's Ein⸗ zelne gehende Mittheilung des Planes, wovon ich hier meinem Leſer zu ſeinem eigenen Beſten blos beifolgenden kurzen Auszug zu geben gedenke. Eine vierſpännige Poſtchaiſe ſolle Morgens um fünf Uhr bereit ſtehen, um mich nach dem etwa zwölf (engliſche) Meilen entlegenen Wohnſitz des Sir Alfred Jonſon zu führen. Dort werde gleich am Hofthor eine Lady zu mir kommen und mich bis in ein kleines Dorf am Nore begleiten, wo zufällig ein alter Schulfreund von Curzon als Pfarrer hauſe, welcher ſofort den Ver⸗ trag feierlich beſiegeln werde. Dies war alles höchſt einfach und klar— denn die einzige nothwendige Bedingung, um den Erfolg zu ſichern, war Pünktlichkeit, namentlich von Seiten der Lady. Was mich ſelbſt betraf, ſo gelobte ich bereit⸗ willig meine beſte Hülfe und meine angelegentlichſten Bemühungen zu Gunſten meines Freundes. „Nun bleibt nur noch ein einziger Punkt übrig,“ ſagte Curzon.„Louiſa's jüngerer Bruder iſt ein ver⸗ dammt heißköpfiger, wilder Kamerad, und deßwegen würden Sie wohl thun, zur Vorſicht Ihre Piſtolen mit⸗ zunehmen, für den Fall, daß er irgend etwas vom Plane wittern ſollte— wenn übrigens etwas Ernſt⸗ liches daraus entſtände, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß ich derjenige bin, der Alles auf ſeine eigene Rech⸗ nung nimmt. „Nun, das weiß ich wohl— ich verſtehe,“ er⸗ wiederte ich. Inzwiſchen konnte ich doch nicht umhin, all die angenehmen Möglichkeiten zu überdenken, die 283 ein ſolches Abenteuer mit ſich führte, und den herzlichen Wunſch zu hegen, Curzon hätte ſich begnügt, mit öffent⸗ lichem Aufgebot oder auf irgend eine der üblichen und geſetzmäßigen Arten zu heirathen, ohne den Hals ſeines Freundes auf's Spiel zu ſetzen. Nachdem die andern Für und Wider der Sache nebſt pünktlichen und ge⸗ nauen Anweiſungen in Betreff der Straße, auf welcher man zum Beſitz der Lady gelangen ſollte, ſämmtlich bereinigt waren, trennten wir uns, ich, um mein Co⸗ ſtüm für mein erſtes Auftreten in der Rolle eines alten Mannes zu beſorgen und Curzon, um ſich von dem interimiſtiſchen Commandeur des Regiments für ein paar Tage Urlaub geben zu laſſen. Als wir wieder zuſammentrafen, was an der Of⸗ fizierstafel geſchah, konnten wir beide einander gegen⸗ über jenes eigenthümliche Bewußtſein nicht verhehlen, das ſich unausbleiblich bei Perſonen einſtellt, welche irgend ein Geheimniß, wovon die Welt nichts weiß gemein haben oder zu haben glauben. Curzons unge⸗ wöhnliche lebhafte und aufgeregte Manieren hätten je⸗ dem aufmerkſamen Beobachter ſagen müſſen, daß er am Vorabend irgend eines bedeutſamen Schrittes ſtehe, und ebenſo hätten ſeine ſchlauen, zweideutigen Scherze und doppelfinnigen Witze, womit er beſtändig auf ein Ereigniß anſpielte, das demnächſt ſtattfinden werde, leicht auffallen können. Glücklicherweiſe beſchäftigte ſich jedoch die Geſellſchaft im gegebenen Falle mit andern Dingen, als ihn zu beobachten— denn ſie führte ein höchſt gelehrtes und gründliches Geſpräch über Medizin und mediziniſche Angelegenheiten, mit all der ſcharſ⸗ ſinnigen und genauen Kenntniß, welche derartige Er⸗ örterungen unter dem nichtmediziniſchen Publikum cha⸗ rakteriſirt. 5 Die gegenwärtige Unterhaltung hatte unſer alter Wundarzt Fitzgerald dadurch herbeigeführt, daß er von einer Conſultation erzählte, zu welcher er zwanzig Meilen von da für den nächſten Morgen eingeladen 284 ſei, und die ihn nöthige, ſeinen gewöhnlichen Morgen⸗ ſchlaf höchſt uncomfortabel abzubrechen. Während er ein Langes und Breites— das harte Schickſal von Mähnnern gleich ihm beklagte, nach denen die Welt ſo begierig verlange, daß ſie kaum über ein ruhiges Stünd⸗ lein verfügen können, ließen es die Jüngern nicht an luſtigen Ausfällen auf Koſten des würdigen Doktors fehlen, der, aufrichtig geſtanden, ſeit Menſchengedenken durch Beſchickungen, wie die eben erwähnte, niemals geſtört worden war. Einige behaupteten, das Ganze ſei eine Marktſchreierei und von Fitz blos erſonnen, damit er einmal auf die Rebhühnerjagd gehen könne; andere deuteten an, es ſei eine Finte, um der Wach⸗ ſamkeit der Miſtreß Fitzgerald— einer im Regiment wohlbekannten Virago zu entrinnen, während er ſich auswärts luſtig mache; eine dritte Partie endlich gab ſich den Anſchein, als ſympathifire ſie mit dem Doctor, und behauptete, hundert Pfund ſei das Wenigſte, was man ihm für ſolche Dienſte bei einem ſo wichtigen Falle möglicher Weiſe anbieten könne. „Nein, nein, blos fünfzig,“ ſagte Fitz ernſthaft. „Fünfzig! Ei wie, Sie abſcheulicher Windbeutel, Sie werden uns doch nicht weiß machen wollen, daß Sie fünfzig Pfund verdienen, bevor wir aus den Fe⸗ dern gekrochen find?“ rief einer. „Was gilt's?“ ſagte der Doctor, der im gegebenen Fall Urſache hatte, auf ein bedeutendes Honorar zu rechnen. Während dieſer Erörterung war von allen Seiten dem Claret wacker zugeſprochen worden, und da mein ganzes Sinnen auf das Abenteuer des nächſten Mor⸗ gens gerichtet war, ſo hatte auch ich als eine Art Vor⸗ bereitung einen guten Antheil zu mir genommen. Ich dachte an das erſtaunliche Glück, wozu ich meinem Freunde behülflich ſein werde— denn die Lady hatte wirklich ihre dreißigtauſend Pfund— und ich konnte meinen Triumph bei einer ſolchen Ausſicht auf Erfolg 285 im Vergleich zu dem niedrigern Gegenſtande des Ehr⸗ geizes, wovon die Rede war, nicht verhehlen. Alle ſchienen den armen Fitzgerald zu beneiden. Ich kämpfte einige Zeit lang mit meiner Pflicht zu ſchweigen— aber mein Stolz und der Claret zuſammen gewannen die Oberhand, und ich rief:„Es gilt fünfzig Pfund, daß ich vor Morgen zehn Uhr einen beſſern Fang ma⸗ chen werde, als Sie; die Geſellſchaft ſoll hernach zwi⸗ ſchen uns entſcheiden.“ „Und wenn Sie wollen,“ ſetzte ich hinzu, da ich bei Fitz wenig Luſt bemerkte, auf die Wette einzugehen und eben dadurch noch kühner gemacht wurde,„wenn Sie wollen, ſo ſoll das Urtheil bei zwei Dutzend Fla⸗ ſchen Champagner geſprochen werden, die der Verlie⸗ rende zu bezahlen hat.“ Dies war ein Staatsſtreich von meiner Seite, denn welches Ende auch die Wette nehmen mochte, ſo waren jetzt ſo viele dabei betheiligt, daß an eine Mög⸗ lichkeit, ihr zu entgehen, nicht mehr zu denken war. Meine Liſt glückte, und der arme Fitzgerald wurde ſo lange gequält, bis er auf eine Wette, deren Grund⸗ lagen er ganz und gar nicht verſtehen konnte, einging und die in des Adjutanten Schreibtafel verzeichneten Bedingungen unterſchrieb— ſeine größte Hoffnung da⸗ bei beruhte auf dem Quantum Wein, das er mich den Abend hindurch hatte trinken ſehen. Was mich ſelbſt betraf, ſo war die Wette nicht ſo bald im Reinen, als ich über meine äußerſt geringen Ausſichten, ſie zu gewinnen, nachzudenken anfing; denn ſelbſt das voll⸗ kommenſte Gelingen meines Planes vorausgeſetzt, konnte doch mit dem größten Rechte bezweifelt werden, ob ſich daraus für mich ſelbſt ein perſönlicher Vortheil ergeben würde, welchen ich gegen das Honorar des Doctors in die Wagſchale zu legen vermöchte. Mein einziger Troſt lag in der Gerechtigkeit einer Entſcheidung, die ſich, wie ich hoffte, mehr der wirklichen Güte eines praktiſchen Witzes zuneigen, als pedantiſch am Buch⸗ 286 ſtaben des Vertrages kleben würde. Bald darauf trennte ſich die Geſellſchaft, und ich wünſchte meinem Freund für das letzte Mal, bevor ich ihn als Bräutigam be⸗ grüße, gute Nacht. „Spofort ordnete ich Alles zu meiner Abreiſe an. Meine Piſtolen legte ich, um ſie in der Eile des Ab⸗ reiſens nicht zu vergeſſen, an einen Platz, wo ſie mir beſtändig in die Augen fallen mußten, und nachdem ich meinem Bedienten befohlen, die ganze Nacht in der Wachtſtube aufzubleiben, bis er den Wagen vor die Kaſerne kommen höre, warf ich mich auf mein Bett, aber nicht um zu ſchlafen. Das Abenteuer, wozu ich mich hergegeben hatte, regte tauſenderlei Gedanken⸗ bilder in mir auf, in welche ſich manche der bereits mitgetheilten Scenen miſchten. Ich dachte daran, wie häufig ich ſelbſt ſchon unmittelbar vor dem Hafen ge⸗ legen, in welchem Curzon jetzt ſein Glück verſuchen wollte, und wie jedesmal, wenn ich dem Erfolg am nächſten geweſen war, die Sache unerwartet ſich zer⸗ ſchlagen hatte. Schon als Schulknabe hatten meine Liebesabenteuer daſſelbe unglückſelig plötzliche Ende ge⸗ nommen, und es ſchien in der unveränderlichen Erfolg⸗ loſigkeit meiner Bemühungen in Sachen der Ehe eine wahre Fatalität ſich kund zu thun. Auch fürchtete ich, mein Freund Curzon habe ſeine Sache in unglückliche Hände gelegt— wenn man überhaupt Ahnungen irgend einen Werth geben kann. Auf die eine oder andere Art, dachte ich, wird ſich mein verdammter Unſtern ficherlich geltend machen und dann wird Alles zerplatzen wie eine Saifenblaſe. Müde von ſolchen Betrachtungen verſank ich endlich in einen geſunden Schlaf, aus dem mich etwa nach drei Viertelſtunden mein Bedienter weckte mit der Meldung, es ſei ſo eben ein vierſpän⸗ niger Wagen am Ende der Kaſernengaſſe aufgefahren. „Die kommen ja viel zu früh, Stubbes; es iſt erſt vier Uhr.“ 3 3 4 „Ja, Sir; aber ſie ſagen, die Straße ſei acht 287 Meilen weit ſehr ſchlecht, ſo daß ſie immer im Schritt fahren müſſen.“ 1 „Recht angenehm,“ dachte ich;„doch ich hab's einmal verſprochen und kann jetzt nicht mehr helfen.“ In wenigen Minuten war ich auf den Beinen, war angekleidet und mit Hülfe einer braunen Stutz⸗ perücke, ſo wie einer grünen Brille und einer langen Weſte mit breiten Klappen ſo vollkommen umgewan⸗ delt, daß mein Bedienter, als er wieder in's Zimmer trat, mich nicht zu erkennen vermochte. Ich folgte ihm jetzt über den Kaſernenhof, während er mit meinem Piſtolenhalfter unter einem Arm und einer Laterne in der Hand auf das Kaſernenthor zuſchritt. Als ich unter dem Fenſter des Adjutanten vorüber ging, ſah ich ein Licht— das Schiebfenſter wurde ſchnell geöffnet, und Curzon zeigte ſich. „Sind Sie's, Harry?“ „Ja— und wenn fahren Sie ab?“ „In etwa zwei Stunden. Ich habe blos acht Mei⸗ len zu machen— Sie haben mehr als zwölf und keine Zeit zu verlieren. Gott ſegne Sie, mein Junge, wir ſehen uns bald wieder.“ „Hier iſt der Wagen, Sir; dahin gehts.“ „Nun, Kameraden, Ihr kennt doch die Straße genau?“ „O, jeden Zoll, Ew. Gnaden; wir müſſen immer Doktoren und Apotheker führen; es vergeht faſt keine Woche.“ Bald war ich im Wagen, die Thüre ward ge⸗ ſchloſſen; ich rief:„Alles in Ordnung! vorwärts!“ und die Pferde liefen. 3 So wenig ich die Nacht hindurch geſchlafen hatte, ſo beſchäftigte dennoch das Abenteuer, dem ich entge⸗ genſah, mein Gemüth zu ſehr, um auch jetzt Gedanken an Schlaf aufkommen zu laſſen, ſo daß ich überflüſſige Gelegenheit hatte, alle Seiten des Falls in Erwägung zu ziehen, und zwar mit mehr Ueberlegung und Vor⸗ 288 ſicht, als ich bis jetzt darauf verwendet. Eines war gewiß: unſer Unternehmen mochte nun glücken oder mißglücken, ſo blieb das Rifiko mein und nur allein mein; wenn nun durch irgend einen Zufall die Sache der Famile bereits bekannt war, ſo hatte ich die aller⸗ angenehmſte Ausſicht, von einem der Söhne todt ge⸗ ſchoſſen oder von den Bauern geſteinigt zu werden, während mein vortrefflicher Freund Curzon mit ſeinem hochwürdigen Freunde ein Frühſtück verzehren und ſich vielleicht bei ſeiner vierten Semmel unterbrechen konnte, um verwundert zu fragen:„Wo ſie doch ſo lange ſtecken mögen?“ Und überdies ſah, denn kleinere Leiden ſtre⸗ cken, wie die Teufelchen im Don Juan fürwitzig unter ihren größern Brüdern die Köpfe vor, auch meine Fünf⸗ zigpfundwette höchſt unanmuthig in's Ganze hinein; denn ſelbſt im günſtigſten Lichte betrachtet, konnte, wenn auch Curzon als der Gewinnende angeſehen wurde, recht wohl bezweifelt werden, in wiefern ich ein beſſeres Glück gemacht haben ſollte, als der Doktor, der ſein Honorar vorzeigen konnte.„Nun gut, ich kann's jetzt nicht mehr ändern, aber ſeltſam iſt es doch, daß alle dieſe höchſt widrigen Umſtände mir vorher bei weitem nicht ſo ſtark in den Sinn gekommen find; auch war es, im Ganzen genommen, nicht ſehr ſchön von Curzon, in einer ſolchen Angelegenheit einen Freund voranzuſchie⸗ ben; um ſo mehr, als dem Kriegsminiſterium die Sache auf eine Art berichtet werden konnte, die vielleicht den Ausſichten dieſes Freundes auf Beförderung gewaltig Eintrag thun mußten; ja, zuletzt fing ich an mich zu überzeugen, daß ein Mancher in ſolchen Verhältniſſen die Lady für ſich ſelbſt entführen und es dem Adjutan⸗ ten überlaſſen würde, die Sache mit der Familie ab⸗ zumachen. Zwei tödtliche Stunden lang beſchwor ich alle möglichen unangenehmen Zufälligkeiten herauf, welche nur immer eintreten konnten. Daß ich meine Fünfzig Pfund verlor und von meinen Kameraden aus⸗ gelacht würde, ſchien mir unvermeidlich, ſelbſt wenn 289 ich glücklich genug war, einem Duell mit dem Feuer⸗ freſſer von Bruder zu entgehen. Mittlerweile ſiel fort⸗ während ein dichter, nebelichter Regen und vermehrte die Dunkelheit dieſer frühen Stunde dermaßen, daß ich von der ganzen Gegend umher nichts ſehen konnte und ganz und gar nicht wußte, wo ich war. Gemüthsun⸗ ruhe gleicht dem Laudanum: eine kleine Doſis regt nur auf, eine ſtarke verſetzt Dich in Schlaf— mag ſein, daß dieſer Schlaf nicht ſehr behaglich iſt— aber im⸗ merhin iſt es Schlaf und oft ein ſehr geſunder Schlaf; ſo erging es auch mir. Ich hatte ſo lange alle Für und Wider, alle Drohungen und Wendungen meiner kitzlichen Commiſſion überdacht, überlegt und in Er⸗ wägung gezogen, bis ich mich endlich mit Gewißheit überzeugte, daß ich mich auf dem Weg zu einem ganz vermaledeit ſchlimmen Handel befinde; dann aber, nach⸗ dem ich dieſe Thatſache unumſtößlich für mich herge⸗ ſtellt hatte, warf ich mich behaglich in den Wagen zu⸗ rück und verſank in einen ſehr tiefen Schlummer. Wenn es irgend einem meiner Leſer ſcheinen möchte, daß ich der ganzen Sache auch blos die allerverzwei⸗ feltſte Seite abgewonnen habe, ſo möge er ſich nur an mein unverbeſſerliches Unglück in ſolchen Dingen erin⸗ nern, und wie es immer mein Loos geweſen, mich auf dem beſten Wege zum Erſatz zu erblicken, aber auf dem Punkte, wo er gewiß wird, niemals anzugelangen; überdies— doch wozu ſolche Erklärungen? Dies ſind meine Bekenntniſſe. Ich will an Thatſachen nichts än⸗ dern, und mein Leſer muß mich entweder mit all den Unvollkommenheiten ſchlechter Motive und voreiliger Aeweggrlüde nehmen, oder gänzlich die Hand von mir abziehen. Inzwiſchen rollte der Wagen entlang, und da die Straße ſich beſſerte und die Pferde ſchneller liefen, ſo wurde auch mein Schlaf leichter; ſo ſtrichen ungefähr anderthalb Stunden ſchnell vorüber, als ein ſcharfes Bekenntniſſe Lorrequers. I. 19 290 Umbiegen um eine Ecke mich aus meiner hingelehnten Stellung verrückte und weckte. Ich ſchrak auf und rieb meine Augen; mehrere Sekunden verfloſſen, bevor ich denken konnte, wo ich war oder wohin ich ging. End⸗ lich kam das Bewußtſein und ich bemerkte, daß wir eine dicht bepflanzte Allee hinanfuhren.„Zum Hen⸗ ker,“ dachte ich,„ſie können ſich doch nicht geirrt haben, oder fahren wir wirklich bis an's Haus, ſtatt vor dem Hofthore zu warten?“ Ich ließ ſogleich das Fenſter herab, ſtreckte den Kopf hinaus und rief:„Wißt Ihr auch, was Ihr thut, Jungen? Iſt Alles in Ordnung 2 Aber unglücklicherweiſe blieben inmitten des Geraſſels auf dem Kieſe und des tönenden Geſtampfes der Pferde meine Worte ungehört; und in der Meinung, ich for⸗ dere ſie auf, ſchneller zu fahren, knallten die Schurken mit ihren Peitſchen, ließen ihre Pferde Galopp laufen und hielten, bevor fünf Minuten vorüber waren, mit einem plötzlichen Stoß am Fuß einer langen Säulen⸗ halle zu einem großen, geräumigen, ſteinernen Hauſe an. Als ich mich von dem genannten plötzlichen Stoß, der mich beinahe zum Fenſter hinausgeworfen hätte, wieder erholte, da gab ich mich bereits verloren: ich befand mich jetzt vor der Hausthüre des Mannes, mit deſſen Tochter ich davonzulaufen im Begriffe ſtand, und ob nun ein ungeſchicktes Verſehen der Kutſcher mich hierhergebracht; oder ob ſie mich mit abſichtlicher Ver⸗ rätherei überliefert hatten, mein Schickſal ſchien gewiß; bevor ich noch Zeit hatte, in dieſer verwünſchten Klemme einen Entſchluß zu faſſen, wurde die Thüre von einem Bedienten in düſterer Livree aufgeworfen, der Kopf und Schultern in den Wagen hineinſteckte, mich einen Au⸗ veubli feſt anſah und dann ſagte:„Ah, endlich, lie⸗ eer Doktor, willkommen.“ Mit der Schnelligkeit, wo⸗ mit zuweilen ein einziger Accord aus einer lange nicht mehr gehörten Melodie, oder ein flüchtiges Anſchauen eines alten vertrauten Geſichtes die Erinnerung an un⸗ 291 ſere früheſte Kindheit glänzend und lebhaft uns vor⸗ zaubern kann, erklärte mir jetzt dieſe einzige Phraſe das ganze Geheimniß meiner dermaligen Lage, und ich ſah mit einem ſchnellen Blick, daß ich in die für Dok⸗ tor Fitzgerald beſtimmte Chaiſe gerathen war und mich in dieſem Augendlick vor der Hausthüre des Patienten befand. Mein erſter Gedanke war ein ehrlicher: Ich wollte den Irrthum geſtehen, ſogleich umkehren und mich über das Weitere mit Curzon verſtändigen, deſſen Hei⸗ rathsplan, wie ich vorausſah, zu dem unfreundlichen Schickſal aller derer verdammt war, bei welchen ich je die Hand im Spiel gehabt hatte. Mein nächſter Ge⸗ danke— wie ſelten trifft doch das Sprichwort ein, daß die zweiten Gedanken die beſten ſind!— betraf meine unglückſelige Wette: denn ſelbſt angenommen, Fitzge⸗ rald folge mir im andern Wagen, ſo hatte ich doch ei⸗ nen ſolchen Vorſprung vor ihm, daß ich, wenn mir nur eine halbe Stunde gelaſſen wurde, das Honorar ein⸗ ſtreichen und in aller Sicherheit das Feld wieder räu⸗ men konnte; überdies aber war es höchſt wahrſcheinlich, daß Fitz zu meinem Beruf ausgezogen war, während ich in dem ſeinigen reiſte, und in dieſem Fall konnte ich vor aller Unterbrechung ſicher ſein. Welche Folgen aber ſeine Einmiſchung in die Angelegenheit des armen Curzon nach ſich ziehen kann, das weiß der Himmel. Solche ernſte Betrachtungen gingen mir etwa zehn Minuten lang durch den Kopf, während der alte Be⸗ diente mit düſterem Geſichte mir meinen Mantel und meinen Piſtolenhalfter abnahm, und als er letzteren in die Hand bekam, bemerkte: ja Gott gebe, daß Sie die Inſtrumente diesmal nicht brauchen, Doktor; denn Sie ſagen, er ſei heute früh beſſer;“ aus mehr als einem Grunde ein herzliches Amen zu dem wohlwollenden Stoßſeufzer des ehrlichen Dieners wünſchend, ſtieg ich langſam und ernſt, wie ich glaubte, daß ein Doktor thun müſſe, aus dem Wagen und folgte ihm mit fei⸗ 292 vlichen Schritte und gravitätiſcher Haltung in das aus. In dem kleinen Zimmer, in welches ich geführt wurde, ſaßen zwei ſchon etwas beiahrte Gentlemen, in denen ich mit richtigem Blick Collegen vermuthete. Ei⸗ ner von ihnen war groß, blaß, ſah aszetiſch drein, hatte graue Haare, eine zurücktretende Stirne, ſprach lang⸗ ſam, und in ſeiner ganzen Haltung lag etwas Gedrück⸗ tes. Der andere bildete einen wahren Gegenſatz zu ihm, ſer war ein kurzes, roſenwangiges apoplektiſch ausſehendes Männchen, mit einem Wanſt, der jedem Alderman Ehre gemacht haben würde, und mit einem beſtändigen Lachen, das wie erſtickendes Gekeuche klang; ſein lebhaftes, unruhiges Auge und ſeine volle Un⸗ terlippe deuteten mehr auf den Bonvivant als auf den enthaltſamen Schüler Aeskulaps. Ich erkannte auf den erſten Blick, vaß ich, wenn ich es blos mit dieſen zu thun hatte, gerettet war, denn ich ſah, ſie gehörten zu dem Schlag von Landpraktikanten, die halb Arzt, halb Apotheker, nur ſelten mit den höhern Klaſſen ihrer Kunſtgenoſſen in Berührung kommen und dann blos, um ſich diktiren zu laſſen, zu gehorchen und in den Bart zu brummen.: Dar Mr. Phipps vorzuſtellen? Doktor Phipps oder Mr. gilt ganz gleich; ich habe aber blos ein Patent als Apotheker, obſchon ſie mich Doktor nennen.“ „Wundarzt Riley, Sir; ein ſehr ehrenwerther Praktikus,“ fuhr er dann mit einer Bewegung der Hand gegen ſeinen röthlichen Collegen fort. Ich drückte ſogleich mein ungemeines Vergnügen über das Glück aus, mit ſo hochgebildeten und nach Gebühr berühmten Gentlemen zuſammenzutreffen, und da ich fürchtete, die Ankunft des Simon Pure möchte mich jeden Augenblick mit Schmach und Schande be⸗ decken, ſo erſuchte ich ſie, mir ſo ſchnell als möglich eine kurze Geſchichte des Falles mitzutheilen, wegen ich ſo frei ſein, Doktor, mich Ihnen als 293 deſſen wir verſammelt waren. Sie gaben mir demge⸗ mäß in einer Art Duett etliche ſeltſame Einzelheiten von einem alten Gentleman zum Beſten, dem ſein Unſtern ſie zu Doktoren gegeben, und der an einer Nackengeſchwulſt litt, über deren Behandlung ſie ſich nicht verſtändigen konnten, weßhalb die Zuziehung ei⸗ nes dritten Arztes, wozu der Zufall mich auserkohren, gewünſcht worden war. Da ich mich meiner Bangigkeit wegen der ver⸗ muthlichen Ankunft Fitzgeralds nicht zu entſchlagen ver⸗ mochte, ſo erklärte ich, bei meinen vielfachen Berufsge⸗ ſchäften den Patienten ſogleich ſehen zu müſſen, wor⸗ auf ich von meinen zwei Brüdern die Treppe hinauf⸗ geleitet und in ein hellerleuchtetes Zimmer geführt wurde. In einem großen bequemen Lehnſtuhl ſaß ein fetter, alter Mann, mit einem Geſicht, auf welchem Schmerz und habituelle Uebellaunigkeit in vereinter Thätigkeit jeden Ausdruck verwiſcht hatten. „Das iſt der Regimentsarzt, Sir, welchen Sie zu ſehen wünſchten,“ begann mein hagerer Coadjutor. „Ach, ſehr gut; guten Morgen Sir. Vermuthlich finden Sie uns etwas Neues heraus, denn dieſe zwei Herrn da haben ſeit zwei Monaten jeden Morgen et⸗ was anderes gewußt.“ „SIch hege die Zuverſicht, Sir,“ erwiederte ich ſteif, daß mit der Beihilfe meiner gelehrten Freunde viel für Sie gethan werden kann. Ha, hem! Richtig, das iſt die Krankheit, halten Sie Ihren Kopf ein wenig nach dieſer Seite;“ hier entrang ſich dem alten Manne ein klägliches Geächze, denn ich hatte, wie es ſcheint, einen etwas kitzlichen Theil etwas unſanft gedrückt, und zwar, ich muß geſtehen, nicht unabſichtlichz denn ich dachte an Hoyles Grundſatz beim Whiſtſpiel; in dubio immer Trumpf, und meinte, vielleicht werde es ſich auch in der Medizin bewähren, wenn man in ſchwierigen Fäl⸗ len geradezu einen etwas kühnen Griff thue.„Thut Ihnen das weh, Sir?“ fragte ich in beſchwichtigenden, 4 —— „ 294 liebevollem Tone.„Ja, zum verzweifeln,“ heulte der Patient.„Und hier?“ erxaminirte ich weiter.„O, o, ich halts nicht länger aus.“„Ich ſehe, die Sache ſteht juſt wie ich erwartet hatte,“ hier zog ich meine Au⸗ genbrauen hinauf und blickte meine Collegen unbe⸗ ſchreiblich weiſe an. „Doch keine Pulsadergeſchwulſt, Doktor?“ ſagte der Lange. „Nein, das nicht.“ „Vielleicht,“ begann der Kurze,„iſt es eine ſtäthro⸗ matiſche Geſchwulſt;“ ſo ſchien er doch wenigſtens einen verdammten techniſchen Ausdruck auszuſprechen, der, wie ich nachmals erfuhr, ſteatomatiſch lauten ſollte und zu deutſch Speckgeſchwulſt bedeutet; jedenfalls verſtand ich kein Wort vom Ganzen, blickte daher meinen roth⸗ wangigen Freund mit einem furchtbaren Stirnrunzeln an und erwiederte:„Es darf gar nicht berührt werden.“ „Sie wollens alſo nicht operiren?“ fragte der Patient. „Nein, nicht für tauſend Pfund,“ erklärte ich. „Und nun wenns gefällig iſt, Gentlemen,“ fuhr ich fort, indem ich einen Schritt gegen die Thüre that, als wollte ich mich zu einer Conſultation zurückziehen, wor⸗ auf ſie mich die Treppe hinab in das Frühſtückzimmer begleiteten. Da dies das einzige Mal in meinem Le⸗ ben war, daß ich in dieſer Rolle auſtrat, ſo hegte ich einige Zweifel, ob es ſich gezieme, in einem ſehr herz⸗ haften Appetit nach einem Frühſtück Genüge zu leiſten, denn ich wußte nicht, ob«s ſich mit der Würde des Berufs vertrug zu eſſen; von dieſem Zweifel erlöſten mich jedoch meine gelehrten Freunde ſehr ſchnell durch den ungetheilten Eifer, welchen fie etwa zwanzig Mi⸗ nuten lang auf Schinken, Brötchen, Eier und Cotelettes verwandten, bedeutungsvolle Beſchäftigungen, welche ſie nur hie und da mit ſchlauen Anſpielungen auf die 295 Krankheit des alten Gentleman und die Ausſichten auf ſeine Geneſung unterbrachen. „Nun, Doktor,“ ſagte der Blaſſe, als er endlich von ſeinen Anſtrengungen ausruhte,„was haben wir zu thun?“ „Za,“ ſetzte der andere hinzu,„das iſt die Frage.“ „Halten Sie's wie bisher,“ belehrte ich ſie;„ich kann Ihnen keinen beſſern Rath geben.“ Dies war wirklich ein feiner Einfall von mir, denn ich wußte bis auf den gegenwärtigen Augenblick nicht, welche Methode ſie gebraucht hatten; aber es ſah ungemein klug aus, dieſelbe zu errathen, und jedenfalls war es höflich, ſie zu billigen. „Sie glauben alſo, daß dies das Beſte iſt?“ „Ja, ich bin es überzeugt— ich weiß in der That nichts beſſeres,“ antwortete ich. „Nun, wahrhaftig, Sir, wir haben allen Grund, mit der höchſt aufrichtigen Art, wie Sie uns begegnen, höchſt zufrieden zu ſein. Sir, ich bin Ihr ganz gehor⸗ ſamſter Diener“ ſagte der Fette. „Gentlemen, auf Ihr beiderſeitiges Wohlſein und fortgeſetztes Glück im Berufe!“ mit dieſen Worten leerte ich einen Kelch Brandy; inzwiſchen hatte ich mich die ganze Zeit über des Gedankens nicht erwehren können, daß es noch ſchlimmere Dinge gebe, als die mediziniſche Praxis.. „Sie werden uns doch noch nicht verlaſſen? ſehe der eine, als mein Wagen vor dem Thore auf⸗ uhr. „Die Pflicht ruft mich,“ erwiederte ich,„und ich kanns nicht ändern.“ 5 „Könnten Sie's nicht vielleicht ei richten, daß Sie etwa morgen oder übermorgen noch einmal nach unſe⸗ rem Freunde ſähen?“ fragte der Rothbackige. „Ich fürchte, es wird unmöglich ſein,“ erwiederte 296 ich; überdies denke ich, daß ers ſelbſt nicht einmal wünſchen wird.“ „Ich bin beauftragt, Ihnen dies einzuhändigen,“ ſagte der hagere Doktor mit einem halben Seufzer, indem er mir eine Banknote in die Hand drückte. Ich verbeugte mich ein klein wenig, ſteckte das zerknitterte Papier mit halb gleichgültiger Miene in meine Weſtentaſche, wünſchte Ihnen beiden dann alles mögliche Glück und Gedeihen, ſchüttelte jedem viermal die Hand und jagte davon; für ſicher aber hielt ich mich erſt, als ich das Gitterthor hinter mir ſah und zwölf iriſche Meilen in der Stunde, nach Kilkenny zu⸗ rück fuhr. Siebenzehntes Kapitel. Die Entführung. Es war zwei Uhr vorüber, als ich die Stadt er⸗ reichte. Beim Einfahren in den Kaſernenhof bemerkte ich eine zahlreiche Gruppe von Offizieren, die mit ein⸗ ander Schwazten, und jeden Augenblick in ein unbän⸗ diges Gelächter ausbrachen. Ich trat zu ihnen und erfuhr alsbald die Quelle ihrer Luſtigkeit. Kaum war es nämlich bekannt geworden, daß Fitzgerald eine Ge⸗ ſchäftsreiſe zu machen habe, als ein Paar junge Offi⸗ ziere die Köpfe zuſammenſteckten und an Mrs. Fitzge⸗ rald, die ein wahrer Drache von Eiferſucht war, ein anonymes Schreiben erließen des Inhalts, ihr Eheherr habe die ganze Geſchichte von dem Patienten und der Conſultation nur erfunden, um in galanten Angele⸗ genheiten einen Ausflug zu machen, und wenn ſie ſich von der Wahrheit dieſer Mittheilung überzeugen wolle, fo brauche ſie ihm am Morgen nur nachzureiſen, um 297 dann die ganze Beſcherung zu finden; die Abſicht dieſer liebenswürdigen Freunde war hiebei keine andere, als der armen Mrs. Fitz zu einer Spazierfahrt von zwan⸗ zig Meilen zu verhelfen und ſie am Ende derſelben mit ihrem beleidigten Gemahl zuſammenzuführen. Die würdige Frau, die wirklich in dieſer Bezie⸗ hung äußerſt argwöhniſch war, traf alle Anordnungen zu ihrer Abreiſe und kaum war der vierſpännige Wa⸗ gen aus der Stadt, als ſie ihm bereits nachjagte mit einem Herzen, das vor Eiferſucht zerſpringen wollte, und Rache, tödtliche Rache allen denen ſchwörend, die ſich bei dieſem Plan— ſie zu beſchimpfen— betheiligt hätten. So weit war der Anſchlag ihrer Peiniger vollkom⸗ men gelungen; ſie ſahen die Dame auf eine Fahrt von zwanzig Meilen, wie ſie meinten, ausziehen, und ihr ganzer Begriff von dieſem praktiſchen Scherze be⸗ ſchränkte ſich auf die Aufklärung, welche am Ende er⸗ folgen mußte. Davon hatten ſie nicht die entfernteſte Ahnung, wie ſehr die Stellung des armen Doktors den ſchlimmen Argwohn ſeiner Ehehälſte rechtfertigen ſollte; denn wie ich durch ein Verſehen in ſeinen Wagen ge⸗ rathen war, ſo hatte auch er ſich ohne die mindeſte Nachfrage, in den für mich beſtimmten geſetzt, und er⸗ wachte aus einem höchſt erfriſchenden Schlummer erſt, als der Poſtillon ihn bei den Schultern ſchüttelte und ihm ins Ohr flüſterte:„Jetzt ſind wir da, Sir zhier iſt das Gitterthor.“ „Aber warum uns am Gitterthor aufhalten? Fahr bis ans Haus hinan.“ „Se. Gnaden ſagten mir, Sir, ich ſollte um Alles in der Welt nicht weiter fahren als bis ans Gitterthor, und ſo wenig Geräuſch machen als ein Mäuschen.“ „Ach richtig, der arme Mann iſt wohl ſehr reiz⸗ bar! Nun ſo bleib hier, ich will ausſteigen.“ Als der Doktor eben die Erde berührt hatte, trip⸗ 298 pelte eine ſehr lebhaft dreinblickende Soubrette heran und ſagte zu ihm: „Entſchuldigen Sie, Sir; ſind Sie vielleicht der Gentleman aus der Garniſon, Sir?“ „Ja, mein liebes Kind,“ entgegnete Fitz mit einem ſchlauen Blick auf das hübſche Geſicht des Zöſchens. „Was kann ich für Sie thun?“ „Meine Gebieterin iſt hier im Gewächshauſe, Sir; aber ſie iſt ſo angegriffen und ſo geänſtigt, daß ich kaum weiß, wie ſie es überſtehen ſoll.“ „So! ängſtigt ſie ſich, das arme Ding? O, ſie nuß ihren Muth beiſammen halten; ſo lange Leben da iſt, 4 auch noch Hoffnung vorhanden.“ „Sir.“¹. „Ich ſage Ihnen nur ſo viel, mein ſchönes Kind, daß ſie ſich nicht abhärmen ſoll. Iſt nicht er ſchon ein wenig alt?“ 3 „Ach Gott, nein, Sir. Erſt zwei und dreißig, ſagt mir meine Gebieterin.“ „Zwei und dreißig! Ich glaubte doch, er wäre ſchon ſechzig vorbei?“ „Sechzig vorbei! Pah, Sir. Was machen Sie ſich für Vorſtellungen? Dies iſt der Gentleman, Ma⸗ dame. Jetzt, Sir, will ich mich für einen Augenblick auf die Seite ſtellen, damit Sie mit ihr ſprechen können.“ „Ich bedaure ſehr Madame, daß ich nicht das Glück habe, Ihre Bekanntſchaft unter glücklichern Um⸗ ſtänden zu machen.“ 3„Ich muß bekennen, Sir— obſchon ich beſchämt in— 7 „Laſſen Sie alle Beſchämung, Madame. Ihr Kum⸗ mer, obſchon wie ich hoffe unbegründet, bringt Ihnen unendlich viele Ehre. So wahr ich lebe, ein ſehr hübſches Mädchen,“ fügte der Doktor für ſich hinzu. „Nun, Sir, da ich nach allem, was ich von Ihnen gehört habe, das vollkommenſte Vertrauen in Sie ſetze, 299 ſo hoffe ich, Sie werden es nicht unüberlegt finden, wenn ich Ihnen ſage, daß jedes weitere Verweilen hier gefährlich iſt.“ „Gefährlich! Befindet er ſich denn in einem ſo kritiſchen Zuſtande?“ „In einem kritiſchen Zuſtande, Sir! Wie meinen Sie das?“ „Ich meine, Madame, ob Sie denn glauben, daß es wirklich heute geſchehen muß 20 „Allerdings glaube ich das, Sir, und ich werde nicht eher von der Stelle gehen, bevor Sie mich dar⸗ über beruhigen.“ „O, ſeien Sie nur nicht ängſtlich. Ich habe die Inſtrumente bei mir im Wagen.“ „Die Inſtrumente im Wagen! Wahrhaſtig, Sir, wenn Sie nicht ſcherzen— und ich hoffe, Sie werden dieſen Augenblick nicht dazu geeignet glauben— ſo ziuche ich Sie deutlicher und verſtändlicher zu ſpre⸗ en.“ „Scherzen, Madame! Ich bin nicht im Stande in einem ſolchen Augenblick zu ſcherzen.“ „Madame! Madame!l Ich ſehe in der Ferne einen von unſern Jägern, Madame, verlieren Sie alſo keinen Augenblick, ſondern ſteigen Sie ſogleich ein.“ „Wohlan, Sir, laſſen Sie uns aufbrechen; ich bin jetzt ſchon zu weit gegangen, um zurücktreten zu können.“ „Helfen Sie meiner Gebieterin in den Wagen, Sir. Mein Gott, was das für ein Mann iſt!“ Einige Sekunden ſpäter ſaß der arme Doktor neben der jungen Lady; die Poſtillone thaten mit Peitſche und Sporen ihr Möglichſtes, und die Straße flog unter ihnen weg. Mittlerweile hatte der durch dieſes kurze Zwiegeſpräch verurſachte Aufſchub Mrs. Fitzgeralds langſameres Fuhrwerk in den Stand geſetzt näher heranzukommen, und ihr Wagen hatte eben um die Straßenecke herumgebogen, als ſie noch etwas von 300 einem muslinenen Kleide zu ſehen bekam, das mit ih⸗ rem Ehegemahl in die Kutſche ſtieg. Keine Worte vermögen auch nur den ſchwächſten Begriff von den Gefühlen auszudrücken, welche in die⸗ ſem Augenblicke auf Mrs. Fitz einſtürmten. Die voll⸗ ſtändige Beſtätigung ihrer ſchlimmſten Befürchtungen war ihr vor die Augen geführt worden, juſt in dem Moment, wo ſie dem Gedanken Raum zu geben ange⸗ fangen hatte, daß man vielleicht blos einen ungebühr⸗ lichen Scherz mit ihr treibe und daß der würdige Dok⸗ tor unſchuldig und tadellos ſei. Was den armen Fitz ſelbſt betraf, ſo ſchien für ihn nur wenig Ausſicht vor⸗ handen zu ſein, über den wahren Stand der Angele⸗ genheiten aufgeklärt zu werden; denn von dem Augen⸗ lick an, da die junge Lady ihren Sitz in dem Wagen eingenommen, hatte ſie ihr Geſicht in ihre Hände be⸗ graben und ſchluchzte unaufhörlich. Mittlerweile glaubte er, fie nähern ſich, um Geräuſch und Schreck zu ver⸗ meiden, dem Hauſe auf irgend einem Weg von hinten, und wartete mit gebührender Geduld auf das Ende der Reiſe. Als indeß ihr Kummer ungeſchwächt andauerte, da begann Fitz endlich an die vielen tröſtenden Mittel⸗ chen zu denken, die er in ſeinem Berufe mit Erfolg angewendet hatte, und wollte eben, ſeinen Kopf neben die weinende Lady zu ſeiner Seite geneigt, eine ſehr zartfinnige Rede über das Kapitel der Reſignation be⸗ ginnen, als der Wagen von der Mrs. Fitz ſeitwärts herankam, die Poſtillone auf wiederholtes Anrufen plötzlich Halt machten und vor dem wüthenden Weibe das eben erwähnte Gemälde aufrollten. „So, Elender!“ kreiſchte ſie, denn ſprechen konnte man es nicht nennen;„habe ich Sie endlich erwiſcht!“ „Gott ſteh mir bei! Mein Weib!“ „Ja, Schurke! Ihr beleidigtes ſchwergekränktes Weib! Und Sie, Madame, wie wollen Sie's entſchul⸗ 301 digen, daß Sie auf dieſe Art mit einem verheiratheten Manne davon laufen?“ „Schämen Sie ſich doch, liebe Jemima,“ ſagte Fitz,„wie können Sie auch durch ihre närriſche Eifer⸗ ſucht Ihre Vernunft dermaßen blenden laſſen! Sehen Sie nicht, daß ich auf einer Geſchäftsreiſe bin?“ „Ja wohl, eine ſaubere Geſchäftsreiſe das!“ „O Sir! Ach Madame! Ich erſuche Sie aufs dringendſte, retten Sie mich vor dem Zorn meiner Verwandten und der Schmach einer Blosſtellung! Bitte, bringen Sie mich ſogleich zurück.“ „Mein Gott, Madame, was meinen Sie damit? Sie ſind doch hoffentlich nicht auch wahnſinnig gewor⸗ den, wie meine Frau.“ „Wahrhaftig, Mr. Fitz,“ eiferte jetzt ſeine ſchö⸗ nere Hälfte,„das heißt den Scherz gar zu weit ge⸗ trieben. Bringen Sie Ihr unglückſeliges Opfer— wie ich vermuthe, iſt ſie ein ſolches— zu ihren Eltern zurück und machen Sie ſich bereit, mich nach Hauſe zu bealeiten; wenn es noch Recht und Gerechtigkeit auf rden— „Nun möge Goit in ſeiner Gnade meine Sinne bewahren; ich werde noch rein toll.“ „O Gott! o Gott!“ ſchluchzte die junge Lady, während Mrs. Fitzgerald mit dem höchſten Diskant ih⸗ rer Stimme zu ſchmälen fortfuhr, ohne auf die Ein⸗ wendungen und Unſchuldsverſicherungen zu achten, welche der arme Doktor mit der Beredſamkeit der Vezweif⸗ lung ausgoß. So ſtanden die Dinge, als ein Mann in einer Barchentjacke, wie ein Groom, von der Seite auf einem kleinen Wägelchen herbeikam; er ſtieg ſo⸗ gleich ab, riß die Thüre an des Doktors Wagen auf, hob die junge Lady heraus und brachte ſie ſachte in ſeinen eigenen Wagen, indem er blos bemerkte: „Ich ſage Ihnen nur ſo viel, Sir, Sie können dieſen Morgen von Glück ſagen, daß Mr. William die untere Straße eingeſchlagen hat; denn wäre er ſtatt meiner hier 302 mit Ihnen zuſammengetroffen, er hätte Ihnen den Hirn⸗ ſchädel zerſchmettert, damit Sie's nur wiſſen.“ Während dieſe höchſt erbaulichen Worte an den armen Fitz gerichtet wurden, hatte ſich Mrs. Fitzgerald aus ihrem eigenen Wagen in den ihres Mannes bege⸗ ben, ſei es nun, daß ſie vier Pferde ihren eigenen zwei vorzog, oder vielleicht auch, weil ſie noch ganz unklare Anſichten über den ganzen Handel hatte, der auf dem Rückweg ausführlicher beſprochen werden konnte. Wie die Abhandlung der Mrs. Fitz ausgefallen, darüber iſt nichts bekannt. Der Wagen, der dieſes Turteltäubchenpaar enthielt, kam ſpät in Kilkenny an, und Fitz gelangte glücklich in ſein Quartier, bevor ir⸗ gend Jemand von ſeiner Rückkehr erfuhr. Am folgen⸗ den Morgen ließ er ſich krank melden, und drei Wo⸗ chen hindurch wurde er nur ein einziges Mal geſehen, und dieſes einzige Mal blos an ſeinem Fenſter, mit einer flanellenen Nachtmütze auf dem Kopf, außerge⸗ wöhnlich bleich, und unter dem einen Auge wollte man dunkle Flecken bemerken. Was Curzon betraf, ſo iſt das letzte, was man an dieſem unglückſeligen Morgen von ihm erfahren hat, daß er ſich eine Poſtchaiſe gemiethet habe, damit nach Dublin gefahren und von da nach England ge⸗ eilt ſei. In wenigen Tagen erfuhren wir, daß der Adjutant ſich zu einem Regiment in Canada hatte ver⸗ ſetzen laſſen, und bis auf dieſe Stunde find nicht drei Männer im 4ten, welche das wahre Geheimniß von den verunglückten Abenteuern dieſes Morgens kennen. Achtzehntes Kapitel. Detachirtes Commando.— Eine Aſſiſen⸗Verſammlung. Da nur wenig Ausſicht vorhanden ſchien, daß der arme Fitzgerald jemals über die Ereigniſſe dieſes Mor⸗ gens eine Erklärung von mir verlangen werde, denn er wagte ſich nicht aus ſeinem Zimmer, um nicht er⸗ kannt und wegen Entführung gerichtlich verfolgt zu werden, ſo hielt ich es fürs Beſte, mein eigenes Ge⸗ heimniß ebenfalls für mich zu behalten; und ich be⸗ dauerte es ganz und gar nicht, als ich einen Befehl erhielt, der mich unter andern Umſtänden unglücklich gemacht hätte— den Befehl nämlich, auf ein detaſchir⸗ tes Commando abzumarſchiren. Wer mit dem Leben, das wir in der Armee führten, einigermaßen vertraut iſt, dem brauche ich nicht zu ſagen, wie unangenehm in der Regel ein ſolcher Wechſel ſein muß. Die Of⸗ fizierstafel mit allen ihren Herrlichkeiten— deine jo⸗ vialen Kameraden— deinen weſtindiſchen Madeira— deinen kühlen Lafitte— deinen täglichen, ſtündlichen und halbſtündlichen Tändeleien mit der ganzen weibli⸗ chen Bevölkerung, woran es in einer Garniſonsſtadt niemals fehlt— um nichts von den luſtigen Wetten in Beziehung auf Reiten, Rennen und Taubenſchießen zu ſagen und von hundert andern ergötzlichen Arten leicht durch das Leben zu wandeln, bis es deinem undank⸗ baren Vaterland und dem Kriegsminiſter gefällt, dich zum General⸗Major zu ernennen— alles dieß, ſage ich, gegen das Geräuſch, den Staub und die widrigen Dämpfe eines Dorfwirthshauſes zu vertauſchen, wo man geräucherten Speck zu eſſen, Whiskey zu trinken bekommt und höchſtens den Pfaffen oder Oberſiconſtab⸗ ler hat, mit denen man ſich beſaufen kann— ich ſpreche hier von Irland— vollends in Liebesangelegenheiten ———— 304 kein anderes Geſchäft zu machen iſt, als ein gelegent⸗ liches Aeugeln mit der gegenüberwohnenden Apothekers⸗ tochter, wenn ſie in den Laden geht, um Gartenſamen oder Sennesblätter zu verkaufen. Solcher Art ſind wirklich dieſe Wechſel; der Unterſchied läßt ſich ganz und gar nicht aufwägen. Und ich für meine Perſon bin nie zu einem ſolchen Commando beordert worden, ohne mit dem ehrlichen Irländer, über welchen der Poſtwagen ging, auszurufen:„O Gott, wozu ſoll das?“— Inzwiſchen lebe ich des feſten Glaubens, daß ich in dem irdiſchen Fegfeuer ſolcher Poſten zur Genüge meine frühern Sünden abgebüßt habe. Da ich überdieß einigermaßen zu den unruhigen Köpfen in meinem Corps gehörte, ſo däuchte es mich etwas hart, daß die Reihe mit ſolchen Commando's zweimal ſo oft an mich kommen ſollte, als an meine Kameraden; aber ſo iſt's— ich habe noch nie einen Militär geſehen, der ſich vor ſeinen Nachbarn durch Lebhaftigkeit ein wenig hervorthat, ohne daß ihn ſein Oberſt ſogleich zu ſeinem Opfer auserkohren und mit beiden Krallen gepackt hätte. Inzwiſchen betrachtete ich dieſe Dinge jetzt von einem ganz verſchiedenen Ge⸗ ſichtspunkte aus. Wenn ich das Hnuptenartier verließ, ſo entging ich jeder Unterſuchung, auch konnte ich kaum auf irgend einen Poſten geſchickt werden, wo mir nicht irgend etwas Auffallendes oder Abenteuerliches begeg⸗ nen und dazu dienen konnte, die Erinnerung an das Vergangene zu verwiſchen und die Aufmerkſamkeit mei⸗ ner Kameraden nach irgend einer andern Richtung als auf mich zu lenken. Meine Ordre im gegenwärtigen Falle lautete auf einen Marſch nach Clonmel, von wo aus ich mich in das nicht ſehr entlegene Haus einer Magiſtratsperſon verfügen ſollte, auf deren Bericht an den Staatsſekre⸗ tär hin eine militäriſche Unterſtützung beſchloſſen wor⸗ den war und, wie es ſchien, ganz und gar nicht ohne gute Gründe. Die Aſſiſen der Stadt ſtanden in Be⸗ 305 riff eröffnet zu werden, und manche Kapitalverbrechen ollten dießmal zur Unterſuchung kommen. Da nun allgemein das Gerücht ging, daß man, im Fall einige überführt werden ſollten, eine gewaltſame Be⸗ freiung derſelben verſuchen wolle, ſo ſchien ein allgemeiner Angriff auf die Stadt nichts weniger als unwahrſcheinlich, und wenn dieß geſchah, ſo war ohne Zweifel auch das Haus eines beim Volke ſo verhaßten Mannes, wie der ebengedachte Beamte, im höchſten Grade bedroht. Dieß iſt wenigſtens nur allzuhäufig die Geſchichte ſolcher Scenen, die ohne einen klar vor⸗ gezeichneten Zweik beginnen; zuweilen iſt es nur ein ſehr geringfügiger— nach und nach geſtalten ſich um⸗ faſſendere Plane, Unheil zu ſtiften, und was mit einem betrunkenen Schlaghandel— einem zufälligen Zuſam⸗ menſtoß begonnen hat, kann mit der Niedermetzlung einer Familie, oder der Verbrennung eines Dorfes en⸗ digen. Auch die beſten Bauern in Irland— Gott ſegne ſie— find ein lebhaftes Volk; ſie faſſen jeden Wink geſchwinder auf, als die meiſten andern Leute, und haben überdieß eine natürliche Kampfluſt, gegen welche die anenworhenen Gewohnheiten anderer Natio⸗ nen nicht in die Schranken zu treten vermogen. Da der würdige Mann, nach deſſen Haus ich mich nunmehr zu verfügen hatte, ein merkwürdiger Charak⸗ ter in der Lokalgeſchichte der iriſchen Politik war, und, wenn ich recht unterrichtet hin, noch immer iſt, ſo will ich einiges Nähere über ihn miltheilen. Mr. Joſeph Larkins Esq.(denn ſo unterzeichnete er ſich) war erſt vor Kurzem auf die Bank der Magiſtratsperſonen er⸗ hoben worden. Er gehörte urſprünglich jener großen, aber mit gutem Verſtand begabten Klaſſe an, welche man in Irland kleine Pächter nennt, und die ſich haupt⸗ ſächlich durch einen bedeutenden Takt in Abſchließung von Käufen, durch richtige Schätzung des Viehs, durch entſchiedene, freilich nationale Abneigung gegen Be⸗ Bekenntniſſe Lorrequers. I. 20 — 306 zahlung aller Arten von Abgaben auszeichnet, mögen dieſe nun zur Kategorie der Taxen, der Zehnten, der Steuern oder wie die verſchiedenen Titel alle heißen mögen, unter welchen man den Leuten das Geld ab⸗ lockt, gerechnet werden. Eine ſo durchaus erklärliche — ich hätte— denn ich bin lange in Irland im Quar⸗ tier gelegen, beinahe geſagt, ſo durchaus löbliche Nei⸗ gung erregte nur wenig Verwunderung und Staunen bei ſeinen Nachbarn, die zum größten Theil ſehr ähn⸗ liche Anſichten hegten, ohne daß jedoch einer von ih⸗ nen auch nur entfernt die pfiffige, advokatenmäßige Gewandtheit beſeſſen hätte, vermöge welcher der wür⸗ dige Larkins ſich dieſen Eingriffen in die Freiheiten der Unterthanen immer mit dem beſten Erfolge entzog. In der That war ſein Talent ſo bedeutend und ſein Glück in dieſer Beziehung ſo groß, daß er für ſich, wenn auch nicht im buchſtäblichen Sinne des Wortes, ſo doch faktiſch eine Ausnahme vom Geſetz ausgewirkt zu haben ſchien, und mehrere Jahre hindurch genoß er vollſtän⸗ dige Befreiung von Abgabenbezahlung überhaupt. Seine kleine Oekonomie, wie er ohne alle Ruhmſucht ungefähr fünfhundert Acres Moorgrund, Gebirge und Schafweide nannte, lag in einem entfernten Theile der Grafſchaft, die Straßen nach dieſer Richtung waren mehrere Mei⸗ len weit unpaſſirbar, das Land hatte wenig Geld⸗ werth, der betreffende Beamte war ein ängſtlicher Mann mit einer großen Familie; von drei Zehnteinnehmern, die ſich auf das verbotene Gebiet gewagt hatten, lit⸗ ten zwei ihr Leben lang an Unverdaulichkeit, weil ſie Pergament und Siegellack nicht zu verdauen vermoch⸗ ten, denn ſie mußten in der Regel ihre eigenen Er⸗ laſſe verſchlucken; und der dritte gab aus ſeiner eige⸗ nen Taſche fünf Pfund einem großen friſch ausſehen⸗ den Mann mit braunem Backen⸗ und Knebelbart, der ihn, damit er ſich der Wuth des Volkes entziehen konnte, zwei Nächte in einem Heuſchober verbarg, eine That der Menſchenliebe, welche niemals vergeſſen wor⸗ 307 den wäre, wenn nicht einige böswillige Leute die Frech⸗ heit hätten zu behaupten, das gedachte barmherzige In⸗ dividuum ſei Niemand anders geweſen als—— Wie es ſich nun auch damit verhalten mag, ſo läßt ſich nicht leugnen, daß dieß der letzte Verſuch war, einen ſo widerbelliſchen Unterthanen unter die Verant⸗ wortlichkeit des Geſetzes zu ſtellen; und ſo mächtig iſt die Gewohnheit, daß, obſchon er auf jedem Krämer⸗ und Viehmarkt in der Grafſchaft anzutreffen war, ein Arreſt auf ſeine Perſon nicht anders angeſehen wurde, als ob er vom Parlament das Vorrecht erhalten hätte, ſich ohne Gefahr allerwärts zu zeigen. Als die Grafſchaft beunruhigt und beſtändig nächt⸗ liche Verſammlungen von Seiten des Bauernvolkes ab⸗ gehalten wurden, gefolgt von den entſetzlichſten An⸗ griffen auf Leben und Eigenthum, da wurden die ge⸗ wöhnlichen Auskunftsmittel, die Geſetze ohne Nutzen angewandt. Vergebens bot man hohe Belohnungen. Geſtändige Verbrecher oder Angeber konnten nicht ge⸗ funden werden, und die geheimen Verbindungen waren vortrefflich organifirt, daß ſogar unter den Rädelsfüh⸗ rern ſelbſt wenige etwas von Bedeutung mitzutheilen gewußt hätten. Spezielle Commiſſionen wurden von Dublin abgeſandt; die Polizei wurde verſtärkt, Mili⸗ tärabtheilungen wurden detaſchirt, lange Correſpon⸗ denzen fanden zwiſchen der Regiſtratur und der Regie⸗ rung ſtatt, aber alles vergebens. Die Ruheſtörungen währten fort und hatten zuletzt eine ſolche Höhe erreicht, daß das Land in Belagerungszuſtand erklärt wurde, und ſelbſt dieſe Maßregel fand man zuletzt ganz und gar ungenügend; um Unordnungen zu beſeitigen, welche jetzt mit jedem Tage mehr die Geſtalt eines offenen Aufruhrs als einer blos agrariſchen Ruheſtörung an⸗ zunehmen drohten. Gerade in dem Augenblick, als alle Hülfsmittel ſich ſchnell zu erſchöpfen ſchienen, gelangte eine gewiſſe Mittheilung der bedeutungsvollſten Art in den Regierungspallaſt. Das Individuum, welches die⸗ 308 ſelbe überbrachte, hatte dadurch ſein Leben aufs Spiel heſett— aber das Ergebniß war ein großes— es eſtand in nichts Geringerm, als in der gänzlichen Ueberführung und Hinrichtung von fieben der einfluß⸗ reichſten unter den mißvergnügten Bauern. Das Ver⸗ trauen auf die Verſchwiegenheit ihrer Bundesbrüder war einmal erſchüttert; Mißtrauen und Argwohn folgten. Viele von den Kühnſten ſielen der Furcht vor Verrath gänzlich anheim und wurden ſelbſt Zeugen der Krone. In binnen fünf Monaten wurde eine bisher durch mit⸗ ternächtliche Zuſammenkünfte erſchütterte und von auf⸗ rühreriſchen Feuern flammende Grafſchaft beinahe die ruhigſte in der ganzen Provinz. Man darf wohl glau⸗ ben, daß derjenige, welcher in dieſer peinlichen Ver⸗ legenheit einen ſolch' wichtigen Dienſt geleiſtet, nicht übergangen werden konnte, und der Name J. Larkins prangte bald darauf in der Gazette unter den neu er⸗ wählten Friedensrichtern Seiner Majeſtät für die Graf⸗ ſchaft; ungefähr nach demſelben Grundſatz, kraft deſſen ein Landedelmann den größten Wilddieb in ſeiner Nach⸗ barſchaft dadurch bekehrt, daß er ihn zu ſeinem Park⸗ jäger macht. Von Perſon war er ein großer, überaus kräftig gebauter Mann, ein Namhaftes über ſechs Fuß hoch, und er beſaß große Thätigkeit, verbunden mit einer beinahe unglaublichen Ausdauer in Strapatzen. Mit einem Falkenauge ausgerüſtet und einem Herzen, das niemals Furcht kannte, war er vor allen andern der Mann, von welchem zu erwarten ſtand, daß er das Landvolk einzuſchüchtern vermöge. Die rückſichtsloſe Wagehalſigkeit, womit er ſich in Gefahr ſtürzte— die beinahe ungeſtüme Lebhaftigkeit, mit welcher er eine Spur verfolgte, ſo bald ihm die Kunde von einem be⸗ deutenden Falle zukam, hatte ihre volle Wirkung auf eine Bevölkerung, die, lange Zeit an die Langſamkeit und ſchwankende Unſicherheit des Geſetzes gewöhnt, ſich vor Beſtürzung kaum zu rathen wußte, als ſte ſah, daß Entdeckung und Strafe dem Verbrechen nachfolgte, ſo gewiß wie der Donner auf den Blitz folgt. Sein Hauptmittel in dieſer Beziehung war, daß er von geſchworenen Mitgliedern der geheimen Geſell⸗ ſchaft Erkundigungen einzog, von Mitgliedern, deren Namen im Laufe eines Prozeſſes niemals zum Vorſchein kamen, bis das Maß ihrer Sünden voll war, in wel⸗ chem Fall ſie dann gewöhnlich ein paar hundert Pfund Blutgeld, wie man es nannte, erhielten, um ſich damit nach Amerika oder nach Auſtralien zu begeben— denn ihr Leben war, ſo lange ſie da blieben, einzig und allein durch den Schutz geſichert, welchen der Richter ihnen in ſeinem eigenen Hauſe gewährte. Und ſo ge⸗ ſchah es, daß beſtändig zehn bis zwölf ſolcher Elenden als Hausgenoſſen unter ſeiner Familie lebten, ſämmt⸗ lich Schurken, von denen jeder mindeſtens die Theil⸗ nahme an einem Morde auf ſeinem Gewiſſen hatte, und die nur auf eine Gelegenheit warteten, unbemerkt und unbeobachtet das Land zu verlaſſen. Ein ſolch' entſetzlicher, unnatürlicher Stand der Dinge läßt ſich nur mit Mühe begreifen, aber ſo grauen⸗ haft er war, ſo mußte man ihn doch in Vergleich zu demjenigen, welcher dazu geführt hatte, erquicklich fin⸗ den. Ich habe vielleicht allzu lang bei dieſem peinlichen Gegenſtande verweilt; aber möge mein Leſer mich noch etwas weiter begleiten, ſo wird die Scene ſich alsbald ändern. Er ſieht doch wohl das lange, niedrige, weiße Haus dort, mit einem hohen, ſteilen Dach und unzäh⸗ ligen ſchmalen Fenſtern. Da ſtehen einige unordentlich gruppirte Buchen auf einem niedrigen, weißlichen Felde, welches man par excellence den Gänsplatz nennt; ein Schwein oder zwei, etliche Gänſe und eine angebundene Ziege ſinnen da und dort über den Zuſtand Irlands nach, während einige rothbackige, krausköpfige, lär⸗ mende, barfüßige Buden vor der Thüre ihre Luftſprünge machten. Das iſt die Wohnung des ehrwürdigen Rich⸗ ters, welcher ich ſelbſt und meine Mannſchaft jetzt 310 näher traten mit dem Grade von Thätigkeit, der die meiſten Märſche von zwanzig Meilen begleitet, zumal unter der erdrückenden Schwüle eines Herbſttages. Abge⸗ ſpannt und ermattet, wie ich war, konnte ich doch die kleine Umzäunung vor dem Hauſe nicht betreten, ohne einen Augenblick ſtille zu ſtehen, um die Ausſicht vor mir zu bewundern. Nach allen Seiten hin ein breiter, rei⸗ cher Landſtrich mit wogenden im Goldgelb der Reife prangenden Kornfeldern; da und dort beinahe ver⸗ ſteckt durch kleine Gruppen von Eſchen und Erlen, ſtan⸗ den einige Hütten zerſtreut, aus denen der blaue Rauch in kräuſelnden Säulen zum ruhigen Abendhimmel empor ſtieg. Alles war anmuthsvoll und eine ſchöne, heitere Ruhe über das Ganze ausgegoſſen; man hätte das Gemälde als ein getreues Sinnbild für das Glück und das friedliche Stillleben betrachten können, das wir ſo beſtändig mit unſern Begrifſen von dem Lande verbin⸗ den; und doch konnten, bevor noch dieſe Sonne unter⸗ gegangen war, welche jetzt die Landſchaft vergoldete, ihre Herrlichkeiten verdrängt werden durch die trübſelige Gluth nächtlicher Mordbrennerei und— aber hier werde ich zum Glück für meinen Leſer und vielleicht für mich ſelbſt in meinen Betrachtungen unterbrochen durch eine volle, ſtarke Stimme, die im ächt iriſchen Accent des Südländers mir zuruft— „Mr. Lorrequer! willkommen in Curryplaß, Sir. Sie haben einen heißen Tag zu Ihrem Marſche ge⸗ habt. Beliebt Ihnen vielleicht ein Glas Peres vor dem Mittageſſen? Wohlan denn, wir wollen nicht länger auf Molowny warten, ſondern ſogleich auftragen laſſen.“ Mit dieſen Worten führte er mich in ein langes, niedriges Geſellſchaftszimmer, wo mehr als ein Dutzend Männer verſammelt waren, denen ich jedem einzeln vorgeſtellt wurde, und in deren Mitte ich zu meinem großen Vergnügen meinen Koſthausfreund Mr. Daly fand, der mit den andern am nämlichen Tage zu den Aſſiſen gekommen war. Sämmtliche Mitglieder der Geſellſchaft gehörten dem juriſtiſchen Handwerk an und waren entweder Advokaten oder Agenten oder Schrei⸗ ber vom Friedensgerichte. Das hungrige Ausſehen der Gäſte, ſo wie die Schnelligkeit, womit gleich nach meiner Ankunft das Eſſen aufgetragen wurde, bewies mir, daß man nur allein auf mich gewartet hatte, um die Verſammlung für vollzählig zu erachten— der Mr. Molowny, auf welchen mein Wirth angeſpielt hatte, wurde durch ein⸗ ſtimmigen Beſchluß als anweſend erklärt. Das Mahl ſelbſt machte nur geringe Anſprüche auf Eleganz; da waren weder Windbeutel noch Croquetten zu ſehen; da prangten weder Kapaunen mit Trüffeln, noch Co⸗ telette à la Soubise, ſtatt ihrer aber harrte unſeres Winks gewärtig ein herrlicher Fiſch von etwa fünfund⸗ zwanzig Pfund, ein maffiver Lendenbraten, nebſt all dem üblichen Nebenrüſtzeug, beſtehend aus Geflügel. Schinken, Paſteten, Beefſteak u. ſ. w., die in einer etwas zweideutigen Ordnung auf beiden Seiten der Tafel hin aufgepflanzt daſtanden. Die Geſellſchaft war offenbar geneigt, ſich's wohl ſein zu laſſen, und ich ge⸗ ſtehe, daß ich unter den gelehrten Individuen um mich her, mit meinem Sinn für dieſe guten Dinge alle, und meiner Luſt, ſie nach Gebühr zu würdigen, keine Ausnahme bildete. Dulce est desipere in loco, ſagte irgend einer, und nach meiner Anſicht iſt darunter nichts weiter zu verſtehen, als daß man ſich auch in einer nicht eben durch Geiſt ausgezeichneten Geſellſchaft ge⸗ legentlich recht gut unterhalten kann. Ob dieß meinem Sinn für humaniora im Allgemeinen und Großen zu⸗ zuſchreiben iſt, vermag ich nicht zu entſcheiden, aber gewiß war meine Stimmung der Art, daß ich meine dermalige Stellung gegen keine andere mit weit grö⸗ ßern Prätenfionen auf Eleganz und feinen Ton ausge⸗ tauſcht haben würde. Zuerſt wurde eine allgemeine Verheerung unter den Fleiſchſpeiſen angerichtet und in das Geräuſch der Teller, das Geklirre der Gabeln und 2* 3 b 312 Meſſer miſchten ſich gelegentlich dem Nachbar zugeflü⸗ ſterte Bitten um noch ein wenig Ochſenfleiſch, noch ein bischen Salm, noch ein Stückchen Schinken. Sodann ſprühte der Wein in ſchnell ſich wiederholenden Salven ſein Feuer aus, und die Keresflaſchen blieben nicht län⸗ ger als zehn Minuten unberührt auf dem Tiſche ſtehen, ungefähr eben ſo lang als Taglioni in einem ihrer flie⸗ genden Ballete dieſe ſterbliche Erde berührt. Bekannt⸗ ſchaften zwiſchen den Mitgliedern des Barreau und mir wurden raſch abgeſchloſſen, und ich fand, daß meine augenblickliche Popularität höchſt wahrſcheinlich mit einem Sturze enden werde; denn da jede gegenſeitige Annäherung einen Humpen ſtarken Xeres im Gefolge hatte, ſo glaubte ich kaum bis ans Ende des Schmau⸗ ſes ausharren zu können. Endlich wurde das Tiſchtuch weg genommen, und ich wollte eben der Vorſehung für die Pauſe im Zechen danken, die, wie ich mir jetzt einbildete, eintreten mußte, als eine ungeheure, vier⸗ eckige Karaffe Whiskey zum Vorſchein kam, flankirt von einem unermeßlichen Krug mit ſiedendem Waſſer, und erneuerte Vorbereitungen zum Trinken nach einem gro⸗ ßen Maßſtab ernſtlich begannen. In dieſem Augenblick bemerkte ich zum erſten Mal die etwas in die Augen fallende Figur, die uns beim Eſſen aufgewartet hatte, und die, da ich doch ſo manche höchſt unbedeutende Dinge verzeichne, gleichfalls einer kurzen Erwähnung verdient. Es war dieß ein kleines, altes Männchen von etwa fünfundfünfzig bis ſechszig Jahren, mit einer Advokatenperrücke auf dem Kopfe und in Kleidern, die urſprünglich das Coſtüm einer ſehr großen und umfang⸗ reichen Perſon geweſen waren, folglich das Drollige ſeiner Erſcheinung um ein Gutes erhöhten. Er war vor vierzig Jahren der Diener des Richters Vandeleur geweſen und in ſeinen dermaligen Dienſt mehr in der Eigenſchaft eines Lehrers, als eines untergeordneten Hausgenoſſen getreten, wie er denn den würdigen Rich⸗ ter noch immer bei jeder Gelegenheit, wo es ſich um 313 Etikette oder Anſtand handelte, beherrſchte durch eine ganz einfache Berufung auf das, was„der Richter ſelber“ gethan, was immer genügte, um die Frage zu Gunſten des alten Nichola's zu entſcheiden; denn an einen Widerſtand gegen eine ſolch' tadelloſe Lehre dachte auch Mr. Larkins niemals. „Dies iſt Billy Crow's eigener Whiskey,“ ſagte Nicholas, die Karaffe auf den Tiſch ſtellend,„laſſen Sie ſich ihn wohl munden, denn einen Saft wie dieſen finden Sie in der ganzen Grafſchaft nicht.“ Mit dieſer Empfehlung ſeines Getränkes trollte ſich Nicholas davon, und wir ſchickten uns an, unſere Gläſer zu füllen. Ich kann es nicht wagen— und vielleicht iſt es ein Glück, daß ich es nicht kann— einen Begriff von der Unterhaltung zu geben, die nun auf einmal los⸗ brach, gleich als wären die Schranken, welche ſie bisher gefeſſelt gehalten hatten, gefallen. Aber es war ein juriſtiſches Geſpräch in des Wortes widrigſter Be⸗ deutung, was jetzt erfolgte, und zwei Stunden lang hörte ich von nichts als von Citationen, Beſchlagnahme, Anfechtungen von Vollmachten und Alibis, nebſt ver⸗ ſchiedenen Winken über allerlei Prozeſſe, gelegentlich untermiſcht mit pfiffigen Scherzen über Zuſammenbrin⸗ gung beſtochener Geſchwornen und über ſchnöde Ab⸗ weiſung von Zeugen, nebſt der üblichen Anzahl luſtiger Anekdoten von dem Oberrichter O'Grady und andern hervorragenden Rednern des Barreau. „Ach,“ ſagte Mr. Daly mit einem tiefen Seufzer, „der Advokatenſtand iſt auf eine traurige Weiſe her⸗ untergekommen ſeit meiner Aufnahme in denſelben im Jahre 76. Da war in allen Bezirken zuſammen kein Juriſt, der nicht jede Jury, die jemals in einem Saale geſeſſen, aufs Eis zu führen vermocht hätte, und eine Parlamentsakte durchzuſetzen war einem ſolchen, wie Sancho Panſa ſagt, ſo leicht wie Torten und Pfeffer⸗ kuchen. Namentlich ein ſpezielles Talent, das in frühern 314 Zeiten wohl bekannt war, iſt für die gegenwärtige Generation gänzlich verloren gegangen— ich meine die ſchöne Kunſt, in Gegenwart der Jury den Rich⸗ ter zu bearbeiten und dieſe nicht merken zu laſſen, daß man ſie zum Narren hatte, wenn man ſich je einmal einen Spaß mit ihr machen wollte. Der arme Peter Purcel— Friede ſei mit ſeiner Aſche— war hiefür beſonders berühmt; er hätte den Teufel ſelbſt betrogen, wenn es nöthig geweſen wäre; im vergangenen November waren es ſechzehn Jahre, daß er geſtorben iſt.“ „Und worin beſtand Peters eigenthümliche Ge⸗ ſchicklichkeit in dieſer Beziehung, Mr. Daly?“ fragte ich. „O, da könnte ich mich ſtundenlang vergebens ab⸗ mühen, um Ihnen dies auseinander zu ſetzen; aber ich will Ihnen ein Beiſpiel anführen, welches Sie beſſer als alle meine Abhandlungen darüber berichten ſoll; ich war ſelbſt zugegen als die Sache vorkam, es war das erſte Mal, daß ich ihn im Bezirke antraf:— „Vermuthlich iſt außer mir ſelbſt Niemand hier, der ſich des großen Prozeſſes Mills contra Mulcahy, Wittwe, und Andere erinnert, welcher im Jahr 82 zu Ennis verhandelt wurde. Nun, es liegt auch nichts daran, wenn Niemand mehr davon weiß; vielleicht iſt dies nur um ſo angenehmer für mich, denn ich kann dann meinen eigenen Bericht vortragen, ohne unter⸗ brochen zu werden. Nun gut, man nannte es nur den alten Prozeß, denn er kam nicht weniger als fiebzehn Mal vor. Ich glaube wahrhaftig, er brachte den alten Jones, der im Civilgericht ſaß, unter den Boden; er pflegte zu ſagen, wenn dieſer Prozeß erſt am jüngſten Tage zur Verhandlung käme, ſo würde dennoch gewiß eine der beiden Parteien appelliren. Dem ſei wie ihm wolle, die Mills'ſchen gewannen Peter gegen ein be⸗ deutendes Honorar für ſich und brachten ihn in einer vierſpännigen Chaiſe mit fliegenden Fahnen, mit Sträu⸗ ßen auf den Hüten der Poſtillone und oben auf dem — 315 Wagen einen Fiedler, welcher„der Haſ' im Korn“ ſpielte, an den Ort der Gerichtsſitzung. An dieſem Abend war das Wirthshaus beleuchtet, und Peter hielt vom Fenſter herab eine Rede über Preßfreiheit und religiöſe Emanzipation auf dem ganzen Weltall, ſo daß unter der verſammelten Menge kein einziger Menſch war, der ihm nicht jubelnd zujauchzte, was als um ſo höflicher anerkannt werden muß, weil nur wenige von ihnen ein Wort engliſch verſtanden und die andern alle ihn für einen Schauſpieler hielten. Nichtsdeſtoweniger ging Alles ganz gut von Statten, denn Peter war ein äußerſt geſcheidter Burſche, und obſchon er das Geld ſehr liebte, ſo liebte er doch die Pepulatitit noch mehr, und namentlich ging er niemals irgend wohin, ohne eine öffentliche Verſammlung in der einen oder andern Art zu veranſtalten, ſei es nun, um Steuern abzu⸗ ſchaffen, oder um die anglikaniſchen Geiſtlichen in Schranken zu halten, oder ſonſt in einer ſolch volks⸗ thümlichen und wohlthätigen Abſicht, was ihm immer roße Volksgunſt gewann und eine Maſſe Clienten zu⸗ ührte. Doch ich ſchweife von meiner Erzählung ab; Purcel kam alſo, wie ich oben geſagt habe, als ſpe⸗ zieller Bevollmächtigter der Mills'ſchen; und als er ſeine Akten noch einmal überblickt und den Fall überdacht hatte, beſchloß er, hier müſſe durchaus eine Jury von Gentlemen zu Gericht ſitzen; denn obſchon er beim Pöbel ein großer Mann war, ſo ſah er doch im Ge⸗ ſchwornenſaale die Gentlemen vom Lande viel lieber, denn er rückte da immer mit Citaten aus den Klaſſikern hervor, die von der großen Jury, ſie mochte nun die⸗ ſelben verſtehen oder nicht verſtehen, immer ſehr lebhaft beklatſcht wurden. Als er nun am Morgen in den Gerichtshof trat, da können Sie ſich ſeine Ueberraſchung und Beſtürzung denken, als er ſah, daß dieſelbe Jury, welche über eine gerichtliche Austreibung erkannt hatte, noch immer im Saale ſaß und auf Befehl des Ober⸗ 9 1 11 316 richters beiſammengeblieben war, um ſofort auch den großen Prozeß Mills contra Mulcahy zu entſcheiden. „Wie ich höre, waren es ganz gewöhnliche, tölpel⸗ haft ausſehende Leute mit Friesröcken und Holzſchuhen, aber Burſche, denen man mit juriſtiſchen Spitzfindig⸗ keiten nicht beikommen konnte, denn ſie waren ſchlau wie die Füchſe und beſaßen mehr Mutterwitz als Leute mit beſſern Röcken in der Regel zu beſitzen pflegen. „Als nun Mr. Purcel in den Saal trat und nach einer höflichen Verbeugung gegen den Richter die Bänke der Geſchwornen überſchaut hatte, da entſank ihm beim Anblick der ſchmutzigen Geſichter der Schweinsmäſter und Kartoffelhändler, ſowie der unraſirten Kinne der kleinen Pächter aller Muth; denn er wußte wohl, wie wenig ſolch unwiſſende Menſchen ſich um die Klaſſiker beküm⸗ erten„ und wenn er ihnen ſelbſt Cäſars Commentare eitirte.. „Nun gut, die Sache kam an die Reihe, Peter erhob ſich und begann auseinander zu ſetzen, wie un⸗ gemein ſein Client und er ſelbſt es bedauern müßten, wenn die geduldige und höchſt einſichtsvolle Jury, die dermalen auf dem Verzeichniſſe ſtehe, nach ihren bereits ſo ermüdenden Anſtrengungen zur Erwägung eines ſo langweiligen Falles ſchreiten ſollte, wie der vorliegende vorausſichtlich ſein müſſe; ſofort ließ er ſich ein Langes und Breites über ihre Abweſenheit von ihren Weibern und Familien, über ihre in Folge dieſer Abweſenheit vernachläßigten Güter und gefährdeten Ernten aus, und bewies ihnen in etwa fünfzehn Minuten, daß ihnen, wenn ſie nicht alsbald abgelöst und nach Hauſe ge⸗ ſchickt werden, eine weit härtere Behandlung widerfahre als manchen Verbrechern, die zu dreimonatlicher Ein⸗ ſperrung verurtheilt ſeien; dadurch wirkte er in der That ſo mätig auf die Gefühle des Vorſtandes ſelbſt, daß dieſer ſich an den Obmann der Jury wandte und ſagte, obſchon es eine große Abweichung von ſeiner gewöhnlichen Praxis ſei, ſo wolle er doch, wenn in 317 dieſer dringenden Jahreszeit ihre eigenen Intereſſen wirklich ſo ſehr betbeiligt ſeien, wie der gelehrte Ad⸗ vokat geſchildert habe, diesmal von ſeinem Grundſatze abgehen, und ſie ſollen entlaſſen ſein. Nun muß ich geſtehen, daß Peter hier eine höchſt ſtrafbare Unkennt⸗ niß an den Tag legte, indem er nicht wußte, daß eine Verſammlung von Bauern, die eine Jury bilden ſollen, lieber jeden Kornhalm im Boden verfaulen ließe, als einen Poſten, den ſie immer für ſo hochachtungswerth anſehen, aufgeben würde; denn ſie bilden ſich in dieſen Fällen alle zuſammen ein, ſie haben eine ſehr große Aehnlichkeit mit dem Lordoberrichter ſelbſt, dem herme⸗ lingeſchmückten; außerdem beſtimmte ſie das Argument, das Peter zu ihren Gunſten anführte, diesmal um ſo mehr, zu bleiben, denn ſie fühlten ſich jetzt als Mär⸗ tyrer und glaubten feſt, durch ihr Bleiben den Ober⸗ richter auf Zeitlebens zu verpflichten. „Als daher der Präſident ihnen den obenerwähnten Antrag ſtellte, da erhob ſich augenblicklich das ganze Collegium in Maſſe, verbeugte ſich gegen den Richter und rief:„Wir wollen bleiben, Mylord, und jeglichen Prozeß entſcheiden, der uns vorgelegt wird; ja, und ſollte er bis Weihnachten dauern.“ 3 „Wahrhaftig, Mylord,“ ſagte jetzt Peter, ſich zu einer Anſtrengung aufraffend,„ich finde kaum Worte, um meine Dankbarkeit auszudrücken für das große Opfer, das dieſe hochbegabten und einſichtsvollen Gent⸗ lemen zu Gunſten meines Clienten bringen, denn da ſie Perſonen ſind, welche ſelbſt große landwirthſchaft⸗ liche Intereſſen dabei auf's Spiel ſetzen, ſo iſt ihr Be⸗ nehmen im vorliegenden Falle um ſo preiswürdiger, und ich bin überzeugt, ſie werden, wie auch Ew. Lord⸗ ſchaft, die Schwierigkeit dieſes Falles vollkommen zu würdigen wiſſen, wenn Urkunden vorgelegt werden, welche einen gewiſſen Grad von Bekanntſchaft mit Zeug⸗ niſſen erfordern, die man ſich leicht denken kann. Viele von den Dokumenten ſind, wie Ew. Lordſchaft ſieht, 318 unter alten Abteifreibriefen ausgewirkt worden, daher in gelehrten Sprachen abgefaßt, und wir Alle wiſſen, wie heimlich an unſere Herzen und Buſen die bekannte ſchöne Stelle des griechiſchen Dichters klingt: vacuus viator cantabit ante latronem.“ Der Ton des Ci⸗ tats weckte den Richter, welcher dem erſten Theil der Rede des gelehrten Anwalts ſo viel als keine Aufmerk⸗ ſamkeit geſchenkt hatte, aus ſeiner Verſunkenheit auf, und er rief etwas ſcharf:„griechiſch, Mr. Purcel!— doch ich kann auch falſch gehört haben— wollen Sie vielleicht die Stelle wiederholen?“ „Mit Vergnügen, Mylord. Ich erinnerte Ew. Lord⸗ ſchaft und die Jury an das Dictum des beredten grie⸗ chiſchen Dichters Hergeſius, vacuus viator cantabit ante latronem.“— „Griechiſch ſagten Sie?“ „Ja, Mylord, natürlich ſagte ich ſo.“ „Wie, Mr. Purcel! Sie citiren da eine lateiniſche Stelle— und was wollen Sie überhaupt damit, daß Sie die ganze Zeit über von dem gelehrten Hergeſtus und von griechiſch ſprechen?— die Stelle iſt von Juvenal.“ „Mylord, bei all meiner Demuth gegen Ew. Lord⸗ ſchaft und meiner ausgezeichnetſten Hochachtung für Ihre großen Vorzüge und wahrhaft außergewöhnlichen Ta⸗ lente, erlauben Sie mir doch, zu verſichern, daß ich geieciſc citire und daß Ew. Lordſchaft ſich im Irrthum befindet. „Mr. Purcel, ich habe Ihnen nur zu bemerken, daß, wenn Sie mit dem Hofe Ihren Spaß treiben wollen, Sie wohl daran thun würden, vorſichtiger zu ſein; das ſage ich Ihnen, Sir;“ und hier wurde der Richter ganz entſetzlich zornig.„Ich ſage, die Stelle iſt lateiniſch— lateiniſch, Sir, Juvenaliſch latein, Sir — jeder Schulbube weiß das.“ „Es verſteht ſich von ſelbſt, Mylord,“ ſagte Peter mit großer Demuth,„daß ich mich der Entſcheidung 319 Ew. Lordſchaft unterwerfe; die Stelle iſt alſo lateiniſch. Doch möge es mir erlaubt ſein, anzudeuten, daß, wenn Ew. Lordſchaft geneigt wäre, dieſe Frage, wie Sie demnächſt mit einer andern und ähnlichen thun werden, den klarblickenden und einſichtsvollen Gentlemen dahier vorzulegen, daß ich, ſage ich, überzeugt bin, Mylord, ſie würde für jeden unter ihnen griechiſch ſein.“ „Der Blick, der Ton und der eigenthümliche Nach⸗ druck, womit Peter dieſe Worte ſprach, brachte voll⸗ kommen die beabſichtigte Wirkung hervor. Der ſcharf⸗ finnige Richter verrieth den Wunſch des Advokaten— die Jury wurde entlaſſen, und Peter behandelte ſeinen Fall vor denjenigen, mit denen er beſſer umzugehen wußte, und bei denen er mit mehr Sicherheit auf das erzielte Ergebniß rechnen konnte.“ Auf dieſe Anekdote des Raths folgten noch viele andere, denen mein Gedächtniß, da der Whiskey ſtark wirkte und es ſchon ſpät in der Nacht war, nicht all⸗ zu getreu geblieben iſt: die Geſellſchaft trennte ſich erſt gegen vier Uhr, und ſelbſt dann wurde unſere Sitzung nur beſchloſſen, weil einer von ihnen mit großem Ernſte bemerkte, da wir alle zuſammen in der Frühe ſehr be⸗ ſchäftigt ſeien, ſo möge man das Sprüchwort nicht vergeſſen: Morgenſtund hat Gold im Mund. Neunzehntes Kapitel. Die Aſſiſenſtadt. Ich war noch nicht länger, als eine Woche in meinem neuen Quartier, als mein Bedienter mir eines Morgens außer etlichen Briefen ein Paket brachte, von dem ich blos nach bedeutender Anſtrengung zuletzt zu 320* erkennen vermochte, daß es an mitch gerichtet war. Der ganze Umſchlag war mit allerlei Namen von verſchie⸗ denen Handſchriften bedeckt; und endlich entdeckte ich einen, der eine ſchwache Aehnlichkeit mit dem meinigen darbot; aber die Adreſſe, die nachfolgte, war ganz und ar unleſerlich und, wie es ſchien, nicht blos für mich, ondern auch für die Experten der verſchiedenen Poſt⸗ ämter, denn es ſtanden darunter allerlei Verweiſungen an Orte, die mit einem T anfingen, was der Anfangs⸗ buchſtabe der großen unbekannten Lokalität zu ſein ſchien; ſo las ich: in Traler, in Tyrone, in Tande⸗ ragen u. ſ. w. u. ſ. w., ich wundere mich nur, daß ſie nicht hinzuſetzten: in Teheran, und vermuthlich hätten ſie zuletzt auch das gethan, lieber als daß ſie ihre Nachforſchungen aufgegeben hätten. „Aber, Stubber,“ ſagte ich, indem ich mir über den verſchiedenen Adreſſen auf dieſem unbegreiflichen Couvert den Kopf zerbrach,„weißt Du auch gewiß, daß es für mich iſt?“ „Der Poſtmeiſter, Sir, erſuchte mich, Sie zu fra⸗ gen, ob Sie's haben wollen, denn er hatte es ſchon allen Leuten in dieſer Gegend angeboten; die Waſſer⸗ bauingenieure wollen es behalten, Sir, aber ich bat, man möchte Ihnen die Vorhand laſſen.“ „Sehr gut; es freut mich, daß das Poſtamt mit ſolcher Unparteilichkeit zu Werke geht. Nur Leute von dieſer Schlauheit wiſſen ſich in allen Fällen zu rathen und zu helfen. Sag alſo dem Poſtmeiſter, ich wolle den Brief behalten, und um ſo mehr, als er zufällig und glücklicher Weiſe wirklich für mich beſtimmt iſt.“ „Und nun betrachten wir einmal das Innere,“ fuhr ich fort, indem ich das Siegel erbrach und las, wie folgt: „Paris, Rue Caſtiglione. Mein werther Mr. Lorrequer— Da Ihre Herr⸗ lichkeit und mein Sohn ſich umſonſt bemüht haben, von Ihnen irgend eine Antwort auf ihre Briefe zu 21 erhalten, ſo iſt mir das Geſchäft zugefallen, mein Glück zu verſuchen, obſchon ich, wenigſtens nach der Leſerlichkeit meiner Handſchrift zu ſchließen, beinahe fürchten muß, daß mein Schreiben eben ſo wenig Erfolg haben wird als die——(zum Henker, wie mag denn das Wort heißen?) die— fröhliche, nein richtig— die freundliche Epiſtel meiner Gemahlin. Gleichwohl kann ich's nicht über's Herz bringen, Pa⸗ ris zu verlaſſen, ohne Sie zu benachrichtigen, daß wir im Begriff ſtehen, nach Baden aufzubrechen, wo wir einen Monat oder zwei zu bleiben gedenken. Ihr Vetter Guy, der einige Zeit bei uns war, hat ſich veranlaßt geſehen, nach Genf abzureiſen, hofft aber in einigen Wochen wieder zu uns zu kommen. Er iſt bei uns Allen recht wohl angeſchrieben, hat jedoch das Andenken unſeres ältern Freundes, und darunter meine ich Sie, nicht zu verwiſchen vermocht. Könn⸗ ten Sie es nicht möglich machen, zu uns herüber⸗ zukommen— wenn auch nur zu einem flüchtigen Beſuch? Rotterdam iſt die Route und ein paar we⸗ nige Tage würde Sie in unſer Quartier bringen. In der Hoffnung, daß Sie nicht abgeneigt ſein wer⸗ den, unſerem Wunſch zu entſprechen, habe ich ein Schreiben an den Generaliſſimus beigelegt, das ohne Zweifel Ihre Bitte um Urlaub einigermaßen unter⸗ ſtützen wird. Ich weiß kein anderes Mittel, Sie mit den Ladies auszuſoͤhnen, welche über Ihre De⸗ ſertion zu entrüſtet ſind, um dieſem Briefe eine nur halbwegs freundliche Nachſchrift beizufügen; Kilkee und ich ſelbſt aber haben alle unſere Mittel, Sie zu vertheidigen, bereits gänzlich erſchöpft. Ihr auf⸗ richtig ergebener Callonby.“ Hätte ich eine offizielle Mittheilung erhalten, daß ich zum Generalzahlmeiſter oder zum Kaplan am Chel⸗ ſeahoſpital ernannt worden ſei, ich hätte, glaube ich, Bekenntniſſe Lorrequers. I. 21 322 eine ſolche Nachricht mit weniger Ueberraſchung aufge⸗ nommen, als ich dieſen Brief las. Daß ich aber nach der langen Zwiſchenzeit, die verſtrichen war, und wäh⸗ rend welcher ich mich von dieſer Familie gänzlich ver⸗ geſſen geglaubt hatte, jetzt einen Brief erhalten ſollte — und zwar einen ſolchen Brief— ganz im Style unſerer frühern vertraulichen Innigkeit, einen Brief, worin ſie mich in ihr Haus einlud und von Neuem ihre Geneigtheit ausſprach, auf dem alten herzlichen Fuße mit mir weiter zu leben— das ſchien mir bei⸗ nahe an's Wunderhare zu ſtreifen. Und mit welchem Vergnügen las ich dieſe nichts weniger als überaus zärtliche Erwähnung meines Vetters, welchen ich ſo lange Zeit als meinen glücklichen Nebenbuhler betrach⸗ tet hatte, der aber, wie ich nun zu hoffen anfing, mir nicht vorgezogen worden war! Vielleicht war es immer noch nicht zu ſpät, vielleicht war mir immer noch nicht alle Hoffnung unterſagt, offenbar waren mehrere Briefe an mich geſchrieben worden, aber nicht in meine Hände gelangt; während ich alſo ſie der Vernachläßigung und Vergeßlichkeit anklagte, traf dieſer Vorwurf in Wirk⸗ lichkeit mit weit mehr Recht mich ſelbſt; denn von dem Augenblick an, da ich von meines Vetters Guy Auf⸗ enthalt in ihrem Hauſe und von den Gerüchten über ſeine Vermählung vernommen, hatte ich meiner abge⸗ ſchmackten Eiferſucht erlaubt, meine Vernunſt zu blen⸗ . den, und hatte nie mehr eine Zeile an ſie geſchrieben. 1 Ich hätte wiſſen ſollen, welch geſchwätziger Prahlhans Guy jederzeit geweſen, daß man ihm niemals irgend⸗ wo auch nur die gewöhnlichſten Aufmerkſamkeiten er⸗ weiſen konnte, ohne daß er ſogleich von Verheirathung, von Nadelgeldern, von Antheilen für jüngere Kinder und all dieſen Unfinn nach Hauſe ſchrieb. Jetzt durch⸗ ſchaute ich Alles deutlich, und zehntauſendmal ſchneller, als meine Hoffnungen vorher erloſchen waren, ent⸗ flammten ſie ſich jetzt von neuem; ja ich konnte nicht umhin, Lady Jane als einen Spiegel von Standhaf⸗ 2 6 b —— 323 tigkeit und mich ſelbſt als den glücklichſten Mann von Europa zu betrachten. Meine alte Neigung zum Luft⸗ ſchlöſſerbau ſtellte ſich augenblicklich wieder ein, und ſchon war es mir, als ſpazierte ich mit Lady Jane am Arme in der reizenden Neckarlandſchaft, unter den herr⸗ lichen Ruinen Heidelbergs herum, oder als ſchiffte ich mit ihr auf der friedlichen Oberfläche des Rheines da⸗ hin, während, gemildert durch die Entfernung, der reiche volle Chor eines Studentengeſanges die Lüfte erfüllte. Wie herrlich, dachte ich mir, die Gedichte eines Bürgers und Uhlands zu leſen, mit einer Be⸗ gleiterin, die in jeder Beziehung ſo vollkommen fähig iſt, ihre Schönheiten zu würdigen und geheiligte Er⸗ innerungen an das Vaterland in uns beiden wach zu erhalten!„Ja,“ ſagte ich laut und ſtimmte ein wohl⸗ bekanntes deutſches Lied an:— Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. „So wahr ich lebe,“ ſagte Mr. Daly, der ſchon geraume Zeit in ſtiller Bewunderung meines etwas verzückten Ausſehens dageſeſſen hatte—„ſo wahr ich lebe, Mr. Lorrequer, ich hatte nicht gewußt, daß Sie auch Iriſch verſtehen.“ Der mächtige Talisman der Stimme des Raths brachte mich in einem Augenblick zum Bewuaßtſein mei⸗ nes dermaligen Aufenthaltes und der noch weit un⸗ glücklichern Thatſache zurück, daß ich weiter nichts als Subalternoffizier in Sr. Maj. 4tem war. „Was ſagen Sie da, mein lieber Rath? das war ja deutſch und nicht iriſch.“ „Ich laſſe Ihnen das von Herzen gern,“ ſagte Mr. Daly, ſein drittes Ei öffnend,„es iſt mir lieber, Sie ſprechen's, als wenn ich's ſprechen müßte. Viele Unterhaltung in dieſer Sprache muß meines Erachtens ſehr geeignet ſein, einen um die Zähne zu bringen.“ „Ganz im Gegentheil, es iſt dies die ſchönſte Sprache Europas und auch die muſtkaliſchſte. Um vor der Hand nur bei Ihrem eigenen beſondern Geſchmack 324 in ſolchen Dingen ſtehen zu bleiben, wo finden Sie eine Sprache, die ſo reich an Trinkliedern wäre, wie die deutſche?“ 3 „Da höre ich weit lieber die„Cruiskeenwieſe“ oder die„Punſchbowle,“ wie mein alter Freund Samſon ſie ſingt, als ein halbes Hundert von ihren hochdeut⸗ ſchen Kieferbrechern.“ „Schämen Sie ſich, Mr. Daly; und was Pathos und wahres Gefühl anbelangt, wo können Sie mir da etwas nennen, das eine Vergleichung mit Schillers Balladen aushielte?“ 4 „Von dieſen habe ich nie etwas gehört,“ ſagte der Rath,„aber wenn Sie von Balladen ſprechen wollen, ſo lobe ich mir den alten Moſey M'Garry; was gibt es ſchöneres als—“ und hier begann er in höchſt unanmuthigem Naſenton und mit ohrenzer⸗ reißender Emphaſe zu ſingen: „Und ich lief ihr hinten nach Und ſprach lebe wohl zu ihr, Lebe wohl, verzeih mir, ach! Laſſen kann ich nicht von Dir.“— „Um's Himmels willen,“ rief ich,„halten Sie ein; wenn ich von Balladen ſprach, ſo meinte ich krin ſolch abgeſchmacktes Zeug, wie dieſes.“ „Was die Kenntniß von Balladen anlangt, ſo ſtehe ich keinem lebendigen Menſchen nach,“ ſagte Mr. Daly;„und wenn es Gottes Wihe iſt, ſo werde ich Ihnen heute Abend nach Tiſch noch eine vorfingen, wovon Sie den Magenkrampf bekommen ſollen.“ Eine belebte Erörterung über lyriſche Poeſie wurde hier unterbrochen durch eine Aufforderung von unſerem Wirth, nach der Stadt aufzubrechen. Mein Geſchäft ſollte nach dem Wunſch der Regiſtratur darin beſtehen, mich in der Nähe des Gerichtshauſes bereit zu halten für den Fall einer ernſtlichen Ruheſtörung, welche zu befürchten man bei der in Folge des obſchwebenden Proceſſes äußerſt aufgeregten allgemeinen Stimmung 325 nur allzuviele Gründe hatte. Die Soldaten wurden unter Anführung des Mr. Larkins ſicher in einer Loh⸗ gerberei verſteckt, und ich ſelbſt hatte, nachdem ich ſie für den Augenblick einem derzeit nicht verwendeten Of⸗ fizier übergeben, vollkommene Freiheit, ganz nach Be⸗ lieben über meine Zeit und Perſon zu verfügen. Während dieſe Anordnungen ſtattfanden, hatte ich Mr. Daly, unter deſſen Leitung und Schutz ich im Gerichtsſaale ſelbſt Platz zu finden gehofft hatte, um die Verhandlungen anzuhören, gänzlich aus dem Ge⸗ ſichte verloren, ſo daß ich jetzt, wie man im gemeinen Leben zu ſagen pflegt, mutterſeelen allein war, denn meines Wirthes zahlreiche Berufsgeſchäfte ließen auch nicht von ferne einen Gedanken an die Möglichkeit auf⸗ kommen, mich unter ſeine Obhut zu ſtellen. Das erſte Ziel meines Strebens war, das Gerichts⸗ haus zu erreichen, und dies zu finden, konnte nicht ſchwer ſein, denn die zahlloſen Perſonen, die ſich auf der Straße drängten, nahmen alle voll Eifers ihre Rich⸗ tung dahin. Ich folgte alſo dem großen Strome und befand mich bald unter einer ungebeuern Menge von Perſonen beiderlei Geſchlechts mit Frieskitteln und ro⸗ then Mänteln, in einem großen, offenen Viereck, das den Marktplatz bildete, und auf deſſen einer Seite das Gerichtshaus ſich befand— denn als ſolches erkannte ich ſogleich ein maſſiv ausſehendes, graues, ſteinernes Gebäude, an welchem die zahlreichen Fenſter, ſämmt⸗ lich geöffnet und mit Leuten angefüllt, fortwährend eine Art Dampf von der dichten, ſchwülen Athmosphäre drin⸗ nen ausdünſteten. In das Haus ſelbſt zu kommen, war rein unmöglich: denn der viereckige Platz war ſo dicht vollgepfropft, daß die Leute, die immer noch auf den verſchiedenen Straßen heranſtrömten, genöthigt waren, in den Eingängen zu demſelben ſtehen zu bleiben und von da zuzuſehen, was in der Entfernung vor ſich ging. Zu dieſem großen Haufen geſellte auch ich mich bald in der Hoffnung, es werde endlich irgend eine günſtige 326 Gelegenheit mich in den Stand ſetzen, durch einen mei⸗ ner juriſtiſchen Bekannten Zulaß zu erhalten. Daß das Schickſal derjenigen, bei denen es ſich um Leben oder Tod handelte, das ganze Gefühlsver⸗ mögen der draußen harrenden Menge in Anſpruch nahm, davon konnte ich mich ſchon durch einen fluchtigen Blick auf die Hunderte von angſtvollen und gramverzehrten Geſichtern vollſtändig überzeugen. Bewegungslos und ſtill ſtanden ſie da: ſie fühlten keine Ermüdung— kein Bedürfniß nach Nahrung oder nach Erfriſchungen irgend einer Art— ihr Intereſſe war ein einziges und un⸗ getheiltes— alle ihre Hoffnungen und Befürchtungen waren auf die Dinge konzentrirt, die in kurzer Ent⸗ fernung von ihnen vorgingen, und die in Folge der 8 Uuwiſſenheit, worin man über ſie ſchwebte, eine wei⸗ tere ſchmerzlich aufregende Kraft hatten— denn die einzige Kenntniß über den wirklichen Stand der Dinge beruhte auf einem gelegentlichen Worte, zuweilen einer bloßen Geberde von einer am Fenſter ſtehenden Perſon zu einem Freund im dem Gedränge. Als die Betrachtung dieſer ungemein eindrucksvol⸗ len Scene in Folge der Läſtigkeit meiner Stellung mich zu langweilen anfing, dachte ich auf meinen Rückzug, überzeugte mich aber bald von der Unmöglichkeit jedes Schrittes in dieſer Richtung. Die Menge hatte ſo voll⸗ ſtändig alle Zugänge blokirt, daß ich, wenn es mir auch gelungen wäre, von dem Marktplatze wegzukom⸗ men, damit weiter nichts gewonnen, ſondern feſt ein⸗ gepreßt unter dem Haufen auf der Straße hätte blei⸗ ben müſſen. Jetzt fiel mir auch ein, daß ich, obſchon Larkins mich verſichert hatte, daß man meine oder meiner Leute Dienſte unmöglich vor Beendigung des Prozeſſes in An⸗ ſpruch nehmen könne, im Falle er in dieſem Augenblick aufhörte, gänzlich außer Stands wäre, den Platz wie⸗ der zu erreichen, wo ich ſie aufgeſtellt hatte, und daß aus der Abweſenheit ihres Offiziers die ernſtlichſten Fol⸗ 327 gen entſtehen konnten, wenn die Mannſchaft zu thäti⸗ gem Einſchreiten aufgefordert wurde. Von der Zeit an, da dieſer Gedanke ſich meiner bemächtigt hatte, wurde mir ungemein ſchlecht zu Muthe. Jeder Ausdruck unter dem Volke, der ein neues Sta⸗ dium des Prozeſſes ankündigte, beunruhigte mich blos wegen ſeines Schluſſes, der nach meinem Dafürhalten nicht mehr ferne ſein konnte, und ich begann mit Auf⸗ bietung alles mir zu Gebote ſtehenden Scharfſinns mei⸗ nen Rückzug zu verſuchen, wovon ich aber nach halb⸗ ſtündigem, mühevollem Kampfe, der mich kaum um zn Schritte vorwärts gebracht hatte, gänzlich ab⸗ and. Endlich hörte der Anwalt der Krone, der ſein Re⸗ quiſitorium geſtellt hatte, auf, und vom Gerichtshauſe her wurde ein undeutliches Gemurre vernommen, das aber durch ein kräftiges„Stille!“ von allen Seiten des Gerichtsdieners bald beſchwichtigt war. Alles ſchien jetzt ſtill und ſchweigſam wie das Grab— doch konnte man, wenn man einige Zeit aufmerkſam lauſchte, die dumpfen Töne einer Stimme vernehmen, die, wie es ſchien, mit großer Bedachtſamkeit und ſehr langſam ſprach. Es war dies der Richter, der die Jury anre⸗ dete. Bald hörte auch er auf; länger als eine halbe Stunde blieb das Schweigen gänzlich unterbrochen, und ſowohl in als außer dem Hauſe herrſchte eine geſpannte, peinvolle Angſt, die jedes Gefühl verſchlang und jedem Geſicht einen Ausdruck der qualvollſten Ungewißheit gab. Wirklich war auch dieſer Zeitpunkt wohl geeignet, eine ſolch' tiefe Aufregung hervorzurufen. Die Jury hatte ſich zurückgezogen, um über ihren Spruch zu berathen. Endlich hörte man eine Thüre ſich öffnen und die Fuß⸗ tritte der Geſchworenen, als ſie ihre Plätze wieder ein⸗ nahmen, tönten durch den Saal und wurden von denen draußen gehört. Wie ſchwer auf manches mannhafte Herz dieſe Fußtritte fielen! Sie hatten ihre Sitze ein⸗ genommen— dann kam eine neue Pauſe— nach die⸗ — O——Q—— 328 ſer hörte man die eintönige Stimme des Gerichtsſchrei⸗ bers, der die Jury vor ihrem Spruche anredet. Als der Obmann aufſteht, da neigt ſich jedes Ohr— jedes Auge iſt geſpannt— jede Herzfiber zuckt: ſeine Lippen bewegen ſich, aber er wird nicht gehört; der Richter erſucht ihn, lauter zu ſprechen; ſein bisher blutloſes Ge⸗ ſicht färbt ſich; er ſcheint einige Sekunden lang mit mächtiger Anſtrengung zu arbeiten, und endlich ſpricht er die Worte aus: Schuldig, Mylord— Alle ſchuldig!“ Ich habe das wilde Kriegsgeheul des rothen In⸗ dianers gehört, wenn er in ſeinem eigenen Fichtenwald unerwartet auf die Spur ſeines Feindes gerathen, und die beinahe erloſchene Hoffnung auf Rache in ſeinem grauſamen Herzen neu entzündet worden iſt— ich habe das kaum weniger wilde Hurrah einer ſtürmenden Mann⸗ ſchaft vernommen, wenn ſie die ſich zerbröckelnden Trüm⸗ mer einer Breſche überſtiegen, und mit dieſem einzigen gellen Geſchrei alle, die ihrer warten, dem Feuer und Schwert geweiht hat— einmal in meinem Leben iſt es auch mein Schickſal geweſen, das letzte Trotzgeheul einer Piratenſchaar zu hören, die, beſtrichen vom gan⸗ zen Feuer einer Fregatte, lieber untergehn, als ſich er⸗ geben wollte, und zu Boden ſank mit einem heraus⸗ fordernden Gejauchze, welches ſelbſt die feuerſpeiende Artillerie übertönte, die ſie zerſtörte, jedoch nicht zu bezwingen vermochte;— aber nie, in keinem von all, dieſen grauenhaften Augenblicken zuckte mein Herz bei ſolchen Tönen, die jetzt die Luft zerriſſen, als das ver⸗ hängnißvolle Schuldig von denen drinnen pehört und denen draußen wiederholt wurde. Es war nicht Gram — es war nicht Verzweiflung— es war auch nicht der Schrei einer peinigenden, unbezähmbaren Angſt in Folge einer plötzlich zerſtörten Hoffnung— es war der mühſam und lang zurückgehaltene, der ſorgfältig ver⸗ hehlte Ausdruck eines Gefühls, das laut nach Rache ſchrie— nach blutrother, rauchender Rache an Allen, welche zu dem ſo eben gefällten Spruche mitgewirkt — 329 hatten. Der Lärm hörte auf, und ich blickte nach dem Gerichtshauſe in der Erwartung, es werde unmittelbar ein verzweifelter Angriff auf das Gebäude und die darin ſich befindenden Perſonen ſtattfinden. Aber nichts von dieſer Art erfolgte; die Menge begann bereits ſich zu zerſtreuen; bevor ich mich noch vollkommen von der Auf⸗ regung dieſer wenigen furchtbaren Augenblicke erholt hatte, war der Platz beinahe geleert und es war mir faſt zu Muthe, als ſeien die wilden, wahnſinnigen Töne, die noch immer in meinen Ohren klangen, durch eine fieberhaft erhitzte Einbildungskraft heraufbeſchworen worden. Als ich wieder bei Tiſche mit unſerer Geſellſchaft zuſammentraf, konnte ich nicht umhin mit Ueberraſchung zu bemerken, wie wenig ſie in mein Gefühl für die Ereigniſſe des Tages einſtimmte; ſie betrachteten die⸗ ſelben wirklich blos von ihrem profeſſionellen Geſichts⸗ punkte aus— ſie kritiſirten die Reden der beiderſeiti⸗ gen Anwälte, ſowie den Charakter der verſchiedenen Zeugen, die verhört worden waren. „Nun,“ ſagte Mr. Daly, unſern Wirth anredend, „heute hätten Sie es doch zu keiner Ueberführung ge⸗ bracht, wenn Mickey nicht geweſen wäre; er iſt der beſte Zeuge, den ich jemals gehört habe. Ich möchte doch wiſſen, wie Sie einen ſo geſchickten Kerl ſo voll⸗ ſtändig in Ihre Klauen bekommen haben.“ „Durch einen bloßen Zufall und auf eine höchſt einfache Art,“ antwortete der Richter.„Es war an einem unſerer mühevollſten Werktage— die halbe Graf⸗ ſchaft war in der Stadt, als die Nachricht einlief, daß die Walſhes in der Nacht zuvor auf der Kreuzſtraße über den Telenamucker Mühlen ermordet worden ſeien. Ich bekam dieſe Kunde, als ich eben in Zehntſachen ei⸗ nige Haftbefehle unterzeichnete, wovon einer gegen Mi⸗ ckey gerichtet war. Ich beſchickte ihn auf das Amt, und da ich wußte, daß er in das Geheimniß aller Ver⸗ brechen eingeweiht war, ſo gab ich mir den Anſchein⸗ —— 330 als wollte ich ihm einen Dienſt erweiſen, und erbot mich, gleichſam aus Wohlwollen gegen ihn, den Haſt⸗ befehl wieder aufzuheben. Gut, auf die eine oder an⸗ dere Art wurde er mehrere Stunden lang mit Worten hingehalten, während ich mit Schreiben beſchäftigt war, und alles Landvolk, das am Fenſter vorbeiging, konnte hereinblicken, und Mickey Sheehan vor mir ſtehen ſehen, indem ich ſelbſt geſchäftig Briefe ſchrieb. Eben um dieſe Zeit kam ein berittener Polizeimann mit der Nach⸗ richt vom Morde angeſprengt, worauf ich ſogleich einen Befehl erließ, vie beiden Mac Neills und Owen Shir⸗ ley wegen Verdachts zu verhaften. Ich meinte, ich ſah Mickey blaß werden, als ich dem Polizeiſergeanten dieſe Namen ſagte, und ich beſchloß alsbald, dieſen Umſtand mir zu Nutze zu machen; ich begann daher mit Mickey von ſeinen eigenen Angelegenheiten zu ſprechen, brach aber ſehr häufig wieder ab, um in Betreff der Leute, die eingezogen werden ſollten, einige Befehle zu er⸗ theilen. Das Gedränge außen nahm mit jedem Augen⸗ blick zu, und ich brädchte ihre Geſichter nicht zweimal geſehen zu haben, zu bemerken, daß ſie Mickey für einen Denunzianten hielten; in derſelben Nacht, wo die Mac Neills in's Gefängniß gebracht wurden, ging Shee⸗ hans Haus und Schuppen in Flammen auf, und er felbſt entkam nur durch ein Wunder nach Curryglaß, wo ich, nachdem er einmal unter meinem Schutze und im Verdachte ſtand, ein Zeuge für die Regierung ge⸗ worden zu ſein, wenig Mühe hatte, ihn zu überreden, daß er klüger thue, aus dieſer Wendung der Dinge Nutzen zu ziehen, als blos den Namen ohne allen Vor⸗ theil zu haben. Er willigte bald ein, und die Ueber⸗ üprungen des heutigen Tages find zum Theil ſein — Wer., Als der Beifall, der dieſen geſcheidten Streich un⸗ ſeres Wirthes begrüßte, ſich gelegt hatte, fragte ich, was die wahrſcheinlichen Folgen der Vorgänge ſein werden, die ich heute mit angeſehen habe. 331 „Für den Augenblick wird nichts geſchehen,“ ant⸗ wortete der Richter,„weil wir eine ſtarke Polizei und aauch militäriſche Mannſchaft bei uns haben; aber laſ⸗ ſen Sie die eine, oder unglücklicherweiſe beide entfernt werden, ſo wird das Geſchrei, das Sie heute auf dem Marktplatze gehört haben, für mehr als einen, der jetzt noch wohl und munter iſt, das Signal zu ſeinem letz⸗ ten Seußzer ſein.“ Die Gedankenbilder, welche mir durch Alles, was ich den Tag über angeſehen hatte, unwiderſtehlich auf⸗ gedrängt wurden, machten mir nur wenig Luſt an der Freude und Munterkeit Theil zu nehmen, die wie ge⸗ wöhnlich die Aſſiſenſchmäuſe des Mr. Larkins bezeich⸗ nete; ich ergriff daher bald eine Gelegenheit, die Ge⸗ ſellſchaft zu verlaſſen und mich für die Nacht zurückzu⸗ ziehen. 8 — ———— Mſiſiſnnſnnnh enanna 1 15 1 17 8 9 10 11 2 13 14 6 ——