deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 d on Eduard Oflmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. DLeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stuͤn⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 3 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der 8 Landenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 6 lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam geuracht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —* 4— Leſſing's Emilia Galotti. Ein Trauerſpiel in fünf Aufzügen. geee Ehrenbreitſtein. 1 Verlag der Volksbibliothek. Verſonen. — Emilla Galotti. 8 und Galotti. Aeltern der Emilia. Hettags Gonza. Prinz von Guaſtalla. Marinelli. Kammerherr des Prinzen. 3 Eamillo Rota. Einer von des Prinzen Raͤthen. EConti. Maler. Graf Appani. Gräfin Orſina. Angelo und einige Bediente. Erſter Aufzug. (Die Scene: ein Cabinet des Prinzen.) Erſter Auftritt. Der Prinzan einem Arbeitstiſche, voller Briefſchaf⸗ ten und Papiere, deren einige er durchläuft. Klagen, nicht als Klagen! Bittſchriften, nichts als Bittſchriften!— Die traurigen Geſchäfte; und man beneidet uns noch!— Das glaub' ich; wenn wir allen helfen könnten: dann wänen wir zu beneiden. — Emilia?(indem er noch eine von den Bittſchriften aufſchlägt, und nach dem unterſchriebenen Namen ſieht.) Eine Emilia?— Aber eine Emilia Bruneschi— nicht Galotti. Nicht Emilia Galotti!— Was will ſie, dieſe Emilia Brunneschi(er lieſet) Viel gefordert; ſehr viel.— Doch ſie heißt Emilia. Gewährt(er unterſchreibt und klingelt; worauf ein Kammerdiener her⸗ eintritt.) Es iſt wohl noch keiner von den Räthen in dem Vorzimmer?* Haumerdiemer. Aen 2 üt. d— Prinz. Ich habe zu früh Tag gemacht. Der Morgen 17 e ahnt Ich will aaofaſden Marcheſe Marinelli ſoll mich begleiten. Laß ihn rnfen.(d. Kammerdiener geht ab.)— Ich kann doch nicht mehr arbeiten.— Ich war ſo ruhig, bild' ich mir ei 1 ſo ruhig.— Auf ein Mal muß eine arme Bruneschi, Emilia heißen:— weg iſt meine Ruhe, und alles! Kammerd.(welcher wieder herein tritt). Nach dem Marcheſe iſt geſchickt. Und hier, ein Brief von der Gräfin Orſina. Prinz. Der Orſina? Legt ihn hin. Kammerd. Ihr Läufer wartet. Prinz. Ich will die Antwort ſenden; wenn es einer bedarf.— Wo iſt ſie? in der Stadt? oder auf ihrer Villa? Kammerd. Sie iſt geſtern in die Stadt ge⸗ kommen. Prinz. Deſto ſchlimmer— beſſer; wollt' ich ſa⸗ gen. So braucht der Läufer um ſo weniger zu warten(der Kammerdiener geht ab.) Mein theure Gräfin (bitter, indem er den Brief in die Hand nimmt), ſo gut, als geleſen!(und ihn wieder wegwirft.) Nun jaz; ich habe ſie zu lieben geglaubt! Was glaubt man nicht alles? Kann ſein, ich habe ſie auch wirklich geliebt. Aber— ich habe! Kammerd.(der nochmals herein tritt). Der Ma⸗ ler Conti will die Gnade haben Prinz. Conti? Recht wohl; laßt ihn herein⸗ kommen. Das wird mir andere Gedanken in den Kopf bringen.(ſteht auf.) Zweiter Auftriti. Conti. Der Prinz. Prinz. Guten Morgen, Conti. Wie leben Sie? Was macht die Kunſt? mn Conti. Prinz, die Kunſt geht nach Brod. Prinz. Das muß ſie nicht; das ſoll ſie nicht, — in meinem kleinen Gebiete gewiß nicht.— Aber der Künſtler muß auch arbeiten wollen. Conti. Arbeiten? das iſt ſeine Luſt. Nur zu viel arbeiten müſſen, kann ihn um den Namen Künſt⸗ ler bringen. Prinz. Ich meine nicht vieles, ſondern viel: ein Weniges; aber mit Fleiß.— Sie kommen doch nicht leer, Conti? Conti. Ich bringe das Porträt, welches Sie mir befohlen haben, gnädiger Herr. Und bringe noch eines, welches Sie mir nicht befohlen: aber weil es geſehen zu werden verdient Prinz. Jenes iſt?— Kann ich mich doch kaum erinnern Conti. Die Gräfin Orſina. Prinz. Wahr?— Der Auftrag iſt nur ein we⸗ nig von lange her. Conti. Unſere ſchönen Damen ſind nicht alle Tage zum Malen. Die Gräfin hat, ſeit drei Mo⸗ naten, gerade ein Mal ſich entſchließen können, zu ſitzen. Prinz. Wo ſind die Stücke? Conti. In dem Vorzimmzus ich hole ſie. Dritter Auftritt. 2 Der Prinz. Ihr Bild!— mag! Ihr Bild, iſt ſie doch nicht ſelber. Und vielleicht find' ich in dem Bilde wieder, was ich in der Perſon nicht mehr erblicke. Ich will es aber nicht wiederfinden. Der beſchwerliche Ma⸗ ler! Ich glaube gar, ſie hat ihn beſtochen. Wär' es auch! Wenn ihr ein anderes Bild, das mit andern Farben, auf einen ander Grund gemalet iſt,— in meinem Herzen wieder Platz machen will:— Wahr⸗ lich, ich glaube, ich wär' es zufrieden. Als ich dort liebte, war ich immer ſo leicht, ſo fröhlch, ſo aus⸗ gelaſſen. Nun bin ich von allem das Gegentheil. Doch nein;z nein, nein! Behäglicher, oder nicht be⸗ häglicher; ich bin ſo beſſer. Viertrr Auferitt. Der Prinz, Conti, mit den Gemälden, wovon er das eine verwandt gegen einen Stuhl lehnet. Conti(indem er das andere zurecht ſtellt.) Ich bitte, Prinz, daß Sie die Gränzen unſerer Kunſt erwägen wollen. Vieles von dem Anzüglichſten der Schön⸗ heit, liegt ganz außer den Gränzen derſelben. Treten Sie ſo! Prinz(nach einer kurzen Betrachtung.) Vortreff⸗ lich, Conti; ganz vortrefflich! Das gilt Ihrer Kunſt, Ihrem Pinſel. Aber geſchmeichelt, Conti;z ganz un⸗ dlich geſchmeichelt Lonti. Das Original ſchien dieſer Meinung nicht a ſein. Auch iſt es in der That nicht mehr ge⸗ ſhmeichelt als die Kunſt ſchmeicheln muß. Die Kunſt muß malen, wie ſich die plaſtiſche Natur, wenn es eine giebt— das Bild dachte: ohne den Abfall, welchen der widerſtrebende Stoff unvermeidlich macht; — 7— ohne das Verderb, mit welchem die Zeit dagegen ankämpfet. Prinz. Der denkende Künſtler iſt noch eins ſo viel werth. Aber das Original, ſagen Sie, fand dem ungeachtet— 1 Conti. Verzeihen Sie, Prinz. Das Original iſt eine Perſon, die meine Ehrerbietung fodert. Ich habe nichts nachtheiliges von ihr äußern wollen. Prinz. So viel als Ihnen beliebt! Und was ſagte das Original? Conti. Ich bin zufrieden, ſagte die Gräfin, wenn ich nicht häßlicher ausſehe. 9 wrius Nicht häßlicher?— O das wahre Ori⸗ ginal! Conti. Und mit einer Miene ſagte ſie das, von der freilich dieſes ihr Bild keine Spur, keinen Ver⸗ dacht zeiget. Prinz. Das meint' ich ja; das iſt es eben, wo⸗ rin ich die unendliche Schmeichelei finde. O! ich kenne ſie, jene ſtolze höhniſche Miene, die auch das Geſicht einer Grazie entſtellen würde! Ich leugne nicht, daß ein ſchöner Mund, der ſich ein wenig ſpöttiſch verziehet, nicht ſelten um ſo viel ſchöner iſt. Aber wohl gemerkt, ein wenig: die Verziehung muß nicht bis zur Grimaſſe gehen, wie bei dieſer Gräfin. Und Augen müſſen über den wollüſtigen Spötter die Auf⸗ ſicht führen,— Augen, wie ſie die gute Gräfin nun gerade gar nicht hat. 1 Conti. Gnädiger Herr, ich bin äußerſt betroffen— Prinz. Und worüber? Alles, was die Kunſt aus den großen, hervorragenden, ſtieren, ſtarren Meduſen⸗ augen der Gräfin gutes machen kann, das haben Sie, Conti, redlich daraus gemacht. Redlich, fag⸗ ich? Nicht ſo redlich, wäre redlicher. Denn, ſagen Sie ſelbſt, Conti, läßt ſich aus dieſem Bilde wohl der Charakter der Perſon ſchließen? Und das ſollte doch. Stolz haben Sie in Würde, Hohn in Lächeln, Anſatz zu trübſinniger Schwärmerei in ſanfte Schwer⸗ muth verwandelt. Conti(etwas ärgerlich.) Ah, mein Prinz, wir Maler rechnen darauf, daß das fertige Bild den Liebhaber noch eben ſo warm findet, als warm er es beſtellte. Wir malen mit Augen der Liebe; und Augen der Liebe müßten uns auch nur beurtheilen. Prinz. Ja nun, Conti; warum kamen Sie nicht einen Monat früher damit? Setzen Sie weg. Was iſt das andere Stück? Conti(indem er es holt, und noch verkehrt in der Hand hält.) Auch ein weibliches Porträt. Prinz. So möcht' ich es bald— lieber gar nicht ſehen. Denn dem Ideal hier(mit dem Finger auf die Stirn)— oder vielmehr hier,(mit dem Finger auf das Herz) kömmt es doch nicht bei. Ich wünſchte Conti, ihre Kunſt in andern Vorwürfen zu bewundern. Conti. Eine bewunderungswürdigere Kunſt giebt es; aber ſicherlich keinen bewundernswürdigern Ge⸗ genſtand, als dieſen. „Prinz. So wett' ich, daß es des Künſtlers eigene Gebietherin iſt—(indem der Maler das Bilds unwendet,) Was ſeh' ich? Ihr Werk, Conti, oder das Werk meiner Phantaſie? Emilia Galotti! Conti. Wie, mein Prinz? Sie kennen dieſen Engel?2 Prinz(indem er ſich zu faſſen ſucht, aber ohne ein Auge von dem Bilde zu verwenden.) So halb! um ſie eben wieder zu kennen. Es iſt einige Wochen her, als ich ſie mit ihrer Mutter in einer Vegghia traf. Nachher iſt ſie mir nur an heiligen Stätten wieder vorgekommen, wo das Angaffen ſich weniger ziemet. Auch kenn' ich ihren Vater. Er iſt mein Freund nicht. Er war es, der ſich meinen Anſprüchen auf Sabionetta am meiſten widerſetzte. Ein alter Degen; ſtolz und rauh; ſonſt bieder und gut! 3 Conti. Der Vater! Aber hier haben wir ſeine Tochter.— Prinz. Bei Gott! wie aus dem Spiegel geſtohlen! lnoch immer die Augen auf das Bild geheftet! O, Sie wiſſen es ja wohl, Conti, daß man den Künſtler dann erſt recht lobt, wenn man über ſein Werk ſein Lob vergißt. 4 Conti. Gleichwohl hat mich dieſes noch ſehr unzufrieden mit mir gelaſſen.— Und doch bin ich wiederum ſehr zufrieden mit meiner Unzufriedenheit mit mir ſelbſt.— Ha! daß wir nicht unmittelbar mit den Augen malen! Auf dem langen Wege, aus dem Auge durch den Arm in den Pinſel, wie viel geht da verloren!— Aber, wie ich ſage, daß ich es weiß, was hier verloren gegangen, und wie es ver⸗ loren gegangen, und warum es verloren gehen müſ⸗ ſen: darauf bin ich eben ſo ſtolz, und ſtolzer, als ch auf alles das bin, was ich nicht verloren gehen laſſen. Denn aus jenem erkenne ich, mehr als aus dieſem, daß ich wirklich ein großer Maler bin; daß es aber meine Hand nur nicht immer iſt.— Oder — 10— meinen Sie, Prinz, daß Naphael nicht das größte maleriſche Genie geweſen wäre, wenn er unglückli⸗ cher Weiſe ohne Hände wäre geboren worden? Mei⸗ nen Sie, Prinz? Prinz(indem er nur eben von dem Bilde wegblickt.) Was ſagen Sie, Conti? Was wollen Sie wiſſen? Conti. O nichts, nichts!— Plauderei! Ihre Seele, merk' ich, war ganz in Ihren Augen. Ich liebe ſolche Seelen, und ſolche Augen. Prinz(mit einer erzwungenen Kälte.) Alſo, Conti, rechnen Sie doch wirklich Emilia Galotti mit zu den vorzüglichſten Schönheiten unſerer Stadt? Conti. Alſo? mit? mit zu den vorzüglichſten? und den vorzüglichſten unſrer Staft?— Sie ſpot⸗ ten meiner, Prinz. Oder Sie ſahen, die ganze Zeit, eben ſo wenſ als Sie hörten. Prinz. Lieeber Conti,(die Augen wieder auf das Bild gerichtet) wie darf unſer einer ſeinen Augen trauen? Eigentlich weiß doch nur allein ein Maler von der Schönheit zu urtheilen. Conti. Und eines jeden Empfindung ſollte erſt auf den Ausſpruch eines Malers warten?— Ins Kloſter mit dem, der es von uns lernen will, was ſchön iſt! Aber das muß ich Ihnen doch als Maler ſagen, mein Prinz: eine von den größten Glückſelig⸗ keiten meines Lebens iſt es, daß Emilia Galotti mir geſeſſen. Dieſer Kopf, dieſes Antlitz, dieſe Stirn, dieſe Augen, dieſe Naſe, dieſer Mund, dieſes Kinn, dieſer Hals, dieſe Bruſt, dieſer Wuchs, dieſer ganze Bau, ſind, von der Zeit an, mein einziges Studium der weiblichen Schönheit. Die Schilderei ſelbſt, wo⸗ —— — 11— vor ſie geſeſſen, hat ihr abweſender Vater bekommen. Aber dieſe Kopie— Prinz der ſich ſchnell gegen ihn kehret.) Nun Conti? iſt doch nicht ſchon verſagt? Conti. Iſt für Sie, Prinz; wenn Sie Ge⸗ ſchmack daran finden.— Prinz. Geſchmack!(lächelnd) Dieſes Ihr Stu⸗ dium der weiblichen Schönheit, Conti, wie könnt' ich beſſer thun, als es auch zu dem meinigen zu machen? Dort, jenes Porträt nehmen Sie nur wie⸗ der mit,— einen Rahmen darum zu beſtellen. Conti. Wohl! Prinz. So ſchön, ſo reich, als ihn der Schni⸗ tzer nur machen ann. Es ſoll in der Gallerie auf⸗ geſtellet werden. Aber dieſes bleibt hier. Mit einem Studio macht man ſo viel Umſtände nicht: auch läßt man das nicht aufhängen: ſondern hat es gern bei der Hand. Ich danke Ihnen, Conti; ich danke Ihnen recht ſehr. Und wie geſagt; in meinem Ge⸗ biete ſoll die Kunſt nicht nach Brod gehen;— bis ich ſelbſt keines habe. Schicken Sie, Conti, zu mei⸗ nem Schatzmeiſter, und laſſen Sie, auf Ihre Quit⸗ tung, für beide Porträtte ſich bezahlen,— was Sie wollen. So viel Sie wollen, Conti. Conti. Sollte ich doch nun bald fürchten, Prinz, daß Sie ſo noch etwas anders belohnen wollen, als die Kunſt.— Prinz. O des eiferſüchtigen Künſtlers! Nicht doch! Hören Sie, Conti; ſo viel Sie wollen. [Conti geht ab.] — 12— Fünfter Auftritt. Der Prinz. So viel er will!(gegen das Bild) Dich hab' ich für jeden Preis noch zu wohlfeil. Ah! ſchönes Werk der Kunſt, iſt es wahr, daß ich dich beſitze? Wer dich auch beſäße, ſchönres Meiſterſtück der Natur! Was Sie dafür wollen, ehrliche Mutter! Was du willſt, alter Murrkopf! Fordre nur! Fordert nur! Am liebſten kauft' ich dich, Zauberin, von dir ſelbſt. Dieſes Auge voll Liebreiz und Beſcheidenheit! Dieſer Mund! und wenn er ſich zum Reden öffnet! wenn er lächelt! Dieſer Mund! Ich höre kommen. Noch bin ich mit dir zu neidiſch(indem er das Bild gegen die Wand drehet.) Es wird Marinelli ſein. Hätt; ich ihn doch nicht rufen laſſen! Was für einen Morgen könnt' ich haben! 1 Sechster Auftritt. Marinelli. Der Prinz. Marinelli. Gnädiger Herr, Sie werden ver⸗ zeihen. Ich war mir eines ſo frühen Befehls nicht ggewärtig. Prinz. Ich bekam Luſt, auszufahren. Der Morgen war ſo ſchön.— Aber nun iſt er ja wohl verſtrichen; und die Luſt iſt mir vergangen.(Nach einem kurzen Stillſchweigen.) Was haben wir Neues Marinelli? 8 Mar. Nichts von Belang, das ich wüßte.— Die Gräfin Orſina iſt geſtern zur Stadt gekommen. Prinz. Hier liegt auch ſchon ihr guter Morgen — 13— (auf ihren Brief zeigend) oder was es ſonſt ſein mag! Ich bin gar nicht neugierig darauf. Sie haben ſie geſprochen? Mar. Bin ich, leider, nicht ihr Vertrauter? Aber, wenn ich es wieder von einer Dame werde, der es einkömmt, Sie in gutem Ernſte zu lieben, Prinz: ſo— Prinz. Nichts verſchworen, Marinelli! Mar. Ja? In der That, Prinz? Könnt; es doch kommen? O! ſo mag die Gräfin auch ſo Un⸗ recht nicht haben. 1 Prinz. Allerdings, ſehr Unrecht! Meine nahe Vermählung mit der Prinzeſſin von Maſſa, will durchaus, daß ich alle dergleichen Händel für's erſte abbreche. Mar. Wenn es nur das wäre: ſo müßte frei⸗ lich Orſina ſich in ihr Schickſal eben ſo wohl zu finden wiſſen, als der Prinz in feines. Prinz. Das unſtreitig härter iſt, als ihres. Mein Herz wird das Opfer eines elenden Staats⸗ intereſſe. Ihres darf ſie nur zurücknehmen: aber nicht wider Willen verſchenken. Mar. Zurücknehmen? Warum zurücknehmen? fragt die Gräfin: wenn es weiter nichts, als eine Gemahlin iſt, die dem Prinzen nicht die Liebe, ſon⸗ dern die Politik zuführet? Neben ſo einer Gemahlin ſieht die Geliebte noch immer ihren Platz. Nicht ſo kiner Gemahlin fürchtet ſie aufgeopfert zu ſein, ſon⸗ ern— Prinz. Einer neuen Geliobten.— Nun denn? — 414— Wollten Sie mir daraus ein Verbrechen machen, Marinelli? Mar. Ich?— Ol vermengen Sie mich ja nicht, mein Prinz, mit der Närrin, deren Wort ich führe, — aus Mitleid führe. Denn geſtern, wahrlich, hat ſie mich ſonderbar gerühret. Sie wollte von ihrer Angelegenheit mit Ihnen gar nicht ſprechen. Sie wollte ſich ganz gelaſſen und kalt ſtellen. Aber mit⸗ ten in dem gleichgültigſten Geſpräche, entfuhr ihr Eine Wendung, Eine Beziehung über die andere, die ihr gefoltertes Herz verrieth. Mit dem luſtigſten Weſen ſagte ſie die melancholiſchſten Dinge: und wiederum die lächerlichſten Poſſen mit der allertraurigſten Miene. Sie hat zu den Büchern ihre Zuflucht genommen; und ich fürchte, die werden ihr den Reſt geben. Prinz. So wie ſie ihrem armen Verſtande auch den erſten Stoß gegeben. Aber was mich vornehm⸗ lich mit von ihr entfernt hat, das wollen Sie doch nicht brauchen, Marinelli, mich wieder zu ihr zurück zu bringen? Wenn ſie aus Liebe närriſch wird, ſo wäre ſie es, früher oder ſpäter, auch ohne Liebe ge⸗ worden. Und nun, genug von ihr. Von etwas an⸗ derm! Geht denn gar nichts vor in der Stadt? Mar. So gut, wie gar nichts. Denn daß die Verbindung des Grafen Appaini heute vollzogen wird, ſſt nicht viel mehr, als gar nichts. 5 Prinz. Des Grafen Appiani? und mit wem vein— Ich ſoll ja noch hören, das er verſpro⸗ ſt. hhen iſt. Mar. Die Sache iſt ſehr geheim gehalten wor⸗ — 415— den. Auch war nicht viel Aufhebens davon zu ma⸗ chen. Sie werden lachen, Prinz. Aber ſo geht es den Empfindſamen! Die Liebe ſpielet ihnen immer die ſchlimmſten Streiche. Ein Mädchen ohne Ver⸗ mögen und ohne Rang, hat ihn in ihre Schlinge zu ziehen gewußt, mit ein wenig Larve: aber mit vielem Prunke von Tugend und Gefühl und Witz,— und was weiß ich? Prinz. Wer ſich den Eindrücken, die Unſchuld und Schönheit auf ihn machen, ohne weitere Rückſicht, ſo ganz überlaſſen darf; ich dächte der wäre eher zu benei⸗ den als zu belachen. Und wie heißt denn die Glück⸗ liche? Denn bei alle dem iſt Appiani— ich weiß wohl, daß Sie, Marinelli, ihn nicht leiden können, eben ſo wenig als er Sie— bei alle dem iſt er doch ein ſehr würdiger junger Mann, ein ſchöner Mann, ein reicher Mann, ein Mann voller Ehre. Ich hätte ſehr gewünſcht, ihn mir verbinden zu können. Ich werde noch darauf denken. Mar. Wenn es nicht zu ſpät iſt. Denn ſo viel ich höre, iſt ſein Plan gar nicht, bei Hofe ſein Glück u machen. Er will mit ſeiner Gebictherin nach enen Thälern von Piemont: Gemſen zu jagen, auf den Alpen; und Murmelthiere abzurichten. Was kann er beſſeres thun? Hier iſt es durch das Miß⸗ bündniß, welches er trifft, mit ihm doch aus. Der Zirkel der erſten Häuſer iſt ihm von nun an ver⸗ ſchloſſen. Prinz. Mit euren erſten Häuſern! in welches das Ceremoniel, der Zwang, die Langeweile, nnd nicht — 46— ſelten die Dürſtigkeit herrſchet. Aber ſo neunen Sie mir ſie doch, der er dieſes ſo große Opfer bringt. 1 vein Es iſt eine gewiſſe Emilia Galotti. Pri Wie, Marinelli? Eine gewiſſe— Mar. Emilia Galotti. Prinz. Emilia Galotti? Nimmermehr? Mar. Zuverläſſig, gnädiger Herr. Prinz. Nein, ſag ich; das iſt nicht, das kann nicht ſein. Sie irren ſich in dem Namen. Das Ge⸗ ſchlecht der Galotti iſt groß. Eine Galotti kann es ſein: aber nicht Emilia Galottiz nicht Emilia! Mar. Emilia— Emilia Galotti! Prinz. So giebt es noch eine, die beide Namen führt. Sie ſagten ohnedem, eine gewiſſe Emilia Ga⸗ lotti eine— gewiſſe. Von der erſten könnte nur ein Narr ſo ſpreche Mar. Sie ſind außer ſich, gnädiger Herr. Ken- nen Sie denn dieſe Emilia? 2 Prinz. Ich habe zu fragen, Marinelli, nicht Er. Emilia Galotti? Die Tochter des Oberſten Ga- lotti? bei Sabionetta? Mar. Eben die. Prinz. Die hier in Guaſtalla mit ihrer Mutter wohnet? M ar. Eben die. Prinz. Unfern der Kirche Allerheiligenn Mar. Eben die. Prinz. Mit einem Worte—(indem er nach dem Portratte ſpringt, und es dem Marinelli in die Hand giebt). Da! Dieſe? Emilia Galotti? Sprich Dein — 17— verdammtes„Ehen die“ noch ein Maſ, und ſtoß mit den Dolch ins Herz. 6. Mar. Eben die! Prinz. Henker! Dieſe? Dieſe Emilia Galotti wird heut—. Mar. Gräfin Appianil(hier reißt der Prinz dem Marinelli das Bild wieder aus der Hand, und wirft es bei Seite). Die Trauung geſchieht in der Stille, auf dem Landgute des Vaters bei Sabionetta. Gegen Mittag fahren Mutter und Tochter, der Graf und vielleicht ein paar Freunde dahin ab. Prinz(der ſich voll Verzweiflung in einem Stuhl wirft). So bin verloren! So will ich nicht leben! Mar. Aber was iſt Ihnen, gnädiger Herr? Prinz(der gegen ihn wieder aufſpringt). Verrä⸗ ther, was mir iſt? Nun ja, ich liebe ſie; ich bete ſie an. Mögt Ihr es doch wiſſen! mögt ihr es doch längſt gewußt haben, alle Ihr, denen ich der tollen Orſina ſchimpfliche Feſſeln lieber ewig tragen ſollte! Nur daß Sie, Marinelli, der Sie ſo oft mich Ihrer innigſten Freundſchaft verſicherten— O ein Fürſt hat keinen Freund! kann keinen Freund haben! daß Sie, Sie, ſo treulos, ſo hämiſch mir bis auf dieſen Augenblick die Gefahr verhehlen durften, die meiner Liebe drohte: wenn ich Ihnen jemals das ver⸗ gebe, ſo werde mir meiner Sünden feine vergeben! Mar. Ich weiß faum Worte zu finden, Prinz, wenn Sie mich auch dazu kommen ließen, Ihnen mein Erſtaunen zu bezeigen. Sie lieben Emilia Galotti? Schwur dann gegen Schwur: Wenn ich von dieſer Liebe das geringſte gewußt, das Aeunaſt wenn Sie können: und fragen Sie dann. — 18— vermuthet habe; ſo möge weder Engel noch Heiliger von mir wiſſen! Eben das wollt' ich in der Seele der Orſina ſchwören. Ihr Verdacht ſchweift auf einer ganz ander Fährte. Prinz. So verzeihen Sie mir, Marinelli;(indem er ſich ihm in die Arme wirft) und bedauern Sie mich. Mar. Nun da, Prinz! Erkennen Sie da die Frucht Ihrer Zurückhaltung!„Fürſten haben keinen Freund! können keinen Freund haben!“ Und die Ur⸗ ſache, wenn dem ſo iſt? Weil ſie keinen haben wol⸗ jen. Heute beehren ſie uns mit ihrem Vertrauen, theilen uns ihre geheimſten Wünſche mit, ſchließen uns ihre ganze Seele auf: und morgen ſind wü ihnen wieder ſo fremd, als hätten ſie nie ein Won gewechſelt, Prinz. Ach! Marinelli, wie konnt' ich Ihne vertrauen, was ich mir ſelbſt kaum zugeſtehen wagte? Mar. Und alſo wohl noch weniger der Urhe⸗ berin Ihrer Qual geſtanden haben? Prinz. Ihr? Alle meine Mühe iſt vergebent geweſen, ſie ein zweites Mal zu ſprechen. Mar. Und das erſte Mal— Prinz. Sprach ich ſie. O, ich komme von Sinnen! Und ich ſoll Ihnen noch lange erzählen! Sie ſehen mich einen Raub der Wellen: was fra Sie viel, wie ich es geworden? Retten Sie 1nh Mar. Retten? da iſt viel zu retten! Was verſäumt haben, gnädiger Herr, der Emilia Galott zu bekennen, das bekennen Sie nun der Gräfin Ar⸗ piani. Wagren, die man aus der erſten Hand nict — 19— haben kann, kauft man aus der zweiten:— und ſolche Waaren nicht ſelten aus der zweiten um ſo iel wohlfeiler. Prinz. Ernſthaft, Marinelli, ernſthaft, oder— Mar. Freilich auch um ſo viel ſchlechter— Prinz. Sie werden unverſchämt! Mar. Und dazu will der Graf damit aus dem Lande. Ja, ſo müßte man auf etwas anders denken. Prinz. Und auf was? Liebſter, beſter Mari⸗ nelli, denken Sie für mich. Was würden Sie thun, wenn Sie an meiner Stelle wären? Mar. Vor allen Dingen, eine Kleinigkeit als eine Kleinigkeit anſehen; und mir ſagen, daß ich nicht vergebens ſein wolle, was ich bin— Herr! Prinz. Schmeicheln Sie mir nicht mit einer Gewalt, von der ich hier keinen Gebrauch abſehe. eute ſagen Sie? ſchon heute? Mar. Erſt heute— ſoll es geſchehen. Und nur geſchehenen Dingen iſt nicht zu rathen.(Nach. einer kurzen Ueberlegung.) Wollen Sie mir freie Hand laßen, Prinz? Wollen Sie alles genehmigen, was ich thue? Prinz. Alles, Marinelli, alles, was dieſen Streich abwenden kann. Mar. So laſſen Sie uns keine Zeit verlieren. Aber bleiben Sie nicht in der Stadt. Fahren Sie ſogleich nach Ihrem Luſtſchloſſe, nach Doſala. Der Weg nach Sabionetta geht da vorbei. Wenn es mir nicht gelingt, den Grafen augenblicklich zu ent⸗ fernen, ſo denk ich— Doch, doch: ich glaube, er geht in dieſe Falle gewiß. Sie wollen 5 Prinz, — 20— 1 3 wegen Ihrer Vermählung einen Geſandten nagh 6 Maſſa ſchicken? Laſſen Sie den Grafen dieſen Ge⸗ ſandten ſein mit dem Bedinge, daß er noch heutt abreiſet. Verſtehen Sie? 3 Prinz. Vortrefflich! Bringen Sie ihn zu mi heraus. Gehen Sie, eilen Sie. Ich werſe mi ſogleich in den Wagen.(Marinelli geht ab.) Siebenter Auftritt. Der Prinz. Sogleich! ſogleich! Wo blieb es?(ſch nach dem Portrait umſehend) Auf der Erde? das war zu au (indem er es aufhebt); doch betrachten? betrachten ma ich Dich fürs erſte nicht mehr. Warum ſollt' 3 mir den Pfeil noch tiefer in die Wunde drücken, (ſett ſich bei Seite) Geſchmachtet, geſeufzet hab' ich 18 lange genug,— länger, als ich geſollt hätte: abnn nichts gethan! und über die zärtliche Unthätigkeit bei einem Haar' alles verloren! Und wenn nun dolh alles verloren wäre? Wenn Marinelli nichts ausrich⸗ tete? Warum ich ich mich auch auf ihn allein ver⸗ laſſen? Es fällt mir ein,— um dieſe Stunde (nach der Uhr ſohend) um dieſe nämliche Stunde pflegt das fromme Mädchen alle Morgen bei den Domine kanern die Meſſe zu hören. Wie, wenn ich ſie di zu ſprechen ſuchte? Doch heute, heut' an ihrem Hoch⸗ zeittage,— heute werden ihr andere Dinge am 2 zen liegen, als die Meſſe. Indeß, wer weiß? Es ein Gang.(er klingelt, und indem er einige von diiß Papieren auf dem Liſche haſtig zuſammen rafft, tritt d — 21— Kammerdiener herein) Laßt vorfahren! Iſt noch keiner von den Räthen da? Kammerd. Camillo Rota. Prinz. Er ſoll herein kommen.(der Kammerdie⸗ ner geht ab.) Nur aufhalten muß er mich nicht wol⸗ len. Diesmal nicht! Ich ſtehe gern ſeinen Bedenk⸗ lichkeiten ein ander Mal um ſo viel länger zu Dien⸗ ſten. Da war ja noch die Bittſchriſt einer Emilia Bruneschi—(ſie ſuchend) Die iſt's. Aber, gute Bru⸗ neschi, wo Deine Vorſprecherin—— Achter Auftritt. Camillo Rota, Schriften in der Hand. Der Prinz. Prinz. Kommen Sie, Rota, kommen Sie. Hier iſt, was ich dieſen Morgen erbrochen. Nicht viel Tröſtliches! Sie werden von ſelbſt ſehen, was da⸗ rauf zu verfügen. Nehmen Sie nur. Cam. Rok a. Gut, gnädiger Herr. Prinz. Noch iſt hier eine Bittſchrift einer Emi⸗ lia Galot⸗Bruneschi will ich ſagen. Ich habe meine Beivilligung zwar ſchon beigeſchrieben. Aber doch — die Sache iſt keine Kleinigkeit. Laſſen Sie die Ausfertigung noch anſtehen. Oder auch nicht an⸗ ehen; wie Sie wollen. Cam. Rota. Nicht wie ich will, gnädiger Herr. Prinz. Was iſt ſonſt? Etwas zu unterſchreiben? Cam. Rota. Ein Todesurtheil wäre zu unter⸗ ſchreiben. Prinz. Recht gern. Nur her! geſchwind. Cam. Rota(ſuutzig und den Prinzen ſtarr anſehend.) Ein Todesurtheil, ſagt' ich. — 22— Prinz. Ich höre ja wohl. Es könnte on geſchehen ſein. Ich bin eilig. 4 Cam. Rota(ſeine Schriften nachſehend.) Nun hab ich es 0ch wohl nicht niſtzenommen; Verzeihen Sit, gnädiger Herr. Es kann Anſtand damit haben bis morgen. 1 Prinz. Auch das! Packen Sie nur zuſammen: Ich muß fort. Morgen, Rota, ein Mehres! 3[Geht ab.] Cam. Rota(den Kopf ſchüttelnd, indem er die Papiere zu ſich nimmt und aögeht.) Recht gern? Ein Todesurtheil recht gern? Ich haͤtt' es ihn in dieſem Augenblicke nicht mögen unterſchreiben laſſen, und wenn es den Mörder meines einzigen Sohnes betroſ⸗ fen hätte. Recht gein! recht gern. Es geht mu durch die Seele, dieſes gräßliche Recht gern. — 3 Zweiter Aufzug. 5 (Die Scene: ein Saal in dem Hauſe der Galotti.) Crſter Auftritt. Claudia Galottz. Pirro. 4 Elaudia(im Heraustreten zu Pirro, der von de andern Seite hereintritt.) Wer ſprengte da in den Hof! Pirro. Unſer Herr, gnädige Frau. 3 8* Claud. Mein Gemahl? Iſt es möglich? Pirro. Er folgt mir auf dem Fuße. Claudia. So unvermuthet?(ihm entgegen eilend⸗) Ach! mein Beſter! 5 4 — 23— Zweiter Auftritt. Odoardo Galotti, und die Vorigen. Odoardo. Gaten⸗ Morgen, meine Liebe! Nicht wahr, das heißt überraſchen?. Clau vb Und auf die angenehmſte Art! Wenn es anders nur eine Ueberraſchung ſein ſoll. 8 Od. Nichts weiter! Sei unbeſorgt. Das Glück des heutigen Tages weckte mich ſo früh; der Mor⸗ gen war ſo ſchön; der Weg iſt ſo kurz; ich ver⸗ muthete Euch hier ſo geſchaͤftig— Wie leicht ver⸗ geſſen ſie etwas: fiel mir ein. Mit einem Worte: ich komme, und ſehe, und kehre ſogleich wieder zu⸗ rück. Wo iſt Emiſia? Unſtreitig beſchäftigt mit dem Putze?— Clau. Ihrer Seele! Sie iſt in der Meſſe. Ich habe heute, mehr als jeden andern Tag, Gnade von oben zu erflehen, ſagte ſie, und ließ alles liegen, und nahm ihren Schleier, und eilte. Odo. Ganz allein? Clau. Die wenigen Schritte— Qdo. Einer iſt genug zu einem Fehltritt'! Clau. Zürnen Sie nicht, mein Beſter; und kommen Sie herein, einen Augenblick auszuruhen, und, wann Sie wollen, eine Erfriſchung zu nehmen. Odo. Wie du meineſt, Claudia. Aber ſie ſollte nicht allein gegangen ſein. Clau. Und Ihr, Pirro, bleibt hier in dem Vor⸗ zimmer, alle Beſuche auf heute zu verbitten. — 24— Dritter Auſtritt. Dirro, und bald darauf Angelo. Pirro. Die ſich mur aus Neugierde melden laſſen. Was bin ich ſeit einer Stunde nicht alles ausge⸗ fragt worden! Und wer kömmt da? Angelo noch halb hinter der Scene, in einem kurzen Mantel, den er über das Geſicht gezogen, den Hut in die Stirne.) Pirro!— Pirro! Pirro. Ein Bekannter?—(indem Angelo vollends hereintritt, und den Mantel auseinanderſchlägt) Himmel! Magelde⸗ Da 3h bin Ang. ie Du ſiehſt. Ich bin lange genug um das Haus herumgegangen, Dich zu ſprechen. Auf ein Wort! Pirrv. Und Du wagſt es, wieder ans Licht zu kommen? Du biſt ſeit Deiner letzten Mordthat vo⸗ 5 erkläret; auf Deinen Kopf ſteht eine Be⸗ ohnung— Ang. Die doch du nicht wirſt verdienen wollen? Pirro. Was willſt Du? Ich bitte Dich, mache mich nicht unglücklich. 1 Ang. Damit etwa?(ihm einen Beutel mit Geld zeigend.)— Nimm! Es gehöret Dir! . v. Mir:⸗ 3 ng. Haſt du vergeſſen? Der Deutſche, Dein voriger Herr.— Pirro. Schweig davon! 4 Ang. Den Du uns, auf dem Wege nach Piſa⸗ in die Falle führteſt. Pirro. Wenn uns jemand hörte! Ang. Hatte ja die Güte, uns auch einen koſtba⸗ — 25— ren Ring zu hinterlaſſen. Weißt Du nicht? Er war zu koſtbar, der Ring, als daß wir ihn ſogleich ohne Verdacht hätten zu Gelde machen köanen. Endlich iſt mir es damit gelungen. Ich habe hundert Piſto⸗ len dafür erhalten: und das iſt Dein Antheil. Nimm! Pirno. Ich mag nichts— behalt' Alles, ng. Meinetwegen!— wenn es Dir gleich viel iſt, wie hoch Du Deinen Kopf feil trägſt— lals ob er den Beutel wieder einſteckan wollte]. Pirro. So gieb nur lnimmt ihn]— Und was nun? Denn daß Du blos deßwegen mich aufgeſucht haben ſollteſt— Ang. Das kömmt Dir nicht ſo recht glaublich vor?— Halunke! Was deniſt Du von uns? daß wir fähig ſind, jemand ſeinen Verdienſt vorzuenthal⸗ ten! Das mag unter den ſo genannten ehrlichen Leuten Mode ſein: unter uns nicht.— Leb wohl! [thut als ob er gehen wollte, und kehrt wieder um Eins muß ich doch fragen.— Da kam ja der alte Galotti ſo ganz allein in die Stadt geſprengt. Was will der? Pirro. Nichts will er: ein bloßer Spazierritt. Seine Tochter wird, heut' Abend, auf dem Gute, von dem er herkömmt, dem Grafen Appiani ange⸗ trauet. Er kann die Zeit nicht erwarten— Ang. Und reitet bald wieder hinaus? Pirro. So bald, daß er Dich hier trifft, wo Du noch lange verzieheſt. Aber Du haſt doch leinen Anſchlag auf ihn? Nimm Dich in Acht. Er iſt ein Mann— Ang. Kenn' ich ihn nicht? Hab ich nicht unter — 26— ihm gedient? Wenn darum bei ihm nur viel zu holen wäre! Wann fahren die jungen Leute nach? Pirro. Gegen Mittag. Ang. Mit viel Begleitung? Pirro. In einem einzigen Wagen: die Muttet, die Tochter und der Graf. Ein Paar Freunde kom⸗ men aus Sabionetta als Zeugen. 4 Ang. Und Bediente? Pirro. Nur zwei; außer mir, der ich zu Pferdt vorauf reiten ſoll. Ang. Das iſt gut. Noch eins, weſſen iſt dit Equipage? Iſt es eure, oder des Grafen? Pirro. Des Grafen. Ang. Schlimm! Da iſt noch ein Vorreiter, außer einem handfeſten Kutſcher. Doch— Pirro. Ich erſtaune. Aber was willſt Du? Das Bischen Schmuck, das die Braut etwa haben dürfte, wird ſchwerlich der Mühe lohnen— 1* Ang. So lohnt ihrer die Braut ſeibſtt Pirrv. Und auch bei dieſem Verbrechen ſoll ich Dein Mitſchuldiger ſein? 1 An Du reiteſt vorauf. Reite doch, reite! und kehre Dich an nichts! Pirro. Nimmermehr! Ang. Wieꝛ ich glaube gar, Du willſt den Ge⸗ wiſſenhaften ſpielen. Burſche! ich denke, du kennſ mich. Wo du plauderſt, wo ſich ein einziger Um⸗ ſtand anders findet, als Du mir ihn angegeben!— Pirro. Aber, Angelo, um des Himmels willen! Ang. Thu, was Du nicht laſſen kannſt. (Geht ab.) 17 — 27— Pirro. Hal! Laß Dich den Teufel bei einem Haare faſſen; und Du biſt ſein auf ewig. Ich Unglücklicher! Vierter Auftritt. Odoardo und Claudia Galotti. Pirro. Odvardo. Sie bleibt mir zu lang' aus— Claudia. Noch einen Augenblick, Odvardo! Es würde ſie ſchmerzen, Deines Anblicks ſo zu verfehlen. Od. Ich muß auch bei dem Grafen noch ein⸗ ſprechen. Kaum kann ich's erwarten, dieſen würdigen jungen Mann meinen Sohn zu nennen. Alles ent⸗ zückt mich an ihm. Und vor allem der Entſchluß, in ſeinen väterlichen Thälern ſich ſelbſt zu leben. Clau. Das Herz bricht mir, wenn ich hieran gedenke. So ganz ſollen wir ſie verlieren, dieſe ein⸗ zige geliebte Tochter? Od. Was nennſt Du, ſie verlieren? Sie in den Armen der Liebe zu wiſſen? Vermenge Dein Ver⸗ gnügen an ihr, nicht mit ihrem Glücke. Du möch⸗ keſt meinen alten Argwohn erneuern: daß es mehr das Geräuſch und die Zerſtreuung der Welt, mehr die Nähe des Hofes war, als die Nothwendigkeit, unſerer Tochter eine anſtädige Erziehung zu geben, was Dich bewog, hier in der Stadt mit ihr zu bleiben; fern von einem Manne und Vater, der Euch ſo herzlich liebet. Clau. Wie ungerecht, Odvardo! Aber laß mich heute nur ein einziges für dieſe Stadt, für dieſe Rähe des Hofes ſprechen, die Deiner ſtrengen Tugend ſo verhaßt ſind. Hier, nur hier konnte die Liebe — 28— zuſammen bringen, was für einander geſchaffen war. Hier nur konnte der Graf Emilien finden; und fand ſie. O d. Das räum' ich ein. Aber, gute Claudia, hatteſt Du darum Recht, weil Dir der Ausgang Recht giebt? Gut, daß es mit dieſer Stadtenehund ſo abgelaufen. Laß uns nicht weiſe ſein wollen, wo wir nichts, als glüͤcklich geweſen. Gut! daß es ſo damit abgelaufen. Nun haben ſie ſich gefunden, die für einander beſtimmt waren: nuin laß ſie ziehen, wohin Unſchuld und Ruhe ſie rufen. Was ſollte der Graf hier? Sich bücken, ſchmeicheln und kriechen, und die Marinellis auszuſtechen ſuchen? um endlich ein Glück zu machen, deſſen er nicht bedarf? um end⸗ lich einer Ehre gewürdigt zu werden, die für ihn keine wäre?— Pirro! Pirro. Hier bin ich.. Od. Geh und führe mein Pferd vor das Haus des Grafen. Ich komme nach, und will mich da wieder aufſetzen.(Pirro geht ab.) Warum ſoll der Graf hier dienen, wenn er dort ſelbſt befehlen kann? Dazu bedenkeſt Du nicht, Claudia, daß durch unſer Tochter er es vollends mit dem Prinzen verdirbt. Der Prinz haßt mich— Elaud. Vielleicht weniger, als du beſorgeſt. Od. Beſorgeſt! Ich beſorg' auch ſo was. Claud. Denn hab ich Dir ſchon geſagt, daß der Prinz unſere Tochter geſehen hat? Od. Der Prinz? Und wo das? Claud. In der letzten Vegghia, bei dem Kanz⸗ ler Grimaldi, die er mit feiner Gegenwart beehrte. Er bezeigte ſich gegen ſie ſo gnädig— 4 4 — 29— Od. So gnädig? Claud. Er unterhielt ſich mit ihr ſo lange— Od. Unterhielt ſich mit ihr? Claud. Schien von ihrer Munterkeit und ihrem Witz ſo bezaubert— Od. So bezauberre Claud. Hat von ihrer Schönheit mit ſo vielen Lobeserhebungen geſprochen— Lobeserhebungen? Und das alles erzählſt Du mir in einem Tone der Entzückung? O Claudia! eitle, thörichte Mutter! Claud. Wie ſo? 3 Od. Nun, gut, nun gut! Auch das iſt ſo abge⸗ laufen. Ha! wenn ich mir einbilde— Das gerade wäre der Ort, wo ich am tödtlichſten zu verwunden bin. Ein Wollüſtling, der bewundert, begehrt. Claudia! Claudia! der bloße Gedanke ſetzt mich in Wuth. Du hätteſt mir das ſogleich ſollen gemeldet haben. Doch, ich möchte Dir heute nicht gern etwas Unangenehmes ſagen. Und ich würde(indem ſie ihn bei der Hand er⸗ greift) wenn ich länger bliebe. Drum laß mich! laß mich! Gott befohlen, Claudia! Komm glücklich nach. Fünſter Auftritt. Claudia Galottt. Welch ein Mann! O der rauhen Tugend! wenn anders ſie dieſen Namen verdienek. Alles ſcheint ihr verdächtig, alles ſtrafbar. Oder, wenn das die Men⸗ ſchen kennen heißt: wer ſollte ſich wünſchen, ſie zu kennen? Wo bleiht aber auch Emilia? Er iſt des — 30— Vaters Feind: ſolglich— folglich, wenn er ein Auge für die Tochter hat, ſo iſt es einzig, um ihn zu beſchimpfen? Sechster Auftritt. Emilia und Claudia Galotti, Emilia(ſüürzet in einer nauchen Berwirrung herein). Wohl mir! wohl mir! Nun bin ich in Si⸗ cherheit. Oder iſt er mir gar gefolgt?(indem ſie den Schleier zurückwirft und ihre Mutter erblicket⸗) Iſt er, meine Mutter? iſt er? Nein, dem Himmel ſei Dank! Cla u. Was iſt Dir, meine Tochter? was iſt Dir! Emilia. Nichts, nichts— Clau. Und blickeſt ſo wild um Dich? Und zit⸗ terſt an jedem Gliede? Emi. Was hab' ich hören müſſen? Und wo, wo hab' ich es hören müſſen? Clau. Ich habe Dich in der Kirche geglaubt— Emi. Eben da. Was iſt dem Laſter Kirch' und Altar? Ach, meine Mutter!(ſich ihr in die Arme werfend.] Clau. Rede, meine Tochter. Mach meiner Furcht ein Ende. Was kann Dir da, an heiliger Stätte, ſo ſchlimmes begegnet ſein?— Emil. Rie hätte meine Andacht inniger, brünſtie ger ſein ſollen, als heute: nie iſt ſie weniger gewe⸗ ſen, was ſie ſein ſollte. Clau. Wir ſind Menſchen, Emilia. Die Gahe zu beten, iſt nicht immer in unſerer Gewalt. Dem Himmel iſt beten wollen, auch beten. — 31— Emi. Und ſündigen wollen, auch ſündigen. Clau. Das hat meine Emilia nicht wollen! Emi. Nein, meine Mutter; ſo tief ließ mich die Gnade nicht ſinken. Aber daß fremdes Laſter uns, wider unſern Willen, zu Mitſchuldigen machen kann. Claud. Faſſe Dich. Sammle Deine Gedanken, ſo viel Dir möglich. Sag' es mir mit eins, was Dir geſchehen. Emil. Eben hatt' ich mich— weiter von dem Altare, als ich ſonſt pflege, denn ich kam zu ſpät— auf meine Knie gelaſſen. Eben fing ich an, mein Herz zu erheben: als dicht hinter mir etwas ſeinen Platz nahm. So dicht hinter mir. Ich konnte weder vor, noch zur Seite rücken, ſo gern ich auch wollte; aus Furcht, daß eines Andern Andacht mich in meiner ſtören möchte. Andacht, das war das Schlimmſte, was ich beſorgte. Aber es währte nicht lange, ſo hört' ich ganz nah' an meinem Ohre, nach einem tiefen Seufzer, nicht den Namen einer Heiligen, den Namen, züren Sie nicht, meine Mutter— den Namen Ihrer Tochter! Meinen Namen. O daß laute Donner mich verhindert hätten, mehr zu hören. Es ſprach von Schönheit, von Liebe. Es klagte, daß dieſer Tag, welcher mein Glück mache, wenn er es anders mache— ſein Unglück auf immer entſcheide. Es beſchwor mich— hören mußt' ich dies Alles. Aber ich blickte nicht um; ich wollte thun, als ob ich es nicht hörte. Was konnt' ich ſonſt? Meinen guten Engal bitten, mich mit Taubheit zu ſchlagen; und wann auch, wann auch auf immer. Das bat ich; das war das einzige, was ich beten konnte, — 32— Endlich ward es Zeit, mich wieder zu erheben. Das heilige Amt ging zu Ende. Ich zitterte, mich umzu⸗ kehren. Ich zitterte ihn zu erblicken, der ſich den Frevel erlauben dürfen. Und da ich mich umwandte, da ich ihn erblickte— Claud. Wen, meine Tochter? Emil. Rathen Sie, meine Mutter; rathen Sie — Ich glaubte in die Erde zu ſinken— Ich glaubte in die Erde zu ſinken— Ihn ſelbſte Emil. Den Prinzen. Claud. Den Prinzen. O geſegnet ſei die Unge⸗ duld Deines Vaters, der eben hier war, und Di nicht erwarten wollte. Emil. Mein Vater hier? und wollte mich nicht erwarten? Claud. Wenn du in Deiner Verwirrung auch ihn das hätteſt hören laſſen. Emil. Nun, meine Mutter? Was hätt' er an mir ſtrafbares finden können?: Claud. Nichts; eben ſo wenig, als an mir. Und doch, doch— Ha, Du kenneſt Deinen Vater nicht! In ſeinem Zorne hätt' er den unſchuldigen Gegen⸗ ſtand des Verbrechens mit dem Verbrecher verwech⸗ ſelt. In ſeiner Wuth hätt' ich ihm geſchienen, das veranlaßt zu haben, was ich weder verhindern, noch vorherſehen können. Aber weiter, meine Tochter, wei⸗ ter. Als Du den Prinzen erkannteſt— Ich vpil hoffen, daß Du Deiner mächtig genug wareſt, ihm in Einem Blicke alle die Verachtung zu bezeigen, die. er verdienet. Emil. Das war nicht, meine Mutter. Nach den 6 . — 33— Blicke, mit dem ich ihn erkannte, hatt' ich nicht das Herz, einen zweiten auf ihn zu richten. Ich floh'— Claud. Und der Prinz Dir nach— Emil. Was ich nicht wußte, bis ich in der Halle mich bei der Hand ergriffen fühlte. Und von ihm! Aus Scham mußt' ich Stand halten: mich von ihm loszuwinden, würde die Vorbeigehenden zu aufmerkſam auf uns gemacht haben. Das war die einzige Ueberlegung, deren ich fähig war— oder deren ich nun mich wieder erinnere. Er ſprach; und ich hab' ihm geantwortet. Aber, was er ſprach, was ich ihm geantwortet; fällt mir es noch bei, ſo iſtes gut, ſo will ich es Ihnen ſagen, meine Mutter. Jetzt weiß ich von dem allen nichts. Meine Sinne hatten mich verlaſſen. Umſonſt denk' ich nach, wie ich von ihm weg, und aus der Halle gekommen. Ich finde mich erſt auf der Straße wieder; und höre ihn hin⸗ ter mir herkommen; und höre ihn mit mir zugleich in das Haus treten, mit mir die Treppe hinaufſteigen— Claud. Die Furcht hat ihren beſondern Sinn, meine Tochter! Ich werde es nie vergeſſen, mit wel⸗ cher Geberde Du hereinſtürzteſt. Nein, ſo weit durfte er nicht wagen, Dir zu folgen. Gott! Gott! wenn Dein Vater das wüßte! Wie wild er ſchon war, als er nur hörte, daß der Prinz Dich jüngſt nicht ohne Mißfallen geſehen! Indeß, ſei ruhig, meine Tochter. Nimm es für einen Traum, was Dir be⸗ egnet iſt. Auch wird es noch weniger Folgen ha⸗ ben, als ein Traum. Du entgeheſt heute mit eins allen Nachſtellungen. 3 — 35— Claud. Ich wollte Dir das nicht ſagen, meine Tochter, bevor Dir es Dein eigner geſunder Ver⸗ ſtand ſagte. Und ich wußte, er würde Dir es ſagen, ſobald Du wieder zu Dir ſelbſt gekommen. Der Prinz iſt galant. Du biſt die unbedeutende Sprache der Galanterie zu wenig gewohnt. Eine Höflichkeit wird in ihr zur Empfindung; eine Schmeichelet zur Betheurung; ein Einfall zum Wunſche; ein Wunſch zum Vorſatze. Nichts klingt in dieſer Sprache wie Alles: und Alles iſt in ihr ſo viel als Nichts. Emil. O meine Mutter! ſo müßte ich mir mit meiner Furcht vollends lächerlich vorkommen! Nun ſoll er gewiß nichts davon erfahren, mein guter Ap⸗ piani! Er könnte mich leicht für mehr eitel, als tu⸗ gendhaft, halten. Hui! daß er da ſelbſt kömmt! Es iſt ſein Gang. Siebenter Auftritt. Graf Appiani. Die Vorigen. App.(tritt tiefſinnig, mit vor ſich hingeſchlagenen Augen herein, und kömmt näher, ohne ſie zu erblicken; bis Emtlia ihm entgegen ſpringt.) Ah, meine Theuerſte! Ich war mir Sie in dem Vorzimmer nicht vermuthend. Emil. Ich wünſchte Sie heiter, Herr Graf, auch wo Sie mich nicht vermuthen. So feierlich? ſo ernſthaft? Iſt dieſer Tag keiner freudigern Aufwal⸗ lung werth? App. Er iſt mehr werth, als mein ganzes Le⸗ ben. Aber ſchwanger mit ſo viel Glückſeligkeit für mich,— mag es wohl dieſe Glückſeigkei ſibſt ſein, — 36— die mich ſo ernſt, die mich, wie Sie es nennen, mein Fräulein, ſo feierlich macht.(indem er die Mutter er⸗ blickt.) Ha! auch Sie hier, meine gnädige Frau! nun bald mir mit einem innigern Namen zu verehrende! Claud. Der mein größter Stolz ſein wird!— Wie glücklich biſt Du, meine Emilia! Warum hat Dein Vater unſere Entzückung nicht theilen wollen? App. Eben habe ich mich aus ſeinen Armen ge⸗ riſſen: oder vielmehr er, ſich aus meinen.— Welch ein Mann, meine Emilia, Ihr Vater! Das Muſter aller männlichen Tugend! Zu was für Geſinnungen erhebt ſich meine Seele in ſeiner Gegenwart. Nie iſt mein Entſchluß immer gut, immer edel zu ſein, lebendiger, als wenn ich ihn ſehe wenn ich ihn mir — denke. Und womit ſonſt, als mit der Erfüllung die ſes Entſchluſſes kann ich mich der Ehre würdig ma⸗ chen, ſein Sohn zu heißen;— der Ihrige zu ſein, mmeine Emilia. Emil. Und er wollte mich nicht erwarten. App. Ich urtheile, weil ihn ſeine Emilia, für dieſen augenblicklichen Beſuch, zu ſehr erſchüttert, zu ſehr ſich ſeiner ganzen Seele bemächtiget hätte. Claud. Er glaubte Dich mit Deinem Braut⸗ ſchmucke beſchäftiget zu finden: und hörte App. Was ich mit der zärtlichſten Bewunderung wieder von ihm gehört habe. So recht, meine Emi⸗ lia: Ich werde eine fromme Frau an Ihnen haben; und die nicht ſtolz auf ihre Frömmigkeit iſt. Claud. Aber, meine Kinder, eines thun, und das andre nicht laſſen!— Nun iſt es hohe Zeit; nun mach', Emilia. —₰ — 37— App. Was? meine gnädige Frau. Claud. Sie wollen ſie doch nicht ſo, Herr Graf, ſo wie ſie da iſt, zum Altare führen? App. Wahrloch, das werd' ich nun erſt gewahr. Wer kann Sie ſehen, Emilia, und auch auf Ihren Putz achten?— Und nun warum nicht ſo, wie ſie da iſt? Emil. Nein, mein lieber Graf, nicht ſo; nicht ganz ſo. Aber auch nicht viel prächtiger; nicht viel. Huſch, huſch, und ich bin fertig! Nichts, gar nichts von dem Geſchmeide, dem letzten Geſchenke Ihrer verſchwenderiſchen Großmuth. Nichts, gar nichts was ſich nur zu ſolchen Geſchmeide ſchickte. Ich könnte ihm gram ſein, dieſem Geſchmeide, wenn es nicht von Ihnen wäre.— Denn dreimal hat mit von ihm geträumet. 3 Clau d. Nun! davon weiß ich ja nichts. Emil. Als ob ich es trüge, und als ob plötzlich ſich jeder Stein deſſelben in eine Perle verwandle. — Perlen aber, meine Mntter, Perlen bedeuten, Thränen. Claud. Kind! Die Bedeutung iſt träumeriſcher, als der Traum. Wareſt Du nicht von jeher eine größere Liebhaberin von Perlen, als von Steinen? Emil. Freilich, meine Mutter, freilich— App.(nachdenkend und ſchwermüthig.) Bedeuten Tbränen— bedeuten Thränen! Emil. Wie? Ihnen fällt das auf? Ihnen? App. Ja wohlz ich ſollte mich ſchämen. Aber, wenn die Einblildungskraft eiumal zu traurigen Bil⸗ dern geſtimmt iſt— Emil. Warunm iſt ſie das auch? Und das mei⸗ nen Sie, das ich mir ausgedacht habe? Was trug ich, wie ſah ich, als ich Ihnen zuerſt geſiel? Wiſſen Sie es noch? App. Ob ich es noch weiß? Ich ſehe Sie in Gedanken nie anders, als ſo? und ſehe Sie ſo, auch wenn ich Sie nicht ſo ſehe. Emil. Alſo, ein Kleid von der nämlichen Farbe, von dem nämlichen Schnitte; fliegend und frei— App. Vortrefflich! Emil. Und das Haar— Ap p. In ſeinem eignen braunen Glanze; in Lo⸗ ſken, wie ſie die Natur ſchlug— Emil. Die Noſen darin nicht zu vergeſſen! Recht! recht! Eine kleine Geduld, und ich ſtehe ſo vor Ihnen dal! 3 Achter Auftritt. Graf Appiani. Claudia Galotti. Appiani(indem er ihr mit einer niedergeſchlagenen Miene nachſieht). Perlen bedeuten Thränen! Eine kleine Geduld! Ja, wenn die Zeit nur außer uns wäre! Wenn eine Minute am Zeiger, ſich in uns nicht in Jahre ausdehmen könnte! Claudia. Emiliens Beobachtung, Herr Graſ, war ſo ſchnell, als richtig. Sie ſind heut' ernſter als ewöhnlich. Nur noch einen Schritt von dem Ziele hrer Wünſche, ſollt' es Sie reuen, Herr Graf, daß es das Ziel Ihrer Wünſche geweſen? App. Ah, meine Mutter, und Sie können das — 39— von Ihrem Sohne argwohnen? Aber, es iſt wahr; ich bin heut' ungewöhnlich trübe und finſter. Nur ſehen Sie, gnädige Frau; noch Einen Schritt vom Ziele, oder noch gar nicht ausgelaufen ſein, iſt im Grunde eines. Alles, was ich ſehe, alles, was ich höre, alles, was ich träume, predigt mir ſeit geſtern und ehegeſtern dieſe Wahrheit. Dieſer Eine Gedanke kettet ſich an jeden andern, den ich haben muß und haben will. Was iſt das? Ich verſteh' es nicht. Claud. Sie machen mich unruhig, Herr Graf— App. Eines kömmt dann zum andern! Ich bin Fedrrich ärgerlich über meine Freunde, über mich e— Claud. Wie ſo? App. Meine Freunde verlangen ſchlechterdings, daß ich dem Prinzen von meiner Heirath ein Wort ſagen ſoll, ehe ich ſie vollziehe. Sie geben mir zu, ich ſei es nicht ſchuldig: aber die Achtung gegen ihn woll es nicht anders. Und ich bin ſchwach genug ch weſen es ihnen zu verſprechen. Eben wollt ich noch bei ihm vorfahren. Cl aud.(ſtutzia). Beiſt dem Prinzen? Neunter Auftritt. Pirro, gleich darauf Marinelli, und die Vorigen. Pirro. Gnädige Frau, der Marcheſe Marinelli hält vor dem Hanße, und erkundiget ſich nach dem Herrn Grafen. App. Nach mir? = 40— Pirro. Hier iſt er ſchon.(öffnet ihm die Thüre und geht ab.) Mar. Ich bitt' um Verzeihung, gnädige Frau. Mein Herr Graf, ich war vor Ihrem Hauſe, und erfuhr, daß ich Sie hier treffen würde. Ich hab' ein drin⸗ gendes Geſchäft an Sie— Gnädige Frau, ich bitte nochmals um Verzeihung; es iſt in einigen Minuten geſchehen. Claud. Die ich nicht verzögern will. (Macht ihm eine Verbeugung und geht ab.) Zehnter Auſtritt. Marinelli. Appiani. Apviani. Nun, mein Herr? Marinelli. Ich komme von des Prinzen Durch⸗ laucht. App. Was iſt zu ſeinem Befehle? Mar. Ich bin ſtolz, der Ueberbringer elner ſo vorzüglichen Gnade zu ſein.— Und wenn Graß Appiani nicht mit Gewalt einen ſeiner ergebenſten Freunde in mir verfennen will— App. Ohne weitere Vorrede; wenn ich bitten Mar. Auch das! Der Prinz muß ſogleich an den Herzog von Maſſa in Angelegenheit ſeiner Ver⸗ mählung mit deſſen Prinzeſſin Tochter, einen Bevoll⸗ machtigten ſenden. Er wer lan e unſchlüſſig, wen er dazu ernennen ſollte. Endlich iſt ſeine Wahl, Herr Graf, auf Sie gefallen.. App. Auf mich? — 11— Mar. Und das, wenn die Freundſchaft ruhmre⸗ dig ſein darf— nicht ohne mein Zuthun. App. Wahrlich, Sie ſetzen mich wegen eines Dankes in Verlegenheit. Ich habe ſchon längſt nicht mehr erwartet, daß der Prinz mich zu brauchen ge⸗ ruhen werde. Mar. Ich bin verſichert, daß es ihm bloß an einer würdigen Gelegenheit gemangelt hat. Und wenn auch dieſe ſo eines Mannes, wie Graf Appiani, noch nicht würdig genug ſein ſollte: ſo iſt freilich meine Frenndſchaft zu voreilig geweſen. App. Freundſchaft und Freundſchaft, um das dritte Wort! Mit wem red' ich denn? Des Mar⸗ cheſe Marinelli Freundſchaft hätt' ich mir nie träu⸗ men laſſen. Mar. Ich erkenne mein Unrecht, Herr Graf, mein unverzeihliches Unrecht, daß ich, ohne Ihre Er⸗ laubniß, Ihr Freund ſein wollen. Vei dem allen: was thut das? Die Gnade des Prinzen, die Ihnen angetragene Ehre, bleiben, was ſie ſind: und ich zweifle nicht, Sie werden ſie mit Begierd' ergreifen, App(nach einiger Ueberlegung.) Allerdings. Mar. Nun ſo kommen Sie.— App. Wohin? 3 „Mar. Nach Doſalo, zu dem Prinzen.— Es liegt ſchon alles fertig; und Sie müſen heut' noch ahreiſen. 4 App. Was ſagen Sie? Noch heute? Mar. Lieber noch in dieſer nämlichen Stunde, als in der folgenden. Die Sache iſt von der äußer⸗ ſten Eil. — 42— App. In Wahrheit? So thut es mir leid, daß ich die Ehre, welche mir der Prinz zugedacht, ver⸗ bitten muß. Mar. Wie? App. Ich kann heute nicht abreiſen; auch mor⸗ gen nicht; auch übermorgen noch nicht. Mar. Sie ſcherzen, Herr Graf. App. Mit Ihnen? Mar. Unvergleichlich! Wenn der Scherz dem Prinzen gilt, ſo iſt er um ſo viel luſtiger.— Sie fönnen nicht? App. Nein, mein Herr, nein. Und ich hoffe, daß der Prinz ſelbſt meine Entſchuldigung wird gel⸗ ten laſſen. Mar. Die bin ich begierig, zu hören. App. O, eine Kleinigkeit! Sehen Sie, ich ſoll noch heut' eine Frau nehmen. Mar. Nun? und dann? App. Und dann? und dann? Ihre Frage iſt auch verzweifelt naiv. Mar. Man hat Exempel, Herr Graf, daß ſich Hochzeiten aufſchieben laſſen. Ich glaube freilich nicht, daß der Braut oder dem Bräutigam immer damit gedient iſt. Die Sache mag ihr Unangenehmes haben. Aber doch, dächt' ich, der Befehl des Herrn App. Der Befehl des Herrn? des Herrn? Ein Herr, den man ſich ſelber wählt, iſt unſer Herr ſo eigentlich nicht— Ich gebe zu, daß Sie dem Prin⸗ zen unbedingtern Gehorſam ſchuldig wären. Aber nicht ich. Ich kam an ſeinen Hof als ein Freiwilli⸗ ger. Ich wollte die Ehre haben, ihm zu dienen; aber — 43= nicht ſein Sklave werden. Ich bin der Vaſall eines größern Herrn— Mar. Größer oder kleiner: Herr iſt Herr. App. Daß ich mit Ihnen darüber ſtreite! Ge⸗ nug, ſagen Sie dem Prinzen, was Sie gehört haben: daß es mir leid thut, ſeine Gnade nicht annehmen zu können; weil ich eben heut' eine Verbindung voll⸗ zöge, die mein ganzes Glück ausmache. Mar. Wollen Sie ihm nicht zugleich wiſſen laf⸗ ſen, mit wem? G App. Mit Emilia Galotti. Mar. Der Tochter aus dieſem Hauſe? Ap p. Aus dieſem Hauſe. Mar. Hm! hm! p p. Was beliebt? ar. Ich ſollte meinen, daß es ſonach um ſo weniger Schwierigkeit haben könne, die Ceremonie bis zu Ihrer Zurückkunft auszuſetzen. App. Die Ceremonie? Nur die Ceremonie? Mar. Die guten Aeltern werden es ſo genau nicht nehmen. App. Die guten Aeltern? Mar. Und Emilia bleibt Ihnen ja wohl gewiß. App. Ja wohl gewiß? Sie ſind mit Ihrem Ja wohl ja, wohl ein ganzer Affe! Mar. Mir das, Graf? App. Warum nicht? Mar. Himmel und Hölle!— Wir werden uns ſprechen. 8 App. Pah! Hämiſch iſt der Affe! aber — 44— Mar. Tod und Verdammniß!— Graf ich for⸗ dere Genugthung.— App. Das verſteht ſich. Mar. Und würde fie gleich jetzt nehmen:— nur daß ich dem zärtlichem Bräutigam den heutigen Tag nicht verderben mag.. App. Gutherziges Ding! Nicht doch!(indem er ihn bei der Hand ergreift) Nach Maſſa freilich mag ich mich heute nicht ſchicken laſſen: aber zu einem Spaziergange mit Ihnen hab' ich Zeit übrig.— Kommen Sie, kommen Sie. Mar.(der ſich losreißt, und abgeht) Nur Ge⸗ duld, Graf, nur Geduld! Eilfter Auftritt. Appiani. Claudia Galotti. App. Geh, Nichtswürdiger!— Ha! das hat ut gethan. Mein Blut iſt in Wallung gekommen. ch fühle mich anders und beſſer. Tlaud(ciligſt und beſorgt) Gott! Herr Graf— Ich hab einen heftigen Wortwechfel gehört. Ihr Geſicht glühet. Was iſt vorgefallen? App. Nichts, gnädige Frau, gar nichts. Der Kammerherr Marinelli hat mir einen großen Dienſt erwieſen. Er hat mich des Ganges zum Prinzen überboben. Claudia. In der That?* Apv. Wir können nun um ſo viel früher abfah⸗ ren. Ich gehe, meine Leute zu treiben, und bin ſo⸗ gleich wieder hier. Emilia wird indeß auch fertig. — 45— Slaud. Kann ich ganz ruhig ſein Herr Graf? Ap p. Ganz ruhig, gnädige Frau.— bp 3 8 Bee Reen herein und er fort.) Dritter Aufzug. [Die Scene: ein Vorſaal auf dem Luſtſchloſſe des Prinzen.] Erſter Auftritt. Der Prinz. Marinelli. Mar. Umſonſt; er ſchlug die angetragene Ehre mit der größten Verachtung aus. Prinz. Und ſo bleibt es dabei? So geht es vor ſich? So wird Emilia noch heute die Seinige? Mar. Allem Anſehen nach. Prinz. Ich verſprach mir von Ihrem Einfalle ſo viel! Wer weiß, wie albern Sie ſich dabei genom⸗ men. Wenn der Rath eines Thoren ein Mal gut iſt, ſo muß ihn ein geſcheuter Mann ausführen. Das hätt' ich bedenken ſollen. Mar. Da find' ich mich ſchön belohnt! Prinz. Und wofür belohnt? Mar. Daß ich noch mein Leben darüber in die Schanze ſchlagen wollte. Als ich ſahe, daß weder Ernſt noch Spott den Graſen bewegen konnte, ſeine Liebe der Ehre nachzuſetzen: verſucht' ich es, ihn in Harniſch zu jagen. Ich ſagte ihm Dinge, über die er ſich vergaß. Er ſtieß Whelerdigungen gegen mich aus: und ich foderte Genugthunng, und foderte ſie 4 — ——— — 46— gleich auf der Stelle. Ich dachte ſo: entweder er mich, oder ich ihn. Ich ihn: ſo iſt das Feld ganz unſer. Oder er mich: nun, wenn auch; ſo muß er fliehen, und der Prinz gewinnt wenigſtens Zeit. Prinz. Das hätten Sie gethan, Marinelli? Mar. Hal man ſollt' es voraus wiſſen, wenn man ſo thöricht bereit iſt, ſich für die Großen auf⸗ zuopfern— man ſollt' es voraus wiſſen, wie er⸗ kenntlich ſie ſein würden. Prinz. Und der Graf? Er ſtehet in dem Ruft, ſich ſo etwas nicht zweimal ſagen zu laſſen. Mar. Nachdem es fällt, ohne Zweifel. Wer kann es ihm verdenken? Er verſetzte, daß er auf heute doch noch etwas wichtigeres zu thun habe, als ſich mit mir den Hals zu brechen. Und ſo be⸗ Whio. er mich auf die erſten acht Tage nach der ochzeit. Prin 3. Mit Emilia Galottil! Der Gedanke macht mich raſend! Darauf ließen Sie es gut ſein, und ingen:— und kommen und prahlen, daß Sie Ihr delen für mich in die Schanze geſchlagen; ſich mir aufgeopfert— Mar. Was wollen Sie aber, gnädiger Herr, daß ich weiter hätte thun ſollen? Prinz. Weiter thun? Als ob er etwas gethan eitte! 5 Mar. Und laſſen Sie doch hören, gnädiger Herr, was Sie ſür ſich ſelbſt gethan haben. Sie waren ſo glücklich, ſie noch in der Kirche zu ſprechen. Was haben Sie mit ihr abgeredet? 4 Prinz(hvöhniſch.) Neugierde zur Gnüge! Die ich * — 47— nur befriedigen muß. O, es ging alles nach Wunſch. Sie brauchen ſich nicht weiter zu bemühen, mein all⸗ zudienſtfertiger Freund! Sie kam meinem Verlangen, mehr als halbes Weges, entgegen. Ich hätte ſie nur gleich mitnehmen dürfen.(kalt und befehlend) Nun wiſſen Sie, was Sie wiſſen wollen; und können gehn! Mar. Und können gehen! Ja, ja; das iſt das Ende vom Liede. Und würd' es ſein, geſetzt auch, ich wollte noch das Unmögliche verſuchen. Das Un⸗ mögliche, ſag' ich? So unmöglich wär' es nun wohl nicht: aber kühn. Wenn wir die Braut in unſerer Gewalt hätten: ſo ſtünd' ich dafür, daß aus der Hochzeit nichts werden ſollte. Prinz. Eil wofür der Mann nicht alles ſtehen will. Nun dürft' ich ihm nur noch ein Kommando von meiner Leibwache geben, und er legte ſich an der Landſtraße damit in Hinterhalt, und fiele ſelbſt fünfziger einen Wagen an, und riß etn Mädchen heraus, das er im Triumphe mir zubrächte. Mar. Es iſt eher ein Mädchen mit Gewalt ent⸗ führt worden, ohne daß es einer gewaltſamen Ent⸗ führung ähnlich geſehen. Prinz. Wenn Sie das zu machen wüßten: ſo würden Sie nicht erſt lange davon ſchwatzen. Mar. Aber für den Ausgang müßte man nicht ſtehen ſollen. Es könnten ſich Unglücksfälle dabei ereignen— Prinz. Und es iſt meine Art, daß ich Leute inge verantworten laſſe, wofür ſie nicht können! Mar. Alſo, gnädiger Herr—(man hört von wei⸗ tem einen Schuß) Ha! was war das? Hört' ich recht? — 48— Hörten Sie nicht auch, gnädiger Herr, einen Schuß fallen? Und da noch einen! Prinz. Was iſt das? was giebts? Mar. Was meinen Sie wohl? Wie, wenn ich thätiger wäre, als Sie glauben? Prinz. Thätiger? So ſagen Sie doch— Mar. Kurz: wovon ich geſprochen, geſchieht. Prinz. Iſt es möglich? Mar. Nur vergeſſen Sie nicht, Prinz, weſſen Sie mich eben verſichert. Ich habe nochmals Ihr Wort— 5 Prinz. Aber die Anſtalten ſind doch ſo— Mar. Als ſie nur immer ſein können! Die Aus⸗ führung iſt Leuten anvertrauet, auf die ich mich ver⸗ laſſen kann. Der Weg geht hart an der Planke des Thiergartens vorbei. Da wird ein Theil den Wa⸗ gen angefallen haben, gleichſam, um ihn zu plündern. Und ein andrer Theil, wobei einer von meinen Be⸗ dienten iſt, wird aus dem Thiergarten geſtürzt ſein; den Angefallenen gleichſam zur Hülfe. Während des Handgemenges, in das beide Theile zum Schein gerathen, ſoll mein Bedienter Emilien ergreifen, gle ob er ſie retten wolle, und durch den Thiergarten in das Schloß bringen. So iſt die Abrede. Was ſagen Sie nun, Prinz? Prinz. Sie überraſchen mich auf eine ſonder⸗ bare Art. Und eine Bangigkeit überfällt mich— (Marinelli tritt an das Fenſter) Wornach ſehen Sies Mar. Dahinaus muß es ſein! Recht! und eine Maske kömmt bereits um die Planke geſprengt; ——— — 49— ohne Zweifel, mir den Erfolg zu berichten. Entfer⸗ nen Sie ſich, gnädiger Herxr. Prinz. Ah, Marinelli— 3 Mar. Nuns Nicht wahr, nun hab' ich zu viel gethan; und vorhin zu wenig? Prinz. Das nicht. Aber ich ſehe bei alle dem nicht ab— Mar. Abſehn? Lieber alles mit eins! Geſchwind entfernen Sie ſich. Die Maske muß Sie nicht ſehen.,(Der Prinz geht ab.) Zweiter Auftritt. Marinelli und bald darauf Angelo. Marinelli(der wieder nach dem Fenſter deht). Dort fährt der Wagen langſam nach der Stadt zurück. So langſam? Und in jedem Schlage ein Bedienter? Das ſind Anzeigen, die mir nicht gefallen; daß der Streich wohl nur halb gelungen iſt; daß man einen Vertundeten gemächlich zurückfüͤhret, und keinen Todten. Die Maske ſteigt Es iſt Angelo ſelbſt. Der Tolldreiſte! Endlich, hier weiß er die Schliche. Er winkt mir zu. Er muß ſeiner Sache gewiß ſein. Ha, Herr Graf, der Sie nicht nach Maſſa wollten, und nun noch einen weitern Weg müſſen! Wer hatte Sie die Affen ſo kennen gelehrt?(indem 9 nach der Thüre zugeht) Ja wohl ſind ſie hannſch. Nun, Angelo? An gelo(der die Maske ab enommen.) Paſſen ie auf, Herr Kammerherr! Man muß ſie gleich bringen.— 4 4 — 50— Mar. Und wie lief es ſonſt ab? Angelo. Ich denke ja, recht gut. Mar. Wie ſteht es mit dem Grafen? Angelo. Zu dienen! So, ſo! Aber er muß Wind gehabt haben. Denn er war nicht ſo ganz unbereitet. Mar. Geſchwind ſage mir, was Du mir zu ſagen haſt! Iſt er todt? Angelo. Es thut mir leid um den guten Herrn. Mar. Nun da, für Dein mitleidiges Herz!(giebt ihm einen Beutel mit Gold.) Angelo. Vollends mein braver Nicolo! der das Bad mit bezahlen müſſen. Mar. So? Verluſt auf beiden Seiten? Angelo. Ich könnte weinen um den ehrlichen Jungen! Ob mir ſein Tod ſchon das(indem er den Beutel in der Hand wieget) um ein Viertheil verbeſ⸗ ſert. Denn ich bin ſein Erbe; weil ich ihn gerä⸗ chet habe. Das iſt ſo unſer Geſetz; ein ſo gutes, mein' ich, als für Treu' und Freundſchaft je ge⸗ macht worden. Dieſer Nicolo, Herr Kammerherr— der Graf— Angelo. Blitz! der Graf hatte ihn gut gefaßt. Dafür faßt' ich auch wieder den Grafen! Er ſtürzte? und wenn er noch lebendig zurück in die Kutſche kam: ſo ſteh, ich dafür, daß er nicht lebendig wieder her⸗ aus kömmt. 3 Mar. Wenn das nur gewiß iſt, Angelo. Ang. Ich will Ihre Kundſchaft verlieren, wenn es nicht gewiß iſt! Haben Sie noch was zu befeh⸗ Mar. Mit Deinem Nicolo! Aber der Graf, len? denn mein Weg iſt der weiteſte: wir wollen heute noch über die Gränze. Mar. So geh. Ang. Wenn wieder was vorfällt, Herr Kammer⸗ herr, Sie wiſſen, wo ich zu erfragen bin. Was ſich ein Anderer zu thun getrauet, wird für mich auch keine Hexerei ſein. Und billiger bin ich, als jeder andere, (Geht ab.) Mar. Gut das! Aber doch nicht ſo recht gut. Pfui, Angelo! ſo ein Knicker zu ſein! Einen zwei⸗ „ ten Schuß wäre er ja wohl noch werth geweſen. Und wie er ſich vielleicht nun martern muß, der arme Graf! Pfui, Angelo! Das heißt ſein Handwerk ſehr grauſam treiben, und verfuſchen. Aber davon muß der Prinz noch nichts wiſſen. Er muß erſt ſelbſt fin⸗ den, wie zuträglich ihm dieſer Tod iſt. Dieſer Tod! Was gäb' ich um die Gewißheit. Dritter Auftritt. Der Prinz. Marinelli. Prinz. Dort kömmt ſie, die Allee herauf. Sie eilet vor dem Bedienten her. Die Furcht, wie es ſcheint, beflügelt ihre Füße. Sie muß noch nichts argwohnen. Sie glaubt ſich nur von Räubern zu retten. Aber wie lange kann das dauern? Marinelli. So haben wir ſie doch fürs erſte. Prinz. Und wird die Mutter ſie nicht aufſu⸗ chen? Wird der Graf ihr nicht nachkommen? Was ſind wir alsdann weiter? Wie kann ich ſie ihnen vorenthalten? 4 — 52— Mar. Auf das alles weiß ich freilich noch nichts zu antworten. Aber wir müſſen ſehen. Gedulden Sie ſich, gnädiger Herr. Der erſte Schritt mußte doch gethan ſein. „ Prinz. Wozu? wenn wir ihn zurückthun müſſen. ½ Mar. Vielleicht müſſen wir nicht. Da ſind tau⸗ ſend Dinge, auf die ſich weiter fußen läßt. Und ver⸗ geſſen Sie denn das Vornehmſte? Prinz. Was kann ich vergeſſen, woran ich ſicher noch nicht gedacht habe?— Das Vornehmſte was 2 Mar. Die Kunſt zu gefallen, zu überreden, die einem Prinzen, welcher liebt, nie fehlet. Prinz. Nie fehlet? Außer wo er ſie gerade am nöthigſten brauchte. Ich habe von dieſer Kunſt ſchon heut' einen zu ſchlechten Verſuch gemacht. Mit allen Schmeicheleien und Betheuerungen konnt' ich ihr auch nicht ein Wort auspreſſen. Stumm und niederge⸗ ſchlagen und zitternd ſtand ſie da; wie eine Verbre⸗ cherin, die ihr Todesurtheil höret. Ihre Angſt ſteckte mich an, ich zitterte mit, und ſchloß mit einer Bitte unm Vergebung. Kaum getrau' ich mir, ſie wieder anzureden. Bei ihrem Eintritte wenigſtens wag' ich es nicht zu ſein. Sie, Marinelli, müſſen ſie empfan⸗ d gen. Ich will hier in der Nähe hören, wie es ab- läuft; und kommen, wennich mich mehr geſammelt habe. Vierter Auftritt. Maxinelli, und bald darauf deſſen Bedienter Bat⸗ tiſta mit Emilien. Marinelli. Wenn ſie ihn nicht ſelbſt ſtürzen — — 53— geſehen— Und das muß ſie wohl nicht; da ſie ſo ſortgrrilet— Sie kömmt. Auch ich will nicht das Erſte ſein, was ihr hier in die Augen fällt.(Er zieht ſich in einen Winkel des Saales zurück.) Battiſta. Nur hier herein, gnädiges Fräulein. Emi lia(außer Athem). Ah!— Ah!— Iche danke ihm mein Freund;— ich danke ihm. Aber Gott, Gott! wo bin ich? Und ſo ganz allein? Wo bleibt meine Mutter? Wo blieb der Graf? Sie kommen doch nach, mir auf dem Fuße nach? Batt. Ich vermuthe. Emil. Er vermuthet? Er weiß es nicht? Er ſah ſie nicht? Ward nicht gar hinter uns geſchoſſen? Batt. Geſchoſſen? Das wäre!— Emil. Ganz gewiß! Und das hat den Grafen, oder meine Mutter getroffen— Batt. Ich will gleich nach ihnen ausgehen. Emil. Nicht ohne mich. Ich will mit! ich muß mit: komm Er, mein Freund. Mar.(der plötzlich herzu tritt, als ob er eben herein käme). Ah, gnädiges Fräulein! Was für ein Un⸗ glück, oder vielmehr, was für ein Glück, was für ein glückliches Unglück verſchafft uns die Ehre— Emil.(ſtutzend). Wie! Sie hier, mein Herr? Ich bin alſo wohl bei Ihnen? Verzeihen Sie, Herr Kammerherr. Wir ſind von Ränubern ohnfern über⸗ fallen worden. Da kamen uns gute Leute zu Hülfe und dieſer ehrliche Mann hob mich aus dem Wagen und brachte mich hierher. Aber ich erſchrecke, mich allein gerettet zu ſehen. Meine Mutter iſt noch in der Gefahr. Hinter uns ward ſogar geſchoſſen. Sie — 54— ſſt vielleicht todt;— und ich lebe? Verzeihen Sie. Ich muß fort; ich muß wieder hin, wo ich gleich hätte bleiben ſollen. Mar. Beruhigen Sie ſich, gnädiges Fräulein. Es ſtehet alles gut; ſie werden bald bei Ihnen ſein, die geliebten Perſonen, für die Sie ſo viel zärtliche Angſt empfinden. Indeß, Battiſta, geh', lauf: ſie dürften vielleicht nicht wiſſen, wo das Fräulein iſt. Sie dürften ſie vielleicht in einem von den Wirth⸗ ſchaftshäuſern des Gartens ſuchen. Bringe ſie un⸗ verzüglich hierher.(Battiſta geht ab.) Emil. Gewiß? Sind ſie alle geborgen? iſt ih⸗ nen nichts widerfahren? Ah, was c dieſer Tag für ein Tag des Schreckens für mich! Aber ich ſollte nicht hier bleiben; ich ſollte ihnen entgegen eilen. Mar. Wozu das, gnädiges Fräulein? Sie ſind ohnedem ſchon ohne Athem und Kräfte. Erholen Sie ſich vielmehr, und geruhen in ein Zimmer zu treten, wo mehr Bequemlichkeit iſt. Ich will wetten, daß der Prinz ſchon ſelbſt um Ihre theuere ehrwür⸗ dige Mutter iſt, und ſie Ihnen zuführet. Emil. Wer, ſagen Sie? Mar. Unſer gnädigſter Prinz ſelbſt. Emil.(äußerſt beſtürzt) Der Prinz? 8 Mar. Er flog, auf die erſte Nachricht, Ihnen zu Hülfe. Er iſt höchſt ergrimmt, daß ein ſolches Verbrechen ihm ſo nahe, unter ſeinen Augen gleich⸗ ſam, hat dürfen gewagt werden. Er läßt den Thä⸗ tern nachſetzen, und ihre Strafe, wenn ſie ergriffen werden, wird unerhört ſein. Emil. Der Prinz! Wo bin ich denn alſo? —— — 55— Mar. Auf Doſalo, dem Luſtſchloſſe des Prinzen. Emil. Welch ein Zufall! Und Sie glauben, daß er gleich ſelbſt erſcheinen könne? Aber doch in Geſellſchaft meiner Mutter? Mar. Hier iſt er ſchon. Fünfter Auftritt. Der Prinz. Emilia. Marinelli. Prinz. Wo iſt ſie? wo? Wir ſuchen Sie über⸗ all, ſchönſtes Fräulein. Sie ſind doch wohl? Nun, ſo iſt alles wohl! Der Graf, Ihre Mutter,— Emil. Ah, gnädigſter Herr! wo ſind ſie? Wo iſt meine Mutter? 3 Prinz. Nicht weit; hier ganz in der Nähe. Emil. Gott, in welchem Zuſtande werde ich die eine oder den andern vielleicht treffen. Ganz gewiß treffen! denn Sie verhehlen mir, gnädiger Herr— ich ſeh' es, Sie verhehlen mir— Prinz. Nicht doch, beſtes Fräulein. Geben Sie mir Ihren Arm, und folgen Sie mir getroſt. Emil.(unentſchloſſen.) Aber— wenn ihnen nichts widerfahren— wenn meine Ahnungen mich trügen: warum ſind ſie nicht ſchon hier? Warum kamen ſie nicht mit Ihnen, gnädiger Herr? Prinz. So eilen Sie doch, mein Fräulein, alle dieſe Schreckensbilder mit eins verſchwinden zu ſehen. Emil. Was ſoll ich thun!(die Hände ringend) Prinz. Wie, mein Fraͤulein? Sollten Sie ei⸗ nen Verdacht gegen mich hegen? .— 56— Emil.(die vor ihm niederfält.) Zu ihren Füßen, gnädiger Herr— Prinz(ſee aufhebend.) Ich bin äußerſt beſchämt. Ja, Emilia, ich verdiene dieſen ſtummen Vorwurf. Mein Betragen dieſen Morgen iſt nicht zu rechtfer⸗ tigen:— zu entſchuldigen höchſtens. Verzeihen Sie meiner Schwachheit. Ich hätte Sie mit keinem Ge⸗ ſtändniſſe beunruhigen ſollen, von dem ich keinen Vortheil zu erwarten habe. Auch ward ich durch die ſprachloſe Beſtürzung, mit der Sie es anhörten, genugſam beſtraft. Und könnt' ich ſchon dieſen Zu⸗ fall, der mir nochmals, ehe alle meine Hoffnung auf ewig verſchwindet, mir nochmals das Glück Sie zu ſehen und zu ſprechen verſchafft; könnt' ich ſchon dieſen Zufall ſür den Winl eines günſtigen Glückes erklären,— für den wunderbarſten Aufſchub meiner endlichen Verurtheilung erklären, um nochmals um Gnade flehen zu dürfen: ſo will ich doch— beben Sie nicht, mein Fräulein— einzig und allein von Ihrem Blicke abhangen. Kein Wort, kein Seufzer ſoll Sie beleidigen. Nur kränke mich nicht Ihr Miß⸗ trauen. Nur zweifeln Sie keinen Augenblick an der unumſchränkteſten Gewalt, die Sie über mich haben. Nur falle Ihnen nie bei, daß Sie eines andern Schutzes gegen mich bedürfen. Und nun kommen Sie, mein Fräulein,— kommen Sie, wo Entzückun⸗ gen auf Sie warten, die Sie mehr billigen(er fühnt ſie, nicht ohne Sträuben, ab.) Folgen Sie uns, Marinelli. ar. Folgen Sie uns,— das mag heißen: folgen Sie uns nicht. Was hätte ich ihnen auch zu folgen? Er mag ſehen, wie weit er es unter vier — 57—. Augen mit ihr bringt. Alles, was ich zu thun habe, ſitt zu verhindern, daß ſie nicht geſtöret werden. Von dem Grafen zwar, hoffe ich nun wohl nicht. Aber von der Mutter; von der Mutter! Es ſollte mich ſehr wundern, wenn die ſo ruhig abgezogen wäre, und ihre Tochter im Stiche gelaſſen hätte, Nun, Battiſta? was giebts? Sechster Auftritt. Battiſta. Marinelli. Battiſta(ciligſt). Die Mutter, Herr Kammer⸗ herr— Marinelli. Dacht' ichs doch! Wo iſt ſie? Batt. Wann Sie ihr nicht zuvorkommen, ſo wird ſie den Augenblick hier ſein. Ich war gar nicht Willens, wie Sie mir zum Schein gebothen, mich nach ihr umzuſehen: als ich ihr Geſchrei von weitem hörte. Sie iſt der Tochter auf der Spur, und wo nur nicht— unſerm ganzen Anſchlage! Alles, was in dieſer einſamen Gegend von Menſchen iſt, hat ſich um ſie verſammelt; und jeder will der ſein, der ihr den Weg weiſet. Ob man ihr ſchon geſagt, daß der Prinz hier iſt, daß Sie hier ſind, weiß ich nicht. Was wollen Sie thun? Mar. Laßt ſehen!(er überlegt) Sie nicht ein⸗ laſſen, wenn ſie weiß, daß die Tochter hier iſt? Das geht nicht. Freilich ſie wird Augen machen, wenn ſie den Wolf bei dem Schäſchen ſieht. Augen? Das möchte noch ſein. Aber der Himmel ſei unſern Ohren gnädig! Nun was? die beſte Lunge erſchöpft ſich; auch ſogar eine weibliche. Sie hören alle auf zu ſchreien, wenn ſie nicht mehr können. Dazu, es iſt doch ein Mal die Mutter, die wir auf unſerer Seite haben müſſen. Wenn ich die Mütter recht kenne: ſo etwas von einer Schwiegermutter eines Prinzen zu ſein, ſchmeicheln die meiſten. Laß ſie kommen, Bat⸗ tiſta, laß ſie kommen! Batt. Hören Sie! hören Sie! Claud ia Galotti(innerhalb). Emilia! Emilia! Mein Kind! wo biſt Du? Mar. Geh, Battiſta, und ſuche nur ihre neu⸗ gierigen Begleiter zu entfernen. Siebenter Auftritt. Claudia Galotti. Battiſta. Marinelli. Claudia(die in die Thüre tritt, indem Battiſta heraus gehen will). Hal der hob fie aus dem Wagen! der führte ſie fort! Ich erkenne Dich. Wo iſt ſie? Sprich, Unglücklicher. Battiſta. Das iſt mein Dank? Claud. O, wenn Du Danf verdieneſt:(in einem gelinden Tone)— ſo verzeihe mir, ehrlicher Mann! nee i ſie? Laß mich ſie nicht länger entbehren. Wo 1 te? 7 Batt. O, Ihre Gnaden Sie könnte in dem Schooße der Seligkeit nicht beſſer aufgehoben ſein. Hier, mein Herr, wird Ihre Gnaden zu ihr führen.(gegen einige Leute, welche nachdringen wollen) Zurück dal hr 2 4 — 59— 3 Achter Auftritt. 3 Claudia Galotti. Marinelli. Claudia. Dein Herr?(erblickt dem Marxinelli und fährt zurück) Ha! Das Dein Herr? Sie hier mein err? Und hier meine Tochter? Und Sie, Sie ſol⸗ len mich zu ihr führen? Mar. Mit vielem Vergnügen, gnädige Frau. Claud. Halten Sie! Eben fällt mir es bei— Sie waren es ja— nicht? der dem Grafen dieſen Morgen in meinem Hauſe aufſuchte? mit dem ich ihn allein ließ? mit dem er Streit bekam? Mar. Streit? Was ich nicht wüßte: ein unbe⸗ deutender Wortwechſel in herrſchaftlichen Angelegen⸗ heiten— 3 Claud. Und Marinelli heißen Sie? Mar. Marcheſe Marinelli. Claud. So iſt es richtig. Hören Sie doch, Herr Marcheſe. Marinelli war— der Name Ma⸗ rinelli war— begleitet mit einer Verwünſchung— Nein, daß ich den edeln Mann nicht verläumde! be⸗ gleitet mit keiner Verwünſchung— die Verwünſchung denk' ich hinzu. Der Name Marinelli war das letzte Wort des ſterbenden Grafen. Mar. Des ſterbenden Grafen? Grafen Appiani? Sie hören, gnädige Frau, was wir in Ihrer ſelt⸗ ſamen Rede am meiſten auffällt. Des ſterbenden Smfen⸗ Was Sie ſonſt ſagen wollen, verſteh' ich nicht. Claud(bitter und kangſam.) Der Name Marinelli war das letzte Wort des ſterbenden Grafen! Verſte⸗ ———— ——— hen Sie nun? Ich verſtand es erſt auch nicht: ob ſchon mit einem Tone geſprochen— mit einem Tone! Ich höre ihn noch! Wo waren meine Sinne, daß ſie dieſen Ton nicht ſogleich verſtanden? Mar. Nun, gnädige Frau? Ich war von jeher des Grafen Freund; ſein vertrauteſter Freund. Alſo, wenn er mich noch im Sterben nannte? Claud. Mit dem Tone? Ich kann ihn nicht nachmachen; ich kann ihn beſchreiben: aber er erhielt alles! alles!— Was? Näuber wären es geweſen, die uns anfielen?— Mörder waren es; erkaufte Mörder! Und Marinelli, Marinelli war das letzte Wort des ſterbenden Grafen! Mit einem Toue. Mar. Mit einem Tone? Iſt es erhört, auf ei⸗ nen Ton, in einem Augenblicke des Schreckens ver⸗ nommen, die Anklage eines rechtſchaffnen Mannes zu gründen? Cölaud. Ha, könnt' ich ihn nur vor Gericht ſtellen, dieſen Ton! Doch weh mir! Ich vergeſſe darüber meine Tochter.— Wo iſt ſie Wie? auch todt? Was konnte meine Tochter dafür, daß Appiani Dein Feind war?.. Mar. Ich verzeihe der bangen Mutter. Kom⸗ men Sie, gnädige Frau Ihre Tochter iſt hier; in einem von den nächſten Zimmern: und hat ſich hof⸗ fentlich von ihrem Schrecken ſchon völlig erholt. Mit der zärtlichſten Sorgfalt iſt der Prinz ſelbſt um ſie beſchäftiget Elaud. Wer?— Wer ſelbſt? Mar. Der Prinz. Claud. Der Prinz?— Sagen Sie wirklich, der Prinz?— Unſer Prinz? Mar. Welcher ſonſt? Claud. Nun dann!— Ich unglückſelige Mutter! Und ihr Vater! ihr Vater! Er wird den Tag ihrer Geburt verfluchen. Er wird mich verfluchen. Mar. Um des Himmels willen, gnädige Frau! Was fällt Ihnen nun ein? Claud. Es iſt klar! Iſt es nicht? Heute im Tempel! vor den Augen der Allerreinſten! in der nä⸗ hern Gegenwart des Ewigen!— begann das Bu⸗ benſtück; da brach es aus!(gegen dea Marinelli.) Ha, Mörder! feiger, elender Mörder! Nicht tapfer genug, mit eigner Hand zu morden: aber nichtswür⸗ dig genug, zu Befriedigung eines fremden Kitzels zu morden!— morden zu laſſen! Abſchaum aller Mör⸗ der!— Was ehrliche Mörder ſind, werden Dich unter ſich nicht dulden! Dich! Dich— denn warum ſoll ich Dir nicht alle meine Galle, allen meinen Geifer mit einem einzigen Worte in's Geſicht ſpeien? Dich! Dich Kuppler! Mar. Sie ſchwärmen, gute Frau. Aber mäßi⸗ gen Sie wenigſtens Ihr wildes Geſchrei, und beden⸗ ken Sie, wo Sie ſind.— Claud. Wo ich bin? Bedenken, wo ich bin?— Was kümmert es die Löwin, der man die Jungen geraubet, in weſſen Walde ſie brüllet? Emil(innerhalb.) Ha, meine Mutter! Ich höre meine Mutter!. Clau. Ihre Stimme? Das iſt ſie! Sie hat mich gehört; ſie hat mich gehört. Und ich ſollte nicht — 62— 6 ſchreien? Wo biſt Du, mein Kind? Ich komme, ich komme! (Sie ſtürzt in das Zimmer und Marinehi ihr nach.) Vierter Aufzug. (Die Scene bleibt.) Erſter Auftritt. Der Prinz. Marinelli. Prinz(als aus dem Zimmer von Emilien kommend.) Kommen Sie, Marinelli! Ich muß mich erholen— und muß Licht von Ihnen haben. 3 3 Marenelli O der mütterlichen Wuth! Ha! a! ha! Prinz. Sie lachen?. Mar. Wenn Sie geſehen hätten, Prinz, wie toll ſich hier, hier im Saale, die Mutter geberdete— Sie hörten Sie ja wohl ſchreien! und wie zahm ſie auf ein Mal ward, bei dem erſten Anblicke von Ihnen—— Hal ha! Das weiß ich ja wohl, daß reine Mutter einem Prinzen die Augen auskrazt, weil er ihre Tochter ſchön findet. Prinz. Sie ſind ein ſchlechter Beobachter! Die Tochter ſtürzte der Mutter ohnmächtig in die Arme. Darüber vergaß die Mutter ihre Wuth; nicht über mich. Ihre Tochter ſchonte ſie, nicht mich; wenn ſie es nicht lauter, nicht deutlicher ſagte, was ich lie⸗ ber ſelbſt nicht gehört, nicht verſtanden haben will. — 63— Mar. Was, gnädiger Herr? Prinz. Wozu die Verſtellung? Heraus damit, Iſt es wahr? oder iſt es nicht wahr? Mar. Und wenn es denn wäre! Prinz. Wenn es denn wäre? Alſo iſt es?— Er iſt todt? todt?(drohend) Marinelli! Marinelli! Mar. Nun? Prinz. Bei Gott! bei dem allgerechten Gott! ich bin unſchuldig an dieſem Blute. Wenn Sie mir vorher geſagt hätten, daß es dem Grafen das Le⸗ ben koſten werde— Nein, nein! und wenn es mir ſelbſt das Leben gekoſtet hätte! Mar. Wenn ich Ihnen vorher geſagt hätte? Als ob ſein Tod in meinem Plane Aenenn wäre! Ich hatte es dem Angelo auf die Seele gebunden, zu verhüten, daß niemanden Leides geſchähe. Es würde auch ohne die geringſte Gewaltthätigkeit abgelaufen ſein, wenn ſich der Graf nicht die erſte erlaubt hätte. Er ſchoß Knall und Fall den einen nieder. Prinz. Wahrlich; er hätte ſollen Spaß verſtehen! Mar. Daß Angelo ſodann in Wuth kam, und den Tod ſeines Gefährten rächte— Prinz. Freilich, das iſt ſehr natürlich! Mar. Ich hab' es ihm genug verwieſen. Prinz. Verwieſen? Wie freundſchaftlich! War⸗ nen Sie ihn, daß er ſich in meinem Gebiethe nicht betreten läßt. Mein Verweis möchte ſo freundſchaft⸗ lich nicht ſein. Mar. Recht wohl! Ich und Angelo; Vorſatz und Zufall: alles iſt eins. Zwar ward es voraus bedungen, zwar ward es voraus verſprochen, daß —,———— — 64— keiner der Unglücksfälle, die ſich dabei ereignen könn⸗ ten, mir zu Schulden kommen ſolle—— Prinz. Die ſich dabei ereignen— könnten, ſa⸗ gen Sie? oder ſollten. Mar. Immer beſſer! Doch, gnädiger Herr, ehe Sie mir es mit dem trocknen Worte ſagen, wofür Sie mich halten— eine einzige Vorſtellung! Der Tod des Grafen iſt mir nichts weniger, als gleich⸗ gültig. Ich hatte ihn ausgefordert: er war mir Ge⸗ nugthuung ſchuldig, er iſt ohne dieſe aus der Welt gegangen; und meine Ehre bleibt beleidiget. Geſetzt, ich verdiente unter jeden andern Umſtänden den Ver⸗ dacht, den Sie gegen mich hegen: aber auch unter dieſen?(mit einer angenommenen Hitze) Wer das von mir denken kann! Prinz(nachgebend). Nun gut, nun gut— Mar. Daß er noch lebte! O daß er noch lebte! Alles, alles in der Welt wollte ich drum geben(bitter) ſelbſt die Gnade meines Prinzen,— dieſe unſchätzbare, nie zu verſcherzende Gnade— wollt ich drum geben. Prinz. Ich verſtehe. Nun gut, nun gut. Sein 9 g Tod war Zufall, bloßer Zufall. Sie verſichern es; und ich, ich glaub' es. Aber wer mehr? Auch die Mutter? Auch Emilia? Auch die Welt? Mar.(kalt.) Schwerlich. Prinz. Und wenn man es nicht glaubt, was wird man denn glauben? Sie zucken die Achſel? Ihren Angelo wird man für das Werkzeug und mich für den Thäter halten— Mar.(noch kälter). Wahrſcheinlich genug. —— 1 — 65— Prinz. Mich! mich ſelbſt!— Oder ich muß von Stund an alle Abſicht auf Emilien aufgeben— Mar.(höchſt gleichgültig). Was Sie auch ge⸗ mußt hätten, wenn der Graf noch lebte. Prinz(heftig, aber gleich ſich wieder faſſend). Ma⸗ rinellil Doch, Sie ſollen mich nicht wild machen. Es ſei ſo— Es iſt ſo. Und das wollen Sie doch nur ſagen: der Tod des Grafen iſt für mich ein Glück— das größte Glück, was mir begegnen konnte,— das einzige Glück, was meiner Liebe zu ſtatten kommen konnte. Und als dieſes,— mag er doch geſchehen ſein, wie er will.— Ein Graf mehr in der Welt, oder weniger. Denke ich Ihnen ſo recht? Topp, auch ich erſchrecke vor einem kleinen Verbrechen nicht. Nur, guter Freund, muß es ein kleines Ver⸗ brechen, ein kleines, heilſames Verbrechen ſein. Und ſehen Sie, unſeres da, wäre nun gerade weder ſtille noch heilſam. Es hätte den Weg zwar gereiniget, aber zugleich geſperrt. Jedermann würde es uns auf den Kopf zuſagen,— und leider hätten wir es gar nicht ein Mal begangen! Das liegt doch wohl nur blos an Ihren weiſen, wunderbaren Anſtalten! Mar. Wenn Sie ſo befehlen— Prinz. Woran ſonſt? Ich will Rede! Mar. Es kömmt mehr auf meine Rechnung, was nicht darauf gehört. Prinz. Rede will ich! Mar. Nun dann. Was läge an meinen An⸗ ſtalten? daß den Prinzen bei dieſem Unfalle ein ſo ſichtbarer Verdacht trifft? An dem Maiſerſeriche — 66— liegt das, den er ſelbſt meinen Anſtalten mit einzu⸗ mengen die Gnade hatte. Prinz. Ich? Mar. Er erlaube mir, ihm zu ſagen, daß der Schritt, den er heute Morgen in der Kirche gethan, mit ſo vielem Anſtande er ihn auch gethan— ſo unvermeidlich er ihn auch thun wußte— daß dieſer Schritt dennoch nicht in den Tanz gehörte. Prinz. Was verdarb er denn auch? Mar. Freilich nicht den ganzen Tanz; aber doch voritzo den Tat. Prinz. Hm! Verſteh' ich Sie? Mar. Alſo, kurz und einfältig. Da ich die Sache⸗übernäbm, nicht wahr, da wußte Emilia von der Liebe des Prinzen noch nichts? Emiliens Mutter noch weniger. Wenn ich nun auf dieſen Umſtand baute? und der Prinz indeß den Grund meines Ge⸗ bäudes untergrub?— 4 Prinz(ſich vor die Stirne ſchlagend). Verwünſcht! Mar. Wenn er es nun ſelbſt verrieth, was er im Schilde führte? Prinz. Verdammter Einfall! Mar. Und wenn er es nicht ſelbſt verrathen hätte? Traun! Ich möchte doch wiſſen, aus welcher meiner Anſtalten, Mutter und Tochter, den geringſten Argwohn gegen ihn ſchöpfen könnte? Prinz. Daß Sie Recht haben! Mar. Daran thu' ich freilich ſehr Unrecht— Sie werden verzeihen, gnädiger Herr— — 67— Zweiter Auſtritt. Battiſta. Der Prinz. Marinelli, Battiſta(eiligſt). Eben kömmt die Gräfin an. Prinz. Die Gräfin? Was für eine Gräfin? Batt. Orſina. Prinz. Orſina? Marinelli! Orfina? Marinelli! Mar. Ich erſtaune darüber, nicht weniger als Sie ſelbſt. Prinz. Geh, lauf, Battiſta; ſie ſoll nicht aus⸗ ſteigen. Ich bin nicht hier. Ich bin für ſie nicht hier. Sie ſoll augenblicklich wieder umkehren. Geh lauf!(Battiſta geht ab.) Was will die Närrin? Was unterſteht ſie ſich? Wie weiß ſie, daß wir hier ſind? Sollte ſie wohl auf Kundſchaft kommen? Sollte ſie wohl ſchon etwas vernommen haben? Ah, Mari⸗ nelli? So reden Sie, ſo antworten Sie doch! Iſt er beleidiget der Mann, der mein Freund ſein will? Und durch einen elenden Wortwechſel beleidiget? Soll ich ihn um Verzeihung bitten? Mar. Ah, mein Prinz, ſo bald Sie wieder Sie ſind, bin ich mit ganzer Seele wieder der Ihrige! Die Ankunft der Orſina iſt mir ein Räthſel, wie Ihnen. Doch abweiſen wird ſie ſich ſchwerlich laſſen. Was wollen Sie thun? Prinz. Sie durchaus nicht ſprechen; mich ent⸗ fernen— Mar. Wohll und nur geſchwind. Ich will ſie empfangen— Prinz. Aber bloß, um ſie gehen zu heißen. Wei⸗ 5 f 6 4 4 — 68—* ter geben Sie mit ihr ſich nicht ab. Wir haben andere Dinge hier zu thun— Mar. Nicht doch, Prinz! Dieſe andere Dinge ſind gethan. Faſſen Sie doch Muth! Was noch fehlt, kömmt ſicherlich von ſelbſt. Aber hör' ich ſie nicht ſchon? Eilen Sie, Prinz! Da,(auf ein Kabinet zeigend, in welches ſich der Prinz begiebt) wenn Sie wollen, werden Sie uns hören können. Ich fürchte, ich fürchte, ſie iſt nicht zu ihrer beſten Stunde aus⸗ gefahren.. Drititer Auftritt. Die Gräfin Orſina. Marinelli. Orſina l(ohne den Marinelli Anfangs zu erblicken). Wmas iſt das? Niemand kömmt mir entgegen, außer ein Unverſchämter, der mir lieber gar den Eintritt verweigert hätte? Ich bin doch zu Doſalo? Zu dem Doſalo, wo mir ſonſt ein ganzes Heer geſchäftiger Augendiener entgegen ſtürzte? wo mich ſonſt Lieb' und Entzücken erwarteten? Der Ort iſt es: aber, aber! Sieh' da, Marinelli! Recht gut, daß der Prinz Sie mitgenommen. Nein, nicht gut! Was ich mit ihm auszumachen hätte, hätte ich nur mit ihm aus zumachen. Wo iſt er? Mar. Der Prinz, meine gnädige Gräfin? Orſi. Wer ſonſt? 3 Mar. Sie vermuthen ihn alſo hier? wiſſen ihn hier?— Er wenigſtens iſt der Gräfin Orſina hier nicht vermuthend. 9 — 69— Orſi. Nicht? So hat er meinen Brief heute Morgen nicht erhalten? 4 Mar. Ihren Brief? Doch ja; ich erinnere mich, daß er eines Briefes von Ihnen erwähnte. Orſ. Nun? habe ich ihn nicht in dieſem Briefe auf heute um eine Zuſammenkunft hier auf Dofalo gebeten? Es iſt wahr, es hat ihm nicht beliebet, mir ſchriftlich zu antworten. Aber ich erfuhr, daß er eine Stunde darauf wirklich nach Doſalo abge⸗ fahren. Ich glaubte, das ſei Antworts genug; und ich komme.. Mar. Ein ſonderbarer Zufall! Orſi. Zufall? Sie hören ja, daß es verabredet worden. So gut, als verabredet. Von meiner Seite, der Brief: von ſeiner, die That.— Wie er da ſteht, der Herr Marcheſe. Was er für Augen macht! Wun⸗ dert ſich das Gehirnchen? und worüber denn? Mar. Sie ſchienen geſtern ſo weit entfernt, dem Prinzen jemals wieder vor die Augen zu kommen. Orſi. Beßrer Rath kommt über Nacht. Wo iſt er? wo iſt er?— Was gilts, er iſt in dem Zim⸗ mer, wo ich das Gequicke, das Gekreiſche hörte? Ich wollte herein, und der Schurke vom Bedienten trat vor. Mar. Meine liebſte, beſte Gräfin— 1 Or ſ. Es war ein weibliches Gekreiſche. Was gikts! Marinelli?— O ſagen Sie mir doch, ſagen Sie mir wenn ich anders Ihre liehſte beſte Gräfin. bin — Verdammt, über das Hofgeſchmeiß!— So viel Worte, ſo viel Lügen!— Nun, was liegt daran, ob Sie mir es voraus ſagen, oder nicht? Ich werd' es ja wohl ſehen.(Will gehen.) — 70— Mar(der ſie zurückhält.) Wohin? Orſi. Woc ich längſt ſein ſollte. Denken Sie, daß es ſchicklich iſt, mit Ihnen hier in dem Vorge⸗ mache einen elenden Schnickſchnack zu halten, indeß der Prinz in dem Gemache auf mich wartet? Mar. Sie irren ſich, gnädige Gräſin. Der Prinz erwartet Sie nicht. Der Prinz kann Sie hier nicht ſprechen,— will Sie nicht ſprechen. Orſ. Und wäre doch hier? und wäre doch auf meinen Brief hier? Mar. Nicht auf Ihren Brief— Orſ. Den er ja erhalten, ſagen Sie— Mar. Erxhalten, aber nicht geleſen. Orſ.(heftig.) Nicht geleſen?(minder heftig) Nicht geleſen?(wehmuthig, und eine Thräne aus dem Auge wiſchend) Nicht einmal geleſen? Mar. Aus Zerſtreuung, weiß ich,— nicht aus Verachtung. Orſ.(ſtolz.) Verachtung? Wer denkt daran? Wem hrauchen Sie das zu ſagen? Sie ſind ein unver⸗ ſchämter Tröſter, Marinelli! Verachtung! Verachtung Mich verachtet man auch! mich!(gelinder, bis zum Tone der Schwermuth) Freilich liebt er mich nicht mehr. Das iſt ausgemacht. Und an die Stelle der Liebe trat in ſeiner Seele etwas anders. Das iſt natürlich. Aber warum denn eben Verachtung? Es braucht ja nur Gleichgültigkeit zu ſein. Nicht wahr, Marinelli? Mar. Allerdings, allerdings. Orſ.(höhniſch). Allerdings? O des weiſen Man⸗ nes, den man ſagen laſſen kann, was man will!— — 71— Gleichgültigkeit! Gleichgültigkeit an die Stelle der Liebe? Das heißt, Nichts an die Stelle von Etwas Denn lernen Sie, nachplauderndes Hoſmännchen, lernen Sie von einem Weibe, daß Gleichgültigkeit ein leeres Wort, ein bloßer Schall iſt, dem nichts, gar nichts entſpricht. Gleichgültig iſt die Seele nur gegen das, woran ſie nicht denkt; nur gegen ein Ding, das für ſie kein Ding iſt. Und nur gleich⸗ gültig für ein Ding, das kein Ding iſt— das iſt ſo viel, als gar nicht gleichgültig. Iſt Dir das zu hoch, Menſch? Mar.(vor ſich.) O weh! wie wahr iſt es, was ich fürchtete.. Orſ. Was murmeln Sie da? Mar. Lauter Bewunderung! Und wem iſt es nicht bekannt, gnädige Gräfin, daß Sie eine Philo⸗ ſophin ſind? Orſ. Nicht wahr? Ja, ja; ich bin eine. Aber habe ich mir es jetzt merken laſſen, daß ich eine bin? O pfui, wenn ich mir es habe merken laſſen; und wenn ich mir es öfterer habe merten laſſen! Iſt es wohl noch Wunder, daß mich der Prinz verachtet? Wie kann ein Mann ein Ding lieben, das, ihm zum Trotze, auch denken will? Ein Franenzimmer, das denket, iſt eben ſo ekel als ein Mann, der ſich ſchmin⸗ ket. Lachen ſoll es, nichts als lachen, um immer⸗ dar den geſtrengen Herrn der Schöpfung bei guter Laune zu erhalten. Nun, worüber lach' ich denn gleich, Marinelli? Ach, ja wohl! Ueber den Zufall! daß ich dem Prinzen ſchreibe, er ſoll nach Doſalo kommen: daß der Prinz meinem Brief nicht lieſet, — 72— und daß er doch nach Doſalo kömmt. Hal ha! ha! Wahrlich ein ſonderbarer Zufall! Sehr luſtig, ſehr närriſch. Und Sie lachen nicht mit, Marinelli?— Mit lachen kann ja wohl der geſtrenge Herr der Schöpfung, ob wir arme Geſchöpfe gleich nicht mit⸗ denken dürfen—(ernſthaft und befehlend) So lachen Sie doch! Mar. Gleich, gnädige Gräfin, gleich! Orſ. Stockl Und darüber geht der Augenblick vorbei. Nein, nein, lachen Sie nur nicht. Denn ſehen Sie, Marinelli,(nachdenkend bis zur Rührung) was mich ſo herzlich zu lachen macht, das hat auch ſeine ernſthafte— ſehr ernſthafte Seite. Wie alles in der Welt! Zufall? Ein Zufall wär' es, daß der Prinz nicht daran gedacht, mich hier zu ſprechen, und mich doch hier ſprechen muß! Ein Zufall? Glau⸗ ben Sie mir, Marinelli: das Wort Zufall iſt Got⸗ tesläſterung. Nichts unter der Sonne iſt Zufall; — am wenigſten das, wovon die Abſicht ſo klar in die Augen leuchtet. Allmächtige, allgütige Vorſicht, vergieb mir, daß ich mit dieſem albernen Sünder einen Zufall genennet habe, was ſo offenbar dein Werk, wohl gar dein unmittelbares Werk iſt!(haſtig gegen Marinelli) Kommen Sie mir, und verleiten Sie mich noch ein Mal zu ſo einem Frevel! Mar.(vor ſich). Das geht weit! Aber gnädige Gräfin— Orſ. Still mit dem Aber! Die Aber koſten Ue⸗ berlegung:— und mein Kopf! mein Kopf!(ſich mit der Hand die Stirne haltend)— Machen Sie, Ma⸗ rinelli, machen Sie, daß ich ihn bald ſpreche, den — 73— Prinzen; ſonſt bin ich es wohl gar nicht im Stande — Sie ſehen, wir ſollen uns ſprechen; wir müſſen uns ſprechen— Vierter Auftritt. Der Prinz. Orſina. Marinelli. Prinz(indem er aus dem Kabinette tritt, vor ſich) Ich muß ihm zu Hülfe kommen— rſ.(die ihn erblickt, aber unentſchlüſſig bleibt, ob ſie auf ihn zu gehen ſoll.) Ha! da iſt er. Prinz(geht quer über den Saal, bei ihr vorbei, nach den andern Zimmern, ohne ſich im Reden laufzuhalten.) Sieh da! unſere ſchöne Gräfin. Wie ſehr bedaure ich, Madame, daß ich mir die Ehre Ihres Beſuchs für heute ſo wenig zu Nutze machen kann! Ich bin beſchäftiget. Ich bin nicht allein. Ein ander Mal, meine liebe Gräfin! Ein ander Mal. Jetzt halten Sie länger ſich nicht auf. Ja nicht länger! Und Sie, Marinelli, ich erwarte Sie. Fünſter Auftritt. Or ſina. Marinellt. „Mar. Haben Sie es, gnädige Gräfin, nun von ihm ſelbſt gehört, was Sie mir nicht glauben wollen? Orſ(wie betäubt.) Hab' ich, hab' ich wirklich? Mar. Wirklich. Orſ(mit Rührung.)„Ich bin beſchäftiget. Ich bin nicht allein.“ Iſt das die Enſchuldigung ganz, die ich werth bin? Wen weiſet man damit nicht *⁴ — 174— ab? Jeden Ueberläſtigen, jeden Bettler. Für mich keine einzige Lüge mehr? Keine einzige kleine Lüge mehr für mich? Beſchäftiget? womit denn! Nicht allein? wer wäre denn bei ihm? Kommen Sie, Ma⸗ rinelli! Lügen Sie mir Eines auf eigene Rechnung vor. Was koſtet Ihnen denn eine Lüge? Was hat er zu thun? Wer iſt bei ihm? Sagen Sie mir; ſa⸗ gen Sie mir, was Ihnen zuerſt in den Mund kömmt, und ich gehe. Mar(oor ſich.) Mit dieſer Bedingung kann ich ihr ja wohl einen Theil der Wahrheit ſagen. Orſ. Nun? Geſchwind, Marinelli; und ich gehe. Er ſagte ohnedem, der Prinz:„Ein ander Mal, meine liebe Gräfin!“ Sagte er nicht ſo? Damit er mir Wort hält, damit er keinen Vorwand hat, mir nicht Wort zu halten: geſchwind, Marinelli, Ihre Lüge; und ich gehe. Mar. Der Prinz, liebe Gräſin, iſt wahrlich nicht allein. Es ſind Perſonen bei ihm, von denen er ſich keinen Augenblick abmüßigen kann; Perſonen, die pbei einer großen Gefahr entgangen ſind. Der Graf ppiani— Orſ. Wäre bei ihm? Schade, daß ich über dieſer Lüge Sie ertappen muß. Geſchwind eine andere. Denn Graf Appiani, wenn Sie es noch nicht wiſſen, iſt eben von Räubern erſchoſſen worden. Der Wa⸗ gen mit ſeinent Leichname begegnete mir kurz vor der Stadt. Oder iſt er nicht? Hätte es mir bloß geträumet? Mar. Leider nicht bloß geträumet! Aber die Andern, die mit dem Grafen waren, haben ſich glück⸗ — — 75— lich hierher nach dem Schloſſe gerettet: ſeine Braut nämlich, und die Mutter der Braut, mit welchen er nach Sabionetta fahren wollte. Orſ. Alſo die. Die ſind bei dem Prinzen? die Braut, und die Mutter der Braut? Iſt die Braut ſchön? Mar. Dem Prinzen geht ihr Unfall ungemein nahe. Orſ. Ich will hoffen; auch wenn ſie häßlich wäre. Denn ihr Schickſal iſt ſchrecklich. Armes, gutes Mädchen, eben da er Dein auf immer werden ſollte, wird er Dir auf immer entriſſen! Wer iſt ſie denn, dieſe Braut? Kenn' ich ſie gar? Ich bin ſo lange aus der Stadt, daß ich von Nichts weiß. Mar. Es iſt Emilia Galotti. Orſ. Wer? Emilia Galotti? Emilia Galotti? — Marinelli! daß ich dieſe Lüge nicht für Wahr⸗ heit nehme! Mar. Wie ſo? Orſ. Emilia Galotti? 3 Mar. Die Sie ſchwerlich kennen werden— Orſ. Doch! doch! Wenn es auch nur von heute wäre. Im Ernſt, Marinelli! Emilia Galottt, Emilia Galotti wäre die unglückliche Braut, die der Prinz tröſtet? Mar(vor ſich.) Sollte ich ihr ſchon zu viel ge⸗ ſagt haben? Orſ. Und Graf Appiani war der Bräntigam dieſer Braut? der eben erſchoſſene Appiani! Mar. Nicht anders. Orſ. Bravo! o bravo! bravo!(in die Hände ſchlagend.) = 76— Mar. Wie das? Orſ. Küſſen mocht' ich den Teufel, der ihn dazu verleitet hat! Mar. Wen, verleitet? wozu? Orſ. Ja, küſſen, küſſen möcht' ich ihn— Und wenn Sie ſelbſt dieſer Teufel wären, Marinelli. Mar. Gräfin! Orſ. Kommen Sie her! Sehen Sie mich an! ſteif an! Aug' in Auge! Mar. Nun! Orſ. Wiſſen Sie nicht, was ich denke? Mar. Wie kann ich das? Orſ. Haben Sie keinen Antheil daran? Mar. Woran? Orſ. Schwören Sie! Nein, ſchwören Sie nicht. Sie möchten eine Sünde mehr begehen— Oder ja; ſchwören Sie nur. Eiue Sünde mehr oder weniger fär einen, der doch verdammt iſt! Haben Sie keinen Antheil daran? Mar. Sie erſchrecken mich, Gräfin. Orſ. Gewiß? Nun, Marinelli, argwohnet Ihr gutes Herz auch nichts? Mar. Was? worüber? 1 Orſ. Wohl,— ſo will ich Ihnen etwas ver⸗ trauen; etwas, daß Ihnen jedes Haar auf dem Kopfe zu Berge ſträuben ſoll. Aber hier, ſo nahe an der Thüre, möchte uns jemand hören. Kommen Sie hierher.— Und!(indem ſie den Finger auf den Mund legt) Hören Sie! ganz in geheim! ganz in geheim!(und ihren Mund ſeinem Ohre nähert, als ob ſie — 77— ihm zuflüſtern wollte, was ſie aber ſehr laut ihm zu⸗ ſchreiet) Der Prinz iſt ein Mörder! Mar. Gräfin,— Gräfin— ſind Sie ganz von Sinnen! Orſ. Von Sinnen? Ha! hal ha!(aus vollem Halſe lachend) Ich bin ſelten, oder nie, mit meinem Verſtande ſo wohl zufrieden geweſen, als eben jetzt. Zuverläſſig, Marinelli: aber es bleibt unter uns— (leiſe) der Prin iſt ein Mörder! Des Grafen Appiani Mörder! Den haben nicht Ränber, den haben Hel⸗ helfe des Prinzen, den hat der Prinz umge⸗ racht! Mar. Wie kann Ihnen ſo eine Abſcheulichkeit in den Mund, in die Gedanken kommen! Orſ. Wie! Ganz naturlich. Mit dieſer Emilia Galotti, die hier bei ihm iſt,— deren Bräutigam ſo über Hals über Kopf ſich aus der Welt trollen müſſen, mit dieſer Emilia Galotti hat der Prinz heute Morgen, in der Halle bei den Dominikanern, ein Langes und Breites geſprochen. Das weiß ich; das haben meine Kundſchaften geſehen. Sie haben auch ehört, was er mit ihr geſprochen. Nun, guter Herr! Bin ich von Sinnen? Ich reime, dächt' ich, doch ſo ziemlich noch zuſammen, was zuſammen ge⸗ hört. Oder trifft auch das nur ſo von ungefähr zu? Iſt Ihnen auch das Zufall? O Marinelli, ſo verſtehen Sie auf die Bosheit der Menſchen ſich eben ſo ſchlecht, als auf die Vorſicht. Mur. Gräfin, Sie würden ſich um den Hals reden— Orfi. Wenn ich das mehrern ſagte?— Deſto 5 5 — 78— beſſer! deſto beſſer!— Morgen will ich es auf dem Markte ausrufen. Und wer mir widerſpricht, der war des Mörders Spießgeſelle.— Leben Sie wohl. (Indem ſie fortgehen will, begegnet ſie an der Thüre dem alten Galotti, der eiligſt hereintritt.) Sechſter Auſtritt. Odoardo Galotti. Die Gräfin. Marinelli. Odoardo Gal. Verzeihen Sie, gnädige Frau. Orſ. Ich habe hier nichts übel zu nehmen. An iſen Hertn wenden Sie ſich.(ihn nach Marinelli weiſend. Mar(indem er ihn erblicket, vor ſich) Nun vol⸗ lends! der Alte! Od. Vergeben Sie, mein Herr, einem Vater, der in der äußerſten Beſtürzung iſt,— daß er ſo un⸗ angemeldet hereintritt. Orſ. Vater!(kehrt wieder um) Der Emilig, ohne Zweifel. Ha, willkommen! Od. Ein Bedienter kam mir entgegen geſprengt, mit der Nachricht, daß hierherum die Meinigen in Gefahr wären. Ich fliege herzu, und höre, daß der Graf Appiani verwundet worden; daß er nach der Stadt zurückgekehret; daß meine Frau und Tochter ſich in das Schloß gerettet. Wo ſind ſie, mein Herr? wo ſind ſie? Mar. Sein Sie ruhig, Herr Oberſter. Ihrer Gemahlin und Ihrer Tochter iſt nichts Uebels wider⸗ fahren; den Schreck ausgenommen. Sie befinden ſich beide wohl. Der Prinz iſt bei ihnen. Ich gehe ſogleich, Sie zu melden. — 79— Od. Warum melden? erſt melden? Mar. Aus Urſachen— von wegen— Von wegen des Prinzen. Sie wiſſen, Herr Oberſter, wie Sie mit dem Prinzen ſtehen. Nicht auf dem freund⸗ ſchaftlichſten Fuße. So gnädig er ſich gegen Ihre Gemahlin und Tochter bezeiget:— es ſind Damen. Wird darum auch Ihr unvermutheter Anblick ihm gelegen ſeinae Rae. Sie haben Recht, mein Herr, Sie haben echt. Mar. Aber, gnädige Gräfin,— kann ich vorher die chrr haben, Sie nach Ihrem Wagen zu be⸗ gleiten? Orſ. Nicht doch, nicht doch. Marx.(ſie bei der Hand nicht unſanft ergreifend)⸗ Erlauben Sie, daß ich meine Schuldigkeit beobachte. Orſ. Nur gemach! Ich erlaſſe Sie deren, mein Herr. Daß doch immer Ihres Gleichen Höflichkeit zur Schuldigkeit machen; um was eigenlich ihre Schuldigkeit wäre, als die Nebenſache betreiben zu dürfen! Dieſen würdigen Mann je eher je lieber zu melden, das iſt Ihre Schuldigkeit. Mar. Vergeſſen Sie, was Ihnen der Prinz ſelbſt befohlen? Orſ. Er komme, und befehle es mir noch ein Mal. Ich erwarte ihn. Mar.(leiſe zu dem Oberſten, dem er bei Seite ziehet). Mein Herr, ich muß Sie hier mit einer Dame laſſen, die— der— mit deren Verſtande— Sie verſtehen mich. Ich ſage ihnen dieſes, damit Sie wiſſen, was Sie auf ihre Reden zu geben haben, deren ſie oft 3 ſehr ſeltſame führet. Am beſten, Sie laſſen ſich mit ihr nicht ins Wort. Od. Nrcht wohl. Eilen Sie nur mein Herr. Siebenter Auftritt. Die Gräfin Orſina. Odoardo Galotti. Orſina,(nach einigem Stillſchweigen, unter wel⸗ chem ſie den Oberſten mit Mitleid betrachtet; ſo wie er ſie mit einer flüchtigen Neugierde). Was er Ihnen auch da geſagt hat, unglücklicher Mann!— Odvardo(halb vor ſich, halb gegen ſie). Un⸗ glücklicher?. Orſ. Eine Wahrheit war es gewiß nicht; am wenigſten eine von denen, die auf Sie warten. O d. Auf mich warten? Weiß ich nicht ſchon nur. 8 Orſ. Sie wiſſen nichts. Od. Nichts? rum, wann Sie auch mein Vater wären! Verzeihen Sie! Die Unglücklichen ketten ſich ſo gern an ein⸗ 1 Mee m0 wollte treulich Schmerz und Wuth mit nen eilen. Od. Schmerz und Wuth? Madam! Aber ich vergeſſe— Reden Sie nur. 3 Drſ. Wenn es gar Ihre einzige Tochter— Ihr einziges Kind wäre! Zwar einzig, oder nicht. Das unglückliche Kind, iſt immer das einzige. Orſ. Guter, lieber Vater! Was gäbe ich da⸗ genug? Madame! Aber, reden Sie nur, reden Sie Od. Das unglückliche?— Madame! Was will ich von ihr?— och, bei Gott, ſo ſpricht keine Wahnwiitzige.„ 3 Orſ. Wahnwitzige! Das war es alſo, was er Ihnen von mir vertraute?— Nun nun: es mag leicht keine von ſeinen gröbſten Lügen ſein. Ich fühle ſo was!— und glauben Sie, glauben Sie mir: wer über gewiſſe Dinge den Verſtand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren. Od. Was ſoll ich denken? Orſ. Daß Sie mich alſo ja nicht verachten! Denn auch Sie haben Verſtand, guter Alter; auch Sie. Ich ſeh' es an dieſer entſchloſſenen, ehrwürdigen Miene. Auch Sie haben Verſtand; und es koſtet mich ein Wort, ſo haben Sie keinen. Od. Madame! Madame! Ich habe ſchon keinen mehr, noch ehe Sie mir dieſes Wort ſagen, wenn Sie mir es nicht bald ſagen. Sagen Sie es! ſagen Sie es! oder es iſt nicht wahr,— es iſt nicht wahr, daß Sie von jener guten, unſers Mitleids, unſerer Hochachtung ſo würdigen Gattung der Wahnwitzi⸗ gen ſind—Sie ſind eine gemeine Thörin. Sie haben nicht, was Sie nie hatten. Orſ. So merken Sie auf! Was wiſſen Sie, der Sie ſpon genug wiſſen wollen? Daß Appiani verwundet worden? Nur verwundet?— Appiani iſt todt! Od. Todt? todt?— Ha, Frau, das iſt wieder die Abrede. Sie wollen mich um den Verſtand brin⸗ gen: und Sie brechen mir das Herz. Orſ. Das beiher! Nur weiter. Der Bräutigam . 6 — 2— iſt todt: und die Braut— Ihre Tochter ſchlimmer als todt. Od. Schlimmer? ſchlimmer als todt? Aber doch zugleich, auch todt?— Denn ich kenne nur Ein Schlimmeres— Orf. Nicht zugleich auch todt. Nein, guter Vater, nein! Sie lebt, ſie lebt. Sie wird nun erſt recht anfangen zu leben.— Ein Leben voll Wonne! Das ſchünſe⸗ luſtigſte Schlaraffenleben ſo lang' es dauert. Od. Das Wort, Madame; das einzige Wort, das mich um den Verſtand bringen ſoll, heraus da⸗ mit?— Schütten Sie nicht Ihren Tropfen Gift in einen Eimer.— Das einzige Wort geſchwind! Orſ. Nun daz buchſtabiren Sie es zuſammen! Des Morgens, ſprach der Prinz Ihre Tochter in der Meſſe, des Nachmittags, hat er ſie auf ſeinem Luſt— Luſtſchloſſe. Od. Sprach ſie in der Meſſe? Der Prinz meine Tochter? Orſ. Mit einer Vertraulichkeit! mit einer In brunſt! Sie hatten nichts Kleines abzureden. Und recht gut, wenn es abgeredet worden; recht gut, wenn Ihre Tochter freiwillig ſich hierher gerettet! Sehen Sie: ſo iſt es doch keine gewaltſame Ent⸗ führung; ſondern blos ein kleiner— kleiner Meu⸗ chelmord. Od. Verläumdung! verdammte Verläumdung! Ich kenne meine Tochter. Iſt es Meuchelmord; ſo iſt es auch Entführung.(Blickt wild um ſich, und ſtampft und ſchäͤumet.) Nun, Claudig? Nun, Mütter⸗ — 83— chen? Haben wir nicht Freude erlebt! O des gnä⸗ digen prüzen, O der ganz beſondern Ehre! Orſ. Wirkt es, Alter! wirkt es? O d. Da ſteh⸗ ich nun vor der Höhle des Räu⸗ bers—(indem er den Rock von beiden Seiten ausein⸗ ander ſchlägt, und ſich ohne Gewehr ſteht) Wunder, daß ich aus Eilfertigkeit nicht auch die Hände zurück ge⸗ laſſen!(an alle Schubſäͤcke fühlend, als etwas ſuchend) Nichts gar nichts! nirgends! Orſ. Ha, ich verſtehe! Damit kann ich aushel⸗ fen! Ich hab' einen mitgebracht,(einen Dolch hervor⸗ ziehend) Da nehmen Sie! Nehmen Sie geſchwind, eh' uns jemand ſieht. Auch hätte ich noch etwas, — Gift. Aber Gift iſt nur für uns Weiber; nicht für Männer. Nehmen Sie ihn!(ihm den Dolch auf⸗ dringend) Nehmen Sie! Od. Ich danke, ich danke. Liebes Kind, wer wieder ſagt, daß Du eine Närrin biſt, der hat es mit mir zu thun. Orſ. Stecken Sie bei Seite! geſchwind bei Seite! Mir wird die Gelegenheit verſagt, Gebrauch davon zu machen. Ihnen wird ſie nicht fehlen, dieſe Gelegenheit: und Sie werden ſie ergreifen, die erſte, die beſte,— wenn Sie ein Mann ſind. Ich, ich bin nur ein Weib: aber ſo kam ich her! Feſt ent⸗ ſchloſſen! Wir, Alter, wir können uns alles ver⸗ trauen. Denn wir ſind beide beleidiget; von dem nämlichen Verführer beleidiget. Ah, wenn Sie wüß⸗ ten, wie überſchwenglich, wie unausſprechlich, wie unbegreiſlich ich von ihm beleidiget worden, und noch werde:— Sie könnten, Sie würden Ihre eigent Beleidigung darüber vergeſſen. Kennen Sie mich? Ich bin Orſina, die betrogene, verlaſſene Orſina. Zwar vielleicht nur um Ihre Tochter verlaſſen. Hoch was kann Ihre Tochter dafür? Bald wird auch ſie verlaſſen ſein. Und dann wieder eine! Und wieder eine! Ha!(wie in der Entzückung) welch eine himm⸗ liſche Phantaſie! Wann wir ein Mal alle,— wir, das ganze Heer der Verlaſſenen,— wir alle in Bacchantinnen, in Furien verwandelt, wenn wir alle ihn unter uns hätten, ihn unter uns zerriſſen, zer⸗ fleiſchten, ſein Eingeweide durchwühlten,— um das Herz zu finden, das der Verräther einer jeden ver⸗ ſprach, und keiner gab! Ha! das ſollte ein Tanz werden! das ſollte! Achter Auftritt. Claudia Galotti. Die Vorigen. Claud.(die im Hereintreten ſich umſiehet, und ſo⸗ bald ſie ihren Gemahl erblickt, auf ihn zuflieget) Erra⸗ then! Ah, unſer Beſchützer, unſer Retter! Biſt Du da! Odoardo? Biſt Du da? Aus ihrem Wiſpern, aus ihren Mienen ſchloß ich es. Was ſoll ich Dir ſagen, wenn Du noch nichts weißt? Was ſoll ich Dir ſagen, wenn Du ſchon alles weißt? Aber wir ſind unſchuldig. Ich bin unſchuldig. Deine Tochter iſt unſchuldig. Unſchuldig, in allem unſchuldig! Od.(der ſich bei Erblickung ſeiner Gemahlin zu faſſen geſucht). Gut, gut. Sei nur ruhig, nur ruhig,— und antworte mir.(Gegen die Orſina) Nicht, Ma⸗ dame, als ob ich noch zweifelte— Iſt der Graf todt? —- =s Claud. Todt. O, d. Iſt es wahr, daß der Prinz heute Morgen Emißjen in der Meſſe geſprochen? Elaud. Wahr. Aber wenn du wüßteſt, wel⸗ chen Schreck es ihr verurſacht; in welcher Beſtür⸗ zung ſie nach Hauſe kam— Orſ. Nun, hab' ich gelogen? O d.(mit einem hittern Lachen.) Ich wollt' auch nicht, Sie hätten! Um wie vieles nicht! Or ſ. Bin ich wahnwitzig? Od.(wild hin und her gehend.) O,— noch bin ich es auch nicht. Claud. Du geboteſt mir ruhig zu ſein; und ich bin ruhig. Beſter Mann, darf auch ich— ich Dich bitten— Od. Was willſt due Bin ich nicht ruhig? Kann man ruhiger ſein, als ich bin?(fich zwingend) Weiß es Emilia, daß Appiani todt iſt? Clau d. Wiſſen kann ſie es nicht. Aber ich ſijcher daß ſie es argwohnet, weil er nicht er⸗ heinet.— O d. Und ſie jammert und winſelt?— Clau. Nicht mehr. Das iſt vorbei: nach ihrer Art, die Du kenneſt. Sie iſt die Furchtſamſte und Entſchloſſenſte unſers Geſchlechts. Ihrer erſten Ein⸗ drücke nie mächtig: aber nach der geringſten Ueber⸗ legung, in alles ſich findend, auf alles gefaßt. Sie hält den Prinzen in einer Entfernung; ſie ſpricht mit ihm in einem Tone— Mache nur, Odoardo daß wir wegkommen. Od. Ich bin zu Pferde.— Was zu thun?— — 365— Doch, Madama, Sie fahren ja nach der Stadt zurück? Orſ. Nicht anders. 3 3 Od. Hätten Sie wohl die Gewogenheit, meine Frau mit ſich zu nehmen? Orſ. Warum nicht? Sehr gern. O d. Claudia,—(ihr die Gräfin bekannt machend) Die Gräfin Orſina; eine Dame von großem Ver⸗ ſtande; meine Freundin, meine Wohlthäterin. Du mußt mit ihr herein; um uns ſogleich den Wagen heraus zu ſchicken. Emilia darf nicht wieder nach Guaſtalla. Sie ſoll mit mir. Claud. Aber— wenn nur— Ich trenne mich ungern von dem Kinde. d. Bleibt der Vater nicht in der Nähe? Man wird ihn endlich doch vorlaſſen. Keine Einwendung! Kommen Sie, gnädige Frau.(leiſe zu ihr) Sie wer⸗ den von mir hören.— Komm Claudia. —(Er führt ſie ab.) Fünfter Aufzug. (Die Scene bleibt.) Erſter Auftritt. Marinelli. Der Priuz. Marinelli. Hier, gnädiger Herr, aus dieſem Fenſter können Sie ihn ſehen. Er geht die Arkade auf und nieder. Eben biegt er ein; er kömmt— — 8— Nein, er kehrt wieder um. Ganz einig iſt er mit ſich noch nicht. Aber um ein großes ruhiger iſt er, — oder ſcheinet er. Für uns gleich viel! Natür⸗ lich! Was ihm auch beide Weiber in den Kopf ge⸗ ſetzt haben, wird er es wagen zu äußern?— Wie Battiſta gehört, ſoll ihm ſeine Frau den Wagen ſogleich heraus ſenden. Denn er kam zu Pferde. Geben Sie Acht, wenn er nun vor Ihnen erſchei⸗ net, wird er ganz unterthänigſt Eurer Durchlaucht für den gnädigen Schutz danken, den ſeine Familie bei dieſem ſo traurigen Zufalle hier gefunden; wird ſich mit ſammt ſeiner Tochter, zu fernerer Gnade empfehlen; wird ſie ruhig nach der Stadt brin⸗ gen, und es in tiefſter Unterwerfung erwarten, wel⸗ chen weitern Antheil Euer Durchlaucht an ſeinem unglücklichen, lieben Mädchen zu nehmen geruhen wollen. Prinz. Wenn er nun aber ſo zahm nicht iſt? Und ſchwerlich, ſchwerlich wird er es ſein. Ich kenne ihn zu gnt. Wenn er böchſtens ſeinen Argwohn erſtickt, ſeie Wuth verbeißt: aber Emilien, anſtatt ſie nach der Stadt zu führen, mit ſich nimmt? bei ſich behält? oder wohl gar in ein Kloſter, außer meinem Gebiete, verſchließt? Wie dann? Mar. Die fürchtende Liebe ſieht weit. Wahr⸗ lich! Aber er wird ja nicht— Prinz. Wenn er nun aber! Wie dann? Was wird es uns dann helfen, daß der unglückliche Graf ſein Leben darüber verloren? Mar. Wozu dieſer traurige Seitenblick? Vor⸗ wärts! denkt der Sieger: es falle neben ihm Feind — oder Freund. Und wenn auch! Wenn er es auch wollte, der alte Neidhart, was Sie von ihm füͤrch⸗ ten, Prinz:—(überlegend) Das geht! Ich hab es! Weiter als zum Wollen, ſoll er es gewiß nicht brin⸗ gen. Gewiß nicht! Aber daß wir ihn nicht aus dem Geſichte verlieren(tritt wieder ans Fenſter.) Bald hätt; er uns überraſcht! Er fömmt. Laſſen Sie uns ihm noch ausweichen: und hören Sie erſt, Prinz, was wir auf den zu befürchtenden Fall thun müſſen. Prinz(drohend.) Nur Marinelli! Mar. Das nnſchuldigſte von der Welt. Zweiter Auftritt. Odoardo Galotti. Noch niemand hier? Gutb; ich ſoll noch kälter wer⸗ den. Es iſt mein Glück. Nichts verächtlicher als ein brauſender Jünglingskopf mit grauen Haaren! Ich hab' es mir ſo oft geſagt. Und doch ließ ich mich fortreißen: und van wem? Von einer Eiferſüch⸗ tigen; von einer für Eiferſucht Wahnwitzigen. Was hat die gekränkte Tugend mit der Rache des Laſters zu ſchaffen. Jene allein hab' ich zu retten. Und deine Sache, mein Sohn! mein Sohn! Weinen konnt' ich nie; und will es nun nicht erſt lernen— deine Sache wird ein ganz Anderer zu ſeiner machen! Genug für mich, wenn dein Mörder die Frucht ſeines Ver⸗ brechens nicht genießt. Dieß martere ihn mehr, als das Verbrechen! Wenn nun bald ihn Sättigung und Ckel von Lüſten zu Lüſten treiben; ſo vergälle die Erinnerung, dieſe eine Luſt nicht gebüßet zu haben, — — 839— ihm den Genuß aller! In jedem Traume führe der blutige Bräutigam ihm die Braut vor das Bett; und wenn er dennoch den wollüſtigen Arm nach ihr ausſtreckt: ſo höre er plötzlich das Hohngelächter der Hölle, und erwache. Dritter Auftritt. Marinelli. Odoardo Galotti. Marinelli. Wo bleiben Sie, mein Herr? wo bleiben Sie? 3 Odo. War meine Tochter hier! Mar. Nicht ſie: aber der Prinz. Odo. Er verzeihe. Ich habe die Gräfin begkeitet. Mar. Nun!. Odo. Die gute Dame! Mar. Und Ihre Gemahlin? O d. Iſt mit der Gräfin; um uns den Wagen ſogleich heraus zu ſenden. Der Prinz vergönne nur, daß ich mich ſo lange mit meiner Tochter noch hier verweile. Mar. Wozu dieſe Umſtände? Würde ſich der Prinz nicht ein Vergnügen daraus gemacht haben, ſie beide, Mutter und Tochter, ſelbſt nach der Stadt zu bringen? O d. Die Tochter wenigſtens würde dieſe Ehre haben verbitten müſſen. 3 Mar. Wie ſo? Od. Sie ſoll nicht mehr nach Guaſtalla. Mar. Nicht, und warum nicht? Od. Der Graf iſt todt. 5 — 90— Mar. Um ſo viel mehr— O d. Sie ſoll mit mir. Mar. Mit Ihnen? Oo. Mit mir. Ich ſage Ihnen ja, der Graf iſt todt: Wenn Sie es noch nicht wiſſen. Was hat ſie nun weiter in Guaſtalla zu thun? Sie ſoll mit mir. Mar. Allerdings wird der künftige Aufenthalt der Tochter einzig von dem Willen des Vaters ab⸗ hangen. Nur vors erſte— Od. Was vors erſte? Mar. Werden Sie wohl erlauben müſſen, Herr Oberſter, daß ſie nach Guaſtalla gebracht wird. Od. Meine Tochter, nach Guaſtalla gebracht wird? Und warum? Mar. Warum? Erwägen Sie doch nur— Od(hitzig) Erwägen! erwägen! Ich erwäge, daß hier nichts zu erwägen. Sie ſoll, ſie muß mit mir. Mar. O, mein Herr, was brauchen wir uns hierüber zu ereifern? Es kann ſein, daß ich mich irre; daß es nicht nöthig iſt, was ich für nöthig halte. Der Prinz wird es am beſten zu beurtheilen wiſſen. Der Prinz entſcheide. Ich geh' und hole ihn. Vierter Auftritt. Odoareo Galotti. Wie? Nimmermehr— Mir vorſchreiben, wo ſle hin ſoll? Mir ſie vorenthalten? Wer will das! Wer darf das? Der hier alles darf, was er will. Gut, gut; ſo ſoll er ſehen, wie viel auch ich darf, ob ich V V — — 91— es ſchon nicht dürfte! Kurzſichtiger Wütherich! Mit dir will ich es wohl aufnehmen. Wer kein Geſetz achtet, iſt eben ſo mächtig, als wer kein Geſetz hat. Das weißt du nicht? Komm an! komm anl! Aber, ſieh da! Schon wieder; ſchon wieder rennet der Zorn mit dem Verſtande davon. Was will ich! Erſt müßt' es doch geſchehen ſein, worüber ich tobe. Was plau⸗-— dert nicht ein Hofſchranze! Und hätte ich ihn doch nur plaudern laſſen! Hätte ich ſeinen Vorwand, wa⸗ rum ſie wieder nach Guaſtalla ſoll, doch nur ange⸗ hört! So könnte ich mich jetzt auf eine Antwort efaßt machen. Zwar auf welchen kann mir eine hlen Sollte ſie mir aber fehlen; ſollte ſie— Man kömmt. Ruhig, alter Knabe, ruhig. Fünfter Auftritt. Der Prinz. Marinelli. Odoardo Galotti. Prinz. Ah, mein lieber, rechtſchaffner Galotti, ſo etwas muß auch geſchehen, wenn ich Sie bei mir ſehen ſoll. Um ein Geringeres thun Sie es nicht. Doch keine Vorwürfe! Od. Gnädiger Herr, ich halte es in allen Fällen für unanſtändig, ſich zu ſeinem Fürſten zu drängen. Wen er kennt, den wird er fordern laſſen, wenn er ſeiner bedarf. Selbſt jetzt bitte ich um Verzeihung— „Prinz. Wie manchem andern wollte ich dieſe ſtolze Beſcheidenheit wünſchen! Doch zur Sache. Sie werden begierig ſein, Ihre Tochter zu ſehen. Sie iſt in neuer Unruhe, wegen der plötzlichen Ent⸗ fernung einer ſo zärtlichen Mutter. Wozu auch dieſe — 35— Entfernung? Ich wartete nur, daß die liebenswür⸗ dige Emilie ſich völlig erholet hätte, um beide im Triumphe nach der Stadt zu bringen. Sie haben mir dieſen Triumph um die Hälfte verkümmert; aber ganz werde ich mir ihn nicht nehmen laſſen. Od. Zu viel Gnade! Erlauben Sie, Prinz, daß ich meinem unglücklichen Kinde alle die mannichfal⸗ biden Kränkungen erſpare, die Freund und Feind, ditleid und Schadenfreude in Guaſtalla für ſie be⸗ reit halten. Prinz. Um die ſüßen Kränkungen des Freundes und des Mitleids, würde es Grauſamkeit ſein, ſie zu bringen. Daß aber die Kränkungen des Feindes und der Schadenfreude ſie nicht erreichen ſollen; dafür, lieber Galotti, laſſen Sie mich ſorgen. Dd. Prinzl die väterliche Liebe theilet ihre Sor⸗ en nicht gern. Ich denke, ich weiß es, was meiner ochter in ihren jetzigen Umſtänden einzig ziemet. Entfernung aus der Welt;— ein Kloſter, ſobald als möglich. Prinz. Ein Kloſtere d. Bis dahin weine ſie unter den Augen ihres Vaters. Prinz. So viel Schönheit ſoll in einem Kloſter verblühen? Darf eine einzige fehlgeſchlagene Hoff⸗ nung uns gegen die Welt ſo unverſöhnlich machen? Doch allerdings: dem Vater hat niemand einzureden. Bringen Sie Ihre Tochter, Galotti, wohin Sie wollen. d(gegen Marinelli.) Nun, mein Herr? Mar. Wenn Sie mich ſogar auffordern! Od. O mit nichten, mit nichten. 8 — 93— rinz. Was haben Sie beide? d. Nichts, gnädiger Gerr, nichts. Wir erwägen blos, welcher von uns ſich in Ihnen geirrt hat. Prinz. Wie ſo? Reden Sie, Marinelli. Mar. Es geht mir nahe, der Gnade meines Fürſten in den Weg zu treten. Doch wenn die Freundſchaft gebietet, vor allem in ihm den Rich⸗ ter aufzufordern— Prinz. Welche Freundſchaft? Mar. Sie wiſſen, gnädiger Herr, wie ſehr ich den Grafen Appiani liebte; wie ſehr unſer beider Seelen in einander verwebt ſchienen— Od. Das wiſſen Sie, Prinz. So wiſſen Sie es wahrlich nicht allein. Mar. Von ihm ſelbſt zu ſeinem Rächer beſtellet— Od. Sie? Mar. Fragen Sie nur Ihre Gemahlin. Mari⸗ nelli, der Name Marinelli war das letzte Wort des ſterbenden Grafen; und in einem Tone! in einem Tone! Daß er mir nie aus dem Gehöre komm die⸗ ſer ſchreckliche Ton, wenn ich nicht alles anwende, daß ſeine Mörder entdeckt und beſtraft werden! Prinz. Rechnen Sie auf meine kräftigſte Mit⸗ wirkung. Od. Und meine heißeſten Wünſche! Gut, gut! Aber was weiter? Prinz. Das frag' ich, Marinelli. Marx. Man hat Verdacht, daß es nicht Räuber geweſen, welche den Grafen angefallen. Od.(hohniſch.) Nicht? wirklich nicht? — 94— Mar. Daß ein Nebenbuhler ihn aus dem Wege räumen laſſen.— Od.(bitter). Ei! Ein Nebenbuhler? Mar. Nicht anders. Od. Nun dann,— Gott verdamme ihn, den meuchelmörderiſchen Buben! dn. Mar. Ein Nebenbuhler, und ein begünſtigter Nebenbuhler— Od. Was? ein begünſtigter? Was ſagen Sie? Mar. Nichts, als was das Gerücht verbreitet. Od. Ein begünſtigter? von meiner Tochter be⸗ günſtiget? 3 Mar. Das iſt gewiß nicht. Das kann nicht ſein. Dem widerſprech' ich, trotz Ihnen. Aber bei dem allen, gnädiger Herr— denn das gegründetſte Vorurtheil wieget auf der Wage der Gerechtigkeit ſo viel als nichts— bei dem allen wird man doch nicht umhin können, die ſchöne Unglückliche darüber zu vernehmen. Prinz. Ja wohl, allerdings. 4 kar. Und wo anders? wo kann das anders geſchehen, als in Guaſtalla? Prinz. Da haben Sie Recht, Marinelli; da haben Sie Recht. Ja ſo; das verändert die Sache, lieber Galotti. Nicht wahr? Sie ſehen ſelbſt— Od. O ja, ich ſehe. Ich ſehe, was ich ſehe. Gott! Gott! rinz. Was iſt Ihnen? was haben Sie mit ſich? d. Daß ich es nicht vorausgeſehen, was ich da ſehe. Das ärgert mich: weiter nichts. Nun jaz ſie ſoll wieder nach Guaſtalla. Ich will ſie wieder 8 —: — 95— zu ihrer Mutter bringen: und bis die ſtengſte Un⸗ terſuchung ſie frei geſprochen, will ich ſelbſt aus Guaſtalla nicht weichen. Denn wer weiß,(mit einem bittern Lachen) wer weiß, ob die Gerechtigkeit nicht auch nöthig findet, mich zu vernehmen. Mar. Sehr möglich. In ſolchen Fällen thut die Gerechtigkeit lieber zu viel, als zu wenig. Da⸗ her fürchte ich ſogar— 3 Prinz. Was? was fürchten Sie? Mar. Man werde vor der Hand nicht verſtatten können, daß Mutter und Tochter ſich ſprechen. 3 Od. Sich nicht ſprechen? Mar. Man werde genöthigt ſein, Mutter und Tochter zu trennen. Od. Mutter und Tochter zu trennen? Mar. Mutter und Tochter und Vater. Die Form des Verhörs erfordert dieſe Vorſichtigkeit ſchlech⸗ terdings. Und es thut mir leid, gnädiger Herr, daß ich mich gezwungen ſehe, ausdrücklich darauf zu an⸗ zutragen, wenigſtens Emilien in eine beſondere Ver⸗ wahrung zu bringen. Od. Beſondere Verwahrung? Prinz! Prinz! Doch ja; freilich, freilich! Ganz recht: in eine be⸗ ſondere Verwahrung? Nicht, Prinz? nicht? O wie fein die Gerechtigkeit iſt! Vortrefflich!(fährt ſchnell nach den Schubſacke, in welchem er den Dolch hat.) Prinz(ſchme celhaft auf ihm zutretend). Faſſen Sie ſich, lieber Galorti— Od.(bei Seite, indem er die Hand leer wieder heraus zieht). Das ſprach ſein Engel! Prinz. Sie ſind irrig; Sie verſtehen ihn nicht. 1 — 96.— Sie denken bei dem Worte Verwahrung, wohl gar an Gefängniß und Kerker. fi Laſſen Sie mich daran denken; und ich bin ruhig! Prinz. Kein Wort von Gefängniß, Marinelli! Hier iſt die Strenge der Geſetze mit der Achtung Pegen unbeſcholtene Tugend leicht zu ereinigen. Wenn milia in beſondere Verwahrung gebracht werden muß: ſo weiß ich ſchon— die alleranſtändigſte. Das Haus meines Kanzlers. Keinen Widerſpruch, Mari⸗ nelli! Da will ich ſie ſelbſt hinbringen, da will ich ſie der Auſſicht einer der würdigſten Damen übergeben. Die ſoll mir für ſie bürgen, haften. Sie gehen zu weit, Marinelli, wirklich zu weit, wenn Sie mehr verlangen. Sie kennen doch, Galotti, meinen Kanz⸗ ler Grimaldi, und ſeine Gemahlin? O d. Was ſollt' ich nicht? Sogar die liebens⸗ würdigen Töchter dieſes edeln Paares kenn' ich. Wer kennt ſie nicht?(zu Marinelli) Nein, mein Herr, ge⸗ ben Sie das nicht zu. Wenn Emilia verwahrt wer⸗ den muß: ſo müßte ſie in dem tiefſten Kerker ver⸗ wahret werden. Dringen Sie darauf; ich bitte Sie. Ich Thor, mit meiner Bitte! Ich alter Geck! Ja wohl hat ſie Recht, die gute Sibylle: Wer über gewiſſe Dinge ſeinen Verſtand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren! Prinz. Ich verſtehe Sie nicht. Lieber Galotti, was kann ich mehr thun? Laſſen Sie es dabei: ich, bitte Sie. Ja, ja, in das Haus meines Kanzlers! da ſoll ſie hin; da bring' ich ſie ſelbſt hin; und wenn ihr da nicht mit der äußerſten Achtung begeg⸗ —— — 92— net wird, ſo hat mein Wort nicht gegolten. Aber ſorgen Sie nicht— Dabei bleibt es! dabei bleibt es! Sie ſelbſt, Galotti, mit ſich können Sie es halten, wie Sie wollen. Sie können uns nach Guaſtalla folgen; Sie können nach Sabionetta zurückkehren: wie Sie wollen. Es wäre lächerlich, Ihnen vorzu⸗ ſchreiben. Und nun, auf Wiederſehen, lieber Galotti! Kommen Sie, Marinelli: es wird ſpät. O d.(der in tiefen Gedanken geſtanden). Wie? ſo ſoll ich ſie gar nicht ſprechen, meine Tochter? Auch hier nicht? Ich laſſe mir alles gefallen; ich finde ja alles vortrefflich. Das Haus eines Kanzlers iſt na⸗ türlicher Weiſe eine Freiſtatt der Tugend. O, gnä⸗ diger Herr, bringen Sie ja meine Tochter dahin; nirgend anders als dahin. Aber ſprechen wollt' ich ſie doch gerne vorher. Der Tod des Grafen iſt ihr noch unbekannt. So wird nicht begreifen können, warum man ſie von ihren Aeltern trennet. Ihr je⸗ 3 nen auf gute Art beizubringen; ſie dieſer Trennung wegen zu beruhigen: muß ich ſie ſprechen, gnädiger Herr, muß ich ſie ſprechen. Prinz. So kommen Sie denn— Od. O, die Tochter kann auch wohl zu dem Vater kommen. Hier, unter vier Augen, bin ich gleich mit ihr fertig. Senden Sie mir ſie nur, gnädiger err. Prinz. Auch das! O Galotti, wenn Sie mein Freund, mein Führer, mein Vater ſein wollten! (Der Prinz und Marinelli gehen ab.) 7 — 98— Jechster Auftritt. Odoardo Galotti. (Ihm nachſehend; nach einer Pauſe.) Warum nicht? Herzlich gern— Hal ha! hal(blickt wild umher) Wer lacht da? Bei Gott, ich glaub', ich war es ſelbſt. Schon recht! Luſtig, luſtig. Das Spiel geht zu Ende. So oder ſo!— Aber—(Pauſe) wenn ſie mit ihm ſich verſtünde? Wenn es das alltägliche Poſſenſpiel wäre? Wenn ſie es nicht werth wäre, was ich für ſie thun will?(Pauſe) Für ſie thun will? Was will ich denn für ſie thun? Da denk, ich ſo was: So was, was ſich nur denken läßt! Gräßlich! Fort, fort! Ich will ſie erwarten. Nein! (egen den Himmel) Wer ſie unſchuldig in dieſen Ab⸗ grund geſtürzt hat, der ziehe ſie wieder heraus. Was braucht er meine Hand dazu? Fort!(er will gehen, ung ſieht Emilien kommen) Zu ſpät! Ah! er will meine Hand; er will ſie! Siebenter Auftriti. Emilia. Odoardo.⸗ Emilia. Wie? Sie hier, mein Vater?— Und nur Sie? Und meine Mutter? nicht? Und der Graf? nicht hier?— Und Sie ſo unruhig, mein Vater? Od. Und Du ſo ruhig, meine Tochter? Emil. Warum nicht mein Vater? Entweder iſt nichts verloren: oder alles. Ruhig ſein können, und rnhig ſein müſſen: kömmt es nicht auf auf eines? — — 99— Od. Aber, was meineſt Du, daß der Fall iſt? Emil. Daß alles verloren iſt; und daß wir wohl ruhig ſein müſſen, mein Vater. Od. Und Du wärſt ruhig, weil Du ruhig ſein mußt?— Wer biſt Du? Ein Mädchen? und meine Tochter? So ſollte der Mann, und der Vater ſich wohl vor Dir ſchämen? Aber laß doch hören; was nenneſt Du, alles verloren? daß der Graf todt iſt? Emil. Und warum er todt iſt! Warum! Ha, fo iſt es wahr, mein Vater? So iſt ſie wahr, die ganze ſchreckliche Geſchichte, die ich in dem naſſen und wilden Auge meiner Mutter las? Wo iſt meine Mutter? Wo iſt ſie hin, mein Vater? Od. Voraus; wann wir anders ihr nachkommen. Emil. Je eher, je beſſer. Denn wenn der Graf todt iſt; wenn er darum todt— iſt darum! was ver⸗ deler wir noch hier? Laſſen Sie uns fliehen, mein ater. Od. Fliehen? Was hätt, es dann für Noth? Du biſt, Du bleibſt in den Händen Deines Räubers. Emil. Ich bleibe in ſeinen Händen? Od. Und allein; ohne Deine Mutter; ohne mich. Emil. Ich allein in ſeinen Händen? Nimmermehr, mein Vater. Oder Sie ſind nicht mein Vater. Ich allein in ſeinen Händen? Gut, laſſen Sie mich nur, laſſen Sie mich nur ſehen. Ich will doch ſein, wer mich hält, wer mich zwingt, wer der Menſch iſt, der ei⸗ nen Menſchen zwingen kann. Od. Ich meine, Du biſt ruhig, mein Kind. Emil. Das bin ich. Aber was nennen Sie ruhig ſein? Die Hände in den Schooß kegens Lei⸗ — 100— den, was man nicht ſollte? Dulden, was man nicht dürfte? O d. Ha! wenn Du ſo denkeſt!— Laß Dich umarmen, meine Tochter! Ich hab' es immer ge⸗ ſagt: das Weib wollte die Natur zu ihrem Meiſter⸗ 2 ſtücke machen. Aber ſie vergriff ſich im Thone; ſie nahm ihn zu fein. Sonſt iſt alles beſſer an Euch, als an uns. Ha, wenn das Deine Ruhe iſt: ſo habe ich meine in ihr wiedergefunden! Laß Dich um⸗ armen, meine Tochter! Denke nur; unter dem Vor⸗ wande einer gerichtlichen Unterſuchung,— o des hölliſchen Gaukelſpiels! reißt er Dich aus unſern Armen, und bringt Dich zur Grimaldi. Emil. Neißt mich? bringt miche Will mich reißen, will mich bringen: will! will! Als ob wir, wir keinen Willen hätten, mein Vater! Od. Ich ward auch ſo wüthend, daß ich ſchon nach dieſem Dolche griff,(ihn herausziehend) um ei⸗ nem von beiden— beiden! das Herz zu durchſtoßen. Emil. Um des Himmelswillen nicht, mein Va⸗ ter! Dieſes Leben iſt alles, was die Laſterhaften haben. Mir, mein Vater, mir geben Sie dieſen Dolch. 1 O d. Kind, es iſt keine Haarnadel. f Emil. So werde die Haarnadel zum Dolche! 3 Gleichviel. Od. Was? Dahin wäre es gekommen? Nicht Emil. Und nur Eine Unſchuld! Od. Die über alle Gewalt erhaben iſt. Emil. Aber nicht über alle Verführung. Ge⸗ d — 101— walt! Gewalt! wer kann der Gewalt nicht trotzen? Was Gewalt heißt, iſt nichts; Verführung iſt die wahre Gewalt. Ich habe Blut, mein Vater: ſo jugendliches, ſo warmes Blut, als eine. Auch meine Sinne, ſind Sinne. Ich ſtehe für nichts. Ich bin für nichts gut. Ich kenne das Haus der Grinmlaldi. Es iſt das Haus der Freude. Eine Stunde da, unter den Augen meiner Mutter;— und es erhob ſich ſo mancher Tumult in meiner Seele, den die ſtrengſten Uebungen der Religion kaum in Wochen beſänftigen konnten! Der Religion! und welcher Re⸗ ligion? Nichts Schlimmers zu vermeiden, ſprangen Tauſende in die Fluthen, und ſind Heilige! Geben Sie mir, mein Vater, geben Sie mir dieſen Dolch. O d. Und wenn Du ihn kennteſt, dieſen Dolch. Emil. Wenn ich ihn auch nicht kenne! Ein un⸗ bekannter Freund, iſt auch ein Freund. Geben Sie mir ihn, mein Vater; geben Sie mir ihn. O d. Wenn ich Dir ihn nun gebe— dan(gibt ihr ihn) 3 Emil. Und da!(im Begriffe ſich damit zu durch⸗ ſtoßen, reißt der Vater ihr ihn aus der Hand. ) 1 Od. Sieh, wie raſch! Nein, das iſt nicht für Deine Hand. Emil. Es iſt wahr, mit einer Haarnadel ſoll ich.(Sie fährt mit der Hand nach dem Haare, eine zu ſuchen, und bekommt die Roſe zu faſſen.) Du noch 8 hier? Herunter mit Dir! Du gehörſt nicht in das Haar einer,— wie mein Vater will, daß ich wer⸗ den ſoll!. Od. O, meine Tochter! — 102— Doch nein; das wollen Sie auch nicht. Warum zauderten Sie ſonſt?(in einem bittern Tone, während daß ſie die Roſe zerpflückt) Ehedem wohl gab es ei⸗ nen Vater, der ſeine Tochter von der Schande zu reetten, ihr den erſten den beſten Stahl in das Herz ſſennkte— ihr zum zweiten Mal das Leben gab. Aber alle ſolche Thaten ſind von ehedem! Solcher Väter giebt es keinen mehr. Od. Doch, meine Tochter, doch!(indem er ſie ſinken, und er faßt ſie in ſeine Arme.) Emil. Eine Roſe gebrochen, ehe der Sturm ſie entblättert. Laſſen Sie mich ſie küſſen, dieſe väter⸗ liche Hand. Achter Auftritt. Der Prinz. Marinelli. Die Borigen. Prinz e Prreintreten). Was iſt das? Iſt Emi⸗ lien nicht wohl? Od. Sehr wohl; ſehr wohl! Prinz(indem er näher kommt.) Was ſeh' ich 2— Entſetzen! Mar. Weh mir! Prinz. Grauſamer Vater, was haben Sie gethan? 4 enandeten War es nicht ſo, meine Tochter? i9 ndi. Nicht Sie mein Vater— Ich ſelbſt— ich ſelbſt— Od. Nicht Du, meine Tochter;— nicht Du! 4 Emil. O, mein Vater, wenn ich Sie erriethe! durchſticht)— Gott, was hab' 9 gethan!(ſie will Eine Roſe gebrochen, ehe der Sturm ſi ſie — 103— Gehe mit keiner Unwahrheit aus der Welt. Nicht Du, meine Tochter! Dein Vater, Dein unglücklicher Vater! Emil. Ah— mein Vater—(ſie ſtirbt, und er. legt ſie ſanft auf den Boden.) Od. Zieh hin!— Nun da, Prinz! Gefällt ſie Ihnen noch? Reizt ſie noch Ihre Lüſte? Noch, in dieſem Blute, das wider Sie um Rache ſchreiet? (Nach einer Pauſe) Aber Sie erwarten, wo das Alles hinaus ſoll? Sie erwarten vielleicht, daß ich den Stahl wider mich ſelbſt kehren werde, um meine That wie eine ſchaale Tragödie zu beſchließen? Sie irren ſich. Hier!(indem er ihm den Dolch vor die Füße wirft) Hier liegt er, der blutige Zeuge meines Ver⸗ brechens! Ich gehe und liefere mich ſelbſt in das Gefängniß. Ich gehe, und erwarte Sie, als Rich⸗ ter. Und dann dort— erwarte ich Sie vor dem Richter unſer aller! Prinz(nach einigem Stillſchweigen, unter welchem er den Körper mit Entſetzen und Verzweiflung betrachtet, be erneli, Hier! heb' ihn auf.— Nun? Du edenkſt Dich?— Elender!—(indem er ihm der Dolch aus der Hand reißt) Nein, Dein Blut ſoll mij dieſem Blute ſich nicht miſchen. Geh, Dich auf ewig zu verbergen! Gehl ſag' ich. Gott! Gott! Itt es, zum Unglücke ſo Mancher, nicht genug, daß Fürſten Menſchen ſind: müſſen ſich auch noch Teufel in ihren Freund verſtellen? 1 2 8 2 . „ 5 Köln, Druck von — 6 Nathan der Weiſe. Ein dramatiſches Gedicht in fünf Aufzügen. — 333-GCOEEe Ehrenbreitſtein. Verleg der Valksbiblictheß⸗ Perſonen. Sultan Saladin. Sittah, deſſen Schweſter. Nathan, ein reicher Jude in Jeruſalem 1 Recha, deſſen angenommene Tochter. 4 Daija, eine Chriſtin, aber im Hauſe des Juden, als Ge⸗ ſellſchafterin der Recha. Ein junger Tempelherr. Ein Derwiſch.* Der Patriarch von Jeruſalem. Ein Kloſterbruder. Ein Emir, nebſt verſchiedenen Mamelu ken des Saladin. * Die Scene iſt in Jeruſalem. v»v Erſter Aufzug. Erſter Auftritt. (Scene: Flur in Nathan's Hauſe.) Nathan von der Reiſe kommend. Daja ihm entgegen. Daja. Er iſt es! Nathan!— Gott ſei ewig Dank, Daß Ihr doch endlich einmal wiederkommt! Nathan. Ja, Daja, Gott ſei Dank! Doch wa⸗ rum endlich? Hab' ich denn eher wiederkommen wollen? Und wiederkommen können? Babylon Iſt von Jeruſalem, wie ich den Weg Seit ab, bald rechts, bald links, zu nehmen bin Genöthigt worden, gut zwei hundert Meilen; Und Schulden eincaſſiren iſt gewiß Auch kein Geſchäft, das merklich fördert, das * Hier werden können! Euer Haus So von der Hand ſich ſchlagen läßt. 4 Daja.— O Nathan, Wie elend, elend hättet Ihr indeß Nath. Das brannte, So hab“ ich ſchon vernommen.— Gebe Gott, Daß ich nur Alles ſchon vernommen habel Da ig. Und wäre leicht von Grund aus augehrannt. Nath. Dann, Daja, hätten wir ein neues uns Gebaut, und ein bequemeres. Daja.. Schon wahr!— Doch Recha wär' bei einem Haare mit Verbrannt. Nath. Verbrannt? Wer? meine Recha? ſie?— Das hab' ich nicht gehört.— Nun denn! So hätte Ich keines Hauſes mehr bedurft.— Verbrannt Bei einem Haare?— Hal ſie iſt es wohl! Iſt wirklich wohl verbrannt!— Sag nur heraus! Heraus nur! Tödte mich: und martre mich Nicht länger.— Ja, ſie iſt verbrannt. Daja. 3 Wenn ſie Es wäre, würdet Ihr von mir es hören? Nath. Warum erſchreckeſt Du mich denn?— O Recha! O meine Recha! 2 Daja. Eure? Eure Recha? 4 Nath. Wenn ich mich wieder je entwöhnen müßte, Dieß Kind mein Kind zu nennen! Nennt Ihr Alles, Daja. Was Ihr beſitzt, mit eben ſo viel Rechte Das Eure? 3 Nath. Nichts mit größerm! Alles, was Ich ſonſt beſitze, hat Natur und Glück Mirr zugetheilt. Dieß Eigenthum allein 7 Danb ich der Tugend. 3 Daja. O wie theuer laſt Ihr Eure Güte, Nathan, mich bezahlen! Wenn Güt' in ſolcher Abſicht ausgeübt, Noch Gi ißen kann! Nath. In ſolcher Abſicht? In welcher? Daja. Mein Gewiſſen... Nath. Daja, laß Vor allen Dingen Dir erzählen.... Daja. Mein Gewiſſen, ſag' ich... Nath. Was in Babylon Für einen ſchönen Stoff ich Dir gekauft. So reich, und mit Geſchmack ſo reich! Ich bringe Für Recha ſelbſt kaum einen ſchönern mit Daja. Was hilft's? Denn mein Gewiſſen muß ich Euch Nur ſagen, läßt ſich länger nicht betäuben. Nath. Und, wie die Spangen, wie die Ohrgehenke, Wie Ring und Kette Dir gefallen werden, Die in Damaskus ich Dir ausgeſucht: Verlanget mich zu ſehn. Daja. So ſeid Ihr nun! Wenn Ihr nur ſchenken könnt! nur ſchenken könnt! Rath. Nimm Du ſo gern, als ich Dir geb':— und ſchweig! Daja. Und ſchweig!— Wer zweifelt, Nathan, daß Ihr nicht Die Ehrlichkeit, die Großmuth ſelber ſeid? und doch... Nath. Doch bin ich nur ein Jude.— Gelt, Das willſt Du ſagen? Daja. Was ich ſagen will, Das wißt Ihr beſſer. 3 Nath. Nun ſo ſchweig! * Daja. Ich ſchweige. Was Sträfliches vor Gott hierbei geſchieht, Und ich nicht hindern kann, nicht ändern kann,— Nicht kann,— komm' über Euch! Nath. Komm' über mich!— Wo aber iſt ſie denn? wo bleibt ſie?— Daja, Wenn Du mich hintergehſt!— Weiß ſie es denn, Daß ich gekommen bin? Daja. Das frag' ich Euch! Noch zittert ihr der Schreck durch jede Nerve; Noch malet Feuer ihre Phantaſie, Zu Allem, was ſie malt. Im Schlafe wacht, Im Wachen ſchläft ihr Geiſt: bald weniger Als Thier, bald mehr als Engel.. Armes Kind! Nath. Was ſind wir Menſchen! Daja. Dieſen Morgen lag Sie lange mit verſchloßnem Aug', und war Wie todt. Schnell fuhr ſie auf, und rief:„Horch! 8 horch! „Da kommen die Kamele meines Vaters; „Horch! ſeine ſanfte Stimme ſelbſt!“ Indem Brach ſich ihr Auge wieder; und ihr Haupt, Dem ſeines Armes Stütze ſich entzog, Stürzt' auf das Kiſſen.— Ich, zur Pfort' hinaus! Und ſieh: da kommt Ihr wahrlich! kenni Ihr wahr⸗ lich!— Was Wunder! ihre ganze Seele war Die Zeit her nur bei Euch— und ihm.— Nath 4 Bei ihm? Bei welchem Ihm? ven 1, 3 1 — — 7— 2½ Daja. Bei ihm, der aus dem Feuer Sie rettete.. Nath, Wer war das? wer?— Wo iſt er? Wer rettete mir meine Recha? wer? Daja. Ein junger Tempelherr, den, wenig Tage Zuvor, man hier gefangen eingebracht, Und Saladin begnadigt hatte. Nath. Wie? Ein Tempelherr, dem Sultan Saladin Das Leben ließ! Durch ein geringres Wunder War Recha nicht zu retten? Gott! Daja. Ohw ihn, Der ſeinen unvermutheten Gewinnſt Friſch wieder wagte, war es aus mit ihr. 55 Nat h. Wo iſt er, Daja? dieſer edle Mann?— Wo iſt er? Führe mich zu ſeinen Füßen. Ihr gabt ihm doch für's Erſte, was an Schätzen Ich Euch gelaſſen hatte? gabt ihm Alles? 8 Verſpracht ihm mehr? weit mehr? Daja. Nath. Nicht? nicht? Daja. Er kam, und Niemand weiß woher. Er ging, und Niemand weiß wohin.— Ohn' alle Des Hauſes Kundſchaft, nur von ſeinem Ohr Geleitet, drang, mit vorgeſpreitztem Mantel, Er kühn durch Flamm' und Rauch der Stimme nach, Die uns um Hülfe rief. Schon hielten wir Ihn für verloren, als aus Rauch und Flamme Mit Eins er vor uns ſtand, im ſtarken Arm' Empor ſie tragend. Kalt, und ungerührt Vom Jauchzen unſers Danks, ſetzt ſeine Beute Wie konnten wir? Er nieder, drängt ſich unters Volk, und iſt— Verſchwunden! Nath. Nicht auf immer, will ich hoffen. Daja. Nachher, die erſten Tage, ſahen wir Ihn unter'n Palmen auf und nieder wandeln, Die dort des Auferſtandnen Grab umſchatten. Ich nahte mich ihm mit Entzücken, dankte, Erhob, entboth, beſchwor,— nur Einmahl noch Die fromme Creatur zu ſehn, die Nicht ruhen könne, bis ſie ihren Dank Zu ſeinen Füßen ausgeweinet. Nath. Nun? Daja. Umſonſt! Er war zu unſrer Bitte taub; Und goß ſv bittern Spott auf mich beſonders... Nath. Bis dadurch abgeſchreckt... Daja. Niicht weniger! Ich trat ihn jeden Tag von neuem an; Ließ jeden Tag von neuem mich verhöhnen. Was litt ich nicht von ihm! Was hätt' ich nicht Noch gern ertragen!— Aber lange ſchon Kömmt er nicht mehr, die Palmen zu beſuchen, Die unſers Auferſtandnen Grab umſchatten; Und Niemand weiß, wo er geblieben iſt.— Ihr ſtaunt? Ihr ſinnt? Nath. Ich überdenke mir, Was das auf einen Geiſt, wie Recha's, wohl 4 Für Eindruck machen muß. Sich ſo verſchmäht Von dem zu finden, dem man hochzuſchätzen Sich ſo gezwungen fühlt; ſo weggeſtoßen, Und doch ſo angezogen werden!— Traun, Da müſſen Herz und Kopf ſich lange zanken, —— Ob Menſchenhaß, ob Schwermuth ſiegen ſoll. Oft ſiegt auch keines; und die Phantaſie, Die in den Streit ſich menget, macht dann Schwärmer, Bei welchen bald der Kopf das Herz, und bald Das Herz den Kopf muß ſpielen.— Schlimmer Tauſch!— Das Letztere, verkenn' ich Necha nicht, Iſt Recha's Fall: ſie ſchwärmt. Daja. Allein ſo fromm, So liebenswürdig! Nath. Iſt doch auch geſchwärmt! Daja. Vornehmlich Eine— Grille, wenn Ihr wollt, Iſt ihr ſehr werth. Es ſei ihr Tempelherr Kein Irdiſcher, und keines Irdiſchen; Der Engel einer, deren Schutze ſich Ihr kleines Herz, von Kindheit auf, ſo gern Vertrauet glaubte, ſei aus ſeiner Wolke, In die er ſonſt verhüllt, auch noch im Feuer, Um ſie geſchwebt, mit Eins als Tempelherr Hervorgetreten.— Lächelt nicht!— Wer weiß? Laßt lächelnd wenigſtens ihr einen Wahn, In dem ſich Jud' und Chriſt und Muſelmann Vereinigen;— ſo einen ſüßen Wahn! Nath. Auch mir ſo ſüß!— Geh, wackre Daja, geh: Sieh, was ſie macht; ob ich ſie ſprechen kann.— Sodann ſuch' ich den wilden, launigen Schutzengel auf. Und wenn ihm noch beliebt, Hiernieden unter uns zu wallen; noch Beliebt, ſo ungeſittet Ritterſchaft Zu treiben: find' ich ihn gewiß, und bring; Ihn her. Daja. Ihr unternehmet viel, Nath. Macht dann Der ſüße Wahn der ſüßern Wahrheit Platzz— Denn, Daja, glaube mir, dem Menſchen iſt Ein Menſch noch immer lieber, als ein Engel:— So wirſt Du doch auf mich, auf mich nicht zürnen, Die Engelſchwärmerin geheilt zu ſehn? Daja. Ihr ſeid ſo gt, und ſeid zugleich ſo imm! Ich geh!— Doch hört!— doch ſeht!— Da kömmt ſie ſelbſt. Zweiter Auftritt. Recha und die Vorigen. Recha. So ſeid Ihr es doch ganz und gar, mein Vater? Ich glaubt', Ihr hättet Eure Stimme nur Vorausgeſchickt. Wo bleibt Ihr? Was für Berge, Für Wuüͤſten, was für Ströme trennen uns Denn noch? Ihr athmet Wand an Wand mit ihr, Und eilt nicht, Eure Recha zu umarmen? Die arme Recha, die indeß verbrannte!— Faſt, faſt verbrannte! Faſt nur. Schaudert nicht! Es iſt em garſt'ger Tod, verbrennen. O! Nath. Mein Kind! mein liebes Kind! Recha. Ihr mußtet über Den Euphrat, Tigris, Jordan;— über— wer Weiß, was für Waſſer all?— Wie oft hab' ich Um Euch gezittert, eh das Feuer mir So nahe kam! Denn, ſeit das Feuer mir So nahe kam, dünkt mich im Waſſer ſterben Daß Gott zum Beſten derer, die ihn lieben, — 11— Erquickung, Labſal, Rettung.— Doch Ihr ſeid Ja nicht ertrunken; ich, ich bin ja nicht Verbrannt. Wie wollen wir uns freu'n, und Gott, Gott loben! Er, er trug Euch und den Nachen Auf Flügeln ſeiner unſichtbaren Engel Die ungetreuen Ström' hinüber. Er, Er winkte meinem Engel, daß er ſichtbar Auf ſeinem weißen Fittiche mich durch Das Feuer trüge. Nath(bei Seite.) Weißen Fittiche! Ja, ja! der weiße vorgeſpreitzte Mantel Des Tempelherrn. Recha. Er ſichtbar, ſichtbar mich Durch's Feuer trüg', von ſeinem Fittiche Verweht.— Ich alſo, ich hab' einen Engel Von Angeſicht zu Angeſicht geſehn; Und meinen Engel. Nath. Recha wär' es werth; Und würd' an ihm nichts Schön'res ſehn, als er An ihr. Recha(lächelnd.) Wem ſchmeichelt Ihr, mein Vater? wem? 3 Dem Engel, oder Euch? Nath. Doch hätt' auch nur Ein Menſch— ein Menſch, wie die Natur ſie täglich Gewährt, Dir dieſen Dienſt erzeigt: er müßte Für Oich ein Engel ſein. Er müßt', und würde. Recha. Nicht ſo ein Engel; nein! ein wirklicher; Es war gewiß ein wirklicher!— Habt Ihr, Ihr ſelbſt die Möglichkeit, daß Engel ſind, —— u— Auch Wunder könne thun, mich nicht gelehrt? Ich lieb' ihn ja. Nath. Und er liebt Dich: und thut Für Dich und Deines Gleichen ſtündlich Wunder; Ja, hat ſie ſchon von aller Ewigkeit Für Euch gethan. Recha. Das hör' ich gern. 8 Nath. Wie? Weil Es ganz natürlich, ganz alltäglich klänge, Wenn Dich ein eigentlicher Tempelherr Gerettet hätte: ſollt' es darum weniger Ein Wunder ſein?— Der Wunder Höchſtes iſt, Daß uns die wahren, echten Wunder ſo Alltäglich werden können, werden ſollen. Ohn' dieſes allgemeine Wunder hätte Ein Denkender wohl ſchwerlich Wunder je Genannt, was Kindern bloß ſo heißen müßte, Die gaffend nur das Ungewöhnlichſte, Das Neu'ſte nur verfolgen. Daja(zu Nathan.) Wollt Ihr denn Ihr ohnedieß ſchon überſpanntes Hirn Durch ſolcherlei Subtilitäten ganz Zerſprengen? Nath. Laß mich! Meiner Recha wär' Es Wunders nicht genug, daß ſie ein Menſch Gerettet, welchen ſelbſt kein kleines Wunder Erſt retten müſſen? Ja, kein kleines Wunder! Denn wer hat ſchon gehört, daß Saladin Je einen Tempelherrn verſchont? Datz je Ein Tempelherr von ihm verſchont zu werden Verlangt? gehofft? ihm je für ſeine Freiheit 8 —— — 13— Mehr als den ledern Gurt gebothen, der Sein Eiſen ſchleppt; und höchſtens ſeinen Dolch? Recha. Das ſchließt für mich, mein Vater.— Darum eben War das kein Tempelherr; er ſchien es nur.— Kömmt kein gefangner Tempelherr je anders Als zum gewiſſen Tode nach Jeruſalem; Geht keiner in Jeruſalem ſo frei Umher: wie hätte mich des Nachts freiwillig Denn einer retten können? Nath. 3 Sieh, wie ſinnreich! Jetzt, Daja, nimm das Wort. Ich hab' es ja Von Dir, daß er gefangen hergeſchickt Iſt worden. Ohue Zweifel weißt Du mehr. Daja. Nun ja.— So ſagt man freilich;— doch man ſagt Zugleich, daß Saladin den Tempelherrn Begnadigt, weil er ſeiner Brüder einem, Den er beſonders lieb gehabt, ſo ähnlich ſehe. Doch da es viele zwanzig Jahre her, Daß dieſer Bruder nicht mehr lebt;— er hieß, Ich weiß nicht wie;— er blieb, ich weiß nicht wo⸗— So klingt das ja ſo gar— ſo gar unglaublich, Daß an der ganzen Sache wohl nichts iſt. Nath. Ei, Daja! Warum wäre denn das ſo Unglaublich? Doch wohl nicht,— wie's wohl ge⸗ 4 ſchieht,— Um lieber etwas noch Unglaublichers 85 glauben?— Warum hätte Saladin, er ſein Geſchwiſter insgeſammt ſo liebt, In jüͤngern Jahren einen Bruder nicht Noch ganz beſonders lieben können?— Pflegen Sich zwei Geſichter nicht zu ähneln?— Iſt Ein alter Eindruck ein verlorner?— Wirkt Das Nämliche nicht mehr das Nämliche?— Seit wann?— Wo ſteckt hier das Unglaubliche?— Ei freilich, weiſe Daja, wär's für dich Kein Wunder mehr; und Deine Wunder nur Bedürf— verdienen, will ich ſagen, Glauben. Daja. Ihr ſpottet. Nath. Weil Du meiner ſpotteſt.— Doch Auch ſo noch, Recha, bleibet Deine Rettuug Ein Wunder, Dem nur möglich, der die ſtrengſten Entſchlüſſe, die unbändigſten Entwürfe 6 Der Könige, ſein Spiel,— wenn nicht ſein Spott,— Gern an den ſchwächſten Fäden lenkt.— Recha. Mein Vater! Mein Vater, wenn ich in', Ihr wißt, ich irre Nicht gern. Rathan. Vielmehr, Duläßt Dich gern belehren.— Sieh! eine Stirn, ſo oder ſo gewölbt; Der Rücken einer Naſe, ſo vielmehr Als ſo Pühhe Augenbraunen, die Auf einem ſcharfen oder ſtumpfen Knochen So oder ſo ſich ſchlängeln; eine Linie, Ein Bug, ein Winkel, eine Falt', ein Mahl, Ein Nichts, auf eines wilden Europäers Geſicht:— und Du entkömmſt dem Feu'r in Aſien! Das wär' kein Wunder, wunderſücht'ges Volk? 4 Warum bemüht Ihr denn noch einen Engell Daja. Was ſchadet's— Nathan, wenn ich ſprechen darf,— — —zv — 15— Bei alle dem, von einem Engel lieber Als einem Menſchen ſich gerettet denken? Fühlt man der erſten unbegreiflichen Urſache ſeiner Rettung nicht ſich ſo Viel näher? Nath. Stolz! und nichts als Stolz! Der Topf Von Eiſen will mit einer ſilbern Zange Gern aus der Gluth gehoben ſein, um ſelbſt Ein Topf von Silber ſich zu dünken.— Pah!— Und was es ſchadet, fragſt du? Was es ſchadet! Was hilft es? dürft' ich nur hinwieder fragen.— Denn dein„ſich Gott um ſo viel näher fühlen“ Iſt Unſinn, oder Gottesläſterung.— Allein es ſchadet; ja, es ſchadet allerdings.— Kommt! hört mir zu.— Nicht wahr? dem Weſen, das Dich rettete,— es ſei ein Engel, oder Ein Menſch,— dem möchtet Ihr, und Du beſonders, Gern wieder viele große Dienſte thun?— Nicht wahr?— Nun, einem Engel, was für Dienſte, Für große Dienſte könnt Ihr dem wohl thun? Ihr könnt ihm danken, zu ihm ſeufzen, beten; Könnt in Entzückung über ihn zerſchmelzen; Könnt an dem Tage ſeiner Feier faſten, Almoſen ſpenden.— Alles nichts!— Denn mir Däucht immer, daß Ihr ſelbſt und Euer Nächſter Hierbei weit mehr gewinnt, als er. Er wird Nicht fett durch Euer Faſten; wird nicht reich Durch Eure Spenden; wird nicht herrlicher Durch Eu'r Entzücken; wird nicht mächtiger Durch Eu'r Vertraun. Nicht wahr? Allein ein Menſch! Daja. Ei freilich hätt' ein Menſch, elwas für ihn — 16— Zu thun, uns mehr Gelegenheit verſchafft. Und Gott weiß, wie bereit wir dazu waren! Allein er wollte ja, bedurfte ja So völlig nichts; war in ſich, mit ſich ſo Vergnügſam, als nur Engel ſind, nur Engel ein können.. Recha. Endlich als er gar verſchwand— Nath. Verſchwand?— Wie denn verſchwand? — Sich untern Palmen Nicht ferner ſehen ließ?— Wie? oder habt Ihr wirklich ſchon ihn weiter aufgeſucht? Daja. Das nun wohl nicht. Nath. Nicht, Daja? nicht?— Da ſieh Nun, was es ſchad't! Grauſame Schwärmerinnen! Wenn dieſer Engel nun— nun krank geworden!— Recha. Krank! 4 4 Daja. Krank? Er wird doch nicht!— NRecha. Welch kalter Schauer Befällt mich!— Daja!— Meine Stirne, ſonſt So warm, fühl'! iſt auf einmal Eis. Nath. Er iſt. Ein Franke, dieſes Klima's ungewohnt; 4 It jung, der herben Arbeit ſeines Standes, Des Hungers, Wachens ungewohnt; ¹ Recha. Krank! krank! Daja. Das wäre möglich, meint ja Nathan nur. Nath. Nun liegt er da! hat weder Freund noch Geld Sich Freunde zu beſoiden. Recha. Ah, mein Vater! Nath. Liegt ohne Wartung, ohne Rath nud Zuſprag — 17— Ein Raub der Schmerzen und des Todes da! Recha. Wo? wo? Nath. Er, der für Eine, die er nie Gekannt, geſehn— genug, es war ein Menſch,— In's Feu'r ſich ſtürzte... Daja. Nathan, ſchonet ihrer! Nath. Der, was er rettete, nicht näher kennen Nicht weiter ſehen mocht', um ihm den Dank Zu ſparen... Daja. Schonet ihrer, Nathan! Nath. Weiter Auch nicht zue ſehn verlangt':— es wäre denn, Daß er zum zweitenmal es retten ſollte;— Denn genug, es iſt ein Menſch... 4 Daja. Hört auf, und ſeht! Nath. Der, der hat ſterbend, ſich zu laben, nichts— Als das Bewußtſein dieſer That! 8 1 Da j q. Hölt auf!— Ihr tödtet ſie! Nath. und Du haſt ihn getödtet!— Hätt'ſt ſo ihn tödten können.— Recha! Recha! Es iſt Arznei, nicht Gift, was ich Dir reiche. Er lebt, kommt zu Dir!— iſt auch wohl nich krank; Nicht einmal krank! 8 Recha. Gewiß?— nicht todt? nicht krank? Nath. Gewiß, nicht todt!— Denn Gott lohnt . Gutes, hier Gethan, auch hier noch.— Gehl Begreiſſt du aber, Wie viel andächtig ſchwärmen leichter, als Gut handeln iſt? Wie gern der ſchlaffſte Menſch Andächtig ſchwärmt, um nur,— iſt er zu Zeiten — 18— Sich ſchon der Abſicht deutlich nicht bewußt,— Amn nur gut handeln nicht zu dürfen? ech a. Ah, Mein Vater! laß Eure Recha doch Nie wiederum allein!— Nicht wahr, er kann Auch wohl verreiſt nur ſein?— Nath. Geht!— Allerdings.— Ich ſeh, dort muſtert mit neugier'gem Blick Ein Muſelmann mir die beladenen Kameele. Kennt Ihr ihn? Daja Ha! Euer Derwiſch. Nath. Wer? Daja. Euer Derwiſch; Euer Schachgeſell. Nath. Al⸗Hafi? das Al⸗Hafi? Daja. Jetzt des Sultans Schatzmeiſter. 4 Rath. Wie Al⸗Hafi? Träumſt du wieder? Er iſt's! wahrhaftig, iſt's; kömmt auf uns zu. 15 Hinein mit Euch, geſchwind!— Was werd' ich hören! Dritter Auftritt. Nathan und der Derwiſch. Derwiſch. Reißt nur die Augen auf, ſo weit Ihr könnt! Nath. Biſt Dws? biſt Du es nicht?— In dieſer Pracht, Ein Derwiſch!... Derw. Nun? warum denn nicht? Läßt ſich Aus einem Derwiſch denn nichts, gar nichts machen? * — 19— Nath. Ei wohl, genug!— Ich dachte mir nur immer, Der Derwiſch— ſo der rechte Derwiſch— woll Aus ſich nichts machen laſſen. Derw. Bei'm Propheten Daß ich kein rechter bin, mag auch wohl wahr ſein. Zwar wenn man muß— Nath. Muß! Oerwiſch!— Derwiſch muß? Kein Menſch muß müſſen, und ein Derwiſch müßte? Was müßt' er denn? Derw. Warum man ihn recht bittet, Und er für gut erkennt: das muß ein Derwiſch. Nath. Bei unſerm Gott! da ſagſt Du wahr.— Laß Dich Umarmen, Menſch— Du biſt doch noch mein Freund? Derw. Und fragt nicht erſt, was ich geworden bin? Nath. Trotz dem, was Du geworden! Derw. Könnt ich nicht Ein Kerl im Staat geworden ſein, deß Freundſchaft Cuch ungelegen wäre? Nath. Wenn Dein Herz Noch Derwiſch iſt, ſo wag' ich's drauf. Der Kerl Im Staat iſt nur Dein Kleid. Derw. Das auch geehrt Will ſein.— Was meint Ihr? Rathet?— Was wär' ich An Eurem Hofe? Nath. Derwiſch; weiter nichts. Doch nebenher, wahrſcheinlich— Koch. Derw. Num ſa: 7 — 20— Mein Handwerk bei Euch zu verlernen.— Koch! Nicht Kellner auch?— Geſteht, daß Saladin Mich beſſer kennt.— Schatzmeiſter bin ich bei Ihm worden. Nath. Du?— bei ihm? 8 Derw. Verſteht: Des kleinern Schatzes; denn des größern waltet Sein Vater noch:— des Schatzes ſür ſein Haus. Nath. Sein Haus iſt groß. Derw. Und größer als ihr glaubt; Denn jeder Bettler iſt von ſeinem Hauſe. Nath. Doch iſt den Bettlern Saladin ſo feind— Derw. Daß ermit Stumpf und Stielſie zu vertilgen Sich vorgeſetzt,— und ſollt' er ſelbſt darüber Zum Bettler werden. Nath. Brav! So meiy' ich's eben. Derw. Er iſt's auch ſchon, trotz Einem! — Denn ſein Schaz Iſt jeden Tag mit Sonnenuntergang Viel leerer noch, als leer. Die Fluth, ſo hoch Sie Morgens eintritt, iſt des Mittags längſt Verlaufen. Rath. Weil Canäle ſie zum Theil Verſchlingen, die zu füllen oder zu Verſtopfen, gleich unmöglich iſt. Derw. Getroffen! Nath. Ich kenne das! Derw. Es mug nun freilich nichts, Wenn Fürſten Geyer unter Aeſein ſind; Doch ſind ſie Aeſer unter Geyern taugt s Noch zehnmal weniger. — — 21— Nath. O nicht doch, Derwiſch! Nicht doch! 1 Derw. Ihr habt gut reden, Ihr!— Kommt an: Was gebt Ihr mir? 4 tret' ich meine Stell' Euch ab. Nath. Was bringt Dir Deine Stelle? Derw. Mir? Nicht viel. Doch Euch, Euch kann ſie trefflich wuchern; Denn iſt es Ebb' im Schatz,— wie öfters iſt, So zieht Ihr Eure Schleuſen auf: ſchießt vor, Und nehmt an Zinſen, was Euch nur gefällt. Nath. Auch Zins vom Zins der Zinſen? Derw. Freilich! Nath. Bis Mein Capital zu lauter Zinfen wird. Derw. Das lockt Euch nicht? So ſchreibet un⸗ ſrer Freundſchaft Nur gleich den Scheidebrief; Denn wahrlich hab' Ich ſehr auf Euch gerechnet. Nath. Wahrlich! Wie Denn ſo? Wie ſo denn? Derw. Daß Ihr mir mein Amt Mit Ehren würdet führen helfen; daß Ich allzeit offne Caſſe bei Euch hätte.— Ihr ſchüttelt? Nath. Nun, verſtehn wir uns nur recht! Hier giebt's zu unterſcheiden.— Duè warum Nicht Du? Al⸗Hafi Derwiſch iſt zu Allem, Was ich vermag, mir ſtets willkommen.— Aber Al⸗Haft Defterdar des Saladin, Der— dem— — 22— Derw. Errieth ich's nicht? Daß Ihr doch immer So gut als klug, ſo klug als weiſe ſeid!— Geduld! Was Ihr am Hafi unterſcheidet, Soll bald geſchieden wieder ſein.— Seht da Das Chrenkleid, das Saladin mir gab;⸗ Eh' es verſchloſſen iſt, eh es zu Lumpen Geworden, wie ſie einen Derwiſch kleiden, Hängt's in Jeruſalem am Nagel: und— Ich bin am Ganges, wo ich leicht und barfuß Den heißen Sand mit meinen Lehrern trete. Nath. Dir ähnlich genug! Derw. Und Schach mit ihnen ſpiele. Nath. Dein höchſtes Gut! Derw. Denkt nur, was mich verführte!— Damit ich ſelbſt nicht länger betteln dürfte? Den reichen Mann mit Bettlern ſpielen könnte? Vermögend wär' im Huy den reichſten Bettler In einen armen Reichen zu verwandeln? Nath. Das nun wohl nicht, Derw. Weit etwas Ahgeſchmackteres! Ich fühlte mich zum erſtenmal geſchmeichelt: Durch Saladins gutherz'gen Wahn geſchmeichelt.— 8* 3 Nath. Der war! Derw.„Ein Bettler wiſſe nur, wie Bettlern „Zu Muthe ſei; ein Bettler habe nur 4 „Gelernt, mit guter Weiſe Bettlern geben. „Dein Vorfahr, ſprach er, war mir viel zu kalt, „Zu rauh. Er gab ſo unhold, wenn er gab; 1 „Erkundigte ſo ungeſtüm ſich erſt —— — 23— „Nach dem Empfänger, nie zurieden, daß „Er nur den Mangel kenne, wollt' er auch „Des Mangels Urſach wiſſen, um die Gabe „Nach dieſer Urſach filzig abzuwägen. „Das wird Al⸗Hafi nicht! So unmild⸗mild „Mird Saladin im Hafi nicht erſcheinen! „Al⸗Hafi gleicht verſtopften Röhren nicht, „Die ihre klar und ſtill empfangenen Waſſer „So unrein und ſo ſprudelnd wieder geben. „Al⸗Haſt denkt, Al⸗Hafi fühlt wie ich!“— So lieblich klang des Voglers Pfeife, bis Der Gimpel in dem Netze war.— Ich Geck, Ich eines Gecken Geck!— Nath. Gemach, mein Derwiſch! Gemach! Derw. Ei was!— Es wär' nicht Geckerei, Bei Hunderttauſenden die Menſchen drücken, Ausmergeln, plündern, martern, würgen; und Ein Menſchenfreund an Einzlen ſcheinen wollen? Es wär nicht Geckerei, des Höchſten Milde, Die ſonder Auswahl über Böſ' und Gute, Und Flur und Wüſtenei, in Sonnenſchein Und Regen ſich verbreitet,— nachzuäffen; Und nicht des Höchſten immer volle Hand Zu haben? Was? es wär' nicht Geckerei... Nat h. Genug! Hör' auf! Derw. Laß meiner Geckerei Mich doch nur auch erwähnen! Was? es wäre Nicht Geckerei, an ſolchen Geckereien Die gute Seite dennoch auszuſpüren, Um Antheil, dieſer guten Seite wegen, — 24— Und dieſer Geckerei zu nehmen? He? Das nicht? Nath. Al⸗Haft, mache, daß Du bald In Deine Wüſte wieder kömmſt. Ich fürchte, Grad' unter Menſchen möchteſt Du ein Menſch 38 ſein verlernen erw. echt, das fürcht' ich auch. Lebt wohl! c Kincht ih ah Nath. So haſtig? Warte doch! Al⸗Haſi, Entläuft Dir denn die Wüſte?— Warte doch!— Daß er mich hörte! He, Al⸗Hafi! hier!— Weg iſt er; und ich hätt' ihn noch ſo gern Nach unſerm Tempelherrn gefragt. Vermuthlich, Daß er ihn kennt. 3 Vierter Auſtritt. Daja eilig herbei. Nathan. Daja. O Nathan, Nathan! ath. 2 Nun! Daja. Er läßt ſich wieder ſehn! Er läßt Sich wieder ſehn! ht ſich Nath. Wer, Daja? wer: Daja. Er! Er! Nath. Er? Er?— Wann läßt ſich der nicht ſehn.— & 3 Ja ſo,— Nur Euer Er heißt Er.— Das ſollt' er nicht, Und wenn Er auch ein Engel wäre, nicht! Daja. Er wandelt unter'n Palmen wieder auf Und ab, und bricht von Zeit zu Zeit ſich Datteln. — 25— Rath. Sie eſſend?— Und als Tempelherr? Daja. Was quält Ihr mich?— Ihr gierig Aug' errieth ihn hinter Den dicht verſchränkten Palmen ſchon und folgt' Ihm unverrückt. Sie läßt Euch bitten— Euch Beſchwören,— ungeſäumt ihn anzugehn. O eilt! Sie wird Euch aus dem Fenſter winken, Ob er hinauf geht oder weiter ab Sich ſchlägt. O eilt! Nath. So wie ich vom Kameele Geſtiegen?— Schickt ſich das?— Geh' eile Du Ihm zu, und meld' ihm meine Wiederkunft. Gib Acht, der Biedermann hat nur mein Haus In meinen Abſein nicht betreten wollen; Und kömmt nicht ungern, wenn der Vater ſelbſt Ihn laden läßt. Geh' ſag,, ich laſſ' ihn bitten, Ihn herzlich bitten... Daja. All umſonſt! Er kömmt Euch nicht.— Denn kurz; er kömmt zu keinem Juden. Nath. So geh, geh wenigſtens ihn anzuhalten; Ihn wenigſtens mit Deinen Augen zu Begleiten.— Geh! ich komme gleich Dir nach. 3(Nathan eilet hinein, und Daja heraus.) Fünf er Auſtritt. Scene. Ein Platz mit Palmen, unter welchen der Tempelherr auf und nieder geht. Ein Kloſterbru⸗ der folgt ihm in einiger Entfernung von der Seite, im⸗ mer, als ob er ihn anreden wolle. Tempelherr. Der folgt mir nicht vor langer Weile!— Sieh, — 26— Wie ſchielt er nach den Händen!— Guter Bruder! Ich kann Euch auch wohl Vater nennen; nicht? Kloſterbruder. Nur Bruder,— Layenbruder nur; zu dienen. Temp. Ja, guter Bruder, wer nur ſelbſt was hätte! Bei Gott! bei Gott! ich habe nichts— Kloſterb. Und doch Recht warmen Dank! Gott geb Euch tauſendfach, Was Ihr gern geben wolltet. Denn der Wille, und nicht die Gabe macht den Geber.— Auch Ward ich dem Herrn Almoſens wegen gar Nicht nachgeſchickt. Tem p. Doch aber nachgeſchickt? Kloſterb. Ja, aus dem Kloſter. Tem p. Wo ich eben jetzt Ein kleines Pilgermahl zu finden hoffte? Kloſterb. Die Tiſche waren ſchon beſetzt. Komm' aber Der Herr nun wieder mit zurück. Temp. Wozn? Ich habe Fleiſch wohl lange nicht gegeſſen; Allein was thut's? Die Datteln ſind ja reif. Kloſterb. Nehm' Sich der Herr in Acht mit — dieſer Frucht, Zu viel genoſſen, taugt ſie nicht; verſtopft Die Milz; macht melancholiſches Geblüt. Temp. Wenn ich nun melancholiſch gern mich 3 fühlte?— Doch dieſer Warnung wegen wurdet Ihr Mir doch nicht nachgeſchickt ——— 2— Kloſterb. O nein,— Ich ſoll Mich nur nach Euch erkunden; auf den Zahn Euch fühlen. Tempelh. Und das ſagt Ihr mir ſo ſelbſt? Kloſterb. Warum nicht? Tempelh.(Ein verſchmitzter Bruder!)— Hat Das Kloſter Eures Gleichen mehr? Kloſterb. Weiß nicht. Ich muß gehorchen, lieber Herr! Tempelh. Und da Gehorcht Ihr denn auch ohne viel zu klügeln? Kloſterb. Wär's ſonſt gehorchen, lieber Herr? Tempelh.(Daß doch Die Einfalt immer recht behält!)— Ihr dürft Mir doch auch wohl vertrauen, wer mich gern Genauer kennen möchte?— Daß Ihr's Selbſt Nicht ſeid, will ich wohl ſchwören. Kloſterb. Ziemte mir's? Und frommte mir's? Tempelh. Wem ziemt und frommt es denn? Daß er ſo neubegierig iſt? Wem denn? Kloſterb. Dem Patriarchen: muß ich glan⸗ ben.— Denn Der ſandte mich Euch nach. Tempelh. Der Patriarch? Kennt der das rothe Kreuz auf weißem Mantel Nicht beſſer? Kloſterb. Kenn ja ich's! Tempelh. Nun, Bruder? nun?— Ich bin ein Tempelherr; und ein gefangner, Setz' ich hinzu; gefangen bei Tebnin, Der Burg, die mit des Stillſtands letzter Stunde Wir gern erſtiegen hätten, um ſodann Auf Sidon los zu gehen;— ſetz' ich hinzu: Selbzwanzigſter gefangen, und allein Von Saladin begnadiget; ſo weiß Der Patriarch, was er zu wiſſen braucht,— Mehr, als er braucht. Kloſterb. Wohl aber ſchwerlich mehr, Als er ſchon weiß.— Er wüßt' auch gern, warum Der Herr von Saladin begnadigt worden: Er ganz allein. Tempelh. Weiß ich das ſelber?— Schon Den Hals entblößt, knie ich auf meinem Mantel, Den Streich erwartend; als mich ſchärfer Saladin In's Auge faßt, mir näher ſpringt, und winkt. Man hebt mich auf; ich bin entfeſſelt; will Ihm danken; ſeh' ſein Aug' in Thränen: ſtumm Iſtt er, bin ich; er geht, ich bleibe.— Wie Nun das zuſammenhängt, enträthſele Der Patriarch ſich ſelbſt. Kloſterb. Er ſchließt daraus, Daß Gott zu großen, großen Dingen Euch Müſſ' aufbehalten haben. Tempelh. Ja, zu großen! Ein Judenmädchen aus dem Feu'r zu retten, Auf Sinai neugier'ge Pilger zu Geleiten: und dergleichen mehr. Kloſterb. 1 Wird ſchon Noch kommen!— Iſt inzwiſchen auch nicht übel.— Vielleicht hat ſelbſt der Patriarch bereits Weit wicht'gere Geſchäfte für den Herrn. — 29— Tempelh. So? meint Ihr, Bruder?— Hat er gar Euch ſchon Was merken laſſen? Kloſterb. Ei, ja wohl!— Ich ſoll Den Herrn nur erſt ergründen, ob Er ſo Der Mann wohl iſt. Tempelh. Nun ja; ergründet nur! (Ich will doch ſehn, wie der ergründet.)— Nun? Kloſterb. Das Kürz'ſte wird wohl ſein, daß ich dem Herrn Ganz geradezu des Patriarchen Wunſch Eroffne. Tempelh. Wohll! Kloſterb. Er hätte durch den Herrn Ein Brief en gern beſtellt. Tempelh. Durch mich? Ich bin Kein Bothe.— Das, das wäre das Geſchäft, Das weit glorreicher ſei, als Judenmädchen Dem Feu'r entreißen? 4 Kloſterb. Muß doch wohl! Denn,— ſagt Der Patriarch,— an dieſem Brieſchen ſei Der ganzen Chriſtenheit ſehr viel gelegen. Dieß Briefchen wohl beſtellt zu haben,— ſagt Der Patriarch,— werd' einſt im Himmel Gott Mit einer ganz beſondern Krone lohnen. Und dieſer Krone,— ſagt der Patriarch,— Sei Niemand würd'ger als mein Herr. Tempelh. Als ich? Kloſterb. Denn dieſe Krone zu verdienen,— ſagt Der Patriarch,— ſei ſchwerlich Jemand auch Geſchickter, als mein Herr. — 30— Tempelh. Als ich? Kloſterb. Er ſei Hier freiz könn' überall Sich hier beſehn; Verſteh', wie eine Stadt zu ſtürmen und Zu ſchirmen; könne, ſagt der Patriarch,— Die Stärk' und Schwäche der von Saladin Neu aufgeführten, innern, zweiten Mauer Am beſten ſchätzen, ſie am deutlichſten Den Streitern Gottes,— ſagt der Patriarch,— Beſchreiben. Tempelh. Guter Bruder, wenn ich doch Nun anch des Brieſchens nähern Inhalt wüßte. Kloſterb; Ja den,— den weiß ich nun wohl nicht ſo recht. Das Brieſchen aber iſt an König Philipp.— Der Patriarch,— ich hab' mich oft gewundert, Wie doch ein Heiliger, der ſonſt ſo ganz Im Himmel lebt, zugleich ſo unterrichtet Von Dingen dieſer Welt zu ſein herab Sich laſſen kann. Es muß ihm ſauer werden!— Tempelh. Nun denn? Der Patriarch? Kloſterb. Weiß ganz genau, Ganz zuverläſſig, wie, und wo, wie ſtark, Von welcher Seite, Saladin, im Fall Es völlig wieder losgeht, ſeinen Feldzug Eröffnen wird. 3 Tempelh. Das weiß er? 3 Kloſterb. Ja, und möcht' Es gern dem König Philipp wiſſen laſſen; Damit der ungefähr ermeſſen könne, . — 31— Ob die Gefahr denn gar ſo ſchrecklich, um Mit Saladin den Waffenſtillſtand, Den Euer Orden ſchon ſo brav gebrochen, Es koſte, was es wolle, wieder her Zu ſtellen. Tempelh. Welch ein Patriarch!— Ja ſo! Der liebe tapfre Mann will mich zu keinem Gemeinen Bothen; will mich— zum Spion.— Sagt Eurem Patriarchen, guter Bruder; So viel Ihr mich ergründen können, wär' Das meine Sache nicht. Ich müſſe mich Noch als Gefangenen betrachten; und Der Tempelherren einzigen Beruf Sei, mit dem Schwerte drein zu ſchlagen, nicht Kundſchaſterei zu treiben. Kloſterb. Dacht' ich's doch!— Will's auch dem Herrn nicht eben ſehr verübeln. Zwar kömmt das Beſte noch.— Der Patriarch Hiernächſt hat ausgegattert, wie die Feſte Sich nennt, und wo auf Libanon ſie liegt, In der die ungeheuren Summen ſtecken, Mit welchen Saladins vorſicht'ger Vater Das Heer beſoldet, und die Zurüſtungen Des Kriegs beſtreitet. Saladin verfügt Von Zeit zu Zeit auf abgelegnen Wegen Nach dieſer Feſte ſich, nur kaum begleitet.— Ihr merkt doch? Tempelh. Nimmermehr! Kloſterb. Was wäre da Wohl leichter, als des Saladin ſich zu Bemächtigen? den Garaus ihm zu machen?— — 32— Ihr ſchaudert?— O, es haben ſchon ein Paar Gott'sfürcht'ge Maroniten ſich erbothen, Wenn nur ein wackrer Mann ſie führen wolle, Das Stück zu wagen. Tempelh. Und der Patriarch Hätt' auch zu dieſem wackren Manne mich Erſehn? Kloſterb. Er glaubt, daß König Philipp wohl Bon Ptolemais aus die Hand hierzu Am beſten bieten könne. Tempelh. Mir? Mir, Bruder? Mir? Halt Ihr nicht gehört? nur erſt gehört, K Was für Verbindlichkeit dem Saladin Ich habe? Kloſterb. Wohl hab' ich's gehört. Tempelh. Und doch? Kloſterb. Ja,— meint der Patriarch,— das — wär' ſchon gut; Gott aber und der Orden... Tempelh. 3 Aendern nichts!— Gebiethen mir kein Bubenſtück! 1 Kloſterb. Gewiß nicht!— Nur,— meint der Patriarch,— ſei Bubenſtück Vor Menſchen, nicht auch Bubenſtück vor Gott. Tempelh. Ich wär' dem Saladin mein Leben ſchuldig, 3 Und raubt' ihm ſeines? Kloſterb. Pfui!— Doch bliebe,— meint Der Patriarch,— noch immer Saladin Ein Feind der Chriſtenheit der Euer Freund Zu ſein, kein Recht erwerben könne. 0 — 3=— Tempelh. Freund? An dem ich bloß nicht will zum Schurken werden; Zum undankbaren Schurken? Kloſterb. Allerdings! Zwar,— meint der Patriarch, des Dankes ſei Man guitt, vor Gott und Menſchen quitt, wenn uns Der Dienſt um unſertwillen nicht geſchehen. Und da verlauten wolle,— meint der Patriarch, Daß Euch nur darum Saladin begnadet, Weil ihm in Eurer Mien', in Eurem Weſen, So was von ſeinem Bruder eingeleuchtet... Tempelh. Auch dieſes weiß der Patriarch; und doch? Ah,! wäre das gewiß! Ah, Saladin! Wie? die Natur hätt' auch nur Einen Zug Von mir in Deines Bruders Form gebildet; Und dem entſpäche nichts in meiner Seele? as dem entſpräche, könnt' ich unterdrücken, Um einem Patriarchen zu gefallen? Natur, ſo lügſt du nicht! So widerſpricht Sich Gott in ſeinen Werken nicht!— Geht, Bruder! Erregt mir meine Galle nicht!— Geht! geht! Kloſterb. Ich geh'; und geh⸗ vergnügter als ich kam. Verzeihe mir der Herr. Wir Kloſterleute Sind ſchuldig, unſern Obern zu gehorchen. Sechster Auftritt. Der Tempelherr und Daja, die den Tempelherrn ſchon eine Zeit lang von weitem beobachtet hatte, und ſich nun ihm nähert. Daja.(Der Kloſterbruder, wie mich dünkt, ließ in Der beſten Laun' ihn nicht.— Doch muß ich mein Paket nur wagen.)„ 3 2 — 34— Tempelh.(Nun, vortrefflich!— Lügt Das Sprichwort: daß Mönch und Weib, und Weib Und Mönch des Teufels beide Krallen ſind? Er wirft mich heut' aus einer in die andre.) Daja. Was ſeh' ich?— Edler Ritter?— Euch? — Gott Dank! Gott tauſend, tauſend Dank!— Wo habt Ihr denn Die ganze Zeit geſteckt? Ihr ſeid doch wohl Nicht krank geweſen?. M V Tempelh. Nein. Daja. Geſund doch? Tempelh. Ja. Daj a. Wir waren Euretwegen wahrlich ganz Bekümmert. Tempelh. So? Daja. Ihr war't gewiß verreiſt? Tempelh. Errathen! Daja. Und kamet heut' erſt wieder? Tempelh. Geſtern. Daja. Auch Recha's Vater iſt heut' angekommen. Und nun darf Recha doch wohl hoffen? Tempelh. Was? Daja. Warum ſie Euch ſo öfters bitten laſſen. Ihr Vater ladet Euch nun ſelber bald Auf's Dringlichſte; Er kömmt von Babylon, Mitt zwanzig hochbeladenen Kameelen, Und Allem, was an edlen Spezereien, An Steinen und an Stoffen, Indien Und Perſien und Syrien, gar Sina Koſtbares nur gewähren. Tempelh. Kaufe nichts. 4 ———— Daja. Sein Volk verehret ihn als einen Fürſten. Doch, daß es ihn den weiſen Nathan nennt Und nicht vielmehr den reichen, hat mich oft Gewundert. Tempelh. Seinem Volk iſt reich und weiſe Vielleicht das Nämliche. Daja. Vor Allem aber Hätt's ihn den Guten nennen müſſen. Denn Ihr ſtellt Euch gar nicht vor, wie gut er iſt. Als er erfuhr, wie viel Euch Recha ſchuldig: Was hätt; in dieſem Augenblicke, nicht Er Alles Euch gethan, gegeben! Tempelh. Eil Daja. Verſucht's und kommt, und ſeht! Kem 8 Was denn? wie ſchnell Ein Augenblick vorüber iſt?. Daſa. Hätt' ich, Wenn er ſo gut nicht wär', es mir ſo lange Bei ihm gefallen laſſen? Meint Ihr etwa, Ich fühle meinen Werth als Chriſtin nicht? Auch mir ward's vor der Wiege nicht geſungen, Daß ich nur darum meinem Chgemahl Nach Paläſtina folgen würd', um da Ein Judenmädchen zu erziehn!— Es war Mein lieber Ehgemahl, ein edler Knecht In Kaiſer Friedrichs Heere... Tempelh. Von Geburt Ein Schweizer, dem die Ehr' und Gnade ward, Mit Seiner Kaiſerlichen Majeſtät In einem Fluſſe zu erſaufen.— Weib! — 36— Wie vielmal habt Ihr mir bss ſchon erzählt? Hört Ihr denn gar nicht auf mich zu verfolgen? Daja. Verfolgen; lieber Gott! Tempelh. Ja, ja, verfolg Ich will nun einmal Euch nicht weiter ſehn! Niicht hören! will von Euch an eine That Nicht fort und fort erinnert ſein, bei der Ich nichts gedacht; die, wenn ich drüber dente, Zum Räthfel von mir ſelbſt mir wird. Zwar möcht Ich ſie nicht gern bereuen. Aber ſeht! 3 Ereignet ſo ein Fall ſich wieder; Ihr 3 Seid Schuld, wenn ich ſo raſch nicht handle; wenn Ich mich vorher erkund',— und brennen laſſe, Was brennnt. 8 Daja. Bewahre Goita Tempelh. Von heut' an Mir den Gefallen wenigſtens, und kennt Mich weiter nicht. Ich bitt, Euch drum. Auch laßt Den Vater mir vom Halſe! Jud' iſt Jude. Ich bin ein plumper Schwab. Des Mädchen Bil Iſt längſt aus meiner Seele; wenn es je Da war. Daja. Doch Eures iſt aus ihrer nicht. Tempelherr. Was ſoll's nun aber da? was ſol's⸗ Daja. Wer weiß! Die Menſchen ſind nicht immer, was ſie ſcheinen. Tempelh. Doch ſelten etwas Beſſers.(Er geht. Daja. Wartet doch? Was eilt Ihr? Tempelh. Weibh, macht mir die Palmen uch 6 ahii, worunter ich ſo gern ſonſt wandle. 4 — r — 37— Daja. Spo geh', du deutſcher Bär! ſo geh'!— 4 Und doch Muß ich die Spur des Thieres nicht verlieren. (Sie geht ihm von weitem nach.) Zweiter Aufzug. Erſter Auſtritt. 2 (SDie Scene: des Sultans Pallaſt.) Saladin und Sittah ſpielen Schach. Sittah. Wo biſt Du, Saladin? Wie ſpielſt Du n.; ächt. 1 30 üchtt und kaum. Warum? Der Springer Wird unbedeckt. Sal. Iſt wahr. Nun ſo! Sit So zieh' Ich in die Gabel. Sal. Wieder wahr.— Schach denn! Sit. Was hilft Dir das? Ich ſetze vor; und Du Biſt, wie du warſt. 4 Saladin. Aus dieſer Klemme, ſeh' Ich wohl, iſt ohne Buße nicht zu kommen. Rag's! nimm den Springer nur. Sit. Ich will ihn nicht. Ich geh vorbei. Sal. Du ſchenkſt mir nichts. Dir liegt An dieſem Platze mehr, als an dem Springer. Sit. Kann ſein. Sal. Mach' deine Rechnung nur nicht ohne Den Wirth. Denn ſieh! Was gilt's, das wirſt Du nicht Vermuthen? Sit. Freilich nicht. Wie konnt' ich auch Vermuthen, daß Du Deiner Königin So müde wärſt? 84 Sal. Ich meiner Königin? Sit. Ich ſeh' nun ſchon; ich ſoll beu meine tauſend Dinar', kein Nuaſerjncen mehr getwin Sal. Wie ſo? Sit. Frag noch!— Weil Du mit Fleiß, mit aller Gewalt verlieren willſt.— Doch dabei find Ich meine Rechnung nicht.— Denn außer, daß Ein ſolches Spiel das unterhaltendſte Nicht iſt; gewann ich immer nicht am meiſten Mit Dir, wenn ich verlor? Wann haſt Du mir Den Satz, mich des verlornen Spieles wegen Zu tröſten, Dodpelt nicht hernach geſchenkt? 4 Sal. Ei ſieh! ſo hätteſt Du ja wohl, wenn Du Verlorſt, mit Fleiß verloren, Schweſterchen? Sit. Zum wenigſten kann's gar wohl ſein, Daß Deine 5 Freigebigkeit, mein liebes Brüderchen, Schnldd iſt, daß ich nicht beſſer ſpielen lernte. 8 — — 39— Sala. Wir fommen ab vom Spiele. Mach ein Ende! Sitt. So bleibt es? Nun denn: Schach! und doppelt Schach! Sala. Nun freilich: eite Abſchach hab' ich nicht Geſehn, das meine Königin zugleich Mit niederwirft. Sitt. War dem noch abzuhelfen? Laß ſehn! Sala. Nein, nein: nimm nur die Königin, Ich war mit dieſem Steine nie recht glücklich. Sitt. Bloß mit dem Steine: Sala. Fort damit!— Das thut Mir nichts. Denn ſo iſt alles wiederum Geſchützt. 3 Sitt. Wie höflich man mit Königinnen Verfahren müſſe, hat mein Bruder mich Zu wohl gelehrt.(Sie läßt ſie ſtehen.) Sala. Nimm, oder nimm ſie nicht! Ich habe keine mehr. Sit. Wozu ſie nehmen? Schach!— Schach! Sal. Nur weiter. Sit. Schach!— und Schach!— und Schach! Sala. Und matt! Sit. Nicht ganz! Du ziehſt den Springer noch Dazwiſchen; oder was Du machen wilſſt. Gleichviel! „Sal. Ganz recht!— Du haſt gewonnen; und Al⸗Hafi zahlt.— Man laß ihn rufen! gleich! — 40— Du hatteſt, Sitta, nicht ſo Unrecht; ich War nicht ſo ganz bei'm Spiele, war zerſtreut. Und dann: wer gibt uns denn die glatten Steine Beſtändig, die an nichts erinnern, nichts Bezeichnen? Hab' ich mit dem Iman denn Geſpielt? Doch was? Verluſt will Vorwand. Nicht Die ungeformten Steine, Sittah, ſind's, Die mich verlieren machten; Deine Kunſt, Dein ruhiger und ſchneller Blick... 1 Sit. Auch ſo Willſt Du den Stachel des Verluſts nur ſtumpfen. Genug, Du warſt zerſtreut: und mehr als ich. Sal. Als Du? Was hätte dich zerſtreuet? Sit. Deine Zerſtreuung freilich nicht!— O Saladin, Wann werden wir ſo ſleiſſig wieder ſpielen! Sal. So ſpielen wir um ſo viel gieriger!— Ah! weil es wieder losgeht, meinſt Du?— Mag's Nur zu!— Ich habe nicht zuerſt Boßen! Ich hätte gern den Stilleſtand auf's Neue Verlängert; hätte meiner Sittah gern, Gern einen guten Mann zugleich verſchafft. Und das muß Richards Bruder ſein; er iſt Ja Richards Bruder. Sit. Wenn Du Deinen Richard Nur loben kannſt!. Sal. Wenn unſerm Bruder Melek Dann Richards Schweſter wär' zu Theile worden: Ha! welch ein Haus zuſammen! Ha, der erſten, Der beſten Häuſer in der Welt das beſte!— — à1— Du hörſt, ich bin mich ſelbſt zu loben, auch Nicht faul. Ich dünk' mich meiner Freunde werth. Das hätte Menſchen geben ſollen! das! Sit. Hab' ich des ſchönen Traun nicht gleich acht? e Du kennſt die Chriſten nicht, Siulſ ſie nicht kennen. Ihr Stolgz iſt: Chriſten ſein; nicht Menſchen. Denn Selbſt das, was noch von ihrem Stifter her Mit Menſchlichkeit den Aberglauben würzt, Das lieben ſie, nicht weil es menſchlich iſt: Weil's Chriſtus lehrt; weil's Chriſtus hat gethan.— Wohl ihnen, daß er ein ſo guter Menſch Noch war! Wohl ihnen, daß ſie ſeine Tugend Auf Treu' und Glauben nehmen können!— Do Was Tugend?— Seine Tugend nicht: ſein Nahme Soll überall verbreitet werden; ſoll Die Nahmen aller guten Menſchen ſchänden, Verſchlingen;z um den Nahmen, um den Nahmen Iſt ihnen nur zu thun! Sal. Du meinſt: warum Sie ſonſt verlangen würden, daß auch Ihr, Auch Du und Melek, Chriſten hießet, eh⸗ Als Ehgemahl Ihr Chriſten lieben wolltet? Sit. Ja wohl! Als wär' von Chriſten nur, als Chriſten, Die Liebe zu gewärtigen, womit Der Schöpfer Mann und Männin ausgeſtattet! Sal. Die Chriſten glauben mehr Armſeligkeiten, Als daß ſie die nicht auch noch glauben könnten.— Und gleichwohl irrſt Du Duh.— Die Tempel⸗ erren, .— 42— Die Chriſten nicht, ſind Schuld: ſind nicht als hriſten, Als Tempelherren Schuld. Durch die allein Wird aus der Sache nichts. Sie wollen Acca, Das Richards Schweſter unſerm Bruder Melek Zum Brautſchatz bringen müßte, ſchlechterdings Nicht fahren laſſen. Daß des Ritters Vortheil Gefahr nicht laufe, ſpielen ſie den Mönch, Den albern Mönch. Und, ob vielleicht im Fluge Ein guter Streich gelänge: haben ſie Des Waffenſtilleſtandes Ablauf kaum Erwarten können.— Luſtig! nur ſo weiter! Ihr Herren, nur ſo weiter!— Mir ſchon recht!— Wär' Alles ſonſt nur, wie es müßte. Sit. Nun? Was irrte Dich denn ſonſt? Was könnte ſonſt Dich aus der Faſſung bringen? Sal. Was von je Mich immer aus der Faſſung hat zebracht.— Ich war auf Libanon, bei unſerm Vater. Er unterliegt den Sorgen noch... Sit. O weh! Sal. Er kann nicht durch; es klemmt ſich aller DOrten Es fehlt bald da, bald dort— Sit. Was klemmt? was fehlt? Sal. Was ſonſt, als was ich kaum zu nennen würd'ge! Was, wenn ich's habe, mir ſo überflüſſig, Und hab's ich nicht, ſo unentbehrlich ſcheint.— Wo bleibt Al⸗Hafi denn? Iſt Niemand nach 1 — 3— Ihm aus?— Das leidige verwünſchte Geld!— Gut, Haſi, daß Du kömmſt. Bweiter Auſtritt. Der Derwiſch Al⸗Hafi. Saladin. S ittah. Al⸗Hafi. Die Gelder aus Aegypten ſind vermuthlich angelangt? Wenn's nur fein viel iſt. Saladin. Haſt Du Nachricht? Al⸗Hafi. Ich? Ich nicht. Ich denke, daß ich hier ſie in Empfang ſoll nehmen. Sal. Zahl' an Sittah tauſend Dinare!(In Gedanken hin und her gehend.) Al⸗Hafi. Zahh! anſtatt: empfang! O ſchön! Das iſt für Was noch weniger als Nichts— An Sittah?— wiederum an Sittah? und Verloren?— wiederum im Schach verloren?— Da ſteht es noch, das Spiel! Stt. Du gönnſt mir doch Mein Glücke? Al⸗Hafi.(das Spiel betrachtend). Was gönnen? Wenn— Ihr vißt ja wohl. Sit.(ihm winkend.) Bſt! Hafi! Biſt! Al⸗Hafi(noch auf das Spiel gerichtet). Gönnts Euch nur ſelber erſt! Sit. Al⸗Haſi; bſt! 8 Al⸗Hafi(zu Sittah). Die weißen waren Euer? Ihr bietet Schach? Sit. Gut, daß er nichts gehört! e.— 4— Al⸗Hafi. Nun iſt der Zug an ihm? Sit.(ihm naͤher tretend). So ſage doch, Daß ich mein Geld bekommen kann. LHafi(noch auf das Spiel geheftet). Nun ja; Ihr ſollt's bekommen, wie Ihrs ſtets bekommen. Sit. Wie? biſt Du toll? Al⸗Hafi. Das Spiel iſt ja nicht aus. Ihr habt ja nicht verloren, Saladin!. ezahl!— Sal.(kaum hinhörend). Laan doch! Bezahl! 3 3 Al⸗Hafi. Bezahl! bezahl!— Da ſteht ja Eure Königin. Sal.(noch ſo). Gilt nicht; Gehört nicht mehr in's Spiel. Sit So mach;, und ſag, Daß ich das Geld mir nur kann holen laſſen. l⸗Hafi(noch jmmer in das Spiel vertieft). Verſteht ſich, ſo wie immer.— Wenn auch ſchon, Wenn auch die Königin nichts gilt: Ihr ſeid Doch darum noch nicht matt. Sal.(tritt hinzu und wirft das Spiel um). bin es, will Es ſein. Al⸗Hafi. Ja ſo!— Spiel wie Gewinnſt. So wie Gewonnen, ſo bezahlt. Sal.(zu Sittah). Was ſagt er? was? Sit.(von Zeit zu Zeit dem Hafi winkend). Du kennſt ihn ja. Er ſträubt ſich gern; laßt gern Sich bitten: iſt wohl gar ein wenig neidiſch. — 45— Sal. Auf Dich doch nicht? Auf meine Schwe⸗ Was h Hafi? Neidiſch leduih 1 as hör' ich, Hafi? Neidi u? Al⸗Hafi. Kann ſein? Kann ſein!— Ich hätt' ihr Hirn wohl lieber ſelbſt; Wär' lieber ſelbſt ſo gut, als ſie. Sit. Indeß. Hat er doch immer richtig noch bezahlt. Und wird auch heut vehagten Laß ihn nur!— Geh nur, Al⸗Hafi, geh! Ich will das Geld Schon holen laſſen. Al⸗Hafi Nein; ich ſpiele länger Die Mummerei nicht mit. Er muß es doch Ein Mal erfahren. Sal. Wer? und was? Sit. Al.Hafi! Iſt dieſes Dein Verſprechen? Hältſt Du ſo Mir Wort? 4 Al⸗Hafi. Wie konnt' ich glauben, daß es ſo Weit gehen würde. Sal. Nun? erfahr' ich nichts? Sit. Ich bitte Dich Al⸗Hafi! ſei beſcheiden. Sal. Das iſt doch ſonderbar; Was könnte Sittah So feierlich, ſo warm bei einem Fremden, Bei einem Derwiſch lieber, als bei mir, Bei ihrem Bruder ſich verbitten wollen. Al⸗Hafi, nun befehl' ich.— Rede, Derwiſch! Sit. Laß eine Kleinigkeit, mein Bruder, Dir Nicht näher treten, als ſie würdig iſt. Du weißt, ich habe zu verſchiednen Malen Dieſelbe Summ' im Schach von Dir gewonnen. — 46— Und weil ich jetzt das Geld nicht nöthig habe; Weil jetzt in Haſi's Caſſe doch das Gell Nicht eben allzuhäufig iſt: ſo ſind Die Poſten ſtehn geblieben. Aber ſorgt Nur nicht! Ich will ſie weder Dir, mein Bruder, Noch Hafi, noch der Caſſe ſchenken.. Al⸗Hafi. Ja, 9 Wenn's das nur wäre! das! 1 Sit. Und mehr dergleichen— Auch das iſt in der Caſſe ſtehn geblieben, Was Du mir ein Mal ausgeworfen! iſt Seit wenig Monden ſtehn geblieben. l⸗Hafi. Noch Nicht Alles. Sal. Noch nicht?— Wirſt Du reden? Al⸗Hafi. Seit aus Aegypten wir das Geld . erwarten, Hat ſie.. Sit.(zu Saladin) Wozu ihn hören? Al⸗Hafi. Nicht nur nichts Bekommen... 8 Sal. Gutes Mädchen!— Auch beiher Mir vorgeſchoſſen. Nichts? l⸗Hafi. Den ganzen Hof Erhalten; Euern Aufwand ganz allein Beſtritten. Sal. Ha! das, das iſt meine Schweſter! (Sie umarmend.) Sit. Wer hatte, dieß zu können, mich ſo reich Gemacht, als Du, mein Bruder? Al⸗Hafi. Wird ſchon auch — 47— So bettelarm ſie wieder machen, als Er ſelber iſt. Sal. Ich arm? der Bruder arm? 7 Wann hab' ich mehr? wenn weniger gehabt? Ein Kleid, Ein Schwert, Ein Pferd,— und Einen tt! 4 ott! 3 Was brauch ich mehr? Wuan leanns an dem mir 1 3 ehlen? Und doch, Al⸗Haſt, koͤnnt' ich mit Dir ſchelten. Sit. Schilt nicht, mein Bruder. Wenn ich un⸗ ſerm Vater Auch ſeine Sorgen ſo erleichtern könnte! Sal. Ah! ah! Nun ſchlägſt Du meine Freudigkeit Auf ein Mal wieder nieder!— Mir, für mich Fehlt nichts, und kann nichts fehlen. Aber ihm, Ihm fehlet; und in ihm, uns Allen.— Sagt, Was ſoll ich machen?— Aus Aegypten kömmt Vielleicht noch lange nichts. Woran das liegt, Weiß Gott. Es iſt doch da noch Alles ruhig.— Abbrechen, einziehn, ſparen will ich gern, Mir gern gefallen laſſen, wenn es mich, Bloß mich betrifft; bloß mich! und Niemand ſonſt Darunter leidet.— Doch was kann das machen? Ein Pferd, Ein Kleid, Ein Schwert, muß ich doch haben. Und meinen Gott iſt auch nichts abzudingen. Ihm gnügt ſchon ſo mit Wenigen genug: Mit meinem Herzen.— Auf den Ueberſchuß Von Deiner Caſſe, Haft, hatt' ich ſehr Gerechnet. Al⸗Hafi. Ueberſchuß?— Sagt Selbet, ub, Ihr mich nicht hättet ſpießen, wenigſtens Mich droſſeln laſſen, wenn auf Ueberſchuß Ich von Euch wär' ergriffen worden. Ja, Auf Unterſchleif! das war zu wagen. Sal.. Nun, Was machen wir denn aber?— Konnteſt Du Vorerſt bei niemand Anderm borgen, als Bei Sittah? Sit. Würd' ich dieſes Vorrecht, Bruder, Mir haben nehmen laſſen? mir von ihm? Auch noch beſteh' ich drauf. Noch bin ich auf Dem Trocknen völlig nicht.. Sal. Nur völlig nicht? Das fehlte noch!— Geh gleich, mach Anſtalt, Hafi! Nimm auf! bei wem Du kannſt! und wie Du kannſt! Geh, borg, verſprich!— Nur, Haſt, borge nicht Bei denen, die ich reich gemacht. Denn borgen Von dieſen, möchte wiederfordern heißen.— Geh zu den Geitzigen; die werden mir Am liebſten leihen. Denn ſie wiſſen wohl, Wie gut ihr Geld in meinen Händen wuchert. Al⸗Hafi. Ich kenne deren keine. Sit. Eben fällt Mir ein, gehört zu haben, Haſt, daß Dein Freund zurückgekommen. Al⸗Hafi(betroffen.) Freund? mein Freund? Wer wär' denn das? Sit. Dein hochgeprieſ'ner Jude. Al⸗Hafi. Geprieſ'ner Jude? hoch von mir? Sit Dem Gott— it. Mich denkt des Ausdrucks noch recht wohl, deß einſt — 49— Du ſelber Dich von ihm bedienteſt— dem Sein Gott von allen Gütern dieſer Welt Das kleinſt' und größte ſo in vollem Maß Ertheilet habe. Al⸗Hafi. Sazt' ich ſo?— Was meint Ich denn damit?. Sit. Das kleinſte: Reichthum; und Das größte: Weisheit. Al⸗Hafi. Wie? von einem Juden? Von einem Juden hätt' ich das geſagt? Sit. Das hatteſt Du von Deinem Nathan nicht Geſägt? Al⸗Hafi. Ja ſo! von dem! von Nathan!— 8 Fiel Mir der doch gar nicht bei.— Wahrhaftig? Der Iſt endlich wieder heim gekommen? Ei! So mag's doch gar ſo ſchlecht mit ihm nicht ſtehn. Ganz recht; den nannt' ein Mal das Volk den Weiſen! Den Reichen auch. Sit. Den Reichen nennt es ihn Jetzt mehr als je. Die ganze Stadt erſchallt, Was er für Koſtbarkeiten, was für Schätze CEr mitgebracht. Al⸗Hafi. Nun, iſt's der Reiche wieder, So wird's auch wohl der Weiſe wieder ſein. Sit. Was meinſt Du, Hafi, wenn Du dieſen angingſt? Al⸗Hafi. Und was bei ihm?— Doch wohl nicht borgen?— Ja, 4 — 50— Da kennt Ihr ihn! borgen?— Seine Weisheit Iſt eben, daß er Niemand borgt. V Sit. Du haſt Mir ſonſt doch ganz ein ander Bild von ihm gemacht. Al⸗Hafi. Zur Noth wird er auch aaren borgen. Geld aber, Geld? Geld nimmermehr!— Es iſt Ein Jude, freilich übrigens, wie's nicht. Viel Juden giebt. Er hat Verſtand; er weiß Zu leben; ſpielt gut Schach. Doch zeichnet er Im Schlechten ſich nicht minder, als im Guten, Von allen andern Juden aus. Auf den, Auf den nur rechnet nicht! Den Armen gibt Er zwar; und gibt vielleicht, trotz Saladin: Wenn ſchon nicht ganz ſo viel: doch ganz ſo gern; Doch ganz ſo ſonder Anſehn. Jud' und Chriſt Und Muſelmann und Parſie, Alles iſt Ihm Eins.— Sit. Und ſo ein Mann... Sal. Wie kömmt es denn, Daß ich von dieſem Manne nie gehört?... Sit. Der ſollte Saladin nicht borgen? nicht Dem Saladin, der nur für Andre braucht, Nicht ſich?. Al⸗Hafi. Da ſeht nun gleich den Juden wieder; Den ganz gemeinen Juden!— Glaubt mir's doch!— Er iſt auf's Geben Euch ſo eiferſüchtig, So neidiſch! Jedes Lohn von Gott, das in Derr Welt geſagt wird, zög' er lieber ganz Alllein. Nur darum eben leiht er keinem, Damit er ſtets zu geben habe. Weil — 51— Die Mild' ihm im Geſetz geboten: die Gefälligkeit ihm aber nicht geboten; macht Die Mild' ihn zu dem ungefälligſten Geſellen auf der Welt. Zwar bin ich ſeit Geraumer Zeit ein wenig übern Fuß Mit ihm geſpannt; doch denkt nur nicht, daß ich Ihm darum nicht Gerechtigkeit erzeige. Er iſt zu Allem gut: bloß dazu nicht; Bloß dazu wahrlich nicht. Ich will auch Llich Nur gehn, an andre Thüren klopfen... Da Beſinn ich mich ſo eben eines Mohren, Der reich und geitzig iſt.— Ich geh': ich geh'. Sit. Was eilſt Du, Hafi? Sal. Laß ihn! laß ihn. Dritter Auſtritt. Sittah. Saladin. Sittah. Eilt Er doch, als ob er mir nur gern entkäme!— Was heißt das?— Hat er wirklich ſich in ihm Betrogen, oder möcht' er uns nur gern Betriegen? Saladin. Wie das fragſt Du mich? Ich weiß Ja kaum, von wem die Rede warz und höre Von Eurem Juden, Eurem Nathan, heut Zum erſten Mal. Sit. Iſt's möglich, daß ein Mann Dir ſo verborgen blieb, von dem es heißt, Er habe Salomons und Davids Gräber Erforſcht, und wiſſe deren Siegel durch — 52— Ein mächtiges geheimes Wort zu löſen? Aus ihnen bring' er dann von Zeit zu Zeit Die unermeßlichen Reichthümer an Den Tag, die einen mindern Quell verriethen. Sal. Hat ſeinen Reichthum dieſer Mann aus Gräbern, So warens ſicherlich nicht Salomons, Nicht Davids Gräber. Narren lagen da Begraben! Sit. Oder Böſewichter!— Auch Iſt ſeines Reichthums Quelle weit ergiebiger, Weit unerſchöpflicher, als ſo ein Grab Voll Mammon Sal. Denn er handelt, wie ich hörte. Sit. Sein Saumthier treibt auf allen Stra⸗ 3 ßen, zieht Durch alle Wüſten; ſeine Schiffe liegen In allen Häfen. Das hat mir wobl eh' Al⸗Hafi ſelbſt geſagt, und voll Entzücken Hinzugefügt: wie groß, wie edel dieſer Sein Freund anwende, was ſo klug und emſig Er zu erwerben für zu klein nicht achte; Hinzugefügt: wie frei von Vorurtheilen Sein Geiſt; ſein Herz wie offen jeder Tugend, Wie eingeſtimmt mit jeder Schönheit ſei. Sal. Und jetzt ſprach Hafi doch ſo ungewiß,⸗ So kalt von ihm. Sit. Kalt nun wohl nicht; verlegen: Als halt' er's für gefährlich, ihn zu loben, Und wollt' ihn unverdient doch auch nicht tadeln.— Wie? oder wär' es wirklich ſo, daß ſelbſt ——— Der Beſte ſeines Volkes ſeinem Volke Nicht ganz entfliehen kann? daß wirklich ſich Al⸗Hafi ſeines Freunds von dieſer Seite Zu ſchämen hätte?— Sei dem, wie ihm wolle!— Der Jude ſei mehr oder weniger Als Jud'; iſt er nur reich— genug für uns. Sal. Du willſt ihm aber doch das Seine mit Gewalt nicht nehmen, Schweſter? Sit. Ja, was heißt Bei Dir Gewalt? Mit Feu'r und Schwert? Nein, nein, Was braucht es mit den Schwachen für Gewalt, Als ihre Schwäche?— Komm für jetzt nur mit In meinen Harem, eine Sängerin Zu hören, die ich geſtern erſt gekauft. Es reift indeß bei mir vielleicht ein Anſchlag, Den ich auf dieſen Nathan habe.— Komm! Vierter Auftritt. (Scene: vor dem Hauſe des Nathan, wo es an die Pal⸗ men ſtößt.). Recha und Nathan kommen heraus. Zu ihnen Daja. 4 Recha. Ihr habt Euch ſehr verweilt, mein Va⸗ ter. Er Wird kaum noch mehr zu treffen ſein. Nathan. Nun, nun; Wenn hier, hier untern Palmen ſchon nicht mehr, Doch anderwärts.— Sti jetzt nur ruhig.— Sieh! Kömmt dort nicht Daja auf uns zu? Recha. Sie wird Ihn ganz gewiß verloren haben. Sie uns. Nath. Und doppelt ihre Schritte. Sieh!— Sei doch nur ruhig! ruhig! Recha Wolltet Ihr Re. Wohl eine Tochter, die hier ruhig wäre. Sich unbekümmert ließe, weſſen Wohlthat Ihr Leben ſei? Ihr Leben,— das ihr nur So lieb, weil ſie es Euch zuerſt verdanket. Nath. Ich möchte Diih nicht anders, als 3 u biſt: Auch wenn ich wüßte, daß in Deiner Seele Ganz etwas Anderes noch ſich rege.— Recha. Was, Mein Vatrr? 4 Nath. Fragſt Du mich? ſo ſchüchtern mich? Was auch in Deinem Innern vorgeht, iſt Natur und Unſchuld. Laß es keine Sorge Dir machen! Mir, mir macht es keine. Nur Verſprich mir: wenn Dein Herz vernehmlicher Sich einſt erklärt, mir ſeiner Wünſche keinen Zu bergen. Recha. Schon die Möglichkeit, mein Herz Euch lieber zu verhüllen, macht mich zittern. Nath. Nichts mehr biunun D ein für ale ꝗ. 3 Iſt abgethan.— Da iſt ja Daja.— Nun? — 55— Daja. Noch wandelt er hier unter'n Palmen und Wird gleich um jene Mauer kommen.— Seht, Da kömmt er! Recha. Ahl und ſcheinet unentſchloſſen: Wohin? ob weiter, ob hinab, ob rechts? Ob links? Daja. Nein, nein. Er macht den Weg um's Kloſter Gewiß noch öfter; und dann muß er hier Vorbei.— Was gilt's? Recha. Recht! recht!— Haſt du ihn ſchon Geſprochen? Und wie iſt er heut. aja.. Wie immer. 1 Nath. So macht nur, daß er Euch hier nicht gewahr Wird. Tretet mehr zurück. Geht lieber ganz Hinein. Recha. Nur Einen Blick noch!— Ahl die Hecke, Die mir ihn ſtiehlt! Daja. Kommt! kommt! der Vater hat Ganz Recht. Ihr lauft Gefahr, wenn er Euch ſieht, Daß auf der Stell' er umkehrt. Recha. Ahl die Hecke! Nath. Und kömmt er plötzlich dort aus ihr hervorz So kann er anders nicht, er muß Euch ſehn. Drum geht doch nur! Daja. Komm! komm! Ich weiß ein Fenſter, Aus dem wir ſie bemerken können. Recha. Ja? (Beide hinein.) — 56— Fünfter Auftritt. Nathan; und bald darauf der Tempelherr. Nathan. Faſt ſcheu' ich mich des Sonderlings. Faſt macht Mich ſeine rauhe Tugend ſtutzen. Daß Ein Menſch doch einen Menſchen ſo verlegen Soll machen können!— Hal er kömmt!— Bei Gott! Ein Jüngling, wie ein Mann. Ich mag ihn wohl, Den guten, trotz'gen Blick! den drallen Gang! Die Schale kann nur bitter ſein; der Kern Iſt's ſicher nicht.— Wo ſah' ich doch dergleichen? Verzeihet, edler Franke... Tempelh. Was? Nath. Erlaubt... Temp. Was, Jude? was? Nath. Daß ich mich unterſteh', Euch anzureden. Tem p. Kann ich's wehren? Doch Nur kurz! Nath. Verzieht, und eilet nicht ſo ſtolz, Nicht ſo verächtlich einem Mann vorüber, Den ihr auf ewig Euch verbunden habt. Temp. Wie das?— Ah, faſt errath' ich's. Nicht? Ihr ſeid... Nath. Ich heiße Nathan; bin des Mädchens 1 Vater, Das Eure Großmuth aus dem Feu'r gerettet; Und komme... Temp. Wenn zu danken:— ſpart's! ich hab' 2 — 52— Um dieſe Kleinigkeit des Dankes ſchon Zuviel erdulden müſſen.— Vollends Ihr, Ihr ſeid mir gar nichts ſchuldig. Wußt' ich denn, Daß dieſes Mädchen Eure Tochter war? Es iſt dem Tempelherren Pflicht, dem Erſten Dem Beſten beizuſpringen, deſſen Noth Sie ſehn. Mein Leben war mir ohnedieß In dieſem Augenblicke läſtig. Gern, Sehr gern ergriff ich die Gelegenheit, Es für ein andres Leben in die Schanze Zu ſchlagen; für ein andres— wenn's auch nur Das Leben einer Jüdin wäre. Nath. Groß! Groß und abſcheulich! Doch die Wendung läßt Sich denken. Die beſcheidne Größe flüchtet Sich hinter das Abſcheuliche, um der„ Bewundrung auszuweichen.— Aber wenn Sie ſo das Opfer der Bewunderung Verſchmäht: was für ein Opfer denn verſchmäht Sie minder? Ritter, wenn Ihr hier nicht fremd, Und nicht gefangen wäret, würd' ich Euch So dreiſt nicht fragen.. Sagt, befehlt: womit Kann man Euch dienen? Temp. Ihr? Mit nichts. Nath. Ich bin Ein reicher Mann. Temp. Der reichre Inde war Mir nie der beßre Jude. 1 Nath. Dürft Ihr denn Darum nicht nützen, was dem ungeachtet Er Beßres hat? nicht ſeinen Reichthum nützen? — 58.— Tem p. Nun gut, das will ich auch nicht ganz verreden; Um meines Mantels willen nicht. Sobald Der ganz und gar verſchliſſen, weder Stich Noch Fetze länger halten will: komm' ich Und borge mir bei Euch zu einem neuen, Tuch oder Geld.— Seht nicht mit Eins ſo finſter; Noch ſeid ihr ſicher; noch iſt's nicht ſo weit Mit ihm. Ihr ſeht, er iſt ſo ziemlich noch Im Stande. Nur der eine Zipfel da Hat einen garſt'gen Fleck: er iſt verſengt. Uud das bekam er, als ich Eure Tochter Durch's Fener trug. Nath.(der nach dem Zipfel greift und ihn betrachtet,) Es iſt doch ſonderbar, Daß ſo ein böſer Fleck, daß ſo ein Brandmal Dem Mann ein beßres Zeugniß redet als Sein eigner Mund. Ich möcht' ihn küſſen gleich— Den Flecken!— Ach, verzeiht!— Ich that es ungern. Tempelh. Was? Nath. Eine Thräne ſiel darauf. Tempelh. Thut nichts! Er hat der Tropfen mehr.—(Bald aber fängt Mich dieſer Jud' an zu verwirren.) Nath. Wär't Ihr wohl ſo gut, und ſchicket Euern Mantel Auch ein Mal meinem Mädchen? Tempelh. Was damit? Nath. Auch ihren Mund auf dieſen Fleck zu drücken. — 50— Denn Eure Kniee ſelber zu umfaſſen, Wünſcht ſie nun wohl vergebens. Tempel. Aber, Jude Ihr heißet Nathan?— Aber, Nathan— Ihr Setzt Eure Worte ſehr— ſehr gut— ſehr ſpitz. Ich bin betreten.— Allerdings— ich hätte... Nath. Stellt und verſtellt 50, wie Ihr wollt. Ich find' Auch hier Euch aus. Ihr war't zu gut, zu bieder, Um höflicher zu ſein.— Das Mädchen, ganz Gefühl; der weibliche Geſandte, ganz Dienſtfertigkeit; der Vater, weit enfernt. Ihr trugt für ihren guten Namen Sorge; Floht ihre Prüfung; floht, um nicht zu ſiegen. Auch dafür dank' ich Euch. Tempelh. Ich muß geſtehen, Ihr wißt, wie Tempelherren denken ſollen. Nath. Nur Tendelhenene ſel lten bloß? und oß, Weil es die Ordensregeln ſo gebieten? Ich weiß, wie gute Menſchen denken; weiß, Das alle Länder gute Menſchen tragen. Tempelh. Mit Unterſchied doch hoffentlich? Nath. Ja wo An Farb', an Kleidung, an Geſtalt verſchieden. Tempelh. Auch hier bald mehr, bald weniger als dort. Nath. Mit dieſen Unterſchied iſt's nicht weit her. Der große Mann braucht überall viel Bodenz Unnd mehrere, zu nah' gepflanzt, zerſchlagen Sich nur die Aeſte. Mittelgut, wie wir, 8 5* — 60— Find't ſich hingegen überall in Menge. Nur muß der Eine nicht den Andern mäckeln; Nur muß der Knorr den Knubben hübſch vertragen; Nur muß ein Gifelchen ſich nicht vermeſſen, Daß es allein der Erde nicht entſch oſſen. Tempelh. Sehr wohl geſagt!— Doch kennt Ihr auch das Volk, Daß dieſe Menſchenmäckelei zuerſt Getrieben? Wißt Ihr, Nathan, welches Volk Zuerſt das auserwählte Volk ſich nannte? Wie? wenn ich dieſes Volk nun, zwar nicht haßte, Doch wegen ſeines Stolzes zu verachten Mich nicht entbrechen könnte. Seines Stolzes, Den es auf Chriſt und Muſelmann vererbte: Nur ſein Gott ſei der rechte Gott! Ihr ſtutzt, Daß ich, ein Chriſt, ein Tempelherr, ſo rede? Wann hat, und wo, die fromme Raſerei, Den beſſern Gott zu haben, dieſen beſſern Der ganzen Welt als beſten aufzudringen, In ihrer ſchwärzeſten Geſtalt ſich mehr Gezeigt, als hier, als jetzt. Wem hier, wem jetzt, Die Schuppen nicht vom Auge fallen... Doch Sei blind, wer will! Vergeßt, was ich geſagt, Und laßt mich(Will gehen.) Nath. Ha! Ihr wißt nicht, wie viel feſter Ich nun mich an Euch drängen werde. Kommt, Wir müſſen, müſſen Freunde ſein! Verachtet Mein Volk, ſo ſehr Ihr wollt. Wir haben Beide Uns unſer Volk nicht auserleſen. Sind Wir etwa unſer Volk? Was heißt denn Volk? Sind Chriſt und Jude eher Chriſt und Jude, — 61— Als Menſch? Ahl wenn ich Einen mehr in Euch Gefunden hätte, dem es gnügt, ein Menſch Zu heißen! Tempelh. Ja, bei Gott; das habt Ihr, Nathan! Das habt Ihr! Eure Hand! ich ſchäme mich, Euch einen Augenblick verkannt zu haben. Nath. Und ich bin ſtolz darauf. Nur das Gemieine Verkennt man ſelten. Tempelh. Und das Seltene Vergißt man ſchwerlich. Nathan, ja! o ja! Wir müſſen, müſſen Freunde werden. Nath. Sind Es ſchon. Wie wird ſich meine Recha freuen! Und ah: welch' eine heitre Ferne ſchließt Sich meinen Blicken auf! Kennt ſie nur erſt! Tempelh. Ich brenne vor Verlangen. Wer ſtürzt dort Aus Eurem Hauſe? Iſt's nicht ihre Daja? Nath. Ja wohl. So ängſtlich? Tempelh. Unſere Recha iſt Doch nichts begegnet? Sechster Auftritt Die Vorigen; und Daja eilig. Daja. Nathan! Nathan! Nath. Nun? Daja. Verzeihet, edler Ritter, daß ich Euch muß unterbrechen. Nath. Nun, was iſt? Tempelh. Was iſt 82 — 62— Da ja. Der Sultan hat geſchickt. Der Sultan wil Su ſprechen. Gott, der Sultan! ath. Mich? der Sultan? Er wird begierig ſein, zu ſehen, was Ich Neues mitgebracht. Sag' nur, es ſei Noch wenig oder nichts ausgepackt. Daja. Nein, nein! er will nichts ſehen, will Euch en ſprechen, Euch in Perſon, und bald; ſobald ihr könnt. Nath. Ich werde kommen. Geh nur wieder, geh! Daja. Nehmt's ja nicht übel auf, geſtrenger Ritter. Gott, wir ſind ſo bekümmert, was der Sultan Doch will. Nath. Das wird ſich zeigen. Geh nur, geh! Siebenter Auftritt. Nathan. Der Tempelherr. Tempelherr. So kennt Ihr ihn noch nicht, ich meine, von Perſon. Nathan. Den Saladin? Noch nicht. Ich habe Ihn nicht vermieden, nicht geſucht zu kennen. Der allgemeine Nuf ſprach viel zu gut Von ihm, daß ich nicht lieber glauben wollte, Als ſehn. Doch nun, wenn anders dem ſo iſt, Hat er durch Sparung Eures Lebens... Temp.. 3 Dem allerdings iſt ſo. Das Leben, das Ich leb', iſt ein Geſchenk. Ja, — 63— Nath. Durch das er mir Ein doppelt, dreifach Leben ſchenkte. Dieß Hat Alles zwiſchen uns verändert; hat Mit Eins ein Seil mir umgeworfen, das Mich ſeinem Dienſt auf ewig feſſelt. Kaum, Und kaum kann ich es nun erwarten, was Er mir zuerſt befehlen wird. Ich bin Bereit zu Allem; ich bin bereit ihm zu Geſtehn, daß ich es Euretwegen bin. Tempelh. Noch hab' ich ſelber ihm nicht danken können. So oft ich auch ihm in den Weg getreten. Der Eindruck, den ich auf ihn machte, kam So ſchnell, als ſchnell er wiederum verſchwunden. Wer weiß, ob er ſich meiner gar errinnert. Und dennoch muß er, ein Mal wenigſtens, Sich meiner doch erinnern, um mein Schickſal Ganz zu entſcheiden. Nicht genug, daß ich Auf ſein Geheiß noch bin, mit ſeinem Willen Noch leb': ich muß nun auch von ihm erwarten, Nach weſſen Willen ich zu leben habe. Nath. Nicht anders; um ſo mehr will ich nicht ſäumen. Es fällt vielleicht ein Wort, das mir, auf Euch Zu kommen, Anlaß gibt.— Erlaubt, verzeiht! Ich eile. Wann, wann aber ſehn wir Euch ———————— Bei uns. Tempel. Sobald ich darf 6 Nath. Sobald Ihr wollt. Tempelh. Noch heut. Nath. Und Euer Nahme? muß ich bitten. —õ——“ — 6— Temp. Mein Name war,— iſt Curd von Stauffen— Curd. Nath. Von Stauffen. Stauffen. Stauffen. Tempelh. Warum fällt Euch das ſo auf! Nath. Von Stauffen. Des Geſchlechts Sind wohl ſchon Mehrere... Temp. O ja, hier waren, Hier faulen des Geſchlechts ſchon Mehrere. Mein Oheim ſelbſt mein Vater, will ich ſagen Doch warum ſchärſt ſich Euer Blick auf mich Je mehr und mehr? Nath. O nichts! o nichts! Wie kann Ich Euch zu ſehn ermüden. Temp. 3 Drum verlaß' Ich Euch zuerſt. Der Blick des Forſchers fand Nicht ſelten mehr, als er zu finden wünſchte. Ich fuͤrcht' ihn, Nathan. Laßt die Zeit allmählich Und nicht die Neugier unſre Kundſchaft machen. (Er geht.) Nath(der ihm mit Erſtaunen nachſteht.) „Der Forſcher fand nicht ſelten mehr, als er „Zu finden wünſchte.“ Iſt es doch als ob In meiner Seel' er leſe! Wahrlich ja; Das könnt' auch mir begegnen. Nicht allein Wolf Wuchs, Wolfs Gang: auch ſeine Stimme. So, Vollkommen ſo, warf Wolf ſogar den Kopf; Lrng Wolf ſogar das Schwert im Arme; ſtrich Wolf Sogar die Augenbraunen mit der Hand, Gleichſam das Feuer ſeines Blicks zu bergen. 4 Wie ſolche tiefgeprägte Bilder doch 1 — 65— Zu Zeiten in uns ſchlafen können, bis Ein Wort, ein Laut ſie wieder weckt! Von Stauffen! Ganz recht, ja, jal ganz recht; Filneck und Stauffen. Ich will das bald genauer wiſſen; bald. Nur erſt zum Saladin! Doch wie; lauſcht dort Nicht Daja? Nun ſo komm nur näher, Daja. Achter Auftritt. Daja. Nathan. Nathan. Was gilts? nun drückt's Euch Bei⸗ den ſchon das Herz, Noch ganz was Andres zu erfahren, als Was Saladin mir will. Daja. Verdenkt Jhr's ihr. Ihr fingt ſo eben an, vertraulicher Nitt ihm zu ſprechen, als des Sultans Bothſchaft Uns von dem Fenſter ſcheuchte. 4 Nath. Nun ſo ſag' Ihr nur, daß ſie ihn jeden Augenblick Erwarten darf. Daja. Gewiß? gewiß? Nath. Ich kann Mich doch auf Dich verlaſſen, Daja? Sei Auf Deiner Hut: ich bitte Dich. Es ſoll Dich nicht gereuen. Dein Gewiſſen ſelbſt Soll ſeine Rechnung dabei finden. Nur Verdirb mir nichts in meinem Plane. Nur Erzähl' und frage mit Beſcheidenheit, Di Rückhalt... aja. Daß Ihr doch noch en ſo was — 86—— Erinnern könnt!— Ich geh; geht Ihr nur auch. Denn ſeht! ich glaube gar, da kömmt vom Sultan Ein zweiter Both', Al⸗Hafi, Euer Verwiſche eht ab. Neunter Auftritt. Nathan. Al⸗Hafi. Al⸗Hafi. Ha! Ha! zu Euch wollt' ich nun eben 4 wieder. Nathan. Iſt's denn ſo eilig? Was verlangt er denn Von mir? Al⸗Hafi. Wer? Nath. Saladin. Ich komm', ich komme. Al⸗Hafi. Zu wem? Zum Saladin?. Nath. Schickt Saladin Dich nicht? 5. Al⸗Hafi. Mich? Nein. Hat er denn ſchon geſchickt. Nath. Ja freilich hat er. Al⸗Hafi. Nun ſo iſt es richtig. Nath. Was? was iſt richtig? Al⸗Hafi. Daß.. ich bin nicht Schuld; Gott weiß, ich bin nicht Schuld. Was hab' ich nicht Von Euch geſagt, gelogen, um es abzuwenden! Nath. Was abzuwenden? Was iſt richtige Al⸗Hafi. Daß Nun Ihr ſein Defterdar geworden. Ich Bedaur' Euch. Doch mit anſehn will ich's nicht. Ich geh' von Stund' an; geh'. Ihr habt es ſchon Gehört, wohin; und wißt den Weg. Habt Ihr — 67— Des Weg's was zu beſtellen; ſagt: ich bin Zu Dienſten. Freilich muß es mehr nicht ſein, Als was ein Nackter mit ſich ſchleppen kann. Ich geh, ſagt bald. Nath. Beſinn' Dich doch, Al⸗Haft;. Beſinn' Dich, daß ich noch von gar nichts weiß. Was plauderſt Du denn da? Al⸗Hafi. Gleich mit, die Beutel? Nath. Beutel? Al⸗Hafi. Nun, das Geld, Daß Ihr dem Saladin vorſchießen ſollt? Nath. Und weiter iſt es nichts? Al⸗Hafi. Ich ſollt' es wohl Mit anſehn, wie er Euch von Tag zu Tag Aushöhlen wird bis auf die Zehen? Sollt“ Es wohl mit anſehn, daß Verſchwendung aus Der weiſen Milde ſonſt nie leeren Scheuern So lange borgt, und borgt, und borgt, bis auch Die armen eingebornen Mäuschen drin Verhungern?— Bildet Ihr vielleicht Euch ein, Wer Eures Gelds bedürftig ſei, der werde Doch Eurem Rathe wohl auch folgen?— Ja; Er, Nathe folgen? Denkt nur, Nathan, was Ihr bringt ſie doch Mir eben jetzt mit ihm begegnet. Nath. Nun? Al⸗Haſi. Da komm' ich zu ihm, eben daß er Schach Geſpielt mit ſeiner Schweſter. Sittah ſpielt Nicht übel;— und das Spiel, das Saladin Verloren glaubte, ſchon gegeben hatte, Das ſtand noch ganz ſo da. Ich ſeh Eing bin 68— und ſehe, daß das Spiel noch lange nicht Verloren. Nath. Eil das war für Dich ein Fund! Al⸗Hafi. Er durfte mit dem König an den Bauer Nur rücken, auf ihr Schach. Wenn ich's Ench gleich Nur zeigen könnte! t O, ich traue Dir! Nath. Al⸗Hafi. Denn ſo bekam der Roche Feld, und ſie War hin. Das Alles will ich ihm nun weiſen, und ruf' ihn.— Denkt!. Nath. Er iſt nicht Deiner Meinung? Al⸗Hafi. Er hört mich gar nicht an, und wirft verächtlich Das ganze Spiel in Klumpen. Nath. Er wolle! Heißt das Spielen. Nath. Schwerlich wohl; Heißt mit dem Spiele ſpielen. 4 Al⸗Hafi. Gleichwohl galt Es keine taube Nuß. 2 Nath. Geld hin, Geld her! Das iſt das Wenigſte. Allein Dich gar Nicht anzuhören! üͤber einen Punct Von ſolcher Wichtigkeit Dich nicht ein Mahl Zu hören! Deinen Adlerblick nicht zu Bewundern! das, das ſchreit um Nache; nicht? damit Ihr ſehen könnt, was für ein Kopf er iſt. Kurz, ich, halt's mit ihm nicht länger aus. Al⸗Hafi. Ach was! Ich ſag' Euch das nur ſo, Iſt das möglich? Al⸗Hafi. Und ſagt: er wolle matt nun ein Mahl ſein. — 69— Da lauf' ich nun bei allen ſchmutzgen Mohren Herum, und frage, wer ihm borgen will. Ich, der ich nie für mich gebettelt habe, Soll nun für Andre borgen. Borgen iſt Viel beſſer nicht, als betteln: ſo wie leihen, Auf Wucher leihen, nicht viel beſſer iſt, Als ſtehlen. Unter meinen Gebern, an Dem Ganges, brauch' ich Beides nicht, und brauche Das Werkzeug Beider nicht zu ſein. Am Ganges, Am Ganges nur gibt's Menſchen. Hier ſeid Ihr Der Einzige, der noch ſo würdig wäre, Daß er am Ganges lebte.— Wollt Ihr mit?— Laß ihm mit Eins den Plunder ganz im Stiche, Um den es ihm zu thun. Er bringt Euch nach Und nach doch drum. So wär' die Plackerei Auf Ein Mahl aus. Ich ſchaff' Euch einen Dalk. Kommt! kommt!. Nath. Ich dächte zwar, das blieb' uns ja Noch immer übrig. Doch, Al⸗Haſt, will Ich's überlegen. Warte.. Al⸗Hafi. Ueberlegen? Nein ſo was überlegt ſich nicht. Nath. Nur bis Ich von dem Sultan wiederkomme; bis Ich Abſchied erſt... 5 Al⸗Hafi. Wer überlegt, der ſucht Bewegungsgründe, nicht zu dürfen. Wer Sitch Knall und Fall, ihm ſelhſt zu leben, nicht Entſchließen kann, der lebet Andrer Sclav Auf immer. Wie Ihr wollt! Lebt wohl! wie's Euch Wohl dünkt— Mein Weg liegt dort; und Eurer da. ————— — 10— Nath. Al⸗Hafi! Du wirſt ſelbſt doch erſt das Deine Berichtigen? Al⸗Hafi. Ach Poſſen! Der Beſtand Von meiner Caſſ' iſt nicht des Zählens werth; Und meine Rechnung bürgt— Ihr oder Sittah. Lebt wohl! 4[Ab.] Nath lihm nachſehend.] Dir bürg' ich?— Wil⸗ . der, guter, edler— Wie nenn' ich ihn?— Der wahre Bettler iſt⸗ Doch einzig und allein der wahre König! (Von einer andern Seite ab.] —— Dritter Aufzug. Erſter Auftritt. (Scene: in Nathans Hauſe.) 8* Recha. Daja. 4 Recha. Wie, Daja, drückte ſich mein Vater aus? „Ich dürf' ihn jeden Augenblick erwarten?“ Das klingt,— nicht wahr?— als ob er noch ſo bald b Erſcheinen werde.— Wie viel Augenblicke Sind aber ſchon vorbei!— Ah nun: wer denkt An die verfloſſenen?— Ich will allein In jedem nächſten Augenblicke leben. Er wird doch ein Mahl kommen, der ihn bringt. Daja. Oder verwünſchten Botſchaft von dem Sultan. Denn Nathan hätte ſicher ohne ſie Ihn gleich mit hergebracht. Für welche Du geboren wurdeſt? =— 71— Recha. Und, wenn er nun Gekommen, dieſer Augenblick; wenn denn Nun meiner Wünſche wärmſter, innigſter Erfüllet iſt: was dann?— was dann? Daja. Was dann? Dann hofſſ' ich, daß auch meiner Wünſche wärmſter Soll in Erfüllung gehen. Recha. Was wird dann In meiner Bruſt an deſſen Stelle treten, Die ſchon verlernt, ohn' einen herrſchenden Wunſch aller Wünſche ſich zu dehnen?— Nichts? Ah, ich erſchrecke!... Daja. Nein, mein Wunſch wird dann An des erfüllten Stelle treten; meiner! Mein Wunſch, Dich in Europa, Dich in Händen Zu wiſſen, welche Deiner würdig ſind. Recha. Du irrſt.— Was dieſen Wunſch zu Dei⸗ nem macht, Das Nähmliche verhindert, daß er meiner Je werden kann. Dich zieht Dein Vaterland; Und meines, meines ſollte mich nicht halten? Ein Bild der Deinen, das in Deiner Seele Noch nicht verloſchen, ſollte mehr vermögen, Als die ich ſehn und greifen kann, und hören, Die Meinen? 4 Daja. Sperre Dich, ſo viel Du willſt! Des Himmels Wege ſind des Himmels Wege. Und wenn es nun Dein Retter ſelber wäre, Durch den ſein Gett, für den er kämpft, Dich in as Land, Dich zu dem Volke führen wollte, — 72— Recha. Daja! Was ſprichſt Du da nun wieder, liebe Daja! Du haſt doch wahrlich Deine ſonderbaren Begriffe!„Sein, ſein Gott! für den er kämpft!“ Wemñ eignet Gott? was iſt das für ein Gott, Der einem Menſchen ſeignet? der für ſich Muß Menſchen kämpfen laſſen?— Und wie weiß Man denn, für welchen Erdkloß man ebortn⸗ Wenn man's für den nicht iſt, auf welchem man Geboren?— Wenn mein Vater Dich ſo hörte!— Was that er Dir, mir immer nur mein Glück So weit von ihm als möglich vorzuſpiegeln? Was that er Dir, den Saamen der Vernunft, Den er ſo rein in meine Seele ſtreute, Mit Deines Landes Unkraut, oder Blumen So gern zu miſchen?— Liebe, liebe Daja, Er will nun Deine bunten Blumen nicht Auf meinem Boden!— Und ich muß Dir ſagen: Ich ſelber fühle meinen Boden, wenn Sie noch ſo ſchön ihn kleiden, ſo entkräftet, So ausgezehrt durch Deine Blumen; fühle In ihrem Dufte, ſauerſüßem Dufte, Mich ſo betäubt, ſo ſchwindelnd!— Dein Gehirn Iſt deſſen mehr gewohnt. Ich tadle drum. Die ſtärkern Nerven nicht, die ihn vertragen; Nur ſchlägt er mir nicht zu. Und ſchon Dein Engel! Wie wenig fehlte, daß er mich zur Närrin Gemacht?— Noch ſchäm ich mich vor meinem Vater Der Poſſe!— Daja. Poſſe!— Als ob der Verſtand — 73— Nur hier zu Hauſe wäre!— Poſſe! Poſſe! Wenn ich nur reden dürfte! Recha. Darfſt Du nicht? Wann war ich nicht ganz Ohr, ſo oft es Dir Geſiel, von Deinen Glaubenshelden mich Zu unterhalten? Hab' ich ihren Thaten Nicht ſtets Bewunderung, und ihren Leiden Nicht immer Thränen gern gezollt? Ihr Glaube Schien freilich mir das Heldenmäßigſte An ihnen nie. Doch ſo viel tröſtender War mir die Lehre, daß Ergebenheit In Gott von unſerm Wähnen über Gott So ganz und gar nicht abhängt.— Liebe Daja, Das hat mein Vater uns ſo oft geſagt; Darüber haſt Du ſelbſt mit ihm ſo oft Dich einverſtanden! warum untergräbſt Du denn allein, was Du mit ihm zugleich Gebauet?— Liebe Daja, das iſt kein Geſpräch, womit wir unſerm Freund' am beſten Entgegen ſehn. Für mich zwar, ja! Denn mir, Mir liegt daran unendlich, ob auch er... Horch, Daja!— kömmt es nicht an unſre Thüre? Wenn er es wäre! Horch! Bweiter Auftritt. Zu den Vorigen der Tempelherr, dem Jemand von außen die Thüre öffnet, mit den Worten: Nur hier herein. Recha(fährt zuſammen, faßt ſich, und will ihm zu Füßen fallen.] Er iſt's!— Mein Retter, ah! — u— 3 Temp. p Dieß zu vermeiden, Erſchien ich bloß ſo ſpät: und doch— Recha. Ich will Ja zu den Füßen dieſes ſtolzen Mannes Nur Gott noch ein Mal danken; nicht dem Manne. Der Mann will keinen Dank; will ihn ſo wenig, Als ihn der Waſſereimer will, der bei Dem Löſchen ſo geſchäftig ſich erwieſen. Der ließ ſich füllen, ließ ſich leeren, mir Nichts, dir nichts: alſo auch der Mann. Auch der Ward nur ſo in die Gluth hineingeſtoßen: Da ſiel ich ungefähr ihm in den Arm; Da blieb ich ungefähr, ſo wie ein Funken Auf ſeinem Mantel, ihm in ſeinen Armen, Bis wiederum, ich weiß nicht was, uns Beide Herauswarf aus der Gluth.— Was gibt es da Zu danken? In Europa treibt der Wein Zu noch weit andern Thaten.— Tempelherrn, Die müſſen ein Mal nun ſo handeln; müſſen Wie etwas beſſer zugelernte Hunde, Sowohl aus Feuer, als aus Waſſer holen. Temp.(der ſie mit Erſtaunen und Unruhe die Zeit über betrachtet.] O Daja, Daja! Wenn, in Augenblicken Des Kummers und der Galle, meine Laune Dich übel anließ, warum jede Thorheit, Die meiner Zung' entfuhr, ihr hinterbringen? Das hieß ſich zu empfindlich rächen, Daja!— Doch wenn Du nur von nun an beſſer mich Bei ihr vertreten willſt. Daja. 3 Ich denke, Ritter, Ich denke nicht, daß dieſe kleinen Stacheln, Ihr an das Herz geworfen, Euch da ſehr Geſchadet haben. Recha. Wie? Ihr hattet Kummer? Und war't mit Eurem Kummer geitziger Als Eurem Leben? Tempelh. Gutes, holdes Kind!— Wie iſt doch meine Seele zwiſchen Auge Und Ohr getheilt!— Das war das Mädchen nicht, „Nein, nein, das war es nicht, das aus dem Feuer Ich holte.— Denn wär hätte die gekannt, Und aus dem Feuer nicht geholt? Wer hätte Auf mich gewartet?— Zwar— entſtellt— der Schreck. (Pauſe, unter der er in Anſchauung ihrer ſich wie verliert) Recha. Ich aber find' Euch noch den Nämlichen. Dergleichen; bis ſie fortfährt, um ihn in ſeinen Anſtau⸗ nen zu unterbrechen.) Nun, Ritter, ſagt uns doch, wo Ihr ſo lange Geweſen?— Faſt dürft' ich auch fragen: wo Ihr jetzo ſeid? Tempelh. Ich bin,— wo ich vielleicht Nicht ſollte ſein.—. Recha. Wo Ihr geweſen?— Auch Wo Ihr vielleicht nicht ſollte ſein geweſen? Das iſt nicht gut. 4 Tempelh. Auf!— auf!— wie heißt der Berg? Auf Sinai. Recha. Auf Sinai!— Ah ſchön? Nun kann ich zuverläſſig doch ein Mal Erfahren, ob es wahr... ——jiÿ — 76— Tempelh. Was? was? Ob's wahr, Daß noch daſelbſt der Ort zu ſehn, wo Moſes Vor Gott geſtanden, als.. Recha. Nun, das wohl nicht. Denn wo er ſtand, ſtand er vor Gott. Und davon Iſt mir zur Gnuge ſchon bekannt.— Ob's wahr, Möcht' ich nur gern von Euch erfahren, daß— Daß es bei weitem nicht ſo mühſam ſei, Auf dieſen Berg hinauf zu ſteigen, als Herab?— Denn ſeht: ſo viel ich Berge noch Geſtiegen bin, war's juſt das Gegentheil.— Nun, Nitter?— Was?— Ihr kehrt Euch von mir ab? Wollt mich nicht ſehn? Tempelh. Weil ich Euch hören will. Recha. Weil Ihr mich nicht wollt merken laſſen, daß Ihr meiner Einfalt lächelt; daß Ihr lächelt, Wie ich Euch doch ſo gar nichts Wichtigers Von dieſem heil'gen Berge aller Berge Zu fragen weiß? Nicht wahr?— Tempelh. So muß ich denn Euch wiederum doch in die Augen ſehn!— Was? Nun ſchlagt Ihr ſie nieder? nur verbeißt Das Lächeln Ihri wie ich noch erſt in Mienen, In zweifelhaften Mienen leſen will, Was ich ſo deutlich hör', Ihr ſo vernehmlich Mir ſagt?— verſchweigt?— Ah Recha! Recha! Wie Hat er ſo war geſagt:„Kennt ſie nur erſt!“ Necha. Ver hat?— von wem?— Euch das geſagt? Tempelh.„Kennt ſie „Nur erſt!“ hat Euer Vater mir geſagt; Von Euch geſagt. Daja. Und ich nicht etwa auch? Ich denn nicht auch? 4 9 Tempelh. Allein wo iſt er denn? Wo iſt denn Euer Vater? Iſt er noch Beim Sultan? Recha. Ohne Zweifel. Tempelh. Noch, noch da?— O, mich Vergeßlichen! Nein, nein; da iſt Er ſchwerlich mehr.— Er wird dort unten bei Dem Kloſter meiner warten; ganz gewiß. So red'ten, mein' ich, wir es ab. Erlaubt! Ich geh', ich hol' ihn... Das iſt meine Sache. aja. Bleibt, Ritter, bleibt! Ich bring' ihn unverzüglich. Tempelh. Nicht ſo, nicht ſo! Er ſieht mir ſelbſt 4 entgegen; Nicht Euch. Dazu könnte leicht,... wer weiß. Er könnte bei dem Sultan leicht... Ihr kennt Den Sultan nicht?... leicht in Verlegenheit Gekommen ſein.— Glaubt mir? es hat Gefahr, Wenn ich nicht geh. Recha. Gefahr? was für Gefahr? Tempelh. Geſahr für mich, ihe, Such für ihn wenn i Nicht ſchleunig, ſchleunig geh.(Ab.) Dritter Auftritt. 4 Recha. Dajg. 8 Recha. Was iſt das, Daja?— So ſchnell?— Was kömmt ihn an? Was ſiel ihm auf? Was jagt ihn? — 78— Daja. Laßt nur, laßt! Ich denb', es iſt Kein ſchlimmes Zeichen. Recha. Zeichen? und wovon? Daja. Daß etwas vorgeht innerhalb. Es kocht, Und ſoll nicht überkochen. Laßt ihn nur! Nun iſt's an Euch. Recha. Was iſt an mir? Du wirſt, Wie er, mir unbegreiflich. Daja. Bald nun könnt Ihr ihm die Unruh' all' vergelten, die Er Euch gemacht hat. Seid nur aber auch Nicht allzu ſtreng, nicht allzu rachbegierig. Recha. Wovon Du ſorihſ, ſas magſt Du ſelber . wiſſen. Daja. Und ſeid denn Ihr bereits ſo ruhig wieder? Recha. Das bin ich; ja, das bin ich... Daja. Wenigſtens Geſteht, daß Ihr Euch ſeiner Unruh freut; Und ſeiner Unruh danket, was Ihr jetzt Von Ruh genießt. Recha. Mir völlig unbewußt. Denn was ich höchſtens Dir geſtehen könnte, Wär' daß es mich— mich ſelbſt befremdet, wie Auf einen ſolchen Sturm in meinem Herzen So eine Stille plötzlich folgen können. Sein voller Anblick, ſein Geſpräch, ſein Thun Hat mich... Daja. Geſättigt ſchon?— Recha Geſättigt, will Ich nun nicht ſagen:— bei weitem nicht.— Daja. Den heißen Hunger nur geſtillt. Recha. Nun ja; Wenn Du ſo willſt. Daja. Ich eben nicht. Recha. wird Mir ewig werth, mir ewig werther, 6 Mein Leben bleiben: wenn auch. ſchon mein Puls Nicht mehr bei ſeinem bloßen Namen wechſelt; Nicht mehr mein Herz, ſo oft ich an ihn denke, Geſchwinder, ſtärfer ſchlägt.— Was ſchwatz ich? Komm Komm liebe Daja, wieder an das Fenſter, Das auf die Palmen ſieht. Daja. So iſt er doch Wohe 99 nicht 3an geſtillt, der heiße Hunger. ch a. Nun werd' ich auch die Palmen wieder ſehn: niht ihn bloß untern Palmen. Daja. Dieſe Kälte Beginnt auch wohl ein neues Fieber nur. Recha. Was Kält? Ich bin nicht kalt. Ich ſehe wahrlich. Nicht minder gern, was ich mit Nuhe ſehe. Vierter Auftritt. (Scene: ein Audienzſaal in dem Pallaſte des Saladin. Saladin. Sittah. Saladin lim Heraustreten gegen die Thüre.) Hier bringr den Juden her, ſobald er kömmt. Er ſcheint ſich eben nicht zu übereilen. Sitt ah. Er war guch wohl nicht. bei der Hand, 81 nicht gleich Zu finden. 3 —— —-—————. — 5860— Sal. Schweſter! Schweſter! Sit c . Thuſt Du doch, Als ſtände Dir ein Treffen vor. Sal. Und das Mit Waffen, die ich nicht gelernt zu führen. Ich ſoll mich ſtellen; ſoll beſorgen laſſen; Soll Fallen legen; ſoll auf Glatteis führen. Wann hätt, ich das gekonnt? wo hätt' ich das Gelernt?— Und ſoll das Alles, ah, wozu? Wozu? Um Geld zu fiſchen! Geld!— Um Geld, Geld einem Juden abzubangen; Geld! Zu ſolchen kleinen Liſten wär' ich endlich Gebracht, der Kleinigkeiten kleinſte mir Zu ſchaffen? 4 Sit. Jede Kleinigkeit, zu ſehr Verſchmäht, die rächt ſich, Bruder. „ Sal. Leider wahr!— Und wenn nun dieſer Jude gar der gute, Vernünft'ge Mann iſt, wie der Derwiſch Dir Ihn ehedem beſchrieben? Sit. O nun dann! Ja nut dem geitzigen, beſorglichen, Furchtſamen Juden: nicht dem guten, nicht Dem weiſen Manne. Dieſer iſt ja ſo Schon unſer, ohne Schlinge. Das Vergnügen — Zu hören, wie ein ſolcher Mann ſich ausredit; 8 Mit welcher dreiſten Stärk' entweder er Die Stricke kurz zerreiſſet; oder auch Mit welcher ſchlauen Vorſicht er der Netze Was hat es dann für Noth? Die Schlinge liegt — 81— Vorbei ſich windet: dieß Vergnügen haſt Du obendrein. 4 Sal. Nun, das iſt wahr. Gewiß! Ich freue mich darauf. Sit. So kann Dich ja Auch weiter nichts verlegen machen. Denn Iſt's Einer aus der Menge bloß; iſt's bloß Ein Jude, wie ein Jude! gegen den Wirſt Du Dich doch nicht ſchämen ſo zu ſcheinen, Wie er die Menſchen all ſich denkt? Vielmehr; Wer ſich ihm beſſer zeigt, der zeigt ſich ihm Als Geck, als Narr. Sal. So muß ich ja wohl gar Schlecht handeln, daß von mir der Schlechte nicht Schlecht denke? 8 8 Sit. Traun! wenn Du ſchlecht handeln nennſt, Ein jedes Ding nach ſeiner Art zu brauchen. Sal. Was hätt' ein Weiberkopf erdacht, das er Nicht zu beſchönen wüßte! Sit.— Zu beſchönen? Sal. Das feine, ſpitze Ding, beſorg' ich nur, In meiner plumpen Hand zerbricht's!— So was Will ausgeführt ſein, wie's erfunden iſt: Mit aller Pfifffigkeit, Gewandheit.— Doch Mag's doch nur, mag's! Ich tanze, wie ich kann; Und könnt' es freilich lieber,— ſchlechter noch, Als beſſer. Sit. Trau' Dir auch nur nicht zu wenig! Ich ſtehe Dir fär Dich! Wenn Du nur willſt.— Daß uns die Männer Deines Gleichen doch So gern bereden möchten, nur ihr Shwent. 3 Ihr Schwert nur habe ſte ſo weit gebracht. Der Löwe ſchämt ſich vielleicht, wenn er mit Dem Fuchſe jagt,— des Fuchſes, nicht der Liſt. Sal. Und daß die Weiber doch ſo gern den Mann Zu ſich herunter hätten!— Geh nur, geh!— Ich glaube meine Lection zu können. Sit. WasN ich ſoll gehn? Sal. Du wollteſt doch nicht bleiben? Sit. Wenn auch nicht bleiben,... im Geſicht 8 Euch bleiben;— Doch hier im Nebenzimmer.—. Sal. Da zu horchen? uns ns nicht, Schwerſter; wenn ich ſoll beſtehn.— Fort, fort! der Vorhang rauſcht; erkömmt!— Doch daß Du ja nicht da verweilſt! Ich ſehe nach. (Indem ſie ſich durch die eine Thüre entfernt, tritt Na⸗ than zu der andern herein; und Saladin hat ſich geſetzt). Fünſter Auftritt. Saladin. Nathan. Saladin. Tritt näher, Jude!— Näher!— Nur ganz her!— Nur ohne Furcht! Nathan. Die bleibe Deinem Feinde! Sal. Du nennſt Dich Nathan? Nath. a. 1 Sal.— Den weiſen Nathan? Nath. Nein. 3 Sal. Wohl! nennſt Du Dich nicht! nennt Dich das Volk!. 8 Nath. Sultan, ich Ich Deiner fernern Kundſchaft würdig bleibe — 33— Nath. Kann ſein! das Volk! Sal. Du glaubſt doch nicht! daß ich Verächtlich von des Volkes Stimme denke?— Ich habe längſt gewünſcht, den Mann zu kennin, Den es den Weiſen nennt. Nath. Und wenn es ihn Zum Spott ſo nennte? Wenn dem Volke weiſe Nichts weiter wär', als klug? und klug nur der 5 Der ſich auf ſeinen Vortheil gut verſteht? Sal. Auf ſeinen wahren Vortheil, meinſt Du doch? Nath. Dann freilich wär' der Eigennützigſte Der Klügſte. Dann wiä freilich klug und weiſe Nur Eins.— Sal. Ich höre Dich erweiſen, was Du widerſprechen willſt.— Des Menſchen wahre Vortheile, die das Volk nicht kennt, kennſt Du; Haſt Du zu kenven wenigſtens geſucht; 1 Haſt drüber nachgedacht. Das auch allein Macht ſchon den Weiſen. Nath. Der ſich Jeder dünkt Zu ſein. Sal. Nun der Beſcheidenheit genug! Denn ſie nur immerdar zu hören, wo Man trokene Vernunft erwartet, ekelt.(Er ſpringt auf) Laß uns zur Sache kommen! Aber, aber Aufrichtig, Jud, aufrichtig! 4 Will ſicherlich Dich ſo bedienen, daß Sal. Bedienen? wie?— 4 Nath. Du ſollſt das Dehe haben Von Allem; ſollſt es um den billigſten Preis haben. Sal. Wovon ſprichſt. Du? doch wohl nicht Von Deinen Waaren?— Schachern wird mit Dir Schon meine Schweſter.—(Das der Horcherin!)— Ich habe mit dem Kaufmann nichts zu thun. Nath. So wirſt Du ohne Zweifel wiſſen wollen, Was ich auf meinem Wege von dem Feinde, Der allerdings ſich wieder reget, etwa Bemerkt, getroffen?— Wenn ich unverholen... Sal. Auch darauf bin ich eben nicht mit Dir eſteuert. Davon weiß ich ſchon, ſo viel Ich nöthig habe.— Kurz:— Nath. Gebiethe, Sultan. Sal. Ich heiſche Deinen Unterricht in ganz as Anderm; ganz was Anderm;— Da Du nun So weiſe biſt: ſo ſag' mir doch ein Ml Was für ein Glaube, was für ein Geſetz Hat Dir am meiſten eingeleuchtet? Nath. ESultan, Ich bin ein Jud'. Sal. Und ich ein Muſelmann. Der Chriſt iſt zwiſchen uns.— Von dieſen drei Religionen kann doch Eine nur Die wahre ſein.— Ein Mann, wie Du, bleibt da Niicht ſtehen, wo der Zufall der Geburt Ihn hingeworfen; oder, wenn er bleibt, 8 Bleibt er aus Einſicht, Gründen, Wahl des Beſſern. Wohlan! ſo theile Deine Einſicht mir Denn mit. Laß mich die Gründe hören, denen 1 Ich ſelber nachzugrübeln, nicht die Zeit — 85— Gehabt. Laß mich die Wahl, die dieſe Gründe Beſtimmt,— verſteht ſich, im Vertrauen— wiſſen, Damit ich ſie zu meiner mache.— Wie? Du ſtutzeſt? wägſt mit dem Auge?— Kann Wohl ſein, daß ich der erſte Sultan bin, Der eine ſolche Grille hat, die mich Doch eines Sultans eben nicht ſo ganz Unwürdig dünkt.— Nicht wahr? So rede doch! Sprich!— Oder willſt Du einen Augenblick, Dich zu bedenken? Gut; ich geb' ihn Dir.— (Ob ſie wohl horch te Ich will ſie doch belauſchen; Will hören, ob ich's recht gemacht.)— Denk, nach! Geſchwind, denk' nach; Ich ſäume nicht, zurück Zu kommen. (Er geht in das Nebenzimmer, nach welchem ſich Sittah begeben.] Sechster Auftritt. Nathan allein. Hm! hm!— wunderlich!— Wie iſt 3 Mir denn? Was will der Sultan? was? Ich bin Auf Geld gefaßt, und er will Wahrheit. Wahrheit? Und will ſie ſo,— ſo baar, ſo blank,— als ob Die Wahrheit Münze wäre!— Ja, wenn noch Uralte Münze, die gewogen ward!— Das ginge noch! Allein ſo neue Münze, Die nur der Stempel macht, die man auf's Brett Nur zählen darf; das iſt ſie doch nun nicht! Wie Geld in Sack, ſo ſtriche man in Kopf Auch Wahrheit ein? Wer iſt denn hier der Jude? — 86— 8 ſ Ich oder Er?— Doch wie? Sollt' er auch wohl Die Wahrheit nicht in Wahrheit fordern?— Zwar, Zwar der Verdacht, daß er die Wahrheit nur Als Falle brauche, wär' auch gar zu klein!— Zu klein?— Was iſt für einen Großen den Zu kldin?— Gewiß, gewiß: er ſtürzte mit f Der Thüre ſo in's Haus! Man pocht doch, hört 4 Doch erſt, wenn man als Freund ſich naht. Ich muß Behutſam gehn:— Und wie? wie das?— So ganz Stockjude ſein zu wollen, geht ſchon nicht. Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder. Denn, wenn kein Jude, dürft' er mich nur fragen: Warum kein Muſelmann?— Das war's! Das kann Mich retten!— Nicht die Kinder bloß ſpeiſt man Mit Mährchen ab.— Er kömmt. Er komme nur! Siebenter Auftritt. Saladin. Nathan. Sal.(So iſt das Feld hier rein!) Ich komm Dir do Nicht zu geſchwind zurück? Du biſt zu Rande Mit deiner Ueberlegung?— Nun ſo rede!— Es hört uns keine Seele. ath. Möcht' auch doch Die ganze Welt uns hören. Sal —— 3 So gewiß Iſt Nathan ſeiner Sache? Ha! das nenn Ich einen Weiſen! Nie die Wahrheit zu Verhehlen! für ſie Alles auf des Spiel Zu ſetzen! Leib und Leben! Gut und Blut! 4 — = Nath. Jal ja! wenn's nöthig iſt und nutzt. Sal. Von nun An darf ich hoffen, einen meiner Titel: Verbeſſerer der Welt und des Geſetzes, Mit Necht zu führen.. Nath. Traun, ein ſchöner Titel! Doch, Sultan, eh' ich mir Dir ganz vertraue, Erlaubſt Du wohl, Dir ein Geſchichtchen zu Erzählen? Sagl. Warum das nicht? Ich bin ſtets Ein Freund geweſen von Geſchichten, gut Erzählt. Nath. Ja, gut erzählen, das iſt nun Wohl eben meine Sache nicht. S Schon wieder Sal. So ſtolz beſcheiden?— Mach'! erzähh! erzähle! Nath. Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Oſten, Der einen Ring von unſchätzbarem Werth' Aus lieber Hand beſaß. Der Stein war ein Opal, der hundert ſchöne Farben ſpielte, Und hatte die geheime Kraft, vor Gott Und Menſchen angenehm zu machen, wer In dieſer Zuverſicht ihn trug. Was Wunder, Daß ihn der Mann in Oſten darum nie Vom Finger ließ, und die Verfügung traf, Auf ewig ihn bei ſeinem Hauſe zu Erhalten? Nähmlich ſo. Er ließ den Ring Von ſeinen Söhnen dem Geliebteſten; Und ſetzte feſt, daß dieſer wiederum Den Ring von ſeinen Söhnen dem vermache, Der ihm der Liebſte ſeiz und ſtets der Liebſte, — 88— Ohn’ Anſehn der Geburt, in Kraft allein Des Rings, das Haupt, der Fürſt des Hauſes werde. Verſteh' mich, Sultan. Sal. Ich verſteh' Dich. Weiter! Nath. So kam nun dieſer Ring, von Sohn zu Sohn, Auf einen Vater endlich von drei Söhnen; Die alle Drei ihm gleich gehorſam waren, Die alle Drei er folglich gleich zu lieben Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit Zu Zeit ſchien ihm bald der, bald dieſer, bald Der dritte,— ſo wie Jeder ſich mit ihm Allein brfand, und ſein ergießend Herz Die andern Zwei nicht theilten, würdiger Des Ringes; den er denn auch einem Jeden Die fromme Schwachheit hatte zu verſprechen. Das ging nun ſo, ſo lang es ging. Allein Es kam zum Sterben; und der gute Vater Kömmt in Verlegenheit. Es ſchmerzt ihn, Zwei Von ſeinen Söhnen, die ſich auf ſein Wort PVerlaſſen, ſo zu kränken. Was zu thun! Er ſendet in geheim zu einem Künſtler, Bei dem er, nach dem Muſter ſeines Ringes, Zwei andere beſtellt, und weder Koſten Noch Mühe ſparen heißt, ſie jenem gleich, Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt Dem Künſtler. Da er ihm die Ringe bringt, Kann ſelbſt der Vater ſeinen Muſterring Nicht unterſcheiden. Froh und freudig ruft Er ſeine Söhne, jeden in's Befondre; — — ,— — 89— Gibt Jedem in's Beſondre ſeinen Segen— Und ſeinen Ring— und ſtirbt. Du hörſt doch, Sultan? Saladin ſder ſich betroffen von ihm gewandtl. Ich hör', ich höre!— Komm mit Deinem Märchen Nur bald zu Ende.— Wird's? Nathan. Ich bin zu Ende. Denn was noch folgt, verſteht ſich ja von ſelbſt. Kaum war der Vater todt, ſo kömmt ein Jeder Mit ſeinem Ring', und Jeder will der Fürſt Des Hauſes ſein. Man unterſucht, man zankt, Man klagt. Umſonſt! der rechte Ring war nicht Erweislich;— (nach einer Pauſe, in welcher er des Sultans Antwort erwartet! Faſt ſo unerweislich, als Uns jetzt— der rechte Glaube. Saladin. Wie? das ſoll Die Antwort ſein auf meine Frage 2... Nathan.. Soll Mich bloß entſchuldigen, wenn ich die Ringe Mir nicht getrau' zu unterſcheiden, die Der Vater in der Abſicht machen ließ, Damit ſie nicht zu unterſcheiden wären. Sal. Die Ringe! Spiele nicht mit mir! Ich dächte, Daß die Religionen, die ich Dir— Genannt, doch wohl zu unterſcheiden wären. Bis auf die Kleidung; bis auf Speiſ' und Trank! Nath. Und nur von Seiten ihrer Gründe nicht.— Denn gründen Alle ſich nicht auf Geſchichte? Geſchrieben oder überliefert!— Und Geſchichte muß doch wohl allein auf Treu' — 99— Und Glauben angenommen werden?— Nicht? Nun, weſſen Treu' und Glauben zieht man denn Am wenigſten in Zweifel? Doch der Seinen? Doch, deren Blut wir ſind? Doch Derer, die Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe Gegeben? die uns nie getäuſcht, als wo Getäuſcht zu werden uns heilſamer war? Wie kann ich meinen Vätern weniger Als Du den Deinen glauben? Oder umgekehrt. Kann ich von Dir verlangen, daß Du Deine Vorfahren Lügen ſtrafſt, um meinen nicht Zu widerſprechen? Oder umgekehrt. Das Nämliche gilt von den Chriſten. Nicht?— 1 Sal.(Bei dem Lebendigen! der Mann hat Recht. Ich muß verſtummen.) 8 Nath. Laſſ' auf unſ're Ring' Uns wieder kommen. Wie geſagt: die Söhne Verklagten ſich; und jeder ſchwur dem Richter, Unmittelbar aus ſeines Vaters Hand Den Ring zu haben!— wie auch war!— nachdem Er von ihm lange das Verſpechen ſchon Gehabt, des Ringes Vorrecht ein Mal zu Genießen— wie nicht minder war!— Der Vater Betheur'te Jeder, könne gegen ihn 56 Nicht falſch geweſen ſein; und eh' er dieſes Von ihm, von einem ſolchen lieben Vater, Argwohnen laſſ': eh' müſſ er ſeine Brüder, So gern er ſonſt von ihnen nur das Beſte Bereit zu glauben ſei, des falſchen Spiels 4 Bezeihen; und er wolle die Verräther Schon auszufinden wiſſen, ſich ſchon rächen. — ——— — 91— Sal. Und nun, der Richter?— Mich verlangt zu hören, Was Du den Nichter ſagen läſſeſt. Sprich! Nath. Der Richter ſprach: Wenn Ihr mir nun den Vater Nicht bald zur Stelle ſchafft, ſo weiſ' ich Euch Von meinem Stuhle. Denkt Ihr, daß ich Räthſel Zu löſen da bin? Oder harret Ihr, Bis daß der rechte Ring den Mund eröffne?— Doch halt! ich höre ja, der rechte Ring Beſitzt die Wunderkraft, beliebt zu machen; Vor Gott und Menſchen angenehm. Das muß Entſcheiden! Denn die falſchen Ringe werden Doch das nicht können!— Nun; wen lieben zwei Von Euch am meiſten?— Macht, ſagt an!— Ihr ſchweigt? Die Ringe wirken nur zurück? und nicht Nach außen?— O, ſo ſeid Ihr alle Drei Betrogene Betrieger! Eure Ringe Sind alle Drei nicht echt. Der echte Ring Vermuthlich ging verloren. Den Verluſt Zu bergen, zu erſetzen, ließ der Vater Die Drei für Einen machen. Herrlich! Herrlich! Sal. Nath. Und alſo, fuhr der Richter fort, wenn Ihr Nicht meinen Ratb, ſtatt meines Spruches, wollt: Geht nur!— Mein Rath iſt aber der: Ihr nehmt Die Sache völlig, wie ſie liegt.— Hat von Euch Jeder ſeinen Ring von ſeinem Vater: So glaube Jeder ſicher ſeinen Ring Den echten.— Möglich, daß der Vater nun — 92— Die Tyranney des Einen Nings nicht länger In ſeinem Hauſe dulden wollen!— Und gewiß, Daß er Euch alle Drei geliebt, und gleich Geliebt: indem er Zwei nicht drücken mögen, Um Einen zu begünſtigen. Wohlan! Es eifre Jeder ſeiner unbeſtochnen, Von Vorurtheilen freien Liebe nach! Es ſtrebe von Euch Jeder um die Wette, Die Kraft des Steins in ſeinem Ring' an Tag Zu legen! komme dieſer Kraft mit Sanftmuth, Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohlthun, Mit innigſter Ergebenheit in Gott, Zu Hülf'! Und wenn ſich dann der Steine Kräfte Bei Euern Kindes Kindes⸗Kindern äußern, So lad' ich über tauſend, tauſend Jahre Sie wiederum vor dieſen Stuhl. Da wird Ein weiſrer Mann auf dieſem Stuhle ſitzen, Als ich, und ſprechen. Geht! So ſagte der Beſcheidne Richter. 3 Sal. Gott! Gott! Nath. Saladin, Wenn Du Dich fühleſt, dieſer weiſere Verſprochne Mann zu ſein!... Sal ſder auf ihn zuſtürzt, und ſeine Hand ergreift die er bis zu Ende nicht wieder fahren läßt.] Ich Staub? Ich Nichts? O Gott! Nath. Was iſt Dir, Sultan? Sal. Nathan, lieber Nathan!— Die tauſend tauſend Jahre Deines Richters — 93— Sind noch nicht um.— Sein Richterſtuhl iſt nicht Der meine. Geh!— Geh! Aber ſei mein Freund. Nath. Und weiter hätte Saladin mir nichts Zu ſagen. Sal. Nichts. Nath. Nichts? Sal. Gar nichts.— Und warum? Nath. Ich hätte noch Gelegenheit gewünſcht, Dir eine Bitte vorzutragen. Sal. Braucht's Gelegenheit zu einer Bitte?— Rede! Nath. Ich komm' von einer weiten Reiſ', auf welcher Ich Schulden eingetrieben. Faſt hab' ich Des baaren Gelds zu viel. Die Zeit beginnt Bedenklich wiederum zu werden; und Ich weiß nicht recht, wo ſicher damit hin.— Da dacht' ich, ob nicht Du vielleicht— weil doch Ein naher Krieg des Geldes immer mehr Erfordert,— etwas brauchen könnteſt. Sal.(ihm ſteif in die Augen ſehend). Nathan!— Ich will nicht fragen, ob Al⸗Hafi ſchon Bei Dir geweſen; will nicht unterſuchen, Ob Dich nicht ſonſt ein Argwohn treibt, mir dieſes Erbieten freier Dings zu thun... Rath. Ein Argwohn? Sal. Ich bin ihn werth. Verzeih mir! Denn was hilft's? Ich muß Dir nur geſtehen,— daß ich im Begriffe war— — — 94— Nath. Doch nicht, das Nämliche An mich zu ſuchen? Sal. Allerdings. Nath. So wär Uns Beiden ja geholfen!— Daß ich aber Dir alle meine Baarſchaft nicht kann ſchicken, Das macht der junge Tempelherr. Du kennſt Ihn ja.— Ihm hab' ich eine große Poſt Vorher noch zu bezahlen. Sal. Tempelherr? Du wirſt doch meine ſchlimmſten Feinde nicht Mit Deinem Geld auch unterſtützen wollen? Nath. Ich ſpreche von dem Einen nur dem Du Das Leben ſparteſt... S Ah! woran erinnerſt Sal. Du mich!— Hab' ich doch dieſen Jüngling ganz Vergeſſen! Kennſt Du ihn?— Wo iſt er? Nath. Wie? So weißt Du nicht, wie viel von Deiner Gnade Für ihn, durch ihn, auf mich gefloſſen?— Er, Er mit Gefahr des neu erhaltnen Lebens, Hat meine Tochter aus dem Feur gerettet. Sal. Er? hat er das? Ha! darnach ſah er aus. Das hätte traun mein Bruder auch gethan, Dem er ſo ähnelt! Iſt er denn noch hier? So bring' ihn her! Ich habe meiner Schweſter Von dieſem ihrem Bruder, den ſie nicht Gekannt, ſo viel erzählet, daß ich ſie 8 Sein Ebenbild doch auch muß ſehen laſſen! Geh' hol' ihn!— Wie aus Einer guten That, Gebar ſie auch ſchon bloße Leidenſchaft, “ — — 95— Doch ſo viel andre guten Thaten fließen! Geh', hol' ihn! Nath.(indem er Saladins Hand fahren läßt). Augen⸗ blics! Und bei dem Andern Bleibt es doch auch?(Ab.) Sal. Ah! daß ich meine Schweſter Nicht horchen laſſen!— Zu ihr! zu ihr!— Denn Wie ſoll ich Alles das ihr nun erzählen? 4(Ab von der andern Seite⸗) Achter Auſtritt. [Die Scene: unter den Palmen, in der Nähe des Kloſters, wo der Tempelherr Nathans wartet. Der Tempelh.(geht, mit ſich ſelbſt käͤmpfend, auf und ab, bis er losbricht.! — Hier hält das Opferthier ermüdet ſtill. Nun gut! Ich maß nicht, mag nicht näher wiſſen, Was in mir vorgeht; mag voraus nicht wittern, Was vorgehn wird. Genug, ich bin umſonſt Geflohn: umſonſt! Und weiter konnt' ich doch Auch nichts, als fliehn! Nun komm', was kommen ſoll! Ihm auszubeugen, war der Streich zu ſchnell Gefallen, unter den zu kommen, ich So lang' und viel mich weigerte. Sie ſehn, Die ich zu ſehn ſo wenig lüſtern war; Sie ſehn; und der Entſchluß, ſie wieder aus Den Augen nie zu laſſen; Was Entſchluß? Entſchluß iſt Vorſatz. That: und ich, ich litt, Ich litt ja bloß! Sie ſehn; und das Gefühl, An ſie verſtrickt, in ſie verwebt zu ſein, 96 War eines, bleibet eins. Von ihr getrennt Zu leben, iſt mir ganz undenkbar; wär Mein Tod, und wo wir immer nach dem Tode Noch ſind, auch da mein Tod! Iſt das nun Liebe: So— liebt der Tempelritter freilich,— liebt Der Chriſt das Judenmädchen freilich.— Hm Was thut's?— Ich hab' in dem gelobten Lande, Und d'rum auch mir gelobt auf immerdar! Der Vorurtheile mehr ſchon abgelegt. Was will mein Orden auch? Ich Tempelherr Bin todt; war von dem Augenblick ihm todt, Der mich zu Saladins Gefangnen machte. Der Kopf, den Saladin mir ſchenkte, wär' Mein alter? Iſt ein neuer, der von Allem Nichts weiß, was jenem eingeplaudert ward, Was jenen band.— Und iſt ein beßrer, für Den väterlichen Himmel mehr gemacht. Das ſpür' ich ja. Denn erſt mit ihm beginn' Ich ſo zu denken, wie mein Vater hier Gedacht muß haben; wenn man Märchen nicht Von ihm mir vorgelogen.— Märchen!— Doch Ganz glaubliche: die glaublicher mir nie Als jetzt geſchienen, da ich nur Gefahr Zu ſtraucheln laufe, wo er fiel.— Er fiel? Ich will mit Männern lieber fallen, als Mit Kindern ſtehn.— Sein Beiſpiel bürget mir Für ſeinen Beifall. Und an weſſen Beifall Liegt mir denn ſonſt?— An Nathans?— O an deſſen Ermuntrung mehr, als Beifall kann es mir 3 Noch weniger gebrechen.— Welch' ein Jude!— Und der ſo ganz nur Jude ſcheinen will! —— Da kömmt er; kömmt mit Haſt; glüht heitre Freude. Wer kam von Saladin je anders?— Hel He, Nathan! Neunter Auſtritt. Nathan. Der Tempelherr. Nath. Wie, ſeid Ihr's? Tempelh. Ihr habt Sehr lang' Euch bei dem Sultan aufgehalten. Nath. So lange nun wohl nicht. Ich ward im Hingehn Zu viel verweilt.— Ahl wahrlich, Curd, der Mann Steht ſeinen Ruhm. Sein Ruhm iſt bloß ſein Schatten. Doch laßt vor allen Dingen Euch geſchwind Nur ſagen... 3 Tempelh. Was. Nath. Er will Euch ſprechen; will, Daß ungeſäumt Ihr zu ihm kommt. Begleitet Mich nur nach Hauſe, wo ich noch für ihn Erſt etwas Anders zu verfügen habe: Und dann, ſo gehn wir. Tempelh. Nathan, Euer Haus Betret' ich wieder eher nicht... Nath So ſeid Ihr doch indeß ſchon da geweſen? habt Indeß ſie doch geſprochen? Nun? Sagt: wie Gefällt Euch Re ha? Tempelh. Ueber allen Ausdruck! Allein, ſie wiederſehn, das werd' ich nie, Nie! Nie! Ihr müßtet mir zur Stelle denn — 98— Verſprechen: daß ich ſie auf immer, immer Soll können ſehn. Nath. Wie wollt Ihr, daß ich das Verſteh'? Ihr, daß ich Tempelh.(nach einer kurzen Pauſe ihm plötzlich um den Hals fallend). Mein Vater! Nath.— Junger Mann! Tempelh.(ihn eben ſo plötzlich Whde laſſend). icht Sohn? Ich bitt' Euch Nathan! 1 Nath. Lieber junger Mann! Tempelh. Nicht Sohn? Ich bitt' Euch, Na⸗ than! Ich beſchwör' Euch bei den erſten Banden der Natur; Zieht ihnen ſpätre Feſſeln doch nicht vor!— Begnügt Euch doch ein Menſch zu ſein! Stoßt mich Nicht von Euch! Nath. Lieber, lieber Freund!.. Tempelh. Und Sohn? Sohn nicht? Auch dann nicht, dann nicht ein Mal, wenn Erkenntlichkeit zum Herzen Eurer Tochter Der Liebe ſchon den Weg gebahnet hätte? Auch dann nicht ein Mal, wenn in Eins zu ſchmelzen Auf Euern Wink nur Beide warteten? Ihr ſchweigt? Nath. Ihr überraſcht mich, junger Ritter. Tempel. Ich überraſch' Euch? überraſch' Euch, Nathan, Mit Euern eigenen Gedanken?— Ihr * —— — 99— Verkennt ſie doch in meinem Munde nicht? Ich überraſch' Euch? Nath. Eh' ich ein Mal weiß, Was für ein Stauffen Euer Vater denn Geweſen iſt! Tempelh. Was ſagt Ihr, Nathan? Was? In dieſem Augenblicke fühlt Ihr nichts, Als Neubegier? Nath. Diiem ſeht! Ich habe ſelbſt Wohl einen Stauffen ehedem gekannt, Der Conrad hieß. Tempelh. Nun, wenn mein Vater denn Ahan el eben ſo geheißen hätte? Wahrlich? Weuhe lh. Ich heiße ſelber ja nach meinem Va⸗ ter: Curd Iſt Conrad. Nath. Nun, ſo war mein Conrad doch Nicht Euer Vater. Denn mein Conrad war, Was Ihr: war Tempelherr; war nie vermählt. Kemdelh. O darum! Nath. Wie? Tempelh. O darum könnt' er doch Mein Vater wohl geweſen ſein. Nath. Ihr ſcherzt. Tempelh. Und Ihr nehmt s wahrlich zu ge⸗ nau!— Was wär's Denn nun? So was von Baſtard oder Bankert! Der Schlag iſt auch nicht zu verachten. Doch Entlaßt mich immer meiner Ahnenprobe. Ich will Euch eurer wiederum entlaſſen. So plötlich voll! Taugt nichts, taugt nichts; es ſei Nicht zwar, als ob ich den geringſten Zweifel In Euerm Stammbuch ſetzte. Gott behüte! Ihr könnt ihn Blatt für Blatt bis Abraham Hinauf belegen. Und von da ſo weiter Weiß ich ihn ſelbſt, will ich ihn ſebſt beſchwören. Nath. Ihr werdet bitter. Doch verdien's ich's. Schlug Ich denn Euch ſchon was ab? Ich will Euch ja Nur bei dem Worte nicht den Augenblick So faſſen.— Weiter nichts.— Tempelh. Gewiß?— Nichts weiter? O ſo vergebt!... Nath. Nun kommt nur, kommt! Tempelh. Wohin? Nein! Mit in Euer Haus? Das nicht! das nicht! Da brennt’s! Ich will Euch hier erwarten. Geht! Soll ich ſie wiederſehn: ſo ſeh' ich ſie Noch oft genug. Wo nicht: ſo ſah ich ſie Schon viel zu viel... Nath. Ich will mich möglichſt eilen. Zehnter Anftritt. Der Tempelherr. Bald darauf Daja. Tempelh. Schon mehr als gnug! Des Men⸗ ſchen Hirn faßt o unendlich viel; und iſt doch manchmal auch So plötzlich voll! von einer Kleinigkeit Auch voll, wovon es will.— Doch nur Geduld! Die Seele wirkt den aufgedunſ'nen Stoff — 101— Bald in einander, ſchafft ſich Raum, und Licht Und Ordnung kommen wieder. Lieb' ich denn Zum erſten Male?— Oder war, was ich Als Liebe kenne, Liebe nicht?— Iſt Liebe Nur, was ich jetzt empfinde?... Daja die ſich von der Seite herbeigeſchlichen). Rit⸗ ter! Ritter! Tempelh. Wer ruft? Ha, Daja, Ihr? 3 Daja. Ich habe mich Bei ihm vorbeigeſchlichen. Aber noch Könnt' er uns ſehn, wo Ihr da ſteht. Drum kommt Doch näher zu mir, hinter dieſen Baum. 1 Tempelh. Was giebt's denn? So geheimniß⸗ voll? Was iſt's? Daja. Ja wohl betrifft es ein Geheimniß, was Mich zu Euch bringt; und zwar ein doppeltes. Das Eine weiß nur ich; das Andre wißt Nur Ihr.— Wie wär' es, wenn wir tauſchten? Vertraut mir Eures: ſo vertrau' ich Euch Das meine. 4 Tempelh. Mit Vergnügen. Wenn ich nur Erſt weiß, was Ihr für meines achtet. Doch „Das wird aus Eurem wohl erhellen.— Fangt Nur immer an. Daja. Ei, denkt doch! Nein, Herr Ritter: Erſt Ihr; ich folge.— Denn verſichert, mein Geheimniß kann Euch gar nichts nutzen, wenn Ich nicht zuvor das Eure habe.— Nr Geſchwind! Denn frag' ich's Euch erſt ab: ſo h Ihr nichts vertrauet. Mein Geheimniß dann Bleibt mein Geheimniß: und das Eure ſeid Ihr los. Doch armer Ritter! Daß Ihr Männer Ein ſolch Geheimniß vor uns Weibern haben Zu können, auch nur glaubt! Tempelh. Das wir zu haben Oft ſelbſt nicht wiſſen. Daja. Kann wohl ſein. Drum muß Ich freilich erſt Euch ſelbſt damit bekannt Zu machen, ſchon die Freundſchaft haben.— Sagt: Was hieß denn das, daß Ihr ſo Knall und Fa Euch aus dem Staube machtet? daß Ihr uns So ſitzen ließet? daß Ihr nun mit Nathan Nicht wiederkommt? Hat Recha denn ſo wenig Auf Euch gewirkt? wie? oder auch, ſo viel?— So viel! ſo viell— Lehrt Ihr des armen Vogels, Der an der Ruthe klebt, Geflatter mich Doch kennen! Kurz: geſteht es mir nur gleich, Daß Ihr ſie liebt, liebt bis zum Unſinn; und Ich ſag' Euch was... Tempelb. Zum Unſinn? Wahrlich, Ihr Verſteht Euch trefflich drauf. Daj Nun gebt mir nur aja. Die Liebe zu; den Unſinn will ich Euch Erlaſſen. Tempelh. Weil er ſich von ſelbſt verſteht?— Ein Tempelherr ein Judenmädchen lieben?... Daja. Scheint freilich wenig Sinn zu haben. Doch Zuweilen iſt des Sinns in einer Sache Auch mehr, als wir vermuthen; und es wäre So unerhört doch nicht, daß uns der Heiland Auf Wegen zu ſich zöge, die der Kluge Von ſelbſt nicht leicht betreten würde. 8 — 103— Tempelh. Das So feierlich?(Und ſetz' ich⸗ ſtatt des Heilands, Die Vorſicht: hat ſie dann nicht Recht?) Ihr macht Mich neubegieriger, als ich wohl ſonſt Zu ſein gewohnt bin. 3 Daja. O! das iſt das Land Der Wunder! Tempelh.(Nun!— des Wunderbaren. Kann Es auch wohl anders ſein? Die ganze Welt Drängt ſich ja hier zuſammen.)— Liebe Daja, Nehmt für geſtanden an, was Ihr verlangt: Daß ich ſie liebe; daß ich nicht begreife, Wie ohne ſie ich leben werde; das... Daja. Gewiß? gewiß? So ſchwört mir, Ritter, ſie Zur Eurigen zu machen; ſie zu retten; Sie zeitlich hier, ſie ewig dort zu retten. Tempelh. Und wie? Wie kann ich? Kann ich ſchwören, was In meiner Macht nicht ſteht. 4 Daja. In Eurer Macht Steht es. Ich bring' es durch ein einzig Wort In Eure Macht. Tempelh. Daß ſelbſt der Vater nichts Dawider hätte. 3 Daja Ei, was Vater! Vater! Der Vater ſoll ſchon müſſen. Tempelh. Müſſen, Daja?— Noch iſt er unter Räuber nicht gefallen. e Er muß nicht müſſen. Daja. Nun, ſo muß er wollenz Muß gern am Ende wollen. Tempelh. Muß, und gern!— Doch, Daja, wenn ich Euch nun ſage, daß Ich ſelber dieſe Sait' ihm anzuſchlagen Bereits verſucht? Daja. Was, und er ſiel nicht ein? Tempelh. Er ſiel mit einem Mitlaut ein, der mich Beleidigte. Daja. Was ſagt Ihr.— Wie? Ihr Den Schatten eines Wunſches nur nach Recha Ihn blicken laſſen; und er wär' vor Freuden Nicht aufgeſprungen, hätte froſtig ſich Zurückgezogen? hätte Schwierigkeiten Gemacht? Tempelh. So ungefähr. aja. So will ich denn Mich länger keinen Augenblick bedenken.—(Pauſe.) Tempelh. Und Ihr bedenkt Euch doch? Daja. Der Mann iſt ſonſt So gut! Ich ſelber bin ſo viel ihm ſchuldig! Daß er doch gar nicht hören will!— Gott weiß, Das Herze blutet mir, ihn ſo zu zwingen. Tempelh. Ich bitt' Euch, Daja, pbt mich kurz und gut Aus dieſer Ungewißheit. Seid Ihr aber Noch ſelber ungewiß, ob, was Ihr vorhabt, Gut oder böſe, ſchändlich oder löblich Zu nennen:— ſchweigt! Ich will vergeſſen, daß Ihr etwas zu verſchweigen habt. Daja. Das ſpornt, 3 Anſtatt zu halten. Nun; ſo wißt denn: Recha Iſt keine Jüdin; iſt— iſt eine Chriſtin. — 105— 10 6 Tempelh.(kalt)⸗So? Wünſch' Euch Glück! Hats ſchwer gehalten? Laßt Euch nicht die Wehen ſchrecken!— Fahret ja Mit Eifer fort, den Himmel zu bevölkern, Wenn Ihr die Erde nicht mehr könnt! Daja. Wie Ritter? Verdienet meine Nachricht dieſen Spott? Daß Recha eine Chriſtin iſt: das freuet Euch, einen Chriſten, einen Tempelherrn, Der Ihr ſie liebt, nicht mehr? Tempelh. Beſonders, da Sie eine Chriſtin iſt von Eurer Mache. Daja. Ahl ſo uurſieht Iora⸗ So mags gelten! Den will ich ſehn, der die bekehren ſoll! Ihr Glück iſt, längſt zu ſein, was ſie zu werden Verdorben iſt. Tempelh. Erklärt Euch, oder— Pötr Daja. Sie iſt ein Ehriſeilinds von Chriſteneltern Geboren; iſt getauft. Tempelh.(haſtig). und Nathan? Daja. Nicht Ihr Vater! Tempelh. Nathan nicht ihr Vater?— Wißt Jhne was Ihr ſagt? Die Wahrheit; die ſo oft A lludge Thränen weinen machen.— Nein Er iſt ihr Vater nicht. Tempelh. und hätte ſie Als ſeine Tochter nur erzogen? hätte 1 — 106— Das Chriſtenkind als eine Jüdin ſich Erzogen? Daja. Ganz gewiß. Tempelh. Sie wüßte nicht, Was ſie geboren ſei? Sie hätt' es nie Von ihm erfahren, daß ſie eine Chriſtin Geboren ſei, und keine Jüdin. Daja. Nie! Tem p. Er hätt' in dieſem Wahne nicht das Kind Bloß auferzogen? ließ das Mädchen noch In dieſem Wahne? Daja. Leider! Tempelh. Nathan!— Wie?— Der weiſe gute Nathan hätte ſich Erlaubt, die Stimme der Natur ſo zu Verfälſchen?— Die Ergießung eines Herzens So zu verlenken, die, ſich ſelbſt gelaſſen, Ganz andre Wege nehmen würde? Daja Ihr habt mir allerdings etwas vertraut Von Wichtigkeit, was Folgen haben kann, Was mich verwirrt, worauf ich gleich nicht weiß, Was mir zu thun. Drum laßt mir Zeit. Drum geht! Er kömmt hier wiederum vorbei. Er möcht' Uns überfallen. Geht! Daja. Ich wär' des Todes! Temp. Ich bin ihn jetzt zu ſprechen ganz und gar Nicht fähig. Wenn Ihr ihm begegnet, ſagt Ihm nur, daß wir einander bei dem Sultan. Schon finden würden.— 3 Da ja. Aber laßt Euch ja Nichts merken gegen ihn. Das ſoll nur ſo — 107— Den letzten Druck dem Dinge geben; ſoll Euch, Rechas wegen, alle Scrupel nur Benehmen! Wenn Ihr aber dann ſie nach Europa führt: ſo laßt Ihr doch mich nicht Zurück. Temp. Das wird ſich finden. Geht nur, geht! Vierter Aufzug. Erſter Auftritt. (Scene: in den Kreuzgängen des Kloſters.) Der Kloſterbruder. Bald darauf der Tempelherr. Kloſterbruder. Ja, jal er hat ſchon Recht, der Patriarch! Es hat mir freilich noch von alle dem Nicht viel gelingen wollen, was er mir So aufgetragen. Warum trägt er mir Auch lauter ſolche Sachen auf? Ich mag Nicht fein ſein; mag nicht überreden;z mag Mein Näschen nicht in Alles ſtecken;z mag Mein Händchen nicht in Allem haben. Bin Ich darum aus der Welt geſchieden, ich Für mich; um mich für Andre mit der Welt Noch erſt recht zu verwickeln? Tempelherr(mit Haſt auf ihn zukommend.) Guter Bruder, ——— — m— —— — 108— Das Ihr ja. Ich hab' Euch lange ſchon Kloſter. Mich, Herr? Tempelh. Ihr kennt mich ſchon nicht mehr? Kloſterb. Doch, doch! Ich glaubte nur, daß 6 7 ich den Herrn In meinem Leben wieder nie zu ſehn Bekommen würde. Denn ich hofft' es zu Dem lieben Gott. Der liebe Gott, der weiß, Wie ſauer mir der Antrag ward, den ich Dem Herrn zu thun verbunden war. Er weiß, Ob ich gewünſcht, ein offnes Ohr bei Euch Zu finden; weiß, wie ſehr ich mich gefreut, Im Innerſten gefreut, daß Ihr ſo rund Das alles, ohne viel Bedenken, von Euch wieſ't, was einem Ritter nicht geziemt. Tempel. Ihr wißt es ſchon, warum ich komme! Kaum Weiß ich es ſelbſt. Kloſterb. Ihr habt's nun überlegt; Habt nun gefunden, daß der Patriarch So unrecht doch nicht hat; daß Ehr' und Geld Burch ſeinen Anſchlag zu gewinnen; daß Ein Feind ein Feind iſt, wenn er unſer Engel Auch ſieben Mahl geweſen wäre. Das, Das habt Ihr nun mit Fleiſch und Blut erwogen, Und kommt, und tragt Euch wieder an. Ach Gott! Tempelh. Mein frommer, lieber Mann! gebt Euch zufrieden. 4 Deßwegen komm' ich nicht, deßwegen will Ich nicht den Patriarchen ſprechen. Noch, — 109— Noch denk' ich über jenen Punkt, wie ich Gedacht, und wollt' um Alles in der Welt Die gute Meinung nicht verlieren, deren Mich ein ſo grader, frommer, lieber Mann Ein Mal gewürdiget,— Ich komme bloß Den Patriarchen über eine Sache Um Rath zu fragen... Kloſterb. Ihr den Patriarchen? Ein Ritter, einen— Pfaffen? (Sich ſchüchtern umſehend.) Tempelh. Ja; die Sach' Iſt ziemlich pfäffiſch. Kloſterb. Gleichwohl fragt der Pfaffe Den Ritter nie, die Sache ſei auch noch So ritterlich. Tempelh. Weil er das Vorrecht hat,. Sich zu vergehn; daß unſer Einer ihm Nicht ſehr beneidet. Freilich, wenn ich nur Für mich zu handeln hätte; freilich, wenn Ich Rechenſchaft nur mir zu geben hätte: Was braucht' ich Eures Patriarchen. Aber Gewiſſe Dinge will ich lieber ſchlecht, Nach Andter Willen machen, als allein Nach meinem, gut. Zudem, ich ſeh' nun wohl, Religion iſt auch Partei; und wer Sich drob auch noch ſo unparteiiſch glaubt, Hält' ohn' es ſelbſt zu wiſſen, doch nur ſeiner Die Stange. Weil das ein Mal nun ſo iſt: Wird's ſo wohl recht ſein. Kloſterb. Dazu ſchweig' ich lieber. Denn ich verſteh' den Herrn nicht recht. — 110— Tempelh. Und doch!— (Laßt ſehn, warum mir eigentlich zu thun! Um Machtſpruch, oder Nath? Um lautern oder Gelehrten Rath?) Ich dank Euch, Bruder; dank' Euch für den guten Wink. Was Patriarch! Seid Ihr mein Patriarch! Ich will ja doch Den Chriſten mehr im Patriarchen, als Den Patriarchen in dem Chriſten fragen. Die Sach' iſt die... Kloſterb. Nicht weiter, Herr, nicht weiter! Wozu? Der Herr verkennt mich. Wer viel weiß, Hat viel zu ſorgen; und ich habe ja 4 Mich Einer Sorge nur gelobt. O gut! Hört! ſeht! Dort kömmt, zu meinem Glück, er ſelbſt. Bleibt hier nur ſtehn. Er hat Euch ſchon erblickt. Zweiter Auſtritt. Der Patriarch, welcher mit allem geiſtlichen Pomp den einen Kreuzgang heraufkömmt, und die Vorigen. Tempelh. Ich wich' ihm lieber aus.— Wär' nicht mein Mann!/— Ein dicker, rother, freundlicher Prälat! Und welcher Prunk! Kloſterb. Ihr ſolltet ihn erſt ſehn Nach Hofe ſich erheben. Jetzo kömmt Er nur von einem Kranken. Tempelh. Wie ſich da Nicht Saladin wird ſchämen müſſen! Pakr.(indem er näher kimnge wintt dem Bruder), — ier!— — 111— Das iſt ja wohl der Tempelherr. Was will Er? Kloſterb. Weiß nicht. Patr.(auf ihn zugehend, indem der Bruder und das Gefolge zurücktreten). Nun, Herr Ritter!— Sehr erfreut, Den brayen jungen Mann zu ſehn,— Ei, noch So gar jung:— Nun, mit Gottes Hülfe, draus Kann etwas werden. Tempelh. Mehr, ehrwürdiger Herr, Wohl ſchwerlich, als ſchon iſt. Und eher noch Was weniger. Patr. Ich wünſche wenigſtens, Daß ſo ein frommer Ritter lange noch Der lieben Chriſtenheit, der Sache Gottes Zu Ehr' und Frommen, blühn und grünen möge! Das wird denn auch nicht fehlen, wenn nur fein Die junge Tapferkeit dem reifen Rathe Des Alters folgen will!— Womit wär' ſonſt Dem Herrn zu dienen? Tempelh. Mitt dem nämlichen, Woran es meiner Jugend fehlt: mit Rath. Patr. Recht gern!— Nur iſt der Rath auch anzunehmen. Tempelh. Doch blindlings nicht? Patr. Wer ſagt denn das?— CEi freilich Muß niemand die Vernunft, die Gott ihm gab, Zu brauchen unterlaſſen,— wo ſie hin Gehört.— Gehört ſie aber überall Denn hin?— O nein!— Zum Beiſpiel: wenn uns Gott Durch einen ſeiner Engel,— iſt zu ſagen, — 112— Durch einen Diener ſeines Worts— ein Mittel Bekannt zu machen würdiget, das Wohl Der ganzen Chriſtenheit, das Heil der Kirche, Auf irgend eine ganz beſondre Weiſe Zu fördern, zu befeſtigen: wer darf Sich da noch unterſtehn, die Willkühr deß, Der die Vernunft erſchaffen, nach Vernunft Zu unterſuchen! und das ewige Geſetz der Herrlichkeit des Himmels nach Den kleinen Regeln einer eitlen Ehre Zu prüfen? Doch hievon genug.— Was iſt Es denn, worüber unſern Rath für jetzt Der Herr verlangt? Tempelh. Geſetzt, ehrwürd'ger Vater, Ein Jude hätt' ein einzig Kind,— es ſei Ein Mädchen, das er mit der größten Sorgfalt Zu allem Guten auferzogen, das Er liebe mehr als ſeine Seele, das Ihn wieder mit der frömmſten Liebe liebe. Und nun würd' unſer Einem hinterbracht, Dieß Mädchen ſei des Juden Tochter nicht; Er hab' es in der Kindheit aufgeleſen, Gekauft, geſtohlen, was Ihr wollt; man wiſſe, Das Mädchen ſei ein Chriſtenkind, und ſei, Getauft; der Jude hab' es nur als Jüdin Erzogen; laſſ' es nur als Jüdin und Als ſeine Tochter ſo verharren:— ſagt, Ehrwürd'ger Vater, was wär' hierbei wohl Zu thun? 3 Patr. Mich ſchaudert!— Doch zu allererſt Erkläre ſich der Herr, ob ſo ein Fall d — 113— Ein Factum, oder eine Hypotheſ': Das iſt zu ſagen: ob der Herr ſich das Nur bloß ſo dichtet, oder ob's geſchehn, Und fortfährt zu geſchehn. 3 Tempelh. Ich glaubte, das Sei Eins, um Euer Hochehrwürden Meinung Bloß zu vernehmen. Patr. Eins?— da ſeh der Herr Wie ſich die ſtolze menſchliche Vernunft Im Geiſtlichen doch irren kann!— Mit nichten! Denn iſt der vorgetragne Fall nur ſo Ein Spiel des Witzes: ſo verlohnt es ſich Der Mühe nicht, im Ernſt ihn durchzudenken. Ich will den Herin damit auf das Theater Verwieſen haben, wo dergleichen pro Et contra ſich mit vielem Beifall könnte Behandeln laſſen.— Hat der Herr mich aber Nicht bloß mit einer theatral'ſchen Schnurre Zum beſten; iſt der Fall ein Factum; hätt' Er ſich wohl gar in unſrer Diöreſ', In unſrer lieben Stadt Jeruſalem Ereignet:— ja alsdann— Tempelh. Und was alsdann? Patr. Dann wäre an dem Juden förderſamſt Die Strafe zu vollziehn, die päſtliches Und kaiſerliches Recht ſo einem Frevel, So einer Laſterthat beſtimmen. Tempelherr. So? Patr. Und zwar beſtimmen obbeſagte Rechte Dem Juden, welcher einen Chriſten zur — 1414— Apoſtaſie verführt,— den Scheiterhaufen,— Den Holzſtoß.— eien) Tempelh. So? Patr. Und wie viel mehr dem Juden, Der mit Gewalt ein armes Chriſtenkind Dem Bunde ſeiner Tauf' entreißt! Denn iſt Nicht Alles, was man Kindern thut, Gewalt?— Zu ſagen:— ausgenommen, was die Kirch' An Kindern thut. Tempelh. Wenn aber nun das Kind, Erbarmte ſeiner ſich der Jude, nicht Vielleicht in Elend umgekommen wäre? Patr. Thnt nichts! der Jude wird verbrannt.— Denn beſſer, Es wäre hier in Elend umgekommen, Als daß zu ſeinem ewigen Verderben Es ſo gerettet ward.— Zudem, was hat Der Jude Gott denn vorzugreifen? Gott Kann, wenn er retten will, ſchon ohn' ihn retten. Temp. Auch trotzihm, ſollt' ich meinen, ſelig machen. atr. Thut nichts! der Jude wird verbrannt. empelh. Das geht Mir nah'! Beſonders, da man ſagt, er habe Das Mädchen nicht ſowohl in ſeinem, als Vielmehr in keinem Glauben auferzogen, Und ſie von Gott nicht mehr, nicht weniger Gelehrt, als der Vernunft genügt. Patr. 3 Thut nichts? Der Jude wird verbrannt.... Ja, wär' allein Schon dieſer wegen werth, dreimal verbrannt Zu werden!— Was? ein Kind ohn’' allen Glauben 3 — 115— Erwachſen laſſen?— Wie? die große Pllicht, Zu glauben, ganz und gar ein Kind nicht lehren? Das iſt zu arg! Mich wundert ſehr, Herr Ritter, Euch ſelbſt... Temp. Ehrwürd'ger Herr, das Uebrige, Wenn Gott will, in der Beichte.(Will gehen.) Patr. Was? mir nun Nicht einmal Rede ſtehn?— Den Böſewicht, Den Juden mir nicht nennen?— mir ihn nicht Zur Stelle ſchaffen?— O, da weiß ich Rath! Ich geh ſogleich zum Sultan.— Saladin, Vermöge der Capitulation, Die er beſchworen, muß uns, muß uus ſchützen; Bei allen Rechten, allen Lehren ſchützen, Die wir zu unſrer allerheiligſten 8 Religion nur immer rechnen dürfen! 3 Gottlob! wir haben das Original; Wir haben ſeine Hand, ſein Siegel. Wir!— Auch mach' ich ihm gar leicht begreiflich, wie Gefährlich ſelber für den Staat es iſt, Nichts glauben! Alle bürgerlichen Bande Sind aufgelöſet, ſind zerriſſen, wenn Der Menſch nichts glauben darf.— Hinweg! hinweg Mit ſolchem Frevel... Tempel. Schade, daß ich nicht Den trefflichen Sermon mit beſſrer Muſe Genießen kann! Ich bin zu Saladin Gerufen. Patr. Ja?— Nun ſo!— Nun freilich! Dann— Temp. Ich will den Sultan vorbereiten, wenn Es Eurer Hochehrwürden ſo gefällt. — 116— Patr, O, oh!— Ich weiß, der Herr hat Gnade funden Vor Saladin!— Ich bitte, meiner nur Im Beſten bei ihm eingedenk zu ſein.— Mich treibt der Eifer Gottes lediglich. Was ich zu viel thu, thu' ich ihm.— Das wolle Doch ja der Herr erwägen!— Und nicht wahr, Herr Ritter? das vorhin Erwähnte, von Dem Juden, war nur ein Problema? iſt Zu ſagen:— Tempelh. Ein Problema.(Geht ab.) Patriarch.(Dem ich tiefer Doch auf den Grund zu kommen ſuchen muß. Das wär' ſo wiederum ein Auftrag für Den Bruder Bonafides.)— Hier, mein Sohn! (Er ſpricht im Abgehn mit dem Kloſterbruder.) Dritter Auftritt. Scene: ein Zimmer im Pallaſte des Saladins, in welches von Sclaven eine Menge Beutel getragen, und auf dem Boden neben einander geſtellk werden. Saladi n. Bald darauf Sittah. Salad in(der dazu kömmt.) Nun wahrlich! das hat noch kein Ende.— Iſt Des Dings noch viel zurück? Ein Sclav. Wohl noch die Hälfte. Sal. So tragt das Uebrige zu Sittah. Und Wo bleibt Al⸗Haft? Das hier ſoll ſogleich Al⸗Hafi zu ſich nehmen. Oder ob Ich's nicht vielmehr dem Vater ſchicke? Hier 1 Fällt mir es doch nur durch die Finger. Zwar Man wird wohl endlich hart; und nun gewiß — 117— Soll's Künſte koſten, mir viel abzuzwacken. Bis wenigſtens die Gelder aus Aegypten Zur Stelle kommen, mag das Armuth ſehn, Wie's fertig wird! Die Spenden bei dem Grabe, Wenn die nur fortgehn! Wenn die Chriſtenpilger Mit leeren Händen nur nicht abziehn dürfen! Wenn nur— Sit. Was ſoll nun das? Was ſoll das Geld Bei mir. Sal. Mach Dich davon bezahlt, und leg' Auf Vorrath, wenn was übrig bleibt. Sit. d Iſt Nathan Noch mit dem Tempelherrn nicht da? Sal. Er ſucht Ihn aller Orten. 8 Sit. Sieh doch, was ich hier, Indem mir ſo mein alt Geſchmeide durch Die Hände geht, gefunden. (Ihm ein kleines Gemälde zeigend. Sal. Ha! mein Bruder! Das iſt er, iſt er! War erl war er! ah!— Ach, wackrer lieber Junge, daß ich dich So früh verlor! Was hätt' ich erſt mit dir, An deiner Seit' erſt unternommen! Sittah, Laß mir das Bild! Auch kenn' ich's ſchon; er gab Es Deiner ältern Schweſter, ſeiner Lilla, Die eines Morgens ihn ſo ganz und gar Nicht aus den Augen laſſen wollt'. Es war Der letzte, den er ausritt.— Ah, ich ließ Ihn reiten, und allein! Ah, Lilla ſtarb Vor Gram, und hat mir's nie vergeben, daß — 118— Ich ſo allein ihn reiten laſſen. Er Blieb weg! Sit. Der arme Bruder! Sal. Laß nur gut Sein! Ein Mal bleiben wir doch Alle weg! Zudem, wer weiß? Der Tod iſt's nicht allein, Der einem Jüngling ſeiner Art das Ziel Verrückt. Er hat der Feinde mehr, und oft Erliegt der Stärkſte gleich dem Schwächſten. Nun, Sei wie ihm ſei! Ich muß das Bild doch mit Dem jungen Tempelherrn vergleichen; muß Doch ſehn, wie viel mich meine Phantaſie Getäuſcht. Sit. Nur darum bring' ich's. Aber gieb Doch gieb! Ich will Dir das wohl ſagen; das Verſteht ein weiblich Aug' am beſten. Sal(zu einem Thürſteher, der hereintritt.) Wer Iſt da? Der Tempelherr? Er komm'! Sit Euch nicht Zu ſtören, ihn um meiner Neugier nicht Zu irren.— (Sie ſetzt ſich ſeitwärts auf einen Sopha, und läßt den Schleier fallen.) Sal. Gut ſo! gut!(Und nun ſein Ton! Ha, wie nun der wohl ſein wird! Aſſads Ton Schläft auch wohl wo in meiner Seele noch!) Vierter Auſtritt. Der Tempelherr. Saladin. 5 Tempelh. Ich, Dein Gefangner Sultan... Sal. Mein Gefangner? — un— Wem ich das Leben ſchenke, werd' ich dem Nicht auch die Freiheit ſchenken. Temp. Was Dir ziemt Zu thun, ziemt mir, erſt zu vernehmen, nicht Vorauszuſetzen. Aber, Sultan! Dank, Beſondern Dank Dir für mein Leben zu. Betheuern, ſtimmt mit meinem Stand' und meinem Charakter nicht.— Es ſteht in allen Fällen Zu Deinen Dienſten. Sal. Brauch' es nur Nicht wider mich! Zwar ein Paar Hände mehr, Die gönnt' ich meinem Feinde gern. Allein Ihm ſo ein Herz auch mehr zu gönnen, fällt Mir ſchwer. Ich habe mich mit Dir in nichts Betrogen, braver junger Mann! Du biſt Mit Seel und Leib, mein Aſſad. Sieh! ich könnte Dich fragen: wo Du denn die ganze Zeit Geſteckt, in welcher Höhle Du geſchlafen? In welchem Ginniſtan, von welcher guten Div dieſe Blume fort und ſort ſo friſch Erhalten worden. Sieh! ich könnte Dich Erinnern wollen, was wir dort und dort Zuſammen ausgeführt. Ich könnte mit Dir zanken, daß Du Ein Geheimniß doch Vor mir gehabt, Ein Abenteuer mir Doch unterſchlagen. Ja, das könnt' ich, wenn Ich Dich nur ſäh', und nicht auch mich. Nun mag's! Von dieſer ſüßen Träumerei iſt immer Doch ſo viel wahr, daß mir in meinem Herbſt Ein Aſſad wieder blühen ſoll. Du biſt Es doch zufrieden, Ritter? — 4120— Tempelh. Alles, was Von Dir mir kömmt,— ſei was es will, das lag Als Wunſch in meiner Seele. Sal. Laß uns das Sogleich verſuchen.— Bliebſt Du wohl bei mir? Um mich?— Als Chriſt, als Muſelmann gleich viel: Im weißen Mantel, oder Jamerlonk; Im Turban, oder Deinem Filze: wie Du willſt! gleich viel! Ich habe nie verlangt, Daß allen Bäumen Eine Rinde wachſe. Temp. Sonſt wärſt Du wohl auch ſchwerlich, der . Du biſt: Der Held, der lieber Gottes Gärtner wäre. Sal. Nun dennz wenn Du nicht ſchlechter von mir denkſt: So wären wir ja halb ſchon richtig. Tempel. Ganz! Sal(ihm die Hand bietend.) Ein Wort? Tempelh.(einſchlagend.) Ein Mann!— Hier⸗ mit empfange mehr, Als Du mir nehmen konnteſt. Ganz der Deine! Sal. Zu viel Gewinn für einen Tagl zu viel! Kam er nicht mit? Tempelherr. Wer? aladin. 3 Nathan. Tempelh.(froſtig.) Nein. Ich kam Allein. Sal. Welch eine That von Dir! Und welch Ein weiſes Glück, daß eine ſolche That Zum Beſten eines ſolchen Mannes ausſchlug! Tempelh. Ja, ja! 1 — 121— Sal. So kalt? Nein junger Mann! wenn Gott Was Gutes durch uns thut, muß man ſo kalt Nicht ſein!— ſelbſt aus Beſcheidenheit ſo kalt Nicht ſcheinen wollen! Temp. Daß doch in der Welt Ein jedes Ding ſo manche Seiten hat!— Von denen oft ſich gar nicht denken läßt, Wie ſie zuſammen paſſen! Saladin. Halte Dich Nur immer an die beſt', und preiſe Gott! Der weiß, wie ſie zuſammen paſſen.— Aber Wenn Du ſo ſchwierig ſein willſt, junger Mann: So werd' auch ich ja wohl auf meiner Huth Mich mit Dir halten müſſen? Leider bin Auch ich ein Ding von vielen Seiten, die Oft nicht ſo recht zu paſſen ſcheinen mögen. Tempelh. Das ſchmerzt!— Denn Argwohn iſt ſo wenig ſonſt Mein Fehler.— Sal. Nun, ſo ſage doch, mit wem Du's haſt?— Es ſchien ja gar, mit Nathan. Wie? Auf Nathan Argwohn? Du? Erklär' Dich! ſprich! Komm, gieb mir Deines Zutrauns erſte Probe. Temp. Ich habe wider Nathan nichts. Ich zürn' Allein mit mir.— 1 Sal. Und über was? Tempelherr. Daß mir Geträumt, ein Jude könn' auch wohl ein Jude Zu ſein verlernen; daß mir wachend ſo Geträumt. Sal. Heraus mit dieſem wachen Traume! — 122— Temp. Du weißt von Mathaus Tochter, Sultan. a 8 Ich für ſie that, das that ich,— weil ich's that. Zu ſtolz, Dank einzuernten, wo ich ihn Nicht ſäiete, verſchmäht' ich Tag für Tag Das Mädchen noch ein Mal zu ſehn. Der Vater War fern; er kömmt; er hört; er ſucht mich auf z Er dankt: er wünſcht, daß ſeine Tochter mir Gefallen möge; ſpricht von Ausſicht, ſpricht Von heitern Fernen.— Nun, ich laſſe mich Beſchwatzen, komme, ſehe, finde wirklich Ein Mädchen.. Ah, ich muß mich ſchämen, Sultan! Sal. Dich ſchämen? Daß ein Judenmädchen auf Dich Eindruck machte: doch wohl nimmermehr? Temp. Daß dieſem Eindruck, auf das liebliche Geſchwätz des Vaters hin, mein raſches Herz So wenig Widerſtand entgegen ſetzte!— Ich Tropf! ich ſprang zum zweiten Mal ins Feuer. Denn nun warb ich, und nun ward ich verſchmäht. Sal. Verſchmäht? Temp. Der weiſe Vater ſchlägt nun oh Mich platter Dings nicht aus; der weiſe Vater Muß aber doch ſich erſt erkunden, erſt Beſinnen. Allerdings! That ich denn das Nicht auch? Erkundete, beſann ich denn Mich erſt nicht auch, als ſie im Feuer ſchrie?— Fürwahr! bei Gott! Es iſt doch gar was Schönes, So weiſe, ſo bedächtig ſein! Saladin. Nun, nun!. So ſieh doch einem Alten etwas nach. Wie lange können ſeine Weigerungen — 123— Denn dauern? Wird er denn von Dir verlangen, Daß Du erſt Jude werden ſollſt? Tempelherr. Wer weiß? Sal. Wer weiß! der dieſen Nathan beſſer kennt. Temp. Der Aberglaub', in dem wir aufgewachſen, Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum Doch ſeine Macht nicht über uns.— Es ſind Nicht alle frei, die ihrer Ketten ſpotten. Sal. Sehr reif bemerkt! Doch Nathan wahrlich, . Nathan... Temp. Der Aberglauben ſchlimmſter iſt, den ſeinen Für den erträglichern zu halten... al. Wohl ſein! Doch Nathan... Temp. Dem allein Die blöde Menſchheit zu vertrauen, bis Sie hellern Wahrheitstag gewöhne, der Allein... Sal. Gut! Aber Nathan! Nathans Loos Iſt die Schwachheit nicht. Temp. So dacht' ich auch!— Wenn gleichwohl dieſer Ausbund aller Menſchen So ein gemeiner Jude wäre, daß Er Chriſtenkinder zu bekommen ſuchte, Um ſie als Juden aufzuziehn:— wie dann? Sal. Wer ſagt ihm ſo was nach? Temp. Das Mädchen ſelbſt, Mit welcher er mich körnt, mit deren Hoffnung Er gern mir zu bezahlen ſchiene, was Ich nicht umſonſt für ſie gethan ſoll haben: Mag — 124— Das Mädchen ſelbſt iſt ſeine Tochter— nicht; Iſt ein verzettelt Chriſtenkind. Sal Das er Dem ohngeachtet dir nicht geben wollte? Temp.(heftig). Woll' oder wolle nicht! Er iſt . entdeckt. Der tolerante Schwätzer iſt entdeckt! Ich werde hinter dieſen jüd'ſchen Wolf Im philoſoph'ſchen Schaſpelz, Hunde ſchon Zu bringen wiſſen, die ihn zauſen ſollen! Sal.(ernſt). Sei ruhig, Chriſt! 3 Temp. Was? ruhig Chriſt? Wenn Jud' Und Muſelmann, auf Jud', auf Muſelmann Beſtehen; ſoll allein der Chriſt den Chriſten Nicht machen dürfen?„ Sal.(noch ernſter). Ruhig, Chriſt! Temp.(gelaſſen). Ich fühle. Des Vorwurfs ganze Laſt,— die Saladin In dieſe Silhe preßt! Ah, wenn ich wüßte, Wie Aſſad,— Aſſad ſich an meiner Stelle Hierbei genommen hätte! Sal. Nicht viel beſſer!— Vermuthlich, ganz ſo brauſend!— Doch, wer hat Denn Dich auch ſchon gelehrt, mich ſo wie Er Mit Einem Worte zu beſtechen? Freilich, Wenn Alles ſich verhält, wie Du mir ſageſt: Kann ich mich ſelber kaum in Nathan finden.— Indeß, er iſt mein Freund, und meiner Freunde Muß keiner mit dem andern hadern.— Laß Dich weiſen! Geh behutſam! Gib ihn nicht Sofort den Schwärmern Deines Pöbels preis! — 125— Verſchweig, was Deine Geiſtlichkeit, an ihm Zu rächen, mir ſo nahe legen würde. Sei keinem Juden keinem Muſelmanne Zum Trotz, ein Chriſt! Temp. Bald wär's damit zu ſpät! Doch Dank der Blutbegier des Patriarchen, Deß Werkzeug mir zu werden graute! Sal.. Wie? Du kamſt zum Patriarchen eher, als Zu mir? Temp. Im Sturm der Leidenſchaft, im Wirbel Der Unentſchloſſenheit!— Verzeih— Du wirſt Von Deinem Aſaad, fürcht' ich ferner nun Nichts mehr in mir erkennen wollen. Sal. Wär' Es dieſe Furcht nicht ſelbſt! Mich dünkt, ich weiß, Aus welchen Fehlern unſre Tugend keimt. Pfleg dieſe ferner nur, und jene ſollen Bei mir Dir wenig ſchaden.— Aber geh; Such Du nun Nathan, wie er Dich geſucht! Und bring' ihn her. Ich muß Euch doch zuſammen Verſtändigen.— War' um das Mädchen Dir Im Ernſt zu thun: ſei ruhig. Sie iſt Dein! Auch ſoll es Nathan ſchon empfinden, daß Er ohne Schweinefleiſch ein Chriſtenkind Erziehen dürfen!— Geh! (Der Tempelherr geht ab, und Sittah verläßt den Sopha.) Fünfter Auſtritt. Saladin. Sittah. Sittah. Ganz ſonderbar! — 126— Saladin. Gelt, Sittah! Muß mein Aſſad nicht ein braver, Ein ſchöner junger Mann geweſen ſein? Sit. Wenn er ſo war, und nicht zu dieſem Bilde Der Tempelherr vielmehr geſeſſen! Aber Wie haſt Du doch vergeſſen können, Dich Nach ſeinen Aeltern zu erkundigen? Sal. Und in's Beſondre wohl nach ſeiner Mutter? Ob ſeine Mutter hier zu Lande nie Geweſen ſei?— Nicht wahr? Sit. Das machſt Du gut! Sal. O, möglicher wär' nichts! Denn Aſſad war Bei hübſchen Chriſtendamen ſo willkommen, Auf hübſche Chriſtendamen ſo erpicht, 3 Daß ein Mal gar die Rede ging— Nun, nun; Man ſpricht nicht gern davon.— Genug; ich hab Ihn wieder!— will mit allen ſeinen Fehlern, Mit allen Launen ſeines weichen Herzens Ihn wieder haben!— O! das Mädchen muß Ihm Nathan geben. Meinſt Du nicht? Sittah. Ihm geben? Ihm laſſen!. Sal. Allerdings! Was hätte Nathan, So bald er nicht ihr Vater iſt, für Recht Auf ſie? Wer ihr das Leben ſo erhielt, Tritt einzig in die Rechte deß, der ihr Es gab. N— Sit. Wie alſo, Saladin? wenn Du 3 Nur gleich das Mädchen zu Dir nähmſt? Sie nur Dem unrechtmäßigen Beſitzer gleich Entzögeſt? — 127— Sal. Thäte das wohl Noth? Sit. Wohl eben nicht!— Die liebe Neubegier Treibt ich allein, Dir dieſen Rath zu geben; Denn von gewiſſen Männern mag ich gar Zu gern, ſo bald wie möglich, wiſſen, was Sie für ein Mädchen lieben können. 8 un, Se ſgir und laß ſie holen. Darf ich, Bruder? Sat. Nur ſchone Nathans! Nathan muß durchaus Nicht glauben, daß man mit Gemalt ihn von Ihr trennen wolle. 8 Site Sorge nicht! Und ich 3 8 ſchon ſelbſt ſehn, wo Al⸗Hafi bleibt.⸗ Sechſter Auftritt. Scene: die offne Flur in Nathans Hauſe, gegendte Pal⸗ men zu wie im erſten Auftritt des erſten Aufzugs.— Ein Theil der Waaren und Koſtbarkeiten liegt aus⸗ gekramt, deren eben daſelbſt gedacht wird. Nathan. Daja. Alles, herrlich! Alles auserleſen! ie nur Ihr es geben könnt. Wo wird der Silberſtoff ni ge Ranken Gemacht? Was koſtet er?— Das nenn ich doch Ein Brautkleid! Keine Königin verlangt Es beſſer. Nath. Brautkleid? Warum Brautkleid eben? Daja. Je nun Ihr dachtet daran freilich nicht, Noth nun — 123— Als Ihr ihn kauftet. Aber wahrlich, Nathan, Der und kein andrer muß es ſein! Er iſt Zum Brautkleid wie beſtellt. Der weiße Grund: Ein Bild der Unſchuld; und die goldnen Ströme, Die aller Orten dieſen Grund durchſchlängeln: Ein Bild des Reichthums. Seht Ihr? Allerliebſt! Nath. Was witzelſt Du mir da, von weſſen Brautkleid Sinnbilderſt Du mir ſo gelehrt. Biſt Du Denn Braut? Daja. Ich? Nath. Nun, wer denn? Daja. Ich? lieber Gott! Nath. Wer denn? Von weſſen Brautkleid ſprichſt Du denn. Das Alles iſt ja Dein, und keiner Andern. Daja. Iſt mein? ſoll meintjen⸗ iſt für Recha nicht? Nath. Was ich für Recha mitgebracht, das liegt In einen andern Ballen. Mach! nimm weg! Trag Deine Siebenſachen fort! D aja. Verſucher! Nein, wären es die Koſtbarkeiten auch Der ganzen Welt! Nicht rühr' an! wenn Ihr mir Vorher nicht ſchwört, von dieſer einige 4 Gelegenheit, dergleſgen Euc der Himmel Richt zwei Mal ſchicken wird, Gebrauch zu machen. Nath. Gebrauch? von was? Gelegenheit, wozu. Daja. O, ſtellt Euch nicht ſo fremd! Mit kur⸗ 3 zen Worten: Der Tempelherr liebt Recha; gebt ſie ihn! 2 So hat doch ein Mal Enre Sünde, die Ich länger nicht verſchweigen kann, ein Ende. So kömmt das Mädchen wieder unter Chriſten: Wird wieder, was ſie iſt; iſt wieder, was. Sie war: und Ihr, Ihr habt mit all dem Guten, Das wir Euch nicht genug verdanken können, Nicht Feuerkohlen bloß auf Euer Haupt Geſammelt. 5 Nath. Doch die alte Leyer wieder, Mit einer neuen Saite nur bezogen, Die, fürcht' ich, weder ſtimmt noch hält. Daja. Wie ſo? Nath. Mir wär' der Tempelherr ſchon recht. Ihm — gönnt' Ich Recha mehr als Einem in der Welt. Allein. Nun, habe nur Geduld!. Daja. Geduld? Geduld iſt Eure alte Leyer nun Wohl nicht? Nath. Nur wenig Tage noch Geduld!... Sieh doch! Wer kömmt denn dort? Ein Kloſterbruder? Geh, frag' ihn, was er will. Daja. Was wird er wollen? 5(Sie geht auf ihn zu und fragt.) Nath. So gieb! und eh' er bittet.(Wüßt' ich nur Dem Tempelherrn erſt beizukommen, ohne Die Urſach' meiner Neugier ihm zu ſagen! Denn wenn ich ſie ihm ſag', und der Verdacht Iſt ohne Grund; ſo hab' ich ganz umſonſt Den Vater auf das Spiel geſetzt.)— Was iſt? Daja. Er will Euch ſprechen. Nath. Nun, ſo laß ihn kommen; Und geh' indeß. Siebenter Auftritt. Nathan. Der Kloſterbruder. Nath.(Ich bliebe Rechas Vater Doch gar zu gern! Zwar kann ich's denn nicht bleiben, Auch wenn ich aufhör' es zu heißen?— Ihr, Ihr ſelbſt werd' ich's doch immer auch noch heißen, Wenn ſie erkennt, wie gern ich's wäre.)— Geh!— Was iſt zu Euren Dienſten, frommer Bruder? Kloſtb. Nicht eben viel! Ich freue mich, Herr Nathan, Euch annoch wohl zu ſehn. Rathan. So kennt Ihr mich? Kloſtb. Je nun, wer kennt Euch nicht? Ihr habt ſo Manchem Ja Euren Namen in die Hand gedrückt. 1 Er ſteht in meiner auch, ſeit vielen Jahren. Nath an(nach ſeinem Beutel langend.] Kommt, Bruder, kommt; ich friſch' ihn auf Kloſterb.. Habt Dank! Ich würd' es Aermern ſtehlen; nehme nichts.— Wenn Ihr mir nur erlauben wollt, ein wenig Euch meinen Namen aufzufriſchen. Denn Ich kann mich rühmen, auch in Eure Hand Etwas gelegt zu haben, was nicht zu Verachten war. 5 Nath. Verzeibt!— Ich ſchäme mich. Sagt, was?— und nehmt zur Buße ſiebenfach Den Werth deſſelben von mir an. — 131— 1 Kloſterb. Hört doch Vor allen Dingen, wie ich ſelber nur. Erſt heut an dieß mein Euch vertrautes Pfand Erinnert worden. Nath. Mir vertrautes Pfand? Kloſtb. Vor kurzem ſaß ich noch als Eremit Auf Quarantana, unweit Jericho, Da kam arabiſch' Raubgeſindel, brach Mein Gotteshäuschen ab, und meine Zelle, Und ſchleppte mich mit fort. Zum Glück entkam Ich noch, und floh hieher, zum Patriarchen, Um mir ein andres Plätzchen auszubitten, Allwo ich meinem Gott in Einſamkeit Bis an mein ſelig Ende dienen könne. Nath. Ich ſteh' auf Kohlen, guter Bruder. Macht Es kurz. Das Pfand! das mir vertraute Pfand! Kloſtb. Sogleich, Herr Nathan. Nun der Patriarch Verſprach mir eine Siedelei auf Tabor, So bald als eine leer, und hieß inzwiſchen Im Kloſter mich als Laienbruder bleiben. Da bin ich jetzt, Herr Nathanz und verlange Des Tags wohl hundert Mal auf Tabor. Denn Der Patriarch braucht mich zu Allerlei, Wooor ich großen Ekel habe. Zum Exempel: Nath. Macht, ich bitt' Ln. Kloſterb. Nun, es kömmt!— Da hat ihm Jemand heut' in's Ohr geſetzt: Es lebe hier herum ein Jude, der Ein Chriſtenkind als ſeine Tochter ſich Erzöge. 94 —“ — — 132— Nathan(betroffen.) 1 Wie? Kloſterb. Hört mich nur aus!— Indem Er mir nun aufträgt, dieſem Juden ſtracks Wo möglich, auf die Spur zu kommen, und* Gewaltig ſich ob eines ſolchen Frevels Erzürnt, der ihm die wahre Sünde wider Den heil'gen Geiſt bedünkt;— das iſt, die Sünde, Die aller Sünden größte Sünd' uns gilt Nur daß wir, Gott ſei Dank, ſo recht nicht wiſſen, Worin ſie eigentlich beſteht!— da wacht Mit ein Mal mein Gewiſſen auf und mir Fällt bei, ich könnte ſelber wohl vor Zeiten Zu dieſer unverzeihlich⸗großen Sünde Gelegenheit gegeben haben.— Sagt: Hat Euch ein Reitknecht nicht vor achtzehn Jahren Ein Töchterchen gebracht von wenig Wochen? Nath. Wie das?— Nun freilich— allerdings. Kloſterb. Ei, ſeht Mich doch recht an! Der Reitknecht, der bin ich. Nath. Seid Ihr?— Kloſterb. Der Herr, von welchem ich's Euch rachte, War,— iſt mir recht,— ein Herr von Filneck.— Wolf Von Filneck! Nath. Richtig! Kloſterb. Weil die Mutter kurz Vorher geſtorben war, und ſich der Vater Nach,— mein' ich,— Gazza plötzlich werfen mußte, Wohin das Würmchen ihm nicht folgen konnte: So ſandt' er's Euch. Und traf ich Ench damit Nicht in Darun? — 133— Nath. Ganz recht! Kloſterb. Es wär' kein Wunder, 3 Wenn mein Gedächtniß mich betrög'. Ich habe— Der braven Herr'n ſo viel gehabt, und dieſem Hab' ich nur gar zu kurze Zeit gedient. Er blieb bald drauf bei Askalon, und war Wohl ſonſt ein lieber Herr. Nathan. Ja wohl! ja wohl! Dem ich ſo viel, ſo viel zu danken habe! Der mehr als ein Mal mich dem Schwert entriſſen! Kloſtb. O ſchön! ſo werd't Ihr ſeines Töchterchens Euch um ſo lieber angenommen haben. Nath. Das könnt Ihr denken. Kloſterb. Nun, wo iſt es denn? Es iſt doch wohl nicht etwa gar geſtorben?— Laßts lieber nicht geſtorben ſein!— Wenn ſonſt Nur Niemand um die Sache weiß, ſo hat Es gute Wege Nath. Hat es? Kloſterb. Traut mir, Nathan! Denn ſeht, ich denke ſo: Wenn an das Gute, Das ich zu thun vermeine, gar zu nah Was gar zu Schlimmes grenzt: ſo thu' ich lieber Das Gute nicht; weil wir das Schlimme zwar So ziemlich zuverläſſig kennen, aber Bei weitem nicht das Gute. War ja wohl Natürlich; wenn das Chriſtentöchterchen Recht gut von Euch erzogen werden ſollte: Daß Ihr's als Euer eigen Töchterchen Erzögt. Das hättet Ihr mit aller Lieb' Und Treue nun gethan, und müßtet ſo Belohnet werden. Das will mir nicht ein! Ei freilich, klüger hättet Ihr gethan, Wenn Ihr die Chriſtin durch die zweite Hand Als Chriſtin auferziehen laſſen; aber So hättet ihr das Kindchen Eures Freunds Auch nicht geliebt. Und Kinder brauchen Liebe, Wär's eines wilden Thieres Lieb' auch nur, In ſolchen Jahren mehr, als Chriſtenthum. Zum Chriſtenthume hat's noch immer Zeit. Wenn mur das Mädchen ſonſt geſund und fromm Vor Euren Augen aufgewachſen iſt, So bleibt's vor Gottes Augen, was es war. Und iſt denn nicht das ganze Chriſtenthum Auf's Judenthum gebaut? Es hat mich oft Geärgert, hat mir Thränen g'nug gekoſtet, Wenn Chriſten gar ſo ſehr vergeſſen konnten, Daß unſer Herr ja ſelbſt ein Jude war. Nath. Ihr, guter Bruder, müßt mein Fürſprach ſein, Wenn Haß und Gleißnerei ſich gegen mich Erheben ſollten— wegen einer That— Ah, wegen einer That! Nur Ihr, Ihr ſollt Sie wiſſen! Nehmt ſie aber mit in's Grab! Noch hat mich nie die Eitelkeit verſucht, Sie jemand Anderm zu erzählen. Euch Allein erzähl' ich ſie. Der frommen Einfalt Allein erzähl' ich ſie; weil die allein Vergt en ſich der gottergebne Menſch Für Thaten abgewinnen kann. 3 Kloſterb. Ihr ſeid 1 Gerührt, und Euer Auge ſteht voll Waſſer. Natb. Ihr traft mich mit dem Kinde zu Darun. 4 — 135— Ihr wißt wohl aber nicht, daß, wenig Tage Zuvor, in Gath die Chriſten alle Juden Mit Weib und Kind ermordet hatten; wißt Wohl nicht, daß unter dieſen meine Frau Mit ſiehen hoffnungsvollen Söhnen ſich Befunden, die in meines Bruders Hauſe, Zu dem ich ſie geflüchtet, insgeſammt Verbrennen müſſen. Kloſterb. Allgerechter! Nath. 3 Ihr kamt, hatt' ich drei Tag' und Nächt' in Aſch' Und Staub vor Gott gelegen und geweint. Geweint? Beiher mit Gott auch wohl gerechtet, Gezürnt, getobt, mich und die Welt verwünſcht, Der Chriſtenheit den unverſöhnlichſten Haß zugeſchworen. Kloſterb. Ach! Ich glaub's Euch wohl! Naty. Doch nun kam die Vernunft allmählich wieder. Sie ſprach mit ſanfter Stimm':„Und doch iſt Gott! Doch war auch Gottes Rathſchluß das! Wohlan! Komm! übe, was du längſt begriffen haſt; Was ſicherlich zu üben ſchwerer nicht, Als zu begreifen iſt, wenn du nur willſt. Steh' auf!“— Ich ſtand; und rief zu Gott: ich will, Willſt Du nur, daß ich will! Indem tiegt Ihr Vom Pferd', und überreichtet mir da 3 Kind In Euren Mantel eingehüllt. Was Ihr Mir damals ſagtet, was ich Euch: hab' i Vergeſſen. So viel weiß ich nur: ich nahm Das Kind, trug's auf mein Lager, kußt' es, warf — 136— Mich auf die Knie, und ſchluchzte: Gott! auf ſieben Doch nun ſchon Eines wieder! Kloſterb. Nathan! Nathan! Ihr ſeid ein Chriſt! Bei Gott! Ihr ſeid ein Chriſt! Ein beßrer Chriſt war nie! Nath. Wohl uns! Denn, was Mich Euch zum Chriſten macht, das macht Euch mir Zum Juden! Aber laßt uns länger nicht Einander nur erweichen. Hier braucht's That! Und ob mich ſiebenfache Liebe ſchon Bald an dieß einz'ge fremde Mädchen band; Ob der Gedanke mich ſchon tödtet, daß Ich meine ſieben Söhn' in ihr auf's Neue Verlieren ſoll:— wenn ſie von meinen Händen Die Vorſicht wieder fordert, ich gehorche! Kloſterb. Nun vollends! Eben das bedacht' ich mich So viel, Euch anzurathen! Und ſo hat's Euch Euer guter Geiſt ſchon angerathen! Nath. Nur muß der erſte Beſte mir ſie nicht Entreißen wollen! Kloſter. Nein, gewiß nicht! Nath. 4 Wer Auf ſie nicht größere Rechte hat, als ich, Muß frühere zum mind'ſten haben. oſterb. Freilich! Nath. Die ihm Natur und Blut ertheilen. Kloſterb. So Mein' ich es auch! Nath. Drum nennt mir nur geſchwind Den Mann, der ihr als Bruder oder Ohm, Als Vetter oder ſonſt gls Sipp verwandt: — 137— Ihm will ich ſie nicht vorenthalten— ſie, Die jedes Hauſes, jedes Glaubens Zierde Zu ſein erſchaffen und erzogen ward. Ich hoff', Ihr wißt von dieſem Euern Herrn, Und dem Geſchlechte deſſen mehr, als ich. Kloſterb. Das, guter Nathan, wohl nun ſchwer⸗ lich! Denn Ihr habt ja ſchon gehört, daß ich nur gar Zu kurze Zeit bei ihm geweſen. Nath. Wißt Ihr denn nicht wenigſtens, was für Geſchlechts Die Mutter war? War ſie nicht eine Stauffin? Kloſterb. Wohl möglich! Ja, mich dünkt. Nath. Hießt nicht ihr Bruder Conrad von Stauffen?— und war Tempelherr? Kloſter. Wenn mich's nicht triegt. Doch halt! Da fällt mir ein, Daß ich vom ſel'gen Herrn ein Büchelchen Noch hab'. Ich zog's ihm aus dem Buſen, als Wir ihn bei Askalon verſcharrten. Nath. Nun? Kloſterb. Es ſind Gebethe drin. Wir nen⸗ nens ein Brevier. Das, dacht' ich, kann ein Chriſtenmenſch Ja wohl noch brauchen. Ich nun freilich nicht. Ich kann nicht leſen. Nath. Thut nichts! Nur zur Sache. Kloſterb. In dieſem Büchelchen ſtehn vorn und hinten Wie ich mir ſagen laſſen, mit des Herrn — 138— Selbſteigner Hand, die Angehörigen Von ihm und ihr geſchrieben. O erwünſcht! Nath. Geht! lauft! holt mir das Büchelchen. Geſchwind! Ich bin bereit mit Gold es aufzuwägen; Und tauſend Dank dazul! Eilt! lauftl Kloſterb. Recht gern! Es iſt Arabiſch aber, was der Herr Hineingeſchrieben.(Ab.) Nath. Einerlei! Nur her! Gott! wenn ich doch das Mädchen noch behalten, Und einen ſolchen Eidam mir damit Erkaufen könnte!— Schwerlich wohl!— Nun, fall' Es aus, wie's will;— Wer mag es aber denn Geweſen ſein, der bei dem Patriarchen So etwas angebracht? Das muß ich doch Zu fragen nicht vergeſſen.— Wenn es gar Von Daja käme! Achter Auftritt. Daja. Nathan. Daja(eilig und verlegen). Denkt, doch, Nathan! Nathan.. Nun? Daja. Das arme Kind erſchrack wohl recht darüber! Da ſchickt... Nath. Der Patriarch? Daja. Des Sultans Schweſter, Prinzeſfin Sittah... Nath. Nicht der Patriarch? — 139— Daja. Nein, Sittah! Hört Ihr nicht? Prinzeſſin Schickt h d läßt ſi ſch do⸗ S er, und läßt ſie zu ſich holen. Nath. Wen? ath. Läßt Recha holen?— Sittah läßt ſie holen?— Nun: wenn ſie Sittah holen läßt, und nicht Der Patriarch... Daja. Wie kommt Ihr denn auf den? Na th. So haſt Du kürzlich nichts von ihm gehört? Gewiß nicht? Auch ihm nichts geſteckt? Daja. Ich? Ihm? Nath. Wo ſind die Bothen? Daja. Vorn. Nath. Ich will ſie doch Aus Vorſicht ſelber ſprechen. Komm!— Wenn nur Vom Patriarchen nichts dahinter iſt,(ub.) Daja. Und ich, ich fürchte ganz was Anders noch. Was gilt's? die einzige vermeinte Tochter So eines reichen Juden wär' auch wohl Für einen Muſelmann nicht übel.— Hui, Der Tempelherr iſt drum: iſt drum, wenn ich Den zweiten Schritt nicht auch noch wage: nicht Auch ihr noch ſelbſt entdecke, wer ſie iſt!— Getroſt! Laß mich den erſten Augenblick, Den ich allein ſie habe, dazu brauchen! Und der wird ſein:— vielleicht nun eben, wenn Ich ſie begleite. So ein erſter Wink Kann unter Weges wenigſtens nicht ſchaden. Ja, ja! Nur zu Jetzt oder nie! Nur zu!(Ihm nach.) —— —-— 140— Fünfter Aufzug. (Scene das Zimmer in Saladins Pallaſt, in welches die Beutel mit Geld getragen werden, die noch zu ſehen ſind.) Saladin, und bald darauf verſchiedene Mameluken. Sal.(im Hereintreten). Da ſteht das Geld nun noch! Und Niemand weiß Den Derwiſch aufzufinden, der vermuthlich An's Schachbrett irgendwo gerathen iſt, Das ihn wohl ſeiner ſelbſt vergeſſen macht;— Warum nicht meiner? Nun, Geduld! Was gibt's? Ein Mamel. Erwünſchte Nachricht, Sultan! Freude, Sultan!... Die Karavane von Kahira kömmt, Iſt glücklich da, mit ſiebenjährigem 4 Tribut des reichen Nils. Sal. Brav, Abrahim! Du biſt mir wahrlich ein willkommener Bote! Hal endlich ein Mal! endlich!— Habe Dank Der guten Zeitung. 3 3 Mameluk(wartend).(Nun? nur her damit!) Sal. Was wart'ſt Du?— Geh nur wieder. Mameluk. Dem Willkommen Sonſt nichts? 6 Sal. Was denn noch ſonſt? Mamel. Dem guten Boten Kein Botenbrod? So wär' ich ja der Erſte, Den Saladin mit Worten abzulohnen, — 141— Doch endlich lernte! Auch ein Ruhm!— der Erſte, Mit dem er knickerte. Sal. So nimm Dir nur Dort einen Beutel. Mamel. Nein, nun nicht! Du kannſt Mir ſie nun Alle ſchenken wollen. Sal. Trotz!— Komm' her! Da haſt Du zwei. Im Ernſt? er geht? Thut mir's an Edelmuth zuvor?— Denn ſicher Muß ihm es ſaurer werden, auszuſchlagen. Als mir zu geben.— Abrahim!— Was kömmt, Mir denn auch ein, ſo kurz vor meinem Abtritt Auf ein Mal ganz ein Andrer ſein zu wollen? Will Saladin als Saladin nicht ſterben? So mußt' er auch als Saladin nicht leben. Ein zweiter Mamel. Nun, Sultan!... Sal. Wenn Du mir zu melden kömmſt... Zweiter Mamel. Daß aus Aegypten der Trans⸗ port nun da.. Sal. Ich weiß ſchon. Zweiter Mamel. Kam ich doch zu ſpät! Sal. Waru Zu ſpät?— Da nimm für Deinen guten Willen Der Beutel einen oder zwei. Zweiter Mamel. Macht drei! Sal. Ja, wenn Du rechnen kannſt! So nimm ie nur. Zweiter Mamel. Er wird wohl noch ein Dritter kommen— wenn „ Er anders kommen kann. Sal. Wie das? — 142— Zweiter Mamel. Je nun! Er hat auch wohl den Hals gebrochen. Denn, Sobald wir Drei der Ankunft des Transports Verſichert waren, ſprengte Jeder friſch Davon. Der Borderſte, der ſtürzt, und ſo Komne ich nun vor, und bleib' auch vor, bis in Die Stadt, wo aber Ibrahim, der Lecker, Die Gaſſen beſſer kennt. Sal O der Geſtürzte! al. Freund, der Geſtürzte!— Reit' ihm doch entgegen. Zweiter Mamel. Das werd' ich ja wohl thun! 3 Und wenn er lebt, So iſt die Hälfte dieſr Beutel ſein.(Geht ab.) Sal. Sieh, welch ein guter edler Kerl auch das! Wer kann ſich ſolcher Mameluken rühmen? Und wär' mir denn zu denken nicht erlaubt, Daß ſie mein Beiſpiel bilden helfen? Fort Mit dem Gedanken; ſie zu guter Letzt Noch an ein anders zu gewöhnen;.. Ein dritter Mamel. Sultan!... Sal. Biſt Du's, der ſtürzte? Dritter Mameluk. Nein. Ich melde nur, Daß Emir Manſor, der die Karavane Geführt, vom Pferde ſteigt... al. Bring' ihn! Geſchwind!— Da iſt er jal— Zweiter Auftritt Emir Manſor. Saladin. Sa ladin. Willkommen, Emir! Nun, — 143— Wie iſt's gegangen?— Manſor, Manſor, haſt Uns lange warten laſſen! Manſor. Dieſer Brief Berichtet, was Dein Abulkaſſem erſt Für Ünruh' in Thebais dämpfen müſſen, Eh' wir es wagen durften abzugehen. Den Zug darauf hab' ich beſchleuniget So viel, wie möglich war. Sal. Ich glaube Dir! Und nimm nur, guter Manſor, nimm ſo gleich,... Du thuſt es aber doch auch gern?... nimm friſch Bedeckung nur ſogleich. Du wußt ſogleich 1 Noch weiter, mußt der Gelder größern Theil Auf Libanon zum Vater bringen. Manſ. Gern! Sehr gern! Sal. Und nimm Dir die Bedeckung ja Nur nicht zu ſchwach! Es iſt um Libanon Nicht Alles mehr ſo ſicher. Haſt Du nicht Gehört? Die Tempelherrn ſind wieder rege. Sei wohl auf Deiner Hut!— Komm nur! Wo hält Der Zug? Ich will ihn ſehn, und Alles ſelbſt Betreiben. Ihr! ich bin ſodann bei Sittah. Dritter Auftritt. Scene: die Palmen vor Nathans Hauſe, wo der Tem⸗ pelherr auf und nieder geht. In's Haus nun will ich ein Mal nicht.— Er wird Sich endlich doch wohl ſehen laſſen!— Man Bemerkte mich ja ſonſt ſo bald, ſo gern!— * — 144— Will's noch erleben, daß er ſich's verbittet, Vor ſeinem Hauſe mich ſo fleißig finden Zu laſſen.— Hm!— ich bin doch aber auch Sehr ärgerlich.— Was hat mich denn nun ſo Erbittert gegen ihn?— Er ſagte ja: Noch ſchlug' er mir nichts ab. Und Saladin Hat's über ſich genommen, ihn zu ſtimmen.— Wie? ſollte wirklich wohl in mir der Chriſt Noch tiefer niſten, als in ihm der Jude?— Wer kennt ſich recht? Wie könnt' ich ihm denn ſonſt Den kleinen Raub nicht gönnen wollen, den Er ſich's zu ſolcher Angelegenheit Gemacht, dem Chriſten abzujagen?— Freilich Kein kleiner Raub, ein ſolch Geſchöpf!— Geſchöpf? Und weſſen?— Doch des Sclaven nicht, der auf Des Lebens öden Strand den Block geflößt, Und ſich davon gemacht? Des Künſtlers doch Wohl mehr, der in dem hingeworfnem Blocke Die göttliche Geſtalt ſich dachte, die Er dargeſtellt?— Ach! Recha's wahrer Vater Bleibt, trotz dem Chriſten, der ſie zeugte,— bleibt In Ewigkeit der Jude.— Wenn ich mir Sie lediglich als Chriſtendirne denke, Sie ſonder Alles das mir denke, was Allein ihr ſo ein Jude geben konnte:— Sprich, Herz,— was wär an ihr, das dir geſiel? Nichts! Wenig! Selbſt ihr Lächeln,— wär' es nichts Als ſanfte ſchöne Zuckung ihrer Muskeln, Wär', was ſie lächeln macht, des Reizes unwerth, In den es ſich auf ihrem Munde kleidet:— Nein; ſelbſt ihr Lächeln nicht! Ich hab' es ja — 145— Wohl ſchöner noch an Aberwitz, an Tand, An Höhnerei, an Schmeichler und an Buhler Verſchwenden ſehn! Hat's da mich auch bezaubert? Hat's da mir auch den Wunſch entlockt, mein Leben In ſeinem Sonnenſcheine zu verflattern?— Ich wüßte nicht. Und bin auf den doch launiſch, Der dieſen höhern Werth allein ihr gab! Wie das? warum?— Wenn ich den Spott verdiente, Mit dem mich Saladin entließ! Schon ſchlimm Genug, daß Saladin es glauben konnte! Wie klein ich ihm da ſcheinen mußte! wie Verächtlich!— Und das Alles um ein Mädchen?— Curd Curd! das geht ſo nicht. Lenk' ein! Wenn vollends Mir Daja nur was vorgeplaudert hätte, Was ſchwerlich zu erweiſen ſtände?— Sieh, Da tritt er endlich, in Geſpräch vertieft, Aus ſeinem Hauſe!— Hal mit wem?— Mit ihm? Mit meinem Kloſterbruder?— Hal ſo weiß Er ſicherlich ſchon Alles! iſt wohl gar Dem Patriarchen ſchon verrathen!— Ha! Was hab' ich Querkopf nun geſtiftet?— Daß Ein einz'ger Funke dieſer Leidenſchaft Doch unſers Hirns ſo viel verbrennen kann!— Geſchwind entſchließ dich, was nunmehr zu thun! Ich will hier ſeitwärts ihrer warten;— ob Vielleicht der Kloſterbruder ihn verläßt. Vierter Auftritt. Nathan. Der Kloſterbruder. Nath.(im Näherkommen.) Habt nochmals, guter Bruder, vielen Dank! Kloſterb. Und Ihr desgleichen! Nath. Ich? Von Euch? wofür? Für meinen Eigenſinn, Euch aufzudringen, Was Ihr nicht braucht?— Ja, wenn ihm Eurer nur Auch nachgegeben hätt', Ihr mit Gewalt Nicht wolltet reicher ſein, als ich. Kloſterb. Das Buch Gehört ja ohnedieß nicht mir; gehört Ja ohnedieß der Tochter; iſt ja ſo Der Tochter ganzes väterliches Erbe.— Je nun, ſie hat ja Euch.— Gott gebe nur, Daß Ihr es nie bereuen dürft, ſo viel Für ſie gethan zu haben! Nath. Kann ich das? Das kann ich nie. Seid unbeſorgt! KKüoſterb. Nun, nun! Die Patriarchen und die Tempelherren... Nath. Vermögen mir des Böſen nie ſo viel Zu thun, daß irgend was mich reuen könnte; Geſchweige das!— und ſeid Ihr denn ſo ganz Verſichert, daß ein Tempelherr es iſt, 1 3 Der Euren Patriarchen hetzt? Kloſterb. Es kann Beinah kein Andrer ſein. Ein Tempelherr 3 Sprach kurz vorher mit ihm, und was ich hörte, Das klang darnach. — 147— Nath. Es iſt doch aber nur Ein Einziger jetzt in Jeruſalem, Und dieſen kennt ich, dieſer iſt mein Freund: Ein junger, edler, offner Mann! Kloſterb.. Ganz recht; Der Nämliche!— Doch was man iſt, und was Man ſein muß in der Welt, das paſſt ja wohl Nicht immer. Nath. Leider nicht.— So thue, wer's Auch immer iſt, ſein Schlimmſtes pder Beſtes! Mit Eurem Buche, Bruder, trotz ich Allem, Und gehe grades Weg's damit zum Sultan. Kloſterb. Viel Glücks Ich will Euch denn nur hier verlaſſen. Nath. Und habt ſie nicht ein Malgeſehn! Kommt ja Doch bald, doch fleißig wieder.— Wenn nur heut Der Patriarch noch nichts erfährt!— Doch-was? Sagt ihm noch heute, was Ihr wollt. Kloſterb. Ich nicht. Lebt wohl.(Geht ab.) Nath. Vergeßt uns ja nicht, Bruder!— Gott! Daß ich nicht gleich hier unter freiem Himmel Auf meine Knie ſinken kann!— Wie ſich Der Knoten, der ſo oft mir bange machte, Nun von ſich ſelber löſet!— Gott! wie leicht Mir wird, daß ich nun weiter auf der Welt Nichts zu verbergen habe! daß ich vor Den Menſchen nun ſo frei kann wandeln, als Vor dir, der du allein den Menſchen nicht Nach ſeinen Thaten brauchſt zu richten, die So ſelten ſeine Thaten ſind, o Gott! . 10* — ——— — —y ÿöÿööö —— — 148— 1 Fünfter Auftritt. Nathan und der Tempelherr, der von der Seite auf ihn zukömmt. Tempelh. Hel wartet, Nathan! nehmt mich mit! Nath. Wer ruft?— Seid Ihr es, Ritter? Wo geweſen, daß Ihr bei dem Sultan Euch nicht treffen laſſen? Tempelh. Wir ſind einander fehl gegangen. Nehmt's Nicht übel! 6 3 Nath. Ich nicht; aber Saladin... Tempelh. Ihr war't nur eben fort.. Nath. Und ſpracht ihn doch? Nun ſo iſt's gut.’ Tempelh. Er will uns aber Beide Zuſammen ſprechen. Nath. Deſto beſſer. Kommt Nur mit. Mein Gang ſtand ohnehin zu ihm. Tempelh. Ich darf ja doch wohl fragen, Nathan, wer Euch da verließ? Nath. Ihr kennt ihn doch wohl nicht? Tempelh. War's nicht die gute Haut, der Laienbruder, Deß ſich der Patriarch ſo gern zum Stöber Bedient?. Nath. Kann ſein! Bei'm Patriarchen iſt Er allerdings. Tempelh. Der Pfiff iſt gar nicht übel: 8 Die Einfalt vor der Schurkerei voraus Zu ſchicken. — 149— Nath. Ja, die dumme; nicht die fromme. Tempelh. An fromme glaubt fein Patriarch. ath. 6 Für den Nun ſteh' ich. Der wird ſeinem Patriarchen Nichts Ungebührliches vollziehen helfen... Tempelh. So ſtellt er wenigſtens ſich an— Doch hat Er Euch von mir denn nichts geſagt? Nath, Von Euch? Von Euch nun namentlich wohl nichts.— Er weiß Ja wohl auch ſchwerlich Euren Namen? Tempelh. Schwerlich. Nath. Von einem Tempelherrn freilich hat Er mir geſagt... Tempelh. Und was? Nath. Womit er Euch Doch ein für alle Mal nicht meinen kann! Tempelh. Wer weiß? Laßt doch nur hören. Nath. Daß mich Einer Bei ſeinem Patriarchen angeklagt... Tempelh. Euch angeklagt?— Das iſt, mit ſeiner Gunſt, Erlogen.— Hört mich, Nathan!— Ich bin nicht Der Menſch, der irgend Etwas abzuläugnen Im Stande wäre. Was ich that, das that ich! Doch bin ich auch nicht der, der Alles, was Er that, als wohlgethan vertheid'gen möchte. Was ſollt' ich eines Fehls mich ſchämen? Hab Ich nicht den feſten Vorſatz, ihn zu beſſern? Und weiß ich etwa nicht, wie weit mit dem Es Menſchen bringen können?— Hört mich Nathan! — 150— Ich bin des Laienbruders Tempelherr, Der Euch verklagt ſoll haben, allerdings. Ihr wißt ja, was mich wurmiſch machte! was Mein Blut in allen Adern ſieden machte! Ich Gauch!— ich kam, ſo ganz mit Leib und Seel'’ Euch in die Arme mich zu werfen. Wie Ihr mich empfingt, wie kalt, wie lau,— denn lau Iſt ſchlimmer noch als kalt, wie abgemeſſen Niir auszubeugen Ihr beſliſſen war't; Mit welchen aus der Luft gegriffnen Fragen Ihr Antwort mir zu geben ſcheinen wollet: Das darf ich kaum mir jetzt noch denken, wenn Ich ſoll gelaſſen bleiben.— Hört mich, Nathan! In dieſer Gährung ſchlich mir Daja nach, Und warf mir ihr Geheimniß an den Kopf, Das mir den Aufſchluß Eures räthſelhaften Betragens zu enthalten ſchien. N Wie das? ath. Tempelh. Hört mich nur aus Ich bildete mir ein: Ihr wollet, was Ihr ein Mal nun den Chriſten So abgejagt, an einen Chriſten wieder Nicht gern verlieren. Und ſo fiel mir ein, Euch kurz und gut das Meſſer an die Kehle Zu ſetzen. Nath. Kurz und gut? und gut? Wo ſteckt Das Gute? Tempelh. Hört mich, Nathan!— Allerdings; Ich that nicht recht! Ihr ſeid wohl gar nicht ſchuldig. Die Närrin Daja weiß nicht, was ſie ſpricht; 4 Iſt Euch gehäſſig, ſucht Euch nur damſt In einen böſen Handel zu verwickeln. — Kann ſein! kann ſein!— Ich bin ein junger Laffe, Der immer nur an beiden Enden ſchwärmt! Bald viel zu viel, bald viel zu wenig thut;— Auch das kann ſein! Verzeiht mir, Nathan. Nath. Ihr ſo mich freilich faſſet.— Tempelh. Kurz, ich ging Zum Patriarchen; hab' Euch aber nicht 6 Genannt. Das iſt erlogen, wie geſagt! Ich hab' ihm bloß den Fall ganz allgemein Erzählt, um ſeine Meinung zu vernehmen.— Auch das hätt' unterbleiben können: ja doch!— Denn kannt' ich nicht den Patriarchen ſchon Als einen Schurken? Konnk' ich Euch nicht ſelber Wenn Nur gleich zur Rede ſtellen?— Mußt' ich der Gefahr, ſo einen Vater zu verlieren, Das arme Mädchen opfern?— Nun, was thuts! Die Schurkerei des Patriarchen, die So ähnlich immer ſich erhält, hat mich Des nächſten Weges wieder zu mir ſelbſt Gebracht.— Denn hört mich, Nathan, hört mich aus! Geſetzt; er wüßt' auch Euren Namen: was b Nun mehr, was mehr?— Er kann Euch ja das Mädchen Nur nehmen, wenn ſie Niemands iſt, als Euer; Er kann ſie doch aus Euxem Hauſe nur In's Kloſter ſchleppen.— Alſo— gebt ſie mir! Gebt ſie nur mir, und laßt ihn kommen. Ha! Er ſolls wohl bleiben laſſen, mir mein Weib 3 Zu nehmen.— Gebt ſie mir, geſchwind!— Sie ſei Nun Eure Tochter, oder ſei es nicht! Sei Chriſtin, oder Jüdin, oder keines! — 152— Gleich viel! gleich viel! Ich werd' euch weder jetzt Noch jemals ſonſt in meinem ganzen Leben Darum befragen. Sei, wie's ſei! Nathan. Ihr wähnt Wohl gar, daß mir die Wahrheit zu verbergen Sehr nöthig. Tempelherr. Sei, wie's ſei! Nathan. Ich hab' es ja Euch,— oder wem es ſonſt zu wiſſen ziemt,— Noch nicht geläugnet, daß ſie eine Chriſtin, Und nichts als meine Pflegetochter iſt.— Warum ich's aber ihr noch nicht entdeckt? Darüber brauch' ich nur bei ihr mich zu Entſchuldigen. 3 Tempelb. Das ſollt Ihr auch bei ihr 3 Nicht brauchen.— Gönnt's ihr doch, daß ſie Euch nie Mit andern Augen darf betrachten! Spart Ihr die Entdeckung doch!— Noch habt Ihr ja, Ihr ganz allein, mit ihr zu ſchalten. Gebt Sie mir! Ich bitt' Euch, Nathan: gebt ſie mir! Ich bin's allein, der ſie zum zweiten Male Euch retten kann,— und will. Nathan. Ja,— konnte! konnte! Nun auch nicht mehr. Es iſt damit zu ſpät. Tempelh. 1 Wie ſo? Zu ſpät? Nath. Dank ſei dem Patriarchen... Temp. Dem Patriarchen? Dank? ihm Dank? wofür? Dank hätte der bei uns verdienen wollen? Wofür? wofür? Nathan. Daß wir nun wiſſen, wem — 153— Sie anverwandt; nun wiſſen, weſſen Händen Sie ſicher ausgeliefert werden kann. Temp. Das dank ihm, wer für mehr ihm danken wird! Nath. Aus dieſen müßt Ihr auch ſie nun er⸗ halten; Und nicht aus meinen. Tempelh Arme Recha! Was Dir Alles zuſtößt, arme Recha! Was Ein Glück für andre Waiſen wäre, wird Dein Unglück! Nathan! Und wo ſind ſie, dieſe Verwandte? Nath. Wo ſie ſind? Tempel. Und wer ſie ſind? Nath. Beſonders hat ein Bruder ſich gefunden, Bei dem Ihr um ſie werben müßt. Tempelb. 3 Ein Bruder! Was iſt er, dieſer Bruder? Ein Soldat?. Ein Geiſtlicher? Laßt hören, was ich mir Verſprechen darf. Nath. Ich glaube, daß er keines Von beiden,— oder beides iſt. Ich kenn' Ihn noch nicht recht. Tempelh. Und ſonſt? Nath. Ein braver Mannz Bei dem ſich Recha gar nicht übel wird Befinden. Tempelh. Doch ein Chriſt! Ich weiß zu Zeiten Auch gar nicht, was ich von Euch denken ſoll Nehmt mir's nicht ungut, Nathan! Wird ſie nicht Die Chriſtin ſpielen müſſen, unter Chriſten? Und wird ſie, was ſie lange g'nug geſpielt, Nicht endlich werden? Wird den lautern Weitzen, Den Ihr geſä't, das Unkraut endlich nicht Erſticken? Und das kümmert Euch ſo wenig? Dem ungeachtet könnt Ihr ſagen— Ihr?— Daß ſie bei ihrem Bruder ſich nicht übel Befinden werde. Nath. Denk ich! hoff' ich!— Wenn Ihr ja bei ihm was mangeln ſollte, hat Sie Euch und mich denn nicht noch immer? Tempelh. Oh! Was wird bei ihm ihr was mangeln können! Wird Das Brüderchen mit Eſſen und mit Kleidung, Mit Naſchwerk und mit Putz, das Schweſterchen Nicht reichlich g'nug verſorgen? Und was braucht Ein Schweſterchen denn mehr? Ei freilich: auch Noch einen Mann! Nun, nun! auch den, auch den Wird ihr das Brüderchen zu ſeiner Zeit Schon ſchaffen, wie er immer nur zu finden! Der chriſtlichſte, der beſte!— Nathan, Nathan! Welch einen Engel hattet Ihr gebildet, Den Euch nun Andre ſo verhunzen werden! Nath. Hat keine Noth! Er wird ſich unſrer Liebe Noch immer werth genug behaupten. Tempelh. 7 Sagt Das nicht! Von meiner ſagt das nicht! Denn die läßt nichts ſich unterſchlagen; nichts, Es ſei auch noch ſo klein! Auch keinen Namen! Doch halt Argwohnt ſie wohl bereits, was mit Ihr vorgeht?. Nath. Möglich; ob ich ſchon nicht wüßte, Woher. — — 155— Tempelh. Auch eben viel. Sie ſoll, ſie muß In beiden Fällen, was ihr Schickſal droht, Von mir zuerſt erſahren. Mein Gedanke, 1 Sie eher wieder nicht zu ſehn, zu ſprechen, Als bis ich ſie die Meine nennen dürfe, Fällt weg. Ich eile... Nath. Bleibt! wohin? Tempelh. u ihr! Zu ſehn, ob dieſe Mädchenſeele Mann's genug Wohl iſt, den einzigen Entſchluß zu faſſen, Der ihrer würdig wäre! Nath. Welchen? Tempelh. Den: Nach Euch und ihrem Bruder weiter nicht Zu fragen. Nath. Und? eupelh Und mir zu folgen;— wenn Sie drüber eines Muſelmannes Frau Auch werden müßte. Nath. Bleibt! Ihr trefft ſie nicht. Sie iſt bei Sittah, bei des Sultans Schweſter. Tempelh. Seit wann? warum? Nath. Und wollt Ihr da bei ihnen Zugleich den Bruder ſinden: kommt nur mit. Tempelh. Den Bruder? welchen? Sittah's oder Recha's? Nath. Leicht beide. Kommt nur mit! Ich bitt' Euch, kommt! (Er führt ihn fort.) — 156— Sechster Auſtritt. Scene: in Sittah's Harem. 3 Sittah und Recha in Unterhaltung begriffen. Sitah. Was freu' ich mich nicht Deiner ſüßes Mädchen! Sei ſo beklemmt nur nicht! ſo angſt! ſo ſchüchtern! Sei munter! ſei geſprächiger! vertrauter! Necha. Prinzeſſin!... 4 Sit. Nicht doch! nicht Prinzeſſin! Nenw, Mich Sittah,— Deine Freundin;— Deine Schweſter Nenn' mich, Dein Mütterchen! Ich könnte das Ja ſchier auch ſein. So jung! ſo klug! ſo fromm! Was Du nicht Alles weißt, nicht Alles mußt Geleſen haben! 4 Recha. Ich geleſen?— Sittah, Du ſpotteſt Deiner kleinen albern Schweſter. Ich kann kaum leſen. Sit. Kannſt kaum, Lügnerin! Recha. Ein wenig meines Vaters Hand.— Ich meinte, Du ſprächſt von Büchern. Sit. Allerdings! von Büchern. Recha. Nun, Bücher wird mir wahrlich ſchwer * zu leſen. Sit. In Ernſt? Recha. In ganzem Ernſt. Mein Vater liebt Die kalte Buchgelehrſamkeit, die ſich Mit todten Zeichen in's Gehirn nur drückt, u wenig. Sit. Ei, was ſagſt Du!— Hat indeß 8 32 — 157— Wohl nicht ſehr Unrecht!— Und ſo manches, was Du weißt?... Recha. Weiß ich allein aus ſeinem Munde: Und könnte bei dem Meiſten Dir noch ſagen, Wie? wo? warum? er mich's gelehrt. Sit. So fängt Sich freilich Alles beſſer an. So lernt Mit Eins die ganze Seele. Recha. Sicher hat Auch Sittah wenig oder nichts geleſen. Sit. Wie ſo? Ich bin nicht ſtolz auf's Gegentheil. Allein wie ſo? Dein Grund! Sprich dreiſt. Dein Grund? Rech. Sie iſt ſo ſchlecht und recht; ſo unverkünſtelt; So ganz ſich ſelbſt nur ähnlich... Sit. Nun? Recha. Das ſollen Die Bücher uns nur ſelten laſſen; ſagt 5 Mein Vater. Sit. O was iſt Dein Vater für Ein Mann! Nacht. Nicht wahr? it it. Zum Ziele trifft! Recha. Nicht wahr?— und dieſen Vater Wie nah er immer doch Sit. Was iſt Dir, Liebe? Recha. Dieſen Vater— Sit. Gott! Du weinſt? Recha. Und dieſen Vater— Ah! es muß Heraus! Mein Herz will Luft, will Luft!... (Wirft ſich, von Thränen überwältigt, zu ihren Füßen.) — 158—— Sit Kind, was Geſchieht Dir? Recha!... Recha. Dieſen Vater ſoll— Soll ich verlieren! Sit. Du? verlieren?— ihn? Wie das? Sei ruhig! Nimmermehr! Steh auf! Recha. Du ſollſt vergebens Dich zu meiner Freundin, Zu meiner Schweſter nicht erbothen haben! Sit. Ich bin's ja! bin's! Steh doch nur auf 1 Ich mu Sonſt Hülfe rufen. 3 Recha(die ſich ermannt und aufſteht). Ah verzeih! vergib! Mein Schmerz hat mich vergeſſen machen, wer Du biſt. Vor Sittah gilt kein Winſeln, kein Verzweifeln. Kalte ruhige Vernunft Will Alles über ſie allein vermögen. Weß Sache dieſe bei ihr führt, der ſiegt. Sit. Nun denn? Recha. Nein, meine Freundin, meine Schweſtet Gibt das nicht zu, gibt nimmer zu, daß mir Ein andrer Vater aufgedrungen werde! Sit. Ein andrer Vater? aufgedrungen? Dir? Wer kann das? kann das auch nur wollen, Liebe? Recha. Wer? Meine gute böſe Daja kann Das Wollen,— will das können.— Ja; Du kennſt Wohl dieſe gute böſe Dajg nicht? Nun, Gott vergeb' es ihr!— belohn' es ihr! Sie hat mir ſo viel Gutes,— ſo viel Böſes Erwieſen!— — 1⁵9— Sit. Böſes Dir?— So muß ſie Gutes Doch wahrſcheinlich wenig hahen. Recha. Doch! recht viel Recht viel! Sit. Wer iſt ſie? Recha. Eine Chriſtin, die In meiner Kindheit mich gepflegt, mich ſo Gepflegt!— Du glaubſt nicht!— Die mir eine Mutter So wenig miſſen laſſen!— Gott vergelt' Es ihr!— Die aber mich auch ſo geängſtet! Mich ſo gequält! Sittah. Und über was? warum? Wie? Recha. Ach! die arme Frau, ich ſag' Dir's ja, Iſt eine Chriſtin, muß aus Liebe quälen;—. Iſt eine von den Schwärmerinnen, die Den allgemeinen, einzig wahren Weg Nach Gott zu wiſſen wähnen! Sittah. Nun verſteh' ich. Recha. Und ſich gedrungen fühlen, einen Jeden, Der dieſes Weg's verfehlt, darauf zu lenken.— Kaum können ſie auch anders; denn iſt's wahr, Daß dieſer Weg allein nur richtig führt: Wie ſollen ſie gelaſſen ihre Freunde Auf einem andern wandeln ſehen,— der in's Verderben ſtürzt, in's ewige Verderben? Es müßte möglich ſein, denſelben Menſchen Zur ſelben Zeit zu lieben und zu haſſen... Auch iſt's das nicht, was endlich laute Klagen Mich über ſie zu führen zwingt. Ihr Seufzen, Ihr Warnen, ihr Gebet, ihr Drohen hätt' — 160— Ich gern noch länger ausgehalten; gern, Es brachte mich doch immer auf Gedanken, Die gut und nützlich. Und wem ſchmeichelt's doch Im Grunde nicht, ſich gar ſo werth und theuer, Von wem's auch ſei, gehalten fühlen, daß Er den Gedanken nicht ertragen kann, Er müſſ' ein Mal auf ewig uns entbehren! Sittah. Sehr wahr! Rech a. Allein,— allein— das geht zu weit! Dem kann ich nichts entgegen ſetzen: nicht Geduld, nicht Ueberlegung; nichts! Sittah. Was? wem? Recha. Was ſie mir eben jetzt entdeckt will haben. Sittah. Entdeckt? und eben jetzt? Recha. Nur eben jetzt. Wir nahten, auf dem Weg' hieher, uns einem Verfallnen Chriſtentempel. Plötzlich ſtand Sie ſtill; ſchien mit ſich ſelbſt zu kämpfen; blickte Mit naſſen Augen bald gen Himmel, bald Auf mich. Komm, ſprach ſie endlich, laſſ' uns hier Durch dieſen Tempel in die Richte gehn! Sie geht; ich folg' ihr und mein Auge ſchweift Mit Graus die wankenden Ruinen durch. Nun ſteht ſie wieder; und ich ſehe mich An den verſunknen Stufen eines morſchen Altars mit ihr. Wie ward mir, als ſie da Mit heißen Thränen, mit gerungnen Händen, Zu meinen Füßen ſtürzte!... Sit. Gutes Kind! Recha. Und bei der Göttlichen, die da wohl ſonſt So manch Gebeth erhört, ſo manches Wunder 1 — 161— Verrichtet habe, mich beſchwor— mit Blicken Des wahren Mitleids mich beſchwor; mich meiner Doch zu erbarmen,— wenigſtens ihr zu Vergeben, wenn ſie mir entdecken müſſe, Was ihre Kirch' auf mich für Anſpruch habe. Sitt.(Unglückliche!— Es ahnte mir!) Recha Ich ſei Aus chriſtlichem Geblüte; ſei getauft; Sei Nathan's Tochter nicht; er nicht mein Vater! Gott! Gott! Er nicht mein Vater! Sittah! Sittahy! Sich mich auf's Neu' zu Deinen Füßen... Sitt. Rechal Nicht doch! ſteh' auf! Mein Bruder kömmt Steh auf! Siebenter Auftritt. Saladin. Die Vorigen. 5 Saladin. Was gibt's hier, Sittahe Sittah. Sie iſt von ſich! Gott! Sal. Wer iſt's? Sit. Du weißt ja.. Sal. Unſers Nathans Tochter? Was fehlt ihr? Sit. Komm' doch zu Dir, Kind!— Der Sultan 4. Recha(die ſich auf den Knien zu Saladin's Füßen ſchleppt, den Kopf zur Erde geſenkt,) Ich ſteh' nicht aufl nicht eher auf!— mag eher Des Sultans Antlitz nicht erblicken!— eher Den Abglanz ewiger Gerechtigkeit Und Güte nicht in ſeinen Augen, nicht Auf ſeiner Stirn beivundern.. 7 11 ½— 6? Sal. Steh'... ſteh' auf! Recha. Eh' er mir nicht verſpricht... Sal. Komm! ich verſpreche... Sei, was es will! Recha. Nicht mehr, nicht weniger, Als meinen Vater mir zu laſſen; und Mich ihm.— Noch weiß ich nicht, wer ſonſt mein Vater Zu ſein verlangt, verlangen kann. Wills auch Nicht wiſſen. Aber macht denn nur das Blut Den Vater? nur das Blut? Sal.(dex ſie aufhebt).(Ich merke wohl!—) Wer war ſo grauſam denn, Dir ſelbſt,— Dir ſelbſt Dergleichen in den Kopf zu ſetzen? Iſt Es denn ſchon völlig ausgemacht? erwieſen? Recha. Muß wohl! Denn Daja will von meiner Amm Es haben. Sal. Deiner Amme! Recha. Die es ſterbend Ihr zu vertrauen ſich verbunden fühlte. Sal. Gar ſterbend! Nicht auch faſelnd ſchon? Und wär's Auch wahr! Ja wohl: das Blut, das Blut allein Macht lange noch den Vater nicht! macht kaum Den Vater eines Thieres! gibt zum höchſten Das erſte Recht, ſich dieſen Namen zu Erwerben!— Laß Dir doch nicht bange ſein! Und weißt Du was? Sobald der Väter zwei Sich um Dich ſtreiten: laß ſie Beide; nimm Den dritten! nimm dann mich zu Deinem Vater! Sit. O thus! p thu's! — 163— Sal. Ich will ein guter Vater, Recht guter Vater ſein!— Doch halt! mir fällt Noch viel was Beſſers bei. Was brauchſt Du denn Der Väter überhaupt? Wenn ſie nun ſterben? Bei Zeiten ſich nach Einem umgeſehn, Der mit uns um die Wette leben will! Kennſt Du noch Keinen... Sit. Mach' ſie nicht erröthen. Sal. Das hab' ich allerdings mir vorgeſetzt. Erröthen macht die Häßlichen ſo ſchön; Und ſollte Schöue nicht noch ſchöner machen? Ich habe Deinen Vater Nathan, und Noch Einen,— Einen noch hierher beſtellt. Errähſt Du ihn!— Hierher! Du wirſt mir doch Erlauben, Sittah? Sit. Bruder!... Sal. Daß Du ja 8 Vor ihm recht ſehr errötheſt, liebes Mädchen! Recha. Vor wem? erröthen? 1 Sal. Kleine Heuchlerin Nun ſo erblaſſe lieber!— wie Du willſ, Und kannſt!— (Eine Sclavin tritt herein, und nahet ſich Sittah.) Sie ſind doch etwa nicht ſchon da? Sit.(zur Slcavin). Gut! laß ſie nur herein.— Sie ſind es Bruder? Letzter Auftritt. Nathan und der Tempelherr zu den Vorigen. Sal. Ah, meine guten lieben Dreunde— Dich, + — 164— Dich, Nathan, muß ich vor allen Dingen Bedeuten, daß Du nun, ſobald Du willſt, Dein Geld kannſt wieder holen laſſen!.. Nath. Sultan!... Sal. Nun ſtey' ich auch zu Deinen Dienſten... Nath. Sultan!... Sal. Die Karavan' iſt da. Ich bin ſo reich Nun wieder, als ich lange nicht geweſen.— Komm' ſag' mir, was Du brauchſt, ſo recht was Großes Zu unternehmen! Denn auch Ihr, auch Ihr, Ihr Handelsleute, könnt des baaren Geldes Zu viel nie haben! 4 Nath. Und warum zuerſt Von dieſer Kleinigkeit?— Ich ſehe dort Ein Aug in Thränen, das zu trocknen, mir Weit angelegner iſt.(Geht auf Recha zu)⸗ Du haſt geweint? Was fehlt Dir?— biſt doch meine Tochter noch? Recha. Mein Vater!... Nath. Wir verſtehen uns. Genug!— Sei heiter. Sei gefaßt! Wenn ſonſt Dein Herz Nur Dein noch iſt! Wenn Deinem Herzen ſonſt Nur ein Verluſt nicht droht!— Dein Vater iſt Dir unverloren! Riecha. Keiner, keiner ſonſt! Tempelh. Sonſt keiner! Nun; ſo hab ich mich betrogen! Was man nicht zu verlieren fürchtet, hat Man zu beſitzen nie geglaubt, und nie Gewünſcht.— Recht wohl, recht wohl!— Das ändert, Nathan, — 165— Das ändert Alles!— Saladin, wir kamen Auf Dein Geheiß. Allein, ich hatte Dich Verleitet: jetzt bemüh' Dich nicht nur weiter! Sal. Wie jach nun wieder, junger Mann!— Soll Alles Dir denn entgegen kommen? Alles Dich Errathen? Temp. Nun Du hörſt ja! ſiehſt ja, Sultan! Sal. Ei wahrlich! Schlimm genug, daß Deiner Sache Du nicht gewiſſer warſt! Tempelh. So bin ich's nun. 1 Sal. Wer ſo auf irgend eine Wohlthat trotzt, Nimmt ſie zurück. Was Du gerettet, iſt Deßwegen nicht Dein Eigenthum. Sonſt wär' Der Räuber, den ſein Geiz in's Feuer jagt, So gut ein Held wie Du! 1. (Auf Recha zugehend, um ſie dem Tempelherrn zuzuführen.) Komm', liebes Mädchen, Komm'! Nimm's mit ihm nicht ſo genau. Denn wär' Er anders; wär' er minder warm und ſtolz; Er hatt' es bleiben l ſſen, Dich zu retten. Du mußt ihm Eins für's Andre rechnen. Komm'! Beſchäm' ihn’ thu', was ihm zu thun geziemte! Bekenn' ihm Deine Liebe! trage Dich ihm an! Und wenn er Dich verſchmäht; Dir's je vergißt, Wie ungleich mehr in dieſem Schritte Du Für ihn gethan, als er für Dich— Was hat Er denn für Dich gethan? Ein wenig ſich Beräuchern laſſen! Iſt was Recht's!— ſo hat Er meines Bruders, meines Aſſad, nichts! So trägt er ſeine Larve, nicht ſein Herz. Komm', Liebe... 5 Für Deine Dankbarkeit noch immer wenig; Noch immer nichts. Mit zu! Die erſte, wenn Du willſt— Du hörſt, Ich weiß der Sache ganze Lage. Er keinen Bruder für ſie finden? nnin — 166— Sit. Geh'! geh', Liebe, geh'! Es iſt Nath. Halt, Saladin! halt, Sittah! Sal. Auch Du? Nath. Hier hat noch Einer mit zu ſprechen... Sal. Wer läugnet das?— Unſtreitig, Nathan, kommt So einem Pflegevater eine Stimme Nath. Nicht ſo ganz! Ich rede nicht von mir. Es iſt ein Andrer Weit, weit ein Andrer, den ich, Saladin, Doch auch vorher zu hören bitte. Sal. Wer? Nath. Ihr Bruder! Sal. Recha's Bruder? Nath. Jal Recha. Mein Bruder? So hab ich einen Bruder? Tempelh(Aus ſeiner wilden, ſtummen Zerſtreuung auffahrend.) Wo? wo iſt Er, dieſer Bruder? Noch nicht hier? Ich ſollt' Ihn hier ja treffen. Nath. Nur Geduld! Tempelh.(äußerſt bitter.) Er hat Ihr einen Vater aufgefunden:— wird S 4 Sal. Das Hat noch gefehlt, Chriſt! ein ſo niedriger Verdacht wär' über Aſſad's Lippen nicht Gekommen. Gut, fahr' nur ſo fort! 9 Nath. Verzeih! Ihm? Ich verzeih' ihm gern. Wer weiß, was wir An ſeiner Stell', in ſeinem Alter, dächten! 3(Freundſchaftlich auf ihn zugehend.) Natürlich, Ritter! Argwohn folgt auf Mißtrauen. Wenn Ihr mich Eures wahren Namens gleich Gewürdigt hättet... 8 Tempelh. Wie? Nath. Ihr ſeid kein Stauffen. Tempelh. Wer bin ich denn? Nath. Heißt Curd von Stauffen nicht. Tempeh. Wie heiß' ich denn? Nath. Heißt Leu von Filneck. Tempelh. Wie? Nath. Ihr ſtutzt? Tempelh. Mit Recht! Wer ſagt das? Ich; der mehr, Noch mehr Euch ſagen kann. Ich ſtraf' indeß Euch keiner Lüge. Tempelh. Nicht? Nath. Kann doch wohl ſein Daß jener Nam' Euch ebenfalls gebührt. Tempelh. Das ſollt' ich meinen!—(Das hieß Gott ihn ſprechen!l) Nath. Denn Eure Mutter, die war eine Stauffin. Ihr Bruder, Euer Ohm, der Euch erzogen, * Dem Eure Aeltern Euch in Deutſchland ließen, — 168— Als von dem rauhen Himmel dort vertrieben, Sie wieder hier zu Lande kamen;— der Hieß Curd von Stauffen; mag an Kindesſtatt Vielleicht Euch angenommen haben. Seid Ihr lange ſchon mit ihm nun auch herüber Gekommen? Und er lebt doch noch? 4 Tempelh. Was ſoll Ich ſagen?— Nathan! Allerdings; ſo iſt's! Err ſelbſt iſt todt. Ich kam erſt mit der letzten Verſtärkung unſers Ordens.— Aber, aber Was hat mit dieſem allen Recha's Bruder Zu ſchaffen? Nath. Euer Vater... Tempelh. Habt Ihr gekannt? Auch den? Nath. Er war mein Freund, Tempelh. War Euer Freund? Iſt's möglich. Nathan!... Wie? auch den Nath. Nannte Sich Wolf von Filneck; aber war kein Deutſcher... Tempelh. Ihr wißt auch das? Nath. War einer Deuſchen nur Vermählt; war Eurer Mutter nur nach Deutſchland Auf kurze Zeit gefolgt... Tempelh. Nicht mehr! Ich bitt' Euch!— Aber Recha's Vruder? Recha’s Bruder... Nath. Seid Ihr! Tempelh. Ich? ich, ihr Bruder? Recha. 1 Er mein Bruder? Sit. Geſchwiſter? Sal. Sie Geſchwiſterl — 169— Recha will auf ihn zu). Ahl mein Bruder! Tempelh.(tritt zurüch). Ihr Bruder! Re cha(hält an, und wendet ſich zu Nathan) Kann nicht ſein, nicht ſein!— Sein Herz Betrieger ſelbſt! Denn Alles iſt erlogen So eine Schweſter nicht erkennen wollen? Geh'! Tempelh. 140 demüthig ihm nahend). Mißdeut' auch Du nicht mein Erſtaunen, Sultan! Verkenn' in einem Augenblick', in dem Du ſchwerlich Deinen Aſſad je geſehen, Nicht ihn und mich! Mit vollen Händen, beides!— Nein, Ihr gebt Mir mehr, als Ihr mir nehmt! unendlich mehr! Ah, meine Schweſter! meine Schweſter! Nath. Von Filneck! Nicht Eure Recha mehr?— Gott Ihr verſtoßt Sie? Gebt ihr ihren Chriſtennamen wieder? Verſtoßt ſie meinetwegen?— Nathan! Nathan! Warum es ſie entgelten laſſen? ſie! Denn meiner Tochter Bruder wär' mein Kind Nicht auch,— ſobald er will? 3 Weiß nichts davon!— Wir ſind Betrieger! Gott! Sal.(zum Tempelherrn) Betrieger? Wie? Was denkſt Du? kannſt Du denken? An Dir: Geſicht und Stimm' und Gang nichts Dein! (Auf Nathan zueilend), Ihr nehmt und gebt mir, Nathan, [Recha um den Hols fallend.] Blanda Tempelh. Blanda? Blanda?— Recha nicht? Nath. Und was? O, meine Kinder! meine Kinder! — 170— [Indem er ſich ihren Umarmungen überläßt, tritt Sala⸗ din mit unruhigem Erſtaunen zu ſeiner Schweſter.] Sal. Was ſagſt Du, Schweſter? Sit. Ich bin gerührt... Sal. und ich,— ich ſchaudere Vor einer größern Rührung faſt zurück! Bereite Dich nur drauf, ſo gut Du kannſt. Sit. Wie meinſt Du? Sal. Nathan, auf ein Wort! ein Wort! in Nathan zu ihm tritt, tritt Sittah zu den Ge⸗ ſchwiſtern, ihnen ihre Teilnehmung zu bezeigen, und Nathan und Saladin ſprechen leiſer 4 Hör'! hör' doch, Nathan! Sagteſt Du vorhin Nicht— Nath. Was? Sal. Aus Deutſchland ſei ihr Vater nicht Geweſen; ein geborner Deutſcher nicht. Was war er denn? wo war er ſonſt denn her? Nath. Das hat er ſelbſt mir nie vertrauen wollen; Aus ſeinem Munde weiß ich nichts davon. Sal. Und war auch ſonſt kein Frank? kein Abend⸗ — länder? Nath. O!l daß er der nicht ſei, geſtand er wohl. Er ſprach am liebſten Prrſiſch... Sal. 4 3 Perſiſch? Perſiſch? Was will ich mehr!— Er iſt's! Er war es Nath. W Sal. Mein Bruder! ganz gewiß! Mein Aſſad ganz! Gewiß! Nath. Nun wenn du ſelbſt darauf verfällſt: Nimm die Verſich'rung hier in dieſem Buche. 4(Ihm das Brevier überreichend.) (Inder Jer? — 171— Sal(es begierig aufſchlagend.) Ahl ſeine Hand! Auch die erkenn' ich wieder. Nath. Noch wiſſen ſie von nichts. Noch ſteht's bei Dir Allein, was ſie davon erfahren ſollen! Sal.(indeß er darin geblättert. Ich meines Bruders Kinder nicht erkennen? 3, meine Neffen,— meine Kinder nicht? Sie nicht erkennen? ich? ſie Dir wohl laſſen? (Wieder laut.) Sie ſind's! ſie ſind es, Sittah, ſind's, Sie ſind's! Sind Beide meines.. Deines Bruders Kinder! (Er rennt in ihre Umarmungen.] Sit. jihm folgend.) Was hör' ich!— Konnt's auch 4 anders, anders ſein?— Sal.[zum Tempelherrn.] Nun mußt Du doch wohl, Trotzkopf, mußt mich lieben! [Zu Recha.] Nun bin ich doch, wozu ich mich erbot, Magſt wollen oder nicht! Sittah. Ich auch, ich au 51 Sal. lzum Dempelherre zurück.]. Mein Sohn mein Aſſad! meines Aſſad Sohn! Temp. Ich Deines Blut's? So waren jene Träume, Womit man meine Kindheit wiegte, doch— Doch mehr als Träume![Ihm zu Füßen fallend.] Sal. lihn aufhebend.] Seht den Böſewicht! Er wußte was davon; und konnte mich Zu ſeinem Mörder machen wollen! Wart'! [unter ſtummer Wiederholung allſeitiger Umarmungen fällt der Vorhang] Köln, Druck von M. Becker. ſſſſſſſliſſſſſſſſſſſinſnnnneniinennm 12 13 14 15 1 8 9 11 —