Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ieſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von) jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. S. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlagen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: e.. 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nr. 55 Pf. 2 Nk. Ff. 1 u. 9 7„— 1 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Mächer auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Vr beſchmutzte, zerriſſene,, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 5 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ——A Abentheuer und Verbrechen Dom Miguel', Uſurpators von Portugal, während ſeines Aufenthalts in Liſſabon, Rio⸗Janeiro, Paris und Wien. Nach franzoͤſiſchen Quellen bearbeitet von M. Leonhardt. ————— Bergen, 1833. Verlag von C. G. Friedemann. 3 Vorrede. Es iſt vielleicht noch kein Beyſpiel in der Geſchichte dageweſen, welches der Uſurpa⸗ 1 tion Dom Miguel's gleich kommt.— Treulos ſeinen, den Maͤchten Europa's, ſeinem Bruder D. Pedro und ſeiner Verlobten, der Koͤnigin Donna Maria II geleiſteten Ei⸗ den, ſehen wir ihn die Krone, die ihr gebuͤhrt nach herkoͤmmlichen Geſetzen, nach dem Willen * — w— des wahren, einzig rechtmaͤßigen Koͤ⸗ nigs, ihr vom Haupte reißen und den blutigen Purpur um ſeine eigenen Schultern ſchlagen. Die ganze civiliſirte Welt hat mit Schaudern und Entſetzen geſehen, wie er nicht allein alles Beſte⸗ hende in ſe Enemm Vaterlande umſtuͤrzte, wie er auch endloſen Jammer uͤber Tauſende, ſonſt im Gluͤck Lebende, gebracht hat. Das Angſtgeſchrey der, durch ſeine Auto da fe's Umgekommenen, das Gewinſel derer, die ſeine Henker ihm abgeſchlachtet, toͤnt zuſammen mit dem Geheul der Ungluͤcklichen, die, noch leb end, in ſeinen furchtbaren Ker⸗ kern langſam, elend verſchmachten und einen tauſendfachen Tod ſterben; es vermengt ſich mit dem Gewimmer der Waiſen, die ihre Vaͤter, der Frauen, die ihre Gatten, der Braͤu⸗ te, die ihre Geliebten, der Schweſtern, die ihre Bruͤder ſeiner Blutgier zum Opfer fallen ſehen.— Und Europa iſt taub bey dieſem allgemei⸗ nen Angſtgeſchrey??!!— Nein, es iſt nicht taub—— doch es darf nicht hoͤren!!!— Und die allgewaltigen Maͤchte, die jetzt uͤber Europa herrſchen, dulden dies entſetzliche Elend, einem Volke zugefuͤgt, das frey und gluͤcklich unter einem liberalen Monarchen leben koͤnnte??!!— — vI— Sie dulden es— ja einige— un⸗ terſtuͤtzen die blutige Uſurpation nach beſten Kraͤften!!!——— So moͤge denn Gott Dom Pedro und den Schaaren, die er zur Befreiung ſeines ungluͤcklichen Vaterlandes dahin gefuͤhrt hat, ſeinen Arm leihen und den wenigen Hel⸗ den, die, vertrieben von der heimathli⸗ chen Erde, auf fremdem Boden ſich ein Vaterland erkaäaͤmpfen wollen, ſeinen allguͤtigen Beyſtand verleihen, ſie gluͤcklich zum Ziele fuͤhren und ſie, indem ſie dem unterjoch⸗ ten Portugal die Himmelsgabe der Frei⸗ heit erkaͤmpfen helfen, in dem neugebor⸗ ———— —— —— „. — vnI— nen Lande das Ungluͤck des eignen Va⸗ terlandes vergeſſen laſſen. Moͤge das goͤttliche Licht, welches von Frankreich aus die Finſterniß in Europa zu er⸗ hellen begann, auch dem ungluͤcklichen Portu⸗ gal ſcheinen! Moͤge das entſetzliche Loos, wel⸗ ches das edle Sarmatenvolk an den Fußſchem⸗ mel des Autokraten gefeſſelt hat, den Voͤlkern Europa's als abſchreckendes Beyſpiel dienen! Moͤgen die Beſten eilen, ſich unter das entfal⸗ tete Banner Dom Pedro's zu ſammeln, den Portugiſen die Gnade der Befreiung theilhaf⸗ tig zu machen! Moͤge doch nur ein Cabinet das Beyſpiel geben, daß ihm Gerechtigkeit und — III— „Wohlffahrt der Voͤlker mehr gilt, als der alte Sauerteig der Legitimitaͤt! Moͤ⸗ ge nur ein Cabinet die Rechte Donna Ma⸗ ria's anerkennen, der frei aufathmende Portu⸗ giſe, fuͤhlend, daß ihm Errettung vom Joche der Tyranney winkt, wird aufſtehen und, den Waffengefaͤhrten Dom Pedro's ſich anſchlie⸗ ßend, mit Heldenmuth fuͤr ſeine wahre Koͤni⸗ gin kaͤmpfen.— Die Buͤcher der Geſchichte werden die Namen jedes Einzelnen der Nachwelt uͤberlie⸗ fern und der Kranz der Unſterblichkeit das Haupt des fuͤr Recht und Freiheit Gefal⸗ lenen ſchmuͤcken. — IX— Ich uͤbergebe dem Publikum eine kurz ge⸗ faßte Geſchichte Portugals von den letzten Jah⸗ ren der Regierung Johann's VI an bis zu der, leider heute noch fortdauernden, Uſurpation Dom Miguels, nebſt Charakter⸗ Zuͤgen, ſein nicht politiſches Leben betreffend.— Die Quellen, aus denen ich ſchoͤpfte, ſind: 1) in Bezug auf politiſch⸗hiſtoriſches, reine Uebertragung des franzoͤſiſchen Werks von Menard und mehrere offi⸗ ziell bekannt gemachte Aktenſtuͤcke; 2) hinſichtlich der Anekdoten und Cha⸗ rakterſchilderungen: aus dem Franzoͤſi⸗ ſchen uͤbertragene Mittheilungen eines Por⸗ tugiſen, der um ihn gelebt hat, und — X— getreue Berichte von Augenzeugen aus Wien und Paris.— Der geneigte Leſer wird des Stoffs we⸗ gen mir ſeine Nachſicht angedeihen laſſen und die Kritik meinen Verſuch ſchonend beachten. Im Juny 1833. M. Leonhardt. I. Unbezweifelt nehmen die welthiſtoriſchen Be⸗ gebenheiten der letzten 10 Jahre einen der erſten Plaͤtze in den Jahrbuͤchern der Geſchichte von Por⸗ tugal ein, da gerade dieſer Zeitabſchnitt das Land in den tiefſten Abgrund des Elends geſtuͤrzt hat, und die traurigen Folgen davon nach vielen Jahren noch zu hoͤren ſeyn werden; denn wo waͤre wohl eine Hand zu finden, die ſtark und zugleich ge⸗ ſchickt genug waͤre, das arme Portugal dem uͤber⸗ wiegenden Einfluß Englands zu entziehen?!— Seit dem Tode des Marquis von Pombal, der das Gluͤck hatte unter einem Monarchen zu leben, der ihn verſtand, und Zutrauen genug beſaß, ihn den Eingebungen ſeines Genies nachleben zu 4 1 2— Pfaffen, der Sclave ſeines finſtern Aber⸗ glaubens geworden, und unter allen Voͤlkern Europa's, allein dem Licht der Freiheit und Auf⸗ klaͤrung entgegen, nicht nur ſtehen geblieben,(denn ein Stillſtand iſt nie bey einem Volke denkbar) ſondern zuruͤckgegangen. Unzugaͤnglich waren ihm die Lehren der Vernunft und des Rechts; doch ſtets zeigte es ſich geneigt, ſich den altherkoͤmmlichen Vorurtheilen hinzugeben, ſtets zeigte es Neigung zum Joch der elendeſten Sclaverey des finſterſten Abſolutismus und einer Unterwerfung an England. Die großen Verbeſſerungen jeder Art, die Pombal ein⸗ gefuͤhrt, den Rang, den die Nation waͤhrend der Regierung Joſeph I. unter den Maͤchten Europa's eingenommen hatte, verſchwanden unter Marie I., und waͤhrend der Herrſchaft Johanns VI. und Dom Miguels kennt man Portugal nur noch dem Namen nach. Zweimal ſeit dem Jahre 1820 waͤre der Por⸗ tugieſe im Stande geweſen, die Ketten der Scla⸗ verey, an die er gefeſſelt war, zu zerſprengen, naͤhmlich 1823 und 1831, doch beyde Male zeigte laſſen, iſt Portugal wieder die Beute elender er ſich gleichguͤltig gegen das unſchaͤtzbare Gut der Freiheit und es iſt leider zu fuͤrchten, daß ihm dieſe druͤckenden Ketten jetzt fuͤr lange Zeit angeſchmiedet ſind. Vom Schickſal iſt es dieſem Lande auferlegt, von einem Dom Miguel beherrſcht zu werden, der unter den uͤbrigen Maͤchten Europa's ſehr treffend der gekroͤnte Tiger genannt wird, und es hat dies Geſchick verdient, da es lediglich in ſeiner Macht geſtanden, frey und unabhaͤn⸗ gig zu werden. Es iſt weltkundig, daß im Jahre 1831, als die franzoͤſiſche Regierung eine Escadre nach dem Tajo ſandte, um Genugthuung fuͤr eine Beleidi⸗ gung zu erhalten, die ihr in der Behandlung zweier franzoͤſiſchen Buͤrger, der Herren Bon⸗ homme und Sauvigny geworden war, die Portugieſen ſich von dem Joche, unter dem ſie ſeufz⸗ ten, haͤtten befreien koͤnnen; der Anfuͤhrer unſrer Schiffsmacht wuͤrde ſie hinlaͤnglich unterſtuͤtzt ha⸗ ben— ſie wollten es nicht— ja noch mehr— ſie beſchimpften und beleidigten die, welche ſie mit offnen Armen als Bruͤder haͤtten empfangen ſollen. — 1832, als Don Pedro an der Spitze der Schaa⸗ ren, die ihm freiwillig gefolgt waren, mit Hinten⸗ 1*¾ 83 anſetzung aller perſoͤnlichen Vortheile, mit hoher Verachtung des Elends und der Todesgefahren ihm gefolgt waren, blieb der Portugieſe kalt und theilnahmlos, und erkannte nicht die Stellung, die er jetzt haͤtte einnehmen muͤſſen.,!— Was iſt von einem ſolchen Volke zu erwarten??— Wel⸗ chen Nahmen wird die Weltgeſchichte nach Jahr⸗ hunderten noch dieſem Betragen geben?? Sie wird aufrichtig die traurige Wahrheit mittheilen, daß im aufgeklaͤrten XIX. Jahrhundert Portugal noch nicht reif zu einer Emanicipation in die Reihe der Voͤlker war, daß es ſein elendes Loos, unter den Geiſelhieben des gekroͤnten Tigers lang⸗ ſam zu verbluten— vollkommen verdient habe!— Dom Miguel erblickte am 2ten October 1802 das Licht der Welt. Er iſt der juͤngſte Sohn der letzten Koͤnigin von Portugal, und die Frucht eines ehebrecheriſchen Umgangs.— Charlotte⸗ Joachime, aus der Regentenfamilie Spaniens, ſeine Mutter, deren Seele eben ſo haͤßlich und abſchreckend als ihr Aeußeres war, lebte nur ihren verbrecheriſchen Leidenſchaften, und ergab ſich Sub⸗ jecten des niedrigſten Standes. Ohne Schaam, Achtung oder Furcht vor ihrem Gemahl, kannte dieſe 4 4 3 neue Meſſaline kein hoͤheres Vergnuͤgen, als ihren ſcheuslichen Wuͤnſchen nachzuleben. Sehr haͤufig begab ſie ſich nach dem koͤniglichen Luſtſchloß Ra⸗ malhäo, um ſich dort noch ſchaamloſer ihren Luͤſten zu uͤberlaſſen, und zwar hauptſaͤchlich hatte ſie Umgang mit einem Gaͤrtner daſelbſt, einem rohen, ungeſchlachteten Bauertoͤlpel. Dies iſt der Vater Dom Miguels. Abends ließ ſie ihre Damen ſich entfernen, ſchloß ſich mit ihrem laͤndlichen Liebhaber ein, und uͤberließ ſich mit ihm den ekelhafteſten Genuͤſſen. Dieſe Orgien waren wuͤrdig, ein Ungeheuer erzeugt zu haben— ein Schandfleck des menſchlichen Geſchlechts. Einſtmals wurde ſie von einer ihrer Damen in einer Stel⸗ lung uͤberraſcht, welche die Feder des Geſchichts⸗ ſchreibers nicht wiedergeben kann, indem er fuͤrchten muͤßte, daß das Papier vor Schaam erroͤthete und die Dinte vor Ekel vertrocknete.—— Johann VI., der koͤnigliche Gemahl dieſer Me⸗ gaͤre, kannte wohl deren Laſter, und die Schande, welche ſie auf ſeinen Thron und in ſein Ehebett brachte, doch er, mußte ihre Thaten zu verſchleiern ſuchen, ſowohl aus Furcht vor den Rachegedanken, die ihrer Seele gewiß nicht fremd waren, als aus Nuͤckſicht fuͤr die Regentenfamilie, der ſie angehoͤrte und der er dies traurige Ehebuͤndniß zu danken hatte. Ueberdem war er friedliebend und religioͤs, ein Bekanntwerden ihres Lebens waͤre ſeiner Ehre und zugleich ſeiner Perſon gefahrbrin⸗ gend geworden— er zog es vor, zu dulden und zu ſchweigen; aber das Ungluͤck verdammt zu ſeyn, einem ſolchen Geſchoͤpf als Gatte anzugehoͤ⸗ ren, verſenkte ihn oftmals in eine ſo tiefe Melan⸗ cholie, daß dieſe zuletzt einen unheilbaren Charak⸗ ter annahm und er ſich endlich in das Kloſter von Mafra zuruͤckzog, dort blos den Ausuͤbungen der Religion lebte und vielleicht bis zu ſeinem Ende daſelbſt verblieben waͤre, wenn nicht die franzoͤſiſche Invaſion 1807 ihn aus ſeiner Lethargie geriſſen, und gezwungen haͤtte nach Braſilien zu fliehen.— Der wahre Vater unſres Helden, jener Gaͤrt⸗ ner, wurde durch ſeine koͤnigliche Geliebte zu Ehren und Wuͤrden erhoben. Er lebt noch, aber in der tiefſten Verborgenheit, von allen Geſchaͤften ent⸗ fernt, denn er wurde von Dom Miguel(ſeinem eigenen Sohn) wegen der Anhaͤnglichkeit, die er, ſonderbar genug, an die portugieſiſche Conſti⸗ tution zeigte, ſeiner Aemter und Wuͤrden entſetzt. Charlotte wurde noch Muttex zweier Toͤchter, der Frucht ihres vertrauten Umgangs mit verſchie⸗ denen Maͤnnern, die allgemein bekannt ſind. Lange wollte der Koͤnig von dieſen Baſtarden nichts wiſ⸗ ſen, endlich jedoch entſchloß er ſich, theils aus natuͤrlicher Gutmuͤthigkeit, dann auch aus religio⸗ ſen Ruͤckſichten, hauptſaͤchlich jedoch aus Achtung und Anhaͤnglichkeit an Spanien, Dom Miguel und deſſen beyde juͤngere Schweſtern als legitime Kinder anzuerkennen. Wenn nun die Koͤnigin bis hierher, obgleich hoͤchſt ſelten, noch einen Schein von Convenienz beobachtet hatte, ſo warf ſie dieſe ihr ſehr laͤſtige Maske zu Rio⸗Janeiro ganz ab, und lebte ſo frech und ſchaamlos, daß der Koͤnig ſich genoͤthigt ſah, folgende Erklaͤrung abzugeben:„daß Johann VI. keins von den Kin⸗ „dern, denen ſie von nun an noch das Daſeyn „geben moͤchte, als das Seinige betrachten wuͤrde.“ Aber ſelbſt dieſe Erklaͤrung aͤnderte nichts in dem Betragen und der Lebensweiſe der Koͤnigin; ſie gab ſich nicht einmal mehr die Muͤhe, ihre Lieb⸗ ſchaften und Verbrechen geheim zu halten, und man bemuͤhete ſich nur, die Geburt der Kinder, die ſie noch erzeugte, mit einem geheimnißvollen — 3 Dunkel zu umſchleiern. Dieſe ungluͤcklichen Opfer der Wolluſt eines entarteten Weibes wurden in Findelhaͤuſer geſteckt, und hatten nie eine Ahnung gung Charlottens gegen einen ihrer Liebhaber erloſch, wußte ſie ihn durch Machinationen und Intriguen aller Art zu entfernen und in eine entlegene Provinz zu exiliren. So verſchwanden die Vaͤter der ungluͤcklichen Weſen, die ſie der Schande, dem Elend und der oͤffentlichen Verachtung geweiht hatte, aus dem Geſichtskreiſe des Hofes und der Reſidenz. Es lebt noch ein Guͤnſtling dieſer ver⸗ abſcheuungswuͤrdigen Frau, den ſie nach Minao hatte verbannen laſſen, dort der Armuth und Ent⸗ behrungen aller Art ausgeſetzt, und geſtand ſeinen Freunden, daß er nur den Abſcheu, welchen ihm die unvergleichliche Haͤßlichkeit der Koͤnigin einge⸗ floͤßt, durch die Furcht beſiegt habe, daß er ſich 5 den ſchrecklichſten Gefahren ausſetzte, wenn er ſich nicht uͤberwaͤnde, ihren wolluͤſtigen Wuͤnſchen zu 3 froͤhnen.— So wie in Portugal, ſtand auch die Koͤnigin in Braſilien nicht an, ſich ihre Liebhaber ſelbſt aus den unterſten, gemeinſten Staͤnden zu waͤhlen. von ihrer wahren Abkunft.— So wie die Nei⸗ — Sie hatte in Rio⸗Janeiro die bizarrſten Phanta⸗ ſieen, die ſie verwirklichte— Phantaſieen, wie nur ihr verderbter Geiſt allein ſie zu erſchaffen und auszufuͤhren im Stande war. Ein Verbrechen verdraͤngte in ihr das Andere; und wahrlich der Elende verdiente das groͤßte Mitleiden, auf den ſie ein Auge geworfen hatte— der ihr nun zur Be⸗ friedigung ihrer Luͤſte dienen mußte. Dieſes entartete Weib— der Abſchaum ihres Geſchlechts— die, wenn gleich Koͤnigin, wenn gleich der Purpur ſie ſchmuͤckte und die Krone ihr Haupt zierte, doch ſchlechter, nichtswuͤrdiger war, als die ſchaͤndlichſte ihrer Unterthanen, war die Erzieherin, die Fuͤhrerin ihres Sohnes Dom Mi⸗ guel, und ließ ihn bis zu einem Alter von 8 bis 9 Jahren nicht von ihrer Seite. Die Eindruͤcke, die er da in ſeiner fruͤheſten Jugend von ſeiner Mutter ſelbſt erhielt, verlaͤugneten ſich ſpaͤter als Juͤngling, als Mann auch nicht in ſeinem Charak⸗ ter, und machten ihn zu dem Ungeheuer, deſſen Namen man nur mit Entſetzen ausſpricht. In dem oben angedeuteten Alter ließ ihm der Koͤnig den Pallaſt von St. Chriſtovaö zur Woh⸗ nung anweiſen, und da er ſich ſelbſt mit der Er⸗ — 10— ziehung des Knaben nicht befaſſen mochte, uͤber⸗ gab er dieſelbe dem Staats-Miniſter Vicomte von Santarem, und ſeinem ſehr achtbaren Beichtvater.— Es iſt bekannt, daß Nero auch zwei Erzieher hatte, Seneca und Burrhus.— Die am portugiſiſchen Hofe eingefuͤhrte Etiquette laͤuft ſchnurſtracks der Gewalt entgegen, die ein Lehrer nothwendiger Weiſe uͤber ſeinen Zoͤgling haben ſoll und muß, um ſeine Lehren nutzbar zu machen. Es iſt dem Hofmeiſter nicht erlaubt, ſich ſeinem Schuͤler zu naͤhern, bevor er ihm nicht knieend die Hand gekuͤßt hat, und er darf nur bittwei⸗ ſe mit ihm ſprechen. Die beiden genannten Her⸗ ren konnten daher auf ihren Schuͤler nur einen ſehr ſchwachen Einfluß ausuͤben, und ihre Muͤhen und Sorgen waren bey ihm nur verſchwendete Beit.— Dom Miguel wurde von Tag zu Tag ver⸗ derßter. Das Blut ſeiner ſchamloſen Mutter in ſeinen Adern fuͤhlend, lebte er blos ſeinen Wuͤn⸗ ſchen, und ſein einziges Studium, ſeine einzige Beſchaͤftigung war, die Launen und bizarren Ideen, die in ihm auflebten, zur Ausfuͤhrung zu bringen. Der Hof hatte mit ſeinem glaͤnzenden Leben fuͤr — 11— ihn nichts anziehendes, er liebte nur das Niedre, Rohe und Gemeine. Weit davon entfernt, fuͤr die zarten Gefuͤhle der Kindheit empfaͤnglich zu ſeyn, welche dem ſanften Gemuͤth ſo wohl thun, welche ſo erhebend darauf wirken, erfreute er ſich nur an dem Umgang mit einem Unterſtallmeiſter, welcher zu ſeinen ausgelaſſenſten und gemeinſten Streichen laͤchelte, und ſie gut hieß, ſtatt ſie zu tadeln und ihnen vorzubeugen. Er lernte von demſelben reiten und uͤbte ſich in dieſer Kunſt ſehr, dennoch ſchuͤtzte ſie ihn nicht vor mehrmaligem Falle, wie die offiziellen Rapporte der Liſſaboner Hofzeitung von 1831 es beweiſen. Eine ſeiner lieb⸗ ſten Beſchaͤftigungen war das Dreſſiren junger Zie⸗ genboͤcke, die er ſich wie Zugpferde abrichtete. — Wahrlich eine fuͤrſtliche Beſchaͤftigung.— Wir duͤrfen hier einen Charakterzug Johanns VI. nicht unerwaͤhnt laſſen, der nothwendig angegeben wer⸗ den muß, um zu vervollſtaͤndigen, was wir fruͤher ſchon uͤber denſelben geſagt haben. Jener oben er⸗ waͤhnte Unterſtallmeiſter, der ſtete Begleiter Dom Miguels, dieſer eben ſo ruͤde, als dummſtolze Menſch, hatte ſich in die Gunſt des ſchwachen Koͤnigs feſt zu ſetzen gewußt. Seine dummdreiſte — 12—. Art beluſtigte den Monarchen und er hatte mehr Gewalt uͤber ihn, als ſeine erſten Staats⸗ Miniſter. Die ſtolzeſten Hofleute und vornehm⸗ ſten Chargen demuͤthigten ſich vor dieſem Elenden, und Jeder trachtete darnach, ſeine Gewogenheit zu erlangen. Wuͤnſchte man irgend Etwas bey dem Fuͤrſten durchzuſetzen, ſo mußte man dieſen Kanal benutzen, und die feigen Hofſchranzen entbloͤdeten ſich nicht, oftmals ihn fußfaͤllig anzuflehen, fuͤr ſie ſich zu verwenden, und die reichſten Geſchenke flutheten in ſeinen Beutel. Ganze Stunden anti⸗ chambrirten ſie bei einem ſolchen Stallknecht, ohne zu murren, und fuͤhlten ſich ſelig, nur eine Audienz von zwei Minuten zu erlangen, die er ſeine Pferde zu reiten, oder dieſelben zuzuſtutzen ſich abmuͤßigen mußte.— Dies war der erſte Guͤnſt⸗ ling eines Prinzen aus dem erlauchten Hauſe Bra⸗ ganza, eines Koͤnigs von Portugal zu Anfang unſres Jahrhunderts, dies war der Guͤnſtling ei⸗ nes Monarchen, der den Thron des„Vaters der portugiſiſchen Muſen“ einnahm, des Freun⸗ des des großen Pompal, des Herkules, der der Hyder Jeſuitismus das Haupt geſpalten, und den Stolz Englands gedemuͤthigt hatte!— 3 Ein Stallknecht Erzieher eines Prinzen!!!—— — Man begreift leicht, welche Wirkung ein ſolcher Lehrer auf einen ſolchen Schuͤler machen mußte, und Johann VI. hatte wahrlich kein Recht, demje⸗ nigen Vorwuͤrfe uͤber ſein ſpaͤteres Betragen zu machen, den er aus unverzeihlicher Schwaͤche ſei⸗ nen Sohn nannte, wenn er nicht Anſtand nahm, einen ſolchen Lehrer dem ſchon ſich ſeiner Mutter wuͤrdig zeigenden Sohn zu geben. Es war natuͤrlich, daß Dom Miguel bereits in fruͤheſter Jugend ſich daran gewoͤhnte, die Men⸗ ſchen als ſeine Sclaven zu betrachten, und ſie zu verachten, denn er war nur von veraͤchtlichen umgeben. Es war natuͤrlich, daß er in der kraſ⸗ ſeſten Unwiſſenheit heran wuchs, daß er, ſchon Generaliſſimus der portugiſiſchen Ar⸗ mee, noch nicht faͤhig war, ſeinen Namen correkt zu unterzeichnen. Als er ſelbſt ſpaͤ⸗ terhin in der Kirche zum Heil. Dominique in Lis⸗ ſabon die Conſtitution mit vollziehen mußte, konnte er kaum leſerlich ſeinen Namen unterſchreiben. Die Buchſtaben waren ſo ſchlecht, daß man nur mit Muͤhe ſie entziffern konnte, und erſt bei, ſei⸗ nem Aufenthalt in Deutſchland lernte er ſeinen — 14— Namen wenigſtens etwas deutlicher ſchreiben; doch immer incorrekt unterzeichnete er ſtets D. Migel ſtatt Dom Miguel. Doch was bey dieſem ſo ungluͤcklich gebornen Prinzen noch weit mehr zu bedauern iſt, war die Wildheit ſeines Herzens, dem jede ſanftere Re⸗ gung fremd ſchien. Man ſah ihn zaͤufig als 11 bis 12jaͤhrigen Knaben in der Uniform der vortugiſiſchen Generalitaͤt, mit Orden be⸗ haͤngt, in Geſellſchaft der Gaſſenjungen ſich durch die Straßen herumtreiben, in die Haͤuſer eindrin⸗ gen, Glaͤſer und Meubel zertruͤmmern, die Tape⸗ ten von den Waͤnden reißen und koſtbare Vaſen und Spiegel auf die Straße werfen. Hier reichte er Einem die Hand zum Kuß, dort gab er einem Andern eine Ohrfeige, ganz wie die Laune ihn eben anwandelte. Seine ſtete Beſchaͤftigung war Bosheit und Schaͤndlichkeiten ausuͤben und ſein unzertrennlicher Begleiter, der Stallmeiſter, lobte ihn dafuͤr in den erhabenſten Ausdruͤcken. Wenn ein Fremder das Ungluͤck hatte, ihn nicht zu ken⸗ nen und in ſeine Naͤhe kam, ohne die gewoͤhnli⸗ chen Huldigungen ihm darzubringen, ſo wurde derſelbe, war er zu Pferde oder im Wagen, auf — 15— die unhoͤflichſte Art gezwungen, abzuſteigen und ſich auf ein Knie niederzulaſſen. Er war noch nicht 17 Jahre alt, als es zu ſeinem groͤßten Ver⸗ gnuͤgen gehoͤrte, durch die Straßen von Rio Ja⸗ neiro zu ſprengen und mit einem Stocke den Vor⸗ uͤbergehenden die Huͤte vom Haupt zu ſchlagen. In der Vorſtadt von Mata⸗Cavalos ließ er einem Deutſchen, der ihn nicht kannte und beim Voruͤberreiten nicht abgeſtiegen war, durch ſeinen Jokey Stockſchlaͤge geben. Nicht minder liebens⸗ wuͤrdig als ihr edler Sohn, zeigte ſich die Koͤ⸗ nigin Charlotte. Sie hatte ihren Vorreitern befoh⸗ len, jede Perſon, die ihr begegnete, weß Ranges und Standes ſie auch ſey, und nicht augen⸗ blicklich vom Pferde oder aus dem Wagen ſtieg, wacker durchzupruͤgeln Es ergab ſich bald eine Gelegenheit, das Befohlene zu bethaͤtigen. Die tugendhafte Frau hatte eine beſonders ſtarke An⸗ tipathie gegen den Abgeſandten der Nordamerika⸗, niſchen Freiſtaaten, und als er ungluͤcklicherweiſe ihr eines Tages begegnete, hatte er die Wahl, ſich von ihren Knechten durchpruͤgeln zu laſſen oder ihr knieend ſeine Ehrfurcht zu bezeigen. Aufs Hoͤchſte verletzt, gelobte der Geſandte ſich zu raͤ⸗ 4 — 16— chen und zwar auf eine Art, die ihn bey der Koͤ⸗ nigin in Reſpect ſetzen wuͤrde. Abſichtlich begeg⸗ nete er ihr am folgenden Tage, und ſtieg gefliſ⸗ ſentlich nicht vom Pferde, noch nahm er Notiz von ihr. Ploͤtzlich drangen die Knechte der Koͤni⸗ gin auf ihn ein, und machten Miene, ihn herab zu reißen; da zog er zwei Piſtolen hervor und drohte dem, der ſich erkuͤhnen wuͤrde ſich ihm zu naͤhern, das Gehirn zu zerſchmettern. Dieſe Ent⸗ ſchloſſenheit verfehlte ihren Zweck nicht. Charlotte ſchrie zum Wagen hinaus:„Laßt den elenden Lumpenkerl laufen“. Der Geſandte beſchwerte ſich beym Koͤnige, der die Vorreiter ins Gefaͤng⸗ niß werfen und bekannt machen ließ, daß kein Fremder ſich dieſen Ehrfurchtsbezeugungen zu unterwerfen habe.— Eines Tages ritt der hollaͤndiſche Geſchaͤfts⸗ traͤger ſpazieren und begegnete dem Dom Miguel. Er und ſeine Begleiter zogen ehrfurchtsvoll vor dem Prinzen den Hut, doch das war dem jungen Tyrannen nicht genug, er gab ſeinen Leuten einen Wink und dieſe drohten den Geſchaͤftstraͤger vom Pferde zu reißen, wenn er ſich nicht freiwillig dazu verſtaͤnde, abzuſteigen und niederzuknieen. Vergeblich berief er ſich auf ſeinen Rang— er mußte dem Prinzen willfahren, und als er nun gelobte, dies Betragen dem Koͤnige anzuzeigen, erwiederte Dom Miguel ganz ruhig: daß er ihn in dem Fall von ſeinen Leuten halb todt ſchlagen laſſen wuͤrde. Demohngeachtet erfuͤllte der Hollaͤn⸗ der ſeine Drohung und Johann—— ließ die Knechte des Prinzen einſperren, und gab ſeinem liebenswuͤrdigen Sohn——— einen leich⸗ ten Verweis!!!——— In einer muͤßigen Stunde, d. h. in einer Stunde, wo er ſich nicht mit ſeinem Stallmeiſter umhertrieb, machte ſich der edle Prinz das Vergnuͤgen, einer armen alten Wittwe, deren ganzes Vermoͤgen in einigen Enten beſtand, die ſie fett machte, und dann gut zu verkaufen hoffte, dieſelben Eine nach der Andern niederzuſchießen. Wahrlich eine recht fuͤrſtliche Geſinnung.— Wenn auch vielleicht Perſonen, die ſelbſt im Ueberfluß und in Ueppigkeit leben, auf die eben erzaͤhlte Thatſache kein großes Gewicht legen, ſo wer⸗ den ſie doch eingeſtehen, daß der Prinz dadurch zeigte, wie ſehr er ſich uͤber Alles hinausſetzte, was Form, Sitte oder Gefuͤhl mit ſich brachte, da 2 — 18— er ſich nicht entbloͤdete, fremdes Eigenthum anzu⸗ taſten.— Je aͤlter Dom Miguel wurde, deſto heftiger und boͤsartiger zeigte ſich ſein Charakter.— Die Jagd, Stiergefechte, Feuerwerke nahmen jetzt ſeine ganze Zeit in Anſpruch. Mit großer Geſchicklich⸗ keit verſtand er es, die wilden Pferde einzufangen, und that es hierin bald dem beſten Peöes zuvor. Dieſe Leute haben eine eigene Gewandtheit, Pfer⸗ de, Maulthiere und wilde Ochſen zu baͤndigen. Sie brauchen dazu einen wohl 50 Fuß langen Strick, der in der Landesſprache Laco genannt wird, mit einer Schlinge am obern Ende verſe⸗ hen und vorn am Sattel befeſtigt iſt. Dieſe Schlinge weiß nun der Peöe dem Thiere, auf das er es abgeſehen hat, geſchickt um die Hoͤrner, die Vorder⸗ oder Hinterfuͤße, auch wohl um den Hals zu werfen, und indem er ſchnell, nachdem dies geſchehen, ſein Pferd wendet, reißt er ent⸗ weder das gefangene Wild um, oder noͤthigt es ihm nachzufolgen.— Mit dieſen Peöes verlebte er nun die meiſte Zeit.— Wenn die koͤnigliche Familie ſich in St. Cruz befand, lag der Prinz fortwaͤhrend der Jagd in 3 * . * . 1 — 19— den weiten wuͤſten Ebenen daſelbſt ob, wo tau⸗ ſende von wilden Ochſen und Pferden auf der Weide ſich befinden, und mehr als einmal brachte er einen eingefangenen Stier in die Gemaͤcher des Schloſſes, wo gerade Geſellſchaft verſammelt war, und weidete ſich an deren Entſetzen. Es iſt That⸗ ſache, daß eine Hofdame aus Schreck uͤber dieſen furchtbaren Anblick todt zur Erde ſank. Aber nicht nur wilde Thiere jagte der Prinz, nein, um dem Vergnuͤgen durch Abwechſelung einen erhoͤhten Reiz zu geben, warf er auch nicht ſelten ſeinen Laco einem Sclaven, oder wem er ſonſt gerade begegnete, um den Hals, ſchleppte ihn hin⸗ ter ſich her, und eine wilde Freude verurſachte iim dann die Angſt und der Schmerz des Gepeinigten. Nicht immer jedoch gelang ihm ſeine Schaͤndlich⸗ keit.— So begegnete er einſt einem Mineiro zu Pferde und warf ihm den Laco um den Hals. Dieſer, ſchnell entſchloſſen, ſchnitt denſelben ſogleich entzwei, ſprengte dem Prinzen nach, pruͤgelte, als er ihn erreicht hatte, mit ſeiner Peitſche aus Leibeskraͤften auf ihn los, und ließ nicht eher ab mit ſeiner kraͤftigen Demonſtration, bis das Ge⸗ folge herbey eilte und ihn der Wuth und Rache 2* 8 5 7 = 20— des Gereizten entriß. Zum Ueberfluß drohte der edle Prinz dem Armen mit ewiger Gefaͤngnißſtrafe, wenn er ſich unterfinge, eine Klage beym Koͤnige anzubringen. Durch ſolche leider nur zu oft verwirklichte Drohungen verbarg man die Verbrechen des bar⸗ bariſchen Dom Miguels ſeinem Vater, und indem man dem Ungeheuer in ſeinen Schandthaten noch Beiſtand leiſtete, blieben dem gutmuͤthigen ſchwa⸗ chen Monarchen die Laſter des Infanten ein ſte⸗ tes Geheimniß.— Wenn aber ja durch irgend ei⸗ nen Zufall Etwas vor den Koͤnig kam, ſo wußte man es ſo zu verfaͤlſchen und zu verdrehen, daß nur hoͤchſtens noch eine leichte Jugendthorheit zu beſtrafen war, und der Prinz mit einem gelin⸗ den Verweis durchſchluͤpfte. Von fruͤheſter Kindheit an war Grauſamkeit ihm ein Spiel, und als Knabe noch, wo er Men⸗ ſchen nicht quaͤlen konnte, marterte er Thiere. So rupfte er Huͤhner und andere Voͤgel lebendig, und lachte uͤberlaut vor Freude, wenn er ſie ſo nackt herumlaufen ſah. Lebendig zer⸗ gliederte er ſie dann, oder ließ langſam, ein Tropfe nach dem andern, ihr Blut fließen, um — 21— die Freude zu haben, einen verlaͤngerten Todes⸗ kampf zu ſehen, und wenn er ein junges Lamm ſo abſchlachten konnte, glaͤnzten ſeine Augen im wildeſten Feuer. Er hatte ſein Zimmer zu einem Schlachthauſe umgewandelt, wo er in Blute wa⸗ dete und uͤber die noch zuckenden Glieder der Thiere hinweg ſchritt, die er ſeinem ſchauderhaften Ver⸗ gnuͤgen geopfert hatte. In ſpaͤteren Jahren iſt Dom Miguel der ge⸗ kroͤnte Tiger genannt worden, doch er uͤber⸗ traf noch dies ſchreckliche Thier, denn wenn der Tiger erſt ſeine Beute erfaßt hat, toͤdtet er ſie raſch und will nur ſie beſiegen und verzehren, er martert ſeinen Feind nicht noch zum Ueberfluß. Die gewoͤhnliche Geſellſchaft des Prinzen wa⸗ ren Stallknechte und andere Subjecte dieſes Stan⸗ des, mit welchen er ſich Nachts an ſchlechten Or⸗ ten umhertrieb, und die ihn auch am Tage ſelten verließen. Er erhielt nur ſehr weniges Geld zu ſeiner Verfuͤgung und borgte daher bei ſeinen Be⸗ gleitern, war jedoch ſelten im Stande es zuruͤck— zuzahlen, wurde nun ſo immer feſter an ſie geket⸗ tet, und belohnte ſie dadurch, daß er ihnen er⸗ giebige Aemter durch ſeine Protektion verſchaffte. — 22— Wie ſolche Leute, als die Begleiter des Infanten waren, nun irgend eine Stelle im Staate gehoͤ⸗ rig verwalten konnten, bleibt der Einſicht eines Je⸗ den uͤberlaſſen!—— Eine Anekdote, wie wenig Delikateſſe der Prinz in der Wahl der Gegenſtaͤnde ſeiner Liebe zeigte, darf hier nicht uͤbergangen werden.— Es werden zu Rio⸗Janeiro eine große Menge ge⸗ ſalzener Stockfiſche und Kabeljau conſumirt. Alle Maͤrkte ſind damit bedeckt. Dom Miguel beſuchte dieſe einſt mit ſeinem Guͤnſtling, ſcherzte mit den ſchmutzigen Verkaͤuferinnen und trat dann mit dem⸗ ſelben in ein Haus ein, welches von oͤffentli⸗ chen Maͤdchen der niedrigſten Klaſſe be⸗ wohnt, nur von Matroſen, Sclaven und mitunter von Polizey⸗Soldaten beſucht wird. Er ließ ſich ein Fruͤhſtuͤck ſerviren und zwei Dirnen, welche es mit ihm einnahmen, ſetzte er an ſeine Seite.— Es wurde viel getrunken und die ekel⸗ erregende Saturnalie endete mit Fauſtſchlaͤgen, weil weder er, noch ſein Begleiter Geld hatten, das Fruͤhſtuͤkk zu bezahlen und die Maͤdchen zu⸗ frieden zu ſtellen. Die Sache konnte nicht ganz verborgen bleiben, weil der Scandal zu oͤffent⸗ —— — 23— lich getrieben worden, doch die Polizey gab ſich alle Muͤhe, ihn zu unterdruͤcken—— weil der Name des Infanten in dem Hauſe genannt worden und er erkannt war.— Vielleicht glaubꝗt man, daß der Prinz, uͤber dieſen Vorfall betreten, daraus Nutzen gezogen und ſich vor aͤhnlichen Auftritten gehuͤtet habe?!— Nein, im Gegentheil, er trat alle Sittlichkeit ſo ſehr mit Fuͤßen, daß er frech genug war, nach beſtan⸗ denem Fauſtkampfe ſich von denoͤffentlichen Dirnen wohl hundert Schritte weit be⸗ gleiten, und beym Abſchiede herzlich kuͤſſen zu laſſen. Kaum hatten die Phrynen ihn verlaſſen, als er einigen Knechten aus dem Marſtall des Koͤnigs begegnete, ſie mit ſich nahm, und nun eine Nacht mit ihnen verlebte, die ſich den eben erſt verlaſſenen Orgien wuͤrdig anſchloß. In Portugal war indeß die Lage der Sachen umgeſtaltet worden, und als Johann VI. mit ſei⸗ ner Familie im Jahre 1821 dahin aus Braſilien zuruͤckkehrte, hatte das koͤnigliche Anſehn daſelbſt viel verloren.— Die Conſtitutionellen allein beſaßen die Macht, und beſtimmten dem Monarchen eine Civilliſte, ſo daß er, der fruͤher ein jaͤhrliches — 24— Einkommen von 2 ½ Million Eruzados beſaß, ſich jetzt mit 125,000 Cruz. begnuͤgen mußte. Eine nothwendige Folge davon war, daß die Gehalte der Dienerſchaft bedeutend herabgeſetzt und alle Penſionen, wo es ſich nur einigermnaßen thun ließ, eingezogen wurden. Die Guͤnſtlinge des Koͤnigs exilirte man in die Provinzen, und Charlotte ſelbſt, welche ſich weigerte, den Eid auf die Konſtitution zu ſchwoͤ⸗ ren, wurde aus den Graͤnzen des Koͤnigreichs ver⸗ bannt, doch iſt dieſe Verbannung in Folge eines aͤrztlichen Gutachtens niemals vollzogen worden, obgleich die Cortes verlangten, daß ſie nach Bra⸗ ſilien geſchickt wuͤrde. Sie aber wollte, wenn ſie das Land ja verließ, nur nach Spanien, und dort lebte ihr in der Perſon von Marquis von Chaves eine maͤchtige Stütze, den die Liberalen fuͤrchteten. Man duldete ſie alſo leider fort.— Die Moͤnche jagte man aus ihren Kloͤſtern, ohne ihnen eine Unterſtuͤtzung zu bewilligen; Bra⸗ ſilien wurde nur noch als Colonie behandelt, und legte ſo den Grund zu der ſpaͤtern Trennung vom Mutterlande. Auch die Armee wurde nicht gehoͤ⸗ rig beachtet.— Man kann leicht ermeſſen, daß — 25— bey dieſen ſo ſchnell ſich haͤufenden Fehlern und Mißgriffen die jetzt am Ruder befindliche Parthey ſich nicht halten konnte, wie ſehr ſie ſich auch be⸗ ſtrebte, wahrhaft nur Gutes für das Land zu er⸗ zielen und dies wohl auch einigen Erſolg hatte. Sehr bald verbanden ſich Adel und Geiſtlich⸗ keit unter Anfuͤhrung der Koͤnigin gegen die Cor⸗ tes.— Charlotte hatte jetzt politiſche Intri⸗ guen an die Stelle ihrer Privatintriguen treten laſſen, und verſtand ſich meiſterlich darauf, Raͤnke zu ſpinnen. Die Nation zeigte ſich theilnahmlos und allein der Koͤnig refuſirte alle Antraͤge, die ihm von jener Parthey gemacht wurden, um ſeinem ein⸗ mal geſchwornen Eide treu zu bleiben. Es gelang den Verſchworenen, einige hoͤhere Offi⸗ ziere in ihr Intereſſe zu ziehen, und der gemeine Soldat wurde durch Geldbeſtechungen gewonnen. Dom Miguel ſtellte ſich auf Antrieb der Koͤnigin an die Spitze der Unternehmung und beabſichtigte nach den Planen ſeiner Mutter nicht nur die Cor⸗ tes zu verjagen, ſondern den Koͤnig ſelbſt zur Thronentſagung zu Gunſten ſeiner zu bewegen. Charlotte hatte dieſen Plan genau berechnet und 2* 26— wußte, daß ſie im Fall des Gelingens ſelbſt regie⸗ ren wuͤrde, wenn auch ihr Sohn dem Namen nach Koͤnig waͤre.— Im Monat May des Jahres 1823 verließ Dom Miguel ploͤtzlich die Hauptſtadt, verſammelte einige Regimenter um ſich, und erließ von San⸗ tarem aus einen Aufruf an das Volk, den Koͤ⸗ nig aus der Gewalt ſeiner Feinde, wie er die Cortes nannte, zu befreien. Die Stellung Johanns war nun aͤußerſt kritiſch geworden. Ob⸗ gleich er ſich oͤffentlich gegen das Treiben ſeines Sohnes ausſprach, glaubten doch Viele nicht daran. Demohngeachtet votirte man ihm eine Dankadreſſe, doch wurde zugleich der Vorſchlag gemacht, die Sitzungen der Cortes in das alte feſte Schloß St. Georg, auf dem Rocio im Mittelpunkt von Liſſabon zu verlegen, und auch den Koͤnig dort reſidiren zu laſſen. Dieſer Vorſchlag ging nicht durch; die Parthey, von der er kam, war nicht ſtark genug, und man glaubte ſelbſt ziemlich allge⸗ mein, daß der friedliebende Monarch die Contre⸗ Revolution nicht wollte.— Die Koͤnigin ihrer Seits ließ kein Mitte un⸗ verſucht, die Gaͤhrung anzufachen, doch trug ſich — 27—. jetzt Etwas zu, das ganz außer ihrer Berechnung und den Wuͤnſchen ihres Sohnes lag. Der Koͤnig naͤhmlich hatte nach langem un⸗ ſchluͤſigen Zaudern, von Angſt gepeinigt, ent⸗ thront, vieleicht gar getoͤdtet zu werden, ſich in den Schutz des 18ten Linienregiments, das ſich fuͤr ihn erklaͤrt hatte, begeben, und wurde nun von demſelben nach Villa franca eskortirt. Dieſe Entfernung des Koͤnigs gab der Sache den Aus⸗ ſchlag, denn Johann war noch nicht weit von der Hauptſtadt entfernt, ſo ſtuͤrmte das Volk den Saal der Cortes, die ſelbſt nur mit genauer Noth auf engliſche Schiffe ſich retten konnten. Wie oben bemerkt, war die Flucht des Koͤnigs ſeiner Gemalin keinesweges ein angenehmes Er⸗ eigniß, denn es war von ihr berechnet worden, daß Johann gefangen gehalten, Dom Miguel aber als ſein Befreier, als ſein Erretter vom ſchmaͤh⸗ lichſten Tode auftreten, und Dankhbarkeit den armen ſchwachen Mann bewegen ſollte, zu Gunſten dieſes ſeines Libertadors zu abdiciren. „Ungluͤcklich fuͤr dieſe Plaͤne hatte nun der Monarch ſich allein befreit. Ueberall wurde er mit den Ausbruͤchen der groͤßten Freude des lauteſten „— 28— Jubels empfangen, und dieſe allgemein im Lande verbreitete fuͤr den Koͤnig ſo guͤnſtige Stimmung vermochte Dom Miguel, ſich mit ſeinem Vater zu vereinigen, der ihn als ſeinen Befreier und Er⸗ retter empfing, und, die wahren Abſichten deſſelben nicht ahnend, ihn zum Generaliſſimus des portugiſiſchen Heeres erhob!—— Die entzuͤckten Einwohner Liſſabons ſtroͤmten zu Tauſenden dem Koͤnige meilenweit entgegen, als er am 23ſten Juny ſeinen Einzug in die Hauptſtadt hielt, und Dieſelben, welche noch vor ganz Kurzem bereit waren, ihn zu verlaſſen, ſpannten jetzt die Pferde von ſeinem Wagen, und zogen ihn zur Stadt. Man bemerkte ſelbſt die Grafen von Cunha und Taipa unter Denjeni⸗ gen, die ſich vor den koͤniglichen Wagen geſpannt hatten.— Die Hofzeitung(wie viele andre Blaͤtter dieſer Art) verſtand ſich praͤchtig darauf, zu ſchmei⸗ cheln, und ihre Spalten fuͤllten am Tage nach dem Feſte nichts Anderes, als die Beſchreibung dieſes ſolennen Einzugs. Sie machte die Namen alle der edlen Portugiſen bekannt, die ſo gluͤcklich geweſen, dem Koͤnige als Pferde zu N —. — 22.— dienen, und der Geſchichtsſchreiber, der dieſen heroiſchen Zug nicht der Nachwelt uͤberlieferte, wuͤrde ſehr Unrecht daran thun!!—— Zum Aerger der vortrefflichen Hofzeitung, ſprach ſich indeß die allgemeine Stimme ſehr gegen dieſe Handlung aus, und man heftete des Nachts an die Straßen⸗Ecken Plakate folgenden Inhalts: „Diejenigen, welche die Zugthiere zu kaufen wuͤnſchen, welche vor dem Wagen Sr. Majeſtaͤt bey deren Eintritt in Liſ⸗ ſabon geſpannt waren, belieben ſich in den Staͤllen der Herren— Herren—— —— zu melden.“ Nun folgten die Namen der edlen Domes, weelche ſich zu der Rolle eines Pferdes oder Maulthieres hergege⸗ ben hatten. 4 Die Geſchichte aller Zeiten, namentlich aber der letztverfloſſenen 40 Jahre, lehrt uns, daß die Voͤlker eifriger darauf bedacht ſind, ihr Sclavenjoch ſich noch feſter anzulegen, als dieſe ſchmaͤhlichen Ketten zu zerbrechen. Mit großer Heftigkeit und gewaltigem Ungeſtuͤm fangen ſie einen Kampf an, doch bald halten ſie inne, laſſen ſich ihre Eroberun⸗ gen wie Kinder aus den Haͤnden winden, und raͤumen den Platz Intriguenmachern ein, welche ihre Arbeit fuͤr ſich benutzen.— — Alles kam in Portugal nun wieder ins alte Geleiſe, und was die Cortes geſchaffen, ſelbſt ihr Gutes, wurde desavouirt. Es war ſpaͤter die franzoͤſiſche Reſtauration, welche alle Wohlthaten, die fuͤr Frankreich aus der Republik und dem Kaiſerreiche erwachſen waren, uͤber den Haufen warf. Portugal wurde wieder ganz das gute alte mit ſeinen Pfaffen und Kloͤſtern, ſeinem Fanatismus und Elend, mit einem Wort: Portugal mit ſeiner Prieſterherrſchaft. Die Straßen⸗Polizey ſelbſt, die unter den Cortes vortrefflich gehandhabt wurde, fiel wieder in ihren alten Schlendrian!—— Das herrliche Denkmal der Konſtitution auf dem Rocio, welches ſo große Summen gekoſtet hatte, wurde auf Befehl Dom Miguels niederge⸗ riſſen, und die portugiſiſche Charte, welche in ei⸗ nem ſilbernen Gehaͤuſe im Fundament des Denk⸗ mals eingemauert worden, ließ er als eine Arbeit der Frey⸗Maurer oͤffentlich verbrennen! Wenn man Jemand verderben wollte, ſo belegte man ihn mit dieſem Namen, und ein beſtochener Schurke 7 48— 30—. 6 1— 7 — ein Individuum der Frey⸗Maurerey be⸗ zuͤchtigte, war genug, den Angeklagten und deſſen Familie ins Elend zu ſtuͤrzen!—* Die hohe Ariſtokratie trat wieder im vollſten Genuſſe ihrer Privilegien und Vorrechte, und viele erhielten ſelbſt aus dem Staats⸗Schatz be⸗ deutende Dotativen als Entſchaͤdigung fuͤr die Zeit, wo ſie dieſer Vorrechte beraubt geweſen. Die Moͤnche zogen in ihre Kloͤſter wieder ein, der finſtre Jeſuitismus kehrte zuruͤck, und jedes Andenken an die Konſtitution wurde bis auf — Erinnerung verloͤſcht. Alle Steuern und Ab⸗ gaben, die ſehr ermaͤßigt geweſen, wurden wieder erhoͤht, wie ehemals mit ruͤckſichtsloſer Strenge eingetrieben— und das Volk fuͤgte ſich— und murrte nicht!!— England allein zog wieder ſeinen Nutzen aus der Sache, denn das Duanen⸗Geſetz, wonach es verpflichtet war, einen Eingangs Zoll von 308 auf Leinenwaren zu zahlen, wurde nicht mehr beobachtet. Die bedeutendſten Mitglieder der Cortes wur⸗ den exilirt oder in die Provinzen geſchickt, doch erhielten ſie nach einigen Jahren von dem guten Monarchen die Erlaubniß zur Ruͤckkehr. 8 4 20 — 32— 3 Eine nicht leichte Arbeit des Koͤnigs war wie er es moͤglich machen ſollte, die Anſpruͤche auf Belohnung fuͤr ihm geleiſtete Dienſte bei vielen Tauſenden zu realiſiren, denn von allen Seiten her meldelte man ſich und gab vor, treu an ihm gehangen und zu ſeiner Rettung beigetragen zu haben. Da es nun unmoͤglich wurde, allen Or⸗ den oder baare Geld⸗Entſchaͤdigungen zu geben, ſo ließ der Koͤnig goldene und ſilberne Me⸗ daillen mit ſeinem Bildniß ſchlagen und unter Die⸗ jenigen vertheilen, die ihm nach Villa-franca ge⸗ folgt waren. Die halbe Bevölkerung der Haup ſtadt lief nun mit ſolchen Medaillen auf der Bruſt umher, der man den Spottnamen„des Staub⸗ ordens“ beigelegt hatte(medalha da poeira), weil die damit Decorirten dem Koͤnige auf einer ſehr ſtaubigen Straße nachgeeilt waren. Dom Miguel, von ſeinem Vater zum Gene⸗ raliſſimus ernannt, ſprengte jetzt taͤglich, umgeben von dem glaͤnzendſten Gefolge, durch die Straßen Liſſabons, von einer Caſerne zur Andern. Er lernte das Exercitium, unterhielt ſich auf die rohſte und niedrigſte Weiſe mit den gemeinen Soldaten, nd ſchlug ſich mit ihnen herum. Leute ohne das 23 — 99— geringſte Verdienſt, befoͤrderte er ſchnell zu hoͤheren Chargen, wenn ſie ihm ſchmeichelten, und ſchuͤtzte dieſe Leute gegen ihre Offiziere, wenn ſie ſich Sub⸗ ordinationsfehler zu Schulden kommen ließen.— Den alten ehrwuͤrdigen Grafen von St. Paio, einem ſehr verdienſtvollen 70jaͤhrigen General, em⸗ pfing er mit Fußtritten und warf ihn die Treppe hinunter, weil er Mitglied der Gouvernements⸗ Junta geweſen war, weil der edle Mann dafuͤr geſtimmt hatte, den Cortes den Dank der Nation darzubringen, weil er dem liberalen Syſtem an⸗ hing und die Englaͤnder haßte. Johann VI. hatte bey ſeiner Abreiſe nach Braſilien den wuͤrdigen Greis zum Mitglied der Regierung ernannt, und die Englaͤnder caſſirten dieſe Ernennung im Jahre 1808 nach der Capitulation Junots. Sehr bald belebte den Infanten wieder ſeine alte Neigung, ſich oͤffentlich Ehrfurcht zu verſchaffen, und wer nicht vor ihm mit gebogenem Knie den Hut zog, wurde wie zu Rio⸗Janeiro gemißhandelt. Eben ſo vernachlaͤſſigte er ſeine Lieblingsvergnuͤgen, die Stiergefechte, nicht. Haͤufig zog er des Nachts mit den Ochſentreibern(Toreados), deren Kleidung er angelegt, aus, um die zum Kampf 3 3 — 34— beſtimmten Thiere zur Stadt zu treiben, und nichts konnte ihm bei ſolchen Gelegenheiten mehr erfreuen, als wenn ein ſolcher wilder Ochſe ihnen entſprang, und nun, Schrecken und Verderben verbreitend, die Straßen Liſſabons durchrannte. Einige Kinder hatten einſt bey einem ſolchen, zu ſeinem Vergnuͤgen veranſtalten Stiergefecht, die Mauer des Circus erklimmt, und kehrten, nachdem ſie von des Infanten Leuten verjagt worden waren, wieder auf ihre Plaͤtze zuruͤck. Da zog Dom Mi⸗ guel in groͤßter Wuth ſeinen„Generaliſſimus⸗ Degen“ und hieb einem der Knaben die Finger ab.— Das arme Kind ſtuͤrzte ſchreiend die hohe⸗ Mauer herunter!!——— Nur ſehr wenige Perſonen iſt eine That be⸗ kannt, die in dieſen Zeitabſchnitt ſeines Lebens ge⸗ hoͤrt und den Charakter des blutduͤrſtigen Tyran⸗ nen in das hellſte Licht ſetzt. Die Sache ſelbſt iſt geſchichtlich wahr und die Nachwelt wird das Urtheil beſtaͤtigen, welches die Mitwelt ſchon uͤber „den gekroͤnten Tiger“ gefaͤllt hat. Wir ſprechen von der ſchauderhaften Ermordung des alten Marquis von Loulé, Groß⸗Stallmeiſters des Koͤnigs und deſſen Favorit. — 35— Der Koͤnig befand ſich im Spaͤtherbſt des Jahres 1823 auf ſeinem Jagdſchloß zu Salvaterra, waͤhrend ſeine Gemalin in ihrem Luſtſchloſſe Ra⸗ malhäo neue Entwuͤrfe zu ſeiner Entthronung ſchmiedete. Es lag in der Natur dieſes Weibes und ihres wuͤrdigen Sohnes, ſich fortwaͤhrend gegen Pflicht und Ehre zu verſchwoͤren. Der Infant, welcher dem Koͤnige nach Sal⸗ vaterra gefolgt war, wußte um die Plaͤne ſeiner Mutter, billigte ſie und hatte ſich in der Perſon des Marquis von Abrantes ein tuͤchtiges Werk⸗ zeug zu ihrer Ausfuͤhrung erkohren.— Es wurde den Verſchworenen immer gewiſ⸗ ſer, daß man mit Gewalt nichts ausrichten koͤnne, und ſo wurde beſchloſſen, durch Liſt den ſchwachen Monarchen dahin zu bringen, daß er dem Throne entſagte, und Niemand war wohl geeigneter, ihn dazu zu bewegen, als ſein treuer Rathgeber und Guͤnſtling, der Marquis von Loulé. Es wurde nun beſchloſſen, den Verſuch zu wagen, den Oberſtallmeiſter in das Intereſſe Dom Miguels und ſeiner Mutter zu ziehen, und ſollte der alte Mann ſich hartnaͤckig zeigen, ihn zu ermorden, um das Geheimniß am ſicherſten be⸗ 3*¾ wahrt zu wiſſen. Der Infant ließ den Greis bit⸗ ten, ihn zu beſuchen, und empfing ihn im Bey⸗ ſeyn des Marquis von Abrantes mit bey ihm ſel⸗ tener Herablaſſung und Guͤte. Man unterhielt ſich anfangs von Gegenſtaͤnden minderen Belangs, und beruͤhrte dann nach und nach naͤher, doch mit auß rordentlicher Vorſicht, den fraglichen Punkt, und als man ſich ſicher genug glaubte, ruͤckten die Verſchworenen, unumwunden mit ihrem Verlangen heraus: Loulé ſollte den altersſchwachen, zur Re⸗ gierung ganz untauglichen Monarchen dahin zu bringen ſuchen, ſeinem Sohne Dom MMiäsl die Krone Portugals abzutreten.— Empoͤrt uͤber eine ſolche Frechheit, verwei⸗ gerte es der Oberſtallmeiſter, ſich zu einer ſolchen Hochverraͤtherey herzugeben. Jeder Andere wuͤrde, die Elenden kennend, ſich keine Muͤhe gegeben ha⸗ ben, ihnen ihr Projekt auszureden, doch der brave Loulé bot ſeine ganze Beredtſamkeit auf, es zu thun, und den armen Johann VI auf dem Throne ſeiner Vaͤter zu erhalten. Sehr ergreifend ſchil⸗ derte er ihnen die Groͤße des Verbrechens, das ſie begehen wollten, und warnte ſie vor der Strafe, die ſie ſicherlich treffen wuͤrde. Da nun der Infant und ſein Vertrauter ſich ſo getaͤuſcht ſahen, ſchritten ſie zum aͤußerſten und ſtießen die furchtbarſten Drohungen aus, wenn Loulé ſich erkuͤhnen wuͤrde, ihren Anſichten zu wi⸗ derſprechen und nicht in ihre Plaͤne einzugehen. Doch auch dies Mittel half bey dem wuͤrdigen Manne nichts, der in der Treue gegen ſeinen Koͤ⸗ nig nicht wankend gemacht werden konnte. Nun ſtuͤrzte ſich ploͤtzlich der ſehr kraͤftige Abrantes, wie eine Hyaͤne auf ihre Beute, auf den ungluͤckli⸗ chen Marquis, und preßte ihn ſo heftig gegen die Mauer, daß der Arme faſt ſchon den Athem ver⸗ lor; zu gleicher Zeit hatte der Infant, den ſeine teufliſche Ruhe nicht einen Augenblick verließ, ein Zeichen gegeben, und ſein treuer Freund und Voll⸗ ſtrecker ſeiner Schandbefehle, der Polizey⸗Ser⸗ geant Verſiſſimo, den man fuglich mit dem Profos Ludwigs XI von Frankreich, den Ge⸗ vatter Triſtan, vergleichen kann, ſtuͤrzte her⸗ ein, und ſtieß dem ſich kraftlos wehrenden Ober⸗ ſtallmeiſter ein Meſſer mit ſolcher Heftigkeit in den Mund, daß er augenblicklich todt zur Erde ſank. Waͤhrend dieſer Expedition rauchte das Unge⸗ heuer Miguel ruhig eine Cigarre!!!——— Der Grund zu der ſcheuslichen Ermordung des wuͤrdigen Mannes und die Art der Ausfuͤh⸗ rung wird von Mehreren verſchieden erzaͤhlt, und wir verfehlen nicht, dies hier vollſtaͤndig nachzu⸗ tragen. Es wird nehmlich behauptet, der Mar⸗ quis ſey von den Plaͤnen der Koͤnigin und ihres Sohnes unterrichtet geweſen, habe dies dem Koͤ⸗ nige entdeckt, und dieſer, aus Furcht fuͤr ſeine perſoͤnliche Sicherheit und um ſich im Volke einen Anhang zu erwerben, habe ſich entſchloſſen gezeigt, der Nation eine neue Charte zu geben, welche zugleich mit den Intereſſen Portugals und denen der auswaͤrtigen Maͤchte im Einklang ſtehen ſollte. Das Dekret dazu ſoll ſchon fertig geweſen ſeyn, behauptet ein Augenzeuge, der Chef von San⸗Paio. Um nun ſichrer zu ſeyn, habe Loulé den Monarchen bewogen, ſich nach Salva⸗ terra zuruͤckzuziehen, und von dort aus durch eine Proklamation Volk und Heer von dem Stande der Dinge in Kenntniß zu ſetzen. Dom Miguel, wuͤthend daruͤber, ſeine Plaͤne entdeckt und ſich ſelbſt durch Loulé entlarvt zu ſehen, beſchloß, ſich an dieſem zu raͤchen. Er begab ſich daher Nachts in Geſellſchaft des Marquis von Abrantes und 4 — 39— ſeines Henkerknechts und Freundes Veriſſimo nach dem Schlafzimmer Loulés. Die Thuͤr war ver⸗ ſchloſſen. Abrantes pochte und rief mit lauter Stimme ſeinen Namen, indem er hinzu ſetzte: „der Infant will Sie ſprechen.“ „Ich bin ſchon im Bette,“ rief Loulé her⸗ aus,„ich will mich daher erſt ankleiden.“„Das iſt nicht noͤthig,“ entgegnete Abrantes,„kommen Sie heraus, wie Sie ſind.“ Der Marquis oͤffnete wirklich die Thuͤr, und in demſelben Augenblick ergriff ihn Abrantes, und Veriſſimo ſtieß ihm ein Meſſer durch die Gurgel, waͤhrend der Prinz mit einem Hammer einen heftigen Streich ihm auf den Kopf gab.— Der Leichnam Louléès wurde nun nach dem Thronſaale gebracht, wo er einige Stunden lang blieb, und dann aus dem Fenſter in den Garten hinabgeworfen. Damit noch nicht zufrieden, beabſichtigte der Infant auch den Grafen von Subſerra(Pam⸗ pelona) zu ermorden. Er hatte an das Haus deſſelben folgendes Diſtichon anſchlagen laſſen: „Will man ermorden den Grafen Subſerra, Kann man's ſo gut hier, als in Salvaterra!““ — 40— Ein bekanntes Sprichwort ſagt: Im Palaſte eines Koͤnigs haben ſelbſt die Waͤnde Ohren, um wie vielmehr war dies bey Loulé's Ermordung der Fall, wo die Spuren des vergoſſenen Bluts nicht ſo leicht zu vertilgen waren, und wenn man auch den Leichnam des Erſchlagenen im Garten verdeckt hatte, er doch ſchon am folgenden Tage daſelbſt gefunden wurde. Der Koͤnig, innig betruͤbt uͤber dieſe uner⸗ hoͤrte Graͤuelthat, befahl die ſtrengſte Unterſuchung einzuleiten— doch das Reſultat derſelben iſt im Publikum niemals bekannt geworden. Es iſt wohl anzunehmen, daß der mit der Unterſuchung Be⸗ auftragte die wahren Thaͤter entdeckt habe, ſie dem Monarchen anzeigte, und dieſer nun, um die Ehre der koͤniglichen Familie zu retten, befohlen habe, die Sache zu unterdruͤcken— denn ploͤtzlich wurde die ganze Sache—— ad Acta— gelegt.—— Der Sohn des Hingemordeten, der junge Marquis von Loulé, war anfangs als Klaͤger aufgetreten— doch er ließ die Klage fallen„ er⸗ ſchien wieder bey Hofe, wurde vom Koͤnige in die Wuͤrden und Aemter des Ermordeten eingeſetzt, verkaufte demnach um dieſen Preis das laut um ——— — — 4— Rache ſchreiende Blut ſeines Vaters, und bewaͤhrte ſich ſo als ein unwuͤrdiger Sohn des edlen Mannes. Wenn nun gleich der Infant und ſeine Mut⸗ ter auf dem Wege, den ſie betreten hatten, Wi⸗ derſtand fanden, und ſich gezwungen ſahen, ſtill zu ſtehen, wenn ſie gleich jetzt kein andres Ge⸗ fuͤhl kannten, als Verdruß üuber fehlgeſchlagene Plaͤne, ſo gaben ſie dieſelben doch keinesweges auf, und verzweifelten nicht, ihr Ziel zu erreichen, ja ſelbſt im Nothfalle Gewalt zu gebrauchen, doch ernſtlich bemüͤht zu ſeyn, bis zum Augenblick der Ausfuͤhrung den Schleier des Geheimniſſes dicht um ſich zu ziehen, und man begreift leicht, wie ſicher ſie des endlichen Gelingens waren, wenn man bedenkt, daß Verbrechen und Hochverrath ge⸗ gen ihren Gemahl, Vater und Koͤnig zu begehen, eine angenehme und ſuͤße Beſchaͤftigung fuͤr dieſe Mutter und ihren ſo ganz ihr⸗nachſtrebenden Sohn geworden war. 7 Dom Miguel begann ſich mehr und mehr den Truppen zu naͤhern und ſich mit ihnen zu befreunden. Er ſchmeichelte ihnen mit den ange⸗ nehmſten Ausſichten, und oft hoͤrte man ihn vor — 42— der Front eines Regiments ſagen:„Wenn ich erſt Herr und Koͤnig bin, ſo werde ich ge⸗ wiß die Lage meiner braven Soldaten zu verbeſſern mich beſtreben.“ Er ſuchte Mißvergnuͤgen gegen ſeinen Vater bey ihnen zu erwecken, verhinderte das Avancement, hielt den Sold laͤnger wie gewoͤhnlich zuruͤck und wußte Alles dem ſchwachen Koͤnige aufzubuͤrden, der kaum noch faͤhig ſey, die Laſt der Krone zu tragen, und dennoch nur ſeine Guͤnſtlinge hervorzoͤge, wackre verdiente Maͤnner aber nicht beachtete und uͤbergehe!— Er verbreitete, daß der Monarch ſich wenig um die Juſtizpflege be⸗ kuͤmmerte, und ihm das Schickſal der Armen ganz gleichguͤltig ſey, wenn er nur ſelbſt an wohlbeſetz⸗ ter Tafel ſchwelgen koͤnne.. Auf ſolche Weiſe glaubte der Prinz Alles ge⸗ hoͤrig zum Ausbruch der Revolution vorgearbeitet zu haben. Er zog viele Subaltern⸗ Offiziere und Sergeanten in ſein Geheimniß, und hoffte des guͤnſtigſten Erfolgs ſich erfreuen zu duͤrfen. Er begab ſich daher in der Nacht vom 23. auf den 24. April 1824 in die Caſernen, erklaͤrte mit gut erheucheltem Schrecken, daß er eine Conſpiration gegen das Leben ſeines geliebten Vaters entdeckt, und die Verſchwornen in der Naͤhe des Palaſtes habe ergreifen laſſen. Nun befahl er, den Gene⸗ ral⸗Marſch zu ſchlagen, und ließ den Pallaſt und die innern Gemaͤcher des Koͤnigs durch ein Ba⸗ taillon Jaͤger beſetzen, deren Offiziere und Ser⸗ geanten faſt alle im Complott waren, mit der ausdruͤcklichen Ordre Niemanden, wer es auch ſeyn moͤchte, zum Koͤnige zu laſſen. Dom Miguel hatte ſo ſicher auf die Ermor⸗ dung des Koͤnigs gerechnet, daß er den Truppen ſchon mit Tages⸗Anbruch deſſen Tod anzeigte. Nicht minder gewiß war es der Koͤnigin, denn zwiſchen ihr, dem Infanten und——— dem Marſchall Beresford war der Plan ent⸗ worfen worden.— 3 Sie wohnte im Pallaſt zu Queluz, fand ſich aber an dem zu Tode Johanns des VI be⸗ ſtimmten Tage zu Liſſabon ein. Unterweges ſtieg ſie aus dem Wagen, trat in die Kirche von Bem⸗ fica, wo ſie die ſchaͤndlichſte aller ihrer Thaten unter der Maske der Religioſitaͤt zu verbergen ſich bemuͤhte. Sie theilte den um ſie verſammelten Leuten mit, daß die Feinde des Throns und der — 44— Kirche beſiegt waͤren, daß aber ungluͤcklicherweiſe der Koͤnig dabey umgekommen ſey. Um ihre Mitſchuld beſſer zu verbergen, erheuchelte ſie eine große Traurigkeit.— Die Rollen der Moͤrder waren dem Veriſſimo und Telles⸗ Jour⸗ däo zugetheilt; letzterer ſollte ſich in einen Schrank verbergen, wo man ihn ſchon finden wuͤrde; er ſollte dann, peinlich verhoͤrt, eingeſtehen, daß er den Koͤnig ermordet habe, aber zugleich auch be⸗ kennen, daß die Liberalen ihn dazu erkauft haͤtten. Man beabſichtigte dadurch eine allgemeine Niedermetzelung aller Li⸗ beralen in Portugal. Zum Lohn ihrer Schandthaten iſt Veriſſimo Sergeant bey der Polizey geblieben, Telles⸗Jour⸗ däo aber zum Commandant der Feſte St. Ju⸗ lian ernannt worden, in welcher er die grauſam⸗ ſten Nichtswuͤrdigkeiten gegen die armen Gefan⸗ genen ausuͤbt. Der Henkersknecht Napole⸗ ons auf St. Helena, Hudſon⸗Lowe, iſt im Verhaͤltniß zu dieſem Menſchen ein heiliger Vincent von Paula.— 1 Die Maßregeln, die der Infant ergriffen hatte, verhinderten den ſo eingeſchloſſenen Koͤnig, ſich dem Volke zu zeigen, und es blieb dem Prin⸗ zen jetzt nichts weiter zu thun uͤbrig, um ſeiner Sache vollends den Ausſchlag zu geben, als ſich der beyden Miniſter, Marquis von Palmella und Grafen von Subſerra zu bemaͤchtigen, welche bei⸗ de ſeine und der Koͤnigin erklaͤrte Antipoden wa⸗ ren.— Die Gefangennehmung derſelben ſchien auch keine Schwierigkeiten zu machen, da ſie ei⸗ nem Balle beywohnten, welchen der engliſche Ge⸗ ſandte in eben der Nacht gab. Spione waren beordert, den Aufbruch der Miniſter vom Balle anzuzeigen und der Marquis wurde nicht weit von ſeiner Wohnung ergriffen und nach dem Thurm von Belem gebracht. Subſerra, noch zeitig ge⸗ nug gewarnt, indem ihm der Baron von Reu⸗ duffe von der ihm drohenden Gefahr Nachricht ge⸗ ben ließ, rettete ſich in das Hötel des franzoͤſi⸗ ſchen Geſandten, wo er blieb, bis die Gefahr voruͤber war. * Der Geſandte Frankreichs, Hr. Hyde de Neu⸗ ville, von der Verſchwoͤrung durch den Marquis und Pampelona unterrichtet, hatte nichts eiligeres zu thun, als das diplomatiſche Corps davon in Kenntniß zu ſetzen, und zu erſuchen, ſich mit ihm — 46— in den Palaſt des Koͤnigs zu begeben, um, wenn es noch Zeit waͤre, deſſen Tod zu hindern. In moͤglichſter Eile befolgten Alle dieſen Rath, doch die im Innern des Palaſtes aufgeſtellten Jaͤ⸗ ger verweigerten den Eintritt. Endlich erzwang ſich das entſchloſſene Benehmen des Hrn. v. Neu⸗ ville, welcher ihnen vorſtellte, daß ſich der Be⸗ fehl, den ſie haͤtten, nicht bis auf die Repraͤſen⸗ tanten fremder Maͤchte ausdehnen koͤnnte, den Durchgang, indem er aufs kraͤftigſte dabey von mehreren konſtitutionellgeſinnten Offizieren unter⸗ ſtuͤtzt wurde. So gelangten ſie in das Zimmer des Monarchen. Johann VI empfing ſie mit gro⸗ ßer Freude und fluͤchtete auf ihren Rath an Bord des Windſor⸗Caſtle. Der Infant haßte den Grafen von Subſerra beſonders deswegen, weil derſelbe nach dem Sturz der Cortes deſſen Erhebung auf den portugiſiſchen Thron am meiſten entgegengewirkt hatte. Daher auch der Befehl, ihm den Grafen, es koſte was es wolle, todt oder lebend zu uͤberliefern. Jetzt ſeufzt nun der Ungluͤckliche bereits ſeit 2 Jahren in einem ſchauderhaften Gefaͤngniß, wo ihm auch das Geringſte verweigert wird, was ſein hartes Loos zu mildern im Stande waͤre.— Seine edle Gemahlin theilt mit ihm ſein furchtbares Loos; allein nicht kraͤftig genug, das Elend und die Ent— behrungen zu ertragen, hat ſich der Wahnſinn ih⸗ rer bemaͤchtigt.— Doch zuruͤck zu den Scenen der Nacht vom 23. April.. Auf Befehl des Prinzen hatten ſich ſaͤmmt⸗ liche in Liſſabon anweſende Regimenter mit Ta⸗ gesanbruch auf dem Rocio verſammelt. Verwun⸗ dert und entſetzt hoͤrte das durch die Straßen wo⸗ gende Volk, wie der Infant eine Verſchwoͤrung entdeckt habe, welche nichts Geringeres beabſich⸗ tigte, als den Koͤnig zu ermorden und alles Be⸗ ſtehende umzuſtuͤrzen. Ueberall fielen Verhaftneh⸗ mungen vor, und zwar ſo ungeregelt, daß ſelbſt Anhaͤnger der Koͤnigin und ihres Sohnes mit ar⸗ retirt wurden. Auch Weiber und Kinder wurden der Willkuͤhr Preis gegeben. Man wollte die Ver⸗ hafteten nach der kleinen Inſel Berlengas bey Peniche abfuͤhren und dort erſchießen laſſen. Der Marquis von Palmella, der Graf von Villaflor waren mit unter den Feſtgenommenen und der General Paroas leitete das Ganze. Waͤhrend dies Alles vorging, befand ſich Dom Miguel im Palaſte der Inquiſition, von wo er ſeine Befehle ausgab, und von hier aus wurde auch eine Proclamation an die Truppen geſchickt, deren Erfolg der Infant und ſeine Anhaͤnger mit aͤngſtlicher Ungeduld erwarteten. Kaum war dieſe nun den Soldaten vorgele⸗ ſen, als Tauſende auch in den Ruf ausbrachen: Es lebe der Koͤnig Johann VI! Es lebe die koͤnigliche Familie! Spaͤter und weniger ſtark folgte dann: Es lebe Dom Miguel! Als dieſer, der von ſeinen Vertrauten be⸗ ſtimmt worden war, ſich den Truppen zu zeigen, dieſen Ruf vernahm, traf es ihn wie ein Blitz⸗ ſtrahl aus heiterm Himmel. Stillſchweigend und in Beſtuͤrzung entfernte er ſich, und man ſah, wie ſein gewoͤhnlich bleiches Geſicht faſt gruͤnlich wurde. Er biß die Lippen zuſammen, in ſeinen Augen brannte das Feuer des wildeſten Zornes und ſeine Bruſt flog krampfhaft auf und nieder, ſo daß dieſe heftige Bewegung ſeines Koͤrpers am deutlichſten zeigte, was in ſeiner Seele vorging, und wie es ihn ſchmerzte, ſeine Wuͤnſche nicht mit Erfolg gekroͤnt zu ſehen. Auch ſeine Anhaͤnger entfernten ſich mit ihm, bleich und erſchreckt, und — 49— auf allen Geſichtern ſtand deutlich geſchrieben: Was jetzt anfangen??!— Es iſt ein merkwuͤr⸗ diges Schauſpiel fuͤr den aufmerkſamen Beobach⸗ ter, das Geſicht eines Menſchen zu ſtudiren, dem ſein Gewiſſen ſagen mußt du haſt zu gleicher Zeit Geſetze, Vaterland und Koͤnig verrathen, um die blutduͤrſtigen Unternehmungen eines Ty⸗ rannen zu befoͤrdern. Lord Beresford, welcher ſich, wie man be⸗ haupten wollte, in Privatangelegenheiten in Liſſabon aufhielt, und welcher eine mehr als zweideutige Rolle in dem verhaͤngnißvollen Drama uͤbernommen hatte, riß die Beſtuͤrzten aus ihrer Verlegenheit, zeigte dem Infanten an, daͤß ſein Vater durch das diplomatiſche Corps aus ſeiner Haft befreit worden ſey, und daß Se. Majeſtaͤt ihm befehlen laſſe, augenblicklich vor ihm zu er⸗ ſcheinen. Es iſt Reſultat der Unterſuchung uͤber die Vorfaͤlle vom 24. April, daß Lord Beresford Mit⸗ wiſſer um die Plaͤne des Prinzen und ſeiner Mut⸗ ter war; doch die Vernehmung der Zeugen wurde nicht fortgeſetzt, weil der Lord und die koͤnigliche Familie dadurch zu ſehr gravirt wurden und es da⸗ 4 — 56— her im Intereſſe der Migueliſten und Englands lag, Alles zu dieſer Angelegenheit gehoͤrige zu un⸗ terdruͤcken. Demohngeachtet hat ſich die Times genugſam uͤber dieſen Gegenſtand ausgeſprochen, ſo daß kein Zweifel mehr fuͤr diejenigen vorhan⸗ den ſeyn kann, die mit dem Charakter des Cabinets von St. James vertraut ſind.— Auch der Mar⸗ quis von Pampelona hat ſich in ſeinem bekannten Manifeſte hinlaͤnglich daruͤber erklaͤrt.— Dom Miguel mußte dem Befehle des Koͤnigs Folge leiſten, vor ihm zu erſcheinen. Man ſchickte die Truppen in die Caſernen zuruͤck und der In⸗ fant begab ſich zu ſeinem Vater. Dieſer uͤber⸗ haͤufte ihn mit Vorwuͤrfen, in die auch die Ge⸗ ſandten Englands und Frankreichs einſtimmten. Obgleich anfangs beſchaͤmt und verlegen, fand ſich ſeine ruhige Frechheit bald wieder ein, und er be⸗ hauptete mit Feſtigkeit die laͤcherliche Luͤge, daß er eine Verſchwoͤrung entdeckt und ver⸗ eitelt habe. Der Koͤnig wollte aus angeſtamm⸗ ter Guͤte, oder beſſer geſagt, aus unbe⸗ greiflicher Blindheit, den Infanten nicht oͤffentlich exrponiren, und ſo ernannte er eine Commiſſion, dieſe angebliche Conſpiration zu un⸗ — 31— terſuchen, und hiermit ſchien die ganze Sache be⸗ endet. Die Nachſicht und Milde des Monarchen, oder vielmehr ſeine unverantwortliche Schwaͤche, wurde ihm ſelbſt nachtheilig, denn der Prinz, den man vom Commando der Armee nicht entfernt hatte, ſann jetzt aufs Neue darauf, ſeinen Vater vom Throne zu ſtuͤrzen und Schrecken um ſich zu ver⸗ breiten, und dazu diente ihm kein Mittel beſſer, als fortwaͤhrend den Koͤnig mit Nachrichten uͤber neuentdeckte Verſchwoͤrungen, ſelbſt unter ſeinen Guͤnſtlingen angezettelte, zu aͤngſtigen. Falſche Zeugen wurden leicht herbeigeſchafft und ſo begann ein furchtbares Schrecken⸗ und Verfolgungsſyſtem. Ruhige Buͤrger wurden aus dem Schooße ihrer Familien geriſſen, in feuchte ſchmutzige Kerker ge⸗ worfen, Niemand war ſeines Lebens, mindeſtens ſeiner Freiheit mehr gewiß, und dieſer neue Kunſt⸗ griff des Tyrannen ſtuͤrzte das arme Portugal in unabſehbares Elend.— Die Gefaͤngniſſe waren bald ſo vollgepfropft, daß man ſich genoͤthigt ſah, 150 Wagen voll dieſer Ungluͤcklichen nach der 14 Stunden von Liſſabon gelegenen Feſte Peniche abzufuͤhren. Der grauſame Infant hatte aufs . 4* — 52— Strengſte befohlen, den Aermſten auf dieſer Tour weder Ruhe zu goͤnnen, noch Nahrung zu verab⸗ reichen. Der Unmenſch hatte ſchon angeordnet, alle jene unſchuldigen Opfer erſchießen zu laſſen, als zum Gluͤck der 9. May erſchien und ſeine Blutherrſchaft ein Ende erreichte. Auch der General⸗Lieutenant der Polizey, Baron von Reuduf, eben derſelbe, durch den der Graf von Subſerra in der Nacht vom 23. April noch zeitig genug gewarnt wurde, befand ſich un⸗ ter den Eingezogenen. Trotz ſeines Ranges und Standes ließ ihn Dom Miguel in einen elenden Hundeſtall ſtecken, und machte ſich ſelbſt das grauſame Vergnuͤgen, durch das Dach Steine, Koth und Aas auf ihn hinabzuwerfen. Der Baron Reuduf leitete die Unterſuchung uͤber die Ermordung des Marquis von Loulé, und Dom Miguel haßte ihn deshalb toͤdtlich. Eines Tages ließ er ihn nach ſeinem Schloſſe Queluz rufen und verlangte die Akten uͤber die gefuͤhrte Unterſuchung. Der Baron verweigerte ſie ſtandhaft, troͤtz der Wuth und den Drohungen des Prinzen. End⸗ lich, da nichts ihn bewegen konnte, gab Dom Miguel einen Wink, 6 Jaͤger, oder beſſer geſagt, — 53— 6 Banditen, ſeine Vertrauten, ſtuͤrzten ins Zim⸗ mer, ergriffen den Armen, verbanden ihm die Augen und ſchleppten ihn in ein kleines, dicht beym Schloſſe befindliches Gehoͤlz.— Hier zwan⸗ gen ſie ihn niederzuknieen und hatten ſchon ange⸗ legt, um ihn zu erſchießen, als er in hoͤchſter To⸗ des⸗Angſt den Ort angab, wo die Akten ſich be⸗ fanden. Nun ſchenkte ihm der Wuͤtherich zwar das Leben, ließ ihn aber in den oben erwaͤhnten Hundeſtall ſtecken. Auf dieſe Weiſe wußte ſich der Tyrann eine Rache zu verſchaffen, die eben ſo ekelhaft, als das Gefuͤhl verletzend, einen Platz in der Geſchichte der menſchlichen Qualen ver⸗ dient, und eine tiefe Einſicht in das ganz verderb⸗ te Herz des Infanten thun laͤßt, wenn nachdem, was wir ſchon fruͤher uͤber ihn geſagt, eine ſolche Einſicht noch noͤthig waͤre,— um ſich zu uͤberzeu⸗ gen, daß Dom Miguel eins der ſcheußlichſten Un⸗ geheuer neuerer Zeit iſt, und tief ſelbſt unter ei⸗ nem Nero und Caligula ſteht.— Der Koͤnig, der zu dieſer Zeit ohne alle wahre Gewalt, nur dem Namen nach regierte, war zu ohnmaͤchtig gegen die Parthey ſeines ent⸗ arteten Sohnes, der ſich nicht entbloͤdete, Jeden, — 54— der einen Befehl des Monarchen ausfuͤhrte, augen⸗ blicklich in den Kerker zu ſchicken. Die Anhaͤnger Johann's nahmen daher ihre Zuflucht zur Liſt und Dom Miguel ging in die Schlinge, die ihm gelegt wurde.— Wie es ſehr haͤufig geſchah, machte der Koͤnig an einem ſchoͤnen Sommertage eine Spazierfahrt auf dem Tajo und kam ſo unter die engliſchen Kriegsſchiffe. Er aͤußerte den Wunſch ,an Bord des Windſor⸗Caſtle zu gehen, wo man ſchon An⸗ ſtalten zu ſeinem Empfange getroffen hatte. Der Prinz, der den Koͤnig nie einen Augenblick außer Augen ließ, folgte ihm ſogleich dahin, und in demſelben Augenblick, wo er ſchon die Ordre ge⸗ geben hatte, ſich auf der Nuͤckfahrt der Per⸗ ſon des Monarchen zu bemaͤchtigen, wurde er ſelbſt zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen und Schrecken auf dem Windſor⸗Caſtle gefangen ge⸗ nommen.— Sogleich wurde nun die koͤnigliche Flagge aufgezogen, um die Gegenwart des Fuͤrſten anzu⸗ zeigen. Vom Schiffe aus wurde eine Proclama⸗ tion an das Volk erlaſſen, in welcher der Infant aller ſeiner Aemter und Wuͤrden entſetzt, die Frei⸗ laſſung aller Gefangenen befohlen und ſtrenge Un⸗ terſuchung alles bis heut Geſchehenen angeordnet wurde. Die letzte Maßregel hatte leider keinen guͤn⸗ ſtigen Erfolg, weil die am meiſten Gravirten, ſo wie alle naͤheren Vertrauten des Infanten, ſich durch ſchnelle Flucht retteten, oder ſich verborgen hielten, bis der erſte Sturm voruͤber war. Vom fruͤheſten Morgen bis zum Abend um⸗ lagerten wohl Hunderte von Barken das engliſche Kriegsſchiff, da Leute aller Klaſſen ſich hinzuge⸗ draͤngt hatten, den Koͤnig zu ſehen. Auch Dom Miguel zeigte ſich frech genug der herbeiſtroͤmenden Menge, doch nicht ſo viel Achtung wurde ihm mehr bezeigt, daß man den Hut vor ihm abnahm. Die Verachtung und der Haß des Volks ſprach ſich deutlich genug gegen den Infanten aus, der indeß zeigte, wie wenig ihm daran lag, indem er grimaſſirend auf ſie nie⸗ derſah und mit den Faͤuſten drohte, vergleich⸗ bar einem wilden Thiere, welches die Zaͤhne ge⸗ gen die fletſcht, die vor ſeinem Kaͤfig voruͤber⸗ gehen. — 36— Wenige Tage nach ſeiner Verhaftung ſchickte der Koͤnig den Infanten auf einer Fregatte nach Frankreich, und kehrte nach Liſſabon zuruͤck, ohne ihn nur noch einmal geſehen zu haben.— Die Freiſinnigen jubelten,—— doch leider! dauerte ihre Freude nur kurze Zeit.— II. — Wohl 4 Jahre brachte Dom Miguel im Auslande zu, und es iſt allgemein bekannt, wie er lebte; wir koͤnnten uns alſo der Muͤhe uͤberhe⸗ ben, von dieſer Zeit zu ſprechen, doch da unſer Vorſatz iſt: Dem kuͤnftigen Geſchichtsſchrei⸗ ber mit Data's, die den Charakter des Prinzen in das hellſte Licht ſetzen, an die Hand zu gehen, ſo unterlaſſen wir nicht, auch die Zeit, die er fern vom Vaterlande zubrachte, muführlicher zu beſprechen. Ohngefaͤhr 6 Monate verweilte der Infant in Paris.— Sein Aufenthalt daſelbſt gefiel ihm nicht, doch da er ohne Erlaubniß Frankreich nicht verlaſſen durfte, mußte er nothgedrungen bleiben, und verbrachte nun ſeine Zeit mit Schwelgereyen, — 38— und Plaͤnen zur Erlangung ſeines hoͤchſten Wun⸗ ſches, zur Beſteigung des Throns von Portugal. Nichts in dieſer„Hauptſtadt der Welt“ hatte Reiz fuͤr ihn oder war im Stand ihm ein kleines Intereſſe einzufloͤßen. Weder oͤffentliche Monumente, noch die Erzeugniſſe der Kunſt und des Gewerbfleißes, kuͤmmerten ihn. Promenaden und die Umgebungen von Paris, die lachenden Ufer der Seine, waren nicht faͤhig ihn nur einen Augenblick lang zu feſſeln. Die glaͤnzenden Cirkel und Baͤlle in dieſer Reſidenz, die Salons, in welchem Luxus, Geſchmack, Anſtand, Geiſt und Kunſtgenuͤſſe Hand in Hand mit einander gehen, waren ihm gleichguͤltig, und alle Orte, die ihm ſein Rang und ſeine Geburt eroͤffnete, floh er, denn er traf ja hier nicht ſeinen geliebten Bereiter.— Die Schauſpielhaͤuſer, die ſo elegant hier ſind, daß man ſie fuͤr Feentempel anſehen koͤnnte, zogen ihn nicht an, denn die vortrefflichen Sachen, die dort angefuͤhrt wurden, die den Geiſt erheben und das Herz ſtaͤrken, konnten ihm ja ſeine blutigen Stiergefechte nicht erſetzen. Die zarten Schoͤnen Frankreichs feſſelten ihn nicht und nur in den verworfenſten Dirnen fand er Erſatz fuͤr das Gluͤck, — 59— das ihm in Rio⸗Janeiro in den Armen der Stock⸗ fiſch⸗Verkaͤuferinnen und oͤffentlichen Dirnen ge⸗ worden war; nur bei dieſen befand er ſich wohl— hier nur konnte man ihn ſtets antreffen.— Eines Tages beſuchte er die Kirche Notre⸗ Dame. Er hatte dort weder Augen fuͤr die Schoͤn⸗ heit dieſes Denkmals gothiſcher Baukunſt, noch der koſtbaren Gemaͤlde. Die erhabene Majeſtaͤt dieſes heiligen Ortes, die einfache Schoͤnheit des⸗ ſelben ließ ihn kalt und theilnamlos. Er knieete einen Moment nieder auf den Boden des Tem⸗ pels, tauchte den Finger in das Weihwaſſer und eilte fort, ohne den armen Verkruͤppelten, die vor der Thuͤr ſeine Mildthaͤtigkeit anſprachen, nur einen Heller zu geben.— Ohne Ziel und Zweck lief er durch mehrere Straßen und gelangte endlich in die Rue des Vielles-Etuves, welche zum Ge⸗ treide⸗Markt fuͤhrt. Vor dem Hauſe, an welchem das Bild eines Huiſſiers ſich befand angelangt, erblickte er ein Frauenzimmer, die ihm intereſſant vorkam, weil aus ihren Augen ein mit dem ſeini⸗ gen ſympathiſirender Charakter ihn anſprach und er eilte ſie anzureden. Was ſich in dieſem Hauſe zutrug, iſt authen⸗ — 660— tiſche Wahrheit; es noͤthigt uns, ein kleines Portrait dieſes Frauenzimmers zu geben, um kei⸗ nen Umſtand zu uͤbergehen. Wir bitten nochmals das Ganze nicht als einen Roman zu betrachten, ſondern verſichern wiederholend, alles, was wir hier erzaͤhlen, iſt lautere Wahrheit. Madame G.... die Tochter eines ge⸗ wiſſen Jaques B.„Schneidermeiſter in der der Rue-Nicaise, war ohngefaͤhr 35— 36 Jahr alt. Sie hatte eine lange duͤrre Figur, weißgelb⸗ lichen Teint, und war uͤberdies noch ſehr durch die Pocken entſtellt. Ihre Augen waren haͤßlich und ſchielend, die Stirn gefaltet: die Braunen, ſehr dicht uͤber die Augen, waren dick und ſtruppig. Ihr Blick, der auf den Voruͤbergehenden verweilte, traf den Infanten und erregte den Wunſch mit ihr ſich zu unterhalten. Mit der Frage, was die weite große Halle unten am Ende der Straße vorſtellte, begann das Geſpraͤch, und durch viele Fragen und Antworten verlaͤngerte ſich die Unter⸗ haltung. Mad. G., durch den fremden Accent des Prinzen aufmerkſam gemacht, der ſich kaum franzoͤſiſch auszudruͤcken verſtand, fragte, ob er Spa⸗ nier waͤre. Er entgegnete: Nein, ich bin aus Portugal. — Obgleich nun Dom Miguel nichts weniger als elegant gekleidet war, ſo glaubte Mad. G., ein ſehr raffinirtes Weib, doch, daß er ein Mann von Stande ſeyn muͤßte, und ſuchte daher ihn naͤher an ſich zu ziehen. Sie bat den Infanten bey ihr einzutreten, um ſich auszuruhen, und konnte dies ſchon wagen, ohne befuͤrchten zu muͤſſen, die Eiferſucht ihres Mannes zu erregen, denn theils war ſie zu haͤßlich, theils lebte er ſchon ſeit langer Zeit nicht mit ihr mehr, und bewohnte andre Zim⸗ mer als ſie. Die Sympathie, welche ſich in den Charakteren der Mad. G. und des Prinzen zeigte, fuͤhrte ſie bald naͤher zuſammen, und zu gegen⸗ ſeitigen Vertraulichkeiten, unter dem Verſprechen des tiefſten Stillſchweigens. Man dinirte zuſam⸗ men, der Prinz kehrte heut nicht in ſein Hötel (Meurice) zuruͤck, ſondern theilte der Mad. G. Zuͤge aus ſeinem Leben mit, und dieſe, um das ihr geſchenkte Vertrauen zu rechtfertigen und zu erwiedern, erzaͤhlte ihm ihrer Seits auch ihre Le⸗ bensgeſchichte, wie ſie hier niedergeſchrieben iſt.— „Nur ſehr Wenigen, mein Prinz, iſt das Gluͤck beſchieden, mit der Ausſicht auf einen Thron geboren zu werden, und die Natur ſcheint bey — 62— unſrem Entſtehen ein Wuͤrfelſpiel zu treiben.— Mein Vater, deſſen Eltern arme Leute waren, kam als junger Menſch nach Paris, wo er zu einem Schneider in die Lehre ging, um nicht Hungers zu ſterben. Er hatte dort einige Jahre gelebt, als er in Verſailles die Bekanntſchaft mei⸗ ner Mutter machte, welche daſelbſt bey einem Buͤrger diente. Suſanne P., ſo hieß meine Mut⸗ ter, zeigte ſich nicht ſehr ſchwierig gegen den um ſie werbenden Schneider, denn ſie hatte ein Ver⸗ haͤltniß mit einem alten Kapitain auf halben Sold, und war froh, auf dieſe Art noch anzu⸗ kommen. Sie lebten kuͤmmerlich lange Zeit in einer elenden Bodenkammer, und erarbeiteten ſich nur mit Muͤhe ſo viel, ſich und mich, die indeſſen ihnen geboren und aufs Land zu einer Baͤuerin gegeben war, zu erhalten. Die Revolution war ausgebrochen, ein Krieg gegen die Fremden, die eindringen wollten, wurde gefuͤhrt. Die Jugend Frankreichs eilte zu den Fahnen, und duhie uniformirte, gelang es meinem Vater, einen Theil dieſer Arbeit zu erhalten, meine Mutter half flei⸗ ßig, und nach Verlauf von 2 Jahren ſahen ſie ſich in den Beſitz einiger Tauſend Franken, die ſie — 63— ſich durch Thaͤtigkeit und angeſtrengte Arbeit er⸗ worben hatten.“— 1 „Unterdeſſen war die in der franzoͤſiſchen Re⸗ volution unter dem Namen der Schreckensperiode bekannte Zeit herangenaht, und auch mein Vater hatte das Ungluͤck, vor das Revolutions⸗Tribunal gebracht zu werden. Er rettete zwar ſeinen Kopf, doch hatte er die Vernunft verloren, und mußte 2 Jahre in einem Irrenhauſe zubringen, das er nach dieſer Zeit geheilt verließ. Meine Mutter hatte einſtweilen eine kleine Boutique etablirt, durch welche ſie nicht nur im Stande ſich befand uns zu ernaͤhren, ſondern ſelbſt noch Etwas er⸗ uͤbrigte. Als mein Vater wieder geſund gewor⸗ den, ging Alles noch beſſer, und da endlich Na⸗ poleon den Kaiſerthron beſtiegen hatte, konnte er ſich in der Rue⸗Nicaiſe eine Wohnung miethen, wurde zuletzt Lieferant fuͤr die kaiſerlichen Garden, und ſchlug ſich ein ſehr bedeutendes Ver⸗ moͤgen zuſammen.— Von da ab erhielt ich eine ſehr ſorgfaͤltige Erziehung, ich kam in eine Penſions⸗Anſtalt und die ausgezeichneteſten Maͤn⸗ ner waren meine Lehrer. Nichts glich der Guͤte, die mein Pater, und der Zaͤrtlichkeit, die meine — 64,— Mutter mir bezeigten. Ich erfuhr ſpaͤter erſt, daß ich einem andern Manne, mit dem meine Mutter fruͤher gelebt, mein Daſeyn zu danken hatte, und von ihr untergeſchoben ſey. Sie werden hoͤren, wie ich das benutzte. Mein Bruder und eine juͤngere Schweſter hatten ſich nicht der Liebe mei⸗ ner Mutter ſo wie ich, zu erfreuen. Sie nahm ſie ſelten zu ſich— mich ließ ſie nie von ihrer Seite Im 14. Jahre verließ ich die Penſion, und mein Vater kaufte mir einen Kramladen in der Straße St. Honoré, dem ich jetzt vorſtehen mußte. Ich war noch keine 6 Monate dort, als ich die Be⸗ kanntſchaft eines Kapitains der jungen Garde machte. Er nannte ſich Lamouroux. Es ſchmei⸗ chelte mir ungemein, daß ein Offizier mit Orden decorirt, mir ſeine Liebe geſtand, und mich oͤffent⸗ lich auszeichnete, ich ergab mich ihm— und fuͤhlte mich von ihm in andern Umſtaͤnden.— Nicht lange konnte ich meine Lage verbergen, da meine Mutter faſt alle Tage mich beſuchte. Außer ſich uͤber mein Ungluͤck und die Schande, die ich ihr machte, mißhandelte ſie mich, und uͤberhaͤufte eine alte Tante, die man mir zur Aufſicht gegeben hatte, mit tauſend Vorwuͤrfen, daß ſie mich ſo auger Acht gelaſſen. Ich konnte nichts zu meiner Entſchuldigung anfuͤhren, als daß ich darauf rech⸗ nete, der Capitain wuͤrde mich heirathen, und ich haͤtte dann mein Gluͤck gemacht, denn ſo gut wie ſo viele Andre konnte ja mein Geliebter auch bis zum General avanciren, und bey der Erziehung, die ich genoſſen, wuͤrde ich ihm gewißlich keine Schande gemacht haben.“— Die Glocke ſchlug jetzt 11 Uhr und Mad. G. verfuͤgte ſich mit Dom Miguel zur Ruhe!—!——— Aum andern Morgen bat der Infant, der, ich weiß nicht durch was angezogen, ſich noch nicht entfernte, um die Fortſetzung ihrer geſtern ange⸗ fangenen Geſchichte, und ſie erzaͤhlte weiter: „Die alte Tante hatte Mitleid mit meinen Thraͤnen und beklagte mich ſehr. Sie verzieh mir meinen Fehltritt, indem ſie meine Jugend und den Stand meines Geliebten erwog. Die gute Frau ſuchte mich zu troͤſten und verſicherte, me ine Mut⸗ ter habe es ja auch nicht beſſer gemacht, ſondern daſſelbe Ungluͤck gehabt. Ich weiß nicht, war es angeborner Trieb zur Bosheit, oder um neuen Thaͤtlichkeiten begegnen zu koͤnnen, oder 2 — 66— auch endlich die Freude jetzt meiner Mutter die Spitze bieten zu koͤnnen, genug dieſe Mittheilung erfuͤllte mich mit Wonne.“ „Ich reiſte ſogleich nach Verſailles und be⸗ ſorgte mir dort einen Auszug aus dem Kirchen⸗ buche, meine Geburt betreffend, mir da⸗ durch eine Macht verſchaffend, die ich beliebig einſt nach Laune oder Intreſſe verwenden konnte.“ „Mein Vater war im Punkt der Sittlichkeit ausnehmend ſtrenge. Dies Papier in meinen Haͤnden war ein ſicherer Beweis der Fehltritte meiner Mutter und bethaͤtigte, daß ſie meinen Va⸗ ter betrogen hatte.— Was wollte ich mehr!?—“ „Schon der andre Morgen brachte mir eine Gelegenheit, von meiner Macht Gebrauch zu ma⸗ chen. Meine Mutter kam wieder zu mir, und in der heftigſten Erbitterung machte ſie mir nicht nur Vorwuͤrfe, ſondern wollte mich wieder mißhandeln. Doch Letzterem kam ich zuvor, ich ſagte ihr, was ich wußte, zeigte ihr das ſchriftliche Zeugniß, und erklaͤrte ihr, davon Gebrauch zu machen, wenn ſie mich nicht in Ruhe ließe.— Meine Mutter ſtand erſtarrt und wie vom Blitz getroffen, ſie zitterte am ganzen Koͤrper und ſtuͤrzte endlich ohnmaͤchtig — 67— zu Boden. Als ſie wieder zur Beſinnung kam, war ſie wie umgewechſelt. Bittend ſah ſie mich an und ſchien mit den Augen mich anzuflehen, ſie nicht zu verrathen, denn ſie war nicht im Stande einen Laut hervorzubringen.“ „Dieſe ſtumme Scene dauerte wohl einige Minuten, denn auch ich mochte ſie nicht unter⸗ brechen. Ich freute mich innerlich uͤber die Art, wie ich auf meine Mutter gewirkt hatte, und daß ſie kuͤnftig nichts Anderes wollen duͤrfte, als ich. Wir hatten die Rollen ausgetauſcht.“— „Sie war nicht allein eine Mutter, deren Schwachheiten und Fehler der Tochter bekannt ge⸗ worden, nein, ſie war eine Gattin, die zitterte, jeden Augenblick ihren Mann als Richter vor ſich zu ſehen, uͤber ein Verbrechen, das ſie begangen hatte. Alle Angſt war aus meinem Herzen in das meiner Mutter uͤbergegangen.“ „Sie machte jetzt die Vermittlerin zwiſchen mir und meinem Vater; ſehr ſchonend entdeckte ſte ihm mein Ungluͤck, und da er ſehr gutmuͤthig war, und ſie eine unbegrenzte Macht uͤber ihn beſaß, gelang es ihr ſehr bald, mir ſeine Verzei⸗ hung zu verſchaffen. Ich hoͤrte nicht mehr den 5* — 68— mindeſten Vorwurf, wurde mit der ausgezeichne⸗ ten Liebe behandelt, welche meine Lage mit ſich brachte, und bis zudem Augenblick, wo das Kind, das ich unter meinem Herzen trug, das Licht der Welt erblickte, war ich der Gegenſtand der groͤßten Sorgfalt.— Fuͤnf Monate vergingen mir ſchnell nach meiner Niederkunft, und ich lebte wahrhaft gluͤcklich, bis ploͤtzliich der Tod mir das Kind mei⸗ ner Liebe raubte. Ich troͤſtete mich indeß bald uͤber nen Verluſt, geſtehe ich Ihnen ehrlich.“— „Mein Bruder ſowohl als meine Schweſter, waren mir verhaßt, und ich ſuchte ihnen zu ſcha⸗ den, wie ich nur immer konnte. Ich hatte mir vorgenommen, ſie zu verderben, nur war ich noch nicht einig, mit wem ich beginnen ſollte. Bei dem Bruder boten ſich einige Schwierigkeiten dar, denn er war der Augapfel meines Vaters, wie dies faſt immer bey Eltern iſt, die nur einen Sohn haben, und in ihm daher ihren Namen fortleben ſehen. Ich beſchloß alſo mit der Schwe⸗ ſter den Anfang zu machen; mein Haß gegen ſie war auch leicht zu rechtfertigen, denn ſie war ſchoͤn, mich aber hatte die Natur nicht beſonders bedacht.“—— — — 69— Charlotte, ſo hieß die Schweſter, wurde nie⸗ mals von meiner Mutter geliebt, und ſie war bis in ihr 10tes Jahr ganz allein ihrer geweſenen Amme uͤberlaſſen, und von ihr auferzogen worden. Sie kam vom Lande zwar mit den Manieren und Sitten einer Baͤuerin, aber gewiß rein und unver⸗ derbt zu uns zuruͤck. Ich dachte nun auf weiter nichts, als ihre natuͤrlichen Anlagen zu untergra⸗ ben und ſie ſo verderbt zu machen, wie ich ſelbſt ſchon war. Charlotte war ſtets traurig, ſehnte ſich aufs Land zuruͤck und zeigte meiner Mutter auch nicht die geringſte Liebe, waͤhrend ſie immer mit warmer Anhaͤnglichkeit von ihrer bisherigen Erzieherin ſprach, die ſie mehr achtete, als ihre wahre Erzeugerin.— Ich benutzte das geſchickt, um ſie meiner Mutter als eine Undankbare zu ſchildern, die das Blut verlaͤugnete, das in ihren Adern floß, und kam nach und nach zum Ziel, denn ich ſuchte durch die Mutter dem Vater auch einen Widerwillen gegen ſein juͤngeres Kind einzu⸗ foͤßen. Doch dies gelang mir nicht vollkommen. Sie ſehen, Prinz, wie groß ſchon meine Macht uͤber meine Eltern war, und daß ſie mir gewiß nicht mehr entriſſen werden konnte. Mein Geſchaͤft — — 70= ging auch gluͤcklich von Statten und erwarb mir ſoviel, um meine Wuͤnſche zu befriedigen und ganz meinem Geſchmack nachzuleben. „Ich war 20 Jahr alt, als die Reſtauration das glorreiche Kaiſerthum vernichtete und mir auch meinen theuren Lamourour entreißen wollte. Die⸗ ſer Verluſt wuͤrde mir wehe gethan haben, wenn ich mich nicht gerade in einer Lage befunden haͤtte, wo es mir ſogar wuͤnſchenswerth ſeyn mußte, von ihm getrennt zu werden und ſelbſt im Zorn von ihm zu ſcheiden. Er hatte mir naͤhm⸗ lich eine bedeutende Geldſumme anvertraut, die ich vergnuͤgungsſuͤchtig, Putz und Staat liebend, an⸗ gegriffen. Ich fuͤrchtete den Augenblick, wo ich ihm dies geſtehen muͤßte, und war auch nicht Willens, das Geld zu erſetzen, aber ich kannte ihn, auch genugſam, um zu wiſſen, daß er mit einem Geſchoͤpf, das ſich in ſeinen Augen veraͤcht⸗ lich gemacht haͤtte, nie wieder ein Wort ſprechen und ſich augenblicklich von ihm trennen wuͤrde. Darauf baute ich meinen Plan, und hoͤren Sie, wie ich ihn ausfuͤhrte.“ „Im Hauſe meines Vaters wohnte ein arti⸗ ger junger Schauſpieler vom Theater Vaudeville. Herr F.. y, hatte ſich bey meiner Familie ſehr beliebt zu machen gewußt, und brachte uns haͤufig Theater⸗Billets mit. Meine Mutter ging nun faſt jeden Abend mit mir ins Vaudeville, doch zogen mich nicht die Intriguen an, die ich dort auf der Scene ſah, ſondern ich wollte mir ſelbſt eine ſolche bilden. Auch der Schauſpieler feſſelte mich nicht, denn er war hoͤchſt mittelmaͤßig, hatte eine ſehr gewoͤhnliche nichtsſagende Figur, und ſein Naſenton machte ihn mir foͤrmlich zuwider, doch ich brauchte einen Geliebten, und zwar einen Ge⸗ liebten, der ſich nicht bloß mit Schmachten und Seufzen begnuͤgte.— Sie wiſſen, Prinz, daß wir Weiber uns ſehr leicht einem Manne ver⸗ ſtaͤnlich machen koͤnnen, und ſo war ich denn auch nach wenigen Tagen ſchon mit meinem neuen Liebhaber ſehr vertraut.— F. beſuchte mich nun alle Tage, und das war es gerade, was ich be⸗ zweckte. Unſre Unterhaltung gewann ſelbſt in La⸗ mouroux Gegenwart einen Anſtrich von Vertrau⸗ lichkeit und Zaͤrtlichkeit, die ihm hoͤchlich mißfiel. Ich benutzte die erſte Aufwallung ſeiner Eiferſucht, und ihn neckend, ſuchte ich ihn immer mehr zu erzuͤrnen. Er ging in die Falle und verließ mich wuͤthend mit der Betheurung mich niemals mehr wiederzuſehen. Er fragte nicht nach ſeinem Gelde und mein Zweck war erreicht.— Ich habe nie wieder von ihm gehoͤrt.“— „Aber bald zog ein neues Ungewitter uͤber mein Haupt zuſammen. F.. y war verheirathet, ſeine Gattin ſehr eiferſuͤchtig, ſpuͤrte ihm nach und kam hinter ſeine Liebesabentheuer. Wie ihr nun unſer Verhaͤltniß verbergen??“ „Sie war ſeit einigen Monaten von einer Tochter entbunden, doch war das Kind noch nicht getauft, weil nach den in Frankreich leider noch herrſchenden Vorurtheilen Niemand mit den bey einem Theater angeſtellten Leuten in naͤhere Ver⸗. bindung(die Kirche betreffend) treten wollte. Ich ſagte nun F... y, er moͤge ſeiner Frau glauben machen, die haͤufigen Beſuche bey mir hatten kei⸗ nen andren Zweck, als mich zu beſtimmen, Pa⸗ thenſtelle bey ſeinem Kinde zu vertreten, daß er ihr damit eine Ueberraſchung habe bereiten wollen, und daß es doch ſehr angenehm fuͤr ſie waͤre, da⸗ durch mit mir und meiner Familie naͤher bekannt zu werden.“ „Die gute Frau ließ ſich gluͤcklich taͤuſchen.— Der Tauftag ruͤckte heran und ich verſicherte mich wenigſtens proviſoriſch des Liebhabers, den ich mir adoptirt hatte.— Mein Vater entdeckte indeß bald das Verhaͤltniß, und ſich erinnernd, wie hei⸗ lig ich ihm verſprochen hatte, um ſeine Verzeihung damals zu erlangen, jeden fernern naͤhern Um⸗ gang mit Maͤnnern zu vermeiden, wurde ſehr boͤſe und verbot mir ſein Haus. Doch ich hatte ja die Mutter zum Schutz, und ſo wurde mir es nicht zu ſchwer, ihn bald wieder zu beſaͤnftigen. Sie redete ihm ſo viel von meiner Jugend und Uner⸗ fahrenheit, von der heftigen Phantaſie einer Blon⸗ dine, von der Leichtigkeit, ein Maͤdchen ohne Er⸗ fahrungen zu beruͤcken, von dem natuͤrlichen Triebe unſres Geſchlechts, und noch tauſend andern Dingen vor, daß er mir abermals verzieh. Um indeß aͤhnlichen Faͤllen fuͤr die Zukunft vorzubeugen, ka⸗ men Beyde dahin uͤberein, mich ſobald als moͤg⸗ lich zu verheirathen.“— „Dies war nun, obgleich mein Vater ein ſehr wohlhabender Mann war, und ich eine glaͤnzende Erziehung genoſſen hatte, keine kleine Aufgabe, denn ich war doch im Grunde nur eine Kraͤmerin und mein Ruf mochte auch wohl etwas zweideutig 5* 2 — 21— geworden ſeyn; ich wuͤrde demnach mich jetzt ohne alle Beſchaͤftigung, aus Mangel an Stoff zur In⸗ trigue befunden haben, wenn nicht die neuen Ver⸗ haͤltniſſe meines Bruders mir zu Statten gekom⸗ men waͤren, und mich zu erneuerter Thaͤtigkeit angeſpornt haͤtten.“—. „Charles war naͤmlich, da er zu nichts An⸗ derm Luſt zeigte, von meinem Vater zu einem Tuchhaͤndler in die Lehre gegeben worden, und nachdem er ausgelernt, hatte er ihm ſßaͤter ein eigenes Geſchaͤft, an Werth vielleicht von 60,000 Franks, gekauft. Er verheirathete ſich nun mit einem huͤbſchen jungen Maͤdchen, der Tochter eines Ju⸗ weliers.“ „Dieſe gluͤckliche Heirath, die glaͤnzende Stel⸗ lung, die mein Bruder dadurch erhielt, und vor Allem, daß meine ſchoͤne Schwaͤgerin dieſes Gluͤck mit ihm theilte, erfuͤllten mich mit dem graͤßlich⸗ ſten Haß gegen Beyde, mit einer Wuth, wie ſie die verletzte Eitelkeit nur immer einfloͤßen kann.“ „DTag und Nacht hatte ich keinen andern Ge⸗ danken, als ihr Gluͤck zu untergraben. Ich ſuchte mich bey meiner Schwaͤgerin einzuſchmeicheln, und — 75— mir eine Art Gewalt uͤber ſie zuzueignen. Schon fruͤher erwaͤhnte ich, daß ſie ſchoͤn war; demzu⸗ folge ſtellte ich ihr unablaͤſſig vor, wie ſie ihre Reize durch eine ausgeſuchte feine Toilette erheben, wie ſie ihrer ganzen Einrichtung ein andres Anſe⸗ hen geben muͤſſe. Sie wiſſen, Prinz, daß man nicht noͤthig hat, einer Frau ſo etwas zu oft zu wiederholen; wo lebt wohl die unſchuldigſte, die, trotz ihrer Unſchuld, nicht gern den Maͤnnern gefallen moͤchte?“ „In kurzer Zeit bekam nun Alles eine andre Außenſeite im Hauſe meines Bruders. Die ſchoͤ⸗ nen, aber nur einfachen Nußbaum⸗Moͤbel machten reich bronzirtem Mahagony Platz, große Truͤmeaux wurden in alle Zimmer geſchafft und gaben das Bild meiner ſchoͤnen Schwaͤgerin nur im hoͤchſten Staat und mit Diamanten ge⸗ ſchmuͤckt zuruͤck.“— Mein Bruder, der in einer großen Erzie⸗ hungs⸗Anſtalt unter Soͤhnen von Banquiers und reichen Buͤrgern erzogen war, hatte dort zwar nichts gelernt, doch die Sitten der Reichen ſtudirt und vollkommen in ſich aufgenommen. Seine Frau gefiel ihm jetzt in ihrer glaͤnzenden Tollette nur noch mehr, er beſtaͤrkte ſie in ihrer Verſchwen⸗ dungsſucht und nach etwas uͤber einem halben Jahre hatte er fallirt.“— 1„Ich triumphirte. Was kuͤmmerte mich der Verluſt eines Vermoͤgens, das mir nicht gehoͤrte; was kuͤmmerte mich jetzt ſein Weib, das ich von Grund der Seele haßte; mein Hauptzweck war erreicht und mir blieb nur noch uͤbrig, beyde aus Paris, wo moͤglich aus Frankreich, ſogar aus Eu⸗ ropa zu vertreiben, um einſt die Reſte des vaͤter⸗ lichen Vermoͤgens fuͤr mich allein zu haben, denn mit meiner einfaͤltigen Schweſter wollte ich ſchon fertig werden.“— 3 „Einen Augenblick lang ſchien es mir, als ob ich die Frucht meiner Bemuͤhungen nicht erndten wuͤrde. Mein Vater, der ſehr auf ſeinen ehrli⸗ chen Namen hielt, vergoß bittere Thraͤnen uͤber das Ungluͤck ſeines Sohnes.“ „Er klagte ſich ſelbſt an, ihn ſeiner Unerfah⸗ renheit allein uͤberlaſſen zu haben, und wollte ſeine Glaͤubiger befriedigen, die ihn immer hefti⸗ ger draͤngten, obgleich ſie aus Nuͤckſicht fuͤr die Soliditaͤt meines Vaters noch nichts gegen ſeine Perſon unternommen hatten.“ — — 717— „Um dem vorzubeugen, ſuchte ich meinen Bruder dem Vater als einen ſchlechten Menſchen verdaͤchtig zu machen. Ich ſprengte das Geruͤcht aus, daß er einen betruͤgeriſchen Banquerott ge⸗ macht und in Criminal⸗Unterſuchung gezogen wer⸗ den ſollte, zeigte eine ganze Liſte von Betruͤge⸗ reyen, die ich mir ſelbſt fabrizirt hatte, auf, nach welchen es unmoͤglich wurde, ihn zu retten, und als mein Vater daruͤber außer ſich und in Ver⸗ zweiflung gerieth, ſuchte ich ihm begreiflich zu ma⸗ chen, daß er nichts Beſſeres thun koͤnne, um zu vermeiden, daß ſein Sohn, der ſeinen Namen führte, öͤffentlich vor die Aſſiſen geſtellt wuͤrde, als ihn zu zwingen, augenblicklich mit Weib und Kind ſich nach Amerika einzuſchiffen.“ „Die Liſt gelang.— Mein Bruder, ſtets gewohnt zu gehorchen, halb ohne Beſinnung we⸗ gen ſeines ploͤtzlichen Ungluͤcks, widerſetzte ſich nicht und ſo hatte ich ihn, ſein Weib und Kind aus meinen Augen, den Launen des Meeres, der Win⸗ de und einer ungewiſſen Zukunft preißgegeben. Ich habe ſie nie wiedergeſehen, denn Bruder und Schwaͤgerin ſtarben auf einer afrikaniſchen Plan⸗ tage im Elend, und ihr Kind, das noch am Le⸗ — 78— ben iſt, wird, ſo habe ich meine Anſtalten getrof⸗ fen, wohl auch nie nach Europa kommen.“ „In dem Hauſe meines Vaters ging der erſte Subſtitut eines Gerichts⸗Vollzieh ers*) aus und ein, den er ſehr lieb gewonnen hatte. Er zeichnete mich aus, und obgleich er klein, nichts weniger als huͤbſch war und uͤberdies noch ein Paar Augen im Kopfe hatte, ſtierend und nichts ſagend wie Ochſenaugen, ſo ſtand ich doch nicht an, ſei⸗ nen Bewerbungen um mich Gehoͤr zu geben, denn: er hatte das Pulver nicht erfunden, und auf ſeinem Geſichte ſtand deutlich geſchrieben: be⸗ truͤge mich— haͤnsle mich. Ich urtheilte ſehr richtig, daß dies ein Mann fuͤr mich ſey, und ſehr bald verheiratheten wir uns.“ „Mein Gatte hatte eine Gutmuͤthigkeit, die man beſſer Dummheit und Enffaͤltigkeit nennen kann. Er ließ ſich auf⸗ und wieder aus reden, was ich nur immer wollte, und ſo ſtand mir nichts im Wege, meine Leidenſchaften zu befriedigen.“ „F.. y genuͤgte mir nicht mehr, und um freier treiben zu koͤnnen, was mir beliebte, bedeu⸗ *) In Deutſchland unter dem Namen Executoren bekannt. — 79— tete ich meinen Mann, daß ich kuͤnftighin von ihm getrennt meine Zimmer bewohnen wuͤrde und er die ſeinigen. Er beklagte ſich daruͤber bey mei⸗ nem Vater, der ſich heftig daruͤber aͤrgerte und mir verbot, je wieder die Schwelle ſeines Hauſes zu betreten. Der gute Mann wußte nicht, daß ich den Faden in meiner Hand hielt, der ihn wie eine Marionette leitete. Ich ſpielte jetzt die Stolze — Beleidigte und verlor kein Wort zu meiner Rechtfertigung.— Ich zog mich ganz von meiner Familie zuruͤck und wollte ſelbſt meine Mutter nicht mehr ſehen, wohl wiſſend, daß dies das beſte Mittel ſey, Alles wieder in Ordnung zu bringen.“ „Zu dieſer Zeit lernte ich einen alten, reich ge⸗ wordenen Peruͤquier naͤher kennen, der mich ſchon fruͤherhin ſeiner Beachtung werth gefunden hatte. Er war ein Wuͤſtling, dem ſeine ſchon alte Frau nicht mehr genuͤgte, ſprach mir von ſeiner Liebe vor, verſicherte, Alles fuͤr mich zu thun u. dgl. mehr,“— „Entſchloſſen, ſein Vermoͤgen zu meinem Vor⸗ theil zu verwenden, hoͤrte ich ihn an— und gab mich ihm hin. Er konnte bald nicht mehr ohne mich leben, und erfuͤllte, was ich nur von ihm verlangte.“—— — 80— Vor allen Dingen ſuchte ich ihn mit ſeinen Kindern zu entzweien. Er hatte einen Sohn, ich zwang ihn, denſelben unter das Militair zu ſtek⸗ ken, und nun war mir nur noch ſeine alte Frau im Wege, die ich bald, indem ich ſie mit einan⸗ der in Unfrieden leben ließ, aus ſeinem Hauſe verdraͤngte, indem ſie lieber eine Zuflucht bei ihrer verheiratheten Tochter(einer Jugendfreun⸗ din von mir) ſuchte und mir den Platz uͤber⸗ ließ.“— „Ein Alter, der noch vom Teufel der Liebe geplagt wird, iſt gewoͤhnlich noch blinder, als ein junger Menſch, und ich wußte mich des verlieb⸗ ten Gecken ſo ganz zu bemeiſtern, daß er nur noch mit meinen Augen ſah. Ich war Herrin ſeines Vermoͤgens, that, was mir beliebte, und ſchwamm in einem Meer von Wonne.“— „Eines Sonntags machten wir eine Parthie nach Courbevoie und ſpeiſten bey einem Re⸗ ſtaurateur, wo ſich mehrere junge Unteroffiziere be⸗ fanden. Ein kleiner blonder Sergeant fiel mir be⸗ ſonders auf; er war lebhaft witzig und trug die Naſe ſo hoch wie ein Oberſt. Sein Anblick erweckte wieder meine Neigung zu Soldaten. Er — 81— warf mir einige Blicke zu, die ich nicht unerwie⸗ dert ließ, und nach einiger Zeit druͤckte er mir ein Zettelchen in die Hand, auf welchem er mich dringend bat, ihm am folgenden Sonntage an demſelben Orte ein Rendez-vous zu geben. Ich zeigte ihm, daß ich kommen wuͤrde.“ „Die ganze Woche lang beſchaͤftigte mich nur der Gedanke an den kleinen blonden Sergeanten und die Art, wie ich meinen Alten hinters Licht fuͤhren wollte. In der Nacht vom Donnerſtag zum Freitag ſtellte ich mich, als ob ich nicht ſchla⸗ fen koͤnne und waͤlzte mich ſeufzend auf meinem Lager umher.“— „Mein alter Liebhaber fragte mich, was mir fehle? Ich entgegnete ihm: daß ich lebhafte Reue und Gewiſſensbiſſe fuͤhlte, meinen Mann ſo zu be⸗ truͤgen und ſein eignes Familien⸗Gluͤck ſo zu ver⸗ nichten, daß es ihm auch einſt ſo gehen koͤnnte, wie mir jetzt, daß er dann mich verlaſſen und dem Ungluͤck Preiß geben wuͤrde, daß ich daher, ſo ſchwer es mir auch wuͤrde, meine Verbindung mit ihm abbrechen muͤßte und Willens ſey, zu meinem Manne und den Meinigen zuruͤck zu keh⸗ ren.“— 8 6. — 82— „Der alte Vogel ließ ſich richtig fangen. Er betheuerte mir aufs Neue ſeine ewige Liebe, wie er ganz die Groͤße des Opfers kenne, das ich ihm braͤchte, und daß er mich niemals verlaſſen wuͤrde.“ Ich beſtand auf meinem Vorſatz.— Der alte Narr weinte bitterlich, beſchwor mich, davon ab⸗ zuſtehen und ſagte mir, ich ſolle ihm ſelbſt beſtim⸗ men, wodurch er mir beweiſen ſollte, daß mein Argwohn ungegruͤndet ſey.— Dahin wollte ich ihn haben!— Ich redete ihm noch Einiges vor, und er ſtand alſobald auf und ſtellte mir einen Wechſel uͤber 20,000 Frc. aus.— Am andern Morgen ſchenkte er mir die praͤchtigſten Kleider, die ich augenblicklich machen ließ, um meinem Sergeanten darin zu gefallen.“— „Am Sonntage ſpeiſten wir richtig wieder in Courbevoie, und ich hatte mit meinem geliebten Kleinen ein mehrſtuͤndiges Rendez-vous in einem Hôtel-garni, in der Bibliothek⸗Straße.“— „Mein Sergeant hatte ſich ſo liebenswuͤrdig gezeigt, daß mein Alter mich jetzt anekelte, und ich nur auf Mittel ſann, von ihm loszukommen. Ich ſetzte mich alſo ſo ſchnell wie moͤglich in Beſitz der 20,000 Frc. und ſoͤhnte mich dann mit mei⸗ — 83— nem Manne und meinen Eltern aus. Meine Mut⸗ ter, die ſeit einigen Monaten durch meine Abwe⸗ ſenheit und die kleinen Quaͤlereien, die ſie durch mich erdulden mußte, viel litt, war unendlich gluͤcklich, daß ich mich ihr wieder naͤherte. Sie bewerkſtelligte meine formelle Ausſoͤhnung mit dem Vater, und veranſtaltete, daß meine Schweſter mir nie in die Naͤhe kommen durfte. Ich uͤbte in meinem und meiner Eltern Hauſe die alleraus⸗ gedehnteſte Herrſchaft aus, wo ich durchaus kei⸗ nen Nebenbuhler duldete und wie Sie, Prinz, unumſchraͤnkt regieren wollte.“— „Um des Erfolgs gegen meine Schweſter im⸗ mer gewiſſer zu werden, um meine Macht uͤber meine Mutter immer mehr zu befeſtigen, hatte ich einigen Freundinnen derſelben ihren Fehltritt und meine Unterſchiebung im Vertrauen mitge⸗ theilt.“— „Dieſe ließen ſie nun ahnen, daß ſie Etwas davon wuͤßten. Dadurch wollte ich naͤmlich be⸗ wirken, daß meine Mutter ihr Haus nicht mehr verließe, ſondern ſtets um ihren Mann war, denn der unzeitige Beſuch einer ſolchen ſchwatzhaften Freundin haͤtte ſie auf immer von ihm getrennt 6* — 84— und das Ungluͤck ihres Lebens herbei gefuͤhrt. Bey meiner erſten Zuſammenkunft mit ihr, wo ich ſtolz und uͤbermuͤthig ſie empfing, ihr die Wan⸗ ge zum Kuß reichte, ohne ſie wieder zu kuͤſſen, und uͤberhaupt mich benahm, als ob ich ihr viele Unbill zu vergeben haͤtte und es nun wirklich auch aus Großmuth thaͤte; bey dieſer erſten Zuſam⸗ menkunft alſo entdeckte ſie mir weinend, wie das Geheimniß nicht allein mehr in unſerm Beſitz ſey, ſondern daß Mehrere darum wuͤßten, obgleich ſie nicht begreifen koͤnnte, wie das moͤglich geworden, da ihre Schweſter, jene alte Tante, doch ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr in Paris wohnte.— Mich hielt ſie des Verraths nicht fuͤr faͤhig.“— „Eine ſchoͤnere Gelegenheit, meinen Plan aus⸗ zufuͤhren, konnte nicht mehr herbey gefuͤhrt wer⸗ den. Ich erzaͤhlte ihr augenblicklich eine Fabel, die viel Wahrſcheinliches fuͤr ſich hatte, nach wel⸗ cher meine Schweſter einſt durch einen Zufall in meinem Secretair jenes ungluͤckliche Document aus Verſailles gefunden habe, und daß dieſe es nun ſey, welche das Geheimniß ausgeplaudert. Meine Mutter, die die Schweſter ohnehin von je⸗ her ſchon haßte, glaubte mir Alles, was ich ihr —-— 85— vorgelogen hatte. Wuͤthend ſchwor ſie, ſich an der Nichtswuͤrdigen zu raͤchen und bat mich ſelbſt, auch beizutragen zu ihrem Verderben.“— „Mir blieb nun noch uͤbrig, ſie jetzt gleich⸗ falls dem Vater ‚der ſie immer vertheidigte, ver⸗ daͤchtig zu machen; doch das war nicht die leich⸗ teſte Aufgabe, denn Charlotte war ſehr haͤuslich und ſtets bemuͤht, ſeinen Wuͤnſchen zuvorzukommen, auch gab ſie ihm keinen Anlaß zur Klage. Sie unterzog ſich willig der ſchwerſten Arbeit, und beſorgte, obgleich niemals ordentlich zur Schule angehalten, des Vaters Schreibereien ſehr gut, ertrug ohne Murren die Schmaͤhungen der Mut⸗ ter, und war wirklich eine neue Cendrillon. Ich muß hierbei noch erwaͤhnen, daß, wenn der Vater ſie auch ſehr lieb hatte, ſie ihn dennoch niemals kuͤſſen oder umarmen durfte, denn ſie war ſchoͤn, und die Mutter eiferſuͤchtig. Man wollte ſogar wiſſen, daß der Vater ſie mit mehr als vaͤter⸗ lichen Augen betrachtete; doch weiß ich nicht, ob jemals etwas Ernſtliches vorgefallen iſt.“ „Um dieſe Neigung zu vertilgen, kam ich mit der Mutter uͤberein, uns ſcheinbar mit Char⸗ lotten auszuſoͤhnen, ſo daß ſie oͤfter zu mir kaͤme; das Uebrige wollte ich dann ſchon veranſtalten und machen, daß wir ſie dem Vater als eine aus⸗ gelernte Coquette und boͤſe Heuchlerin zeigen wuͤr⸗ den. Ich glaubte nicht, daß es ihr gelingen wuͤr⸗ de, ſich den Schlingen zu entziehen, die ich ihr gelegt hatte, denn ſie hatte nicht eine leiſe Ah⸗ nung davon, was man Intrigue nannte.“ „Ich kannte einen Windbeutel von Chirurgen, der gern Alles mitmachte, dem es aber am Noͤ⸗ thigſten dazu fehlte, und der ſich, um nur exiſti⸗ ren zu koͤnnen, oftmals im Geheim zu Wunder⸗ kuren und Charlatanerieen hergab. Er wollte mir ſelbſt einmal die Cour machen, ich hatte ihn aber abgewieſen, da er mir nur eine leere Boͤrſe an⸗ bieten konnte. Auf ihn hatte ich jetzt mein Au⸗ genmerk gerichtet.“ „Charlotte erſchien auf meine Einladung zum Fruͤhſtuͤkk bey mir, und außer dem Chirurg war ſonſt Niemand zugegen. Ich hatte beſchloſſen, wenn erſt der Champagner das Blut in Wallung ge⸗ ſetzt hatte, ſie zu verlaſſen, wo alsdann die Un⸗ verſchaͤmtheit des Charlatans ſchon das Uebrige thun wuͤrde. Demnach noͤthigte ich nun meiner Schwe⸗ ſter einige Glaͤſer auf, ließ den Chirurg viel „ — trinken, und als der Augenblick mir guͤnſtig ſchien, entfernte ich mich, hoffend, daß mein mediziniſcher Henker jetzt ſchon von ſelbſt fuͤr mich wirken wuͤrde. Gegen meine Erwartung hatte ich mich diesmal getaͤuſcht. Meine Schweſter, obgleich nur klein, erhielt durch das Entſetzen, das ihr die Frechheit des Wuͤſtlings einfloͤſte, doppelte Staͤr⸗ ke; mit Gewalt entriß ſie ſich ſeinen Angriffen, ſtuͤrzte den Schwaͤchling zu Boden, und verließ ſiegreich das Zimmer. Sie eilte nach Hauſe, huͤtete aber das tiefſte Stillſchweigen uͤber das Vorgefallene, und that auch wahrlich wohl daran, denn meiner Verſchlagenheit wuͤrde es wohl ge⸗ gluͤckt ſeyn, die Waffen gegen ſie ſelbſt zu kehren.“— „Nicht lange nach dieſem Vorfall hielt ein junger Advocat um die Hand der Schweſter an. Es war ein ſchoͤner Mann voll Witz, Geiſt und Laune, der mit gleicher Geſchicklichkeit die Feder, wie den Degen, fuͤhrte, an einem bekannten Jour⸗ nale mit arbeitete, ſelbſt ſehr artige Gedichte her⸗ ausgegeben hatte, kurz, ein Mann war, wie man ſich ihn nur wuͤnſchen konnte. Seit lange ſchon war er mit meinem Vater bekannt, fuͤhrte ſeine Prozeß⸗Angelegenheiten, und hatte ihm ſelbſt be⸗ * — 88— deutende Dienſte erwieſen„ weswegen er ihn auch ſehr liebte. Der Mutter aber war er zuwider, und ich haßte ihn ſchon darum, weil er Char⸗ lotten heirathen wollte.“— „Ich konnte mich an den Gedanken nicht gewoͤhnen, daß meine Schweſter durch ihre Ver⸗ heirathung hoͤher ſtehen wuͤrde, als ich, und die Mutter hatte geſchworen, daß die ſtets von ihr verabſcheute Tochter nicht ein groͤßeres Gluͤck genießen ſollte, als das Kind ihrer Liebe.“— „Nach meinen Eingebungen aber ſchien ſie ſich ſehr uͤber dieſe Heirath zu erfreuen, und un⸗ terdruͤckte ſo mehrere Monate lang ihre wahre Meinung. Charlotte glaubte ſich ſicher ſchon am Ziel ihrer Wuͤnſche,— doch ſie hatte ſich verrech⸗ net. Eines Tages befand ſie ſich mit ihrem Ge⸗ liebten allein auf ihrem Zimmer, der Vater war ausgegangen, die Mutter und ich warteten ſeine Ruͤckkunft ab, und als wir ihn am Ende der Straße erblickten, ſtuͤrzten wir in Charlottens Zimmer, und erhoben einen ſolchen ſcandaloͤſen Laͤrm, daß es im ganzen Hauſe gehoͤrt wurde. Der Vater kam dazu und nun uͤberhaͤuften wir das Paar mit Schmaͤhungen, als ob wir ſie —õõ= 3 — 89— bey der That betroffen haͤtten. Erſchreckt und voller Schaam uͤber die Oeffentlichkeit, ſtimmte der Vater mit ein, und verbat wuͤthend dem Ver⸗ fuͤhrer, wie er ihn nannte, ſein Haus, indem er erklaͤrte, daß das Band, welches ihn an unſre Familie knuͤpfen ſollte, nunmehr zerriſſen ſey.“— „Doch der Mann war uns als hoͤchſt brav und rechtlich bekannt, und wir zweifelten nicht, daß er, da, wenn auch ohne ſeine Schuld, meine Schweſter ihren guten Ruf durch ihn verloren hatte, ſich beeilen wuͤrde, dem durch eine ſchnelle Heirath zu begegnen. Wir mußten nun entgegen zu wirken ſuchen.— Wir beredeten den Vater, zu ihm zu gehen und ihm ſein Ehrenwort abzu⸗ nehmen, nie mehr Charlotten wieder zu ſehen.— Der Vater willfahrte uns„nicht ſo aber der junge Advocat, welcher feſt erklaͤrte, daß er jedenfalls ſie heirathen wuͤrde.“ „Wir konnten nun nichts weiter machen, und ſo wurde denn meine Schweſter auf unſre Veran⸗ ſtaltung nach Harfleur bey Havre zu einer alten Tante geſchickt, wo ſie zwey Jahre lang bleiben mußte, um ihre Muͤndigkeit zu erreichen.— — 90— Doch weder Zeit, noch Entfernung uͤbten Einfluß auf die treue Geſinnung der beyden Liebenden, und als ſie nach Ablauf der 2 Jahre majorenn geworden war, heirathete er ſie zu unſerem Ver⸗ druß.“ „Wenn ſie nun auch allen meinen Verfol⸗ gungen gluͤcklich entgangen war, verlor ich ſie doch nicht aus den Augen, und da ich die Heirath nicht hatte hintertreiben koͤnnen, beſchloß ich ſie zu ih⸗ rem Ungluͤck zu benuͤtzen.“ „Ich hatte mich Charlotten wieder genaͤhert, die gutmuͤthig genug war, mir Alles zu glauben, was ich ihr ſagte, und der ich verſprach, ſie kuͤnftig auch mit dem Vater wieder auszuſoͤhnen.— Ihr Mann verachtete mich und gab ſich auch keine Muͤhe, dꝛes zu verbergen, ich haßte ihn dafuͤr toͤdlich, doch mußt' ich mich natuͤrlich verſtellen.— Charlotte traute mir, und wir ſahen uns ſehr oft, obgleich ihr Gatte es ihr ausdruͤcklich verboten hatte.— Nach neun Monaten gebar ſie Zwillinge, doch nur der Knabe blieb am Leben. Ich war un⸗ troͤſtlich uͤber dieſes mir und meinen Plaͤnen ſo unheilbringende Ereigniß, denn ich wußte, daß — 1— eine Frau nichts ſo ſehr an ihren Gatten, an ihr Haus kettet, als Kinder.“—— „Der Zufall war mir indeß guͤnſtig. Mein Schwager erlitt einige Verluſte hinter einander, und wurde von einem Menſchen, den er vom Rande des Verderbens gerettet hatte, furchtbar betrogen.“— „Dieſer Mann, der eines literariſchen Rufs genoß, war durch Ausſchweifungen im hoͤchſten Grade elend geworden und ſelbſt von einer ſchaͤnd⸗ lichen Krankheit befallen.— Mein Schwager ließ ihn heilen, kleidete ihn und ernaͤhrte ihn beinahe zwei Jahre lang. Mir war bekannt, daß dieſer Elende faͤhig war, fuͤr Geld und Wein Alles zu thun. Ihn erkor ich zu meinem Gehuͤlfen. Ich lud ihn zu mir ein, und bey einem Glaſe guten Wein ſtellte ich ihm vor, daß Charlottens Mann fuͤr ihn ein gefaͤhrlicher Feind ſey, der nicht aus Großmuth, ſondern aus Eigennutz ſich ſeiner an⸗ genommen haͤtte, und der ihn jetzt an den Schreib⸗ tiſch ſchmiedete, um zu ſeinem Nutzen fortwaͤh⸗ rend zu arbeiten, ohne hoffen zu duͤrfen, jemals aus ſeiner Schuld zu kommen, daß meine Schwe⸗ ſter einſt noch ſehr ungluͤcklich mit dieſem Manne — 92— leben wuͤrde, und daß ich ſeinen Beiſtand in An⸗ ſpruch naͤhme, um eine Trennung von Tiſche und Bette bewerkſtelligen zu koͤnnen.“ „Zum Ueberfluß gab ich ihm noch einige Louis⸗ d'or und Bonavenkure v. Ro.. f..t, ſo hieß der Elende, gehoͤrte mir an, und verſprach fuͤr mich zu thun, was er nur irgend vermoͤchte.“— „Vor Allem empfahl ich ihm, aus der Lage meines Schwagers Vortheil zu ziehen, der, Mit⸗ Redakteur eines belletriſtiſchen Journals, viel außer dem Hauſe zu thun hatte, und haͤufig, da er auch Artikel uͤber Theater ſchrieb, von Schauſpielerin⸗ nen, Saͤngerinnen u. ſ. w. heimgeſucht wurde.“— „Ich bat ihn, dies zu benutzen, um den Saamen der Eiferſucht in das Herz meiner Schwe⸗ ſter zu ſtreuen, ihn als treulos und ausſchwei⸗ fend ihr zu ſchildern und namentlich auf eine Schauſpielerin am Theater der Porte⸗Saint⸗Martin aufmerkſam zu machen, in deren Haus er oͤfter gekommen war, und zuweilen noch ging, doch nur lediglich Theater⸗Angelegenheiten wegen, da er kuͤrzlich eine dramatiſche Arbeit auf jener Buͤhne zur Auffuͤhrung gebracht, und dieſe einen ſehr glaͤnzenden Erfolg hatte; denn ich muß bekennen, mein Schwager war zu delikat und liebte ſeine Frau zu ſehr, um außer dem Hauſe ſich Genuͤſſe zu verſchaffen.. „Eiferſucht iſt das furchtbarſte Uebel haupt⸗ ſaͤchlich darum, weil es ſo ſchnell Wurzel faßt und ſelten oder wenigſtens nur mit großer Muͤhe zu vertreiben iſt. In Kurzem hatten die Arbeiten meines vortrefflichen Genoſſen Fruͤchte getragen, meine Schweſter glaubte den Einfluͤſterungen, und Mißtrauen und Zwietracht ſtoͤrten das Gluͤck der ſonſt ſo einig lebenden Familie.— RNR. f.t unterrichtete mich von dem, was er gewirkt hatte, und wenn ich mit Charlotte zuſammen kam, ſchuͤrrte ich das Feuer an, das unter der Aſche glimmte, bis es zuletzt in hellen Flammen auf⸗ loderte.“—* „Mehr verlangte ich nicht. Ich arbeitete nun daran, die Schweſter von ihrem Gatten fortzu⸗ nehmen, und die Scheidung, die ich ſo ſehnlichſt wuͤnſchte, herbey zu fuͤhren, doch dem wirkte ein Umſtand noch entgegen.“ „Das Kind Charlottens war nehmlich krank, wo es alſo unterbringen? Gluͤcklicherweiſe erinnerte ich mich der Amme meines Kindes, und beſchloß 94— ihr meine kleine Anverwandte zu uͤbergeben. Das Weib war zwar ſehr arm und elend, das Kind ohnehin ſchwaͤchlich, konnte dort leicht zu Grunde gehen, doch was kuͤmmerte mich das? Ja, ſtarb es, ſo diente das ſehr in meiner Berechnung, denn ich hatte mir folgende Aufgabe geſetzt: Charlotte von ihrem Manne trennen, ihr vaͤterliches Erb⸗ theil fuͤr mich gewinnen, ſie ganz von mir abhaͤn⸗ gig machen und Alles zu meinem Vortheil zu be⸗ nutzen. Ich war ſchon ſo vorſichtig geweſen, durch meine Mutter den Vater bewegen zu laſſen, ſich ganz von den Geſchaͤften zuruͤckzuziehen, ſeine Schulden einzutreiben, das ganze Vermoͤgen in werthvollen Papieren anzulegen, und meiner Mut⸗ ter,(alſo mit andern Worten, mir,) eine bedeutende Summe als Schenkung auszuſetzen, uͤber die ſie frey verfuͤgen konnte.“— „Dieſe Dispoſitionen waren fuͤr mich in dem Fall von großer Wichtigkeit, daß meine Mutter zuerſt ſtarb. Im entgegengeſetzten Falle aber, disponirte ich ja ohnedem uͤber Alles, war Herrin des Geſchicks meiner Schweſter, ihr Erbantheil kam in meine Haͤnde, und wenn ihr Kind mit Tode abging, war ich Beſitzerin des Ganzen, und V benutzte noch zum Ueberfluß das Vermoͤgen, das mein Schwager bey ſeiner Brennung von Char⸗ lotten ihr ausſetzen mußte.“ „Jetzt nun, mein Prinz, lebe ich in der an⸗ genehmen Erwartung, daß es der Vorſicht gefal⸗ len moͤchte, die Plaͤne zu realiſiren, die mich ſo viele Muͤhe, ſo manche ſchlafloſe Nacht gekoſtet haben, und der Tag, an dem ich ſagen kann, jetzt endlich iſt dir Alles gelungen, was du dir vorgenommen haſt, jetzt endlich haſt du dein dir geſtecktes Ziel erreicht, ſoll der ſchoͤnſte meines Le⸗ bens ſehn.“— „Fuͤr dieſen Tag auch ſpare ich mir meine Schweſter auf, die ſeit der Trennung von ihrem Manne bey mir mehr als Dienerin, denn als meine Blutsverwandte lebt. Das Elend, das ſie ſicher noch treffen wird, ſoll mir eine Entſchaͤdigung fuͤr alle Qualen ſeyn, die ſie mir bereitet; ja ſchon jetzt bin ich halb gluͤcklich, denke ich, daß es mir gelungen iſt, ihr Mann und Kind, Vater und Mutter zu entfremden, und ſie als Sclavin meines Wileens, ſtets um mich zu haben!!“——— Mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit hatte der Infant dieſe Erzihlung mit angehoͤrt und da⸗ — 96— durch dargethan, wie ſehr ſie ihm gefiele.— Ma⸗ dame G. hatte nun geendet, und noch immer ſtarrte er ſie an, glaubend ſie wuͤrde von Neuem beginnen. Da er indeß ſah, daß ſie nichts mehr hinzu zu fuͤgen hatte, ſtieß er einen tiefen Seuf⸗ zer aus, druͤckte ſie an ſein Herz und uͤberhaͤufte ſie mit Zaͤrtlichheit, ſich freuend, ein weibliches Weſen gefunden zu haben, welches ihrem Ge⸗ ſchlechte das war, was er dem Seinigen, und in enthuſiaſtiſcher Bewundrung ausrufend: Außerordentliche, anſtaunenswerthe Fraull!— „Unſer Zuſammentreffen, fuhr er fort, iſt ſon⸗ „derbar und hat etwas Originelles an ſich, ich will „und wuͤnſche, daß wir uns gegenſeitig ein Pfand „der Erinnerung geben. Ich bitte Sie, dies dia⸗ „mantene Kreuz von mir anzunehmen, es iſt ein „Geſchenk meiner Mutter, und mir dagegen Ihre „Lebensgeſchichte ſchriftlich mitzutheilen. Wenn „ich jemals, wie ich es hoffe, den Thron Portu⸗ „gals beſteige, verſpreche ich Ihnen, ſie wieder „durchzuleſen, mit Vergnuͤgen durchzuleſen, und „daraus zu lernen!“— Zaͤrtlich Abſchied nehmend entfernte er ſich nun!!!— Wir haben bereits im Eingang erwaͤhnt, daß dieſe Erzaͤhlung keine Erfindung unſrer Phantaſie, ſondern wahrhafte Thatſache iſt, und wenn wir gleich glauben, daß der aufmerkſame Leſer es fuͤr unmoͤglich halten wird, einen ſolchen Charakter, wie der dieſes Weibes, ſich zu erdenken, ſo wollen wir doch nicht unterlaſſen noch anzugeben, aus welcher Quelle wir dieſe Erzaͤhlung erhalten ha⸗ ben.— Im Jahre 1827 befand ſich ein Portugiſe von hohem Range bey dem Infanten zu Wien. Eines Tages beauftragte er dieſen, ſeine Papiere in Ordnung zu bringen, und unter vielen andern Sachen fand er auch die Abentheuer der Mad. G. Er nahm ſie an ſich, um ſie einſt vielleicht als ein Studium menſchlicher Verirrungen be⸗ nutzen zu koͤnnen.. Von genanntem Manne iſt uns dieſe Anec⸗ dote ſchriftlich uͤbergeben worden, und muͤndlich fuͤgte er noch folgendes hinzu: „Es gelang mir bey meinem nachmaligen „Aufenthalt in Paris, Mad. G. in der naͤher be⸗ „zeichneten Wohnung aufzufinden. Ich ſprach mit nihr von der Erzaͤhlung ihrer Lebensgeſchichte, wel⸗ — 7 — 98— „che ſie dem Infanten ſchriftlich mitgetheilt hatte, „ſie geſtand mir, daß dieſelbe in allen Theilen „wahr ſey und fuͤgte noch hinzu:„„der Prinz „„verließ mich unter den zaͤrtlichſten Liebkoſungen „„und mit dem Verſprechen, mich bald wieder zu „„ſehen. Er hielt Wort und bey der naͤchſten „„Zuſammenkunft theilte ich ihm das Erzaͤhlte „„ſchriftlich mit. Ich muß Ihnen jedoch geſtehen, „„daß ich Vieles uͤbergangen habe, indem ich es „„mir zu einem Werke aufſpare, das ich unter „„dem Titel:. Memoiren der Frau eines Huiſſiers herauszugeben gedenke.““—— Wenige Tage nach jenem Zuſammentreffen mit der Madame G., begegnete dem Prinzen ein andres Abentheuer, bey dem aber ſein Ruͤcken ſehr uͤbel weg kam. Er war naͤmlich in einen Laden, wo Strumpfwirker⸗Waaren feil gehalten wurden, in der Rue des Foffées-Saint-Germain-des Pres, eingetreten, verlockkt durch ein junges Maͤdchen, welches er hinter dem Ladentiſch erblickte.— Dieſe hatte einen Geliebten, der ſie eben erſt hier etablirt hatte, aber faſt nie, aus Eiferſucht, von ihrer Seite wich. Auch jetzt war er bey ihr.— 1I — 99— Der Infant verlangte nun Dies und Jenes zu ſehen, um ſich etwas auszuſuchen. Die Ver⸗ kaͤuferin ſteigt auf einen Tritt, um ein Paquet, welches hoch lag, herab zu nehmen. Dom Miguel, ohne Achtung, weder fuͤr die Perſon, noch fuͤr den oͤfeettlichen Ort, an dem er ſich befand, erlaubte ſich eine ſo derbe Handgreiflichkeit, daß das junge Maͤdchen einen lauten Schrey ausſtoͤßt und den Tritt hinabſtuͤrzt. Der aufgebrachte Liebhaber faͤllt nun uͤber den Prinzen her, wirft ihn zur Thuͤr hinaus, und bedeckt ſeinen Ruͤcken dabei gleichfalls mit Hand⸗ greiflichkeiten, doch von ſolcher Art, daß der⸗ ſelbe die Spuren lange an ſich trug, und wohl ein⸗ ſehen lernte, daß man in Frankreich ein Frauen⸗ zimmer nie zu beleidigen wagen darf, am wenigſten aber in Gegenwart ihres Geliebten. Der Infant war ſo uͤbel zugerichtet, daß er ſich genoͤthigt ſah, nach Hauſe zu gehen und ſich zu Bette zu legen. Durch die zaͤrtlichen Liebko⸗ ſungen des erzuͤrnten Franzoſen gezwungen, einige Tage nicht ausgehen zu koͤnnen, langweilte er ſich zum Sterben. Zu ſeiner Zerſtreuung verſchaffte 7 — 100— er ſich nun ein Vergnuͤgen, das ſeinem blutgieri⸗ gen Charakter alle Ehre machte. Die Wirthin des Hötels, Madame Meurire, beſaß einen ſehr großen ſchoͤnen ſchwarzen Kater, den ſie ſehr lieb hatte, und fuͤr den ſie, wie fuͤr ein Kind, die zaͤrtlichſte Sorge trug. Das Thier war ſehr ſanft, gutmuͤthig und ſpielte, ſich das ſchoͤne Haar ſtreichelnd, gern mit Menſchen. Der Infant ließ nun Mad. Meurire zu ſich bitten, in⸗ dem er ihr etwas Wichtiges aufzutragen haͤtte. Er bat ſie dringend, ihr den Kater doch zu ſchik⸗ ken, um ſich mit ihm die Zeit zu vertreiben, da er dieſe Thiere lieb haͤtte und gern um ſich ſaͤhe. Die Frau mochte ihm nicht widerſprechen und ſchickte den Kater zu ihm. Kaum war nun das arme Thier in ſeiner Gewalt, als er ſich anſtellte, ſeine in Braſilien ſo oft exekutirten Grauſamkeiten mit ihm vorzunehmen. Er bindet die Pfoten des Katers zuſammen und befeſtigt ihn, um nicht ge⸗ biſſen zu werden, mit dem Kopf an den Tiſch, indem er ihn darauf feſtnagelt. Nun er⸗ griff er ein feines, ſehr ſcharfes Meſſer, und ſchnitt langſam in das Herz des Thieres, welches ſo un⸗ ter ſchrecklichem Geheul und Gewinſel, das er unter — — 101— ſeinem Kopfkiſſen zu erſticken ſucht, verendet.— Jetzt zieht er die Haut herunter, ſchneidet den Koͤrper in kleine Stuͤcke, laͤßt Mad. Meurire ru⸗ fen, und ſagt ihr ganz kalt, indem er ihr die noch zuckenden Glieder ihres Lieblings zeigt, die ſorg— ſam auf der Haut ausgebreitet lagen: Madame, machen Sie mir hiervon doch gefaͤlligſt ein Fricaſſée.—— Bey dieſem Anblick ſtuͤrzte die Frau ohnmaͤch⸗ tig zu Boden, und ſtarb an den Folgen des Schreckens, den ihr der liebenswuͤrdige Prinz verurſacht hatte. — 102— III. Nur ſechs Monate hielt ſich Dom Miguel in Paris auf, wo Nichts ihn feſſelte, und auch Nichts ihm gefiel. Da er jedoch ohne ſpecielle Erlaubniß nicht Frankreichs Graͤnzen uͤberſchreiten durfte ſo gab er vor, die Provinzen zu bereiſen, und eilte nun nach Straßburg. Kaum daſelbſt angelangt, begab er ſich nach Wien, wo er bald unter die Aufſicht des Kaiſers ſelbſt geſtellt, und mit gro⸗ ßer Artigkeit beſonders ſpaͤter uͤberhaͤuft wurde... Der ehemalige Geſandte am ruſſiſchen Hofe, Graf von Ribeira, ein in jeder Beziehung hoͤchſt rechtlicher Mann, war ſtets um ihn. Doch der Infant fand dieſe Geſellſchaft bald druͤckend und beſchwerlich, und eines Tages wurde der ehrwuͤr⸗ dige Greis todt in ſeinem Bette gefunden. Viele behaupten, er ſtarb an Gift!— — 7 — 103— Waͤhrend ſeines Aufenthalts in Wien machte die Jagd ſein Hauptvergnuͤgen aus, mitunter reiſte er auch umher, doch war er ſtets, wie man es ſpaͤter auch deutlich erſehen wird, mit ernſten tiefliegenden Plaͤnen beſchaͤftigt.* Von Wien aus machte er einſt eine Reiſe durch Ungarn, und hielt ſich in dieſem ſchoͤnen Lande lange auf; aber wenn er auch uͤberall als Prinz aufgenommen wurde, ſo konnte er doch mer⸗ ken, daß man ihn durchaus nicht achtete, und in den Cirkeln des hohen und ſtolzen magiariſchen Adels nur aus Ruͤckſicht wegen ſeiner Geburt zu⸗ ließ; auch ſah Jedermann, daß er ſich ſelbſt in dieſen Geſellſchaften nicht heimiſch fuͤhlte. Was bis jetzt weder Bitten noch Vorſtellungen bey ihm vermocht hatten, bewirkte nun der Glanz der un⸗ gariſchen Magnaten; und aus einem gewiſſen Schaamgefuͤhl, bis hierher ihm ganz fremd, fing er an, ſich eleganter zu kleiden, und un⸗ terricht im Schreiben und der franzoͤſiſchen Geſchichte zu nehmen. Er ſchickte die ihn be⸗ gleitenden Diener nach Portugal zuruͤck und nahm lauter Deutſche in ſein Gefolge. Wenn gleich ſein Gemuͤth und Herz bey dieſer Umwandlung — 104— nichts gewannen, ſo wurde doch ſein Betragen etwas geſitteter und anſtaͤndiger. Im Monat Maͤrz des Jahres 1826 ſtarb der Koͤnig Johann VI nach einer kurzen Krankheit unter ſchrecklichen Qualen und bey ſtetem Erbre⸗ chen, wie die Aerzte behaupteten, an einer In⸗ digeſtion, doch die oͤffentliche Meinung ſprach ſich dahin aus, daß die Koͤnigin Charlotte⸗Joachime ihn durch ihren Leib⸗Arzt Aguiar habe vergiften laſſen.— Dies Geruͤcht gewann an Beſtand, als man vernahm,(wenn gleich nur im Geheim) bey der Section haͤtte man den Magen an 3 Stellen — inflamirt gefunden. Man glaubt, daß das Gift ihm in einer Apfelſine beigebracht worden iſt, die er ſehr gern aß. Die Einbalſamirung koſtete an 3000 Thaler und Aguiar, der Arzt der Koͤnigin, verließ bald darauf, und ſehr erbittert, die Hauptſtadt; er begab ſich nach Braſilien, kam aber wieder mit einem Auftrag des Kaiſers nach Liſſabon zuruͤck.— Nachdem er eine lange Audienz bey der Koͤ⸗ nigin gehabt, bat er im Vorzimmer um ein Glas Waſſer—— und zwey Stunden darauf ſtarb er unter heftigem Erbrechen und graͤßlichen Qualen. — 105— Gleich nach dem Tode wurde der ganze Koͤrper des Arztes ſchwarz, was den Umſtand, daß er vergiftet worden ſey, bethaͤtigt, doch da die Erlaubniß zur Section vom Miniſter, ohne wel⸗ che ſie in Portugal nicht geſtattet iſt, den Ange⸗ hoͤrigen Aguiar's nicht gegeben, ſeine Papiere aber mit Beſchlag belegt wurden, ſo iſt die Wahrheit ſehr ſchwer zu ergruͤnden. Als Grund zu dieſem Morde wird angegeben, daß man fuͤrchtete, der lebende Arzt koͤnne plaudern, der Todte nicht, und dieſe Bemerkung draͤngt ſich wohl ganz unwillkuͤhrlich auf. Allgemein wurde Dom Pedro nach Johann's VI Tode im Lande als Koͤnig anerkannt. Nach altherkoͤmmlichen Sitten in Portugal begeben ſich bey jeder neuen Thronbeſteigung die Magiſtrate der Staͤdte auf die vornehmſten Plaͤtze, und von einem eigends dazu erbauten Geruͤſte ruft ein He⸗ rold: Weine Volk von Portugal, weine, dein Koͤnig Johann VI iſt todt, und ſetzt dann hinzu: Es lebe der neue Koͤnig Dom Pedro. Die einſtweilige Regentſchaft ſchickte nun den Herzog von Lafoes mit einer Deputation nach — 106— Braſilien, um dem Kaiſer die Huldigung der Na⸗ tion zu uͤberbringen, und ihn zu erſuchen, ſelbſt nach Europa zu kommen oder ſeine aͤlteſte Tochter als Koͤnigin Portugal's nach Liſſabon zu ſenden. Der Herzog hatte dem Kaiſer noch vieles Andre mitzutheilen; da dieſer ſeine Parthie indeß ſchon ergriffen hatte, hoͤrte er die lange Rede Lafoes an, ohne ihn zu unterbrechen, und als Letzterer ſchwieg, fragte er ihn ſehr ruhig:„Ob er geendet ha⸗ be?“ Auf die desfalſige Bejahung ſagte er nun: „Bringe denen, die dir dieſe lange Rede mir vor⸗ zutragen befohlen haben, dieſe kurze Antwort, daß ich darauf ſch..“ Der Kaiſer pflegte gewoͤhnlich durch dieſen unartigen Ausruf ſeinen Zorn und Unwillen zu erkennen zu geben. Es faͤllt unſern Leſern ohne Zweifel auf, aus dem Munde eines gekroͤnten Hauptes eine ſo gemeine Phraſe hervorgehen zu ſehen, doch wir muͤſſen leider bekennen, daß Dom Pedro ſich oft ſo ruͤckſichtslos benahm und aͤhnliche Ausdruͤcke ihm wohl entfuhren. Uebrigens ſcheint dies klar darzu⸗ thun, daß der Kaiſer entſchloſſen war, ſeinen An⸗ ſpruͤchen auf den Thron Portugals zu entſagen, wie er ſeit der Zeit auch oft es ausgeſprochen und be⸗ ——— —.—— — 107— wieſen hat. Er ahndete damals wohl ſchwerlich, daß er aus Braſilien verjagt, noch einmal an die Spitze einer Unternehmung wuͤrde treten muͤſſen, wie die iſt, die ihn jetzt nach Portugal gefuͤhrt hat!!— Die Beweiſe von Nichtachtung, die der Kai⸗ ſer der an ihn abgeſendeten Deputation gegeben hatte, erregten eine Unzufriedenheit, welche die Koͤnigin, ſeine Mutter, zu unterhalten ſuchte, und ſich, nicht ohne Erfolg, bemuͤhte, immer allgemei⸗ ner zu machen, was ſie bey ihrer jetzigen Stellung, mit der Macht, die ſie beſaß, bekleidet, leicht konnte; doch wirkte ſie erſt dann mit der vollſten Kraft ihres boͤsartigen Geiſtes, als Dom Pedro der Regentſchaft von Braſilien aus die ſchon fruͤ⸗ her der Nation von ſeinem Vater ertheilte und nun von ihm beſtaͤtigte Conſtitution uͤberſandte.— Lord Stuart war der Ueberbringer dieſes wichtigen diplomatiſchen Aktenſtuͤcks. Die liberale Parthey, welche nichts weniger, als die Ertheilung der Charte erwartet hatte, war außer ſich vor Freude und Entzuͤcken. Die Ge⸗ maͤßigten waren zufrieden, doch der ariſtokrati⸗ ſche Adel und die hohe Geiſtlichkeit waren — 108— nichts weniger als vergnuͤgt, und ſelbſt die Ein⸗ ſetzung einer Pairs⸗ Kammer ſtellte ſie nicht zufrieden. Gegen Ende des Monats Juli 1826, als das Volk der neuen Ordnung der Dinge ſehr zugethan ſich ſchon ge eigt hatte, wurde durch das ganze Land die Charte, ohne die ge⸗ ringſte Stoͤrung von Seiten der andern Parthey, feierlich beſchworen.— Nun glaubte die Koͤnigin keine Zeit mehr verlieren zu duͤrfen, ihre Intriguen ſpielen zu laſ⸗ ſen, ehe die Wohlthaten der Conſtitution dem Volke zu fuͤhlbar geworden und dieſelbe dann ſchwerer zu unterdruͤcken geweſen waͤre. Sie hatte ſich an ihren koͤniglichen Bruder, den Monarchen Spaniens, gewendet, und an ihm einen vortreffli⸗ chen Beiſtand gefunden, denn Ferdinand VII fuͤhlte ſchon ein Unbehagen, wenn er nur die Namen Conſtitution oder Charte ausſpre⸗ chen hoͤrte, und bis auf den heutigen Tag iſt er auch ſeinen Prinzipien vollkommen treu geblie⸗ ben.—. Wir ſchalten hier noch eine Anecdote ein, welche den Charakter Ferdinand VII ſehr deutlich bezeichnet. * — — 109— Als einſt der Koͤnig ſich geneigt zeigte, ſei⸗ nem Volke eine Erleichterung des Druckes zu ver⸗ ſchaffen, unter dem es ſeufzte, und ihm eine Ver⸗ faſſung zu geben, hatten die darauf hinwirkenden Perſonen es bereits ſo weit gebracht, daß das Decret daruͤber in der Madrider Zeitung bekannt gemacht wurde.(Doch iſt es auch moͤglich, daß die Verordnung in einem andern offiziellen Blatte geſtanden hat, denn wir erinnern uns mit Beſtimmtheit, zwar ſie geleſen zu haben, doch wollen wir nicht unumſtoͤßlich behaupten, daß das Aktenſtuͤck in der Madrider Zei⸗ tung ſich befunden.) Nach einigen Tagen hatte die Gegenparthey wieder ihre alte Macht uͤber den unſchluͤſſigen Charakter des Monarchen erlangt, und dieſelbe erließ eine Verordnung ganz im entgegengeſetzten Sinne. Man wollte behaupten: auswaͤrtige Cabi⸗ nette haͤtten dieſe Sinnesaͤnderung bey Ferdinand hervorgebracht, doch wir verſichern: Nur der ari⸗ ſtokratiſche Adel und die habſuͤchtigen, die Finſterniß liebenden Pfaffen hinter⸗ trieben den Schritt des Koͤnigs, der ſich, da dies — 110— mit ſeinen wahren Geſinnungen uͤbereinſtimmte, ſehr leicht bereden ließ.— Dooch zuruͤck jetzt nach Portugal zu der Ver⸗ ſchwoͤrung der Koͤnigin.— Einige durch Geld beſtochene Commandeurs mehrerer im Norden und Suͤden des Koͤnigsreichs in Garniſon ſtehender Regimenter zogen ihre Sol⸗ daten mit in das Komplott, und noch im Auguſt deſſelben Jahres, alſo kaum einige Wochen nach Einſetzung der Charte, ertoͤnte ſchon von beyden Enden des Reiches her der Ruf: Nieder mit der Chartel Nieder mit Dom Pedro! Es lebe der Infant, unſer unumſchraͤnkter Koͤnig! Was ſich nun begab, war das Vorſpiel deſ⸗ ſen, was ſpaͤter folgte und das Land immer tie⸗ fer ins Elend ſtuͤrzte. Die Empoͤrung gegen Dom Pedro war das Werk der Adels⸗ und Moͤnchs⸗ parthey, und die armen verfuͤhrten Soldaten waren ihre Werkzeuge. Leute, die wenige Tage vorher die Charte feierlich beſchworen hatten, bra⸗ chen leicht ihren Eid, von dem ſie durch die Pfaffen entbunden wurden, und es ging ſo weit, daß das 5te Linien⸗Regiment, wel⸗ b b ——jy;— ———— — 4111— ches zu Estrémos ſtand, am Morgen die Verfaſſung beſchwor und am Nachmittag deſ⸗ ſelben Tages, nach eingegangenen Depeſchen, die Rufe ertoͤnen ließ, die wir oben geſchildert haben; doch das Volk ſtimmte hier nicht ein, und das Regiment ſah ſich genoͤthigt, uͤber die nahgelegene Grenze nach Spanien zu gehen. Der Marquis von Chaves(fruͤher Vicomte Amarante), der ſchon gegen die Cortes ſich im Jahre 1823 erhoben hatte, und den man uͤberall als einen Narren der Majeſtaͤt, als einen eifrigen Verfechter des Abſolutismus er⸗ kannte, entfaltete, unterſtuͤtzt von den erſt nun geadelten Grafen Corellos und Grafen de Monte alegre, im Norden des Landes in Villa⸗Real die Fahne des Aufſtandes, fand aber wenig Anhang und nur die Geiſtlichkeit, ſeine eigenen Leute(er beſaß in dieſer Gegend große Guͤter) und Geſindel geſellten ſich zu ihm. Ein Garde⸗ ⸗Regiment, dem er ſich zeigte und dem er Geld anbot, wies ihn zuruͤck, und uͤberhaͤufte ihn mit Schmaͤhungen. Das Volk, das er noch fort⸗ waͤhrend aufzuwiegeln ſich bemuͤhte, erhob ſich in Maſſe gegen ihn, und der edle Marquis mußte 4 — 412— ſich nach Spanien fluͤchten, von den Verwuͤnſchun⸗ gen aller Liberalen begleitet.— Mageſt, ein Mann, der ſich aus den Nei⸗ hen der Soldaten zum Brigade⸗General empor⸗ geſchwungen hatte und noch hoͤher ſteigen wollte, ahmte dem Marquis von Chaves im Suͤden nach. Beym Ausbruch der Revolution war dieſer Mageſi Gouverneur von Estremos(Almentejo), wo er ſehr zufrieden lebte und glaͤnzende Geſell⸗ ſchaften gab, bey denen ſeine ſehr geiſtreiche Gat⸗ tin die Honneurs machte, und deren ſchoͤnſte Zierde ſeine liebenswuͤrdige Tochter war. Telles Jourdao, und der Baron von Mollelos, den der verſtorbene Koͤnig mit Wohl⸗ thaten uͤberhaͤuft hatte, erhoben ſich im Weſten bey Guarda und Almeida. Mollelos, aufgefordert, ſich fuͤr Dom Mi⸗ guel zu erklaͤren, hatte noch einen Augenblick ge⸗ zoͤgert, weil er fuͤr ſeine Familie und Reichthuͤ⸗ mer fuͤrchtete, doch bald durch Herrn A' Court daruͤber beruhigt, ſchloß er ſich ſeinen achtba⸗ ren Freunden an.— Dieſe Schatten einer Armee riefen nun bald den Dom Miguel, bald Dom Sebaſtian, — 113— Sohn der Prinzeſſin von Beira und des ſpani⸗ ſchen Prinzen Dom Pedro, zum Koͤnige aus. Ja, ihre Unverſchaͤmtheit ging ſo weit, ſelbſt den elenden Chaves unter dem Namen Manuel II. zu proklamiren.*. Dem Grafen von Villaflor gelang es je⸗ doch ſehr bald, dieſe kleinen undisciplinirten Hau⸗ fen zu zerſprengen und nach Spanien zu jagen. Hier ſammelten ſie ſich nun wieder und machten nicht ſelten Einfaͤlle in Portugal, indem ſie mit allem von dort vertriebenen Geſindel ſich recrutir⸗ ten und ſelbſt in Spanien Verſtaͤrkung fanden. Man wird uns nicht verargen, viele Charak⸗ terzuͤge und Anekdoten hier anzufuͤhren, denn un⸗ ſer Werk ſoll nicht lediglich ein Geſchichts⸗ werk ſeyn, wo eine ſtrenge Folge der Be⸗ gebenheiten eintreten muß, ſondern wir wol⸗ len uns bemuͤhen, die Perſonen, die wir dem Leſer vorfuͤhren und die in beſonders naher Be⸗ ruͤhrung mit den Verhaͤltniſſen ſtehen, ſo getreu als moͤglich zu ſchildern und ſie genau kennen zu lernen. Wir muͤſſen daher einen Augenblick hier bey der Marquiſe von Chaves verweilen, die den Pfad, den ihr ehrenwerther Gemahl be⸗ 8 — 114— 8 treten, gleichfalls eingeſchlagen hatte und uns des⸗ wegen nicht gleichguͤltig ſeyn kann.— Wenn wir fruͤher anfuͤhrten, daß Dom Mi— guels Mutter ſehr haͤßlich war, ſo koͤnnen wir der Marquiſe das Praͤdicat abſchreckend nicht vorenthalten. Die Koͤnigin konnte zu ihr das ſa⸗ gen, was der Herzog von Roquelaure einſt gegen Ludwig XIV. aͤußerte, als er ihm einen Bittſteller praſentirte, den er auf dem Wege nach Verſailles angetroffen hatte: Hier iſt die Frau, der ich große Verbindlichkeiten ſchuldig bin, denn durch ſie bin ich nicht die Haͤß⸗ lichſte in meinem Koͤnigreiche. Die arme Marquiſe hatte ſo wenig Liebens⸗ wuͤrdiges, daß es ihr nie gelang, einen Liebha⸗ ber ſelbſt aus untern Klaſſen zu erlangen, was fuͤr Muͤhe ſie ſich auch deshalb gab, und welchen Preis ſie fuͤr den Muthigen ausſetzte, der ſich uͤberwinden koͤnnte, den Kampf mit ihrer Haͤß⸗ lichkeit zu beſtehen. Sie war auch eben ſo grauſam, als haͤß⸗ lich, und wir erzaͤhlen jetzt einen Beweis von Schlechtigkeit, dem ſelbſt kein Zug der Koͤnigin den Vorrang ablaͤuft. ——— ——— — 115— Einſt kam ſie naͤmlich in ein ſehr achtbares Haus, deſſen Beſitzer, ein wohlhabender Mann, ſehr gluͤcklich verheirathet war und zwey erwachſene ſehr ſchoͤne Toͤchter beſaß, die ihr fruͤher ge⸗ dient hatten, und die ſie eben ihrer Schoͤnheit we⸗ gen haßte. Zum Lohne ihrer treuen Dienſte gab ſie beyde Maͤdchen den, ſie begleiten⸗ den, Soldaten preis!!!—— So handelte eine treue Anhaͤngerin Dom Mi⸗ guels und die ſpaͤtere Zierde ſeines Hofes.— Die Geſchichte wendet ſich mit Ekel von ihr ab!— Da Spanien das arme Portugal immer mehr bedrohte, da das Elend bey dieſen partiellen Auf⸗ ſtaͤnden im Lande ſtets groͤßer wurde, bat die Re⸗ gentſchaft das engliſche Cabinett, ihm Huͤlfe zu⸗ kommen zu laſſen. VECanning ſtand damals an der Spitze des eng⸗ liſchen Miniſteriums! Man mag uͤber den Cha⸗ rakter dieſes, wir geſtehen es, wahrhaft gro⸗ ßen Staatsmannes ſagen, was man will, ſo koͤnnen wir doch nicht umhin, unſre Anſicht uͤber ſeinen Liberalismus dahin auszuſprechen: Can⸗ ning war liberal, in ſo fern er, als gu⸗ ter Englaͤnder, die Intereſſen des li⸗ — 116— beralen Syſtems mit den Intereſſen Englands, mit deſſen ſpeciellen Vor⸗ theil in Einklang bringen konnte; ja wir halten uns ſogar fuͤr uͤberzeugt, zu glauben: Er iſt der Vater des Sy⸗ ſtems, welches das Cabinett von St. James noch heute befolgt.—!!— Canning ſchickte auf die erſte Anforderung der Regentſchaft 6000 Mann engliſche Huͤlfstruppen nach Portugal.. Dieſe Macht verhinderte nun Spanien zwar, Feindſeligkeiten gegen Portugal zu beginnen; den⸗ noch unterließ es nicht, den portugiſiſchen In⸗ ſurgenten Unterſtuͤtzungen zukommen zu laſſen, ih⸗ nen Lebensmittel zu verabreichen, den Sold aus⸗ zuzahlen und ſie zu ermuntern, in ihrem Kampfe fuͤr Dom Miguel fortzufahren. Doch in Spanien ſelbſt wurde das Verlangen nach einer Verfaſſung immer lauter, und viele Regimenter gingen mit Waffen und Gepaͤck nach Portugal, um von dort aus fuͤr die Befreiung ihres Vaterlandes vom Druck der ſchmaͤhlichſten Sclaverey zu kaͤmpfen. Doch dieſe edlen Kaͤmpfer fuͤr Freiheit und 4 — 117— Recht wurden auf dem Boden des Landes, wo⸗ hin ſie gekommen waren, ihr Ziel zu erreichen und dem befreundeten Nachbarlande zu dienen, ent⸗ waffnet und in verſchiedene Staͤdte, in kleine Depots, vertheilt, allwo ſie, wie die Portugiſen in Spanien, Sold und Lebensmittel erhielten. Es war ihnen nicht erlaubt, ſich aus den, ihnen angewieſenen, Orten zu entfernen, und ihr Loos wurde noch haͤrter, als erſt Dom Miguel ſelbſt nach Portugal kam. Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten wurden auf Schiffe geſteckt oder in Ve⸗ ſtungen eingekerkert. Auf den Schiffen, an Ket⸗ ten geſchmiedet, litten ſie oft Hunger und Entbehrungen aller Art. Nachdem dieſe Ar⸗ men ſo ſchmachvoll 1 ⅞ Jahr gelebt hatten, ſoll⸗ ten ſie, auf Verwendung Frankreichs, nach Hol⸗ land geſchickt werden. Man verſprach, dem nach⸗ zukommen und moachte bekannt, daß ſie in Ab⸗ theilungen von 30 Mann abgehen wuͤrden; doch am Ende des Jahres 1830 waren erſt 2 Abthei⸗ lungen, alſo 60 Mann, dahin aufgebrochen. Von Portugal aus⸗waͤre es ſehr leicht gewor⸗ den, Ferdinand VII zur Ertheilung der Conſti⸗ ℳ — 118— tution zu zwingen, und die Ruhe der Halbinſel waͤre geſichert geweſen. Es bleibt uns jedoch die Frage uͤbrig: ob das damalige Frankreich dieſem Benehmen ruhig zuge⸗ ſehen haͤtte? Dies mußte Portugal gleichfalls be⸗ denken. Uebrigens that die Koͤnigin Alles, was in ihren Kraͤften ſtand, dem entgegen zu wirken, und ihren Raͤnken, wobey ſie durch ihre Creatu⸗ ren kraͤftig unterſtuͤtzt wurde, gelang es auch voll⸗ kommen.. Die Regentſchaft war ſchwach, ungewiß und ſchwankend. Dom Pedro handelte ohne alle Ruͤck⸗ ſicht fuͤr das Mutterland, und ernannte von Bra⸗ ſilien aus Leute zu hohen Wuͤrden, die allgemei⸗ nes Mißfallen erregten, und die Parthei der liſti⸗ gen, Alles benutzenden, Koͤnigin wurde ſo immer mehr verſtaͤrkt.— Da ſtarb Canning!— Mit ihm ging das freiſinnige Miniſterium unter, welches Spanien veranlaßt hatte, ſeine Truppen von Portugals Grenzen zu entfernen und die fluͤchtigen Portugi⸗ ſen in das Innere des Reichs entwaffnet abzu⸗ fuͤhren. 4 5 Die wahren portugiſiſchen Patrioten, die hell⸗ — 119— ſehenden und leidenſchaftloſen Koͤpfe, ſahen in Can⸗ ning nicht den liberalen Mann, fuͤr den er galt, ſondern gaben ihm Schuld, Portugal ins Ungluͤck geſtuͤrzt zu haben. Viele Gruͤnde, die ſie anfuͤhren, ſind zwar unhaltbar, doch wir theilen deren zwey mit, die allerdings nicht zu verwer⸗ fen ſeyn moͤchten. Erſtens: die Huͤlfe, die A'Court verſprach und die von den Cortes verlangt wurde, ward auch von der Pairs⸗Kammer, die doch der Revolution ſehr feind war, einſtimmig angenom⸗ men, und wuͤrden dieſe ſtolzen Ariſtokraten einge⸗ willigt haben, wenn ſie nicht ihrer Sache gewiß waren??— Zweitens: die in Portugal gelande⸗ ten engliſchen Huͤlfstruppen haben ſich niemals in einen Kampf eingelaſſen, ſondern ſich blos in die Feſtungen gelegt, die ſie bis zu Miguels Ankunft beſetzt hielten und dieſen ſogar ſpaͤter unterſtüͤtzten. Sie fuͤgen hinzu, daß Canning nur eine ſehr geſchickt geſpielte Comoͤdie aufgefuͤhrt habe, um England mit Europa wieder zu verſoͤhnen, deſſen macchivelliſtiſches, unloyales und ſelbſt⸗ ſuͤchtiges Miniſterium bis dahin den ganzen Con⸗ tinent gegen ſich aufgebracht hatte. Frankreich na⸗ mentlich ſah in England ſeinen bitterſten Feind, — 120— denn nur durch England war ja das glorreiche Kaiſerthum geſtuͤrzt und die Reſtauration mit al⸗ lem Gefolge von Elend und Hof⸗Intrigue einge⸗ fuͤhrt worden. Das engliſche Volk ſymphatiſirte mehr mit den Ideen, die ſchon in Frankreich gaͤhr⸗ ten, ſpaͤter die Juli⸗Revolution herbey fuͤhrten und Carl X ſtuͤrzten. Es war daher fuͤr das Cabi⸗ nett von St. James von hoher Wichtigkeit, ſich an die Spitze der Bewegung zu ſtellen, um ſie ſpaͤter beherrſchen zu koͤnnen ſo⸗ wohl in England ſelbſt, als auch im Auslande.— Die wirklich eingetretenen Begebenheiten wer⸗ den die hier eben ausgeſprochenen Bemerkungen rechtfertigen.— In Folge des eben angedeuteten Syſtems wurde nun Portugal von ſeinen Freunden und ſeyn wollenden Errettern ſelbſt hinters Licht ge⸗ fuͤhrt und betrogen.. Der Anfuͤhrer der engliſchen Huͤlfsmacht in Portugal hatte den Befehl von Canning erhalten, das Land nur gegen aͤußere Feinde zu beſchuͤtzen unnd ſich nicht in deſſen innere Angelegenheiten ein⸗ zumiſchen, und der Nachfolger dieſes Miniſters, 7. — 121— Wellington, nur die Worte, nicht den Sinn der Inſtructionen ſeines Vorgaͤngers erfaſſend, ließ die portugiſiſche Conſtitution ohne allen Schutz. In den Verſammlungen der Cortes und der Pairs⸗ Kammer ließ man alle moͤgliche Intriguen ſpielen, die beſten Geſetze, die von den Deputirten aus⸗ gingen, wurden von der Pairs⸗Kammer nicht an⸗ genommen, oder wegen nichtsbedeutender Tages⸗ Angelegenheiten zuruͤckgelegt.— Es iſt leider, ſo gern man auch geneigt ſeyn moͤchte, es fuͤr nicht wahr zu halten, dennoch eine traurige Gewißheit, daß in einem Zeitraum von 2 Jahren nicht mehr als 2 Geſetze durchgingen, naͤmlich: 1) die Einfuͤhrung der Stempel⸗Taxe, und 2) die Einſetzung eines afrikaniſchen In⸗ ſtituts auf der Univerſitaͤt Coimbra, zur Erzie⸗ hung junger Neger. Dies letzte philanthropiſche Geſetz gehoͤrte zur Complettirung der Geſetze uͤber das Erzie⸗ hungsweſen, welche ſehr vollendet in Portugal ſind. Alle Fremde ſind ſehr im Irrthum, wenn ſie glauben, daß es auf der pyrenaͤiſchen Halbinſel an Mittel fehlt, die Jugend heran zu bilden. Auch Herr Balbi, der Verfaſſer der Statiſtik 8* — 122— von Portugal, theilt dieſen Irrthum. Es giebt kein Land in der Welt, wo zum erſten Jugend⸗ unterricht ſo viel treffliche Anſtalten waͤren, als dies gerade hier der Fall iſt. Es beſteht ſogar in Portugal ein eigenes Geſetz fuͤr literariſche Subſidien, deſſen Zweck iſt, den Profeſſoren ei⸗ nen groͤßern Gehalt zuzuſichern. Wenn alſo das Volk in Unwiſſenheit und Aberglauben lebt, ſo kann es ſich nur ſelbſt dar⸗ uͤber anklagen, und iſt zu bedauern, daß es nicht ſein Elend fuͤhlt. Bei einer ſo ſchlechten Volksvertretung iſt es alſo nicht zu verwundern, daß die oͤffentliche Meinung ſich immer mehr und mehr gegen die Regentſchaft ausſprach, und daß ihrerſeits nun ſowohl die Unwiſſenden, als auch die Uebelwol⸗ lenden und Anhaͤnger der Koͤnigin auf die Con⸗ ſtitution ſelbſt ſchoben, was ihre ſchlechten Vertre⸗ ter nur hatte treffen ſollen. Dieſe Geſtalt hatte die Lage der Sachen in Portugal erreicht, als es den letzten Schritt zu ſeinem Verderben that. Ohnerachtet der Erfahrungen, die man ſchon gemacht hatte, wie der Infant damals noch unter dem Willen ſeines Vaters es behandelt, duldete die Nation, daß man ihn abermals ins Land rief; Dom Miguel wurde zum Regenten des Koͤnigreichs ernannt.—— Man kann nicht mit unumſtoͤßlicher Gewiß⸗ heit behaupten, ob der Prinz, noch waͤhrend ſeiner Abweſenheit in Wien, in Verbindung mit ſeiner Mutter und der Parthey geſtanden hat, die jetzt das Land ins Verderben ſtürzte, obgleich man von ſeinem Charakter das wohl erwarten konnte. Es iſt beſtimmt, daß Dom Pedro ſelbſt betrogen oder zum Zweifel verleitet wurde, denn die Ver⸗ ſprechungen des Infanten, ſeine Erklaͤrungen, ſeine Schwuͤre, ſchienen ſo wahr, ſo innig und aufrichtig, daß man ihnen wohl Glauben ſchenken mußte.— Doch wir eilen jetzt, dem Leſer noch ſchnell ein Bild von dem Benehmen des Prinzen in Wien zu geben. Es iſt eine Ueberſicht von diploma⸗ tiſchen Noten und Aktenſtuͤcken, die vor uns liegen. Wir haben ſchon fruͤher erwaͤhnt, daß der Infant ſeit ſeiner Ankunft in Wien unter die ſpecielle Aufſicht vom Kaiſer ſelbſt genommen — 124— wurde, demohngeachtet aber, und ſo weit er auch vom Vaterlande entfernt war, er gewiß nicht un⸗ terlaſſen, wenn auch einſtweilen nur fuͤr ſich, uͤber Plaͤne zu bruͤten, ſeinen Lieblingswunſch zu erreichen: den Thron Portugals zu beſteigen. Nach den Grundſaͤtzen, die er von Jugend auf von ſeiner Mutter erhalten hatte, kann es uns auch gar nicht wundern, daß er ſich nicht abſchrecken ließ, ſein Ziel endlich noch zu erreichen, ſo oftmals ihm auch ſchon ſein Unternehmen miß⸗ gluͤkkt, und alſo die Erreichung ſeines Wunſches verſchoben war. Seine Mutter hatte ihn ge⸗ lehrt, ſich nicht abſchrecken zu laſſen, und in der That das Benehmen des Prinzen zeigte, daß er Alles genau berechnete und nichts außer Acht ließ. Als Johann VI geſtorben war, ſchrieb er ſeiner Schweſter, der Infantin Donna Iſabella Maria, einen Brief vom 6. April 1826, in wel⸗ chem er den tiefſten Schmerz uͤber das Ab⸗ leben ſeines Vaters ausdruͤckte. Er proteſtirte dagegen, daß„einige ſchlechtunterrichtete und uͤbelwollende Menſchen gewiß nicht unterlaſſen wuͤrden, in ſeinem Namen — 125— ungeſetzliche und verbrecheriſche Umtrie⸗ be zu erregen, um ihre eignen verab⸗ ſcheuungswuͤrdigen Plaͤne hinter ſoinem Namen zu verbergen.“ Nun ſprach er ſehr gefuͤhlvoll daruͤber,„daß er leider bey der gegenwaͤrtigen Kriſe nicht zugegen ſeyn koͤnne, um oͤffent⸗ lich die Achtung zu beweiſen, die er von den letzten Anordnungen ſeines Vaters habe, ſeines Vaters, der immer ein ſol⸗ cher gegen ihn geweſen, und niemals ſich als ſeinen Herrn gezeigt haͤtte; und er erkenne ſeinen vielgeliebten Bruder, des Kaiſers von Braſilien Majeſtaͤt, jetzt als rechtmaͤßigen Nachfolger Jo⸗ hanns VI auf den Thron von Portu⸗ gal an.“ In demſelben Briefe ſagte er auch:„Ich ma⸗ „che es Ihnen, geliebte Schweſter, alſo hiermit zu „Ihrer heiligen Pflicht, in dem, leider ſehr wahr⸗ nſcheinlichen Fall, daß irgend ein Verraͤther die „Verwegenheit haͤtte, meinen Namen zu ſeinen „ſchaͤndlichen Entwuͤrfen zu mißbrauchen, und hoch⸗ berrütheriſhe Plaͤne zu ſchmieden gegen Ord⸗ — 126— „nung und Geſetzlichkeit, oder gegen die von „dem, der das unbeſtreitbare Recht dazu beſitzt, „angeordnete Regentſchaft, augenblicklich in mei⸗ „nem Namen oͤffentlich die Gefuͤhle bekannt zu „machen, die fortwaͤhrend mein Herz beſeelen „fuͤr den letzten Willen unſers vielgeliebten Herrn „und Vaters.“ Es draͤngt ſich hierbey dem Unbefangenen und Partheyloſen natuͤrlich die Frage auf: Wo⸗ her kann der Prinz es mit Beſtimmt⸗ heit wiſſen, daß nach dem Ableben ſei⸗ nes Vaters ſich Unruheſtifter(wie er ſie ſelbſt nennt) erheben wuͤrden, um in ſei⸗ nem Namen Anarchie zu verbreiten??? Die Infantin hatte kaum den Brief ihres Bruders erhalten, als ſie ſchon denſelben auch be⸗ kannt machte, und dieſer beeilte ſich nun, ihr in einem neuen Briefe vom 14. Juny ſeinen Dank dafuͤr auszudruͤcken.— Der Brief enthielt die ausgezeichneteſten Lobeserhebungen und Schmei⸗ cheleyen und endigte mit folgenden Worten: ſo erwarteich denn, daß derlegitime Thron⸗ folger ſeine Maßregeln genommen ha⸗ ben wird, die ihm als rechtmaͤßigem Mo⸗ — 127— narchen, uns vorzuſchreiben belieben wird, und denen wir uns Alle unterwer⸗ fen muͤſſen.—— Unterm 6. April hatte er an Dom Pedro, ſeinen Bruder, einen Brief geſendet, worin er ihm Gllück uͤber die Erlangung zum portugiſiſchen Thron wuͤnſcht, und ſeine Ergebenheit fuͤr ihn ausſprach. Am 14. May beſtaͤtigte er in einem zweiten Briefe die Geſinnungen, die er ausdruͤckt, und den er dem Kaiſer durch deſſen Miniſter am Wiener Hofe zukommen ließ, der gerade nach England ging. Er ſagte in dieſem Briefe:„daß „er Dom Pedro als einzigen rechtmaͤßigen Mo⸗ „narchen Portugals anerkenne,“ und fuͤgte hinzu: „Ich fahre fort, hier in Wien ſo nuͤtzlich, als es „mir nur moͤglich iſt, zuzubringen, und freue mich, „den wahrhaft d eih Geſinnungen und Leh⸗ „ren, die mir J. K. K. Maj. Maj. zu Theil „werden haſfer, und fuͤr mich hegen, noch lange „genießen zu koͤnnen, und mich ſo einſt der „Achtung J. K. M. wuͤrdig zu machen, den „ich hoͤher ſchbe, als ſonſt Jemand auf Er⸗ „den.“ Am 2. May entſagte der Kaiſer der Krone — 128— Portugals zu Gunſten ſeiner Tochter Donna Ma⸗ ria II, durch daſſelbe Manifeſt ordnete er ihre Verlobung mit Dom Miguel an, und befahl die ſpaͤtere Heirath. Im Fall dieſe Anordnung nicht vollſtaͤndig beobachtet wuͤrde, ſey die Abdicati⸗ tion nicht definitie, ſagte ein beſonderer Ar⸗ tikel dieſes Aktenſtuͤckes.— Dom Pedro hatte am 29. April 1826 dem vortugiſiſchen Volk eine Charte gegeben, und ver⸗ langte nun, daß Dom Miguel ſie beſchwoͤren ſoll⸗ te, und dieſer leiſtete auch wirklich am 4. Octo⸗ ber auf Anſuchen des Kaiſers von Oeſtreich, der mit ihm, wie man ſagte, ſeine Anſichten theilte, den vorgeſchriebenen Eid in die Haͤnde des Baron Villa⸗Secca, in Gegenwart des Marquis von Rérende, Miniſter Sr. Majeſtaͤt des Kaiſers von Braſilien. Nach geleiſtetem Eid⸗ ſchwur ſchrieb der Baron Villa⸗Secca und der Infant ſelbſt an den heiligen Vater, um die Dispens zur Vermaͤhlung zu erhalten, die die nahe Verwandtſchaft Dom Miguels mit der Koͤ⸗ nigin Maria II. nothwendig machte.— Am 29. d. Monats kam die erbetene Dis⸗ penſation an, und der Infant feierte im kaiſerlichen 4 4 — 129— Palaſte zu Wien ſeine Verlobung mit ſeiner Nichte Donna Maria II., in der Perſon des Baron Villa⸗Secca im Namen der jungen Koͤnigin, als außerordentlichen Geſandten und bevollmaͤchtigten Miniſters Sr. Majeſtaͤt. d. K. v. Braſilien. Die Zeugen waren: Carl⸗Joſeph; der Graf von Rérende. Ferdinand Franz⸗Carl und der Fuͤrſt v. Metternich. Die Pairskammer von Liſſabon ſandte am 29ten November eine Gluͤckwuͤnſchungs⸗Adreſſe wegen dieſer Verlobung an den Infanten. Er dankte am 25ten Februar 27 in ſeiner Antwort, fuͤr dieſe Adreſſe. Unterm 3. July 1827 ward der Infant durch ein Edikt ſeines Bruders D. Pedro zum Lieutnant des Koͤnigreichs ernannt, in Folge: der Faͤhig⸗ keit, Geiſteskraft und Charakterſtaͤrke des Prinzen! Nun nahmen zwiſchen Oeſterreich, England und D. Miguel das„Protokol⸗Syſtem“ und die Conferrenzen, die ſeitdem ſo ſehr beliebt ge⸗ worden und in Aufnahme gekommen ſind, ihren Anfang.— Die erſte Conferenz, in Angelegenheit des In⸗ 1 9 — 130— fanten, wurde zu Wien den 18ten October(1827) bey dem Fuͤrſten von Metternich gehalten.— Dieſer kluge Miniſter ſchlug dem engliſchen Geſandten vor:„Er und die portugiſiſchen Be⸗ „wollmaͤchtigten, H. H. v. Villa⸗Secca und von „Villa⸗Réal, moͤchten in einem offiziellen Protokoll „das Reſultat der geheimen Unterhandlungen ein⸗ „zeichnen, die zwiſchen ihm, und den H. H. Villa „Secca und Villa Réal, ſeit der Zeit ihrer An⸗ „kunft in Wien, in Bezug auf die Abreiſe des „Infanten, die Reiſe ſelbſt, und das Betragen „deſſelben bey ſeiner Ankunft in Liſſabon, ſtatt ge⸗ „funden haben.“——. Der Prinz, welcher Nachricht uͤber die Com⸗ municationen, welche die Miniſter ſeinetwegen pflo⸗ gen, erhalten hatte, gab die Ordre, augenblicklich verſchiedene Briefe an den Kaiſer von Braſilien, S. M. den Koͤnig von England und an die In⸗ fantin, ſeine Schweſter, zu entwerfen. Er ſchrieb der Letzteren:„Er wuͤnſchte, daß ſie ſeine Briefe „abermals veroͤffentlichte, damit Niemanden ein „Zweifel mehr bliebe uͤber ſeinen feſten Willen: lalle beſtehenden Inſtitutionen aufrecht „uerhalten, unddas Geſchehene zu ver⸗ . „geſſen, aber auch zu gleicher Zeit mit Kraft „und Feſtigkeit dahin zu ſtreben, „den Geiſt der Faction, welcher ſchon „zu lange Portugal elend macht, zu „unterdruͤcken. Der Fuͤrſt Metternich wuͤnſchte, daß der In⸗ fant dem Titel: Lieutnant des Koͤnigreichs, noch den: Regent, hinzufuͤgte, er ſey naͤmlich verpflich⸗ tet in Betracht: 4 „daß er durch das Oecret des Kaiſers vom „Zten July dazu berufen waͤre, ſeiner Schwe⸗ „ſter in der Regentſchaft zu folgen, es ſei— „ner perſoͤnlichen Wuͤrde, und der „Wuͤrde der Nation, ſo wie dem Willen „ſeines kaiſerlichen Bruders ſchuldig, daß er „einen Titel annaͤhme, der hoͤher waͤre als der, „den die Infantin gefuͤhrt habe.— Uebrigens „koͤnnten in dieſer Hinſicht in Betreff des Kai⸗ „ſers ſeines Bruders keine Bedenklichkeiten ſtatt „finden, da dieſer Monarch in der Note des „Marquis v. Rérende, vom 19ten September, „in den Inſtructionen, welche dieſer Geſandte „erhalten, und endlich in der Note des Kaiſers „an den Koͤnig von England, es ausdruͤcklich und . 9 3⁵½ — 132— „gentſchaft dem Infanten uͤbergebe. Es ſey „ferner keinem Zweifel unterworfen, daß die „Note des Kaiſers Dom Pedro an ſeinen Bru⸗ „der dem Infanten vom 3ten July, die Adreſſe „fuͤhrte: An den Infanten Dom Miguel, „Regenten des Koͤnigreich Portugal. Der engliſche Geſandte ſprach ſich nicht ent⸗ ſcheidend daruͤber aus, doch die bevollmaͤchtigten portugiſiſchen Miniſter gaben ihre ganze Zuſtim⸗ mung. Schon den 19ten September hatte der Marquis v. Rérende den Fuͤrſten Metternich be⸗ reits ſchriftlich gebeten, durch ſein Gouvernement die Eigenſchaft eines Regenten von Portugal, mit welcher Stelle der Kaiſer ſein Herr deſſen erlauchten Bruder beehrt habe, anerkennen zu laſſen, und ſeine Reiſe nach Liſſabon zu beſchleunigen. Am naͤhmlichen 3ten July ſchrieb Dom Pedro ſeinem Bruder:„daß er ihn zu ſſeinem Lieutnant ernannt habe, in Be⸗ „tracht ſeines gerechten Betragens und ſeiner anerkannten Loyalitaͤt.“— Die Briefe Dom Pedro's an den Koͤnig von England, und an ſeinen Schwiegervater den Kai⸗ „klar beſtimmt hat, daß Dom Pedro die Re⸗ ——— 133— ſer von Oeſterreich, waren ganz in demſelben Sinne und ſehr lobend fuͤr D. Miguel. Er zeigte dem⸗ ſelben die Titel an, unter welchen er ſeinen Bru⸗ der die Wuͤrde der Regentſchaft vertraut habe, und bat darin zugleich ihn anzuerkennen. Bis hierher ſchien Alles ſo zu gehen, als ob der Infant damit nicht nur hoͤchſt zufrieden waͤre, ſondern es ſelbſt nie beſſer wuͤnſchte, und doch war es nicht ſo. Oeſterreich und England waren einig, doch Dom Miguel widerſetzte ſich ein Wenig.— Wir ſehen aus einem Briefe des Fuͤrſten Metternich an den Fuͤrſten Eſterhazy, daß weder er, noch der Baron v. Villa⸗Réal es uͤber den Infanten ver⸗ mochten:„ſich ganz entſchieden dem Wil⸗ Alen Dom Pedro's zu fuͤgen, und ſeine „Abreiſe nach Portugal zubeſchleunigen. „Er ſey genoͤthigt, jeden Tag mit den H. H. Villa⸗ „Secca und Villa⸗Réal zuſammen zu kommen, „um ſich gegenſeitig vertrauliche Mittheilungen „uͤber ihre Fortſchritte bey D. Miguel zu machen, „und um ſich auf die Schritte vorzubereiten, „die in Zukunft vielleicht noͤthig wuͤrden.— Dieſes Alles zeigt nun wohl klar, daß es dem Infanten noch keinesweges gleichguͤltig ſey, — 134— wie die Dinge in Portugal ſich noch geſtalten wuͤr⸗ den. Man gab nun den H. H. Villa⸗Secca und Villa⸗Réal den Befehl, ſtets in ſeiner Naͤhe zu ſeyn und ihn zu beobachten, andrer Seits auch bedeutete man ihm: wie der Kaiſer in kei⸗ nem Falle es genehmigen wuͤrde, daß er bey ſeiner Heimkehr den Weg uͤber Spa⸗ nien nehmen duͤrfe, indem, ohne die be⸗ deutenden Unannehmlichkeiten zu er⸗ waͤgen, welche bey den obwaltenden Um⸗ ſtaͤnden daraus entſtehen koͤnnten, es Dom Pedro als eine offne Widerſetzlich⸗ keitgegen ſeine Wuͤnſche anſehen wuͤrde, ſo wie gegen die Wuͤnſche aller erſten Maͤchte Europa's, wenn es D. Miguel den noch thaͤte. Es geht aus dem Briefe hervor, den wir ſchon fruͤher citirt haben, daß der Infant wirklich die Abſicht zeigte, ſeinen Weg uͤber Spanien zu nehmen, daß er aber ſpaͤter darauf verzichtete und die Perſonen beſtimmte, die ſich mit den Angele⸗ genheiten zu ſeiner Abreiſe beſchaͤftigen ſollten. Wir muͤſſen hier eine Aeußerung erwaͤhnen, die er that, naͤmlich, daß er feſt verſicherte:„wie er ernſtlich — — — — 135— entſchloſſen ſey, keinen der portugiſiſchen R Refuͤgiés, Flüchtiinge) a an ſaid Perſon, in ſeine Naͤhe kom⸗ men zu laſſen.“ Der Prinz wurde jetzt von zwey Vorurtheilen beherrſcht, welche bey ihm zu unumſtoͤßlicher Fe⸗ ſtigkeit heran gereift waren, naͤmlich: nur am Bord eines portugieſiſchen Schiffes abzureiſen und zwiſchen Oeſtreich und Portugal nicht ans Land zu ſteigen.— G Es ſcheint, daß Dom Miguel darum ſo feſt auf dieſe Punkte beharrte, weil er Oeſtreich im⸗ mer noch nicht recht traute, welches er mehr fuͤr Dom Pedro intereſſirt glaubte, als fuͤr ſich, da ſein Bruder der Schwiegerſohn des Kaiſers Franz war. Auch fuͤr England war er nicht ſehr guͤn⸗ ſtig geſtimmt, obgleich dieſes immer Anhaͤnglich⸗ keit an Portugal gezeigt hatte. Am ſicherſten rech⸗ naete er auf Spanien, ſeiner Mutter wegen. Das war auch in Wirklichkeit nicht ſchlecht calculirt, oder vielmehr—— er war in Wirklichkeit nicht ſchlecht berathen. Die oben angegebene Erklaͤrung verurſachte viele Schwierigkeiten, und verzoͤgerte die Abreiſe O. Miguel bedeutend; denn wenn es auch nicht — 136— unmoͤglich war, ein portugiſiſches Schiff kommen zu laſſen, ſo dauerte es doch wenigſtens 3 Mo⸗ nate, bis es in Liſſabon ſegelfertig gemacht und die Tour von dort bis Livorno zuruͤckgelegt hatte. Dieſem mußte man nun noch mindeſtens 1 Monat zufuͤgen, um, wenn der Tnfant ſich auch in Li⸗ vorno eingeſchifft, die Tour von dort zuruͤck nach Liſſabon zu machen, welche um dieſe Jahreszeit lang, ungewiß und nicht ohne Gefahr war. Der Fuͤrſt Metternich machte ihm begreiflich: „wie er unter 4— 5 Monaten nicht an den Ort „ſeiner Beſtimmung gelangen werde, wie ſeine ſo „lange Abweſenheit ihm dort die Lage der Sachen „mur ſchwieriger geſtalten wuͤrde, ja ſogar, wie „ſie gefaͤhrlich fuͤr ihn werden konnte.“— Es iſt augenſcheinlich: das Wiener Cabinett wollte der Conſtitution die Zeit nicht goͤnnen, tiefer Wurzeln zu faſſen, als dies bis jetzt der Fall war, es haͤtte ſonſt„ſchwieriger und gefaͤhrlicher“ werden koͤnnen, ſie zu unterdruͤcken!!—— Man wendete alle moͤgliche Mittel an, ihn dahin zu bewegen, ſich entweder in einem der ſuͤd⸗ lichen oder noͤrdlichen Hafen einzuſchiffen, oder auch in Italien an Bord zu gehen, wenn er dies viel⸗ leicht vorzoͤge. Doch man ſah bald ein, daß auch dann beinahe ſo viel Zeit verginge, als wir be⸗ reits fruͤher ausgerechnet. Um endlich der Zoͤge⸗ rung ein Ende zu machen, ließ ihn der Kaiſer wahrnehmen, was er bey einer ſchnellen oder hin⸗ ausgeſchobenen Abreiſe zu gewinnen oder zu ver⸗ lieren haͤtte. Er gab ihm zu erkennen, daß„durch „einen noch laͤngeren Aufenthalt in Wien er ſeinen „perſoͤnlichen Vortheilen entgegen arbeitete, ſo wie „der Sicherheit und Ruhe des Reiches Gefahr „drohte, von welchem ſein erhabener Bruder ihm „ſo eben erſt die Regentſchaft uͤbertragen habe, „und daß er ihn, ſo ſehr er ihn achtete und mit „Vergnuͤgen ſeine laͤngere Anweſenheit in den kai⸗ „ſerlichen Staaten ſehen wuͤrde, mit gutem Gewiſ⸗ „ſen doch nur den Rath ertheilen koͤnne: ſich ſo⸗ ‚fort, ohne die geringſte Zoͤgerung, in einem eng⸗ „liſchen oder niederlaͤndiſchen Hafen einzuſchiffen, „und daß er nothwendigerweiſe unter den beyden „vorgeſchlagenen Laͤndern waͤhlen muͤſſe, weil ſie „dem Ziele ſeiner Reiſe am naͤchſten laͤgen. In „Betracht, daß er England und Frankreich be⸗ „ruͤhrte, ſo koͤnne er nicht umhin, Paris und Lon⸗ „don zu beſuchen, um Sr. allerchriſtlichſten Ma⸗ „jeſtaͤt, ſo wie der Majeſtaͤt von England, ſeine „Aufwartung zu machen, daß er allerdings von „einem Hafen der Niederlande in weit kuͤrzerer „Zeit Liſſabon erreichen koͤnne, doch die koſtbare „Gelegenheit verlieren wuͤrde, Sr. großbritanni⸗ „ſchen Majeſtaͤt die Verſicherungen ſeiner Ergeben⸗ „heit darzubringen, um perſoͤnlich ihr hohes Wohl⸗ „wollen fuͤr ſich in Anſpruch zu nehmen, die Un⸗ „terſtuͤtzung zu begehren, welche die Umſtaͤnde viel⸗ „leicht noͤthig machten, und die ſein Bruder, der „Kaiſer, bereits fuͤr ihn in einem Briefe an den „Koͤnig von England unterm 3ten July erbeten „habe.“ O wie doch gewiſſe Intentionen ſo klar und entwickelt bey jedem Schritte ſich zeigen!— — Frankreich, den alten klaſſiſchen Boden der Conſtitutionen, ſoll der Infant gar nicht oder nur im Fluge betreten; aber in England— deſſen Cabinett mit der Freiheit der Voͤlker zu ſeinem Vortheil handelt—— ſoll er ſich aufhalten!!—— Der Prinz, welcher in dieſen Worten eher eine Einladung, als einen Befehl, abzureiſen, zu erſehen vermeinte, hoͤrte die portugiſiſchen Mini⸗ ſter, welche ihm von Seiten des Kaiſers dieſe Er⸗ —— —— — 439— oͤffnung machten, ruhig an, antwortete ihnen ohne Zoͤgern: daß er ſehr wohl alle die Schwierigkeiten einſehe, die ſich ihm darbieten; daß aber Nichts ſeinen unerſchuͤtterlichen Vorſatz wankend machen koͤnne: nur am Bord eines portugiſiſchen Schif⸗ fes abzureiſen, und daß er ſich im Uebrigen fuͤr die innere Ruhe des Landes vollkommen verbuͤrge.— Dieſe Erklaͤrung machte jede andere Delibe⸗ ration unnutz, und der Fuͤrſt Metternich beeilte ſich, ſie dem Kaiſer zu uͤberbringen, welcher ſich nun entſchloß, perſoͤnlich mit dem Infanten zu ſprechen.— Da er indeſſen nur dieſelben Gruͤnde anfuͤhr⸗ te, die er fruͤher durch die portugiſiſchen Ambaſ⸗ ſadeurs hatte mittheilen laſſen, ſo hatte auch er ſich keines guͤnſtigeren Reſultats zu erfreuen, als jene.— Es ſcheint uͤbrigens ausgemacht, daß dieſer heftige und unerſchuͤtterliche Widerſtand Folge eines durchdachten und wohlgeordneten Plans war. Der Kaiſer ließ ihn nun befragen: ob er Et⸗ wmas dagegen haͤtte, mit einem engliſchen Schiffe abzureiſen? Der Prinz ſetzte der Liſt gleichfalls Liſt entgegen und ſagte:„Er wuͤrde zwar gegen „dieſen Vorſchlag nichts ſagen koͤnnen, aber er — 140— „habe die Ueberzeugung, daß, wenn er einwilligte, „ſich mit einem fremden Schifſe nach Liſſabon zu „begeben, er dadurch die National⸗Eitelkeit aufs „ſtaͤrkſte verletzen und die oͤffentliche Meinung ge⸗ „gen ſich haben wuͤrde; nur aus dieſem „Grunde muͤſſe er darauf beharren, mit „einem portugiſiſchen Fahrzeuge abzu⸗ „ſegeln und, ohne ein fremdes Land zu betre⸗ „ten, direkt nach Liſſabon zu gehen.— Uebrigens „koͤnne der Kaiſer ſich verſichert halten, daß er „feſt entſchloſſen ſey, in Portugal die Charte auf⸗ „recht zu halten, wie er es beſchworen habe, Se. „Majeſtaͤt brauchten ſich daruͤber nicht zu beunru⸗ „higen. Er danke auch noch beyden kaiſerl. Maj. „aufs innigſte fuͤr die große Guͤte, die ſie ihm „hier angedeihen laſſen, und fuͤr das Wohlwollen, „mit dem ſie ihn fortwaͤhrend beehrten.“!— Da nun ſolchergeſtalt der Kaiſer nichts vom Prinzen erlangen konnte, zog er ſich fuͤr ſeine Perſon zuruͤck, und befahl dem Fuͤrſten Metter⸗ nich, Alles anzuwenden, was ihm moͤglich waͤre, um den Infanten zu bewegen, das, was Weis⸗ heit und Staatsklugheit fuͤr ihn berechnet habe, nicht muthwillig zu zerſtoͤren. — 141— Der geniale Metternich beabſichtigte nun, noch einen letzten Verſuch zu wagen.— Er ließ den Sir Henry Wellesley zu ſich bitten, um vereint mit den portugiſiſchen Herren noch einmal in den Prinzen zu dringen und ihn zur Annahme der ge⸗ machten Vorſchlaͤge zu bewegen, indem er ihnen zugleich eroͤffnete, daß er ſich genoͤthigt ſaͤhe, wenn alle andre Mittel nichts fruchteten, Gewalt zu brauchen.. Da der Hr. v. Metternich ſich unwohl be⸗ fand, ließ er den Infanten erſuchen, ihn mit ſei⸗ nem Beſuche zu beehren, was dieſer auch that. Die vereinigten Miniſter beſtuͤrmten ihn nun, in⸗ dem ſie ihm Alles, was wir bereits fruͤher erwaͤhnt, noch einmal weitlaͤuftig auseinander ſetzten, ſich in die fuͤr ihn und zu ſeinem Beſten entworfene Plaͤne zu fuͤgen. Der Infant widerſtand nicht laͤnger. Er ver⸗ ſprach, zu jeder Zeit, wie man es wuͤnſchte, ab⸗ zureiſen, und erlaubte, daß man das dazu Noͤ⸗ thige anordnen moͤchte.. Jeder zog ſich nun befriedigt zuruͤck— und das erſte Protokoll endigt ſich hier.— Am 19ten October ſchrieb der Infant an ſei⸗ — 142— nen Bruder D. Pedro, um ihn zu benachrichti⸗ gen, wie er ſich jetzt damit beſchaͤftige, eifrig zu ſtudiren, um Alles kennen zu lernen, was dazu gehoͤrte, das ihm anvertraute Land nach con⸗ ſtitutionellen Grundſaͤtzen zu regieren und daſſelbe gluͤcklich zu machen.—„Meine Anſtrengungen „ſollen lediglich dahin gerichtet ſeyn, die Grund⸗ „ſaͤtze aufrecht zu erhalten, nach denen Portugal „jetzt regiert wird, und ſo viel es nur immer in „meiner Macht ſteht, dahin zu wirken, ſtets die „Ruhe aufrecht zu erhalten, ſollte ſie von Fac⸗ „tionen, welcher Art ſie auch immer „ſeyn moͤchten, geſtoͤrt werden. Dieſe Um⸗ „triebe werden nie von mir geſchuͤtzt— „ſtets aber aufs Strengſte verfolgt wer⸗ „den.“— In Briefen, die er denſelben Tag an den Koͤ⸗ nig und die Laßekre, ſeine Schweſter, ſchreiben ließ, druͤckte er ſich eben ſo beſtimmt uͤber denſelben Gegenſtand aus, und ſagte, namentlich der Letzteren:„daß er der Hyder Factions⸗ „Geiſt und Parthey⸗Wuth den Kopf eintre⸗ men wuͤrde.“— Was der Ausdruck: Unterdruͤckung von Factio⸗ — 13— nen ꝛc., in dem Munde eines Prinzen ſagen will, wird Jedermann leicht ſelbſt begreifen und fuͤh⸗ len, was bey ihm eigentlich Factionen genannt wird.—— Waͤhrend dem man das zweyte Protokoll, den 20. October, entwarf, das Protokoll, in welchem die Trennung Braſiliens vom Mutterlande defini⸗ tiv ausgeſprochen und ſo der Grund zu der nahen Thronbeſteigung des Infanten gelegt ward, wurde dieſer mit Gunſtbezeugungen aller Art vom Wie⸗ ner Hofe uͤberſchuͤttet. Er durfte ſich jetzt ſogar dem jungen Napoleon II. naͤhern, und hatte mit dem„Sohne des Mannes“ eine Unterredung, welche einen neuen Beweis von der Boͤsartigkeit ſeines Herzens giebt. Es iſt bekannt, daß nur einer ſehr geringen Zahl von ausgezeichneten Perſonen die Erlaubniß ertheilt wurde, ſich dem jungen Herzog von Reichſtadt naͤhern zu duͤrfen. Dom Miguel hatte ſie erhalten.— Er zeigte dem Juͤngling ſeine bevorſtehende Abreiſe an, und ſagte ihm, daß in Portugal ein Thron ihn erwartete. 3 „Ein Thron?“ verſetzte der junge Herzog — 144— ſehr lebhaft und mit dem Ausdruck des groͤßten Erſtaunens. „Ja ein Thron, entgegnete D. Miguel. Ich bin es muͤde hier noch laͤnger wie ein Gefangener des Kaiſers zu leben. Doch à propos— da wir vom Kaiſer ſprechen, wiſſen Sie denn, mein Fuͤrſt, wer Ihr Vater war?“ „Ich bin nicht Fuͤrſt, ich bin Herzog—— Herzog von Reichſtadt.“— „Sie Herzog, rief Dom Miguel, Sie nicht Fuͤrſt?! Sie ſind nicht allein Fuͤrſt, Sie ſind Koͤ⸗ nig— geborner Koͤnig.“ Boshaft laͤchelnd wiederholte er die letzten beyden Worte.— „Ich, Koͤnig?!“ „Ich betheure es Ihnen!— Und Sie wuͤß⸗ ten in Wirklichkeit nicht, wer Ihr Vater war?“ „Ja, mein Vater war Soldat, Capitain. Meine Mutter iſt die Tochter des Kaiſers. Dom Miguel ließ eine lange Pauſe hier ein⸗ treten. Er hatte die Augen feſt auf den jungen Mann gerichtet, und ihn ſcharf firirend, wollte er den Eindruck ſehen, den das eben Geſagte bey ihm hervorgebracht. Er ſchien den Bewegungen zu folgen, die in den Innern des Herzogs vorgingen, — 145— und ſich in ſeinem Aeußern zeigten; als er ſich uͤberzeugt hatte, daß Unruhe und Verwirrung ſich des gefuͤhlvollen jungen Fuͤrſten bemäͤchtigt hatte, der mit der Idee des Ungluͤcks ſchon ſo vertraut war, als ob er ſein nahes Ende ſchon vorher geahnet haͤtte, funkelten ſeine Augen in hoͤlliſcher Freude und er fuhr, das Geſpraͤch wieder aufneh⸗ mend, fort: „Ja, Sie ſind Fuͤrſt— Sie ſind Koͤnig! Ihre Wiege war mit Kronen umgeben, und aus zer⸗ truͤmmerten Sceptern erbaut. Ja, Ihre Geburt hatte Sie beſtimmt, das reiche Erbtheil des groͤß⸗ ten Ruhmes zu erhalten, eine Macht zu gewinnen, wie ſie noch nie außerdem in der Hand eines ein⸗ zigen Menſchen vereinigt geweſen. Dieſer Kaiſer, der Sie hier gefangen haͤlt, wurde drei Mal von Ihrem Vater beſiegt, mit allen den Koͤnigen, die zu ſeiner Huͤlfe herbeigeeilt, beſiegt; von Ihrem Vateralleinbeſiegt.— Drei Mal zog Ihr Vater als Sieger in die Hauptſtadt Ihres Ker⸗ kermeiſters ein, und herrſchte darin als Herr und Gebieter; Alles beugte ſich vor ihm und huldigte ihm. Er aber groß als Sieger, war erhaben uͤber die niedern Schmeicheleyen des Hofes, er dachte 10 — 146— und arbeitete nur fuͤr ſein Volk, das er uͤber alle andre Voͤlker der Erde hoch ſtellen wollte.“ Je mehr der Infant ſprach, deſto verwirrter wurde der Juͤngling. Er erbleichte bald— bald gluͤhten ſeine Wangen. Die Augen wurden groͤ⸗ ßer und waren ſtarr auf den Mund des Redenden gerichtet. Seine ausgebreiteten Arme erhoben ſich nach und nach, als wenn er ſich unwillkuͤhrlich zu der Groͤße und dem unſterblichen Ruhm ſeines Heldenvaters hinaufgezogen fuͤhlte. Der Prinz Miguel fuhr fort!— „Ja Herzog, Fuͤrſt, Koͤnig! ja Ihr Vater war Capitain, aber ein Capitain, welcher die Welt mit ſeinem Ruhme, mit dem Glanz ſeines Namens erfuͤllt hat. Er iſt der Mann, welcher der Welt Erſtaunen abnoͤthigte, welcher ſie durch ſeine Siege uͤberraſchte, ſie ſich unterwarf durch die Groͤße ſeines Geiſtes und zu ſeinen Fuͤßen an⸗ kettete. Er herrſchte in Frankreich als Kaiſer— Sie— Sie waren ſein Nachfolger— es iſt der große Napoleon!!—“ „Napoleon— Frankreich— mein Vater— Kaiſer— und— ich— ich—!!—“ die Stim⸗ me verſagte dem armen Juͤngling hier ihren Dienſt. — 147— Heftig druͤckte er die linke Hand auf die Bruſt und griff mit der Rechten nach dem Degen.— „Napoleon— Napoleon mein Vater?!!— Was iſt aus ihm geworden? rief er heftig, doch mit bewegter Stimme.— Sagen Sie mir, wo iſt er— ich beſchwoͤre Sie, Prinz— wo— wo iſt er? „Wo er iſt!“ entgegnete der Infant kalt laͤchelnd uͤber die Wirkung, die ſeine Worte her⸗ vorgebracht hatten— Seine Groͤße erſchreckte die Welt— ſie verſchwor ſich zu ſeinem Untergange. Alle Fuͤrſten verbanden ſich gegen ihn. Er war von Verraͤthern umgeben— und wurde— durch Verrath beſiegt!— „Beſiegt“— rief der junge Reichſtadt— „aber wo lebt er— wo finde ich ihn?“— „Er wurde gefangen genommen, ſo wie Sie jetzt in Gefangenſchaft leben, hernach auf einen wuͤſten, oͤden Felſen im weiten Meere verbannt, wo Stuͤrme ihn umgeben und die Worte verſchlin⸗ gen, die er nach Europa heruͤberruft zu ſeinem Sohne.“ „O nennen Sie mir den Namen ſeines Ver⸗ bannungs⸗Ortes!!“ 4 10*¾ — 148— „St. Helena— er iſt daſelbſt geſtorben!—“ „Todt— mein Vatet todt?!“ rief der Juͤng⸗ ling mit ſchrecklicher Stimme.„Er todt— und mir— mir haben ſie meinen Namen, meine hohe Abkunft verborgen.“ Mit dieſen Worten ſtuͤrzte er hinaus, den kaiſerlichen Pallaſt mit ſeinem Klagegeſchrey durchlaufend und vor ungeheuren Schmerz faſt wahnſinnig. Bald unterlagen die ſchwachen Kraͤfte der furchtbaren Anſtrengung, un⸗ ter Thraͤnen und in Convulſionen ſtuͤrzte der arme Herzog bewußtlos zu Boden. D. Miguel war ihm mit bitterm Laͤcheln ge⸗ folgt, und man ſah, wie wohl es ihm that, einem Menſchen ſein Ungluͤck verkuͤndet, und ihn dadurch elend gemacht zu haben. Am 20ten October ward ein neues Protokoll zu Wien entworfen, welches zeigte, daß die Er⸗ nennung D. Miguels zum Lieutnant und Regent des Koͤnigreichs in Portugal ſchon Fruͤchte getra⸗ gen hatte, und vollkommen beweiſt, daß Portugi⸗ ſen, geheime Agenten von Spanien, nach Wien gekommen waren und ſich zu dem Prinzen draͤng⸗ ten, daß man in Portugal ſchon eine Inſurrection verſucht, und noch vor Ankunft deſſelben die Con⸗ — 149— ſtitution habe ſtuͤrzen wollen. Fuͤrſt Metternich hatte 8 auf ofſiziellem Wege von Letzterem Anzeige erhalten. Es wurde alſo in der Conferenz beſchloſſen, daß der Infant dem Koͤnige von Spanien einen Brief ſchreiben ſolle, in welchem er ihm ſein Miß⸗ fallen uͤber die Vorfaͤlle in Portugal ausdruͤcken, und ihm beweiſen muͤßte, daß ſie ganz und gar nicht mit ſeinen Anſichten uͤbereinſtimmten und eben ſo wenig mit den Grundſaͤtzen D. Pedro's. Man waͤhnte, durch dieſe machiavelliſtiſche Liſt das weitumfaſſende Project zu verbergen, und die Plane zu verdecken, die man bereits zum Umſturz der conſtitutionellen Charte entworfen hatte. Der Brief des Infanten vom Llten iſt in der That ein merkwuͤrdiges Beiſpiel fuͤrſtlicher Gaukeley.—— Wir kommen jetzt zu dem Protokoll einer Conferenz, welche in London am 12ten Januar 1828 gehalten wurde. Hier ſind die diplomatiſchen Schleier ſchon weniger dicht und leichter zu durch⸗ ſchauen, und die Plaͤne des Cabinets von St. James werden uns anſchaulicher werden. Es genuͤgte dem Infanten nicht, nur Titel zu haben, er verlangte auch Gold um mit Fi⸗ — 150— garo ſagen zu koͤnnen:„Gold iſt das eigentliche Lebensprincip(nervus) der Intrigue.“ England, dem Alles am Erfolge Dom Miguels lag, das wuͤnſchte, er noͤchte in den erſten Tagen nach Antrit der Regentſchaft, bey ſei⸗ nem Eintreffen in Liſſabon nicht gleich in Verlegenheit gerathen, England bot ſeine guten Dienſte an, ihm eine Anleihe von 200,000 Pfd. Sterling zu machen. Dom Miguel hatte Furcht, daß ſeine Anhaͤn⸗ ger, durch die Gegenwart der engliſchen Truppen eingeſchuͤchtert, nichts fuͤr ihn zu unternehmen wa⸗ gen wuͤrden, und Lord Dudley hatte alsbald die Gefaͤlligkeit vorzuſchlagen:„die engliſchen „Huͤlfstruppen aus Portugal zuruͤck⸗ puziehen, und zwar, weil ſie ganz den „Zweck der Sendung erfuͤllt haͤtten, den „beyde Regierungen vor Augen gehabt, „als Portugal von England die Abſen⸗ „dung eines Huͤlfs⸗Corps, nach den zwi⸗ „ſchen beyden Laͤndern vorhandenen Tra⸗ „ctaten, begehrte. Uebrigens gebuͤhrt dem Dom Miguel die Ehre, — —— — 151— dem Lord dieſen Vorſchlag zuerſt gemacht zu ha⸗ ben, doch wurde er von den H. H. Villa⸗Réal und Marquis v. Palmella aus allen Kraͤften bey dieſem Vorſchlag unterſtuͤtzt. Ihrer Seits ſtimmten auch der Fuͤrſt Eſter⸗ hazy, Ambaſſadeur Sr. apoſtoliſchen Majeſtaͤt am engliſchen Hofe, und der Graf von Bombelles, außerordentlicher Miniſter und Bevollmaͤchtigter am Hofe zu Liſſabon, die der Conferenz beywohn⸗ ten, dieſem Vorſchlage vollkommen bey.— Die beyden Herren ſowohl, als Lord Dudley gingen ſogar noch weiter. Die Macht ihres Goͤtzen Dom Miguel iſt noch nicht groß und ausgedehnt genug. Sie druͤckten die Wuͤnſche ihrer reſp. Regierungen aus, daß die Entſa⸗ gung des Kaiſers von Braſilien auf den portugiſiſchen Thron voollſtaͤndig und ohne Einſchraͤnkung bald noͤglichſt er⸗ folgen moͤchte. Unter dieſer eben ausgeſproche⸗ nen Bedingung, unbedingten Thronentſagung und der formellen Trennung Portugals von Bra⸗ ſilien, waren beyde Hoͤfe bereit, ihre guten Dien⸗ ſte definitiv anzubieten, die ſie in Gemeinſchaft ausuͤben und den Dank dafuͤr gemeinſchaftlich in —õ—— — 152— Empfang nehmen,(d. h. mit andern Worten, die Fruͤchte gemeinſchaftlich theilen) wuͤrden.—— Die Abſichten Dom Pedro's und der genann⸗ ten beyden Maͤchte in Bezug auf Dom Miguel, waren alſo klar. Alles war nicht nur eingeleitet, ſondern ſchon feſtgeſtellt. Dom Miguel war zum Koͤnig von Portugal beſtimmt, und man ſuchte nur noch nach der Form, denn ein offiziell uns bekannt gewordenes, vor uns liegendes Aktenſtuͤck ſagt:„daß die beyden Hoͤfe ſich gleichzeitig ver⸗ „pflichten, ihre guten Dienſte anzubieten, um durch „einen definitiven Traktat die Thronfolge unter „den beyden Zweigen des Hauſes IJra⸗ „ganza zu ordnen, welches nach geſchehener Voll⸗ „ziehung den uͤbrigen auswaͤrtigen Maͤchten zur X„Anerkennung von ihnen vorgelegt werden wuͤrde.“— Bey Durchſicht dieſer und aͤhnlicher Akten⸗ ſtuͤkke, bey einem ſolchen Miſchmaſch von Conven⸗ tionen, kann man ſich in Wahrheit die Frage vor⸗ legen: Iſt Dom Miguel bey ſeiner Uſurpation nicht in Etwas zu entſchuldigen? Hat D. Pedro das Loos, das er ſich ſelbſt bereitet hat, nicht vollkommen verdient, und kann er uns noch ein wahrhaftes Intereſſe fuͤr ſeine Sache einfloͤßen, — 153— nach der Rolle, die er geſpielt hat?? Kann er jetzt das Recht in Anſpruch nehmen, nachdem er gleich⸗ viel betrogen, oder aus freiem Antrieb, ſo gegen das Intereſſe ſeines Vaterlandes zu handeln, im Stande war?? Heute tritt er als der eifrigſte Vertheidiger konſtitutioneller Freiheit auf, und damals verband er ſich mit denen, die keinen hoͤhern Zweck kann⸗ ten, als eben die Conſtitution zu vernichten, und bahnte den Weg zum Throne ſelbſt— dem groͤß⸗ ten Verehrer des Abſolutismus und der Ty⸗ ranney!!—— Welches Vertrauen ſoll man Perſonen aus der naͤchſten Umgebung Dom Miguels ſchenken, und namentlich dem Grafen Villa⸗Réal, dem Unterzeichner der Protokolle, die wir oben erwaͤhnt haben? Es iſt ſehr ſchwer zu glauben, was man doch ſo gern beweislich machen moͤchte, daß erſt in. London der Marſchall Beresford ihn zu der Rolle beredet habe, die er in Portugal jetzt ſpielen ſolle, obgleich dieſer, als ein Anhaͤnger der Koͤni⸗ gin, natuͤrlich Alles that, ihn fuͤr deren Plaͤne zu gewinnen, doch der gute Lord haͤtte das nicht noͤ⸗ thig gehabt. Der Infant war ſchon in Wien ge⸗ — 154— hoͤrig vorbereitet und wußte, was er in Portugal zu thun hatte; noͤthigte er den Marſchall alſo, erſt durch Bitten ihn in das Eingehen der Ideen der Koͤnigin Mutter zu beſtimmen, ſo ſpielte er nur dem guten Manne eine Comoͤdie vor, denn es iſt un⸗ bezweifelt, daß Dom Miguel der groͤßte Heuchler iſt!!—— Oeffentlich iſt es bekannt, daß der Marſchall Beresford, als Lohn fuͤr ſeine in Frankreich ge⸗ leiſteten wichtigen Dienſte, außer andern ſehr be⸗ deutenden Beſitzthuͤmern, auch die eingezogenen Guͤter, und das praͤchtige Palais des Grafen von Ega erhalten hat, welcher beſchuldigt worden, mit Frankreich in Einverſtaͤndniß zu ſtehen und fuͤr einen Landesverraͤther erklaͤrt wurde. Nach laͤnge⸗ rer Zeit gelang es dem Grafen, ſeine vollkommene Unſchuld darzuthun, nnd er erhielt alle ſeine con⸗ fiscirten Guͤter zuruͤck, mit Ausnahme des er⸗ waͤhnten Pallaſtes, den der Lord unter keiner Be⸗ dingung wieder abtreten wollte. Der Graf be⸗ ſtand aber um ſo mehr gerade auf dieſes Grund⸗ ſtuk, da es, als Fideikommiß, ohnedem ſchon nicht confiscirt werden durfte. Der Koͤnig hatte ohne Erfolg den Streitenden ſehr bedeutende Entſchaͤ⸗ — 155— digungsſummen angeboten, Niemand gab nach, und da der Marſchall fuͤrchtete, der Koͤnig koͤnne vielleicht ihn zwingen, den Pallaſt herauszuge⸗ ben, verband er ſich mit der Koͤnigin, und unter⸗ ſtuͤtzte ſie nach Kraͤften in ihrem Plane: Dom Miguel zum Herrſcher von Portugal zu machen. Auf dieſe Art war nun Beresford der ge⸗ heime Agent der Koͤnigin geworden, und hatte es ſogar verſtanden, auch den Herzog von Wel⸗ lington fuͤr ſie zu gewinnen. Jedenfalls folgte der Held von Waterloo nicht blos den Einfluͤ⸗ ſterungen des Lords, ſondern erhielt zur Belohnung etwas Poſitives, und man behauptet, es ſey nichts weniger als ein Edelſtein von ungeheurem Werthe geweſen, welcher den Herzog vermochte, ſich der Koͤnigin anzuſchließen. Es iſt auch gewiß, daß im Anfang kein andres Mitglied des englaͤndiſchen Miniſteriums mit in die Plaͤne der Koͤnigin einge⸗ weiht war. Auch der engliſche Geſandte in Liſſa⸗ bon und der Anfuͤhrer der engliſchen Huͤlfsmacht in Portugal, General Clington, waren dieſes Ver⸗ brechens nicht zu beſchuldigen, denn die zwiſchen den Staats⸗Miniſter Grafen Dudley und dem Geſandten gewechſelte Correſpondenz, ſo wie auch — 156— das Betragen des Generals ſprechen dagegen und nur erſt viel ſpaͤter ſcheinen die Schritte, die Wellington gethan, die uͤbrigen Miniſter genoͤthigt zu haben, mit fuͤr die Abſichten der Koͤnigin zu wirken. Dieſe Abſichten wurden trefflich durch die Er⸗ bitterung Englands gegen D. Pedro unterſtuͤtzt, die in England herrſchte, eine Erbitterung dar⸗ uͤber, daß der Kaiſer ſich weigerte, den Handels⸗ Tractat von 1810 zu erneuern, welcher faſt den ganzen portugiſiſchen Handel in Englands Haͤn⸗ de gab. Das Cabinett von St. James hatte ſich mit der Hoffnung geſchmeichelt, dieſen Tractat um ſo gewiſſer erneuert zu ſehen, da es auch einige Opfer zur Vertheidigung Portugals gebracht hatte. In ſeinen Erwartungen getaͤuſcht, wandte nun das Miniſterium alles Moͤgliche an, D. Mi⸗ guel den Beſitz des Throns zu verſchaffen, hof⸗ fend, von ihm die Bewilligung deſſen zu erhal⸗ ten, was ſein Bruder verweigerte, und die Ar⸗ tigkeit und Aufmerkſamkeit, womit ſie den In⸗ fanten uͤberhaͤuften, trugen ihnen reiche Fruͤchte. Wir halten uns uͤberzeugt, daß, wenn heute noch das brittiſche Cabinett ſich von D. Miguel zuruͤckzoͤge und dem D. Pedro Beiſtand leiſtete, dies nur zum großen Schaden und Nachtheil des Landes(Portugal) geſchehen koͤnnte, denn dies Miniſterium fragt niemals: Iſt die Sache gut und gerecht? ſondern nur: Bringt ſie uns Nutzen? Der Moment nahete heran, wo D. Miguel Wien verlaſſen mußte, um nach Liſſabon zu ge⸗ hen, und wir theilen nun hier noch einige Charak⸗ terzuͤge des Prinzen, ſo wie mehrere wahre Anecdoten, die er erlebt hat, mit. Sie wer⸗ den den Leſer einen Blick in den Charakter des Prinzen, nicht die Politik betreffend, thun laſſen, und wenn derſelbe ihn auch ſchon fruͤher hinlaͤnglich kennen gelernt, ſo iſt es doch nicht uͤbel angebracht, durch dieſe verbuͤrgten Zuͤge bekannt werden zu laſſen, wie ſich ſeine fruͤhere Vorliebe zum Niedern und Rohen auch hier nicht verlaͤugnete und wie unwiſſend der kuͤnftige Koͤnig von Portugal noch in Wien ſich be⸗ fand. 5 Gleich bei ſeiner Ankunft in Wien wurde der Infant dem Kaiſer in einer Audienz vorgeſtellt. Franz I redete ihn an, ſprach Dieſes und Jenes — 158— mit ihm, worauf D. Miguel, jedoch nur immer mit Verbeugungen, antwortete, denn er redete das Franzoͤſiſche zu ſchlecht, um ſich gehoͤrig darin verſtaͤndlich machen zu koͤnnen, und der Kaiſer ſprach nicht, wie die Mad. G. in Paris, die por⸗ tugiſiſche Sprache. Als Letzterer nun von der Be⸗ gleitung des Prinzen auf die Unfaͤhigkeit ihres Herrn, in andrer Sprache, als der portugiſiſchen, ſich auszudruͤcken, aufmerkſam gemacht wurde, ſagte der gutmuͤthige Monarch ſehr launig: Ja, meine Herren, deutſch und franzoͤſiſch ſpricht er nicht, portugiſiſch kann ich nicht— alſo— Gott befohlen!— So endete die erſte Audienz. 5 Nicht lange darnach ritt der Infant, beglei⸗ tet von dem General Saldhana, im Prater ſpa⸗ zieren. Der Graf B.. y, ein angeſehener Pole, war in Geſellſchaft ſeines Freundes, des Herrn L. A.t, auch dort. Letzterer, ein gewandter, viel⸗ fach gebildeter, junger Mann, welcher wußte, daß Graf B. mit dem General Saldhana befreundet war, erſuchte Erſteren, ihn durch denſelben dem Prinzen vorſtellen zu laſſen. Mit vieler Artigkeit vollzog nun der General die Bitte ſeines Freun⸗ — 159— des. Der junge Mann, ſehr fein gebildet und in den beſten Cirkeln bekannt durch ſeinen Geiſt, Witz und ſeine muntre Laune, ſuchte den Infanten in ein Geſpraͤch zu verwickeln, doch, er mochte reden, was er nur wollte, der Prinz antwortete immer: Oui Monsieur— oui Monsieur, ſo daß er endlich, einigermaßen in Verlegenheit geſetzt, denn er konnte ſich das ſonderbare Benehmen des Prinzen nicht erklaͤren, ſich entfernte. Wie immer in Braſilien, Liſſabon und Pa⸗ ris, ſuchte er auch in Wien keinen andern weibli⸗ chen Umgang, als mit oͤffentlichen Dirnen der niedrigſten Art. Einſt ſah er im Leopoldſtaͤd⸗ ter Theater ein ſchoͤnes Maͤdchen, die ihm auffiel. Er ließ ſich erkundigen und hoͤrte, daß es auch eine Phryne, nur etwas feinerer Art, ſey. Sie war in Wien unter dem Namen der ſchoͤnen Hen⸗ riette bekannt.— Er begleitete ſie nach Hauſe und contrahirte nun mit ihr, ſie ſpaͤterhin fuͤr ſich allein zu beſitzen. Gegen bedeutende Opfer ſeiner Sceeits verſprach ſie es ihm, hielt auch einige Zeit lang Wort, doch ſein Umgang mußte ihr zu we⸗ nig intereſſant ſeyn— genug, ſie geſtattete auch Andern wieder den Zutritt, und verbarg dies nicht — 160— einmal ſehr dem Infanten, den ſie ſchon wieder zu beguͤtigen verſtand. Einſt war auch der Herr v. A. bey ihr, als ploͤtzlich ihre Servante hereinſtuͤrzte und den Herzog v. Beja(ſo nannte er ſich in Wien gewoͤhnlich) anmeldete.— Der Hr. v. A. ſprang auf, und wollte ſich entfernen, doch die frivole Wienerin gab das nicht zu und ſagte zu dem Maͤdchen in ihrem Wiener Dialect: Geh und ſag dem Talk(Narr), er kann halt warten. Als nach einer halben Stunde A. ſich entfernte, ſah er im Vorzimmer den Infanten auf dem Sopha liegen und an den Naͤgeln kauen. — Wahrſcheinlich hat ſie ihn beguͤtigt, denn das Verhaͤltniß dauerte fort, und die ſchoͤne Henriette erhielt den Namen Henriette da Gloria, als die Verlobung des Prinzen mit Donna Maria da Gloria bekannt gemacht wurde.—(Vor zwey Jahren lebte ſie in Toͤplitz waͤhrend der Sai⸗ ſon, und hieß daſelbſt noch allgemein: die Prin⸗ zeß Miguel.) Sehr oft berauſchte ſich Dom Miguel, beſon⸗ ders des Abends, entweder mit Freunden, oder mit ſeinen intimen Hofleuten. Wir beſchließen die Skizze ſeines Aufenthalts in Wien mit der Be⸗ — 161— ſchreibung, wie er einen der letzten Abende daſelbſt zubrachte, um zu zeigen, daß er den Genuͤſſen, die er fruͤher trieb, noch hold war. Um noch vor ſeiner Abreiſe einen Valet⸗ Schmauß zu geben, verſammelte er die Subal⸗ tern⸗Offiziere des kaiſerl. Hofes zu einem ſchwel⸗ geriſchen Mahle; und damit kein zu großes Auf⸗ ſehen entſtaͤnde, ließ er ſie in der Wohnung eines dieſer Offiziere, wo ſie ohne alle Bedienung ganz ungenirt die Nacht zubringen wollten, zuſammen⸗ kommen. 5 Um allen Argwohn zu vermeiden, beſchloß der Infant, in der kaiſerlichen Loge dem Schauſpiele beyzuwohnen, und erſt nach der Vorſtellung ſich zu ſeinen Zechgenoſſen zu begeben. Unter dieſer Zeit ſollten die Uebrigen nun Alles arrangiren, ſo daß die Freude ſogleich mit ſeinem Eintritt begin⸗ nnen koͤnnte, doch er befahl es ſo einzurichten, daß fuͤr alle Genuͤſſe geſorgt ſey— Um Mit⸗ ternacht kam der Prinz und nahm zwiſchen zwey oͤffentlichen Maͤdchen Platz, die nicht zu den aus⸗ gezeichneteſten der Hauptſtadt gehoͤrten, ſondern aus irgend einem verdaͤchtigen Hauſe mit herge⸗ nommen waren. Der Wein floß in Stroͤmen, und 11 — 162— die Berauſchtheit Aller fuͤhrte die ekelhafteſten Scenen herbey.— Endlich graute der Tag und man wollte aufbrechen. Dem widerſprach aber D. Miguel und ſchlug noch vor, einen Punſch à la française zu machen. Eine große Bowle wird nun mit Spiritus und Zucker ange⸗ fuͤllt, hierauf angezuͤndet, die Lichter ausgeloͤſcht, und alle Anweſende, die ſich unterdeſſen entkleidet haben, bilden einen Kranz, und fuͤhren, ganz wie ſie die Natur geſchaffen hatte, be⸗ leuchtet von der blaͤulichen Flamme, ei⸗ nen wahren Daͤmonentanz und eine jener Scenen auf, welche die grauſamen Kaiſer Nero und Ti⸗ berius ſo ſehr liebten, und die auch der uͤppige ſchwelgeriſche Louis XV ihnen nachgemacht hat. Bey dieſen Taͤnzen, Spruͤngen und Wuͤthen ward der Tiſch umgeworfen, der brennende Spi⸗ ritus floß durch das Zimmer, zuͤndete die Gardi⸗ nen und Meubles an, die Betrunkenen konnten nicht helfen, und bald ſtand das ganze Haus in Flammen. Zwey der elenden Maͤdchen, welche ſich zu lange im Hauſe verſteckten und ſich vor der her⸗ beyeilenden Menſchenmenge in ihrem Zuſtande nicht zeigen wollten, und zwey Offiziere kamen in den laze reiſte Dom Miguel nach Liſſabon. — 163— Flammen um.— Dom Miguel ſelbſt gewann kaum ſo viel Zeit, ſich nothduͤrftig zu bekleiden und zu entrinnen; ſeine Kleider waren ſchon von der Flamme ergriffen geweſen.— So rechtfertigte der Infant das Lob, das ſeinem guten Betragen in Wien gezollt wur⸗ de, und ſo bereitete er ſich vor, den Thron zu beſteigen, den der beruͤhmte Denis, der„Vater der portugiſiſchen Muſen,“ einſt eingenom⸗ men hatte.— Leider gab die Revolution von 1640, durch welche das Haus Braganza zur Re⸗ gierung kam, dem armen Portugal nur grau⸗ ſame Despoten, Schwachkoͤpfe oder Wuͤſt⸗ linge zu Beherrſchern! Einige Tage nach dem oben beſchriebenen Ge⸗ Iv. Am 22. Februar des Jahres 1828 kam Dom Miguel in Liſſabon an!— Einige Schmeichler und die Hofzeitung poſaunten aus, daß er mit ungeheurem Jubel, mit graͤnzenloſem Enthuſias⸗ mus von allen Partheyen empfangen worden waͤre; doch es iſt gewiß, daß mit dem er⸗ ſten Kanonenſchuß, der ſeine Ankunft kund that, Alles, was nicht unmittelbar zu der Faktion, die der Koͤnigin und ihm anhing, gehoͤrte, ſich zu Hauſe hielt, und nur die Erſtgenannten hofften fuͤr ſich auf eine gluͤckliche Zukunft unter ſeiner Regentſchaft,(oder lieber unter ſeiner Regie⸗ rung). Die Nation in Maſſe ſchmeichelte ſich mit ſo betruͤglicher Hoffnung nicht,— und that auch ſehr wohl daran.— — 165— Die Abſichten der Parthey traten gleich bey ſeiner Landung hervor, denn viele Stimmen wag⸗ ten es, ihn mit dem Rufe: es lebe der Koͤnig D. Miguel II zu begruͤßen. Man glaubte je⸗ doch darin nichts weiter zu ſehen; die Freunde der Conſtitution legten noch kein großes Gewicht darauf, und ſahen es als einen lauten momen⸗ tanen Ausbruch von Freude der apoſtoliſchen Parthey an, die jetzt in der Perſon des Infan⸗ ten eine maͤchtige Stuͤtze zu finden uͤberzeugt war.— Sie hofften, oder vielmehr— ſie fuͤrch⸗ teten jedoch nicht, dieſen Ruf verwirklicht zu ſehen. Sehr bald wurden ſie leider eines Beſſern belehrt!!!— Am dritten Tage, um die erſehnte gluͤckliche An⸗ kunft des Infanten zu feiern, hielt man in der Kathedrale ein feierliches Te Deum, wobey D. Miguel auch erſchien. Halb Liſſabon wogte auf den Straßen, um ihn im Zuge zur Kirche ſich be⸗ geben zu ſehen.— Doch der groͤßte Schrecken, die tiefſte Niedergeſchlagenheit bemaͤchtigte ſich bald jedes Beſſergeſinnten, denn der Wagen des In⸗ fanten war von Geſindel aller Art, von Kindern, ja ſogar auch von einigen anſtaͤndig gekleideten Leu⸗ „ — 466—* ten umgeben, welche im tollen Jubel fortwaͤh⸗ rend den Ruf ertoͤnen ließen: Es lebe Dom Mi⸗ guel I, unſer unumſchraͤnkter Koͤnig!!!— Auch die Diener des Prinzen nahmen an dieſem aufruͤhreriſchen Geſchrey Theil, warfen die Huͤte in die Luft——— und— die Polizey—— blieb ruhig und ſchritt nicht ein!!—8!—— Der Infant laͤchelte und gruͤßte dankend zum Wagen hinaus. An dem Eingange der Kirche draͤngte ſich das Volk herzu, das ihn hier erwartete, ihm die Hand zu kuͤſſen— und er war die Leutſeligkeit, die Freundlichkeit ſelbſt.— Das Gedraͤnge war ſo ſtark, daß der Cardinal⸗Patriarch, Bruder Pa⸗ tricius, ein ſehr alter Moͤnch, der ihn mit allem moͤglichen kirchlichen Pomp an der Thuͤre empfing, das geweihte Waſſer verſchuͤttete, einen Schuh ver⸗ lor und laut um Huͤlfe rief. Mit Muͤhe nur wurde er vor dem Andrang geſchuͤtzt und es ihm moͤglich gemacht, zum Haupt⸗Altar zu gelangen. Nach der Feierlichkeit erneuerte ſich die Sce⸗ ne, und nur mit großer Anſtrengung konnten die Leute des Prinzen ihm durch das Volk einen Weg bis zu ſeinem Wagen bahnen.— In dem Augenblick als er aus der Kirche trat, riefen — 167— drei Kouriere des Miniſteriums, ein ver⸗ abſchiedeter Militair, Major Geraldode Oleveira, ein elender Menſch, und mehrere Diener des Infanten: Es lebe Dom Mi⸗ guel, unſer abſoluter Koͤnig! Doch Nie⸗ mand ſtimmte mit ein, denn das bezahlte Geſin⸗ del hatte nicht bis hierher vordringen koͤnnen. Dom Miguel beeilte ſich, in den Wagen zu kommen und bot der Infantin⸗Regentin den er⸗ ſten Platz an. Sie lehnte es ab, und der Zug begab ſich in den Palaſt von Ajuda zuruͤck, wel⸗ chen die Koͤnigin ſeit Ankunft ihres Sohnes be⸗ wohnte, um ihn ſtets unter Augen zu haben, und Diejenigen von ihm zu entfernen, die ſich ihren Anſichten nicht fuͤgen wollten. Der Prinz war außer ſich daruͤber, auch nicht einen Soldaten gehoͤrt zu haben, wel⸗ cher in das Geſchrey mit einſtimmte, und als er im Palaſte angelangt war„ machte er ſeinem hef⸗ tigen Zorne Luft, indem er wuͤthend auf den Tiſch ſchlug und ſchrie:„Nun denn, wenn ich auch nicht in die Reihenfolge der Koͤnige aufge⸗ vommen werde, ſo ſoll man mich in die Reihen⸗ folge der Tyrannen zaͤhlen.“ — 168— Ohne Einſchraͤnkung uͤberließ er ſich nun ganz den Eingebungen ſeiner Mutter, und die Vorſtel⸗ lungen und innigen Bitten der Infantin-Regen⸗ tin, ſeine geſchwornen Eide zuhalten, ſo wie die Worte ſeiner wuͤrdigen Tante, machten nicht den geringſten Eindruck auf ihn. Die Infantin war eine ausgezeichnete Dame, welche eine Anſtalt fuͤr alte invalide Militairs geſtiftet hatte, und deren Worte und Rathſchlaͤge nur Frieden, Ehre und Menſchlichkeit enthielten. Die fortwaͤhrende, man moͤchte ſagen„Be⸗ wachung“ ſeiner Mutter belaͤſtigte ihn bald, da ſie ihn nicht einen Augenblick verlaſſen wollte, und in alle, in die geringfuͤgigſten Kleinigkeiten ſich miſchte. Er trennte ſich von ihr, ſobald er ihrer nicht mehr noͤthig zu haben glaubte, und bezog den Palaſt v. Neceſſidades, welches indeſſen das auch fuͤr ihn Nachtheilige herbey fuͤhrte, den Hof in zwey ſich feindſelig gegenuͤber ſtehende Partheyen zerfallen zu ſehen. Sir Frederik Lamb, welcher dem Gra⸗ fen Dudley von dem Einzuge und dem, was ſich bis zum 22. Maͤrz in Liſſabon zugetragen hatte, — 169— Nachricht ertheilte, ſchrieb in einer Depeſche:„durch „ſein bisheriges Betragen hat Dom Miguel die „Liebe der Portugiſen ganz eingebuͤßt, das Anden⸗ „ken an ſeine fruͤheren Unthaten iſt wieder er⸗ „wacht, und man ſieht einer traurigen Zukunft „entgegen. Aller der Intriguen ungeachtet, iſt nes ihm indeß noch nicht moͤglich geworden, das „Volk zu bewegen, ihn zum Koͤnig auszurufen.“— Sir Lamb, welcher der Conſtitution nicht entgegenarbeitete, und in die Plaͤne ſeiner Re⸗ gierung nicht eingeweiht war, ſchrieb, was er ſah und hoͤrte. Nach ſeiner Meinung ver⸗ einigte ſich der beſſere Theil des Volkes mit der Armee, um die Rechte Dom Pedro's, und ſeiner Tochter aufrecht zu erhalten, denn die vom In⸗ fanten ergriffene Maßregel, am 13. Maͤrz die Deputirten⸗Kammer aufzuloͤſen, und deren Einberufung auf unbeſtimmte Zeit zu verſchieben, hatte ſchon bedeutende Gaͤhrun⸗ gen hervorgebracht, und in der Ausfuͤhrung ſelbſt einigen Widerſtand gefunden. Seinerſeits ließ er indeß auch ſeine Machi⸗ nation in voller Thaͤtigkeit fortſpielen, und man hoͤrte von der Parthey, die ihm anhing, haͤufig 11°* — 170— den Ruf: Es lebe der abſolute Koͤnig, und dies wurde weder verboten noch beſtraft!— Die in Spanien ſich aufhaltenden gefluͤchteten Portugi⸗ ſen verbreiteten Proklamationen, welche mit den Worten endeten: Es lebe Dom Miguel l, wenn er ſich deſſen wuͤrdig zeigt. Sie riefen das Volk auch darin auf, die Rechte des Infanten zu ſchuͤtzen.— Man ſuchte die Obrig⸗ keiten aller Staͤdte zu gewinnen, ſich der Parthey des Prinzen anzuſchließen, und dieſer brachte ſo die von Wien aus gegebenen Worte in Erfuͤllung:„ſei⸗ „mne loyale Geſinnungen nicht zu aͤndern, „ſondern uͤber Ausfuͤhrung der Geſetze, „wie ſie von ſeinemerlauchten Vaternoch „beſtaͤnden, und ſeinem vielgeliebten „Bruder beſtaͤtigt wurden, zu wachen.“ Die Oberoffiziere und Regimentscommandeurs „wurden verſetzt oder verabſchiedet, und andre, den Abſichten Dom Miguels beſſer entſprechende, ka⸗ men an ihre Stelle. Man beſchaͤftigte ſich haupt⸗ ſaͤchlich mit dieſer Angelegenheit, und ſuchte die Armee zu reinigen von denen, die an Dom Pedro hingen, dagegen die Anhaͤnger des Marquis von Chaves in dieſelbe aufzunehmen. — 171— Jetzt ſprach der Regent den Wunſch aus, daß das Einſchiffen der engliſchen Truppen noch verſchoben werde, bis„ſein Plan vollſtaͤndig zur Reife gelangt ſey“!— Auch entſetzte er alle Gouverneurs in den Provinzen, die den Fortſchritten der Rebellen Widerſtand geleiſtet hatten, ihrer Poſten. Es nahete nun der Augenblick heran, wo der Infant ſeinen ſehnlichſten Wunſch in Erfuͤl⸗ lung brachte: die Beſteigung des portugiſiſchen Thrones. Doch dieſer Uſurpation gingen ei⸗ nige Begebenheiten voran, die wir durchaus nicht mit Stillſchweigen uͤbergehen koͤnnen. Der Infant konnte ſeine Regentſchaft nicht fruͤher antreten, als bis die zeitherige Infantin Regentin ihm dieſelbe in oͤffentlicher, feierlicher Sitzung beyder Kammern uͤbergeben, und er dem Koͤnig D. Pedro und der Koͤnigin Donna Ma⸗ ria II den Eid der Treue geſchworen hatte.— Dies geſchah nun wirklich am 26. Februar in dem zu dieſer Feierlichkeit glanzvoll eingerichteten Saale des Schloſſes Ajuda. Dom Miguel ſaß mit der Regentin unter einem prachtvollen Thron⸗Himmel. Rechts von — 172— beyden waren die Plaͤtze fuͤr den Connetable und fuͤr die Pairs des Koͤnigreichs; links fuͤr die Mit⸗ glieder der zweiten Kammer. Hinter den Pairs ſtanden die Damen des hohen Adels, und hinter der zweiten Kammer waren die fremden Geſand⸗ ten und mehrere Englaͤnder von Rang, ſo wie viele Offiziere der engl. Huͤlfstruppen zu ſehen. Am Ende des Saales vis à vis vom Throne ſtanden Perſonen des hoͤchſten Standes. Die Infantin eroͤffnete die feierliche Hand⸗ lung mit einer Rede, welche von allen Anweſen⸗ den gehoͤrt und verſtanden wurde. Nun erhob ſich der Infant, legte die Hand auf die, vom Cardinal⸗Patriarchen ihm uͤbergebene, Bibel, und ſchwur den Eid. Selbſt die ihm ganz nahe ſich befindlichen Perſonen hoͤrten jedoch kein Wort, und man theilte ſich ſchon gegenſeitig ſeinen Argwohn und ſeine Vermuthungen hieruͤber mit.— Dieſe Eidesleiſtung erinnert an den Schwur, welchen die Offiziere Johann III Fidor und Cor⸗ rea gegenſeitig thun mußten, und wo der Erſte auf das Evangelium, der Letzte aber auf ein Liederbuch ſchwur,.— — 173— Die heilige Handlung war vollzogen, und die Freude daruͤber ſprach ſich allgemein aus. Die Furcht, welcher man ſich noch kurz zuvor hingegeben hatte, verſchwand, und die Nation hoffte nun mit vollſter Gewißheit, daß dieſer Eid gehalten und der Regent die Charte nicht anzu⸗ taſten wagen wuͤrde. Aufgeklaͤrte Politiker waren jedoch keinen Augenblick im Zweifel, denn ſie kannten die Po⸗ litik des engliſchen Cabinets zu genau, und ſag⸗ ten ſich daher:„Diejenigen, die dazu beitrugen, „Braſilien fuͤr Johann VI verloren gehen zu ma⸗ „chen, werden auch keinen Anſtand nehmen, daſ⸗ „ſelbe mit Portugal in Bezug auf Dom Pedro „oder Donna Maria zu thun.“— Sie behaup⸗ teten ferner:„ſchon Canning ſey mit Sir Wil⸗ nliam A'Court einig geweſen, daß Pedro nur zu „Gunſten D. Miguels abdiciren muͤſſe, und die⸗ „ſer wurde nun neuerdings nach Portugal geſchickt, „um das auszufuͤhren, was ihm A'Court gelehrt hatte.“— Dom Miguel verletzte alle ſeine Verſprechungen und brach ſeine Schwuͤre, doch das kuͤmmerte England nicht, denn es hatte Nu⸗ tzen davon. Ja, das engliſche Gouvernement er⸗ =— 174— kannte ihn als legitimen Koͤnig und nicht als Uſurpator an— denn außerdem konnte es nicht oͤffentlich und heimlich mit ihm in Verbin⸗ dung ſtehen und unterhandeln— ſonſt konnte es ihn nicht ungeſtraft ſeine Tyranneyen ausuͤben ſehen — ſonſt haͤtte es nicht auf die treuen Untertha⸗ nen der legitimen Koͤnigin ſchießen laſſen, die die Rechte derſelben mit ihrem Blute vertheidigen wollten— ſonſt haͤtte es end⸗ lich nicht die Beleidigungen ertragen, die es von ihm uͤber ſeine Intervention wegen ſeiner Ruͤck⸗ kehr nach Portugal erdulden mußte.—— Doch zuruͤck von dieſer Abweichung zu den Thaten Dom Miguels vor Uſurpation der Krone. —— Das Volk ſtroͤmte, nachdem er die Re⸗ gentſchaft nun wirklich angetreten, jeden Abend in großen Haufen nach ſeinem Palaſt, um ihm ſeine Huldigungen darzubringen;— aber unter ih⸗ nen ſah man ſchon wieder Leute, welche ihn im Geheimen als Koͤnig begruͤßten, und dafuͤr ſehr freundlich von ihm aufgenommen wurden. Die Taͤuſchung ſchwand immer mehr und mehr. Be⸗ zahlte Haufen aus der Hefe des Volks, angefuͤhrt von den Dienern der Koͤnigin und des Regenten, — 175— verſammelten ſich vor ſeinem Palaſt und ſchrieen: „Hoch, hoch, Dom Miguel I., unſer unum⸗ ſchraͤnkter Koͤnig!“ Sehr deutlich hoͤrte man in den Gemaͤchern des Regenten dieſes Geſchrey, doch man that ihm keinen Einhalt.—— Die Akademie der Wiſſenſchaften erſchien vor dem In⸗ fanten, und ihr Vice⸗Secretair, einer der eifrig⸗ ſten Verehrer des Regenten, richtete, im Beyſeyn von mehreren hundert Perſonen, eine Rede an denſelben, welche die kriechendſten und niedrigſten Schmeicheleyen enthielt.— An dieſem Abende waren, wie gewoͤhnlich, die Poͤbelhaufen verſam⸗ melt und ließen Jeden ungehindert in den Pa⸗ laſt, doch bey der Ruͤckkehr wurden diejenigen, die ihnen als Freunde der Conſtitution bezeichnet waren, inſultirt und durch die ſchmaͤhlichſte Be— handlung gezwungen, zu rufen: Es lebe der Koͤnig Dom Miguel I. Unter dem Geſindel befanden ſich viele fruͤhere Deſerteurs, die jetzt wieder vom Regenten in die Regimenter vertheilt waren, und Unterbeamte des Palaſtes. Nur ſehr wenige eigentliche Bewohner der Hauptſtadt erblickte man bey ihnen.— Der Hauptanfuͤhrer dieſer Bande war ein ge⸗ — 176— wiſſer Obriſt Pontes, ein wahres Chamaͤleon, das ſtets die Farbe wechſelte und bald fuͤr, bald wider die Conſtitution auftrat, ganz, wie es ihm gerade Vortheil brachte.— Der ehrwuͤrdige Cardinal⸗Patriarch, den die Koͤnigin haßte, wurde bey dieſer Gele⸗ genheit am Aergſten gemißhandelt. Er hatte ſich ihren Zorn dadurch zugezogen, daß er ſich wei⸗ gerte, die Ehe der Infantin Donna Anna mit dem Marquis von Loulé einzuſegnen.— Der Biſchof von Elvas wurde eben ſo behandelt, weil er Praͤſident der Deputirtenkammer geweſen und als ein gelehrter Mann bekannt war, der dem liberalen Syſteme aus voller Seele anhing. — Dem General⸗Lieutenant v. Caula, der Zeit Militair⸗Commandant von Liſſabon, wurden die Fenſter ſeines Wagens zerſchlagen und er ſelbſt mit Steinwuͤrfen bis vor ſeine Wohnung verfolgt. Der Graf von Cunte wurde mit einem dicken Knuͤp⸗ pel gemißhandelt, und der Fuͤrſt von Schwar⸗ zenberg mit einem Schnupftuch ins Geſicht und an ſeinen Czako geſchlagen, um ihn zu zwingen, in das Geſchrey des Poͤbels mit einzuſtimmen. Es iſt dies derſelbe Fuͤrſt Schwarzenberg, der mit Dom Miguel in Wien auf dem freundſchaftlichſten Fuß geſtanden hatte, und nun zwei Stunden anti⸗ chambriren mußte, um die Ehre zu haben, vor ihm ge⸗ laſſen zu werden. Auch der engliſche Geſandte wurde mit Steinen geworfen.— Fuͤr alle dieſe Nichts⸗ wuͤrdigkeiten iſt von keinem auswaͤrtigen Cabinette die geringſte Satisfaction gefordert worden.— Das ſo eben Erzaͤhlte geſchah in der Naͤhe des Regenten, dem man fortwaͤhrend daruͤber rap⸗ portirte; doch nicht die Polizey, noch die hier be⸗ findliche Militair⸗Wache widerſetzten ſich die⸗ ſen empoͤrenden Auftritten, und es draͤngte ſich da⸗ her die Vermuthung auf: daß dieſe Nichts⸗ wuͤrdigen auf hoͤheren Befehl handel⸗ ten!!!—— Der Capitain Silveira vom 19ten Infante⸗ rie⸗Regimente, ein hoͤchſt rechtlicher Mann und anerkannter Liberaler, befehligte die Militair⸗Wa⸗ che an dieſem Tage. Erbittert uͤber die Auftritte, die ſich unter ſeinen Augen zutrugen, und befuͤrch⸗ tend, daß es nachtheilig auf die Soldaten wirken koͤnnte, dem Tumulte und Scandal noch laͤnger als muͤßige Zuſchauer beyzuwohnen, wendete ſich an den dienſtthuenden Kammerherrn mit der Bitte, 12 — 178— vom Regenten die Erlaubniß einzuholen, das Ge⸗ ſindel mit Gewalt vertreiben zu duͤrfen; doch die⸗ ſer erwiederte: der Infant ſey in dieſem Augenblicke zu beſchaͤftigt, um mit ſol⸗ chen Sachen belaͤſtigt zu werden. Der Capitain beſtand aber darauf, directe Ordre zu erhalten, und ſo ließ der Regent ihm ſagen: Er haͤtte ſich nur um ſeine Soldaten zu kuͤmmern, alles Uebrige ginge ihm nichts an. Am andern Tage beſchwerten ſich mehrere Mitglieder der Deputirten⸗Kammer uͤber die Sce⸗ nen des geſtrigen Abends beym Miniſter— doch man antwortete ihnen:— mit einer Ordonanz Dom Miguels zur Aufloͤſung der Kammer!!— Der Hauptgrund zu dieſer Aufloͤſung war wohl unſtreitig eine Folge der Schritte, welche die Cortes⸗Mitglieder thaten, um 1) Rechenſchaft zu fordern, warum den Tumult⸗Scenen nicht ge⸗ ſteuert worden war; 2) ſofortige Beſtrafung der Schuldigen, und endlich hauptſaͤchlich 3) das Ver⸗ langen, die eigenhaͤndige Unterſchrift des Re⸗ genten zu dem von ihm beſchwornen Eide ins Staats⸗Archiv zu begehren.— — 179— Die Aufloͤſung der Kammer verbreitete Schreck und Trauer durch das ganze Land; doch der An⸗ ſchein von Geſetzlichkeit, den man noch beybehal⸗ ten hatte, und der dieſen Staats⸗Streich bedeckte, der Name D. Pedro's, der dazu gebraucht, ſo wie der Laͤnzliche Mangel an Einigkeit und Kraft von Seiten der Conſtitutionellen, verhinderten jede Ent egenwirkung.—— Dieſem Dekrete folgten nun ſehr bald noch andre Schritte der Regierung.— Alle Perſonen, welche, gleichviel Militair oder Civil, des Libera⸗ lismus verdaͤchtig waren, wurden ihrer Stellen entſetzt, und erhielten Anhaͤnger und Verehrer des Infanten zu ihren Nachfolgern. Man dehnte dieſe Maßregel nach und nach ſogar auf die Subaltern⸗ Beamten aus.— Gemiethete und gut bezahlte Haufen aus der Hefe des Volks durchliefen die Straßen, verhoͤhnten und beleidigten ſelbſt ange⸗ ſehene Leute. 3 In den Waiſenhaͤuſern lehrte man den Kin⸗ dern Lieder, deren Inhalt die Ruͤckkehr des ge⸗ liebten abſoluten Koͤnigs Dom Miguel war. Man ſchickte ſie mit Trommeln, Pfeifen, Fahnen und hoͤlzernen Gewehren auf die Straßen und oͤf⸗ 12* — 180— fentlichen Plaͤtze, wo ſie ihre eingelernten Lieder ſangen und von den Voruͤbergehenden Geld for⸗ derten. Wer ihnen nichts gab, wurde arg gemiß⸗ handelt, und wer es wagte, ſich den kleinen Bu⸗ ben zu widerſetzen, wurde von der Polizey ergrif⸗ fen und ins Gefaͤngniß gefuͤhrt. Sir F. Lamb druͤckt ſich uͤber dieſe Epoche folgendermaßen in einer Mittheilung an ſeine Re⸗ gierung aus:„die heftigſte Sprache wurde in den „Journalen gegen die Verfaſſung gefuͤhrt, denn „die Redakteurs waren durch große Geld⸗Ge⸗ „ſchenke gewonnen.“— An einer andern Stelle ſagt er:„Ich moͤchte feſt behaupten, daß bis „jetzt das Volk von Liſſabon ſich noch nicht in „dieſe ſchaͤndliche Intriguen gemiſcht hat. Ja „man kann ſogar annehmen, daß, wenn ein „Mann von Muth und Kopf ſich an die Spitze „des Volks geſtellt haͤtte, die Conſtitution noch ge⸗ „rettet worden waͤre.“ Als Beweis dieſer ſehr wahren Anſicht diene nachſtehende Anecdote:— Zu derſelben Zeit, als man die Waiſenkinder ſingend durch die Straßen ziehen ließ, ſpielten die Regiments⸗Muſiken das Conſtitutions⸗Lied, welches gewoͤhnlich mit allge⸗ — 181— meinem Beifall aufgenommen wurde. Ein Indi⸗ viduum wagte es, bey einer ſolchen Scene zu ru⸗ fen: Es lebe Dom Miguel, der abſolute Koͤnig! Doch ein neben ihm Stehender verſetzte ihm eine kraͤftige Ohrfeige und ſagte dabey: Dom Pedro iſt unſer Koͤnig! Es lebe der Koͤnig! Es lebe die Charte!— Der Geſchlagene machte Laͤrmen und wurde nun durch die herbeyeilende Linien⸗Ca⸗ vallerie arretirt und vor den Bezirks⸗Richter ge⸗ fuhrt, der ihn—— einige Augenblicke darauf wieder in Freiheit ſetzen ließ. Am meiſten hatten die Liberalen zu dulden, denn ihre Haͤuſer waren den jungen Saͤngern be⸗ zeichnet, und denjenigen, welche nicht ſehr gut be⸗ zahlten, wurden am hellen Tage die Fenſter ein⸗ geworfen.— Damen jedes Standes wurden auf der Stra⸗ ße hellblaue Tuͤcher und Baͤnder abgeriſſen, weil dies die Farbe der Conſtitutionellen war, und Kin⸗ der, noch auf den Armen der Mutter, waren das Ziel von Hohn und Spott, wenn ihnen die Na⸗ tur hellblaue Augen gegeben hatte. Die Buͤrgergarde, mehrere Tauſend Mann ſtark und aus Leuten beſtehend, welche der Con⸗ — 182— ſtitution anhingen, wurde aufgeloͤſt und durch frey⸗ willige Royaliſten erſetzt, welche in zwei Ab⸗ theilungen zerfielen, wovon die erſte Haͤlfte(vo- lontaires royalistes) aus jungen Leuten ohne Verdienſt und Sittlichkeit beſtand, und die Be⸗ ſtimmung hatten: die Wache vor dem Palaſte zu beziehen und dem Koͤnige ins Feld zu folgen; die Andern aber(gardes urbaines) waren Ange⸗ ſtellte, welche den Auftrag hatten, im Verein mit der Polizey uͤber Ruhe und Ordnung in der Stadt zu wachen. Andre Staͤdte folgten bald dem Beyſpiele, das die Hauptſtadt gab, und ſo bildete ſich eine Macht, auf die Dom Miguel ſicher rechnen konnte. Die Revolution in Oporto brach aus, und gab das Signal zu Verhaftnehmungen, Einkerke⸗ rungen, Auswanderungen und Verfolgungen von Tauſenden.— Ueberall war die geſellſchaftliche Ordnung aufgeloͤſt und alle Leidenſchaften wuͤthe⸗ ten feſſellos. Kein Schuldner bezahlte. Aller Han⸗ del und jedes Gewerbe hatten aufgehoͤrt, die Ker⸗ ker waren mit ungluͤcklichen Schlachtopfern uͤber⸗ fuͤllt, Schrecken und Elend herrſchte uͤberall. Es iſt bekaunt, daß am Ende des Jahres — 183— 1830 das Vermoͤgen von 50,000 Familien einge⸗ zogen war und 60,000 Menſchen waren emigrirt oder ſahen ihrem Tode in den furchtbarſten Ge⸗ faͤngniſſen entgegen. Die royaliſtiſchen Freiwilligen liefen, beſon⸗ ders Abends, wenn die Straßen belebt waren, mit dicken Knuͤtteln bewaffnet umher, umringten die Leute und verlangten den Gegenſtand ihrer Unterhaltung zu wiſſen. Sie nahmen die verſchie⸗ denartigſten Verkleidungen an und belauſchten je⸗ des Wort, das geſprochen wurde, doch Reden oder Schweigen war hier gleich Gefahr bringend.— Sie drangen in die Kaffeehaͤuſer und Reſtauratio⸗ nen ein, und erſahen ſich hier die Opfer, die ſie ins Gefaͤngniß ſchleppten. Wagte irgend Einer, ſich zu widerſetzen, ſo wurden alle Anweſende mit fortgenommen. Es war nichts ſeltenes, ſolche Schreckensepochen, die gewoͤhnlich mehrere Wochen dauerten, wiederkehren zu ſehen, und Niemand wagte es alsdann, ſein Haus zu verlaſſen. Bey dem Elende, das der Infant um ſich verbreitete; bey dem Schrecken, den der ruhige Buͤrger empfand, ſich deſſen Verfolgungen aus⸗ geſetzt zu ſehen, gin, auch das andre Geſchlecht — 184— nicht leer aus, und es freute den Prinzen unend⸗ lich, wenn er Damen von Takt und Bildung em⸗ pfindlich beleidigen konnte. Niemals erkohr er ſich eine der Schoͤnheiten ſeines Hofes, der er in Liebe huldigte; nein, nur ſolchen Geſchoͤpfen, die die Geſellſchaft aus ihrer Mitte geſtoßen hatte, waren ſeiner Liebe gewiß, mit ihnen nur lebte er ver⸗ gnuͤgt. Eines Tages erblickte er vor dem Fenſter des Palaſtes Ajuda, wo er eben ſeinen Hof⸗Staat um ſich verſammelt hatte, ein gemeines Weib, welches einige der Geſaͤnge, von denen wir oben geſprochen haben, dem um ſie verſammelten Hau⸗ fen Polizey⸗Soldaten vortrug, und ſich mit der Guitarre begleitete. Sogleich befahl er einem ſeiner Adjutanten, ſie zu ihm zu bringen, denn er iſt neugierig, zu ſehen, wie er ſeine Poeten inſpirirt hat, und ob ſie gute Buͤrger ſind. Das Weib wird hereingefuͤhrt, und D. Mi⸗ guel laͤßt von den Damen ſeines Hofes und den Cavalieren einen Kreis um dieſelbe ſchlie⸗ ßen, und befiehlt ihr, das Lied vorzutragen, wel⸗ ches ſie unten geſungen habe. Die Saͤngerin zit⸗ — 185— terte wie ein Espenlaub und war nicht im Stande einen Laut hervorzubringen, waͤhnend, daß man ſie ihrer Freiheit berauben wolle. Dom Miguel laͤßt ſie durch die Hofdamen beruhigen, und nun be⸗ ginnt ſie ein Lied, welches den allerbitterſten Haß gegen die Conſtitution ausſprach, die niedrigſten Schmeicheleyen fuͤr den Prinzen enthielt, und in den ausſchweifendſten Ausdruͤcken das Verlangen kund that, ihn als abſoluten Koͤnig proklamirt zu ſehen. Der Infant klatſchte jeder Strophe Beyfall, und die Hofleute—— waren— ſein Echo!— Als das Frauenzimmer geendet hatte, nahm er ſie bey der Hand, fuͤhrte ſie in ſein Gemach, und ließ Alle in ſtarrer Beſtuͤrzung uͤber eine den Damen des Hofes ſo frech zugefuͤgte Beleidigung.— Er kam nicht fruͤher als bis zum Abend wie⸗ der in den Cirkel zuruͤck. Erſt da hatte er die Saͤngerin entlaſſen.——— Am 25ten April fand ein tumultuariſcher Volksauftritt ſtatt, bey welchem Dom Miguel zum Koͤnig ausgerufen wurde, und da nun ſchon im Laufe des Monats die Behoͤrden mehrerer klei⸗ — 186— nen Staͤdte den Infanten als Koͤnig anerkannt hatten, ſo glaubte auch der Magiſtrat von Liſſa⸗ bon, dieſen Moment benutzen zu muͤſſen und dem Beyſpiele zu folgen. „Es verſammelten ſich daher augenblicklich die „Magiſtrats⸗Beamten, und nahmen einen Akt auf, „in welchem Sie in den ſubmiſſeſten Ausdruͤcken „Sr. Koͤnigl. Hoheit erſuchten, die Krone Portu⸗ „gals ſich aufs Haupt zu ſetzen!“ 1 Eine Deputation uͤberbrachte dem Infanten dieſe Adreſſe, und wie ſie ihm die Hand kuͤßte— hoffte ſie—(ſo druͤckte der Vortragende ſich aus—) dem geliebten Koͤnige Dom Miguel l die Hand gekuͤßt zu haben. Der Infant laͤchelte huldreich, doch beſtimmt⸗ er Nichts— und die Deputation entfernte ſich: doch ließ man die Volkshaufen durch Cavallerie⸗ Piquets zerſtreuen!— Am Morgen des 26ſten antwortete Dom Mi⸗ guel auf die Adreſſe des Magiſtrats und ſagte: „daß er, durch die Treue und Anhaͤnglichkeit des „Raths und der Bewohner der Hauptſtadt geruͤhrt „ihre Bitte erfuͤllen wuͤrde, doch mußte die A — 187— und Weiſe, wie dies geſchaͤhe, ganz ihm uͤberlaſſn bleiben.“ Dieſe Antwort trug nicht die Ueberſchrift, die gewoͤhnlich die Aktenſtuͤcke hatten: Im Namen Sr. Koͤnigl. Hoheit des Infant⸗Regen⸗ ten, ſondern: Im Namen des Koͤnigs. Wir bemerken hierbei, daß die definitive Ab⸗ dications⸗Akte Don Pedro IV zu Gunſten ſei⸗ ner Tochter Donna Maria II vom 3. Maͤrz datirt iſt. Sobald die Stadt die Schritte des Magi⸗ ſtrats erfahren hatte, bemaͤchtigte ſich aller Ein⸗ wohner Trauer und Niedergeſchlagenheit.— Den⸗ ſelben Tag noch wurde der Koͤnig anerkannt. Die Stadt⸗Fahne wurde aus dem Fenſter des Rath⸗ hauſes entfaltet, und ein Herold rief drei Mal hinter einander: Es lebe Dom Miguell, unſer abſoluter Koͤnig! Ohngefaͤhr 50 Per⸗ ſonen aus der niedrigſten Volksklaſſe, unter denen man Bediente, Rathsdiener und abgeſetzte Offi⸗ ziere in faſt zerlumpter Uniform erblickte, ſah man unter dieſem Haufen, der unter dem Schutz der aufgeſtellten Wae in den Ruf des Herolds mit einſtimmte. Alle diejenigen, welche ihr Weg — 188— zufaͤllig vorbei fuͤhrte, wurden, wenn ſie ſich nicht den groͤßten Mißhandlungen ausſetzen wollten, gezwungen, den Hut abzunehmen und mit zu rufen. Dieſer elende Haufen zog nun durch die Straßen der Stadt, und proklamirte unter dem Schutze der ſie begleitenden Cavallerie uͤberall den unumſchraͤnkten Koͤnig. Damen, denen ſie be⸗ gegneten, mußten aus dem Wagen, Herren von den Pferden ſteigen, und Jeder, der ihnen in den Weg kam, Dom Miguel I anerkennen. Die Haͤuſer waren waͤhrend dem geſchloſſen, Niemand ließ ſich an den Fenſtern ſehen, jeder Rechtliche floh den trunknen Haufen. In dem Rathhauſe wurde nun abermals eine Adreſſe an Dom Miguel entworfen, in welcher er noch einmal dringend gebeten ward, die koͤnigliche Wuͤrde nicht abzulehnen. Dieſe Adreſſe wurde nicht nur von Magiſtrats⸗Beamten und Hofleu⸗ ten oder Anhaͤngern des Infanten, ſondern auch von deren Bedienten, feilen Dirnen und Andern Geſindel unterſchrieben. Auch die Namen rechtli⸗ cher Leute fand man darauf, welche die Furcht vor Strafe oder Drohungen Anderer dahin gebracht — 189— hatten. Sir F. Lamb, der dieſe Liſte geſehen hat, ſtimmt dem vollkommen bey. Jeder, der ſich erkuͤhnte, ſeine Unterſchrift zu verſagen, ward augenblicklich ins Gefaͤngniß ge⸗ worfen, und hatte von Gluͤck zu ſagen, wenn er noch ohne koͤrperliche Verletzungen dahin kam. Ohne nur den mindeſten Widerſtand zu wa⸗ gen, ließ ſich das Volk geduldig in die Ketten le⸗ gen, denn Alles war vor Schreck erſtarrt und wie gelaͤhmt.— Finſteres Mißtrauen herrſchte allge⸗ mein und jeder war nur auf eigene Rettung be⸗ dacht. 1 Im Anfang des May erholten ſich die er⸗ ſchreckten Gemuͤther, der alte Geiſt kehrte im Vol⸗ ke, in der Armee wieder ein, und zu Oporto erklaͤr⸗ ten ſich 8 Regimenter, denen ſich das Volk bis zu den Ufern des Mondejo hin anſchloß, fuͤr Don Pedro und die von ihm ertheilte Conſtitution. Dieſer Aufſtand verbreitete Schrecken und Be⸗ ſtuͤrzung unter der Faction, die in Liſſabon am Ruder war, und es iſt ausgemacht, wenn die zu Oporto im Namen D. Pedros eingeſetzte Regent⸗ ſchaft ihre Truppen nach der Hauptſtadt haͤtte — 190— marſchieren laſſen, ſo wuͤrde die Uſurpation D. Miguels eine ſchnelle Endſchaft erreicht haben. Dies that man jedoch nicht, denn die Chefs der Regimenter, welche die Militaͤr-Junta bildeten, waren nicht einig unter ſich, und es fand ſich kein Mann von energiſchem Geiſte, der das Vertrauen der kampfluſtigen Truppen ſich erworben haͤtte, und an die Spitze des Unternehmens getreten waͤre. Die Zeit, wo man, ohne einen Schwertſtreich zu thun, Liſſabon gewonnen haͤtte, ging unbenutzt vor⸗ uͤber, und Dom Miguel, welcher in ſeiner Angſt den Truppen der Hauptſtadt die glaͤnzendſten Ver⸗ ſprechungen machte, und ſie fuͤr ſich gewonnen hatte,— war— gerettet!—— So ſcheitern die beſten und edelſten Unter⸗ nehmungen, wenn es an Einigkeit fehlt.— Wir haben in neueſter Zeit ein trauriges Beiſpiel davon in einem andern Lande wieder erlebt.——— Die Inſurgenten(wie ſie von Dom Miguel genannt wurden,) ruͤckten endlich bis Coimbra vor, wo ſich ihnen 800 Studenten und mehrere Regimenter anſchloſſen, denen gewiß noch vie⸗ le andre Truppen gefolgt waͤren, wenn man den Marſch unaufhaltſam fortgeſetzt haͤtte, — 191— aber theils durch die anlangenden Proclamationen D. Miguels, theils auch durch falſche Nachrichten, die abſichtlich verbreitet wurden, zaghaft gemacht, wagte man es nicht, vorwaͤrts zu gehen!— Kaum war es Dom Miguel moͤglich gewor⸗ den, mit großer Muͤhe und Anſtrengung 1000 Mann zuſammen zu bringen, unter denen ſich noch Re⸗ gimenter wie das 4te und 13te befanden, welchen man ſchon zutrauen konnte, die erſte Gelegenheit zu benutzen, um ſich mit den Inſurgenten zu ver⸗ einigen.(Im Jahre 1831 iſt dies 4te Re⸗ giment wirklich gesen die Regierung aufgetreten.) Alle Subordination war bey den Truppen D. Miguels verſchwunden, weil ihr Enthuſiasmus und die Liebe fuͤr ihn auf ihrem Marſche nach Coimbra durch ſpirituoͤſe Getraͤnke erhalten und angefacht werden mußte.— So marſchirten dieſe Soldaten in der groͤßten Unordnung fort, ohne ſich in ihrer Berauſchtheit um die Offiziere zu bekuͤmmern; ſie ſangen und ſchrien fortwaͤhrend und veruͤbten ungeſtraft die groͤßten Exzeſſe.— Eins dieſer Regimenter begegnete nicht weit — 1022— von Villa Franca einem Stabs⸗Offiziere, der, begleitet von einer Ordonanz, ihnen entgegen kam. Die betrunkenen Soldaten bezeigten ihm, obgleich er in Uniform mit den Zeichen ſeines Grades ritt, ſo wenig Achtung, daß ſie ihn bald rechts, bald links draͤngten, mit den Bajonetten drohten, und ihn zwangen, in ihr Gelaͤrme und Bruͤllen mit einzuſtimmen. Der Offizier wuͤrde noch groͤßeren Unannehmlichkeiten ausgeſetzt wor⸗ den ſeyn, wenn nicht der Commandeur des Re⸗ giments ſich ſeiner angenommen und ihn gluͤcklich vorbey gebracht haͤtte.— Derſelbe Offizier kam bald darauf an dem 4ten Linien⸗Regimentvoruͤber, und dies mar⸗ ſchirte in Ruhe und Ordnung, doch las man auf den Geſichtern der Soldaten die tiefſte Niederge⸗ ſchlagenheit, und den Schmerz, daß ſie jetzt ge⸗ gen die Inſurgenten marſchieren mußten, mit de⸗ nen vereint ſie erſt vor einem Jahre die Ban⸗ den des Marquis von Chaves, die Anhaͤnger des Infanten, nach Spanien geſchlagen hatten.— Bey Coimbra fielen nun einige unbedeutende und nichtsſagende Vorpoſten⸗Plaͤnkeleyen vor, die — 193— man benutzte, um in Liſſabon von gewonnenen Schlachten zu ſprechen. Der Ausgang der Sache ſchien bald entſchie⸗ den zu werden, und zwar zum Vortheil der Ge⸗ rechtigkeit entſchieden zu werden. Das Volk ath⸗ mete auf, und glaubte den Zeitpunkt ganz nahe, das ihm uͤbergeworfene Joch wieder abzuſchuͤt⸗ teln—— da— geſchah, das faſt Unmoͤgliche! —— Die Inſurgenten zogen ſich, ohne einen Schuß zu thun, bis nach Vouga zuruͤck, die Trup⸗ pen D. Miguels folgten und in der Gegend von Cruz de Muroros entſpann ſich eine Schlacht, in denen die Truppen des Uſurpators geſchla⸗ gen und genoͤthigt wurden, in großer Unordnung auf dem Wege nach Liſſabon zuruͤck zu gehen.— Voll Feuer und Eifer fuͤr ihre Sache, forderten die Conſtitutionellen ihren General Seraiva auf, den Fliehenden nachzuſetzen, und ſie auf die Hauptſtadt loszufuͤhren— doch ſey es im Einverſtaͤndniß mit der Junta—— ſey es aus Furcht, ſich nicht ſtark genug zu fuͤhlen—— er gab den Bitten ſeiner Bra⸗ ven nicht nach. Die wuͤthenden Soldaten wollten ihn des Commando's entſetzen, und es dem Herrn 13. — 194— Sa uͤbergeben, einem der bravſten und ausgezeich⸗ neteſten Offiziere der Armee*³), doch ſie ſetzten ihren Vorſatz nicht durch, Seraiva befahl den Ruͤckzug auf Coimbra und ging uͤber den Mon⸗ dejo..— Dieſe Nachricht war ein Blitzſtrahl aus hei⸗ terem Himmel fuͤr jeden rechtlichen, ſein Vater⸗ land liebenden Mann, und zerſtoͤrte die Hoffnung, die eben in vollſter Bluͤthe geſtanden.— Die Armee des Uſurpators bekam wieder Muth, da ſie den Feind, der ſie vernichten konnte, ſich zuruͤckziehen ſah, drang vor und Schrecken und Elend folgten dieſen Ausgearteten auf dem Fuße nach.— Nichts verſchonte ihre Wuth— — wenn ſie keinen Widerſtand fanden!!——— Die Inſurgenten machten Fehler auf Fehler, zogen ſich immer weiter zuruͤck, und verließen die feſte Poſition, die ſie inne gehabt, obgleich ſie ſtaͤr⸗ ker als die Migueliſten waren, leider aber von *) Ehre und Tapferkeit ſcheinen in dieſer Familie hei⸗ miſch zu ſeyn. Ein Mitglied derſelben lebte zu Paris den Wiſſenſchaften und Kuͤnſten. Der junge Mann wurde zu einem Zweikampf genoͤthigt, und benahm ſich dabei mit ausgezeichnerem Muthe und einer Kaltbluͤ⸗ tigkeit, die in Erſtaunen ſetzte. * — 195— Verraͤthern gefuͤhrt wurden. Auf den Hoͤhen von Porto, den Duero im Ruͤcken, mach⸗ ten ſie Halt!— Es darf nicht uͤbergangen werden, daß noch eine Schlacht, und zwar bey dem Fluße Voga, nicht weit vom Fuß des Berges Marnel, ge⸗ ſchlagen worden war, die ſo blutig wurde, daß keine aͤhnliche waͤhrend des ganzen Krieges auf der Halbinſel gekaͤmpft wurde. Die Conſtitutionellen fochten mit Muth und Ausdauer. Sie ſchlugen die Migueliſten zuruͤck — doch der General, welcher die Conſtitutionellen kommandirte—— ließ zum NRuͤckzug blaſen. — Vielleicht wuͤrde er geſchlagen, vorgedrungen ſeyn!!!— Als die Inſurgenten die Hoͤhen von Porto erreicht hatten und ſich dort befeſtigten, kamen die General Saldhana, Villaflor, Stubs, und mehrere Stabs⸗Offiziere, mit dem Mar⸗ quis von Palmella, der zum Praͤſident der Regentſchaft ernannt worden war, aus England, wohin ſie fruͤher geflohen waren, bey ihnen an.— Die erſtgenannten Herren uͤbernahmen ſo⸗ gleich das Commando, allein der guͤnſtige Augen⸗ 13* — 496— blick war entſchwunden, und Muth und Ver⸗ trauen auf das Gelingen ihrer gerechten Sache aus dem Herzen der Soldaten und ihrer Fuͤhrer gewichen. Man verließ die befeſtigte Stellung auf den Hoͤhen, und zog ſich in die Stadt Porto ſelbſt zuruͤck, die dadurch der Zerſtoͤ⸗ rung ausgeſetzt wurde. Die eben erſt aus Eng⸗ land heruͤber gekommenen Generale ſchifften ſich auf demſelben Schiffe wieder dahin ein, welches ſie hergefuͤhrt hatte, nahmen die Mitglieder der Regentſchaft mit ſich, und die entmuthigten Trup⸗ pen benutzten die von D. Miguel ihnen angebote⸗ ne Amneſtie, und zerſtreuten ſich nach allen Ge⸗ genden. So wie wir es eben gethan, ſchildern ei⸗ nige ſchlecht unterrichtete Zeitungs⸗ und Geſchichts⸗ ſchreiber die vorgefallenen Begebenheiten. Doch wir, die wir gewiß ohne Partheilichkeit und Lei⸗ denſchaft die Data betrachten, die wir uns be⸗ muͤhen, das Geſchehene gehoͤrig zuſammen zu ſtel⸗ len, und dann einen richtigen Schluß daraus zu ziehen, wir koͤnnen nicht mit Jenen uͤbereinſtim⸗ men.—— Warum ſollten die uͤberall ſiegreichen Sol⸗ daten der Inſurgenten entmuthigt geweſen ſeyn? 8 — 497— Sie entmuthigt, die in den vorgefallenen Gefech⸗ ten und Schlachten wie Helden gekaͤmpft??!— Nein, weit davon entfernt, warteten ſie nur dar⸗ auf, wieder ins Feuer gefuͤhrt zu werden, um als Sieger daraus hervorzugehen, denn ſie ſetz⸗ ten das groͤßte Vertrauen in ihre neuen Gene⸗ rale! Wenn ſie ſich bis Porto zuruͤck fuͤhren lie⸗ ßen, ſo geſchah dies aus Gehorſam gegen die Befehle ihrer Chefs— denn der Soldat waͤre gern auf den Feind los gegangen, und als die Junta, welche nicht allein handeln wollte, in einem Kriegsrath den Offiziren vorſchlug, die Trup⸗ pen nach Spanien uͤberzufuͤhren, antworteten dieſe: Nein, lieber tauſendfach ſterben. Der General verlangte ſchriftlich dieſe Wei⸗ gerung und man gab ſie ihm.— Hierauf ſetzte dieſer ſeine Feldmuͤtze auf, ließ ſeinen Federhut zu⸗ ruͤck, als ob er gleich wieder kommen wollte, ging hinaus, und begab ſich an Bord des Schiffes, das ihn von England hergefuͤhrt hatte. Die Geſchichte wird einſt dem Betragen die⸗ ſes Generals den rechten Namen geben, und be⸗ urtheilen, ob das Unternehmen durch die Fuͤhrer — 198— der Truppen, oder durch dieſe Letzteren geſchei⸗ tert iſt. Der den obenerwaͤhnten General Erſetzende, fuͤhrte jetzt die muthvollen Leute uͤber die ſpa⸗ niſche Graͤnze, wodurch wohl an 15000 Portu⸗ giſen dahin kamen. Unter ihnen zeichneten ſich auch noch jetzt durch ihre Haltung aus: das 18te Regiment, die Freiwilligen Dom Pedro's und einige aus Braſilien heruͤber⸗ gekommene Studenten. Einige der Regimenter, die ſich gegen ihre Fuͤhrer aufgelehnt hatten, wurden ſogleich, als ſie den ſpaniſchen Boden betreten hatten, entwaff⸗ net, und ſpaͤter auf engliſchen Schiffen nach Eng⸗ land geſchafft. Die Begebenheit von Porto, Aufſtaͤnde, wel⸗ che in Algarbien ausbrachen,(einer den Mau⸗ ren unter dem tapfern Dom Alphons III entriſ⸗ ſene Provinz) ſo wie eine in Liſſabon ſelbſt ent⸗ deckte Verſchwoͤrung, beſtimmten Dom Miguel, durch ſchauderhafte Strenge und abſchreckende Beyſpiele die Nation, deren wahre Geſinnung ſich nicht verkennen ließ, einzuſchuͤchtern und zu Boden zu druͤcken. — 199— Die erſten Opfer ſeiner Wuth waren neun Studenten. Es iſt nicht zu leugnen, daß ſie we— gen einer ſchaudernerregenden That beſtraft wer⸗ den ſollten, doch waren ſie dieſer That nie uͤberfuͤhrt— ſie leugneten bis zum letz⸗ ten Augenblick, und ſchoben vereint die Schuld auf ihre, durch die Flucht ſich gerettete Kamera⸗ den. Dennoch wurde die Todesſtrafe gegen ſie erkannt.—— In Portugal iſt dies ein ſehr ſeltener Fall. Selbſt die Individuen, die den Mord eingeſtanden, wurden haͤufig begnadigt, und in eine Feſtung geſteckt, oder noch haͤufiger nach Afrika geſchafft, ja ſogar durch Protection oder Geldopfer ganz mit aller Strafe verſchont. Doch Dom Miguel, der die beſtehenden Geſetze, welche ausdruͤklich ſagen, daß kein Individuum ohne Geſtaͤndniß oder vollguͤltigen Beweis am Leben geſtraft wer⸗ den kann, nicht achtete,— hatte beſtimmt, daß ihr Blut fließen ſollte und nichts konnte die Ar⸗ men erretten. Die Graͤuel⸗That, um welcher wil⸗ len dieſe Studenten gerichtet wurden, war folgende: der Senat der Univerſitaͤt Coimbra hatte 4 Pro⸗ ſloren zu einer Deputation an Dom Miguel aus⸗ — 200— erwaͤhlt, um ihm die Huldigung der Univerſitaͤt zu uͤberbringen. Mit Tages⸗Anbruch hatten die⸗ ſe Herren zu Wagen Coimbra verlaſſen, doch waren ſie kaum einige Stunden von der Stadt, als ſie an einem einſam gelegnen Orte von dreizehn Bewaffneten, ſaͤmmtlich maskirt, ange⸗ fallen wurden. Die Angreifenden riſſen die Kut⸗ ſcher von den Pferden, und knebelten ſie, die Profeſſoren jedoch ſchleppten ſie weit mit ſich in den Wald hinein, wo ihnen angezeigt wurde, daß ſie ſich zum Tode vorbereiten ſollten, ihr letztes Stuͤndlein habe geſchlagen.— Die Ungluͤcklichen flehten zu den Fuͤßen der Studenten um Gnade, doch Bitten und Thraͤnen waren fruchtlos. Der⸗ jenige von ihnen, der ſich am meiſten den Haß der jungen Leute zugezogen hatte, weil er im Examen unerbittlich ſtreng war, mußte zuerſt nie⸗ derknieen, und eine Kugel ſtreckte ihn todt zur Erde. Der Zweite, der nicht toͤdtlich getroffen war, wurde mit Meſſern erſtochen. Der Dritte, Direk⸗ tor des botaniſchen Gartens zu Coimbra, veran⸗ laßte eine Stockung in der Blutarbeit. Er hatte trotz der Maske einen der Studenten wieder er⸗ kannt, der oft freundlich in ſeinem Hauſe von — 201— ihm aufgenommen worden war; ihn flehte er an, das Leben ihm zu erretten, und erinnerte ihn an ſeine zahlreiche Familie, deren Erhalter er war. Ein beſſeres Gefuͤhl lebte in dem Herzen des jungen Mannes auf. Er beſchwor ſeine Gefaͤhr⸗ ten, ihm das Leben des Flehenden zu ſchenken; doch dieſe Bitten wuͤrden fruchtlos geweſen ſeyn, wenn man nicht eben jetzt von der Straße her laute Stimmen gehoͤrt haͤtte, welche naͤher kamen. Die Moͤrder entflohen nun.— Der Zufall, oder vielmehr die Vorſehung fuͤhrte gerade den neuen Gouverneur von Porto, Auguſtino Luitz, mit zahl⸗ reichem Gefolge die Straße her, um ſich auf ſei⸗ nen Poſten zu begeben. Die gebundenen Kutſcher ſchrieen um Huͤlfe, ihre Waͤchter entflohen, und die beyden Profeſſoren wurden gerettet. Nach einigen Stunden gelang es, mehrerer der Moͤrder habhaft zu werden, und mit Aus⸗ nahme von vieren wurden ſie alle ergriffen, nach Liſſabon gefuͤhrt und zum Strange verurtheilt. Einige unter ihnen waren die Soͤhne reicher und angeſehener Eltern, welche die groͤßten Opfer bo⸗ ten, ihr Leben zu retten. Mit bedeutenden Sum⸗ men gelang es ihnen endlich, das Leben der — 202— naͤchſten Anverwandten zu erhalten, und doch war in aͤhnlichen Faͤllen noch nie die Todes⸗ ſtrafe in Anwendung gebracht worden. Doch kein Bitten half, ſelbſt die Verwendung der Infantin⸗ Regentin fuͤr den Sohn des Capitäomor von Cin⸗ tra, bey dem die koͤnigliche Familie oftmals ge⸗ weſen war, blieben fruchtlos.„Sie ſollen durchaus ſterben, Miguel muß ihr To⸗ desurtheil unterzeichnen,“ rief die Koͤni⸗ gin Charlotte, indem ſie heftig auf den Boden ſtampfte. Einer der jungen Menſchen, noch nicht ganz 18 Jahre alt, erklaͤrte in dem Augenblicke ſeines Todes, er ſey noch nicht getauft!— Die Sache wurde nicht unterſucht, ſondern die Execu⸗ tion ging vor ſich und befohlen: die Taufe an dem Todten zu vollziehen.— Als Beweis des oben Erwaͤhnten, daß naͤm⸗ lich die Todesſtrafe nur hoͤchſt ſelten in Portu⸗ gal vollſtreckt wurde, dienen folgende Anekdoten: Bey dem Feldzuge von 1808 hatte ein Offizier der Artillerie einen Bedienten, der bereits ſieben Mordthaten begangen hatte und an der Ausfuͤh⸗ rung der achten nur durch Zufall verhindert wurde. 2 — 203— Der Offizier hatte naͤmlich mit einem Maͤdchen ein Kind erzeugt und trug ſeinem Bedienten auf: es aus dem Wege zu raͤumen. Der Kerl trug es in den nahgelegenen Wald und war eben im Begriff, es zu ermorden, als zufaͤllig in der Naͤhe ſich befindende Leute, welche von dem Geſchrey des armen kleinen Weſens, das eben nicht zart von dem Kerl behandelt wurde, herbeygezogen, es ret⸗ teten. Der Diener des Offiziers blieb, trotz der Anzeige, von aller Strafe verſchont, von dem Herrn verſtand ſich dies von ſelbſt.— Ein andrer Menſch wurde in Porto mehrerer uͤberwieſener Morde wegen zum Tode verurtheilt, aber auf Befehl des jetzigen blutduͤrſtigen Mi⸗ niſters Grafen Baſtos, der damals Crimi⸗ nal⸗Richter in Porto war, ganz kurz vor der Hinrichtung begnadigt und in Freiheit ge⸗ ſetzt. Der gerechte Richter war durch 20,000 Cru⸗ ſados gewonnen worden, und dachte wahrſchein⸗ lich: Ein Moͤrder mehr oder weniger in Portugal, was will das ſagen? Die erwuͤnſchteſte Gelegenheit, die Blutſce⸗ nen, die mit der Hinrichtung der Studenten be⸗ gonnen hatten, fortzuſetzen, bot die in Porto aus⸗ 204— gebrochene und unterdruͤckte Revolution. Es wurde beſchloſſen, die Nation durch die haͤrteſten und furchtbarſten Strafen zu entmuthigen und zu ſchrek⸗ ken.— Blutrichter wurden in die ungluͤckliche Stadt geſchickt, die ſich an keine, von den Ge⸗ ſetzen vorgeſchriebene, Form banden und mit Un⸗ erbittlichkeit ihr grauſames Amt verwalteten. Tau⸗ ſende wurden in die Kerker geworfen, und dulde⸗ ten dort, an Ketten geſchmiedet, mehr wie To⸗ despein.— Zwoͤlfe der vornehmſten Maͤnner wur⸗ den zum Galgen verurtheilt und aufgehaͤngt!— Zu gleicher Zeit war in Liſſabon eine Ver⸗ ſchwoͤrung entdeckt, an deren Spitze der Brigade⸗ General Moreira ſtand. Dieſer brave Soldat hatte den Plan entworfen, einige Regimenter auf dem Rocio zuſammenzurufen und Dom Miguel des Throns von Portugal fuͤr unwuͤrdig zu erklaͤ⸗ ren.— Waͤre dies gegluͤckt, ſo wuͤrde ihm bald die ganze Bevoͤlkerung von Liſſabon, ſo wie die ganze Beſatzung zugefallen und der Uſurpation ein Ende gemacht worden ſeyn. Moreira erſchien eines Abends in der Caſer⸗ ne der Marine⸗Brigade, in welcher ſich nach 7 Uhr gewoͤhnlich die Offiziere nicht mehr befanden. Er = 2⁰05= ließ General⸗Marſch ſchlagen und rief den ſich un⸗ ters Gewehr ſtellenden Soldaten zu: Kamera⸗ den, auf zu den Waffenl! ſaͤmmtliche Re⸗ gimenter ſind bereits auf dem Rocio verſammelt!— Doch in dieſem Augenblicke erſchien der Major des Regiments, dem die Sache verrathen worden war, und arretirte den Ge⸗ neral, einen Cadet, der ihn begleitete, und den in ſeinem Regimente als Lieutnant dienenden Sohn des Generals. Auch viele Andre, die zu⸗ faͤlig an der Caſerne voruͤbergingen, oder durch den Laͤrm herbeygelockt wurden, nahm man feſt. — Nan hat nicht herausbringen koͤnnen, ob Mo⸗ reira allein gehandelt oder Mitwiſſer unter der Be⸗ ſatzung, außer den oben Exwaͤhnten, gehabt hat; ſo viel iſt gewiß, daß in den andern Caſernen nicht die geringſte Unruhe vorfiel.— Sein Prozeß wurde ſogleich eingeleitet, doch ſchob man das Urtheil einige Monate hinaus, in der Hoffnung, noch mehr Theilnehmer der Ver⸗ ſchwoͤrung zu entdecken. Es gab deren in der That; doch ſie waren ſehr hochgeſtellte Per⸗ ſonen, und Moreira edel genug, ſie nicht zu nennen.—— — 206— Der Sohn des Generals hatte ihn nur auf deſſen Befehl, und ohne den Zweck zu ken⸗ nen, begleitet; demohngeachtet wurde er zu ewi⸗ ger Verbannung in die afrikaniſchen Wuͤſten verurtheilt. Noch einen zweiten Mitwiſ⸗ ſer glaubte man entdeckt zu haben; aber da es der Muͤhe nicht lohnte, wegen zwei Perſonen den Galgen zu erbauen, ſo wurden noch drei Andre mit zum Tode verurtheilt, obgleich ſie des Ver⸗ brechens, deſſen man ſie beſchuldigte, durchaus nicht uͤberfuͤhrt waren. Einer dieſer Mitverurtheilten war der Lieute⸗ nant Pereſtrello. Der Ungluͤckliche war einige Monate fruͤher nach England entflohen, von wo er jetzt nach Liſſabon zuruͤckgekommen war, um ſeine Braut mit ſich fortzunehmen. Er wagte nicht, in der Stadt ſich aufzuhalten, ſondern war am Bord eines franzoͤſiſchen Schiffes geblieben, und leider an dem Abend, an welchem Moreira ſeinen Plan auszufuͤhren gedachte, in buͤrgerlicher Tracht in die Stadt gegangen, ſeine Braut zu beſuchen. Als er nach dem Schiffe zuruͤckkehren wollte, kam er an der Marine⸗Caſerne voruͤber und wurde nun hier mit andern, ſich zufaͤllig dort — 207— aufhaltenden, Leuten arretirt.— Aus Furcht, als ausgetretener Offizier erkannt zu werden, er⸗ griff er die Flucht, wurde aber eingeholt, und hoffte ſich nun durch Annahme eines fremden Na⸗ mens und ſich keiner Schuld, als der Flucht nach England, bewußt, zu retten. Dennoch wurde er als Mitſchuldiger Moreira's verdammt, indem man den Beweis dafuͤr in einer auf der Straße gefun⸗ denen Degenkuppel ſuchte, die ihm ungluͤcklicher⸗ weiſe paßte, und ſo wurde er unter ſeinem ange⸗ nommenen Namen, Boreira, zum Tode verur⸗ theilt. Obgleich er nun ſeinen wahren Namen an⸗ gab, ſeine Nichtanweſenheit in Portugal, und daß er nicht Theilnehmer der Plaͤne des Generals ge⸗ weſen ſeyn konnte, weil er ſich in England auf⸗ gehalten habe, vollkommen nachwies— konnte ihn nichts retten.—— Auf einem der lebhafteſten Plaͤtze, Caes do Sondre, war in der, den Tag der Hinrichtung vorhergehenden Nacht, ein Galgen aufgerichtet wor⸗ den. Schon mit Tages⸗Anbruch wurden Infan⸗ terie⸗Piquets und Cavallerie⸗Detachements dort aufgeſtellt, um militairiſch den ganzen Platz zu be⸗ ſetzen. Um 10 Uhr langte der Zug der Verur⸗ — 208— theilten an, denen Polizey⸗Beamte vorritten und der Criminal⸗Richter gleichfalls zu Pferde folgte. Dieſem nach gingen die barmherzigen Bruͤder, in Trauermaͤntel gehuͤllt, mit dem Crucifix vorauf, und dem Armenſuͤndergloͤckchen, das ſie von Zeit zu Zeit hoͤren ließen. Nun erſchienen die Verur⸗ theilten mit bloßen Fuͤßen, Einer nach dem An⸗ dern, in langen weißen Sterbekitteln, die bis zum Boden reichten. Die Haͤnde waren ihnen ge⸗ kreuzt uͤber die Bruſt gebunden, und jeder Ein⸗ zelne trug ein kleines Cruzifix. Zwey Geiſtliche gingen Jedem zur Seite, welche ihnen Worte des Troſtes vorſprachen und mit ihnen beteten. Nach den zum Tode Verurtheilten gingen die nach Afrika Verbannten, welche gezwungen wurden, der Exe⸗ cution beyzuwohnen. Der Henker fuͤhrte ſie meh⸗ rere Male rund um den Galgen, und nun ſtell⸗ ten ſich alle Genannte, denen noch Polizey⸗Gar⸗ diſten zu Pferde und zwey Knechte des Henkers folgten, in den Kreis, den das Militair gebildet hatte, auf.— 1,5435 Tauſende von Zuſchauern waren verſammelt, doocc die feierliche Stille wurde nur durch Seufzer, Schluchzen und die Anrufungen derer, die von — 2⁰09— den Umſtehenden Almoſen erbaten, um fuͤr die zur Hinrichtung Beſtimmten Meſſen leſen zu laſ⸗ ſen, unterbrochen. Ganz nahe bey dem Galgen ſtanden offene, mit ſchwarzen Tuͤchern behangene, Saͤrge, beſtimmt, die Leichname der Gerichteten aufzunehmen; hier ließ man ſie noch eine halbe Stunde war⸗ ten, ehe ſie den Todesgang antraten, und ver⸗ laͤngerte ſo abſichtlich die Qualen der Un⸗ gluͤcklichen. Der junge Cadet war der Erſte, welcher die Leiter beſteigen mußte. Der Arme, faſt noch im Knabenalter(noch nicht 17 Jahre alt), konnte den Gedanken nicht ertragen, ſo fruͤh ſchon dieſe ſchoͤne Welt zu verlaſſen. In groͤßter Verzweiflung druͤckte er den Beichtvater wieder und immer wie⸗ der an ſeine Bruſt, um den ſchrecklichen Moment noch hinauszuſchieben.— Jetzt wurde aber das Zeichen gegeben, der Prieſter ertheilte ihm die Ab⸗ ſolution, begleitete ihn bis an die Leiter, nahm aus ſeinen, krampfhaft es umfaßt haltenden, Haͤn⸗ den das Crucifix, und der Henker mußte den ſchon halb Todten die Leiter vollends hinauffuͤhren. Oben ſetzte er ſich nieder, und hoͤrte auf die er⸗ 14. — 210— mahnenden Worte des Beichtvaters, bis der Strick am Galgen befeſtigt war. Alles war jetzt einge⸗ richtet— der Henker zog ihm die an ſeinem Kit⸗ tel befindliche Kapuze uͤber das Geſicht— warf die Leiter zuruͤck— und ſetzte ſich ſelbſt auf die Schulter des Ungluͤcklichen, wo er blieb, bis der Gehaͤngte ſich nicht mehr regte. Wohl an zehn Minuten hatten die Zuckungen des Todes gewaͤhrt, etwa noch fuͤnf Minuten ſpaͤter ſchnitt der Henker den Strick ab, der Koͤrper ſiel herunter und wurde von den barmherzigen Bruͤdern mit einem ſchwar⸗ zen Tuche bedeckt. Alle Andern ſtarben auf die naͤmliche Art.—— Die Execution dauerte fuͤnf Stunden lang. Nach Beendigung derſelben ſchnitt der Henker die Koͤpfe von den Rumpfen der Gerichteten und ſie wurden ſaͤmmtlich an dem Galgen aufgeſteckt.—— Der General Moreira war in die Verſchwoͤ⸗ rung, die er jetzt mit ſeinem Leben gebuͤßt hatte, durch einen Agenten des Marquis v. P. gezogen, dem er ſehr vertraute.) Er theilte ſie einem Of⸗ fizier vom General⸗Stabe mit, welcher auch in den Plan einzugehen ſchien und denſelben zu unterſtuͤtzen verſprach— doch durch eben die⸗ — 211— ſen Offizier wurde Alles entdeckt und er ver⸗ haftet. Moreira ſtarb als braver Krieger mit uner⸗ ſchuͤttertem Muthe.— Er war 58 Jahr alt, von mittler Groͤße und edler, freier Haltung.— Kraftvoll und wuͤrdig ging er, mit ſich ſelbſt uͤber ſein Geſchick zu Rathe gehend, neben dem Geiſt⸗ lichen her und ſprach nur wenig mit ihm. Von Zeit zu Zeit draͤngte eine Thraͤne des Schmerzes, das Andenken an ſeine Gattin und Kinder, aus ſeinen Augen, und floß uͤber ſeine gebraͤunten Wangen herab. Oben auf der Leiter bat er den Henker,„ihn ſo ſchnell wie moͤglich zu befoͤr⸗ „dern, doch laͤnger als ſeine Vorgaͤnger hangen zu laſſen, damit er nicht das Ungluͤck habe, zu erwachen.“— Achtung dem Andenken des Braven!!!——— Wir muͤſſen jetzt auch noch einmal auf den Lieutnant Pereſtrello zuruͤckkommen, welchen man als einen tapfern Offizier durch ganz Portugal kannte, der ſeinem Vaterlande wichtige Dienſte geleiſtet hatte. Schon unter der Regentſchaft der Infantin wurde von ihm, in der Provinz Minho, ohne Autoriſation der Regierung, ein mobiles 14*¼½ — 212— Corps errichtet, mit dem er den Aufruͤhrern viele Verluſte beybrachte, und den Migueliſten uͤber⸗ haupt imponirte. Er war ein inniger Anhaͤnger der Conſtitution, und eben deshalb, die Rache Dom Miguels fuͤrchtend, nach England geflohen, von wo ihn ſein trauriges Schickſal nur um den Tod zu erleiden Cobgleich der That wegen, welcher er verurtheilt war, vollkommen unſchuldig) in ſein Vaterland zuruͤckfuͤhrte. Wie Moreira, blickte auch er dem Tode ſtandhaft ins Auge und die Ge⸗ ſchichte hat die Worte, die er vom Schaffot herab dem Volke zurief, aufbewahrt. Sie lauteten: „Portugiſen, ich hatte zwar meinen wahren Na⸗ „men verborgen, doch ich will mit der Ehre „ſterben, die mir gebuͤhrt. Ich bin Pere⸗ „ſtrello.— Ihr wuͤßt, wie ich gelebt habe— „ich ſterbe jetzt freudig, und bin uͤberzeugt, daß „ich im Herzen der Maͤnner, die ihr Vaterland „lieben, nicht vergeſſen, nicht todt ſeyn werde. „Ich habe ſtets fuͤr Eure Freiheit gegen den An⸗ „drang der Tyranney gekaͤmpft, und mein letzter „Hauch wird noch ſeyn: Es lebe die Frei⸗ „heit!“— Hier ließ man die Trommeln wirbeln, damit — 213— ſeine Worte nicht verſtanden werden konnten— und der Edle folgte— den ihm vorangegangenen Gefaͤhrten. Kommt einſt noch die Zeit, wo man frey ſeine Gefuͤhle in Portugal aͤußern darf— iſt der Tyrann vom uſurpirten Thron geſtuͤrzt— herrſcht nicht mehr Schrecken und Entſetzen— ſtrahlt auch dieſem ungluͤcklichen Lande die Morgenroͤthe einer neuen Freiheit———— dann wird man dem Andenken von Maͤnnern, wie Moreira, Pere⸗ ſtrello und ihren ungluͤcklichen Genoſſen, Ehren⸗ ſaͤulen errichten, und ihrer Erinnerung eine Thraͤne des Schmerzes ſchenken— doch aber auch weinen, aus Freude— daß ihre Leichname noch— —— in einem freien Lande modern.— Die Stimmung der Hauptſtadt ſprach ſich bey dieſer Gelegenheit ſo aus, daß Dom Miguel dadurch nicht angenehm uͤberraſcht wurde. Zwar durchſtroͤmten Tauſende die Straßen, die der Zug beruͤhrt hatte, und ſtellten ſich neugierig auf dem Caes de Sondre auf, doch waren dies groͤßten Theils nur Leute aus den niedern Volksklaſſen. Die Fenſter in den Haͤuſern waren wie veroͤdet und in der Naͤhe des Richtplatzes, ſo wie auf — 214— demſelben, bey Vielen durch Laden verſchloſſen,— die Bewohner entfernt. Die Migueliſten, daruͤber wuͤthend aufgebracht, nannten oͤffentlich die Be⸗ wohner dieſer Stadtgegend Malhados,(Ge⸗ fleckte) und D. Miguel beſuchte ſpaͤter dieſen Theil ſeiner Reſidenz nicht mehr.— Der Spottname Malhados entſtand aus der Vorliebe D. Miguels zu den Stiergefechten. Man hatte die Bemerkung gemacht, daß die gefleckten Stiere die wildeſten und boͤsartigſten waren und die Abſolutiſten nannten nun die Liberalen Mal⸗ hados, um anzuzeigen, daß ihr Goͤtze, der Uſur⸗ pator, Dieſe eben ſo, wie die Stiere, zu baͤndigen wiſſen wuͤrde. Der Tyrann begnuͤgte ſich nicht mit dem Tode der von ihm Gehaßten.— Das Vermoͤgen Moreiras wurde eingezogen. Man uͤbergab ſeine Familie dem graͤßlichſten Elend und ließ der un⸗ gluͤcklihen Wittwe nicht einmal ein Bett. Mit großer Muͤhe gelang es ihr ſpaͤter, die Er⸗ laubniß, ihrem Sohne nach Afrika folgen zu duͤr⸗ fen, zu erhalten. Die Braut des Pereſtrello folgte ihrem Ge⸗ liebten nach!— Sie ſtuͤrzte ſich in den Tajo!—— — 245— Wir glauben uns dadurch gerechtfertigt, die eben beſchriebenen Blutſcenen ſo umſtaͤndlich aus⸗ gemalt zu haben, daß wir dadurch dem Leſer ein Bild von dem Geiſt der portugiſiſchen Criminal⸗ Juſtiz⸗Pflege aufſtellen wollten. So großen Muth D. Miguel zu Pferde und im Kampfe mit wilden Ochſen bewies, eben ſo feig und muthlos war er Menſchen gegenuͤber, und zitterte ſtets fuͤr ſein Leben. Nach ſeiner Ruͤckkehr von Wien hatte ihn ſeine Mutter eine ſolche Angſt vor den Frei⸗ Maurern eingefloͤßt, wie man die Conſtitutionellen allgemein nannte, daß er immer fuͤrchtete, von ihnen vergiftet zu werden. Er wagte daher nicht, die Gerichte aus der koͤniglichen Kuͤche anzuneh⸗ men, ſondern ſeine geweſene Amme, eine Dame von hohem Adel, mußte ihm ſelbſt die Speiſen, die er verlangte, auf ihrem Zimmer, das dazu ein⸗ gerichtet war, bereiten.(Die koͤnigliche Familie in Portugal ſpeißt naͤhmlich nie zuſammen an ei⸗ ner Tafel, ſondern jedes Glied derſelben in ſei⸗ nen Zimmern.) Ein Baͤcker, zu dem er Vertrauen hatte, mußte ihm das Brod in einem verſchloſſe⸗ nen Korb in den Pallaſt ſchicken, und das Waſſer — 216— wurde gleichfalls nur in verſchloſſenen Gefaͤßen ihm gebracht. Nirgends traute er ſich eine Er⸗ friſchung anzunehmen, und man weiß nur ein Beyſpiel, wo dies geſchehen iſt.(Es war im Kloſter des heiligen Johann von Nepomuk.) Alle Einwohner der Hauptſtadt waren ihm verhaßt, und er fuͤrchtete ſie, und nur von zahlreichen Wa⸗ chen umgeben, ließ er ſich im Publikum ſehen. Sah er nun, daß irgend Jemand bey ſeinem Er⸗ ſcheinen aus der Thuͤr oder dem Fenſter ſich zu⸗ ruͤckzog, ſo ließ er denſelben augenblicklich ins Ge⸗ faͤngniß werfen. Schon ſein Vater Johann VI hatte einen ſolchen Abſcheu gegen die Frei⸗Maurerei. Eines Tages beſchrieb ihm einer ſeiner Hofleute das Coſtu⸗ me derſelben, und in dem naͤmlichen Augenblick trat ein Miniſter, genau ſo gekleidet, wie der Hofmann es geſchildert hatte, herein. Der Koͤ⸗ nig erſchrak toͤdtlich, ſtuͤrzte in Kraͤmpfen zu Bo⸗ den, und war mehre Minuten lang nicht im Stande, ſeinen Miniſter zu erkennen, in dem er einen Moͤrder zu erblicken waͤhnte, der ihn um⸗ bringen wolle.— Wenn man eine ſolche Macht uͤber die Ein⸗ — 217— bildungskraft eines Koͤnigs gewinnen kann, die doch heller ſehen muͤſſen, als andre arme Sterb⸗ liche, was koͤnnte man da nicht erſt uͤber das ſchwache und aberglaͤubiſche Gemuͤth des Volkes erſt vermoͤgen!!—— Nicht ſo furchtſam und aͤngſtlich, als Johann VI und Dom Miguel, zeigte ſich dagegen Dom Pedro.— Als die Unruhen in Braſilien aus⸗ brachen, empfing dieſer ſehr haͤufig Nachrichten daruͤber— doch beachtete er ſie niemals. Einſt begab er ſich ganz allein, nur von einem Die⸗ ner begleitet, nach Minas, um den in dieſer Pro⸗ vinz ausgebrochenen Aufruhr zu daͤmpfen. In 60 Stunden legte er einen Weg von 120 Stunden zu Pferde zuruͤck. In Villa Ricca warnte man ihn, nicht weiter zu gehen, weil in einem Gehoͤlze ihm ein Hinterhalt gelegt ſey— doch unverzagt ritt er hinein und fand— nichts Verdaͤchtiges. Bey einem Feſtmahle erhielt er einen anonymen Brief, worin ihm gemeldet wird, daß man ihn vergiften wolle. Sogleich las er den Anweſenden den Brief vor, um zu beweiſen, wie wenig Miß⸗ trauen er hege, wie ſehr er ſolches Geſchwaͤtz ver⸗ achte— und ließ nicht eine Schuͤſſel unberuͤhrt 14** — 218— bey ſich voruͤbergehen. Er hatte auch nicht Urſache es zu bereuen.— Seine Anweſenheit und lie⸗ benswuͤrdige Perſoͤnlichkeit gewann in Villa Ricca Alles fuͤr ihn— und— der Aufſtand war ge⸗ daͤmpft.— Die Jagd war noch immer ein Haupt⸗Ver⸗ gnuͤgen Dom Miguels, ihr opferte er den groͤßten Theil ſeiner Zeit, und alle, auch die wichtigſten Geſchaͤfte mußten dieſer Leidenſchaft weichen, be⸗ ſonders wenn ſie nicht ſeine Exiſtenz als Koͤnig ganz ſpeciell betrafen.— Die Wohlfahrt des Landes kuͤmmerte ihn ſehr wenig, und war ganz den Haͤnden der Miniſter uͤbergeben, denen nun auch namentlich oblag, die koͤnigliche Macht und ihr Anſehen durch jedes Mittel aufrecht zu erhalten. Sie find ihm natuͤrlich am treuſten ergeben, weil ihr Intereſſe ja genau mit dem Seinigen verbunden war. Er wußte dies auch genau und ſagte deshalb oft:„Es mag gehen wie es will, ich bleibe immer Prinz, doch Euch hholt, wenn ich geſtuͤrzt bin, ſicher der „Teufel.“— Eben auf dieſe Art aͤußerte ſich Ludwig XIV einſt gegen den Miniſter Colbert, welcher wuͤnſchte, — 219— das von Auflagen und Sclaverey jeder Art zu Boden gedruͤckte Frankreich wieder aufzurichten, und daher dem Koͤnige vorſchlug, die uͤberfluͤſſigen koͤniglichen Gefaͤngniſſe aufzuheben, indem er ihm deutlich darthat, wie ſie gemißbraucht wuͤrden, und wie wenig ſie ihm eigentlich nuͤtzten. Der große Monarch entgegnete:„Ich werde uͤber den „Gegenſtand ſpaͤter mich umſtaͤndlicher erklaͤren, „doch bedenken Sie vor Allem, daß man nichts „außer Augen ſetzen darf, was meine zoͤnigliche „Wuͤrde aufrecht erhalten kann.“— Bey einer andern Gelegenheit ſagte er, als man mit ihm von Beſtechlichkeit der Miniſter ſprach:„Es iſt „ſehr billig, daß die, welche meine Geſchaͤfte „gut verwalten, auch ihren Nutzen davon „haben.“— Doch welch ein Unterſchied zwiſchen einem Dom Miguel und Ludwig XIV ſtatt fin⸗ det, brauchen wir wohl unſern Leſern nicht aus⸗ einander zu ſetzen.— Uebrigens duͤrften die Erwartungen des Uſur⸗ pators hinſichtlich der Aeußerungen gegen ſeine Miniſter leicht zu Waſſer gemacht werden, denn wie man vernimmt ſoll Dom Pedro, der mit Ge⸗ wißheit hofft, der Regierung ſeines Bruders recht — 220— bald ein Ende gemacht zu ſehen, ſchon die geeig⸗ neten Maßregeln ergriffen haben.— Er wuͤrde in dem Falle eine allgemeine Amneſtie ertheilen, und nur Dom Miguel und ſeine ihm naheſtehen⸗ den Vertrauten wuͤrden derſelben nicht theilhaftig, ſondern auf eine der kleinen Inſeln an der afrika⸗ niſchen oder amerikaniſchen Kuͤſte verwieſen werden. In Gegenwart von Fremden iſt das Beneh⸗ men Dom Miguels ſtets verlegen und aͤngſtlich. Er weiß weder um Etwas zu fragen, noch kann er ordentlich antworten, ſondern nickt entweder nur mit dem Kopfe oder antwortet mit einem einfachen: Ja und Nein!— Doch wenn er unter ſeinen Bedienten und Stallleuten iſt, welche im⸗ mer von Sachen, die ihn am meiſten intereſſiren, als: Jagd, Pferde, Ochſen, Reiten, zu reden wiſſen, ſpricht er viel und iſt wegen der Worte nicht in Verlegenheit. Gegen die Beamten ſeines Hofes, ſelbſt ge⸗ gen die Miniſter verfaͤhrt er ohne die geringſte Ruͤckſicht, und ſogar der Graf von Baſtos, dem er es verdankt, daß er den Thron beſtiegen, und den er wegen der Strenge, die er ausuͤbte, mit dem Namen eines zweiten Marquis von — 221— Pombal belegt hatte, war ſeinen Launen aus⸗ geſetzt, und einſt ſchlug er ihn ſelbſt mit einem Stuhl.— Im vergangenen Jahre noch kraͤnkte er den alten S3jaͤhrigen Greis durch einen hoͤchſt erbaͤrm⸗ lichen und uͤbel angebrachten Scherz.— Graf Baſtos war naͤhmlich gefaͤhrlich krank, und die Aerzte zweifelten an ſeiner Rettung. Dom Mi⸗ guel befahl nun einem ſeiner Diener, eine graͤf⸗ liche Livree anzulegen, und fuͤr den folgenden Morgen um 8 Uhr, im Namen der Graͤfin, den Leichenwagen vor den Pallaſt des Grafen zu be⸗ ſtellen. Dieſer erſchien nun wirklich u der be⸗ ſtimmten Zeit, er war praͤchtig vergoldet und de⸗ korirt, und wurde von 6 Maulthieren gezogen. Der Kutſcher war vor das Haus vorgefahren, doch es bekam ihm uͤbel, denn als der Graf und deſſen Familie dies vernommen, ſchickte er ſeine Diener mit Knuͤtteln bewaffnet herab und der Kut⸗ ſcher entging nur durch die ſchnellſte Flucht den Mißhandlungen der gereizten Leute.— Niemals hat Dom Miguel beſtimmte Mai⸗ treſſen gehabt. Obgleich er in Wien mit einem bekannten Maͤdchen vertraut und lange Zeit lebte, — 222 ſo kann man dies doch nicht fuͤglich eine Maitreſſe nennen.— Er liebte ſehr die Abwechſelung im Vergnuͤgen, und ſeine Ausſchweifungen haben ihn oftmals gefaͤhrliche Krankheiten zugezogen. Die Erhebung des Grafen von Queluz war eine Folge dieſer Krankheiten, die er der Froͤhnung ſeiner Luͤſte zu danken hatte. Er war naͤhmlich ſchon vor ſeiner Verbannung aus Portugal von einem heimlichen Uebel befallen worden, und einer ſeiner Diener empfahl ihm einen Barbiergeſellen, der ſich auf deren Behandlung gut verſtehen ſollte. Er nahm dieſen nun auch mit auf ſeine Reiſen, und durch kluges Benehmen und Eingehen in die Wuͤnſche des Infanten, erwarb er ſich bald deſſen vollkommnes Vertrauen. Nach ſeiner Ruͤckkehr erhob ihn D. Miguel zum Baron, und bald dar⸗ auf zum Vicomte von Queluz und uͤberhaͤufte ihn mit Geſchenken.— Man kann dieſem Manne uͤbrigens weder einen gewiſſen Grad von Verſtand noch Rechtſchaffenheit abſprechen.— Mit vieler Anſtrengung, mit der groͤßten Gefahr fuͤr ſich, verſuchte er es, den Infanten von vielen ſeiner thoͤrichten Streiche abzuhalten, und bemuͤhte ſich, wiewohl vergebens, den Ge⸗ — 223— danken, ſich des Throns zu bemaͤchtigen, ihm aus⸗ zureden.— Dies ermuͤdete endlich ſeinen Be— ſchuͤtzer, und die Intriguen des hohen Adels, der es nicht verſchmerzen konnte, einen Barbier in ſeinen Reihen zu erblicken, fuͤhrten ſei⸗ nen Sturz herbey, in dem Augenblick, wo er eben in den Grafenſtand erhoben werden ſollte.— Er wurde nach Alfeite, einer koͤniglichen Beſitzung am Ufer des Tajo, verbannt, wo er, wie man behaupten will, die Schaͤtze Dom Miguels huͤtet, und den Befehl hat, im Fall ein Ungluͤck ſeinen Herrn betreffen ſollte„ſich ſofort mit ihnen einzu⸗ ſchiffen. 4 Zwey Tage in der Woche hat Dom Miguel zu Audienzen in ſeinem Pallaſte Bempoſta be⸗ ſtimmt; die Eine fuͤr die Herren, die Andre fuͤr die Damen.— Viele Hunderte erſchienen an ſolchen Tagen und mußten im langen Zuge erſt 3 große Saͤle durchgehen, ehe ſie an den Audienz⸗ Saal gelangten. Vor dem Throne mußten ſie nun niederknieen, die ihnen dargereichte Hand des Infanten kuͤſſen, und ihre Wuͤnſche vortragen, oder ſchriftlich einreichen.— Mit einem gleichguͤltigen oder gnaͤdigen Kopf⸗ — 224— nicken, nachdem ihn gerade der Bittſteller intereſ⸗ ſirt, empfaͤngt Dom Miguel nun das Geſuch aus den Haͤnden des Knieenden, und reicht ohne ein Wort zu ſprechen die Hand ihm abermals zum Kuſſe dar, was als ein Zeichen der Entlaſſung gilt. Ganz entgegengeſetzt benahm ſich auch hierin Dom Pedro. Er ſaß nicht, ſondern ſtand auf ſeinen Degen geſtuͤtzt bey den Audienzen, und hoͤrte mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit auf Alles, was ihm vorgetragen wurde, wenn der Bittende auch aus der niedrigſten Volksklaſſe war. Oft wenn er ihn nicht gehoͤrig verſtanden hatte, unterbrach er ihn, um ſich genauer zu unterrich⸗ ten. Er that uͤber Dies und Jenes die Sache betreffende Fragen, ging in die genaueſten Details ein und ſprach ſo deutlich, daß Jedermann ihn verſtehen konnte. Die allgemeinſte ichtuund wußte er ſo ſich zu erwerben.— An großen Cour⸗Tagen kamen vßr mehr denn tauſend Perſonen zuſammen, um der koͤnig⸗ lichen Familie die Hand zu kuͤſſen, und vor dem Schloſſe hielten die eleganteſten reichſten Equipa⸗ gen, neben erbaͤrmlichen Miethkutſchen. Die ver⸗ — 225— ſchloſſenen Thuͤren des Thron⸗Saales wurden nun zuerſt den Miniſtern, den Staats⸗Raͤ⸗ then und Granden des Reichs eroͤffnet. Nach ihrem Rang folgen nun die in den Saͤlen Verſammelten, auf Einladung des Dienſtthuenden Kammerherrn, nach ihrem Range. Oft entſteht ein ſo fuͤrchterliches Gedraͤnge, daß die im Hof aufgeſtellte Hellebardier-⸗Garde einſchreiten muß, und es kommt auch wohl, wie einſt im Rio⸗Ja⸗ neiro, zu blutigen Auftritten. Die Aeußerungen, die Verwuͤnſchungen, das Schimpfen der Gedraͤngten und Derer, die die Ordnung zu erhalten ſuchen, ſind nicht ſelten ſo ſtark, daß man ſich in einem Volkshaufen auf den Gaſſen von Liſſabon zu befinden glaubt. Die koͤnigliche Familie ſteht unter dem praͤch⸗ tigen Baldachin, nach ihrem Range in einer Li⸗ nie. Die Vorkommenden kuͤſſen nun jedem einzel⸗ nen Mitgliede derſelben die Hand, und ent⸗ fernen ſich durch eine andre Thuͤr.— Waͤhrend Johann VI in Rio⸗Janeiro reſi⸗ dirte, zaͤhlte die koͤnigliche Familie 13 Mitglieder, welches die Ceremonie des Handkuſſes ſehr lang und langweilig, auch oft ſehr komiſch machte, denn 15 — 226— es kam wohl vor, daß, namentlich alte Leute, ſich in die Teppiche verwickelten, zur Erde fielen und Auch Andre mit ſich niederriſſen. Von Zeit zu Zeit beſuchte Dom Miguel Ar⸗ ſenale und oͤffentliche Anſtalten. Die Angeſtellten ſind ſtets von ſeinem Kommen unterrichtet, und daher immer auf ihren Poſten zu finden. Ohne ein Wort zu ſprechen, geht er durch die Reihen der Arbeiter, nickt ihnen gnaͤdig mit dem Kopfe zu, und reicht von beyden Seiten die Hand zum Kuſſe dar. Er wirft nie einen Blick auf die Ar⸗ beiten ſelbſt, von denen er auch nicht das Mindeſte verſteht.— Seine Gleichguͤltigkeit kuͤmmert dieſe Art Leute ſehr wenig, und durch ein allergnaͤdig⸗ ſtes Kopfnicken belohnt, vergeſſen ſie, daß ihnen ſchon ſeit 15 Monaten kein Sold gezahlt worden iſt. Wie in allen Stuͤcken, ſo iſt auch hier wieder Dom Pedro das Gegentheil ſeines Bruders.— Schon mit Tagesanbruch beſuchte dieſer, nur von einem Bedienten begleitet, die oͤffentlichen An⸗ ſtalten. Mit eignen Augen will er ſich uͤberzeu⸗ gen, ob die Ängeſtellten auf ihrem Platze ſind, und indem er ſich eine Liſte aller Arbeiter geben laͤßt, ruft er ſie namentlich auf, und trifft ſelbſt — 227— Anordnungen.— In den Gerichtsſaͤlen uͤber⸗ zeugt er ſich davon, ob Recht und Gerechtigkeit gehoͤrig gehandhabt wird, und die geringſte Nach⸗ aͤſſigkeit, die er antrifft, ruͤgt er ſtrenge.— Man hat die Frage aufgeworfen, wie es moͤglich iſt, daß Arbeiter, die 15 Monate und laͤnger keinen Lohn erhalten, mit ihren Familien leben koͤnnen? Durch die Auseinanderſetzung der Umſtaͤnde wird dieſe Frage am deutlichſten erledigt werden. Es giebt uͤber tauſend angeſtellte Arbei⸗ ter, und der Sold eines jeden Monats betraͤgt mehr als 30000 Cruſados. Obgleich nun aber die Arbeiter in den Liſten als anweſend aufgefuͤhrt werden, ſo ſind doch ſelten mehr als die Haͤlfte zu treffen. Die Geſellen verſtehen ſich mit den Meiſtern, dieſe wieder mit den Inſpectoren, wel⸗ che ihrer Seits wieder der Regierung ein X fuͤr ein U machen, und ſo gewinnt Alles, außer die Letzterr.— Kommt nun endlich einmal Geld zum Auszahlen an, ſo theilt man ſich bruͤderlich darein, und Jedermann iſt fuͤr das Wenige, was er gethan, hinlaͤnglich bezahlt. „Ehemals wurden die Arbeiter monatlich aus⸗ gezahlt, doch nur der kleinſte Theil erfolgte in 15 ⁸ — 228— baarem Gelde— denn wo dies nicht ausreichte, gab man ihnen Bon's, welche die Bank mit 128 ihnen realiſirte. Jetzt aber, wo die Ar⸗ beit ſehr ſelten iſt, da Handel und Gewerbe zu Boden liegen, jetzt, wo die Bank kein Geld zur Realiſation mehr hat, ſind dieſe Arbeiter dem groͤßten Mangel ausgeſetzt, welche ſchon Aufſtaͤnde herbeygefuͤhrt hat, die nur durch Bezahlung von ein⸗ bis zweimonatlicher Loͤhnung gedaͤmpft werden konnten. Die Furcht erlaubte Dom Miguel niemals, das Theater zu beſuchen, aber er fehlte nie bey einem großen kirchlichen Feſte, wo er die tiefſte Devotion erheuchelte. Im verfloſſenen Jahre folgte er einer Prozeſſion, die wegen der damals haͤufi⸗ gen Kirchenberaubungen angeordnet war, von einer Kirche zur Andern. Das Sacrilegium(Kirchendiebſtahl) war von den Geiſtlichen als ein Mittel erfunden worden, die Liberalen zu beſiegen und die Inquiſition wie⸗ der einzufuͤhren. Es gelang ihnen wirklich, einige Anto⸗da⸗fé's wieder zu feiern. Zu Porto wur⸗ den 3, in Liſſabon 5 Perſonen verbrannt, und zwar die detzteren oͤffentlich auf dem Coes da — 229— Sondré. Die Verurtheilten wurden auf Kuhhaͤu⸗ haͤuten zum Richtplatz geſchleift, wo ſie erwuͤrgt und dann zu Aſche verbrannt wurden. Der ab⸗ ſcheuliche Geruch, den dieſe Execution verbreitete, drang bis in die Haͤuſer, und war dort mehrere Tage lang zu ſpuͤren. Auch die Verbrechen der Ma⸗ jeſtaͤtsverletzung(Crimen laesae majestatis) wur⸗ den eben ſo geſtraft, und die Aſche der Verbrann⸗ ten ins Meer geworfen. Ein ſolches Urtheil wurde an den Gebruͤdern Gomez vollzogen, die ange⸗ ſchuldigt waren, in einem Complott zur Vertrei⸗ bung der Englaͤnder verwickelt zu ſeyn, und Dom Miguel gelaͤſtert zu haben.— Die Scheinheiligkeit Dom Miguel's und ſeine aͤußerliche Verehrung der Kirche und ihrer Ge⸗ braͤuche, ſetzte ihn bey dem rohen unwiſſenden Volke in Gunſt, und die Zeitungen poſaunten ſeine Froͤmmigkeit im Lande aus. So oft er ei⸗ nem Prieſter begegnete, der mit der Monſtranz (die unter einem Baldachin getragen wird) zu ei⸗ nem Kranken gerufen wurde, ſtieg er vom Pfer⸗ de, oder aus dem Wagen und folgte ihm allent⸗ halben nach, bis er wieder in ſeine Kirche zuruͤck⸗ gekehrt iſt. So vereinigte er in ſich die groͤßte — 230— Bigotterie mit blutduͤrſtiger Grauſam⸗ Feit. Ungeheure Summen verſchwendete er fuͤr ſein Lieblingsvergnuͤgen, die Jagd, und um derſelben in den entfernteſten Provinzen obliegen zu koͤnnen. Nicht ſelten verlangte er aus dem Schatze zu ſol⸗ chen Vergnuͤgungen 2 bis 300,000 Cruſados, und die nothwendige Folge davon iſt, daß alle Zah⸗ lungen, auch die nothwendigſten, ſuſpendirt wer⸗ den.— Die Bewohner des flachen Landes fuͤrchtet er dermaßen, daß er ſich bey ſeinen Jagden, die er in entfernteren Gegenden haͤlt, von Infantrie, Cavallerie, ja ſogar von Artillerie beglei⸗ ten, und außerdem auch noch ſeinen ganzen Hof⸗ ſtaat Theil nehmen laͤßt, bey welchem ſogar Damen nicht fehlen duͤrfen, da die Infantinnen, ſeine Schweſtern, auch dem Vergnuͤgen beywohnen muͤſſen. 3 Abends vertreibt man ſich die Zeit mit Pfaͤn⸗ derſpielen oder beſucht das Theater, denn ſelbſt Schauſpieler muͤſſen ihn auf ſeine Jagden folgen. — In einer dieſer Vorſtellungen uͤbernahm er ſelbſt einnal die Rolle des Don Quixote de la Mancha, und ſoll ſie mit metuogetdener Wahrheit ausgefuͤhrt haben. Auch der Marſchall von Sachſen hatte Schau⸗ ſpieler in ſeinem Gefolge, und der blutduͤrſtige Nero ſpielte ſelbſt, und ließ ſich von Schauſpielern vieles gefallen.— Bey den Pfaͤnderſpielen vollzog er ſelbſt die vorgeſchriebenen Strafen, und nichts gewaͤhrte ihm mehr Vergnuͤgen, als mit dem Palmatoria, (das iſt eine runde durchloͤcherte Platte, mit 10— 12 Zoll langem Stiele, welche in den portugiſi⸗ ſchen Schulen die Stelle des Rohrs verſieht, und womit man auf die flachen Haͤnde ſchlaͤgt. Auch in Braſilien werden die Sclaven mit dem Palme⸗ rio geſtraft, wodurch ſie aber ſtark aufgeſchwollene Haͤnde bekommen) ſeine Miniſter und alten Hof⸗ leute zu ſchlagen. Eine nicht minder große Freude gewaͤhrte es ihm, ihnen allerley Streiche zu ſpielen, was er Abends, wenn er mehr oder weniger berauſcht war, niemals zu thun unterließ. In ſolchem Zu⸗ ſtande nahm er ſelbſt keinen Anſtand, ſeine Schwe⸗ ſtern, die Infantinnen, durch die gemeinſten Ob⸗ ſeoͤnitaͤten und Schimpfnamen zu kraͤnken und zu — 232— zu beleidigen. Es war ſogar nichts ungewoͤhnli⸗ ches, daß er ſich thaͤtlich an ihnen vergriff, und einmal wuͤrde er die vormalige Regentin ohnfehl⸗ bar erſchoſſen haben, wenn nicht der Vicomte von Queluz ſie gerettet haͤtte. Dom Miguel ſchreibt und lieſ't nicht. Auf eine geiſtige Unterhaltung muß man bey ihm Ver⸗ zicht leiſten. Alles dergleichen ekelt ihn an, und ermuͤdet ihn. Wie Unwiſſende gewoͤhnlich, verab⸗ ſcheut er beſonders die Briefe. Er iſt eben ſo unbeſtaͤndig in ſeinen Vergnuͤgungen als in ſeiner Liebe, und wenn er des beliebten dolce far niente (das Nichtsthun) uͤberdruͤſſig iſt, ſchlachtet er Schweine, macht Wuͤrſtchen, faͤngt Fiſche und baͤckt ſie ſich ſelbſt auf Kohlenbeken oder ſecirt le⸗ bendige Maͤuſe!!——. Bis zu Dom Miguels Zeiten war Johann III, Sohn des Großen Emanuel, einer der blut⸗ duͤrſtigſten Tyrannen und Henker der portugiſi⸗ ſchen Freiheit. Er war es, der, ſtatt einer con⸗ ſtitutionellen Regierung, eine Serail⸗Regierung einfuͤhrte. Unter ſeiner Herrſchaft unterlag der Eroberer der Molukkiſchen Inſeln„ Antonio Galvao, durch ſcheusliche Verlaͤumdung dem — 233— ſchmachvollſten Elende. Er ließ den Lopo Vatz von Sampaio in den furchtbarſten Kerker werfen, weil er die Freiheit und ſein Vaterland liebte. Unter ſeiner Regierung war es, daß der beruͤhmte edelſte Buͤrger Portugals Nuno da Cunha, Gou⸗ verneur von Indien, vor Schreck und Aerger ſtarb, als er in Terceira ankam, wo Correa Barrheus ihn auf Befehl des Koͤnigs in Ketten legen und ins Gefaͤngniß bringen ließ. Derſelbe Johann III fuͤhrte in Portugal den Jeſuitismus, die Inquiſition, die Cenſur und das Spio⸗ nen⸗Weſen ein, und wir muͤſſen bekennen, daß kein Koͤnig nach ihm ſo ſehr ſich bemuͤhte, ihn als Vorbild zu erreichen, wie der Uſurpator D. Miguel!—— Auch eins der Lieblingsvergnuͤgen des„er⸗ habenen Monarchen“ war: die Stutereyen zu beſuchen und da die Hengſte in voller Thaͤtig⸗ keit zu ſehen. Er verrichtete hier die Dienſte, die ſelbſt ein Stallknecht zu thun ſich weigert, weil dies, Cſonderbarer Weiſe) in Portugal fuͤr ehrlos gehalten wird.——— Das Bekanntwerden dieſes Vergnuͤgens muß denen eine beſondere Freude gemacht haben, welche 5⸗ gezwungen waren, ihm—— die Hand zu kuͤſ⸗ ſen.— Einſt als er ſich eben nach einem Geſtuͤt be⸗ gab, traf er unterweges eine Dame, welche mit ihrem 5— Gjaͤhrigen Sohne ſpatzieren ging. Er gab zweien Knechten, die ihm folgten, das Zeichen, der Dame ſich zu bemaͤchtigen, dann nahm er den Arm derſelben, und zog ſie mit Gewalt nach dem Geſtuͤte hin. Er fuͤhrte ſie nun in einen Stall, ließ dort eine Stute und einen Hengſt hinein⸗ bringen—— und zwang die Aermſte— nicht allein zu ſehen— ſondern auch ſeine Umar⸗ mungen zu dulden!———— Man hatte ſich nach dem Tode der Koͤnigin mit der Hoffnung geſchmeichelt, eine mildere Re⸗ gierung zu erhalten, doch dieſe Hoffnungen be⸗ wahrheiteten ſich nicht. Selbſt die ungluͤcklichen Opfer, die in den Kerkern verſchmachteten, er⸗ hielten keine Erleichterung ihres druͤckenden Elends. Der ehemalige Juſtiz⸗Miniſter P. de Mello Brainer, ein Shjaͤhriger Greis, war ſchon ſeit 2 Jahren in den Thurm von St. Julian, ohne ſeine Familie nur einmal in der Zeit gefehen zu ha⸗ ben, eingekerkert. Er war von dem elenden feuch⸗ — 235— ten Gefaͤngniß, vor Gram und Kummer erblin⸗ det, und gefaͤhrlich erkrankt. Die Pflege ſeiner Familie mußte er entbehren, weil es nicht geſtat⸗ tet ward— und ein Prieſter ſogar wurde ihm verweigert.— Er ſtarb!— Jetzt erlaubte man ſeinen Angehoͤrigen, ihn noch einmal zu ſehen!— Der General⸗Lieutnant Caula befindet ſich ſchon uͤber 3 Jahre in eben dieſem Kerker, und er hat von beſonderer Gunſt zu ſagen, daß ihm, wiewohl nur hoͤchſt ſelten, und im Beyſeyn des gefuͤhlloſen Gouverneurs oder beſſer Kerkermeiſters Telles⸗Jourdan, erlaubt iſt, ſeine Gattin zu ſeh⸗ en. Nur einige Stunden darf das Fenſter des Gefaͤngniſſes geoͤffnet werden, die uͤbrige Zeit ver⸗ bringt er in der tiefſten Finſterniß. Er darf weder leſen noch ſchreiben, da ihm weder Dinte noch Buͤcher gereicht werden, und die al⸗ lerelendeſten Lebensmittel muß er faſt mit Golde aufwiegen. 3 Wenn nun auf dieſe Art die Gefangenen von Rang behandelt werden, ſo mag man das Schick⸗ ſal der Ungluͤcklichen aus den niedern Klaſſen er⸗ meſſen. Die Behoͤrden Dom Miguels kennen kein andres Vergnuͤgen, als die Befehle ihres blutduͤr⸗ ſtigen Gebieters, wo moͤglich, noch zu uͤbertreffen, — ſie ſind dann ſeiner vollſten Anerkennung ge⸗ wiß. So transportirte man den General⸗Lieute⸗ nant Avelez 30 Stunden weit nach Liſſabon zu Fuß, obgleich derſelbe von einem Beinbruch noch nicht wieder ganz hergeſtellt war. Der General Claudino hatte ſich, um ſeiner Verhaftung zu entgehen, in ein Faß verſteckt, wurde hier entdeckt und in demſelben faſt zu Tode gerollt.— Doch genug von den Beiſpielen dieſer un⸗ menſchlichen Grauſamkeit— einer Grauſamkeit, wie man ſie in den Buͤchern der neuern Geſchichte — zur Ehre der Nenſchheit ſey es ge⸗ ſagt— nicht noch einmal findet. Um das in Portugal herrſchende Elend noch zu vergroͤßern, um neue Opfer ihrer Blutgier zu erhalten, erdichtete Dom Miguel ſelbſt und„die getreuen Stuͤtzen ſeines Thrones“, Ver⸗ ſchwoͤrungen, die nie exiſtirten. Dahin gehoͤrt z. B. die vom 7. Februar 1831. Sie brachte ihnen gute Fruͤchte. Die Gefaͤngniſſe wurden — 237— uͤberfuͤlt, die Nation entmuthigt und der Ty⸗ rann bewies damit den Betrogenen, daß ihm nichts verborgen bleibe. Doch alle ſeine Raͤnke werden den Uſurpator nicht erretten. 30,000 Eingekerkerte und 50,000 an den Bettelſtab Gebrachte ſinnen auf Rache; Hunderttauſende, die man gedruͤckt, gequaͤlt, ihre gerechteſten Anſpruͤche zu Waſſer gemacht, ſie ver⸗ hoͤhnt hat, ſchließen ſich ihnen an, und noch Hun⸗ derttauſende treibt das Mitleid mit dem Ungluͤck der Erſteren zu Waffen. Alle traͤumen nur von Rache, athmen nur Vergeltung und Gott wird ſie fuͤhren— Gott wird ſie ſtaͤrken— die Rache wird gelingen!!!——— Wittwen und Waiſen, Invaliden und Kranke, fuͤr die ſelbſt unter der fruͤheren Regierung nur ſehr wenig gethan wurde, haben ſeit der Uſurpa⸗ tion auch dies Wenige noch verloren, und erhalten ihr elendes Leben durch Betteln— oder Steh⸗ len. Leute aus den erſten Staͤnden ſchleichen, ſobald die Nacht ihr Ungluͤck bedeckt, durch die Straßen der Stadt und flehen das Mitleid der Voruͤbergehenden an. Andre ſonſt anerkannt recht⸗ liche Maͤnner ſchließen ſich an Raͤuberbanden, oder treiben Schleichhandel. Junge Maͤdchen opfern ihre Unſchuld auf, um die Eltern dem Hun⸗ gertode zu entreißen!!!—— Das graͤnzenloſe Elend iſt zu ſehr uͤber die ganze Halbinſel verbreitet, als daß dieſer Zuſtand der Dinge noch lange fortbeſtehen koͤnnte, und ohne ſich des Verbrechens der Theilnahme an den Plaͤnen des Uſurpators verdaͤchtig zu machen, kann kein Portugiſe verkennen, was Dom Pedro fuͤr ihre Befreiung vom Sclavenjoch, fuͤr das Auf⸗ leben ihrer politiſchen Freiheit unternommen hat. Am Ende des Jahres 1830 war die Regie⸗ rung den Offizieren der Linie den Sold 7 Mo⸗ nate ruͤckſtaͤndig, die Beſoldung der Civil-Be⸗ amten aber 13 Monate ſchuldig. Man bezahlte ſie mit Anweiſungen auf die Staats⸗Caſſe, die ſie jedoch nur mit 3082 Verluſt abſetzen konnten, und uͤberdies noch die Haͤlfte in Papier⸗Geld annehmen mußten, das abermals 308 verlor. Verderbtheit und Untreue aller Art ſind die nothwendigen Folgen dieſes traurigen Zuſtandes, und man kann auf baldige Abhuͤlfe des Uebels nicht rechnen, denn am Ende 1830 waren die Revenuen von 1832 bereits ausgegeben, und — 239— alle Muhe, die man ſich gab, eine Anleihe zu Stan⸗ de zu bringen, vergebens, weil der Staat allen Credit verloren hatte. Beym Beginn des Jah⸗ res beabſichtigte man in Liſſabon ſelbſt eine An⸗ leihe von 5 Millionen Cruſados, unter fuͤr die Darleiher aͤußerſt guͤnſtigen Bedingungen, aufzu⸗ nehmen, doch nur mit der groͤßten Muͤhe brachte man 2 Millionen und davon die Haͤlfte in Pa⸗ pier zuſammen. Alle dieſe Schwierigkeiten hinderten Dom Miguel nicht, ſeine Verſchwendungen fortzuſetzen, doch man will auch behaupten, daß er fuͤr den Fall einer Kataſtrophe bedeutende Schaͤtze zu⸗ ſammengebracht haben ſoll. Wenn auch der Uſurpator den oͤffentlichen Schatz vergeudet, ſo iſt doch das Sammeln großer Reichthuͤmer in ſeiner Familie erblich. Johann VI hatte einen unermeßlichen Schatz, und ein unberechenbares Vermoͤgen in Diaman⸗ ten, welche bey ſeinem Tode getheilt wurden. D. Pedro ſoll, wie behauptet wird, ſeinen Theil in Braſilien erhalten haben.. Um ſich einen Begriff von dem immenſen Reichthum Johann VI zu machen, fuͤhren wir — 240— an, daß eine glaubwuͤrdige Perſon, bey ſeiner Abreiſe von Braſilien, 18 Wagen mit Gold be⸗ laden, von 84 Maulthieren gezogen, geſehen und vernommen hat, daß es deren noch mehr gebe. Der groͤßte Theil des Ungluͤcks, das Por⸗ tugal zu ertragen hat, kommt wohl auf England. Es iſt allerdings wahr, daß Lord Dudley(in ſei⸗ ner Note an den portugiſiſchen Geſandten, am 22. April 1828) erklaͤrte: er mißbillige alle Schritte des Infanten, allein damals war er noch nicht mit Wellington einverſtanden, und daher ſeine Sprache noch die eines rechtlichen Mannes. Bald ging jedoch auch das Cabinet auf die An⸗ ſichten Wellingtons ein, wie das die zwiſchen dem Miniſter Aberdeen nud dem Marquis von Barbacene gefuͤhrte Correspondenz evident be⸗ weiſt. Indem er ſich auf die zwiſchen England und Portugal beſtehenden Traktaten bezieht, fordert der Marquis Huͤlfe, um die Krone Portugals der Donna Maria II zu retten, die doch von dem Cabinet von St. James anerkannt war. In ſeiner Antwort beweiſt das Miniſterium durch — 241— mit Gewalt herbey gefuͤhrte Gruͤnde die Unzulaͤnglichkeit dieſer doch ſo klaren Vertraͤge. Barbacena fuͤhrt fuͤr ſeine Forderung neue, nicht zu widerlegende Gruͤnde an. Die Ant⸗ wort dreht ſich ſtets im Cirkel herum, das heißt bald zugeſtehend, bald ausweichend, bald wieder ganz abſchlagend.— Als alle Kuͤnſte der Diplomatik erſchoͤpft wa⸗ ren, nahm man den Vorwand, durch die gefuͤhrte Sprache beleidigt worden zu ſeyn, um ſeine Wei⸗ gerung, der legitimen Koͤnigin Huͤlfe zu ſenden, rechtfertigen zu koͤnnen, und um Zeit zu erlangen, Dom Miguel einſtweilen ſein Ziel er⸗ reichen zu laſſen. Alles lag der Wellingtonſchen Parthey daran, daß Donna Maria nicht von der Inſel Terceira Beſitz nahm, weil ſie von dort aus dem Uſurpator haͤtte gefaͤhrlich werden koͤn⸗ nen. Um dies zu verhindern, ſparte man weder Ueberredungs⸗Kuͤnſte noch Drohungen und In⸗ triguen aller Art, ja man entbloͤdete ſich zuletzt nicht, im Angeſicht der Inſel die Unterthanen der Koͤnigin mit Kanonenſchuͤſſen fortzu⸗ treiben, unter dem nichtigen Vorwande, daß ſie England bewaffnet verlaſſen haͤtten. 16 — 242— Dies Benehmen wurde indeß durch das eng⸗ liſche Parlament ſtrenge geruͤgt, und die Welling— tonſche Parthei konnte ſich der Beſitznahme der Inſel nicht laͤnger widerſetzen.. Das oben beſchriebene Syſtem der Diplo⸗ matie, deren Zweck lediglich iſt, die Voͤlker zu er⸗ muͤden, und die ſchwachen kleinen Regierungen irre zu machen, iſt jetzt die bedeutende Reſource der Cabinette, der fuͤnf großen Maͤchte Europa's. Dies Syſtem unterlaͤßt nicht, dem Willen der Voͤlker eine große Traͤgheit entgegenzuſetzen, wel⸗ che ſie ermuͤdet, erſchoͤpft und endlich dem Willen der Fuͤrſten unterwirft. Nur durch Convulſionen und Gewaltſtoͤße gelangt das Volk dazu, nach Freiheit zu ſtreben, doch faſt immer bleibt es mitten im Anlauf ſtehen, ſchweigt zu Allem, wie fruͤher, und laͤßt ſich wo moͤglich noch mehr aufbuͤrden, als es fruͤher zu tragen hatte. Die Cabinette arbeiten ſtets, um ihr Ziel zu erreichen. Sie wachen, wenn das Volk ſchlaͤft, und geſtuͤtzt auf ihre Solda⸗ teske, auf ihre Magiſtraturen und gehei⸗ me Agenten, gelangen ſie dahin, wo ſie es wuͤnſchen. Dies Syſtem iſt die Ligue der Ca⸗ — binette gegen das Volk—— vielleicht erſcheint noch die Zeit, wo das Volk gegen die Cabinette eine Ligue bildet.—. Dom Miguel, welcher wohl ſah, daß Ter⸗ ceira, von den Truppen der Koͤnigin Donna Ma⸗ ria beſetzt, ihm eine ſehr gefaͤhrliche Nachbarſchaft fey, hatte befohlen, ſich der Inſel um jeden Preis zu bemaͤchtigen. Doch 3000 gut exerzirte und vom beſten Geiſte beſeelte Soldaten waren gelandet, ehe er noch Maßregeln dagegen ergreifen konnte. — Der Graf Villa⸗Flor war thaͤtiger, als der Uſurpator, geweſen.— Dennoch wurden die Ruͤſtungen in Portugal fortgeſetzt und mit unendlichen Koſten 3000 Mann eingeſchifft. Niemand zweifelte, daß die Expedi⸗ tion gluͤcklich fuüͤr Dom Miguel ausfallen wuͤrde.— Auf der Rhede von Terceira angekommen, be annen die Migueliſten den Angriff. Die Haͤlfte der Truppen war ausgeſchifft, ohne den gering⸗ ſten Widerſtand zu erfahren, als ein ploͤtzliches und gut unterhaltenes Feuer, welches ganze Rei⸗ hen niederſchmetterte, ſie zwang, nachdem die Haͤlfte der Mannſchaft niedergeſchoſſen war, ſich zu erge⸗ ben. Auch die Schiffe wurden von der Inſel her 16 36ε — 244— ſo kraͤftig beſchoſſen, daß ſie die Ankertaue kapp⸗ ten und eiligſt die Flucht ergriffen. Die Expedition kam in dem beklagenswerthe⸗ ſten Zuſtande nach Portugal zuruͤck und hatte nicht weniger als 1100 Mann eingebuͤßt.— Dom Pedro hatte eine Regentſchaft ernannt, und dieſe begab ſich von England aus nach Ter⸗ ceira, wo ſie die Inſel im Namen der Koͤnigin Donna Maria II regierte. Das engliſche Cabinet, welches bereits da⸗ mals den Uſurpator anerkennen wollte, fuͤhlte ſich jetzt bewogen, dies noch zu verſchieben; doch im Gegentheil davon beſchloß, aller dieſer Vorfaͤlle ungeachtet, das Cabinet Sr. apoſtoliſchen Maje⸗ ſtaͤt, Dom Miguel als Koͤnig von Portugal an⸗ zuerkennen, hoffend, daß andre Staaten dem ge⸗ gebenen Beyſpiele folgen wuͤrden. Es fuͤhrte auch ſeinen Vorſatz aus, und ſchickte einen Geſandten nach Liſſabon. Der amerikaniſche Geſchaͤftstraͤger, welcher nur als Privatmann in Liſſabon gelebt hatte, trat, durch ſeine Gattin, eine geborne Spanierin, ver⸗ leitet, wieder als Geſchaͤftstraͤger ſeine Funktionen an, ohne jedoch Dom Miguel im Namen ſeiner Regierung anzuerkennen, und der paͤpſtliche Botſchafter folgte dieſem Beyſpiele. Durch dieſe neuen Vorgaͤnge bewogen, that auch England wieder einen Schritt. Es rief ſei⸗ nen Conſul in Liſſabon zuruͤck, und erſetzte ihn durch Herrn Makenzie, einem treu ergebenen Anhaͤnger des Herzogs von Wellington, der ihm in ſeinen Inſtructionen den Befehl ertheilt hatte: die Uſurpation D. Miguels nach Kraͤf⸗ ten zu befoͤrdern. Zugleich aber wurde ihm aufgegeben, um das Erſtaunen, welches eine for⸗ melle Anerkennung, die bald folgen ſollte, zu mil⸗ dern, von Dom Miguel als Praͤliminar⸗Bedin⸗ gung zu fordern: Eine General⸗Amneſtie, Erneuerung der Handelstractate von 1810(obgleich Verderben bringend fuͤr Portugal), und endlich: Abtretung der Inſel Madei⸗ ra an England.— Die Bedingungen wurden jedoch wiederholent⸗ lich abgeſchlagen, und es iſt gewiß, daß Dom Mi⸗ guel namentlich die Erſte nicht bewilligen konnte, ohne dadurch ſeine eben erſt uſurpirte Krone aufs Spiel zu ſetzen, denn die vielen Exilirten, die Tauſende von Eingekerkerten und ihres Vermoͤgens — 246— Beraubten wuͤrden, als ſeine erbittertſten Feinde, im Fall einer allgemeinen Amneſtie, ſich gegen ihn erhoben haben. Dom Miguel, den die drei vereinigten Maͤchte von 1828 als einen Monarchen geſchildert hatten, eiferſuͤchtig auf National⸗Ehre und den Ruhm ſei⸗ nes Vaterlandes liebend, erfuͤllte die von ihnen gegebenen Verſprechungen nicht, taͤuſchte die Maͤchte und compromittirte ſie in dem Angeſichte Europa's, und dennoch unterſtuͤtzten ſie ihn, er aber mußte thun, was ſie begehrten.— Es lebten in ſeiner Erinnerung die gehaltvollen Worte der Cortes von Lamego und des damaligen Koͤnigs nicht, als man ihm vorſchlug, ſich dem Koͤ⸗ nige von Leon zu unterwerfen. Sie zogen ihre Schwerdter und riefen:„Wir ſind frey, unſer Koͤ⸗ „nig iſt frey, unſre Arme haben uns die Freiheit „erkauft, es ſterbe der Koͤnig, der unedel genug „daͤchte, in ſolche Schmach zu willigen.“ Und der Koͤnig erhob ſich, die Krone auf ſeinem Haupte, den entbloͤßten Degen in der Hand und kuͤhn, mit kraͤftiger Stimme redete er zur Verſammlung: „Euch Allen iſt bekannt, wie ich fuͤr Eure Frei⸗ „heit gekaͤmpft habe, Ihr waret die Zeugen ———ꝑ — 247— „davon, hier das Schwerdt, das in meiner „Hand blitzt, war der Zeuge. Wenn ich in „die Schmach willige, reißt die Krone von mei⸗ „nem Haupte, und thut es einſt mein Sohn, „ſo toͤdtet ihn, er verdiente den Tod, denn er „waͤre der Moͤrder Eurer Freiheit.“ Die Cortes riefen ihm einſtimmig nach:„Ja, ja, der Koͤ⸗ „nig, der je ſich einem fremden Einfluſ⸗ ſſe unterwirft, verliere die Krone und „ſterbe.“ Der Monarch wiederholte feierlich: Er ſterbel!——— Kurz vor dem Sturze des Wellington'ſchen Miniſteriums wurden zwiſchen dieſem und dem por⸗ tugiſiſchen Miniſterium noch ſehr lebhafte Mitthei⸗ lungen gepflogen, und zuletzt erklaͤrte Dom Mi— guel:„Er wolle eine Amneſtie bewilligen, doch „mit zahlreichen Ausnahmen und unter der Be⸗ „dingung, daß England neue Truppen abſchicke, num die Krone auf ſeinem Haupte zu befeſtigen „und ihm den Thron zu erhalten.“ England, welches, im Betreff auf Portugal, einer Katze glich, die eine Maus gefangen hat, ſie in den Klauen haͤlt und ihr die Zaͤhne zeigt, aber ſo lange mit ihr ſpielt, bis es ihr ploͤtzlich ————— — 248— einfaͤllt, ſie zu verzehren— haͤtte vielleicht in dies Begehren gewilligt, doch der Tod des Koͤnigs, die wichtigen Ereigniſſe in Frankreich und endlich der Fall des Miniſteriums Wel⸗ lingtons vernichteten alle Plaͤne!—— Es war keine Ausſicht mehr vorhanden, daß die Uſurpation von Frankreich oder England un⸗ terſtuͤtzt wurde, namentlich bezeugte es das Cabi⸗ net von St. James klar durch die ſofortige Zu⸗ ruͤckberufung des Herrn Makenzie, und es blieb nur noch die alleinige Verbindung mit Spanien, das in ſeinem Huͤlfseifer nicht wankend gemacht wurde und nicht wankend gemacht werden wird, wenn nicht der Ausbruch einer Revolution in dieſem Lande auch Portugal inflamirt und den Tyrannen ſtuͤrzt.— Die Lage der Sachen traͤgt aber auch viel⸗ leicht, ja wahrſcheinlich, in ſich ſelbſt den Keim einer baldigen Aufloͤſung in ſich. Der Zeit⸗ punkt iſt nicht fern, wo ein gaͤnzliches Ausbleiben des Soldes die Truppen zum Aufſtand bringen und die Uſurpation enden wird—— wenn nicht die Großmaͤchte Europa's, fuͤr ihr eigenes Intereſſe bedacht und Dom Mi⸗ 17 4— 249— * guel als Nitglied der großen Fuͤrſten⸗ Famitlie betrachtend, ihre Unterſtuͤtzung gewaͤhren— und die ſchmachvollen Ket⸗ 1 ten der armen Portugiſen noch feſter nieten!!——— Es ſind gar viele Schriften im Publikum ver⸗ breitet worden, um die Rechte Dom Miguel's auf dem portugiſiſchen Throne darzuthun, welche aber meiſtens die Rede nur noch mehr ausgearbeitet dar⸗ bieten, die der Biſchof von Vizeu bey Eroͤff⸗ 5 nung der Cortes im Jahre 1828 gehalten hat, 7 und auch die Antwort wiedergeben, die der Pro⸗ curator Joſe Accurho das Neves auf dieſe Rede folgen ließ und worin die Wahrheit ſo merk⸗ wuͤrdig entſtellt iſt. t Dieſe Reden wurden zu Liſſabon am 23ten Juny 1828 gehalten.— Der kurz antgedeutete Inhalt iſt etwa folgender:„Der Wille und „Wunſch der ganzen vereinigten portu⸗ „giſiſchen Nation hat Dom Miguel auf „den Thron gerufen, um das Vaterland „bon den Wunden zu heilen und es aus ſeiner elenden Lage zu reißen.— Die „Granden, der Adel, die Geiſtlichkeit 4— ————— —— — „und das Volk ſeyen uͤber dieſen Schritt „einig, welchen Geſetze und alte her⸗ „koͤmmlichen Gebraͤuche rechtfertigen. „Der Prinz liebt ſein Vaterland uͤber „Alles, achtet und ehrt die Geſetze, und „wird die Wuͤrde Portugals wieder her⸗ „zuſtellen wiſſen. Das ganze Volk be⸗ „tet den Infanten an, und beweiſt ihm „in jedem Augenblicke die Groͤße ſeiner „Liebe. Er kann nicht widerſtehen, er „kann ſo vielen Beweiſen einer innigen „Verehrung nicht entgegenſtreben— „aber er will auch nichts thun, was die „Geſetze ihm nicht befehlen, er wuͤrde „die Krone nicht annehmen, wenn auch „nur der Schatten einer Geſetzloſigkeit „dabey zu finden ſey!“—— In dieſem hypocritiſchen Tone waren beyde Vortraͤge geſprochen. Die elendeſte Kriecherey, die ſchamloſeſte Heucheley fand man in ihnen. Sie verglichen Dom Miguel mit dem Befreyer der Kinder Iſraels aus der babyloniſchen Gefangen⸗ ſchaft, und mit folgenden wenigen Worten laͤßt ſich das Ganze ſo wiedergeben:„Nach Gott, „dem Allmaͤchtigen, lebt nur ein Menſch, „der uns unſerm Elende entreißen kann, „auf den wir unſre Hoffnungen bauen, zu dem wir liebend und glaͤubig empor „blicken, und dieſer Eine iſt Se. koͤnig⸗ Niche Hoheit der Infant Dom Mi⸗ guel!!“— Die koͤnigliche Hoheit gab nach, be⸗ ſtieg den ſeiner Nichte eidbruͤchig ge⸗ raubten Thron und begluͤckte ſein Vaterland in der Art, wie wir es er⸗ zaͤhlt haben. ſſſſnſſſſnſfſiſ fffſiſſi 7 8 9 10 11 3 14 15 16 17 —