N — 2 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Liteyatur — von.. Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 .3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von meir zurückerſtattet wird. d 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — auf 1 Monat: 1 Nk. Ff. 1 Mk. 50 Ff. 2 Nk. Ff. 1 31 1 6 1„ „„„ 3„„ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —-——— V 2 — Die beiden Liberalen. Aus den Memoiren eines jungen Pariſers. Herausgegeben von Leontine Romainville. Leipzig: F. A. Brockhaus. 1831. Vorwort. Wenn, wie es jetzt geſchieht, die Welt neu— geſtaltende Begebenheiten ſchneller als Gedan⸗ ken fortſchreiten, wird es faſt zur Unmoͤglich⸗ keit, einen entworfenen Plan, und ſei es der un⸗ bedeutendſte, mit gleicher Gemuͤthsruhe, unter gleichen Anſichten durchzufuͤhren. Eiliger, als ein Autor wuͤrdig die vor ihm ausgebreiteten wei⸗ ßen Bogen mit den Fruͤchten ſeines ernſten Sinnens beleben kann, entfaltet die Muſe der Geſchichte ihre weiſſagenden Pergamentrollen heutzutage vor unſern Augen. Auch dieſen wenigen anſpruchloſen Blaͤttern ſchritten waͤhrend ihrer Entſtehung Zeit und Umſtaͤnde voraus. Sie waren faſt vollendet, als ein neuer Impuls der menſchlichen Geſell⸗ — IV— ſchaft einen neuen Schwung gab, der aber mit allem in dem Vorliegenden bereits Ausge⸗ ſprochenen in ſo voͤlliger Harmonie ſtand, daß der Autor ſich nur in der Hinzufuͤgung des letzten kleinen Nachſatzes eine unbedeutende Ver⸗ aͤnderung erlaubte. Die beiden Liberalen. —— Erſtes Capitel. Euch geliebten, theuern Freunden, die Ihr die erſten ernſten Stunden des Lebens mit mir in Paris im Collegium Heinrichs IV. durch den Bund unaufloͤslicher Freundſchaft geheiligt habt, gehoͤren dieſe Blaͤtter, Memoiren, oder wie Ihr das zu überliefernde ſonſt nennen wollt, an. Ich gedenke Eurer und des Schwu⸗ res unverbruͤchlicher Treue, des wirkſamſten Beiſtan⸗ des in der Noth, den wir uns gegenſeitig leiſteten. Du, Dumont, brachteſt damals in Vorſchlag, daß wir, um uns nie fremd zu werden, die Begebenheiten unſerer Laufbahn aufzeichnen ſollten, damit wir uns einſt Rechenſchaft uͤber den Gang unſerer Schickſale, Geſinnungen, Gefuͤhle und Erfahrungen geben koͤnn⸗ ten. Dieſer Vorſchlag ward von mir und Euch, meinen wenigen Intimen, denen ich dieſe Blaͤtter widme, mit lautem Beifall aufgenommen, und zwar die Zeit von dreißig zu vierzig Jahren als die angemeſſenſte fuͤr die Mittheilung feſtgeſetzt, denn ſo unerfahren und ausgelaſſen wir auch damals ſein 1. mochten, ſo beſaßen wir doch natuͤrlichen Verſtand genug, um von dieſer Zeit das Intereſſanteſte zu er⸗ warten, als gediegen genug zu einſichtsvollen Bemer⸗ kungen, aber noch nicht zu abgeſtumpft fuͤr zarte Ge⸗ fuͤhle und friſche Eindruͤcke. Wir erwaͤhnten zugleich: dieſes Alter koͤnnte alsdann bei Manchem ſchon durch Heldenthaten und ganz ungewoͤhnliche Abenteuer ge⸗ ſchmuͤckt ſein; Alle aber muͤßten unbedingt bis da⸗ hin zaͤrtliche Abenteuer erlebt, ſuͤßen Empfindun⸗ gen ſich hingegeben haben, und die genaue Mit⸗ theilung der damit verknuͤpften Nebenumſtaͤnde duͤrfte nicht wenig unterhaltend ſein. Auf dieſe Weiſe ſind mir jetzt, da ich kaum drei⸗ ßig Jahre zaͤhle, von Einigen von Euch, die mit mir in gleichem Alter, bereits die kleinen Geſchichten Eu⸗ res noch kurzen Daſeins uͤberſandt worden, die, wenn ſie auch nicht alle vom hoͤchſten allgemeinen Intereſſe erfuͤllt ſind, dennoch genug enthalten, um einen ent⸗ fernten Freund angenehmer von ſich zu benachrichtigen, als es ein die Ereigniſſe abbrechender Briefwechſel im Stande waͤre zu thun. Bleibt mir nun, meinem Alter zufolge, auch noch Zeit genug, mein Verſpre⸗ chen zu loͤſen, ſo draͤngen ſich mir ebenfalls Gruͤnde auf, nicht laͤnger zu zoͤgern. Ich fuͤhle, daß jetzt eine bedeutende Periode in meinem Lebenslaufe iſt, ein Abſchnitt in meinen Empfindungen, und ein nachden⸗ kender Ruͤckblick, von Seufzern und Laͤcheln um⸗ — 3— ſchwebt, wird ſtuͤndlich der Vergangenheit von mir geweiht. Ja, ich fuͤhle es deutlich, wir ſetzten da⸗ mals als aufkeimende Juͤnglinge, im richtigen Vorge⸗ fuͤhle, die beſte Zeit fuͤr unſere ſchriftliche Mittheilung an, denn nur ein Mal im Leben iſt man der ſchoͤn⸗ ſten Eindruͤcke faͤhig, die durch ihre Vereinzelung den hoͤchſten Werth erhalten. Koͤnnen wir dieſe Eindruͤcke zergliedern, ſind wir uns bewußt, was wir empfan⸗ den, ſo iſt der Culminationspunkt ſchon uͤberſchritten, wir ſteigen hinab, und die Flamme des Enthuſias⸗ mus ſinkt; unmoͤglich kann ſie mit gleicher Kraft zum zweiten Male wieder angefacht werden. So ſinke ſie denn, aber ſie verloͤſche nicht, und jedem edeln Menſchen moͤge das Gluͤck zu Theil werden, an die Tage ſeiner reinſten Liebe mit Wohlgefallen zuruͤck⸗ denken zu koͤnnen, alsdann wird er gern dieſer Em⸗ pfindungsepoche nachtraͤumen, und wo er Theilnahme erwarten kann, gern die Darſtellung davon weiter uͤberliefern, wie es hier meine Abſicht iſt. Ich muß Euch nun zuvoͤrderſt wieder von un⸗ ſerm Schulleben, unſern Schulneigungen und einigen andern pariſer Sitten reden, mithin von Dingen, die Euch bekannt ſind, indeß bedarf ich der Erwaͤhnung dieſer Dinge zur Erlaͤuterung des Folgenden. Ich gedenke alſo jener Nacht, die unſerm großen Examen, womit die Studien im Collegium Heinrichs IV. ſich fuͤr uns endigten, folgte. Wir hatten Ehrenzeichen, erſte 1* und zweite große Preiſe, Acceſſite, in vielen Claſſen und nach unſern verſchiedenen Faͤhigkeiten davonge⸗ tragen, und ſollten uns am folgenden Tage trennen, Einige von uns nach Ablauf der Ferien den Stu⸗ dien auf der Univerſitaͤt folgen, Andere ins vaͤterliche Haus zuruͤckkehren. Jener Tag des Examens iſt ein lichter, heller Punkt in meinem Leben, der um ſo glaͤnzender ſtrahlt, je weiter die Zeit mich von ihm ent⸗ fernt. Welche Feier kaͤme auch der des Examens gleich, wo der kaum heranwachſende Juͤngling zum erſten Male, vom Stachel des Ehrgeizes geſpornt, hoffen darf, die Fruͤchte des jugendlichen Fleißes, der ange⸗ ſtrengten Arbeit, auf eclatante Weiſe vor der Welt belohnt zu ſehen!— Alles, was Paris Ausgezeichne⸗ tes beſitzt, an Gelehrten, Kuͤnſtlern, Finanzleuten, kurz in allen Faͤchern, wohnt ſtets dieſem großen Exa⸗ men bei. Unſere Augen ſuchten ÄAltern, Verwandte und Freunde unter der Menge, und freuten ſich, ſie auf den beſten Plaͤtzen zu finden. Das ſtolze Be⸗ wußtſein, die Augen der Verſammlung beim Aufrufen der Namen auf ſich zu ziehen, die freudeſtrahlenden Augen der Muͤtter, als man den Juͤnglingen die Preiſe uͤberreichte, der prachtvolle Saal mit ſchoͤnen Frauen im glaͤnzendſten Putze angefuͤllt, dieſes Alles vereinigt, machte auf unſere jungen Gemuͤther einen tiefen und erregenden Eindruck. Wir waren freude⸗ trunken, und ſelbſt die bei den Preisvertheilungen am — 35— wenigſten Beguͤnſtigten unter uns nahmen groͤßten— theils ohne Neid lebhaften Antheil am gemeinſchaft⸗ lichen Gelingen. In dieſem Freudenrauſche ſtoͤrte uns die bevor⸗ ſtehende Trennung auf ruͤhrende Weiſe; wir geſtanden es uns nicht, aber ſo oft wir uns anblickten, mußten wir die Thraͤnen, die ſich unwillkuͤrlich in unſere Au⸗ gen draͤngten, unterdruͤcken; wir gaben uns dabei be⸗ wegt die Haͤnde, als ob wir uns nie trennen koͤnn⸗ ten, und freueten uns dennoch, das kloͤſterliche Einer⸗ lei des Collegiums, in dem wir vier Jahre zuſammen hingebracht hatten, bald mit einem freiern Lebenswandel zu vertauſchen; kein Wunder alſo, daß wir nach ſolcher Aufregung, bevor wir uns in unſerm Dortoir*) ſchla⸗ fen legten, zuſammentraten, uns lange Zeit umſchlun⸗ gen hielten und den erwaͤhnten Schwur unter Thraͤ⸗ nen und Betheuerungen thaten. Je laͤnger ich daran denke, deſto lebhafter ſteigen die Erinnerungen an jene herrliche Stunde in mir auf, und Ihr, meine Freunde, ſtellt Euch der Reihe nach meinem Geiſte dar, der ſich ſo gern in jene gluͤckliche Jugendzeit zuruͤckverſetzt. Du, Beauverger, mit Deinem nachgiebigen und den⸗ noch ſo feſten Charakter vor Allen! Dein liebevolles Betragen, Dein Eifer, uns in unſerer Arbeit nachzu⸗ helfen, denn Du warſt ſtets der Erſte unter uns, mach⸗ *) Gemeinſchaftliches Schlafzimmer. ten mich noch ſpaͤter oft erroͤthen, weil ich mir ſelbſt, im Vergleich mit Dir, kalt und egoiſtiſch ſchien. Wie feſt warſt Du bei den Gefahren, die unſer jugendlicher Leichtſinn ſo oft herbeifuͤhrte, wie wußteſt Du uns durch die ruhige überlegenheit Deines Geiſtes zu be⸗ herrſchen. Du, leichtſinniger, geiſtreicher Dumont, warſt uns durch Deine Heiterkeit unentbehrlich. Die Strafen, die uns groͤßtentheils durch Dein Verſchulden trafen, wurden mit Leichtigkeit ertragen, wenn wir ſie ge⸗ meinſchaftlich erdulden mußten, denn Dein unerſchoͤpf⸗ licher Witz, Deine Wortſpiele, Verſe, luſtigen Streiche al⸗ ler Art entſchaͤdigten uns reichlich fuͤr die kurze Entbeh⸗ rung der Freiheit. Deine Zukunft war vorauszu⸗ ſehen; die Faͤhigkeit, Alles geiſtreich aufzufaſſen, leb⸗ haft darzuſtellen, ſtempelte Dich zum Schauſpieler oder Dichter, und zum Vortheile Deiner buͤrgerlichen Stel⸗ lung in Paris waͤhlteſt Du das Letztere; Du haſt ſchon eine Reihe vortrefflicher Stuͤcke geliefert, biſt dadurch der Liebling des Publicums, wohlhabend geworden, und haſt alle Urſache mit Deinem Schickſale zufrieden zu ſein. Du, Marquis von Noville, warſt vornehmer, reicher als wir Andern. Mit ſeltenen guten Gaben des Herzens und Verſtandes ausgeruͤſtet, wollteſt Du anfangs auch die Vorzuͤge Deiner Geburt geltend ma⸗ chen, doch konnte es Dir nicht gelingen, denn von allen fruͤheren Gefaͤhrten deshalb zuruͤckgewieſen, warſt —— . 6* —„— Du froh, in unſerer Mitte eine freundliche Aufnahme zu finden; wie denn uͤberhaupt Adelshochmuth in Frankreich bereits einer untergegangenen Zeit ange⸗ hoͤrt. Durch Deine aͤußere hoͤhere Stellung wardſt Du am Ende der Sanfteſte, Hoͤflichſte; und wir haben in der glaͤnzenden Laufbahn, die Du nach unſerer Trennung begonnen, oft Zeichen der unverbruͤchlichen Treue Deiner echten Freundſchaft erhalten. O! warum muß ich jetzt einen Augenblick zoͤgernd inne halten, da ich nebſt Euch Dreien, auch eines vier⸗ ten, vielgeliebten Freundes, vielleicht meinem Herzen der naͤchſte, gedenke. Arwed Latour!——— doch vor der Hand ſtille von jenem ungluͤcklichen Ereig⸗ niſſe. Noch eine Thraͤne weihe ich dem Guten, bei dem Schwaͤche und Heftigkeit vereint, jede wahre Gluͤckſeligkeit untergruben.—— In ſpaͤteren Jahren bin ich oft auf die Betrach⸗ tung zuruͤckgefuͤhrt worden: woher dieſe lebhaften Ge⸗ fuͤhle der Freundſchaft fuͤr die Gefaͤhrten, mit denen man die Jahre im Collegium zubringt, und die ſo un⸗ zerſtoͤrbar unter uns Juͤnglingen bleibt, kommen mag? Freund des Collegiums! dieſe Worte tragen einen un⸗ widerſtehlichen Zauber, der uns durchs Leben begleitet und einen großen Einfluß auf unſere Verbindungen und Handlungen hat. Gibt ſich nach langen Jah⸗ ren, in denen uns das Schickſal auf die verſchiedenſte Bahn, in die verſchiedenſte Stellung fuͤhrte, ein ſol⸗ — 8r— cher Freund zu erkennen, ſo tritt das alte Buͤndniß wieder ein, und dann iſt leicht kein Dienſt, kein Opfer groß genug, welches den alten Anfoderungen der Freundſchaft nicht gern gebracht wuͤrde.— Nach Umſchauung und Exrwaͤgung glaube ich behaupten zu koͤnnen, daß groͤßtentheils der Grund jenes maͤchtigen Gefuͤhls in dem gewoͤhnlichen Mangel des eigent⸗ lichen engen Familienlebens liegt. Zuvoͤrderſt muß ich erinnern, daß ich hier mehr von den Zeiten rede, in welche meine Kinderjahre fielen, alſo etwa von dem Beginne des Jahrhunderts und ſeinen Misbraͤu⸗ chen; ſeitdem hat ſich Manches in den wohlhabenden Claſſen gebeſſert. In jenen Tagen gab man die Kinder im zarte⸗ ſten Alter ſchon in Penſion. Seltene Beſuche ent⸗ fremdeten ſie dem aͤlterlichen Hauſe, und vom drei⸗ zehnten bis zum ſiebzehnten Jahre faͤllt auch jetzt ſchon die Zeit, wo man gewoͤhnlich ins Collegium ein⸗ tritt, um ſich zur Univerſitaͤt vorzubereiten. Die Ge⸗ ſchwiſter lernen ſich auf dieſe Weiſe kaum kennen, die Geſchwiſterliebe wird dem Zufalle anheimgeſtellt; und ſo iſt das Familienband nur ſehr locker geſchuͤrzt. Iſt der Knabe von Penſion zu Penſion, ſeinen wach⸗ ſenden Faͤhigkeiten zufolge, bis ins Collegium gewan⸗ dert, ſo tritt ploͤtzlich ein anderes Leben ein. In Penſionen wechſeln die Gefaͤhrten oft, ſie treten ein, ſcheiden aus, werden durch Andere erſetzt; hat man — 9— dagegen einmal ſein Collegium erwaͤhlt und die Stu⸗ dien begonnen, ſo beendet man ſie auch dort, ehe man auf die Univerſitaͤt koͤmmt. Die Nothwendigkeit des Zuſammenlebens mit denſelben Perſonen, die gleichen Faͤhigkeiten, dieſelben Richtungen der Neigungen und Geſinnungen bringen bald einen Theil der Schul⸗ kameraden in naͤheres geſchwiſterliches Verhaͤltniß, und dieſes bis jetzt ungekannte Gefuͤhl der Freundſchaft, welches hier in jugendlicher Kraft die erſte und zu⸗ gleich alle Nahrung findet, um ſich auszubilden, er⸗ reicht auf dieſe Weiſe den hoͤchſten Grad der Staͤrke. Es wird durch die lange unnatuͤrliche Entbehrung um deſto maͤchtiger, eingreifender, unzerſtoͤrbarer; und wie ſich in ungluͤcklichen Kriegszeiten die ſchoͤnſten Thaten, die edelſten Handlungen der Theilnahme of⸗ fenbaren, ſo wird durch den traurigen Misbrauch der Entfremdung einer Familie eine der zarteſten Em⸗ pfindungen, naͤmlich die der Freundſchaft, geheiligt. Zweiles Capitel. Die erſten Jahre nach unſerm Austritt aus dem Collegium Heinrichs IV. laſſen wenig berichten. Ich brachte den Sommer, ſpaͤt bis in den Herbſt, auf den — 10— Guͤtern meines Vaters zu, und theilte bald ſeine Nei⸗ gung fuͤr Jagdbeluſtigungen. In der Abgeſchieden⸗ heit unſerer Lebensweiſe lernte ich ihn eigentlich erſt ge⸗ nau kennen, ſeine hohen Tugenden bewundern. Auch glaubte ich ſeinerſeits zu bemerken, daß er mich um ſo zaͤrtlicher liebe, je mehr er ſich uͤberzeugte, daß ich meine Zeit nicht unnuͤtz zugebracht, und auch an ſittlicher Bildung gewonnen hatte; ja, nach dem Um⸗ gange von mehren Monaten ſchien er zu der über⸗ zeugung gelangt, daß mein Geiſt eine ernſte Rich⸗ tung genommen habe, und da ich im Allgemeinen keine Neigung zu den gewoͤhnlichen nichtigen Zer⸗ ſtreuungen der jungen Leute meines Alters zeigte, ſo faßte er unbegrenztes Zutrauen zu mir. Die Folge hiervon war, daß er mir, obgleich ich meine Vollaaͤh⸗ rigkeit noch nicht erlangt hatte, die Lage meines muͤt⸗ terlichen Vermoͤgens und ſeine eigenen Einkuͤnfte dar⸗ that. Beide waren in dem bluͤhendſten Zuſtande und weit uͤber meine Beduͤrfniſſe. Ich war reich und un⸗ abhaͤngig. Was Deine naͤchſte Laufbahn betrifft, ſagte er, ſo hoffe ich, Du wirſt trotz Deines bedeutenden Vermoͤgens und Deiner Unabhaͤngigkeit meine Anſicht theilen, Dir eine ernſte Beſchaͤftigung, auf einen be⸗ ſtimmten Zweck gerichtet, zu waͤhlen. Der Reichſte, Vornehmſte ſollte in ſeiner Jugend die Zeit nicht unnutz vergeuden; in ſpaͤtern Jahren magſt Du Dir eher etwas Fahrlaͤſſigkeit im Arbeiten erlauben. Ich — n— denke, Du verfolgeſt fuͤr das Erſte die Rechtsſtudien hier zu Paris in der Schule der Rechte, und nimmſt als⸗ dann den Grad eines Advocaten, denn es iſt ein gro⸗ ßer Gewinn fuͤr jeden Buͤrger, gruͤndlich die Rechte und die daraus entſpringenden Pflichten, wie die Ge⸗ ſetze ſeines Landes zu kennen. Werde ein ruhiger, freier Staatsbuͤrger, halte ſtreng und redlich an der Verfaſſung Deines Vaterlandes, ſie iſt die Frucht eines langjaͤhrigen blutigen Kampfes, und ganze Ge⸗ nerationen, die im Leiden untergingen, haben ſie der jetzigen als Heiligthum anvertraut; verwahrloſt ſie die⸗ ſes Heiligthum, ſo iſt keine Rettung fuͤr das Vaterland. Dieſe bedeutenden Worte ſprach mein Vater kurz vor meiner Ruͤckkehr vom Lande nach Paris, ſie ver⸗ fehlten ihren Eindruck nicht, und ſpaͤter hatte ich oft Gelegenheit, die darin verborgene Wahrheit zu bewun⸗ dern. Ich folgte der Anleitung meines Vaters und ließ mich als Schuͤler in die Rechtsſchule aufnehmen, zugleich aber unterließ ich nicht, die beruͤhmten Profeſſo⸗ ren auf der Univerſitaͤt zu hoͤren. Vor allen be⸗ zauberte mich Villemain's Vortrag; er war geiſtreich, lebhaft, ſehr unterhaltend, und umfaßte außer unſerer alten und neuen Literatur auch alle Verzweigungen der aͤlteſten claſſiſchen und der auslaͤndiſchen neueren romantiſchen Schriftſteller. Als oͤffentlicher Lehrer, vielleicht auch aus perſoͤnlicher überzeugung, verthei⸗ digte er ausſchließlich die franzoͤſiſche claſſiſche Litera⸗ — 12— tur, jedoch ließ er unparteiiſch auch der auslaͤndiſchen Literatur im Allgemeinen Gerechtigkeit widerfahren, und das, in ſo geiſtreichem Munde faſt barbariſch zu nennende Urtheil Voltaire's uͤber Shakſpeare er⸗ ſchien bei Villemain in ganz anderem, viel gemilder⸗ term Lichte. Die Proben, welche Letzterer von dem beruͤhmten engliſchen Barden, ſowie von anderen ihm an Geiſt und Genie Verwandten mittheilte, erregten mein hoͤchſtes Intereſſe, und dunkel fuͤhlte ich, daß auch in jenen Schoͤpfungen unendliche Schoͤnheiten verborgen ſein muͤßten; dieſe Ahnung ward zur Ge⸗ wißheit, als mir die erſten beſſern überſetzungen jener Literatur zu Geſichte kamen. Je mehr ich in den Geiſt des Romantiſchen eindrang, je enthuſiaſtiſcher ward ich dafuͤr eingenommen, und es bedurfte am Ende einer Art Anſtrengung, mein juriſtiſches Stu⸗ dium gehoͤrig zu vollenden, um mit Ehre als Advocat auf⸗ genommen zu werden. Es gelang mir endlich; doch kaum war dieſes abgethan, als ich mich auf das Studium der neuen Sprachen mit demſelben Eifer warf, mit welchem ich alles Neue zu ergreifen pflegte. Deutſch, Engliſch, Spaniſch, ward der Reihe nach vorgenommen, und ich bildete mir, da der Hang zum Erlernen fremder Sprachen bei uns nicht ge⸗ woͤhnlich war, ein eigenes Element der Thaͤtigkeit, in welchem ich mich mit Behaglichkeit bewegte. Bald verſammelte ich eine Schar fremder junger Leute um — 13— mich her, weil ich mit Recht glaubte, ihr Umgang muͤßte meiner Zunge nuͤtzlich ſein. An dieſe reihte ſich eine Anzahl junger Franzoſen, denen ich gleichen Geſchmack fuͤr fremde Literatur beibrachte, und wir wurden, uns ſelbſt unbewußt, der Mittelpunkt einer neuen Secte in der Literatur, die jetzt ſehr bedeutend angewachſen iſt und auf die vaterlaͤndiſchen Dichtun⸗ gen, Buͤhnen, wie uͤberhaupt auf unſern Geſchmack einen großen Einfluß hatte. Unter den jungen Englaͤndern fand ich manchen trefflichen Kopf, aber das ewige Herausſtreichen ih⸗ rer nationellen Vorzuͤge, ſowol in Bezug auf Poli⸗ tik als auf Literatur, beleidigte fortwaͤhrend mein eignes Nationalgefuͤhl, und mit dem beſten Willen zur Vereinigung, ward ein naͤheres Verhaͤltniß durch die⸗ ſen ſteten Kampf erſchwert und am Ende ganz ver⸗ hindert. Die Spanier ſind ſo ſtolz geblieben, als ſie es un⸗ ter Philipp II. ſein mochten; ſie konnten den Grund dazu nicht angeben und hatten im Allgemeinen wenig echte Bildung, aber geraden Sinn und ein unver⸗ wuͤſtbares Vertrauen zu der Kraft ihrer Nation, die ſich, wie ſie behaupten, uͤber kurz oder lang in die Reihe der erſten Nationen ſtellen muͤſſe. Wie laͤ⸗ cherlich dieſe Behauptungen erſcheinen mochten, ſo hatte dieſes blinde Vertrauen immer etwas Poetiſches, Ruͤhrendes. Der Umgang mit den Deutſchen wurde — 12— mir am leichteſten. Sie waren beſcheiden, gut ge⸗ ſinnt, theilweiſe ſogar demuͤthig, liebten gewoͤhnlich Frankreich, ſeine Bewohner und Sitten, und waren dabei, was fuͤr mich das Wichtigſte blieb, mehren⸗ theils gruͤndlich unterrichtet; ich konnte mich ſehr leicht mit ihnen befreunden und zog ſie daher bald den jun⸗ gen Leuten anderer Nationen vor. Unter Andern zeichnete ſich ein Suͤddeutſcher, Na⸗ mens Ferdinand von Leuchtenhauſen, aus, der mich durch ſein eigenthuͤmliches Weſen ſehr anzog. Er war ein wohlgebildeter Juͤngling, ſein Auge zugleich feurig und duͤſter; er zeigte ſich mir zuerſt in einem bei der Jugend ſeines Vaterlandes beliebten, deutſchen Studentencoſtume, welches aber bei ſeinem verlaͤnger⸗ ten Aufenthalte in unſerer Hauptſtadt allmaͤlig Ver⸗ aͤnderungen erlitt und zuletzt ganz verſchwand. Er mußte mancherlei Neckereien deshalb von mir erdul⸗ den, denn ich behauptete, dieſes Abſtreifen der Stu⸗ dentenhaut geſchehe nur in der Fruͤhlingsſonne der Liebe, indeß antwortete er nie darauf, und da er uͤberhaupt ſehr verſchloſſen war, ſo hatte ich auch nicht erfahren, weshalb er in Paris lebte. Da mein Hauptzweck aber vollkommen durch ihn erreicht ward, indem ich die bedeutendſten Fortſchritte in der deut⸗ ſchen Sprache unter ſeiner Anleitung machte, wobei ich, wenn wir die deutſchen Dichter vornahmen, nicht genug ſeine gediegenen Kenntniſſe ſowol als ſein — 15— feinfuͤhlendes, fuͤr alles Schoͤne empfaͤngliches Herz be⸗ wundern konnte, ſo ließ ich ihn im Übrigen gewaͤh⸗ ren und ſeinen Weg auf ſeine Weiſe gehen. Seinen Familiennamen: Leuchtenhauſen, mußte er in Paris faſt aufgeben, denn die Articulation deſſelben war den Franzoſen ſo ſchwierig, daß der junge Mann ſich zu⸗ letzt ſelbſt am liebſten Monſieur Ferdinand nennen ließ, um nur nicht laͤnger die Qual der Redenden mit anzuſehen; aber ſelten ſah ich mit aͤhnlicher Gleich⸗ guͤltigkeit, wie bei ihm, einen Deutſchen ſo wenig Werth auf das den Adel erklaͤrende Vorwoͤrtchen von legen. Dieſe gewoͤhnliche Weglaſſung verzieh er den Franzoſen noch leichter als die Verſtuͤmmelung ſeines Namens, und uͤberhaupt war er aͤußerſt nachſichtig gegen meine Landsleute, ja ſogar eingenommen fuͤr Paris. Ich will damit nicht geſagt haben, er haͤtte ſein eignes Vaterland nicht zu ſchaͤtzen verſtanden, er haͤtte die mannichfachen Tugenden des Kerns der deutſchen Nation uͤberſehen, aber es waren gewiſſe Inſtitutionen, gewiſſe Vorrechte und Vorurtheile ein⸗ zelner Staͤnde, die ihn daheim empoͤrten und Frank⸗ reich bedingungsweiſe den Vorzug geben ließen. War er gleich etwas ſentimental uͤberſpannt, wie ich dieſes bei den Deutſchen, gegen uns Franzoſen verglichen, ſchon oft Gelegenheit hatte, zu bemerken, ſo war doch eine gewiſſe Heftigkeit die Grundlage ſeines Charak⸗ ters, die ſich nie verleugnete, und die ein Wohlwol⸗ — ———— gleichſam als wolle er mit mehr Freiheit ſeinem ge⸗ lender ſeiner Jugend zuſchreiben konnte, denn er zaͤhlte kaum einige zwanzig Jahre. Wie unbedeutend der Unterſchied von zehn Jahren mehr oder weniger auch nach den Funfzigen erſcheint, ſo bedeutend iſt er bis dahin. Ich war eigentlich in den meiſten Dingen gleicher Meinung mit Ferdinand, und gewiß nicht mit weniger Eifer fuͤr jede gute Sache, aber ich hatte mehr Maͤßigung in meinen Ausdruͤcken, die ich in Folge unangenehmer Erfahrungen erlangt hatte, wenn ich fruͤher meine Reden nicht zu bezaͤhmen verſtand. Solche Erfahrungen liegen einzig in der Zeit, wie in dieſer die Begebenheiten ruhen, die unſern Antheil er⸗ wecken; je mehr wir nun der Ringe oder Jahre die⸗ ſer in einander greifenden Lebenskette hinab gezaͤhlt haben, deſto ruhiger wird unſer Gemuͤth. Was den Eifer betrifft, ſo verſtehe ich ein gewiſſes Freiheits⸗ ideal darunter, welches er ſich ſelbſt geſchaffen hatte. In einem der ariſtokratiſchſten Reiche Deutſchlands geboren und durch ſeine Geburt im vollkommenen Beſitze der damit verknuͤpften Vortheile, war er um ſo mehr eine ſeltene, auffallende Erſcheinung zu nen⸗ nen, da er ſich durch den Mismuth, das beſtaͤndige übelwollen gegen ſeinen Stand, durch den ſchonungs⸗ loſen Spott, in welchen er bei jeder Gelegenheit uͤber dieſen ausbrach, auszeichnete. Mir ſchien dieſes mit ein Grund zu ſeinem langen Aufenthalte in Paris, ——.. — r— 4 —— 2 2 — 1„— preßten Herzen Luft geben, was in ſeiner Heimath unter einem gewiſſen conventionellen Zwange zu lei⸗ den ſchien. Ward in ſeiner Gegenwart eine Unterhal⸗ tung uͤber Menſchen⸗- und Voͤlkerrechte gefuͤhrt, ſo war er ein warmer Vertheidiger der Unterdruͤckten. Als ſolche ſah er ſtets die untern Claſſen an, und einem rollenden Feuer, einem reißenden Strome gleich brachen die Worte aus ſeinem Munde hervor, wenn er auf ſein Lieblingsthema kam, naͤmlich die Ungerech⸗ tigkeit, wie er ſie nannte, der Inſtitution verſchiedener Staͤnde. Empoͤrt war er uͤber den Hochmuth des hohen Adels in ſeinem Vaterlande, und oft verfiel er in ſo grelle Schilderung, daß ich ſie fuͤr übertreibung hielt. Einſt vertraute er mir, wie er bei der Ruͤck⸗ kehr von der Unibverſitaͤt feſt entſchloſſen war, ſeiner adeligen Geburt und der deutſchen Sitte zum Trotze, ausuͤbender Advocat zu werden:„ich hatte mir,“ ſetzte er hinzu,„durch edeln Eifer begeiſtert, nur das Ziel geſteckt, der Vertheidiger Geringerer gegen die ſogenannten Vornehmen zu werden, aber meine Mutter beſchwor mich um ihrer Gluͤckſeligkeit wil⸗ len, ſolche Ideen fahren zu laſſen, und ſo opferte ich dieſer geliebten Mutter meine ſchoͤnſten Wuͤnſche.“ Auch er war in den Tagen zum Juͤnglinge gereift, in denen nicht allein die Wunden des vorigen Jahr⸗ hunderts laͤngſt in Frankreich verblutet und vernarbt waren, ſondern in denen ſich ſchon die gluͤckliche Nach⸗ 2 — 18— kommenſchaft leidender Vorfahren dort ruhig wieder auf dem laͤngſt uͤberſchuͤtteten Krater angebaut hatte, wo der mit Blut geduͤngte Boden doppelte Saat hervortricb und aus wildem empoͤrenden Kampfe uͤberall entſtandenen Nutzen und Vortheil zeigte. Fer⸗ dinand ſchien mit noch groͤßerer Lebhaftigkeit den letzten Entwickelungen der Staaten und Voͤlker ge⸗ folgt zu ſein, und hatte nicht allein mit wahrhaft ju⸗ gendlichem Feuer Freuden und Leiden mitgefuͤhlt, ſondern laut dem allgemeinen Ringen nach Freiheit und Gleichheit Gelingen gewuͤnſcht*). Da erkannte er ploͤtzlich, daß dieſes Streben ſich in ſeinem eigent⸗ lichen Vaterlande mit geringſtem Eifer kund thue. Man muß naͤmlich bedenken, daß er ein Deutſcher war und folglich die Eigenheit beſaß, nicht ganz Deutſchland wie ſein Vaterland zu betrachten. Hier⸗ unter verſtand er nur den Staat, worin er geboren war; nur ſo weit ſich die Macht ſeines Landesherrn erſtreckte, glaubte er mit Intereſſe hinblicken zu muͤſ⸗ ſen; hinter dieſer Grenze ſchien ihm der deutſche Bo⸗ den nicht mehr vaterlaͤndiſch, und viel lieber wandte *) Es verſteht ſich von ſelbſt, daß nach der, dieſen Blaͤt⸗ tern zugefuͤgten, kurzen Vorerinnerung hiermit theils der Kampf der Griechen und Suͤdamerikaner gemeint iſt, theils der in verſchiedenen deutſchen Staaten damals nur ausgeſprochene Wunſch nach ſtaͤndiſcher Verfaſſung. Ähnliche Stellen muͤſſen aͤhnlich gedeutet werden. — 19— er auf andere Laͤnder als auf andere deutſche Reiche ſeine Aufmerkſamkeit. Da nun die Sffentlich⸗ keit, die der engliſchen und franzoͤſiſchen Staatsver⸗ waltung im hoͤchſten Grade gegeben iſt, vielleicht dazu beitrug, ihn mehr zu dieſen als zu den in ihrer Politik mehr abgeſchloſſenen und beſchraͤnkten deutſchen Ver⸗ waltungen zu ziehen, ſo hatten Neigung und eine faſt falſche Schwaͤrmerei ſeinen Sinn gaͤnzlich nach außen gerichtet. Bald nachdem ich ihn kennen lernte, ver⸗ ſtand ich, der junge Mann war einer Art Phantaſie⸗ gebilde nach Paris gefolgt, auch fuͤhlte oder ahnete er dieſes bei ſeinem laͤngeren Aufenthalte in Paris ſo ungefaͤhr; doch wollte er ſich es nicht mit deutlichen Worten eingeſtehen, indem dieſe Erkenntniß ſeines Irrthums theils ſeine Eitelkeit kraͤnkte, theils das Ge⸗ baͤude ſeines Ideals einſtuͤrzte. Die Freiheit glaubte er nicht allein von den Franzoſen in der Revolution erkaͤmpft, ſondern, trotz einer napoleoniſchen eiſernen Zwiſchenregierung, legal conſtitutionell wieder erwacht und erhalten, und ſo ſtralend glaͤnzte ihm dieſe Goͤt⸗ tin aus der Ferne entgegen, daß er auch die Mis⸗ braͤuche, in ihrem Namen veruͤbt, rechtmaͤßig und ver⸗ zeihlich erklaͤrte. Der zweite Gegenſtand, den er ſich von ſeiner Heimath aus in Frankreich der Bewun⸗ derung wuͤrdig vorſtellte, war eine große napoleoni⸗ ſche Armee, mit ihren großen Erinnerungen. Auch in Deutſchland hatte er einſt Heldenthaten zum Sturze 2* — 20— des Kaiſers geſehen und jeden Theilnehmer ſtets loben hoͤren, war er ſelbſt auch damals faſt noch ein Kind. Konnte er ſich nun immerhin ſagen, daß die Verei⸗ nigung vieler Einzelnen nothwendig ein Ganzes bil⸗ den mußte, und daß die Deutſchen eben ſowol als die Franzoſen ein maͤchtiges Heer da ſtanden, ſo hatte er doch in ſeiner Umgebung nie von einer großen deut⸗ ſchen Armee reden hoͤren, wie er mir ſagte. Stets war man bemuͤht zu beweiſen, wie ſich eigentlich Norden und Suͤden, Oſten und Weſten gar nicht vereinigt haͤtten, waͤre man nicht durch beſonders be⸗ draͤngte Umſtaͤnde dazu getrieben worden, und je mehr ſich noch heutigen Tages ein Theil Deutſchlands bruͤ⸗ ſtete, mit ſeiner Armee die Franzoſen vom deutſchen Boden vertrieben zu haben, deſto mehr machte ihm dieſes wiederum ein anderer Theil mit ſeiner Armee ſtreitig. Man begreift, wie leicht ein junges Gemuth, ein noch unreifer Verſtand hierdurch zu verwirren ſind. Selten bleibt die Jugend neutral, vielmehr ſehen wir ſie faſt immer(in welchem Sinne des Worts man es auch nehmen mag) ſich lebhaft zu einer Partei ſchla⸗ gen. Letzteres waͤre auch mit Ferdinand der Fall ge⸗ weſen, und zwar, da er dem Abſolutismus abhold war, haͤtte er ſeine Bewunderung wahrſcheinlich einem ſeinem eigentlichen Vaterlande an Freiheit uͤber⸗ legenen deutſchen Reiche zugewandt; da er aber, wie geſagt, nur einen in gewiſſe Grenzen beding⸗ — 2— ten Patriotismus fuͤhlte, und daheim ſeinen Verbeſ⸗ ſerungsbegriffen keine Nahrung verſchaffen konnte, ſo wandte er ſeinen Blick nach außen. Orittes Capitel. Meine Lieblingsſtudien wurden durch den gewoͤhn⸗ lichen Herbſtaufenthalt auf dem Lande unterbrochen, wo ich einſt den Vater truͤbſiniger als fruͤher fand. Seine Melancholie mußte unſere Unterhaltung ernſter ſtimmen, indeſſen erfreute ich mich ſeines vollſten Ver⸗ trauens. Er behandelte mich als ſeinen juͤngern Freund und drang mir nicht, nach Art vieler Vaͤter, ſeine Erfahrungen und Lebensregeln als unumſtoͤßlich auf, ſondern ſuchte ſie mir durch Vernunftgruͤnde be⸗ greiflich und eingehend zu machen, ohne ſich von mei⸗ nem Widerſpruche in ſeinen Anſichten beleidigt zu fuͤh⸗ len. In gewiſſem Sinne tadelte er meine ploͤtzliche Vorliebe fuͤr fremde Sprachen und Literatur. „Es ſcheint mir“, ſagte er einſt,„Du entfrem⸗ deſt Dich dadurch zu ſehr Deinem eignen Vaterlande und ſeinen Sitten. Glaube mir, es ſteht an der — 22— Spitze der Civiliſation, und Du haſt Unrecht, es nicht erſt genau kennen zu lernen, ehe Du den Vergleich mit andern Laͤndern anſtellſt. Entziehe Dich den pa⸗ riſer Geſellſchaften nicht ganz, lerne ſie naͤher kennen, beſuche Baͤlle, Schauſpiele, naͤhere Dich auch den po⸗ litiſchen Cirkeln, die Dir bis jetzt mit Unrecht fremd blieben. Du trittſt bald in die Reihe der Wahl⸗ herren, und wenn Du Deine Faͤhigkeiten in dieſer Rich⸗ tung ausbildeſt, ſo kannſt Du, durch Vermoͤgen und Stellung unabhaͤngig, Deinem Vaterlande ſehr nuͤtzlich ſein. Wenn meine Geſundheit es geſtattet, die Wintermonate in der Stadt zuzubringen, ſo werde ich Dich ſelbſt uͤberall einfuͤhren.“ Bei meiner Ruͤckkehr in die Stadt fand ich einen Theil meiner jungen Gefaͤhrten abgereiſt, und da ich nun eine andere Lebensart beginnen ſollte, ſo ſuchte ich die Luͤcke nicht zu erſetzen. Auf ſehr empfindliche, ja ſchmerzliche Weiſe traf mich jetzt die Nachricht der Entfernung unſers geliebten Schulfreundes Arwed Latour. Die Urſache davon ward in der Geſellſchaft und von den dabei intereſſirten Perſonen auf ſo ver⸗ ſchiedene Weiſe angegeben, daß ich keiner trauen mochte, und da der Grund uͤberhaupt gleichguͤltig war, indem er das Reſultat nicht aͤnderte, ſo trauerte ich im Stillen und ſuchte ſo viel als moͤglich meinen Mismuth zu verbergen; es leidet aber keinen Zwei⸗ fel, daß dieſer Umſtand ſowol als die voͤllige Auf⸗ — 23— loͤſung einer mir werth gewordenen Umgebung ſchon dazu beitrug, mich ebenfalls eine kurze Entfernung von Paris fuͤr mich wuͤnſchen zu laſſen. Ich fand wenig Vergnuͤgen an meiner neuen Lebensart, denn lebte ich auch gerne mit Andern, ging ich auch in glaͤnzende zahlreiche Aſſembleen, machte den Hof bei ſchoͤnen Damen u. ſ. w., ſo geſchah es dennoch mit kaltem Herzen, weil mich in dieſer kalten Sphaͤre nichts zu feſſeln verſtand; ich fuͤhlte es deutlich, wah⸗ res Gluͤck ſei auf dieſer Laufbahn nicht zu treffen, und ſah mich daher nach andern Seiten um. Beſſer ging es mir in den gelehrten und gar in den politi⸗ ſchen Cirkeln; hier war Leben, geiſtreiche Thaͤtigkeit, und unvermerkt zog ich mich von der in Luxus ſchwel⸗ genden Chauſſée d'Antin, von der anſpruchsvollen Vorſtadt St. Germain in die weniger durch aͤußern Prunk ſchimmernden Salons der gelehrten und po⸗ litiſchen Welt zuruͤck. Ich lernte hier viele beruͤhmte Maͤnner kennen, und da ich noch jung war, noch kei⸗ ner Partei angehoͤrte, ſo konnte ich noch ohne Schwie⸗ rigkeit die Ausgezeichneten von entgegengeſetzter Mei⸗ nung kennen lernen. Um ſie, ihre Abſicht und Äu⸗ ßerungen beſſer zu begreifen, mußte ich den Debatten der Kammern folgen und viele Journale leſen. Unver⸗ merkt nahm ich groͤßeres Intereſſe daran, als ich mir anfangs vorgeſetzt, und bald ſah ich ein, daß ich meine ganze Zeit einer Sache ſchenkte, in der ich mich 24 trotz einer anſcheinenden Geſchaͤftigkeit ganz paſſiv verhielt und nichts Eignes foͤrderte. Ich fing auch an hieruͤber mismuthig zu werden und nahm mir vor meine Lebensart abermals zu veraͤndern, fuͤrs Erſte blieb es aber dabei. Als mich Ferdinand auf dieſem Wege ſah, ſchien er ſich mir um ſo lieber zu naͤhern; doch bemerkte ich bald, daß die heftigſten Mitglieder der Oppoſition gegen ihn gemaͤßigt erſchienen, und daß die Grund⸗ ſaͤtze des jungen Mannes excentriſch revolutionnair wa⸗ ren. Ich wollte meinen Ohren nicht trauen, als er ſelbſt gegen ganz Fremde ohne alle Ruͤckſicht jeden Haß, jeden Tadel ausſprach, wovon er immer eine gute Doſis bereit hatte. Dabei vertheidigte er den religioͤſen Myſticismus, und je mehr er ſprach, deſto weniger verſtand ich ihn. Mir war es noch nicht eingefallen, eine ſo ſehr beſtimmte politiſche Meinung zu aͤußern; nur die Freiheit, unſere Geſetze liebte ich, je⸗ doch mehr aus Inſtinct als aus Überlegung. Was mir nun an meinem deutſchen Weltverbeſſerer beſon⸗ ders auffiel, war das Nebuliſtiſche, Verworrene ſei⸗ ner Grundſaͤtze, die bei uns, wo Alles klar und ab⸗ geſchloſſen war, in dieſer Beziehung gar nicht ver⸗ ſtanden werden konnten. Meine Verwunderung dar⸗ uͤber zu erkennen gebend, griff ich ihn wegen der dun⸗ keln Unbeſtimmtheit an; es war ihm aber ſehr em⸗ pfindlich. Bald bemerkte ich, wie viel genauer als 25— ich er die verſchiedenen Phaſen unſerer Revolution kannte, wie lebhaft ihre Principien von ihm aufge⸗ nommen waren, wie exaltirt Ferdinand bei uns Fran⸗ zoſen erſchien, und auf wie ganz unerklaͤrliche Weiſe ſich religioͤſe Schwaͤrmerei hier hinzudraͤngte, wie alle dieſe Miſchung ihn zur perſonificirten Unverſtaͤndlich⸗ keit ſtempelte. Noch undeutlicher, mismuthiger als bisher, zeigte er ſich ploͤtzlich ſeit dem letzten Herbſte, und endlich ließ ſeine zerſtoͤrte Miene und eine ge⸗ wiſſe finſtere Verſchloſſenheit mich um ihn beſorgt werden, da ich trotz aller ſeiner Sonderbarkeiten auf⸗ richtige Anhaͤnglichkeit fuͤr ihn gefaßt hatte. Er er⸗ wies mir ſolche nicht minder bei Gelegenheit des har⸗ ten Verluſtes, den ich erdulden ſollte. Mein Vater, der bei Ausgang des Winters in be⸗ ſtem Geſundheitszuſtande auf ſeine Guͤter zuruͤckgekehrt war und meine Begleitung deshalb abgelehnt hatte, erkrankte ploͤtzlich und ſtarb. Ich erfuhr beides faſt zu gleicher Zeit. Sehr erſchuͤttert uͤber dieſen Verluſt, konnte ich lange nicht Faſſung gewinnen, den betraͤcht⸗ lichen Nachlaß zu ordnen. In jenen traurigen Au⸗ genblicken ſtand mir Ferdinand treu bei. Er gefiel ſich in dem Ausdrucke meines Schmerzes, und die ſtarke aͤhnliche Empfindung ſchien ſich in meinen Kla⸗ gen aufzuloͤſen, aber ſtatt meiner ruhigen, gerechten Leiden fand ich ſein Inneres zerriſſen; ich ſah meine Trauer nur durch den Kampf meines Gefaͤhrten er⸗ —————— —— —— — 26— hoͤht, und ſo ward ſein ganzes Weſen mir taͤglich unbegreiflicher. 4 Als ich mich eines Tages mit der Ordnung der letzten Erbſchaftsangelegenheiten beſchaͤftigte, und in Trauer uͤber den Verluſt meines Vaters, uͤber die Abweſenheit Arweds, in Mismuth uͤber Mancherlei, wenn auch weniger Bedeutendes, mich recht ſehnlichſt fern von Paris wuͤnſchte, trat Ferdinand zu mir ins Zimmer. Auffallend verſtoͤrt war ſeine Miene. Was iſt Ihnen, Herr von Leuchtenhauſen? rief ich ihm entgegen. Ich komme um Abſchied von Ihnen zu nehmen, erwiederte er, ich muß fort in meine Heimath. Iſt Ihnen eine ungluͤckliche Nachricht von dort ge⸗ kommen? Reden Sie, ich beſchwoͤre Sie. Nein! rief er, mich wild anſehend, aber ich muß fort. Gebe Gott, meine Qual verdankte nur der Grille ihre Entſtehung und Mittheilung koͤnnte mir Linderung verſchaffen, aber es kann nicht ſein. O! Dorval, laſſen Sie mir immerhin ein trauriges Ge⸗ heimniß, was mir nicht allein angehoͤrt, und ehren Sie meinen Schmerz! Durchaus nicht gefaßt auf dieſe Antwort, beſtuͤrzte ſie mich. Ja, verſetzte ich, ich ehre Ihren Schmerz und bitte Sie nun ſelbſt zu ſchweigen, aber ich darf Sie als Freund in dieſer aufgeregten Stimmung nicht — 2)— allein reiſen laſſen. Ich gehe mit Ihnen, wohin der Weg auch fuͤhren mag, denn Sie ſind ungluͤcklich, beduͤrfen des Beiſtandes und werden es mir ſelbſt einſt Dank wiſſen, daß ich Ihnen meine Huͤlfe auf⸗ drang. Sie ſind im Irrthum, antwortete er, mein Weg geht direct in meine Heimath zu meiner Familie, wo ich eine ruhigere Lebensart fuͤhre, als Sie in Ihrer bewegten, laͤrmenden Hauptſtadt nur ahnen koͤnnen; wollen Sie mich indeſſen dahin begleiten, ſo will ich dieſes als ein abermaliges Zeichen Ihrer opferfaͤhigen Freundſchaft anſehen, denn Sie muͤſſen Ihre Kam⸗ mern, Journale, geiſtreiche Aſſembleen, kurz Paris gaͤnzlich dort vergeſſen. Gewiß? rief ich erfreut, deſto beſſer! ſo gehe ich um ſo lieber! Aber weshalb? fragte er abermals verwundert. Das iſt mein Geheimniß, verſetzte ich laͤchelnd, und ohne Weiteres ward die Reiſe auf den naͤchſten Tag angeſetzt. Viertes Capitel. Die vielen neuen Gegenſtaͤnde, die ſich dem Reiſen⸗ den ſelbſt in den einfoͤrmigſten Laͤndern dennoch ent⸗ gegendraͤngen, verbunden mit der Sorgfalt, die er nothwendig fuͤr ſich und ſeine Beduͤrfniſſe tragen muß, er mag noch ſo wenig Egoiſt ſein, ſcheinen das ſicherſte Zerſtreuungsmittel darzubieten. Jeder, den eine wehmuͤthige Erinnerung, ein ernſter Kummer, ein druͤckendes Verhaͤltniß, oder auch nur eine uͤble Laune daheim plagt, ſollte hinauseilen auf die große Landſtraße, dachte ich, als ich dahinrollte neben den friſch aufkeimenden Saatfeldern, deren helles Gruͤn, beim Beginn des Fruͤhjahrs, von unzaͤhligen gelben und blauen Bluͤmchen emaillirt ſchimmerte. Die Luft, welche hinter den Stadtmauern weht, namentlich hinter ſolchen, die beinahe eine Million Menſchen einſchließen, athmet ſich ganz anders ein als die Luft in den Mauern: die Luftroͤhren beduͤr⸗ fen kaum der halben Anſtrengung, Bruſt und Kopf heben ſich leichter, der Menſch geht raſcher, freier einher und erſcheint veredelter; alſo reiſe man, und muͤßte man ſich den Zehrpfennig dazu erbetteln! Nach ſolcherlei Erwaͤgung ſah ich ein, mein Nach⸗ denken lief im Grunde auf nichts mehr hinaus als — 29— auf eine gewiſſe Behaglichkeit, die jeder Geſunde, beim Beginn einer Reiſe, vom Wetter beguͤnſtigt, empfin⸗ den muß, wenn er eine große, uͤbervoͤlkerte Stadt verlaͤßt; indeſſen nahm meine Zufriedenheit ſtuͤndlich zu, und vor der Hand hatte ich nur Urſache, mich mit meinem Entſchluſſe, eine neue Lebensart in der Fremde aufzuſuchen, zu erfreuen. Dieſe Seelenheiter⸗ keit theilte ſich auch bald meiner Phyſiognomie und meinem ganzen Weſen mit, und ſo war ich faſt mir ſelbſt unbewußt zu einer Art Munterkeit, zu einer Scherzluſt uͤbergegangen, die bedeutend gegen die Ge⸗ muͤthsſtimmung abſtach, in der ich mich kuͤrzlich in Paris befand. Die Veraͤnderung war zu auffallend, um meinem Reiſegefaͤhrten zu entgehen, und daher ſeine Bemerkung daruͤber ganz natuͤrlich. Hielt ich die Veraͤnderung der Luft, ſagte er, doch wahrlich fuͤr keinen ſo ploͤtzlich ſichtbaren Vortheil, als er ſich jetzt bei Ihnen ſo beſtimmt zeigt. Vor ei⸗ nigen Tagen noch ernſt, oft nachdenkend, ſehe ich Sie ganz unerwartet wie verwandelt. Ihre Bemerkung iſt zu richtig, antwortete ich, als daß ich widerſprechen moͤchte. Ja, ich leugne es nicht, obgleich mit ganzer Seele meiner Vaterſtadt ergeben, obgleich der eifrigſte Vertheidiger ihrer Vortheile, konnte mich dort in der letzten Zeit Mancherlei nicht recht zufrie⸗ den ſtellen. Iſt auch der Tod meines Vaters und Trennung von andern mir lieb gewordenen Menſchen, — 30— von einem theuern Freunde, der erſte wichtigſte Grund zu meinem Grolle gegen Paris, ſo hat mein Mis⸗ muth noch in dem ſchwankenden Zuſtande meines eig⸗ nen Sinnens ſeine Entſtehung. Mein Nachdenken, Beurtheilen, heute fuͤr einſichtsvoll zu erklaͤren, was mir morgen als Grille erſcheint, erbitterte mich gegen mich ſelbſt und Sie errathen wol nicht, daß meine Hauptanklage gegen meine Vaterſtadt und gegen meine dortigen Verhaͤltniſſe geht. Dieſes Geſtaͤndniß befremdete ihn, denn niemals, glaubte er, koͤnnte ein Pariſer Tadelnswerthes an Pa⸗ ris finden. Nicht, ſagte er, daß ich nicht Manches in der Naͤhe betrachtet in einem weniger guͤnſtigen Lichte fand, als es mir aus der Ferne erſchien, aber dem⸗ ungeachtet bleibt der Totaleindruck ſo impoſant groß⸗ artig, daß ich, was den Fremden als ſolchen noch anſtoͤßig ſein muß, von Franzoſen, als ihrem Cha⸗ rakter zuſagender, uͤberſehen glaubte. Ihre Ver⸗ haͤltniſſe vollends, lieber Dorval, ſchienen mir zu den gluͤcklichſten zu gehoͤren, indem Stellung und Vermoͤ⸗ gen, Bildung und Anſehen Sie in Ihrer freigeſinn⸗ ten Vaterſtadt den erſten Claſſen zugeſellen. So viel ich weiß, ſind Sie durchaus unabhaͤngig in der Welt, zwar aͤlternlos, aber auch aller laͤſtigen Verwandt⸗ ſchafts⸗ und Geſellſchaftsbande entledigt, und ohne Rechenſchaft abzulegen, moͤgen Sie Zeit und Willen — 31— nach Belieben verwenden; dabei behandelte der Him⸗ mel auch wahrlich Ihre Geſtalt nicht ſtiefmuͤtterlich, und was koͤnnte Sie mit allen dieſen vereinigten Vortheilen noch unzufrieden ſtimmen?— Es iſt Alles genau, wie Sie ſagen, verſetzte ich, und deswegen die Anklage, die ich nicht ſelten gegen mich ſelbſt fuͤhre, bitter genug, aber der Menſch iſt nun einmal nicht vollkommen zu befriedigen, und ſo nennen Sie mich meinetwegen uͤbermuͤthig, launig: ich kann meine Geſinnungen nicht aͤndern. Einmal zum Nachdenken uͤber meine Lebensart in Paris ge⸗ langt, fand ich uͤberall Tadelnswerthes. Ich weiß es, ſie heißt die angenehmſte Stadt der Welt, man ſieht und hoͤrt viel Schoͤnes darin, es iſt ein großartiges, oͤffentliches Leben dort, wie man es, London bedin⸗ gungsweiſe ausgenommen, nicht leicht wiederfindet, aber mir war ſchon ſeit einiger Zeit nicht mehr be⸗ haglich in Paris, und faſt glaube ich die Urſache in meiner juͤngſt gewaͤhlten Lebensart zu ſehen.— Dieſes Zerren der Parteien, die uͤberall die oͤffentliche Wohlfahrt zum Vorwande unterſchieben und oft ganz andere Abſichten als die genannten bezwecken wollen, fing mir nach und nach an zu misfallen. Hier waren meine Geſinnungen der Regierung zu frei, um mich zu einem Amte zuzulaſſen, dort den Ultraliberalen zu beſchraͤnkt, um mir mit gleicher Artigkeit als anfangs zu begegnen, wo ich — 32— noch ſelbſt keine Meinung hatte. Bei meiner Jugend konnte ich auch in den Sitzungen noch zu keiner Thaͤ⸗ tigkeit gelangen, und ſo begann ich vom Morgen bis Abend eben nichts als die Debatten der Kammern zu hoͤren und Journale zu leſen, was nicht viel mehr ſagen will als ſich im Muͤßiggange umherzutreiben. Ich ward es ploͤtzlich uͤberdruͤſſig, tagtaͤglich dieſen Haufen Tagesblaͤtter zu durchleſen, die mich am Ende meiner Laufbahn doch nicht kluͤger machen werden, und worin ich, mich durch einen Wuſt von Redens⸗ arten ſchlagend, das Reſultat vergeblich ſuche, und leiteten ſie mich gar irre, wie ich es oft zu ſpaͤt ein⸗ ſah, erweckten ſie Zweifel in mir, ſo ward ich ver⸗ ſtimmter als zuvor. Warum, frug Ferdinand, laſen Sie die Journale, wenn Sie Ihnen Verdruß verurſachten? Weil ich in Paris lebte, verſetzte ich, wo es das erſte Beduͤrfniß aller Claſſen iſt. Ich las nicht allein taͤglich eine gewiſſe Anzahl, ſondern ich begann da⸗ mit, ſobald ich die Augen oͤffnete. Man iſt nicht unterrichtet oder gebildet, wenn man Zeitungen lieſt, nicht das Gegentheil durch Unterlaſſung, aber das Letztere ſcheint ſo in Paris, denn wie will man vom fruͤhen Morgen bis zum ſpaͤten Abend in der allge⸗ meinen Unterhaltung ſich zurecht finden, wenn man nicht zuvor durch oͤffentliche Blaͤtter unterrichtet iſt? Ich wuͤrde nicht als Beiſpiel des Umſtandes erwaͤh⸗ — 335— nen, daß mein Bedienter, indem er die Laͤden meines Schlafgemachs oͤffnet, vor Begierde brennt, mir die wichtigſten politiſchen Artikel mitzutheilen, da er vor meinem Erwachen ſchon wenigſtens ein Journal las (daſſelbe gilt von meinem Barbier, Portier, von dem armen Waſſertraͤger, der das Haus fuͤr den Tag mit Waſſer verſieht), aber meine Langeweile begaͤnne gleich in dem Kaffeehauſe, wo ich nach zehn Uhr fruͤhſtuͤcke, haͤtte ich mich nicht vor dem Ausgehen durch Leſen unterrichtet, worauf ſich die Geſpraͤche um mich her beziehen. Sie werden mich fragen, warum ich neben meinem Fruͤhſtuͤcke einer andern Unterhaltung bedarf, und was mich die Geſpraͤche einer fremden Umgebung kuͤmmern. Sie muͤſſen aber bedenken, daß ich kein Gourmand bin, vielmehr nur inſtinktmaͤßig eſſe, um zu leben; an und fuͤr ſich gewaͤhrt es mir kein Ver⸗ gnuͤgen, Speiſen hinabzuſchlucken, ich muß alſo nebſt dieſem noch Unterhaltung haben. Am liebſten wuͤrde ich hierzu meine eignen Gedanken waͤhlen, aber hier ſteckt eben meine Klage uͤber Paris. Man kann in dieſem tumultuariſchen Gewuͤhle, ſobald man einmal aus ſeinem Zimmer tritt, zu keinem ruhigen Sinnen mehr gelangen. Mußte ich mich ſelbſt alſo verlaſſen und war zwangsmaͤßig nach außen angewieſen, ſo mußte ich mich fuͤr meine Umgebung zu ſtimmen ſu⸗ chen; wollte ich dieſes aber in Paris, ſo komme ich auf meine erſte Behauptung zuruͤck: ich mußte faſt — 32— zur ausſchließlichen Lecture Journale waͤhlen, und ſehen Sie, dieſe Nothwendigkeit war es, die mich ſo von ganzer Seele verdroß. Und dieſes allein Ihre Anklage gegen Paris? ent⸗ gegnete mein Gefaͤhrte, wahrlich! haͤtte ich doch nim⸗ mer geglaubt, derſelbe Gegenſtand, der meine Bewun⸗ derung dort erregte, koͤnne bei dem Eingeborenen Ver⸗ druß erwecken. Wenn dieſes allein der Grund Ih⸗ rer Unzufriedenheit iſt, ſo wuͤrde mir eine derbe Lection, denn ich ſehe einen Pariſer im Beſitze alles Deſſen, was mir wuͤnſchenswerth erſcheint, nur durch über⸗ maß des Genuſſes abgeſtumpft. Nun, deſto beſſer fuͤr meine Heimath, wohin Sie mich jetzt begleiten. Sie werden dort weder von Geraͤuſch, noch Journa⸗ len, noch gar politiſchen Zaͤnkereien geſtoͤrt werden! Fer⸗ dinand lachte ſo uͤberlaut dabei, wie ich an dem im⸗ mer Verſtimmten nicht gewohnt war, und ſichtbar deutete es auf Spott; auch behauptete er, ich haͤtte ihm noch keinen vernuͤnftigen Grund meiner Unzu⸗ friedenheit augegeben. Da ich mich zur Zeit jener Unterhaltung ganz in meinem Rechte waͤhnte, ſo be⸗ muͤhte ich mich, mehr Beweiſe aufzuſtellen. Ich leugne, fuhr ich fort, dieſer Lecture nicht ihre guten, intereſſanten Seiten ab, manche angenehme Stunde verdankte ich ihr, und die Exiſtenz des Liberalismus in Paris ginge zu Grunde, verloͤre ſie ihre Stuͤtze der Journale; aber das Journalweſen dort bringt ſo — 35— manches alberne Geſchwaͤtz hervor, was mir uner⸗ traͤglich war. Bei meiner unabhaͤngigen Lage, in der ich mich keiner beſtimmten Beſchaͤftigung widmete, indem ich die Advocatur nur als Grad, aber nicht zur Aus⸗ uͤbung angenommen hatte, mußte mein Geiſt nach mannichfacher Nahrung ſuchen, denn nur ein modi⸗ ſcher Fant mit leerem Schaͤdel oder ein Stuben⸗ gelehrter mit uͤberfuͤlltem Gehirn ſind uͤber dieſes Be⸗ duͤrfniß hinaus; ich mußte alſo Menſchen kennen ler⸗ nen, an ihrer Lebensart, ihren Unterhaltungen Theil nehmen. Aber, fragte Ferdinand wieder, wie kommt das zu den Journalen und zur Politik? Allerdings, verſetzte ich, denn beide regieren in Pa⸗ ris Menſchen und Geſellſchaft, und ich wuͤrde ohne meine Morgenlecture wie im Kaffeehauſe auch den uͤbrigen Tag iſolirt geblieben ſein. Nach dem Fruͤh⸗ ſtuͤcke blieben wir nur wenige Stunden, die ich eini⸗ gen ernſten und angenehmen Arbeiten widmen konnte, etwa von elf bis drei, und zwar nur in der Zeit, worin die Kammern keine Sitzungen hielten. Ich wandte ſie abwechſelnd zur Mathematik, zum Malen, zur Muſik, zur Vervollkommnung fruͤher erlernter Wiſſenſchaften an, wohnte auch hin und wieder den gelehrten und akademiſchen Sitzungen bei, aber zu meinem groͤßten Verdruſſe ward ich in dieſen Lieb⸗. 3* —— — 36— lingsbeſchaͤftigungen von meinem eignen Nachdenken uͤber die Welthaͤndel geſtoͤrt. Es war ebenfalls Folge meiner Morgenlecture, die gleichſam wie eine dritte Perſon zwiſchen mich und meine Gedanken hineintrat. Doch das Schlimmſte kam erſt mit der zweiten Haͤlfte des Tages. Nach drei Uhr mußte ich zur Geſund⸗ heit friſche Luft ſchoͤpfen, und bald ging ich nach dem Tuileriengarten, bald ritt ich im boulogner Gehoͤlz. An beiden Orten traf ich die ſogenannte ſchoͤne und geiſtreiche Welt, an jedem begegnete ich Unzaͤhligen, die ich kannte und gruͤßte, ich mochte mich aber zu Herren oder Damen, zu Alt oder Jung wenden, ſo war ich, ehe ich mich es verſah, in ein politiſches Ge⸗ ſpraͤch gezogen. Ich weiß nicht, war es meine oder Jener Schuld, aber genug, es war ſo; bei Maͤnnern und Frauen, uͤberall bemerkte ich vorherrſchenden Hang dazu. Hoͤrte ich nun beinahe drei Stunden den Dis⸗ cuſſionen zu, ſo eilte ich nach Hauſe mich umzuklei— den, und dann zur Tafel. Hier aber, wo man ſich vom Glanze der Kerzen, von heißen Speiſen, er⸗ hitzenden Getraͤnken erſt gehoͤrig durchwaͤrmt fuͤhlte, wurden auch die politiſchen Geſpraͤche um ſo hitziger, und dann, wehe dem Armen, der nicht ſchon wie ich ſeine Zeitungen im Kopfe hatte! Er wuͤrde ſo wenig verſtehen, als wuͤrde er ploͤtzlich nach China verſetzt. Die oͤffentlichen Blaͤtter ſind fuͤr oder gegen die Mi⸗ niſter, den Krieg, die Wahlen, oder was ſonſt noch — 32— an der Tagesordnung iſt, die Geſellſchaft ebenfalls. Wer als Einzelner neutral bleiben wollte, waͤre Null in dieſen Cirkeln, und ganz geiſtlos muͤßte man ſein, wenn man ſich ſchon den erſten Juͤnglingsjahren ent⸗ wachſen fuͤhlt, und ſich dennoch in der allgemeinen Unterhaltung nur paſſiv verhalten mag. Spaͤter be⸗ ſuchte ich entweder das Theater oder einige Abend⸗ cirkel, vereinigte oft Beides, aber auf jeden Fall war es in Ruͤckſicht der Unterhaltung gleich, denn konnte ich auch waͤhrend der Auffuͤhrung meine Aufmerkſam⸗ keit ungeſtoͤrt auf das Schauſpiel richten, ſo ward ich doch in den Zwiſchenacten im Foyer uͤberall von Bekannten umringt, und hier begann gleichſam ein neuer Act politiſcher Discuſſionen; entweder man hatte die Abendzeitungen ſchon geleſen und wollte mir den Genuß der Mittheilung daraus verſchaffen, oder man hoffte dieſes von mir.— Auf dieſe Weiſe reihte ſich in Paris ein Tag an den andern, und ich legte mich gleich unzufrieden Abends nieder, um mit dem Mor⸗ gen denſelben Lebenswandel wieder zu beginnen. Ka⸗ men hin und wieder ſaͤrlich genug auch andere Ge⸗ genſtaͤnde in der Unterhaltung vor, ſo wurden ſie doch gleich wieder von der Baſis Aller, Urtheile uͤber Journale, Lob und Tadel uͤber die Regierung, erſtickt. Aber welchen Gegenſtand zoͤgen Sie denn dieſem intereſſanteſten aller Converſationsſtoffe vor? fragte Ferdinand erſtaunt. — 38— Mannichfaltigkeit, entgegnete ich, Abwechſelung. Soll man geſellſchaftliche Vereinigung auch geſellig angenehm finden, ſich nicht laͤſtiger Verhaͤltniſſe hal⸗ ber mit Zwang in einer Verſammlung einſtellen, ſo muͤßte man durch Verſtand und Liebenswuͤrdigkeit einzelner Mitglieder geiſtigen Genuß erhalten, und der groͤßte aller Genuͤſſe bleibt fuͤr den vielſeitig Ge⸗ bildeten ein vielſeitiges Geſpraͤch. Es mag immerhin die Staatsverfaſſung auch beruͤhren, aber nicht aus⸗ ſchließlich, und ſomit aller weitern Kunde den Weg zu uns verſperren. Kann ſein, erwiederte er, daß Ihre Anſicht rich⸗ tig iſt: mir ſagt ſie nur theilweiſe zu. Auch ich ziehe ein intereſſantes Geſpraͤch allen andern Unter⸗ haltungen vor, aber wahrlich! wenn Sie mich fruͤ⸗ her uͤber mein Luftgebilde von der Freiheit zur Rede ſtellten, mich fragten, wo ſich die eigentlichen Origi⸗ nale meiner Darſtellungen befaͤnden, ſo erlauben Sie mir wol zu fragen: in welchem Lande, in wel⸗ chen Cirkeln, als in Paris, wiſſen Sie, daß Begriff und Sprache beſſer zur alleinigen Unterhaltung ei⸗ ner Verſammlung benutzt werden? So viel ich mich in der Welt umſchaute, ſo viel mir von den euro⸗ paͤiſch gebildeten Nationen bekannt ward, weiß ich es andrer Orten nicht allein nicht beſſer, vielmehr ſchlimmer. Fuͤr den allgemein gefuͤhlten Mangel des Geſpraͤchs zeigt gewiß am deutlichſten die Mode, in — 39— eine Vereinigung eine vorher berechnete Unterhaltung kuͤnſtlich abgemeſſen herbeizufuͤhren, denn Kartenſpiel, Ball, italieniſche Arien, Clavierſonaten, Tableaux⸗ darſtellungen und Liebhaberkomoͤdie der anſpruchsvollen Reſidenzbewohner, Pfaͤnderſpiel der begnuͤgenden Klein⸗ ſtaͤdter, welches Alles abwechſelnd als Huͤlfsmittel hervorgeſucht wird, toͤdtet nicht allein das Geſpraͤch, ſondern dergleichen beweiſt, daß noch gar kein Be⸗ duͤrfniß, kein Stoff dazu vorhanden war. Auch ich moͤchte wie Sie nicht als ſchlechter Patriot erſcheinen, da Sie mir ohnehin den Vorwurf nicht ſparen; aber Zeit⸗ und Ortswechſel werden Sie uͤberzeugen und Sie Ihre Vaterſtadt mit andern Augen anſehen leh⸗ ren. Sie koͤnnen mir einwenden, die zahlreichen Ver⸗ ſammlungen, worunter ſich viele gegen den Haus⸗ herrn gleichguͤltig, manche feindlich Geſinnte, und we⸗ nig Freunde, wenig Verſtaͤndige einfinden, die Alle mit dem verſchiedenſten Geſchmacke, mit der hetero⸗ genſten Individualitaͤt, ſich dennoch in dem einen Anſpruche begegnen, fuͤr den Abend gut unterhalten zu ſein, waͤren uͤberhaupt eine foͤrmliche Ausgeburt unſerer uͤberbildeten Civiliſation;— das gebe ich gern zu. Mir auch ſcheint das Zuſammentreffen mit weni⸗ gen geiſtreichen Perſonen allen großen Geſellſchaften vorzuziehen; aber es leidet keinen Zweifel, daß man in Paris noch am beſten das Übel zu behandeln ver⸗ ſteht. Das allgemeine Geſpraͤch uͤber Staatsverfaſſung 40 gibt doch wenigſtens ein Geſpraͤch; das Intereſſe daran iſt doch ein wuͤrdiges, und endlich ſcheint es mir noch beſſer, die Nachforſchungen einer Nation bezie⸗ hen ſich auf ihr eignes Wohl, auf ihre Rechte, als daß ſie aus lauter gruͤndlicher Gelehrſamkeit dieſe unbeachtet ließe und ſich mehr um die Hindu und Patagonier als um ihr eigenes Vaterland bekuͤmmerte. Dieſer letzte Ausfall Ferdinands geſchah, wie ge⸗ woͤhnlich, wenn er andrer Meinung war, mit Bitter⸗ keit. Verſtand ich ihn auch recht gut, ſo wollte ich ihn dennoch nicht heftiger gegen ſein Vaterland reizen, an dem er ohnehin ſchon ſo viel Tadelnswerthes fand. Ich hielt Maͤßigung ſeinerſeits um ſo noͤthiger, da er in den Schoos ſeiner Familie zuruͤckkehrte, wo ſolcher⸗ lei Reden leicht kraͤnken konnten. Ich brach daher dieſen Faden des Geſpraͤchs ab, ließ indeſſen ſeine Worte nicht ganz unbeachtet an meinem Ohr voruͤber⸗ gleiten und dachte ihnen ernſter nach. Etwas Wahres lag allerdings in ſeiner Behauptung, wie er denn oft einen richtigen Blick verrieth und gewiß mehr Wohl⸗ wollen in der Welt gefunden haͤtte, wenn nicht ſein ſchroffer Eifer und ſein undeutliches Weſen zuweilen Die⸗ jenigen wieder zuruͤckſchreckte, die ſein beſſeres Ich ſchon gewonnen hatte. Spaͤter ſollte er den Triumph erle⸗ ben mich zu uͤberzeugen, daß die mir ſcheinbar laͤſtige Lebensart dennoch als Pariſer mir eine Art Beduͤrf⸗ niß war, daß durch den Umgang mit Fremden ſich — 41— unvermerkt einige ihrer Anſichten meiner bemeiſterten, die ſich weder mit meinem Geſchmack noch mit mei⸗ nem vaterlaͤndiſchen Intereſſe lange vertragen konnten; doch, ich greife vor. Fuͤnftes Capitel. Wenn dieſe Skizze meiner Hin⸗ und Wiederreden mit meinem Reiſegefaͤhrten auch Manchem von Euch langweilig erſcheinen mochte, ſo konnte ich ſie dennoch nicht unterlaſſen, denn ſie gibt ſowol einen Begriff unſerer damaligen Geſinnungen als unſers Zeitver⸗ treibes auf der langen Fahrt. Wir beruͤhrten außer dem erwaͤhnten Thema noch viele andere, womit ich aber Diejenigen verſchonen will, die den Fortgang der Begebenheiten wuͤnſchen moͤchten und vielleicht ſchon alle bisherigen Reflexionen hinderlich fanden; doch bitte ich zu bedenken, daß ich dieſe Blaͤtter nicht nach den Regeln eines Romans abfaſſen kann: ich ſehe ſie vielmehr als Recapitulation einer fuͤr meine Ge⸗ fuͤhle bedeutenden Zeit an, in der ich, was ſich Ro⸗ mantiſches zutrug, nebſt meinen Gedanken daruͤber notirte. So fuͤge ich denn auch gleich die Bemerkung — 42— uͤber Ferdinand hinzu, daß er mir auf der Reiſe oft noch raͤthſelhafter als waͤhrend ſeines letzten Aufent⸗ halts in Paris erſchien. Zuweilen bemerkte ich eine unuͤberwindliche Sehnſucht nach ſeiner Heimath bei ihm, ein Streben, zu geliebten Menſchen zuruͤckzukehren, zuweilen ſchien er aber unſicher, was er ſelbſt wuͤnſche, ſeine Ankunft in dem aͤlterlichen Hauſe abſichtlich zu verzoͤgern, gleichſam als ſchrecke ihn Etwas von dort zuruͤck. Unſere Reiſe fuͤhrte uns durch unglaublich ſchoͤne Provinzen, oder, da man ſie Herzogthuͤmer, gar Koͤ⸗ nigreiche nannte, ſo denke ich ſie am beſten mit dem Beiworte allerliebſt und niedlich zu ſchildern. Wohl verſorgt und durchaus reinlich gehalten, gute Land⸗ ſtraßen, vortreffliche Poſtbedienung, ein reicher Bo⸗ den, eine kraͤftig reiche Bevoͤlkerung, bot ſich ein la⸗ chendes Bild des Wohlſtandes und der Zufriedenheit dar; wie mußte ich dagegen ſtaunen, als bei naͤherer Erkundigung der uͤberreiche Boden, die uͤberreiche Bevoͤlkerung einiger dieſer kleinen Reiche als Grund entſetzlicher Noth angegeben ward. Scharenweiſe ver⸗ ließen die Eingeborenen eine bluͤhende Heimath, um ihr zweifelhaftes Loos auf Amerikas unangebautem Boden abzuwarten, wo ſie oft ein ungluͤcklicheres Schickſal als das verlaſſene erlebten; traurige ihnen bekannte Beiſpiele ſchreckten ſie nicht ab, denn es blieb dieſe Aus⸗ wanderung der einzige Ausweg zur etwanigen Rettung. — 43— Sobald ein Reiſender von den Bewohnern ei⸗ nes Landes, welches er beſucht, ſchmerzlich von der Erzaͤhlung ihres Elends uͤberraſcht wird, wenn dieſes vollends in ſo grellem Contraſte mit der Natur ſteht, wie hier der Fall war, ſo kann er ſich weder des Mitleids noch des Nachdenkens erwehren. Es ging mir alſo wie Jedem; doch wuͤrde die Aufzeichnung alles Deſſen, was ich damals uͤber dieſen Gegenſtand dachte, hier zu weit fuͤhren; noch mehr muͤßte ich, wie Ihr ſchon denken koͤnnt, von dem ſtuͤrmenden Ferdinand bei dieſer Gelegenheit berichten: wie er nicht den Fuͤrſten und ſeine Raͤthe, den Adel und ihre Vorrechte ſchonte, am liebſten und laͤngſten den Un⸗ zufriedenſten anhoͤrte und die bitterſte Galle zu erbit⸗ tern ſuchte. Ich fuͤhre Euch indeſſen hinaus uͤber die Grenzen jener Bezirke, um lieber des Erfreulichen zu erwaͤhnen. Das deutſche Spruͤchwort: hinter dem Berge woh⸗ nen auch Leute, ſcheint faſt als Perſiflage auf unſere Landsleute erfunden zu ſein, wenigſtens wird der Pariſer unglaublich davon getroffen, wenn man auf der Reiſe ſein Staunen ſieht, daß außer ſeinem vielgeruͤhmten Paris noch Kunſt und Wiſſenſchaften bluͤhen, noch betraͤchtliche Staͤdte mit Schaͤtzen aller Art ſich finden, wie uͤberhaupt, daß die Welt hinter ſeinen Stadtmauern, oder wenigſtens hinter Frank⸗ reichs Grenzen kein Ende nimmt. Das Sonder⸗ — 44— barſte dabei iſt, dieſes Staunen ſogleich dem Tadel weichen zu ſehen; denn er geht nach der erſten Über⸗ raſchung ans Vergleichen und findet nun, daß doch im Grunde nichts die Wage gegen Paris haͤlt; ſicher erwartete er aber im erſten Momente auch das Vor⸗ gefundene nicht. Ich war in dieſem Punkte nicht beſſer als Andere und ſtellte in den Staͤdten, die wir beſuchten, ungefaͤhr dem aͤhnliche Betrachtungen an. Mehr als die Staͤdte bewunderte ich das ſchoͤne Land, denn wir blieben nach wie vor in Gegenden, die es an Schoͤnheit mit den beruͤhmteſten aufnehmen konnten. Majeſtaͤtiſch furchtbare Gebirgsketten, von rauhen Felſenmaſſen durchſchnitten, wechſelten mit gruͤnen Thaͤlern und glaͤnzenden Landſeen ab. Auf ſchroffen Granitwaͤnden erhoben ſich dunkle Tannenwaͤlder und breiteten ihre phantaſtiſchen Geſtalten vor dem Hinter⸗ grunde der mit ewigem Schnee bedeckten deutſchen Alpen, die hin und wieder im zitternden Sonnen⸗ ſtrale hervorblickten. Reißende Stroͤme, dort in je⸗ nen Schneegebirgen als Baͤche gebildet, ſtuͤrzten in ſchaͤumender Wuth hinab zu den Ebenen; jeder Men⸗ ſchenkraft hoͤhnend, tobten ſie oft wildbrauſend fort durch das bewohnte Land, indem ſie dem friedlichen Wanderer jeden Fußbreit Erde ſtreitig machten. Mit⸗ ten in dieſer abwechſelnden Gegend zogen die Land⸗ leute, ihre Kleidung, Wohnung, das Oberflaͤchliche — 45— einiger Gebraͤuche, was oft ſchon ihre Sitten verraͤth, und viele andere nicht zu beſchreibende Kleinigkeiten meine Aufmerkſamkeit auf ſich. Es war hier etwas Neues, Charakteriſtiſches; Frankreich hatte gaͤnzlich aufgehoͤrt, und ich dachte es mir wuͤnſchenswerth, ei⸗ nige Zeit hier verweilen zu koͤnnen. Man muß die⸗ ſes nicht als Widerſpruch mit meiner fruͤhern Erklaͤrung, daß mir die menſchliche Geſellſchaft Beduͤrfniß gewor⸗ den war, anſehen, denn jene Erklaͤrung bezog ich nur auf die Staͤdte. Was waͤren Haͤuſer, Straßen, Stadtmauern ohne den lebendigen Geiſt der Sterbli⸗ chen?— die ſchlimmſte Einoͤde. Keine Einoͤde iſt dagegen ſo voͤllig von Naturwundern entbloͤßt, als daß der Aufmerkſame ihr nicht auch Intereſſe abge⸗ winnen koͤnnte. übrigens war die ſo eben beſchrie⸗ bene Gegend keineswegs einſam, vielmehr lachte am Fuße des Berges, den wir hinabfuhren, laͤngs den Ufern eines Sees, deſſen dunkelgruͤne Wellen einen magiſchen melancholiſchen Zauber daruͤber verbrei⸗ teten, uns ein freundliches Dorf entgegen, und aus einiger Entfernung an dem Abhange einer Hoͤhe ein kleines, aber recht ſtattliches Wohnhaus. So wohl gefiel mir dieſe uͤber alle Beſchreibung reizende Natur, daß ich ſogleich mit dem Plane umging, hier einige Zeit zu verweilen, und da ich ohnehin von Ferdinand erfahren hatte, wir wuͤrden bald bei den Seinigen eintreffen, ſo wollte ich mich auf der Stelle von ihm trennen — 46— und baldiges Nachfolgen verſprechen. Mein Freund war gleich mir in Betrachtungen verſunken, und zwar noch tiefer, wie es ſchien, oder uͤber ernſtere Gegenſtaͤnde, denn ſein Blick war ſtarr zu Boden geſenkt. Als er ihn wieder erhob, hielt ich den gemiſchten Ausdruck darin fuͤr Wehmuth, denn er deutete zugleich auf das obengenannte Haus, und kuͤndigte es mir als den Wohnort ſeiner Mutter und Schweſter an. Ihr koͤnnt Euch meine Freude denken, ſo unerwar⸗ tet meinen Wunſch erfuͤllt zu ſehen. Unverhohlen theilte ich Ferdinanden meine ſo eben erzaͤhlte Abſicht, hier verweilen zu wollen, mit, und ſichtbar war ihm das Lob, welches ich ſeiner ſchoͤnen Heimath ſpendete, an⸗ genehm; zugleich beſchwor er mich, ich duͤrfe mich nicht anders denn als Gaſt ſeiner Mutter anſehen, von deren Bereitwilligkeit zu bewirthen ich mich bald uͤberzeugen wuͤrde. Ich widerſtrebte nicht laͤnger, gab jedoch vor, im Wagen der Ausſicht nicht vollkommen genießen zu koͤnnen, da die eintretende Nacht ſchon ohnehin die Gegenſtaͤnde undeutlich werden ließ, und ſo wollte ich dem ſchnell fahrenden Sohne zu Fuße folgen, um nicht bei den Herzensergießungen der Fa⸗ milie laͤſtig zu werden. Zugleich glaubte ich ſeine Ankunft wichtiger Gruͤnde halber in der Heimath er⸗ wartet, da mir von hieraus ſeine ſchnelle Abreiſe aus Paris gefodert ſchien, und ich wuͤnſchte das Anſehen zu vermeiden, als wollte ich mich in Familienange⸗ — 4, legenheiten draͤngen. Ferdinand widerſetzte ſich, ja er geſtand mir frei, daß er meine wahre Abſicht er⸗ rathe und mich um meine Gegenwart erſuche. Es ward mir begreiflich, er wuͤnſche das erſte Wiederſehen nicht ohne Zeugen. Kurz darauf langten wir an. Sechstes Capitel. Kaum hatten wir die Schwelle betreten, ſo lag der Sohn ſchon an dem gluͤcklichen Mutterherzen. Wer der Frau von Leuchtenhauſen feuchte Augen, ihre auf⸗ richtige Zartlichkeit den unverkennbaren edeln Anſtand ſah, mußte die liebende Mutter, die wuͤrdige Frau in ihr erkennen. Schoͤnes Selbſtvergeſſen, voͤlliges Nichtachten der Umgebung erhoͤhten ihren Werth. Sie hielt den Sohn in ihren Armen, ſah nur ihn, fuͤhlte nur fuͤr ihn, er war ihr die ganze Welt, dies war deutlich in dem Ausdrucke ihrer Phyſiognomie zu leſen. Ich verſtand die edle Mutter vollkommen, denn wer, dem das Herz auf dem rechten Flecke ſchlaͤgt, koͤnnte dieſes ohne Nuͤhrung anſehen?— In dem Verhaͤltniſſe eines Sohnes zu ſeiner Mutter, wenn ſie Witwe iſt(wie es hier der Fall war), liegt uͤber⸗ haupt etwas ſo Zartes, daß ich mich faſt des Wortes — 48— myſtiſch bedienen moͤchte, fuͤrchtete ich nicht undeutlich zu werden.— Iſt ihr in dem Gatten ein theurer Gefaͤhrte, ein edler Freund, wie ſie ihn an dem Tage der Verlobung vermuthete, geſtorben, ſo kann nur ein gleich wuͤrdiger Sohn einigermaßen ihren Schmerz ſtillen. In ſeinen Mienen, Reden, Bewe⸗ gungen glaubt ſie den Verlornen wiederzuerkennen, ſie glaubt gleiche Beſchuͤtzung von ihm erwar⸗ ten zu duͤrfen; ja, faſt noch mehr, denn er verdankt ihr ſein Daſein, wie die beſchwerliche Pflege ſeiner Jugend; ſie ſieht in ihm die ſicherſte und liebſte Stuͤtze, und er ſollte ſie taͤuſchen?— Arme Mutter, die ein ſolches Loos traf! Ward ſie vollends durch den Verluſt des Gatten von einem Haustyrannen befreit, und der Sohn war Zeuge, wie ſie geduldig ihr unverſchuldetes Joch trug, ſo hat er noch groͤßere Pflichten, den Reſt ihrer Tage zu verſuͤßen. Indem ich alſo nachdachte, ſchien es mir zu mei⸗ ner großen Freude, als ſaͤhe ich die Verwirklichung meiner Gedanken vor mir. Mutter und Sohn ſchwam⸗ men in Seligkeit, und der Anflug von Truͤbſinn, der noch kurz vor unſerer Ankunft ſich meines Gefaͤhrten bemaͤchtigt hatte, war verſchwunden. Du biſt ein guter Sohn, Ferdinand, dachte ich, und mir um ſo lieber. Dein Mismuth ſchwindet vor der Freude, die Mutter zu umarmen, oder Du verbirgſt ihn fuͤr ihre Ruhe. — 49— Dieſes war die erſte Scene bei unſerer Ankunft; die zweite galt mir noch nicht, wie man vielleicht vermuthet, auch war ſie nicht ganz ſo ruͤhrend, aber ich fand ſie ſehr ſchoͤn, naͤmlich die abermaligen Aus⸗ bruͤche der Freude, die durch das Herzukommen von Olinden, Ferdinands Schweſter, entſtanden, und Olinde ſelbſt. Es war eine zarte, blonde, blauaͤu⸗ gige Jungfrau, die wahre Repraͤſentantin der ſchoͤnen Maͤdchen ihres Vaterlandes. Sie mußte ploͤtzlich die Ankunft des geliebten Bruders vernommen haben, denn ein friſcher Straus von Roſen und Lilien zitterte an dem hochwallenden Buſen, aber die Lilien und Roſen ihrer Wangen konnten dreiſt mit den Kindern der Flora wetteifern. Ihre nicht große, doch ſehr feine Geſtalt ward ſo leicht von den zierlichen Fuͤß⸗ chen getragen, daß ſie geraͤuſchlos, faſt unvermerkt hereingehuͤpft waͤre, wenn ſolche liebliche Erſcheinung von uns Maͤnnern unbemerkt bleiben koͤnnte. Mein Reiſegefaͤhrte, Herr Dorval, der Euch ſchon aus meinen Briefen bekannt i*ſt, ſagte Ferdinand, in⸗ dem er mich hiermit den Frauen vorſtellte.— Ich verſprach ihm, fuhr er fort, eine gute Aufnahme bei Ihnen, liebe Mutter, da ich von Ihrer Bereit⸗ willigkeit uͤberzeugt bin. Sie beſtaͤtigte ſeine Anfoderung mit dem Aus⸗ drucke aufrichtiger Wahrheit, und mit liebenswuͤrdiger Gaſtfreundſchaft, die etwas unglaublich Treuherziges, 4 3 ——— ———— — 50— eine wohlthuende Offenheit hatte, verſicherte ſie, daß ſie ſich gluͤcklich ſchaͤtze, den Freund ihres Sohnes unter ihrem Dache bewirthen zu koͤnnen. Hiernach wandte ſie ſich wieder zu Ferdinand mit den Worten: Wie wird Cornelie ſich freuen, wenn ſie Deine Ankunft vernimmt, wie ihr Vater! Ich werde ſo⸗ gleich einen Boten ſchicken, denn iſt es auch ſchon ſpaͤt, ſo werden ſie mir es dennoch danken und mor⸗ gen um ſo fruͤher eintreffen. Morgen ſchon?! erwiederte der Sohn halblaut; ich wußte nicht ob fragend oder ausrufend, ob ſchmerz⸗ lich oder freudig. Die Mutter ſchien nur Letzteres vorauszuſetzen, denn ſie ging beinahe in einen necken⸗ den Ton uͤber, erwaͤhnte dann ſeiner wahrſcheinlichen Ungeduld, die ſchoͤne Geſpielin wiederzuſehen, und der Ungeſchicklichkeit, ſeine Ankunft nicht ſchriftlich ange⸗ zeigt zu haben, wodurch er nun des Gluͤckes entbehre, Cornelie ſchon im muͤtterlichen Hauſe anzutreffen. Sie ergoß ſich ſogleich in ein weitlaͤufiges Lob uͤber die Abweſende, erzaͤhlte, wie dieſe ſtets bemuͤht war, ſie uͤber die Trennung von dem Sohne zu troͤſten, wie ſie immer das gute, liebe Weſen gleich ihrer erſten Kindheit ſei und ſich taͤglich ſchoͤner und lie⸗ benswuͤrdiger entwickele. Ich vernahm mit angenehmen Empfindungen die Verheißung einer zweiten Schoͤnen, Ferdinands Ge⸗ ſinnungen druͤckten ſich dagegen nicht in ſeinen Zuͤ⸗ — ₰— gen, noch weniger durch ſeine gleichguͤltige Antwort aus, wie ſich uͤberhaupt weder bei ihm noch in der ſehr freundlichen Umgebung irgend Etwas kund⸗ that, wodurch man ſeine fruͤhere Trauer haͤtte erklaͤ⸗ ren koͤnnen. Verlaͤßt man die Heimath, ſo dringt ſich unaufhoͤr⸗ lich die Neigung zum Vergleichen auf und lieber moͤchte man etwas Neues, etwas Anderes als das Verlaſſene wiederfinden, denn bemerken, beobachten will man auf Reiſen. Es iſt alſo darum zu thun, Bemerkenswerthes zu finden In Europa, dachte ich fruͤher, durfte ich heutzutage keinen frappanten Unterſchied der Laͤnder und Voͤlker erwarten, nicht in den wohlhabenden Claſſen, am wenigſten im Norden. Waͤre ich nur zu dieſem Zwecke gereiſt, ſo haͤtte ich vorzugsweiſe Italien und Spanien beſucht, doch war meine Fortwanderung mehr Sache des Ungefaͤhrs; ich ging mit dem Deutſchen, weil er mir eben wohl⸗ gefiel und ich fortwollte. Draͤngte ſich nun auch in meinem neuen Aufenthalte nichts ſehr Auffallendes meinen Blicken entgegen, ſo ſchien er mir doch, wie ich im vorigen Capitel bemerkte, intereſſant genug, um hier einigen Sittenunterſchied und Nationalitaͤt zu erwarten, und da ich ohnehin fuͤrchtete, durch zu langes Verweilen die Gaſtfreiheit in dieſem Hauſe zu misbrauchen, ſo wollte ich nur einige Tage hier blei⸗ ben, dann das Volk beobachten und einige Haupt⸗ 4* 3 — 32— ſaͤdte beſuchen, ſollte mir auch am Ende kein gro⸗ ßes Reſultat daraus erwachſen. Ich erwog dieſes, als ich mich am erſten Abend unſerer Ankunft in dem mir angewieſenen Zimmer allein befand, und folglich widerſprach mir Niemand; da ich aber Widerſpruch wuͤnſchte, ſo mußte ich die Rolle des Gegners allein uͤbernehmen. Dieſer Geg⸗ ner rieth mir, vor der Hand das allgemeine Sitten⸗ ſtudium noch zu unterlaſſen und mich mit dem zu⸗ naͤchſt ſich Darbietenden zu begnuͤgen. Bleibe Dei⸗ nen Principien getreu, ſagte er, wonach durch und mit Menſchen aller Art am meiſten zu lernen iſt. Die kleine Geſellſchaft, die Dich hier freundlich in ihre Mitte nimmt, kuͤndigt ſich in Gefuͤhl und Bil⸗ dung Dir gleichgeſinnt an, warum willſt Du Dir den Genuß verſagen, vielleicht liebenswuͤrdige Freun⸗ de in der Welt mehr zu erwerben? Bleibe Dorval und beobachte, denn es gibt uͤberall zu beobachten! Den folgenden Morgen ging ich fruͤh in den Garten. Er war einfach und reinlich wie das Haus gehalten, beide nicht groß, und jeder Raum mehr zum Nutzen als Luxus verwandt, man ſah Okonomie vorherrſchen. Deſto beſſer, dachte ich, alſo ſind meine freundlichen Wirthe nicht reich und werden nicht durch Prahlerei laͤſtig. Die überzeugung, hier ſei kein großer Park, freute mich noch beſonders, weil ich nun vor der Langeweile geſichert war, einen bewun⸗ — 33— dern zu muͤſſen. Wie viel hatte ich nicht in den praͤch⸗ tigen Parks um Paris von der Eitelkeit der Beſitzer aushalten muͤſſen! Es iſt wahr, man findet dort viele, die funfzig, hundert bis mehre Hundert Mor⸗ gen groß ſind, aber dennoch bleibt es ein gegebener Raum, nach franzoͤſiſchem Gebrauche von einer hohen Mauer eingeſchloſſen; die Obſtbaͤume, womit die Mauer verſteckt ſein ſoll, verhindern mich nie ſie zu ſehen, obgleich ich darauf rechnen kann, jeder Eigen⸗ thuͤmer fuͤhrt mich laͤngs derſelben, um ſich ſelbſt die Genugthuung zu geben, mir die weiteſte Ausdehnung ſeiner Beſitzung zu zeigen und ſich an meinem Stau⸗ nen zu ergoͤtzen. Das kleine Gaͤrtchen, worin ich mich befand, gefiel mir beſonders gut wegen der niedrigen gruͤnen Hecken, die es einſchloſſen, und daruͤber hinweg der ganzen herrlichen Ausſicht zu ge⸗ nießen, war mir ein erfriſchender Anblick, willkomme⸗ ner als der groͤßte Park. Von hier aus uͤberſchaute man theilweiſe die fruͤher beſchriebene Landſchaft, un⸗ gemein reizend durch den ſchon erwaͤhnten See, der jetzt vor mir lag. Wenige Terraſſen aufwaͤrts ver⸗ aͤnderte nach der Seite die Ausſicht auf andre Berge, neue Gruͤnde ſchoͤne Doͤrfer, und ich bemerkte nun den groͤßeren Anbau des Landes, als ich geſtern waͤhnte; an dieſem neuen Horizonte ſchien ſogar ein ſehr praͤchtiges Gebaͤude zu liegen, doch war es zum ge⸗ nauen Unterſcheiden zu ferne. Schon fand ich Ferdi⸗ — à4— nand hier in einer bluͤhenden Laube, der, den Blick weit hinausſchweifend, in Gedanken ſaß und mich erſt gewahrte, als ich dicht vor ihn trat. Nach dem guten Morgen erkundigte ich mich aus Artigkeit nach Mutter und Schweſter. Sie ſind fruͤh hinausgegangen, erwiederte er, dem Baron von Turneck und ſeiner Tochter entgegen, de⸗ nen meine Mutter noch geſtern meine Ankunft melden ließ. Die Ermuͤdung der Reiſe ließ mich laͤnger als gewoͤhnlich ſchlafen, und wie ich von den Dienern vernehme, hoffte man noch vor meinem Erwachen mit den lieben Freunden zuruͤckzuſein; deswegen harre ich hier ihrer Ankunft, da ich ſie leicht auf den verſchiedenen Wegen, die von ihrer Wohnung her⸗ fuͤhren, verfehlen koͤnnte. Die Baroneſſe von Turneck iſt dieſelbe Cornelie, von der meine Mutter geſtern als dem Inbegriff alles Schoͤnen und Guten ſprach, und die gewiß dem Lobe nicht nachſteht; doch will ich Ihnen nicht zu viel von ihr ſagen, da Sie ſie bald kennen ler⸗ nen. Jenes praͤchtige Gebaͤude, welches Ihnen vielleicht nicht ſo erſcheint, weil es entfernt liegt(er zeigte auf das obenerwaͤhnte am aͤußerſten Horizonte), iſt das Landſchloß ihres Vaters. Ihre laͤngſt verſtorbene Mutter war die vertrauteſte Jugendfreundin der mei⸗ nigen, und das edle Herz der Letzteren ſchlaͤgt noch mit gleicher Liebe fuͤr die Tochter. Auf dieſe Weiſe ſetzte mich Ferdinand noch in den — 55— Stand, die Verhaͤltniſſe mehrer anderer Mitglieder der Geſellſchaft, worin ich zunaͤchſt leben ſollte, ober⸗ flaͤchlich kennen zu lernen, und ſo erwaͤhnte er auch ei⸗ nes jungen Arztes, mit Namen Erich, der ſein in⸗ timſter Freund ſei und dieſen Sommer als Leibarzt des Baron Turneck in deſſen Schloſſe wohnte. Ich erkundigte mich nach dem Charakter und Weſen des Barons, denn ich will nicht verheimlichen, daß ich mir zwiſchen Ferdinand und der ſchoͤnen Jugend⸗ geſpielin irgend ein Verhaͤltniß dachte, wogegen ich ein Hinderniß ausfinden wollte, um mir des jungen Mannes fruͤher erwaͤhnte Unzufriedenheit erklaͤren zu koͤnnen; allein ich irrte. Der Baron, entgegnete er, iſt ein herzensguter Mann, den ich Ihnen deutlicher durch die überſetzung in Ihre Sprache„un bon homme⸗“ ſchildern wuͤrde, fuͤrchtete ich nicht die Farben zu grell aufzutragen. Sie koͤnnten dadurch auf die falſche Idee kommen, er ſei dumm, das iſt aber nicht der Fall, und man muͤßte vielmehr ſeinen Scharfſinn fuͤrchten, gaͤbe es nicht treffliche Mittel, ihn von einem gefaßten Gedan⸗ ken abzuwenden. Sei er noch ſo wichtig beſchaͤftigt, und man bietet ihm eine Jagdpartie oder gut be⸗ ſetzte Tafel an, ſo iſt das Geſchaͤft vergeſſen; ſei er noch ſo zornig, und man lobt ſeine ſchoͤne Tochter, der Zorn iſt beſaͤnftigt. Verehrung fuͤr Cornelie i*ſt das ſicherſte Mittel, in ſeine Gunſt zu treten. — 36— Ei, verſetzte ich, da muͤſſen die Anbeter der ſchoͤ⸗ nen Baroneſſe leichtes Spiel haben, denn daran fehlt es doch ſicher nicht. 3 Nicht an Anbetern, wie nicht an Schmeichlern und Schmarotzern, antwortete er; gluͤcklicherweiſe fuͤr Corne⸗ lie beſitzt ſie nur ſo viel Eitelkeit, als bei ihren ſeltenen Vorzuͤgen verzeihlich iſt, und mehr Klugheit und Tugend als ihre ganze Umgebung. Ich hatte noch einige Fragen in Bereitſchaft, als wir eine Geſellſchaft in der Ferne bemerkten, worin ich ſogleich Frau von Leuchtenhauſen und Olinde erkann⸗ te; mein Freund nannte den Baron, ſeine Tochter und den Arzt. Dieſer und Ferdinand ereilten ſich zuerſt und hielten ſich in langer, ſtummer Umarmung feſt umſchlungen. Es waren zwei ſchoͤne Juͤnglings⸗ geſtalten, aus ihren Augen glaͤnzten zwei ſchoͤne Seelen, und ich errieth ihre edeln Herzen. Ehe ich in meiner Erzaͤhlung fortſchreite, halte ich es fuͤr nothwendig, ein kurzes Geſtaͤndniß abzulegen, worauf Ihr, meine Freunde, wenn Ihr anders wirklich Antheil an mir nehmt, neugierig ſein muͤßt. Unſere Nation iſt weltberuͤhmt wegen ihrer Aufmerkſamkeit ge⸗ gen ſchoͤne Frauen; in meinem Alter iſt es faſt un⸗ moͤglich, nicht ſchon ernſt geliebt, oder gar die Lebens⸗ gefaͤhrtin erwaͤhlt zu haben; ich ſehnte mich von Paris fort, ohne daß der von mir angegebene Grund ſich deutlich auffaſſen ließe, alſo:„gewiß — 5) eine ungluͤckliche Liebe!“ hoͤre ich Euch in Gedanken ſagen. Es waͤre natuͤrlich geweſen, war aber nicht ſo. Ich ſage es mit kurzen Worten, daß mich unter meinen ſchoͤnen Landsmaͤnninnen keine bis dahin genug feſſeln konnte, um ihr mein ganzes Herz, meine ewige Freiheit zu ſchenken. Die Urſache kann Euch gleich ſein; Ihr moͤgt es fuͤr ein ſonderbares Ungefaͤhr nehmen, oder auch dafuͤr, daß ich die hoͤchſte Vollkom⸗ menheit finden wollte, mich gutwillig in Feſſeln zu begeben, die oft, gleich einem Zauberſpiele, Roſen⸗ bande ſcheinen, um ſich deſto ſchneller zu Eiſenketten zu verwandeln. Das Geſtaͤndniß meiner freien Lage machte ich aber jetzt nur, damit man mir mein Staunen uͤber die reizende Baroneſſe Turneck nicht verargen ſoll. Nie⸗ mals ſah ich aͤhnliche Schoͤnheit. Ich wußte nicht, ſollte ich mehr die hohe Junogeſtalt, das glaͤnzende Rabenhaar, die edeln, durchaus regelmaͤßigen Zuͤge, die ſchoͤne Haut, oder das brennend ſchwarze Auge bewundern, mehr dieſe Geſammtheit der koͤrperlichen Reize, oder den Ausdruck der Liebenswuͤrdigkeit und Anmuth.„Sie iſt tugendhafter, kluͤger als ihre ganze Umgebung,“ ſagte Ferdinand.— Auch dieſes noch? dachte ich, wahrlich, ſo gab der Schoͤpfer ein ſeltenes Meiſterwerk! Aber wer iſt der Sterbliche, des Beſitzes werth?— — 338— Auch ſie trat mit Theilnahme zu meinem Reiſege⸗ faͤhrten, der ihr die Alabaſterhand kuͤßte. Da es mich auf der Stelle beſchaͤftigte, zu errathen, ob ſie ſich mit Liebe oder Freundſchaft nahte, ſo haͤtte ich aus dieſem Handkuß auf jedem Erdenflecke ſchon viel erſehen muͤſſen; zu meinem Verdruſſe befand ich mich aber in einem Lande, wo, wie ich ſchon auf der Reiſe Gelegenheit hatte zu bemerken, der Genuß, eine ſchoͤne Hand zu kuͤſſen, ſo gewoͤhnlich war, daß man dieſes angenehme Vorrecht ohne Wahl gegen Schoͤne und Haͤßliche, Alte und Junge ausuͤbte. Man war ooͤllg dabei abgeſtumpft und es zuweilen ſelbſt bei den Reizendſten ſo uͤberdruͤßig, daß man ſich damit begnuͤgte, ihnen„ich kuͤſſe die Hand, gnaͤ⸗ dige Frau“ zuzurufen, ohne ſich indeſſen mit dem Handkuß zu bemuͤhen. Außerdem hatten nicht allein Geringere daſſelbe Recht bei Vornehmen, ſondern es war ihre Pflicht als Zeichen der Unterwuͤrfigkeit, und ſo wurden oft gar zierliche Fingerchen von ſchmutzigen Haͤnden beruͤhrt. Einerſeits ſah ich hierin eine zu ſklaviſche Unterthaͤnigkeit, andrerſeits fand ich das Recht eines Jeden, ihre Hand zu erfaſſen, fuͤr fein⸗ fuͤhlende Frauen beleidigend. Bei Ferdinand und der ſchoͤnen Cornelie wollte es alſo ebenfalls nichts bedeuten, und es gab ſich auch außerdem kein ſicheres Zeichen in ihren Blicken kund; nicht einmal Befan⸗ genheit, oft vielſagender als Worte. Von Allen, die — 359— der Neuangekommene theils begruͤßte, theils umarmte, erfreute ihn ſichtbar Erich's Gegenwart am meiſten; man merkte es ihm deutlich an, daß er dem alten Baron deſto ſchneller ſeine vielen Fragen uͤber Paris beantwortete, um ſich bald ungeſtoͤrter mit dem Arzte entfernen zu koͤnnen. Siebentes Capitel. Seit dem Eintritte in Ferdinands muͤtterliches Haus und der damit verbundenen Vereinigung mit einer zahlreichen Geſellſchaft lernte ich eine mir gaͤnzlich neue Lebensart kennen, und viel groͤßere Verſchieden⸗ heit der Sitten, als ich, wie bereits erwaͤhnt, in Eu⸗ ropa erwartete. Weder uͤber den Zweck des Lebens, noch uͤber die Weiſe, wie es am ertraͤglichſten zu benutzen waͤre, fand ich die kleinſte libereinſtimmung zwiſchen Franzoſen und Deutſchen, und ſehr ungleich die Art und Weiſe, wie die verſchiedenen Mitglieder einer Geſellſchaft gegen einander ſtanden, wenn ich ſie nach meinem pariſer Maßſtabe muſtern wollte. In der Erzaͤhlung der Begebenheiten werde ich Gelegenheit finden, dieſes deutlicher zu entwickeln; vor der Hand von den Perſonen. — 360— Wenn auch der ernſte Kummer, von welchem Ferdinand in Paris gequaͤlt ward, ſtets unerklaͤrlich blieb und abſichtlich in der Heimath unterdruͤckt ward, ſo bedurfte es doch keines Scharfſinns, um bald zu verſtehen, wo⸗ her eine gewiſſe Bitterkeit ſeines Charakters, ſeine Spott- und Tadelluſt, wenigſtens theilweiſe, entſte⸗ hen mußte. Sein lebhaftes, feuriges Temperament, welches ſich in voller Kraft der Jugend dem allge⸗ meinen Intereſſe angeſchloſſen hatte und einen Wir⸗ kungskreis wuͤnſchen mußte, fand in ſeiner heimathli⸗ chen Umgebung durchaus keinen Anklang fuͤr ſeine Leidenſchaftlichkeit. Seine Freiheitsſehnſucht wurde nicht allein nicht gebilligt, ſondern ſie ward kaum verſtanden, da ſich Keiner der Freiheit beraubt waͤhnte, Jeder ſich in dem Beſtehenden behaglich und zufrieden fuͤhlte. Man bedauerte manche Voͤlker, welche man die Gegenwart in Hader und Ungluͤck dahinbrin⸗ gen ſah, nach einem Gute ringend, von dem man keineswegs uͤberzeugt war, ob es dieſen Namen wirk⸗ lich verdiene, kurz die Meiſten der Geſellſchaft, die ich demnaͤchſt kennte lernte, worunter ich aber vor Allen Ferdinands Mutter verſtehe, ſahen in dem jun⸗ gen Manne einen uͤberſpannten Kopf, der voller Chimaͤren ſtecke, ſich thoͤrichterweiſe mit zu vielem Eifer um Staatsverfaſſung uͤberhaupt, und am thoͤ⸗ richtſten um fremde Verfaſſungen bekuͤmmert hatte, und dem man die Reife nach Paris erlaubte in der Hoff⸗ — 61— nung, er werde ſeinen Irrthum dort am beſten ein⸗ ſehen, ſich zerſtreuen und ſeine Exraltation vergeſſen. Wie uͤbrigens einer Mutter von dem Charakter und den Begriffen der Frau von Leuchtenhauſen ein Sohn wie Ferdinand, ihrem Weſen ſo gaͤnzlich entgegen, zu Theil ward, da ſie ihn doch unter! ihrer Aufſicht erziehen ließ, bleibt mir noch heute raͤthſelhaft, wenn ſich nicht der Grund vielleicht dadurch erklaͤren ließe, daß Übertreibung und Zwang gewoͤhnlich entgegenge⸗ ſetzte Wirkung als die beabſichtigte hervorbringen. Nach einigem Aufenthalte bei meiner liebenswuͤrdigen Wirthin, hatte ich bei ihrer Offenheit eine klare über⸗ ſicht von ihren Gefuͤhlen und ihrem Verſtande. Die erſteren gaben ſich durch die reinſte Gutmuͤthigkeit zu erkennen, denn helfen, nuͤtzen, bewirthen, war ihre zweite Natur. Froh und herzlich, gaſtfrei und zu⸗ vorkommend, konnte ſie als die Pflegemutter der gan⸗ zen ſie umringenden Jugend angeſehen werden und ſchien ſich, alſo beſchaͤftigt, in einem nothwendigen Elemente zu bewegen. Durch ihre Aufmunterung ward gewoͤhnlich der jugendliche Theil der Geſellſchaft zu gemeinſchaftlichen Beluſtigungen angetrieben, und je mehr ſie Froͤhlichkeit und Übereinſtimmung bei uns ſah, deſto zufriedener war ſie ſelbſt. Etwas ſchwache Geſundheit und haͤusliche Beſchaͤftigung(denen ſich in Deutſchland ſelbſt die vornehmſten Damen nicht entziehen) erlaubten ihr ſelten den weitern Streifzuͤgen — 62— beizuwohnen; aber jedes kleine Abenteuer, dergleichen es bei unſerm Umherirren uͤber Felſen und Stroͤme oft gab, ward genau von ihr erfragt. Waren Fer⸗ dinand und Olinde auch nur allein die unter ihrem Herzen Getragenen, von ihrer Milch Genaͤhrten, ſo waren noch viele Andere aus den Familien der Nach⸗ barſchaft durch die liebende Mutter als Kinder des Hauſes angeſehen, und bald erſtreckte ſie dieſe Ge— wohnheit auch auf mich, da ich ihr eines Theils als Freund ihres Sohnes liebgeworden war, andrer⸗ ſeits als der Einzige, von dem der ſtets Widerſpre⸗ chende Widerſpruch duldete, wie ſie ſich ſcherzhaft ausdruͤckte. Mit welcher Dankbarkeit und Wehmuth ich die Wohlthat der muͤtterlichen Sorgfalt empfing, koͤnnt Ihr, meine Freunde, die ihr mich in dieſem Punkte nicht verwoͤhnt wißt, denken, wie denn uͤberhaupt das Familien⸗ leben, welches ich ploͤtzlich in meinem neuen Aufenthalts⸗ orte ſah, eine angenehme Wirkung auf mich machte. Spaͤ⸗ ter ward es mir, bei laͤngerem Aufenthalte unter den Deutſchen, immer deutlicher, daß ſie nur noch eine Nation durch ihr Gefuͤhl ſind, anſtatt daß unſere Nationalitaͤt vielmehr in unſern Begriffen und allenfalls im Temperamente liegt. Bei den Deutſchen dagegen ſcheiden ſich die Begriffe faſt mit jedem klei⸗ nen Reiche ihres zerſtuͤckelten Landes. Anders denkt der Nord⸗, anders der Suͤdlaͤnder, anders bewegt ſich der Deutſche im Oſten wie im Weſten, anders betont er hier wie dort ſeine Rede, und auf dieſe Weiſe allein konnte ich mir erklaͤren wie bei ihrer allgemei⸗ nen Herzlichkeit, Gutmuͤthigkeit, dennoch ſo viel Zwie⸗ ſpalt, ja Nationalneid zwiſchen ihnen herrſcht, wie der Zwieſpalt ſich ſogar der Familien bemeiſtern konnte, da doch ein enges Zuſammenleben, welches als Sitte angenommen iſt, dergleichen vorbeugen muͤßte. Unter dieſem druͤckenden Widerſpruche der ſich entgegenſtreben⸗ den Gefuͤhle und Begriffe ſchien mir Ferdinands ganzes Weſen durch heimlichen Kampf faſt zerknirſcht. Sein Herz zog ihn ſichtbar zu der liebenden Mutter, die ihren Kindern allein ihr Daſein geweiht hatte, deren Sorgfalt ſie jedes beſſere Bewußtſein, jeden edeln Impuls verdankten; aber wie verſchieden waren da⸗ gegen die Anſichten vom Leben zwiſchen Mutter und Sohn! Frau von Leuchtenhauſen gehoͤrte zu einem alten angeſehenen adeligen Geſchlechte; ſie war alſo als deutſche Edeldame nicht uͤber den Adelſtolz erhaben. Durch Verſtand und andere Vorzuͤge war dieſer Stolz allerdings gemaͤßigt, aber ihn gaͤnzlich zu unterdruͤcken, ließ weder Gewohnheit noch der Glaube, ſie ſei in ihrem Rechte, zu. Ihren Anſichten nach war es eine ſchoͤne Sache, von gutem alten Adel zu ſein, und ernſte Zuͤchtigung, meinte ſie, verdiene die jetzige Jugend mit ihren laͤcherlichen Verbeſſerungsſyſtemen. Daß ſie ſich gegen ihre Kinder und die freieren Ideen nachgebend zeige, glaubte ſie ſchon in ihrer Herablaſ⸗ — 64— ſung zu beweiſen, manchem Buͤrgerlichen einen intimen Zutritt in ihrem Hauſe zu geſtatten. Ein Beiſpiel davon war Erich, der Arzt, deſſen Freundſchaft mit Ferdinand ſie nie Einhalt that; dennoch erſah man, ſie traue einem Adeligen viel eher als einem Burgerli⸗ chen eine große Handlung zu, obgleich Erfahrung ſie haͤtte das Gegentheil lehren muͤſſen. Wie bei ſolchen ausgeſprochenen Geſinnungen der Sohn ſich oft verletzt fuͤhlen mußte, er wiederum gegen ſeinen Willen die Mutter kraͤnkte, laͤßt ſich leicht denken. Gewoͤhnlich that es bei dieſen Geſpraͤchen Noth, daß ein Dritter ſchnell Mittel fand, ſie abzubrechen, und da Beide trotz ihrer kleinen Fehden ſich dennoch durch die innigſte Liebe zu einander hingezogen fuͤhlten, ſo ſchien es zuweilen, ſie ſtritten nur um das Vergnuͤ⸗ gen der Verſoͤhnung. Ich war bald als ſteter Ver⸗ mittler angenommen, denn Beide zeigten mir gleiches Zutrauen. Als Franzoſen findet Ihr leicht den Grund einzig darin, daß ich theilweiſe gleicher Geſinnung mit Ferdinand war, wie es(nur mit etwas mehr Maͤßigung) auch die Mehrzahl unſrer Landsleute ge⸗ weſen ſein wuͤrde; da des jungen Mannes Gegnerin aber ebenſowol ſeine eigene Mutter als meine liebens⸗ wuͤrdige Wirthin war, ſo ſchlug ich mich auch oft aus Hoͤflichkeit und in der guten Abſicht, dem Sohne nicht gegen ſeine Mutter beizuſtehen, fuͤr ihre Fahne, und beobachtete auf dieſe Weiſe eine gute Neutralitaͤt, fuͤr 1 — 65— die mir Beide am Ende Dank wußten, und die bei Ferdinands unglaublicher Heftigkeit nothwendig gewor⸗ den war. Ich war von Frau von Leuchtenhauſens edler Gut⸗ muͤthigkeit bis zu unbeſchreiblicher Erkenntlichkeit ge⸗ ruͤhrt, und nannte ſie gern, wie ich es von Vielen hoͤrte, meine Mutter. Mehr aber als Alle hatte ſich die ſchoͤne Cornelie von Turneck ihrer Liebe zu erfreuen; ich ſage nicht zu viel, wenn ich behaupte, ſie trieb Abgoͤtterei mit ihr. Olinde war nicht zuruͤckgeſetzt, aber es war, als verſtehe es ſich von ſelbſt, daß Cor⸗ nelien ſtets der Vorzug gebuͤhre. Dieſe Sonderbarkeit bei einer ſonſt ſo zaͤrtlichen Mutter wunderte mich. Sie ſchien mich zu errathen, und unterhielt mich eines Tages, wie ich glaube, abſichtlich daruͤber. Wer das Gluͤck hatte, ſagte ſie, eine Freundin zu be⸗ ſitzen, wie ich einſt in Corneliens Mutter, weiß allein, welche unaufloͤsliche Bande echte Freundſchaft ſchlin⸗ gen kann. Ihr Maͤnner zweifelt bei uns Frauen zwar, wenn von Freundſchaft unter uns die Rede iſt, und moͤgt im Allgemeinen ſchon Recht haben, aber Aus⸗ nahmen gibt es dennoch. Faͤllt der Samenkern dieſer ſeltenen Pflanze in zwei jugendlich empfaͤngliche Her⸗ zen, wird er rein darin gepflegt, ſo wird ſich auch die reinſte Freundſchaft gleich der ſchoͤnſten Blume entfalten. Mit dieſem Gleichniß haben Sie die Skizze zu dem engen Verhaͤltniſſe zwiſchen der verſtorbenen 5 — 66— Baronin von Turneck und mir. Unſere Freundſchaft entſtand faſt mit unſerm Daſein, wir waren wie junge Reiſer, deren Zweige ſich feſt verſchlungen hielten, um die Roſen und Dornen des Lebens mit gleichem An⸗ theile zu tragen; da brach der Sturm herein, der mir meine ſuͤße Stuͤtze entriß. Die theure Freundin ſtarb und konnte von keiner Andern erſetzt werden, denn nur ein Mal kann dieſes ſchoͤne Gefuͤhl in gan⸗ zer Vollkommenheit erbluͤhen. Die Pflichten und Freuden als Gattin und Mutter hielten mich trotz des tiefen Schmerzes, den ich erlitt, empor, aber auch der Sproͤßling ihres Schoßes, den die Verſchei⸗ dende an mein Herz gelegt hatte, zeigte mir, daß ich, abgerechnet fuͤr die Meinigen, auch noch Freund⸗ ſchaftspflichten haͤtte, fuͤr die ich mich in Thaͤtigkeit ſetzen muͤßte: feierlich gelobte ich mir, die Tochter der Verſtorbenen gleich dieſer werth zu halten und allein ihre Pflege zu uͤbernehmen. Ich hielt Wort, und Sie ſehen, wie gluͤcklich der Himmel mich lohnte. Es wird mir unmoͤglich, fuͤr Cornelie anders als fuͤr meine Kinder zu fuͤhlen, und in den Vorzuͤgen Corne⸗ liens erkenne ich ein mir zugedachtes Geſchenk des Schoͤpfers. Ich pflichtete der Redenden in dem Lobe uͤber Cornelie gerne bei, denn auch ich hatte die ſchoͤne Baroneſſe bis dahin nur von hoͤchſt vollkommenen Seiten kennen lernen, doch erkannte ich auch in Frau —— — 62— von Leuchtenhauſen noch mehr als fruͤher die ſorgſame Pflegerin. Ich verſtand bald, daß der Vorzug, den ſie der Fremden ſelbſt vor ihrer eigenen Tochter ein⸗ raͤumte, gleichſam wie ein heiliges Opfer anzuſehen war, einem ſeltenen Freundſchaftsbunde dargebracht. Die liebliche Cornelie ließ es ihrerſeits nicht an Er⸗ kenntlichkeit fehlen, doch ſo deutlich ſie dieſe auch zeigte, ahnete ich damals noch nicht, wie weit ſie dieſelbe fuͤhren koͤnnte. 3 Die genannten Familien und mehre andere, die ſich faſt taͤglich vereinigten, lebten hier ſaͤmmtlich den Sommer auf dem Lande, urſpruͤnglich gehoͤrte aber die ganze Geſellſchaft in die Reſidenz zu Hauſe, von der ſie alle in gleichem Maße, als wir gewoͤhnlich von der unſrigen, eingenommen waren. Nur Cornelie ſchien mir ein wenig von dieſer libereinſtimmung ab⸗ zuweichen, doch ſchien ſie auch jede naͤhere Erklaͤrung daruͤber gern zu vermeiden, wie man denn uͤberhaupt Frohſinn und Zufriedenheit als die eigentlichen Be⸗ ſtandtheile ihres Charakters waͤhnen mußte. Niemals hoͤrte man ſie tadeln, und ſichtbar ſprach ihr flehen⸗ der Blick ihre Leiden aus„wenn der ſich vergeſſende Ferdinand zu. heftig der Mutter widerſprach. Man ſah, wie innig ſie ihre Pflegerin liebte, wie gluͤck⸗ lich ſie ſich in ihrer Naͤhe fuͤhlte. Ihr Vater hatte ſeit dem Tode ſeiner vielgeliebten Gattin dankbar der Frau von Leuchtenhauſen Erbieten, Corneliens Erziehung 5* 1 — 68— leiten zu wollen, angenommen und ihr auch die Tochter in den Kinderjahren faſt gaͤnzlich uͤberlaſſen. Nur ſeitdem Cornelie erwachſen war und der Baron das erwaͤhnte praͤchtige Luſtſchloß gekauft hatte, wuͤnſchte er die Tochter mehr in ſeiner Naͤhe, und da dieſe dem Vater und der Pflegerin mit gleichen Gefuͤhlen er⸗ geben war, ſo theilte ſie gern die Zeit zwiſchen Bei⸗ den. So wohnte ſie nun ſeit einigen Jahren wieder bei ihrem Vater, brachte aber den groͤßten Theil des Tages bei der Familie Leuchtenhauſen zu. Mit freudiger Überraſchung erkannte ich bald meine angenehme Lage, zu den Juͤngern der Geſellſchaft zu gehoͤren, denn zum Nachtheile meiner Landsleute wie zur Ehre der Deutſchen muß ich erwaͤhnen, wie mit gleichem Anſtande und Zartgefüͤhl dennoch bei der deutſchen Jugend ein viel freieres, offeneres Ver⸗ haͤltniß ſtattfindet, als bei uns Pariſern. Junge Maͤd⸗ chen und Maͤnner finden ſelbſt in den groͤßten Staͤd⸗ ten Deutſchlands(wovon allerdings keine halb ſo groß als Paris) oft Gelegenheit, ſich zu einer Beluſtigung zu vereinigen, ohne daß die Schoͤne gezwungen waͤre, ſich zur Erhaltung ihres Rufes auch jeden Schritt von der Mutter oder Gouvernante folgen zu laſſen. Es iſt der Jugend mit einander frei zu reden, ſich an einem gemeinſchaftlichen Spaziergange zu ergoͤtzen geſtattet, ohne wie bei uns uͤberall unnatuͤrlichen Zwang zu fuͤhlen, der mit Hinterliſt uͤberſchritten wird. — 69— Taͤglich waren Cornelie, Olinde, Ferdinand, Erich, ich und noch andere Maͤdchen und Juͤnglinge aus der Nachbarſchaft zu ungezwungenen, aber aͤußerſt ſittigen Vergnügungen vereinigt. Dann unternahmen wir weite Spaziergaͤnge in die majeſtaͤtiſche Gegend hinaus, fuhren auf dem See, muſicirten, tanzten; genug, es gab bei ſchoͤnem und ſchlechtem Wetter immer Unter⸗ haltung mit dieſer freundlichen Jugend. Cornelie war als Seele des Ganzen anzuſehen, indem ihre un⸗ beſchreibliche Liebenswuͤrdigkeit Jeden von uns in eine bequeme, ihm vortheilhafte Lage zu ſetzen verſtand. Obgleich Alles ihr huldigte, entzog ſie ſich den allge⸗ meinen Schmeicheleien mit unglaublicher Gewandtheit, und wenn ſich die Maͤnner, wie man denken kann, bei ſo ſeltener Erſcheinung hinzudraͤngten, ſo war es neu zu ſehen, wie ſie ſtets die Maͤdchen um ſich ver⸗ ſammelte und alle ihr gewogen waren. Doch auch Olinde, die Tochter meiner gaſtfreundlichen Wirthin, zeichnete ſich aus, denn beſaß ſie auch nichts von der brillanten Art ihrer Freundin, ſo war ſie in ihrem ſttillen, ſittſamen Weſen ebenfalls reizend. Verſtand Cornelie durch Witz und Lebendigkeit uns in ſo guter Laune zu erhalten, daß wir die Beſchwerden nicht fuͤhlten, wenn ſie uns auf den aͤußerſten Gipfel ei⸗ nes zackigen Felſens fuͤhrte, ſo hielt uns Olinde bis in die Nacht hinein wach durch ihren ſchoͤnen Ge⸗ ſang, wenn wir bei Mondſchein noch den See befuh⸗ — 70— ren; wenn Cornelie leicht und behende wie die Gemſe voranhuͤpfend ſich in neckender Freude ergoͤtzte, uns in eine wilde Waldgegend zu fuͤhren, wo wir uns mit ſchlechter Bauernkoſt oder ſelbſt ohne Erfriſchung den Tag uͤber behelfen ſollten, weil ſie eben hier einen ſchoͤnen Punkt der Ausſicht genießen wollte, ſo war Olinde, der Freundin Abſicht errathend, heim⸗ lich bemuͤht, das Beſte aus Kuͤche und Keller hinzu— ſchaffen. Kurz, ich wuͤßte nicht im Einzelnen jeden Vorzug herzurechnen, aber jede auf ihre Weiſe war ein ſeltenes Geſchoͤpf zu nennen; jedoch zeigte ſich bei Cornelien ein weit umfaſſenderer Verſtand, der mehr fuͤr die Welt paßte. Noch war leicht an der Baro⸗ neſſe trotz ihrer Heiterkeit ein ſeltener feſter Charakter zu erkennen, da man bei Olinden im Gegentheil ſehr bald Schwanken und Unſicherheit bemerkte. Achtes Capitel. Erwartete ich nun fruͤher von Euch, meinen Freun⸗ den und Leſern, eine verzeihliche Neugier uͤber meine etwanigen Herzensangelegenheiten, ſo zweifle ich nicht, Ihr tragt gleiches Intereſſe jetzt auf die kleine Euch geſchilderte Geſellſchaft uͤber, und es geht Euch un⸗ — 1— gefaͤhr, wie es mir erging, naͤmlich Eure Neugier beſchaͤftigt ſich zuerſt mit dem unzufriedenen Ferdinand, dann mit der liebenswuͤrdigen Cornelie von Turneck. Konnte ich mir auch ſagen, Erſterer habe in Ruͤckſicht der zwiſchen den beiden Familien lange beſtehenden Verbindungen die meiſten Rechte auf den Beſitz ſeiner ſchoͤnen Geſpielin, und konnte ich auch, ohne daß ge⸗ gen mich Erwaͤhnung davon geſchehen waͤre, erwar⸗ ten, Frau von Leuchtenhauſen muͤſſe dieſe Verbindung wuͤnſchen; ſo verrieth der Sohn dagegen auf keine Weiſe aͤhnliche Wuͤnſche, faſt moͤchte ich ſagen, er war weniger zuvorkommend als die uͤbrige Geſellſchaft gegen Cornelie, und es lag etwas in ſeinem Benehmen, was auf Zuruͤckhaltung deutete; ja, haͤtte er ſich nicht am naͤchſten Tage unſerer Ankunft in ein weitlaͤu⸗ figes Lob uͤber ſie ergoſſen, ich haͤtte ihn von irgend einem geheimen Grolle gegen ſie befangen gewaͤhnt. Niemals gab er ihr auf Spaziergaͤngen den Arm, niemals ſuchte er den Platz an der Tafel neben ihr zu gewinnen, und uͤberhaupt war er noch immer wie fruͤher zu ſehr mit ſeinen ſpeculativen Ideen beſchaͤf⸗ tigt, um ſich bei dieſer laͤrmenden Jugend gefallen zu koͤnnen. Gewoͤhnlich bemuͤhte er ſich, Erich von der Geſellſchaft zu trennen, um dann, wie wir glaub⸗ ten, mit dem Einzelnen beſſer ſein Lieblingsthema durchzureden; doch immer blieb es mir unmoͤglich, den Grund zu ſeinem Benehmen gegen Cornelie zu 72 errathen, noch weniger den Eindruck, den es auf ſie machte. Von aller Coquetterie entfernt, mußten ihr Ferdinands etwanige Huldigungen gleichguͤltig ſein, ſobald ſich kein ernſtes Gefuͤhl fuͤr ihn regte und dieſes war es eben, was ſich durchaus zweideutig kund that. Zuweilen ſchien es, als folgten ihm ihre beſorgten Blicke, wenn er ſich ploͤtzlich von uns trennte und dann fuͤr den Reſt des Tages ausblieb, zuwei⸗ len war wieder ihr geheimes Beben ſichtbar, wenn er unerwartet in ihre Naͤhe trat, und da ich es ſchon der Muͤhe werth fand, dieſe Sonderbarkeit genauer zu beobachten, ſo draͤngte ſich mir die Bemerkung auf: Beide ſeien viel unbefangener in Frau von Leuchten⸗ hauſens Abweſenheit, und dieſe habe uͤberhaupt mehh Einfluß auf Cornelie als ihr eigener Vater. Ferdi⸗ nand hatte mir dieſen vollkommen richtig geſchildert. Gutmuͤthig, nachgebend, beſaß er mit wenig Geiſtes⸗ bildung viel natuͤrlichen Verſtand, weswegen er auh leichter mit meinem aufbrauſenden Freunde fertig werden konnte als ſeine eigne Mutter, und unverhohlen eben ſo viel Gefallen an ihm, als Frau von Leuchtenhau-— ſen an Cornelien zeigte. Von den jungen Maͤnnern dagegen war Erich faſt der Einzige, der in vollkom⸗ men gutem Vernehmen mit Ferdinand ſtand und ſich Manches von ihm gefallen ließ; indeſſen geſchaa es aus reiner Freundſchaft, denn fern war der Arzt von Kriecherei. Spaͤter nahm ich freilich die unwi⸗ — — 33— derſtehliche Kraft wahr, die ihn in unſern Cirkel bannte, doch lernte ich ihn zugleich von zu edeln Seiten ken⸗ nen, um zu erwarten, andere Ruͤckſichten als reine Anhaͤnglichkeit ließen ihn des Freundes Launen er⸗ tragen. Die unwiderſtehliche Kraft war keine andere als die reizende Olinde. Oft fand ich den jungen Arzt nachdenkend, einſam fortwandernd, oͤfter ſah ich Olinde erroͤthen; als ſie mich aber einſt nicht als Beobachter vermutheten, begegneten ſich ihre ſeelen⸗ vollen Blicke. Liebe und Schmerz leuchteten zugleich daraus hervor, und die Augen verriethen die Über⸗ einſtimmung der Herzen, die zu bekennen den Lippen nicht geſtattet ſchien. Ein verſtohlner Seufzer entfuhr ſeiner beklommenen Bruſt, eine Zaͤhre zitterte in ih⸗ ren ſeidenen Wimpern. Beide erſchraken vor der Idee, ſie koͤnnten ſich verrathen haben, und weiter wanderte er nachdenkend allein, als ſie im roſenrothen Schim⸗ mer ergluͤhte. Ich fing an mich lebhafter fuͤr das junge Paar zu intereſſiren, das mir liebenswuͤrdiger erſchien, ſeitdem ich den ſchwaͤrmeriſchen Ausdruck ſei⸗ ner Blicke verſtand. In der That befand ſich unter den Anweſenden keiner ſo einnehmend als Erich, kei⸗ ner von gleich vollkommener Übereinſtimmung mit Olinden. In Beider Charakter lag etwas Reſignir⸗ tes, Zaghaftes, wodurch ſie harmonirten. Man er⸗ kannte in Beiden den naͤmlichen ruhigen Sinn, glei⸗ che Demuth und Beſcheidenheit, und in jeder Hand⸗ — 14— lung leuchtete bei Beiden der Zweck zu nuͤtzen her⸗ vor, müͤßte es ſelbſt mit Aufopferung geſchehen. Aus demſelben Grunde hatte Erich ſich zum Medi⸗ ciner beſtimmt, denn in keinem Stande, ſagte er, als in dieſem ließe ſein Wunſch, helfen zu koͤnnen, mehr erfuͤllen. Als ich mich eines Tages mit ihm daruͤber unterhielt, ſagte er etwa Folgendes: „Kein Sterblicher ahnet bei dem Beginn ſeiner Laufbahn, welche ſchwere Proben ihm noch bevor⸗ ſtehen, und es iſt dieſes gewiß die gluͤcklichſte Be⸗ ſchraͤnktheit unſerer intellectuellen Faͤhigkeiten. Ein Juͤngling, der Neigung zu einem Fache fuͤhlt, ergreift es mit Eifer, ertrotzt zuweilen die Erlaubniß dazu von Vorgeſetzten oder Altern und wird dennoch oft auf halbem Wege vor den unerwarteten Schwierig⸗ keiten ſtutzig. Wer aber haͤtte wol mehr Recht zu⸗ rüͤckzutreten als der Arzt? Trauriges und Ekelhaftes erwartet ſeiner nicht minder als den Krieger, doch nicht wie bei dieſem durch aͤußeren Glanz uͤbertuͤncht. Ungluͤckliche Wahrheit ohne allen Reiz der Taͤuſchung ſtreckt ihm, im wirklichen und figuͤrlichen Sinne, ihre blutigen Wunden entgegen, und nicht einmal der Troſt bleibt ihm, ſtets helfen zu koͤnnen. Ein ehr⸗ licher Arzt muß frei geſtehen: ſeine Wiſſenſchaft iſt unſicher, und darum muß er begeiſtert ſein von dem beſſern Gefuͤhle, zum Heil der leidenden Menſchheit zu ihrer Vervollkommnung beitragen zu wollen. Jung, — 15— wie ich bin, ergriff ich ſchon jede Gelegenheit, in Be⸗ gleitung aͤlterer Collegen traurige Erfahrungen zu machen, und das Peinliche meines Standes erkennend, ſetze ich Ruhm darein, nicht zu ſchwanken.“ Dieſen edeln Geſinnungen zufolge handelte er nach Kraͤften. Die Stelle als Leibarzt bei dem Baron hatte er nur vor der Hand angenommen(ohne Zwei⸗ fel wegen Olindens Naͤhe) und dabei zur Bedingung geſetzt, arme Huͤlfsbeduͤrftige der Umgegend verpfle⸗ gen zu koͤnnen. Neben dieſem heimlichen Anbeter Olindens ſah ich noch einen zweiten, viel weniger von ihr beguͤnſtigten Bewerber mit bedeutend mehr Dreiſtigkeit auftreten. Es war ein junger Graf, Falgin genannt, der Ad⸗ jutant eines Prinzen war. Ohne Ausgezeichnetes an ihm zu bemerken, ſchien er ein artiger Mann, wahr⸗ heitsliebend und gerecht. Sehr auffallend war mir, dem Franzoſen, das friedliche Nebeneinanderſtehen die⸗ ſer beiden Nebenbuhler, denn Jeder mußte unbedingt die Abſicht des Andern verſtehen, bei Keinem ließ ſich aber der mindeſte Haß oder Eiferſucht ſpuͤren. Ein Tag ging ruhig wie der andere hin, und nichts deutete auf Entwickelung. Da ich noch ſehr wenig uͤber die Sitten des Reichs unterrichtet war und keine Kenntniß der dort ſeit Urzeiten herkoͤmmlichen Be⸗ griffe hatte, ſo verſtand ich nicht, warum Erich und Olinde ihre Neigung mit Heimlichkeit zu bewahren — 76— ſuchten, da ihnen der Umgang frei geſtattet war, der Graf dagegen, ohne alle Ermuthigung Olindens, of⸗ fen ſeine Abſicht zeigte. Ich hoͤrte fruͤher daruͤber reden, daß Erich aus ſehr wohlhabender Familie ſei, vermoͤgender als die Leuchtenhauſiſche. Was er von dem Enthuſiasmus aͤußerte, mit dem der Juͤngling oft einen Stand gegen den Willen der Ältern er⸗ greift, war ſeine eigne Lebensgeſchichte; zugleich er⸗ waͤhnte man der beſondern Achtung, die ein Arzt, ſelbſt von weniger bedeutendem Rufe, nur wegen ſeines Standes in Deutſchland genießt. Es fand alſo auch hierin ein Unterſchied gegen Frankreich ſtatt, und konnte dem jungen Manne daher von dieſer Seite nichts hinderlich ſein. Vom Grafen ſagte man dagegen, daß er von ſehr vornehmer Abkunft, aber durch den Leichtſinn hoher Ahnherren in beſchraͤnkten Umſtaͤnden ſei. Da ich nun anfangs nach meinen pariſer Begriffen urtheilte, ſo fiel mir nicht ein, man koͤnnte den rei⸗ cheren Erich dem weniger bemittelten Falgin nachſetzen, denn ich bedachte nicht, daß in dieſem Lande noch keine Revolution die Trennung der Staͤnde aufgeho⸗ ben hatte, wie dieſes groͤßtentheils bei uns der Fall war; auch nicht, daß, wenn man gleich den Doctor⸗ titel achtete, weil man uͤberhaupt titelſuͤchtig war, ein Graf doch noch in viel groͤßerem Anſehen ſtand. Eben⸗ falls fremd war mir, wie viel nach dieſem Tadel den Deutſchen wiederum Lob in anderer Hinſicht — 772— uͤber uns Pariſer gebuͤhre, denn Geld kann bei ih⸗ nen bei weitem noch nicht in dem Maße, wie bei uns, Gluͤck und Ungluͤck beſtimmen. Dieſer ſonſt zu lo— bende Umſtand ſollte indeſſen dieſes Mal zum Nach⸗ theil der Liebenden eintreten; es blieb mir bald kein Zweifel, der„Herr Graf“ wuͤrde uͤͤber den„Herrn Doctor“(wie man ſich gewoͤhnlich ausdruͤckte) ſiegen. Nur die ſchon genannten Perſonen waren der ei⸗ gentliche aneinanderhaltende Kern der Geſellſchaft, und nur dieſe allein mir intereſſant genug, um in ei⸗ nige Intimitaͤt mit ihnen zu kommen. Die Unbe⸗ deutenheit der meiſten Ungenannten war zu hervor⸗ tretend, als daß ich Annaͤherung wuͤnſchen konnte oder ihr Ab⸗ und Zugehen ſehr bemerkt haͤtte, wie ich denn uͤberhaupt bald wenig mehr von der Menge bemerkte, weil meine Gedanken ſich nur mit einem Gegenſtande zu beſchaͤftigen begannen. Da Ihr auch ohne meine Beſtaͤtigung in dieſem Gegenſtande die ſchoͤne Cornelie errathen werdet, ſo will ich die Macht, welche dieſes reizende Weſen nach und nach auf mich ausuͤbte, nicht laͤnger verbergen. Sie allein blieb ſtets heiter, gut, witzig, anmuthig, von Allen vorgezogen, Keinen vorziehend. Dieſes, glaube ich, verdroß Jeden von uns beſonders, wenigſtens ſchien es mir bei Allen merklich, ausgenommen bei Ferdi⸗ nand. Auch mich ſchmerzte ihre Kaͤlte, als ich mich um ſie zu bemuͤhen anfing, und wiederum konnte 78 ich ſie bei genauer Beobachtung keineswegs der Kaͤlte anklagen. All ihr Thun und Treiben zeigte vielmehr Lebendigkeit, die nur durch Feſtigkeit des Charakters und ſeltenen Verſtand bezaͤhmt war, aber weder Ab⸗ noch Zuneigung zeigte ſie gegen die Juͤnglinge ihrer Umgebung. Und dennoch, ſagte ich mir, laͤßt ſich nicht erwarten, daß bei ſo natuͤrlicher Individualitaͤt abgemeſſene Erwaͤgung die Zauberſtimme der Liebe von ſich weiſen wuͤrde, ſobald ſich dieſe in ihrer rei⸗ nen Flamme offenbarte. Nur von dieſer Offenbarung wollte ſich keine Spur kundthun; gleichmaͤßig blieb ihr freundliches Betragen. Gluͤcklicherweiſe fuͤhlte ich nie weder Selbſtſucht noch Eigenliebe, und ſo war ich gegen die Einbildung geſchuͤtzt, ſie muͤßte mir eher als einem Andern Gehoͤr ſchenken, aber ſelbſt ohne Eitelkeit durfte ich es mir wol moͤglich denken, ſie ſei bis jetzt nur aus Grille unempfindlich und das Ungefaͤhr haͤtte mich im gluͤcklichen Momente zu ihr gefuͤhrt.. Liebte ſie noch nicht, ſagte ich mir, ſo ſchlug ihre Stunde noch nicht, wo waͤre der Beweis, daß dieſe ewig ausbleibt?— Sie kann, ſie darf der Liebe nicht fremd bleiben! O, wer iſt der Gluͤckliche, bei deſſen Annaͤhern dieſe Holde zuerſt zagt, weil ſie ſeine Gegenwart wuͤnſcht und fuͤrchtet? wer iſt es, bei deſſen Blick, deſſen Haͤndedruck ſie bebt und erroͤthet, flieht und Thraͤnen ſchmerzlicher Wonne vergießt?— — 79— Wer iſt der Selige, dem ſie„ich liebe Dich“ ſtam⸗ melt und ihn ſtolz wie einen Gott macht?!— Ich wußte, daß ich es nicht war, aber der Schmerz, den ich nebſt dieſem Bewußtſein empfand, ließ mich meine keimende Leidenſchaft verſtehen. Ihr werdet begreifen, daß ich bei dieſer Veraͤnderung, die im Laufe der Zeit mit mir vorging, nur fuͤr kurze Augenblicke meiner fruͤheren Lebensart gedachte. Alles, was ich bis dahin unternahm, war Folge der lberlegung geweſen, jetzt fehlte mir zum erſten Male im Leben der freie Wille, und was mich unterhielt, mich unwiderſtehlich anzog, war nicht mit kalter Vernunft von mir auf⸗ geſucht worden. Die Lage war mir zu neu, als daß ich mich anfangs darin zurechtfinden konnte, und ſowie ich mich fruͤher nach einander von den Aſſem⸗ bleen in Paris, von politiſchen Cirkeln, von meinen Studien, von der Lecture der Journale losſagte, weil nichts meinen Wuͤnſchen genuͤgte, uͤberall eine Luͤcke uͤbrig blieb, ſo fuͤhlte ich auch jetzt, wie das einzige wahre Gut, wonach ich bis dahin, mir ſelbſt unbewußt, geſtrebt hatte, in dem Gefuͤhl der Liebe befangen lag. Das einzige wahre Gut?— ja, ich ahnete die Gluͤckſeligkeit, ſich der Gegenliebe einer Cor⸗ nelie zu erfreuen, aber im Allgemeinen ſchreckte mich die Lage unſerer Verhaͤltniſſe, ohne daß ich mir Re⸗ chenſchaft zu geben wußte. Ein geheimes Etwas rieth mir, dieſe kaum entſtehende Neigung zu be⸗ — 80— kaͤmpfen, und ich wollte den ſchweren Verſuch noch wagen. 1 Die Baroneſſe nicht zu bemerken, auszuweichen, war mir bereits unmoͤglich geworden, aber mich den übrigen mehr anzuſchließen und durch die allgemeine Unterhaltung Zerſtreuung zu ſuchen, nahm ich mir vor. Als zweifach Fremder, naͤmlich in dieſer Ge⸗ ſellſchaft, wie im Lande, war es fruͤher gleich bei meiner Ankunft meine Abſicht, ſo unbemerkt als moͤg⸗ lich aufzutreten, dabei niemals die Vergleiche, die ich zu meiner eignen Belehrung anſtellte, laut auszuſpre⸗ chen, da Nationalſtolz ſo leicht zu Unvorſſichtigkeiten fortreißt, und uͤberhaupt wollte ich mehr hoͤren als reden, denn ich gedachte der Erzaͤhlung einiger aͤl⸗ teren Landsleute, die gleich nach dem Frieden Deutſch⸗ land bereiſt hatten und damals viel von der Erbit⸗ terung gegen die Franzoſen litten.— Mich uͤberraſchte daher das Gegentheil. Die lange Zeit, die bereits ſeit unſern Eroberungskriegen verſtrichen war, hatte in die hoͤhern Cirkel des Reichs, worin ich mich be⸗ fand, nicht allein vollkommene Maͤßigung zuruͤckge⸗ fuͤhrt, ſondern ich glaubte bald bei den Meiſten eine Vorliebe fuͤr Frankreich zu bemerken und fuͤhlte mich ungemein geſchmeichelt dadurch. Anfangs wollte ich durch meine Kenntniß der deutſchen Sprache bewei⸗ ſen, daß ich nicht unwuͤrdig ſei, mich in die deutſchen Geſpraͤche zu miſchen, die etwa uͤber Wiſſenſchaften — 81— und Literatur, dem Lande eigenthuͤmlich, gefuͤhrt wer⸗ den moͤchten; doch ſah ich bald, wie man mir dieſe Bereitwilligkeit nicht Dank wiſſe. Sprachen gleich nur ſehr Wenige vollkommen rich⸗ tig und ſchoͤn franzoͤſiſch, ſo redete man es doch vor⸗ zugsweiſe, und viel lieber wollte man mir das Un⸗ angenehme bereiten, franzoͤſiſche Sprachfehler hoͤren zu muͤſſen, als daß man ſich von mir mit deutſchen Sprachfehlern wollte die Ohren beleidigen laſſen; hierzu kam noch, daß man ſich groͤßtentheils mehr mit franzoͤſiſcher Sprache und Literatur als mit der vaterlaͤndiſchen beſchaͤftigt hatte. Man unterhielt mich demnach nicht allein immer im Franzoͤſiſchen, ſondern man brachte auch das Geſpraͤch immer auf Paris zu⸗ ruͤck. Das Meiſte war ſchon bekannt, das Wenige, was noch fehlte, wollte man erfahren, und wahrlich, gedenke ich noch heutigen Tages der vielen Fragen, die uͤber Frankreich und Paris an mich ergingen, ſo bezweifle ich, daß ich immer richtig antwortete. Durch die ſeltene Zuvorkommenheit, die freundliche Aufnahme in dieſer fremden Geſellſchaft(wovon wir in Paris nicht die entfernteſte Idee haben) ſehr geſchmeichelt, und folglich fuͤr dieſe meine neuen Bekannten einge⸗ nommen, wuͤnſchte ich einen vernuͤnftigen Entſchuldi⸗ gungsgrund zu finden fuͤr die Sonderbarkeit, ſich der franzoͤſiſchen Sprache zu bedienen, konnte aber den⸗ noch keine andere Urſache ausfindig machen als etwa 6 — 3à32— die, daß man mir eine ſeltene Hoͤflichkeit zu erwei⸗ ſen glaubte, mich in meiner Mutterſprache und uͤber mir bekannte Gegenſtaͤnde zu unterhalten. Es war mir leid, indem ich gern mein muͤhſelig erlerntes Deutſch etwas geuͤbt und mich gern damit gebruͤſtet haͤtte; noch mehr litt aber meine Eitelkeit darunter, mich nie in einem vortheilhaften Lichte von Seiten des Verſtandes und anderer Kenntniſſe zeigen zu koͤn⸗ nen, denn niemals hoͤrte ich eine bedeutende geiſtige oder gar gelehrte allgemeine Unterhaltung, denn nim⸗ mer konnten die wenigen Ausnahmen einiger aͤlteren Maͤnner der ganzen Geſellſchaft, die ohne allgemeines Intereſſe war, einen wahrhaften Gehalt verleihen. Die Sprache iſt nur Mittel, ſagte ich mir, deſſen man ſich mit der groͤßten Leichtigkeit muͤßte bedienen koͤnnen, wenn man vom Gedankenſtrome fortgeriſſen wird; je bedeutſamer ſich die Ideenfolge in uns ent⸗ wickelt, je faßlicher und ſchneller moͤchten wir ſie uͤberliefern; eine fremde Sprache verhindert uns ge⸗ wiß daran, wir moͤgen ſie noch ſo gut inne haben. Da aber die allgemeine Converſation in dieſem Cir⸗ kel in einer fremden Sprache gefuͤhrt wird, ſo wird der Zweck, der doch bei einer Unterhaltung einzig die Gedanken ſein ſollten, dem Mittel geopfert. Dieſer Anſicht zufolge war ich wol theilweiſe dank⸗ bar fuͤr die Ruͤckſichten, die man meinetwegen nahm, theilweiſe aber that es mir leid, mich nur in dem — 83— allergewoͤhnlichſten Converſationstone fortbewegen zu muͤſſen, wobei ich nichts Neues erfuhr und folglich bald geiſtige Abſtumpfung an mir gewahr wurde, denn der ſcheinbare Vortheil, der fuͤr mich daraus entſtand, mich in meiner Mutterſprache ausdruͤcken zu duͤrfen, war in der That nur Schein, indem der Einzelne nur ſelten mit Lebendigkeit ein Thema durchfuͤhren kann, wenn nicht geiſtreiche Widerreden verſchiedene Wendungen des Geſpraͤchs hervorbringen, und ob ich gleich ſelbſt Ausnahmen kannte, die durch koloſſale wiſſenſchaftliche Kenntniſſe und ein eminentes Redner⸗ talent die unglaubliche Liebenswuͤrdigkeit beſaßen, als Mittelpunkt, eine in Bewunderung ſchweigende Ge⸗ ſellſchaft um ſich zu feſſeln, ſo durfte ich mir den⸗ noch ſolche uͤberwiegende Faͤhigkeit nicht zutrauen. Solcherlei Maͤngel, die ſich erſt nach und nach vor mir entfalteten, hatten den doppelten Nachtheil, mich nicht aus meinen Empfindungen reißen zu koͤnnen, und mich oͤfter, als ich wuͤnſchte, Vergleiche zwiſchen der jetzigen und meiner fruͤheren Lebensart anſtellen zu laſſen. Eiferte ich auch in der letzten Zeit in Paris gegen die Journale und das dortige Journal⸗ weſen, indem der Antheil daran mich voͤllig abſor⸗ birt hatte, ſo war ich dennoch durch meine Entfer⸗ nung von dem eigentlichen politiſchen Schauplatze bei weitem gemaͤßigter uͤber dieſen Punkt geſinnt, und war auch keineswegs beſtimmte Reue meiner fruͤheren 6* — 84— Anſichten eingetreten, ſo ſchienen mich doch fruͤhere Gewohnheiten und Entbehrungen gerade Das wuͤn⸗ ſchen zu laſſen, was mir unlaͤngſt laͤſtig fiel. Nicht um in dieſer Geſellſchaft etwas Neues, Außerordent⸗ liches zu debitiren, brachte ich einige Male die allge⸗ meinen Welthaͤndel zur Sprache, vielmehr hoffte ich endlich einen beſſern allgemeineren Beruͤhrungspunkt ge⸗ troffen zu haben, aber ich irrte auch hier. An dieſen Stoff der Unterhaltung war man noch viel weniger als an manchen anderen gewoͤhnt, und ein freies Ausſpre⸗ chen uͤber oͤffentliche Begebenheiten oder gar ein Ta⸗ del uͤber die Regierung des Landes brachte allgemei⸗ nes Verſtummen und Verlegenheit hervor. Bei ſol⸗ cher Entdeckung mußte mir nun zuweilen Frankreich und unſre pariſer Lebensart fehlen. Doch nur zu⸗ weilen, und auch mehr am Anfange und am Ende meines Aufenthalts in der Fremde als in der mitt⸗ leren Zeit, wo mir, wie der Erfolg zeigen wird, nicht Gemuͤthsruhe genug zum Nachdenken blieb. Wuͤnſchte ich mir auch zuweilen ein politiſches Ge⸗ ſpraͤch, anſtatt mich mit dem Baron von Turneck von Jagdhunden unterhalten zu muͤſſen, wofuͤr er beſondere Vorliebe hatte, ſo ſchuf mir ein einziger freundlicher Blick ſeiner Tochter die Gegenwart zum Paradieſe. Unterhielt mich ein Lieutenant von den Vortheilen oder Nachtheilen dieſer oder jener Uni⸗ form und wollte genau jedes Regiment in Frank⸗ — 85— reich von mir beſchrieben wiſſen, ſo haͤtte ich davon⸗ eilen moͤgen; ging aber die reizende Cornelie an mir voruͤber und ſchlug erroͤthend den Blick nieder, weil der meinige ſie traf, ſo vergaß ich die Welt und ließ den Lieutenant reden, ohne zu hoͤren. überraſchend ward es bald fuͤr mich zu bemerken, daß Cornelie ſich von den abgeſonderten ernſtern Ge⸗ ſpraͤchen, die ich zuweilen mit Ferdinand hielt, ange⸗ zogen fuͤhlte, was ich dem heitern Maͤdchen nie zu⸗ traute. Anfangs hoͤrte ſie nur aus der Ferne zu, dann ruͤckte ſie naͤher und nahm endlich mit Beſchei⸗ denheit und Einſicht Theil, indem ſie ihre Freude ge⸗ ſtand, nicht wie ſonſt, immer uͤber Perſonen, Theater und Moden reden zu muͤſſen, und meine Abſicht, mich durch Abſtraction zu beherrſchen, mich von dem reizenden Geſchoͤpfe dadurch entfernt zu halten, ging nun nicht allein gaͤnzlich verloren, ſondern dieſes Mittel ſollte bald den Anlaß zur Annaͤherung geben. Spuͤrte man eine Luͤcke, fuͤhlte man gleichſam einen Mangel an Stoff, den es ſich der Muͤhe gelohnt haͤtte, hin und her zu widerlegen, ſo hatte ſie immer eine Frage in Bereitſchaft, die uns von neuem aufregte, und ſo ward mir in dieſem unſerm abgeſchloſſenen Kreiſe erſt recht die unverſiegbare Quelle ihres Verſtandes bekannt. Kunſt und Wiſſenſchaften, Welthaͤndel, Ta⸗ del und Lob der großen Menſchengeſellſchaft dienten uns abwechſelnd zum Thema, doch geſtand mir die — 86— ſchoͤne Grazie bald, daß ihre Anſichten am wenigſten klar uͤber Staatsverhaͤltniſſe ſeien. Es iſt, ſagte ſie, hier zu Lande durchaus nicht Sitte, daß wir Frauen⸗ zimmer uns um dergleichen bekuͤmmern, und ſollten wir wirklich ein Intereſſe fuͤr Weltbegebenheiten fuͤh⸗ len, ſo muͤſſen wir dieſen Geſchmack nicht zu laut werden laſſen, damit man uns nicht affectirt nenne. Sie werden hier in unſerm Kreiſe bemerken, daß ſelbſt Maͤnner ihre politiſche Meinung nicht frei und laut gegen Jedermann kundthun, geſchweige nun wir Maͤdchen! Dieſe Außerung Corneliens erweckte ſehr gemiſchte Gefuͤhle in mir. Das ewige politiſche Ge⸗ ſchwaͤtz von ſo vielen Unberufenen, namentlich von den Frauen, hatte mich faſt von Paris vertrieben, wie durfte ich mich alſo uͤber das Gegentheil bekla⸗ gen? Indeſſen ſo ganz und gar nichts von Dem zu vernehmen, was juͤngſt den groͤßten Theil meiner Zeit und Gedanken in Anſpruch nahm, begann nach Friſt mir nicht zu behagen. Ich glaube faſt, ich ſpuͤrte ſchon damals den Wunſch, fuͤr Alles, was je mein Herz und meinen Geiſt beſchaͤftigte, auch Cornelien Geſchmack einzufloͤßen, damit ich immer eine ſchick⸗ liche Gelegenheit faͤnde, mich in ihrer Naͤhe zu hal⸗ ten, und ſo erweckte ich vielleicht nur gern ein In⸗ tereſſe fuͤr das Hffentliche in ihr, damit ich mich auch hiermit an ſie wenden koͤnnte. Einſt theilte ſie mir — 87— ihre Geſinnungen in ſo ſchmeichelhaften Ausdruͤcken mit, die zugleich von einer nur ihr eigenthuͤmlichen Naivetaͤt waren, daß ich mir ihre Worte noch ſelbi⸗ gen Tages freudetrunken notirte. Wie mich zugleich der Inhalt frappiren mußte, moͤgt Ihr ſelbſt beurtheilen. Wir Frauenzimmer, ſagte ſie, blicken mit den dankbarſten, guͤnſtigſten Gefuͤhlen auf jeden Mann, der unſern Ideen eine neue Wendung zu geben weiß, wodurch wir an Gehalt gewinnen. Die Beſſern un⸗ ter uns fuͤhlen immer ein Streben nach echter Be⸗ lehrung, die uns leider bei dem gewoͤhnlichen Unter⸗ richte kurz genug zugeſchnitten wird; oft iſt uns die⸗ ſer Wunſch ſelbſt unbewußt, oder es fehlt durch un⸗ ſere Verhaͤltniſſe die Gelegenheit dazu. Bringt das Ungefähr aber einen feingebildeten, unterrichteten Mann in unſere Naͤhe, und er will nur einen klei⸗ nen Theil ſeines Schatzes freundlich mittheilen, ſo wird er ſtets eine aufmerkſame, biegſame Schuͤlerin finden, deren Erkenntlichkeit ſich auch wol in Zaͤrt⸗ lichkeit verwandelt, wenn nicht Vernunft oder die eiſerne Nothwendigkeit anderer Pflichten das Gegen⸗ theil gebieten. Wie mich ſolcherlei Außerung beſchaͤftigen mußte, laͤßt ſich leicht denken; ich wagte nicht ſie auf unſere Lage zu beziehen, und konnte dennoch heimlich die Auslegung nicht unterdruͤcken. Und wenn mich auch der Schein eines Geſtaͤndniſſes entzuͤckte, mußten 88 mich nicht die Worte: eiſerne Nothwendigkeit anderer Pflichten, zuruͤckſchrecken? Ich wagte kaum durch leiſe Hindeutungen guͤnſtige Aufnahme fuͤr meine war⸗ men Empfindungen zu hoffen, als Cornelie mir im Laufe einer kurzen Zeit wie verwandelt ſchien. Nur von den großen Weltbegebenheiten, die das Schickſal von Millionen beſtimmen, wollte ſie von nun an noch reden hoͤren; alles Andere fand ſie kleinlich da⸗ gegen. Es wurden mit Muͤhe Zeitungen aus allen Himmelsgegenden angeſchafft, mit namenloſem Eifer die Tragoͤdie der Kriege ſtudirt, den Debatten der Kammern gefolgt, genug, ſie ward in dieſer Hinſicht ein vollkommenes Abbild unſerer modernen, geiſtrei⸗ chen pariſer Damen, und ging alſo einen Schritt weiter, als ich anfangs wuͤnſchte. Die Waͤrme, mit der ſie ſo gefliſſentlich an dem Entfernten Theil nahm und das Naͤchſte unbeachtet ließ, uͤberraſchte mich der⸗ geſtalt, daß ich mich eines Tages gegen Erich dar⸗ uͤber aͤußerte. Was Sie wundert, entgegnete der Arzt, finde ich, der ich die Baroneſſe durch laͤngeren Umgang wol beſſer verſtehe, natuͤrlich. Es liegt in dieſer neuen Wendung ihres Geſchmackes ein viel tieferer Sinn, als man bemerken kann, aber ich glaube ſie dennoch zu durchſchauen. Cornelie, die ich eine ſeltene Er⸗ ſcheinung nennen moͤchte, iſt keiner Laͤcherlichkeit faͤ⸗ hig; beginnt ſie etwas dem Ähnliches, ſo truͤgt uns — 89— das Außere. Feurig iſt ſie zwar in allen ihren Handlun⸗ gen, aber ein gluͤcklich-natuͤrlicher Takt laͤßt ſie im⸗ mer das Rechte waͤhlen, ſeitdem wir ſie zur verſtaͤn⸗ digen Jungfrau herangewachſen ſehen, und nur eines einzigen Irrthums waͤre ſie vielleicht in ihrem Leben zu beſchuldigen geweſen, wenn nicht eines der edel⸗ ſten Gefuͤhle ſie geleitet haͤtte, und Jugend, die da— mals faſt an Kindheit grenzte, ſie ihren eigenen See⸗ lenzuſtand noch nicht erkennen ließ. Es muͤßte mich jetzt Alles truͤgen, wenn ich bei dieſem ſtets froͤhli⸗ chen, lachenden Maͤdchen nicht auch zuweilen ernſtes, wehmuͤthiges Nachdenken errathe, welches oft nur ei⸗ nen Schritt von den zerriſſenſten Schmerzen entfernt iſt, und nur in dieſem Bezuge allein erklaͤre ich mir den Eifer, womit ſie ſich der von Ihnen vorgeſchla⸗ genen Unterhaltung weiht. Sie tritt gleichſam aus ſich ſelbſt heraus und ſieht ſich hinter den Haufen von Journalen wie hinter einem Bollwerke geſichert. Das Schlachten der Voͤlker, die um Freiheit kaͤm⸗ pfen, zeigt ihrer Einbildungskraft alles Entſetz⸗ liche, was damit verbunden iſt; ſie ſieht die leidende Menſchheit und findet im Vergleiche dazu jedes Un⸗ gemach ertraͤglich. Gegen die Ambition der Großen findet ſie ihre eignen Wuͤnſche zu unbedeutend, um ſich läͤnger damit zu beſchaͤftigen; ſie blickt auf die traurigen, von Menſchen geſchaffenen Verfaſſungen, wodurch Tauſende hienieden erdruͤckt werden, und be⸗ — 90— greift, daß der Einzelne nicht klagen darf, wenn er dem Inſecte aͤhnlich in den Staub getreten wird; ſie will nichts von der kleinen Tagesgeſchichte ihres engen Cirkels hoͤren, und jedes edle Mitgefuͤhl dem Schickſale der leidenden Menge weihen. Reuntes Eapitel. Ich wuͤßte keine Schilderung des aufgeregten Zuſtandes, in dem ich mich befand, als Erich nach den letzten Worten eilig abgerufen wurde und mir 3 die Erklaͤrung ſeines Urtheils uͤber Cornelien allein uͤberließ. Von Allem, was ich aus ſeinem Munde vernahm, hatte ich wenige Minuten zuvor keine Ah⸗ nung, denn weder konnte ich der Froͤhlichen ſo tiefe Abſicht zutrauen, als er geaͤußert hatte, noch glaubte ich je einen ihrer Wuͤnſche unbefriedigt, aber gleich⸗ ſam als habe ſich das Schickſal darein gemiſcht, mich zur Verzweiflung zu treiben, fand ich ſeit jenem Ge⸗ ſpraͤche nicht wieder Gelegenheit, den Arzt allein zu ſehen. Gefaͤhrliche Kranke erheiſchten ſeine Gegen⸗ wart, wovon ihn namentlich einer, wie er ſagte, beſonders in Anſpruch nahm. Dieſes war Schuld, — — 91— daß er nur auf kurze Zeit zu uns kam, und jetzt oft Wochen lang ſelbſt die Naͤchte ausblieb. Gleich ihm hatte Ferdinand ſich nach und nach nicht allein von der Geſellſchaft, ſondern auch von unſerm engen Kreiſe entfernt und deutlich zu verſtehen gegeben, daß er ſich uͤberall beſſer fuͤhle als im muͤtterlichen Hauſe und bei den alten Bekannten; auch konnte er eine bedeutende Gemuͤthsveraͤnderung, die in ihm vorge⸗ gangen war, nicht verbergen. Bald nach unſerer Ankunft in ſeiner Heimath ſonderte er ſich theils allein, theils mit Erich von den übrigen ab, ja zu⸗ weilen unternahmen ſie kleine Reiſen, von denen Fer⸗ dinand indeſſen ſtets uͤbelgelaunter zuruͤckkehrte und eine getaͤuſchte Hoffnung in ſeinen Geſichtszuͤgen ver⸗ rieth. Seit einiger Zeit war er merklich veraͤndert. Wenn auch Frohſinn nie die Eigenthuͤmlichkeit ſeines Charakters werden konnte, ſo mußte ihm unerwartet ein Ereigniß zugeſtoßen ſein, was ihn zugleich zer⸗ ſtreute und beſchaͤftigte und hierdurch, wenn auch nicht vollkommen zufrieden ſtellte, wenigſtens mehr beruhigte. Niemand aͤußerte ſich hieruͤber, doch konnte Jeder leicht einſehen, daß man Ferdinand immerhin muͤßte gewaͤhren laſſen, wenn man ihn nicht noch mehr erbittern wollte, und ſo ließ ſelbſt die Mutter, ihm oft mit thraͤnendem Blicke nachſehend, ihn ſich auf ganze Tage entfernen, ohne eine Erklaͤrung zu fodern. 3 — 92 Von dieſer Zeit an, worin ich auch Cornelien naͤ⸗ her zu beobachten begann, wurden auch ihre Gefuͤhle mir weniger erklaͤrbar. Waͤhnte ich einen mir gewo⸗ genen Blick, ſo ſah ich ſie gleich darauf wieder mit Andern eben ſo freundlich. Das iſt die Liebe nicht! dachte ich empfindlich und ſchwieg, und dennoch war meine Ruhe dahin, meine Freiheit verloren; mein Herz gehoͤrte ihr, wachend und traͤumend ſah ich nur ſie, und einzig war ich damit beſchaͤftigt, Gehoͤr bei ihr zu finden. O wie beneidete ich den ruhigen deut⸗ ſchen Charakter Erichs. Erhoͤrt von der Geliebten, deren Herz ohne Zweifel ſein war, fuͤhrte er trotz der Entbehrung ſeine gewohnte Lebensart fort, fand Zerſtreuung in Beſchaͤftigung, trennte ſich willkuͤrlich Tage lang, litt und ſchwieg. Ich dagegen, kaum mir meiner Leidenſchaft bewußt und durch nichts aufgemuntert, war ich ſchon der Verzweiflung preis⸗ gegeben. In dem Momente, wo ich entſchloſſen war einen entſcheidenden Schritt zu wagen, der mich auf ewig mit dieſer Holden vereinen oder von ihr tren⸗ nen ſollte, brachten uns auch jetzt Umſtaͤnde und Umgebung, wie fruͤher die Gehaltloſigkeit der uͤbrigen Geſellſchaft, um ſo viel naͤher. Auch Olinde ſuchte in der Abweſenheit ihres Freundes vorzugsweiſe die Einſamkeit, um, wie es mir ſchien, mit ihren Schmer⸗ zen und Wonnen ungeſtoͤrt zu bleiben, und ſo muß— ten, durch die Vereinzelung der Mitglieder unſeres — 93ñ— fruͤheren engen Kreiſes, Cornelie und ich uns um ſo viel naͤher treten, denn ſchon gewoͤhnliche kalte Höflichkeit erheiſchte von mir, ſie nicht ploͤtzlich auch zu verlaſſen. Sie ſcherzte auch hieruͤber und meinte: wir muͤßten uns ſchon nothwendig an einander gewoͤhnen, um nicht der entſetzlichſten Langeweile preisgegeben zu ſein. Und wie koͤnnte ich jetzt durch leere Worte den ganzen Gehalt wiedergeben, den dieſes ſeltene We⸗ ſen entfaltete? wie die Anmuth beſchreiben, die jede Bewegung, jeder Gedanke uͤber ihre Geſtalt verbrei⸗ tete? Ja, es waren trotz Qualen und Zweifel un⸗ glaublich ſchoͤne Stunden, und Ihr moͤgt auch ohne meine Erwaͤhnung denken, wie aͤngſtlich ich einem guͤnſtigen Momente fuͤr mein Geſtaͤndniß auflauerte, aber gleich einem Schattengebilde, verſchwindend wenn man die Hand danach ausſtreckt, entſchluͤpfte ſie mir, ſo oft ich darauf hindeutete. Durch Unter⸗ druͤckung unſerer Gefuͤhle, durch gaͤnzliches Schwei⸗ gen uͤber Alles, was auf uns Bezug hatte, ſprachen wir deſto offener uͤber unſere Umgebung, und ſo aͤu— ßerten wir auch wiederholt unſere Meinung uͤber Olinde gegen einander. Wie mußte ich aber ſtaunen, als ſich Cornelie eines Tages gegen mich uͤber die Freundin in einem meiner Erwartung voͤllig entge⸗ gengeſetzten Sinne aͤußerte. Der Graf Falgin war naͤmlich, wie gewoͤhnlich, eines Abends ausſchließlich um ſeine Schoͤne beſchaͤftigt, und bald waren Beide — 94— entfernt genug in dem Garten, um uns nicht zu ver⸗ nehmen, zugleich ſah ich Cornelien eine gewiſſe Zu⸗ friedenheit an, ein Beifallnicken, daß die Freundin nicht mehr wie fruͤher den Grafen ſchnoͤde abſchrecke. uUnmoͤglich konnte ich mit Bemerkungen zuruckhalten. Wir armen Maͤnner, begann ich, ſind doch wahr⸗ lich zu bedauern. Gar viele Hinderniſſe ſind gewoͤhn⸗ lich unſeren Wuͤnſchen entgegen, und keine Kleinig⸗ keit ſind die etwanigen feindlichen Geſinnungen, die einen jungen Mann oft von der Freundin ſeiner Ge⸗ liebten bedrohen. Was meinen Sie? fragte Cornelie verlegen. Nun, ich gedachte ſo eben des armen Erich, der fern von hier ſo manche Widerwaͤrtigkeit erduldet und noch obendrein den Troſt entbehrt, in ſeiner Abwe⸗ ſenheit Jemand zu wiſſen, der zu ſeinen Gunſten redet. Ich verſtehe Sie, ſagte ſie, eine Weile nachden⸗ kend, und verzeihe Ihnen den Vorwurf, denn Sie leben bei weitem noch nicht lange genug mit uns, um unſere Sitten zu begreifen. Erich koͤnnte un⸗ moͤglich irgendwo mehr Theilnahme erwecken als bei mir, und muͤßte ich mit großen Opfern ſein und Olindens Wohl erkaufen, ich waͤre augenblicklich dazu bereit; aber es ſteht ſeinem Gluͤcke noch ein ganz an⸗ deres Hinderniß entgegen, und dieſes liegt in den allgemeinen Anſichten, von denen meine liebe Freun⸗ din nicht befreit iſt. Ihre Neigung iſt von der ſei⸗ — 95— nen weit an Reinheit uͤbertroffen, denn ſie kennt außer dieſer Liebe noch andere Guͤter und moͤchte ſich unter keiner Bedingung der tadelnden oͤffentlichen Meinung preisgeben. Die Familie Leuchtenhau⸗ ſen iſt von ſehr altem Adel, Olinde ſtreng in der Mutter Principien großgezogen, und glauben Sie mir, ich taͤuſche mich nicht, wenn ich zu bemerken glaube, ſie koͤnne es ihrem eignen Herzen nicht verzeihen, daß es ſie von ihren Geſinnungen abtruͤnnig mache; taͤglich zeigt ſie mehr den feſten Willen, ſich bezwingen zu wollen, und dieſer Wille faßt ſchon die Moͤglichkeit des Gelingens in ſich. Wir wollen uns jedes Urtheiles enthalten; weder Tadel noch Lob moͤchte ich mir da erlauben, wo jeder Charakter Verſchiedenheit der Geſinnung hervorbrin⸗ gen muß, und fern ſei es von mir, bei meiner ge⸗ liebten Freundin an Seelenadel und der Faͤhigkeit, aufrichtige Liebe zu empfinden, zu zweifeln; aber iſt es nicht auch natuͤrlich und ſogar fuͤr unſere und un⸗ ſerer Naͤchſten Ruhe erſprießlich, wenn wir nicht mehr begehren, als die allgemeinen Begriffe billigen?(Ein muͤhſam zuruͤckgedraͤngter Seufzer entging mir hier nicht.) Olindens Herz ſchlaͤgt allerdings fuͤr Erich, aber dennoch auf bedingte Weiſe, und ſeit der erſten Stunde vergaß ſie nicht, wie voͤllig hoffnungslos ſie liebe. Das Troͤſtliche dabei ſind die vielen Beiſpiele von aͤhnlichen Verhaͤltniſſen hier zu Lande, wo die — 96— Liebenden, trotz der Trennung, das Gluͤck in andern Verbindungen wiederfinden, und ſelbſt dieſe Wen⸗ dung erſcheint ihnen, an hieſige Sitte gewoͤhnt, na⸗— tuͤrlich. Meine theure Pflegeſchweſter iſt ſanft und gut, aber ſie wird ebenſo wenig Kraft und Ver⸗ ſtand beſitzen, die Einwilligung zu einer Heirath mit dem buͤrgerlichen Arzte zu erzwingen, als ſie dieſe Heirath, wenn ſie wirklich dazu gelangen koͤnnte, mit der Zeit begluͤcken wuͤrde, und ſo muß man zu ih⸗ rem eigenen Wohle ſchon wuͤnſchen, ſie moͤchte wie die Mehrzahl unſerer ſchoͤnen Landestoͤchter nach kur⸗ zem Jammer, dem Geliebten entſagen zu muͤſſen, in einer vortheilhaften Ehe und einem nachgebenden Gemahle Befriedigung finden. Ich glaube in dem Grafen Falgin dieſe Vorzuͤge vereint zu ſehen und bin, ſo viel der ſchwache Menſchenverſtand dergleichen vorausſehen kann, faſt uͤberzeugt, daß er ſie durch ſein Herz einſt begluͤcken wird, denn ich hatte ſchon Gelegenheit, ihn in wichtigen Momenten groß und edel zu ſehen. Er ſelbſt ward ſchon hart vom Schick⸗ ſale mitgenommen, als er ſich in voller Kraft der Ju⸗ gend mit Schwaͤrmerei dem Einfluſſe der Liebe hin⸗ gab; ſelbſt gekraͤnkt, wird er das gekraͤnkte Herz Olin⸗ dens ſchonen. Urtheilen Sie jetzt, wie ſehr ich dieſe Verbindung wuͤnſchen muß, da ich weiß, daß der Ti⸗ tel einer Graͤfin auch ohne Falgin's Vorzuͤge hier nicht leicht abgewieſen wird. — 97— Haͤtte mir, entgegnete ich befremdet, ein andrer Mund als Corneliens, was ich ſo eben vernahm, kund⸗ gethan, ich haͤtte wahrlich an der Wahrheit gezwei⸗ felt. Von dem eifernden, ſtets tadelnden Ferdinand bin ich dergleichen gewohnt, und wuͤßte auch, wie viel ich von dem Geſagten bei ihm abrechnen duͤrfte, aber von der klugen, gefuͤhlvollen Baroneſſe Turneck, die ich bis jetzt nur nachſichtig, nachgebend, lobend und zufrieden ſah, dergleichen zu vernehmen, uͤberraſcht mich aller⸗ dings. So iſt denn jedes Maͤdchen(fuhr ich erbittert fort) hier bereit, ihr Herz dem Range zu opfern, und die groͤßten Vorzuͤge der Unbetitelten waͤren nicht im Stande, die Wage zu halten? Wir blieben lange ſtumm neben einander, und ihre Verlegenheit entging mir nicht; endlich brach ſie das Stillſchweigen. Seelenadel, ſagte ſie, iſt der deutſchen Frauen Eigenthuͤmlichkeit, Seelenſtaͤrke dagegen leider nur ſelten, und dieſe iſt gewiß erfoderlich, um das Her⸗ koͤmmliche ruͤckſichtslos zu uͤberſehen. Ich ſchilderte Ihnen Olinde, die Mehrzahl unſrer Jungfrauen und die gewoͤhnlichen Anſichten des Lebens und der Ver⸗ haͤltniſſe im Innern der Familien; indeſſen gibt es Ausnahmen, Herr Dorval, und auch dieſe wuͤrden mir nicht ſchwer herzurechnen, da ſelbſt meine leider zu fruͤh verſtorbene Mutter ein Beiſpiel davon war. Sie war bei dieſen letzten Worten ungewoͤhnlich 65 98 ernſt geworden, barg das Geſicht in den Haͤnden und konnte einen Seufzer nicht unterdruͤcken. Wie? fragte ich, verwundert und erſchuͤttert durch Corneliens auffallende Unruhe: ich glaubte Ihre Frau Mutter von einem altadeligen Geſchlechte? Zu ihrem Ungluͤcke, erwiederte ſie bewegt, denn mein Vater war ihr bei weitem nicht ebenbuͤrtig. Der Adelſtand ward in unſerer maͤnnlichen Linie erſt ſeit wenigen Generationen erkauft. Gleich manchem An⸗ dern ſeiner Landsleute hatte ein Vorfahr meines Va⸗ ters beſſer erachtet, eher als neuer Baron, als durchaus unbetitelt zu erſcheinen, und gern ertrug dieſer Emporkoͤmmling Spott, wodurch ſich die Mit⸗ welt an einem Ehrgeizigen(der keine Ehrenbezeigung verdient) raͤcht, damit ſeine Nachkommen glaͤnzender an dem Horizonte ihres Vaterlandes erſcheinen moͤch⸗ ten. Mein Vater, ein Abkoͤmmling jenes Tapfern, der allen Degenſpitzen des Witzes Gelaſſenheit entge⸗ genſtellte, legte bei ſeinem geraden Sinne nie den Werth, den ſein Vorfahr wuͤnſchen mochte, auf ſeinen Adelſtand, bis zu jener verhaͤngnißvollen Stunde, worin ihm meine Mutter, die er innigſt liebte, noch als Fraͤulein ihre Gegenliebe geſtand. Unſaͤgliche Schwie⸗ rigkeiten wurden von der Willensfeſten uͤberwunden und endlich die Ehe vollzogen. Sie ſoll an wahrer innerer Gluͤckſeligkeit unuͤbertrefflich und dennoch ein beſtaͤndiger Kampf der Verhaͤltniſſe geweſen ſein. Die — 99— Gattin konnte dem Gemahl keine der ihr angebornen Rechte geben und durfte demungeachtet, wollte ſie als Mutter gewiſſenhaft gegen ihre etwanigen Nachkom⸗ men handeln, ihre Rechte nicht hoͤhnend von ſich wei⸗ ſen. Nur ſie gehoͤrte zu den Erſten des Reichs, nur ſie war hoffaͤhig; da brach endlich der Gram uͤber ſtets erneute Kraͤnkungen, die ihr dieſe Misheirath zuzog, das Herz der Edeln und ſie zahlte mit dem Leben den Frieden, der ihr hienieden nicht werden ſollte. Cornelie war jetzt in eine ſo wehmuͤthige Stimmung uͤbergegangen, wie ich ſie vorher nie an ihr gewahrte. Und wie, frug ich, denken Sie uͤber einen Gegen⸗ ſtand, der Wohl und Weh uͤber Ihr Daſein ebenſo gut bereiten kann als einſt uͤber Ihre ungluͤckliche Mutter? Wie wuͤrde die kluge, einſichtsvolle Cornelie ſich in aͤhnlichem Falle benehmen, wenn einem Sterblichen das ſeltene Gluͤck zu Theil wuͤrde, Ihr Herz zu beſitzen? Ich bebte, erfaßte ihre Hand, die ſie kalt und regungslos in der meinen ließ und den Blick nicht vom Boden erhob. Unmoͤglich, ſprach ich dringender, kann Cornelie, die Selbſtſtaͤndige, wie die ſchwache Olinde handeln. Wenn ſie ſich von dem beſeligenden Gefuͤhle der Liebe ergriffen weiß, muß jede Schwie⸗ rigkeit vor ihrer Überlegenheit ſchwinden. Jede Schwierigkeit?! war halb fragend, halb aus⸗ rufend ihre Antwort, und zwar mit ſo ungewohntem, 7* — 100— durchdringendem Tone, daß mir entſetzt ihre Hand ent⸗ fuhr und Olinde wie Falgin, die ſich nicht fern befanden, ſich beſorgt uns nahten. Cornelie lehnte ſich auf der Freundin Schulter und verließ mich. Ich blieb erſtaunt allein zuruͤck und wußte nicht, wie ich das Geſchehene deuten ſollte, oder beſſer, ich wußte nicht, was ich dachte. Du biſt zu weit und nicht weit genug gegangen, ſagte ich mir mit verbiſſenem Grimme und blieb den Reſt des Tages in meinem Zimmer. Die Nacht ging mir, wie ſchon manche an⸗ dere, ſeitdem die Ruhe von mir gewichen war, in quaͤlendem Nachdenken dahin, und dieſe Unruhe konnte ſich nur vermehren, gedachte ich des naͤchſten Tages. Es war naͤmlich ſchon lange von des Barons Na⸗ mensfeſte und den dabei zu beobachtenden Feierlich⸗ keiten die Rede, und beſonders betrieb Frau von Leuch⸗ tenhauſen die darauf ſich beziehenden Anordnungen mit großer Wichtigkeit. Nicht ſchien es mir, als wollte ſie den Baron allein, vielmehr auch ſeine verſtorbene Gemahlin, ihre einſt geliebte Freundin, noch darin ehren, und oft erwaͤhnte ſie mit beſonderem Wohlgefallen der ausgeſuchten, vornehmen Geſellſchaft (wovon noch Viele zu dem eigentlichen guten Eirkel der Verſtorbenen gehoͤrten), die ſich nur an dieſem ein⸗ zigen Tage aus verſchiedenen beſonderen Ruͤckſichten, deren Aufzaͤhlung hier zu weit fuͤhren wuͤrde, in des Barons Schloſſe einfaͤnden. Ich waͤre dem gan⸗ —— — 101— zen Unweſen um ſo lieber ausgewichen, da dieſes Feſt ſchon den folgenden Tag nach meiner ſo eben geſchilderten Unterredung mit Cornelien ſtattfand. An dieſem Tage aber nicht zu erſcheinen, waͤre bei den guten, jedoch in ihren Anſichten etwas kleinſtaͤd⸗ tiſch beſchraͤnkten Leuten durchaus unthunlich geweſen, haͤtte ich nicht eine ernſte Krankheit vorſchieben wol⸗ len, die wiederum durch Theilnahme, die man mir bezeigt haͤtte, ſtoͤren mußte. Ich mochte uͤberlegen, wie ich wollte, mir das erſte Wiederſehen mit Cornelien noch ſo peinigend darſtel⸗ len, ſo blieb kein anderes Mittel, als entweder wichtige Abrufung vorzuſchuͤtzen, auf der Stelle abzureiſen und die ſchoͤnſten Traͤume zu vergeſſen, oder den naͤchſten Tag ſchon in des Barons Schloſſe zuzubrin⸗ gen. Wie haͤtte ich lange waͤhlen koͤnnen? Zehntes Capitel. Die aufgehende Sonne fand mich noch wachend, und im Fieberzuſtande kleidete ich mich feſtlich an. Auch Ferdinand und Erich ſtellten ſich an dieſem Morgen puͤnktlich ein, obgleich Beide die Nacht hindurch am Bette des fruͤher erwaͤhnten Kranken zugebracht hat⸗ — 102— ten und der Arzt ſich unbeſchreiblich ermattet fuͤhlte; Beide waren von Trauer und Mitleid tief gebeugt. Im Schloſſe angelangt, erinnerten uns Zierathen von Blumen und Kraͤnzen, die Staatslivree der Die⸗ ner, feierliche Muſik, allerlei Beluſtigungen, die man fuͤr Landleute und Untergebene eingerichtet hatte, an das Feſt. Wir beeilten uns, dem Baron unſere Gluͤckwuͤnſche abzuſtatten, wobei ich nicht verhindern konnte, auch verſtohlen nach Cornelien zu blicken. Sie ſehen und die Welt vergeſſen, war fuͤr mich Eins. Mie⸗ ne und Formen zeigten ſich ſtets zu charakteriſtiſch, zu harmoniſch bei ihr, als daß ſie mir je anders als in hoͤchſter Vollkommenheit erſcheinen konnte, und dennoch war ſie heute vortheilhaft veraͤndert; blaͤſſere Wangen verkuͤndeten Sorge und Unruhe, aber ein unbeſchreiblich ſeelenvoller Ausdruck ſprach zugleich Gluͤck, wenn auch bedingungsweiſe aus. Ihre Stimme war ſo weich und wehmuͤthig, wie ich ſie bis jetzt nicht kannte, und faſt ſchien mir auch ihr ſonſt ſo leichter Schritt ſchwankend. Wie ſollte ich dieſe ploͤtzliche Veraͤnderung deuten, um ſie nicht zu misdeuten?— Traͤumend wußte ich kaum, was um mich her vor⸗ ging, als wir Juͤngern bald auf einem von Baͤumen eingeſchloſſenen, mit Sitzen verſehenen Raſen unfern des Schloſſes vereint waren. In der Mitte ſtand ein Poſtament von ſeltenen Ge⸗ waͤchſen, gruͤnen Zweigen und Feldblumen aufgebaut, — axg9—̈⏑O:—B:u:.ßͤ:n——— — — — 103— an dem die Geſchenke, welche man bereitet hatte, auf⸗ gerichtet waren, und die wohlgeſtaltetſten Kinder der Landleute bildeten die anmuthigſten Gruppen umher. Bald fuͤhrte Frau von Leuchtenhauſen den Baron wie durch Ungefaͤhr hierher, und der gute Mann, wirklich geruͤhrt, ſpielte ſeinerſeits mit vaͤterlicher Nachſicht auch vollkommen gut den überraſchten, obgleich er wol alljaͤhrlich etwas Ähnliches erlebte. Ein kleiner Burſche ſagte mit vieler Naivetaͤt in der aͤußerſt originellen Mundart des Volks einen Vers, Gluͤckwuͤnſche wurden wiederholt, Alles gehoͤrig gelobt und bewundert, und nachdem der Gefeierte unter den Kleinen bald mehr austheilte, als er empfangen hatte, zerſtreuten ſich die Begluͤckten. In unſerm Eirkel ſchien dagegen das Beduͤrfniß lang entbehrter Mittheilung ſo vorherrſchend, daß Jeder ſich ruhig auf ſeinem Platze hielt, damit Keiner bei dem Um⸗ herſtreifen des Andern Gegenwart entbehren muͤßte. „Eure Theilnahme, ſagte der Baron, zu uns ge⸗ wandt, nehme ich dankbar auf, denn ſie dringt aus dem Herzen; aber jaͤhrlich wuͤnſche ich, es moͤchte mit dieſer Morgenfeierlichkeit voruͤber und ich des beſchwerlichen Mittagbrots mit ſeiner Etikette uͤberhoben ſein. Es ſieht Alles von außen glatt und freundlich dabei aus und gibt doch ſtets Verdruß. Der groͤßte Theil der Gaͤſte hegt uͤble Geſinnungen im Hintergrunde. Gewoͤhnlich laſſen ſich die Damen noch — 104— im letzten Augenblicke entſchuldigen, denn Migraͤne und Nervenzufaͤlle ſind ja jetzt Hinderniſſe an der Tagesordnung bei unſern Schoͤnen, wenn ſie ſich laͤſtiger Pflichten entledigen wollen. Die Maͤnner kom⸗ men theils aus Neugier, meinen vielberuͤhmten, ſchoͤnen Park, andere gar meine Tochter zu ſehen, und rechte Theilnahme iſt nirgends. Wie Sie, lieber Baron, erwiderte Frau von Leuch⸗ tenhauſen, nur ſo finſtere Gedanken hegen moͤgen; vergeſſen Sie doch nicht, daß die Gaͤſte des heutigen Tages vielmehr groͤßtentheils ſich zu den Freunden Ihrer Gattin zaͤhlten, und wollten Sie auch an Aufrichtigkeit zweifeln, ſo ſind Sie dieſes Feſt immer der Conve⸗ nienz ſchuldig. Der ſtets nachgebende, midgeſinnte Baron geſtand dieſes ſeiner Nachbarin, wie es ſchien, nur aus Ge— waͤhrung, keineswegs aus Überzeugung ein. Und nun, liebe Cornelie, begann die Mutter, von neuem ſich zu dieſer wendend, gebuͤhrt Dir noch ein beſonderes Lob, denn Du haſt wahrlich Alles auf das Geſchmackvollſte angeordnet, vollkommen wuͤrdig, den hohen Adel zu empfangen. Nimmer haͤtte ich geglaubt, nahm Ferdinand das Wort, meine gnaͤdige Mama moͤchte den Handlungen ihres Lieblings Abſichten unterlegen, die ein unguͤn⸗ ſtiges Licht auf dieſe werfen muͤßten. Unguͤnſtig? fragte Frau von Leuchtenhauſen er⸗ — 105— ſtaunt. Allerdings, erwiederte Erſterer. Waͤre es nicht zu ihrem Nachtheile, wenn man von der ſonſt ſo einfachen Cornelie glauben koͤnnte, ſie ſetze groͤ⸗ ßeren Werth darauf, den hohen Adel, wie Sie zu ſagen belieben, oder uͤberhaupt den Adel bei ſich zu bewirthen, als den Buͤrger oder andere brave Leute? Was kann der unbefangenen Tochter an dem Stande der Gaͤſte gelegen ſein, die der Vater zu ſich ladet? Ich denke, die Liebenswuͤrdigen werden am beſten, die Langweiligen am ſchlechteſten von ihr empfangen, und da weiß es unſer Schoͤpfer, welches Loos man⸗ chen hochadeligen Junker treffen muͤßte. In der That, mein Sohn, Du befremdeſt mich, ver⸗ ſetzte die Mutter empfindlich. Ich zwang Dich nie, Deine Geſinnungen, wenn auch im Widerſpruche mit den meinigen, zu verbergen; aber ich moͤchte Dich bitten, in meiner Gegenwart nicht mit ſolcher Geringſchaͤtzung von den erſten Claſſen unſeres Reichs zu reden, zu denen wir ſelbſt durch unſere Geburt uns zaͤhlen. Ich ſetze keinen Werth darauf, wie Sie wiſſen, entgegnete der Sohn raſch. Dieſem hohen und hoͤch⸗ ſten Adel genuͤgt es ja nicht, die Familie eines bie— dern Ehrenmannes zu den Ihrigen rechnen zu koͤnnen. Die Hauptſache bleibt die gewiſſe Anzahl Vorfahren, der felderreiche Stammbaum, und waͤre auch in jedem Wappenfelde das ſichere Zeichen irgend eines grauſa⸗ men Gewaltſtreichs. Die Mehrzahl ſolcher bunt ge⸗ — 106— kleckſter kleiner Schilder vorweiſen zu koͤnnen, macht hier zu Lande den Mann. Da ich nicht ſo veraͤchtlich von der Einrichtung der Wappen denke, antwortete Frau von Leuchten⸗ hauſen, ſo ſehe ich vielmehr eine ſchoͤne und leicht auszufuͤhrende Weiſe, darin ſeinen Nachkommen ein Merkmal glorreich vollbrachter Thaten zu hinterlaſſen. Ich leugne nicht, ich gehoͤre zu Denen, die mehr Be⸗ friedigung darin finden, kriegeriſche Abzeichen helden⸗ muͤthiger Ahnen zu ſehen, welche den ſpaͤteren Ge⸗ nerationen noch Glanz verleihen, als zu Denen, die ihr Anſehen durch blanke Thaler errangen, durch ih⸗ rer Vorfahren Geſchicklichkeit mit der Feder in der Schreibſtube oder gar mit der Elle an der Zahlbank erworben. Ich geſtehe, mir ſcheint das Gefuͤhl edler Abkunft befriedigender. Auch mir, verſetzte Ferdinand, aber wie ich ſchon ſagte: edle Abkunft im edelſten Sinne gibt jenen Leuten nichts; adelige Abkunft im adeligen Sinne wol⸗ len ſie, und die heißt wenigſtens ſechzehn Haudegen aufzeigen zu koͤnnen oder in deren Ermangelung viel⸗ leicht einige Intriguanten, die ſich durch Maitreſſen oder ehrloſe Guͤnſtlinge auf die Stufenleiter vorneh⸗ mer Wuͤrden emporſchwangen.— Was ſie von dem laͤcherlichen Großthun der Schreibſtuben⸗ und Zahlbankhelden denken moͤgen, iſt auch meine Meinung; aber gibt es ſonſt keinen ruhmvollen Stand, der Ach⸗ ——v2ö— 2 ——õõ——j——— —x— —.— — 107— tung und Anſehen verdient? Kann ſich keiner durch Wiſſen, durch Talent, durch Geiſt und Tugend aus⸗ zeichnen? Soll die Welt nur aus Flachkoͤpfen beſte⸗ hen oder aus Vorurtheilsvollen, die mit dem Flit⸗ terſtern auf der Bruſt ſtolzieren und trotz der Kennt⸗ niſſe, des Scharfſinns, ein zerſtoͤrendes Princip der Beſchraͤnkung, der Unterdruͤckung, nur aus leidigem Hochmuthe verbreiten wollen? Muß die Welt nur aus ſolchen beſtehen, die ſich ſchnell in den bunten Rock ſtecken, um ernſtern Studien zu entgehen und deſto mehr Recht am Übermuthe zu haben, oder zum Ge⸗ genſatze nur aus albernen Emporkoͤmmlingen?— Iſt ein unbeſtechbarer Richter oder ſonſt ein buͤrgerlicher Staatsdiener, der ſeinen Platz mit Wuͤrde ausfuͤllt, nicht wuͤnſchenswerther zum Vorfahr, als eine bis in die graue Vorzeit ſich dehnende Reihe Betitelter, wovon nicht ein Einziger zum Wohl oder Vergnuͤgen der Menſchheit beitrug?— Alle Ehrfurcht vor einem großen Feldherrn, vor einem General, dem ſein Talent ſeine Stellung erwarb, wie wir es unter dem Kaiſer in Frankreich ſahen; ſchaͤtzen ſoll man eben⸗ falls den mit Titel und Wuͤrden Belehnten, der ſie allein ſeinem Verſtande verdankt; wie dagegen koͤnnte ich hier auf ſolchen Vorfahr ſtolz ſein, den(ſeltene Aus⸗ nahmen abgerechnet) nicht das Talent erheben kann? Waͤre nun in unſerer Ahnenreihe Einer helldenkend genug geweſen, einer Wiſſenſchaft, Kunſt, oder gar — 108— einer induſtriellen Unternehmung ſich zu widmen, ſo wuͤrde ich mich dieſes ſeltenen Stammvaters gewiß deſto mehr ruͤhmen, die hieſige große Welt mich aber gewiß noch mehr uͤber die Achſel anſehen, als ſie ſchon jetzt meiner freieren Denkungsart wegen thut. Die Mutter fuͤgte noch Manches hinzu, den eifern⸗ den Sohn zu widerlegen. Suchte ſie die hoͤchſten Claſſen zu vertheidigen und fuͤhrte Beiſpiele der lie⸗ benswuͤrdigſten Herablaſſung an, ſo bemuͤhte er ſich, Beiſpiele des uͤbermuͤthigſten Stolzes aufzurechnen, und aͤngſtlich ſahen wir ſchon einem abermaligen Streite entgegen, als Cornelie beguͤtigend das Wort nahm: So lange die Sterblichen in ihrer mangelhaften Einſicht auf dieſer Erde walteten, war ein Unterſchied der Staͤnde, ſagte ſie, und wir haben keine Hoff⸗ nung, es koͤnnte ſich je damit aͤndern. Wer moͤchte ſich wol erlauben, mit Beſtimmtheit uͤber Vortheil und Nachtheil fuͤr die Maſſe abzuſprechen, da noch keine Erfahrung lehrte, was dieſer im Allgemeinen frommt? Seit Abel und Kain ſehen wir Zwieſpalt in der menſchlichen Geſellſchaft, und mehr oder min⸗ der deutlich geformt, tritt er ſeit undenklichen Zeiten bei den verſchiedenſten Voͤlkern hervor. Die an fei⸗ ner Sitte, Kuͤnſten und Wiſſenſchaften vor allen andern ausgezeichnete Nation der Griechen fuͤhlte in dieſem Punkte nicht edler als die roheſten Barbaren, denn — 109— eine unuberſteigbare Kluft trennte den Freien von den Sklaven, unter welchen gewiß mancher einen beſſern Platz verdiente. Ein vortreffliches Beiſpiel! rief Ferdinand, entruͤſtet uͤber Corneliens Worte;— unſer Adel, der ſich in keiner Art vor dem Buͤrger hervorthut, ja gewoͤhnlich gegen die Ausgezeichneten des letztern Standes zuruͤck⸗ ſteht, den heben Sie hinauf bis zu den Großen des alten Griechenlandes?! Unſern edeln Buͤrger erniedri⸗ gen Sie in Ihrem Vergleiche zu einem feigen Skla⸗ ven?— Keineswegs, verſetzte die Baroneſſe mit liebenswuͤrdiger Maͤßigung gegen Ferdinands Heftig⸗ keit; legen Sie meinen Worten keinen falſchen Sinn unter, und vor Allem, laſſen Sie mich ausreden. Nicht die aͤlteſte und neueſte Zeit allein wollte ich gegen einander vergleichen, ſondern nach einander Voͤlker und Epochen nennen, in welchen gleiche Ge⸗ ſinnungen mannichfach geſtaltet wieder erſcheinen. Es war nicht meine Abſicht, zu unterſuchen, ob der Sklave vermoͤge ſeiner angebornen Natur oder ſeiner ihm aufgedrungenen Verhaͤltniſſe groͤßtentheils niedrig von Geſinnungen war; ich wollte uͤberhaupt weder Werth noch Unwerth unterſuchen, ſondern nur des ſeit ur⸗ alten Zeiten beſtehenden Unterſchiedes der mehr oder minder Privilegirten erwaͤhnen. Die ſchroffe Felſen⸗ wand zwiſchen Freiheit und Sklaverei ſollte, in Eu⸗ ropa wenigſtens, durch die ſanftere chriſtliche Religion — 110— nach und nach geebnet werden; aber eben dieſe Re⸗ ligion brachte zu viele neue Wendungen in der Men⸗ ſchengeſellſchaft hervor, als daß Alle gleich hohe Standpunkte haͤtten einnehmen koͤnnen. Ein guter Chriſt mußte, ſeines Glaubens halber, damals wo es ruͤhmlich hieß, ſich die freie Ausuͤbung deſſelben ſelbſt bis ins Morgenland hinuͤber zu erfechten, auch ein guter Ritter werden, Ritterthum mußte noth⸗ wendig Feudalitaͤt hervorbringen, und an dieſe reiht ſich auf ganz natuͤrliche Weiſe Hochmuth und Über⸗ muth. Bin ich nun auch voͤllig Ihrer Meinung, daß man heutigen Tages uͤber die Letzteren bei uns ſehr zu klagen habe, ſo lehrte uns dennoch die traurige Geſchichte der franzoͤſiſchen Revolution, wie theuer die Bekaͤmpfung jener Übel zu ſtehen kommt.— Die raſchen Franzoſen wollten dem Ungemache gleich von der Wurzel an abhelfen, deswegen rotteten ſie Stolz, Adel, Thron und Religion zugleich aus und verloren auf dieſe Weiſe vor der Hand Alles, denn dem Boͤ⸗ ſen, was ſie abſchaffen wollten, mußten ſie auch das Gute opfern. Zu zart und unſichtbar iſt fuͤr das Volk die Grenze, die es nicht uͤberſchreiten ſollte, um ſich ſelbſt nicht zu entwuͤrdigen, deswegen genießen auch die Anſtifter einer Revolution nie die Vortheile, die ſie ſich verſprechen; ſie bauen fuͤr die Nachkom⸗ men, denn immer muͤſſen ſie, um zu erhalten, erſt geben. Daß den Franzoſen die Ablegung der Reli⸗ — 111— gionsformen nicht frommte, ſehen wir an der ſchnellen Wiederannahme derſelben; daſſelbe gilt von dem Throne. Freiheit und Gleichheit herrſcht freilich in dieſem Au⸗ genblicke dort mehr als bei uns, aber an welchen tiefen Abgruͤnden ſchwebten ſchon dieſe blutig erkauften Guͤter! Wie gerne hoͤrten die Citoyens wieder das vornehmer klingende Monſieur; wie willig nahmen Beduͤrftige wieder Dienſte und ſchickten ſich ins Gehor⸗ chen; wie ſchnell beugte man ſich wieder unter den ſchweren Scepter der Gewalt, ſobald er nur von glaͤnzenden Siegestrophaͤnn umſtrahlt war!— Sie werden mir einwenden, daß trotz der oͤfteren aͤußeren Veraͤnderung, der ſich die Franzoſen in Nothwen⸗ digkeit wieder ergeben mußten, dennoch durch die Re⸗ volution eine innere Freiheit bei ihnen entwickelt wurde, die den Geringern dort erhoͤht, den Hochſtehenden nicht ſo erhaben ausſehen laͤßt, als bei uns, wodurch der Letztere weniger Übermuth uͤbt, der Erſtere mehr Selbſtgefuͤhl erlangt. Ich erkenne darin gern einen bedeutenden Vortheil zur allgemeinen Bildung einer Nation, wo aber hindert ſie den Einzelnen, ein edles Selbſtgefuͤhl bei ſich zu erhalten und alberner Ge⸗ wohnheiten zu ſpotten? Die hoͤheren Staͤnde koͤnnen in unſerem Reiche wenigſtens weder den Buͤrger noch den Bauer druͤcken, und alles Andre ſollte einen durch ſeinen eignen Genius Geadelten wenig bekuͤmmern. Uns unangenehmen geſellſchaftlichen Ver⸗ — 112— haͤtltniſſen zu entziehen, wenn wir uns durch die An⸗ ſichten unſerer Umgebung beengt fuͤhlen, muß uns allerdings erwuͤnſcht ſein; koͤnnen wir Lebende aber eine voͤllige Abſchaffung lange beſtehender Gewohnhei⸗ ten ohne Blutvergießen hoffen? duͤrfen wir Etwas wuͤnſchen, wobei nicht voraus zu berechnen iſt, ob nicht und wie viele Millionen untergehen muͤſſen? wie lange das Ziel des Jammers hinausgeſteckt wird? wie Alles endet, und ob wirklich Vortheile, ſolcher Opfer wuͤrdig, entſtehen werden?— Ich weiß recht gut, daß uns die Geſchichte, namentlich die von Eng⸗ land, manches beſtaͤtigende Beiſpiel liefert; aber ich wiederhole es, wir moͤgen nach unſerer Überzeugung noch ſo ſicher Verbeſſerung bei einer allgemeinen Um⸗ waͤlzung hoffen, ſo iſt die Hoffnung zu ſchwach, das Ungluͤck fuͤr die Generation, in der wir heranwuch⸗ ſen und die ſomit die meiſten Anſpruͤche auf unſere Theilnahme hat, zu groß, das Reſultat zu zweifel⸗ haft, als daß ein Freund ſeines Vaterlandes den erſten Anſtoß zur Aufloͤſung der beſtehenden Ordnung wuͤnſchen duͤrfte. Die Worte der Baroneſſe fanden, der Individuali⸗ taͤt ihrer Zuhoͤrer zufolge, ſehr verſchiedene Aufnahme. Frau von Leuchtenhauſen laͤchelte wohlgefaͤllig, Fer⸗ dinand verfocht dagegen ſeine oft ausgeſprochene Mei⸗ nung auch dieſes Mal mit Eifer. Als Franzoſe fuͤhlte ich mich zu antworten berufen — 113— und konnte nicht umhin, einige Worte zu Gunſten meiner Vaterſtadt hinzuwerfen, wo ſich jetzt die Ge⸗ ſellſchaft nur wegen voͤlliger Abſtreifung alles Hoch⸗ muths und jeder Convenienz ſo leicht und bequem durch und gegen einander bewegt. Dieſe meine Bemerkung gab dem Geſpraͤche bald eine allgemeinere Wendung, wodurch Mutter und Sohn nicht mehr allein kaͤmpfend blieben, und wo⸗ fuͤr mir Cornelie beſonders dankbar ſchien. Mit un⸗ gewoͤhnlicher Aufmerkſamkeit hoͤrte ſie mir zu, als ich nebſt andern Lobſpruͤchen, die ich unſern franzoͤſiſchen Inſtitutionen ſpendete, auch noch des Umſtandes er⸗ waͤhnte, daß bei uns Jeder, wenn ihn ſeine Faͤhig⸗ keiten dazu beriefen, Miniſter, ja Pair des Reichs werden koͤnnte, welches jetzt allein, allen ahnenreichen Geſchlechtern zum Trotze, als der einzige wahre Adel in Frankreich angeſehen wuͤrde. Ich darf nicht verbergen, wie mich hier, indem ich zum Lobe der Gleichheit ſprach, die kleine Eitelkeit ſpornte, einige meiner naͤchſten Verwandten zu erwaͤh⸗ nen, die, vom Buͤrgerſtande wie ich, ſchon bis zu Miniſtern und zur Pairwuͤrde erhoben wurden. Erich, von welchem ich es am wenigſten erwartete, weil ihn, ſeiner eigenen mislichen Verhaͤltniſſe halber, dieſe Un⸗ terredung noch unangenehmer beruͤhren mußte als mich, trat dennoch mit Eifer gegen mich auf. Dieſes Lob der Stadt Paris in Bezug auf Frei⸗ 8 — 114— heit von der Etikette, auf Gleichheit der Staͤnde, ſagte er, ertoͤnte auch mir ſchon ſeit langer Zeit, und dennoch fuͤhle ich mich berufen, ſolche Vorzuͤge dort nicht fuͤr allgemein zu erklaͤren. Der Staͤndeun⸗ terſchied ſcheint freilich in Paris nicht ſo druͤckend als bei uns zu ſein; daß aber andre Hinderniſſe dort oft ſtoͤrend in Verhaͤltniſſe und Neigungen ein⸗ greifen, glaube ich um ſo deutlicher zu bemerken. Was bei uns der Stolz, ſcheint mir uͤber dem Rhein das Intereſſe bewirken zu koͤnnen: es ſcheint ein maͤchtiger Grund zur Vereinigung und Trennung; und ebenſo leicht muß es ſein, Beiſpiele trauriger Ver⸗ irrungen, durch dieſen Hebel entſtanden, anzufuͤhren, als in unſerm ganzen Reiche dergleichen durch Stolz herzurechnen waͤren. Welcher von dieſen beiden Ur⸗ ſachen, die noch uͤberdies gleich ungluͤckliche Reſul⸗ tate herbeifuͤhren, der Vorzug gebuͤhrt, waͤre noch die Frage. Ich denke uͤberhaupt, wir reden hier im Allgemeinen; einzelne Beiſpiele guter Ausnahmen laſſen ſich gewiß uͤberall anfuͤhren. Der Arzt ſprach mit den letzten Worten meine Gedanken aus. Vollkommen Unrecht konnte ich ihm nach meiner gewiſſenhaften überzeugung nicht geben, denn leider wußte ich nur zu gut, wie bei den Pa⸗ riſern das Intereſſe wol nicht in das geſellſchaftliche Leben eingreift, aber dennoch die gewoͤhnliche Axe iſt, um die ſich alle poſitiven Verhaͤltniſſe drehen; jedoch be⸗ — 115— muͤhte ich mich, zu unſerer Vertheidigung einzelne Aus⸗ nahmen, wie er ſelbſt ſie nannte, herzurechnen. Haͤtte mich das Advocatenamt, welches ich jetzt fuͤr meine Vaterſtadt uͤbernahm, nicht lebhaft fortge⸗ riſſen, ſo wuͤrde mich Erichs aͤngſtliche Unruhe, Fer⸗ dinands ploͤtzliche Erſchuͤtterung unterbrochen haben, ich achtete aber nicht darauf und haͤtte den Strom meiner Rede vielleicht noch lange nicht gehemmt, waͤre der Erſtere nicht mit einer Art Entſchloſſenheit dazwi⸗ ſchengetreten. O Sie Gluͤcklicher! rief er faſt ſchwermuͤthig, der Sie ſo manche großmuͤthige Überwindung uͤber das Herkoͤmmliche aus Ihrer Vaterſtadt wiſſen, an⸗ ſtatt daß ich einen der traurigſten Faͤlle, eben von dort⸗ her ausgehend, vor mir ſehe, ohne retten zu koͤnnen. Der Kranke, deſſen Lager ich erſt dieſen Morgen ver⸗ ließ, um einige Stunden Erholung zu genießen und mich hier zum Feſte einzufinden, iſt ein ſchreckliches Beiſpiel davon; er wird aller meiner Anſtrengung zum Trotze untergehen, und ſchon muß ich mich be⸗ urlauben, um ſchnell wieder dorthin zuruͤckzukehren. Er ſtand raſch auf, wiederholte dem Baron den Gluͤckwunſch zu ſeinem Namensfeſte und eilte davon, indem Ferdinand ihn noch durch einige Alleen des Parks begleitete. Ich kann die ſonderbare Miſchung der Gefuͤhle, die ſich jetzt meiner bemeiſterten, unmoͤglich mit deutlichen 8*† — 116— Worten wiedergeben. Es lag ſo etwas Schwankendes, zugleich Verzweifelndes in Erichs Antwort, ſie ſprach ſo viel und zugleich ſo gar nichts aus, und ſein ſchnel⸗ les Davongehen zeigte ſo deutlich, daß er jeder naͤhern Erklaͤrung ausweichen wolle, indem er dennoch eine gewiſſe Aufmerkſamkeit zu erregen wuͤnſchte, daß namentlich Cornelie und ich den Freunden lange re⸗ gungslos nachſahen. Unſere Gedanken mußten hier uͤbereinſtimmen, wir ahneten es Beide, und unſere ſich begegnenden Blicke verriethen, was uns einem Traume aͤhnlich vorſchwebte; aber zu undeutlich war das halb Enthuͤllte, deswegen traf uns der bald zu⸗ ruͤckkehrende Ferdinand noch ebenſo ſtill und ruhig am naͤmlichen Platze, als er uns verlaſſen hatte, denn wir waren gaͤnzlich in Nachdenken verſunken. Die Mutter, aus fruͤheren Jahren mehr Einheit und Froͤh⸗ lichkeit an dieſem Tage gewohnt, beklagte ſich bald, daß man durch allzu ernſte Geſpraͤche heute die ehe⸗ malige Heiterkeit verbannt haͤtte. Wenn der Kranke, wandte ſie ſich zu Ferdinand, uͤber den Ihr trauert, auch außerdem Huͤlfe beduͤrf⸗ tig iſt, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß ein Leuch⸗ tenhauſen ſelbſt mit Opfern, wenn es ſein muͤßte, un⸗ terſtuͤtzt, und ſollte Deine Boͤrſe nicht hinreichen, ſo weißt Du, was in ſolchen Faͤllen von mir, von Cor⸗ nelie, zu erwarten ſteht. War dieſes Erichs Abſicht, ſo hatte er Unrecht, nicht einmal unſere Antwort ——— —j— — 117— abzuwarten.— Nein, erwiederte Ferdinand haſtig, aber zerſtreut, o nein, gewiß nicht, ſolche Abſicht hatte mein Freund ſicher nicht——— Nun denn, ver⸗ ſetzte Frau von Leuchtenhauſen mit Strenge, ſo war die traurige Stimmung, die er an einem Feſttage wie der heutige zu erwecken ſuchte, wenigſtens un⸗ ziemlich, wie uͤberhaupt unſer ernſtes Geſpraͤch an jedem anderen Tage, als gerade heute, paſſender ge⸗ weſen waͤre. Kommt, fuͤgte ſie milder hinzu, laßt uns dieſe Falten verſcheuchen, und um die bald ſich einſtellenden Gaͤſte mit mehr Schicklichkeit zu empfan⸗ gen, laßt uns von froheren Dingen reden. Zuvoͤr⸗ derſt muß ich Dich, lieber Ferdinand, fragen, warum Du Herrn Dorval, der Dir Beweiſe der waͤrmſten Freundſchaft gab, noch immer nicht von Deinem ſel⸗ tenen Gluͤcke unterrichtet haſt?— Sie ſah ihn forſchend an, und er erbebte ſo ſichtbar, daß man ihn in einem Fieberzuſtande haͤtte glauben muͤſſen; doch antwortete er nicht. Die Mutter ſchien des Sohnes Entſetzen, was ihr unmoͤglich entgehen konnte, nicht bemerken zu wollen, und fuhr fort: In der That, Deine Discretion geht zu weit, und ich denke, Du wirſt es mir Dank wiſſen, daß ich, ohne zu fragen, das heutige Feſt zur Publicitaͤt Dei⸗ ner heimlich genaͤhrten Hoffnung anſetzte. Ich wandte nichts gegen Eure Übereinkunft ein, Euch nicht Jahre lang den neugierigen Blicken der Geſellſchaft zur — 118— Schau ſtellen zu wollen, auch waret ihr an Euerm Verlobungstage faſt noch Kinder zu nennen, und Deine vor dem Ehebuͤndniß ſehnlichſt gewuͤnſchte Reiſe ins Ausland bewog mich ebenfalls, die Ver⸗ heimlichung zu erlauben, damit die verlaſſene Braut nicht vielfaͤltgem Zwange unterworfen ſein moͤchte. Aber jetzt, da wir dem lange erſehnten Ziele ſo nahe ſtehen, da wir bald in die Reſidenz zuruͤckkehren, um die Einſegnung vollziehen zu laſſen und Euch als begluͤcktes Paar begruͤßen werden, jetzt mein Sohn, haſt Du alle Rechte, Deinen Freund mit Deinem gluͤcklichen Looſe bekannt zu machen, daß Cornelie die Deine wird. Es iſt mir unmoͤglich zu beſchreiben, wer von uns am ſichtbarſten erſchuͤttert ward, nachdem Frau von Leuchtenhauſen ausgeredet hatte. Gleich einer Don⸗ nerpoſaune ſchallten mir die Worte: verloren, auf ewig fuͤr Dich verloren, entgegen. Und iſt mein Nebenbuhler gluͤcklich? weiß er ſein Loos zu ſchaͤtzen? wirbt ſein Herz liebegluͤhend um ſie, wie ſie es von ihrem Verlobten erwarten darf? fragte mich die innere Stimme der Verzweiflung.— Nein! war die furchtbare Antwort meiner moraliſchen überzeugung, die mich zu vernichten drohte, und wo⸗ gegen ich dennoch kein Rettungsmittel wußte. Ob mich der Mutter Worte uͤberraſchten, wuͤßte ich bis zur heutigen Stunde nicht zu beſtimmen, es ſchien — 119— mir unmoͤglich, da ich dieſes Verhaͤltniß erwartete; aber bis in den Grund meines Herzens ward ich er⸗ ſchuͤttert, und das Bewußtſein meiner grenzenloſen Liebe faßte mich mit Verzweiflung. Keine Sylbe der Theilnahme konnte ſich den Weg uͤber meine Lippen bahnen, und auch Cornelie und Ferdinand ſaßen ſtumm an ihre Plaͤtze gebannt, als ſchon die Carroſſen der Gaͤſte aus der Ferne heranrollten. Elftes Eapitel. Frau von Leuchtenhauſens Zuruf, Cornelie moͤge ihr eilig zum Empfange der Ankommenden folgen, erweckte Letztere aus einer Art Erſtarrung. Wie ein aufgeſchrecktes Reh fuhr ſie empor, und zwar mit ſo ungewoͤhnlicher Heftigkeit, daß auch ich mich be⸗ bend erhob, und ſchneller wie der Pfeil vom Bogen ſchwirrt, hatten ſich unſere Blicke begegnet und ab⸗ gewendet. Sie ging mit der Mutter dem Schloſſe zu; ich rannte verzweifelt in die dunkelſten, entfernte⸗ ſten Alleen. Bald ſah ich mich von Ferdinand ver⸗ folgt. Verletzt und betrogen, wie ich mich waͤhnte, gewahrte ich im erſten Augenblicke nicht, wie viel zerſtoͤrter er als ich ſein mußte, denn auch in ſeiner — 120— Phyſiognomie zeigten ſich ploͤtzlich wieder die alten be⸗ kannten Spuren des Schmerzes. Wohin eilen Sie, Dorval? redete er mich an, indem er mich heftig bei der Hand erfaßte. Laſſen Sie mich, erwiederte ich bewegt, halten Sie mich nicht auf, denn mein Weg iſt weit. Ich muß noch heute, gleich auf der Stelle fort von hier. Nein, ich laſſe Sie nicht, rief er verzweifelt, ich gebrauche jetzt dieſelbe Gewalt uͤber Sie, die Sie einſt uͤber mich ausuͤbten; ich verſtehe und ehre Ihren Schmerz, denn ich durchſchaue Ihren Zuſtand. Trauen Sie meiner Verſicherung, daß ich Sie nicht allein nicht betrog, ſondern durch Sie Rettung hoffte und auch noch hoffe. Bleiben Sie, denn es entſcheidet ſich vielleicht noch heute unſer Aller Schickſal. Stuͤrmiſch ſchlang er ſeinen Arm in den meinigen und zog mich nach dem Schloſſe zuruͤck, ohne daß ich Beſinnung genug zur Berathung haͤtte gewinnen koͤnnen. Wie entſetzte ich mich vor dem deutlichen Ausdrucke des Kummiers auf dem ſonſt nur freudeſtralenden Antlitze Corneliens! wie erſchrak ich vor dem Zwange, in den mich Ferdinands Ungeſtuͤm verſetzt hatte, da er mich gewaltſam zuruͤckfuͤhrte! Faſt wollte es mir ſchei⸗ nen, als verrieth auch die Geliebte augenblickliches Staunen, mich wiederzuſehen. Fortwaͤhrend er⸗ toͤnten Ferdinands Worte vor meinen Ohren: bald, — 121— vielleicht noch heute entſcheidet ſich unſer Aller Schick⸗ ſal! Ich konnte dieſe Außerung nicht deuten und bemerkte bald, alle naͤhere Erklaͤrung muͤſſe der heu⸗ tigen Etikette weichen; ſo vertraute ich denn wirklich ſeinem Eifer wie ſeinem ſichtbar qualvollen Zuſtande, und begann die Geſellſchaft zu muſtern. Sie beſtand, wie der Baron vorausſagte, mehr aus Herren als Damen. Unter den Letzteren waren ehrfurchtbegehrende Duegnen, Frauen, die darauf rech⸗ neten, man wuͤrde ihnen den Hof machen, wenn ſie gleich ſchon zweimal ſechzehn Sommer zaͤhlten, aus ſcheuen Fraͤuleins mit etwas linkiſcher Gebaͤrde, aus Cavalieren, die ſich in die entfernteſten Winkel draͤng⸗ ten, die Älteſten etwas mittheilender, angenehmer, die Juͤngſten am laͤppiſchſten. Alſo das Spruͤchwort: C'est partout comme chez nous, galt auch hier. Anders aber als bei uns waren Corneliens Pflichten gegen dieſe Vereinigung. Sie durfte als Dame des Hauſes nicht einen Augenblick den Rang jedes ein— zelnen Gaſtes vergeſſen, um keinen Verſtoß gegen die Ehrenbezeigungen zu begehen, die Jeder von ihr erwartete. Gleich bei dem Empfange durfte ſie keiner an Ahnen minder Reichen einen Platz nehmen laſ⸗ ſen, den eine ſpaͤter Eintreffende als ein ihr ge— buͤhrendes Vorrecht erwarten konnte. Ebenſo be⸗ merkte ich bald, der Sofa werde wie ein Ehrenthron angeſchielt, auf deſſen Kiſſen, wie auf den Stufen 8 eines wirklichen Thrones allein der Ehrgeiz Befriedi⸗ gung findet, und daß es fuͤr Cornelie ein wahres Studium ſein muͤſſe, durch alle dieſe ſtillſchweigenden Anfoderungen mit Geſchicklichkeit hindurchzukommen. Heute vollends ſchien die Gute bedauernswerth, mit ihren deutlichen Leiden ſolchen gleichguͤltigen Dingen ihre Aufmerkſamkeit ſchenken zu muͤſſen; auch ſchien ſie mit Anſtrengung ihre Geiſteskraft ſammeln zu wollen, die ihr oft verſagte und ſie außer Stand ſetzte, ein unharmoniſches Anſehen von dieſer Ge⸗ ſellſchaft fortzubannen. Wie der Baron kurz vorher erwaͤhnte, mußte man die Unbereitwilligkeit jedes Einzelnen bemerken, hier Etwas zur allgemeinen Un⸗ terhaltung beitragen zu wollen. Jeder bildete ein abgeſchloſſenes Weſen fuͤr ſich und ſchielte den Nach⸗ bar an, von dem er die erſte Mittheilung, oder gar von den Wirthen vorgeſtellt zu werden erwartete, denn dieſes ſah ich wol, war bei deutſchen Vereinigungen ebenfalls eine wichtige Charge fuͤr den Gaſtgeber und mußte mir daher auffallen. Frau von Leuchtenhau⸗ ſen war am thaͤtigſten; um ſo erwuͤnſchter fuͤr Cor⸗ nelien, da auch ihr Vater unter den Convenienzpflich⸗ ten litt. Der ſonſt ſo ruhige, immer zufriedene Ba⸗ ron war aͤußerſt befangen in dem Benehmen gegen ſeine Gaͤſte; es war, als ſtaͤnd es ihm auf der Stirne geſchrieben, wie gluͤcklich er ſich fuͤhlen wuͤrde, dieſen Tag uͤberſtanden zu haben. Wohl ſchmeichelte ihn —— . 3 — 123— merklich die Vereinigung ſo vieler vornehmen Leute in ſeinem Hauſe, aber nebſt dieſem Kitzel hinderte ihn der Gedanke an eigne Unbehuͤflichkeit und Mangel an Wuͤrde. Endlich wollte ſich das Geſpraͤch etwas allgemeiner entwickeln. Die Jagd war der Gegenſtand, dem man groͤßeres Intereſſe zu ſchenken wuͤrdigte, denn es war naͤmlich von der Jagd die Rede, die ein Prinz in der Umgegend hielt, und zwar derſelbe Prinz, bei dem der Graf Joſeph Falgin die Stelle eines Adjutanten verſah. Offenbar gab der Fuͤrſt ſelbſt mehr als ſeine Jagd das Thema der Unterhal⸗ tung ab, doch Jeder mußte dieſe Begebenheit als intereſſante Neuigkeit betrachten, da Keiner die Er⸗ waͤhnung derſelben vergaß. Einige waren dem Prin⸗ zen kurz vor ihrer Ankunft begegnet und gluͤcklich genug geweſen, einen huldreichen Gruß von ihm zu erhalten, Andre prieſen ſeine Schoͤnheit, ſeinen An⸗ ſtand, ſein Reitertalent, ſeinen praͤchtigen Jagdzug, und genug, nur der Prinz und ſeine Jagd hatte et⸗ was Lebendigkeit in die Geſellſchaft gebracht. Da ich nun in meiner Vaterſtadt nicht gewohnt war, daß man ſich mit mehr Vorliebe von fuͤrſtlichen als von andern Perſonen unterhielt, indem ich mich nicht erinnerte, daß man ihrer erwaͤhnte, wenn man ſelbſt, wie es oft geſchah, gekroͤnten Haͤuptern begegnete, ſo wuͤnſchte ich die Urſache dieſer allgemeinen Theilnahme — 124— zu wiſſen, die mir um ſo auffallender war, da ich vernahm, dieſer Fuͤrſt ſei dem regierenden Hauſe nicht verwandt, und es alſo auch nicht die Liebe zu die⸗ ſem ſein konnte, warum man ihm ſo viele Aufmerk⸗ ſamkeit ſchenkte. Als ich nun vollends aus dem Ge⸗ ſpraͤche zweier junger Herren, die bei Seite ſtanden, deutlich vernehmen konnte, wie wenig loͤblich das Betragen dieſes jagenden Prinzen ſei, ſo mußte ich die lebhafte Unterhaltung uͤber ihn nur der bloßen Neigung zuſchreiben, eben am liebſten von hohen Per⸗ ſonen zu reden. Meine Landsleute begreifen, wie ſehr abweichend ich abermals hier, Sitte, Gewohnheit, Gei⸗ ſtesbeduͤrfniß oder wie man es ſonſt nennen will, mit den unſrigen fand, und wie ich lange keinen poſitiven Antheil nehmen konnte. Ruhig ſaß ich in der aͤu⸗ ßerſten Ecke, dachte, traͤumte, ſpielte mit Corneliens Schooßhund und haͤtte das Schwatzen der eben erwaͤhnten jungen Herren dicht neben mir nicht beach⸗ tet, haͤtte ich nicht bald wiederholt Falgin's Na⸗ men von ihnen vernommen, mit der ſteten Hinzu⸗ ſetzung: es iſt unerklaͤrlich, es iſt nicht zu begreifen. Die ganze Stadt wußte ſeine Liebe zu Angelica, all⸗ gemein klagt man den Fuͤrſten an, und er bleibt in ſeiner Naͤhe, als ob nichts dergleichen geſchehen waͤre. Sie war ein Engel, und konnte er ſie ſo ſchnell vergeſſen, ſo war er ihrer nicht werth, erwiederte der Andere.. — — 125— Ein Engel, laͤchelte der Erſte, aber doch ein ge⸗ fallener Engel. Befremdender als dieſe Unterhaltung war es fuͤr mich zu bemerken, daß der Baron, auf den Alles, was ſich auf die Jagd bezog, elektriſch wirkte, heute faſt ohne Antheil daran blieb. Seine Blicke hafteten abwechſelnd auf Cornelie, auf Ferdinand, auf mir; Beſorgniß und Unruhe malten ſich darin, und ploͤtz⸗ lich erinnerte ich mich, wie nach langem Traume, Ferdinands Worte am erſten Morgen meiner Ankunft. —eo Der Baron, ſagte er damals, iſt gut und einfach, doch muß man ſeinen Scharfſinn fuͤrchten. Ich hatte dieſes Urtheil theils vergeſſen, theils hatte ich es bis dahin nicht bewaͤhrt gefunden, nun aber ſchien mir die Verwirklichung augenſcheinlich, wie nicht minder, daß ihn Ferdinands auffallende Trauer am meiſten ſchmerzte. Es regte ſich gleichſam ein Pflicht⸗ gefuͤhl in mir, dieſen unſern guten Wirth, der uns durch Milde und ſeltene Gaſtfreiheit ſo manche ſchoͤne Stunde in ſeinem Schloſſe genießen ließ, nicht an dem Tage, wo er gezwungen war, heiter zu ſchei⸗ nen, der Sorge preiszugeben. Um ihn gewaltſam 4 von ſeinen Gedanken ab, in das allgemeine Geſpraͤch zu ziehen, bemuͤhte auch ich mich, die eigenen Qua⸗ len zu vergeſſen und die Unterhaltung uͤber die Jagd fortzuſetzen. Andere traten naͤher, und wie gewoͤhn⸗ lich frug man mich, wie Ähnliches in Paris betrach⸗ 8 — 126— tet und betrieben wuͤrde. Durch eine Art Reizbar⸗ keit, wofuͤr ich kein beſſeres Wort als Dépit wuͤßte, fuͤhlte ich mich gerade durch das Üübermaaß meiner Leiden, die ich zu verbergen wuͤnſchte, zum ſarkaſti⸗ ſchen Scherze aufgelegt, und ſo beluſtigte ich meine Zuhoͤrer ungemein durch meine Schilderung der jagd⸗ liebenden Buͤrger zu Paris. Der Sitte ihres ariſtokrati⸗ ſchen Landes eingedenk, konnten ſie ſich das Wunder nicht genug wiederholen laſſen, daß ſich in Paris jeder kleine Kraͤmer auf gleiche Weiſe wie der erſte Edelmann unter⸗ halte. Von meinen bisherigen Mittheilungen uͤber unſere Hauptſtadt ſchien dieſe ihnen am unerklaͤrlichſten. Ich erzaͤhlte nun, wie Jeder, dem es beliebt, ohne Aus⸗ nahme von Stand und Geburt bei uns Sonntags die Boutike zuſchließt, die gemsledernen Kamaſchen anknoͤpft, ſich in die Jacke ſteckt, auf deren Knoͤpfen Hunde, Eber, Haſen und Kaninchen als Embleme paradiren, die leinene Blouſe daruͤber zieht, den wei⸗ ßen blanken Strohhut aufſetzt, das Gewehr nebſt Filettaſche und Pulverbuͤchſe auf den Ruͤcken nimmt und in dieſem Aufzuge viele laͤrmende ſchmutzige Stra⸗ ßen weit, im Schweiße ſeines Angeſichts bis zu dem Buͤreau eines oͤffentlichen Geſellſchaftswagens keucht. Dort angelangt, ſagte ich ferner, wird er fuͤr kleine Zahlung in eine große Kutſche mit zwoͤlf bis zwan⸗ zig Andern zuſammengepackt und meilenweit uͤbers Land hinausgeruͤttelt. Endlich nach ſtundenlanger Vorberei⸗ —..“B — 127— tung erreicht er den Wald ſeiner Freude, doch iſt der Tag nun ſchon zur Haͤlfte verſtrichen, und er muß ſich mit dem Vergnuͤgen eilen, damit er vor eintre⸗ tender Nacht wieder die große Landſtraße und die oͤffentliche Kutſche erreicht; hat der gute Freund alſo nur ſchnell ein paar Kaninchen erwiſcht(die groͤßte Delicateſſe auf dem Tiſche des kleinen pariſer Buͤr⸗ gers), ſo moͤgen Haſen und Rehe laufen, ſo viel ſie wollen, er hat keine Zeit zu verlieren und eilt triumphirend mit der Beute heim. Auf aͤhnliche Weiſe leben viele Tauſende in Paris, die trotz der Beſchwerden und des fuͤr wenige Stunden muͤhſam errungenen Vergnuͤgens, es fuͤr keinen Preis auf⸗ geben moͤchten, und es faſt fuͤr eine Schande hielten, koͤnnten ſie ſich nicht im Jaͤgeranzuge zeigen, und ſo ſind denn auch ſaͤmmtliche Einwohner der guten Stadt Paris von einem Jagdfieber beſeſſen. Meine Zuhoͤrer bezweifelten faſt die Wahrheit mei⸗ ner grellen Schilderung und trieben die Aufmerkſam⸗ keit ſo weit, daß ſich unter ihnen ein Streit uͤber Vortheil und Nachtheil dieſer Jagdmanie entſpann. Die vornehmſten Edelleute fanden es abgeſchmackt, daß ſich die Claſſe, die zu ihrem Unterhalte noth⸗ wendig erwerben muͤſſe, einer Zerſtreuung ergebe, die keinen Nutzen fuͤr ſie habe und ſie zugleich aus ihrer Sphaͤre und Beſchaͤftigung ziehe. Ferdinand biß ſich bereits nach ſeiner Gewohnheit in — 128— die Lippen und vermochte nicht laͤnger zuruͤckzuhalten. Es bringt immer noch ſo viel Nutzen als Trinken und Rauchen, was man ja hier zu Lande ſo gern als Beluſtigung gelten laͤßt. Allgemeine Leidenſchaft fuͤr die Jagd kann manchen guten Schuͤtzen zu Tage foͤrdern, und viele brave Flintentraͤger vereint, an Pul⸗ verdampf gewoͤhnt, koͤnnen immer dem Staate nuͤtz⸗ lich werden. Diieſe Worte waͤren gewiß nicht unerwiedert geblie⸗ ben, waͤre nicht durch uͤberlautes Getoͤſe, Hoͤrner⸗ klang, Hollarufen, Hundeklaͤffen, die Aufmerkſamkeit Aller von dem Geſpraͤche uͤber die Jagd auf eine wirkliche Jagd gezogen worden. Die Geſellſchaft wandte ſich ploͤtzlich gegen die Fenſter, welche die Ausſicht auf den Park hatten, denn pfeilſchnell ſah man hier einen Hirſch voruͤberfliehen. Schon eilten die Verfolger des gehetzten Thieres herbei, und indem fletſchende Hunde und muntere Jaͤger uͤberall in den Park drangen, bemeiſterten ſie ſich ſogleich des da⸗ hinſinkenden Wildes. Jetzt ſah ich auch den Grafen Falgin in einiger Entfernung durch den Garten heran⸗ kommen, meine Umgebung aber blickte vielmehr auf einen Mann von ſtattlicher Figur ihm zur Seite, und einſtimmig, im ehrerbietigſten Tone, erſchallte der Ausruf: Der Prinz!— Bald war dieſer und ſein Adjutant unſern Blicken in entfernten Laubgaͤngen entſchwunden, jedoch indem Falgin allein wieder dar⸗ — 129— aus hervortrat, naͤherte er ſich raſchen Schrittes dem Schloſſe und trat mit folgenden Worten zu dem Baron: Der Hirſch hat ſich, von den Jaͤgern ver⸗ folgt, in Ihren Park gefluͤchtet, und die Waidleute im eifrigen Dienſte ihres Herrn ſind ohne Umſtaͤnde in die fremde Beſitzung gedrungen. Seine Durchlaucht fuͤhlt ſich ſchuldig und ſendet mich, Ihnen zu mel⸗ den, daß er ſelbſt Verzeihung fuͤr ſein Vergehen zu holen wuͤnſcht. Ich fand in dieſer Sendung nichts Außergewoͤhn⸗ liches, da ich nicht begreifen konnte, warum ein Prinz mehr als jeder Andere die Freiheit uͤben koͤnnte, fremde Guͤter durch ſeine wilde Jagd zu zerſtoͤren; die Beſtuͤrzung aber des Barons waͤre unmoͤglich zu ſchildern. Alles, was er von Ehre und Gluͤck in unzu⸗ ſammenhaͤngenden Phraſen herſtammeln konnte, wurde aus ſeinem Gehirnkaſten hervorgeſucht, und wahrhaft komiſch zeigte ſich die ganze hohe Verſammlung. Nach des Adjutanten Entfernung konnte man nie enden von der Verlegenheit zu reden, in welche der Baron durch dieſe Auszeichnung geſetzt wuͤrde, dabei hatte das Raͤuspern, ſich in Poſitur Setzen und Ko⸗ kettiren der Frauen kein Ende. Auffallender war es mir, daß Cornelie ſelbſt nicht unbefangen blieb, je⸗ doch ſammelte ſie ſich ſchnell, und der Prinz in Be⸗ gleitung Falgin's trat ein. Er war ein ſchoͤner, wohlgewachſener Mann, wenn 9 — 13³0— auch uͤber die Jahre der beſten Jugend hinaus. Leicht und bequem war ſein Anſtand, jede Bewegung ruhig und geberdenlos. Hiermit zeigte er ſogleich die Hauptvortheile ſeines Ranges. Weniger zu ſei⸗ nen Gunſten ſprach die bleiche Gefichtsfarbe und der leidenſchaftliche Ausdruck der Augen. Der herum⸗ irrende Blick, bei der ſonſt ſo feſten Haltung des Ko⸗ pfes, ſah faſt ſuchend aus, und kaum eingetreten ſchien er Jeden einzeln wahrgenommen zu haben. Nur auf Cornelie ruhte ſein unſtetes Auge einige Secunden laͤnger als auf Andern, doch war dieſes mir vielleicht allein bemerkbar. Wie verdrießlich alles dieſes den Baron, bei ſei⸗ nen einfachen Geſinnungen und ſeiner Freude an ſei⸗ nem wohlgehaltenen Park, ſtimmen mußte, verſteht ſich von ſelbſt, doch iſt es ebenſo begreiflich, daß er unter den vorhandenen Umſtaͤnden und in Anweſen⸗ heit Seiner Durchlaucht ſowol, als der Frau von Leuchtenhauſen, die Zerſtoͤrung ſcheinbar verzieh und uͤberhaupt nur Demuth und Ehrfurcht zeigte. Ich fing abermals an zu beobachten, und fand abermals eine große Verſchiedenheit mit meiner Va⸗ terſtadt. Der Fuͤrſt ſchien die Beſtuͤrzung, das Ver⸗ ſtummen, worein ſein Erſcheinen die Geſellſchaft verſetzte, gern heben zu wollen, aber aller Leichtigkeit und Lie⸗ benswuͤrdigkeit ſeinerſeits zum Trotze, ſollte es ihm nicht gelingen. Ehrfurcht und immer nur Ehrfurcht — 131— wollte man ihm bezeigen. Sowie ſich fruͤher Jeder in dieſer Vereinigung ſichtbar zu hoch ſtellte, um freundlich entgegenzukommen, ſo fanden ſich jetzt Alle viel zu geringe, um in Gegenwart des Fuͤrſten durchaus unbefangen bleiben zu koͤnnen. Ich glaube, wir haͤtten vor lauter Reſpect gegen die anweſende Durchlaucht auf das Mittagsmahl, zu dem wir geladen waren, verzichten muͤſſen, haͤtte der Prinz ſelbſt nicht den herablaſſenden Gedanken ge⸗ habt, ſich einen Platz an der Tafel auszubitten. Mit Gewandtheit verſtand er dieſe ſeine Abſicht, die dem Hausherrn Befehl war, in eine Bitte einzu⸗ kleiden: Es iſt eine Wohlthat, ſagte er, die man einem verirrten, hungrigen Jaͤger nicht verweigern kann. Noch manche freundliche Rede hinzufuͤgend, ſchien er der allgemeinen AÄngſtlichkeit ein Ende machen zu wollen, gab Cornelien als Wirthin den Arm, that, als ob er das Staunen der Anweſenden nicht be⸗ merkte, und ließ es ſich an des Barons Tafel wohl ſchmecken. Dieſer unſer armer Wirth aber war ſeit des Fuͤrſten Eintritt in ſein Schloß foͤrmlich derou⸗ tirt. Hatten ihm fruͤher ſchon die andern Gaͤſte Sorge verurſachr, ſo ſchien er jetzt gaͤnzlich außer Faſſung gebracht; er vergaß das Nothwendigſte, ſaß immerwaͤhrend wie auf Schrauben und hatte nur 9* — 1322— zum Erſatze fuͤr alle Unruhe die einzige Freude, den Fuͤrſten aͤußerſt herablaſſend gegen ſeine ſchoͤne Toch⸗ ter zu ſehen. Wie dagegen alles dieſes auf mich wirkte, moͤgt Ihr Euch vorſtellen. Ich konnte die Augen nicht von Cornelien wenden und mußte daher deſto oͤfter den unſteten Blicken des Prinzen begegnen, der mich durch ſeine Geſchaͤftigkeit um die Baroneſſe zur Verzweiflung brachte. Falgin war geſchickt genug, den Platz neben Olin⸗ den zu gewinnen, und verſtand es offenbar, ſeiner Unterhaltung genug Intereſſe zu geben, um wenig⸗ ſtens fuͤr den Moment den abweſenden Erich vergeſ⸗ ſen zu laſſen. Hierdurch kamen mir Corneliens Be⸗ merkungen vom vorigen Tage wieder ins Gedaͤchtniß. Kann ein Graf, dachte ich, hier zu Lande um ſeines Ranges willen ein Maͤdchen mehr begluͤcken als ein Buͤrgerlicher, ſo ſollte dieſer ſie ruhig gewaͤhren laſ⸗ ſen. Dieſes Streben nach dem ſogenannten Vorneh⸗ men iſt ſo gut eine unheilbare Krankheit als manche andere. Armer Erich! ſo wirſt du denn auch in die Fixirſchule der weichen edeln Seelen geſchickt, an de⸗ nen das Leben ſo lange zerrt und ſchleift, die es ſo lange auf dem gluͤhenden Amboße der Erfahrung ſchlaͤgt, bis ſie nach und nach erharten, um zuletzt vollkommen zu verhaͤrten; dann ſind ſie gleich dem Eiſen endlich kalt und brauchbar in der kalten Welt, „ — 133— die fruͤher gar nicht wußte, was ſie aus ihnen ma⸗ chen ſollte. überhaupt iſt es ungluͤcklich, daß die Welt einen Menſchen, den ſie bemerkt und der ihr der Theil⸗ nahme werth ſcheint, ſogleich definiren will und vom Grunde aus verſtehen moͤchte, ohne je ſich ſelbſt recht verſtaͤndlich noch verſtaͤndig zu zeigen. Hat er Ta⸗ lent, Geiſt, ſo ſoll er beides in jedem Abendeirkel produciren, oder man ſchreit uͤber den Sonderling; hat er Gefuͤhl, ſo ſoll er ſolches verbergen, oder man ſchreit uͤber den Unverſchaͤmten, uneingedenk daß je⸗ der Einzelne der gewoͤhnlichen Maſſe vielmehr da⸗ durch Sonderling iſt, daß er ſich den beſtehenden Albernheiten ſo geduldig ergeben kann, uneingedenk der groͤßern Unverſchaͤmtheit jedes Einzelnen durch kalte Herzloſigkeit.— Armer Erich! dachte ich aber⸗ mals recht wehmuͤthig, und folgte ihm in Gedanken zu dem mir unbekannten Kranken, an deſſen Siech⸗ bette ich ihn huͤlfleiſtend beſchaͤftigt wußte. Und was, fragte ich mich, fuͤhrte mich mit ſolcher Eile hier zuruͤck zu dieſem laͤſtigen Treiben der Men⸗ ſchen, voll Eitelkeit und Unwahrheit?— Was an⸗ ders als die Liebe zu Cornelien! Zu Cornelien, der Braut Ferdinands, antwortete eine innere Stimme, vor der ich in dieſem Augenblicke zuruͤckſchauderte. Ferdinand war gleich mir in einem unertraͤglichen Zu⸗ ſtande, und ſeinem Mismuth, ſeiner immerwaͤhrenden 4 — 134— Unbehaglichkeit ſchien durch des Prinzen Gegenwart die Krone aufgeſetzt. Er aß wenig, redete noch we⸗ niger und eilte nach kaum aufgehobener Tafel davon. Auch ich fluͤchtete mich ſogleich hinaus ins Freie, in die entfernteren Anlagen, um in dem einſamen Bos⸗ kette etwas Freiheit fuͤr allen Unmuth und Zwang, den ich den Tag uͤber duldete, zu genießen, und nur an dem Wagengeraſſel aus der Ferne vernahm ich nach und nach die Aufloͤſung des Feſtes. Zwoͤlftes Capitel. Wie lange ich in dieſem Zuſtande zwiſchen Wachen und Traͤumen, zwiſchen Schmerz und Wuth, in mei⸗ ner Einſamkeit mochte zugebracht haben, war mir ſelbſt nicht bekannt, als ich ploͤtzlich Tritte vernahm, und im ſelben Augenblicke Cornelie vor mir ſtand, die raſch aus einem verborgenen Seitenwege kam und aͤngſtlich ſuchend umherblickte. Scheu, mit den Worten: Ach! Sie ſind es, trat ſie einige Schritte zuruͤck, und empfindlich, gereizt wie ich war, konnte ich mich der Antwort nicht enthal⸗ ten: Ja, nur ich bin es, indem ich mich ſogleich er⸗ hob und mich entfernen wollte. Ich haͤtte gern meinem 4 3 gekraͤnkten, gepreßten Herzen mehr Luft gemacht, aber ſie zu ſehen war hinreichend, um jeden Haß zu entwaffnen. Ihrer Klugheit entging mein Seelen⸗ zuſtand nicht, und ohne daß ich ferner ſprach, blickte ſie in mein Inneres. Außerſt bewegt reichte ſie mir f die Roſenfinger, und dieſes Friedenszeichen verſtehend, bedeckte ich die ſchoͤne Hand mit tauſend Kuͤſſen, da brach ein Thraͤnenſtrom aus ihren himmliſchen Augen, und tief erſchuͤttert ſaßen wir bald neben ein⸗ ander, ohne Worte finden zu koͤnnen. Ich ſuchte Ferdinand, ſagte ſie endlich leiſe, zit— ternd und faſt durch Schluchzen erſtickt. Ihren Verlobten? erwiederte ich ebenſo leiſe. Sie ermannte ſich und ſprach in feſterm Tone: Ja, ich zaͤhle jetzt achtzehn Jahre, und Ferdinand iſt ſchon ſeit mehr als drei Jahren mir anverlobt, nach meines Vaters und ſeiner Mutter innigſtem Wunſche. Freiwillig und unbefangen gab ich mein Jawort und wage nicht es jetzt zu brechen, wenn ich nicht davon losgeſagt werde. Daß ich mich taͤuſchte, daß ich die damals ungekannte Liebe ewig aus mei⸗ nem Herzen verbannt waͤhnte, raͤchte das Schickſal 6 ſchrecklich an mir, aber ich ſehe kein Rettungsmittel aus dieſem Labyrinthe. Cornelie! rief ich begluͤckt, indem ich ſie wonne⸗ trunken an mein Herz zog— es war ein Moment der hoͤchſten Seligkeit, ich fuͤhlte das hoͤchſte Entzuͤcken. — 136— O, was darf ich hoffen? fragte ich bebend, als ich endlich wieder Worte fand. Hoffen? entgegnete ſie zoͤgernd. Wie, Sie wollen ſich opfern? gutwillig Ihr Herz Gutwillig mich opfern? o nein! ich bin nicht ſo ſtark, als Sie waͤhnen. Nicht ohne Kaͤmpfe, nicht mit Ruhe ergebe ich mich in mein Ungluͤck, nicht ſtrebe ich danach, eine moderne Romanheldin abzugeben, aber ich darf nicht meineidig werden. Ferdinand hat mein Verſprechen, nur er koͤnnte mich meines Wor⸗ tes entbinden—— 8 Aber, entgegnete ich, ſein eigner Kummer—— Scheint grenzenlos zu ſein, ich kenne die Urſache nicht—— Ich auch nicht, ſagte ich raſch—— Wirklich nicht?— erwiederte ſie erſtaunt und uͤberraſcht. Sie hielt inne, uͤberlegte, wie es ſchien, und fuhr dann fort: Ihnen zu beweiſen, daß ich mich nicht blindem Jammer muthlos ergeben will, ſollen Sie nebſt allen Geſtaͤndniſſen, die Ihnen heute wurden, auch noch erfahren, daß ich ſoeben Ferdinand aufſuchte, um Rechenſchaft ſeines Betragens zu fo⸗ dern. Mancherlei konnte ich bisher um ſeine edle, innigſt von mir verehrte Mutter ertragen, wenn ich ihn gleich anders wuͤnſchen mußte; jetzt aber hat ſich Alles geaͤndert. Ich kann ſeine Kaͤlte nicht mehr ³ — 137— gleichguͤltig hinnehmen, ich will noch heute auf Er⸗ klaͤrung dringen, o wuͤßten Sie, wie viele Urſachen mich ploͤtzlich dazu draͤngen—— Ich wollte in Herzensergießungen losbrechen, doch hielt ſie mich zuruͤck. Vergeſſen Sie nicht, ſagte ſie ernſter, daß ich noch die Braut eines Andern bin. O Dorval, faſſen Sie ſich und vertrauen Sie gleich mir der allguͤtigen Vorſehung. Dieſer Ferdinand, rief ich erbittert, iſt ein abſcheu⸗ liches Beiſpiel des Nachtheils der Privilegien. Er iſt Fortunas Schooskind, dem ein Paradies auf Er⸗ den bluͤht, und nur weil er es ſeit Jahren ſein Ei— genthum nennt, iſt er gleichguͤltig. Die Gluͤckſelig⸗ keit, wonach wir Armen vergeblich die Haͤnde ſtrecken, iſt ihm geſichert, er kann ruhig ſein, und wird kalt. Iſt Ihre Behauptung richtig, entgegnete ſie, ſo i*ſt er noch ein lebendigeres Beiſpiel, wie viel leichter tadeln als beſſer handeln iſt, denn mehr als er ge⸗ ’ gen Privilegien zu eifern waͤre unmoͤglich, und der Gram, den er der theuern Mutter damit verurſacht, ſchmerzt mich tief. Ich will nicht leugnen, daß Frau von Leuchtenhauſens Anſichten, nach unſern weiter um⸗ 4 faſſendern Begriffen, beſchraͤnkt erſcheinen, doch tritt Ferdinands Misbilligen mit unertraͤglichem, zwecklo⸗ ſem Übermuthe hervor. Die ſie umgebende Jugend verdankt dem ſchoͤnen Herzen der liebenden Mutter ſo unendlich viel, daß wir nur an ihre Tugenden — 138— denken ſollten und uns Muͤhe geben muͤßten, ihre Maͤngel zu uͤberſehen. Dieſe Ruͤckſichten ſind die einzige wahre Urſache, warum ich Ferdinand dieſen Morgen im Garten ſo eifrig widerlegte, denn im Grunde des Herzens bin ich manchen ſeiner Anſich⸗ ten nicht ganz abhold, nur kann ich ſeine ſchonungs⸗ loſe Art, ſich zu aͤußern, nicht dulden. Meine Bewunderung wie meine Gefuͤhle iberhaupt waren ſchwer zu ſchildern. Freudig uͤberraſchte es mich endlich einmal, ihre Geſinnungen uͤber einen Gegenſtand zu vernehmen, der unaufhoͤrlich zur Sprache kam und uͤber den ſie ſich bis jetzt in Gegenwart Anderer nie deutlich erklaͤrte. Gewoͤhnlich ſah ich ſie den Unterhaltungen uͤber den Staͤndeunterſchied aus⸗ weichen. Alſo nur um ihre Pflegemutter, dachte ich, nur aus Dankbarkeit gegen dieſe, duldet ſie mit heiterer Anmuth die unbequemen Vorurtheile ihres Vater⸗ landes?— Trotz meines Gluͤcks, von ihrer Liebe faſt uͤberzeugt zu ſein, war ich wie in einem magnetiſchen Traume befangen Ihr Herz gehoͤrte mir, das fuͤhlte ich deutlich, und dennoch durfte ich ſie nicht mein nennen. Ich haͤtte verzweifeln muͤſſen, ſtimmte nicht ein ein⸗ ziger milder Blick ihrer himmliſchen Augen auch mich milder. Wir befanden uns an dem aͤußerſten Ende des — 2 3 4₰ — — 139— Parks, auf einem Abhange, an den die leichten Wel⸗ len des Sees hinankraͤuſelten. Von hier fuͤhrte durch die Grenzhecke eine Thuͤr unmittelbar einige Stufen abwaͤrts zu einem huͤbſchen Nachen. Schon manche Stunde trug er die laͤrmende Jugend, heute ſollte er der erſte Zeuge unſerer Wehmuth werden und die Ruhe, die aus unſern Herzen gewichen war, gleich⸗ ſam darein zuruͤckwiegen. Cornelie lehnte in meinem Arme, und Beide ließen wir den Blick ſchwermuths⸗ voll in die majeſtaͤtiſche Gegend hinuͤberſchweifen, da traten wir ohne Verabredung hinaus ans Ufer, dann in den Kahn, und indem ſie den Kopf auf⸗ geſtuͤtzt ſich mir gegenuͤberſetzte, griff ich ſchnell zum Ruder und ſtieß vom Lande ab. Freundlich laͤchelte ſie mir zu, daß ich ſie verſtanden habe. So ſchau⸗ kelte ich uns hin uͤber die glatte Flaͤche, als wollte ich die Flamme meines Innern in den Fluten loͤſchen, in der kuͤhleren Atmoſphaͤre auch mir Kuͤhlung ver⸗ ſchaffen, und immer ſehnſuͤchtiger, ſchwermuͤthiger ward es in meiner Bruſt, als jetzt allmaͤlig die Daͤmme⸗ rung ihr magiſches Licht um uns verbreitete. Schon wob der Mond ſeine goldne Zitterkette auf dem dun⸗ kelgruͤnen See, weißſchaͤumende Wogen trieben ihr plaͤtſcherndes Spiel um unſern Nachen, und ein taͤn⸗ delnder Zephir hauchte den Duft von tauſend aroma⸗ tiſchen Kraͤutern zu uns heruͤber. Im roſenrothen Schimmer leuchteten die fernen ſchneebedeckten Fels⸗ — 140— kuppen und verdunkelten durch ihren blendenden Glanz die naͤherliegenden waͤldertragenden Berge. Wie nun in flachen Gegenden bei zunehmender Nacht das weitere Land ſich immermehr unſern Augen entzieht, der Horizont ſich ſtets verengt, ſo tritt entgegenge⸗ ſetzter Effect in den Alpenlaͤndern ein. Gleich einem gliederausſtreckenden Rieſen dehnt ſich der graue Schatten der naͤchſten Felswand dahin uͤber das enge Thal, und es ſcheint unſern Blicken entſchwunden; vermehrt winken dagegen die im Abendrothe hell flim⸗ mernden Eishaͤupter aus weiter Ferne zu uns her⸗ uͤber, und hinaus bis ins Unendliche dehnt ſich der Horizont; mit unbeſchreiblichem Reize wirkt dieſe Far⸗ benoptik, der Magie aͤhnlich, auf unſere Sinne. Jetzt ertoͤnten die Glocken der heimkehrenden Heerden, und der den Alpenbewohnern eigne unerklaͤrliche Gurgel⸗ geſang erſchallte von den gruͤnen Matten herab. Dort auf ihren Hoͤhen, in ihrer heimathlichen At⸗ moſphaͤre muß man dieſe Bergkinder ihre Lieder jo⸗ deln hoͤren, um zu begreifen, wie viel weniger rei⸗ zend jenes Land ohne ſeine Bewohner, dieſe ohne ihren Geſang waͤren. Wir horchten ſtill und geruͤhrt. Nicht wahr, fragte Cornelie laͤchelnd, unſere lange Pauſe unterbrechend, es iſt herrlich, dieſes Land? dieſe Gluckſeligkeit entbehren Sie dennoch in Ihrer viel⸗ geruͤhmten Heimath? Nur dieſe? erwiederte ich zaͤrtlich, o! wenn ich — 141— nur dieſer Gluͤckſeligkeit beraubt wuͤrde, gaͤbe es Troſt; ja, die Natur dieſes Reiches iſt entzuͤckend, aber koͤnnte ſie wol dem leidenden Herzen Erſatz geben? koͤnnte ſie den Gram mildern uͤber den ewig ſichern Verluſt eines Gutes, was zu beſitzen uns das Hoͤchſte duͤnkt?— Cornelie, rief ich verzweifelt, von meinen ſchmerzlichen Gefuͤhlen uͤberwaͤltigt, dieſe Felſen, dieſe Matten wollte ich vergeſſen und muͤßte ich eine Sandwuͤſte dagegen eintauſchen, aber wenn ich auch von Ihnen ſcheiden muß, wenn ich Sie den Armen Ferdinands uͤberlaſſen muͤßte, der nicht einmal Ihr Herz begehrt, das wuͤrde ich nie, nie ertragen!— Ich hatte laͤngſt die Ruder fahren laſſen und ihre zitternde Hand ergriffen, die ich jetzt mit Inbrunſt an meine Lippen druͤckte und indem ſie ihren Kopf an meine Schulter lehnte, glitt der Nachen ungefuͤhrt ruhig fort, ohne daß ich die Zeit unſerer Entfernung vom Hauſe angeben koͤnnte. Wir waren ganz Empfindung, athme⸗ ten Seligkeit und Schmerz. Mir, der ich jener Felſengegenden und ihrer Wet⸗ terphaͤnomene weniger kundig war, hatte die unter⸗ gehende Sonne ſowol als die Silberſcheibe des Mon⸗ des nicht die geringſte Beſorgniß eingefloͤßt, da ich die Wolken, welche ſich bald heraufthuͤrmten, fuͤr leichte Nachtduͤnſte hielt. Meine ſchoͤne Begleiterin war trotz ihrer Erfahrung theilweiſe zu ſehr mit ih⸗ rem Gemuͤthszuſtande beſchaͤftigt, theilweiſe in jeder — 142— Lage zu heldenmuͤthig, um nach aͤngſtlicher Frauen Art einer bevorſtehenden Gefahr zu erwaͤhnen, und ſo brach ein Gewitter ſchon mit aller Heftigkeit uͤber uns herein, als wir es noch nicht einmal wahrnahmen. Wiederum zeigte ſich dieſe Naturſcene, in flachen Ge⸗ genden kaum von mir bemerkt, hier mit unbeſchreib⸗ lichem Zauber. Die immer ſchneller herbeieilenden Wolken ſtießen gegen die Felſenwaͤnde, blieben ſchau⸗ kelnd daran haͤngen, prallten zuruͤck und wogten gleich einem Nachen auf den Fluten durch die Atmoſphaͤre, bis ſie ſich abermals anſchmiegten und ſtets erneut ihren Lauf begannen. Plötzlich verſteckten ſie die Ge⸗ gend, richteten ſich getheilt empor, ließen die weiteſte Ferne gleich einem engen Paß hindurchblicken, und boten alſo ein unaufhoͤrliches reizendes Bild der Ab⸗ wechſelung dar, welches ebenfalls dem beobachtenden Geiſte keinen Stillſtand erlaubte. Bald zuckten aus dieſen faſt auf unſere Haͤupter herabhaͤngenden Wol⸗ ken die rothen zackigen Blitze, und durch unzaͤhlige Echo ſchauerlich wiederhallend, ertoͤnte in furchtbarem Getoͤſe der rollende Donner. Regenguͤſſe ſtuͤrzten gleich den Gießbaͤchen auf uns hernieder, und bald hatten wir nur noch ſchwachen Schutz von der lein⸗ wandenen Dachbedeckung, mit der das Schiffchen verſehen war; als dieſes endlich von der Windsbraut von einer Felſenkuͤſte zur andern geſchleudert ward, erwachte ich aus meiner Bewunderung und erkannte — 143— mit Entſetzen die Gefahr. Schnell griff ich nach den Rudern, die uns wie durch ein Wunder noch erhalten waren, aber meine verzweifelte Lage, als ich mir den ſchauderhaften Untergang dachte, der durch meine Nachlaͤſſigkeit der geliebten, theuern Cornelie drohte, iſt unmoͤglich durch Worte zu beſchreiben. Mit uͤber⸗ irdiſcher Kraft ſuchte ich das Ufer zu gewinnen, doch je mehr mein Bemuͤhen, deſto vergeblicher ſchien es, je mehr ich mit letzter Anſtrengung krampfhaft gegen die aufgeregten Wellen ankaͤmpfte, deſto ſicherer ſchien unſer Verderben beſchloſſen. Gott im Himmell rief ich verzagend, Cornelie, flu⸗ chen Sie Ihrem Moͤrder, wir ſind verloren, und ich, ich allein werde Sie toͤdten. Mir waͤre es Labſal, auf ewig meine Leiden in dieſen Fluten zu begraben, aber daß ich auch Sie mit in mein Schickſal ziehe, macht mich raſend. Dorval, geliebter Freund, verzweifeln Sie nicht, noch iſt nicht alle Hoffnung verloren!—— dieſes waren ihre engelsmilden, beguͤtigenden Worte, die von unbeſchreiblicher Geiſteskraft zeugten, als ein Blitzſtrahl, anhaltend wie ich ihn nie zuvor geſehen, um unſer leichtes Fahrzeug zuckte, und zugleich bei Donnerſchlaͤgen, als ſollte die Erde in ihren Grund⸗ feſten erſchuͤttert werden, die Geliebte ohnmaͤchtig zu meinen Fuͤßen ſank.— Von Allem, was ſich demnaͤchſt zutrug, kann ich — 144— keine genaue Schilderung geben, weil es mir ſelbſt nicht deutlich iſt. Ich erhob die Erſtarrte und ſuchte ſie in meinen Armen zu erwaͤrmen, bedeckte ſie mit meinen abgeworfenen Kleidern, wollte mich mit ihrer mir ſcheinbaren Leiche in die Wellen ſtuͤrzen, ſchrie laut meine Verwuͤnſchungen aus, rang wie ein Wuͤ⸗ thender mit den brauſenden Wogen und erreichte endlich, nachdem ſchon jeder Schein von Hoffnung verloren war, das Ufer. Starr blieb die ſchoͤne Ge⸗ ſtalt, der ich in meinem krampfhaften Schmerze, ſo gut es gehen wollte, ein Lager in dem Nachen berei⸗ tete, aber mein Wehklagen ſchien ihr Ohr nicht mehr zu erreichen. Wie lange ich in dieſem grenzenlos martervollen Zuſtande verweilte, bin ich mir nie be⸗ wußt geworden, aber ich erinnere mich, daß ich end⸗ lich wie den leiſeſten Hauch eines Lebenszeichens an ihr wahrnahm, daß er zunehmend deutlicher ward, und als mit ſanftem Fluͤſtern der Name Dorval ih⸗ rem himmliſchen Munde entſchluͤpfte, da gab es fuͤr meine Wonne keine Worte mehr. Die Luft hatte ſich gaͤnzlich ihrer Duͤnſte entladen, und dem furchtbaren Gewitter war vollkommene Ruhe gefolgt. Wie fruͤher umgab uns die ſchoͤnſte mondhelle Sommernacht, und nur an den Spuren konnte man das ſoeben Erzaͤhlte wahrnehmen. Gluͤck⸗ licherweiſe erholte ſich Cornelie zuſehends aus ihrer Erſtarrung, die nur der ganz ungewoͤhnlich ſchnellen — 145— Veraͤnderung der Temperatur zuzuſchreiben war, denn im Allgemeinen war ſie keine der verzaͤrtelten Damen modiſcher Art, die ohne ſchwache Nerven nicht von gutem Tone zu ſein glauben. Sie war koͤrperlich kraͤftig, geſund, aber zart von Gefuͤhl und Geſinnun⸗ gen, deswegen mußte bei der Wiedererlangung voͤlli⸗ gen Bewußtſeins zuvoͤrderſt ſich ihr der Gedanke darſtellen, welche ploͤtzliche Veraͤnderung ihre Lage mir gegenuͤber erlitten hatte. O mein Retter, wo die Worte des Dankes finden? Geliebtes Maͤdchen, keinen Dank ſind Sie mir ſchuldig, oder die einzige Weiſe, wie ich ihn genehmi⸗ gen will, iſt Ihr gaͤnzliches Stillſchweigen davon. Mitten in den Gefuͤhlen, in welchen unſere Seelen harmoniſch ſchwammen, bemerkte ich, daß die Geliebte mit neuem Unwohlſein kaͤmpfte. Leiſe Schauer durchzuck⸗ ten ſie, und obſchon ſie mir es verbergen wollte, ſo ſah ich dennoch, daß die naſſen Gewaͤnder, von der Nachtluft beruͤhrt, ihr unertraͤglich wurden. Meine Angſt ſtieg aufs Neue, denn ich bedachte, wel⸗ chen Gefahren die Geſundheit des geliebten We⸗ ſens ausgeſetzt ſei, und wie ſehr die Gemuͤthsbe⸗ wegung des Tages und die Schreckensſcene des Abends ſie angegriffen haben muͤßten. Ich band den Nachen an, und mehr als ich ſie fuͤhrte, trug ich Cornelien weiter ins Felſenthal hinein, in der Hoff⸗ nung, ein gaſtliches Dach zu finden. Es dauerte nicht 10 — 146— lange, ſo gewahrte ich in einiger Entfernung ein Haͤus⸗ chen, aus welchem uns Licht entgegenwinkte; mit ei⸗ nem Freudenrufe zeigte ich es Cornelien, die zu mei⸗ nem Entſetzen nicht antwortete und mit gebrochenen Augen in meinen Armen ſchwankte; abermals war ſie einer Ohnmacht nahe. Dreizehntes Capitel. Ich mußte mich durch die Windung einer kleinen Gartenanlage dem Hauſe naͤhern, als ploͤtzlich aus der Thuͤr deſſelben ein Zug weißgekleideter Chor⸗ knaben mit Gloͤcklein und Rauchfaß heraustrat, ihnen folgte der Prieſter mit dem Viaticum und die wei⸗ nende Magd, die ihnen den Bergpfad hinaufleuchtete, zeigte deutlich, daß wir, anſtatt Ruhe und Frieden zu finden, Zeugen einer erſchuͤtternden Scene ſein wuͤrden. Erbeben, ungewoͤhnliche Angſt bemeiſterte ſich meiner, ich war außer mir und wollte ſchon wie⸗ der zum Nachen zuruͤckkehren, als die immer ſchwe⸗ rer werdende ſuͤße Laſt in meinen Armen das Hin⸗ ſchwinden der letzten Kraͤfte Corneliens anzeigte. Es blieb mir keine Wahlz ich trat mit der ruͤckkehrenden Magd zugleich ins Haus und deutete dieſer mit kur⸗ — 147— zen Worten meinen Wunſch an, Cornelien ihrer Sorg⸗ falt zu uͤbergeben, zugleich befahl ich der Erſchrocke⸗ nen, ohne Zaudern ein großes Feuer anzuzuͤnden, die Leidende zu entkleiden und die Gewaͤnder zu trocknen. Ich ſagte dies Alles mit ungewoͤhnlicher Heftigkeit, ſodaß die Magd, ohne ein Wort zu erwiedern, that wie ich ihr befahl, und indem ich Cornelien auf ein Ruhe⸗ bett niederließ, ſchnell ein helles Feuer aus trockenen Reiſern anzuͤndete. Als ſie mich etwas beruhigter ſah, wandte ſie ſich aͤngſtlich mit den Worten zu mir: Wenn die gnaͤdige Frau Huͤlfe beduͤrfte, ſo koͤnnte man den Arzt, der ſich im Hintergemache bei meinem ſterbenden Herrn befindet, rufen; ich wuͤrde auch gleich die Herrſchaft benachrichtigt haben, aber die arme gute Frau iſt ſelbſt mehr todt als lebendig. Wollen Sie leiſe in jenes Zimmer treten und den Herrn Doctor rufen, ſo will ich mich unterdeſſen hier mit der Dame beſchaͤftigen. Es verſteht ſich, daß ich ſo ſchnell als moͤglich forteilte, um den Arzt herbeizuſchaffen. Ich fand die Thuͤr eines ſchwach erleuchteten Zim⸗ mers angelehnt, trat behutſam ein, und war wie vom Zauber gebannt als ſich mir ein Schauſpiel dar⸗ bot, deſſen furchtbarer Eindruck ſich nie aus mei⸗ nem Gedaͤchtniß verwiſchen wird. Ein junges, ſchoͤ⸗ nes Weib in weißem zierlichem Nachtgewande kniete an dem Bette eines Kranken; ihre feinen ausdrucks⸗ 10* — 148— vollen Zuͤge waren vom tiefſten Schmerz erhoͤht, ihr Haar in Unordnung aufgeloͤſt, und das große ſchwarze Auge ſtarr auf das Geſicht des leiſe Roͤchelnden ge⸗ richtet. Sie hielt die Haͤnde des Kranken krampf⸗ haft umfaßt, in der Stellung einer Betenden, die der Prieſter ſoeben geweiht hat. In ihrer Naͤhe kniete ebenfalls ein junger Mann, deſſen Geſtalt, obwol im Schatten der ſchwachen Beleuchtung zerfloſſen, mir bekannt ſchien, und der den Anblick tiefer Verzweif⸗ lung gewaͤhrte. Am Fuße des Sterbebettes ſtand ein Mann in ruhiger Haltung, den ich gleich fuͤr den Arzt erkannte; ich nahte mich ihm behutſam und er⸗ kannte zu meinem Staunen Erich.— Sie hier? fluͤ⸗ ſterte er mir zu, um Gottes willen, was fuͤhrt Sie hierher? entfernen Sie ſich, ich winkte ihm dagegen mir zu folgen und erklaͤrte ihm im Hinausgehen mei⸗ nen Unfall, und daß Cornelie ſeiner ſchleunigen Huͤlfe beduͤrfe. So gehen wir zu ihr, rief er mit innigem Ge⸗ fuͤhle, denn dort(auf das Krankenzimmer deutend) iſt nichts mehr fuͤr den Arzt zu thun; es iſt keine Hoffnung mehr fuͤr den Leidenden, und die naͤchſte Stunde iſt ſchon nicht mehr fuͤr ihn. Corneliens Thuͤr war verſchloſſen, und die Magd deutete mir an, daß ſie ſich erhole, mich aber jetzt nicht einlaſſen koͤnne; ich flehte, daß es dem Arzte wenigſtens vergoͤnnt ſein moͤge, wozu Cornelie nach — 149— wenigem Zaudern ihre Einwilligung gab, und mir ward ſchon wohler, als ich den Ton ihrer lieblichen Stimme wieder vernahm. Trotz dem war ich fort⸗ waͤhrend in einer Art Fieberzuſtand. Meine Pulſe ſchlugen gewaltſam, das Blut draͤngte ſich mir zu Kopfe, und faſt befand ich mich in einer der Lagen, an deren Wirklichkeit man zweifelt, wenn man ſie in Buͤchern verzeichnet findet, aber die ſich ſo oft im Le⸗ ben unvorhergeſehen geſtalten. Mir ward ſo unheim⸗ lich zu Muthe, daß ich die Fenſter oͤffnete, um an der Nachtluft meine brennende Stirn zu kuͤhlen, und indem ich auf den ruhigen klaren See blickte, auf deſſen Flaͤche ſich Mond und Sterne wiederſpiegelten, loͤſten ſich meine Gefuͤhle zur tiefſten Wehmuth auf. Ploͤtzlich vernahm ich Geraͤuſch im Sterbezimmer und kurz darauf abgebrochene Worte einer in meiner Mut⸗ terſprache gefuͤhrten Rede. Unnennbares Gefuͤhl er⸗ griff mich, ich konnte nicht mehr zuruͤckhalten, trat wieder hinein und fand den Sterbenden halb im Bette aufgerichtet. Er ſchien mit der groͤßten An⸗ ſtrengung dem Tode die letzten Minuten abzuzwingen, um ſeiner geliebten Honorine, wie er das ſchoͤne Weib, das ihn umfaßt hielt, nannte, Troſt zuzurufen. Kehre zuruͤck in unſere ſchoͤne Heimath, ſprach er in gebrochenem Tone, o! daß wir dort nicht gluͤck⸗ lich ſein konnten!— Sorgfaͤltig bewahre die Papiere, die ich Dir uͤbergab— Lebe wohl— — 150— Nein, ich laſſe Dich nicht, ſchrie Honorine, mein Arwed, geliebter Gatte!— Arwed? Arwed Latour? rief ich entſetzt nach dem Krankenbette hinſtuͤrzend, denn in dieſem Augenblicke war es, als ob ein Schleier von meinen Augen weg⸗ gezogen wuͤrde. Du hier, begann ich von neuem, ſterbend, unbekannt,— Du erkennſt den Freund Deiner Jugend nicht! Deinen Freund des Collegiums nicht! Dorval, der taͤglich an Dich dachte, Dich be⸗ klagte, beweinte und nie Deinen Verluſt verſchmerzen konnte!— Der Kranke richtete den gebrochenen Blick auf mich; ein letzter Lebensfunken flammte in ſeinen Au⸗ gen, belebte die verblichenen Lippen. 1 Du hier, Dorvalv? es iſt kein Fieberwahn? Du am Sterbebette Deines Freundes?— Ich danke der Vor⸗ ſehung, an der ich ſchon verzweifelte, die ich ſo oft verkannte—— o welcher Troſt fuͤr mich, Dich noch vor meinem Ende zu ſehen— Du wirſt den letzten Willen Deines Studienfreundes erfuͤllen— ich uͤbergebe Dir hier das Theuerſte, was ich beſitze, meine Honorine, mein geliebtes Weib— Du wirſt ſie ſchuͤtzen, ſie vertheidigen, ſie nie ihren Verfolgern preisgeben. Sie wird Dir Papiere fuͤr Dich und die Freunde uͤbergeben.— Bei unſerm Eide in jener Nacht im Collegium, ſchwoͤre mir, daß Du Honori⸗ nen nicht verlaſſen willſt— f 3 „— . 4 — 51— Geliebter Freund, rief ich außer mir, ich gelobe es Dir mit jenem Schwure!— So ſterbe ich ruhig, lispelte der Kranke, zog den Kopf des ſchoͤnen Weibes im Niederſinken an ſein Herz und hauchte ſeinen Geiſt aus.— Wie lange ich in den unnennbarſten Schmerz verſun⸗ ken bei dem Verſtorbenen geſtanden, weiß ich nicht; ich kam nur zur Beſinnung, als ſich die immerfort neben Honorinen kniende maͤnnliche Geſtalt aufrichtete und mich anredete.. Der Verſtorbene hat Ihnen Honorinen uͤbergeben, theurer Dorval, fuͤhren Sie ſie hinweg, fort von die⸗ ſem Schreckensorte.— Ich ſah dem Redenden jetzt zuerſt ins Angeſicht und erkannte Ferdinand, aber die raſch auf einander folgenden Begebenheiten hatten ſolche Wirkung auf mich, daß mich ſeine Erſcheinung hier nicht ein⸗ mal befremdete. Ich entwand Honorinen den Ar⸗ men des Gatten, druͤckte dieſem die Augen zu und fuͤhrte die Ungluͤckliche zu Cornelien. Dieſe ſaß, als wir eintraten, neben Erich am Feuer; ſie ſchien ſich voͤllig erholt zu haben und nur ihre Blaͤſſe ver⸗ rieth einige Spuren des fruͤhern Unfalls. Erich ſchien ſie mit dem ungluͤcklichen Ereigniſſe des Hauſes bekannt zu machen, ais Ferdinand und ich die troſtloſe Witwe hereinbrachten; mit einem durchdringenden Blicke ſah ſie uns wechſelſeitig an, und gluͤhendes Roth uͤberflog ihre — 152— ſchoͤnen Zuͤge, doch beruhigte ich ſie, indem ich ihr Ho⸗ norinen mit den Worten zufuͤhrte: Ich uͤbergebe Ih⸗ rem Schutze das Weib meines ſoeben hingeſchiedenen Jugendfreundes; mit heiligem Eide gelobte ich ihm im letzten Augenblicke, fuͤr Honorine zu ſor⸗ gen, und ſo weiß ich ſie keiner Wuͤrdigern ihres Geſchlechtes anzuvertrauen als Ihnen, theure Baroneſſe. Cornelie konnte kein Wort erwiedern. Sie um⸗ armte Honorinen, die gefuͤhllos im ſtummen Schmerze Alles mit ſich geſchehen ließ. Unterdeſſen hatte Erich alle Anordnungen getroffen und trieb zur Ruͤckkehr an, aber im Augenblicke, als man das Haus verlaſſen wollte, ſchien die Witwe aus ih⸗ rer Betaͤubung zu erwachen. Mit herzzerreißenden Kla⸗ gen ſtuͤrzte ſie ins Nebenzimmer zuruͤck, warf ſich mit lautem Jammern und unter Thraͤnenſtroͤmen uͤber die geliebte Leiche, und nur als gaͤnzliche Erſchoͤpfung die⸗ ſer Aufwallung folgte, konnte man ſie bewußtlos in den Nachen bringen, wohin wir ſie Alle begleiteten. Cornelie zog die Fremde ſanft neben ſich und ſtuͤtzte der Leidenden Haupt auf ihre Schultern, wir Maͤn⸗ ner ſetzten uns ſchweigend gegenuͤber. So glitten wir dahin uͤber die ruhige, klare Flaͤche deſſelben Sees, der uns kurz zuvor in ſeiner Wuth zu verſchlingen drohte. Wir waren zu bewegt, um Linderung in Mittheilung finden zu koͤnnen, wir ſuchten ſie nicht und ſchonten gegenſeitig unſern gerechten Schmerz. — 153— Am jenſeitigen Ufer angelangt, geleiteten wir die Frauen bis zum Schloßthore, dann reichte mir Cornelie die Hand und fluͤſterte mir feierlich und wehmuͤthig zu: Ewige Liebe, aber die tiefſte Verſchwiegenheit. Ich ſtand noch betroffen, als ſie ſchon mit Honori⸗ nen durch die Thuͤr ſchluͤpfte, und in ſtummer Um⸗ armung ſchloſſen Ferdinand und ich einen ewigen Freundſchaftsbund. Vierzehntes Capitel. Vergebens ſuchte ich die Ruhe in jener Nacht;— die Begebenheiten des Tages hatten mich auf das heftigſte aufgeregt; fieberhafte Traͤume erhoͤhten meine Reizbarkeit in ſolchem Grade, daß ich bei dem erſten Strahl der Sonne ſchon wieder das Lager verließ und Linderung im Freien ſuchte.— Ich ſchweifte lange in der Gegend umher und konnte kaum die noͤthige Faſſung finden, um mich uͤber das Verwor⸗ rene, welches der verfloſſene Tag herbeigefuͤhrt hatte, einigermaßen aufzuklaͤren.— Ferdinands Erſcheinen, ſeine Theilnahme, ſein tiefer Schmerz, traten jetzt weit lebhafter vor mich; ſein Zuſammentreffen mit — 154— Erich konnte nicht zufaͤllig ſein, und mir wurde nach und nach klar, daß hier ein Theil des Raͤthſels, welches Ferdi⸗ nand ſeit langer Zeit ſeinen Freunden war, zu loͤſen ſei. Mich beruhigte dieſer Gedanke, denn ich konnte hoffen, mir dadurch den Beſitz der geliebten Cornelie zu ſichern; aber auf welche Weiſe mein ungluͤcklicher Freund in dieſe Gegend gekommen, in welchen Ver⸗ haͤltniſſen er mit Ferdinand geſtanden, daruͤber war es mir unmoͤglich, irgend eine genuͤgende Aufklaͤrung zu finden. Ich nahm mir indeſſen vor, ſobald der erſte Schmerz der jungen Witwe voruͤberſein wuͤrde, ihr die mir von Arwed verheißenen Papiere abzufodern, welche ich als ein gemeinſames heiliges Gut der Jugendfreunde betrachtete. Unter ſolchen widerſtrebenden Empfindungen naͤ⸗ herte ich mich dem Schloſſe, um mich zu Cornelien zu begeben, wo ich Erich und Ferdinand anzutreffen hoffte, wie dieſes beim Scheiden verabredet war.— Ich fand Ferdinand bei Cornelien, deren Anblick mich von weitem ſchon beruhigte;— ſie war in dem leichten Morgengewande ſchoͤner, als ich ſie je zuvor geſehen, und die wenigen Stunden eines erquickenden Schlummers hatten das geſunde, kraͤftige Maͤdchen ganz hergeſtellt. Mit der Selbſtaͤndigkeit, die ſich in ihrem ganzen Weſen ausſprach, ſchien ſie ſich den veraͤnderten Umſtaͤnden bereits gefuͤgt und ſie voll⸗ kommen aufgefaßt zu haben, im Gegenſatz von Fer⸗ — 155— dinand, der mit Heftigkeit im Zimmer auf⸗ und nie⸗ derging, mit gluͤhendem Blick und einer Unruhe, die ſichtbar den innern Kampf zeigte. Ich erkundigte mich nach Honorinens Zuſtand und erfuhr, daß Erich ſich zu ihr begeben und nicht er⸗ lauben wollte, daß Jemand zu ihr komme, bis er ſie geſprochen. Ferdinand beſonders iſt ſehr ungehalten uͤber dieſe Vorſichtsmaßregeln unſeres Freundes, denn er beſtand darauf, Honorinen gleich zu ſehen, bemerkte Cornelie mit einem vielſagenden Blick auf Ferdinand. Nun wohl, wendete ſich Ferdinand raſch zu Cornelien, indem er ihre ſchoͤne Hand ergriff: Nicht mit uͤberfluͤſſigen Eroͤrterungen wollen wir uns martern, denn ich weiß jetzt, fuͤr wen Ihr Herz ſchlaͤgt, und erleichtere gern meine beklommene Bruſt, indem ich Sie endlich mit dem Gegenſtande meiner geheimen Qualen bekannt machen kann. Ja, ich liebe Honorinen, ich bete ſie an; dieſe ungluͤckſelige Leiden⸗ ſchaft verzehrt mein Inneres und ich fuͤhle, ſie wird nur mit meinem Leben enden.— Theure Baroneſſe, ſprach er nach einer Pauſe wei⸗ ter, ich kenne Ihren Seelenadel, Ihren ſeltenen Ver⸗ ſtand, Ihre Verdienſte; ich allein verſtehe Sie viel⸗ leicht nach Ihrem Werthe zu ſchaͤtzen, deswegen mochte ich nie Zaͤrtlichkeit heucheln, die Sie beleidigen mußte, da mir Ihr Herz nie angehoͤrte. O nein! ich taͤu⸗ — 156— ſche mich nicht, ich beſaß es nie. Niemals fuͤhlten Sie mehr als Freundſchaft fuͤr einen Jugendfreund, aber um Ihr gegebenes Wort litten Sie allein, um das Andenken Ihrer Mutter, um die meinige, die Sie zu kraͤnken fuͤrchteten. Unſer Wille unterlag unſerer Kraft, unſer Gefuͤhl der kalten überlegung, und ſo iſt es Zeit, daß wir unſere Zwangsketten ſprengen. Ich fuͤhlte mich mit der ſchoͤnſten Braut verarmt an Liebe, weil ich nicht um Liebe betteln wollte, Sie ertrugen den Ihnen faſt als Kind An⸗ gelobten aus Dankbarkeit gegen Ihre Pflegerin und marterten Ihr Herz, was ſich nicht gebieten ließ; der liebenswuͤrdige Dorval beſitzt es ganz, und wahrlich, Sie konnten nicht beſſer waͤhlen! Was er ſonſt noch zu meinem Lobe hinzufuͤgte, ziemt mir beſſer zu uͤbergehen, und lieber will ich Euch mein Entzuͤcken beſchreiben, als Cornelie jetzt mit dem reinſten Ausbruche der Liebe an mein Herz ſank, frei ihr Gluͤck geſtand, und ich ſie wonnetrunken in den Armen hielt. Als wir wieder aus dem Wirbel uͤberſeli⸗ ger Empfindungen erwachten, erbebte ſie vor dem Gedan⸗ ken an die Zukunft, der auch mich ploͤtzlich truͤbe umfing. Und die Mutter, ſagte ſie mit halb erſtickter Stim— me, dieſe unſere edle gute Pflegerin, unſre aufrich⸗ tigſte Freundin ſeit unſerer zarteſten Jugend, Fer⸗ dinand, welche Linderung wiſſen Sie fuͤr ihren Schmerz, wenn ſie unſere Trennung vernimmt? — 157— Keine! rief er verzweifelt, indem er das erhitzte Antlitz mit den Haͤnden deckte.— Ich vermag ſie nicht zu troͤſten, weil ich ihre Anſichten nicht theilen kann; nur jenes theure Weſen, an der allein meine Gluͤckſeligkeit haͤggt, kann ich der Mutter zufuͤhren, damit ſie die Vorzuͤge Honorinens kennen lerne und meine Liebe verzeihlich finde. Cornelie blieb trotz dieſer foͤrmlichen Enrfagunn Ferdinands auf ihre Hand, trotz dem, daß ihre Zuͤge die ſichere Abſpiegelung ihrer Freude verriethen, dennoch beſtuͤrzt uͤber den troſtloſen Zuſtand, in den die Mutter verfallen wuͤrde. Ja, ſagte ſie, wir Menſchen ſind berechtigt, unſer zufaͤlliges Daſein zu verſchoͤnern, ſo viel es in unſern Kraͤften ſteht, und ich geſtehe gern, daß ich mich ſeit Jahren nun erſt in meiner Freiheit begluͤckt fuͤhle, aber wir haben noch andere Pflichten. Fer⸗ dinand, geloben Sie mir die Mutter noch durch Stillſchweigen zu ſchonen; ich werde mit der Zeit wol Mittel finden, ſie vorzubereiten, und das ſchoͤn⸗ ſte Recht auf Dankbarkeit von meiner geliebten Pfle⸗ gerin und dem theuern Vater hat Dorval, indem er geſtern der Retter meines Lebens ward; nur bitte ich, Ferdinand, kraͤnken Sie nicht dutch Heftigkeit und übereilung. Er gelobte es, indem er hinzufuͤgte, Honorine iſt jetzt frei; ſie verliert einen geliebten Gatten, den ſie — 158— einſt aus Neigung waͤhlte, und hatte ſie auch ſpaͤter Gruͤnde, dieſen Schritt zu bereuen, ſo blieb ſie dem kraͤnkelnden, mismuͤthigen Gemahl doch ſtets eine treue Gefaͤhrtin. Cornelie, in Ihre Klugheit und Herzens⸗ guͤte ſetze ich jetzt allein noch Hoffnung; was iſt zu un⸗ ſerer Rettung und der Mutter Troſt zu beginnen?— Weiß die junge Frau von Ihrer Neigung? Ich ſchonte die Vermaͤhlte mit einem Geſtaͤndniſſe, aber ich glaube, von Leidenſchaft hingeriſſen, mich oft genug verrathen zu haben. Und glauben Sie auch ihr nicht gleichguͤltig zu ſein? Ich habe nur Hoffnung, keine Gewißheit. Bis jetzt unterdruͤckte ich meine Leidenſchaft ſo viel als moͤglich, da ich ihre Treue ehren mußte; ſeit ge⸗ ſtern aber hat ſich die Lage der Dinge geaͤndert, und der Tod Arweds gibt mir die Hoffnung, dennoch einſt zu dem Beſitz Honorinens zu gelangen. Erich trat jetzt zu uns, er fand Honorinens Zu⸗ ſtand den Umſtaͤnden nach guͤnſtig, gebot aber den⸗ noch die groͤßte Schonung und Ruhe, beſonders da ſie ſich von neuem durch die Anordnungen, die ſie Erich wegen der Beſtattung ihres Gemahles und der Sicherſtellung ihrer Papiere ſo eben ertheilt hatte, ſehr angegriffen fuͤhlte. So viel ich mich, meine Freunde, auch Eurer Theil⸗ nahme an dem ungluͤcklichen Arwed erinnere, als man damals in Paris ſeine heimliche Entweichung vernahm, 159 ſo erwarte ich auch Euch jetzt erſtaunt und erſchuͤttert uͤber Das, was Ihr bereits von ihm durch mich erfahren habt. Gleich mir muͤßt Ihr den Wunſch hegen, Naͤheres uͤber das Schickſal eines uns Allen ſo theuern Freundes des Collegiums zu wiſſen, wie auch die Ur⸗ ſache, warum er die tiefſte Einſamkeit in den entfern⸗ ten deutſchen Waͤldern zum Aufenthalte waͤhlte. Doch auch mir ſollte damals nicht ſogleich der Aufſchluß werden, denn ſeine tieferſchuͤtterte Witwe wies mich gleich bei dem erſten Verſuche, den ich deshalb wagte, ab. Sie ſollen die Leidensgeſchichte meines ungluͤcklichen Gatten erfahren, ſagte ſie, nur nicht jetzt, nicht gleich, die Wunden bluten noch zu friſch; koͤnnen ſie durch die Zeit vernarben, ſo ſollen Sie Alles erfahren. Und ſo bin ich gezwungen, Euch noch von andern Gegenſtaͤnden zu unterhalten, bis der Zeitpunkt ein⸗ tritt, wo auch mir Aufſchluß ward. Corneliens naͤchtliche Abweſenheit bei dem furchtbaren Gewitter hatte, wie begreiflich, groͤßere Beſorgniß als die von uns Maͤnnern erregt, und der Jubel des Barons, die Freude der Frau von Leuchtenhauſen, als jener die Tochter in die Arme ſchloß, dieſe ſie heimgekehrt wußte, war unbegrenzt. Mit kurzen Worten wur⸗ den von uns ſowol der Mutter als im Schloſſe die traurigen Abenteuer berichtet und durch Honori⸗ nens Anweſenheit beſtaͤtigt; dieſe fand auch bei dem Baron ſogleich eine freundliche Aufnahme. — 160— Unſer Aller Lage fing von dieſer Zeit an ſich gaͤnzlich zu veraͤndern, denn es verſteht ſich von ſelbſt, daß wir unaufhoͤrlich mit dem Gedanken be⸗ ſchaͤftigt waren, wie das Geſtaͤndniß, womit wir die Ältern durchaus nicht verſchonen konnten, am beſten einzukleiden ſei; daß wir Maͤnner am heftigſten auf Entſcheidung drangen, die Frauen Sanftmuth und Geduld anbefahlen. Jedoch war ich der bei weitem Begluͤckteſte. Ich war uͤberzeugt, von der Wuͤrdig⸗ ſten ihres Geſchlechtes wiedergeliebt zu werden, wir hatten taͤglich Gelegenheit, uns alle Gluͤckſeligkeit bald zuzufluͤſtern, bald uns durch Zeichen und Blicke zu verſtaͤndigen, und wer moͤchte den namenloſen Reiz eines ſolchen Zauberzuſtandes widerlegen?—. Die Geliebte erſchloß mir ihr ganzes ſeltenes, edles Herz, und Ferdinand ward nun erſt ihr wahrer Freund. Die Empfindungen der jungen Witwe offenbarten ſich dagegen keineswegs deutlich, und weder ihr Herz noch ihre Abſichten ließen ſich klar begreifen. Un⸗ moͤglich konnte ihr des jungen Leuchtenhauſen heftige Leidenſchaft fuͤr ſie verborgen bleiben, woruͤber ſie aber weder Zufriedenheit noch Unzufriedenheit aus⸗ druͤckte. Sein Verhaͤltniß zu ihr blieb ſtets auf dem⸗ ſelben Punkte als an dem Tage des Verſcheidens meines ungluͤcklichen Freundes, und obgleich man die junge Frau nicht der Kaͤlte im Allgemeinen beſchuldi⸗ gen konnte, ſo blieb ſie doch gegen uns Maͤnner — 161— zuruͤckhaltend. Ihre Freude, in mir einen Freund ihres verſtorbenen Gemahls und einen Landsmann zu finden, war aufrichtig, es blieb aber der einzige Grund der Annaͤherung. Meine Gegenwart war ihr angenehm, als Jemands, der ihr Land kannte: ein Ausdruck, deſſen ſich, wie Ihr wißt, jeder Fran⸗ zoſe uͤber ſeinen Geburtsort bedient, er mag eine Stadt oder ein Dorf damit bezeichnen. Sie hatte ſich im Ganzen mit Waͤrme unſerm kleinen Kreiſe an⸗ geſchloſſen und verrieth ohne tieferen Unterricht, wie er ſich haͤufiger bei deutſchen Frauen findet, viel na⸗ tuͤrlichen Verſtand, Lebensklugheit, Menſchenkenntniß, und in Folge deſſen viel Gewandtheit im Benehmen Ich erkannte darin die geiſtigen Grundbeſtandtheile faſt aller pariſer Frauen, ſelbſt der untern Claſſen, und zeichnete ſie dieſes auch in dem deutſchen Frauen⸗ cirkel, worein ſie das Ungefaͤhr gefuͤhrt hatte, eben nicht aus, indem Anſtand und Bildung hier vorherrſch⸗ ten, ſo waren dieſe Vortheile der Pariſerinnen doch in Deutſchland weniger allgemein, und jedes Indivi⸗ duum, an dem man ſie wahrnahm, ward unbedingt von hohem Range abſtammend gehalten. So hatte denn auch Honorine durch Anſtand und Betragen gleich guͤnſtige Vermuthung uͤber ihre Herkunft er⸗ weckt, ausgenommen bei mir. Ich ſehe in ihrem Anſtande nichts Ausgezeichnetes vor jeder Pariſerin, entgegnete ich Cornelien mit der 11 162 Freimuͤthigkeit, die unſer Verhaͤltniß erheiſchte, als ſie meine Meinung uͤber Honorinens Herkunft be⸗ gehrte. In Manchem, fuhr ich fort, vor Allem aber in der Sprache, fehlt ihr vielmehr die kleine Nuance, wodurch in Paris die hoͤchſten Staͤnde ſo beſtimmt von den andern zu unterſcheiden ſind. Hiermit meine ich ſowol die Ausſprache als die zur Unterhaltung gewaͤhlten Gegenſtaͤnde. Vielleicht wird die Erſtere dem Fremden gaͤnzlich entgehen, oder er wird die weiche Betonung, die Unaufmerkſamkeit, womit man die Endſylben fluͤſternd verſchluckt, das faſt totale Ausſtoßen des Buchſtaben R, ich moͤchte mich bei⸗ nahe des Ausdrucks bedienen:„das Kauen der Worte,“ fuͤr einen Fehler am Sprachorgan des Redenden halten; fand er aber durch laͤngeren Aufenthalt in dieſen Cirkeln zu beobachten Gelegenheit, ſo wird er es als Sitte erkennen, die wahrſcheinlich ihren Ur⸗ ſprung in einer albernen Mode nahm. Was nun das Thema der Unterhaltung betrifft, ſo waͤhlen, wie ich ſchon fruͤher erwaͤhnt, unſere eleganten Da⸗ men hierzu am liebſten die Politik, und ihre Anbeter ſind gewoͤhnt, dieſes gut zu heißen; Honorine aber zeigt keine Vorliebe fuͤr ſolche Geſpraͤche, und dieſes muͤßte mir bei der Pariſerin ſchon allein fuͤr eine we⸗ niger angeſehene Abkunft buͤrgen. Wiſſenſchaften und Kuͤnſte ſcheinen ebenfalls kein beſtimmtes Inter⸗ eſſe bei ihr erweckt zu haben, obgleich ſie uͤber die 2— — 163— letzteren etwas klarer als uͤber die erſteren iſt; deut⸗ lich erkenne ich, daß ihre nicht ganz unrichtige An⸗ ſichten uͤber Kunſt weder durch eine dahinzweckende Er⸗ ziehung gebildet, noch durch eigenes Gefuͤhl entwik⸗ kelt wurden, ſondern es mußte auch hierbei das Prak⸗ tiſche die Pariſerin geleitet haben.— Die vielen praͤchtigen Gebaͤude in unſerer Vaterſtadt, die allen Claſſen ſtets unentgeltlich geoͤffneten Galerien, mit Gegenſtaͤnden aller Kunſtfaͤcher angefuͤllt, die vielen Bilder⸗ und Kupferſtichlaͤden, deren Waaren weit uͤber Straßen und Boulevards dem Beſchaner entgegen ausgebreitet werden, machen das Volk aufmerkſam. Es gelangt, wenn auch zu keiner Kennerſchaft, doch zu einer Art von überſicht, die es allein der Ge⸗ wohnheit verdankt, von fruͤher Jugend an von Kunſt⸗ ſchaͤtzen umgeben zu ſein. Ich will damit nicht ſagen, das pariſer Volk ſei, wie das roͤmiſche, mit einen liebenswuͤrdigen Kunſtſinn geboren; im Gegentheil glaube ich, echtes Kunſtgefuͤhl widerſtrebe ſeiner ei⸗ gentlichen Natur, aber wiederum beſitzt es vielleicht mehr wie andere Voͤlker die Eigenſchaft, das Beſtehen⸗ de aufzufaſſen. Es denkt wenig, ſucht nicht gern, wie der Deutſche, ſchafft nicht leicht, aber es bildet ſich ſchnell an das Geſchaffene hinan, vor Allem be⸗ nutzt es gern das Gefundene, denn im Nuͤtzenwollen liegt ja uͤberhaupt ſein ganzes Thun und Treiben. Allein in dieſem Sinne verſtanden, ſcheint mir 11* — 164— Honorine etwas Kunſtgeſchmack zu beſitzen, was ihr behuͤlflich iſt bei dem Schwatzen uͤber Kunſt, wofuͤr die Deutſchen, mit Ihrer Erlaubniß, ſchoͤne Cornelie, eine gewiſſe Manie haben, nicht ganz zu verſtummen. Zuweilen wundert mich ihre Geſchicklichkeit, denn ſie faͤllt nicht ſelten richtigere Urtheile als die ihr an Wiſſen weit uͤberlegenen hieſigen Damen. Dieſe haben nun freilich ihr Wiſſen meiſt aus Buͤchern, Honorine, wie mir ſcheint, allein durch das Leben er⸗ halten. Am wenigſten gewandt werden Sie ſie bei genauer Beobachtung in der bei deutſchen Frauen ſo beliebten Unterhaltung uͤber Wirthſchaftsangelegen⸗ heiten finden, und hieran haͤtte ich ſchon allein die Pariſerin erkennen muͤſſen; noch mehr Beweis gibt mir dieſes aber fuͤr ihre weniger bequeme Lage im aͤl⸗ terlichen Hauſe. Sie werden vielleicht einen Wider⸗ ſpruch darin finden; meine Landsleute dagegen wuͤr⸗ den mich beſſer verſtehen, denn dieſe wiſſen wie ich, daß nur ein reicher Pariſer ſeiner Frau und Tochter Zeit und Freiheit genug gibt, ſich um die Beſorgung der Wirthſchaft im Großen zu bekuͤmmern, denn nur die Reichen halten es der Muͤhe werth, die bedeuten⸗ den Einkuͤnfte durch Strenge uͤber Geſinde und Ver⸗ walter zu bewachen. Hat man ſich aber keiner ſichern Einkuͤnfte zu erfreuen, gilt es ſchon, erwerben zu muͤſſen, um mit der Familie beſtehen zu koͤnnen, ſo ſoll die Familie auch erwerben helfen und ſich — 165— weiter nichts angelegen ſein laſſen. Was hilfts, ſagt der pariſer Buͤrger, daß mir die Frau den Strumpf ſtrickt und dadurch den Franken Strickerlohn ſpart? was hilfts, daß ſie kocht und waͤſcht, um am Ende des Jahres nach aller erdenklichen Plackerei nur einige hundert Franken zu gewinnen? ſie kann mir mit al⸗ len dieſen kleinlichen Erſparniſſen nicht die Haͤlfte von dem einbringen, als wenn ſie mir mit ernſter Thaͤ⸗ tigkeit in meinen Geſchaͤften beiſteht. Ein ungetreuer Handelsgehuͤlfe bringt groͤßern Schaden als eine ungetreue Magd, und nichts auf der Welt muß die Frau mehr intereſſiren als das Gelingen des Erwerbs. So weit der Handelsmann, der durch die ungeheure Menge der Boutiken in Paris, durch die zahlloſen Zweige der Induſtrie die Maſſe des Mittelſtandes ausmacht. Doch auch in andern Staͤnden, wo die Exiſtenz allein von des Mannes perſoͤnlicher Faͤhig⸗ keit abhaͤngt, bei dem Beamten, dem Kuͤnſtler u. A. wird immer die Frau gewiſſermaßen mit zu Huͤlfe gezogen. Hat man fuͤr erhaltene Materialien, fuͤr gelieferte Arbeit Rechnung zu fuͤhren, Abſchriften, Bittſchriften verfertigen zu laſſen, ſo iſt dieſes Arbeit fuͤr die Frauen; genug, Alles, was zur Erleichterung des Standes beitraͤgt, ſoll der Gattin und Tochter das Wichtigſte ſein. Dieſe Anſicht Ihrer Landsleute uͤber den Wirkungs⸗ kreis der Frauen, antwortete Cornelie, iſt ſo offen⸗ — 166— bar im Widerſpruche mit der unſrigen, daß ich mir, durch Neuheit uͤberraſcht, im Momente weder Lob noch Tadel anmaßen moͤchte. Das beſte Reſultat, was mir daraus zu entſtehen ſcheint, iſt die Selb⸗ ſtaͤndigkeit, die nothwendig dadurch erlangt werden muß, die Faͤhigkeit, ſich unvermaͤhlt oder als Witwe, ſelbſt ohne Vermoͤgen, ein ertraͤgliches Loos zu ver⸗ ſchaffen und nicht ſogar huͤlfebeduͤrftig dazuſtehen. Allerdings, verſetzte ich, iſt es ſo. Wie aber, entgegnete ſie, iſt es mit der Erzie⸗ hung der Kinder, wenn die Muͤtter ſo emſig beſchaͤf⸗ tigt ſind?— Ich wiederholte ihr dieſelbe Anſicht, die ich ſchon gegen Euch beim Beginn dieſer Blaͤtter aͤußerte, daß ich naͤmlich den Gebrauch, die Kinder in den erſten Jahren nach dem Lande zu ſchicken, nur misbilligen kann; was aber die Erziehung betrifft, ſo ſcheint ſie mir, wenn auch theilweiſe tadelnswerth, doch nicht viel ſchlimmer in Paris, als uͤberall. Eine ausge⸗ zeichnete Mutter bemuͤht ſich in Paris neben dem Geſchaͤfte, allenfalls unter Beiſtand einer gepruͤften Gehuͤlfin, die Erziehung ihrer Tochter zu leiten, wie dieſes auch eine ausgezeichnete deutſche Mut⸗ ter bei der Beſorgung des Hauſes uͤbernimmt, aber der Ausgezeichneten gibt es leider hier wie dort nur Wenige, noch weniger Vaͤter, deren Verhaͤltniſſe es erlaubten, ſich ausſchließlich der Erziehung ihrer — 167— Soͤhne zu widmen, und ſo bleibt denn das allgemeine Loos der armen Kleinen, in Schulen geſteckt zu werden. Ich ſagte meiner Zuhoͤrerin auch hieruͤber meine Gedanken, wie ſie Euch ſchon bekannt ſind, und ſetzte nur hinzu: Soll ich ganz frei meine Meinung ausſprechen, ſo ſcheint mir die Erziehung ihrer Kin⸗ der das wichtigſte Anliegen aller Ältern; demnaͤchſt theile ich aber die Anſicht meiner Landsleute: daß ich Frauen, die ſich aus Mangel an eigner Bildung oder wegen andrer wichtiger Gruͤnde mit dem Erziehen weder befaſſen koͤnnen noch wollen, viel lieber thaͤtig im Wirkungskreiſe ihres Mannes als am Waſch⸗ und Kochnapfe ſehe; und noch mehr zu tadeln finde ich es, daß, waͤhrend der Ehemann ſich im ſchlecht hergerichteten Arbeitszimmer unter einem ſtaubigen Wuſt Papiere abmuͤht, jene, ruhig bequem auf das Sopha gelehnt, im zierlichen Gemache eine kleine unnuͤtze Handarbeit verfertige oder einen Roman leſe. Erſteres iſt freilich loͤblicher, doch Eins wie das An⸗ dere dem Manne wenig dienlich. Cornelie laͤchelte und fand meine Schilderung des Mittelſtandes in ihrem Vaterlande wol grell, doch nicht ganz unwahr. Ich wiederholte, daß Honori⸗ nens gaͤnzliches Verſtummen, wenn von Haus und Hof die Rede iſt, mich vermuthen ließ, daß ihre Ältern dergleichen nicht beſaßen, dagegen ihre Kennt⸗ niſſe des Handelsſtandes meine laͤngſt gefaßte Mei⸗ — 168— nung, daß ſie ſchon habe erwerben müſſen, noch be⸗ ſtaͤrkten. Wir kamen uͤberein, dieſe meine Vermuthung, Ferdinands halber, vor der Mutter zu verſchweigen. Ob er und Erich durch fruͤheren Umgang beſſer unterrich⸗ tet waren, wußten wir nicht, doch ließ ſich begrei⸗ fen, der Eine werde aus Intereſſe, der Andre aus Freundſchaft nichts Unguͤnſtiges verlauten laſſen; daß aber Alles, was nicht nach altem angeſehenen Adel klang, unguͤnſtig fuͤr die junge Witwe bei Frau von Leuchtenhauſen ſein mußte, verſtand ſich von ſelbſt. Nachdem Honorinens Kummer ſowol als der meinige im Verlaufe der Zeit inſofern getilgt war, daß wir uns, wenn auch tief betruͤbt, doch mit Worten uͤber unſern Schmerz unterhalten konnten, kehrten wir eines Morgens in Begleitung Corneliens und Ferdinands nach der letzten Wohnung meines theuern Arweds zuruͤck. Die Baroneſſe war ſchon einige Tage vorher, und an dieſem Tage noch mehr ſichtbar bewegt und nach⸗ denkend, geruͤhrt und befangen; doch ſuchte ſie offen⸗ bar abweichende Geſpraͤche herbeizufuͤhren, wie ſie uns ſogleich durch den Umſtand geboten wurden, daß nach ihrer weiſen Einrichtung die Witwe, um ihrem Schmerze allein anzugehoͤren, auch allein ein Fahr⸗ zeug beſtieg, welches Cornelie nebſt uns Maͤnnern zu Pferde begleitete, wie wir fruͤher ſchon oft man⸗ chen Spazierritt unternommen hatten. — — 169— Es iſt mir unerklaͤrlich, ſagte ſie, indem ſie eher zu ſchweben als zu ſitzen ſchien, warum man dieſe Art von Fortbewegung in neuern Zeiten durchaus als unzart, unweiblich verſchreien will, da es doch ſicher eine der Geſundheit ſehr zutraͤgliche Leibesuͤbung iſt, die neben der phyſiſchen Kraft auch einen gewiſſen Muth verleiht, den man an keinem Geſchlechte ver⸗ achten ſollte. Weiß doch Niemand, in welche Lage er einſt gerathen kann, werden doch die zarte⸗ ſten Weſen oft durch beſondere Umſtaͤnde gezwungen, ſich und Andern durch Tapferkeit und Staͤrke bedeu⸗ tend zu nuͤtzen! Nimmermehr kann ich es begreifen, woher der falſche Schluß entſtand: der Muth, ein Pferd zu lenken, ſetze mehr Unweiblichkeit oder Keck⸗ keit voraus als der, vor einer Verſammlung von Hunderten oͤffentlich mit Geſang und Spiel aufzu⸗ treten, wie Liebhaberinnen ſo oft zu thun bereit ſind. Wahrlich, es ſcheint mir doch viel mehr Selbſtverleugnung fuͤr eine zarte beſcheidene Frau dazu zu gehoͤren, ſich in einem engen Raume auf dem Bretergeruͤſte der Lorgnette und der Beurtheilung jedes modiſchen Fants bloszuſtellen, als in des Schoͤpfers herrlicher freier Luft ein gezaͤhmtes edles Thier zu beſteigen und ſich ſomit einer Art Beluſtigung zu uͤberlaſſen, worauf die Natur beſtimmter hinweiſt als auf die Sitte, in der Karoſſe geruͤttelt zu werden. Doch ſind es eigentlich nur die Deutſchen, die ſich in der Mehrzahl — 170— ſolche Skrupel ſchaffen, und die ſchon laͤngſt in die⸗ ſem Punkte von den Englaͤndern bekehrt ſein muͤßten, waͤren ſie nicht uͤberhaupt in ihren vorgefaßten Mei⸗ nungen etwas eigenſinnig. Wir ſehen nicht leicht weiblich geſinntere, durch Begriffe von Anſtand und Schicklichkeit mehr dem Zwange unterworfene Frauen, als in England, und nirgends gibt es in allen Claſ⸗ ſen ſo viele und geſchickte Reiterinnen. Ich bin ganz Ihrer Meinung, erwiederte Ferdinand, und fuͤge nur noch hinzu, daß wir immer und ewig in allen unſern Gebraͤuchen und Begriffen an einer Krankheit leiden. Weil in England die Reiterinnen ſich in allen Claſſen finden, ward es allgemein Sitte, und dieſe wird uͤberhaupt leicht gut geheißen; bei uns aber iſt das Reiten der Frauen faſt nur Privilegium, und weil man den Begriff von Vor⸗ nehmthun damit verbindet, von Anſpruͤchen, die einem Theile mit Recht zukommen, bei einem andern Theile aber anmaßend erſcheinen, will der demuͤthige Buͤrger es ſeiner Frau nicht gern geſtatten. Wieder Privilegium! dachte ich aͤrgerlich, und ſah ſchon bei der ploͤtzichen Wendung des Geſpraͤchs Verdruß voraus, als wir eben zur rechten Zeit anlangten. Auf dem prunkloſen Kirchhofe des Dorfes bezeich⸗ nete ein einfaches Kreuz die Stelle, wo ein vielge⸗ liebter Gatte und Freund auf ewig die Ruhe fand, die ſelbſt Jugend und das Bewußtſein, geliebt zu — 171— werden, nicht gewaͤhren konnten, wie ich, auch ohne die Details ſeiner Leidensgeſchichte ſchon zu wiſſen, ſehr wohl verſtand. Mich erfaßte ein heimliches Grauen, als ich mich uͤber die noch lockere Erde der Gruft beugte, und mir gleichſam daraus hervor fluͤſterte: Hier ruht Einer mehr, der aus Mangel rich⸗ tiger Selbſterkennung untergegangen iſt! aber der Un⸗ tergegangene war mein Freund, und ſo ſollten die Blumen, die der gefuͤhlvolle Erich an dieſem Grabe gepflanzt hatte, ihren Kelch durch die Thraͤnen der reinſten Freundſchaft fuͤllen. Auch Honorine kniete vor allen Dingen an dem Kreuze nieder und weihte die Staͤtte durch Zaͤhren und Gebet, dann trat ſie geſtaͤrkter in ihre verlaſſene Wohnung, um einige Ver⸗ fuͤgungen zu treffen, und jeder Bewegung und Hand⸗ lung ſah man ein aufrichtiges Gemuͤth und Wahr⸗ heit an. An der Art, wie ſie hier ihre kleinen An⸗ ordnungen betrieb, ihre Baarſchaft und viele Papiere zu ſich nahm, alsdann noch einmal das Grab Ar⸗ weds mit heißen Thraͤnen netzte, erſah ich, daß ſie auf ewig von dieſem Orte Abſchied zu nehmen wuͤnſchte. Es war ein Herbſttag, in der Erſcheinung ſeines buntſchaͤckigen Gewandes faſt einer Schoͤnen zu ver⸗ gleichen, die noch gegen das Ende der verloͤſchenden Reize durch grelle Farben und Putz zu truͤgen hofft. Fluren und Gaͤrten waren bereits ihres Schmuckes der Fruͤchte beraubt, die befiederten Bewohner der 1 ———— — — 172— Atmoſphaͤre eilten dem erwaͤrmenden Suͤden zu, und hin und wieder nur umſchwirrte uns noch der ſum⸗ mende Kaͤfer, vernahm man das Rauſchen der braun⸗ rothen Blaͤtter. Mehr traͤumend als denkend blickte ich in die Gegend hinaus, die durch den falben Schein der blaſſen Sonne in truͤber Sehnſucht zu ſchmachten ſchien, und faſt glaubte ich die Empfindungen mei⸗ ner Bruſt vor mir ausgebreitet, als ich ploͤtzlich durch das Vorfuͤhren des Wagens und unſerer Pferde aus meinen Traͤumereien geweckt ward, und Cornelie im naͤmlichen Augenblicke mit thraͤnenſchwerem Blicke, Ernſt, Wehmuth, Kampf in jeder Miene ausſpre⸗ chend, mir zur Seite ſtand. Befremdet blickte ich ſie an. Ich fuͤhlte, ich muͤßte ihr zu Huͤlfe kommen, es ihr erleichtern, mir mitzutheilen, was ſie zwei⸗ felhaft befangen hielt; aber ich blieb ſelbſt ahnend befangen und ſtand ſtumm, erwartend, in ihren An⸗ blick verſunken. Dorval, begann ſie endlich, nachdem ſie ſich, wie es ſchien, nachdenkend geſammelt hatte und verge⸗ bens nach Worten der Vorbereitung ſuchte: wir muͤſ⸗ ſen uns trennen, heute noch, gleich. Ich waͤhnte meinen Ohren nicht trauen zu koͤnnen. Trennen! rief ich aufgeſchreckt, heute noch? gleich? wer kann es wagen? Ich! erwiederte ſie mit zittternder Stimme, ich, oder die Umſtaͤnde. Es iſt ſchmerzlich, ſchmerzlicher fuͤr mich als — 173— fuͤr Sie, ſchmerzlich fuͤr Ferdinand, dem ich auch Ho⸗ norinen entfuͤhre, aber es kann fuͤr den Moment nicht anders ſein. Bleiben Sie muthig, wir ſehen uns wieder, wann? iſt noch nicht zu beſtimmen, aber Sie werden viel von mir vernehmen, und meine Gruͤnde, die ich Ihnen ſchriftlich mittheilen werde, ehren. Leben Sie wohl, mein geliebter Freund!— Sie ſank mit Blitzeseile, von heißer Liebe uͤberwaͤl⸗ tigt, in meine Arme, entriß ſich ihnen aber ebenſo ſchnell, ſchwang ſich aufs Pferd, und eilte, von Die⸗ nern begleitet, dem voranrollenden Wagen nach, worin ſich Honorine befand. Ferdinand und ich ſahen ih⸗ nen beſtuͤrzt zu, und nicht mit Worten koͤnnte ich die Bitterkeit der Kraͤnkung beſchreiben, die wir Bei⸗ de fuͤhlten. Als wir noch am ſelbigen Abend heimkehrten, ſa⸗ hen wir zu unſerer Verwunderung die Hausgenoſſen keineswegs uͤber Corneliens Abweſenheit befremdet; wir erfuhren, daß ſie vor der Abfahrt ihre Abſicht bekannt machte, eine Freundin, die wenige Meilen entfernt wohnte, auf kurze Zeit zu beſuchen. Die ungluͤckliche Angelika erſuchte ſie inſtaͤndigſt darum, ſagte die Mutter zu Ferdinand, wie darf es Dich wundern? Ich hatte Cornelien von dieſer ihrer Freundin Angelika ſchon fruͤher reden hoͤren, oder vielmehr hatten Andere nach der mir Unbekannten Erkundigungen — 174— bei Cornelien eingezogen, doch glaubte ich zu bemer⸗ ken, daß dieſe lieber abbrach und mit der kurzen Antwort auswich: ſie fuͤhrt immer ihr gleich ſtilles Leben in der Einſamkeit. Dieſes und gaͤnzlicher Man⸗ gel an Intereſſe war hinreichend, um nie nach einer Fremden zu fragen. Das von mir fruͤher erwaͤhnte abgeſonderte Geſpraͤch zweier jungen Leute an jenem Tage, als die fuͤrſtliche Jagd in des Barons Land⸗ ſchloß drang, ließ mich zuerſt die Namen Angelika und Falgin bezugsweiſe vernehmen, doch nahm ich auch hiervon nur wenig oder gar keine Notiz, denn mehr als mit allem Andern war ich mit eigenen Her⸗ zensangelegenheiten beſchaͤftigt, und jetzt war ich von einem der Verzweiflung aͤhnlichen Zuſtande abſorbirt. Ich wußte nicht, ob ich Corneliens Entſchluß, mich zu verlaſſen, wie ihre Heimlichkeit bis zum letzten Augenblicke, einem Vorrathe oder einem Übermaße der Liebe zuſchreiben ſollte, und ſchwankte zwiſchen Zweifel und Vermuthung bis zum folgenden Abend, wo mir das naͤchſte Schreiben Aufklaͤrung brachte. Corneliens Brief. Nach meinen eignen ſchmerzlichen Gefuͤhlen beur⸗ theile ich die Ihrigen, und dieſe ſind genug, um ein Heer erharteter Daͤmonen zum Mitleid zu bewegen; um wie viel mehr muͤſſen wir uns gegenſeitig — 175— bedauern! Ja, es erfaßt mich ein unheimliches Grauen, wenn ich an Ihre jetzigen Leiden denke, denn ich haͤtte auch nicht Muth, die meinigen zu ertragen, ohne die eiſerne Nothwendigkeit, die mich zu dem letzten Schritte zwang, zu einem Schritte, den ich ſelbſt wie eine Flucht betrachte; nicht vor Ihnen, nicht vor meiner Liebe, die meine ganze Gluͤckſeligkeit jetzt ausmacht, aber vor dem Verrath, den dieſe unſere innere Seligkeit an uns ſelbſt veruͤbt haͤtte, mußte ich fliehen Ich will und muß Ihnen angehoͤren, und ſind Sie ganz von dieſer Wahrheit und meiner Stand⸗ haftigkeit durchdrungen, ſo muͤſſen Sie gleich mir mit einer Art Zuverſicht der ungewiſſen Zukunft ent⸗ gegengehen, aber zugleich mich loben, daß ich es vorzog, unſere Herzen durch eine vorlaͤufige Tren⸗ nung zu verletzen, als uns der immerwaͤhrenden Qual der Verſtellung auszuſetzen, und mußten wir es nicht, ſo lange die geliebte Pflegemutter hinter⸗ gangen werden ſoll zu ihrer eignen Ruhe? Sie ver⸗ ſtehen mich zu gut, als daß es einer weitern Erklaͤ⸗ rung beduͤrfte. Wann die eiſernen Bande dieſer harten Probe zu loͤſen ſind? in dieſer Ungewißheit liegt mein ganzer Kummer. Ach mein geliebter, theu⸗ rer Freund! ich flehe Ihre Großmuth an, ſchonen wir die beſte der Muͤtter! Wir wollen, wir muͤſſen ſie verletzen, dazu draͤngen uns jetzt ſchon alle Umſtaͤnde, die maͤchtiger waren als unſer Wille; aber — 176— glauben Sie es meiner jungen Erfahrung, die Men⸗ ſchen ſind viel weniger in ihren Gefuͤhlen als in ihren Meinungen und Plaͤnen zu beleidigen, und viel leichter iſt das Herz zu ruͤhren, als der Sinn zu beugen. Meine geliebte Pflegemutter hegte ſeit Jahren den Lieblingsgedanken einer Verbindung zwiſchen mir und Ferdinand: wer koͤnnte die Wirkung berechnen, die das Bewußtſein, ihr Wunſch ſei unmoͤglich, hervor⸗ bringen wuͤrde?— Wenn ich mir alle moͤgliche Ge⸗ fahren fuͤr ſie nach ſolchem Bewußtſein vorſtelle, muͤßte ich verzweifeln, doch nein, ſo weit will ich mir und Ihnen den Muth nicht rauben, vielmehr ſa⸗ gen, wie ich das Beſte hoffe, wenn wir nur vor der Hand Zeit gewinnen. Ich ſprach der Mutter von baldiger Zuruͤckkehr, werde dieſe aber von Woche zu Woche, von Monat zu Monat verſchieben, und die⸗ ſes ſichere Bewußtſein der verlaͤngerten Trennung raubte mir den Muth, Sie mit meiner Abſicht be⸗ kannt zu machen. Ich wuͤnſche immer ſtark zu ſein, lieber Dorval, aber Wunſch und Gelingen ſind zweierlei, und ſo fuͤhlte ich auch: ploͤtzlich mußte ich mich Ihnen entreißen, oder das Ungefaͤhr ferner walten laſſen; haͤtten Sie ſolche Schwaͤche guthei⸗ ßen koͤnnen? Nein, Sie ſind ſelbſt dazu zu ritterlich geſinnt: was wir als Heil betrachten, ſollen wir verfolgen, ſagten Sie mir einſt; Ihre Lehre ward mir Befehl. Ich ſehe dieſe vorlaͤufige Trennung als — — 177— einziges Heil fuͤr uns Alle an und mußte mich daher in mein Schickſal ergeben. Ich beziehe aber un⸗ ſere Lage auch auf den mir werthen Jugendfreund und fuͤrchte ſehr, der Arme geht einer traurigen Zu⸗ kunft entgegen. So lange Honorine nicht mehr Sym⸗ pathie fuͤr ihn zeigt, als bisher geſchehen, und auch nicht ihre fernern Abſichten bekannt macht, iſt es wol beſſer, er ſieht ſie nicht, und wird mir vielleicht ſpaͤter die Entfuͤhrung ſeiner Schoͤnen danken, eben weil ſie noch nicht ſein iſt. Wir leben hier bei einer meiner vertrauteſten Freun⸗ dinnen, die die ungluͤcklichſten Erfahrungen von Heu⸗ chelei, Bosheit und leider von eigener Schwaͤche und Leichtglaͤubigkeit in die tiefſte Einſamkeit mit aus der großen Welt nahm, der ſie auf ewig Lebe⸗ wohl ſagte. Ihre Geſchichte iſt zu gewoͤhnlich, als daß ſie wie ein beſonderer Fall betrachtet werden koͤnnte, durch ihre Folgen aber zu traurig, indem ſie die Exiſtenz eines Engels auf ewig vernichtete, als daß ich Sie weiter davon unterhalten moͤchte. Ange⸗ lika lebt in Buße und Reue ihrer Schwaͤche und hat an meiner Geſellſchaft, nach der ſie ſich ſehnte, eine kleine Aufheiterung, die ich hart genug war den Sommer uͤber zu verſagen. Rathen Sie wol, warum? — Nun von Ihnen, geliebter Freund. Die Unſrigen kehren nach der Reſidenz zuruͤck, und ich wüͤnſche, daß Sie ſie dahin begleiten. Zerſtreuen Sie ſich, 12 178 die Ältern, leiſten Sie Ferdinand Geſellſchaft und ſchreiben Sie mir aus der Reſidenz und uͤber ſie; troͤ⸗ ſten Sie ſich uͤber das Unabaͤnderliche und lieben Sie mich nicht mehr, als ich Sie, denn ich wuͤßte auch nicht, wie Sie es anfangen wollten. C. Schon den Tag nach dem Empfange dieſes Schrei⸗ bens, das mich zufrieden und traurig zugleich ſtimmte, kehrte die Familie Leuchtenhauſen und der Ba⸗ ron Turneck nach der Reſidenz zuruͤck, und ich waͤre ſicher nach Dem, was geſchehen, auf dem Lande allein zuruͤckgeblieben, haͤtte Cornelie mir nicht ſo deutlich ihren Wunſch ausgeſprochen; jetzt aber war mir die⸗ ſer Wunſch der Geliebten Befehl, und ſo verfolgte ich meinen fruͤheſten Plan, die Reſidenz und wo moͤglich ihre verſchiedenſten Claſſen kennen zu lernen. Taͤglich wechſelte ich jetzt mit Cornelien die laͤngſten Liebes⸗ epiſteln, in welche ich aber nicht geneigt bin Euch einzuweihen, und wohl verſtanden muͤßt Ihr Euch mit meinen Anſichten uͤber die aͤußere Umgebung, von der ſie mich bat ihr Rechenſchaft zu geben, begnuͤgen. Ihr erhaltet alſo nur ein Bruchſtuͤck aus unſerm Briefwechſel, das Euch meine Anſicht uͤber die mir neu zu Geſicht kommenden Gegenſtaͤnde liefern ſoll. — 179— Erſtes Bruchſtuͤck. Was ich(ſchrieb ich unter andern) an dieſer Re⸗ ſidenz vor der Hand am meiſten bewundere, iſt ihre aͤußerſt gluͤckliche Lage, unmittelbar in einer der rei⸗ zendſten Gegenden. Ich hoͤrte ſchon im Laufe des Sommers viel davon ruͤhmen, finde aber meine Er⸗ wartung weit uͤbertroffen. Die Gefilde und Berge, der majeſtaͤtiſche Strom, der ſeine Fluten laͤngs der Gaͤrten um die Stadt waͤlzt, gewaͤhren einen unglaublich erquickenden An⸗ blick, der bei weitem jeden Eindruck uͤbertrifft, den man bei der Einfahrt von Paris empfangen kann, wenn man den einzigen ertraͤglichen von der Weſtſeite abrechnet. Vollkommen ſchoͤn waͤre alſo der Ein⸗ druck der Lage dieſer Reſidenz, aber durchaus nicht groß noch großartig, denn ſie iſt auch in der That gegen den Maßſtab, den ich im Kopfe habe, nur ſehr klein, und der innere Anblick von Maͤrkten, Plaͤtzen, Monumenten ꝛc. ꝛc. iſt bei weitem noch kleinlicher, ja bis jetzt will ſich noch gar nichts meinen Augen darbieten, was mich uͤberraſchen moͤchte. Zu dieſem Mangel nun des impoſanten, des imponirenden Ma⸗ terials einer großen Stadt, geſellt ſich noch deutlicher der Mangel eines imponirenden Lebens oder vielmehr einer gewiſſen oͤffentlichen Lebendigkeit, die mir durch⸗ aus nothwendig ſcheint, wenn man in einer Reſidenz 12* — 180— Intereſſanteres finden ſoll als das Bewußtſein: Hier ſteht ein Schloß, darin wohnt der Herr des Reichs, ihn umgeben ſeine Raͤthe, ſein adeliger Hof, und was dergleichen nothwendige Übel in den Reſidenzen mehr ſind. Sie werden mich als exigeant verſchreien, nur Kunſtſchaͤtze aller Art, Theater, Luxus als Beweiſe geben, daß die Reſidenz ihren Rang behaupten kann; ich aber verlange noch mehr. Das eben Genannte iſt als erſte Bedingung durchaus nothwendig in den Ringmauern einer Stadt, wenn ſie ihre Anſpruͤche auf Supremitaͤt nur einigermaßen behaupten will; eben⸗ ſo nothwendig iſt aber neben den Todten der lebendige Weltgeiſt, der Athem, der die Maſſen in Bewegung ſetzt, ſowol phyſiſch als moraliſch: dieſe Bewegung nun iſt es, die ich hauptſaͤchlich ſuche; dagegen finde ich nur Ruhe, und zwar im ausgebreitet⸗ ſten Sinne des Worts. Ruhe ſcheint mir uͤberhaupt die erſte Mitgift des Schoͤpfers fuͤr das deutſche Volk (ich rede im Allgemeinen), Behaglichkeit im Koͤrper und Geiſt noch eine beſondere Zugabe fuͤr einige aus⸗ erwaͤhlte Diſtricte, wozu ich den rechne, worin wir uns eben befinden. Daß dieſer Ruhe eine gewiſſe bequeme Heiterkeit inwohnt, die im erſten Momente einen freundlichen Anblick gewaͤhrt, iſt nicht zu leug⸗ nen, denn Heiterkeit ſetzt Zufriedenheit, dieſe wieder die beſten Gruͤnde dazu voraus; aber alles Dieſes ge⸗ hoͤrt dem erſten oberflaͤchlichen Eindruck, und doppelt — 181— — unangenehm wird jeder Forſcher beruͤhrt, der bei naͤ⸗ herer Unterſuchung ſein eigenes Urtheil falſch findet. Ich ſehe hier ein ſehr gutmuͤthiges, ſanftes Volk, einen ſehr materiellen behaglichen Buͤrger, einen maͤchtigen Adel, ein noch maͤchtigeres Cabinet, und zwar ſcheint mir Jeder in ſeinem engen Kreiſe abgeſchloſſen von dem Andern zu beſtehen, Alle insgeſammt aber ſcheinen ihre heitere Ruhe nur der langen Gewohnheit, keines⸗ wegs als Folge oder als Reſultat einer gluͤcklichen Verkettung zu verdanken; nicht dem Bewußtſein, der Unwiſſenheit gehoͤrt ihre Zufriedenheit. Nach dieſem Geſtaͤndniſſe, was ich mir nur auf Ihr Begehren die Dreiſtigkeit nahm, ſo frei zu geben, koͤnnen Sie wohl verſtehen, daß wenig oder nichts meinen Antheil erwecken kann, und daß mir alſo die Trennung von Ihnen doppelt ſchmerzlich wird. Das Hoͤchſte muͤßte mich in Anſpruch nehmen, um mich aus meinen Em⸗ pfindungen zu reißen, um wie viel ſchwerer wird es mir in dem Alltagsſtrome. Ich that nach Ihrer An⸗ gabe, beſuchte Galerien und Akademien, Theater und Aſſembleen, Promenaden und Volksfeſte, fand uͤberall Gutes, nirgends das Beſte. An den letzten Orten viel Magenſtaͤrkung, aber fuͤr den Kopf— der meinige iſt wuͤſt von dem leeren Umhertreiben. Es iſt ſonderhar, daß ich in Paris uͤber Geraͤuſch jeglicher Art klagte, ſowol uͤber ewiges Wagengeraſ⸗ ſel, lautes Reden und Schreien in den Straßen als — 182— nicht minder uͤber politiſches Geſchrei, es betaͤubte und ermüdete mich; jetzt machte ich die Erfahrung, daß ein faſt oͤdes Daſein gleiche Wirkung hervorbrin⸗ gen kann, denn ich darf die Erſchlaffung, die ich ſpuͤre, doch wahrlich weder dem politiſchen noch dem Stra⸗ ßenlaͤrm zuſchreiben, noch irgend einem Laͤrm, einer Bewegung, einem Streite, einer Meinung, einem Aus⸗ ſprechen, welcher Art es auch ſein moͤchte. Zweites Bruchſtuͤck. Die Geſelligkeit, die hier auffallend mehr als bei uns verbreitet iſt, erkannte ich auch bald als eine gute Sitte und ſehe in ihr eine gluͤckliche Anwendung von einer ungluͤcklichen Urſache, denn ich bin geneigt, ſie allein dem boͤſen Klima zuzuſchreiben. Es iſt bekannt, daß in den ganz ſuͤdlichen Laͤndern kaum eine Ver⸗ einigung ſtattfinden kann, da Jeder ſich im Freien behaglicher als im beengenden Hausreviere findet; wir Franzoſen, zwiſchen Suͤd und Nord ſtehend, ſpuͤren ſchon ein beſtimmteres Streben zum Geſellſchaftlichen, wozu noch in Paris Mannigfaches beitraͤgt, als der Luxus von ſchoͤnen Haͤuſern, Mobilien und Kleidern, die man ſchauen und beſchauen laſſen will, unſere Frauen, die aus demſelben Grunde nirgends zuruͤck⸗ ſtehen wollen, der Wunſch nach wichtigen Neuigkeiten, die in dieſem Mittelpunkte der Welt ſtets vorhanden — QQ—;—;—·:,.2——— — 183— ſind; aber eigentliche Geſelligkeit liegt doch nicht in unſern Gebraͤuchen und nicht in unſerm gegen Deutſch⸗ land verglichen mildern Klima. Wir fuͤhlen vom Maͤrz bis December noch immer mehr Hang, un⸗ term Himmel als unterm Dache zu leben, und die wenigen Monate, die unſerem freien Umherſtreifen mehr Zwang auflegen, umfaſſen einen zu kurzen Zeitraum, um geſellige Lebensweiſe einzufuͤhren, die, ehe ſie vorbereitet waͤre, vom fruͤh eintretenden Fruͤhlinge ſchon wieder aufgeloͤſt wuͤrde. In dieſem zeitigen Fruͤh⸗ linge ſehe ich aber einen goͤttlichen Segen, den man entbehren mußte, um ſeine Wohlthat zu begreifen; ein heißerer Himmelsſtrich, einige Sommer koͤnnen die Wonne nicht verbreiten, als unſer milder knospender veilchenduf⸗ tender Maͤrz. Deutſchland kennt ihn nicht, und deswegen allein iſt hier vielleicht Geſelligkeit Nothwendigkeit. Da die Geſelligkeit, wenn auch bei weitem keinen poetiſchen Zauber, doch ſehr viel reellen Vortheil verbreitet, und mir namentlich bei meinen neuen liebenswuͤrdigen Freunden ſo manche angenehme Stunde dadurch verfließt, ſo wuͤrde ich unbedingt ihr Lobredner, braͤchte ſie nicht auch Übel hervor, die jeden guten Eindruck wieder verwiſchen muͤſſen, denn Geſelligkeit und der Theetiſch ſind ſynonym hier, als Trabanten der Strickſtrumpf und zuweilen gar die Pfeife, letztere beide waͤren aber hinreichend, mich aus einem Himmelreiche zu vertreiben. — ͦ—-— — — 184— Funfzehntes Capitel. Trotz der widerwaͤrtigen Lage, worin ich mich befand, immerwaͤhrend von der Verbindung meiner Geliebten mit einem Dritten reden zu hoͤren, hatte meine Stel⸗ lung gegen den Baron ungemein ſeit dem Vorfalle, von dem wir auf dem See bedroht waren, gewon⸗ nen. Er nannte mich ſeitdem wenigſtens taͤglich ein⸗ mal den Retter ſeiner Tochter, und, haͤtte nun auch meine Beſcheidenheit unter allen andern Umſtaͤnden dieſes nicht zugelaſſen, ſo ließ ich es jetzt aus Eigen⸗ nutz geſchehen und beſtaͤrkte den guten Mann in ſei⸗ ner Meinung. Ob die Mutter, als Frau mit einem durchdringenden Blicke begabt, nicht abſichtlich Dank und Lob zuruͤckhielt, iſt mir nie recht bekannt gewor⸗ den, doch glaubte ich es zu bemerken. Sie ward nach und nach abgemeſſener, kaͤlter gegen mich, und aus ihren anſpielenden Reden vermuthete ich ihren ge⸗ gruͤndeten Verdacht. Bei dieſer Trennung eben von den Meiſten Derje⸗ nigen, die mir ſeit dem Eintritte in dieſes fremde Land die liebſten waren, haͤtte meine Freundſchaft mit Ferdinand auf natuͤrliche Weiſe jetzt, wo wir uns Beide als verlaſſene Ritter betrachten konnten, mehr Feſtigkeit erhalten muͤſſen, aber zu meinem Erſtaunen ſah ich ihn in jener Epoche nicht oͤfter als fruͤher. — 185— Trotz Allem, was vorgefallen, und trotz einer viel groͤßeren Offenheit, ſeitdem Honorine zu unſerm Kreiſe gehoͤrte, verſtand ich ihn dennoch immer nicht ganz recht. So oft er ein Lob uͤber die Witwe aus dem Munde der Frauen vernahm, ſchwebte er in Selig⸗ keit, aber zu duͤſter ſchien ſein Gemuͤth im Allgemei⸗ nen von truͤben Vorſtellungen umfangen, als daß reine Heiterkeit je wieder aus ſeinen Augen haͤtte leuchten koͤnnen, und ſo blieben wir ziemlich verein⸗ zelt. Klagte er auch zuweilen uͤber Corneliens Ver⸗ fahren, ihm die Geliebte, nachdem er ſich kaum ihrer Anweſenheit erfreuen durfte, gewaltſam entfuͤhrt zu haben, ſo ſchien er doch manche Beſchaͤftigung gefun⸗ den zu haben, die ihm Zerſtreuung bot, und ſelten blieb ihm Zeit uͤbrig, das Eine und Andere zu unter⸗ nehmen, wozu ich ihn auffoderte; wie er auf dem Lande allein oder nur in Erichs Begleitung umher⸗ ſchwaͤrmte, ſo ſchien ihm dieſe Lebensart in der Stadt ebenfalls nothwendig. Eingedenk meiner Lebensweiſe in Paris, wie ich ſie Euch in den erſten Blaͤttern beſchrieb, und alſo in dem Bewußtſein, daß mir auch in unſerer großen glaͤnzenden Hauptſtadt nach mannichfachem Umſchauen endlich der meiſte Genuß durch geiſtreiche Mittheilung gediegener und liebenswuͤrdiger Maͤnner ward, aͤu⸗ ßerte ich Ferdinanden den Wunſch, die Univerſitaͤt und ihr eigentliches Weſen kennen zu lernen. — 186— Eine Univerſitaͤt? fragte er; freilich wir beſitzen eine, und vielleicht ſoll ſich Ihre Behauptung, ich wuͤßte uͤberall nur zu tadeln, jetzt nicht ganz bewaͤhren. Sie finden brave und ſehr gelehrte Lehrer hier, aber auf ein Weſen der Univerſitaͤt, einen Univerſitaͤtsgeiſt, wie er Ihnen aus andern Orten bekannt iſt, muͤſſen Sie hier verzichten. Beſonders finden Sie nichts von Dem, was Sie aus Ihrer Vaterſtadt kennen, un⸗ ter den Paͤdagogen; pikanter ſind theilweiſe die Ler⸗ nenden. Die Erſteren gehen eine herkoͤmmliche vor⸗ geſchriebene Bahn, wodurch ſie des Amtes und der Einkuͤnfte gewiß bleiben. Nun ging es wieder wie gewoͤhnlich ans Schim⸗ pfen von Philiſtern und dergleichen, und ich hatte unbewußt abermals an die alte Leier der Unzufrie⸗ denheit geſtoßen, die ſogleich ihre Mistoͤne erſchallen ließ. Er verſicherte mich, er wuͤßte eben nichts eines beſondern Intereſſes werth, womit er mich bekannt machen ſollte. Bei Ihren Kenntniſſen, ſetzte er hinzu, kann Ih⸗ nen nicht daran gelegen ſein, in die Hoͤrſaͤle zu ge⸗ hen, wo das Gewoͤhnliche auf gewoͤhnliche Art ge⸗ lehrt wird, vielmehr duͤrften Sie den Charakter des deut⸗ ſchen Wiſſens in einer großen deutſchen Stadt, durch das ungezwungene Ausſprechen der Vorgeſetzten von Angeſicht zu Angeſicht vernehmen; nicht neue Kenntniſſe, die vieler Jahre Studien verlangen, erwarten Sie in kur⸗ — 187— zer Zeit erlangen zu koͤnnen, aber Genialitaͤt, Eigen⸗ thuͤmlichkeit in den Wiſſenſchaften, die ſich bei jeder Nation verſchieden national ankuͤndigen ſollen, moͤch⸗ ten Sie bei den Repraͤſentanten und Foͤrderern des Wiſſens erkennen. Allerdings.. Und deswegen kann ich Ihnen mit Gewißheit ſa⸗ gen, erwiderte er, daß Sie wol in vielen Theilen Deutſchlands etwas Ähnliches finden, aber nicht hier. Doch ſo Gott uns beiſteht, wird es damit, wie mit manchem Übel mehr, anders werden.— Nach einer et⸗ was fortgeſetzten Unterhaltung in dieſem Sinne ver⸗ ließ er mich, und es vergingen wieder mehre Tage, ohne daß ich ihn ſah. Seit wir die Stadt bewohnten, hatte ich die Fa⸗ milie Leuchtenhauſen verlaſſen und mich allein logirt, doch ſuchte ich die einzelnen Glieder taͤglich auf, und zwar zeigte ich mich beſonders aufmerkſam bei der Mutter, die ernſtlich mein Mitleiden rege machte. Schon hatte ich im Sommer oft von ihrer ſchwachen Geſundheit reden hoͤren, deſto leidender fuͤhlte ſie ſich aber bei der rauheren Jahreszeit, und da mir die mo⸗ raliſchen Widerwaͤrtigkeiten, unter denen ſie litt, nicht minder nachtheilig auf ſie zu wirken ſchienen, ſo ſah man ihrem Koͤrper wie ihrem ganzen Weſen offenbar eine gewiſſe Erſchlaffung an. Mit jedem Briefe Cor⸗ neliens, worin dieſe ihre Ruͤckkehr und ſomit die Ver⸗ — 188— bindung mit Ferdinand hinausſchob, wurden ihre Lei⸗ den vermehrt, und nach einer ſolchen ſoeben empfangenen Nachricht fand ich ſie eines Abends in aͤußerſt mismuͤthi⸗ ger Stimmung. Bald klagte ſie uͤber Corneliens Ver⸗ fahren, uͤber die ſie jedoch nie lange zuͤrnen konnte; dagegen mußte ich mich deſto betroffener fuͤhlen, denn faſt unerklaͤrbar und doch den Sinn ahnend hallten ihre Worte in mein Ohr. ae Cornelie iſt klug, ſagte ſie, und immer bin ich zu ihrem Lobe bereit, aber fuͤr dieſes Mal treibt ſie die Vorſicht zu weit. Ich zweifle ſehr, daß des Fuͤrſten Beſuch in des Barons Landſchloß wirklich ſo abſicht⸗ lich geſchah, als ſie waͤhnt, weniger noch bedurfte es dieſes aͤngſtlichen Ausweichens. Ich leugne nicht, daß des Fuͤrſten bisherige Lebensart nicht die loͤblichſte war, aber ſo ſchlimm, wie man ihn verſchreit, iſt es dennoch nicht, und vielleicht iſt die ungluͤckliche Angelika ebenſo anzuklagen als zu bedauern. Überhaupt waͤre Cornelie ja jedes Zweifels durch ihre Heirath mit Fer⸗ dinand uͤberhoben geweſen, wenn nicht leider mein eigner Sohn am ſtrafbarſten waͤre. Er uͤberlaͤßt die Braut ihrem Schickſale und treibt ſich Gott weiß wo herum; mit frechem Übermuthe verſcherzt er das hoͤchſte Gluͤck auf Erden. Mit bitterm Unmuthe fuhr ſie in dieſem Sinne zu reden fort, ſchonte auch mich, wenngleich verſtohlener Weiſe, nicht, und da ich ſelbſt ſehr unangenehm von ihren — 189— Außerungen beruͤhrt ward, ihr auch nichts Troͤſtliches mit⸗ zutheilen hatte, ſo entfernte ich mich. Verſtimmt uͤber Frau von Leuchtenhauſens Hindeutung, als ſei Cornelie den Nachſtellungen des Fuͤrſten ausgewichen, was mir wahrſcheinlich ſchien, mit beklommenem Herzen, den Kopf voll verdrießlicher Gedanken, eilte ich durch die ſchon menſchenleeren Straßen. Die Nacht war kalt und ich bis uͤber die Ohren in meinen Mantel ge⸗ huͤllt, hierzu erfoderte noch der ſchneidende Wind, daß ich oft ein Tuch vors Geſicht halten mußte, und ſo rechne ich es noch heute dieſen Umſtaͤnden insge⸗ ſammt zu, daß ich den rechten Weg verfehlte und ploͤtzlich nicht mehr wußte, wo ich mich befand. In⸗ dem ich mich zurechtfinden wollte, entfernte ich mich immer weiter vom Hauſe, wie es ſchien, denn ſtatt der breitern Hauptſtraßen haͤuften ſich die engen Gaͤß⸗ chen, die gewoͤhnlich auf abgelegene Wohnungen deu⸗ ten, und ſo mußte ich endlich Halt machen, da ich vor der Hand keinen Ausweg ſah. Wie erfreut war ich, Jemanden ganz unerwartet zu finden, der zwar gleich mir unkenntlich verhuͤllt war, der mir aber wol Aus⸗ kunft geben koͤnnte, wie ich dachte. In dieſer Ab⸗ ſicht ihm naͤher tretend, ward ich ſogleich von ihm bei der Hand ergriffen, und ehe ich noch reden konnte, fluͤſterte er mir heimlich(obgleich wir vielleicht in der ganzen Stadt allein draußen waren) ſeine Freude uͤber mein Erſcheinen zu, druͤckte im ſelben Momente — 190— an der Klinke einer Thuͤr, die ſich ſogleich oͤffnete und ebenſo ſchnell hinter uns wieder verſchloß. Das Natuͤrlichſte, da ich mich nicht erwartet wußte, zu fragen, von wem und wohin ich gefuͤhrt werde, ward durch die Heftigkeit meines Fuͤhrers, durch die Eile, womit er mich nach ſich zog, unmoͤglich, denn mich zu erfaſſen, mich in das Haus und vom Flur ins Zimmer zu ziehen, war Sache des Moments. Hier iſt er! er iſt von den Unſrigen! rief der Stuͤrmiſche laut triumphirend mehren jungen Maͤn⸗ nern zu, die in ſeltſamem Anſehen durch langes Haar, Schnurrbaͤrte, entbloͤßte Haͤlſe, an einem Tiſche ver⸗ einigt ſaßen und theilweiſe rauchend und trinkend laut discutirten, wie es ſchien, theilweiſe aber auch mit Schreiben beſchaͤftigt waren. Es ſcheint, Sie irrten ſich in mir, mein Herr! rief ich, mistrauiſch den Blick umherwerfend, indem ich den Mantel zuruͤckſchlug; ich kenne Sie nicht, und es war auch nicht meine Abſicht, hier einzudringen. Einer, der bis jetzt allein ſich nicht um meinen Ein⸗ tritt bekuͤmmert hatte und mit einer Schirmkappe, tief uͤber die Augen gedruͤckt, am emſigſten mit den vor ihm liegenden Papieren beſchaͤftigt war, ſprang, als er kaum den Ton meiner Stimme vernahm, wuͤ⸗ thend auf meinen Fuͤhrer los mit dem Ausrufe: Teufel, was haben Sie gemacht? Ferdinand! rief ich entſetzter als er ſelbſt, denn kein Anderer war der — 191— Verzweifelte. Wir ſtanden uns jetzt uͤberraſcht gegen⸗ uͤber. Er verlegen, ich ihn und ſeine Umgebung von Kopf zu Fuͤßen muſternd, die übrigen traten erſtaunt und ſtillſchweigend zuruͤck. Ich wußte keine Worte zu finden, denn ich wußte eben nicht, was mich uͤber⸗ raſchte. Nur unſauber und ſchlecht erleuchtet war der Raum, nur die Kleidung der jungen Leute bi⸗ zarr, ſonſt zeigte ſich nicht viel Auffallendes, und haͤtte Ferdinand nicht ſo ſtuͤrmiſch ſeine Unzufriedenheit uͤber meine Anweſenheit verkuͤndet, waͤre die Art, wie man mich erſt geheimnißvoll herbeizog, dann ſichtbar uͤber den Irrthum erbebte, nicht ſonderbar geweſen, ich haͤtte dieſe Geſellſchaft allenfalls zu einem luſtigen Zwecke vereint geglaubt, und nie waͤre Mistrauen uͤber ſie bei mir erwacht. Nach Dem, was vorgefallen, war es freilich anders. Ernſt und Beſorgniß malten ſich auf allen Geſichtern. Zweifel, was in ſo wich⸗ tigem Falle zu beginnen, ſprach aus jedem Auge, und Alle blickten forſchend bald auf mich, bald auf Fer⸗ dinand, der ſich endlich etwas mehr faßte. Beruhig⸗ ter, aber gewichtig ſprach er zu Dem, der mich herein⸗ gefuͤhrt hatte: Sie ließen ſich eine große Unvorſich⸗ tigkeit zu Schulden kommen und kennen ſelbſt die Strafe, die Sie von unſerm Bunde bedrohte, waͤre der Zufall nicht gluͤcklicher mit Ihnen verfahren als Ihr Verſtand. Der Fremde, der hier vor Euch ſteht, iſt mir als Ehrenmann bekannt, und nur ein gege⸗ — 192— benes Wort der Verſchwiegenheit von ihm gilt als Eid, den ich indeſſen als Buͤrge zu Eurer groͤßern Beruhigung leiſten will. Beſorgniß lagerte noch auf jeder Stirn, als Ferdi⸗ nand mir das Verſprechen abnahm, gegen Niemand dieſes Vorfalls zu erwaͤhnen, und als ich mich ſowol ſeinetwegen als auch wegen der Unmoͤglichkeit, allein ſo vielen Gegnern trotzen zu koͤnnen, willig dazu ver⸗ ſtand, leiſtete er mit vielen Formeln einen ſtrengen Eid, ſelbſt als Verraͤther von der Geſellſchaft behan⸗ delt zu werden, wenn je durch meinen Verrath ihnen Ungluͤck drohen ſollte. Hiernach trat er mir naͤher und fluͤſterte leiſe mit ſchwankender Stimme: Dorval, ich traue Ihnen und flehe bei unſerer Freundſchaft, bei Ihrer Liebe, daß Sie ſich ferner nicht Dem wi⸗ derſetzen, was geſchehen muß, wenn Sie mich nicht ins Verderben ſtuͤrzen wollen. Was ich Ihrer Ver⸗ ſchwiegenheit zutraue, bewies ich ſoeben durch meinen Eid; irrte ich, ſo koſtet es mein Leben! Dieſes war Grund genug fuͤr mich, Willfahrung zu geloben. Man ſchaffte einen Wagen herbei, den noch Dreie von ihnen mit mir beſtiegen, dieſe ließen ſogleich die Vorhaͤnge herab, wogegen ich Einzelner mich nicht widerſetzen konnte, und ſo ſchien es mir nach der Zeit, als gelangte ich auf weiten Umwegen nach Hauſe. Kaum hatte ich den Wagen verlaſſen, ſo ſtuͤrzte er mit Blitzeseile davon, und erſt im eig⸗ — 193— nen Schlafgemache fand ich Ruhe, dem Abenteuer nachzudenken. Ich konnte von Dem, was ich erfahren hatte, nichts Gutes fuͤr Ferdinand erwarten. Wollte ſich mir auch das Boͤſe nicht gleich entdecken, ſo ſagte mir jene Heimlichkeit, daß man den Weg des Rechten ver⸗ laſſen habe; doch gelobte ich mir, das Vertrauen, welches er mir in jenem wichtigen Eide bewies, nicht mit Vorwuͤrfen und Verrath zu erwiedern. Nie ſoll er, rief ich, von mir zuerſt an dieſe Nacht erinnert werden, nie will ich dem Vorfalle weiter nach⸗ forſchen! Den folgenden Morgen fand ich die beſte Zer⸗ ſtreuung vor meinen eignen Gedanken durch ein be⸗ traͤchtliches Paket Briefe und Papiere, mir von Cor⸗ nelien zugeſandt. Außer den wiederholten Liebes⸗ betheuerungen, die, wie ſie wußte, immer das Will⸗ kommenſte waren, fuͤgte ſie hinzu: „Endlich gab auch Honorine Aufſchluß uͤber ſich und hat zugleich nicht undeutlich ihre zukuͤnftige Ab⸗ ſicht merken laſſen. Wie ſie mir ſagt, beſchaͤftigte ſich ihr Gatte in der erſten Zeit ſeines abgeſchiede⸗ nen Lebens mit der Verfertigung von Notizen, ſo⸗ wol uͤber ihm zugeſtoßene Begebenheiten als uͤber manche andere Gegenſtaͤnde, und zwar ſollte Alles dazu dienen, ein Ganzes zu bilden, um ein Verſpre⸗ chen zu halten, welches er einſt im Collegium mit 13 — 194— mehren Freunden beſchwor, bevor die Älteſten nach dem Examen austraten. Schon wenige Monate nach dem Beginn verhinderte ihn zunehmende Schwaͤ⸗ che, endlich der Tod an der Vollendung. Die Witwe glaubte in der überlieferung der Notizen an ſeine Freunde den Willen des Dahingeſchiedenen zu ver⸗ ſtehen; da aber ſein Lebenslauf allein ſeine Schick⸗ ſalsrichtung durch den ihrigen bekam, ſo entſchloß ſie ſich auf mein naͤheres Anliegen, mich auch mit dieſem bekanntzumachen, und nur durch die Vergangenheit koͤnnen wir ihre Wuͤnſche und Entwuͤrfe fuͤr die Zu⸗ kunft verſtehen und leider nur zu gut den Grund ihrer bisherigen Verſchloſſenheit begreifen. Wie mich dieſe vorliegenden Blaͤtter intereſſirten, und zwar zweifach: durch das Schickſal der Liebenden, wie durch ein ge⸗ wiſſes mir unbekanntes Lebensbild aus Ihrer Vater⸗ ſtadt, wie viel mehr muß es Sie, der Sie des Locals kundig ſind, anziehen! Doch leſen Sie ſelbſt die einfach erzaͤhlte Geſchichte der jungen Frau, die ſie einzig fuͤr mich niederſchrieb, und bedenken Sie, daß die Epiſode des Schloſſes von Fontainebleau auf mein Begehren von ihr geliefert ward. Ich half ihr die Papiere ihres verſtorbenen Gatten ordnen und er⸗ kannte das Intereſſante von dieſem Theile.“ — 195— Sechzehntes CEapitel. Das Kind vom Boulevard. Meine Ältern waren weder vornehm, noch, nach den gewoͤhnlichen Begriffen der Pariſer, reich zu nennen, da ſie noch nicht von den Einkuͤnften ihres Vermoͤ⸗ gens leben, kein Eigenthum kaufen konnten, und der Handlung, die ſie auf dem Boulevard in Paris eta⸗ blirt hatten, fleißig vorſtehen mußten, um den Unter⸗ halt zu finden. Nach pariſer Sitte aͤnderte meine Geburt, obſchon ich das erſte und einzige Kind mei⸗ ner Ältern war, nichts an ihrer Lebensart. Die zum Handel erfoderlichen Koſten beſchraͤnkten viele andere Ausgaben, namentlich ſolche, die zu nichts Beſſerem als innerer haͤuslicher Bequemlichkeit dienen koͤnnten, wozu der pariſer Buͤrger wenig Hang fuͤhlt. Die Boutike muß groß und elegant eingerichtet ſein, da⸗ mit die geſchmackvolle Waarenausbreitung den Kaͤu⸗ fer verlocke; je mehr man aber hierauf verwendet, deſto beſchraͤnkter iſt die Wohnung fuͤr die Familie, und deswegen wird die Verſammlung derſelben um ſich fuͤr den Kleinhaͤndler dort faſt unmoͤglich. Mein Vater beſaß viel natuͤrlichen geraden Ver⸗ ſtand, ein edles Herz und als Kunſthaͤndler, wozu ihn Erziehung ſchon vorbereitete, mehr Geſchmack und Bildung, als man es von dieſem Stande uͤberhaupt 13* — 196— erwarten darf. Dennoch war es ihrer Lage und Erziehung ſowol als der ihrer ganzen Claſſe nach natuͤrlich, daß meine AÄltern mich wenige Tage nach der Geburt zu einer Amme aufs Land ſchickten, denn nach pariſer Sitte arbeitete meine Mutter faſt mehr als mein Vater fuͤr das Geſchaͤft. Iſt nun auch das erſte Begreifen eines Kindes, das Erwachen aus dem Schlafe der Unwiſſenheit nicht beſſer als durch die heitere Natur bewillkommt, reden Blumen und Wie⸗ ſen, Heerden und Voͤgel, Berge und Fluͤſſe auch reiner zu dem zarten, noch im Werden begriffenen Ge⸗ muͤthe als alle kuͤnſtlichen Freuden, mit denen man die Kinder einer großen Reſidenz umgaukelt, ſo war mein fruͤhes Landleben durch zu unnatuͤrliche Urſa⸗ chen herbeigeleitet, hatte zu unnatuͤrliche Feſſeln em⸗ pfangen, als daß die Wirkung der Natur ein dank⸗ bares Weſen finden konnte. Ich erinnere mich noch ſehr gut, daß ich ſchon laufen konnte, aber weil ich unſicher oft niederfiel, band mich die Amme lieber in einen Stuhl feſt, als daß ſie ſich die Muͤhe geben mochte, mich zu huͤten, und hatte ſie vollends ihre Wirthſchaft oder den Feldbau zu verſehen, ſo kam ich oft den ganzen Tag nicht aus der Gefangenſchaft. Ebenfalls erinnere ich mich gut, daß ich ſchon viele Gegenſtaͤnde um mich her nennen konnte, auf die ich zugleich hindeutete, aber ſtutzig ward, als ich auch Papa und Mama ſagen ſollte, und vergebens um — 197— mich ſchaute, worauf dieſe Woͤrter anzuwenden ſeien; man wies mich nicht wie ſonſt dabei zurecht, ich konnte keinen Begriff damit verbinden, und hatte des⸗ wegen große Muͤhe, ſie zu erlernen. Als man mir dieſes zu ſagen endlich wie ein Kunſtſtuͤckchen einſtu⸗ dirt hatte, ward ich huͤbſch angeputzt und in die Stadt gebracht. Es war auch fruͤher ſchon geſche⸗ hen, doch befand ich mich jetzt erſt in dem Alter, wo Erinnerung zum Bewußtſein wird, und ſo ſchien es mir, als ob ich die freundliche Frau, vor die man mich hinſtellte und mir zufluͤſterte: Mama zu ſagen, zum erſten Male ſah. Mit dem Ausdrucke des Entzuͤckens, wie ihn nie vergeſſen werde, breitete ſie mir ihre Arme entgegen. Auch meine Amme trug mich zu⸗ weilen, auch die Ihrigen kuͤßten mich und nannten mich ein huͤbſches Kind; aber das Gefuͤhl, was mich jetzt in den Armen meiner Mutter umfing, war an⸗ ders, und ſo oft ſie ſich von mir zu den Kaͤufern wen⸗ den wollte, klammerte ich mich feſt an ſie. Der Va⸗ ter zeigte nicht minder ſeine aufrichtige Freude mit dem Toͤchterchen, doch lag ihm ſein Geſchaͤft zu ſehr ob, als daß er ſich lange Zeit zu Herzensergießungen haͤtte nehmen moͤgen, und ſo trieb er auch die Mut⸗ ter an, nicht des Kindes halber ihre Pflicht zu ver⸗ geſſen. Mich zu beruhigen, ſchickte er mich alsdann mit der Waͤrterin auf den Boulevard hinaus. Hier gab es dann in der That Zerſtreuung genug, und ſo⸗ — 198— wie ich vor wenigen Stunden ſchrie, indem man mich der Mutter entriß, ſo auch jetzt, als ich den ſchoͤ⸗ nen Boulevard verlaſſen ſollte; doch war es Zeit, nach dem fernen Dorfe zuruͤckzukehren, und ſo er⸗ innere ich mich noch heute mehr des Jammers bei der Abfahrt als Zufriedenheit bei der Ankunft. Ich ſchrie, die Mutter weinte, der Vater ſchalt, wir fuh⸗ ren fort und langten Abends wieder im ſtillen Dorfe an. Zuckerwerk und Spielzeug, mir zur Beruhigung mitgegeben, ſollten nur meinen Unwillen vermehren. Es kam von dem Orte, wo ich zum erſten Male in meinem kurzen Daſein Herzlichkeit und Freiheit em⸗ pfing. Dort band man mich nicht im Stuhle feſt, ich konnte herumlaufen, wohin ich wollte, es hatte mich Niemand dort geſchlagen, ob ich gleich viel ge⸗ weint hatte, und ſelbſt die Amme, die zu Hauſe keine Art Unbequemlichkeit von mir ertrug, ließ ſich bei den Ältern Alles ruhig von mir gefallen. Der ge⸗ raͤumige Laden mit ſeinen hohen Fenſtern, mit ſchoͤ⸗ nen Kupferſtichen und bunten Bildern behangen, ſtand freundlich und hell vor meiner Erinnerung, anſtatt daß der beſtaͤndige Rauch des Kamins im Dorfe den kleinen ſchmuzigen, ſchlecht erhellten Raum, worin man den ganzen Winter hindurch eingeengt zu⸗ brachte, noch mehr beengte. Nun vollends der Bou⸗ levard! gedachte ich ſeiner, ſo war meine Sehnſucht unendlich. So verwechſelte ich in meiner kindiſchen V ————,·,.„.,p·y——··:·—— — 199— Unwiſſenheit die Sache mit dem Orte, und weil ich unfreundliche Empfindungen auf dem Lande, ange⸗ nehme in der Stadt erhalten hatte, lebte dieſe als Buͤrge des Angenehmen in meinem Gedaͤchtniſſe. Die Sehnſucht machte mich traurig, die Trauer kraͤnklich, doch war ich noch zu jung, um mich und mein Ver⸗ haͤltniß, meine Lage und ihre Ruͤckwirkung auf mein Gemuͤth zu begreifen. Nur den phyſiſchen Schmerz konnte ich faſſen und nennen, und dieſer war es auch wol allein, der von meiner Umgebung verſtan⸗ den und beruͤckſichtigt ward. In ſpaͤtern Jahren er⸗ fuhr ich, meine ſichtbaren Leiden ließen die Landleute eine zu große Verantwortlichkeit befuͤrchten, und nach⸗ dem ſie meine Ältern davon benachrichtigt hatten, ward ich in die Stadt zuruͤckgebracht, weil man des Arz⸗ tes bedurfte. Dieſer war ſchon im Ortswechſel vor⸗ handen, weswegen auch die Geneſung unerwartet ſchnell erfolgte. Nachdem mich nun die Mutter ſchon mehre Tage in ihrer Naͤhe behielt, und auch der Vater nach beendeter Arbeit viel mehr Unterhaltung an dem kleinen Weſen fand, als er fruͤher glaubte, ſo war ich nicht ſo laͤſtig, als man immer gefuͤrchtet hatte, und man beſchloß, mich nicht wieder nach dem Lande zuruͤckzuſchicken. Wie die Thiere ſcheinen Kinder durch Inſtinct geleitet, daß ſie ohne Unter⸗ ſcheidungsfaͤhigkeit dennoch das Rechte zum eignen Vortheil waͤhlen. Nach meiner Neigung haͤtte ich — 200— mich nur auf dem Mutterſchoße gewiegt, nur in ih⸗ ren Armen, an ihrem Herzen geathmet, aus ihren Au⸗ gen Mitempfindung fuͤr meine kindliche Liebe geſogen; aber ich ahnete, wie ihre mir geſchenkte Zeit und Sorg⸗ falt meine Lage verſchlimmern koͤnnte, und entfernte mich lieber, mich allein unterhaltend, denn eben ſo⸗ wol hatte ich des Vaters uͤble Laune bemerkt, wenn er mich im Laden umherſtolpern ſah; da er mich aber auf den Boulevard hinauswies, ſo war ich ihm dennoch nicht gram und begann auf dieſem mein neues Leben. Bekanntlich umgibt ein Spazier⸗ gang dieſes Namens die ganze Stadt Paris hinter ihren Mauern; dieſer wird der aͤußere Boulevard ge⸗ nannt. Spricht man aber von dem Boulevard, der mit Magazinen aller Art, Kaffee⸗, Schauſpielhaͤu⸗ ſern, Panoramen, Luſtgaͤrten, praͤchtigen Hotels be⸗ grenzt iſt, wo die ſchoͤne pariſer Welt den ganzen Tag auf⸗ und niederwogt, wo Alles gafft, kauft, faͤhrt, reitet, und tauſend verſchiedene Beluſtigungen ſich darbieten, die bis ſpaͤt in die Nacht hinein bei Lam⸗ penſchein noch unterhalten, in vierundzwanzig Stun⸗ den kaum unterbrochen werden, ſo meint man den innern Boulevard, der ſich laͤngs der Nordſeite der Stadt erſtreckt. Hier befand ſich auch das Gewoͤlbe meiner Ältern, und rund um daſſelbe her Alles, was mein kindiſches Gemuͤth ergoͤtzen und unterhalten mußte. Hatte ich mich an den Kupfern zu Hauſe ſchon muͤde — 201— geſehen, ſo lief ich an die Fenſter des Confiſeurs und betrachtete am zierlich aufgerichteten Zuckerwerke die unzaͤhligen Formen und Farben, die ſelbſt dieſem nichtigſten aller Dinge gegeben waren, zugleich zeigte mein luͤſterner Blick der Nachbarin wol, was mich mehr als das bloße Anſchauen freuen wuͤrde, und uneigennuͤtzig reichte man mir von der Waare fuͤr einen niedlichen Knix. Ein ſchoͤner Spielzeugladen war nicht minder lockend. Puppen, groͤßer als ich ſelbſt, in bunter Seide ſtanden zu Hunderten ge⸗ draͤngt auf Geſtellen heraus an der Promenade, und wußte ich auch, ſie ſeien nicht mein Eigenthum, ſo konnte ich doch gleichſam dazwiſchen luſtwandeln. Schoͤne Stoffe und Moden aller Art, ſchimmernde Geſchmeide, glaͤnzende Kriſtalle, fein bemaltes Por⸗ zellan, kuͤnſtliche und natuͤrliche Blumen, die einen ſo meiſterhaft dargeſtellt, die andern ſo geſchmackvoll geordnet, daß beide zum Verwechſeln waren, und viele andere fuͤr ein kindiſches Gemuͤth erfreuliche Dinge zogen mich wie trunken zur Beſchauung an; mehr als alles Dieſes aber das Gehege des Vogel⸗ haͤndlers. Auf alle lebhaften Kinder macht Leben und Bewegung mehr Eindruck als der permanente Stillſtand, daher auf Knaben, die gewoͤhnlich leben⸗ diger als Maͤdchen ſind, am meiſten das Pferd, der Wagen, die Trommel unter dem Spielzeug, weil ſie es gleich in Bewegung ſetzen koͤnnen, das Gewehr, — 202— weil es Bewegliches foͤrdert; die ſtillern Maͤdchen da⸗ gegen, im Vorgefuͤhl der Mutterfreuden, liebkoſen ſchon die ruhige Puppe, alle Kinder aber beiderlei Geſchlechts, wenn ſie gutartiger, froher Natur ſind und nicht durch Unverſtand furchtſam gemacht wer⸗ den, ziehen die Thiere dem Spielwerk vor. Ein kluger Hund, taͤndelnde Katzen, zaͤrtliche Tauben koͤn⸗ nen Kinder in Entzuͤcken bringen, und ſo ging denn auch das meinige uͤber alle Beſchreibung, wenn ich in des Nachbars großem Gehege die vielen bun⸗ ten Papageien, die goldenen Paradiesvoͤgel, die ſchil⸗ lernden Colibris und ſo viele andere ſchoͤn gefiederte Thierchen hin⸗ und herflattern, ſingen und ſchwirren, ſehen und hoͤren konnte. Wie mich die poſſirlichen Affen unterhielten, die hier ebenfalls feilgeboten wur⸗ den, bedarf wol kaum der Exrwaͤhnung. Laͤßt ſich nun auch denken, daß alle dieſe Herr⸗ lichkeiten im taͤglich wiederkehrenden Einerlei auf die Laͤnge ſelbſt die groͤßere Empfaͤnglichkeit eines Kin⸗ des abſtumpfen muͤſſen, ſo hat doch der Boulevard die ſonderbare Eigenheit(und nach Allem, was ich von andern Orten kenne und erzaͤhlen hoͤre, iſt es dieſer Fleck allein im Vergleich zu allen andern Staͤdten), unaufhoͤrlich Abwechſelung zu bieten. Seine praͤchtigen Boutiken ſind gleichſam die Einfaſſung des beweglichen Bildes, welches einer Laterna ma⸗ gica aͤhnlich ſich beſtaͤndig aͤndert. Hier uͤbt der — 203— Roſcius eines ambulanten Geruͤſtes, unterſtuͤtzt vom Paillaſſo, ſeine Wortſpiele; dort erſchallt uͤberlautes Jauchzen um den Polichinellkaſten; gleich daneben zeigt der Luftſpringer ſeine Kuͤhnheit; Stelzengeher, Schwerter⸗ und Naͤhnadelſchlucker erregen Grauſen; der huͤbſche Savoyardenknabe ruͤhrt durch ſeinen hei⸗ mathlichen Geſang; der Gluͤckliche im Bretſpiel ge⸗ winnt Pfefferkuchen; Wachsfiguren, dem Leben nach⸗ geahmt, zeigen Helden und Fuͤrſten; Taſchenſpieler, Gaukler, ſeltene und gelehrte Thiere ſetzen in Erſtau⸗ nen: genug, man bewundert, lacht, hoͤrt, ſieht, geht, faͤhrt dort ohne Unterlaß. Man ſollte glauben, um alles Dieſes angenehm zu genießen, muͤßte man auch vermoͤgend ſein. Der Fremde allerdings, um das Beſte auf beſte Art zu erlangen, wie auch die er⸗ wachſenen Toͤchter der Reichen, die mit Zwang bewacht werden und wenig Freuden kennen; aber ein kleines Maͤdchen aus der Mittelclaſſe, wie ich es war, auf dem Boulevard aufwachſend, fuͤhrte ein Leben, wie man es nur auf dieſem und nur in unſerm Stande fuͤhren kann. Ich war der Liebling aller Nachbarn, und ſo nahm mich bald der Inſpector des nahen ſchoͤnen Melodramtheaters in ſeine Loge, bald fuhr mich der Sattler ſpazieren, wenn er eine neue Kut⸗ ſche probiren mußte, hier brachte mir der Beſitzer eines eleganten Kaffeehauſes vom Deſert der Gaͤſte, dort putzte mich die Modehaͤndlerin in einem neuen — 204— Kinderanzuge heraus, weil er meinen zierlichen Koͤrper kleidete und ſie den Anzug dadurch in die Mode zu bringen hoffte, und genug, es verfloſſen mir die erſten Kin⸗ derjahre in ungetruͤbter Sorgloſigkeit, und faſt moͤchte ich ſagen auf originelle Weiſe, in geiſtreicher Unwiſ⸗ ſenheit. Ich finde es begreiflich, daß man nach deut⸗ ſchen ernſtern Anſichten und auch nach denen unſe⸗ rer hoͤhern Staͤnde, ſolche Lebensart fuͤr ein zartes Kind eher ſchaͤdlich als nuͤtzlich halten muß. Man wird es tadeln, ein junges Weſen theils dem Muͤßig— gange ergeben zu ſehen, theils es ſchon in dem erſten Jahrzehend mit Ergoͤtzungen zu uͤberſaͤttigen, die ſpaͤ⸗ ter als Neuheit reizen ſollten. Ich widerſpreche die⸗ ſer Anſicht im Allgemeinen nicht und verſtehe recht gut, daß eben ſolche Staͤnde, die in der menſchlichen Geſellſchaft als die beguͤngſtigtſten angeſehen werden, wegen des Zwanges, den ſie um dieſe Gunſt erdul— den muͤſſen, ihren Kindern keine aͤhnliche Freiheit ge⸗ ben duͤrfen, aber wahrlich! nicht zu beneiden iſt jene beſchraͤnkte Jugend, ſie entbehrt den groͤßten Genuß. Ich ſpreche naͤmlich in Bezug auf große Staͤdte, denn die Kinder der Landbewohner ſind uͤberhaupt beſſer daran: ſie werden von dem Zauber der ſchoͤnen Natur gewiegt, wie ich es von dem einer reizenden Kuͤnſtlichkeit ward; die Kinder der angeſehenen Staͤd⸗ ter aber werden nur von langweiliger Wahrheit oder kalter Falſchheit umfangen. Mir ward noch kein ge— — 205— regelter Unterricht zu Theil, aber ich war nicht un⸗ wiſſend geblieben und kann dreiſt behaupten, daß trotz meiner Jugend mein Geiſt angeregt, meine Faͤ⸗ higkeiten entwickelt, meine Begriffe geleitet waren, und zwar allein durch das Leben um mitch her. Noch immer konnte ich weder leſen noch ſchreiben, weder ſticken noch das Piano ſpielen, aber durch das Vogel⸗ und Affengehege des Nachbars hatte ich ei⸗ nen intereſſanten Theil der Naturgeſchichte auf die allernatuͤrlichſte Weiſe gelernt; ebenſo war es mit den Pflanzen bei der Blumenverkaͤuferin. Monate lang lebte ich ausſchließlich in den Porzellan- und Kriſtallfabriken, und erlernte ich auch nicht zu verferti⸗ gen, ſo wohnte ich doch der Procedur vom Anfange bis zu Ende bei, ſah die Maſſen ſcheiden und vereinen, lernte Werth und Nachtheil kennen, ſah formen, gla⸗ ciren, brennen, zeichnen, malen, ſchleifen, genug die ganze Handhabung von der erſten rohen Materie bis zum zierlichſten Gefaͤße, bis zum glaͤnzenden Spiegel konnte ich begreifen und wieder erklaͤren, und ich darf behaupten, es waren ſchoͤne nuͤtzliche Kenntniſſe, die ich erlangte. Wenn mich der Sattler in die Kutſche ſetzte, ſo war es nicht allein die Spazier⸗ fahrt, die mich wie andere Kinder ergoͤtzte, ſondern es war zugleich das Intereſſe an dem Fahrzeuge, welches ich entſtehen ſah. Vor meinen Augen hatte man gezeichnet, Holz, Eiſen, Leder, Tuch gewaͤhlt — 2906— und geformt, und ſo wußte ich genau, warum ſich dieſer Vortheil, jener Nachtheil erwies. Noch viele andere ſchoͤne und nuͤtzliche Producte der Natur und Induſtrie hatte ich auf die ebenbeſchriebene Weiſe Gelegenheit, genau kennen zu lernen, und noch heute ſcheinen ſie mir gute Kenntniſſe. Die Herzaͤhlung aller wuͤrde zu weit fuͤhren, ich nannte die wenigen, um einen Begriff meiner Geiſtesrichtung zu geben und um zu beweiſen, daß mein Boulevardleben nicht gaͤnzlich ohne Belehrung blieb. Als bedeutend von Einfluß auf meinen Charakter, vielleicht auch auf mein ſpaͤteres Schickſal, muß ich noch des Theater⸗ inſpectors erwaͤhnen. Bei ihm hoͤrte ich oft, wenn er mit Schneidern, Peruͤckenmachern, Decorations⸗ malern u. ſ. w. deliberirte, von Coſtuͤmen, Gebaͤuden, Gegenden, von verſchiedenen Voͤlkern, Zeiten und Sitten reden. Haͤtte ich damals ſchon Geſchichte ge— lernt, ſo haͤtte ich wahrſcheinlich wie die meiſten klei⸗ nen Maͤdchen wenig Begriff damit verbunden, da ich aber Herrſcher und Unterthanen aus mancher Epoche in der Kleidung und Umgebung ihres Zeitalters ſah, ſo war meine Geſchichtskenntniß wol nicht reich, aber deutlicher, als ſie beim Unterrichte aus Buͤchern gewe⸗ ſen waͤre. Mehr aber, als dieſes Alles den Verſtand beſchaͤftigte, wirkten ſicherlich die uͤberfeinen, hochtra⸗ benden Reden der Melodramhelden auf mein junges Gemuͤth. So falſch auch immer der geſchrobene Ton — 207— dieſer Declamatoren ſein mochte, ſo war ich nicht min⸗ der in Ehrfurcht vor dem Pathos der Fuͤrſten ge⸗ bannt; der Muth der Ritter ſetzte mich in Staunen, die verkannte Unſchuld ruͤhrte mich zu Thraͤnen, aber uͤber alle Begriffe war mein Mitgefuͤhl fuͤr die Lei⸗ den eines ungluͤcklichen Liebespaares. Je uͤberſpann⸗ ter alsdann die Sprache ertoͤnte, je widerſinniger das Schickſal uͤber die Breter ſchritt und meine Nerven reizte, deſto laͤnger traͤumte ich dieſen großen Be⸗ gebenheiten, die ich fuͤr baare Muͤnze nahm, nach, und mit unbeſchreiblicher Lebhaftigkeit konnte ich mich in die Lage einer ſolchen Theaterprinzeſſin verſetzen. In Folge dieſes meines mich ſehr beluſtigenden Umherſtreifens auf dem Boulevard bildete ſich ein hoͤchſt eigenthuͤmlicher, durchaus origineller Patriotis⸗ mus bei mir aus, der aber zugleich ſehr natmuͤrlich war. Der Boulevard, und zwar nur eine Strecke von einigen Tauſend Schritten, faßte alle Gewaͤhrung meiner Wuͤnſche in ſich, und ſo ward dieſer beſchraͤnkte Raum allein mein liebes Vaterland. Wohin man mich damals auch fuͤhren mochte, fand ich außer meiner kleinen Grenze die Welt traurig und langwei⸗ lig, und wenige Straßen weiter glaubte ich ſchon in ei⸗ nem fremden Lande zu ſein; ſehnſuͤchtig wuͤnſchte ich mich nach meinem engen Reiche zuruͤck, denn hier genoß ich Freude, Unterhaltung, Freiheit, Belehrung, Wohl⸗ wollen, hier umfing mich Freundſchaft und Liebe. — 208— Liebe? wird man ſtaunend fragen; ja, Liebe, und zwar im edelſten, reinſten, aber auch im ganzen Sinne des Worts. Die Liebe zu meinen Altern, zu allen wohlwollenden Nachbarn, zu einem ſchoͤnen, liebenswuͤrdigen Knaben, und wohl mußte dieſes die ſtaͤrkere Empfindung ſein. Daß ich dieſe Liebe da⸗ mals als kleines Maͤdchen, mit dem gluͤcklichſten ſitt⸗ lichen Naturell begabt, wie ich es war, ſelbſt nicht eigentlich verſtand, bedarf kaum der Erwaͤhnung, aber das ſchoͤnſte Gefuͤhl war trotz meiner Jugend erwacht und ſollte erſt mit dem Tode meines Arweds untergehen; denn kein Anderer war der erwaͤhnte Knabe, fuͤr den mein kindliches Herz die aufrichtigſte Liebe fuͤhlte. Um unſere Neigung deutlicher zu er— klaͤren, muß ich zuvor von Arweds Familie reden. Meines Vaters Boutike ſowol als mehre der obengenannten bildeten den Rez⸗de⸗Chauſ⸗ ſée eines ſehr praͤchtigen Hotels, deſſen Eigenthuͤ⸗ mer, wie auch aller jener Gewoͤlbe Herr La— tour, Arweds Vater, war. Er bewohnte den ſchoͤn⸗ ſten Theil davon mit ſeiner Familie; der Reſt war vermiethet. Haͤtte Herr Latour kein anderes Ver⸗ moͤgen beſeſſen als die Einkuͤnfte dieſes Hotels mit ſeinen vielen Boutiken in dem eleganteſten Stadt⸗ viertel, ſo waͤre er ſchon ſehr reich geweſen, da man den Miethzins eines ſolchen Gebaͤudes mit allen ſeinen Umgebungen wol auf hunderttauſend Franken ſchaͤtzen — 209— kann; aber er war auch außerdem durch ſeine in⸗ duſtriellen Unternehmungen, denen er ſich mit einer Art patriotiſchen Eifers ergab, reich und beliebt. Auf das Anſehen, welches er durch ſeine vornehme Ge⸗ burt erlangen konnte, indem er von altem Adel ſtammte, ſetzte er gar keinen Werth, vielmehr war er uͤber dieſen Punkt immerwaͤhrend im Streite mit ſeinem ſehr alten Vater(alſo Arweds Großvater). Die⸗ ſer war dem neuen Geiſte, der uͤber die Nation ge⸗ kommen war, durchaus entgegen, und ernſt betruͤbte es ihn, ſeinen Sohn Latour mit Fabrikanlagen, Kanaͤlen, Poſtwagen, Wegeverbeſſerungen u. ſ. w. beſchaͤftigt zu ſehen, um des ſchnoͤden Geldes willen, wie der Alte ſich ausdruͤckte. Ihm ſelbſt ſchien die Ar⸗ muth, worein ihn die Emigration verſetzt hatte, noch immer ehrenwerther fuͤr ein altes Adelsgeſchlecht, als⸗ jenes Handeln und Troͤdeln, wie er es nannte; und ſeiner ſchmalen Einkuͤnfte wegen, als auch, um von dem eigentlichen Weſen des Zeitgeiſtes nicht ſo im⸗ merwaͤhrend beruͤhrt zu werden, war er gleich bei ſeiner Ruͤckkehr nach Frankreich bedacht, ſich in einer kleinen Provinzialſtadt niederzulaſſen. Aus verſchiedenen Gruͤnden waͤhlte er das funfzehn Lieues von Paris ent⸗ fernte Staͤdtchen Fontainebleau. Außer der guten Luft, des wohlfeilen Lebens und der Naͤhe der Hauptſtadt (wodurch er nicht gaͤnzlich mit der Familie außer Verbindung kam, die er trotz verſchiedener Le⸗ 14 — 210— bensanſichten herzlich liebte) bewog den Großvater noch ſein altritterlicher Kunſtſinn zu der Wahl die⸗ ſes Orts, wie ſeine fruͤhere Gewohnheit, hier den Sommer zuzubringen. Das hoͤchſt eigenthuͤmliche Luſtſchloß von Fontainebleau bot ihm eine eigene Un⸗ terhandlung dar, und wie Arweds Papiere beweiſen, hatte der Alte die Geſchichte dieſes Schloſſes foͤrmlich ſtudirt; gleich nach der Reſtauration ward er zum Gouverneur deſſelben ernannt; doch hiervon ſpaͤter. Der Großvater war, trotz aller traurigen Erfah⸗ rungen, dem Hoftone ſeiner Jugend treu geblieben, wovon vielleicht als Urſache anzugeben iſt: daß er im beſten Juͤnglingsalter Gutes erfahren hatte. Als ſpaͤter ein graͤßliches Schickſal ihn und ſeinen Stand erfaßte, war er bereits in den geſetzten Jahren, worin er wahrſcheinlich auch in ſturmloſen Zeiten die Vergangenheit hoͤher als die Gegenwart geprieſen haͤtte, denn wer wuͤßte nicht, daß Jugend und Liebe eine kurze Spanne unſeres Daſeins mit ſolchen Zauber⸗ netzen umſtricken, daß wir im ganzen uͤbrigen Leben die Arme ſehnſuͤchtig nach jenen beſſern Tagen zu⸗ ruͤckſtrecken?— Ach! daß uns ewig dieſe Erinnerung taͤuſchen muß! Nicht die Zeit war beſſer, wir waren beſſer, empfaͤnglicher in jener Zeit. Mit dem poetiſchen Menſchenkenner*), der uns in ſeinem„Genius der *) Chateaubriand. — 211— Chriſtenheit“ ſo manche andere Wahrheit entdeckt, moͤchte man hier ausrufen: Die Jugend iſt anziehend in ihrer Unwiſſenheit, das Alter widerwaͤrtig, weil es Alles weiß!— In der Unſchuld, der Liebe, dem Streben liegen allein des Sterblichen gluͤckliche Zeiten. Aus gleichen Urſachen hatte Herr Latour auch einen ganz andern Zweck als ſein Vater vor Augen. Die Emigration fand in des Erſten fruͤheſter Kindheit ſtatt, und ob⸗ gleich er immer von Vortheilen des Adelſtandes re⸗ den hoͤrte, ſo kannte er doch lange nur Nachtheile. Bedruͤckung, Armuth, Heimathloſigkeit verfolgten ihn bis in das Juͤnglingsalter, und keine freundliche Er⸗ innerung hatte ſich aus dem vorigen Jahrhunderte zu ihm heruͤber gerettet. Was der Gouverneur verehrte, verſpottete die Gegenwart; was jener fuͤrchtete, floͤßte ihm Zutrauen ein; was der Alte verachtete, ſchien ihm des Ehrgeizes eines echten Franzoſen wuͤrdig. Religion, Staatsverfaſſung, Lehrbegriffe, geſellſchaft⸗ liche Verhaͤltniſſe, Kunſt und Poeſie, ja Kleidung und Sprache ward von Vater und Sohn aus ver⸗ ſchiedenen Geſichtspunkten beurtheilt. Alſo geſinnt, bekuͤmmerte ſich Herr Latour wenig um ſeine hohe Abkunft, unterrichtete ſich vielmehr uͤber verſchiedene Faͤcher der Induſtrie, unternahm und hatte Gluͤck. Da ſeine Zeit vollkommen die Herrſchaft uͤber ihn ausuͤbte, wie die vergangene ſich des Gouver⸗ 14* — 212— neurs bemaͤchtigt hatte, ſo ſollte Herr Latour auch von dem obwaltenden Geiſte des Moments erfaßt werden. Nicht einer der Reichſten zu ſein, war al⸗ lein ſein Obliegen, aber jeden Glanz, den die neue Regierungsform der Staͤnde uͤber ihre Antheilnehmer verbreiten koͤnnte, wuͤnſchte er durch ausgezeichnete Perſoͤnlichkeit zu erſtreben, ſelbſt beruͤhmt, von den erſten Staatsmaͤnnern, den groͤßten Geiſtern aufge⸗ ſucht zu werden und ſeiner jungen Familie auf dieſe Weiſe, neben materiellem Luxus, auch durch ſeine lo⸗ benswerthe Individualitaͤt Anſehen und Ehre zu verſchaffen. Seine Ambition, mit Eifer genaͤhrt, ge⸗ lang vollkommen. Er ward einer der angeſehenſten Deputirten, die Hoffnung zur Pairswuͤrde alljaͤhrlich wahrſcheinlicher, und ſein Hotel das Rendez⸗vous der Bewundertſten beider Kammern, alſo des ganzen Reichs. Als rechtlicher, leutſeliger Mann war er noch beſonders in dem Arrondiſſement, worin er wohnte, ſehr beliebt. Mag ſein, es geſchah aus Po⸗ litik, wie ich ſpaͤter wol von Andern behaupten hoͤrte, doch ſicherlich verbreitete er viel Gutes, unterſtuͤtzte Huͤlfsbeduͤrftige und ward hier ſtets gewaͤhlt, wo⸗ durch mein Vater unter den fuͤr oder gegen ihn ſtimmenden Waͤhlern war. Wenn man den Eifer kennt, womit die Franzoſen ihre junge Conſtitution ausgefuͤhrt wiſſen wollen, wenn man gleichſam die Eiferſucht, das Treiben kennt, womit der Wahl⸗ — 213— herr die Stimme des Waͤhlers einem Gegner abzulocken ſucht, das Schreiben in den Journalen, Reiſen in den Provinzen, das Intriguiren, Fetiren und die Anſtrengung aller Kraͤfte, die in jenem Mo⸗ mente zum Gelingen aufgeboten werden, ſo begreift man auch meiner Ältern Verhaͤltniß zu der Familie Latour, und daß ſie ſich trotz des großen Ranges⸗ und Vermoͤgensunterſchiedes nicht fremd bleiben konnten. Man kam von beiden Seiten in eine Art beruͤckſich⸗ tigender Convenienzſtellung, worin mehr der Lage der Dinge geopfert als einem Gefuͤhle gewillfahret ward. Mein Vater hielt es fuͤr ein Gluͤck, durch ſeine Zu⸗ ſtimmung mehre Tauſend Franken Miethzins, bei ſeinen beſchraͤnkten Vermoͤgensumſtaͤnden, zu erſparen; der reiche Hausbeſitzer gab gern dieſes und manches Andere zu unſerer Bequemlichkeit, fuͤr eine ſichere Stimme, her. Madame Latour und meine Mutter handelten beide zum Vortheil ihrer Familien; aus Klugheit legte ſich daher jene den Zwang auf, die Frau und Tochter eines Boutiquiers, wenn auch ſelten, in kleineren Vereinen oder auf dem Landgute bei ſich zu ſehen, deswegen legte ſich meine Mutter gleichen Zwang auf hinzugehen, aber weder wahre Freundſchaft noch Herzlichkeit fand je unter ihnen ſtatt, und die vielgeruͤhmte Freiheit und Gleichheit in Paris hat bei ernſten Verhaͤltniſſen ſtarke Grenzen. Nach dem, wie ich die Familie Latour ſchilderte, ver⸗ — 214— ſteht es ſich, daß die Toͤchter eine gezwungene, moderne, langweilige Erziehung erhielten; an freies Umherſtreifen in Hauskleidern auf dem Boulevard war nicht zu denken. Bis zu den Jahren der Er⸗ ziehungsanſtalt wurden ſie jeden Morgen, vom Ko⸗ pfe bis zu den Fuͤßen im eleganteſten, neumodigſten Anzuge, in praͤchtiger Equipage, von Gouvernanten, Bonnen, Lakaien begleitet, ſpazieren gefahren, und bei der Ruͤckkehr nach Hauſe ſtrenge in den Gemaͤ⸗ chern gehalten; als nach einigen Jahren der Penſion die Erziehung vollendet hieß, verheirathete man ſie, und ſo erinnere ich mich kaum, ſie geſehen zu haben. Anders war es mit dem Sohne Arwed. Seine Geburt, obgleich einige Jahre fruͤher als die meinige, faͤllt dennoch in die Zeit, wo es bei den Reichen bereits etwas ſeltener vorkam, die Kinder auf dem Lande ſaͤugen zu laſſen, und ſo trug ihn ſeine Amme zu ihrer eigenen Beluſtigung faſt den ganzen Tag auf dem freundlichen Boulevard umher. Auch er fuͤhlte ſich demnach, wie ich, bei dem erſten Erwachen aus dem Kindesſchlafe, hier angeregt und unterhalten, und Alles, was mich dort anzog, uͤbte gleiche Wirkung auf ihn. Mit zunehmendem Alter ſpielte Jedes von uns am liebſten in des Andern Ge⸗ genwart auf dem Boulevard. Wer den ſchoͤnen, ſanf⸗ ten Knaben kannte, deſſen Heftigkeit erſt mit den Jahren und durch Umſtaͤnde gereizt ward, wird meine — 25— fruͤhe Neigung begreiflich finden; wer die Liebe und Sorgfalt kannte, die er mir ſeit der erſten Jugend ſpendete, die er als Kind aus Unſchuld, als Juͤng⸗ ling aus Tugend nicht verbarg, wird auch meine Leidenſchaft verſtehen, wie den Schritt, wozu ſie mich verleitete, verzeihen. Wie konnten wir in un⸗ ſerem zarten Alter denken: unſer vertrauter Umgang paſſe ſich nur fuͤr dieſes, unſere zaͤrtliche Neigung ſei uns nur fuͤr jetzt geſtattet, in wenigen Jahren aber muͤſſe das vertraute Du in Sie, die uns theuern Namen Arwed und Honorine in Monſieur und Mademoiſelle verwandelt werden! dann duͤrften wir kaum mehr thun, als haͤtten wir uns je gekannt, und ein Kuß wuͤrde zum Verbrechen!— Noch heute rufe ich trotz aller meiner Leiden: wohl uns, daß unſer reiner Sinn jene Zwangskette geſell⸗ ſchaftlicher Gewohnheiten nicht ahnete, und unſerer ſchoͤn⸗ ſten Kindheit wenigſtens einige Jahre geſchenkt wur⸗ den, verſchont vom kalten Hauche der Convenienz! — Arwed und ich kannten nur ein Vergnuͤgen, ein Intereſſe, ſpielten, taͤndelten, liebten uns und ſchwelg⸗ ten in ungetruͤbter Gluͤckſeligkeit. Die erſte Stoͤrung unſers Friedens ſollte uns Ar⸗ weds Unterricht bringen. Wir waren darauf vorbe⸗ reitet und wußten, keine Macht der Welt koͤnne ihn von der Erziehungsanſtalt befreien; als Liberaler gab ihn aber Herr Latour in eine weniger ſtrenge Penſion, — 216— woraus uns der Vortheil erwuchs, uns wenigſtens jeden Sonntag zu ſehen, wo wir dann Spielen und Zaͤrtlichkeiten nachholten. Ich hatte mich bereits geduldig darein ergeben, ihn die uͤbrigen Tage zu miſſen, glaube indeſſen, die gegenſeitige Sehnſucht verſtaͤrkte unſere Neigung, die taͤglich wuchs und auch dann keineswegs ſich minderte, als meine Ältern mich ebenfalls ſpaͤter in eine Anſtalt gaben, um, wie ſie ſagten, mir den gehoͤrigen Unterricht fuͤr meinen zukuͤnftigen Beruf ertheilen zu laſſen. Auch in Be⸗ zug hierauf ſcheint mir ein bedeutender Unterſchied zwiſchen Frankreich und Deutſchland ſtattzufinden. In letzterem ſcheinen mir die Muͤtter geringerer Claſſen ein gewiſſes Streben zu beſitzen, ihren Toͤchtern auch ſolche Kenntniſſe zu verſchaffen, die, wenn eben nicht nuͤtzlich, doch einen gewiſſen Glanz in der großen Welt verleihen; bei uns in Frankreich findet man nur ausnahmsweiſe Beiſpiele davon. Die Mehrzahl der klei⸗ neren Buͤrger meidet aͤngſtlich die Anſtalten, worin ihre Toͤchter zu viel lernen koͤnnten. Denn wuͤrde ihr Wiſſen ſich weiter als auf Leſen und Schreiben der Mutterſprache und Rechnen erſtrecken, ſo wuͤrden ſie nur ein Misverhaͤltniß mit nach Hauſe bringen, was ſie untauglich fuͤr ihren Stand werden ließ; das Tanzen wird als einzige loͤbliche Ausnahme be⸗ trachtet, und zwar weniger wegen der Pas, als weil gute Haltung, zierliches Knixen, reinliches Gehen, — 217— trotz der kothigen pariſer Straßen, dort mit zum Nothwendigen gezaͤhlt wird. So befahl denn auch meine Mutter, indem ſie mich in dem neuen Aufenthalte inſtallirte, der Erzieherin ſtrenge an, mich nicht mehr als das Genannte zu lehren, und erinnerte in meiner Gegenwart, ich ſei beſtimmt, ſowol bei den Altern als einſt vermaͤhlt, im Geſchaͤfte zu arbeiten. Dieſe letzten Worte frappir⸗ ten mich auf widerwaͤrtige Weiſe. Nicht daß mir je der hochmuͤthige Gedanke haͤtte einfallen koͤnnen, ich waͤre zu gut fuͤr den Beruf meiner Mutter und ganzen Umgebung, aber ich erkannte zuerſt dadurch mein falſches Verhaͤltniß zu Arwed, und wie ein Schreckbild ſtarrte mir meine Zukunft entgegen. Ich war meinen AÄltern bei der Geburt durch die Sitte, uns aufs Land hinauszuſtoßen, entfremdet worden, ich konnte mich auch ſpaͤter ihnen nicht naͤhern, indem ihr Wunſch, meine Zukunft in pecuniairer Hinſicht zu verbeſſern, ihre ganze Zeit in Anſpruch nahm, und dieſe eben genannte letzte Vorſicht meiner Mutter hob noch die letzte Scheidewand zwiſchen uns empor. Jahre verfloſſen nun auf immer gleiche Weiſe. Das ewige Einerlei der unerfreulichen Elementarkenntniſſe erhielt nur einige Heiterkeit durch die Tanzſtunde, und mein gluͤckliches Boulevardleben haͤtte mir wie ein laͤngſt verfloſſener Traum geſchienen, waͤre nicht der Sonntag, der mich woͤchentlich dort wieder mit mei⸗ — 218— nem geliebten Geſpielen vereinigte, wie ein Rettungs⸗ hafen nach ſechs qualvoll verbrachten Tagen angeſe⸗ hen worden. Die letzte Zeit nahm bei Arwed ungefaͤhr das Alter von zehn zu funfzehn Jahren ein, und ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß unſere fortſchreitende Entwik⸗ kelung von Koͤrper und Geiſt uns immer deutlicher die Augen uͤber unſere Lage oͤffnete, vor der uns ſtets banger ward. Mit meinem funfzehnten Jahre ſollte jede Freude ſchwinden. Mein Geliebter war bereits im Collegio, und ich hatte die mir dürftig zu⸗ gezaͤhlten Kenntniſſe erlangt. An dem Tage, wo ich aus der Penſion wieder ins Vaterhaus zuruͤckkehrte, ſetzte mich meine Mutter hinter einem großen Pulte an die Rechnungsbuͤcher in der Boutike, wies mich zurecht, lehrte mich Waa⸗ ren und Preiſe kennen, befahl mir ihre Weiſe zu beobachten, wie man Kunden bediene, und hieß mir beſonders, zu meinem eignen Wohl, an nichts an⸗ ders als an den Handel denken, deſſen Fortgang das Wichtigſte auf Erden fuͤr mich ſein muͤßte. Ich verſprach es, dachte das Gegentheil und un⸗ terdruͤckte muͤſſam den Seufzer. Auf mein freies Umherſtreifen auf dem Boulevard mit Arwed mußte ich jetzt gaͤnzlich verzichten. Durch die Liebe waren wir ſcharfſichtig genug geworden, um zu bemerken, daß man ſie zu unterdruͤcken wuͤnſchte, und das war ſicher — 2149— Urſache zu unſerer groͤßeren Beharrlichkeit. Trotz aller Wachſamkeit, mit der man uns umlagerte, fan⸗ den wir dennoch Mittel, uns heimlich unſere ernſte Neigung zu geſtehen und ewige Standhaftigkeit gegen alle Hinderniſſe zu ſchwoͤren. Von allen Seiten ſuchte man die letzteren um uns heraufzubeſchwoͤren und trieb uns dadurch gewaltſam zur Hinterliſt. In jene Zeit faͤllt auch Arweds enge Freundſchaft mit eini⸗ gen Freunden des Collegiums, die ich Alle, wenn auch nicht perſoͤnlich, doch den Namen nach kannte, und ein dunkles Vorgefuͤhl hatte mich ſchon ſo weit richtig geleitet, ihn inſtaͤndigſt zu erſuchen, meiner nicht gegen ſeine Freunde zu erwaͤhnen. Ich fuͤrchtete, daß auch ihn, wie es ſo oft geſchieht, ihr Spott treffen moͤchte, wenn er ſich ruͤhme, einem Boutiken⸗ maͤdchen treu bleiben zu wollen. Dieſer Spott fuͤhrte ſchon manche Treuloſigkeit aus falſcher Scham her⸗ bei, wovon ich ſehr traurige Beiſpiele kannte. Ar⸗ wed gelobte mir Verſchwiegenheit und hielt Wort, wie ich ſehe, denn außer Dorval wußte keiner von unſerm Verhaͤltniſſe, und auch dieſer kannte we⸗ der meinen Namen noch Stand, ich hatte ihn nie geſehen. 8 Bald zeigten ſich Latours aͤngſtlich um den Ausgang der Sache bekuͤmmert, und es geſchah im Kleinen, wie ſo oft im Großen geſchieht, daß die eifrigſten Ver⸗ theidiger der Freiheit und Gleichheit am wenigſten — 220— nachſichtig und vollends nicht zum Gewaͤhren bereit ſind, wenn es ſtoͤrend in ihre Plaͤne, Anſichten, in ihr Intereſſe greift. Herr Latour, der ſtets ſo eifrig ſein vorgeſchrittenes, helldenkendes, vorurtheilfreies Zeit⸗ alter gegen ſeinen andersgeſinnten Vater vertheidigte, erſchrak vor den weiterſchreitenden, helldenkendern, vorurtheilsfreieren Begriffen ſeines Sohnes. Den Gou⸗ verneur nannte er beſchraͤnkt, Arwed uͤberſpannt, und nicht minder wie der Großvater fruͤher uͤber Anma⸗ ßung der Jugend klagte, ſo ward auch von Herrn Latour die juͤngere Generation angegriffen. Man hoffte dem übel ſeiner laͤcherlich romantiſchen Liebe (wie man ſagte) durch Zerſtreuung abzuhelfen. Kaum war Arwed aus dem Collegium getreten, ſo kaufte man Reitpferde, gab glaͤnzende Feſte, wobei man Sorge trug, ſchoͤne reiche Erbinnen zu laden, er mußte kleine Reiſen unternehmen, doch blieb ſein edles Herz un⸗ bezwinglich. Meine Lage war bei weitem nicht ſo gut als die ſeinige, denn ausgenommen daß mich meine taͤg⸗ liche Beſchaͤftigung zu bitter an die trennende Kluft mahnte, hatte ſie noch das Unangenehme, mich den Blicken jedes muͤßigen Gaffers preiszuſtellen. Un⸗ aufhoͤrlich predigten mir die Ältern von Ehrbarkeit und guter Sitte vor, und dennoch war es nach ihren Anſichten natuͤrlich, daß die huͤbſche Tochter, die hinter den hohen Bogenfenſtern von der Straße aus — 221— bemerkt werden konnte, dazu dienen muͤſſe, Kaͤufer herbeizufuͤhren. 1 Arwed ſah ich in jener Zeit nur ſehr ſelten in Gegenwart meiner Altern, deſto oͤfter ſuchten wir heimliche, wenn auch nur kurze Zuſammen⸗ kuͤnfte zu halten. Sie konnten Keinem, der ſich an⸗ ſtaͤndig betrug, den Zugang in ihre offene Boutike verſagen, und haͤtten Arweds Neigung zu mir vielleicht deſto eher beguͤnſtigt, haͤtten ſie nicht ihren Goͤnner, Herrn Latour, dem ſie in pecuniairer Hinſicht viel verdankten, zu beleidigen gefuͤrchtet. Dieſes und Ähnliches bedeutete mir Arwed mit Bitterkeit, zu⸗ gleich war er aber immer bedacht, zu meiner Bildung beizutragen und mich aus unſerm beſchraͤnkten Stande heraus fuͤr den ſeinigen zu unterrichten.„Sie ſollen Dir nichts vorzuwerfen haben,“ ſetzte er hinzu,„und ihr Hochmuth ſoll an Deiner Geſtalt und Deinem Geiſte zugleich abgleiten.“ So verſah er mich mit guten Buͤchern und bemuͤhte ſich, mir manchen weit⸗ umſichtigern Begriff beizubringen, als er ſich in mei⸗ ner Umgebung haͤtte entwickeln koͤnnen. Von den vielen Bewerbern, die ſich theils von ſelbſt einſtellten, theils von den Ältern ermuthigt wurden, will ich jetzt nicht reden; ich ſuchte Ausflucht in meiner Jugend. Nach mehren Jahren, die in aͤhnlicher Liebesluſt und Liebespein verfloſſen, trat eines Tages ein jun⸗ ger Mann ins Gewoͤlbe, den man an Kleidung und — 222— Ausſprache ſogleich fuͤr einen Fremden erkennen mußte. Er waͤhlte lange, ſchien ſelbſt nicht recht zu wiſſen, was er begehren ſolle, und indem er ſich nur an mich wandte, erſuchte er endlich ihm das Gekaufte zu ſenden; dieſes veranlaßte mich, nach Wohnung und Namen zu fragen, und ich hatte viele Muͤhe, den deutſchen Namen Ferdinand von Leuchtenhauſen zu buchſtabiren. Sein Erſcheinen, eindruckslos an mir voruͤbergegangen, waͤre ſicher von mir vergeſſen worden, kehrte er nicht in wenigen Tagen zu neuen Einkaͤufen zuruͤck, und bald verbarg er nicht, daß er meinetwegen kam, obſchon er ſich achtungsvoll genug benahm, ſich nicht mit Worten zu erklaͤren. Der Vortheil, der unſerer Handlung durch dieſen Kunden entſtand, ließ meine Ältern ihm ſtets mit beſonderer Zuvorkommenheit begegnen, und nach und nach ward er intimer Hausfreund. Gern will ich geſtehen, daß Ferdinand Alles vereinigte, was dem Zartgefuͤhl ei⸗ nes Maͤdchens, dem er gefallen wollte, ſchmeicheln mußte, und ſelbſt ſeine Heftigkeit ſchien mir eher edel als tadelnswerth, denn ſie war nur vom Gefuͤhl des Beſſern oder zu Verbeſſernden angeregt. Waͤre mein Herz bei unſerer erſten Bekanntſchaft frei geweſen, ſo waͤre ich wahrſcheinlich nicht ſo aͤngſtlich ſeinem Ge⸗ ſtaͤndniſſe ausgewichen, aber meine Liebe lebte wie ein Heiligthum in meinem Herzen, und verbrecheriſch haͤtte ich mir ſelbſt geſchienen, Ferdinanden nicht un⸗ — 223— ausgeſprochen jede Hoffnung zu rauben. Sein oft wiederholter Spott uͤber die hoͤhern Staͤnde, ſeine Außerung, die Welt koͤnne nur durch Freiheit und Gleichheit vollkommen gluͤcklich werden, ließen ſicht⸗ bar in meinen Ältern Wuͤnſche aufkeimen, wovon ſie weit entfernt waren. Eine Verbindung zwiſchen Ar⸗ wed und mir durften ſie ſich, wie ſie recht gut wuß⸗ ten, nicht im Traume einfallen laſſen, indem ſie ge⸗ nau die Anſichten ſolcher Familien kannten, die wie die Latour'ſche in der glaͤnzendſten Lage waren; mit dem Fremden war es jedoch anders. Es ſchien mir, als ob ſie mit der Zeit einen Heirathsantrag von Ferdinand wuͤnſchten und erwarteten; was ich dabei fuͤhlte, bedarf wol keiner Schilderung. Obſchon Fer⸗ dinand mir nie ſein Herz antrug und ich jedes Wort gegen ihn abwog, verſtand ich ſeine Abſicht dennoch deutlich und verbarg mich immer mehr vor ihm. Abermals verſtrich ſeit Ferdinands Zutritt in unſerm Hauſe beinahe ein Jahr, worin meine heimlichen Lei⸗ den taͤglich zunahmen, und eine innere Stimme mir ſagte, es koͤnne alſo nicht bleiben. Wiederholt wur⸗ den des Geliebten Schwuͤre ewiger Treue und endlich auch das Eheverſprechen gegeben, es koſte was es wolle. Von dieſem Augenblicke an war ich, wenn auch nicht froher, weil ich nimmer die Ausfuͤhrbar⸗ keit ſeines Verſprechens faſſen konnte, doch beruhig⸗ ter durch mein vollkommenes Zutrauen zu Arwed, und — 222— ſo ward meine uͤbrige Umgebung kaum noch von mir bemerkt, wenn ich nicht ausnahmweiſe den Gou⸗ verneur von Fontainebleau nenne, der bald nachher eines Tages in unſern Laden trat. Der ſchneeweiße Scheitel und die fuͤr das hohe Alter noch feſte, ſichere Haltung, die wuͤrdige Miene floͤßten Achtung ein; der Gedanke, er ſei der Vorfahr meines theuern Freun⸗ des, machte mich demuͤthig vor ihm, zugleich mußte ich aber auch ihn als einen Widerſacher mehr meines Gluͤcks anſehen. Wenn auch der Adelſtolz faſt aus Frankreich und namentlich aus Paris verſchwunden iſt, ſo gehoͤrte er dennoch zu Denen, von welchen Napo⸗ leon ſo treffend ſagte: ſie haben nichts gelernt und nichts vergeſſen.— Hiermit iſt er, glaube ich, deut⸗ lich genug geſchildert. In Folge ſeiner altroyaliſti⸗ ſchen Geſinnungen war er Emigrirter, und wenn er auch ſchon vor der Reſtauration zuruͤckkehrte, ſo zaͤhlte er ſich doch ſpaͤter zu den Indemniſirten. Ich will nicht behaupten, die Familie Latour haͤtte eigentlichen Geldſtolz beſeſſen, aber ſichtbar kam es mit dem Gouverneur zu einer Annaͤherung ſeit der Indemni⸗ ſation, und ohne ariſtokratiſch geſinnt zu ſein, war doch das ploͤtzlich bedeutend gewordene Vermoͤgen des Großvaters nicht zu uͤberſehen und er mit Ruͤckſichten zu behandeln. Alſo hoͤrte ich meine ÄAltern urtheilen, und zwar ſetzte meine Mutter hinzu: man wuͤrde nun gewiß um der ſchoͤnen Erbſchaft willen die Kin⸗ 225 der ganz nach dem Sinne des Alten zu vermaͤhlen ſuchen.— Dieſer Zufall ſetzte mich alſo noch mehr zuruͤck.- Des Gouverneurs Gegenwart in unſerm Gewoͤlbe war mir auffallend; ſcheinbar beſchaͤftigt, horchte ich aͤngſtlich auf ſeine Worte, die er indeſſen nur an meinen Vater richtete. Zu meinem Erſtaunen bezo⸗ gen ſie ſich gaͤnzlich auf Kunſt, und ich taͤuſchte mich durchaus, als ich dem unbedeutendſten Ungefaͤhr ei⸗ nen fuͤr mich wichtigen Grund unterlegte. Er hatte meines Vaters Einſicht und Geſcchicklichkeit bei ſeiner Kupferſtichſammlung vernommen, und da er uͤber Vielfaches in Bezug auf das Schloß Fontainebleau Rath wuͤnſchte, auch alle Werke aufſuchte, die ſich ſeit den fruͤheſten Zeiten daruͤber vorfanden, ſo war ſeine Reiſe nach Paris einzig dieſem Zwecke geweiht. Mein Vater, der ſich wirklich in ſeinem Fache aus⸗ zeichnete, gab ſogleich manche wuͤnſchenswerthe Aus⸗ kunft, indem er die Belege durch Kupfer herbeibrachte. Der Gouverneur, bekannt durch ſeine pedantiſche Vor⸗ liebe fuͤr jenes alte Schloß, welches den Typus ei⸗ ner uͤberwiegenden ariſtokratiſchen Zeit in ſich traͤgt und gleichſam noch heute ihr Repraͤſentant iſt, ſchwelgte in einer Art Seligkeit und verbrachte faſt den gan⸗ zen Tag ausſchließlich in unſerer Boutike. Von dieſer Erſcheinung aufgeregt, ſehnte ich mich mehr noch als gewoͤhnlich nach einer Zuſammenkunft 15 — 226— mit Arwed, die ich noch am naͤmlichen Abende ver⸗ ſtohlen hielt. Kaum berichtete ich ſeines Großvaters An⸗ weſenheit bei uns, ſo erwiederte er: Ich weiß davon, denn es iſt durch meine Anleitung geſchehen, und hiervon allein iſt noch Hoffnung fuͤr uns; alle uͤbrigen Ver⸗ ſuche waren vergebens, doch was iſt das Reſultat? Befremdet blickte ich auf den Geliebten, deſſen Worte ich nicht zu deuten verſtand. Wie ich ſehe, ſprach er heftig fort, ſind wir noch nicht weiter, aber gleichviel.— Der Gouverneur bie⸗ tet unwiſſend ſelbſt die Hand zum Gelingen meiner Plaͤne. O Honorine, traue auch ſeiner freundlichen Herablaſſung nicht. Hoͤflich, artig ſind Alle gegen Jedermann, es iſt dieſes pariſer Nationalitaͤt und noch mehr Eigenthuͤmlichkeit der hoͤhern Staͤnde, aber ſie meinen es nicht aufrichtig, und Du biſt zu uner⸗ fahren, zu unſchuldig fuͤr ihre Hinterliſt. Wollte ich Dich als eine feile Dirne behandeln und Du es Dir gefallen laſſen, ſo wuͤrden ſie dieſes in der Regel finden; aber koͤnnten ſie ernſt glauben, Du wollteſt Dich zu den Ihrigen zaͤhlen, wuͤßte meine Mutter, daß Du ſchon in kurzer Zeit ihrem reichen Sohne angehoͤren ſollſt, wuͤßte mein Großvater, Du erhebeſt den Blick bis zu ſeinem vornehmen Enkel, ſo waͤrſt Du vor ihrer Verf olgung nicht ſicher. Die Furcht vor dieſer iſt allein Grund meiner Heimlichkeit, bis ich Dich retten und beſitzen kann. Ich hoffe, wir — 222— ſind bald am Ziele: gelingt mein Plan, ſo ha⸗ ben wir uns in Paris zuletzt geſehen. Mit dieſen wenigen, mir nicht ganz deutlichen Wor⸗ ten mußte unſer Rendez⸗vous enden, welches ſtets mit unbeſchreiblicher Angſt meinerſeits unterhalten ward, und in meinem kleinen Zimmer wieder allein, war jetzt noch mehr als je die Ruhe von mir gewi⸗ chen. Arweds Urtheil uͤber ſeine eigne Familie, in Betreff meiner, ſchmerzte mich ſehr, und dennoch mußte ich es natuͤrlich finden; daß es aber alſo war, brachte mich zur Verzweiflung. Nicht daß ich von buͤrgerlicher Geburt, nicht daß Arwed ſo viel reicher, war eigentlich die große unuͤberſteigbare Kluft zwi⸗ ſchen mir und ihm, denn nachdem ich eifrig den Bei⸗ ſpielen nachdachte, fand ich viele vom erſten und, wenn auch ſeltener, manche vom andern Falle, aber in der offenen Boutike meiner Ältern lag eigentlich mein ganzes Ungluͤck. Ein Maͤdchen aus einem Gewoͤlbe an der Straße, ein Ladenmaͤdchen als Schwieger⸗ tochter, war nach pariſer Begriffen eine Erniedrigung, die keine angeſehene Deputirtenfamilie, von allem er⸗ denklichen Ehrgeize beſeelt, ruhig koͤnnte uͤber ſich kommen laſſen; ſo liberal konnte kein Liberaler ſein, und trotz aller geruͤhmten Freiheit und Gleichheit tritt hierbei das ganze patriziſche Unweſen hervor. Wuß⸗ ten Latours auch, daß mein Betragen durchaus von dem gewoͤhnlichen dieſer Maͤdchen, die als Miethlinge 15*† — 228— dienen, abwich, daß ich nie von den Ältern in Com⸗ miſſionen hinausgeſchickt ward, ſo konnte es mich doch nicht vor ihrer Anſicht retten: ſie haͤtten ſich meiner in ihrer Familie zu ſchaͤmen. Als dieſe Darſtellung mit aller traurigen Lebendigkeit vor meine Phantaſie trat, fluchte ich meinem Stande und verbrachte die Nacht in Thraͤnen und Wehklagen. So verſtrichen einige Tage, in denen ich keine Sylbe von dem Geliebten vernahm, und kaum gewußt haͤtte, was um mich vorging, waͤre der Gouverneur, der noch immer Nachſuchungen anſtellte, nicht wie eine mahnende Geſtalt um mich hergewandelt. Seitdem ich wußte, ſein Erſcheinen gelte nicht mir, ja ſeitdem ich einſah, er wiſſe meine Eriſtenz gar nicht und habe mich wahrſcheinlich nicht einmal bemerkt, war er auch mir ganz gleichguͤltig geworden, und ich achtete nicht auf eine lange Kunſtdiscuſſion, die er eines Abends mit meinem Vater hielt, als ich hinter dem großen Rechnungspulte faſt verborgen ſaß. Erſt als das Geſpraͤch ſo weit gedieh, daß es ſich darum handelte, ob mein Vater ſich entſchließen wolle, auf des Gou⸗ verneurs dringendes Geſuch zu ihm nach Fontaine⸗ bleau zu kommen, ward ich aufmerkſam. Der Alte wollte naͤmlich, weil ihn keines der vorhandenen Werke befriedigte, ein neues herausgeben, wozu mein Vater den Verlag uͤbernehmen ſollte. Dieſer zweifelte an dem Eintraͤglichen des Unternehmens und wandte — 229— den oft erwaͤhnten Verfall des Schloſſes ein. Der Gouverneur aber, der in meinem Vater den kunſtver⸗ ſtaͤndigen Mann gefunden hatte, den er gebrauchte, und feſt uͤberzeugt war(wie er ſagte), daß er die Sache ſogleich uͤbernehmen wuͤrde, wenn er Fontaine⸗ bleau nur erſt kennte, ſchlug ihm vor, Alles an Ort und Stelle in Augenſchein zu nehmen. Als mein Vater noch zoͤgerte, erinnerte ihn Jener, wie er die bevorſtehenden Feſttage uͤber ohne Verluſt die Boutike verlaſſen koͤnnte, und als Erſterer wieder die Entfernung von Frau und Tochter einwandte, an de⸗ ren Umgang er ſich eigentlich nur Sonntags erfreute, ſo ſchlug ihm der Andere vor, auch dieſe mitzubrin⸗ gen, und mit der gewoͤhnlichen Hoͤflichkeit pariſer Edelleute, beſonders wenn ſie einen Zweck erreichen wollen, verſicherte er: daß wir ihm Alle ſehr will⸗ kommen in ſeiner Behauſung ſein ſollten. Es gab, ohne ihn zu beleidigen, keinen Ausweg mehr, deswegen willigte mein Vater ein. Ich enthalte mich aller Reflexionen uͤber meinen Gemuͤthszuſtand, den man leicht denken kann, und erinnere nur, daß ich Arwed vor meiner Abfahrt nicht wiederſah.. Nach fuͤnfſtuͤndiger Fahrt in einer recht anmuthi⸗ gen Gegend, die ſich aber nicht beſonders hervorthat, erreichten wir den Wald von Fontainebleau und hat⸗ — 230— ten durch dieſen noch zwei ſtarke Stunden bis zum Staͤdtchen zu fahren. Gleich bei der Einfahrt in den Wald kuͤndigte ſich ein neues Terrain, andere Ausſichten, eine erhabnere Natur an. Rieſenbaͤume begruͤßten uns gleichſam mit ſtiller Ehrfurcht, blaͤuliche Felſenmaſſen ſenkten ſich abwechſelnd zu Abgruͤnden, erhoben ſich zu nicht ganz unbedeutenden Bloͤcken, und ſo ging der Weg bald durch das gefaͤllige ſchattenbringende Gruͤn, bald durch eine kahle Einoͤde. Beides war meiner Stim⸗ mung gemaͤß, und der Ernſt, der unterm Laubdache mir entgegenwehte, das hallende Echo der Hufſchlaͤge unſerer Pferde zwiſchen den kahlen Felſen, wo ſich kein anderer Laut vernehmen ließ, wiegte mich zu⸗ gleich in ernſte und ſchauerliche Traͤume. Die Sonne ſenkte ihre letzten goldnen Strahlen hinter die ewigen b Haͤupter der Steinmaſſen, und begrenzte ſie im Schei⸗ den noch einmal mit jugendlichem Glanze, ſie winkte zitternd im roͤthlichen Scheine ihren Abſchied den rau⸗ ſchenden Äſten entgegen und ſchwellte ſehnſuͤchtig meinen Buſen, in dem ein blutendes Herz um Lin⸗ derung flehte, als wir ſchon raſch durch das Staͤdt⸗ chen fuhren und ich aus allen ſeligen und ſchmerz⸗ lichen Phantaſiegebilden geweckt ward, indem der Wagen an einem der vielen Schloßthore anhielt. In der Wohnung des Gouverneurs, im Schloſſe, war Alles zu unſerm Empfange bereit. Dieſer be⸗ —— — 231— gruͤßte uns bald ſelbſt und zeigte ſich mit unbeſchreib⸗ lich feiner Sitte und Hospitalitaͤt, im beſten Sinne, als wohlerzogener Edelmann. Keine freundliche, hoͤf⸗ liche Zuvorkommenheit, namentlich gegen uns Frauen, fehlte hier, und ſo ganz und gar ward ich, mit der großen Welt unbekannt, alles Haſſes entbunden, daß ich dem Vorfahr des Geliebten haͤtte zu Fuͤßen ſinken und um Gewaͤhrung unſerer Wuͤnſche bitten moͤgen. Aber,„traue auch ſeiner freundlichen Herablaſſung nicht!“ hatte mir Arwed warnend zugerufen, und jetzt erſt verſtand ich ahnend, was er ſagen wollte.„Hoͤf⸗ lich,“ ſetzte er hinzu,„ſind ſie Alle gegen Jedermann, aber wuͤßten ſie Deine Abſicht, Du muͤßteſt ihre Ver⸗ folgung fuͤrchten!“— Dieſes Bewußtſein der mich umgebenden Falſchheit umfaßte mich jetzt mit Eiſeshand. Gluͤcklicherweiſe fand ſich etwas Zerſtreuung, in Be⸗ zug gegen meine traurige Lage, im Ortswechſel ſelbſt, dennoch verließ mich keinen Augenblick der Gedanke, welche Urſache Arwed abhalten moͤchte, ſich hier ein⸗ zufinden, wo er mir frei nahen und wir ohne Heim⸗ lichkeit uns leicht fuͤr kurze Zeit von unſerer Umge⸗ bung trennen konnten. Allem Sinnen zum Trotze errieth ich ihn nicht. Die uns angewieſenen Gemaͤcher nahmen einen Theil des Schloſſes ein, und ſo ward auch ich in ein Schlafzimmer gefuͤhrt, deſſen altfraͤnkiſche, abge⸗ nutzte Pracht dennoch einen Reſt von koͤniglichem * — 232— Glanze uͤbrigbehalten hatte, der mir imponirte und mich zugleich faſt unheimlich umfing. Acht bis zehn Fuß dicke Mauern bildeten um jedes Fenſter eine cabinetaͤhnliche Einfaſſung, die augenblick⸗ lich waͤhnen ließ, man ſei in Gefangenſchaft. Aus⸗ biegungen, Verzierungen, Schnoͤrkeleien aller Art von Stuck, Gold und Marmor haͤtten den Kamin, Pla⸗ fond, die Lamberien, Altane wol geſchmuͤckt, haͤtte nicht Alles zerbrochen und verwuͤſtet wie es war, den traurigen Eindruck der Zerſtoͤrung zuruͤckgelaſſen. Das Naͤmliche galt von den ſchweren damaſtenen, je⸗ doch zerriſſenen, verblichenen Vorhaͤngen, von den ver⸗ goldeten Seſſeln ohne Lehne, von den Gobelintape⸗ ten, worauf kaum noch Form und Farbe kenntlich; kurz, das große, faſt ſtolzirende Gemach, worin ich mich befand, mit ſeinen traurigen Spuren der Ver⸗ gaͤnglichkeit von Dingen, die einſt zum Gluͤcke der beneidetſten Erdenſoͤhne beitrugen, wiegte mich aber⸗ mals in ſchwermuͤthiges Nachdenken uͤber alle Qua⸗ len, die ſich die Reicheren aufbuͤrden und die ſo we⸗ nig reellen Genuß gewaͤhren, und abermals ſchienen mir die Privilegirten dieſer Erde, wie ſchon oft, durch den Werth, den ſie Werthloſem, Vergaͤnglichem geben, bedauernswuͤrdig. Solcherlei Gedanken fuͤhrten mich immer weiter, und ſo trat mir auch hier zuerſt durch das Leben die eigentliche vornehme Abkunft Arweds entgegen, die ich, obgleich ſie meinen Wuͤnſchen ent⸗ — 233— gegenwar, dennoch unmoͤglich uͤberſehen konnte, we⸗ gen ihres frappanten Contraſtes mit dem mir Bekann⸗ ten. In dem Latour'ſchen Hotel in Paris war der Reichthum auf moͤglichſte Weiſe durch modernen Lu⸗ xus an den Tag gelegt, aber eben dieſes Neue gab dem Ganzen eine gewiſſe Oberflaͤchlichkeit, eine Über⸗ tuͤnchung, die man, nach den Mobilien, faſt bei den Eigenthuͤmern vermuthete, auch war in der ganzen Hauseinrichtung wie in dem Benehmen der Beſitzer eine Analogie mit vielen Andern in der Stadt. Es war bei ihnen immerwaͤhrend eine gewiſſe Unruhe, ein Gehen und Kommen, durch des Hausherrn ver⸗ ſchiedene commerzialiſche und politiſche Verbindungen herbeigefuͤhrt, und durch die Nothwendigkeit, worein die Hausfrau geſetzt war, unaufhoͤrlich Gaͤſte zu empfan⸗ gen, Beſuche zu machen, Billetts zu ſchreiben, mit Modehaͤndlerinnen zu conferiren u. dgl. m. Wenn ich mit meiner Mutter ſelten, aber dennoch bei ge⸗ wiſſen Feierlichkeiten, als Neujahrs⸗ und Na⸗ menstag, einen Beſuch dort abſtattete, konnten wir ſchicklicherweiſe kaum laͤnger als zehn Minuten dort bleiben, denn immer kamen Abrufungen und Stoͤ⸗ rungen, und um eigentliche Unterhaltung war es Niemandem zu thun. Bei dem Gouverneur in Fon⸗ tainebleau war dagegen Ruhe, Gelaſſenheit, ſtiller Ernſt, Wuͤrde, Wunſch nach Unterhaltung, der ſich ebenſo ſehr durch Rednertalent als durch das Ta⸗ — 234— lent des Zuhoͤrens kundthut, vorherrſchend, und dieſe Vortheile erwieſen ſich ſchon ſehr deutlich waͤh⸗ rend des erſten Abends, den wir mit dem alten Edel⸗ manne zubrachten. Ich kann es nicht leugnen, es lag hierin fuͤr mich etwas Ehrfurchtgebietendes, was ich bis jetzt weder im aͤlterlichen Hauſe noch bei An⸗ dern kannte. Der Greis trat nebſt dem ganzen Rie⸗ ſenpalaſte, worin er commandirte, wenn auch im unfreundlichen, ſogar verſchollenen Anſehen, doch hoͤchſt eigenthuͤmlich hervor. Hier ſah ich ihn zuerſt durch ſeine Umgebung in einem gewiſſermaßen impoſanten Betragen, und konnten dieſe Gegenſtaͤnde auch nicht Alle meine Bewunderung erregen, und hatte ich den Urſprung derſelben auch ſtets bald von Arwed, bald wieder von Ferdinand verſpotten hoͤren, ſo ver⸗ ſtand ich den alten Hofmann und ſeine Jugendzeit doch hier beſſer und konnte ihm meine Achtung nicht verſagen. Kaum geſellte ich mich den folgenden Morgen zu meinen Ältern, als der Gouverneur ſogleich meinen Vater zur genauen Beſichtigung des Schloſſes auffo⸗ derte, welche der Zweck der Reiſe war. Hoͤflichſt lud er auch uns Frauen zu der Wanderung ein, wo⸗ nach wir uns Alle auf den Weg machten. War ich damals auch mit ganz andern als mit Kunſtideen be⸗ ſchaͤftigt, und hatte ich nur den einzigen Gedanken, warum mich Arwed ſo gaͤnzlich ohne Nachricht ließ, — 235— ſo erkannte ich dennoch in dem Schloſſe zu Fontaine⸗ bleau einen aͤußerſt intereſſanten Gegenſtand, deſſen Anblick rein zu genießen, mich nur meine eignen wi⸗ derwaͤrtigen Gedanken abhielten. Man muß zugleich bedenken, daß mich des Vaters Geſchaͤft von Jugend auf der Kunſt entgegenfuͤhrte, und daß ich durch den Umgang mit Arwed an Gehalt ſowol als Einſicht, an Anſchauungsfaͤhigkeit als Beurtheilungskraft mehr gewann, als ſich gewoͤhnlich von Maͤdchen meines Standes und Alters erwarten laͤßt. Indem ich nun dieſen Umriß meines und Arweds(leider nur zu kur⸗ zen Lebenslaufs) hier entwerfe, glaube ich Ihrem Wunſch, eine Schilderung des hoͤchſt merkwuͤrdigen Schloſſes von Fontainebleau zu vernehmen, am paſſendſten willfahren zu koͤnnen, wenn ich dieſe Schilderung als Epiſode, wie ſie ebenfalls in unſerer Liebes⸗ und Lei⸗ densgeſchichte ſtattfand, hier einſchalte. Der Gouver⸗ neur berichtete, mein Vater fuͤgte manches Fehlende hinzu, ich ſelbſt nahm in Augenſchein, und in Arweds Papieren fand ich ſchon fruͤher von ihm verfaßte, ſichere Notizen, wovon ich groͤßtentheils Abſchriften nahm. Dieſe Vereinigung ſchuf trotz meiner ſchwachen Kennt⸗ niſſe dennoch eine vollkommen richtige Schilderung von dem jetzigen Zuſtande des Schloſſes, wie ſich keine zweite vorfindet.*) *) Um das Vorhandene mit Geſchmack und Nutzen zu ſe⸗ — 236— Welchem Koͤnige von Frankreich das Schloß von Fontainebleau eigentlich ſeine Entſtehung verdankt, wodurch es ſeinen Namen erhielt, daruͤber ward in Frankreich ſchon ſo viel hin und her geſtritten, daß, wie in hundert andern zweifelhaften Faͤllen, zum Fache der Archaͤologie gehoͤrend, nichts mit Sicherheit dar⸗ uͤber anzunehmen iſt, jedoch ſtimmt die Mehrzahl der Chroniken fuͤr Ludwig VII. Einige Alterthumsaus- leger geben die reichen Quellen guten Waſſers in und um Fontainebleau als die Urſache des Namens an, denn Fontaine⸗aux⸗belles⸗eaux ſoll zu Fontaine⸗ bleau verkuͤrzt ſein. Fuͤr die Sicherheit dieſer Tra⸗ dition aber wie mancher andern iſt kein Beweis. Gleich zweifelhaft bleibt die Sage: auf einer koͤniglichen Jagd habe ein Hund, Bleau genannt, eine Quelle aufge⸗ funden, wonach das Schloß und ſpaͤter das Staͤdt⸗ chen den Namen Fontaine⸗de⸗bleau erhalten. Stellte Primaticcio*) dieſen Gegenſtand auch in einer Grotte hen, um aus dem Wirrwarr aller Zeiten und Regie⸗ rungen, die ſich hier verſuchten, einigermaßen ſich zurecht zu finden, dazu gehoͤrt nothwendig ein Kunſt⸗ und geſchichtlich unterrichteter Wegweiſer. Da die gewoͤhnliche Umher⸗ weiſung der bei dem Schloſſe Angeſtellten aber mehr irre⸗ zuleiten als zu belehren pflegt, ſo ſoll, in Ermangelung des Cicerone, dieſe Skizze ſowol fuͤr zukuͤnftige Reiſende als Wißbegierige ſo zweckmaͤßig als moͤglich eingerichtet werden. *) Primaticcio oder St. Martin. Franz I. belehnte Pri⸗ — 237— dar, ſo finden ſich in allen Urkunden und beſſern Werken mehr Gruͤnde fuͤr die Wahrſcheinlichkeit des zuerſt Angefuͤhrten. Unter ſo verſchiedene Vermuthun⸗ gen gehoͤrt auch die, daß der Name Breau, ſpaͤter zu Bleau verwandelt, dem erſten Beſitzer eines fruͤher hier befindlichen Schloſſes oder Lehngutes gehoͤrte. Will man nun bei einer genauen Schilderung den erſten Totaleindruck liefern, ſtellt man ſich in eine gewiſſe Entfernung, um die Hauptfagade und ſo ab⸗ waͤrts Fluͤgel und Nebengebaͤude zu uͤberblicken, wie man bei Anſchauung jedes Prachtgebaͤudes gewohnt iſt, ſo findet man zum Erſtaunen einen unuͤberſeh⸗ baren Rieſenbau, unzaͤhlige verſchiedene, ausgedehnte Fagaden, Thorwege, Hallen, Bogengaͤnge, Saͤulen⸗ wege, Portale, Gitter, Hoͤfe ohne Zahl und Ende, aber nirgends die geſuchte Hauptfagade, nirgends Symmetrie in der Anlage, und man erinnert ſich ſo⸗ gleich der treffenden Bemerkung eines Englaͤnders, der das Schloß von Fontainebleau ein Rendez⸗vous von Schloͤſſern nannte. Vom aͤußern Fernblick alſo imponirt mehr die unvergleichbare Groͤße und Man⸗ maticcio mit der Abtei St. Martin zu Troyes in Cham⸗ pagne, von der er den Namen annahm; noch nannte man ihn wegen ſeines Geburtsortes Boulogne, unter welchem Namen er in Italien und Suͤddeutſchland am bekannteſten iſt. — 238— nichfaltigkeit, als Schoͤnheit durch wohlberechnete Harmonie, und vergebens wuͤrde man hier noch Ein⸗ heit ſuchen. Es iſt nicht meine Abſicht, die Groͤße des Ganzen oder Einzelnen durch beſtimmt berech⸗ nete Maße anzugeben. Der Kunſtler weiß ſie in Werken aufzufinden, wenn ihm darum zu thun iſt, der Laie dagegen hat ſelten eine klare Vorſtellung, wenn von Tauſenden die Rede iſt; einen beſſern Be⸗ griff der Groͤße, glaube ich, gibt der Bericht: daß die geſammten Gebaͤude neunhundert große volſſtaͤn⸗ dige Wohnungen enthalten. Hat man ein geuͤbtes Auge, ſo uͤberzeugt man ſich bald: Einzelnes ſei werth genauer beſichtigt zu werden, und abgeſonderte Theile, noch reichlich ſo groß als manches große Schloß, zei⸗ gen ſich in ſo bewundernswuͤrdigem edeln Style, daß Kunſtkenner ſich ploͤtzlich nach Italien verſetzt glau⸗ ben. Nach Berichten der Reiſenden, nach Unterſu⸗ chungen und Vergleichen der Kuͤnſtler findet ſich be⸗ waͤhrt, es erinnere im ganzen uͤbrigen noͤrdlichen Eu⸗ ropa nichts ſo ſichtbar an Italiens bluͤhende und wieder erwachende Kunſtzeit, als einige Kunſtreſte am Schloſſe zu Fontainebleau. Scheint es doch gleich⸗ ſam, als ſollte der Zufall ſeiner Lage, auf der Poſt⸗ ſtraße von Paris nach Italien, dieſes Schloß zum Tempel der Vorbereitung fuͤr Fortwandernde ſowol als zum Gegenſtande angenehmer Reminiſcenzen füͤr Wiederkehrende ſchaffen. — 239— Bevor man, von dem Waffenplatze kommend, in den großen Hof, Cour des Cuiſines genannt, ein⸗ geht, wird das Auge auf ein Portal doriſcher Ord⸗ nung gerichtet, nach Jamels*) Angabe gebaut. Es zeigt ſich als nicht unbedeutendes Kunſtwerk mit ſei⸗ nen gewoͤlbten Bogen, Saͤulen von rohen Quader⸗ ſteinen, Caſſetten ꝛc., und waͤre man bei dem Beginn einer laͤngern Kunſtwanderung nicht ſtets zum Vor⸗ waͤrtsſchreiten eilig, aus loͤblicher Neugier Beſſeres erwartend, ſo wuͤrde man gern noch hier verweilen. Der ſchon genannte Hof fuͤr Kuͤchen- und Wirth⸗ ſchaftsgebaͤude entſtand unter Heinrich IV. Seine nack⸗ ten Mauern und unfoͤrmlich hohen ſchwarzen Schiefer⸗ daͤcher ließen ihn ziemlich unbedeutend erſcheinen, wenn nicht die Groͤße ſowol als auch ein gewiſſer Cha⸗ rakter ſeiner Zeit, der ſich in dieſen hochaufſtrebenden Daͤchern kundthut, auch ihm einen bedin gten Kunſtwerth gaͤbe, der nicht unbeachtet bleiben kann. Alſo betrachtet ſind die hier befindlichen Schornſteine, wenn auch an und fuͤr ſich dem wahren guten Ge⸗ ſchmacke entgegen, durch ihre beiſpielloſe Hoͤhe ſo ori⸗ ginell, daß ſie, wie Obelisken emporragend, dem Ge⸗ baͤude ein monumentariſches Anſehen aufpraͤgen. Mehr aber als die den Hof von drei Seiten umſchließen⸗ den Pavillons wird die Aufmerkſamkeit von einem *) Von Einigen Jamel, von Andern Jamin genannt. — 240— Gitter angezogen, welches, dem Auge wohlthaͤtig, laͤngs der vierten Seite gegen das Ende von zwei koloſſa⸗ len Hermen durchſchnitten wird, die einer großen Git⸗ terthuͤr zu Pfeilern dienen. Die Hermeskoͤpfe ſelbſt ſind gut geformt. Aber auch hier wird man ſchnell hindurchſchreiten, wie nicht minder durch ein ſchma⸗ les, unſcheinbares Gehoͤfte, von dem bekannt iſt, daß es fruͤher einen tiefen Graben ausmachte, und ehemals eine Bruͤcke hinuͤber zu der Cour du Donjon oder dem ovalen Hofe fuͤhrte, vor deſſen Thorwege man ſich ploͤtzich befindet. Man ward bisher nichts von dieſer Seite des Schloſſes gewahr und erkennt nun das eigentliche alte, mit Recht beruͤhmte Kunſtgebaͤude, welches hier von allen Seiten ſich hervorthut. Das Thor, welches zu dieſem ovalen Hofe fuͤhrt, iſt unter dem Namen der Dauphinspforte oder der Taufcapelle Ludwigs XIII. bekannt. An ihm zeigt ſich auf den erſten Blick ſchon ſo ganz heterogener Kunſtgeſchmack, daß verſchiedene Zeiten und Meiſter unverkennbar ſind. Seine Poſtamente, Pllaſter, Niſchen, antike Masken, wie das ganze eigentliche Portal und Geſimſe, gehoͤren offenbar jener Wieder⸗ geburt des Beſſern an, nur leider zu fruͤh von dem Daͤmon der Ausartung unterdruͤckt, der in allen Kuͤn⸗ ſten nach einer bluͤhenden Periode die vergeblichen Verſucher des Guten, denen es an wahrem Genius mangelte, auf Abwege leitete. Dieſe Abweichung tritt — 241— grell, unharmoniſch, widerſprechend an der dem Thore ſpaͤter hinzugefuͤgten kuppelartigen Woͤlbung mit ih⸗ rem kleinen Glockengehaͤuſe hervor, unter dem Na⸗ men der Taufcapelle bekannt. Waͤhrend der Regie⸗ rung Heinrichs IV. ward ſie bald nach der Geburt Ludwigs XIII. errichtet, und zwar damit die Taufe dieſes Dauphins ſo viel als moͤglich im Freien ſtatt⸗ finden koͤnne. Maria von Medici, die Woͤchnerin, der es noch nicht erlaubt war, ihre Gemaͤcher zu ver⸗ laſſen, wuͤnſchte von dort herab der Handlung zuzu⸗ ſehen, weswegen das Gewoͤlbe, in kuͤhnen Bogen⸗ ſchwingungen geoͤffnet, nur an den vier Ecken auf⸗ ruht und den Blick in die Taufcapelle hinein frei⸗ laͤßt. Durch dieſe Dauphinspforte gelangt man zu der ſchon erwaͤhnten Cour du Donjon oder dem ovalen Hofe*). Hier fuͤhren die Gebaͤude allein das be⸗ ſtimmte alte, alterthuͤmliche, zugleich ehrwuͤrdige Gepraͤge, welches man gewoͤhnlich irrigerweiſe von dem ganzen Schloſſe erwartet, und hier zuerſt wird man, abgerechnet von der Groͤße des Geſammten, auch von dem Einzelnen, Naͤchſten imponirend uͤberraſcht. überall tritt Kunſt und Kuͤnſtliches, den Geiſt ſeiner Zeit deutlich ausſprechend, hervor, uͤberall moͤchte man zugleich hinſchauen, von Allem, uͤber Alles unterrich⸗ *) Der letzte Name iſt der bekanntere. 16 — 242— tet ſein. Fuͤnf und vierzig Saͤulen mit verſchieden geſtalteten Kapitaͤlern, laͤngs drei Viertel der Ge⸗ baͤude einen Altan tragend, feſſeln zuerſt, dann, nicht minder in der Mitte des rechten Fluͤgels, ein ſchoͤnes Portal, durch doppelt gereihte Bogenſtellungen gebildet; ihm gegenuͤber zeigt der linke Fluͤgel ſeinen architektoniſchen Reichthum durch hohe, von Fenſtern*) verſchloſſene Arkaden, im reinſten und reichen Style zugleich. Zu viel muͤßte man die Worte reich, ſchoͤn, charakteriſtiſch wiederholen, wollte man nach Werth loben, und da jede Beſchreibung nur einen ſchwachen Begriff der Wirklichkeit liefern kann, ſo muͤßte man den Wißbegierigen eher zum Anſchauen einladen. Will man nun, nach der erſten Überraſchung des gedankenloſen Anſchauens, geſchichtlich, ich moͤchte ſa⸗ gen, urkundlich in Augenſchein nehmen, ſo wende man ſich zu dem kleinen runden Thurme, der gleich an der Ecke des linken Fluͤgels lehnt. Dieſe Stelle iſt als der eigentliche Kern des Schloſſes anzuſehen, woran ſich alle uͤbrigen Bauten erſt mit den Jahren reihten. Hier ließ Ludwig VII.(wie ſchon geſagt, der wahrſcheinliche Gruͤnder von Fontainebleau), etwa um die Mitte des zwoͤlften Jahrhunderts, zwei Ka⸗ pellen uͤber einander errichten, die der heiligen Jung⸗ frau und dem heiligen Saturnin gewidmet wurden, *) Nach Vermuthungen erſt ſpaͤter hinzugefuͤgt. — 243— und obgleich die Urkunden nur eines Waldes zu Bière erwaͤhnen, ſo iſt der Platz zu genau bezeichnet, als daß man nicht mit Recht annehmen koͤnnte, der Wald allein habe damals noch jenen Namen gefuͤhrt. Vor Ludwig VII. findet ſich in den Chroniken keine Spur von einem koͤniglichen Gebaͤude in die⸗ ſer Gegend. Dagegen beweiſt eine Urkunde von 1169, daß Ludwig VII. an beſagter Kapelle ei⸗ nen Kapellan fuͤr lebenslaͤnglich anſtellte. Sie enthaͤlt buchſtaͤblich Folgendes: Waͤhrend des Auf⸗ enthaltes des Koͤnigs, der Koͤnigin oder ihres Sohnes zu Fontainebleau, ſoll der Kapellan taͤg⸗ lich erhalten 4 Brote, †¼ Siebentel Wein, 2 De⸗ niers fuͤr ſeine Kuͤche und eine Toiſe*) Talglichter. — Es iſt zu vermuthen, dieſe Kapelle, obgleich in den Chroniken oft als Kirche angefuͤhrt, habe den Beduͤrfniſſen ſpaͤterer Kirchen, die allgemein mit Be⸗ graͤbnißgewoͤlben verſehen wurden, nicht entſprochen, da Ludwig VII. die Kirche unſerer Liebfrauen zu Barbeu, eine halbe Stunde entfernter, zu ſeinem Begraͤbniſſe waͤhlte. Der Autor Belleforeſt be⸗ merkt: Karl IX. ließ im Jahre 1566 Ludwigs VII. Grab oͤffnen, und zum Erſtaunen fand man den Leichnam noch wohl erhalten im koͤniglichen Ornate, mit Ringen an den Fingern und einem goldenen *) Etwas mehr als 6 rheiniſche Fuß. 16* — 244— Kreuze auf der Bruſt. Es wird aber nicht ferner erwaͤhnt, ob man der Urſache dieſer Seltenheit nach⸗ forſchte, und ſo iſt nicht erwieſen, ob der Beſtandtheil des Bodens, des Sarges, des Gewoͤlbes oder gar Einbalſamirung dieſe Erhaltung bewerkſtelligte. Von beſagter Kapelle iſt heutzutage nicht der kleinſte Reſt geblieben; nur der Platz kann bezeichnet werden, der in viel ſpaͤtern Jahren von Franz I. zum naͤm⸗ lichen Zwecke neu angebaut ward, welches in chrono⸗ logiſcher Ordnung ſpaͤter bezeichnet werden ſoll. Von Ludwig VII. bis Ludwig IX., den Heiligen genannt, iſt nicht weiter von jener Gegend die Rede, dann aber erfaͤhrt man, daß dieſer letztgenannte Koͤ⸗ nig ſich beſonders in den majeſtaͤtiſchen Waͤldern von Fontainebleau, die blaͤuliche Felſenmaſſen durch⸗ ſchneiden, gefiel, und nannte er ſie auch ſeine Einoͤde, ſo theilte er dennoch ſeine Zeit dort gaͤnzlich zwiſchen Andacht und Jagd. In Folge dieſer Vorliebe(und weil wahrſcheinlich die Wohnung bei der Kapelle Lud⸗ wigs VII. ſchon zu beſchraͤnkt ward) ließ Ludwig IX., kaum einige 50 Schritte davon entfernt, ein Gebaͤude aufrichten, noch heute unter dem Namen des Pavil⸗ lons des heiligen Ludwigs bekannt. Es befindet ſich der Dauphinspforte gerade gegenuͤber, iſt hoͤchſt ein⸗ fach und unſcheinbar im Außern, ſeine Mauern ſind theilweiſe und genau in ihrer Grundlage ſeit ihrem Urſprunge erhalten. Es iſt nicht mit Gewißheit zu — 245— beſtimmen, ſeit wann die erſte innere Einrichtung in dieſem Pavillon veraͤndert ward, aber nach den Be⸗ richten Peter Dan's, eines der fruͤheſten Beſchrei⸗ ber von Fontainebleau, der etwa um die Mitte des ſiebzehnten Jahrhunderts ein Werk uͤber dieſen, da⸗ mals noch in vollem Glanze prunkenden Palaſt her⸗ ausgab, war ſchon zu ſeiner Zeit keine Spur mehr des erſt vorhandenen dort. Peter Dan, wie die ihm naͤchſtfolgenden Beſchreiber reden mit der groͤßten Genauigkeit von der zu ihrer Zeit noch exiſtirenden Pracht, womit Franz I. die Gemaͤcher in dem Lud⸗ wigspavillon ausſchmuͤcken ließ; ob dieſer Koͤnig aber der erſte Veraͤnderer des urſpruͤnglichen war, kann nicht mit Gewißheit behauptet werden. Die Maler Niccolo und Primaticcio wurden gaͤnzlich von ihm mit der Verzierung hier beauftragt, und iſt auch heutigen Tages von den Werken dieſer Kuͤnſtler hier nichts mehr zu ſehen, ſo werden ſie dennoch wuͤrdig von den Werken des Ambroiſe Dubois, unter Hein⸗ rich IV. ausgefuͤhrt, erſetzt. Die Formen der Ge⸗ maͤcher zeigen noch den deutlichen Überreſt vieler Jahr⸗ hunderte, und von dem dritten Zimmer, welches noch jetzt den Namen des Ludwigszimmers fuͤhrt, weiß man ſicher, daß es von dieſem Koͤnige taͤglich be— wohnt ward. Das vierte erhielt den Namen des ovalen Zimmers, um genau ſeine fruͤheſte unveraͤn⸗ derte Geſtalt zu bezeichnen. Die tiefen Comparti⸗ — 2246— „ mente des Plafonds, mit reichen Gewinden und Ver⸗ goldungen praͤchtig geſchmuͤckt, enthalten noch friſch in Farbe Genien und Blumenſtuͤcke von Ambroiſe Du⸗ bois, die einen bedeutenden Eindruck zuruͤcklaſſen und nicht genug bewundert werden koͤnnen. In dieſen Gemaͤchern befand ſich auch das unter Franz I. mit vieler Sorgfalt geſammelte Kunſt⸗ und Raritaͤten⸗ cabinet, was ebenfalls laͤngſt aufgeloͤſt iſt, zu ſeiner Zeit aber europaͤiſchen Ruf beſaß. Wir muͤſſen zur Ehre deſſelben vermuthen, ſeine uͤbrigen Merkwuͤrdig⸗ keiten hatten mehr wahren Gehalt als ein von Peter Dan mit großer Naivetaͤt beſonders erwaͤhntes Phaͤ⸗ nomaͤnum. Er aͤußert ſich daruͤber folgendermaßen: „In dem ſeltenen Kunſtcabinete im heiligen Lud⸗ wigspavillon befindet ſich unter andern Merkwuͤrdig⸗ keiten eine ſiebenkoͤpfige Hyder oder Schlange, etwa 1½ Fuß groß, die ich nicht allein oft ſah, ſondern in Haͤnden hielt. Es iſt dieſelbe Hyder, von der Con⸗ radus Lycoſtenes in ſeiner Abhandlung uͤber die Wun⸗ der ſpricht, wie auch Peter Boaiſtuan, genannt Lan⸗ nay. Erſterer berichtet uns, dieſes Wunderthier ſei einbalſamirt von den Venetianern aus der Turkei ge⸗ bracht und 6000 Ducaten geſchaͤtzt worden. Wegen ſeiner großen Seltenheit ſchenkten es die Venetianer dem Koͤnige Franz I, aber entweder das Ungluͤck der damaligen Zeit oder die Sorgloſigkeit der Hü⸗ ter war Schuld, daß die ſieben Koͤpfe von den Ratzen — 2— gefreſſen wurden. Nur der Leib und etwas von dem Halſe iſt noch uͤbrig geblieben, welche Reſte ich denn auch mit vieler Aufmerkſamkeit betrachtete, da es Menſchen gibt, die Alles, was die Alten von den Hydern ſchreiben, fuͤr eine Fabel halten.“ Nicht unintereſſant iſt folgende Nachweiſung von dem Naͤmlichen: „Ich erinnere mich noch ſehr gut, daß man mir etwa vor zwanzig Jahren in dieſem Cabinete eine kleine bleierne Figur zeigte, die Jungfrau Maria dar⸗ ſtellend; man glaubte, es ſei dieſelbe, die Ludwig XI. ſtets an ſeinem Hute trug, und von der auch Phi⸗ lipp von Comines in dem achten Capitel des zweiten Buches ſeiner Memoiren ſpricht*). Ich war ſeitdem ſchon oft wieder in dem Cabinete, doch fand ich die Figur nicht mehr.“— Noch einige in dieſem Pavillon befindliche Gemaͤ⸗ cher, die unter Ludwig XIII. Veranderungen erlitten und ſchlimmere gegen das Ende des letzten Jahr⸗ hunderts, verdienen immerhin von den Beſuchenden in Augenſchein genommen zu werden, ohne daß ſich indeſſen dort ein eigentliches Kunſtwerk noch aufwei⸗ ſen ließe.. Den Ludwigspavillon verlaſſend, wendet man ſich gewoͤhnlich, von der Dauphinspforte an gerechnet, *) und Walter Scott in„Quentin Durward.“ — 248— zu dem linken Fluͤgel, der jedoch von dem oben be⸗ ſchriebenen durch das viel beruͤhmte goldene Thor ge⸗ trennt iſt. Es woͤlbt ſich unter einem thurmaͤhnli⸗ chen, in ſieben Etagen ſich erhebenden Pavillon, deſ⸗ ſen maſſives alterthuͤmliches Anſehen noch immer von impoſantem Eindruck iſt. Es entſtand ebenfalls unter Franz I., und Gemaͤlde, Vergoldungen, wie mannichfache andere Verzierungen daran, ſollen jeden Begriff von Pracht und Schoͤnheit uͤbertroffen haben. Was die Vergoldungen betrifft, ſo ſind ſie durch die zerſtoͤrende Hand der Jahre und Begebenheiten gaͤnz⸗ lich verſchwunden, von den Gemaͤlden des Primaticcio dagegen, die Geſchichte des Hercules und Ikarus vor⸗ ſtellend, erhielt ſich noch ein kleiner ſchwacher Reſt, der, wenn auch fuͤr den Laien wenig befriedigend, die Enthuſiaſten der Kunſt noch feſſeln kann. An dieſes goldene Thor lehnt ſich der linke Fluͤgel des ovalen Hofes in ſeiner betraͤchtlichen Laͤnge. Er enthaͤlt den beruͤhmten großen Feſtſaal, unter Franz I. erbaut, der zugleich unter dem Namen des Schwei⸗ zerſaals oder der Galerie Heinrichs II. bekannt iſt, und gewaͤhrt mit ſeinen hohen Bogenfenſtern, mit ſeinen vielen reichen Ornamenten, im ÄAußern wie im Innern einen wahrhaft pompoͤſen Anblick. Die Mauern ſind von ſo ſeltener Dicke, daß die hier be⸗ findlichen vielberühmten Gemaͤlde des Primaticcio, Niccolo und Touſſaint Dubreuil faſt allein die unge⸗ — 2249— heuer tiefen Fenſterniſchen zieren. Nicht nur der Kunſtkenner, auch Jeder, der die Kunſt ſchaͤtzt und uͤber Das, was Großes durch ſie entſtand, unterrichtet i*ſt, weiß von den einſt ſo herrlichen Fresken des Pri⸗ maticcio und Niccolo in dieſem Feſtſaale; er weiß, wie ſich die Meiſter hier in den dargeſtellten Bacchanalien ſelbſt uͤbertrafen. Tritt man hier nun mit groͤßeren Erwartungen ein, ſo bedauert man auch die groͤßere Zerſtoͤrung der Farbenpracht, die unbeſchreiblich ſchoͤn geweſen ſein ſoll; von der reichen, uͤberreichen Erfin⸗ dung, moͤchte man ſagen, iſt dagegen noch Kenntli⸗ ches genug, um die ſchoͤnen Conturen, die Fuͤlle geiſtreicher Erfindung bewundern zu koͤnnen, und von ſeltenem, faſt unvergleichlichem Eindruck bleibt die Groͤße der Anlage, namentlich des Baues. Die unter Franz I. begonnene Ausſchmuͤckung dieſes Saales gelangte erſt unter Heinrich II. zur Vollendung, und ſo ſieht man hier die Chiffern dieſes Koͤnigs mit denen der Diana vou Poitiers uͤberall in Verſchlingungen angebracht, wie an manchen andern Stellen des Palaſtes Koͤnig Franz dieſer Dame aͤhnliche Huldigung brachte, denn bekanntlich fand Heinrich II. die Geliebte des Vaters nach deſſen Tode noch reizend genug, ihr auch ſeine Gunſt zu ſchenken. Plafond, Orcheſtertribune, Ka⸗ min, welches Letztere indeſſen nur ein Schatten von Dem iſt, was es einſt war, verdienen noch immer die groͤßte Aufmerkſamkeit. — 250— Von dieſem Feſtſaale tritt man unmittelbar in die jetzige Bibliothek. Sie befindet ſich in einem kleinen runden Thurme, der genau den Platz der erſten uͤber einander befindlichen Kapellen(von Ludwig VII. ge⸗ ſtiftet, wie oben erwaͤhnt ward) einnimmt. Schon unter Franz I. begannen hier die Veraͤnderungen, und das ſchoͤne Schiff ward nach ihm die Koͤnigs⸗ capelle genannt. Eine reiche Tribune iſt aus den Zeiten Heinrichs II., andere Ornamente von Hein⸗ rich IV., und ſelbſt Ludwig XIII ließ hier arbeiten; doch iſt die jetzige Buͤcherſammlung viel zu reich fuͤr den beſchraͤnkten Ort, um das Genannte zu uͤberſehen. Nur der Plafond iſt frei, an dem man Cherubim, Roſaſſen, goldene Namenverſchlingungen von Hein⸗ rich IV. und Maria von Medici bewundert; noch mehr Aufmerkſamkeit erregt aber die ſolide Conſtruc⸗ tion, wenn man erfaͤhrt, weder Eiſen noch Holz ver⸗ binde die Steinmaſſen; ſo ſehr ſtaunte der Baumei⸗ ſter Serlio uͤber ſeine eigne Kuͤhnheit, daß er nicht wagte, bei der Fortraͤumung der Holzgeruͤſte zugegen zu bleiben. Der rechte Fluͤgel, unter Heinrich IV. erbaut, ent⸗ haͤlt die Gemaͤcher der Maria von Medici oder der Koͤnigin, und beſteht aus einigen zwanzig Zimmern, Saͤlen, Galerien, die unter den verſchiedenſten Re⸗ gierungen entſtanden, mit dem verſchiedenſten Geſchmacke decorirt ſind und immerwaͤhrend Veraͤnderungen er⸗ — 251— litten. Nur an Ort und Stelle ſelbſt kann die Er⸗ klaͤrung der Beſtimmung jedes Einzelnen einigerma⸗ ßen intereſſiren; da es aber mit wenigen Ausnahmen hier an eigentlichen Kunſtwerken fehlt, ſo moͤchte die Beſchreibung von modernen Mobilien, ſeidenen und ſammetnen Vorhaͤngen wenig Liebhaber finden. Be⸗ ſondere Aufmerkſamkeit verdient dagegen in dieſer Reihe von Gemaͤchern die Galerie der Diana. Sie befindet ſich auf demſelben Platze, wo Hein⸗ rich IV. im Jahre 1600 zwei Galerien uͤber einander errichten ließ, die obere, Galerie der Diana, die untere, Galerie der Hirſche genannt. Beide wurden gegen das Ende des letzten Jahrhunderts gaͤnzlich zerſtoͤrt, nachdem jedoch die untere ſchon ſehr im Verfalle war; hierzu gehoͤrte noch eine dritte kleinere, welche die Galerie der Rehe hieß. Die Benennung der beiden letzteren entſtand von ihren Verzierungen durch Hirſch- und Rehgeweihe, welches an und fuͤr ſich wenig Aufmerkſamkeit verdiente, wenn nicht aber⸗ mals eine Bemerkung Peter Dan's, der namentlich die Hirſchgalerie noch in ihrem Glanze ſah, zu er⸗ waͤhnen waͤre. Nachdem er eine weitlaͤufige Schil⸗ derung liefert von den dreiundvierzig Hirſchkoͤpfen in Gips geformt, mit vergoldeten Geweihen, wovon ein Theil zugleich dazu diente, funfzehn Gemaͤlde von Dubreuil(Frankreichs koͤnigliche Landſchloͤſſer darſtel⸗ lend) zu durchſchneiden, fuͤgt er Folgendes hinzu: — 252— „Die Hirſche, deren Geweihe dieſe Galerie zieren, ſollen 3 bis 400 Jahr und daruͤber alt geworden ſein, wenn es naͤmlich wahr iſt, daß dieſe Thiere ſo lange leben koͤnnen, wie Diejenigen verſichern, welche Naturgeſchichte ſchreiben. Einen Beweis lie⸗. fert allerdings der Hirſch, deſſen verſchiedene Schrift⸗ ſteller erwaͤhnen, den naͤmlich Karl VI. 1381 in dem Walde zu Senlis einfing. Das Thier trug ein Hals⸗ band von vergoldetem Kupfer, auf welchem folgende Worte eingegraben waren: Caesar hoc me donavit. Der Koͤnig fuͤgte hierauf einen gefluͤgelten Hirſch mit einer goldenen Krone um den Hals ſeinem Wappen hinzu, in der feſten Meinung, der Hirſch habe ſein Halsband von Julius Caͤſar ſelbſt empfangen*). *) Montfaucon,„Les monuments de la monarchie française.“ Tome IIIme. p. 76.„Le roy(Charles VI) chassant en la forét de Senlis, dit Juvenal des Ur- sins, prit un cerf vivant, qui avoit au cou un collier de cuivre doré, ou étoit cette inscription:„Hoc me Caesar donavit.“ Depuis ce temps là il prit deux cerfs volants pour supports de ses armes. Froissart dit, qu'il prit le cerf volant en sa devise, parce qu'il eut un songe, ou il lui sembloit, qu'il étoit monté sur un cerf volant.— L'histoire du cerf trouvé dans la forét de Senlis a tout l'air d'une vision et d'un conte fait à plaisir.“ Jean Juvenal des Ursins,„Histoire de Char- les VI.“ Paris, 1614. 4. p. 12.(an 1380).„Et de là(de Sainct Denys) s'en alla à Senlis pour chasser. — 253— Das tragiſche Ende des Marquis Monaldeschi, in dieſer Hirſchgalerie, iſt zu weltberuͤhmt, als daß man den Ort bezeichnen koͤnnte, ohne dieſer ſchaudervollen That der Rache und des Despotismus mit Abſcheu zu erwaͤhnen, und der Bericht des Pater Lebel, der dem Ungluͤcklichen in ſeiner letzten Stunde beiſtand, i*ſt hinreichend, uns mit dem groͤßten Widerwillen ge⸗ gen die Gewalt der damaligen Fuͤrſten zu erfuͤllen. Daß Lebel weder Huͤlfe zu leiſten noch ſpaͤter ein Urtheil uͤber dieſe ſich unter ſeinen Augen zutragende Schandthat erlaubte, gibt uns ein trauriges Beiſpiel mehr von der Allgewalt der Herrſcher und der Un⸗ terthanen blinde Unterwuͤrfigkeit in damaligen Zeiten. Die obere Galerie zierten Epiſoden aus der Ge⸗ ſchichte der Diana, am gewoͤlbten Plafond und an den Waͤnden. Nach den Fragmenten davon(die in einem Schloßmagazine noch aufbewahrt werden) zu urtheilen, muͤſſen jene Malereien des Ambroiſe Du⸗ bois in einem wahrhaft edeln antiken Style bewun⸗ Et feut trouvé un cerf, qui avoit au col une chaisne de cuivre doré, et defendit qu'on ne le prit que au las sans le tuer et ainsi fut faict. Et trouva on, qu'il avoit au col ladicte chaisne ou avoit escrit: Cae- sar hoc mihi donavit. Et dès lors le roy de son mouvement porta en devise le cerf volant couronné d'or au col, et par tout, oùð on mectoit ses armes, y aveit deux cerfs tenans ses armes d'un costé et d'autre. — 254— dernswuͤrdig geweſen ſein; man rettete dieſe Frag⸗ mente vor gaͤnzlicher Zerſtoͤrung, als man wegen un⸗ ſolider Bauart der Holzdachung gezwungen war, das Gewoͤlbe niederzureißen. Man ſieht an ihnen noch Caſſetten mit Gruppen und Figuren, heidniſche Gott⸗ heiten vorſtellend, Blumengewinde, Arabesken, Cameen, die man trotz dem, was ſie gelitten, als Meiſterwerke anerkennen muß, und von dieſen Proben und den Beſchreibungen laͤßt ſich auf die Schoͤnheit und den Geſchmack des Ganzen ſchließen. Auf dieſem naͤm⸗ lichen Platze nun ward 1811 unter Napoleon eine neue Dianengalerie begonnen, die nach kaiſerlichem Befehle in nichts der erſten nachſtehen ſollte. Was Reich⸗ thum an Marmor, Vergoldung, Glanz und friſchen Farben betrifft, ſo ward des Herrn Wort buchſtaͤb⸗ lich befolgt, und die Laͤnge von 120 Fuß traͤgt noch dazu bei, den erſten frappirenden Eindruck zu ver⸗ mehren; geht man aber ins Einzelne uͤber, und nahm man die erwaͤhnten Fragmente des Ambroiſe Dubois ſchon fruͤher in Augenſchein, ſo bedauert man, daß der Geſchmack der mit der Ausſchmuͤckung hier beauf⸗ tragten Kuͤnſtler dem fruͤhern nachſteht. Um den Bau zu definiren, muͤßte man ihn italieniſch nennen, wobei jedoch zu bemerken iſt, daß Ruͤckſichten wegen verſchiedener unguͤnſtiger Ortlichkeiten zu nehmen wa⸗ ren, deren Wirkung trotz aller kuͤnſtlichen Geſchick⸗ lichkeit nicht zu verbergen war. Hierzu gehoͤrt vor — 255— Allem die unverhaͤltnißmaͤßig beſchraͤnkte Breite im Verhaͤltniß zu der bedeutenden Laͤnge und die Un⸗ moͤglichkeit, wegen anſtoßender Gebaͤude uͤberall, wo noͤthig, Licht eindringen zu laſſen. Trotz ſolcherlei Hinderniſſe benutzte der Architekt dennoch einige Huͤlfs⸗ mittel mit gluͤcklichem Erfolge, wozu man an beiden Enden Abtheilungen, durch Saͤulen und Pilaſter ge⸗ bildet, rechnen muß, die Laͤnge ſcheinbar verkuͤrzend. Mit weniger Erfolg als der Architekt, arbeiteten hier einige junge Maler am Plafond, und die kleinern Wandgemaͤlde auf Leinwand von verſchiedenen Mei⸗ ſtern und Meiſterinnen ſcheinen ihrem kleinlichen Maßſtabe nach bei ihrer Entſtehung nicht fuͤr den Zweck beſtimmt zu ſein, weswegen es hier nicht an ſeinem Platze waͤre, ſie einzeln herzurechnen. Kann man die Vergangenheit hier vergeſſen, wo der Ort unaufhoͤr⸗ lich an die Vergangenheit mahnt, kann man dem neu Geſchaffenen hier Aufmerkſamkeit ſchenken, ſo verdie⸗ nen die Arabesken, Cameen u. ſ. w. von dem Maler Blondel hinter der obern Saͤulenabtheilung die erſte Erwaͤhnung; jedoch bleibt es ſtets zu wuͤnſchen, daß Frankreichs erſte Kuͤnſtler, deren Namen bis jetzt hier vermißt werden, ſich einſt in dieſem ſeit ſeiner Ent⸗ ſtehung der beſten Kunſt geweihten Palaſte noch ver⸗ ewigen moͤgen. Dieſe Galerie, die trotz ihrer Maͤn⸗ gel majeſtaͤtiſch und ſehenswuͤrdig genannt zu werden verdient, ward erſt unter Ludwig XVIII. vollendet, — 256— und ſo traͤgt ſie noch mittelbar dazu bei, die Ideen des Beſchauers von der aͤlteſten zu der neueſten Zeit hinuͤber zu leiten. Hat auch faſt jeder Theil an dem Schloſſe von Fontainebleau mehr oder weniger Ver⸗ aͤnderung ſeit ſeiner Entſtehung erlitten, ſo iſt auch jeder mehr oder weniger geſchaffen, die Gedanken des Beſchauers auf die Zeit jener Entſtehung zu lenken, auf den Geiſt, der die Zeit belebte, auf die Urſache des Geiſtes. Und wie kann man, wenn man alle dieſe Erſcheinungen der Reihe nach durchgeht, wenn ſich die Wirkung vor unſern Augen entfaltet, ohne Aufenthalt bei einem Napoleon vorbeieilen?— Auch er wollte in dem Rieſenpalaſte zu Fontainebleau, wie alle ſeine Vorgaͤnger verfloſſener Jahrhunderte, ein Denkmal zuruͤcklaſſen, und ſo mußte dieſes Denkmal den Stempel des neuen Jahrhunderts tragen. Das Beruͤhmteſte war hier laͤngſt durch ſchlechte Pflege und eine ſich grauſam raͤchende Zerſtoͤrungsſucht un⸗ tergegangen; nichts fand ſich mehr von der weltbe⸗ ruͤhmten Ulyſſesgalerie, nichts von Fontainen und Statuen und andern großen Wunderwerken, mit de⸗ nen zu meſſen man ſich haͤtte fuͤrchten muͤſſen; indeß hatten die Werke des ſchwerfaͤlligen Geſchmacks aus den letztern Zeiten des XV. und XVI. Ludwigs, wo die hundertfach gekruͤmmte Verzierung Gemein⸗ ſchaft mit einer Allongenperuͤcke verrieth, allen Stuͤr⸗ men getrotzt. — 257— Bei dem Auftreten eines Napoleon, mit dem Er⸗ wachen des neuen Jahrhunderts wurden Peruͤcken und Verſchnoͤrkelungen verbannt, und gleich raſch und kraͤftig wie der junge Herrſcher, ward der Gegenſatz des Einfachen geſucht; in dem Baue der Dianen⸗ galerie ſollte er vorherrſchen, doch war es eben dieſes Suchen, woran man ſcheiterte; ob indeſſen die Aus⸗ ſchmuͤckung unter einem Napoleon nicht geuͤbtern Haͤn⸗ den anvertraut worden waͤre, bleibt die Frage. Verlaͤßt man die Dianengalerie, ſo wird in einer langen Zimmerreihe die Aufmerkſamkeit zuerſt auf den Plafond in dem Schlafzimmer der Koͤnigin gefeſſelt, indem er Alles an Reichthum uͤbertrifft, was man ſich in dieſer Art denken kann. Das Paradebett der Koͤnigin Maria Antoinette, welches in der Revolution veraͤußert war, wurde von Napoleon zuruͤckgekauft und wieder hier an ſeinen fruͤhern Platz geſtellt; aber nicht ohne ernſtes Nachdenken vernimmt man, daß die Koͤ⸗ nigin dieſes Bett nie ſah, da, noch bevor der ſel⸗ tene, reiche, ſchwere Damaſtumhang, unter dem ſie ihr Haupt zur Ruhe legen wollte, aufgerichtet und gehoͤ⸗ rig geſtuͤtzt war, ſie ihr Haupt unter des Henkers Beil legen mußte!——— Wer Sammet und Seide, Gold und Flitter be⸗ wundern kann, wird demnaͤchſt Napoleons Thronſaal betrachten und auch hier den Reichthum des Pla⸗ fonds anſtaunen; wer geneigt iſt, Reflexionen zu machen 17 — 258— uͤber das menſchliche Schickſal, uͤber Gluͤck und Ver⸗ haͤngniß, wird in dem ſiebzehnten Zimmer, trotz ſeiner Unſcheinbarkeit, vor einem kleinen, runden, unan⸗ ſehnlichen Tiſche verweilen, um die Inſchrift zu leſen: es ſei der Tiſch, auf dem Napoleon den 11. April 1814 ſeine Abdankung unterzeichnete!—— Man lieſt dieſes, lieſt wieder, bedenkt, traͤumt und iſt ſo ganz von dem Inhalte dieſer wenigen Worte durchdrungen, daß man den Reſt der unbedeutenden Zimmer in dieſem Theile des Schloſſes unaufmerk⸗ ſam durcheilt.. Will man nun nicht durch unaufhoͤrliches Sehen und Forſchen bis zur Abſpannung ſich ermuͤden, ſo mache man kurze Raſt und zwar im Freien, um auf dieſe Weiſe doppelt den uͤberraſchenden, von dem vorigen voͤllig abweichenden Anblick des Fontainenhofes zu genießen. Dieſen großen, ſchoͤnen, regelmaͤßigen Platz zu uͤberſchauen, wende man ſich gaͤnzlich nach der entgegengeſetzten Seite, dort wird man ebenſo ſehr von der Ausſicht auf den großen Teich(einem klei⸗ nen Landſee zu vergleichen), von dem lieblichen Blu⸗ mengarten, dem duͤſter erhabenen Walde dahinter, als von der Anſicht praͤchtiger Gebaͤude, die den Hof von drei Seiten umſchließen, angezogen. Ein ſehr ſchoͤner Brunnen nebſt einer beruͤhmten Perſeusſtatue waren einſt die Zierde dieſes Hofes, neuerdings ward am — 259— naͤmlichen Orte eine Statue des Ajax(nicht uͤbel aus⸗ gefuͤhrt) errichtet. Von Neuem treffen wir in dem Fontainenhofe mit dem hervorſtrebenden Kunſteifer unter Franz I. zu⸗ ſammen, denn dieſer Hof entſtand faſt gaͤnzlich unter ihm. Streift der Blick gegen Mittag in die weite erhabene Landſchaft hinuͤber, ſo hat man zur Linken den Fluͤgel, der einſt den beruͤhmten Saal des ſchoͤ⸗ nen Kamins enthielt und jetzt als Komoͤdienſaal dient; mit welchem Rechte aber das Kamin hier die Obergewalt ausuͤbte, beweiſen die koſtbaren Reſte, die ebenfalls noch in einem Magazine aufbewahrt werden. Der rechte Fluͤgel, in voͤlliger aͤußerer Harmonie mit dem linken, zeigt ſich uns im Innern mehr ge⸗ ſchichtlich als kunſtmerkwuͤrdig. Dieſelben Gemaͤcher, die Karl V. von Spanien bewohnte, als er 1539 nach Fontainebleau kam, dienten 1560 zur Notablen⸗ verſammlung bei Gelegenheit der Verſchwoͤrung von Amboiſe, und wurden den 20. Juni 1812 vom Papſte Pius VII. bezogen, der erſt den 23. Januar 1814 ſeine Freiheit wiedererlangte. Waͤhrend dieſer zwei⸗ jaͤhrigen Gefangenſchaft wollte der Papſt die Erlaub⸗ niß, Garten und Umgegend bis zu einer gewiſſen Entfernung zu beſuchen, abſichtlich nicht benutzen. Er verbannte ſich zwiſchen ſeine Mauern und begehrte nicht einmal das Schloß zu ſehen. Daruͤber befrem⸗ 471* — 260— det, machte ihn der Herzog von Cadore eines Tages darauf aufmerkſam: es ſeien ſtets Wagen und Pferde zu ſeinem Befehle bereit. Zu meinem Befehle? fragte Seine Heiligkeit; gut, ſo laſſe man vorfahren! Er ſtieg ein; als er aber auf die Frage, wohin man man ihn fahren ſolle: Directe nach Rom! ant⸗ wortete, und man nicht gehorchen konnte, eilte er ſogleich in ſein Gemach zuruͤck und verließ es bis zu ſeiner voͤl⸗ ligen Befreiung nicht wieder. Nicht ganz mit Stillſchweigen kann man die, fuͤr den Anblick eines Papſtes unpaſſenden Gegenſtaͤnde uͤber⸗ gehen, auf den Gobelintapeten dargeſtellt, womit hier die Waͤnde behangen ſind. Man waͤhlte dieſe Wand⸗ bedeckung wegen des beſſern Schutzes gegen Kaͤlte und konnte nur Gegenſtaͤnde aus der Mythe, grell abſte⸗ chend gegen paͤpſtliche Wuͤrde, finden. Zwiſchen den beiden genannten Fluͤgeln erhebt ſich als Hauptfaçade des Fontainenhofes ein uͤberaus ſchoͤ⸗ nes Mittelgebaͤude, woran ein bewundernswuͤrdiger Porticus, durch Arcaden gebildet, einen Altan traͤgt. Dieſer wahrhaft majeſtaͤtiſche Hof, deſſen Anblick nach Jahrhunderten noch eindrucksvoll bleiben wird, iſt ebenfalls vom Baumeiſter Serlio, der ſich uͤber⸗ haupt an dem Schloſſe ſo mannichfach auszeichnete. Hinter dem Altan befindet ſich die beruͤhmte Galerie Franz I., ſpaͤter die Galerie der Reformirten genannt. 4 — 261— Dieſe Galerie iſt in Bezug auf das Innere des Schloſſes einzig noch vollkommen in ihrer erſten Ge⸗ ſtalt erhalten, jedoch muß man dieſes mehr auf Bau, Stuck und Schnitzwerk beziehen als auf Farbenglanz, der in den beruͤhmten Medaillons von Roſſo, mytho⸗ logiſchen Inhalts, ſehr gelitten hat; dagegen ſind wieder theilweiſe ſchoͤne Zeichnungen außerordentlich gut con⸗ ſervirt, denn ſo erinnert der Tanz der Muſen auf dem einen Medaillon noch ganz an die herrlichen Darſtellungen aus Pompeji und Herculanum. Die Arabeskenornamente aus Stuck von Ponce und Primaticcio zwiſchen den Medaillons buͤßten ihre glaͤn⸗ zende Vergoldung durchaus ein, ſind aber, obgleich ſehr beſchaͤdigt, mit Einſicht reſtaurirt. Die zierlich reichen Caſſetten des Plafonds ſind noch heute aller Aufmerkſamkeit als ein ſchoͤnes Kunſtwerk wuͤrdig. Dieſe Galerie iſt bei weitem kleiner, ſchmaͤler, niedri⸗ ger als die Dianengalerie, und durch kleine Fenſter erhaͤlt ſie wenig Licht; aber der charakteriſtiſche Styl, der eine ſichere Harmonie hier verbreitet, die Einheit zwiſchen Bau und Ausſchmuͤckung und das beſtimmte Ineinandergreifen aller einzelnen Theile machen ſie fuͤr den wahren Kunſtfreund, den nicht aͤußerer Glanz beſticht, zu einem viel originellern, ſehenswerthern Gegenſtande als die Dianengalerie. Gern wird ſich der Kenner wie jeder Nachdenkende auf einer der Baͤnke niederlaſſen, die noch aus Franz J. 262 Zeiten ringsum an den Waͤnden ſtehen, und die, wie alles Andere hier, Eigenthuͤmlichkeit verrathen; unpaſſend muß man dagegen die neueſte Einrichtung finden, Buͤſten beruͤhmter Maͤnner aller Voͤlker und Zeiten auf Poſtamente zu ſtellen. In dieſer Galerie zeigte Benvenuto Cellini dem Koͤnige Franz ſeinen beruͤhmten ſilbernen Jupiter, der die groͤßte Bewunderung erregte, trotz der vielen ſchoͤnen Erzabguͤſſe nach Antiken, welche Primaticcio und Madame d'Eſtampes aus Cabale gegen Cellini hier aufſtellen ließen*). In einigen Zimmern dieſer Schloßſeite begann Franz I. eine Buͤcherſammlung, die 1595 nach Paris ge⸗ bracht und die groͤßte Bibliothek der Welt ward. An der Nordſeite dieſes Gebaͤudes uͤberſieht man ploͤtzlich den Hof des weißen Roſſes, oder den großen Hof, und abermals verſetzt der ausgedehnte Raum in Stau⸗ nen. Hier war fruͤher der beruͤhmteſte Theil des Schloſ⸗ ſes von Fontainebleau, indem Serlio, Primaticcio, Niccolo und Roſſo hier wetteiferten, und die 58 Fresco⸗ gemaͤlde der Ulyſſes⸗Galerie ſollen alle Beſchreibung uͤbertroffen haben; aber gar nichts ſieht man mehr von allen dieſen Herrlichkeiten, als am linken Fluͤgel *) Naͤheres hieraͤber in Goͤthe's„Benvenuto Cellini“, 2. Theil, 3. Buch, 9. Capitel. Ebendaſelbſt Einiges uͤber die Galerie Franz I., die Benvenuto eine Loge nennt. — 263— einen kleinen Theil der primitiven Conſtruction, wie es hauptſaͤchlich Franz I. Chiffre auf dem Schornſtein anzeigt(eine damals gebraͤuchliche Weiſe). Ringſpiele wie ritterliche Ubungen uͤberhaupt waren der erſte Zweck dieſes Hofes, doch buͤßte er ſeinen Namen, des großen, ein, als Katharina von Medici, Regentin waͤhrend der Minderjaͤhrigkeit Karls IX., die Statue Marc Aurels nach der zu Rom von Vignola in Gyps abgießen und hier 1560 aufrichten ließ. Ob⸗ gleich dieſes Pferd ſchon 1626 zerſtoͤrt ward, ſo be⸗ hielt der Hof nach ihm dennoch ſeinen Namen. Die Fagade von dieſer Seite des Mittelgebaͤudes iſt bei weitem nicht an Schoͤnheit mit der des Fontainen⸗ hofes zu vergleichen, doch bleibt der Platz im Gan⸗ zen genommen ebenfalls impoſant, erſtens durch die ſeltene Groͤße, dann durch ein ſchoͤnes Gitter von 104 Metres Laͤnge, unter Napoleon 1810 errichtet, und endlich durch eine Treppe in Form eines Hufeiſens, die 1634 unter Ludwig XIII. von Jakob Lemercier fuͤr hun⸗ derttauſend Franks errichtet ward. An der Jahreszahl ſieht man, daß ihre Entſtehung gleichſam in den Beginn des ſinkenden guten Geſchmacks faͤllt, und ſo iſt ſie trotz eines gewiſſen majeſtaͤtiſchen Anſehens, was man ihr nicht abſtreiten kann, dennoch ein Modell aller ſchwer⸗ faͤligen Überladung, woran das ſiebzehnte und achtzehnte Jahrhundert litt. Unter der Hufeiſentreppe fuͤhrt es bald in die Dreifaltigkeitscapelle, und ſomit — 264— iſt das letzte Sehenswerthe in und an dem Schloß⸗ gebaͤude erreicht. Schon der heilige Ludwig ließ im Jahre 1254 auch an dieſem Orte eine Capelle glei⸗ ches Namens errichten, die aber 1529 von Grund auf erneuert ward. Seit dieſer Zeit erlitt ſie unter allen Regierungen Veraͤnderungen, die Gutes und Schlimmes darin foͤrderten, doch war Erſteres vor⸗ herrſchend. Von den Frescogemaͤlden des Martin Freminet ſind noch manche ſehenswerthe Spuren uͤbrig, und ein geſchickter Architekt*), der jetzt mit der Wieder⸗ herſtellung beauftragt iſt, haͤlt ſich an das Beſſere, indem er die Erneuerung der Vergoldungen, Mo⸗ ſaiken, Sculpturen ꝛc. leitet. Siebzehntes Capitel. Wie Honorinens Geſchichte, vereint mit ihrer vollkom⸗ men richtigen Schilderung des Schloſſes zu Fon⸗ tainebleau, auf mich wirkte, wuͤßte ich kaum mit Wor⸗ ten zu beſchreiben. Es war der Ort, worin ich ſo manchen gluͤcklichen Tag meiner Knabenjahre mit Ar⸗ wed umherſtreifte, und worin jeder beſchriebene *) Le Pore. — 265— Winkel mir irgend einen kindiſchen Spaß ins Gedaͤcht⸗ niß zuruͤckrief. Indem Honorine meinem innigſt von mir geliebten Arwed das Hotel Latour, den Gouver⸗ neur ſchilderte, trat auch meine eigene Jugend leben⸗ diger vor meine Erinnerung, und ihre ſehr wahre Beurtheilung aller jener Verhaͤltniſſe und Perſonen, wie die Aufklaͤrung, die ich endlich uͤber Arweds Ent⸗ weichung vernehmen ſollte, ſpornte mich mit verdoppelter Neugier. Nach der Beſchreibung des Schloſſes befand ſich ein Abſchnitt in den Papieren, dann fuhr ſie, wie folgt, in der Erzaͤhlung fort. Das Kind vom Boulevard. (Fortſetzung.) Nachdem wir das ſoeben Geſchilderte mit großem Intereſſe in Augenſchein genommen hatten, und der Gouverneur hoͤchſt erfreut war, daß mein Vater trotz des Zerſtoͤrten noch Bemerkenswerthes genug fand, um auf ſeinen Plan einzugehen, wurden auch noch, nach⸗ dem man ausgeruht hatte, die bewundernswerthen Gaͤrten beſucht. Die Groͤße des Parks, die Kuͤhn⸗ heit ſeiner Anlagen, die Geſchicklichkeit, mit der der umgebende Wald, die Hoͤhen und Felſen damit ver⸗ bunden ſind, die Teiche, Canaͤle, Fontainen, die Wieſen, ſtundenlangen Alleen, Blumenparterre ꝛc. ꝛc. zaubern ihn zu einem Feengarten, und alle Beſchrei⸗ 266— bung uͤbertrifft die beruͤhmte koͤnigliche Traubenwand, woran dieſe koͤſtliche Frucht im Goldglanze reich her⸗ abhaͤngt, und woran man eine ſtarke halbe Stunde hinabgeht, um das Ende zu erreichen*). Wir konn⸗ ten auch hier mit Bewunderung und Staunen nicht enden, und ſo ward meine traurige Gemuͤthsſtimmung durch die Zerſtreuung, die mir geboten, nicht eigent⸗ lich verbeſſert, aber wohl betaͤubt. Ich moͤchte den kleinen Diſtrict von Fontainebleau mit ſeiner reizen⸗ den Natur, worin ſich das Schloß mit ſeinen unter⸗ gegangenen und fragmentariſchen Kunſtſchaͤtzen befin⸗ det, ein Zauberlaͤndchen fuͤr Herz und Geiſt nennen, und wer die Einſamkeit uͤberhaupt liebt, muß dieſe Einſamkeit uͤber Alles lieben. Noch jetzt, trotz dem, daß wir es in ſeinem Verfall erblicken, verſteht man an Ort und Stelle die Worte des Koͤnigs Franz, der Fontainebleau die groͤßte Freude in ſeinem Reiche nannte. Was ich ſoeben von der Einſamkeit ſagte, darf ich nicht auf mich beziehen; denn leicht iſt zu begrei⸗ fen, mein Stand, meine Erziehung und vor Allem der Ort, wo ich die gluͤckliche Freiheit meiner Kind⸗ heit genoß, waren vereinigt dazu geſchaffen, mich nie auf laͤngere Zeit eine abgeſonderte Lebensweiſe wuͤn⸗ *) Die Trauben von Fontainebleau werden von den Le⸗ ckermaͤulern in Paris fuͤr die beſten gehalten. — 262— ſchen zu laſſen; war ich es mir auch in jenem Augen⸗ blicke nicht ganz bewußt, ſo ſollte es mir ſpaͤter deſto deutlicher werden, und zwar ſo, daß ich außer dem ſchoͤnen Boulevard von Paris die ganze Welt eine Einſamkeit nannte. Dieſe Einſicht uͤber mich ſelbſt, die mir damals noch entging, hatte ſich meinem Ge⸗ liebten deſto klarer offenbart und allein ſeine Hand⸗ lungsweiſe beſtimmt, und ſo danke ich heute noch dem Geiſte des Abgeſchiedenen, daß er, ohne mich zu Ra⸗ the zu ziehen, das Beſſere zu meinem Wohl erwaͤhlte; glich ſein Benehmen auch damals einem Stratageme, und ſollte Herbes fuͤr die Zukunft aufbewahrt bleiben, ſo handelte er dennoch als ein Mann von Ehre, in⸗ dem er mich gewaltſam meiner Lage entriß. Als wir von der Beſichtigung des Parks und der naͤchſten reizenden Umgegend zuruͤckkehrten, war be⸗ reits die Nacht eingetreten; wir verweilten noch einige Stunden bei dem Gouverneur und zogen uns dann in unſere Zimmer zuruͤck. Das meinige lag zunaͤchſt dem meiner Ältern, doch war mir den vorigen Abend bei unſerer Inſtallirung entgangen, daß die ungeheuer dicken Mauern der Waͤnde trotz der Naͤhe mich den⸗ noch gaͤnzlich von ihnen trennten. Dieſem Zufalle und der Neuheit, von ihnen getrennt zu ſein(da in unſerer beſchraͤnkten Wohnung in Paris man jeden Schritt im Nebenzimmer hoͤrte), kann ich es zuſchreiben, wenn ich es nicht auf Rechnung eines Vorgefuͤhls oder — 268— uͤbernatuͤrlicher Ahnung ſchreiben will, daß ich bei der, meiner Liebe fuͤr Arwed untergeordneten Zaͤrtlich⸗ keit fuͤr meine Ältern ihnen dennoch mit beſonderer Ruͤhrung gute Nacht wuͤnſchte und mich, von einer unerklaͤrlichen Schwermuth befangen, in mein Zimmer zuruͤckzog. Die ſchoͤne Nacht, die gaͤnzliche Unwiſſenheit uͤber Arwed, das mannichfaltige Neue, was ich an die⸗ ſem Tage geſehen und gehoͤrt hatte, vereinten ſich, mir voͤllig den Schlaf zu rauben. Ich trat hinaus auf den Altan, der ſich vor meinem Fenſter befand, und jetzt des Locals kundig, erkannte ich beim hellen Mondſcheine den Fontainenhof und den großen Teich vor mir. Wie lange ich bei dieſem prachtvollen An⸗ blick hinaus traͤumen mochte, weiß ich nicht; oft hoͤrte ich die Schloßuhr ſchlagen, hoͤrte den fernen Ruf der ſich abloͤſenden Wachen, und todtenſtill ward es um mich her. Da faßte mich eine unerklaͤrliche Ahnung, als ich einen Mann, tief in ſeinen Mantel gehuͤllt, mit feſtem Schritte auf das Schloß zukommen ſah, der ſich als Bewohner deſſelben ankuͤndigte, als er eine Thuͤr aufſchloß und hineintrat. Dann wurde es wieder ſtill, weil die ungemein ſolide Bauart jede Bewegung auf Treppen und Corridors unvernehmbar machte; wie aber mußte ich ſtaunen, da ich ſchon nach wenigen Minuten an einer Tapetenthuͤre meines eigenen Zimmers, die mir bis jetzt ganz unbekannt — 269— geblieben war, Schluͤſſel knarren hoͤrte, und, indem ſie aufſprang, Arwed vor mir ſtand. Ob ich ihn ahnend vermuthete oder nicht, weiß ich ſelbſt nicht, denn niemals laͤßt ſich ein uͤberraſch⸗ tes Gefuͤhl ſpaͤter in ruhigen Momenten definiren, um ſo weniger eine uͤberraſchte Leidenſchaft; aber ich erbebte nur in Freude. Seine Redlichkeit und mein unbegrenztes Vertrauen in ihn waren mir Buͤrgen genug, als daß Nachdenken, Furcht und Zweifel in mir erwachen konnten. So verſtand ich ihn auch gleich, als er mir Zeichen des Stillſchweigens machte und nach dem Zimmer meiner Ältern wies. Ich unter⸗ druͤckte den Ausruf der Verwunderung und flog, ſelig, ihn nach der mehrtaͤgigen Trennung wiederzuſehen, in ſeine Arme. Es ward mir klar, daß er durch ſeine Abweſenheit jeden Verdacht bei meiner Umgebung til⸗ gen wollte. Stillſchweigend zog er mich die Treppe hinab in den Garten, und ich ließ es ohne Weigern geſchehen. Wie unbeſchreiblich groß war mein Gluͤck nach ſo vie⸗ len Jahren, worin ich den Geliebten nur fuͤr Augen⸗ blicke und ſtets mit unſaͤglicher Angſt ſah, mich jetzt ungetruͤbt ſeiner Worte, ſeiner Liebe erfreuen zu koͤn⸗ nen. O! man mußte gleich uns Zwang erdulden, um unſere Wonne zu begreifen, ſobald wir allein in der ſchoͤnſten Natur mit unſerer reinſten, ſchoͤnſten Liebe waren. So uͤberſchwenglich begluͤckt, ſo reich hatte — 270— ich mich ſeit meiner Kindheit nicht gefuͤhlt, und ich ver⸗ gaß die ganze uͤbrige Welt, wie die Gefahr, wenn meine Lage entdeckt wuͤrde. 6 Da ich auch Arwed im hoͤchſten Entzuͤcken ſah, ſo mußte ich ihn ebenſo unbefangen glauben, als ich es war, denn auch er erwaͤhnte weder der Vergan⸗ genheit noch der Zukunft, und zu wenig Menſchen⸗ kenntniß beſaß ich, um Unausgeſprochenes zu erra⸗ then. Ich mußte mich um ſo mehr in fruͤhere gluͤck⸗ lichere Tage zuruͤcktraͤumen, als ich ihn ſogar von Gedanken uͤber Gegenſtaͤnde, gaͤnzlich außer unſerm Verhaͤltniſſe liegend, erfaßt ſah. Gleichfalls erkannte ich keine Abſicht, keine eigentliche Entfernung vom Schloſſe darin, daß wir dieſe oder jene Pfade betra⸗ ten, andere beſſere vermeidend; und wie konnte ich ihn mit einem Zwecke beſchaͤftigt glauben, als ich ihn ploͤtzlich ganz in die Gegenwart verſunken ſah, und er an dem großen Teiche, auch meiner ver⸗ geſſend, wie es ſchien, alſo ausrief: „O! auch dich, du freundliches Element, das uͤber⸗ all mit deinem ſanften lullenden Plaͤtſchern gluͤckliche Herzen in ſelige Ruhe wiegſt, auch dich vergifteten die Maͤchtigen des Reiches einſt mit ihren Verbrechen, und alle deine klaren reinen Wellen, die Jahrhunderte hinauf⸗ und herabwogen, ſie waſchen den großen Blut⸗ flecken der tauſend unſchuldigen Schlachtopfer nicht weg, deren Untergang hier geſchworen ward. Siehſt — 271— Du, Honorine, jenen kleinen Tempel in der Mitte des Teichs, von den kraͤuſelnden Fluten umſpielt? und ſprach mein adeliger Großvater Dir auch von der ewigen Schande, die an den Waͤnden dieſes kleinen Tempels haftet, als er Dir die Herrlichkeiten des Palaſtes zeigte, worin die Monarchen ſchwelgten, waͤhrend die Voͤlker ſeufzten?— Nicht?— nun ſo wiſſe, anſtatt der gewoͤhnlichen Benennung des Bera⸗ thungsſaales muͤßte er ein Tempel des Vandalismus heißen, denn in ſeinen Mauern ward das tuͤckiſche Complott einer Bartholomaͤusnacht geſchmiedet!— Dir ſchaudert, meine Geliebte? O! erwehre Dich Deiner menſchlichen Gefuͤhle nicht, erbebe mit Recht vor der Erinnerung ſolcher Graͤuel. Schaue ihn genau an, jenen kleinen Punkt immitten der Wellen, wo⸗ hin ſich eine Medici mit ihren Creaturen fluͤchtete, um bei ihrem teufliſchen Beginnen Schutz gegen Hor⸗ cher zu finden; ſchaue ihn an und entferne Dich um ſo lieber!“ Dieſer Erguß in kritiſche Bemerkungen uͤber Ty⸗ rannei und Unterdruͤckung durfte mir, da ich oft Ahnliches von Arwed vernommen hatte, bei ihm nicht auffallen, auch nicht ſeine Wehmuth trotz des Tadels, als wir jetzt den großen Hof des weißen Roſſes er⸗ reichten, von wo man das Staͤdtchen uͤberſieht. Er begann abermals: „Hier auch unterhielt Dich der Gouverneur ſicherlich ———— — 272— mehr von einer Medici, von ſeinem Koͤnige Franz, von Ritterthum und Kunſt, als von den großen Be⸗ gebenheiten neuerer Zeiten; und dennoch liegt in allen vergangenen Jahrhunderten vereinigt nicht ſo Großes als Napoleons Abſchied von ſeinen Garden auf die⸗ ſem Platze. Hier warf er den Scepter dahin, den das Blut Tauſender erringen half; hier legte er ſie ab, die goldene Krone, die er ſo lange mit den ge⸗ geraubten Kronen anderer Fuͤrſten beſchwerte, bis ihn die Laſt erdruͤckte; hier endlich unterlag der Koloß ei⸗ nem vereinigten Welttheile, unterſtuͤtzt von einer zuͤr⸗ nenden Gottheit— und dennoch begreifen die Engher⸗ zigen ſeine Groͤße nicht! Daß man dem Eroberer entriß, was ſeinem Ehrgeize froͤhnte, daß man der Flut der Tyrannei einen Damm entgegenſtemmte, geſchah mit Recht; aber bewundern ſollte man, be⸗ wundern den Lorberkranz, der ſich an der Helden⸗ ſtirne heimiſch fuͤhlte und unaufzuloͤſende Wurzel ſchlug! Alles konnte man dem Menſchen wieder entreißen, nichts dem Genius entnehmen! Hier verfiel er dem Willen der Erdenherrſcher, nachdem er lange jeden Willen, die Erde und alle Herrſcher beherrſchte, und jene beſchraͤnkten Koͤpfe einer untergegangenen Zeit waͤhnen, ein bluͤhendes Geſchlecht habe ſchon ver⸗ geſſen, daß Einer unter ihnen gewandelt, der ge⸗ konnt, was er gewollt?! Hier nahm er Abſchied von Denen, die er Jahre lang dem Verderben entgegen⸗ — 273— fuͤhrte, die Jahre lang nur Tod oder Unterwuͤrfigkeit vor Augen ſahen und dennoch bei dem Abſchiede wein⸗ ten! Hier weinten die alten Garden Napoleons, denn ſie wußten, ihr Arm hatte mitgewirkt, ihn zum Helden zu ſchaffen, und ſein Geiſt ſchuf ſie zu einem Heldencorps! Einen Theil ſeines Ruhmes vermachte er ihnen, und dieſer Theil war ſelbſt noch genug fuͤr Legionen.“— „Hier,“ rief Arwed abermals mit einer Art Be⸗ geiſterung, die mich frappirte,„weinten die Garden Napoleons, aber die Thraͤnen ſind verwiſcht, und kein Denkmal weiht die Stelle, wo ſie niederfielen, ob ſich gleich in dem ganzen Schloſſe mit allen ſeinen Herrlichkeiten nichts Herrlicheres zutrug als dieſer erha⸗ bene Abſchied. Aber ſiehe, ſteht es nicht da beim Schein des Mondlichtes in ſeiner morſchen verfallenen Pracht wie der wahre Repraͤſentant unſerer Tage? Wuͤrdig iſt es erſtanden, aber das Wuͤrdige kann ſich nicht erhalten; die großen Geiſter gehen unter wie das groß Geſchaffene, und nur Laſter und Kleinlichkeit leben fort!“ Mir war ſo bang, ſo ſehnſuͤchtig, ſo wehmuths⸗ voll und ſchmerzlich zu Muthe; nicht um ein Koͤnig⸗ reich haͤtte ich eine einzige Sylbe antworten koͤnnen. Des Geliebten ploͤtzliches Erſcheinen, ſeine Schwer⸗ muth, mein naͤchtliches Umherwandeln mit ihm, den ich ſeit Jahren nur fluͤchtig und mit Zwang ſah, ver⸗ 18 — 274— ſetzte mich in ſolche Ruͤhrung, daß ich ſtatt aller Ant⸗ wort nur das Geſicht an ſeinem Herzen bergen und Thraͤ⸗ nen der innigſten Liebe weinen konnte. Da ermannte er ſich, und mich feſt in ſeine Arme ſchließend, rief er abermals aus: „O meine Geliebte, laß uns eilen! Nur zu lange verweilten wir, wo unſerm Gluͤcke uͤberall Hinderniſſe, von ſchwachen Geiſtern geſchaffen, entgegentreten, und keinen Erſatz wiſſen ſie uns zu bieten fuͤr alle Seligkeit, die ſie uns rauben wollen; ſo laß uns ein beſſeres Geſchick außer Frankreichs Grenzen ſuchen! Fliehen muͤſſen wir, fliehen oder uns auf ewig trennen; waͤhle, denn Du biſt frei!“ Fliehen? rief ich erbebend, oder ewige Trennung? — und ſchon erkannte ich die Wahrheit ſeiner Worte.— Ja, fluͤſterte ich zitternd, es iſt kein anderes Mit⸗ tel, ſo laß uns fliehen, denn Trennung bringt mir den Tod! Kaum ſprach ich dieſe Worte, mir ſelbſt in ihrer eigentlichen Beziehung noch nicht ganz deutlich, als Arwed mich mit ſtarken Schritten mit ſich fortzog. Faſt trug er mich mehr, als ich ging, und gleich ei⸗ nem Blitzſtrahle ſah ich ahnend die naͤchſte Zukunft vor mir, als ich am Ende einer Allee, auf der großen Landſtraße, die den Park ditezſchneidet, Ar⸗ weds Wagen erkannte. Wie er mich hineinhob, und wir davonflo⸗ — 275— gen; wie meine Stimmung war, als ich meine Flucht erſt eigentlich erkannte, davon ſchweige ich.— Wer je in aͤhnlichem Falle war, weiß, was ich em⸗ pfand; wen nie die harte Hand des Misgeſchicks traf, wer Neigungen und Gefuͤhle dem Herkoͤmmlichen un⸗ terwerfen konnte und nie die gemeſſene Bahn der Gewohnheiten verließ, der kann mich nie verſtehen, mir nicht verzeihen. Ich aber durfte Vergebung von einem gerechten Gotte hoffen, denn reiner liebte nie ein Herz als das meinige; daß meine Liebe zu Ar⸗ wed ſelbſt die Kindesliebe uͤberwog, wird man nach meiner fruͤheren Erzaͤhlung natuͤrlich finden. Bei der unausgeſetzten Eile, mit der wir die belgi⸗ ſche, als die naͤchſte Grenze zu erreichen ſuchten, ge⸗ lang unſere Flucht vollkommen, wozu wahrſcheinlich Arweds Entſchluß, ſeinen Namen zu aͤndern, beitrug, und die wohlberechneten Vorkehrungen, welche er ge⸗ troffen hatte, mußten auch unſere Entdeckung bei den wahrſcheinlichen Nachſuchungen unmoͤglich machen. Bald ſpuͤrten wir in der vorgeruͤckten Jahreszeit des Herbſtes den nachtheiligen Einfluß des noͤrdlicheren Klimas, und weil wir ohnehin bei der Naͤhe von Frank⸗ reich Bekannten zu begegnen fuͤrchteten, ſo zogen wir es vor, uns mehr zu entfernen und uns vor der Hand nach dem ſuͤdlichen Deutſchland zu wenden, je⸗ doch nachdem gleich nach der Überſchreitung der fran⸗ zoͤſiſchen Grenze unſere kirchliche Einſegnung erfolgt war. 18*† — 276— So reich an Liebe, ſo ſelig in den Armen meines Arweds, der damals meine Gluͤckſeligkeit noch ganz theilte, wie haͤtte ich Reue fuͤhlen koͤnnen?— Nein, ich fuͤhlte ſie nicht und wuͤrde ſie auch heute noch nicht fuͤhlen, waͤre es nicht um des theuern Gatten trauriges Ende. Nicht Reue, aber Sehnſucht erwachte mit der Zeit bei mir, und Arwed, der verwoͤhnte Sohn einer verwoͤhnteren Claſſe, ſollte den Schmerzen unter⸗ liegen, die Gewiſſensbiſſe und Entbehrung zugleich entwickelten. Da Herr Latour noch am Leben war, ſo beſaß Arwed noch kein eigenes betraͤchtliches Ver⸗ moͤgen; doch hatte er als Kind reicher Altern ſtets zum Taſchengelde uͤber eine Summe zu verfuͤgen, die anſehnlich genug war, um eine kleine Familie in ei⸗ nem kleinen Orte mit aͤngſtlicher Hkonomie wohl von dem Einkommen zu unterhalten. Dieſe Summe nahmen wir in baarem Gelde, wie auch den Ertrag von einigen verkauften Juwelen, von Pferden u. ſ. w. mit, und begannen unſere neue Lauf⸗ bahn mit dem beſten Muthe. War ich gleich juͤnger als Arwed und in manchen Dingen unerfahrener, ſo lehrte mich doch meine beſchraͤnkte Lage im aͤlterlichen Hauſe, wie meine Erziehung zum Handelsſtande, den Werth des Geldes beſſer kennen als ihn. Dadurch, daß er ſich keinen Wunſch zu verſagen noch jemals etwas zu erwerben brauchte, um Gutes zu genießen, hatte er keine Ahnung, wie ſchnell eine beſchraͤnkte Summe — 277— verzehrt ſei, wenn jeder Lebensbedarf damit ange⸗ ſchafft werden muͤßte, und wie ſchwer das Ausgege⸗ bene wieder herbeizuſchaffen ſei. Aus dieſem voͤlligen Mangel an Einſicht war er zu keiner Art von Er⸗ ſparniß zu bewegen, und ſo lebten wir in den erſten ſechs Monaten von allem Luxus, den man ſich irgend außer Paris verſchaffen konnte, umgeben. Sein gutes Herz, das auch mich gern mit Dingen erfreut wiſſen wollte, die ich bei den Ältern entbehren mußte, war mit die Schuld zu großer Ausgaben. Umſonſt blieb mein Widerſtreben, Verweigern, Flehen, ich mußte ſeine reichen Geſchenke annehmen und ſchweigen. Es ſchmerzte und erzuͤrnte mich; aber was vermochte nicht ein einziger Liebesblick meines Arweds!— Als wir uns von Belgien nach dem nahen Deutſchland begaben, war unſer Plan ei⸗ gentlich nach Italien gerichtet; da uns aber das ſchoͤne Suͤddeutſchland ſchon ſehr wohl gefiel, und ſeine offenen treuherzigen Bewohner uns manche angenehme Be⸗ kanntſchaft boten, indem uns unſer Luxus in allen kleinen Reſidenzen ſchnellen Zutritt zur Geſellſchaft erwarb, ſo verzoͤgerte ſich unſere fernere Reiſe ſo lange, bis unſere ſchlechten Vermoͤgensumſtaͤnde ſie unmoͤglich machten.— Man muß hier in Arweds bisheriger Unfaͤhigkeit, ſich zu beſchraͤnken, keinen nichtswuͤrdigen, prahlenden Verſchwendungshang ſehen, vielmehr ſeine reiche Abkunft und Unerfahrenheit bedenken. — 2/8— Ich uͤbergehe jetzt die genauere Schilderung einer traurigen Zeit, in der ich ſchon den bittern Wermuths⸗ kelch der Erfahrungen kennen lernen ſollte. Taͤglich nahm das kleine Vermoͤgen ab, und flehentlich erſuchte ich Arwed, auf den Erwerb zu denken, da unſer naͤch⸗ ſter Zuſtand ſo deutlich vorherzuſehen war. War auch Herr Latour durch große Handelsſpeculationen zu ſei⸗ ner beſſern Stellung in Paris gelangt, ſo kannte der Sohn doch nur den angenehmen Erfolg, nicht die Muͤhe der Mittel, und unter unſern beſchraͤnkten Umſtaͤnden in fremden Landen durfte er auf keinen Fall ein aͤhnliches guͤnſtiges Reſultat erwarten. Auch ſeine Kenntniſſe verſtand er nur zum Zeitvertreibe zu benutzen, keineswegs ſie nuͤtzlich anzuwenden, und aller meiner Bitten ungeachtet konnte ich ihn lange nicht zur Thaͤtigkeit bewegen. Endlich aber mußte er trotz ſeinem Widerwillen nachgeben und Unterricht ertheilen ſowie Handarbeit verfertigen helfen. Doch reichte auch dieſes bald nicht mehr aus. Nach den groͤßern Staͤdten ſuchten wir unaufhoͤrlich kleinere auf, um die Ausgaben beſſer beſtreiten zu koͤnnen; aber nunmehr hemmte Arweds tiefe Melancholie und Kraͤnklichkeit jedes Unternehmen. Qualvoll iſt die Armuth in jeder Lage, qualvoller fuͤr das an Überfluß gewoͤhnte Schooskind des Gluͤcks! Was aber ließe ſich meinem Jammer vergleichen, als — 29— mir die Gewißheit ward, Arwed bereue den Schritt, den er aus Liebe zu mir gewagt hatte?!— Kein Wort der Hindeutung entſchluͤpfte ſeinen Lip⸗ pen, aber jeder neue Morgen ſollte mir durch ſeine immer mehr zerſtoͤrte Miene die wachſende Zerruͤttung ſeines Gemuͤthes offenbaren, und ſo ward auch mein Schmerz, den Geliebten alſo ins Elend geſtuͤrzt zu ſehen, grenzenlos. So lange wir von Paris entfernt waren, vermieden wir aus ſtillſchweigender Delicateſſe beide, von unſern fruͤheren Verhaͤltniſſen zu reden; ich erwaͤhnte nie ſeiner Ältern, er nie der meinigen: jetzt hielt ich es fuͤr meine Pflicht, zuerſt unſerer fruͤheren Lage zu gedenken, um ſie als Huͤlfsquelle in Anſpruch zu nehmen; ich konnte um ſo weniger glauben, ſeine Gefuͤhle dabei zu verletzen, da er bei weitem der lei⸗ dendſte Theil war, und obgleich meine Ältern im Verhaͤltniſſe zu den ſeinigen nicht reich zu nennen waren, ſo konnte ich von ihnen viel leichter Verzei⸗ hung und Huͤlfe erwarten, als er von ſeiner ange⸗ ſehenen Familie. Dieſer mein Vorſchlag brachte ihn aber zur Verzweiflung; zum erſten Mal wies er mich mit Haͤrte zuruͤck, indem er mir mein Vorhaben mit Strenge verbot. Er fragte mich mit Bitterkeit, ob meine Liebe ſchon ſo ſchnell verloͤſcht ſei, und ſeine AÄußerung, lieber den Tod, als unſern Aufenthalt und unſere Lage in Paris bekannt zu machen, fuhr mir wie Meſſerſtiche durch das Herz. Solche Sprache — 280— hatte mein ſtets ſo ſanfter, vielgeliebter Arwed noch nie gegen mich gefuͤhrt, zu ſo harten Worten konnte ihn nur eine voͤllig aufgeloͤſte Geſundheit bringen. Seine Bruſt war angegriffen, und der in Folge die⸗ ſer Krankheit entſtehende Mismuth vernichtete mit dem Koͤrper auch ſeinen Geiſt. Ich hatte fuͤr ſo viele Lei⸗ den nur noch Thraͤnen und Geduld, denn zum Hel— fen ward mir jeder Weg abgeſchnitten, als der Arzt gaͤnzliche Entfernung aus den Staͤdten befahl, und wir nun jene einſame Huͤtte unfern des*** ſchen Sees zu unſerer Wohnung waͤhlten; ſie war naͤmlich der Stadt, wo Arwed erkrankte, am naͤchſten, und da unſere beſchraͤnkte Lage ſowol als Arweds Schwaͤche keine große Wahl geſtatteten, ſo befand man die Luft dort am zutraͤglichſten fuͤr ihn. Dieſen unſern letzten Aufenthalt, worin mein geliebter Gatte den Geiſt aufgab, bezogen wir im letzten Fruͤhjahr, und die ſchoͤne Natur wie das aͤußerſt wohlfeile Leben daſelbſt, wodurch wir uns wieder manche Bequemlichkeit ver⸗ ſchaffen konnten, fingen ſcheinbar an auf den Kran⸗ ken vortheilhaft zu wirken, wenigſtens ward er ruhi⸗ ger, nachgebender, und ſo taͤuſchte die Hoffnung, nach der wir Menſchen ſo ſehnſuchtsvoll in der Noth unſere Blicke wenden, auch meine Unerfahrenheit. Jetzt erſt begann die Epoche, worin ſich das Schickſal auch an mir raͤchen wollte. In der naͤchſten Zeit nach unſerer Flucht hatte heiße Leidenſchaft jeden an⸗ — 281— dern Gedanken, jedes andere Gefuͤhl beſchwichtigt; denn zunaͤchſt bot die Reiſe in ſich ſowol als die mir neue Lebensart, als Dame in den hoͤheren Staͤn⸗ den aufzutreten, eine gewiſſe reizende Zerſtreuung dar. Mehr noch als das Gute nahm mich unſere Leidens⸗ kataſtrophe in Anſpruch, und ganz beſonders Arweds Krankheit. Jetzt aber, als wir ploͤtzlich in einen trauri⸗ gen Ruhezuſtand verſetzt waren, abgeſchnitten von jeder, unſerm Geiſte zuſagenden unterhaltenden Um⸗ gebung; jetzt, wo ich verſtand, Arwed liebe mich wol noch aus Tugend, nicht aber, wie einſt in ſchoͤneren Tagen, in rein ergebener Leidenſchaft; wo ich erkannte, jene Leidenſchaft ſei die Quelle ſeines Ungluͤcks: jetzt fing auch mich an, die Erinnerung an die Vergangen⸗ heit ſehnſuͤchtig zu ſchmerzen. Wie glaͤnzend, ver⸗ gnuͤglich und froh erſchien mir nun unſere Hauptſtadt wieder, der ich nicht allein von Allem, was ich ſah, nichts vergleichbar fand, ſondern die ich auch von Jedem, der ſie kannte, als den reizendſten Ort der Welt ruͤhmen hoͤrte; wie hell erwachte der Patrio⸗ tismus meiner Kindheit wieder, fuͤr den beſchraͤnkten Raum jenes Boulevards, wo ich einſt eine ſo unbe⸗ ſchreiblich gluͤckliche Jugend verlebte! Wie todt, wie menſchenleer, wie langweilig erſchien mir nun die ganze uͤbrige Erde! ja, ich darf es nicht verbergen, ſelbſt wenn es mich in ein weniger ruͤhmliches Licht ſetzt: es iſt noch heute ſo; und ſtaunend fragte ich mich: wie — 282— mochte ich den frohen Ort meiner frohen Kindheit gutwillig verlaſſen? wie die Ältern? nach welchen ſich meine Sehnſucht nun auch verſtaͤrkt einſtellte.— Doch Alles beantwortete ſich durch die Leidenſchaft, die ich keineswegs bereute. Nur in den Folgen war ſie trau⸗ rig, aber unausloͤſchlich blieb ſie bei mir, das bewies ſich durch die ſtille Ergebung in Arweds Willen, da ich doch mit einer einzigen Nachricht, die ich in meine Heimath geſandt haͤtte, ſicher unſer Loos verbeſſern mußte. Nachdem wir, fuͤr die Umſtaͤnde noch ziemlich leid⸗ lich, einige Monate in jener Landgegend fortlebten, ich ſehnſuchtsvoll jeden Abend der untergehenden Sonne nachblickend, die ſich meinem Heimathslande zuwandte, Arwed bedeutend erheitert, indem er wieder mancher⸗ lei Arbeit vornahm, ſollte in einem erſchrecklichen Momente abermals alle Hoffnung des Friedens fuͤr uns verloren gehen. Arwed bekam eines Tages einen heftigen Ruͤckfall, der ſich durch Blutauswurf und Fieber kund that, und der letzte Strahl einer beſſern Zukunft erloſch. Weder dachte noch ſagte ich viel bei der entſetzlichen Angſt, die ſich meiner bemaͤchtigte; indeß hatte mein einziger Ruf nach Huͤlfe mitleidige Menſchen um mich verſammelt, die fuͤr mich wirkten und nach wenig Stunden Erich, den Ihnen bekann⸗ ten Arzt, herbeifuͤhrten; er that durch ſeine Kunſt und ſeinen Edelmuth in kurzer Zeit Wunder. — 283ñ— Seit meiner Entfernung von Paris bis zu der letzt⸗ beſchriebenen Epoche hatte ich Ferdinands nicht wei⸗ ter gedacht. Da ich ihn nie geliebt, ſo mußte das Andenken an ihn bei den ſtuͤrmiſchen Leidenſchaften, die mich gaͤnzlich verzehrten, in den Hintergrund tre⸗ ten; daß ich mich aber in ſeinem Vaterlande befand, war mir voͤllig unbewußt. Uns Franzoſen uͤberhaupt, und am mehrſten uns jungen Frauenzimmern vom kleineren Buͤrgerſtande des Boutikenhandels, man⸗ gelt es faſt gaͤnzlich an einem klaren Begriff uͤber an⸗ dere Laͤnder und Nationen, und zwar geht dieſe Un⸗ wiſſenheit ſo weit, wie ſich die ſo emſig um an⸗ dere Laͤnder ſich kummernden Deutſchen nicht vorſtel⸗ len koͤnnen. Nur durch eine grelle Schilderung, die dennoch nicht zu grell waͤre, wuͤßte ich einen Begriff davon zu geben; denn ſagte man einem Maͤdchen mei⸗ nes Standes in Paris: Polen liegt in Deutſchland, oder in Schweden wird ruſſiſch geredet, ſo waͤren das lauter glaubliche Dinge. Am wenigſten kann aber noch heute eine große Anzahl von Franzoſen be⸗ greifen, daß Baiern oder Öſtreich, Sachſen oder Preußen namentlich zu Deutſchland gehoͤren, und man hier ſowol wie am Rhein nur Eine Sprache ſpricht; mir auch war dieſes vor meiner Flucht nicht recht klar, und wie Millionen meiner Landsleute begriff ich unter Deutſch⸗ land nur die Rheinlande und das eigentliche Reich, glaubte wie Andere, die obenerwaͤhnten Laͤnder haͤtten — 284— ihre eigenen Sprachen, und die Namen vieler deut⸗ ſchen Staaten waren mir gaͤnzlich unbekannt. Nach und nach erweiterten ſich durch meinen Aufenthalt in der Fremde meine ſehr beſchraͤnkten geographiſchen Kenntniſſe ein wenig, aber wie geſagt, ob Ferdinand mir gleich fruͤher ſein Geburtsland nannte, ſo hatte ich theils zu wenig Werth darauf gelegt, es zu wiſ⸗ ſen, um mich ferner daran zu erinnern, theils wußte ich nicht, daß er aus dieſem Grunde ein Deutſcher ſei. Bei dieſem voͤlligen Vergeſſen Ferdinands, bei meiner voͤlligen Unbekanntſchaft mit dem Freund⸗ ſchaftsverhaͤltniſſe zwiſchen ihm und Erich, konnte ich alſo unmoͤglich auf ihn eine ſichtbare Verlegenheit be⸗ ziehen, die ich ſeit einiger Zeit an dem Arzte bemerkte, der fortfuhr, uns oft zu beſuchen. Erichs Gegenwart war ſtets ſo troͤſtend fuͤr mich, ſeine Geſellſchaft dem Kranken ſo wohlthuend, er war ſo guͤtig, edel gegen uns, daß meine Erkenntlichkeit keine Grenzen kannte; um ſo mehr mußte mich un⸗ ſere Armuth und die gleichſam dadurch nur ideellen Beweiſe der Dankbarkeit, die wir geben konnten, druͤcken. Ich beruͤhrte dieſes im Geſpraͤche, als ich mich eines Tages mit dem Arzte allein befand, und fuͤgte hinzu, wie gluͤcklich ich mich ſchaͤtzen wuͤrde, wenn es in meiner Macht ſtaͤnde, den Truͤbſinn, der ihn ſeit einiger Zeit umſchwebe, zu verſcheuchen Erfreuen und wundern mußte es mich im erſten Augenblick, als — 285— er mir offen geſtand, nur durch mich koͤnnten ſeine Wuͤnſche in Erfuͤllung gehen; die ernſte beſorgte Miene, die er aber zugleich annahm, ſtimmte auch mich ernſt und beſorgt. „O glauben Sie nicht,“ ſagte er,„es handle ſich um meine Gluͤckſeligkeit; lange bin ich gewohnt, dieſe fuͤr mich als ein verlornes Paradies anzuſehen! Wohl traͤumte ich einſt von ihr, und bluͤhe ich auch im Juͤng⸗ lingsalter noch, ſo erwachte ich doch ſchon aus dem frohen Traume der Jugend. Mich, meine Gluͤck⸗ ſeligkeit gab ich laͤngſt auf, und niemals konnte ich fuͤr mich eine Gunſt erbitten; aber jetzt gilt es das Gluͤck eines theuern Freundes, und um ſeinetwegen al⸗ lein wage ich es, ſchonungslos jeden Weg der De⸗ licateſſe zuruͤcklaſſend, in Ihre tiefſten Familien⸗ geheimniſſe zu forſchen. Die Ruͤckſicht, die ich als Arzt gegen Ihren kranken Gatten nehmen muß, hielt mich allein bis jetzt zuruͤck, doch werden die Umſtaͤnde von Tage zu Tage dringender, und ſo fodere ich als den groͤßten Beweis Ihrer Dankbarkeit, daß Sie von Ihrem Gemahl die Erlaubniß erhalten moͤgen, mir Ihren wahren Namen und Abkunft zu ſagen; denn wenn mich nicht Alles taͤuſcht, ſo iſt Ihr Angeben nicht richtig, und Sie ſind dieſelben Perſonen, die Ferdinand von Leuchtenhauſen ſucht.“ Es iſt mir unmoͤglich zu beſtimmen, ob das Ge⸗ fuͤhl, welches mich bei Hoͤrung dieſes Namens durch⸗ — 286— bebte, ein freudiges oder ſchreckendes war; aber ganz gleichgultig konnte er mir unter den jetzigen Umſtaͤn⸗ den nicht ſein. War auch gegen Ferdinand perſoͤnlich mein Herz gleichguͤltg, ſo war er doch ein Freund aus beſſern Tagen; und lernte ich ihn auch erſt in Paris kennen, als Liebe und Sehnſucht ſchon die erſte bewußtloſe Zufriedenheit bei mir untergraben hatten, ſo war er doch gleichſam eine freundliche Geſtalt aus meinem ſchoͤnen Geburtsorte; die Verſtellungskunſt hatte ich trotz meines Liebesabenteuers und meiner bittern Erfahrungen nicht ſo erlernt, um einem erſten uͤberraſchenden Eindrucke widerſtehen zu koͤnnen, und ſo mußte mich Erich durchſchauen. Bei der Reinheit ſeiner Sitten verlangte er keinen Verrath von der Gattin gegen ihren Gatten. „Ich ehre Ihr Schweigen“, rief er,„ich erſuche ſo⸗ gar darum, ich flehe um Vergebung fuͤr mein Ver⸗ gehen und wiederhole es, nur der Wunſch, die Ruhe, meinem theuern Freunde zu erkaufen, machte mich dreiſt. Der Landſitz ſeiner Familie iſt in dieſer Ge⸗ gend jenſeit des Sees; er weiß Ihren Aufenthalt hier nicht genau, vermuthet Sie aber irgendwo hier herum, weil ſeine Nachforſchungen, die er fuͤr Ihre Altern ſchon von Paris aus unternahm, ihm ſchon dort auf die Spur halfen. Bald nach ſeiner Ruͤckkehr lernte ich Sie kennen, und es mußte der Gedanke bei mir erwachen, Sie ſeien die von ihm Geſuchten, doch ließ — 287— ich ihn abſichtlich unwiſſend daruͤber; ſollte er aber jetzt Ihren Aufenthalt durchs Ungefaͤhr entdecken, wie zu vermuthen iſt, ſo muß dieſe Entdeckung auch auf den Kranken unangenehm, vielleicht gefaͤhrlich wirken; erhalte ich dagegen die Erlaubniß, Ihnen Ferdinand vorbereitet zufͤhren zu duͤrfen, ſo gebe ich fuͤr ihn das Ehrenwort, er wird die Bedingungen, unter welchen er ſich einfinden darf, nie uͤbertreten.“ Hiermit verließ mich Erich ſchnell; er wollte keine Antwort, da er wohl wußte, ich konnte ſie nicht ge⸗ ben, ohne mich gegen Arwed zu vergehen. Abermals ſchweige ich von meinem Kampfe und dem endlichen Entſchluſſe, Arwed uͤber dieſen Gegenſtand anzureden. Erichs beinahe achttaͤgige Abweſenheit zeigte mir, daß er die Schwierigkeit meiner Obliegenheit einſah, die doppelte Schwierigkeit meinen reizbaren Gatten von ſeinem feſten Vorſatze, jeder pariſer Verbindung auszu⸗ weichen, abzubringen, und die Schwierigkeit, mit mir ſelbſt einig zu werden. Er hatte Ferdinand ſeinen intimſten Freund genannt, er war, wie ich ſah, durch ihn ge⸗ nau uͤber uns unterrichtet; mußte ich nicht erwarten, daß die Freunde auch jede geheime Falte des Herzens gegen einander aufſchloſſen? Ich erwog genau, ſah aber nach reifer Überlegung keine Urſache ,meinet⸗ wegen Ferdinanden Hinderniſſe in den Weg zu le⸗ gen. Die Neigung zu mir, welche er damals in Paris vor meiner Vermaͤhlung nicht ganz verbarg, — 288— aber doch nie ausſprach, durfte ich voͤllig verraucht erwarten, und ſollte noch ein Funke davon glimmen, ſo mußte ich auch dieſen bald verloͤſcht waͤhnen, wenn er mich vermaͤhlt und meine Geſtalt durch Kummer nur zu ſehr veraͤndert wiederfinden wuͤrde. Sein emſiges Forſchen nach unſerem Aufenthalte bezog ich gaͤnzlich auf meine Ältern, und allein aus dieſem Grunde erwachte auch bei mir der ſehnliche Wunſch, ihn wiederzuſehen. Bebend und allmaͤhlich, auf hundert Umwegen, brachte ich Arwed mein Anliegen vor. Unendliche Schwierigkeiten uͤberwand ich nach und nach, wozu der ſonderbare Zufall, daß Arwed und Ferdinand ſich in Paris faſt nie bei uns zuſammen trafen, erleich⸗ ternd beitrug. Da Arwed es ſo viel als moͤglich ver⸗ mied, mich in Gegenwart meiner Ältern zu ſehen, Ferdinand hingegen nur zu dieſen kam, ſo wußten ſie kaum von einander. Dennoch geſtand ich meinem Gatten frei und unbefangen, daß der deutſche Edel⸗ mann, der jetzt den Zutritt zu uns durch den Arzt begehre, einer meiner fruͤheren Bekannten ſei; er wil⸗ ligte endlich ein, jedoch nur unter der Bedingung, daß Ferdinand nie in ſeiner Gegenwart Frankreichs oder unſerer fruͤheren Verbindung daſelbſt erwaͤhne. „Ich bringe Dir das Opfer, Honorine, den Frem⸗ den zu empfangen,“ ſetzte er hinzu,„weil ich fuͤhle, wie viel Du ſchon durch mich gelitten; laſſe Dir — 289— uͤber die Deinigen berichten, was Dein kindliches Herz zu wiſſen begehren muß; aber wenn Du mich noch liebſt, wenn Du, wie ehemals, noch meinetwegen Dei⸗ nen Wuͤnſchen entſagen kannſt, ſo erlaube mir dieſe einzigen Ausnahme, keine Ruͤckerinnerung an beſſere Tage, die unwiederbringlich ſind.“— Ich verſprach dem Ungluͤcklichen, was er verlangte, da Widerſpruch ſeine koͤrperlichen Leiden nur mehrte, weshalb er im⸗ mer mehr in ſeiner falſchen Anſicht beharrte; Ferdinand erſchien. Sein Erbleichen bei dem erſten Blick, den er auf mich warf, erklaͤrte mir ſeine Gedanken. Er wußte durch den Arzt, unter welcher Bedingung ihm der Zutritt geſtattet war, und mußte ſich daher befangen und beengt fuͤhlen; ſein heftiges Temperament kann ohnehin nur mit Anſtrengung eine Beſchraͤnkung er⸗ tragen, und ſo war ſein erſter Beſuch nur kurz. Da ich ihn fuͤr dieſes Mal nur in Arweds Gegenwart ſe⸗ hen konnte, in der mir die wuͤnſchenswerthe Mitthei⸗ lung unterſagt war, ſo ward auch fuͤr mich ſein Er⸗ ſcheinen nur aufregend, aber keineswegs troͤſtlich. In wenigen Tagen dagegen ſollte ſich ſchon Alles verbeſſern, und dieſes danke ich noch heute dem klu⸗ gen, guten Erich, da ohne ihn Ferdinand wahrſchein⸗ lich nicht mit gleicher Zuruͤckhaltung gehandelt haͤtte. Durch dieſen erhielt ich nun auch die wohlthuende Nachricht vom Hauſe, daß man mir verzeihen, mich 19 4 — 290— ſogar wieder aufnehmen wuͤrde, wenn ich reuig zu⸗ rückkehren wollte; und wußte ich auch, Arwed waͤre zu dieſem Schritte niemals zu bewegen, ſo lag dennoch in der Moͤglichkeit ſchon ein Troſt fuͤr mich. Ferdi⸗ nand naͤherte ſich nach und nach mit mehr Offenheit meinem ungluͤcklichen Gatten, welcher bei zunehmen⸗ der Gemuͤthsruhe(die, wie ich erſt ſpaͤter erfuhr, leider aus zunehmender Entkraͤftung entſtand) auch antheilnehmender fuͤr ſeine Umgebung ward, und nicht allein die jungen Freunde duldete, ſondern ſogar an⸗ fing, ſie ſehr gerne zu ſehen. Ihr unbeſchreiblich liebevolles Betragen gegen ihn machte ihn dankbar, und ihr reſervirtes Betragen, was jeder Verletzung ſorgfaͤltig auswich, machte ihn viel zutraulicher. Ohne mich des Ausdrucks der Heiterkeit bedienen zu koͤn⸗ nen, darf ich doch behaupten, daß einige leidliche Momente in Ruhe verſtrichen; denn von dem, was vielleicht ein Jeder von uns noch in der Tiefe des Herzens als Wunſch oder Sehnſucht, als Haß oder Liebe unbefriedigt fuͤhlte, durfte jetzt nicht die Rede ſein. Iſt doch der Geſcheiterte, der ſoeben mit den ſchaͤumenden Fluthen um ſein Leben kaͤmpfte, dankbar, ſelbſt wenn er voͤllig entbloͤßt den Strand erreicht! Bei Arweds fruͤherer Erbitterung und ſeinem zuruͤck⸗ ſtoßenden Weſen gegen alle Mitfuͤhlende waren wir gaͤnzlich iſolirt; unglaublich wohlthaͤtig ward da⸗ — 291— her die jetzige Geſellſchaft der Freunde, die ſich uns mit Innigkeit anſchloſſen. Von ihren eigenen Ver⸗ haͤltniſſen war nur ſehr oberflaͤchlich die Rede, da mich dieſe durchaus nicht intereſſirten, und unſer ge⸗ meinſchaftliches Beſtreben immer darauf gerichtet war, den Kranken aufzumunternz gluͤcklich fuͤhlte ich mich, wenn ihre Unterhaltung hierzu beitrug, und auch ſie waren immer bemuͤht, dieſes oder jenes Neue an Kupferſtichen, Buͤchern ꝛc. herbeizuſchaffen. So wußte ich denn nur, daß ihr eigentlicher Wohnort jenſeit des Sees auf dem Leuchtenhauſiſchen Landſitze ſei, und daß ſie druͤben gern einer groͤßeren laͤrmenden Geſellſchaft auswichen, um in unſerer Einſamkeit mehr der laͤndlichen Ruhe zu genießen. Was in der Zukunft aus unſerer immer ſchwankendern Lage geworden waͤre, weiß ich nicht, doch leugne ich nicht, daß es mich zuweilen, in Folge meiner gaͤnzlich auf das Praktiſche gerichteten Erziehung, beun⸗ ruhigte, und daß ich wiederholt auf dem Punkte ſtand, Arweds Verbot heimlich wenigſtens theilweiſe zu uͤber⸗ treten und, ohne in Paris unſern Aufenthalt zu ver⸗ rathen, dennoch durch Ferdinand meine Ältern um Huͤlfe anzuſprechen. Wochenlang kaͤmpfte ich mit dieſer Idee, als ſich ploͤtzlich der traurige Geſundheitszu⸗ ſtand meines geliebten Gatten abermals ſo ſehr ver⸗ ſchlimmerte, daß alle Wahrſcheinlichkeit zur Beſſerung ſchwand. 19* — 292— Schon lag er auf dem Siechbette, faſt in demſel⸗ ben Zuſtande, worin Sie ihn am Abend ſeines Ver⸗ ſcheidens fanden, als Ferdinand in den pariſer Jour⸗ nalen, die ihm ſtets zugeſchickt wurden, die Bekannt⸗ machung von Herrn Latours Tode las. Die Gerichts⸗ verwalter, die nach dortigen Geſetzen trotz der Witwe und Vormuͤnder hinzutreten, um die puͤnktliche Ver⸗ theilung des Nachlaſſes zu bewachen, da kein Vater ſelbſt nicht die ungerathenſten Kinder voͤllig enter⸗ ben kann, foderten zugleich den heimlich entwichenen Sohn Arwed Latour zur Empfangnahme ſeiner Erb⸗ ſchaft auf. Ferdinand fuͤhlte die Wichtigkeit dieſer Anzeige zu ſehr, um nicht mit Recht den Entſchluß zu faſſen, gegen Arweds Verbot, nie Paris und un⸗ ſerer dortigen Verwandten zu erwaͤhnen, mich we⸗ nigſtens dennoch davon zu benachrichtigen. Ohne daß ich fuͤr Herrn Latour Zaͤrtlichkeit heucheln moͤchte, die ich nach den Umſtaͤnden nie fuͤhlen konnte, mußte mich jedoch, trotz unſerer Armuth und der erfreulichen Aufhuͤlfe durch die Erbſchaft, die Todesnachricht, von der ich mit Recht eine gefaͤhrliche Ruͤckwirkung fuͤr den leidenden Gemahl fuͤrchtete, ſehr erſchuͤttern. Sogleich trat mir die Vorſtellung klar vor die Seele, wie Ar⸗ wed des Vaters Tod aus dem Gram uͤber ſeine Entwei⸗ chung erklaͤren wuͤrde, ja, wie dieſer Glaube nicht ein⸗ mal zu widerlegen ſei, da er nur zu viele Wahr⸗ ſcheinlichkeit enthielt, und wie die ſchon eingetretenen — 293— Gewiſſensbiſſe den Ungluͤcklichen, der bei ſeiner zu⸗ nehmenden Koͤrper⸗ und Geiſtesſchwaͤche immer bereit war, ſich neue Qualen zu ſchaffen, voͤllig zermalmen muͤßten. Demnach begehrte ich von Erich als Arzt die Entſcheidung. Nachdem wir lange vereinigt berie⸗ then, ſtimmten wir dennoch uͤberein, dem Kranken den Tod ſeines Vaters anzuzeigen, da ihn dieſe Nach⸗ richt vielleicht bewegen koͤnnte, endlich Verſuche der Annaͤherung gegen ſeine Familie zu unternehmen, und nach dieſer Annaͤherung und der Beſitznahme eines großen Vermoͤgens mehr Muth und vielleicht ein verbeſſerter Geſundheitszuſtand eintreten koͤnnten. So wiegte ich mich abermals mit ſchmeichelnder Hoffnung, die aber ſchon in wenigen Tagen auf das ſchrecklich⸗ ſte durch Arweds ewiges Verſcheiden dahinſchwand. Sie wohnten jener ſchmerzlichen Kataſtrophe bei und wiſſen, was ſich ferner zutrug. Warum uns Fer⸗ dinand die Naͤhe eines Landsmannes in hieſiger Ge⸗ gend verſchwieg(den er uͤbrigens nicht mit Arwed bekannt wußte), bedarf wol keiner naͤhern Er⸗ klaͤrung; außer manchen andern Gruͤnden, die ſich alle zu deutlich ſeit dem Tode meines Gatten aus⸗ ſprechen, muß man Arweds ſtrenges Verbot, ihn nicht an Frankreich zu erinnern, bedenken. Zu nahe geht mich und Sie, mein Fraͤulein, das übrige an, als daß ich mich daruͤber erklaͤren koͤnnte. Ihr Scharfſinn erraͤth, was ich verſchweige, aber nicht — 294a— will ich verbergen, daß ich meinem einſt geliebten Gatten die Treue, die ich ihm in kindlicher Unſchuld ſchwur, auch noch jenſeit des Grabes halten werde. Gluͤck und Frieden will ich ſtets fuͤr Ferdinand vom Himmel erflehen, und kann ſeine Heftigkeit mit dem Alter erkalten, ſo wird mein Flehen nicht vergeblich ſein. Die Erbſchaftsangelegenheiten in Paris, die ich ſeitdem einem Bevollmaͤchtigten uͤbergab und vor de⸗ ren Beendigung ich ungern dorthin zuruͤckkehren moͤchte, laſſen mich jetzt noch von Ihrer Guͤte gegen mich Ge⸗ brauch machen. Da das Recht auf meiner Seite iſt, ſo gehen die Schwierigkeiten, welche die Familie La⸗ tour hervorſucht, ſehr wahrſcheinlich gluͤcklich zu Ende, und dann ſuche ich nur noch den einzigen Troſt, der mir auf dieſer Erde werden kann, zu erlangen, naͤm⸗ lich die Ältern und die ſchoͤne Heimath wiederzu⸗ ſehen und nie wieder zu verlaſſen. Achtzehntes Capitel. In dem Ende von Honorinens Erzaͤhlung lag die Abſicht ihrer Mittheilung zu offen, als daß ich einen Augenblick daruͤber zweifeln konnte. Mir be⸗ ſonders war es klar, daß eine Pariſerin, in beſchraͤnk⸗ — 295— ten Umſtaͤnden auf dem Boulevard groß gezogen, im Auslande von Drangſalen verfolgt, in ihren Wuͤnſchen, ja in ihrer Neigung getaͤuſcht, wie ſie es durch die deutlich verloͤſchende Liebe Arweds ward, und endlich vom Schickſale in pecuniaͤrer Hinſicht beguͤnſtigt, keine andere Gluͤckſeligkeit mehr wuͤnſche, als ſich in Pa⸗ ris frei und unabhaͤngig ihrer beſſern Lage zu erfreuen, und nur zu gut wußte ich, keine Rangeserhoͤhung, keine Art Ergoͤtzung, die das Ausland bieten koͤnnte, wuͤrde Erſatz ſcheinen fuͤr das, was unſere Schoͤnen uͤberall außer Paris zu vermiſſen waͤhnen. Von dem, was ich in Bezug auf meinen theuern ungluͤcklichen Arwed fuͤhlen mußte, ſchweige ich und erwarte Übereinſtim⸗ mung mit Euch. Wir Alle beklagten damals ſeine Entfernung, um wie viel mehr die traurigen Folgen und ſein Ende! Um wie viel bedauernswerther bleibt ſein Schickſal, da es, unabhaͤngig vom Willen, noth⸗ wendig ſich aus ſeinem Charakter zu entwickeln ſcheint. Schwaͤche und Heftigkeit waren deſſen Grundbeſtand⸗ theile, und ſo ward er das Opfer beider. 4 Noch traͤumte ich mehre Tage dem Inhalte dieſer Blaͤtter nach und fuͤhlte mich bewegt, verſtimmt und durch Corneliens Abweſenheit in dieſer fremden ruhi⸗ gen Umgebung weder unterhalten noch angeregt, als eines Morgens der Graf Falgin mit auffallend bleicher, zerſtoͤrter Miene zu mir ins Zimmer trat, beſtuͤrzt mich fragend, ob ich etwas Naͤheres uͤber Ferdinand wiſſe. — 296— Wo iſt er? was treibt er? wo finde ich ihn, um ihn ſchnell zu warnen, ehe es zu ſpaͤt wird? Um Gottes Willen, was iſt geſchehen? fragte ich jetzt eben ſo beſorgt als er, und erfuhr zu meinem Entſetzen, ſeit einigen Stunden verbreite ſich das Ge⸗ ruͤcht: man habe in der Reſidenz ſelbſt eine jener in Deutſchland ſo viel beſprochenen geheimen Geſellſchaf⸗ ten zur Verbeſſerung des Voͤlkerzuſtandes entdeckt, und die Hauptanſtifter bereits verhaftet. Einige nennen Ferdinand dabei, fuhr er fort, An⸗ dere widerlegen dieſes. O! wenn er noch zu war⸗ nen waͤre, ehe er in ſchmaͤhliche Gefangenſchaft geraͤth. Ahnung durchbebte mich, und ohne dem Grafen mein naͤchtliches Abenteuer mit Ferdinand zu ent⸗ decken, eilten wir Beide hinaus, Erkundigungen ein⸗ zuziehen. Man denke ſich unſern Zuſtand, als die Vermuthung zur Gewißheit ward!— Unmoͤglich waͤre unſere Erſchuͤtterung mit Worten zu beſchreiben.— Ferdinand war als Chef des Complotts angeklagt und bereits zum Verhaft abgefuͤhrt, ohne daß wir erfahren konnten, wohin. Und wie koͤnnte ich den traurigen Zuſtand ſchil⸗ dern, in den jene liebenswuͤrdigen Familien durch dieſe ungluͤckliche Begebenheit geſetzt wurden! Die immer ſchwache Geſundheit der Mutter war ſchon laͤngſt in beſtimmte Kraͤnklichkeit durch die ſtets feſtere über⸗ zeugung der gaͤnzlichen Vernichtung ihrer liebſten — 297— Wuͤnſche uͤbergegangen. Kein Wort des Vorwurfs traf uns je aus ihrem Munde, denn zu gut war ſie, zu edel ihr Gemuͤth, um mit gewaltſamem Eingriff das Unmoͤg⸗ liche zu wollen; aber ſie klagte das Schickſal im Stillen an, und dieſer unausgeſprochene Gram brach ihr Herz. Waͤhrend ich ihr noch gaͤnzlich als Fremder gegenuͤber⸗ ſtand, ſchaͤtzte und liebte ſie mich; als ſie aber ſpaͤter in meiner Gegenwart die Haupturſache aller Wider⸗ waͤrtigkeit ſah, erhob ſie eine Kaͤlte gegen mich, die mich tief ſchmerzte. Sie ſah ihre geliebte Cornelie den erſehnten Verwandtſchaftsbanden, zu denen ſie (die Mutter) jahrelang hinſtrebte, ploͤtzlich entriſſen, und der Kummer untergrub jede fernere Freude; um wie viel qualvoller mußte jetzt die entſetzliche Nachricht von Ferdinands Verhaftung auf ſie wirken, um wie viel ſchrecklicher, da er nach ihren Anſichten ſein Loos verdient hatte!— Den einzigen Sohn, den mit allen ſeinen Fehlern noch vielgeliebten Sohn ſah ſie als Opfer einer moraliſchen Epidemie, wie ſie es nannte, fallen. Und wie duͤrfte ich ihn, rief ſie eines Abends, als ein hitziges Fieber ihr Gehirn erhitzt hatte, nur je wieder als meinen Sohn anerkennen, den Ver⸗ ſchwoͤrer gegen ſein Vaterland, gegen ſeinen Landes⸗ herrn?! Nein, ſie moͤgen ihn verurtheilen, ihn rich⸗ ten, er verdient keine Begnadigung!— Wie die hoͤchſten Staͤnde uͤber die Entdeckung die⸗ — 298— ſer ſogenannten Verſchwoͤrung in Allarm kamen, be⸗ darf wol kaum der Erwaͤhnung, jedoch glich die Be⸗ wegung in nichts dem AÄhnlichen, was wir in unſerm Vaterlande in ſolchen Faͤllen kennen. Man war er⸗ ſtaunt uͤber die Kuͤhnheit der Empoͤrer, aber faſt war der Tadel allgemein. In Ferdinand, den man als den Anſtifter, als das Haupt des Ganzen nannte, ſah man einen niedrigen Verraͤther, und obgleich man die Übel, welche die Gefangenen als Urſache ihrer Verſchwoͤrung angaben, im Publicum als wirklich beſte⸗ hend anerkannte, ſo fand man doch in der Idee Ein⸗ zelner, ſich durch Gewalt Gerechtigkeit verſchaffen zu wollen, eine ſtrafbare Frechheit. Nicht ohne Grund bediene ich mich des Ausdrucks der hoͤheren Staͤnde und des Publicums, denn nur dieſe allein konnte ich beurtheilen. Da kein oͤffentliches Blatt uͤber den Vor⸗ fall reden durfte, ſo ward er dem Volke kaum be⸗ kannt, und folglich deſſen Stimme(auf deren Richtig⸗ keit man ſonſt ſicher am beſten haͤtte trauen koͤnnen) nicht vernehmbar; es durfte kein lautes misbilligen⸗ des Urtheil uͤber einen Regierungsact wagen, und ſo trat dieſe ganze Angelegenheit bald als eine durchaus partielle Sache der privilegirten Staͤnde hervor, de⸗ nen ſogar das Recht, daruͤber zu reden, allein bleiben muͤßte. Wohl ließ ſich bald die eigentliche Ungeſchick⸗ lichkeit dieſer Helden erkennen, indem die Philoſophie, welche in ihnen die erſte Eingebung zu dem großen beabſichtigten Zwecke entwickelte, auch faſt ihre einzige Macht, Principien ihre einzigen Waffen waren. Von wirklichen Waffen, von einer gleichgeſinnten, wirklich unterſtuͤtzenden Maſſe war keine Spur, und ſo mußte dieſes moraliſche Chimaͤrengebaͤude auch wie ein Sche⸗ men gegen abſolute Gewalt zerfließen. Wohin ich forſchen mochte, ob nicht irgendwo ein Funken glimme, der zur Rettung des liebenswuͤrdigen Ferdinand zu benutzen ſei, blieb mein Spaͤhen umſonſt. So ſchwach war die Anzahl der Theilnehmenden, daß die weni⸗ gen ſich vor der Verhaftung Rettenden keine Partei ferner bilden konnten und uͤber die Grenze fluͤchteten. Bei mir blieb indeſſen nur der eine Gedanke, wie Ferdi⸗ nand zu befreien ſei, rege. Daß ich bei dem Zuſam⸗ mentreffen ſo vieler peinlichen Umſtaͤnde peinlich von dem Gedanken, wie alles dieſes auf Cornelie wirken wuͤrde, ergriffen war und mit verdoppelter Sehnſucht ſie zuruͤckwuͤnſchte, laͤßt ſich denken, und dennoch mußte mich die Hoffnung dieſes Wiederſehens ſchmerz⸗ lich umfangen, und ich mir ſelbſt unwuͤrdig erſcheinen, vor die Geliebte zu treten, wenn ich nicht zuvor einen Verſuch zur Rettung des Freundes gewagt haͤtte. Bei manchem Hin⸗ und Herſinnen, wer mir etwa zur Unterſtuͤtzung meiner Plaͤne in Betreff auf Fer⸗ dinand nuͤtzlich werden koͤnnte, gedachte ich auch des Grafen Falgin. Er hatte ſich im erſten Momente ſo theilnehmend bewieſen, Cornelie ruͤhmte einſt ſo — 300— deringend zu den Fuͤßen des Prinzen. warm ſeine Tugenden, daß ich in ihm ganz den Mann, deſſen ich bedurfte, glaubte; als ich ihn aber eines Tages in der Abſicht, ihn zu ſondiren, in ſeiner Wohnung, die ſich im Hotel ſeines Fuͤrſten befand, aaufſuchte, erſchien er mir, wie ſchon oft, ſehr un⸗ gleich im Benehmen, und ſo aͤnderte auch ich abermals meine Meinung. In zu grellem Widerſpruche waren ſeine Tugenden mit der Stellung als Adjutant eines durchaus unpopulairen, untugendhaften Herrn, und je deutlicher mir dieſes in den fuͤrſtlichen Ringmauern ward, je beſtimmter entſagte ich meinem Plane auf ihn. Indem wir vereint die ungluͤckliche Familie Leuch⸗ tenhauſen aufſuchen wollten, fuͤhrte die Treppe an des Prinzen Gemaͤchern voruͤber; hier erinnerte ſich der Adjutant, daß er Dieſen noch zu ſprechen habe, doch ward er im Vorzimmer ſtutzig, denn lautes Re⸗ den, heftiges Schluchzen von einer Weiberſtimme ließen ſich aus dem fuͤrſtlichen Cabinette vernehmen. Falgin befragte zoͤgernd den aufwartenden Kammerdiener, ob jeder Zutritt verwehrt ſei, und als er dennoch, nach⸗ dem man es verneinte, zoͤgerte, trat ein zweiter Ad⸗ jutant mit einem Briefe herzu, den er, nach ſeiner Ausſage, dem Prinzen eilig uͤbergeben muͤſſe; er oͤff⸗ nete die Thuͤre und— Cornelie lag flehend und haͤn⸗ Deutlich ver⸗ nahmen wir noch ihre Worte: Alſo haͤtte ich umſonſt gefleht? — 301— Es haͤngt allein von Ihnen ab, war die Antwort, die nicht mit Kaͤlte, aber mit der dem Fuͤrſten eignen berechneten Ruhe gegeben ward, und als man im naͤmlichen Augenblicke den Eintretenden im Cabinete gewahrte, warf Cornelie einen Blick tiefer Verachtung auf ihren Gegner und flog mit Blitzeseile, uns nicht bemerkend, die Treppe hinab. Dieſe Scene war genug fuͤr mich, um Ferdinand, die Staatsverbeſſerer und die ganze uͤbrige Welt zu vergeſſen. Ich eilte der Ge⸗ liebten nach, die ſich ſoeben in ihren Wagen gewor⸗ fen hatte, und mit der ich faſt gleichzeitig vor ihrem Hauſe anlangte. In ihrem Zimmer brach der hef⸗ tigſte Schmerz in einen Thraͤnenſtrom aus, der lange waͤhrte, ehe wir uns des traurigen Wiederſehens er⸗ freuen, ehe ſie mir den gehoͤrigen Aufſchluß geben konnte. Sobald ſie die Nachricht von Ferdinands Verhaf⸗ tung vernommen hatte, eilte ſie nach der Reſidenz, um des Prinzen einzentitu anzuflehen, den ſie hier⸗ zu maͤchtig genug wußte: O ich habe mich erniedrigt zu ſeinen Fuͤßen, fagte ſie, indem Schauder durch ihre ſchoͤnen Glieder zu rieſeln ſchien; und keine Be⸗ dingung, die er, den ich ſonſt verachte, mir zur Rettung Ferdinands vorſchlagen mochte, haͤttte mir zu hart geſchienen, aber nur verbrecheriſche Milde kennt dieſer Elende, und ſo muß der verirrte Freund vielleicht in ewiger Gefangenſchaft ſchmachten! —— E — 302— Forſchend blickte ich ſie an, und indem ſie erroͤthend an meine Bruſt ſank, verſtanden wir uns nur zu gut. Hal rief ich, nicht ungeſtraft ſoll dieſer Schaͤnd⸗ liche—— Sie legte mir den Finger auf den Mund. Halten Sie ein, Dorval! ſprach ſie, ſoll ſich Ungluͤck noch zu Ungluͤck haͤufen? iſt der Kampf, den ich ſo lange mit meinem Herzen fuͤhren mußte, un⸗ ſere Trennung, der harte Schlag des Schickſals, der mich in dem Jugendfreunde trifft, nicht des Elends genug? iſt der Kummer, den ich um die geliebte Pflegemutter dulde, nicht zermalmend? wollen Sie auch, von dem ich allein noch Troſt erwarten kann, ſich gegen mich verſchwoͤren und das Ungefaͤhr, was Sie Zeuge einer Scene werden ließ, die Ihnen ewig unbekannt geblieben waͤre, zu meinem Verderben nuͤtzen? Der Prinz iſt maͤchtig, und koͤnnte er viel⸗ leicht Gutes durch Einfluß bewirken, ſo kann er gewiß Boͤſes durch unabhaͤngige Gewalt ſtiften. Bei unſerer Liebe beſchwoͤre ich Sie: was Sie er⸗ rathen, bleibt unter uns! Gereizt und bekuͤmmert, wie ſie es jetzt war, durfte ich fuͤr den Augenblick nicht widerſprechen; doch ge⸗ lobte ich mir heimlich, was immer daraus entſtehen moͤchte, einſt Rache zu uͤben. X — 303— Neunzehntes Capitel. Alle Vorkehrungsmaßregeln zu Ferdinands Befreiung waren meinerſeits genommen, und ſo ſchwierig und gefaͤhrlich mir das Unternehmen auch erſchien, ſo hoffte ich dennoch ſein Gelingen, indem ich mit aͤußerſter Vorſicht handelte. Der Einzige, dem ich mich nun nach lan⸗ gem Berathen zu entdecken wagte, war des Gefan⸗ genen treueſter Buſenfreund Erich, von dem ich allein Verachtung der Todesgefahr erwarten konnte. Die Geſchwiſter Leuchtenhauſen waren die einzigen Weſen auf der Erde, denen er mit ſeltener Anhaͤnglichkeit und Liebe ergeben war, und Olinde wies ihn, wie man taͤglich deutlicher ſehen konnte, theils aus falſch verſtandener Tugend zuruͤck, theils verbarg ſie nicht, daß ſie ihrerſeits wenigſtens wieder gut zu machen wuͤnſche, was Ferdinand und Cornelie gegen die Mutter verſchuldeten. Dieſes ward aber bei Erich um ſo mehr Beweggrund, Gefahr und Tod aufzuſu⸗ chen, und ſo verſtand ich ihn ungefragt, daß ihm fuͤr Ferdinand kein Opfer zu groß ſein wuͤrde; unſere Gedanken begegneten ſich uͤber dieſen Punkt, nachdem wir kaum gegenſeitig darauf anſpielten, und in we⸗ nigen Worten ward unſer Plan feſtgeſetzt. Schon waren wir mit unſern Ausſpaͤhungen ſo weit vorgeruͤckt, daß wir erfuhren, wohin man die — 304— Verhafteten gebracht hatte, und daß Ferdinand abge⸗ ſchloſſen von den Übrigen lebe. Wir wußten dem⸗ nach, er befaͤnde ſich außerhalb der Stadt in einem alten verlaſſenen Burgſchloſſe, zum Staatsgefaͤngniſſe dienend, dicht an dem Fluſſe gelegen. Sichere Schild⸗ wachen, hieß es, bewahrten die Pforten von der Landſeite; auf ihre Beſtechbarkeit war nicht zu rech⸗ nen, vielmehr daß bei den Belhoͤrden, trotz ihres Dienſteifers, ein ungeſchicktes Verſehen aufzufinden ſein muͤßte, und wirklich erkannten wir es bald in der unbewachten Waſſerſeite. Von hier aus ſchien man kein Entkommen fuͤr denkbar zu halten, und dennoch erkannten wir von hier aus allein die Moͤglichkeit, unſern Rettungs⸗ plan durchzuſetzen. Erich's Kuͤhnheit ließ ihn bereits als Schiffer verkleidet hier wiederholt bei eingetrete⸗ ner Nacht auf und nieder ſchiffen, ohne daß er Auf⸗ merkſamkeit erregte. Nach und nach ſuchte er dem Gefangenen durch Lieder und andere Mittel ein Zei⸗ chen zu geben, und endlich gelang es ihm, einige ſchrift⸗ liche Worte mit ihm zu wechſeln, die vermittelſt ei⸗ nes Bandes aufgezogen wurden. Wir fuͤhlten uns weit genug vorgeruͤckt, um jetzt ſchon bei einer Ent⸗ deckung ſelbſt in große Gefahr zu kommen, und daß wir beendigen muͤßten, um den Ungluͤcklichen, den wir retten wollten, nicht in noch groͤßeres Ver⸗ derben durch unſer Verſchulden zu ſtuͤrzen. Wir wa⸗ ren noch unentſchloſſen uͤber den Tag, wann ſolch — 3053— gewagter wichtiger Schritt unter der wenigſten Be⸗ drohung von Gefahr zu unternehmen ſei, als eines Abends Falgin zu mir ins Zimmer trat. Zu oft hatte ich ihn an der Seite Olindens froh und hoffnungsreich geſehen, um nicht jetzt Beſorgniß in ſeinen Mienen zu leſen. Unſer Geſpraͤch betraf bald Ferdinand, ſei⸗ nen bejammernswerthen Zuſtand, deſſen Ende nicht abzuſehen. Unter dem Reden blickte er mich forſchend an, und mit einem unbeſchreiblich ſchmerzlichen Aus⸗ drucke rief er: Ol daß er zu retten, daß er noch heute zu befreien waͤre! Meine Pulſe ſchlugen heftiger, doch ſuchte ich jede Gemuͤthsbewegung zu verbergen. War⸗ um eben heute? entgegnete ich fragend, ſcheinbar gleich⸗ guͤltig. O Dorval! antwortete er mit dem Ausdrucke der Offenherzigkeit, wenn Ferdinand treue Freunde zaͤhlt, wenn dieſe ſich einer freieren, unbeſchraͤnkteren Stellung, als ich, zu erfreuen haͤtten und großmuͤthig etwas wagen wollten, ſo gebe Gott, es moͤge ihnen noch vor Mitternacht gelingen. Eine lange Pauſe folgte dieſem wohlgemeinten Winke, waͤhrend welcher unbeſchreibliche Verlegenheit ſich mei⸗ ner bemaͤchtigte, denn der Graf ſchien mir nicht allein von unſerm Unternehmen unterrichtet, ſondern noch von einer ſchlimmern Lage zu wiſſen, die den Gefan⸗ genen noch in dieſer Nacht bedrohen koͤnnte. Faſt ſtand ich auf dem Punkte, mich ihm zu offenbaren, als ſich ploͤtzlich das entſetzlichſte Mistrauen meiner 20 — 306— bemaͤchtigte, und der Gedanke an Verrath mir war⸗ nend den Mund ſchloß; er aber errieth mich. Sie ſchweigen, begann er von neuem, Sie hegen Mis⸗ trauen, ich verzeihe es und finde es begreiflich. Schweigen Sie immer, doch handeln Sie und rech⸗ nen Sie auf meine geheime Unterſtuͤtzung. Ja, ich bin ein Verraͤther, aber nicht an Ihnen, nicht an Olindens Bruder, ſelbſt nicht an meinem Nebenbuh⸗ ler Erich; auch dieſen ſchaͤtze ich, und nur die Gewiß⸗ heit, daß Olinde nie ſein werden darf, laͤßt mich mit meinen Anſpruͤchen nicht zuruͤckſtehen. Die Liebe, die wahre Leidenſchaft der reinſten Unſchuld, der er⸗ ſten Hingebung, die fuͤhle ich fuͤr Olinde nicht. So liebte ich einſt—(er zuckte krampfhaft mit den Lip⸗ pen und ſchien in traurige Ruͤckerinnerung verſunken, dann ſprang er heftig vom Seſſel auf) doch das iſt voruͤber, mein Herz hat geblutet und wird wol ewig bluten, und nur das Bewußtſein, auch Olinde habe ſchon geliebt, auch ſie werde des Troſtes eines Freun⸗ des beduͤrfen, der gleiche Schmerzen kennt, werde wiederum ſchonend die ſeinigen lindern, ließ mich das ſanfte Maͤdchen zur Gattin waͤhlen, da man ſie un— ter keiner Bedingung dem Arzte vermaͤhlen wuͤrde. Doch dieſes alles gehoͤrt jetzt kaum hierher, ich er⸗ waͤhnte es nur, um Sie uͤber die zweideutige Rolle, die Sie mich werden ſpielen ſehen, zu beruhigen. Ja, ich werde zum Verraͤther, aber aus der gerech⸗ — 307— teſten Rache, deren ſich je ein Sterblicher zur Genug⸗ thuung ſeiner Ehre bedienen durfte, einer Rache, die fuͤr den Beleidigten eben ſo ſuͤß iſt, als fuͤr den feu⸗ rig Liebenden die Erhoͤrung ſeiner Wuͤnſche; das fuͤhle ich jetzt, da ich mich nach langem Harren am Ziele hoffe! Leben Sie wohl, Herr Dorval, und ver⸗ ſchweigen Sie Ihr Geheimniß, wie ich das meinige noch verſchweigen muß, aber benutzen Sie meine War⸗ nung, und vor Allem rechnen Sie auf mich. Schneller, als ich es ſagen koͤnnte, eilte er davon. Zu verſchiedene Gedanken kreuzten in meinem Kopfe, als daß ich vor der Hand zu einem Entſchluſſe ge⸗ langen konnte, jedoch fuͤhlte ich die Nothwendigkeit, mit Erich zu berathen, und ſuchte ihn deswegen bei Frau von Leuchtenhauſen auf, bei der er vielleicht zum letz⸗ ten Male, wie ich mir dachte, ſeine Pflicht als Arzt verſah. Tiefe Stille und Trauer herrſchte im Zimmer der Leidenden, und ſchon waren bei der bereits eingetrete⸗ nen Nacht uͤberall die dunkeln Vorhaͤnge zur Bewah⸗ rung herabgelaſſen. Jeder hell vernehmbare Secun⸗ denſchlag der Stutzuhr kuͤndigte den Lauf ſchmerzlich vollbrachter Stunden an, mahnte an die noch lange hoffnungsloſe Bahn eines Ungluͤcklichen, und aber⸗ mals, wie ſchon oft, ward mir deutlich, daß eine Uhr mehr als jeder andere lebloſe Gegenſtand ſich dazu eignet, unſere Freuden und Leiden zu ſteigern. Dem 20* — 308— Frivolen iſt ſie nur ein Spielzeug, doch dem Erwar⸗ tenden bringt jede Kreiſung des Zeigers Troſt, trau⸗ rig ſchleicht er dahin fuͤr den Leidenden, ſchauderhaft erklingt ſein Ziel dem Verurtheilten. Die matten Strahlen der Lampe warfen ihr truͤbes Licht uͤber die bleichen Zuͤge Frau von Leuchtenhauſens, die, in einen bequemen Seſſel gelehnt, die weißen entfleiſch⸗ ten Haͤnde in den Schooß gefaltet, in ſchmerzliche Gedanken verſunken ſchien. Ach! es war ein herz⸗ zerreißender Anblick, dieſe Mutter alſo in Erinnerung verſunken zu ſehen, wenn man wußte, welche Mah⸗ nung ihren Buſen zerriß, welcher gerechte Kummer die einſt ſo Frohe zerknirſchte. Ihre Fuͤße ruhten auf einem weichen, zierlich geſtickten Polſter, der Olinden zugleich zum Sitze diente. Auch dieſe ſchien ſeit der Unheilskataſtrophe, die den Bruder traf, das eigne Leid zu vergeſſen; auch von ihr war gaͤnzlich die Ruhe gewichen. Man ſah ſie ſich feſter an die Mutter ſchließen und jeden Abend bei eintre⸗ tendem Halbdunkel ſich zu deren Fuͤßen niederlaſſen, das Haupt auf ihre Kniee geſtuͤtzt; oft ſchwamm, wenn ſie ſich erhob, das klare blaue Auge in Thraͤ⸗ nen, und ſelbſt uns Maͤnner erfaßte ein unendlich ban⸗ ges Gefuͤhl des Mitleids. Mit welchen Farben koͤnnte ich aber jetzt noch den Zuſtand meiner geliebten Cor⸗ nelie malen?— Taͤglich nahm ſie in der entfern⸗ teſten Ecke des Krankenzimmers ihren Platz, und ohne — 309— nur die mindeſte Zerſtreuung durch Beſchaͤftigung zu ſuchen, ſah man ſie vielmehr einer erhitzten Phantaſie zum Raube. Starr ſchaute ſie ſtundenlang nach ei⸗ nem Punkte, und der Anblick ihrer verſcheidenden theuern Pflegerin erpreßte ihr, aller Anſtrengung, ſie zu un⸗ terdruͤcken, zum Trotze, unaufhoͤrliche Seufzer. Auch Honorine zeigte ſich in dieſem Kreiſe thaͤtig und dank⸗ bar. Alſo fand ich die Guten an jenem verhaͤngniß⸗ vollen Abend vereinigt, und Erich, den ich aufzuſuchen kam, huͤlfeleiſtend in ihrer Mitte. Ich zog ihn bald auf die Seite und theilte ihm fluͤſternd meinen Ent⸗ ſchluß mit, unſern Plan noch vor Mitternacht aus⸗ zufuͤhren, ob ich ihm gleich nur oberflaͤchlich den wah⸗ ren Grund zu dieſer Beſchleunigung angeben konnte. Je fruͤher, je lieber, lispelte er mir leiſe zuruͤck; denn ohne beſondere Urſache halte ich Zoͤgerung fuͤr gefaͤhrlich. Alſo noch vor Mitternacht! war meine ſchnelle Antwort, und die Sache zwiſchen uns abgemacht. Dann nahte ich mich meiner theuern Cornelie und wagte es zum erſten Mal in der Mutter Gegenwart, ihre Hand in die meinige zu nehmen. Mein pochen⸗ des Herz, mein ſchwermuͤthiger Blick mußte mich faſt verrathen, doch blieb ſie unbeweglich und wehrte den Kuß nicht, den ich auf ihre Roſenfinger hauchte. Unbeſchreiblich liebenswuͤrdig, wie ſie fruͤher in ihrer Heiterkeit war, erſchien ſie jetzt in ihrer gerechten Trauer, — 310— und ganz Empfindung, konnte auch ich gleich meiner Umgebung keine Worte finden. Da richtete ſich die kranke Mutter in ihrem Seſſel empor, und indem ſie die matten Arme ausbreitete und von den bleichen Lip⸗ pen zitternd die Namen: Cornelie! Dorrvall erſchall⸗ ten, lagen wir Beide, von unendlichem Schmerze, von ſeliger Liebe erſchuͤttert, an ihrer Bruſt. Verge⸗ bung! riefen wir gleichzeitig. Stille! lispelte ſie leiſe, mir muß vergeben wer⸗ den, daß ich Unmoͤgliches gewollt. Werde ſo gluͤck⸗ lich, meine Cornelie, wie Du es verdienſt, ſo gluͤck⸗ lich, wie es Deine ſterbende Mutter, die ich bald in jenen ſeligen Raͤumen zu umarmen hoffe, von meiner Sorgfalt fuͤr Dich erwartete. Dorval, ich uͤbergebe Ihnen in Cornelien ein unſchaͤtzbares Kleinod.. Was ich uͤber Alles hoch und theuer halte! rief ich freudeſtrahlend, indem ich die Geliebte wonne⸗ trunken umarmte. Dann aber mahnte mich ploͤtzlich meine Pflicht, und mit ſeltener Geiſteskraft entriß ich mich zuerſt dieſer beſeligenden Umarmung. O! Sie ſollen mich in jeder Hinſicht dieſer Liebe wuͤrdig finden, fuhr ich fort, indem ich mich zu Frau von Leuchtenhauſen's Fuͤßen niederließ. Ihren Se⸗ gen, meine Mutter, zu einem großen Werke deſſen Gelingen uns allein wieder Muth zur Freude geben darf!—— — 311— Sie breitete ihre Haͤnde uͤber mein Haupt, und ich erhob mich geſtaͤrkter. Lebet wohl dann, Ihr guten, geliebten Menſchen, die Ihr mir ewig unvergeßlich ſein werdet! Lebe wohl, Cornelie, und bleibe ſtark; wie immer die naͤchſte Zu⸗ kunft ſich geſtalten will, wir werden vereint! Erich, jetzt ſchnell zur That!—— Somit eilte ich mit dem Arzte davon und ließ, wie ich ſpaͤter erfuhr, Zweifel und Beſorgniß zuruͤck. Zuvoͤrderſt kehrten wir nach meiner Wohnung zuruͤck, ſteckten vorbereitete Paͤſſe und Geld zu uns und ver⸗ ſahen uns beſonders mit guten Waffen zum Schla⸗ gen und Schießen ſo wie mit Werkzeugen; dann ſuch⸗ ten wir uns ſo viel als moͤglich unkenntlich zu geſtal⸗ ten und begannen unſern wichtigen Gang zur Stadt hinaus, als die Straßen anfingen menſchenleer zu werden, welches, wie ich laͤngſt beobachtet hatte, ſchon einige Stunden vor Mitternacht geſchah. So mochte es wol noch eine gute Stunde vor zwoͤlf Uhr ſein, als wir ſchon das Rauſchen des Fluſſes in einer be⸗ reits durchaus einſamen Gegend vernahmen. Jetzt erſt verließ uns zuerſt die Furcht, behorcht zu werden. Ich bin voll des feſten Muthes, ſagte Erich, denn unſere Vorrichtungen gelangen ſchon vortrefflich, aber viel bleibt noch zu thun uͤbrig. Ferdinands Glieder ſind ungeſchloſſen, wie er mir durch einige fluͤchtige heimliche Bleiſtiftzuͤge berichtete, aber ohne Huͤlfe von —— — —— 312— außen wird die Befreiung unmoͤglich, dieſes iſt alſo jetzt unſer Werk. Schwarze Nacht umlagerte uns, und, dem einſamen Burgſchloſſe ſchon ganz nahe, haͤtten wir es kaum gewußt, wenn es nicht die fernher ſchimmernden Wachtfeuer verriethen. Gefliſſentlich dieſen ausweichend, hielten wir uns laͤngs dem Strande. Ein Nachen nahm uns auf, und mit klopfenden Herzen erreich⸗ ten wir den Fuß eines ſteilen Eckthurms, der ſeine verjaͤhrte moosbewachſene Steinwand in die ſchaͤumen⸗ den Fluten tauchte. Hoch unter dem ſpitz aufſtreben⸗ den Schindeldache leuchtete noch hinter einem Gitter ein ſchwaches, kaum bemerkbares Licht. Dort! riefen wir in Sympathie gleichzeitig aus und ſteuerten erbitterter, aber muthiger auf jenen Thurm los. Ferdinand, der taͤglich, ſo lange es ſeine Kraͤfte erlaubten, ohne Unterlaß auf unſer verſprochenes Sig⸗ nal horchte, vernahm es ſogleich. Schnell befeſtigten wir eine Strickleiter an das Band, welches er herab⸗ ließ, und waͤhrend Erich unten im Nachen Wache hielt, ſchwang ich mich gluͤcklich hinauf. Unendlich viel war gewonnen, aber wie viel mehr noch zu verlieren! Jeder Moment konnte alle unſere An⸗ ſtrengung vernichten und den wir zu retten wuͤnſch⸗ ten auf ewig ins Verderben ſtuͤrzen. Dieſe Vorſtel⸗ lung bemaͤchtigte ſich meiner Einbildungskraft mit ſol⸗ cher Lebhaftigkeit, daß ſie meinen koͤrperlichen Kraͤf⸗ — 313— ten uͤbernatuͤrliche Staͤrke verlieh, und es bewaͤhrte ſich dieſelbe wunderbare phyſiſche Entwickelung an mir, die man oft mit Staunen an Fieberkranken wahr⸗ nimmt, die, kaum noch matt auf das Lager gebannt, ploͤtzlich eine ſelbſt in geſunden Tagen nicht an ih⸗ nen gekannte Muskelkraft beweiſen und auch ſogleich in ihre vorige Apathie zuruͤckſinken. Ich auch ward von einer hoͤhern Macht unterſtuͤtzt, und dahin ſank die Scheidewand des Eiſengitters zwiſchen mir und Ferdinand; wir ſtuͤrzten uns in die Arme, und das Wort erſtarrte auf unſern Lippen, doch war es na⸗ tuͤrlich, daß wir bei ſo furchtbar drohender Gefahr auch der Zukunft gedachten. Kommen Sie, ſprach ich, ihn raſch bei der Hand nehmend, jede Zoͤgerung iſt gefaͤhrlich. Erich ſteht unten im Nachen als Waͤch⸗ ter; er iſt mit Allen verſehen und wird Sie auf der Flucht begleiten. Doch man denke ſich jetzt unſer Entſetzen, als wir, ſoeben im Begriff, uns uͤber die Fenſterpfoſten die Leiter hinabzuſchwingen, deutliches Knarren an der Thuͤr des Eingangs vernahmen. Unmoͤglich war es, ſo ſchnell unbemerkt zu entkommen, und die Überzeu⸗ gung hiervon erſtarrte den ungluͤcklichen Ferdinand faſt zur Salzſaͤule; ich aber erlangte, abermals durch unglaubliche Angſt geſteigert, ſo viel Beſinnungskraft, ſchnell das Licht auszuloͤſchen, den Gefangenen nach ſeinem ſchlechten Bette hinzuſtoßen und mich ſelbſt — 214— dahinter zu verbergen; auch waren wir kaum auf dieſe Weiſe einigermaßen geſichert, als der Gefangenwaͤrter einem Manne von ſtattlicher Figur hereinleuchtete, in dem ich ſogleich, aus meinem Schlupfwinkel herſchie⸗ lend, den Prinzen erkannte. Mein Entſetzen vermehrte ſich, doch war mein Plan auf der Stelle reif. Nicht abſichtslos konnte ſein Er⸗ ſcheinen um dieſe Stunde in ſchwarzer, kalter Win⸗ ternacht hier ſein, nicht ohne Gefahr voruͤberziehen; aber was ihn auch immer herfuͤhren mochte, ſo ge⸗ lobte ich mir, Ferdinand ſollte dennoch gerettet wer⸗ den. Leiſe, mit der groͤßten Vorſicht fuͤhlte ich nach meinen Waffen und horchte aͤngſtlich auf. Gluͤcklicher⸗ weiſe beſtand die Erleuchtung nur in einer Blend⸗ laterne, die ihr ſchwaches Licht nach der entgegenge⸗ ſetzten Seite des Fenſters warf, und da der Fuͤrſt wol ohnehin nicht gewohnt war Gefaͤngniſſe zu beſu⸗ chen, ſo fiel ihm hier nichts auf, wie ich bald be⸗ merkte. Ferdinand, dem das Herz pochen mußte, ſtellte ſich dennoch mit Geſchicklichkeit ſchlafend; nur auf mehres Rufen des Prinzen rieb er ſich erſt die Augen und richtete ſich dann erſt langſam in die Hoͤhe. Dieſer Fuͤrſt, deſſen Ausdruck, deſſen Phyſiogno⸗ mie trotz ſeiner geregelten Zuͤge und des guten An⸗ ſtandes von dem erſten Augenblicke an, als ich ihn im Luſtſchloſſe des Baron Turneck ſah, einen unan⸗ — 38— genehmen Eindruck auf mich gemacht hatte, erregte mir heute ſolchen Widerwillen, daß ich bei aller Ge⸗ fahr Muͤhe hatte, mich ruhig zu halten. Der letzte Auftritt mit Cornelien kam durch ſeine Gegenwart lebhafter in mein Gedaͤchtniß zuruͤck, und ohne ei⸗ nen Nebenbuhler in ihm zu ſehen, erkannte ich ihn als einen elenden Wuͤſtling. Wie unter eine Eis⸗ decke gebannt ſchien die ganze Form ſeiner Figur, und ploͤtzlich war es mir, als ob jede Muskel ſeines Antlitzes ihn irgend eines Verbrechens anklagte. So widerwaͤrtigen Eindruck als zu dieſer Stunde hatte ich noch nie durch ſeine Gegenwart empfunden. Ferdi⸗ nand, dem ich es fruͤher nicht zugetraut hatte, beſaß Geiſtesgegenwart genug, ſich durchaus ruhig zu ver⸗ halten, wodurch der Fuͤrſt gezwungen ward, unauf⸗ gefodert die Urſache ſeines Beſuchs zu erklaͤren. Es ſchien ihn zu uͤberraſchen, ſelbſt augenblicklich in Ver⸗ legenheit zu ſetzen, doch faßte er ſich bald. Mein Erſcheinen hier, begann er, muß Sie befrem⸗ den, Herr von Leuchtenhauſen, und kann nicht ohne Vermuthung irgend einer Abſicht meinerſeits an Ih⸗ nen voruͤbergehen. Sie kennen meine hohe Stellung und muͤſſen bei mir Einfluß in Staatsangelegenhei⸗ ten erwarten— Ferdinands Ruhe hatte ihn ſchon verlaſſen; er un⸗ terbrach den Prinzen mit den Worten: Einfluß in Staatsverbrechen, ſo viel ich weiß. — 316— Ich glaubte Alles verloren, da der Fuͤrſt ein gu⸗ tes Schwert an der Seite fuͤhrte, welches ich jetzt außer der Scheide zu ſehen waͤhnte; doch ich irrte. Er blieb wie gewoͤhnlich faſt bewegungslos, ſchien Ferrdinands unziemliche Reden, die bei einem Gefan⸗ genen keine Provocationen ſein konnten, gaͤnzlich zu uͤberhoͤren und fuhr fort: Dieſen meinen Einfluß bin ich geſonnen zu Ihrem Beſten zu verwenden, denn ich kann und will Ihnen Ihre Freiheit garantiren, wenn Sie eines geringen Opfers faͤhig ſind. Sie meine Freiheit bewerkſtelligen? Sie, durch deſ⸗ ſen Verſchulden ich verhaftet bin, wie mir aus ſichern Quellen bekannt? rief Ferdinand voͤllig außer Faſ⸗ ſung; Sie, der ſchonungslos— doch nein, die Vor⸗ wuͤrfe, die ich Ihnen machen koͤnnte, gleiten ohne Wirkung an Ihnen voruͤber, da Ihr Gewiſſen ſie Ihnen nicht macht; durch Sie, mein Prinz, erwarte ich keine Freiheit! Sie irren, Herr von Leuchtenhauſen, verſetzte der Gegner, Sie koͤnnen, Sie ſollen nicht allein durch mich gerettet werden, ſondern auf eclatante Weiſe Genugthuung erhalten; Wuͤrden und Ämter ſollen Ihnen offen ſtehen, ich ſelbſt will am Hofe fuͤr Sie wirken, und keine Stellung waͤre dort zu hoch, die Ihre ſchoͤne Gemahlin nicht durch mich erreichen ſollte. Meine Gemahlin? frug Ferdinand ſtaunend, und — 31— auch ich wußte dieſe ſonderbare Anrede nicht zu deu⸗ ten; mit verdoppelter Aufmerkſamkeit horchte ich hin. So viel ich durch Ihre eigne Umgebung weiß, fuhr der Prinz fort, ohne des Andern Staunen zu beach⸗ ten, iſt die ſchoͤne, die reizende Cornelie von Turneck Ihnen zur Gattin beſtimmt; dagegen zeigen Sie deutlich, Sie geben nur einer Convenienz nach, und dieſes Ihnen allgemein beneidete Gluͤck werde keines fuͤr Sie ſein. Sie duͤrfen alſo unter ſolchen Umſtaͤn⸗ den keine Treue bei der Schoͤnſten jenes frivolen Ge⸗ ſchlechts erwarten. Ferdinand, der ſich laͤngſt erhoben hatte und, waͤh⸗ rend der Fuͤrſt ſprach, mit ſtets ſtaͤrker werdenden Schritten auf- und abgegangen war, ſtellte ſich jetzt dicht vor ihn und ſah ihm mit wuͤthender, zweifeln⸗ der Miene, wie er das Geſagte auslegen ſolle, ſtarr ins Auge; der Letztere ſchien aber endlich etwas mehr in Affect zu gerathen. Verſtehen Sie mich, ſagte er faſt zutraulich, indem er ſich dichter an Ferdinands Ohr lehnte, es ſoll Sie hierbei nichts beleidigen, nichts gereuen, Ihr Loos vielmehr beneidenswerth werden. Ich liebe die ſchoͤne Baroneſſe und ſchwur, ſie zu beſitzen, es koſte was es wolle, doch wiſſen Sie, daß mein Rang mir nicht erlaubt, ſie zu meiner Gemahlin zu erheben; alſo gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, das Urtheil, wel⸗ ches Sie bereits zur langen Feſtungsgefangenſchaft — 318— verdammt, iſt morgen zuruͤckgenommen, wenn Sie mich in meinen Wuͤnſchen unterſtuͤtzen, was Ihnen, da Sie die Baroneſſe nicht lieben, ein Leichtes ſein muß. Beduͤrfte es hier wol der Beſchreibung meiner Lage? waͤre es moͤglich paſſende Ausdruͤcke zu fin⸗ den? Nein, ich laſſe errathen, was nicht zu ſchildern iſt. Ruchloſer! das ſoll dir theuer zu ſtehen kommen! dachte ich und bezwang mich mit faſt uͤbermenſchli⸗ cher Kraft, ihn nicht auf der Stelle anzugreifen, als Fer⸗ dinand, indem er ſich von dem Prinzen losriß, der ihn waͤhrend der letzten Worte ſeines ſchaͤndlichen Plans zutraulich bei der Hand hielt, einem gereizten Tiger gleich ihn anſchrie: Elender, veraͤchtlicher Wuͤſtling, eher wollte ich mein ganzes Leben in Ketten ſchmachten, es am Gal⸗ gen aushauchen und mein Gebein den Raben vorge⸗ worfen wiſſen, als meine und die Ehre eines unſchul⸗ digen Maͤdchens verpfaͤnden! Unmenſch—— Genug, halte ein, Verblendeter! entgegnete der Boͤſe⸗ wicht, die Heuchlermaske abwerfend, indem er ſeine ehemals hochmuͤthige Stellung wieder annahm; Du willſt Dich ins Verderben ſtuͤrzen; ſei es denn, es iſt Deine eigne Schuld. So wiſſen Sie, Herr von Leuchtenhauſen, daß ich Ihnen dieſen Weg der Milde aus Schonung vorſchlug, aus Ruͤckſicht fuͤr Ihre Fa⸗ milie und namentlich fuͤr die Baroneſſe, welche alſo ohne Aufſehen und auf die ehrenvollſte Weiſe ſchon — 319— in wenigen Tagen Ihnen angetraut werden ſollte. Sie ſchlagen dieſes freundſchaftliche Anerbieten ab, ſo moͤgen Sie zu Ihrer groͤßern Qual mein Gelingen durch Gewalt vernehmen; ewig ſchmachten Sie in einer Feſtung, und Cornelie wird noch in dieſer Nacht durch Liſt entfuͤhrt und muß dennoch meiner Leiden— ſchaft willfahren. Cornelie entfuͤhrt? durch wen? wo iſt ſie? alſo 4 ſchrie ich entſetzt, aus meinem Schlupfwinkel hervorbre⸗ chend, und feſt hielt ich ihm die geladene Piſtole mit geſpanntem Hahne auf die Bruſt. Einer Bildſaͤule gleich ſtarrte er mich unbeweglich an; und wer weiß, ob ich in blinder Wuth nicht zum Moͤrder 9 1 geworden waͤre, haͤtte mir Ferdinand nicht gluͤcklicher⸗ weiſe das Schwert von der Seite geriſſen. Ziehen Sie, rief er dem Prinzen zu, ziehen Sie, oder Sie ſind des Todes; Sie haben keine Wahl, denn Ihr verruchtes Leben ſteht auf jeden Fall auf dem Spiele; machen Sie Miene nach Huͤlfe zu ru⸗ fen, ſo faͤhrt Ihnen eine Kugel durch den Kopf!— Er zog, ſie kaͤmpften, der Prinz fiel, dann ſchwan⸗ gen wir uns nach einander die Strickleiter hinab in den Nachen zu dem harrenden Erich und ſtießen gluͤcklich von dem Gefaͤngniſſe ab. Ich begehrte ans Land geſetzt zu werden, um wo moͤglich der Ge— liebten Rettung zu bringen; und obgleich ſich Ferdi⸗ nand anfangs weigerte, mich unter ſo bedraͤngten — 320— Umſtaͤnden allein zu laſſen, zwang ich ihn dennoch dazu und eilte ſchon landeinwaͤrts, als ich den Ruderſchlag ihres Nachens noch aus der Ferne ver⸗ nahm. Finſtere Nacht herrſchte um mich her, als ich mit ſtarken Schritten vorwaͤrts ging. Nur das Achzen der Kraͤhen, das Stoͤhnen der Eulen hallte hin und wieder dumpfer und hohler durch die traurige Natur und unterbrach mit ſchrillendem Tone die tiefe Stille. Das Kniſtern des Schnees unter meinen Fuͤßen, die zackigen Eiszapfen, die ſich am Tannen⸗ gebuͤſche haͤngend mir entgegenſtreckten, erſchwerten mir jeden Schritt. Unſicher daruͤber, inwiefern Fer⸗ dinand uns Alle an dem Prinzen geraͤcht haͤtte, ob dieſer noch Kraft und Leben behielt, nach Huͤlfe zu rufen, ob er mich bei der ſchlechten Erleuchtung, der Exaltation ſeiner Sinne und den wenigen Minuten des uͤberraſchenden Auftritts erkannte, ob man ſchon Nachforſchungen anſtelle, ſuchte ich abwaͤrts von der Landſtraße auf naͤchſtem Wege die Stadt zu gewin⸗ nen, als ich ploͤtzlich den Hufſchlag von fernen Pfer⸗ den vernahm. Ich horchte, das Getoͤſe naͤherte ſich, da erkannte ich zu meinem Entſetzen, daß ich des We⸗ ges unkundig ſei, und nicht mehr wußte ich zu unter⸗ ſcheiden, nach welcher Seite das Gefaͤngniß, nach welcher die Stadt ſei. Der ſchwache Schutz, den mir das unbelaubte Gebuͤſch bot, ließ mich zugleich die — 321— Nahenden wahrnehmen, aber wie erſtaunt war ich, als von den zwei heranſprengenden Geſtalten der Reiter Muͤhe hatte, die voraneilende Reiterin einzuho⸗ len. Man denke ſich meine Empfindung, als ich deutſich die Worte hoͤrte: Theuerſte Baroneſſe, denken Sie auch an Ihre eigne Erhaltung!— Es war Falgin, der dieſes geſprochen; ich ſtuͤrzte hervor, und Cornelie lag in meinen Armen. Wo iſt Ferdinand. Mit Gottes Huͤlfe gerettet, war Alles, was ich in dieſer Aufregung antworten konnte. Wir ſtanden ſtarr vor Entſetzen und Zweifel, wie wir unſer ſon⸗ derbares Zuſammentreffen hier gegenſeitig zu nehmen haͤtten, uns gegenuͤber, als der Graf zuerſt einige Uber⸗ legung erlangte. Iſt fuͤr Sie perſoͤnliche Gefahr, Dorval? fragte er aͤngſtlich. Aller Wahrſcheinlichkeit nach; doch gleichviel, da ich die Baroneſſe in Sicherheit ſehe, wenn anders ich nicht irre. In Sicherheit wie unter Ihrem Schutze! antwor⸗ tete er feierlich. Doch jetzt etwas Naͤheres, damit im übermuthe der Freude das Rechte nicht verſaͤumt werde. Mit kurzen Worten erzaͤhlte ich, was geſchehen, und kaum hatte der Graf des Prinzen Fall vernommen, als er wie begeiſtert ausrief: 21 — 322— Endlich, endlich, Angelika, du reine Unſchuldsſeele, du meine einſt ſo theure Geliebte, die du als Opfer dieſes Wuͤſtlings fielſt, biſt du geraͤcht! Ha, ich ſchwelge in dem Bewußtſein dieſer Rache, die ich lange heimlich naͤhrte, fuͤr die ich lange ein trauriges Daſein duldete, einzig um deſto eher einen guͤnſtigen Moment erſpaͤhen zu koͤnnen; ich ſchwelge in dem Gedanken, daß dieſe Rache dennoch endlich durch meine Mitwirkung gelang.— Doch, meine Freunde, wir muͤſſen eilen, hier herum ſind wir nicht ſicher. Schwingen Sie ſich mit auf mein Pferd, Dorval, und reiten wir noch eine gute Meile bis zu einem kleinen Landhauſe, welches mein Eigenthum iſt; Sie duͤrfen die Stadt nicht wiederſehen, worin Sie viel⸗ leicht in naͤchſter Stunde ſchon von den Haͤſchern auf⸗ geſucht werden. Mit den wenigen Worten: Angelika, du biſt ge⸗ raͤcht! lag auch ploͤtzlich Falgin's bisheriges Beneh⸗ men und ſeine letzte Abſicht vor mir aufgedeckt, und von Minute zu Minute wuchs mein Zutrauen zu ihm. Wie Ihr Euch erinnern werdet, war bisher nur ober⸗ flaͤchlich von dieſer fruͤhern Geliebten des Adjutanten, wobei man auch den Prinzen nannte, die Rede. Man wunderte ſich, daß Falgin in der Geſellſchaft eines Mannes leben konnte, den man als den Urheber ſeiner Leiden betrachtete. Erſt als Cornelie und Ho⸗ norine jene Angelika in ihrer Einſamkeit aufſuchten, — 323— erkundigte ich mich naͤher uͤber ſie, und bei der zu⸗ letzt beſchriebenen Scene verſtand ich den edlen Fal⸗ gin erſt ganz, deſſen Benehmen mir bis dahin ſo zweideutig ſchien. Nach einer halben Stunde etwa erreichten wir ſein Landhaus. Hier erſt goͤnnten wir uns Muße zur gegenſeitigen Aufklaͤrung, uns des augenſcheinlich gluͤck⸗ lichen Ausgangs erfreuend. Seit der Trennung von Angelika, die aus Gram uͤber ihre Schwaͤche ſich zu⸗ gleich aus der frohen Welt zuruͤckzog und von dem Grafen losſagte, hatte dieſer dem Prinzen Verder⸗ ben geſchworen und deswegen Vergeſſen ob des Ge⸗ ſchehenen geheuchelt. Der Fuͤrſt aber, der ſchon man⸗ chem Ehrloſen im Leben begegnet ſein mochte, ahnete die Verraͤtherei nicht. Den Grafen zu ſeinem intim⸗ ſten Vertrauten waͤhlend, unterrichtete er ihn an je⸗ nem Tage von der Abſicht ſeines mitternaͤchtlichen Be⸗ ſuchs bei Ferdinand, doch erwartete er ſelbſt kein Ge⸗ lingen durch den Weg der Guͤte bei dem Gefange⸗ nen, deſſen Charakter er genau kannte; deswegen ward Falgin zugleich von ihm beauftragt, Cornelien unter dem Vorwande, er habe die Erlaubniß fuͤr ſie erhalten, Ferdinanden einen heimlichen naͤchtlichen Be⸗ ſuch machen zu duͤrfen, nach ſeinem Landhauſe zu entfuͤhren. 1 Gibt Ferdinand nicht nach, fuͤgte der Prinz hinzu, erhalten Sie in der Nacht keine Gegenordre, ſo wiſ⸗ 21* — 324— ſen Sie, was Sie zu thun haben. Der Graf konnte nur Unheil von Ferdinands und des Prinzen Zuſam⸗ menkunft erwarten und war daher doppelt erfreut, als er meine Abſicht zur Befreiung des Erſteren errieth; aͤngſtlich trieb er mich an, dieſes vor Mitternacht zu bewerkſtelligen, und dann endlich unterrichtete er auch Cornelien von Allem, was ſich zutrage. Sie war ſo⸗ eben aus dem Krankenzimmer ihrer Pflegemutter nach dem vaͤterlichen Hauſe zuruͤckgekehrt, als Falgin ſie dort aufſuchte, und ſomit wich auch der letzte An⸗ ſchein von Ruhe, der dem edlen Maͤdchen noch ge⸗ blieben war Ich muß hinaus, rief ſie, ich muß den Geliebten, ich muß Ferdinand aufſuchen, wie ſchwer es immer ſein mag, ich ertrage die Ungewißheit, den Aufſchub bis morgen nicht; ich muß hinaus, es entſtehe dar⸗ aus was da wolle! Vergebens ſuchte Falgin ſie in der kalten Winter⸗ nacht zuruͤckzuhalten, vergebens verſprach er, ſeinem fruͤhern Vorſatze zufolge, ſelbſt zu forſchen; da ſie auf das Schweigen einer treuen Zofe ruͤckſichtlich ih⸗ rer naͤchtlichen Abweſenheit rechnen konnte, ließ ſie ihr Reitpferd vorfuͤhren und eilte, vom Grafen beglei⸗ tet, uͤber Querwege dem Gefaͤngniſſe zu. Das Übrige iſt Euch bekannt. O meine Cornelie, rief ich, wie viel ſind wir nicht dem edlen Falgin ſchuldig! — 325— Still, entgegnete dieſer, wie viel erkenntlicher muͤſ⸗ ſen wir Ihnen ſein, da Sie es ja allein ſind, der Ferdinand befreite! Doch nicht mehr duͤrfen wir der Vergangenheit unſere Aufmerkſamkeit ſchenken, ſo lange die Zukunft noch umhuͤllt vor uns liegt. Er ward ernſter, und mit einer Miene voll unbe⸗ ſchreiblichen Mitleids ſchaute er auf uns, indem er unſere Haͤnde erfaßte. Noch wiſſen wir nicht, ob der Erbaͤrmliche als Leichnam gefunden wird, und dadurch vielleicht ewi⸗ ges Dunkel uͤber die Weiſe, wie Ferdinand befreit ward, bleiben kann, oder ob nicht vielmehr ein ein⸗ ziger dem Prinzen uͤbriggebliebener Lebenshauch Dorval in ewiges Verderben ſtuͤrzt, ob der Prinz nicht, etwa nur leicht verwundet, mit graͤßlicher Rache vergelten wird; darum Trennung ſo ſchnell als moͤglich. Wir verſtanden ihn, und Cornelien feſt in den Ar⸗ men haltend, druͤckte ich den traurigen Abſchiedskuß auf ihre Lippen; ich fuͤhlte ihre heißen Zaͤhren uͤber meine Wangen rollen, fuͤhlte das pochende Herz an meinem Herzen ſchlagen und vergaß alle Gefahr, die in der Zoͤgerung lag, wuͤrde ſie wol ewig vergeſſen haben, haͤtte Falgin mich nicht gewaltſam dieſer be⸗ ſeligenden ſchmerzlichen Umarmung entriſſen und mich faſt auf ſein Reitpferd hinaufgehoben. ——ꝛ — 326— Zwanzigſtes und letztes Capitel. Ich ſah es wieder, das ſchoͤne Frankreich, das theure Vaterland, aber zu qualvoll waren die Wunden des Herzens, um die Ruͤckkehr in die Heimath als echter Patriot genießen zu koͤnnen. Wie anders war dieſes Leid der ſanften Wehmuth, dieſe Sehnſucht nach den fruͤher verlebten gluͤcklichen Tagen an der Seite der ſchoͤnen liebreizenden Cornelie, mit jenem uͤbermuͤthi⸗ gen Unwillen, der mich einſt die Urſachen zur Unzu⸗ friedenheit wie eine Chimaͤre erfinden ließ, und der mich vor weniger als einem Jahre aus Frankreich getrieben hatte. Gleich als koͤnnte die truͤbe Zukunft zur Maſſe, zur fuͤhlbaren Laſt werden, waͤlzte ſich Schwermuth mir den Athem hemmend uͤber die Bruſt, als ich durch die Barrieren von Paris fuhr. Zu mei⸗ nem beſondern Verdruſſe vernahm ich auch Eure Ab⸗ weſenheit, woran theils ein abermaliger Miniſter⸗ wechſel, und folglich Eure Verſetzung nach den Pro⸗ vinzen, oder auch Privatverhaͤltniſſe Schuld waren, und ſo ſuchte ich vor der Hand keine fernern Freund⸗ ſchaftsverbindungen wieder anzuknuͤpfen. Nicht ich allein war ſeit meiner Entfernung aus meinem Vaterlande veraͤndert, auch hier fand ich eine andere Stimmung als die verlaſſene, und zwar er⸗ hielt ich ſchon waͤhrend der letzten Monate meines — 327— Aufenthalts in Deutſchland durch Journale und Briefe einen oberflaͤchlichen Begriff davon. Viel ließ ſich daruͤber denken und reden, und da meine Landsleute ſich ſtets durch ihre Neigung zum Letztern hingezogen fuͤhlen(deſto auffallender, wenn man ſoeben Deutſch⸗ land verließ), ſo fand ich ſchon in den Provinzen, dann in Paris, eine gewiſſe moraliſche Gaͤhrung, de⸗ ren Erklaͤrung man in den kurzen Worten abfaſſen koͤnnte: Vorwaͤrtsſtreben der Nation, Ruͤckſchritt der Regierung. Dieſer Kampf, der ſeit den letzten fuͤnf bis ſechs Jahren ſich allmaͤlig ſteigerte, war bei meiner Ruͤck⸗ kehr bedeutend gewachſen, und durch meinen juͤng⸗ ſten Aufenthalt den politiſch Streitenden ein wenig entfremdet, fand ich die Gemuͤther ungemein gereizt, die Geſpraͤche uͤber das Hffentliche lebhafter als je. Dennoch waren alle dieſe Außerungen eher in dum⸗ pfem Gemurmel als in einem kecken Widerſtande ver⸗ nehmbar, und der Mismuth der Nation mit einem Vulkane zu vergleichen, der die gaͤhrenden Brennſtoffe ſo lange naͤhrt, bis die geſtalteten Feuer durch Ex⸗ ploſion die Erde in ihren Veſten erſchuͤttern koͤnnen. Was ich nun auch fruͤher in meinem Geſpraͤche auf der Reiſe mit Ferdinand vom Journalweſ en, Jour⸗ nal geſchwaͤtz in Paris, dem dortigen Intriguen⸗ weſen der Parteien und meinem daraus entſtehenden Mismuthe ſagte, ſo war ich auch jetzt noch denſelben — 328— Anſichten treu, aber deswegen gewiß nicht minder Freund der Freiheit, zu deren Vertheidigung mit Kraft und Wuͤrde laut aufzutreten ich vor Begierde brannte. Auch ich war gleich der groͤßern, beſſern Menge mit dem öffentlichen unzufrieden, auch ich wuͤnſchte zum Wohl des Staates nuͤtzen zu koͤnnen, und litt um ſo mehr, daß mir und den mir Gleich⸗ geſinnten von oben herab voͤllig der Weg dazu ver⸗ ſperrt ward. Kein Platz blieb fuͤr uns zum Wirken offen, und wollten wir nicht zu niedrigen Raͤnke⸗ ſchmiedern, Heuchlern, Scheinheiligen uns herablaſſen, ſo mußten wir vor der Hand die Segel ſtreichen. Wir wichen der Nothwendigkeit des Moments, jedoch weder geduldig noch fuͤr immer reſignirt, und ſuch⸗ ten uns immer mehr uͤber die wahre oͤffentliche Stim⸗ mung zu unterrichten. Aber auch Honorine, die Witwe meines Arweds, des theuren Freundes des Collegiums, vergaß ich nicht; ſterbend hatte er mir ſie anempfoh⸗ len, und ſeine Anſpruͤche an mich, den Freund ſeiner Jugend, den Mitſchuͤler der Lehrſtunden, ſchienen mir heilig. Dem Freunde des Collegiums ſchwur ich ein Beſchuͤtzer ſeiner verlaſſenen Gattin zu ſein, und in dieſem Sinne wollte ich mein Verſprechen halten. Ihre Erbſchaftsanſpruͤche waren bei der Fa⸗ milie Latour nicht ſo leicht geltend zu machen, als ſie waͤhnte, und bedeutende Hinderniſſe draͤngten ſich zwiſchen ihre Anfoderung und die Bewilligung. Ob — 329— die von ihr Bevollmaͤchtigten vollkommen in ihrem Intereſſe gehandelt haͤtten, will ich dahingeſtellt ſein laſſen; aber mein Gelingen fuͤr ſie, indem mir meine fruͤhern Studien der Rechte wie meine genaue Be⸗ kanntſchaft mit Latours ſehr zu ſtatten hierbei kamen, erfreute mich ungemein, und indem ich vor der Hand keinen fernern Wirkungskreis fuͤr mich in Paris ſah, ward meine Sehnſucht nach der Geliebten ſtaͤrker; da ſollten ploͤtzlich begluͤckende Nachrichten von Cor⸗ nelien die Wunden, an denen meine Vaterlandsliebe blutete, einerſeits wieder heilen. Meine gelungene Flucht aus jenem Reiche, worin ich es unternahm, ei⸗ nen Staatsgefangenen zu befreien, ſetzte mich ſelbſt in Erſtaunen, bis ich folgenden Aufſchluß erhielt: Ferdinand hatte den Prinzen in jenem naͤchtlichen Kampfe im Gefaͤngniſſe auf der Stelle getoͤdtet. Da der Gefangenwaͤrter aber auf hoͤheren Befehl Ordre erhielt, den Prinzen einzulaſſen, ſo glaubte der an ſtrenge Unterwuͤrfigkeit Gewoͤhnte, nicht weiter nachforſchen zu muͤſſen, denn nicht ſeine Sache ſchien es ihm, erfahren zu wollen, warum der Fuͤrſt die Nacht hindurch bei dem Gefangenen weile. Der Fuͤrſt war maͤchtig, und auf ſeinen Befehl der junge Leuch⸗ tenhauſen fruͤher dem Gefaͤngniſſe übergeben worden; er verbot in jener letzten Nacht ausdruͤcklich, man ſolle ſeinen Beſuch bei dem Delinquenten nicht ſtoͤren, 22 — 330— und da ziemte es keinem unterthaͤnigen Diener nach⸗ zuforſchen. Dieſe Vorſichtsmaßregel des Verraͤthers fing ihn in ſeiner eignen Schlinge, zugleich rettete ſie uns Alle. Die ganze Nacht verſtrich, ehe man nachzuſe⸗ hen wagte, und dann erſt fand man den Leichnam des Prinzen, das durchbrochene Fenſter, die Strick⸗ leiter. Bis die Behoͤrden in Kenntniß geſetzt wur⸗ den, Alles in gehoͤriger Form eingeleitet war, hatten wir Fluͤchtlinge beinahe vierundzwanzig Stunden voraus. Die Sache erregte allgemeines Aufſehen, und Erich und ich geriethen allerdings durch unſer ploͤtzliches Verſchwinden in Verdacht; doch ward ſchon nach Verlauf mehrer Monate die Regierung bedeutend milder gegen mich geſinnt. Ohne daß Ferdinand und Erich ihren Aufenthalt angaben, langten dennoch Be⸗ richte von ihnen an, worin ſie ſich erſtens als alleinige Urheber bei der Obrigkeit bekannten, zweitens mit Wahr⸗ ſcheinlichkeit bewieſen, daß der Prinz ſich als Moͤrder eingeſchlichen hatte. Dieſe Wahrſcheinlichkeit beruhte auf den Thatſachen, daß der Fuͤrſt hauptſaͤchlich Ferdi⸗ nands Gefangennehmung betrieb, daß man ſeine boͤ⸗ ſen Anſichten auf Cornelie vermuthete, und endlich, daß er in jener letzten Nacht den Zutritt ins Gefaͤng⸗ niß durch eine verfaͤlſchte Ordre erhielt(wie es ſich jetzt auswies). Dieſer Wuͤſtling war dem Hofe und den Behoͤrden, die ſtets ſein Unrecht wieder zu ver⸗ —4. — 331— guͤten hatten, laͤngſt eine Laſt, die oͤffentliche Stimme immer gegen ihn, und ſo war man froh, mit Anſtand einen Schleier uͤber die Vergangenheit decken zu koͤnnen. Wenn mich mein Freund wiederſehen will(ſchrieb die holde Cornelie, deren himmliſche Geſtalt mir wa⸗ chend und traͤumend vorſchwebte), ſo buͤrge ich ihm einen ungefaͤhrdeten Aufenthalt hier und endliche Ge⸗ waͤhrung einſt ausgeſprochener Wuͤnſche.— Wie haͤtte ich zoͤgern moͤgen?— Ich flog zuruͤck in ihre Arme, und da wir uns bereits wieder des Fruͤhjahres erfreuten, beſchied ſie mich nach dem Gute ihres Va⸗ ters, woran ſich meine froheſten Erinnerungen knuͤpf⸗ ten. Die Liebe verlieh mir Fluͤgel, oder beſſer, ſie ließ mich ſo freigebig bei der Poſtbedienung ſein, daß ich fruͤher, als ich hoffen konnte, die Geliebte wieder an meinem Herzen hielt. Ihre unverholene Freuden⸗ ergießung in Gegenwart des Vaters bewies mir, daß auch er in unſere Verbindung willige. Darf ich, ſagte ich bewegt, als ich mich nach dem erſten Wonnerauſche einigermaßen wieder ſammelte, darf ich, Herr Baron, mich Ihnen als Sohn nahen?— Der Retter meiner Tochter darf es!(Ich weiß nicht, ob er unſer Abenteuer auf dem See oder meine Mitwir⸗ kung zu des Prinzen Niederlage meinte.) Von Ih⸗ nen allein erwarte ich Erſatz fuͤr meine getaͤuſchte Hoffnung, rief er ernſt, aber mir herzlich die Hand 22* — 332— bietend, und alle Zweifel ſchwanden. Nun erſt konnte ich ruhiger mehr und mehr um mich ſchauen und trotz Cor⸗ neliens aufrichtiger Freude eine ſtille Wehmuth nicht uͤberſehen, die aus ihrem reinen Augenſpiegel in truͤ⸗ ber Schwermuth mir entgegenſtrahlte und ſich ſelbſt wie ein unerklaͤrbares Etwas in unſere Umarmung gemiſcht hatte. Schon wollte ich durch leiſe Andeu⸗ tung zu erfahren ſuchen, als ploͤtzlich ihr nun erſt von mir bemerktes Trauergewand mir nur zu gut die Aufloͤſung gab. Unſere Blicke begegneten und verſtanden ſich. In dieſer Woche war die von uns Allen ſo innigſt verehrte Mutter zu einem beſſern Le⸗ ben verſchieden, nachdem ſie noch zuvor Olindens und des Grafen Falgin Einſegnung veranſtalten ließ, die ich alſo als zufriedenes Ehepaar wiederfand. Olinde hatte, nach Corneliens fruͤherer Prophezeiung, ſelbſt auf die Verbindung mit dem Grafen gedrungen, zu⸗ gleich hatte die Sterbende auch als ihren letzten Wil⸗ len ausgeſprochen, daß durch ihren Tod Corneliens Ver⸗ einigung mit mir nicht laͤnger verzoͤgert werde. Ferdinand war Deiner nicht wuͤrdig; ſo begluͤcke denn ſo ſchnell als moͤglich den Auserwaͤhlten Deines Herzens; das waren ihre letzten Worte, die auch den Baron zum Nachgeben bewogen. Wie aber haͤtte ich jetzt laͤnger meine Ungeduld beſchwichtigen koͤnnen? Durch Flehen und Üüberreden gelangte ich zum Ziele. Schoͤner, herrlicher gluͤhte das erleuchtende Him⸗ — 333— melsgeſtirn an dem beſeligenden Tage, an dem Cor⸗ nelie mir angetraut ward, und dennoch ſchien es mir von der Schoͤnheit meiner reizenden Braut uͤberſtrahlt. In aller Stille, nur durch Olindens, Falgin's und Ho⸗ norinens Gegenwart verſchoͤnt, ward dieſes Feſt be⸗ gangen, und nicht zu ſchildern waͤren meine Empfin⸗ dungen, als ich an jenem Abende an der Hand mei⸗ ner Gattin abermals dieſe Gegend durchſtrich, wo wir Alle einſt in den gluͤcklichſten Jugendtraͤumen, voll Liebe, Hoffnung und Wuͤnſchen umherſtreiften! Nur ein einziges Jahr fuͤllte den Zwiſchenact von da⸗ mals zu jetzt, und ſchon hatte dieſe kurze Zeit faſt den Raum fuͤr uns umgeſtaltet. Wieder ſaß ich an Cor⸗ neliens Seite auf jenem einſamen Plaͤtzchen des aͤu⸗ ßerſten Parks, wo mir damals am Tage der fuͤrſt⸗ lichen Jagd ihr erſtes Geſtaͤndniß ward, und von wo aus wir den Nachen beſtiegen, der uns nach To⸗ desgefahren meines Arweds einſame Huͤtte auffinden ließ. Jetzt auch ſenkte die untergehende Sonne ihre goldnen Strahlen in das ſanftbewegte Bette des Sees, und wie damals hielt ich die Geliebte wehmuͤthig er⸗ ſchuͤttert in meinen Armen. Traͤumend ſchaute ich hinuͤber nach den Felsgeſtalten jenſeit des Sees, die das Grab meines ungluͤcklichen Arwed in ihre kal⸗ te, ſtille Mitte nahmen; ſchmerzlich ließ Cornelie den Blick nach der freundlichen Wohnung ihrer einſt ſo geliebten Pflegerin ſchweifen. Das friedliche Gaͤrt⸗ — 334— chen mit ſeiner niedrigen Dornhecke, mit der viel be⸗ liebten Laube, bluͤhend wie es mir am erſten Abend meiner Ankunft mit Ferdinand entgegenlachte, lag auch jetzt wieder vor uns, aber ein weißer Leichen⸗ ſtein, deſſen Marmor im Scheine der Abendſonne faſt roſenroth zu uns heruͤberſchimmerte, hob ſich jetzt ne⸗ ben der Laube empor. Gern ließen wir bei dieſem Anblicke unſern Thraͤnen freien Lauf. Schmelzende Toͤne der klagenden Nachtigall, balſamiſcher Duft der keimenden Kraͤuter vermehrten unſere wehmuͤthige Stimmung. Ach! es iſt eine der unerklaͤrlichſten Em⸗ pfindungen, uns vom Schickſale zugetheilt, den glei⸗ chen Ort unter veraͤnderten Verhaͤltniſſen wiederzu⸗ ſehen. Nicht der Menſch allein, nicht nur das Le⸗ bendige ſcheint uns alsdann umgeſtaltet, auch der Boden und ſeine Bekleidung, das Haus und ſeine Verzierung ſtellen ſich uns veraͤndert dar! Leiſe lehnte Cornelie ihr braͤutliches Haupt an meine Schulter. O, fluͤſterte ſie, wie ſchmerzlich greifen Erinnerung und Erfahrung ſchon in mein kurzes Daſein. Beklage Dich nicht, Du Holde, entgegnete ich ge⸗ ruͤhrt, denn noch iſt die Erinnerung der Liebe und Unſchuld geweiht; o daß Dir ſchlimmere Erfahrun⸗ gen ewig unbekannt bleiben moͤchten! Kaum hatte ich ausgeredet, als der Diener Alles zu unſerer Abreiſe bereit ankuͤndigte, denn wir be⸗ — 335— folgten naͤmlich die Sitte jenes Landes, gleich am Hochzeitstage eine Reiſe zum Vergnuͤgen anzutreten, und ſchon rollten wir in unſerer leichten Kaleſche den Huͤgel hinab, als Corneliens Thraͤnen, dem Ab⸗ ſchiede von einem guten Vater und verehrten Freun⸗ den geweiht, noch ſanft ihre Roſenwangen netzten. Die Zeit, die Zerſtreuungen einer ſchoͤnen Reiſe, ihr eigner Wunſch, den Ort truͤber Mahnungen vor der Hand zu verlaſſen, die unverhohlenſte Liebe zu mir, ihrem gluͤcklichen Gatten, ließen Cornelien dieſe Trennung von den Ihrigen nach und nach beſſer er⸗ tragen. Unſer Weg fuͤhrte uns auf ihr Begehren nach Italien, und eifrig blieb der Briefwechſel zwi⸗ ſchen den jungen Frauen; hierdurch erfuhren wir noch, daß Honorine bald nach unſerer Abfahrt als Madame Arwed Latour nach Paris zuruͤckkehrte, dem ſie ſo unverholen den Vorzug vor jeder andern Stadt gab, ja außer deſſen Mauern ſie keine Freude mehr in der Welt glaubte, wozu, nach ihrer eignen Beichte, wol der Zufall, daß ſie„ein Kind des ergoͤtzlichen Boule⸗ vards“ war, beitragen mochte. Ein betruͤbender Umſtand ſollte indeſſen noch un⸗ aufgeklaͤrt bleiben und Beſorgniß bei uns erwecken. Jene Briefe der Fluͤchtlinge, worin ſie, ohne ihren Aufenthalt zu nennen, ſich bei der Regierung durch des Prinzen moͤrderiſche Abſichten zu entſchuldigen ſuch⸗ ten, waren die einzige Nachricht, die man ſeit ihrer — 336— Entweichung von ihnen erhalten hatte. Oft ſprach Cornelie ihren Kummer daruͤber gegen mich aus, aber all mein Bemuͤhen, Aufklaͤrung zu erhalten, blieb ver⸗ geblich. Dieſes abgerechnet, truͤbte nichts die Heiter⸗ keit meiner Gattin, als wir ſchon ein Jahr in Ita⸗ lien zugebracht hatten, und ich ihr meinen Plan erdͤff⸗ nete, ſie im Fruͤhjahre nach Frankreich zu fuͤhren, um ſie mit meinen Guͤtern um Paris bekannt zu machen. Von der Beſorgniß uͤber das Wohl meines Vater⸗ landes, deſſen Rechte ich taͤglich auf frevelhafte Weiſe mehr geſchmaͤlert ſah, ſchwieg ich gegen die Tochter eines abſoluten Landes, die trotz dem, was ich fruͤher von ihren Wuͤnſchen, ſich uͤber das Offentliche zu unterrichten, ſagte, dennoch keinen deut⸗ lichen Begriff von Frankreichs allgemeiner Klage ha⸗ ben konnte. Ihre Äußerung an jenem Abend im Garten ihres Vaters uͤber die blutige Revolution des letzten Jahrhunderts war mir noch gegenwaͤrtig ge⸗ nug, als daß ich ſie aus ihrer Unwiſſenheit uͤber den wahren Zuſtand der Dinge haͤtte aufwecken moͤgen; aber ich wollte zuruͤck in meine Heimat, wo die druͤ⸗ ckende Schwuͤle des politiſchen Horizonts ein nahes Gewitter weisſagte. Auf dieſer Ruͤckreiſe langten wir eines Tages in einem freundlichen Dorfe an. Romantiſch war ſeine Lage am Fuße einer von Rebenguirlanden bedeckten Huͤgelkette, die aus dem glaͤnzenden Silberſtrome — 337— zwiſchen Feldern und Huͤtten ſich dahinſchlaͤngelnd zu⸗ ruͤckſpiegelte. Singend und ſchwatzend ergingen ſich die Einwohner im Freien, und ein Schwarm froher Kin⸗ der ſchrie und lief hinter dem Poſtillon her, der uns im ſchnellen Trabe vor das Poſthaus fuhr. Das ganze Dorf hatte ein heiliges, feſtliches Anſehen, mehr aber noch als dieſes das majeſtaͤtiſche Kloſter, wel⸗ ches hoch vom Berggipfel daruͤber emporragte. Weithin hallten ſeine Glocken, und von allen Seiten ſah man Maͤnner und Frauen zu der mit dem Kloſter verbun⸗ denen Kirche wallen. Ich erkundigte mich, welche Feierlichkeit man hier begehe, und erfuhr, daß es eine partielle ſei, indem man dort oben im Moͤnchs⸗ kloſter einen Novizen einkleide. Dieſe traurige Hand⸗ lung, bei der man ſtets eine ſchon untergegangene Gluͤckſeligkeit oder eine verkuͤmmerte Zukunft erwar⸗ ten kann, haͤtte mich eher hinweggetrieben, wuͤnſchte nicht Cornelie, die andaͤchtiger als ich war, der Meſſe in der Kirche beizuwohnen; ich fand es rathſam, ſie zu begleiten, und bald gelangten wir mit den Andern hinauf. Heilig und ernſt verrichtete der Prieſter ſein Amt; dann oͤffnete ſich hinter dem Altare eine Thuͤr, durch welche man in den langen Kreuzgang des Klo⸗ ſters ſchaute. Ihre hohen geweihten Kerzen in den Haͤnden, kamen die Moͤnche, abgemeſſenen Schritts, mit niedergeſchlagenen Blicken, langſam durch das Gewoͤlbe, und tauſendfach ſchallten ihre einfoͤrmigen 23 2 — 338— Pſalmen zuruͤck. Da ward er hergefuͤhrt, der Juͤng⸗ ling, dem die kalten, todten Mauern ewig die bluͤ⸗ hende Welt mit ihren lachenden Freuden, ihren bren⸗ nenden Schmerzen, mit ihrer beſeligenden Liebe, ver⸗ ſchließen ſollten.— Er kniete nieder, empfing das heilige Mahl; moͤr⸗ deriſch fuhr die Scheere durch das reiche lockige Haar, bedeutungsvoll, ſchwaͤrmeriſch blickte er empor— es war Ferdinand!——— Die Handlung war ſchon voruͤber, die Thuͤren wie⸗ der geſchloſſen, die Kirche faſt leer, als ich noch ſtarr an den naͤmlichen Fleck gebannt ſtand. Inbruͤnſtig feſt hatte mein Nachbar das Geſicht uͤber den Bet⸗ ſchemel hingelehnt und ſchien umſonſt den Thraͤnen⸗ 4 ſtrom mit dem vorgehaltenen Tuche zuruͤckdraͤngen zu wollen. Seine raſche Wendung, ſein verzweifelter. Ausruf in deutſcher Sprache: Es iſt geſchehen! weckte 1 auch mich aus meiner Betaͤubung. Erich! rief ich be⸗ bend und ließ auch meinen Zaͤhren freien Lauf. Sie hier, Dorval? erwiederte er ſtaunend; nun — 8 1 4 3 1 I deſto beſſer, ſo erſpare ich, den traurigen Bericht zu lie⸗ fern. Was Sie ſoeben ſahen, konnte ich mit allen meinen Bemuͤhungen und der ergebenſten Freundſchaft* nicht wehren; ſo will auch ich ſuchen die bisherige Umgebung zu vergeſſen, von ihr vergeſſen zu werden. Nicht Kloſtermauern ſollen mich umfangen, aber weit. uͤber Meere, in die entfernteſten Welttheile will ich „ enn eneene eee mein Schickſal und mein zerriſſenes Herz hintragen, will ich huͤlfeleiſtend mich nuͤtzlich machen!— Schnell druͤckte er mir die Hand und entſchwand meinen Blicken, ehe ich Worte finden konnte. Ich war allein mit meiner Cornelie zuruͤckgeblieben; als ich mich ihr nahte, ſtand ſie einer Bildſaͤule aͤhnlich, das Auge unverwandt nach der Kloſterthuͤre; dann traten wir beide raſch ins Freie hinaus und verſtanden uns in einer langen ſtummen Umarmung. Es gibt Mo⸗ mente, worin ſolch feierliches Schweigen mehr ausſpricht als die beſtbedachte Rede; deswegen erkannte ich auch ohne Worte Corneliens urnbeſchreibliche Erſchuͤtterung. Alſo dahin hatte Ferdinands Durſt nach Freiheit, ſein heißer Wunſch, fuͤr ſein Vaterland zu wirken ihn gefuͤhrt?? Solchen Ausgang ſollte ſein duͤ⸗ ſteres, unklares Sinnen, der ewige Kampf mit ſich und der Umgebung nehmen?— Armer Juͤngling! O, daß dich kein beſſerer Genius beſchuͤtzte, daß dich der Daͤmon des Fanatismus, der boͤſeſte unter den boͤſen, ſo irreleiten konnte!— Tief ſchmerzte mich die Zerruͤttung dieſer edlen Seele; je mehr ich aber uͤber ſeine ſtets unklaren Begriffe nachdachte, deſto natuͤr⸗ licher fand ich das Reſultat. Weder meine Gattin noch ich wuͤnſchten unter dieſen traurigen Verhaͤltniſſen ihn wiederzuſehen, und ſo beſchleunigten wir unſere Abreiſe. Rächdem wir ſchon einige Monate in gluͤcklicher Einſamkeit auf meinem ſchoͤnen Gute unfern Paris 23* verlebt hatten, ſchickten mir die Freunde, mit denen ich in politiſchen Verbindungen ſtand, ploͤtzlich am 26. Juli Abends einen Courier, um mir die große Begebenheit, die Erſcheinung der beruͤhmten Ordon⸗ nanzen dieſes Tages anzuzeigen, wodurch uns Libe⸗ ralen das Recht ward, oͤffentlich aufzutreten. Endlich, endlich, rief ich Cornelien begeiſtert zu, en⸗ digt alles unnuͤtze Schwatzen, und wir koͤnnen handeln. Sie verſtand mich nicht, auch dann kaum, als ich ihr die beruͤchtigte Herausfoderung an die Freiheit und de⸗ ren Vertheidiger zeigte; aber ſie folgte mir augenblicklich nach Paris, als ich verſicherte, wie nothwendig es ſei, wenn mich auch vielleicht Gefahr dabei bedrohe. Die Beſcheidenheit erlaubt mir nicht, meine Thaͤtigkeit in den drei glorreichen Tagen zu ruͤhmen; aber nur die Mitwirkung aller guten Patrioten, unter die ich mich mit Stolz zaͤhlen kann, erhob den wahren Thron der Freiheit, den uns der Himmel und Maͤßigung in Frieden erhalten moͤgen; und jetzt haͤtte Ferdinand den wahr⸗ haft großen Geiſt der, durch ſchlechte Regierung auf⸗ geloͤſten, großen Armee wiedererkennen moͤgen. Meine theure Cornelie, fuͤr die meine Liebe taͤglich zu⸗ nimmt, verſteht uns beſſer, ſeitdem ſie mit uns lebt; ſie begreift, daß mit dem Boden auch der Menſch und ſeine Geſinnung ſich aͤndert, und daß es ein anderes Lebensziel gibt, als ihr bis jetzt bekannt war. fffffffffffnfnfffn linnſ 8 9 10 11 12 13 14 15 1 6 17 18