— 8 1— eihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, 4 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 ( 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ een angenommen. 3 2 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— uf Monat: 1 Nr. Pf 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk. Ff. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 85 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. hüi. für wöchentlich 2aBücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Grafen von Schwicheld auf Harzburg. A. Leibrock. Erſter Theil. Leipzig, 1833. Bei Chriſtian Ernſt Kollmann. — ——— Es war im Spaͤtherbſt des Jahres 1372, als an einem truͤben ſtuͤrmiſchen Nachmit⸗ tage das Fraͤulein Emma von Schwi⸗ cheld auf ihrem einſamen Cloſet, mehr eine Gefangene als eine freie Tochter des graͤflich von Schwicheldſchen Hauſes, ſaß und mit truͤben Blicken in die truͤbe Zu⸗ kunft ſchauete. Oft ſtahl ſich eine helle Thraͤne aus dem ſchoͤnen himmelblauen Auge und perlte ungeſehen uͤber die roſige Wange auf die ſchwerathmende jungfraͤulis und gewaͤhrte uͤber ein kurzes Thal, wel⸗ ches die Liebenburg von dem gegenuͤber lie⸗ 1 ½ che Bruſt herab. Das einzige Fenſter ih⸗ 5 res Gemachs ging nach Suͤden hinaus genden ſchwarzen Urwalde trennte, eiie hoͤchſt traurige Ausſicht. In dem Walde ſelbſt ſchien es heute ſehr unheimlich, der Sturmwind heulte recht klaͤglich darin und gab dem einſam ſitzenden Maͤdchen gar wunderbare Toͤne zu hoͤren, die ihre Her⸗ zensangſt immer noch mehr ſteigerten. Oft kam es ihr vor, als ob der Boͤſe ir⸗ gend einer ungluͤcklichen Seele den Vor⸗ geſchmack der Hoͤlle empfinden laſſe, und dann uͤberzeugte ſie ſich doch wieder, daß es nur der Wolf und der Uhu waren, die ihr klaͤgliches Geheul mit dem Geheul des Sturmwindes vermiſchten. Wo ſie jetzt wohl ſeyn moͤgen? fragte ſie ſich dann, und ob der Wolf das Lamm wohl ſchon erwuͤrgt hat; doch, ſetzte ſie dann, ſich ſelbſt troͤſtend, hinzu, das Lamm hat auch ſeine Waffen, und wenn auch ſein Gemuͤth weich und liebend iſt, ſo ſcheuet ſein kraͤf⸗ tiger Arm doch die Krallen des wuͤthenden 8 Wolfs ni.— O Eginhard, Egin⸗ 4———— ——õ— 6.— 5— hardl ſeufzte ſie dann wieder, haͤtten wir uns nie geſehen, haͤtteſt du nie dieſe Ge⸗ gend, nie dieſe Burg betreten, uns Beiden waͤre beſſer. Jetzt iſt es zu ſpaͤt, jetzt kann ſich dies Herz, das nur fuͤr dich ſchuͤgt, nie wieder von dir losreißen, es wird bis zum letzten Schlage, und ſollte der harte Vater mich auch zu Tode mar⸗ tern, dennoch dir gehoͤren. Sie verſank wieder in truͤbes Nachdenken, wobei ſie unaufhoͤrlich in das oͤde Thal hinabſchauete und das Auge gewaltſam zwingen wollte, in der Ferne, ſo weit ihr die Ausſicht ver⸗ goͤnnt war, etwas zu entdecken. Endlich, — es daͤmmerte ſchon unten im Thale, nur uͤber die alten ſchwarzen Waͤlder hin zog ſich noch ein lichter Streif— da ge⸗ wahrte ſie in der Ferne zwei Reiter, die langſamen Trabes an dem Giesbache, der im Thale zur Herbſt⸗ und Winterzeit ſtark hinabſtroͤmte, herauf kamen. Immer ſchaͤr⸗ — 6— fer ſehend, rief ſie dann halb freudig, halb betruͤbt: ja, das ſind ſie! das iſt mein Eginhard, ich kenne ihn an der edeln Haltung ſeines Koͤrpers, die ihn ſelbſt bei der groͤßten Ermuͤdung nicht verlaͤßt, und das iſt Ulrich, der tief gebuͤckt, nur den Kopf ſeines Gaules beſchauend und Plaͤne zu Eginhards Verderben ſchmiedend, neben ihm her reitet. Waͤhrend die beiden Reiter noch ziem⸗ lich weit von der Burg entfernt ihr lang⸗ ſam naͤher kamen, ſaß in einem andern Gemach, in ſeinem bequemen Lehnſeſſel, der Graf Hans von Schwicheld. Vor ihm ſtand auf einem ſchweren eichnen Tiſche mit vergoldeter Leiſte ein gewichtiger ſilberner Becher, gefuͤllt mit dem edelſten Rebenblut; etwas von ihm entfernt im hohen Fenſterbogen ſaß Frau Margaretha, des Grafen Hausfrau. Graf Hans ſaß, die Beine von ſich geſtreckt, das Kinn in —— — 7— die like Hand geſtützt, faſt unbeweglic da, die langen grauen Augenbraunen be⸗ ſchatteten das rollende Auge, das uͤber ei⸗ nen wichtigen Gedanken zu bruͤten ſchien; uͤbrigens war alles rund umher ſtill. Darf ich dich in deinen Betrachtungen unterbrechen, mein Herr und Gemahl? fragte Frau Margaretha, ſonſt ſchweige ich bis zu einer gelegneren Zeit. v Ich wuͤnſchte, du ſchwiegeſt fuͤr immer, antwortete barſch der Graf, denn wenn du ſo mich anredeſt, dann weiß ich ſchon, daß du nur von deinen ungehorſamen Dirnen mit mir reden willſt. Ich bin Mutter, lieber Hans, und das Mutterherz denkt und empfindet an⸗ ders als das Vaterherz. Sind wir nicht auch jung geweſen? und haſt du mir da⸗ mals nicht tauſendmal geſagt, wie dich dein Vater zu einer Heirath mit dem Fraͤulein von Degen habe zwingen wollen, — wie du aber lieber ſterben als mich habeſt aufgeben wollen? Schweig davon, entgegnef gebieteriſch der Graf, ich habe dergleichen Poſſen laͤngſt vergeſſen, mag auch nichts weiter davon hoͤren. Es iſt doch nicht gut, ſagte die Graͤ⸗ fin, daß der Menſch fuͤr alles Gute ein ſo kurzes Gedaͤchtniß hat. Entweder warſt du damals ein Heuchler, was ich aber zu glauben bisher keine Veranlaſſung fand, oder du wareſt, nach deinen eignen Reden, mit all deinen Guͤtern ein ungluͤcklicher Mann geworden. Nun biſt du, aber nach deiner eignen Verſicherung, ein gluͤcklicher Mann, wir haben beinahe ein viertel Jahr⸗ hundert in einer gluͤcklichen zufriedenen Ehe gelebt und nur ein boͤſer Geiſt hat dir ſeit Kurzem den Vorſatz in den Kopf ge⸗ ſetzt, dein Kind gewaltſam ungluͤcklich zu machen. —— — 9— Thorheit! rief der Graf, wuͤrde mit der Degen eben ſo gluͤcklich gelebt haben, als mit dir, das ſind nur Einbildungen, die das junge Volk im Kopfe hat, laß ſie nur ein Jahr, was ſage ich, vier Wochen Topp mit einander gehalten haben, dann wird an das Fruͤhere mit keinem Worte mehr gedacht; das Alte wird vergeſſen, man erfreut ſich an dem, was man hat. Das moͤchte bei euch Maͤnnern der Fall ſeyn, bei uns Frauen iſt das anders, ohne Liebe ſind wir arm an Lebensmuth und einer todten Maſchine zu vergleichen, die zwar ihre Schuldigkeit thut, wenn ſie in Bewegung geſetzt wird, aber leicht ver⸗ letzt, fuͤr immer den Dienſt verſagt. Ich kenne dich, Margarethe, kenne deine kluge Beredſamkeit, allein diesmal kann ſie nichts nuͤtzen, binnen Mondes⸗Friſt wird Emma Ulrichs Gemahlin und damit Holla! — 10— Wenn ich nur einſehen koͤnnte, warum mein Gemahl dieſen Ulrich von Thiele ſo kraͤftig in ſeinen Schutz nimmt und ihm ſo ganz beſonders das Wort redet; da ich doch gar nichts an ihm finde, was ihn ſo iin deiner Gunſt erheben koͤnnte? e Weil du ein Weib biſt, Margaretha, das nicht weiter, als von heute bis mor⸗ gen ſieht; anders iſt es mit einem Haus⸗ vater, der muß in die Zukunft ſehen, und ſtets auf einen feſten Grund bauen. Dann bindet mich auch noch manche Verpflich⸗ tung an den Ulrich, die mir gebietet, ihm mein gegeben Wort zu halten. Ein ſolches Wort aber, erwiederte et⸗ was empfindlich Frau Margarethe, durfte bei ſo wichtigen Faͤllen nicht ſo ſchnell ge⸗ geben werden und auch die Dankbarkeit muß ihre Grenzen haben, und wenn es denn nichts weiter als Dankbarkeit iſt, die ihm deine Gunſt erworben hat, ſo will es —— ——— *. — ————ſſſͤſſſſſſſſſ mich beduͤnken, daß Eginhard von der Winde noch ein groͤßeres Recht dorauf haͤtte. 1 Schweig, Margarethe, ich bitte dic, ſchweig, rief Hans, indem er finſter die Augenbraunen zuſammenzog, und nenne mir den Maulaffen nicht, ich kann ihn nun einmal nicht leiden, ſein ſcheinheilig krie⸗ chendes Weſen iſt mir eben ſo verhaßt, wie ſein Milchgeſicht und ſein Dunenbart. Nie weiß man recht, wie man mit dem Menſchen daran iſt, ſeine ewige Freund⸗ lichkeit, ſo wie ſein ſtetes Zuvorkommen, macht ihn mir taͤglich mehr und mehr zuwider; drum rede mir nicht von ihm. Gerecht ſoll man auch gegen ſeine Feinde ſeyn! entgegnete Frau Margarethe dem leicht in Hitze gerathenden Gemahl, und Eginhard iſt nichts weniger als dein Feind; er iſt dein treueſter Freund, der dich in Gefahr, in Noth und Tod noch nicht verlaſſen hat, und dich auch nicht verlaſſen wird.. Warum denn aber, fragte aufs neue ſeine Stimme ſtaͤrker erhebend der Graf, rredeſt du ihm denn das Wort? ich muß dieſe Frage mal an dich richten. Hat ſich die Dirne etwa mit ihm verſprochen? und haſt du etwa die Kupplerin gemacht? faſt ſcheint es mir ſo. Iſt auch ſo ein Milch⸗ geſicht, das lieber bei Monden⸗ als bei Sonnenſchein Roſen bricht, um die zarte „Haut nicht zu verderben; aber beim hei⸗ ligen Andreas! laßt mir ſo etwas nicht laut zu Ohren kommen, es moͤchte ſonſt blutige Koͤpfe geben; und nun genug hier⸗ von, kein Wort mehr!— Hiernach ſtand der auf, ging einige Male brummend im Zimmer auf und nieder und trat an ein Fenſter, welches in den Burghof hinab ging. Eben ging das Burgthor auf und jene beiden Reiter, welche Emma ſchon „ —-—— im Thale hatte herauf kommen ſehen, ritten herein. Sogleich ſprangen einige Knechte herbei, welche den Ankommenden die Gaule abnahmen und in den Stall fuͤhrten, die beiden Junker aber, welche den Grafen ſchon am Fenſter erblickt hat⸗ ten, eilten ſogleich die Steige herauf, um uͤber ihre Sendung Bericht abzuſtatten. — Laß mich mit den beiden jungen Leu⸗ ten ein wenig allein, ſagte im ſanften Ton der Graf, denn was ich mit ihnen zu reden habe, iſt nicht fuͤr Weiberohren. Frau Margarethe entfernte ſich. In der Thuͤr begegneten ihr die beiden Jun⸗ ker, Ulrich von Thiele und Egin⸗ hard von der Winde, welche mit tie⸗ fer Ehrerbietung die wackere Edelfrau be⸗ gruͤßten und dann bei dem Ritter ein⸗ traten. 1. Nun wie ſtehts, rief ihnen Hans von Schwicheld entgegen, wie habt ihr 1 — 14— meine Angabe, meinen Vorſchlag gefunden? nicht war ganz erwuͤnſcht an. Man muß es euch zum Ruhme nach⸗ ſagen, Herr Graf, daß ihr ein kluger Weltmann ſeyd, antwortete Ulrich von Thiele, und daß, wenn irgend noch eine Schmalzgrube aufzufinden iſt, woruͤber der Satan ſeine Klauen nicht ausgebreitet hat, ihr ſie wißt. 3— Ihr meint alſo, rief wohlbehaglich la⸗ chend der Graf, daß da etwas zu ſiſchen iſt? Im reichen Maaße. Im Magdeburg⸗ ſchen, bei Egoln, haben wir eine Heerde Kuͤhe, Ochſen und Rinder geſehen, wie ſie hier unſer Auge noch nicht geſchauet hat. Vieh, ſo ſchier und ſo blank, ſag' ich euch, wie die ſchoͤnſten Forellen. Aber wem gehoͤrt das ſchoͤne Vieh? fragte der Graf mit funkelnden Augen, und iſt's, ohne einige Haͤlſe dabei zu brechen, moͤglich, es in unſre Gewalt zu bekommen? — Nichts leichter als das. Wir haben uͤber alles die genaueſte Erkundigung ein⸗ gezogen und es ſcheint uns nicht die aller⸗ geringſte Gefahr dabei obzuwalten. Zu Cgoln liegt auf ebener Erde ein freundlich Schloͤßchen, einem Grafen Kurt von Egoln und einem andern, Otto von Warberg, gehoͤrend. Es ſind friedliche Leutchen, die etwa zwanzig Knechte in ihrem Solde haben, womit ſie ihr Schloß im Fall der Noth gegen raͤuberiſche An⸗ faͤlle vertheidigen koͤnnen; und was iſt ſolcher Plunder, wenn ihr, edler Herr, mit halb ſo vielen ankommt! 8 Nu, nu! meinte der Graf, ich lobe ſtets den Muth, allein man muß ſeinen Feind nie zu gering anſehen, denn dadurch handelt man ſich oft ſelbſt zum Nachtheil; aber was ſagt ihr, Junker Eginhard, ihr habt ja noch kein Wort von euch hi⸗ ren laſſen? Mein Bericht wuͤrde eben ſo lauten, wie der des Junker Ulrich, und da ihr, edler Herr, des Junkers Rede gern ver⸗ nehmt, ſo ſchweige ich und bekraͤftige nur ſeine Ausſage. Leicht ſcheint auch das Wagſtuͤck mir, ob jedoch recht, wage ich nicht zu entſcheiden. Holla! rief der Graf und eine dunkle Röͤthe uͤberflog ſein Geſicht, dachte ich mir's doch gleich, daß ihr eure Feigheit wieder hinter die Waage der Gezchuigten zeiſtezen wuͤrdet. Reiten und rauben, daß iſt keine Schande, Das thun die Edelſten im Lande. Iſt euch dieſer Kernſpruch noch nie zu Hhren gekommen, oder habt ihr ihn aus guter Abſicht überhoͤrt? Nennt es nicht Feigheit, edler Herr, was die innere Stimme in mir ſpricht. Ich denke und bin nun einmal ſo, und werde auf dieſe Weiſe ſchwerlich zu Reich⸗ — 17— thuͤmern gelangen; wenn es aber darum gilt, ſo verlaßt euch auf mich, ich ver⸗ theidige mit meinem Leben den Platz, wo ihr mich hinſtellt, und— verzeiht mir dieſe Anmaßung— ihr habt keinen treuern Diener unter dem Haͤuflein eurer Mannen, als ich es zu ſeyn mir bewußt bin. Es iſt nur gut, Junker Eginhard, ſagte ſpoͤttiſch laͤchelnd Ulrich von Thiele, daß ihr das von euch ſelber glaubt, denn ein anderer moͤchte ſchwerlich Eurer Meinung ſeyn. Es iſt hier weder der Ort noch die Zeit, um auf ſolchen Spott nach Gehuͤhr zu antworten, aber ich werde es mir merken und zu ſeiner Zeit von Euch da⸗ fuͤr Genugthuung fordern. Ich bin zu jeder Zeit, und wenn's auch in dieſer Stunde waͤre, dazu bereit, ſagte recht bitter lachend Junker Ulrich, I. 2 denn noch nie ließ ich in ſolcher Angele⸗ genheit auf mich warten. So ſehr ich auch den Muth liebe, fiel der Graf, ſich zu den Streitenden wendend, ein, ſo wuͤnſche ich doch, daß ihr die Sache in der Guͤte beilegen moͤch⸗ tet, indem ich eure Tapferkeit bald auf einem andern Platze erproben moͤchte. Ueberdem iſt heute Martinsabend, wo ich im Kreiſe der Meinigen bei einer Mar⸗ tinsgans und einem Becher Wein noch recht froͤhlich zu ſeyn gedenke; legt alſo den Streit bis auf eine gelegnere Zeit bei. In einigen Tagen— ſo viel kann ich euch wohl ſagen— unternehmen wir einen Streifzug ins Magdeburgſche, wo wir den Grafen von Egoln und Warberg einen Beſuch abſtatten wollen, und da wird es ſich zeigen, wer den Muth am rechten Orte hat. Nach ſo manchen An⸗ zeichen werden wir einen langen und — — 19— harten Winter bekommen, und da ſitzt es ſich behaglich in der warmen Stube, wenn man Maſtvieh in den Staͤllen und Wein im Keller weiß, alſo—. Ein ſchnell eintretender Knappe unterbrach den Gra⸗ fen in ſeiner Rede, welcher nun mit bar⸗ ſcher Miene und Ton ſich zu dem Ein⸗ tretenden wandte und fragte: was giebt es? Geſtrenger Herr Graf! antwortete der Knappe, ich muß Euch berichten, daß der erlauchte Herr, Herzog Otto von Braunſchweig, vor einer halben Stunde mit einem Trupp Reiſiger unten im Thale angekommen iſt. Die Knechte haben unter den großen Eichen, die vor dem Walde einzeln ſtehen, Feuer angemacht und es ſcheint, als ob ſie die Nacht uͤber da lagern wollten. Was, der tapfre Herzog Otto? rief freudig der Graf, das waͤre der Teufel! 2*½ ———uuxuxu — 20— Aber haſt du auch recht geſehen, Knappe? du weißt, ich laſſe nicht mit mir ſpaßen! Wie duͤrft ich mich unterfangen, ent⸗ gegnete der Knappe; ich war im Auftrage der Frau Graͤfin nach der Finenburg geweſen, von wo ich ſo eben zuruͤck komme und den ſtattlichen Herrn mit eignen Augen geſehen habe. Gut, ſo lauf geſchwind und ſattle mir meinen braunen Hengſt, und ihr, Junker, werft raſch die Reiſekleider vom Leibe, legt zierliche Wappenroͤcke an und laßt andere Gaͤule ſatteln, Ihr ſollt mich begleiten;z ich will dem Herzoge meinen freundlichen Gruß bringen. Ich habe, wie ihr wißt, oft Fehden und da kann man zuweilen nicht wiſſen, wie man die Gunſt eines Fuͤrſten gebraucht. Die Junker verbeugten ſich und tha⸗ ten wie ihnen der Ritter befohlen hatte. 4 Herzog Otto, mit dem Beinamen der Quade, der Maͤchtige, der Boͤſe, auch der Kriegeriſche genannt, war ein Sohn Ernſt des Juͤngern, der in jenen Zeiten zu Goͤt⸗ tingen reſidirte. Er war ein Fuͤrſt von großen Anlagen, die aber leider— ſo ſagt der Geſchichtsſchreiber— durch den rohen verderbten Geiſt des Zeitalters eine ſchlechte Richtung erhalten hatten. Schon im Juͤng⸗ lingsalter hatte Otto eine ruͤſtige Schaar luſtiger Kampfgeſellen um ſich verſammelt, hielt mit ihnen fleißig Turnire und Waf⸗ fenuͤbungen, und ſchuf ſich ſo ein Haͤuflein — 22— auserleſener Kaͤmpen, mit denen er die kuͤhnſten Wageſtuͤcke unternahm. Der ſchwa⸗ che, kraͤnkelnde Vater, Herzog Ernſt, war nicht im Stande, den wilden, aber auch einzigen Sohn zu zuͤgeln, deſſen Herz ſelbſt gegen der Frauen zarte Liebe kalt und un⸗ empfindlich blieb; nur wo Waffengetuͤmmel und Fedegeſchrei erſcholl, dahin zog ihn ſein kampfluſtiger Sinn. 1 Pluͤndern und Rauben war nun da⸗ mals an der Tagsordnung, niemand ſcheu⸗ ete ſich deſſen, es war auch, wie das Motto dieſes Buches beweiſt, keine Schande, die adelichen Herren ruͤhmten ſich deſſen, wenn ſie hinter ihren feſten Mauern beim gefuͤll⸗ ten Becher ſaßen, und ſelbſt der junge Fuͤrſt, wenn er auch nicht gerade ſelbſt da⸗ bei war, ließ durch ſeine Kampfgenoſſen die Kaufleute von Muͤhlhauſen, Nordhau⸗ ſen und Heiligenſtadt bis auf den letzten Groſchen berauben und die gepluͤnderten — 23— Sachen auf die Burg Hohenſtein, die vor jedem Ueberfall ſicher war, in Verwahrung bringen. Um jedoch dieſem ſchrecklichen Weſen Einhalt zu thun, ſuchten die thuͤ⸗ ringiſchen Staͤdte beim kaiſerlichen Reichs⸗ vogt um Beiſtand nach, brachten ſelbſt ei⸗ ne nicht unbedeutende Schaar von buͤrger⸗ lichen Bauern und Soͤldlingen auf die Beine und belagerten die Veſte Hohenſtein. Kaum glaubten indeß die Belagerer, die Sache ganz zu ihrem Vortheil eingerichtet zu haben, als urploͤtzich Herzog Otto mit einer Schaar kuͤhner Wagehaͤlſe herbei ſtuͤrzte, die ungluͤcklichen Buͤrger in die Flucht trieb und viele derſelben zu Gefan⸗ genen machte, welche auf den verſchiedenen Burgen, deren es in den Harzgebuͤrgen viele gab, einkerkern ließ, wo ſie gegen ſchweres Loͤſegeld nur wieder herauskom⸗ men konnten. 8 — 2à4— Noch groͤßere Beſchwerden brachten es endlich dahin, daß der Erzbiſchoff von Mainz, der im Eichsfelde bedeutende Be⸗ ſitzthuͤmer hatte, welche ohne Unterſchied ebenfalls oft gepluͤndert wurden, über den boͤſen Otto ſchweren Kirchenbann ausſprach, allein der wilde Prinz achtete deſſen wenig oder gar nicht. Als im Jahre 1367 ſein Vater Her⸗ zog Ernſt der Juͤngere mit dem Tode abging, wurde Otto regierender Herzog zu Braunſchweig und Luͤneburg, und da⸗ mit hatten dieſe kleinen Plakkereien vorerſt ein Ende. EN Heute, am Martinsabend des Jahres 1372 kam Herzog Otto, der einen Streif⸗ zug in die Mark Brandenburg gemacht hatte, mit ſeinem Heere in der Gegend 2 . an und wollte mit ſeinem Gefolge in dem naͤchſten Dorfe uͤbernachten, das Heer aber Löͤwenburg, jetzt Liebenburg genannt, — — — 16 ſollte außerhalb des Dorfes unter den Baͤu⸗ men kampiren. Wie Graf Hans von Schwicheld hier⸗ von in Kunde geſetzt worden, iſt uns be⸗ kannt, und es laͤßt ſich von einem der tuͤchtigſten Raufbolde jener Zeit wohl nicht anders erwarten, als daß er dem Herzoge auf ſeiner Burg fuͤr die Nacht ein beque⸗ meres Quartier, als das armſelige Dorf ihm darzubieten im Stande war, anbot. Im Gefolge der beiden Junker Eginhard und Ulrich und mehrern Knappen kam der Rit⸗ ter im Dorfe an, wo er bald den erlauch⸗ ten Herzog mit ſeinem Gefolge in einer niedrigen Huͤtte mit verdruͤßlicher Miene antraf. Mein gnaͤdigſter Herr Herzog! rief Hans von Schwicheld, den Herzog ehrer⸗ bietig begruͤßend, es freuet mich ungemein, euch ſo ganz in meiner Naͤhe einmal begruͤ⸗ ßen zu duͤrfen. Uns eben gar nicht, mein lieber Graf, entgegnete noch verdruͤßlicher der Herzog, indem er das breite Unterkinn in die linke Hand ſtuͤtzte, mit der rechten den dunkeln Knebelbart zur Seite ſtrich und dann das mit Gold verbraͤmte Baret von einem Ohr zum andern ſchob— uns gar nicht, denn der Aufenthalt in dieſer Huͤtte iſt gar nicht. von der Art, um ſich ſeines Lebens darin zu erfreuen; doch wozu das Lamentabel, 3 die Wege ſind nun einmal ſchlecht in-die: ſer Jahreszeit und das Wetter noch viel ſchlechter, um es mit der Nacht darin auf⸗ nehmen zu wollen. Das iſt allerdings ſehr wahr, mein gnaͤdigſter Herr! ſagte der Ritter, mir aber ſcheint es, als ob es mir ordentlich einen Gefallen damit thun wolle, denn da ans Weiterkommen in dieſer ſtuͤrmiſchen Nacht nicht zu denken und euch der Aufenthalt hier widerlich iſt, ſo darf ich es um ſo eher „ — 22— wagen, meinem gnaͤdigſten Herrn ein Nacht⸗ lager auf meiner Burg anzubieten, und ich denke, ihr werdet mir die Ehre, meinem Herzog einmal unter meinem Dache zu bewirthen, nicht abſchlagen. Hm, ſagte der Herzog und ſein Ge⸗ ſicht verzog ſich zu einem hoͤniſchen Laͤ⸗ cheln, der Vorſchlag iſt ſo uneben nicht, und wenn ich wuͤßte, daß ich eurer Haus⸗ frau dadurch keinen Strich durch die Rech⸗ nung machte, ſo waͤre ich nicht abgeneigt, das Anerbieten anzunehmen. Ei, wo denkt ihr hin, mein gnaͤdig⸗ ſter Herzog! fiel raſch der Graf ein, haben denn die Frauen eine hoͤhere Pflicht, als die Wuͤnſche ihrer Herren zu erfuͤllen? auch bin ich uͤberzeugt, daß mein hoher Gaſt, von deſſen Ankunft ich erſt vor einer Vier⸗ telſtunde unterrichtet wurde, mit dem vor⸗ lieb nehmen wird, was Kuͤche und Keller in der Eile zu geben vermag. — 28— STcopp! rief der Herzog, ich nehme die Einladung an; allein meine drei wackern Kampfgenoſſen, den Otto von Eber⸗ ſtein, den Breido von Ranzov und den Franz von Hardenberg muͤßt ihr fuͤr dieſe Nacht mit in Kauf nehmen, ſie waren in der Fehde von mir unzertrennlich, muͤſſen es alſo auch hier ſeyn. Euer ganzes Heer, wenn die Burg es in ſeinem Innern faſſen koͤnnte, wuͤrde mir willkommen ſeyn, allein um dieſe Her⸗ ren muß ich beſonders bitten. 2 DOhne Weiteres warf der Herzog ſei⸗ nem bisherigen Wirthe einige Silberſtuͤcke auf den Tiſch, ließ ſodann die Pferde wie⸗ der aus dem Stalle ziehen und folgte dem Ritter nach der Liebenburg.— Auf einem Wink des Grafen war der Junker Egin⸗ hard vorausgeeilt, um die Graͤfin von Schwicheld vn dem hohen unerwarteten Beſuche in Kenntniß zu ſetzen. — 29— Waͤhrend der Herzog an der Seite ſeines neuen Wirthes im gleichguͤltigen Geſpraͤch der Liebenburg entgegen ritt und die Junker Breido v. Ranzov nebſt Ulrich von Thiele und Otto v. Eberſtein nebſt Franz von Hardenberg zu Paaren ihm folgten, geriethen die beiden Letztern in ein Geſpraͤch, das die Toͤchter des Grafen von Schwicheld betraf. Warſt du ſchon einmal auf Lieben⸗ burg? fragte Ritter Otto von Eberſtein den Ritter Franz von Hardenberg und bog ſich dabei etwas zur Seite, damit die vor ihm Reitenden ſeine Frage nicht hoͤ⸗ ren ſollten. Noch niemals, antwortete der Gefrag⸗ te, und deßhalb iſt mir die Einladung des alten Hans von Schwichfeld doppelt lieb, denn ſchon ſehr oft habe ich die Schoͤnheit ſeiner beiden Toͤchter uͤber alle Maaßen ruͤhmen hoͤren. Ich bin nun, — 30— wie du weißt, keiner von denjenigen, der jedes glatte Geſichtchen ſchoͤn findet und daruͤber gleich in Lobpreiſungen und Ver⸗ goͤtterungen geraͤth; allein ich habe ſchon von gar zu verſchiedenen Leuten unſeres Geſchlechts Urtheile und Lobreden daruͤber gehoͤrt, und alle koͤnnen doch wohl nicht mit Blindheit geſchlagen geweſen ſeyn. Mit einem triumphirenden Laͤcheln hatte Otto von Eberſtein dem langen kal⸗ ten Redeſermon ſeines Kriegsgefaͤhrten und Waffenbruders zugehoͤrt, nun aber machte er ſeinen Gefuͤhlen durch Worte Luft. Hatt' ich mir's h3. gedacht, ſagte er, daß du, wie imm, Auch diesmal den ſtrengen Schiedsrichter ſpielen wuͤrdeſt, aber nimm dich in Acht, Franz, daß du diesmal nicht mit ſammt deiner kalten Vernunft gefangen wirſt. Adelheit von Schwicheld, die juͤngere Tochter des Grafen, iſt eine wahre Himmelskoͤnigin; — 31— du ſollſt mich morgen einen Narren ſchel⸗ ten, wenn ich zu viel geſagt habe. Denke dir eine hohe, majeſtaͤtiſche Geſtalt, ein Auge, aus dem die ſchoͤnſte Seele ſtrahlt, das mit ſeinem hohen Ernſte zwar auf den erſten Blick Ehrfurcht einfloͤßt, aber auch durch der Milde unausſprechlichem Zauber wieder anzieht, einen Mund, nur geformt, um der Liebe Gluth auszuſtroͤmen. Denke dir ein Weſen aus dem Himmelsbilde einer Madonna, mitt aller Lieblichkeit, mit allen lockenden Reizen umgeben, welche ſich die Phantaſie in ihrem gluͤhendſten Traume nur zu malen vermag, denke dir ein Weſen, dem, wenn es ihn freundlich anblickt, kein Sterblicher ungeſtraft in's Auge ſehen darf; unb wenn dieſes Weſen durch ſeine unbeſchreibliche Zauberſtimme belebt wird, dann iſt es unmiderſtehlich unbeſchreiblich! — 32— Ei, ei! mein lieber Otto, entgegnete Franz von Hardenberg, ich kannte dich ſtets als einen großen Verehrer des weib⸗ lichen Geſchlechts, habe oftmals in dieſem Punkte deine Rednergabe bewundert, allein ich muß geſtehen, diesmal haſt du dich ſelbſt uͤbertroffen. Haͤtte ich nicht von andern auch ſchon aͤhnliche Urtheile ge⸗ „hoͤrt, ſo wuͤrde ich glauben, du machteſt 3 dir einen Scherz mit mir, allein die Gluth, womit du deine Rede vorgetragen, beweiſt mir ſchon hinlaͤnglich, daß es wohl kein Scherz ſeyn muß, und dieſerhalb iſt es mir ſehr lieb, die Fraͤulein perſoͤnlich kennen zu lernen. Weißt du mir denn nun aber von der aͤltern nicht auch ein ungefaͤhres Bild zu entwerfen? Warum nicht? es macht mir ſogar Freude, an dir einen ſo eifrigen Zuhoͤrer gefunden zu haben. Emma, des Gra⸗ fen aͤlteſte Tochter, iſt zwar keine Son⸗ nenblume, deren Anſchau die Augen ver⸗ blendet, ſie iſt nur ein ſtilles, einfaches Wieſenbluͤmchen, ein zartes Veilchen, ſtill und beſcheiden. Wenn du in Adelheid die Himmelskoͤnigin zu erblicken glaubſt, um deren Haupt ein Strahlendiadem aus Son⸗ nengluth dir entgegen leuchtet; dann ſteht Emma wie eine Heilige der Erde, fromm, das ſchoͤne Auge dem Himmel zugewandt, neben ihr. Die Glorie, die ſie umgiebt, ſtrahlt bleich und ſilbern wie das keuſche Licht des Mondes. Beim Himmel! rief Hardenberg, du ſcheinſt es heute darauf angelegt zu haben, meine Neugierde aufs hoͤchſte zu ſpannen; doch wie wirſt du ihre Geſtalt mir ſchildern? Wie die alten niederlaͤndiſchen Maler uns die deutſchen Jungfrauen zu malen pflegten, ſchlank und zuͤchtig, die Locken blond, das Auge blau, Roſen und Lilien ——yõ——qqq — 34— auf dem Engelsangeſicht, die mit dem Strahle der Unſchuld alle Herzen erſchließen. Wahrlich! ſagte Hardenberg und ſchuͤttelte etwas unglaͤubig das Haupt, du mußt bei einem jener alten Meiſter in die Schule gegangen ſeyn, denn du malſt heute mit einem ganz beſondern Pinſel; aber wie geht es denn zu, daß dieſe Himmelskoͤ⸗ niginnen auf der ſtattlichen Burg des rei⸗ chen Grafen von Schwicheld ihre Strahlen noch nicht um ſich geworfen, daß ſie noch kein Maͤnnerherz damit entzuͤndet haben? Wo denkſt du hin! lieber Franz, beide lieben und werden, wie ſie es auch berdie⸗ nen, wieder geliebt. So haſt du mir alſo ohne allen Nu⸗ tzen den Mund waͤſſerig gemacht Ohne Nutzen? ei wer wollte denn ſo eigennuͤtzig ſeyn! das Schoͤne bleibt immer ſchoͤn und verdient, beſonders von einem Manne wie du biſt, bewundert zu werden. — Du weißt zu reden, Otto, und beſon⸗ ders heute in dieſer Kunſt dein Talent gel⸗ tend zu machen; nun aber ſage mir doch, wer ſind denn die Gluͤcklichen, die dieſe Himmelsſterne fuͤr ſich uzuſinden gewußt haben? Wenn du ſchweigen wilſt, will ich dirs vertrauen. Die ſanfte Emma iſt dem Junker Eginhard von der Winde mit gan⸗ zer Seele zugethan. Dem armen Eginhard? fragte Harden⸗ berg im ſpoͤttiſchen Tone das nimmt auic wunder... m uim Mich keineswegs, entgegfla Churkeg denn obgleich Eginhard arm, ja ſogar ohne legitime Abkunft iſt, ſo iſt er doch ein ſchoͤ⸗ ner tapferer junger Mann, der alle die Ei⸗ genſchaften beſitzt, die eine Jungfrau, wie Emma iſt, von ihrem Ritter verlangt; denn eben ſo zaͤrtlich, wie er als Liebhaber ſeyn mag, eben ſo tapfer iſt er im Kampf. Noch 3* — 36— nie iſt er beſtegt worden, ſonderm ſlas der Sieger geweſen. Und der alte Graf? frngte Hardens berg, er ſoll ein eben ſo ſtolzer als rauher harter Mann ſeyn, was ſagt er zu der tiebesgeſcichte⸗ 4 Das iſt eben die Klippe, an der die iebenden vielleicht noch Schiffbruch erlei⸗ den und die Haͤlſe brechen. Der Alte weiß noch kein Wort davon, ahnet es nicht ein⸗ mal, denn ſonſt wuͤrde er ganz andere Maaßregeln ergreifen, indem er ſeine Toch⸗ ter mit dem Junker Ulaich t von Vherenen eeihinden wuͤnſcht. 15) Mit dem Ulrich da vor uns? nun das waͤre mir auch nicht der Mann, den ich lieben koͤnnte, wenn ich ein Maͤdel waͤre. Was aber wollen die Liebenden beginnen? wie wollen ſie es anfangen, um den alten Hihnteſees üie ſhe zu 95 winnen? Wol af nes Gluͤck, Zufall, oder auch das Schick⸗ ſal, wenn du willſt, wird hier entſcheiden muͤſſen. 35 Gluͤck zu, antwortete Hardenberg, wandte ſich dann aber ſo recht vertraulich an ſeinen Freund und Waffenbruder und fragte: ſage mir doch, Lieber, da du alles, was das Haus Schwicheld angeht, zu wiſſen ſcheinſt, ſage mir doch, wer erfreut ſich denn aber der beſondern Gunſt der Sonnenroſe, der Himmelskoͤnigin und wie du ſie ſonſt noch nannteſt, der Adelheid? Der Gluͤckliche, antwortete Otto von Eberſtein leiſe, indem er ſich nach allen Seiten umſah, ob wohl nicht ein Lauſcher in der Naͤhe ſey, indem ſie der Burg ſchon ganz nahe waren— der Gluͤckliche bin ich; doch rechne ich auf deine ritterliche Ehre, daß die Sache unter uns bleibt und noch mehr, daß du nicht etwa auf den Gedanken kommſt, deine Augen an — 38— dem Glanze meiner Hiumdtknigh dir zu verblenden. Sei außer Sorgen, enigeggete gleich⸗ guͤltig Hardenberg; du weißt, wie ich mit dem ſchoͤnen Geſchlecht ſtehe. Bis jetzt ſah ich noch keine, auf der mein Auge mit beſondrem Wohlgefallen geruhet haͤtte, folglich werden auch dieſe Evastoͤchter nichts an mir aͤndern. Hiermit hatte die Unterredung ein Ende, denn der kurze Weg war zuruͤch gelegt. 1 Die Fenſter auf der alten Liebenburg wa⸗ ren zum Theil ſchon hell erleuchtet, die Diener liefen in geſchaͤftiger Eile Trepp auf und ab und aus der Kuͤche verrieth ein angenehmer Duft, daß alle Tiegel und Toͤpfe zum Empfange des hohen Gaſtes in Bewegung geſetzt waren. Im Innern des Burghofes hatte der Junker Eginhard von der Winde in moͤglichſter Eile die Beſatzung der Burg in zwei Gliedern, mit Schwertern und Lanzen bewaffnet, aufge⸗ ſtellt, er ſelbſt ſtand am rechten Fluͤge, des großen Thores und machte beim Ein⸗ zuge des Herzogs demſelben das Zeichen der tiefſten Ehrerbietung, und als der Herzog voin Roſſe ſteigen wollte, ſprang er eiligſt herbei und hielt den Steigbuͤgel. Ich muß die Aufmerkſamkeit dieſes jungen Ritters loben, ſagte der Herzog, er ſcheint viel Lebensart zu beſitzen. Wie nennt er ſich? 4 Eginhard von der Winde, antwortete etwas verdrießlich der Graf, es iſt ſo ein junger Fant, der ſich am beſten darauf verſteht, die Dirnen zu unterhalten. Der Herzog ſchien die Antwort uͤber⸗ hoͤrt zu haben, er entgegnete wenigſtens nichts darauf, ſondern ließ es ſich gefallen, von ſeinem Wirthe in ein freundliches, wohlerwaͤrmtes Gemach gefuͤhrt zu werden, welches dicht an den großen Ritterſaal grenzte. Ein Knappe brachte eine Kanne des beſten Rheinweins und fuͤllte die ſil⸗ bernen Becher. Der Graf trank auf das — 41— Wohlfeyn des Herzogs, indem er ſagte: daß es euch heute bei mir gefallen moͤge, gnaͤdigſter Herr! Ei nun, das wird es ſchon, entgeg⸗ nete der Herzog, denn alles was ich hier bisher geſehen und beſonders die Geſichter der Menſchen haben mir gefallen, ſie ſcheinen mir alle ſo etwas Gutmuͤthiges, Vertrauen erweckendes in ihren Zügen zu haben und das mag ich wohl leiden. Auf jenſeit des Harzes, in der Gegend von Nordhauſen und Heiligenſtadt, ſieht man ganz andere Menſchen, die zum Theil etwas Abſchreckendes, Zuruͤckſtoßendes in ihren Zuͤgen haben, was mich ſtets an das Pfaffenthum erinnert. Ueberhaupt ſcheint ihr euch hier recht wohl zu gefallen. Man muß ſich in die Zeit und die Umſtaͤnde ſchicken, erwiederte der Graf. Die Gegend iſt recht gut, nur koͤnnte der Boden ergiebiger ſeyn und die Menſchen * — 42— dienſtwilliger; doch was kann das Murren helfen, eines Theils entſchaͤdigt uns der Wald mit ſeinem vielen Wilpret, die ſchoͤne Forelle haben wir auch nicht weit hier, und was uns das ſtolze Büͤr⸗ gervolk zu Goslar nicht in Guͤte zugeſtehen will, das muß man mit dem Schwerte in der Hand ihnen abzutrotzen wiſſen. Das iſt ganz recht, entgegnete der Herzog, das Buͤrgervolk in den Staͤdten wird ohnehin zu uͤbermuͤthig und muß von Zeit zu Zeit gezuͤchtigt werden, ſonſt moͤchte leicht die Zeit kommen, wo es dem Fuͤrſten wie dem Adel Geſetze vorſchreiben wollte, und das geht nun einmal nicht, jeder Stand muß fuͤr ſich bleiben, und keiner uͤber den andern ſich erheben wollen. Hab es vor einigen Jahren den Muͤhlhaͤuſern, Nord⸗ haͤuſern und Heiligenſtaͤdtern„ als ſie ſich wegen eines geringen Verluſtes zuſammen rottirten und die Burg Hohenſtein bela⸗ —————— — gerten, fuͤhlen laſſen, was ſie doch eigent⸗ lich gegen dem in den Waffen geuͤbten Ritter ſind. Ein tuͤchtiger Angriff mit etwa hundert Lanzenknechten und etwa halb ſo viel Reitern waren hinreichend, wohl fuͤnfhundert Buͤrger in die Flucht zu ſchla⸗ gen. Wohl dreißig ſchwerfaͤllige Rathsherren und Kaufleute, die auf der Flucht dem großen Haufen nicht folgen konnten, fielen als Gefangene in unſere Haͤnde, und das ſtattliche Loͤſegeld, das ſie haben zahlen muͤſſen, um wieder in Freiheit zu kommen, hat ihnen einen abermaligen Angriff auf uns fuͤr immer verſalzen. Nur der ſchwere Kirchenbann, den der Mainzer Erzbiſchoff ſich uͤber meinem gnaͤ⸗ digſten Herrn auszuſprechen erlaubte— Verfluchtes Pfaffengeſchmeiß! brummte der Herzog und ſtuͤrzte den vor ihm ſte⸗ henden Silberbecher in einem Zuge hinunter. * — 44— AUungleich guͤnſtiger lief die Eroberung der Harzburg ab, ſagte der Graf, um den Herzog in eine froͤhlichere Stimmung zu verſetzen. Noch immer kann es mich er⸗ freuen, wenn ich mir die Wuth des Bi⸗ ſchoffs von Hildesheim denke, als ihr, Herr Herzog, ihm fuͤr den Aufenthalt der Wagen mit Lebensmitteln, welche die Harzburg doch ſo noͤthig bedurfte, ins Land ruͤcktet, die Stadt Ahlfeld in Beſitz, von den Buͤrgern die ſchoͤne Contribution und die ſchmackhaften Lebensmittel in Empfang nahmt und das ſtattliche Herrlein, indem es eurer Macht nichts entgegenſetzen konn⸗ te, vor lauter Gift und Galle erſticke wollte.— Pfaͤfflein das! ſagte lachend der Her⸗ zog; aber wir kniffen ihn, bis er, ſich kruͤmmend wie ein Wurm, zu Kreuze kroch. Waͤhrend ſich die Herren noch uͤber mancherlei Fehden, beſonders im Eichsfel⸗ — 45— diſchen, welche eben dem Herzoge, weil ſie groͤßtentheils Beſitzungen des Erzbiſchoffs zu Mainz waren, den Kirchenbann zugezo⸗ gen hatten, welchen der Herzog indeß we⸗ nig achtete, unterhielten, hatte die Graͤfin mit eigner Hand die vorzuͤglichſten und ſchmackhafteſten Speiſen bereitet und ſie in dem großen prachtvollen Speiſeſaale auf⸗ tragen laſſen. Ehe indeß die Geſellſchaft ſich an der Tafel verſammelte, trat die Graͤfin von Schwicheld in das Gemach, in welchem ihr Gemahl mit dem Herzoge ſaß. Der Herzog, wie ſchon erwaͤhnt, ein rau⸗ her Mann, den der Frauen Huld ziemlich gleichguͤltig war, ſtaunte ein wenig, als er die wackere Frau ſah, die im vierzigſten Jahre noch Anmuth und Lieblichkeit genug beſaß, um das Auge eines fuͤhlenden Man⸗ nes 5 ſich zu ziehen. Meine Hausfrau— ſagte der Riter, den das Erſcheinen ſeiner Gemahlin etwas — 46— befremdete— will uns wahrſcheinlich an⸗ kuͤndigen, daß der Abenduith„ uns in Bereitſchaft ſteht. Unwillkuͤhrlich war der Herzog aufe ſtanden, und noch unwillkuͤhrlicher ruhete ſein Auge mit einigem Wohlgefallen auf der lieblichen Hausfrau des Grafen, die ihrem Gatten halblaut ſagte, daß ſeine Mutter ihm einige Worte zu ſagen habe. Gut, antwortete der Graf, ich werde meine Pflicht erfuͤllen, verweile du, Mar⸗ garethe, ſo lange bei unſerm Gaſte, gleich werde ich wieder hier ſeyn.— Er ging und kehrte nach wenigen Minuten, in wel⸗ chen der Herzog einige linkiſche Worte, die wie eine Galanterie klingen ſollten, gewech⸗ ſelt hatte, mit krauſer Stirn wieder zuruͤck und fuͤhrte dann ſeinen Gaſt in den Spei⸗ ſeſaal. Hier war die uͤbrige Tiſchgeſellſchaft ſchon verſammelt und harrete mit geſpann⸗ ter Erwartung des hohen Fremden, der heute — . an der Tafel einen Platz mit einnehmen ſollte. Der Tiſch war fuͤr zehen Perſonen gedeckt, allein es waren nur neun vorhan⸗ den. Den oberſten Ehrenplatz nahm der Herzog ein, dieſem zur Linken ſaß der Graf und zur Rechten die Graͤfin. An der Seite des Grafen war der aͤlteſten Toch⸗ ter Emma Paatz, an ihrer Linken ſaß der Feldhauptmann Otto von Eberſtein, den Beſchluß machte des Grafen Waffenmeiſter Ulrich von Thiele. An der Seite der Graͤ⸗ fin ſaß zuerſt die juͤngere Tochter Adelheid von Schwicheld und neben dieſer der Ritter Franz von Hardenberg, den Beſchluß mach⸗ te der Junker Breido von Ranzov. Der untere Platz quer vor der Tafel war ge⸗ deckt, allein unbeſetzt. Als alle ihre Plaͤtze eingenommen hatten, und der erwaͤhnte noch erledigt war, fragte der Herzog, wer von der Tiſchgenoſſenſchaft noch fehle. „Meine alte achtzigjaͤhrige Mutter, erlauch⸗ — 48— ter Herr, antwortete der Graf, ſie leidet an Gichtſchmerzen und laͤßt ſich entſchuldi⸗ gen. Obgleich dies nicht der Fall war, im Gegentheil die alte fromme Dame es fuͤr eine Suͤnde hielt, mit einem im Kirchen⸗ bann lebenden Menſchen, und wenn es auch der Herzog ſey, an einem Tiſche zu eſſen, und ihre Gegenwart bei Tiſche ihrem Sohne rund abgeſchlagen hatte, ſo fragte doch der Herzog nicht weiter darnach, ſon⸗ dern gab nur zu verſtehen, daß es ihm un⸗ lieb ſey, mit einer ungeraden Zahl zu Ti⸗ ſche zu ſitzen. Da faͤllt mir ja, ſagte er gleich darauf, der junge freundliche Fant ein, der mich am Thore mit ſo beſonderer Aufmerkſamkeit begruͤßte, wo iſt x, 3c uatmiſſe ihn hier? Als ein guter Wirth t. es wohl mei⸗ ne Pflicht, antwortete der Graf, daß ich, waͤhrend wir das geringe Mahl hier ver⸗ zehren, fuͤr die Sicherheit der Burg ſorge; — 49— ich habe ihn alſo dafuͤr verantwortlich ge⸗ macht. Das iſt allerdings loͤblich, mein lieber Schwicheld, erwiederte darauf der Herzog, allein ich gebe euch mein Wort, daß ihr vor der Hand vor jedem Ueberfall ſicher ſeyd, drum ſetzt fuͤr heute jede Vorſicht bei Seite und laßt ihn herbei rufen. Eine dunkle Wolke zog ſich uͤber des Grafen Stirn, dennoch ſtand er auf und ertheilte einem Knappen den Befehl, den Junker ſogleich herbei zu rufen.— Nie⸗ mand war uͤber das zufaͤllige Ereigniß er⸗ freuter als Fraͤulein Emma, denn indem ihr dadurch das Gluͤck zu Theil wurde, den Geliebten einmal in ihrer Naͤhe zu ſehen, ſah ſie auch zugleich des harten Vaters haͤmiſchen Plan dadurch vereitelt. Als eine Schuͤſſel der allerfeinſten und wohlſchmeckendſten Forellen der Tiſchgeſell⸗ ſchaſt und beſonders dem Herzoge, der 8 4 ſein Wohlgefallen daruͤber laut ausſprach, wacker gemundet hatte, kam der rauchende Gaͤnſebraten, der ſogleich einen angenhmen Geruch im ganzen Saale verbreitete und ſogleich erhob der Graf den gefuͤllten Be⸗ cher und trank gleich den Uebrigen auf das Wohl des Herzogs. Freundlich dankte der Herzog, ſtand dann aber auch auf, nahm ſeinen Becher und ſagte: das edle Geſchlecht der Schwichelde, es lebe hoch, es lebe gluͤcklich und erhalte ſich noch viele Jahrhunderte im frohen Andenken an bie⸗ ſen Maͤrtensabend!— Ihr muͤßt ein gluͤcklicher Mann eyn, Herr Ritter, ſagte nach einer Weile der Herzog, in welcher er nicht ohne wirkliche Theilnahme die Gattin und die beiden Toͤchter ſeines Wirthes betrachtet hatte. Seit Jahren hab ich ſo zuweilen mein Auge auf das Frauenvolk geworfen und ich muß Euch geſtehen, daß ich bis jetzt — — 51— unter denen, welchen ich wohl meine Hand reichen duͤrfte, noch keine gefunden habe, die ſo Anmuth und Holdſeligkeit in ſich vereinigt haͤtte, wie eure Hausfrau und eure Toͤchter. Frau Margarethe, uͤber deren Wange eine leichte Roͤthe flog, ſtand auf und dankte ehrerbietig fuͤr die ihr lange nicht gewordene Huldigung, der Ritter aber meinte, wenn ihm auch gleich durch ſeine Hausfrau kein Kreuz zu tragen auferlegt ſey, ſo betrachte er es doch gewiſſermaßen fuͤr eine Strafe des Himmels, daß ihm ſtatt eines tapfern Sohnes, der an ſeiner Seite mit ihm in die Fehde ziehen koͤnne, zwei Dirnen geworden waͤren, die— wie er ſich ausdruͤckte— wie ein Topf voll Floͤhe vor unberufenen Zratm aüßten ge⸗ huͤtet werden. Der Herzog brach über dieſem Hruligan Ausdruck in ein lautes Lachen aus und 4* — 52— ſagte, indem er aufs Neue den Becher erhob: nun die allerliebſten Inſekten und Anbeter ſollen leben und gluͤcklich ſeyn! Wie vom Blitze beruͤhrt fuhren die Jun⸗ ker Ulrich von Thiele, Eginhard von der Winde und Otto von Eberſtein von ihren Sitzen auf und ſelbſt der kalte, ſtolze Hardenberg erhob ſich von ſeinem Platze und dankte dem Herzoge fuͤr den aus ſei⸗ nem Munde ſeltſam klingenden Toaſt, nur der ſchon uͤber die Juͤnglingsjahre hinweg⸗ geſchrittene Breido von Ranzov blieb ruhig ſitzen. Nun, gnaͤdigſter Herr! rief halb ſcherzhaft, halb ernſthaft der Graf, hab ich nun Unrecht, wenn ich meine, es ſey ein Ungluͤck, Vater von zwei ſolchen Dir⸗ nen zu ſeyn? Seht, wie acht Augen mit einem Male ihre gluͤhenden Pfeile darauf abſchießen, und Einer kann doch nur Eine in die Brautkammer fuͤhren. Darin habt ihr ganz recht, erwiederte der Herzog, allein, wie ich immer gehoͤrt habe, ſo ſoll das Gluͤck einer Ehe beſon⸗ ders auf einer gluͤcklichen Wahl beruhen, und ſo wenig ich mich auch auf das Wei⸗ bervolk verſtehe, ſo wollte es mir doch vorhin ſcheinen, als ob die fromme Schoͤne da ihre waͤrmſten Blicke auf den Blond⸗ kopf— er zeigte auf Eginhard— ge⸗ richtet haͤtte. Eginhard, ſo wie Emma, mehr aber noch Frau Margarethe zeigten uͤber dieſe Bemerkung die groͤßte Verlegenheit, Ulrich von Thiele aber warf dem Junker Egin⸗ hard einen Blick zu, der ſeine innere Wuth nur zu deutlich verrieth. Nun, fuhr der Herzog fort, wenn ihr einmal das Beilager haltet, ſo bittet mich zum Hoch⸗ zeitfeſt, und wenn ich kann, ſo werde dich nicht dabei Feblen — 54— Emmas Wangen waren wie mit Purpur uͤbergoſſen, ſie ſah aͤngſtlich, des Vaters Zornausbruch fuͤrchtend, auf ihren Teller nieder, allein der Graf that als habe er die letzten Worte des Herzogs nicht verſtanden und mahnte ihn dafuͤr, den Becher zu leeren, womit denn nn dieſes Geſpraͤch endete. Noch mancherlei Scherze fanden bei der Tafel ſtatt, wobei der Herzog, ganz gegen ſeine Art und Gewohnheit, froh und heiter war und ſogar einige ſeiner Scherz⸗ reden an die ſchoͤne Adelheid, recht zierlich gewaͤhlt, richtete. Unter andern meinte er, daß dieſe Zierblume fuͤr ſeinen Feld⸗ hauptmann von Eberſtein ganz allein ge⸗ ſchaffen zu ſeyn ſchiene. Der Ritter dankte dem Herzog fuͤr dieſe Bemerkung, dachte. aber in ſeinem Sinne: plagt denn den Herzog heute der Teufel, oder hat er es — 55— beſonders darauf angelegt, den alten Gra⸗ fen raſend zu machen: MNach aufgehobener Tafel fuͤhrte der Graf ſeinen Gaſt wieder in das fruͤhere behagliche Gemach, wo ſie in der Exinne⸗ rung vergangener Zeiten noch manchen Becher mit einander leerten, die jungen Ritter aber blieben mit den Damen noch im Saale zuruͤck, heitere Geſellſchaftsſpiele beginnend. Hier fand ſich denn mancher . Augenblick, wo es dem Junker Eginhard moͤglich war, ſeiner Emma vertraulich die Hand zu druͤcken, und dem Ritter von Eberſtein, ſeiner bluͤhenden Adelheid ein ſuͤßes Woͤrtchen zuzufluͤſtern. Alle waren froh, alle gluͤcklich, nur in der Bruſt des Junkers Ulrich von Thiele kochte die fuͤrch⸗ terlichſte Rache, denn nur zu klar wurde es ihm an dieſem Abende, dem er, zu⸗ ſammt dem Herzoge, die ewige Verdamm⸗ niß wuͤnſchte, daß ihm die ſanfte, liebliche Emma nur von Zeit zu Zeit einen nichts⸗ ſagenden Blick zuwarf, der ihm deutlich ſagte, daß dieſe Blume nicht fuͤr ihn bluͤhe. Der Ritter von Ranzov unterhielt ſich ſehr angelegentlich mit der Graͤfin; nur Franz von Hardenberg, der kalte, ſtolze Franz, ſpielte ſeine eigne Rolle. Faſt unbeweglich ſtand er, den Ellenbogen in ein Fenſter gelehnt, und heftete durchdringende Blicke auf die ſchoͤne, unvergleichliche Adelheid, und ſein Herz, das noch nie bei dem An⸗ blick eines ſchoͤnen Maͤdchens etwas em⸗ pfunden hatte, ſchlug immer ſchneller im⸗ mer lauter in der Bruſt. Oft kam es ihm vor, als ſey waͤhrend ſeines Hierſeyns eine außerordentliche Veraͤnderung, eine Zauberei mit ihm vorgegangen, denn zu⸗ weilen zuckte es ihm durch alle Nerven und er glaubte dann, auf die Himmels⸗ koͤnigin zueilen und ſich zu ihren Fuͤßen niederwerfen zu muͤſſen. Dann aber ſagte ——— ihm doch wieder die Vernunft, daß er ſich durch ſolch eine Handlung laͤcherlich machen, auch eine Unſchicklichkeit begehen wuͤrde. So verfloß ihm ſchnell eine Stunde, nach welcher ſich die Graͤfin mit ihren Toͤchtern beurlaubte und den Rittern eine gute Nacht wuͤnſchte. Als Hardenberg mit Eberſtein allein war, ſagte er: Du haſt dir heute Abend, als wir zur Burg hinauf ritten, recht viel Muͤhe gegeben, um von dem Fraͤulein Adelheid mir ein Bild zu ent⸗ werfen, aber ich muß dir geſtehen, daß du in deiner maleriſchen Kunſt dah noch ein Stuͤmper biſt. Wiee ſo? fragte Eberſtein, hab ich et⸗ wa zu viel geſagt? Zu wenig, viel zu wenig! Die menſch⸗ liche Sprache iſt viel zu arm, viel zu er⸗ baͤrmlich, um von dem erhabnen, himm⸗ liſchen Weſen ein ſchwaches Bild zu ent⸗ werfen. — 58— Das freuet mich, entgegnete Eberſtein mit einem triumphirenden Laͤcheln, daß dein kaltes Marmorherz doch endlich ein⸗ mal einen Gegenſtand gefunden hat, dem es ſeine Bewunderung nicht verſagen kann. Nicht allein meine Bewunderung, nein, die heißeſte, gluͤhendſte Liebe hat dieſe Un⸗ vergleichliche in meiner Bruſt erweckt, und ich waͤre feſt entſchloſſen, noch ehe ich die Burg des Grafen verließe, mich zu ihm zu begeben und ihn um die Hand ſeiner Tochter zu bitten, wenn ich ſie dir nicht ſchon zugethan wuͤßte, denn dieſe oder keine auf dem ganzen Erdballe muͤßte die Meine werden. Betroffen taumelte Eberſtein einen Schritt zuruͤck, denn er kannte ſeinen Freund zu gut, wußte, daß aus ſeinem Munde. ein Wort ſo gut war, wie bei hundert Andern ein Schwur, wußte auch, daß ihm Hardenberg an zeitlichen Guͤtern bei weitem uͤberlegen war, und konnte alſo ſicher vermuthen, daß der Graf kei⸗ nen Anſtand nehmen wuͤrde, ihm die Hand feiner Tochter zuzuſagen. Mit einem recht verlegenen Geſicht, daß ihm ſonſt nicht eigen war, ſagte er deßhalb: Franz! du treibſt dieſen Abend einen ſeltſamen Scherz, einen Scherz, wie ich ihn an dir nicht gewohnt bin. Einen Scherz, fragte verwundert Har⸗ denberg, einen Scherz nennſt du die er⸗ habendſten Gefuͤhle meines Herzens? Bei Gott mit dergleichen Dingen treibt man Wigſten. 8 Du weißt aber, lieber Freund, was ich dir, indem ich dir ein Bild von Adel⸗ heid entwarf, zugleich vertraute, du weißt, daß ich heilige Rechte auf Adelheids Herz habe.— — 60— Ich glaube es und bedaure nichts mehr, als das Fraͤulein nicht ſchon ein Jahr fruͤher kennen gelernt zu haben. Ich kann dir noch mehr vertrauen, ſagte Otto. Sieh, dieſer Ring hier gilt als Zeichen unſeres Bundes, nur noch eine kurze Friſt und ich werde 86 oͤffentlich bekannt machen. Franz wuͤnſchte ſeinem Bardttde e eine gute Nacht und ging verdeüfnh in ſein Schlafgemach.. 3 Der Moraen eines Remdlchen No⸗ ſter ſtand und in den Burghof hmab ſchauete, wo ſein rabenſchwarzer Streit⸗ hengſt geſattelt, ſtampfend und wiehernd die Zeit nicht erwarten konnte, ſeine fuͤrſt⸗ liche Buͤrde wieder aufzunehmen. Nun, mein guter Schwicheld, nahm er das Wort, ich muß euch offen geſtehen, daß ich ſeit langer Zeit keinen ſo vergnuͤgten Abend verlebt und ſeit noch laͤngerer Zeit keine ſo ruhige Nacht verſchlafen habe, als hier auf eurer Burg; nun ſagt mir aber auch, womit ich euch dieſen Freundſchaftsdienſt vergelten kann? Ei, mein gnaͤdigſter Herr! erwiederte da Schwicheld, wofuͤr haltet ihr mich, glaubt ihr, daß ich habſuͤchtig ſey, oder daß ich die Ehre nicht zu ſchaͤtzen wuͤßte, meinen erlauchten Herrn einmal eine Nacht unter meinem Dache bewirthet und beherbergt zu haben? Glaubt mir, ich ſchaͤtze dieſen Tag fuͤr den gluͤcklichſten meines Lebens, den ich nie vergeſſen werde. Nun wohlan! ſagte der Herzog; euer Schuldner kann und darf ich nun einmal nicht bleiben, ſo erlaubt mir, daß ich euch ein Gegengeſchenk dafuͤr mache. Eure Burg, ſo freandlich ſie auch liegt und ſo — 62— bequem ſie auch eingerichtet iſt, ſo ſcheint ſie mir gegen feindliche Angriffe doch nicht feſt genug zu ſeyn, ich mache mir deshalb das Vergnuͤgen, euch die hier nahe gele⸗ gene Harzburg erb⸗ und eigenthuͤmlich zu ſchenken; ſie iſt zwar nicht ſo vollkom⸗ men geraͤumig als die eure, allein eine ſichere Schutzwehr gegen jeden Feind, und wenn er noch ſo maͤchtig waͤre. Seyd ihr damit zufrieden?„i eua Gnaͤdigſter Herr! ſagte der Graf und wußte nicht, wie er ſich eigentlich beneh⸗ men ſollte, ihr ſetzt mich durch Eure Groß⸗ muth in eine außerordentliche Verlegenheit, denn ich weiß nicht— 2 Schweigen wir davon, ſagte der Her⸗ zog, die Zeit iſt wandelbar, wandelbarer noch die Schickſale der Menſchen. Wer heute reich iſt, kann morgen arm ſeyn, drum ſucht immer den Burgpfaffen auf, daß er ein Document, die Schenkung der — 63— Harzburg betreffend, aufnehme; ich unter⸗ ſchreibe und beſiegele es und die Sache iſt abgethan. Der Graf, dem bisher immer ein be⸗ ſonders ſichrer Zufluchtsort, der ſeine Streifereien ſtets in ein ewiges Dunkel und Vergeſſenheit huͤllen moͤchte, gefehlt hatte, ſtraͤubte ſich nicht laͤnger, ſondern holte Pater Albertus herbei, der mit vielen Worten und Umſchweifen das Do⸗ cument anfertigte und es dem Herzoge zur Unterſchrift vorlegte. Als Zeugen dieſer wichtigen Verhandlung wurden auch die Ritter Otto von Eberſtein, Franz von Haͤrdenberg und Breido von Ranzov her⸗ bei gerufen, und nicht ohne einige Ver⸗ wunderung uͤber dieſe ſeltene Großmuth unterzeichneten und beſiegelten ſie die Urkunde.. Wer in dem Augenblick gewußt haͤtte, was in dem Innern des Feldhauptmanns — 64— von Eberſtein vorging, haͤtte es ihm an den Augen anſehen koͤnnen; denn mit zit⸗ ternder Hand unterſchrieb der ſonſt ſo tap⸗ fere Degen ſeinen Namen, indem er jeden Augenblick glaubte, ſein Freund Hardenberg wüͤrde, das geſtrige Geſpraͤch nicht achtend, ſeine Werbung dennoch in Erfuͤllung brin⸗ gen. Die Sache ging indeß fuͤr heute gut ab, denn das Heer war unten im ſchon aufgebrochen und befand ſich ſe auf der Straße nach Goͤttingen, der Herzog hatte es eilig, eiliger noch der Graf von Schwicheld; und ſo geſchah heu⸗ te weiter nichts. Als der Herzog zu Roſſe fieg, ſagte er noch: ich werde die geringe Beſatzung der Burg in dieſen Tagen abziehen laſſen, vielleicht noch heute, doch einen Mann, den Schloßvogt Klaus, den wir dieſen Ort bis an ſein Lebensende zu ſeinem 5 Aufenthalte geſichent haben, maͤßt i ihr 9s — 65— ein Inventarium beibehalten, ihn ſtets gut halten und ihn in ſeinen ſonderbaren Ei⸗ genheiten nicht ſtoͤren. Wollt ihr? ſo reicht mir eure ritterliche Hand. Der Graf trug kein Bedenken, er reichte dem Herzoge die Hand und dieſer ſprengte mit ſeinem Ge⸗ folge in raſchem Trabe davon. Eine ſo außerordentliche Ehre und Gunſt⸗ bezeugung hatte ſich Herr Hans von Schwicheld fruͤher nie traͤumen laſſe 1. War er aber fruͤher ſchon ein rauher, ſtolzer, auf⸗ geblaͤheter Mann geweſen, ſo wurde er es jetzt durch den Zuwachs einer der feſteſten Burgen noͤch mehr. Noch einen Tag blieb er ruhig in ſeiner Veſte ſitzen, oder viel⸗ mehr er brütete große Plane aus, dann aber zog er, begleitet von den Junkern Ulrich von Thiele und Eginhard von der Winde nebſt mehreren Knechten, die Schen⸗ kungsurkunde in der Taſche, zur Harzburg. . 4* — 67— Eben als er mit den Seinen den uner⸗ meßlich hohen Burgberg von Seiten des Dorfes hinauf mit unſaͤglicher Muhe er⸗ ſtiegen hatte, zog der letzte Mann der her⸗ zoglichen Beſatzung ab und nur der Schloß⸗ vogt Klaus, ein kleines, krummbeiniges, breitſchultriges Maͤnnchen, war allein noch vorhanden. Mit einem veraͤchtlichen Blick maß er den Ritter vom Scheitel bis zur Sohle und ſchob nur ganz unmerklich ſeine rauhe Muͤtze von einem Ohr zum andern. Seyd ihr der Schloßvogt Klaus? frag⸗ te der Ritter, indem er dem kleinen Man⸗ ne einen ſtolzen Blick zuwarf. 19 Hm, ich daͤchte, das beduͤrfte wohl keiner Frage, antwortete jener, das koͤnnte man mir ſchon an der Naſe anſehen. Nein, entgegnete der Graf, ſo weit hab ichs in der Kunſt noch nicht gebracht; uͤbrigens habt ihr gar nicht Urſach, euch ſo zu bruͤſten, denn von heute an bin ich 5 † ——— — 68— hier Herr und du der Knecht, merke dir das, ſonſt habe ich Mittel, dir meine Herrſchaft fuͤhlen zu laſſen. Meinetwegen! rief der Kleine, moͤgt ihr oder ein anderer ſich hier Herr nennen, ich erkenne doch nur einen an, naͤmlich Herzog Ernſt zu Goͤttingen und deſſen Sohn Otto; damit ging er in ſein Stuͤbchen und kuͤmmerte ſich um die an⸗ gekommene neue Herrſchaft nicht weiter. Haͤtt' ichs doch nimmermehr geglaubt, daß auf dieſer entſetzlichen Hoͤhe eine ſo feſte Burg ſich befinden koͤnnte, ſagte der Graf, indem er ſo mit recht innigem Be⸗ hagen die ſtarken Mauern und das unge⸗ heure Thor von Eichenholz, ſtark mit Ei⸗ ſen beſchlagen, betrachtete; wirklich, ein Meiſterwerk der Baukunſt! Aber die Thuͤ⸗ ren, die in das Innere der Gemaͤcher fuͤhren, ſie ſind ja alle verſchloſſen, ruft 92— doch einmal den Schloßvoigt herbei, daß er uns aufſchließe. Sogleich begab ſich Eginhard in das kleine Haus nahe am Thore, und nicht lange, ſo kehrte er mit dem Schloßvoigt, der dem Grafen einen ziemlich grimmigen Blick zuwarf, zuruͤck. Na, Alter! ſagte der Graf, indem er bedachte, daß man ſich ſchon in die Launen eines ſolchen alten Inventariums ſchicken muͤſſe, ſey nur kein Narr, es war ſo boͤſe nicht gemeint, iſt einmal ſo meine Art und Weiſe. Wenn ihr vernuͤnftig mit mir redet, entgegnete Klaus, ſo findet ihr einen ver⸗ nuͤnftigen Mann an mir, glaubt ihr aber mich wie einen Ruͤdenbuben behandeln zu koͤnnen, ſo bin ich aͤrger noch denn der Burggeiſt und plage euch, wo ich nur kann. Er ging hierauf zu einer Thuͤr, welche mit herrlichem Schnitzwerk verziert 8 ——— —.— —— —— war, ſchloß ſie auf und fuͤhrte die Herren in einen kleinen Saal, in deſſen Mitte ein großer Tiſch von weißem Eſchenholz ſtand und davor ein bequemer Armſeſſel, ebenfalls mit Schnitzwerk und Gold ver⸗ ziert, ſich befand. Seht, fuhr er fort, dies iſt der Gerichtsſaal, hier von dieſem Seſſel herab pflegte Kaiſer Heinrich vor mehr denn hundert Jahren ſchon Gericht, Haltet ihn in Ehren ſo wird er euch wie⸗ der Ehre bringen. Er ging hierauf weiter und erſchloß eine andere Thuͤr. Hier ſeyd ihr in dem Ritterſaale oder der Waffen⸗ kammer, wie ihr ſie nennen wollt; der Ort iſt nicht groß, aber es befinden ſich trefflche Waffen darin. Dies Schwert hier, betrachtet es genau, mit dem ſpaltete einſt Kaiſer Heinrich, genannt der Finkler, einem Anfuͤhrer der Hunnen bei Wolfen⸗ buͤttel das Haupt und ſchlug dann das ganze Heer derſelben in die Flucht. Jetzt 7 ₰ — 71— kommen wir in die Kapelle, ein freundlich Gotteshaus, aus dem ſchon manch from⸗ mes Gebet zum Himmel geſtiegen; ſeyd auch fromm darin, gebet dem Kaiſer was des Kaiſers iſt und Gotte was Gottes iſt, damit eure Vorgaͤnger ſegnend auf euch blicken moͤgen. Eginhard warf bei dieſen Worten kopfſchuͤttelnd einen unglaͤu⸗ bigen Blick auf den Grafen und ſie gin⸗ gen weiter. Hier kommt ihr in das Fraͤu⸗ lein⸗Zimmer, dann in das ſtille Gemach der Hausfrau und zuletzt in das Herren⸗ Zimmer, den Beſchluß bis an den Thurm, unter welchem ſich das Burgverließ befin⸗ det, macht die Kleiderkammer, das Ganze wird die ſchoͤne Ecke genannt. Und das mit Recht, ſagte der Graf, indem er ſein Auge an der unvergleichlichen Ausſicht weidete, denn wahrlich, etwas Schoͤneres ſah ich nie. Seht, ſo weit das Auge reicht, entdeckt man Staͤdte, — Doͤrfer und Kloͤſter. Hier links, ſeht doch, iſt das nicht Halberſtadt mit ſeinen vielen Thuͤrmen und dem alten Dom, und in gerader Linie vor uns„iſt das nicht Wol⸗ fenbuͤttel und dahinter das alte uͤbermuͤ⸗ thige Braunſchweig mit ſeinem hohen An⸗ dreasthurme? Wahrlich! eine koͤſtliche Aus⸗ ſicht. Na, hab Dank, Herr Herzog, fuͤr das fuͤrſtliche Geſchenk, wollen uns hier ſchon einniſten„ hier ſoll uns der Teufel, und wenn er ſelbſt kaͤme, nicht vertreiben konnen.— Als er ſich noch laͤngere Zeit umgeſehen und noch manchen bekannten Ort entdeckt hatte, wuͤnſchte er auch die Suͤdſeite der Burg zu ſehen. Da muͤßt ihr euch, ſagte der Schloß⸗ ,5 voigt, wenn ihr nicht umkehren wollt, be⸗ quemen, mir eine ſchmale Treppe, welche im Thurme hinab fuͤhrt, zu folgen. Hier ſeht ihr, fuhr er, zur Stelle gekommen, fort, das Brauhaus und daneben den — 73— Wein⸗ und den Bierkeller, und dann folgen bis ans Thor die Plerde⸗ und Holzſtaͤlle. Sind die Keller leer? fragte der Graf. Ein kleiner Vorrath iſt noch vorhan⸗ den, entgegnete der Schloßvoigt, den mein gnaͤdigſter Herr Herzog aber mir vermacht hat; da ihr indeß mit leeren Magen und leeren Brodſaͤcken hierher ge⸗ kommen ſeyd, ſo wird wohl noch ein Kruͤglein Johannisberger fuͤr euch uͤbrig ſeyn. — Spitzbube! dachte der Graf, will er mich mit dem bewirthen, was mein iſt, allein er ſchwieg, und ließ ſich eine ſchoͤne, breite Holztreppe hinauf fuͤhren. Hier findet ihr die eigentlichen Prunk⸗ gemaͤcher, in welchen ſchon Koͤnige und Kaiſer ſich gebruͤſtet haben, hier iſt die Pracht in reichem Maaße verſchwendet, Gold und Silber, Sammet und Seide 4 6 4 8 — ————— iſt uͤberall in hohem Maaße angebracht. Hier ſeht ihr auch den großen Prachtſaal, in dem ſchon manches Banket gehalten, in dem ſchon manches ſchoͤne Fraͤulein geglaͤnzt, auch wohl ihr Herz verloren hat? Der Graf mußte ſich, nachdem er alles beſchauet, ſelber geſtehen, daß er ſolche Pracht, mit ſo viel feinem Ge⸗ ſchmack geordnet, noch nicht geſehen hatte; es iſt wahr, ſagte er, das hatt' ich hier nicht erwartet, nur ſchade, daß die ſchwar⸗ zen, finſtern Tannenwaͤlder zu dieſen Prunkgemaͤchern nicht recht paſſen. Da ſeyd ihr im Irrthum, Herr Graf, entgegnete der Schloßvoigt mit barſcher Stimme. Wenn ihr euch in dieſen Gemaͤ⸗ ſchern aufhaltet, dann waltet die Freude um euch her, dann beduͤrft ihr ſo wenig die finſtern Waͤlder, als den uralten Blocks⸗ berg da druͤben zu eurer Ergoͤtzlichkeit; uͤbri⸗ gens bietet das ſchoͤne Thal da unten mit ſeinem ſilberhellen Fluͤßchen, die Radau genannt, auch manchen freundlichen An⸗ blick dar, beſonders wenn das Thal mit dem lieben Vieh, das ſtets da weidet, be⸗ lebt iſt. In den eigentlichen Wohngemaͤ⸗ chern, welche ihr fruͤher ſahet, iſt die Aus⸗ ſicht freilich angenehmer; aber da beduͤrft ihr ſie auch mehr denn hier. Der Graf fuͤhlte wohl, daß der Alte recht hatte, und lobte in ſeiner Gegenwart deßhalb nichts wieder, noch weniger wagte er es, etwas zu tadeln, denn ein ſo eiſen⸗ feſter Mann Herr Hans von Schwicheld auch war, ſo hatte er doch die Schwach⸗ heit, an Geiſter und Teufelsſpuk zu glau⸗ ben und deßhalb fuͤrchtete er gewiſſermaßen den kleinen Mann, weil er den Muth ge⸗ habt hatte, ihm gleich bei ſeinem Eintritt in die Burg zu ſagen, er wuͤrde ihn aͤr⸗ ger quaͤlen, als der Burggeiſt, vor dem er großen Reſpect hatte. Die Herren wollten — 76— ſchon weiter gehen, als dem Grafen noch ein kleiner, ſpitzer Thurm, der die ſuͤdoͤſt⸗ liche Ecke der Burg bildete, in die Augen fiel. Was iſt denn das fuͤr ein alter, ver⸗ witterter Thurm dort? fragte er und zeig⸗ te mit der Hand durchs Fenſter, er ſcheint gegen das uͤbrige Gemaͤuer ſehr im Ver⸗ fall zu ſeyn? b Ja, antwortete Klaus und zog ſich dabei ein wenig nach der Thuͤr zuruͤck,— damit hat es ſo ſeine eigne Bewandniß. Wie ſo?. Man ſpricht nicht gern davon. Ich will es aber wiſſen. NNun freilich, wenn ihrs wiſſen wollt und muͤßt, ſo muß ich wohl ſagen, was ich weiß. In dieſem alten Thurme, der von der erſten Erbauung der Burg noch herruͤhrt und an dem nichts reparirt wer⸗ den darf, weil jeder, der ihn anruͤhrt, des Todes iſt, haußt der Schutzgeiſt dieſer — — 77— Burg. Als vor etwa funfzig Jahren die Burg einmal vom Biſchoff von Hildes⸗ heim belagert werden ſollte, ging die alte, verroſtete Eiſenthuͤr, die in das Innere fuͤhrt, mit graͤßlichem Geknarre von ſelber auf und einige der Bewohner jener Zeit wollen einen ſteinalten Mann mit ſchnee⸗ weißem Haar und Bart, mit zernichtender Miene an einem ſteinernen Tiſche haben V ſitzen ſehen; ich war gerade nicht daheim. Vorgeſtern Morgen, als der Herzog von eurer Burg abreiſen wollte, hat ſich der alte Grauſchimmel ſeit langen Jahren ein, mal wieder tuͤchtig vernehmen laſſen. Es wurde ein ſolcher Laͤrm und ein ſolches Getoͤſe, die Grundmauern der alten Burg bewegten ſich in ihrer Tiefe, daß wir alle glaubten, der juͤngſte Tag ſey im Begin⸗ nen; doch nach einer Stunde ſchien die Sonne hell und alles war wieder ruhig. 8 — 7— So, ſagte der Graf nicht ohne eini⸗ ges Grauen, dann fragte er, um nur ſeine Schwachheit nicht merkbar werden zu laſſen; wie alt biſt du ſchon, Klaus? Zum heiligen Ehriſheſ Thudeie und ſieben Jahre. Heiliger Jeremias! tief: der Graf und trat einen Kehri zuri, das iſt nuße der Regel. Ja, Herr, ſagte der Ale und feemmtte die Arme in die Seite, hier oben wehet eine reine, geſunde Luft, hundert denke iic 4 noch zu leben.— Zeige mir die untern Räͤume der Burg, ſagte unmuthig der Graf und ging zur Thuͤr, beſonders die Staͤlle fuͤr meine Pferde, und dann den Finkenheerd, wo einſt der Kaiſer ſeine Voͤgel fing. 3 Die Staͤlle werde ich euch zeigen, und * uͤber das Peterſilienbleek oder den Finken⸗ heerd ſeyd ihr ſchon hineg geſchritten; 3 — 79— dann aber begebt euch in die Trinkſtube, es wird dort ſchon warm ſeyn und ihr werdet der Waͤrme beduͤrfen, denn auf der Harzburg wehet der Wind kaͤlter als an jedem andern Orte. Waͤhrend der Alte das erwaͤhnte Kruͤg⸗ lein mit Johannisberger herbei holte und Schinken mit Salz und Brod auftrug, fragte der Graf ſeine Begleiter: was hal⸗ tet ihr von dem Spuk, den uns der Alte da erzaͤhlte? nicht wahr, er iſt ein Narr? Gar nichts, erwiederte Ulrich, ver⸗ muthlich hat ſich der Alte am Abend zu⸗ vor gar zu guͤtlich an dem ſchoͤnen Johan⸗ nisberger gethan und iſt den andern Mor⸗ gen vom Lager gefallen; das üͤbrige haben ſeine⸗ Traͤume gethan. 1 Glaubs auch, ſagte der Graf, doch moͤchte ich nicht gern, das daheim von der Geſchichte geſprochen wuͤrde, ihr wißt, wie die Weiber ſind, ſie moͤchten mir ſonſt ¹ V mRRRnnEEEEEEE — 89— hierher nicht gern folgen wollen, und ich Burgen beſaͤße, ich hier duih am kzabſten wohnen moͤchte. So wenig ich auch auf dergleichen Dinge halte und ihnen faſt gar keinen Glauben beimeſſe, ſagte Eginhard, nicht ohne einen guten Grund dabei zu haben, indem er wußte, daß ſo wenig der Graf als Ulrich von dieſem Glauben frei waren, ſo kann ich doch nicht umhin, dieſer Ge⸗ ſchichte einige Aufmerkſamkeit zu ſchenken, denn ſchon in meiner Kindheit hoͤrte ich mehrere Male geheimnißvoll davon reden. Nun uns— fuͤgte er hinzu— wird der Geheimniß bleiben, denn die waͤren im Stande, am hellen Tage Geiſter zu ſehen. Za, ja! ſo ſind ſie, ſagte der Graf, nun— in dem Augenblick ging die Thuͤr muß geſtehen, daß, wenn ich auch zehn — Burggeiſt ungeſchoren laſſen, nur den Frauen muß die Begebenheit ein ewiges ———— ——— — 81— auf und Klaus, begleitet von einem ſtein⸗ alten Muͤtterchen, brachte Wein und etwas zum Imbiß. Ei ei! ſagte der Graf, ich denke, du bewohnſt ſeit geſtern die Burg ganz allein? der Herzog ſagte mir nur von deiner Per⸗ ſon, und ich daͤchte, das waͤre auch ſchon eine ganz artige Zugabe. Was, Herr! rief da ergrimmt der Schloßvogt und warf dem Grafen einen geſchliffenen Glasbecher vor die Fuͤße, daß ihm die Scherben um den Kopf ſummten, glaubt ihr etwa, ich ſolle meine alte Mut⸗ ter, die am Johannistage hundert und funfzig Jahre alt wurde, ohne mich zie⸗ hen laſſen? Nimmermehr! wo ich bleibe, da bleibt auch ſie. Hoͤlle und Teufel! antwortete hoch⸗ erzuͤrnt der Graf und ſeine Hand fuhr unwillkuͤhrlich nach dem Schwerte, das hot noch kein Sterblicher gegen mich ge⸗ «2 6 4 ————————— — 82— wagt, und magſt du nun lange genug gelebt haben! Hiermit wollte er ihm zu Leibe gehen; allein, wie von einem elec⸗ triſchen Schlage ergriffen, fuhren beide Junker, Ulrich aus Furcht und Eginhard aus Klugheit, empor und hielten des „Grafen Arme. Thut es nicht, ſagte be⸗ ſaͤnftigend Eginhard, taucht nicht euer Schwert in das Blut des hundertjaͤhrigen Greiſes. Bei Leibe nicht! fluͤſterte Ulrich, er ſteht mit dem Boͤſen im Bunde. Klaus hatte indeß, ohne die aller⸗ mindeſte Furcht zu verrathen, das Uebri⸗ ge auf den Tiſch geſtellt und wuͤnſchte den Herren, indem er abging, guten Apetit.. Ein wunderlicher Menſch! ſagte der Graf ihm kopfſchuͤttelnd nachſehend, mir iſt ſeines Gleichen noch nicht vorgekommen. Das iſt ein aͤchter Naturſohn, bemerkte Eginhard, der in der langen Reihe von 4 — 83— Jahren, wo er hier ziemlich immer allein gewaltet hat, das Gehorchen verlernt hat. Ihr werdet ihm alſo wohl, wenn ihr hier in Ruhe und Frieden leben wollt, man⸗ ches zu Gute halten muͤſſen. Der Meinung bin ich auch, ſagte Ulrich, indem er aus einer ziemlich großen Steinkanne zwei Becher fuͤllte— mir ſcheint es, als ſey mit dem wunderlichen Geſellen eben kein Spaßen, denn— die Thuͤr ging auf und Klaus brachte mit freundlicher Miene fuͤr den zerſchmetterten Becher einen andern. Muͤßt mirs nicht ſo uͤbel deuten, ſagte er, meine Mutter hat mir ſchon die bitterſten Vorwuͤrfe ge⸗ macht, daß ich mich noch ſo oft von der jugendlichen Hitze hinreißen laſſe. Der Graf konnte uͤber dieſe naive Rede das Lachen nicht unterdruͤcken, ſein Zorn war beſaͤnftigt und freundlich ſagte er: hab dirs vergeben, aber thue es nicht— ein fuͤrch⸗ 61 4— terliches Gekrach, als ſey die ganze Burg zuſammengeſtuͤrzt, unterbrach ſeine Rede — waß war das? fragte er erſchrocken. Eine Kleinigkeit, antwortete Klaus lachend, der Nordwind hat den einen Thorfluͤgel zugeſchlagen. Etwas beſchaͤmt ſtuͤrzte der Graf den gefuͤllten Becher hinab, die Junker folg⸗ ten ſeinem Beiſpiel. Nach einer halben Stunde war die große Steinkanne unter vielen Lobeserhebungen uͤber den vorzuͤgli⸗ chen Inhalt geleert und mit Ernſt, indem der Abend nahete, war der Graf auf den Ruͤckweg bedacht. Gern haͤtte er einige Knechte zur Beſatzung, um ſein Eigen⸗ thumsrecht zu beweiſen, auf der Burg gelaſſen, allein das nahe liegende Vorha⸗ ben machte auch nicht Einen entbehrlich; als daher die Gaͤule wieder aus dem Stalle gezogen und der Graf den ſeinen beſtiegen hatte, ſagte er zu Klaus: fuͤr 7 1 — heute, mein lieber Schloßvoigt, verlaffe ich euch wieder, wenn ich aber wieder komme, dann komme ich mit groͤßerem Geleit und bleibe dann bei euch. Klaus nickte mit triumphirender Miene und trat dann vor die Thuͤr ſeines kleinen Hauſes. Alle waren zu Roſſe geſtiegen, nur ein Knecht hatte ſeinen Gaul noch am Zuͤgel, um ſo voraus zu gehen und den Thorfluͤgel zu oͤffnen, doch all ſeine Kraft war nicht hinreichend, das ungeheure Ge⸗ wicht in den knaxrenden Angeln zuruͤck zu ſchieben. Sogleich ſprang der Zweite und endlich der Dritte vom Gaule; aber das Thor blieb unbeweglich ſtehen. Da kam, aus vollen Backen lachend, der krumm⸗ beinige Klaus herbei, ſtemmte ſeine breite Schulter unter den ſchweren eichenen Bal⸗ ken und im Nu war das Thor offen. Ihr Buben, rief er dann hohnlachend, müͤßt noch manchen Mehlkloß verſchlingen, — 86— ehe euch das alte Thor parirt. Hoͤchſt ver⸗ druͤßlich uͤber die mancherlei unangenehmen Ereigniſſe des heutigen Tages ritt der Graf Schritt vor Schritt den ſchmalen Kaiſerweg bis zur Neuſtadt hinab, dann aber ging's im vollen Trabe bis zur Lie⸗ benburg. Der Abend, der mit ſeinen dunkeln Flu⸗ geln ſchon manches liebende Paar deckte, der der keuſchen, zuͤchtigen Braut Muth verlieh, dem Geliebten an heimlich bekann⸗ ter Stelle zaͤrtlich die Hand zu druͤcken, hatte auch die fromme, zuͤchtige Emma er⸗ muthigt, den Geliebten, an dem ihr Herz mit unnennbarer Liebe hing, fuͤr den Abend einige Augenblicke allein zu ſehen, waͤhrend Ulrich, der Nichtgeliebte, der ſeinen Be⸗ werbungen einen Anſtrich von Gewalt gab, indem er ſich des Vaters Gunſt zu er⸗ ſährichen ſtrebte, auf dem Ruͤckwege von — 88— 4. 1 der Harzburg einen kleinen Unfall erlitten. Er hatte im raſchen Trabe, bei zunehmen⸗ der Dunkelheit, mit dem Knie ziemlich unſanft einen Baum beruͤhrt und mußte, den Schmerz verbeißend und ſich zu dem bevorſtehenden Streifzuge ſtaͤrkend, fuͤr den Abend ſein Gemach huͤten. Der Graf ſaß bei feiner Hausfrau und malte der⸗ ſelben, ſo gut es in ſeinen Kraͤften ſtand, die Annehmlichkeiten der Harzburg und kuͤndigte ihr zugleich den nahen Wechſel ihres Wohnortes an. So ungern ſich die Graͤfin auch von dem Orte trennte, wo ſie beinahe ein Viertel Jahrhundert mit den lieben Ihrigen gelebt, wo manche Freude, aber auch mancher Kummer, man⸗ cher Schmerz an ihr voruͤbergegangen war, ſo war ihr Gemahl doch nicht der Mann, wie ſie aus langjaͤhriger Erfahrung nur zu gut wußte, der den kleinſten Wider⸗ ſpruch duldete. In ihr Geſchick ſich ü- ͤ———4 — 8&— 9 gend that ſie, als ob ſie ſich ebenfalls auf die bequemere und ſicherere Bewoh⸗ nung der Harzburg freue, obgleich ihr Herz dabei blutete. Ins ſtille, abgelegene Cloſet, welches Emmas harthoͤrige Waͤrterin bewohnte, hatte dieſe den Geliebten beſchieden, um einige Augenblicke mit ihm zu koſen, mehr aber noch um ihm eine wichtige Frage, welche ſeit einigen Tagen ihre Phantaſie beſchaͤftigte, ans Herz zu legen. Ich habe den guͤnſtigen Zeitpunkt nicht ungenuͤtzt voruͤber gehen laſſen, mein Eginhard, ſagte Emma, indem ſie dem Geliebten ſanft die Hand druͤckte und ihm recht zaͤrtlich ins Auge ſah. Hab Dank, du Unvergleichliche! herd⸗ lichen, innigen Dank! Ach, wie hat mein Herz ſich nach einem ſolchen Viertelſtuͤnd⸗ chen geſehnt, denn Vieles hab ich dir zu ſagen, Vieles mitzutheilen. Ich dacht es mir und darum ſehnte ſich auch mein Herz nach einer lang ent⸗ behrten Zuſammenkunft. Ulrich, mein boͤſer Geiſt, iſt unwohl„wie ich hoͤre, die Eltern ſitzen im emſigen Geſpraͤch beiſam⸗ men und Schweſter Adelheid macht den Waͤchter, damit uns kein Unfall begegne. Jetzt aber, mein Eginhard, gieb mir end⸗ lich Aufſchluß uͤber deine Abkunft, ſo viel dir ſelber davon bekannt, denn daß du nicht derſelbe biſt, der du hier auf des Vaters Burg ſcheinen willſt, iſt klar. O, taͤuſche mich nicht, Eginhard, du würdeſt mich unausſprechlich elend machen! und wie koͤmmt meine Emma mit einem Male zu dieſer ſeltſamen Frage? Die Großmutter, ſagte Emma, indem ſie zaͤrtlich den Arm um den Nacken des Geliebten ſchlang, ſie theilte uns vor eini⸗ gen Tagen eine hoͤchſt ſeltſame Geſchichte mit, und faſt moͤchte ich glauben— 4 —,.—. * —,— — 91— Daß die Großmutter eine alte, ſchwatzhafte Dame iſt, unterbrach ſie Eginhard, die oft Bruchſtuͤcke aus ihrem Jugendleben zuſammen ſucht, die aber bei ihrem ungetreuen Gedaͤchtniß wie Feuer und Waſſer zuſammen paſſen. Nun, diesmal koͤnnte ihre Erzaͤhlung doch wohl nicht ohne Grund ſeyn, denn— Hat denn meine Emma kein Vertrau⸗ en mehr zu ihrem Eginhard? Das feſteſte, das unuͤberwindlichſte! antwortete Emma und ſchloß den Gelieb⸗ ten nur noch feſter in ihre Arme. Nun dann zweifle nicht an mir, Geliebte, denn eher iſt es moͤglich, daß die Sonne in ihrem Laufe umkehre, als daß meine Liebe wanken kann. Alles, was du auch uͤber mein fruͤheres Geſchick hoͤren magſt, und von wem du es hoͤren magſt, glaube es nicht. Die Zeit iſt noch nicht gekommen, wo ich den Schleier, der aller⸗ — 92— dings ein wichtiges Geheimniß deckt, luͤften darf, aber ſie wird kommen und dann werde ich der Welt ſelber zeigen, wer ich bin, und jeder wird dann einſehen, warum ich dieſe Rolle zu ſpielen uͤbernehmen mußte. Drum mache du, holde Geliebte, dir keine unnoͤthigen Sorgen; die Sorgen zu tra⸗ gen gebuͤhrt mir, und ich bin ſtark genug, eine noch groͤßere zu tragen. Verkuͤmmere und betruͤbe mir nicht die Zeit, eine Zeit wie dieſe, die leider ſo ſelten fuͤr uns ſchläͤgt. Wenn wir ſo wie jetzt, unter vier Augen uns ſehen, dann mußt du ganz Liebe nur kommen, alle Sorgen, allen Kummer mußt du daheim laſſen, im Gewande der reinſten Heiterkeit, das weiche, liebende Maͤdchenherz an dieſe ſtarke Naͤnnerbruſt legen, dann nur genießeſt du das Leben, wie du von der Natur dazu berechtigt biſt. Seit zwei Tagen, meine Emma, hat ſich manches in meinem Leben geaͤndert. Die perſoͤnliche Bekanntſchaft mit dem Herzog Otto iſt mir von un⸗ ſchaͤtbarem Werthe, er iſt zwar von außen ein rauher, ungehobelter Gaſt, aber ſein Herz iſt gut und alles was ich hier von ihm gehoͤrt habe— mir iſt kein Wort unbemerkt voruͤbergegangen— giebt ihm das Zeugniß, daß er gerecht und brav iſt. Unſer kuͤnftiger Wohnort, die alte Harzburg, wird uns der ſtillen Freu⸗ den mehr wie bisher gewaͤhren. Ich habe mir dort durch einen einzigen Blirk einen Freund erworben, in deſſen Macht es ſteht, zu jeder Zeit die Sonne in mein ſtilles Kaͤmmerlein ſcheinen zu laſſen. Einen Freund? fragte verwundert Emmaz und wer iſt er? darf ichs wiſſen? Ich denke, die Burg iſt dem Vater ohne allen Vorbehalt geſchenkt worden, ſo ſagte mir wenigſtens die Mutter. Ohne allen Vorbehalt, ganz recht, nur ein einziger Menſch, ein alter Schloßvogt, der ſchon ſeine hundert Jahre auf Erden umher gewandelt hat, iſt geblieben und ſoll unſer kuͤnftiger Beſchuͤtzer werden.— Du ſchauderſt vor dem hohen Alter? O, der Mann ſieht kaum halb ſo alt aus, als er iſt, und beſitzt koͤrperlich noch die Staͤrke eines Loͤwen und geiſtig— kann ich doch kaum ein Wort dafuͤr finden; aber es iſt unbegreiflich, welche Geiſtesgegenwart dieſer Mann beſitzt. Hat er doch ſelbſt deinen Vater in die Enge getrieben und das will viel ſagen. Alſo nur Muth, Geliebte, nur Muth, mit kecker Stirn dem Schickſal Trotz geboten, denn im Triumph fuͤhre ich dich einſt vor tauſend Zeugen in die Brautkam⸗ mer.— Nach einigen Tagen werden wir wieder— und das iſt das Kummervollſte, was mich hier trifft— einen Streif⸗ oder beſſer geſagt, einen Raubzug unternehmen, — — 95— kehren wir davon gluͤcklich zuruͤck, dann werden wir oͤfterer Gelegenheit haben, uns zu ſehen und unſere Wuͤnſche uns mitzu⸗ theilen. Bis dahin lebe wohl, Geliebte, — und zweifle nicht an deinem Eginhard! Er ſchloß das ſanfte, fromme Maͤdchen noch einmal in ſeine Arme und ſie ſchieden. Derr naͤchſte Tag beſchaͤftigte das ganze maͤnnliche Perſonal der Liebenburg mit den Vorbereitungen zu dem bevorſtehenden Raub⸗ zuge. Zwoͤlf Knechte wurden beritten ge⸗ macht und mit allen nur moͤglichen Waf⸗ fen, wie das Zeitalter ſie darbot, zu einem moͤglichen Streite verſehen, ſechzehn ande⸗ re, nur mit einer Hellebarte verſehen, folg⸗ ten zu Fuße, und am dritten Morgen ſetzte ſich der Zug, an der Spitze der Graf, ihm zur Seite die Junker, in Bewegung. Von der Liebenburg ging es uͤber Schladen hinter Wolfenbuͤttel hin⸗ unter, von da auf Heſſen, wo die ein⸗ brechende Nacht dem Zuge z zu halten gebot⸗ Hier mußten ſich die friedlichen Bauern bequemen, Roß und Mann fuͤr die Nacht, ohne Entſchaͤdigung dafuͤr zu erhalten, zu bewirthen und den naͤchſten Morgen ging der Zug in aller Fruͤhe wieder wei⸗ ter. Ueber Halberſtadt ging es auf Hakeborn zu, wo eine Anzahl niedri⸗ ger Huͤtten unweit Hakeborg die zweite Nacht Quartier geben mußten. Hier wurden am Abend von den Knechten, ſo wie von den Junkern, die noͤthigen Erkundigungen iber die etwanige Anzahl der Knechte und ſonſti⸗ gen wehrhaften Maͤnner der Grafen von Ggoln und von Warburg eingezogen. Alle Nachrichten lauteten jedoch guͤnſtig; beide Grafen waren auf ihrem Schloſſe zu Egoln, und alſo die Knechte ohne Befehlshaber, ja ſogar ohne Waffen; als daher am naͤch⸗ ſten Morgen der Hirt ſeine Heerde„ wohl 60 Stüͤck Schſen, Ninder und Küͤhe über — 97— das kahle Stoppelfeld dem naͤchſten Walde zu trieb, wurde er von der adelichen Raͤu⸗ berhorde uͤberfallen und an einen Baum gebunden. Seinen treuen Hund hieb einer der Knechte des Grafen von Schwicheld mit der Plempe, wie einen Regenwurm, in zwei Stuͤcken und ungehindert trieben nun die Fußknechte das Vieh vor ſich her. Der Graf deckte mit den Junkern und den zwoͤlf berittenen Knechten den Zug, der ſich ſo raſch als moͤglich in Bewegung ſetzte. Ein alter Zuchtbulle, der indeß gar bald die Keule ſeines alten Fuͤhrers, noch mehr aber die ſcharfen Zaͤhne des Hundes ver⸗ mißte, drehete ſich gar bald um und ging mit den Hoͤrnern auf den deckenden Zug los. Gern haͤtte der Graf, um jeden Auf⸗ enthalt zu vermeiden, dem einen Thiere die Ruͤckkehr erlaubt, allein damit war das Thier nicht zufrieden, ſein furchtbares Ge⸗ bruͤll und der kraͤftige Widerſtand, dem es I. 7 — 98— den berittenen Knechten entgegen ſetzte, ließ befuͤrchten, daß es die ganze Heerde in Aufruhr brachte, es wurde daher beſchloſ⸗ ſen, daß ſaͤmmtliche Knechte mit ihren Waffen darauf losgehen und es erlegen ſollten. Der Gewaltſtreich gelang. Aus mehr denn dreißig Wunden blutend ſtüͤrzte das wuͤthende Thier bruͤllend zu Boden und der Zug ging nun ungehindert raſch weiter. So ſchnell die Sache auch betrie⸗ ben war, ſo hatte ſie doch eine gute halbe Stunde Zeit gekoſtet und mit Schrecken ſah der Graf, wie er gegen Mittag ſchon von den beraubten Grafen und deren Rei⸗ ſigen verfolgt wurde. 1 Vorhin gab es Ochſenblut, dachte Gginhard, jetzt aber wird es Menſchenblut ge⸗ ben, und das meine moͤcht ich um ſolch ſchlech⸗ ter Sache willen nicht gern vergießen. Raſch wurde das Vieh in ein ſeitwaͤrts liegendes Gehoͤlz getrieben und dann ſtellte ſich der Graf mit ſeinen Leuten zu einer offenen Feldſchlacht auf. Wie auf Fluͤgeln des Windes kamen die Grafen Curt von Egoln und Otto von Warberg daher geflogen; der Sieg der ge⸗ reechten Sache ſchien mit ihnen zu gehen. Ihre Zahl war nicht klein, 24 tapfere Kaͤm⸗ pen ſaßen zu Pferde und ſchienen bei dem erſten Anlauf den Grafen von Schwicheld mit Stumpf und Stiel vertilgen zu wol⸗ len; allein das Blatt wandte ſich ſchrecklich, die Ungerechtigkeit trug den Sieg davon. Von den ſechzehn Fußknechten, welche von Schwicheld in ſeinem Gefolge hatte, waren nur vier Mann bei der Viehheerde geblie⸗ ben, die uͤbrigen zwoͤlf, und zwar die Tapferſten, hatten ſich mit ihren langen Spießen und Hellebarden in das vordere Glied ſtellen und die Feinde damit erſt ab⸗ halten muͤſſen. Schon damals wie bis auf den heutigen Tag hat es ſich bewaͤhrt, daß 7*† die Infanterie— ohne Kanonen, die man damals noch nicht hatte— den Ausſchlag gab. Die zwoͤlf Fußknechte machten den vier und zwanzig Reitern nicht allein viel zu ſchaffen, nein, ſie erlegten ſogar einige davon und mehrere wurden von ihnen ver⸗ wundet. Als nun das Gemetzel im vollen Gange war und ſelbſt Graf Curt von Egoln ſchon eine Stichwunde in den linken Schenkel bekommen hatte, die ihn jedoch nicht hinderte, den Kampf mit Loͤwenmuth fortzuſetzen, griff der Graf von Schwicheld ſeine Feinde, indem er eine Schwenkung machte, in den Ruͤcken an, und nun erſt kam es zu einem allgemeinen Handgemen⸗ ge. Noch keine halbe Stunde hatte der Kampf gedauert, als das Schlachtfeld ſchon von mehr denn ſechzehn Egolſchen Reiter⸗ knechten und Pferden bedeckt war, der von Schwicheld hatte kaum vier Mann verlo⸗ ren; da aber begann noch ein furchtbarer — — 101— Kampf zwiſchen dem Grafen Otto von Warberg und dem Grafen Hans von Schwi⸗ cheld. Waͤhrend indeß zwei Ritter mit gleicher Erbitterung, aber auch von gleichen Jahren und gleicher Koͤrperkraft, mit einan⸗ der fochten, begann ſeitwaͤrts noch ein an⸗ derer Kampf, der weit ungleicher war. Auf die Junker Ulrich und Eginhard dran⸗ gen drei noch unverwundete tapfere Knech⸗ te. Leicht wuͤrden dieſe jedoch von den gewandten Junkern beſiegt worden ſeyn, wenn der Junker Ulrich gegen ſeinen Ne⸗ benbuhler nicht den ſchwaͤrzeſten Verrath im Sinne gehabt haͤtte. Nur zum Schein ſchwang er ſein Schwert gegen die andrin⸗ genden Feinde, welche leicht merkten, daß ſie es nur mit einem zu thun hatten und alſo all ihre Streiche auf Eginhard richte⸗ ten. Schon hatte der junge Held drei nicht unbedeutende Wunden, aber noch immer focht ee mit gleicher Kraft, und viel⸗ — 102— leicht wuͤrde die Treue fuͤr ſeinen Herrn die Feinde allein uͤberwunden haben, allein da gewahrte ein ſeitwaͤrts ſtehender Fuß⸗ knecht des von Schwicheld, wie der falſche Ulrich einen Streich auf ſeinen Waffenbru⸗ der Eginhard richtete, der ihm unfehlbar den Tod wuͤrde gebracht haben. Da ſtuͤrzte der ehrliche Fußknecht herzu und ſein lan⸗ ger Speer ſing gluͤcklich den Streich auf. Eginhard achtete in der Hitze des Gefechts erſt dann auf das, was neben ihm vorging, als ſeine drei Gegner ihre Schwerter ſinken ließen und nicht mehr gegen ihn fechten wwoollten. Erſtaunt uͤber das Unerwartete, warf er einen Blick zur Seite und ſah, wie der treue Knecht, der ihm das Leben gerettet hatte, durch einen unerhoͤrten Ge⸗ waltſtreich das Seine aushauchte.— Starr vor Entſetzen ruhete ſein zuͤrnender Blick eine lange Minute auf dem Meuchelmoͤrder, dann aber eilte er dem Graf von Schwi⸗ — 103— cheld zu Huͤlfe, der mit Anſtrengung ſeiner letzten Kraͤfte eben in Gefahr war, beſiegt zu werden. Sein Herbeieilen brachte dem edlen Graf Otto von Warberg den Tod. Einen Blick, den dieſer zur Seite that, benutzte von Schwicheld, ſtieß ihm das Schwert in die Bruſt und roͤchelnd ſank er vom Roſſe. Die ſchnoͤdeſte Ungerechtigkeit hatte geſiegt, was noch fliehen konnte, das floh, und Herr Hans von Schwicheld ſetzte un⸗ gehindert ſeinen Weg mit ſeinen Leuten und der geraubten Heerde fort. Eginhard ſah ſich genoͤthigt, noch eine Stunde auf dem Schlachtfelde zu verwei⸗ len und mit Huͤlfe eines Knechts ſeine Wunden zu verbinden, welche Zeit der fal⸗ ſche Ulrich dazu benutzte, dem Graf das ſtattgehabte Gefecht von einer ganz ver⸗ kehrten Seite vorzuſtellen. Als Eginhard Abends im Quartier dem Grafen uͤber den — 104— errungenen Sieg ſeinen Gluͤckwunſch abſtat⸗ ten wollte, wurde er von dieſem mit kal⸗ ter Verachtung zuruͤck gewieſen. Tief ge⸗ kraͤnkt, aber wohl fuͤhlend, von woher ihm dieſer Schlag verſetzt war, zog er ſich ſtill zuruͤck und hoffte: daß die Wahrheit doch bald an den Tag kommen und der Ver⸗ laͤumder dann mit Schande beſtehen muͤſſe. Am Abend des dritten Tages kamen die Ritter nicht vor der Liebenburg, ſon⸗ dern vor der weit feſtern Harzburg an. Hier nahm der Graf das Wort und ſagte: ich ziehe heute mit den Reiſigen zu Pferde noch einmal nach meiner Liebenburg, weil es dort oben noch an mancherlei mangelt, nach einigen Tagen aber komme ich mit allem, was mir angehoͤrt, ebenfalls hierher. Ihr, Eginhard, zieht mit den Knechten und dem Vieh nach der Burg hinauf und wachet nach Pflicht und Gewiſſen uͤber beides, bis ich ſelbſt komme. Mit dieſen Worten ſchied er —— — 105— zu Neuſtadt am Fuße des Burgberges und zog nach der Liebenburg; der tiefgekraͤnkte Eginhard aber wanderte pflichtmaͤßig nach der Harzburg hinauf. Ei, eil rief der krummbeinige Schloß⸗ vogt, indem er der ermuͤdeten Heerde das ſchwere Thor aufmachte, wenn ihr ſolchen Mundvorrath fuͤr den Winter mitbringt, dann wollen wir es ſchon mit ihm auf⸗ nehmen, dann mag der alte Brocken da druͤben ſo viel knurren und brummen, als er nur Luſt hat, wir wollen ihm ſchon Trotz bieten. Aber was ſeh ich denn, Jun⸗ ker, ihr habt ja Wunden, die noch bluten, hats denn auf dem kurzen Wege was ge⸗ geben? Kleine Plaͤnkereien, eigentlich nichts, entgegnete Eginhard. Na, geht nur in meine Huͤtte dort drüben, es iſt behaglich warm drinn, wenn — 406— das Vieh zu Stalle iſt, will ich euch ver⸗ binden, verſtehe mich gut darauf. Eginhard, der wirklich der Ruhe be⸗ durfte, nahm das Anerbieten dankbar an und pflegte ſich, waͤhrend der Schloßvogt beſchaͤftigt war, im warmen Stuͤbchen. Nach einer halben Stunde kehrte Klaus zuruͤck und lobte uͤber alle maßen das ſchoͤ⸗ ne Vieh. Haͤtt ichs doch nimmer gedacht, ſagte er, daß Graf Schwicheld ſolche feiſte Ochſen auf ſeiner Weide haͤtte ziehen koͤn⸗ nen, glaubte immer, er ſey der beſte. Schloßvogt! ſagte mit dem Finger drohend der Junker, wahrt eure Zunge, es moͤchte euch ſonſt ſchlecht ergehen. Daß ich keine Furcht kenne, davon denke ich, habe ich euch ſchon Beweiſe ge⸗ geben, uͤbrigens weiß ich, mit wem ich rede, weiß, daß ich mit einem Junkherrn rede, in deſſen Adern ehrlich deutſches Blut fließt. Auch muß ich euch ſagen, daß Klaus —n-y— — 107— nicht ſo dumm iſt, zu glauben, das Vieh komme von der Liebenburg, wohl aber kann ich euch ſagen; daß, wenn die von Gos⸗ lar eurem Ritter auf die Spur kommen, er ſein letztes Futter im Leibe hat. Das hab ich dann nicht zu verant⸗ worten, entgegnete Eginhard, wenn ihr mich aber fuͤr einen ehrlichen, deutſchen Mann haltet, ſo nehmt mit dieſem Hand⸗ ſchlage die voͤllige Verſicherung eures Glau⸗ bens und gebt mir dafuͤr die eure. Seht, ihr ſeyd hier die alte Hausunke, wißt hier mehr Beſcheid, als ein anderer in drei Jahren lernen kann, und— ich bedarf vielleicht bald eines ſolchen Mannes, wollt ihr alſo mein Freund ſeyn? Hiier iſt meine ehrliche, deutſche Rechte! rief Klaus, mit Blut und Leben ſtehe ich zu eurem Dienſt. Als ich den erſten Blick in euer Auge that, da wußte ich ſchon, weß Geiſtes Kind ihr wart, drum vertrau⸗ 108— et in Noth und Gefahr nur auf mich. Mit vieler Geſchicklichkeit verband er hierauf Eginhards Wunden, die auch in wenigen Tagen wieder geheilt waren. Auf der Liebenburg hatte die Zurüͤckkunft des Grafen allgemeine Trauer verbreitet. Mit einer Art von Triumpf hatte der haͤ⸗ miſche Junker Ulrich dem Fraͤulein Emma den Raub der Heerde und den begangenen Mord an dem Grafen Otto von Warberg erzaͤhlt und ſich dabei nicht undeutlich mer⸗ ken laſſen, daß das Ziel ſeiner Wuͤnſche nun nahe ſey, daß der Graf nicht abge⸗ neigt ſey, ihm fuͤr treu geleiſtete Dienſte die Liebenburg auf ewige Zeiten zu Lehn und die ſchoͤne Emma zur Hausfrau zu geben. Emma erbebte bei dieſer Nachricht, — 110— denn ſie kannte den Falſchen, wußte, wel⸗ chen Eindruck ſeine gleißneriſchen Worte auf den Graf, ihren Vater machten und zweifelte nicht, daß er ſein Vorhaben zur Ausfuͤhrung bringen wuͤrde. Bald nach der Abendtafel, bei welcher der Graf recht fleißig dem Becher zugeſprochen hatte, ent⸗ ſchlief er bald, die Graͤfin aber und ihre Toͤchter, wie auch die alte, achtzigjaͤhrige Großmutter ſaßen noch im warmen Stuͤb⸗ chen, als ſchon der Hahn den anhenden Morgen verkuͤndigte. Schon oft, ſagte die alte, redſelge Matrone, hab ich den lieben Gott gebeten, daß er mich von der Erde hinweg nehmen moͤchte; aber noch nie hab ich den from⸗ men Wunſch ernſtlicher ausgeſprochen, als an dieſem Abende.— Mit der holdſelig⸗ ſten Freundlichkeit ſuchte die ſanfte Emma, der Liebling der alten Dame, ſie zu troͤſten, aber ſie ſchüttelte bedenklich das greiſe Haupt — ul— und ſagte: Hier, wo ich meine Jugend⸗ jahre verlebt, wo ich Mutter und Groß⸗ mutter geworden bin, hier, wo ich man⸗ chen Kummer, manche Sorge zu tragen gehabt, aber auch der Freuden viele genoſ⸗ ſen habe, hier dachte ich mein Leben zu enden; nun ich aber das nicht kann, kann ich nichts ſehnlicher wuͤnſchen, als den Tod. Glaubt ihr, Gott werde ſolchen Frevel ungeraͤcht laſſen? Waͤre Graf War⸗ berg von meinem Sohne in einer recht⸗ lichen Fehde uͤberwunden und gefallen, ich wuͤrde kein Wort daruͤber verlieren, ſo aber iſt es ein Mord, ein gemeiner Mord, und den mußte kein Graf von Schwicheld an einem ebenbuͤrtigen Ritter begehen, das kraͤnkt mich und iſt ein Nagel zu meinem Sarge. Und nun endlich die letzten Tage meines Lebens noch auf der alten, verru⸗ fenen Harzburg zu verleben; auf einer Stelle, wo die Heiden vor Zeiten dem — 112— Goͤtzen Credo ihre erſten Kinder zum Op⸗ fer gebracht, die ſie auf die ſchmaͤhligſte Weiſe am Feuer auf dem Opferaltare ha⸗ ben braten und verbrennen laſſen, da wird mir kein Biſſen mehr munden, da werde ich vor Kummer und Gram verge⸗ hen. 4.*.1 Liebe Großmutter, flehete Emma, troͤſtet euch daruͤber, jene Menſchen waren ja nur Heiden, ſie wußten ja nichi, was ſie thaten. Und wenn ich auch das vergeſſen woollte, fuhr die Matrone fort, ſo kann ich es doch nimmer vergeſſen, daß die Burg das Geſchenk eines Geaͤchteten iſt. Der Fluch ruhet darauf, er wird uns von heute an verfolgen, ich ſehe das Ungluͤck vor meiner Seele ſchweben; denn Raub und Mord hat den Menſchen noch nie Segen gebracht, noch weniger aber frecher Uebermuth. Haͤtte mein Sohn es noͤthig, ich wuͤrde weniger daruͤber murren, aber es iſt der reichſte Edelmann im ganzen Bisthum Hildesheim und das will viel ſa⸗ gen. Da ich doch dieſe Nacht nicht ſchla⸗ fen kann, ſo laßt euch eine Geſchichte er⸗ zaͤhlen, die ſich vor etwa hundert Jahren in dieſer Gegend zugetragen hat und durch die oͤftere Erzaͤhlung meines Vaters mir noch im friſchen Andenken iſt. Auf der Haſſelburg, deren Ruinen nur wenige Stunden von hier liegen, lebte in jener Zeit ein Ritter mit ſeiner Tochter Katharine, er ſelbſt nannte ſich Veit von der Haſſelburg. Dieſer Veit war ein hab⸗ und rachſuͤchtiger Mann, der gern alles, was er ſah, ſein nennen mochte; doch hoͤrt, wie es ihm erging. Eine Vier⸗ telſtunde von ſeiner Burg lag der Hof eines freien Bauers, der durch den Fleiß und die Thaͤtigkeit ſeines Beſitzers ein recht freundliches Anſehen gehabt haben ſoll, auch J. 8 14— ſoll der ſchoͤnſte und fruchtbarſte Acker und das blankſte Vieh dieſem Bauer angehoͤrt haben. Laͤngſt ſchon hatte Veit mit neidi⸗ ſchen Augen auf das ſchoͤne Beſitzthum geblickt und ſchon manchen Plan entwor⸗ fen, wie er daſſelbe an ſich bringen wollte, allein es hatte ſich noch keine Gelegenheit darbieten wollen, daſſelbe unter dem Schein von Rechtlichkeit an ſich zu bringen. Ei⸗ nes Tages ſtand Jakob, ſo hieß der Bau⸗ er, auf ſeinem Hofe und ſchirrte die Pfer⸗ de an, da hoͤrte er mit einem Male den Packan, ſeinen großen Hofhund, den er wegen ſeiner Staͤrke und Treue lieb hatte, außerhalb des Hofes klaͤglich ſchreien. Mit einem Knittel bewaffnet ſtuͤrzte er hinaus und erblickte ſeinen Hund, wie er von zwei andern maͤchtigen Hunden, am Boden lie⸗ gend, tuͤchtig gebiſſen wurde. Der Knittel machte ihm Luft und Packan verfolgte nun ſeine fliehenden Feinde; aber in demſelben 1 — 115— Augenblick ſtuͤrzte Ritter Veit mit einigen Knechten und einer ganzen Rotte Hunden aus dem naͤchſten Gebuͤſch, fluchte alle Teufel aus der Hoͤlle, fiel mit ſeinen Knech⸗ ten und Hunden uͤber den wehrloſen Jakob . her, mißhandelte ihn auf das Entſetzlichſte und ließ ihn dann halb todt nach ſeiner Burg ſchleppen.— Jede von euch wird einſehen, daß dieß nichts weiter als eine Urſache, wie man zu ſagen pflegt, vom Stock gebrochen war. Dennoch ſtellte ſich der Ritter, als ſey er von dem armen Bauer aufs groͤb⸗ lichſte beleidigt worden und ließ ihn dafuͤr ins Gefaͤngniß werfen, in welchem er fuͤnf Monate lang, von Kaͤlte, Hunger und Ungeziefer bei einem Stuͤck verſchimmelten Brodes, verſchmachten mußte. Doch mehr noch als dieſe Schmach kraͤnkte ihn der freche Spott der Knechte, die ihn auf des Ritters Geheiß alle Tage 8* — 116— verhoͤhnen mußten und noch mehr der herz⸗ zernagende Uebermuth der ſtolzen Katharina. Dieſe Schlange, der Liebling des Vaters, ritt alle Tage mit ihm zur Jagd, und wenn ſie vor Jakobs Gefaͤngniß vorbeikam, in deſſen Thuͤr ſich ein rundes Loch befand, um etwas Luft und das Brod, was man ihm zuwarf, aufzunehmen, hetzte ſie unter lautem Hohnlachen des Vaters, die Hunde gegen den Ungluͤcklichen an und fragte ihn dann, ob er die Hunde nicht wegpruͤgeln woolle, oder ob ſein Sohn nicht etwa ein Fraͤulein wie ſie zur Frau haben wolle, — um dem Armen ſein Ungluͤck recht fuͤh⸗ len zu laſſen— und dergleichen unzuͤchtige Reden mehr. Jakob biß wuͤthend die Zaͤh⸗ ne zuſammen und ſchwieg, als man end⸗ lich aber drohete, ihn in das Burgverließ werfen zu laſſen, damit er den Hunden das Brod nicht verzehre, und er noch einige: Kraͤfte in ſich fuͤhlte, beſchloß er ſich zu — 117— befreien. In einer ſtuͤrmiſchen Nacht, am Ende des Winters fing er an, die morſchen Waͤnde ſeines Kerkers zu erſchuͤttern und nach mehrern Verſuchen ſtürzten ſie uͤber ihm zuſammen. Mit unſaͤglicher Muͤhe arbeitete er ſich unter dem Schutt hervor und kam auf dem Burggraben, der noch mit Eis belegt war, und wurde ſo gluͤcklich wieder frei. Von der Gefangenſchaft war er freilch wieder frei, aber wohin nun ſich wenden? heimkehren durfte er erſt nach Jahren, wenn ſich entweder der Zorn des Ritters gelegt oder ihn wohl gar der Tod hinweggerafft hatte, es gab alſo nur einen Weg fuͤr ihn, naͤm⸗ lich die weite Welt, denn er ſah ſchon im Geiſte mit dem anbrechenden Tage ſich von Knechten und Hunden uͤberall verfolgt. Ehe er jedoch das Vaterland, den heimath⸗ lichen Boden auf ungewiſſe Zeit, vielleicht auf immer verließ, wollte er noch einmal ſein Haus, ſein treues Weib und ſeine beiden erwachſenen Soͤhne ſehen, von de⸗ nen er in den fuͤnf Monaten nichts erfah⸗ ren, wollte ihnen ſeine ausgeſtandenen Lei⸗ den klagen, noch einmal ſich in einer menſch⸗ lichen Wohnung erwaͤrmen, dann die kleine Baarſchaft nehmen und damit fliehen. Nach einer Viertelſtunde hatte er den Weg bis zu ſeinem Hofe zuruͤckgelegt und mit laut klopfendem Herzen pochte er an die Thuͤr, aber ſo wenig der treue Hund, als ſein Meib, als ſeine Soͤhne antworteten. Er uͤberſtieg die Hecke, ging in das offen⸗ ſtehende Haus, aber er fand zu ſeinem Er⸗ ſtaunen alles leer, kein Weib, kein Sohn, kein Tiſch, keine Bank„ kein Bett, keine Thuͤr war mehr vorhanden, nichts, als die nackten Waͤnde ſtanden da. Wuͤthend ſchlug ſich der Ungluͤckliche mit der geballten Fauſt vor die Stirn, ſtuͤrzte dann beſinnungslos auf die nackte Erde, wo er einige Stunden — 119— lag, bis ein kalter Fieberfroſt ihn an den kommenden Morgen erinnerte. Mit Schre⸗ cken hatte er nun erfahren, wie weit der Stolz, die Rache und die Habſucht den Ritter getrieben hatte, und laͤnger konnte er nicht mehr bleiben, Rache ſchnaubend ſtuͤrzte er fort durch den Garten ins freie Feld. Nach einer Weile ſtand er noch ein⸗ mal ſtill und betrachtete beim Schimmer des Mondes die Huͤtte, in der er ſo man⸗ ches Jahr mit den Seinen friedlich gelebt hatte, da hoͤrte er in ſeiner Naͤhe einige Hunde bellen, er pfiff und ſiehe, nach we⸗ nig Augenblicken kam ſein treuer Packan herbei und ſprang vor Freuden an ihm in die Hoͤhe. So abgemagert das arme Thier auch war, ſo hatte der Ungluͤckliche doch eine große Freude, an ihm einen treuen Begleiter gefunden zu haben. Fe⸗ ſten Schrittes wandelte er nun dem Bro⸗ — 120— cken zu, an deſſen Fuße er aus ſeinen Jugendjahren her eine Hoͤhle wußte. Als der Morgen anbrach, hatte er das Ziel ſeiner Wanderung ſchon erreicht und zum erſten Male erwaͤrmte er ſich nach langer Zeit einmal wieder in den Strah⸗ len der jungen Fruͤhlingsſonne; aber nun fing auch der Hunger an in ſeinen Ein⸗ geweiden fuͤrchterlich zu wuͤthen. Da er⸗ blickte er in der Ferne einen Wandrer, der einen gefuͤllten Ranzen auf ſeinem Ruͤcken trug. Ohne ſich lange zu beſin⸗ nen, ſchritt er auf ihn zu und erkannte bald in ihm ſeinen— Sohn. Mit Schau⸗ dern und Entſetzen erfuhr er von dieſem, wie der Ritter Veit ſein ganzes Beſitz⸗ thum an ſich gerafft, Weib und Kinder nackt und blos fort gejagt und nun im Ueberfluß davon ſchwelge. Die Mutter, ſo erfuhr er weiter, ſey kurz nach dieſen Graͤuelſcenen vor Kummer geſtorben, der —— — 121— juͤngſte Sohn ſey unter die Lanzenknechte eines benachbarten Ritters gegangen, und er, der Aelteſte, treibe ſich als Bettler in der Gegend umher. 1 Vor Wuth an allen Gliedern zitternd trank Jakob aus der dargebotenen Flaſche und ſtillte ſeinen Hunger von dem erbet⸗ telten Brote, aber er ſchwur auch bei ſei⸗ ner Seligkeit, ſich an dem Ritter fuͤr dieſe Schandthat zu raͤchen; und er hielt Wort. Die Hoͤhle, die er zu ſeinem Aufent⸗ halte ſich gewaͤhlt hatte, war von der Art, daß ſie ihm nicht allein ſichern Schutz gewaͤhrte, ſondern auch von niemand ge⸗ funden werden konnte, indem nur ein ein⸗ ziger ſchmaler Fußpfad uͤber hohe Felſen dahin fuͤhrte. Von hieraus wurde er zwar nichts weiter als ein gemeiner Naͤuber, doch beraubte er keinen voruͤberziehenden Wandrer, ſondern ließ ſeinen Zorn blos an den Edelleuten und Kloͤſtern aus. = 122— Um ſich in der Umgegend furchtbar und den Bewohnern glaubend zu machen, er ſtehe mit einer hoͤhern Macht in Verbin⸗ dung, waͤhlte er ein ganz eigenes Gewand. Er huͤllte ſich naͤmlich in eine ſchwarze Kuhhaut, deren Hoͤrner ihm am Kopfe zu einem beſondern Schmuck dienten, in dem Mund nahm er ein Stuͤck faules Holz, welches bei Nacht wie eine feurige Kohle gluͤhete. In dieſer Verkleidung er⸗ ſchien er meiſtentheils den Bewohnern bei einbrechender Nacht, die ihn bald fuͤr den leibhaften Satan ſelber hielten. So be⸗ gegnete er einſt einem Schaͤfer, welcher dem Abte zu Kloſter Walkenried zwoͤlf fette Hammel zutreiben wollte. Mit furcht⸗ erregender Stimme rief er dem Schaͤfer ein Halt zu und fragte wohin? Zitternd und ſich bekreuzend antwortete der Schä⸗ fer: zum Abt nach Kloſter Walkenried. Ich bin der Teufel, rief ihm Jakob bruͤl⸗ — 123— lend zu, die Hammel ſo wie der Abt ſind mein, geh und verkuͤnde ihm das. um die Stunde der Mitternacht wuͤrde ich kommen und ihm zum Beweiß eine fette Keule bringen. Hiermit gab er ſei⸗ nem großen, ſchwarzen Hunde, deſſen Au⸗ gen in der Nacht auch wie gluͤhende Kohlen funkelnten, ein Zeichen, und ohne ſich zu weigern, kehrten die Hammel um und der Schaͤfer ſetzte ſeinen Weg allein fort. Als der Hirt den Vorfall erzaͤhlte, geriethen alle Kloſterbewohner und ſelbſt der Abt in die toͤdtlichſte Angſt. Letzterer ließ ſogleich den ganzen Convent verſammeln, der groͤßte Weihkeſſel wurde mit Waſſer angefuͤllt und vor dem Altare Meſſe gele⸗ ſen, dennoch erſchien um Mitternacht der ſchwarze Teufel unter dem Fenſter der Abtei und warf die fetteſte Hammelkeule 8 —õ ———— —,— 1 — 124— durch die buntbemalten Scheiben mitten unter die verſammelten Kloſterbruͤder. Dieß und aͤhnliche Unternehmungen machten den gemißhandelten Jakob in der ganzen Harzgegend furchtbar, und ſelbſt der Ritter Veit hoͤrte nicht ohne Grauen die entſetzlichen Begebenheiten. Einſt im hohen Sommer befand er ſich auch in ſeiner Verkleidung in der Naͤhe der Haſſelburg und ſah mit innerm Grimme, wie der Ritter und ſeine Toch⸗ ter die ſchoͤnſten Kornfelder verwuͤſtend durchſtrich, um einen jungen Haſen auf⸗ zujagen. Als beide des Jagens muͤde waren, banden ſie die keuchenden Roſſe an einen Baum und luſtwandelten zu Fuße auf einer blumigen Wieſe. Dieſen Augenblick benutzte Jakob, indem er ſei⸗ nen Packan auf die vier ermatteten Jagd⸗ hunde hetzte, welche dieſer in wenigen Minuten, einen nach dem andern, jaͤmmer⸗ 4 —,.— — 125— lich zerfetzte, waͤhrend er ſelbſt ſich auf die ſchwarze Stute des Fraͤuleins ſchwang und damit waldein jagte. Als Ritter Veit zu ſpaͤt dieſen Ueberfall entdeckte, ſchwang er ſich dennoch auf ſein Roß und jagte dem vermeintlichen Teufel nach, hattte aber das Ungluͤck, mit dem ermatteten Thiere zu ſtürzen und ein Bein zu bre⸗ chen. Zu ſeinem noch groͤßern Aerger ließ ihm Jakob des andern Tages ſagen: ſo habe ſich der gemißhandelte Jakob geraͤcht, das Schlimmſte ſey aber noch hinten, er wuͤrde noch einmal kommen und dann ſey es mit dem Ritter aus. Er hielt getreulich Wort. Als der Tag kam, an welchem Jacob von dem Ritter ſo ſchaͤndlich gemißhandelt worden war, machte er ſich auf und ſuchte ſich unter einer andern Verkleidung in die Burg einzuſchleichen, wo er ſich bis ſpaͤt in die Nacht verſteckt hielt. Als alles im “ 4 feſten Schlafe lag, und nur etwa der Ritter noch an ſeinem zerbrochnen Bein jam⸗ merte, ſchlich ſich Jakob, in die ſchwarze Kuhhaut gehuͤllt, in das Schlafgemach des Fraͤuleins, die er ſehr unſanft aus dem Schlafe ſchuͤttelte. Ich bin nicht der Teu⸗ fel, rief er der noch Schlaftrunknen zu, ich bin Jakob, den du gemißhandelt und verſpottet, auf den du die Hunde gehetzt; jetzt bin ich gekommen, mich fuͤr jene Schmach zu raͤchen. Wenn du einen Laut von dir giebſt, ſo wird dich dieſer Hund, deſ⸗ ſen Staͤrke dir genugſam bekannt iſt, zer⸗ reißen; drum hoͤre 1 ruhig an. Vor einem Jahre fragteſt d mich oft, ob ich naicht ein Fraͤulein wie dich heirathen wolle, das will ich nun nicht, aber das Bett will ich mit dir theilen und dann—. Er hielt Wort. Der Elende! riefen Emma und Adel⸗ - 127— heid wie aus einem Munde, es wird ihm aber auch ſchlecht genug dafuͤr gehen. Laßt es gut ſeyn, Kinder! ihr kennt nicht die Rache eines Mannes, ſein em⸗ poͤrt Gemuͤth kennt in ſolchen Faͤllen we⸗ der Maaß noch Ziel.— Als er ſeine Ra⸗ che an der hoͤhnenden Kaͤthe ausgelaſſen, ſchlich er an das Schmerzenslager des Ritters, gab ihm einen Backenſtreich und ſagte: weil du doch ſchon Schmach genug leideſt, ſo ſollſt du hiermit abkommen, ſo raͤcht ſich Jakob, der von dir Gemiß⸗ handelte. CEhe das Andſtgeſhrey des Ritters und der entehrten Tochter die Bewohner der Burg wach gemacht, war Jakob uͤber alle Berge, allein, daß er hier geweſen war, zeigte ſich bald ſchrecklich, denn an mehr denn drei, vier Orten ſchlug mit ei⸗ nem Male graͤßlich die Flamme hervor. Nur mit Muͤhe iſt der kranke Ritter und * — 128— einige der koſtbarſten Sachen noch gerettet worden, denn als der Morgen anbrach, lag die Burg in Truͤmmern und Aſche, und niemals iſt ſie wieder aufgebaut. Ja, Ja! ſagte Frau Margaretha, ſo iſt die Rache des Mannes, ſie kennt nicht Maaß und Ziel, und faſt fuͤrchte ich, daß der Tod des Grafen von Warberg fuͤr meinen Gemahl Aehnliches zur Folge ha⸗ ben kann. Waͤhrend zu Egoln in tiefſter Trauer die Leiche des Grafen von Warberg bei⸗ geſetzt wurde, waͤhrend eine junge, liebens⸗ wuͤrdige Wittwe und drei hoffnungsvolle Knaben derſelben, faſt in Thraͤnen zerſchmol⸗ zen, folgten, traf Graf Hans von Schwi⸗ cheld die ſchleunigſten Anſtalten, all ſein bewegliches Vermoͤgen, welches nicht unbe⸗ deutend war, nach der feſten Harzburg zu ſchaffen. Acht Tage dauerten die Zuͤge, indem der Transport, von Neuſtadt den langen, ſteilen und beſchwerlichen Berg bis zur Burg hinauf, mit unendlichen J. 9 — 130— Muͤhſeligkeiten verknuͤpft war. Ein bis Neuſtadt beladener Wagen mit Gegen⸗ ſtaͤnden aller Art beſchaͤftigte vierzig Men⸗ ſchenhaͤnde, um dieſelben in einem halben kurzen Novembertage bis auf die Burg zu ſchaffen. Als aber Alles oben war und in der Liebenburg nur noch einiges altes Geraͤth und ein alter Knappe mit ſeinem Weibe als kuͤnftiger Bogt zuruͤckgeblieben war, da gab Herr Hans von Schwicheld ſeiner ganzen Mannſchaft, woran auch der Geringſte Theibe m hnen ſolce, ein tiahtie 4 Mahl. 12- Weißkohl unt it Hanmeefehe kraftig 4np wohlſchmeckend zubereitet, fuͤllte heute den Magen der Knechte, die es ſich in einer langen Reihe von Tagen hatten recht ſauer werden laſſen, aber den Gaumen ſollte heute zu noch groͤßerer Ergöoͤtzlichkeit ein fetter Rinderbraten und ein ganzes Faß Wein krhn aanid uen Der Wein macht loſe Leute, ſagt Si⸗ rach, ſo wars auch auf der Harzburg. Ueberall ſah man froͤhliche Geſichter. Der kleine, aber rund um mit hohen Gebaͤuden umgebene Burghof wimmelte von Knappen und Dirnen, Knechten und Maͤgden, die ſich nach dem Geklimper einer Harfe froͤh⸗ lich um einander herum dreheten und den Burgherrn, der mit hoch gluͤhenden Wan⸗ gen am Fenſter ſtand und dem Gewimmel zuſchaute, ſeine Dankbarkeit zu erken⸗ nen gab. Alles war froͤhlich, oder trug wenigſtens den aͤußern Schein der Froͤhlichkeit; aber im Innern ſah es hin und wieder anders aus. Das weibliche Perſonal und beſon⸗ ders die wackere Burgfrau Margarethe, die nur zu gut den Unterſchied zwiſchen der traurigen Einſamkeit in den alten, hohen Urwaͤldern und der freundlichen Liebenburg fuͤhlte, ſeufzte ſtill und ſchwieg, tiefer aber 9* ſeufzte noch Emma. Ihr ſanftes, liebevolles Herz war zerknirſcht, denn alles, wonach es ſich ſehnte, was ihm heilig und theuer war, daß war verſchwunden und niemand wußte auch nur die geringſte Kunde davon zu geben. Dreizehn lange Tage waren, ſeit ſie den Geliebten zum letzten Male auf der Liebenburg geſprochen, verfloſſen und ſeit jener Zeit auch nicht eine Spur von ihm vorhanden. Bei der heutigen Mittags⸗ tafel hatte die Mutter nach dem Junker Eginhard gefragt, allein ein mißbilligender weſen, keine zweite Frage dieſer Art zu wagen. Er iſt bei dem Gefecht, das dem Grafen von Warberg das Leben gekoſtet, geblieben, dachte ſie, das iſt klar, denn ſonſt wuͤrde doch irgend jemand von ihm wiſſen. Nun, ſetzte ſie im Gedanken am Fenſter ſtehend hinzu, wenn er dahin iſt, wenn er ſein ſchoͤnes Leben zum Opfer ge⸗ — 133— bracht hat, dann iſt auch das meine quitt, ich habe dann keine Pflicht mehr zu erfuͤl⸗ len und mit Freuden werde ich dieſe koͤ⸗ niglichen Prunkgemaͤcher gegen die ſtille Zelle eines Kloſters vertauſchen, wo ich wenigſtens ungeſtoͤrt an ihn werde denken duͤrfen.— Waͤhrend ſie ſo da ſtand und das Auge auf das frohliche Volk im Burg⸗ hofe gerichtet hatte, ohne doch eigentlich etwas davon zu ſehen, fiel ihr Blick auf das kleine, breitſchultrige Naͤnnchen, den Schloßvogt Klaus, der an eine Saͤule ge⸗ lehnt ſtand und ſeine Blieke hohnlaͤchelnd auf das froͤhliche Volk gerichtet hatte, doch ſchielte er auch verſtohlen nach dem Fraͤu⸗ ein hinauf und als er merkte, daß er von ihr geſehen wurde, wagte er es ſogar, ihr ein Zeichen zu geben. Emma, die die⸗ ſen Menſchen fruͤher nicht geſehen, wurde aufmerkſam und gewahrte ſpaͤter noch meh⸗ rere Male ein faſt unmerkbares Zeichen. — 134— Sie nahm bald Gelegenheit, einen Knap⸗ pen zu fragen, wer das kleine Maͤnnchen waͤre? und erfuhr, daß dies das alte hun⸗ dertjaͤhrige Inventarium dieſer Burg ſey. Unten im Nadauerthale war es ſchon finſtere Nacht und uͤber den Brockem zo⸗ gen ſchwarze Nebelwolken, da nahm Emma einen ſchoͤnen, ſilbernen Becher und ging hinab in den Hof, um ſich von irgend ei⸗ ner Dirne aus dem tiefen Brunnen Waſ⸗ ſer aufziehen zu laſſen. Aber von Luſt und Freude betaͤubt achtete niemand darauf, daß das Fraͤulein allein zum Brunnen ging, als der krummbeinige Klaus, und dies ſchien Beider Wille zu ſeyn. Muß doch ein wunderbarlich Ding ſeyn, ſo ein Maͤdelherz, ſagte Klaus, in⸗ dem er die langen, ſtruppigen Augenbrau⸗ nen zu einem gutmuͤthigen Laͤcheln zuſam⸗ menzog, glaube kaum, daß der Habicht — 135— ſchneller eine Taube wittert, als das Mäͤd⸗ chenauge den Liebesboten. Was ſollen dieſe Reden bedeuten und wer giebt euch ein Recht, in dieſem Tone mich anzureden? fragte Emma wie auf Kohlen ſtehend. Wißt ihr, wer ich bin? Ei nun, wenn ich auf den erſten Blick euch das nicht angeſehen haͤtte, entgegnete Klaus, dann wuͤrde ich dieſe Rede auch nicht an euch gewagt haben, aber gerade eine ſolche Anrede mußte ich waͤhlen, um euch auf mich aufmerkſam zu machen. Ihr ſeyd doch Fraͤulein Emma von Ciuichalda Ich bins.. 1 Seht ihr wohl! das Bucht ich mir gleich, als ich an jenem Pfeiler gelehnt das truͤbe Auge auf die muntre Vrdylchtei hin⸗ ſtarren ſah. 1 Und warum richtet ihr eure Büse beſonders auf mich? — 136— Sollt es gleich erfahren. Kennt ihr wohl den Junker Eginhard? Um Gott! ſprecht nicht ſo laut! Ja, ich kenne ihn, und ihr? Liebes Fraͤulein, wie wuͤrd ich denn ſonſt mit euch zu reden mich erdreiſten, wenn er mir nicht den Auftrag dazu ge⸗ geben. Wie er ſelbſt. Wo iſt er? ihm iſt doch wohl? Wohl? nun wohl kanns ihm wohl eben nicht ſeyn; wenn ihr mir aber ver⸗ traut, wenn ihr fein thut, was ich euch ſage, dann wird ihm ſelbſt der finſtre Ker⸗ ker zum Prunkgemach werden. Wie! rief entſetzt Emma, Eginhard im Kerker? das iſt nicht wahr, ihr luͤgt! Hm! warum ſollt ich euch denn be⸗ luͤgen, hab ich doch nicht den mindeſten Grund dazu; wohl aber, um euch nuͤtzlich zu ſeyn, gab ich mich euch ſelbſt zu erken⸗ — 137— nen. Seht, Fraͤulein, ſagte Klaus, indem er naͤher an Emma trat, dort unten ſeußzt euer Eginhard und zwar auf Befehl eu⸗ res Vaters? Meines Vaters! Ja auf Befehl eures Vaters wurde er, ohne ſich ſelbſt vertheidigen zu duͤrfen, in den erſten Minuten ſeines Hierſeyns hinein geworfen. Seine Wunden, die er um den Grafen erhalten, ſind noch nicht geheilt und dennoch ſeufzt er im Kerker? Großer Gott! ſeufzte Emma, das iſt hart und ſein Loos unverdient! Ich weiß es, entgegnete Klaus, kenne ihn ſo gut wie ihr, weiß auch, daß, wenn er nicht um euretwillen litte, er gar nicht wuͤrde leiden duͤrfen; drum vertrauet mir und verſuͤßt ihm ſein Leiden. Gern, aber was ſoll ich thun, was kann ich thun? Heut Abend, wenn euer Vater des Weins in Fuͤlle genoſſen und feſt entſchla⸗ fen iſt, dann kommt hier wieder zum Brunnen, ihr ſollt mich finden. Bis da⸗ hin Gott befohlen, denn ich darf hier nich laͤnger weilen. Langſam verſtrich dem Uhebendet He — zen die Zeit, bis die erſehnte Stunde ſchlug, wo ſie den Geliebten nach langer Trennung wieder ſehen ſollte und zwar an einem Orte, den er zu bewohnen nicht verdient hatte. Der liebenden Sehnſucht miſchte ſich aber auch manche Beſorgniß ein. Von Eginhards Tugend und Red⸗ lichkeit hinlaͤnglich uͤberzeugt, wollte es ihr doch beduͤnken, als ſey es ohne Vor⸗ wiſſen der Mutter oder doch wenigſtens der Schweſter, ein ſehr gewagtes Unter⸗ nehmen, einen geliebten Mann in finſtrer Nacht im einſamen Gewoͤlbe, ohne alle Zeugen, wohl gar mit ihm eingeſchloſſen, zu beſuchen; und doch, wenn ſie bedachte, — 139— daß durch mancherlei Vorſtellungen der ſorgſamen Mutter vielleicht die Zeit ver⸗ ſtreichen oder ſie wohl gaͤnzlich von einem Beſuche dieſer Art abgehalten werden koͤnne, dann beſchloß ſie doch, das Wag⸗ ſtuͤck fuͤr ſich allein zu unternehmen. Schon hatte der Thurmwaͤchter die neunte Stun⸗ de abgerufen, ſchon war der Vater laͤngſt in ſeinem bequemen Lehnſtuhle eingeſchla⸗ fen und Adelheid wegen einer kleinen Un⸗ paͤßlichkeit ſchlafen gegangen, als ſie ſich mit der Mutter, die im Pſalmbuche leſend ihr gegenuͤber ſaß, allein befand. Aengſtlich pochte das Herz in der Bruſt, denn zum erſten Male wollte ſie ein Unrecht begehen, das fuͤr ſie ſchlimme Folgen haben konnte; dennoch aber ſiegte t die Liebe. Sie faßte Muth, wuͤnſchte der MNutter gute Nacht und ſchlich ſich die breite Steintreppe hinab in den Hof. Hier herrſchte eine undurchdringliche Finſterniß — 140— und außer dem Winde, der in den gegen⸗ uͤberliegenden Waͤldern heulte, war alles ſtill wie im Grabe. Raſch eilte ſie an der Wand hin zum Brunnen, wo Klaus in einen Schafspelz gehuͤllt, unter welchem er eine brennende Bonniateine trug, ihrar fhon harrete. Das i*ſt brav, fluͤſterte er, habt nicht lange auf euch warten laſſen; dafuͤr will ich euch aber auch eine Freude bereiten, die mir ſelber Freude macht. Folget mir nur, der Junker iſt ſchon von allem un⸗ terrichtet und erwartet euch mit brennen⸗ der Sehnſuc„tlhh. Bebend an allen Gliedern folgte die Iunſte Emma dem hoͤchſt ſeltſamen Fuͤhrer, der im dem Schafspelze und der rauhen Muͤtze, an welcher eine Fuchslunte ihm bis auf die Wade herab hing, mehr einem Thie⸗ re als einem Menſchen aͤhnlich ſah. Be⸗ hend ſtieß er indeß eine Thuͤr auf und trat — 441— in eine Art von Vorhalle, in welcher drei Thuͤren tiefer in das Innere fuͤhrten. Nur nicht gezittert, Fraͤulein, ſagte Klaus, denn hier ſeyd ihr ſo ſicher wie in eurer Mutter Schooß, hab den Leuten eures Vaters ſchon laͤngſt die Geſchichte von dem Geiſter⸗ thurme erzaͤhlt, und darnach wird es nie⸗ mand wagen, zur— deſens Ort t zu Petlan. nc. Hran Emma antwortete, dutc keinen Laut, denn die Angſt hatte ihr die Luftroͤhre zu⸗ geſchnuͤrt, allein dieſe Angſt wurde noch vermehrt, indem ein ungeheurer, ſchwarzer Kater mit feuerſpruͤhenden Augen die offen⸗ ſtehende Thuͤr wahrnahm und mit einem gewaltigen Sprunge hinaus war. Klaus hatte indeß eine der beiden Seitenthuͤren geoͤffnet und freudig aufathmend erblickte Emma, bei dem Scheine einer Lampe, den geliebten Eginhard. Lautlos ſank ſie in ſeine offenen Arme und lange dauerte es, ehe ſie die Sprache wieder gewann. Wenn ihr mich gebraucht, ſagte Klaus, ſo klopft nur leiſe an die Thuͤr, ich werde im Vorſprunge ſo lange verweilen und euch dann wieder bis an die Treppe fuͤhren. ein Dank, meine geliebte Emma! dank dir, daß du es gewagt haſt, mir in meiner ſchmachvollen, ſchimpflichen Haft ein Wort des Troſtes zu bringen. Zittere nicht, theu⸗ res Maͤdchen, denn es iſt kein Unrecht, was du unternommen, auch biſt du hier ſicher vor jeder Gefahr der Entdeckung. Zwar leide ich hier die Haft eines gemeinen Ver⸗ brechers, aber die Wahrheit wird einſt wie die Sonne durch den Nebel dringen und dann— ein Zucken ſeines Mundes verrieth ſeinen innern Grimm und dechindan ihn, weiter zu reden. 4 t n e unſchuldig? mein Egnnhend — m— fragte Emma und ſchaute ihin in das dlas re, hads Auge. uUnd das fragt meine Emma— tna Vergieb, mein Geliebter! weiß ich doch nicht eine Sylbe von dem, was bei eurer letzten Fehde vorgefallen iſt. ann Glaub es dir, du Theure! denn ſolch ein Bubenſtuͤck darf das helle Tagslicht nicht beſchauen. Ich wuͤrde uͤber den Vor⸗ fall ſchweigen und es ganz dem anheim ſtellen, der da recht richtet; aber die Bos⸗ heit der Menſchen geht weit, man koͤnnte mich hier wehrlos, wie ich es bin, uͤber⸗ fallen, und du mit deiner Engelsſeele und deine Mutter, die ſanfte Dulderin, und deir te Schweſter, ihr alle koͤnntet mich fuͤr ſchuldig halten und das waͤre mir bitterer, als der Tod ſelbſt. Es iſt nur eine Klei⸗ nigkeit, die jener Schurke, jener Ulrich an mir veruͤben wollte, das Lebenslicht wollt eer meuchlings mir ausblaſen und dann — 144— dem Grafen, deinem Vater glaubend ma⸗ chen, ich haͤtte gegen ihn ruͤcklngs das Schwert gezogen, indem ich doch durch mein zufaͤlliges Herbeieilen ſo gluͤcklich war, deinem Vater das Leben zu retten. Herr mein Gott, rief Emma, und dieſer Elende, der ſich nicht ſchaͤmt zum Meuchelmoͤrder zu werden, wagt es noch taͤglich, um meine Hand zu buhlen? O er wird noch mehr wagen, er wird dich, mit Huͤlfe deines Vaters, wenn ich erſt nicht mehr bin, gewaltſam zum Altare ſchleppen, doch fuͤrchte bis jetzt noch nichts, der ehrliche Menſch da draußen i Freund, er wird nicht a Verpflegung Sorge tragen, er wird m eine Waffe verſchaffen, mit der ich mein Leben in einem unoaahergeſehenan dale vertheidigen kann. un iein Aber warum, mein Sginhard, baſt du 29. gegen eine falſche Anklage nicht ver⸗ theidigt? mein Vater iſt zwar ein wunder⸗ licher und ein hitziger Mann, aber der Un⸗ gerechtigkeit hat er doch gewiß noch nie das Wort geredet. Es thut mir leid, meine Emma, dir auf deine Frage eine Antwort geben zu muͤſſen, die eben eine Ungerechtigkeit deines Vaters gegen mich beweiſt. Haͤtte dein Vater Gericht uͤber mich gehalten, häͤtte ich mich gegen eine falſche Anklage vertheidigen koͤnnen, ſo ſaͤße wahrlich ſetzt ein Underer an meinem Platze. Aber wie ſoll, wie wird dies enden. So lange ein Mann, den ich aͤrger nooch haſſe als den Satan, auf Erden lebt, bin ich verdammt zu dulden und zu ſchwei⸗ gen, wenn aber dieſer maͤchtige Teufel einſt vor dem Richterſtuhle des Ewigen ſteht, dann werde ich in einer andern Geſtalt auf⸗ treten; bis dahin ſtehe ich in Gottes Hand, und er wird mich nicht untergehen laſſen. I. 5 10.— —. 146— Eginhard, ſagte Emma und ſah mit ihrem frommen Taubenblick in ſein blitzen⸗ des Heldenauge, warum wieder dieſe mir unbegreiflichen, raͤthſelhaften Reden. Wann wirſt du einmal ganz aufrichtig ſeyn, wann wirſt du dein Herz mir einmal ganz auf⸗ ſchließen, um mein Vertrauen auf immer damit zu befeſtigen? 83 Du biſt zwar kein gewoͤhnlich Maͤd⸗ chen, meine Emma, deine ſchoͤne Seele hat den Aufſchwung einer hoͤhern Natur, aber dennoch ſollte ich ſchweigen. Doch die Zeit iſt guͤnſtig, ſie moͤchte vielleicht ſo bald nicht wieder ſo fuͤr uns wiederkehren, drum ey es; doch zuvor lege die Hand aufs 8 rz und ſchwoͤre mir, daß du das Ge⸗ heimniß, das ich dir vertrauen werde, ewig, oder bis ich ſelbſt davon dich entbinde, in deiner Bruſt treu bewahren willſt. Schwoͤre mir, daß ſo wenig die Gewalt deines Va⸗ ters, als die liſtigen Fragen eines verſchmitz⸗ — 4147— ten Moͤnchs, als Beichtiger, oder die Bit⸗ ten deiner guten Mutter es dir entreißen ſolle. Schwoͤre mir dieſes! Bei unſerer geheiligten Liebe, die mir von deiner Seite nichts Boͤſes zufuͤgen kann, der das Heil meiner Seele heilig ſeyn muß, leiſte ich den Schwur, niemand erfahre bei meiner zeitlichen und ewigen Gluͤckſeligkeit, was du mir vertrauen wirſt. Nun wohlan, ſo hoͤre. Nicht in dem niedern abhaͤngigen Verhaͤltniß, in dem du mich ſiehſt und kennen gelernt haſt, bin ich geboren. Reichthum und Gluͤck, Ehre und Rang laͤchelten mir ſchon an der Wiege entgegen; doch ein unerhoͤrtes Bei⸗ ſpiel hat all dieſe glaͤnzenden Ausſichten inen Schlage zertrümmert. Geyftegt und gehegt von der Liebe zaͤrtlicher und hochgeehrtar Eltern bate ich Gus sun 10- — 148— unſer Geſchlecht herein brach. Meine Mutter— verlange wenigſtens heute noch nicht meinen eigentlichen Geſchlechtsnamen zu wiſſen, er iſt gebrandmarkt, mit der Acht belaſtet, er gilt fuͤr erloſchen, und die Welt muß bis zu einem gewiſſen Zeit⸗ punkte in dem Wahne erhalten werden, und wer weiß ob dies alte, edle Geſchlecht, deſſen letzter Sproſſe ich bin, nicht fuͤr ewige Zeiten erloſchen iſt und bleiben muß. Meine Mutter hat, wie ich ſpaͤter erfah⸗ ren, als ſie mein Vater zum Traualtare fuͤhrte, fuͤr die Schoͤnſte ihres Geſchlechts gegolten und wunderbar hatte ſich ihre Schhoͤnheit bis zu jener Zeit erhalten, wo das Unglück uͤber uns einbrach.— Meine ltern lebten in der güͤckichſten Ehe; ge⸗ * 2 8* 8 genſeitige Liebe, Achtung und Treue be⸗ ſtand ununterbrochen fort und meine Mut⸗ ter galt allgemein als ein Muſter der 5 Edelfrauen im Lande.„ —„ — 449— MNiein Vater wuͤrde auf die Treue ſeiner ſchonen Gemahlin, die den Triumph ſeines Gluͤckes ausmachte, die er naͤchſt Gott am hoͤchſten ſchaͤtzte, Felſen gebauet haben, und— dennoch ward er betrogen. Der Verſucher nahete ſich ihr, von Gland, Macht und Hoheit umgeben, und ſie— erlag ſeinen Angriffen. Es iſt nicht wahr! rief Emnmna, du biſt betrogen; ein Weib, das treu liebt, kann nie untreu werden. Und dennoch iſt es ſo, fuhr Eginhard ſort, hoͤre mich weiter.— Eines Tages hatte ſich der Kaiſer, der ſeit kurzer Zeit auf einem ſeiner Schloͤſſer, welches in der Naͤhe von meines Vaters Stammburg lag, Hof hielt, bei der Jagd vom Abend uͤber⸗ raſchen laſſen, und— ſey es nun, daß er den Ruͤckweg nicht finden konnte., oder daß ſeine Luͤſternheit durch das Gerücht von der Schoͤnheit meiner Mutter rege — 150— gemacht worden war, er kehrte, ein Nacht⸗ lager begehrend, auf unſerer Burg ein. Gaſtlich wurde er empfangen und bewir⸗ thet, doch mit ſchaͤndlichem Undank lohnte er die Gaſtfreundſchaft. Bei dem erſten Blick in das ſchoͤne, holde Antlitz meiner Mutter loderten ſeine unedeln Begierden in helle Flammen auf. Er bewarb ſich lebhaft um die Gunſt der Argloſen und mein noch argloſerer Vater ſah in den Aufmerkſamkeiten, die der hohe, kaiſerliche Herr ſeiner Gemahlin bewies, nichts wei⸗ ter, als Artigkeit des Gaſtes gegen die freundliche, gefaͤllige Wirthin. 1 Uunmsglich, unmöglich! xief Emma und wandte das Auge von dem Erzaͤhler weg. e Hoͤre nur weiter. Das ungewohnte, doch ſuͤße Gift der Schmeichelei drang durch das Ohr meiner ungluͤcklichen Mut⸗ ter zu ihrem Herzen. Noch blieb ſie zwar —— — 151— zhrem Gemahl treu, aber ſie hoͤrte doch den gekroͤnten Verfuͤhrer ruhig und wohl⸗ gefäͤllig an, ſtatt,— wie Ehre und Pflicht es geboten haͤtten, mit Verachtung ihn zuruͤck zu weiſen. Dennoch wuͤrde ſie den Treuebruch gegen den noch immer gelieb⸗ ten Gatten nicht vollendet haben, waͤre ſie nicht von ſeinem warnenden Anblicke befreiet worden. Als aber der Kaiſer ſich nicht ernſt zuruͤckgewieſen ſah, glaubte er gewonnen Spiel zu haben und beſchloß daher weiter zu gehen. Er uͤberhaͤufte inen armen, betrogenen Vater, auf deſſen Verderben er ſann, mit Freundlich⸗ keit, Auszeichnung und Ehrenbezeugungen und endlich, um ſeiner laͤſtigen Naͤhe ent⸗ hoben zu ſeyn, gab er ihm eine Sendung an den Hof eines entfernten Fuͤrſten, wo⸗ durch mein Vater zwar ſcheinbar ſehr ge⸗ ehrt ward, dem aber der unedelſte Zweck zum Grunde lag. = 152— O es waͤre entſetzlich! rief Emma, es waͤre unerhoͤrt! 1. Glaubſt du etwa noch, daß ich dir ein Maͤhrchen auftiſche? dann biſt du weit von der Wahrheit entfernt, denn mit der⸗ gleichen Dingen pflegt man nicht zu ſcher⸗ zen; hoͤre nur immer weiter. Gleich nach meines Vaters Abreiſe widerſtand meine verblendete Mutter den Zudringlichkeiten des vornehmen Verfuͤh⸗ rers nicht lange mehr; ſie ſiel— Ehre, Tugend, Gatte und Kind vergeſſend und ſich, ſo wie uns alle mit unausloͤſchlicher Schmach bedeckend. Der Kaiſer hielt ſei⸗ nen ſtraͤflichen Umgang mit der Verfuͤhr⸗ ten ſo geheim als moͤglich, aber dennoch konnte er nicht ganz verborgen bleiben. Seine haͤufigen Beſuche auf unſerer Burg, von der der Herr entfernt war, erregten Aufſehen. Man tadelte die Frau, die in der Abweſenheit ihres Gemahls maͤnnliche — 1⁵³— Beſuche annahm, man glaubte, daß ſie das Unziemliche davon ſelbſt einſehen muͤſſe, und fing daher an Argwohn zu ſchoͤpfen; der Argwohn fuͤhrte zum Aufpaſſen und dies wieder zur Entdeckung. Die Schuld meiner Mutter lag bald vor den Augen ſaͤmmtlicher Burgbewohner offen da, und je mehr mein Vater der allgemeinen Liebe und Achtung genoß, um ſo groͤßer wurde die Verachtung, welche die ungetreue Gat⸗ tin auf ſich lud. Ihre Schande wurde der ganzen Gegend offenbar, und das Gerucht von der Entehrung ſeines Hauſes erreichte ſchon meinen Vater auf ſeiner Ruͤckreiſe, wo er mit einem Herzen voll treuer Liebe zu Gattin und Kind hineilte, indem er auch den Auftrag ſeines kaiſer⸗ lichen Gebieters ſo ausgerichtet zu haben glaubte, daß er deſſen Zufriedenheit ſih verſichert halten konnte. — 154— Die unerwartete, graͤßliche Kunde reizte meinen Vater zur fuͤrchterlichſten Wuth und raubte ihm alle Ueberlegung. Er zog, in der Heimath wieder angekom⸗ men, in aller Stille einen Haufen ſeiner Vaſallen zuſammen und uͤberfiel damit ſeine eigne Burg mitten in der Nacht, in der Ueberzeugung, den Schaͤnder ſeiner Ehre, den Raͤuber ſeine⸗ Gluͤcks dort zu finden. Er hatte ſich in ſeiner Vermutgung nicht getaͤuſcht, aber ſeine Abſicht wurde dennoch nicht ganz erreicht. Er wollte, unbekuͤmmert, welche Folgen es auch ha⸗ ben moͤchte, blutige Rache an dem Ver⸗ kuͤhrer ſeines Weibes nehmen. Wuͤthend ſtuͤrmte er nach dem Gemach ſeiner Gattin, wohin ihm einige ſeiner Getreuen folgten. Sie traten mit ihm zugleich in das Gemach, deſſen Thuͤr zwar von innen verrriegelt, allein durch einen kraͤftigen Fuß⸗ ——— — 155— tritt meines Vaters zertruͤmmert ward. Mit einem lauten Schrei des Entſetzens ſank meine verblendete Mutter, als ſie den beleidigten Gatten erkannte, auf das La⸗ ger zuruͤck. Der Kaiſer aber, voll Zorn aͤber den frechen Stoͤrer ſeiner Ruhe und ſeiner wolluͤſtigen Freuden, ſprang auf, um die unberufenen Stoͤrer hinaus zu treiben. Doch auch er erkannte bei dem matten Scheine einer Lampe die Zuͤge des von ihm Verrathenen und die Wuth, die aus deſſen Augen ſtrahlte, und das blanke Schwert in ſeiner Rechten uͤberzeugten den Kaiſer, daß er ſeine Schande ſchon kannte und gekommen ſey, blutige Re⸗ chenſchaft zu fordern. Erbleichend trat er zuruͤck und zum gewaltigen Streiche aus⸗ holend, ſprang mein Vater auf ihn zu. Doch der Frevler ſollte der gerechten Strafe entgehen und der Beleidigte buͤßen, was jener verbrochen hatte. Die Diener meines — 456— Vaters, die den Kaiſer auf den erſten Blick erkannt hatten, fielen dem Wuͤthen⸗ den von ruͤckwaͤrts in die Arme und ent⸗ wandten ihm ſo das Schwert, ehe es von dem Blute des kaiſerlichen Ehren⸗ chänder gefaͤrbt war. Die treuen Diener hatten dabei keine andere Abſicht, als die geheiligte Perſon des Kaiſers vor Mord zu ſchuͤtzen; ſie liebten und verehrten meinen Vater und haͤtten ſein Verderben gern mit Aufopfe⸗ rung ihres eignen Lebens abgewendet; aber dennoch war dieſes Verderben die unausbleibliche Folge ihrer Einmiſchung, wie es aber auch die Folge geweſen ſeyn wuͤrde, wenn ſe ün hattan gemuhren laſſen. Als mein Vater ſeinen Zweck verfehlt ſah, ſuchte er ſich durch die Flucht zu nter Er entkam auch gluͤcklich; aber kaiſerliche Reichsacht verfolgte den — 157— Hochverraͤther, wie er genannt wurde, und ſeine getreuen Vaſallen ſielen unter dem Henkerbeil der Gewalt. Nun bin ich gleich zu Ende, denn nur wenig bleibt mir noch zu ſagen. Meine ungluͤckliche Mutter, die eher Mit⸗ leid als Verdammung verdient, bereuete mit aufrichtigem Schmerz ihr Vergehen, und hart klagte ſie ſich als die Urheberin des Ungluͤcks an, das ſie uͤber den immer noch geliebten Gatten und uͤber mich, ihr einziges Kind gebracht hatte. 1 um ihre Schuld ſo ſchwer als moͤglich zu buͤßen, nahm ſie von mir einen ſchmerz⸗ lichen Abſchied, empfahl mich der Gnade Gottes und aller guten Menſchen, und floh dann hinter die heiligen Mauern eines Kloſters, deſſen Orden zu den ſtrengſten gehoͤrt, um von dem Himmel Verzeihung zu erflehen. Sie ging und mein Auge hat ſie nie wieder geſehen. 5. — 158— So unſchuldig ich nun auch an dem Hergange der graͤßlichen Begebenheit war, ſo traf mich dennoch die uͤber meinen un⸗ gluͤcklichen Vater ausgeſprochene Acht mit. Unſere Guͤter wurden eingezogen, meine entfernten Verwandten ſagten ſich von mir los, niemand wollte etwas von mir wiſſen, ſo ſtand ich als ein zwoͤlfjaͤhriger Knabe einſam und verlaſſen in der Welt und wußte nicht wohin, dennoch fuͤhlte ich, daß mir Gefahr drohe. Ohne eignes Urtheil und ohne Zurechtweiſung redlicher Freunde er⸗ griff ich die Flucht und rannte blindlings in die Welt hinein, Tag und Nacht lief ich, ſo weit mich meine Füße tragen woll⸗ ten, ohne zu wiſſen wohin, bis ich endlich, bis auf den Tod ermuͤdet, an den Mau⸗ ern der Liebenburg liegen blieb. Hier fand mich am naͤchſten Morgen dein Vater, als er eben mit ſeinen Knechten zur Jagd aus⸗ zog. Er ſchien Behagen an mir zu finden, — 139— und nahm mich freundlich auf, und die⸗ ſerhalb bin ich ihm vielen Dank ſchuldig und laſſe mir vieles von ihm gefallen, und waͤre jener Heuchler, jener Ulrich nicht ei⸗ nige Jahre ſpaͤter auf die Burg gekom⸗ men, ich wuͤrde hier ein gluͤckliches Loos gezogen haben. Armer Eginhard! ſeufzte Emma und legte vertraulich den Kopf an ſeine Bruſt, um ihn fuͤr den unverdienten, harten Schmerz in etwas zu entſchaͤdigen; armer Freund! dir hat das Schickſal in deiner fruͤhen Jugend ſchon hart mitgeſpielt. Moͤ⸗ gen Gott und gute Menſchen dir einſt im vollen Maaße erſetzen, was dir durch die Gewalt eines Maͤchtigen entriſſen wurde. Was mich aber betrifft, ſo ſchwoͤre ich dir noch einmal unaufgefordert, was auch mein Vater uͤber mich verhaͤngen mag, Treue bis zum Tode. Genuͤgt dir das, mein Eginharrdd? 19954. Du biſt mein Schutzgeiſt, ohne dich waͤre ich wohl laͤngſt nicht mehr hier, haͤtte ich vielleicht laͤngſt das Ungluͤck meiner be⸗ dauernswerthen Eltern durch Blut geraͤcht; aber der Gedanke an dich hat alles Uebrige in den Strom der Vergeſſenheit getaucht, wenn ich in dein Auge geſchauet, dann hat mich die Zukunft freundlich angelaͤchelt, — und noch jetzt ſelbſt in dieſer Lage verzage ich nicht. Der Liebe heiliger Goͤtterſtrahl, er ſtaͤrke dich, wie er mich oft in truͤben Stunden geſtaͤrkt und- Fraͤulein! geſchwind, geſchwind! ich hoͤre Laͤrm in der Burg. Man ruft durch alle Gemaͤcher euren Namen, man ſucht euch vergebens, kommt nur, vielleicht kann ich euch noch retten; und ihr Junker blaſ't die Lampe aus und ſtellt euch ſchlafend. Nooch ein Kuß, ein Haͤndedruck und . Emma flog wie ein aufgeſcheuchtes Reh davon. Noch herrſchte dicke Finſterniß im — — 161— Burghofe, aber nur ein Augenblick, und taghell war die Mitternacht, denn der Graf, von Junker Ulrich und zwei Knap⸗ pen begleitet, alle mit helllodernden Fakkeln verſehen, ſtuͤrzten die breite Haupttreppe in den Burghof herab. Ich bin des Todes! fluͤſterte Emma, wenn ſie mich hier finden. Fuͤhre mich ſchnell zum Brunnen, daß ich mich hinein ſtuͤrze. Ach warum nicht gar, entgegnete barſch der Schloßvogt, folgt mir nur hier durch den Stall, von da fuͤhrt ein Weg in die Stube meiner Alten, und ſeyd ihr erſt da, dann wird ſich weiter Rath finden. So unbequem der Weg durch den Stall auch war, ſo gelangten doch beide gluͤcklich in die Schlafſtube der Alten, in welcher die Hitze faſt unertraͤglich war. Klaus ging dann ſogleich wieder hinaus in den Hof und erkundigte ſich mit ziem⸗ 1. 11 — 162— licher Gleichguͤltigkeit, was es gebe und wen der Burgherr ſuche? Das aͤlteſte Fraͤulein des Burgherrn, du Eſel! rief Junker Ulrich, und du fragſt noch? Wenn ich ſo lange Ohren haͤtte, wie ihr, Junker, dann waͤre ich ein Eſel und wuͤßte nicht, wo das Fraͤulein waͤre, ſo aber bin ich ein vernuͤnftiger Menſch und ſage euch, daß das Fraͤulein bei meiner Alten ſitzt, die vor einer Stunde auf den dummen Einfall kam, zu ſterben. Jetzt hat ſie ſich anders beſonnen und bedarf den frommen Zuſpruch des Fraͤuleins nicht mehr. In dem Augenblick kam auch Emma aus der niedrigen Stube des Schloßvogts und eilte ihrem Vater mit einem Geſicht, auf dem die Todesangſt mit den lebhaf⸗ teſten Farben ausgedruͤckt war, entgegen. Vergebt, mein Vater! ſprach ſie mit be⸗ bender Stimme— denn es war die erſte Luͤge, die ſie in ihrem Leben ſagen wollte — vergebt, daß ich ohne Erlaubniß der Mutter mich von den Jammertoͤnen der Alten hinreißen ließ, denn— Nun, Nun! unterbrach ſie beguͤtigend der Graf, hat nichts zu bedeuten, glaubte nur, du ſeyſt in der fremden Burg auf irgend eine Art in Gefahr gerathen. Geh und lege dich ſchlafen, es iſt ſchon ſpaͤt, und laß dich von deinem guten Herzen ein ander Mal nicht ſo l(chnell verleiten. Emma, der ein ſchwerer Stein vom Herzen gefallen war, ſtieg mit zitternden Knien die Treppe hinauf und ſchlich in ihr Kaͤmmerlein, der Graf aber, als er auch die Knechte entlaſſen hatte, warf einen zuͤrnenden Blick auf den Junker. Ulrich und ſagte: ich glaube, ihr ſeht in jedem Aſtloch ein Geſpenſt und in jedem Dornenbuſch einen Nebenbuhler. Was iſts denn nun? Freilich haͤtte die Dirne nicht 11*† — 164— ſo ohne alles Wiſſen und Willen dahinein gehen ſollen, aber daran iſt nun einmal ihr gutes, weiches Herz ſchuld und iſt auch kein Verbrechen. Haͤtte eigentlich wohl Urſach, recht derb auf euch zu zuͤrnen, denn der Verdacht, den ihr auf mein Kind geworfen, iſt wahrlich ein wenig ſtark; nun ich wills auf eure Liebe ſchrei⸗ ben, andere Saiten muͤßt ihr aber kuͤnftig aufziehen, wenn ihr euch in die Gunſt der Dirne ſetzen wollt. Was meint ihr, wenn ſie die Urſache dieſes unnoͤthigen Laͤrmens erfaͤhrt? Muß euch aufrichtig geſtehen, habts noch nicht recht los, euch in Wei⸗ berherzen einzuniſten. Ein Liebhaber, ders nicht verſteht, das Liebchen, um die er buhlt, an ſich zu locken, daß ſie lieber Vater und Mutter, Haus und Hof ver⸗ laßt und allenfalls barfuß nach Palaͤſtina wandert, der— iſt noch ein Stuͤmper. Gute Nacht! — 165— Verdruͤßlich ging der Graf in ſein Schlafgemach, der Junker Ulrich aber biß ſich vor Wuth in die Lippen, daß der alte Schloßvogt doch kluͤger geweſen und ihn uberliſtet hatte. Der Kerl muß mit dem leibhaften Satan im Bunde ſtehen, ſagte er fuͤr ſich, denn ſo gewiß wie ich hier ſtehe, ſo gewiß iſt Emma nicht bei der Alten, ſondern bei ihrem Buhlen ge⸗ weſen, und dazu iſt ihr der alte Schurke behuͤlflich geweſen; aber wart, ich will euch die Suppe dennoch verſalzen, und ſollt ich Tag und Nacht nicht wieder ruhen.. Mit dieſem unlautern Vorſatze ging auch er in ſein Gemach und erwartete vergebens den Schlaf. r Ein ſtrenger Winter war der Familie von Schwicheld auf der Harzburg in Luſt und Wobhlleben verfloſſen. Haͤufige Banquette, woran die Bruͤder Heinrich und Branda⸗ nus von Schwicheld und die Herren von I Steinberg und andere benachbarte Edel⸗ V leute Theil nahmen, verſuͤßten ihnen in wohlgeheizten Zimmern und Saͤlen die Unannehmlichkeiten der rauhen Jahreszeit und hatten den begangenen Mord an dem Grafen von Warberg in der Seele des Grafen Hans von Schwicheld laͤngſt ver⸗ geſſen gemacht. Als aber der hohe Schnee — 167— auf den Bergen und in den alten Urwaͤl⸗ dern geſchmolzen, das Eis aufgethauet war und die Fruͤhlingsſonnenſtrahlen all⸗ gemach ſich wieder in den Wellen der Radau ſpiegelten, da traten fuͤr den Letz⸗ teren doch bedenkliche Dinge ins Leben. Der Graf Curt von Egoln, eng ver⸗ ſchwaͤgert und befreundet mit dem gefalle⸗ nen Grafen von Warberg, hatte ſich kla⸗ gend wegen der geſchehenen widerrechtlichen Unbill an die Herzoͤge Bernhard und Heinrich von Braunſchweig und an die Biſchoͤfe Guͤnther von Magdeburg und Albert von Halberſtadt gewandt, und da das Unweſen der Herren von Schwicheld ſchon zu verſchiedenen Malen Aufſehen erregt, da ſchon mehrere Male Klagen und Beſchwerden eingelaufen wa⸗ ren; ſo nahmen die genannten Herren keinen Anſtand, ſondern brachten ein be⸗ deutendes Kriegsheer auf die Beine und 4 — 4168— ſchickten daſſelbe zur gerechten Zuͤchtigung gegen die adelichen Raͤuber. Kaum wurde von dieſem maͤchtigen Kriegszuge in der Umgegend etwas lautbar, als ſich auch eine bedeutende Anzahl Buͤrger und Land⸗ leute aus den benachbarten Staͤdten be⸗ waffneten und ſich freiwillig an den Hee⸗ reszug mit anſchloſſen, weil ſie ſchon ſeit Jahren von dieſen habſuͤchtigen Herren gedruͤckt und beraubt worden waren. Die meiſte Freude erweckte indeß das Kriegs⸗Aufgebot in der alten Reichsſtadt Goslar; denn keine Stadt und keine Ge⸗ gend hatte mehr Schaden von denen von Schwicheld erlitten, als gerade dieſe, denn ſie war ſowohl von der Liebenburg wie voon der Harzburg immer der zunaͤchſt ge⸗ legene Ort, hatte zu jener Zeit die reich⸗ ſten Einwohner und den bedeutendſten Handelsverkehr. — — 4169— „ Wie von einem electriſchen Schlage getroffen, verließ jeder Buͤrger ſeine Werk⸗ ſtatt und eilte auf den Markt, um ſich von dem merkwuͤrdigen Ereigniß wirklich in Kenntniß zu ſetzen, und als keine Zweifel mehr obwalteten, als man ſichere Kunde erhielt, daß die Reiſigen der Her⸗ zoͤge von Braunſchweig ſchon ausgeruͤckt und morgen Abend ſpaͤteſtens ſchon die Neuſtadt erreicht haben wuͤrden, da griff alles zu den Waffen. Ein Faßbindermei⸗ ſerr und ein Baͤckermeiſter, beide Maͤnner 1 von rieſenhafter Groͤße und ungewoͤhnlicher Staͤrke, auch mit tuͤchtigem Mundwerk begabt— wie ſich der Chronikenſchreiber ausdruͤckt— waren die Raͤdelsfuͤhrer und zugleich der loͤblichen Buͤrgerſchaft Haupt⸗ 3 leute. Ihnen zur Seite ſtand ein Kraͤmer, Namens Hildebrand und ein Peruͤcken⸗ macher, Namens Kohlrauſch, ange⸗ ſehene Maͤnner, die das Vertrauen ihrer —— 5 — 470— Mitbuͤrger beſaßen und deren Anordnungen ſich die uͤbrige Buͤrgerſchaft fuͤgte. Wenige Stunden waren hinreichend und jeder wehrhafte Mann ſtand mit der Waffe, die er hatte anſchaffen koͤnnen und die er zu fuͤhren ſich unterſtand, abermals auf dem Marktplatze. Aber auch noch eine Menge anderer Buͤrger, deren Umſtaͤnde es nicht erlaubten, das kuͤhn gewagte Un⸗ ternehmen mit zu machen, und ſaͤmmtliche achtbare Frauen und Toͤchter der Stadt, hatten ſich auf dem Markte und in den nahe gelegenen Haͤuſern verſammelt, um— den Gatten oder den Geliebten auf un⸗ beſtimmte Zeit ein Lebewohl zuzurufen. Eben ſchlug die Glocke auf dem naͤchſten Kirchthurme Eins, da ertoͤnte mit kraͤftiger Stimme das Commando⸗ wort des rieſenhaften Faßbinders Mat⸗ thias Lohmann, und der Trupp, zwei hundert und ſechszig Mann ſtark, — — 14— ſetzte ſich in Bewegung; raber mancher ſtille Seufzer und manche heimliche Thraͤne wurde ihm von den Frauen und Braͤu⸗ ten nachgeſchickt.— „Weinet nicht, meine achtbaren Freun⸗ de, ſprach der Buͤrgermeiſter von dem Balkon des Rathhauſes herunter, nicht ſo ſehr die Nothwendigkeit als die ſchul⸗ dige Wiedervergeltung hat meine lieben Buͤrger zu dieſem Kriegszuge veranlaßt. Sie fuͤhlen die Nothwendigkeit und ſehen das Gluͤck ein, das uns daraus erwach⸗ ſen wird, wenn dieſe raͤuberiſche Rotte mit Stumpf und Stiel ausgerottet iſt. Sie freuen ſich auf die Zeit, wo ſie die geſaͤeten Fruͤchte, wenn dieſe Blutſauger bis auf den letzten Sproſſen vertilgt ſind, einerndten werden, und dieſerhalb ſind wir ihnen auch nach unſern beſten Kraͤf⸗ ten behülflich geweſen; drum gehet nun ruhig in eure Haͤuſer zuruͤck, ſchicket den Ausgezogenen ein frommes Gebet nach und hoffet auf einen guten Erfolg. Ihr, ehrbare Hausfrauen, vergeſſet nicht, daß euch nun eine Pflicht um die Sorge des Hauſes mehr obliegt. Verrichtet ſie willig, ſo wird der Segen Gottes mit Euch ſeyn; und ihr, liebe Buͤrger, die ihr daheim geblieben ſeyd, ſteht euren Freunden und Nachbarn zu jeder Zeit und in jeder Noth mit Rath bei, ſo wird ſich der Segen, der uns daraus erwaͤchſt, auch auf euch mit uͤbertragen; wir unſerer Seits wollen ſtets thun was in unſern Kraͤften ſteht.“ Als der letzte Buͤrger die Stadt ver⸗ laſſen hatte, wurden die Thore feſt ver⸗ ſchloſſen, von den aͤlterern zuruͤckgeblie⸗ benen Buͤrgern, ſo wie von den Hand⸗ werksgeſellen wurden die Waͤlle, Thore und Wachtthuͤrme beſetzt und alles Ueb⸗ rige Gott und den frommen Vaͤtern in den Kloͤſtern empfohlen. voon mindeſtens vierzehnhundert Mann. Noch ſtand die junge Fruͤhlingsſonne hoch am Himmel, als der tapfere Kriegs⸗ obriſt des Herzogs Bernhard von Braun⸗ ſchweig, Friedrich von Gebhardi, als er eben zu Neuſtadt, einem großen Dorfe dicht unter der Harzburg, ange⸗ kommen, in einiger Entfernung, hart am Walde daher ein luſtiges Kriesheer ge⸗ wahrte. Sogleich ſandte er ihnen einen Herold entgegen um ſich nach ihrem Be⸗ gehr erkundigen zu laſſen, allein der eben ſo kluge als ſtarke Mathias Lohmann gab ſogleich ſeinem ſchweren Gaule die Sporn und ſprengte dem Herold entge⸗ gen, worauf ſich beide Heere bald fteumde ſchaftlich vereinigten. Am Morgen des andern Tages ka⸗ men auch die Kriegsvoͤlker der Biſchoͤfe von Magdeburg und Halberſtadt an und nun lag um die Harzburg herum ein Heer — 174— Mit Staunen und Entſetzen hatte der Graf und all die Seinen von der Burg herab die heranrückenden Kriegs⸗ voͤler bewundert und wahrlich wurde es ihm unter dem Bruſttuch ein wenig eng, denn ſeine ganze Mannſchaft betrug noch nicht einmal den zwanzigſten Theil gegen⸗ dieſe ungeheure Macht. Dazu kam noch, daß er eine gewiſſe Muthloſigkeit, ein ſtilles Umhergehen und heimliches lſſtern unter ſeinen Knechten bemerkte. Mc minder aͤngſtigten ihn die Weiber, die weinend, klagend und haͤnderingend um⸗ herſchlichen und nicht wußten, wozu ſie greifen ſollten; mehr aber noch kraͤnkte ihn der Hohn, der bittere Spott ſeiner alten Mutter, die ihm ihre Vorherſagung uͤber ſeinen ruchloſen Lebenswandel wieder ins Gedaͤchtniß zuruͤck rief; nur der alte, krummbeinige Klaus ging jedesmal, wenn er auf der Mauer geſtanden und das — 175— zahlreiche Belagerungsheer uͤberſchauet hatte, hoͤniſch lachend umher. Viel unangeneh⸗ mer war dem Grafen das widerliche Grin⸗ ſen, als das ſtille, muthloſe Weinen ſei⸗ ner Gemahlin und ſeiner Toͤchter und ſelbſt der bittere Spott der alten Matro⸗ ne; wuͤthend faßte er ihn daher beim Kragen und fragte ihn mit einem Tone, der ſeinen ganzen innern Grimm beur⸗ kundete: Schurke! warum freueſt du dich uͤber die Zuruͤſtungen meiner Feinde? Je nun, antwortete der Schloßvogt, da ich nun einmal in euren Dienſten bin, ſo muß ichs auch mit euch halten, und da kann mich das Ungluͤck eurer Feinde nicht ruͤhren. Ihr Ungluͤck? fragte verwundert der Graf.. 4 Nun ja! glaubt ihr, daß die da un⸗ een, und wenn ihrer auch noch einmal ſo — 176— viel waͤren, euch dießmal hier was an⸗ haben werden. Warum betonſt du das Wort dieß⸗ mal ſo ganz beſonders? Dazu hab ich meine Merkmale. So lange der da— er zeigte mit der Hand auf den alten, verfallenen Thurm— ſich. noch ruhig verhaͤlt, hat es keine Noth, da moͤgen ſich eure Feinde immerhin die Hirnſchaͤdel an dieſen Mauern zerſtoßen, erſteigen werden ſie ſie nich. Der Graf warf einen fluͤchtigen Blick nach dem alten Thurm, wobei ihm ein kalter Schauer uͤberlief, und ſuchte ſich dann langſam davon zu entfernen, der Schloßvogt aber fuhr fort und ſagte: Nur muͤßt Ihr, Herr Graf, mit dem Befeh⸗ le uͤber eure Knechte keinen heimtuͤckiſchen Verlaͤumder beauftragen, ſonſt moͤchte ſih das Blatt dennoch wenden. 1 Holla! rief da der Graf, was willſt du damit ſagen, alter Knabe? Das weiß ich ſelber nicht, ich weiß nur ſo viel, daß der da unten es nicht leiden mag. Schweigend ging der Graf in ſein Gemach, Klaus aber lachte tuͤchtig ins Faͤuſtchen, daß ſeine Erfindung eine ſo bedeutende Wirkung hervorgebracht hatte. Es war noch keine halbe Stunde verfloſſen, in welcher der Graf nachdenkend in ſeinem Gemach geſeſſen, als man ihm einen Herold meldete, der vor dem Thore ſtehe und Einlaß begehre. Nimmermehr! rief zornig der Ritter, ich werde mich auf den Thurm begeben und von dort ſeinen Auftrag vernehmen, das Thor aber bleibt verſchloſſen. Unver⸗ zuͤglich begab er ſich auch dahin und fragte mit der ihm eignen barſchen Stimme nach dem Begehr des Herolds. 1. 12. — 178— Im Namen der Herren Herzoͤge Bern⸗ hard und Heinrich von Braunſchweig, ſo wie der Herren Biſchoͤffe Guͤnther von Magdeburg und Albert von Halberſtadt habe ich euch anzudeuten, daß ihr binnen drei Tagen mit euren Mannen die Veſte verlaſſen und euch nach Wolfenbuͤttel zu begeben habt, um daſelbſt uͤber den began⸗ genen Mord an dem Grafen von Warberg euch vernehmen zu laſſen; oder im verwei⸗ gernden Falle das Schlimmſte zu gewaͤr⸗ tigen. Ha, ha, hal lachte aus vollem Halſe der Graf; daß ich doch ein Narr waͤre und euch nach Wolfenbuͤttel folgte. Sagt den Herren, die euch geſandt haben, ich waͤre ſo wenig gewillet, die Veſte zu verlaſſen, als mich in ihre Haͤnde zu begeben, ſie moͤchten ihr Heil verſuchen, ich wuͤrde nur der Gewalt weichen. Iſt das euer feſter Wille? — 179— Mein feſter, unabaͤnderlicher Wille. Gehabt euch wohl! Obgleich das verbuͤndete Heer eine ke⸗ cke Antwort von dem Herrn von Schwi⸗ cheld erwartet hatte, ſo waren ſie doch auf eine ſolche nicht vorbereitet; allein es wurde in derſelben Stunde einmuͤthig be⸗ ſchloſſen, in den naͤchſten Tagen einen Sturm auf die Burg zu unternehmen. Eines Sieges ſchon gewiß, feierte das Heer den Nachmittag und Abend unter ſich recht froͤhlich und Meiſter Matthias Lohmann, der in ſeinen fruͤhern Jahren die Staͤdte Augsburg, Nuͤrnberg und Coͤlln beſucht hatte und uͤber manches Weltereigniß recht vernuͤnftig zu ſprechen wußte, erhielt bei den Kriegsobriſten nicht allein freien Zutritt, man erlaubte ihm ſo⸗ gar, uͤber den vorzunehmenden Sturm den Herren ſeine Anſicht mitzutheilen, und nicht ſelten war auch ſein Rath der Beſte. 12* — 180— An dem Ufer der Radau hinauf wur⸗ den Gezelte aufgeſchlagen und luſtige Wachfeuer, an denen hier ein alter Hirſch, der ſein ſtattliches Geweihe getragen, dort ein Reh und weiter hinauf ein wildes Schwein gebraten wurde; Alles verkuͤndete ein reges, munteres Leben und uͤberall er⸗ ſcholl der Geſang froͤhlicher Lieder. Der Graf und alle uͤbrigen Bewohner der Burg ſahen dieſe Einrichtung, die auf eine lange Blokade hindeutete, mit immer zunehmen⸗ derm Kleinmuth an, denn etwas Gutes konnte nimmermehr daraus hervorgehen. Als die Nacht ihren dunkeln Fittig uͤher die Erde gebreitet, als es im Lager der Verbuͤndeten ſtill wurde und die Wach⸗ feuer nur noch hoch empor loderten, faßte Frau Margarethe, des Grafen edle Gemah⸗ lin, ein Herz und ging in das Gemach ihres Herrn, wo derſelbe, eine große, ſil⸗ = 181— berne Weinkanne vor ſch ubend, in du⸗ ſeer Hinbrüten ſaß. Iſt es erlaubt, mein Gemahl, pprach ſ ſie ſanft und ruhig, daß ich in ſo bedraͤngter Zeit und Lage ein wenig bei euch verweilen darf? Ich bin ein Weib, Zaghaftigkeit iſt unſerm Geſchlecht eigen. Ich bedarf Troſt, und den kann ich nur bei euch, bei dem ſtarken, unerſchrockenen Manne finden. Sehr recht! entgegnete ebenfalls ſanft der Graf. Komm naͤher, Margarethe, ſetze dich zu mir, wir wollen eins plau⸗ dern und thun, als ſey alles ſtill und ru⸗ hig in unſerer Naͤhe, denn bis jetzt fuͤrchte ich noch keine Gefahr, dieſe Mauern ſind zu ſtark und zu hoch, um erbrochen oder erſtiegen zu werden; drum nur gutes Muths, das iſt die Hauptſach. Wie ſehr mich dieſer Zuſpruch ermun⸗ tert, kann ich euch kaum ſagen, mein Ge⸗ mahl, und dennoch fuͤrchte ich Schlimmes, = 182— indem die Uebermacht eurer Feinde zu groß iſt. Allerdings ſind die Mauern feſt und hoch, und ſie zu ſprengen, moͤchte euren Feinden wohl ſchwer fallen; allein ſie zu erſteigen, halte ich, bei nicht kraͤftigem Wi⸗ derſtande, fuͤr leicht. Der wird ihnen geleiſtet werden, ver⸗ laßt euch darauf. Mein Vertrauen zu eurem Muthe iſt unuͤberwindlich, und feſt bin ich uͤberzeugt, daß da, wo ihr ſteht, wo ihr das Comman⸗ do fuͤhrt, kein Feind ſeinen Zweck erreichen wird, aber ihr ſeyd doch nur ein Menſch, und koͤnnt nicht wie Gott allgegenwaͤrtig ſeyn; alſo fuͤr die Plaͤtze, wo ihr nicht ſein koͤnnt, wo vielleicht der Feind dem Feinde freundlich zulaͤchelt, fůr die fürcht ich. Deer Feind dem Feinde? Hm das verſtehe ich nicht, wie meint ihr das, Mar⸗ garethe? — 183— Seht, mein Gemahl, fuhr die Graͤjin fort, indem ſie ihrem Gatten vertraulich naͤher ruͤckte, es iſt einmal ſo den Frau⸗ en eigen, hier und dort, mit dieſem und mit jenem ein Woͤrtchen zu ſprechen, die Meinung und die Denkungsart des Einen und des Andern zu erforſchen, und ich leug⸗ ne es nicht, daß dieſe Schwachheit auch mir eigen iſt. Nun und das Reſultat hiervon? fragte geſpannt der Graf. Daß der Junker Ulrich von Thiele die Liebe und das Vertrauen eurer ſaͤmmtlichen Knechte und Reiſigen verloren hat, noch mehr, ich bin es ſchuldig, euch zu ſagen, ihr muͤßt es wiſſen, es findet eine heim⸗ liche Verabredung unter den Knechten ſtatt, ſie haben ſich die Hand darauf gegeben: nicht eher das Schwert aus der Scheide zu ziehen, bis Junker Eginhard an ihrer Spitze ſteht. 4 — 184— Ha! rief aufſpringend der Graf, das iſt das Werk des alten Schurken, des Schloßvogts Klaus; er ſpielt mit ihm un⸗ ter einer Decke. Ich zweifle daran, ſagte begützgend die Graͤfin, denn ich habe auch ihn erforſcht und nichts Verdaͤchtiges an ihm bemerkt vielmehr glaube ich, daß er euch trotz ſei⸗ ner ſonderbaren Außenſeite dennoch treu ergeben iſt. Dagegen haben fruͤher ſeine eignen Worte gezeugt; doch wieder auf den Egin⸗ hard zu kommen. Die Sache iſt mir hoͤchſt verdruͤßlich, denn nach allem, was ich von ihm erfahren habe, ſo iſt er es, der nach meiner Habe und nach meinem Leben trachtet. Um Gott, was ſagt ihr! rief erffaunt die Graͤfin und verließ eilig ihren Platz. Von je her habe ich euer Thun und Laſ⸗ ſen und eure Handlungsweiſe lobenswerth — 185— gefunden und nie mich in eure Angelegen⸗ heiten miſchen moͤgen, nur bei der Ein⸗ kerkerung des Eginhard habe ich ſie zum erſten Male tadelnswerth gehalten, ſollte ich mich in ihm, dem ich die Ehre und das Wohl unſeres Hauſes und unſeres Geſchlechts anvertraut haͤtte, getaͤuſcht ha⸗ ben? ſo bitte ich meinen Gemahl mir das Geſchehene mitzutheilen und mich eines Beſſern zu belehren. 6 Die kluge, wohl uͤberlegte Rede der Graͤfin hatte ihren Zweck bei dem rauhen, einer weiſen Ueberlegung voͤllig unfaͤhigen Manne nicht verfehlt. Sehr unruhig, die letzten Worte der Gattin beherzigend, ging er im Zimmer auf und ab und ſuchte ſorgfaͤltig das Antlitz derſelben zu vermei⸗ den, denn er wußte wirklich nicht, mit welchen Worten er die beſſere Belehrung geben ſollte. Nach einer ziemlich langen Pauſe fuhr die Graͤfin fort, indem ſie ſag⸗ — = 186— te: wenn eure Behauptung wahr und er⸗ wieſen iſt, mein Gemahl, ſo hate Eginhard den Tod verdient. Ja, den Tod! rief raſch der Graf, den Tod hat er verdient; doch ſchien es, ob dieſer Urtheilsſpruch ſeiner Gemahlin, den er bisher kaum zu denken gewagt hatte, ihm ſo recht willkommen waͤre. Seltſam, ſagte die Graͤfin und zupfte wie in tiefen Gedanken an dem Bande ih⸗ res Gewandes, haͤtte ich es doch in dem ſanften, liebenswuͤrdigen Juͤnglinge nie ge⸗ ahnet, daß er gegen ſeinen vaͤterlichen Freund und Wohlthaͤter nur auf die entfernteſte Art nachtheilig denken koͤnne; aber ihr habt mich, mein Gemahl, uͤber den ſo ſchmaͤh⸗ lichen Hergang einer Sache, die den Tod verdient, noch immer nicht belehrt. Iuitt auch nicht fuͤr dich, ſagte auswei⸗ chend der Graf; dein weiches Gemuͤth kann ſolche heilloſe Hinterliſt nicht faſſen. — 187— Die Graͤfin hatte ihren Zweck ſchon erreicht, ſie wußte, daß der falſche Ulrich ganz allein dies boshafte Gewebe geſpon⸗ nen, und wußte nun ſchon, wie ſie wirkſam eingreifen wollte, ſie fuhr deßhalb in ihrer gewohnten Sanftmuth fort und ſagte: ich weiß es, mein Gemahl, daß Handeln nur dem Mann geziemt; allein ich weiß, ihr verzeiht es mir gern, wenn ich euch vor einer Uebereilung warne. Wir ſind alle Menſchen und fehlen alle mannigfaltig, ſeine Handlungsweiſe koͤnnte doch auf ei⸗ nem Jerthume beruhen und denkt euch, wenn ihr ſein Leben unſchuldig koͤnntet opfern, drum zieht ihn aus ſeinem Kerker herauf, noch in dieſer Nacht, noch in die⸗ ſer Stunde, hoͤrt ihn, vernehmt ſeine Recht⸗ fertigung, und kann er euch dieſe nicht geben, ſo— moͤgen die Strahlen der naͤch⸗ ſten Morgenſonne ſeinen Grabhüget d be⸗ ſcheinen. — 188— Margarethe! rief heftig erſchuͤttert der Graf, was ſagſt du, noch in dieſer Nacht? Nein, das geht nicht, darauf bin ich noch nicht vorhereitet, noch nicht mit mir ſelber einig. Schlagt mir die Bitte nicht ab, ſagte zaͤrtlich Margarethe, es dient zu eurer Be⸗ ruhigung, und erlaubt mir, daß ich ſeine Vertheidigung mit anhoͤren darf. Es iſt doch wunderbar, ſagte der Graf und ging immer unruhiger auf und ab, voon Außen und von Innen ſtuͤrmt es auf mich los. Nun wohlan! es ſey; man gebe dem alten Schurken den Auftrag, den Buben herauf zu fuͤhren; aber wehe ihm! wenn ich auch nur den Leingſen Makel an ihm finde! Freudig eilte die Grafin fort, den Befehl ihres Gemahls in Vollzug zu ſetzen, denn ſie konnte den Ausgang der Sache nun ſchon mit ziemlicher Gewißheit berechnen. Sein Todesurtheil zu empfaͤngen, trat der Junker Eginhard von der Winde nach einem Zeitraume von beinahe vier Mona⸗ ten wieder in die Wohnung lebender Men⸗ ſchen. Die behagliche Waͤrme in dem wohl⸗ geheizten Zimmer erheiterte ſeinen nieder⸗ geſchlagenen Geiſt, mehr aber noch der Anblick der ſanften Graͤfin von Schwicheld. Der Graf ſtand am Fenſter und ſchauete, wie es ſchien, auf die helllodernden Wach⸗ feuer ſeiner Feinde hinab. Es entſtand eine lange, fuͤrchterliche Pauſe, in der man den langſamen Schlag des Perpendikels — 190— der weit entfernt liegenden Thurmuhr hoͤ⸗ ren konnte. Eginhard ſtand am Eingange der Thuͤr und harrete mit aͤngſtlicher Be⸗ klommenheit der Worte, die an ihn gerich⸗ tet werden wuͤrden; da indeß alles ſtill wie in ſeinem Kerker blieb, ſo brach er endlich das tiefe Schweigen und ſagte mit ſanfter Stimme: Ihr habt mich aus mei⸗ nem finſtern Grabe herauf gezogen, Herr Graf, was wuͤnſcht, was begehrt ihr von mir?— Verlangt ihr etwa Zeugniß von einer fruͤhern Zeit, von einer Zeit, wo einſt Kaiſer Heinrich hier noch ſeine Voͤ⸗ gel fing und ihnen nach eigner Willkuͤhr wieder ihre Freiheit gab, oder was begehrt ihr ſonſt, ich hab da unten ſeltſame Be⸗ kanntſchaft gemacht. It Inn) Schweig! rief heftig der Graf, ſchweig, ich will von dieſem Popanz nichts hoͤren, vertheidige dich wegen der bei Derenburg an mir begangenen Unbil. — 191— Mich vertheidigen? fragte Eginhard und warf einen ſo ernſten Blick auf den Grafen, daß dieſer beſchaͤmt die Augen nieder ſchlug; vertheidigen ſoll ich mich? dann waͤre ich ja ſchuldig. Vertheidigung i*ſt fuͤr den Schuldigen eine Begnadigung, fuͤr den Unſchuldigen aber eine Schande; beides begehre ich nicht; wollt ihr aber, Herr Graf, gegen euren Schuͤtzling ge⸗ recht ſeyn, ſo gebt ihm die Freiheit, mein herzinniger Dank fuͤr fruͤhere Wohl⸗ thaten ſoll euch doch bis ans Ende eurer Tage begleiten, mehr begehre ich von eu⸗ rer Gerechtigkeit nicht. Haſt du mir, Eginhard, in dem Streite mit dem Grafen von Warberg bei Derenburg nach dem Leben getrachtet? und warum? Beantworte mir die beiden Fragen. 8 Ich weiß wahrlich nicht, antwortete Eginhard, indem er dem Grafen einen — 192— Schritt naͤher trat und ihm ohne Scheu ins Auge ſah, mit welchen Worten ich euch dieſe Fragen beantworten ſoll, noch weni⸗ ger aber kann ich glauben, daß es euch damit Ernſt iſt. In der langen Zeit, wo ich in meinen Betrachtungen durch nichts geſtoͤrt wurde, iſt es mir oft vorgekom⸗ men, als wolltet ihr mich nur pruͤfen, wolltet verſuchen, ob ich der Huld und Guͤte, nach der ich ringe, auch wuͤrdig waͤre; und wenn dem ſo iſt, wenn mein vaͤterlicher Freund, mein Wohlthaͤter dieſen Zweck im Auge gehabt, dann kann ich fuͤr dieſe Pruͤfungstage euch nur danken. Nein, nein! rief ſchon halb entwaffnet der Graf, das war nicht mein Zweck. Hoͤrt mich weiter, fuhr Eginhard ge⸗ laſſen fort, ich ſtehe in dieſer Stunde doch einmal am Scheidewege, der mich entwe⸗ der zum Tode, oder zu einem neuen, ſchoͤnern Leben fuͤhrt. Was ihr vielleicht — 193— laͤngſt geahnet, ich will es euch frei und offen geſtehen, ich liebe eure Tochter Em⸗ ma, und ich darf euch eben ſo offen ge⸗ ſtehen, daß ich von Emma wieder geliebt werde. Hal welche unerhoͤrte Frechheit! Ei⸗ nem— Gott behuͤte— meine Tochter! Sprecht es nicht aus, was ihr da eben dachtet, es wird eine Zeit kommen, und ſie kann nicht mehr fern ſeyn, wo ich euch anders als heute erſcheinen moͤchte, darum laßt mich ausreden. Wenn ich nun einſt euer Eidam zu werden gedenke, wie waͤre es da wohl moͤglich, dies erhabene Ziel durch Blut erringen zu wollen? Habt ihr unter allen chriſtlichen Voͤlkern der Erde ſchon ein Beiſpiel dieſer Art gefun⸗ den? oder hab ich fruͤher nur einmal zu ſolchem Verdacht Veranlaſſung gegeben? Geſteht mir offen was ihr daruͤber denkt! 1. 13 — 491=— Ha, das geht zu weit! Ueber meine Gedanken bin ich niemanden Rechenſchaft ſchuldig, aber ich werde— was iſt das? Welch ein Gelaͤrm in der Burg! Bin ich vielleicht uͤberall mit Verraͤthern umgeben? Er rannte nach der Thuͤr, in dem Augen⸗ blick, da er ſie oͤffnen wollte, trat der Sohloß⸗ voigk Klaus herein. Was giebts! rief der Graf, ſind wir uͤberfallen? Das nicht, edler Her, kantwortete Klaus, aber die ganze Beſatzung der Burg iſt auf den Beinen und nur mit Muͤhe haben ſich die auf den Mauern ausgeſtell⸗ ten Wachen auf ihren MMähen ferhanten laſſen. 1 Was wollen die Buben? Den tapfern Eginhard von der Winde ſehen und ihm Gluͤck zu ſeiner Befreiung wünſchen und euch dafuͤr danken. Wo iſt Junker Ulrich? — 195— Vor einer Stunde hat er ſich aufs Lager geſtreckt, um die muͤden Glieder zu ruhen. Volksſtimme iſt Grttcſtinnmt ſagte halblaut die Graͤfin, die bis jetzt als eine ſtumme Zeugin dageſeſſen hatte, zu ihrem Gemahl. Beſinnt euch, mein Gemahl, und thut, was ihr in ſolcher Noth und Gefahr euch und den euren zu thun ſchul⸗ dig ſeyd. Sie gab dem Burgvoigt einen „Wink und zog ſich dann in ihr Gemach zuruͤck; die ganze Beſatzung der Burg aber, nahe an hundert Mann, trat be⸗ waffnet, ohne daß es der Graf hindern konnte, in das ziemlich geraͤumige Ge⸗ mach. In moͤglichſter Stille ſenkten ſie die Spitzen ihrer Schwerter auf den Bo⸗ den und Einer aus der Mitte rief mit lauter, kraͤftiger Stimme:„Heil und Glück dem edlen Graf von Schwi⸗ cheld! Dieſen Ruf wiederholte der ganze 13* — 196— Troß mit einer Kraft, daß die Fenſter erzitterten. Dann erhob ſich aber eine noch weit kraͤftigere Stimme und rief: Esglebe der tapfere Junker Egin⸗ hard von der Windel Stellt uns ihn an die Spitze und wir gehen mit ihm fuͤr euch in Kampf und Tod! Dieſen Ruf wiederholte abermals der ganze Troß mit einer ſolchen Arij dabs die Veſte erbebte. „Der Graf, der Aehnliches noch nie Hu hatte, ſtand einige Augenblicke wie vernichtet da und wußte nicht was er ſagen ſollte, da erhob aber Eginhard ſeine Stimme und ſagte: ich danke euch, ihr lieben Kampfgefaͤhrten, fuͤr die mir er⸗ wieſene Ehre. Was zwiſchen mir und dem Herrn Grafen vorgefallen, beruhet auf einem Irrthume, woruͤber ihr bald das Weitere erſahren, ſollt. Jetzt aber geht en eure Mhäte und erwartet, was tiefen Gedanken regungslos an den Boden. Gginhard harrte nicht ohne einige Aengſt⸗ freundliche Miene erheuchelte, die ihn, wie hard, ich koͤnnte mich doch in dir und dei⸗ — 197— der Graf, euer Herr, uͤber euch und mich beſchließen wird. o ef ned . Seht ihr wohl, daß ich Recht hatte, daß der Junker unſchuldig iſt! rief wieder Einer aus der Menge hervor; er lebe! er ſey unſer Fuͤhrer! ſtiimmten wiederum alle ein und nur mit Muͤhe vermochte Egin⸗ hards ernſter Zuſpruch ſie zur Ruͤckkehr zu bewegen. d I e. Es war ſchon wieder eine ganze Weile ſtil und noch immer ſtand der Graf mit verſchraͤnkten Armen da und ſtarrte wie i lichkeit auf das, was nun kommen wuͤrde. Da brach endlich der Graf, indem er eine er glaubte, in den Augen ſeiner Gemahlin ehrenvoll aus dem Handel ziehen ſollte, in folgende Worte aus: Hoͤr einmal, Egin⸗ — 1— ner Handlungsweiſe geirret haben, es will mir beinahe ſo ſcheinen, und um mir voͤl⸗ lige Gewißheit von deiner Treue und Red⸗ lichkeit zu verſchaffen, will ich dir einen Auftxag extheilen, von deſſen Ausfuͤhrung mein kuͤnftiger Glaube abhaͤngen wird. Wie du gehoͤrt haſt, iſt die Burg mit einem faſt unzaͤhlbaren Heere von Feinden um⸗ lagert, die vermuthlich in den naͤchſten Ta⸗ gen einen Sturm unternehmen werden. Einmal, auch zweimal halten wir ihn ab, allein dabei werden ſich die Meinigen nicht vermehren und an Zuwachs iſt unter die⸗ ſen Umſtaͤnden nicht zu denken. Da iſt mir denn ein Gedanke eingefallen, vielleicht der Einzige, der uns in ſo bedraͤngter Lage retten kann. Mache dich auf, noch ehe der Morgen grauet mußt du die Veſte ſchon einige Stunden hinter dir haben, und eile nach Goͤttingen zum Herzog Otto. Ex ſchien bei ſſinem Hierſeyn dir beſonders — 199— gewogen zu ſeyn und wird dir deßhalb ei⸗ ne Audienz nicht verſagen. Stelle ihm meine Lage, ſo gut du kannſt, vor und bitte ihn in meinem Namen, mir ein Haͤuf⸗ lein tapferer Krieger zu ſchicken, damit ich doch meinen Feinden einen kraͤftigen Wider⸗ ſtand leiſten und ihnen die Sache ein wenig ſchwer machen kann. 5 Dßbgleich koͤrperliche Schwaͤche und Un⸗ gewohnheit der Luft mich etwas behindern werden, entgegnete Eginhard mit Wuͤrde, ſo werde ich doch jeden Auftrag meines vaͤterlichen Freundes und Gebieters mit der groͤßten Genauigkeit und Schnelligkeit aus⸗ zufuͤhren mich bemuͤhen. Binnen ſechs und dreißig Stunden, wenn anders ich nicht gewaltſam daran behindert werde, ſeht ihr mich wieder. 15 Gut, ſo nimm dir einen tuͤchtigen Knappen, auf deſſen Treue du dich ver⸗ laſſen kannſt. Fuͤhrt die Gaͤule hier an — 200— der Oſtſeite den Werg hinab und ruat dann euer Heil. 8 Ich eile, eure Befehle zu Kvölhiehen Gehabt euch unterdeß wohl, mein edler Herr! nach Ablauf der berferchähen Briſt ſeht ihr mich wieder. Als Eginhard zu Thuͤr hinaus war, rief aus vollem Halſe lachend der Graf: den bin ich los, den werd ich niemals wieder ſehen! Er waͤre auch ein Narr, wenn er, nachdem er ſo wohlfeilen Kaufs abge⸗ kommen, wieder kehren wollte.— Wirklich, das war ein geſcheuter Gedanke von mir, den hat mir ein guter Geiſt eingehaucht, denn haͤtte ich wirklich den Akt der Gerech⸗ tigkeit an ihm wollen vollziehen laſſen, wer weiß, ob das Volk da unten, das wohl weiß, daß ich ſeiner jetzt bedarf, mir nicht. einige Querelen gemacht haͤtte. So iſt es viel beſſer, ſo habe ich kein Blut vergoſ⸗ ſen und kann dem Weibervolke doch be⸗ 4 — —— — — 201— weſſt, daß das Milchbaͤrtchen mit ſeinem glatten Geſicht doch nichts weiter als ein binte eſge⸗ Schurke war. Waͤhrend der Graf noch uͤber Nenaas geſcheuten Einfall triumphirte und die gro⸗ ße, ſilberne Kanne bis auf den letzten Tropfen leerte und dann ſelig in ſeinem . bequemen Armſeſſel entſchlief, ſaß Junker . Sginhard in dem Familienzimmar der Graͤ⸗ fin, wo ſich auch die Fraͤulein Emma und Adelheid befanden, die bei dem ungewoͤhn⸗ lichen Getoͤſe mitten in der Nacht ihr L9⸗. ger wieder verlaſſen hatten. Manches wurde von der Graͤfin mit dem Junker uͤber den Zweck ſeiner Sen⸗ dung an den Herzog noch beſprochen und ihm mancher Wink gegeben, manche gute Lehre ertheilt; denn das hellſehende Auge kluger Frauen hat nicht ſelten ſchon Wun⸗ der bewirkt, die ſanfte, zaͤrtliche Emma ſchloß den Geliebten recht herzinniglich in — 202— ihre Arme und bat ihn, neben ſeiner Pflicht auch auf die Erhaltuug ſeiner Geſundheit bedacht zu ſeyn. Als aber der treue Knap⸗ pe Berthold ſeinem Herrn meldete, daß die Roſſe geſattelt ſtaͤnden und ſie jeden Au⸗ genblick ihre Geſandtſchaftsreiſ antreten koͤnnten, da zog die uͤppig bluͤhende Adel⸗ heid den Junker in dan tief gewoͤlbten Fen⸗ e:: wenn ihr nach Goͤt⸗ tingen an das Hoſlager des Herzogs Otto kommt, hoͤrt ihrs Junker, dann ſucht euch den Ritter Otto von Cberſtein auf, aber ich binde euch den Auftrag auf die Seele — ihr ſchoͤnes Angeſicht wurde dabei ſo ernſt, ſo feierlich und ihr Auge verrieth einen innern Grimm, daß der Junker des hoͤchſten daruͤber erſtaunt wurde— und ſagt ihm; er ſey kein redlicher Mann, er habe ſein Wort ſchlecht geloͤſt und ich verlangte unbe⸗ dingt von ihm, daß er euch mei⸗ — 203— nen Ring einhaͤndige, den ihr mir zuſtellen ſolltet; wollt ihr das, ſo gebt mir eure ritterliche Hand. Wahrlich, ein ſchwerer Auftrag, mein Fraͤulein, doch, hier habt ihr meine Hand, ich will thun was ich kann. Gott ſchuͤtze euch! Gute Nacht. Sie ging. Eginhard aber trat mit ſeinem Begleiter ſeine Reiſe an. 1 Mir zafefatſehars Pracht eefieg die i zungs Fruͤhlingsſonne dem fernen Ocean und vergoldete die Millionen Thautropfen der jungen Winterſaat und der einzelnen Grashalmen, welche der Erde ſchon ent⸗ ſproßt waren. Eben ſo fruͤh ſchon ſtand der Graf am Fenſter ſeiner blokirten Burg und ſchauete auf die Belagerer hinunter, 1 die ebenfalls ſchon auf den Beinen wa⸗ ren und ſich hin und wieder in den Waf⸗ fen uͤbten.— An Muth fehlte es dem Grafen wahrlich nicht, denn ſchon zu oft hatte er hiervon die entſchiedendſten Pro⸗ — 205— den abgelegt; allein, wenn er ſo die Hee⸗ resmacht, die ihm mit jeder Stunde ſich zu vermehren ſchien, uͤberblickte, ſo konnte er doch ein heimliches Zagen nicht unter⸗ drüͤcken. Indem er noch ſo da ſtand und in die Gegend hinblickte, wo die alte Reichsſtadt Goslar lag, die ihm aber die naͤchſten Waldungen verbargen, erblickte er auf dem Wege, der dahin fuͤhrte, ei⸗ nen langen Zug mit vielen beſpannten Wagen, welche mit Wurfmaſchinen bela⸗ den waren, welche von den Feſtungswer⸗ ken der alten Reichsſtadt waren; was im aber das Schrecklichſte dabei zu ſeyn ſchien, das war ein junger Ritter, der auf ei⸗ nem ſtattlichen Gaule dem Zuge voran ritt und in dem er den vor wenig Stun⸗ den entlaſſenen Junker Eginhard von der Vinde zu erkennen glaubte. Verrath von allen Seiten, murmelte er in den Bart, ſolcher Bosheit haͤtte ich den Buben doch wo wirklich nicht faͤhig gehalten. Der Menſch iſt ſich doch nie klug genug; haͤtt' ich nur dem Getraͤtſch der Weiber kein Ge⸗ hoͤr gegeben, ſondern den Buben in ſei⸗ nem Kerker ſo heimlich uͤber die Seite ſchaffen laſſen, ſo haͤtte ich jetzt ſſeme Rache nicht zu fuͤrchten. Obgleich dem Grafen ſein boͤſes G⸗ wiſſen da Geſpenſter ſehen ließ, wo keine waren; ſo trieb ihn doch die innere See⸗ lenangſt in das Gemach ſeiner Gemahlin, Emma und Adelheid traf. Heftig faßte ece hier, ohne ein Wort zu ſagen, die 1 Hand der ſanften Margarethe und füͤhrte ſie an's Fenſter, indem er fragte: kennſt du die Geſtalt, welche dem Waffenzuge da voran reitet?!— Die Graͤfin ſtrengte ihr Auge nach Moͤglich⸗ keit an nnd ſchauete und ſchauete, aber — 206— er auch die tiefbetruͤbten Toͤchter — 207— ſie erkannte den Juͤngling nicht und ant⸗ wortete mit einem kurzen: Nein. Nicht? fragte der Graf barſch, du willſt die Taͤuſchung ſo lange als moͤglich hinhalten, es wird dir aber dennoch nicht nuͤtzen, mein Auge taͤuſcht mich nicht; ſchau noch einmal hin und erkenne in ihm den verraͤtheriſchen Buben, den Eginhard, an der Spitze meiner Feinde. O nimmermehr! rief die Graͤfin, oh⸗ ne das Auge wieder dahin zu wenden. O nimmermehr! rief Emma, ohne ihren Platz zu verlaſſen; Eginhard iſt, wenn ihm kein Ungluͤck begegnete, ſchon hoch auf den Bergen nach Goͤttingen zu. Wenn euch, mein Gemahl, fuͤgte die Graͤſin noch hinzu, Alle! die ihr die Eu⸗ ren nennt, ſo treu ergeben waͤren wie dieſer Eginhard, dann koͤnntet ihr ſelbſt dieſer Feindesmacht gegenuͤber euer Haupt jeden Abend ſorglos zur Ruhe legen. Ohne ein Wort hierauf zu erwiedern, verließ der Graf das Gemach und begab ſich in den Burghof, um zu ſehen, ob alles in gehoͤriger Ordnung und jeder an ſeinem Platze ſey. Da der Burgberg von Feinden, außer Einigen, die das Terrain durch Verſtecke in Augenſchein nahmen, ziemlich frei war, ſo befahl der Graf, ſammtliche Steine, die ſich in der Naͤhe der Ringmauer befaͤnden, in das Innere der Burg zu ſchaffen, damit es an die⸗ ſem Material zur Vertheidigung nie fehle. Gegen den Mittag mußten ſie indeß hier⸗ mit aufhoͤren und die Burg feſt verſchließen, denn die Feinde brachten mit unſaͤglicher Muͤhe eine der Wurfmaſchinen, welche der Graf am Morgen ſchon in der Ferne geſehen hatte, den ſteilen Berg hinauf. Alles genau pruͤfend ſtellte ſich der Graf wieder ai ſein Fenſter. Hier hatte er bald Gelegenheit, den jungen Ritter - 209— in der Naͤhe zu ſehen, und zu ſeiner Beſchaͤmung mußte er ſich geſtehen, daß es nicht Eginhard, ſondern ein ihm voͤllig unbekannter Juͤngling war, der indeß viel kecken Muth und weiſe Einſicht bewieß. Da es mit einem Sturme von Sei⸗ ten der Feinde noch ziemlich weitlaͤufig ausſieht, da dieſelben noch viele Vorberei⸗ tungen treffen, ſo wollen wir einſtweilen den Junker Eginhard auf ſeiner Reiſe be⸗ gleiten und ſehen, wie es ihm in Goͤt⸗ tingen ergeht. Mit den letzt verſinkenden Strahlen der Abendſonne ſtand Eginhard mit ſei⸗ nem Knappen ſchon vor dem Thore des herzoglichen Reſidenzſchloſes Balruz. (Dieſes Schloß wurde wenige Jahre ſpaͤ⸗ ter von den Buͤrgern der Stadt gaͤnzlich zerſtoͤrt und der Herzog nach einem un⸗ gluͤcklichen Treffen genoͤthigt, nie wieder ein Schloß, ſo wenig hier als eine Stun⸗ T. 14 de von der Stadt entfernt, aufbauen zu duͤrfen.) und begehrte Einlaß, der ihm auch ungehindert wurde. Der Herzog war nicht daheim„Streitigkeiten mit dem Landgrafen von Heſſen noͤthigten ihn das Schloß Sichelſtein bei Muͤnden in einem Vertheidigungsſtand ſetzen zu laſſen, indem dieſe eine Burg, Namens Senſenſtein, zwi⸗ ſchen Kaſſel und dem Kauffunger Walde hatten bauen laſſen; allein die Ritter Breido von Ranzov, Otto von Eberſtein, und Franz von Hardenberg empfingen den Junker, mit dem ſie ſchon auf der Lie⸗ benburg eine Nacht froͤhlich verlebt hatten, recht freundſchaftlich. Anfaͤnglich war das Geſpraͤch allgemein, Eginhard mußte den drei Rittern vieles von der Harzburg und der Familie von Schwicheld erzaͤhlen, ganz beſonders aber erkundigten ſich Eberſtein F 1 2 und Hardenberg nach dem ſchoͤnen Fraͤu⸗ leins Emma und Adelheid von Schwi⸗ 21— cheld. Eginhard theilte ihnen mit, was er auch jeden andern ſteinfremden Men⸗ ſchen wuͤrde geſagt haben; da dies aber den Rittern nicht genuͤgte, ſo ſuchte jeder der beiden genannten den Junker ein Stuͤndchen fuͤr ſich allein zu gewinnen. Als ſich Herr Otto von Eberſtein mit Eginhard einen Augenblick allein be⸗ fand, zog er ihn raſch bei Seite und fragte mit einer Haſt, mit einer Begier⸗ de, die den Junker leicht errathen ließ, daß das alte Verhaͤltniß wohl nicht mehr unter den beiden Liebenden obwalten muͤſſe, ob er von Adelheid keinen beſondern Auf⸗ trag an ihn habe? und das ſchien ihm fuͤr ſeinen jetzigen Zweck eben gar nicht gelegen, indem der Ritter von Eberſtein viel bei dem Herzoge galt, er antwortete deßhalb in einem Tone, der eigentlich ſe Wichtiges, wie er zu ſagen hatte, nicht* vermuthen ließ. Allerdings, Herr Ritter, 14* — 212— hab ich an euch einen hoͤchſt wichtigen Auftrag, allein wie ich mir die Sache uͤberlegt habe, ſo wird meine Beſtellung wohl mehr ein Scherz als eine ernſthafte Sache ſeyn. Ich bitt euch, Junker, ſagte Eber ſtein, die Sache koͤnnte doch wichtiger ſeyn als ihr glaubt, drum beeilt euch, ehe 3 wir aufs Neue geſtoͤrt werden. Ihr ſetzt mich, Herr Ritter, ſo wie auch das Fraͤulein wahrlich in eine nicht geringe Verlegenheit, denn Adelheid wur⸗ de bei dem Auftrage ſo ernſt, ſo feierlich, wie ich ſie noch nie. geſehen, uͤberdem brach ſie vor laͤngerer Zeit ein Geſpraͤch, das euch betraf, mit ſichtbarem Unwillen ab. Vielleicht ein Mißverſtaͤndniß, mein guter Eginhard, entgegnete mit ſteigender Aengſtlichkeit der Ritter, drum zoͤgert nicht aͤnger, laßt mich alles wiſſen„was Adela heid euch aufgetragen. — 213— Nun denn, wenn ihrs wollt, theil ich euch ihre eignen Worte mit.„Sagt dem Ritter,“ ſo ſprach ſie:„er ſey kein redlicher Mann, ich verlangte unbedingt von ihm, daß er euch meinen Ring einhaͤndige, den ihr mir dann zuſtellen wollt.“— Daß ich den Auftrag ausrichten wollte, darauf hab ich ihr meine Hand geben muͤſſen. Des Ritters Stirn hatte ſich bei die⸗ ſen Worten mit duͤſterm Gewoͤlk umzogen; doch war es nicht Unmuth uͤber den belei⸗ digten Stolz, man haͤtte es beſſer Verzagt⸗ heit und Kleinmuth nennen koͤnnen, denn je laͤnger er ſtumm da ſtand, je mehr ver⸗ aͤnderten ſich ſeine Zuͤge, und es kam dem Junker vor, als habe der Ritter ſich mit einer unedlen That, die das Licht der Welt ſcheuen muͤſſe, befaßt. Endlich brach der Ritter das raͤthſelhafte Schweigen und fragte wie aus einem Traume erwachend: lebt der Schloßvogt Klaus noch? — 214— Verwundert ſah Eginhard den Ritter an, wie dieſer nach Anhoͤrung eines ſo wich⸗ tigen Auftrags nach einer ſo unbedeutenden Perſon fragen konnte, doch lenkte er nicht ab ſondern antwortete: noch in der letzten Mitternachtsſtunde ſah ich ihn an der Spi⸗ tze der Reiſigen auf dem Zimmer des Grafen. d Gut, entgegnete hierauf der Ritter, ich werde dem Herzoge die Noth, in wel⸗ cher ſich der Herr Graf befindet, von der dringendſten Seite vorſtellen und wenn es moͤglich iſt, ſo ziehen wir zuſammen nach der Harzburg. Doch ehe wir ſcheiden, ſo gebt mir das heilige Verſprechen, nie⸗ manden, wer es auch ſey, von dem Auf⸗ trage des Fraͤuleins an mich ein Wort zu ſagen. Gebt mir Wort und Hand darauf. Ich verſichere euch meinerſeits die aufrich⸗ tigſte Freundſchaf:, die ich euch gelegentlich durch die That beweiſen werde. — 215— So viel Eginhard uͤber den ſonderba⸗ ren Vorgang auch nachdachte, ſo war es ihm doch nicht moͤglich, hier einen Lichtpunkt zu finden. Bei einem gefuͤllten Becher und et⸗ was zum Inbiß hatte der Junker wohl eine Viertelſtunde allein verweilt, als ein lebhaftes Geraͤuſch ihm die Ankunft des Herzogs vermuthen ließ. Bald darauf kam der ſtolze Franz von Hardenberg und beſtaͤtigte was Eginhard vermuthet hatte. Wir hatten den Herzog erſt morgen er⸗ wartet, ſagte er, allein es muß ihm alles ganz nach Wunſch gegangen ſeyn, denn er iſt ungewoͤhnlich heiter und ich hoffe daher, daß euer Anliegen gut änfgenom men werden wird. Dann hab ich meinem Herrn Gluͤck zu wuͤnſchen, erwiederte Eginhard, denn wie es ſcheint, ſtehen unſere Sachen ſchlecht. — 216— 1 Ich moͤchte das Gegentheil behaupten, erwiederte Franz, denn ich kenne das Raubneſt, es iſt von unuͤberwindlicher Staͤrke. Freilich, fuͤgte er hinzu, koͤnnten die Feinde Wurfmaſchinen und Mauer⸗ brecher anbringen, dann waͤre der Angriff mit mehr Gefahr verbunden, allein da hierzu keine Ausſicht vorhanden iſt, ſo moͤgen ſich ihrer tauſend Mann immer⸗ hin die Koͤpfe an den Mauern zerbrechen, ſie werden es doch zu weiter nihts heingen. Meint ihr? ng Ich bin feſt uͤberzeugt, daß Hunden Mann die ganze Veſte vertheidigen koͤn⸗ nen. Wenn ich nicht irre, fuhr er nach einer Weile fort, ſo ſeyd ihr ein Schooß⸗ kind des Gluͤcks, werdet von dem ſchoͤn⸗ nen Fraͤulein Emma von Schwicheld geliebt? Und wenn dem ſo wäͤre, wüͤrdet ihr mich des Gluͤckes unwuͤrdig achten? — 217— Wo, denkt ihr hin! ich denke nur, daß ihr viel Neider haben werdet. Das vermag ich nicht zu verhindern, doch bin ich uͤberzeugt, daß ich euch nicht unter die Zahl der Neider zu zaͤhlen habe. Wenn eure Wahl auf die Juͤngere gefallen waͤre, ſo koͤnnte man es nicht wiſſen; doch ſo— Die ſchoͤne Adelheid hat alſo das Gluͤck, von euch bemerkt zu werden? und habt ihr derſelben eure Wuͤnſche ſchon zu Fuͤßen gelegt? Wie ſollt ich das, ich ſah ja die ſchoͤne Blume, die, wie ich glaube, im Verborgenen bluͤhet, erſt ein einziges Mal . und hatte ſeit jenem Martinsabend keine Gelegenheit ſie wieder zu ſehen. Ihr glaubt alſo, fragte Eginhard et⸗ was ironiſch, daß die Blumen, die im Verborgenen bluͤhen, auch ungeſehen ver⸗ luͤhen? — 218— .* Das nicht, wenigſtens duͤrfte es bei dem Fraͤulein von Schwicheld der Fall wohl nicht ſeyn; doch da ihr, wie ich ver⸗ muthe, ſeit Jahren zur Familie gehoͤrt, ſo koͤnnt ihr mir unſtreitig ſagen, ob Fraͤulein Adelheid ſchon uͤber Herz und Hand entſchieden hat? Oeffentlich nicht, ſo viel kann ich euch mit Gewißheit verſichern. So, aber ihr Herz, hat es vielleicht im Stillen gewaͤhlt? Herr Ritter! ſagte Eginhard und maaß den ſtolzen Franz mit ernſten Blicken,— wofuͤr muͤßtet ihr mich halten, wenn ich die Herzensgeheimniſſe einer Dame aus⸗ plaudern wollte, die ich doch etwa nur erhorcht haben koͤnnte. Ihr habt recht, antwortete mit kaltem Sctoolz der Ritter, drehete ſich dann raſch um und verließ den Junker. Er war je⸗ doch nur einen Augenblick allein, denn — 219— raſch that ſich eine andere Thuͤr auf und Otto von Eberſtein ſprang herein. Her⸗ zensfreund! rief er, ich habe, ohne es zu wollen, euer Geſpraͤch belauſcht und danke fuͤr das kluge Benehmen. Nicht Urſach, entgegnete Eginhard, denn ich habe in dieſem Fall ſo wenig in eurem als in des Ritters von Hardenberg Sinn gehandelt, ſondern in meinem eignen. Betroffen trat Eberſtein zuruͤck, denn er war in der Abſicht gekommen, den Junker fuͤr ſich zu gewinnen, ihn in ſein Intereſſe zu ziehen und in ſein Geheimniß einzuweihen; da er aber gegen ſeine Er⸗ wartung in dem Junker einen ſo chara⸗ terrfeſten Mann fand, ſchwieg er daruͤber und ſagte nur: morgen fruͤh werde ich euch dem Herzoge vorſtellen. Gute Nacht! Sorglos verſchlief Eginhard die Nacht in der herzoglichen Burg und erwachte erſt, — 220— als der Ritter ſchon ankam ihn zum Her⸗ 3oge zu fuͤhren. 3 Der Herzog iſt dieſen Morgen in der beſten Laune, um alles von ihm erwarten zu duͤrfen, drum folgt mir raſch, ſagte Herr Otto von Eberſtein, und tragt ihm eure Sache vor. Kaum in das fuͤrſtliche Gemach ein⸗ getreten, rief der Herzog dem Junker ſchon zu: hats gut gemacht, der Schwicheld, daß er euch zu ſeinem Beſteller erwaͤhlt hat. Weiß ſchon alles, dacht's mir aber gleich, daß der alte Raufbold des Friedens nicht lange genießen wuͤrde. Jetzt, da er nun in der Falle ſitzt und nicht ruͤck⸗ und nicht vorwaͤrts kann, da ſucht er Huͤlfe; die kann und darf ich aber nicht geben, ddeenn das wuͤrden mir meine Vettern von Braunſchweig ſehr uͤbel nehmen. Da wuͤrden der gnaͤdigſte Herr Her⸗ zog das großmuͤthige Geſchenk aber nur — — 2t— halb gegeben haben, entgegnete beſcheiden der Junker, denn leicht moͤchte es durch dieſen unvorſichtigen Streich meines Herrn wieder in eure Haͤnde fallen. Ei nun, ſo gar leicht iſt die Harz⸗ burg nicht zu nehmen, wenn ihrs mit den Euren nur einigermaßen ehrlich meint, ſo koͤnnen die Feinde nichts ausrichten, das kenne ich beſſer. Das Wort meines gnaͤdigen Herrn in Ehren, allein der Graf von Schwicheld iſt nicht der Mann, der ohne Noth Furcht hat, drum moͤcht ich in ſeinem Namen, die dringende Bitten doch zu beherzigen, meinen gnaͤdigſten Herrn zu bitten mir erlauben. Wenn ich mich nun— üͤber e gemiff Pflichten hinwegſetzen wollte, habt ihr denn aber auch erwogen, daß eine ſtaͤrkere Be⸗ ſatzung auch mehr Lebensmittel koſtet? 4 Wenn ihr nun ſo die Blokirung bis ge⸗ gen den Herbſt abhalten muͤßtet, wie dann? Freilich, entgegnete der Junker, bis dahin moͤchte auch der groͤßte Vorrath zu Ende gehen; allein ſo lange wird es nicht dauern, und um dem Feinde keine Veran⸗ aſſung zu irgend einer Pflichtverletzung zu geben, ſo duͤrfte mein gnaͤdigſter Herr ja nur erlauben, den Knechten bis zur „Entſetzung der Burg die eigne Farbe an⸗ zulegen. Seht doch, Junkerchen! rief der Her⸗ zog lachend, ihr ſeyd nicht allein beſcheiden und artig, ihr verſteht euch auch darauf, mir den Zahn ohne Schmerz ausziehen zu wollen, allein das iſt einerlei, dadurch wird die Sache um kein Haar anders; doch damit ihr ſeht, daß ich dem Beſteller gewogen bin, ſo geb ich dreißig bewaffnete Knechte, die ich ganz beſonders eurer Fuͤr⸗ 1 — — 22 2 ſorge und eurem Commando anvertraue. Verſteht ihr? Ich werde mich dieſer beſondern Aus⸗ zeichnung wuͤrdig zu machen ſuchen, ent⸗ gegnete mit einer tiefen Verbeugung der Junker. In einer Stunde ſollen die Reiſigen fertig ſeyn, ſagte der Herzog, drahete ſich dann um und ging in ein Seitengemach. — Draußen empfing der Ritter von Eber⸗ ſtein den Junker ſchon wieder mit der Fra⸗ ge: wie ſtehts, hat der Herzog in euer Begehr gewilligt? Mit dreißig Mann werde ich den Gra⸗ fen erfreuen, antwortete Eginhard. Und ihr Anfüͤhrer! Dazu bin ich gnaͤdigſt ernännt. Ihr? fragte der Ritter und ſein Ge ſicht wurde um eine Spanne laͤnger,— das hatte ich mir doch gleich gedacht, der verwuͤnſchte Landgraf von Heſſen! ich woll⸗ — 224— te, er ſchwitzte im Hoͤllenpfuhle. Er ging eine Weile im Vorſaale auf und ab, dann ergriff er Eginhards Hand und ſagte: Bringt dem Fraͤulein meinen waͤrmſten Gruß und ſagt ihr: ich wuͤrde die erſte Gelegenheit ergreifen, mich uͤber den be⸗ wußten Ring in Gihnet Perion zu legiti⸗ miren.— Ich werde eure Beſtellung beſtens ausrichten; gehabt euch wohl. Mit dreißig rieſengroßen Kerlen, die alle an das Geſchlecht der Giganten erin⸗ nerten und die, wo nicht den Himmel, doch einen Theil der Erde zu erſtuͤrmen droheten, trat der Junker ſeinen Ruͤckweg an. Es war wieder ein recht heiterer Fruͤh⸗ lingstag. Der alte Brocken, der fruͤh am Morgen in dicken Nebel gehuͤllt war, wurde hell und klar, ſo daß man in weiter Ferne einige große Felsbloͤcke darauf ſehen konnte. In den dicken Harzwaͤldern, beſonders in den Thaͤlern, lag noch hoher Schnee, und das Rauſchen der Waldſtroͤme gab zu dem Gezwitſcher der Voͤgel, die ſich des heitern Fruͤhlings erfreuten, einen wunderbaren Contraſt. Muthig trabte die kleine Rieſenſchaar neben dem Gaule des Junkers und ſeines Knappen her, niemand ſprach ein Wort. Nach einem ſtarken Marſche von minde⸗ ſteſtens ſieben Stunden hatten ſie Nord⸗ heim erreicht, wo der Junker vor einer, vor dem Staͤdtchen liegenden Herberge Halt! gebot.— Unter den dreißig Reiſi⸗ gen hatte ſich auf dem Wege daher beſon⸗ deerr einer, der gewiſſermaßen einen Be⸗ fehlshaber uͤber die Uebrigen machte, durch Ordnungsliebe und einen beſondern Stolz ausgezeichnet. Auch hier ließ er, indem er einen fragenden Blick auf den Junker warf, ſein Commandowort erſchallen, wand⸗ te ſich dann aber wichtig thuend an den I. 15 Junker und ſagte: wenn ihr etwas wollt, oder es ſoll etwas anders ſeyn, ſo duͤrft ihr euch nur an mich wenden, ich habe das Gluͤck, bei unſerm gnaͤdigſten Herzoge in großen Gnaden zu ſtehen. Zu mir hat der Herzog auch geſagt: Wolf, hat er ge⸗ ſagt, du ſtehſt einzig und allein nur unter dem Befehl des Junker Eginhard von der Winde, ſelbſt der Graf von Schwicheld hat dir nichts zu ſagen, wenn der Junker nicht damit einverſtanden iſt. Merke dir das, Wolf. So hat der gnaͤdigſte Herr Herzog geſprochen, ehe wir ſein Schloß verließen. Gut, ſagte der Junker in einem ehen ſo ſtolzen Tone, wenn du des Herzogs Gunſtling biſt, ſo wirſt du auch wiſſen, daß ich vom Herzoge meine beſondere J In⸗ ſtruction und das Gluͤck habe, von ihm ausgezeichnet zu werden. Herr! rief Wolf, wo ich nur mit ei⸗ — 227— nem Auge hinſehe, da ſehe ich mehr als wenn ein anderer zweimal mit zwei Augen hinſieht. An euch, das hat ich gleich weg, muß der Herzog ganz etwas beſonders ge⸗ freſſen haben, denn unter uns geſagt, wenns in die Fehde geht, dann muß ich an ſeiner Seite ſeyn, und daß er mich von ſich laͤßt, muß viel zu bedeuten haben. Du biſt ein brauchbarer Mann, Wolf, haſt Kopf und Herz an der rechten Stelle; ich werde beides zu benutzen wiſſen. Behaglich ſich den Knebelbart ſtrei⸗ chend ging Wolf zu ſeinen Kameraden, der Junker aber in die Stube der Herberge, um ſich an einem guten Imbiß guͤtlich zu thun und uͤber den Inhalt der Worte des Herzogs, die er an ihn ſelbſt und ſpaͤter an den Reitersknecht hinſichtlich ſeiner ge⸗ richtet hatte, nachzudenkeu. Es war ihm auffallend, daß der Herzog ihm dieſe Leute ganz zu ſeiner Dispoſition gegeben hatte, 15* er konnte den Grund hierzu nicht auffin⸗ den. Haͤtte der Herzog gewußt, daß er ohne alle Schuld vier Monate lang von dem Graf zu ſchmaͤhliger Haft waͤre ver⸗ dammt geweſen, ſo haͤtte er den Grund hierin finden koͤnnen; allein er hatte ja niemanden hieruͤber ein ſterbend Woͤrtchen geſagt, und noch weniger konnte der Her⸗ zog wiſſen, daß ihm Emma das herrlichſte Weſen auf dem ganzen, weiten Erden⸗ runde, auch das Theuerſte, das Heiligſte darauf war. Nach zwei Stunden, als Menſchen und Pferde durch Speiſe und Trank er⸗ quickt waren, ging der Marſch, auf Grund zu, wieder weiter. Die Witterung hatte ſich indeß waͤhrend des Aufenthalts ſehr ge⸗ aͤndert, die Sonne war hinter grauſchwar⸗ zen Nebelwolken verborgen und ein naß⸗ kalter Weſtwind ſauſte in den noch ent⸗ laubten Baͤumen der Waͤlder. Kaum zwei — 229— Stunden von Nordheim entfernt, loͤſte ſich der Nebel in einen ſanften Regen auf, der indeß die damals ſchlechten Wege noch um vieles verſchlechterte. Junker Eginhard war auf ſeinem treuen Rappen immer ei⸗ nige hundert Schritte voraus, ſein Knappe aber unterhielt ſich mit dem an der Spitze marſchierenden Wolf. In einem ziemlich engen Thale, in welchem ein ſtark ange⸗ ſchwollener Waldbach mit lautem Geplaͤt⸗ ſcher voruͤber rauſchte, war Eginhard bei⸗ nahe eine Viertelſtunde Wegs ſeinen Leu⸗ ten voraus. In einem Gewirr von Ge⸗ danken und Betrachtungen uͤber das ſon⸗ derbare Benehmen des Grafen von Schwi⸗ cheld, ſo wie des Herzogs Otto, achtete er wenig auf das, was um ihn her vorging.. Die ſchon ingelretene Daͤmmerung erlaubte ihm keine weite Ausſicht, mehr noch hin⸗ derte das Rauſchen des Waldſtroms und das Geheul des Windes in den duͤrren 3 5 — 230— Baͤumen das Gehoͤr.— Der redliche Egin⸗ hard, der mit ſeinem Gewiſſen ſtets im Klaren war, der ſich aus ſeinem ganzen Leben keiner That bewußt war, welcher er ſich haͤtte ſchaͤmen muͤſſen, der ſtets auf ſeines Feindes Haupt feurige Kohlen ge⸗ ſammelt, ritt ſorglos ſeines Wegs dahin, denn Gott und ſein gutes Schwert, das er zu fuͤhren verſtand, waren ja bei ihm. Ploͤtzlich— der Weg fuͤhrte eben an einer hohen Felsklippe vorbei— ſprangen ſechs bis acht Kerle mit blanken Schwertern hin⸗ ter der Klippe hervor und fielen dem Roſſe in die Zuͤgel.„Seyd ihr der Junker Egin⸗ hard von der Winde? rief hn ahe aus dem Haufen zu. Der bin ich, antwortete der Ge⸗ fragte, doch wer ſeyd ihr und wer hat zu hindern? euch ermaͤchtigt, mich auf meinem Wege — Das Fragen iſt an uns und nicht an euch. Wollt ihr uns ſogleich folgen? ſonſt brauchen wir Gewalt. Der Gewalt kann ich freilich nicht entgehen, entgegnete gelaſſen der Junker, doch moͤcht ich gern wiſſen, wohin ihr mich fuͤhren wollt? Das kann euch gleich ſein, antwortete ein Anderer, im Kloſter der grauen Bruͤ⸗ der bei Goslar, da werdet ihr das Weitere. ſchon erfahren. 9 Im Kloſter? Ei, ei, das nimmt mich Wunder, denn ich muß euch ſagen, daß ich zu einem Betbruder laͤngſt verdor⸗ ben bin. Macht nur nicht ſo viel Umſtaͤnde, denn das Wetter iſt gar nicht von der Art, daß man Luſt haͤtte, hier noch lange zu verweilen; alſo raſch, folgt uns, oder— Eginhard hatte ſchon einige Male ei⸗ nen Blick ruͤckwaͤrts gethan, allein die — 232— Seinen ſchienen noch weit entfernt zu ſeyn, er hielt es alſo fuͤr gerathen, ihnen ent⸗ gegen zu ſeilen.— Da werde ich mich alſo bequemen muͤſſen den Ruͤckweg anzu⸗ treten? fragte er. Wo denkt ihr hin! unſer Weg geht ſeitwaͤrts durch den Wald, die Straße wird ſich dann finden. Ich denke es auch, ſagte Eginhard, aber in dem Augenblick gab er ſeinem Gaule die Sporen, ſo daß der, der ihn am Zaume hielt, ruͤcklings zu Boden ſtuͤrzte und das Pferd uͤber ihn wegſprang. Haltet ihn! Haltet den Feigling! riefen die Kerle unter einander und ſetzten dem Junker nach; aber kaum zweihundert Schritte mochte er zuruͤckgelegt haben, als er ſeinen Knappen und neben dieſen den großen Wolf erblickte. Die ausgeſchickten Kloſterknechte mochten von der ſtarken Ge⸗ ſellſchaft, in der ſich Eginhard befand, keine 8 — 233— Kunde haben, denn ſie verfolgten ihn ſo lange, bis ſie ſich mit einem Male von den zweiunddreißig Mann umringt ſahen. Jetzt waͤren ſie gern umgekehrt, allein es war zu ſpaͤt. Wer unter euch ſchalt mich einen Feigling? fragte jetzt Eginhard, ich ver⸗ lange ſtrenge Wahrheit, denn nur der ver⸗ dient von euch eine Zuͤchtigung, ihr Uebri⸗ gen ſeyd davon frei. Es dauerte lange ehe eine Antwort erfolgte, als indeß Egin⸗ hard das Schwert zog und dem ihm zu⸗ naͤchſt ſtehenden den Kopf zu ſpalten drohete, zeigten alle Uebrigen auf Einen. Bindet ihm die Haͤnde auf den Ruͤcken fuͤr die⸗ ſen Frevel, ſagte Eginhard, denn uͤber ſeine Strafe muß ich erſt nachdenken. Wie konntet ihr Buben glauben, daß ich mich, wenn ich keinen Hinterhalt gewußt haͤtte, ohne das Schwert zu ziehen in eure Haͤnde geliefert, erkennt alſo darin — 234— meine Großmuth, daß ich euer Blut ge⸗ ſchont habe. Jetzt bekennt, wer hat euch gegen mich ausgeſandt? Wir duͤrfens nicht ſagen, ſprachen alle wie aus einem Munde. 9 Gut, ſo behaltets fuͤr euch, dülr ich ſage euch, auf dieſer Stelle iſt euer aller Grab, ich laſſe euch allen das Haupt ab⸗ ſchlagen und hier verſcharren; denn mit Steaßenraͤubern macht man kurzen Prozeß⸗ Da brachen die Kerle in ein fuͤrchter⸗ liches Wehklagen aus, welches noch da⸗ durch vermehrt wurde, daß der große Wolf ſagte: gebt Befehl, Herr, und in wenig Augenblicken liegt die Brut todt zu euren Fuͤßen. S Goͤnnt ihnen noch ein wenig Zeit, ſie haben ihrem Herrn ihr Wort gegehen, doch Noth kennt kein Gebot, das werden ſie auch einſehen. Da trat ein Kerl, ein wahres Mei⸗ ſterſtuͤck von Haͤßlichkeit, mit einer kurzen, eingedruͤckten Naſe, grauen, waͤſſrigten Augen und krummen, nach auswaͤrts ſte⸗ henden Beinen, vor dem Junker und ſagte mit heiſerer Stimme: edler Junker, habt Mitleid mit uns, wir dienen dem hoch⸗ wuͤrdigen Herrn Prior ums liebe taͤgliche Brot und muͤſſen alſo thun, wie er be⸗ fiehlt; aber auch der Herr Prior iſt nicht. allein Schuld, ſondern der Ritter von Steinberg, an den wendet euch, der wird euch unſern Gang hierher aufklaͤren koͤnnen. Ich verlange ſo wenig von eurem Prior als von dem Ritter von Steinberg Aufſchluͤſſe, wohl aber von euch, und wenn ihr dieſe nicht ſogleich gebt, ſo iſt euer Loos unwiderruflich beſtimmt. Der erwaͤhnte Sprecher warf einen fragenden Blick auf ſeine Kameraden und als dieſe ſchwiegen, fuhr er fort: es iſt —————- — 236— wahr: Noth kennt kein Gebot, drum ſo hoͤrt: Mein hochwuͤrdiger Herr ſprach zu mir: Simon, ſagte er, nimm dir ſieben tuͤchtige Knechte und ziehe auf die Straße, die nach Goͤttingen fuͤhrt, nimm auch auf drei Tage Lebensmittel mit und erwarte auf dieſer Straße den Junker Eginhard von der Winde. Triffſt du ihn, ſo ſuche dich ſeiner, doch ohne ihn, wenn's moͤg⸗ lich iſt, am Leben zu ſchaden, zu be⸗ maͤchtigen. Haſt du ihn in deiner Ge⸗ walt, ſo fuͤhre ihn, jedoch zur Nachtzeit, durch das nur dir bewußte Pfoͤrtchen ins Kloſter und wirf ihn in den alten Thurm, das Weitere wird ſich dann finden. Ein Geſchenk fuͤr dieſen wichtigen Dienſt haſt du von dem Graf von Schwicheld und von dem Ritter von Steinberg zu er⸗ warten. 3 Mehrere Minuten ſtand Eginhard unbeweglich und wußte nicht, was er zu —-—— dieſem unerhoͤrten Verrath eines Mannes, fuͤr deſſen Leben und Eigenthum er von der erſten Stunde, da er ihn hatte ken⸗ nen gelernt, ſo oft ſein eignes Leben ge⸗ wagt hatte, denken ſollte. O! rief er und wandte ſich von den herzloſen Zu⸗ ſchauern weg, um die Thraͤne 88s un⸗ muths, die ihm unwillkuͤhrlich ins Auge geſchoſſen war, ihnen zu verbergen, o, Emma, waͤrſt du doch lieber die Tochter des aͤrmſten Leibeignen, ich wuͤrde dich eben ſo heiß, eben ſo innig lieben und keinem Menſchen wuͤrde es dann einfallen, mich um deinen Beſitz zu beneiden, oder mein Leben und meine Freiheit zu ge⸗ faͤhrden! In dieſem Augenblick wuͤrde ich umkehren, dem Herzoge ſeine Mannen wieder zuruͤckfuͤhren und mich um einen Dienſt an ſeinem Hoflager bewerben; aber mir bleibt keine Wahl, ich muß harren und dulden! Tief betruͤbt wandte er ſich — 238— dann zu ſeinem Knappen und ſagte laut: binde dem Buben da die Haͤnde wieder los, nehmt ſie aber alle zwiſchen euch, damit Keiner entwiſche. In Grund, wo wir wieder einige Stunden ruhen, ſollt ihr meine weitern Befehle vernehmen. Das unwillige Murren der gedunge⸗ nen Raͤuber wurde durch Rippenſtoͤße der herzoglichen Kriegsknechte, indem ſie den ſſtillen Schmerz des jungen Ritters ehrten, unterdruͤckt und der Zug ging ruhig fort. Ohne ein Wort zu reden folgte Egin⸗ hard. Eine undurchdringliche Finſterniß lagerte ſich auf die Erde, dennoch erreichten ſie Grund; allein Eginhard war mit ſich noch nicht einig, ob er den Kloſterknechten die Freiheit geben, oder ſie als Gefangene mit ſich nach der Harzburg fuͤhren ſollte. Sollen wir die Hunde an den Baͤu⸗ men hier herum aufhaͤngen? fragte der große Wolf als ſie die Herberge erreicht — 239— hatten, denn ſolch Geſindel verdient nichts beſſeres. Eginhard beantwortete dieſe Frage mit Stillſchweigen, indem er in die Her⸗ berge trat und dem Wirthe einige Befehle ertheilte. 8 Waͤhrend wir dem Junker mit ſeinen Leuten hier einige Stunden Ruhe vergoͤn⸗ nen, wenden wir uns nach der Harzburg und ſehen, wie ſich die Begebenheiten dort Seſaa haben. 1 Auf ein nicht unbedeutendes Vermoͤgen und mehr noch auf eine anſehnliche Familie trotzend hatte der Junker Ulrich von Thiele dem armen Eginhard ſchon ſeit Jahren ſein Uebergewicht, ja nicht ſelten auch ſeine Geringſchaͤtzung fuͤhlen laſſen. Eginhard, den von einer Seite die Liebe und von der andern die Dankbarkeit an das Haus des Grafen von Schwicheld feſſelte, hatte ſchweigend geduldet. Aus guten Gruͤnden hatte der edelmuͤthige Juͤngling manchen feinen Spott mit Geduld ertragen, denn ihn entſchaͤdigte dafuͤr die Achtung der —— — 244— Graͤfin, die Liebe ſeiner theuren Emma und das Vertrauen der ſchoͤnen Adelheid. Auf dieſe Vorzuͤge bauend hatte er auch auf Geheiß des Grafen in der Stunde der Noth die Burg verlaſſen, um bald mit vervielfachten Streitkraͤften zuruͤck zu kehre Ganz anders, oder vielmehr im Sinne d Grafen hatte Ulrich die Entfernung des Junkers Eginhard benutzt. Mit hinterli⸗ ſtiger Freundlichkeit hatte er gleich nach deſſen Abreiſe die ganze Beſatzung der Burg um ſich verſammelt, den einfaͤltigen Knechten, welche wiederholt die Gegenwart des Junkers gefordert, deſſen Entfernung in dem allergehaͤſſigſten Lichte dargeſtellt und auf ſeine eignen Leiſtungen ganz allein nun die Sonne in ihrem ganzen Glanze ſcheinen laſſen.„Hab ds euch nicht laͤngſt ſchon geſeges ſpg er, daß dieſer Kraute. junker, der vermuthlich in der Walpurgis⸗ nalht vom Himmel geregnet iſt, es mit 16 uns nicht ehrlich meinte? Ein Gluͤck für den Grafen, daß er noch zur rechten Zeit aus ſeinem langen Schlummer erwacht iſt und den Heuchler von ſich entlaſſen hat. Gllaubt es mir, wenn er hier blieb, er haͤtte den Feinden bei dem erſten Sturme heim⸗ lich Thor und Riegel aufgethan und ver⸗ loren waͤre der Graf, ſeine ganze Familie und auch wir geweſen. Dem Himmel ſey Dank! daß es ſo gekommen iſt! Uebrigens ſind wir noch immer nicht ſicher fuͤr ihn, er wird ſeine Gefangenſchaft und den un⸗ erwarteten Abſchied, jetzt, da es eben an der Zeit iſt, zu raͤchen ſuchen, er wird zu den Feinden uͤbergehen, ihnen alles verra⸗ tthen und ſie bei dem erſten Sturme an⸗ fuͤhren, allein das ſoll ihm doch nicht nuͤ⸗ tzen, wenn ich euer Vertrauen nur beſitze, wenn ihr nur meine Stimme hoͤrt, dann bieten wir einer Belagerungsmacht, und wenn ſie auch noch einmal ſo ſtark waͤre, den⸗ — 243— noch Trotz. Nun aber hoͤrt, was ich euch noch zu ſagen habe: Wenn wir nun fuͤr den Grafen Blut und Leben wagen ſollen, noch mehr, wenn wir ſeine Ehre retten ſollen,— denn jahrelange, ſchmaͤhlige Haft wuͤrde doch ſein Loos ſeyn, wenn er ge⸗ fangen genommen wuͤrde, dann wollen wir auch dafuͤr belohnt ſeyn, iſt das nicht auch eure Meinung? und findet ihr das nicht billig und recht? Die rohen Knechte, die ſich durch de Herablaſſung des adelichen Junkers ſehr geſchmeichelt fuͤhlten, waren ſogleich ſeiner Meinung und ſogar ließen ſie nicht un⸗ deutlich merken, daß jetzt gerade der Zeit⸗ punkt waͤre, wo der Graf in alles willigen muͤſſe, was ſie von ihm verlangten. So iſt es, meine Freunde und Waf⸗— fenbruͤder, fuhr der gleißneriſche Junker fort, indeß wollt ihr bedenken, daß der Graf nicht jeden Einzelnen von euch beloh⸗ 16* — 244= nen kann, auch wuͤrde er, wenn wir alle von ihm ſorderten, Verdacht in unſer Be⸗ gehr ſetzen, und das darf er nicht, darum doͤrt feiner meine Meinung. Was ich dem Grafen fuͤr Dienſte geleiſtet, iſt euch allen hiinnlaͤnglich bekannt, und was hat der Graf bisher dafuͤr an mir gethan? Nichts! Ich begehre nur Geringes, das werdet ihr alle finden, wenn ihrs hoͤrt, allein um dies Geringe zu erlangen, bedarf ich dennoch eures Beiſtandes. Es kann euch allen nicht unbekannt ſeyn, daß mein Herz ſchon ſeit Jahrren der holden Emma zugethan war, die mich aber, und zwar des armen Egin⸗ hards wegen, verſchmaͤhet hat. Jetzt iſt er fort und zu ſeinem Beſitz jede Hoff⸗ nung verloren. Ich habe mir deßhalb ein Herz gefaßt und will den Grafen heute in eurer aller Beiſeyn laut und oͤffentlich um die Hand ſeiner Tochter bitten; wenn er dann die allergeringſte Einwendung macht, dann ſprecht ihr, meine Freunde, laut und vernehmlich und ſagt: ihr wuͤrdet auf keinem Fall eher das Schwert gegen die herandringenden Feinde ziehen, als bis der Geiſtliche den Segen uͤber das Braut⸗ paar geſprochen haͤtte. Wollt ihr das? ſo ſagt ja und gebt mtr eure Hand darauf! Der groͤßte Theil der Knechte ſchrie laut jubelnd ja! und reichte dem Junker die Hand, und die Wenigen, die wohl an⸗ derer Meinung waren, ſahen ſich genoͤthigt, mit dem Strome zu ſchwimmen. Nun noch eins, meine Freunde, fuhr der Junker aufs Neue fort. Ich werde nun bald das dreißigſte Jahr erreichen und doch iſt es mir, trotz all meiner Tapferkeit nicht gelungen, den Ritterſchlag zu bekom⸗ men. Niemand weiter als der Graf kann ihn mir geben, denn nur er kennt meine Verdienſte, alſo auch darum muͤßt ihr mit einem gewiſſen Nachdrucke bitten. — 246— Haben wir das von ihm erlangt, dann beduͤrft ihr vor der Hand gar nichts, ihr habt dann mich, ſeht in mir dem kuͤnftigen Herrn und Beſitzer all der ſchoͤ⸗ nen graͤflichen Beſitzungen, und was ich beſitze iſt auch euer, wie leibliche Bruͤder wollen wir dann hier gemeinſchaftlich ſchalten und walten. Habt ihr mich Alle verſtanden? Vollkommen! riefen die Knechte, die in die gleisneriſche Rede des Junkers nicht das mindeſte Mißtrauen ſetzten. Nnun ſo geht wieder an eure Poſten; in der kuͤnftigen Nacht, wenn Alles ſchlaͤft, dann ſoll ein ganzes Faß Wein einſtweilen eure Treue lohnen. Ob dem Junker das gelingen, ob der Graf das alles fuͤr baare Muͤnze auf⸗ nehmen wird, ob Alle auch reinen Mund halten, oder ob vielleicht im Hinterhalt der Verraͤther gelauſcht? Die Zeit wird — 247— uns daruͤber belehren; leider haben wir ſehr haͤufig Beiſpiele, daß das Laſter ſiegt und die Tugend mit all ihrer Glorie un⸗ tergeht; doch wir wollen hoffen, daß Eginhards guter Genius noch lebt und in der Stunde der Noth ſich ſeiner an⸗ nimmt. Nebel und Regen waren weſchvun⸗ den und majeſtaͤtiſch ſtieg am naͤchſten Morgen die Sonne am oͤſtlichen Firma⸗ ment empor und erhellte mit ihren gold⸗ nen Strahlen aufs Neue die finſtern Harzwaͤlder; aber mit Schrecken gewahrte Eginhard und die Seinen, daß ſie in der undurchdringlichen Finſterniß der Nacht weit von der Richtung, in welcher die Harzburg lag, abgekommen waren. In einer tiefen Gebirgsſchlucht, dicht vor ſich den alten, hohen Blocksberg und zu beiden Seiten faſt eben ſo hohe Berge, waren ſie wenigſtens noch vier Stunden von der — 248— Harzburg entfernt. Eginhard war uber dieſe Verirrung mit ſich ſelber ſehr unzu⸗ frieden, denn außer dem gaͤnzlichen Man⸗ gel an dem aller Nothduͤrftigſten in dieſer oͤden Wildniß beangſtigte noch eine zent⸗ nerſchwere Laſt ſeine Seele. Obgleich kein Schlaf in der verfloſſenen Nacht ſeine Au⸗ gen geſchloſſen, kein ſuͤßer Traum ſeine Phantaſie umgaukelt hatte, ſo war es ihm doch, als ob ſein Genius ihm ſagte: Eile, eile! daß du wieder hinkommſt, deine Ge⸗ genwart iſt dort hoͤchſt noͤthig! Der un⸗ ſichtbaren Stimme folgend, wurde raſch ein andrer Weg eingeſchlagen und ſchon nach zwei Stunden hatte der Trupp ein Doorf erreicht, wo die Ermuͤdeten ſich erſt durch Speiſe und Trank wieder erquickten und dann ihren Marſch fortſetzten. Es mochte um zehen Uhr ſeyn, als ſie endlich das Ende des alten Urwaldes erreichten und nun mit einem Male vor 249— der Harzburg ſtanden; aber welch ein An⸗ blick bot ſich ihnen hier dar! Ringsum war die Burg von den feindlichen Belage⸗ rern umringt und nicht fern ſchien dem Junker der Augenblick, wo der Graf ſich verloren geben und die Burg den Feinden uͤbergeben müſſe. Hier iſt Noth vorhanden, ſagte er, ſich an die herzoglichen Knechte wendend, und wenn unſre Huͤlfe nuͤtzen ſoll, muß ſie ſchnell kommen, biſt du nicht auch der Meinung, Wolf? Wir ſtehen euch mit Blut und Leben zu Gebot, Herr! Befehlt was wir thun ſollen und wir gehorchen. Nun ſo iſt mein Rath der: Berthold, mein Knappe, zieht mit den Pferden wie⸗ der in den Wald zuruͤck und wir ſuchen uns hier in der Schlucht hinauf zu ſchlei⸗ chen. Gelingt uns das, ſo fallen wir oben den Feinden in den Ruͤcken und ver⸗ — 250— ſuchen dann unſer Heil, auf irgend eine Art in die Burg zu kommen. Wolf und ſeine Gefaͤhrten waren hier⸗ mit zufrieden und ſogleich wurde der An⸗ ſchlag in Vollzug geſetzt. Auf einem klei⸗ nen Umwege, um von den im Lager be⸗ findlichen Feinden nicht geſehen zu werden, gelangten ſie bald in die ſuͤdoͤſtlich zur Burg hinauf laufende, dicht mit Geſtraͤuch verwachſene Schlucht. Sie hatten ſich noch keine Viertelſtunde durch das Gebuͤſch gearbeitet, als ſie, von den Feinden un⸗ geſehen, kaum noch zweihundert Schritte, an der Stelle, wo das Burgverließ und der Brunnen befindlich war, von der Burg entfernt ſtanden. Hier, wo das Gebuͤſch aufhoͤrte und die ſtattliche Burg mit ihren. praͤchtigen Thuͤrmen vor ihnen lag, wurd? Halt gemacht und Rath gehalten. Hier vernahmen ſie aus dem tiefen Laufgraben ein klaͤgliches Gewimmer, welches mehrere =— 251— Naͤnnerſtimmen veranlaßten, woraus deut⸗ lich hervorging, daß die Feinde bei ihrem Angriffe ſich eben des Sieges nicht zu er⸗ freuen hatten. Bald ertoͤnte ganz in ihrer Naͤhe eine rauhe Baßſtimme, die ſich in folgenden Worten vernehmen ließ:„ich wollte, der Herr Biſchof von Halberſtadt haͤtte in dem Augenblick, da er uns den Befehl ertheilen wollte, vor dies alte ver⸗ dammte Raubneſt zu ziehen, die Sprache verloren, dann ſaͤßen wir noch ruhig da⸗ heim und putzten die verroſteten Harniſche. Da liegt nun mein Bruder auch, ein un⸗ geheurer Stein hat ihm die Bruſt zer⸗ quetſcht, er ringt mit dem Tode und zehn Andern gehts nicht beſſer. Und was wird am Ende dabei herauskommen? Nichts! Wir alle finden Einer nach dem Andern hier unſer Grab und die da oben lachen ins Faͤuſtchen. In dem Augenblicke rief eine andere Stimme: Flink herbei, ihr Buben! daß wir noch einmal das Aeußerſte wagen, denn jetzt iſts an der Zeit, weil in der Burg Unruhe und Unzufriedenheit zu herrſchen ſcheint. Alle Teufel! rief Eginhard, das fehlte noch. Jetzt Muth gefaßt, meine Freunde! ſo wie ſich die biſchoͤflichen Soͤldlinge der Mauer nahen, fallen wir ihnen in den Ruͤcken und was ſich nicht gutwillig er⸗ giebt, das wird niedergemacht. Sieg oder Tod! murmelten die Knechte, zogen ihre ſchweren Plempen und ſetzten ihrem An⸗ fuͤhrer in den Laufgraben nach. Auf der andern Seite hinauf zu kommen war nicht leicht, allein es wurde moͤglich gemacht und bald wurden ſie dicht unter der un⸗ geheuren Mauer mit den Feinben hand⸗ gemein. Der Sieg war leicht, denm⸗ ein pani⸗ ſcher Schrecken ergriff die Stuͤrmer, die auf einen ſolchen Angriff nicht vorbereitet — 253— 8 waren. Nur wenige von den mehr als hundert Kriegern blieben auf dem Platze, die meiſten flohen durch den Graben den ſteilen Berg hinunter, indem ſie glaubten, ein ganzes Heer ſolcher Rieſen ſey gegen ſie im Anmarſch. Schon war das Feld auf dieſer Seite geraͤumt, ſchon machte Eginhard Miene, ſich auf die Nordſeite zu begeben und zu verſuchen, ob dort nicht ein eben ſo leichter Sieg zu erkaͤmpfen ſey, als unerwartet ein Pfeil von der Mauer herab ſchoß und dicht neben dem Junker Eginhard in die Bruſt eines neben ihm ſtehenden Kriegers fuhr. Hoͤlle und Teufel! rief Eginhard, das hat nicht der Freund, ſondern ein heimlicher Feind gethan; aber wehe dir! dieſe Schandthat ſoll nicht ungeraͤcht blei⸗ ben.— Der Pfeil hatte indeß den Krie⸗ ger nicht verletzt, ein rauhes Schaffell, welches er auf der Bruſt trug, hatte ihm 8 — 254— ſeine Kraft benommen; lachend zog der rieſengroße Mann den Pfeil aus dem Pelze wieder heraus und ſchleuderte ihn von ſich weg. Wolf, der gemiſſermaßen den Rottenmeiſter bei der kleinen, aber tapfern Schaar ſpielte, hatte von dem Vorfall wenig vernommen, wohl aber war es ihm nicht entgangen, daß die Feinde den noͤrdlichen Theil der Burgmauer eben ſehr hart bedraͤngten. Ein Wink von ihm war genug und ſeine getreuen Kame⸗ raden folgten ihm. Schon waren der Sturmleitern mehrere an der Mauer be⸗ feſtigt, ſchon drangen hundert und aber⸗ mal hundert feindliche Krieger auf die Mauer los, und ſo tapfer ſich auch die Belagerten, an deren Spitze der Graf von Schwicheld ſelbſt ſtand, vertheidigten, ſo war es doch ſehr zweifelhaft, wer den Sieg davon tragen wuͤrde; doch in dem entſcheidenden Augenblicke trat der Rieſe — 255— Wolf um die halbrunde Ecke und der Erſte den ſein ungeheures Schwert errei⸗ chen konnte, ſtuͤrzte durch einen einzigen kraftvollen Schlag zu Boden. Eben ſo ſchnell drangen auch die Uebrigen um die Ecke und ehe eine Viertelſtunde verſtrich, lagen ſechzig bis ſiebenzig feindliche Krie⸗ ger mit zerſpalteten Schaͤdeln und ohne Arme am Boden und roͤchelten jaͤmmerlich ihr Leben aus, die Uebrigen flohen wie vom Sturmwinde getrieben den ſteilen Burgberg hinab und ließen all ihre Bela⸗ gerungsgeraͤthſchaften im Stich. Im raſchen Fluge eilte Eginhard mit Wolf an der Spitze der kleinen Rieſen⸗ ſchaar nun auch an die weſtliche Seite der Burg, wo auf dem Peterſilienbleeke vor dem ungeheuren Hauptthore die Buͤrger b Goslar unter Anfuͤhrung bes tapfern mann ſtanden und die Ue ergabe der Burg mit kuͤhnem Trotze vere Iten. Hohnla⸗ — 256— chend wurden ſie zwar von den Belager⸗ ten zuruͤck gewieſen, allein auf die Dauer haͤtten dieſe es mit den erbitterten Buͤr⸗ gern doch nicht aushalten koͤnnen, die furchtbaren Artſchlaͤge gegen das Rieſen⸗ thor, haͤtten es mit der Zeit doch zum Weichen gebracht; doch da erſchien ganz unerwartet Eginhard mit ſeinen tapfern Mannen und ſchlug die Buͤrger, ſo ſcharf ſie ſich auch vertheidigten, dennoch in die Flucht. Bei dem letzten Treffen verlor Egin⸗ hard drei wackere Krieger, wovon einer ſpaͤter todt in die Burg getragen wurde, die beiden Andern waren ſo zerhauen, daß ſie lange Zeit gebrauchten, um ihre Wun⸗ den wieder zu heilen; der Verluſt der Goslarſchen Buͤrger war indeß ungleich bedeutender. Als der Eraf von Schwicheld dieſe plöͤtzliche Veraͤnderung gewahrte, als er — 257— ſich von ſeinen Feinden ſo ganz unerwar⸗ tet befreiet ſah, gab er ſchleunig Befehl, das Burgthor zu oͤffnen und ſeinen Be⸗ freier einzulaſſen. Dieſer Befehl war dem Junker Ulrich von Thiele ein Don⸗ nerſchlag, denn er hatte das Ziel ſeiner Wuͤnſche noch nicht erreicht, Emma war noch nicht ſein Weib, denn gerade an dieſem Morgen, wo der prieſterliche Se⸗ gen ihn damit vereinen ſollte, hatten die Feinde den erſten Angriff unternommen, und ihm alles vereitelt. Doch nicht ſo ſchnell konnte er den ſchoͤnen Hoffnungen entſagen, die ſeit Jahren ſein ganzes Beſtreben geweſen waren; mit ſtrengem Ernſt trat er daher dem Grafen entgegen und ſagte: wie? wollt ihr euer Wort ſo loͤſen? Den Ritterſchlag habt ihr mir ge⸗ geben, aber auch die Tochter habt ihr zur ehelichen Hausfrau mir verſprochen und auf 1. 17 — 258— Ritterwort und Ehre verlange ich, daß ihr euer Verſprechen erfuͤllt. Ei, entgegnete der Graf, wer hat euch denn geſagt, daß ich mein Wort nicht halten will, noch heute ſoll Emma euer Weib werden; allein es iſt auch billig und recht, daß ich die Tapfern, die zu meiner Befreiung herbeigeeilt ſind, einlaſſe, ſie mit Speiſe und Trank er⸗ quicke und ihre Wunden verbinden laſſe, unnd dadurch werdet ihr ja der Hochzeit⸗ gaͤſte noch mehr um euch verſammelt ſehen. Hundert wackere Maͤnner wuͤrden mir willkommen ſeyn, rief eifriger wer⸗ dend der junge Ritter; allein ich kenne dieſen Eginhard, ich weiß, welche Gewalt er uͤber das ganze Weibervolk hat, und leicht moͤchte ſein Erſcheinen unſer beider Heſmuns verstele. U u 4 * — 259— Thorheit! rief der Graf, ich gab euch mein Wort und ich halte es; Emma wird die eure oder nie eines andern Weib. Jetzt oͤfnet das Thor, ich will doch ſehen, wer hier Herr iſt, ich oder Egin⸗ hard. Wenige Minuten waren hinreichend, und das ungeheure Thor that ſich auf, und herein trat Eginhard an der Spitze der herzoglichen Krieger. Ehrerbietig ſenkte er die Spitze ſeines entbloͤßten Schwertes, an welchem noch das Blut der beſiegten Buͤrger rauchte, vor dem Grafen zur Erde, allein ein Blick, in dem die tiefſte Verachtung lag, fiel auf den Ritter Ulrich. Kaum hatte der letzte Krieger die Schwelle des Thores uͤberſchritten, als es auch ſchon wieder zuſiel und feſt Whbſſe und verriegelt wurde. Ulrich, eingedenk ſeines heiunl geſchoſſenen Pfeils auf, den Junker Egin⸗ 17 † ——.—.—— — 260— hard, ſtand wie verdonnert da und ſchauete mit Verwunderung die rieſengroßen Krie⸗ ger mit ihren ſtruppigen Baͤrten, ihren wild rollenden Augen und ihren Fuchs⸗ mutzen mit den langen Lunden an; noch hoͤher aber ſtieg ſeine Verwunderung und ſein Kleinmuth, als er, trotz der Zorn⸗ blicke des Grafen, die edle Graͤfin, um⸗ geben von ihren beiden engelſchoͤnen Toͤch⸗ tern und einigen Maͤgden, auf den Jun⸗ ker Eginhard zueilen und ihn mit einem biedern Haͤndedruck freundlich bewillkomm⸗ nen ſah. Du haſt uns durch deinen Muth ſagte die Graͤfin, aus einer großen Noth errettet, nimm dafuͤr meinen herzlichen Dank! Oögleich ich nur den Befehl meines Herrn und Gebieters vollzog, entgegnete Eginhard, indem er ſich vor dem Grafen verneigte, ſo begluͤckt mich doch der Dank — 261— aus eurem Mundo, edle Graͤfin, ſehr hoch, und ſehnlich bitte ich den Himmel, daß er mir Gelegenheit geben moͤge, meine Liebe und Treue gegen dieſes Haus noch thaͤ⸗ tiger zu beweiſen. Nimm auch meinen herzinnigen Dank, du treuer, edler Menſch! ſagte kaum hoͤr⸗ bar Emma, und eine hohe, freudige Roͤthe ergoß ſich uͤber ihre ſonſt nur matt ge⸗ roͤtheten Wangen, indem ſie dem Glück⸗ lichen die lilienweiße Hand darbot. Du haſt durch dein Erſcheinen in der Stunde der Noth von meinem Herzen einen Felſen hinweggeraͤumt, der es vermuthlich wuͤrde erdruͤckt haben. Voll von hoher Wonne und Ent⸗ zuͤcken ergriff Eginhard die dargebotene Hand und druͤckte ſie mit Feuer an ſeine Lippen, indem er rief: euch allen ge⸗ hoͤrt mein Leben und mit Freuden binn ich bereit, es darzubringen, wenn ich — 262— meinen Lieben, die mir naͤchſt Gott die Theuerſten ſind, damit helfen und nuͤtzen kann. Doch Fluch und Verderben wuͤrde ich noch in der Scheideſtunde uͤber einen Nichtswuͤrdigen ausrufen, ſetzte er mit er⸗ hoͤheter Stimme hinzu, wenn mir dies Leben, das nur um euretwillen Werth fuͤr mich hat, buͤbiſch geraubt wuͤrde. Was ſprichſt du da, Eginhard? ſagte ein wenig beſchaͤmt der Graf, du redeſt vermuthlich nur im Bilde. Leider rede ich Wahrheit; hier ſteht der nichtswuͤrdige Bube! rief er voll bit⸗ tern Grimmes, indem er auf den Ritter von Thiele zeigte, der auf mich, indem ich auf der Oſtſeite mit dieſen wackern Maͤn⸗ nern eure Feinde zuerſt im Ruͤcken angriff und ſie zu einer ſchleunigen Flucht noͤ⸗ wate, dieſen Pfeil abſchoß, der aber zu 4 eurem und ſeinem Gluͤck nicht mich, ſondern dieſen tapfern Krieger nur das feſte Wamms verletzte. Mit Blicken, worin ſich die tiefſte Verachtung ausſprach, trat die Graͤfin mit Emma und Adelheid einige Schritte zuruͤck, der Graf aber wandte ſich raſch an den wild aufbrauſenden Ritter von Thiele, indem er ſagte: das iſt ein un⸗ erhoͤrter Schimpf, denn er klagt euch da⸗ mit des Meuchelmordes an, ſeyd ihr da⸗ her rein von dieſer Schuld, ſo vertheidi⸗ get euch. Eine ſolche unerhoͤrte Beleidigung, rief wuͤthend der Ritter, kann nur mit Blut abgewaſchen werden. Hier iſt mein Handſchuh, wenn du Muth haſt, ſo ver⸗ ſuche, ob deine Klinge ſo ſcharf iſt als deine Zunge. Emma wurde bei dieſen Worten bleich wie das Tuch, daß ihren aͤngſtlich 54 — 264— wallenden Buſen hob, und ſich an Abii. heid haltend wankte ſie hinweg.. Zage nicht, du Theure! rief Egin⸗ hard ihr nach, und wenn auch ſeines Armes Kraft der meinigen uͤberlegen ſeyn ſollte, ſo wird das Schickſal doch gerecht ſeyn. Hiermit hob er den Handſchuh auf. Zieh, elender Verraͤther! rief er erbittert, damit das Schwert entſcheide, wer von uns ferner hier verweilen darf. Im Augenblick ſtanden beide gleich er⸗ bitterte Nebenbuhler mit entbloͤßten Schwer⸗ tern einander gegenuͤber und der Kampf — wuͤrde ſogleich begonnen haben, wenn nicht zu gleicher Zeit die noch unverwundeten — ſiebenundzwanzig herzoglichen Krieger, die Kloſterknechte ausgenommen, auch ihre Schwerter gezogen haͤtten. Was ſoll das? rief der Graf, war ſo etwas bei Zweikampf jemals Sitte? ——— 2 — 265— Sitte oder nicht Sitte, entgegnete der Rieſe Wolf, wer aber dem Junker nur ein Haar kruͤmmt, der wird von unſern Schwertern in Trümmer ier malmt. Nicht ſo, meine Freunde, ſagte Egin⸗ hard, ſteckt eure Schwerter in die Scheide, nur das meine kann hier entſcheiden. Ueberdem wuͤrde das nur zu einem blu⸗ tigen Kampfe in dieſer von Feinden um⸗ ringten Burg fuͤhren, der uͤber den edeln Grafen, der an der Schurkeret dieſes Buben keinen Theil hat, Dod und Ver⸗ derben bringen wuͤrde. Drum noch ein⸗ mal, ich gebiete es euch, ſteckt eure Schwerter ein; falle ich ſo ſo wird Gott ferner uͤber dieſen Elenden richten, ihr aber ſpart eure Kraͤfte zur Aeng des Grafen auf!. Unwillig murrend thaten die Knechte wie ihnen der Junker befohlen hatte, — 2686— und nun ſollte der Kampf beginnen; doch in dem Augenblick ſtuͤrzte faſt athem⸗ los ein Knecht herbei und bat den Jun⸗ ker, den Kampf noch ruhen zu laſſen, indem der Schloßvoigt Klaus, der fruͤh am Morgen von der Mauer geſtuͤrzt war, im Sterben laͤge, ihm noch ein wichtiges Geheimniß zu vertrauen habe. Die Nothwendigkeit erfordert erſt hier meine Gegenwart, entgegnete un⸗ willig der Junker, alsdann aber ſtehe ich zu Dienſten. Herr! ich bitte euch um alles was euch heilig iſt, verſchiebt dieſen Gnaden⸗ dienſt nicht lan, der alte Schloßvoigt iſt faſt wahnſinnig, er ſagt, er duͤrfe nicht eher ſterben, bis er das Geheimniß in eure Bruſt niedergelegt habe. Nun wohlan, es ſey! Dem Ster⸗ benden darf ich den Dienſt nicht verſagen, doch ſobald ich ſeinen Wunſch vernommen⸗ — — 267— muͤſſen unſre Schwerter ſich meſſen, ſtaͤrkt bis dahin euren Muth, denn ich glaube, daß ihr deſſen beduͤrft. Hiermit ſtuͤrzte er das Schwert in die Scheide und rannte dann fort an das Siegbett des Schloß⸗ voigts, alle Uebrigen blieben ſtarr und unbeweglich ſtehen, nur der Graf machte kopfſchuͤttelnd einen Gang durch den Burghof. 3 Ende des erſten Theils, öoöoöoöoſ“ —