—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ofttmann in Gießen, 7, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:—— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— ee auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Zweiter Theil. ——— Leipzig, bei Chriſtian Ernſt Kollmann 1825. 17 1 † * En — Gerillo, der große Raͤuberhauptmann. 6. — Zweiter Theil. 1 ⁸ Dae Schwuͤle des Tages war voruͤber, ein ſanftes Luͤftchen aus Suͤdweſt wehete ange⸗ nehme Kuͤhlung, als Gerillo, von Schweiß triefend, bei den Seinigen ankam. Mit Vergnuͤgen bemerkte er daß Cavallo ſchon Alles zum Empfange eines wichtigen Rei⸗ ſenden vorbereitet hatte. Er wollte noch Manches anordnen, und vorzuͤglich ſeine Leute ſtreng ermahnen, ſo viel als moͤglich Blutvergießen zu verhindern, als die aus⸗ geſtellten Wachen ſchon durch Signale die Ankunft des Prinzen meldeten. Wenige Minuten darauf vernahm Gerillo mit eig⸗ nen Ohren das Gelaͤute der Pferde und Maulthiere, und nun war weder Zeit zu uͤberlegen, noch anzuordnen mehr uͤbrig Ein — 6— wenigſtens zwoͤlf Fuß tiefer, und eine halbe Stunde Wegs langer Hohlweg, war der guͤn⸗ ſtigſte Ort den ſie zu der kaͤhnen That aus⸗ gewaͤhlt hatten, und kaum hatten ſie Poſto gefaßt, als auch ſchon der Zug im ruhigen Tempo daher kam. Ein Reiter, der den Zug anfuͤhrte, ſang ſich ein luſtiges Liedchen, und nicht minder froͤhlich folgten die Uebri⸗ gen. Doch ploͤtzlich wurde dieſe froͤhliche Stimmung unterbrochen, indem zwanzig Naͤuber, an deren Spitze Gerillo ſich be⸗ fand, zu beiden Seiten in den Hohlweg drangen, und den Wagen, in welchem der Prinz ſaß, anſielen. Zwanzig Stimmen riefen dem Sorgloſen mit einemmale ein kurchthares Halt! entgegen, ſo daß dieſer⸗ von nicht unzeitiger Furcht ergriffen, in ein Ecke des Wagens taumelte. Ein Of⸗ fizier und der Hofmeiſter des Prinzen, zwei ſchon bejahrte Maͤnuer, geriethen zwar in nicht geringe Verlegenheit, denn ihnen war das theure Lehen ihres dereinſtigen Regenten auf, Seele und Seligkeit anpern traut; dennoch verloxen ſie nicht alle Faf⸗ ſung, und zwaraenicht uͤbermuͤthig, aber 3 mit Wuͤrde, fragte der Obriſt den zunaͤchſt⸗ ſtehenden Gerillo: was sſein Pegehr ſey 7 anot diut — 44 üde „Wanns 39,s faagte Gerilo zuruͤck, „der Prinz von 8 ſeyd⸗ ſo habe ich ein Wörtchen mit 83 reden. 5 Se hne Der Prin; dbin ich zwar nicht, aber der Bevollmaͤchtigte, der Wottfuͤhter mei⸗ nes hohen Hekrit. Doch wer Ld Ihrr 135196 8310 us N. 19 1zn „Ich bin Ge rillo, der eunchen einer fuͤnf Hundert Mann ſtarken Raͤuberhande, von welcher Ihr umringt ſeyd: und zam Beſten meiner Leute fordre ich von Euch eine Contribution von dierzig Tauſend Seudi,0 n. 3 763 8 Sch wen auxportete der Hörſſ, daß dieſes ſchöne Land, dieſer Luſtgacten von Europa, leider von ſolchen Kreaturen durch⸗ Jogen und unſicher gemacht wird, und bin deßhalb auf dieſen Fall vorbereitet. „Was ſoll das heißen,“ fragte Gerillo, „und was wollt Ihr damit ſagen?⸗ Das wil ſo viel ſagen, daß ich nic gewillet bin Euch auch nur einen abge⸗ preßten Seudi, geſchweige denn vierzig Tauſend zu zahlen. Bittet Ihr aber demuͦ⸗ thig um ein Allmoſen, ſo hin ich nicht ah⸗ geneit Euch ſolches baczureichen. 3 Eine Beleidigung dieſer Art habe ich nicht erwartet,“ antwortete Gerillo, wohri ihm ſchon alles Blut zu Kopfe ſtieg,„ich ſehe mich deßhalb genoͤthigt Euretwegen jede Schonung aus den Augen zu ſetzen, und die geſorderte Summe zu verdoppeln.“ — 99.— Erxrlauben Sie Herr Obriſt, Jagte der Prinz, indem er ſich an den offnen Schlag des Wagens draͤngte, um den kuhnen Heid ſelber zu beſchwichtigen. Ihr fordertet vor⸗ hin vierzig Täuſend Scudi, Signor, wie waͤr es, wenn ich Euch freiwillig Ein Tau⸗ ſend zum Geſchenk machte, und Ihr mich ungehindert die freie Straße ziehen ließet? „Euer Wort in Ehren, mein Prinz; ich ſehe wenigſtens daß Ihr vernuͤnftiger ſeyd als dieſer Graubart hier; allein was Gerillo einmal geſagt, dabei bleibt es.“ Wohin denken Sie, mein gnaͤdigſter Herr? rief der Obriſt ergrimmt; auch nicht feinen Seudi verdient ſolches Raubgeſin⸗ del; erlauben Sie daß ich den Wagen ver⸗ laſſe, und unſere Mannſchaft befehlige di ganze Bande aufzuheben und zu dem n ſten Galgen zu fuͤhren. 3 836, EeBurgütte Greb'ehueln rief Gerillo ergrimnut/„ dieſe Peloidigung ſallſ du ſchwer cbuͤßen./ zoiermit, riß eer den Wagen auf. 1 faßte den Dbriſt vor dis. Hruſt, und ſchleu⸗ derte 15n8 an die Iasiu eäulautage Seananden dug Si nnot e t 8D enn anch m ne ennt 2 H brrief der Pring Gerilen zu, ich en Euch zwei Tauſend Scudi, wenn Ihr uns auf der Srelerelagtzn 3S 9 sn: 25 20 1* 1 384 3 n„Auch nicht ein cuubere harf an, der gekorderten Summe ſehlen, wenn Ihr mich 4 nicht zwingen wollt zu den ſchaͤrfſten Mit⸗ 4 aih ut⸗ egreileg..„ m 38 91 2 Es fiel ein Scug, glech Stou 8 eEi und der Prinz. ſah mit Schreckzn den Vrrziter. ſchreiend„pof. Pferde tau⸗ 4 meln. Gerillo winkte einem. der Seinigen und fragte gach der u ſache, NagIn un = 11— Der Bube, Hauptmann! anpwortete ei⸗ ner der Raͤuber, hat unſern braven Aspa durch eine Aägein ein den Stauh, geſtreckt. 1 o une 114 z93„Wien 277. ruf Gerill vor Wuth außer ſi dch, „Blut hat man vergoſſen, ung angegriffen ehe es noch die Noth erforderte? Ha! dieſe voreilige Handlung heiſcht Rachen, Naſch Kameraben, greift die Begleitung gu zund ſchont nichts, ich werde waͤhrend deſfen⸗ hier fuͤr euch hndeäne 39 234 2 Ocht gruerz rief der Dbſße der 1u von ſeinem unſanften Falle wieder ein we⸗ nig erholt hatte, dem Offizier zu, welcher vierzig Mann Soldaten commandierte, die aſich der Prinz azur Bedeckung, biß Ram ausgebeten hatte.„Es danerte keine Mi⸗ nnute, da gab guch ſchon das Militaͤr eine Salve auf die zandringenden Raͤgher; da dieſe indeß theils auf der Anhoͤhe des Hohl⸗ weges, theils in demſeiben zerſtreut ſich befanden, ſo wurden nur Einige davon ge⸗ troffen; wohl aber die Wuth der Uebrigen dermaßen gereizt, daß ſie es nicht einmal der Muͤhe werth hielten, ihr Pulver auf ihre Gegner zu verſchießen, ſondern mit unglaublicher Schnelligkeit die Hieber her⸗ ausriſſen und damit uͤber ſie herſielen, ſo daß in weniger als zwanzig Minuten eben ſo viele Soldaten ſich in ihrem Blute waͤtz⸗ ten. Gerillo, der ſein Auge uͤberall hatte, nur nicht auf den ſich hinter ihm befindli⸗ chen Obriſten, freuete ſich ſchon eines gu⸗ ten Erfolges, als ploͤtzlich dicht hinter ihm ein Schuß ſiel, und die Kugel die rechte Seite ſeiner Halsbinde verletzte. Raſch wendete er ſich um und bemerkte das eben abgeſchoſſene Piſtol in der Hand des Obriſten. Gerillo, außer ſich vor Wuth, wollte ihn in demſelben Augenblick durchbohren, ööch aͤnderte er eben ſo raſch wieder ſeinen Ent⸗ —— —— 4 3 4 — 13— ſchluß, indem er ſagte:„Nein, die Rache waͤre zu klein und ſein Schmerz zu gelinde. In eben dem Augenblicke riefen die Soldaten Pardon! und warfen ihre Waf⸗ fen von ſich. Es wurde ſogleich ruhig, und der Lieutenant, der das kleine Detaſchement befehligt hatte, kam als er ſich von ſeinen Soldaten verlaſſen ſah, dem Wagen des Prinzen naͤher und warf mit wuͤthender Gebehrde dem Naͤuberhauptmann ſeinen Degen vor die Fuͤße, indem er ſagte:„So tief ich Dich auch verachte, ſo biſt Du doch mein Beſieger, drum nimm hier meinen Degen, er iſt mein Alles, mit ihm iſt meine Ehre auf ewig dahin.“ Nicht ſo, Signor! entgegnete Gerillo. Ihr habt redlich Eure Pflicht erfuͤllt, das Zengniß muß ich Euch geben. Daß Eure Feinde ſtaͤrker waren, kann nicht Eure Schuld — 14— ſeyn drum nehmt Euren Degen und zieht mit den Wenigen die Euch geblieben ſind/ in Frieden. Dieſen aber, ſagte er auf den Obriſten zeigend zu ſeinen Leuten) den bin⸗ det an Haͤnden und Fuͤßen und bewacht ihn kenhe Er⸗ beiu ein neushelsedeu us Der eafnenter des Heinzer, ein eben⸗ falls ſchoön bejahrter Mann, der bisher bleich und zitternd da geſtanden und kein Wout geredet hatte, faßte jetzt mit ſchmerzlichen Gebehrden des Raͤuberhauptmanns Hand und bat fuͤr das Leben des Obtiſten. Gerillo wollte hierauf antivorten, wurde aber von dem Obriſten mit den Worten unterbrochen:„, Erniedrige Dich nicht vor ei⸗ nem Schurken, alter Mann! vor einem Ganner, einem Straßenraͤuber!“ Er iͤber⸗ ließ den Gereizten ſeiner oͤhnmaͤchtigen Wuth, ünd wendete ſich wieder an den Prinzen indem er ſagke: Ich muß Euch nunmehr ernſtlich daran erinnern, mein Prinz, mir fogleich die geforderte Summe altszuzahlen, indem meines Blkibens hier nicht laͤnger iſt, und Ihr hoffentlich auch Enne Neiſe ungehindert fertſeben mochtet„ d Erg inan 1 Der p. der ſich jetzt ziemlich ver⸗ taffen ſah⸗ merkle wohl daß er die bisher gebotene Sumine vergroͤßern Wüſſe. Dazu wurde er gewahr, wie die Raͤußer bereits beſchaͤftigt waren leinen zweiten Reiſewagen, in welchem der Kammerdiener und zwei Bediente mit den noͤthigen Reiſe⸗ Effecten waren, auszuleeren.„Signor,“ antwortete er daher,„Eure Foͤrderung iſt in Wahrheit ſehr hoch. Wenn ich in meittenn Lande waͤre, ſo wuͤrde ich beſtimmen, was Ihr haben ſollte et, doch thier muß ich ſchon der Noth⸗ wendigkeir wrichen. Indeß ſolltet Ihr be⸗ —————— — —— 1——= — 16— Art von Freiheit lebt, Ihr dennoch unter den Geſetzen des Landes ſteht, und alſo, wenn man Eurer einmal habhaft wuͤrde, wegen dieſes Raubes ein ſchweres Gericht uͤber Euch ergehen duͤrfte.“ Ihr habt Recht, mein Prinz, und ich darf Euch antworten, daß ich das Alles ſchon vorher bedacht und überlegt habe. Dennoch kann ich von meiner Forderung nichts ablaſſen. 8„Ich bin aber in dieſem Augenblicke gar nicht im Stande die Summe zu zahlen.“ Dafär iſt Rath. „Welcher?“ Ihr gebt eine Anweiſung auf irgend ein bedeutendes Handelshaus hier in Italien. denken, daß, obgleich Ihr jetzt in einer — 17—. Ich ſchicke einen meiner Leute, und Ihr einen von den Eurigen dahin und laſſe die Summe herbei ſchaffen, und um der Rich⸗ tigkeit und der Ordnung willen, bleibt Ihr mit Euren Leuten ſo lange in meiner Ge⸗ ſellſchaft. „Seyd Ihr raſend?“ Keineswegs. Aber ich weiß keinen beſ⸗ ſern Rath. Wißt Ihr einen kuͤrzern Weg? ſo redet. 8 „Nun, wenn ich Euch mein Fuͤrſten⸗ wort gaͤbe, ſo wuͤrdet Ihr doch darin kein Mißtrauen ſetzen?“ Gewiß nicht, wenn ich ein Unterthan Eures Landes waͤre. Allein einem Naͤuber iſt auch ein Fuͤrſt nicht verbunden Wort zu halten, und deßhalb verargt mirs nicht, II. Theil. 2 — 48— wenn ich das 3cher in das Anſ ichele nehme. 4 49 n Der Prinz ſprach einige Worte leiſe mit ſeinem Hofmeiſter, worauf dieſer eine ziemlich ſchwere Chatulle aus dem Ruͤckſitze des Wagens hob, ſie auſſchloß und ſie ſei⸗ nem Herrn zur weitern Dispoſition dar⸗ reichte. „Damit Ihr ſeht, Signor,“ fuhr der Prinz gegen Gerillo fort,„daß Ihr Euer Augenmerk nicht umſonſt auf mich gerich⸗ tet habt, ſo nehmt dieſe tauſend Stuͤck Ducaten, vertheilt ſie unter Eure Leute, und laßt ſie dabei auch einmal auf meine Geſundheit trinken.“. Tauſend Stuͤck Ducaten, erwiederte Gerillo, ſind nicht zu verachten, und nehme ich ſie abſchlaͤglich an; auch waͤre ich im — 49— Stande, da Ihr ein ſo wackerer junger Mann ſeyd, dießmal in etwas von meiner Forderung abzuſtehen. Wenn Ihr Euch alſo bequemt, die Summe noch dreimal zu verdoppeln, ſo mag es dießmal darum ſeyn. Das ſonſt ſo freundliche Antlitz des jun⸗ gen liebenswuͤrdigen Prinzen zog ſich bei dieſer abermaligen Forderung in duͤſtere Falten, und keinen andern Ausweg ſehend, ſagte er:„Nun es ſey: die Summe ſoll Euch werden, doch unter der Bedingung, daß Ihr ſogleich den Obriſten frei gebt.“ Und wenn Ihr die doppelte Summe zahlen wolltet, antwortete Gerillo heftig, ſo wuͤrde ich mich dennoch nicht dazu ver⸗ ſtehen. Der Elende wollte mich von hin⸗ terruͤcks morden! Denkt einmal in welche Gefahr er auch Euch dadurch gebracht hat. . Denn wenn ſein entſetzliches Unternehmen —„* A 5 6 — 8 4 ———y— — 20— — gelungen waͤre, was wuͤrden meine Leute begonnen haben? Sie haͤtten Euch und Eure Leute, gleich Tigern und Leoparden, bei le⸗ bendigem Leibe zerriſſen, denn dieſes rohe Volk kennt in ſeiner Wuth keine Graͤnzen. Der Prinz antwortete hierauf weiter nichts, ſondern nahm noch einmal Tauſend Ducaten aus der Chatulle und reichte ſie dem ungenuͤgſamen Raͤuber mit dem Ver⸗ ſprechen, die nun noch fehlenden zwei Tau⸗ ſend Ducaten, binnen zwei Monaten auf eben dieſer Stelle entweder baar, oder in guͤltigen Papieren zu berichtigen. Ich nehme Euer fuͤrſtliches Wort dieß⸗ mal fuͤr baare Muͤnze an, und rathe Euch zugleich es ja nicht zu brechen, denn wo Ihr Euch auch nach Ablauf dieſer Friſt be⸗ finden moͤchtet, ſo muͤßtet Ihr auf jeden Fall die Schuld mit Eurem Leben bezahlen. — Hierauf befahl er ſeinen Leuten, die aus dem zweiten Wagen genommenen Sachen wieder zuruͤck zu geben, und den Obriſten fenwitts in das Gebirge zu fuͤhren. Mit einem ziüttern Gefuͤhl ſah der junge Prinz, deſſen unverdorbenes Herz ſo gern den Leidenden und Unterdruͤckten Beiſtand gewaͤhrte, den ihm vertrauten Reiſegefaͤhr⸗ ten zur Schlachtbank fuͤhren. Was wird der Fuͤrſt, mein Vater, was wird die Fa⸗ milie des Ungluͤcklichen ſagen, wenn er nicht wieder mit mir heimkehrt? Und noch mehr, was werden ſie ſagen, wenn ſie ſein ſchreck⸗ liches Schickſal erfahren?— So dachte der Prinz, und ſeinen hohen Stand vergeſſend⸗ in dieſem Augenblicke nur fuͤr den Ungluͤck⸗ lichen lebend, wandte er ſich noch einmal an Gerillo.„Signor,“ rief er,„was kann Euch an dem Tode dieſes Mannes liegen? Raͤuber ſeyd Ihr bloß um Schaͤtze zu ran⸗ — 22— ben, drum nehmt was ſich Euch an ſolchen dar⸗ bietet, und befleckt Euer Gewiſſen nicht noch mit einem Morde, um den es zu Eurer Sicher⸗ heit nicht Noth thut.“ Dieſe Worte hat⸗ ten des Raͤubers Herz getroffen. Gerillo uͤberlegte einen Augenblick mit gerunzelter Stirn, dann ſagte er:„Ihr habt mich heute zum Zweitenmale in meinen Entſchluͤſſen wankend gemacht, aber es ſey. Euer Fuͤr⸗ wort giebt dem Manne die Freiheit wieder⸗ uͤber den ſcune der Stab Eegelrnchen war.“ Aepeien Hhchekertk dse z8lun haaͤdem Gerile ginem Leutena den Be⸗ teht gegeben, den Offizier frei zu laſſen, reichte er dem Prinzen eine Sicherheitscharte und anufernee 3 4 dann 4 ſäue als 4 88 A* — Hoch erfreut uͤber die geachte Beute, hat⸗ ten die Raͤuber am Abend deſſelben Tages ihren Schlupfwinkel in den Apenninen in einen Tempel der Freude umgeſchaffen. Ju einer Grotte, ſo bequem als moͤglich zum Tanzſaal eingerichtet, wurde gehuͤpft und ge⸗ ſprungen, getanzt und geſungen, und außer⸗ halb derſelben gekocht, geſotten und gebras ten. Als aber die Nacht jubelnd hinge⸗ bracht und der Tag anbrach, da berief Ge⸗ rillo ſeine Leute zuſammen, und vertheilte die fuͤrſtlichen Ducaten unter ſie, ermahnte ſie dahei zur Ruhe und zum Frieden unter einander, empfahl ihnen, ſich bei muͤßigen Stunden in den Waffen zu uͤben, und ſich waͤhrend ſeines Aufenthalts in Rom unbe⸗ dingt den Befehlen Cavallos zu unterwer⸗ ſen. Bei der Theilung erhielt auch Mi⸗ cheli Corſini ſeinen Antheil, indem er, wie Gerillo es gewuͤnſcht, waͤhrend der Abwe⸗ ſenheit der uͤbrigen Raͤuber, mit den Wei⸗ bern Wache gehalten. Wer beſchreibt des Juͤnglings Freude, als Gerillo ihm die Summe von funfzig Ducaten zutheilte und ihm ſagte, daß er ſich zu einer Reiſe nach Rom anſchicken ſollte? Nur ei n Gedanke ſtoͤrte ſeine frohen Empfindungen. Er dachte an ſeine Julie, und was aus ihr werden ſolle s 288 Bringe ir eweilen einen xheil des Geldes, ſagte Gerillo, als er ſeine Beſorg⸗ niſſe ausgeſprochen hatte, und vertroͤſte ſie auf beſſere Zeiten; du aber vollende in Rom dein Studium, damit du einſt ein nuͤtzli⸗ ches Mitglied der buͤrgerlichen Geſellſchaft werden, und das von dir entfuͤhrte Maͤd⸗ den gluͤcklich machen kannſt. ———— —— — — „Edler Mann!“ rief der Zaͤngling⸗ „wie n ch dir dankman Daduech daß du meinen Rath gewiſe ſenhaft beſolgſt, dann habe ich das Bewußt⸗ ſeyn ein gutes Werk geſtiftet, und zwei un⸗ verdorbene Menſchen vom Verderben geret⸗ tet zu haben. Jetzt aber eile; wenn die 3— Hitze des Tags vorüber, mußt du wieder hier ſeyn wenn du mich begleiten willſt, und das waͤnſchte ich, denn ich habe die Abſicht dir in Zukunft noch nätzlich zu ſeyn, auch kannſt du in meiner Geſelſchaſ die Veſordben erſparen. Wiäͤhrend Micheu Erefin ferudeteunken in die Arme ſeiner Julie eilte, traf Ge⸗ rillo die noͤthigen Anſtalten zur Reiſe. Zwer verſchmitzte Kerle, der Eine ein Roͤmer, der Andere ein Neapolitaner, Beide Meiſter in der Kunſt etwas auszuſpioniren, oder — 26— Leute zu betruͤgen, erwaͤhlte Gerillo dießmal zu ſeinen Begleitern. Ich reiſe, ſagte er ihnen, als Baron Dandini, indem ich als ſolcher einen Paß beſt it, ihr ſeyd mei⸗ ne Diener. Was ihr als ſolche in meiner Geſellſchaft zu thun habt, das wißt ihr, und was ſich zufaͤllig ereignen kann, das bherlaſe ich eurer Snuoheh 41 7 Nooch nie in Beinera. geben fals, d0 ſo bedient ſeyn, Hauptmann,“ riefen die Kerle.„Wir wollen unſere ganze Kunſt aufbieten, um es Allen die bisher das Gluͤck hatten oft und lange in deiner Naͤhe zu ſeyn, zuvor zu thun.“ Du darfſt nur wuͤnſchen, ſagte Caulo, der Neapolitaner, ſo ſoll es geſchehen, denn in Rom bin ich ſo gut zu Hauſe als in Neapel. Ich kenne alle Pallaͤſte, alle Schlupfwinkel, alle Kir⸗ chen, alle Kloͤſter, bin mit Hohen und Nie⸗ dern, mit Armen und Reichen bekannt und — 272— verwandt. Die ſchoͤnſten Weiber und ihre tieſſten Geheimniſſe weiß ich an den Tag zu bringen, ſogar mit den bedeutendſten Banditen ſtand ich ſonſt in nücht unwichti⸗ gen Geſchiſten Annmed mun. 83 „ Ich werbe deine Talente zu u erproben Gelegenheit ſinden. Jetzt ſchickt uan⸗ an, in zwei Stunden reiſen wir. n Ats der uberglüslche Micheli bei ſei⸗ ner geliebten Julie eintraf, fand er ſie in tiefem Kummer. Ihre ſchoͤnen Roſenwangen waren erbleicht, das Feuer ihrer Augen war erloſchen, und Thräͤnen waren ihre Speiſe ihr Getraͤnk. Doch die Erſchei⸗ nung des Geliebten und ſeine Heiterkeit, ſtillten ſchnell ihre Thraͤnen und fachten die erloͤſchenden Lebensgeiſter wieder an. Eine lange ſtille Umarmung nach der kurzen, fuͤr die Liebenden aber dennoch langen Trennung) — 28— druͤckte die Freude des Wiederſehens aus. Als der erſte Rauſch der Freude aber vor⸗ uͤber war, und ihre Seligkeit ſich nach und nach in Worte aufloͤſte, da fragte Ju⸗ lie: Nun, mein Geliebter, ſage mir, was bringt dein n ſaßluces Antlis mirr Ohne zu autozeten griff Michelt in in die Taſche, und zeigte der Verzagten die von Geind hallener funſzig Dubhftucke Die greude peice das Mabchen bei Erblickung der Goldſtuͤcke aͤußerte, wich eben ſo ſchnell einer noch groͤßern Traurigkeit, und mit einer Angſt die ihr das Herz zu⸗ ſammen preßte, fragte ſie ihren Geliebten: woher das Geld efame 1 „Mache dir baruͤber keinen Kummer⸗ meine Inlie. Ich fand einen Freund in der Noth, klagte ihm klar und wahr unſer Ungluͤck, und er half uneigennuͤtzig der drin⸗ gendſten Noth ab⸗ gab mir dieß Geld um deine Beduͤrfniſſe zu befriedigen, und fuͤr mich will er in Rom anderweit ſorgen, da⸗ mit ich mein Studium vollenden und dann mit dir gluͤcklich werden kann.“ Ich. will kein Mißtrauen in deine Rede ſetzen, mein Geliebter, erwiederte das Maͤd⸗ chen, aber wenn dich die Noth zu einer unedlen That verleitet haͤtte, ich wuͤrde die Schuld ewig auf meinem blutenden Her⸗ zen tragen. „Sey ganz ohne Sorgen, meine Ju⸗ lie, und lehe hier ſtill und ruhig. Be⸗ wahre mir dein treues Herz und deine Liebe, bis ich das vorgeſetzte Ziel gluͤcklich errun⸗ gen, dann ſollſt du meinen Freund kennen lernen, und mit mir vereint ihm danken.“”“ — 30— DSo leicht es Micheli Corſini wurde, das nlebends Herz uͤber dieſen Punkt z zu beſchwich⸗ tigen, ſo ſchwer wurde es ihm, Julien zu einer neuen Trennung vorzubereiten. Sie beſtand lange darauf ihn begleiten zu wol⸗ len, und nur die Vorſtellung Corſinis, daß ſie doch vor der Hand es nicht wagen duͤrfe in Rom zu leben, vermochte ſie unter vie⸗ len Thraͤnen zu dem Entſchluß, hier noch eine Zeitlang alein zu verweilen. 11 ats rchnwetd den Apenitnen wieder ankam, war ſchon Alles zur Abreiſe fertig. An Gerillos Seite erblickte er ein junges ſchoͤnes Maͤdchen, welches er zuvor nie ge⸗ ſehen, und das mit Sehnſucht den Augen⸗ blick zu erwarten ſchien, wo ſich der Zug in Bewegung ſetzen wuͤrde. Es war Lau⸗ retta, um deretwillen die Reiſe nach Rom eigentlich unternommen wurde. „—— 1 Du wirſt nun ermuͤdet ſeyn, Micheli, ſagte Gerillo, und dieſerhalb magſt du bis wir zur Nachtherberge kommen, mein Maul⸗ thier beſteigen und an Laurettens Seite den Weg dahin traben, ich werde mit mei⸗ nen Leuten zu Bahe ſolgen es war ein euhiger, ſtiler Abend, nur ein ſanftes Weſtluͤftchen hauchte den ſchoͤn⸗ ſten Balſam uͤber die uͤppig prangenden Waͤlder. Der arme Landmann zog, von des Tages Laſt und Hitze ermuͤdet, langſam der aͤrmlichen Huͤtte zu, und freudig ſpendete ih⸗ nen Gerillo auf ihre Bitte eine kleine Gabe. Lauretta uͤbergab ihr Maulthier bald einem der zur Bedienung mitgenommenen Raͤu⸗ ber, und hing ſich an Gerillos Arm, ihm mit ihrem Gekoſe die Zeit zu ver⸗ treiben. Schon war es finſtere Nacht als ſie unweit Spoleto das heutige Ziel ihrer Reiſe, ein einſam ſtehendes Wrichaut, erreichten. Hier erquickten ſich die Wande⸗ rer durch eine kraͤftige Abendmahlzeit, leg⸗ ten ſich dann einige Stunden zur Ruhe, und befahlen dem Wirth, ſie mit dem er⸗ ſten Hahnſchrei wieder zu wecken. Kaum rothete ſich auch der Himmel, als ſie, um die Kuͤhle des Morgens zu genießen, ihre Wanderſchakt fortſetzten. Nach einer Stunde Wegs, welche ſie auf ziemlich freier Straße zuruͤckgelegt hatten, betraten ſie aufs Neue eine felſichte Waldgegend, durch welche in⸗ deß ein ziemlich geebneter Weg fuͤhrte. Gerillo ſaß auf ſeinem hohen Maltheſer, und ihm zur Seite trabte Lauretta auf ei⸗ nem ebenfalls muntern Thiere, die Andern folgten ſorglos nach, als ploͤtzlich neun Kerle aus dem Gebuͤſch ſprangen, und ihnen mit furchtbarer Stimme ein Halt! entgegen riefen. Gerillo hielt ſein Maulthier raſch an, und betrachtete die Angekommenen eine — 38— Minute lang, mit nufmerkſamen Blicken, dann fragte er nach ihrem Begehr. Dumme Frage, antwortete geiner der Kerle, Euer Geld und was Ihr ſonſt noch bei Euch habt⸗ verlangen wir. „Es ſoll Euch werden, doch zuvor nennt mir den Namen Eures Anfuͤhrers.“ Quorato Hrſini ſteht vor Euch, ant⸗ wortete der Anſehnlichſte unter ihnen; und wer ſeyd Ihr! „Ich weiß nicht ob es der Muͤhe werth iſt Euch den meinigen zu nennen. 2 4 Iſt auch einerlei, ſteigt nur ab und gebt her was Ihr habt, damit wir nicht genoͤthigt werden andere Muitte zu ge — brauchen. II. Theil. 34— „Alſo wirklich uiutet Bd den as mich zu berauben?““ 1 2 40 Der beauete Senege wollte eben dar⸗ auf antworten, als er von einem ſeiner Con⸗ ſorten unterbrochen wurde, der ihm leiſe etwas ins Ohr fluͤſterte, worauf Erſterer ſichtbar erſchrocken einen Schritt zuruͤck trat und den Redenden ernſthaft fragte: ob das was er Seſadt⸗ wahr lep an 8 5 6 Nun wie 1s2 8 ſabgen Geule,„was habt Ihr uͤber mich beſchloſſen 2 esNennt mir Euren Namen Signor, ent⸗ gegnete Quorato Orſini in einem weit ge⸗ lindern Tone, vielleicht andert das unſer Verhätnie 8 n 3 2 7„ 3„Sch eiße Gerilat⸗ 81343. —— 2 8 35— So waͤr' es wahr, ich haͤtte dich ge⸗ funden, dich, Gerille, den ich ſchon ſeit . Manalen vergebens geiucht⸗ MMich Nase in ae Abſcheee .„Rirriche Frage! Um dir anzugehören. Du biſt der Mann, der es in kurzer Zeit dahin gebracht hat, daß ganz Italien vor ihm zittert, nachdem das Oberhaupt der ganzen Chriſtenheit ſchon ſo viele tüͤchtige Maͤnner ausgeſandt und ſo bedeutende Sum⸗ men ausgeboten hat. Sey mir willkom⸗ men, tauſendmal willkommen, und haͤltſt du mich, mit dieſen acht Kerlen hier, fuͤr wuͤr⸗ dig, ſo erlaube, daß wir dir die Hand reichen und uns zu den Deinigen zaͤhlen duͤrfen. „Ihr ſeyd tuͤchtige Kerle, das muß ich geſtehen,“ ſagte Gerillo, und muſterte ſte 3* 1 der Reihe nach;„doch wer ſteht mir dafuͤr daß ihr es ehrlich mit mir meint?"„ Das iſt nicht dein Ernſt, du kennſt die Menſchen beſſer, weißt nur zu gut wie viel an uns iſt, und das verarge ich dir nicht; aber mache was du willſt, wir ſind mit Leib und Seele die Deinigen, und weichen nie wieder von dir. „Es ſey, folgt mir, ich werde uͤberle⸗ gen was ich fuͤr den alenbhle mit eus beginne.“ Die Eroberung, welche Gerillo eben in der Perſon Quorato Orſinis gemacht, war nicht unbedeutend. Letzterer war nicht allein ein ſehr gewandter und muthvoller, ſondern auch ein vielſeitig gebildeter Mann, welchen bloß Hang zur Freiheit, zum Wohl⸗ 3 leben und zur Ausſchweifung zu dieſem 1 d — 37— Schritte verleitet hatte. Von der Natur bei weitem nicht ſehr mit koͤrperlichen Vor⸗ zuͤgen beguͤnſtigt⸗ beſaß er dagegen einen heitern, freien Geiſt, einen unbeſiegbaren Hang zum ſchoͤnen Geſchlecht und ein her⸗ vorſtechendes Muſik⸗ und Dichter⸗Talent. Frohen Muthes, und ſich innig freuend den beruͤhmten Gerillo gefunden zu haben, ſprang er daher mit ſeinen Geſellen an deſſen Seite her, bis ſie nach mehreren Stunden auf ein bedeutendes Gaſthaus ſtießen, wo Quo⸗ rato Orſini eiligſt ein elegantes Fruͤhſtuͤck beſtellte, und auf ſeine Koſten die ganze Geſellſchaft herrlich bewirthete..ii Lauretta war dieſen Morgen zum Ent⸗ zuͤcken ſchoͤn. Die friſche, kuͤhlende Morgen: luft hatte die zarten Lilien⸗Wangen ſo ange⸗ nehm geroͤthet, das braune Haar in ſo uͤppi⸗ gen Locken um den Schwanenhals geſchlaͤngelt, daß Gerillo ſich nicht verhehlen konnte, er habe nie ein reizenderes Weſen geſehen. Doch ſchien das Maͤdchen nicht heiter zu ſeyn, und es war Gerillo, als ob ſich zu⸗ weilen in dem dunklen Feuerauge eine Thraͤne ſpiegle, welche ſie zu verbergen ſtrebte. imn Wie iſt dir Lauretta?“ fragte er theile nehmend,„iſt dir nicht wohl?“ es Mein icherz, ach mein Herz, antwor⸗ tete das Maͤdchen, und ein Paar⸗ große helle Thraͤnen traten gaufs Neue in die ſchoͤnen Augen, es iſt ſo voll, es moͤchte die Bruſt mir zerſprengen, 8* „,So biſt du wohl krank 21 Ja und Nein, wie Ihr es nehmen wollt. 6 0n 1 3 ν 8* 76 Und die Urſache?“ 9 frage nicht, denn mein Mund hat keine Worte die Gefuͤhle dieſes wunden Herzens z9 Geſchwe ben. 13 1 1 138 8e veiſehe dich nicht, gute Lauretta.“ a, ich verſtehe mich ja ſecbee nicht. Zuweilen moͤcht ich aͤber mich ſelber lachen daß ich ein ſo thoͤricht Maͤdchen bin, und dann muß ich wieder weinen, ich mag wol⸗ len oder nicht, und ſo war mir's eben jetzt wieder. Freilich kamen dießmal noch an⸗ dere Gedanken dazu— „Nun ſo theile mir deine Gedanken mit, ich bin ja dein Freund, mir darfſt du ſchon vertvauen.“ Nun, wenn du mich deiner Freund⸗ ſchaft werth haͤltſt, ſo erlaube mir eine Bitte. 3 — 40— „Rede; wenn die Erfuͤllung in meiner Macht ſteht, ſo biſt du deren gewiß.“ Gehe nicht nach Rom, kehre wieder in deine Gebirge zuruͤck, und erlaube, daß ich dort bei dir bleiben und dich bedienen darf, „Nein, Lauretta! Nimmermehr werde ich zugeben, daß du einem uͤberſpannten Dantgefuͤhl zum Opfer werdeſt. Es iſt nicht genug, daß ich dich einem nichtswuͤr⸗ digen Barbaren entriß, ich muß dir auch ein Loos verſchaffen das deiner wuͤrdig iſt. Und eben darum, nur um dein Wohl zu begruͤnden, unternehme ich dieſe Reiſe die vielleicht fuͤr mich gefahrvoll iſt.* Eben das iſt es ja was mich zu die⸗ ſer Bitte veranlaßt. Ach Gerillo! ich hatte in dieſer Nacht einen entſetzlichen Traum. —, ——— Ich ſah dich gefeſſelt, in dunkelm Kerker, den Geiſtlichen an deiner Seite, zum Tode dich vorbereiten. O Gerillo! wenn meine Bitte etwas uͤber dich vermag, ſo hleibe, gehe nicht nach Rom. 3 „Ich ſinde dieſe Vorſtellung ſehr natuͤr⸗ lich, indem ein ſolches Loos mich fruͤh oder ſpaͤt leicht einmal treffen kann. Doch wenn ich an dieſen Gedanken gefeſſelt, jede mei⸗ ner Unternehmungen unterlaſſen wollte, ſo waͤre der beſte Rath ich ginge je eher je lieber in ein Moͤnchskloſter. Daruͤber alſo ohne Sorgen. Vorſicht und⸗ Klugheit derden meine Schritte leiten, und ich ſtehe — wiewohl in den Augen der Menſchen ein Verdammter— dennoch in Gottes Hand.“ Lauretta ſah betruͤbt zu Boden und ein tiefer Seufzer entfuhr der jungfraͤulichen — 42— Bruſt. So werde ich dich denn nicht lan⸗ ge mehr ſehen, ſagte ſie dann mit gepreß⸗ ter Stimme, vielleicht nur noch einen ein⸗ zigen Tag, und dann— dahn viele chs nie wieder. eda.as n 1822 „Denke nicht gleich das Schlimmſte, gute Lauretta. Das Schickſat iſt nicht ſel⸗ ten auch gegen die Kinder der Finſterniß gerecht. Ich habe, ich will es dir nur ue ſtehen, einen ſchoͤnen Ptan mit dir Sinne. Gelingt er mir, ſo aieean einſt meine Sterbeſtunde erleichtern, der Tod mag mich dann auf den Fluthen des Meeres, oder im Schlachtgewuͤhl, oder auf dem ruhigen Sterbelager ereilen.“ Sterben? ſagte Lauretta und ſchlang die Alabaſter-Arme um ſeinen Nacken, ſo moͤcht ich dich einſt, wenn dieſe Locken vom Alter ſitbergrau geworden ſind, ſterben ſehen. Gerillo druͤckte ſie ſanft an ſeine Beuſt, und war im Begriff ihr zu antwovten, als Carlo eintrat und dem Hauptmann meldete: daß der Wirth im Gartenhauſe eine anſehn⸗ liche Taſel ſervirt habe, und ihn bitten laſſe daran zu eiſceinen „ Die in mgüi chſter chneligkef ruer reiteten Speiſen waren ſehr ſchmackhaft, am vorzuͤglichſten aber mundete der Wein. Alle ließen es ſich wohl ſchmecken, und Quorato Orſini beſonders ließ es ſich ange⸗ legen ſeyn⸗ die Geſellſchaft mit ſeinen ſpaß⸗ haften und zum Theil ſehr witzigen Erzaͤh⸗ lungen und Einfaͤllen zu unterhalten. Nachdem ſich Alle hinlaͤnglich geſaͤttigt, ließ Quorato Orſini den Wirth kommen und befahl ihm, ſogleich eine ſchriftliche Rechnung aufzuſetzen. Dieſer that ſogleich wie ihm befohlen, und war in wenig Mi⸗ nuten wieder da. Qupvrato Orſini nahm die Rechnung, betrachtete ſie und ſagte dann: Nicht mehr als billig. Bringet mir Papier, Dinte und Feder, damit ich euch die Bezahlung, zuſtelle. Der Wirth wun⸗ derte ſich ſehr uͤber dieſe Antwort, ging indeß das Bexlangte zu holen, waͤhrend die Geſelſchaft die vorhandenen Flaſchen noch bis auf den Grund leerte Als der Wirth zuruͤck kehrte, nahm Quorato Orfint die Feder, und ſchrieb dem Wirth eine Anweiſung an den Kardinal 4 in Rom, legte die Rechnung, nachdem ſie mit ſeinem Namen unterſchrieben, un und gab Beides dem geprellten Man⸗ ne zuruͤck. Dieſer wußte vor Erſtaunen nicht was er ſagen ſollte, und noch ehe er zur Beſinnung kam, hatten ſich ſämmt⸗ liche Raͤuber ſchon hoͤflich empfohlen und davon gemacht. eͤ— Nis reiflicher Ueberlegung fand es Gerillo nicht zweckmaͤßig⸗ mit einer ſo zahlreichen Umgebung nach Rom zu kommen; er rief daher Quorato Orſini zu ſich und ſagte ihm: Hoͤre Kamerad, du biſt mir mit dei⸗ nen Geſellen allerdings willkkommen, denn ich habe einen Plan, den ich, ſo bald ich von Rom wieder zu den Meinigen zuruͤck komme, auszuführen gedenke, und dazu be⸗ darf ich Leute; allein zu dieſer Unterneh⸗ mung in„Rom, die allein mein Privat⸗ Intereſſe betrifft, kͤnnte mir eine Mehr⸗ zahl eher ſchaͤdlich als nutzlich ſeyn; ich habe deßhalb beſchloſſen, euch mit einem Schreiben an Cavallo, den Befehlshaber in meiner Abweſenheit, zu ſchicken. Cavallo iſt ein vortrefflicher Menſch, der es euch — ————— — 46— an nichts wied fehlen laſſen, ſobald er meinen Willen weiß. Wohl geſprochen! antwortete Quorato Orſini, dein Worſchlag iſt gut, und meine Geſellen werden ihn mit Freuden ergreifen, denn mit uns iſt es ja bisher nur Lumpe⸗ rei geweſen. Ich, aber weiche nicht von deiner Seite, und wenn du mich wie ei⸗ nen Hund behandelteſt. Nimm mich mit. dir nach Rom, ich brenne vor Begierde, . in deiner Geſellſchaft die alte, große, be⸗ ruͤhmte Stadt zu ſehen. 1 Dort erſt ſollſt du mich kennen lernen. Dort bin ich uͤber⸗ all zu Hauſe, dort wollen wir ein Leben fuͤhren wie die Engel im Himmel, und wer dir nur ein Haar bruͤmmt, den zel⸗ ſleiſche ich, und ſollte ich ihn mit meinen Zaͤhnen zerreißen. „Nun es ſey, ich will dem Worte ei⸗ — 4— nes Raͤubers einmal trauene doch wenn du den Gerillo kennſt⸗ ſo wirſt du auch wiſſen, daß er vorſichtig und auf Alles vorberei⸗ tet iſt. 4 Kamerad, ich geſtehe daß ich nur ein Stuͤmper gegen dich bin, oder ganz Ita⸗ jien muͤßte luͤgen. „ Schade daß ich auf dieſen Ruhm nicht ſtolz ſeyn darf. Doch es iſt Zeit daß die kleine Schaar den Ruͤckweg antritt, wenn wir nicht befuͤrchten wollen uns verdaͤchtig zu machen. Ich will deßhalb dieſes Heili⸗ genbild, das der fromme Wanderer in De⸗ muth verehrt, zum Schreibtiſche benutzen, und meinem Cavallo wiſſen laſſen was ihm noͤthig.“ . Mit wenig Worten ſchrieb Gerillo ſei⸗ nem Freunde, was ſich auf ſeiner Reiſe — — ——— . — 48— zugetragen, und daß er ihm acht brauch⸗ bare Subjekte zuſchicke, welche er freundlich aufnehmen, aber doch ein wachſames Auge auf ſie haben moͤge. Nachdem er damit zu Ende war, ließ er die Kerle vor ſich kommen, uͤbergab ihnen das Schreiben, ſagte ihnen welchen Weg ſie nehmen ſollten, und befahl ihnen ſtreng, ſich bis dahin in ſeinem Namen keine Raͤubereien zu erlau⸗ ben, indem ſonſt nach ſeinen Geſetzen, auf Uebertretung derſelben der Tod ſtehe. Hier⸗ auf fuͤgte er dem Schreiben ein nicht un⸗ bedeutendes Reiſegeld bei und entließ ſie. Die Hitze des Tages wurde bald uner⸗ traͤglich. Die kleine, nun wieder aus ſechs Perſonen beſtehende Geſellſchaft, ſah ſich da⸗ her genoͤthigt, in einem kleinen freundlichen Cypreſſen⸗Waͤldchen Halt zu machen, und die ſchwuͤlſten Stunden daſelbſt abzuwarten. Laurettens Betruͤbniß nahm mit jeder Stunde zu. Je naͤher ſie Rom kamen, je naͤher ſah ſie den Zeitpunkt heran ruͤcken, wo ſie ſich von ihrem Freunde und Wohl⸗ thaͤter wuͤrde trennen muͤſſen, den ſie, oh⸗ ne es ſich ſelber deutlich bewußt zu ſeyn, von ganzem Herzen liehte. Auch Gerillo war verſtimmt. Nicht eigentlich um des Maͤdchens wegen, denn ſie war nicht die von ihm Exwaͤhlte, aber Vorurtheile, von denen oft die ſtaͤrkſten Seelen ſich nicht loszureißen vermoͤgen, quaͤlten ſeine Bruſt; und wenn er mit Schaudern an Laurettens Traum dachte, ſo wurbe er gern ihrem Wunſche, in die Gebivge zuruͤck zu kehren, gefolgt ſeyn, wenn nicht eine zunwiderſteh⸗ liche Neigung ihn getrieben haͤtte ſeinen „Weg fortzuſetzen. Das Bild der Marquiſe „Marcello ſchwehte noch immer, mit den an⸗ genchmſten Farben geſchmuͤckt/ vor ſeiner Seele, und er konnte den Wunſch nicht II. Theil. 1 4 — 50— unterdruͤcken, ſich der liebenswuͤrdigen Frau noch einmal nahen zu koͤnnen. Dazu bot ſich nun eben die ſchoͤnſte Gelegenheit dar, indem er ihr Lauretten als eine arme Ver⸗ wandtinn vorſtellen, und ſie ihrem freund⸗ lichen Schutze empfehlen wollte. Er kaͤmpfte lange mit ſich ſelber, bis er ſich zuletzt uͤberredete: daß mit ſolcher Umgebung und in Geſellſchaft ſolcher Kerle, die allenfalls im Stande waͤren den Himmel zu erſchlei⸗ chen, oder die Hoͤlle zu erſtuͤrmen, ſichs ſchon machen ließe. Spaͤt in der Nacht erreichten ſie RNiano, von wo aus ſie bis Rom noch eine kurze Tagereiſe hatten. Das Dorf beſtand nur aus einzeln zerſtreut liegenden Haͤuſern, un⸗ ter welchen ein Wirthshaus nahe an der Heerſtraße das bedeutendſte war. Der Wirth, ein feiner Spion, war mit Ge⸗ rillo und ſeiner Bande einverſtanden und ⁴. deßhalb die ſpaͤten Gaͤſte ihm willkommen. Sobald er horchend vernommen wohin die Reiſe gelten ſolle, rief er behutſam den Hauptmann bei Seite, indem er ſagte: „Wenn ihr nach Rom wollt, ſo ſeyd auf eurer Hut, denn der heilige Vater hat zwei Kardinaͤle ausgeſandt, welche im Staate herumreiſen und Verſuͤgungen zu eurer gänzlichen Ausrottung betreiben ſollen.“ „Ich finde das laͤcherlich, antwortete Gerillo, die Herren ſollten mit ihren Buͤ⸗ chern und mit ihren Federn, aber nicht mit Naͤubern ſtreiten wollen. Du meinſt alſo, es ſey Gefahr dabei? „ Allerdings, wenn ihr nicht mit der groͤßten Vorſicht zu Werke geht. Wenn ihr aber einmal hin wollt, hin muͤßt, ſo iſt mein Rath, daß ihr als etwas Rechtes dort erſcheint. Denn ſchoͤpft man Verdacht, 4* ——— —— 1— ———. — — 52— haben euch einmal die Carabiners auf der Witterung, ſo ſeyd ihr verloren. Apro⸗ pos— da faͤllt mir eben ein— es ſteht hier ein ſtattlicher Reiſewagen, an welchem etwas zerbrochen war, das nun aber wieder reparirt iſt; ihr koͤnnt euch deſſen bedienen — ees verſteht ſich von ſelbſt daß ihr nicht undankbar ſeyn werdet— und damit unter einem fremden Namen in die Stadt fahren.“ Gerillo nahm dieſen Vorſchlag unbedingt an, und verſprach des Wirths hei erſter Gelegenheit zu gedenken. Ein gutes Abendeſſen und ein bequemes Nachtlager verkuͤrzten die wenigen Stunden der Nacht fruͤher als es die Reiſenden gewuͤnſcht. Kaum daͤmmerte der Moxgen, ſo ſtand h der Wagen, mit vier muntern Maulthie⸗ ren beſpannt, im Hofe. Gerillo und Laurette nahmen den Ruͤckſitz, Quorato Orſini als Kammerdiener, und Micheli als — 53— 3 Hofmeiſter, den Vorderſitz deſſelben ein, die beiden uͤbrigen Raͤuber theilten ſich in den Rollen eines Kutſcher und Bedienten, und ſo gings im raſchen Trabe nach Rom. Niemand hatte am Stadtthore gegen den . richtigen Paß des Baron Dandini etwas eeinzuwenden⸗ und in der ſpaniſchen Kro⸗ ne, wo ſie Quartier nahmen, wurden ſie mit gebuͤhrender Achtung empfangen. Doch war die erſte Neuigkeit, welche ſie hier er⸗ fuhren, nicht erfreulich, denn ſie verkuͤndete 4 die öͤffentliche Hinrichtung Antonios und Caglioſtros, welche uͤber drei Tage Statt finden ſollte. Gerillos Stirn verzog ſich dabei in duͤſtre Falten, indem er ſich an das Verſprechen, welches er Antonios Gat⸗ einn gegeben, erinnerte: doch war binnen drei Tagen noch nicht alle Hoffnung verloren die Unglücklichen zu retten, und er nahm ſich vor deßhalb ſein Moͤglichſtes zu thun. ——— A——, In Pallaſte des Senators Garvioni war heute großer Maskenball. Die Mar⸗ quiſe Marcello, nicht ahnend, welch neues Ungewitter ſich am Horizonte ihres haͤusli⸗ chen Gluͤckes aufthuͤrme, war emſig mit dem Putze beſchaͤftigt, in welchem ihre ju⸗ gendlich ſchoͤne Geſtalt das Feſt verherrli⸗ chen ſollte. Es machte ihr unendliches Ver⸗ gnuͤgen alle zur Auswahl daliegenden An⸗ zuͤge Stuͤck fuͤr Stuͤck zu muſtern und an⸗ zulegen, zu verſuchen wie Dieſes zu Je⸗ nem, und Jenes zu Dieſem ſich eigne. Ganz anders war die Stimmung ihrer jun⸗ gen Freundinn Ricadora. Nur mitleidig laͤchlnd ſah ſie zuweilen dem froͤhlichen Treiben Lukretiens zu, um dann bald wie⸗ der in ein deſto ernſteres Nachdenken zu — 55— verſinken. Es entging der zartfuͤhlenden Frau nicht, das Ricadorens Geiſt oft von der ſonſt ſo angenehmen Frauen„Beſchaͤftis gung abweſend war; und ſie herzlich bemit⸗ leidend, konnte ſie doch nicht unterlaſſen, das liebekranke Maͤdchen zu erinnern, daß der herannahende Abend nun endlich eine beſtimmte Wahl der Kleider gebiete. „Ach wie ſehr beneide ich dich, liebe Lukretia, um deinen heitern, frohen Geiſt⸗ der allein nur auf das bedacht iſt, was in der gegenwartigen Zeit vorgeht,“ ſagte Ri⸗ cadora tief Athem holend—„ſonſt war auch ich ſo. Es war mein liebſtes Geſchaͤft mei⸗ ne Kleider zu muſtern und zu ordnen, ich konnte Stundenlang mich an meinen eignen Formen und an dem Schnitte dieſes oder jenes Kleides ergoͤtzen— fuͤr mich iſt jene ſchoͤne goldne Zeit auf immer dahin.“ So ſehr dein Kummer mir auch zum Herzen geht, antwortete die Marguiſe, ſo begreife ich doch nicht wie es möͤglich iſt, ſich ſo von einer Ledeafe hiuteißen 43u laſſen. 3 i„ Ich verzeihe dir den Vorwurf gern, den du nicht gemacht haben wuͤrdeſt, haͤt⸗ teſt du je geliebt. Das Herz, meine gute Freundinn, iſt der groͤßte und erhabenſte Theil des menſchlichen Koͤrpers, aber auch zugleich der zarteſte, Es iſt am Leichteſten zu verwunden, und nicht leicht zu heilen. Man hat Beiſpiele, daß junge Maͤdchen ihs ganzes Lehen daran laborirt haben.“ Nun ja, ich glaubn dirs ja, daß es etwas Entſetzliches ſeyn muß ohne Hoff⸗ nung zu lieben, dennoch wuͤrde ich an dei⸗ ner Stelle Alles thun, die truͤbe Seele zu erheitern. Suche dich zu zerſtreuen, liebe —— — 37— Ricadora, denke an den heutigen Ball, an alle die ſchoͤnen und mannichfaltigen Mas⸗ ken, die du dort ſehen wirſt, dann koͤmmt dir's aus dem Sinne. 4 3 „Wollte der Heunme ich koͤnnte. Aber die Vernunft iſt ein ſchwaches Ding gegen das hartnaͤckige Herz. Dft wenn ich eine lange Zeit gewaltſam den Gedanken an ihn verbannt habe, ſi ſteht urploͤtzlich wieder ſein Geiſt vor mir, und dann zieht ein hefti⸗ ger Krampf mir das Herz zuſammen, und es iſt mir, als muͤßte mein Daſeyn auf⸗ hoͤren.“* Die Marquiſe, welche die letzten Worte nicht mehr gehoͤrt hatte, ſondern vor dem hohen Wandſpiegel getreten war, um den chineſiſchen Kopfputz zu betrachten, fragte unbefangen froh: ob dieſe Schleiſe oder eine Andere beſſer zu ihrem Geſicht oder ihrem Biene paſſe? „Deinem bluͤhenden, heitern Antlitze eder jede⸗ fede Fare⸗ Die Marquiſe wollte eben die kleine unerwartete Schmeichelei beantworten, als ein alter Kammerdiener den Kopf zwiſchen die Thuͤr ſteckte, und durch einen Blick zu fragen ſchien: ob er eintreten duͤrfe? So ungern ſich auch die Marquiſe in ihrem Lieblingsgeſchaͤft unterbrechen ließ, fo fiel ihr doch die wichtige Miene des alten ehr⸗ lichen Mannes zu ſehr auf. Sie winkte mit dem Kopfe und er trat ein. 7„Darf ichs magen, Sihngra n frabte der Alte. Was haſt du? Rede. — 59— „Wenn ich aber fuͤrchten muͤßte Euren Unwillen damit zu reizen, ich wuͤrde das Trinkgeld nicht verdienen. 4 Was denn und womit denn? weiß ich doch nicht wovon du redeſt⸗ „Ja ſeht, Signora, da kam ein Mann zu mir, der gab mir dieß Billet und dieſe Zechine, wenn ich es in Eure Haͤnde lie⸗ fern wollte.“ 4 Kannteſt du den Mann nicht? „Ich ſah ihn nie.“ Nun ſo gieb, ich kann es ja leſen. „Hier. Soll ich dem Fremden eine Antwort bringen?“ 8 Jetzt?— Noch weiß ich nicht— komm nach einer Stunde wieder. 4 — 60— Der Diener ging, und die Marquiſe betrachtete mit ploͤtzlich ernſtwerdenden Zuͤ⸗ gen die Aufſchrift des Billets. Sonderbar, ſagte ſie fuͤr ſich, je mehr ich dieſe Schrift⸗ zuͤge betrachte, je bekannter kommen ſie mir vor; gleichwohl kann ich mich nicht erinnern 1 Ricadora hatte mit einiger Aufmetkſam⸗ keit den kurzen Vorgang beachtet, und faſt mechaniſch erhob ſie ſich von ihrem Sitze und warf einen fluͤchtigen Blick auf das Papier. Ha! rief ſie, und riß der Mar⸗ quiſe haſtig das noch unentſiegelte Billet aus den Haͤnden— das iſt ſeine Hand, das iſt von ihm, gieb, gieb, ich bitte dich. Sie betrachtete wieder einige Augen⸗ licke die Schriftzuͤge, wobei ihr Auge ſehr lebhaft wurde, und ihr Mund ſich einen Augenblick in ein convulſiſches Laͤcheln ver⸗ zog. Dann gab ſie nach einer kleinen ———— —, 61— Weile das Billet zuruͤck indem ſe ſagte: 48 nimm, es 4 an Sichen b S uf 8 dem Antüt der eh Monguſſen wechſelte waͤhrend diefem, Purdurgluth mit⸗ Leichen⸗ blaͤſſe. Denn war das Billet⸗ wie ſte jetzt befuͤrchtete, von dem Raͤuberhauntmann Ge⸗ villo, auf welche Weiſe ſollte ſie eine Cor⸗ reſpondenz mit einem ſolchen Menſchen ent⸗ ſchuldigen? Doch ploͤtzlich wurde ſie wieder durch den Gedanken erhoben, daß vielleicht Ricadorens verloren geglaubter Geliebter den Aufenthalt derſelben erfahren, und ſich deßhalb an ſie zgewendet haben konnte. Dieſer Gedanke gab ihr den Muth das Billet zu oͤffnen. Sie loͤſte das Siegel, waͤhrend Ricadora wieder an ihren Platz wankte und bewegungslos an den Boden Kareike Die WMarauiſe las lelgender Worte: Aud nut 19 i ttn „Etiſtdie Pputnfiſger wSiten onos⸗, ———— — 62— „die Milde eines Engels, die Ihr „auch dem Verbrecher nicht nentzoget, „die mir jetzt den Muth giebt, mich „ noch einnal an Euch zu wenden und „ Euch an ein Verſprechen zu erinnern, n das vielleicht zum Theil von dem „Drange der Umſtaͤnde von Euch ge⸗ „geben, nicht von mir in Erinnerung „gebracht werden ſollte Zwar bin „ich ſelber weder in Gefahr noch Noth; „doch wuͤrde ich es als eine an mir „ſelbſt veruͤbte Wohlthat betrachten, „wenn Euer menſchenfreundliches Herz „ſich entſchließen koͤnnte, einem jun⸗ „gen verwaiſten Maͤdchen Freundinn und Mutter zu werden, die der Zu⸗ „fall in meine Haͤnde führte, und „welche mir nicht laͤnger folgen darf, „wenn ich ihr moraliſches Seyn er⸗ „halten will. Ich ſann lange dar⸗ „ uͤber nach, wie ich die Arme vom — 63— „Verderben retten koͤnne, und nir⸗ „ gends ſchien ſie mir beſſer bewahrt „als bei Euch. Bei Euch, welche ſie „nur als Vorbild betrachten darf, „um ſich in jeder Tugend zu uͤben, „zu befeſtigen, denn ich kann auch „„von meiner Pflegbefohlnen ſagen, „daß ihr keine der Tugenden fehlt, „welche die Seele des weiblichen Da⸗ „ſeyns ſchmuͤcken. Fuͤhlt Ihr Euch „daher noch geneigt Euer Verſprechen „zu erfuͤllen, und achtet Ihr es der „Muͤhe werth mir Wort zu halten, „ſo laßt Euch herab, mir Zeit und „ Ort zu beſtimmen, wo ich das Wei⸗ „tere mit Euch verabreden kann. Es „wuͤrde dieß Eine von den wenigen „gluͤcklichen Stunden ſeyn, welche mir „ſo karg im Leben zugetheilt ſind. „Doch tragt Ihr nur das mindeſte „Bedenken mit mir auch nur eine 8 1 —— — — 6— in„Minute zuſammen zu ſeyn, ſo be⸗ ec gnuͤge ich mich ſchon mit dem Ver⸗ Pſprechen, daß Ihr meine Bitte er⸗ 156, fuͤllen wollt, und ſende Euch das 5„Maͤschen mit einer ſchriftlichen Er⸗ a tlabunge⸗ 1eet. ae, enen G. 14 LGi. AAenen 3 att Schweigend legte die Maraaiſe das Blatt, als ſie es geleſen, auf Ricadorens gefatteten Haͤnde, und trat dann gänzlich verſtünmt ans Fenſter. Dieſe verſchlang begierig den Inhalt, wandte ſich dann raſch zur Marquiſe und fragte in aͤngſtlich 4 bittendem Tone:„Und dieſer Name— 1 O, ſprich ihn mir aus, ich bitte, ich be⸗ ſchwoͤre dich bei deiner Seligkeit, ſprich ihn mir aus!=— Du zoͤgerſt? Du wendeſt dich weg?— O wenn du wuͤßteſt welche unendliche QAualen mein Herz leidet, du 11½ 1833 wuͤrdeſt eilen Lebensbalſam in meine er⸗ krankte Seele zu gießen.“ Und wenn ich dir meine Vermuthung mittheilte, wuͤrde ſie dir genuͤgen? „Dem im Sturm auf offner See Schwimmenden iſt ja ein ſchwaches Bret willkommen; drum rede, ich bitte dich.“ Nun wohl. Daß ich in der Gewalt des Raͤubers Gerillo geweſen, weiß ganz Rom, und dich habe ich ſelber damit be⸗ kannt gemacht. Vielleicht aber vergaß ich dir zu ſagen, daß ich in jener ſchrecklichen Nacht, in meiner Angſt und Verwirrung, dem nicht unedel ſcheinenden Raͤuber die Bitte erlaubte, wenn er geſonnen ſey ſich zu beſſern, bei etwaniger Verlegenheit an mich wenden zu duͤrſen. Dem Maͤdchen entſank das Blatt aus II. Theil. 5 — 66— der zitternden Hand, ſie war einer Ohn⸗ macht nahe. „Gott! was iſt dir?“ rief die erſchrok⸗ kene Marquiſe.„Hat vielleicht meine un⸗ gluͤckliche Vermuthung—— 20 Nein— nein, ſagte Nicadora, ſich erholend; ich danke dir, deine Vermuthung giebt mir das Lehen oder den Tod; Bei⸗ des iſt mir, nachdem es fäͤllt, willkommen. Ich muß ihn ſehen, jenen Gerillo, deſſen Handſchrift mich faſt uͤberzeugt, er und mein Joſeph ſey eine Perſon. Iſt es ſo, dann iſt mir der Tod willkommen; iſt er es nicht, nun, ſo werden auch meine ban⸗ gen Zweifel ſchwinden, und auch der ver⸗ lorne Geliehte wird ſtets der Abgott mei⸗ nes Herzens bleihen. Auf jeden Fall iſt es nothwendig, daß ich ihn ſehe. Ein einziger Blick wird hinreichend ſeyn mich zu uͤberzeugen. f 8 „Ich begreife aber nicht, auf welche Art ich dein Begehr in Erfuͤllung bringen kann? Auf die leichteſte Art von der Welt. Der heutige Maskenball giebt uns die ſchoͤnſte Gelegenheit dazu. Der gewandte Raͤuber wird ſich gewiß den Eintritt dort zu verſchaffen wiſſen, und ſeiner Klugheit darfſt du es ſicher zutrauen, daß er vor⸗ ſichtig dabei zu Werke gehen wird. Drum ſchreibe ihm auf der Stelle, daß du ihm ſeine Bitte gewaͤhren wolleſt, er moͤge ſich um Mitternacht in den Ballſaal des Sena⸗ tors Einlaß zu verſchaffen ſuchen, dich da⸗ ſelbſt als Chineſinn erkennen, und dir mit dem Schlage Ein Uhr in den an den Saal graͤnzenden Garten folgen⸗ Lukretiens Einwendungen und aͤngſtliche Beſorgniſſe gegen dieß Wagſtuck, vermochten 5* — 68— nichts uͤber das von den ſchrecklichſten Zwei⸗ feln gefolterte Herz Ricadorens. Sie hoͤrte nicht auf, die Freundinn mit Bitten zu beſtuͤrmen, bis die Marquiſe endlich mit zitternder Hand die geſaͤhrliche Einladung dem Papiere anvertraute, und das Billet dann dem alten Manne zur Beſorgung n jeßt als ob die Hatden Freun⸗ 3 hre Rollen vertauſcht haͤtten. Der frohe, heitre Sinn, mit dem die Marjquiſe fruͤher die Wahl ihres Anzuges begann, war dahin, ſie dachte jetzt nur an das be⸗ vorſtehende Abentheuer und an die Gefahr, welcher ſie ſich dabei ausſetzte. Auf Rica⸗ dorens Gemuͤth hingegen hatte dieſer Vor⸗ fall eine ganz andere Wirkung hervorge⸗ bracht. Ihr ganzes Weſen hatte von dem Augenblicke an eine ganz andere Richtung genommen, und mit Eifer that ſie jetzt, — — 69— was ihr vor Kurzem noch laͤppiſch und abs⸗ geſchmackt vorgekommen war. Wie die Marquiſe vorhin ſie ermahnt ſich durch die bevorſtehende Ergoͤtzlichkeit zu zerſtreuen, ſo mußte Ricadora jetzt die Erſtere zur Eile antreiben, indem der Abend herannahete, und das eilige Treiben der Menſchen in und außer dem Pallaſte, den Anfang des froͤhlichen Feſtes verrieth. Endlich ließ auch der Marquis anſpannen, und in Kurzem befanden ſich die Damen im Ballſaale unter einer großen Menge der mannichfaltigſten und ſchoͤnſten Masken. Von allen Voͤlkern der Erde waren hier Abbildungen ſichtbar. Tuͤrken, Griechen, Spanier und Franzo⸗ ſen, Peruaner und d Mexikaner, Mulatten, Mohren und Kamtſchadalen trieben ſich zwiſchen einander herum, und Muͤhe hatte derjenige, den der Zufall von ſeinen Be⸗ kannten entfernte, dieſelben wieder zu finden. — Mit brennender Ungeduld hatte Gerillo der Wiederkunft ſeines Geſellen geharret, und als dieſer endlich erſchien, und ihm das Billet der Marquiſe uͤberreichte, konn⸗ te er ſeine geheime Freude nicht unterdruͤk⸗ ken. Jetzt, ſagte er zu Quorato Orſini, jetzt will ich deine Klugheit auf die Pro⸗ be ſtellen. Hier nimm dieß Geld, gehe aus, und verſchaffe mir in moͤglichſter Eile einen griechiſchen Feldherrn⸗Anzug und eine dazu paſſende Maske. Nach zwei Stun⸗ den kehrte Quorats, von Schweiß twiefend, zuruͤck und brachte die Kleider des Fuͤrſten Boſtlanti ſo taͤuſchend aͤhnlich, als ob ſie der Hingeſchiedene in eigner Perſon getra⸗ gen. Beifall laͤchelnd betrachtete ſie Gerillo, und machte dann ſchleunig Anſtalt ſie anzu⸗ legen. — 71— Taͤuſchend aͤhnlich, ſagte Quorato Orſini. Ich glaube, wenn ich ſelbſt unter der Fah⸗ ne des Unſterbliehen gefochten haͤtte, ich wuͤrde in dieſem Augenblicke keinen Andern als ihn ſelbſt darin erkennen. Endlich ſielen von dem Thurme der Kieche St. Maria im Portico, im traͤgen Tempo, die elf dumpfen Schlaͤge, welche die herannahende Mitternacht verkuͤndigten; da trat Gerillo, voͤllig angekleidet, aus dem Kabinet und ertheilte ſeinen Leuten die noͤ⸗ thigen Befehle fuͤr dieſe Nacht. Quorato Orſini und Carlo der Neapolitaner, ſollten ihn mit allen nur möglichen Waffen, wel⸗ che ſich etwa verbergen ließen, von fern begleiten, und ihn, wie es auch kommen moͤchte, nicht aus den Augen verlieren⸗ Der dritte Kamerad erhielt den Befehl, mit Lauretten im Quartier zu bleiben, und da — 72— auf Alles, was ſich ergeben moͤchte, wohl Acht zu haben. 1 Lauretta, welche mit klopfendem Herzen dieſe Anſtalten bemerkt hatte, brach jetzt, da ihr Gerillo die Hand reichte, in ein lau⸗ tes Weinen aus. Gerillo, der ihr durchaus ſein Mitleid nicht verſagen konnte, ſuchte ſie zu beruhigen, indem er ſagte:„Du kannſt hier ganz ohne Sorgen ſeyn, denn was die Vorſicht zur Sicherheit meiner Per⸗ ſon noͤthig machte, iſt geſchehen, und ich werde in einigen Stunden unter dieſer Maske wieder hier ſeyn.“ Ach, nie, nie ſeh' ich dich wieder, ant⸗ wortete laut ſchluchzend Lauretta. Mein Herz, meine Ahnung ſagt mir zu deutlich, daß ich dich in dieſer verhaͤngnißvollen Nacht zum letzten Male ſehe. Doch es iſt dein eigner Wille, mit dem du deinem Schickſale entgegen gehſt. 1 „Du biſt ein gutes Maͤdchen, Lau⸗ retta; aber meine baldige Ruͤckkehr wird dich überzeugen, daß deine Furcht uͤber⸗ fluͤſſig war. Gute Nacht.“— Lauretta hing ſich noch einmal an ſei⸗ nen Hals, und ſagte ihm unter heißen Thraͤnen: gute Nacht, ewige gute Nacht! Gerillo verbarg nun noch zum Ueber⸗ fluß einen fein geſchliffenen Dolch, eine Phiole mit Gift und ſeine Brieftaſche bei ſich, warf einen Mantel uͤber und ging dann fort. Als die drei Raͤuber durch die Seille der Nacht in die Gegend kamen, in welcher der Pallaſt des Senators lag, er⸗ ſcholl ihnen ſchon von Weitem der froͤhliche Wirbel der Pauken und Trompeten entge⸗ gen. Vereint umgingen ſie nun den Pal⸗ laſt, und als ſie Alles gehoͤrig unterſucht und noch einmal Ruͤckſprache mit einander —— genommen hatten, ſuchten ſich Gerillos Ka⸗ meraden Eingang in den an den Pallaſt graͤnzenden Garten zu verſchaffen, er ſelber aber gab ſeinen Mantel ab und trat unge⸗ hindert, indem er dem Thuͤrſteher den Na⸗ men: Baron Dandini nannte, in den Ballſaal. Sein Erſcheinen machte einiges Anſſehen, indeß nicht ſo viel als er geglaubt, indem Mehrere dergleichen, wenn auch nicht ganz dem Fuͤrſten Ypſtlanti aͤhnlich, gegen⸗ waͤrtig waren. Noch nicht halb hatte er, uͤherall umherſpaͤhend, den Saal durchwan⸗ delt, als ihm eine junge Dame, in einem ſimplen, aber aͤußerſt geſchmackvollen Ball⸗ kleide, mit falſcher Naſe und einem Bart⸗ laͤppchen von ſchwarzem Flor, auffiel. Sie ging einſam und ſchien mit einer Art von Aengſtlichkeit Jemanden zu ſuchen. Gerillos Augen verweilten mehrere Minuten mit beſonderem Wohlgefallen auf der lieblichen Geſtalt, er verfolgte ſie ſogar; und obgleich ——— — * — 715— es ihm gar nicht einfallen konnte unter derſelben die Marquiſe zu ſuchen, ſo hatte ſie doch etwas ſehr Anziehendes fuͤr ihn. Auf einmal aber hatte er ſie aus den Au⸗ gen verloren. Schon war er im Begriſff umzukehren und ſeinen erſten Weg zu ver⸗ folgen, als ihm ploͤtzlich eine wunderlieb⸗ liche Geſtalt, als Chineſinn gekleidet, ent⸗ gegen trat. In demſelben Augenblicke ſah er auch die vorige Dame wieder, welche die Chineſinn geſucht zu haben ſchien, Bei⸗ de ſchienen erfreut einander gefunden zu haben, und ſetzten dann Arm in Arm ih⸗ ren Weg mit einander fort. Jetzt ſchien es Gerillo, als muͤßte er den beiden Da⸗ men folgen. Je laͤnger er die Chineſinn betrachtete, je mehr uͤberzeugte er ſich, daß es die Marquiſe di Marcello und keine An⸗ dere ſeyn koͤnne; wer aber die andere Da⸗ me ſey und warum die Geſtalt ſo anziehend fuͤr ihn war, wußte er ſich nicht zu beant⸗ —. 76— worten. Nach einer Weile wurden die Da⸗ men in ihrem Wege gehindert, und als ſie eine andere Wendung zu nehmen genoͤthigt wurden, ſtand Gerillo ploͤtzlich vor ihnen. Er wagte es ihnen eine Verbeugang zu machen, und da dieſe freundlich erwiedert wurde, erlaubte er ſich die Hand der Chi⸗ neſinn zu ergreifen und mit dem Finger ei⸗ nen Buchſtaben binein zu ſchreiben. Er hatte ſich nicht getauſch. Es war die Marquiſe di Marcello, denn ſogleich vernahm er fluͤſternd die Worte:„im Gar⸗ ten,“ worauf ſie aber auch ſogleich, und zwar abſichtlich, im Gedraͤnge wieder ver⸗ ſchwand. Ungeſaͤumt verfuͤgte ſich Gerilio an den Ausgang des Saals. Hier trat er auf einen Balkon, von welchem zu beiden Seiten einige Stufen in den Garten hin⸗ abfuͤhrten. Von hier aus konnte er den ganzen Saal uͤberſehen, und obgleich meh⸗ —— — — rere Masken hier gingen und ſtanden, ſo war es doch in der Dunkelheit nicht moͤg⸗ lich, Jemanden zu erkennen. Ueber eine halbe Stunde harrete er hier der Ankunft der Dame, noch mehr aber wuͤnſchte er, daß die ihm gaͤnzlich Fremnde ſie begleiten moͤchte; denn ſeitdem er ſie geſehen, war ſeine rege Phantaſie unaufhoͤrlich mit ihr beſchaͤftigt geweſen. Unter den Geſtalten, welche unaufhoͤr⸗ lich zu beiden Seiten des Balkons die Stu⸗ fen auf und ab wandelten, bemerkte Ge⸗ rillo auch zuweilen Polizei⸗ Wache, welche auf unvorhergeſehene Faͤlle von dem Sena⸗ tor ſelbſt requirirt ſeyn mochte, doch aͤng⸗ ſtete ihn dieß nicht im Geringſten, denn unter dieſer Maske, wer haͤtte ihn da er⸗ kennen, oder noch mehr, wer haͤtte ihn hier ſuchen vollen? Und wenn auch in dieſer Stunde ihm wirklich Gefahr bevorge⸗ ſtanden haͤtte, in ſeiner Seele gingen jetzt wichtigere Dinge vor. Heute zum Erſten⸗ male nach Jahren, ſtand das Gild ſeiner geliebten, unvergeßlichen Ricadora, wieder in dem vollen Glanze ihrer Lieblichkeit vor ſeiner aufgeregten Seele; er glaubte ſie ge⸗ ſehen zu haben, und die Moͤglichkeit an der er laͤngſt gezwoifelt: ſie vielleicht in dieſem Leben nech einmal in ſeine Arme zu ſchließen, keimte wieder in ſeiner Seele auf. In ſeinen Traͤumereien verſunken ſtand er da, als, ohne daß er ihr Kommen be⸗ merkt, die ſchlanke Chineſinn und deren in⸗ tereſſante Begleiterinn vor ihm ſtanden. Sie eilten raſch die Stufen hinab, er folgte ihnen. Eine undurchdringliche Finſterniß verhinderte die vielen Luſtwandelnden, in der ſchwuͤlen Julinacht, einander zu erkennen, und auch Gerillo hatte Muͤhe ſeinen Ge⸗ genſtand nicht aus den Augen zu verlieren. Nicht lange, ſo bogen die Damen ſeit⸗ ————— waͤrts in eine Laube ein. Gerillo pruͤfte, ob ſie) von Lauſchern leer ſey, und trat dann ebenſalls hinein. E as daß⸗ Wenn ich zu viel gewagt⸗ Signora, ſagte er, der Marquiſe Hand ergreifend, ſo verzeiht, und denkt⸗ daß Ihr einem Ungluͤcklichen dadurch behuͤlflich werdet, durch eine gute That viele boͤſe, womit ſein Le⸗ ben leider beſleckt iſt, auszugleichen. Je⸗ nes Maͤdchen——. S— coa 2 „Joſephs Stimme! Gott im Himmel!“ Ricadora! rief Gerillo, iſt es moͤglich, oder taͤuſchen mich meine Sinne? „Meine Ahnung, o meine Ahnung! ſie hat mich nicht betrogen!“ Mit dieſen Worten ſank das Maͤdchen bewußtlos in die Arme der Marquiſe. — 80— Aum Gotteswillen! ſagte dieſe halblaut, was beginnet Ihr? hier iſt weder Ort noch Zeit—— entfernt Euch bis zu einer guͤn⸗ ſtigern Zeit, ich werde—— In dem Augenblicke ſprangen vier Kerle in die Laube. Eine Blendlaterne, welche ſie bei ſich fuͤhrten, war ſchnell geoͤffnet. „Gerillo erkannte ſogleich Rialtos Stimme, aber zu ſpaͤt um ſich ſeiner Waffen bedie⸗ nen zu koͤnnen. Wehrlos ſank er in ihre Häͤnde..157771 476 Das Geraͤuſch, welches durch dieſen Ueberfall, ſo wie durch das vergebliche Ringen Gerillos nothwendig entſtehen muß⸗ gte, obgleich der ganze Vorfall ſo ſtill als möglich verhandelt wurde, brachte die halb⸗ ohnmaͤchtige Ricadora bald wieder ins Le⸗ ben zuruͤck, und beiden Damen blieb da⸗ her gluͤcklicherweiſe noch ſo viel Zeit uͤbrig, —— ——y— ſich in aller Stille zu entferten. Doch kaum hatte Gerillo rdieß zu ſeiner großen Freude bemerkt, als er ringend mit ſeinen Feinden die rechte Hand ſich frei machte, um mit derſelben ſeinen Kameraden ein Zeichen zu geben. Keine Minute war ver⸗ floſſen, als dieſe auch ſchon herbei eilten, allein in der undurchdringlichen Finſterniß war es ihnen nicht möglich, ihre Feinde zu erkennen. Es entſtand alſo ein neues Ringen, mit kraͤftigen Fauſtſchlaͤgen vermiſcht. Waͤhrend dem hatte der verraͤtheriſche Rialto ſeinen ſtaͤrkſten Widerſacher, den Gerilld auch in der Finſterniß nicht verfehlt. Mit der Linken hatte er ſich in deſſen Halsbin⸗ de ſo feſt verſchlangen, als ob er ihn er⸗ wuͤrgen wollte. Daß ein ſolches Ringen und Stoͤhnen unter ſieben ſtarken Maͤn⸗ nern, denen zuweilen auch ein Schmer⸗ zenslaut eniſuhr, unter den vielen Men⸗ ſchen, welche im Garten uſtwandelten, II. Theil. 6 — 82— nicht lange verborgen bleiben konnte, wrr nur zu gewiß. Es verſammelten ſi ſich bald 3 eine Menge Zuſchauer um die Laube, wel⸗ chen auch alſohald andere mit Jackelne und Windlichtern nachfolgten. Jetzt begann ein muthiger Kampf, der indeß nicht lange dauerte, indem Quorato Orſini Rialtos Arm mit einem Hiebe dicht am Leibe wegmaͤhte. Dieſer taumelte flu⸗ chend zu Boden, und haͤtte er im Fallen 3 nicht mit wuͤthender Stimme den Namen Gerillo ausgerufen, ſo wuͤrden die her⸗ beigeeilten Zuſchauer dieſen auf jeden Fall, indem er noch maskirt war, fuͤr einen ge⸗ ladenen Gaſt gehalten und befreit haben, allein dieſer verrufene Name brachte Alles in Aufruhr, und man ſah ſich genoͤthigt, 3 die noch im Garten und im Saale zer⸗ ſtreute Polizeiwache herbei zu rufen. Ehe es indeſſen ſo weit kam, ſuchte ſich Gerillo it ſeinen Kameraden noch durchzuſchlagen, und unfehlbar wuͤrde es ihnen gelungen ſeyn, wenn Gerillo nicht mit dem von Rialto eroberten Saͤbel ſeinen Kameraden 5 Carlo im Zwitterlicht, indem er ihn fuͤr einen der Feinde hielt, den Kopf geſpalten haͤtte. Dieſer entſetzliche Mißgriff benahm ihm auf einige Augenblicke den Muth, und ſchwaͤchte auch in doppelter Hinſicht ſeine Kraͤfte, denn durch den Sturz Rialtos war der Kampf gleich geworden, nun aber war die Zahl der Feinde wieder groͤßer. Jetzt eilte die Polizeiwache herbei, und auf den lauten Ruf von Rialtos Geſellen:„Es iſt Gerillo, der furchtbare Räuber! Greift zu!“ wurde Gerillo wenigſtens von zehn ſtarken Armen ergriffen, zu Boden geworfen und entwaffnet. Quorato Orſini, der hier nicht mehr nuͤtzen konnte, entkam noch zu rechter Zeit 6* in derſelben Stunde, unter ei Begleitung, in die Engelsburg g ihm der ſtaͤrkſte und feſteſte Kerker zur Wohnung angewiefen. S41i — 118:8 Siu: 34 363 n weniger als acht und pierzig Stunden legte Quorato Orſini den Weg von Rom bis in die Felsſchluchten der Apenninen zu⸗ rück, um die Schreckensnachricht von der Geſangennehmung des Hauptmanns, deſſem Freunde Cavallo und der ganzen Bande zu uͤberbringen. Alles verſank in tiefe Trauer, Cavallo aber ſchlug ſich wuͤthend mit der Fauſt vor die Stirn, indem er ſagte:„daß ich ihn auch allein mußte ziehen laſſen, in meiner Begleitung waͤre er, ſo wahr der Himmel uͤber mir ſchwebt! nicht in die Haͤnde ſeiner Feinde gerathen.“ Ich verzeihe dir dieſen Vorwurf, Ka⸗ merad, antwortete Quorato Orſini, denn unſere Bekanntſchaft iſt noch zu jung; wenn wir uns aber erſt naͤher kennen gelernt, — 86 dann wirſt du einſehen, Seite nichts dabei verſe ur Feind Gerillos, dem verraͤtheriſchen R den linken Arm dicht am Leibe abgehauen, . welches ihm ſo halb und halb den Beifall und das Vertrauen Cavallos erwarb. Nun, was einmal geſchehen iſt, das iſt geſchehen, rief darauf Cavallo; aber nun muͤſſen wir handeln. Die kraͤftigſten Maagßregeln muͤſſen wiy treffen, denn Ge⸗ rillo muß frei werden, oder ich haͤnge mich ſelber an dieſen naͤchſten Baum. „ Das iſt es ja eben was mich ſo zur Eile angetrieben hat. Es muͤßte ja mit dem Teufel zugehen, wenn wir Kerle bei Uebe jegung unſern Hauptmann Cavallo ging einige Male haſtig auf und ab, dann blieb er ploͤtzlich ſtehen, ſein Auge rollte fuͤrchterlich, ſeine Haͤnde ball⸗ ten ſich krampfhaft; dann ſagte er: Hort, Kameraden, iſt es euer Aller ernſter und feſter Wille den Hauptmann zu retten, wenn auch Freiheit und Leben daruͤber zu Grunde gehen ſollte? „Welche Frage!“ riefen Alle wie aus einem Munde.„Was ſind wir ohne den Gerillo? Ihn zu reiten ſey jetzt unſer ein⸗ ziges, alleiniges Beſtreben. Haſt du einen Plan entworfen, ſo theile ihn uns mit, und iſt er gut, ſo fuͤhre du uns an, ihn zu vollbringen, und was dann in menſch⸗ licher Macht ſteht, das darfſt du von uns kerwarten.“ * Kuͤhnheit bewundern.— Unweit Albano⸗ in einer ziemlich einſamen Gegend, liegt ein Moͤnchskloſter, in welchem etwa acht bis zwoͤlf Moͤnche mit ihrem Prior in ſtiller Abgeſchiedenheit von der Welt, nur Gott und dem Heilande leben. Neichthuͤmer wer⸗ den die armen Bettelmoͤnche wohl nicht be⸗ ſitzen, allein darauf leiſten wir auch dieß⸗ mal Verzicht, wenn wir die heiligen Maͤn⸗ ner nur ſelber hahen, „Ha, ha, hal? lachte Quorato,„und wozu ſollen uns dieſe Faullenzer nutzen?“ Das begreifſt du nicht? nun ſo höe ferner. Wir fuͤhren die guten Leute hier⸗ gel in der Luft, und die Weit ehereene — 8— dh, tiſchen ihnen hier ſchmale Koſt du und ſchreiben dann ſogleich an den heiligen Vater ſelber, daß, wenn er uns unſern— Hauptmann binnen einer geſetzten Friſt nicht zuruͤckgaͤbe, wir d die Moͤnche ohne Umſtände zu Tode martern wuͤrden. 5 Ein herrlicher Einfall! rief Ausrats Orſini; ein ganz unvergleichlicher Einfallt rief ein Anderer, laß dich dafaͤr umarmen, Bruder! Du oder Keiner verdient in Ab⸗ weſenheit des Hanptmanns⸗ ſeine Stelle zu vertreten. „Nun wohl, wenn ihr mit meinem Plan zufrieden ſeyd, ſo zoͤgert nicht ihn ins Werk zu richten, ſondern macht euch fertig. In einer Stunde brechen wir auf, und morgen fruͤh, ehe die Sonne mit ih⸗ cer ganzen Kraft die Erde erwaͤrmt, muͤſe ſen wir dort ſeyn.“ — Juchhe! riefen die Kerle, es lebe ſer braver Hauptmann und ſein treuer Ca⸗ vallo! Juchhe!— 6 Nachdem Cavallo die noͤthigen Maaßre⸗ geln getroffen, auch diejenigen inſtruirt, welche in den Gebirgen zuruͤckbleiben ſoll⸗ ten, ging der Zug auf verſchiedenen We⸗. gen, um kein Aufſehen zu erregen, fort. Es waren ihrer acht und zwanzig an der Zahl, welche gegen neun Uhr Morgens vor dem Kloſter, dem heiligen Georgius ge⸗ widmet, welcher uͤber der Thuͤr des Haupt⸗ eingangs auf einem Lindwurm reitend, in Stein abgebildet war, ankamen. Ein Theil der Raͤuber blieb unweit des Kloſters in einem kleinen Kaſtanienwaͤldchen verſteckt liegen, und nur Cavallo, Quorato Orſini und noch zwei der entſchloſſenſten Raͤuber, gingen auf das Kloſter zu. Es — 91— wurde ihnen nicht ſchwer ſich den Eingang zu bahnen, indem ſie ſich fuͤr durſtige Wan⸗ derer ausgaben, welche, das mitleidige Herz der Kloſterbruͤder in Anſpruch nehmend, um einen Labetrunk baten. Kaum aber waren ſie im Innern des Kloſters angekommen,⸗ als Cavallo dem Pfoͤrtner befahl, ihn dem Prior vorzuſtellen. Wenn Eure Sache nicht von ſehr gro⸗ ßer Wichtigkeit iſt, entgegnete dieſer, ſo verſchont den Herrn Prior, er iſt ein al⸗ ter ſchwaͤchlicher Mann, und laͤßt ſich nicht gern in ſeiner Ruhe ſtoͤren. „Um ſo mehr thut es mir leid,“ ant⸗ wortete Cavallo,„daß ich ihn dennoch ſtoren muß; denn Wichtigers hat Euer Herr Prior noch nie verhandelt, als ich mit ihm zu verhandeln gedenke.“ Ohne darauf zu antworten, zog der — 92— Pfbrtner den Schläͤſſet von Innen a5, ſchob züin Uebetffuß enoch den Riegel vor, und ehrſernte ſich dann. Nach einer kleinen Weile kehrte er zuruͤck und berichtete, daß ſein hochwuͤtdiger Herr erſcheinen wuͤrde, fuͤllte den Gaͤſten dann noch einmal die ge⸗ leerten Kräͤge⸗, kund fing dann mit der groͤßten Nuhe wieder an kuͤnſtliche Bilder zu ſchnitzen, ein welcher Arbeit er durch die Ankunft der ungehetenen Gaͤſte unterbrochen worden war. Bald darauf erſchien auch der Prior. Es war ein kleines, duͤrres, krummgebuͤcktes Maͤnnchen mit ſilberweißem Haar und Barte. Auf ſeinem bleichen An⸗ geſichte, das mit einem Paar fehr geiſtrei⸗ chen Augen geziert war, lag der innere Frieden ſeiner Seele klar wie ein Buch aufgeſchlagen. Ueberhaupt floͤßte die ganze Geſtalt auf den erſten Blick hohe Achtung ein. Cavallo, wie auch die Uebrigen, ent⸗ bloͤßten ehrerbietig ihre Haͤupter, und Ca⸗ vallo ſagte:„Ehrwuͤrdiges Vater, es thut mir ſehr leid Euch in Eurer Nuhe geſtoͤrt zu haben, und noch mehr, daß ich ſie viel leicht auf laͤngere Zeit ſtoͤren muß. Haͤtte ich einen anderen Mann in Euch gefunden, ſo haͤtte ich vielleicht anders mit Euch ger redet, Ihr aber ſeyd ein zu wuͤrdiger Mann, um Euch auch nur einen Augenblick mit Umſchweiſen hinhalten zu wollen. Drum zur Sache: Wir ſind, wie Ihr uns hier ſeht, und noch vier und zwanzig Mann⸗ welche draußen meines Signals harren, NRaͤuber, von des beruͤchtigten Gerillos Bau⸗ de.— Erſchreckt nicht, ehrwuͤrdiger Herr! zu dem, was wir beginnen, zwingt uns die Noth, und wenn Ihr Euch willig in Euer Geſchick fuͤgt, ſo ſoll Euch kein Haar auf dem Haupte gekruͤmmt werden.“ Ich bin bereit Euch zu hören⸗ ja zu ſterben, wenn es ſeyn muß. — 94— „ Nicht von Sterben iſt hier die Rede, ehrwuͤrdiger Vater, denn mit Eurem und CEuer Alller Leben iſt uns nichts gedient.“ So ſucht Ihr wohl Schaͤtze? „Keineswegs. Noch nie haben ſich Gerillo oder ſeine Leute erlaubt, das Gut der heiligen Kirche anzutaſten. Nein, es betrifft etwas ganz Anderes. Unſer tapfe⸗ res Oberhaupt, der Gerillo ſelbſt, iſt vor wenig Tagen zu Rom durch einen kleinen Vorwitz in die Haͤnde der ſtrafenden Juſtiz gefallen, und ihn zu retten, ihn wieder in Freiheit zu ſetzen, ſollt Ihr uns be⸗ huͤlflich ſeyn.“ 4 Seyd Ihr von Sinnen? Ich, ein Diener Chriſti und ein Diener des heiligen Vaters, der in den wenigen Tagen ſeiner Regierung ſchon ſo ſtark wider Euch geei⸗ fert und zu Eurer Ausrottung ſchon ſo viel gethan hat, ich ſoll Euch dazu behuͤlflich ſeyn? „Ihr oder Keiner kann das fuͤr uns ſo theure Leben retten, und zwar dadurch, daß Ihr Euch, und die ſaͤmmtlichen Bruͤ⸗ der dieſes Ordens die in dieſem Kloſter le⸗ ben, aufmacht und uns folgt, wohin wir Euch fuͤhren werden.“ Herr! ſagte der Prior, indem er auf die Kniee ſank, und die gefalteten Haͤnde gen Himmel ſtreckte, Herr! fuͤhre uns nicht in Verſuchung! „Eine Verſuchung iſt es allerdings, der Ihr aber, wenn Ihr Euch keinen Gewalt⸗ thaͤtigkeiten ausſetzen wollt, nicht auswei⸗ chen koͤnnt, drum bequemt Euch und folgt uns, der Uebermacht muß der Schwaͤchere jedesmal weichen, und auf Beiſtand duͤrft Ihr in dieſer einſamen Gegend nicht rech⸗ nen. Ich gebe Euch noch eine volle Stun⸗ de Zeit, in welcher Ihr mit denjenigen, die nicht zum Convent gehoͤren, und alſo zuruͤckbleiben duͤrſen, das Noͤthige verab⸗ reden koͤnnt, wie Ihr es in Eurer Abwe⸗ ſenheit gehalten haben wollt, dann aber muͤft Ihr uns folgen, entweder ſo oder ſo.“ Habt Ihr auch bedacht, welchen Fre⸗ vel Ihr mit ſolchem Beginnen begeht, und welche unerhoͤrte Strafe Eurer darauf war⸗ ten moͤchte? 1 — „Alles, ehrwuͤrdiger Herr! und den⸗ noch giebt es kein anderes Mittel.“ Gut, ſagte der Prior im ruhigſten Tone, wir wollen uns in die ſchreckliche 1 Nothwendigkeit fuͤgen, indem es elf ſchwa⸗ —.— chen Greiſen wohl nicht gelingen moͤchte, ſich gegen Euch zu empoͤren; aber ſo viel kann ich Euch Kraft meines heiligen Amts verſichern, daß der Fluch des Himmels ob ſolcher verruchten That Euch auf dem Fuße folgen wird, und daß keine Reue, keine Buße, ſo hart ſie auch ſeyn moͤchte, jemals dieſe graͤßliche Schuld lgeda kann. Ervall⸗ der nicht zu den Roheſten ge⸗ hoͤrte, und die Wahrheit dieſer Worte wohl fuͤhlte, drehete ſich um und antwortete nichts. Quorato Orſini aber empfahl dem Prior die moͤglichſte Eile. Es war ein hoͤchſt tragiſcher Anblick, als nach einer Stunde die zehn Moͤnche, den Prior an ihrer Spitze, ſich im Re⸗ fectorium verſammelt hatten und reiſefertig da ſtanden. Die guten Vaͤter waren alle ſchon im Greiſen⸗Alter, und dabei ihre II. Theil. 7 —— — ͦ— ——· — 98— Beduͤrfniſſe ſo unbedeutend, daß man ſie einem Schulkinde vergleichen koͤnnte, daß mit ſeiner Semmel und einer Bilderfibel ſorg⸗ los zur Schule geht und ſich freuet, wenn die Stunde zur Freiheit ſchlaͤgt. Auch dieſe wahrhaft aͤchten Chriſten hatten nichts und bedurften nichts; ſie hatten ſo wenig als ihr erhabener Meiſter, wo ſie ihr Haupt hinlegten; ein Gebetbuch und ein Stuͤck ſchwarzes Brot war Alles, was ſie aus dem Hauſe des Herrn, deſſen treue Diener ſie waren, mit in die unwillkommene Frei⸗ heit nahmen. So viel der Prior ſie auch zur Standhaftigkeit mochte ermahnt haben, ſo koſtete es ihnen doch unendliche Ueber⸗ windung ſich von dem Orte zu trennen, wo ſie ſo lange Jahre in treuer Ergebung den Willen des Heilandes ausgeuͤbt hatten. Drei bis viermal kehrte jeder wieder um, und warf ſich noch einmal hier oder dort, wo eine Stelle ihm beſonders heilig ſeyn .F14 — 99— mochte, nieder, betete und weinte da noch einmal, und endlich, nach langem Zoͤgern, ging es dann langſam wie ein Leichenzug fort. i5 Als die guten Moͤnche das Kaſtanien⸗ waͤldchen erreichten, wo die uͤbrigen Raͤu⸗ ber ſie in Empfang nahmen, dreheten ſie ſich noch einmal um, warfen noch einmal die ſehnſuchtsvollen Blicke nach den alter⸗ grauen Kloſtermauern hin, fielen auf die Kniee nieder, erhoben die gefalteten Haͤnde zum Himmel und beteten ſtill und bruͤnſtig⸗ dann ertheilte der Prior ihnen den Segen, und ruhig ergeben gingen ſie ihrem Schick⸗ ſal entgegen⸗ . 24 * 1 Ein ſchauerlicher Aufenthalt, mit modern⸗ der Grabesluft angefuͤllt, war Gerillo zur Wohnung angewieſen. Ein halbes Jahr⸗ hundert war vielleicht verfloſſen, ſeit kein menſchlicher Fuß den Boden dieſes Kerkers, den die Barbarei der graueſten Vorzeit noch erfunden, betreten hatte. Hier ſaß er auf einem naßkalten Steine, und ſah mit grauenhafter Gewißheit einem ſchmachvol⸗ len und ſchimpflichen Tode entgegen. Waͤh⸗ rend dreißig Stunden hatte er ſchon ſeine ganze Denkkraft aufgeboten, wie es anzu⸗ fangen ſey, wenigſtens diejenigen, welche ſchuldlos mit in ſein Geſchick verwickelt wa⸗ ren, zu befreien, als ploͤtzlich die Riegel ſeines Kerkers ſich loͤſten, und ein alter barſcher Mann, welchen er bisher nur ge⸗ hoͤrt wenn ihm derſelbe die frugale Mahl⸗ — 101— zeit durch ein eiſernes Gitter gereicht, nie aber geſehen hatte, trat herein. „Macht Euch fertig„“ redete der Mann ihn an,„das hohe Gericht, das uͤber Le⸗ hen und Tod richtet, will Euch vernehmen.“ Ich bin bereit Euch zu folgen, ants wortete Gerillo. Bis jetzt befand ſich Gerillo noch in den Ballkleidern, in welchen er den Fuͤr⸗ ſten Ypſtlanti vorgeſtellt; da er jedoch nicht ohne Grund befuͤrchtete, daß man ihm die⸗ ſelben nicht laſſen wuͤrde, ſo hatte er einen leichten Guͤrtel auf dem bloßen Leibe befe⸗ ſtigt, und darin auf den Nothfall etwas baares Geld, ſein Giftflaͤſchchen, den Dolch und die Brieftaſche verborgen. Seine Ah⸗ nung hatte ihn nicht getaͤuſcht. Der Mann, der ihn zu holen kam, brachte ein ſchlech:. 102— tes Oberkleid und einen Hut mit ſich, und noͤthigte ihn, dieſes anzulegen, und dage⸗ gen ſeine Kleider einzuhaͤndigen. Ohne die geringſte Weigerung that ers, ließ ſich auch die engſten Feſſeln anlegen, und folgte dann, als er ſeinem Faͤhrer ſein nicht un⸗ bedeutendes uͤbriges baares Geld zum Ge⸗ ſchenk gemacht hatte, demſelben ruhig da⸗ hin, wohin er ihn zu fuͤhren Ordre hatte, * Ein ſtarkes Commando mit ſcharf gela⸗ denen Gewehren nahm den Delinquenten am außern Ende des Ausganges in Empfang, denn man glaubte zuverſichtlich, daß ſeine Leute unter dem auf den Straßen verſam⸗ 3 melten Volke ſich beſinden und zur Befrei⸗ ung ihres Oberhauptes das Aeußerſte wa⸗ 4 gen wuͤrden; allein, es ging Alles ruhig. 126, und Tauſend und abermal Tauſend der neugjerigen Menge bekamen Gerillos An⸗ — 106— geſicht nicht zu ſehen, ſo ſtark war er mit Wache umzingelt.. Der Kriminalrichter, der in Gerillo mit Beſtimmtheit einen frechen, rohen Suͤnder zu vernehmen erwartete, hatte von der Stunde der Gefangennehmung deſſelben⸗ ſich nur damit beſchaͤftigt, eine Menge Fragen mit großer Muͤhe hervorzuſuchen⸗ welche er demſelben vorlegen wollte, um ihn 3 ſchlau zum Bekenntniß ſeiner Verbrechen zu bringen, deren hartnaͤckige Ableugnung, ſo wie uͤberhaupt die Nichtbekennung ſeines Namens und ſeiner Perlon⸗ er zuverſicht⸗ lich erwartete. Wie erſtaunte er daher und die uͤbrigen Richter, als ein ſchoͤner junger Mann, mit beſcheiden wuͤrdevollem Anſtande, vor ſie trat, und mit einem frei⸗ muͤthig edlen Blick zu fragen ſchien: was man von ihn begehre? — 104— 2 „Seyd Ihr der Baron Dandini?“ ſragte der Praͤſident. Nein, Signor, gab Gerillo zur Ant⸗ wort. „Wer aber ſeyd Ihr denn?“ 34) heiße Gerillo, war vor wenig Ta⸗ gen noch das Oberhaupt einer Raͤuberban⸗ de, welche in den Apenninen, und beſon⸗ ders hier in der Gegend von Rom, ihr Werlen trieb. s „Woher ſeyd Ihr gebuͤrtig?“ Italien iſt mein Vaterland. „Gebt eine beſſere Antwort. Ich mels ne aus welchem Orte?,“ Da fragt Ihr mich zu viel, indem ich es ſelber nicht weiß. — 105 „Wie, Ihr wuͤßtet nicht wo Ihr ge⸗ boren ſeyd? Wo lebten denn Eure Ael⸗ tern? Fuͤrwahr, ich weiß nicht ob ich welche hatte. 44 1 3 3„Wie, keine Aeltern? was unterſteht Ihr Euch? Das hohe Gericht, welches uͤber Leben und Tod richtet, wollt Ihr zum Beſten haben?“ Das iſt keineswegs meine Abſicht, allein was ich ſelber nicht weiß, bin ich nicht im Stande zu ſagen, auch kann das dem ho⸗ hen Senat einerlei ſeyn, von wannen und woher ich ſtamme. Ich habe ohne Hehl geſtanden, daß ich Gerillo der Raͤuber⸗ hauptmann bin, und weiß, daß ich als ſolcher nach den Geſetzen den Tod verdient habe, werde mich auch nicht weigern der Hand der ſtrafenden Gerechtigkeit mein — 106— Haupt zum Opfer zu bringen. Ernſtlich ober muß ich bitten, mich mit allen wei: tern Fragen zu verſchonen, indem ich kei⸗ ne derſelben mehr beantworten werde. „Wir werden Mittel finden,“ rief kreiſchend ein anderer Richter,„Euch das zeſtaͤndniß abzupreſſen.“ 5 Schwerlich. „Sprecht, was hat Euch dazu bewo⸗ gen, als Standesperſon maskirt und unter einem erborgten wuͤrdigen Namen Euch in den Pallaſt des Senators Garvioni zu ſchleichen? und welche Greuelthat brabſic tigtet Ihr dort?“ Ihr fragt mich wiederum zu viel Signor⸗ auch habe ich ſchon meine Erklaͤrung dieſer⸗ halb von mir gegeben. Wollt Ihr aber b da es jedem Delinquenten erlaubt iſt ſich — 407— einen Seelſorger zu waͤhlen— auch mie dieſe Wohlthat gewaͤhren, ſo ſendet mir den Cardinal Aquariva. Er war fruͤher mein Beichtvater, wird alſo am beſten fuͤr das Heil meiner armen Seele zu ſorgen wiſſen, und nur ihm will ich Alles was ich gethan, und warum ich es gethan, geſtehen⸗ „Aquariva!“ ſagten ſaͤmmtliche Rich⸗ ter erſtaunt, wie aus einem Munde;„die Bitte ſey Euch gewaͤhrt. Man fuͤhre den Arreſtanten wieder in ſeinen Kerker zuruͤck, bis wir ſeiner aufs Neue beduͤrfen.“ Hierauf wurde Gerillo wieder ſortge⸗ fuͤhrt, die Richter aber verweilten noch und freueten ſich, daß ſie die Geſtaͤndniſſe des hartnaͤckigen Delinquenten, nun von dem Cardinal erfahren wuͤrden, der als einer der aͤlteſten und ſtreng redlichſten Car⸗ dinaͤle bekannt war⸗. 8 — 108— Als Gerillo ſeinen Kerker wieder be⸗ trat, fand er ihn geluͤftet und von allem Unrath gereinigt; auch war ein kleines Fenſter geſaͤubert, welches durch eine vier Ellen dicke Mauer ſchraͤg nach oben hinauf ging, und fruͤher, indem es mit dickem Schmutz von Innen und Außen belegt, gar nicht ſichtbar war. Wahrſcheinlich war dieſe Berbeſſerung eine Art von Dankbarkeit ſei⸗ nes Kerkermeiſters. Mit inniger Sehn⸗ ſucht ſah er jetzt der Ankunft des Cardinals entgegen, auf ihn beruhete ſeine ganze Hoffnung, er oder Niemand konnte ihn retten. rillo ſich ihn zum Beichtiger erkoren, und Der Cardinal Aquariva, der ſchon ſeit zwanzig Jahren keine Beichte mehr gehoͤrt hatte, war ſehr verwundert als man ihm meldete: daß der Raͤuber⸗Anfuͤhrer Ge⸗ noch mehr, daß derſelbe, der nicht viel aͤlter als zwanzig Jahre ſeyn konnte, ſein Beichtkind geweſen ſeyn wolle. Seiner Pflicht gemaͤß begab er ſich jedoch alsbald dahin, konnte aber, ſobald er denſelben zu Geſicht bekam, nicht unterlaſſen ihn mit den Worten anzureden: Ihr habt Euch wahrſcheinlich noch ſo nah an der Pforte der Ewigkeit einer Luͤge bedient? „In der Noth, Eminenz, iſt auch eine Luͤge nicht unerlaubt, und welche Noth iſt wohl groͤßer als die, wenn man — 1410— bei geſundem Meige das Leben verlieren ſal 3 3 Nun, das Leben werde ich Euch doch nuct friſten ſollen? „ Allerdings. Wenn Ihr ein Mann von Wort ſeyd, ſo rechne ich beſtimmt darauf.“ Welche Frechheit! Wann haͤtt' ich je einem Raͤuber mein Wort gegeben? „Als Ihr Euch einſt in einer eben ſo großen Noth als ich jetzt, befandet.“ Wie?! fragte der Cardinal ſehr klein⸗ laut, und trat bis an die Thuͤr zuruͤck; Ihr ſeyd— Ihr waͤret——— 2— „Gerillo, der beruͤchtigte Naͤuber⸗ hauptmann, der nur eines kurzen Zeit⸗ —. — 111— raums von acht Monden bedurfte, ſich ge⸗ fuͤrchtet zu machen, weil er es muͤde ge⸗ worden war, immer ſelber das Aergſte fuͤrchten zu muͤſſen. Vor nicht gar langer Zeit fuͤhlte mich der Zufall auf Euren Weg⸗ und es gelang mir Euch einen nicht unbe⸗ deutenden Dienſt zu erweiſen.“ Nicht moͤglich! „Traut Ihr meinen Worten nicht, ſo glaubt Euren Augen. Habt Ihr dieß ges ſchrieben?“ Ja, beim Himmel! ich ſchrieb es, und bei Gott! Ihr ſeyd auch derſelbe Mann⸗ ich erkenne Euch jetzt; aber——. „Kein Aber, Eminenz,“ ſiel Gerillo ſchnell ein,„Ihr befandet Euch damals in einer Lage, die Euch, ſo wie den ma⸗ = 4112— gern Baron, einen qualvollern Tod wuͤrde haben erleiden laſſen, als meine Richter ihn mir nur zuerkennen koͤnnen. Aber ich bin weit entfernt Euch flehentlich daran zu mahnen. Wenn Ihr als Mann von Ehre Euch nicht dazu verpflichtet fuͤhlt, Euer Wort zu loͤſen, ſo nehmt unbedingt dieß Blatt zuruͤck, und thn was Euch gut duͤnkt.“ Halt! ſo war es nicht gemeint. Dem Retter meines Lebens verſprach ich damals bei der Ehre Gottes, jedes Opfer zu brin⸗ gen, ihn ſelbſt, wenn es der Fall wäͤre, von Schande und Tod zu retten. Goͤnnt mir eine kurze Bedenkzeit, ich will uͤber⸗ legen in wiefern ich Euch nuͤtzlich werden kann. Doch zuvor ſagt mir— denn ich muß geſtehen, Ihr habt mir damals, auch wenn ich den Raͤuber von Euch wegnehme, dennoch Bewunderung abgenoͤthigt— ſagt — 113— mir, wer ſeyd Ihr, und auf welche Weiſe ſeyd Ihr zu dieſem entehrenden Gewerbe gekommen? denn daß Ihr dazu nicht er⸗ zogen ſeyd⸗ daß Euch fruͤher ein beſſeres Loos beſchieden war⸗ davon bin ich feſt uͤberzeugt. „Was ſoll ich ſagen? bin ich mir doch ſelber ein Naͤthſel.“ 4 Erzählt mir Eure Lebensgeſchichte, er⸗ zaͤhlt mir Alles was Ihr wißt, und was alsdann in meinen Kraͤften ſteht, das wer⸗ de ich thun, wie ichs ſchriftlich und muͤndz lich gelobt. Aber das werdet Ihr einſe⸗ hen, daß es immer, und wenn ich der Pabſt ſelber waͤre, eine ſchwere Aufgabe bieibt, einen Menſchen, der nach den Ge⸗ ſetzen den Tod verdient, und nach deſſen Blute ganz Italien lechzt, das Leben zu retten. rI. Theit. 88 „Ich ſehe es ein, und will Euch da⸗ rum die Begebenheiten meines jungen Le⸗ bens mittheilen. Doch zweifle ich, ob Ihr daraus etwas werdet ziehen koͤnnen, das zu meiner Freilaſſung etwas wirken koͤnnte. Vielmehr ſcheint es mir, als ob das Geheim⸗ niß meiner Geburt der Fluch ſey, der das Schwert uͤber meinem Haupte zuckte, auch wenn nie der Name„Raͤuber“ mich be⸗ fleckt haͤtte.— Doch erlaubt mir zuvor noch eine Frage: Ihr habt wahrſcheinlich die Geſchichte meiner Gefangennehmung ausfuͤhrlich gehoͤrt; wurde dabei nicht ein junges Frauenzimmer erwaͤhnt, das mit mir nach Rom kam? und habt Ihr nicht gehoͤrt, was aus ihr geworden iſt?“ Eben ſie war es, die Euch, ohne es zu wollen, verrathen hat. Eure Ankunft in Rom und Euer Aufenthalt wurde noch am ſelben Abend verrathen. Man ſuchte Euch .—— ——— in dem Gaſthoſe wo Ihr Quartier genom⸗ men, und fand ſtatt Eurer jenes Frauen⸗ zimmer, das in der Verſtellungskunſt un⸗ erfahren, durch Liſt bald zu dem Geſtaͤnd⸗ niß gebracht wurde, daß Ihr Gerillo, der Raͤuberhauptmann waͤrt, und Euch in mas⸗ kirter Tracht von da entfernt haͤttet. So⸗ gleich wurde das Maͤdchen eingezogen, und zu Eurer Habhaftwerdung Anſtalt gemacht. Das Uebrige wiſt Ihr. Das Maͤdchen aber, von Reue und Angſt gefoltert, liegt ſo viel ich davon gehoͤrt⸗ ſchwer krank, und wird wahrſcheinlich das Ungluͤck, das auch ohne ihre Schuld uͤber Euch gekom⸗ men ſeyn wuͤrde, mit dem Leben bezahlen muͤſſen. AitG „Es thut mir von Herzen leid, denn ſie iſt gänzlich unſchuldig, hat nicht den geringſten Theil an mir.“ 4 3* rre 4 * 5 — 116— Ich glaube es, doch beginnt jetzt Eure Erzaͤhlun 3; denn Euer Aufenthalt iſt gar nicht von der Art, daß man gern darin 3 verweilen moͤchte. „Ich weiß in Wahrheit nicht recht wo ich beginnen ſoll, denn ich darf weder von meinem Vater noch ven meiner Mutter reden, indem ich von Beiden nicht mehr weiß als Ihr. In Verona habe ich im Pallaſte des Biſchofs di Vivaldi die ſchoͤn⸗ ſten Jahre meines Lebens, nehmlich die Kin⸗ derjahre verlebt. Alles was das muthige Herz eines geſunden muntern Knaben nur wuͤnſchen konnte, wurde mir von dem ehr⸗ wuͤrdigen Greiſe, der mich wie einen Sohn liebte, und den ich Oheim nannte, ge⸗ waͤhrt. In allen nur moͤglichen Wiſſen⸗ ſchaften erhielt ich von den vortrefflichſten Meiſtern Unterricht, und in den vorzuͤg⸗ lichſten Haͤuſern der Stadt wurde ich von ihm eingefuͤhrt und uͤberall gern geſehen. Als ich mein ſechzehntes Jahr erreicht hatte, und durch die mancherlei Verbindungen⸗ in welchen ich ſtand, der Anhang meiner Freun⸗ de ſich mit jedem Tage vermehrte, wurde es meinem Oheim zu lebhaft und zu ge⸗ raͤuſchvoll in ſeinem Pallaſte; er miethete mir daher, nicht weit von ſich entfernt⸗ eine der eleganteſten Wohnungen die nur in Verona zu haben war. Kaum hierher ge⸗ zogen, ſetzte er mir ein ſehr bedeutendes Taſchengeld aus, wovon ich nur bloß mei⸗ ne kleinen Beduͤrfniſſe und meine Vergnur gungen zu beſtreiten hatte, fuͤr alles Uebri⸗ ge, ſo wie fuͤr die Beſoldung meiner Dien nerſchaft, ſorgte er ſelbſt.“ iun ud „ uUnter denen, welche theils um mich zu belehren und theils um mich zu bedier nen, um mich waren, befand ſich ein alr ter Maͤnch, den ich, ſo lange ich mich — 11— ſeiner erinnere, Vater Clemens nannte. Dieſer Mann, eben ſo alt als mein Oheim, hatte den ſtrengſten Befehl, uͤberall auf. mich zu achten, und jede meiner Handlun⸗ gen zu pruͤfen. Obgleich mir dieſer Huͤter, vor dem ich nichts unternehmen konnte, der mich uͤberall verfolgte, zuweilen laͤſtig wurde, ſo behandelte er mich doch mit ei⸗ ner ſo ausgezeichneten Achtung und Liebe, daß ich ihm durchaus nicht gram werden konnte. In meinem achtzehnten Jahre lern⸗ te ich in Verona ein Maͤdchen kennen, welche alle nur moͤglichen Vollkommenheiten des Koͤrpers und des Geiſtes beſaß. Sie war ſchoͤn, liebenswuͤrdig, geiſtreich und gut, und ihre mancherlei vortrefflichen Ei⸗ genſchaften zogen mein feuriges Herz ſchnell zu ihr hin. Mein Oheim, ſo wie Va⸗ ter Clemens, ſchienen mit dieſer Liehſchaft nicht zufrieden, doch machten ſie mir dar⸗ über keine Vorwuͤrfe. Dieß Betragen bei⸗ —— 419— der Maͤnner ließ mich ahnen/ daß ſie doch Wohl kein eigentliches Recht uͤber mich haͤt⸗ ten, und dieß brachte mich zum Erſtenmale auf den Gedanken: wer denn eigentlich meine Aeltern ſeyn moͤchten? und tebhaft wie ich war, wandte ich mich ſchnell ohne große Ueberlegung, mit einer Frage, die⸗ ſen Punkt betreffend, an meinen Oheim. Aber wie ſehr mußte ich mich uͤber die Verlegenheit wundern, in welche meine Frage den Greis verſetzte. Er blieb ſich gar nicht gleich, ich hatte ihn nie ſo gefe⸗ hen. Endlich nach langem Beſinnen ſagte ter: mein Soöhn, die Antwort auf dieſe Frage muß ich dir anoch ſchuldig bleiben, ich bin nicht befugt dir darüber Auſkläͤ⸗ rrung zu geben; döch ſobald die Zeit ge⸗ kommen, ſoll ſie dir werden.*13na n 38 I 5 „Sch wollte die Werlegenheit des puten Alten nicht weiter treiben, ſondern begnuͤg⸗ — 120— te mich damit; doch war meine Neugierde durch dieſe raͤthſelhafte Antwort nun erſt erregt worden, und ich ſann auf Mittel, hinter das Geheimniß zu kommen. Daß Vater Clemens mit darum wiſſen muͤſſe, ſchien mir gewiß, allein es ſchien mir jetzt auch nothwendig die Sache mit Ueberlegung und Klugheit zu erforſchen, und deßhalb wendete ich Alles an, was mir das Zu⸗ trauen und die Liebe des Alten erwerben konnte, ſchmeichelte des Greiſes ſchwache Seite ſo lange, bis ich endlich durch vie⸗ les Bitten, jedoch unter dem Siegel der tieſſten Verſchwiegenheit, von ihm erfuhr: daß ich ein natuͤrlicher Sohn der Herzoginn Angelika di Valoimara, meine Mut⸗ ter aber, nicht mehr unter den Lebendigen ſey, ſondern lange ſchon ihren Wohnplatz im Reiche der Seligen genommen habe. So ſehr ich mich gefreut haben wuͤrde, wenn ich mit kindlicher Liebe mich an ein Mutterherz haͤtte werfen koͤnnen, ſo nahm ich es mir doch nicht ſehr zu Herzen ſie nicht mehr unter den Lebendigen zu wiſſen: aber mit deſto groͤßerer Macht ſtieg der Gedanke: meinen Vater kennen zu lernen, in mir auf, da der Alte mir einmal hatte merken laſſen, daß derſelbe noch am Leben ſey. Ich bot meine ganze Klugheit, mei⸗ ne ganze Bevedtſamkeit auf, allein hierzu war der Moͤnch nicht zu bewegen. Bit⸗ ten, Flehen, Verſprechungen, Alles war vergebens, ich mußte mich in Geduld fuͤ⸗ gen.“— 34 ASKt „Waͤhrend eines vollen Jahres hatte ich immer noch die Hoffnung nicht aufgege: ben, dennoch hinter das Geheimniß zu kommen, als ploͤtzlich Pabſt Pius der Sie⸗ bente erkrankte und bald darauf ſtarb. Der Todesfall dieſes erhabenen Faͤrſten machte es nothwendig, daß mein Oheim in ſeinen — 122— alten Tagen noch einmal die Reiſe nach Dlo anden und Dmch alſd de naſen häh Möng Clemens die Aufſicht un Drbegm meiner Beduͤrfniſſe allein zu verwal und ich ungeſtoͤrte Gelegenheit aufs Neue in ihn zu dringen; doch alle Muͤhe war vergebens. ⸗Noch war nach meines Oheims Abreiſen kein voller Monat verſtrichen, als Vater Ciemens eines Tages uͤber Uebelbe⸗ finden kiagte. Ich dachte nicht ſonderlich daran, und glaubte, das wuͤrde ſich ſchon wieder geben, doch ſchon in der naͤchſten Nacht wurde ich durch ein ungewoͤhnliches Geraͤuſch in meiner Nuheorgeſtoͤrt. Ich wurde aufmerkſam und höͤrte ein aͤngſtliches Hin⸗ und Herlaufen in den Korridors, und bald kam ich auf die Vermuthung, daß Pater Ciemens Zuſtand ſich verſchlimmert haben könne. Ich ſtand veiligſt auf und Pesſenge⸗ mich dahin. Wig e Sebſchrak ich 2 aber als ich hinein trat, und den Alten bereits mit dem Tode ringend erblickte! Schnell entfernte ich Alles aus dem Zim⸗ mer, und flehete den Greis⸗ ein Geheim⸗ 3 1, worauf vielleicht meine ganze zeitliche Suckſeligteit beruhe, nicht mit ins Grab * zu nehmen.“ 1 m. „Mein Erſcheinen und die Erinnerung an das Geheimniß, ſchien den ſchon halb entflohenen Lebensfunken noch einmal um⸗ holen zu wollen; er oͤffnete noch einmal die Augen, und ſprach mit kaum vernehm⸗ licher Stimmen„Deint Varer 2— er wird einſt— vielleicht bald die höchſte Wuͤrde= die Stim te ſtockte und kehrte nimmer wieder. O, was häͤtt'⸗ ich noch um wenige Minuten dieſes Menſchen⸗ jebens gegebent ich warf mich laut weinend uͤber ſeinen Leichnam, und verſuchte noch einmal ſeinen entflohenen Geiſt zurück zu — 124— rufen. Aber Alles war eehezens, er war dahinen 4 Sreic des andern Tages berichtete ich meinem Oheim den Vorfall, und war nun begierig, was er mir antworten, und wen er mir fuͤr die Zukunft zum Huͤter ſetzen wuͤrde. Es verfloſſen indeß mehrere Tage, und der Eilbote den ich fortgeſchickt hatte, kehrte nicht wieder. Nun erſt fiel es mir aufs Herz, und zu ſpaͤt bereuete ichs, daß ich in meinem Schreiben an den Oheim, der letzten Lebensaugenblicke des Vater Clemens gar zu aufrichtig gedacht hatte. Es verfloſſen wieder mehrere Tage⸗ in welchen ich auf Nachrichten von meinem Oheim wartete, als mir zufaͤllig auf einem Spatziergange der ausgeſandte Bote in den Weg lief. Auf mein Befragen: warum er mir auf die Beſtellung keine Antwort ge⸗ bracht, antwortete er: daß er vom Biſchof teine erhalten, wohl aber Befehl von dems ſelben habe, ſich hier noch einige Zeit ver⸗ borgen zu halten, bis mein Oheim mir von Rom fernere Verhaltungsregeln erthei⸗ len wuͤrde. Ferner erſuhr ich von ihm, daß mein Oheim ſehr zornig daruͤber ge⸗ weſen, daß ich dem Sterbeſtuͤndlein des Moͤnchs beigewohnt. Abermals hatte ich Urſache meine Offenherzigkeit zu bereuen, denn es war nur zu klar, daß mein Oheim glaubte: der Moͤnch habe mir in den letz⸗ ten Augenblicken ſeines Lebens das Geheim⸗ niß meiner Geburt verrathen, und mir wohl gar den Namen meines Vaters genannt.“ „Es verging hiernach wieder eine ge⸗ raume Zeit, in welcher ich oft ſehnlich auf ein Schreiben vom Biſchof wartete, aber keines erhielt. Endlich, als ſchon der Herbſt begann, erſchell durch ganz Italien die Nach⸗ richt: der Cardinal della Genga ſey 7 4 126— zum Pabſt erwaͤhlt worden. Die Nach⸗ richt erweckte uͤberall Freude, uͤberall bil⸗ deten ſich frohe Zirkel, und uͤberall freuete man ſich, einen ſo wuͤrdigen Mann zum Oberhaupte der ganzen katholiſchen Chri⸗ ſtenheit gefunden und gewaͤhlt zu haben. Aus einem dieſer Zirkel kehrte ich eines Abends, von der Seite meiner geliebten Ricadora und deren Aeltern, in der froͤh⸗ lichſten Stimmung zuruͤck, als ich unver⸗ muthet in meiner Wohnung einen Offizier mit vier Mann Soldaten antraf, welcher mir einen Verhaftsbefehl von einer hohen Behoͤrde vorzeigte, und um meinen Degen bat. Sehr verwundert, doch gelaſſen, gab ich ihn ab.„Und nun werden Sie mir folgen,“ ſagte der Offizier. Hier wollte ich fragen, weßhalb man ſich ſolcher Maaßre⸗ geln gegen den Verwandten des Biſchofs di Vipaldi erlaube? allein der Offizier ſchien das nicht zu wiſſen oder nicht wiſſen zu wollen⸗ und ich ſah mich genoͤthigt⸗ wenn ich kein Aufſehen erregen wollte, zu, folgen.“ I Ail „Die Nacht uͤber und den folgenden Tag hatte ich ein anſtaͤndiges Quartier, doch in der folgenden Mitternacht traten zwei Maͤnner von finſterm Anſehen vor mein Bette, und noͤthigten mich. mit bar⸗ ſchem Tone und ungewaͤhlten Ausdruͤcken⸗ aufzuſtehen und zu folgen. Ich verhehlte nicht, daß iich hierzu nicht die mindeſte Neigung fuͤhle, allein jene Kerle verſtan⸗ den keinen Spaß⸗ ſie zeigten mir toͤdtliche Werkzeuge, und ſagten, daß, wenn. ich nicht unbedingt Folge leiſten wuͤrde, ſie das von Gebrauch machen wuͤrden.““ an Ins „Dieſe Behandlung empoͤrte mich ſe ſehr, indem ich mir durchaus keines Ver⸗ gehens bewußt war, daß ich wuͤthend eis* .* 5 8 — 128— nen der Kerle das mie gezeigte Piſtol aus der Hand riß und ihn damit ins Geſicht ſchlug. Ich hatte es damit nicht beſſer ge⸗ macht, denn in dem Augenblick ſprang die Thuͤr auf, und noch zwei baumſtarke Rie⸗ ſen traten herein, welche mich von hinten packten und zu Boden warfen. Ich theilte dabei mit dem Piſtol noch immer kraͤftige Hiebe aus, allein es wurde mir bald ent⸗ riſſen, mir die Haͤnde auf den Ruͤcken ge⸗ bunden, und alles Widerſtrebens ungeach⸗ tet, mußte ich mich dennoch bequemen ih⸗ nen zu folgen.“ 1 „Man warf mich in einen großen Rei⸗ ſewagen, und zwei jener Kerle ſetzten ſich, Einer zur Rechten, der Andere zur Linken, zu mir, darauf ging es im raſchen Trabe die Nacht durch. Als der Morgen daͤm⸗ merte, hielt der Wagen im Walde vor einer niedrigen Huͤtte, wo ich den Tag uͤber verweilen mußte. Gegen Abend ging die Reiſe weiter, und ehe der Morgen aber⸗ mals daͤmmerte, waren wir am Ziele. Ein anderes, weit ſtaͤrkeres Gebaͤude, das wirklich zu einem Aufenthalte fuͤr Verbre⸗ cher eingerichtet war, wurde mir nun zu Theil. Ich weigerte mich abermals, hier Quartier zu nehmen⸗ verlangte daß man meinem Oheim den Vorfall berichten, mich bis dahin frei laſſen, und abwarten ſollte, was er darauf antworten wuͤrde; allein der Mann, dem ich hier zur Aufbewahrung uͤbergeben war, zuckte die Achſel und ant⸗ wortete:„Spart die Muͤhe, Euer Oheim wird dagegen nichts thun⸗ denn wenn ich mich nicht irre, ſo iſt er es der gegen Euch handelt⸗ Ob ich ſchon eine dunkle Ahnung davon hatte, ſo ſchmetterte mich doch die Gewißheit meiner Vermuthung zu Boben⸗ und ich erlag meinem ungluͤcklichen Ge⸗ ſchick.“ II. Theil. 4 — 130— „Jener Caſtellan, wie er ſich nennen ließ, von dem ich eben geredet, war ein nicht ungebildeter Mann, von Außen nicht ſehr angenehm, ein wenig rauh, dabei aber von Herzen gut. Nachdem ich kurze Zeit ſeiner Obhut anvertraut war, hatte ich oft die Beguͤnſtigung, mich Stunden lang mit ihm zu unterhalten, was mir in der ent⸗ ſetzlichen Einſamkeit aͤußerſt angenehm war. Er hatte eine junge, reizende Frau, und liebenswuͤrdige Kinder, welche ich ſpaͤter auch kennen lernte, und ihnen mit meinen Kenntniſſen nuͤtzlich wurde. Dieß verſchaffte mir in nicht langer Zeit in dem Gebaͤude ſelbſt unumſchraͤnkte Freiheit, ich aß ſogar, wenn kein Fremder gegenwaͤrtig, beſtaͤndig mit an ſeinem Tiſche.“ „Dieſes ziemlich ertraͤgliche Verhaͤlt⸗ niß, das nur darum oft ſchrecklich fuͤr mich war, weil ich, ohne mir irgend ei⸗ ner Schuld bewußt zu ſeyn, meiner Frei⸗ heit beraubt, und von Allem, was mir lieb und theuer, getrennt war, hatte ich kein volles Jahr genoſſen, ais eines Ta⸗ ges der Caſtellan mir ſagte, daß er auf einige Tage verreiſen muͤſſe, ohne dabei zu daß er etwa meine bisherige ſeiner Abweſenheit be⸗ ſchraͤnken wolle, es blieb alſo Alles⸗ wie es bisher geweſen war. O, waͤre dieſe ungluͤckſelige Reiſe nie geweſen! ich wuͤrde zwar ferner meiner Freiheit beraubt geblie⸗ ben, nie aber von der Bahn der Tugend gewichen, nie zum verworfenen Verbrecher herabgeſunken ſeyn!— Am Abend des erſten Tages ſaß ich, wie gewoͤhnlich, mit der Gattinn und den Kindern des Caſtel⸗ lans in deſſen Zimmer, und erzaͤhlte Letz⸗ tern manches aus der altroͤmiſchen Geſchich⸗ Sie wurden daruͤber muͤde und ver: Auch bemerken, Freiheit waͤhrend te. langten zu Bette gebracht zu werden. * 9 — 432— ich wollte mich nun in meinen Kerker be⸗ geben; allein Cecilie bat mich, ſie noch nicht ſo fruͤh allein zu laſſen. Ich blieb. Es war unbeſonnen von mir gehandelt, denn ich kannte, ohne je ein Wort mit dem Caſtellan daruͤber geſprochen zu haben, das Verhaͤltniß, worin beide Ehegatten leb⸗ ten. Cecilie war nicht ſchoͤn, aber hoͤchſt intereſſant und reizend. Sie beſaß viele gruͤndliche Kenntniſſe, und war beſonders eine große Verehrerinn der Muſik. Der Kaſtellan beſaß von all dieſen Kenntniſſen und Wiſſenſchaften nichts, er war nichts weiter als ein ſtreng redlicher Mann, der all ſeine Pflichten gern erfuͤllte. Mit ſei⸗ ner Gattinn, von welcher er nie ſonderlich geliebt worden war, lebte er nur vor der Welt in ſteter Eintracht, indem er ſehr ſtolz und ehrgeizig war, unter vier Augen aber gab es zuweilen bittere Scenen.“ . — 135— „Als die Kinder zur Ruhe waren, bat mich Cecilie, ihr am Fortepiano einige Arien zu accompagniren. Ich leugne nicht, daß ich gern gehorchte, denn es war der erſte Kunſtgenuß, deſſen ich mich nach ſo langer Zeit erfreute. Aber wie erſtaunte ich! wie wurde ich vom allgewaltigen Zau⸗ ber dieſer klaren Säberſtimme und dieſes unvergleichlichen Vortrags hingeriſſen! ich vergaß in dem Augenblicke wo und was ich hier war, ich vergaß mein ganzes trau⸗ riges Geſchick, und wiegte mich traͤumend in ſelige Vergangenheit zuruͤck. In dieſer Aufwallung ſeliger Gefuͤhle preßte ich Ce⸗ ciliens Hand an mein Herz, an meine Lipe 4 pen, und dankte ihr fuͤr den hohen, un⸗ erwarteten Genuß, konnte auch dabei nicht unterlaſſen, ihrer Eitelkeit zu ſchmeicheln. Cecilie nahm dieß mit Wohlgefallen auf⸗ ſte ſank in meine Arme, an meine Bruſt und geſtand mir, daß ſie nur mit einem 4 13 4— Herzen wie das meinige gluͤcklich ſeyn koͤn⸗ ne, mit einem Herzen, das mit dem ihri⸗ gen ſo im Einklange ſtaͤnde. Hier wich ich von der Bahn der Tugend ab, ſchnoͤde Sinnlichkeit umnebelte meine Vernunft, und ſtatt das ſchwache Weib an ihre Pflichten zu erinnern, benutzte ich den guͤnſtigen Au⸗ genblick, wo ſie ſchwach genug war mir jedes Opfer zu bringen. Es wird Euch keine guten Fruͤchte ge⸗ kragen haben, unterbrach ihn der Cardinal. „Es war der Anfang meines geiſtigen Verderbens. Ein ſchreckliches Wetter, das am Abend ſpaͤt ſich am Himmel aufgethuͤrmt und jetzt der Erde den Untergang anzudro⸗ hen ſchien, von uns aber im Taumel ſeli⸗ ger Luſt nicht bemerkt worden war, hatte die Magd aus ihrem Schlummer geweckt. Sie trat in das Zimmer, ihrer Herrinn anzukuͤndigen⸗ was ſich in der Natur be⸗ gebe, Aund fand uns in ſraͤflicher Umar⸗ mung.— Wir waren Beide vernichtet. Wie dem Krieger, der trunken in die ) Schlacht zieht⸗ und beim erſten Kanonen⸗ ſchuß wieder nuͤchtern wird⸗ zu Muthe ſeyn muß, ſo ungefaͤhr ging es mir. Der Rauſch war dahin, mit kalter Vernunft ſtanden wir da, konnten vor Schaam und Verwirrung die Augen nicht aufſchlagen⸗ wie Adam und Eva, als ſie durch den ers ſten Fehltritt das Paradies verloren hatten.“ „Die Magd⸗ ſelbſt erſchrocken uͤber das was ſie geſehen, entfernte ſich bald; Cecilie aber faßte einen ſchnellen Entſchluß. Schnell ergriff ſie ein an der Wand haͤn⸗ gendes Schluͤſſelbund, faßte mich alsdann bei der Hand und zog mich mit ſich fort. In wenig Ninuten befanden wir uns an dem großen Thore, welches hinaus ins — 136— Freie fuͤhrte. Hier reichte ſie mir noch einmal mit abgewendetem Geſicht die Hand und ſagte dann:„Fliehet! Fliehet ſo weit Ihr kommen koͤnnt; huͤtet Euch aber ſo wohl nach Verona zu gehen, als ſonſt auf irgend eine Art dem Biſchof, den Ihr Oheim nennt, in die Haͤnde zu fallen, ſonſt ſeyd Ihr verloren. Veraͤndert Euren Namen, es kann Euch ja mit dem, was Ihr gelernt, unter einem fremden Him⸗ melsſtrich nicht fehlen; ich aber will ver⸗ ſuchen, ob ich durch ſtrenge Buße das Schickſal wieder mit mir verſoͤhnen kann. Lehet wohl!“ Sie ſchob mich zur Pforte hinaus, wo ich mich alſobald in einer un⸗ durchdringlichen Finſterniß befand.“ „Ohne Geld, ohne Kleider— denn diejenigen, welche ich nun beinahe zwei Jahre getragen, waren in einem traurigen Zuſtande= beſand ich mich nun zwar in — 137— Italten, aber in einer mir gaͤnzlich unbe⸗ kannten Gegend. Gegen Abend des an⸗ dern Tages gelangte ich zu einer Herberge, wo ich meinen ganzen Reichthum, einen Ring den ich noch beſaß, zu Gelde machte, mich durch einen Schoppen Wein erquickte, und mir auch etwas zum Abendeſſen aus⸗ bat. Waͤhrend der Zubereitung des Eſſens ſaß ich ſtill im Winkel, und dachte uͤber mein Mißgeſchick nach, als ploͤtzlich fuͤnf Kerle von rauhem, wilden Anſehen in das Gaſtzimmer traten. Sie ſetzten ſich, ohne mich bemerkt zu haben, um einen runden Tiſch, und ſetzten hier ein Geſpraͤch fort, woraus ich deutlich abnahm, daß ſie Raͤu⸗ ber waren, und eben einen Streich ausge⸗ fuͤhrt hatten, der ihnen reiche Beute ge⸗ bracht, aber auch großes Aufſehen erregen wurde. Nach kurzer Zeit trat der Wirth in die Stube, und da er ihr Geſbrch hoͤrte, gab er ihnen einen Wink, woörauf — 138— ſie erſchrocken meine Gegenwart bemerk⸗ ten.⸗. „Dieſe Stunde wurde die verhaͤngniß⸗ vollſte in meinem Leben. Einer jener Raub⸗ geſellen knuͤpfte bald ein Geſpraͤch mit mir an, und ſobald er mich ein wenig ausge⸗ hoit, ſtelie er mir die Wahl frei: ob ich mich entſchließen wolle ihr Genoſſe zu wer⸗ den, da ich doch einmal ihr Geſpraͤch be⸗ lauſcht, oder ob fuͤnf gute Klingen ihre Schaͤrfe an meinem Kopfe verſuchen ſoll⸗ ten? Nothgedrungen waͤhlte ich das Erſte, nahm mir aber feſt vor, mich bei erſter Gelegenheit ihnen wieder zu entziehen. Ein fuͤrchterlicher Schwur, den ich Tags darauf leiſten mußte, machte dieß theils unmoͤglich, theils blieb mir auch nach laͤn⸗ gerer Ueberlegung keine Wahl, und ſo wur⸗ de ich, nachdem die Geſellen ſich bald von meiner Brauchbarkeit uͤberzeugt, ihr Ober⸗ haupt../ — 159— „Jetzt wißt Ihr Alles, Eminenz⸗ Sagt mir nun aufrichtig: verdiene ich nicht wenigſtens Euer Mitleid?“ Das Schickſal, ich geſtehe es, hat wunderbar mit Euch geſpielt, Eurer Er⸗ ziehung nach wart Ihr zum Herrſchen, nicht aber zum Dienen beſtimmt, und dennoch haͤt⸗ tet Ihr Euren Lebenswandel, wenn ich einen Blick auf die letzte Periode werfe, anders einrichten koͤnnen; doch ich will Euch dar⸗ aber keine Vorwuͤrfe machen. Ihr habt miicch jüͤngſt aus einer großen Noth errettet⸗ 2 und das fordert meine Dankbarkeit, auch wenn ich mein Wort Euch nicht gegeben haͤtte. Drum laßt mich jetzt gehen, und uͤberlegen in wie fern ich Euxe Befreiung vorbereiten kann. Morgen um dieſe Stun⸗ de ſeht Ihr mich wieder, bis dahin behuͤte Euch der Heir! —-— Mu wehmuthsvoller Sehnſucht ſahen auch die armen Moͤnche des Georgs⸗Kloſters der Stunde entgegen, in welcher ihnen von Seiten der Raͤuber ihre Freiheit wuͤr⸗ de angekuͤndigt werden, denn ſie ſpielten in den Hoͤhlen und Felſengrotten eine hoͤchſt traurige Rolle. Als ſie die erſte Nacht, — zwar vermoͤge ihrer Ordensregel an keine Bequemlichkeit gewoͤhnt, aber auch das Wenige, was der Eine wie der Andre von ihnen bedurfte, hatten entbehren muͤſſen, ſeufzten ſie tief, und ihre Gebete wurden herzlicher, inniger, und ihr Vertrauen auf den Hoͤchſten ſtaͤrker und zuverſichtlicher. Nachdem ſie ihre Morgen⸗Andacht unter dem blauen Gewoͤlbe des Himmels mit aller Feierlichkeit vollbracht hatten, wandte ſich der Prior an Cavallo, und erſuchte — 141— ihn um Schreibmaterialien, welche er unge⸗ ſaͤumt dazu benutzte, Sr. Heiligkeit dem Pab⸗ ſte, in einem Schreiben ihr Ungluͤck in ſeiner ganzen Große zu ſchildern, und um ſchleanige Errettung aus Räͤubers Haͤnden zu bitten. Cavallo las es und fuͤgte demſelben ein an⸗ deres bei⸗ worin er Seiner Heiligkeit die Bedingung vorſchrieb, unter welcher die Moͤnche nur ihre Freiheit wieder erlangen koͤnnten. Schließlich ſagte er in ſeinem Schreiben:„Wenn Ew. Heiligkeit nach Verlauf von zweimal acht und vierzig Stun⸗ den den Befehl zur Freilaſſung unſers Oberhauptes, den wir unbedingt gleich in derſelben Stunde erfahren werden, nicht haben ergehen laſſen, ſo werden die ehr⸗ wuͤrdigen Vaͤter, nach deren Blute wir zwar nicht duͤrſten, dennoch das Opfer wer⸗ den muͤſſen. Auch koͤnnen wir nicht um⸗ hin, uns außer der Freilaſſung unſers Hauptmanns, noch ein Löſegeld von zehn — 142— Tauſend Seudi, fuͤr die frommen Vaͤter, auszubedingen.“ 3 Dieſe Schriften wurden gemeinſchaftlich zuſammen gelegt, verſiegelt, und zwei Raͤubern zur Beſorgung nach Rom uͤber⸗ geben. Kaum war der Cardinal am andern Morgen angekleidet, als er ein außeror⸗ dentliches Schreiben, vom Pabſt ſelbſt un⸗ terzeichnet, erhielt, worin eine außeror⸗ dentliche Sitzung auf heute im Senats⸗ Collegium anberaumt war, worin er Praͤ⸗ ſident war. Dieſem Circular⸗Schreiben war aber noch ein anderes, verſiegeltes Schreiben beigefuͤgt, welches der Cardinal eiligt erbrach. Da es wahrſcheinlich von Sr. Heiligkeit ſelbſt war, ſo iſt uns nichts weiter davon bekannt geworden, als eine Aeußerung, welche der Cardinal laͤchelnd 2. — 143— ausſprach:„Da geht mir ja ploͤtzlich ein Licht auf, und ich kann mich vielleicht recht ehrenvoll aus der Schlinge ziehen.“ Ungeſaͤumt eilte er ins Collegium, und fand zu ſeinem Erſtau⸗ nen die Schriften vor, welche der Prior des Kloſters St. Georgi, und der in Ab⸗ weſenheit des Gerillo befehlende Cavallo, wegen der Aufhebung des Kloſters und der zur Ausloͤſung der Moͤnche beſtimmten For⸗ derung, an den Pabſt hatten ergehen laſ⸗ ſen. Todesangſt war auf den Geſichtern der uͤbrigen Richter bei Vernehmung dieſer ruchloſen That und der nicht weniger ruch⸗ loſen Forderung zu leſen, aber keiner wußte in einem ſo außerordentlichen Falle zu rathen. Den Raͤuberhauptmann, nach deſſen Blute ſo viele Tauſende lechzten, in Freiheit zu ſetzen, war unmoͤglich; eben ſo unmoͤglich war es aber auch, elf fromme — 144— Greiſe der Wuth Poher. Barbaren Preis zu geben. Nach langem Rathſchlagen nahm der Cardinal, der freilich ſchon laͤngſt wußte wie der Sache abzuhelfen war, das Wort⸗ und bemerkte: daß wie bekannt, der heil⸗ loſe Verbrecher ihn zum Beichtvater ge⸗ waͤhlt, und er ihn geſtern bei dem erſten Beſuche weit beſſer gefunden, als er ge⸗ glaubt. Daß er zu ſeiner Verwunderung einen wahrhaft reuigen und bußfertigen Suͤnder in ihm erkannt, und zuverſichtlich hoffe, ihn nach einer Vorſtellung der Qua⸗ len, die in jenem Leben ſeiner warten wuͤrden, zu bewegen, durch ein Schreiben an ſeine Leute, die Greuelthat vor ſeinem Ende ſelber aufzuheben. Hoch erfreut uͤber dieſen koͤſtlichen Einfall wurde die Sitzung auf⸗ gehoben, und der Cardinal, ſo wie die Uebrigen, verfuͤgten ſich wieder in ihre Wohnungen. Gerillo verlebte eine lange traurige Nacht. Ihm ſtand das Leben, wie in ei⸗ nen dichten Nebelſchleier gehuͤllt, vor Au⸗ gen, dem hienieden keine Freude mehr ab⸗ zugewinnen war. Der Tod hatte im Grun⸗ de nichts Schreckliches mehr fuͤr ihn; nut war er feſt entſchloſſen ihn nicht oͤffent⸗ lich zu leiden, nicht dem einzigen Weſen, woran ſein Herz noch hing, ſeiner gelieb⸗ ten Ricadora dieſe Schmach noch anzuthun, Ricadoren! die er noch einmal gefunden hatte, um ſie auf ewig zu verlieren. Dazu ſollte ihm das ſtets bei ſich gefuͤhrte Gift dienen, wenn es ihm durch die Hulfe des Cardi⸗ nals nicht gelingen ſollte, wieder zum Be⸗ ſitz ſeiner Freiheit zu gelangen⸗ Was iſt es auch mit dem Leben? ſagte er zu ſich ſelbſt; der Menſch iſt einer Blume zu ver⸗ gleichen, die heute in ihrer ſchoͤnſten Bluͤ⸗ the ſteht, morgen verwelket, und deren Statte man uͤbermorgen nicht mehr kennet. II. Theil. 10 — 146— O du ſchoͤnes Bild der Vergaͤnglichkeit alles Irdiſchen! Auch ich bluͤhete zuͤngſt ſchoͤn und kraͤftig, wie eine Blume in einen fruchtbaren Boden gepflanzt, und wurde ge⸗ hegt und gepflegt. Plöͤtzlich aber kam ein Sturmwind, er zerknickte den zarten Stiel, und die Blume ſenkte ihr Haupt. Jetzt iſt nur noch ein Schatten von dem uͤbrig, was einſt herrlich prangte, nun noch ein Windſtoß, und bald wird man die Staͤtte nicht mehr kennen, wo einſt mein Fuß ge⸗ wandelt.— O, meine Aeltern! Warum ging meine Mutter ſo fruͤh hinuͤber? Un⸗ moͤglich haͤtte ſie den Sohn von ihrem Her⸗ zen ſtoßen koͤnnen, wie ſein ſtrafbarer Va⸗ ter. O, mein Vater! warum verleugneteſt du die Stimme des Bluts ſo ganz gegen deinen nicht unwuͤrdigen Sohn? Warum, ſelbſt wenn deine Verhaͤltniſſe dir verboten mich als den Deinigen zu erkennen, muß⸗ teſt du darum grauſam gegen dein Blut — 147— handeln? Zu welchen Ungerechtigkeiten haͤtte dein unnatuͤrliches Verfahren mich treiben können? War ich nicht nahe daran, in⸗ dem ich dich zu kennen glaubte, und mit Recht furchthare Rache an dir nehmen wollte, vielleicht einen Unſchuldigen zu verderben, deſſen Herz rein von den Schlacken dieſer Welt, vielleicht nicht im Traume daran gedacht hat, ein Verbrechen zu begehen? Gleiches mit Gleichem wollt ich vergelten, ein Ungeheuer von Sohn dir ſeyn, wie du mir ein unnatuͤrlicher Vater ſchienſt. Ich haͤtte ein Verbrechen begehen koͤnnen, wogegen Alles, was ich ſonſt gethan, ein Kinderſpiel iſ.— Gottlob! noch iſt es nicht geſchehen. Mein beſſeres Selbſt hat den Sieg davon getragen, und ſelbſt wenn meine Vermuthung jetzt mir zur Gewißheit wuͤrde, nicht dein Fluch ſoll mir folgen⸗ obgleich du mich nicht geſegnet haſt. Frei⸗ lich bin ich darum nicht weniger ein großer 10* 448— Verbrecher, und ſelbſt bei dem beſten Wil⸗ len iſt zur Aenderung meines Lebenswan⸗ dels mir die Moͤglichkeit abgeſchnitten; denn ſo lange noch Einer lebt, der mich ſeinen Anfuͤhrer nannte, wuͤrde ich nur zitternd unter ſchuldloſen Menſchen leben koͤnnen. Dieſes Selbſtgeſpraͤch wurde durch die Ankunft des Cardinals unterbrochen, wel⸗ chem Gerillo ſogleich mit der Frage entge⸗ gen ging:„Wie ſteht es? Auf welche Nachricht darf ich mich gefaßt machen?“, Die Sache ſteht ſchlimm fuͤr Euch. Ein Mitglied Eurer Bande hat mit unerhoͤrter Frechheit ſich erlanbt, das Kloſter St. Georg unweit Albano aufzuheben, die Moͤnche nebſt dem Prior in die Gebirge zu fuͤhren, und bedrohet nun die Regierung, dieſe ſo lange in Verwahrung zu behalten, bißs man Euch in Freiheit geſetzt. — 149— „Herrlich! Ihr ſeyd alſo gekommen, mir die Freiheit anzukuͤndigen? Nun, es ließ ſich wohl erwarten, daß die Meinigen etwas um mich wagen wuͤrden. Alſo Frei⸗ heit!?“ Noch nicht, obgleich jener Tollkuͤhne, der ſich Cavallo ſchreibt, ſich erdreiſtet hat zu ſchreiben: er wuͤrde ſaͤmmtliche Moͤnche ſeiner Rache opfern, wenn man Euch auch nur ein Haar kruͤmmte, ſo iſt doch heute in einer außerordentlichen Sitzung des Se⸗ nats beſchloſſen: das Aeußerſte in dieſer Sache abzuwarten. „So glaubt die Regierung alſo wohl gar, es ſey nur eine leere Drohung mei⸗ nes Geſellen, er werde die Geißeln, wenn er ſeinen Zweck nicht erreichen koͤnne, wie⸗ der in Freiheit ſetzen? Taͤuſcht Euch nicht, Eminenz, des Raͤubers Wort muß ſo wahr⸗ — — 150— haftig ſeyn, wie das Wort des Fuͤrſten, denn ihr Reich wuͤrde ſonſt eben ſo leicht uneins werden und zuſammenſtuͤrzen, wie das Reich eines Koͤnigs, drum ſeyd feſt verſichert, ſie werden, ohne daß ich es hindern kann, als Opfer fuͤr mich fallen.“ Ich denke, es ſoll dahin nicht kommen. Wird jener Cavallo wohl einen ſchriftlichen Beſeht von 3 kelhettiten; 15 „Wenn er meine Handſchrift erkennt, unbedingt.“ Gut, ich bin darauf Wpabereitet. Hier ſind Schreibmaterialien. Ertheilt den Be⸗ fehl, daß man jene ungluͤcklichen Greiſe ſogleich wieder in Freiheit ſetze, und ich eandihe Euch Rheges die Eurige an. he Der Antrag, Eunen iſt in Wahr⸗ — 151— heit ſehr ehrenvoll, denn noch nie iſt es wohl der Fall geweſen, daß ein faſt ſchon zum Tode Verurtheilter noch Befehle aͤber Leben und Tod Anderer ertheilt hat; und dennoch muß ich ihn von mir ab⸗ lehnen.“ 5 Wie ſo? „Es roͤnnte mich faſt verdrießen, daß die Regierung von Rom mich fuͤr ſo ein: fäͤltig haͤlt, mir mein Todesurtheil ſelber zu ſchreiben.“ So zweifelt Ihr vielleicht, daß man Euch Wort halten wuͤrde? „Verzeiht, ich ſelber koͤnnte boshaft genug ſeyn, die Regierung oͤffentlich laͤcher⸗ lich zu machen, wenn ſie mir Wort hielte.“: Ihr koͤnnt und wollt alſo nichts um 1 jene ſchuldlos ungluͤcklichen Menſchen thun? „Ich bin zu Allem bereit, nur nicht unter dieſen Umſtaͤnden.“ Wißt Ihr einen beſſern Vorſchlag, ſo laßt ihn hoͤren, 4 „Allerdings, und zwar den leichteſten von der Welt, Geht Ihr ihn ein, ſo bin ich geſichert daß ich in keine neue Verle⸗ genheit gerathe, und jenen Moͤnchen iſt zu⸗ glleich am ſchnellſten und ſicherſten geholfen.“ Nun, ich bin begierig. 8 „Wir wechſeln unſere Kleider, ich ver⸗ laſſe als Cardinal den Kerker und bin uͤber drei Tage bei den Meinigen. Ihr harret hier ſo lange bis der Kerkermeiſter mir die Abendmahlzeit bringt, ſagt, Ihr waͤret zu dieſem Kleidertauſch von mir gezwungen worden, und befreiet Euch dann nach Be⸗ lieben.“ Das Angeſicht des Cardinals wurde bei dieſem Vorſchlage um einen Zoll laͤnger. Dem Naͤuber die Freiheit zu geben, lag wirklich in ſeinem Willen; es ſchien ſogar als ob ihm in dem verſiegelten Schreiben von hoͤherer Hand Vollmacht dazu ertheilt worden ſey; allein daß er ſtatt ſeiner im Kerker bleiben ſollte, dieſe Forderung ſchien ihm doch ein wenig uͤbertrieben. „Ueberlegt nicht lange, Eminenz, fuhr Gerillo fort, es iſt Euch ein Leichtes etwa eine Stunde meine Feſſeln zu tragen, und mit der einzigen Stunde Euer Ehrenwort zu loͤſen, und mir, ſo wie jenen unſchul⸗ digen Moͤnchen, das Leben zu ketten.“ — Nun wohlan, antwoptete der Cardinal, ich wellige in Euer Begehr; doch das Schrei⸗ ben wegen der Moͤnche muͤßt Ihr zuvor ausſtellen. „Ich will es; doch wozu kann das Papier Euch nützen, wenn ich ſonſt nicht Wort halten wollte? Was nuͤtzt Jeman⸗ dem, dem der Koffer zenohlen worden, der Schluſſet“ 3 Das iſt freilich wahr, und dennoch werde ich mich unter keiner andern Bedin⸗ gung dazu verſtehen. Wohlan, ich werde ſchreiben. Er ſchrieb hierauf mit vieler Ruhe und Beſonnenheit das Verlangte. Waͤhrend dieſer Beſchaͤfti⸗ gung aber warf er oft verſtohlene Blicke auf den Cardinal, von dem er noch fuͤrch⸗ tete uͤberliſtet zu werden. Am Schluſſe — 155— ſeines Schreibens aber bemerkte er zu ſei⸗ ner Freude, daß er Anſtalt machte ſich zu entkleiden. „Hier,“ ſagte Gerillo, dem Cardinal das Schreiben uͤbergebend;„ſeyd Ihr da⸗ mit zufrieden?“ Hre 1 Vollkommen, und auch Ihr ſehet mich bereit, mein Wort zu(oͤſen. Doch wenn meine Bitten etwas uͤber Euch vermoͤgen— ich kann es nicht leugnen, ich habe Euch lieb gewonnen,— ſo verlaßt die Bahn, auf der Ihr ſeit Kurzem gewandelt, ſie fuͤhrt Euch endlich doch ins Verderben. Zieht noch einmal hin, um den im Dienſt des Herrn grau gewordenen Vaͤtern die Freiheit anzukuͤndigen, und habt Ihr dieß gethan, ſo entlaßt Eure Leute, ermahnt ſie zu einem ehrſamen, friedlichen Lebens⸗ wandel, Ihr ſelbſt aber entfernt Euch weit — 156— von ihnen. Mit dem, was Ihr gelernt, kann es Euch, wohin Ihr Euch auch wen⸗ den moͤget, nicht fehlen; und kann ich Euch auch noch in der Ferne nͤtlich wer⸗ den, ſo wendet Euch an mich, und ich werde Euch meine Huͤlfe nicht verſagen. Wollt Ihr mir das verſprechen, ſo ver⸗ ſpreche auch ich Euch Kraft meines Amts, als ein Diener des Herrn, wegen der bis⸗ her begangenen Fehler und Vergehungen, zeitliche und ewige Vergebung. „Hier iſt meine Hand, antwortete Ge⸗ rillo geruͤhrt, ich will verſuchen 95 es moͤg⸗ lich i iſt.“ 74 Dem Menſchen iſt Alles moͤglich, wenn er den guten Willen dazu hat. Koͤnnt Ihr, ſo gebt mir auch einen ſichern Ort an, wohin ich ein Schreiben an Euch be⸗ ſtellen kann. Vielleicht iſt es mir in der — 157— Folge moͤglich, Euch uͤber die Geheimniſſe Eurer Geburt naͤhere Aufſchluͤſſe zu geben. „O, wenn Ihr das koͤnntet! aber—, Wer weiß es, was die Zeit uns bringt! Gebt mir jetzt Euer Kleid und nehmt da⸗ fuͤr das meine, und auch dieſen kleinen Vorrath am Gelde. Es iſt zwar nicht viel was ich eben bei mir habe, dennoch aber hinreichend, um Euch bald ein anderes Kleid dafuͤr zu kaufen, indem Ihr doch in dieſem geiſtlichen Ornate nicht weit kom⸗ men moͤchtet. „Nimmermehr wird dieſe Stunde aus meinem Gedaͤchtniſſe verwiſcht werden. Ich kehre in die Apenninen zuruͤck, vielleicht ſollt Ihr bald Beſſeres von mir hoͤren. Jetzt lebt wohl⸗ hochwuͤrdiger Herr! und gedenkt meiner zuweilen in Eurem Gebete.“ —:— Frau Antonio, deren Gatte vor einigen Tagen den Weg alles Fleiſches gegangen war, bekam einen Todesſchreck, als ſie bei Nachtzeit einen hohen geiſtlichen Herrn in ihre armſelige Wohnung eintreten ſah; aber noch hoͤher ſtieg ihre Verwunderung, als ſie unter der erborgten Huͤlle den Haupt⸗ mann Gerillo erkannte.„Iſt es denn moͤglich?“ rief ſie aus,„ſeyd Ihrs wirk⸗ lich, oder iſt es Euer Geiſt? denn uͤber drei Tage hat ja die ganze Stadt ſchun Eure Hinrichtung erwartet.“ Dießmal hat ſich die ganze Stadt ver⸗ rrechnet, doch bin ich darum noch nicht aus aller Gefahr; um dieſe indeß gaͤnzlich zu beſeitigen, bedarf ich Eures Bei⸗ ſtandes. — 459— „Meines Beiſtandes? Nun, darauf duͤrft Ihr ſicher rechnen. Ihr ſeyd mir ein gar willkommener Gaſt; was ich fuͤr Euch thun koͤnnte, deß duͤrfte ſich wohl kein Menſch in der Welt erfreuen.“ Viel Ehre; doch wollt Ihr mir wirk⸗ lich dienen, ſo muͤßt Ihr eilen, ehe es zu ſpaͤt wird. „Ich bin bereit, befehlt nur.) In dieſem geiſtlichen Ornate, wie Ihr ſeht, duͤrfte ich wohl nicht weit kommen. Ich wollte Euch deßhalb erſuchen, mir in moͤglichſter Geſchwindigkeit einen andern Anzug zu verſchaffen. Hier iſt Geld. Die Wahl uͤberlaſſe ich Eurer Klugheie und Eu⸗ rem guten Geſchmase. „Verlaßt Euch euf mich.— Aber — 160— mein Gott, wie vieles Geld habt Ihr mir da gegeben! Nun, ich werde ſchon handeln, um keinen Seudi ſollt Ihr be⸗ trogen werden.““ Dasvon bin ich uͤberzeugt; wenn ich Euch aber bitten darf, ſo eilt, denn ich befuͤrchte, daß man mich hier ſuchen moͤchte. „Gleich, gleich!— Aber, mein Gott! womit wollt Ihr Euch den in meiner Abwe⸗ ſenheit unterhalten?— Halt!— mir faͤllt etwas ein. Hier ſeeht noch ein Flaͤſchchen Wein, den mein guter Antonio— ſie weinte ſchnell einige Thraͤnen, die aber eben ſo ſchnell wieder verſtegten—„noch mit mir auf Euer Wohl leeren wollte, als er arretirt wurde. Ach Gott! der gute Menſch! und was hat er denn eigentlich geraubt? Iſts doch kaum der Muͤhe werth, hat er mich doch in den duͤrftigſten Um⸗ — 161— ſtaͤnden verlaſſen. Es iſt nur noch ein Gluͤck daß Ihr ſo mit heiler Haut davon gekommen ſeyd, denn Euer gutes Herz wird es gewiß nicht erdulden, daß ich in meinem Elende umkomme.“ Gewiß nicht; doch wenn Ihr nicht eilt, ſo moͤchte Euch dieſe Hoffnung auch noch verſchwinden. „Gott bewahre! ich wuͤrde mir zeitle⸗ bens ein Gewiſſen daraus machen, wenn Ihr um meinetwillen in neue Gefahr kom⸗ men ſolltet. Jetzt gehe ich und in einer Stunde bin ich gewiß wieder hier. Trinkt derweile nur ein Glaͤschen, daß Euch die Zeit nicht ſo lange waͤhrt.“ Sie ging und kam wirklich nach einer Stunde mit einem completten und paſſen⸗ den Anzuge zuruͤck, auch hatte ſie fuͤr ein Paar Piſtolen und einen Hieber geſorgt. II. Theil. 11 — 162— „Nan, was ſagt Ihr? ſeyd Ihr mit mir rzufrieden? und fuͤr ein ſo billiges Delns nicht den Drittheil hab⸗ ich gebraucht."„ 116 Vollkommen! die uͤbrige Kleintgkei alſo fuͤr Eure Bemuͤhung. zhin 396 1 6: ſhit 9 ,s nät. das viele ſchoͤne Geld? Ad, Ihr ſeyd doch ein liebenswuͤrdiger Mannl“ r 135 33 20 81 81 i Frau Nntonio ſrach 8 eine e Weile fort, lobte des Hauptmanns Großmuth 82. und Freigebigkeit, waͤhrend dieſer den er⸗ handelten Anzug anlegte, um ſich noch vor dem Fhorſchluſſe Iingus, zu machen. 94 235 555R Um Euch nun durch ueſen Cardinals⸗ Anzug in keine Verlegenheit zu ſetzen, ſagte Gerillo, wuͤrdet Ihr kluͤglich handeln, wenn Ihr denſelben noch heute Abend Sr. Emi⸗ nenz, dem Cardinal Aquariva, an die Haus⸗ 3 thuͤr hinget, und Euch dann in der Still wieder davon machtet. „Was Ihr doch fuͤr Einſälle habt! Das iſt auch wahr. Denn wenn man das Gewand bei mir faͤnde, moͤchte es mir uͤbel elgehen. Naun, ſo geht mit Gott, und wenn Ihr wieder nach Rom kommt, ſo gergeßt nicht bei mir einzuſprechen.“ n. 3 Unerkannt und ungehindert, indem ſein rntweichen noch nicht bekannt ſeyn mochte, ſchritt Gerillo zum Thore hinaus, und be⸗ fand ſich am andern Morgen, indem ihm die kuͤhle Sommernacht zum raſchen Gehen ſehr angenehm war, ſchon ziemlich weit 4 von Rom entfernt, ſo daß er keine Gefahr mehr zu befuͤrchten hatte. Tags darauf, gegen Mittag, kam er unweit Rini in ein Wirthshaus, wohin ihn der Durſt trieb. Hier fand er viele Gaͤſte verſchiedenen Stan⸗ 11* — 164— des: Maulthiertreiber, Fuhrleute, Reiſen⸗ de, Einheimiſche und Benachbarte. Die 3 Unterhaltung betraf die von den Raͤubern aufgehobenen Moͤnche, woruͤber jeder nach ſeiner Anſicht ſeine Meinung aͤußerte. Auch Gerillo wurde mit in das Geſpraͤch gezogen, auch er mußte ſeine Meinung daruͤber an den Tag legen. Noch intereſſanter aber wurde die Unterhaltung, als er der Ge⸗ ſellſchaft erzaͤhlte: er kaͤme von Rom und habe ſichere Nachricht, daß der daſelbſt in enger Haft geweſene Hauptmann, Gelegen⸗ heit gefunden habe, ſich zu befreien. Alle ſperrten die Maͤuler auf, meinten einſtim⸗ mig, der Kexl muͤſſe doch nothwendig mit dem Teufel im Bunde ſtehen, welchen Glauben Gerillo gar nicht Luſt hatte ihnen N— zu benehmen, ſondern ſie im Gegentheil darin beſtaͤrkte. Nach einer Weile trat ein Mann mit einer vielſagenden Miene in die Stube; ſein gluͤhendes Angeſt cht triefte von — 165— Schweiß, und ſein Auge laͤchelte triumphi⸗ rend. Haſtig warf er den Hut auf den Tiſch und legte eine Doppelbuͤchſe dabei. „Na, ihr Haſen!“ rief er,„ich habe mein Wort geloͤſt; was ſagt Ihr nun? Ich habe mir den Kerl aus der Mitte herausgeholt. Den wird in dieſer Welt keine Luſt wieder anwandeln, ein Moͤnchskloſter aufzuhehen.“ Wie? fragte Gerillo, Ihr habt dem Naͤuberhauptmann das Lebenslicht ausge⸗ blaſen? das waͤre ja ein Meiſterſtreich. „Den Hauptmann,“ ſagte ſich bruͤ⸗ ſtend der Fremde,„den eigentlich nicht; aber denjenigen, der in ſeiner Abweſenheit das Commando fuͤhrt, den hat eine Kugel in den Sand geſtreckt.“ Nan, auch damit habt Ibr Euch ein großes Verdienſt erworben; denn Gerillo, wenn es nicht gegruͤndet iſt, daß er ſich — 166— befreiet hat, wird wahrſcheinlich in Rom ſein Grab, finden. Aber ſagt mir, mein Freund, wo habt Ihr den Nauch herge⸗ 1 nommen! „Die Rache hat— mir gegeben. Ich bin ein Gutsbeſitzer, hatte an das Kloſter St. Georgi alljaͤhrlich eine bedeutende Lie⸗ ferung, die, wenn die Moͤnche nicht wie⸗ der in den Beſitz des Kloſters kommen, fuͤr mich derloren iſt.„ da hattet Ihr halſch die nintgſtn Gruͤnde. Und was wird nun die Welt ſa⸗ gen? ſte wird Euch bewundern, Euer Na: me wird durch ganz Jialien ſchallen.—— „Meint Ihr? ſa, das will ich hoffen, um den Ruhm war es mir ja meiſtens auch zu thun, und kuͤnftigen Sonntag ſoll auch in unſerer Kirche ein Te Deum gee . ſungen werden. 24 — 167— Das iſt auch ſehr loͤblich, ſagte Gerillo mit der ernſthafteſten Miene, ſollte ich bis dahin meine Geſchaͤfte abgemacht haben, ſo erlaube ich mir Eurem Gottesdienſt an die⸗ ſem Tage mit beizuwohnen. Hier ent⸗ fernte ſich Gerillo aus der Golßtaben⸗ um gen, und als ers eeandichaftet⸗ nahm er ſeinen Hut, und ſetzte ſeine Waaaerjaſt fort. E ie ni Ohne weitern Aufenthalt gelangte er nun am Morgen des andern Tages in den Gebirgen an. Der Himmel war mit duͤ⸗ ſeem Gewoͤl umzogen, und der Sonne A ſchoͤnes Licht verfinſtert; aber auch in des feſten Mannes Seele war es truͤbe. Er ahnete, ja er hatte ſogar Gewißheit, daß ihm ein liebes Haupt gefallen war⸗, nur wer es ſeyn moͤchte, das war eine Frage die er ſich noch nicht beantworten konnte. — 168— Gewohnt, ſchon in einer weiten Entfer⸗ nung von den Seinigen bemerkt und be⸗ willkommt zu werden, war des ihm dieß⸗ mal um ſo auffallender, jetzt ganz nahe an der Felſengrotte noch Niemanden zu er⸗ blicken. Indem er noch hieruͤber nachdach⸗ te, und befuͤrchtete, daß vielleicht wichtige Gruͤnde ſie gezwungen, dieſen Ort zu ver⸗ laſſen, fiel ihm ploͤtzlich die ganze Bande nebſt den Moͤnchen in die Augen, welche ſaͤmmtlich auf einem, mit hohen Kaſtanien⸗ baͤumen beſchatteten, gruͤnen Plaͤtzchen ver⸗ ſammelt waren. Niemand bemerkte ihn, Alles war ſtill wie im Grabe; ſelbſt der Geſang der Voͤgel war verſtummt. Selt⸗ ſam! dachte er, warum dieſe feierliche Stille, und dieſe Fahrlaͤſſigkeit? wie leicht koͤnnten ſi e auf dieſe Weiſe uͤberfal⸗ len werden? Langſam ſchritt er der ſtillen Gruppe entgegen, welche der wilden Raͤu⸗ berſchaar gar nicht zu gleichen ſchien. Doch „ — 169— plötzlich fiel ein Schuß, das Noihſig gnal, und im Augenblick wurde die Gruppe le⸗ bendig. Alles ſpähete wild umher und griff zu den Waffen; doch eben ſo ſchnell wie⸗ der beruhigt, indem einige der Raͤuber in der Ferne den Hauptmann erkannten, war⸗ fen ſie die Waffen wieder von ſich. Eine wunderſame Scene entſtand in dem Augen⸗ blicke. Saͤmmtliche Raͤuber ſtuͤrzten freu⸗ detrunken, mit einem bis zum Himmel gel⸗ lenden Jubelgeſchrei, dem Haupimann ent⸗ gegen, ſchwenkten ihre Huͤte und riefen ein⸗ mal uͤber das andere: Es lebe Gerillot es lebe unſer Hauptmann! und in demſel⸗ ben Augenblick ſtimmten die Moͤnche, wel⸗ che ihren Platz auch nicht um einen Fuß breit veraͤndert hatten, einen herzzerreißen⸗ den Grabesgeſang an. Die weichen Moll⸗ toͤne aus der Bruſt der ſilberweißen Greiſe drangen durch das Jubelgeſchrei der Räͤu⸗ ber zu des Hauptmanns Ohren, und ſchnell 2 170— Gäben Fehr indem ger ſftagts:, was beginget. ihr Seltſameg hier35,d ie Frage ſiimmis eings, Jegſicen Frfude in Traurige keit um, r und Keiner hatte den 1 Muth ſi ſie zu bea ntworten. Wo iſt Cavallo? fragte der Hagptmann mit finſterm Ernſte, und. in einer demuͤthigen Steuhnge nahete ſich Quorato⸗ Orſini, indem er. ſagte:„Selt⸗ lames, mein Hauptmann, ſaſt Unbegreift liches hat ſich hier begehen. Vorgeſtern, gegen, Abend, gebot Cavallg, daß wir uns um ihn verſammeln, und wegen der Moͤn⸗ che Rath mit ihm halten ſollten, indem deren ewiges Lamentabel anſing uns laͤſtig zu werden. Kaum hatte der Brape ſeine Anrede an uns begonnen, als plöͤzlich ein Schuß ſiele und Crvallo in unſerer Mitte mit einem Schmerzenslaute, zu Boden tau⸗ melte. Unſere Beſtuͤrzung war groß, und der Schreck den dieſer Vorfall bewirkte, aflgemein, doch vergaßen wir nicht, ſo⸗ gleich überalt⸗ Spaͤher auszuſenden, welche aber alle g ohne irgend eine menſchliches Weſen bemerkt. zu haben, zuruͤrkkehrten. Jetzt, ehen ſinddwir damit beſchaͤftigt, die Leiche des geopferten Freundes dem kuͤhlen Schooß der Erde zu uͤbergeben⸗ wobei die Moͤnche ſich als warme, theilnehmende Menſchenfreunde bezeigt haben.“ Dieſe Nachricht, obgleich er ſie vermu⸗ thet, machte einen ſo tiefen, Eindruck auf Gerillos Gemath, daß er eine Thraͤne nicht unterpruͤcken konnte. Laßt mich noch ein⸗ mal, ſagte er, ſeine irdiſche Huͤlle ſehen. Er war mir treu, treu durch ſein ganzes Leben, treu bis zum Tode. Mein Leben zu retten wagte er das Aeußerſte, und ver⸗ lor darüber das eigne. Z. hnn „ Mit langſamen Schritt, kaum Athem holend, kehrten die Raͤuber an der Seite ihres Hauptmanns zu der Wohnung des ewigen Friedens zuruͤck, wo die Moͤnche noch, ohne ſich ſtoͤren zu laſſen, ihren Grabgeſang fortſetzten. Gerillo vermochte nicht ſie zu unterbrechen, ihre Hymnen klangen ihm ſchoͤner, friedlicher als das Gerzͤuſch der Welt. Da lag der Vollendete, als ein wacke⸗ rer, ruͤſtiger Mann, wie ihn Jeder im Leben gekannt. Die feindliche Kugel hatte ſeine Stirn zerſchmettert, aber die wohl⸗ thaͤtige Hand der Kameraden das Blut da⸗ von abgewaſchen, und im Frieden mit ſich ſelber ſchien er zur ewigen Ruhe eingegan⸗ gen zu ſeyn. Gerillo ſetzte einen Fuß in das Grab, und faßte ſeines erblichenen Freundes Hand, indem er ſagte: dir iſt wohl, mein Freund. Du haſt den muͤden Lauf des Lebens vollendet; wohl dir, und wohl mir, wenn ich an deiner Seite den — 173— ewigen Schlaf ſchliefe! Doch mir ſind noch Leiden aufbewahrt, die vor dem Auge des Sterblichen verborgen ſind, doch in Frie⸗ den ruhe deine Eichen— Berſcharrt ihn!— Die Moͤnche hatten ihren Geſang voll: endet, der Prior ſprach noch den Segen, und dann richteten ſie ihre Blicke auf das neu hinzugekommene Mitglied der Bande, in welchem ihnen Quorato Orſini den Haupt⸗ mann urtſtelte Wie ſagte der Prior⸗ dieſer Mann mit der freien offnen Stirn, mit dem ſchoͤnen, klaren Auge, mit der ſchuldloſen Miene, waͤre Euer Hauptmann? Ihr Hauptmann, ehrwuͤrdiger Vater, antwortete Gerillo. Ja, ich bin es, bin derſelbe um deſſentwillen Ihr hier ſeyd⸗ — 4= und ban jetzt gekommen, u die 5 ehurgeaeens 202 io rndnne un 211 ſd 8 Zeefheit ſagten ze wie aus einem Nrunde Freiheit! O, ſo hat denn der Herr unſer heißes Flehen gnaͤdiglich erhoͤrt, ſuhr der Prior fort, ſo iſt es uns denn vergoͤnntpaden Reſt unſerer Tage da zu be⸗ lchliren⸗ wo der Herr uns hin Seui hat 496 6 enmhneeen 688, ſagte Gerillo, Ihre habt auf den Herrn vertraut, deſſen Diener Ihr ſeyd, und Euer Vertrauen ſoll nicht zu Schanden iberden; obgleich die paͤbſtliche Regierung mir die Freiheik nicht gegeben hat, ſo ſoll ſſe duch S zaheg mnac werden. unamen 2 915 Die Moͤnche ſtutzten als ſie dieß hoͤr⸗ ten und meinten, nun ſey alſo äuch wohl das damit verbundene Loͤſegeld nicht gezahlt 4 5 — 475— worden. Gerillo Wußte nicht wäs ſte dar mit fagen Wöͤllten)i erführ nun uber“ daß Cavallo Roch’ außer der Frälaffäing des Hauptmanns eine Summe von zehm Tu ſend Seudi verlangt hatte. Gerillos Stirn zog ſi ſich dei dieſer: Machlicht in daſtte au⸗ ten, doch der Pliot⸗ fuchte ſ ſte dadukch wie⸗ der zu glaͤtten, indem er ſagte! er ſey nicht abgenkigt die Balbſchied diefer Summe, theils aus dem Kloſterſchatze, dobes aus der ſübrigen Möache eifpartem Gelde zu seiezt Mehi feh e aber nihe im Stande in 8üan. al 810 t an nhe 12 Es iſt eße Anerbieten: Aller. Ehren werth/ fagte Gkins, und 3ir ſoüt in Eurer Erwärtung! nicht getäuſcht werden. Macht Euch ſogteich fertig und wandelt in Frieden Eureè Sttaße zu dem Hauſe des Herrn. Zwoͤlf meiner Leute ſollen Euch begleiten: Ihr werdet dieſelben 3 iange verpftegen⸗ bis Ihr das Suͤmmchen bei⸗ ſammen zhabt. Fuͤr die andere Halbſchied moͤgt Ihr. meiner zuweilen in Furem Ge⸗ bete gedenken. S Der Pria ging nun in die Felſengrot⸗ te, um ſein Gehethuch und einige andere Kleinigkeiten zu holen; dann kehrte er zu⸗ ruͤck, ſah den Näͤuberhauptmann wehmuͤ⸗ this an und ſagte mit Waͤrme:„Es ſchmerzt mich, junger Mann, Euch auf einer ſo Frniedrigenden Stufe in der menſch⸗ lichen Geſellſchaft zu ſehen. Beim Him⸗ mel! Ihr ſeyd nicht ſo ſchlecht als ich mir gedacht. Ein Menſch, der noch an Gott und ſein heiliges Wort denkt, an dem iſt noch nicht alle Hoffnung verloren. Drum ergreift die erſte beſte Gelegenheit, werdet wieder ein ehrlicher Mann, und Gott und Menſchen werden Euch, was Ihr bisher gethan, verzeihen. Lebt wohl und gedenkt — 4 8 auch meiner. Ich will in den wenigen Tagen, die mir noch zu leben vergoͤnnt ſi ſind, Euch jederzeit in mein Gebet wiſchlehen Gerillo druͤckte des greiſs Hhand mit etigket an ſeine Bruſt, und wandte ſich dann ſchnell von ihm weg, um eine Thraͤ⸗ ne, die ſich in ſein Auge geſtohlen hatte, zu zerdräcken. Dann wandte er ſich zu Denjenigen, welche die Moͤnche beglei⸗ ten ſollten, und ſchaͤrfte ihnen hart ein, den Moͤnchen auch nicht die geringſte uUn⸗ annehmlichkeit zuzufügen, indem er dieſes auf das Snahen an ga ihnder wärde. .4 n n.. Theil. 12 Schon war die Sonne im Sinken, als Gerillo wieder aus der Zelſenhoͤhle kam, wo er ſich den ganzen Tag uͤber allein be⸗ ſchaͤftigt hatte. Verſchiedene Briefe waren geſchrieben und neue, ſehr ſtrenge Artikel fuͤr ſeine Leute entworfen, denn es war ſein Plan, da ohnehin der Herbſt im Be⸗ ginnen war, die Bande nicht mehr zu ver⸗ größern, und mit derſelben weiter hinab, his nach Meaber zu ziehen. Wir haben dich ſchon mit Sehnſucht erwartet, ſagte Quorato Orſini, als er unter ſie trat. Und weßhalb? fragte Gerillo. „Es wird ſich in dieſen Tagen etwas Neues begeben. Eine ganze Karavane rei⸗ cher Edelleute aus Rom ſind im Begriff nach Neapel zu reiſen, um dort dem Ver⸗ maͤhlungsfeſte einer jungen, reichen Herzo⸗ ginn beizuwohnen. Ich denke dieſe wer— den fuͤr uns auch ein kleines Reiſegeld mit ſich fuͤhren, wovon wir die Reiſe durch den Winter machen koͤnnen.“ Die Speculation, waͤre nicht unrecht; doch wuͤnſchte ich, wenn es moͤglich waͤre, eine namentliche Liſte all der Herrſchaften, welche dahin reiſen wollen, in die Haͤnde zu bekommen; ich wuͤrde darnach meine Maaßregeln nehmen. Und dieſe, daͤchte ich, wuͤrde mir Niemand beſſer als du, anfertigen koͤnnen. 1 „Die Aufgabe iſt nicht leicht.“ Aber nicht unmoͤglich. Ich will damit dein Talent erproben. 3 12 4 7 480— „Ich liefere ſie, und hoffentlich 6 ddet⸗ ner Zufriedenheit.“ 3 Gua Wie ſtark ſind ſind wir aer „Deine und meine peſon nicht mit⸗ gezaͤhlt, acht und vierzig Mann, alle tapfere Kerle, denen weder Muth noch Liſt und Verſchlagenheit fehlt; nur muß ſtrenge Mannszucht unter ihnen gehalten werden.“ IZch habe es gemerkt und dieſer heute neue Geſetze vorgeſchrieben, 1 ſobald wir wieder Alle beiſammen ſtnd, der gan Bande vorgeleſen werden ſollen. Nun 1e') eins. Euch iſt der Moͤrder mei⸗ nes t uen Cavallo unbekannt, mir nicht. Das Schickſal hat ihn mir in die Haͤnde geliſert, und ungeſtraft darf ſolches nicht geſchehen. Lies mir daher vier und zwan⸗ zig beharzte Burſche heraus, daß ich mit — 181.— ihnen um Mitternacht das Gebirge verlaſſe, um nach Piſterzo, dem Orte meiner Rache zu gehen.) t. R 3aai 6. K 138138 ..— n 3 3— „ Und ich, mein Hauptmann?“,. d Du ſollt mich ebenfalls begleiten. Das Regiment mag⸗ waͤhrend meiner Abweſen⸗ heit, Monto Cornaro, der Aelteſte⸗ führen. Sende ihn zu mir, daß ich ihn mit meinen Auftraͤgen bekannt mache. 41150 19 ni 10 n Quorato ging um die Befehle des Haupt⸗ manns zu vollziehen, waͤhrend ſich dieſer an einen Felſen Abhang ins Gras warf und das Schauſpiel der untergehenden Son⸗ ne anſah. Manche ſchoͤne Erinnerung aus dem Leben, aber auch manches traurige Erxeigniß, beſonders aus den letzten beiden Jahren, ſtellte ſich hier vor ſeine Seele⸗ und erweckte unangenehme En. findungen in ihm. Am lebhafteſten erinnerte er ſich der letzten Scenen mit der Marquiſe und ſeiner geliebten Ricadora im Garten des Senators; nur war es ihm unbegreiflich, wie der Zufall dieſe beiden vortrefflichen Weſen zuſammen gefuͤhrt, und wie das Schickſal es ſo ſeltſam gefuͤgt, daß er ge⸗ rade in dem Augenblicke, wo er ſein Theuer⸗ ſtes wieder fand, es auch wieder verlieren mußte.„Du wirſt die Schreckens⸗Nach⸗ richt nicht uͤberlebt haben, Geliebte!“ ſagte er fuͤr ſich,„es war zu viel auf einmalt Es war zu viel, das Theuerſte was man je beſaß unvermuthet wieder zu finden, und es in demſelben Augenblick mit Hohn, Schmach und Schande beladen wieder zu verlieren. Doch wenn du mir vorangegan⸗ gen biſt, du Holde! dann finde ich dich dort wieder, dort wo keine Verfolgungen Statt finden, dort wo uns nur Ein Va⸗ ter, ein rechter Vater, der ſich keines pß — 183— ſeiner Geſchoͤpfe ſchaͤmt, liebend umſchlingt⸗ dort biſt du dann mein!— Oder— hier ſchauderte er zuſammen— taͤuſche ich mich vielleicht nur ſelbſt? Wird der Raͤuber dich auch dort wieder finden, oder werden ſeine Verbrechen dich ihm auch ewig dort entziehen, wie ſie ihn hier deiner unwerth machten?— Er verſank wieder in ſtumme Traͤumereien, woruͤber ſich laͤngſt die Sonne in die Fluthen des Meeres getaucht, und finſtre Nacht ihn umgab, als er ploͤtzlich daraus geweckt wurde. Er ſah auf und erblickte Auorato Orſini und Monto Cornaro. * 3 Hauptmann! ſagte Erſterer, es iſt Al⸗ les beſorgt wie du befohlen⸗ und hier iſt Monto Cornaro, der deine weitern Befehle erwartet. „Wie hoch iſt es an der Zeit? — 184— So eben iſt die zwoͤlfte Stunde voruͤber, und alſo nicht fern mehr der junge Tag. 1l 2 8 „Gut, ſo brechen wir auf und ziehen nach Tiranti, wo wir uͤbermorgen fruͤh ſeyn muͤſſen; was daſelbſt geſchehen ſoll, werdet ihr erfahren. Du, Monto Cor⸗ naro, aͤbernimmſt waͤhrend der Zeit das Commando, und traͤgſt Sorge, daß Alles in guter Ordnung zugehe, und nichts ohne mein Wiſſen unternommen werde. Ich werde Alles anwenden, deine Zu⸗ 1 friedenheit zu gewinnen. 8 Sind wir nun fertig? fragte Quorato, 5 ich brenne vor Begierde, an deiner Seite einen Streich ausfuͤhren zu helfen. 4 „Ich bin bereit und erwarte die Mei⸗ nigen.“ 3 “ 4 1 4 Hierauf gab⸗„Quorato ein Zeichen; wo⸗ rauf im Nu die Kerle herbeiſpra prangen und 1 ſendettunten um ihren Hundtmand deſanneee ans 9 3 e 116 unn 8ln GClt 22 Kameisdn e ſagte Getſto Pein blin der Zufall hat es gewollt, daß ein elender Stuͤmper euch einen treuen Kameraden und mir einen Freund geraubt hat, und mir iſt der Zuͤfall wiederum oämſtig geweſen, dieſen Stuͤmper zw cerkennen, dennt er ſelbſt hat ſich der⸗ Heldenthat gegen mich Ferdhmt. Uebermorgen win der Elende dakär eſ ein Dank⸗ len, ziehen wir fetzt aus. 1 Geßd chr da⸗ mit zufrieden⸗ Raüch wenn de kine Bei Heebt3 Ee e 12 Dein Rath af ſtets der beſte; geoßes Hauptmann! ſchrieen Einige; ddoch wenn du uns anfuͤhren kannſt ſenen Schürken zu — 1386— züchtigen, 9 faͤume nicht, wir folgen dir und ſaͤße er auf dem Montblanc. 511 14 30% 113167 83 Mit ſtarken Scheitten gings es nun farh und als am dritten Morgen die Sonne einen„Sonntag begruͤßte, waren ſie zur Stelle 89 ns hnn a tan CAun ffagt Ein dpslehes Kaſtanien⸗ Waͤldchen, welches bis an die erſten Haoͤuſer des Dor⸗ fes graͤnzte, verharg die Waͤrgengel, ſo daß ſie von Niemand geſehen werden konnten. „Lagert euch hier unter dieſen ſchatti⸗ gen Baͤumen, Kameraden,“ ſagte Gerillo, „ich werde vigiliren, ob ſich mein Mann unter Denjenigen, welche zur Kirche gehen, befindet. Erblicke ich ihn, ſo erhaltet ihr ein Zeichen von mir, denn ſein Todesur⸗ theil iſt ſchon unterſchrieben, und bedarf dann von eurer Hand nur der Vollziehung.“ — 187— Ernging, und die Raͤuber derzehrten waͤhrend ſeines Ausſeyns ein kleines Fruͤh⸗ ſtuͤk. Nicht lange, ſo zertoͤnte feierlich das Gelaͤute der Glocke, welche alle frommen Chriſten zum Dienſte des Heorn berief. Mit finſterer Miene ſtand Gerillo hinter einem ſteinernen Heiligenbilde und ſah jeg⸗ liches Mitglied der frommen Gemeinde zum Gotteshauſe ggehen, und endlich auch den Moͤrder ſeines Freundes Cavallo. Ja, ſagte er fuͤr ſich, geh nur und bete noch einmal, denn es iſt das Letztemal. Er kehrte nun zu den Seinigen zuruͤck, welche ſchon mit Sehnſucht eines Signals gehar⸗ tet hatten. mlene 8 1 n . „So leid es mir auch thut, Kamera⸗ den,“ ſagte er,„gute Chriſten in ihrer Andacht ſtoͤren zu muͤſſen, ſo kann ich doch dießmal nicht anders, indem ich ſonſt viele leicht noch Ungluͤck verbreiten koͤnnte. Mein — 188— Befehl geht alſo dahin: Ihr folgt mir bis vor die Kirche, beſetzt daſelbſt die beiden Eingaͤnge, jedenämit vier Mann⸗ und laßt bei Leib und Leben keine Seele hinaus und noch wenigey hinein. Ich ſelbſt werde nebſt Quorato Orſini und den Uebrigen in die Kirche treten, und was da etwa zu thun ſeyn moͤchte, werden uns die Umſtaͤnde lehren. Doch mache ichs euch zur unbe⸗ dingten Pflicht, bei einer etwanigen Wi⸗ derſetzlichkeit kein Blut zu pergießen, es ſey denn, daß ihr zu einem gewaltſamen Angriffe von mir Beſehl erhaltet. Jetzt folgt mir, rich vermuthe daß der Geiſtliche ſchon in der Ausuͤbung ſeines Amtes he⸗ griffen iſt.“ IStNN. S Kaum vor der Thuͤr des Gotteshauſes angekommen, poſtirten ſich acht Kerle, in der Rechien den entbloͤßten Hieber und in der Linken die geladene Piſtole, vor die I Gn. 52 — 489— beiden Eingaͤnge. GWerillo aber und Quo⸗ rato, nebſt den uͤbrigen chjehn Kerlen, traten in zdit de Kidche hinein. 345 Die felſmn ame Eiſchenand e einen e Haufen bewaffneter Maͤnner mit unentbloͤßten Haͤup⸗ tern im Gotteshauſe zu erblicken, erregte augenblicklich Unruhe, Angſt und Verwir⸗ rung unter der verſammelten Gemeinde; ſelbſt der Geiſtliche ſtockte in ſeiner Rede uͤber dieſen ſeltſamen Vorfall. Des Raͤu⸗ berhauptmanns Falkenauge aher ſchweifte indeß kuͤhn in der zitternden Gemeinde, ſei⸗ enen Raub ſuchend, umher, waͤhrend der Geiſtliche die vor ihm liegende heilige Schrift zuſchlug und Muth ſammelte, in dem ihm anvertrauten Gotteshauſe Lm Rea zu behaupten. „Was trieb Euch, ihr frechen Geſellen/“ ſo begann der Prieſter,, in dieſem Aufzuge, — 490— und bewaffnet, in das Heiligthum des Herrn zu dringen? Wiſſet Ihr nicht, daß To⸗ desſtrafe darauf ruhet, wer eine ſchriſtliche Gemeinde in ihrer Andacht ſtoͤrt? Entfernt Euch alſobald, wenn Euch die Rache des „Himmels nicht in dieſer Minute treffen ſoll.“ m 16 5 Bnna Terzeiht ehrwuͤrdiger Herr⸗ antwortete Gerillo, ſo leid es mir auch iſt, Euch in der Ausuͤbung Eurer heiligen Pflicht un⸗ terbrechen zu muͤſſen, ſo iſt es mir doch dießmal, wenn ich meinen Plan erreichen will, nicht anders moͤglich. Doch ſeyd ganz außer Sorgen. Nur ein Einziges Mittglied dieſer Gemeinde fordre ich. Lie⸗ fert mir den Pachter Nivoſo aus, und ich ziehe, ohne das Mindeſte von Euch zu begehren, mit meinen Leuten von dannen; doch unter keiner andern Bedingung; ſo befiehlt Gerillo, der Raͤuberhauptmann. — 491— Der Naume Gerillo beachte die Angſt und die Verwirrung der anweſenden Ge⸗ meinde aufs Hoͤchſte.„Der Ausbruch der Verzweiflung von den Weibern, welche ihre Haabe und Gut daheim ſchon in den Haͤn⸗ den der Raͤuber waͤhnten, wurde laut; doch der Pachter Nivoſo⸗ der auf den erſten Blick ſeinen Wuͤrgengel erkannt, hatte ſich eiligſt, auf allen Vieren kriechend, in den Glockthurm gefluͤchtet, und die Thuͤr hinter ſich verſchloſſen und verriegelt. Daß der Pachter wirklich in dern Verſammlung geweſen, und Gerillo ſich nicht getaͤuſcht, bewieſen die Blicke der Gemeinde, welche auf ſeinen Platz gerichtet waren. Gerillo hatte ſein Entfliehen nicht gemerkt, wohl aber Quorato Orſini. Seinem Geierblicke war die Todesangſt auf dem Antlitze des Pachters auſgefallen, und mit der Blut⸗ gier eines Tigers hatte ſein Auhe in im Enifliehen verfolgt. — 192— Mir, Hauptmann! mir⸗“ rief er deß⸗ halb,„mir goͤnne die Wolluſt, ihn her⸗ bei zu ſchaffen,“ und ehe Gerillo antwor⸗ ten konnte, ſtand er ſchon vor der Thuͤr, welche in den Thurm fuͤhrte. Ein ſtarker Fußtritt und ſie war zerſplittert, doch der Pachun aeend un finden. . len aneh „Und⸗ Hrteſ du den Sctuffi. Pe⸗ tri geſtohlen,“rief Quorato,„um damit den Himmel zu oͤffnen⸗ iche wuͤrde dich dennoch ereilen tt emim nd 899 7 4 1821 Es war indeß nicht— den Unglück lichen habhaft zu werden, denn er hatte mir Lebensgefahr das Dach erreicht, und drohete ſeine Verfolger mit Steinen zu toͤd⸗ ten. Quorato aber, der nicht Luſt hatte, ſich mit dem Einzelnen in eine Fehde ein⸗ zulaſſen, legte ſein Feuerrohr an, ein Druck mit dem Finger— und der Pachter ſtuͤrzte leblos außerhalb der Kikche zu Boden. Hierauf kehrte er ſogleich in die Kirche zu⸗ ruͤck, und ſtattete dem Hauptmann Bericht ab. Gerillo verbeugte ſich darauf gegen den Geiſtlichen und die Gemeinde, igdem er ſagte:„Euer Pachter war der Moͤrder meines treueſten Freundes, ich der Sei⸗ nige; merkt Euch wie ſich Gerillo raͤcht, und lebt wohl.* ⸗ uc mon Draußen fanden ſie die Leiche, des er⸗ ſchoſſenen Pachters. Gerillo erkannte ihn fuͤr den Rechten⸗ worauf Quorato ihm noch aus beſonderer Rache das Herz aus dem Leibe riß, und es eine Strecke Wegs mit ſich nahm duAA 11. Theil. Ja den Gebirgen gab es, als ſie daſelbſt zuruͤck gekommen waren, lauter erfreuliche Neuigkeiten. Dieſenigen Räuber, welche die Moͤnche wieder nach ihrem Kloſter zu⸗ ruͤck begleitet hatten, waren um einige Stunden fruͤher angekommen, und hatten die geforderte Geldſumme vom Prior rich⸗ tig erhalten, welche ſie nun dem Haupt⸗ mann zur Theilung vorlegten. Nachdem dieſes Geſchaͤft beendet war, trat Monto Cornaro einige Schritte vor, indem er ſagte:„Hauptmann, es hat ſich hier waͤh⸗ rend deiner Abweſenheit noch etwas ſehr Auffallendes zugetragen. Jener deutſche Prinz, dem wir vor zwei Monaten un⸗ ſere Aufwartung machten, und der uns da⸗ mals ſchon recht artig belohnte, hat das dir gegebene Wort redlich gehalten, und 1 — 195— — dir am geſtrigen Tage die Eerfprochenen noch ruͤckſtändigen zwei Tauſend Ducaten geſchickt.) ard am Wirklich? ſagte Gerillo, das nenne ich fuͤrſtlich gehandelt⸗ denn einem Raͤuber pflegt man doch ſonſt nur ſo lange Wort zu halten, als man etwa in ſeiner Gewalt iſt und ihn zu fuͤrchten hat. Wie er un⸗ ſern Aufenthait mag etfahren haben! „Von dem Wirthe zu Sermaneta, wo er auf ſeiner Ruͤckreiſe von Neapel ein⸗ gekehrt, und ſich ſehr angelegentlich nach uns erkundigt hat. Er konnte wohl nicht leicht in beſſere Haͤnde fallen, denn dieſer wird ſchon ſo viel Ruͤhmliches von uns zu ſagen gewußt haben, daß ihm kein ande⸗ rer Weg offen blieb, als ſein gegebenes Wort durch die Zahlung zu loͤſen.“ 1 3* — 196— ees zwar nur aus Furcht, uns wweitenmale in die Haͤnde zu fallen, geſchehen. Eine großmuͤthige Hand⸗ lung aber bleibt es immer, und nur von einem Deutſchen, von deren Treue und Redlichkeit ich ſchon viel Raͤhmliches gehoͤrt, denkbar. Bringe mir das Geld, daß ichs aheile, „unter die ganze Sande?“ 8 Warum nicht? „Erlaube, mein Hauptmann, wenn ich auch nicht den geringſten Antheil daran hn, ſo koͤnnte i b das doch nicht zugeben.“ Wesßhalb 2 3„Außer dir und mir ſind von Denjeni⸗ gen, welche dabei waren, nur noch fuͤnf Mann am Leben, folglich kann die Summe nur in acht Theile getheilt werden, wovon — 497— du zwei, und wir Uebrig bekommen.”“ Du en ſchs „Nichts weniger als das, Baber ich kenne dich Hauptmann, du theilteſt lieber den Quark in hundert Theile, und behiel⸗ teſt am Ende fuͤr ich r nichts⸗ das iſt aber nur wer grarbeitet, 74 . 8 Gut, ſo aberlaſſ ich die Theilung dieß⸗ mal dir. 4 1* „Du ſollſt mit mir zufrieden ſeyn. Nun aber noch eins. Die von Quorato Orſini dir ſchon angezeigte Reiſegeſellſchaft⸗ welche ſehr zahlreich ſeyn wird, indem aus allen Hauptſtaͤdten Italiens die Vornehm⸗ ſten und Reichſten zu der Vermaͤhlung zie⸗ binnen zwoͤlf bis vierzehn s iſt alſo die hoͤchſte Zeit lten dazu zu treffen.“ die noͤthigen Wenn die Geſellſchaft ſo ſtark iſt, wie du glaubſt, ſo werden wir uns mit einzel⸗ nen Kleinigkeiten begnuͤgen müͤſſen. Doch werde ich noch in dieſey Stunde den Quo⸗ rato auf Kundſchaft ausſenden, und nach ſeinen Berichten Rabemn meine Maaßregeln greffen. e Indem ſie noch ſo ſprachen, kam ein auf Wache ausgeſtellt geweſener Raͤuber, und berichtete, daß ſich ſchon den ganzen Tag ber eine fremde Moͤnchsgeſtalt unten im Thale herum treibe und Aberal etwas 1 4 ſuchen Ehehne na ne 3en du ihn ncht Gsminaht: 2 vag⸗ Gerillo. — 199— So nahe iſt er noch nicht gekommen; aber wahrſcheinlich hat er Boͤſes im Sinne, vielleicht eine aͤhnliche Abſicht wie jener Pachter. Soll ich ihm dieſerhalb eins auf den Kopf brennen, daß ihm— 860 p „Bei meiner Rache! wage es nicht. Gehe ihm, jedoch bewaffnet und vorſichtig⸗ entgegen, und befrage ihn um ſein Begehr, und betrifft es uns, ſo weißt du was du ihm zu antworten haſt.“, 23is Sus 4 Der Raͤuber ging und kehrte nach einer Stunde, in Geſellſchaft eines ernſten ruͤſti⸗ gen Mannes in Moͤnchskleidern, zuruͤck. Gerillo trat herzu und muſterte den Frem⸗ den ſehr genau; dann fragte er ihnd wo⸗ her er komme und welche Auftraͤge er habek Ich ſuche den Raͤuberhauptmann Gerillo, war die Antwort, an ihn ſind meine Auf⸗ traͤge gerichtet.— 1 5 — 20 0— :„Er ſteht vor eyche 1 n 6 d zum Zrichen daß Shr⸗ ſeßdn nennt mir einen hohen Geiſtlichen, deſſen Siahytie Ihr Sch ruͤhmen duͤrft. e,Wer⸗ buͤrgt mir aſir ns ich Euch Arnaen⸗ barhen 8 Beſilea Euch als„ Geine, ſ0 wird auch dieſes Schreiben meine Sendung recht⸗ kehlihen. “ unn„Wahlan wid es darauf wagen. . Zch kenne den Cardinal Aquariva.““ nan er Er iſt es der Euch dieſes Schreiben ſender, ſagte der Moͤnch, es demuͤthig üͤben⸗ reichend. Gerillo nahm es und erkannte ſogleich die Handſchrift des Cardinals, worauf er — 201— ſeinen Lenten befahle den Mann, jaufs Beſte zu Kwuhen nd es ihm an nichts⸗ fehlen zu 4 12 nas nu. ttoegia hi ☛— † Das 2 nah⸗ unentſiegelte. S Schreiben in der Hand des Naͤubers verurſachte eine hef⸗ tige Wallung des Bluts bei demſelben. Die Vorſtellung: was dieſes Schreiben enthalten moͤchte, enthalten⸗ koͤnnte, brachte ſeine Hand zum Zittern, und trieb Angſt⸗ ſchweißtropfen auf ſeine Stirn. Nach ei⸗ nem kleinen Kampfe mit ſich ſelber⸗ erbrach e„„Line dunkle ugmnga mein Sohn, inſagte mir ſchondamals, als wir in „Rom zum Zweitenmale⸗ und zwar auf „ſo ſeltſame Weiſe, zuſammen trafen, „daß ich Gelegenheit habene wuͤrde dir e„zunſchreiben. Die Zeit iſt ſchon ge⸗ natekommen, und die, Gelegenheit hat „ ſich gefunden. Du beklagteſt dich in „ deiner Erzaͤhlung oft uͤber einen grau⸗ „ſamen, unnatuͤrlichen Vater, den du „nicht einmal kennſt— ich freue mich, „daß ich dir dieſen Glauben benehmen „kann. Du haſt einen guten, redlu⸗ „ chen Vater, der dich liebt und ſters „dein Gluͤck wollte, ſelbſt da, wo du „ihn grauſam waͤhnteſt. Dir aber man⸗ „gelte kindliches Vertrauen, und ſo riß „ein unbewachter Augenblick dich ins „DBerderben. Doch den Namen deines „Vaters begehre nicht zu wiſſen, mei⸗ „ne Zunge bindet ein heiliger Eid, „ und lieber wuͤrde ich den Tod leiden „als ihn ausxyuechen dieſon auhäwähde Tiin lgen s Namfhren⸗ 88 m a „Daß dieſer edlche v Vater uͤd Sas eine „Zeit lang ſcheinbar aus ſeinem Her⸗ „zen verbannen mußte, hat ihm man⸗ = 203— „chen ſchweren Kampf gekoſtet. Doch 1u„ zwangen ihn feine Verhaͤttniſſe, und waͤrſt du nicht eigenmaͤchtig deiner mm„letzten Haft entgangen, ſo hatte der „ Biſchof di Vivaldi ſchon den Auftrag, n dich wieder frei zu laſſen, und fuͤr ,deine fernere Exiſtenz zu ſorgen. „Waͤre dein vermeintlicher Oheim auf in ſeiner Ruͤckreiſe von Rom nicht er⸗ m„krankt und endlich, ehe er ſein Werk „vollbracht, geſtorben, ſo haͤtteſt du der wielleicht nie den Pfad betreten, auf un,, den dn teider! noch jetzt wandelſt. „Doch wer iſt im Stande den Lenker a aller Begebenheiten und aller menſchli⸗ denns7, 6 Sescaſe 5 Bedelden de—— „ um dich nun, wenn es noch irgend Sa,saiich iſt zu retten, ſo hbes meine n„freundſchaftlichen Borſchlage. s Nach „dem Tode des Biſchofs Bidaldi, „ welcher vaͤterliche Rechte uͤber dich „ hatte, bin ich in deſſen Stand und 3„Nechte verſetzt worden, und da nach „ den Geſetzen der Natur zu vermu⸗ „then, daß ſowohl dein Vater als ich, „ fruͤher als du dieſe Welt verlaſſen ewerden, ſo habe ich noch einen Drit⸗ eten in das Geheimniß eingeweihet. —Es iſt ein Moͤnch vom Auguſtiner⸗ „Orden, ein geſetzter, gewiſſenhafter „ Mann, derſelbe der dir dieſes Schrei⸗ „ ben uberbringen wird. Dieſer wird In„nach unſerm Ableben dir das Teſtament „ deines Vaters einhäͤndigen, und auf „ihn kannſt du dich verlaſſen. Es iſt nnun abev der heiße Wunſch deines „Vaters, daß du ſo ſchnell als moͤg⸗ lich deine jetzige entehrende Bahn ver⸗ 11, laͤſſeſt, und dich ungeſaͤumt nach Nea⸗ 6 noggeſ bbegiebſt. In den beiliegenden „Blaͤttern findeſt du Wechſel und An⸗ — 205— „weiſungen auf dortige bekannte Han⸗ „delshaͤuſer, deren Zahlung dich in den „Stand ſetzen wird, bis auf einen ge⸗ „wiſſen Zeitpunkt ohne Mangel leben „zu koͤnnen. Dort wirſt du auch die „Signora Ricadora di la Arconati tref⸗ „ fen, welche mit dem Marauis de „Marcello und deſſen Gattinn daſelbſt „ihren Wohnſitz genommen hat. Der „Marquis hielt es nach einem zwei⸗ „deutigen Zuſammentreffen ſeiner Ge⸗ „mahlinn und Nichte mit dem beruͤch⸗ „tigten Raͤuberhauptmann, welches „nicht wenig Aufſehen in Rom gemacht „hat, nicht fuͤr rathſam, ferner daſelbſt „zu bleiben. Er hat ſeine Guͤter ver⸗ „kauft, und iſt gewillet ſeine Lebens⸗ „zeit in Neapel hinzubringen. Signo⸗ „ra Ricadora aber, welcher von ihren „Aeltern und Verwandten zugeredet „würde eine vortheithafte Verbindung 209g nzu ſchließen, weigert ſich ſtandhaft n und beharret feſt auf ihrem Entſchluſſe: „mit Dir zu leben oder in einem Klo⸗ „ſter ihre Tage zu beſchließen. Soll⸗ „teſt du dich mit ihr verbinden, ſo er⸗ „theilt dein Vater dir durch mich ſei⸗ „nen Segen, und wuͤnſcht, daß du, „nachdem du deine Sachen in moͤglichſter „Kuͤrze in Neapel abgethan, dich zu „Schiffe ſetzen, und nach Sardinien „ abſegeln moͤchteſt. Auch dort iſt, und „ wird noch ferner fuͤr dich geſorgt wer⸗ „ den. Ein hierbei liegendes verſiegel⸗ „tes Schreiben an den Miniſter der „innern Angelegenheiten, wird dir „nicht) allein deinen Kenntniſſen ange⸗ „weſſene Beſchaͤftigung, ſondern auch „zu deinem Stande paſſende Bekannt⸗ „ſchaften verſchaffen.“ „ Do wuͤnſchteſt zu erfahren was aus — 207— au„Signora Lauretta geworden ſey?— „Aus ihren Geſtaͤndniſſen hat ſich er⸗ „geben, daß ſie mit Gerillos Raͤube⸗ „reien in keiner Verbindung geſtanden, „worauf ſie alſo wieder frei gelaſſen. „Sie hat aber dieſe Freiheit nur kurze „ Zeit genießen koͤnnen, indem ſie an . „den Folgen zu großer Empfindlichkeit „geſtorben, abet ein ehrliches Begraͤb⸗ „niß erhalten hat. An ihrem Grabe „ traf man einen jungen Menſchen, „welchen man fuͤr wahnſinnig hielt, , weil er oft und laut den Namen Ge⸗ „ritls ſegnend ausrief, und denſelben „ſeinen und Laurettens Wohlthaͤter „nannte. Sein Name iſt Corſini. „Bei naͤherer Unterſuchung erfuhr ich, „daß er ſich deiner Protection erfreute; „er iſt alſo von mir in Schutz genom⸗ „men, und wird ſeine Studien vollen⸗ 3„den. 77 9, Schreibe mir nun deinen Entſchluß. 3 /Deß ent duensdeanenndern aber deinem Leben, und wenns moͤglich „iſt, auch aus deinem Gedaͤchtniß, „und neune dich wieder wie vormals: 1„Soſenh di Vivaldi. Der Herr „erleuchte nun deinen Geiſt, und gebe „ daß unſer gemeinſchaftliches Streben y, kzu deinem Vortheil⸗ gelingen moͤge.“ „Der Cardinat Aquariva.“ Nachdem Gerills dieſes Schreiben gele⸗ ſen, ſtand er mehrere Minuten unbeweglich. und ſchauete vor ſich hin, endlich machhe ein tiefer Seufzer ſeiner beengten Bruſt Luft. So ware denn, ſagte er, noch nicht alle Hoffnung an ein kuͤnftiges beſſeres Le⸗ ben verloren! ſo giebt es noch Menſchen, die mit Liebe an dem Herzen eines ver⸗ aͤchtlichen Naͤubers haͤngen; ſo giebt es 1 — — 209— noch ein Maͤdchen, einen liebenswuͤrdigen Engel, der freiwillig ſein Geſchick an das meinige ketten will. und, einen Vater! habe ich— o, daß ich ihn nicht kennen, daß ich mich nicht an ſeine Bruſt werfen und ihm füͤr ſeine Liebe, ſeine Fuͤrſorge danken darf. Aber es ſoll, es darf nicht ſeyn, und ich will ſein Geheimniß wie ſein Andenken ehten.— Wie aber will es mir moͤglich werden, mich meinen jetzigen Verhaͤltniſſen zu entziehen? wie will ich mich von einer Bande roher Menſchen, be⸗ ren Eigenthum ich bin, entfernen? Und wenn ichs wage, werden ſie mich nicht aberall auſſuchen, werden ſie nicht, wie ihre Pflicht es heiſcht, alle Winkel der Erde durchſuchen um mich zu finden? Und wenn ſie mich finden, was wird alsdann mein Loos ſeyn?— Und wenn der Zufall vielleicht nach langen Jahren nur ein Einzi⸗ ges Mitglied mir in den Weg führen ſoll⸗ e n Theil. 17, te, iſt's nicht dann noch weit ſchlimmer, als wenn man mich jetzt zum Rabenſtein fuͤhrte? O, es iſt ein entſetzlicher Gedan⸗ ke, vor Menſchen ſich verkriechen zu muͤſ⸗ ſen um unter Menſchen zu leben.„Huͤte dich Juͤngling, vor dem erſten Schritt vom Wege der Tugend, denn nie und nimmer kannſt du das Geſchehene ungeſchehen ma⸗ chen!“— Wohlan, ich will es verſuchen. Ich will der dargebotenen Gelegenheit die Hand bieten, vielleicht nimmt Gott den reuigen Suͤnder zu Gnaden auf. Er kehrte hierauf zu ſeinen Leuten zu⸗ ruͤck, welche theilweiſe um den Moͤnch her⸗ um ſaßen, mit ihm tranken und ſich mit ihm unterhielten. Dann ſchrieb er ein Paar Zeilen an den Cardinal, in welchen ſich die Empfindungen ſeines Herzens auf Als er dem das Wiinle ausſprachen. Moͤnch das Billet uͤbergab⸗ druͤckte er ihm innig die Hand, und dieſer antwortete durch einen ſeelenvollen Blick, daß er ver⸗ ſtanden worden ſey. Ais er ihn ſelber eine Strecke Wegs begleitet hatte, gab er zwei Naͤubern den Befehl, den Bruder Auguſtin bis auf die Heerſtraße zu beglei⸗ ten. Nach mehreren Stunden, als dieſe zuruͤckgekehrt, und Gerillo uͤber die Aus⸗ fuͤhrung ſeines Vorhabens nachgedacht hat⸗ te, ließ er die Bande um ſich verſammeln, und redete ſie folgendermaßen an: „Kameraden! Ihr habt mich laͤngſt auf einen Zug reicher Edelleute, welche zum Vermaͤhlungsfeſte der Herzoginn von Por⸗ tici nach Neapel reiſen wollen, aufmerkſam gemacht. Der Brief, den ich heute erhal⸗ ten, betrifft dieſen Gegenſtand, und hoffent⸗ lich werden wir da, wenn es uns gelingt, einen guten Zug thun; denn ſaͤmmtliche 14 58† — 242— Gaͤſte fuͤhren außer dem eignen Bedarf noch reiche Hochzeitgeſchenke mit ſich. Dem Schreiben nach, ſo werden die hohen Gaͤſte etwa in der Mitte dieſes Monats die Stra⸗ ße nach Neapel paſſiren. Die Anzahl der⸗ ſelben wird groß ſeyn, denn von Venedig, Mailand, Mantua, Cremona, Parma und Florenz, haben ſich ſchon ſeit mehrern Ta⸗ gen Fuͤrſten und Grafen in Rom, wo der allgemeine Sammelplatz iſt, eingefunden. Von hieraus werden ſie eine maͤßige Be⸗ gleitung paͤbſtlicher Soldaten haben, deren Tapferkeit uns hinlaͤnglich bekannt iſt. 5 3 richte alſo die wichtige Frage an euch: ihr Muth und Kraft genug in euch nhe dieſen Zug anzugreifen?“ Unter deiner Aafuͤhrung, Hauptmann, nehmen wir es mit dem Teufel und ſeiner ganzen hoͤlliſchen Dienerſchaft auf. — 218— „Ich weiß dieſes Vertrauen zu ſchaͤtzen. Wenn wir aber dennoch der Uebermacht unterliegen muͤßten? wie dann?“ Dann biſt du um ſo mehr jeder Ver⸗ antwortlichkeit uͤberhoben, indem du uns vorläͤufig mit der Gefahr bekannt machſt. Es waͤre aber Unſinn, wenn wir unver⸗ ſucht eine Beute voruͤber ziehen laſſen woll⸗ ten, die uns vielleicht Alle zu reichen Maͤn⸗ nern machen koͤnnte. „So iſts recht, Kameraden!“ rief Ge⸗ rillo,„das wollt' ich von euch hoͤren. Nichts in der Welt muß uns abſchrecken auch das Allergefaͤhrlichſte zu unternehmen, dadurch werden wir immer furchtbarer, und am Ende noch Herren von ganz Italien. Ich meines Theils werde Alles anwenden die Sache von der vortheilhafteſten Seite an⸗ zugreifen, ihr aber thut auch das Eurige, — 214— zieht Alles zuſammen was uns angehoͤrt, daß kein Mann fehle, dann wollen wir ſehen ob wir nicht auch eine Hochzeit feiern koͤnnen, wie noch keine in den Apenninen gefeiert worden iſt. — ᷣ — 215— In Gerillos Seele war es truͤbe und fin⸗ ſter, und wenn auch die Hoffnung ihm oft die lieblichſten Bilder einer reizenden Zu⸗ kunft im Arm ſeiner Geliebten vorſpiegelte, ſo erblickte er doch wieder uͤberall tiefe un⸗ abſehbare Schluͤnde und bodenloſe Abgruͤn⸗ de, die nur der Liebe maͤchtiger Strahl zu erleuchten im Stande war. Maͤchtig ar⸗ beitete indeß ſein Geiſt vorwaͤrts. Die reizenden, uͤppigen Thaͤler, die ſchroffen, furchtbaren Gebirge, welche ihm fruͤher manche angenehme Stunde verſchafft hat⸗ ten, waren ihm ſeit Leſung jener Zeilen im hoͤchſten Grade zuwider. Er ſehnte ſich fort von hier. Die ſtille, die ruhige Ein⸗ ſamkeit, bloß nur von der lieblichen Stim⸗ me Ricadorens unterbrochen, dieſer Ge⸗ danke wurde ihm von Stunde zu Stunde — 216— angenehmer, und er wuͤnſchte mit Sehn⸗ ſucht den Augenblick herbei, wo er auf ewig dem Aufenthalte des Schreckens und der Verwuͤſtung Lebewohl ſagen koͤnnte. Aber wie? wie dieſem Abgrunde entrin⸗ nen? Tauſend Plane waren ſchon in ihm aufgeſtiegen, aber alle hatte er ſie um ſei⸗ ner Selbſt willen verwerfen muͤſſen. Der Einzige, der ihn von allem Uebel erloͤſen konnte, war der: ſie Alle ihrer eignen Hab⸗ ſucht zum Opfer zu bringen. Zu dieſem Ende rief er nach Verlauf von ſieben Ta⸗ gen Quprato Orſini zu ſich, und leitete ein weitlaͤufiges Geſpraͤch uͤber das unſtaͤte Le⸗ ben und uͤber das einſtige Ende eines Raͤu⸗ bers ein, Er glaubte dieſen wirklich offnen Kopf wankelmuͤthig zu machen, ihn auf ei⸗ nen beſſern Weg hin zu leiten, aber daran war nicht zu denken. Dieſer hatte gar zu hohe Begriffe von der Freiheit eines Men⸗ ſchen, und ſuchte daher in dieſem veraͤchtli⸗ — 217— chen Stande ſein hoͤchſtes Gluͤck. Nun dachte er: was denn bei dieſem unmoͤglich iſt, iſt bei den uͤbrigen Allen gar nicht des Verſuchens werth, und ſomit brach er das Geſpraͤch ab und leitete es auf den näaͤch⸗ ſten Gegenſtand, nehmlich: auf die Berau⸗ bung der naͤchſtens durchpaſſirenden hohen Herrſchaften. „Wenn ich es bis zu einer halben Million Zechinen gebracht habe,“ ſagte Quorato Orſini,„dann will ich mein Hand⸗ werk niederlegen und meine Tage in Ruhe verleben; bis dahin aber wird noch Man⸗ ches unternommen werden muͤſſen. Und, aufrichtig geſagt, wenn mir auch heute Jemand die halbe Million ſchenken wollte, ich wuͤrde ſie verſchmaͤhen, wenn ich mich deßhalb augenblicklich zur Ruhe ſetzen ſoll⸗ te; denn es giebt doch in der ganzen Welt kein ſideleres Leben als das Raͤuberleben.“ 8— 218— Dann wuͤrde deine Freiheitsliebe dir ei⸗ nen ſchlimmen Streich ſpielen. —„Mit nichten.„Ich koͤnnte dir taue ſend Vorzuͤge herſagen, die weder einem Koͤnig, einem Edelmann, einem Buͤrger noch einem Bauer, aber dem freien Naͤu⸗ ber erlaubt lnn Erlaubt? ich gkaube ſchwerlich, dahit du Einen n fnden wirſt. „Ei nun, man kann Alles uͤbertrei⸗ ben; Betrug und Ehrlichkeit, es muß Al⸗ les ſeine Graͤnzen haben. Als Mann von Welt iſt es mir, indem mir die Mittel nicht ſehlen, erlaubt mich in jede Geſell⸗ ſchaft zu miſchen, und uͤberall zu ſehen und zu hoͤren. Die ſchoͤnſten Weiber, weß Standes und welcher Geburt ſie auch ſeyn moͤgen, ſind dem freien Manne, wenn er — ——— — 219— es darnach anzufangen weiß, nicht vorent⸗ halten. Wenn du es wuͤnſcheſt, ich liefere dir ein Verzeichniß meiner Bekanntſchaften, und du wirſt erſtaunen. Und endlich: die Wohlthaͤtigkeit! Welch ein herrliches Be⸗ wußtſeyn iſt es nicht, einen reichen Filz um eine Summe ſeines erhungerten Mam⸗ mons zu prellen, und einen armen Schlucker damit vom Abgrunde des Verderbens zu retten?“ 3 1 Deine Anſichten ſind nicht die meinigen, beſonders den Punkt der Freiheit betreffend. Ueberall wohin du deinen Fuß ſetzeſt, haſt du Verrath zu fuͤrchten, nirgends biſt du * auch nur eine Stunde ſicher/ und das nennſt du Freiheit? 1 „Niemand darf ſich ſeiner Freiheit mehr erfreuen als wir, dabei bleibe ich, was du mir auch dagegen einwenden magſt. Aber verzeihe mir wenn ich bemerke, daß du gar der Mann nicht mehr biſt, der du ſonſt geweſen ſeyn mußt. An deiner Stelle, mit deinen Grundſaͤtzen und Anſichten, wuͤr⸗ de ich lieber— verzeihe mirs— in ein ne gehen.“ Halt! rief Gerillo, und faßte Quora⸗ tos Hand— das war es, weßhalb ich mich in dieſe Unterredung mit dir einließ. Biſt du wirklich der Mann der mich um meinen Poſten beneidet⸗ ſo rede nur ein Wort, und freudig reiche ich dir dieſen Fe⸗ derbuſch⸗ womit mich einſt die Bande zu ihrem Hauptmann einweihete. Nicht, daß ich des Geraubten. genug haͤtte, nein! es wird kaum hinreichend ſeyn, um mich un⸗ weit Neapel in ein armes Kloſter damit kaufen zu koͤnnen, aber mit einem Worte: Mich ekelt dieß Leben an! — — 221— „ Iſt es moͤglich! Du, von dem ganz Italien mit Furcht und Zittern ſpricht, du willſt dein herrliches Talent zwiſchen den grauen Mauern eines Kloſters verbergen? und deinen Koͤrper in ein ſchmutziges Bet⸗ telgewand verhuͤllen? Nimmermehr!“ Freilich, wenn ſich Niemand meiner annimmt, ſo werde ich wenigſtens ſo lange Anfuͤhrer bleiben muͤſſen, bis wir Alle einſt unſer Ziel gefunden haben, oder ich Gele⸗ genheit gefu zu bringen. in habe uns Alle zum Opfer „Wie?“ ſagte Quorato, indem er vert wundert einige Schritte zuruͤcktrat,„alſo 4 wirklich nagt die Reue— denn anders weiß ich mir dein Betragen nicht zu erklaͤ⸗ ren— an deinem Gewiſſen? Freilich wenn dem ſo iſt, dann ziehe mit Gott, und gern uͤhernehm' ich, wenn du mich fuͤr den b Wuͤrdigſten unter deinen Leuten haͤltſt, die Stelle als Saupunean. Wohlan, ich nehme dich beim Wort. Geh, rufe die Bande zuſammen, bereite ſie uͤber das, was wir ſo eben beſprochen, vor; ich will zum Letztenma Haupt⸗ mann zu ihnen reden. 5 Beide gingen, Jeder ſeinen eignen Weg: Gerillo erfreut, daß ihm ſein Plan ſo ziemlich gut gelingen wuͤrde 3 in ſeine, bisher nur ihm a zugehoetge de Hoͤhle, ordnete daſelbſt ſe icht ganz unbedeu⸗ — aa Geldvorraͤthe, ſo wie auch einige „Koſtbarkeiten. Da ſich der groͤßte Theil ſeiner Schaͤtze in Golde befand, ſo theilte er dieſelben in zwei Theile. Einen davon rachte er ſchon am folgenden Tage, als Jude verkleidet, nach dem naͤchſten Poſt⸗ amte, mie einer Adreſſe nach Neapel an — 5 —-— 225— das ihm angewieſene Handelshaus, und 4 den andern Theil: beſchloß er auf ſeiner Reiſe ſelber mit ſich zu fuͤhren, und was ſich endlich drittens an verſchiedenen beſon⸗ deren Muͤnzen darnnter befand, ſollte ein 4 freundſchaftliches Andenken bei ſeinen Ka⸗ H meraden erwecken 3 Nun aber fand ſich hein Packet Schriften vor, eine Ausgeburt philoſophi⸗ ſcher Betrachtungen uͤber das menſchliche und beſanders uͤber ſein eignes Leben, ſo wie uͤber ſeine muthmahliche Geburt, ſeine glänzende Erziehunge ſeine unuriſounen welche dem Leſr aus ſeiner eignen 6 ung gegen den Cardinal bekannt iſt. ihm das Dunkel, worin er bisher eandr. — 224— der Zeit das Geheimniß ganz und gar ent⸗ huͤllt zu ſehen, ſo hielt er es fuͤr beſſer der Welt dieſe Muthmaßungen nicht mit⸗ zutheilen, und ohne weiteres Bedenken uͤbergab er ſie der verzehrenden Flamme. 3 Aengſtlich hatten ſeine Leute ſchon meh⸗ rere Stunden ſeiner geharret, als er end⸗ lich, ohne a öisherigen Schmuck, unter ihnen eeſchi Auf den ſonſt ſo froͤhlichen Oeſcter der Raͤuber hatte ſich ein tiefer Ernſt ver⸗ breitet, und zwar ehrerbietig, aber nicht mit dem gewoͤhnlichen Jubel, begruͤßten 5 „Wie, Hauptmann,“ nahm Monto Cornaro des Wort,„was haben wir gehoͤrt! Du wollteſt uns verlaſſen, wollteſt nicht forthen unſer Gebieter, unſer Ver⸗ theidiger, unſer Aller Stolz ſeyn?“ Kameraden, antwortete Gerillo, es thut mir weh, wenn ich daran denke, daß ich euch, ihr alten treuen Freunde, verlaſſen muß, die ihr ſo genügſam jedes Mißgeſchick mit mir getheilt. Aber mein Herz, indem es um den Abſchied von euch blutet, ſehnt ſich nach einer Ruhe, deren es nicht laͤn⸗ ger entbehren kann. Lange habe ich mit mir ſelber gekaͤmpft, aber meine Gefangen: ſchaft in Rom hat mich in meinem ſruͤhern Vorhaben beſtaͤrkt und meinen Entſchluß zur⸗ Reife gebracht. Wer ſo wie ich, mit ruhi⸗ ger Beſinnung ſo nahe an der Pforte der Ewigkeit geſtanden, von deſſen Augen fal⸗ len die Schuppen die ſeinen Blick verfin⸗ ſterten. Ich gehe, wenn ihr es zufrieden ſeyd, unweit Neapel in ein armes Kloſter⸗ dem ich einen kleinen Theil meines Geldes zum Opfer bringen will, der uͤbrige, groͤ⸗ ßere Theil falle an euch, nehmt ihn und vertheilt ihn unter euch. 85 N II. Theil. 15 4 8 ¾ Die weiche, vertrauliche Anrede, hatte ſonders die Aelteſten, konnten eine Thraͤne nicht unterdruͤcken; unter den Andern ent⸗ ſtand ein leiſes Gemurmel. „Weinet nicht, meine Bruͤder,“ fuhr Gerillo fort,„aber wenn euer Herz ſich dem beſſern Gefuͤhl geoͤffnet hat, ſo flehet den Himmel an, daß er euren Geiſt erleuchten möͤge, daß ihr meinem Beiſpiel bald nach⸗ ahmet, oder daß er euch ſonſt in der Welt einen Platz anweiſen moͤge, wo ihr viel⸗ leicht im Schweiß eures Angeſichts, aber redlich euer Brot verdienen moͤchtet, denn nur auf dieſem Wege koͤnnt ihr dereinſt euce Haupt niederlegen und ruhig ſterben.“ Der Hauptmann hat Recht, ſagte Monto Cornaro. Haͤtte fruͤher ein auf die rohen, baͤrtigen Maͤnner einen ſeltſamen Eindruck gemacht. Einige, be⸗ — 227— Menſch. zu mir geſprochen/ ich waͤre vielleicht laͤngſt umgekehrt; doch nun ſoll 8 das bevorſtehende Unternehmen mein letz⸗ 4 tes ſeyn; auch ich will mir alsdann ein Plätzchen ſuchen, wo ich dereinſt in Frie⸗ den von dieſer Erde ſcheiden kann. Hat nichts zu bedeuten, Kannercd, fiel ein alter Raͤuber ein; haſt du zu dem be⸗ vorſtehenden Umternehmen noch Courage, ſo werden die Kioſtergedanken dir auch kuͤnftig wohl vergehen. Ueberhaupt, daͤchtet ihr 4 Alle wie ich, ſo ließen wir auch den Haupt⸗ z mann nicht fortz denn ich denke, wenns erſt einmal wieder hunt durcheinander geht, ſo werden ihm auch die philoſophiſchen Gril⸗ len wohl vergehen; und wir waͤren denn doch nicht ganz vorloren wie jetzt, da wir ganz ohne Oberhaupt ſind. e e „Wohl weiß ich,“ entgegnete Gerillo 15* raſch,„daß ohne einen Regierer auf Er⸗ den nichts beſtehen kann, und habe deßhalb bereits fuͤr euch geſorgt. So wie ich jetzt denke und fuͤhle, koͤnnte mein Regiment euch kuͤnftig nur Verderben bringen; drum, wollt ihr meinen letzten Willen ehren, wie bis jetzt meine Befehle, ſo waͤhlt als eu⸗ ren kuͤnftigen Hauptmann den Auorato Orſini. In ihm findet ihr einen ent⸗ ſchloſſenen, tapfern und klugen Mann, der meine Stelle wuͤrdig erſetzen und mich bald vergeſſen machen wird.“ Hierauf waren die Raͤuber nicht vorbe⸗ reitet geweſen, es entſtand alſo eine lange Pauſe, in welcher man in verſchiedenen Gruppen ein dumpfes Gemurmel hörte. Als ſie wieder zuſammen getreten waren, nahm Monto Cornaro das Wort und ſagte: „Da ein beſſeres Geſchick dich nun ein⸗ mal von uns trennen will, dein Rath uns aber ſtets der beſte war, ſo wollen wir ihn auch jetzt, zum Letztenmale befolgen; wir waͤhlen alſo unſern bisherigen Kamera⸗ den: Quorato Orſini, zu unſerm kaͤnf⸗ tigen Hauptmann.“ Dank euch, meine Bruͤder, rief dieſer erfreut; ihr ſollt euch in eurer Wahl nicht betrogen ſinden, und wenn irgend einer ſich in dem Beſtreben gluͤcklich fuͤhlen koͤnnte, euch den Gerillo zu erſetzen, ſo bin ichs. „Es lebe unſer neuer Hauptmann Quo⸗ rato Orſini!“ riefen Einige der Raͤuber, und bald ſtimmten Alle in dieſen Ausruf ein. Am Abend des dritten Tags nach die⸗ ſer Scene, als Gerillo Alles in Richtigkeit gebracht, und mit den Seinigen noch ein⸗ 5 — 230— mal froͤhlich geſchmauſt und getrunken hatte, nahm er von ihnen den feierlichſten Ab⸗ ſchied. Jedem Einzelnen reichte er vertrau⸗ lich die Hand, ſagte Jedem noch ein freund⸗ lich Wort, und waͤnſchte von Allen, daß ſie ſein Andenken ehren, aber nie nach ihm fragen moͤchten.„Unſre gegenſeitigen Pflich⸗ ten,“ endete er,„haben nun aufgehoͤrt, und wie ihr mich meines Eides gegen euch ent⸗ bunden, ſo hebe auch ich jedes Verhaͤltniß auf, das euch zum Gehorſam gegen mich verband. Nur die Eine— letzte Bitte wollt ihr mir nicht verſagen: Wenn Einer oder der Andere von euch das Ungluͤck ha⸗ ben ſollte, lebendig in die Haͤnde der ſtra⸗ fenden Gerechtigkeit zu fallen, und man euch befragt: was aus mir geworden? ſo antwortet einſtimmig; ich ſey todt. Wollt ihr das?“ 4 „Wir ſchwoͤren es dir feierlich!“ rie⸗ — 231— fen Alle einſtimmig, und Viele unter Thraͤnen. 8 3 „Nun, ſo lebt denn ewig wohl, mei⸗ ne Freunde!“ Es war an einem ſchoͤnen October⸗Mor⸗ gen, einen leichten Herbſt⸗Nebel hatten die freundlichen Strahlen der aufgehenden Sonne zertheilt, und friedlich zog der arme Landmann ins Feld und in den Weinberg hinaus, um die reichen Spenden des Som⸗ mers in Scheure und Keller zu bringen, als Gerillo, in einen Reiſewagen gepackt, vier Stunden jenſeits Neapel vor einem Gaſthofe ankam, und daſelbſt abſtieg. Den groͤßten Theil ſeiner Reiſe hatte er theils zu Fuß, theils auf einem Maulthiere zu⸗ ruͤckgelegt, und um jeden Verdacht von ſich zu entfernen, erſt etwa zehn Meilen von Neapel den Wagen genommen, Als er in das Gaſtzimmer eingetreten war, hoͤrte er ein ſehr lebhaftes Geſpraͤch, welches der Wiyth und zwei Reiſende mit einander ** fuͤhrten; wobei fleißig ſein Name genannt wurde. Es betraf den Angriff, welchen ſeine geweſene Bande gegen die nach Neapel ziehenden Edelleute gewagt hatte.„Ge⸗ rillo, der Oberſte dieſer furchtbaren Gau⸗ ner,“ ſagte der eine Fremde,„iſt in Kochſtuͤcken zerhauen, und von den Uebri⸗ gen auch nur wenig geblieben. Drei ſind gefangen genommen, und zwei etwa mit dem Leben davon geſprungen. Nun waͤre denn Italien endlich von dieſer ſchaͤndlichen Horde befreiet!“ So erſchuͤtternd Gerillo’n dieſe Nachricht auch war, ſo konnte er ſichs doch nicht verhehlen, daß er im Grunde ſeines Her⸗ zens es alſo gewuͤnſcht hatte. Da es nun ohne ſein Zuthun ſo gekommen war, ſo fuͤhlte er ſeine Bruſt um Vieles erleichtert, denn er wußte nur zu gut, daß auf das Wort des einzelnen Raͤubers nicht immer zu bauen iſt. Mit klopfendem Herzen be⸗ zahlte er ſein genoſſenes Fruͤhſtuͤck, und befand ſich wenige Stunden darauf in Neanel.. In wehmuͤthiger Stimmung ſaß indeß die ungluͤckliche Ricadora, und erwartete aͤngſtlich wie ihr Schickſal ſich wenden wuͤr⸗ de. Der Cardinal Aquariva hatte ihr Ge⸗ rillos Geſchichte mitgetheilt, und die innere Stimme, die Stimme ihres Kebenden Herzens, ſprach zu ſehr fuͤr ihn, als daß ſie ihn haͤtte verdammen moͤgen. So ſehr auch die Vernunft den Naͤuber zu allen nur moͤglichen Straſen verurtheilte, ihm alles Gluͤck abſprach, ſo ſehr entſchuldigte ihn wieder das liebekranke Maͤdchenherz. Er iſt unſchusdig, dachte ſie, Noth und Verhaͤltniſſe zwangen ihn zu dem was er that, und Gott und die Welt werden ihm verzeihen. Und wenn er nun zuruͤckkehrt ———— * 8 8 — 235— zu den beſſern Menſchen, Gott ſucht und nicht finden kann, bedarf er da nicht eines reinen, ſchuldloſen Weſens, das liebend ſeine kranke Seele aufrichtet, und ſie dem Himmel wieder zufuͤhrt, dem ſie fruͤher angehoͤrte?— So dachte, ſo harrte ſie von einem Tage zum andern, ob der Ein⸗ zige, um den ſie Ehre und Wohlfahrt, Aeltern und Vaterland aufs Spiel ſetzte, ob er kommen, oder ob ſein trauriges Ge⸗ ſchick ihm zu bleiben gebieten wuͤrde. So oft ein Reiſewagen die Straße herabrollte, eilte ſie ans Fenſter, und waͤhnte den Ge⸗ liebten zu erblicken, bis ſie, zu oft ge⸗ taͤuſcht, endlich anfing ihre Hoffnungen aufzugeben. Wer malt demnach ihre Em⸗ pfindungen, als er endlich unverhofft ihr entgegentrat, und der reuige Suͤnder zu ihren Fuͤßen Vergebung flehete? O ſchreck⸗ liches, und dennoch ſchoͤnes Wiederſehen! Nach einem Zeitraume von ziemlich drei Jahren, in welchen in Beider Herzen die Hoffnung ſich je wieder zu ſehen, ſchon oft zu erloͤſchen gedrohet, ſich endlich wieder zu finden, um ſich auf immer anzugehoͤ⸗ ren! Lange lagen Beide einander ſprachlos in den Armen, und nur Thraͤnen und Seuſzer unterbrachen zuweilen die öͤde Stille ihrer Umgebung. Doch als ſie ſich vom erſten uͤberſtroͤmenden Gefuͤhl ermannt und die Sprache ſich wiederfand, da lag die ganze truͤbe Vergangenheit bald wie ein ſchwerer Traum hinter ihnen, und freudig gedachten ſie nun der Zukunft. Joſeph ge⸗ ſtand ſeiner Geliebten offen ſeine Fehltritte, und berichtete ihr treu, was ſich in den letzten Tagen in den Gebirgen bei ſeinen ehemaligen Kameraden zugetragen, auch das, was er vor wenig Stunden uͤber ihr Schickſal erfahren. Sie verzieh ihm, und von der Beſſerung ſeines Herzens uͤberzeugt, ſah ſie einer frohen Zukunft entgegen. Um ——— —— aber nicht durch irgend einen widrigen Streich des Schickſals in neue Verlegen⸗ heiten zu gerathen, beſorgte Joſeph noch an demſelben Tage ſeine Angelegenheiten in Nea⸗ pel. Als er hiermit zu Stande war, ging er in den Hafen, wo er mehrere Schiſſe fand, welche zur Abfahrt nach Sardinien vor Anker lagen, und ſchon nach einigen Tagen trugen die Wellen die Liebenden in das Land hinuͤber, wo ſie endlich ſich eines nur ſelten getruͤbten Gluͤcks erfreuen durften. Ende des zweiten und letzten Theils⸗ on Leben und Babeitzatet des Oub rato Orfini, ſo wie auch fernere Nachrichten uͤber Gerillo, werden zur MNichaelis⸗Meſſe in einem beſonduß Ballde erſcheinen. A. L. In derſelben Verlagshandlung ſind von die⸗ ſem Verfaſſer und Genannten erſchienen: Der ſteinerne Sarg im Uumthale oderr.. der wandelnde Geiſt Erichs von Dreieichen. Ritter⸗ und Geiſtergeſchichte des dreizehnten 8 Jahrhunderts, 2 Bde. Mit Kupf. von Rie⸗ del. 8. 1821. 3— 2 Thlr. 6 Gr. Die Todes⸗Klippe, o d e r: 3 Geribald von Hohenwart. Ritter⸗ und Geiſtergeſchichte aus den Zeiten der Kreuzzuͤge. 2 Thle. Mit Kpfr. v. Riedel. 8. 1823. 2 Thlr. 6 Gr. Das Geiſterſchloß, oder: die Auferſtehung im Todtengewoͤlbe. Von Th. Hildebrand. Mit Kpf. sAle 1824. Der Cardinal. Eine ſpaniſche Inquiſitionsgeſchichte. 2 Thle. Mit Kupfer. Otto von Wolfenſtein, oder: die Schauderthat in der Geiſterkapelle. Eine Rittergeſchichte. 8. 1825. 1 Thlr. Antoniä della Noeetni, die— Seeraͤuber⸗Koͤniginn. Eine romantiſche Geſchichte des ſiebzehnten Jahrhunderts. Pom Verſ. der Abentheuer des Hrn. Luͤmmels. Mit Kupfer von Boͤtt⸗ ger. ate verb. Aufl. 2 Thle. 8. 1823. . 2 Thlr. 12 Gr. Das Roß vom Libanon. Thuͤringer Sage. in vier Buͤchern. Von Aeergnur. Mit 2 Viguetten. 8. 1819. 1 Thlr. Die Burg Alphauſen, oder: Ziprians Frauenwahl. Komiſcher Roman aus dem Engliſchen v. Theo⸗ dor Hell. 8. 1820. 1 Thlr. —õõõõ 8 —— ———y—— * linnſch VIInſnnneinmmnſnniſiſſſſhlſſſſſſi 8 10 11 12 13 14 15