— 1. Offensein pfangnahme und Rückg iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A Leih- und Feſehedingungen. der Bibliothek. Die 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. jedem Tag 5 P Bei Rückgabe eines f. bezahlt. Die Zeit e den angenommen. 3.(aution. eines Buches, e Unbekannte Perſonen abe der Bücher jeden Tag von Morgens . Nr. 256. Bibliothek ſteht zur Em⸗ geliehenen Buches wird von ines Tages iſt zu 24 Stun⸗ müſſen, bei Entgegennahme ine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. beträgt: für wöchentlich 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 3 2 Bücher: 4 Biicher: 6 Bücher: 12———— 4 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. der Leſer zum Erſatz des Gan 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i beſonders darau der Bücher nich ſelben von mir Zuruckſendung ſelbſt zu ſorgen. „verlorene und fern ꝛc.) muß der beſchmutzte, ver⸗ i Werkes, ſo iſt ge feſtgeſetzt und wird f aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen t ſtattfinden darf, ind geliehen, auch dafür 3 em Diejenigen, welche die⸗ zu ſtehen haben. — ——— 6 Eine Raͤuber⸗ Geſchichte vvn Augu ſt Leibrock, Verf. des Aranzo ꝛc. Eſer Theit Mit Supfer bei Chriſtian Eruſt Kolln Erſtes Capitel. An der Graͤnze zwiſchen Boͤhmen und Maͤh⸗ ren liegt in einer oͤden, waldigen Gegend das Dorf Moͤra. Weit und breit erſtrecken ſich um daſſelbe oͤde, finſtre Waldungen, in denen jede Eiche ein polles Jahrhundert ex⸗ lebt hat. Am Eingange dieſes Dorfes lag das Haus des Förſters Graubaum wel⸗ ches derſelbe, ein ſchon bejahrter W aidmann mit ſeiner Gattinn und— — 6— ein rauher, harter Mann, in deſſen Bruſt alles beſſere Gefuͤhl nach und nach erloſchen war. Er war ſcheinbar ſtreng in der Aus⸗ uͤbung ſeiner Pflicht, beſonders wenn ſie Be⸗ ſtrafung fuͤr Forſtvergehungen oder Wilddie⸗ berei betraf. Seine Gattinn, ſein zweites Ich, handelte ganz nach ſeinen Grundſaͤtzen, und unter ihnen verlebte der kleine Felix, ein muntrer, geiſtvoller Knabe, ſehr unfreund⸗ liche Jugendjahre. Wir wollen den Leſer mit keiner Erziehungs⸗Geſchichte ermuͤden, ſondern nur einige Hauptzuͤge aus ſeiner 1 — Kindheit mittheilen, die den kleinen Helden ſodann gleich weiter fuͤhren. Felix war ein muntrer Knabe, von ei⸗ uer beſonders ſchoͤnen Geſtalt, edeln Geſichts⸗ zuͤgen und einem freien, heitern Geiſte, der aber durch die harte Behandlung, und die rengen Strafen bei kleinen Vergehungen, zehr unterdrückt wurde. Man bekuͤmmertee — 2— ſich eigentlich wenig um ihn; vom fruͤhen Morgen bis zum Abend trieb er ſich unter den Bauernknaben herum, und uͤbte unter ihnen ſeine koͤrperlichen Kraͤfte. Sein Geiſt „mußte hierbei natuͤrlich vernachlaͤſſigt wer⸗ den, denn an Unterricht wurde nicht ge⸗ dacht, weil das der ſinſtre, muͤrriſche Foͤrſter fuͤr uͤberfluͤſſig hielt. Eines Tages hatte Felix mit noch mehrern Knaben, wobei auch die des Pre⸗ digers waren, Soldat geſpielt. Es wurden Schlachten geliefert, Verſchiedene zu Gefan⸗ genen gemacht, worunter ſich auch Felir befand; und da ihm dieß als erſter Anfuͤh⸗ rer ein wenig verdroß, ſo ſuchte er, auf ſeine Kraft und Gewandtheit ſich verlaſſend, ſich wieder zu befreien. Statt des Vogens oder der Musketen bedienten ſich die Kna⸗ 4 ben der Steine, und Felir beſonders be⸗ ſaß eine große Farꝛigtei Ahek. — 8— wandtheit zu werfen; allein durch eine ungluͤck⸗ liche Wendung, die er zu nehmen gezwungen ward, fuͤgte es ſich, daß ihm ein Steinwurf mißlang, und durch das Fenſter in des Predi⸗ gers Studierſtube ſprang. Dieſer ſaß eben bei kopfbrechender Arbeit, und gerieth Jar⸗ aͤber in die aͤußerſte Wuth, in welcher er, ohne Raͤckſicht an ſein wuͤrdiges Amt, und ohne an die Worte:„vergebet, ſo wird euch ver⸗ geben,“ zu denken, zum Forſter rannte, um n kleinen Wildfang hart zu verklagen. Der Forſter hoͤrte dieſe Klage nicht mit Sleichgultigkeit an, ſondern ſandte ſogleich einen Jaͤgerburſchen aus, den Knaben ein⸗ zuholen. Er kam und erhielt eine ſehr nach⸗ uäekliche Strafe, mit der Verſicherung: daß er ſich wieder dergleichen zu Schulden komaeen ließe, er ihn auf der Stelle todt ſchla⸗ gen wuͤrde.„Du kannſt ja,“ endigte der Soͤrſter ſeine Strafpredigt:„hinaus in den Wald gehen, und Dich da im Werſen uͤben, nur die Fenſter ver⸗ ſchone.“ 1 Felix merkte ſich Alles ſehr wohl, be⸗ ſonders huͤtete er ſich vor den Fenſtern des Predigers; allein den Wald, das hatte er ebenfalls nicht vergeſſen, den durfte er deſto fleißiger beſuchen, und in kurzer Zeit war ihm kein Baum mehr zu hoch, uͤber den er nicht mit der groͤßten Leichtigkeit ſeinen Stein geworfen haͤtte. Es war faſt ein Jahr vergangen, in welchem er ſich ſorgfaͤl⸗ tig vor des Predigers Wohnung gehuͤtet hatte; allein eines Tages war ihm das Schickſal abermals unguͤnſtig, und er gerieth mit mehrern Bauernknaben in des Predi⸗ gers Garten, wo er das Ungluͤck hatte⸗ abermals einen Stein in daſſelbe Fenſter zu werfen. Schnell, der auf ihn wartender Strafe eingedenk nahm er die Flucht in der ieſſten Dickicht des Waldes, Lars — 1960— ſich hier mit dem Vorſatze: lieber hier Hun⸗ gers zu ſterben, als ſt ch zu Hauſe todt ſchlagen zu laſſen. Wie weh der Hunger thut, beſonders bei Kindern, die ohnehin gern eſſen, wird Jeder meiner geehrten Leſer gern beruͤckſich⸗ tigen, und es daher natuͤrlich ſinden, wenn Felix gegen Abend ſeinen Entſchluß ſchon wieder aͤnderte. In der Wohnung des Foͤrſters war man dießmal bei weitem nicht ſo ergrimmt, man war vielmehr beſorgt um den kleinen Wildfang, und haͤtte i waͤre er nur wie⸗ der gekommen, vielleicht nz von der Strafe dispenſirt; allein es wurn 2. bend, es wurde Nacht, und Feliz nicht. Verſchie⸗ ene Zaͤgerburſche, welche mit Hunden in den Wald hine geweſen, jene Gegend aber verfehlt hatnan⸗ kamen arverrichreder — 11— Sache wieder zuruͤck, und Trlin war gut als verſchwunden.. „Er wird in einer Nacht nicht verhun⸗ gern und morgen ſchon wieder kommen,“ meinte der Foͤrſter, ſeine Gattinn troͤſtend⸗ die den Knaben mit wahrhaft muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit liebte; indeß befahl er doch, auf dem Hofe der ziemlich allein ſtehenden Foͤrſterwohnung eine hohe Stange aufzu⸗ richten, und an derſelben oben eine bren⸗ nende Laterne zu befeſtigen. Es geſchah⸗ und man legte ſich darauf gegen Mitter⸗ nacht, nicht ohne Beſorgniß um den klei⸗ nen Fluͤchtling, zu Bette. 8 um Mitternacht kam Felix wirklich angeſchlichen, und wagte ſich, da er glaubte, daß Niemand mehr wach ſey, in den Hof⸗ nahm die brennende Laterne von der Stange, ging auf die Hausſtur vor den dar ſtehe den — 12— Eßſchrank, labte ſeinen bellenden Magen, und ſchlich ſich dann, als er ſich recht guͤt⸗ lich gethan, auch noch ein Stuͤckchen fuͤr den folgenden Tag zu ſich geſteckt hatte— nicht zu Berte, ſondern mit der Laterne fuͤr den Heuboden, in der Abſicht, mit Anbruch des dags wieder das Freie zu ſuchen.— Von dem werten Marſche auf unge⸗ bahnten Wegen, wie von der ausgeſtandenen Angſt ſehr ermuͤdet, ſchlief er bald ruhig ein, um bald zu neuen Schrecken zu er⸗ wachen. Sprung, und befand ſich bald im Freien, w 3 er ſich auch ungehindert auf die Slan Zweites Capitel. Kaum eine Stunde mochte Felix geſchlas fen haben, als er durch eine ſchreckliche Hitze, die ihn umgab, geweckt wurde und auftau⸗ melte. Aber wie groß war ſein Schreck! denn rund um ihn her loderte die Flamme des trocknen Heues bis in den Giebel des Daches, das durch die neben ihm ſtehende offene, brennende Laterne in Brand gera⸗ then war. Der ſtarke Geiſt, der in dem Knaben wohnte, beſeelte ihn auch dießmal mit Muth, und er wagte raſch einen kraͤftigen 6 ben konnte, indem Alles, was ihm wohl haͤtte nacheilen koͤnnen, mit Loͤſchen beſchaͤftigt war. Die Schuld war nun zu groß gewor⸗ den, um an eine Ruͤckkehr zu denken, er ſchritt daher immer tapfer Wald ein, ohne zu wiſſen wohin. Von unbeſchreiblicher Angſt getrieben rannte er neun bis zehn Stunden ununterbrochen fort, bis er endlich gaͤnzlich ermattet unter einem Baume zu Boden ſank, und bald darauf entſchliefe Als er nach mehrern Stunden wieder erwachte und langſam die Augen auſſchlug, war die Sonne ſchon dem Untergange nahe, aber zu ſeinem hoͤchſten Erſtaunen erblickte er ei⸗ nen großen, ſchon etwas beiahrten Mann vor ſich ſtehend, der ſein Erwachen erwartet zu haben ſchien. Felix that einen lauten Schrei und bedeckte ſein Geſicht mit beiden Haͤnden; allein der Mann, in einen hell⸗ blauen turzen Rock gekleidet, mit einem —-— — 25— Schurzleder, einer Maͤtze angethan, dazn ein Beil auf ſeiner Schulter, redete ihn freundlich zu, ſich nicht zu fuͤrchten; obgleich. er recht gut wiſſe, daß durch ſeine Schuld das Feuer in der Foͤrſterwohnung aufgekom⸗ men, ſo habe er doch von ihm nichts zu be⸗ fuͤrchten, im Gegentheil verſpreche er ihm, wenn er ſich gut halten wolle, ihn mit ſich nach ſeiner Muͤhle zu nehmen, und dort vor der Strafe zu ſchuͤtzen. Der kleine Ungläͤckliche, der auf der gane: zen Erde Niemanden kannte, bei dem er ei⸗ nen Zufluchtsort haͤtte ſuchen koͤnnen, ſah in dieſem unbekannten Manne einen Schutzen⸗ gel in der Stunde der dringendſten Noth, und ohne ſich lange zu beſinnen, nahm er den Vorſchlag mit Freuden an und folgte. Miit einbrechender Nacht kam Felip. mit ſeinem Schußzpatron in einer einſam — 16— ſtehenden Mahlmuͤhle an, in welcher ſich Niemand als ein junges wackeres Frauen⸗ zimmer, Namens Roſa, befand, welche bei een Eintritt der beiden Kommenden einen feudigen Blick auf den Kleinen warf, dann aber ſogleich den ſchon gedeckten Tiſch mit eauſa beſetzte. Felix aß und trank, allein die Muͤdigkeit überwaͤltigte ihn bald, und er ſchlief ſchon ein, ehe er ſich einmal ſatt 8 gegeſſen hatte. Ais er am andern Morgen erwachte, holte ihn Roſa mit vieler Freund⸗ lichkeit von der Schlafkammer in die Wohn⸗ ſtube, wo er den Muͤller hinter dem Tiſche, ei einem Fruͤhſtuͤck ſisend, erblickte; auch ihm wurde ein gleiches gereicht, wobei der Muͤller ſagte: Wenn Du Dich gut haͤltſt⸗ Felir, ſo magſt Du nun hinfort hier blei⸗ ben, und nach Deiner Luſt leben, wie es Dir gefaͤllt; doch gebiete ich Dir ſtrenge, Dich um nichts von Allem, was Du hier ehſt und hoͤrſt, zu bekuͤmmern, 7 mi —— —— 4 4 . mtlihe aſs ugenehme Beſchäftang — 17— Niemand, wer es auch ſey, der hier her koͤmmt, zu reden. Befolgſt Du das zuͤnkt⸗ lich, ſo wirſt Du's gut haben, wo nicht, ſo liefere ich Dich wieder an den Foͤrſter ab, und Du wirſt dann als ein Mord⸗ brenner beſtraft werden. Felix merkte ſich die Bedingungen recht gut, unter denen er hiei nur gluͤcklich leben konnte, und unterließ Alles, was ihm des Muͤllers Ungnade haͤtte zur ziehen koͤnnen, wobei er taͤglich ind ſtuͤnd⸗ lich mit Sehnſucht harrete, die Muͤhle ein⸗ mal umgehen zu ſehen; allein es vergingen Wochen, Monate, und endlich Jahre; und die Muͤhle ſtand immer und ewig ſtill. Indeß begann dennoch hier eine andere Lebensweiſe mit ihm, und ob gleich nahe und fern keine Knaben zu ſinden waren, mit denen er haͤtte ſpielen und Steine werfen koͤnnen, ſo fand ſich doch fuͤr ihn eine eben.* — 18— Die freundliche Roſa, welche außer manchen nuͤtzlichen Kenntniſſen, beſonders in der italieniſchen und franzoͤſiſchen Sprache ſehr geuͤbt war, nahm ſich ſeiner an in den vielen muſſigen Stunden des Tages—— denn der Muͤller pflegte jeden Morgen eg uge⸗ hen, und erſt am Abend, und zwar in Ge⸗ ſellſchaft einiger Maͤnner, die aber wede Roſa noch Felix kennen lernten, wieder zu kommen— und ertheilte ihm in Allen was ſie einſt gelernt, den freundlichſten Un⸗ 8 terricht. Sie that dieß mit unermuͤdeter Geduld und ſchweſterlicher Liebe, und ſah ſo den ſchoͤnen Knaben unter ihrer Leitung zum liebenswuͤrdigen Juͤnglinge emporbluͤ⸗ hen.— Drei Jahre waren vergangen, in wel⸗ chen Felix die gute Roſa, die er ſehr ſchaͤtzte, mit ſeiner Wißbegierde gaͤnzlich er⸗ 4 ſchoͤpft hatte, und ſein Geiſt ſehnte ſich — 19— hinaus unter andere Menſchen, denn hier hatte er in den drei Jahren Niemanden, als den Muͤller und Roſa, geſehen; frei⸗ lich brachte der Muͤller, wie ſchon erwaͤhnt, faſt jeden Abend einige Geſellſchafter mit, allein ſo bald dieſe erſchienen, mußte er, wenn er nicht ſchon fort war, zu Bette, ehe ſprach Keiner derſelben ein Wert. Dieſes ſeltſame Betragen hatte ſchon laͤngſt ſeine Aufmerkſamkeit erregt, und er hatte es ſogar einmal gewagt, ſich wieder herun⸗ ter zu ſchleichen, wo er denn geſehen, daß mehrere Kerle um den Tiſch geſeſſen, wel⸗ che ſich mit Zaͤhlen großer Geldſummen, und Beſehen von Ringen, Uhren und ſon⸗ ſtigen Koſtbarkeiten beſchaͤftigt hatten. Dieß brachte ihn auf den Gedanken: daß er ſich hier wohl nicht unter den beſten Menſchen befinden moͤchte, und er beſchloß: ſich auf⸗ zumachen und heimlich zu entſliehen. Die⸗ ſer Entſchluß befeſtigte die Begierde, Staͤdte 2* 3 — — 260— wie Florenz, Genua, Verona and Man⸗ tua, wovon ihm Roſa ſchon ſeit Jahren ein Langes und Breites erzaͤhlt hatte, ken⸗ nen zu lernen. Er zog dieſerhalb, nachdem er von Roſa noch mancherlei Erkundigun⸗ gen eingezogen hatte, eines Tages ſeine be⸗ ſten Kleider an, und verließ heimlich die Muͤhle. Drittes Capitel. Es war an einem heitern, freundlichen Sommermorgen, als ſich Felix, nachdem— der Muͤller ausgegangen war, zwar ein we nig aͤngſtlich, aber dennoch auf den Weg machte, und in ſeinem Herzen der Muͤhle und ihren Bewohnern Lebewohl ſagte. Kluͤglich waͤhlte er einen entgegengeſetzten Weg von dem, welchen der Muͤller— den er beim Weggehn beachtet— genommen hatte, und ging ununterbrochen, und ohne irgend einen Menſchen zu begegnen⸗ ſieben 8 Stunden fort. Dann aber bedurfte r ei ner kleinen Erholung, und da er jet völlig ſicher zu ſeyn glaubte, ſo nahm er unter dem Schatten einer ſtark belaubten Eiche Platz und verzehrte ein Stuͤckchen trocknes Brot, wobci er ſich ſelber fragte: wo werde ich wohl in der kuͤnftigen Nacht ſchlafen? und wer wird ſich uͤberhaupt wohl fuͤr die Zukunft meiner annehmen? Er war noch in Gedanken mit der Beantwortung der er⸗ ſten Frage beſchaͤftigt, als urploͤtzlich der Muͤller in ſeinem gewoͤhnlich langſamen Schritte, mit dem Beile in der Hand da⸗ her kam. .* Obgleich der Muͤller nie ſtreng gegen Felix geweſen, ſo hatte dieſer doch nie ein freundlich Wort von ihm vernommen, und ſein gewoͤhnlich kalter, rauher Ernſt, jagte ihm auf der Stelle einen Schreck ein, der faſt an Erſtarrung gräͤnzte. „ Li, ei!“ ſagte der Muͤller,„wie fine f ich Dich denn hier, Felix, und zwar in Deiner Sonntagskleidung?“ Felix war ſtumm wie ein Fiſch, er wußte auch nicht eine Sylbe hervorzubrin⸗ gen, und der Muͤller fuhr nach einer Pauſe, in der er ihn mit einem durchdringenden Blicke angeſtarrt, fort: „Alſo wollteſt Du Deinen Woht ät der Dir das Leben gerettet, der 369 drei Jahre hindurch genaͤhrt und gepflegt hat, mit Undank belohnen und heimlich entflieheh?“ Felix wußte auch hierauf keine Ant⸗ wort zu geben, ſondern ſtand auf, um ſeinen bisherigen Pflegevater um Verzeihung zu bitten. „Ich will es Deiner Unerfahrenheit zur rechnen,“ ſagte der Muͤller,„und Dir dieß⸗ mal Deinen Fehler vergeben, doch in Zukunft erlaube Dir dergleichen nicht wieder, ſonſt moͤchte ich nicht wieder ſo nachſichtig ſeyn, denn mir zu entkommen biſt Du nicht im Stande, Du magſt auch waͤhlen welchen Weg Du willſt; denn jeder Baum, den Du hier in dieſem großen Walde ſiehſt, giebt mir Zeugniß von Deinem Aufenthalte.“ Dieſer Schreckſchuß ging uͤber Felix Begriffe hinaus, und er ſah ein, daß hier zu entrinnen ein Ding der Unmoͤglichkeit ſey; er gab daher dem Alten auf dem Ruͤck⸗ wege ſehr deutlich zu verſtehen, daß es ihm in der einſamen Muͤhle gar nicht mehr be⸗ hagen wolle, vielmehr ſein Geiſt ſich hinaus in die Welt und unter Menſchen ſehne. „Das ſollſt Du auch, mein Sohn,“ antwortete hierauf der Muͤller,„Du ſollſt die Welt und ihre Bewohner ſehen und kennen lernen; nur jetzt noch nicht; Du hiſt noch zu jung, koͤnnteſt leicht durch Deine Unerfahrenheit Dich und mich ins Verder⸗ ben ſtuͤrzen, und dann koͤnnte ich Dir nicht mehr nuͤtzlich ſeyn.“ Felix begriff dieſe Rede abermals nicht, und ging ſtill ſinnend an des Muͤllers Seite hin, bis ſie endlich bei ſpaͤter Nacht wieder in der Muͤhle anlangten, wo Felix in der Stube ſchon einige Kerle, mit Geldzaͤh⸗ len und Trinken beſchaͤftigt, bemerkte. Er ſelber ging in ſeine Kammer, und legte ſich verdrießlich uͤber das mißlungene Unterneh⸗ men ſchlafen. Bei weitem langweiliger und unertraͤg⸗ licher wurde ihm von dieſer Zeit an, das Leben in dieſer Art von Gefangenſchaft; ob⸗ gleich die liebenswuͤrdige Roſa ſich alle nur moͤgliche Muͤhe gab, ihm den Aufenthalt ſo angenehm als moͤglich zu machen, ſe waß — — — die Wirkung davon doch nur momentan, und ſobald er wieder allein war, wurde die Sehn⸗ ſucht nach Freiheit nur noch ſtaͤrker in ihm. Es verſtrich wieder ein volles Jahr, in welchem Roſa durch zaͤrtliche Liebkoſungen ihn oft von einem abermaligen Verſuche zu entſtiehen abhielt, indem ſie ihm verſprach: daß ſte den Muͤller in einer guͤnſtigen Stunde bereden wolle, ihn nach irgend ei⸗ ner großen Stadt auf die hohe Schule, und dann auf die Univerſitaͤt zu ſchicken. Doch endlich kam es ihm vor, als ob Ro⸗ ſa ihm das Alles nur verſprochen habe, um ihn bei ſich zu behalten, und nun wurde er auch gegen ſie mißtrauiſch und verſchloſ⸗ ſen, und entwarf ſich insgeheim einen neuen Plan zu ſeiner Flucht. Den Stoff dazu gab ihm einſt eine Unterredung, welche er in der Nacht heimlich, wo man ihn ſchla⸗ e glaubte, belauſchte. Er verſtand von —— — 27— dem Geſpraͤch, welches von wenigſtens ſieben bis acht Kerlen, von denen der Muͤller die Hauptperſon zu ſeyn ſchien, gefuͤhrt wurde, nur einzelne Worte; allein dieſe zuſammen⸗ geſtellt, wurde es ihm doch klar, daß ſie auf den folgenden Tag einen Straßenraub verabredet hatten. Dieſer Umſtand, der ſeine laͤngſt geheg⸗ ten Vermuthungen zur Gewißheit machte, veranlaßte ihn auch, ſein Vorhaben nun um keinen Tag mehr hinaus zu ſetzen, ſon⸗ dern morgen, wo er glaubte, daß man ſich am wenigſten um ihn bekuͤmmern wuͤrde⸗ ſeinen Plan auszufuͤhren. Die ſchoͤne kurze Mainacht war ihm unter tauſenderlei Gedanken bald dahin ges eilt, und kaum roͤthete ſich der oͤſtliche Hori⸗ zont, als er die Gauner ſchon aufbrechen hoͤrte, um ihrem Fange entgegen zu eilen. — 28— Er ſah ihnen unbemerkt nach, und beobach⸗ tete, ſo gut es die Morgendaͤmmerung er⸗ laubte, welcher Himmelsgegend ſie zuſchrie ten, und legte ſich dann, um auch Roſa zu taͤuſchen, noch eine Stunde ſchlafen. „Nun ſey Gott, der, wie Roſa mich gelehrt, alles Gute ſegnet und gedeihen laͤßt, 5 auch mir in meinem Unternehmen gnaͤdig,“ ſagte er leiſe, indem er knieend die gefalte⸗ ten Haͤnde gen Himmel ſtreckte, und ver⸗ Aieß dann ſchleunig die Muͤhle. ————— geſungen, daß er unter Straßenraͤubern Geſchichte ſeiner Geburt bis zu einer gelege⸗ 6 den. vielleicht lberden wir uns ſeind Gluͤckes Viertes Capitel. Ob es dem armen Felix an ſeiner Wiege auferzogen werden, ihre Begriffe von T gend und Religion, von Moral und Site⸗ lichkeit in ſeine zarte Seele einſaugen ſoll⸗ te?— Es waͤre ein Leichtes, dem geneig⸗ ten Leſer hiervon Kunde zu geben; do wir halten es jetzt fuͤr nothwendiger, die * nern Zeit aufzuſparen, und ihn an einem ſo gefaͤhrlichen Tage auf ſeiner Flucht zu beglei⸗ Es war wieder ein ſchoͤner, heiterer Mor⸗ gen, als Felix mit zagender Seele unter die neubelaubten Baͤume des Waldes trat, und leiſe in den froͤhlichen Geſang mit ein⸗ ſtimmte, der aus tauſend Kehlen dem Schoͤ⸗ pfer dargebracht ward. Zum Erſtenmale in zu einer ſanften Wehmuth hingeriſſen, und hende Wange herab. Mit dieſen Gefuͤhlen ſank er aufs Neue auf ſeine Kniee und be⸗ tete! laut:„guter, lieber Gott! zuͤrne doch ni ht laͤnger mehr auf mich! freilich ruhet eine ſchwere Sünde auf mirz ich habe mei⸗ nes Vaters Haus in Feuer aufgehen laſſen, ich unter gute Menſchen gerathe, wo ich Gelegenheit finde, mein Däſts wieder gut zu machen. 1 ſeinem Lehen fuͤhlte er ſich unwiderſtehlich doch nicht mit meinem Willen. Darum vergieb mir und leite meine Schritte, daß 3 6 unaufhaltſam ſtuͤrzten ein Paar große helle Thraͤnen aus ſeinen klaren Augen, die gluͤ⸗ noß, dann aber erwachte und ſeinen Weg — 31— Aus dem naͤchſten Baume ſlog ein gro⸗ ßer Vogel auf; er erſchrak, ſtand raſch auf und ging ſchnellen Schrittes der ſich vorgezeichneten Richtung entgegen. Die Sonne warf ihre brennenden Strah⸗ len ſenkrecht auf ſein Haupt herab, als er einen ſchoͤnen gruͤnen Platz erreichte, aus deſſen hohem Graſe Blumen aller Art in unzaͤhliger Menge hervorragten. Der Platz ſchien ihm ſo traulich, ſo anmuthig, rund umher mit jungen ſchlanken Buchen einge⸗ faßt, daß er beſchloß, hier ſeine frugale Mittagsmahlzeit zu halten. Nach gehalte⸗ ner Tafel uͤberfiel ihn ein ſanfter Schlum: mer, den er einige Stunden ungeſtoͤrt gee neu geſtaͤrkt fortſetzte. Auf mancherlei We⸗ gen, welche bisweilen endigten und dann wieder aufs Neue begannen, ſchritt er im, mer wacker darauf zu; allein noch immet wurde er keinen Ausweg gewahr, und faſt ſchien es ihm, als ob dieſer Wald die ganze Erde uͤberziehe. Es ſing bereits an zu daͤmmern, und ſchon ſing er an, ſich mit dem Gedanken bekannt zu machen: die hier verweilen zu muͤſſen, als ihm ich eine wilde Sau mit ihrer jungen Brut entgegen kam. Das Thier, das in Felir einen Naͤnber ihrer Jungen waͤhnte, ging ſogleich ſcharf auf ihn los. Anfaͤnglich ſuchte er ſich durch Laufen aus der Schlinge zu ziehen, allein das Thier verfolgte ihn, vohin er auch fliehen mochte, und kam ihm end ich ſo nahe, daß faſt an keine Rettung ſicches Angſtgeſchrei und kam eben auf den Ger pfeilſchnell einige Menſchen herbei eilen ſah, welche tödtliche Gewehre bei ſich denken war. Felir erhub ein fuͤrchter: danken, einen Baum zu erklettern⸗ als er fuͤhrten und das The zum Weichen brachten. Dieſer Gefahr war er gluͤcklich entgan⸗ gen; aber in demſelben Augenblicke nahete ſich ihm eine weit groͤßere, vor der kein Baum ſchuͤtzte; denn er ſah zu ſeinem groͤßten Erſtaunen und Schrecken den Muͤl⸗ ler, wie gewoͤhnlich, mit ſeinem Beile in der Hand, daher kommen. 8 „Ei, ei, Felixi welch ein ſonderbarer Zufall fuͤhrt Dich denn hieher? Hat Dich die Sau eiwa von der Muͤhle an bis hieher gettieben ⸗ Felir war unvermoͤgend, auch n nut ein einziges Wort zu ſeiner Vertheidiguns her⸗ vorzubringen; auch der 8 Muͤller ſagte in die⸗ ſem Augenblicke nichts mehr, ſondern winkte 5 ſeine Konſorten bei Seite und ſorach einige Minuten leiſe mit ihnen, dann aber wandte er ſich wieder an Felir, welcher ſich waͤhe tend dieſer Pauſe ein wenig erhoſt hatte. 5 — 34— und zu ſeiner Entſchuldigung hervorzcachte. daß ihn ſeine Jagdluſt verleitet habe, ihm dieſen Morgen nachzufolgen, er ſich aber verirrt habe, und endlich nun durch dieſen Zufall zu ihm gekommen waͤre. Dem Muͤller gefiel dieſer Kunſtgrift und obgleich er ihn wohl durchſchauete, ſo lae er doch Alles was Feliy mgte⸗ ſehr 8 ſah ein, daß die Stunde gekommen ſey, 3 in welcher er die ſcheinhare Huͤlle eines ehrlichen Mannes abwerfen, und ſich in ſei⸗ 4 ner wahren Geſtalt zeigen muͤſſe; auch war weder Zeit noch Gelegenheit da, ihn in die e mehr, Du biſt an Geiſt und Koͤrper⸗ ſem Augenblicke von ſich zu entfernen, er fuͤhrte ihn daher einige Schritte ſeitwaͤrts und redete ihn mit folgenden Worten i in einem ſehr ernſthaften Toné an: 6„Hör⸗ einmal, Felir, Du 6 kein bei all Deiner Jugend, dennoch ſchon ein erwachſener Menſch, mit dem man muß vernuͤnftig reden koͤnnen; zwar hatte ich mir dazu einen andern Zeitpunkt erſehen; da indeß der Zufall es nun einmal ſo ge⸗ fuͤgt hat, ſo mag es ſchon heute ge ſchehen.“ — „Du ſiehſt hier einige Maͤnner verſam⸗ melt, unter denen auch Dein Vater, der Foͤrſter Graubaum, ſich befindet; die, vereinigt mit Mehrern, einen eigenen kleinen Staat bilden. Verſchiedene von uns woh⸗ nen noch in einzeln umherſtehenden Forſt⸗ haͤuſern und Muͤhlen, andere wohnen au⸗ Ferhalb des Waldes; wir Alle, wohl ſechzig an der Zahl, kommen aber zu gewiſſ en Ta⸗ gen an Einem Orte zuſammen, wo wiy uͤber unſere Geſchaͤfte mit einander Rͤgſyrache * nehmen. Dieſe Geſchaͤfte ſir nd mit einigen Worten die: reichen Praſſern einen Theu 3* es gerade der Fall, daß wir einer reichen ſiren wird, auch einen uͤberfluͤſſigen Theil ihres Reichthums abnehmen wollen, und da Du gerade hier biſt, ſo magſt Du zum er⸗ ſten Male Theil daran nehmen; doch iſt eeiine kleine Bedingung dabei: Betraͤgſt Du Dich lappiſch und albern, ſchreiſt Du viel⸗ leicht, ſo faͤhrt die erſte die beſte Kugel betraͤgſt Du Dich hingegen geſetzt, wie man es wohl von einem Burſchen deines Alters er⸗ warten kann, ſo ſollſt Du ſchon jetzt, noch mehr aber in der Folge dafuͤr belohnt werden Feli ix, der fuͤr ſeine abermalige Untreue Strafe erwartet hatte, ward durch dieſen Zuſpruch ſehr ermuthigt und verſprach, daß lich mit ihm zufrieden ſeyn Plten. Kimd 9— ——— ihres Ueberfluſſes abzunehmen. Heute iſt gräſlichen Familie, welche dieſen Wald paſ⸗ urch Dein Gehien, und Du biſt nicht mehrz er ſich ſo betragen wolle, daß ſie hinlang⸗ b ———— Fuͤnftes Capitel. In dieſem Augenblick trat der Foͤrſter Graubaum vor ihn.„Kennſt Du mich noch, Burſche?“ fragte er ihn mit rauher Stimme. Feliyx erſchrak und wußte nicht was er antworten ſollte; doch reichte er ihm ſchuͤch⸗* tern die Hand und wollte eben reden, als der Foͤrſter fortfuhr, indem er fagte:„Na, laß nur gut ſeyn, der Streich iſt Dir vergeben; 1 auch bin ich, will Dir's nur ſagen, Dein Vater nicht, doch habe ich Dich immer va⸗ 2 terlich geliebt, wie Du Dich noch erinnerh 3 wirſt. Hier nimm indeß dieſe Flaſche d trink auf unſer Wohlſeyn; es wird — 36— ſpaͤter nicht gereuen.“ Felix ſetzte mit zitternder Hand die Flaſche an die Lippen, denn ihm ahnete nichts Gutes; als er ge⸗ trunken, wollte er dem Forſter die Flaſche zuruͤckgeben.„Nicht mir,“ ſagte dieſer, „dem Naͤchſtſtehenden reiche ſie, denn im⸗ mer in der Runde muß ſie gehen, ſo iſts bei uns Sitte.. Sie war wohl ſchon dreimal in der Runde gegangen, wobei manch unſittliches Wort an Felix Ohren vorbei glitt, als er ploͤtzlich in einer Entfernung eine Pfeiſe er⸗ ſchallen hörte. Schnell ſprangen Alle vom Boden auf, wohin ſie ſich waͤhrend des Trinkens gelagert hatten, und griffen zu den Waffen. Es iſt richtig, ſie kommen, ja ſi e kommen, riefen Alle durch einander: ſeßt friſch ans Werk! „Felix,“ ſagte der Muͤller,„wir ge⸗ hen jetzt, und Du mit uns. Du wirſt da — 35— einer Scene beiwohnen, die Dir etwas neu und unerwartet koͤmmt, doch ſey ſtandhaft, verrathe keine Furcht, denn in unſerm Bei⸗ ſeyn darf Dir Niemand ein Haar kruͤmmen. Hier nimm dieſe Fackel, die man Dir an⸗ zuͤnden wird, und leuchte uns damit, wenn wirs beduͤrfen.“ 3 Feliy folgte uͤber Stock und Stein in der Finſterniß, und ehe er ſichs verſah, hieß es: Halt! Hier waren noch andere Kerls, welche Felix bisher noch nicht ge⸗ ſehen hatte, ſo daß ihrer wohl ſechzehn wa⸗ ren. Alle lagerten ſich und verhielten ſich aͤußerſt ruhig. Man horchte und vernahm bald darauf das Geraſſel eines Wagens, worauf der Muͤller die Fackel anzuͤndete⸗ ſie Felix reichte und ihm hieß, ſich damit in einen kleinen Grund hinten ei⸗ nen Baum zu ſtellen. Kaum ſtand die⸗ ſer an Ort und Stelle, als er auch ſchon — 40— ein lautes Halt! erſchallen hoͤrte, und gleich darauf ein Zeichen erhielt, retour zu kom⸗ men. Ein Kutſchwagen mit ſechs Pferden beſpannt hielt ziemlich auf gleicher Erde. In dem Wagen ſaßen ein junger Menſch, zwei junge und eine aͤltliche Dame. Auf dem Bocke ſaß ein Bedienter neben dem Kutſcher. Der Kutſcher wie der Bediente waren, ehe ſie ſichs verſahen, und ſie nur irgend etwas zu ihrer Vertheidigung haͤtten thun koͤnnen, von den Pferden geriſſen, gebunden und hei Seite geſchleppt, und nun ging es Pleic an den Wagen. ein entſetziches Angſigeſchrei, d das e⸗ lix durch Mark und Bein drang, ſcholl ihm entgegen, als der Schlag geoͤffnet 5 wurde. 4 1 — 4¹— . Sey ſtandhaft Felix, ſagte der Maͤller 4 halb laut und ſtieß ihn ein wenig in die Seite, und leuchte wo es noͤthig iſt. Felix laͤchelte durch Thraͤnen, und be⸗ leuchtete, wiewohl mit abgewandtem Geſicht, den Schauplatz des Schreckens und der Raubgier.— „Schweigt mit euren Pflockpfeifenſtim⸗ men, ihr Zeter⸗Wuͤrgel!“ rief der Foͤrſter mit donnernder Stimme, als die Damen voll Angſt unter einander: großer Gott! Jeſus Ma⸗ ria! u. ſ. w. ſchrieen—„ oder wir werden euch die Haͤlſe ſtopfen. Kriecht heraus aus dem Kaſten, und. gebt her was ihr habt, ſo ſoll euch kein Haar gekruͤnmt werden.“ Nach den kraͤftigſten Drohungen von E ten des Foͤrſters, der die Hauptrvoll 88 die Damen, und ſeiegen aus. Kaum wa — 42— ſie hinaus, als auch ſchon zwei Kerle wieder hineinſtiegen und den Wagen aufs Genaueſte unterſuchten. Außer einer nicht ſonderlich ſchweren Chatulle wurden noch verſchiedene Effecten, als Ueberroͤcke, Pelze und derglei⸗ chen herausgeworfen. Vom Hintertheile des Wagens wurden zwei ziemlich ſchwere Koöffer abgeſchnitten, wobei die Damen auf das Schaͤrfſte examinirt wurden, ob ſie nicht ſonſt noch Sachen von Werth pechorgen hielten. Felix Herz blutete bei dieſen Graͤueln, beſonders erregte ein junges, zartes Maͤg⸗⸗ chen, die eben dem jungfraͤulichen Alter ent⸗ gegen zu wachſen ſchien, ſein Mitgefuͤhl⸗ Sie ſaß am Boden neben der aͤltern ohn⸗ maͤchtig gewordenen Dame,— wahrſcheinlich ihre Mutter— welche ſie mit ihren Thraͤ⸗ nen und Kuͤſſen wieder zu erwecken ſuchte; 6 der Juͤngling, einige Jahre aͤlter ſcheinend⸗ — 43— und noch ein junges Frauenzimmer— es ſchien die Kammerfrau zu ſeyn, ſtanden ſprachlos da, und rangen nur die Haͤnde. Die Gauner hatten waͤhrend dem den Wagen durchſucht, aͤußerten aber, da ſie mehr vermuthet haben mochten, große Un⸗ zufriedenheit. Dem jungen Menſchen, der zitternd da ſtand, riß einer der NRaͤuber ohne Komplimente die Uhr aus der Taſche, und ein Anderer bemerkte noch einen bli⸗ tzenden Diamantring an dem Finger der alten, noch in Ohnmacht liegenden Dame. Sogleich wollte er ihn gewaltſam herun⸗ ter reißen, allein der Ring ſchien ins Fleiſch bewachſen Bn ſeyn. — 8 Dafär iſt Rath, ſagte Einer der Gauner, og ein Meſſer hervor und ſchnitt— armer Felix! der du es mit anſehen nmßſ— — 44— Jetzt machten die Naͤuber ſchleunig An⸗ ſtalt zur Ruͤckkehr. Die Koffer waren auf⸗ gebrochen und der Inhalt derſelben in Saͤcke gethan. Felix ſtand noch immer da, und glaubte, den Ungluͤcklichen helſen zu muͤſ⸗ ſen, doch in dem Augenblicke kam der Foͤr⸗ ſter, riß ihm die noch brennende Fackel aus der Hand und verlöoͤſchte ſie; riß Fe⸗ lir mit ſich fort, und ließ die Ungluͤckli⸗ chen in ihrer Huͤlfloſigkeit allein zuruͤck. Nach vier Stunden, etwa gegen Mit ternacht, kamen die Raͤuber, mit Felix in ihrer Mitte, in der Muͤhle wieder an. Hier wurde das Geld gezaͤhlt, die mancher⸗ lei Effekten beſehen, taxirt und Alles ge⸗ meinſchaftlich getheiſt. Felix war hierbei zum Erſtenmale gegenwaͤrtig, und erhielt von Allen ein ungetheiltes Loh, daß er ſich bei der Sache recht tapfer und heldenmaͤßig betragen haͤtte, und Einige meinten ſogar, es koͤnne einmal ein recht großer Haupt⸗ mann aus ihm werden. Zum Andenken an dieſe Stunde erhielt er den Finger mit dem glaͤnzenden Diamantringe. Den Finger warf er weg, allein den Ring, ob er gleich ſeinen Werth nicht kann⸗ te, verbarg er ſorgfaͤltig in ſeiner Taſche⸗ Sechſtes Capitel. Von dieſer Zeit an wurde Felix oft von ihnen mitgenommen, beſonders wenn ſie auf Wilddieberei auszogen; allein ſein Widerwil⸗ te, ſein Haß gegen dieſes Naubgeſindel nahm mit jedem Tage zu, und er nahm, ſo oft er nur mit dem Muͤller allein war, Gelegenheit, ihn zu bitten, daß er ihn doch in irgend eine Stadt bringen moͤchte, wo er irgend etwas lernen koͤnne, was zu feinem kuͤnftigen Fortkommen nuͤtzlich ſey. „Ich bin Dir darin gar nicht zuwider, Zelix⸗„antwortete dann jedesmal der Muͤl⸗ ker,„nur biſt Du zu dem Plan, den wir durch Dich auszufuͤhren gedenken, noch im⸗ mer zu jung. Unſere Geſellſchaft iſt jetzt ſehr ſtark, und belaͤuft ſich beinahe auf hun⸗ dert Mann, welche ſehr zerſtreut, von de⸗ nen ſogar einige in Prag und Wien leben, und uns von Zeit zu Zeit von ſich Nach⸗ richt ertheilen. Sobald Du uns nur fher⸗ zeugt haben wirſt, daß Du ſchweigen kannſt, ſo ſoll Dein Wunſch bald huemmae Mit ſolchen Vertröſtungen wurde Se4 tir faſt noch ein Jahr hingehalten, als ſich ploͤtzlich ein merkwuͤrdiger Vorfall er⸗ eignete, welcher der Sache bald eine andete Mendun gab⸗: Schon ſeit Jahr und Tag hncten 3 a Raͤuher einen in ihrer Naͤhe wohnenden, ſehr reichen Freiherrn auf der Spur gee Habt, welchen ſie gar zu gern einen Theit —y ſeiner Geldberge abgenommen haͤtten; allein ſein faſt von allen Seiten unzugaͤngliches Schloß, das gleich dem Koͤnigsſtein auf hohen Felſen lag, und ſeine ſtete Wachſam⸗ keit, die Eingezogenheit, in welcher der Freiherr lebte, ſeine mißtrauiſche Diener⸗ ſchaft, das Alles hatte die Naͤuber von je⸗ der Art abgehalten, an ihn zu kommen, ſo, daß mit einem Worte: weder Liſt noch Gewalt nuͤtzen wollte. Endlich gab ihnen dennoch ein Zufall Mittel an die Hand, einen boshaften Plan auf ihn auszufuͤhren, und ſie ließen ihn nicht unbenutzt. 3 1 Sie fingen naͤmlich einen Courier auf, welcher mit wichtigen Papieren aus Italien kam, wo der Freiherr Verwandte hatte. Aus dieſen Papieren erſahen ſie, daß in Verona ein ebenfalls reicher Marcheſe vor Kurzem verſtorben war, welcher den Frei⸗ herrn in ſeinem Teſtamente zum Vormund und Erzieher ſeines vierzehnjaͤhrigen Sohns ernannt hatte. Dem Caurier verſchafften ſie, nachdem ſie ſich ſeiner Papiere be⸗ maͤchtigt, eine Zeitlang freies Quartier, und ſchnell wurde der Plan gemacht, den Frei⸗ herrn zu üͤberliſten⸗ Hierzu erhielt Felir, welcher den Sohn des verſtorbenen Mar⸗ cheſe vorſtellen ſollte, eine neue, dreis, ja vierdoppelte Garderobe, mit dem Verſprechen: wenn er ſeine Sache gut ausfuͤhre, er als⸗ dann nach Wien gebracht werden ſolle, und nach ſeinen Wuͤnſchen lernen koͤnne, was er wolle. Einen vollen Tag brachte der Muͤller darauf zu, ihm ſeine Rolle einzu⸗ ſtudieren, die ſich Felix auch ſehr gut merkte, indem er durch Ausfuͤhrung derfel⸗ ben nichts weniger als ſeine Freiheit zu er⸗ langen gedachte. Der Tag zur Ausfüͤhrung ihres bashafe ten Planes ruͤckte heran. Felix wurde — angekleidet, wobei ihm etwas aͤngſtlich wur⸗ daß fuͤr ihn— die Sache moͤge ablaufen wie ſie wolle— durchaus nichts Schlim⸗ mes daraus erwachſen koͤnne. Gegen Mit⸗ tag fuhr ein ſtattlicher Reiſewagen bei der Muͤhle vor; zwei in Livree gekleidete Be⸗ diente und zwei Kutſcher ſprangen in die Stube, und hatten ihre Freude ſchon im Voraus, wie ſie den reichen Filz ſo trefflich uͤberliſten wollten. Bald erſchienen noch eiin paar Cavaliere zu Pferde, und endlich Kinner in buͤrgerlicher Kleidung, welcher den Hoſtgeſet vorſtellen ſollte. Gagen zwei uhr Nachmittags mußte ach Felix in den Wagen ſetzen, wobei er— noch einmal von dem Muͤller an ſeine Rolle erinnert wurde. Der Hofmeiſter— welcher rigens aber— wie gut tealiniſh ſpra nichts als ein Raͤuber ₰ 7 de, obgleich man ihm begreiflich machte, 1 — — 4— war— ſetzte ſich zu ihm und inſtruirte ihn noch einmal beſonders, wie er ſich bei dem Freiherrn zu benehmen, und was er auf ſeine etwanigen Fragen zu antworten habe. Die Sonne warf eben ihren letzten Purpurſchein gegen die hohen Bogenfenſter⸗ als ſie vor dem Schloſſe des Freiherrn an⸗ kamen.„Nun Muth, Felir,“ ſagte der Quaſi⸗Hofmeiſter:„verrathe ja durch kei⸗ nen Zug, durch keine unzeitige Aeußerung, die Unaͤchtheit deiner Perſon, ſo wird Alles gut gehen, und ehe die naͤchſte Morgen⸗ 8 ſonne dieſe Fenſter vergoldet, haben wir un⸗ ſern Zweck erreicht und ſind wieder in Freiheit.“ Die beiden Naͤuber zu Pfetde eitten nun voraus, um fuͤr den jungen Marcheſe 8 Einlaß zu bewirken. Sie produeirten d 5 — 5²2— Freiherrn ihre Papiere, und dieſer, weit entfernt an der Aechtheit derſelben zu zweifeln, befahl ſogleich, ſeinem kleinen Pflegeſohn Thor und Pforte zu oͤffnen und ihn in ſeine Arme zu fuͤhren. Alles ging den Raͤubern nach Wunſche. Der Freiherr hatte den Sohn ſeines ver⸗ ſtorbenen Freundes nur als ein zartes Kind an der Mutter Bruſt geſehen, die nun auch ſchon dahin geſchieden war; er druͤckte den ſchoͤnen Juͤngling zaͤrtlich an ſeine Bruſt, and ſchwur, ſo lange er lebe, ihm Vater zu ſeyn. Felix empfand einige Ruͤhrung, heiße Thraͤnen ſtuͤrzten aus ſeinen Augen, und ſein Herz fuͤhlte in dem Augenblicke keinen ſehnlichern Wunſch, als dieſen edeln 1 Mann wirklich fuͤr immer Vater nennen zu duͤrfen; aber es blutete auch, wenn er daran dachte, daß er die Hand dazu bieten muͤſſe, dieſen edelin Mann zu binterehen. Die uͤberſchwengliche Pracht, der unende liche Reichthum, der ſich, wohin das Auge auch blicken mochte, zeigte, war in der That hemerkenswerth; allein in Felix Augen erregte dieß keine Bewunderung; denn es war ihm, als ob ein dunkier Traum, aus der Kindheit fruͤhen Jahren, aͤhnliche Prachs und Reichthum vor ſeine Phantaſie zuruͤcke fuͤhre. 1 Nach aufgehobener Abendtafel mußte Felix von ſeinen uͤbrigen Verwandten und Bekannten aus Verona erzaͤhlen, und er ſpielte ſeine Rolle dabei ſo treu, daß kein Sterblicher darin einen Betrug haͤtte ahnen ſolten; denn der Geedanke: dieſen herrlichen Mann, der ihm von Minute zu Minute ieber wurde, zu betruͤgen, entlockte ihm heiße Thraͤnen, und machte ihn oft unfaͤ⸗ bn zu reden.— iimn 3 kenfele 8n. — 54— mit dem Alten allein gelaſſen, er haͤtte das Aeußerſte gewagt und das Ganze verrathen; aber ſie ſtanden ihm immer zur Seite und huͤteten jeden ſeiner Blicke. Als Felix den Wunſch aͤußerte, ſchla⸗ fen zu gehen, befahl der Freiherr, daß man dem Zuͤngling ein Bette in ſeinem Schlaf⸗ zimmer bereiten ſolle, wogegen der vorgeb⸗ liche Hofmeiſter einwandte, daß der junge Menſch ſo ſehr daran gewoͤhnt ſey, mit ſeinem Hofmeiſter in demſelben Zimmer zu ſchlafen, daß er fuͤrchte, Felir moͤge ſich ohne ihn in dem fremden Schloſſe aͤngſti⸗ gen; worauf denn auch dieſem ſein Nacht: lager im Schlafzimmer des Freiherrn ange⸗ wieſen wurde. Als Alles zur Ruhe war, ging auch der Freiherr in ſein Gemach: heiße Thraͤnen ſtuͤrzten aus Felix Augen, als er ihn leiſe und andaͤchtig Folgendes heten hoͤrte:„Guter Gott! wenn es dir ge⸗ faͤllt, ſo friſte mein Leben nur noch ſo lange, bis dieſer, mir von ſeinem ſters benden Vater anvertrauete Juͤngling, zum Manne emwporgereift iſt und meiner Leiz tung nicht mehr bedarf!“ Siebentes Capitel. Haͤlfe! Huͤlfe! Moͤrder! Diebe! Naͤuber! Huͤlfe! Das waren die erſten Worte, wel⸗ be Felir nach Mitternacht aus dem lei⸗ ſen Schlummer, in welchen er eben ver⸗ ſunken war, empor riſſen. Er riß die Au⸗ geen auf, und ſah einen Theil des Schlaf⸗ gemachs ſchon in lichten Flammen ſtehen, den Freiherrn aber gebunden am Boden liegen. Raſch ſprang er auf, rang die G Hande und wußte eigentlich nicht, an wen er ſich wenden ſollte; doch in dem Augen⸗ blicke trat der Muͤller und der Foͤrſter, welche er Beide daheim glaubte, mit Un⸗ geſtuͤm herein, und nun ließ ihm die Furcht keine Wahl mehr. Mit Schauder und Entſetzen mußte Felix anſehen, wie der fuͤhlloſe Foͤr⸗ ſter dem wehrloſen Freiherrn die Spitze ſeines Waidmeſſers auf die bloße Bruſt ſetzte, und ihm ſo die Schluͤſſel zu ſeinen Schaͤtzen abpreßte, welche dieſer auch, um nur ſein Leben zu retten, hergab, und naͤhere, ſichere Nachweiſung uͤber den Ort, wo die Schaͤtze lagen, ertheilte. Das Feuer ſchien nur, um Schrecken zu erregen, angelegt zu ſeyn, denn die leichten Umhaͤnge des frei⸗ herrlichen Bettes waren von dem Muͤlle ſelbſt bald wieder geloͤſcht. Die Raͤuber ſchienen den groͤßten Theil ihrer Beute ſchon in Verwahrung gebracht 8 zu habehs denn als Fe lir mit dem Mäͤl⸗ Schloſſes kam, ſtanden die meiſten derſel⸗ ben ſchon muͤſſig und harreten nur noch der Uebrigen, und als nach wenig Minu⸗ ten Alle verſammelt waren, ging es hinaus in die ſinſtre Nacht, die von keinem Sterne erleuchtet wurde. Der Reiſewagen, ſo wie die zwei Reitpferde, waren ſchwer mit ge⸗ raubten Schatzen beladen, und Alles, ſelbtt Felix, mußte zu Fuße ſo raſch als moͤg⸗ lich folgen. Mit Anbruch des Tages ka⸗ men ſie wieder in der Muͤhle an, allein 4 es wurde dießmal zu keiner Theilung ge⸗ ſchritten, ſondern die Schaͤtze an einem heimlichen Orte bis zu gelegener Zeit verborgen. —— Nach drei Tauen, in welchen die Naͤu⸗ ber ihre Schaͤtze getheilt haben mochten, nd Alle ſehr zufrieden geſtellt waren, er⸗ hielt Felix die gaößten Lobſpruͤche uͤber fein heldenmuͤthiges Betragen, und man deutete ihm mit ſehr freundlichen Worten an, daß der Zeitpunkt nun erſchienen ſey⸗ wo ſie ihn nach der kaiſerlichen Reſidenz⸗ ſtadt Wien auf einige Jahre in die Lehre bringen wollten. Felix außerte hierauf⸗ daß er wohl Luſt habe, ſich dem Studium mancher ſchoͤnen Wiſſenſchaft zu widmen, worauf man ihm erklaͤrte, daß es damit noch Zeit habe; erſt muͤſſe er ein Haud⸗ werk lernen, zum Beiſpiel: das eines Schloſſers oder eines Schornſteinfegers. Auch gut, dachte Felix, biſt du nur erſt aus ihren Klauen, dann wird Gott und gute Menſchen ſchon weiter fuͤr dich ſorgen, und hoͤrte es mit Freuden, als es ſchon nach acht Tagen hieß:„Morgen, Felix, reiſen wir.“ Der morgende Tag erſchien, und er ſah abermals den ſchoͤnen Reiſewagen, mit vier Pferden beſpannt, vor der Thuͤre ſtehen. Er trat in die Stube und erblickte drei ſchon bekannte Geſichter, welche eine Art Bedienten⸗Livree angelegt hatten. Seine Bewunderung aber erregte der Muͤller, den er bis jetzt noch immer in einer und der⸗ ſelben Kleidung geſehen hatte, welcher aber heute ganz beſonders elegant, ja praͤchtig 84 lecde war. Auch Felix gebot man, ſeine bisherigen Kleider abzulegen, und da⸗ fuͤr neue, geſchmackvolle anzuziehen. Waͤh⸗ rend Felix mit Ankleiden beſchaͤftigt war, hemerkte er zu verſchiedenen Malen, daß Roſa mit rothgeweinten Augen aus und ein ging, und ihn verſtohlen einen Wink gab. Als er draußen einen Augenblick mit ihr allein war, ſiel ſie ihm um den Hals, indem ſie ſagte:„Du reiſeſt, Fe⸗ lix! vielleicht will es das Schickſal, daß wir uns nie wieder ſehen; inſt Du mich 9 vergeſſen koͤnnen?“ 7e Du datfſ n nicht nauben, daß A darum — 61— Nie, gute Roſa! ich bin Dir viel ſchuldig; Du haſt mich belehrt, haſt mich zum Menſchen gebildet. Nie werde ich Dich vergeſſen, und wenn ich dereinſt mehr⸗ fuͤr Dich thun kann, Dir meine Dantbar⸗ keit beweiſen. Der Muͤller oͤffnete die Thuͤre und be⸗ fahl Felix, an ſeiner Seite in dem Wa⸗ gen Platz zu nehmen. Einer der Naͤuber lenkte die Pferde und die beiden Uebrigen nahmen auf dem Bocke als Bedienten ihren Platz, und ſo ging die Reiſe ſort. „Hoͤr' einmal, Felix,“ ſagte der Muͤl⸗ ter, nachdem ſie ſchon zwei volle Tage ununterbrochen ihre Reiſe fortgeſetzt hat⸗ ten:„Du wirſt von jetzt an nun mei⸗ ner perſoͤnlichen Aufſicht entzogen; allein, nicht allein eine bedeutende Summe Geldes ausſetzen, mit der Du nach Belieben ſchalz ten und walten darfſt, ſondern Du wirſt auch allenthalben, wo Du gehen und ſtehen magſt, von den Meinigen umgeben ſeyn. Begehſt Du einen Fehltritt, ſprichſt Du ein unzeitiges, unuͤberlegtes Wort, ſo wirſt Du augenblicklich einen Wink bekommen, der Dich an meine Gegenwart und meine Gewalt uͤber Dich erinnert. Fragt Dich Jemand uͤber Deine Geburt, ſo ſage: Italien ſey Dein Vaterland, in Verona ſeyſt Du geboren; allein Dein Vater, ein reicher Graf, der ein Liebhaber alles Son⸗ derbaren und Auffallenden ſey, habe Dich ſchon als ein Kind von drei Jahren mit auf Reiſen genommen. So ſey es auchh ebenfalls eine Grille des Sonderbaren, daß Du das niedrige Gewerbe eines Schorn⸗ ſeeinſegers erlernen muͤßteſt. Dein Geld, das ich in irgend einem großen Handels — 63— hauſe deponiren werde, kannſt Du monat⸗ lich erheben und wird es mir angenehm ſeyn, wenn Du nichts davon erſparſt. Spiele nach Deinem Gefallen eine glaͤnzen⸗ de Rolle, gehe in die vornehmſten Geſell⸗ ſchaften, wenn Du Zutritt darin erhalten kannſt, ſey bis zur Verſchwendung wohl⸗ thäͤtig; denn im Fall eine Summe von zweitauſend Gulden monatlich nicht zurei⸗ chen ſollte, ſo zahle ich mehr; uͤberhaupt mache Dir das Leben ſo angenehni, als es Dir beliebt. Nur ſey vorſichtig in Deinen Reden; verrathe um Alles in der Welt nichts von den Verhaͤltniſſen, die Du ſeit einem Jahre unter uns haſt kennen lernen, ſonſt iſt es um Dein Leben geſchehen. Ein einziges Wort waͤre hinreichend, Dir uͤber Dein ganzes kuͤnftiges Leben Aufſchluß zu geben, allein der Plan, den ich mit Dir im Sinne habe, iſt fuͤr Dein Alter zu groß; Du wauͤrdeſt es noch nicht faß wenn ich Dir's begreiflich machen woll⸗ te, daß Du einſt Herrſcher uͤber Viele werden ſollſt. Darum noch einmal: Sey auf Deiner Hut und huͤte beſonders Deine Zunge!“ Achtes Capitel. Sie hatien Wien erreicht, und ſtiegen in einer der vornehmſten Aubergen ab. Der erſte Tag wurde dazu angewendet, alles Sehenswerthe in Augenſchein zu nehmen. Die beiden Raͤuber, welche gleich bei der Abreiſe die Rolle der Bedienten uͤbernom⸗ men hatten, blieben dieſer auch getreu, und nur wenn ſie mit dem Maͤller allein im Zimmer waren, ſiel die dienende Unter⸗ wuͤrfigkeit weg, und ſie waren Freunde nach wie vor. Des andern Tags, da ſie am aiche ehe. wurde ein Fremder gemeldet. Er — 66— ſoll willkommen ſeyn, ſagte der Muͤller, und ging, ſeiner Rolle getreu, als Mar⸗ cheſe dem eintretenden, ehrbaren Schorn⸗ ſteinfeger⸗Meiſter entgegen. „Ew. Gnaden haben mich zu ſich ent⸗ bieten laſſen,“ hub dieſer mit vielen Kratz⸗ fuͤßen an,„was ſteht zu Dero Befehl?“ Ja, mein Freund, antwortete der Mar⸗ cheſe herablaſſend: nehmen Sie Platz und trinken Sie mit mir und meinem Sahne ein Glas Wein. 6 Der Schornſteinfeger nahm nach vielen Verbeugungen endlich die Einladung an, und der Muͤller brachte baaufr ſein Anlie⸗ gen vor. MI LS* 5 dn „Sie ſehen in mir,“ ſagte er,„den Marchkie Madai, aus Verona Beburtig, — 65— und dieſer hier iſt mein Sohn Felix. Ich beſitze in Italien viele anſehnliche Guͤ⸗ ter, halte mich aber daſelbſt nur ſelten auf, ſondern bin faſt unaufhoͤrlich auf Reiſen. Ich bin ein Freund alles Sonderbaren und Ungewoͤhnlichen, und dieſerhalb wuͤnſche ich auch, daß mein Sohn, der einſt der Erbe meiner Guͤter wird, nicht allein die Ver⸗ haͤltniſſe ſeines Standes und ſeines Glei⸗ chen kennen lerne, ſondern auch mit dem Buͤrgerſtande und ſeinen Unannehmlichkei⸗ ten bekannt werde. Ich habe das Prin⸗ cip: daß nur ein oolcher Mann einſt ein wuͤrdiger Beherrſcher ſeiner Untergebenen werden kann; meinen Sie das nicht auch?⸗. Bin ganz Ew. Gnaden Meinung, er⸗ wiederte demuͤthig der Schornſteinfeger Meiſter, und bin begierig, Dero weitere Abſicht zu vernehmen 4 1 7 „Die ſollen Sie gleich erfahren. Se⸗ hen Sie, mein Freund, dieſer mein Sohn ſoll das von Manchen verachtete Geſchaͤft eines Schornſteinfegers erlernen, und die⸗ ſerhalb habe ich Sie rufen laſſen, um Sie zu fragen, ob Sie ſich wohl geneigt finden wuͤrden, ihn gegen ein gutes Lehrgeld zwei Jahre in Ihr Haus zu nehmen und ihm die Geſchaͤfte zu lehren.“ Ich muß faſt glanben, daß Ew. Gna⸗ den ſcherzen. „Keineswegs, es iſt mein voͤlliger Ernſt. Erklaͤren Sie ſi ch nun, ob Sie meinen Sohn mnorgen ſchon in Ihr Haus nehmen koͤnnen, und um das Uebrige denke ich ſchon 9 mit Ihnen fertig zu werden.“ 3 Ich wuͤrde mir, wenn es Ew. Gnaden Ernſt waͤre, ein Vergnuͤgen daraus machen Denenſelben zu dienen⸗ 6 — 69— „Gut, ſo hoͤren Sie meine Bedin⸗ gungen. Mein Sohn muß, wie es jedem Lehrling zukommt, Ihnen in den eigentli⸗ chen Geſchaͤften gehorſam und treu ſeyn, allein, wenn dieſe beendigt ſind, dann wuͤnſchte ich, ihn ganz ſeiner Freiheit zu uͤberlaſſen, wozu ich ihm alle Monate zwei Tauſend Gulden Taſchengeld ausgeſetzt ha⸗ be. Dieſe Freiheit darf er jedoch nur ſo lange genießen, bis er ſich derſelben durch ſein Betragen verluſtig macht. Ihnen ver⸗ preche ich jaͤhrlich tauſend Gulden Lehrgeld, welche Sie gegen Vorzeigung eines Schei⸗ nes von mir heben koͤnnen. Sind Sie damit zufrieden, ſb reichen Sie mir Shre Hand.“ bsne. Hier iſt meine Hand! Ew. Gnaden ſi⸗ ten auch mit mir Giufiidef ſeyn.— Der laufende xag wurde noch dem Beis gnuͤgen gewidmet, und ſchon am folgenden — 79— Morgen trat Felir ſeine Lehrjahre an. Der Muͤller reiſete, nachdem er dem Schornſteinfeger geſagt:„in zwei Jahren hole ich meinen Sohn wieder,“ zum Thore hinaus, und Felix verſuchte ſi ch nun in dieſer ſchmutzigen Kunſt. b Es iſt wohl natuͤrlich, daß eine ſo ſeltſame Geſchichte ſelbſt in der großen Kaiſerſtadt einiges Aufſehen erregen mußte. Man ſprach faſt uͤberall davon, und Jeder, dem das Gerede von dem Sohne eines reichen 3 Marcheſe, der ein Schornſteinfeger werden ſollte, zu Ohren kam, wuͤnſchte den jungen * Menſchen auch kennen zu lernen. Einige Neugierige, die nicht eher ruheten, bis ſie ihn geſehen hatten, ſprachen uͤber die aͤu⸗ ßere Bildung des Juͤnglings ein ſo guͤnſti⸗ ges Urtheil, d daß die Menge Derjenigen, die ihn zu ſehen wuͤnſchten, immer groͤßer wurde. Am beſten ſtand ſich dabei der — 1— Meiſter. Faſt aus allen Stadtvierteln ſchickten die reichſten und anſehnlichſten Hausbeſitzer zu ihm, und wuͤnſchten ihre Kamine geſegt zu haben; ſie ließen aber jedesmal ausdruͤcklich ſagen: der Meiſter moͤge doch den neuen Lehrling ſchicken. So war kaum ein halbes Jahr verſtri⸗ chen, als es unſer Felir ſchon zu einer gewiſſen Fertigkeit in ſeinem Metier ge⸗ bracht hatte. Allgemein geliebt und faſt aberall gekannt, machte ihm ſogar dieſes Leben vieles Vergnuͤgen. Ging er in ſeinem ſchmutzigen Ornate uͤber die Straße, und zwar mit ſeinen Kameraden, ſo erregte er doch allgemeines Aufſehen, und man fand ihn dennoch liebenswuͤrdig; auch machte es ihm Vergnuͤgen, ſich auszuzeichnen, weßhalb er denn auch gewoͤhnlich einen hellgruͤnen Tuchmantel uͤber ſeine Schulter geworfen⸗ und einen kleinen ſpaniſchen Hut mit einer * hohen Feder trug. Arme und Nathteden de freueten ſich ſeiner beſonders, und nahe⸗ ten ſich, wenn ſie ihn ſahen, mit vieler Freundlichkeit und Vertrauen, was er auch nie taͤuſchte, ſondern immer ſo lange Lab⸗ his ſeine Taſchen leer waren.— Eines Tages wurde er auch ſchon frih am Morgen, auf beſonderes Verlangen, nach dem Schloſſe des Grafen von M. ge⸗ ſchickt, wo er die Kamine fegen ſollte. Er hatte noch einen Burſchen, welcher die Lei⸗ † ter tragen mußte, bei ſich, und ging ſ recht froͤhlichen Muthes ſeinen Geſchaͤften nach. Im graͤflichen Palaſte waren nur erſt die Domeſtiken wach weelche ihn Au⸗ weiſung Haben. Es iſt eine angeſtrethard Wuhrheit daß des Menſchen Schickſal oft von einem unwillkuͤhrlichen Augenblick abhaͤngt, der ihn feuͤh oder ſpat ereilt; und ſo⸗ ging es auch heute unſerm Felix, indem dieſer Gang nicht allein ſeinem Leben und Wir⸗ ken eine andere Richtung gab, ſondern daruͤber einen entſcheidenden Ausſchlag that. Zwei Kamine hatte Feliy mit der groͤßten Unbeſangenheit ſchon gereinigt, wo⸗ bei er leiſe ſein Morgenliedchen geſungen, und ſtieg eben in das dritte und letzte. Hier vereinigten ſich mehrere Gaͤnge, wel⸗ che oben in einen Forſte endigten. Auch hier that er ſeine Schuldigkeit, und war eben im Herunterſteigen begriffen, als er durch Zufall— ſoll ich es Gluͤck oder Ungluͤck nennen?— in einem unrechten Gange ruͤckwaͤrts fuhr. Als er den feſten Boden erreicht hatte, glaubte er in der Kuͤche ober ſonſt am Ausgange eines Kamins zu ſeyn⸗ befand ſich aber zu ſeinem Schrecken— in einem reitzenden Schlaſgemach — — 74— Erſchrocken ſah er ſich nach allen Sei⸗ ten um, und erblickte in der magiſchen Daͤmmerung, welche durch die herabgelaſſe⸗ nen Fenſter⸗Rouleaus entſtand, in einem ſchneeweißen Bettchen ein bluͤhendes junges Maͤdchen. Obgleich Felix noch ſo in der reinſten Unſchuld lebte, ſo ſteht doch nicht zu leugnen, daß dieſer Anblick einen hefti⸗ gen Eindruck auf ſein zartfuͤhlendes Herz machte. Eine lange Minute ſtand er und heftete ſein Auge mit unverwandten Blik⸗ ken auf das ſchoͤne, unſchuldige Engels⸗ koͤpſchen, das mit ſeinen braunen Locken noch ſanft in den weichen Flaumen ruhete. Er ſah, und ſah immer hin, und je laͤnger er das freundliche, ruhige Geſicht betrachte⸗ te, je intereſſanter wurde es ihm, und end⸗ lich kams ihm ſogar vor, als haͤtte er's ſchon laͤngſt irgendwo einmal geſehen, doch konnte er ſich nicht beſinnen, wo? Die rings um ihn herrſchende Stille ſetzte ſeine —— Standhaftigkeit auf keine geringe Probe; mehrere Male war er im Begriff, auf die bluͤhenden Purpurlippen des holden Maͤdchens einen Kuß zu druͤcken, doch hielt die Furcht, das reitzende Maͤdchen zu er⸗ wecken und zu erſchrecken⸗ ihn davon ab⸗ und er begnuͤgte ſich damit, in einer An⸗ wandlung von Muthwillen mit dem ſchwar⸗ zen Finger leiſe uͤber die ſchoͤne Roſen⸗ wange zu ſtreicheln, und ſtieg ſodann wie⸗ der ins Kamin, ohne daß ihn irgend Je⸗ mand geſehen haͤtte. ————— „ Neuntes Capitel Wir halten es fuͤr nothwendig, dem ge⸗ neigten Leſer in dieſem Capitel etwas uͤber die Geburt unſers Felix, ſo wie uͤber Die⸗ jenigen, die ſich zu Herren ſeines Schick⸗ ſals aufgeworfen haben, mitzutheilen. Der Marcheſe Sebaſtiano, ein ſehr reicher und Einfluß habender Mann, kam wegen einer Revolution in Florenz, an deren Spitze man ihn waͤhnte, unſchul⸗ dig in Verdacht. Einige ſeiner Freunde, welche von ſeiner Unſchuld uͤberzeugt wa⸗ ren, unterrichteten ihn zeitig genug von ——— —— der Gefahr, die ſeiner Freiheit, ja ſei⸗ nem Leben drohe, und er beſchloß: bis zu dem Zeitpunkte, wo es ihm leichter ſeyn werde, ſich von jedem Verdachte zu keini⸗ gen, allen unangenehmen Vorfällen durch die ſchleunigſte Flucht zu entgehen. Seine zarte Gattinn begleitete ihn mit ihren bei⸗ den unmuͤndigen Kindern, einem Knaben von drei, und einem Maͤdchen von einem Jahre, nebſt einer ſehr jugendlichen Waͤrs terinn der Kinder, bei der die Graͤfinn einſt Mutterſtelle vertreten hatte, einen: Bedienten und einem Kutſcher, welche die ganze Bedienung des Marcheſe ausmachten⸗ Schon waren ſie drei Tage unterwegs, und hatten ſchon Italiens Graͤnze hinter ſich, als ſie am Abend des vierten Tages, in der Hoffnung, nun der groͤßten Gefahr entgangen zu ſeyn, ſich in dem Gaſthofe eines deutſchen Städtchens niederließen⸗ — 738 und hier die erſte ruhige Nacht wieder u verleben gedachten. Kn. Zwei Diener der Gerechtigkeit, welche ſich ſchon ſeit laͤngerer Zeit mit ungerechtem Gute bereichert hatten, und ihre Entdek⸗ kung nicht mehr fern waͤhnten, wurden be⸗ auftragt, dem entflohenen Marcheſe nachzu⸗ ſetzen. Die Gelegenheit benutzend, hatten ſie in aller Eile was los gewollt zuſam⸗ mengerafft, und waren keineswegs in der Abſicht, ihre Pflicht zu erfuͤllen, dem Mar⸗ cheſe nachgeeilt. Sie trafen einige Stun⸗ den ſpaͤter, als dieſer, in dem Gaſthofe ein, und wunderten ſich nicht wenig, ſo ganz unverhofft ihr Opfer zu finden. Sie berathſchlagten mit einander, wohl am raͤthlichſten zu chun ſey, und beſchloſ⸗ ſen endlich: den Marcheſe zu noͤthigen, ih⸗ nen viertauſend Gulden auszuzahlen, woge⸗ gen ſie ihn ungehindert wollten reiſen laſſen. — 79— Es laͤßt ſich leicht denken, daß der Marcheſe, ſo hart es ihm auch ankam, ſich von dem Gelde, das er füͤr den Au⸗ genblick ſo nothwendig bedurfte, zu trennen, dennoch, um jedem Aufenthalte auszuwei⸗ chen, die geforderte Summe zahlte. Al⸗ lein die Nichtswuͤrdigen, hiermit noch nicht zufrieden, ſuchten den Marcheſe um ein noch weit koſtbareres Gut zu bringen, das ihm um alle Schaͤtze der Welt nicht feil geweſen waͤre; und die unerhoͤrte Bosheit gelang. —, wie ſchon oben er⸗ waͤhnt, zwei Kinder, zwei heilige Pfaͤnder ehelicher Zaͤrtlichkeit, an denen ſeine ganze Seele hing. Mit dem dreijaͤhrigen Kna⸗ ben ging, waͤhrend die Buben mit dem Marcheſe unterhandelten, die Waͤrkerinn im Vorſaale auf und ab, um den Kleinen in den Schlaf zu lullen. Dieſen Angen: Setadt. — 8⁰— blit benuhte das kinderloſe Weib eines dieſer ehrloſen Boͤſewichter, und beredete die junge Waͤrterinn, verſprach ihr goldene Berge, taͤuſchte ſie durch allerlei ſchaͤndliche Läͤgen, und dieſe war ſchwach genug, in ih⸗ ren niedertraͤchtigen Plan, mit dem Kinde heimlich zu entfliehen, einzuwilligen. Kaum waren die Kerle ihres Handels mit dem Marcheſe einig geworden, ſo verließen ſie auch augenbligklich das had und die Schon war eine volle Stunde derſoß ſeu/ in welcher die geliehtem albelücklichen Ehegatten uͤber ihr weiteres Schickſal rath⸗ ſchlagten, als man den Knaben ſammt der Waͤrterinn vermißte. Alles wasedſs Angſ, der unerhörte Schmerz, in einem fremden Lande, unter fremden Menſchen, dem um gluͤcklichen Marcheſe eingab, geſchah auf 4 der Srelie; allein alles ohne Erfolg, indem — 3— man nicht erforſchen konnte, welchen Weg die ruchloſen Raͤuber eingeſchlagen hatten. Vier und zwanzig Stunden verweilte Se⸗ baſtiano noch, in welchen jedes Mittelz⸗ das ihm nur zu Gebote ſtand, ergriffen wurde, doch nur mitleidige Thraͤnen wa⸗ ven die Antwort eines jeden Ausgeſandten⸗ die Sebaſtianos zarte Gattinn faſt zur Ver⸗ zweiflung brachten. Da nun jede Hoſſnung, den Knabent wieder zu finden, verloren war, dem Edeln auch an ſeiner Fr eihett nem Lehen nichts mehr gelegen⸗ un beſchloß, auf der Stelle den Ruͤckweg nach Italien wieder anzutreten, und zu verſur chen, ob das verlorne Kleinod dort nicht 4 wieder 3 ſinden ſey. 4 Wit unſte ſie reiſen, nud wolle weitere Geſcihe zu einer Knderns theilen, um jetzt jene Naͤuber mit dem gte⸗ ſtohlenen Kinde zu verſolgen. Eiiner derſelben, Namens Makko⸗ welcher in ſeiner Jugend das Muͤller⸗ Handwerk erlernt hatte, bemuͤhete ſich in jener Umgegend eine Muͤhle von dem man⸗ cherlei geraubten Gelde zu erkaufen, und es gelang ihm auch, eine tief im Walde verſteckt liegende Mahlmuͤhle, welche ſeit anger Zeit ſchon wegen Spukelei im uͤbenn Rufe ſtand, aufzutreiben. Er kaufte ſie fuͤr einen ſehr niedrigen Preis, indem Nie⸗ mand mehr in der verrufenen Muͤhle mah⸗ len wollte, allein ihm war dieſer Ruf ſehr willkommen, um deſto weniger hatte er üiſine Beluche zu beſnr hien Der Zweite, Namens Graugan m, 86 war fruͤher Bedienter und Jaͤger in u Perſon bei einem Grafen in Italien ge⸗ 4 eſeh⸗ und hatte ſch einige Forſt⸗ und Jagdkenntniſſe erworben, von weichen er jetzt, durch mancherlei Luͤgen von erlittenen Schickſalen, Nutzen zu ziehen hoffte, und es gelang ihm auch wirklich, durch ſeine Raͤnke eine kleine Förſter⸗Stelle zu erhal⸗ ten. Dieſer Gauner war es, bei dem wir unſern F elix zuerſt erblickten, deſſen Weib war es, welche Schlauheit genug beſeſſen hatte, die leichtſinnige Waͤrterinn zur Un⸗ dankbarkeit gegen ihre Wohlthaͤter, und zu der unerhörten Entwendung des Knaben, zu bereden. Von dem Foͤrſter etwa fuͤnf Stunden Wegs entfernt wohnte Makko⸗ der Muͤller, in ſeiner verruſenen Muͤhle, und da er unbeweibt war, ſo diente ihm Rofa— Fetix ehemalige Waͤrterint⸗ welche ihren unbeſonnenen Leichtſinn zu ſpaͤt bereuete— als Haushaͤlterinni. 3 H von dem Tage an, ve jener Gegend angeſtedelt 6 ſie nach und nach neue Konſorten anzuwer⸗ ben, und bald ſanden ſich auch Verſchie⸗ dene ihres Gelichters, ſo daß, als Felir ſein funfzehntes Jahr erreicht hatte, die Bande, welche in einem Umkreiſe von zehn Meilen zerſtreut wohnte, ſich ſchon zu ſechzig Mann angehaͤuft hatte. t8 Zehntes Capitel A Alles lachte laut auf, als die funfzehnjaͤh⸗ rige Pauline ins Wohnzimmer trat, wo die Familie beim Thee verſammelt war. Beſchaͤmt ſah das arme Maͤdchen zur Er⸗ 2 de, und wußte nicht, womit ſie dieſen alle gemeinen Spott verdient hatte. Als man ſich endlich aber gar nicht ſatt lachen konn⸗ te, brach ſie in Thraͤnen aus. Da trat ihr Bruder Eduard zu ihr, fuhrte die Hochergluͤhete zum Spiegel, indem er ſag⸗ te: Da ſieh nur, liebe Schweſter, und dann ſage, ob wir lachen oder weine ſol⸗ len? Pauline ſah in den Spiegel, und waß denn ein kohlſchwarzer Streif, vom linken Ohre uͤber die ganze liebliche Wange herab⸗ war die Zielſcheibe des Lachens geweſen. Ihr moͤgt lachen, ſagte Pauline unwillig, aber ich habe Urſache zu weinen, denn un⸗ begreiflich iſt mir's, da außer der Mutter Niemand in mein Schlafzimmer kommt, wer ſich dieſen Spaß erlaubt haben mag. Wer ſonſt, ſagte die Mutter, als Dein lieber Bruder Eduard? Eduard ſchwur 5 hoch und theuer, daß er nichts davon wiſſe, and im Fall er's gethan, er es jetzt geſte⸗ hen wuͤrde. Die Sache wurde unterſucht, aber es ſand iic keine Spur; Jeder, der ſich im Hauſe befand, verſicherte, dieſen Morgen nicht in dem Zimmer der Graͤfinn Pauline geweſen zu ſeyn. Nun ſo muͤſ⸗ ſen es, ſagte nach manchem verdrießlichen Hin⸗ und Herreden der Graf, ſo muͤſſen es Geiſter geweſen ſeyn, die in Dei⸗ ſie noch nicht roth, ſo wurde ſie es jetzt; —. nem Schlafzimmer ihr Unweſen getrieben haben. 1 Warum nicht gar, antwortete Pauline weinerlich: Geiſter haben ja keine Finger. Aber der Schornſteinfeger, rief Eduard und wollte vor Lachen berſten. 4 Ja wahrhaftig! rief Alles. Der Schorn⸗ ſteinfeger, der verdammte Schornſteinfeger; außer ihm konnte auch keine menſchliche Seele in das Zimmer kommen. Obgleich Jedermann glaubte, daß Ni⸗ mand als Felix dieſen kleinen, muthwille gen Streich begangen hatte, ſo war man 1 deſſen dennoch nicht ſo ganz gewiß, denn Niemand hatte es geſehen, und Niemand konnte dem Wege dieſer kleinen Teufelsge 3 ſtalt nachfolgen. Es wurde daruͤber 0 — 38— Manches geredet und beſchloſſen, und zuletzt beſtand Pauline darauf, man ſolle den Schornſteinfeger den folgenden Morgen wie⸗ der kommen laſſen und ihm ſagen, daß ge⸗ rade in dieſem Kamine ein Fehler vorge⸗ gangen ſeyn muͤſſe. Es geſchah und Felix ſtellte ſich am folgenden Morgen wieder ein, allein er war ſchlau genug, nicht in die ge⸗ legte Falle zu dehen. Als er ſeine Gechaft geendet, und ſcch wieder in ſeinen gruͤnen Mantel gehuͤllt hatte, wollte er gehen, allein in dem Au⸗ genblicke vertrat ihm Eduard, der junge Graf M., den Weg. Er taupfte eit gleichgültiges Geſpraͤch mit ihm an und fand bald, das, was das Geruͤcht von 3 ihm ſagte, naͤmlich: daß er ein ſehr ar⸗ tiger, gebildeter Menſch ſey, in jeder Hin⸗— 49 uah 5 auch anfing⸗ das Geſpraͤch eine Zeitlang zu — 39— So klug und fein es der junge Gral unterhalten, ſo wollte es ihm doch nicht ge⸗ lingen, Felix Zunge gelaͤuſig zu machen; im Gegentheil wurde Felix durch manche Frage Eduards uͤberraſcht, worauf er, ver⸗ moͤge ſeiner gemeſſenen Ordre, keine genuͤ⸗ gende Antwort geben durfte. Eduard merkte ſo etwas und lenkte anders ein; er ſuchte ihn zutraulich zu machen, ſprach von der Verſchiedenheit und Annehmlichkeit der franzoͤſiſchen und italieniſchen Sprache, er plauderte ihm von Vocal⸗ und Inſtrumen⸗—⸗ tal⸗Muſik vor, und brachte es aus bloßer e zeei⸗ Neugierde, um zu erfahren: ob Felix wirk⸗ Sihe 971 lich der Sohn eines Marcheſe aus Italien ſey, dahin, daß er ihm auf ſeine Bitte ver⸗ ſprach, Nachmittags einen Deiub bei ihm abzuſtatten. 1aAR Anianss trug Ferir enges vann — 90— 4 Wort gegeben hatte, denn er vermuthete, daß man auf der Spur ſey, ſeinen geſtri⸗ gen Spaß zu entdecken, doch ſein gegehe⸗ nes Wort war ihm heilig, und der Ge⸗ danke: daß„⁶ doch eigentlich nichts Boͤſes gethan, beſtegte ſeine Aengſtlichkeit. Eine Stunde vor der beſtimmten Zeit warf er ſich deßhalb in eine ſehr elegante und ge⸗ ſchmackvolle Kleidung, ſetzte ſich dann in ei⸗ nen Miethswagen und fuhr, in Begleitung ſeines gewoͤhnlichen Lohnbedienten⸗ vor das gräſuche Haus. SEiinen kleinen Umnfans, welcher ich i in 4 dem Augenblicke, da er vor des Schorn⸗ ſteinfeger⸗ Meiſters Hauſe einſteigen wollte, zutrug, duͤrfen wir zu erwaͤhnen nicht ver⸗ geſſen. Ein Menſch, in nicht geringer Kleidung, trat mit einer ehrerbietigen Ver⸗ beugung vor ihn und ſagte leiſe: Sie fah⸗ ven jetzt nach dem Schloſſe des Grafen ſeyn Sie in Reben und Antworten vorſich⸗ tig, wenn Sie ſich nicht der haͤrteſten Zuͤchtigung ausſetzen wollen.— Fel war des Hoͤchſten erſtaunt, und wurde nun zum Erſtenmale gewahr, daß er, wie man ihm geſagt: keinen Schritt thun koͤnne, den man nicht jederzeit wiſſe. Dann — fuhr der Unbekannte fort— habe ich noch den Auftrag: Ihnen den Ring abzu⸗ fordern, den Sie einſt bei einer geheimen Gelegenheit erhielten.„Den— antwot⸗ tete Felix mit ſichtbarer Verlegenheit den hab' ich laͤngſt verloren.“— Nun, ſo ſchadet es auch nicht, ſagte der Unbekann⸗ te; ich wuͤnſche viel Vergnuͤgen; vetbengee ſich und ging dann wieder. Nicht ohne atue Aengſtlichkeit uͤber ſei kuͤnftiges Schickſal, und uͤber die dunk Verworrenheit deſſelben, ſtieg Felit in de — 92— Wagen, und ehe er's vermuthet, war der Weg zuruͤckgelegt. Eduard, der ſeinen Gaſt am Fenſter erwartet hatte, wunderte ſich nicht wenig, ihn mit ſo viel Aufwand an⸗ kommen zu ſehen, und er ſah ſich genoͤthigt⸗ ſeinen Empfangsplan ein wenig zu aͤndern. Noch mehr aber wurde er uͤberraſcht, als Felix in einer beſſern Kleidung, als am Morgen, mit mehr Sicherheit und Zuver⸗ laͤſſigkeit im Ton und Wort ihm erſchien. Fe⸗ liy zeigte eine große Beſcheidenheit, ohne jedoch unterwuͤrfig zu ſcheinen; er ſprach nur dann, antwortete nur dann, wenn er dazu aufgefordert wurde, bewies aber auch gerade in den beſcheidenſten Ausdruͤcken, daß es ihm an nichts mangle, was ihn dem jun gen Grafen in jeder Hinſicht gleich mache. Sie hatten ſich ſchon eine volle Stunde, gerade ſo lange, als Felix zu dem Beſuche beſtimmt hatte, ſehr geiſtreich unterhalten; aud ſchon hielt der Wagen wieder vor der Thuͤre, der ihn zurückholen wollte, als Pauline— wie es ſchien durch Zufall in das Zimmer trat und bei Felir Anblick ein wenig uͤberraſcht wurde. Auch§ Feli gerieth in eine nicht geringe Verlegenhei denn er erkannte augenblicklich die wunder⸗ niedliche Zaubergeſtalt, der er ſich am geſtrie gen Morgen erlaubt hatte, in ihrem ſäͤ⸗ ßen Morgenſchlummer ein Zeichen ſeiner Anweſenheit zu laſſen. 3 Das Geſpraͤch nahm mit dem Eintritte Paulinens eine andere Wendung; Hoͤflich⸗ keitsbezeugungen wurden in unendlicher Menge gegen einander umgetauſcht, und Felix ſah ſich endlich, den beſcheider nen Fragen des Fraͤuleins Genuͤge zu 86 leiſten, genoͤthigt: das, warum er ein ſſſß ſchmutziges Gewerbe erlerne? 3u beantt 4 worten: — 4 „Mein Vater,“ ſagte er,„iſt ein Mann, der durchaus Alles, was alltaͤglich und ge⸗ woͤhnlich iſt, verabſcheuet; nur das Sonder⸗ bare, das Auffallende kann ihm behagen. Man kann nie, ſagt er, einen Menſchen ſeinem Handeln, Wirken und Thun ge⸗ ig beurtheilen, wenn man nicht einige Kenntniſſe davon hat. Ich koͤnne nie, meint er, meine einſtigen Unterthanen ſo belohnen und beſtrafen, wie ſie es wohl ver⸗ dienten, wenn ich nicht auch von den nie⸗ drigſten und geringſten Geſchaͤften mir einige Kenntniß erworben haͤtte. Monarchen, wel⸗ che ſich zum Beiſpiel: mit Schloſſerarbeit, oder mit der Fabrication des Siegellacks beſchaͤftigen, ſind ſeine Lieblinge, und ha⸗ ben ſeinen ganzen Beifall. So ſagt er ferner: der Adel, welcher dem Menſchen durch ſeine Geburt zu Theil geworden, ſey etwas Zufaͤlliges, und koͤnne nux geben: daß Sie bald, recht bald wi ſich durch edle Handlungen auszeichte, und ſo ſelbſt Hand anlegte, ihn zu ver⸗ dienen.“ Eduard ſo gut als Pauline ſanden die Grundſaͤtze des jungen Menſchen, ſo wie e ſeines Vaters, zwar ein wenig ſonderbar, doch keineswegs verwerflich, und in der Art, wie er ſie aus Licht zu ſllen mute⸗ ſogar liebenswͤrdig Schon war beinahe wieder eine Stunde verfloſſen, und Felix bat um die Er⸗ laubniß, ſich entfernen zu duͤrfen. Wenn Sie durchaus nicht mehr bleiben koͤnnen und wollen, ſagte Eduard, ſo wollen wir Sie auch nicht laͤnger darum bitten, doch muͤſſen Sie uns auf jeden Fall Ihr Wort kommen wollen. „ Felix verſprach es und ging. Beim Einſteigen in ſeinen Wagen druͤckte er dem Bedienten aus dem graͤflichen Hauſe, welcher ihn begleitet hatte, einen doppelten Louisd'or in die Hand. 7 Eilftes Capitel. . Es iſt Schade, ſagte Pauline nach einer langen Pauſe, in welcher ſie nachlaͤſſig durch die Scheiben geſchen, recht Schade um den jungen Menſchen. „Was denn, iiebe Schweſter? ich ver⸗ Kehe Dich nicht.“ Wunderliche Frage: 315, er ein ſo vere aͤchtliches Handwerk erlernen muß. „Kein Handweik in der Wett, das ſeinen Mann ernaͤhren muß, iſt der⸗ aͤchtlich⸗“ Wahrlich, Bruder, ich muß lachen, in⸗ dem ich glaube, daß Dich dieſer moderne Sonderling mit ſeinen Grundſaͤtzen und ſei⸗ ner Philoſophie angeſteckt hat; denn ge⸗ ſtern ſprachſt Du von einem gemeinen Handwerker noch ganz anders. „Nun, ich will es nicht leugnen, daß ich einen Handwerker fruͤher zu wenig ge⸗ achtet; allein ſeine Anſichten haben mich daruͤber eines Beſſern belehrt; ich ſehe ein, daß ich unrecht gehabt; aber wenn dem auch wirklich ſo waͤre, was gehr' ihn denn ei⸗ gentlich an? er will ja ſein Brot nicht damit verdienen, und dann ſteht er ja unter ſeinem 3 nderbaren Vater, dem er gehorchen muß.. Das iſt es ja eben, warum ich ihn be⸗ daure; denn es bleibt doch immer fatal, wenn es heißt: der junge Graf M. hat mir einem Schornſteinſeger eine Bekannt⸗ haft angeknupft. 45 — 99— „Alſo glaubſt Du, daß mich dieſes Vorurtheil abhalten koͤnnte, mit dem Sohne des Marcheſe Brambino Bekanntſchaft zu halten? Da irreſt Du ſehr; denn wenn mich ferner ſeine Unterhaltung ſo anzieht, wie heute, ſo wuͤnſche ich mir Gluͤck, einen ſolchen Freund gefunden zu haben.“ Intereſſant iſt dieſer Juͤngling, das muß der Neid ihm laſſen, denn in meinem Le⸗ ben hab' ich mich ja wohl noch mit keinem Fremden mit ſo viel Vergnuͤgen unterhal⸗ ten.— Pauline ging hierauf wieder in das Zimmer ihrer Mutter zuruͤck, und unterhielt dieſe mehrere Stunden von dem jungen Schornſteinfeger. Sie war unerſchoͤpflich in Lobeserhebungen uͤber das ſo ſehr ſreund⸗ 8 liche, artige Betragen, uͤber die ausgsbrei, 8 3 teten Kenntniſſ deſſelben; ſo, daß euſt de Graͤfinn neugierig wurde, den kleinen Sonderling kennen zu lernenu. Als des andern Tages die Stunde ſchlug, in welcher Felix zum Zweitenmale erwartet wurde, erſchien er nicht, obgleich ihn Eduard mit Sehnſucht erwartete. Pan⸗ line beſuchte waͤhrend der Zeit unter irgend da ſie aber nicht fand, was ſie erwartete⸗ und ihr Bruder ein wenig mißlauniſch ſchien, entfernte ſie ſich bald wieder. Son⸗ derbar, dachte ſie, warum mag er nicht ge⸗ kommen ſeyn? ich habe ihm doch wahrhaf⸗ tig nichts zu Leide gethan, und Eduard ge⸗ wiß eben ſo wenig. Sie ging wieder an nicht gelingen. Das Garn taugte nicht, die Nadel war zu plump, das Muſter ſo ihre Augen. Sie nahm ein Buch zur einem Vorwande ihres Bruders Zimmer, ihre Stickerei, aber die Arbeit wollte gar ſchlecht ausgedruckt— nein, dabei litten A 3 Hand, aber: lieber Gott! etwas Abge⸗ ſchmackteres hatte noch kein Menſch ge⸗ ſchri en. Sie ging ans Klavier, ſchloß es ad fing an zu praͤludiren, aber— da war ungluͤcklicher Weiſe eine Saite geriſ⸗ ſen. Was nun? Zeichnen?— ja zeich⸗ nen!— Aber da fehlte ja die Bleifeder? nun, die hat Eduard, und ohne ſich lange zu beſinnen, huͤpfte ſie wieder auf deſſen Zimmer. Mit freudiger Erwartung oͤffnete ſe die Thuͤre, aber— Felix war nicht da. Das iſt ein fataler, langweiliger Tag, dachte Pauline, und ſchlich wieder in inr Zunmer. Tags darauf ſandte Eduard durch einen Bedienten an Felix ein Billet. Als der Bediente ankam, war Felix ſo eben be⸗ ſchaͤftigt, ein ihm ſo eben nageändtes Bil let folgenden Inhalts zu ſeſen 3 5 — 102— „Mit Deiner angeknuͤpften Bekannt⸗ .„ſchaft im graͤflichen Hauſe ſind wir hin⸗ „laͤnglich zufrieden, nur duͤrfen wir nicht „unterlaſſen, Dich öͤfters zu warnen, „und Dich an ſtete Aufmerkſamkeit Dei⸗ „ner Worte zu erinnern. Da uns nichts „von Deinen Handlungen entgeht, ſo „darfſt Du auch verſichert ſeyn, daß uns „der mindeſte Abfall vom Wege der an⸗ „gelobten Treue ſogleich kund wird, 8 „und wir alsdann jedesmal Dir einen „Zeugen unter die Augen ſtellen werden. „ Beiliegende Karte betrachte genau, ſie „ſoll das Zeichen ſeyn, das Dir Jeder, „der von uns abgelandt wird, vorzei-« gen lo M. 3 gelir las dann 2u9 das Billet des zungen Grafen und verſprach: Schlag Iwa hr b da zu ſeyn. — 105— Drei Uhr war vorbei, und Pauline ſaß in tiefen Gedanken am Stickrahmen und hatte eine Nelke, welche ſie mit couleurter Seide ſtickte, gänzlich verdorben, als ſie raſch aufſprang, ihres Bruders Bleifeder er⸗ griff und zum Zimmer hinaushuͤpfte. Nach einer Stunde kam ſie mit einem ganz andern Geſicht wieder zuruͤck. In der gluͤhenden Purpurwange war das ſchelmiſche Gruͤbchen ſichtbar und das Lockenkoͤpſchen drehete ſich ſchnell nach allen Seiten. Der ſcharfſinnigen Graͤfinn, die die einzige Toch⸗ ter mehr als ihr Leben liebte, mußte dieſer ſchnelle Wechſel ihres lieben Kindes noth⸗ wendig auffallen, und ſie fragte deßhalb im gätigſten Tone: Wo basſ Du, Paulne⸗ „Auf Eduards Zimmer, liche Wther⸗ der junge Machſen aus Italien war da.“ n 958 — 104— Die Grafinn fragte kein Wort mehr; ſie waͤr nun hinlaͤnglich uͤberzeugt, daß das Bild des jungen Menſchen eine Saite in Paulinens Herzen beruͤhrt hatte, welche bis⸗ her noch keinen Klang von ſich gegeben. Nach aufgehobener Abendtafel aber ſuchte ſie das Geſpraͤch auf ſeinen heutigen Beſuch zu lenken und aͤußerte dabei den Wunſch, den jungen Fremden nebſt noch einigen Bekann⸗ ten des Hauſes auf Morgen bei ſich zu ſt⸗ hen. Eduard hatte mancherlei Bedenklich⸗ keiten, und haͤtte gern etwas dagegen ein⸗ gewandt, allein der Mutter Wort war Je⸗ dem der Kinder heilig, und ſo ſagte er nur⸗ daß er hoffe: ſein junger Freund werde die Einladung annehmen und kommen. Felix kam auch wirklich und zwar wie⸗ derum in einer andern Kleidung, die ſeinen ſchon gebauten Koͤrper auf das vortheilhaf⸗ teſte hob. Das Zeremonielle bei ſeinem 4 1 — 105— dießmaligen Empfange ſetzte ihn ein wenig in Verlegenheit, doch die Herzlichkeit des zungen Grafen brachte bald Alles wieder in's Gleiche.„Man begegnete dem Juͤnglinge mit außevordentlicher Achtung und Zuvor⸗ kommenheit, und ſelbſt die alte Graͤfinn ſuchte bald Gelegenheit, ein freundlich Wort mit ihm zu reden. Die uͤbrigen jungen Herren, ebenfalls aus großen Familien, welche mit gegenwaͤrtig waren, zogen ſich anfaͤnglich, den Schornſteinſeger ein wenig fuͤrchtend, zuruͤck, doch nicht lange, ſo machte ſein liebenswuͤrdiges Betragen ihre Vorur⸗ 3 theile zu Schanden und ſie naheten ſich 4 ihm freundlich und ungezwungen. Deer heutige Tag ſchien Felix Gluͤck zu begruͤnden. Die Graͤfinn, welche ihn nach einer Unterhaltung von mehrern Stun⸗ lärte ihn öͤßfentlich fuͤr einen Freund des den außerordentlich liebgewonnen hatte, er⸗ . — 106— Hauſes und erlaubte ihm, zu jeder Stunde des Teges, auch ungebeten den Zutritt. Felix nahm dieſe außerordentliche Guͤte mit der groͤßten Beſcheidenheit auf und ſag⸗ te: daß er in den Stꝛunden, welche ihm nach Vollbringung ſeiner Berufsgeſchaͤfte und ſeines noch noͤthigen Studiums noch uͤbrig bleiben wuͤrden, dieſe außerordentliche Guͤte und Herablaſſung zu verdienen ſuchen wuͤrde. Das Studium, mein theurer Freund, entgegnete hierauf der junge Graf, betreiben wir von jetzt an gemeinſchaftlich; es wird fuͤr uns Beide von Nutzen ſeyn und ver⸗ ſchafft uns die Gelegenheit, noch ofter bei⸗ ſammen ſeyn zu könnn. 3 Zwoͤlftes Capitel. * Von heute an beſuchte nun Felir faſt ununterbrochen taͤglich das graͤfliche Haus und ſeinen Freund. Beide trieben mit dem geoͤßten Fleiß ihre Studien, die vorzuͤglich in Erlernung fremder Sprachen beſtanden, wozu ſie theils gemeinſchaftlich, theils jedeh heſonders, ihre Lehrer hatten. Eines Tages kehrte zet ir etwas ſpa⸗ ter als gewoͤhnlich nach ſeinem Logis zu⸗ ruͤck, und bemerkte, daß ihn ein junger an⸗ ſehnlicher Kerl in einiger Entfernung v be 12 ſolgte. Er blieb ſtehen, worguf dent u — 103— auf ihn zutrat und ihn mit einer hoͤflichen Verbeugung fragte: beduͤrfen Ew. Gnaden keinen Bedienten? Felix maß ihn vom Kopfe bis zu Fuße und antwortete dann kurz:„nein, ich bediene mich ſelber.“ Das iſt wohl nicht möglich, ſagte g Jener⸗ wie koͤnnte ſich ein ſo reicher Herr ſelber den auch habe ich ſchon in Erfahrung daß Sie einen Lohnbhedieuten zu Dhuen Weſchten haben. Nan⸗ ſo weißt Du j ja, daß ich Dei⸗ ner nicht bedarf.“ Erlauben Ew. Gnaden, das iſt keine Folge; dieſe Leute koͤnnen doch leben, aber ich nicht, denn wenn Sie mich nicht an⸗ nehmen und mir Brot verſchaffen, ſo bleibt mir kein anderer Weg offen, als mich noch dieſen Abend in die Donau zu ſtuͤrzen. — 19— „Steht es ſo mit Dir? Nun ſo nimm einſtweilen dieſen Friedrichsd'or und komm morgen zu mir.“ Jeder ging ſeine Straße. Des andern Tages ſtellte ſich der Fremde wirklich ein, und wußte durch ſeine Reden und Vorſtellungen von ſeinen erlitte⸗ nen Schickſalen den Juͤngling ſo einzuneh⸗ men, daß er ſich auf der Sell uſchu ihn zu behalten. Es laͤßt ſich leicht errathen, daß dieſer 1 Kerl ein Abgeſandter und Mitglied jener Ganunerbande war, doch wußte er ſeine Rolle ſo gut zu ſpielen, daß Felix lange nichts davon ahnete. Er war unterwuͤrfig, gehorſam und treu bis zum Tode, und wußte ſich in kurzer Zeit dem Juͤnglinge unentbehrlich zu machen, indem er ſeine Ge⸗ —— — 1210— danken zu errathen ſchien und jedem ſeiner Wuͤnſche zuvorzukommen ſuchte. Felix Uebungen in den Wiſſenſchaften, die durch den Umgang mit dem Grafen im⸗ mer vermehrt wurden, beſchraͤnkten ſeine Zeit auch immer mehr und mehr, und in⸗ dem er ein Jahr das ſchmutzige Geſchaͤft eines Schornſteinfegers getrieben hatte, wurde es ihm mehr als je zur Laſt, und er wuͤnſchte nichts ſehnlicher, als dieß druͤk⸗ kende Joch von ſich abſchuͤtteln zu koͤnnen. Franz, ſo nannte ſich ſein Diener, that ihm den Vorſchlag, da er wußte, daß Fe⸗ lir ſein Geſchaͤft ſchon ſehr gut verſtand, ſich von dem Meiſter einen Schein geben zu laſſen, worin dieſer ſeine ſchon erworbe⸗ nen Kenntniſſe atteſtiren muͤſſe, und dazu ei⸗ nen Brief zu ſuͤgen, worin er ſeine Wuͤnſche zu erkennen gebe; er—(Franz) wolle dann den Brief an ſeinen Vater beſtellen 8 lig von dem Einverſtaͤndniſſe ſeines Dieners mit der Gaunerbande uͤberzeugt; er bewirkte ſich indeß einen ſolchen Schein und ſchrieb dazu den erforderlichen Brief. Franz be⸗ ſorgte Beide verſprochenermaßen, und in vierzehn Tagen war die Antwort da, die feger⸗Handwerk dispenſirte. Der Brief war aus Holland datirt, in italieniſcher Sprache geſchrieben und mit dem Siegel⸗ lix eilte gleich damit zu ſeinem Freunde, um ſein Gluͤck, waran dieſer den innigſten Antheil nahm, zu verkuͤnden. Eduard und dieſe erug kein Bedenken, dem Juͤng⸗ Aſyl in ihrem Schloſſe anzubieten. Von dieſer Stunde an fehlte an dem Gluͤcke der beiden Freunde, die hinſichtli Felir ſchwieg, allein er war nun vöͤl⸗ ihn von der Stunde an vom Schornſtein⸗ ringe eines adlichen Wappens geziert. Fe⸗ eilte wieder damit zu ſeiner Mutter, uinge, der ihr ſo werth geworden war, ein — aus— ihrer Vermoͤgens⸗Umſtaͤnde jede ihrer Nei⸗ gungen beſriedigen konnten, nichts mehr⸗ ſie waren taͤglich und ſtuͤndlich beiſammen, genoſſen Beide, was Beiden zu genießen ſich darbot, und gern entbehrte der Eine, was dem Andern nicht erlaubt war. Auch die junge Graͤfinn Pauline war jetzt mehr, als ſie ſollte, in der Geſellſchaft der beiden Juͤnglinge. Um einen rechtlichen Vorwand zu haben, womit ſie ihre oͤftern Beſuche bei der Mutter entſchuldigen konnte, ent⸗ ſchloß ſie ſich, noch Engliſch zu lernen, und aaus Luſt brachte ſie es auch in kurzer Zeit darin zu einer nicht unbedentenden Si tigkeit. age dahin, bis die mildere Fruͤhlingsluft das weiße Schneegewand auf den oͤden Fluren zerſchmolz. 18— ——— Auf den Susein des kalten Nord⸗ ſturmes eilten dem ſchoͤnen Klecblatte, das nichts davon empfand, die rauhen Winter⸗ An manchem dieſer langen Abende, wel⸗ che die ſanfte Pauline in dem Zimmer ihrer Mutter, an Felix Seite auf dem Sa⸗ pha, verplaudert hatte, war es dennoch, ob⸗ gleich in Beider Herzen der Funke einer gluͤ⸗ henden Liebe glimmte, zu keiner, auch nicht zu der entfernteſten Erklaͤrung gekommen. Doch an einem der letzten Winterabende war in dem graͤflichen Schloſſe eine Geſellſchaft von groͤßtentheils jungen Leuten gebeten. Es wurden Pfaͤnderſpiele geſpielt, wobei die faͤmmtlichen Mitglieder faſt bis zur Ausge⸗ laſſenheit luſtig waren. Schon waren eine Menge der gegebenen Pfaͤnder ausgelöſt, als es auf einmal hieß: was ſoll Derjenige thun, dem dieß Pfand gehoͤrt? Die Frage wurde in einem beſondern Tone ge ſprochen, woraus man ſchloß, daß es ei⸗ nem der witzigſten Köpfe in der Geſell⸗ ſchaft gehoͤre. — 114— Er ſoll— ſagte die alte Graͤftnn— die Lebensgeſchichte des jungen Marcheſe B— o. erzaͤhlen, doch will ich ihm, um die Aufgabe zu erleichtern, ſieben Woͤrter aufgeben, dazu bitte ich mir ein wenig Pa⸗ pier und eine Bleifeder aus. Felix war ſogleich bereit, Beides herbeizuſchaffen; al⸗ lein als er die Bleifeder der Glaͤfinn uͤber⸗ reichen wollte, bemerkte er, daß ſie abge⸗ brochen war, und erſt wieder angeſpitzt werden mußte. Er thar's, wobei ſein Fin⸗ 3 ger vom Blei ein wenig ſchwarz wurde In ſeiner ſehr frohen Geiſtesſtimmung reichte 3 er ſie der Graͤfinn und erlaubte ſich, was er fruͤher nie gewagt hatte, der Graͤfinn Pau⸗ line, welche dicht neben ihrer Mutter ſaß, mit dem ſchwarzen Finger uͤber die Wange zu ſtreichen. Pauline fuͤhelte die angeneh⸗ me Beruͤhrung, denn es rieſelte heiß durch alle ihre Adern, doch ſchien ſie es nicht be⸗ merken zu wollen. In dem Augenblick rief — 113— ein Anderer: wollen wir nicht, waͤhrend die gnaͤdige Frau die Woͤrter auſſchreibt, ein anderes Pfand einloͤſen? „Nur zu, nur immer zu⸗“ antwortete die Graͤfinn. Gut. Was ſoll Derjenige thun, dem dieß Pfand gehoͤrt? 8 Er ſoll, antwortete jener Wißzling, deſß ſen Augen uͤberall waren und Alles bemerk. ten, er ſoll den ſchwarzen Streif von Paut tinens Wange kuͤſſen. 4 Pauline ergluͤhete uͤber und über, ſtand raſch auf und ſah in den Spiegel. In demſelben Augenblicke wurden auch die Ue⸗ brigen aufmerkſam und es eniſtand ein all⸗ gemeines Gelaͤchter. Auch Pauline zwang ſich zum Lachen, doch ſie war nun n gewiß, daß dieſelbe Hand den 7 — 116— Strich gemahlt habe, die ſie einſt im Mor⸗ genſchlummer ſchon ſo wunderſam gezeichnet hatte. Feliyx ergriff ſein Pfand mit zit⸗ ternder Hand, wobei eine gluͤhende Roͤthe ſein ganzes Geſicht uͤberzog, und nahete ſchuͤchtern der Graͤfinn, welche ihm ruhig ſcheinend die Purpurwange reichte. Alles lachte, Felix aber ſlaͤſterte leiſe: muͤßzt' ich auch in dieſer Nacht noch ſterben, ſo ent⸗ ſchaͤdigt dieſer Augenblick mich doch fuͤr alle noch zukuͤnftigen Tage. Und ſo kuͤßte er nicht allein des holden Maͤdchens Wange, nein, er kuͤßte ihren Roſenmund, ſog ihren gluͤhenden Athem ein, und Liebe, Liebe! fluͤſterte ſein Mund. 8 Dreizehntes Capitel. Beide Liebenden verlebten eine unruhige Nacht, wiewohl dieſe Unruhe aus verſchie⸗ denen Quellen entſtand. Ungluͤcklicher! was thatſt Du, was haſt Du gewagt? rief Felir ſich zu, als er auf ſeinem Zimmer allein war und mit ſich ſelber zu Rathe ging; was wird daraus entſtehen? Wenn Dich Pauline haßt, wird ſie Deine zudring⸗ liche Liebe nicht der Mutter entdecken, und wird dieſe ihre bisherige Zuneigung nicht von Dir abwenden, und Dich haſſen⸗ Ddich aus ihrem Hauſe entfernen? O ich wahrhaft Ungluͤcklicher! Heute zum Erſten⸗ — 118— male fuͤhle ich's auf die ſchrecklichſte Art, daß ich eine vater⸗ und mutterloſe Waiſe bin, daß ich vielleicht nur aus irgend einer ſchaͤndlichen Abſicht hier unerßien werde; daß ich dieß Suͤndengeld einſt theuer, viel⸗ leicht wit meinem Leben, ja vielleicht mit meiner Seligkeit bezahlen muß. Wie an⸗ ders wuͤrde es ſeyn, wenn ich wirklich Der waͤre, wofuͤr ich mit einer unver ſchaͤmten Dreiſtigkeit mich hier ausgeben muß. Ar⸗ mer Felix! Dein Herz iſt zerriſſen, Dein Gluͤck zertruͤmmert; morgen wird man Dir durch einen Diener die Pforte zeigen laſſen, und dann— gute Nacht, Herrlichkeit!— ten die lange Nacht hindurch, in welcher kein Schlaf in ſeine Augen kam, ſeine rege Phantaſie, und mit aͤngſtlicher Sehn⸗ ſucht erwartete er den kommenden Mor⸗ den muͤßte. — Dieſe und aͤhnliche Gedanken beunzuhig⸗ gen, wo es ſich, wie er meinte, entſchei⸗ — 119— Wie anders war's in Paulinens Seele? 3 Ihr bebendes Herz fuͤhlte ſi ich auf den hoͤchſten Gipfel zeitlicher Gluͤckſeligkeit ge⸗ hoben! ge Traͤume einer ſchoͤnen Fukunft umgaukelten ihre Roſenſchlaͤfe, und unruhig wallte der jungfraͤuliche Buſen, wenn ſie an Felix Worte:„Und muͤßt ich auch in dieſer Nacht noch ſterben, ſo entſchaͤdigt dieſer Augenblick mich doch fuͤr alle noch zukuͤnftige Tagt,4 dachte. Err liebt mich! ſagte ſie ſich dann leiſe, das iſt klar, aber ſeine edle Beſcheidenheit hat ihn bis jetzt nur noch keinen Augen: blick finden laſſen, der ihm den Muth ge⸗. geben haͤtte, es mir zu ſagen. Ach! und ich liebe ihn doch auch ſo heiß, ſo innig, dieſen ſchoͤnen Juͤngling! wenn er's wuͤß⸗ te— aber nein, ich darf s ihm nicht ſa⸗ — 120— Maͤdchen ſind doch recht ungluͤckliche Ge⸗ ſchoͤpfe! Unſere ſuͤßeſten Gefuͤhle muͤſſen wir wie ein Verbrechen tief im Herzen verſchlie⸗ ben; muͤſſen lachen, wenn R weinen moͤchten; nur leiden und dulden duͤrfen wir.—— Wie ich ihm morgen begegnen werde, wenn wir uns wiederſehen?—— Freundlich, heiter— ja recht heiter will ich ſcheinen, und ach! mein Herz ſagt mir's, ich werde es nicht nur ſcheinen. —— Aber nein, das geht doch nicht; die Maͤnner denken nicht immer wie ſie reden, ſagte einmal die Mutter, und wenn ſein Herz nun bei dem, was er mir ſagte, nichts gefuͤhlt?—— Nein, nimmermehr! ſo 3 kann F elix nicht denken und handeln. Ich — will auch gar nicht mehr daran denken; wie es der Zufall fuͤgt, ſo wird's am beſten ſfan— Sie ſchloß hierauf das ſchoͤne Auge, in welchem des Mondes bleicher Schimmer 3 ſich lieblich ſpiegelte, und verſuchte ein we⸗ nig zu ſchlummern, welches ihr denn auch gegen Morgen endlich gelang, und ſie er⸗ wachte erſt wieder, als die junge Fruͤhlings⸗ ſonne ſchon ihre erſten Strahlen in ihr Schlafzimmer warf. Als ſie in das Zimmer ihrer Mutter trat, fand ſie dieſe ſchon in Reiſekleidern, mit ihrem Anwald in ernſtem Geſpraͤch begrif⸗ fen.„Ein unerwarteter Vorfall, liebe Pauline,“ ſagte dieſe,„veranlaßt mich⸗ heute eine Reiſe auf eines meiner Guͤter zu machen; ſollte ich dieſen Abend noch nicht wieder zuruͤck ſeyn koͤnnen, ſo ſey nicht um mich bekuͤmmert.“ Ach Gott! ſagte Pauline, liebſte Mut⸗ ter! wenn Ihnen nur nicht wieder ein aͤhnliches Ungluͤck arrivitt, mie — 122— „Sey ganz außer Sorgen, liebes Kind; wir paſſiren keinen Wald, es wird alſo keine Noth haben.“ Sie druͤckte die ge⸗ liebte Tochter an ihre Bruſt und ſtieg in den Wagen. So freundlich, ſo herzlich, ſo ſeelengut Pauline auch ſonſt war, ſo fand doch heute die Kammerjungfer ſie faſt unausſtehlich. Faſt ein Dutzend Kleider wurden nach ein⸗ ander an und wieder ausgezogen; Eins war zu ſchoͤn, das Andere zu ſchlecht; wie⸗ der Eins verunſtaltete ihren Gliederbau, in einem Andern kam ſie ſich wie eine alte Matrone vor, und endlich legte ſie doch das Allereinfachſte an, und geſiel 6 am peſten darin. Es war ein recht angenehmer Fruͤh⸗ lings⸗Morgen; obgleich hier und da die Erde noch in ihr weißes Leichentuch gehͤlt len doch hin und wieder ein neunduges. Plaͤtzchen gereinigt, beſonders in Paulineus Aa* Garten, der ſein Antlitz freundlich nach Jh.„ Suͤden gekehrt hatte. Vor dem Treibhauſe— waren der kalten Erde ſchon die erſten Ga⸗ ben des Fruͤhlings, die Schneegloͤckchen, ent⸗ ſproſſen, und hoch in der Luft brachten die Vorboten des Fruͤhlings dem Schoͤpfer ihr 7 A. 8 Meener.Se,7r2, S3 Felix war heute früͤher als gewoͤhnlich aufgeſtanden und angekleidet. In der Re⸗ gel wandte er die Morgenſtunden zu ſeinem Studium an, allein heute wollte ihm nichts gelingen; die Unruhe trieb ihn von einem Orte zum Andern, und endlich in den Gax⸗ ten. Kaum hatte er dieſen betreten, als er zu großen Schrecken Paulinen, die ſich aus Ungeduld ebenfalls hierher belete hatte, gerade in den Weg lief 4 — 224— Mein Gott! ſagte Feliy in einer Ver⸗ wirrung ohne Gleichen— Sie hier, liebe Grafinn? und ſchon ſo fruͤh? „Die Unruhe trieb mich her.“ Waͤr' es moͤglich? Was ſollte dieſe reine, fleckenloſe Seele beunruhigen koͤnnen? „Der natuͤrlichſte Grund von der Welt. Meine Mutter iſt dieſen Morgen ploͤtzlich verreiſt. Feli ir wollte antworten, aber der Athem blieb ihm ſtehen, denn er hielt ſich in die⸗ ſem Augenblick ſchon fuͤr voͤllig verrathen, und waͤhnte die Graͤfinn nur deßhalb auf einer Reiſe, um ſich nach ſeinen naͤhern Berhaltniſen zu ertundigen. „ Sie ſind,“ fuhr Pauline fort,„nicht mehr ſo heiter, ſo freundlich als geſtern; ſind Sie etwa nicht wohl?“ — 125— Ich glaube wirklich— ich bin nicht wohl. 3 „O, ſo erlauben Sie mir geſchwind, daß ich nach unſerm Arzt ſchicke.“ 3* Verzeihen Sie, Graͤſinn— meine Un⸗ paͤßlichkeit— nein, der Arzt kann mir nicht helfen— vielleicht— ein entfernter Himmelsſtrich—— Leben Sie wohl, theure Graͤſinn! leben Sie wohl!— Pauline ſah ihn mit unverwandten Blicken an und ſagte dann nach einer Pauſe: „ich verſtehe, ich begreife Sie nicht. Sie ſind nicht wohl und wollen reiſen?“ Reiſen, ja reiſen muß ich, fort in die weite Welt, wo kein freundlich Antlitz mir theilnehmend zulaͤchelt. „Aber um Gotteswillen! warum denn? that Ihnen denn irgend Jemand etwas zu Leide?— Geſchwind zu meinem Bru⸗ der! 8 Um aller Heiligen willen! nur nicht zu ihm, er, der mich liebt wie ſeinen Bruder—— „Der Sie liebt, wie die Mutter Sie liebt— und Sie wollen fort?“— Dringen Sie nicht weiter in mich, Pauline, ich bitte Sie! Ich war gluͤcklich, ſehr gluͤcklich, und jetzt— „und jetzt nicht mehr?— Felir ich beſchwoͤre Sie, reden Sie, ich nehme den innigſten Antheil an Alam, was Sie an geht.“ Pauline! reden Sie wahr? „Warum zweifeln Sie?“ Nein, dieſer Mund kann nicht luͤgen? — 127— kann nicht ſuͤße Hoffnung ausſpre czen⸗ wenn Verrach im Hinterhalte lauert!—— Er warf ſich zu ihren Fuͤßen, druͤckte ihre Haͤnde an ſeine brennenden Lippen und fluͤſterte leiſe: ſo moͤcht' ich einſt ſterben! Voll Liebe und Vertrauen ſanken zwei unſchuldige Herzen an einander, deren na⸗ menloſe Wonne keine Feder zu beſchreiben vermag. — 128— — Vierzehntes Capitel. Der heutige Tag war unſtreitig einer der merkwuͤrdigſten in dem Lebenslaufe dieſer beiden liebenden Herzen. Er wurde aber auch von ihnen wuͤrdig gefeiert. Mehrere Stun⸗ den glitt muthig die herbe, ſtrenge Luft der erſten Maͤrztage an ihnen ab; denn was hatten ſie ſich jetzt, da ihre Herzen, die laͤngſt ſich gefunden und es ſich nun geſtan⸗ den, nicht Alles zu ſagen, zu entdecken, mitzutheilen? vis Pauline endlich durch Zu⸗ fall die offenſtehende Thuͤre des Treibhau⸗ ſes gewahrte. Ohne ein Wort daruͤber zu re⸗ den, traten ſie ein und befanden ſich ploͤßzlich Hyazinthen aller Art ſpendeten hier im Ue⸗ berfluſſe ihren wuͤrzreichen Duft. Dort ſtand der Oleander in voller Bluͤthe, uͤber ihm ſchon der abgebluͤhete Maikirſchbanm, der ſeine letzten Schneeflocken auf deſſen dunkelgruͤne Blaͤtter geſtreuet hatte. Hier ſtand neben der blühenden Centifolie die ebenfalls bluͤhende Alde, und dicht neben Beiden die voͤllig reife Zitrane. Dieſe Er⸗ ſcheinung war fuͤr F elix etwas ganz Neues, und geen haͤtte er darüber ſeine Verwunde⸗ rung geaͤußert, wenn nicht Pauline— noch eben zu rechter Zeit— die Bemerkung ge⸗ macht, daß dieß ihm wohl etwas All⸗ taͤgliches ſeyn muͤſſe e, indem man ſolche Er⸗ ſcheinungen in dem ewig bluͤhenden Fruͤhe linge von Eursoa, naͤmlich in ſeinem Vater⸗ lande, ganz gewoͤhnlich ſehen muͤſſe. Felix ſchloß das wonnige Maͤdchen zaͤrtlich in ſeine Arme, und druͤckte ſtatt der Antwort einen gt⸗ in dem herrlichſten, bluͤhenden Beaiingt. — 130— henden Kuß auf ihre Purpurlippen. Die Na⸗ tur, ſagte er dann mit innigem Gefuͤhl, hat ſeit dem Augenblicke, da ich Pauline zum Er⸗ ſtenmale an mein Herz druͤckte, einen dop⸗ pelten Reiz fuͤr mich gewonnen; aber die ſchͤnſte Blume in des Schoͤpfers unendli⸗ chem Garten ruht jetzt in meinen Ar⸗ men; alles Uebrige iſt verdunkelt durch ſie!— Die uͤbergluͤckliche Pauline reichte ihm im Taumel hoͤchſter Wonne willig Mund und Wangen dar, und Felix be⸗ ranſchte ſich am ſuͤßen Nectar. Da trat plötzlich Eduard zur Thuͤr herein, und ſchreckte die Liebenden aus ihrem ſuͤßen Taumel. So! rief dieſer lachend: ſchon aber fuͤnf Stunden laͤßt ſich das Paͤrchen uberall ſuchen, und endlich hier in diefem Sommerlande durch Zufall ſinden? Beide geriethen in die aͤußerſte Verlegenheit, und vermochten nicht ein Wort hertorzu bringen.— — 431— Eduard, der keineswegs gekonnien war ſeinem Freunde, wie ſeiner Schweſter, auch nur eine Minute weh zu thun, bereuete ſeinen unzeitigen Ueberfall; um ihn aber wieder gut zu machen, umarmte er Beide, indem er ſagte: Koͤnnte mein Wunſch Euch gluͤcklich machen; ich wuͤnſchte Ench: den Engeln gleich zu ſeyn! Guter Euar ſagte Felir, und ſiel 4 ſeinem Freunde um den Hals; ich liebe Deine Schweſter, ich liebe den Engel wie neein Leben; ſprich, darf ich auf Deinen freund⸗ ſchaftlichen Beiſtand rechnenn: „ Verſteht ſich, mache nur kein ſo ernſt⸗ haftes Geſicht; wenn das Maͤdchen Dich wieder liebt, ſo iſt ſie Dein, denn ich bin ja Dein Freund, und Freundes Gluͤck zu beſördern iſt mir ſͤße Pflicht.“ — 132— Guter, lieber Bruder! lispelte Pauline, und legte den ſchoͤnen, runden Arm um ſeinen Nacken; wirſt Du unſer Geheimniß auch in Deiner Bruſt verwahren? „Naͤrrinn! iſt doch der Ton Deiner Rede ſo weich, als ob Dir das Weinen naͤher waͤre ais das Lachen.“ Ja, wenn die Mutter— „Die Mutter? Was könnte die wohl ihrem Schooßkinde abſchlagen?, Garum den 1 che Tage wenn ſte zurückehet, Felir iſt Deiner und Du ſeiner werth, und da wird die Mutter nichts einzuwenden haben, ſie wird ſich vielmehr freuen, meinen theuern Freund damit nur um ſo feſter an ſ ch und ühe Haus zu binden. 2 Felir reichte ſeinem Freunde dankbar die Hand und eine Thraͤne der Ruͤhrung glaͤnzte in ſeinem Auge. „Ich bitte Euch, Kinder, laßt uns nur aus dieſem ſonderbaren Aufenthalte hinweg eilen, Ihr ſteckt mich ſonſt mit Eurer Schwaͤrmerei an, und Weinen iſt hen meine Sache nicht.“ Felix und Pauline verließen den Gar⸗ ten mit ſeltſamen Gefuͤhlen im Herzen.— Unter ſuͤßen Wonnegefuͤhlen vertraͤumten von jetzt an die Liebenden, auch wenn ſie nicht beiſammen waren, die Stunden, die ihnen wie Minuten dahin eilten, und je⸗. des erſann ſich nach eignen Anſi⸗ ichten einen eignen Lebensplan. Eduard hielt So 4 Gleich des andern Tags nahm er Gelegen⸗ heit, die Graͤfinn mit dem kleinen Liebes⸗ handel der geliebten Schweſter und des Freundes bekannt zu machen. Er hatte ſeinen Vortrag ein wenig ſtudiert, um erſt auf Umwegen allmaͤhlich zum Ziele zu kommen; wunderte ſich aber, als ihm die Mutter ſo freudig entgegen kam und nicht das mindeſte dagegen einzuwenden hatte. Freudig ſprang er deßhalb ſogleich fort, und beide Liebende mußten, ſo aͤngſtlich ſie aua anfangs waren, mit ihm fort auf der Graͤſinn Zimmer, wo ſie nun zu ihrer groͤßten Freude noch in derſelben Stunde, zwar nicht oͤffentlich, aber doch von der Mutter verlobt wurden. .„ Der nun bald darauf folgende Som⸗ mer wurde auf das Angenehmſte voll⸗ hracht. Luſtparthieen aller Art wechſel⸗ ten nnaufhoͤrlich mit einander ab; jeder 153— neuanbrechende Tag kuͤndigte den Lieben⸗ den einen Feſttag an, und ſo ſchien ih⸗ nen kaum der Mai begonnen zu haben, als auch der Herbſt ſich ſchon wieder in der Ferne blicken ließ. Dieſer heranna- hende Moment war fuͤr die Liebenden eine Hauptepoche, denn mit dem Begin⸗ nen des Winters ſollte der junge Graf die Univerſitaͤt beziehen, und, wie ſich nicht anders denken, laͤßt, mit ihm Felir. Felix hatte, wie wir wiſſen, kei⸗ nen eignen Willen, ſondern hing in jeder Hinſicht von jenen Gaunern ab, ohne deren Willen ihm kein Schritt erlaubt⸗ war; er ſah ſich deßhalb genoͤthigt, ſei⸗ nen Diener Franz wegen des Beporſtehen⸗ den wieder in Rath zu nehmen; worauf dieſer rieth: Alles ohne 1 derzuſchreiben und ihm nur⸗ — 1365— zur Beſorgung zu uͤbergeben. Alles ging nach Wunſch. Schon nach vierzehn Ta⸗ gen kam die guͤnſtigſte Antwort, die au⸗ ber einer Menge anderer Dinge auch die Warnung enthielt: den Liebeshandel mit der jungen Graͤfinn nicht zu weit zu treiben. 1 ¹ Felir wunderte ſich nicht wenig, wie ſie ſogar auch ſein theuerſtes Geheim⸗ niß, was er auch vor Franz ſo ſorgfaͤl⸗ 1 tig verborgen, dennoch erfahren hatten; doch ſein feſtgefaßter Entſchluß war der: taͤt wieder verlaſſen wuͤrde, wo er ſich durch Fleiß zu einem brauchbaren Manne bilden wollte, zu ſchweigen und ihre Un⸗ terſtuͤtzung anzunehmen, dann aber, wenn er dieſes erlangt, und die ſchöͤne Pau⸗ bis zu der Zeit, wo er die Univerſi⸗ line als Gattinn in ſeine Arme geſchloſ⸗ 3 1 — 137— ſne, das Geheimniß ſelbſt zu verra⸗ then, den Gerichten ſein bisheriges Ver⸗ haͤltniß anzuzeigen, die Gauner zu ver⸗ nichten, und ſich ſelbſt frei zu machen. Funfzehntes Capitel. Der ſchmerzvolle Tag der Abreiſe ruͤckte naͤher; oft bemerkte Felix eine heimliche Thraͤne im Auge ſeiner geliebten Pauline, die er dann jedesmal troͤſtend hinwegkuͤßte. Endlich erſchien die letzte Stunde; der Rei⸗ ſewagen ſtand vor der Thuͤr; noch eine zaͤrtliche Umarmung, noch ein langer, hei⸗ ßer Kuß, ein Lebewohl von allen Seiten, und der Wagen rollte fort.— Felix raſtloſe Thaͤtigkeit auf der Uni⸗ verſitat war unbeſchreiblich. Seibſt die we⸗ nigen Stunden, die zur Erholung nothwen⸗ — 139— dig waren, ſuchte er, ſeinen Freund bere⸗: dend, noch abzukuͤrzen; eben ſo muſterhaft war ſeine Beſcheidenheit und ſein uͤbriges Betragen, wodurch er ſich in kurzer Zeit nicht nur bemerkbar machte, ſondern ſich auf eine ſehr vortheilhafte Art Allen denen em⸗ pfahl, die ihn kannten und kennen lernten. Jeder kam den beiden angenehmen Juͤng⸗ lingen, die ſtets beiſammen waren, mit Liebe und Hochachtung entgegen und ſchaͤtzte ſich gluͤcklich, wenn es ihm gelang, eine Stunde in ihrer Geſellſchaft zu verleben. So verfloſſen ihnen ſchnell Wochen, Mo⸗ nate, ja, das ganze Winterhalbejahr, und ſchon begann die Fruͤhlingsſonne wieder freundlich die Erde und ihre Bewohner mit neuem Leben zu erwaͤrmen und zu erfreuen, als Felix mit dankbarem Gefuͤhl der Wonne des Tages gedachte, an welchem er der geliebten Pauline ſeine Liebe, unter Furcht und Holfaung ſchwankend, geſtanden — 140— hatte. Es war ein hoher, feſtlicher Tag fuͤr ihn. Heute, rief er ſeinem Freunde zu, heute wird nicht gearbeitet, heute will ich meinen gluͤcklichſten Tag feiern. Er hielt auch Wort. Unter lautem und feoͤh⸗ lichen Jubel wurde der Tag hingebracht, und ſchon neigte er ſich ſeinem Ende, als ſie froͤhlicher als gewoͤhnlich einen freund⸗ ſchaftlichen Zirkel verließen, und ſich zu Hauſe begeben wollten. Von mehrern Muſenſoͤh⸗ nen begleitet, geriethen ſie noch in ein Kaf⸗ feehaus, wo geſpielt wurde. Die Leichtig⸗ keit des Spiels, ſo wie das Zureden der Uebrigen, vermochte Felix, auch einige Louisd'ors zu riskiren; er verlor ſie, ſetzte andere, und verlor ſie abermals. Auf zwei Hiebe ſaͤllt noch kein Baum, hieß es, und er ſetzte zum Drittenmale, und— verlor. Was ſchad't es, ſagte er nach einigen Mi⸗ nuten halblaut durch die Zaͤhne murmelnd: es iſt ja nur Gauner⸗Geld, kann kein Glüͤck bringen. In dem Augenblicke ſtieß 3 ihn ein anſehnlicher Mann, der dicht neben ihm ſtand, am Arm; er ſah ſich um und bemerkte, daß dieſer, indem er ihn ſcharf ins Auge faßte, ihm eine Karte vorhielt, vor welcher er zu erbleichen Urſach hatte. , Unvorſichtiger! was thatſt Du?“ ſagte dieſer und entfernte ſich mit einem drohen⸗ den Blicke. Felix war wie vom Schlage getroffen, und nur mit aͤußerſter Mühe konnte er ſeine Verlegenheit ſeinem Freunde, ſo wie allen Uebrigen verbergen. Seine frohe Laune, ſeine Liebe zum Studium war auf einige Tage dahin, und ſelbſt in ſeinen Briefen, die er waͤhrend dem an Paulinen ſchrieb, konnte er ſeinen Mißmuth nicht ganz unterdruͤcken, bis — 142— ſich endlich ſelbſt wieder Muth, Standhaf⸗ rigkeit und Ausdauer bis zu dem vorgeſteck⸗ ten Ziele eingepraͤgt hatte. Der Vorfall machte ihn indeß um Vieles vorſichtiger, und er vermied jede Gelegenheit, wo er mit Leuten haͤtte zuſammen treffen können, die er mehr wie den Tod ſcheuete. So verfloſſen ruhig zwei Jahre, in welchen er ſters einen zaͤrtlichen Briefwech⸗ ſel mit der geliebten Pauline, ſo wie mit deren Mutter, der Graͤfinn, unterhielt. Jede Antwort, die er erhielt, ſtellse ihn auf eine hoͤhere Stufe von Glückſeligkeit, und ſchon traͤumte er ſich die Zukunft als ein ſuͤßes Elyſium; da erſchien, als das zweite Jahr bald herum war, eine Aufforderung der Graͤfinn, wotin ſie wuͤnſchte: daß ihre beiden Lieblinge nun dieſe Univerſitaͤt ver⸗ kaſſen und eine andere beziehen, zuvor aber erſt eine Reiſe zur Heimath unternehmen — moͤchten. Der Graͤfinn Wunſch war den Juͤnglingen ein Befehl, und ſie reiſten nach W. zuruͤck. Hier wurden die feſtlichſten Anſtalten zu ihrem Empfange getroffen.„Wie groß, wie maͤnnlich wird Eduard geworden ſeyn,“ ſagte die Graͤfinn; wie ſchoͤn, wie liebens⸗ wuͤrdig wird Felix nicht ſeyn, dachte Pau⸗ line, und jede, Mutter und Tochter, hatte ihre eignen Heimlichkeiten, wamit der ge⸗ liebte Zuruͤckkehrende überraſcht werden ſollte. Wie ſchlug das Herz in Felix Bruſt, wenn er ſich die holde Jungfrau dachte, die nun ihr achtzehntes Jahr angetreten hatte, wenn er ſichs im Geiſt lebendig vorſtellte, wie er ſich bei all' der Zartheit ihres ſchoͤnen Gliederbaues, dennoch die np⸗ pigſte Fuͤlle, die vollkommenſte Geſundheit 1f den bluͤhenden Wangen dachte. 21 Luf er dann aus— wauͤren wir doch ſchon dort! und jede Stunde wurde ihm zum Jahre.— Morgen, ſagte Eduard am vorletzten Tage der Reiſe, nur bis morgen gedulde Dich noch; dann ſollſt Du Dein Gluͤck mit beiden Ar⸗ men umfaſſen, und ſo gluͤcklich ſeyn als Du es verdienſt. Der Morgen war kaum im Beginnem als ſie ſchon den Reiſewagen beſtiegen. Bei den erſten Strahlen der Morgenſonne gewahrten ſie von einer Anhoͤhe, uͤber wel⸗ che der Weg fuͤhrte, in weiter Ferne die hohen Zinnen der alten beruͤhmten Kaiſer⸗ nadt, und lauter, feoͤhlicher ſchlug Felir Herz. Swei Meilen waren zuruͤckgelegt: der Wagen hielt um die Pferde zu wech⸗ 5 ſeln; da ſorang mit einem Freudenrufe Pauline aus der Thuͤr des Poſthaufes; ihr auf dem Fuße folgte die Graͤfinn; die Be⸗ diente riſſen den Schlag auf, und Felir 1. — 145— ſtüͤrzte in Paulinens, Eduard in die am 4 ſeiner theuern Mutter.— Es dauerte lange, ehe die Liebenden ſich in die Freude des Wiederſehens ruhig fin⸗ den konnten; endlich ſchlug die Graͤfinn vor, daß man ſich Paarweiſe in die Wagen ſe⸗ tzen, und ſo der Reſidenz zueilen ſolle, wo dann die Liebenden ohne allen Zwang noch bis dahin ſich des Wiederſehens erfrenen koͤnnten. Der Vorſchlag wurde mit Freu⸗ den angenommen, und hier, im einſamen Wagen, von jedem laͤſtigen Zeigen befteit, 5 deſſen die herzliche Liebe nicht bedarf, ru⸗ hete Paulinens ſchoͤner Lockenkopf an Fe⸗ lix Bruſt, ihre Hand in der ſeinigen, und Fragen und Kuͤſſe wechſelten mit einander ab. Hier wurden die Stunden zu Minu⸗ ten, und ehe ſie ſichs verſahen, hlelt der Wagen— fuͤr die Liebenden viel zu fruͤh vor dem graͤflichen Schloſſe. Als Fe r 146— die Geliebre bis an ihr Zimmer begleiter, ſprang er auf das ſeinige und fand zu ſei⸗ ner groͤßten Freude noch Alles, wie er es vor zwei Jahren verlaſſen hatte. Noch hatte er ſich manches Angenehmen aus der . ſchoͤnen Vergangenheit nicht einmal recht er⸗ innert, als ein Bedienter eintrat und ihn in Namen ſeiner Gebieterinn freundlich erſuchs te, ſpaͤteſtens in einer Stunde in Ballklei⸗ dung im neuen Saale zu erſcheinen. „Ich werde gehorchen,“ antwortete Fe⸗ lix, und machte mit Huͤlfe ſeines Dieners, der bald darauf mit den Gepaͤcken erſchien, Anſtalt, ſeine Garderobe zu ordnen. Aber wie erſchrak er, als er in den Saal rrat, und unter einer zahlreichen Verſammlung des Adels, Paulinen, braͤntlich geſchmuͤckt, wie die Koͤniginn des Himmels ſtrahlend, an der Seite ihrer Mutter erblickte. Ein vollſtimmiger Juſch mit Pauken und Trom⸗ 8 4 — 147— neten ertoͤnte, und: Es lebe der junge Graf M.! Es lebe der Sohn des Marcheſe B—ol toͤnte es aus hundert Kehlen. Ein ſolcher Empfang, den er durchaus nicht erwartet hatte, brachte ihn in eine nicht geringe Verwirrung, doch der warme, freundliche Haͤndedruck der Graͤfinn, die ihm, mit der geliebten Pauline an ihrer Rechten, enigegen kam, gab ihm bald ſeine Unbefangenheit wieder. „Sie lieben meine Tochter,“ ſagte die Graͤfinn mit Wuͤrde und Hoheit, nachdem das Schmettern der Trompeten und der Pauken⸗Wirbel wieder verſtummt war, „und da ich Sie in den Jahren unſerer Bekanntſchaft als einen Zuͤngling kennen gelernt, der alle Eigenf ſchaſten beſltzt, meine dieſen Tag des Wiederſehens, nach 4 Tochter gluͤcklich zu machen, ſo glaub 5 5 — 148— zweijaͤhrigen Trennung, nicht herrlicher feiern zu koͤnnen, als wenn ich Sie, vor der hier verſammelten, edeln Geſellſchaft, mit meiner geliebten, einzigen Tochter Pauline, feier⸗ lich verlobe.“ Felir wußte kaum noch wo er war; ihm war Alles wie ein Traum. Mecha⸗ niſch ließ er ſich vor der Graͤſinn auf ein Knie nieder und kuͤßte ihr die Hand, wel⸗ — che dieſe aber augenblicklich zuruͤckzog, und damit einen koſtbaren Diamantring von Paulinens linker Hand nahm, und denſelben Felix reichte, der noch immer in Ver wir⸗ rung da ſtand, und nicht wußte was er be⸗ ginnen ſollte; doch gab der angeborne rich⸗ tige Takt des Schicklichen ihm ein, daß er— öbgleich er mit der Zeremonie unbe⸗ kannt war,— ebenfalls einen Ring zuruckge⸗ ben unnßte⸗ und— welähe neue V — 149— in dem Augenblicke fuhr ein Gedanke, ſchnell wie ein Blitzſtrahl, durch ſein Ge⸗ hirn; er gedachte jenes Ringes, der ihm in jener ſchrecklichen Nacht zu Theil geworden, den er verſchiedene Male verleugnet, und immer als ein ſchauervolles Andenken bei ſich getragen. Um ſich aus der Verlegen⸗ heit zu retten, ſuchte er ihn in einem Etui, welches er beſtaͤndig bei ſich trug, und nur zitternd der Graͤfinn. Dieſe warf einen Blick darauf, ſtieß einen Schrei des Ent⸗ ſetzes aus und ſank ohnmaͤchtig zu Boden. 3 aus Furcht, daß er gegen Paulinens Ring zu ſchlecht ſeyn koͤnne, uͤberreichte er ihn 3 * 4⁴ Sechszehntes Capitel. Wache! Wachel rief die Graͤfinn, nachdem ſie ſich einige Minuten erholt; Wache!? Wir ſind verrathen, betrogen, ſchrecklich 8 3 betrogen!— 4 „um Gotteswillen!“ rief Eduard,„was 7. JIhnen, geliebte Mutter? ich begreife Sie nicht?“ Was iſt? Sieh hier. Dieſen Ring gab mir einſt am Tage meiner Verlobung d Graf M., Dein Vater. Raäͤuber, unte denen auch er ſeyn mußte, raubten mir in jener ſchrecklichen Nacht, und nicht allein am Ringe genuͤgte ihnen, nein, auch den Finger, der dieſer Hand ſehlt, nahß⸗ men ſie mir. „Schrecklich! Schrecklich! Aber wie er auch in ſeine Haͤnde gekommen ſeyn mag: Felix iſt unſchuldig, ich buͤrge mit mei⸗ nem Leben fuͤr ihn; rede, Felix! rede,— Freund! ich verlaſſe Dich nicht, ich bin— Dein Deſcübale 1 Jeter⸗ ſeiner Unſchuld wie ſeiner Schuld ſich bewußt, ſtand da, bleich wie der Tod, zitternd an allen Gliedern, und vermochte kein Wort uͤber ſeine Eealeicn Lippen zu bringen. Die ganze Geſellſchaft war in Aufruhr gerathen, Jeder nahm den innigſten An theil an dem Schickſale der Graͤfinn, — 152— Jeder— Eduard und Pauline ausgenom⸗ men— ſah in Felix den Raͤuber und Moͤrder. Beſonders zeigten ſich einige Of⸗ fiziere von hoher Geburt, in deren Herzen die Verlobungs⸗Erklaͤrung der Graͤfinn zu Gift und Dolch geworden war, ſehr thaͤtig, denn laͤngſt ſchon hatten ſie heimlich ein Auge auf die junge, ſchoͤne und reiche Graͤ⸗ finn geworfen, und die Hoffnung, welche vor wenigen Minuten ganz verſchwunden war, keimte durch dieſen ungluͤcklichen Vor⸗ fall wieder aufs Neue empor. Einem jun⸗ gen Huſaren⸗Major, der nichts als eine nicht ungaͤnſtige Figur, ſein Wappen und ſeinen Stand beſaß, war durch dieſe un⸗ gluͤckliche Wendung ein neuer Hoffnungs⸗ ſtern aufgegangen, und ehe zehn Minuten verſtrichen, hatte er Wache beſorgt, die den armen Felix verhaften ſollte. Eduard gerieth faſt in Verzweiſlung bei ihrem Anhlick, und verſuchte Ales, unu. ſeinem Freunde dieſe ſchimpfliche Behand⸗ lung zu erſparen, allein ſeie Stimme war zu ſchwach, er vermochte nicht durchzu⸗ dringen. Iſt Felir unſchuldig, hieß es, ſo kann dieß durchaus nicht zu ſeinem Schimpfe ge⸗ reichen, und wir werden mit Blut und Le⸗ ben, wie Sie, fuͤr ſeine Ehre ſtreiten; al⸗ lein, das koͤnnen Sie doch nicht ableugnen, daß durch dieſen Zufall vielleicht jenen Gau⸗ nern auf die Spur zu kommen iſt, und wenn das iſt, ſo ſind Sie Ihrer Mut⸗ ter, Ihrer Schweſtor, ſich ſelber dieſe Un⸗ terſuchung, dieſe Rechtfertigung ſchuldig. Gegen dieſe Gruͤnde konnte Eduard ſreilich nichts einwenden; allein wit Thräͤ⸗ nen in den Augen hing er ſich an den Hals ſeines theuern Freundes, kuͤßte ſeine zitternden Lippen, und hat ihn, nun E. — 154— Wort zu ſeiner Vertheidigung hervorzu⸗ hringen. 1 „Fort mit ihm, ins Gefaͤngniß⸗“ toͤnte in dem Augenblicke eine Stimme durch die Verſammlung, und Niemand wußte, wer geredet hatte. Auf dieſen Zuruf trat die herbeigerufene Wache naͤher; Felix wand ſich aus ſeines Freundes Armen, indem er ſchluchzend die Worte hervorbrachte:„Lebe wohl, theurer Freund, lebe wohl, heiß geliehte Pauline, wir ſehen uns nicht wieder; aber bei Gott! bei dem ewig Wahren! ich bin unſchuldig!“ In Begleitung der anweſenden Geſelle ſchaft wurde der uͤberall verfolgte Felix die Stufen herab gefuͤhrt, doch in dem un⸗ tern Raume der Hausſlur ſah er ſich von Niemand mehr als ſeinem Freunde und der — Wache, umgeben, die Uebrigen hatten ſich wieder in den Saal zuruͤckgezogen. Am Eingange der Thuͤr erſcholl von eined halb vermummten Geſtalt ein lautes Halt? Eduard wurde ſanft von der Seite ſeines Freundes losgeriſſen und zuruͤckgedraͤngt, und indem Feliy gerade auf der Schwelle der Thuͤr ſtand, traten vier andere ver⸗ mummte Kerle herbei, hieben mit gezoges nen Saͤbeln, welche ſie unter langen Maͤn⸗ teln verborgen hatten, zwiſchen die Wache, und in einer Minnte war Felir in ihren Haͤnden. Vor der Thuͤr des Schloſſes hielt ein mit vier flaͤchtigen Roſſen beſpannter Wa⸗ gen, die Vermummten warfen Felix ohne ein Wort zu ſagen, hinein, und im geſtee ten Galopp rollte der Wagen, uͤberall; ſpruͤhend, uͤber das Pflaſter!- Ehe ſich die aus vier Mann und einem Offizier beſtehende Wache, wovon drei ver⸗ wundet waren, wieder von ihrem Schreck erholt, war der Wagen laͤngſt uͤber alle Berge, und jeder Verſuch, ihm nachzuſetzen, vergeblich. Allein dieſer unerwartete Ueber⸗ fall, den wohl Niemand aus der graͤflichen Geſellſchaft geahnet hatte, beſtaͤrkte dieſelbe in ihrem Argwohn, und ſelbſt Eduard und Pauline konnten ein kleines Mißtrauen nicht ganz ableugnen.„Auf jeden JFall,“ hieß es allgemein,„war dieſer Menſch ein nahn jener in den Gebiegen bauſenen ten, von zu machen.“ Die Ballgeſellſchaft zerſtreute ſich. Pau⸗ line weinte in der Stille dem Geliebten heiße Thraͤnen nach; Eduard fluchte und tobte, die Graͤfinn war verſtummt. Indeß wurde der — 157— Obrigkeit noch denſelben Abend die gehorige Anzeige gemacht, und dieſe ſaͤumte kei⸗ neswegs, ſondern traf ſogleich Anſtalt, und ſchon mit Anbruch des kommenden Morgens ruͤckten zwei Regimenter Infante⸗ rie und ein Huſaren⸗Regiment aus, welche die ſtrengſte Ordre hatken, nicht allein in Eilmaͤrſchen ſich der Gebirge⸗Gegend zu na⸗ hen, ſondern auch Alles, was ihnen in dieſer Gegend nur irgend verdaͤchtig vorkaͤ⸗ me, anzuhalten und bis nach naͤherer Un⸗ terſuchung in Sicherheit zu bringen. Des andern Tages, als die Graͤfinn der Sache reiflicher nachgedacht, und Felir Zimmer, ſo wie ſeine Eſſeeten, geuau durch⸗ ſucht waren, wo man durchaus nichts, was nur auf irgend etwas Unrechtmaͤßiges haͤtte hindeuten koͤnnen, vorfand, machte ſte ſich die 4 bitterſten Vorwuͤrfe. Sie betrachtete ſich die einzige Urſache, die das Ungluͤck S — 1 58— 8 1 Juͤnglings herbeigefuͤhrt, den ſie ſo lieb ge⸗ wonnen, den ſie in die Reihe ihrer Kinder ge⸗ 5 ſtellt, dem ſie ihre Tochter anvertrauen wollte. Eduard tobte und raſ'te gegen ſich ſelbſt⸗ nannte ſich einen ſeigherzigen Thoren, und haͤtte in ſeiner Wuth die ganze Welt ge⸗ gen ſich aufbringen moͤgen. Paulinens ſtiller Schmerz war bedau⸗ renswuͤrdig. In den erſten Tagen weinte ſie faſt unaufhoͤrlich, ſchloß ſich mehrere 1 Stunden hinter einander ein, und nahm oft Tagelang nicht die mindeſte Speiſe; nach mehrern Wochen verſiegten ihre Thrä⸗ nen, und man ſah ſie nur ſelten noch wei⸗ ancen. Das ſchoͤne Auge, in dem ſich vor Kurzem noch des Himmels Herrlichkeit ſ mild, ſo ſchoͤn verklaͤrte, erloſch nach und nach, und nur mattlaͤchelnd ſah man ſie Tage lang im Garten auf⸗ und abgehen. Kam ſie vor das Treibhaus, den Ort, wo ſie das erſte Geſtaͤndniß von den Lippen des verlornen Geliebten vernommen, dann ſtand ſie ſtill, pfluͤckte eine Blume, ſpielte eine Weile damit, zerſtyeute die Blaͤtter und kehrte dann traurig auf ihr Zimmer zuruͤck. — 160— ———— Siebzehntes Capitel. 1 In einem Hohlwege, der zwiſchen dicht verwachſenen hohen Eichen, und zu beiden Seiten bis zum Himmel emporrage alden Felſen⸗ durchfuͤhrte, hielt der Wagen, der Foͤrſter Graubaum riß den Schlag auf, und Telit in Ballkleidern ſprang heraus. Nitccht wahr, ſagte der Foͤrſter, das waͤr Huͤlfe in der Noth? Da kannſt Du ſehen, daß wir Dich, ſo lange Du von uns weg biſt keine Stunde unbewacht gelaſſen haben. „Das habt Ihr, habt ſogar meinen Dank damit verdient; nun ſagt mir abe — 261— ohne Umſchweiſe, wozu dieß Alles dienen ſoll, und weichen Zweck Ihr mit mir habt?“ Ohne Umſchweife ſollſt Du ſogleich Alles erfahren; folge uns nur einige Schritte ſeit⸗ waͤrts, dort wirſt Du eine große Verſamm⸗ lung von Maͤnnern finden, denen wir Dich v„orſtellen wollen. 4 Der Foͤrſter Graubaum und der Muͤl⸗ lei, N dakko gingen voran, und einige An⸗ 5 dere, welche ihn von W. her mit begkeitet hatten, folgten. Bald erreichten ſie eine vor einem Felſen ſtehende, halbverfaulte Koͤhlerhuͤtte; ſie traten hinein, der Foͤrſter gab ein Zeichen und bald darauf that ſich zu ihren Fuͤbzen eine Fallthuͤr auf. Makko war der Erſte, der ſich hinabließ, F Felix Meuic⸗ deſſen Angeä von einem kenufen und die Uebrigen mußten ſolgen. Ein — 162— kam den Ankommenden mit einer brennen⸗ den Fackel entgegen, weiche ihm Graubaum abnahm, indem er zugleich Felix einen Wink gab, ihm ſeitwaͤrts zu folgen. Sie erreichten bald eine Thuͤr, wozu Graubaum und Makko Jeder einen Schluͤſſel bei ſich fuͤhrten, doch war das Schloß von der Be⸗ ſchaffenheit, daß es nur, wenn beide Schluſ⸗ ſel beiſammen waren, geoͤffnet werden konn⸗ te. Als ſich die Thuͤr aufthat, zeigte ſich ein kleines, in Stein gehauenes, aber ſehr prachtvolles Kabinet. Die Waͤnde waren uͤberall mit Schnitzwerk in Holz, ſtark ver⸗ goldet, verziert. In der Mitte auf einem Tiſche ſtand eine koſtbare Pendeluhr, welche gleich bei ihrem Eintritt ſechs ſchlug, und darauf auf einem in der Uhr angebrachten IFloͤtenwerke einen Vers ſpielte. Ueberall herrſchte Pracht und Reichthum. Im Hin⸗ tergrunde ſtand ein ſtarker eiſerner Kaſten, mit einem Teppich verhaͤngt, deſſen Einge⸗ 1— 163— weide Felir bald Gelegenheit hatte auf eine halbe Million zu ſchaͤtzen. In einem Wandſchranke, welchen Granbaum oͤffnete, befanden ſich Kleider aller Art. „Hier,“ ſagte dieſer,„ſuche Dir aus, was Dir beliebt, denn in dieſer Kleidung kannſt Du forthin nicht bleiben, waͤhle Dir alſo eine bequeme und haltbare dafuͤr.“ Hierauf zog er eine Klingel, und ſogleich erſchien der Fuchsbart, dem Graubaum et⸗ was zufluͤſterte, worauf dieſer ging, und bald mit einem guten Imbiß und einigen Flaſchen Wein zuruͤckkehrte. Da Felir ihr Vorhaben noch immer nicht begreifen konnte, ſo that er, was man ihm ſagte. Seine Wahl in Hinſicht kleid, welches denn auch, wie er ſich ſelber der Garderobe ſiel auf ein nettes Jaͤger: geſtand, fuͤr ihn gemacht zu ſeyn ſchien. 4 — 164— „Wahrhaftig!“ ſagte der Muͤller; „Junge, Du biſt ein herrlicher Kerl ge⸗ worden. So, gerade ſo wie Du da vor mir ſtehſt, ſo hab' ich mir Deine Geſtalt ſchon vor Jahr und Tag gedacht. Wie ein Fuͤrſt, ich will des Teufels ſeyn, wie ein Fuͤrſt ſteht der Kerl da, mit einer Miene voll Hoheit und Wuͤrde. Nun, ich ſehe wohl, wir haben keinen Mißgriff gethan und un⸗ ſer Geld auf Wucher angelegt; aber ſo ein Kerl muß es auch ſeyn, der Kerle, ſo wie Jene da, beherrſchen ſoll.“ Halt! ſiel Graubaum ein, noch iſt der Schmuck nicht vollkommen; hier, dieſer Hut, mit der koͤſtlichſten Straußfeder, muß ſein Haupt, und dieſe Damascener⸗ klinge, mit ſilbernem Gefaͤß, ſeine linke Seite zieren; ſo, nun biſt Du es ganz. — 163— * Aber was denn? fragte Felir mit 3 großem Ernſt in Ton und Miene. Was? fragte Graubaum, und das fragft Du noch? Hier, nimm dieß Glas und leere es mit uns, denn heute iſt Dein groͤßter Tag, heute ſollſt Du in der Wirklichkeit werden, was Du in dieſem Augenblicke nur noch zu ſeyn ſcheinſt, naͤmlich ein Fuͤrſt⸗ ein Regent, deſſen Wort uͤber Leben und Tod gebietet.“ † Ich verſtehe Euch beim Himmel nicht? 7 3 1 „Wart nur, gleich ſoll Dir Alles klar werden; aber erſt leere noch einige Glaͤſer mit uns, damit ein anderer Geiſt Dich delebt.“ — 166— 3 gen, was dieſe Vorbereitung zu bedeuten habe? „Hoͤre, Felix,“ ſagte Graubaum, ſich in die Bruſt werfend,„Du biſt nun ein Mann geworden, mit dem man ein ernſtlich Wort muß reden koͤnnen, darum vernimm uns und unſern Plan. Du ſiehſt in uns hier zwei Maͤnner, die Dir Alles waren; Alles an Dir thaten, was ein Kind nur bedarf, wir haben Dich erzogen, wir ha⸗ ben Dir Gelegenheit gegeben, daß Du Deinen Geiſt und Koͤrper haſt bilden koͤn⸗ nen, und das erfordert Dankbarkeit und Gehorſam.“ Den ich Euch, ſiel Felix ein, auf ei⸗ nem rechtlichen Wege nicht verſagen werde; doch weiter. d„Daß dieſe Schaͤtze, die Du hier zum 3 Fheil ſiehſt, und die bedeutenden Sunnmen⸗ welche Du in den Jahren Deiner Lehrzeit verſchwendet haſt, nicht gut auf eine ſoge⸗ nannte ehrliche Art verdient ſeyn koͤnnen, wirſt Du laͤngſt begriffen haben: alſo, um Dir die Sache ſo kurz als moͤglich einleuch⸗ tend zu machen, ſo wiſſe: wir haben ſeit mehrern Jahren eine kleine Bande for⸗ mirt, haben dem Reichen, dem Uebermuͤ⸗ thigen, dem Wolluͤſtling, und dem Bedruͤk⸗ ker der Armen, der Wittwen und Waiſen, einen Theil ihres Ueberfluſſes abgenommen. 1 Wir, naͤmlich Makko und ich, Deine Wohl⸗ thaͤter, ſind bis jetzt das Oberhaupt dieſes Bundes geweſen, allein, Du ſiehſt, unſer Haar faͤngt allgemach zu bleichen an, un⸗ ſere Kraͤfte nehmen ab, ſowohl am Koͤrper wie am Geiſt, und wir beduͤrfen einer 8 Stuͤtze. Hierzu haben wir Dich nicht al⸗ lein erwaͤhlt, ſondern wir haben Dich das Zeitpunkt erſchienen, wo Du Deine — 168— bezahlen, und noch obenein ein großer Mann werden kannſt. Heute iſt der Tag, wo wir Dich der ganzen Bande, die hier verſammelt iſt, als ihr kuͤnftiges Ober⸗ haupt vorſtellen wollen, und wir zweifeln nicht, daß ſie Dich, nach unſrer Einleitung und dem Eindruck, den Deine ſchoͤne, bluͤ⸗ hende Geſtalt auf ſie machen muß, zu ih⸗ rem Herrn und Anfuͤhrer waͤhlen werden, und Dir den Eid der Treue leiſten.“ Felix ſtand wie vom Blitze getroffen da, und wußte nicht, ob Alles, was ſeit geſtern mit ihm vorgegangen, Wahrheit oder Taͤuſchung ſey. „Du beſinnſt Dich noch, Junge?“ 8 ſuhr Graubaum fort,„freueſt Dich nicht einmal uͤber das Gluͤck, was Dir in einem ſo hohen Grade zu Theil wird?“— 1 35 voellen Poſten gehoͤrig vorbereiten kans. — 169— Felix fühlte nur zu wohl die kritiſche 5 Lage, in welcher er ſich befand. Die Ge⸗ fuͤhle der Menſchen, mit denen er zu thun 3 hatte, waren entweder fuͤr Rechtlichkeit und Tugend gäͤnzlich abgeſtorben, oder ſie hat ten nie in ihnen gelebt; er fuͤhlte alſo recht wohl, daß ſeine beſſere Denkungsart hied keineswegs in Anſpruch genommen werden konnte, und er daher, wenn er nicht fuͤr ſein Leben fuͤrchten wolle, eine falſche KRolle ſpielen muͤſſe. „Ihr habt mich, das muß ich geſte⸗ hen, ſehr uͤberraſcht,“ ſagte er, ſeine Ge⸗ fuͤhle unterdruͤckend,„und ich bin in die⸗ ſem Augenblick nicht im Stande, Euch eine genuͤgende Antwort zu geben. Gebt mir aber drei Tage Bedenkzeit, damit ich mich auf einen ſo wichtigen und ehr — vo 8- Bijſt Du raſend? rief Makko: Bedenkzeit, Aufſchub? in dieſer kritiſchen Lage, wo wir jede Stunde einen Ueberfall zu befuͤrchten haben, den Deine unvorſichtige Ringge⸗ ſchichte, und Dein ſeltſames Verſchwinden aus den Haͤnden der Wache, nur noch um ſo ſchneller herbeifuͤhren wird? Und was haſt Du zu bedenken, zu waͤhlen und zu uͤberlegen? Darf ein geſundnes Bettelkind, dem ſchon ſo viele Wohlthaten zu Theil ge⸗ worden ſind, und dem nnn die groͤßte an⸗ gebotmn wird, auch noch waͤhlen? „Ihr habt ja vollkommen recht,“ ant⸗ wortete Felix, ſeine Lage immer bedenk⸗ licher findend:„allein Euer Antrag, ſo ſchmeichelhaft er auch immer ſeyn mag, hat mich zu ſehr uͤberraſcht, als daß ich ſogleich einen Entſchluß faſſen koͤnnte. 77 62 Zhorheit! rief Grauhaum, ein Kerl wie 8 wa, der auf der Univerſitat Alles selent hat⸗ was einem Küchtigen Anfuhrer von Salze zu wuͤrzen verſteht,— der Kerlen, die ur fuͤr Leben und Freiheit fechten, dem lebendigen Satan in die Flanke rennen. Darum entſchließe Dich kurz und gut; ehe eine Sunde verſloſſen, muß von— beiden Seiten der Eid der Treue geleiſtet ſeyn. 1 B Achtzehntes Capitel. Immer duͤſterer wurde es, in Felix See⸗ le, immer ſchwuͤler die Luft, die er einath mete, denn jeder Schritt zu ſeinem kuͤnfti⸗ gen Lebensgluͤck war ihm nun mit Einem⸗ maſe abgeſchnitten, jede Pforte zu ſeinem vor Kurzem noch bluͤhenden Paradieſe mit Hoͤllenriegeln verwahrt. O ich Ungluͤcklich⸗ ſter von allen Bewohnern der Erde! rief er nach einer kurzen Pauſe aus, nach wel⸗ cher er merkte, daß ihn ſeine Teufel ver⸗ laſſen hatten; ſo bin ich denn auf ewig verloren, ſo ſind all' meine Plaͤne, all' neine ſchoͤnen Ausſichten in einem Augenblick „ wie Seifenblaſen zerplatt; ans der Mitte der Engel, die mich mit himmliſcher Milde umſchloſſen— mit Satans⸗Faͤuſten heraus⸗ geriſſen, und unter die Tod und Zernich⸗ tung bringenden Furien der Hoͤlle verſetzt!— O, warum mußt' ich, wenn ich auch das verlorne Kind eines Bettlers bin, nicht von einem andern Bettier gefunden wer⸗ den? er haͤtte mich doch wohl, Wenn auch zu Muͤhe und Arbeit, doch zu einem ehr⸗ lichen Menſchen erzogen. Wehe, wehe 4 mir!— Mitt geballten Faͤuſten ſtand er eine Weile, die Augen ſtarr an die Decke geheftet, und kein Laut entquoll ſeiner ge⸗ aͤngſteten Bruſt. Endlich ermannte er ſich wieder, ſchlug heftig mit den Faͤuſten vor ſeine gluͤhende Stirn und rief in wilder Wuth: es iſt genug! Auf dzenn, hier kein Entrinnen, der Gott, zu dem ich mit ſ viel Zuverſicht gebetet, auf den ich mein ganzes Vertrauen geſetzt— er hat mich 3 — 274—. Schanden werden laſſen; von ihm war's beſtimmt, daß ich als die elendeſte, als die verworfenſte Creatur in ſeiner ſchoͤnen Schoͤpfung, als Raͤuberhauptmann herum⸗ kriechen ſoll. Ha! ha! ha! warum denn noch graͤbeln, warum denn noch Auswege ſuchen, wenn's doch einmal Beſtimmung iſt? Auf denn! hinaus zwiſchen die Schaaren der Hoͤlle, daß ich ſie gegen die Engel des Himmel anfuͤhre, und ihnen vergelte!“ 1 Er wandte ſich, um zu gehen, da ſtuͤrzte ihm Roſa, bleich, zitternd an allen Gliedern, mit fliegendem Haar und Thraͤ⸗ nen in den Augen, entgegen, und warf ſich an ſeine Bruſt. Felixl mein gelieb⸗ ter Felix! rief ſie mit diſtüm⸗ ſeh' ich 3 Dich wieder? „Ha, Noſa, biſt Dus? auch Du unoch unter dem Aucwurſe der Hoͤlle?— — 275— Doch Du biſt ein Engel, weiche von mir! b mich haben die guten Geiſter fahren laf⸗ 6 ſen, auch ich bin zum Teufel herabge⸗ ſunken!“ Gott der Barmherzigkeit! Nein, nicht Du— Du biſt ein guter Engel; ich nur, ich— doch, die Minuten ſind koſtbar, das ganze Raubneſt iſt, ſo weit das Auge reicht, mit Soldaten umringt. Graubaum und Makko ſind beſchaftigt, die ſchleunig⸗ b ſten Anordnungen zur Vertheidigung zu 1 treffen; doch, wenn die Ahnung meiner „Seele mich nicht taͤuſcht, ſo iſt Alles ver⸗ loren, ſo koͤmmt kein Menſchengebein von den Unſrigen mit dem Leben davon. „Wohl mir! waͤr' es ſo, dann waͤr ich ja doch noch in Gottes Hand!⸗. Das biſt Du. Gott iſt gerecht, — 176— wird die boſe That nicht an dem Unſchul⸗ digen raͤchen. „Welche That? ich verſtehe Dich nicht.“ 5 Frage jetzt nicht. Vielleicht ereilt uns Alle in der naͤchſten Stunde der Tod, und dann ſtirbt das Geheimniß mit mir— doch jetzt folge meinem Beiſpiele. Sie nahm hierauf von dem ſchon erwaͤhn⸗ ten eiſernen Kaſten die Decke, griff in einen verborgenen Winkel, wo die Schluͤſſel ver⸗ ſteckt lagen, oͤffnete ihn, und nahm außer tauſend Stuͤck Friedrichsdor's, welche in Rollen gezaͤhlt waren, noch ein kleines Paquet, worin Diamant⸗Ringe und ſonſtige Iuwelen verwahrt waren, heraus, und reichte dann Felix eben ſo viel an Koſt⸗ barkeiten. ſah Roſa, die ihm, indem ſie des Weges „Verwahre dieß ſo gut Du kannſt, und ſuche, wenn'’s ſchlimm wird, wo moͤg⸗ lich nur Dein Leben zu retten, und iſt uns Gott gnaͤdig, hat meine aufrichtige Reue ihn verſoͤhnt,— und wir treffen uns nach uͤberſtandener Gefahr wieder, dann will ich beichten, und wenn Dein Zorn mich auch verderben ſollte!“ Sie kuͤßte Felix noch einmal mit Heß⸗ tigkeit und verließ ihn dann. DOhne über ihre inhaltſchweren Worte nachzudenken, folgte er nach, und haͤtte vielleicht mehrere Stunden gebraucht, um ſich aus dem ſinſtern Felſengrabe herauszu⸗ finden, wenn er nicht ihren wiederhallen⸗ den Fußtritten gefolgt waͤre. Bald zeigte ſich durch eine Oeffnung das helle Licht des Tages. Er fand den Ausgang, und 2 2 — 178— kundig, weit vorausgeeilt war, einen Hü⸗ gel hinanklimmen und bald darauf im Ge⸗ buͤſch verſchwinden. Einen Augenblick ſtand er, und weidete ſein Auge an der wunder⸗ ſamen Felſengruppe, die, wenn Raͤuber ſie nicht geſucht und gefunden, wohl ſchwerlich je ein menſchlicher Fuß betreten haͤtte. Dooch ploͤttzlich ſiel ſein Blick auf die ihm zur Linken in einiger Entfernung ſtehende Raͤuberbande. Sie hatten ſich in ein Haͤuflein eng zuſammengezogen, und ſchie⸗ nen Rath zu halten.„Das alſo— dachte Felix— ſind ſie, fuͤr die Du Dein Blut vergießen, um die Du Deine Leee⸗ ligkeit wagen ſollſt?——— In dem Augenhlicke erſcholl der Ton einer, ihm ſchon aus laͤngerer Zeit her be⸗ kannten Pfeife, gleich darauf von einer andern Seite ein Piſtolenſchuß, dem von wieder einer andern Seite ein Zweiter — 279— folgte. Jetzt ſah er, wie die Raͤuber zu verſchiedenen Seiten aus einander ſprengten, und Graubaum mit ſtarken Schrirken Vuj chn zugeeilt kam. „Wir ſind verloren!“ rief er:„ſo viel als Baͤume in dieſem Walde ſind, ſo viel Soldaten zu Pferde, zu Fuße, drin⸗ gen von allen Seiten auf das Centtum. unf ſers Aufenthalts los.“ 3 Nun, was iſt denn dagegen zu ma⸗ chen? Entfliehen, dder das Aeußerſte wagene 3 0 S* 69, 3n entfliehen waͤre freilich das e Naßfäm ſte, aber keine Maus, geſchweige ein Mann, 4 wird dieſer Allmacht entfliehen koͤnnen; atſp nur der Muth der Verzweiflung kann den retten, der ſein Leben liebt, oder es nicht auf Goalgen verlieren wit 4 dem Rade oder — 280— Nun, ſo komme es, wie es wolle; ich habe nichts zu verlieren, als meine Ehre, die ich wenigſtens noch bis dieſen Augen⸗ blick gerettet; ſo lange alſo noch ein Bluts⸗ tropfen in dieſen Adern rinnt, ſoll keine Macht der Erde mich üßerwaltigen.— 1„Huͤlfe! Rettung!“ ſchrieen mehrere Stimmen durch ein nahe gelegenes Felſen⸗ har und in demſelben Augenblicke dran⸗ gen auch ſchon zwoͤlf Huſaren mit gezoge⸗ nem Saͤbel durch die Felſenſpalte, indem ſie fuͤnf Naͤuber vor r ſich in der Flucht her⸗ trieben. 3 Jetzt gilt es, rief Graubaum, und reichte Felix zwei geladene Piſtolen, wo⸗ 8 mit. Beide ebenfalls gegen ein nahes Fel⸗ ſenſtüͤck retirirten. Die fuͤnf in die Flucht Getriebenen, geſellten ſich in wenig Se⸗ kunden zu ihnen, und ſo erwarteten ſir ih Todfeinde.„ vorausſprengender ſeyd doch mit St 481— „Ergebt Euch nur!““ rief ihnen eim Wachtmeiſter zu⸗„She umpf und Stiel verloren? aber gutwillig, ſe wird um etwas 4 Ihr Euch ergebt ch wartende Strafe die auf Eu gemildert werden.“. 4** antwortete Grau⸗ teſt Du Schul⸗ 3 Heilz 6 Elender Soͤldner! baum, Du redeſt, als haͤt tnaben vor Dir. Verſuche Dein wenn Dir aber Dein Leben lieb iſt ſuche das Weite! t 11˙ rief lachend der arabi⸗ r das „Lumpengeſinde Wachtmeiſter, und brannte ſeinen K ner auf die Raͤuber los⸗ hatte abe Ungluͤck zu ſehlen. 822 , ein ſehr geübter Schütze, die üͤbrigen Huſaren Wachtmeiſter ſ Graubaum ud ehe war der legte an, u herbeieilten, — 132— vom Pferde geſtuͤrzt, und walzte ſich mit wuͤthenden Gebehrden in ſeinem Biute. * „ Unſer Wachtmeiſter die Huſaren,„nha! Fluch uͤber die Hunde!“ lopp ſprengten ſie, erreicht hatten, auf RNauber los. Allein, Kugeln empfangen, hatten, nur Felix Huſapen ſanken abermals von ihren Pfer⸗ den, und die Andern, nur ſchwach verwun⸗ det, drangen mit den Saͤbeln auf die 8 Nauber ein. ihn. todt!“ ſchrieen und Verderben und im geſtreckten Gal⸗ ſobald ſie das Ebene das Felsſtuͤck und die ſie wurden von ſieben wovon ſechs getroffen hatte gefehlt. Zwei Jetzt begann ein fuͤrchterlicher Kampf. In dem Augenblicke, wo Graubaum an⸗ legte, und noch einen ſeiner Gegner mit einer Kugel vom Pferde ſtuͤrzte, wurde ei⸗ nem ſeiner Kameladen, dicht neben ihm 7 des Todes zu werden; denn funſzig and — 183— zur Seite, der Kopf bis auf die Schultern geſpalten. Jetzt ging es faſt Mann gegen Mann, doch ſtuͤrzten in wenig Minuten noch einige Naͤuber, von ſchweren Wunden bedeckt, zu Boden. Felix und Graubaum hielten ſich tapfer, ſie fochten bis auf den letzten Mann, ohne irgend eine bedeutende Wunde davon zu tragen. Als aber die Huſaren endlich beſiegt waren, und der letzte, ſeinen Untergang vor Augen ſehend, die Flucht nahm, da ſanken auch ſie einige Minuten kraftlos zu Boden. Doch nicht von langer Dauer war dieſe Ruhe; bald vernahmen ſie in der Naͤhe andere heran⸗ nahende Krieger, und ſahen ſich genoͤthigt, einſtweilen einen Sufluchtsort zu ſuchen. Ein naher Felſenriß⸗ der zwar mit Lebens⸗ gefahr zu erſteigen war, gewaͤhrte ihne dieſen, doch war dieß auch das einzige Mittel, um nicht augenblicklich eine Beute — 4184— Reiter ſprengten herbei, und ſchwuren, als ſie die Niederlage ihrer Kameraden erblickten: das ganze Felſenneſt bis auf den Grund umzuwuͤhlen und auszurotten.. Felix und Graubaum ſaßen hier frei⸗ lich ſicher, allein fuͤr Letztern konnte dieß dennoch keine Wohlthat ſeyn, denn rings⸗ umher vernahm ſein lauſchend Ohr das um Huͤlfe rufende Jammergeſchrei ſeiner, mit Verzweiſtung und Todesnoth kaͤmpfenden Kameraden. Indeß brach die Nacht ein, und nach und nach hoͤrte das Musketen⸗ feuer, das Klirren der Waffen, das Geheut der Sterbenden und Verwundeten auf, und Graubaum that den Vorſchlag: dieſen Auf⸗ enthalt zu verlaſſen, um entweder zu meh⸗ reren Kameraden, oder ganz aus dem Wal⸗ de zu kommen. Als ſie den ebenen Boden wieder betreten hatten, viß Felix ei n erſchlagenen Soldaten die Montur vom Leibe und warf ſie uͤber ſeine Kleider. Geaubaum that ein Gleiches, und damit ſchlichen ſie ndem Eiagange der uns ſchon bekannten Felſenhoͤhle zu; allein zu ſeinem Todesſchreck vernahm Graubaum nicht al⸗ lein den Schein von Fackeln, ſondern auch fremde Stimmen darin. Dieſe Entdeckung war ihm ſchrecklicher als der Tod. Wuͤ⸗ thend zerraufte er ſein Haar und rannte endlich verzweiflungsvoll mit dem Kopfe G gegen einen Eichbaum, Felirimerkte recht gut, was ihn ſo ſchrecklich in den Harniſch brachte, doch ſchwieg er, und beredete ihn nur, ſich ruhig zu verhalten,— um wenigſtens das Leben zu retten. Er hatte⸗ Muͤhe, ihn von der Stelle, die al ſeine geraubten Schäͤge in ſich verbarg, weg zu bringen; als a her Graubaum end lich ſogar einige dreißig Kerle jubelnd mit der köͤſtlichen Beute aus der Hoh — 186— thend auf, und meinte: wenn er nur zehn Mann von den Seinigen finden koͤnnte⸗ ſo zweifle er noch nicht, ihnen Alles wie der hhenenen nr. eine vabenſimſte Nacht, in welcher kein Stern am Horizonte ſichtbar war, umigab jetzt die Irrenden, die ohne Weg und Sreg in der Finſterniß umher tau⸗ melten. Die Stille, welche bisher nur von dem Waſfengeklier, von dem Geſchrei der Sieger und Beſiegten unterbrochen ward, wulrde jetzt von einem heulenden Sturmwinde, der bald von einem hefti⸗ gen Regenguſſe begleitet war, belebt. Fe⸗ lix, an dergleichen durchaus nicht ge⸗ woͤhnt, verwuͤnſchte ſein Geſchick, ver⸗ wuͤnſchte die Stunde ſeiner Geburt, die ihn nur zum Verderben in die Weit ge⸗ ſchleudert hatte; indeß half ſeine Unzu⸗ ſriedenheit ihm nichts; er mußte die „Gonzalvo. Naͤuber und Zeitgenoſſe Arau⸗ 30,s. 3 Baͤnde; mit Kupfer. Leipzig 1820. Dieß iſt eine Fortſetzung des Axanzo, und viele der in Letzterm vorkoimmenden Perſonen ſind wieder hineinverwe ebt. Der ſteinerne Sarg im Ulmthale, oder der wandelnde Geiſt Erichs von Dreieichen. Rit⸗ ter: und Geiſtergeſchichte des dreizehnten Jahrhunderts. 2 Baͤnde; ini Kupfer. Leip⸗ zig 1821. thit en Hakkam. Hiſtoriſches Scaubetgemählde aus den Zeiten der Mauren in Spanien. Leip⸗ zig 1821. 183 g Guavanni. Furchtbares Oberhaupt der Ban⸗ diten zu Neapel. 2 Baͤnde; mit Kupfer. Leipzig 1822. Bei dem Verleger dieſes ſind ferner nach⸗ ſtehende, den Freunden einer angenehmen Untethaltung beſtens zu empfehlende Schriften erſchienen: Baczko, Ludw. v., Geſchichte Paolo Penna⸗ loſa, eines Kloſterbruders, oder es wird eine ewige Vergeltung ſeyn. 8. 1821. 1 Thlr. 8 Gr. Der nicht bloß als Unterhaltungs⸗Schriftſteller, ſondern auch als Hiſtoriker und Geograph ꝛc. rühmlichſt bekannte Verfaſſer lieſert hier ein Seitenſtuͤck zu ſeiner ſruͤhern Schrift:„Das Kloſter zu Vallambroſa.“ Wie ſchon der Titel beſagt, verweiſet der Verfaſſer den duldenden Erdenwaller auf ein beſſeres Jen⸗ ſeits, und er war bemuͤht, den Sinn fuͤr das wahrhaft Edle und Gute zu wecken, welches ihm wohl gelungen iſt. 19 1tEs Berguer, A., das Roß vom Libanon. Thurin⸗ ger Sage in 4 Buͤchern. Mit ² Vignetten. 8. 1819. 3 1 Thlr. Von den Hoͤhen des Libanon heruͤber in das Thuͤringer Land ſpielt ſich dieſer anziehende Roman, und durch ein Gottesurtheil vor dem Fehmgericht gerechtfertigt, genießt der Held der Geſchichte endlich den Lohn ſeiner guten Thaten in ungetruͤbtem haͤuslichen Gluͤck. Burg Alphauſen, die, oder Ziprians Frauen⸗ wahl. Komiſcher Roman aus dem Engliſchen von Th. Hell. 8. 1820. 1 Thlr. Freunde von Characterzeichnungen werden dieß Buch nicht unbefriedigt aus der Hand legen obgleich es vielleicht andere Leſer nicht in gleichem Maaße anſprechen wird. Fluͤchtlinge, die, romantiſche Unterhaltungen von dem Verfaſſer des Romans Heliodora. Mit Kupfer. 8. 1820. 1 Thlr. 3 Gr. Dieſe ſo wie die weiter unten ſtehenden: Ro⸗ mantiſchen Geſchichren des gleichen Verfaſſers ſind in ſeiner allgemein beliebten Erzaͤhlungsweiſe abgefaßt, und auch das, den Fluchtlingen beigegebene, Kupfer eine wahre Sierde des Buchs zu nennen. Für Winterabende. Erzaͤhlungen von Leander. Herausgegeben von Friedrich Laun. 2 Theile. 868. 1818. 31 2 Thlr. Geſchichten, romantiſche. Bom Verfaſſer des „Romans Heliodorg.(W. A. Lindau.) 3. 1819. 1 Thlr. 6 Gr. Gilling, F. W., Iugendliebe, oder das Kloſter in der Sierra Morena. Mit Kupf. 8. 1820. 18 Gr. Mit beſonderm Fleiße iſt dieſe Erzaͤhlung aus⸗ gearbeitet, die dem letzten ſpaniſchen Frei⸗ eheitskriege angehort. Das beigegebene Ku⸗ pfer iſt beſonders ſchoͤn nach Zeichnung von⸗ Junge durch Roßmaͤßler dem Aeltern geſtochen. Gilling, F. W., Seekönig Ingolf und ſeine Wi⸗ inger. Ein Roman der Vorzeit. Mit einem Kupfer. 3. 1820. 1 Thlr. 8 Gr. Titel und Tendenz erinnern an: Fouques Fahrten Thiodolfs des Islaͤnders, aber dem unbeſchadet gewaͤhrt das Buch eine angenehme Unterhaltung und wird gewiß ſei⸗ ne Freunde finden. 4 Noſen, die heiligen. Nomantiſche Sagen aus dem Mittelalter. Herausgegeben von Auguſt Adolph und Wilhelm Ferdinand. Mit Kupf. . 1819. 321 Thlr. 8 Gr. Das deutſche Mittelalter iſt uns beſonders durch Fonue's liebliche Bilder wieder theuer ge⸗ worden, und gut ausgearbeitete Sagen der Vorzeit gehoren zur Lieblingslectäre. Drei ſolcer Ueſert das votliegende Bandchen. (Seott, W.,) der ſchwarze Zwerz, eine ſchortiſche Sage. Von dem Verf. der Romane: Robin der Rothe und der Aſtrolog. Nach dem Engliſchen bearbeitet von W. A. Lindau. Mit Kupfer von 1 Roßmaͤßler. 8. 1819. 1 Thlr. 12 Gr. Die Schilderung altengliſcher Sitte in W. Scotts allgemein beliebten Schriften fehlt auch in die⸗ ſem Werk deſſelben nicht, welches nach dem Urtheil ſachkundiger Maͤnner durch Herrn W. A. Lindan trefflich verdeutſcht wurde. Stube, die graue, auf der Budd Ulmenhauten, oder das ſtille Kind. Vom Verfaſſer Urach des Wilden, 2, Theile. Mit einem Kupfer von Roßmaͤßler. 8. 1818. n Thlr. 2 Gr. Ich darf nur nachſtehende Schriften des gleichen Verſaſſers: Lorenzo derkluge Man im Walde; Stonio der Greis des Gebir⸗ e r. Mann im Mankelu. v. a. mehr nennen 3 die Aufmerkſamteit des Puhlikums ſchon auf dieß Buch zu richten, aber ich weiß, es wurde noch viel mehr beachtet werden, wenn⸗ es mir vergdunt wäre, den wahren Namen des faſſees, der ein vom Publikun geachteter er Schriftneller iſt, anzufuͤhren. — 87 Dnawanlan ſſſſſſſſnſſſſnſſſſſſſſſſſſiſſin 14 15 1 17 18 6 T ₰ 3 4 4 8—* 8