Concordia. Eine(eutſcit Kaiſcegeſclidtte aus Zaeru von Héerman Schmid. Vierter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1874. — 22 ——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur b 3 ven.. Eduard Oftmann in Gießen, ſ Schloßgaſſe Ar. A. Nr. 2a. 3 Seih- und SCeſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Wüdaabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Pinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 3 6 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. 3 für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4 auf 1 Monat: 1 Mt. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk. 2f. 5. 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Der Wind ſtrich kalt durch die engen Gaſſen der alten freien Stadt Frankfurt und wirbelte den Inhalt des tief herniederhängenden Gewölkes durcheinander, das ſich wechſelnd in Regengüſſen und leicht gefrorenem Schnee⸗ gerieſel entlud. Es gehörte große Ueberwindung und noch größere Neugier dazu, ſich dennoch in den Stra⸗ ßen herumzutreiben; aber die alte Reichsſtadt war we⸗ gen der erſt kurz ſtattgefundenen Wahl und Krönung des römiſchen Kaiſers von Gäſten aller Art ſo überfüllt, daß trotz des ſchlechten Wetters und der vollſtändig eingebrochenen Nacht die Straßen nicht leer wurden und die Menge ſich ſo begierig durcheinander ſchob und drängte, daß ſie hier und da in den ſchmalen Schmid, Concordia. IV. 1 2 Gäßchen gleich einem aufgeſtauten Strome für Augen⸗ blicke brandend anhielt und nicht von der Stelle konnte. Beſonders gegen den Roßmarkt hin wälzte ſich das Gedränge, denn von dort her blitzte und ſchimmerte manchmal, wenn Wind und Wetter es geſtatteten, ein ſo heller Lichtglanz empor, als wollte die Nacht ſich plötzlich in Tag verwandeln. Dort lag der Barkhauſiſche Hof, in welchem der Graf von Montijo, der Geſandte Spaniens bei der Kaiſerwahl, ſeine Behauſung aufgeſchlagen hatte: ein ſtattliches Gebäude mit langer, in zwei große Flügel und einen hohen Mittelpavillon getheilter Fronte, die, von unten bis oben dicht mit Girandolen, Transpa⸗ rents, Opferflammen und Gueridons bedeckt, einen immerhin prächtigen Anblick bot, wenn auch die im Sturm fortwährend erlöſchenden Lichter und Lampen immer friſch angezündet werden mußten und das Ge⸗ ſammtbild dadurch niemals zu einem ganzen geſchloſ⸗ ſenen Eindruck kam. Beharrlich trieb ſich davor die Menſchenmenge durcheinander; ſie konnte ſich an dem prächtigen Schauſpiel nicht ſatt ſehen und achtete es nicht, wenn auch durch das enge Gedränge die Wagen der Gäſte mit Vorreitern und Laternenträgern heran⸗ rollten und ſich eine breite Gaſſe brachen, oder wenn Sänften herangetragen wurden, umgeben von Läufern, ,“ — 3 die, um Platz zu machen, ihre Fackeln im Kreiſe um die Köpfe ſchwenkten. Schreiend und ſcheltend fiel, ſtauchte und drängte dann die Menge zurück, um den nöthigen freien Raum zu gewähren, aber im nächſten Augenblick wogte ſie wieder vorwärts und ſchlug über der leeren Stelle zuſammen. Den beſten Theil hatten diejenigen erwählt, die an der Ecke eines der Seiten⸗ gäßchen Platz gefunden, denn ſie waren rückenfrei und hatten obendrein den Vortheil, durch die Häuſer vor dem Regen geſchützt zu ſein, deren Stockwerke immer eins über das andere weiter in die Straße herein ge⸗ baut waren, daß die Giebel ſich beinahe berührten und man ſich hier und da von den Dachluken aus ohne Schwierigkeit die Hände reichen konnte. Dort hatten ſich verſchiedene Gruppen zu einander geſellt, die eine aus geringern Bürgern, die andere aus Kaufleuten und eine dritte aus Söhnen der Pa⸗ trizier und ſtädtiſchen Adelsgeſchlechter beſtehend, die ſich von jenen ebenſo fern hielten wie die Kaufleute von den Handwerkern. In der reichen und angeſehenen Reichsſtadt war jeder, auch der geringſte Theil ſich wohl bewußt, was er galt, und ebenſo ſehr darauf bedacht, ſeiner Geltung nicht einen Finger breit zu vergeben. Die Bürger waren einfach, aber gut ge⸗ kleidet, in der ſtadtüblichen Tracht, den dreiſpitzigen 1* Hut auf dem Kopf, den Haarbeutel im Nacken und den langen Faltenmantel auf den Schultern; die Kauf⸗ leute und vollends die Edelherren hatten ſich ſchon voll⸗ ſtändig die franzöſiſche Mode, die geſtickten Röcke und Weſten mit dem Galanteriedegen zu eigen gemacht, während die Damen in bauſchigen Reifröcken und auf hohen Stöckelſchuhen dahertrippelten. „Jetzt, das muß ich ſchon ſage“, rief ein großer breitſchultriger Mann, der eine grobe Wollenjacke über ſeinen Arbeitsanzug geworfen hatte,„jetzt hab' ich die Geſchicht' bald ſatt! Von dem Hundewetter könnt' man die Kränk kriege. Was hab' ich von dem Guke', wann ich net emol weeß, was es bedeute ſoll! Kann uns der Herr vielleicht explicire, was das Gemäl' dort obe vorſtelle ſoll? Der Löw', der die Weltkugel mit die Tatze feſthält, und die Schrift drüber? Das wird wohl ſpaniſch ſein! Kann's der Herr ausdeutſche?“ Die Frage war an einen hübſchen jungen Mann gerichtet, der, in die Uniform der Stadtmiliz gekleidet, ſich aufs angelegenſte mit einer hübſchen jungen Dame unterhielt, die ihm offenbar gleich eifrig zuhörte und erwiderte; es ſchien, als ob beide die Gelegenheit, ſich unbeachtet ſprechen zu können, von Grund aus ſich zu Nutze machen wollten. Der junge Mann, dem die Unterbrechung höchſt unangenehm war, gab ſich daher —— — —— 1 5 den Anſchein, als habe er die Frage nicht gehört, und plauderte ungeſtört weiter. „Oho“, murrte der Mann, indem er ihn ſeitwärts betrachtete.„Antwort könnt' der junge Herr wohl gebe, meen' ich! Ae Rangſchiffer von Sachſehauſe wär wohl eine Antwort werth; aber es ſcheint, der junge Herr verſteht aach net, was da drobe geſchriebe ſteht!“ Ein alter zierlicher Herr in der Tracht eines franzöſiſchen Abbé, der nebenan geſtanden, unterbrach den Eifernden, indem er in ſtark gebrochenem Deutſch dem Schiffer Inſchrift und Gemälde zu erklären ſuchte. „Das ſein der Löw von ſpaniſch Wappen“, ſagte er,„der halten le monde, der Weltenkugel, dans ses mains, und die inscription ſein lateiniſch und heiß: Mich reizen Niemand ohngeſtraft.“ „Krieg' die Kränk“, rief der Schiffer wieder,„der Spaniol ſcheint ſich nicht ſchlecht viel einzubilden! Das iſt ja faſt eine Grobheit, daß er ſo etwas gemalt aus⸗ ſtellt! Das iſt ja gerade ſo, als wenn mir eener die Fauſt unter die Naſe hält und ſeecht:„Siehſte, das iſt vor Dir, wenn De Dich muckſt? Und warum thut er das? Was ſoll denn die ganze Illumination be⸗ deute?“. „Mon dieu, ſein das ganz bekannter Affaire“, ſagte der Abbé;„ſein heut' der Geburtstag von der Prin⸗ ceſſe d'Aſturie, von der Infantin oder von der Dau⸗ phine, cest à dire, von der Tochter von die roi d Es- pagne.“ „So, ſo!“ ſagte der Schiffer gleichgültig.„Und da macht er ſo viel Aufhebens davon? Aber was hat denn der Spaniol überhaupt bei uns in Frankfurt zu thun?“ „Mais mon dieu, mon bon homme“, ſagte der Abbè lachend,„Sie wiſſen nicht viel von die Sach,, von Ihr Vaterland. L Espagne ſein auch von der Puiſſances, die haben mit geſchloſſen den Frieden von Münſter, es ſein comme la France— la France ſein die Garante von die Deutſch und haben drein zu re⸗ den, wenn ſie machen die élection von die neue Kaiſer.“ Der Schiffer murmelte halblaut in ſich hinein; es war nicht mehr zu verſtehen, als daß er ſich über das Dreinreden ärgerte und meinte, die Deutſchen würden den Kaiſer wohl auch allein fertig kriegen. „Bei alledem“, ſagte ein danebenſtehender Bürger, der dem Geſpräche zugehört hatte,„bei alledem iſt es ganz gut, daß die Herren kommen; ſie tragen uns brav Geld in die Stadt und der ſpaniſche Geſandte iſt nicht der geringſte darunter. Denke der Herr nur, was das Feſt, was die Illumination da koſtet, und das bleibt Alles in Frankfurt ſitzen!“. ————— *⁸ 64 „Schon recht“, erwiderte der Schiffer,„dafür ſind wir freie Frankforter, aber es iſt eben auch nicht Alles Gold, was glänzt!“ „Das will ich meinen“, rief ein Dritter dazwi⸗ ſchen.„Wer hat den meiſten Gewinn von den Frem⸗ den? Wenn ich nicht irre, ſo iſt der Herr der Wirth zum goldenen Eichhorn; da hat Er freilich Grund, daß Er zu den Fremden hält. Die Dienerſchaft, die Lakaien, die Läufer, die Haiducken und all das Volk ſetzt Ihn freilich in Nahrung, aber was hab' ich da⸗ von? Ich bin ein Schreiner— was ſoll unſereiner ſagen, wenn der franzöſiſche Geſandte, der Herr von Belleisle, die Bettſtellen für ſich und ſein ganzes Gefolg' aus Paris mitbringt? Wir Schreiner haben uns freilich an den Bürgermeiſter gewendet und an die Scabinen, was hat's geholfen? Die Bettſtellen wären nun ein⸗ mal da, haben die Herrn geſagt, da könnt' man nichts machen, mit den Geſandten müßt' man all's ganz zim⸗ perlich umgehen, damit ſie nicht verdrießlich werden; aber was hab' ich da davon? Die Franzuſe ſtecke den Profit ein, gehen fort und lache ſich den Buckel voll, wir aber müſſe die Steuern zahle und arbeite und noch obendrein den Dienſt mache. Es vergeht kein Tag, wo nicht ein paar Quartiere von der Bürger⸗ miliz ausrücke müſſe, um die Herrſchafte herein oder hinaus zu begleite und Spalier zu mache oder weiß Gott was.“ „Krieg die Kränk“, ſagte der Schiffer,„was der Herr da ſeecht, des iſt wohl Alles wahr, dafür ſind wir aber freie Frankforter und habe das Vorrecht, daß die Geſandten und Fürſten und ſogar der Kaiſer ſel⸗ ber zu uns kommen müſſen, wie ſie ſind, und darf Keiner kein' Soldate hereinnehmen. Die Frankforter Bürgermiliz muß Kaiſer und König beſchützen und das ganze Reich!“ Das Unwetter hatte eine Weile ausgeſetzt, jetzt brach plötzlich wieder Geſtöber los und hüllte für einen Augenblick den ganzen Platz in dichten Schnee⸗ wirbel. „Nun“, ſagte der Eichhornwirth,„wenn morgen zur Krönung von der Kaiſerin auch ein ſolches Wet⸗ ter iſt, werden nicht viel Leute hereinkommen, um zu⸗ zuſchauen!“ „Sag' mir der Herr doch, wie iſt denn das eigent⸗ lich mit der Krönung?“ fragte der Schreiner.„Hab' ich doch gemeint, die Kurfürſtin von Baiern wollt' ſich gar nicht krönen laſſen, und jetzt geſchieht es doch über Hals und Kopf?“ „Das kann ich dem Herrn ſchon erklären“, ſagte der Wirth.„Bei mir kehren einige von den bairiſchen 9 Dienerſchaften ein; die haben davon erzählt. Die Kur⸗ fürſtin iſt nämlich von Haus aus eine öſterreichiſche Prinzeſſin und iſt anfangs durchaus gegen den Krieg geweſen und auch dagegen, daß ihr Mann Kaiſer wer⸗ den ſollt'; ſie hat's doch mehr mit Oeſterreich gehalten, es iſt ja eine alte Sach', daß das Blut zuſammenrinnt; aber jetzt, weil es geſchehen iſt und weil er's durchge⸗ ſetzt hat, daß er nacheinander Erzherzog von Oeſter⸗ reich, König von Böhmen und gar Kaiſer geworden iſt, jetzt hat ſie ſich umgewendet und will auch ihren Theil haben an der Herrlichkeit!“ „Meinetwege, mir kann's recht ſein“, ſagte der Schiffer.„Das wird wieder ein ſchönes Heidegeld koſte, und ich bin nur als froh, daß ich's nicht zahle muß!“ „Na, der Kaiſer hat's ja“, ſagte der Wirth,„ſein Baiern iſt ein gar reiches Land; das iſt ein Brunnen, der gar nicht zum Ausſchöpfen iſt, und wenn er's nicht hätte, dann werden ihm ſchon ſeine Alliirten aushelfen, der König von Frankreich—“ „Oder er holt's von wo anders her“, rief der Schiffer lachend.„Vielleicht aus dem gewiſſen Palais in der Eſchenheimergaſſe!“ „In der Eſchenheimergaſſe?“ wiederholte der Wirth.„Was meint der Herr damit? Meint er das Palais vom Fürſten Taxis?“ 10 „Was ſonſt?“ rief der Schiffer wieder.„Alle Welt ſagt, das Brunnenwaſſer von dem reichen Baiern wär' ausgebliebe und der Marſchall vom kaiſerliche Hof thät' manchen Tag Blut ſchwitze und wüßt' nicht, wo er das Geld hernehmen ſollt' vors Mittagseſſe. Der Fürſt Taxis hilft immer aus, ſage ſie. Ja, ja, es geht halt aach wie in dem alte Sprüchlein: Hab' ich kee Geld für morge, Das macht mir keene Sorge! Ich thu' mir halt eens borge. Der Fürſt Taxis hat den Name net umſonſt, der weeß, was die Tax is!“ „Hör' der Herr“, ſagte der Eichhornwirth,„Er hat eine Zunge wie ein Schwert; Er braucht nicht erſt zu ſagen, daß Er ein Sachſenhäuſer iſt!“ Der Schiffer lachte geſchmeichelt und vergnügt. Der Schreiner aber wandte ſich an den Wirth mit der weitern Frage, ob denn wirklich etwas Wahres ſei an den bedenklichen Gerüchten, die über den Zu⸗ ſtand und die Vorgänge in Baiern in Umlauf ſeien. Der Wirth ſah erſt vorſichtig um ſich, ehe er ant⸗ wortete. „Man weiß nichts Gewiſſes“, ſagte er dann,„es wird Alles gar geheim gehalten; aber das habe ich geſehen, daß die Baiern, die bei mir einkehren, nichl 11 ſo vergnügt wie ſonſt bei ihrem Bierſchoppen ſitzen, ſondern die Köpf' zuſammenſtecken und wispern. Es ſoll ſchlecht ausſehen; die Königin Maria Thereſia hat den ungariſchen Landſturm aufgeboten, die Franzoſen ſollen Linz übergeben haben und die Oeſterreicher in Baiern eingebrochen ſein und ſollen dort hauſen wie der türkiſche Erbfeind. Es heißt ſogar, ſie rücken ſchon auf München los.“ „Krieg die Kränk“, rief der Schiffer ärgerlich, „das hat der Kaiſer jetzt davon, daß er gar ſo gut Freund iſt mit dene Franzuſe! Wenn ſie ihm auch noch ſo ſchön thun, ſie trage doch uf beede Achſle, und ich bleib' dabei, das iſt ſein Unglück, daß er ſo an dene Franzuſe feſthält und daß die Höchſte, die um ihn herum ſind, auch lauter eingefleiſchte Franzuſe ſind. Ich hab's mir gleich damals bei der Krönung gedacht, wie er im Römer auf den Balkon herausgetreten iſt, um ſich zu zeige, wie Alles ſo mäuscheſtill geweſen iſt, wie bei einer Leich' und nicht wie bei einer Kaiſer⸗ krönung! Nur die bezahlte Leut' habe geſchrie' und die Bube, das Volk aber und die Meeſte haben ihn ange⸗ ſchaut und habe ſich gedacht, es wär' Alles recht; Du kannſt ä guter Mann ſein und ä lieber Mann und aach ä geſcheidter Mann, wann Du's nur net mit dene Franzuſe halte thätſt!“ 12 Er brach ab; eine ſtark flutende Bewegung und ſtarkes Rufen ging durch die Menge. Das Hauptſchau⸗ ſpiel, deſſen Erwartung die Meiſten im Unwetter feſt⸗ gehalten hatte, ſollte beginnen und das Mitteltrans⸗ parent des Geſandtſchaftshotels ſich in einen Tempel mit dem Namenszug der Infantin verwandeln. Gleich⸗ zeitig fühlte ſich der Schiffer von hinten her auf die Schulter geklopft. Der junge Mann in der Lieute⸗ nantsuniform der Bürgermiliz redete ihn an. „Guter Freund“, ſagte er,„will der Herr nicht etwas beiſeite gehen? Das Fräulein hier kann nicht über Ihn wegſehen.“ „Die Kränk“, rief der Schiffer,„hat der Herr uf ämol die Sprach' wiedergefunne? Ich hab' ſchon gefürchtet, es hätt' den Herrn der Zungenſchlag ge⸗ troffe, weil er vorhin keen Wörtle gehabt hat zur Ant⸗ wort für mich! Nee, Herr, ich will nicht beiſeit' gehe; aber ich weeß doch, was ſich für ein ſo feines Fräule ſchickt, dafür bin ich ein freier Frankforter. Das Fräule kann ſich vor mich hinſtelle, der Herr aber bleibt fein ſauber hinten.“ Dem Wort war gleichzeitig die That gefolgt; ehe der junge Mann etwas erwidern konnte, hatte der Schiffer das Fräulein ergriffen und derb, aber nicht unartig, vor ſich hingepflanzt, dann aber beide Ellen⸗ 6 13 bogen breit in die Hüften geſtemmt, um dem Lieutenant das Nachkommen zu verwehren. „Was unterſteht Er ſich?“ rief der Milizlieute⸗ nant.„Er iſt ein—“ „Halt, Herr“, unterbrach ihn der Schiffer,„laſſe Sie das Schimpfe bleibe, ich könnt'es falſch verſtehe!“ „Will Er mir ſogleich Platz machen und mich durchlaſſen?“ rief der Lieutenant wieder, bleich vor Zorn. „Nee, heut⸗ nicht, heut' hab' ich keen' Luſt, viel⸗ leicht wenn Pfingſten vor emn) kommt!“ ſagte der Schiffer höhniſch. „Sieht Er nicht, wer ich bin?“ rief der Lieute⸗ nant.„Kennt Er die Uniform nicht? Ich befehle Ihm—“ „Die Kränk“, ſagte der Schiffer, indem er ſich nach ihm umkehrte und ihn von oben bis unten muſterte. „Ich will Ihne was ſage, jung's Herrche! Die Uniform kenn' ich freilich und reſpectire ſie aach, weil ich ſie ſelber trag'; Sie aber, Sie haben ſie wohl erſt drei Brodtäg' auf'm Leib, weil Sie nicht wiſſe, was ſich gehört! Wenn ich morge den Rock anhab' und in Reih und Glied ſteh' und den Kuhfuß in der Hand hab', dann commandire Sie mich, heut' aber nicht. Heut' und hier bin ich nicht Bürgerſoldat, ſondern ä Frank⸗ 14 forter Bürger ſo gut wie Sie, und da habe Sie mir nichts zu ſage, dafür ſind wir freie Frankforter!“ Der Lieutenant wollte antworten, aber das Wort verhallte in dem allgemeinen wilden Aufſchrei des Schreckens, der plötzlich gleich einem anwachſenden Windſtoß über den Platz und die darauf verſammelte Menſchenmenge dahinrollte; er galt nicht dem eben jetzt ſichtbar gewordenen Glorientempel der Prinzeſſin von Aſturien, ſondern der Feuerröthe, die über den Giebeln und Dächern emporſtieg. „Herrgott von Bentheim“, ſagte der Wirth,„da iſt wo Feuer ausgebrochen! Das iſt gegen die Zeil zu!“ „Nein“, rief der Schiffer, indem er mit den an⸗ dern von dem plötzlich in ſtürmende Bewegung gera⸗ thenen Menſchenſtrom fortgeriſſen wurde.„Das iſt die Richtung gegen das Kronſtädterhaus, wo der fran⸗ zöſiſche Geſandte einquartiert iſt! Gewiß hat die höl⸗ zerne Küche Feuer gefangt, die er dahinter gebaut hat Ich hab's ja gleich geſagt, daß das nicht gut thun kann! Krieg die Kränk! Was haben wir nun von all dem Zeug, als daß ſie uns zuletzt noch die Stadt über dem Kopp anzünden!“ Der nächſte Morgen machte alle Beſorgniß, die der Abend mit ſo gutem Grunde erregt hatte, glanz⸗ 15 voll zu nichte; aus der häßlichen Puppe der Sturm⸗ nacht war lichtglänzend und farbenreich der Schmet⸗ terling Tag emporgeſchwebt. Der Uebergang hatte etwas Zauberhaftes an ſich. Das bei Dunkel und Unwetter geſchloſſene Auge glaubte kaum, ſich ſelber trauen zu dürfen, als es den wolkenloſen blauen Himmel ge⸗ wahrte und die Sonne ſo ſiegesgewiß niederſtrahlte, als hätte nie ein Gewölk die Macht gehabt, ſie zu verdunkeln; als überall, wo Baumwipfel zwiſchen Häuſern und Mauern emporſtiegen, grüne Blätter winkten und nur hier und da eine Blüte als vereinzelte Flocke durch die milde Luft ſchwebte. Vom erſten Tagesgrauen an herrſchte deshalb auch laute und rege Thätigkeit durch die ganze Stadt; beſonders lebhaft war es in den Straßen, durch welche der Zug gehen ſollte, ſowie am Dom, wo die Krö⸗ nung, und im Römer, in welchem nach derſelben das große Mahl ſtattfinden ſollte. Ueberall, wo der Raum es geſtattete, wurden an den Häuſern entlang Büh⸗ nen und Stufen für Zuſchauer aufgebaut und an den Fenſtern derſelben ſtellten ſich ſchon frühzeitig die Gäſte ein, die ſo glücklich waren, von einem der Be⸗ ſitzer zum Schauſpiel und zu dem damit verbundenen Im⸗ biß geladen zu ſein. Sie mußten ſich auch wohl ſputen, denn ſpäter wäre es unmöglich gewe⸗ 16 ſen, durch die engen Straßen ans Ziel zu ge⸗ langen. In dieſen ſelbſt marſchirte bereits die Stadtmiliz, nach ihren Quartieren in vierzehn Compagnien abge⸗ theilt, heran, um zur einen Seite Spalier zu bilden, während gegenüber die Soldaten der eigentlichen Stadt⸗ garniſon ſich aufſtellten. Auf dem Römerberge waren Zimmerleute über und über beſchäftigt, den Brunnen aufzubauen, aus welchem Wein für das Volk ſpringen ſollte, und die Breterbrücke zu legen, auf der das kai⸗ ſerliche Paar von dem Dom zum Römer ſchreiten mußte; wieder Andere ſchafften emſig die breiten Strei⸗ fen von weißblauem und ſchwarzgelbem Tuch herbei, das über die Breter gebreitet wurde. Auch in den Häuſern, welche der neue Kaiſer be⸗ wohnte, war Alles ſchon in früher Morgenſtunde ge⸗ ſchäftig. Der Palaſt an der neuen Kräme, der ge⸗ wöhnlich den Kaiſern zur Herberge diente, reichte für Karl Albert's Familie nicht aus. Die Kurfürſtin mit Töchtern und Hofſtaat war daher in dem nahe gele⸗ genen Syvert'ſchen Hauſe, Kurprinz Maximilian aber im ſogenannten Braunfels untergebracht. Beſonders lebhaft ging es in den Gelaſſen der Kaiſerin zu; es war auch keine Kleinigkeit, ſie zu dem Feſte, deſſen Hauptperſon und Mittelpunkt ſie bilden 47 ſollte, nach Gebühr zu ſchmücken und zu kleiden, ſollte doch ſchon um die zehnte Stunde der Krönungszug ſich in Bewegung ſetzen. Auf dem Vorplatze war Jungfer Stauberin eben einſig daran, das Kleid von ſchwerem Silberſtoff, das die Kaiſerin tragen ſollte, einer letzten Beſichtigung zu unterziehen, als über die Treppenſtufen herauf ſich Schritte näherten, denen man es anhörte, daß ſie ge⸗ übt waren, auf glattem Boden leiſe und doch ſicher aufzutreten. Es war der Oberkammerdiener Duſchl, der, als er die Kammerfrau erblickte, einen Ruf ange⸗ nehmer Ueberraſchung ausſtieß, während ſie ſelbſt ſich den Anſchein gab, als bemerke ſie ihn nicht, und ſich zum Gehen anſchickte, es aber doch ſo einzurichten wußte, daß ſie gewiß war, noch an der Thür einge⸗ holt zu werden. „Wie, die liebwertheſte Jungfer wird mir doch nicht das Glück rauben, ihr einen ſchönen guten Mor⸗ gen zu ſagen?“ rief er.„Ich betrachte es als ein gutes Zeichen, daß gerade Sie die erſte iſt, die mir in dieſem Hauſe begegnet!“ „Halt' mich der Herr nicht auf“, erwiderte ſie ge⸗ ziert,„ich hab' alle Hände voll zu thun.“ „O ſo viel Zeit, um mir Beſcheid zu geben, wird Sie doch erübrigen können“, entgegnete der ga⸗ Schmid, Concordia IV. 2 18 lante Kammerdiener.„Ich komme im Auftrage Sei⸗ ner kaiſerlichen Majeſtät, um mich nach dem Befinden der Prinzeſſin Thereſe zu erkundigen.“ „Dacht' ich's doch, daß Er nicht die Wahrheit ge⸗ ſagt hat!“ erwiderte die Stauberin ſpitz.„Er iſt nicht meinetwegen gekommen, ſondern weil er geſchickt wor⸗ den iſt. Die Prinzeſſin aber iſt ganz wohl und gar nicht ſo krank, als man ſie macht! Bei vornehmen Leuten wird immer aus einer Mücke gleich ein Ele⸗ phant gemacht! Sie hat eine Krankheit, die alle Kin⸗ der haben, nur daß ſie ſie etwas ſpät bekommen hat, es iſt das Frieſel, weiter nichts! In ein paar Tagen iſt ſie wieder wohlauf. Aber da kann Er's gleich aus beſter Quelle hören“, ſetzte ſie hinzu,„da kommt ge⸗ rade die Aja, Frau von Mayerhofen heraus.“ Die Thür des Seitengemachs war aufgegangen und die Dame herausgetreten. „Ich glaubte Ihre Stimme zu hören, Jungfer Stauberin“, ſagte ſie.„Ich wollte Sie ſo eben auf⸗ ſuchen. Habe Sie doch die Liebe, Ihre Majeſtät die Kaiſerin wiſſen zu laſſen, daß die Prinzeſſin nach längerem Schlaf aufgewacht iſt und ſehnlich nach ihr verlangt.“ Der Oberkammerdiener benutzte die Gelegenheit, ſeine Anfrage vorzubringen. 19 „Ach Gott“, erwiderte Frau von Mayerhofen, deren Augen ſich ſogleich mit Waſſer füllten,„ich bin recht beſorgt; die Nacht iſt in Unruhe, Hitze und ſtetem Irrereden vorübergegangen. Erſt gegen Morgen war die Prinzeſſin etwas ruhiger und ſchlief ein, beim Er⸗ wachen aber war das erſte Wort die Frage nach der Mutter. Alſo ſäume Sie nicht, liebe Jungfer.“ „Nun ja, ich werd' es gleich beſtellen“, ſagte die Stauberin obenhin,„aber ich glaube kaum, daß Ma⸗ jeſtät jetzt abkommen kann! Es iſt bald neun Uhr und Ihre Majeſtät die Kaiſerin muß über Hals und Kopf trachten, mit dem Ankleiden fertig zu werden. Wenn ſie aber von der Ceremonie heimkommt, dann wird es gewiß ihr Erſtes ſein.“ „Ueberlaſſe Sie das Ihrer Majeſtät“, entgegnete die Aja mit Würde.„Sie aber beſtelle, was Ihr aufgetragen wird!“ Sie ging, während die Stauberin ſie mit giftigen Blicken verfolgte und ihr nachmurmelte:„Hochmüthige Perſon das! Muß auch ein Stück Holz verſchluckt ha⸗ ben, weil ſie den Rücken ſo ſteif trägt! Ach was iſt es hartes Brod, wenn man dienen muß!“ „Da hat die liebwertheſte Jungfer Recht“, rief der Kammerdiener.„Dienen iſt ein glänzendes Clend und eigner Herd iſt ſchon nach dem Sprichwort Goldes 2* 20 werth! Das iſt aber nur dann wahr, wenn man ſo viel hat, um ſich den Herd vergolden zu können!“ „Wie meint der Herr das?“ fragte die Stauberin, die Verwunderte ſpielend. „Ich meine“, ſagte Duſchl,„wenn mir der Ge⸗ horſam und das Demüthigthun manchmal ſo recht zu⸗ wider wird, dann denke ich immer an die Zeit, wo ich einmal die Kette abgelegt habe, wo man ſich um die Summe, die man ſich bis dahin ſauer zuſam⸗ mengeſpart, ein ſchönes Gütchen gekauft hat, etwa am Ammerſee oder bei Salzburg oder ſonſt in einer ſchönen Gegend—“ „O, auch ich bin nicht müßig“, ſagte die Stau⸗ berin,„ich trage ein, wie die Impen in ihren Korb, aber in die Ruh' geh' ich einmal nirgends anders hin als nach Wien. Es gibt nur ein' Kaiſerſtadt, gibt nur ein Wien!“ „Auch dazu könnte ich mich entſchließen, geehrte Jungfer“, ſagte Duſchl zärtlich, indem er nach ihrer Hand haſchte, ohne ſie aber zu erreichen.„Wo die liebwertheſte Jungfer daheim iſt, da möchte ich mich auch anſiedeln—“ „Wie oft muß ich Ihm noch ſagen“, rief ſie ihn unterbrechend,„daß ich von ſolchen Reden nichts hö⸗ ren will?“ 21 „Dennoch kann ich es der Jungfer nicht erſparen“, ſagte Duſchl, den Verſuch wiederholend;„die Jungfer muß mich anhören, ich habe Ihr eine Nachricht aus München mitzutheilen.“ „Aus München?“ fragte ſie.„Das iſt gewiß wie⸗ der etwas Trauriges, von dort kommt jetzt nicht leicht etwas Gutes!“ „Allerdings, etwas Trauriges“, ſagte der Ober⸗ kammerdiener, indem er ein Tuch an die Augen drückte, als ob ſie naß wären.„Doch könnte ſich die Trauer vielleicht in Freude verwandeln. Es hat nämlich Gott dem Herrn über Leben und Tod gefallen, meine treue Chegeſponſin zu ſich abzurufen in das himnliſche Jenſeits.“ „Wirklich?“ rief die Stauberin überraſcht und augenblicklich außer Stande, ihre Freude über die un⸗ vermuthete Nachricht zu verbergen; ſchon im nächſten Moment ſuchte ſie deſto größere Betrübniß zu heucheln. „Das iſt freilich ſehr traurig“, fuhr ſie fort,„und ein harter Schlag für den Herrn! Da kann Ihn nur der Gedanke tröſten, daß die arme Frau im Leben eine Mär⸗ tyrin war. Sie war ja immer krank und da muß man eigentlich Gott danken, daß ſie endlich erlöſt iſt von dem langen Leiden!“ „Das iſt auch die einzige Beruhigung in meinem 22 betrübten Wittwerſtande“, ſagte Duſchl,„und wenn die Jungfer bedenken wollte, daß es ein Werk chriſt⸗ licher Barmherzigkeit iſt, die Betrübten zu tröſten—“ V Er haſchte abermals nach ihrer Hand, die dies⸗ mal nicht zurückgezogen wurde. „O ich bin gewiß eine gute katholiſche Chriſtin“, ſagte ſie, indem ſie die Augen niederſchlug und doch unter den Lidern hervor nach dem Bewerber blinzelte, „ich laſſe mir die Gelegenheit zu guten Werken gewiß nicht entgehen. Wenn es alſo dem Herrn Ernſt wäre und wenn er verſpräche, nach Wien zu ziehen—“ „Mit Freuden“, rief Duſchl,„aber die Jungfer muß mir entgegen verſprechen, daß wir noch drei Jahr zuſammen im Hofdienſt bleiben. Bis dahin werden wir reichlich ſo viel beiſammen haben, als wir für unſere alten Tage und unſere liebe Nachkommenſchaft brauchen, bis dahin, wenn wir indeſſen als Mann und Frau richtig zuſammenhalten, ich beim Kaiſer und Sie bei der Kaiſerin, wird es an Gelegenheit nicht fehlen! Wenn wir uns recht verſtehen und ein⸗ ander in die Hand arbeiten, darf an dieſem Hofe, hier oder in München nichts geſchehen, was wir nicht wiſ⸗ ſen und wollen—“ Das Geſpräch wurde durch die Ankunft des Kur⸗ prinzen Maximilian unterbrochen, der leichten und 23 eiligen Schrittes die Treppe heraufkam und dem Zimmer zueilte, in welchem die kranke Prinzeſſin lag. Er war jetzt kein Knabe mehr, ſondern ſtand auf der Schwelle des Jünglingalters, das mit der ſich eben entwickelnden Kraft noch alle unverdorbene Anmuth der Kinderzeit vereinigte. Sein Wuchs hatte ſich ſchön geſtaltet, die Geſichtszüge waren beſtimmter geworden, auf der Stirn und in den Augen waren klarer Ver⸗ ſtand und Herzensgüte gepaart. Er trug ein pracht⸗ voll geſticktes Hofkleid und einen koſtbaren Degen, deſſen Griff mit Diamanten beſäet war. Wie auf ein gegebenes Zeichen war die Stauberin ſeinem Vorhaben zuvorgekommen und hatte ſich vor die Thür geſtellt, um ihn von dem Eintritt abzuhalten. Der Oberkammerdiener aber benutzte den Augenblick, ſich zu entfernen. „Um Gotteswillen, Kaiſerliche Hoheit“, rief die Kammerfrau,„Sie werden doch nicht in das Kran⸗ kenzimmer wollen?“ „Allerdings“, ewiderte Maximilian,„ich will zu meiner Schweſter und will ſehen, wie ſie ſich be⸗ findet.“ „Aber das darf ja nicht ſein“, ſagte die Staube⸗ rin.„Der Leibarzt Herr Doctor Wolter hat's ſtreng verboten, eins von den Prinzen und Prin⸗ 24 zen und Prinzeſſinnen ins Zimmer zu laſſen; ſie könn⸗ ten die Krankheit erben.“ V„Ich ſcheue mich nicht davor“, ſagte Maximilian, „drum gehe Sie von der Thür weg!“ „Nein, nein, ich darf nicht, ich thu's nicht“, rief die Stauberin wieder.„Es iſt zu ſtreng verboten, ich käme um meinen Dienſt!“ Sie ſchien entſchloſſen, ihren Widerſtand in jeder Weiſe aufrecht zu halten, während der Prinz nicht minder entſchieden gegen ſie vorging. Gerade zur rech⸗ ten Zeit erhielt ſie Verſtärkung, indem, durch das laute Geſpräch herbeigerufen, Frau von Mayerhofen aus der Thür trat. Zu gleicher Zeit wurde der Pro⸗ feſſor und geheime Rath Ickſtadt, ebenfalls im Prunk⸗ kleide, auf der Treppenmündung ſichtbar. „Was thun Sie, mein Prinz!“ rief er, während 1 die Aja den ſchon von der Kammerfrau vorgebrachten Abweiſungsgrund wiederholte.„Was wollen Sie hier? Wie kamen Sie dazu, Ihre Wohnung ohne mich zu b verlaſſen? Ich danke dem Zufall, daß ich, in Ihr Zim⸗ mer tretend, Ihre Abweſenheit ſogleich bemerkte und daß mir, als ich Ihnen ſofort nacheilte, auf der Straße von dem Oberkammerdiener die Mittheilung ward, wo Sie ſich befinden.“ „Ich bin ausgegangen“, erwiderte Maximilian gegang . 25 beſcheiden, aber feſt,„weil ich kein Knabe mehr bin und weil ich die Spanne Wegs von meiner Wohnung hierher und zurück auch allein wiedergefunden haben würde; mich verlangt, noch vor Beginn der Feierlich⸗ keiten meine gute Schweſter Thereſe zu ſehen.“ „Welche Unbeſonnenheit!“ rief Ickſtadt.„Ich werde irre an Ihnen, mein Prinz. Sonſt ſo klar, ſo bedacht⸗ ſam! Wie können Sie an einem ſolchen Tage ſich die⸗ ſem Gedränge ausſetzen, wie darauf beſtehen, die Schweſter zu ſehen, die allem Anſchein nach an einer ebenſo gefährlichen als anſteckenden Krankheit dar⸗ niederliegt und die Sie nicht ſehen können, ohne Ihre eigene Geſundheit zu wagen!“ „Ich ſcheue aber dieſe Gefahr nicht“, entgegnete der Kurprinz.„Ich fürchtete, daß es in den Geſchäf⸗ ten des heutigen Tages nicht mehr möglich werden dürfte, mich zu überzeugen, wie es Thereſen geht, des⸗ halb eilte ich jetzt hierher. Ich will ſie ſehen und will hoffen“, ſetzte er ſtolz hinzu,„daß Sie ſich meinem Willen nicht widerſetzen werden!“ „Allerdings werde ich das nicht, wenn Sie Ihren Willen ſo beſtimmt ausſprechen“, entgegnete Ickſtadt ernſt.„Soviel an mir liegt, habe ich Sie bisher dazu erzogen und daran gewöhnt, einen eigenen Wil⸗ len zu haben, und werde mich alſo dem Keimen mei⸗ 84 26 ner eigenen Saat nicht widerſeten. Thun Sie dem nach, was Ihnen gefällt, mein Prinz. Sie kennen den Befehl, ich will ſagen, den Wunſch Ihres Vaters, daß Sie die Kranke nicht beſuchen. Der erfahrene Mann fürchtet die Anſteckung; er fürchtet ſie um ſeinetwillen, weil Geſundheit und Leben des einzigen Sohnes ihm über Alles theuer ſind, weil auf ihm die Hoffnung und der Stolz ſeiner Zukunft ruht. Sie in der Sorgloſig⸗ keit Ihrer Jugend theilen jene Furcht und dieſe Be⸗ ſorgniß nicht. Sie beachten nur das Recht und den Wunſch, den die Gegenwart Ihnen eingibt. Thun Sie denn nach Ihrem Willen: der Leidensbecher, den der Kaiſer zu leeren hat, iſt bereits ſo übervoll, daß es auf den Tropfen mehr nicht ankommt, den der eigene Sohn ihm noch hineingießt!“ Der Prinz war gleich nach Ickſtadt's erſten Wor⸗ ten zurückgetreten; als derſelbe geendet, wandte er ſich zu Frau von Mayerhofen.„Ich bitte, grüßen Sie mir meine liebe Schweſter“, ſagte er freundlich,„thei⸗ len Sie ihr mit, daß ich hier geweſen, ſie zu ſehen, daß ich aber auf dieſe Freude verzichte, weil die Auf⸗ regung ihr vielleicht ſchaden könnte. Hoffentlich wird ſie recht bald ganz hergeſtellt ſein!“ Er begrüßte die Dame mit dem vollen Anſtand eines Fürſten und trat zu Ickſtadt, indem er ſich der Treppe zuwandte. 27 „Sie haben Recht, Herr Profeſſor“, ſagte er,„ich habe unbeſonnen gehandelt, ich will meinem Vater nicht ent⸗ gegen ſein! Durch mich ſoll ihm auch nicht ein Augen⸗ blick verbittert werden. Kommen Sie, geleiten Sie mich und geben Sie mir die Hand zum Beweiſe, daß Sie mir Ihre Liebe nicht entzogen haben“ Auch das vom Kaiſer bewohnte Haus bot bereits das lebende Bild einer noch reicher und voller beweg⸗ ten Thätigkeit. Während in den untern Räumen die verſchiedenſten Dienerſchaften in den koſtbarſten Livreen durcheinanderdrängten, hatten ſich im obern Stockwerk die Vorgemächer der kaiſerlichen Zimmer mit einer glänzenden Verſammlung von Hofleuten, Offizieren und hohen Würdenträgern der verſchiedenſten Länder und Reiche gefüllt. Im innern Vorſaal hatte ſich be⸗ ſonders eine Anzahl von jüngern franzöſiſchen Offi⸗ zieren und Cavalieren zuſammengeſellt, die dem Krö⸗ nungsgeſandten Marſchall Belleisle beigegeben waren, um ſein Auftreten glanzvoller zu machen, und die ihre Aufgabe, Pracht und Reichthum ihres Monarchen den Deutſchen ſo recht grell in die Augen leuchten zu laſ⸗ ſen, mit ebenſo viel Geſchick als Uebermuth auszu⸗ führen befliſſen waren. Da ſie alle beſtimmt waren, im Krönungsfeſtzuge die Kaiſerin zu begleiten und die Feſtlichkeiten im Dom und im Römer durch ihre Ge⸗ 28 genwart zu erhöhen, hatten ſie nicht geſäumt, ſich ſehr bald einzufinden, und empfanden in ihrer Lebhaftigkeit bald Langeweile, als der Feſtbeginn ſich von Viertel⸗ ſtunde zu Viertelſtunde über die beſtimmte Zeit verzögerte. Es waren meiſt junge Edelleute aus den erſten Geſchlechtern des Landes, die man gewählt oder die ſich ſelbſt erboten hatten, die Jugend Frankreichs, ihrem Geſchmack ſowohl als ihre Liebenswürdigkeit nach den plumpen Allemands gegenüber zu vertreten. Ihre Uni⸗ formen wie die Hofanzüge wetteiferten, ſich an Pracht und Zierlichkeit zu überbieten. Die einen trugen noch den rothen Mantel mit den Silberlitzen und den auf⸗ gekrempten Federhut, wie ihn einſt unter Anna von Oeſterreich die Musketiere der Königin getragen; die andern waren in das dunkle geſchlitzte Wams der Brabanterſchützen gekleidet, das ſich damals noch von den Niederlanden her erhalten hatte. Die Krieger aus der neueren Zeit trugen den umgeſchlagenen Rock mit Leibgürtel und Degengehäng, die hohen Stulpenſtiefel und den Federhut, wozu die friſch gepuderten Perrücken allerdings etwas eigenthümlich ſtanden. Drei hübſche junge Männer waren es vorzüglich, die ſich vor den übrigen durch Eleganz der Erſcheinung wie der An⸗ züge hervorthaten und durch ihr Uebergewicht auch Ton und Gegenſtand der Unterhaltung beſtimmten: 29 der Chevalier d'Henancourt, Commandant der den Marſchall Belleisle begleitenden Schweizergardiſten in der kleidſamen, faſt mittelalterlichen Tracht, die bei den freien Bergbewohnern Sitte geweſen, ehe ſie ſich zu fremden Söldnern und Reisläufern ver⸗ dingt hatten; dann der Graf Beaujeu, der Sohn eines geadelten Finanzpachters, der, was ſeinem Adel an Alter abging, durch Verſchwendung zu erſetzen ſuchte, und ein Sohn des Marſchalls Maillebois, der ſeinen zur Zeit in Böhmen ſtehenden Vater in den Krieg be⸗ gleitet hatte, um ſich die deutſchen Barbaren, ihr Land und ihre Mädchen wie auf einer Vergnügungsreiſe in der Nähe zu beſehen. Auch der zur Kaiſerwahl ab⸗ geſandte Reſident der Niederlande van Haren, obwohl ein reifer Mann von ernſtem Ausſehen, hatte ſich zu den jungen Leuten geſellt, weil ihm ihre Sprache als zweite Mutterſprache geläufig war und ein längerer Aufenthalt in Paris ihn mit Art und Sitte Frank⸗ reichs ſo vollſtändig vertraut gemacht hatte, daß er ſelbſt für einen Sprößling deſſelben zu gelten vermocht hätte. Maillebois, der zuletzt aus Paris gekommen, hatte aus dieſem Grunde den größten Theil der Un⸗ terhaltung zu tragen und die neueſten Anekdoten und Skandalgeſchichten aus der Weltſtadt an der Seine zum Beſten zu geben. 30 „Daß der Herzog von Aiguillon zur Armee ge⸗ ſchick wurde, weil er einer gewiſſen einflußreichen Dame am Hofe über Gebühr gefallen haben ſoll“, ſchloß er lachend ſeine längere Erzählung,„dürfte das Letzte ſein, was auf die Bezeichnung pikant Anſpruch machen kann! Eher wäre noch zu erwähnen, daß Gré⸗ court auf ſeinem Landſitz in der Bretagne geſtorben iſt.“ „Wer?“ fragte d'Henancourt haſtig.„Grécourt? Das iſt doch nicht der Poet, der die amüſanten Ge⸗ dichte geſchrieben hat, die Contes und Chanſons? Schade, wenn es ſo wäre! Das war doch einer, der nicht für die Langeweile ſchrieb, wie die andern Poe⸗ ten, bei deren Lectüre mir ſchon mit der dritten Zeile der Schlaf in die Augen kommt!“ „Es iſt wirklich Grécourt, der Liebling der muth⸗ willigen Muſe“, entgegnete Maillebois,„der er aber in der letzten Zeit untreu geworden!“ „Iſt er von ſich ſelbſt abgefallen? Dann weg mit ihm, dann hat er ſich ſelbſt zerſtört!“ rief d'He⸗ nancourt wieder.„Wie ſteht's denn mit Piron? Das iſt außer ihm der einzige, der eine galante Zeile zu ſchreiben weiß.“ „Vergebung“, rief Maillebois.„Das dünkt mich doch etwas zu viel behauptet! Piron lebt zwar noch, 31 aber auch er fängt an ſtumpf zu werden. Aber haben wir für beide nicht den glänzendſten Erſatz in Meiſter Arouet?“ „Ah, Voltaire!“ rief d'Henancourt begeiſtert.„Sie haben Recht! Wie konnte ich auch nur einen Augen⸗ blick ihn und ſeine Pucelle vergeſſen, die anmuthigſte und luſtigſte Schöpfung, die je ein witziger Kopf er⸗ ſonnen! Ich geſtehe, ſie iſt mein Lieblingsbuch, das ich immer in der Taſche und im Torniſter trage und ſelbſt beim Schlaf unter die Kopfrolle ſtecke. Welche Fülle von Laune, Spott und vernichtender Satire! Welcher Reichthum der Erfindung! Ich muß faſt berſten vor Lachen, wenn ich nur an die Scene denke, wie die Franzoſen ins engliſche Lager eindringen und die Pu⸗ celle dem ſchlafenden Anführer die franzöſiſchen Li⸗ lien—“ „Parbleu, das fängt wirklich an, ennuyant zu werden“, unterbrach ihn Beaujeu.„Wie lange ſoll es denn noch anſtehen, bis die Komödie beginnt? Wie wär' es, wenn wir uns wenigſtens die Zeit bis da⸗ hin ein wenig verkürzten? Was ſagen Sie zu einem Spiel?“ „Das wäre ganz hübſch“, ſagte d'Henancourt, „aber woher das dazu Nöthige nehmen?“ „Das würde ſich wohl nicht ziemen, messieurs!“ 32 warf van Haren dazwiſchen.„Hier im Vorſaal des Kaiſers—“ „Ach, das hätte nichts auf ſich“, rief d'Henan⸗ court achſelzuckend;„auf einen Kaiſer, den wir ge⸗ macht haben, brauchen wir wohl nicht beſonders Rück⸗ ſicht zu nehmen! Was aber das Nöthige betrifft, Che⸗ valier, das habe ich in der Taſche, das trage ich zur Vorſicht immer bei mir! Es kommt gar zu oft vor, daß man im Lager auf derlei anſteht und ſich nach einem cavaliermäßigen Zeitvertreib umſehen muß!“ Damit hatte er ein paar Würfel aus der Taſche gezogen und ließ ſie über den koſtbaren Brabantertep⸗ pich des Tiſches, um den ſie ſich gereiht hatten, hin⸗ rollen. Der Vorſchlag wurde mit lautem Gelächter auf⸗ genommen und nach wenigen Augenblicken rollten mit den Würfeln die goldenen Louis, beweglich wie dieſe, hin und her. Es war hauptſächlich Beaujeu, der ver⸗ lor, dabei aber ſeinen vollen Gleichmuth behauptete und mit der gleichgültigſten Miene immer neuen Vor⸗ rath aus einem ſchweren, übervollen Beutel hervorholte. „Sie ſollten aufhören, Graf“, ſagte van Haren nach einer Weile.„Sie haben heute entſchieden Un⸗ glück; was Sie bis jetzt verloren, macht den Werth eines ganz anſehnlichen Pachthofes aus!“ „Was liegt daran?“ erwiderte Beaujeu.„Wenn ich auch noch ein paar ſolche Höfe verliere und die Bauern dazu, das macht keine Lücke in meines Va⸗ ters Kaſſe, das Volk zahlt Alles!“ Van Haren war offenbar unangenehm berührt und erhob ſich.„Wie lange noch!“ rief er bedenklich. „Mich dünkt, das Volk iſt wie ein Stier, der die här⸗ teſte Arbeit willig thut und den Kopf geduldig ins Joch beugt, ſolange ſeine Laſt nicht übermäßig wird. Wenn man ihm aber zu viel zumuthet, kann er wild werden, und wenn er erſt das Gefühl ſeiner Kraſt hat, zerreißt er Zügel und Joch und geht mit geſenk⸗ tem Horn auf ſeine Quäler los!“ „Hahaha“, lachte Beaujeu, der eben wieder ein Häufchen Louisdore hinpflanzte und nach den Wür⸗ feln griff.„Sie ſind komiſch, Herr Reſident! Sie werden ſich doch nicht vor der Canaille fürchten? Wo⸗ für iſt ſie auf der Welt, als um zu ziehen und Laſten zu tragen? Und wenn Sie das vergeſſen ſollte, friſcht man ihr das Gedächtniß mit der Peitſche wieder auf!“ „Seien Sie nicht zu ſicher, mein Herr“, ſagte der Niederländer kopfſchüttelnd.„Bei meiner letzten Reiſe in Frankreich habe ich vielfach Gelegenheit gehabt, die Lage und Stimmung des Volkes zu beobachten; es hat Schmid, Eoneorſa⸗ IV. 3 34 ſich da ſehr viel Brennſtoff angehäuft und wenn ein⸗ mal ein Funke hineinfiele—“ „Ah, wer wird ſich mit ſolchen Gedanken quälen!“ rief d'Henancourt.„Beaujeu hat Recht! Die Zukunft mag für ſich ſelber ſorgen, wir thun es auch, die Ge⸗ genwart iſt unſer! Ein Idiot, wer ſich, wenn er vor einem vollen Glas oder einem Paar ſchöner Lippen ſteht, erſt beſinnt, ob er zugreifen ſoll, wer von Recht und Unrecht, von Verantwortung und vollends von Ewigkeit oder Himmel und Hölle faſelt! Was frage ich danach, was mir die nächſte Stunde bringt, wenn ich die jetzige genieße? Was kümmert's mich, was nach meinem Tode mit mir geſchieht, wenn ich das Leben ſchlürfe? Jetzt bin ich meine Welt und frage nach kei⸗ ner andern, mag nach mir die Sündflut kommen!“ „Vortrefflich, das ſind die wahren Anſichten“, rief Beaujeu, ohne zu beachten, daß van Haren bei⸗ ſeite getreten war.„Das ſind die Sentiments, die den Söhnen Frankreichs geziemen, das ſind die Principien, die unſere Poeten begeiſtern und den Degen unſerer Feldherren regieren.“ „Und die auch wir befolgen wollen!“ rief Maille⸗ bois noch lauter.„Das iſt unſere Philoſophie. Abends wollen wir auf ſie eine Flaſche leeren, das hindert aber nicht, ihr ſchon jetzt ein Hoch zu bringen!“ 35 „Sie da, d'Argentis? Welche Freude!“ unterbrach d'Henancourt und wandte ſich grüßend einem jungen Manne zu, der in der Uniform der franzöſiſchen Leib⸗ garde in den Saal getreten war und den auch die übrigen Cavaliere, als ſie ihn gewahrten, mit ſicht⸗ licher Freude willkommen hießen.„Ich traue meinen Augen kaum und hätte ſie beide dafür verwettet, daß Sie in Paris ſitzen und von einem gewiſſen Paar ſchö⸗ ner Augen nicht loskommen!“ „Was muthen Sie mir zu?“ erwiderte der An⸗ kömmling lachend.„Glauben Sie, Rinaldo ſoll immer in den alten Banden liegen? Vor einer Stunde bin ich angekommen! Ich hatte nur eben Zeit, vom Pferde zu ſteigen, dem Marſchall eine Depeſche zu überbringen und mich zum Feſte umzukleiden! Hoffentlich habe ich noch nichts verſäumt?“ „Nicht das Mindeſte!“ ſagte Malllebois.„Es gibt auch nichts, was zu verſäumen wäre. Alles, was Sie bei dieſen ſchwerfälligen Deutſchen und zumal in dieſem Hauptneſt der Bourgeoiſie ſehen können, iſt plump und ſchwerfällig oder ſchlechter Abklatſch deſſen, was Sie in Paris beſſer und ſchöner geſehen haben!“ „Sie müſſen den Abend mit uns zubringen“, rief Beaujeu.„Zuerſt gehen wir in die Komödie. Gherardi hat eine leidliche Truppe, man ſpielt heute dit falſchen Vertraulichkeiten von Marivaux und die eine von den Actricen, die kleine Renauld, iſt für Frankfurt ganz hübſch und ſo naiv, daß ſie noch daran glauben würde, wenn man ihr das Märlein von der Mutter Gans erzählte. Sie ſoll mit uns ſoupiren. Wir haben hier einen Cercle eingerichtet, an dem Sie gewiß Gefallen finden und glauben ſollen, Sie ſeien nach Paris ver⸗ ſetzt unter die Roués vom Jagdelub oder in den Ca⸗ veau der jeunes étourdis!“ „Ich bin Ihnen ſchon im voraus ſehr obligirt“, ſagte d'Argentis.„Ich ſehe wohl, der Geiſt und der wahre Esprit weiß auch eine Wildniß in ein Paradies umzuſchaffen!“ „Und welche ſind, wenn es erlaubt iſt zu fragen, die Neuigkeiten, die Sie aus Paris gebracht haben?“ fragte der Schweizercommandant. „Ich habe kein Geheimniß mehr zu beobachten“, entgegnete d'Argentis.„Die Neuigkeit beſteht darin, daß Seine Eminenz Cardinal Miniſter Fleury im neun⸗ zigſten Lebensjahre ſich endlich bewogen gefunden ha⸗ ben, von der irdiſchen Bühne abzutreten.“ „Ah, eine große Zeitung, ein erſter Hahnenſchrei!“ rief d'Henancourt.„Der Cardinal war allein der Hemm⸗ ſchuh, der die großen Unternehmungen Seiner Maje⸗ ſtät aufgehalten. Nun werden andere Zeiten kommen; ——— 37 nun iſt die Loſung: Marſchall Belleisle und die Gloire!“ „Wirklich, Sie hätten keine beſſere Nachricht brin⸗ gen können, Kapitän“, ſagte Maillebois.„Wir wollen heute Abend der todten Eminenz einen Leichenſchmaus halten und eine Trauerrede. En avant! In einem Jahr muß die Oberſtbeſtallung in meiner Taſche ſein!“ „Ich ſtimme bei!“ ſagte auch Beaujeu.„Die falſche Humanität des Alten war überall das Hinder⸗ niß freier Entwicklung!“ „Hahaha“, lachte d'Henancourt wieder.„Und dieſe Oeſterreicherin, dieſe Königin von Ungarn! Die mag nun erfahren, was es heißt, mit uns anzubinden! Nun werden wir haben, was uns ſchon Henri ver⸗ heißen: die natürlichen Grenzen von Frankreich!“ In der Freude und Ueberraſchung war das Ge⸗ ſpräch immer lauter geworden; die Thür zum Ge⸗ mache des Kaiſers hatte ſich darüber geöffnet und Freiherr von Freyberg war herausgetreten in reichem goldbetreßtem Sammtkleide, aber grau wie immer und wie immer ein Spottlächeln um die Lippen.„Meſſi⸗ eurs“, ſagte er mit artigem Gruße,„ich habe hier nebenan in den Zimmern Seiner kaiſerlichen Majeſtät die lauten Ausbrüche Ihres Patriotismus ſo deutlich vernommen, daß ich nicht umhin kann, Sie mit einer Frage zu beläſtigen. Beſorgen Sie nicht, daß es Sei⸗ ner Majeſtät peinlich ſein könnte, wenn er denken müßte, daß Sie vielleicht ſeinetwegen Ihrer Luſtigkeit Zwang anthun?“ Die Offiziere, die im Uebermuth wirklich vergeſſen hatten, wo ſie ſich befanden, fühlten ſehr wohl die Zurechtweiſung, die in dieſen Worten lag, ſie waren aber weit entfernt, ſich dadurch einſchüchtern zu laſſen. Maillebois hatte ſich am ſchnellſten gefaßt, während Beaujeu auf eine Erwiderung zu ſinnen ſchien und d'Henancourt ärgerlich an ſeinem Zwickelbart zerrte. „Monſeigneur“, erwiderte er Freyberg mit gleicher Artigkeit, indem er ſich zierlich verbeugte,„entſchla⸗ gen Sie ſich darüber jeder Beſorgniß. Wir kennen die geiſtige Erhabenheit Seiner Majeſtät des Kaiſers viel zu ſehr, um Derartiges zu glauben. Wir ſind vielmehr überzeugt, daß er es vollkommen billigt, wenn wir in unſerer Offenheit uns nicht enthalten konnten, den künftigen Siegen, welche der Tod des Cardinals Fleury erwarten läßt, entgegenzujubeln.“ „Welche Umſtändlichkeiten!“ murrte d'Henancourt unmuthig und unbekümmert, ob ſeine Rede gehört werde oder nicht.„Ein Kaiſer von franzöſiſcher Fagon muß auch franzöſiſche Manieren ertragen können!“ Freyberg ſchien nicht darauf zu achten.„Sie ha⸗ “ 39 ben ſehr richtig bemerkt, mein Herr von Maillebois“, ſagte er noch artiger.„Seine Majeſtät ſtimmen auch hier vollkommen mit Ihnen überein und freuen ſich mit Ihnen der künftigen Thaten der franzöſiſchen Ar⸗ mee. Geben doch die bisherigen genügenden Anlaß, die künftigen vorauszupreiſen.“ „Wie meinen Sie das?“ brauſte d'Henancourt auf. „Wie ich es ſage“, entgegnete Freyberg fein und überlegen.„Iſt nicht die ganze Welt erfüllt von der Gloire der franzöſiſchen Waffen? Wenn ich nicht irre, hat Herr von Maillebois Paris erſt vor kurzem verlaſſen und gewiß das Neueſte von dort mitgebracht. Sollte ſich darunter nicht auch die neueſte Dichtung befinden, die ein franzöſiſches Genie auf die letzte Waffenthat der großen Nation gedichtet? Dieſelbe iſt bereits vollkom⸗ men in das Volk gedrungen, iſt eine Art von Natio⸗ nalgeſang geworden, und als unlängſt die Frau des glorreichen Generals, den ſie betrifft, in der großen Oper in ihrer Loge erſchien, erhob ſich das ganze Auditorium und Kiinumte gemeinſam die neue Sieges⸗ hymne an.“ „Mein Herr“, riefen Maillebois und d'Henancourt wie aus einem Munde,„was ſollen dieſe Reden be⸗ deuten? Wir wollen nicht hoffen, daß Sie es wagen, uns zu perſifliren!“ „Dieſe Hoffnung iſt auch vollkommen begründet“, erwiderte Freyberg,„aber da ich aus Allem erſehe, daß dies neueſte Erzeugniß der franzöſiſchen Muſe Ihnen wirklich noch vollkommen unbekannt iſt, preiſe ich mich glücklich, Ihnen daſſelbe auf einem gedruckten Flugblatt überreichen zu können, das ich aufzufangen ſo glücklich war.“ Unentſchloſſen und wie mechaniſch empfing Mail⸗ lebois das Blatt aus Freyberg's Händen; d'Henan⸗ court und Beaujeu traten hinzu, um ebenfalls hinein⸗ zublicken. Nach den erſten Zeilen, die er geleſen, ballte Mail⸗ lebois das Blatt fluchend zuſammen und ſteckte es in ſein Wams, während Freyberg ſich lächelnd ver⸗ beugte und in die Gemächer des Kaiſers zurückkehrte. „Der Unverſchämte!“ rief d'Henancourt.„Soll ihm das ſo hingehen? Ich will nach, will ihn zur Rede ſtellen.“ „Halt, jetzt nicht!“ entgegnete Maillebois.„Wir wollen es uns merken und die Abrechnung mit manch Anderem auf gelegenere Zeit verſparen. Er ſoll er⸗ fahren, daß wir ihm die Antwort nicht ſchuldig blei⸗ ben und uns durch keine Rückſicht auf einen Kaiſer beſtimmen laſſen, deſſen Thron in der Luft ſteht, wenn unſere Bajonette ihn nicht halten.“ ———————— ——— —,—— ——— 41 So aufgebracht ſie waren, zogen ſie es doch vor, den Ton ihres Geſprächs herabzuſtimmen, und ver⸗ ließen nach kurzer Zeit das Gemach, das inzwiſchen ſich auch mit andern Feſtgäſten gefüllt hatte. Das Blatt, das Freyberg ihnen übergeben hatte, war ein franzöſiſches Spottgedicht auf die Art und Weiſe, wie General Ségur das ſeiner Vertheidigung anvertraute Linz nach der erſten Aufforderung an Oeſterreich übergeben hatte. Es lautete in den erſten Zeilen: „Hört, Klein und Groß! Hört an, Ihr Leut', Die merkwürdige Begebenheit Von einem feinen Herrn, der kam: General Ségur, ſo iſt ſein Nam', Der ohne Schlacht, ohn' Action Sich ergeben auf Diseretion. In den innern, vom Kaiſer ſelbſt bewohnten Ge⸗ mächern war es inzwiſchen deſto ſtiller geweſen, ſtill wie in einem Krankenzimmer. Karl Albert, obwohl beinahe vollſtändig friſirt und angekleidet, lehnte, einen koſtbaren leichten Ueberwurf um ſich ſchlagend, auf dem Ruhebett und drückte das Haupt wie ermüdet in die Kiſſen; doch war ihm nicht vergönnt, lange in dieſer Stellung zu verweilen, denn in kurzen Zwiſchen⸗ räumen nöthigte ihn ein erſtickender Huſten, ſich wieder zu erheben. Er ſah noch angegriffener aus als in den Tagen der Mannheimer Feſtlichkeiten, und beſon⸗ ders in manchen Stunden überkam ihn eine Abſpan⸗ nung, daß er keine andere Sehnſucht kannte, als fern von dem Glanz, der ihn umgab, frei von all den Sorgen, Geſchäften und Ereigniſſen, die auf ihn ein⸗ ſtürmten, ſich nur einen einzigen Tag der vollſten Ruhe hingeben zu können, und daß die ſchönen und ſtillen Tage in dem beſcheidenen München vor ſeiner Seele aufſtiegen wie ein verlorenes Eden. Vergebens ſannen und verſuchten die Aerzte, den Grund des ſchleichen⸗ den Uebels zu entdecken, das unverkennbar an der Wurzel ſeines manneskräftigen Körpers nagte. Der Grund war auch nicht wohl durch Pulsgriff oder Sonde zu finden; er lag nicht im Körper, ſondern im Gemüthe, in den ſtets wechſelnden und ihn ſtets mehr erſchöpfenden Bewegungen und Erſchütterungen deſſel⸗ ben, und für dieſe war in den Pflanzenbüchern kein heilendes Kräutlein zu finden. Er hatte Alles erreicht, was er ſich vorgenommen: was er in den kühnſten Gedanken kaum zu träumen gewagt, es war verwirk⸗ licht, und die höchſte Krone der Erde ruhte auf ſeinem Haupte; dennoch fühlte er ſich einſam, verarmt und machtloſer als der Geringſten einer und ohne die in⸗ nere Befriedigung des Gelingens fremden Gewalten preisgegeben, die mit ihm wie mit einem willenloſen — — 43 Weſen ſpielten und über ſein Schickſal Würfel war⸗ fen, ohne daß ihm ſelbſt die Möglichkeit gegeben war, handelnd und entſcheidend einzugreifen. Es war, als wäre er nach einer Inſel geſteuert, und nachdem er dieſelbe erreicht, hätte ein Sturm die Fahrzeuge hin⸗ weggetrieben, die Brücke abgeriſſen und ihn allein zu⸗ rückgelaſſen, wie einen Verbannten, und rings um ihn wäre nichts als empörtes, wild wogendes Meer. Er hatte den höchſten Gipfel erklommen, aber nur, um zu erkennen, daß ihm der Rückweg verſperrt und daß er rings von Abgründen umgeben war, jenſeits deren das Thal, das er verlaſſen, ſchön, aber unerreichbar ſich ausbreitete. Es war auch nur zu begründet, wenn ſeine Lage ihn mit ſchweren Sorgen erfüllte. Der Erfolg, der ihn anfangs auf ſo raſchen Schwingen vorwärts getragen, war nur zu bald und plötzlich in das Gegentheil umgeſprungen. Seine Fein⸗ din Maria Thereſia hatte, von dem erſten Schreckens⸗ taumel ſich erholend, das für unmöglich Gehaltene ge⸗ than und ihren Frieden mit Ungarn gemacht. So un⸗ geſtüm und hartnäckig die Magnaten auf den ſtürmi⸗ ſchen Reichstagen zu Presburg ihre Forderungen ge⸗ ſtellt und ihre alten Rechte verfochten, hatte es doch nur ihres perſönlichen Erſcheinens bedurft, um alle Gemüther umzuſtimmen. Was der Königin durch die weitgehendſten Zugeſtändniſſe nicht gelungen wäre, das erreichte die Frau und Mutter, als ſie ihren Knaben, den nachmaligen Kaiſer Joſeph, auf dem Arm, in die Mitte der aufgeregten Verſammlung trat. Die ſchöne hülfloſe, nur auf ſich ſelbſt vertrauende Weiblichkeit rief den ritter⸗ lichen Sinn der Magyaren wach und in der Aufwallung eines edlen Gefühls vergaßen ſie, wie oft und ſchwer die blutige Hand ihrer Vorfahren auf Volk und Land gelaſtet hatte. Mit gezogenem Säbel bildeten ſie ein Schutz⸗ dach über die hülfloſe Frau und ſchwuren begeiſtert zu ſterben für ihren König Maria Thereſia! Wie eine plötzlich von einem Windſtoße aufgewirbelte Staub⸗ wolke erhoben ſich auf die Botſchaft hin die Bodenſchichten des Volks, dem Rufe der adligen Führer folgend, ſtrömten zahllos die wilden beuteluſtigen Horden der Panduren, Tolpatſchen, Sereſchaner, Warasdiner und anderer Volksſtämme herbei, deren Namen, ſonſt der Welt kaum bekannt, in Baiern ſchon einmal, bei den Einfällen unter Max Emanuel, eine furchtbare Be⸗ rühmtheit erlangt hatten. Die Heereshaufen derſelben, meiſt von raſchen ungariſchen Pferden getragen, ſtürm⸗ ten unaufhaltſam vor und ſtürzten gleich den Wogen einer Ueberſchwemmung ins Blachfeld. Wohl hätte der Damm, der ſich ihnen in dem befeſtigten Linz und ———x —————x 45 ſeiner zahlreichen, wohl ausgerüſteten Beſatzung ent⸗ gegenſtellte, dem Anprall zu trotzen vermocht, aber in unbegreiflicher Eilfertigkeit hatte General Ségur trotz des tapfern Minuzzi Widerſpruch, nachdem kaum einige Schüſſe gewechſelt waren, Chamade ſchlagen laſſen und Stadt und Feſtung übergeben und damit dem feind⸗ lichen Einbruche das Thor Baierns geöffnet. Um das Unglück voll zu machen, hatte Graf Törring, dem auf dem Zuge nach Prag die Behaup⸗ tung von Tabor und Budweis übertragen worden, beide feſte Plätze ſammt den großen, dort aufgehäuften Vorräthen in gleichem Unbedacht vorſchnell geräumt und es dem feindlichen Anführer Fürſt Lobkowitz mög⸗ lich gemacht, ſich als trennender Keil zwiſchen beide Heeresabtheilungen einzuſchieben. Vergebens war Tör⸗ ring, als er den Fehler erkannt, herbeigeeilt, um noch einmal bei Schärding am Inn nachzuholen, was an der Enns und Donau verſäumt war, aber alle ſeine Be⸗ wegungen waren nichts als ein ſtufenweiſer Rückzug nach ſtets ſiegloſen Gefechten, die wohl dazu dienten, die mannhafte Tapferkeit des bairiſchen Heeres zu er⸗ proben, zugleich aber daſſelbe zu vernichten und durch Zerſprengung feldunfähig zu machen. In zwei Armen wälzte ſich das getheilte feindliche Heer zugleich durch das Ober⸗ und Unterland Baierns heran, nur einem 27 Lavaſtrome vergleichbar, der unaufhaltſam und erbar⸗ mungslos Feuer, Tod und Vernichtung über Städte, Fluren und Menſchen trägt und in einem Augenblick das Glück von Millionen, den Segen von Jahrhun⸗ derten in ſeinem wüſten Schooße begräbt. Karl Al⸗ bert wußte ſein Land einem ſchonungsloſen Feinde preisgegeben, er ſah den Weg nach München, dem Herzen und Haupte deſſelben, geöffnet und dieſe Stadt, unfähig und ungeeignet, auf längere Zeit Widerſtand zu leiſten, vielleicht dem härteſten Schickſale preisge⸗ geben. Dazu kam, daß die verbündeten Sachſen und Franzoſen in Böhmen ihm nicht zu Hülfe kommen konnten, daß ſie wie der ſchmollende Friedrich von Preußen vollauf mit dem regelmäßigen öſterreichiſchen Heere zu thun hatten, das Schleſien wiederzuerobern beſtimmt war, daß das deutſche Reich die von ſeinem Oberherrn geforderte Hülfe in endloſen Berathungen der Reichs⸗ und Kreistage verſchleppte und daß die Ankunft neuer franzöſiſcher Hülfstruppen trotz aller Verſprechen und Betheuerungen von Tag zu Tag ſich verzögerte. Das Maß zu füllen, ging das Gerücht, es ſei Maria Thereſia gelungen, Einleitung zu einem ver⸗ traulichen Bündniß mit England zu treffen, das nicht nur ihre leeren Kaſſen bis an den Rand füllen, ſon⸗ dern auch durch eine im Norden gelandete Armee ihr 47 Luft verſchaffen ſollte, indem es die Preußen und Fran⸗ zoſen dort beſchäftigte und ihre Kraft zu theilen zwang. Solche Gedanken hatten Karl Albert am frühen Morgen beſchäftigt; ſie mochten es ſein, die auch durch den matten Schlummer gingen, der ſich raſch ſeiner bemächtigt hatte, vielleicht waren es auch andere Ge⸗ ſtalten, die an ihm vorüberſchwebten, denn plötzlich fuhr er auf und machte ſchon halb erwacht noch eine haſtige Bewegung, als ob er etwas Feindliches von ſich abzuwehren ſuche. „Weg mit Dir! Weg mit dem Todtengeſicht“, murmelte er halblaut.„Ich will nicht, will Dich nicht ſehen.“ „Was befehlen Eure Majeſtät?“ ſagte der Ober⸗ kammerdiener, der ſorglich herbeigeeilt kam. „Nichts“, ſagte der Kaiſer vollends erwachend und blickte erſchreckt und wie forſchend um ſich.„Wer iſt hier geweſen?“ „Niemand“, entgegnete Duſchl befremdet. „War mir doch, als ob ein blaſſes Angeſicht ſich hart über mich niederbeuge“, ſagte der Kaiſer halblaut und wie mit ſich ſelbſt redend,„näher und immer näher, daß ich den Athem zu ſpüren glaubte, ein An⸗ geſicht, das ich zu kennen glaubte; aber ich ſehe wohl, 48 ich habe geträumt“, ſetzte er mit gezwungenem Lächeln hinzu,„mein krankes Blut bringt ſolche Wallungen hervor.“ „Gewiß, Majeſtät“, erwiderte Duſchl,„es war Niemand im Zimmer! Wer ſollte es auch wagen, hier ohne Eurer Majeſtät Willen einzutreten? Aber ich bin froh, daß Eure Majeſtät erwacht ſind und ich Sie aus Ihrem Schlummer nicht zu wecken brauchte; vielleicht iſt mir erlaubt, zu erinnern, daß es höchſte Zeit ſein⸗ dürfte, Allerhöchſt Ihren Anzug zu beenden?“ „So thue denn Deine Schuldigkeit und kleide mich an!“ ſagte Karl Albert, indem er ſich zuſammen⸗ raffte und feſt erhob.„Ich will die meinige thun und den Prunk als Kaiſer tragen; was ſein muß, ſoll mit Würde geſchehen und meine Kraft ſich nicht kleiner erproben als die Laſt! Siehſt Du“, fuhr er fort, wäh⸗ rend Duſchl ihm das ſchwarze ſpaniſche Wams zu⸗ neſtelte, die Spitzenkrauſe umlegte und darunter die Ordenskette des goldenen Vlieſes breitete,„das iſt der Lauf des Lebens. Wie Viele werden mich heute be⸗ neiden, wenn ſie mich in kaiſerlicher Herrlichkeit zum Dom wandern ſehen, und wenn ſie wüßten, wie dem Beneideten zu Muthe iſt, wie Wenige würden ſich fin⸗ den, die ihr kleines unbeachtetes und darum glückliches Daſein tauſchen möchten gegen die Krone, dies Wespen⸗ 49 Zehäuſe von Sorgen und Leid! Aber das iſt Für⸗ ſtenloos, daß wir uns nicht ſelber gehören. Wäre nur das Feſt vorbei! Ich habe heut' einen ſehr böſen Tag, ich fühle mich ſehr unwohl und in meiner Bruſt brennt es wie Feuer.“ Dabei griff er nach der milch⸗ gefüllten Karaffe, die nebenan auf dem Tiſchchen ſtand, füllte ſich einen Kryſtallbecher und ſchlürfte den mild kühlenden Trank mit ſichtbarer Erquickung. „Verzeihung, Majeſtät, aber das kann auch nicht anders ſein“, erwiderte der Kammerdiener.„Bei die⸗ ſer Nahrung müſſen Eure Majeſtät immer kränker und ſchwächer werden. Nun ſind es ſchon bald drei Mo⸗ nate, daß Sie faſt nichts als Milch genießen! Wenn Majeſtät einmal mir folgen und von Zeit zu Zeit nur einen Schluck echten edlen Weins, einen Biſſen nahr⸗ hafter guter Speiſe genießen wollten, Majeſtät würden ſich bald beſſer befinden und auch die Wallungen und unruhigen Träume würden verſchwinden!“ „Du meinſt es gut, Franz, aber Du weißt ja, die Aerzte verbieten mir alles das aufs ſtrengſte“, ent⸗ gegnete der Kaiſer,„und ich fühle auch, daß ſie Recht haben. Ich vertrage nichts Anderes mehr, Milch iſt die einzige Nahrung, nach deren Genuß ich nicht das ſchmerzliche Stechen in der Bruſt empfinde, das mich ſonſt peinigt.“ Schmid, Concordia. IV. 4 50 Ein Augenblick des Schweigens trat ein, dann fragte der Kaiſer leichthin, als handle es ſich um ein unbedeutendes Tagesereigniß, indem er die Schnur des Goldbrokatmantels feſt knüpfte, den ihm der Diener um die Schultern gelegt hatte, und ſich dann an den koſtbaren Kniegürteln zu ſchaffen machte:„Wie iſt es Franz, haſt Du noch keine Nachricht über— Du weißt, was ich meine— über jenen Vorfall in Mannheim?“ „Nein“, ſagte Duſchl in gleicher Weiſe,„man iſt allgemein der Meinung die Frau Fürſtin ſei plötzlich am Herzkrampf geſtorben; nur hier und da wird ein Zweifel und die Vermuthung laut, als habe der Fürſt, der andern Tags die Leiche mit ſich fortgeführt, aus Eiferſucht ihr Gift gegeben; von ihm ſelber hat man ſeit der Stunde nichts mehr gehört und geſehen.“ Obwohl er die Sache ſelbſt angeregt, ſchien ſie dem Kaiſer doch unangenehm, er winkte dem Diener haſtig zu ſchweigen; zugleich wurde Pochen an der Geheimthür hörbar, die rückwärts von der Hinter⸗ treppe in das Gemach führte. Duſchl öffnete und ließ Ickſtadt eintreten, den der Kaiſer verwundert nach der Urſache dieſes ungewöhnlichen Kommens befragte, zugleich dem Kammerdiener befehlend, den in den Vor⸗ zimmern Verſammelten ſowie der Kaiſerin anzukün⸗ den, daß er zum Beginn des Feſtes bereit ſei. — 51 „Ich komme mit einer Bitte, Majeſtät“, ſagte der Profeſſor zuverſichtlich,„mit einer Bitte, deren Ge⸗ währung ich als beſondere Gnade anerkennen würde! Sie haben mich immer in hohem Grade Ihres Ver⸗ trauens gewürdigt, Majeſtät werden alſo auch jetzt mir dieſes Vertrauen nicht entziehen und mir augen⸗ blickliches Gehör für Jemand gewähren, der Eure Ma⸗ jeſtät zu Ihrer eigenen und des Landes Wohlfahrt ge⸗ heim und ohne Zögern zu ſprechen begehrt.“ „Das iſt Ihm gern gewährt, lieber Geheimrath“, ſagte der Kaiſer,„aber ich ahne nicht, wer das ſein könnte, und weiß nicht, ob wir noch Zeit dazu finden!“ „Erlauben Majeſtät“, erwiderte Ickſtadt,„daß ich etwas weiter aushole, anſtatt geradezu den Namen meines Schützlings zu nennen. Wenn man es auch ſo gut als möglich zu verhehlen ſucht, muß man doch unter vier Augen ſich zugeſtehen, daß Eurer Majeſtät Lage von Tag zu Tag bedenklicher zu werden beginnt. Ich will Eurer Majeſtät und mir ſelbſt das Leid nicht anthun, den Beweis dieſer Behauptung zu führen, aber ich glaube die Urſache zu kennen, warum die ſo glücklich begonnene Unternehmung Curer Majeſtät plötzlich eine ſo unglückliche Wendung genommen, und wenn man einmal den Grund eines Uebels kennt, iſt ja meiſt ſchon der erſte Schritt zur Heilung gethan. Der Grund 4* 7 52 des Mißlingens aber liegt nach meiner redlichen Ue⸗ berzeugung darin, daß Eure Majeſtät keinen tüchtigen Führer für ihre Truppen, keinen Mann haben, den man ſo recht eigentlich einen Feldherrn nennen könnte! Graf Törring dünkt ſich zwar einer zu ſein, er mag es auch ganz gut im Sinn haben, offenbar iſt er aber der Aufgabe nicht gewachſen. Zu einem Feldherrn müſſen Soldaten und Volk Zutrauen haben. Das Volk aber nennt den Grafen Törring nur die bairiſche Trommel, weil man nur dann von ihm hört, wenn er geſchlagen wird, und das Volk, Majeſtät, trifft in ſolchen Dingen immer den Nagel auf den Kopf.“ Karl Albert lächelte.„Und Er, der Mann des Corpus Juris“, fragte er,„wird mir doch nicht etwa einen andern Feldherrn ermitteln wollen?“ „Warum nicht, Majeſtät? Das iſt wirklich meine Abſicht!“ ſagte Ickſtadt.„Ich habe ihn ſogar gleich mitgebracht, wenn auch nicht in kriegeriſchem Gewande, das ihn zu kenntlich machen würde. Eure Majeſtät müſſen mir erlauben, daß ich, ſtatt den Namen zu nennen, den Mann ſelbſt erſcheinen laſſe!“ „Er ſpannt in der That meine Erwartung aufs höchſte!“ rief Karl Albert.„Ich bin begierig, ſeinen ver⸗ meintlichen Rettungsengel kennen zu lernen, aber zu 52 53 gelegenerer Stunde als jetzt, da jeden Augenblick der Krönungszug beginnen kann.“ „Dennoch muß ich darauf beſtehen, daß Majeſtät den Mann ſogleich empfangen“, ſagte Ickſtadt;„er iſt dieſen Morgen erſt hier angekommen und muß vor Anbruch der Nacht die Mauern von Frankfurt wieder im Rücken haben. Majeſtät werden den ganzen Tag über durch die Ceremonien in Anſpruch genommen, umgeben und beobachtet ſein, jetzt iſt der einzige Augen⸗ blick, der es ihm möglich macht, unbemerkt zu Ihnen zu gelangen. Bei längerem Verweilen würde er Ge⸗ fahr laufen, erkannt zu werden, und wenn man ihn erkennte, würde das zu Vermuthungen führen, die eben ſo voreilig als ſchädlich werden könnten.“ „Nun gut, ſo laſſe Er Seinen Feldherrn eintre⸗ ten“, ſagte Karl Albert und wandte ſich der geheimen Thür zu, welche Ickſtadt öffnete. Ein Mann in langem ſchwarzem Talar, in der Halskrauſe und mit dem Barett eines lutheriſchen Prä⸗ dikanten trat ein und verbeugte ſich tief vor dem Kai⸗ ſer, der ihn mit prüfenden Augen maß. „Dieſes Angeſicht iſt mir nicht unbekannt“, ſagte er,„mir iſt, als hätte ich demſelben in wichtiger Stunde begegnet, aber durch die Kutte iſt es ſo fremd und ent⸗ ſtellt, daß ich mich nicht beſinne, wo ich es geſehen!“ 7 —ÿ—m—— 54 „In Pulverdampf und Kugelregen“, ſagte der Mann,„da Majeſtät als junger Prinz die Feuertaufe erhielten und Prinz Eugen als Pathe uns zum Sturm auf Belgrad führte.“ „Iſt's möglich!“ rief Karl Albert überraſcht und mit ſichtbarer Freude.„Seckendorf?“ „Ja“, entgegnete dieſer,„Seckendorf, der ſich glücklich ſchätzt, wenn Eure Majeſtät ihm geſtatten, Ihnen ſeinen Degen zu Füßen zu legen!“ „Ich bin außer mir vor Staunen!“ rief Karl wieder.„Seit jenen glorreichen Tagen habe ich Ihn nicht mehr geſehen, aber ich habe Sein Angeſicht in der Schlacht geſehen und ſeitdem nicht wieder vergeſ⸗ ſen. Aber wie ſoll ich Sein jetziges Erſcheinen ver⸗ ſtehen? Was will Er bei mir?“ „Mich ſelbſt anbieten und Majeſtät bitten, mir den Oberbefehl über Ihre Truppen zu übergeben“, ſagte Seckendorf.„Ich lege meinen Kopf auf den Block, wenn dann in ſechs Wochen noch ein öſterrei⸗ chiſcher Soldat in Baiern ſteht!“ „Hat Er ſo viel Zuverſicht?“ ſagte Karl Albert ernſt.„Er weiß wohl nicht, wie ſchlimm es mit mei⸗ nen Truppen ſteht. Ein großer Theil iſt gefangen, der andere zerſprengt, die Hauptmacht ſo eingeſchloſſen, daß ſie ſich nicht regen kann.“ 55 „Und wenn Majeſtät keinen Mann und keine Muskete mehr hätten“, rief Seckendorf,„ich habe ein Mittel, das Ihr Heer kräftiger wiederherſtellt, als es je geweſen, und in einem Tage Hunderttauſende unter die Fahne ruft!“ „Und dieſes Zaubermittel wäre?“ fragte erwar⸗ tungsvoll der Kaiſer. „Bei der Geſtalt, welche der Krieg jetzt angenom⸗ men“, erwiderte Seckendorf,„wird er nicht mehr ge⸗ führt von Monarch gegen Monarch, nicht um den Be⸗ ſitz von Thronen oder Ländern, es gilt das Wohl und Wehe des bairiſchen Volkes: ſein Beſtand oder Unter⸗ gang ſteht auf dem Spiele! Laſſen denn Eure Maje⸗ ſtät das Volk ſeinen eigenen Kampf auch ſelbſt aus⸗ kämpfen! Rufen Sie die Bevölkerung zur allgemeinen Erhebung auf und die zuſammengetriebene Heermacht Maria Thereſia's wird vor dieſem Sturm auseinander⸗ ſtieben wie Spreu!“ Karl Albert erwiderte nichts, in ſeinen Mienen war Ueberraſchung, aber keine Uebereinſtimmung zu leſen. „Zweifeln Sie nicht, Sire, zögern Sie nicht!“ fuhr Seckendorf wärmer werdend fort.„Denken Sie an das heldenhafte Beiſpiel, das die Baiern ſchon einmal gegeben, als ſie im ſpaniſchen Erbfolgekrieg 56 unter Max Emanuel, Ihrem erlauchten Vater, in allen Gauen freiwillig aufſtanden und für ihre und ihres Landesherrn Selbſtſtändigkeit kämpften, bis ſie in der Mordweihnacht von Sendling und auf den Blutfeldern von Aidenbach untergingen. Das Volk war damals ſchlecht geleitet, nicht unterſtützt, und doch nahe daran, den Sieg zu erringen, hätte nicht der Verrath ſeine Wege gekreuzt. Geben Sie dieſem Volk jetzt durch Ihren Ruf Stütze und Leitung und Sie haben ſo viele Feſtungen als Städte, ſo viel Burgen als Häu⸗ ſer und ebenſo viel Krieger als Männer, ja als Men⸗ ſchen im Lande! Ein Volk, Majeſtät, das um ſein Da⸗ ſein, um ſeine Eigenthümlichkeit kämpft, iſt unbeſiegbar, wenn es entſchloſſen und einig iſt!“ „Folgen Sie dem Rathe, Majeſtät“, rief auch Ickſtadt, der voll Theilnahme zugehört, da er den Für⸗ ſten noch immer unſchlüſſig ſah.„Ihre Gegnerin Maria Thereſia war nicht ſo bedenklich! Sie hat den Landſturm ihrer barbariſchen Völker aufgeboten und fragt nicht danach, ob der Bodenſatz und Schlamm, den der Sturm aufgewühlt und über die Grenze ge⸗ ſchwemmt hat, auf Jahrzehnte ein reiches glückliches Land überdeckt und verpeſtet.“ Karl Albert war nicht frei genug, um den Ge⸗ danken einer ſelbſtſtändigen Volkserhebung ohne die 57 ſtille Beſorgniß zu denken, Macht und Bedeutung des Fürſten dadurch beeinträchtigt zu ſehen. Wie da⸗ mals im Geſpräch mit Pilgram hielt ihn die alte eingelernte Scheu befangen; es war nicht zu verwun⸗ dern, wenn deshalb ein ſolcher Vorſchlag in ihm den Argwohn von Verſtellung, Liſt und Hintergedanken rege machte. Er ſah Seckendorf feſt und forſchend an und ſetzte als Antwort eine Frage entgegen:„Er iſt in Oeſterreichs Dienſten geſtanden, Graf Secken⸗ dorf?“ Seckendorf begriff ſehr wohl, was in dieſen Wor⸗ ten lag.„Ja“, rief er freimüthig,„ich habe Oeſter⸗ reich gedient und ich darf ſagen, treu und mannhaft gedient, man hat es nicht anerkannt, man hat es mir mit Schmach und Kerker gelohnt! Man hat meinen Muth verleumdet, meine Kenntniſſe bezweifelt, ja ſo⸗ gar meine Redlichkeit, meine Ehre angetaſtet, deshalb bin ich offen und ehrlich aus dieſen Dienſten geſchie⸗ den und will ebenſo ehrlich und offen in die Ihrigen treten. Ich möchte meine Ehre, mein Können und Wißzen rein waſchen von den Makeln, die man darauf geſchleudert, und möchte beides bewähren mit dem Commandoſtabe Eurer Majeſtät! Und um einen Beweis meiner vollſtändigen Aufrichtigkeit zu geben, bekenne ich offen, daß auch ein perſönlicher Grund mich 58 dabei treibt und mich den Heeresbefehl wünſchen läßt.“ „Und dieſer Grund iſt?“ fragte der Kaiſer raſch. „Ich habe in meinen Leben viel Gegner gehabt, mit denen ich nach Brauch und Sitte gekämpft“, ent⸗ gegnete Seckendorf würdig,„aber ich habe einen ein⸗ zigen Feind; das iſt jener Graf Khevenhüller, der ſich jetzt Feldmarſchall ſchelten läßt, derſelbe, der jetzt an der Spitze der ungariſchen Wegelagererbanden in Baiern eingebrochen iſt. Er war mein Ankläger! Von niedriger Ehrſucht verleitet, weil ich ihm im Wege ſtand, hat er Gericht und Gefängniß über mich ge⸗ bracht und mich zu entehren verſucht. Ich brenne vor Begierde, mit dieſem ſogenannten Ritter Oeſterreichs und Maria Thereſia's einen Gang zu machen auf Le⸗ ben und Tod, auf Ehre oder Schande!“ „Ich weiß dieſe Offenheit wie Seinen Antrag vollkommen zu würdigen“, entgegnete Karl Albert ge⸗ meſſen,„aber ſo ſchnell, als Er es verlangt, kann ich Ihm darauf keinen Beſcheid geben. Graf Törring hat mir bis zur Stunde redlich und treu gedient, ich will es ihm nicht dadurch vergelten, daß ich ihn beiſeite werfe, weil er Unglück gehabt. Das Glück kann ſich wieder wenden. Noch bin ich nicht allein, wenn auch meine eigenen Waffen beinahe gebrochen ſind, noch —y— —yy— 59 habe ich meine Verbündeten hinter mir, das mächtige Frankreich, den kriegskundigen Preußenkönig— auf ſie vertraue ich!“ „Mögen Majeſtät in dieſem Vertrauen nicht ge⸗ täuſcht werden“, entgegnete Seckendorf ernſt und mit ehrfurchtsvoller Verbeugung, um ſich zurückzuziehen, denn draußen begann die Sturmglocke zu tönen, welche an jedem Krönungstage geläutet wurde, und in die Töne derſelben fielen bald die Glocken von allen Thür⸗ men zu vielſtimmig erhebendem Geläute ein.„Mein Degen bleibt für Eure Majeſtät bereit. Ich harre Ihres Rufs: laſſen Sie ihn nicht zu ſpät ertönen!“ Er ging. Gern hätte Ickſtadt noch verſucht, Ein⸗ wendungen zu machen, aber mehr noch als das Glocken— geläute hinderte ihn daran das Erſcheinen des Paters Roſe, der als Beichtvater des Kaiſers jeden Morgen zum Beſuche kam und unangemeldet eintreten durfte. Er zog ſich ebenfalls zurück, während der Pater in der Mitte des Gemaches wie angewurzelt ſtehen blieb und ſeinen Blick an der Thür haften ließ, in der ſo eben die letzten Falten des ſchwarzen Prädikantenrockes verſchwanden. Er war ſo betreten, daß er darüber den üblichen Morgengruß vergaß und der Kaiſer ihm ſolchen zuerſt bieten mußte; faſt verwirrt und mit vie⸗ len Entſchuldigungen holte er dann die Frage um 60 deſſen Befinden nach, den Kaiſer aber überfiel wieder der quälende Huſten und überhob ihn der Antwort. „Mein Quälgeiſt antwortet für mich“, ſagte er bitter lächelnd, als er wieder Athem fand.„Der Hu⸗ ſten und das peinliche Stechen werden meine Bruſt bald vollends zerſtören, nicht ſelten wird das Blut ſogar aufrühreriſch und quillt damit empor; ich werde meinen Gegnern bald die Freude machen, den Platz zu räumen, den ſie mir ſo herb beſtreiten und beneiden.“ „Das werden Eure Majeſtät nicht!“ rief der Pa⸗ ter mit Nachdruck.„Der Herr iſt ſtark und gewaltig, er kann auch an dem ſchwachen Gefäße ſeine Macht und Herrlichkeit erweiſen! Majeſtät werden wieder ge⸗ neſen, werden wachſen gleich der Palme und grünen wie der Oelbaum im Segen der Kirche und im Thau des Himmels. Aber“, fuhr er bedächtig fort,„Thau und Segen ſind nur für jene, die wie gutes Erdreich offenen Herzens ſind und willigen Sinnes. Wer nicht mit mir iſt, der iſt wider mich, hat der Herr geſpro⸗ chen und des Herrn Wort währet ewiglich!“, „Gilt dieſe Mahnung mir?“ ſagte Karl Albert, indem er den Prieſter verwundert anſah.„Ich glaube zu denen zu gehören, die ein offenes Herz bewieſen haben und willigen Sinn. Will man noch mehr von mir begehren?“ 61 „Verzeihung, Majeſtät“, ſagte der gewandte Pa⸗ ter;„wenn ich vielleicht einen ungeeigneten Ausdruck gewählt, ſchreiben Sie es meiner Ueberraſchung zu, als ich vorhin bei meinem Eintritt in jener Thür ein Gewand zu erblicken glaubte, das ſich anſah wie der Talar eines lutheriſchen Prädikanten.“ „Und wenn es ſo wäre?“ fragte Karl Albert ge⸗ ſpannt.„Sollte nicht mehr in meinem Belieben ſtehen, wen ich empfangen und ſprechen will?“ „Es wäre Vermeſſenheit, daran zu zweifeln“, ſagte Roſe unterwürfig,„aber Majeſtät werden auch nicht in Abrede ſtellen, daß ein ſolcher Beſuch zu dieſer un⸗ gewohnten Zeit und auf ſo geheimnißvolle Weiſe min⸗ deſtens ſehr befremdlich, daß er wohl geeignet iſt, in einem theilnehmenden Herzen Beſorgniß zu erwecken und einen treuen Freund zu veranlaſſen, ſelbſt auf die Gefahr der allerhöchſten Ungnade hin die Zuver⸗ ſicht auszuſprechen, daß Eure Majeſtät ſtets der höch⸗ ſten Pflichten eingedenk ſein werden, die jeder auf ſich nimmt, der den erhabenen Thron Karl's des Großen beſteigt.“ „In der That, ich werde dankbar ſein, wenn Er meinem Gedächtniß nachhelfen und mir den Umfang meiner Pflichten kennen lernen will“, entgegnete der Kaiſer ſcharf. „Wie?“ rief der Pater entgegen.„Sollte Karl VII. ſo bald vergeſſen haben, was Kurfürſt Karl Albert zu geloben nicht abgeneigt ſchien? Die höchſte Pflicht, mit der die Krone des großen Karl ihren Träger bindet, iſt der Schutz der Chriſtenheit und der Kirche, iſt die Vernichtung der Ketzer, die Zurückführung der irrenden Lämmer in den Schooß des alleinſeligmachenden Glaubens.“ „Es iſt mir lieb“, entgegnete Karl Albert ernſt, „daß der hochwürdige Herr mir ſelbſt beſtätigt, daß es nur geſchienen, als wollte ich das Alles, ſo wie Er es geſagt, geloben. Er weiß aber, daß der Schein nicht ſelten trügt! Ich habe nichts gelobt, ich habe keine Antwort gegeben und mir vorbehalten, ſie erſt ſpäter zu ertheilen.“ „Aber jetzt werden Eure Majeſtät ſich nicht mehr entſchlagen können, zu antworten!“ ſagte der Pater geſpannt.„Jetzt, wo alle Rückſichten und Bedenken gehoben ſind, die früher Sie zurückhalten mochten und die man wohl zu würdigen wußte. Jetzt überblicken Eure Majeſtät die ganze Weltlage, jetzt ſtehen Sie auf der Höhe, von der aus ſich Ihnen die unendliche Aus⸗ ſicht eröffnet, wie von dem Gipfel eines Gebirges.“ „Das iſt ein gutes Gleichniß“, unterbrach ihn der Kaiſer, der ſich wieder auf das Ruhebett lehnte, wäh⸗ . ——— — 9 3 4 —— 63 rend ſeine Wangen ſich rötheten und die Stirnader zu ſchwellen begann.„Aber es iſt nicht gut für Ihn, Hochwürdiger, daß Er mich daran erinnert! Ich habe daſſelbe in den Tagen von Linz aus einem andern Munde gehört, aus einem Munde, der jedenfalls ehr⸗ lich zu mir geſprochen.“ „Die Tage von Linz“, erwiderte Roſe nicht ohne Tücke,„waren für Eure Majeſtät keine Quelle des Glückes.“ „Und war Er nicht einer der Eifrigſten, die mir den Marſch auf Wien widerriethen?“ rief Karl Al⸗ bert aufſpringend.„Und jetzt nennt Er, was Er da⸗ mals geprieſen, ſelbſt ein Unglück?“ „Majeſtät ſagten ſo eben ſelbſt, daß man ſeine An⸗ ſicht ändern könne“, entgegnete der Pater in verſtellter Demuth.„Das iſt der Welt Lauf. Aber nicht blos An⸗ ſichten und Zeiten ändern ſich und mit ihnen die Menſchen, auch Verhältniſſe und Thatſachen ſind dem Wechſel unterworfen, und was eben erſt völlig hoff⸗ nungslos geſchienen, kann in der nächſten Sekunde triumphiren! Auch Eure Majeſtät ſind jetzt vielfach, ja von allen Seiten bedrängt. Auch das könnte mit einem Schlage ſich ändern. Geben Majeſtät die be⸗ ſtimmte Zuſage, die Sie damals hoffen ließen, die Sie wenigſtens nicht verweigert hatten, und Alles wird 2 64 wie durch Zauber umgeſtaltet ſein. Die Kirche wird ihre ganze Macht für Sie aufbieten und die Feinde Eurer Majeſtät—“ „Ich bin noch immer nicht in der Lage, das thun zu können“, unterbrach ihn der Kaiſer.„Die höhere Ausſicht, von der Er ſpricht, iſt mir noch zu neu; der Einblick in die Thäler und in deren ungeahnte Krüm⸗ mungen und Winkelzüge iſt mir noch zu fremd, als daß ich mich ſchon zurecht finden könnte! Auch bin ich bereits gebunden, ich habe die von den Reichsfürſten vorgelegte Wahlcapitulation beſchworen und darin ge⸗ lobt, die proteſtantiſchen Landesherren und Unterthanen in ihren Rechten zu ſchützen, wie der Frieden von Münſter ſie gewährleiſtet.“ Der Pater zuckte die Achſeln.„Ein Friedens⸗ ſchluß, den die Kirche niemals anerkannt hat“, ſagte er trocken.. „Und dennoch iſt mir die Kirche zur Seite ge⸗ ſtanden bei der Krönung?“ rief Karl haſtig.„Den⸗ noch hat ſie mir den Kaiſereid abgenommen auf die goldene Bulle, auf jenen Frieden und die Reichsgeſetze, die darauf ruhen?“ „Eide kann man löſen“, erwiderte der Pater kalt und fuhr dann näher tretend fort:„Wie aber, wenn ich Eurer Majeſtät bewieſe, daß dieſer Eid Sie gar —.:— 65 nicht bindet, daß er Sie nicht binden kann, weil er im Widerſpruch mit ſich ſelber ſteht? Sie haben ge⸗ ſchworen, die Ketzer bei ihrem vermeintlichem Recht zu ſchützen, Sie haben aber auch geſchworen, dem Papſt und der Kirche die ſchuldige Unterwerfung zu leiſten. Wie wollen Eure Majeſtät das miteinander vereinen? Wie nun, wenn Ihnen der Papft befiehlt—“ „Befehlen?“ rief Karl Albert. Er ſtand hoch aufgerichtet und ſein Auge leuchtete, wie in den Ta⸗ gen ſeiner vollſten Kraft, er griff nach der kleinen Hauskrone, die nebenan auf dem Kiſſen lag und ſetzte ſie aufs Haupt.„Wir befinden uns im vollſten Kriege, Hochwürdiger!“ ſagte er dann.„Dadurch ſind mir die Hände gebunden, aber es wird einmal Frieden werden, und dann werde ich auf Seine Frage antworten, klar und deutlich antworten, dann ſoll ſich zeigen, wer Macht und Fug hat, dem römiſchen Kaiſer deutſcher Nation Befehle zu ertheilen!“ Das Geſpräch war immer eifriger und erregter, zugleich aber immer leiſer geworden, denn draußen hatte ſich das Stimmengewirr vermehrt; jetzt gingen die Flügelthüren auf und zeigten in dem Vorſaale das ganze glänzende Gefolge weltlicher und geiſtlicher Fürſten, Prälaten und Edlen verſammelt, das gekommen war, den Kaiſen abzuholen, der ihm würdevoll entgegentrat. Schmid, Concordia IV. 5 4 66 Langſamen Schrittes, ſinnend folgte der Pater. „Steht es ſo?“ murmelte er in ſich hinein.„Nachdem der Gipfel erſtiegen iſt, wird die Leiter weggeſtoßen— der gewöhnliche Dank! Alſo nach dem Kriege will er antworten, will die verſteckte Auflehnung, die bereits in ihm keimt, zum offenen Ausbruch bringen? Das wollen wir abwarten, wollen doch erſt ſehen, wer von uns allen den Frieden erlebt!“ Mächtiger ſchallten die Glocken, von den Wällen der Stadt dröhnte das Geſchütz, und umbrauſt vom Jubel der ſchauluſtigen, fröhlich erregten Menge be⸗ wegte ſich der Krönungszug zwiſchen den Reihen der Soldaten und bewaffneten Frankfurter Bürger gegen den Römerberg und den Dom. Ein Herold eröffnete denſelben, gefolgt von Trompetern und Paukenſchlägern, worauf alle fürſtlichen Perſonen, die Geſandten der fremden Mächte wie der Reichsſtände mit Cavalieren. und Edelknaben, Lakeien, Haiducken und Läufern ſammt der Reichsritterſchaft in prachtvollen Carroſſen gefah⸗ ren oder in prunkvollen Zügen einhergeſchritten kamen. Dann folgten die Reichsbeamten, zuletzt Graf Pappen⸗ heim als Reichsmarſchall, das entblößte Schwert in den Händen und unmittelbar vor dem goldſtrotzenden, rothſammtnen Staatswagen mit Weltkugel und Krone, in welchem, von ſechs herrlichen Braunen gezogen, der 67 Kaiſer ſaß. Hinter ihm fuhr die Kaiſerin in einem nicht minder koſtbaren Wagen, mit hellblauem Sammt ausgeſchlagen und von ſechs Iſabellen gezogen; ſie ſelbſt, in ein Gewand von Silberſtoff mit bunten Blu⸗ men gekleidet, grüßte mit dem glücklichen Lächeln be⸗ friedigter Eitelkeit nach allen Seiten und das Ent⸗ zücken in ihren Augen überſtrahlte ſelbſt das Feuer der Diamanten, mit denen ſie buchſtäblich überſchüttet war. Die Wagen der verwandten Prinzeſſinnen, welche ihr die Schleppe trugen, ſowie des Kurprinzen Maxi⸗ milian und der Hofdamen bildeten den Schluß. Der Mittag war lange vorüber, eh die Ceremo⸗ nie im Dome geendet war und die Kurfürſtin aus der Hand des geiſtlichen Schwagers Clemens Auguſt von Köln die kaiſerliche Krone auf den Scheitel ge⸗ ſetzt erhalten hatte. Arm in Arm verließ ſie dann mit dem Kaiſer die Kirche, um unter einem von acht Rathsherrn getragenen Baldachin ſich über die tuch⸗ bedeckte Breterbrücke zum Bankett zu begeben, das nach altem Brauch und nach Vorſchrift der goldenen Bulle im großen Kaiſerſaale des Römers abgehalten wurde. Auf dem Platze ſelbſt, unweit davon, ſtrömte der Wein aus dem Brunnen, den das Volk ſchreiend und jubelnd umdrängte und ſich balgte, um ein Krüglein von dem koſtbaren Quell aufzufangen; 5* 68 Andere ſtürzten wie Geier herbei, um etwas von den Bretern und Tüchern zu erhaſchen, die eben⸗ falls dem Volke preisgegeben wurden, und die ſie in ungezügelter Luſt und Gier abſchnitten und losriſſen, ehe noch kaum der Fuß der darauf Wandelnden ſie verlaſſen hatte. Im Römerſaale war auf hoher Eſtrade unter koſtbarem Thronhimmel die Tafel für den Kaiſer be⸗ reitet; auf einer gleichen, um drei Stufen niedriger, ſtand jene der Kaiſerin, während die übrigen Fürſten oder deren Vertreter ſammt den Prinzeſſinnen, welche die Schleppe getragen, abermals um ſechs Stufen tie⸗ er zu ſitzen kamen. Die Grafen des Reichs trugen die Speiſen auf und dem Prinzen von Darmſtadt war die Ehre zu Theil geworden, ſie zu zerlegen und vor⸗ zuſchneiden. Es war ein blendendes Bild fürſtlicher Pracht und unermeßlichen Reichthums, das in der weitgewölbten Halle ſich prangend entfaltete, aber ſtark, wie die Lichter blitzten, dunkelven die Schatten darein Der Kaiſer war ſichtbar leidend und es diente nicht dazu, ihn zu erheitern, wenn er beim Ueberblick des Saales gewahr wurde, wie die Reihen der Fürſten, welche noch vor wenigen Wochen bei ſeiner eigenen Krönung zugegen geweſen, ſich ſchon vielfach gelichtet hatten, wie manche ganz weggeblieben waren, andere, — 69 wie der Kurfürſt und Erzbiſchof von Mainz, nur einen Stellvertreter geſandt hatten, um bei der ſchlimmen Wendung, welche die Angelegenheiten des Kaiſers zu nehmen ſchienen, ſich nicht durch zu große Anhänglich⸗ keit hervorzuthun und es nicht mit der Ungarnkönigin zu verderben, welche faſt allgemein ſchon als Siegerin betrachtet wurde. Die Kaiſerin, ſo ſehr das ganze Feſt und die ihr bewieſene Huldigung ihr ſchmeichelten und ſie anfangs erhoben, konnte allmälig ſich eines Ge⸗ fühls der Leere nicht erwehren; zum erſten Mal em⸗ pfand ſie, daß all das Gepränge um ſie her nichts war als ein hohles lebloſes Scheingerüſt, von prun⸗ kenden Decken lügneriſch verhüllt. Das Herz erwachte ihr in der Bruſt, unruhig gedachte ſie der Tochter, die krank zurückgeblieben und deren Wunſch, ſie zu ſehen, über den Vorbereitungen unerfüllt geblieben war. Beiden ſchwirrte es wie böſe Ahnung um die gekrönte Stirn und die geſalbten Schläfe. Erwünſcht brach die Dämmerung an, das Feſt neigte ſich zum Ende, die Gäſte zerſtreuten ſich und das Kaiſerpaar wurde in gleichem Glanze nach Hauſe zurückgeleitet. An der Schwelle ſchon trat ihnen die Verwirk⸗ lichung des Geahnten entgegen. Auf den Kaiſer wartete die Nachricht, daß die 70 Franzoſen das von Maria Thereſia belagerte Prag, obwohl eine franzöſiſche Erſatzarmee im Anzuge war, in aller Stille geräumt und freiwillig dem ſelbſt über⸗ raſchten Feinde preisgegeben. Auch das Bündniß mit England war wirklich abgeſchloſſen, die Truppen ge⸗ landet und unter König Georg auf dem Eilmarſche gegen Süden. Das erſte Wort, das die Kaiſerin be⸗ grüßte, war die Nachricht, daß im Befinden ihrer Toch⸗ ter plötzlich und unerwartet eine ungünſtige Wendung eingetreten, die das Schlimmſte befürchten laſſe. Die Aerzte ſtanden rathlos vor der Erſcheinung, für welche Wiſſen und Erfahrung ihnen keine Anhalts⸗ punkte boten: es war, als ob die Krankheit plötzlich durch äußern Einfluß nach innen gedrängt worden wäre und nun Athem und Blutlauf ſtocken mache. Am hülfloſen Lager des geliebten Kindes ſtanden Karl Albert und Amalie, kaum des Kaiſerprunkes ent⸗ kleidet; neben ihnen Maximilian, in Thränen aufgelöſt, voll des herbſten Schmerzes um die Schweſter, die er wegen ihrer liebenswürdigen Munterkeit beſonders ge⸗ liebt. — Die Kranke lag bewußtlos und ſtarr; glühende Fieberhitze umhauchte ſie wie Athem des Todes und die ſchönen dunkelblonden Haarflechten hingen wirrt gelöſt um das hochgeröthete Angeſicht. Mit einem Male ———— —— 71 war es, als ob die überſpannten Fibern plötzlich von unſichtbarer Hand nachgelaſſen würden, der Athem ging ruhiger, die Hitze verloderte und die Starrheit der Glieder ſchien ſich zu löſen. Nach einigen Augen⸗ blicken zum Bewußtſein erwachend, ſchlug ſie die Augen auf; ſie ſah das Antlitz ihrer Eltern in liebender Sorge über ſich gebeugt, ſah die Geſtalt des Bruders neben ſich und aus ihren Augen ſtrömte ein Strahl über⸗ irdiſcher Freude— ein ſüßes Lächeln verklärte noch ein⸗ mal die lieblichen Züge. „Bruder Max“, rief ſie mit matter Stimme und ihre Augen glänzten, während ſie zugleich beide Hände den Eltern entgegenſtreckte, die dieſe erſchüttert ergrif⸗ fen. Zu ſprechen vermochte ſie nicht mehr, aber mit der letzten Kraft faßte ſie die Hände der Eltern noch feſter, fügte ſie ineinander und hielt ſie ſo verſchlungen mit den ihrigen feſt, bis ſie erſtarrte, wie mit ſtummer inniger Bitte haftete ihr Auge auf ihnen, bis es brach. Laut aufſchluchzend ſank Prinz Max in die Kniee, in ſtummem Schmerze hielten Kaiſer und Kaiſerin ſich umſchlungen. Zweites Kapitel. Trommel und Flöte. Trommeln wirbelten und Trompeten ſchmetterten durch die Zeltgaſſen des preußiſchen Lagers bei Kut⸗ tenberg und verkündeten den Soldaten die Stunde, in der es Ihnen erlaubt war, Wachtfeuer anzuzünden und an Abendmahl und Ruhe zu denken, inſoweit in Lager und Krieg von Ruhe die Rede ſein konnte. Der breite, ſanft anſteigende Hügelabhang, auf welchem das Lager ſtand, bot einen ſehr günſtigen Platz für daſſelbe, weil er ſo⸗ wohl nach allen Seiten Höhepunkte hatte, von denen aus die ganze Gegend auf die Entfernung von mehreren Stunden überblickt werden konnte, als auch weil das Lager ſelbſt in einer muldenartigen Vertiefung wie eingebettet auf neu angebauten Aeckern lag, deren friſchgrüne Saat den Soldaten die Lagerſtätte weicher —— ———— 73 und bequemer machte und zugleich den Pferden der Reiterei willkommene Erquickung bot. Es war ein anſehnlicher Raum, den die Zelte überdeckten; dennoch war es nur ein kleiner Theil des preußiſchen Heeres, eine Art größeren Vortrabs, der darin lagerte und mit dem König Friedrich vorangezogen war, während Erbprinz Leopold von Anhalt, der Sohn des alten Deſſauers, mit der Hauptarmee einige Stunden weiter zurückſtand. In der Mitte des Platzes, auf den ſämmtliche Zeltgaſſen einmündeten, ſtand das Zelt des Königs aufgerichtet, durch nichts als etwas größeren Umfang vor denen der übrigen Offiziere und Commandeure ausgezeichnet, aber ſchon von fern erkenntlich, weil in der Nähe mehrere Offiziere und Soldaten beiſam⸗ men ſtanden, die als Ordonnanzen aus den verſchiede⸗ nen Regimentern ausgeleſen waren. Vor dem Ein⸗ gang ſchritten ein paar ſtattliche Leute von den Garde du corps in feſter Haltung und mit ernſten Geſichtern hin und her, ein Ueberbleibſel des einſtigen Pots⸗ damer Rieſenregiments, welches das Kleinod und der Stolz des vorigen Königs geweſen. Im Zelte ſelbſt, deſſen Thürvorhang etwas zu⸗ rückgeſchlagen war, ſah man den Leibkamerier Fre⸗ dersdorf eifrig beſchäftigt, daſſelbe zu ordnen und 74 einzurichten, daß der König bei ſeinem Erſcheinen Alles ſo, wie er es liebte, finden und nichts von ſeinen Be⸗ dürfniſſen oder Bequemlichkeiten vermiſſen ſollte. Ein Kammerhuſar in blauer Uniform und ein paar roth⸗ röckige Läufer waren ihm dabei behülflich. Unter dem Eingange hatte ſich der Kabinetsrath Eichel auf einem Feldſtuhl niedergelaſſen, ein älterer Mann, den nicht blos der Mangel eines ſoldatiſchen Anzugs, ſondern noch mehr ſeine ganze Art und Weiſe als Beamten kennzeichnete. Im Hintergrunde des Königszeltes, durch einen halb aufgezogenen Leinenvorhang etwas verhüllt, ſtand ein einfaches Feldbett mit einer Decke darüber, während eine andere, vor demſelben aus⸗ gebreitet, einem ſchönen, grauen Windſpiel zum La⸗ ger diente, das, den Kopf auf die Pfoten nie⸗ derduckend, klugen Auges den ganzen Raum über⸗ blickte, als ob es Alles, was darin vorging, zu be⸗ wachen habe. Der übrige Hausrath war mehr als einfach; einige zuſammenlegbare Feldſtühle mit Gurten umſtanden einen einfachen Tiſch, über den jedoch ein Teppich von außerordentlich ſchöner Damaſtweberei gebreitet war. Unweit des Eingangs, wo das meiſte Licht einfiel, war der Schreibtiſch angebracht, mit Schriften und Briefſchaften bedeckt. Das Einzige, was ſich einigermaßen prunkhaft anſah, war die auf dem . —, 75 Aufſatze des Schreibtiſches ſtehende Schale aus blau⸗ bemaltem japaniſchem Porzellan, nicht minder koſt⸗ bar als die ſchönen, für den Monat Mai in Böhmen noch unmöglichen Früchte, mit denen ſie gefüllt war; ſolche zu beſitzen und ſich an ihrem Genuſſe wie an ihrem Duft und Anblick zu weiden, war eine Lieb⸗ haberei des Königs. Dieſelben mußten ihm daher ſo viel möglich auch im Felde überallhin aus ſeinen Ge⸗ wächshäuſern und den Orangerien zu Potsdam nach⸗ geſchickt oder anderweitig herbeigeſchafft werden, ohne daß ihm, ſeiner ſonſtigen Sparſamkeit ungeachtet, die dafür geforderten Preiſe zu hoch erſchienen. Ein zwei⸗ tes Prachtſtück war der etwas ſeitwärts ſtehende Schrank, in welchem die Feldbibliothek des Königs untergebracht war, eine Sammlung von Büchern, die er jederzeit um ſich haben mußte und die auch keinen Abend vorbeigehen ſah, ohne daß er einen ſeiner Lieb⸗ lingsſchriftſteller aus den Fächern hervorgeholt und ſich einige Stunden damit beſchäftigt hätte. Trefflich, wie der zierlich geſchnitzte Schrank und der meiſt aus rothem Maroquin beſtehende Einband der Bücher, war anch die Auswahl, welche dieſelben zu einander geſellt hatte; es waren die Dichter, Geſchichtſchreiber und Phi⸗ loſophen der Griechen und Römer, die der König in fran⸗ zöſiſcher Ueberſetzung las, weil auf Befehl ſeines Vaters 8 4 76 die alten Sprachen von ſeinem Unterricht vollſtändig aus⸗ geſchloſſen geweſen waren und er dieſelben daher nur nothdürftig verſtand, ſodann die Werke der neueren fran⸗ zöſiſchen Schriftſteller, die er allein jenen für ebenbürtig hielt. An Homer's Iliade reihte ſich die Aeneide Vir⸗ gil's, neben den Weltweiſen Plato und Ariſtoteles und den Geſchichten von Herodot und Thucydides ſtanden Cicero und Seneca, Livius und Tacitus; nach dieſen die Dichtungen von Molidère, Corneille und Racine; auf dem Tiſche ſelbſt aufgeſchlagen lag Voltaire's Heldengedicht, die Henriade, unmittelbar neben den Lebensbeſchreibungen großer Männer von Plutarch. An den übrigen Wänden des Zeltes waren Land⸗ karten mit Klammern befeſtigt; eine größere lag halb aufgerollt auf dem Tiſch. Der Kamerier Fredersdorf kam aus einer Neben⸗ abtheilung, die ſich an das Zelt anſchloß, mit einer Schüſſel hervor, anf welcher friſche Weintrauben zwi⸗ ſchen grünen Blättern lagen, während der Kammer⸗ huſar, Bettſtücke über dem Arm tragend, folgte. Fre⸗ dersdorf's Angeſicht leuchtete vor Vergnügen. Er war ein ſtattlicher Mann, dem der galonirte Livreerock und die weiße Halsbinde ebenſogut zu Geſicht ſtanden als das ſorgfältig friſirte und tadellos gepuderte Haar. 77 *„Sehen Sie einmal, Herr Kabinetsrath“, ſagte er zu dem im Eingang ſitzenden Herrn,„welch ein Ge⸗ ſchenk ſo eben für Seine Majeſtät eingetroffen iſt! Die Frau Herzogin von Gotha hat dieſe Trauben— es ſind echte ſpaniſche Frühtrauben— aus Malaga ge⸗ ſchickt erhalten und ſich beeilt, ſie ſofort uns zu über⸗ ſenden. Der König wird darüber höchſt erfreut ſein, nicht blos wegen der beſondern Aufmerkſamkeit der Frau Herzogin, ſondern noch mehr wegen der Schön⸗ heit und Frühzeitigkeit der Früchte.“ „Das iſt auch wirklich ein Anblick, an dem man ſich erfreuen kann“, ſagte der Kabinetsrath.„Es hat etwas Märchenartiges, ſolche Früchte mitten in dem rauhen Böhmen, in der Mitte des ziemlich ſtrengen Wonnemonds zu erblicken und mitten im Lager und in der Zerſtörung des Kriegs ſolchen Zeugen der Seg⸗ nungen des Friedens zu begegnen!“ „So weit denk ich nicht“, ſagte Fredersdorf. „Mir gefallen ſie beſonders darum, weil ich Seiner Majeſtät eine Freude machen kann. Ich will ſie aber auch herrichten, daß ſie gut ausſehen und gehörig ins Auge fallen! Er, Deybert, kann indeſſen die Decken über das Bett breiten“, fuhr er gegen den Kammer⸗ huſaren gewendet fort und ſchickte ſich an, die Trau⸗ ben in die Porzellanſchale ſo einzuordnen, daß ſie die 78 ſeltenen, feinen Aepfel und Pomeranzen weder verdun⸗ kelten, noch ſelbſt durch ſie in Schatten geſtellt wurden. Der Kabinetsrath trat hinzu, un zuzuſehen, der Kam⸗ merhuſar ſchickte ſich an, nach Anordnung das Bett zu bereiten; allein je leichter das Werk des Kame⸗ riers gelang, deſto ſchwieriger geſtaltete ſich das des Hu⸗ ſaren. Das vor dem Bette liegende Windſpiel hob den Kopf und begann ſo bedenklich zu knurren, daß Dehbert erſchrocken zurückfuhr und vergebens mit den verſchiedenen Rufen, mit welchen man gewöhnlich Hunde zu beſchwichtigen pflegt, das wachſame Thier zu beruhigen verſuchte. Das Windſpiel ſchien entſchloſ⸗ ſen, keine Annäherung an das Bett ſeines Herrn zu dulden. „So helf' Er mir doch, Herr Oberkamerier!“ rief der Huſar.„Biete Er doch dem Beeſt ab, das mich nicht hinlaſſen will und am Ende gar noch beißt!“ „Pfui, wer wird von dem Liebling Seiner Maje⸗ ſtät in ſolchen Ausdrücken reden!“ erwiderte Freders⸗ dorf näher tretend.„Mamſell Biche hat Ihm wahr⸗ ſcheinlich an der Naſe angeſehen, daß er ſo ein grobes Wort im Sinne hat, und hat Ihn deswegen angebellt. Warum knurren Sie, Mamſell Biche?“ fuhr er fort, indem er ſich zu dem Thiere herabbeugte und es ſtrei⸗ chelte, was ſich daſſelbe ohne Murren gefallen ließ. 79 „Kennen Sie denn Seiner Majeſtät Kammerhuſaren nicht? Er hat doch ſchon ſo oft die Ehre gehabt, Sie beim Spazierenfahren zu begleiten! Der thut Ihnen nichts zu Leide; der gehört zum Hauſe.“ Dabei klopfte er den Huſaren auf die Schulter, wie um zu zeigen, daß er zu den Vertrauten gehöre. Die klugen Augen des Thieres blieben noch eine Weile auf demſelben haften, als wollte es ſich überzeugen, ob das Mitgetheilte auch wirklich wahr ſei. Dann legte es den Kopf wieder ruhig auf ſeine Pfoten, ſchloß die Augen und ließ den Huſaren gewähren, der ſeine Arbeit bald gethan hatte und ſich entfernte. „Das dauert aber heute wirklich lange“, ſagte der Kamerier, indem er zu ſeiner Obſtſchale zurück⸗ kehrte, um noch die letzte Meiſterhand anzulegen, dann aber an den Eingang tretend in die mittlere Zeltgaſſe hinausſah, in welcher bereits einzelne Rauchſäulen auf⸗ und zu den darüber hängenden Feldkeſſeln empor⸗ qualmten.„Der König hat heute noch nichts genoſſen, aus dem Diner wird wieder ein Souper werden und obendrein noch Alles zu Grunde gehen. Es iſt un⸗ möglich, ſich dabei eine Ehre zu machen.“ „Er iſt ſehr beſorgt“, ſagte der Kabinetsrath, in⸗ dem er den Kamerier wohlgefällig anſah.„Er ſcheint Seiner Majeſtät ſehr zugethan zu ſein.“ 7 80 „Wie ſollt' ich auch nicht?“ erwiderte Fredersdorf. „Zugethan? Ich hab' ihn lieb, das iſt viel mehr! Ich verdanke ihm Alles, was ich bin und habe. Sind's doch nun ſchon bald zehn Jahre, daß ich in ſeinen Dienſten ſtehe, und jeden Tag freue ich mich mehr dar⸗ über, daß ich es bin. „Alſo war Er ſchon bei Seiner Majeſtät im Dienſte, als derſelbe noch Kronprinz war?“ fragte Cichel. „Freilich wohl“, war die Antwort,„ſchon in Rup⸗ pin. Der Herr Kabinetsrath wiſſen doch— mit Ihnen darf man ja davon reden— das war eine luſtige, man darf wohl ſagen, eine wilde Zeit. Der König war kurz zuvor auf Leben und Tod im Gefängniß zu Küſtrin geſeſſen, weil er nach England hatte deſertiren wollen. Ich kannte ihn nicht, ich war damals nur Tambour und hatte ihn nur manchmal geſehen, wenn er in ſeinem Zimmer auf der Baſtei am Fenſter ſtand und durch das Eiſengitter ſo traurig zum Himmel hinaufſah— da that er mir leid, und weil ich ſo nebenher ein bischen die Flöte gelernt hatte, und weil ſie ſagten, daß er das Flötenſpielen ſo gern habe, ſo habe ich mich, ſo oft es ging, an mein Fenſter geſtellt und habe geblaſen, ſolange es ging und ſo gut ich es zu Wege brachte. Darauf hatte er in der langweiligen Regierungskanzlei ſitzen und arbeiten müſſen als wie 8¹ der unterſte Referendar, der einmal ſein Brod mit der Feder verdienen muß. Wie er dann nach Ruppin kam unter die Offiziere vom Regiment Schwerin, da war es wohl natürlich, wenn ihm zu Muthe war wie einem Fiſche, der ſich lange in einem Teich beholfen hat und mit einem Male in friſches Waſſer kommt und dann luſtig darin herumſchießt und in die Höhe ſchnellt! Ich war damals ſchon Hautboiſt beim Regiment Schwerin und an einem Abend, als das Offiziercorps dem Kronprinzen ein Abendeſſen gab und Muſik ge⸗ macht wurde, ſpielte ich auch mit und blies in einem Gebete von Graun ein Flötenſolo, das dem Kronprin⸗ zen ſehr wohl gefiel. Er lobte meinen Anſatz und Vor⸗ trag und da nahm ich mir ein Herz und ſagte ihm, wa⸗ rum ich die Flöte gelernt habe und daß es mich freue, wenn er finde, daß ich mich gebeſſert habe ſeit Küſtrin. Da ſah er mich mit ſeinen gewaltigen Augen an, als wollte er mir ins Herz ſehen. „Das biſt Du geweſen?“ ſagte er.„Ich will mir's merken. Und ſeitdem, wenn's Muſik gab und wenn bei ihm ſelbſt ein kleines Hausconcert war, wurde ich allemal beordert, mitzublaſen. Und einmal, wie ich wieder geblaſen hatte und er an mein Pult trat, blieb er daran mit dem Haarbeutel hängen, daß das Zopf⸗ Schmid, Concordia. IV. ff I 82 band losging. Ich trat ſogleich hinzu und bat mir die Erlaubniß aus, es wieder knüpfen zu dürfen. Er ließ es lachend geſchehen, und als ich damit fertig war, ſah er mich wieder von unten bis oben an und ſagte: Das iſt ein junger anſtelliger Menſch; ich möchte einen ſolchen als meinen vertrauten Diener um mich haben. Willſt Du wohl in meine Dienſte treten und immer bei mir bleiben?“—„Ich will“, ſagte ich, und ſeitdem bin ich bei ihm geblieben, und will auch Wort halten und bei ihm bleiben, ſolange mich meine Beine tragen.“ Das Erſcheinen eines Offiziers, der am Zeltein⸗ gang von den Wachen angerufen wurde, unterbrach die Erzählung; der Kamerier, denſelben erblickend, eilte ſogleich auf ihn los und verſtändigte die Sol⸗ daten, daß dem Eintreten deſſelben nichts im Wege ſtehe.„Iſt's denn möglich?“ rief er freudig, während Eichel und der Angekommene ſich höflich begrüßten. Der letztere war eine ſchöne Geſtalt in den erſten Jahren des Mannesalters, mit heiterer Stirn, offe⸗ nem, freundlichem Angeſicht und einem Paar feuriger Augen, aus denen ebenſo viel Gutmüthigkeit als Laune ſprach.„Herr Major von Keyſerlingk! Sie hier im La⸗ ger? Das wird eine Ueberraſchung für Seine Majeſtät ſein. Sie haben ſchon öfters gefragt, ob keine Nach⸗ ——— 83 richt von Ihnen eingetroffen, und beſorgten ſchon, Ihr Zuſtand könnte ſich verſchlimmert haben.“ „Keineswegs“, erwiderte Keyſerlingk.„Die Sache war nicht ſo gefährlich, als ſie anfangs ſchien. Ich habe vor Brünn einen böſen Sturz mit dem Pferde gethan und mir dabei den Arm verletzt; glücklicher Weiſe war es nur der linke, und um mit dem Säbel zu hantieren, braucht man ja nur den rechten. Es ging von Tag zu Tag beſſer. Da glaubte ich, anſtatt zu ſchreiben, wäre es klüger, wenn ich ſelber käme, Seine Majeſtät zu grüßen, und ſo hab' ich mich einer Pro⸗ viantcolonne angeſchloſſen, die von Chrudim hertrans⸗ portirt wurde, und habe gleich geholfen, ſie mit zu convoyiren. Aber wo iſt der König?“ „Seine Majeſtät ſind ausgeritten, das Terrain zu recognosciren und die Vorpoſten zu viſitiren“, ent⸗ gegnete Fredersdorf.„Ich wundere mich, daß er noch nicht zurückgekommen iſt; es muß Wichtiges geben.“ „Das glaub ich auch“, ſagte Keyſerlingk lachend. „Die öſterreichiſchen Herrſäulen ziehen ſich von allen Seiten wie Wetterwolken zuſammen, die unſerigen ballen ſich gegenüber, und es wird wohl nicht lange dauern, bis ſie aufeinander ſtoßen und ſich entladen.“ „Das fürcht' ich auch und habe allerlei Anzeichen dafür“, ſagte Fredersdorf.„Iſt das ein Leben! Wir 6* 8⁴4 haben kaum abgepackt und ſind mit dem Zelte kaum fertig geworden; aber es ſoll mich gar nicht wundern, wenn gegen Morgen wieder Alles abgebrochen und aufgepackt wird. Majeſtät gönnen ſich keine Ruhe, nicht einmal zum Diner! Vorher wollen Sie noch mit dem Herrn Kabinetsrath Eichel arbeiten, dann ſind die Generale beſtellt, um die Dispoſitionen für die nächſten Tage zu erhalten, und dann erſt kommt Eſſen und Trinken an die Reihe. Majeſtät gerathen oft in Zorn, wenn die Soldaten nicht zur rechten Zeit ihre Menage bekommen.„Das iſt eine Hauptſache“, pflegt er zu ſagen;„denn mit leerem Magen ſchlägt man ſich ſchlecht.“ Aber an ſich ſelbſt denkt er dabei nicht. Na, Gott ſei Dank! nun ſcheint es doch mal etwas zu werden“, unterbrach er ſich ſelbſt, indem draußen verſchiedene Commandorufe wechſelnd durch einander erſchollen, denen Trommelwirbel antworteten, welche dann eine Hautboiſtenbande mit dem Deſſauer⸗ marſche rauſchend übertönte. In der Ferne, am Ende der ſchnurgeraden Zeltlinie, wurden Reiter ſichtbar, die von den Pferden ſtiegen und dann die Gaſſe herankamen. Ihnen voran, das Salutiren der Soldaten, die neben ihren Feldküchen ſich in Parade ſtellten, mit freundlichem Nicken erwidernd, ſchritt der König. Friedrich von Preußen ſtand damals in ſeinem 85) 9 dreißigſten Lebensjahre. Er war nicht groß, aber ſeine Geſtalt war außerordentlich fein und wohl gebaut, aus Gang und Haltung ſprach beſonnene Thatkraft und in den Augen, deren wunderbare Bläue zum Sprich⸗ wort geworden, lag jener tiefdringende Ernſt, der demjenigen, auf den der Blick ſich richtete, bis auf den Grund der Seele zu dringen ſchien. In den ſchön geformten Zügen war hoher Verſtand mit Güte ge⸗ paart und gab ihm ein Anſehen, daß, wenn er auch von ſeinem ganzen glänzenden Generalſtab umgeben war, Niemand auch nur einen Augenblick in Zweifel ſein konnte, wer von ihnen der Herr und Gebieter war. Er trug einen einfachen, dunkelblauen Oberrock mit breiten Klappen, den Fürſtenſtern auf der Bruſt und darunter das große rothe Band. Obwohl aufrecht und feſten Ganges einherſchreitend, trug er einen Rohrſtock mit einer krückenartigen Handhabe aus Elfenbein. Den reichbefiederten, dreieckigen Hut, den er mit der breiten Seite auf die Stirn zu drücken pflegte, hielt er grü⸗ ßend einige Zoll über dem Haupte. Vor einer Gruppe Soldaten blieb er ſtehen.„Seid Ihr müde, Kinder?“ fragte er einen großen Mann in der blauen Uniform der pommerſchen Füſiliere. „Nein, Majeſtät“, erwiderte dieſer treuherzig. „Das war ja nur ein Spaziergang!“ 86 „Na, na, rennomir' Er nicht!“ antwortete Fried⸗ rich.„Der Gewaltmarſch von Chrudim bis hierher war wohl mehr als eine Promenade. Wie heißt Er?“ „Chriſtian Kranz, Majeſtät zu dienen.“ „Woher gebürtig?“ „Aus Hinterpommern, Majeſtät, aus Ubedel, Re⸗ gierungsbezirk Cöslin.“ „Na, hat Er nicht Heimweh nach Seinem Hinter⸗ pommern?“ „Nein, Majeſtät, ſolange Sie Krieg führen, nicht. Aber mein alter Vater hat Heimweh nach mir.“ „Da kann ich ihm leider nicht helfen“, erwiderte der König.„Ich kann jetzt einen ſo braven Soldaten nicht entbehren. Ich will aber machen, daß Er Sei⸗ nem Vater etwas ſchicken kann, damit er Ihn weniger hart entbehrt.“ Eine freudige Bewegung über die Güte und Leut⸗ ſeligkeit ihres Königs und Feldherrn durchlief die Gruppe und ein begeiſtertes„Hoch unſer König Fritz!“ ſcholl dem Hinwegſchreitenden nach. Im Zelteingang wendete ſich derſelbe und begrüßte das militäriſche Gefolge, das ſich im Nu im Halbkreiſe aufgeſtellt hatte. Es war eine ſtattliche Verſammlung bedeuten⸗ der Geſtalten und Köpfe, anziehend durch den Aus- druck von Muth und Entſchloſſenheit in den Mienen 87 wie durch die gleichmäßig ſtrenge ſoldatiſche Haltung; prachtvoll durch Abwechslung, Farbe und Reichthum der verſchiedenen Uniformen. Da war der einfache dunkelblaue Klappenrock der Füſiliere mit dem niedri⸗ gen dreiſpitzigen Hute ebenſo gut vertreten als der blanke Küraß über der weißen Jacke; Huſaren in ro⸗ then, blauen und ſchwarzen Dolmans reihten ſich an Grenadiere, dunkle Gamaſchen an den Beinen und die hohen, ſpitzigen, nach hinten abgekürzten Mützen auf dem Kopf, an denen ein Metallſchild mit ihrer urſprünglichen Hauptwaffe, der brennenden Handgra⸗ nate, blinkte. Der Erſcheinung und Geſtalt entſprachen auch die Namen. Es war Mancher darunter, der ſich ſchon mit Kriegslorbeeren geſchmückt hatte, wie die Generale von Buddenbrock und Winterfeldt, Andere, erſt beſtimmt, ſich ſolche auf der Laufbahn ihres Kö⸗ nigs und mit ihm zu erwerben, wie der junge Seyd⸗ litz, der erſt unlängſt vom Cornet im Küraſſierregi⸗ ment Rochow zum Rittmeiſter der neuerrichteten weißen Huſaren ernannt worden war; ſowie die Oberſten von Wuthnow⸗Dragonern, von Werner⸗ und Zaſtrow⸗Hu⸗ ſaren, von den Infanterie⸗Regimentern Schwendy, Jeetz, Rebentiſch und Andere. „Bon soir, Messieurs!“ ſagte der König.„Wir ſehen uns ſpäter beim Rapport wieder. Sagen Sie 88 einige ſchwere Tage haben; dann aber kann ich Ihnen allen mit Gewißheit eine längere Ruhezeit verſprechen.“ Er wollte in das Zelt treten, hielt aber nochmals an und rief Seydlitz, einen jungen Mann mit kräftig ge⸗ ſchnittenem Geſich te, in weißer Huſarenjacke, mit gleich⸗ farbigem Dolman und der Mütze von weißem Bären⸗ pelze, zu ſich.„Rittmeiſter von Seydlitz“, ſagte er, „nehm' Er zwanzig verwegene Burſche aus Seiner Schwadron! Mach' Er einen Ritt gegen Chotuſitz und Czaslau! Bring' Er mir genaue Nachricht, wo der Erbprinz von Anhalt ſteht, und ob ſich der Herzog von Lothringen noch nicht ſpüren läßt! Er wird dabei einen Fluß paſſiren müſſen, ich glaube, er heißt die Do⸗ brawa. Die Oeſterreicher werden wohl ſo klug gewe⸗ ſen ſein und die Brücke abgebrochen haben. Aber das iſt für Ihn kein Hinderniß; Er iſt ja ein Freund von ſolchen Reiterſtücken.“ Die Generale und Offiziere entfernten ſich. Fried⸗ rich trat in das Zelt, wo ihm Major Keyſerlingk zwar in dienſtlich ſoldatiſcher Haltung, aber mit Blicken und Mienen entgegentrat, welche deutlich verriethen, daß er als Freund und Genoſſe des Kronprinzen aus den Jahren von Rheinsberg beim König einen freundlichen indeſſen Ihren Mannſchaften, ſie ſollen ſich tüchtig ausruhen und guten Muthes ſein! Wir werden noch — — — — 89 Empfang erwartete und ſich eines Vorrechts bei dem⸗ ſelben bewußt war. Das Angeſicht des Königs, als er ihn erblickte, entſprach auch vollkommen dieſer Er⸗ wartung. Ein klarer Ausdruck der Freude breitete ſich über die edlen Züge, wie wenn bei bedecktem Him⸗ mel plötzlich ein Sonnenſtrahl irgendwo das Gewölk durchbricht; aber ebenſo ſchnell, wie dieſer wieder hin⸗ ter dem Nebelvorhang verſchwindet, entfloh auch das Lächeln wieder vom Antlitz des Königs und machte dem gewöhnlichen Ausdruck Platz, der, obwohl nicht unfreundlich, doch in jeder Linie den ſeiner Würde bewußten König verrieth. Er hatte mit ſcharfem Blick Keyſerlingk's Gedanken bei ſeinem Gruße durchſchaut und wies dieſelben als eine Anmaßung zurück. Jedes derartige Nähertreten war ihm als Auflehnung inner⸗ lich zuwider, und wäre Keyſerlingk ihm nicht ſo lieb geweſen, als er ihm wirklich war, ſo würde die Zurückwei⸗ ſung gewiß eine noch deutlichere Form erhalten haben. Dieſem gegenüber war er gewiß, daß die Rüge ver⸗ ſtanden und gefühlt werde, wenn ſie auch nur in einer leiſen Andeutung der Grenzen beſtand. „Sieh da, Herr Major von Keyſerlingk“, ſagte der König, indem er den Hut abnahm, ſammt dem Stock auf den Schreibtiſch legte und die großen weiß⸗ ledernen Stulphandſchuhe daneben warf.„Iſt Er 90 wiederhergeſtellt? Will ſich wohl zum Dienſteintritt melden?“ „So iſt es, Majeſtät“, entgegnete Keyſerlingk in noch ſtrafferer Haltung, aber ohne das vertraute Lä⸗ cheln, das zuvor um Mund und Augen geſpielt hatte. „Freut mich, Ihn zu ſehen“, fuhr der König fort.„Sein Sturz iſt alſo gut abgelaufen? Bei Brünn iſt Er verunglückt, nicht wahr? Hat ſich aber nach Berlin bringen laſſen, hat geglaubt, dort eher kurirt zu werden als in meinem Feldſpital.“ „So iſt es auch in der That, Majeſtät“, ent⸗ gegnete Keyſerlingk etwas befangen.„Meine ſchnelle Wiederherſtellung iſt der beſte Beweis dafür.“ „Laß Er's gut ſein! Ich kenne das“, unterbrach ihn der König mit abwehrender Geberde.„Ich kenne dieſe Berliner Kur. Aber weil Er doch aus meiner Hauptſtadt kommt, wird Er mir Allerlei von dort zu erzählen wiſſen. Sei Er alſo mein Gaſt heute Abend! Freilich darf Er ſich keine Küche erwarten wie wei⸗ land im Kloſter zum Remusberg; aber etwas Genieß⸗ bares wird ſich doch wohl vorfinden, nicht wahr, Fre⸗ dersdorf?“. „Ich habe verſucht, das Mögliche aufzutreiben“, erwiderte der Kamerier.„Ich war ſo glücklich, in — 91 einem der nächſten Dörfer noch einige Hühner zu er⸗ haſchen, dann ein paar Karpfen aus dem nahen Teiche, und die Grenadiere haben beim Lagerſchlagen in der jungen Saat eine Anzahl Wachteln gefan⸗ gen.“ „Na, da ſiehſt Du, daß immer mit dem Schaden irgend ein Nutzen verbunden iſt“, ſagte der König la⸗ chend zum Kammerdiener.„Sorge nur dafür, daß wir etwas Gutes bekommen! Dieſer junge Mann kommt aus Berlin und hat auch ſonſt einen etwas verwöhnten Gaumen. Alſo“, fuhr er, wieder gegen Keyſerlingk gewendet, fort,„ich habe jetzt noch zu ar⸗ beiten, komm' Er am Abend wieder!“ Der Major verbeugte ſich ehrerbietig und ging. Er vermochte nicht ganz die Empfindung zu verbergen, daß er ſich einen andern Empfang erwartet hatte. Das entging auch dem König nicht, und während er ſich am Schreibtiſche niederließ, warf er ihm noch an dem Zelteingang einen Blick zu, aus dem ganz die alte Freundſchaft und Vertraulichkeit ſtrahlte, und rief ihm in gütigem Tone das ihm nur zu wohl verſtändliche Wort nach:„Adieu! Au revoir, mon cher Cé- sarion!“ Eben wollte der König dem Kabinetsrath Eichel den Wink geben, mit ſeinen Schriften heranzutreten, 7 92 als er die Schale mit den Früchten und Trauben ge⸗ wahrte. Er erhob ſich nochmals, beſah dieſelbe und klopfte Fredersdorf, der vor Vergnügen ſtrahlend die Quelle bezeichnete, aus der die Trauben gekommen waren, auf die Schulter.„Charmant, charmant!“ rief er.„Du biſt ein Zauberer, ein wahrer Tauſendkünſt⸗ ler! Ich wollte nur, Du vermöchteſt nicht nur für mich in ſolcher Weiſe zu ſorgen, ſondern auch für meine armen Soldaten, deren Mahlzeit oft ſchlimm genug ausfällt.“ „Das dürfte etwas ſchwer ſein“, lachte der Kamerier, während Friedrich die Schale ergriff und ſie ihm hin⸗ reichte. „Das ſoll zum Nachtiſch dienen für heute Abend! Du weißt, ich habe ein Leckermaul als Gaſt. Aber ich will Dir's gedenken, Fredersdorf, und Dir Deine Aufmerkſamkeit und Vorſicht nicht vergeſſen. Nun aber, Eichel, laß Er hören, was Er mir fertig gebracht hat!“ ſagte er zu dem Kabinetsrathe, während Fre⸗ dersdorf ſich ehrerbietig entfernte.„Es wird wohl nicht viel ſein.“ „Leider nicht“, entgegnete der Kabinetsrath. „Auf dem Marſche und in der ſteten Unruhe war es nicht möglich, mehr als das Allerdringendſte zu erle⸗ digen.“ * 93 „Nun gut, wir werden auch einmal Zeit für das minder Dringende finden“, entgegnete der König, in⸗ dem er die Feder ergriff.„Leg' Er mir zuerſt die Reinſchriften vor!“ Der Kabinetsrath folgte dem Befehl, indem er eine Reihe von Briefen und Decreten nach einander zur Unterzeichnung vorlegte und bei jedem in Kürze den Gegenſtand, ſowie den Inhalt der Entſchließung angab, wie ſie tags zuvor vom König beſohlen worden war. Der König warf dabei einen flüchtig prüfenden Blick auf die Blätter, unterzeichnete dann und gab ſie dem Kabinetsrath zurück. „Was iſt dies?“ fragte er bei einem derſelben, indem er die Ueberſchrift las: An das Conſiſtorium zu Berlin.„Was ſoll's damit?“ „Es iſt das Geſuch der vier märkiſchen Gemein⸗ den, welche gegen die Einführung des neuen Geſang⸗ buchs petitionirt haben und damit abgewieſen wer⸗ den.“ „Das iſt gut“, ſagte der König raſch.„Leſe Er mir's vor! Ich will ſehen, ob Er mich recht ver⸗ ſtanden und es ſo recht kräftig gemacht hat.“ Der Kabinetsrath las das Decret, welches nach den gewöhnlichen Eingängen alſo lautete:„Seine Ma⸗ jeſtät haben aus völliger Ueberzeugung, daß dieſes die 94 Pflicht eines jeden guten Landesherrn und Vaters iſt, es ſich zum unveränderlichen Geſetze gemacht, jedem Ihrer Unterthanen völlige Freiheit zu laſſen, zu glauben, was er will, und ſeinen Gottesdienſt zu verrichten, wie er will, nur daß ſeine Lehrſätze und Religionsübungen weder der Ruhe des Staates noch den guten Sitten nachtheilig ſein dürfen. Höchſtdieſelben wollen daher auch, daß in den Kirchen kein Zwang in Anſehung des Katechismi und Geſangbuchs herrſchen, ſondern jeder Glauben hierunter ganz freie Hände haben und behalten ſoll. Vermuthlich iſt der neue Katechismus ſowie das neue Geſangbuch verſtändlicher, vernünftiger und dem wahren Gottes⸗ dienſte angemeſſener, weil ſo viele andere Gemeinden es angenommen haben, bei denen in allgemein gutem Rufe ſtehende Männer ſich befinden. Gedachte vier Gemeinden haben daher ſich gänzlich zu beruhigen, da, wie bereits gedacht, ihnen ſowohl als jedem ihrer Mit⸗ unterthanen ganz freiſteht, zu glauben und zu ſingen, was ſie wollen.“ „Ganz recht“, rief Friedrich, indem er Eichel das Blatt aus der Hand nahm,„aber immer noch nicht kräftig genug.“ Er unterſchrieb, fügte aber ſeinem Namen laut ſprechend noch den Beiſatz bei:„Ein Jeder kann bei mir glauben, was er will, wenn er nur ehr⸗ lich iſt. Was die Geſangbücher angeht, ſteht einem 95 Jeden frei, zu ſingen: Nun ruhen alle Wälder, oder dergleichen dummes und thörichtes Zeug mehr. Was hat Er noch?“ „Eine Eingabe des Generaldirectoriums, worin daſſelbe die Freigebung der Weineinfuhr begutachtet, weil dann die fremden Fuhrleute als Rückfracht ein⸗ heimiſche Produkte ausführen.“ „Nichts da!“ unterbrach ihn der König.„Ich hab' es ſchon geſagt: wenn Wein eingeführt wird, leiden meine Brauer! Wind, Wind! Was frend iſt, muß ſtark impoſtirt werden, um unſern eigenen Debit zu favoriſiren. Wenn ich demnächſt nach Berlin zurück⸗ komme, wird großer Lärm werden, ſofern nicht alle fremden Sachen ſtark impoſtirt ſind.“ „Der Weg von Berlin nach Charlottenburg“, fuhr der Kabinetsrath fort,„ſoll ausgebeſſert werden, und das Generaldirectorium hat dafür einhundertfünfund⸗ neunzig Thaler angeſetzt.“ „Was?“ rief der König, indem er ihm das Blatt etwas unſanft aus der Hand nahm und eine Bemerkung darunterſchrieb.„Will davon nichts wiſſen! Wenn die andern Vorſchläge ebenſo lächerlich ſind, verdienen die Räthe weggejagt zu werden. Die Reparatur iſt gar nicht nöthig. Ich kenne den Weg und muß die Kammer mich wohl für ein großes Beeſt halten, um 96 mich mit ſo ungereimten Dingen bei der Naſe herum⸗ führen zu wollen. Sind wir nun zu Ende?“ „Noch nicht ganz. Hier iſt ein abermaliges Bitt⸗ geſuch, eine allerunterthänigſte Vorſtellung des Theo⸗ logie⸗Profeſſors Franke in Halle.“ „Was will der noch?“ fragte Friedrich unwillig. „Hat er an meinem letzten Beſcheide noch nicht genug? Er hat mir das Conſiſtorium aufgehetzt, daß es in Halle den Studenten den Beſuch der Komödie ver⸗ bieten ſoll, weil ſie dadurch um ihr zeitliches und ewiges Seelenheil gebracht würden. Ich hab' es ſehr wohl verſtanden. Dem Muckerpack iſt es nicht um die Hallenſer Studenten, ſondern nur darum zu thun ge⸗ weſen, mir, ſeinem König, eins anzuhängen, weil ich das Theater befördere, weil ich eine gute Komödie für beſſer und lehrreicher halte als zehn myſtiſche Predig⸗ ten! Ich habe angeordnet, daß man die Komödianten in Ruhe läßt, und daß der Franke ſelber hineingehen, ſich dieſelbe anſchauen und ſich überzeugen ſoll, daß es nichts ſo Erſchreckliches iſt, als er ſich's vorſtellt.“ „Profeſſor Franke iſt bereit, ſich dem allerhöchſten Beſcheide zu ſuhmittiren“, ſagte Eichel.„Er bittet nur um die allerhöchſte Gnade, daß ihm der Beſuch des Theaters erlaſſen werden möge, weil ihn derſelbe nicht nur zum allgemeinen Geſpötte machen und ſein Anſehen 97 als Profeſſor vollſtändig vernichten, ſondern ihm auch als einem alten Mann beſonders ſchwer fallen würde. Derſelbe will gern ſeine Anſicht dem Willen Eurer Majeſtät unterordnen; aber Majeſtät möchten ihm auch erlauben, in ſeinem alten grauen Kopfe eine eigene Meinung zu haben, die er künftig für ſich behalten will.“ „Verdient hat er's zwar nicht, daß ich Nachſicht mit ihm übe“, ſagte der König milder.„Niemand als der Franke iſt es geweſen, der meinen Vater— Gott hab' ihn ſelig!— gegen den Philoſophen Wolf aufge⸗ hetzt hat! Aber das mit der eigenen Meinung hat et⸗ was für ſich. Setz' Er den Beſcheid auf: Das Theater ſoll ihm erlaſſen ſein, dafür ſoll er hundert Thaler an die Armenkaſſe zahlen, und laß Er dabei auch ein⸗ fließen, wie ich hoffe, daß die Herren Pfaffen in Zu⸗ kunft vorſichtiger werden und nicht denken ſollen, dem Generaldirectorium und mir Naſen zu drehen! Die Halleſchen Pfaffen müſſen kurz gehalten werden; es ſind evangeliſche Jeſuiten, und man muß ihnen bei allen Gelegenheiten nicht die mindeſte Autorität ein⸗ räumen!“ Der Kabinetsrath verbeugte ſich, zum Zeichen, daß er mit ſeinem Vortrag zu Ende ſei. Friedrich ſtand auf und durchſchritt das Zelt, die Hände auf den Schmid,„Concordia. IV. 7 7 98 Rücken gelegt.„Wenn Er dazu kommt“, ſagte er,„ſo⸗ ſchreibe Er auch meinem Intendanten, dem Baron Knobelsdorf, er ſoll mir tüchtig hinter dem Bau mei⸗ nes Charlottenburg her ſein, ſoll keine Verzögerung zulaſſen und auch dafür ſorgen, daß meine Gärten und meine Orangerie in gehörigem Stande ſind! Wenn ich nach Berlin komme, will ich etwas gewachſen und gefördert ſehen. Auch ſoll er Acht haben, daß meine Oper was Tüchtiges leiſtet. Wenn es ſein kann, ſoll er den Pinti engagiren; aber mehr als viertauſend Thaler geb' ich nicht. Wenn er aber die Aſtrua be⸗ kommen könnte, die hab' ich im vorigen Jahre in Dres⸗ den gehört, dann iſt es was Anderes; bei der kann er bis ſechstauſend Thaler gehen. Ich glaube, ſie iſt jetzt in Turin. Er ſoll dahin ſchreiben und ſoll mir überhaupt auf gute Muſik halten. Wir haben Haſſe, Benda und Graun; wir brauchen nicht die welſchen Kneipmuſikanten zu cultiviren.“ „Ich werde es pünktlichſt beſorgen und Eurer Majeſtät thunlichſt den Brief noch heute vorlegen“, ſagte der Kabinetsrath.„Zugleich aber kann ich meine Freude nicht bergen, daß Majeſtät von Allerhöchſtihrer Rückkehr nach Berlin wie von einer bevorſtehenden Sache ſprechen. Es ſcheint alſo wahr zu ſein, was man ſich im Vertrauen erzählt, daß die kriegeriſchen Ange⸗ 99 legenheiten auf einem Punkte angekommen ſeien, der zu einem Abſchluß führen kann, daß Majeſtät daran denken, Frieden zu ſchließen?“ V Der Kabinetsrath genoß das volle Vertrauen des Königs; er wußte das und durfte ſich daher wohl eine ſolche Frage erlauben. Dennoch mißfiel ſie dem König, der nie unterließ, etwas, was ihm als Ueberhebung erſchien, in ſeine Schranken zurückzuweiſen. Er blieb wie tief nachdenkend vor dem Harrenden ſtehen, blickte ihm feſt ins Geſicht, als wolle er ihn prüfen, ob er das, was auf ſeinen Lippen ſchwebte, ihm auch wirk⸗ lich anvertrauen könne.„Kann Er ſchweigen?“ ſagte er dann ernſt und in faſt feierlichem Tone. „Ja, Majeſtät“, rief der Kabinetsrath feurig und legte zur Berheuerung die Hand auf die Bruſt. „Nun denn, ich kann es auch“, ſagte Friedrich kalt, indem er ihm den Rücken zuwendete und ſeinem Windſpiel rief, das, ſchon längſt des gewohnten Winkes harrend mit lautem Gebell, aufſprang und ſich an ſei⸗ nem Herrn emporrichtete, ihn mit ſeinen Liebkoſungen zu begrüßen. Darüber fand der zum Tode beſtürzte Kabinetsrath Gelegenheit, raſch das Zelt zu verlaſſen. Im Eingang kam ihm ein anderer Beſucher ent⸗ gegen, der dem Könige gemeldet ſein wollte. Der dienſt⸗ habende Offizier, der neben dem Zelte ſeinen Platz 7* 0 100 hatte, um den Eingang ſtets im Auge behalten zu könnnen, trat hinzu; das Geſpräch der beiden machte den König aufmerkſam, der ſich danach umwandte und fragte, was es gebe. Der Angekommene, ein Mann in feiner Modetracht damaliger Zeit, die mit der kriegeriſchen Umgebung nicht wohl in Einklang zu bringen war, verbeugte ſich, in der Zeltöffnung ſtehend, ehrerbietig, aber mit einer Würde, die nahe an die Grenze des Gezierten ſtreifte. „dHeil mir!“ rief er.„Heil dieſem Tage! Heil dem Orte, an welchem mir vergönnt iſt, vor dem größten Manne ſeines Jahrhunderts zu ſtehen! Es bedarf kei⸗ ner Anmeldung; denn ich weiß, ich ſtehe vor Seiner Majeſtät dem König Friedrich von Preußen, den die Nachwelt den Großen nennen wird.“ „Ich bin der König“, entgegnete Friedrich einfach, indem er den Beſuch halb verwundert, halb lächelnd betrachtete,„und daß mich der Herr erkennt, iſt nichts Beſonderes; man hat mich ſo oft abconterfeit, daß ich den Steckbrief im Geſicht herumtrage und nicht leicht irgendwo ungekannt durchkommen kann. Aber wer iſt es, der in dieſer ſo feierlich begrüßten Stunde an dieſem Orte des Heils mir gegenüberſteht?“ Der Fremde griff in den Buſen und zog ein Schreiben hervor, das er dem König überreichte.„Er 101 lauben Majeſtät, mein Creditiv zu überreichen“, ſagte er,„Lord Robinſon, Geſandter Seiner britiſchen Maje⸗ ſtät Georg's des Zweiten von England!“ „Und was führt Sie zu mir, Mylord?“ fragte der König, der, nachdem er das Schreiben flüchtig über⸗ blickt hatte, ſich auf einen Feldſeſſel niederließ und den Geſandten mit einer Handbewegung einlud, ihm gegen⸗ über das Gleiche zu thun. Das ſo vollſtändig ruhige Weſen des Königs ſchien den Geſandten, der eine mehr aufgeregte Natur war, etwas zu verblüffen; nicht mit der nämlichen Sicherheit, womit er begonnen, fuhr er fort:„Eurer Majeſtät Frage kann nicht aus Ihrem großen Herzen kommen. Bei meinem bloßen Anblick müſſen Majeſtät gewußt haben, was mich hierher führt.“ „Ich muß leider geſtehen“, entgegnete Friedrich mit unverhohlener Ironie,„daß der Anblick Eurer Lord⸗ ſchaft ſolche prophetiſche Wirkung nicht gemacht hat. Auch liege ich hier mit dem feſten Vorſatze, die öſter⸗ reichiſche Armee, wo mir dieſelbe in den Weg kommt, gründlich zu ſchlagen, und weiß daher wirklich nicht, wie dabei mein Herz engagirt ſein ſollte.“ Die halb verlegene Verwunderung des Lords ſtieg; er faßte ſich aber und begann in dem vorigen Schwunge: „Zwei Menſchen trägt im Augenblicke die europäiſche 102 Erde, an Größe nur den Heroen der alten Welt und ſich ſelber vergleichbar! Den einen, vor dem ich ſtehe, verbietet deſſen Beſcheidenheit zu nennen; der andere iſt Maria Thereſia, die erhabene Königin von Ungarn, das vollendete Muſterbild der Frauen an Schönheit des Geiſtes wie des Körpers. Dieſe beiden könnten der Welt Geſetze geben, wenn ſie einig wären; aber ſie ſind Feinde und trachten ſich gegenſeitig zu zer⸗ ſtören. Die Aufgabe, die mir zu Theil geworden iſt im Namen Seiner britiſchen Majeſtät und der glor⸗ reichen Nation von England, iſt demnach, einen Ver⸗ ſuch zu machen—“ „Kürzer, Mylord, kürzer!“ ſagte Friedrich, indem er ungeduldig mit dem Stuhle zu rücken begann.„Wir ſind hier nicht im Unterhauſe der glorreichen Nation von England! Mit einfachen Worten alſo, Sie kommen, um über den Frieden zu verhandeln.“ „Ja, Majeſtät, ich bin ſo glücklich, die Bedingun⸗ gen bekannt geben zu können, unter denen Maria Thereſia geneigt iſt—“ „Entſchuldigen Sie“, unterbrach ihn der König, „Sie verrücken den Standpunkt. Bis jetzt bin ich der Sieger; mir ſteht es alſo zu, die Bedingungen zu machen. Eh bien“, fuhr er dann, ſich erhebend fort, „darüber ſind Verhandlungen nicht nöthig. Man kennt 103 am Wiener Hofe bereits die gerechten Forderun gen, die ich formulirt habe und auf denen ich beſtehen muß.“ 7 „Die Königin von Ungarn“, ſagte der Lord ge⸗ ſchmeidig,„iſt gewiß gern bereit, Eurer Majeſtät bis an die äußerſten Grenzen der Möglichkeit entgegenzu⸗ kommen; dabei dürfte aber nicht unerwogen bleiben, daß die Lage ſeit einiger Zeit ſich nicht unweſentlich verändert hat! Die Truppen der Königin ſind ſiegreich über Linz vorgedrungen, haben Baiern in ihrer Ge⸗ walt—“ „Ich weiß das“, entgegnete Friedrich ungeduldig, vund der Schwager Maria Thereſia's, der Herzog von Lothringen, iſt im Anmarſch, um mich zu überflügeln und von Prag abzuſchneiden! Darum werden wir ſchlagen. Aber ich muß Schleſien haben mit Glatz und einen Theil von Böhmen, wegen deſſen ich mich bereits mit meinem Alliirten, dem Herrn Kurfürſten von Baiern, c'est à dire, mit Kaiſer Karl dem Siebenten verſtändigt habe. Will die Königin darauf eingehen, eh bien! Wo nicht, ſo bleibt es bei der Entſcheidung der Waffen.“ „Die Königin“, begann Lord Robinſon wieder, „iſt von dem Edelmuthe Eurer Majeſtät zu ſehr über⸗ zeugt, als daß ſie glauben könnte, Majeſtät wären im Stande, ihre mißliche Lage zu mißbrauchen. Sie hofft daher, daß Sie auf Glatz verzichten.“ „Nichts da!“ rief Friedrich unwillig.„Wie kommt ſie dazu, mir ſolchen Bettelkram zu bieten? Soll ich, was ich bereits beſitze, was mir Niemand mehr neh⸗ men kann und nehmen wird, ſchwachmüthig ſelbſt auf⸗ geben?“ 3 „Bedenken Eure Majeſtät!“ rief der Lord, der ſich auf die eindringliche Rede beſann, die er ſich be⸗ reits auf dem Wege entworfen hatte und jetzt für vollkommen gut angebracht hielt.„Die Augen von ganz Europa ſind in dieſem Momente auf Cure Ma⸗ jeſtät gerichtet. Sie haben die ſtaunende Welt mit dem Ruhme eines zweiten Alexander erfüllt; ſie er⸗ wartet nun auch von Ihnen, daß der Menſchenfreund, der Philoſoph auf dem Throne ihr ein zweites großes, ja ein noch größeres Beiſpiel geben werde: daß er im vollen Siegeslaufe innehalten, den lorbeerbekränzten Degen freiwillig in die Scheide ſtecken und mit dem Frieden ein zweites goldenes Zeitalter heraufführen werde!“ „Sonderbarer Kauz“, murmelte Friedrich, ſich abwendend.„Mit dem werd' ich nicht fertig, wenn ich nicht in ſeiner Sprache antworte.“ Damit trat er vor ihn hin, ſah ihn einen Moment durchdringend 105 an und begann dann eine feierliche Anrede, vollkommen in Ton und Geberde eines ſeine Rolle recitirenden Schauſpielers. Es kam ihm gut dabei zu ſeatten, daß er bei den Aufführungen der Tragödien Corneille's und Voltaire's in der Rheinsberger Zeit nicht ſelten auch eine Rolle übernommen und geſpielt hatte.„Ah, Mylord!“ rief er pathetiſch.„Was fordern Sie von mir? Meine Armee würde mich nicht für würdig hal⸗ ten, ihr Anführer zu ſein, wenn ich durch einen ſchimpf⸗ lichen Vertrag das wieder preisgäbe, was ſie mit ihrem Blute mir erobert hat. Ha! Sollte ich auch nur an einem einzigen Tage die Gefühle der Redlich⸗ keit und Chrlichkeit verleugnen, die mir angeboren ſind? Wäre ich deſſen fähig, meine Ahnherren würden aus ihren Gräbern ſteigen und mir zurufen: Halt' ein, Unglücklicher! Du biſt nicht mehr unſer Blut! Du ſollſt Dich für das gute Recht, das wir Dir hinter⸗ laſſen haben, ſchlagen und verkaufſt es wie ein ehr⸗ loſer Krämer, der den Gewinn dem Ruhme vorzieht? Nein, Mylord, niemals werde ich einen ſolchen Tadel verdienen! Gehen Sie, Mylord, ſagen Sie dieſes Ihrem vollendeten Muſterbilde der Frauen: ehe ich zugebe, daß der Ehre und dem Ruhme des preußiſchen Na⸗ mens auch nur der geringſte Flecken zugefügt wird, eher will ich mich ſammt meinem Heere in Schleſien —OBBB—— — 106 begraben laſſen! Das iſt meine Antwort“, ſagte er dann plötzlich abbrechend in gewöhnlichem, natürlichem Tone mit leichter Verbeugung. Der Unterhändler war ſo betroffen, daß er nichts Anderes zu thun vermochte, als ſich ebenfalls ſtumm zu verbeugen und den Ausgang zu ſuchen; es gelang ihm nicht ohne Verwirrung, ſich einen Weg durch die Generale und Offiziere zu bahnen, die vor dem Zelte bereits verſammelt waren und den Beſucher mit neu gierigen und verwunderten Blicken betrachteten. „Bon soir, Messieurs!“ rief der König ihnen ent⸗ gegen.„Sie kommen eben recht. Ich habe ſo eben Friedensanerbietungen zurückgewieſen und weiß, daß ich dabei nur im Sinne von Ihnen allen gehandelt habe! Wir müſſen uns noch einmal ſchlagen. Noch einmal will man es verſuchen, uns das Eroberte wie⸗ der zu entreißen! Aber Sie ſind Preußen, meine Herren, und werden nicht zugeben, daß der Name und die Kriegsehre Preußens eine Einbuße erleiden.“ „Führen Sie uns an, Majeſtät!“ rief Marſchall Buddenbrock.„Wir gehen mit Ihnen zum Tode.“ „Zum Siege, will ich hoffen“, erwiderte er.„Wir ſind zwar nur auf uns allein angewieſen. Unſere Alliirten, die Herren von der Seine, haben mir freilich Verſtärkung zugeſagt, aber der Schlaukopf Broglio 107 wird wohl dafür zu ſorgen wiſſen, daß er erſt an⸗ kommt, wenn wir ihn nicht mehr nöthig haben. Die Sachſen aber ſagen, ſie können nicht vorrücken, weil es ihnen an Munition fehle.“ Murren des Un⸗ willens wurde unter den Offizieren laut. Friedrich ſchien es nicht zu bemerken und fuhr fort:„Ich freue mich dieſer Läſſigkeit unſerer Verbündeten; ſo werden wir allein den Feind ſchlagen und auch die Ehre wird uns allein gehören. Ich höre zwar, der heilige Vater in Rom habe dem Herzog von Lothringen einen geweihten Degen geſchickt und die öſterreichiſchen Waffen in dem Kriege gegen uns Ketzer geſegnet, aber ich denke, die Potsdamer Wachtparade, wie ſie uns nennen, kehrt ſich daran nicht und wird ihre Degen als Weih⸗ wedel gebrauchen, um die neuen Kreuzfahrer nach ihrer Manier einzuſegnen.“ Wieder brauſte lauter beifülliger Zuruf von den Lippen der Krieger. Zugleich wurde vor dem Zelte der Hufſchlag galoppirender Pferde laut, ein Reiter ſprang ans dem Sattel und trat ſäbel⸗ und ſporen⸗ klirrend herein.„Seydlitz!“ rief der König ihm mit aufleuchtenden Augen entgegen.„Er iſt ſchon zurück? Hat Er etwas ausgerichtet? Was für Nachrichten bringt Er mir?“ „Die beſten, Majeſtät!“ erwiderte der Huſar, an 108 deſſen Dolman und Jacke das Weiß durch Staub und Schweiß in ſchmuziges Grau umgewandelt war.„Ich war beim Erbprinzen.“ „So iſt Er wirklich über die Dobrawa gegangen?“ fragte der König raſch, indem er an den Tiſch trat und die dort liegende große Karte vollends entrollte. „Wie hat Er das angefangen?“ „Sehr einfach, Majeſtät. Ich bin über die Brücke hinübergeritten.“ „Wie ſo? Hätten die Oeſterreicher ſie nicht abge⸗ brochen?“ rief Friedrich triumphirend. „Sie ſcheinen es vergeſſen zu haben“, ſagte Seydlitz, indem er ebenfalls vor die Karte trat und ſeinen Finger daraufſetzte, um ſich zurecht zu finden, der König aber ein lautes ſpöttiſches Auflachen nicht unterdrücken konnte.„Der Erbprinz war nach dem Befehle Eurer Majeſtät gegen Czaslau marſchirt, um es zu beſetzen. Als er aber die Höhen erreichte, ſah er, daß die Oeſterreicher das Städtchen bereits in Beſitz hatten und daß er alſo, ohne es zu wiſſen, in einer Entfernung von anderthalb Stunden an ihrem Lager vorbeimarſchirt war. Raſch beſetzte er daher die Brücke über die Dobrawa und zog ſich rechts gegen Chotuſitz.“ „Unbegreiflich“, ſagte der König kopfſchüttelnd. „Die römiſche Weihe ſcheint wenigſtens beim General⸗ 109 ſtab nicht viel gefruchtet zu haben. Dieſe Brücke zu überſehen! Sie hätten uns trennen, uns den Weg nach Prag abſchneiden und einzeln angreifen können.“ „Der Erbprinz“, fuhr Seydlitz fort und deutete auf die Karte,„hat jetzt hier zwiſchen der Dobrawa und den Cirknitzer Seen Stellung genommen und er⸗ wartet, daß Eure Majeſtät mit Tagesanbruch hier auf dem rechten Flügel einrücken.“ „Wir werden uns pünktlich einfinden“, ſagte der König, die Karte betrachtend.„Die Stellung iſt gut. Ich bin mit Ihm zufrieden, Seydlitz!— Laſſen Sie die Mannſchaften zeitig zur Ruhe gehen“, fuhr er dann, ſich zu den Generalen wendend, fort,„und ſorgen Sie mir pünktlich für den übrigen Dienſt und die gehörigen Wachen und Vorpoſten! Mit dem Schlage drei Uhr laſſen Sie das Zeichen zum Aufbruch geben; um fünf Uhr ſtehen wir auf den Höhen von Chotuſitz. Und da⸗ mit gute Nacht, meine Herren!“ „Gute Nacht, Majeſtät!“ riefen die Offiziere ent⸗ gegen und verließen das Zelt, deſſen Vorhang herunter⸗ gelaſſen wurde: die Frühlingsnacht war frühzeitig und dunkel hereingebrochen. Fredersdorf trat mit Deybert ein, ſtellte Lichter auf den Schreibtiſch, an welchem der König ſich niederließ, und auf den Tiſch, auf dem jetzt die Karte den Gedecken zum Souper weichen 110 mußte; ein kleines Nebentiſchchen wurde mit einer er⸗ giebigen Anzahl Weinflaſchen und Gläſern beſetzt. Der König holte aus einem Schubfache Briefe hervor, die er entfaltete und las. Nach kurzer Zeit wurde Geräuſch vor dem Zelte hörbar; Fredersdorf ſah nach und mel⸗ dete die Ankunft Keyſerlingk's. „Laß ihn eintreten, Fredersdorf, beſchicke den Tiſch und dann laß uns allein!“ ſagte der König, indem er ſich erhob und ſelbſt den Zeltvorhang aus⸗ einanderſchlug. Diesmal waren Art und Ton der Begrüßung ganz anders und entſprachen vollkommen den Erwartungen, die Keyſerlingk bei ſeinem Kommen gehegt.„Sei mir gegrüßt, alter Freund, mein holder Ceſarion!“ rief Friedrich.„Heute kamſt Du dem König ungelegen, jetzt aber biſt Du dafür dem Men⸗ ſchen und dem alten Freunde Le Conſtant deſto herz⸗ licher willkommen! Ich freue mich wirklich, Dich zu ſehen, Du kommſt zur guten Stunde; ich kann nun den Abend noch mit Dir verbringen. Wer weiß, wenn es wieder geſchieht, denn morgen werde ich wahr⸗ ſcheinlich eine große Schlacht ſchlagen.“ „Ich bin kein Mann, der vor dieſem Worte oder vor der Sache bleich wird“, entgegnete Keyſerlingk. „Aber die Ruhe, mit der Eure Majeſtät davon ſprechen—“ 111 „Wie ſollte ich anders?“ rief Friedrich.„Ich weiß, was ich will, und wer das von ſich ſagen kann, der wird die Ruhe nie verlieren. Was bringſt Du mir Neues aus Berlin?“ „Nichts, was beſonderer Erwähnung werth wäre“, erwiderte Keyſerlingk.„Alles verſchwindet vor der Gewalt der großen Ereigniſſe, die ſich hier vollziehen und mit denen ja Volk und Stadt in allen Faſern zuſammenhängt. Man iſt außer ſich vor Freude über die kriegeriſchen Erfolge ſeines Königs wie des Feld⸗ herrn, der ſich aus dem König entpuppt hat.“ „Ja, ja, ich weiß“, ſagte Friedrich mit vergnüg⸗ tem Lachen, während beide einander gegenüber am Tiſche Platz nahmen, den Fredersdorf mit der Frucht⸗ ſchale geſchmückt hatte und jetzt mit einigen feinzube⸗ reiteten Gerichten beſetzte.„Sie haben es mir nicht zugetraut! Weil ich auf den Bällen tanzte, hinter den Couliſſen meiner Oper mit Sängerinnen und Tänzerin⸗ nen ſcherzte und die Flöte blies, meinten ſie, Trommel⸗ wirbel oder Kanonendonner würde mir Ohrenzwang verurſachen. Hat doch der alte Deſſauer ſelbſt mein Unternehmen nur als einen tollen Streich zu bezeichnen gewußt, durch den ich Land und Thron aufs Spiel ſetze! Sie hielten mich für einen Idealiſten, für einen Träumer, der das Schlaraffenleben, das er in Rheins⸗ 112 berg geführt, auch als Regent fortſetzen würde! Auch Du biſt dieſer Meinung geweſen, auch Ceſarion hat mich nicht beſſer gekannt.“ „Ich geſtehe allerdings“, entgegnete Keyſerlingk, „daß mein Scharfblick nicht ausgereicht, den Charakter Eurer Majeſtät zu durchſchauen; aber zürnen Sie mir nicht, wenn ich frage, ob der Ausdruck, den Sie ſo eben gebraucht haben, nicht doch zu hart iſt!“ „Das iſt er“, rief Friedrich herzlich, indem er ihm die Hand bot.„Er war auch nicht ſo ernſtlich gemeint, eine bloße Redensart! Die Tage von Rheins⸗ berg waren die ſchönſten meines Lebens und werden die ſchönſten bleiben— jene Tage, da wir von der Welt abgeſchieden wie auf einer ſeligen Inſel lebten, da jede Stunde nur deshalb zu kommen ſchien, um eine neue Blume im Kranze edler Freuden zu öffnen, da wir keine andere Freude kannten als die, unſern Geiſt durch die Wiſſenſchaften zu bilden, und unſere Erholung von dieſer erhabenen Arbeit nur darin be⸗ ſtand, an den Opferaltar der Künſte zu treten und uns an den Meiſterwerken zu erfreuen, welche Wort, Pinſel und Meißel der Meiſter aller Jahrhunderte ge⸗ ſchaffen! Wie hebt ſich mein Herz, wenn ich gedenke wie wir, die auserleſenen zwölf, den Bayardsorden gründeten, wie wir uns den Stern mit den gekreuzten 113 Schwertern auf die Bruſt hefteten und einander ge⸗ lobten, in Wort und That dem Ritter ohne Furcht und Tadel nachzueifern! Ach, der ſchöne Kranz iſt lange zerriſſen, ſeine Glieder ſind in alle Welt zerſtreut! Mein ritterlicher Fouqué, Algarotti, der edle Schwan von Padua, mein trefflicher Suhm— alle, alle ſind ſie mir fern, wie jene Zeit! Komm, ergreife Dein Glas, Ceſarion, ſtoße an und trinke mit mir: es gelte den Erinnerungen von Rheinsberg und unſerem Wahl⸗ ſpruch: Vivent les sans quartiers!“ Begeiſtert ſtieß Keyſerlingk an das Glas des Königs an und rief:„Das Kloſter vom Remusberg, die Tage von Rheinsberg! Auf daß ſie ſo gewiß wie⸗ derkehren, als ſie unvergeßlich ſind!“ „Sie werden nicht“, ſagte der König ernſt,„denn ſie können nicht wiederkehren! Wer iſt im Stande, wieder in ſeine Knabenſchuhe zu ſchlüpfen? Was kommt, iſt nicht aufzuhalten, was dahingeht, nicht zurückzu⸗ bringen! Die Sorgloſigkeit der jugendlichen Seele war der fruchtbare Boden, dem jene wunderbaren Ge⸗ wächſe entkeimten, damit iſt es vorbei; wir ſtehen auf dem harten Felsboden der Wirklichkeit und bedürfen einer ſtählernen Wünſchelruthe, um ihm eine Quelle zu entlocken! Damals war ich mein eigener Herr! Jetzt gehöre ich nicht mehr mir ſelbſt; ich bin nur der erſte Schmid, Concordia IV. 8 114 Diener meines Volkes, ihm gehören meine Zeit und meine Kraft; was ich für andere Zwecke davon ver⸗ wenden wollte, wäre ein Raub an ihm! Aber wenn ich auch wollte, wenn ich es verſucht hätte, in meinem Sansſouci der Philoſoͤph und Poet zu bleiben, der ich in Rheinsberg geweſen, könnte ich es denn?“ fügte er lachend hinzu, indem er den Kork einer neuen Cham⸗ pagnerflaſche ſpringen ließ und Keyſerlingk einſchenkte. „Die drei Unterröcke würden es ja nicht leiden.“ Anſtoßend ſtimmte Keyſerlingk in das Lachen des Königs ein.„Allerdings“, ſagte er,„in der Königin von Ungarn, der Kaiſerin Eliſabeth von Rußland und der Marquiſe von Pompadour haben Eure Majeſtät die ganze Weiberwelt auf dem Nacken.“ „O, ſie wiſſen auch, warum ſie ſo ſehr gegen mich aufgebracht ſind“, ſagte Friedrich ſcherzend.„Du wirſt doch nicht glauben, daß es politiſche Rückſichten ſind, wegen deren ſie mich befehden? O nein, die drei Furien im Reifrock wiſſen ſehr gut, daß ſie mit mir um ihre eigene, um die Herrſchaft der Weiber kämpfen! In Wien wird das Regiment des Pantoffels vertheidigt, in Paris das der Maitreſſen, in Petersburg das der Pfaffen, gegen mich aber ſind ſie alle drei einig, weil ſie mich für einen Feind der Weiber und der Ehe hal⸗ ten. Apropos“, rief er abbrechend,„weil eben von 115 der Ehe die Rede iſt, laß Dir nicht in den Sinn kom⸗ men, mir von Deinem Heirathsgeſuche zu ſprechen!“ „Majeſtät wiſſen—“ rief Keyſerlingk beſtürzt. „Wunderſt Du Dich, daß ich es weiß? Ich weiß auch, daß Du Dich deswegen nach Berlin bringen ließeſt; ich kenne auch den Doctor, der die ſchnelle Kur vollbracht hat, ein Fräulein, das meinen Spital⸗ ärzten ins Handwerk pfuſcht, und weiß auch, daß Du mit dem Vorſatze hierher gekommen biſt, meine Er⸗ laubniß zu erbitten. Aber ich will nichts davon hören! Ich kann die Heirathen bei meinen Offizieren nicht lei⸗ den und verbiete Dir, vor Ablauf von drei Monaten davon zu ſprechen.“ Keyſerlingk verbeugte ſich ſchweigend. Der König ſtreichelte ſein Windſpiel, das ſchnuppernd herange⸗ kommen war, und reichte ihm einen Flügel der eben aufgetragenen gebratenen Wachteln.„Hier, meine Biche!“ ſagte er.„Dieſe Wachtel ſcheint eigens für dich gebraten zu ſein, du würdeſt ſie dir auf dem Felde wohl ſelber ungebraten geholt haben. Ah, du willſt den andern Flügel auch?“ fuhr er fort, als das Thier die Gabe verzehrt hatte und dann halb ſitzend ihm den Kopf auf die Kniee legte und zu ihm empor⸗ ſah.„Ich ſehe dir's an. Aber wir ſollten eigentlich nicht ſo verſchwenden, mein Fräulein, wir ſollten 8*½ 416 für morgen ſparen, denn wer weiß, ob morgen etwas für dich abfällt. Wir müſſen klug ſein und ſparſam, Fräulein Biche!“ „Ein edles Thier“, ſagte Keyſerlingk.„Wie klug es zu Eurer Majeſtät emporſteht, als hätte es auch Vernunft und verſtände jedes Wort.“ „Haſt du das auch gehört, Biche, was der ſchöne Herr von dir ſagt?“ rief der König.„Er ſagt, du ſeiſt ein unvernünftiges Vieh. Erzähle ihm doch, wie wir beide den Kroaten in den Weg kamen und nur eben noch unter eine Brücke kriechen konnten! Jeder Laut hätte mich verrathen, das wußteſt du; darum ſahſt du mich an und verſtandeſt meinen Blick und ſchmiegteſt dich an mich, bis die Reiter oben über uns weggezogen waren! Erzähle ihm das, Biche, und dann ſoll er wieder ſagen, du ſeiſt ein unvernünftiges Thier! Wer es wüßte!“ fuhr er ſinnend fort, indem er die Hand auf den Kopf des Hundes legte.„Wer das Geheimniß der Seele zu ergründen vermöchte, wie ſie in Thier und Menſchen lebt, wer es ergründen könnte, ob ſie ein eigenes Weſen iſt oder nur die Aus⸗ geburt des Körpers, wie der Duft, der aus der Blume ſteigt? Es iſt ein armſelig Stückwerk um unſere Philo⸗ ſophie, mein Ceſarion. Ich habe Wolf mit Fleiß durchſtudirt und habe geglaubt, bei ihm Antwort auf 41e all die Fragen zu finden, die jeder denkende Menſch ausſpricht, der die Stirn nach oben richtet, die Fragen über Gott und Unſterblichkeit. Aber was er ſchreibt, kommt mir vor wie eine Pflanze, die ſich kunſtvoll in reichen Blättern auseinanderlegt; doch ſie hat keinen Herzkern, es iſt Blattgekräuſel wie dort Floskelkram! Man kommt dazu, daß man ſich ſagen muß: nichts, gar nichts iſt wahr als der Zweifel. Der Zweifel gewährt zwar auch nichts, er kann nichts ſchaffen; aber er verhindert wenigſtens den Wahn und läßt das Sumpfunkraut nicht aufkommen! Und doch iſt die Philoſophie wieder die Sternſchanze unſeres Lebens, ohne die man nicht ſein kann und ohne die man die Feſtung lieber heute als morgen capituliren laſſen müßte. Von etwas Anderem!“ ſagte er nach kurzem Schweigen, indem er mit der Hand über die Stirn fuhr, als ob er ſie glätten wollte.„Weißt Du, daß ſich für meine künftige Akademie die ſchönſten Aus⸗ ſichten geöffnet haben? Ich habe ſchon eine Reihe der berühmteſten Namen und Kräfte dafür gewonnen. Wolf hat beſtimmt zugeſagt, ich habe bereits meinen lieben Algarotti, und Maupertuis, es iſt immer ein heller Geiſt und ſcharfer Denker, wenn er mir auch unlängſt das Project vorgelegt hat, daß es, um den Menſchen vor allen Krankheiten zu bewahren, das 118 Beſte ſei, ihn von oben bis unten mit Pech anzuſtrei⸗ chen.“ Keyſerlingk lachte laut auf; der König fuhr fort:„Nun habe ich Ausſicht, auch den großen Alge⸗ braiſten Euler in Petersburg zu gewinnen, und meine Hoffnung, Voltaire nach Berlin zu bringen, iſt beinahe zur Gewißheit geworden.“ „In der That?“ rief Keyſerlingk verwundert.„Ich ſtaune, daß er ſich entſchließt, Frankreich aufzugeben, und dachte auch, Majeſtät hätten den Gedanken ſeiner Berufung fallen gelaſſen. Schien es doch, als hätte die perſönliche Begegnung mit ihm den guten Ein⸗ druck zerſtört, den ſeine Schriften auf Sie gemacht.“ „Er iſt ein Querkopf wie alle, aber ein Genie wie keiner!“ erwiderte Friedrich.„Derlei muß man in den Kauf nehmen; Gelehrte, Poeten, Künſtler haben alle ihren Sparren. Es iſt wahr, Voltaire's Perſön⸗ lichkeit entſprach nicht dem Bilde, das man ſich nach ſeinen Dichtungen von ihm zu machen geneigt iſt. Er hat etwas Unheimliches, faſt möchte ich ſagen, Dämo⸗ niſches an ſich. Aber je kleiner der Menſch, deſto größer der Poet! Ich kann nichts thun, als ihn be⸗ wundern, und wünſchte nur, daß wir Deutſche etwas hätten, was nur zum hundertſten Theile an ſeine Hen⸗ riade hinanreichte.“ Ein kleines Stockührchen auf dem Schreibtiſche 119 kündete in leiſen, feinen Tönen die Stunde an.„Neun Uhr“, ſagte der König ſich erhebend.„Es iſt Zeit, daß wir ſcheiden. Ich habe noch meine Tagesrechnung zu ſchließen, und der frühe Morgen findet mich auf dem Marſche. Leb' wohl, mein Freund! Leb' wohl, Du Glücklicher, dem keine Fürſtenkrone die Stirn drückt, dem es vergönnt iſt, ſich ein Haus und eine Familie zu gründen und, wenn er auch drei Monate warten muß, den vollen Kranz des Lebens um das Haupt zu ſchlingen!“ „Nicht dieſen Ton, Majeſtät!“ rief Keyſerlingk ergriffen.„Wir werden ja nicht ewig Krieg haben; einmal wird Friede werden, und mit ihm wird auch Friedrich, der ſtandhafte Ritter, Zeit finden, ſeinen Thron mit allem Segen, Glück und Genuſſe des Frie⸗ dens zu ſchmücken.“ „Es wird eine ſolche Zeit kormnen⸗ in der Friede iſt“, ſagte Friedrich ernſt,„aber Du täuſcheſt Dich, mein Freund, wenn Du ſie nahe glaubſt! Ruhepunkte, Zwiſchenräume werden eintreten; aber ſie werden nichts ſein als Pauſen, in denen die erſchöpften Kämpfer Athem holen, um ſich dann aufs neue und noch grim⸗ miger anzugreifen. Gehöre Du nicht zu den Kurzſich⸗ tigen, die glauben, es wäre Frieden geblieben, wenn ich nicht zuerſt den Degen gezogen hätte! Der Krieg 120 lag in der Luft, wie beim Gewitter die Elektricität in den Wolken liegt und ſich entladen muß! Frankreich war und iſt der Feind, der den Weltfrieden bedroht. Die Chimäre eines Weltreichs, die der ſchwärmeriſche Heinrich IV. ausgeheckt, ſpukt ſeinen Franzoſen noch immer in den Köpfen. Nur ſie ſollen obenauf ſein, die Herren der Nationen und Länder, ohne deren Er⸗ laubniß keine Kanone abgefeuert werden dürfte! Um das zu erreichen, ſoll vor allem Oeſterreich geſchlagen und Deutſchland ſo eingerichtet werden, daß es nur aus vier mittelgroßen Monarchien beſtünde, eben groß genug, um ſich gegenſeitig im Schach zu halten, und doch zu klein, um Frankreich zu bedrohen, immer un⸗ eins nach deutſcher Art und darum ungefährlich. Das iſt's, mein Freund, was man überm Rheine plant. Jetzt, beim Tode Kaiſer Karl's VI., hielt man die Zeit für günſtig, einen Verſuch zur Ausführung zu machen, und man wird den Verſuch ſo oft wiederholen und die Wespe wird nicht aufhören, den andern Völkern ums Ohr zu ſummen, bis ihr der Stachel einmal gründ⸗ lich genommen ſein wird. Ich ſehe lange, blutige Kriege voraus, mein Freund. Wenn ich ſie überlebe, wenn ich zu dauerndem Frieden heimkehre, werde ich ein alter Mann ſein, gebrochen von den Jahren und der Laſt ihrer Erfahrungen, und für das Haupt des Greiſes 121 wird keine Blüte von Rheinsberg mehr ihren ſüßen Kelch öffnen! Mir wird nichts bleiben als meine Ge⸗ danken und die Erinnerung in der Einſamkeit von Sansſouci, das dann erſt ſeinen Namen mit Recht verdienen wird. Mag es ſein“, ſagte er, indem er Keyſerlingk die Hand bot, die dieſer an die Lippen führte.„Man muß ſich mit Lucrez tröſten: Glücklich, wem einmal vergönnt war, zu wohnen im Tempel der Weisheit!“ Der Major ging. Die Hände auf den Rücken ge⸗ legt, ſchritt der König in tiefen Gedanken durch das Zelt; der Kamerier, ſeine Gewohnheit kennend, ſtörte ihn nicht darin und zog ſich geräuſchlos in das Neben⸗ gemach zurück. Nach einer Weile trat der König an den Schreibtiſch, holte aus einem Käſtchen ſeine Flöte heraus und wandelte auf und ab, in Tönen und Phan⸗ taſien die Welt von Gedanken und Gefühlen ausſtrö⸗ mend, die in ihm webte und ſich zu geſtalten drängte. Dann trat er wieder an den Schreibtiſch und ergriff die Feder— die blutige Entſcheidung des nächſten Mor⸗ gens trat vor ſeine Seele und geſtaltete ſich zu einem Gedichte, das er, wie immer in franzöſiſcher Sprache, halblaut die Worte und Verſe ſich wiederholend, viel⸗ fach verbeſſernd und ändernd, niederſchrieb. Es war eine Ode an die Deutſchen: 422 Ihr trätet gern Boruſſia in den Staub; Frankreich und Schweden muß Euch Hülfe ſenden, Dem wilden Ruſſen bietet Ihr's zum Raub— Ihr Armen grabt das Grab mit eignen Händen. Ihr gebt dahin das Land und ſeine Rechte; Fremden Tyrannen dient Ihr nun als Knechte. Wie werdet Ihr es einſt beweinen. Daß Ihr der ſtolzen Feinde Heer Mit eigner Hand geſchärft den Speer! Der Fremde wird's nie redlich meinen. Nicht auswärts nur, Ihr nährt im eignen Schooß, Unſinn'ge, die Gefahren. Wie verblendet! Die Donau zieht Euch den Tyrannen groß, Indeß Ihr gegen mich die Waffen wendet: Du ſchmiedeſt, deutſches Volk, die eignen Ketten— Die Freiheit flieht und wird ſich ſterbend retten. Ihr werdet noch dem Wahne fluchen Und dem, was Euer Herz bethört, Daß Ihr die ſchnöden Feſſeln ehrt, In die Euch Eure Kaiſer ſchlugen. Wieder erhob er ſich dann, um abermals nach der geliebten Flöte zu greifen. Es wurde düſterer im Zelte, die Lichter brannten herab; draußen aber hatte ſich ein nächtlicher Luftzug aufgemacht und bewegte die Tücher des Zeltes, daß die Flammen der Kerzen zit⸗ terten und wandelnde Schatten auf dem grauen Grunde hin und her ſchwankten. Die Melodie der Flöte 123 wurde düſter wie ein Ruf wehmüthiger Klage— Friedrich hielt inne. Vor ſeiner Erinnerung ſtieg, wie ſo oft in einſamen Stunden, die Geſtalt des Freundes empor, der ſeiner Jugend ein treu ergebener Gefährte geweſen und für ihn in den Tod gegangen war. Er ſetzte die Flöte ab, blickte auf die im Windzuge wankenden Lich⸗ ter und rief eiſe:„Biſt Du es, Katt, deſſen Geiſt mich umweht? Sei ruhig, Hermann, Du biſt nicht ver⸗ gebens für mich geſtorben, ich halte mein Gelöbniß.“ Noch einmal tönte die Flöte; eine klagende Melodie erloſch leiſer und leiſer wie der Athemzug eines Schla⸗ fenden, dann verſtummte ſie völlig. Angekleidet legte ſich der König zu Bett und war nach wenigen Augen⸗ blicken entſchlafen. Nichts regte ſich umher als der Wind, der an dem Zelte rüttelte, und der eintönige Ruf der in abgemeſſenen Schritten auf und ab wan⸗ delnden Lagerwachen. Kaum ward es im Oſten grau, als Trompeten und Trommeln laut wurden und mit ihnen das Stim⸗ mengewirr des erwachenden Lagers; das Geräuſch wuchs allmälig und wurde zum Getöſe, Soldaten aller Art rüſteten und prüften ihre Waffen und eilten zu den Sammelplätzen, während die Trainknechte daran gingen, die Zelte abzubrechen und auf die Wagen zu verladen. Durch die kalte Morgenluft tönten die 124 Commandorufe der Offiziere, das Klirren der Gewehre, das Knarren der Kanonen und Munitionskarren, die ſich durcheinander drängten und ordneten, des Winkes zum Aufbruch gewärtig. Dieſer ließ nicht lange auf ſich warten. Als Pferdegetrappel verkündete, daß, wie in allen Fällen befohlen war, die Adjutanten und das Leibpferd des Königs angekommen, war derſelbe bereits vollkom⸗ men gerüſtet, es zu beſteigen; es war nur ein Vor⸗ wand, wenn Fredersdorf ſich noch an ſeinem Anzug zu ſchaffen machte, als ob noch etwas an demſelben zu ordnen wäre; er that es nur, um den Abſchied länger aufzuhalten und die Bewegung zu verbergen, von der er ergriffen war. Dem ſcharfen Auge des Königs entging das nicht. „Eh bien“, ſagte er,„neſtle nicht ſo lange an mir herum. Für den Pulverdampf bin ich immerhin ſchön genug ausſtaffirt. Halte Dich in der Nähe, daß Du mir abends mit der Equipage nachkommen kannſt! Ich denke auf dem Schlachtfelde zu campiren. Und nun lebe wohl! Au revoir!“ „Gott gebe es!“ ſagte Fredersdorf, der die Thränen nicht mehr zurückzuhalten vermochte.„Ich hoffe Eure Majeſtät abends geſund und wohlbehalten wiederzu⸗ ſehen; ich hoffe es, weil ich auf die Vorſehung vertraue.“ 125 „Nun, mit der Vorſehung iſt es ein eigenes Ding“, ſagte Friedrich lachend, indem er ſich dem Eingang zu⸗ wandte.„Die hätte wahrlich kein angenehmes Ge⸗ ſchäft, wenn ſie ſich um all den Kram kümmern müßte, wegen deſſen die Menſchen ſie anrufen. Aber ſei nur ruhig! Mich trifft keine Kugel; noch iſt meine Zeit nicht um.“ In kurzer Zeit war das Corps auf dem Marſche, hatte nach ein paar Stunden die Höhen von Chotuſitz erreicht und traf das preußiſche Heer bereits in Schlacht⸗ ordnung aufgeſtellt. Das genannte Dorf war der Mittelpunkt derſelben. Der linke Flügel lehnte ſich an das Schloß Schuſitz, deſſen baumreichen Park und die Niederungen des Dobrawaflüßchens; der rechte, welcher meiſt in der anrückenden Abtheilung des Königs be⸗ ſtand, hatte die Seen und Teiche von Cirknitz zur Stütze, Gegenüber, hinter dem Städtchen Czaslau, waren bereits die weißen Schlachtreihen der öſter⸗ reichiſchen Armee weithin ſichtbar; der erſte Blick ergab, daß ſie an Zahl der preußiſchen nicht unbeträchtlich überlegen war, aber der Geſchütze der letztern, welche überall auffuhren, waren beinahe noch einmal ſo viel. Umgeben von ſeinen Generalen und Adjutanten hielt der König auf der Höhe. Unweit davon ſtanden Seyd⸗ litz mit ſeinen weißen Huſaren, die Gardereiter und 126 das Dragonerregiment Prinz Anhalt: Seydlitz vor ſeiner Schwadron, die kurze Gipspfeife im Munde und in aller Gemüthsruhe ſchmauchend. Langſam rückten die Oeſterreicher in weitgedehnter Schlachtreihe heran; Panduren und ungariſche Reiter ſchwärmten auf den Flanken vor. „Laſſen Sie die Geſchütze ſpielen!“ ſagte der Kö⸗ nig zu Prinz Anhalt.„Dann die Reiterei vor! Sie fällt den Feind ungeſtüm an mit dem Degen in der Hand, macht in der Hitze des Gefechts keine Gefan⸗ genen und richtet alle Hiebe nach dem Geſichte. Dann rückt das Fußvolk im Sturme vor, ohne zu feuern, mit gefälltem Bajonette. Muß gefeuert werden, ſo darf es nicht eher geſchehen, als in der Entfernung von hundertfünfzig Schritt! Und nun en avant, Messieurs! Laſſen Sie mich die Sieger von Mollwitz mit einem zweiten, noch ruhmvolleren Namen be⸗ grüßen!“ Die Commandeure ſalutirten und flogen ausein⸗ ander, während der König langſam die Höhe entlang ritt. Vor der Front der Anhalt⸗Dragoner trabte ein unſcheinbarer, ſchwarz gekleideter Mann auf einem kleinen ſchwachen Füchslein herum und verſuchte, eine Anrede an die Soldaten zu halten; es war der Feld⸗ 127 prediger Seegebart.„Kinder!“ rief er, indeß bereits die Batterien von allen Seiten zu donnern begannen und ferntrefſenden Tod in die Reihen der Oeſterreicher trugen, die, wie trotz des Rauchs zu gewahren war, bald ſchwankten, aus der Richtung kamen und hier und da lückenhaft wurden.„Kameraden! Es iſt nicht Zeit, viele Worte zu machen; aber ich brauche das auch nicht, um Euch zu ermuntern, brave Reiter von Anhalt! Wir ſind alle in Gottes Hand. Macht Euch nichts daraus, wenn die Kugeln geflogen kommen, und bildet Euch ein, es ſei ein Regen oder ein Hagel⸗ wetter, das Euch überfallen hat! Dagegen hilft auch nichts als durchreiten; man muß nur das Naßwerden nicht ſcheuen! Alſo durch, Kameraden, durch, und wenn's in den Himmel geht, dann ſeid Ihr ja, wohin wir alle kommen wollen. Amen!“— Schweigend und gefaßt hörten die Reiter der Er⸗ mahnung zu; ſie ſahen in das Blachfeld hinunter, wo die Unordnung, die das preußiſche Geſchütz in den Reihen des Feindes anrichtete, immer größeren Umfang annahm und der Augenblick zum Eingreifen der Reiterei nahe ſchien. Ein Adjutant ſprengte jetzt zu Seydlitz heran und rief ihm ein Commando zu; kaltblütig ſteckte derſelbe die Pfeife in das Bandelier auf ſeiner Bruſt. „Huſaren!“ rief er, den Säbel ziehend,„jetzt iſt es 128 Zeit, die Pfeife ausgehen zu laſſen. Zur Attake!“ Und unter betäubendem Hurrah, die Säbel über den Köpfen ſchwenkend, ſprengten die Reiter über die unter den Hufen dröhnende Höhe dahin und raſſelten dann den Abhang hinunter. Der Angriff verfehlte ſeine Wirkung nicht; der furchtbare Stoß warf die öſterreichiſchen Reiter, die das Fußvolk in den Flanken deckten, wie im Wirbel⸗ wind auseinander; aber die Hitze führte die Angreifer zu weit vor, ſodaß die zweite Linie der öſterreichiſchen Cavallerie, auf die ſie ſtießen, ihnen nun Gleiches mit Gleichem vergelten konnte und bald Preußen und Oeſterreicher ſich in einem wirren Knäuel zuſammen⸗ ballten und der Reiterkampf ſchwadronenweiſe in wilder, durch Staub und Kampf geſteigerter Unordnung hin und her ſchwankte. Mehr als einmal waren die Preu⸗ ßen nahe daran, umgangen und vollſtändig vernichtet zu werden. Schon wendeten ſich Einzelne zur Flucht; aber der Feldprediger ließ nicht nach, wie vorher, auch während des Kampfes ſie anzufeuern. Stets in Ge⸗ fahr, mit ſeinem ſchwachen Rößlein von den ſchweren Reiterpferden niedergetreten zu werden, ſchlüpfte er überall unverſehrt durch, ritt an die Oberſten, Generale und Gemeinen heran und forderte ſie auf, ſich wieder zu ſammeln und tapfer auszuhalten. Und ſein Bemühen 129 war nicht vergebens, die Schaaren ordneten, die Reihen ſchloſſen ſich wieder, und ihr erneutes Vordringen warf bald ein ſchweres Gewicht in die ſchon zum Sinken geneigte Wagſchale der Preußen. Der König war überall; den Gang des Gefechts im Auge, immer thätig, wo ein Eingreifen nöthig ſchien, es anzuordnen und hier und da auch wohl einzelne Reiter, die verſprengt oder flüchtig aus der Verwirrung herankamen, mit Güte oder Zorn in den Kampf zurückzuſcheuchen. Ein Reiter von der Garde du corps ſprengte blutenden Kopfes an ihm vorüber.„Halt, mein Sohn!“ rief er ihm zu.„Du haſt ja nichts, Dir Deine Kopf⸗ wunde zu verbinden. Nimm das zuerſt und dann reite dem Verbandplatze zu!“ Damit hatte er ſein ſeidenes Taſchentuch hervorgezogen und reichte es dem Manne, der ſich damit das Blut aus dem Geſichte wiſchte, dann das Tuch um die Stirn band und ſein Pferd wieder der Schlacht zuwandte.„Dank, Majeſtät!“ rief er.„Aber jetzt hab' ich den Kopf verbunden, jetzt reit' ich nicht ins Spital. Mein Arm iſt noch unver⸗ ſehrt, ich will in die Bataille zurück.“ Indeſſen hatte das öſterreichiſche Fußvolk ſich wie⸗ der geſammelt und war mit unwiderſtehlicher Tapfer⸗ keit im Centrum gegen das Dorf Chotuſitz mit dem Schmid, Concorvia. IV.— 9 130 Bajonett ſtürmend vorgedrungen. Vergebens wurden ſie zweimal mit ſchwerem Verluſte zurückgeworfen; ſie ſtürmten wieder und nahmen das Dorf, mit welchem der Schlüſſel der preußiſchen Stellung in ihren Hän⸗ den zu ſein ſchien. Um jedes Nachdringen zu verhindern, auch wohl wie es Brauch war bei den darunter be⸗ findlichen Kroaten, ſteckten ſie das Dorf in Brand; bald loderte das Feuer in allen Hütten auf und ſchlug verderblich über Dächern, Kirche und Kirchthum zu⸗ ſammen. Noch immer hatte König Friedrich unbeweglich auf der Höhe gehalten. Sein Angeſicht war ernſt ge⸗ worden, denn das Zünglein der Wage ſchwankte immer bedenklicher hin und wieder. Er gewahrte das brennende Dorf; aber es entging ihm auch nicht, daß die Oeſterreicher, nachdem ſie es genommen, nicht hinter demſelben ſichtbar wurden, und ſein Auge blitzte trium⸗ phirend auf.„Sie plündern wieder“, rief er und ritt an die Spitze des Regiments, das er ſich zur Ver⸗ fügung vorbehalten.„Vorwärts, meine Kinder! Jetzt iſt an uns die Reihe; jetzt iſt der Sieg unſer.“ Der Scharfblick ſeines Feldherrnauges hatte ihn nicht getäuſcht. In einer meiſterhaften Schwenkung überflügelte und umging er das brennende Dorf, zwang den Feind, 131 es wieder zu verlaſſen, und da neue Schaaren von der Seite her anrückten, löſten ſich die Reihen deſſelben bald in regelloſer Flucht. Dem Prinzen von Lothringen gelang es zwar, ſie dennoch zum geordneten Rückzuge zu ſammeln und hinter Czaslau zu vereinigen, aber der Tag war entſchieden; Friedrich's Kriegskunſt hatte den zweiten großen Sieg errungen. Er war theuer erkauft. Reihenweiſe lagen die tapfern preußiſchen Kämpfer dahingeſtreckt, Hügel von Leichen thürmten ſich an den Stellen, wo die Schlacht am heftigſten gewüthet; einzelne Regimenter, wie die von Anhalt und Baireuth, hatten kaum den dritten Theil ihrer Mannſchaft unter den Lebenden.. Der König ritt einer waldbekränzten Anhöhe zu, die er zum Lagerplatze beſtimmte; ſie war mit Waffen, Rüſtungsgegenſtänden, Todten und Verwundeten des öſterreichiſchen Heeres überdeckt. Mitten unter einem Häuflein Feinden lag der tapfere Gardereiter, den er in der Schlacht geſprochen, mit zerſchmetterter Bruſt, um die Stirn das vom König geliehene Tuch. Friedrich hielt vor dem Todten an und betrachtete ihn lange in ernſter Rührung.„Schade!“ ſagte er.„Daß man ſolche Männer verlieren muß, das iſt hart. Der hätte eine Schwadron verdient!“ Unfern davon, mitten aus den Schreckbildern des 9* 432 Todes und der Zerſtörung hob ſich ein Lebender mit zerſchoſſenem Fuße vom blutgetränkten Boden auf, als der König eben vorüberritt. Er erkannte ihn.„Wie?“ ſagte er.„Kranz, iſt Er es nicht, den ich geſtern erſt geſprochen? Wie geht's Ihm?“ „Weiß nicht, Majeſtät“, ſagte der Pommer.„Eine Granate hat mich getroffen; der Fuß wird wohl drauf gehen. Wenn ich nur fortkönnte, wär's vielleicht doch zu machen, aber bis ich geholt werde, iſt es wohl zu ſpät.“ „Da nehme Er!“ rief der König, ihm ſeinen Krückenſtock zuwerfend.„Helf' Er ſich damit fort! Ich will Ihm nachfragen laſſen, Kranz, und ſorgen, daß Er bald zu Seinem Vater heimkommt, der doch ſo ſchweres Heimweh hat nach Ihm.“ Auf dem Hügel ſtieg der König vom Pferde und wollte ſich niederlaſſen; da kein anderer Sitz zu ſchaf⸗ fen war, mußte eine Trommel dazu dienen. Traurig blickte der Sieger über das traurige, von Blutenden und Sterbenden bedeckte Schlachtfeld hin und ſagte zu ſich ſelbſt:„Furchtbar, furchtbar! Müſſen denn dieſe entſetzlichen Leiden immer wiederkehren! Wird es nie dazu kommen, daß die Menſchen aufhören, ſich ſelbſt zu zerfleiſchen? Hartes Geſchick, ſelbſt einer der Ver⸗ nichter ſein zu müſſen!“ Er verſank in finſteres Nach⸗ 133 denken, aus welchem ihn Feldmarſchall Buddenbrock und der Erbprinz von Anhalt aufſtörten, die unter ihm das Commando geführt hatten und jetzt heran⸗ kamen, zu dem errungenen Siege Glück zu wünſchen. „Der Sieg iſt Ihr Werk, meine Herren!“ ſagte der König, indem er ſich erhob und ſie mit abgenommenem Hute ſalutirte.„Für Ihn, mein lieber Buddenbrock, werde ich noch auf beſondere Auszeichnung ſinnen, der Herr Erbprinz aber iſt von dieſer Stunde zum Feld⸗ marſchall ernannt! Ich erwarte Ihre Vorſchläge, meine Herren, wo ſonſt beſonderes Verdienſt zu ehren iſt, und vergeſſen Sie mir den tapfern Schwarzrock nicht, der, wie ich höre, ſo muthig im Gefechte geſtanden! Er ſoll die beſte Pfarre im Lande haben!“ Langſam kamen vom Schlachtfelde einige Soldaten herangeſchritten, die aus ihren Gewehren eine Art Tragbahre gemacht hatten und darauf einen ſchwer verwundeten öſterreichiſchen Stabsoffizier vorübertrugen; der König trat hinzu nnd erkundigte ſich theilnehmend nach Namen und Befinden deſſelben. „General Polland“, erwiderte mit ſchwacher Stimme der Verwundete, indem er die matten Augen öffnete; als er den König erblickte, ſuchte er ſich aufzurichten, ſank aber mit einem ſchweren Schmerzenslaute wieder zurück. 134 „Bleiben Sie ruhig General!“ ſagte der König. „Ihr Zuſtand verträgt keine Aufregung, hoffentlich iſt noch Hülfe möglich. Alles ſoll aufgeboten werden, Sie wiederherzuſtellen.“ „Ich glaube, daß es für mich keine Hülfe mehr gibt“, erwiderte Polland, indem er den Blick feſt und mit dem Ausdrucke der Bewunderung auf Friedrich ruhen ließ.„Ich werde wohl nur noch wenige Stun⸗ den zu leben haben, aber ich freue mich, daß mir noch das Glück zu Theil geworden, Majeſtät von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen. Ich bin zwar Ihr Gegner, aber auch dem Gegner muß man Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen. Ich bewundere die Kriegskunſt Eurer Majeſtät und bedaure nur—“ Eine Anwandlung von Schwäche zwang ihn innezuhalten. „Was iſt, das Sie bedauern?“ fragte der König verwundert, als er ſich wieder erholt hatte. „Daß Eure Majeſtät vergebens kämpfen, daß Sie trotz aller Kriegskunſt und Tapferkeit nicht ſiegen werden“, ſagte Polland mit verlöſchenden Blicken.„Sie führen einen ehrlichen Krieg, aber Sie ſind von Verräthern umgeben, Ihre Verbündeten mei⸗ nen es nicht ehrlich mit Ihnen.“ „Das iſt mir eben nichts Neues“, ſagte Friedrich mit bitterem Lachen.„Aber die Beweiſe?“ „ 135 „Ich glaube in meiner jetzigen Lage kein Unrecht zu begehen, wenn ich Eurer Majeſtät einen ſolchen Be⸗ weis gebe“, ſagte der Sterbende.„Dieſen Morgen hat der Herzog von Lothringen mir ein Schreiben des Marſchalls Belleisle mitgetheilt, es befindet ſich in der Bruſttaſche meines Rockes. Ich fand nicht mehr Zeit, es vor der Schlacht zurückzugeben. Es enthält den Beweis, daß Frankreich Oeſterreich den Frieden ange⸗ tragen und ſich bereit erklärt hat, ſich mit demſelben gegen Eure Majeſtät zu verbinden.“ Die Anſtrengung hatte den Leidenden völlig er⸗ ſchöpft, er ſank wie leblos zurück. Auf Befehl des Königs wurde er fortgebracht, nachdem aus ſeiner Taſche ein Portefeuille mit verſchiedenen Briefſchaften hervorgeholt werden war, das Friedrich bebend vor Haſt öffnete und durchlief. Bläſſe zog über ſein Geſicht, als er das eine Blatt durchlas, er ſchwieg jedoch, ſteckte das Schreiben in die Taſche und wandte ſich dem Waldrande zu, wo er nachdenklich unter den Bäumen hin und her ſchritt. Er war in ſolcher Auf⸗ regung, daß er aller ſeiner geiſtigen Feſtigkeit bedurfte, ſie nicht zu verrathen, und daß ſeine Gedanken unwill⸗ kürlich zum halblauten Selbſtgeſpräche wurden.„Welche Perfidie!“ murrte er.„Während ich mein Land, mei⸗ nen Thron, mich ſelbſt aufs Spiel ſetze, intriguiren 136 ſie hinter meinem Rücken, mich um Alles zu betrügen. Soll ich die Gefahr allein tragen? Hätte dieſer bairiſche Kurfürſt meinem Rathe gefolgt und wäre gegen Wien gezogen, längſt wäre Alles zu Ende! Hätte dieſer Stroh⸗ kopf von Ségur Linz gehalten, auch dann noch wäre die ärgſte Verwicklung zu vermeiden geweſen. Ich habe es lange geahnt, als die Sachſen immerfort zögerten, als dieſer Broglio wie in der Irre hin und wieder manövrirte und niemals zu mir ſtieß. Ich fühlte es mit einer Art Inſtinkt, ſie ſind falſch und ich ſoll ruhig zuſehen, bis ſie vereinigt über mich herfallen? Soll ich die Kaſtanien aus dem Feuer holen und mich dann wegwerfen laſſen wie eine verbrauchte Feuerzange? Nein, meine Herren, Alles hat ſeine Grenzen, und die größte Klugheit iſt, zu wiſſen, wann man innehalten muß.“ 3 Er winkte den dienſthabenden Offizier herbei. „Bringen Sie dem Feldmarſchall Leopold von Deſſau den Befehl, die Verfolgung des geſchlagenen Feindes einzuſtellen!“ ſagte er.„Sie ſelber reiten ſofort in das Hauptquartier des Prinzen von Lothringen. Bei demſelben befindet ſich Lord Robinſon, der Geſandte Seiner Majeſtät von Großbritannien, der noch geſtern bei mir geweſen. Ich laſſe ihn einladen, mich zu be⸗ ſuchen!“ — —— ꝶꝙ Drittes Kapitel. An der Iſar. In der Burggaſſe zu München, in dem gegen die Straße gelegenen Prunkgemache der ſtillen Behauſung des Kanzlers Unertl hatte eine kleine Geſellſchaft die Mittagsmahlzeit beendet und ſaß noch in vertraulichem Geſpräche um den runden Tiſch beiſammen. Schon der Umſtand, daß die Mahlzeit in der großen und ſchönen Stube angerichtet war, die ſich gewöhnlich nur Staatsbeſuchen öffnete, ließ erkennen, daß ſie einen feſt⸗ lichen Anlaß hatte. Damit ſtimmte auch das Anſehen des Tiſches überein, auf deſſen Decke von ſchwerem Leinendamaſt die blanken Zinnteller gleich ſilbernen ſchimmerten, während die Schüſſeln, in denen die Spei⸗ ſen aufgetragen waren, aus buntbemaltem, koſtbarem Porzellan beſtanden. Alles zeigte, daß die Hausfrau 138 ebenſo wohl das gute Alte zu ehren, als das zu be⸗ nutzen wußte, was der Geſchmack der neueren Zeiten Hübſches hervorgebracht hatte. Das ganze Gemach von ſtattlicher Wohlhabenheit zeugend, ſtimmte damit überein; es trug ein gemiſchtes Gepräge adliger Vor⸗ nehmheit und bürgerlicher Behäbigkeit, und der Spruch, daß aus der Wohnung einer Familie der innere Sinn und die Art einer Hausfrau zu erkennen ſei, traf hier vollkommen zu. Die Kanzlerin und Geheimräthin Freifrau Corona von Unertl war ſelbſt eine ſolche Doppelgeſtalt und legte eine Art Nachdruck darauf, daß man es ihr, ob⸗ wohl ſie eine vornehme Frau geworden, immer noch anſehen und erkennen ſolle, daß ſie die Tochter eines Münchener Bürgers ſei, die Abkömmlingin eines Hau⸗ ſes, das durch Tüchtigkeit und Ordnung, Fleiß und Kenntniß erſetzte, was ihm an Alter, Feinheit und vornehmem Weſen abging. Frau Unerl war nur um wenige Jahre jünger als ihr Gemahl; eine hohe kräf⸗ tige Geſtalt mit friſchem, lebhaft geröthetem Geſicht und ſtraff zurückgekämmten Haaren, die keines Puders bedurften, um weiß zu ſein; ein paar dunkle Augen unter ſtarken, weißen Brauen verkündeten, daß, wie ſie ſelber an ihrer Friſche nichts verloren hatten, auch das Gemüth, das aus ihnen hervorleuchtete, von der alten — 139 Thatkraft und Schaffensluſt nur wenig eingebüßt habe. Die Frau vermochte darum nicht lange auf ihrem Stuhle zu verweilen; häufig erhob ſie ſich, in der Küche nachzuſehen, ob die zu erwartenden Speiſen auch gehörig angerichtet würden, und nahm keinen Anſtand, mit der draußen umgebundenen Schürze wieder herein⸗ zukommen und ſich im Küchenanzug an den Tiſch zu ſetzen. Der Rock und die breitſchößige Contuſche, die ſie trug, war von einfachem geſtreiftem Canevas; aber um den Hals an einem ſchwarzen Bande hing ein Bruſtgeſchmeide von ſilbergefaßten Perlen und Rubi⸗ nen, das mit den gleichen Ohrringen und der Zitter⸗ nadel in der weißen, mit echten Spitzen beſetzten Haube einen Werth ausmachte, der keinen Zweifel ließ, daß es nicht Armuth war, wenn ſie nicht nach Zeitbrauch und Standesſitte im Reifrock und. ſchweren Seidenſtoffe einherſchritt. Das Gemach hatte nur zwei Fenſter mit ſo hohen Brüſtungen, daß man, um durch ſie auf die Straße zu ſehen, der in der Niſche angebrachten Antritte nicht entbehren konnte; ein drittes Fenſter in der Zimmer⸗ ecke bildete einen geräumigen, weit in die Straße hinein vorſpringenden, etwas erhöhten Erker und einen be⸗ quemen Anſitz, von dem aus man die ganze Gaſſe, abwärts gegen das Rathhaus und aufwärts gegen den 140 Bogeneingang des alten Hofes hin überſehen konnte. Durch die dichten Vorhänge, womit alle Fenſter ge⸗ ſchmückt waren, wurde das von den hohen Nachbar⸗ häuſern gegenüber ohnehin beinträchtigte Licht noch mehr gedämpft und zu einer Art traulicher Dämme⸗ rung gebrochen, die ſich doppelt behaglich fühlte, weil draußen ein ſcharfer Oſtwind durch die Straßen wehte und den auf dem Pflaſter angehäuften, noch nicht feſt⸗ gefrorenen Schnee aufwirbelte und fortwehte, drinnen aber der grüne Ofen mit ſeinen Rittern, Heiligen und Königen auf den Kacheln beinahe unſichtbar wie ein guter Hausgeiſt aus ſeinem dunklen Winkel Wärme und Behaglichkeit verbreitete und die Gemüther derer, die beiſammen ſaßen, keiner beſonders hellen Beleuch⸗ tung bedurften, um ſich in die Augen und durch die Augen in das vertrauee Herz zu ſchauen. Es waren nur zwei Paare, die ſich um den run⸗ den Tiſch in der Mitte gereiht hatten. In dem ge⸗ wöhnlichen Lehnſtuhl, am Chrenplatze, ſaß der Herr des Hauſes, Kanzler Unertl, ſeinem Gaſte gegenüber, während ihm zur Rechten ſeine Frau und Hansehre, zur Linken Pathe Kordel Platz genommen hatte. Der Gaſt aber war Niemand anders als der junge Pil⸗ gram. „Aber ſo eſſe der Herr doch!“ ſagte Frau Unertl, 141 indem ſie Pilgram ein großes Stück Braten auf den Teller legte.„Ich muß ſonſt glauben, daß es Ihm nicht ſchmeckt. Der Herr muß eben vorlieb nehmen; jetzt im Winter iſt es gar hart, es iſt nichts zu haben und ich bin froh geweſen, daß ich im Zerwirkgewölbe noch dieſen Rehziemer bekommen habe. Nein, nein, das Biſſel muß der Herr ſchon genießen“, fuhr ſie, die Weigerung des Gaſtes nicht beachtend, fort,„ſonſt ſteht Er mir hungrig auf. Es gibt nicht uiehr viel; die Küche wird bald einfallen.“ Vergebens verſicherte Pilgram, daß er vollkommen geſättigt ſei, daß das Mahl ebenſo reichlich als aus⸗ gezeichnet bereitet geweſen, er mußte ſich fügen und der Hausfrau den Willen thun. „Ja, heut' muß Er ſich ſchon in Sein Schickſal ergeben, mein junger Freund!“ ſagte der Kanzler lä⸗ chelnd, während er Pilgram's leeres Glas wieder voll ſchenkte und zugleich ſeiner Frau zunickte.„Aber Du mußt es nicht zu weit treiben, Corona! Du weißt wohl, daß es Zeiten gibt, wo man ſatt iſt, ohne ge⸗ geſſen zu haben. Jedenfalls koſt' Er von dieſem Rhein⸗ wein; dieſen Rüdesheimer, den darf Er nicht ver⸗ ſchmähen. Den hab' ich noch von Kurfürſt Max Ema⸗ nuel zum Geſchenke bekommen; in ihm iſt wahrer Gottesſegen. Die Flaſche müſſen wir ausleeren. In⸗ 142 deſſen kann uns Kordel, die jetzt unterbrochen worden iſt, weiter erzählen, wie es ihr erging und was ſie erlebt hat in Mannheim und auf der Reiſe hier⸗ her.“ „Es iſt nicht mehr viel zu erzählen, Herr Göd“, ſagte Kordel.„Ich bin anch ſo ungeſchickt im Erzäh⸗ len und weiß die Sachen nicht ſo recht für einander zu bringen. Herr Pilgram ſollie lieber die Reiſe er⸗ zählen!“. „Der kommt auch ſchon noch an die Reihe“, un⸗ terbrach ſie der Kanzler,„jetzt iſt es an Dir. Mache keine Ausflüchte! Du verſtehſt ganz wohl zu erzählen, Du biſt mir ohnehin wie ausgetauſcht zurückgekommen. Es hat Dir ſehr gut gethan, daß Du in die Welt gekommen biſt und andere Länder und Menſchen ge⸗ ſehen haſt; habe ich doch beinahe Mühe gehabt, Dich wieder zu erkennen, ſo ſtattlich und geſetzt biſt Du ge⸗ worden.“ Es war etwas Wahres an dieſer Bemerkung. Kordel hatte ſich in den wenigen Monaten innerlich ſo ſchön entfaltet, daß die innere Reife als verklären⸗ der Strahl auf ihre Stirn und in ihr reines Auge getreten war und daraus die letzte Mahnung an den früheren Zwieſpalt ihres Gemüths verſcheuchte. Was ſie in der kurzen Zeit geſehen und erlebt, hatte die 143 Schranken ihrer Begriffe und Kenntniſſe durchbrochen und ihren Charakter aus der abſpringenden Hülſe der Kindlichkeit losgeſchält. Der erſchütternde Anblick der ſterbenden Gräfin, das verhängnißvolle Begegnen an ihrer Leiche, deſſen Grund und Bedeutung ſie nur zu klar durchſchaute, hatte vollendet, was dabei noch zu vollenden war: die letzte Falte ihres Gemüthes war geglättet. Sie war ſo ſchön wie zuvor geblieben, aber ſie war noch holdſeliger, weil bedeutender ge⸗ worden. Beiſtimmend nickte die Kanzlerin und betrachtete mit wohlgefälligem Lächeln das noch ſtärker erröthende Mädchen.„Es iſt mir ganz wunderlich“, begann die⸗ ſes dann,„wenn ich ſo um mich ſehe und mich in Ihrem Hauſe und an Ihrem Tiſche erblicke und dann an Alles das zurückdenke, was in der letzten Zeit an mir vorübergegangen iſt. Ich muß mich oft förmlich beſinnen, um mich zu überzeugen, daß ich nicht träume. Ich hab' es ſchon erzählt, wie die Baſe Judith an dem Tage, wo die drei fürſtlichen Hochzeiten ſtattfan⸗ den, von ihrem Unweſen befallen ward und zwar ſtärker als je. Sie kam wohl wieder auf, ging herum und verrichtete auch ihre Geſchäfte; aber ſie war nicht mehr die alte, ihre Kraft war gebrochen und es kam mir vor, als wenn es nur noch das ſtarke Gemüth in ihr —— — o— 144 geweſen wäre, was ſie ſo lange aufrecht hielt. Sie wollte nicht ſterben, bis ſie Alles geordnet haben würde, was ſie noch zu ordnen vorhatte. Sie gab ihrer Hin⸗ fälligkeit nicht nach, bis die Leinwandkammer und Alles, was ſie zu beſorgen hatte, in beſter Ordnung abgeliefert war und bis ſie all ihr Hab und Gut mir vermacht und zugewendet hatte. Wenn ich ihr abreden wollte, ſah ſie mich mit ihren grauen, ernſthaften und doch ſo lieben Augen an, ſtreichelte mir die Wange und ſagte:„Aengſtige Dich nicht, Kordel! Ich gehöre nicht mehr auf die Erde; meine Dienſtzeit iſt aus und ich danke Gott, daß er mir noch ſo viel Zeit läßt und ich meinen Haushalt und mein Geſchäft nicht zurück⸗ laſſen muß wie ein unordentlicher Knecht! Nun kann ich bei der Abrechnung mein Pfund getroſt zurückgeben und ſagen: Herr, ich habe damit gewuchert, ſoviel in meinen Kräften ſtand.“ Wie ſie dann mit Allem fer⸗ tig war und ſich abends das letzte Mal zu Bette legte, ſtrich ſie mit der Hand über die Decke, wie Jemand, der es ſich recht bequem machen will.„So““, ſagte ſie mit dem Ausdruck einer rechten innerlichen Freude, „jetzt hab' ich alle meine Arbeit gethan; jetzt laß mich zu Dir kommen, Herr!“ Damit ſchlief ſie ein, wie ein gutes Kind, wachte mit dem Tage auf und bat mich, mich zu ihr ans Bett zu ſetzen.„Mein Stündlein iſt kom⸗ 145 men“, ſagte ſie.„Nimm meine Hand in Deine, bete mit mir und wenn ich nicht mehr reden kann, ſprich mir vor. Wenn es dann vorüber iſt, dann drücke mir die Augen zu; kränke Dich nicht und beweiſe mir Deine Liebe und Dein Andenken dadurch, daß Du ſo lebſt und thuſt, wie ich geſagt hab'.“ So unter Beten und Weinen verging noch ein halbes Stündchen. Einige Bekannte kamen und nahmen betrübten Abſchied; auch der Beichtvater des Kurfürſten, der Pater Seedorf, ſtellte ſich ein und wollte ihr zuſprechen, ſie aber winkte ihm mit ſchwacher Hand zurück und ſagte mit erlöſchender Stimme:„Ich danke für den guten Wil⸗ len, Herr! Ich brauche Seine Hülfe nicht. Mein Herr Jeſu iſt meine Hülfe und meine Zuverſicht, ich habe auf ihn gehofft mein Leben lang; er wird mein Hoffen nicht zu Schanden werden laſſen— wir glauben alle an einen Gott.“ Es war ihr letztes Wort geweſen. Eine Schwäche wandelte ſie an, während der Pater unwil⸗ lig die Stube verließ, und wie ich ſie anſah, war ſie in meinen Armen unbemerkt eingeſchlafen, wie am Abend zuvor, ruhig wie ein gutes Kind.“ Rührung übermannte die Erzählerin, daß ſie nicht weiter zu ſprechen vermochte und die Kanzlerin gut⸗ müthig ſcheltend ausrief:„Das gute Kind! Wie ſie weint, wie ſie es angreift! Was fällt Dir auch ein, Scmid, Concordia IV. 10 146 Franz, Sie das jetzt erzählen zu laſſen? Das iſt doch auch kein richtiges Tiſchgeſpräch.“ „Warum nicht?“ entgegnete Unertl ernſt.„Das Andenken eines edlen Menſchew zu feiern, iſt überall am Platze und es iſt immer erfreulich, zu hören, wie ein ſolcher ſo herzhaft und ſchön den dunklen Weg ge⸗ gangen iſt, den wir alle gehen werden. Die Todte war eine edle Frau nach Allem, was Kordel aus ihrem Leben erzählte, und nach der Art, wie ſie daſſelbe ge⸗ ſchloſſen. Es war ein glücklicher Gedanke von mir, das Mädchen dahin zu bringen! Sie hat ihr viel zu dan⸗ ken, nicht blos wegen der Erbſchaft, obwohl dieſelbe nach den mir übergebenen Papieren mehr als anſehn⸗ lich iſt, ſondern in Allem, was den Menſchen erſt zum. Menſchen macht. Auch, denk' ich, haben wir jetzt das Traurige hinter uns“, fuhr er mit einem Seitenblicke auf Pilgram fort,„und was jetzt noch kommt, wird wohl erfreulicher zu hören ſein.“ „Gewiß“, ſagte Kordel fortfahrend.„Der Tod der Baſe, die mir ſo viel und ſo lieb wie eine Mut⸗ ter geworden war, hatte meine Lage aufs neue zu einer ſchwankenden und ungewiſſen gemacht. Wohin ſollte ich mich wenden? Die Prinzeſſin Franziska Do⸗ rothea, die mit dem Prinzen von Zweibrücken vermählt iſt und mich liebgewonnen hatte, wollte mich durchaus 147 bei ſich behalten und verlangte, ich ſollte mit ihr nach Frankfurt gehen, wohin ſie zur Kaiſerkrönung zu reiſen gedachte. Der Kurprinz Karl Theodor, der die Baſe aus ſeiner Knabenzeit ſehr lieb gehabt, war ge⸗ neigt, mir ihre Stelle zu verleihen, auch der Pater Beichtvater verſprach, mir in jeder Weiſe behülflich zu ſein. Aber mir war das Eine wie das Andere unmöglich. Ich meinte, ich hätte in Frankfurt nichts zu thun und in Mannheim ſei meine Zeit auch abgelaufen, und dann, daß ich Alles herausſage, dann zog es mich zur Heimat zurück, ohne daß ich mir ſelbſt recht ſagen konnte, wie und warum, aber wie mit Gewalt. In meiner Rathloſigkeit habe ich deshalb an den Herrn Göd geſchrieben.“ „Jawohl“, unterbrach ſie Unertl,„und der Herr Göd hat ſo lange nicht geantwortet, bis er für ſei⸗ nen Brief auch den richtigen Boten ausgekundſchaftet hatte.“ Kordula ſah den Kanzler mit einem innigen Blick an und faßte nach ſeiner Hand, die er ihr ließ und die ſie dann, ehe er es wehren konnte, dankend an die Lippen drückte.„Ich war unendlich unglücklich über Ihr langes Schweigen“, ſagte ſie dann.„Ich glaubte ſchon, es ſei Ihnen ein Unglück zugeſtoßen, oder Sie hätten mich ganz vergeſſen. In meiner Be⸗ 10* 8— 3 6 —— 1 3 448 trübniß ging ich jeden Tag auf den Kirchhof und kniete an das Grab der guten Baſe, um ihr durch die Erde und den Schnee meine Sorgen zu klagen und ſie zu bitten, ſie ſolle für mich beten und mir Troſt und Rath ſchicken. Und wie ich wieder einmal an dem Grabe gekniet bin und habe angefangen, bit⸗ terlich zu weinen, und habe mein Tuch vor die Augen gedrückt: und wie ich es nach einer Weile wieder weg⸗ nahm, da war es ganz wunderlich und habe ich nicht gleich gewußt, ob mich das Waſſer in meinen Augen lendet, oder ob ich träume, denn an der andern Seite des Grabhügels iſt der Herr Pilgram geſtanden, hat mich gegrüßt und hat mir Ihren Brief hingehal⸗ ten! Den lieben Brief, in dem Sie mich heimgerufen, in dem Sie geſchrieben haben, daß ich kommen ſoll, daß ich bei Ihnen bleiben darf und daß Sie mir des⸗ halb einen Führer geſchickt, der mich treu und ſicher geleiten würde.“ Kordel vermochte nicht weiter zu ſprechen. Ihre hervorſtürzenden Thränen hinderten ſie daran: wie in dem Augenblicke, von dem ſie erzählte, drückte ſie ihr Tuch vor die Augen, ſprang auf und eilte ſchluchzend aus dem Zimmer. „Gutes Kind“, ſagte die Bausfran und erhob ſich ebenfalls.„Was ſie für ein weiches Gemüth hat! Ich muß ihr nur folgen und ſehen, daß ich ſie wieder beruhige.“ „Ein weiches Gemüth?“ ſagte der Kanzler, bei⸗ den nachſehend.„Das mein' ich eben nicht. Sie hat immer etwas Kräftiges und Entſchiedenes in ihrer Art gehabt. Aber daß ſie in Thränen ausbricht, das, denk' ich, hat ſeinen guten Grund. Das ſind die Re⸗ gengüſſe, die die ſchöne Jahreszeit einleiten; mir ſcheint, es will Frühling werden in ihrem Herzen. Wie iſt es denn eigentlich mit Euch beiden?“ fuhr er gegen Pilgram gewendet fort.„Ich werde nicht klar aus Euch. Iſt es noch immer zu keiner Erklärung gekom⸗ men?“ „Noch immer nicht“, ſagte Pilgram.„Excellenz wiſſen, daß es, nachdem ich meinen Auftrag in Linz ſo unglücklich vollzogen hatte—“⸗ „Nicht unglücklich! Sage der Herr das nicht!“ unterbrach ihn Unertl.„Er hat gethan, was an Ihm war und was ich verlangt hatte, für den Erfolg iſt Er ſo wenig verantwortlich als ich.“ „Es war nicht möglich“, fuhr Pilgram fort,„auf geradem Wege nach Baiern und zu Ihnen zurückzu⸗ kehren. Die Bewegungen der verſchiedenen Armeen machten es räthlich, durch Böhmen zu reiſen, und wie Sie ſich erinnern werden, meldete ich Ihnen von Prag 150 aus mit dem Erfolge meiner Sendung, daß ich nach Hauſe an meine Mutter geſchrieben, welche lange ohne Nachricht von mir geblieben war, und dort ihre Ant⸗ wort abwarten wolle. Ich erfuhr, daß ſie, von einer ſchweren Krankheit befallen, keinen ſehnlicheren Wunſch hege, als mich zu ſehen und in ihrer Nähe zu haben. Excellenz werden begreifen, daß ich nicht zögerte, die⸗ ſen Wunſch zu erfüllen, ſo ſehr auch mein Herz mich zu Ihnen zog, um Kordel's Aufenthalt zu erfahren, und ſo ſehr ich mich ſehnte, dieſe ſelbſt wiederzu⸗ ſehen.“ „Ich begreife das vollkommen“, ſagte Unertl, „und es freut mich von Ihm! Er hat ſich dadurch bei mir keinen kleinen Stein ins Bret geſetzt.“ „Glücklicher Weiſe traf ich meine Mutter bereits außer Gefahr, aber ihr Zuſtand war doch von ſol⸗ cher Art, daß die Geneſung ſich bis jetzt verzögerte, und ich ſie ohne Beſorgniß nicht früher wohl verlaſſen konnte. Jetzt aber drängte ſie mich ſelbſt, meinen Entſchluß auszuführen. Sie können denken, daß ich ihr Alles mittheilte und daß ſie ſich darnach ſehnte, das Mädchen meines Herzens kennen zu lernen und als meine Frau zu begrüßen ich eilte hierher mit dem feſten Vorſatze, ſobald ich Kordula ſehen würde, mit dem erſten Worte an ſie meine Abſichten zu erklären.“ 151 „Und ich freue mich Seiner Wiederkehr“, ſagte Unertl,„wie ſich der Vater in der Bibel über den verlornen Sohn gefreut hat. Amufrichtig geſtanden, hatte ich Ihn auch ſchon ſo halb und halb verloren gegeben! Ich hatte gedacht, es ſei Ihm anders ums Herz geworden, die Schwierigkeiten hätten Ihn abge⸗ ſchreckt, und was Er mir von Prag aus nach Müuchen geſchrieben, ſei nur ein Vorwand, eine Ausrede gewe⸗ ſen, damit die Geſchichte etwas beſſer ausſehen ſolle. Aber warum hat Er denn, als Er nach Mannheim gekommen, Seinen Entſchluß doch nicht ausgeführt und mit dem Mädel doch nicht geredet?“ „Ich konnte es nicht“, ſagte Pilgram.„Ich traf ſie zuerſt an einem Grabe, im tiefſten Schmerze und das Wort wollte mir nicht von der Zunge. Eine lange Zeit war vergangen, ſeit ich ſie nicht mehr ge⸗ ſehen; ich hatte nur ihr Bild und die Erinnerung in mir; als ich ſie aber wiederſah, wallte mein Herz nur noch heißer empor und jeder Blutstropfen in mir be⸗ ſtätigte, daß das Gefühl, das mich bei ihrem erſten Anblick ergriffen, kein täuſchendes geweſen.“ „Nun, und unterwegs?“ fragte der Kanzler mit gutmüthigem Spottlächeln.„Von Mannheim bis Mün⸗ chen iſt doch kein Katzenſprung, und ich denke, auf einer 152 ſo langen Reiſe hätte ſich wohl einmal eine Gelegen⸗ heit finden laſſen?“ „Daran hätte es allerdings nicht gefehlt“, erwi⸗ derte Pilgram.„Aber mir fehlte es am Willen. Viel⸗ leicht halten es Excellenz für übertriebene Empfind⸗ ſamkeit, aber es kam mir nicht würdig vor, eine ſo wichtige Angelegenheit gleichſam nebenher auf der Reiſe abzumachen. Die heiligſten Gefühle meines Herzens ſchienen mir für die Landſtraße zu gut! Für Kordel hatte ſich in der Frau eines bairiſchen Be⸗ dienſteten, die zu ihren Eltern nach München auf Be⸗ ſuch reiſte, bald eine treffliche Begleitung gefunden; es gelang mir, für beide eine hübſche Landkutſche mit ein paar tüchtigen Pferden zu ermitteln, und ich ſelber ritt nebenher als Cavalier, um die Frauenzimmer zu unterhalten und zu beſchützen. Ich nahm mir nun vor, unſere Ankunft in München abzuwarten und erſt nochmals mit Ihnen zu ſprechen und die Einwilli⸗ gung Eurer Excellenz förmlich zu erbitten.“ „Und die Excellenz gibt dieſe Einwilligung mit Freuden und beſchließt damit zugleich ihre Exiſtenz!“ rief Unertl lebhaft.„Ich muß es Ihm nur heraus⸗ ſagen: Er iſt ein Mann nach meinem Herzen und Sinn— ich ſage von nun an Du zu Ihm! Laß Er auch die Excellenz weg, zwiſchen uns ſoll nichts 153 mehr von Titeln ſein! Er ſoll mich anſehen wie einen Vater und ich ſehe Ihn an wie meinen Sohn, dem Er auch ähnlich ſieht! Ich habe mich ſchon über Ihn gefreut, eh' ich Ihn genauer kannte, aber ſeitdem ich weiß, wie Er heißt und wer Er iſt und warum Er mir gleich beim erſten Anblick ſo bekannt vorkam, ſeitdem hab' ich Dich ins Herz geſchloſſen und wünſchte nur, Dein Großvater hätte es erlebt, Dich ſo zu ſehen, wohl würde auch Ihm das Herz aufgegangen ſein, ſo ſtarr und eiſern es war! Ich habe auch einen Sohn, einen braven jungen Mann, der als Soldat mit im Felde ſteht— ich wollte, Du wärſt mein zwei⸗ ter Sohn, ich wäre ſtolz auf ein ſolches Paar!“ Der alte Herr war aufgeſtanden, hatte den jun⸗ gen Mann, der ſich ebenfalls erhob, in die Arme ge⸗ ſchloſſen und küßte ihn mit väterlichem Wohlwollen auf beide Wangen. „Wie freu' ich mich Ihrer Liebe und Zufrieden⸗ heit“, ſagte Pilgram gerührt.„Es wird mein ſtetes Beſtreben ſein, ihrer würdig zu bleiben.“ „Das wirſt Du, mein Sohn— Bernhard, nicht wahr, iſt Dein Name? Ja, ja, Du wirſt. Wo ſo gu⸗ ter Grund iſt und ſo tüchtige Wurzeln, da iſt keine Gefahr für den Baum! Ich empfinde ordentlich eine Art Neid darüber, daß Du unter den Lutheriſchen ſo 154 wacker geworden biſt, und freue mich doch wie ein Kind über Dich! Nun aber kein langes Federleſen mehr, nun mache mir die Freude, daß aus Dir und Kordel ein Paar wird!“ „Von Herzen gern“, rief Pilgram heiter.„An mir ſoll's nicht fehlen!“ „Nun, hoffentlich auch an ſonſt Niemand“, ſagte Unertl.„An dem Mädchen kaum. Ich will nicht hoffen, daß ſie noch an den ſchlechten Burſchen, den Falkner denkt? Wie beträgt ſie ſich denn gegen Dich? Wie hat ſie ſich unterwegs Dir gegenüber be⸗ nommen?“ „Als ſie mich erblickte, war ſie wie Jemand, der im höchſten Grade überraſcht iſt“, antwortete Pilgram, „aber ich glaube wohl ſagen zu dürfen, daß die Ueber⸗ raſchung eine freudige war. Ihr Blick hing feſt an mir, tiefe Röthe überfloß ihr Antlitz, ſie hob Hände und Arme gegen mich und einen Augenblick hatte es den Anſchein, als wollte ſie auf mich zueilen, um mich herzlich zu begrüßen, aber es blieb bei dem Scheine! Ihr Gruß war freundlich, aber zurückhaltend, wie man einen theuern Verwandten, etwa einen Bruder grüßt. So blieb es auch auf der ganzen Reiſe; ſie war immer freundlich, immer gleich liebenswürdig dankbar für jeden noch ſo kleinen Dienſt, jede noch ſo 155 unbedeutende Aufmerkſamkeit, aber ſonſt ſcheu, um nicht zu ſagen furchtſam.“ „Nun, ich denke, das ſind keine ſchlimmen Anzei⸗ chen“, ſagte Unertl,„wenn man auch niemals ſicher iſt, Weiberherzen zu errathen. Aber wir wollen das gleich wiſſen, heute noch! In einer Zeit, wie dieſe, iſt es nicht gut, derlei lange zu verſchieben, und wenn Du nicht reden willſt, werde ich ſie fragen, mein Sohn! Ja, ja, ich laſſe Dich nicht ſo leicht los, Bernhard. Wenn ich dem Mädel eine ſolche Verſorgung zubrin⸗ gen kann— aber ſtill! Ich höre ſie kommen. Wir wollen thun, als hätten wir von ganz andern Dingen geſprochen.“. „Nun, Ihr kommt eben recht“, rief er ſeiner Frau entgegen, die mit Kordula eintrat, eine mächtige Brod⸗ torte mit Zuckerguß als Schluß der Mahlzeit tragend. „Der junge Herr da war eben im Begriffe, von ſeiner Heimat zu erzählen. Es muß ein ſchönes Land ſein, das Thüringen! Ich bin nie dort geweſen, bin nur ein einziges Mal in die Nähe, nach Franken gekom⸗ men, als ich mit den Biſchöfen von Würzburg und Bamberg zu verhandeln hatte. Nun fahre der Herr nur fort, zu erzählen! Es gibt wohl außer mir noch mehr Leute, denen es Freude macht, zu wiſſen, wo und wie Er hauſt.“ 156 „Es iſt allerdings ſchön in Thüringen“, erwi⸗ derte Pilgram lächelnd,„und ich wollte nur, daß ich Sie alle hinführen, Ihnen meine jetzige Heimat und das Haus zeigen könnte, wo ich wohne. Es iſt kein eigentliches Gebirge, aber ein Bergland im ſchön⸗ ſten Sinn, nicht großartig, aber von einer Anmuth, die ſich mit jeder andern Gegend meſſen kann. Mit⸗ unter ſind aber auch ganz anſehnliche Höhen vorhan⸗ den, doch nirgends rauh oder kahl wie in andern Gegenden. Alles iſt bis an den Gipfel hinauf in einen grünen Baummantel gehüllt, daß es rund und weich ausſieht. Dazwiſchen ſchlingen und ziehen ſich grüne Thäler hin, durch welche friſche Waſſer heraus⸗ ſprudeln; hübſche Dorfſchaften, freundliche Städte haben ſich angeſiedelt und von den Anhöhen ſehen hier und da Schlöſſer und ſtattliche Herrenſitze herab. In ein ſolches Thal flüchtete ſich mein Vater mit ſeiner Frau, als er aus München die Gewißheit mitgenom⸗ men hatte, daß die alte Heimat ihm wohl für immer verſchloſſen ſei. Er hielt es für gerathen, ſich wenig⸗ ſtens für eine Weile den Nachfragen und Forſchungen zu entziehen, die ohne Zweifel nach ihm angeſtellt wer⸗ den würden. Er gab alſo das Kaufmannsgeſchäft, das er in Leipzig zu betreiben begonnen hatte, auf und reiſte mit meiner Mutter weiter, gegen den Norden hinauf, in⸗ —— 157 dem er angab, daß er ſich dort ein anderes Geſchäft einrichten wolle. Wie er aber eine Weile gereiſt war, wendete er um, nahm einen andern Namen an und kam auf einem Umwege in den Thüringerwald, wo er bald ein Haus und ein Gut fand, das ſeinem Ver⸗ mögen entſprach, und wo er nun für eine Weile den Handelsherrn abzulegen und dafür als Landmann ein ſtilles verborgenes Leben zu führen gedachte.“ „Er hatte ganz Recht!“ ſagte Unertl.„Bene vi- xit, qui bene latuit, oder zu Deutſch: Der hat gut ge⸗ lebt, der ſich gut zu verbergen wußte. Das iſt ein alter und wahrer Spruch! Das iſt allein das wahre Leben, das einem vergönnt, ſich ſelber anzugehören.“ „Auch mein Vater erfuhr das“, ſagte Pilgram. „Er hatte das Leben als Landmann nur kurze Zeit geführt, als er daſſelbe ſo lieb gewann, daß er ſich nicht mehr davon zu trennen beſchloß. Die Neigung meiner Mutter ſtimmte damit überein, und ſo lebten ſie denn in ſtillem Glücke ſich ſelbſt und ihrer Häuslich⸗ keit, der Arbeit und mir, dem einzigen Sohne. Ich wuchs in der ſtillen Umgebung auf, lernte von meiner Mut⸗ ter, mich der Natur zu erfreuen und in ihr zu leben, von meinem Vater, ſie zu beherrſchen und dienſtbar zu machen. Nichts trübte das ſchöne, heitere Glück des Hauſes als der Tod meines Vaters, der ihn un⸗ erwartet ſchnell dahinraffte. Bei einem Brande in der Nachbarſchaft, wohin wir zu Hülfe geeilt waren, hatte er ſich ſehr angeſtrengt und erhitzt; als wir nach Hauſe ritten, wurden wir von ſtarkem Regen überfallen, der uns vollſtändig durchnäßte. Mir half meine Jugend⸗ kraft darüber hinweg; mein Vater büßte ſeine Men⸗ ſchenfreundlichkeit mit dem Leben. Vor ſeinem Tode, dem er ſo ruhig und klar enigegenſah wie die Wohl⸗ thäterin und Freundin, von der uns Kordula erzählt hat, rief er mich zu ſich, behändigte mir alle einſchlä⸗ gigen Schriften und machte es mir zur Pflicht, mich nach Baiern und München zu begeben und zu ſehen, ob von der Erbſchaft, die ihm gebühre, nichts für mich zu retten ſei. Er wollte auch, daß ich das Land meiner eigentlichen Heimat kennen lernen ſolle. Ich verſprach es ihm, und er ging hinüber mit der Ruhe des Weiſen. Ich gehe, meinen Vater zu verſöhnen, ſagte er mit ſtillem Lächeln und verſtummte für immer. Ach, wenn er es auch nicht ſagte und zeigte“, rief Pilgram erregter,„der Gedanke an Heimat und Vater war doch in ihm wie der Dorn in der vernarbten Wunde zurückgeblieben! Er liebte es, ſich daran zu erinnern, und der Garten vor dem Hauſe wurde ge⸗ nau ſo angelegt, wie der im väterlichen Hauſe dahier; in der Mitte befindet ſich der Springbrunnen, in wel⸗ 159 chem, wie dort, ein Triton auf einem Delphin reitend, in die Muſchel bläſt. Es iſt der ſchönſte Punkt des ganzen Thales, auf dem unſer Haus ſteht. Eine feſte Steintreppe führt zu der breiten Terraſſe hinauf, welche den Ueberblick öffnet über das ganze Thal, den Wieſengrund in der Mitte, den kleinen Fluß und die Waldberge dahinter. Oft, wenn wir abends auf der Terraſſe ſaßen und in den Sonnenuntergang hinaus⸗ ſahen, wurden ihm die Augen naß und er ſagte uns, die Ausſicht erinnere ihn an ſeine Heimat; man be⸗ dürfe nicht viel Phantaſie, um zu glauben, man ſitze unter den Linden von Pilgersheim und blicke hin⸗ aus auf die Buchenhänge des Iſarthals—“ Die Geheimräthin und Kordel hatten ſchweigend zugehört, Unertl war eben im Begriffe, von der Schil⸗ derung des Hauſes Anlaß zu der Frage zu nehmen, ob Kordel nicht wünſche, daſſelbe kennen zu lernen, als ferner Trommelwirbel das Geſpräch unterbrach. Alles ſprang auf. „Da haben wirs'! rief der Kanzler.„Weil wir uns behaglich im Neſte eingeſponnen und für eine Weile die ganze Welt vergeſſen haben, ſchickt ſie uns ihre Störenfriede herein. Ich war ſo recht mitten in der Idylle— der junge Landmann da ſchildert ſo lebhaft, — — 160 daß ich mich ordentlich ſitzen ſah auf der Terraſſe im Thüringerwalde.“ „Was wird es ſein?“ fragte Frau Unertl ängſt⸗ lich.„Was mag das Trommeln zu bedeuten haben?“ „Nun, nun, erſchrick nur nicht ſchon im voraus!“ beruhigte ſie Unertl.„Du weißt ja, morgen ſoll das große Feſt und die Beleuchtung ſein zur Feier der Kaiſerwahl unſeres durchlauchtigſten Herrn. Da gibt es allerlei Lärmen und Vorbereitung. Wahrſcheinlich werden die Bürger zuſammengetrommelt zum Exerci⸗ ren— aber es iſt immerhin gut, daß wir unterbrochen worden ſind“, fuhr er fort,„und ich denke, wir wollen die Tafel aufheben! Ich muß ohnehin noch hinüber in die Reſidenz und nachſehen, daß die Acten und Koſt⸗ barkeiten, die heute noch abgehen ſollen, richtig verpackt ſind. Das Beſte und Wichtigſte iſt Gott Lob ſchdͤn in dem feſten Ingolſtadt und dem neutralen Eichſtädt unter⸗ gebracht.“ „Ach Gott, ach Gott, was ſind das für Zeiten!“ jammerte die Kanzlerin, während ſie ihrem Mann auf ſeinen Wink Hut, Stock und Mantel brachte. „Du haſt Recht, wenn Du darüber klagſt, Co⸗ rona!“ erwiderte Unertl, ſich ankleidend.„Es ſind böſe Zeiten, um ſo böſer, als ſie zu vermeiden geweſen wären. Es iſt leider Alles gekommen, wie ich vorher⸗ 161 geſagt habe! Nun hat der Kurfürſt all die Herrlich⸗ lichkeiten erreicht, nach denen ihn gelüſtete, nun kann es ihm in den Garten wachſen, daß er darüber ver⸗ liert, was er zuvor beſeſſen.“ „Wenn es nur nicht gar ſchon Feinde ſind!“ ſagte die Räthin wieder, die nicht ſo leicht zu beruhigen war.„Es hieß geſtern, flüchtige Bauern hätten die Nachricht gebracht, daß die Oeſterreicher ſchon auf Mühldorf anmarſchirt kämen.“ „Das iſt wohl möglich“, ſagte der Kanzler,„aber deſſenungeachtet uoch nichts zu fürchten. Wir haben gewiſſe Nachricht, daß eine ſtarke franzöſiſche Heeres⸗ abtheilung aus Böhmen unterwegs iſt, um München zu entſetzen. Noch iſt daher für München nichts zu be⸗ ſorgen und das Ganze wohl nur ein blinder Lärm. Indeſſen behüt' Euch Gott! Bleibt. bei einander, bis ich wiederkomme und Erkundigung eingezogen habe!“ Er ging, von ſeiner Frau geleitet, die ihn nicht losließ, bis ſie ihm über den Mantel noch einen klei— nen Pelzkragen um den Hals gelegt und tüchtige Handſchuhe aus Fuchspelz aufgenöthigt hatte, die an einer Schnur über dem Nacken hingen.„Nimm ſie nur“, ſagte ſie,„und ſei mir nicht ſo eitel! Es iſt grimmig kalt draußen, Du kannſt ſie wohl vertragen.“ Pilgram und Concordia waren allein. Sch nid, Con or⸗ia. IV. 11 162 Pilgram war in den Erker getreten, um gegen Schrannenplatz und Rathhaus auszublicken, von wo die Trommeln erklungen waren.„Es iſt nichts zu ſehen als ein wirres Gedränge von Menſchen“, ſagte er jetzt zurücktretend.„Aber wie“, fuhr er fort, als er Kordel ruhig im Zimmer ſtehen ſah,„die Jung⸗ fer iſt nicht erſchrocken? Sie hat alſo keine Furcht?“ „Nein“, erwiderte dieſe lächelnd,„ich habe gelernt, daß fürchten nichts hilft.“ „Meine Frage war auch thöricht“, ſagte Pilgram nähertretend.„Niemand weiß beſſer als ich, daß die Jungfer die Furcht nicht kennt; das hat Sie bewie⸗ ſen, als Sie mich gegen den wüthenden Haufen am Paulanerkloſter in Schutz nahm.“ Kordel's Ausſehen bei dieſen Worten ſtimmte mit denſelben nicht vollſtändig überein. Sie war offenbar beklommen und ängſtlich, nicht vor den Dingen auf der Straße, aber vor der Entſcheidung, die ſie mit Zagen an ſich herantreten fühlte, und ihre Erregung mochte in Pilgram die Vermuthung wecken, daß ſie ſich ent⸗ fernen wolle. „Bleibe die Jungfer doch!“ rief er.„Ich habe Ihr Vieles zu ſagen, wozu ich ſchon lange die rechte Gelegenheit erwartete. Vor allem möchte ich Ihr dan⸗ ken—“ 163 „Laß es der Herr doch gut ſein!“ erwiderte Kor⸗ del.„Er beſchämt mich. Was ich für Ihn gethan habe, iſt ja nicht der Rede werth. Auch hat Er es ſchon hundertfach eingebracht, ich bin in Seiner Schuld und muß es wohl mein Lebtag bleiben.“ „Wir wollen darüber nicht ſtreiten, liebe Jung⸗ fer“, ſagte Pilgram.„Aber es gibt außer mir noch Jemand, der Ihr danken will und deſſen Erkenntlich⸗ keit Sie nicht zurückweiſen darf, wie die meinige: das iſt meine Mutter. Geſtern bei unſerer Ankunft hat mir der Kanzler einen Brief übergeben, den ſie ihm zugeſchickt und worin ſie bittet, Sie möge dieſes Kreuz⸗ lein annehmen und tragen als Andenken einer Mut⸗ ter, der Sie ihren Sohn gerettet.“ Er hatte eine kleine Kapſel hervorgezogen und geöffnet. Ein ſchönes goldenes Kreuz mit einem Edel⸗ ſtein in der Mitte lag darin. „Wie, Herr Pilgram!“ rief Kordel abweiſend. „Ein ſo koſtbares Geſchenk!“ Für eine dankbare Mutter iſt kein Geſchenk zu koſtbar“, ſagte Pilgram.„Die Jungfer darf die Gabe nicht verſchmähen; es wäre eine Kränkung für die Geberin. Aber ich bin noch nicht ganz fertig“, fuhr er fort, während Kordel den Schmuck in der Hand hielt und ſinnend betrachtete.„Ich habe der Jungfer 11* —— 164 auch von mir etwas zu übergeben.“ Damit hatte er ihre Hand erfaßt und verſuchte ihr einen Ring an den Finger zu ſtecken.„Zieh' Sie die Hand nicht zu⸗ rück!“ rief er.„Laſſe Sie mir dieſelbe! Ich habe Sie ſchon einmal gebeten, ſie mir für das ganze Leben zu reichen— damals hat Sie mir's verweigert; was wird Sie antworten, wenn ich jetzt die Bitte wiederhole?“ Kordel hatte die Augen niedergeſchlagen; jetzt er⸗ hob ſie dieſelben und ſah ihm frei und offen ins An⸗ geſicht.„Herr Pilgram!“ ſagte ſie.„Ich habe vom erſten Augenblick an, als ich Ihn geſehen, eine gute Meinung von Ihm gehabt; Alles, was ich ſeitdem von Ihm geſehen und gehört habe, hat die Meinung in mir nur noch feſter gemacht. Ich weiß, daß Er mich lieb hat, und wenn ich's noch nicht gewußt hätte, ſo hätte mir's Sein Benehmen auf der Reiſe gezeigt. Aber was ſoll ich Ihm auf Seine Frage antworten? Ich begreife nicht, wie ich dazgu komme— wie Er mich gern haben kann, wie ein ſo unbedeutendes, un⸗ wiſſendes Geſchöpf, wie ich bin, Ihm gefallen kann!“ „Du kennſt Dich ſelbſt nicht, liebes Mädchen“, erwiderte Pilgram zärtlich.„Du kennſt nicht die Macht, die Du über mich beſitzeſt und übſt, vom er⸗ ſten Augenblicke an, als ich Dich am Fenſter des Falknerhauſes geſehen! Meine Gedanken waren ſeitdem immer bei Dir, Dein Bild hat mich überall begleitet, obwohl ich nichts von Dir beſitze als die Erinnerung an das flüchtige Begegnen, kein Andenken als dieſe unſcheinbaren und doch ſo herzlichen Zeilen.“ Er hatte ſeine Brieftaſche hervorgezogen und zeigte ihr das Blatt mit dem Reime, den er aus dem Um⸗ ſchlag um die Kordel übergebenen Papiere herausge⸗ ſchnitten und ſorgfältig verwahrt hatte. Kordel's tiefes Erröthen zeigte, daß ſie daſſelbe wohl erkannte.„Ich habe dieſes Blatt“, fuhr er fort,„als ein gutes Zei⸗ chen angeſehn und immer bei mir getragen. Es ſchien mir eine leiſe Beſtätigung meiner Hoffnungen zu ent⸗ halten. Oder hätte ich mich wirklich geirrt? Warum zögerſt Du immer noch, zu antworten? Sollten die alten Bedenken noch in Dir fortdauern, ſollte die Ver⸗ ſchiedenheit unſeres Glaubens—“ „Nein“, ſagte Kordel feſt,„das ängſtigt mich nicht mehr, Dank der guten Baſe Judith in ihr Grab hin⸗ ein! Sie hat mir die Augen offen und das Herz weit gemacht. Ich weiß jetzt, daß wir miteinander beten können, denn wir glauben alle an einen Gott; aber der Herr weiß ja, was iich erlebt habe“, ſetzte ſie ſchüchtern hinzu,„welch ein trauriges Schickſal über mir hingegangen iſt.“ „Sprich nicht davon!“ unterbrach ſie Pilgram — ä“ 166 „Ich danke dem Himmel, daß er mir durch dieſen Anlaß Gelegenheit gab, der Schönheit und Reinheit Deines Gemüthes ſo recht wie einer klaren Qnelle auf den Grund zu ſehen. Der Reif einer böſen Nacht iſt über Dich dahingegangen, Du reine, zarte, verſchloſ⸗ ſene Knospe, aber Du biſt unverſehrt geblieben. Da⸗ rum ſei mein, ich will Dich fürder behüten! An mei⸗ ner Bruſt ſollſt Du aufblühen zur ſchönſten Blume!“ „Freilich“, ſagte Kordel ergriffen und leiſe,„wenn es ſo iſt, dann hab' ich nichts mehr, um mich gegen Ihn zu wehren—“ „Und Du ergibſt Dich alſo und ſagſt ja?“ rief Pilgram freudig. Kordel ſah ihm herzlich in die Augen.„Wär' ich denn einer ſo ſchönen Liebe werth, wenn ich nein ſagen könnte?“ flüſterte ſie.„Ja, Du braver, braver Mann, ich nehme Deine Hand und Dein Wort an: ich will mit Dir gehen, wohin Du mich führſt, ich will von Dir lernen, wie ich Dich verdienen kann.“ „So nimm dieſen Ring! Laß mich Dir die Hand damit ſchmücken! Und ſo verlobe ich Dich mir als meine Braut.“ „Als Deine Braut!“ ſagte ſie leiſe und ſah wie verloren zu ihm empor, indem er ihr den Ring an⸗ ſteckte.„Iſt es denn möglich? Gibt es ein ſolches Glück?“ 167 „So biſt Du wirklich glücklich?“ „Ueber alle Maßen.“ „Und liebſt mich, Kordel?“ „Mehr, als ich ſagen kann“, hauchte ſie.„Jetzt weiß ich erſt, was Liebe iſt.“ Sie ſank an ſeine Bruſt und verſtummte in der Wonne des erſten Kuſſes. Das glückliche Paar hatte nicht gewahrt, daß der Kanzler mit ſeiner Frau eingetreten war und ſich leiſe näherte. Er legte ſeine Hand auf Kordel's Haupt und rief mit gerührter Stimme:„Der Himmel ſei mit Euch, meine geliebten Kinder! Ich wüßte nicht, was mir größere Freude bereiten könnte, als daß Ihr Euch ſo gefunden habt. Seid ſo glücklich, als Ihr brav ſeid, und eine lange Reihe von Nachkommen, brav und glücklich wie Ihr, entſpringe dieſem Bunde!“ Auch die Räthin trat hinzu, nahm die vereinten Hände des Paares zwiſchen die ihrigen und ſagte unter Thränen: „Euch hat Gott zuſammengefügt, da ſoll der Menſch nicht ſcheiden. Haltet aus mit einander in Züchten, Treuen und Ehren! Mir, aufrichtig geſtanden, iſt damit ein großer Stein vom Herzen gefallen, daß das Mädel ſo gut unter die Haube gebracht iſt. Seit ich erfahren, wie übel aufgehoben ſie bei ihres Vaters 168 Bruder war, wo ich geglaubt, daß es ihr an gar nichts fehlen könnte, hab' ich mir immer den ſtillen Vor⸗ wurf gemacht, daß ich mich als Pathin nicht mehr ihrer angenommen habe, aber jetzt bin ich wohl ge⸗ troſt, und wenn ich einmal zu Deiner ſeligen Mutter komme, hoffe ich, wird ſie nicht böſe auf mich ſein!“ „Ja, die Verbindung kommt erwünſcht“, ſagte Unertl,„und ganz zur rechten Zeit, die Wetterwolken draußen ziehen ſich wirklich ſchon ganz in die Nähe— es heißt, General Bärnklau habe Waſſerburg genommen und rücke auf München los. Ich glaub' es zwar noch nicht, aber gut iſt gut und beſſer iſt beſſer. Ihr habt in München nichts zu thun; Ihr ſollt alſo fort, ſobald als möglich und ſolange Ihr noch ungeſtört fort könnt, und das noch heute! Macht Euch alſo bereit! Heute geht noch ein Transport Acten ins Augsburger Ge⸗ biet. Ich werde denſelben begleiten und will Euch beide mitnehmen. Morgen ſollt Ihr Euch dann in dem proteſtantiſchen Augsburg zuſammengeben laſſen; ich will Zeuge ſein und die Anſtände beſeitigen, wenn ſolche gemacht werden ſollten. Dann führe Du, mein Sohn, Deine junge Frau in friedlichere Gegenden, in das einſame Thal im Thüringerwalde, dort ſeid glück⸗ lich miteinander und gedenkt unſer, bis wir uns wie⸗ derſehen, vielleicht hier unten, ganz gewiß aber dort 169 oben! Der Bräutigam wird hoffentlich gegen die raſche Hochzeit nichts einzuwenden haben“, fügte er, um ſeine Rührung zu bergen, lachend hinzu und klopfte, als dieſer nur mit heiterem Lachen erwiderte, Kordel auf die glühende Wange.„Und Du haſt auch nichts da⸗ gegen, wie mir ſcheint? Die Kloſtergedanken ſind Dir gründlich vergangen, nicht wahr? Und nun will ich ſogleich fort und die nöthigen Anſtalten treffen.“ „Auch ich will mich bereit machen“, ſagte Pilgram, „und nur noch zu Doctor Grünwald gehen, um ihn zu beſuchen.“ „Dazu rathe ich nicht“, entgegnete der Kanzler. „Wie leicht könnteſt Du erkannt werden!“ „O nein, das hab' ich wohl nicht zu fürchten“, erwiderte Pilgram.„Ich bin geſtern erſt angekom⸗ men, ſodaß wohl Niemand darum wiſſen kann; ich habe am Thore den angenommenen Namen meines Vaters benutzt und mich Bernhard Wanderer genannt; dahinter ſucht mich gewiß Niemand, weil jetzt Niemand an mich denkt. Auch würde es mir ein immerwähren⸗ der Vorwurf ſein, wenn ich den treuen, wackern Freund nicht beſucht hätte.“ „So gehe in Gottes Namen!“ ſagte Unertl.„Hof⸗ fentlich wird der Erfolg gut ſein um der guten Ab⸗ ſicht willen. Aber verweile nicht zu lange! Es iſt 170 gald drei Uhr; in einer Stunde müſſen wir bereit ſein.“ „Ich eile“, entgegnete Pilgram, indem er Kordel die Hand zum Abſchied reichte.„Lebe wohl“, rief er, meine geliebte Braut! In einer halben Stunde bin ich wieder hier. Betrübe Dich nicht darüber, dem letzten Scheiden folgt das frohe Wiederſehen ewiger Vereinigung.“ Raſch eilte Pilgram die Burggaſſe hinab dem Ausgange und dem kleinen Platze zu, wo eine Menge Menſchen durcheinander drängend die Vorbereitungen betrachtete, welche am Rathhauſe, an den nächſtliegen⸗ den Häuſern und an der Trinkſtube für den feſtlichen Abend getroffen wurden; auch hatten, weil am an⸗ dern Tage Feiertag war, einige Verkäufer noch nach⸗ mittags ihre Buden und Ständchen aufgeſchlagen. Die Haarpuderin ſaß an ihrer gewöhnlichen Stelle, damit Niemand in Verlegenheit ſei, der etwa noch ihrer Waare zur Vollendung ſeines Feſtſtaates be⸗ durfte; der Kranzelbinder hoffte noch Abnehmer für feine Verzierungen und Papierkränze zu finden, und hinter ein paar Bretern ſaß der Kerzelgießer, der aus friſchem Lehm kleine Ampeln geformt hatte und ſie für die Stadtbeleuchtung feilbot, die am Abend ſtattfinden ſollte. Er war abgeriſſen am Gewande und abgezehrt am Leibe und kein großer Unterſchied 474 zwiſchen ihm und den Bettelleuten, die unweit davon am Boden und auf den Stufen des Bogengangs ſaßen, der im Erdgeſchoſſe der Häuſer ſich hinzog. Auch der übrigen, aus allen Ständen der Bewohner ge⸗ miſchten Verſammlung war es anzuſehen, daß ſchwere Zeiten über ſie hinweggegangen und noch auf ihnen laſteten. Der Krieg hatte nicht nur eine Menge ar⸗ beitender Kräfte fortgenommen, ſondern auch dafür als ſchlimmen Erſatz eine Menge Verzehrer und damit Stockung in den Geſchäften, erhöhte Steuern und Theuerung gebracht. Das Volk war wohl noch lange nicht gebrochen; davon zeugten das laute Lachen und die Geſichter, die nur minder behäbig ausſahen als früher, aber es war gedrückt und die Luſtigkeit hatte etwas Gezwungenes, das gegen den früheren harmloſen Frohſinn einen betrübenden Abſtand bildete. Trotz der Flüchtigkeit, mit welcher Pilgram ſeinen Weg zurück⸗ legte, fiel ihm die Veränderung im Ausſehen der Be⸗ völkerung auf. Er hatte auch Muße zu ſolchen Be⸗ trachtungen, denn es war ihm für einige Augenblicke unmöglich, durch das Gedränge zu kommen, ſodaß er den Weg durch die Bogengänge einſchlagen mußie, in der Hoffnung, von dort quer über den Schrannenplatz den Eingang der Roſengaſſe zu erreichen. „Es iſt eine wahre Lumperei“, rief der Kranzel⸗ 172 binder;„es geht kein Geſchäſt und kein Handel mehr. Wenn auch noch ſo große Feſtivitäten ſind, es rührt ſich nichts; kein Menſch will etwas kaufen und kehrt jeden Kreuzer dreimal um, ehe er ihn ausgibt, weil er fürchtet, daß er ihn morgen brauchen könnte.“ „Ja“, entgegnete die Haarpuderin,„ich ſpür's auch. Es wird bald ſo weit ſein, daß ſich die Leut' gar nicht mehr pudern und mit ihrem Haar herum⸗ laufen, wie's gewachſen iſt. Das macht Alles der Krieg, der leidige Krieg; aber hoffentlich wird's jetzt bald ein Ende haben damit.“ „Warum?“ fragte der Kerzelgießer herüber.„Weiß die Frau Waberl was Neues?“ „Warum?“ wiederholte die Haarpuderin.„Das iſt eine ſonderbare Frag'. Wegen was iſt denn heut' der große Gregori, als weil unſer Kurfürſt Kaiſer geworden iſt und heut' in Frankfurt gekrönt wird? Als Kaiſer hat er doch das große Wort zu reden, mein' ich, wird Frieden machen und wiederkommen.“ „Ich will's wünſchen“, ſagte der Kranzelbinder. „Es wär' hohe Zeit, ſonſt ſchwimmen wir hinunter alle miteinander: der Kurfürſt, der Kaiſer und das ganze Baierlandl.“ „Wenn er nur“, ſagte der Kerzelgießer mit tücki⸗ ſchem Lachen,„beim Heimkommen nicht die Thür ver⸗ 173 ſperrt findet und nicht mehr hereinkann. Aber mir iſt jetzt Alles gleich, Regierung und Stadt kümmern ſich doch nicht darum, ob einem ordentlichen Bürgersmann das Waſſer an den Hals geht; ſo ſollen ſie nur auch er— ſaufen von mir aus!“ „Der ordentliche Bürgersmann biſt wohl Du ſel⸗ ber?“ ſagte der Kranzelbinder lachend.„Du haſt alſo noch alleweil keinen Terno gemacht, wiess ſcheint, weil Du eine ſo ſchofle Handelſchaft treibſt.“ „Still ſei!“ unterbrach ihn der Kerzelgießer barſch. „Das iſt meine Sach', was ich treib', es wird aber bald anders gehen! Ich hab' jetzt was ausſtudirt, was viel Geſcheidter's als die betrogne Lotterie. Ich weiß einen Platz, wo ein Schatz vergraben liegt, noch von der Schwedenzeit her. Es dauert nicht mehr lang, dann rückt er ſo weit in die Höh', daß man ihn heben kann; ich hab' Alles ſchon herg'richt't dazu, er kann mir gar nicht aus! Dann bin ich wieder beim Zeug, dann will ich's aber denen denken und eintränken, die jetzt ſo hochmüthig auf mich herunterſchauen! Der⸗ weil' aber freu' ich mich auf heut' Nacht; da gibt's ein Freibier im Hofbräuhaus, da will ich mir einen guten Tag anthun und mein Elend wenigſtens im Rauſch vergeſſen.“ Weiter vorwärts, gegen den Schrannenplatz zu, 174 vor dem Würzladen des Krämers Fellerer ſtand eine andere Gruppe und betrachtete das Transparent, wel⸗ ches eben vor den Fenſtern des Rathhausſaales auf⸗ geſtellt wurde, denn in dieſem ſollte abends die große Mahlzeit ſtattfinden, die zur Feier der Kaiſerkrönung von Bürgermeiſter und Rath gegeben wurde und zu welcher alle Beamten und Vornehmen der Stadt ge⸗ laden waren, die nicht im Kriege abweſend oder be⸗ retts nach Frankfurt geeilt waren, um Pracht und Ehre der kaiſerlichen Hofhaltung zu theilen. Das Trans⸗ parent ſtellte die Inſignien der Kaiſerwürde dar: Krone, Schwert und Scepter auf einem Purpurkiſſen liegend und umgeben von einem Sternenkranze, der durch ein Band zuſammengehalten war, auf welchem die In⸗ ſchrift prangte: Karl VII., der unbezwinglichſte Kaiſer. 3 „Nun, was ſagt Er dazu?“ ſagte Fellerer zu dem greiſen Heckenſtaller, dem in Ruheſtand verſetzten Hof⸗ diener, der ſeine Muße dazu anwendete, ſich auch die Feſtvorbereitungen zu beſehen.„Er hat ja dem Kur⸗ fürſten lang gedient, nun iſt er Kaiſer geworden— das muß Ihn doch recht freuen!“ „Freuen?“ entgegnete der Greis.„Das könnt' ich eben nicht ſagen. Ich gönn' und wünſche dem gnädigen Herrn gewiß alles Gute, er hat das beſte ——— 175 Herz, meint’'s gut und läßt ſich nur manchmal zu viel einreden, aber zur Freude kann ich nicht kommen! Ihr Herren ſeid zu jung, Ihr wißt das nicht mehr, ich aber, ich hab's ſelbſt erlebt und mitgemacht! Das waren ſchreckliche Zeiten, wie wegen der ſpaniſchen Erbſchaft die Oeſterreicher ins Land einbrachen und darin hauſten wie der böſe Feind. Ich kann halt die Sorge nicht los werden, daß es jetzt wegen der öſter⸗ reichiſchen Erbſchaft gerade ſo geht.“ „Davor wird uns Gott in Gnaden bewahren“, rief Fellerer und wendete ſich zu dem nebenan ſtehen⸗ den Secretär Pfreimter; denn auch die Kanzleien und Dikaſterien hatten einen Feiertag gemacht dem Kaiſer zu Ehren.„Wie ſteht's denn eigentlich um Krieg und Frieden? Was man ſo hört, könnte einem wohl angſt und bange machen, aber man erfährt nie was Rechtes. Daß die Oeſterreicher Linz genommen haben und über Schärding ins Unterland eingedrungen ſind, das war das Letzte, was wir erfahren hatten.“ „Auch meine Kenntniß reicht nicht viel weiter“, erwiderte Pfreimter.„Es hält ſchwer, verläſſige Nach⸗ richten vom Kriegsſchauplatze zu erhalten, und oben, wo man ſolche wohl haben wird, hat man den leidigen Grund⸗ ſatz, Alles zu verſchweigen und zu vertuſchen, damit das Volk nicht entmuthigt werden ſoll, wie ſie ſagen“ 176 „Das iſt aber ganz verkehrt, mein' ich“, ſagte Fellerer.„Es wäre viel beſſer, wenn man immer das Wahre wüßte, das wäre lange nicht ſo arg als das immerwährende Fürchten und die Ungewißheit, vielleicht um nichts.“ „Es kommen ſo viel verkehrte Dinge vor“, ſagte Pfreimter mit bitterem Lachen,„daß ſolche Kleinigkeiten gar nicht in Betracht kommen. Der öſterreichiſche Feld⸗ marſchall Graf Khevenhüller hat Linz genommen und den Grafen Törring von Schärding zurückgeſchlagen. Der wollte ſich dann gegen Vilshafen hinziehen, aber inzwiſchen war der Trenck mit ſeinen Panduren ſchon über Paſſau hereingerückt, ſo wurden die Baiern von beiden in die Mitte genommen, vollſtändig geſchlagen und das ganze Heer gefangen oder vernichtet. Jetzt ſoll Deggendorf genommen ſein, eine Abtheilung liegt vor Straubing, eine andere vor Landshut, und aus Tirol ſind ſie auch herausgebrochen und rücken über Mühldorf und Waſſerburg gegen München heran.“ „Dann ſei uns Gott gnädig!“ rief Fellerer be⸗ troffen.„Wie ſollen wir uns gegen die andringende Ueberzahl wehren? Es iſt kaum eine Handvoll Solda⸗ ten in der Stadt! Aber wie iſt's denn mit unſern Freunden, den Franzoſen? Laſſen uns die denn ganz und gar im Stich?“ 464 „Beileibe nicht“, lachte Pfreimter wieder wie zu⸗ vor.„Die ſind ſchon da und freſſen das Land aus. Der Maillebois ſteht in Böhmen und der Harcourt bei Amberg; aber keiner thut einen Schritt, und wenn man ſie drängt, ſo zucken ſie die Achſeln und ſagen, ſie hätten keinen Befehl zum Vorrücken.“ „Mein Gott! Mein Gott!“ ſagte Fellerer immer ängſtlicher.„Warum helfen wir uns denn nicht ſel— ber? Wenn Alles aufſtünde, was Hände hat und eine Büchſe tragen kann, dann— mein' ich— müßte wald kein Oeſterreicher mehr wiſſen, wie es in Baiern ausſieht. Warum ruft man den Landſturm nicht auf?“ „Weil man nicht will“, entgegnete Pfreimter; „weil man dem Volke nichts verdanken will! Weil man es fürchtet und beſorgt, wenn es erſt einmal ſeine eigene Kraft kennen gelernt, würde es ſich nicht mehr ſo ruhig niederducken, als man es gern hat. Aber Sie haben den rechten Fleck getroffen, Herr Fellerer! Darin läge wirklich die Rettung. Meint Er nicht auch?“ fuhr er, gegen Heckenſtaller ſich wendend, fort, der im Zuhören über den Schrannenplatz hingeſehen und träu⸗ meriſch mit dem Kopfe genickt hatte, als ob er alte bekannte Geſtalten begrüße.„Er kann doch mitreden. Er hat es ja ſchon mit erlebt!“ Schmid, Concord ia. IV. 178 „Jawohl kann ich mitreden“, ſagte der Greis. „Ob ich auch ſo meine, haben Sie mich gefragt? Sehen Sie dorthin, Herr, über den Schrannenplatz! Vor etwa vierzig Jahren— es war auch ſo ein kalter Wintertag wie heute, der Schnee lag auf dem Pflaſter und die Eiszapfen hingen an den Dächern— da lag der ganze Platz bis unter die Bogen hinein voll Men⸗ ſchen, gefangener, verwundeter, ſterbender Menſchen, die nachts zuvor verſucht hatten, den Oeſterreichern die Stadt abzunehmen; es waren Bürger, Studenten, Bauern, die aus dem Oberlande herbeigekommen wa⸗ ren und bei Sendling geſchlagen und gefangen worden waren. Dort oben im Rathhausſaale ſaß die neuein⸗ geſetzte öſterreichiſche Landesdirection, unterſchrieb ein Bluturtheil nach dem andern und ſchmauſte dabei und ließ die Verwundeten und Sterbenden ohne Troſt und Hülfe, ohne Verband, ja ohne Nahrung in Nacht und Froſt liegen, daß ſie mit ihrem Blute im Schnee feſtfroren. Sie wollten ein abſchreckendes Beiſpiel geben. Da, wo der Fiſchbrunnen ſteht, ſind ſie um ihn herum gelegen wie ein blutiger Kranz! Und einige Wochen danach, da iſt wieder am Fiſchbrunnen ein Blutgerüſt aufgeſchlagen geweſen, da wurden die An⸗ führer hinaufgeführt: der Jägerwirth, der Eiſenkrä⸗ mer Senſer von München, der Student Deutinger, 179 der junge Marbacher von Marbach. Da wurden ihnen die Köpfe abgeſchlagen. Und da, auf demſelben Fleck, wo wir jetzt ſtehen, bin ich in eine Kapuzinerkutte ver⸗ kleidet geſtanden und hab' zugeſchaut. Das Alles hab' ich geſehen, Herr, hab' es mitgemacht und doch ſag' ich: Ja, es iſt das Rechte, der Landſturm muß gehen! Wir müſſen uns ſelber und dem Kurfürſten helfen, der vor lauter falſchen Freunden ſich nicht rühren kann. Der Sturm würde bald das Land rein fegen.“ Plötzlicher Lärm unterbrach das Geſpräch. Durch die Wölbung des Thalbruckerthores oder Rathhaus⸗ thurmes drängte und wälzte ſich eine ſchreiende Men⸗ ſchenmenge mit einer Schaar Landleute aus der näch⸗ ſten Umgebung Münchens herein, die ſich in die Stadt geflüchtet hatte. Auf Leiterwagen hatten die Flücht⸗ linge aufgeladen, was von ihrer Habe leicht beweglich war; zwiſchen Betten, Kaſten und Kiſten lagen die Weiber, die Kinder oder kranke alte Leute, die den Weg zu Fuße nicht zurückzulegen vermochten; die Burſchen und Männer ritten auf halbgeſattelten Pferden nebenan oder trieben das Vieh, das mühſam gerettet und auf dem eiligen Wege nicht erlegen war. Ueber das Brau⸗ ſen der erſchrockenen Menge hinweg ſchallte das Jam⸗ mern der Weiber, das Schreien der verſchüchterten Kinder und die Stimmen der Männer, die den unge⸗ 12* 180 ſtümen Fragern Antwort gaben und erzählten, was ſie aus ihrer Heimat vertrieben hatte. Um einen großen alten Bauersmann in der Lo⸗ denjacke mit der Kapuze auf dem Rücken, mit verwit⸗ terten Zügen und kurz geſchorenem Haar, das nur im Nacken etwas länger hinunterhing, hatte ſich beſonders ein Kreis von Hörern gebildet.„Schon in den letzten Tagen hat's geheißen, daß die Oeſterreicher bei Brau⸗ nau mit den Unſerigen zuſammengeſtoßen ſeien“, ſagte er.„Es iſt eine große Schlacht geliefert worden, und dermalen, weil der untere Wind gegangen iſt, iſt's ge⸗ weſen, als ob man die Kanonen hörte. Bald haben wir die Gewißheit erfahren; denn die Flüchtigen und die Ausreißer ſind gekommen und haben erzählt, daß Alles verloren iſt und daß die Panduren hinter ihnen herkommen wie die Hölle mit allen ihren Teufeln. Das ſind auch leibhaftige Teufel, ſie nehmen Alles mit, was nicht niet⸗ und nagelfeſt iſt, und ſchlagen Alles todt, was ſich rührt, Groß und Klein, Jung und Alt! Den Weibern thun ſie alle Schand und Unehr' an, und wer ſich dawiderſetzt, der wird niedergehauen und ins Feuer geworfen. Vorgeſtern waren ſie in Waſſerburg, geſtern ſchon in Ebersberg und jetzt werden ſie nimmer weit von München ſein.“ Ein Geheul des Schreckens antwortete dem Be⸗ 181 richte des Alten, dem wohl anzuſehen war, daß er nicht übertrieb und wirklich erlebtes Entſetzen aus ihm ſprach. Die Menge gerieth in wilde, flutende Bewegung; mit dieſer pflanzte ſich wie mit Wellen⸗ ringen die entſetzliche Botſchaft fort, trug Verwirrung vor ſich her und ließ hinter ſich das Entſetzen zurück. Wilde Rathloſigkeit bemächtigte ſich aller; während die einen nach Waffen ſchrieen und verlangten, daß man das Zeichen gebe, die wehrhafte Bürgerſchaft auf den Mauern und Waffenplätzen zu verſammeln, riefen an⸗ dere nicht minder laut, man ſolle auf das Rathhaus eilen und die Bürgermeiſter und die Herren vom äußern und innern Stadtrath beſchwören und antrei⸗ ben, ſchleunigſt den heranziehenden Feinden entgegen zu eilen, ihm die Uebergabe anzutragen und Schonung der Stadt und der Einwohner zu erwirken. Hier und da wurden bereits einzelne Gewehre, Piken und an⸗ dere Waffenſtücke ſichtbar. Weiber und Kinder rann⸗ ten ſchreiend durch die Gaſſen, als ob ihnen der ſchreck⸗ liche Feind ſchon an der Ferſe wäre, hier und da wurde im Gewühl ein Rathsherrnmantel ſichtbar, deſ⸗ ſen Träger auch ohne Ladung ſich dem Sitzungsſaale zudrängte. Brandeten und toſten Verwirrung und Lärm ſchon durcheinander wie das Wallen eines ſiedenden Rieſen⸗ 182 keſſels, ſo drohte derſelbe vollends überzufließen und Alles mit verheerender Flut zu überſtrömen, als vom Umgang des Petersthurmes herab der Thürmer mit ſchweren, raſch wiederholten Schlägen an die große Glocke das Feuerzeichen gab und durch das Sprach⸗ rohr in furchtbar dumpfen Tönen der Ruf hernieder⸗ ſcholl:„Feuer! Feuer! Ueberall Feuer! Alle Dörfer über Laim und Ramersdorf hin ſtehen in Feuer!“ Zu⸗ gleich ſtrömte immer mehr Volk zum Iſarthore herein. Es waren die Bewohner der Au, die ebenfalls ihre geringe Habe in die Stadt flüchteten und mit beben⸗ den Lippen und angſtſchlotternden Knieen erzählten, wie ſie eben noch zum Thor und über die Brücke her⸗ eingekommen und hinter ſich in der Ferne ſchon die Rothmäntel der ſchrecklichen Panduren flattern, ihre Säbel und langen Meſſer blitzen geſehen. Gleichſam wie zur letzten Beſtätigung dröhnte der Hall eines Kanonenſchuſſes über Dächer und Thürme hin, eine kriegeriſche Ankündigung deſſen, was kommen ſollte. Was in der Stadt geahnt und gefürchtet wurde, war draußen bereits ernſte Wirklichkeit geworden. Die Iſarhöhen die Stadt und den Fluß entlang waren in kurzer Zeit mit feindlichen Soldaten gefüllt und beſetzt, Geſchütze wurden aufgefahren und nach der Stadt gerichtet, Fußvolk machte ſich zum Sturm und 183 Angriff bereit, während leichte ungariſche Huſaren ſpähend auf und abwärts an den Ufern dahinſpreng⸗ ten, die Schaaren der beutegierigen Panduren, Likka⸗ ner und Morlaken aber ſich in die Gaſſen und Häuſer der Au ergoſſen. Auf dem Platze vor der Kirche bis zum Paulanerkloſter und ſogar gegen den Falken hof hin breitete ſich das Lager derſelben aus. Die Reiter ſaßen ab und kauerten neben ihren Pferden nieder, während andere Wachtfeuer anzündeten, die meiſten aber in den Häuſern Kiſten und Kaſten, Thüren und Fenſter zerſchlugen, um Holz zu bekommen und auszu⸗ ſpähen, was an werthvoller Habe von den Bewohnern zurückgelaſſen worden. Die ungariſchen Huſaren hatten noch am meiſten das Ausſehen ordentlicher Soldaten, während die Uebrigen einer Bande gleichartig geklei⸗ deten Geſindels glichen, dem der Kampf nur Mittel zum Zwecke, Raub und Plünderung aber die Haupt⸗ ſache war. Die Panduren und Likkaner glichen ſich darin, daß ſie mit Ausnahme der langen ſchwarzen Zöpfe, die über den Rücken hinunterhingen, die Köpfe völlig glatt geſchoren trugen; die wilden braunen Ge⸗ ſichter machte der ſchwarze, weit herabhängende Schnurr⸗ bart noch unheimlicher; die offene, rauhe Bruſt war nur leicht von einem groben Hemde bedeckt, das bis an die Armknöchel reichte; die Füße ſteckten in ſtarken 184 Lederſtücken, die mit Riemen wie Sandalen feſtgeſchnürt waren. Piſtolen und ein breites, blankes Meſſer im Gurt, ein langes Gewehr über der Schulter bildeten ihre Bewaffnung. Der Unterſchied beider Schaaren beſtand darin, daß die Likkaner über dem Hemde blaue Kittel und auf dem Kopfe blaue Mützen trugen, wäh⸗ rend der Pandur eine rothe Mütze auf dem kahlen Schädel ſitzen hatte, weite weiße Hoſen bis zum Knö⸗ chel hinunterreichten und über die Schulter ein rother, faltenloſer Mantel mit Kapuze hing. Die Morlaken dagegen waren in Wämſer von Schafpelz gekleidet, über denen ſie hier und da eine Wolfs⸗ oder Bären⸗ decke umgehängt hatten; eine hohe Pelzkappe deckte den Kopf; Spieße in den Händen und kurze Krummſäbel um die Hüften waren nebſt der unentbehrlichen Lang⸗ flinte ihre Wehr. Wüſtes Schreien, Fluchen und Sin⸗ gen tönte über den Platz und in die kleinen Gaſſen— hier und da, wo in den Häuſern Verſteckte aufgefunden worden, zeterte das Wehgeſchrei der Mißhandelten. Am Falkenhofe ſchritt ein Pandur lange hin und her, als ob er ſich an dem Gebäude, deſſen Beſitzer ebenfalls geflohen waren, nicht ſatt ſehen könne. Es war ein wilder Gaſt, mit wildem Antlitz, noch mehr entſtellt durch ein ſchwarzes Pflaſter, das von der Stirne quer über die Wange gelegt war. Nach einer 185 Weile ſtieß er mit dem Fuße an die Thür; als ſie nicht aufging, führte er mit dem Gewehrkolben einen Schlag dagegen, daß ſie zertrümmert aufflog, und ging durch den hallenden Gang zu dem Gemache, wo früher der Goldmacherherd geſtanden hatte. Die Thür ſtand offen, nur gewöhnliches Hausgeräth und Küchen⸗ geſchirr ſtand darin; der neue Oberfalkner ſchien die gefährlichen Künſte ſeines Vorfahrers nicht zu kennen. Ein Blick in den Garten zeigte trotz des tiefen Schnees, daß eine ſorgliche Hand über demſelben waltete. Das ganze Haus trug das Gepräge eines behaglichen Frie⸗ dens, der ihm früher nicht eigen geweſen. Eine Weile ſtand der Pandur wie betrachtend; es war, als ob er unwillkürlich Vergleiche anſtelle, als ob etwas wie Neid in ihm aufſteigen wolle. Darüber ergrimmend, riß er die Piſtole vom Halfter und feuerte ſie gegen die Decke des Wohnzimmers, daß ſie zerſprang und der Bewurf niederbröckelte. Es ſollte wenigſtens ein Andenken ſeiner Anweſenheit zurückbleiben. Als er das Haus wieder verließ, ſcholl ihm ſchon aus weiter Entfernung lautes Johlen und Brüllen entgegen; nach wenigen Schritten war der Garten und das Brauhaus des Kloſters vom heiligen Franz von Paula erreicht, das eine Schaar durſtiger Likkaner eben entdeckt hatte, die unter wüſtem Lärmen die Fäſſer 186 aus dem Keller herauf und ins Freie rollten. Eins davon wurde aufgeſtellt, der Boden eingeſchlagen und dann in Geſchirren aller Art, die ſie aus den Häuſern herbeigeholt, der ſüße ungewohnte Labetrunk in un⸗ mäßigen Zügen geſchlürft. Ein wahres Bild des Jam⸗ mers, ohne Rath und Hülfe mitten unter den Lärmen⸗ den ſtand der Frater Kellermeiſter; eine Schramme über Glatze und Stirn, an der noch das Blut hernie⸗ derrieſelte, und die in Fetzen um den Leib hängende Kutte zeigten, daß er ſeine Schätze nicht unvertheidigt gelaſſen hatte. Jetzt ſtand er, die Ergebenheit der Ver⸗ zweiflung in dem ſonſt ſo roſigen, jetzt bis zum Tode er⸗ blaßten Rundgeſichte mitten unter den Zerſtörern, einer Verzweiflung, die nicht ſo ſehr der Beraubung ſeines Kel⸗ lers als der Wahrnehmung galt, wie das edle Getränk von ſolchen Kannibalen ohne allen Verſtand und Genuß wahrhaft kannibaliſch verzehrt und vernichtet wurde. Wie einer, deſſen Gedanken irre zu werden und ſich im Kreiſe zu drehen beginnen, wandte er ſuchend das Auge hin und her und blieb auf dem Pandurenführer haften, der eben mit ſeinem bepflaſterten Antlitz näher kam und von den Kameraden mit einem wilden Ge⸗ brüll begrüßt wurde, das Geſang ſein ſollte. Der Kellermeiſter verhoffte; Geſicht und Geſtalt dünkten ihm bekannt. „Heiliger Franz von Paula!“ ſeufzte er.„Ich weiß nicht, ob ich noch denken und ſehen kann; aber ich denke, der Mann, den ich da ſehe, ſieht dem Wolf Waldherr, dem ehemaligen Oberfalkner, ſo ähnlich wie ein Waſſertropfen dem andern. Solche Geſichter gibt's nicht viele und ſolche Schmarren noch weniger. Wenn er es wäre! Ich kann mir zwar nicht einbilden, wie er in den Pandurenmantel gekommen iſt, aber in der Welt geſchehen jetzt noch viel wunderbarere Dinge! Hieß es nicht, er habe ſich dem böſen Feinde verſchrie⸗ ben und ſei Knall und Fall davongejagt worden? Da könnt' es ihn ja auch unter die Panduren ver⸗ ſchlagen haben. Heiliger Franz von Paula, wenn er's wäre! Der Mann hat ſo manchen Extratrunk in un⸗ ſerem Kellerlein geſchlürft, gewiß wird er das zu ſchätzen wiſſen und wird nicht anſtehen, mir zu helfen.“ Der Pandur redete jetzt mit lauter Stimme zu ſeinen Kameraden in deren Sprache und es wollte dem Kellermeiſter bedünken, daß auch der Klang dieſer Rede ihm nicht zum erſten Male an das Ohr ſchlage. Mit unterwürfigem Bückling nahte er dem Pandurenführer, verſuchte ſein bekümmertes Geſicht zum Lächeln zu zwingen und nickte dem Halbwilden wie einem Bekann⸗ ten mit Blick und Hand vertraulich grüßend zu. „Was wollen der Pfaff?“ ſchrie der Panduren⸗ — 188 führer aufſpringend, der Kellermeiſter aber hatte kaum einige Worte geſtammelt, wie er ſich freue, ihn wieder⸗ zuſehen, und wie er ihn gleich auf den erſten Blick er⸗ kannt habe, als ihn ſchon unter einem wilden Fluche die Säbelſcheide des Angeredeten über den Kopf traf, daß er betäubt und wie beſinnungslos zwiſchen die Fäſſer taumelte und ſich dahinter verbarg. Er war jetzt vollkommen gewiß, daß er ſich nicht geirrt; der Mann hatte zuerſt deutſch geredet und dann ſich angeſtellt, als verſtehe er nur Slavoniſch; er verſtellte ſich alſo offenbar und wollte nicht erkannt ſein. Das war im⸗ merhin der Mühe werth, zu lauſchen und ſich aufs Kerbholz zu ſchneiden. In kurzer Zeit war der Lärm der Zechenden immer lauter und wüſter geworden, je mehr die Wir⸗ kung des ſtarken Kloſterbieres ſich zu äußern begann. Bei Einzelnen war die Trunkenheit ſchon ſo weit ge⸗ diehen, daß ſie lallend und wankend zu Boden fielen oder ihrer Bewegengen nicht mehr mächtig herumtau⸗ melten. In dieſem Zuſtande ſahen und hörten ſie nicht, daß ein Reiter herangeſprengt kam; er war in daſſelbe weiße Gewand und den blutrothen Mantel gekleidet, aber Gewand und Mantel waren von feinem Tuche und über und über mit Goldlitzen und Borten beſetzt und ließen den Offizier erkennen. Der Reiter war ein —— 189 Mann von ſeltener Schönheit der Geſtalt wie des Ge⸗ ſichts, aber auch von ſolchem Ausdruck der Rohheit und Frechheit in den Zügen und der ganzen übermü⸗ thigen Haltung, daß ſeine Erſcheinung auf den er⸗ ſten Blick anſtatt Wohlgefallen nur Schrecken hervor⸗ brachte. Es war der Oberſtwachtmeiſter von der Trenck, ein Preuße von Geburt, der, durch eine Reihe von Abenteuern nach Oeſterreich verſchlagen, als Anführer des Pandurencorps neue Abenteuer zu den alten zu fügen gedachte.„Verfluchte Hunde!“ ſchrie er in einem Tone, der gewohnt war, Schlachtlärm zu übertönen, und deſſen erſter Laut die Burſchen aufſchreckte und zur theilweiſen Beſinnung brachte.„So haltet Ihr Zucht? So thut Ihr, was ich befahl? Wißt Ihr nicht, daß jeden Augenblick die Ordre zum Sturme kommen kann? Hab' ich Euch nicht befohlen, auf dem Sammelplatze zu bleiben?“ „Jawohl, befohlen“, ſagte einer der Panduren mit dem eigenthümlichen Lachen, das immer auf ihren Geſichtern ſtand und ſie ſo wenig in der Schlacht ver⸗ ließ als bei den blutigſten Greuelthaten, die ſie ver⸗ übten.„Aber Pandur fragen nix nach Befehl; Pan⸗ dur is freier Mann.“ „Du fragſt nicht nach meinem Befehle?“ ſchrie Trenck wüthend, indem er die Piſtole vom Halfter riß. 190 In der nächſten Selunde blitzte es auf; der Pandur machte einen unwillkürlichen Satz in die Höhe und ſtürzte getroffen in wuchtigem Falle zu Boden. Gleich einer Heerde wilder Thiere brüllte die ganze Rotte auf: gezückte Säbel, gehobene Gewehre richteten ſich gegen den Commandirenden; dieſer aber, ohne ſich im ge⸗ ringſten beirren zu laſſen, drückte den zweiten Lauf ſeines Geſchoſſes ab, der den vorderſten der Rebellen ebenſo gründlich verſtummen machte, dann hieb er hin⸗ anſprengend mit dem Säbel unter ſie hinein, als wä⸗ ren es nicht ſeine eigenen Soldaten, ſondern die grim⸗ migſten Feinde, denen er den Untergang geſchworen. Noch einige ſtürzten, dann war der Trotz der übrigen gebrochen. Lachend trat einer zu Trenck, reichte ihm die Hand und rief:„Is gut, Ban! Wenn Pandur ſieht, wer is ſein Herr, is Pandur fromm wie kleines Kind.“ „Ich will es hoffen“, ſagte Trenck ebenfalls lachend, indem er das Blut von der Säbelklinge wiſchte.„Ich will hoffen, daß Ihr Euch merkt, wer Euer Herr iſt, und mich nicht zum zweiten Male verſucht.“ Lachend zogen ſie ab, dem Lagerplatze bei der Kirche zu. „Und Ihn trifft man auch unter den Rebellen, Korporal?“ herrſchte Trenck den Pandurenführer an, ——— —— —,— — 1941 der umſonſt ſich zu entſchuldigen ſuchte.„Ihm hätte eigentlich die erſte Kugel gehört. Hab' ich Ihn darum in mein Corps aufgenommen, wie ich Ihn in Ungarn getroffen? Aber wie iſt mir denn? Hat Er mir nicht geſagt, Er ſei in Baiern zu Hauſe? Ja, ja, ganz rich⸗ tig, Er ſagte, Er ſei längere Zeit in München gewe⸗ ſen! Er muß alſo die Stadt genau kennen und muß wiſſen, wo man ihr am leichteſten beikommen kann. Gut, das ſoll Seine Strafe oder Seine Rettung ſein! Er geht mir nicht mehr von der Seite und zeigt mir in einer halben Stunde einen Weg, wie ich in die Stadt komme ohne lange Unterhandlung oder Be⸗ lagerung. Zeigt Er mir ſolch einen Weg, gut; wo nicht, dann ſitzt die Kugel für Ihn ſchon im Rohr.“ Lachend und mit hämiſchen Blicken ſchritt der Pandurenführer neben dem Pferde des Oberſtwacht⸗ meiſters einher.„Nun, wenn's ſein muß“, ſagte er, „der Weg wird ſich finden laſſen, mein⸗ ich.“ Als Alles längſt ruhig und der Platz ganz ver⸗ laſſen war, kroch der Kellermeiſter aus ſeinem Verſteck hervor, mühſam zwar, aber wohl zufrieden mit dem, was er erfahren. Indeſſen ſchwebte die Entſcheidung immer noch wie eine Gewitterwolke über der geängſtigten Stadt. Im Rathhauſe waren Bürgermeiſter und Stadtver⸗ 192 oronete verſammelt, um zu berathſchlagen und Beſchluß zu faſſen; denn der Feind hatte bereits zur Uebergabe binnen einer Stunde aufgefordert mit der Drohung, daß nach Ablauf derſelben die Stadt beſchoſſen, im Sturm genommen und Alles niedergemacht und nie⸗ dergebrannt werden ſolle. Angſtvoll, von verſchiedenen Meinungen hin und her getrieben, harrte das Volk, Kopf an Kopf gedrängt, der Entſcheidung. Das Aus⸗ ſehen der Verſammlung war nur inſofern ein anderes geworden, daß die Zahl der Bewaffneten ſich immer anſehnlicher vermehrt hatte. Während an der Haupt⸗ wache ein Theil der kleinen, noch in der Stadt liegen⸗ den Beſatzung aufgeſtellt war, hatte gegen die Peters⸗ kirche hin eine ſtarke Abtheilung bewaffneter Bürger ſich zuſammengefunden, unweit davon ſtand eine Schaar Studenten in unregelmäßiger Bewaffnung, ein Haufen Volks reihte ſich an, zum äußerſten Widerſtande ent⸗ ſchloſſen, wenn er auch nichts Anderes zur Wehr hatte als eine Partiſane oder ein Beil oder eine aus dem Bauernkriege in einem Winkel übrig gebliebene Eiſen⸗ driſchel mit Stacheln daran. Sie waren alle über⸗ zeugt, daß es nur darauf ankomme, ſich für einige Tage zu halten, denn bis dahin müſſe der Entſatz, der nach verläſſigen Nachrichten ſchon im Anzuge ſei, ſicher eingetyxoffen ſein. — 193 Am andern Ende des Platzes, am Wurmeck und dort die Häuſer entlang hatte die Friedenspartei ſich zuſammengeſellt: auch Männer aus allen Ständen, denen aber das Herz minder muthig ſchlug; Bürger, denen um ihre Häuſer und den darin angehäuften Wohlſtand bangte, wie Metzger Strandhofer; Beamte, denen es im Grunde gleichgültig war, von wem ſie Geſetze erhielten, wenn ſie nur hoffen durften, in den Dikaſterien zu bleiben und ihre Beſoldung richtig be⸗ zahlt zu bekommen. Ein ſolcher war der Kammerrath Hufnagel, wenn er auch dieſe Geſinnung unter andern Redensarten und Gründen verbarg und ſehr einleuch⸗ tend davon ſprach, daß kein Entſatz zu hoffen und daß es unmöglich ſei, die Stadt zu behaupten, deren Loos im Falle der Eroberung ein viel ſchlimmeres werden würde! Wieder Andere meinten halblaut, es könne nicht ſo gefährlich ſein, unter öſterreichiſche Herrſchaft zu kommen; denn Oeſterreich ſei eine katholiſche Macht und die Königin von Ungarn führe noch obendrein den Namen der allerheiligſten Jungfrau Maria, die auf ihrer Säule ſo unbeweglich wie ſonſt emporragte, als wollte ſie den Zaghaften ein Beiſpiel des Muthes geben. Durch die ſtreitende und brauſende Menge ſuchte ſich Pilgram wieder von der Roſengaſſe her Bahn zu Schmid, Concordia IV. 13 194 brechen. Beſuch und Unterredung bei Grünwald hat⸗ ten länger gedauert, als er gedacht; er mußte daher um ſo mehr eilen, wenn heute noch die Reiſe angetreten werden ſollte; in keinem Falle wollte er bei den Er⸗ eigniſſen, die jeden Augenblick hereinzubrechen drohten, von den Seinen entfernt ſein. Es war keine leichte Arbeit, aber es gelang ihm, unbehelligt die Bogengänge im Landſchaftsgebäude und der Trinkſtube gegenüber zu erreichen und in dieſen bis gegen die Burggaſſe hin vorzudringen, als er durch einen eigenthümlichen Anblick feſtgehalten wurde. Es war der Platz, an welchem zu beſtimmten Zeiten nach altem Stadtrechte der Gantſtuhl aufgeſtellt wurde mit der Feilbietung der Häuſer oder Rechte, die für nicht bezahltes Ewiggeld vergantet wurden. Eine ſchwarze Tafel an der Wand diente dazu, die Gebote der Kaufluſtigen aufzuzeichnen; aber auch an⸗ dere gerichtliche Bekanntmachungen pflegten an derſelben angeſchlagen zu werden. Ein Stadttrabant ſtand zum Schutze daneben. Als Pilgram daran vorüber zu kom⸗ men ſuchte, blieb ſein Auge unwillkürlich auf einem daſelbſt angeſchlagenen Proclama haften, er blieb ſtehen: er irrte nicht, der Name, der in der Mitte deſſelben mit großen Buchſtaben geſchrieben war, war der ſeine. Betroffen trat er hinzu; er hatte ſich wirklich nicht ge⸗ 1 5 — — — 195 täuſcht; es war eine Bekanntmachung des Münchner Stadtrichters an die unbekannten, landesabweſenden Erben des verlebten Patriziers und Handelsherrn Ed⸗ len von Pilgram, binnen beſtimmter Friſt ihre An⸗ ſprüche nach Maßgabe des vom Genannten hinterlaſſe⸗ nen letzten Willens anzumelden und zu erweiſen, wi⸗ drigenfalls deſſen geſammter Rücklaß an die als Teſta⸗ mentserbin eingeſetzte Geſellſchaft Jeſu ausgeantwortet werden würde. Eine eigenthümlich bittere Empfindung wallte in Pilgram auf, ſeine Hand zuckte nach dem Proclam, aber er beſann ſich und eilte, ſeinen Weg fortzuſetzen. Der Ausgang aus den Bogen in die Burggaſſe war durch den Wache haltenden Trabanten verſtellt, der mit ausgeſpreizten Beinen und vorgeſetzter Helle⸗ barde eben mit einem Andern in eifrigem Geſpräche begriffen war; es war der Trabant Stuhlreiter mit Wallner, dem ehemaligen Hausmeiſter von Pilgers⸗ heim, der aus der Au geflohen war und ſeinem guten Freunde eben die ausgeſtandenen Schrecken und Fähr⸗ lichkeiten erzählte. Mit artiger Entſchuldigung verſuchte Pilgram zwiſchen beiden durchzukommen, aber eben dieſe unge⸗ wohnte Artigkeit war es, was deren Aufmerkſamkeit auf ihn lenkte; er hatte noch kaum einige Schritte in 13* 196 die Gaſſe gethan, als in beiden die Erinnerung an ihn aufzuckte, und wie mit einem Munde riefen ſie: „Iſt denn das nicht— ja, er iſt's! Der Ketzer iſt's, der ausgeſprungene Ketzer von Pilgersheim.“ „Heilige Barmherzigkeit“, rief Wallner nacheilend, „ſteh' mir nur diesmal bei, daß er mir nicht wieder auskommt!“ Der Vehmruf war ſo laut geweſen, daß er auch Pilgram's Ohr erreichte, er ſah flüchtig zurück und ge⸗ wahrte, daß man ihn verfolgte. Ex hatte keine Luſt, ſeinen früheren Erfahrungen neue hinzuzufügen, und beſchleunigte ſeine Schritte, aber ebenſo raſch waren die Verfolger hinter ihm her. Wallner bedachte ſich nicht, eine falſche Loſung zu gebrauchen, um ſich Helfer zu verſchaffen; mit lautem Geſchrei eilte er hinter dem Fliehenden her:„Ein Spion, fangt ihn! Haltet ihn auf! Ein öſterreichiſcher Spion!“ Im Momente hatte ſich ein Rudel von der Menge abgelöſt und wälzte ſich ſchreiend hinter Pilgram her. Allen voran eilte Wallner, etwas bedächtiger folgte der ſchwerfällige Trabant, der zudem einen Augenblick ge⸗ zögert hatte, ſeinen Poſten zu verlaſſen. Schon war Pilgram nicht mehr weit von Unertl's Hauſe entfernt, als Wallner unmittelbar hinter ihm andrängte und ſchon den Arm ausſtreckte, um ihn zu faſſen. Pil⸗ 8—— 1—— 197 gram blieb nichts übrig, als ſich ſeinen Angreifern zu ſtellen. „Warum verfolgt Ihr mich? Was wollt Ihr von mir?“ rief er, die Hand an den Degen legend. „Dich ſelbſt, Du luthriſcher Hund!“ ſchrie ihm Wallner entgegen.„Meinſt Du, wir kennen Dich nicht mehr? Diesmal kommſt Du mir gewiß nicht aus!“ „Zurück, Kerl!“ rief Pilgram, während die Menge auf ihn eindrang und durcheinander ſchrie:„Schlagt ihn nieder, den Hund! Zerreißt den Spion!“ „Nun, wenn es denn nicht anders ſein kann, ſo muß ich Euch den Weg weiſen“, rief Pilgram, zog ſeinen Degen und rannte ihn Wallner in die Bruſt, daß er mit einem Aufſchrei in die Knie brach und das Volk einen Augenblick erſchrocken zurückprallte; im näch⸗ ſten Augenblick aber war der Trabant herangekommen und ließ ſeine Hellebarde auf Pilgram niederſauſen, daß er ohne Laut und Beſinnung niederſtürzte. In krei⸗ ſchendem Tumulte hob das Volk die beiden Verwun⸗ deten auf und trug ſie nach Stuhlreiter's Anordnung in das gegenüberliegende Haus des Stadtrichters am Sonneneck, wo auch die Gefängniſſe waren. Auf dem Rathhauſe war inzwiſchen der Beſchluß gefaßt worden, der Gewalt zu weichen, und die Ver⸗ ſammelten kamen in langem Zuge die Treppe vom 198 Ratthausſaale herab, um ſich an das Iſarthor zum rothen Thurme zu begeben und wegen der Uebergabe der Stadt zu verhandeln. Mit ernſthaften, bleichen Anrgeſichtern ſchritten die Bürgermeiſter Barbieri und Schönberg mit dem Stadthauptmann Freiherrn von Zindt und dem Stiftsdechant von Oſſing einher, be⸗ gleitet von Mitgliedern des äußern und innern Ra⸗ thes und allerlei Würdenträgern, vom Siegelherrn und Kämmerer bis zum Umgelder, Pfändermeiſter und Gaſtrichter. Freudig zuſtimmender Ruf ihrer Anhänger begrüßte ſie, während die kriegeriſch Geſinnten in einen Schrei der Entrüſtung ausbrachen und feierlich erklärten, daß ſie die Unterhandlung nicht anerkennen und trotz der⸗ ſelben, trotz Bürgermeiſter und Rath die Stadt bis auf den letzten Blutstropfen vertheidigen würden. Die Erregteſten traten der Deputation in den Weg und ſuchten ſie zurückzuhalten. Sie ſchalten ſie feige Ver⸗ räther an Fürſt und Vaterland; dem Stiftsdechant wurde der Mantel vom Leibe geriſſen und nur den herbeieilenden Soldaten von der Beſatzung gelang es, freie Bahn zu ſchaffen und den Bürgermeiſter Schön⸗ berg, einen alten, ſchwachen Mann, der im Gewühle zu Boden geſtoßen worden war, vor ſchwerer Verwun⸗ dung und ſelbſt vor dem Tode zu bewahren. Die Beſon⸗ 199 neneren darunter ſuchten ſich der feſten Plätze zu bemäch⸗ tigen; die Studenten zogen dem Unſernherrnthore zu, um die dortige und die Hofgartenbaſtei zu beſetzen; an⸗ dere Schaaren eilten an das Sendlinger und Angerthor. Klügere, wie der Landſchaftsabgeordnete Reindl, hielten den Zeitpunkt für angemeſſen, auf ihre Sicherheit bedacht zu ſein, und verſchwanden aus dem Gedränge. Der Platz leerte ſich etwas, denn die Freunde des Friedens fanden es für alle Fälle gerathen, ihre Häuſer und Wohnungen aufzuſuchen. Eine angſtvolle Viertelſtunde tödtlichen Schweigens laſtete über den Zurückgebliebenen. Plötzlich begannen Flintenſchüſſe zu krachen, erſt einzeln, dann immer mehr, dann viele nacheinander fortrollend, wie wenn von einer ganzen Reihe Feuer gegeben wird. Geſchrei des Schreckens antwortete aus den Straßen; vom Unſernherrnthore und durch die Burggaſſe kamen heulende Haufen heran.„Aus iſt's!“ zeterte einer darunter.„Alles iſt vorbei! Sie haben die Capitulation gar nicht abgewartet und ſind ſchon in der Stadt!!! Sie ſind unterhalb der Stadt in den Auen über die Iſar gegangen.“ „Sie ſind ſchon ins Lehel herein“, ſchrie ein An⸗ derer, deſſen Antlitz ausſah, als ob durch daſſelbe nie ein Tropfen Blut gefloſſen wäre. Ein halb angekleidetes Weib mit aufgelöſten Haaren 200 kam hinter ihm her und überſchrie ihn:„Helft! Helft! Den Aumeiſter haben ſie ſchon umgebracht und alle ſeine Ehehalten! Die Mühl' am Lehel brennt, den Müller haben ſie ins Feuer geworfen und der Müllerin, die hochſchwanger war, den Leib aufgeſchnitten!“ „Jeſus, Jeſus!“ ſchrieen Andere.„Steh' uns bei! Alles geht zu Grund'. Die Welt geht unter; der jüngſte Tag kommt!“ „Es iſt Alles wahr“, rief ein Steinmetzgeſelle, der in der Schürze vom Alten Hofe dahergerannt kam. „Während die Studenten auf der Baſtei geſtanden ſind, ſind ſie durch den Hofgarten und einen Kanal in die Reſidenz herein— es muß ihnen Jemand den Weg gezeigt haben! Heiliger Gott! Da ſind ſie ſchon“, rief er, als man durch den Bogen des Alten Hofes ſchon die Rothmäntel flattern ſah und die Schüſſe krachen hörte.„Aber ſo wohlfeil ſollen ſie nicht her⸗ einkommen!“ Er ſchloß ſich der Schaar Bürger an, die den wüthend Eindringenden das Vorrücken zu weh⸗ ren ſuchte und unter ſtetem Gefechte ſich langſam durch die Gaſſe gegen das Rathhaus hin zurückzog. Unter ihnen fochten Fellerer und der greiſe Heckenſtaller, Pfreimter ohne Hut in fliegendem Haare und mit glühendem Angeſichte an ihrer Spitze. Kämpfend er⸗ reichte die tapfere Schaar den Eiermarkt und ſuchte 4 201 die Bogengänge zu beſetzen, um in ihnen einen feſten Halt zu gewinnen, aber ihrem Muthe wie ihrer Vater⸗ landsliebe ſollten keine andern Roſen blühen als Ro⸗ ſen des Todes. Der Feind war zugleich durch die Weinſtraße und Dienersgaſſe eingedrungen und faßte ſie im Rücken. Kugel um Kugel ſchlug in die immer mehr ſich lichtende Schaar; bald waren ſie umringt, gegen den Fiſchbrunnen zurückgedrängt und bald alle gefallen. Zu gleicher Zeit zogen, da die Capitulation in⸗ zwiſchen abgeſchloſſen worden, unter ſchmetternden Trompetenklängen die regelmäßigen öſterreichiſchen Trup⸗ pen durch den Rathhausbogen ein. Die Beſatzung der Hauptwache war raſch umringt und entwaffnet, und kaum eine Viertelſtunde war vorüber, da war auf dem weiten Platze nichts mehr zu hören als der Schritt der Soldaten, Waffenklirren und das Anrufen der überall aufgeſtellten Wachen, dazwiſchen das Aechzen eines Verwundeten oder das letzte Stöhnen eines Sterben⸗ den. Aus den Straßen aber weithin erſcholl das Kra⸗ chen eingeſchlagener Thüren, das Klirren der Fenſter, Geſchrei und Jammer der Beraubten und Mißhandelten. Es war darüber dämmerig geworden und die frühe Winternacht brach vollends ein, als die Abge⸗ ordneten der Stadt mit den öſterreichiſchen Generalen 202 und deren Gefolge im Rathhauſe ankamen: Feldmar⸗ ſchalllieutenant Graf Bärnklau als Oberſtcomman⸗ dirender an der Spitze, ſeine Untergebenen, Oberſt⸗ wachtmeiſter Wurmbrandt, Oberſt Menzel, der Com⸗ mandant der ungariſchen Huſaren, der Pandurenführer Trenck; ihnen folgten die Führer der übrigen Regimen⸗ ter, die Oberſten Palffy, Lanthiery, Forgacz und Apfel⸗ grün mit ihren Offizieren. „Wie ich ſehe, kommen wir ja eben recht“, ſagte Bärnklau, indem er die Stiege zum Rathhausſaale hinanraſſelte und die prachtvoll hergerichtete Tafel er⸗ blickte.„Das ſollte wohl ein Feſt geben zur Kaiſer⸗ krönung? Hahaha! Das wird meinen Herren Offizieren willkommen ſein; Sie ſind alle eingeladen, meine Herren! Wir wollen's uns ſchmecken laſſen— die Rathsherren haben gewiß für guten Wein geſorgt, weil ſie ihn ſel⸗ ber trinken wollten.“ In wenig Augenblicken war der Saal mit wil⸗ den, kriegeriſchen Geſtalten gefüllt und in ein Lager verwandelt. An einem Tiſche ſtand Bärnklau mit den Bürgermeiſtern zuſammen, um ſeine Befehle zu er⸗ theilen. „Vor allem rath' ich Ihm und allen Gehorſam!“ ſchrie er den Bürgermeiſter an.„Ich laſſe heute noch einen Galgen auf dem Marktplatze aufrichten; wer s 203 nicht gehorcht, hängt im nächſten Augenblicke daran, ohne Gnad' und Pardon, ohne Beicht' und Abſolution.“ Schreckensbleich verbeugten ſich die Unterhändler des Friedens. „Alle Waffen werden abgeliefert!“ fuhr Bärnklau fort.„Haus für Haus wird durchſucht; wer ſich mit einem Stück Eiſen, nur ſo lang wie eine Hand und ſo dick wie ein Finger, blicken läßt, wer murrt oder nur ein Wort davon ſagt, daß es einmal einen Kur⸗ fürſten von Baiern gegeben hat, an den Galgen mit ihm!“ Der Bürgermeiſter bewegte nur die Lippen zu einer Erwiderung, denn der General, mit den Füßen ſtampfend, gebot ihm Schweigen.„Nirgends dürfen mehr als zwei Perſonen bei einander ſtehen. Von nach⸗ mittags drei Uhr an muß Jeder, der über die Straße geht, eine Laterne mit brennendem Lichte tragen.“ „Aber“, brachte Barbieri endlich ſtotternd hervor, „aber, Excellenz, um drei Uhr iſt es ja noch heller Tag.“ „Schweige Er!“ ſchrie Bärnklau.„Wenn ich will, müßt Ihr um Mittag Lichter anzünden und um Mit⸗ ternacht Sonnenſchein haben! Die Stadt bezahlt hun⸗ derttauſend Gulden Contribution und die Kirchen löſen ihre Glocken mit ſechzigtauſend Gulden aus. Morgen 204 früh neun Uhr muß das Geld hier auf dem Tiſche liegen!“ „Excellenz, das iſt unmöglich“, ſagte der Bürger⸗ meiſter etwas feſter,„und vollends bis morgen neun Uhr. Die Kaſſen ſind faſt leer, die Bürge ſchaft iſt verarmt, eine ſo große Summe—“ „Iſt es Euch zu viel, Ihr Stubenhocker, Eure Mauerwinkel und Schlupflöcher von Feuer und Plün⸗ derung loszukaufen?“ rief Bärnklau wieder.„Dagegen gebe ich in dem Augenblicke, wo das Geld hier liegt, meinen Soldaten den Befehl, ſtrengſte Mannszucht zu halten; keine Stecknadel ſoll fehlen! Auch will ich die Schlöſſer unangetaſtet laſſen und die Kirchen. Ihr habt das nicht verdient, heimtückiſches Geſindel! Ihr habt die Capitulation gebrochen und uns während der Unterhandlung angegriffen.“ „Nein, Excellenz“, antwortete Barbieri,„das iſt nicht unſere Schuld. Das erhitzte Volk allein hat un⸗ ter Führung von einigen Schnapphähnen den An⸗ griff gemacht und die Vertheidigung auf eigene Fauſt unternommen, ohne daß der Adel und der Stadtrath daran Theil gehabt oder es zu verhindern vermocht hätten.“ „Gleichviel! Warum zieht Ihr Eure Leute nicht beſſer?“ rief Bärnklau, indem er den losgeſchnallten 205 Säbel in die Ecke ſtellte und ſich an die bedeckte Tafel ſetzte.. „Zugleich möchte ich mir erlauben, Excellenz in aller Ehrerbietung zu bemerken“, fuhr Barbieri fort, „daß die Capitulation auch von angreifender Seite nicht gehalten worden iſt, indem während der Ver⸗ handlung Truppen durch das Lehel in die Stadt ge⸗ drungen ſind.“ Bärnklau lachte laut auf.„Ja, das iſt ganz was Anderes, Bürgermeiſter!“ rief er und ſtürzte einen Kelch Wein hinunter.„Man benutzt ſeinen kriegeriſchen Vortheil, wie man kann! Wir ſind die Sieger, Ihr die Beſiegten und Vae victis hat es von jeher geheißen: das iſt das ganze Latein, das ich noch von der Schule behalten habe. Jetzt laß Er auftragen, Bürgermeiſter, laß Er's an nichts fehlen und bleib' Er in der Nähe mit ſeinen Rathsherren, damit Ihr ſeht, wie wir es uns ſchmecken laſſen, und damit Ihr gleich da ſeid, wenn man Eurer bedarf! Es iſt möglich, daß der Feld⸗ marſchall Graf Khevenhüller noch heute hier eintrifft, um ſich von dem Vorgegangenen ſelbſt zu überzeugen und die Stadt für Maria Thereſia in Beſitz zu nehmen.“ Das Mahl begann und ſchien der kriegeriſchen Geſellſchaft nicht minder zu munden als der in Strö⸗ men fließende Wein; ausgelaſſene und ſorgloſe Luſtig⸗ 206 keit wachte bald unter den Gäſten auf, man ſah, daß ſie nichts zu ſcheuen hatten; die niedergeworfene Stadt bot keine Gefahr für ſie. Demüthig wie aufwartende Lakaien ſtanden Bürgermeiſter und Rath in einem Winkel beiſeite. Noch höher ſtiegen der Lärm und trunkene Siegesjubel, als Graf Khevenhüller wirklich noch in München eintraf, ſeine Zufriedenheit mit dem raſchen Erfolge ausſprach und dann ebenfalls an der Tafel Platz nahm. Es war dies noch nicht lange geſchehen, als auf ſchaumbedecktem Pferde ein Reiter anſprengte und für den Feldmarſchall ein Paquet aus Wien überbrachte, das auf Maria Thereſia's ausdrücklichen Befehl ihm überall hin nachgeſchickt und ſogleich übergeben werden ſollte, wo er ſich immer befinden möge. Gleichzeitig kam eine Patrouille aus der Stadt zurück und meldete Bärnklau, daß in mehreren Bürgerhäuſern ein ge⸗ drucktes Blatt gefunden und als bedenklich weggenom⸗ men worden ſei. Es war die Proclamation Karl Albert's, worin er ſeinem angeſtammten Baiernland und ſeiner Reſidenz⸗ ſtadt ſeine Erwählung zum Kaiſer und ſeine Krönung feſtlich und feierlich verkündete. Khevenhüller hatte indeſſen das Päckchen geöffnet und kaum überflogen, als er ſich begeiſtert erhob. Der 207 Lärm verſtummte auf ſeinen Wink, in ehrerbietiger Er⸗ wartung ſtanden die Offiziere in weitem Kreiſe umher. „Hört, Soldaten von Oeſterreich“, rief Kheven⸗ hüller,„ein Brief Ihrer Majeſtät, unſerer angebeteten Königin Maria Thereſia. Vernehmt ihn, ſeht hier ihr Bildniß, das ſie mir mit demſelben ſendet!“ Er las mit lauter und bewegter Stimme. Das Schreiben der Königin war in dem ſchlechten Latein geſchrieben, das in Ungarn und Kroatien allgemein gäng und gebe war und daher auch von allen ver⸗ ſtanden wurde. Es lautete:„Hier haſt Du eine Kö⸗ nigin und ihren Sohn vor Augen, die noch vor we⸗ nigen Monaten von aller Welt verlaſſen war. Was ſollte gus dieſem Kinde werden? Sieh, Deine gnädigſte Frau vertraut Dir mit dieſem Briefe ihre ganze Macht! Handle als mein Ritter und getreuer Vaſall, wie Du es vor Gott und der Welt zu verantworten gedenkſt, und thue, was Dir recht dünkt! Folge wie bisher den großen Thaten Deines in Gott ruhenden Lehrmeiſters Eugenius! Du wirſt von der Welt den höchſten Ruhm, von Uns aber und Unſern Nachkommen ewige Dank⸗ barkeit erleben, das betheuern Wir Dir bei Unſerer Majeſtät! Lebe und ſtreite wohl! Maria Thereſia.“ Der Vorleſende hatte kaum geendet und war nicht im Stande, den Hochruf auf die gnädige Fürſtin aus⸗ 208 zuſprechen, zu welchem er ſchon das Glas erhob, als ihm betäubender Zuruf, von kriegeriſcher Begeiſterung und vom Weingenuſſe erhöht, entgegenſcholl und den Saal erdröhnen machte. Alle hatten die Säbel gezogen und ſchwenkten ſie, in der andern Hand das Glas haltend, mit wildem Geklirre an und durch einander und wieder und immer wieder erſcholl es:„Hoch Ma⸗ ria Thereſia! Hoch die Königin von Ungarn! Unſern letzten Blutstropfen für Maria Thereſia!“ „Oeffnet das Fenſter!“ rief Khevenhüller, als eine augenblickliche Stille eintrat, indem er das ihm eben⸗ falls vorgelegte kaiſerliche Proclama ergriff.„Die ganze Stadt ſoll hören, wie wir unſere und ihre Ge⸗ bieterin feiern! Werft den Plunder, den ſie doxt vor den Fenſtern aufgebaut haben, in Trümmern hinunter. Und dies hier iſt Oeſterreichs Antwort auf die Frank⸗ furter Kaiſerkrönung: es gibt keinen Kaiſer Karl VII.“ Damit zerriß er die Proclamation und ſchleuderte die Stücke zum Fenſter hinaus in die Nacht. Wieder brach ſtürmiſcher, endloſer Beifall und Zu⸗ ruf los, wilde Muſik der Hörner und Feldpauken ſchmetterte darein und ſcholl weithin in die erſchreckten Gaſſen und über den ſchweigenden Platz. Von den Flammen der überall lodernden Wacht⸗ feuer roth beſchienen, ſtieg die Marienſäule in die Nacht 209 empor— unweit davon erhob ſich, aus Balken ſchnell gezimmert, der verkündete Galgen. An den Ecken lagen die Leichen der Gefallenen, die man dorthin zuſammengeſchleppt hatte, um ſie an⸗ dern Tags miteinander zu verſcharren, um den Fiſch⸗ brunnen lagen ſie wie ein blutiger Kranz, darunter Heckenſtaller, der Steinmetz, Fellerer und Pfreimter, anfrierend in ihrem eigenen verſtrömenden Blute. Der Greis hatte vollendet, Fellerer lag in ſchwe⸗ rer Betäubung, Pfreimter rang mit dem Tode. Die wilde Fanfare ſchmetterte in ſein erlöſchendes Gehör, mit der letzten Kraft ſeines feurigen, ſtarken Herzens richtete er ſich auf, ſank dann ſterbend zurück und auf ſeinen Lippen erſtarrte der Ruf:„Finis Bavariae!“ Ende des vierten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Schmid, Concordia. IV. 14 Verlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Lady Audley's Geheimniß. Roman von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Aurora Floyd Roman von M. E. Baddon, Aus dem Engliſchen von F. Seybold. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 80. Eleg geh. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. A 4 9. Lleanor's Hieg. Roman von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſtrte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. * 4 5 3 8 Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig Roman von Otto Müller. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 4 Thlr. Die Jagd nach dem Glücke. Roman f. C. Schubert. 3 Bände. Eleg. broſch. Preis 2 Thlr. 5 Ngr. Die Türken in M Roman — ichen. von Herman Schmid. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Neue Uomane aus dem Verlage von Eruſt Julius Günther in Leipzig. Pariſer Todtentanz. Roman in 2 Abtheilungen von Mar von Schlägel. 4. Abth.: Nach uns die Sündflut! 2. Abth.: Der rothe Faſching. 6 Bände. Preis 4 Thlr. 15 Ngr. Der Lebensretter. Humoriſtiſcher Roman von Graf Allrich Jandiſſin. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Frauenherzen. Zwei Novellen von Touiſe Mühlbach. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 3 Thlr. 8 8 ee —— 9„ 1 8 Mninfenmnnſſſſſfſſfſſſiſſſſſſinſſſinſinſnſſfiſinſinſſſinſnſſrfſſſſ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18