Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und SCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Mückgub⸗ der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von N. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—.. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Wer— Pf. 2 ₰ „„ 1— n. 1„—„ 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Aus der Jeſuitenkirche zu München tönte feierlicher Geſang, die Orgel brauſte darein’, und durch die weit geöffneten Thore, denen Weihrauchduft entſtrömte, war in der Halbdämmerung des gewaltigen, ſäulen⸗ loſen Gotteshauſes der prachtvoll aufgerichtete Hoch⸗ altar mit ſeinen zahlloſen Kerzen fern wie durch einen Schleier zu erkennen. Trotz ihres rieſigen Umfangs war die Kirche überfüllt und eine anſehnliche Schaar von Andächtigen mußte ſich mit dem begnügen, was ſie auf den Stufen und weit in die Neuhauſergaſ ſſe hineinſtehend von der gottesdienſtlichen Feier erhaſchen konnte. Es war Sanct⸗Ignatiustag und der Orden Jeſu verfehlte nicht, das Feſt ſeines Stifters mit all jenem Schmid, Concordia. III. 1 ſinnlichen Glanze zu feiern, welcher geeignet iſt, Auge und Ohr des Volkes mit Banden zu feſſeln, an denen es dann nach Gefallen gelenkt und beherrſcht werden kann. Auch der greiſe Heckenſtaller war unter den Be⸗ tern; er hatte jetzt Muße genug, ſeinen Gedanken nach⸗ zugehen und in der Bibel zu leſen, denn er war in Ruheſtand verſetzt. Neben ihm hatte ſich der ſtämmige Metzgermeiſter Strandhofer aufgepflanzt und hielt den auf ſeinen Stock gehängten Hut wie einen Schirm über ſein ſchweißtriefendes Geſicht, denn die Juliſonne brannte mit aller Gewalt der nahenden Hundstage auf die entblößten Häupter herab. Auch die Haarpuderin hatte ſich Zeit genommen und den kleinen Kram auf ein paar Stunden geſchloſſen, um eine ſo beſondere Feier nicht zu verſäumen. Unter der rieſigen Gruppe des Erzengels Michael aber, der den zu ſeinen Füßen ſich windenden Satan mit der Lanze des heiligen Kreuzes durchbohrt, hatte ſich der Kranzelbinder mit Weib und Kind eingefunden, denn die Frau betrieb als kleinen Nebenverdienſt das Geſchäft einer Kerzlerin; ſie hatte ein kleines, mit ſpitzen Stacheln beſetztes Eiſenge⸗ ſtell neben ſich aufgerichtet und ein Körbchen mit klei⸗ nen Wachskerzen dabei, die ſie an die Frommen ver⸗ kaufte, dann auf die Spitzen ſteckte und anzündete, zum — 3 Sinnbild feurigen Vertrauens, das der Käufer für den ſo geehrten Heiligen empfand. Die höher ſtehen⸗ den weißen galten dem ſiegenden Michael, die tiefer geſteckten rothen dem gefallenen Engel, um auch ihm etwas von der göttlichen Segnung zukommen zu laſſen, oder um es für vorkommende Fälle auch mit ihm nicht ganz zu verderben. Zu beiden Seiten der Thore ſaßen und hockten zahlreiche Bettler, denen an ſolchen Tagen ergiebige Ernte winkte; die andächtig erhobenen Gemüther waren mild geſtimmt und mehr als ſonſt zu geben bereit. Auch die Alte mit Tochter und Enkelkind und dem müßigen Burſchen fehlte nicht; um mehr Mitleid zu erregen, hatte er den Arm in eine Schlinge gelegt, als ob er verwundet wäre. Gegenüber, etwas entfernter war das wüſte, blattern⸗ zerfetzte Geſicht Wallner's ſichtbar; ſein herabgekommenes Ausſehen ſtach ſehr ab gegen das behäbige Weſen in der Zeit, da das Schlößchen von Pilgersheim noch unter ſeiner Obhut geſtanden. Mit demüthigſter Geberde hielt er ſeinen alten Hut den Kirchgängern entgegen, die noch hier und da ver⸗ einzelt und verſpätet näher kamen, und bat um ein Almoſen im eindringlichſten Tone des Jammers und ſo laut, als es anging, ohne die Andacht zu ſtören. „Bitt' gar ſchön, ſchenkt mir auch etwas“, lamen⸗ 4* 4 tirte er eben wieder einem ärmlich, aber ſauber ge⸗ kleideten Bürger entgegen, der raſchen Schrittes heran⸗ kommend dem Bettler mit verwunderten und fragenden Blicken eine kleine Münze in den Hut warf und dabei den ſeinen abnahm, zu noch größerer Ueberraſchung des Bettlers, der jetzt erſt in ihm den verhaßten ſtummen Maurer Michel erkannte. „Vergelt's Gott tauſendmal“, ſagte er heuchleriſch. „Ich werd' ſchon fleißig beten dafür. O du heilige Barmherzigkeit! Das hätt' ich mir auch nicht träumen laſſen, daß ich Ihn einmal um Almoſen anſprechen müßt', und jetzt iſt es doch ſo worden! Mein Weib hat ſich als Wäſcherin verdingen müſſen, damit doch die Kinder was zu eſſen haben, aber ich bin ein armer breſt⸗ hafter Mann, der nichts mehr arbeiten kann; ich bin zu nichts mehr gut als zum Betteln! Aber an meinem ganzen Unglück iſt Niemand ſchuld als der gottver⸗ dammte Ketzer, der mir ſelbigsmal ausgekommen iſt. Ich hab' gleich gefürchtet, wie der Pater Menradus ſo gar ſchmalzgut geweſen iſt, daß hinter der Freundlich⸗ keit nichts Gutes ſteckt, das Gewitter iſt richtig nach⸗ gekommen; wenn man den Hund ſchlagen will, ſo findet man leicht einen Prügel. So hat es einen kleinen winzigen Verdruß abgegeben und ich bin gleich fort⸗ gejagt worden. O wenn ich nur das erbeten könnt'; F nicht in der Näh' ſehn kann.“ 5 ich wollt' gern meiner Lebtag bei Waſſer und Brod bleiben, wenn ich nur den herausbringen könnt', der dem Ketzer dort fortgeholfen hat! Wenn ich dem—“ Der Maurer zuckte die Achſeln und blieb unweit Wallner ſtehen, den er bald nicht mehr beachtete, der Metzger aber, der über alle in die Kirche hinein zu ſehen vermochte, gebot ihm, ſtill zu ſein, und rief mit gedämpfter Stimme:„Aufgy'ſchaut, jetzt kommt's! Jetzt fangt das Tedeum an und dann kommt gleich der Engelflug. Das iſt ſchon eine recht dumme Giſchicht, daß man da heraußen ſtehn muß und die Schönheit 4 Der Engelflug war ein Hauptreiz des Feſtes, denn die klugen Väter kannten die Schauluſt des Vol⸗ kes und wußten ſie ſchlau als Lockungsmittel zu verwen⸗ den. Deshalb kam am Pfingſttag der heilige Geiſt ſichtbar in Geſtalt einer Taube geflogen; am Charſamstag ließ man die Figur des Heilands wirklich aus dem Grabe auferſtehen und am Feſte der Himmelfahrt vor aller Augen emporſchweben; deshalb wurde am Ignatius⸗ feſte aus dem Deckengewölbe eine Schaar geſchnitzter Engel an unſichtbaren Drähten heruntergelaſſen, daß es ausſah, als ob bei den Klängen des Tedeums der Himmel ſelbſt ſich öffne und ſeine Heerſchaaren aus⸗ ſende zur Verherrlichung des geliebteſten ſeiner Söhne. 6 „O ſchön, ſchön“, ſagte der Metzger, den Uebrigen, nicht ſo hoch Gewachſenen den Beginn des Schauſpiels verkündend.„Jetzt ſind's ſchon da, die Engel! Eine ganze Schaar, es iſt eine wahre Pracht! Das muß man ſchon ſagen, ſo was Andächtig's gibt's halt doch nirgends als wie bei den Jeſuwitern!“ Von fern aus dem Hintergrund der Kirche ver⸗ kündeten jetzt die Klingeln, daß am Hochaltar der Schlußſegen ertheilt werde. Die Gläubigen ſanken auf die Kniee, bekreuzten ſich und ſprachen das Dreimalheilig, indem ſie dreimal an die Bruſt ſchlugen; auch Wallner that gedankenlos daſſelbe, aber das dritte Heilig blieb ihm im Munde ſtecken. Wie ein wildes Thier auf ſeine erlauerte Beute, ſprang er auf und hatte im nächſten Augenblick den Maurer Michel an der Kehle gepackt. Er hatte deutlich geſehen, daß der Mann, der ſich unbeachtet geglaubt hatte, nicht lautlos die Lippen bewegte, er hatte deutlich gehört, wie er leiſe und doch für ihn verſtändlich genug das„Heilig“ ausgeſprochen. „Schuft von einem Kerl“, rief er, unbekümmert um die gottesdienſtliche Feier und den Menſchenſtrom, der, aus dem Portal drängend, ſich ſogleich wieder um die beiden anſtaute,„Du biſt ein Betrüger; ich hab' Dich deutlich reden gehört! Du biſt alſo nicht ſtumm; jetzt iſt's gewiß, Du und kein Anderer haſt dem Ketzer fortgeholfen und 4—— 6 mich um meinen Dienſt gebracht! Red', Kerl, oder ich erwürg' Dich. Red', ich laſſe Dich nimmer los, bis Du Alles eingeſtehſt. Sag's, daß Du ein Betrüger biſt!“ Erſchrocken ſuchte ſich der Maurer des Wüthenden zu erwehren, er ſtrebte vergebens loszukommen und mußte gewaltſam an ſich halten, um nicht durch einen Ausruf des Zorns oder Schreckens ſich abermals zu verrathen. Schnell hatte ſich ein immer dichterer Kreis von Neugierigen um beide geſammelt, die Wallner's Erzählung mit Staunen anhörten und nach Art und Sinn eines Jeden ſchnell bereit waren, für den einen oder andern Partei zu nehmen. Der alte Heckenſtaller und die Ruhigeren darunter wollten den Maurer frei⸗ gelaſſen haben.„Man ſieht es ihm ja an“, ſagte er, „daß er ſtumm iſt; wenn er reden könnte, hätte er ſich in der Ueberraſchung gewiß ſchon verrathen und einen Laut von ſich gegeben.“ Die Heftigeren und die an ge⸗ waltſamen Dingen Freude hatten, unter ihnen Strand⸗ hofer, verlangten, daß er zum Stadtrichter geführt wer⸗ den ſolle.„Im Falkenthurm“ ſchrie der Metzger mit behaglichem Lachen,„da gibt's ſchon Mittel, ihm die Zung' zu löſen! Wenn er nur erſt die Daumſchrauben anhat oder die ſpaniſchen Stiefeln, dann wird ſich's ſchon zeigen, ob ſeine Stummheit wirklich Verſtellung iſt!“ 8 Lauter wurden die Stimmen und das Gewühl drängender, als Pater Roſe, vom Collegium herkom⸗ mend und durch die Menge aufgehalten, ſich nach der Urſache des Zuſammenlaufs erkundigte. Keine Miene verrieth, wie ſehr ihn die Begegnung der beiden Män⸗ ner und noch mehr die Entdeckung überraſchte, daß der Maurer, der ſeit Jahren einer der vertrauteſten Ar⸗ beiter im Collegium und in allen Gebäuden des Or⸗ dens war, nicht nur dieſen ſo lange Zeit und ſo geſchickt getäuſcht, ſondern auch die Kunde von Manchem er⸗ langt hatte, was man, wäre er nicht für ſtumm ge⸗ halten worden, vielleicht vor ihm verborgen gehalten hätte. Das Geheimniß war alſo nicht gewahrt, ſon⸗ dern dem guten Willen deſſelben preisgegeben. Ruhig hörte er Wallner zu, der vor Aufregung kaum etwas Zuſammenhängendes vorzuſtottern vermochte; ruhig, mit der gelaſſenen Miene des Feldherrn, der auch das unerwartetſte Ereigniß augenblicklich zu überſchauen und in ſeine Pläne einzufügen weiß, überblickte er die Verſammlung; die grobe Täuſchung des Ordens durfte um keinen Preis ruchbar und zugleich mußte der Mau⸗ rer unſchädlich gemacht werden. Er hatte den Ausweg gefunden und gebot Wallner, ſeinen Gefangenen frei zu geben. „Thörichter Menſch“, rief er mit ſalbungsvoller 9 Wärme, während dieſer grollend und widerwillig ge⸗ horchte,„wie kann Er wegen dieſer Veranlaſſung ſolchen Lärm verurſachen, und Ihr Blinden, die Ihr ſtaunend umherſteht, wie konntek Ihr einſtimmen in den Ruf der Thorheit, ſtatt den Allmächtigen zu prei⸗ ſen, der Euch der Gnade gewürdigt hat, Zeugen eines ſolchen Ereigniſſes zu ſein? Wahrlich, ich ſage Euch, ich kenne dieſen Mann! Er iſt ſeit Jahren im Dienſte des Ordens Jeſu beſchäftigt und hat ſich immer als wahrhaft und verläſſig bewieſen; aus langem Umgang und eigener Ueberzeugung kann ich's Euch verſichern, er iſt wirklich ſtumm, er hat durch einen unglücklichen Sturz die Sprache verloren! Wenn er ſie jetzt wieder⸗ erhielt, an der Schwelle des Gotteshauſes, während des Gebetes, in das er verſunken war, am Tage des heiligen Ignatius, den wir verehren, wollt Ihr ihn einen Betrüger nennen? Erhebt lieber das Haupt zum Himmel, um die Hand des Ewigen anzubeten, die aus den Wolken griff und auf wunderbare Weiſe dem ſchwer Geprüften die Rede wiedergab, auf daß Ihr von ſeiner Allmacht überzeugt werdet. Iſt das Eure Zuverſicht, iſt das Euer Vertrauen zu Gott, Ihr Klein⸗ gläubigen?“ Ein Gemurmel des Beifalls durchlief die Menge, die mit heiligem Schauer gelauſcht hatte und ſich nun 10 mit ſcheuer Ehrfurcht um Michel drängte, der, von der unerwarteten Wendung der Sache verblüfft, den Pater mit unſichern Blicken betrachtete, aber ungewiß über die Dinge, die noch kommen ſollten, in ſeinem Schwei⸗ gen verharrte. Ingrimmig, kaum ſeiner Sinne mächtig, ſtand Wallner daneben und nagte an ſeinen Fingern wie ein Raubthier an den Gitterſtäben der Falle, in der es ſich gefangen. Der Pater wandte ſich wieder Michel zu.„Gib Gott die Ehre, mein Sohn“, rief er feierlich, indem er die Hand wie beſchwörend gegen ihn erhob,„gib Zeugniß und ſage, vermagſt Du wirklich wieder zu ſprechen?“ Der Maurer ſah ihn fragend an, er glaubte in ſeinen Augen zu leſen, daß er ein Ja erwartete; er war bereit, die Verſtellung, die ihm ſchon lange ſchwer und läſtig geworden, aufzugeben, aber es widerſtrebte ſei⸗ nem ehrlichen Gemüth, geradezu eine Lüge zu ſagen. „Ja, Hochwürden“, ſagte er mit unſicherer Stimme und doppelſinnig, wie die Frage geweſen war,„ja⸗ ich kann reden!“ „Er kann reden! Er iſt nicht mehr ſtumm!“ rief das Volk und brach in lauten Jubel aus; Manche fielen auf die Kniee, Andere breiteten wie verzückt die Arme gen Him⸗ 14 mel und der Ruf:„Ein Mirakel, ein Mirakel!“ pflanzte ſich hundertſtimmig von Straße zu Straße fort. „So gehe hin, mein Sohn“, begann der Pater wieder,„gehe hin, und gebrauche die Sprache, die Dir wiedergeſchenkt iſt, das Lob des Herrn und ſeines geliebten Dieners zu verkünden, durch deſſen Fürbitte Du ſolcher Gnade theilhaftig geworden. In einer Stunde erwarte ich Dich in meiner Zelle, um das Er⸗ eigniß niederzuſchreiben, damit es erhalten bleibe für alle Zeiten und zur Erbauung aller gläubigen Ge⸗ müther!“ Entzückt drängte ſich die Menge um den Maurer, der fortſchreitend dem Gewühle zu entgehen ſuchte und widerſtrebend die Geſchenke annahm, die man ihm von allen Seiten zuſteckte. Bald hatte ſich die Schaar wie abfließendes Waſ⸗ ſer verlaufen; Wallner hatte dem ganzen Vorgange wie geiſtesabweſend zugeſehen und ſchickte ſich an, dem Pater zu folgen, der ſich wieder dem Collegium zu⸗ wendete. „Gottes Barmherzigkeit, jetzt weiß ich wirklich nicht, wie mir geſchehen iſt“, ſagte er, ſich hinter den Ohren kratzend.„Ich hätt' darauf geſchworen, daß der Michel mich und alle Welt betrogen hat, und ich könnte noch ein Jurament darauf ablegen, daß Nie⸗ 12 mand als er dem Lutheraner in Pilgersheim fortge⸗ holfen hat. Ich hab' Wunder gemeint, wie gut ich's mach', wenn ich ihn aufbring', und jetzt bin ich erſt recht auf den Holzweg gerathen!“ „Beruhige Er ſich“, ſagte der Pater mild,„ich ſehe Seine Reue und habe Seinen guten Willen er⸗ kannt, dem Orden zu dienen, der Wille ſoll fürs Werk gelten. Wenn Er feſten Glauben verſpricht, dann kann Er wieder zu Gnaden aufgenommen werden. Alſo höre Er: der Maurer Michel iſt wirklich ſtumm gewe⸗ ſen und hat erſt jetzt die Sprache wiederbekommen— verſteht Er mich und will Er das glauben?“ Wallner ſchaute ihn verblüfft an.„Ich verſteh's zwar nicht“, ſagte er,„aber ich glaub', was Hochwür⸗ den haben wollen. Sie ſind ja der beſte Mann von der Welt!“ „Gut, dann melde Er ſich morgen bei mir, ich werde ſehen, wie für Ihn geſorgt werden kann“, ſagte der Pater. „Ich verſteh's nicht, aber ich thu', was Hochwür⸗ den haben wollen“, ſagte Wallner nachgrübelnd.„Der Maurer Michel iſt ſtumm geweſen und erſt jetzt wieder redend geworden— ich glaub's, weil Hochwürden es ha⸗ ben wollen, aber daß er dem Ketzer durchgeholfen und mich ums Brod gebracht hat, das iſt ihm doch nicht — 13 geſchenkt und aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben! Wenn's jetzt auch über ihm Sonnenſchein iſt, das Gewitter kann nachkommen, wie's bei mir nachgekommen iſt, und kann einſchlagen, wie's bei mir eingeſchlagen hat! Ich dank' Hochwürden, daß Sie's wieder ſo gut mit mir im Sinn haben, ich dank' für mein Weib und meine Kin⸗ der, aber wenn ich den Ketzer ausgehen und Eurer Hochwürden einliefern könnte, dann wäre mir erſt wohl ums Herz! Gottes Barmherzigkeit“, rief er plötzlich abbrechend,„bin ich auseinander oder iſt er's wirklich?“ „Was iſt Ihm denn?“ fragte der Pater ſtaunend. „Er iſt's wirklich, er iſt's!“ rief Wallner wieder, ohne auf die Frage zu achten, und deutete auf einen Mann, der auf der andern Seite der Straße vorüber⸗ ging und wie zur flüchtigen Betrachtung der Michaels⸗ kirche das Antlitz ihnen zugewendet hatte.* „Er iſt von Sinnen“, ſagte der Pater,„der Mann iſt ganz ſchwarz und bärtig; den Er meint, der war roth und blühend von Geſicht.“ „Und wenn er ſich noch zehnmal anders vermum⸗ men thäte“, rief Wallner wieder,„daͤs Geſchau kenn' ich unter allen heraus. Er iſt's, Hochwürden! Hal⸗ ten's mich nicht auf. Der kommt mir nicht aus!“ Er rannte hinweg, der Pater ſah ihm kopfſchüt⸗ telnd nach. 14 „Sollte es möglich ſein?“ ſagte er vor ſich hin. „Ich glaube es nicht, es wäre Tollkühnheit, ſich noch ein⸗ mal in die Stadt zu wagen und ſelbſt den Hals in die Schlinge zu ſtecken. Wenn er es aber wäre“, ſetzte er mit zuverſichtlichem Lächeln hinzu,„dann iſt ihm der richtige Hund auf der Fährte, es gibt keinen treff⸗ licheren Spürer als den Haß!“ Der Mittag war nicht mehr fern und in dem Kaffeehauſe der ſchönen Wittwe Frau Mundizia Rofi⸗ noni wurden bereits alle Vorbereitungen für die zahl⸗ reichen Gäſte getroffen, die während der kurzen Zeit ſeines Beſtehens dort ſchon heimiſch geworden. Viele hatte die Neuheit der Sache gelockt; viele, denen ihre Mittel den Beſuch der Weinhäuſer nicht erlaubten, fanden es in den heitern, angenehmen Räumen behag⸗ licher als in den rauchigen Stuben der Brauhäuſer oder Bierſchenken; andern, die eigener Häuslichkeit entbehrten, war es willkommen, ihr Mittagsmahl hier in angenehmer Geſellſchaft nehmen zu können; die ſchöne Herrin des Geſchäfts, die mit ſorgfältiger Lie⸗ benswürdigkeit die Bedienung ihrer Gäſte überwachte, mochte für noch mehrere nicht geringere Anziehungs⸗ kraft beſitzen. Zwei hohe anſehnliche Zimmer boten genügenden Raum, ſich geſellig zu vereinen oder nach Gefallen abzuſondern. In dem einen ſtanden auf kleinen 15 Tiſchchen die niedlichen buntgeblümten Henkelſchalen bereit, in welchen der Kaffee gereicht wurde, während die Mitte des Zimmers von einem bisher völlig unbe⸗ kannten Spiele eingenommen war, einer mit grünem Tuch beſpannten Tafel, auf welcher elfenbeinerne Ku⸗ geln mit dünnen Stöcken kunſtvoll aneinander geſtoßen wurden. Die neue Unterhaltung lockte ebenfalls man⸗ chen Beſucher, zumal Offiziere und jüngere Cavaliere, die das beliebte„Spiel Ludwig's des Vierzehnten“ in Paris geſehen und gelern hatten. Im andern Zim⸗ mer wär eine lange, zierlich gedeckte Tafel für die Mittagsgäſte bereit geſtellt. Noch war die Stunde, in der ſich dieſe einzufin⸗ den pflegten, nicht gekommen, die Wachtparade, nach der ſich die Offiziere gern zum Kugelſpiel einfanden, war noch nicht zu Ende. Nur an einem der Fenſter⸗ tiſchchen ſaß ein junger Mann von auffallend dunkler Geſichtsfarbe und ſtarkem ſchwarzem Bart, der Kinn und Wangen in ungewohnter und fremdartiger Weiſe umgab. Er hatte ein tragbares Käſtchen von Ebenholz neben ſich ſtehen und war eifrig beſchäftigt, in ſeine Brieftaſche Bemerkungen einzutragen; nur manchmal erhob er das Haupt und richtete einen erwartenden Blick nach der Thür. Unweit davon, zierlich wie im⸗ mer und nach den neueſten franzöſiſchen Muſtern ge⸗ 16 kleidet, ſaß der Landſchaftsverordnete von Reindl in eifrig flüſterndem Geſpräch mit der Wirthin, die ihm gegenüber an der andern Seite des kleinen Tiſchchens Platz genommen hatte. Das Geſpräch wurde ziemlich laut und eifrig geführt, beſonders von Reindl. Frau Mundizia erwiderte nicht viel, aber in ihren lächelnden Mienen war zu leſen, daß ſie die huldigende Unter⸗ haltung des weltgewandten Mannes mit Wohlgefallen vernahm. Sie war in der That eine hübſche Frau von echt ſüdlicher Wärme und Lebhaftigkeit, nicht eine dunkle Brünette, wie man gewöhnlich die Italienerin⸗ nen denkt, ſondern von jener, vielleicht den Longobar⸗ den entſtammenden Art, die ſich durch das goldrothe Haar auszeichnet; ihre Stimme erklang einſchmeichelnd und ſanft, und wenn ſie die blauen Augen aufſchlug, blickte aus denſelben etwas wie ſehnſüchtige Trauer hervor, als ob, wie verſunkene Schätze auf dem Grunde der Flut, ein verlockendes Geheimniß hinter dieſem feuchten Schleier verborgen liege. „Nraiment“, ſagte Reindl,„wir Münchner ſind Ihnen im höchſten Grade obligirt! Welches agrément für uns, daß eine Dame wie Sie die considération gehabt, ein ſolches Café zu etabliren und uns ein Plaiſir, ein Amuſement zu bereiten, von dem man hier noch gar keine Idee gehabt hat. München iſt 17 überhaupt noch weit zurück, weiter als das kleinſte Faubourg in Frankreich, und vor allem wie ein Dorf gegen Paris. Sie kennen doch Paris?“ „Ich war nie dort“, ſagte ſie in fremd klingen⸗ dem Deutſch,„ich bin über mein Vaterland nie hin⸗ ausgekommen. Ihre Durchlaucht die verſtorbene Kur⸗ fürſtin lernte mich in Rom kennen und nahm mich in ihre Dienſte. Ich war bei ihr in Venedig bis an ih⸗ ren Tod; ihrem Einfluſſe verdanke ich, daß ich die Er⸗ laubniß erhielt, mein Geſchäft hier zu errichten. An mir iſt es, mich bei den werthen Gäſten zu bedanken, die mit meinen ſchwachen Kräften vorlieb nehmen! Ach, ich habe einen gar ſchweren Stand! Die Wirthe und Brauer ſind alle gegen mich, weil ſie glauben, daß ihnen Eintrag geſchieht, und ich bin eine fremde, allein⸗ ſtehende Wittwe, eine Frau ohne Schutz.“ „O quelle injustice!. Wie könnte es Ihnen je⸗ mals an Beſchützern fehlen, ſchöne Frau!“ rief Reindl feurig.„Gebieten Sie über mich, alle meine Connexions ſtehen zu Ihrem Befehl! O, wenn Sie mir erlauben würden, Ihnen zu ſagen, wie ſehr ich wünſche, ganz und allein Ihr Beſchützer zu ſein. Bleiben Sie doch“, rief er, da ſie Miene machte, ſich zu entfernen.„Ich bin enchantirt, daß ich Sie endlich einmal allein ge⸗ troffen habe, warum wollen Sie es refüſiren, mich an⸗ Schmid, Concordia. III. 2 v“ 10 18 zuhören? Warum— ah, wir ſind nicht allein“, fuhr er leiſer fort, indem er Mundizia's Blicken folgte;„wer iſt der ſchwarze Mann am Fenſter?“ „Ich kenne ihn nicht“, erwiderte ſie;„ich halte ihn für einen fremden Kaufmann, der mit Juwelen und Goldwaaren handelt.“ „Das iſt excellent“, ſagte Reindl,„wir wollen die Waare ſehen. Mein Herr“, rief er, ſich dem Frem⸗ den nähernd,„ich höre eben, daß Sie Damenſchmuck führen. Wären Sie nicht geneigt, ihn von dieſer ſchönen Frau bewundern zu laſſen?“ „Ich ſtehe mit Vergnügen zu Befehl“, entgegnete der Fremde, indem er ſein Käſtchen auf das Kugel⸗ ſpiel ſtellte und eine Auswahl feiner venetianiſcher Kettchen, Ringe, Ohrgehänge und anderer weiblicher Schmuckſachen aus Gold, Korallen und Edelgeſtein auf dem grünen Tuche ausbreitete. „Oh, che sono belle!“ rief Mundizia entzückt: „Es iſt lange, daß ich nicht mehr ſo viel Schmuck beiſammen ſah! Mir iſt, als ſtünde ich auf dem Platz von San⸗Marco und wanderte unter den Procurazien an den Goldſchmiedläden vorüber!“ „Ich komme auch geraden Wegs aus der Lagunen⸗ ſtadt“, ſagte der Kaufmann,„und habe das Schönſte und Neueſte gekauft, was zu haben war.“ ——— 19 „Eccellente, bellissimo!“ rief Mundizia wieder, indem ſie ein Paar Ohrentröpfchen aus blaßrothen Korallen emporhob und mit leuchtenden Blicken be⸗ trachtete. „Nennen Sie den Preis, mein Herr“, ſagte Reindl raſch, warf, als der Kaufmann ihn kaum genannt, einige Goldſtücke auf das grüne Tuch und wandte ſich an Mundizia mit der Bitte, die Tropfen als ein geringes Zeichen ſeiner Verehrung zu behalten. „So ſchön ſie ſind“, ſagte er verbindlich,„werden ſie doch ihren wahren Werth und Glanz erſt erhalten, wenn ſie von Ihnen getragen werden.“ „Come, Signore?“ rief Frau Mnndizia etwas ver⸗ wirrt, während ihr das Verlangen aus den Augen leuchtete. „Wie käme ich dazu, Geſchenke von Ihnen anzunehmen und von ſolchem Werthe?“ „O nehmen Sie immerhin, beſchämen Sie mich nicht durch einen Refus“, drängte Reindl, und Mun⸗ eizia ſchien bereits geneigt, ſeinem Drängen nicht länger zu widerſtehen, plötzlich aber, wie umgewandelt, legte ſie mit froſtiger Miene und entſchiedener Handbewegung den Schmuck zurück.„Perdonate, Signore, ſagte ſie,„ich kann Ihnen nicht zürnen, Sie kennen mich nicht, aber ich weiß, was ich mir ſelber ſchuldig bin.“ Verblüfft ſah der enttäuſchte Verehrer der raſch. — äÿÿäÿ 20 Enteilenden nach. Als er gewahrte, daß Doctor Grün⸗ wald eingetreten war und die Wirthin mit zierlicher Verbeugung an ihm vorüberſchritt, flog ein boshaftes Lächeln über ſein Geſicht. „Ah, jetzt begreife ich, der Hahn im Korbe hat mich verdrängt!“ murmelte er, indem er die Ohrringe in das Futteral legte und in die Taſche ſteckte. Auch dem Fremden ſchien die Ankunft des neuen Gaſtes nicht gleichgültig zu ſein. „Ah, ſieh da, Herr von Reindl!“ rief Grünwald mit ſchlecht verhehltem Spott.„Auch Sie hier? Ich wußte nicht, daß Sie zu den Morgengäſten dieſes Hauſes gehören, das früher Ihres Beifalls ſich nicht rühmen durfte!“ „Leider kann ich mich ſolchen Glückes auch jetzt noch nicht rühmen“, entgegnete Reindl in gleichem Tone. „Ich bin erſt einigemal hier geweſen, das jen de Louis qua- torze lockte mich; ich hab' es in Paris täglich geſpielt und wollte heute ebenfalls einen Partner dafür ſuchen, aber ich fand Niemand, der es verſtand. Das geiſt⸗ reiche Spiel iſt hier zu Land noch ſo gut wie unbe⸗ kannt. Ich habe daher zum Zeitvertreibe die Waaren dieſes Herrn betrachtet und einen kleinen Einkauf ge⸗ macht!“ „Ich bin deſſen Zeuge geweſen“, entgegnete Grün⸗ 21 wald,„und wünſche Ihnen Glück zu dem ſchönen Ein⸗ kauf, der Sie jedenfalls nicht in Verlegenheit ſetzen wird!“ „In Verlegenheit? Wie meinen Sie das?“ fragte Reindl gereizt. „Weil Sie ſogleich wiſſen, wo Sie ihn unterbringen können“, erwiderte Grünwald.„Sie dürfen ihn nur in das zierlich geflochtene Körbchen legen, das Sie mit eingekauft haben.“ Reindl hatte eine nicht minder ſpitze Erwiderung auf der Zunge, aber er verſchluckte ſie, nahm ſeinen Hut und verließ mit flüchtigem Gruße das Zimmer. „Eh bien“, ſagte er für ſich hin,„es iſt noch nicht aller Tage Abend, die Revanche ſoll nicht ausbleiben!“ Grünwald hatte im andern Zimmer ſeinen gewöhnlichen Platz eingenommen; er ſchien nachdenklich und gewahrte nicht einmal gleich, daß das Schenk⸗ mädchen die Suppe vor ihn hingeſtellt hatte. Als er aufblickte, ſah er den Kaufmann ſich gegenüber ſtehen. „Iſt Ihnen nichts von meinen Waaren gefällig, mein Herr?“ fragte derſelbe und ließ ſich durch Grünwald's Verneinung nicht abhalten, ſein Käſtchen auf dem Tiſche auszukramen. „Mein Gott! Welche Zudringlichkeit!“ murmelte * b — 22 dieſer unwillig vor ſich hin und wiederholte noch ent⸗ ſchiedener ſeine Weigerung.„Sie bemühen ſich um⸗ ſonſt, mein Herr“, ſagte er.„Ich bin Junggeſelle und Hageſtolz und nicht in der Lage, von ſolchen Dingen Gebrauch zu machen.“ „Das thut nichts“, entgegnete der Händler hart⸗ näckig.„Sie haben ohne Zweifel einflußreiche Verbin⸗ dungen und können mich empfehlen. Betrachten Sie— daher immerhin meine Waare! Kennen Sie mich denn wirklich nicht?“ ſetzte er leiſe hinzu, indem er ihm wie zu näherer Betrachtung eine Kette hinhielt. Der Doctor war nahe daran, einen Ruf der Ue⸗ berraſchung auszuſtoßen, faßte ſich aber und langte nach der Kette. „Wirklich ausgezeichnete Arbeit!“ ſagte er, auf das Spiel eingehend.„Das iſt unſtreitig Venetianerarbeit, nicht wahr? Um des Himmels willen, Pilgram“, ſetzte er haſtig hinzu, als die Kellnerin eben aus dem Zim⸗ mer gegangen war,„Sie ſind's! Sie haben ſich noch einmal hierher gewagt?“ „Wie konnte ich anders?“ entgegnete dieſer. „Meine Papiere ſind noch in Ihren Händen.“ „Allerdings“, flüſterte Grünwald.„Ein mir un⸗ bekanntes Mädchen hat ſie gebracht; wie ſie ſagte, die Pflegetochter des Oberfalkners in der Au, der heimlich 4 Goldmacherei getrieben und aus Furcht vor Entdeckung ſich geflüchtet haben ſoll. Wie kommen Sie doch zu der Bekanntſchaft?“ „Von alledem ſpäter“, erwiderte Pilgram.„Ich ſuchte Sie in Ihrem Hauſe auf und wurde hierher gewieſen. Erwarten Sie mich gegen Abend in Ihrem Garten und ſorgen Sie, daß wir allein ſind. Jetzt nur das Eine: was wiſſen Sie von dem Mädchen und ſeinem jetzigen Aufenthalt?“ „Nehmen Sie ſo großen Antheil an ihr?“ fragte Grünwald verwundert.„Ich weiß nur, was ich ſo eben geſagt, ich habe ſeitdem nichts mehr von ihr gehört oder geſehen!“ „Ich beſchwöre Sie“, rief Pilgram dringend,„ſtehen Sie mir bei, auf ihre Spur zu kommen. Ich war bereits in der Au und habe im Falkenhof nachgefragt. Niemand will etwas von ihr wiſſen. Sie iſt wie verſchwunden! Helfen Sie, Freund, das Glück meines Lebens hängt davon ab!“ „Ich habe Sie nicht blos körperlich nicht wiederer⸗ kannt“, ſagte Grünwald,„auch geiſtig finde ich Sie ſehr verändert! Damals ſo beſonnen und gelaſſen und jetzt dieſe Haſt, dieſe Unruhe—“ „Ich werde Ihnen Alles erklären, nur jetzt halten Sie mich nicht auf!“ rief Pilgram wieder.„Ich uuß 24 dieſen Abend noch aus der Stadt, länger dürfte ich vor Entdeckung nicht ſicher ſein, ich habe alſo nur noch einige Stunden Zeit, um nachzuforſchen. Jede Mi⸗ nute iſt koſtbar!“ „Ich kann Ihnen wirklich nicht im mindeſten behülflich ſein!“ ſagte der Doctor nachſinnend.„Ihre Papiere waren in einen Umſchlag verhüllt, den ich nicht geöffnet habe. Doch halt“, fuhr er ſich beſin⸗ nend fort,„wenn ich nicht irre, ſagte ſie, als ſie mir das Päckchen übergab, ſie würde die Stadt verlaſſen und es iſt mir wie ein flüchtiges Erinnern, als habe ſie den Geheimrath Kanzler Unertl genannt.“ „Das iſt genug!“ rief Pilgram freudig.„Habe ich nur erſt eine Spur, dann wird ſie mir nicht ent⸗ gehen. Wo finde ich den Mann?“ Der Doctor hatte die Frage kaum beantwortet, als ihn Pilgram unterbrach:„Man kommt! Laſſen Sie uns wieder das Geſchäft aufnehmen. Es iſt wirk⸗ lich nicht der Rede werth, was ich bei dem Handel gewinne“, ſagte er dann, indem er das Kettchen vor Gründwald hinlegte,„aber um denn doch ein Geſchäft zu machen, ſollen Sie ſie haben!“ Das Mädchen, das die Speiſen brachte, trat hin⸗ zu und blieb ſtehen, mit weiblicher Neugierde das Ge⸗ ſchmeide betrachtend. * 25 „Wohlan denn“, ſagte der Doctor,„ſo will ich es nehmen, aber ich bin nicht gewohnt, ſo viel Geld bei mir zu tragen, der Herr wird mir borgen und den Kaufpreis bei mir abholen müſſen.“ „Zu Ihrem Befehl, mein Herr“, ſagte der Kauf⸗ mann artig und packte ſein Käſtchen zuſammen, wäh⸗ rend der Doctor ihm die Wohnung bezeichnete und hinzufügte, daß er gegen Abend von ſeinen Kranken⸗ beſuchen heimkommen und ihn bei ſich erwarten werde. Pilgram ging, Grünwald achtete kaum auf ſeinen Gruß, ſei es, weil er das Spiel fortſetzen wollte, ſei es, weil in der Thür Frau Mundizia erſchien und den geehrten Gaſt mit ihrem liebenswürdigſten Lächeln be⸗ grüßte. Tiefſinnig ſaß Kanzler Unertl im Lehnſtuhle und blickte durch das Fenſter über ſeinem Arbeitstiſch in das kleine Stück freien Himmel hinaus, das ihm die Gie⸗ bel und Dächer der Nachbarhäuſer übrig ließen. War ſchon die Burggaſſe, in der er wohnte, eine der ruhig⸗ ſten der Stadt, ſo hatte er auch hier noch eine nach rückwärts liegende Stube ausgewählt, um womöglich von der ganzen Welt nichts mehr zu hören. Seit dem verhängnißvollen Tage von Nymphenburg hatte er ſich bei Hofe nicht mehr blicken laſſen; es war keine Un⸗ wahrheit, wenn er ſich als krank entſchuldigte, denn 85 26 das Ereigniß jener Tage hatte ihn ſchwer getroffen und die lang geſparte Kraft in ihren Grundfeſten erſchüt⸗ tert. Andererſeits wurde er auch nicht gerufen, Nie⸗ mand hatte Verlangen, ihn zu ſehen, da er den Einen nur hindernd, den Andern wie ein verkörperter ſtiller Vorwurf erſcheinen mußte. Er hatte in einem ruhig gehaltenen, ganz kurzen Schreiben gebeten, ihn in Gna⸗ den eines Amtes zu entheben, dem er in ſeinem Alter nicht mehr gewachſen ſei. Lange war ihm kein Be⸗ ſcheid zugekommen; erſt am Tage, an welchem der Kurfürſt die Hauptſtadt verließ, um ſich an die Spitze ſeines Heeres zu ſtellen und den Feldzug gegen Oeſter⸗ reich zu beginnen, erhielt er in gnädigſter Form die Abweiſung ſeiner Bitte. Der Kurfürſt könne ihn nicht entbehren, hieß es darin, gerade während ſeiner Ab⸗ weſenheit ſei es ihm eine Beruhigung, das Regiment in ſo treubewährten Händen zu wiſſen. Deſſenungeach⸗ tet war Unertl bei ſeinem Entſchluß geblieben, er hatte es als nutzlos aufgegeben, mit der Partei, deren Einfluß die Oberhand am Hofe bekommen hatte, den Streit fortzuſetzen; weil es der Wille des Landesherrn war, wollte er bis zur Rückkehr deſſelben in treuer Ergeben⸗ heit ſeine Pflicht thun, dann aber feſt auf ſeinem Ge⸗ ſuche beharren. Was ihn dazu bewog, war nicht der Starrſinn des Alters, das ſich der beſſern Anſicht blos 27 deshalb verſchließt, weil ſie Neues bringt, es war die vollſte Ueberzeugung ſeiner redlichen Seele, daß die betretene Bahn ſein geliebtes Baiernland wie deſſen Herrn nur ins Unheil führe. Ueberdies konnte ſich dieſe Rückkehr nicht lange verzögern, denn die Nach⸗ richten vom Kriegsſchauplatz lauteten mit jedem Tage günſtiger. „Gott gebe, daß es ſo iſt und bleibt“, ſagte er aufſeufzend, als er eben einen ſolchen Bericht geleſen und beiſeite gelegt hatte,„aber ich fürchte, der hinkende Bote kommt nach!“ Ein Diener, der ſeinem Herrn an Alter nicht viel nachgab, trat mit der Meldung ein, es ſtünden zwei Männer draußen, von denen jeder in dringenden An⸗ gelegenheiten den Herrn Kanzler zu ſprechen ver⸗ lange. „Den einen kenne ich nicht“, erwiderte er auf die Frage, wer ſie ſeien;„er ſagt, er ſei Kaufmann und Goldhändler aus Venedig, der andere iſt der alte Wert⸗ heimber, den Excellenz ſelber kennen.“ „Der Jude, der Wechsler?“ fragte der Kanzler, „der ja auch mit Goldwaaren handelt? Alſo zwei Goldſchmiede? Die laß nur alle zwei miteinander her⸗ ein! Das iſt ein Irrthum, meine Herren“, rief er dem zuerſt eintretenden Pilgram zu, hinter welchem der Wechsler, eine kleine gebückte Geſtalt mit echt jüdiſch geſchnittenem, aber klugem Geſichte beſcheiden hereinſchlich und ſich in eine Ecke ſtellte.„Der Herr meint ohne Zweifel, weil ich in hoher Stellung ſei, könnte er Geſchäfte mit mir machen? Dem iſt aber nicht ſo. Ich bin ein einfacher Mann und mein Haushalt iſt bür⸗ gerlich ſchlicht, koſtbare Schmuckſachen, wie Er ſie ver⸗ muthlich führt, ſind für mich ein Ueberfluß! Er aber, Wertheimber, hätte das wohl ſchon wiſſen und ſich einen unnützen Gang erſparen können!“ „Gott's Wunder“, entgegnete Wertheimber mit feinem Lächeln,„als wenn ein Jüd aus ſeiner Gaſſ' könnt' nur gehen heraus, zu ſchachern und zu machen Maſſamatten! Bin ich doch nicht gekommen zu holen Geld, ſondern will bringen, was iſt Geldwerth.“ „Auch ich denke nicht daran, Excellenz Juwelen oder Kleinodien anzubieten“, ſagte Pilgram,„ich komme vielmehr, mir Auskunft zu holen über ein Kleinod, das mir verloren ging!“ Verwundert ſchaute der Kanzler die beiden Be⸗ ſucher an und nahm dann die Schriften in Empfang, die Wertheimber ihm nickend entgegenhielt. „Dann erlaube der Herr, daß ich zuerſt den Ju⸗ den abfertige“, ſagte Unertl zu Pilgram.„Kann mir übrigens vorſtellen, was es ſein wird! Sind vielleicht 29 wieder einmal die Zinſen von den Geldern vergeſſen worden, die Er vorgeſchoſſen hat?“ Der Jude zog den Mund ſchief und warf einen liſtigen Seitenblick auf den Fremden.„Leſen Sie nur, Excellenz“, ſagte er.„Was werd' ich mahnen und ſorgen um ſolche Kleinigkeit! Iſt es mir doch ge⸗ weſen allemal eine große Chr', wenn Durchlaucht hat genommen von mir ein kleines Kapitälchen, wollt', es wären ein paar Millionen, wären in guten Hän⸗ den! Ich denk' mir, was iſt ſchuldig geblieben von Baiern der Kurfürſt, das werden zahlen der Erzher⸗ zog von Oeſterreich und der König von Böhmen und der Kaiſer vom römiſchen Reich.“ Der Kanzler hatte indeß die Blätter entfaltet; ſchon die erſten Zeilen hatten ſeine Aufmerkſamkeit voll⸗ ſtändig gefeſſelt, jedes folgende Wort machte ſie ſicht⸗ bar ſteigen. 4 „Wertheimber“, rief er in unverkennbarer Erre⸗ gung,„wie kommt dies Papier in Seine Hände? Wer hat das geſchrieben?“ „Warum?“ fragte Wertheimber unbefangen.„Iſt die Handſchrift nicht koſcher? Als es doch iſt die Hand⸗ ſchrift von meinem Sohn, dem Jakob, der iſt in Wien, daß er ſoll lernen die Handelſchaft bei meinem Bruder, dem Aaron Wertheimber, der hat ein großes Geſchäft 30 in Wien. Dort hat ihn geſehn ein großer Herr und hat ihm dictirt das Schreiben in die Feder, weil er hat wollen ſehn, wie er könnt' ſchreiben dictando. Iſt der große Herr doch geweſen zufrieden mit meinem Sohn Jakob und hat mir geſchickt das Geſchrift, das ich auch ſollt' haben meine Freud', was iſt geworden mein Jakob für ein geſcheidter Menſch! Excellenz ſind immer geweſen gnädig mit dem alten Wertheimber, und ſo habe ich gedacht, Sie werden ſich auch freuen über meine Freud', und hab⸗ Ihnen gezeigt das Geſchrift.“ „Wirklich?“ entgegnete Unertl, indem er lächelnd die Gewandtheit bewunderte, mit welcher der Jude Empfang und Sendung des Blattes zu erzählen wußte, ohne daß der anweſende Dritte irgend eine Vermu⸗ thung darüber gewinnen konnte.„Er hat ganz Recht gehabt, Wertheimber“, ſagte er dann,„ich freue mich ſehr über die Fortſchritte Seines Sohnes, grüß' Er mir den Jakob und laß Er mir die Schrift noch auf einige Zeit.“. „Gott's Wunder“, ſagte der Jud' mit vergnügtem Lachen,„können's Excellenz behalten ganz und gar!⸗ „So frag' Er morgen um dieſe Zeit wieder an“, rief Unertl dem Wechsler nach, der ſich mit demüthigem Bückling entfernte; dann trat er an den Tiſch und legte die Blätter auf denſelben und ſetzte bedächtig den 34 Schwerſtein darauf.„Warum nicht einige Wochen früher?“ rief er halb unwillkürlich und wandte ſich ſeinem zweiten Beſuche zu.„Was iſt nun des Herrn Begehr?“ ſagte er.„Wenn ich Ihn recht verſtanden habe, ſoll ich Ihm zu einem Kleinod verhelfen? Da iſt Er bei mir nicht am rechten Ort. Wenn Ihm, wie ich vermuthe, von ſeiner Waare etwas abhanden ge⸗ kommen, muß er zum Stadtrichter gehen.“ „Das Kleinod, das ich ſuche, iſt nicht von ſolcher Art“, erwiderte Pilgram,„darum erlauben Excellenz, daß ich erzähle, wie das zuſammenhängt.“ „Aber ich muß bitten, ſich kurz zu faſſen“, ſagte der Kanzler mit einem Blick auf das von Wertheimber gebrachte Papier. „Vor einem Monat hatten mich Geſchäfte nach München geführt“, begann Pilgram, indem er ſich dem Kanzler gegenüber in den angebotenen Stuhl niederließ. „Es war eine wichtige Rechtsangelegenheit mit einem mächtigen Gegner; durch ſcheinbar bereitwilliges Ent⸗ gegenkommen verlockt, begab ich mich an den zu einer Unterredung beſtimmten Ort, aber ich erkannte bald, daß man mir nur eine Falle gelegt hatte und darauf ausging, mich gefangen zu halten.“ „Wer iſt der Herr?“ unterbrach ihn der Kanzler ſtaunend. — 1 32 „Erlauben Excellenz, daß ich das noch verſchweige“, fuhr Pilgram fort.„Ein alter treuer Diener machte es mir möglich, zu entkommen, aber unbekannt mit der Oertlichkeit, wie ich war, wäre ich meinen Feinden und Verfolgern ſicher doch nicht entgangen, hätte nicht ein Mädchen ſich meiner angenommen und mir einen Zufluchtsort gewährt, den ſie nicht entdeckten und von welchem aus es mir gelang, bei Nacht glücklich und ungefährdet die Stadt zu verlaſſen. Das Mädchen kannte mich nicht, aber ſchon einige Tage zuvor war ſie meine Retterin geweſen, als das entrüſtete Volk mich mißhandeln wollte.“ „Das ſind ja merkwürdige Fata, die der Herr erlebt hat“, ſagte Unertl;„aber was ſoll ich mit alle⸗ dem zu ſchaffen haben?“ „Das werden Excellenz ſogleich erfahren“, erwi⸗ derte Pigram.„Damals in der Eile der Flucht und von Gefahr umgeben konnte ich nicht dazu kommen, dem Mädchen meinen Dank ſo auszuſprechen, wie ſie es verdient und wie mir ums Herz war. Auf die Gefahr hin, erkannt zu werden und meinen Feinden in die Hände zu fallen, kam ich daher heut' wieder in die Stadt, um ſie aufzuſuchen und das Verſäumte nachzuholen. Ich fand ſie nicht mehr in ihrer Woh⸗ nung, Niemand wußte andern Beſcheid, als daß ſie 33 München verlaſſen habe, und nun bin ich hier, um zu erfahren, wo ſie ſich befindet, denn Excellenz ſollen der Einzige ſein, der ihren Aufenthalt kennt!“ „Ich?“ fragte Unertl ſtaunend.„Wie ſollte ich dazu kommen? Wer iſt das Mädchen?“ „Ich weiß nicht mehr von ihr, als daß ſie die Pflegetochter des Oberfalkners jenſeits der Iſar iſt und Kordula heißt.“ „Wie, die Kordel, meiner Frau Taufpathin?“ rief der Kanzler aufſpringend.„Da habe ich's alſo doch klug gemacht, daß ich ſie von hier fortgeſchickt habe. Und jetzt ſoll ich dem Herrn nur ſo heraus ſagen, wo ich ſie glücklich verſteckt habe? Gebe ſich der Herr keine Mühe, von mir erfährt er nichts! Iſt Er am Ende der angebliche Falkner, der ſaubere Karl Fürſt, der das Mädchen betrügen wollte und den kein Menſch auffinden konnte?“ „Der bin ich nicht“, entgegnete Pilgram,„meine Abſichten auf das Mädchen ſind beſſerer Art.“ „So?“ ſagte Unertl, indem er ihn forſchend be⸗ trachtete.„Aber Er weiß doch von der Geſchichte, wie es ſcheint? Kennt Er den Mann? Kann Er ihn nennen?“ „Ich kenne ihn, aber nennen darf ich ihn nicht“, ſagte Pilgram.„Ein Geheimniß, das mich der Zufall 3 Schmid, Concordia. III. 34 kennen lernen ließ, iſt mir ſo heilig, als wäre es mir anvertraut worden!“ „Er iſt ein ſonderbarer Menſch, aber Er hat et⸗ was an ſich, daß man meint, Er könne nicht lügen“, ſagte Unertl.„Was für beſſere Abſichten hat Er mit der Kordel?“ „Ich will ſie zu meiner Frau machen“, war Pil⸗ gram's offene Antwort.„Ich bin in Verhältniſſen, daß ich ihr ein ſorgenloſes, angenehmes Leben bieten kann, ich will Alles mit ihr theilen aus Dankbarkeit und Liebe, habe ihr auch ſchon damals meinen Antrag gemacht.“ „So? Und was hat ſie geantwortet?“ fragte Unertl geſpannt. „Sie ſchlug meinen Antrag aus“, entgegnete Pil⸗ gram ernſt.„Die Ungleichheit des Glaubens ſchien ihr ein unüberſteigliches Hinderniß.“ „Der Herr iſt alſo lutheriſch?“ rief Unertl, der den jungen Mann mit ſteigender Aufmerkſamkeit be⸗ trachtete. „Das war eine Entſcheidung“, fuhr Pilgram fort, „im Drang des Augenblicks, im Scheiden gegeben. Ich kann mich dabei nicht beruhigen, ich will Kordel noch einmal ſehen, will meinen Antrag wiederholen, und deshalb bitte ich, nennen Sie mir ihren Aufenthalt!“ 35 „Und ich ſoll nicht einmal wiſſen, wer der Herr iſt?“ fragte Unertl. „Ich bitte, nicht in mich zu dringen“, entgegnete Pilgram,„erſparen Sie mir, das Begehren abſchla⸗ gen zu müſſen.“ „Er iſt wirklich ein eigener Menſch!“ ſagte Unertl und trat hart vor ihn hin.„Er iſt von lauter Ge⸗ heimniſſen umgeben und verlangt, daß ich ihm das meinige ſo geradezu heraus ſage, aber es iſt etwas an Ihm, was mir gefällt, und Sein Geſicht mahnt mich auch, als ob ich ſchon einmal ein ſolches geſehen hätte. Ich will Ihm glauben, aber wo die Kordel iſt, erfährt Er doch nicht, ſo weit geht mein Glauben nicht; ich ſetze kein Mißtrauen in Ihn, aber von da bis zum Vertrauen iſt noch ein weiter Schritt!“ „So ſtellen Sie mich auf die Probe und laſſen Sie mich Ihr Vertrauen verdienen“, rief Pilgram. „Fordern Sie einen Beweis. Geben Sie mir einen Auftrag und ich werde zeigen, daß That und Wort bei mir zuſammenſtimmen!“ „Auf die Probe ſoll ich Ihn ſtellen?“ ſagte Unertl nachdenkend und blickte nach den von Wertheimber ge⸗ brachten Schriften hinüber.„Dazu könnte wirklich Rath werden. Will Er eine geheime Botſchaft über⸗ nehmen? Ich brauche einen treuen und muthigen Mann, 3*½ 36 der einen Brief ins Lager Seiner Kurfürſtlichen Durch⸗ laucht nach Linz ſogleich und ſicher überbringt. Will Er das unternehmen?“ „Mit Freuden“, entgegnete Pilgram. „Es iſt aber nicht ſo leicht, als Er vielleicht denkt“, ſagte Unertl.„Es hat Eile und der Weg iſt weit, Er muß ſehn, wie Er durch die Armeen hindurchkommt, Niemand darf wiſſen, wer Er iſt und was Er bringt. Auch zum Kurfürſten zu kommen wird ſchwer halten, und doch muß Er ihm den Brief ſelbſt in die Hand geben und ohne daß es Jemand ſieht. Getraut Er ſich das auszuführen?“. „Ich unternehme es“, ſagte Pilgram feſt;„ich bringe Seiner Durchlaucht die Botſchaft, ſo wie Sie es wünſchen, oder ich komme nicht wieder. Wenn ich aber wiederkomme—“ „Wenn Er wiederkommt“, unterbrach ihn Unertl freundlich,„dann will ich Ihn wirklich für das halten, für was man Ihn gern halten möchte, wenn man Ihn ſieht, dann werde ich Ihm ſagen, wo das Mädel iſt.⸗ „Dank, herzlichen Dank ſchon im voraus“, rief Pil⸗ gram.„Wenn ich nur nicht zu ſpät komme; Ihren Reden nach muß ich fürchten, daß ſie den Schleier nehmen will.“ Der Greis ſah den Jüngling mit Wohlgefallen an.„Das thut ſie nicht ohne mich“, ſagte er,„die Kloſtergedanken werden ihr wohl vergehen, wie mir ſcheint; zur Vorſorge aber werde ich ihr ſchreiben und einen Wink geben von dem geheimnißvollen Beſuche, der ſich ſo dringend nach ihr erkundigt hat. Jetzt aber gehe der Herr, rüſte Er ſich zur Reiſe. Er muß ſich heute noch auf den Weg machen! Wo logirt Er denn?“ „Ich hielt es für gerathen“, entgegnete Pilgram, „nicht in der Stadt zu wohnen und habe meine Pferde im nächſten Dorfe vor dem Unſerherrnthor einge⸗ ſtellt.“ „Gut, dann gehe Er heute Schlag ſieben Uhr, wenn der Einlaß geſperrt wird, durch das Thor, als wenn er ſpazieren gehen wollte. Ich werde es auch thun, werde mich aber anſtellen, als wenn ich Ihn nicht kennte, Er macht's auch ſo, und draußen gebe ich Ihm den Brief.“ Pilgram eilte hinweg, Unertl ſah ihm theilnahme⸗ voll nach.„Da ſcheint einmal die hübſche Schale nicht zu lügen und auch einen tüchtigen Kern, zu bergen“, ſagte er;„ich glaube, ich habe da den rechten Boten gefunden und den rechten Jäger für mein verſprengtes Reh! Mag er glücklich wiederkommen und etwas aus⸗ richten; es iſt noch eine Hoffnung, freilich eine ſchwache, es iſt ſchon zu weit gekommen, aber eine Hoffnung iſt es doch! Sonderbar, ich hatte es doch bei mir ſelbſt verſchworen, mich je noch in Staatshändel zu mengen, aber ich kann es nicht übers Herz bringen, ich habe mein liebes Baiern gar zu gern!“ Der Abend brach in ſo ſeltener Schönheit an, daß er ſogar auf dem Garten hinter dem alten Pilgram⸗ hauſe wie eine Glorie lag, obwohl in demſelben zwi⸗ ſchen den rings einſchließenden Mauern und Giebeln nichts ſichtbar war als ein Stück blauer ſonnendurch⸗ leuchteter Himmel, in dem bereits ein Stern aufblitzte, wie ein Auge der Liebe, das auf die dunkelnden Schat⸗ ten und den einſamen Mann niederſah, der ſich Tiſch und Stuhl aus der dämmerigen Sennhütte getragen und ein Buch vor ſich liegen hatte, auf das er ſo ver⸗ tieft niederſah, als habe er vor, es noch vor Einbruch der Dämmerung zu Ende zu bringen. Den Kopf in die Hände geſtützt, ſaß Grünwald unbeweglich, aber ſeine Seele war nicht in den Augen. Seit geraumer Zeit ſchienen die ſonſt ſo ſtreng geſchulten Gedanken den Gehorſam verweigern zu wollen; ſie flatterten von den ernſthaften Studien hinweg zu heiter tändelnden Geſprächen und malten zwiſchen die Zeilen und Buch⸗ ſtaben ein verführeriſch lachendes Angeſicht, das ihn fragend anſah, was es ihm denn zu Leide gethan, daß 39 er es wie einen Feind von ſich zu ſcheuchen verſuche. Nach einer Weile fuhr er erſchrocken aus dem Sinnen auf— unweit von ihm war ein Apfel zu Boden ge⸗ fallen.„Zu früh!“ ſagte er, indem er hinzutrat und ihn aufhob.„Noch iſt die Zeit der Reife für dich nicht gekommen, in der du zum Genuß dienen und Keim und Kern für neue Früchte und Bäume geben könnteſt Nun iſt es vergebens, daß du einmal eine Blüte warſt; nun haben Regen und Sonnenſchein ſich nutzlos um dich bemüht, nun iſt es, als ob du nicht geweſen wärſt! Was hat dich vom Zweige gelöſt, ehe deine Stunde gekommen war? Du biſt doch ſchön wie einer deiner Brüder; dieſes zarte, duftige Roth läßt nicht ahnen, was du birgſt. Wurmſtichig!“ fuhr er fort, indem er den Apfel zerſchnitt und ins Gebüſch warf.„Freilich, den geheimen Feind vermochteſt du nicht zu beſeitigen, du trugſt ihn in dir!“ Sein Gedankengeſpräch war all⸗ mälig laut geworden. „Was hör' ich?“ ſagte Pilgram, der unbemerkt durch den Garten und die Büſche herangekommen war. „Sie philoſophiren über einen wurmſtichigen Apfel?“ „Warum nicht?“ entgegnete Grünwald, indem er ihm die Hand zum Gruße reichte.„Es laſſen ſich große Gedanken wohl an noch geringere Dinge knüpfen! Der halb entwickelte Apfel muß es dulden, daß ein Inſekt 40 ihn anbohrt und ihm das Ei aufzwingt, aus welchem ſeiner Zeit der Wurm kriecht, den er zum eigenen Verderben nähren muß: auch der Menſch kann ſolch einen Inſektenſtich erleben, kann ſolch einen Wurm in ſich tragen und kann fühlen, wie er ſich ins Innere einwühlt— muß auch der Menſch deshalb vor der Zeit wurmſtichig abfallen? Sollte er, der doch ſo viel höher ſteht, nicht die Macht haben, ihm den Kopf zu zer⸗ drücken?“ „Sie ſind verſtimmt, mein Freund“, ſagte Pil⸗ gram, indem er ſich neben Grünwald niederließ,„ich glaubte es ſchon heute im Kaffeehauſe zu bemerken, Sie ſind nicht ſo friſch wie ſonſt. Ihre Rede war ſonſt wie ein kräftiger Luftzug, ſchneidend mitunter, aber friſch. Es ſcheint, Sie haben den ſichern Lebensmuth verloren, während ich auf dem Wege bin, ihn zu er⸗ werben.“ „Das glückliche Vorrecht Ihrer Jahre“, ſagte Grünwald, ohne auf den ihn betreffenden Theil der Rede einzugehen.„Folgen Sie immerhin dem Zuge Ihres Herzens; laſſen Sie blühen, was da blühen will und kann. Sie ſtehen mitten in Ihrer Blüten⸗ zeit. Sie holen nicht mehr ein, was Sie jetzt ver⸗ ſäumen!“ „Ihre ausweichende Widerlegung beſtätigt meine — 41 Vermuthung“, rief Pilgram.„Was hat Sie betroffen? Darf ich nicht erfahren—“ „Laſſen Sie verhüllt“, rief der Doctor lebhaft abwehrend,„was vielleicht am beſten verhüllt bleibt oder doch zur Enthüllung noch nicht reif iſt. Küm⸗ mern Sie ſich nicht um meine wurmſtichigen Aepfel, ſagen Sie mir lieber, wie es Ihnen ergangen. Haben Sie Ihren Zweck erreicht? Faſt möchte ich's glauben; Ihr Auge ſieht freier als dieſen Morgen.“ „So iſt es auch in der That“, ſagte Pilgram. „Sie haben mich den rechten Weg gewieſen; ich war bei dem Kanzler und habe mit ihm geſprochen.“ „Und wiſſen jetzt, wo das Mädchen iſt?“ „Das nicht, aber ich weiß jetzt, daß es ihr wohl ergeht, daß ſie gut aufgehoben iſt, daß ich ſie wieder⸗ ſehen werde und daß es in meiner Macht ſteht, dieſes Wiederſehen herbeizuführen.“ „Ich wünſche Glück“, ſagte Grünwald mit herz⸗ lich theilnehmenden Blicken,„aber laſſen Sie uns vor allem zum eigentlichen Zweck Ihres Hierſeins kommen und nehmen Sie die mir anvertrauten Papiere in Empfang. Hier ſind ſie, wie ſie mir übergeben wur⸗ den“, fuhr er fort, indem er aus der Tiſchlade ein ſchon bereit gehaltenes Bündel Papiere hervorzog, das mit einer Schnur umwunden war.„Sie ſind wohl 42 verwahrt, wie Sie ſehen. Die Schnur iſt in jener Art verknüpft, die man Liebesknoten nennt.“ „Der Umſchlag iſt nicht von mir“, ſagte Pilgram, indem er den Knoten löſte und die Papiere raſch überblickte.„Es iſt Alles genau in derſelben Ordnung. wie ich es übergeben hatte, ich möchte darauf ſchwö⸗ ren, die Verwahrerin hat keinen Blick auf den Inhalt geworfen.“ „Das iſt allerdings viel für ein Mädchen“, ſagte Grünwald,„indeß ſchien ſie mir, wie ich offen geſtehen muß, obwohl ſehr einfach und gewöhnlich gekleidet, überhaupt nicht von gewöhnlichem Schlage zu ſein. Unſere Unterredung war aber ſo kurz, daß ich von ihrer Erſcheinung nur ein höchſt flüchtiges Bild be⸗ wahrt habe. Anfänglich beachtete ich ſie kaum, ich hielt ſie für eine hülfeſuchende Kranke, wie ſie täglich in meine Behauſung kommen; als ſie mir dann die Pa⸗ piere übergab und Ihren Namen nannte, ſchenkte ich ihr freilich volle Aufmerkſamkeit, aber kaum hatte ſie mit wenigen halb verwirrten Worten, auf den Wangen die unnachahmliche Farbe der Unſchuld, erzählt, wie ſie zu dem Auftrage gekommen, als ſie ſchon wieder entſchwunden war, eintretende Krankenbeſuche hatten ſie verſcheucht! Ich hatte nicht einmal Namen und Wohnung erfragt und weiß alſo von Allem, was da⸗ 43 mals vorgefallen, nichts. Ich will mich auch jetzt nicht in Ihr Vertrauen drängen, das wiſſen Sie“, ſetzte er hinzu,„aber ich verhehle nicht, mich verlangt zu wiſ⸗ ſen, wie das Mädchen in Ihren Lebensweg getreten, welche Bedeutung Ihnen dieſes Zuſammentreffen mit ihr hat, wie es Ihnen damals in Pilgersheim er⸗ gangen.“ Pilgram, noch immer mit dem Päckchen beſchäftigt und darin blätternd, nahm keinen Anſtand, den Wunſch des Freundes zu erfüllen, und erzählte dem eifrig Lau⸗ ſchenden, indeß die durch den Klingelzug herbeigerufene, früher ſo geſprächige Haushälterin ſchweigend und mürriſch eine Flaſche Wein mit Gläſern herbeibrachte. Schon war Pilgram bei der Erzählung des Abſchieds angelangt, als ſein Blick auf die innere Seite des Umſchlags fiel, die er bisher nicht näher beachtet hatte, und er plötzlich erröthend inne hielt. „Was iſt Ihnen?“ fragte Grünwald. „Eine Kleinigkeit“, bemerkte Pilgram;„ich ge⸗ wahrte nur auf dem Umſchlag einige Zeilen, einen Reimſpruch, den ich früher nicht wahrgenommen hatte.“ „Einen Reimſpruch?“ fragte Grünwald.„Sieh da, wie ſinnig, das iſt wohl ein Gruß Ihrer Retterin? Und wie lautet denn das Sprüchlein?“ Pilgram erröthete wieder und las: 44 „Und wenn man ſich nimmer Auf der Welt ſehen ſoll, Hats' Jemand gut mit Dir g'meint, Thut das Drandenken wohl.“ „Ein alter Reim, den ich ſchon auf Oſtereiern geleſen habe, aber er iſt gut und herzlich“, ſagte Grün⸗ wald, der Pilgram nicht aus den Augen gelaſſen;„aber nun können Sie den Schluß Ihrer Erzählung ſparen, Ihr ſchönes Erröthen hat Sie verrathen, der Wider⸗ ſchein von außen zeigt, daß es drinnen brennt. Sie lieben das Mädchen.“ „Ja, ich liebe ſie“, entgegnete Pilgram warm; „ich empfand das im erſten Augenblick, mit jedem fol⸗ genden war es mir klarer und die Ueberzeugung in mir feſter geworden, daß das Glück des Lebens nur an der Seite dieſes kindlich einfachen und doch ſo ge⸗ müthreichen Mädchens meiner wartet. Als ich von hier entfliehen mußte, eilte ich in meine Heimat nach Thüringen; mein Vater hatte dort von dem Reſt ſeines Vermögens ein Landgut erworben, das er in glücklicher Zurückgezogenheit an der Seite meiner guten Mutter bewirthſchaftete und das ich nun mit ihr bewohne. Es iſt ſchön am Strande der Saale, mein Freund, es iſt eine Heimat, die man ſo recht von Herzen lieben kann; das fühlte ich ſo recht, als ich ſie wiederſah 7 45 und doch fand ich mich nicht mehr ſo ganz heimiſch, denn ſie fehlte mir; erſt wenn ſie dort an meiner Seite wandeln und ſchalten wird, wie meine Mutter gethan, erſt dann wird mein Wunſch nicht mehr hinausfliegen über die engen Grenzen meiner Beſitzung“ „Beatus ille, qui procul negotiis“, ſagte Grün⸗ wald herzlich, indem er Pilgram's Hand faßte und drückte.„Freund, Sie haben das beſte Theil erwählt! Mögen Sie Ihr Ideal erreichen und es Ihnen in der Umarmung nicht wie Ixion's Wolke zerrinnen! Vergeſ⸗ ſen Sie auch darüber nicht, auf Ihrer Hut zu ſein. Sie haben viel gewagt, nochmals hierher zu kommen!“ „Ich kann deshalb auch nur kurze Zeit bleiben“, entgegnete Pilgram;„ehe man meiner recht gewahr geworden, muß ich ſchon wieder verſchwunden ſein und will es auch. Uebrigens iſt mir vor Entdeckung nicht bange, haben Sie doch ſelbſt mich nicht erkannt!“ „Darauf möchte ich mich nicht zu ſehr verlaſſen“, rief Grünwald haſtig,„Augen, die Haß und Eigennutz ſchärfen, dringen tiefer als die der Freundſchaft!“ „Immerhin“, rief Pilgram,„was wagt die Liebe nicht! Sie freilich wiſſen das nicht, Sie können es nicht wiſſen, wie unwiderſtehlich die Liebe baut!“ „Was macht Sie deſſen ſo gewiß?“ fragte der Doctor bedächtig. 46 „Ich muß es mindeſtens glauben“, ſagte Pilgram, „ſonſt wären Sie wohl nicht unvermählt geblieben.“ „Dieſer Syllogismus iſt zwar ſehr hinfällig, aber Sie haben dennoch Recht, mein Freund“, ſagte Grün⸗ wald ergriffen, indem er ſein Glas erhob und den Freund mit ihm anzuklingen einlud.„Ich habe noch nie ſo ſehr den tiefen Sinn des alten Sprichworts verſtanden, daß jung gefreit niemals gereut. In meine Studien vertieft, hatte ich die Welt und daß ich in ihr allein war, vergeſſen. Ich war mir ſelbſt ge⸗ nug, was Wunder, daß die Welt mich allein mir ſelbſt überließ? Der Fluß folgt ſeinem Bette, unbekümmert um das Zweiglein, das außerhalb der Strömung ans Ufer getrieben ward und dort liegen blieb! Seien Sie glücklicher, mein Freund, Ihnen iſt erſpart, den Früh⸗ ling im Herbſte zu erleben! Wohl iſt er auch da noch ſchön, aber es iſt und bleibt immer betrübend, wenn der Kopf mit dem Herzen hadern muß. In meinen Kna⸗ benjahren, als ich noch in München auf der Schule war und in die Ferien nach Hauſe ging zu meinen Eltern in das einſame Wolfrathshauſen, da erlebte ich es einmal, daß in der Vacanzzeit, im tiefen September, ein ſchöner, mächtiger Kirſchbaum, der in unſerm Garten ſtand und reichliche Frucht getragen hatte, von dem ungewöhnlichen Spätſommer gelockt, noch einmal 47 Blüten trieb und übervoll daſtand, wie ein koloſſaler Blumenſtrauß. Ich freute mich kindiſch auf die Früchte, denn von den erſten hatte ich nichts bekommen; es war auch wirklich eine kindiſche Freude, denn nach wenigen Tagen kam der October mit den kalten Reif⸗ nächten. Die weißen Blütenblätter hingen verbrannt und gebräunt an dem Baume und fielen häßlich ab. Darum noch einmal, ſeien Sie glücklicher! Sie ſind in der Blütezeit, laſſen Sie blühen, was blühen mag!“ Die Gläſer klangen freudig an einander, in den hellen Klang aber miſchte ſich ein ſtärkerer von ganz anderer und unheimlicher Art, wie Aufſtoßen von Ge⸗ wehren, wie ſchwere gleichmäßige Schritte, die eilig näher kamen; ehe der Doctor nach der Urſache forſchen konnte, war ſie ſchon von ſelbſt klar geworden. Zu beiden Seiten des Gartens aus jedem Gange trat ein vollkommen bewaffneter Soldat, in der Mitte erſchien ein Gefreiter mit einigen andern, den Kammerrath Hufnagel geleitend, der den Hut auf dem Kopfe mit höhniſchem Uebermuth auf Grünwald zuging. „Im Namen Kurfürſtlicher Durchlaucht! Der Herr Obermedicus iſt bis auf Weiteres in ſeiner Behauſung internirt“, ſagte er,„und wird mir folgen, ich werde Wachen an die Thüren ſtellen.“ „Mit welchem Rechte dringen Sie ſo in meine Behauſung?“ rief Grünwald entrüſtet.„Zu dieſem Gewaltſtreich hat Sie Durchlaucht gewiß nicht er⸗ mächtigt!“ „Das war auch nicht nöthig“, entgegnete der Kammerrath.„Da Seine Durchlaucht ſich im Felde befinden, haben Ihre Durchlaucht die Frau Kurfürſtin zu befehlen.“ „Ah, ich begreife“, ſagte Grünwald,„das iſt ein lange geſponnener Faden; man hat die Abweſenheit des Kurfürſten abgewartet, um eine Schlinge daraus zu machen. Aber Ihr ſollt Euch getäuſcht haben, Ihr Ränkeſpinner! Was wollen Sie von mir, was gibt man mir ſchuld?“ „Solches wird man immerhin früh genug und unliebſam genug erfahren“, ſagte der Kammerrath. „Man iſt heimlicher Umtriebe beſchuldigt, geheimer ſtaats⸗ und religionsgefährlicher Verbindungen.“ „Sie ſpielen eine Rolle, Herr Kammerrath, deren Verächtlichkeit nur durch ihre Lächerlichkeit überboten wird“, ſagte Grünwald.„Wer iſt ſo thöricht, ſolche Beſchuldigung gegen einen unbeſcholtenen Mann und erprobten Vaterlandsfreund zu erheben?“ „Man hoffe nicht, durch ſolchen Schein von Un⸗ befangenheit zu täuſchen“, ſagte Hufnagel,„man iſt ſein eigener Ankläger geworden! Hier iſt der Beweis, 49 das eigenhändig geſchriebene Verzeichniß der Mitglieder der Verſchwörung, oder will man ſeine Handſchrift ableugnen? Jetzt bin ich hier als beſtallter Comiſſarius, um die Wohnung und die Scripturen des Herrn zu viſitiren und die weiteren Spuren und Fäden der Ver⸗ ſchwörung zu verfolgen. Dann wird der Herr wohl bald die Vergeblichkeit ſeines Leugnens einſehen und ſeine Complicen nennen, die unter den hier aufgezeich⸗ neten falſchen Namen gemeint ſind, wer dieſer Ema⸗ nuel von Heldenmark iſt, dieſer Streithart von Pur⸗ purbach, dieſer Adelbert von Kannſtein?“ Grünwald lachte grimmig auf.„Das iſt's alſo“, rief er,„das iſt das ganze Schreckniß, das Ihr zuſam⸗ mengeſtoppelt habt? Ich erinnere mich wohl, dies Blatt verloren zu haben und, wie ich vermuthe, an einem Orte, wo auch Sie zugegen waren. Nicht genug alſo, daß Sie zu dieſem Geſchäfte, das ſonſt nur einem Gerichtsbeamten zuſteht, ſich gedrängt, Sie haben auch ſelbſt den Spion und Angeber gemacht. Doch der Ge⸗ walt muß ich mich fügen. Thun Sie daher, was Sie glauben verantworten zu können.“ 8 Die Soldaten traten näher, um Grünwald in die Mitte zu nehmen; Hufnagel wollte ſich anſchließen, als er Pilgram bemerkte. „Was will man hier?“ ſchrie er ihn an.„Wer iſt man?“ Schmid, Con orvia. I1I. t Pilgram hatte Zeit genug gehabt, ſich auf eine Antwort vorzubereiten, da er erwarten mußte, daß die Reihe, befragt zu werden, auch an ihn kommen werde; es ſchien ihm das Gerathenſte, ſich in keine langen Verhandlungen einzulaſſen, deshalb antwortete er, auf den raſch durſchauten Charakter des Fragers bauend, mit einer langen, ſchnell geſprochenen Rede in italieni⸗ ſcher Sprache. „Was iſt das für ein dummes Gewelſch?“ ent⸗ gegnete Hufnagel ärgerlich und heimlich wegen ſeiner Unwiſſenheit beſchämt. „Erlauben der Herr Commiſſarius, daß ich die Sache aufkläre“, ſagte Grünwald, auf Pilgram's Ge⸗ danken eingehend.„Dieſer Herr iſt ein italieniſcher Kaufmann, der mit Goldwaaren handelt; ich habe ihm heute etwas abgekauft und er iſt nun gekommen, das Geld abzuholen.“ Pilgram hatte ſein Käſtchen geöffnet und zeigte die Schmuckſachen, indem er ſeine Papiere hervorzog, als wolle er ſie überreichen, und eine noch raſchere italie⸗ niſche Erörterung beizufügen begann. „Laß mich der Herr aus mit ſeinem Ge⸗ ſchreib“, fuhr ihn Hufnagel an.„Mache Er, daß Er weiter kommt! Meint Er, ich habe Zeit, mich auch noch mit Ihm abzugeben? Gefreiter, führe Er 51 den Welſchen an das Thor, die Wache ſoll ihn hin⸗ auslaſſen!“ Es war nicht möglich, dem Freunde noch ein Wort zu ſagen oder einen Blick zuzuwerfen; mit kur⸗ zem Gruße, raſch dem Führer folgend, entfernte ſich Pilgram.* Am Thore ſtand der Trabant Stuhlreiter mit einigen Genoſſen, denen er triumphirend erzählte, wie es ihm nun doch gelungen ſei, dem übermüthigen Ober⸗ medicus, den er ſchon lange auf dem Strich gehabt, eins anzuhängen, daß er ſo geſchwind nicht loskom⸗ men werde. „Jetzt habe ich's ihm eingetränkt“, rief er,„daß er mir den Ketzer, den ich ſchon am Bandel hatte, wieder abgejagt hat! Jetzt ſoll er ſchauen, wie er ſich ſelbſt durchreißt. Ihr müßt wiſſen, daß ich es geweſen bin, der hinter die ganze Verſchwörung gekommen iſt. Ich habe die alte Regerl, das Nußweib, angelernt, in die Geſellſchaft hineinzugehen und zu ſchauen, ob ſie nichts erwiſchen kann; richtig hat das alte Fegeiſen die Liſte gebracht, wo die Namen von allen den Ver⸗ ſchwornen drauf geſchrieben ſtehen. Ich aber bin dies⸗ mal pfiffiger geweſen und hab' das Ding nicht dem Stadtrichter gebracht, von dem man auch nicht recht weiß, zu wem er hält, und der es vielleicht wieder 4* 52 vertuſcht hätte, ich bin zu dem hochwürdigen Pater Roſe, dem Beichtvater Seiner Durchlaucht, gegangen, der hat's am rechten Ort angebracht, ehe er mit Seiner Durchlaucht ins Feld gezogen iſt. Jetzt iſt das Don⸗ nerwetter unverſehens von oben heruntergekommen. O ich bin nicht auf den Kopf gefallen, und wenn einer glaubt, daß er mich zum Narren halten kann, der iſt ſchief gewickelt!“ „Der welſche Herr da paſſirt“, ſagte der Gefreite herankommend,„der Herr Commiſſarius hat's geſagt!“ „Nur zu“, entgegnete Stuhlreiter, ohne dem Hin⸗ austretenden auch nur einen Blick zuzuwenden.„Wir brauchen keine Welſchen, was wir haben wollen, das haben wir ſchon.“ Eben wollte er die Erzählung ſeines gelungenen Streichs von vorn beginnen, als durch die ſchon ſtark dämmerige Straße Wallner keuchend und faſt athemlos herangelaufen kam. „Gott ſei Dank, daß ich Euch noch treffe!“ rief er ſchon von weitem.„Es iſt alſo nicht zu ſpät; der Vogel kann noch nicht ausgeflogen ſein!“. „Nein, der Vogel iſt gehörig eingehäuſelt“, lachte Stuhlreiter.„Der Herr Kammerrath läßt ihn nicht mehr aus, jetzt wird zud die Wohnung durchgeſucht.“ „Ich rede ja nicht von dem Doctor“, ſagte Wall⸗ — — ner.„Was geht mich der Doctor an! Den Andern mein' ich, den Luthriſchen, der uns dort ausgekommen iſt in Pilgersheim.“ „Was?“ rief der Trabant und war nahe daran, vor Schrecken die Hellebarde fallen zu laſſen.„Was ſolls mit dem Luthriſchen ſein?“ „Was ſonſt“, rief Wallner,„als daß er wieder in der Stadt iſt, daß ich ihn heut ſelbſt geſehen haby. Den ganzen Tag hab' ich nach ihm gefragt und jetzt hab' ich's erſt herausgebracht, daß er heut' in dem neuen Kaffeehaus war und ſich mit dem Obermedicus zuſamm beſtellt hat; er iſt verkleidet da als welſcher Kaufmann.“ „Als welſcher Kaufmann?“ ſchrie Stuhlreiter wüthend und ſtieß die Hellebarde aufs Pflaſter, daß es Funken gab.„O ich hölliſcher Dummkopf! Da möchte man ſich doch jedes Härlein ausraufen vor Zorn. Jetzt iſt er uns wieder ausgekommen— einen ſolchen Welſchen hat der Herr Commiſſar grad' zum Thor hinausführen laſſen.“ Rathlos ſtanden die Wächter beiſammen; es war vergebens, den Geſuchten zu verfolgen, man hatte keine Spur, keine Richtung, kein Zeichen des Erkennens, überdies war es bereits dunkel geworden und auf den Frauenthürmen ſchlug eben der Glockenhammer die 54 ſiebente Stunde an. Mit dem letzten Schlage kam Pilgram an der einen Seite der Schwabingergaſſe ge⸗ gen das Unſerherrnthor heran, gleichzeitig nahte ſich Unertl auf der andern Seite, daß ſie am Thore zu⸗ ſammentrafen, das der Thorwart eben ſchließen wollte. „Laß Er mich noch hinaus“, ſagte Unertl zu dem Mann, der die Mütze von dem Kopfe bis auf den Boden zog.„Der Abend iſt ſchön, ich will noch ein wenig ſpazieren gehen. Laß Er mich nicht zu lange klopfen, wenn ich wiederkomme.— Guten Abend, mein Herr“, fuhr er, Pilgram wie einen Fremden begrüßend, fort.„Sie wollen auch noch Luft ſchöpfen, wie es ſcheint? Recht ſo! Angenehme Unterhaltung!“ Beim Eintritt in den finſtern Thorbogen hielt er nochmals an und rief:„Halt, Herr, Sie haben etwas verloren!“ Damit reichte er ihm das verabredete Schrei⸗ ben. Pilgram nahm es dankend, und ohne ſich weiter nach einander umzuſehen, ging jeder draußen ſeine Straße. Der Thorwart aber ſchob emſig den Riegel vor und hing bedächtig die ſchweren Schlöſſer daran. In denſelben Tagen waren große Dinge geſchehen. Kurfürſt Karl Albert hatte den Degen gezogen, hatte ſein Heer in drei anſehnlichen Abtheilungen geſammelt und war damit gegen die Donau aufgebrochen; zu gleicher Zeit gingen franzöſiſche Hülfscolonnen über 55 den Rhein und zogen in Eilmärſchen dem Innſtrome zu, ſtattliche Regimenter zu Fuß und zu Roß, alle neben den Lilien Frankreichs mit den weißblauen bai⸗ riſchen Heereszeichen geſchmückt. Der fünfzehnte Lud⸗ wig hatte wirklich Wort gehalten und in einem prunken⸗ den Erlaß den bairiſchen Kurfürſten zu ſeinem Gene⸗ rallieutnant ernannt. Nachdem Paſſau durch Liſt über⸗ rumpelt worden und die Heere bei Schärding ſich ver⸗ einigt hatten, drangen ſie unaufgehalten in die Lande Oeſterreichs ein. Nirgends erhob ſich eine Hand zum Widerſtande, in ſtummem Staunen ſah das Landvolk die ſtattlichen Kriegerſchaaren durch ſeine Dörfer und Fluren ziehen, Städte und Marktflecken, von allem Kriegsbedarf entblößt, hatten keine andere Wahl, als der Macht zu weichen und ſich der Gewalt zu ergeben. Alle waren in ſtummem Ernſte gewärtig, wen die Ent⸗ ſcheidung der Waffen ihnen zum Herrn geben würde, ob den altgewohnten vom Hauſe Habsburg oder den neuen, aber nicht fremden aus dem ſtammverwandten Hauſe Baiern. Auch die Hauptſtadt der oberöſterrei⸗ chiſchen Lande, das ſchöne Linz, nur mit geringer, unzureichender Beſatzung verſehen, hatte ohne Schwert⸗ ſtreich ſeine Thore dem neuen Gebieter geöffnet, der, feierlich einziehend, Beſitz ergriff von dem eroberten Lande und den Ständen deſſelben befahl, am beſtimm⸗ 99 ten Tage in Linz zu erſcheinen und ihm als Landes⸗ herrn in hergebrachter Weiſe zu huldigen. Beinahe alle folgten dem Ruf, denn Maria Thereſia's Stern hatte ſich geneigt, als ob er ſich dem Untergange nahe, es ſchien unmöglich, daß es ihr gelingen ſollte, dem ge⸗ waltigen Andringen der vielen gegen ſie verbündeten Gegner zu widerſtehen. Die Vertreter der Städte kamen heran; die Aebte der Stifte und Klöſter, mit Ausnahme eines einzigen, der ſich durch Krankheit entſchuldigte, fehlten nicht, am zahlreichſten aber ſtieg der Adel von ſeinen Schlöſſern und Burgen herab, und als der neue Erzherzog von Oeſterreich ſiegesſtolz und leuchtenden Blickes hoch zu Roß nach der Stiftskirche ritt, hatte er die Freude, zur einen Seite den Oberſt⸗ landſtallmeiſter Graf Hohenfels, zur andern den Oberſtlandſchildträger neben ſich einherſchreiten und den Bügel halten zu ſehen; ihm voran ritt der Erbland⸗ marſchall Graf Wilhelm von Stahremberg, das bloße Reichsſchwert in der Hand. Auch der Silberkämmerer Graf Kufſtein, der Truchſeß Thürheim und der Mund⸗ ſchenk Graf Clam hatten ſich willig eingefunden, ihrer Hofämter zu warten. Im alterthümlichen Saale der auf ziemlicher An⸗ höhe gelegenen alten Kaiſerburg ward nach der Huldigung große Hoftafel gehalten; unter einem präch⸗ tigen, aus weiß und rothen Tüchern, den Farben Oberöſterreichs, aufgebauten Baldachin war das Wap⸗ pen Baierns aufgeſtellt, vor ihm auf hoher Eſtrade ſpeiſte der Kurfürſt, von dem Oberſtlandtruchſeß und vierundzwanzig Kämmerern bedient, welche die Speiſen auftrugen. An vier reichgeſchmückten, faſt unabſehba⸗ ren Tafeln ſaßen die Adligen, die Räthe und Bürger⸗ meiſter der Städte und die Prälaten mit den franzö⸗ ſiſchen und bairiſchen Cavalieren und Offizieren zu⸗ ſammen in fröhlichen, vom Feuer der edlen einheimi⸗ ſchen Weine raſch erwärmten Geſprächen, und als der Oberſtlandhofmeiſter Freiherr von Weichs als Sprecher der Landſchaft ſich erhob, um die Geſundheit des neuen Landesherrn auszubringen, da brachen alle in ſo ſtür⸗ miſchen Hochruf aus, daß er Trompetenfanfaren und Paukenwirbel und den Donner der Geſchütze übertönte, die auf den Wällen gelöſt wurden. Es war das Zeichen für die Entfernung des Fürſten, der ſich nach huldvollem Abſchiedsgruß in ſeine Ge⸗ mächer begab, um ſich der ſchweren unbequemen Krö⸗ nungstracht und des herzoglichen Mantels zu entledi⸗ gen, den er bei der Huldigung getragen. Die Ver⸗ ſammlung ließ ſich durch ſeine Abweſenheit nicht ſtö⸗ ren, nur noch raſcher ſtrömte der Wein, noch lauter durchbrauſte die frei gewordene Rede den Saal. Die 58 Ordnung der Sitze löſte ſich allmälig von ſelbſt, und in bunter Miſchung fanden die Offiziere ſich mit den öſterreichiſchen Edelleuten und den Vertretern des Lan⸗ des zuſammen, um neue Bekanntſchaften zu knüpfen, alte zu erneuern und in duftendem Vöslauer auf das Gedeihen des neuen Regiments anzuſtoßen. Man wollte zuſammenbleiben bis zum Abend, an welchem eine Illumination der Stadt, auf dem Schloſſe aber und in deſſen prachtvollen Gärten ein Feuerwerk den feſtlichen Schluß des Tages bilden ſollte. Am Ende der einen Tafel ſaß der bairiſche Ge⸗ neral Minuzzi mit den franzöſiſchen Anführern Cheva⸗ lier von Ségur und Aubigné in fröhlich erregtem Ge⸗ ſpräche zuſammen. „Stoßen Sie noch einmal an!“ rief Minuzzi, als eben Ségur einen Trinkſpruch auf die verbündeten Armeen ausgebracht.„Stoßen Sie an, daß uns das Glück auch ferner getreu bleiben möge! Auf Wieder⸗ ſehen auf den erſtürmten Wällen von Wien!“ „Es wäre unartig, dieſen Toaſt nicht zu erwidern“, entgegnete Ségur,„aber Sie kennen meine Anſicht, General, und erlauben mir wohl, zu ſagen, daß ich ihn nicht für glücklich gewählt halte. Geben Sie doch den Gedanken auf! Setzen Sie Prag für Wien und ich ſtimme von ganzem Herzen ein!“ 59 „Nicht doch, Herr Marſchall“, erwiderte Minuzzi, „ich bleibe bei Wien und möchte auch Sie zu meiner Anſicht bekehren. Jetzt iſt das Eiſen heiß, jetzt muß es geſchmiedet werden! In drei Tagen ſtehen wir vor Wien, keine Hand wird ſich gegen uns erheben und die Stadt ohne gehörige Befeſtigung und Beſatzung muß in der Beſtürzung des erſten Angriffs fallen!“ „Sie erlauben mir, daran zu zweifeln“, entgegnete Ségur artig,„ich fürchte vielmehr, die erſte Beſtür⸗ zung würde in muthige Kampfgier umſchlagen! Seit dem Ausbruch der Feindſeligkeiten hat die Stadt im⸗ merhin Zeit gehabt, ſich zu bewaffnen und mit Pro⸗ viant zu verſehen. Der Herr Erzherzog wird ſeine neue Hauptſtadt nicht zum Regimentsantritt mit einem Bombardement begrüßen wollen und ſo bleibt nichts übrig als eine langwierige Belagerung.“ „Das fürchte ich am wenigſten“, ſagte Minuzzi. „Die Partei der bairiſch Geſinnten iſt in Wien ſehr groß und wird es zu keinem ernſtlichen Widerſtand kommen laſſen! Blicken Sie in dieſem Saale umher, die ganze Landſchaft hat ohne Widerſpruch gehuldigt, ſo wird es auch in der Hauptſtadt gehen!“ „Selbſt wenn dies wäre“, entgegnete Ségur, „dünkt es mir ſtrategiſch nicht rathſam, die Armee ſo weit auszudehnen. Laſſen Sie in Schleſien das Kriegs⸗ 60 glück umſchlagen, was doch immerhin möglich iſt, dann hat Neipperg freie Hand, er umgeht uns und kann uns die Rückzugslinie gefährden.“ Minuzzi lachte.„Entſchuldigen Sie, aber dieſe Beſorgniß macht mich lachen“, rief er;„dem werden wir wohl vorzubeugen wiſſen.“ „Ich ſehe wohl, Sie ſind unverbeſſerlich“, ſagte Ségur.„Laſſen wir denn beim Weine dieſe Erörte⸗ rungen ruhen, die in den Kriegsrath gehören. Nur das Eine möchte ich noch bemerken. Sie wiſſen, der Kurfürſt von Sachſen hat ſich ebenfalls große Hoff⸗ nungen gemacht, Böhmen davonzutragen, das jetzt an Kurbaiern kommt, er ſchielt noch immer danach. Wie, wenn ihm, während wir vor Wien liegen, ein Gelüſten käme, in Böhmen einzurücken und Prag für ſich zu nehmen?“ „Das wird der Kurfürſt von Sachſen nicht thun, er iſt unſer Alliirter, durch feierliche Verträge an uns gebunden“, entgegnete Minuzzi. „Das iſt er allerdings“, ſagte Ségur achſelzuckend und mit eigenthümlicher Betonung,„man hat indeſſen Beiſpiele—“ Ein mit einer Meldung eintretender Ordonnanz⸗ offizier unterbrach ihn, er ſtand auf und trat mit Aubigné zur Seite. 61 Minuzzi ſah ihm bedenklich nach. „Jawohl hat man Beiſpiele, verwünſchter glatter Franzoſe“, murrte er,„man hat Beiſpiele, daß man ſich auf Verbündete nicht verlaſſen kann. Wir werden gut ten n, glaub' ich, vor Dir auf der Hut zu ſein.“ er Marſchall hatte die Ordonnanz bald abgefer⸗ ien lieb aber bei Aubigné ſtehen, der ihn zurückhielt. „Mit Erlaubniß, Marſchall“, ſagte er,„ich muß be⸗ kennen, daß ich Sie nicht begreife. Sie können un⸗ möglich der Meinung ſein, die Sie ſo eben gegen Mi⸗ nuzzi ausgeſprochen; nach meinem Dafürhalten iſt es klar, daß man gerade auf Wien losgehen muß, mit deſſen zweifellos raſchem Fall der ganze Krieg been⸗ digt iſt“ „Allerdings, das iſt auch meine feſte Ueberzeu⸗ gung“, ſagte Ségur gelaſſen. „Wie, und ſo eben vertheidigten Sie das Gegen⸗ theil?“ „Ah, ich bewundere Ihre Naivetät, mein General“, lachte Ségur.„Die Sache hat zwei Seiten, eine mi⸗ litäriſche und eine politiſche, der Soldat muß denken wie Sie, ich denke wie der Politiker. Im Vertrauen, wir ſind recht gern bereit, dieſem Kurfürſtlein, unſeres gnädigſten Königs und Herrn wohlbeſtalltem General⸗ lieutenant, zu einiger Vergrößerung und Erhöhung be⸗ 62 hülflich zu ſein, aber man darf ihn nicht zu mächtig oder gar ſelbſtſtändig werden laſſen! Mit dem eroberten Wien bedürfte er unſer nicht mehr und könnte uns wohl gar über den Kopf wachſen. Seine Majeſtät Ludwig der Fünfzehnte würden übel damit zufrieden ſein, wenn wir für das alte habsburgiſche Oeſterreich, das wir vernichten, weil es uns genirt, ein neues bai⸗ riſches aufrichten ließen.“ Das Herankommen anderer Gäſte unterbrach das Geſpräch. Inzwiſchen war auch zu den Adligen ein Diener getreten und hatte den Freiherrn von Weichs beiſeite gerufen und ihm unbemerkt ein Schreiben zu⸗ geſteckt. Unbefangen trat dieſer damit ans Fenſter, warf einen flüchtigen Blick darauf und begab ſich wieder an den Tiſch zurück, aber trotz der einbrechenden Däm⸗ merung war es den Tiſchgenoſſen nicht entgangen, daß der flüchtige Blick genügt hatte, ihn erbleichen zu machen. „Was iſt's?“ fragte Kufſtein leiſe, indem er ſich mit Clam und Hohenfels neugierig hinzuneigte.„Das war eine Hiobspoſt, ich habe es wohl geſehen, wie Du erſchrakſt. Iſt's etwas, das uns mit betrifft?“ „Es trifft uns alle“, flüſterte Weichs.„Ein Schreiben aus Wien vom Kanzler Sinzendorf; er warnt die Stände, nicht zu huldigen, bei ſchwerer Strafe, bei Verluſt und Einziehung aller Güter.“ 63 „Angenehme Lage das“, ſagte Clam.„Uns droht man mit Confiscation der Güter, wenn wir huldigen, Graf Engel, Harrach, Lamberg, die von der Huldi⸗ gung wegblieben, ſind von den Baiern ſchon confis⸗ cirt! Was iſt da zu thun?“ „Ich weiß keinen andern Ausweg“, ſagte Weichs, „als daß wir trachten, zwiſchen beiden Traufen ſo trocken als möglich durchzukommen. Ich will in aller Namen an Sinzendorf ſchreiben—“ „Das geht nicht an“, ſagte Clam,„die Poſt iſt von den Baiern beſetzt; es kann kein Brief hinaus, ohne daß er geöffnet wird. Mit einem Brief an Sinzendorf aber geſchieht das ganz gewiß!“ „Dafür weiß ich Rath“, entgegnete Hohenfels. „Morgen in aller Frühe muß ich fort— gib mir das Schreiben, Weichs, ich reite über Stockerau, dort iſt die Poſt noch frei.“ „Einverſtanden“, ſagte Clam,„aber was ſoll ge⸗ ſchrieben werden?“ „Ich denke, das iſt ſelbſtverſtändlich“, entgegnete Weichs.„Wir ſchreiben, daß zwingende Umſtände und ſcharfe Bedrohung uns beſtimmt haben, zur Huldigung zu erſcheinen, wir haben es aber wider Willen gethan und hoffen, recht bald wieder unter das milde Re⸗ giment von Oeſterreich zu gelangen.“ 64 Zuſtimmend nickten die Cavaliere und brachen ab, denn eben trat General Minuzzi mit gefülltem Glaſe zu ihnen. Wein und Freude waren dem alten Hau⸗ degen, der unter Prinz Eugen ſich die erſten Kriegs⸗ lorbeeren erworben, zu Kopfe geſtiegen. „Gut getroffen“, rief er ihnen laut und mit fröh⸗ licher Stimme entgegen.„Hier ſehe ich aufrichtige Freunde, Männer, die es ehrlich meinen! Nehmen Sie die Gläſer, meine Herren, ich will auch einen Trink⸗ ſpruch ausbringen!“ Sie folgten bereitwillig ſeiner Aufforderung und ſtimmten ein in den Ruf:„Hoch Karl Albert von Bai⸗ ern! Gut und Blut für den Erzherzog von Oeſterreich!“ Die Dunkelheit brach ein; allmälig erhoben ſich die Gäſte und gingen den Gärten zu, wo bereits die Vorbereitungen zum Feuerwerk im vollen Gange wa⸗ ren. Auch aus der Stadt herauf ſchimmerten ſchon einzelne Lichtergruppen und verkündeten den Beginn der feſtlichen Beleuchtung. An der Rückſeite der Burg war ein Theil des uralten Gebäudes ſchon durch Kaiſer Leopold in einen wohnlichen Pavillon in neuerem Geſchmack umgeändert worden; er hatte die Ausſicht, die ſich dort über das Donauthal und die grünen Vorberge bis hin an die Salzburger Alpen bot, beſonders geliebt und manchen 65 Sommer in halb ländlicher Zurückgezogenheit hier zu⸗ gebracht. Dieſelben Gemächer hatte auch der neue Lan⸗ desherr zu ſeiner Wohnung gewählt. Aus einem geräumigen Vorſaal führte eine Ter⸗ raſſe mit breiter Freitreppe auf einen von alten Bäu men umfaßten, mit Standbildern und Springbrunnen geſchmückten Raſenplatz; hier, vor den Fenſtern des Kurfürſten und über die Bäume hin, ſollte das Feuer⸗ ſchauſpiel vor ſich gehen. Der Platz ſelbſt war für die Gäſte des Kurfür⸗ ſten beſtimmt, aber auch den Bürgern der Stadt war der Zutritt nicht verwehrt, und unter den Gruppen, die bereits hier und da ſich im Halbdunkel zu bilden begannen, ſchritt Pilgram hin und her, ungeduldig nach dem Eingang ſpähend und entſchloſſen, ſobald er den Kurfürſten erblicke, um jeden Preis in ſeine Nähe zu dringen. Zur Seite des Gartenſaals hinter den Bäumen zog ſich ein anſehnliches, etwas niedriges Gebäude hin, die Wohnung des Schloßgouverneurs und Stadthaupt⸗ manns, mit den fürſtlichen Gemächern durch den Vor⸗ ſaal und einen langen Corridor verbunden, damit er jeden Augenblick zum Dienſte des Gebieters herbeizu⸗ eilen vermochte. Der Saal war hell erleuchtet, aber leer; am Fuß der Terraſſe ſtanden bairiſche SSuldaben Schmid, Concordia. III. 66 Wache, um den Andrang des Volkes und den Ein⸗ tritt ungebetener Gäſte abzuwehren. Jetzt öffnete ſich die zum Corridor führende Thür; ein Mann, von zwei Damen begleitet, trat ein, ein alter Diener, mit Gepäck beladen, folgte in beſcheidener Entfernung. Die Damen waren in höfiſch feſtlichem Schmuck; der Mann, in einen dunklen Mantel gehüllt, ſchien zur Reiſe bereit. Es war Fürſt Porzia mit ſeiner Gattin und der Frau des Schloßoberſten. Da Tereſa in Oeſterreich anſehnliche Güter beſaß, hatte er nicht umhin gekonnt, bei der Huldigung für den Fürſten zu erſcheinen, an deſſen Hofe er lange geweilt und manche Auszeichnung erfahren hatte. Er hatte ſich um ſo leichter dazu entſchloſſen, als die Oberſtin eine Schweſter von Tereſa's Mutter war und ſich des lang verſprochenen und erwarteten Beſuchs in hohem Grade erfreute. Morawika war unverändert; es ſchien ſogar, als habe die Fülle ihrer Reize ſich noch vermehrt, ſie glich einer ſeltenen fremdländiſchen Blume, die den Blüten⸗ kelch ihrer Schönheit in immer glühenderer Farben⸗ pracht und immer würziger betäubendem Duft ent⸗ faltet. War ſie erſt eine ſtolze Schönheit geweſen, aus deren Blick leichter Sinn und Lebensluſt ſtrahlte, ſo lag es jetzt über ihr wie ein hingehauchter Schleier trauernder Sehnſucht— ſie hatte ihre Seele gefunden! Daſſelbe galt nicht von Porzia; er war ſo bleich wie früher, aber die Bläſſe war unheimlich, ſeine Blicke, ſonſt entſchieden und raſch, waren ſcharf geworden, wie ſchneidende Dolche. „Nicht weiter“, ſagte er, die Frauen zurückhaltend. „Peppo begleitet mich an den Wagen. Laß uns hier Abſchied nehmen, Tereſa, das heißt“, ſetzte er mit eigenthümlicher Betonung hinzu,„wenn Du darauf beharrſt, mir nicht folgen und hier bleiben zu wollen.“ „Ich bitte Dich darum, laß mich bleiben, Marco“, ſagte ſie ſchmeichelnd,„gönne mir die paar Tage Ge⸗ ſellſchaft, die ich in dem öden Schloſſe am Traunſee wieder lange genug werde entbehren müſſen.“ „Sieh da“, ſagte Porzia,„ich war eitel genug zu glauben, daß meine Gemahlin an dem Orte, wo ich mich befinde, andere Geſellſchaft nicht vermiſſen würde.“ 3 „Das thue ich auch nicht“, ſagte ſie zärtlich, in⸗ dem ſie ſich leicht an ihn lehnte;„wenm ich wieder zurückgekehrt bin, wollen wir wieder ganz nur der Einſamkeit und uns ſelber leben, aber dieſe kurzen drei Tage wirſt Du Deiner Tereſa wohl gönnen.“ „Auch ich bitte Sie, Fürſt Porzia“, ſagte die 5* 68 Oberſtin,„mir Tereſa auf dieſe kurze Zeit zu laſſen! Sie ſagen ja, daß Sie bald nach Italien auf Ihre Güter gehen wollen, vielleicht ſehe ich ſie dann Jahre lang nicht mehr. Ich möchte mich daher an ihr letzen und mich meiner ſchönen Nichte erfreuen; in drei Ta⸗ gen bringe ich ſie ſelbſt zu Ihnen und bleibe hinwieder Ihr Gaſt, wenn Sie mich beherbergen wollen. Ich ſelbſt bringe Ihnen Ihr Kleinod wieder!“ „Sie ſind willkommen“, ſagte Porzia höflich und fuhr Tereſa zugewendet fort:„So ſei's denn, Te⸗ reſa, ich will Dir keinen Wunſch verſagen. Müßte ich nicht fürchten, des Beſitzes eines ſolchen Schatzes un⸗ würdig zu ſein, wenn ich mich weigerte, ein Opfer für ihn zu bringen? Ich möchte Dich immer mehr, immer inniger an mich feſſeln. Du liebſt mich doch, Tereſa?“ ſetzte er mit heißem, leidenſchaftlichem Flüſtern hinzu. „Ich liebe Dich, mein Marco“, entgegnete ſie, ſich an ihn ſchmiegend.„Könnteſt Du daran zweifeln?“ „Ich zweifle nicht; thäte ich es, ſo würde ich nicht mehr fragen“, ſagte er plötzlich wieder erkaltend und machte ſich raſch los.„Anima mia, addio! Gedenke mein! Auf Wiederſehen in drei Tagen!“ Er ſchritt in die Nacht hinaus und war bald unter der Menge und den Bäumen verſchwunden. Auf der Schwelle ſtehend, ſchaute ihm Tereſa nach, wäh⸗ 69 rend ihre Begleiterin einige Stufen hinabſtieg, Bekannte zu begrüßen, die ſie dort gewahrte und mit denen ſie bald in flüchtiges Geſpräch verflochten war. Tereſa ſchien die Zögerung willkommen, ſie ſah nachdenklich in das rauſchende Treiben und den nächtlichen Him⸗ mel hinaus, doch wandte ſie ſich oftmals haſtig und unruhig gegen den Saal zurück, wie um nicht über⸗ raſcht zu werden, oder um nichts zu überſehen, was allenfalls in ihrem Rücken vorgehen mochte. Nach einer Weile ſchrak ſie auf— die dem Corridor gegenüber zu den Gemächern des Kurfürſten führende Thür ging auf, er ſelbſt erſchien auf der Schwelle, den Diener, der ihm zu folgen beabſichtigte, mit raſchem Winke verabſchiedend. Er trat gegen die Terraſſenthür vor— wie plötzlich aufgeſcheucht, machte Tereſa einen Schritt zurück und ſtand ihm gegenüber. „Verzeihung, Durchlaucht“, ſagte ſie in reizender Verwirrung,„ich konnte nicht ahnen, Ihnen hier zu begegnen.“ „Sie hier, ſchöne Morawika?“ rief Karl Albert freudig.„Ich ſollte Sie eigentlich als Fürſtin begrüßen, aber laſſen Sie mich immerhin bei dieſem Namen blei⸗ ben, unter dem Sie mir wenigſtens in der Vergangen⸗ heit angehören, mit dem Sie meine Erinnerung nennt. 70 Sehen Sie mein Staunen, und wenn ich träume, wecken Sie mich wenigſtens ſanft! Welcher Glücksſtern läßt mich Sie hier erblicken, im fernen Linz, im kriegeri⸗ ſchen Gewühl?“ „Der Fürſt, mein Gemahl“, erwiderte ſie,„durch mich in dieſen Landen begütert, hat heute ſeinem neuen Gebieter den Eid der Treue geleiſtet. Konnte Mora⸗ wika fehlen“, ſetzte ſie die Augen niederſchlagend hinzu, „wo es gilt, Karl Albert zu huldigen?“ „Ich ſah den Fürſten, als er zum Schwure auf⸗ gerufen wurde“, ſagte Karl Albert,„aber wie hätt' ich ahnen können, daß Sie mit ihm gekommen ſeien. Ich ſuche noch immer vergebens nach einer Erklärung, wie ich Ihnen eben hier begegne, hier vor meinen Gemächern.“ „Die Wohnung des Oberſten und Schloßhaupt⸗ manns ſtößt an dieſen Saal“, ſagte ſie erröthend, „ſeine Frau iſt die Schweſter meiner Mutter, ſie iſt unſer Gaſt im Schloß an der Traun, ich bin hier der Ihrige.“ „Ich betrachte Sie wieder und wieder und ringe mich nicht los“, ſagte Karl, indem er ſie wie verloren betrachtete,„meine Blicke kehren immer wieder zu Ihnen zurück, wie Bienen zu einer Blume, die ſie ver⸗ ließen, aber als die am ſüßeſten duftende immer wieder aufſuchen.“ 71 „Ich glaube nicht an die Bienennatur dieſer Blicke“, entgegnete Morawika mit einem Anflug von Laune,„es werden eher Schmetterlinge ſein, die um die Blume gaukeln, flüchtig und blos um der Farbe willen.“ „Sie thun meinen Blicken Unrecht“, rief der Fürſt, „und haben an meinem Gleichniß doch nichts verbeſ⸗ ſert; ob Biene, ob Schmetterling, beide kommen von der Blume nicht los. Sie iſt ſchön, dieſe Blume, die ſchönſte von allen— Morawika, Sie ſind noch unendlich reizender geworden.“ „Durchlaucht ſpotten oder der Gram müßte eine verſchönernde Kraft beſitzen“, verſetzte ſie, und dem Beben ihrer Stimme war anzuhören, wie ſchwer es ihr wurde, die Leidenſchaft zurückzuhalten, die in ihr glimmte. „Worüber könnten Sie ſich grämen, meine Theure? In glänzenden Verhältniſſen, im Beſitz eines zärtlich liebenden Gatten, was könnte—“ „Schonen Sie meiner, Durchlaucht“, unterbrach ſie ihn haſtig und mit unterdrücktem Weinen;„das wenigſtens habe ich nicht verdient, daß Sie, gerade Sie mich an das Elend meines Lebens erinnern, an den Fluch, an einen Mann geſchmiedet zu ſein, den ich nicht lieben kann, nie lieben werde, nie, nie! Ich wurde für Sie geopfert, Karl“, fuhr ſie ſanfter fort, 72 nich widerſtrebte nicht, aber ich that es in der Hoff⸗ nung, daß Sie mich wenigſtens achten, mein Opfer begreifen und mit Schmerz an mich denken würden, wenn nicht mit— Liebe! So hätte ich mich vielleicht in mein Schickſal gefunden, aber ſo ganz weggeworfen zu ſein wie ein Nichts, ſich ſo ganz vergeſſen zu wiſ⸗ ſen, o, das heißt noch Gift in die Wunde träufeln.“ „Morawika“, rief Karl, von ihrer Leidenſchaft er⸗ regt,„wie können Sie denken, daß ich Sie vergaß, daß ich Sie je vergeſſen könnte! Wer vermöchte das, Morawika, der Sie einmal geſehen? Gedanken und Gefühle waren nur zu oft bei Ihnen, aber gehöre ich denn mir ſelbſt? Erdrückt von der Laſt der Geſchäfte, fortgeriſſen von den Ereigniſſen, die auf mich ein⸗ ſtürmten—“ „O, daß es ſo wäre, daß ich es glauben dürfte!“ rief Morawika.„Es wäre der Inbegriff der Seligkeit. O Carlo“, ſetzte ſie noch weicher hinzu,„wo ſind ſie hingeſchwunden, die ſchönen Tage, von denen jede Stunde eine Ewigkeit von Glück im Schooße trug! Jene Abende in den duftenden Lindengängen von Nymphenburg, jene entzückende Mondnacht im Kahn! Ach, daß ſie dahin ſind, daß ſie dahin ſein müſſen auf ewig!“ „Das ſind ſie nicht, ſüße, ſchöne, entzückende 73 Schwärmerin“, ſagte Karl warm— die Flamme, die ihm entgegenloderte, begann ihre zündenden Funken auch in ſein Herz zu ſprühen—„ſie leben fort in der Er⸗ innerung, im Andenken der innigſten Liebe!“ „Und müſſen ſie denn dahin ſein, unwiderbring⸗ lich dahin?“ ſagte Morawika und legte ihre weiche warme Hand in die des Fürſten, der ſie feſthielt. „Wenn auch die Sonne untergehen mußte, darf kein Abendroth zurückbleiben und verkünden, wie ſchön der Tag war, dem ſie geleuchtet? Es darf, Karl, ich fühle es! Ich fühle es, ich muß Sie noch ein— mal ſprechen oder untergehen. Mißdeuten Sie es nicht, ich muß mein Herz vor Ihnen ausgießen, meine Augen ausweinen vor Ihnen, dann werde ich das Unerträgliche leichter ertragen. Ertragen?“ rief ſie auflodernd.„Nein, das werde ich nie, aber ich werde wenigſtens die Kraft haben, zu dulden und dul⸗ dend zu verbluten.“ „Du träumſt, Morawika“, ſagte Karl.„Wie wäre das möglich?“ Haſtig, das Angeſicht von dunkler Glut überflogen, neigte ſie ſich näher zu ihm.„Es iſt möglich“, flüſterte ſie;„jener Corridor führt zu den Gemächern der Tante und zu den meinen. Ich will es ihr ſagen, ſie iſt gütig, ſie liebt mich, ſie wird mir die Bitte nicht ab⸗ 74 ſchlagen. Weh mir, ich verlange ja nichts, als Dir Lebewohl zu ſagen, nichts, als von Dir, Du Grauſa⸗ mer, den Abſchied zu nehmen, den Dein Kaltſinn mir verweigert hat.“ „O Tereſa“, flüſterte Karl Albert entgegen,„daß ich Dir ſagen könnte, wie Dein Schmerz mich ergreift, daß ich im Stande wäre—“ „Man kommt!“ unterbrach ſie ihn haſtig.„Hab' Acht, Carlo“, hauchte ſie kaum hörbar.„Ein Licht ins Fenſter iſt das Zeichen, daß meine Tante einwil⸗ ligt. Du kommſt, mein Carlo?“ „Zaubrerin“, entgegnete er hingeriſſen,„wie könnte Rinaldo zaudern, wenn Armida ruft!“ Sie eilte hinweg; die Oberſtin, von der Treppe hereintretend, gewahrte noch eben ihr in der Thür verſchwindendes Kleid und eilte ihr nach, ohne den Fürſten gewahr zu werden, der etwas zurückgetreten war. Als er nach einigen Augenblicken auf die Ter⸗ raſſe trat, wurden am Fuße der Treppe ſtreitende Stimmen laut. Die Wachen wieſen einen Mann zu⸗ rück, der durchaus zum Kurfürſten gelaſſen werden wollte, um ihm eine Botſchaft aus München zu brin⸗ gen. „Laßt den Mann herein“, ſagte Karl Albert; „was aus München kommt, heiße ich immer willkom⸗ * men. Was bringt Er mir?“ fuhr er Pilgram zuge⸗ wendet fort, der mit tiefer Verbeugung eintrat und dann knieend ſein Schreiben übergab. „Von Seiner Excellenz dem geheimen Rathskanz⸗ ler von Unertl“, ſagte er,„mir insgeheim anvertraut, um es unmittelbar in Eurer Durchlaucht Hände zu übergeben!“ Der Kurfürſt öffnete und las; ſchon nach den erſten Worten war zu erkennen, daß der Inhalt ſeine ganze Aufmerkſamkeit feſſelte, nachdenklich ſchritt er hin und her, blieb ſtehen, um noch einen Blick in das Blatt zu werfen und dann abermals die gewohnte Wanderung aufzunehmen. Der Inhalt war auch wohl dazu angethan, zur Ueberlegung aufzufordern. Um aller Einmiſchung vorzubeugen und für den Fall der Ablehnung dem Gegner keinen Beweis in die Hand zu geben, hatte Graf Sinzendorf dem jungen Wertheimber in Wien, den er als verläſſig kennen ge⸗ lernt, einen Ausgleichungsvorſchlag zwiſchen Maria Thereſia und Karl Albert in die Feder dictirt, um ihn durch deſſen Vater unmittelbar an das Haupt der bai⸗ riſchen Patrioten, den alten Unertl, zu bringen. Der Vorſchlag ging dahin, daß Karl Albert auf ſeine Be⸗ werbung um die Kaiſerkrone verzichten ſo lle, dagegen 76 ſei Maria Thereſia bereit, einen Theil von Tirol mit Kufſtein, den Pilſener Kreis von Böhmen und den Breis⸗ gau an ihn abzutreten. Es war eine ſtarke Verſu⸗ chung, die an den Fürſten herantrat. Wäre der Vor⸗ ſchlag gekommen, ehe die Verträge unterzeichnet, ehe die Heere ausmarſchirt waren, oder noch ehe die Ver⸗ bindung mit den franzöſiſchen Alliirten ſtattgefunden hatte, vielleicht hätte er den kriegeriſchen Entſchluß nicht gefaßt, vielleicht vorgezogen, gegen eine ſo fried⸗ liche Erwerbung von Land und Leuten auf den Glanz des Kaiſerthums zu verzichten. Jetzt waren die Wür⸗ fel gefallen, er war an die Genoſſen gebunden, denen er gelobt hatte, ſeine Sache nie von der ihrigen zu trennen und nie ohne ſie Frieden zu machen; er wollte weder den Vorwurf der Schwäche noch den des Eigen⸗ nutzes auf ſich laden, entſchloſſen ſteckte er das Blatt ein und wendete ſich dem Ueberbringer zu. „Er kehrt nach München zurück?“ fragte er und fuhr auf Pilgram's Bejahung fort:„Dann bringe Er dem geheimen Rathskanzler unſern beſten Gruß. Sage Er ihm, wie ſehr es Uns erfreue, ihn trotz ſeines Schmollens doch ſo treu und redlich auf Unſer und Baierns Wohl bedacht zu wiſſen. Sage Er ihm aber auch, es ſei zu ſpät, auf die Botſchaft einzugehen, der Degen ſei einmal gezogen und könne mit EChren nicht 77 eher in die Scheide zurückkehren, als bis das Ziel er⸗ reicht ſei, wegen deſſen er gezogen worden!“ „Ich werde es treulich berichten, Durchlaucht“, entgegnete Pilgram,„ich fürchte nur, ich werde mit dem Beſcheid wenig Freude bringen, der alte Herr ſchien ſich ſo viel von der Botſchaft zu erwar⸗ ten!“ „Kennt Er den Inhalt?“ fragte Karl Albert. „Nein“, erwiderte Pilgram,„aber wie die Dinge ſtehen, kann ich ihn wohl errathen: Durchlaucht ſollen Frieden machen mit Oeſterreich.“ „Er räth gut“, ſagte der Kurfürſt, den jungen Mann mit Theilnahme betrachtend.„Iſt Er ein Baier?“ Eines Pulſes Dauer beſann ſich Pilgram, welche Antwort er geben ſolle, dann erwiderte er entſchieden mit ja; er hielt es nicht für geeignet, die lange Er⸗ örterung zu bringen, die er außerdem bringen mußte. Auch glaubte er ſich in gewiſſer Beziehung wohl be⸗ rechtigt, ſich einen Baier zu nennen. Sein Herz hatte an der Heimat gehangen, wenn er ſie auch nur aus den Erzählungen ſeines Vaters kannte, und die Bande, die ihn dahin zogen und daran hielten, waren, ſo⸗ bald er wirklich ihren Boden betrat, nur noch feſter und zahlreicher geworden. 78 „Und was würde Er mir rathen zu thun?“ fragte der Kurfürſt. „Ich würde es machen wie Durchlaucht und würde nicht nachgeben“, rief Pilgram raſch.„Durch⸗ laucht haben gewiß Alles überlegt, ehe Sie den erſten Schritt thaten, Sie wiſſen gewiß, warum Sie ihn ge⸗ than, nun meine ich, müſſen Sie auch ausführen, was Sie im Sinne hatten. Nun iſt es Ihre Pflicht, nicht zu ruhen, bis Sie im Römer zu Frankfurt als Kaiſer eingezogen ſind!“ „Meine Pflicht?“ fragte der Kurfürſt erſtaunt. „Was will Er damit ſagen?“ „Damit will ich ſagen, daß ich Vertrauen zu Durchlaucht habe, und weil Sie mir doch geſtatten, meine ſchlichte Meinung zu ſagen, will ich auch Alles ausſprechen, was ich auf dem Herzen habe. Ich bin es nicht allein, Durchlaucht, es ſind gar viele Augen in deutſchen Landen, die auf Sie gerichtet ſind in hoffender Erwartung und freudiger Zuverſicht! Stiege wieder ein Kaiſer aus dem alten habsburger Hauſe auf den Thron— ſo denkt man— ſo würde der⸗ ſelbe wieder im alten Gleiſe fortregieren, das die Je⸗ ſuiten vorgezeichnet haben. Es geht aber etwas durch die ganze Welt wie Morgenluft, wie der Athemzug eines Erwachenden! Ein friſcher Wind weht vom Nor⸗ 79 den her, und in allen Herzen rührt es ſich, wie um die Zeit, wenn es Frühling werden will. Durchlaucht ſind noch jung, Sie können das Wehen und Sauſen der Lenzluft nicht überhören und verſtehen, was es bedeutet. Man glaubt nicht, daß es Ihnen blos da⸗ rum zu thun iſt, einige Hufen Landes und ein paar Titel mehr zu haben, man traut Ihnen zu, daß Sie der Kaiſer einer neuen Zeit werden wollen, der daher kommt wie der Frühling, den Knospen, Blüten und Halmen, die einmal Früchte tragen ſollen, gedeihliches Wetter bringt und freies fröhliches Wachsthum und ſo die Schmach austilgt—“ „Schmach? Welche Schmach?“ unterbrach ihn Karl Albert. „Verzeihung, Durchlaucht“, rief Pilgram, etwas betroffen,„der Eifer hat mich zu weit geführt. Ich habe vielleicht nicht das rechte Wort gebraucht, aber weil ich es doch einmal geſagt habe, nehme ich es nicht zurück! Daß Sie die Hand nach dem Höchſten ausſtrecken, was Sie erreichen können, das iſt Ihr Recht als Mann und Fürſt; Niemand kann, Sie darum tadeln, aber man denkt, daß Sie die Helfer nicht ge⸗ raucht hätten dazu, und eine Ehre iſt es bei Gott nicht, daß Sie ſich auf die Franzoſen ſtützen, die von alters her der Störenfried und Erbfeind imReich geweſen.“ 80 „Er iſt ſehr kühn“, ſagte Karl Albert,„aber ſei⸗ ner Offenheit wegen will ich es überhören und lieber fragen, was der Kaiſer thun müßte, dieſer Kaiſer der neuen Zeit, wie Er ſich ihn denkt?“ „Ich weiß, daß Durchlaucht meines geringen Rathes nicht bedürfen“, entgegnete Pilgram beſcheiden. „Ich ſtehe unten am Fuße des Berges, von welchem man die Länder und Völkerſchaften überſchauen kann wie eine ausgebreitete Karte, ich kann mir nur vor⸗ ſtellen, was zu ſehen ſein wird, wenn man droben ſteht, aber ich halte meine Gedanken nicht zurück und ſage, bisher hat das Volk nichts zu thun gehabt, als zu gehorchen, man hat es nicht um Leid und Freud in ſeinem Menſchenherzen gefragt, als wenn es nur erſchaffen wäre, um regiert zu werden. Der neue Kaiſer, Durchlaucht, auf den das Volk hofft, hat darum nur Eins zu thun: er ſoll den Menſchen ſein und werden laſſen, was er iſt und was er werden kann! Er ſoll die Köpfe denken, die Hände ſchaffen, die Herzen füh⸗ len laſſen, wie den Menſchen anerſchaffen iſt von un⸗ ſerm Herrgott. Wenn er das thut, hat er die ganze Welt glücklich gemacht!“ „Ich verſtehe Ihn“, ſagte Karl Albert bedächtig. „Er weiß nicht, wie gefährlich das iſt, was Er ſagt. Die Befchränkungen, die Er tadelt, ſind weiſe und un⸗ 81 entbehrliche Schranken, aufgebaut von tauſendjähri⸗ ger Erfahrung, Dämme, die dem wilden Gewäſſer wehren, das ſonſt Alles überſchwemmen, Hoch und Niedrig umwälzen und in einem gleichen und unfrucht⸗ baren Meere begraben würde! Es ſind wilde Elemente in den Menſchen und Völkern, nur gebändigt bringen ſie Segen!“ „Das wäre traurig, Durchlaucht“, rief Pilgram ſich erwärmend,„aber zum Glück iſt es nicht wahr, hier taugt der Standpunkt von oben herunter nichts. Wer Volk und Menſchen kennen lernen will, muß unter ihnen leben, muß ſie in der Nähe anſchauen! Die Leute, Durchlaucht, die Ihnen das geſagt haben, kennen das Volk nicht oder haben ihre Urſachen, Durch⸗ laucht davon fern zu halten, darum haben ſie es Ihnen geſchildert, wie es nicht iſt. O Durchlaucht“, fuhr er herzlich fort, da er gewahrte, daß Karl Albert mit ſteigender Aufmerkſamkeit zuhörte,„glauben Sie die⸗ ſen Verleumdern nicht, glauben Sie mir, den kein eigener Vortheil treibt, das Volk iſt gut, es hat den Keim zu allem Edlen, Großen und Schönen in ſich, wenn man ihm Vertrauen ſchenkt, wenn man es ge⸗ währen und ſich entfalten läßt! Schenken Sie ihm dieſes Vertrauen, Durchlaucht, und wenn Sie einen Beweis für meine Worte fordern, ſo blicken Sie um Schmid, Concordia. III. 6 82 ſich! Welches ſind die Stützen für den Thron der Fürſten? Der Adel iſt es nicht— Sie ſehen, er hat den Herrn ſo leicht gewechſelt wie einen alten Rock gegen einen neuen, er will nur ſeine Vorrechte behalten! Die Prälaten ſind es nicht, die halten nur ſo lange Stand, als Sie ihnen erlauben, die Biſchofsmütze über Ihre Krone zu ſtülpen— das Volk allein, Durchlaucht, iſt der Boden, der nicht wankt und weicht, weil es bleibt wie der Boden, auf dem es hauſt. Fragen Sie einmal die Einwohner dieſes Landes; ſie haben Sie ſchweigend empfangen, ſie grollen Ihnen nicht und fü⸗ gen ſich, aber die treuen Herzen hängen am alten Herrn, der noch dazu nicht immer mit milder Hand Hand über ihnen gewaltet. Stützen Sie ſich darum aufs Volk, Durchlaucht, machen Sie den Bürger reich und den Bauer ſtark, und trotz Ritter und Pfaffen iſt nie ein Fürſt mächtiger geweſen und kein Andenken wird geſegneter ſein als das Kaiſer Karl's des Sie⸗ benten!“ Der Fürſt hatte mit wachſendem Wohlgefallen zu⸗ gehört; das jugendliche Weſen Pilgram's, das ſeinem eigenen Alter entſprach, zog ihn an und machte ſich gegen das immer bedenkliche Alter geltend, von dem er ſich ſonſt faſt immer umgeben ſah; aus ſeinen Wor⸗ ten wehte ihn ein verwandter Ton an, eine Erinne⸗ 83 rung, als ob auch in ſeiner Seele einmal ſolche Ge⸗ danken und Gefühle gedämmert, die dann von geiſtli⸗ cher und fürſtlicher Erziehung zurückgehalten und ſchief gezogen worden, wie der Gärtner einen Baum ver⸗ ſchneidet, daß er ſeinen eigenſüchtigen Zwecken diene und nicht den freien Stamm mit Zweigen und Laub entfalten könne, zu dem ihn die Kraft ſeines eigenen Weſens drängt. „Er gefällt mir, junger Mann“, ſagte er, indem er ihn lächelnd betrachtete;„wie Er hat noch Niemand geſprochen; ich will Ihn öfter ſehen und mich mit Ihm beſprechen.“ Auf der Terraſſe vor der Thür wurde eine ſchwarze Geſtalt ſichtbar. „Wer iſt hier?“ rief Karl Albert unwillig abbre⸗ chend. „Der geringſte von Eurer Durchlaucht Knechten“, entgegnete Pater Roſe näher tretend,„der unendlich bedauert, wenn er ſo unglücklich geweſen ſein ſollte, zu ſtören.“ „Er ſtört nicht“, entgegnete der Kurfürſt,„aber was führt ihn hierher?“ „Was ſonſt“, rief der Pater,„als Beſorgniß um Eure Durchlaucht! An den Stufen vorübergehend, ver⸗ nahm ich, daß ein Unbekannter unter bedenklichen Um⸗ 6* 84 ſtänden ſich zu Eurer Durchlaucht gedrängt, daß Durch⸗ laucht allein mit ihm ſeien. Mußte ich da nicht be⸗ fürchten ⸗ „Ich danke für Seine Beſorgniß, hochwürdiger Herr“, entgegnete Karl Albert,„aber hier iſt nichts zu befürchten!“ „Nein, in der That, hier iſt nichts zu fürchten“, ſagte der Pater, der Pilgram erkannte und ihn nun mit dem vollen Ausdruck höhniſcher Ueberlegenheit vom Scheitel bis zur Sohle maß.„Das heißt näm⸗ lich“, ſetzte er zweideutig hinzu,„wenn dieſer Herr hier der fragliche Unbekannte iſt.“ „Das iſt er“, ſagte der Kurfürſt befremdet.„Kennt Er ihn?“ „Ich bedaure, nicht nein ſagen zu können“, ent⸗ gegnete der Pater.„Dieſer Herr iſt der Sohn des we⸗ gen Abfalls vom Glauben aus Baiern ausgewanderten oder richtiger exilirten Kaufmanns Pilgram von Mün⸗ chen. Vor einiger Zeit daſelbſt betroffen, wie er ſich unerkannt in die Stadt geſchlichen und bemüht hatte, die lutheriſche Ketzerei unterm Volke zu verbreiten, fand er Mittel und Wege, ſich der wohlverdienten Verhaf⸗ tung und Strafe durch die Flucht zu entziehen.“ „Iſt das wahr?“ rief Karl Albert in auflodern⸗ dem Zorne.„Er hätte es gewagt, mich zu belügen, 85⁵ hätte ſich fälſchlich einen Baier genannt? Aus mei⸗ nen Augen!“ fuhr er fort, als Pilgram nicht wider⸗ ſprach.„Ich war ſchon im Begriff, mir in ihm eine glei⸗ ßende Natter an die Bruſt zu legen, ich danke dem Manne, der mich noch im rechten Augenblick gewarnt! Entferne Er ſich! Um der Botſchaft willen, die Er ge⸗ bracht, geht Er ungehindert von hinnen, aber wage Er es nicht wieder meine Staaten zu betreten. Wer mit Lügen bei mir ſich Zugang ſucht, der iſt aus mei⸗ nem Gedächtniß geſtrichen für immer!“ „Ich gehe, Durchlaucht“, ſagte Pilgram, indem er den zürnenden Blick des Fürſten mit Feſtigkeit aus⸗ hielt,„ich gehe ſchweigend und verzichte auf Gehör und Vertheidigung, wo die Verurtheilung der Anklage auf dem Fuße folgt. Die Zeit wird kommen, in der Durchlaucht erkennen, auf weſſen Lippen die Lüge war. Gott ſchütze Sie!“ Er ging raſch und ſtolz hinweg und verſchwand in der Schaar der Höflinge und Offiziere, die über die Terraſſe heraufkamen, um dem Fürſten zu melden, daß alle Vorbereitungen beendigt ſeien und der Be⸗ ginn des Schauſpiels nur von ſeinem Willen ab⸗ hänge. Karl Albert gab das Zeichen, indem er zugleich dem Pater mit halber Stimme zurief: 86 „Er wird mir morgen genauere Auskunft geben, welche Bewandtniß es mit dem jungen Manne hat. Ich wünſche um Seinetwillen, daß ſich Alles verhält, wie Er geſagt.“ Draußen war es tief dunkle Nacht geworden; von der Terraſſe aus lag das weite Thal vor den Blicken da, in finſteres Schwarz gehüllt, von dem die Donau wie ein breites Band aus mattem Silber ſich abhob; die Berge ragten finſter in den ſternenloſen Himmel empor und nur nach Oſten hin verrieth eine ſchwache Helle hinter denſelben, daß der Mond ſich bereits rüſte, ſeine Nachtfahrt zu beginnen. Bald jedoch ſchien die Nacht noch vor der Zeit zum Tage werden zu wollen. Mächtige Feuergarben ſchoſſen in die Dunkelheit empor, von Raketen geſchleudert ſtoben fliegende Sterne wie ein Farbenregen auseinander, Schwärmer ſprüh⸗ ten, Räder praſſelten, Feuerbrunnen ziſchten und rauſch⸗ ten in die Wette, wechſelnd goſſen weiße, grüne und rothe Lichter ſich aus, mit magiſcher Helle die ganze Landſchaft wie mit einem Zauberſchleier um⸗ hüllend. Das Hauptſchauſtück war kriegeriſcher Art. Eine mächtige Feſte baute ſich ſtrahlend und immer ſtrahlender auf, bis ſie von dem Kugelregen, der rings aus zahlloſen Geſchützen auf ſie niederſtürzte, in Flam⸗ men aufloderte und in Trümmer zuſammenſiel, aus 87 denen wie auf den Wink eines Zauberſtabes in Bril⸗ lantfeuer und von einem herrlichen Säulentempel über⸗ wölbt ſich die Kaiſerkrone erhob. Lauter Beifall er⸗ tönte dem kunſtvollen Schauſpiele, das vorüberrauſchte wie ein fallender Stern, und in majeſtätiſchem Ernſte ſah der dunkelblaue Nachthimmel mit ſeinen unver⸗ gänglichen Lichtern auf das verglühende Flammen⸗ meer herab, das einen Augenblick verſucht hatte, ihm die Herrſchaft ſtreitig zu machen. Draußen verlief ſich das Volk; auf der Terraſſe ſtand das höfiſche und krie⸗ geriſche Gefolge um den Fürſten verſammelt und des Winkes gewärtig, der die Entlaſſung und die weitern Befehle bringen ſollte. In den vorhergehenden Tagen war lang und viel berathen worden, wohin der Marſch des Heeres gerich⸗ tet werden ſolle. Die Stunden waren koſtbar und ſchon der nächſte Morgen mußte unfehlbar den Auf⸗ bruch, der Abend noch den Entſchluß bringen, wo⸗ hin derſelbe gerichtet werden ſolle. Die Generale näher⸗ ten ſich dem Fürſten, denſelben zu vernehmen und noch einmal die Gründe hervorzuheben, die ſie für ihre wi⸗ derſprechenden Anſichten geltend machen wollten. Karl Albert winkte ihnen zu ſchweigen.„Kein Wort mehr, meine Herren“, ſagte er.„Ich habe Alles zur Genüge angehört und erwogen, der Entſchluß iſt mein!“ 88 Er wollte zeigen, daß er ſich durch keinen Einfluß beſtimmen laſſe und nach eigener Ueberzeugung ent⸗ ſcheide. Dennoch hätte vielleicht der Eine oder Andere noch ein rathendes Wort zu ſprechen verſucht, als von der Terraſſe her ſchwere ſporenklirrende Schritte hör⸗ bar wurden und die Gelegenheit abſchnitten. Wie er von dem Pferde geſprungen, mit Schweiß und Staub bedeckt erſchien ein Reiteroffizier in der Uniform der preußiſchen ſchwarzen Huſaren, den Kalpak mit dem weißen Todtenſchädel auf dem Kopfe, an den er zu ſoldatiſchem Gruße die Hand legte, und trat in ſtrammer Haltung den Kurfürſten entgegen, daß er er bei⸗ nahe das Anſehen einer lebenden, vom Alter angedun⸗ kelten Erzbildſäule hatte. „Wo kommt Er her, Rittmeiſter?“ fragte der Kurfürſt, indem er gnädig den Gruß erwiderte und den Umſchlag des ihm überreichten Schreibens öffnete. Ein unſcheinbares Blättchen kam daraus zum Vor⸗ ſchein. „Aus der Feſtung Neiſſe, die geſtern Abend ca⸗ pitulirt hat“, erwiderte der Todtenhuſar, während Ge⸗ murmel der Ueberraſchung die Reihen der Krieger durchflog.„Seine Majeſtät der König Friedrich ven Preußen haben den Brief beim Einzug noch im Sattel ge⸗ ſchrieben, um keinen Augenblick zu verlieren. Ich habe —— —— 89 Befehl, ſogleich wieder friſch zu ſatteln und die Ant⸗ wort zurückzubringen.“ Das Blättchen lautete:„Rom wird nur in Rom beſiegt. Vorwärts nach Wien! Friedrich.“ Der Kurfürſt las halblaut, machte dann einen Gang durch den Saal und trat unter die offene Ter⸗ raſſenthür.„Er ſoll ſogleich ſeinen Beſcheid haben“, ſagte er zu dem Huſaren und ſchaute in die Nacht hinaus.„Ich will nur ſehen, ob die Sterne klar ſind und gutes Wetter verkünden für den Marſch.“ Die kurze gebieteriſche Schreibweiſe des Königs hatte ihn verletzt.„Noch ſind wir nicht ſo weit, Be⸗ fehle anzunehmen“, ſagte er zu ſich ſelbſt,„noch haben wir unſern freien eigenen Willen, wir wollen uns erſt auch eine Königskrone aufs Haupt ſetzen und dann weiter reden.“ Ein Stern ſchoß vom Himmel; drüben im Sei⸗ tengebäude ſchimmerte aus einem der Fenſter ein in die Brüſtung geſtelltes Licht. „Gute Nacht, meine Herren“, ſagte der Kurfürſt ſich raſch umwendend,„ich bin müde und will zur Ruhe gehen! Treffen Sie alle Anſtalten, daß Alles mit dem Früheſten bereit iſt; Schlag vier Uhr laſſen Sie Reveille blaſen, die Loſung heißt: Nach Prag!“ Zweites Kapitel. Keimende Saat. Weihnachten war vorüber. Die Wipfel des gro⸗ ßen, bis an die Vereinigung von Rhein und Neckar ſich ausdehnenden Parkes im Rücken des prächtigen Palaſtes der pfälzer Kurfürſten zu Mannheim waren dürr und laublos; eine dichte Schneedecke lagerte auf den Wegen des Gartens, wie auf Dächern und Ge⸗ ſimſen der Pavillons, Kioske und Tempel, zu denen ſie führten. Dennoch und obwohl das Jahr ſich ſchon ſeinem rauhen Ende zuneigte, war die Luft mild und verkündete das geſegnete Land, in dem, ähnlich den Thälern jenſeits des Brenner, die edle Kaſtanie ge⸗ deiht und im Lenz die Mandel blüht. Noch war das von dem greiſen Kurfürſten Philipp Karl erbaute Schloß unvollendet; nur das Hauptgebäude und der 91 linke Flügel zeugten bereits in allen Theilen wie von der Prachtliebe, ſo von dem feinen Geſchmack des alten Herrn. Der linke Flügel, erſt im Rohbau auf⸗ geführt, harrte der Hand eines gleichgeſinnten Nach⸗ folgers, dem es vorbehalten blieb, das Ganze zum würdigen Abſchluß zu bringen. In den letzten Decembertagen war in den Räu⸗ men deſſelben von dem unfertigen Zuſtand des Gebäudes nichts zu bemerken. Die ungeheuren Räume und Säle waren in eine Zauberwelt umgewandelt, daß der Ein⸗ tretende wohl glauben mochte, er ſei von der Erde und aus der alltäglichen Menſchenumgebung durch magiſche Kunſt hinweggehoben und ins Reich der Wunder, Märchen und Fabeln verſetzt. In dem zum Feſtmahle beſtimmten rieſigen Saale des Hauptbaues war Alles vereint, was die Kunſt im Dienſte des Reichthums zu ſchaffen vermochte. Kronleuchter von Kryſtall und koſtbarem Venetianerglas waren be⸗ ſtimmt, Tauſende von Kerzen ihr Licht in dem glatten, prächtig eingelegten Boden, in der alabaſtergleichen, reich mit Gold gezierten Decke, in den mächtigen Spiegeln und den geſchliffenen Wandpfeilern aus rothem Marmor unzählige Male zurückſtrahlen zu machen. Die hohen Fenſter waren verhüllt, um den Tag abzu⸗ wehren und eine künſtliche Nacht herzuſtellen und zu⸗ 92 gleich eine Art Bühne zu gewinnen, auf welcher die Muſikkapelle ihren Platz einnehmen ſollte. Mächtige Gardinen aus rothem Sammt, ſchwer mit Franſen, Quaſten und Schnüren von Gold behangen, wölbten und ſchlangen ſich überall an Wand und Decke dahin, ein wirkſamer Gegenſatz, durch die dunkle und doch leuchtende Farbe den ganzen Anblick zu verſchönen, wie der Schatten ein lichtvolles Gemälde abſchließt und verſchönt. Der bereits vollendete linke Schloßflügel war in eine ungeheure Grotte umgeſtaltet, deren Zacken und wunderlich geformte Felſen von Muſcheln, Korallen und Edelgeſtein flimmerten, während Spring⸗ brunnen angenehme Kühle verbreiteten und mit ihren Waſſerperlen die Seegewächſe und andere Pflanzen erfri⸗ ſchend überſprühten, die zur täuſchenden Vollendung des Bildes ſinnvoll im Geſtein vertheilt waren. Die Grotte war zum Ballſaal beſtimmt; die Najaden, Ni⸗ ren und Elfen des Hofes ſollten hier ihren ver⸗ lockenden Reigen aufführen. Zur andern Seite des Hauptſaales hatte der unvollendete Rohbau des rechten Flügels günſtige Gelegenheit geboten, einen Winter⸗ garten herzuſtellen, der in Größe und Schönheit wohl zu den Wundern der Welt gezählt zu werden verdiente. Alle Gewächshäuſer des Schloſſes, ſowie die Gärten von Heidelberg, von Düſſeldorf und ſelbſt den ferneren 93 Beſitzungen zu Bergenopzoom hatten ihre Schätze an koſt⸗ baren und ſeltenen Gewächſen aller Zonen geleert, um hinter Palmen und Agaven, Sykomoren und Pla⸗ tanen, hinter Roſenbüſchen und Blütenſtauden die nackten Wände zu verbergen und den rauhen Boden in ein Gartenland umzuſchaffen, wo die Blumen In⸗ diens ſich mit den heimiſchen zuſammenfanden und duftend die unbekannt gebliebenen Geſchwiſter begrüß⸗ ten. Dazwiſchen ſich hinſchlängelnde Wege führten zu abgelegenen Bosquets und reizenden Lauben, die nach den lauten Freuden des Balls und der Tafel zu ein⸗ ſamem Geſpräch und verſchwiegener Ruhe einluden. Es galt ein Feſt zu feiern, wie ſie ſelbſt in Fürſtenpaläſten ſelten ſind, darum ſollte es auch in der außerdordentlichſten Weiſe begangen werden. Kurfürſt Philipp Karl war der letzte Sproſſe aus dem Hauſe Pfalz⸗Neuburg; er hatte keinen Erben und auch ſeine einzige an den Sulzbacher Pfalzgrafen vermählte Tochter hatte nur drei Töchter geboren; nach ſeinem Tode fielen daher ſeine Lande an das ver⸗ wandte Sulzbacher Haus und in Erwartung deſſen hatte er ſeinen Vetter Karl Theodor von Sulzbach ſchon als Knaben an ſeinen Hof genommen und als Thronerben erziehen laſſen. Jetzt wollte er den Jüng⸗ ling, der das achtzehnte Jahr erreicht hatte, vor ſeinem Hingange noch vermählt ſehen und hatte dieſe An⸗ gelegenheit mit aller Haſt eines Mannes betrieben, der die Laſt ſeiner Jahre fühlt und geneigt iſt, jeden neuen Tag als ein nicht erwartetes Geſchenk und jede Stunde ſo anzuſehen, als wäre ſie das letzte Körnchen, das aus der Sanduhr ſeines Lebens herniederrieſelt. Die Braut, die er ihm erkoren, war Eliſabeth Auguſte, die älteſte ſeiner drei Enkelinnen; die zweite, Maria Anna, ſollte gleichzeitig mit ihr einem bairiſchen Seitenprin⸗ zen, Herzog Clemens, die dritte, Franziska Dorothea, mit Friedrich, dem jungen Pfalzgrafen von Zweibrücken, vermählt werden, und dieſer dreifachen Hochzeit zu Ehren hatte Philipp Karl alle ſeine Schätze geöffnet und ſich die Gäſte entboten aus allen Landen des Reichs. Die Welt ſollte mit bewunderndem Staunen erfahren, daß die nun bald vereinigten Lande von Pfalz und Sulzbach an Macht und Pracht hinter kei⸗ nem der andern Fürſtenhäuſer zurückſtanden, viel⸗ mehr nahe daran waren, die Hofhaltung von Ver⸗ ſailles, das glänzende Vorbild aller damaligen Höfe, zu verdunkeln. Natürlich waren unter den geladenen Gäſten die bairiſchen Vettern nicht vergeſſen, vor allen Kurfürſt Karl Albert, der ja im vollen Zuge war, das gemeinſame Stammhaus Wittelsbach wieder zu den höchſten Ehren zu bringen. Hatte er doch, wie 95 er zu Linz den Herzogshut der öſterreichiſchen Lande aufs Haupt geſetzt, ſeinem Vorhaben getreu und in Verbindung mit einer durch Franken herangezogenen franzöſiſchen Heeresabtheilung Prag im Sturm ge⸗ nommen und die Huldigung empfangen als König von Böhmen, indeß im nahen Frankfurt die deut⸗ ſchen Kurfürſten und deren Geſandte bereits verſam⸗ melt waren, um zur Kaiſerwahl zu ſchreiten. Der neuen höchſten Würde gewärtig und um im Falle ſeiner Erwählung der Wahlſtadt näher zu ſein, hatte Karl Albert die Einladung gern angenommen und ſich mit ſeiner Familie und ſeinem ganzen Hofſtaat auf die Reiſe begeben. Noch im Laufe des Tages wurde ſeine Ankunft erwartet. Die drei Bräutigame waren ihm bereits mit großem Gefolge entgegengefahren, um ihn an der Grenze zu begrüßen und im Namen des Kur⸗ fürſten willkommen zu heißen. In den Räumen und Höfen des Schloſſes war es daher ziemlich ſtill; dafür waltete in den Gaden, in welchen Küche und Keller untergebracht waren, deſto regeres und reicheres Leben. Die Lakaien und Kammerdiener, wohl hundert an der Zahl, liefen em⸗ ſig hin und her und treppauf, treppab, um auf der Tafel die Gedecke und Geſchirre zurecht zu ſtellen, ſowie mit Flaſchen, Schüſſeln und Gläſern die Kredenztiſche ordnend zu ſchmücken. In der Küche aber rannten die Köche untereinander, der Brat⸗ und Spickmeiſter rief nach dem Kohlenmann, um die Glut für ſeine Braten zu ſchüren, die Hühnerrupfer waren über Hals und Kopf beſchäftigt, ganze Ladungen von Geflügel aller Art ſeines Federſchmucks zu berauben; der Schildkrö⸗ tenverwahrer kam mit einem Korbe voll ſeiner trägen Zöglinge heran und die Fiſcher leerten aus ihren hölzernen Lägeln noch einen Nachtrag mächtiger Rheinſalme in den ſteinernen Brunnengrund, welchen die Heidelberger Waſſerfüller mit dem von dort herbeigeführten Waſſer voll laufen ließen. Drängen, Rufen Schelten von allen Seiten. Deſto einſamer und ſtiller war es in einem kleinen Stübchen, das gegen den Park hin in der Nähe der Räumlichkeit lag, wo ſich die Gewand⸗ und Leinenkammer befand. Es war ein kleines alterthümliches Stübchen, nicht erſt mit dem Schloßneubau entſtanden, ſondern ein Ueberreſt der kleineren Schloßgebäude aus jener Zeit, als noch von der nahen Anhöhe die Friedrichsburg herniedergeſchaut und die Kurfürſten die Reſidenz im nahen Heidelberg aufgeſchlagen hatten. Wände und Decken, mit altersbraunem Eichenholz getäfelt, machten das Zimmer nicht unfreundlich, aber etwas düſter, zumal das Licht durch die kleinen bleigefaßten Rund⸗ 97 ſcheiben der Fenſter nur ſpärlich Eingang fand. Jetzt war es vom Schneelicht etwas erhellt und ließ voll⸗ kommen die Züge der alten Frau erkennen, die in einer tiefen, zum Doppelſitz eingerichteten Mauerniſche mit Näharbeit beſchäftigt ſaß. Auf Stühlen und Tiſchen lag, halb aufgerollt, feine Leinwand, die zu Bettſtücken verarbeitet werden ſollte; ſo groß die vorhandenen Vorräthe ſolcher Dinge waren, war man doch in Sorge, ſie für die ganz ungewöhnliche Zahl der Gäſte noch immer unzureichend zu finden. Die Frau war ganz ſchwarz gekleidet; unter einer alterthümlichen Haube von gleicher Farbe ſah ein ſchmaler Scheitel ſilber⸗ weißer Haare und ein bleiches Antlitz mit ernſten und doch gütevollen Zügen hervor, deren faltenloſe Rein⸗ heit zugleich die Schönheit ahnen ließ, die auf ihnen verblichen war. Man ſah es den Augen an, daß ſie viel Schmerzensthränen geweint und daß Wange und Locke vor Kummer ſich gebleicht haben mochten, aber Schmerz und Kummer waren vorübergegangen, wie Gewitter und Regen, und auf dem Antlitze lag die Abendruhe einer Seele, die im ſtillen Ringen ſich ſelbſt und ihren Himmel gefunden hat. Ihr gegenüber, mit gleicher Arbeit beſchäftigt, ſaß Kordel. Das kurfürſtliche Schloß war die Buſncht gewe⸗ Schmid, Concordia III. 98 ſen, die Kanzler Unertl für ſie ausgeſucht, wo er ſie von den Gefahren, die ihr in München drohten, weit genug entfernt und damit ſeiner Pflicht als Pathe und Vormund vollkommen genügt zu haben glaubte. In den erſten Tagen nach der Nymphenburger Begegnung war ihm die Angelegenheit über den großen Staatsereigniſſen wohl in den Hintergrund getreten, dann aber hatte er ſie mit doppeltem Eifer aufgegrif⸗ fen und machte ſich Vorwürfe, daß er ſich nicht ſchon früher eifriger des Mädchens augenommen und ſie ſo lange bei dem Vatersbruder gelaſſen hatte, bei dem ſie, wie ſich dann ergeben, in ſo ſchlimmen Hän⸗ den geweſen. Er hatte lange hin und her geſonnen, wo ſie am beſten fern von München untergebracht werden könne, hatte ſich dann auch mit dem Kraut⸗ meiſter berathen und von ihm erfahren, wie vor vie⸗ len Jahren ein Bruder ihres Großvaters in die weite Welt gegangen und nach Mannheim verſchlagen wor⸗ den ſei. Dort habe er Dienſte am Hofe gefunden, ſei zwar ſchon lange geſtorben, ſolle aber eine unverheira⸗ thete Tochter zurückgelaſſen haben, die ebenfalls in Mannheim lebe und ſich in guten Verhältniſſen be⸗ finde. Dieſer Ausweg ſchien dem beſorgten Kanzler eine gute Ausſicht zu bieten. Wenn dieſe Verwandte ſich des Mädchens annehmen wollte, war nicht nur 99 die Möglichkeit vorhanden, dieſem vielleicht eine Aus⸗ bildung geben zu laſſen, deren ſie ihm immer würdiger und fähiger erſchien, auch der Gedanke lag nicht fern, daß ihr in dem nichtkatholiſchen Lande andere Gedanken kommen und die Kloſtergrillen in ihrem Kopfe zu zirpen aufhören würden. In ſeiner Stellung war es ihm nicht ſchwer geworden, über dieſe Verwandte Erkundigungen einzuziehen, die ihm ſehr bald die wil kommene Nachricht brachten, daß die Jungfer Judith Waldherr zwar ſchon hochbetagt, aber noch vollkommen rüſtig des ihr übertra⸗ genen Amtes einer Leinwandmeiſterin am kurpfälziſchen Hofe walte und von Jung und Alt, von Hoch und Niedrig wegen ihrer Redlichkeit und Frömmigkeit geachtet ſei. Als er ihr darauf ſelbſt geſchrieben, war ſchnell die Ant⸗ wort gekommen, daß ſie ihre Großnichte, von deren Leben ſie nicht einmal gewußt, mit Freuden bei ſich aufnehmen und daß ſie, ſolange der Herr bei ihren ſiebzig Jahren ihr das Leben friſten werde, derſelben eine Mutter ſein und als ſolche für ſie ſorgen wolle. Bei den vielen Verhandlungen, die zwiſchen Kurbaiern 5 und Kurpfalz wegen der gemeinſamen Reichsverweſer⸗ ſchaft und wegen der bevorſtehenden Ereigniſſe gepflo⸗ gen werden mußten, war es nicht ſchwer geworden, dem Mädchen mit einem der Kuriere eine ſichere und gute Reiſegelegenheit zu verſchaffen. 7* 100 Kordel hatte ſich ohne Widerrede zu der Ueberſiede⸗ lung bereit erklärt; war ſie doch ihr Leben lang bei Leu⸗ ten geweſen, die ſich wenig um ſie bekümmerten und ſie aufwachſen ließen wie den Baum im Walde. Der Gedanke, daß ſie noch eine ſo nahe Verwandte beſitze, die ſich liebevoll ihrer anzunehmen verſprach, öffnete ihr daher eine Ausſicht auf ein Paradies von Liebe, das ſie längſt für verloren gegeben! Als ſie angekom⸗ men, war ſie ſchnell heimiſch geworden; die Baſe hatte ſie mit unverkennbarer Freude und vollſter Liebe auf⸗ genommen; wenige Monate reichten daher hin, der milden gütigen Greiſin ihr ganzes Herz zu gewinnen. War es ihr doch ſchon beim erſten Anblick entgegen⸗ geflogen; wenn ſie auch kein deutliches Bild ihres früh verlorenen Vaters in der Seele trug, war es ihr doch geweſen, als ſie das ernſte graue Auge zum erſten Mal auf ſich gerichtet fühlte, als ob ein Blick aus Vatersaugen ſie begrüße und ſegnend auf ihr ruhe. Auch auf Kordel's äußere Erſcheinung war die Beruhigung ihres Gemüthes nicht ohne Einfluß ge⸗ blieben. Das matt gewordene Auge begann wieder in erſter Jugendfriſche aufzuleuchten und auch auf den Wangen kehrten die lichten Roſen wieder, die einſt dort heimiſch geweſen.. Es konnte nicht fehlen, daß die Baſe, die bald 101 und ungeſucht Kordel's volles Vertrauen gewann, Alles erfuhr, was ſie in der Heimat erlebt und was ſie daraus vertrieben; die feinfühlende Greiſin hatte ihr die Erzählung nicht ſchwer gemacht, ſie errieth, was der Mund zu ſagen ſich ſcheute, und ſah bald Kordel's kindliches Gemüth offen und faltenlos vor ſich liegen, wie ein Blumenbeet, über das der Spätreif dahinge⸗ gangen, das aber die Kraft eines neuen, noch ſchöne⸗ ren Blütenreichthums bewahrt hat. „Du biſt einer großen Gefahr entgangen“, ſagte ſie, als Kordel eben wieder ein Stück ihrer Erzählung beendet hatte,„einer doppelten Gefahr: entweder, den Lockungen des ſündigen Mannes folgend, dem Verder⸗ ben oder, wenn Du Dich ihnen entriſſen, der Ver⸗ zweiflung zu verfallen, der ein verlorenes und betro⸗ genes Gemüth ſo leicht zum Raube wird! Wie ich Dich jetzt kenne, meine Tochter, iſt die Wurzel von Beidem in Dir, aber Du haſt Dich gut gehalten und haſt ſchon viel heiterer zu blicken gelernt, als da Du kamſt! Ich bin zufrieden mit Dir; Du haſt das Deine gethan mit Gebet und innerer Selbſtarbeit, aber Du darfſt darum nicht minder dem guten Geiſte danken, der Dir zur Seite geſtanden und Dir geholfen hat!“ Die einfache Bemerkung traf Kordel tiefer und ſtärker, als Judith ahnen konnte. Noch nie wie jetzt 102 war es ihr klar geworden, wie groß mitten im Un⸗ glück ihr Glück geweſen, wie in der bitterſten Stunde der Enttäuſchung ihr ein wahrer Freund zur Seite geſtanden, von dem ſie nur Edles wußte, den ſie mit vollem Rechte einen guten Geiſt nennen und an den ſie um ſo ungeſtörter denken durfte, als ſie ja doch wußte und glauben mußte, ihm in dieſem Leben nie wieder zu begegnen. Ergriffen neigte ſie ſich der Alten entgegen, faßte, ſie in der Arbeit unterbrechend, ihre Hand und ſagte, indem ſie ihr dankbar in die Augen ſah, in herzlichem Tone:„Liebe Baſe, Ihr ſeid ſo gut—“ „Nun“, erwiderte dieſe verwundert,„warum re⸗ deſt Du nicht zu Ende? Nach dem Tone, in dem Du dies geſagt, klingt es, als hätteſt Du noch etwas zu ſagen, was Dich nun gereut. Soll ich Dir helfen? Soll ich es für Dich ſagen?“ fuhr ſie fort, als Kor⸗ del leicht erröthend verſtummte.„Du wollteſt ſagen, ich ſei gut, obwohl ich nicht Deines Glaubens bin. Hab⸗ ich es errathen? Thörichtes Kind“, ſagte ſie dann und legte ihr die welke Hand auf den jugendlichen Scheitel, „ſuchſt Du des Menſchen Güte in ſeinem Glauben? Jeder Glaube macht gut, wenn er drinnen im Men⸗ ſchen lebendig geworden iſt! Ueberlaß es dem Herrn, das, was die Leute ihren Glauben heißen, gegen ein⸗ 103 ander abzuwägen, er allein hat die rechte Wage dazu und das echte Gewicht; er wird uns alle wahrhaft wägen vor ſeinem Angeſicht, denn er wird nicht blos den Glauben in die Schale legen, ſondern auch den Willen! Wenn er das nicht thäte, wie würde es mit den Hunderttauſenden ſein, die gelebt haben, eh' ein Glauben verkündigt war? Wie mit den Armen, die ge⸗ zwungen ſind, dieſen oder jenen Glauben zu bekennen?“ „Gezwungen?“ fragte Kordel verwundert.„Kann denn das geſchehen?“ „Gezwungen“, wiederholte Judith ernſt.„Wohl Dir, daß Du das nicht begreifſt! Sie ſagen, weß Glaubens der Fürſt ſei, den müßte auch das Volk an⸗ nehmen, und haben es dazu gezwungen mit Feuer und Schwert! Die Pfalz hat in nicht ganz hundert Jahren viermal den Glauben wechſeln müſſen, weil der Fürſt es haben wollte, der eben ans Regiment kam; wer ſich nicht fügte, wurde eingekerkert, ſeiner Habe be⸗ raubt, aus dem Lande gejagt! Der eine wollte nur Lutheraner, der andere nur Calviniſten haben, weil er eben ſelbſt Calviniſt oder Lutheraner war. Jetzt, weil ein anderer Stamm an der Regierung iſt und wir einen katholiſchen Herrn haben, ſoll Alles wieder katholiſch gemacht werden. Freilich, ſo offen und mit Gewalt geht es nicht mehr, dafür treiben ſie's heimlich 104 deſto ärger, und wer ſich nicht beugt, der wird verfolgt und gehudelt, bis er den Wanderſtab in die Hand nimmt und nach Irland hinübergeht, wo er Lands⸗ leute zu Tauſenden antrifft—“ „Aber, Baſe“, rief Kordel beklommen und beinahe ängſtlich,„da weiß man ja gar nicht mehr, an wel⸗ chen Glauben man ſich halten ſoll!“ „An dem Deinigen halte feſt“, entgegnete Judith, „an dem Glauben, in dem Du geboren und erzogen biſt, der Dir von Kindheit auf lieb geworden in Leid und Freud; aber laſſe jedem Andern den ſeinen, dünke Dich nicht beſſer und ſieh ihn nicht über die Achſel an— wir glauben all an einen Gott!“ „Wir glauben all' an einen Gott!“ wiederholte Kordel nachdenkend und faltete die Hände wie betend in dem Schooß. „Das merke Dir“, fuhr Judith fort,„und bilde Dir nicht ein, um Deines Glaubens willen etwas Beſ⸗ ſeres zu ſein! Kannſt Du dafür, daß Du zufällig in einem altkatholiſchen Lande geboren biſt? Willſt Du darum einen Vorzug haben? Mein Vater, der Bruder Deines Großvaters, war aus Baiern fort in die Welt gegangen; er kam zu den Holländern und Eng⸗ ländern, dort hat er die neue Lehre kennen gelernt und angenommen, ſo iſt's geſchehn, daß ich darin geboren —— 105 und aufgewachſen bin. Soll ich darum im Nachtheil ſein gegen Dich? Willſt Du mich um deſſentwillen ver⸗ urtheilen, wofür ich nicht kann? Der Herr war meine Zuverſicht zu aller Zeit, nach meiner Weiſe— möge er's einem Jeden ſein nach ſeiner Art. Wir glauben all' an einen Gott!“ Die letzten Worte hatte ſie mit Erhebung und Andacht geſprochen; die Arbeit entſank ihrer Hand, hoch aufgerichtet ſaß ſie da, unbeweglichen Hauptes, mit den Augen vor ſich hinſtarrend, als ſähe ſie Ue⸗ berirdiſches vor ihnen vorüberziehen. Kordel ſprang eilig hinzu, ſtrich ihr beruhigend über den Scheitel und befeuchtete ihr die Schläfe mit Waſſer; ſie war ſolche Anfälle gewohnt und wußte, daß die Baſe in denſelben oft wunderbare Geſichte hatte und Kenntniß von Dingen bekam, die ſie ſonſt nicht haben konnte. Nach einigen Augenblicken ſeufzte Judith wie aus ſchwerem Schlafe erwachend tief auf, ſah einen Augenblick verwirrt um ſich und lächelte dann Kor⸗ del zu, die ſie liebevoll um ſich bemüht ſah. „Aengſtige Dich nicht, meine Gute“, ſagte ſie, „Du weißt, daß mir oft die Beſinnung ſchwindet, es geht immer wieder ſchnell vorüber. In letzterer Zeit freilich kommt es öfter und dauert länger, das wird wohl eine Mahnung ſein, mich bereit zu halten für 106 die Stunde, in der die Beſinnung auf immer ſchwin⸗ det.“ „Nicht doch, Baſe“, entgegnete Kordel,„mache Dir keine ſolchen Gedanken! Du biſt geſund und rüſtig, Du mußt und wirſt noch lange leben und mich nicht ſchon wieder verſtoßen, nachdem ich Dich kaum gefun⸗ den habe. Denke lieber an andere Dinge! Erzähle mir lieber etwas, was Du erlebt haſt, etwas von dem Bruder meines Großvaters, Deinem Vater; ich weiß immer noch nicht recht, wie es ihm eigentlich ergan⸗ gen iſt, wie er hierher gekommen und was ihn aus Baiern fortgetrieben hat.“ „Was ihn aus Baiern fortgetrieben hat?“ ent⸗ gegnete Judith.„Was ſonſt als die Jugend? Der Ue⸗ bermuth und Drang der Jugend, dem es in einem Paradies nicht gefällt, weil es Grenzen hat, und der die Schranken überſpringt, blos weil es Schranken ſind. Es waren damals ruhige Zeiten im Baiernland. Ferdinand Maria, der Großvater des jetzigen Herrn, war neutral geblieben in dem Kriege, der zwiſchen Frankreich und Holland und dem Reiche entbrannt war. Da lief der junge Burſch davon unter die Sol⸗ daten, nahm bei den Holländern Dienſt unter de Ruyter, aber das Glück war nicht mit ihm, im erſten Gefecht wurde er am Arme verwundet, daß er nicht mehr — 107 dienen konnte, und gerieth zugleich in engliſche Gefan⸗ genſchaft. Das ſchlug ihm indeſſen gut aus, denn in England hielt ſich damals die Kurfürſtin von der Pfalz, die Wittwe des verjagten Winterkönigs, mit ihren Kindern auf. Sie war eine Engländerin und die Schweſter des Königs, dem die rebelliſchen Eng⸗ länder den Kopf abgeſchlagen hatten. In ſeiner Noth wandte er ſich als Deutſcher an die Deutſchen und Prinz Karl Ludwig fand Gefallen an ihm, und als er lange nach dem Frieden in die Heimat und in ſein Reich zurückkehrte, nahm er ihn mit und machte ihn zum Caſtellan droben auf der Friedrichsburg. Da droben hat er dann meine Mutter gefreit, hat ſich ſeinen eigenen Herd eingerichtet, da droben bin ich ihm geboren worden. Ja, ja, mein Kind, ich denke lange“, ſetzte ſie, wieder vor ſich hinſtarrend, hinzu; „vier Herren ſah ich ſchon auf dem Kurſtuhl der Pfalz ſitzen und hinabſteigen ins Grab und der fünfte—“ „Gott weiß, daß ich ihm recht langes Leben wünſche“, rief Kordel heiter,„aber er iſt ſchon in den Achtzigen, den fünften wirſt Du auch noch überleben!“ „Nein“, ſagte Judith ernſt,„das iſt der letzte; ich weiß, daß es der letzte iſt, er wird mir ins Grab ſehen! Wenn ich ſie mir alle in Gedanken zurückrufe“, fuhr ſie ſinnend fort und wehrte Kordel ab, die noch 108 Einwendungen machen wollte,„was geht Alles an mir vorüber! Der finſtere Johann Wilhelm, der ſtrenge Philipp, der das Volk zu Tauſenden aus dem Lande trieb, weil es nicht katholiſch werden wollte, der kranke Kurfürſt Karl und ſein Vater, der gewaltige Karl Ludwig! Ich war noch ein fünfjähriges Kind, als er ſtarb, aber ich habe ihn noch wohl im Gedächtniß, wie er zur Friedrichsburg heraufkam, um in die Eintrachts⸗ kirche zu gehen. Ich ſehe ihn noch, wie er am Thore vor mir vorbeiſchritt, ein großer ſchöner Mann mit ern⸗ ſtem und doch ſo freundlichem Angeſicht, und wie er mich freundlich grüßte, als wenn ich eine Prinzeſſin wäre, mir die Hand auf den Kopf legte, mir das Haar ſtrei⸗ chelte und dem Vater, der entblößten Hauptes ehrer⸗ bietig daneben ſtand, zurief:„Ein feines Kind, Wald⸗ herr, das wird Ihm Freude machen!“ Ach, es iſt nicht dazu gekommen“, unterbrach ſie ſich, indem ſie eine Thräne im Auge zerdrückte,„er hat zu früh fortge⸗ mußt, als daß das Kind Zeit gehabt hätte, ihm Freude zu machen.“ „Die Eintrachtskirche? Was iſt das? Davon habe ich noch nie gehört“, ſagte Kordel. „Kann wolhl ſein“, erwiderte Judith.„Die Ein⸗ trachtskirche hat der Kurfürſt Karl Ludwig droben auf der Friedrichsburg gebaut, weil ihm das Streiten 109 und Verketzern, wer den rechten Glauben habe, in tiefſter Seele verhaßt war. Die Eintrachtskirche war der heiligen Concordia geweiht, ein runder Tempel mit einer gewölbten Kuppel, auf der drei große goldene Kreuze nebeneinander ſtanden. Drinnen aber war ein einziger Altar, an dem mußten alle Religionspar⸗ teien ihren Gottesdienſt halten; heute die Katholiſchen, morgen die Lutheriſchen und übermorgen die Calvi⸗ niſchen.“ „Das hat der Herzog gethan? rief Kordel ſtau⸗ nend. „Das hat er gethan“, beſtätigte Judith,„und er war auch der Mann, der es verſtand, ſeinen Willen durchzuſetzen; ſie haben ſich auch gefügt, ſolange er lebte, und haben mit dem Gottesdienſt nach der Reihe gewechſelt; ſie ducken immer, wenn ſie eine Hand über ſich ſpüren, die kräftig genug iſt, ſie nieder zu halten! Die Kirche war ſein Liebling; darum hat er auch den Liebling ſeines Herzens, die ſchöne Raugräfin, in ihr begraben und iſt ſchier jeden Tag hinaufgegangen, an ihrer Gruft zu beten. „Die Raugräfin?“ ſagte Kordel begierig.„Von der habe ich gehört. Iſt das nicht das ſchöne Fräu⸗ lein von Degenfeld, ſeine Geliebte geweſen?“ „Nicht ſeine Geliebte“, entgegnete Judith;„dazu 110 hätte das Edelfräulein Sophie von Degenfeld ſich nicht hergegeben, ſie war ſeine Gemahlin, die er ſich ſelbſt an⸗ getraut in eigener fuürſtlicher Machtvollkommenheit und als ſolche erklärt und gehalten hat vor aller Welt!“ „Das hört ſich wie ein Märlein an“, ſagte Kordel kopfſchüttelnd.„Wo iſt denn die Eintrachtskirche jetzt?“ „In die Luft geflogen“, rief Judith feierlich,„in die Luft geſprungen und zu Staub zermalmt ſammt dem Friedrichsburger Schloſſe und ſammt dem Sarge der Raugräfin! Die Franzoſen brachen bald darauf ins Land und verwüſteten die Pfalz und brannten und mordeten Rhein auf und Rhein ab. Ihr Melac, der Mordbrenner⸗General, der das Heidelberger Schloß in die Luft geſprengt, wollte auch an der kleinen Feſte ſein Müthchen kühlen. Vielleicht hätte er ſie auch ſtehen laſſen, aber es hieß, die Prieſter hätten ſich hinter ihn geſteckt; ſonſt zwieträchtig bis zum Tode, ſollen ſie darin einig geweſen ſein, daß der Eintrachts⸗ tempel mit den drei Kreuzen von der Erde verſchwin⸗ den müſſe, darum ſei die Feſte geſprengt worden. Sie war der Vorwand, aber der Kirche galt es. Als die Minen gelegt, in den Mauern überall Lö⸗ cher gebohrt und mit Pulver gefüllt waren, ſchickte mich mein Vater hinunter in die Stadt; er werde gleich nachkommen, ſagte er. Freilich lag damals 4441 hier unten noch keine eigentliche Stadt, es ſtand nur ein kleines Jagdſchloß mit einigen Bauernhütten darum. Ich verſtand nicht, was vorging, ich war ja noch ein unerfahrenes Mädchen von kaum vierzehn Jah⸗ ren und war ſchon oft zu einer Verwandten geſchickt worden, die unten im Dorf wohnte. Ich ging alſo ohne Arg'; wie ich aber eine Weile gegangen war, kamen die Franzoſen eiligſt den Berg herabgelaufen, ſie hatten die Schwefelfäden angezündet und rann⸗ ten nun davon, um ſich zu retten. Ich erblickte wmeinen Vater nicht unter ihnen, angſtvoll und weinend wandte ich mich um, ſah auf das Schloß zurück und wollte wieder bergan laufen, da fingen die Mauern des Schloſſes zu zittern und zu wanken an, im nächſten Augenblicke ſchlug eine wilde Feuergarbe hoch in den Himmel hinein, der Boden wankte unter mir und ein gewaltiger Donnerſchlag ſchleuderte mich zu Boden, daß ich beſinnungslos am Wege liegen blieb.“ Sie hielt erſchüttert inne, ergriffen ſchmiegte ſich Kordel an ſie. „Als ich wieder zu mir kam“, fuhr ſie dann fort, „war auf dem Berge nichts mehr zu ſehen als rau⸗ chende Trümmer. Mein Vater aber kam nicht mehr zum Vorſchein; ob er ſich verſpätet, ob er in der Feſte, die ihm lieb geworden, ſich abſichtlich verweilte, ich habe es nie erfahren.“ 112 Schüchternes Pochen an der Thür unterbrach die Erzählerin; auf ihren Wink ging Kordel, den Riegel zurückzuziehen; ein ältlicher Mann im Jeſuitentalar trat ein. Es war Pater Seedorf, der Beichtvater des jetzigen alten und Erzieher des jungen künftigen Kur⸗ fürſten. „Gelobt ſei Jeſus Chriſtus“, ſagte er freundlich, indem er zugleich einen kaum merklichen Späherblick durch das ganze Zimmer laufen ließ. „Was führt den Herrn zu mir?“ ſagte Judith, ſich ſchnell erhebend, in kaltem, beinahe feindſeligem Tone. „Nur Liebes und Gutes, meine ehrenwerthe Jung⸗ fer“, entgegnete der Pater;„ich ging eben durch das Portal und hörte, daß dringend nach der Jungfer Leinwandmeiſterin verlangt werde, und da ich eben vorhatte, im Parke ein wenig friſche Luft zu ſchöpfen, unternahm ich es mit Vergnügen, der ehrenwerthen Jungfer die Nachricht zu bringen.“ „Der Herr iſt ja außerordentlich freundlich“, ſagte Judith wie zuvor;„ich weiß nicht, wie ich zu der ſon⸗ derbaren Ehre komme.— Mache Du das fertig und dann komme nach“, fuhr ſie gegen das Mädchen ge⸗ wendet fort, indem ſie ihm die Arbeit hinüberſchob und dann ein Tuch über den Kopf warf. Ohne den „— 443 Pater eines Grußes zu würdigen, verließ ſie das Zimmer. „Eine vortreffliche Perſon, unſere Jungfer Judith“, ſagte der Pater,„nur ſcheint ſie etwas finſtern und unverträglichen Gemüthes zu ſein, die Jungfer wird viel mit ihr auszuſtehen haben.“ „Nicht das Geringſte, hochwürdiger Herr“, entgeg⸗ nete Kordel eifrig fortarbeitend,„die Baſe iſt immer heiter und die gute Stunde ſelbſt!“ „Möglich, daß ſie Ihr ſo vorkommt, werthe Jung⸗ fer“, ſagte der Jeſuit.„Die Jungfer iſt erſt ſeit einigen Monaten hier, ich kenne die Jungfer Judith ſeit län⸗ gerer Zeit und weiß, manchmal iſt ſie gar ſehr ſtör⸗ rigen Weſens und befangen vom Geiſte des Wider⸗ derſpruchs! Ich weiß leider auch, warum das ſo iſt: ihr fehlt die innere Eintracht des Gemüths, die See⸗ lenruhe, die nur der wahre Glaube gibt! Aber man ſoll Niemand verloren geben— auch in dieſes verſtockte Gemüth wird noch einmal der Strahl der Gnade und himmliſchen Erleuchtung dringen! Es iſt ein wah⸗ res Glück“, fuhr er fort, als Kordel ſeine⸗Rede nicht zu begreifen ſchien und ihn ſchweigend anſah,„daß die Jungfer hierher gekommen.“ „Wie meint das der hochwürdige Herr?“ fragte Schmid, Concordia. III. 8 114 Kordel verwundert, indem ſie die beendigte Arbeit bei⸗ ſeite legte und ſich erhob. „Die Jungfer iſt aus einem Lande“, ſagte See⸗ dorf,„in welchem noch der alte, heilige, der alleinſelig⸗ machende Glaube gilt und allein gilt, wohin das Peſt⸗ gift der Ketzerei noch nicht einzudringen vermochte. Ich habe die Jungfer im Stillen beobachtet und mit Freuden geſehen, daß ſie eine gute Katholikin iſt und eine fleißige Kirchgängerin. Ich glaube, die Jungfer wäre ganz geeignet, ein auserwähltes Rüſtzeug des Herrn zu werden.“ „Ich verſtehe Hochwürden wahrhaftig nicht“, ſagte Kordel,„ich weiß nicht, was Sie meinen.“ „Ich meine, es wäre ein Gott wohlgefälliges Werk, die treffliche Jungfer Judith, die ſo nahe an der Pforte der Ewigkeit ſteht, noch vor ihrem Hin⸗ gang mit jener Bürgſchaft zu verſehen, die ihr allein die ewige Seligkeit zu ſichern vermag. Die Jung⸗ fer iſt mit ihr nahe verwandt, hat ſie lieb gewonnen, die Jungfer könnte vielleicht ihr Gemüth zubereiten, wie einen Acker, der umgepflügt werden muß, auf daß der Same ausgeſtreut werden könne, um himmliſche Früchte zu bringen.“ Vor kurzer Zeit hätte Kordel den Antrag vielleicht nicht von der Hand gewieſen und in demſelben wirk⸗ 115⁵ lich etwas Gott Gefälliges zu finden geglaubt, jetzt erſchrak ſie vor dem Gedanken, den Gemüthsfrieden der frommen Greiſin bedroht zu wiſſen; ſie ſuchte einen Ausweg. „Das thät' ſich wohl für mich nicht ſchicken, hoch⸗ würdiger Herr“, ſagte ſie ſanft, aber feſt.„Wie ſollt ich junges, unerfahrenes Geſchöpf meiner alten Baſe einreden wollen, wie ſollt' ich— Das Oeffnen der Thür überhob ſie weiterer, be⸗ ſtimmter Antwort. Eine ſtämmige Mannheimerin ſteckte den Kopf durch die Spalte und rief: „Die Jungfer ſoll alsgleich komme! Die Jung⸗ fer Leinwandmeeſterin hot geſächt, ſe braucht ſe!“ Raſch folgte Kordel dem willkommenen Rufe und nöthigte dadurch den Pater, ebenfalls die Stube zu verlaſſen, die ſie abzuſchließen ſich anſchickte. „Das muß ich mir erſt überlegen, Hochwürden“, rief ſie, mit der Magd hinwegeilend, der Pater aber ſah ihr entrüſtet nach.„Alſo auch ſchon angeſteckt“, murmelte er,„wir wollen's uns merken!“ Wenige Augenblicke ſpäter ſtand Kordel in den Gemächern des Schloſſes, welche, ſeit dem Tode der Kurfürſtin unbewohnt, jetzt die weiblichen Theilnehmer des Feſtes und insbeſondere deſſen Hauptperſonen, die drei Bräute beherbergten, die aus dem einſamen Sulz⸗ 8* 116 bach vor kurzer Zeit gekommen waren, den Großvater zu beſuchen und die letzten Vorbereitungen zur Ver⸗ mählung zu treffen. Die drei Schweſtern waren ſchon auf den erſten Blick als ſolche zu erkennen; es waren angenehme, wohlgefällige Geſtalten mit Zügen, die nicht eben ſchön genannt werden konnten, in denen aber ſtille Anmuth waltete, die bei längerem Beſchauen immer mehr an⸗ zog. Dennoch waren ſie, trotz ihrer Aehnlichkeit, ſehr von einander verſchieden. Eliſabeth, die älteſte und des Thronfolgers Karl Theodor Verlobte, hatte etwas Herriſches und Herbes um den Mund, was dem künftigen Gatten wohl ver⸗ künden mochte, daß er nicht immer Süßes und Freund⸗ liches aus demſelben zu hören bekommen werde; Maria Anna war die wenigſt ſchöne unter den Schweſtern, aber ihre hohe Stirn und das tiefe, bedeutungsvolle Auge ließen die geiſtreiche Fürſtin errathen, welche die Freundin Friedrich's des Großen werden und für die Geſchicke und die Selbſtſtändigkeit Baierns ſo bedeu⸗ tungsvoll thätig ſein ſollte; die jüngſte, Amalie, eine voll aufbrechende Mädchenblüte und doch noch der Kinderzeit nicht völlig entfremdet, war die lieblichſte unter den dreien; ihre Lebensfriſche ließ ſie wohl ge⸗ eignet erſcheinen, nach raſchem Welken der andern 414ʃ Zweige die Stammmutter eines neuen Fürſtenſtamms von Königen zu werden. Die Prinzeſſinnen, von ihren Kammerfrauen, Hofdamen und Dienerinnen umgeben, waren eifrigſt beſchäftigt, Anzug und Putz zu vollenden denn die Ankunft der Gäſte war mit jeder Stunde zu erwarten; unmittelbar danach ſollte dann die Trauung ſtattfinden, an dieſe die Tafel ſich reihen und ein Maskenball nach ihr den Reigen der Feſtlich⸗ keiten ſchließen. Sie waren alle drei gleich in weiße Seide von koſtbarſter Art gekleidet, mit Blumen aus Silber und jenem lichten Blau durchwirkt, das die pfälziſche Hausfarbe bildete. Eliſabeth trug neben der Myrtenkrone und dem Schleier ein Herzogsdi⸗ adem von Diamanten, aus den Haaren der ernſten Maria Anna leuchtete das ſtille Feuer einer Smaragd⸗ krone, während das dunkle Gelock Amaliens das da⸗ rin verflochtene Stirnband aus Rubinen noch wär⸗ mer glühen und funkeln ließ. Die letztere war es, zu der Kordel gerufen worden war. Während ihres kurzen Aufenthalts war ſie des ihr im Alter naheſtehenden, hübſchen und ſittigen Mäd⸗ chens, das mitunter bei der Bedienung helfen mußte, ge⸗ wahr geworden und hatte ſich zu demſelben hingezogen gefühlt. Sie ſchenkte ihm ihre Gunſt und hatte ver⸗ ſprochen, ſie, wenn ſie erſt Frau ſei, mit ſich zu neh⸗ 118 men nach Zweibrücken, um ſie immer bei ſich zu haben. Als Kordel eintrat, riß die Prinzeſſin zum großen Verdruß der Ankleiderinnen ſich los eilte dem bür⸗ gerlich einfachen Mädchen zu und zog es vertraulich in eine Fenſterniſche „Du mußt mir helfen“, ſagte ſie mit reizendem Lächeln,„du biſt die Einzige, auf die ich mich verlaſ⸗ ſen kann. Ich und meine Schweſtern haben einen Scherz ausgedacht, wie wir heute Abend unſere Bräu⸗ tigame necken wollen. Höre nur!“ fuhr ſie geheimniß⸗ voll fort, als Kordel ſich lachend bereit erklärte.„Wir ſind alle drei ſo ziemlich von gleicher Geſtalt, wir ha⸗ ben die Haare gleich, und wenn man das Geſicht nicht ſieht, wird man nns nicht leicht unterſcheiden können. Wir wollen uns daher vom Balle unbemerkt fortſchleichen, dann ganz gleich ankleiden und wieder⸗ kommen, um unſere Bräutigame auf die Probe zu ſtellen, ob ſie uns erkennen und ob jeder ſeine Braut heraus⸗ findet. Von den Kammerweibern trauen wir keiner, die könnten ausplaudern! Du aber wirſt uns helfen, nicht wahr? Du wirſt uns unſere Anzüge machen? Wenn Baſe Judith mithilft, werdet Ihr gewiß zur rechten Zeit fertig werden.“ Kordel's Bedenken über die Kürze der Zeit und 119 die Größe der Aufgabe mußten den dringenden Bitten der Prinzeſſin weichen, zu denen ſich auch noch die der andern Schweſtern geſellten; es blieb ihr nichts übrig, als das Verſprechen zu geben, daß ſie bis zum Abend an einem Orte, wo Niemand ſie ſtören könne, ſich ein⸗ ſchließen und die drei gleichen Anzüge fertigen wolle, ohne daß Jemand von Farbe und Schnitt derſelben wie von dem ganzen Scherz auch nur eine Ahnung ha⸗ ben ſollte. Sie ſah die Möglichkeit des Vollbringens einzig darin, daß es nur Ueberwürfe werden ſollten, wie Zauberfrauen oder Wahrſagerinnen ſie tragen, denn als ſolche wollten ſie erſcheinen, um ihren künftigen Gatten die Zukunft zu prophezeien und ſich ſelbſt ein glückverheißendes Orakel für dieſelbe zu gewinnen. Der Eintritt des greiſen Kurfürſten machte der Verhandlung ein Ende. Karl Philipp war in ſeiner Jugend beſtimmt ge⸗ weſen, einen geiſtlichen Fürſtenſtuhl zu beſteigen, hatte ſich aber dieſem Looſe, das ihm nicht gefiel, entzogen und ſtatt des Krummſtabs den Degen ergriffen. Als kaiſerlicher Feldmarſ chall hatte er in den Türkenſchlachten von Neuhäuſel und Krotzka mit Ruhm gefochten, dann als Statthalter des Kaiſers zu Innsbruck in Tirol gehauſt, bis das Ausſterben der Linie von Pfalz⸗Sim⸗ mern ihn zur Thronfolge in der Kurpfalz berufen 120 hatte. Jetzt war er vor Alter nahezu kindiſch gewor⸗ den, hatte die Regierung ſeinem Vetter Karl Theodor ſchon lange abgetreten, gefiel ſich aber immer noch darin, den Schein derſelben zu bewahren. Zugleich war er überfromm geworden und quälte ſich mit Gewiſ⸗ ſensbiſſen, daß er dem geiſtlichen Beruf untreu geworden und die weltliche Laufbahn gewählt hatte. Er fühlte ſich erleichtert und fand eine Art Sühne darin, mög⸗ lichſt Viele vor ähnlichen Irrwegen zu bewahren nnd für den Schooß der alleinſeligmachenden Kirche zu gewinnen. Voll freudigen Dankes eilten die Prinzeſ⸗ ſinnen ihm entgegen, denn die prachtvollen Diademe waren ſeine Hochzeitsgabe geweſen; mit vergnügtem Lächeln empfing er den Dank der ſchönen Damen, in⸗ dem er ihnen zunickte, ſie an Kinn und Wange tät⸗ ſchelte oder ihr ſchönes reiches Haar ſtreichelte. „Schön, ſchön“, ſagte er,„Ihr ſeid ſehr ſchön, meine lieben Kinder! So iſt es recht, ſo gefallt Ihr mir und macht dem alten Großvater Ehre. Was meint Er“, ſagte er zu dem Oberſtkämmerer von⸗ Wachtendonk, ſeinem Begleiter,„wenn Paris den gol⸗ denen Apfel unter dieſe drei Göttinnen zu vertheilen hätte, da würde ihm die Wahl wohl noch ſchwerer werden als einſt auf dem Berg Ida?“ „Ich behaupte, ſie würde ganz unmöglich ſein“, 121 erwiderte der galante Cavalier;„auf wen die Wahl auch fiele, ſie würde immer ein Unrecht für die beiden andern ſein.“ „Er hat Recht, ganz Recht“, kicherte der alte Herr erfreut,„Er verſteht ſich noch auf das, was ſchön iſt, wie ich ſehe. O es hat eine Zeit gegeben, wo ich ein Gleiches von mir ſagen durfte! Das verlernt man aber niemals ganz— ein guter Falke hat auch noch im Alter ſcharfe Augen, wenn er auch nicht mehr nach Raub ausfliegen kann! Wir haben auch gewußt, wo ſchöne Blumen wachſen! Weiß Er es noch, wie wir auf den Innsbrucker Bergen und Almen herumſtiegen oder im Türkenkriege mit den ſchönen Cirkaſſierinnen Kurzweil trieben?“. „Aber, Großpapa“, unterbrach ihn verwundert die jüngſte Enkelin,„ſind denn die Cirkaſſierinnen nicht Heidinnen?“ „Still, gottloſes Kind!“ rief der Kurfürſt, ſich be⸗ ſinnend.„Was fällt Dir ein, nach ſolchen Dingen zu fragen? Was weißt Du von Cirkaſſierinnen? Höre nicht darauf, das war nur in den Wind geredet, ich weiß nichts von ſolchen ſündigen Dingen, ich war immer fromm und eingezogen, wie es ſich für einen chriſtlichen Kriegsmann geziemt.— Wachtendonk, laß Er mich nicht vergeſſen, ins Kapuzinerkloſter zu ſchicken! 122 Laß Er fragen, ob die Reliquien des heiligen Carpen⸗ tarius ſchon angekommen find, ich habe ſie dem Kur⸗ fürſten von Mainz verſprochen und möchte nicht—“ Kanonenſchüſſe, Glockengeläute und die muthigen Töne ſchmetternder Kriegsmuſik verkündeten die Ankunft der Gäſte. Alles eilte, ſie zu empfangen oder ihre An⸗ fahrt zu ſehen. Selbſt die Prinzeſſinnen verſagten ſich nicht, Zuſchauerinnen zu ſein, ſoweit es möglich war, ohne ſelbſt dabei ſichtbar zu werden. Auf dem Schloßplatze zu Mannheim waren indeß die Truppen aufmarſchirt, ein Regiment der vom Kur⸗ fürſten beſonders geliebten Jäger von Kurpfalz, in dunkelgrünen, roth ausgeſchlagenen und goldbetreßten Röcken, weißen Beinkleidern und hohen Stulpenſtiefeln, die kurze Büchſe quer über dem Rücken, Hüfthorn und Hirſchfänger an der Seite. Ein Regiment Fußvolk hatte ſich angeſchloſſen, ſodaß der ganze Platz im wei⸗ ten Viereck umſtellt war. Jetzt, unter Trommelſchall und Hörnerklang, ſauſte der feſtliche Zug heran, eröffnet von einer Schaar be⸗⸗ rittener Trompeter, Jäger und Haiducken, denen eine Schwadron Dragoner in weißen, blau ausgeſchlagenen Röcken und aufgekrempten Spitzhüten mit großen Fe⸗ derbüſchen folgte. Dann kamen die Herrſchaftsſchlitten ſelbſt mit Peitſchenknall und dem Geklingel des Schel⸗ —yÿ— 123 lengeläuts, das die im Federſchmuck ſtolz einhertrabenden Pferde übermüthig ſchüttelten. In den erſten Schlitten ſaßen die oberſten Hofbeamten von Kurpfalz, Hofmar⸗ ſchall Graf Leerod, Stallmeiſter von Ehreshofen, Ober⸗ ſchenk von Sturmfeder und der Oberforſtmeiſter Be⸗ kers, alle in reichen goldſtrotzenden Uniformen; hinter ihnen der Feldmarſchall und mehr als zwanzig Gene⸗ rale, denn wenn auch das Heer des Landes nicht viel über fünftauſend Mann betrug, hatte deſſen Ge⸗ bieter doch ſo viele dieſer Stellen geſchaffen, um Glanz und Pracht ſeines Hofſtaats zu erhöhen. Mehr als tauſend Pferde der edelſten Arten waren an die Schlitten geſpannt und um dieſelben herum von einer unabſehbaren Schaar von Kämmerern und Edelknaben getummelt, welche es darauf anlegten, in kühnen Wen⸗ dungen und Sprüngen ihre Reitkunſt wie Zucht und Schönheit ihrer Thiere glänzen zu laſſen. Ein Zug nicht minder ſtattlich berittener Cava⸗ liere umgab die Wagen, in welchen Karl Albert mit ſeiner Familie herankam, geleitet von den Prinzen, die ihm entgegengefahren und jetzt bei demſelben Platz genommen hatten. Eine Schwadron Dragoner bildete den Schluß. Obwohl Mannheim damals noch klein war, hatte ſich doch der ganze Schloßplatz mit einer Menge Men⸗ 124 ſchen bedeckt, von der Seltenheit nnd Pracht des Schau⸗ ſpiels aus Nah und Fern herbeigelockt oder von dem Wunſche getrieben, den Mann von Angeſicht zu ſehen, der, wie die Rede ging, beſtimmt war, die Kaiſerkrone zu tragen, und von deſſen leutſeliger Güte der Ruf ebenſo viel zu erzählen wußte als von der Weisheit und den hohen glückbringenden Plänen, mit denen er den Thron zu beſteigen gedachte. An der großen Treppe des Mittelbaues trat der Landesherr ſeinen hohen Gäſten entgegen, umgeben von dem zurückgebliebenen Theil ſeines Hofſtaats, der noch zahlreich und ſchimmernd genug war, um auch für ſich allein zu einem höchſt glanzvollen Em⸗ pfange auszureichen. Nach den erſten Begrüßungen bewegte ſich der prachtvolle Zug die mit Teppichen bedeck⸗ ten Marmorſtufen hinan und verſchwand in den Gängen. Hinter den Neugierigen und Hofdienern und von ihnen gedeckt hatte auch Kordel mit Frau Judith ſich eingefunden, um die Herrſchaften zu ſehen. Sie hatte ſich vorgenommen, dabei nicht zu fehlen, ſie wollte ſich ſelbſt auf die Probe ſtellen, ob ſie den Anblick des Mannes, der ſo tief und bedeutſam in ihr Leben ein⸗ gegriffen, ohne Gemüthsbewegung zu ertragen vermöge. Sie kam aber nicht dazu, dieſe Beobachtung zu ma⸗ chen, denn im Augenblick, in welchem der Schlitten 125 Karl Albert's in der Einfahrt erſchien, wurde ſie ihr gegenüber unter den Dienern ein Antlitz gewahr, das ihr bekannt vorkam und ſie mit Schrecken erfüllte. Sollte es möglich ſein, daß der flüchtige Vetter Falk⸗ ner, bei dem ſo lange ihre Heimat geweſen, ihr hier im fernen, fremden Mannheim begegne? Wie kam er hierher? Was mochte er hier ſuchen oder vorhaben? Das dichte Haar und der ſtarke Bart, den er trug, ließen aus der Entfernung die entſtellende Narbe nicht deutlich erkennen, aber aus dem kurzen und doch durchdringenden Blicke, der zu ihr herüberſtreifte, lo⸗ derte ihr daſſelbe unheimliche und unſtäte Feuer ent⸗ gegen, unter dem ſie ſo oft erbebt war, ehe ſie noch deſſen Urſache gekannt. Zugleich wurde ihre volle Aufmerkſamkeit durch die Baſe in Anſpruch genommen, die plötzlich wie ſchwindelnd nach ihrem Arm faßte und mit todtenhaft unbeweglichen Augen auf den Zug der Fürſten hin⸗ ſtarrte, der ſich der Treppe zu bewegte. Ihr geheim⸗ nißvoller Zuſtand war wieder über ſie gekommen. Eben ſchritt Karl Albert mit dem Kurprinzen Max und mit ſeinen Töchtern die Stufen hinan, der künf⸗ tige Kurfürſt Karl Theodor war im Begriffe, mit ſeinen Schwägern, dem Prinzen Clemens von Bayern und dem Pfalzgrafen Friedrich von Zweibrücken, zu fol⸗ gen, als die zuckenden Lippen der Alten halblaut zu murmeln begannen. Die Umſtehenden drängten ſich vor, den Fürſten den Anblick zu entziehen. „Leichen! Wohin ich ſehe, lauter Leichen!“ rief die Verzückte, von Krämpfen geſchüttelt.„Wo kommen all die todten Geſichter her? Drei Jahre, drei Leichen! Weg, weg damit! Mir graut davor! Der Wurm iſt in dem Wald, die friſchen grünen Bäume wie die alten, ſie verdorren alle. Da, da iſt der einzige grüne Stamm, der Zweige treiben und blühen wird, den hütet wohl!“ ſchrie ſie auf und deutete hoch aufgerich⸗ tet und mit ſtarr ausgeſtrecktem Arm auf den zwei⸗ brückener Pfalzgrafen, der eben den Fuß auf die Treppe geſetzt hatte. Niemand von den fürſtlichen Perſonen hatte den ſtörenden Zwiſchenfall bemerkt, nur Karl Theodor war aufmerkſam geworden und hinter den übrigen zurückgeblieben. Auch Pater See⸗ dorf war bereits herbeigeeilt, ſchalt die Umſtehenden mit harten Worten und befahl, die verrückte Alte hin⸗ wegzubringen. Es war raſch geſchehen. 1 Durchlaucht ſollten endlich geſtatten“, fuhr er gegen Karl Theodor gewendet fort,„daß man die alte Perſon beſeitigt, ſie iſt bösartig, wenn nicht noch Schlimmeres dahinterſteckt.“ „Laß Er mir die gute Alte in Ruhe“, entgegnete 127 Karl Theoder leutſelig,„ich habe ſie lieb gewonnen in den zehn Jahren, während deren ich hier bin; ſie hat mir manchen Blumenſtrauß gebunden und iſt meine Märchenerzählerin geweſen. Ich will nicht, daß man ihr was zu Leide thut; ſie ſoll ihre guten alten Augen in Ruhe ſchließen.“ „Aber das ſchlimme Beiſpiel!“ eiferte der Pater, der die gute Gelegenheit nicht ſo raſch verloren geben wollte.„Sie ſpielt offenbar die Verzückte, iſt eine ver⸗ ſtockte Proteſtantin und gibt durch ihre Hartnäckigkeit auch Andern Anlaß zum Widerſtande. Wie leicht könnte ſie durch ihre ſogenannten Wahrſagungen Un⸗ heil ſtiften!“ „Wenn man daran glaubt“, ſagte Karl Theodor wieder;„laſſen wir das dem Pöbel— uns ſoll es die Feſtfreude nicht ſtören, wenn ſie uns daran erinnert, daß wir alle ſterblich ſind! Ich finde darin nicht ſo Entſetzliches, darum noch einmal, laſſe Er mir die alte Träumerin in Ruhe!“ Er ging, von dem achſelzuckenden Prieſter gefolgt, den übrigen Herrſchaften nach, die Diener aber ſteckten die Köpfe zuſammen und flüſterten untereinander, in⸗ dem ſie ſcheu Judith nachſahen, die, ſich allmälig erholend, an Kordel's Arm ihrer Wohnung zuſchwankte „Das möchte ich doch nicht ſo auf die leichte 128 Achſel nehmen“, ſagte ein alter Mann bedenklich zu einem jungen, während die Menge ſich verlief.„Ihr grünes Volk verſteht das freilich nicht ſo, mir aber wär' nicht wohl dabei! Sie hat den Herrſchaften in drei Jahren drei Todesfälle prophezeit und hat ſie alle dürre Stämme genannt, die abſterben. Das heißt bei mir, daß die neuen Brautpaare keine Nachkommen⸗ ſchaft kriegen und ausſterben bis auf den letzten, den Pfalzgrafen von Zweibrücken! Das iſt eine ſchöne Prophezeiung zur Hochzeit, da thät' ich mich bedanken!“ Kurfürſt Karl Philipp hatte indeſſen die Gäſte nach den Gemächern begleitet, damit ſie ausruhen und ſich zu all den Feſtlichkeiten vorbereiten könnten, die ihrer warteten. „Seien Sie mir noch einmal willkommen, Maje⸗ ſtät“, ſagte er ſich verabſchiedend zu Karl Albert,„ich überlaſſe Sie für kurze Zeit ſich ſelbſt, denn die ganze üb⸗ rige Zeit hindurch müſſen Sie uns angehören. Es iſt lange, daß ich Eure Liebden nicht mehr geſehen, und ich freue mich nun doppelt, daß ich alter Haudegen noch den Sieger von Linz und den Erſtürmer von Prag be⸗ grüßen kann und das ſo oft zwieſpältige Haus Wit⸗ telsbach in all ſeinen Gliedern vollzählig und freund⸗ ſchaftlich verſammelt ſehe. Ja, ja“, fuhr er plaudernd fort,„das iſt das Wahre, ſo können wir mit Zuver⸗ 129 ſicht ſagen: Baiern und Pfalz, Gott erhalt's! Drum haben wir uns auch nicht geſtritten und haben das Reichsvicariat zuſammen verwaltet, daß das Reich rö⸗ miſch⸗deutſcher Nation wohl damit zufrieden ſein wird, denk' ich! Bin bisher Ihr College geweſen, aber ich vermeine, die Collegialität habe ſchon die längſte Zeit gedauert und ich erlebe vielleicht noch die Freude, Sie in meinem Hauſe mit einem noch höheren Na⸗ men willkommen zu heißen!“ Karl Albert kam nicht dazu, den Redefluß des freudigen Greiſes zu unterbrechen. „Nur das Eine thut mir leid“, fuhr derſelbe im⸗ mer lebhafter fort,„daß ich nicht auch dabei ſein konnt, wo es galt! O, in meinen jungen Jahren haben wir auch die Kugeln ſauſen gehört, bei Neuhäuſel haben uns die Türken keine leichte Arbeit gemacht! Da galt es einmal, eine Schanze zu ſtürmen; wir hatten Nachts in aller Stille Laufgräben aufgeworfen— aber das erzähle ich Majeſtät ein andermal; jetzt iſt es da⸗ mit vorbei. Jetzt“, ſetzte er, plötzlich in den frommen Ton zurückfallend, hinzu und zog einen Roſenkranz aus der Taſche,„jetzt habe ich mit keinen andern Ku⸗ geln mehr zu thun als mit ſolchen am Paternoſter und denke keine andere Schanze mehr zu ſtürmen als den Himmel.“ 1 Schmid, Concordia. II 9 130 Er ging. Karl Albert warf ſich erſchöpft in einen Stuhl, er bedurfte wirklich der Ruhe. Die Sorgen und Aufregung der letzten Monate waren ſichtbar nicht ohne Einfluß auf ſein Gemüth wie auf ſeinen Körper geblieben. Sein Antlitz war hagerer geworden, das Auge hatte ſich tiefer darin gebettet; aber beide hatten dadurch nicht verloren, ſondern eher gewonnen, denn die Züge waren feſter und entſchiedener, die Blicke tiefer und ſtetiger geworden, die zerſtreut in ihm vorhandenen Fähigkeiten und Anlagen hatten be⸗ gonnen ſich zum feſtgeſtalteten Charakter zuſammenzu⸗ ſchließen. Das Glück, das ſeine Unternehmungen bis⸗ her in ſo auffallender Weiſe begünſtigt, hatte ſeine ſtets und immer wieder nach Rath ſuchende Unſchlüſ⸗ ſigkeit in etwas gehoben und ihm Selbſtvertrauen und Zuverſicht gegeben, er glaubte an ſich ſelbſt und daß es ihm beſchieden ſei, das hohe Ziel, das er ſich vor⸗ geſteckt, wirklich zu erreichen. In demſelben Maße aber wie dieſe Zuverſicht wuchs und der Erfolg ihn Schlag um Schlag dem Ziele näher brachte, wuchs auch dieſes Ziel vor ſeinen Augen immer höher und höher empor und ſtand in Chrfurcht gebietender Erha⸗ benheit vor ſeiner Seele, einem rieſigen Dome gleich, deſſen Hallen auch der Erbauer nur mit heiligem 134 Schauder betritt. Die innere Trefflichkeit ſeines We⸗ ſens trat wie losgeſchürftes Edelgeſtein immer mehr zu Tage und Gedanken, würdig des Hauptes, das die Kaiſerkrone Ludwig's des Baiern und Karl's des Gro⸗ ßen tragen ſollte, keimten in ſeiner Seele. Was die müßige Eitelkeit froher Stunden erſonnen und der Ehr⸗ geiz begonnen, fing an ſich zu einer großen geiſtigen Unternehmung zu geſtalten; das Schickſal hatte ihn beim Wort genommen und ihm die große Aufgabe gegeben, nach der er ſo oft verlangt hatte; die Aufgabe, welche würdig war, ein ganzes Leben auszufüllen und fähig, alle Ouellen ſeines Könnens und Wollens in einem großen Strom zu vereinigen, der im mächtigen Gange alles Unedle und Unreine, das bisher oft die einzelnen Wellen getrübt, hinwegzutragen und die Schling⸗ pflanzen zu zerſtören vermochte, die in den ſtilleren Buchten und Krümmungen des Geſtades ſich wu⸗ chernd angeſiedelt. Dieſen erhebenden Gedanken geſellten ſich aber auch manche minder freudige. Wie Unkraut am Wege, das, wenn auch noch ſo oft umgehauen, durch neue Triebe immer wieder verräth, daß ſeine Wurzel nicht zerſtört iſt, ſo beſchlich ihn immer wieder die Sorge, ob er auch recht gethan, in den Tagen von Linz den Rath Friedrich's von Preußen zu verſchmähen. Die 9* 132 immer neuen und immer ſieghaften Fortſchritte des Königs in Schleſien und Böhmen bewieſen, wie ſcharf und rich⸗ tig ſein Feldherrngeiſt die Lage der Dinge erfaßte und überſchaute, und erregten ein unheimliches Gefühl, als ob er damals beſſer gethan, ſachlichen Erwägungen Gehör zu geben, anſtatt, wie ſchon ſo oft geſchehen, ſich durch eine perſönliche Aufwallung beſtimmen zu laſſen, die er für einen Entſchluß genommen. Er war im geheimſten Winkel ſeiner Seele unzufrieden mit ſich ſelbſt. Aber auch manch Anderes gab es, was ihm die Erinnerung an den erſten glorreichen Er⸗ folg von Linz trübte. Er konnte in einſamen Stun⸗ den zwei Augenpaare nicht los werden. Manchmal däuchte es ihm, als ob er den feſten vielſagenden Blick auf ſich ruhen fühle, mit welchem Pilgram von ihm geſchieden war; manchmal ſahen ihn Tere⸗ ſa's Augen durch Thränen des Grams und der Klage an und ſchleuderten Dornen des Vorwurfs in ſeine Seele. „Ich bin müde“, ſagte er zu dem Kammerdiener Duſchl, der ihn anzukleiden kam.„Warte noch; ich will mich erſt ausruhen; wenn ich ſo zum Feſte ginge, würde ich ein ſchläfriger Gaſt ſein. Sind Neuigkeiten eingetroffen, Ickſtadt?“ ſagte er dann zu dieſem ge⸗ wendet, der als Begleiter des Kurprinzen mitgekommen 133 war.„Ich habe alle Depeſchen, die ankommen ſollen, nach Mannheim beordert.“ „Es iſt nichts eingetroffen“, entgegnete Ickſtadt, „aber im Hereinfahren hat mir der Herr von Stengel, einer der Secretäre des Kurfürſten von Pfalz, erzählt, geſtern ſei das Gerücht verbreitet geweſen, Maria Thereſia habe Frieden mit den Ungarn gemacht.“ „Gerüchte!“ entgegnete Karl Albert matt und mit ſchwacher Handbewegung.„Die Ungarn ſind nicht ſo leicht zu beſchwichtigen, ſie werden die Tage von ht 3 9 g Eperies und ihren Tokely nicht ſo leicht vergeſſen. Maria Thereſia känn ihnen, was ſie verlangen, nicht gewähren, und wenn es auch geſchähe und die Szekler wollten aufſitzen, ſo würden ſie doch zu ſpät kommen. Bis ſie eintreffen, iſt der ganze Krieg unwiderruflich entſchieden. Auch iſt ihnen in Linz ein Riegel vorge⸗ ſchoben, den ſie ſo leicht nicht zerſprengen ſollen! Sorge Er, daß Alles, was eintrifft, mir ſogleich gebracht wird, aber nicht vor einer Stunde, ich muß Ruhe haben.“ „Sind Eure Majeſtät nicht wohl? fragte Ickſtadt beſorgt.„Die Anſtrengungen der Reiſe und die unge⸗ wohnten Strapazen des Feldzugs haben Sie angegriffen.“ „Möglich“, ſagte Karl Albert,„obwohl ich ſonſt nicht verwöhnt und ziemlich abgehärtet bin; aber ein Drücken und wandelndes Stechen auf der Bruſt, das . 134 ich früher nicht gekannt, will nicht weichen. Wenn es nachließe, ich glaube, ich wäre ſofort wieder voll⸗ kommen gekräftigt.“ „Befehlen Majeſtät, daß man den Leibarzt rufe?“ ſagte der Kammerdiener beſorgt näher tretend, aber Karl Albert winkte ihm haſtig zurück und rief lächelnd: „Nichts davon, ich will keine Störung verurſachen, kein Aufſehen machen. Es iſt auch nicht ſo ſchlimm, ich fühle mich nur ungewöhnlich ermüdet; eine Stunde Ruhe iſt Alles, was ich bedarf; ich will allein ſein und werde klingeln, wenn ich Seiner benöthige!“ Beide entfernten ſich, der neue König neigte das kronenreiche müde Haupt in den Stuhl zurück und ent⸗ ſchlummerte. Vor der Thür wurde Ickſtadt von Stengel an⸗ gerufen.„Ei, ſehen Sie“, ſagte er mit ſtarkem An⸗ klange der pfälzer Mundart,„das iſt ſchön, daß ich Ihnen noch einmal begegne, Profeſſor! Ich möchte den Abend mit Ihnen verplaudern, was meinen Sie? Wenn die Tafel vorbei iſt und der Ball angefangen hat, dann ſind wir frei, dann haben wir zwei unſere gute Zeit. Wollen Sie dann nicht zu mir kommen, mit mir eſſen und ein Glas Pfälzerwein trinken? Ich habe Sie ja nicht mehr geſehen, ſeit wir in Hei⸗ delberg beiſammen, waren und wenn ich auch jünger 135 war als Sie, ſind Sie mir doch immer einer von den liebſten Burſchen geweſen 3 „Gern“, erwiderte Ickſtadt, herzlich in die darge⸗ botene Hand einſchlagend,„ich komme. Wir wollen von den alten Zeiten reden, an die ich mich immer noch ſo gern erinnere. Es ſoll jetzt Vieles anders gewor⸗ den ſein in Heidelberg!“ „Viel?“ entgegnete Stengel fragend und blickte umher, ob ihn Niemand höre.„Nicht weniger als Alles iſt anders geworden. Sie würden Heidelberg nicht mehr kennen. Seit wir einen katholiſchen Herrn haben, iſt die lutheriſche Univerſität ein Stiefkind und auch eine Ruine geworden, wie das Schloß, nur nicht ſo ſchön. Alſo kommen Sie gewiß“, fuhr er lachend fort, „Herr Profeſſor, oder wie man Sie ſonſt tituliren muß! Es hat ja geheißen, der Kurfürſt habe ſich als neuer König in Prag förmlich huldigen laſſen und gleich eine Regierung eingeſetzt; Sie ſollen ja auch unter den Räthen ſein von dem neuen böhmiſchen Regiment!“ „So iſt es in der That“, entgegnete Ickſtadt,„aber ich bin zugleich Lehrer des Kurprinzen und erhielt den Auftrag, meinen Zögling hierher zu begleiten, erſt ſpäter werde ich nach Prag zurückkehren.“ „So? Werden Sie?“ ſagte der Secretär etwas 136 ungläubig, indem er ſeinen Arm in den des Profeſ⸗ ſors ſchob und mit ihm der Treppe zuſchritt.„Wenn ich aufrichtig ſein ſoll, ſo muß ich geſtehen, ich habe gedacht, Sie hätten ein Haar gefunden in der neuen Regierung und hätten gemacht, daß Sie von dort weggekommen, ſolange der Himmel noch blau iſt!“ „Sie ſcheinen kein beſonderes Vertrauen auf die Dauer der jetzigen Zuſtände des Königreichs Böhmen zu haben?“ entgegnete Ickſtadt.„Ich glaube, mit Un⸗ recht, die Zuſtände daſelbſt haben ſich friedlich und voll⸗ ſtändig wie von ſelbſt geordnet. Der Adel und die Stände des Königreichs ſind zur Huldigung faſt voll⸗ ſtändig erſchienen, Niemand hat beſondern Grund, die Fortdauer des öſterreichiſchen Regiments zu wünſchen.“ „Ja, ja“, ſagte Stengel„das klingt Alles recht ſchön, aber iſt es denn wahr, daß, wie der Herold durch Prag geritten, um den Kurfürſten zum König auszurufen, ihm der ſilberne Löwe vom Heroldsſtabe herunterſiel und zerbrach? Na, ſehen Sie“, fuhr er fort, als Ickſtadt bejahte,„ſo bin ich nun einmal, ſo etwas könnte mich ſchon erſchrecken, wenn ich mit ſolchen Stäben und Löwen zu thun hätte. Aber mei⸗ netwegen! Ihr Kurfürſt geht ſo geſchwind in die Höh', daß Alles nur Staffeln ſind, auf denen er höher ſteigt, er wird auch bald droben ſtehen auf der höchſten Staffel.“ 13⁰ „Hat man Nachrichten aus Frankfurt?“ fragte Ickſtadt, ihn unterbrechend.„Wie iſt die Stimmung unter den Wählern?“ „Wie könnte ſie ſein?“ rief Stengel.„Neun Kur⸗ fürſten haben wir. Einer davon iſt der Herzog von Baiern ſelbſt, bleiben alſo noch acht übrig! Von den acht fällt Böhmen weg, weil Maria Thereſia, wenn ſie auch noch Herrin von Böhmen wäre, als Frau die Kur nicht ausüben kann und weil die andern Fürſten die Uebertragung an ihren Liebſten und Gemahl, den weiland Herzog von Lothringen nicht zugeben! Sind alſo noch ſieben Stimmen; da⸗ von iſt Brandenburg und Sachſen mit Baiern al⸗ liirt, Kurpfalz und Trier ſind Vettern von Baiern, Braunſchweig und Mainz ſind auch nicht dagegen. Das wär' auch ganz gut und ſchön, wenn nur nicht hinter Allem der König von Frankreich mit ſeinen Geldſäcken ſtünde. Das will Vielen nicht ſchmecken, aber wer kann dawider? Karl Albert, der Kurfürſt von Baiern, Erzherzog von Oeſterreich und König von Böhmen, wird darum doch römiſcher Kaiſer. Das iſt die Stimmung von den Stimmen in Frankfurt! „Ich ſehe mit Vergnügen“, entgegnete Ickſtadt“, „Sie haben Ihre gute Laune nicht verloren!“ „Gott ſoll mich davor bewahren!“ rief Stengel 138 heiter.„Das wäre eine ſchöne Geſchichte, wenn ich meinen guten Humor verlieren thät'; da thät's mir auch nichts nützen, wenn ich ihn ausſchreiben und austrommeln ließ, denn wer ihn fände, der thäte ihn gewiß ſelber behalten! Nun, ich mein', Sie ſollten auch nicht verlernt haben, fidel zu ſein“, fuhr er fort, als ſie in das Thor traten,„Sie reiſen ja von einer Feſtivität und Luſtbarkeit zur andern. Kommen Sie, gehen Sie mit mir; ich will Ihnen gleich meine Woh⸗ nung zeigen, damit Sie am Abend nicht lange ſuchen müſſen. Mir kanns ja Alles recht ſein, ich will nur wünſchen, daß der Blaſebalg kein Loch kriegt und den luſtigen Pfeifen der Wind nicht ausgeht!“ Unter den Zuſchauern und Gäſten der beginnen⸗ den Feſtlichkeiten waren aber nicht lauter fröhliche Geſtalten geweſen. Im Gewölbe des Pavillonthores lehnte, tief in den Mantel gehüllt, ein Mann mit blei⸗ chem, ſtarrem Angeſicht, einer Wachsmaske gleich, in welcher die halb dahinter verborgenen finſtern Augen das Einzige waren, was Leben verrieth. Es war dex Fürſt Porzia, vor ihm, in die unſcheinbare gewöhnliche Landestracht gekleidet, ſtand ſein alter Diener Beppo. Ein Blick auf den vor kurzer Zeit noch ſo kräftigen Mann zeigte, daß ein furchtbares Schickſal über ihn hereingebrochen war. 139 Porzia hatte die ſchöne Gräfin Morawika ſchon bei ſeinem erſten Aufenthalt am Münchner Hof leiden⸗ ſchaftlich geliebt, aber alles Feuer ſeiner Bewerbung, alle Zartheit des Ritterdienſtes, den er ihr widmete, hatte nicht vermocht, ihm die ſtolze Schöne geneigt zu machen. Ueberzeugt von der Vergeblichkeit ſeines Wer⸗ bens, gewann er es endlich über ſich, ſich von ihr loszureißen und in der Hoffnung des Vergeſſens aus ihrer gefährlichen Nähe zu entfliehen. Nur zu bald aber mußte er erkennen, daß er die Neigung zu ihr wie eine Kette mit ſich trug, die auch in die Ferne reichte und ihn immer wieder zurückzog. Deſto größer war ſein Entzücken, als bei ſeiner Wiederkehr die Kur⸗ fürſtin ſeine Bewerbung ſo offenbar begünſtigte und er ſich nach wenigen Tagen am Ziel ſeiner Wünſche fand. Tereſa hatte dem Willen der Kurfürſtin nicht widerſtrebt, ſie ſah ein, daß bei dem einmal geweckten Argwohn der Kurfürſtin ihr Aufenthalt am Münchner Hofe unmöglich geworden war. Sie liebte den Kur⸗ fürſten, deſſen feurige Bewerbung ihr ebenſo ſchmei⸗ chelte, als das Geheimniß des ganzen Verhältniſſes ſie reizte; dennoch traute ſie ſich die Kraft zu, dieſes Ge⸗ fühl zu bewältigen; im auflodernden Unmuth über den Wankelſinn des Fürſten, der trotz ſeiner zärtlichen uabunap laoc nichts zu ihrem Schutze that und ſie 140 gleichgültig aufzugeben vermochte, willigte ſie in die raſche Vermählung. Sie that es um ſo leichter, als dieſelbe ihr eine hohe, glänzende Stellung bot und ſo⸗ wohl die Perſönlichkeit des Fürſten als ſeine treue und tiefe Zuneigung ihr ein angenehmes, nicht unglück⸗ liches Loos zu verheißen ſchien. Vielleicht wäre ſie auch beruhigten Herzens von München geſchieden, wenn ihr vergönnt geweſen wäre, dem Fürſten Lebewohl zu ſagen, wie ihr heißes Blut und ihre feurige Phantaſie ihr einen ſolchen Abſchied vormalte. Daß er ihr den⸗ ſelben verweigerte, war wie eine abgebrochene Dolch⸗ ſpitze, die in der Wunde verborgen zurückblieb und dieſe zu einer lebensgefährlichen machte. Der Fürſt hatte ſie auf ſein Schloß am Traunſee geführt, eine herrliche alte Ritterburg mitten in einer noch herrlicheren Berglandſchaft, ein Aufenthalt, der ihm für das erſte, einſame Glück eines liebenden Paa⸗ res die geeignetſte Stelle ſchien. Doch zog ihn auch ein anderer Grund dahin. Wie viele Vornehme jener Seit hing auch er der Alchymie und Goldmacherkunſt an und hatte einen Thurm ſeines Schloſſes als Labo⸗ ratorium eingerichtet; er glaubte ſchon nahe an der Enthüllung des großen Geheimniſſes zu ſtehen und wollte ſeine Verſuche fortſetzen, um dann einmal den Reichthum, den er ſchon beſaß, ſammt den unermeßli⸗ 141 chen Schätzen, die der Stein der Weiſen in ſeine Macht gegeben, zu den Füßen des Weibes niederzule⸗ gen, das der Abgott ſeiner Seele war. Nur zu bald mußten beide erkennen, wie trüge⸗ riſch das Gebäude ihrer Hoffnungen, wie unverläſſig der Grund geweſen, auf den es gebaut war! Tereſa vermochte nicht das Andenken einer ſchönen Vergan⸗ genheit zu verſcheuchen; in der ſtillen und einſamen Le⸗ bensweiſe des Bergſchloſſes, die von ihrer bisherigen ſo ganz verſchieden war, hatte ſie nur zu viele Muße, dieſen Erinnerungen nachzuhängen, Vergleiche anzu⸗ ſtellen und ihren eigenen Herzſchlag zu belauſchen, als wäre er das todverkündende Klopfen des Wurms, der ſich ins Holzwerk eingebohrt. Sie wurde verdroſſen, gelangweilt und verſtimmt. Es konnte Porzia nicht entgehen, daß nicht Liebe ſie in ſeine Arme geführt, und je mehr er die Kälte, wenn ſie ſolche auch zu ver⸗ bergen ſtrebte, in ihrem Benehmen durchfühlte, deſto eiſiger ſchlug es auf ſein Herz zurück und machte ihn um ſo mißtrauiſcher, als er ſelbſt unſicherer und kühler wurde. Bald brachte er die meiſte Zeit im Labora⸗ torium zu, nicht immer, um Verſuche zu machen; am öfterſten, um den dunkeln Gedanken, Vermuthungen und Zweifeln nachzuhängen, die ſich in ſeiner Seele einniſteten, wie Spinnen und Nachtvögel in einem 142 Tempel, der von ſeiner Gottheit verlaſſen worden. Der Gedanke, daß Tereſa ihn nicht liebe, daß ihr Herz an einem andern Mann hänge, wurde ihm bald zur Gewißheit; nur darüber marterte er ſich, im Dun⸗ kel umhertaſtend, abf wer ihn um das Glück ſeines Lebens beſtohlen, noch ehe er es ſelber beſeſſen. Ihr Zurückbleiben bei den Feſtlichkeiten von Linz hatte nicht dazu gedient, dieſen Argwohn zu zerſtreuen, wenn er auch aller Spur entbehrte und ſich deshalb vollkommen zu beherrſchen und den Schein ebenſo ſehr zu bewahren wußte, als ſie bemüht war, ſich gegen ihn ergeben und ſogar zärtlich zu zeigen. Nach ihrer Rückkehr auf die Traunburg war es noch ſchlimmer geworden; Tereſa war nur noch ein⸗ ſamer, träumeriſcher und von ſo mächtigen Gemüths⸗ bewegungen befangen, daß ſie auch körperlich darunter zu leiden begann. Sie verkam zuſehends, und als im Herbſt die Blätter ſielen, erklärte der herbeigerufene Arzt den Zuſtand für bedenklich; ohne ſchleunige Hülfe ſei der Körper einem unheilbaren Bruſtleiden, das Ge⸗ müth aber vollſtändigem, rettungsloſem Trübſinn ver⸗ fallen. Vergeblich rieth er einen zerſtreuenden Aufent⸗ halt in einem andern, milderen Klima, Tereſa wies jeden ſolchen Vorſchlag zurück; als derſelbe jedoch die heißen Quellen der Taunusberge als diejenigen rühmte, 143 deren Gebrauch ſelbſt im einbrechenden Winter die ſicherſte Geneſung verbürge, ſtieg ein Schimmer von Freude über ihren verblichenen Wangen auf; raſch ent⸗ ſchloß ſie ſich, eins der dortigen Bäder zu beſuchen, und Porzia, gelaſſen und gefaßt wie immer, gab ſeine Zuſtimmung. Mit zärtlicher Aufmerkſamkeit förderte er ſogar das Vorhaben und ruhte nicht, bis es wirk⸗ lich ausgeführt und Tereſa mit ihrer Dienerin und in Begleitung des Arztes abgereiſt war. Hinter die⸗ ſer Nachgiebigkeit und freundlichen Argloſigkeit lauerte, wie die Natter unter Blumen, der Gedanke, daß viel⸗ leicht gerade dieſe Reiſe ihm das verſchaffen werde, wonach er lechzte wie der Wüſtenwanderer nach einem Waſſertropfen, eine ſichere Spur für ſeine finſtern Gedanken: Gewißheit, und wenn ſie die die entſetzlichſte wäre! Er verſprach Tereſa, in kurzer Zeit nachzukom⸗ men, und bedauerte, daß es unmöglich ſei, ſie ſogleich zu begleiten, weil koſtbare, eben begonnene alchymi⸗ ſtiſche Verſuche ihn noch einige Zeit im Schloſſe zu⸗ rückhielten. In den letzten Tagen hatte er einen wan⸗ dernden Adepten, der ſich im Schloſſe eingefunden und beſonderer Kenntniſſe rühmte, zum Gehülfen angenom⸗ men, von dem er ſich glänzenden und gewiſſen Erfolg verſprechen zu dürfen glaubte. 444 Wochen vergingen darüber, die Blätter waren von den Bäumen gefallen und der Schnee hatte ſich von den Berggipfeln ins Thal herabgezogen. So war es auch in Porzia's Seele Winter geworden, als er ganz allein und befreit von dem noch immer ungebrochenen Zauber ihrer Blicke und ihres Weſens ſonnenlos kalte Tage dahinlebte. Allmälig war die letzte Hoffnung mit den Blättern gefallen und die Ge⸗ wißheit ſeines Elends hatte mit der Schneedecke ſich froſtig über ſein Inneres gebreitet. Er wurde immer verſchloſſener und tiefſinniger, ſelbſt das Laboriren vermochte nicht mehr ihn zu feſſeln; er überließ es meiſt dem neuen Gehülfen, der durch überraſchende Proben ſeiner Kunſt ſchnell ſein ganzes Vertrauen ge⸗ wonnen. Der alte Beppo hatte es lange mit ſchwerem Herzen angeſehen, wie das Unheil gleich einer Wetter⸗ wolke ſich immer tiefer und tiefer über das ihm theu⸗ ere Haus und deſſen noch mehr geliebten Gebieter niederſenkte; als er aber gewahrte, wie der Fürſt ims mer leidender und finſterer ausſah, brachte er es nicht länger mehr übers Herz, das Leidweſen ſchweigend mit anzuſehen. Er fragte den Herrn über die Urſache ſeines Kummers, und als ihn dieſer zwar gütig anhörte, aber zum Schweigen verwies, konnte er in der Aufwallung des Unmuths eine unwillige Bemerkung nicht unter⸗ 145 drücken, daß er nicht blind ſei und daß er, wenn man ihm auch kein Vertrauen ſchenke, den Grund wohl zu kennen glauben, daß aber nach ſeiner einfältigen Mei⸗ nung der Fürſt nicht Urſache hätte, ſich wegen dieſes Grundes auch nur ein einziges graues Haar wachſen zu laſſen. Das Wort wirkte wie ein Windhauch, der von ſchlafender Glut die Aſchendecke ſtreicht und ſie zum hellen Auflodern bringt. Vergebens ſuchte der Alte, der das ihm in der Auf⸗ regung entfahrene Wort gern zurückgenommen hätte, nach Erklärungen und Ausflüchten, wenn er nicht ſelbſt verdächtig erſcheinen wollte, mußte er zuletzt bekennen, was ihn zu dieſer Rede veranlaßt hatte. In Abſätzen, zögernd und widerwillig, daß der Inhalt mehr zu er⸗ rathen war, erzählte er, wie er an jenen Abend, als der Fürſt von Linz abgereiſt, in die Wohnung des Schloßoberſten zurückgekehrt ſei, weil er ja bei der Fürſtin als Bedienung zurückbleiben mußte. Er hatte ſich das Feuerwerk mit angeſehen, und als man ſeiner nicht mehr bedurfte, war er zur Ruhe gegangen; aber das nachtönende Schwärmen und Geziſch des Feuer⸗ werks war ihm im Kopf herumgegangen, daß er nicht zu ſchlafen vermochte, und wie er ſo dage⸗ legen in der Nacht, ſei es ihm vorgekommen, Schmid, Concordia. III. 10 146 als ob ſich draußen auf dem Corridor etwas rühre. Es habe ihm keine Ruhe gelaſſen; behutſam ſei er aufgeſtanden und habe lautlos durch das in der Thür angebrachte Guckfenſter auf den ſchwach erleuch⸗ teten Gang hinausgeblickt; da habe er geſehen, wie die Thür zum Schlafgemach der Fürſtin ſich aufgethan— ein Mann ſei herausgetreten und den Corridor ent⸗ lang geeilt. Wer es geweſen ſei, könne er nicht ſagen, aber gerade vor ſeinem Verſteck habe der Mann nach der Thür zurückgeſchaut, da ſei das Licht auf ſein Geſicht gefallen, er habe ihn ganz gut geſehen und zu unterſcheiden vermocht und glaube, daß er ihn beim Wiederſehen wohl wiedererkennen würde. Der Alte hatte von ſeiten des Fürſten einen gewaltigen Zorn⸗ ausbruch befürchtet, wie er ihn wohl zu andern Zei⸗ ten bei geringerem Anlaß erlebt hatte, aber er hatte ſich getäuſcht. Er fand genug Zeit, ſich zu entſchuldigen, um Verzeihung zu bitten und ausz zuführen, warum er ſo lange geſchwiegen, wie er immer geſchwankt und nicht gewußt, was er thun ſolle, und wie das Gehein⸗ niß auf ihm gelegen wie eine Lawine, die ihn mit ſich geriſſen und in ſich verſchüttet habe. Der Fürſt achtete all dieſer Reden nicht, er ſtand einer Bildſäule gleich. Kein wildes Wort verrieth, was in ihm vorging, nur ſeine Lippen bebten unwill⸗ 147 kürlich im zuckenden Krampfe. Im gelaſſenſten Tone, als ob ſich gar nichts Beſonderes ereignet hätte, dankte er Beppo für ſeine Mittheilung, trug ihm auf, das tiefſte Stillſchweigen zu beobachten, und befahl, Alles zur Abreiſe vorzubereiten. Die Abreiſe wurde auch durch ein anderes Ereigniß erleichtert: der unlängſt aufgenommene Adept hatte ſich das Vertrauen und die Argloſigkeit des Fürſten zu Nutze gemacht; er war mit den ihm anvertrauten Schätzen und andern Koſt⸗ barkeiten, deren Gelegenheit er ausgeſpäht, entflohen und hatte Porzia dadurch der Sorge um ſeine koſtba⸗ ren und geheimen Verſuche enthoben. Nur von dem alten Beppo begleitet, reiſte Porzia nach München und miſchte ſich verkleidet unter die Bürger, von denen er nicht gekannt zu ſein glauben konnte, während Beppo das Gleiche mit dem geringen Volk that. Es ward beiden nicht ſchwer, das Geſpräch auf den abweſenden Kurfürſten zu bringen, und in der erſten Stunde wußten die beiden Späher, was man von Karl Albert und ſeinen zahlreichen Herzensnei⸗ gungen dachte und ſprach; lachend erinnerte man ſich, daß die ſchöne Gräfin Morawika als eine ſeiner Hauptfavoritinnen genannt und einmal, ohne daß man recht erfahren habe, weshalb, über Hals und Kopf mit einem Fremden zuſammengebandelt worden ſei. 10* 148 Alles lag nun in furchtbarer Klarheit vor dem Fürſten da; er wußte nun, wonach er ſo gierig ver⸗ langt hatte, daß er betrogen war von dem Weibe, das er ſo ſehr gelieot; betrogen mit kalter Ueberlegung, entehrt und mißbraucht zum Deckman⸗ tel fremder Schande! Sein ganzes Weſen, Fühlen, Denken und Wollen einigte ſich in dem Verlangen voller furchtbarer Rache an ihm, an ihr und allen, die daran Theil genommen; dennoch bezwang er ſich, auch jetzt noch zurückzuhalten, was er wußte, war ihm auch jetzt noch nicht genug. Das Gehörte war leeres Stadtgerede, uuverläſſiges Volksgerücht; das Alles konnte übertrieben, konnte ſogar unwahr ſein, wenn auch Manches furchtbar damit übereinſtimmte und plötzlich mit Blitzesſchnelle verſtändlich wurde, wie der Abend von Linz und Tereſa's freudige Einwilligung, in die heißen Taunusbäder zu reiſen, in deren Nähe der Kurfürſt bald kommen mußte und wo ſie hoffen konnte, ohne Aufſehen mit ihm zuſammenzutreffen. er begehrte ſtatt alles deſſen ein klares, beſtimmtes, unverwerfliches Zeugniß: Beppo ſollte den Kurfürſten ſehen, ſollte ſagen, ob er in ihm den Mann erkenne, den er in jener Nacht beobachtet. Dieſes Zeichen ſollte dann entſcheiden, dieſer letzte Tropfen das volle Maß des Grimms und der Rache überfließen machen. 149 Der feierliche Empfang in Mannheim bot dazu die beſte Gelegenheit. In einem Briefe voll geheuchel⸗ ter Zärtlichkeit und Liebe oder Beſorgniß hatte er Tereſa gebeten, aus dem nahen Soden nach Mann⸗ heim herüberzukommen, weil er es für Pflicht halte, bei der Feſtlichkeit Karl Albert's zugegen zu ſein, weil er ſich ſehne, ſie wiederzuſehen und weil er auf dieſe Weiſe dieſes Glückes einige Tage früher theilhaf⸗ tig würde. Die Fürſtin war der Einladung, die mit ihren eigenen Wünſchen ſo ſehr übereinſtimmte, arglos und gern gefolgt. Unweit des Schloſſes hatte ſie Herberge gefunden und dort, als wären ſie im be⸗ ſten Einverſtändniß, als läge nichts zwiſchen ihnen, hatten die Gatten ſich wiedergeſehen und ſich eine gegenſeitige Komödie der Lüge und des Trugs vor⸗ geſpiegelt. Das Volk hatte ſich verlaufen; unter Trommel⸗ ſchlag verließen die Musketiere, unter ſchallenden Hör⸗ ner⸗ und Trompetenklängen Jäger und Dragoner den Platz. Porzia ſchritt mit Beppo an den Häuſern hin, anſcheinend ruhig, aber er hatte den Alten am Arme gefaßt und hielt ihn feſt, wie mit zermal⸗ mender Klammer. „Nun?“ ſtieß er zwiſchen den Zähnen hervor; der Alte, ergriffen von der Wucht des Augenblicks 150 und der furchtbaren Erſchütterung ſeines Herrn, mußte anhalten und tief Athem holen, ehe er die Worte:„Er iſt es!“ zu ſtammeln vermochte. „Gut!“ knirſchte Porzia und eilte hinweg, Te⸗ reſa's Wohnung zu. Dieſer waren indeß die Stunden in nicht minde⸗ rer Erregung verfloſſen. Bald eilte ſie haſtigen Schrit⸗ tes durch das Gemach, als vermöge ſie den ſtürmen⸗ den Pulsſchlag ihres Blutes nicht zu bändigen, bald ſank ſie zum Tode erſchöpft auf ihr Ruhebett; im einen Augenblick fühlte ſie ſich von Fieberglut überwallt, daß ſie das Fenſter aufriß und die eindringende ſcharfe Winterluft wie eine Erquickung einſog; dann ſchauderte ſie zuſammen im herben Froſt, daß ihr der Herzſchlag zu ſtocken drohte. Ihr Ausſehen war das einer Fie⸗ berkranken; ſie war noch immer ſchön, aber die Schön⸗ heit war unheimlich geworden, aus den Augen loderte düſteres Feuer ſo hoch empor, daß es über ihr zu⸗ ſammenſchlug— ſie war nicht mehr Herrin ihrer ſelbſt. Die Leidenſchaft, mit der ſie anfangs geſpielt, die ſie dann verächtlich abzuſchütteln geglaubt, war Meiſterin über ſie geworden, und die ſehnlich erwünſchte Zuſam⸗ menkunft von Linz hatte, weit entfernt, ſie zu beruhi⸗ gen, nur dazu gedient, den Täuſchungen, in denen ſie ſich gewiegt, eine neue, noch größere hinzuzufügen. — 1541 Der kränkende Gedanke, daß er ſie verſchmäht, ver⸗ laſſen, daß er ſie ſo leicht und ſchmerzlos aufgegeben, hatte ihre Neigung zu Karl Albert geſtachelt und gereizt. Hätte ſie die Gewißheit in ſich getragen, trotz der Trennung doch geliebt zu ſein, ſo hätte ſie viel⸗ leicht die Kraft in ſich gefunden, freiwillig zu entſagen, aber mit dieſer Gewißheit war auch die erträumte Kraft zuſammengebrochen, wie die Rebe mit dem Stab, der ſie tragen ſoll. Die ſo heiß erſehnte letzte Unter⸗ redung hatte, ſtatt die Glut zu dämpfen, Oel in die⸗ ſelbe gegoſſen: Liebesſchmerz und Sehnſucht brannten in entfeſſelten Flammen, jedes Widerſtandes ſpottend, empor. Sie vermochte nicht mehr den Gedanken zu ertragen, daß ſie den Mann ihrer Liebe nicht beſitzen ſolle; ſie begriff nicht mehr, daß unüberſteigliche Schran⸗ ken ſie von ihm trennten, wie er von ihr geſchieden war, ſie trotzte allen dieſen Hinderniſſen und all ihr Sinnen und Brüten ging dahin, ihn ganz, unwider⸗ ſtehlich und unwiderruflich an ſich zu feſſeln. „Was bringſt Du für Nachricht?“ rief ſie der eintretenden Dienerin entgegen.„Haſt Du den Mann gefunden? Wird er kommen?“ „Ich habe ihn gefunden“, erwiderte das Mäd⸗ chen,„er folgt mir auf dem Fuße.“ „Und weiß er?“ fragte Tereſa unſicher. 152 „Alles“, entgegnete das Mädchen lachend;„ich habe mich ganz erbärmlich angeſtellt, daß er mir wohl glauben mußte.“ „Und iſt es derſelbe, den wir ſchon auf der Traun⸗ burg geſehen?“ fragte Tereſa. „Gewiß“, erwiderte das Mädchen.„Er ſagte, der gnädige Herr habe ihm den Laufpaß gegeben, weil er die Geduld verloren habe. Er iſt auch ſonſt nicht zu verkennen. Die Narbe über das ganze Geſicht be⸗ ſtätigt, daß es der Nämliche iſt, der immer mit dem gnädigen Herrn im geheimen Thurm der Traunburg laborirt hat. Da iſt er ſchon“, fuhr ſie leiſer fort, als vor der Thür Schritte hörbar wurden.„Ich habe ihm geſagt, er ſolle ein Zeichen geben, wenn er kommt, und dreimal mit dem Fuße ſtampfen; er läßt nicht auf ſich warten.“ Auf den Wink der Herrin öffnete die Zofe die Thür und ließ den Erwarteten eintreten. Es war der Adept von der Traunburg, Wolf, der flüchtige Oberfalkner. „Fürchte Er ſich nicht“, ſagte Tereſa nicht ohne Befangenheit,„ich habe Gutes mit Ihm vor.“ „Ich fürchte mich auch nicht“, entgegnete Wolf keck und nach der Zofe blinzelnd, die ſich ans Fenſter geſetzt hatte und ein Tuch vors Geſicht hielt, als ob — 153 ſie weine; es entging ihm nicht, daß ſich ihre Lippen dahinter zum Lachen verzogen.„Ich weiß von der Traunburg her, daß Ihr eine gnädige Herrin und Gebieterin ſeid!“ „Das bin ich auch und will es Ihm zeigen“, ſagte Tereſa.„Meine Marianka hier, das arme Ding, iſt krank, ich habe ſie lieb und möchte ſie hergeſtellt wiſ⸗ ſen. „Sie hat mir ihr Uebel ſchon geklagt“, entgeg⸗ nete Wolf lachend,„ich ſoll einen Ungetreuen wieder zu ihr zurückbringen.“ „Und vermag Er das? Kann Er ihr helfen?“ fragte Tereſa geſpannt. „Gewiß“, entgegnete Wolf;„wenn man die große Kunſt lernt, bekommt man allerlei kleine Künſte in den Kauf. Ich kann ihr helfen; ich kann ihr ein kräftig Tränklein kochen; wenn ſie dem Ungetreuen das ſelbſt zu trinken gibt, ohne daß er es merkt, hat er keine Ruhe mehr und muß zu ihr zurück und wenn er an⸗ derswo mit ſtählernen Ketten angenietet wäre!“ „Er vermißt ſich ſehr viel“, rief Tereſa erglü⸗ hend,„aber ich will Ihn königlich belohnen, wenn Er hält, was Er verſprochen. Er ſoll ſehen“, fuhr ſie ſich beſinnend gelaſſener fort,„was ich auf meine Ma⸗ rianka halte! Dieſer Beutel Gold iſt Sein, wenn 154 Er das Tränklein heute noch bringt; ein zweiter, noch einmal ſo ſchwerer folgt, wenn Seine Kunſt ſich be⸗ währt haben wird.“ „O, wie kann ich für ſo viele Güte danken“, rief das Mädchen, eilte, immer noch das Geſicht mit dem Tuche verhüllend, zu Tereſa hin und warf ſich vor ihr auf die Kniee. Wolf's Augen funkelten vor Gier, während er des leicht zu durchſchauenden Gaukelſpiels lachte.„Die beiden Beutel ſind ſchon ſo gut wie mein“, rief er. „Sowie es dunkel wird, komme ich wieder und bringe das Fläſchchen, aber wer es braucht, muß genau da⸗ mit verfahren, wie ich es ſage, ſonſt hat es keine Kraft.“ „Was muß geſchehen?“ fragte Tereſa haſtig. „Sage Er mir Alles, das heißt“, ſetzte ſie ſich abwen⸗ dend hinzu,„nicht mir, ich frage nur wegen Marianka, die muß es wiſſen.“ „Das verſteht ſich“, ſagte Wolf hämiſch,„wer ſoll es ſonſt gebrauchen? Ihr, Frau Fürſtin, doch nicht? Ihr bedürft keiner Liebestränke. Abgemacht alſo, lich werde das Fläſchen bringen. Es iſt nicht groß, man kann es in der hohlen Hand verbergen; aber die es gebraucht, muß es ſelber einſchenken und dem Manne reichen, nur in ihrer Hand hat es die rechte Kraft 155 Während er dann trinkt, muß ſie die rechte Hand ans Herz legen und ihn unverwandt anſehen und bei ſich ſelber dreimal ſagen: Bilſenkraut und Fingerlein, Dreimal drei, dann biſt du mein.“ „Gut“, ſagte Tereſa und winkte ihm abgewandt, ſich zu entfernen,„Marianka ſoll nichts vergeſſen. Mit Anbruch der Dunkelheit erwarte ich Ihn, Er wird wohl den Weg finden. Hier hat Er einſtweilen Handgeld.“ Sie warf ihm einen Beutel zu, den er mit gewandter Hand auffing. „Ich kenne den Weg“, rief er lachend,„aber ſolche Funkelaugen machen auch die finſterſte Nacht zum Tagl“ Er ging, während die Zofe das Tuch vom Geſicht nahm und mit ſchelmiſchem Lachen zu ihrer Gebieterin aufblickte. „Nun“, ſagte ſie,„habe ich meine Sache nicht gut gemacht?“ „Meiſterlich“, entgegnete Tereſa;„ich bewundere Deine Verſtellungskunſt und werde Dir ewig dankbar ſein! Sieh zu, daß Alles gehörig vollendet wird, halte pünktlich mein Gewand bereit und dann beſtimme ſelbſt Deinen Lohn“ Raſch eilte Wolf die Treppe hinab und durch die bereits dämmernde Hausflur dem Thore zu, als er 156 ſich plötzlich angehalten und von kräftigen Männerar⸗ men gefaßt fühlte. Er war dem Fürſten und Beppo in die Hände gelaufen. „Halt, wer da?“ rief Beppo, der ihn an der Kehle gepackt hatte und mit dem Vortheil der Ueber⸗ raſchung feſthielt.„Diavolo“, fuhr er, ihn erkennend, fort,„wie kommt der Kerl hierher! Seht einmal, ge⸗ ſtrenger Herr, welchen Fang wir gemacht haben!“ „Wirklich? Du hier, Schurke?“ rief dieſer, näher tretend, indem er zugleich den Weg verſtellte und die Hand an den Degen legte.„Was haſt Du hier ge⸗ wollt, wo die Fürſtin wohnt? Haſt Du noch nicht ge⸗ nug an Betrug und Raub, die Du an mir began⸗ gen? Bekenne, Kerl, oder ich renne Dir den Degen in den Leib!“ „Machen Sie keinen Lärm, geſtrenger Herr“, ſagte Wolf gefaßt,„ich will Ihnen Alles ſagen, iſt doch nichts Bedenkliches dabei! Ich habe Sie nicht betrogen; meine Schuld iſt es nicht, wenn das Labo⸗ riren nicht gelingen wollte und ich, Ihren Zorn fürch⸗ tend, es für gerathen fand, ihm aus dem Wege zu gehen. Das bischen Reiſegeld, das ich mitgenommen, hätten Sie mir wohl ſelber gegeben— es iſt auch lange verzehrt. Ich wollte nach Holland und überlegte eben, wie ich das mit leeren Händen zu Wege bringen 157 ſollte, als mir hier die Dienerin der Fürſtin, die blonde Marianka begegnete; da fiel es mir ein, zur Fürſtin zu gehen und ſie zu bitten, ſie möge ihre milde Hand gegen mich aufthun. Es war auch nicht umſonſt, ſie gab mir dieſen Beutel mit Gold als Reiſezehrung!“ „Glaubt es nicht, geſtrenger Herr!“ rief Beppo. „Das iſt nicht wahr, ſo viel Geld gibt man nicht als Reiſezehrung, das hat er geſtohlen oder ſonſt durch eine Teufelei bekommen!“ „Geſteh', Elender“, rief Porzia wieder,„oder Deine Stunde hat geſchlagen und Du kommſt nicht lebend von der Stelle!“ Wolf ſchaute mit raſchem Blick um ſich, um zu prüfen, ob ſeine Lage wirklich ſo verzweifelt ſei, dann erwiderte er gelaſſen:„So will ich's denn bekennen, Herr! Warum ſollte ich auch ſchweigen? Es iſt nichts dabei, was mir ſchaden könnte. Ich hatte Marianka geſehen und war eben im Begriffe, mich zur Fort⸗ ſetzung meiner Reiſe an die Fürſtin zu wenden, deren Anweſenheit ich auf dieſe Weiſe erfahren hatte, da kam mir das Mädchen wieder in den Weg. Sie hatte mich auch geſehen und war mir nachgegangen, weil ſie ein Anliegen hat, bei dem ich helfen ſoll. Weil ſie mich von der Traunburg her als Schwarzkünſtler kennt, meinte ſie, daß ich wohl auch im Stande ſein 158 würde, ein Liebestränklein zu brauen— ihr Schatz iſt ihr untreu geworden und hat von ihr gelaſſen!“ Der Fürſt zuckte zuſammen wie unter einem Dolch⸗ ſtoß. „Wirklich? Marianka?“ murmelte er. „Natürlich, wer ſonſt!“ entgegnete Wolf tückiſch. „Die Frau Fürſtin hat das Mädchen über die Maßen lieb, darum ließ ſie mich kommen und redete mir zu, ich ſollte das Tränklein recht tüchtig machen, daß das Mädchen wieder ſeines Lebens froh werden könne. Was wollt' ich machen? Sie bot mir Gold über Gold und hat mir dies da als Handgeld gegeben. Heute noch, ſobald es dunkel wird, ſoll ich das Fläſchchen bringen und ſo habe ich denn zugeſagt.“ „Du haſt recht gethan“, ſagte Porzia dumpf. Die Worte Wolf' hatten wie ein zündender Blitz in die umnachtete Seele geſchlagen: Verderben und Unheil loderten, Tageshelle verbreitend, in wildem Brande empor. Jetzt hatte er gefunden, worüber er ſo lange gebrütet und geſonnen; nun war die furchtbarſte, did vollſtändigſte Rache gefunden, nun war der Schänder ſeiner Ehre verloren, die Treuloſe ſelber ſollte mit eigener Hand das Strafgericht an ihm vollziehen. „Höre, Burſch“, ſagte er nach kurzem, wortloſem Beſinnen,„Du biſt in meiner Hand. Du haſt mich 159 durch falſche Vorſpiegelungen betrogen, biſt entflohen und haſt mich obendrein beraubt. Ein Wort von mir genügt, Dich in die Hände des Richters zu geben, aus denen Du nur entrinnen wirſt, um in jene des Hen⸗ kers überzugehen.“ „Ja“, ſagte Wolf mit hündiſchem Knurren,„ich bin dumm geweſen, die Falle iſt zugeklappt hinter mir!“. „‚Ich will ſie wieder öffnen, ich will Dich heraus⸗ laſſen“, ſagte der Fürſt.„Du ſollſt frei ausgehen wie Wind und Licht und ich will Dir Deine Taſchen mit echtem Golde füllen, wenn Du thuſt, was ich be⸗ gehre.“ „Sie machen mich neugierig, geſtrenger Herr“, ſagte Wolf überraſcht. „So vernimm, was ich begehre“, fuhr Porzia fort, indem er Beppo einen Wink gab, an der Thür Wache zu ſtehen, damit ſie nicht geſtört oder behorcht werden könnten.„Du hältſt, was Du verſprochen haſt, Du kommſt zur beſtimmten Zeit und überbringſt das Fläſch⸗ chen für Marianka, aber Du füllſt es mit einem Trank anderer Art. Der von Dir verlangte ſoll Feuer anfachen, ich verlange von Dir einen ſolchen, der Feuer löſcht für immer!“ „Geſtrenger Herr“, rief Wolf zurücktretend,„was verlangen Sie von mir? Das geht an Hals und Kragen!“ „Als ob Du Hals und Kragen nicht ſchon zehn⸗ fach verwirkt hätteſt! Weigerſt Du Dich, ſo biſt Du verloren, ich aber rette Dich. Alſo ſchnell, ent⸗ ſchließe Dich, wir haben keine Sekunde zu verlie⸗ ren!“ „Das Meſſer kitzelt mich an der Kehle“, ſagte Wolf,„und obendrein, ohne daß ich weiß, wem der koſtbare Trank munden ſoll, ſoll ich mich in ſolche Gefahr begeben? Was iſt mir der ungetreue Schatz der blonden Marianka? Was kann er für Euch ſein, gnädigſter Herr?“ „Schweig' und gehorche“, unterbrach ihn Porzia mit flammendem Blick, Wolf aber trat ihm, von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, etwas näher und drückte die Stimme zu leiſem Flüſtern herab. „Mir fuhr's da eben wüſt durch den Sinn“, ſagte er.„War die, der das Tränklein gehört— die blonde Marianka mein' ich— nicht in München, als Sie frei⸗ ten, geſtrenger Herr? Hieß es damals nicht— Ha“, fuhr er, in wüſtes höhniſches Lachen ausbrechend, fort, „jetzt iſt es ein Anderes, geſtrenger Herr, jetzt rathe ich, wer das koſtbare Tränklein ſchlürfen ſoll, und jetzt bin ich auch zu Ihren Dienſten. Dem, der ge⸗ 1641 meint iſt, will ich wohl den Mundſchenk machen und das Tränklein würzen, daß es ihm gewiß gedeihen ſoll!“ Noch einige flüſternde Worte der Verabredung, dann verſchwand Wolf in der finſtern Straße, Porzia ſtieg die Treppe hinan, um Tereſa zu beſu⸗ chen. „Ich komme, mich nach Deinem Befinden zu er⸗ kundigen, meine Theure“, ſagte er, indem er ſich neben dem Ruhebette, auf dem ſie ſaß, niederließ. Sie hatte das Geſicht von ihm ab gegen die Wand gerichtet und bewegte ſich nicht. „Fühlſt Du noch immer keine Beſſerung?“ fragte er wieder. „Nein“, ſagte ſie,„ich befinde mich eher noch ſchlimmer, es iſt, als ob ich Feuer ſtatt Blut in den Adern hätte.“ „Beruhige Dich nur noch kurze Zeit“, entgegnete er mit eiſiger Gelaſſenheit,„ich habe ſo eben von einem Mittel gehört, das dieſe Glut zuverſichtlich löſcht; morgen ſollſt Du es haben.“ „Ich danke Dir, Carlino“, entgegnete ſie ſchwach. Er ſchwieg einen Augenblick, dann drückte er leichthin ſein Bedauern aus, daß ſie unter dieſen Umſtänden wohl nicht vermögend ſein werde, dem Ball beizu⸗ wohnen. Schmid, Concordia III. 1 4 11 162 „Verſchone mich damit“, bat ſie mit klagender Stimme,„ich vermag kaum mich aufrecht zu hal⸗ ten.“ „Das beklage ich von Herzen“, rief er, ſich erhe⸗ bend.„Ich weiß ja, daß Du ſolche Feſtlichkeiten liebſt, und freute mich ſchon, Dich als Königin des Feſtes von allen bewundert zu ſehen; ich beklage es um ſo mehr, als ſo viele werthe Münchner Gäſte anweſend ſind.“ „Es iſt unmöglich“, ſeufzte ſie wieder,„ich bin zu leidend; der Schlaf wird mich ſtärken.“ „So will ich dem ſanften Genius nicht länger im Wege ſein“, ſagte er, indem er ihre Hand ergriff und ſchnell wieder fahren ließ.„Du klagſt über Hitze und Deine Hand iſt kalt, kalt wie die Hand einer Todten! Gute Nacht! Ich muß Dich leider Dir ſelber überlaſſen, denn Du begreifſt wohl, daß ich bei dem Feſte nicht fehlen kann. Gute Nacht, Tereſa, auf Wiederſehen!“ Er ging von Marianka geleitet, die den Leuchter vom Tiſche nehmend an die Thür trat, an derſelben aber anhielt und ſich ſo ſtellte, daß ſie verſchiedene Kleider und Tücher verdeckte, welche unordentlich auf einen Stuhl geworfen waren. Porzia ſchien es nicht zu beachten, doch gewahrte er wohl, daß unter den 163 Tüchern ein ſchwarzes Seidengewand mit Purpurbän⸗ dern beſetzt hervorſah. Indeß hatte Kordel längſt die Baſe in die Woh⸗ nung geleitet und zu Bette gebracht, denn der Anfall hatte ſie diesmal ſtärker angegriffen und in einen Zu⸗ ſtand von Ermattung verſetzt, der es ihr unmöglich machte, ihrem Geſchäft und ihren Dienſten nachzugehen. So war es Kordel allein zugefallen, die Gewänder für die Prinzeſſinnen fertig zu machen, was auch mit Hülfe einer alten vertrauten Perſon gelang. Als Werkſtatt war auf Judith's Rath eine Stube am Ende eines langen Corridors gewählt worden, der wenig begangen wurde, weil ſich dort meiſt nur leere Räume und Vorrathskammern befanden. Sie lag im Erdge⸗ ſchoſſe eines Hintergebäudes, dem neuen noch unvoll⸗ endeten Schloßflügel gegenüber; eine noch unfertige Freitreppe führte zu der künftigen Terraſſe empor, auf welche die hohen Fenſter des kunſtvollen Wintergar⸗ tens mündeten. Ueber der Arbeit war die Dämmerung eingebro⸗ chen. Kordel hatte den Pack gefertigter Kleider der Kam⸗ merfrau übergeben, die von den Prinzeſſinnen in ihrer Ungeduld danach geſchickt worden war; ſie ent⸗ ließ die Gehülfin und hatte eben begonnen, die Stube zu ordnen und die Spuren der Arbeit zu be⸗ 11* 164 ſeitigen, als es ihr vorkam, als ob draußen auf dem halbdunklen Gange ein ſchleichender Tritt und jener eigenthümlich wiſchende Laut hörbar würde, wenn Je⸗ mand, der des Weges nicht ganz ſicher iſt, ſich mit den Händen vorſichtig an den Wänden forttaſtet. Kor⸗ del horchte auf, jetzt kam es näher, ſie hörte, wie Je⸗ mand nach der Thürklinke griff, und wollte ſie raſch öffnen, als dieſe von ſelbſt aufging und Wolf auf die Schwelle trat. Das Mädchen ſtand ihm gegenüber, die hochgeho⸗ bene Leuchte in der Hand; ſie entfiel ihr beinahe, als ſie den Ankömmling erkannte und mit einem leichten Aufſchrei des Schreckens zurücktrat. „Sieh da, was für ein ſchmeichelhafter Empfang!“ ſagte Wolf, das zerſtörte Angeſicht zu einem Lachen verzerrend, das wie Grinſen ausſah.„Du erſchrickſt ja vor mir wie vor einem böſen Geiſt!“ „Ihr ſeid's, Vetter“, ſagte ſie, ſich faſſend,„Ihr ſeid's wirklich? So habe ich doch recht geſehen dieſen Mittag?“ „Bei der Ankunft des geſtrengen Herrn von Bai⸗ ern, meinſt Du wohl?“ fragte Wolf.„Haſt Du mich doch bemerkt und nicht ganz vergeſſen, wie ich aus⸗ ſehe? Ganz recht, da war es auch, wo ich Dich er⸗ blickte. Ich wußte nicht, ob ich meinen Augen trauen 165 ſollte, und hätte eher meine Bekehrung erwartet, als daß ich mein Pflegetöchterchen, meine Kordel in Mann⸗ heim antreffe! Kannſt Dir wohl denken, daß ich mich nach Dir erkundigt und Dich ausgekundſchaftet habe bis ich wußte, wo ich Dich unter vier Augen finden könnte.“ „Warum thut Ihr das?“ fragte Kordel.„Habt Ihr doch keine Urſache dazu. Wollt Ihr denn nicht leiben und Baſe Judith kennen lernen?“ „Ja, ja, habe ſchon gehört“, rief Wolf,„daß hier noch eine Baſe lebt, an die kein Sterblicher mehr ge⸗ dacht und von der kein Menſch etwas gewußt hat. Ich hätte mich auch gefreut, die Tochter meines Na⸗ mensvetters Wolf kennen zu lernen, der auch mein Vorfahrer auf der Landſtraße war, aber ich kann nicht bleiben! Ich hätte ſonſt wohl auch den Beſuch auf morgen verſchoben, aber morgen bin ich ſchon weit über die Berge und über den Rhein. Ich muß dieſe Nacht noch fort!“ „Vetter“, rief Kordel, die den Leuchter weggeſtellt hatte, und ſchlug die Hände zuſammen,„was iſt's mit Euch? Finſter und verſchloſſen ſeid Ihr immer geweſen, aber manchmal kam doch ein guter Blick aus Euern Augen und aus Euerm Mund ein gutes Wort. Jetzt ſeid Ihr, daß man ſich vor Euch fürchten muß. 166 Vetter, was iſt's mit Euch, Ihr ſeid ja ganz verwil⸗ dert?“ „Ich glaub' es wohl“, rief er wüſt;„iſt auch kein Wunder, wenn man nirgends eine bleibende Stätte hat, wenn man gehetzt wird und immer die Meute hinter ſich hat wie ein wildes Thier!“ „Aber warum iſt das ſo, Vetter?“ erwiderte Kor⸗ del eifrig.„Das müßte ja nicht ſein. Ihr könntet noch immer—“ „Fange nicht wieder an mit Deiner Predigt“, ſagte er unwillig,„ich kann ſie nicht mehr brauchen, ich habe das Ohr dafür verloren, in Sturm und Wet⸗ ter iſt eine Rinde um mich gewachſen, durch die Dein Streicheln nicht mehr dringt! Ich muß fort, alſo lebe wohl, Kordel. Das iſt keine Redensart, wenn ich lebe wohl ſage“, fuhr er er fort, indem er innehaltend ſie betrachtete und etwas wie eine weiche Regung über ſein Antlitz ging,„Dich habe ich immer gern gehabt, Dich habe ich noch gern, Dir wünſch' ich, daß es Dir recht gut geht, daß Du glücklich wirſt und wirklich wohl lebſt. Ich verlange nicht, daß Du von ſelber an mich denkſt, wenn ich fort bin, wirſt Du ſchon an mich erinnert werden.“ „Vetter, Ihr ſeid ſchrecklich“, ſagte Kordel ängſt⸗ lich,„Ihr habt nichts Gutes vor.“ 167 „Nein, ich habe nichts vor“, ſagte er roh.„Was ich vorhatte, iſt ſchon gethan. Es wäre nichts Gutes, meinſt Du? Wie man's nimmt! Es wird Leute geben, die es ſehr gut finden, weil es in ihren Kram paßt. Ich denke, Frieden ſtiften wäre immer etwas Gutes, und ich will Frieden machen im ganzen Lande, ſo gründ⸗ lich als nur immer möglich.“ „Es wäre entſetzlich, Vetter, wenn ich Euch ver⸗ ſtände! Was ſoll das heißen?“ „Was das heißen ſoll? Daß man nicht umſonſt ſich ſein Lebelang abmüht, die Goldtinctur und das Lebenselixir zu finden, wenn man nicht auch einmal das Gegentheil zu Wege brächte! Haſt Du einen ſo harten Kopf zum Rathen, daß Du nicht weißt, was und wen ich meine? Es gibt einen Menſchen“, fuhr er fort, indem er zu ihr hintrat, ſie hart an dem Arm faßte und ihr ins Ohr flüſterte,„einen Menſchen, den ich haſſe, wie man nur haſſen kann! Ich habe es ihm geſchworen— damals, wie er mich zum Galgen verurtheilte, hab' ichs bei meiner armen Seele geſchwo⸗ ren, es ſoll ihm nicht vergeſſen und heimgegeben wer⸗ den— jetzt habe ich ihn zum Tode verurtheilt. Frei⸗ lich an einen meſſingbeſchlagenen Galgen kann ich ihn nicht hängen, dafür iſt mein Tod kürzer und ſicherer.“ ———, 168 „Herr mein Gott“, rief Kordel außer ſich vor Entſetzen,„mir dröhnt der Kopf, als hätte ich einen Schlag mit einer Keule bekommen, meine Sinne ſchwin⸗ deln. Was wollt Ihr thun? Er hat Euch wohl ver⸗ urtheilt, aber er hat es wieder zurückgenommen. Er hat Euch begnadigt und auf meine Bitte befohlen, daß man Euch nicht verfolgen ſoll.“ „So? Hat er das gethan? Hat er mich begna⸗ digt?“ rief Wolf wild.„Und glaubſt Du, daß ich ihm das danke? Ich brauche und will keine Gnade, wo das Urtheil ſelbſt ein Verbrechen war! Hab' ich etwas Anderes gethan, als was er von mir verlangte? Er ließ mich alſo nicht verfolgen? Was will das heißen? Sie hätten mich doch nicht eingeholt, ich danke es ihm nicht! Er war mein Unglück. Ich war Falkner ge⸗ worden und hätte vielleicht das unſelige Treiben ganz aufgegeben, wenn er mich nicht gereizt und geſtachelt hätte. Er hat mich verleitet und, als es fehlſchlug, von ſich geſtoßen wie einen Hund, dem man einen Fußtritt gibt. Du haſt für mich gebeten? Ich danke Dir auch dafür nicht. Meinſt Du, ich wüßte nicht, was unter Euch vorgegangen? Er hat Dich betro⸗ gen, wie mich— ich will's ihm heimgeben für uns beide!“ „Nicht für mich, nicht für mich“, rief Kordel in 169 Thränen ausbrechend,„ich habe ihm längſt ver⸗ ziehen.“ „Sieh, wie weichherzig!“ höhnte Wolf.„Ich bin dafür durch viele Feuer gehärtet, ich ſchmelze nicht mehr ſo leicht.“ Er wandte ſich und wollte der Thür zu; Kordel hielt ihn und klammerte ſich an ihn. „Nein, nein“, rief ſie,„ich laſſe Euch nicht! Bei Allem, was heilig iſt, beſchwör' ich Euch—“ Wolf lachte grell auf.„Närrin“, rief er,„Deine Worte gleiten an mir ab wie Waſſertropfen an Ge⸗ ſtein. Ich habe nichts mehr, was mir heilig iſt.“ „Es iſt nicht möglich“, jammerte Kordel.„So ganz könnt Ihr nicht verloren ſein. Beim Andenken meiner Mutter, die Ihr einſt geliebt—“ „Schweig'“, unterbrach er ſie wild,„auch die Er⸗ innerung wirkt nicht mehr, ich habe ſie auch wegge⸗ worfen! Sie war's, die mich in die Welt hinausge⸗ trieben, ſie iſt ſchuld an Allem, was kam. Du be⸗ mühſt Dich vergebens, alſo laß mich! Es iſt auch vergeblich ſo wie ſo! Das Rad iſt ſchon im Rollen, ich kann es nicht mehr aufhalten, ſelbſt wenn ich wollte; die Mine iſt gelegt, der Schwefelfaden glimmt bereits und vielleicht in dieſem Augenblick—“ „Nein, es kann, es darf nicht zu ſpät ſein“, rief — 170 Kordel in höchſter Angſt, indem ſie Wolf losließ und der Thür zueilte. Er kam ihr zuvor und drängte ſie zurück. „Iſt es ſo gemeint?“ rief er mit dem Knurren eines Raubthieres.„Du willſt warnen und Lärm machen und den Vatersbruder ans Meſſer liefern zum Dank für all das, was er an Dir gethan? Dafür will ich ſorgen. Du wirſt hier die Stube nicht eher verlaſſen, bis Du mir nicht mehr ſchaden kannſt.“ Da⸗ mit hatte er ſie mit ſtarker Fauſt zurückgeſchleudert, daß ſie taumelte und niederſtürzte; dann verließ er das Zimmer und warf die Thür hinter ſich ins Schloß. Mit vergehenden Sinnen hörte Kordel das Knirſchen des im Schloſſe ſich drehenden Schlüſſels. Gleichzei⸗ tig verkündeten feſtliche Trompeten, durch die Entfer⸗ nung gedämpft, daß drüben die Tafel zu Ende ſei und das Ballfeſt beginne. Im Laufe des Tages waren die drei fürſtlichen Paare zum Traualtar und dann zum Feſtmahl gezogen, deſ⸗ ſen Pracht und Reichthum mit der Schönheit und Trefflichkeit um die Palme rangen. In dem glänzen⸗ den, von einem Lichtmeere durchfluteten Saale ſaß die nicht minder glänzende Verſammlung zwiſchen den ſchimmernden Silber⸗ und Kryſtallgeſchirren, umweht von dem feinen Dufte köſtlicher Speiſen und der herrlich⸗ 1 171 ſten Weine, umſäuſelt von den ſchmeichelnden Tönen Lully'ſcher Muſik, die von der Eſtrade ſüß gleich Ho⸗ nigtropfen herniederträufelte, umrauſcht von den immer ſtärker wehenden Fittigen des Frohſinns und des Glücks. Was die Welt an Genüſſen zu bieten ver⸗ mochte, war auf der Tafel wie aus einem unerſchöpf⸗ lichen Füllhorn ausgeleert; zwiſchen den zum Genuſſe lockenden Speiſen prangten koſtbare und kunſtvolle Prunk⸗ und Schaueſſen, beſtimmt, durch allerlei Kurz⸗ weil die Unterhaltung immer wieder anzufriſchen, wie man den Duft des Weihrauchs durch immer friſche Körner nährt. In der Mitte der Tafel erhob ſich eine kleine, der Wirklichkeit bis ins Geringſte treu nach⸗ gebildete Feſtung, welche plötzlich aus ihren Ge⸗ ſchoſſen ein Kreuzfeuer mit zierlichen Kugeln eröffnete und ſpringenden Wein in Bogen wie Bomben empor⸗ ſteigen ließ. Auf einer Paſtete waren das Paradies und der Sündenfall mit beweglichen Figuren angebracht, wie Eva im Garten von Eden luſtwandelte; die Schlange wand und ringelte ſich um den Stamm des Apfel⸗ baums und ihr entgegen, das kleine Figürchen griff nach der verhängnißvollen Frucht, führte ſie zierlich zum Munde und reichte ſie dann dem neugierig heran⸗ hüpfenden Vater der Lebendigen, der dieſelbe Bewe⸗ gung wiederholte, dann aber ſeiner Eva den Arm bot, 462 um zur Beluſtigung der Zuſchauer mit ihr in einer Höhle aus Felſen von Zuckerkand zu verſchwinden. Ein anderes Gericht ſtellte einen mächtigen ſitzenden Adler dar, der ſich mit einem Male kunſtvoll ausein⸗ ander legte und in einen kleinen Nachen verwandelte, in welchem der Leibzwerg des Kurfüſten ſaß und mit ſeinem Fahrzeug zierlich zwiſchen den Gedecken ein⸗ herfuhr, um den Brautpaaren winzige, aber darum nicht minder koſtbare Geſchenke zu bringen. Dazwiſchen ſchmetterten von Zeit zu Zeit Paukenſchlag und Trom⸗ petenklang, um weithin der ſchweigenden Winternacht zu verkünden, daß ein Trinkſpruch aufs Wohl der jungen Paare oder einen der hohen Gäſte ausgebracht worden war Dann rollte der Vorhang der Eſtrade auseinan⸗ der und ein mythologiſch⸗allegoriſches Spiel, das bei keinem ſolchen Feſte fehlen durfte, begann. Es war das Werk eines franzöſiſchen Dichters und der alte Kurfürſt fand große Genugthuung darin, ſeinen Gäſten erzählen zu können, welche Mühe es ihm gekoſtet, die Dichtung zur rechten Zeit aus der Stadt Ludwig's XV. zu erhalten, und wie dem Poeten jeder der klingenden Alepandriner mit einem goldenen Abbild des genann⸗ ten Königs aufgewogen werden mußte. Der Rhein und der Neckar als ſchilfbekränzte Götter erſchienen, 173 neben ihren Flußurnen liegend, wie ſie ihre Gewäſſer vereinigen und in einander gießen, und erzählten ſich von drei Schäferinnen, die an Schönheit, Liebenswür⸗ digkeit und Geiſt nicht nur alle andern Erdenkinder verdunkelten, ſondern ſogar den Neid der Götter im Olymp erregt hätten. Minerva kam, ſich zu beklagen, daß eine Sterbliche ihr den Ruhm der Weisheit ſtreitig mache, Juno eiferte, ſich den Vorrang der Schönheit entriſſen zu ſehen; ſie verabredeten ſich zum Verderben der Nebenbuhlerinnen. Da erſchien Fama mit mächtigen Flügeln und der weltverkündenden Trom⸗ pete und brachte die Nachricht, daß ihre Mühe verge⸗ bens ſei, die ganze Welt ſei bereits von dem Ruhm der drei Schäferinnen erfüllt und liege huldigend zu deren Füßen. Dieſe Nachricht war natürlich nur ge⸗ eignet, den Groll der Göttinnen noch zu ſteigern, als Venus, von Amor und Hymen geleitet, erſchien und den Zürnenden verkündete, daß die Schäferinnen die Hoheit der Liebe anerkannt und ſich ihrem Scepter unterworfen hätten. Das verſöhnte die Himmliſchen; der Neid wich der Bewunderung; Minerva und Juno ergingen ſich nun ſelbſt im begeiſterten Preiſe der Schä⸗ ferinnen; Juno nahm ſie unter ihren beſondern Schutz, während Minerva deren Bräutigame zu ihren Lieb⸗ lingen wählte, Venus aber die ganze Götterwelt auf⸗ 174 bot, den Sieg der Götter und die dreifachen Hyme⸗ näen mitzufeiern. Auf der verwandelten Scene wurde der ganze Olymp ſichtbar und beugte ſich huldigend vor den Namenszügen der Gefeierten, die über dem Throne Jupiter's in Brillantſternen funkelten. Der Schluß des Spiels war zugleich das Zei⸗ chen zum Beginne des Balls; Gaſtgeber und Gäſte erhoben ſich, um in der Kühle des anſtoßenden Grotten⸗ ſaals zu luſtwandeln, während Hunderte von Händen, wie durch unſichtbaren Zauber gelenkt, die Tafel be⸗ ſeitigten und nur ſo viel an Schenken und Kredenzen übrig ließen, als nöthig ſchien, ein während des Tan⸗ zes auftauchendes Verlangen nach Erfriſchung nicht unbefriedigt zu laſſen. Die Geſellſchaft blätterte ſich in einzelne Gruppen auseinander, wie ein losgebun⸗ dener Blumenſtrauß auseinander fällt und im Zerfall eine Menge neuer, noch ſchönerer und farbenprächtigerer Verbindungen bildet. Viele zogen ſich auf kurze Zeit zurück, um dann in längſt bereit gehaltenen Masken und Verkleidungen wieder zu erſcheinen, ſodaß allmä⸗ lig die ganze Verſammlung das Anſehen änderte und einem bunten Gemenge verſchiedenartiger einheimiſcher und exotiſcher Blumen und Blüten glich, das eine muthwillige Hand durcheinander gerüttelt. Scherzende Laune und muthwillige Neckerei plauderten und lachten 175 durcheinander, und als die Muſik die einzelnen und zerſtreuten Geſtalten zu Paaren zu locken begann, da war es, als ſei außerhalb des glänzenden und fröhli⸗ chen Saales keine Welt mehr vorhanden, als gebe es kein Elend und keine Noth, die draußen lauerte, kein Unglück, das an die koſtbaren Thorflügel zu pochen und Einlaß zu fordern vermöchte. In den abwechſelnd⸗ ſten Trachten drängten die Herren und Damen der verſchiedenen Hofſtaaten durcheinander, wäh⸗ rend der Kurfürſt, ſeine Gäſte und die Prinzen nach Venetianerſitte bunte Seidenmäntel um die Schulter geworfen hatten. Alle Welttheile und Nationen hatten Vorbilder geliefert. Neben der Römerin mit dem wei⸗ ßen Sonnendeckel wanderte die Bäuerin aus dem nahen Schwarzwald mit der langbebänderten Haube und die Tirolerin im großen breitrandigen Hut; der Spanier im rothen Haarnetz, geſtickter Jacke und Schärpe ging Arm in Arm mit dem Schotten im gewürfelten Plaid und der Federmütze und dem Türken, der in Kaftan und Turban bedächtig einherſchritt. Zur Erhöhung des Scherzes war für die erſten Stunden das Tragen der Masken geſtattet, die dann auf ein gegebenes Zei⸗ chen ſämmtlich fallen mußten. Die Prinzeſſinnen verſäumten nicht, in ihren Wahrſagergewändern zu erſcheinen und ſich mit 176 ihren jungen Männern zu necken, bis die Verſtellung durchſchaut war und zu allſeitiger Befriedigung jeder glücklich ſeine Braut herausgefunden hatte. KarlAlbert ſchritt mit dem Kurfürſten Karl Philipp durch den Mittelſaal dem künſtlichen Garten zu, aus welchem Pflanzenduft und erfriſchende Kühle einladend herüberwehten. Der alte Herr war eben daran, ihn durch die Erzählung des Schanzenſturms von Neu⸗ häuſel zu unterhalten, als er von Wachtendonk abgeru⸗ fen wurde, der noch ſeiner Befehle wegen einzelner Anordnungen bedurfte. Er verabſchiedete ſich von ſei⸗ nem Begleiter, der gelaſſen das fröhliche Gewühl über⸗ blickte, als eine weiche Hand ſich auf ſeinen Arm legte und eine noch weichere Stimme ihm zu flü⸗ ſterte: „Begehrſt Du nicht Deine Zukunft zu wiſſen, Herr?“ Es war eine in dunkles Gewand mit rothen Schleifen gehüllte Zigeunerin.„Zeige mir Deine rechte Hand, ich will ſie Dir verkünden 15— „Ich glaube nicht an Prophezeiungen“, erwi⸗ derte Karl Albert, überraſcht von Ton und Geſtalt der Fragenden.„Die Zukunft weiß Niemand zu ent⸗ räthſeln.“ „Doch“, entgegnete die Maske,„die Vergangen⸗ heit iſt die Saat, aus der die Zukunft keimt. Wer 179 i welcher Verfaſſung finde ich Sie ſind ganz außer ſich, lühen— was kann „Mein Gott! I Sie?“ rief Karl Albert.„ Ihre Wangen lodern, Ihre Augen g ich für Sie thun?“ „Für mich thun?“ nichts können Sie thu könnte ich noch mehr ver wiederholte ſie lachend.„Nichts, n! Sie bemitleiden mich ja, was langen? Aber nein“, rief ſie auffahrend,„ich will nicht lügen, ich will nicht länger heucheln, will nicht länger meine wahren Gefühle ver⸗ bergen. Ich liebe Sie, Karl; ich ertrage es nicht, ohne Ihre Liebe zu leben, ich ertrage den Gedanken nicht, daß ich Sie nicht beſitzen ſoll. O Karl, ſo liebt Sie Niemand wie ich, ſo hat Sie noch Niemand geliebt. Stoßen Sie mich nicht von ſich!“ „Fürſtin“, erwiderte Karl Albert, ergriffen und faſt entſetzt von der Leidenſchaft, die ihm aus ihren Mienen und Worten entgegenwehte,„warum reißen Sie die Thore eines Paradieſes wieder auf, das uns verſchloſſen iſt, das uns verſchloſſen bleiben muß?“ „Muß? Warum muß?“ rief Tereſa.„Es gibt kein Müſſen für einen Mann und Fürſten, der einen Willen hat!“ „Sie haben Recht“, erwiderte der Kurfürſt,„aber eben der Wille iſt es, der als Engel mit dem Flam⸗ menſchwert vor das Paradies getreten iſt. Wir hätten 12* 180 uns nicht wieder begegnen ſollen, Fürſtin! War es nicht beſchloſſen, als wir von einander ſchieden, daß wir uns nicht mehr begegnen wollten? Fürſtin, ſeit ich Sie nicht mehr geſehen, iſt eine ernſte Zeit über mir dahingezogen, ich bin mit mir zu Rathe gegangen und habe mit mir ſelbſt gerechnet. Die Ereigniſſe, welche mich fortgetrieben, haben mich aus dem Tau⸗ mel geweckt, in den Jugend, Müßiggang und Leicht⸗ ſinn mich geſtürzt hatten. Ich habe dem flüchtigen Genuß des Augenblicks entſagt, mein Daſein ſoll for⸗ tan höheren Zwecken gewidmet ſein, es ſoll fortan meinen Pflichten gehören. Kehren auch Sie zu den Ihrigen zurück, rauben Sie mir nicht die Kraft, die meinigen zu vollbringen.“ Tereſa bebte unter der Gewalt der Erregung, als ob ſie im Fieber läge. „Entſagen?“ rief ſie, indem ſie ihn mit großen Blicken anſtarrte.„Wohlan, Durchlaucht, wenn Sie das vermocht, ſo ſollen Sie erfahren, daß ich an Seelen⸗ kraft und Stärke des Gemüths Ihnen nicht nachſtehe. Auch ich kann entſagen. Gehen Sie— dieſe Stunde ſei die letzte zwiſchen uns. Wir haben uns nie ge⸗ kannt“, fuhr ſie fort und ergriff eins der Gläſer auf dem Tiſchchen,„aber ehe Sie gehen, ehe ſich das Meer zwiſchen uns dehnt, trinken wir uns noch ein 8 184 Fahr' wohl! zu, wie Scheidende thun, wenn ſie zu Schiffe gehen.“ „Mit ſchwerem Herzen“, ſagte Karl Albert, den andern Becher ergreifend,„denn ich ſehe, wie Sie leiden, und leide mit, weil ich nicht zu helfen vermag. Möge dieſer Scheidetrunk Ihnen ſo gewiß volles Heil bringen, als meine Seele dieſes aufrichtig wünſcht.“ Er hob das Glas an den Mund, ſetzte es aber augenblicklich wieder ab, denn hinter den Bäumen ge⸗ genüber erklang es wie klirrende Scherben und eine angſtvoll keuchende Stimme rief:„Halt! Um Gottes⸗ willen halt! Nicht trinken!“ Im nächſten Augenblick taumelte Kordel unter den Gebüſchen hervor. Sie hatte, als ſie wieder zur Beſinnung gekommen, in der Angſt ihres Herzens durch einen Sprung aus dem Fenſter ſich aus ihrem Gefängniſſe befreit und war auf dem ſchnellſten Wege die unvollendete Terraſſe hinangeeilt. Der Schrecken über das, was ſie erlebt hatte, die Angſt vor dem, was noch drohte, die ungewohnte Anſtrengung hatten ihre Kraft ſo erſchöpft, daß ſie ohnmächtig neben dem Blumenbeete zuſammenbrach. Mit letzter Anſtrengung vermochte ſie noch hervorzuſtammeln:„Nicht trinken! Es iſt—“ Beſtürzt blickte Karl Albert auf das Mädchen, 182 auf Tereſa und den Becher in ſeiner Hand, aber im nächſten Augenblick hatte Tereſa ihm denſelben bereits abgenommen. „Unwürdiger Verdacht“, rief ſie und ſtürzte den⸗ ſelben haſtig bis zur Neige aus. Karl Albert trat zu Kordel, die ſich regte und all⸗ mälig aus der Ohnmacht aufrichtete. Wie ſich be⸗ ſinnend, fuhr ſie mit der Hand über die Stirn; als ihr die Klarheit wiedergekommen, ſprang ſie angſtvoll auf und wiederholte unwillkürlich:„Nicht trinken! Es iſt Gift!“ „Gift“, rief Tereſa auftaumelnd und zugleich zuſammenbrechend, indem ſie mit der Hand nach dem Herzen fuhr.„Ja, ich fühl es— Gift! Ich bin betro⸗ gen! Das iſt der Tod, was mir zum Herzen dringt.“ Kordel eilte zu der Umſinkenden, welcher auch der Kurfürſt ſich näherte. „Gehen Sie, Durchlaucht“, rief ſie ihm zu,„gehen Sie, ehe der ſchreckliche Vorfall Leute herbeiführt, hier darf man Sie nicht finden!“ „Gott, welcher entſetzliche Ausgang!“ rief Karl Albert.„Gift in dieſem Becher! Von ihr! Und Du biſt es, Mädchen, die mich gerettet?“ „Gott ſei Dank, der es gelingen ließ“, rief Kordel.„Sie haben mir einſt ein Leben geſchenkt, — 5—— — —— 183 Herr, ich habe es wett gemacht. Fort, fort, ehe man man hierher kommt!“ Nahende Stimmen wurden laut. Er eilte hin⸗ weg. Kordel kniete neben der Sterbenden nieder, die ſich in Schmerzen wand und von der Bank herabglitt; ſie fing ſie in ihren Armen auf. Zur andern Seite trat der Armenier heran, entſetzten Blickes und erſchüttert von dem unverhofften Ausgang ſeines Plans. Die alte Liebe ſchlug in ihm empor. Alle Schmach, alles Leid, das ſie ihm angethan, war ausgelöſcht bei dem ſchrecklichen Anblick. „Rufen Sie einen Arzt“, rief ihm Kordel entgegen, „vielleicht iſt noch Rettung.“ Er ſchüttelte den Kopf. „Da iſt keine Hülfe“, ſagte er, indem er auch ne⸗ ben Tereſa niederkniete und ihre Hand faßte.„Die Hand iſt kalt, kalt wie eine Todtenhand!“ Tereſa ſchlug die Augen auf und ihr erſtarren⸗ der Zlick traf auf den Fürſten. „Du hier, Carlo!“ rief ſie und verſuchte verge⸗ bens, ſich aufzurichten.„Du? O, dann begreif' ich wohl. Du haſt Alles gewußt, das iſt Deine Rache. Fluch Dir, Du Mörder, durchs ganze Leben folge Dir mein Schatten! Fluch dem herzloſen Manne, 184 der mich um die Größe aufgeopfert, er ſoll ſich ihrer nicht erfreuen! Fluch—“ „O, nicht dieſe furchtbaren Worte!“ rief Kordel, indem ſie ſich zu Tereſa niederbeugte.„Gott iſt gnä⸗ dig und mächtig; in ſeiner Hand iſt Leben und Tod, aber wenn Ihr von hinnen müßt, arme Frau, ſo tre⸗ tet nicht vor ſeinen Thron mit einem Fluch auf den Lippen!“ Sie begann ihr halblaut das Vaterunſer vorzu⸗ ſagen. Tereſa lag bereits in den Zuckungen des raſchen gewaltſamen Todes; als Kordel die fünfte Bitte ſprach, wiederholte ſie mit brechenden Blicken ſchwach, aber vollkommen verſtändlich:„Wie wir vergeben unſern Schuldigern“, und verſchied. Der Vorfall hatte viele Neugierige herbeigelockt, die bei dem Anblick des finſtern Gaſtes, der ſo plötz⸗ lich in den Freudenſaal eingetreten war, in ſcheuer Entfernung ſtehen blieben. Es galt, die allgemeine Freude nicht zu ſtören: nur flüchtig durchlief die Kunde den Saal, daß eine Dame von plötzlichem Herzkrampf befallen worden und demſelben erlegen ſei. Eine an⸗ dere, eine heitere Botſchaftſchlug über der trüben zuſam⸗ men, wie helles Waſſer über einem dunklen, auf den Grund ſinkenden Körper. Der Reichsmarſchall 1 —u 185 Graf Pappenheim war aus Frankfurt eingetroffen, um die Botſchaft der vollzogenen Kaiſerwahl zu bringen. Kordel und der Fürſt weilten neben der Todten, in ihr leiſes Gebet ſchmetterten von draußen Fanfaren und brauſte der Jubelruf: „Hoch, Karl Albert! Hoch die Hoffnung des Va⸗ terlandes! Hoch Kaiſer Karl der Siebente!“ Ende des dritten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Verlag von Ernſt Zulius Günther in Teipzig. Lady Audlen's Geheimniß. Roman von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Aurora Floyd Roman M. E. Vaddon, Aus dem Engliſchen von F. Seybold. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 80. Eleg geh. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. 9 0 Lleauor's Sieg. Roman 3 von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſtrte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. ——— —— ———— Neue NRomane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig von Otto Müller. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 4 Thlr. Die Jagd nach dem Glücke. Roman von f. C. Schubert. 3 Bände. Eleg. broſch. Preis 2 Thlr. 5 Ngr. Die Türken in München. von Herman Schmid. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Neue Romane Bariſer Todtentanz. Roman in 2 Abtheilungen von Mar von Schlägel. 6 Bände. Preis 4 Thlr. 15 Ngr. Der Lebensretter. Humoriſtiſcher Roman von Graf Allrich Zandiſſin. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Arauenherzen. Zwei Novellen von Touiſe Mühlbach. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 3 Thlr. aus dem Verlage von Eruſt Julius Günther in Leipzig. 1. Abth.: Nach uns die Sündflut! 2. Abth.: Der rothe Faſching. nnfnfſſſnſffffff 8 9 11 12 13 14 15 16 17 18 19 1 8“ ——