———— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. :6 2 3 Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von dem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ Len angenommen. 8— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücler: 6 Bücher: .————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 4 Tlr. 50 Pf. 2 l.— Pf. „ 3„„—„„ n 8 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkrs, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. ſen eneeil. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Concordia. Eine Ueutſcie Kaiſergeſchicite aus Hagern von Herman Schmid. Zweiter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1874. Erſtes Kapitel. Ein altes Haus. Wenige Tage ſpäter ſchritt der junge Fremd durch die Stadt und betrachtete forſchenden Blickes die Häuſer der engen Roſengaſſe, die kaum am hohen Mittag der Sonne einen kargen Einblick geſtatteten und durch ihre Höhe und Abgeſchloſſenheit, ſowie durch bemalte Wände und andern Schmuck verriethen, daß ſie zum größten Theil reichern Bürgern oder den Patrizierge⸗ ſchlechtern gehörten, die ſich nach Art der Reichsſtädter wie in ſtädtiſchen Burgen darin abzuſchließen liebten. In einem der anſehnlichſten Häuſer der rechten Seite „glaubte er den Gegenſtand ſeines Forſchens gefunden zu haben; dennoch zögerte er, die Glocke neben dem mächtigen, ſorgfältig verſchloſſenen Hausthor zu zie⸗ hen, ebenſo wenig ſchien es ihn zu gelüſten, die vor⸗ Schmid, Concordia. II. 1 übergehenden Mägde oder Geſellen zu fragen; die ge⸗ machten Erfahrungen ermunterten ihn nicht, ſein Glück im Verkehr mit dem Volke nochmals zu verſuchen. In dieſen Gedanken wurde er durch das Herankommen eines Maurers unterbrochen, der, die Pinſelſtange ſammt Mörtelkübel und Kelle über der Schulter, die wweiße Schürze über dem reinlichen Zwillichgewande, von der Kaufingergaſſe herkam und vor demſelben ſtillen Hauſe ſtehen blieb. Der Mann, ſchon hoch in Jahren, wanderte ſeines Weges wie Jemand, der tief in Gedan⸗ ken iſt, und hätte den Fremden vielleicht gar nicht gewahrt, wenn dieſer nicht, ermuntert durch das ehrbare und geſetzte Weſen des Mannes, in eben dem Augenblicke, als er die Hand an den Glockenzug legte, zu ihm hin⸗ getreten wäre. „Will Er mir wohl ſagen, guter Freund“, ſagte er,„wo ich hier das ehemalige Pilgramhaus finde, in welchem der Obermedicus Doctor Grünwald wohnt?“ Ueber den Berührungen des Fremden mit den Münchenern ſchien in der That ein eigener Stern zu walten, denn beim erſten Laut ſeiner Stimme ſchrak der Mann zuſammen, daß er beinahe Kübel und Kelle fallen ließ; er ſah den Fremden mit weit aufgeriſſenen Augen an, ein ſeltſames Zucken überflog ſein Geſicht und ſeine Lippen bebten, als ſtrenge er ſich an, zu 3 ſprechen, und vermöge es nicht. Die Bewegung ging aber ebenſo ſchnell vorüber, als ſie gekommen war, und ein freundlicher Ausdruck heiteren Wohlgefallens breitete ſich über das ehrliche Geſicht des Alten; mit ſtrahlenden Augen legte er den Zeigefinger an den zum Lächeln verzogenen Mund, um anzuzeigen, daß er nicht reden könne, und deutete mit der andern Hand auf das Thor, das ſich eben vor ihnen aufthat. Sie traten in eine weite gewölbte Einfahrtshalle, welche ſich durch die ganz anſehnliche Tiefe des Hauſes hinzog, am Ende von einem ſchönen Eiſengitter abgeſchloſſen, durch deſſen Stäbe Sonnenſchein, Blumenglanz und Laubgrün lachend und lockend hereinblickten. Damals beſtanden die vielen Hintergebäude noch nicht, jedes größere Haus hatte hinter ſich ſeinen Hofraum und nach dieſem einen Garten, der nicht ſelten bis in die nächſte Straße reichte. Eine Frau, die geſchäftig die Treppe herunter⸗ kam, begrüßte eilfertig den Maurer.„Iſt Er end⸗ lich da, Maurer Michel?“ ſagte ſie.„Das iſt recht! Es iſt die höchſte Zeit, daß Er kommt, ich haͤbe ſchon dreimal nach Ihm geſchickt; im Dach muß etwas ſchadhaft ſein. Beim letzten Gewitter hat's durchgeregnet, als wenn man mit Scheffeln gegoſſen hätte! Gehe Er nur voran, ich komme gleich nach. Nehme es der Herr nicht ungnädig 1* 4 daß ich den Herrn ſo lange habe ſtehen laſſen“, fuhr ſie, zu dem Fremden gewendet, unter vielen Knixen fort, während der Maurer, gleich als könne er ſich von dem Anblick nicht trennen, am Fuße der Treppe ſtehen blieb und unverwandt den jungen Mann be⸗ trachtete.„Was befehlen Euer Gnaden? Womit kann ich aufwarten? O wenn's das iſt, dann wollen Sie nur die Gnad' haben und in den Garten hinaus ſpa⸗ zieren“, ſchwatzte ſie weiter, als der Fremde erwiderte, daß er vom Doctor Grünwald erwartet werde.„Das iſt freilich was Anderes. Seine Gnaden der Herr Obermedicus ſind eben erſt von der Morgenviſite von Patienten heimgekommen. Da ſind ſie ſonſt nicht zu ſprechen, aber wenn er den Herrn erwartet, dann gehe der Herr nur durch das Gitter, den mittleren Weg immer grad' aus, bis in die Klauſen, da ſitzen Seine Gnaden und leſen! Und ich bitte Sie halt noch⸗ mals unterthänigſt, nehm' mir's der Herr nur ja nicht übel auf, daß ich den Herrn nicht begleiten kann, aber ich muß dem Maurer Michel nach; wenn man nicht über⸗ all ſelbſt dabei iſt, geſchieht Alles verkehrt. Sie glau⸗ ben nicht, junger Herr, wie wenig man ſich auf die Leute verlaſſen kann! Der Michel iſt wohl ein ganz tüchtiger Maurer, aber er iſt ſtumm und Niemand kann ſich mit ihm ſo gut verſtändigen wie ich. 5 Der Fremde hatte inzwiſchen bereits das Eiſen⸗ gitter geöffnet und ſtand in einem nicht großen, aber mit Geſchmack und Geſchick benutzten viereckigen Raum, der, obwohl nach allen Seiten von hohem Gemäuer umgeben, doch die Täuſchung einer viel größeren Aus⸗ dehnung gewährte und das angenehme Gefühl hervor⸗ rief, daß es hier wirklich gelungen, mitten in der bevölkerten und lärmvollen Stadt eine Zufluchtsſtäet einſamer Stille und gedankenreicher Zurückgezogenheit zu ſchaffen. Der junge Mann hatte ſchon beim Ein⸗ tritt ins Haus lebhaften Antheil an Allem, was er ſah, gezeigt, der Anblick des Gartens ergriff ihn noch mehr; tief bewegt blieb er an dem Steinrande eines Springbrunnens ſtehen, in deſſen Mitte ein Triton auf einem Delphin ritt und wie in kindiſcher Freude über die Waſſerſtrahlen, die dieſer hoch über ihm empor⸗ ſpritzte und dann als Tropfenregen wieder niederfallen ließ, übermüthig jubelnd in ſein gewundenes Muſchel⸗ horn blies. Es war, als ob der Anklick ferne Erin⸗ nerungen und Bilder in ihm erweckte; wie mit Gewalt nußte er ſich losreißen, und es wan gut, daß die ver⸗ ſchlungenen Wege ihm Zeit zur Sammlung vergönnt hatten, ehe er den hinterſten Theil des Gartens betrat, der wie eine Art waldigen Hintergrunds die vordere im franzöſiſchen Geſchmack gehaltene Anlage abſchloß, in welcher Blumenbeete und Raſenflächen ſchattenlos und hellfarbig mit geſchnittenen Hecken wechſelten. Hohe Tannen und Föhren waren mit Cypreſſen und Sebenbäumen ſinnreich zuſammengefügt, daß ſie, ohne düſter zu ſein, angenehme Schatten verbreiteten; nur an einer leicht erhöhten Stelle drängten ſie ſich enger an einander und bildeten ein Schutzdach für das dar⸗ unter ſtehende kleine Häuschen, halb einer Einſiedelei, halb jenen Hütten nachgeahmt, wie ſie im Gebirge den Sennern und Almerinnen zur Herberge dienen. Der Doctor, der darin leſend geſeſſen, blickte em⸗ por, als er die Schritte des Kommenden vernahm, und trat ihm grüßend an der Schwelle entgegen.„Sind Sie es wirklich, mein Herr? rief er.„Das freut mich, daß Sie mich ſo bald beſuchen und Ihr Wort einlöſen. Ich will hoffen, daß es nicht wieder eine Veranlaſſung wie die neuliche iſt, was Sie zu mir führt.“ „ Die Veranlaſſung meines Kommens“, entgegnete der Fremde,„iſt keine andere als die Abſicht und der Wunſch, Ihnen für die mir erwieſene Freundlichkeit zu danken und mich zu Ihrer Verfügung zu ſtellen; ich muß das ja thun, da Sie für mich Bürge gewor⸗ den ſind.“ „Wie kommen Sie dazu, dem kleinen Vorfall ſolche Bedeutung zu geben!“ rief lachend der Doctor — ☚ 7 „Ich meine, ich habe den ungezogenen Trabanten ge⸗ hörig eingeſchüchtert; er denkt nicht daran, Anzeige zu er⸗ ſtatten, und wenn er es thäte, würde der Stadtrichter ihr keine Folge geben. Jetzt aber kommen Sie, neh⸗ men Sie Platz und laſſen Sie ſich durch den medici⸗ niſchen Apparat, den Sie bemerken, den Aufenthalt in meinem Muſeum nicht verleiden. Anatomiſche Ta⸗ feln ſind freilich für einen Nichtarzt ſo wenig ein er⸗ freulicher Anblick als jener ſkelettirte Arm dort an der Wand oder der Todtenſchädel hier auf dem Tiſch, aber für Mediciner iſt es gut, wenn ſie derlei zur Hand haben. Man findet immer etwas Neues, und wenn ja einmal eine glückliche Stunde kommt, wie die jetzige, wo der Arzt den Menſchen auf ein paar Athemzüge losläßt, auch dann haben dieſe Dinge für mich nichts Störendes. Sie wiſſen, die alten Ae⸗ gypter hatten bei all ihren Feſten Todtenköpfe auf den Tafein ſtehen und ließen ſich mitten in der größten Heiterkeit durch ihre Sklaven eine Mahnung an den Tod zurufen. Wir wollen es auch ſo halten und ich hoffe, daß Sie dieſen preiswürdigen Burgunder, zu dem ich Sie einlade, wegen der Nähe dieſes harmlo⸗ loſen Beingehäuſes nicht weniger gut finden wer⸗ den.“ „Gewiß“, entgegnete der junge Mann, indem er 8 den angebotenen Platz annahm und das gefüllte Glas erhob.„Obwohl kein Arzt, bin ich doch nicht ſo über⸗ lebensluſtig, daß ſchon eine Erinnerung an den Tod meine Wangen bleich zu machen vermöchte!“ „Sie ſehen mir auch nicht danach aus“, rief der Doctor.„Aber wie nun? Sie ſind, wie Sie ſagen, kein Arzt, wofür ich Sie, nebenbei bemerkt, auch niemals angeſehen habe ſagen Sie mir dafür, was den Halt Ihres Lebens bildet; ich möchte gern den alten Brauch üben und das erſte Glas, das wir zu⸗ ſammen leeren, mit einem guten Spruche weihen. Worauf wollen wir anſtoßen? Wem ſoll der erſte Trunk gelten?“ „Laſſen Sie uns nicht weit greifen“, entgegnete der junge Mann leicht ausweichend,„nehmen wir et⸗ was, was den Menſchen berührt, welche Standeshülle er auch tragen mag; und ſo gehe ich gewiß nicht fehl, wenn ich ſage: Stoßen Sie an, es gelte die Eintracht aller, die ſich verſtehen!“ „Concordia!“ rief der Doctor begeiſtert, indem er ſtürmiſch anſtieß und dann ſein Elas bis auf die Neige ausſtürzte,„Concordia hoch! O junger Mann, Sie ahnen nicht, welche Freude Sie mir durch dieſes Wort machen, wie Sie mir damit aus der Seele und in die Seele hinein geſprochen ha⸗ ——Q— 4— 8. 9 ben. Wir müſſen näher bekannt werden und ich hoffe, wir werden es auch! Sie ſind ein Mann nach meinem Sinn, und wie ich Sie nun zu kennen glaube, wird es Ihnen gewiß Freude machen, wenn ich Ihnen zeige, was bei Ihrem Kommen mich eben beſchäftigte. Sie haben erfahren, daß es in München um Bücher nicht ſehr glänzend beſtellt iſt, ein Augsburger Freund ver⸗ ſorgt mich aber in der Stille mit allen beſſern Schrif⸗ ten, die im Norden des Reiches erſcheinen. Dort wenigſtens haben die Geiſter angefangen ſich etwas zu regen. Sehen Sie hier dieſes Buch, das ich ge⸗ ſtern erſt bekommen und ſeitdem ſchon dreimal mit Entzücken geleſen habe: Der Frühling, ein Gedicht von Ewald von Kleiſt. Ich ſage Ihnen, das Büchlein hat mich ordentlich verjüngt; dieſer einfache, natürliche Ton, die reichen Gedanken und vor allem der wohl⸗ klingende Gebrauch, den der Mann von unſerer deut⸗ ſchen Sprache gemacht, daß man ſie kaum wiedererkennt, haben auf mich einen unbeſchreiblichen Eindruck ge⸗ macht. Wie einfach und wie ſchön! Gleich dieſe Anfangszeilen: 1 Empfangt mich, heilige Schatten! Ihr hohen, belaubten Gewölbe, Der ernſten Betrachtung geweiht, empfangt mich und haucht mir ein Lied ein, Zum Ruhm der verjüngten Natur! 10 „Ich habe von dem jungen Dichter gehört“, bemerkte der Fremde,„aber dies Gedicht iſt mir noch nicht zu Geſicht gekommen. Er ſoll ein Offizier in däniſchen Dienſten ſein.“ „Wo er auch lebt und wer er ſei, er hat mir das Herz erfreut!“ rief der Doctor.„Ich hätte faſt Luſt, dieſe Anfangszeilen wie eine Votivtafel über die Schwelle dieſer meiner Zuflucht zu ſchreiben.“ „Sie würden einen ſolchen Platz vor allem ver⸗ dienen“, entgegnete der junge Mann umherblickend. „Der Garten iſt wirklich ſchön angelegt und zeugt von feinem Geſchmack ſeines Beſitzers!“ „Sie haben Recht“, ſagte der Doctor ernſt,„der Mann verdient nur zu wohl, daß wir ſeiner gedenken. Er iſt es doch, der uns dieſe ſchöne Stunde verſchafft. Stoßen Sie an! Die zweite Libation, ſie gelte dem Gründer dieſes Gartens!“ „Segen ſeinem Andenken!“ ſagte der Fremde bewegt. „Wer war der Mann?“ fügte er mit einem Tone hin⸗ zu, durch den eine leichte Bewegung hindurchklang. „Es war der ehemalige Beſitzer und Erbauer die⸗ ſes Hauſes, Franciscus Edler von Pilgram“, entgeg⸗ nete der Doctor,„der Sohn eines alten Patrizierge⸗ ſchlechts, ein kluger, gewandter Kaufherr, der durch glückliche Unternehmungen ſich raſch ein bedeutendens ———O— 11 Vermögen erwarb, dieſes Haus umgeſtaltete und darin wie ein kleiner Fürſt in ſeinem Reiche lebte, geachtet von der Welt, geehrt von allen, die ihn kann⸗ ten, geliebt von den Seinigen— nicht hart, aber feſt von Gemüth, ein Mann des früheren Schlages, ganz von altem Schrot und Korn. Ich erinnere mich ſeiner noch wohl aus meiner Knabenzeit, wie bewundernd ich zu dem anſehnlichen Manne mit der hohen Ge⸗ ſtalt und dem ernſten Angeſicht emporſah, wenn er an mir vorüberging. Aber man ſoll Niemand glücklich preiſen vor dem Abend ſeines Lebens. Der Spruch hat ſich auch bei dem alten Pilgram bewährt.“ „So hat er noch Unglück erlebt?“ ſagte der Fremde mit bewegter Stimme. „Das größte— in den letzten Tagen ſeines Le⸗ bens das Werk ſeines ganzen Lebens zuſammenbrechen zu ſehen! Er hatte einen einzigen Sohn, einen hoff⸗ nungsvollen jungen Mann, der in die Fußtapfen ſei⸗ nes Vaters zu treten und ihn an Energie und Geiſt wohl auch noch zu übertreffen verſprach. Um ſich im kaufmänniſchen Geſchäfte noch mehr quszubilden, wurde er in die Fremde geſchickt, und als er wiederkam, war er auch wohl ausgebildet zum vollendeten Kaufmann, aber er war ein Fremdling in der Heimat geworden, die ihn nicht mehr verſtand und in der er ſich nicht 12 mehr zurecht zu finden vermochte. Sein Geiſt hatte die engen Schranken, mit denen Glaube und Er⸗ ziehung uns hier umgeben, durchbrochen und überflü⸗ gelt, mit wenig Worten, er hatte in evangeliſchen Ländern gelebt und war dort mit den Anſchauungen einer andern Lehre vertraut geworden. Er eröffnete ſeinem Vater, daß er geſonnen ſei, die Tochter eines Leipziger Handelsherrn, eine Proteſtantin zu ehelichen. Vorſtellungen, Bitten und Drohungen des Vaters, der in ſeiner Weiſe und ſchlichten Einfachheit ein ſolches Vorhaben gar nicht zu faſſen vermochte, hatten keinen andern Erfolg als die weitere Entdeckung, daß der Unſelige bereits die Brücke hinter ſich abgebrochen hatte— er war dem Glauben ſeiner Heimat untreu geworden.“ „Das war jedenfalls vor vielen Jahren“, ſagte der Fremde.„Ich habe erfahren, wie man in Baiern jetzt darüber denkt, und kann mir erklären, welche Wirkung. eine ſolche Nachricht damals hervorgebracht haben muß.“ „Die Wirkung eines Donnerſchlags!“ ſagte der Doctor.„Die Mutter erlag ihm ſofort, in Schmerz und Schrecken ſank ſie zuſammen, um nicht wieder zu erwachen. Der Vater hielt ſich wohl äußerlich auf⸗ recht, aber die Kraft war ihm innerlich gebrochen; er lebte nur noch lange genug, um den unglücklichen 13 Sohn ſeinen vollen Unwillen fühlen zu laſſen. Er ſah ihn nicht mehr, aber auf dem Krankenlager erfuhr er, daß das Gericht im Begriff war, gegen den einzigen Sohn des Hauſes Pilgram wegen Apoſtaſie peinlich ein⸗ zuſchreiten, und daß er der Verhaftung nur durch nächt⸗ liche Flucht entgangen war. Nach wenig Wochen trug man ihn zu Grabe. In ſeinem letzten Willen hatte er den Sohn enterbt und ſein ganzes Vermögen den Je⸗ ſuiten zugewendet, aber nur zur Nutznießung; Eigen⸗ thümer ſollten ſie erſt nach fünfzig Jahren werden, wenn bis dahin keine Nachkommen ſeines Sohnes ſich gemeldet und als rechtgläubige Katholiken ſich ausge⸗ wieſen haben würden. Es war, als ob im Augen⸗ blicke des Todes doch noch ein Pulsſchlag der alten Liebe das ſtrenge, unbeugſame Herz durchzuckt härte.“ „Und der Sohn?“ „Man hat nie wieder von ihm gehört. Die Je⸗ ſuiten, denen begreiflicher Weiſe viel daran liegt, von ſeinem Leben und Aufenthalt Kunde zu haben, boten Alles auf, ihn zu ermitteln; es iſt ihnen nicht gelun⸗ gen ſie werden ſich aber nur noch kurze Zeit zu gedulden haben! Die vorgeſteckte Friſt muß bald abgelaufen ſein, dann fällt dieſes herrliche Beſitzthum, in dem ich zur Miethe wohne, völlig dem Orden anheim.“ „Man hat nie wieder von ihm gehört!“ wieder⸗ 14 holte der junge Mann traurig.„Ja, ja, hieß es nicht ſo? Verſchollen und untergegangen im Elend—“ „Was ſagen Siee fragte der Doctor verwundert. „Sie wiſſen bereits“ „Nicht doch, wie könnte ich!“ entgegnete der Fremde raſch.„Aber ich habe davon gehört und leugne nicht, daß die Erzählung mich ſehr ergriffen hat.“ „Das brauchen Sie nicht erſt zu betheuern, mein Herr“, ſagte der Doctor, ihn betrachtend,„Ihr Aus⸗ ſehen thut's für Sie. Aber die Zeit meiner Muße iſt nahezu abgelaufen, und da Sie doch an der unglück⸗ lichen Familie Antheil zu nehmen ſcheinen, folgen Sie mir in meine Wohnung. Die Räume ſind alle noch erhalten, wie ſie damals geweſen.“ Schweigend folgte der junge Mann ſeinem Füh⸗ rer durch den Garten und Thorweg, eine dunkle Treppe hinan in einen nicht minder dunklen Gang und ſtand überraſcht, als derſelbe die Doppelthür ei⸗ nes größeren Gemaches öffnete und ihn hineinblicken ließ. Der durch die hohen gegenüberliegenden Häuſer gedämpfte Sonnenſchein, ſowie die mächtigen Purpur⸗ gardinen an den tiefen Fenſtern und die ſilbergraue, mit Goldleiſten gefaßte Täfelung der Wände brachten eine eigenthümliche Dämmerung hervor, die dem Orte etwas Feierliches und Ehrwürdiges gab. An den 15 Pfeilern und Wänden warfen mächtige Spiegel mit eingeſchliffenen Zierrathen und geſchnitzten Goldrahmen das Zwielicht verſtärkt zurück, daß es eben hinreichte, die dazwiſchen angebrachten, in die Mauer eingelaſſe⸗ nen Gemälde, Landſchaften, Jagdſtücke und Bildniſſe, erkennen zu laſſen.— „Sehen Sie hier“, ſagte der Doctor,„dieſes ernſte, faſt gramvolle Angeſicht iſt das Conterfei des alten Franciscus von Pilgram; man nöchte faſt glauben, es ſei in einer Vorahnung des Kom⸗ menden gemalt. Und hier“, fuhr er, nach einem andern Gemälde deutend, fort,„hier iſt das Bruſt⸗ bild des verlorenen Sohnes aus ſeinen Jüng⸗ lingsjahren. Es iſt unverkennbar, die beiden Köpfe haben ſtarke Familienähnlichkeit, und doch ſind ſie grundverſchieden; man glaubt, man könne jedem ſeine Geſchichte aus den Zügen ableſen.“ Der Fremde hatte ſchweigend das Portrait des Alten betrachtet und dann ſich dem andern zugewendet; ein unwillkürlicher Ruf der Ueberraſchung, den er dabei ausſtieß, unterbrach den Doctor in ſeiner Vergleichung der beiden Köpfe; als er ſich umwandte, gewahrte er den Jüngling vor dem Bilde knieend, die Arme gegen daſſelbe ausgebreitet und das Angeſicht von ſtrömenden Thränen überfloſſen. „Himmel! was iſt Ihnen, was haben Sie?“ rief 16 der Doctor.„Was kann Sie an dieſem Bilde ſo ſehr ergreifen?“ „O mein Gott, wie ſoll mich dieſer Anblick nicht erſchüttern!“ rief der Fremde ſich erhebend.„Laſſen Sie mich's denn geſtehen, das Bild überraſchte mich durch ſeine außerordentliche Treue und Lebenswahrheit. Ach, es iſt ja das Bild meines Vaters!“ „Wie? Sie wären—“ „Ja, ich bin der Sohn des Unfeligen, der die Heimat um des Glaubens und der Liebe willen mei⸗ den mußte— ich heiße Bernhard von Pilgram. Nein, nein“, fuhr er gerührt fort, indem er ſich wieder dem Bilde zukehrte,„du biſt nicht verſchollen, wackrer Mann! Du biſt nicht zu Grunde gegangen im Elend! Der Himmel hat es gnädiger mit dir gemacht als die erbarmungsloſen Menſchen. Wenn dich auch ſchon die frühe Erde deckt, dein Leben war doch reich und ſchön und auch dein letzter Wunſch iſt erfüllt— ſiehe, dein Sohn ſteht vor dir im Hauſe deiner Väter, vor deinem Bild und hat bereits einen Freund gefunden!“ „Das haben Sie allerdings“, ſagte der Doctor ernſt, indem er ihm beide Hände bot.„Ich war Ihr Freund, ehe ich wußte, wer Sie ſind, und bin es nun noch mehr, da ich Sie kenne und vermuthe, was Sie hierher geführt hat.“ 47 „Sie vermuthen ganz richtig“, ſagte Pilgram. „Ich bin hier, um das Erbe meiner Väter zurückzu⸗ fordern und ſein Andenken rein zu machen in der Er⸗ innerung der Menſchen! „Das iſt recht und edel von Ihnen, junger Mann“, ſagte der Doctor bedenklich,„aber ich fürchte, das Eine wird ſo ſchwer ſein wie das Andere, und doch will ich eher noch glauben, daß Sie die Münchner dazu bringen, Ihren Vater für einen Heiligen zu halten, als daß die Jeſuiten das reiche Erbe wieder loslaſſen, das ſie bereits ſicher in ihren Händen glauben! Junger Freund junger Freund! Sie wollen in die Löwenhöhle treten, ſchrecken die Fußtritte Sie nicht zurück, die alle nach innen deuten?“ „Ich habe keine Furcht“, entgegnete Pilgram.„Ich habe Alles lange und reiflich überlegt und bin ent⸗ ſchloſſen, es durchzuführen; nur mit dem Beginn wollte ich warten, bis ich die Lage und die Verhältniſſe erkundet und einen Freund gefunden haben würde, dem ich vertrauen kann und der mir zur Seite ſteht. Dies hat mir das Glück in Ihnen eher und beſſer ge⸗ geben, als ich erwarten durfte— ich ſehe darin ein Pfand des Gelingens und gehe von Ihnen hinweg in das Jeſuitencollegium.“ „Und wollen den Rector ſprechen? Wollen ſich als 3 2 Schmid, Concordia. II. den Pilgram'ſchen Erben vorſtellen und das Vermö⸗ gen reclamiren?“ „Allerdings.“ „Nun denn, ſo möge der Erfolg Ihrem Muthe ent⸗ ſprechen!“ rief der Doctor, nach Stock und Hut grei⸗ fend.„Dann will ich Sie wenigſtens bis an die Thür begleiten, damit ich Ihren Eintritt ins Collegium be⸗ zeugen kann, falls Ihre Rückkehr ſich über Gebühr verzögern ſollte. Es iſt das nicht ganz überflüſſig; ſchon lange gehen bedenkliche Gerüchte, und bei einem unlängſt vorgenommenen Umbau wurde ein geheimes Gewölbe mit mehreren an Ketten geſchloſſenen Ge⸗ rippen entdeckt. Ich will wenigſtens das Meinige thun, um Sie vor einem ähnlichen Looſe zu bewah⸗ ren. Dieſen Abend ſchenken Sie mir; ich erwarte Sie gewiß, um zu erfahren, wie man Sie aufgenom⸗ men hat; indeſſen will ich mich erkundigen und behut⸗ ſam ſondiren, was in Ihrer Sache geſchehen kann. Ehe wir aber gehen, erlauben Sie mir, daß ich Sie noch einmal begrüße und an meine Bruſt drücke! Seien Sie mir willkommen in München, in Ihrer eigentli⸗ chen Vaterſtadt; möge ſie Ihnen zur wirklichen Heimat werden und zu einer Stätte des Glücks! Möge es Ihnen gelingen, die Herzen, die unter dieſem Dache in Jammer und Schmerz gebrochen, im Jenſeits zu ver⸗ 19 ſöhnen und für das, was hienieden gefehlt worden, Sühne zu ſchaffen unter den Menſchen.“ Kurze Zeit darauf trennten ſich beide an der Haupteingangsthür des prachtvollen Jeſuitenkloſters; der Doctor drückte Pilgram noch einmal bedeutungs⸗ voll die Hand und ſah ihm nach, bis ſich die Thür hinter ihm geſchloſſen hatte. „Möge ſich dieſe Thür wieder für dich öffnen, du kühnes Herz“, ſagte er für ſich hin,„ich fürchte, ich fürchte, du gehſt einen gefährlichen Weg!“ * Zweites Kapitel. Der rothe Leu. Die Beſorgniß des Doctors war ohne Grund. Noch im Laufe des nämlichen Tages hatte der junge Pilgram den ihm nun wohlbekannten Weg in die Vorſtadt zurückgelegt und bald das Schlößchen Pilgersheim erreicht. Sein Großvater hatte es ziem⸗ lich weit entfernt von dem damaligen Burgfrieden der Stadt erbaut, als eine Zuflucht, wenn die Hitze des Sommers den Aufenthalt in der engen Roſengaſſe und in den dämmerigen Gemächern des Pilgram⸗ hauſes dumpfig und unangenehm zu machen begann. Der Platz bot nichts Ueberraſchendes, aber er war mit Sinn gewählt; von dem großen, mit lebenden Fichten umzäunten Grundſtücke bot ſich nach der einen Seite ein freundlicher Ausblick auf die reich bebüſchten 21 Auen, durch welche Kühlung verbreitend die Iſar ein⸗ herrauſchte, während gegenüber die bewaldete Anhöhe ſich in anmuthiger Rundung hinzog: in der Mitte, wo Schloß und Kirchlein von Harlaching aus den Wipfeln mächtiger Buchen emporragten, traten die bei⸗ den Ufer zum engen Flußthal zuſammen und gaben dem Ganzen einen zugleich wohlthuenden und erheben⸗ den Abſchluß. Das Schlößchen ſelbſt, von einer einfachen Um⸗ faſſungsmauer umgeben, hatte das ſchlichte und ein⸗ fache Anſehen eines wohnlichen Landhauſes, bei wel⸗ chem das Hauptgewicht auf innerer Behaglichkeit und nicht auf äußerem Schmucke ruht. Es war gut er⸗ halten, aber man ſah ihm doch an, daß es ſchon ge⸗ raume Zeit einer regelmäßig ordnenden Hand entbehrte; das eichene Hofthor, das Spuren von geſchnitzten Ver⸗ zierungen trug, war mit ſchlichten Bretern ausgebeſ⸗ ſert, hier und da hatte ſich der Bewurf des Gemäuers losgebröckelt, die Fenſterladen zeigten Lücken und hin⸗ gen mitunter bedenklich ſchief in den Angeln. Eine Stelle der Mauer war bollends ſchadhaft und ein Mann innerhalb derſelben gerade vollauf be⸗ ſchäftigt, ſie wiederherzuſtellen. Pilgram beachtete denſelben nicht, aber der Maurer war deſto aufmerk⸗ ſamer auf ihn; er hielt, als er ihn erblickt hatte, in 22 ſeiner Arbeit inne, legte die Kelle weg und ſtieg ſo⸗ gar auf ein paar Steine hinauf, um ihm kopfſchüt⸗ telnd nachzuſehen, bis er im Thore verſchwunden war⸗ Die kleine Eingangsthür in der Mauer führte in ei⸗ nen von niedrigen Wirthſchaftsgebäuden umgebenen Hofraum, deſſen einſtiges Pflaſter hier und da von Graswuchs überwuchert war. Die über der Thür angebrachte Glocke gab einen ſcharfen, gellenden Ton von ſich und rief einen Mann in ſchmuziger Ar⸗ beitsſchürze herbei, deſſen mürriſches Ausſehen dem Eintretenden keinen beſonders freundlichen Gruß ver⸗ hieß. Schon ſchien er ſich in einer zu dieſem Ausſehen ſtimmenden Anrede Luft machen zu wollen; als er ſich jedoch den Ankömmling genauer beſehen, ſchlug ſein Benehmen plötzlich in das Gegentheil um. Mit unterwürfigen Bücklingen und verzerrt freundlichem Grüßen haſchte er nach der Hand, und als dieſe un⸗ willig zurückgezogen wurde, nach dem Rockzipfel deſ⸗ ſelben, um einen Kuß darauf zu drücken. „Gelobt ſei Jeſus Chriſtus“, ſagte er in fröm⸗ melndem Tone,„das iſt wohl der wackere junge Herr, den Seine Hochwürden Pater Menradus für heute Nachmittag angeſagt hat. Bitte tauſendmal um Ver⸗ zeihung, wenn ich Euer Gnaden vielleicht nicht ſo freundlich angeſchaut habe, wie ſich's gehört, aber 23 man glaubt nicht, wie man überlaufen wird! Alle Augenblick muß man die Arbeit aus der Hand legen, denn der hochwürdige Herr wollen nicht, daß man Bettler ohne Almoſen gehen läßt. Das wiſſen die Halunken und machen es ſich, zu Nutze. Wollen Euer Gnaden erlauben, daß ich Sie ins Haus führe? Es iſt Alles ſchon aufs beſte hergerichtet.“ „Laß Er die vielen Worte“, unterbrach Pilgram ſeine Rede;„ſag' Er mir kurz und gut, ob der Pater bereits anweſend iſt!“ „Nein, Euer Gnaden“, ſagte der Mann,„aber er hat wiſſen laſſen, daß er ſehr bald kommen würde. Sie möchten nur eintreten und thun, als wenn Sie zu Hauſe wären! Ja gewiß, gerade ſo hat er ſagen laſ⸗ ſen, ganz, wie wenn Sie zu Hauſe wären! O, es iſt ein gar freundlicher und frommer Mann, der Pater Menradus, der keinem Menſchen Unrecht thut nnd keine Fliege leiden ſehen kann. Hat es auch an mir bewieſen. Bin ein armer Mann geweſen, ein Fiſcher, aber das Hochwaſſer hat mir meine Hütte in den Iſarauen weggeriſſen, als wenn ſie nie geſtanden wär'; da hat er mich mit Weib und Kind hier in das Schlößchen hereingeſetzt als Aufſeher und damit ich es ein bischen im Stande halte, daß nicht Alles zuſammenfällt.“ 24 Pilgram erwiderte nichts, aber er folgte der Ein⸗ ladung und trat ins Haus, unangenehm berührt von der übertriebenen Freundlichkeit wie von dem ganzen Weſen des Mannes, in deſſen von Blatternarben zer⸗ riſſenem Geſichte ein paar ſcharfe graue Augen das einzig Lebende und Bewegliche waren. Den Hausflur durchſchreitend warf er einen Blick in die von dem Hausmeiſter dienſtfertig geöffneten Gemächer, welche, einfach in Schmuck und Einrichtung, einen ſtarken Ge⸗ genſatz zur prächtigen Stadtbehauſung bildeten, die er erſt am Morgen durchwandelt hatte. Im oberen Stockwerk befand ſich ein kleiner Saal, etwas höher als die übrigen Räume und mit anſehnlichen Fenſtern, vor welchen an der Rückſeite des Hauſes eine Gruppe ſchöner Linden aus einem friſchen Raſenplatz ſich er⸗ hob, ſodaß die Ausſicht ins Iſarthal hinauf kunſt⸗ reich von ſchönen natürlichen Laubrahmen umgeben ſchien. In der Mitte ſtand ein Tiſchchen, zierlich ge⸗ deckt, mit Gläſern und Tellern beſetzt und zum Genuß des kleinen ausgeſuchten Mahles bereit, das nebenan auf einem Kredenztiſch in ausgewählten Flaſchen und verdeckten feinen Schüſſeln den Gaſt erwartetc. „Euer Gnaden ſehen, es iſt Alles aufs beſte her⸗ gerichtet“, ſagte der Hausmeiſter ſchmeichelnd.„Euer Gnaden müſſen ſchon ſehr viel bei dem hochwürdigen 25 Herrn gelten. Sie ſollen thun, als wenn Sie zu Hauſe wären, wahrhaftig, ſo hat er geſagt; das hat was zu bedeuten, und alle die Sachen hat er Ihretwe⸗ gen aus der Stadt herausgeſchickt, damit es Ihnen ja recht bei uns gefallen ſolle. Ich bin nun doch ſchon eine geraume Zeit in dem Hauſe, aber das iſt noch bei keinem Menſchen vorgekommen, daß man ihm ſolche Ehre angethan hat.“ „Es ſoll mir lieb ſein, wenn ich willkommen bin“, entgegnete Pilgram ungeduldig, indem er ſich von der Ausſicht abwendete und die Gemälde an der Wand zu überblicken anfing,„das Liebſte aber wäre mir, wenn ich auf den hochwürdigen Herrn nicht zu lange warten müßte.“ „O du heilige Barmherzigkeit“, rief der Haus⸗ meiſter, die Augen verdrehend,„das müſſen Euer Gna⸗ den ſo genau nicht nehmen 1 Der hochwürdige Herr kann Niemand was abſchlagen, darum wird er, wenn er nur über die Straße geht, überall angerufen und aufgehalten; es ſoll mich nicht wundern, wenn er auch jetzt unterwegs aufgehalten und zu Kranken ge⸗ führt worden iſt oder ſonſt irgendwo geiſtlichen Zu⸗ ſpruch ertheilen muß.— Hab' ich es nicht geſagt?“ unterbrach er ſich ſelbſt, indem er durch das Fenſter nach der Straße wies.„Da kommt er gerade daher und 26 ein halbes Dutzend frommer, heilsbedürftiger Schäflein mit ihm; es werden wohl Wallfahrer ſein, die vom Birkenſtein wiederkommen.“ Pilgram ſah nach der angedeuteten Richtung; auf dem Wege, den er ſelbſt gekommen, und an der Stelle, wo die Mauer ausgebeſſert wurde, gewahrte er den Pater, von einigen Männern umgeben, deren Anblick keineswegs beſonders vertrauenerweckend war. „Dieſe Burſchen“, ſagte Pilgram,„ſehen allerdings aus, als ob ſie des Heils ſehr bedürftig wären! Ein einſamer Wanderer im Walde dürfte von ihrem Begegnen nicht ſehr erbaut ſein und ſie eher für Nach⸗ zügler einer verſprengten Soldateska halten als für Wallfahrer.“ Der Hausmeiſter erwiderte nichts; er ſah ſcharf nach dem Pater und ſeinen Gefährten hin, deren Un⸗ terredung ſich immer noch nicht zum Ende neigte. „Ich muß nur hinunter“, ſagte er,„muß dem hochwürdigen Herrn zu Hülfe kommen. Erlauben Euer Enaden, daß ich Sie einige Augenblicke allein laſſe; aber wenn ich mich nicht ins Mittel lege, kommt der hochwürdige Herr unter einer Stunde noch nicht los; er iſt gar zu gut, keinem Menſchen kann er ein hartes Wort geben!“ Pilgram blickte noch immer durchs Fenſter und 27 vermochte ſich ſelbſt nicht zu erklären, was ſeinen Blick ſo ſehr anzog. Jetzt ſah er, wie der Hausmei⸗ ſter hinzutrat und dem Pater ein paar Worte zuflü⸗ ſterte, worauf dieſer ſich von den Gefährten verab⸗ ſchiedete, die ihm ehrerbietig die Hand küßten. Es ſchien, als ob ſie etwas verſprechen und betheuern wollten, nur einer brach in lautes, ziemlich unfrommes Lachen aus. Der Pater erhob warnend die Han gegen ihn; es war, als ob er eine Strafrede hielte, dann aber dem Bereuenden, der ſich zerknirſcht nieder⸗ beugte, ſeinen Segen ertheilte. Hierauf trat er in den Hofraum, indem er ſchon von weitem ſeinen niedrigen, breitrandigen Hut vom Haupte nahm und ſeinem Gaſt am Fenſter in liebenswürdigſter Weiſe ſeinen Gruß zuwinkte. Unter der Hausthür warf er dem Hausmeiſter einen fragenden Blick zu, den dieſer blos mit tücki⸗ ſchem Augenblinzeln erwiderte. „Friede ſei mit Ihnen, mein lieber junger Freund“, rief er, den Saal betretend, im Tone wahrſter Herzlichkeit aus und eilte auf Pilgram zu, als wenn er ihn umarmen wollte, was dieſer durch eine höfliche Verbeugung vermied.„Wie freut's mich, daß Sie meine Einladung angenommen und mir die Ehre an⸗ thun, Ihnen das ländliche Wohnhaus Ihres Groß⸗ 28 vaters zeigen zu können, das ja nun bald wieder das Ihrige ſein wird! Kommen Sie“, fuhr er fort, ohne Pilgram zu Worte kommen zu laſſen,„kommen Sie hierher und laſſen Sie uns ein Glas Wein trinken. Sie werden ermüdet ſein und auch ich leugne nicht, daß meine Lebensgeiſter einiger Erfriſchung bedür⸗ fen.“ Mit der Gewandtheit eines erfahrenen Weltmanns hatte er ſchnell die Flaſche entkorkt, die auf ſeinen Wink vom Hausmeiſter herbeigebrachten Speiſevorräthe zurecht geſtellt und blickte nun, die Klarheit des Wei⸗ nes prüfend, durch ſein erhobenes Glas, indem er zu⸗ gleich dem Hausmeiſter ein Zeichen gab, ſich zu ent⸗ fernen. „Im Wein iſt Wahrheit“, ſagte er dann;„das macht, der Wein iſt klar bis auf den Grund! So iſt's auch mit einem wahrheitliebenden Gemüth, das nichts Unklares erträgt! Laſſen Sie daher auch für uns im Weine Wahrheit ſein und offen und redlich, wie es Männern geziemt, die Angelegenheit zur Klarheit brin⸗ gen, die, wie Sie mir heute Morgen eröffneten, Sie nach München geführt hat.“ „Sie ſehen mich bereit“, entgegnete Pilgram; „aber ich bin genöthigt, Ihr Entgegenkommen abzuwar⸗ ten, hochwürdiger Herr. Ich verhehle nicht, daß ich 29 mich mit einem feſten, wohlausgedachten Angriffsplan gegen Sie auf den Weg machte, daß ich mir alle möglichen Mittel und Waffen zurecht legte, mit denen ich Sie zur Anerkennung meines Rechtes zu zwingen gedachte— die Art, mit der Sie mich empfingen, hat dieſen Plan zerſtört. Ich muß mich erſt in Ihr Be⸗ nehmen ſinden und Ihrer Taktik gegenüber neue Stel⸗ lung faſſen.“ „Als ob es ſolcher Künſte bedürfte, junger theurer Freund!“ rief der Pater warm.„Als ob es über⸗ haupt eines Plans und vollends dieſer Reiſe bedurft hätte, um Ihnen zu Ihrem guten Rechte zu verhelfen! Ein Brief von Ihnen oder noch von Ihrem ſeligen Vater hätte vollkommen genügt! Die Geſellſchaft Jeſu ließ es ſich dringende Herzensangelegenheit ſein, deſſen Aufenthalt zu erforſchen; und wäre ſie ſo glücklich ge⸗ weſen, ihn zu finden, ſo hätte ſie gewiß ſchon längſt—“ „Mein Vater“, unterbrach ihn Pilgram,„hielt es für nothwendig, einen andern Namen anzunehmen, er hat auch öfters den Wohnort gewechſelt; es war daher nicht wohl möglich, ihn zu ermitteln.“ „Was für Vorbereitungen! Welch unnütze Vor⸗ ſicht!“ rief der Pater bieder.„Wozu dieſen ganzen Sicherheitsapparat und gegen wen? Glauben Sie denn, daß die Nachforſchungen der Geſellſchaft einen andern 30 Beweggrund und Zweck hatten als den, den Pilgram'⸗ ſchen Erben, wenn ſie ausgemittelt wären, ſogleich ihr Erbe zuzuwenden?“ 3 „Es würde zu nichts führen, wenn ich zweifeln oder widerſprechen wollte“, ſagte Pilgram;„ich bekenne vielmehr offen, daß ich das von Ihrem Orden nicht erwartet habe und mit ganz andern Vorſtellungen gekommen bin!“ „Das kommt daher“, ſagte der Pater ſanft,„weil Sie uns nicht kennen; es kennt uns überhaupt Nie⸗ mand, denn Niemand gibt ſich ja die Mühe, uns ken⸗ nen zu lernen. Wir ſind es gewohnt, verleumdet und falſch beurtheilt zu werden; aber das hat uns noch niemals gehindert, dennoch das Rechte zu thun. Sie werden ſich davon überzeugen. Ohne Zweifel“, ſetzte er unbefangen hinzu,„ſind Sie im Beſitze der nöthi⸗ gen Papiere, durch die Sie ſich als Enkel des ſeligen Franciscus von Pilgram und als ſeinen Erben aus⸗ weiſen können. Gut, gut“, ſagte er, als Pilgram bejahend eine halb unwillkürliche Bewegung nach der Bruſttaſche ſeines Rockes machte, die dem Auge des Paters, ſo arglos er ſchien, nicht entging.„Ich habe weder Verlangen noch Beruf, dieſe Documente kennen zu lernen. Dann iſt die Sache ſehr einfach. Be⸗ ſtimmen Sie die Stunde, in der es Ihnen gefällt, vor 31 einem Notarius publicus dieſe Documente vorzulegen. Der Orden wird nicht eine Sekunde zögern, Ihnen Ihr Beſitzthum auszuhändigen; er will ſich nicht be⸗ reichern mit dem Erbe der Waiſen!“ Pilgram ſah ihn ſtaunend und noch immer zwei⸗ felnd an.„Aber die Bedingung des Teſtaments?“ fragte er dann.„Heißt es nicht in demſelben, daß der Nach⸗ komme Pilgram's ſich als rechtgläubiger Katholik aus⸗ weiſen muß? Sie fragen nicht einmal, ob ich das kann?“ „Weil es überflüſſig iſt“, entgegnete der Pater mild.„Es iſt naheliegend, daß Sie, in einem prote⸗ ſtantiſchen Lande geboren, von proteſtantiſchen Eltern erzogen und in ſolcher Umgebung aufgewachſen, der gleichen Irrlehre zugethan ſind, aber bis unſere Ver⸗ handlungen, ſelbſt im einfachſten Verlaufe, zu Ende ſind, werden Sie immerhin noch einige Zeit hier blei⸗ ben müſſen; während dieſer werden wir uns ſehen, mein junger Freund, öfter ſehen und ſprechen, wie ich hoffe, und dann wird die Clauſel kein Hinderniß ſein. Ich ſehe es Ihnen an, ein junger feuriger Mann, wie Sie, iſt gewohnt, ſelbſt zu denken, ſelbſt zu urtheilen; es wird nicht ſchwer ſein, einen ſelbſtdenkenden Mann zu überzeugen, daß er ſich auf einem Irrwege befin⸗ det, und ſo hoffe ich, daß die Geſellſchaft die doppelte Genugthuung haben wird, nicht nur einem verſtoße⸗ nen Sohn ſein rechtmäßiges Erbe zu erſtatten, ſondern auch ein verlorenes Lamm zur Heerde zurückzuführen und ihm ewige Schätze zu erwerben, die mehr ſind als alle vergänglichen Reichthümer der Erde!“ „Ich habe mich allerdings gewöhnt, überall mit eigenen Augen zu ſehen“, ſagte Pilgram nach kurzem Bedenken,„aber eben deswegen kann ich Ihnen ſchon jetzt vorausſagen, daß ich nicht in der Lage bin, der Geſellſchaft Jeſu dieſen Triumph zu verſchaffen. Es iſt etwas von meines Vaters Geſinnung in mir und Sie wiſſen ja, wir Pilgrams haben ſtarrſinnige Köpfe! Vielleicht iſt es unklug von mir, das ſo offen zu ſagen; ich könnte Sie bei dem Glauben laſſen und dadurch Zeit gewinnen, um die Verhältniſſe klar r zu überſehen, aber es widerſtrebt mir, anders als offen zu reden und gerade zu handeln. Ich kann daher nichts thun, als Ihnen anheim geben, in den näch⸗ ſten Tagen den Notar zu beſtimmen, vor welchem die Verhandlung ſtattfinden ſoll.“ „Sie ſind ein echter Pilgram“, ſagte der Jeſuit, indem er ihn mit eigenthümlichem Blick betrachtete; „man muß Ihnen die Abſtammung glauben, auch ohne Ihre Documente geſehen zu haben. Dennoch gebe ich meine Hoffnung nicht auf. Wer im Leben etwas er⸗ 33 ringen will, der muß vor allem zwei Dinge lernen und üben: Geduld haben und warten!“ Der Hausmeiſter trat, ſich entſchuldigend, ein und meldete, daß in einer nahen Mühle ein Tagelöhner vor einigen Tagen an Hand und Arm zwiſchen den Mühlſteinen hart gequetſcht worden ſei und nun ſchwer darnieder liegend in ſeinen großen Schmerzen um geiſtlichen Troſt bitten laſſe.„Sein Weib iſt dage⸗ weſen“, ſagte er,„und hat nicht geruht mit Bitten, bis ich verſprochen hab', Euer Hochwürden davon zu ſagen. Ich bitt' gar ſchön um Verzeihung, daß ich ſo keck bin, zu ſtören, aber das Weib hat gar ſo jämmer⸗ lich gethan, und ich kann nichts dafür, daß ich ſo ein weiches Herz habe, gerade wie Euer Hochwürden!“ „Du haſt ganz recht gethan, Wallner“, ſagte der Pater ſich erhebend;„Kranke und Leidende ſind die Einzigen, die nicht warten dürfen. Entſchuldigen Sie, junger Freund, wenn ich mich einen Augenblick ent⸗ ferne, mein Amt zu üben; die Mühle iſt ganz in der Nähe, in einem halben Stündchen bin ich wieder hier und erbitte mir die Ehre, Sie in die Stadt zu gelei⸗ ten. Die Zeit bis dahin können Sie ſich wohl vertrei⸗ ben, wenn ich Sie in das kleine Zimmer des Erdge⸗ ſchoſſes führe, wo Ihr Großvater eine kleine Bücher⸗ ſammlung aufgeſtellt hatte; ſie iſt noch unberührt, wie S chmid, Concordia II. 3 ——— 34 er ſie verließ. Vielleicht iſt doch etwas darunter, was einen ſo geiſtvollen jungen Mann ein halbes Stünd⸗ chen zu unterhalten vermag.“ Pilgram fühlte ſich unangenehm berührt; er hätte ſich gern entfernt und auf das Geleite des Paters verzich⸗ tet; dennoch geſchah die Einladung in ſo verbindlicher Weiſe, daß er ſie nicht wohl ablehnen konnte; eine bloße Ausflucht zu gebrauchen war ſeinem geraden Weſen zuwider. Er folgte daher dem Pater in das bezeichnete Zimmer, ein kleines Gewölbe, das durch ein vergittertes erkerartiges Fenſter gerade genug er⸗ hellt war, um die an der Wand aufgeſtellten Schränke und die Bücherreihen in ihnen erkennen zu laſſen. Ein ans Fenſter gerückter Tiſch mit einem Lehnſtuhl davor bot ein bequemes und lauſchiges Plätzchen, um ſich in die fremde alte Welt der Bücher zu vertiefen oder in Ge⸗ danken dem Entſtehen einer eigenen neuen Welt zu lauſchen. „Das Bibliothekzimmer hat etwas Klöſterliches“, ſagte der Pater,„es war wohl urſprünglich zu einer Hauskapelle beſtimmt. Vielleicht gefällt es Ihnen aber doch, ſich hier eine Weile aufzuhalten; wo nicht, kön⸗ nen Sie auch einen Gang durch den Garten machen; ich bin bald wieder hier und werde Sie abholen.“ „Jawohl“, ſagte der Hausmeiſter mit ſeinem freundlichen Grinſen, indem er dem Pater folgte und 35 die Thür hinter ſich zuzog.„Habe der Herr nur eine kleine Weile Geduld, er wird bald abgeholt.“ Pilgram ſah mit eigenthümlichen Gefühlen in der Zelle umher und ließ ſich dann auf dem Lehnſtuhl nieder, vor welchem ein Foliant aufgeſchlagen war, vielleicht noch ſo, wie ſein Großvater ihn liegen ge⸗ laſſen, um beim Wiederkommen weiter zu leſen— er war nicht wiedergekommen. Der dichte Staub auf dem Blatte zeigte, daß es nicht mehr umgewendet worden war. Es war die Beſchreibung einer alten, halb märchenhaften Weltreiſe mit vielen bunten Bil⸗ dern und Holzſchnitten, mit Geſchichten vom Einhorn, vom Magnetberge, dem Lande, wo die Menſchen den Kopf unter dem Arme tragen. Erinnerungen aus den Erzählungen der Kindertage tauchten in ihm auf, er glaubte die Stimme des Vaters zu vernehmen, der ihm oft Wunderbares von fremden Ländern und Völ⸗ kern berichtet hatte, und allmälig war es ihm, als ſitze er wieder auf ſeinem Schooße, oder als müſſe jeden Augenblick die Thür ſich aufthun und ihn lebend eintreten laſſen. Verſenkt in dieſen ſinnenden, halb⸗ träumeriſchen Zuſtand, gewahrte er nicht, daß ſchon geraume Zeit vergangen war, ohne daß der Pater zu⸗ rückkehrte. Leiſes, vorſichtiges Pochen am Fenſter weckte ihn 3* 36 aus ſeinem Brüten; überraſcht blickte er empor— der Maurer Michel ſtand draußen und winkte ihm haſtig und heftig zu, das Fenſter zu öffnen. Er that es. Der Mann ſah ſcheu und ängſtlich aus, beſorgt blickte er umher, ob er nicht bemerkt werde, dabei wiederholte er ſeine Geberden immer eif⸗ riger, indem er bald aufs Fenſter, bald von dort weg ins Freie deutete. „Ich weiß nicht, was Er will“, ſagte Pilgram, „wenn ich Ihn aber recht verſtanden habe, will Er ſagen, daß ich von hier fort ſoll?“ Eifrig bejahte der Mann und machte ſeine Zeichen noch haſtiger, aber ohne beſſern Erfolg; als er die Vergeblichkeit ſeiner Bemühungen einſah, ſtand er einen Augenblick wie rathlos— wieder bewegten ſich ſeine Lippen, als verſuchten ſie zu ſprechen, während eine unſichtbare Macht ſie zu feſſeln ſchien— mit einem Male aber brach ein raſcher Anlauf dieſe Bande und zu Pilgram's mächtigem Staunen begann der Stumme zu reden. „Nun, wenn's denn doch einmal nicht mehr anders geht“, rief er mit unterdrückter Stimme,„ſo muß ich halt in Gottes Namen das Maul aufthun! Machen Sie, daß Sie fortkommen, junger Herr, man hat nichts Gutes vor mit Ihnen!“ 37 Pilgram war überraſcht zurückgetreten.„Wie?“ rief er.„Er gilt für ſtumm und kann doch reden? Er verſtellt ſich alſo?““ „Was thut man nicht Alles, wenn man ein armer Teufel iſt“, ſagte Michel mit Achſelzucken.„Man muß ſehen, wie man ſein Fortkommen findet! Dem Glauben, daß ich ſtumm bin, hab' ich die Arbeit als Hausmaurer im Jeſuitencollegium zu verdanken; das iſt ein guter Verdienſt und die Herren haben es gern, wenn von dem, was bei ihnen geſchieht, nicht aus der Schule geſchwatzt wird. So habe ich mir ſelbiges Mal, wie es um die Arbeit ging, gedacht, es werde wohl kein Frevel ſein, und hab' mich angeſtellt, als wenn es mir bei einem Fall von einer Leiter die Sprach' ver⸗ ſchlagen hätt'. Seidem hab' ich das Reden auch ſchier verlernt, hab' viele Jahr' kein Wort mehr geſprochen und bin auch ſelten in Verſuchung gekommen— es iſt immer geſcheidter, man hört zu, als daß man redet— aber jetzt muß es ſein, denn der Herr ſieht einem braven Mann, der mir in meinem Leben viel Gutes gethan hat, ſo ähnlich wie ein Tropfen Waſſer dem andern; ich bring's nicht übers Herz, daß der Herr ſo zu Grunde gehen ſoll.“ „Er träumt!“ rief Pilgram.„Welche Gefahr ſollte mir hier drohen und durch wen?“ Damit eilte er zur 38 Thür und ſuchte ſie zu öffnen, prallte aber erſchrocken zurück— ſie war verſperrt. „Was iſt das? Ich bin eingeſchloſſen! Was ſoll das bedeuten?“ „Was es bedeutet, weiß ich nicht“, ſagte der Maurer,„ich habe nur vorhin zugehört, wie der Pater Rector mit den Burſchen geredet hat. Zu⸗ erſt hab' ich nicht viel darauf geachtet, dann aber ſind ſie mir ſo ſonderbar vorgekommen und ſo bekannt und auf einmal iſt mir's wie Schuppen von den Au⸗ gen gefallen, es waren lauter Leute von der Stadt⸗ ſcharwacht und alle verkleidet. Den Trabanten, den Stuhlreiter, hab' ich gleich erkannt; wer ſein grimmiges Geſicht einmal geſehen hat, der vergißt es nicht wie⸗ der und kennt es unterm Hut ſo gut wieder wie unter der Pickelhaube. Da hab' ich ſo hingehorcht und hab' ge⸗ hört, wie ſie darauf ausgingen, einen Fremden einzu⸗ fangen, einen Ketzer, der uns lutheriſch machen will und der da im Haus auf Beſuch wäre; ich hab' es ganz deutlich gehört, denn vor mir haben ſie ſich nicht geſcheut, weil ſie wiſſen, daß der ſtumme Maurer Michel nichts ausplaudern kann.“ „Alſo das war der Plan? Daher dieſe Saums⸗ freundlichkeit?“ rief Pilgram in aufwallendem Unmuth. „Sie haben mir eine Falle geſtellt und die Ehrlichkeit als 39 Köder gebraucht, und ich war Thor genug, hineinzu⸗ gehen! O, jetzt durchſchaue ich klar das ganze Gewebe! Deshalb war man ſo bereitwillig, mein Recht zuzuge⸗ ſtehen, um ſich hinterher auf dieſe Nachgiebigkeit be⸗ rufen und ſagen zu können: Wir hätten gern unſere Schuldigkeit gethan, aber wenn der Mann als Ver⸗ brecher verhaftet wird, iſt es nicht unſere Schuld. O, es iſt kein Zweifel, dieſer Heuchler hat mir ſelbſt die Häſcher auf den Leib gehetzt!“ „Machen Sie keine langen Sprünge, junger Herr“, mahnte Michel,„Sie haben keine Zeit zu verlieren!“ „Nicht doch! Der Pater iſt fort; er wurde zu einem kranken Knecht in die Mühle nebenan geholt.“ „Ich glaub es nicht; ich bin auch in der Mühle bekannt, es iſt dort kein Menſch krank; das haben ſie nur zum Vorwand ausſpintiſirt!“ „Aber wie ſoll ich fort? Die Thür iſt verſchloſſen, das Fenſter vergittert; nirgends ein anderer Ausweg.“ „Doch, Herr, vielleicht weiß ich noch einen Ausweg“, ſagte der Maurer;„ich bin in dieſem Hauſe gar gut bekannt. Vor vielen Jahren, wie noch der alte Herr da war und ſein Sohn, da bin ich viel in das Haus gekommen und vielleicht beſſer bekannt darin als ir⸗ gend ein anderer lebender Menſch,— in dem Hauſe habe ich meine ſchönſte, meine gute Zeit verlebt. Ich 40 meine immer, das Fenſtergitter wäre nicht ganz feſt gemacht und ließe ſich auseinander drehen wie in einer Angel. Verſuchen wir es einmall Vielleicht weiß Niemand davon und es iſt nichts daran geändert worden. Faſſen Sie einmal von innen an und drücken Sie, ich will helfen; es wird ſchon gehen, wenn es nicht zu ſehr eingeroſtet iſt.“ Beide faßten das Gitter und begannen daran zu rütteln; der vereinten Kraft beider Männer konnte es nicht lange widerſtehen, es wich wirklich und ließ ſich endlich ſo weit zur Seite drücken, daß Raum gegeben war, mit einiger Mühe durch die Lücke zu entkommen. Raſch ſchwang ſich Pilgram auf die Brüſtung und hatte mit Hülfe des Maurers im Sprunge den Boden erreicht. „Gott ſei Dank“, ſagte Michel,„heraus wären Sie glücklich; jetzt will ich das Gitter eindrücken, ſo gut es geht, damit man's nicht gleich merkt; Sie aber, Herr, beten Sie jetzt einen Stoßſeufzer zu Ihrem Schutzengel, daß er Ihnen auch aus dem Garten hin⸗ aushilft. Laufen Sie unter den Linden weg, dann ducken Sie ſich am Zaun nieder und ſehen zu, daß Sie über die Straße hinüber können, wenn ſie gerade leer iſt— vielleicht paſſen die Galgenvögel nicht ſo ſehr auf, weil ſie glauben, ſie hätten Sie ſchon ganz ſicher im Schlaghäuſel. Wenn Sie draußen ſind, 41 dann halten Sie ſich um Cotteswillen nicht auf der Straße auf, klettern Sie ſchnell auf der andern Seite über Zaun oder Planke und unſer Herrgott mag Ihnen dann weiter helfen.“ „Nehm'’ Er meinen Dank, braver Mann!“ ſagte Pilgram.„Einſtweilen nur in Worten, aber ich komme wieder, das weiß und gelobe ich ſo gewiß, als ich nur mit Widerwillen der verſteckten Gewalt weiche. Dann werde ich Ihn ſinden und Ihm ſeine Treue vergelten, und weil Er doch in dieſem Hauſe ſo gut Beſcheid weiß“, fügte er, ihm die Hand bietend, hin zu,„ſo ſoll Er auch wiſſen, daß Ihn die Aehnlichkeit die Er an mir gewahrte, nicht betrogen hat: es iſt der Enkelſohn dieſes Hauſes, Bernhard von Pilgram, den er gerettet hat.“ „Nun, dann ſei Gott tauſendmal Dank dafür!“ ſagte der Maurer und ſah dem flüchtig Enteilenden beſorgt und gerührt nach.„Wenn das iſt, dann kann es immerhin einigen Verdruß abſetzen, wenn man auf mich einen Verdacht haben ſollte. Wenn er glücklich durchkommt, dann will ich beim heiligen Geiſt eine rothe Meſſe leſen und drei Kerzen aufſtecken laſſen, ſo dick ſie zu bekommen ſind. Jetzt aber geſchwind an meine Mauer wieder— über der Spitzbüberei hat vielleicht Niemand bemerkt, daß ich fort geweſen bin— und 42 von jetzt an wieder ſtumm als wie ein Iſar⸗ karpf'!“ Es währte nicht lange, ſo kamen die Männer, die ſchon vorher auf der Straße ſichtbar geworden, im Hofthore zum Vorſchein und ſtießen die kleine Thür gewaltſam auf, daß die Glocke wieder ihren lauten, gellenden Ton von ſich gab. Sie waren in gewöhn⸗ liche Bürgertracht gekleidet, aber da ſie ihrer Sache jetzt gewiß waren und der Verſtellung nicht mehr be⸗ durften, gaben ſie ſich keine Mühe mehr, die Schwerter, die ſie unter den Röcken trugen, und die Piſtolenhälſe zu verſtecken, die unter den Gürteln hervorſahen. Der Hausmeiſter kam eilends herbei, that höchſt verwundert und konnte nicht begreifen, wer die Herren ſeien und was ſie in dieſem Hauſe wollten; das Haus gehöre den hochwürdigen Vätern Jeſu und ſei eine Frei⸗ ung, in welche keine Bewaffneten eindringen dürften. „Stelle Dich nicht ſo, Kerl“, ſagte der Trabant Stuhlreiter,„vor uns brauchſt Du keine Komödie zu ſpielen; Du weißt recht gut, wer wir ſind und was wir wollen, und was die Freiung betrifft, ſo wird das der Stadtrichter mit den Jeſuiten ſchon ausma⸗ chen. Wo iſt der Vogel, den wir ſuchen? Du wirſt ihn doch gut verwahrt haben, will ich hoffen? Es iſt ein rarer Fang, ſag' ich Dir; neulich hab' ich ihn ſchon 43 beim Kragen gehabt, aber der verfluchte Doctor Grün⸗ wald, der heimliche Freimaurer— Gott verzeih' mir die Sünde!— hat mir einen Strich durch die Rech⸗ nung gemacht; aber was an den Galgen gehört, er⸗ ſäuft nicht, und wen der Stuhlreiter einmal hat, den läßt er nicht mehr los! Der Doctor hätt' es vielleicht durchgeſetzt beim Stadtrichter, daß meine Anzeige in den Papierkorb gewandert wäre, aber da kam in ein paar Tagen eine zweite, noch ſtärkere nach, die bewies, daß der Stuhlreiter wieder einmal Recht gehabt und den Vogel gleich an den Federn erkannt hat. Der Burſch hat in der Au bei der Wallfahrt offenbare Gottesläſterung getrieben. Solche Leute können wir juſtament bei uns brauchen! Heraus mit Ihm“, fuhr er fort, als ſie an der Thür des Bücherzimmers ange⸗ kommen waren.„Wo ſteckt der Ketzer, der uns die Luft verderben will in unſerm chriſtlichen Baiernlande?“ Als keine Antwort erfolgte, ſtieß Stuhlreiter die Thür auf und ſtand verblüfft vor dem leeren Gemach. „Verfluchter Kerl“, ſchrie er jetzt und drang in ausbrechender Wuth auf den ebenſo verblüfften Haus⸗ meiſter ein,„nun haſt Du ihn doch entwiſchen laſſen, Du Dummkopf! Richtig, das Gitter am Fenſter iſt los, da iſt er hinaus! Wo haſt Du denn geſteckt, an⸗ ſtatt aufzupaſſen?“ „O du heilige Barmherzigkeit!“ jammerte der zer⸗ knirſchte Hausmeiſter,„ich bin ja keinen Augenblick weggeweſen, er muß ein Bündniß haben mit dem böſen Feind, ſonſt wäre das nicht möglich. Ich bin wahr⸗ haftig nur einen Augenblick fort geweſen, eine Minute nur, um Euch zu holen.“ „Das hätteſt Du bleiben laſſen können“, polterte der Trabant,„wir wären ſchon ſelbſt gekommen, wie es Zeit war! Du biſt ſchuld, daß wir jetzt mit lan⸗ gen Naſen abziehen, aber dem Burſchen ſoll es nicht helfen. Noch kann er nicht weit ſein! Wir vertheilen uns, Kameraden, wir durchſtreifen die Iſarauen, und wenn er ſich ſo klein macht wie eine Feldmaus, wir müſſen ihn finden. Wer ihn aber zuerſt ſieht, nicht viel Federleſens gemacht— laßt's krachen, daß er nicht mehr weiter kann! Zielt nach den Füßen, wenn Ihr aber etwas höher trefft, daß er das Aufſtehn ganz vergißt, ſo ſchadet’'s auch nichts! Wer kann fürs Un⸗ glück und wegen eines ſolchen ketzeriſchen Landſtreichers wird uns kein Haar gekrümmt!“ Raſch hatten die Trabanten ſich über die verſchie⸗ denen Richtungen verſtändigt, die ſie einſchlagen woll⸗ ten; fluchend ſtürmten ſie hinweg, unbekümmert um den Hausmeiſter, deſſen Geſicht in den Verzerrungen der Angſt noch abſchreckender erſchien als ſonſt, ſowie 45 um den Pater, der inzwiſchen auch herbeigekommen war, aber ohne das mindeſte Zeichen von Befremden und ſo ruhig zugehört hatte, als ob er von dem gan⸗ zen Vorfall nichts wiſſe und derſelbe ihn ganz und gar nicht berühre. „Warum zittert Er denn ſo ſehr?“ ſagte er dann im Tone vollſter Güte zu Wallner, der ſtrenge Vor⸗ würfe und ſchwere Strafe befürchtend ſich in die un⸗ erwartete Milde nicht gleich zu finden wußte.„Habe Er keine Angſt! Ich bin froh, daß es ſo kam; auf dieſe Weiſe iſt aller Verdacht und Vorwurf von uns abge⸗ lenkt und wir haben auch keinen Grund, über Verle⸗ bung unſerer Immunität zu klagen— Ich bedaure den jungen Mann und hätte ihm gern geholfen, denn ich ahnte nicht, welch reißender Wolf unter dieſem Schaf⸗ pelz laure. Möge er fliehen, er wird ſeinem Schickſal und der gerechten Strafe ſeines böſen Trachtens nicht entgehn. Er aber, Wallner“, ſetzte er ebenſo gelaſſen hinzu,„räume Er das Tafelgeräth zuſammen und ſchicke Er es in das Collegium; dann aber durchſuche Er mir genau das ganze Haus und überzeuge Er ſich, ob. nicht etwa ir⸗ gendwo noch ein Fenſtergitter ſchlecht verſorgt iſt; es iſt nur für vorkommende Fälle, man muß ſich doch vor Dieben verwahren. Gebe Er mir Nachricht, wenn den Trabanten ihr Streifzug gelingen ſollte. Und ſo ge⸗ 46 hab' Er ſich wohl und der Friede des Herrn ſei mit Ihm!“ ſchloß er dann ſanft und bot die Hand zum Kuß, die Wallner wie mechaniſch an den Mund zog. Betroffen und wortlos blickte der Hausmeiſter dem Fortſchreitenden nach. „Was hat denn das zu bedeuten?“ murmelte er kopfſchüttelnd in ſich hinein.„Der hochwürdige Herr hat freilich das beſte Herz von der Welt, aber daß er mir gar kein böſes Wörtlein ſagte, daß ich nicht ein⸗ mal einen unguten Blick bekommen hab', das iſt mir zu rund! Ich hab' es wohl bemerkt, wie ihm darum zu thun war, daß der junge Menſch nicht auskommt, und jetzt ſoll auf einmal wieder gar nichts daran lie⸗ gen! Paß auf, Wallner, dahinter ſteckt was, da heißt es vorbauen; ſo ein verhaltenes Gewitter kommt gern nach. Einſtweilen muß ich dahinter kommen, wie er fort gekonnt und wer ihm geholfen hat, denn allein hätt' ers nicht zu Weg' gebracht. Wer?“ ſagte er dann, einen Augenblick innehaltend und ſein Kopfſchütteln wurde immer bedenklicher;„es war ja keine Chriſten⸗ ſeele um die Wege, kein Menſch als der ſtumme Mau⸗ rer Michel. Hm, hm, paß auf, Wallner, und ſieh, ob du die Scharte wieder auswetzen kannſt.“ Pilgram, durch den Heckenzaun vor den heran⸗ kommenden Trabanten gedeckt, hatte indeſſen glück⸗ 47 lich den Augenblick, als dieſe ins Haus traten, be⸗ nutzt, um ſich über den Zaun zu ſchwingen und die im Augenblick von Niemand begangene Straße zu überſchreiten; mit der Schnellkraft der Jugend und der Beſorgniß hatte er ſich auf die gegenüberliegende Bre⸗ terplanke geſchwungen und ſtand in einem großen Wieſenanger, den nach der einen Seite hin ein mäch⸗ tig ſtrömender Iſararm abſchloß, während nach der andern Seite niedrige Umzäunungen die Grenze bilde⸗ ten. Vorſichtig um ſich blickend, haſtig und lautlos über den Raſen eilend, hatte er dieſe bald erreicht, ſie hinderten ihn nicht, das weite Gemüſeland eines Gärt⸗ ners zu betreten, in dem weit und breit keine menſch⸗ liche Seele zu erblicken war, denn es war um die Zeit, wo Gärtner und Tagelöhner ſich im Hauſe befinden, ihr Vesperbrod einzunehmen. Noch mehrere ſolcher Gärten waren zu durchwandern, bis der Flüchtling wieder auf eine Straße hinauskam, wo von der gegenüber⸗ ſtehenden Seite ſich eine offene Gartenthür zeigte. In der Haſt der Flucht hatte er auf Weg und Umgebung nicht geachtet; jetzt blickte er überraſcht, um ſich und erkannte die Gegend, in der er ſich befand; er irrte nicht, das Gebäude, welches über die Gartenmauer emporſtieg, war der Falkenhof und durch die offene Thür glaubte er zwiſchen den Gemüſebeeten eine weib⸗ 48 liche Geſtalt zu erblicken, die ſeiner Retterin vom Tage der Wallfahrt glich. Aufathmend hielt er inne; hatte er ſich nicht getäuſcht, dann war er geborgen; das wackere Mädchen, deſſen war er gewiß, würde ihn nicht verrathen; bei ihr würden ſeine Verfolger ihn ſicher nicht ſuchen und erreichen. Entſchloſſen trat er ein, warf die Thür feſt ins Schloß und ſtand Kordel gegenüber, die, durch den Schlag aufgeſchreckt, ſich gegen ihn um⸗ wandte.. „Wie? Er iſt hier?“ rief ſie, indem eine leichte Röthe der Ueberraſchung ihr Antlitz überflog, aus welchem, ſo blaß es ſchon früher geweſen, jetzt vollends der letzte Tropfen Blut, der letzte Hauch des Lebens gewichen ſchien.„Was will Er hier?“ „Zürne die Jungfer nicht“, unterbrach ſie Pil⸗ gram;„es iſt nicht mein Wille, der mich hierher führte, ſondern die höchſte Noth und Gefahr!“ „Die Noth?“ erwiderte ſie.„So iſt Ihm abermals Leids geſchehn?“ „Das nicht, aber die Jungfer ſieht einen Flüchtling vor ſich“, rief Pilgram.„Mächtige Feinde verfolgen mich; auf Umwegen durch Gärten und Wieſen gelang es mir, ihren Häſchern zu entrinnen, da führte mich mein guter Stern hierher; ich erkannte das Haus und erblickte Sie durch die offene Thür! Sie, die ſchon 49 einmal an mir gethan hat wie an einem Bruder, wird mich nicht hinausſtoßen in die Hand meiner Verfolger und mir eine Zuflucht gewähren, wo ich verweilen kann, bis der Abend einbricht und mit ihm die Dunkelheit. Zögere Sie nicht, Jungfer“, fuhr er dringender fort, da ſie ihn unſchlüſſig anblickte.„Sie braucht die gute Meinung, die Sie von mir gefaßt hat, nicht aufzugeben; wenn man mich auch verfolgt, bin ich mir doch keiner Schuld bewußt! Nicht ein Ver⸗ brecher iſt es, der Ihre Hülfe begehrt, ſondern ein Opfer der Habſucht und des Betrugs; Sie ſoll Alles erfahren, wenn Sie mich hören will und wenn Sie glaubt, daß wir hier nicht entdeckt und überraſcht werden können.“ Sie beſann ſich noch einen Augenblick und ſah ihn feſt an, als wolle ſie bis in die Tiefe ſeiner Seele blicken. „Komm' Er in das Gartenhäuschen“, ſagte ſie dann,„dort ſieht Ihn Niemand fürs erſte. Noch ver⸗ ſprech ich Ihm nichts, aber anhören will ich Ihn und ſehen, ob man Ihm vertrauen kann. Ich bin's Ihm ja wohl auch ſchuldig, weil Er mir beigeſprungen iſt in einer ſchweren Stunde. Nicht wahr“, ſetzte ſie einem Seufzer hinzu,„es müſſen ja doch nicht alle lügen, die ein ehrliches Geſicht haben?“ Schmid, Concordia. II. 4 Sie ließ ihn in ein kleines Breterhäuschen tre⸗ ten, ſie ſelbſt blieb an der Schwelle ſtehen und horchte ſo der Erzählung, indem ſie ſich den Anſchein gab, als ſei ſie beſchäftigt, die Bohnenranken aufzubinden nnd die Weinreben auszublatten, die um daſſelbe gezogen waren. „Nun weiß die Jungfer Alles“, ſchloß Pilgram den Bericht über ſein Leben, ſeine Abſichten und Hoff⸗ nungen,„nun kennt Sie mich, mein Thun und Den⸗ ken und mein ganzes Gemüth; ich habe Ihr nichts verſchwiegen: nun ſpreche Sie mein Urtheil, ob Sie mir die Freiſtatt, deren ich bedarf, gewähren will.“ Immer ergriffener hatte Kordel der Erzählung gelauſcht; zuletzt hatte ſie von ihrer Arbeit ganz ab⸗ gelaſſen und ſich auf die Schwelle geſetzt, indem ſie gedankenvoll die Hände im Schooße faltete.„Ich weiß nicht, wie mir iſt!“ ſagte ſie und ſenkte traurig das Köpfchen.„Was geſchieht doch Alles in der Welt, was ich nicht für möglich gehalten hätte! Was gibt es für Menſchen, und wie komme ich armes, unwiſſendes Mädchen mitten in all das Treiben hinein, von dem ich ſo wenig eine Ahnung gehabt habe wie ein Wie⸗ genkind! Freilich“, ſetzte ſie mit einem ſchwach en Lä⸗ cheln hinzu,„wenn es ſo iſt, wie der Herr ſagt, muß ich ihm wohl helfen; er iſt ja eigentlich ein halber 3 . 1 51 Landsmann und Landsleute müſſen zuſammenhalten. So komm' Er halt mit mir; ich will es in Gottes Namen wagen. Es iſt nur gut, daß der Vetter jetzt gerade in ſeiner Werkſtatt iſt, aus der er ſobald nicht herauskommt. Ich will Ihm ein Verſteck anweiſen, wo Er bleiben kann, bis es dunkel wird. Freilich muß Er vorlieb nehmen, es iſt eine halb finſtere Kammer, in der allerlei altes Geräth aufbewahrt iſt, aber es kommt Niemand hinein, und wer ein gutes Gewiſſen hat, dem iſt auch im Finſtern nicht bange!“ Sie ſchritt voran ins Haus und ließ ihn durch eine ſpitzbogige Eiſenthür in einen ſchmalen, ebenſo ge⸗ wölbten Raum treten; es war offenbar ein älterer Theil des Gebäudes, der, obwohl ſeine Bauart mit jener des Vorderhauſes nicht übereinſtimmte, als thurm⸗ artiger Anbau ſtehen geblieben war. Das Gemach lag einige Stufen tiefer, war mit Ziegeln gepflaſtert und durch ein ſchmales, einer Schießſcharte gleichendes Fen⸗ ſter eben genügend erhellt, um das darin aufgehäufte alte Geräthe und den obern Theil einer mit Schränken Kiſten und Kaſten verſtellten Thür erkennen zu laſſen. Als Pilgram, in den Raum⸗ hinabgeſtiegen, aus dem Dunkeln zurückblickte, war es, als wenn Kor⸗ del auf der Schwelle in der Thür in einem Rahmen ſtehe und die helle, ſonnenbeſchienene Wand ſie wie 4* 52 lichter Goldgrund umgebe. Bewundernd blickte er zu ihr empor und faßte ihre Hand, die ſie, beklommen von der Eigenthümlichkeit der Lage, ihm einen Augenblick nicht entzog. „Verweile Sie doch einen Augenblick“, ſagte er; „die Jungfer ſteht vor mir wie ein Engel in der Glorie des Lichts, und ein ſolcher iſt ſie mir auch; ſie iſt für mich der Schutzengel, dem ich nach dem Rath eines wackern Mannes mich empfehlen ſoll, da⸗ mit er über mich wache.“ „Red“ Er nicht ſolche Sachen, wenn ich nicht Arges von Ihm denken ſoll“, entgegnete das Mädchen und zog die Hand zurück.„Mit dem Engel wär' es wohl ſchlecht für ihn beſtellt; zum Glück gibt's einen ſtärkern Schutzgeiſt, der über mir und Ihm wacht und dafür ſorgt, daß ohne ſeinen Willen uns kein Haar vom Haupte fällt. Zu dem bete der Herr, denn, nicht wahr, wenn er auch ein Unchriſt iſt, beten wird Er doch auch wie unſereins? Still“, rief ſie plötzlich ab brechend und legte den Finger an den Mund;„es rührt ſich was an der Hausthür, ich muß fort. Halte Er ſich fein ruhig und verliere Er die Geduld nicht, wenn's auch lange währt; ich kann Ihn nicht eher herauslaſſen, als bis es ganz finſter und ruhig iſt; wär' wohl auch nicht rathſam, wenn Er ſich früher blicken ließe.“ ——— ———— 590 53 Das Geräuſch wiederholte ſich; ſie ſchloß die Thür und überließ ihren Schützling ſeinen Gedanken, um mit ihnen in Sorge und Hoffnung das Dunkel zu lichten und die Einſamkeit zu beleben. Sie machte einige Schritte durch den Gang hin, dann ſich eines Andern beſinnend kehrte ſie in den Garten zurück.„Es iſt beſſer“, ſagte ſie vor ſich hin,„wenn man mich hier findet, dann denkt Niemand, daß ich im Hauſe war.“ Eifrig nahm ſie die frühere Beſchäftigung an den Gemüſebeeten und in der Nähe des Gartenhäuschens wieder auf, bald aber ſaß ſie wie zuvor auf den Stu⸗ fen, unthätig und in tiefes Sinnen verſunken. Zu überraſchend, zu neu und gewaltig waren die Ereig⸗ niſſe der letzten Tage geweſen, als daß ſie bereits ver⸗ mocht hätte, ſie in ſich zu verarbeiten und damit, wie es ſonſt ihre ſtille, kindlich einfache Art war, ins Klare und zur Ruhe zu kommen. Hatten doch die Wellen in ihrem Gemüthe ſich noch nicht gelegt, die von dem erſten Sturme ihrer Seele angeregt und aufgethürmt worden waren. Hoch gingen noch die Fluten, und was nachher gekommen, war nicht angethan, ſie zu beſänf⸗ tigen. All das wallte und wogte in ihrem Innern hin und her und brandete immer neu an das Ge⸗ ſtade der Ergebung und über den Damm des Ent⸗ ſchluſſes. Waren es doch herbe Stunden und bittere 54 Tage geweſen, als nach der Magdalenen⸗Kirchweih der Vetter Krautmeiſter von Nymphenburg wegen der Be⸗ gegnung in jener Nacht und wegen des jungen Falk⸗ ners in ſie gedrungen war und ihr mit ſeinen Bitten, Warnungen und Drohungen das Herz noch ſchwerer, den Kopf immer wirrer gemacht hatte. Wohl hatte ſie ihre ruhige Weiſe ſo weit zu bewahren vermocht, daß ſie antworten konnte, man ſolle doch nichts über⸗ eilen, man ſolle abwarten und erſt den jungen Mann unter der Jägerſchaft aufſuchen, dann werde ſich ja zeigen, daß er ein redlicher Menſch und nichts Arges an ihm ſei. So feſt und kaltblütig ſie aber hierbei ausſah, als wäre ſie ſelbſt über allen Zweifel hinaus, hatte doch das nächtliche Zuſammentreffen mit dem Manne, dem ihr Herz ſich zuneigte, ſeine fremde Klei⸗ dung, die Kahnfahrt mit der unbekannten Dame ihr einen Stachel ins Herz gedrückt, deſſen Wunde, eben weil ſie dieſelbe verbergen mußte, um deſto hefti⸗ ger ſchmerzte und deſto heißer nach innen blutete. Als dann der alte Polterer nach einigen Tagen mit der Gewißheit zurückkehrte, daß unter allen Jägern des Kurfürſten ſich einer mit dem Namen Karl Fürſt nicht befinde und nie befunden habe, da hatte ſie wohl ein Empfinden gehabt, als ob der Himmel in ſeinen Grundfeſten wanke, um über ihr zuſammenzu⸗ 55 ſtürzen, aber nach der erſten Betäubung hatte ſie ſich wiedergefunden und vermochte ſogar den Bemühungen des Vetters und dem Zufalle zu danken, der Alles aufgedeckt hatte. War es doch klar, daß ein Betrüger, vielleicht einer der Hofcavaliere, den Namen angenom⸗ men hatte, um ſich mit der Auer Dirne, deren junge Larve ihm gefiel, einen Spaß zu machen. Wohl war es ein Schlag an die Wurzel, der in jedem Aſte, jedem Blättchen der Krone nachzitterte, aber wie ein junges Bäumchen hatte ſie ſo viel eigene Feſtigkeit und geſunde Säfte in ſich, daß ſie, wenn auch erſchüt⸗ tert und einen Augenblick gebeugt, ſich doch wieder ſchnellkräftig erhob; das Herzblut und die Thränen, die ſie vergoß, waren wie das Harz, das aus der Wunde des Baumes quellend dieſe im Erſtarren um⸗ gibt und ſo zum ſchützenden Verbande wird, unter dem ſie vernarben kann. Noch immer aber zitterte durch das Weh eine letzte Hoffnung nach; immer noch war ja ein außerordentlicher Fall denkbar, eine beſondere Verkettung der Umſtände möglich, die den Jäger un⸗ ſchuldig erſcheinen laſſen und Alles zum Guten wen⸗ den konnte: war er ja doch immer im Auftrage des Kurfürſten, in deſſen Tracht und mit ſeinen Zeichen zu dem Vetter gekommen. Dieſer mußte ihn alſo ken⸗ nen, und wenn er von ſeiner Reiſe heimkam, mußte 56 ſich's zeigen, wer ſich in dieſen Kleidern verborgen hatte und ob er es wirklich in böſer Abſicht gethan! Als dann der Vetter wirklich wiederkam und der Kraut⸗ meiſter auf ſie einſtürmte, ſie ſolle nicht mehr zu dem Manne zurückkehren, der ihm ſo bedenklich vorkam und in deſſen Haus ſie den Unbekannten zuerſt getroffen hatte, mit dem er offenbar einverſtanden ſei, da hatte ſie wohl wieder einen harten Stand gehabt, aber ſie war feſt geblieben; und als der ſchlichte Mann in ſei⸗ ner Weiſe herauspolterte, das komme ihm gerade ſo vor, als wenn man ein Reh ins Gehege einſchließen und dem Jäger ſchnurgerade in den Schuß treiben wollte, da war ſie ihm die Antwort nicht ſchuldig ge⸗ blieben und beſtand darauf, zum Vetter, der ſo lange Zeit Vaterſtelle an ihr vertreten hatte, zurückzukehren und das Gute, das ſie bei ihm genoſſen, nicht mit Undank zu vergelten. Sie fürchte ſich weder vor ihm, noch vor dem Jäger, ſagte ſie, und wer etwas Un⸗ rechtes mit ihr vorhabe, dem werde das Reh ſchon zeigen, daß es, wenn auch ſchwach und kraftlos, dafür mit deſto klareren und helleren Augen um ſich gucke. So war ſie wirklich in den Falkenhof zurückgekehrt und beim Vetter geblieben. Der Krautmeiſter in ſei⸗ nem Unwillen hatte dieſem nichts von dem Vorge⸗ fallenen geſagt; ſie ſelbſt wollte dazu einen günſtigen — 57 Augenblick abwarten, der ſich aber immer nicht ein⸗ ſtellte, denn der Vetter, der ſchon immer ein finſteres Weſen an ſich gehabt, war von der Reiſe noch düſte⸗ rer und ſchwermüthiger heimgekommen. Darüber war der Tag der Wallfahrt herangekommen und hatte plötzlich das Dunkel des Geheimniſſes aufgehellt, wie ein greller Blitz dem zitternden Wanderer den Abgrund vor ſeinen Füßen enthüllt und ſogleich wieder in noch dichtere Nacht verbirgt; von Schauern gebannt, bleibt er ſtehen, er darf nicht wagen einen Schritt vorwärts zu thun, aber auch den Rückweg vermag er nicht zu ſuchen und muß ausharren in Nacht und Gefahr, bis der Tag und die Sonne kommt, um ſie beide zu ban⸗ nen. Es war ein harter Kampf, der in der Bruſt des armen Mädchens entbrannte, aber kaum eine Thrãäne verrieth ihn; ſchweigend und wie erſtarrt harrte ſie dem erlöſenden Morgen und der Sonne entgegen; ſie war ruhig, wie die Oberfläche des Waſſers, auf deſſen tiefen Grund der Tod ſein Opfer niedergezogen. Aeußerlich war ſie beinahe dieſelbe, nur der Blick der kindlichen Augen war ernſter geworden und über ihr Antlitz war ein neuer, wehmüthig rührender Reiz ge⸗ goſſen, der ihre unbewußte Lieblichkeit noch erhöhte. Das Köpfchen wie ermüdet in die Hand geſtützt, die ſchweren Lider halb geſchloſſen, ſaß ſie regungslos 58 und ſah den Geſtalten zu, die innerlich an ihr vor⸗ überſchwebten. Da ſtieg vor ihr das ſchöne, liebe Förſterhaus am Würmſee auf, und alle Kinderfreude mit ihm, dann kam der ſchreckliche Tag, an dem man ihr Vater und Mutter zu Grabe und ſie ſelbſt auf den Wagen trug, der ſie in die Stadt führte, zu den unbekannten Menſchen und in ein fremdes Haus; ſie ſah den Abend wieder, an dem der ſchöne Jäger zum erſten Mal in die Gartenthür getreten war, um nach dem Vetter zu fragen, und wie damals beim erſten Anblick ſtieg ihr das Blut ins Geſicht und ſtürzte zum Herzen zurück, wie ein Wächter, der die Gefahren und Schmerzen verkünden will, die aus die⸗ ſem einen Augenblick entkeimen ſollen; Sie hörte die freundliche Stimme, wie ihr noch keine geklungen, ſie vernahm die lockenden Schmeichelworte, wie ſie noch nie zu ihr geſprochen worden; dann aber wandelte ſich das Bild und ſie ſah den mondbeſchienenen Waſſer⸗ ſpiegel von Nymphenburg vor ſich und das Paar in dem feenhaften Kahne, oder ſie ſah den unſeligen Mann in ſtolzem Fürſtenglanze achtlos vorüberſprengen, ohne dem armen Mädchen aus dem Volke, das er in ſei⸗ ner Pracht nicht einmal gewahrte, auch nur einen Blick zu ſchenken. Dann war es plötzlich wieder, als ſei Alles nur ein Traum; ſie ſah ihn wieder lächelnd ihr ent⸗ V 59 gegeneilen, wie er ſo oft in dem Garten kam; wenn er aber vor ihr ſtand und ſich zu ihr niederbeugte, daß ſie zuſammenſchrak unter der Glut ſeines Blicks, dann hatte das Bild ſich wieder umgeſtaltet, dann war es nicht das Angeſicht des Jägers, das ſie über ſich er⸗ blickte— das ruhige klare Auge des jungen Fremden, der ſo merkwürdig in ihr Leben eingetreten, ſchaute ſie treuherzig an und ſie hörte es wieder, wie er ſo herz⸗ lich zu ihr geſprochen:„Kranke Seele, was leideſt Du? Kann ich Dir nicht Troſt geben, auch wenn ich Dir nicht helfen kann?“ Im Innern des Hauſes ſchritt indeſſen der Falk⸗ ner nicht minder ſorgenvoll hin und her. Er war ein Mann von großer, anſehnlicher Geſtalt, deren ge⸗ fällige Art und Geberde erkennen ließ, daß er die Welt geſehen und gelernt hatte, in ihr fortzukommen. Dennoch hatte der ſchlichte Nymphenburger Kraut⸗ meiſter nicht Unrecht, wenn ihm der Mann nicht be⸗ hagte, denn das Angeſicht machte einen deſto unheim⸗ licheren Eindruck: eine ſchräg von der Stirne übers Geſicht verlaufende tiefe Narbe ließ die ſchwarzen Augen ſchief und ſchielend erſcheinen und machte den unſtäten Glanz derſelben noch auffallender. Das Ge⸗ mach, in welchem er ſich befand, hatte das Anſehen einer Küche; unter einer weiten Rauchfangkutte ſtand . 60 ein Herd, auf dem Kohlenfeuer brannte und von Zeit zu Zeit um den dareingeſtellten Tiegel aufloderte, während der Mann ſich zeitweiſe horchend darüber beugte oder mit dem Federfächer das Feuer anfachte und ſteigerte. An den Wänden und auf allerlei Ge⸗ ſimſen ſtand und hing wunderliches Geräthe und Werk⸗ zeug, Retorten mit künſtlich gewundenen Hälſen, Fla⸗ ſchen von fremdartiger Form, Deſtillirkolben, Schmelz⸗ tiegel und anderer ungewöhnlicher Hausrath. Auf einem Tiſche nebenan lagen Stücke eines geſchmolze⸗ nen mattfarbigen Metalls zwiſchen Erzſtufen und an⸗ derem Geſtein; Büchſen und Töpfe, mit räthſelhaften Charakteren bemalt, dienten alten Büchern und Folianten zur Unterlage, deren aufgeſchlagene Blätter hier und da ſonderbare Bilder und Zeichen erblicken ließen. Da lag das Buch vom großen und kleinen Magiſte⸗ rium und vom Steine der Weiſen, des Hermes Tris⸗ megiſtos geheimnißvolles Werk und an der Wand hing unter Zangen, Haken und Glasröhren die zau⸗ beriſche Smaragdtafel, ein ſchwarzgeräuchertes Perga⸗ mentblatt, auf dem in alterthümlich verſchnrkellen— Buchſtaben die Inſchrift ſtand: Die Natur freut ſich der Natur— Die Natur ſiegt durch die Natur— Die Natur beherrſcht die Natur. ——;; 61 In ſteigender Unruhe und peinvoller Erwartung ſtand der Mann an dem Herde; jetzt endlich ſchien der lang erwartete Augenblick gekommen. Behutſam hob er das Geſchirr aus der Glut und trat damit, den In⸗ halt zu prüfen, ans Fenſter. Schon im nächſten Au⸗ genblick aber hatte er Alles auf das Pflaſter geſchleu⸗ dert, daß die Scherben des Tiegels ſammt dem dam⸗ pfenden und ziſchenden Inhalt auf dem Stein umher⸗ ſprangen und ſprühten.„Wieder vergebens!“ ſchrie er, indem er ſich verzweifelnd mit beiden Händen in die Haare fuhr und mit den Füßen die Trümmer auf dem Boden noch mehr zerſtieß und zerſtampfte. „Ich bin ein verlorener Mann! Keine Ausflucht mehr, und wüßte ich ſie auch, keine Hoffnung, das zu ent⸗ decken, wonach ich ſtrebe. Verflucht ſei der Tag, wo ich zum erſten Mal an das unheilvolle Geheimniß rührte, das Keinen mehr losläßt, der ihm einmal ge⸗ naht, und das alle ſeine Opfer vernichtet! Warum hat dieſer Hieb nicht etwas tiefer getroffen, die Welt hätte nichts an mir verloren und ich nichts an ihr! Sonderbar“, fuhr er etwas gemäßigter fort, indem er ein Stück des zerſchmetterten Guſſes aufhob und kopf⸗ ſchüttelnd betrachtete,„ich weiß noch zu genau, wie der Guß ausſah, wenn Laskaris ihn bereitete: er gleicht ihm vollſtändig— wo nur der Fehler ſtecken mag? Ich 62 habe doch Alles genau beobachtet, habe das Recept aufs Haar befolgt; warum gelingt es nicht? Sollte ich den Tiegel zu früh geöffnet haben? Vielleicht habe ich's beim Cohobiren überſehen oder das Sandbad für die weiße Schlange war nicht heiß genug. Narr, der ich bin“, fuhr er fort, indem er ſich über die Stirn fuhr und das Haar glättete,„warum dieſes Wüthen? Was hab' ich nun davon, als daß das Geſchirr entzwei iſt! Werde ich denn nie dieſen ſtür⸗ miſchen Kopf zwingen können? Das allein iſt's, was mich zu Grunde richtet: Das heiße Blut ſteigt in mir auf, daß es mir vor den Augen flirrt und ich immer wieder mein eigenes Werk ſelbſt verderbe; aber einmal will ich es noch verſuchen, eine Stunde iſt ja noch mein! Bis der Herr kommt, werde ich dann mitten im Laboriren ſein; er wird nicht ſo lange blei⸗ ben, bis es zu Ende iſt; ſo gewinne ich doch noch Aufſchub und mit dem Aufſchub iſt Alles gewon⸗ nen.“ Er trat zum Herde, fachte die Kohlen an, nahm eine neue Retorte von dem Geſims und langte einige Büchſen herunter.„Wieder keine Kohlen!“ murrte er unwillig.„Wo hat das Mädel ſeine Gedanken, daß ſie nicht nachſieht und für Vorrath ſorgt!“ Er zog die Glockenſchnur neben dem Herde, ein dumpfhallender 63 Ton antwortete und bald wurde an der Thüre Kor⸗ del's Stimme hörbar, die nach dem Begehren des Vet⸗ ters fragte.. „Du wirſt alle Tage nachläſſiger“, rief er ihr entgegen.„Bringe Kohlen! Du ſollteſt längſt bemerkt haben, daß ſie auf die Neige gehen!“ Nach einer Weile kam das Mädchen mit dem Korbe zurück, den ſie unter den Herd ausleerte. „Ihr müßt nicht ſchelten, Vetter“, ſagte ſie dabei; „es iſt ſchon ſpät, ich habe gedacht, Ihr würdet andh Feierabend machen.“ „Feierabend!“ rief er mit wüſtem Lachen.„Als ob ich zum Feiern geboren wäre; wäre ſelbſt begierig zu erfahren, wie der ausſieht, der mir einmal zum Feierabend verhilft! Ich muß noch arbeiten, es kommt heute noch Beſuch— Du verſtehſt mich ſchon, kannſt Dich vorbereiten.“ Kordel erbebte, trotz aller Feſtigkeit überlief es ſie wie Schauder des Todes, wenn ſie der Begegnung gedachte, die nun kommen mußte; auch war ihr der eigenthümliche Blick nicht entgangen, mit welchem der Vetter die letzten Worte begleitet hatte. „Für den Feierabend müßt Ihr ſelber ſorgen, Vetter“, ſagte ſie ernſt,„und Ihr könnt es auch, wenn Ihr nur wollt! Sperrt die Hexenküche zu mit Allem, 64 was drinnen iſt, es iſt doch kein Segen dabei! Ihr habt ein ſchönes Amt, von dem Ihr leben könnt, zu was braucht Ihr dieſes Treiben? Vielleicht iſt es nicht bös, aber unheimlich bleibt's immer. Gebt's auf und ſeid zufrieden mit dem, was Ihr habt.“ Der Adept hatte ſeine Vorbereitungen beendigt, einen neuen Tiegel mit römiſchem Vitriol gefüllt und dem Glühen ausgeſetzt, dann ließ er ſich am Herd nieder und ſtützte den Kopf in die Hand. „Zufrieden ſein?“ ſagte er dann halb für ſich, halb gegen das Mädchen gewendet.„Du haſt gut reden, Kordel, Du verſtehſt nicht, was Du ſagſt. Wer es zu Wege bringt, der mag wohl gut daran ſein, aber es iſt nicht einem Jeden gegeben, wie die Schnecke im Krautacker nicht mehr zu verlangen, als daß er, wenn eine Staude abgefreſſen iſt, eine andere findet, auf die er kriechen kann. Freilich, einmal hätte ich es viel⸗ leicht auch gekonnt!“ ſetzte er nach einer Weile weiche⸗ ren Tones hinzu.„Das war dazumal, als ich Deine Mutter geſehen hatte, Mädchen! Die hatt' es mir an⸗ gethan mit dem erſten Blick, und wenn ſie gewollt hätte, wäre ich vielleicht auch in mein Schneckenhaus gekrochen und darin geblieben, bis ich es mit der Todtentruhe vertauſcht hätte, aber ſie wollte nichts wiſſen von mir! Mein Bruder, Dein Vater, wenn er auch nur ein ſimpler Jäger war, verſtand es beſſer, wie man mit den Weibern umgeht und wie man es machen muß, um ihnen zu gefallen; der war mir ſchon zuvorgekommen, und Alles, was ich im Stift zu Polling gelernt hatte, half mir nichts gegen ihn. Da habe ich über mich ſelber gelacht, habe mir die dummen Ge⸗ danken aus dem Sinne geſchlagen, die Bücher hinter den Ofen geworfen und bin fort in die weite Welt!“ „Das war nicht recht“, ſagte Kordel,„Ihr hättet bleiben ſollen, hättet verſuchen ſollen—“ „So? Ich hätte verſuchen ſollen“, rief er höh⸗ niſch,„wie es thut, am Spieß ſtecken und ſich bei lang⸗ ſamem Feuer braten laſſen? Nein, das iſt nicht meine Art, mag wohl auch im Blute liegen! War ja auch ein Bruder des Vaters als junger Burſch in die weite Welt gegangen, der auch Wolf geheißen, wie ich— dem hab' ich's nachgemacht! Bin auch weit herumgekom⸗ men, habe Allerhand geſehen und erfahren, Schönes und Gutes, aber mehr Wüſtes und Schlechtes, denn die Bosheit hat die Oberhand und der Teufel iſt Herr in der Welt. Ja, ja, ſchüttle den Kopf nur wie der ungläubige Thomas, es iſt doch ſo! Habe gar man⸗ ches Gewand angehabt, die Kutte und den Soldaten⸗ rock, habe vollauf geſchwelgt und bin hungrig hinterm Zaun gelegen— man wird dabei freilich nicht beſſer, Schmid, Concordia II. 5 66 man trägt und nutzt ſich inwendig ab, wie von außen die Kleider zu Fetzen werden, aber man verlernt auch das Zufriedenſein und Ruhigliegen! Zufrieden ſein! Thörin, wenn man das Geheimniß kennt, daß einem einmal alle Reichthümer und alle Schätze der Welt gehören und daß es keinen Kaiſer und König auf Erden gibt, zu dem man nicht ſagen könnte: Bücke Dich vor mir, denn ich bin Dein Herr!“ „Das ſind laſterhafte Reden“, entgegnete das Mädchen;„ein Chriſt ſollte ſo was gar nicht denken, geſchweige denn ſagen!“ Der Adept ſchlug ein höhniſches Gelächter auf und ſtörte unſanft in die Kohle, daß die Funken umher⸗ ſtoben, dazu murmelte er etwas zwiſchen den Zähnen, was wie ein Fluch lautete.„Sage mir, woran es fehlt, daß ich die rothe Tientur nicht zu Wege bringe“, ſagte er dann,„verſchaffe mir, was dabei fehlt, und ich thue, was Du ſagſt, und will der beſte Chriſt wer⸗ den unter Sonne und Mond.“ „Ich weiß nicht, was Ihr damit meint“, entgeg⸗ nete Kordel und ſah ihn verwundert an. „Nicht?“ rief Wolf lachend.„Als ob es zwei Sonnen am Himmel oder zwei ſolche Geheimniſſe gäbe! Das große Magiſterium mein' ich, das Lebenselexir, von dem Du doch gewiß auch ſchon gehört haſt, den 67 Stein der Weiſen, mit dem man Gold machen und ewig leben kann!“ „Schweigt“, rief ſie erſchreckt,„davon hab' ich freilich auch ſchon gehört, aber ich habe auch gehört, daß es unmöglich iſt. Das wär' Frevel und hieße Gott verſuchen!“ „Unmöglich? Biſt Du ſo geſcheidt?“ ſagte der Adept.„Wenn ich Dir aber ſage, daß ich's mit eigenen Augen geſehen, daß ich das künſtliche Gold mit meinen eigenen Händen gegriffen und geprüft habe mit Königs⸗ waſſer und Probirſtein? Es iſt möglich, ſag' ich Dir, aber die Wenigen, die die Kunſt verſtehn, ſchweigen davon, um ſie für ſich zu haben; iſt auch ſchon Man⸗ chem übel bekommen, der damit geprahlt. Aber wir haben noch Zeit, bis ſich das Gemenge klärt und ſchmilzt; ſetz' Dich dort hin auf die Stufen und höre zu, ich will Dir erzählen, was ich ich erlebt.“ Er ließ ſich am Herd nieder und ſchwieg eine Weile, als müſſe er ſich erſt beſinnen und den anſtrömenden Erinnerun⸗ gen Zeit laſſen, ſich zu ordnen; er ſaß völlig im Dun⸗ kel, nur vom Feuer angeſchienen, auf Kordel lag, durch das Fenſter ſchräg einfallend, ein letzter warmer Sonnenſtrahl.„Auf meinen Fahrten“, begann er dann, „bin ich auch ins Ungarnland gekommen. Dort gibt's Haiden und Steppen, viel Stunden lang; wer auf ſolcher 5⸗ S wandert, wenn der Sturm und das Ungewitter da⸗ rüber tobt, der iſt froh, wenn er eine Hütte findet zum Unterkriechen, wenn ſie auch eher für Schweine gebaut iſt als für Menſchen. In einer ſolchen Hütte bin ich einmal gelegen, krank, hungrig und arm, und habe zu⸗ gehört, wie der Wirth davon redete und ſich berath⸗ ſchlagte, wie er den fremden Landſtreicher, der ihm zur Laſt geworden, auf dem Miſt verſcharren oder auf die Straße werfen wolle. Ich war ſo elend, daß ich mich ſchon darein ergeben hatte, da kam ein Reiſender vorüber, ein großer, ernſter, bärtiger Mann in langem ſchwarzem Gewande, wie die griechiſchen Popen tra⸗ gen; es war auch ein reicher vornehmer Grieche aus Smyrna, Laskaris war ſein Name. Der hielt an, ſeine Pferde zu tränken, ſah und befragte mich und erbarmte ſich meiner. Er wolle mich geſund machen, ſagte er, wenn ich mich verpflichten wollte, ein Jahr bei ihm zu bleiben, denn ſein Famulus war ihm un⸗ terwegs entlaufen.“ „Nun, und Ihr?“ fragte Kordel begierig. „Du kannſt Dir denken, wie gern ich zuſagte. Da⸗ rauf zog er ein Fläſchchen hervor, in dem war etwas Flüſſiges enthalten, klar und rein wie Brunnenwaſſer, duvon gab er mir zu trinken, daß ich in einen tiefen Schlaf verfiel, wie ein Todter. Als ich wieder er⸗ 69 wachte, war ich geſund und ſo friſch und kräftig, als wär' ich neugeboren. Da merkt' ich's wohl, was er mir eingegeben, war das Lebenselixir geweſen, das trink⸗ bare Gold, das unſterblich macht und jedes Gebreſte heilt. Ich hatte ſchon davon gehört und wußte, was das zu bedeuten hatte, und ſo zog ich wohlgemuth mit dem neuen Herrn weit herum— nach Konſtan⸗ tinopel in der Türkei, nach Alexandria im Aegypter⸗ lande, nach Athen und Syrakus. Ueberall wurde mein Herr wie ein Heiland empfangen und verehrt, denn er machte die Kranken geſund und die Armen reich— er hatte den Stein der Weiſen, und wer den beſitzt, kann Alles, was er nur will! Wenn uns das Gold zur Neige ging, dann hieß er mich Feuer an⸗ ſchüren, um neues zu machen, und weil er Vertrauen zu mir hatte, durfte ich dabei zugegen ſein und hatte mir's bald abgeſehen, wie er den Mercurius in den Tiegel warf und ſchmolz, und prägte mir jeden Hand⸗ griff tief ins Gedächtniß ein. Bald aber merkt' ich auch, daß er mir nicht Alles zeigte und den Kern ſeiner Kunſt ſorgfältig auch vor mir geheim hielt. Wenn nämlich der Mercurius zu dampfen anhub, dann nahm er aus einer Kapſel, die er immer auf der Bruſt ver⸗ borgen trug, ein Blatt heraus und eine Meſſerſpitze rothen Pulvers, wickelte es in Wachs und warf's zu dem geſchmolzenen Erz hinein. Wenn er darauf den Tiegel öffnete, war reines, echtes Gold darin von feinſter Art und immer hundertmal mehr, als er von dem Mercurius hineingethan. Das Pulver, der rothe Leu, das erkannt' ich klar, war ſein koſtbarſtes Geheimniß, das er auch vor mir verbarg und ohne das alles andere Wiſſen eine unnütze Kunſt war. Ich wollte nun auch dabei ſein, wenn er das Pulver be⸗ reitete, aber er wies mich unwillig zurück und ver⸗ ſchloß ſich ſeitdem noch ſorgſamer. Das wurmte mich, denn ich hatte treu gedient, ich war ihm wirklich zu⸗ gethan geweſen und hätte es wohl verdient, daß er mich für meine Treue belohnt hätte. Die Gedanken bohrten und nagten in mir fort, und wie das Jahr zu Ende ging—“ Er brach ab und tiefes Schweigen waltete einen Augenblick in dem Gewölbe. „Nun, wie das Jahr zu Ende ging?“ fragte Kordel geſpannt. „Was fragſt Du, was Du ſelber errathen könn⸗ teſt“, fuhr er unwillig auf.„Wie das Jahr zu Ende ging, war auch meine Geduld auf der Neige, ich war meiner nicht mehr Herr, die Begier war über mich Meiſter geworden, ich wollte und mußte das Geheim⸗ niß des rothen Leuen erkunden, und wenn es mich das Leben koſten ſollte. Was mir der Meiſter nicht frei⸗ 74 willig gab, das wollte ich mir mit Liſt verſchaffen und, wenn es nicht anders ging, mit Gewalt. Ich lauerte die Gelegenheit ab und es gelang mir, als er einmal ſeinen Vorrath minder bewacht gelaſſen, mir von dem Elixir und auch von der rothen Tinctur zu verſchaffen; aber was nützte das Alles, wenn ich die Kunſt nicht ſelbſt verſtand, wenn ich nicht das Recept beſaß, nach welchem ich Beides ſelbſt herſtellen konnte. Dies ge⸗ heimnißvolle Recept aber, das hatte ich bald durch ſchaut, das war es, was er mit dem rothen Pulver in der Bruſtkapſel bei ſich trug. Und einmal, wie es Nacht geworden war, ſchlich ich in ſein Gemach und an ſein Lager und wollte dem tief Schlafenden das koſtbare Amulet von der Bruſt nehmen und die Schnur abſchneiden, an der es hing. Schon hatte ich's leiſe ge⸗ faßt, ſchon hob ich das Meſſer— ſo wahr ich Deine Mutter einmal geliebt habe, Mädchen, ſo wahr hatt' ich keinen andern Gedanken, und wär' er nicht erwacht, ich wäre ruhig mit meiner Beute entflohn. Da ſchlug er die Augen auf, ſah mich vor ſich ſtehn— und die Dolchſpitze zuckte jetzt nach ſeiner Bruſt.„Treuloſer Knecht, was beginnſt Du?“ ſchrie er mich an und faßte meinen Arm.„Iſt das der Lohn, daß ich Dich gerettet und Dir mein Vertrauen geſchenkt? Ein Hund wäre mir dafür dankbar, Du biſt alſo ſchlechter als ein Hund— ſo ſtirb auch wie ein ſolcher!“ Ehe ich mich beſinnen und ſeiner erwehren konnte, hatte er einen ſchweren türkiſchen Säbel von der Wand geriſſen und hieb mich über den Kopf, daß ich wie todt niederfiel. Aber ich habe einen harten Schädel, der widerſtand dem Streich und ließ mir nur die Narbe zum Denk⸗ zettel zurück. Wie ich wieder zu mir kam und mich be⸗ ſann, war es mein Erſtes, daß ich in die Taſche griff, und wie ich ſpürte, daß ich das geſtohlene Lebenselixir und die rothe Tinctur glücklich bei mir hatte, da war ich guter Dinge, ich trank und war bald wieder ge⸗ neſen. Das Elixir, das Trinkgold iſt noch in meinen Händen, ich bewahr' es mir auf für den Fall der höchſten Noth, das Pulver aber bewies ſeine Kraft und verſchaffte mir vollauf, was ich bedurfte, um wie ein König zu leben und das Glück wie einen Becher auszukoſten bis auf den Grund. Doch mein Vorrath ging zur Neige und ich mußte darauf denken, damit Haus zu halten und zu verſuchen, ob es mir nicht auch ohne Recept gelingen würde, die Tinctur, das rothe Pulver zu entdecken. Ich ſuchte nach einer Stelle, wo es mir vergönnt wäre, in der Stille meine Verſuche anzuſtellen, oder auch zu vergeſſen, was ich erlebt und geweſen, und, wie Du es nennſt, in Zufrie⸗ denheit zu leben und abzuſterben. So kam ich auch 73 hierher und fand, was ich geſucht. Ich hatte im Oſten von einem Perſerklaven die Kunſt gelernt, mit Falken umzugehen und ſie abzurichten, wie man es hier zu Lande nicht kennt; ich gab mich für einen Falkner aus und ſchon bei der erſten Reiherbeize bemerkte der Kur⸗ fürſt, daß mein Falke alle andern überſtieg. Er rief mich zu ſich, ließ ſich von meinen Fahrten erzählen und hatte bald herausgefunden, was ich nicht ſagte und doch zu verſtehen gab. Er machte mich zum Ober⸗ falkner, aber nur weil er hofft, daß ich ihm Geld mache, daß ich ihm den Brunnen ſchaffe, den ſelbſt ſeine Verſchwendung nicht ausſchöpfen kann. Meine Proben glückten auch alle, und das war kein Wunder, ich hatte ja noch von der echten Tinctur und hoffte immer, da ich jetzt ungeſtört laboriren konnte, daß ich, bis ſie aufgezehrt ſein würde, ſelber das Geheimniß entdecken würde, ſie zu fertigen. Es war umſonſt. Meine letzte Hoffnung war noch dieſe Reiſe ins Ungarnland; in Bu⸗ da⸗Peſth, das hatte Laskaris geſagt, ſollte ein alter Jude leben, der die geheime Kunſt ebenfalls verſtand, von ihm wollte ich ſie mir verſchaffen. Als ich hin⸗ kam, hatte das Volk den Adepten wenige Tage vorher todtgeſchlagen! Ich kam mit leeren Händen zurück. Das letzte Stäubchen des Rothpulvers iſt längſt ver⸗ braucht, eben iſt mir wieder ein Verſuch mißlungen, auf den ich die letzte Hoffnung gebaut hatte, und heute ſoll ich die Hauptprobe ablegen. Sie kann nicht gelin⸗ gen, und was dann mein Schickſal ſein wird, magſt Du Dir ſelber ſagen. Nun weißt Du Alles, Du klu⸗ ges Mädchen, Du eifrige Chriſtin, und nun, wenn Du das Herz dazu haſt, nun rede mir wieder vom Auf⸗ geben der Kunſt, nun rede nochmals von Zufrieden⸗ heit, Ruhe und Feierabend.“ Kordel's ſtilllauſchende Theilnahme war allmälig in tiefen Schmerz, ihre anfängliche Entrüſtung in Mit⸗ leid übergegangen. „Armer Vetter“, ſagte ſie aufſeufzend, als er ge⸗ endet hatte.„Das iſt freilich eine traurige Geſchicht', da begreif' ich wohl, warum Ihr immer ſo finſter drein ſchaut und an nichts eine Freude habt; die Erin⸗ nerung läßt Euch nicht eher in Ruh'— bis Ihr Euch nicht ganz davon losſagt, hat's Gewalt über Euch. Gebt's auf, das ſündhafte Treiben, Vetter! Auf was unſer Herrgott ſeine Hand gelegt hat, daß es ein Geheimniß bleiben ſoll, das läßt er ſich nicht abtrutzen und nicht abliſten. Gebt's auf, Vetter, es hat Euch ſchon zeit⸗ lich unglücklich gemacht, wollt Ihr's auch ſein für die Ewigkeit?“ Der Adept hatte der dringenden Rede des Mäd⸗ —— 75 chens gelaſſen zugehört, dennoch glitt ſie ohne Eindruck von ihm ab. „Dn meinſt es gut“, ſagte er nach einer Weile, „aber Du redeſt eben, wie Du es verſtehſt. Kann man das aufgeben, was einem im Hirn drinnen ſitzt, wie der Wurm im Apfel? Ich muß meinen gewieſenen Weg gehen, und wenn er ins Unglück führt, ſo iſt es ein Ding, einmal hat Alles ein End'; bei mir iſt's ſchon zu ſpät!“ „Das iſt's niemals!“ rief Kordel warm.„Das iſt's nicht bei dem größten Sünder, wenn er in der letzten Minute noch zu unſerm Herrgott ſchreit, warum ſollte es bei Euch ſein?“ „Weil ich's nicht mit unſerm Herrgott zu thun habe, ſondern mit Menſchen“, entgegnete er, indem er ſich erhob und an dem Tiegel horchte, in dem ſich ein eigenthümliches Ziſchen und Brauſen hören ließ;„mit Menſchen, die den Teufel danach fragen, wie Alles ſo gekommen iſt und wie ein Ring um den andern ſich anhängt, daß man's kaum merkt, bis die Kette fertig iſt, die nimmer reißt. Vielleicht“, fuhr er nach kurzem Innehalten etwas beſänftigter fort,«„hätte ich's damals aufgeben können, wie die rothe Tientur ver⸗ braucht war. Vielleicht, wenn man mir geſagt hätte, daß ich ſie nicht nachmachen könne, wenn mir Eins 76 zugeredet hätte wie Du, wer weiß, was geſchehen wär'; aber da iſt mir der Kurfürſt in den Weg gekommen, hat mir Geld und alles Mögliche verſprochen, hat mich gelockt und verreizt, noch einen Verſuch zu machen. Vielleicht kommſt du doch noch dahinter, rief's in mir, laß dir die ſchöne Gelegenheit nicht entgehen! So habe ich mich nochmals verführen laſſen. Jetzt hat er lange ſchon die Geduld verloren und ich habe immer nur zu thun gehabt, daß ich ihm den Verdacht wieder ausgeredet. Er hat mich ſogar auf die Reiſe fortge⸗ laſſen, weil ich ſagte, ich brauche den rothen Stein, der nirgends zu finden ſei als in Ungarn, aber er hat mir einen Begleiter mitgegeben, der mich auf Schritt und Tritt bewachen mußte, ſonſt hätte ich wohl das Wiederkommen vergeſſen, und jetzt iſt die letzte Friſt um, wie man ſie dem armen Sünder unter dem Galgen gibt, und wenn er kommt und es wieder nichts iſt—“ „So ſeid Ihr verloren, das ſehe ich ein“, rief Kor⸗ del,„aber ich bleibe doch dabei und ſage nochmals: Gebt's auf! Geſteht dem Kurfürſten Alles, erzählt es ihm, wie Ihr es mir erzählt habt, er verzeiht Euch gewiß und läßt Euch die Falknerei. Ihr habt geſagt“, fuhr ſie noch eindringlicher fort,„Ihr hättet meine Mutter gern gehabt und ſie Gewalt beſeſſen über Euch; ich bin 77 ihr Kind— habe ich denn gar nichts von ihrer Ma⸗ nier, keinen Zug im Geſicht, der Euch an ſie mahnt und meine Rede unterſtützte?“ Kordel hatte mit aller Wärme und Innigkeit ihres einfachen Gemüthes geſprochen, zuletzt lag ſie mit ge⸗ falteten und erhobenen Händen faſt wie knieend vor ihm; über die todesbleichen Wangen war ein rother Schimmer gebreitet, der nicht der unheimlichen Kohlen⸗ glut des Herdes entſtammte, aus den Augen floß ein ſo reines Licht, daß ſie ſchöner und lieblicher erſchien als jemals. Der Anblick verfehlte auch nicht Eindruck auf den Adepten zu machen, aber dieſer Eindruck war ein anderer, als ſie gehofft, er betrachtete ſie mit un⸗ heimlich forſchenden Augen, und was darin aufleuchtete, war nicht der verwandte Strahl einer milden, edleren Regung, ſondern das bloße ſinnliche Gefallen an ihrer Schönheit. „Verloren bin ich, ſagſt Du?“ rief er, während er ſie betrachtete.„Will's vorerſt drauf ankommen laſſen. Du haſt viel von Deiner Mutter. Manchmal, wenn Du ſo vor mir ſtehſt und mich ſo anſchauſt mit Deinen Taubenaugen, dann iſt mir gerade, als wenn ſie vor mir ſtünde. Verloren, ſagſt Du? Nein, noch bin ich's nicht, nach gibt's eine Möglichkeit zu ent⸗ wiſchen, man hängt Keinen, den man nicht hat, und 78 wenn alle Stricke reißen“, ſetzte er mit eigenthümlicher Betonung hinzu,„dann gibt's noch ein letztes Mittel, das wird gewiß nicht fehlſchlagen, das weiß ich!“ Kordel ſprang auf, als ob die Erde unter ihr bebe, die letzte Stelle, auf der ſie dieſem Manne ge⸗ genüber Fuß zu faſſen gehofft hatte, wankte treulos und wurde zum Abgrund, der ſie zu verſchlingen drohte. Sie ſah ihn mit einem Blick an, den er den Taubenaugen nicht zugetraut haben mochte, ſie ſchwieg einen Augenblick, als müßte ſie ſich erſt ſam⸗ meln, um Alles, was in ihr vorging, in die rechten Worte zu drängen. „So geht Euren Weg“, ſagte ſie dann,„thut, wie Euch der Geiſt eingibt, ein guter iſt es nicht; von mir aber verlangt nicht, daß ich weiter bei Euch bleibe! Hätt' ich gewußt, was in dieſer Küche gekocht wird, ich hätte mich lange von Euch losgeſagt. Wir ſind geſchiedene Leute, Vetter, das iſt gewiß, mag es gehen, wie es will, das aber iſt auch gewiß, wenn Ihr ſonſt keine Rettung habt, als das letzte Mittel, das Ihr meint, dann ſeid Ihr verloren!“ Sie ging, ohne daß der Adept ſich darum zu kümmern ſchien.„Das werden wir ja erleben“, ſagte er, indem er ſich wieder zu ſeiner Retorte niederbeugte. „Da drinnen fängt das eigenthümliche Gekniſter an“, —— 79 fuhr er dann fort;„ich kenns' ganz genau, hab' es ſo oft gehört, wenn ich neben Laskari's Herde ſtand— ſollte ich endlich doch das Rechte getroffen haben? Ich will noch einmal nachſehen, ich will das Recept im Rai⸗ mundus Lullus noch einmal überleſen, das iſt doch der beſte Lehrmeiſter!“ Er nahm ein Buch vom Geſimſe und las halb⸗ laut, wie um ſich ſelbſt zu überhören:„Nimm guten römiſchen Vitriol, ſtoße ihn gröblich, ſetze ihn auf einer irdenen Schale auf Kohlen und calcinire ihn zu gelb⸗ lichem Pulver; dann gib ihn in eine Retorte bei immer verſtärktem Feuer, bis weiße Dämpfe in die Vorlage übergehen und ein rothes Pulver zurückbleibt. Das wahre wohl, kluger Adept, das iſt der Mercurius der Weiſen, der rothe Leu.— Alles genau befolgt!“ ſchloß er dann mit zufriedenem Kopfnicken, legte das Buch beiſeite und kehrte zu ſeiner Beſchäftigung am Herde zurück. Mit beklommener Bruſt war Kordel aus der Gold⸗ küche getreten; die eingeſchloſſene durchräucherte Luft und der Dampf der Metalle hatten ihr den Athem gehemmt, was ſie erfahren, ſchien vollends den Schlag ihres Herzens lähmen zu wollen; tief ausathmend trat ſie in das Gärtchen, deſſen Bäume, Sträucher und Blumen im Widerſchein der glanzvoll untergehenden 80 Sonne wie verklärt daſtanden und ihr mit der Abend⸗ friſche ſtärkeren Duft entgegenſandten, als hätten ſie die liebe Pflegerin vermißt und wollten die Wieder⸗ kehrende begrüßen. „Gott Lob“, rief ſie freudig bewegt,„der Himmel iſt noch blau und die Erde grün, die Sonne ſcheint noch, unſer Herrgott muß noch der alte ſein, was auch die Menſchen thun und treiben! O wie ſchön iſt die Welt! Muß denn ſo Vieles drin ſein, was nicht ſchön iſt, und ſo viel Bitteres! Laßt ihr die Köpfchen hängen, meine armen Gelbveigeln? Ja, ja, es iſt euch zu heiß geweſen, ihr könnt' es noch nicht vertragen, ihr kleinen Dinger, hab' euch ja erſt geſtern verſetzt, aber ihr ſollt nicht verſchmachten! Euch kann man helfen— mir wohl ſchwerlich, und mir geht's doch gerade ſo wie euch, ich komme mir auch vor, wie ſolch ein Pflänzlein, das man in der Stube gezogen hat und dann hinausſetzt ins freie Land, wo es ſich nun in Sonnenſchein und Nachtkühle nicht zurecht findet, wie ich in der Welt!“ Sie hatte den Gießkrug aus dem in den Zieh⸗ brunnen hinabgelaſſenen Eimer gefüllt und begann die Beete und Blumeneinfaſſungen zu begießen, mit der leeren Kanne kehrte ſie zum Brunnen zurück und neigte ſich über den Steinrand. Indeſſen war die Garten⸗ 3 81 thür leiſe geöffnet worden; ein Mann in kurfürſtli⸗ cher Falknertracht war eingetreten und hatte ſeine vor der Thür ſichtbar gewordenen Begleiter mit leiſen Befehlsworten zurückgeſchickt; leiſe, damit ſeine Fuß⸗ tritte im Sande nicht knarrten, ſchlich er hinzu und legte den Arm um die Hüfte des Mädchens. Sie erſchrak und ſchrie laut auf, die Kanne ent⸗ fiel ihr und goß ihre Flut auf den Boden aus, zu⸗ gleich war ſie, als ob ſie auf eine Natter getreten, zu⸗ rückgeſprungen, um ſich der Umarmung und der Nähe des Falkners zu entziehen. „Nun, was iſt das? Die Jungfer erſchrickt vor mir?“ ſagte er, indem er ihr lachend wieder näher trat.„Zürnt Sie mir ſo ſehr, weil ich erſt jetzt komme, mein langes Ausbleiben zu entſchuldigen?“ Kordel vermochte kaum einen Laut zu ſtammeln, aber ſie gewann es über ſich, zu antworten.„Freilich“, ſagte ſie,„muß ich nicht zornig ſein? Wenn man doch ſchon einmal in der Nähe iſt, hätte man doch auch auf dem Falkenhof einkehren ſollen, denk' ich.“ „Ich in der Nähe? Wie meint die Jungfer das?“ fragte der Jäger erſtaunt. „Nun, ich meine“, ſagte Kordel vor Aufregung bebend,„neulich, wie die große Jagd vom Hachinger 6 Schmid, Concordia. II 82 Forſt hereingeritten kam, da war der Herr doch auch⸗ darunter!“ Der Jäger ſtand betroffen.„So hat die Jungfer den Zug geſehen?“ ſagte er.„Das iſt ein eigenthüm⸗ licher Zufall. Ich habe Sie wirklich nicht erkannt oder bemerkt.“ „Ich glaube es wohl, habe es auch ganz gut ge⸗ ſehen“, ſagte ſie ſchmerzlich,„und es iſt auch recht gut geweſen, daß mich der Herr nicht gekannt hat; es wird auch das Beſte ſein, wenn wir's dabei laſſen und thun, als wenn wir einander nie gekannt hätten!“ „Wie, Mädchen“, rief der Jäger näher tretend, „ſollteſt Du errathen haben, was ich Dir heute ohne⸗ hin entdeckt haben würde? Erkläre mir—) „Ich hab' nichts errathen“, ſagte ſie ſchlicht, aber feſt und trat ebenſo weit zurück, als er ſich zu nähern verſucht hatte,„ich hab' auch nichts zu erklären; ich mein', wenn ich damit anfangen wollt, könnt' es leicht wie ein Vorwurf ausſchauen, und ich armes unbedeu⸗ tendes Geſchöpf, ich hab' Niemand etwas vorzuwerfen als mir ſelbſt.“ „Kordel! Mädchen! So höre doch nur!“ rief der Jäger eifrig. 3 „Ich glaub', ich hab' ſchon zu viel gehört“, un⸗ terbrach ſie ihn abwehrend und kaum im Stande, — 83 die immer mächtiger hervorquellenden Thränen zu⸗ rückzuhalten.„Wir zwei ſehen uns in dem Leben nicht wieder, und da hab' ich an den Herrn nur die einzige Bitt', daß er nicht etwa ſchlecht von mir denken ſoll. Ich kann nichts dafür: ich habe nichts ge⸗ wußt von der Welt, ich hab' es nicht für möglich ge⸗ halten, daß es ſolche Verſtellung in der Welt ge⸗ ben könnt' und ſo viel Falſchheit dazu. Wenn der Herr mir das verſpricht, dann ſoll Alles verziehen ſein.“ Thränen erſtickten ihr die Stimme, laut aufſchluch⸗ zend eilte ſie hinweg und verſchwand im Hauſe; trüben Auges blickte ihr der Jäger nach, unſchlüſſig, ob er ihr folgen, ſie aufhalten und aufklären oder der Zeit und einer ruhigeren Stunde vorbehalten ſolle, ſie zu ver⸗ ſöhnen und einen Ausweg zu finden, der gefunden werden mußte; denn das ſtand feſt in ihm, dies holde Geſchöpf durfte für ſein argloſes Vertrauen nicht ſo bitter geſtraft werden. Er hatte die Beziehung zu dem Mädchen nur als ein zufälliges Abenteuer, als einen leichten flüchtigen Scherz genommen, dem er jeden Augenblick ein Ende machen konnte. Als er zuerſt in den Falkenhof zu dem Alchymiſten gekommen und dem unerfahrenen, noch faſt kinderhaften Mädchen begegnet war, das ihn für einen Jäger hielt, hatte es ihn be⸗ 6* 84 Ockt luſtigt, ihr dieſen Irrthum zu laſſen; ihre Herzensein⸗ falt und kindliche Unſchuld übten einen noch nie ge⸗ kannten Reiz auf ihn, er fand Gefallen an ihrem anmuthigen Geplauder: die ſelbſt kaum verſtan⸗ dene unverhohlene Neigung, mit der ſie ihn empfing, ſchmeichelte ihm und war Urſache, daß er die Ent⸗ deckung von einem Tage auf den andern verſchob. Er empfand es nun doppelt bitter, daß die Entdeckung nicht durch ihn ſelbſt erfolgt war und er vor ihr in einem Lichte daſtehen mußte, das ihm ein unverdientes dünkte. Er hatte nicht geahnt, daß die Neigung des Mädchens eine ſo tiefe ſei, um das Unglück ihres Lebens zu werden, und ſich oft im Stillen auf den Augenblick gefreut, wo er mit einer überraſchenden Wendung ſich entdecken und Alles zu einem fröhlichen Ende bringen wollte. „Armes Mädchen“, ſagte er vor ſich hin,„das habe ich nicht gewollt und gedacht, daß das heitere Spiel ein ſo ernſtes Ende nehmen ſollte, aber Du ſollſt getröſtet werden, das gelobe ich Dir. Du ſollſt glücklich werden, und wäre mein Kurhut der Preis, den ich dafür einſetzen müßte!“ In einer aus Unwillen und unzufriedener Erreg⸗ heit gemiſchten Stimmung, die dem Kommenden nicht günſtig war, ſchlug er den Weg nach dem Hauſe ein 85 und pochte mit eigenthümlichem Schlage dreimal an die Thür des Laboratoriums, die ſich erſt nach wie⸗ derholtem Klopfen öffnete und das düſtere, vom Koh⸗ lenſchein des Herdes unheimlich erhellte Gewölbe er⸗ blicken ließ. Draußen war die Sonne glanzvoll unter⸗ gegangen und die Dämmerung begann ihren traum⸗ haften Schleier beruhigend auszubreiten über Himmel und Erde. „Nun“, rief er raſch eintretend und gereizt dem Adepten entgegen,„was kommt Ihm in den Sinn, daß Er mich warten läßt? Iſt Ihm nicht angeſagt worden, daß ich in dieſer Stunde kommen würde? Muß ich an der Thür ſtehn, ſtatt von Ihm empfangen zu werden?“ „Verzeihung, Durchlaucht“, entgegnete der Adept, indem er ſich mit über die Bruſt gekreuzten Armen tief verbeugte, aber mit einem Ton und Blick, in welchem Furcht und Grimm um die Oberhand ſtritten. „Ich war eben in meine Vorbereitungen vertieft, im Eifer muß ich das Zeichen überhört haben.“ „Ich meine, Er hätte genug Zeit gehabt zu ſeinen Vorbereitungen“, ſagte der Kurfürſt,„und hätte nicht nothwendig, ſie auf den letzten Augenblick zu ſparen! Wie ſteht's mit Seiner Arbeit? Ich will hoffen, daß Alles in Ordnung iſt und ich heute einmal richtiges 86 Gold zu ſehen bekomme. Er weiß, es iſt die letzte Friſt; meine Geduld iſt zu Ende.“ „Ich bin bereit, die Arbeit zu beginnen“, erwi⸗ derte der Adept,„aber Durchlaucht wollen bedenken, daß das große Magiſterium von vielen geheimen Kräf⸗ ten abhängt, die nicht in der Macht des Menſchen liegen! Die günſtigen Aſpecte der Geſtirne—“ „Ausflüchte, die ich nicht mehr gelten laſſe!“ rief der Kurfürſt finſter.„Alles das hat Er ſchon oft genug geſagt, aber ich habe nicht länger Luſt, mein gutes Geld zum Rauchfang hinausfliegen zu ſehen, ich muß heut' wiſſen, woran ich mit Ihm bin!“ „Durchlaucht“, ſagte der Adept verzagt und ſich gewaltſam ermannend,„wodurch habe ich ſolches Miß⸗ trauen verdient! Ich habe doch Proben meiner Kunſt gegeben, vor denen aller Argwohn ſchwinden muß!“ „Ja, Er hat Gold gemacht, das iſt wahr“, ſagte Karl Albert;„aber in meiner Gegenwart nur ein ein⸗ ziges Mal, ſeitdem hat er es nicht wieder zu Stande gebracht. Wenn er ſeine Kunſt wirklich verſteht, wa⸗ rum gelingt es Ihm nicht wieder? Warum ſucht Er immerwährend Ausflüchte? Muß ich da nicht glauben, entweder daß Er Seine Kunſt zwar verſteht mich aber hinhalten will, oder daß er ſie nicht verſteht und mich betrügt?“ 27 8* „Warum ſollte ich Durchlaucht hinhalten?“ ſagte der Adept, der allmälig ſeine Faſſung wiedergew ann. „Eurer Durchlaucht Gunſt und Gnade ſind all erdings ein unſchätzbares Kleinod, aber wer das große Ma⸗ giſterium, den Stein der Weiſen ſein eigen nennt, bedarf nicht der Huld und Gnade eines Sterblichen und wenn er die erſte Krone der Welt trüge.“ „Wirklich?“ entgegnete Karl Albert, indem er ihn durchbohrend anblickte.„Er bleibt alſo dabei, daß Er den Stein beſitzt, daß Er Gold machen kann?“ „Mir hat bisher nichts dazu gefehlt als die rothe Tinctur, der rothe Leu. Durchlaucht haben mir er⸗ laubt, ihn zu holen, bald werde ich im Stande ſein, allen Verdacht zu widerlegen, bald, wenn auch viel⸗ leicht heute die Sterne es nicht geſtatten ſollten. Er⸗ lauben Durchlaucht, daß ich beginne?“ „Das mag Er thun“, ſagte der Kurfürſt,„dies⸗ mal aber nicht vor mir allein, ich habe einen Zeugen mitgebracht.“ „Wie? Einen Zeugen?“ rief der Adept, wie von einem plötzlichen Schlage erbebend.„Durchlaucht wer⸗ den doch nicht verlangen, daß ich mein unſchätzbares Geheimniß einem Fremden preisgeben ſoll?“ „Es iſt kein Fremder, den ich mitbringe“, ent⸗ gegnete der Kurfürſt,„es iſt ein treuer und vertrau⸗ 88 ter Mann, der Ihm ſtatt meiner und für mich auf die Finger ſehen ſoll, mein Leibmedicus Doctor Wolter. Da iſt er ſchon“, fuhr er fort, als eben die Hausglocke ertönte und bald darauf ein alter Mann mit einem ernſten, gelehrten Geſicht ehrerbietig grüßend eintrat. „Er kommt eben recht, lieber Wolter“, empfing ihn der Kurfürſt.„Er weiß, was Er zu thun hat. Sehe Er dem Schwarzkünſtler, dem Adepten da auf die Hand, unterſuche Er, was Er zu Stande bringt und was von Ihm zu erwarten iſt.“ Der Leibarzt war ein äußerſt wortkarger Mann, der ſelbſt am Krankenbette nur das Allernöthigſte ſprach; ſchweigend verbeugte er ſich gegen den Kurfürſten, ſchweigend trat er zum Herde und ſah unverwandten Blicks dem Beginnen des Goldmachers ſchweigend zu. Dieſen hatte das unerwartete Erſcheinen eines kundigen Beobachters ſeines Thuns aller Faſſung be⸗ raubt; durch denſelben war die letzte Hoffnung ge⸗ ſchwunden, den Fürſten noch einmal täuſchen oder eine neue Friſt erlangen zu können. Mit allen Zeichen der Verwirrung ſtellte er die Geſchirre auf dem Herde hin und her, miſchte und goß zuſammen, ſchürte die Kohlen und ſchloß den Tiegel, um ihn wieder zu öff⸗ nen. Schweiß troff ihm von der Stirn, den ihm die —44 v — 89 Herdglut erpreßte, während Schauer der Angſt ſeine Glieder erſchütterten. Er war ſichtbar bemüht, den Augenblick, in welchem er ſein Uuvermögen bekennen mußte, zu verzögern. Endlich blieb nichts Anderes übrig. Schweigend, wie der Kurfürſt und ſein Begleiter ſeinem Treiben zugeſehen, ſetzte er die Retorte vor den letz⸗ tern hin, der ſie öffnete und unterſuchte. Einen Augenblick waltete die Stille des Grabes im Gewölbe. „Das iſt nicht Gold“, ſagte dann der Arzt ge⸗ laſſen;„das ſcheint mir ein aus Queckſilber und an⸗ dern Metallen zuſammengeſchmolzenes Erz, das einige Aehnlichkeit mit Meſſing hat. Bei genauer Prüfung wird ſich das ergeben, ſo viel aber iſt auf den erſten Blick gewiß, daß dieſe Beſtandtheile ſich niemals in Gold verwandeln, und wenn Eurer Durchlaucht wirkli⸗ ches Gold gezeigt worden, ſo muß es ſchon vorher in der Retorte geweſen ſein!“ „Alſo Meſſing zu fabriciren, iſt die ganze Kunſt des Herrn?“ rief der Kurfürſt zürnend.„Er hat alſo wirklich gewagt, Sein Spiel mit mir zu treiben?“ Der Adept ſah, daß Alles verloren war, aber dieſe Ueberzeugung und die Verzweiflung gab ihm einen Theil ſeiner Kühnheit wieder.„Das wäre nicht Gold?“ rief er mit kecker Stimme, indem er ſich hoch und — ä⁰³⁴ 90 wie drohend aufrichtete.„Wer wagt es, das zu be⸗ haupten? Das iſt Verleumdung, nur der gelehrte Neid dieſes Mannes, der nicht zugeſtehen will, was ich leiſte und er nicht vermag! Ich gebe ihm die Ver⸗ dächtigung zurück und behaupte, er hat es verſtanden, mein Laboriren durch geheime Mittel zu ſtören. Ge⸗ rechtigkeit, Durchlaucht, ich verlange, was mir gehört!“ „Welche Frechheit!“ brauſte der Kurfürſt auf.„Er iſt vollſtändig entlarvt und hat noch die Stirn, von Gerechtigkeit zu ſprechen? Gut, die ſoll Ihm zu Theil werden. Er ſoll haben, was einem Betrüger gehört! Nehmt ihn in Haft“, rief er, nachdem er die Glocke gezogen, den auf der Schwelle erſcheinenden Jägern und Dienern zu.„Ergreift dieſen Menſchen und ver⸗ wahrt ihn gut, morgen werde ich ſelbſt Gericht über ihn halten. Er ſoll haben, was ihm gehört, einen Galgen, höher als jeder andere, den mag er mit ſei⸗ nem Goldblech verſchönern! Fort mit ihm!“ „Halten Sie ein, Durchlaucht“, rief der Adept, indem er vom Herde einen eiſernen Schürhaken nahm und ſich zur Vertheidigung ſtellte.„Wenn ich es denn bekennen muß— ja, es iſt wahr, ich verſtehe die Kunſt nicht, deren ich mich gerühmt! Aber ich beſitze andere, nicht minder wichtige Geheimniſſe, wohl werth, daß Durchlaucht mir dafür Verzeihung gewähren. Ich ſelbſt — — 91 bin nur ein Schüler, aber von dem Meiſter, dem ich gedient, iſt noch ein Fläſchchen Lebenselixir in meinem Beſitz, der Trank der Unſterblichkeit und ewiger Ju⸗ gend „Ich will nichts mehr hören von Seinen Künſten und Geheimniſſen“, entgegnete der Kurfürſt wie zuvor, „fort, ins Gefängniß und morgen an den Galgen!“ „Durchlaucht“, rief der Adept in wachſender Angſt, „ich habe mich nicht aufgedrängt, Durchlaucht ſelbſt haben mich angeeifert und aufgefordert. Darum Gnade!“ „Will Er mich zu Seinem Mitſchuldigen machen?“ erwiderte Karl Albert und wandte ſich verächtlich ab. „Erſt pocht Er auf Gerechtigkeit und nun bettelt Er um Gnade? Hat Er doch geſagt, wer den Stein der Weiſen habe, bedürfe die Gnade keines Sterblichen? Nun denn, ich trage nicht die erſte Krone der Welt auf dem Haupte, aber ſo viel Macht iſt mein, daß ich Ihm den Hohn, den er mit mir getrieben, vergelten kann!“ „Nun, ſo kommt heran“, rief der Adept ſich auf⸗ raffend, indem er auf die Jäger eindraͤng und ſein Eiſen auf ſie niederſauſen ließ. Getroffen taumelte der eine zur Erde, ein zweiter Schlag nach der andern Seite machte eine Gaſſe frei; ehe die überraſchten 92 Diener ſich beſannen, hatte der Adept mit einem Sprunge über die Stufen die Thür erreicht und war verſchwunden. „Ihm nach! Laßt ihn nicht entrinnen!“ rief Karl Albert außer ſich.„Hundert Dukaten, wer ihn wieder⸗ bringt! Braucht Eure Gewehre, wenn es nicht an⸗ ders ſein kann. Ich muß ihn haben, lebendig oder todt. Vorwärts, ich will mich ſelbſt an die Spitze ſtellen!“ Er wollte der Thür zu, aber er vermochte es nicht, Kordel war über die Stufen herabgeeilt und lag vor ſeinen Füßen, die hoch erhobenen Arme ihm zu Bitte und Abwehr entgegenſtreckend. „Gnade, Durchlaucht, für den Unglücklichen“, rief ſie mit flehender Stimme,„Gnade für den Bruder meines Vaters!“ „Stelle ſich die Jungfer mir nicht in den Weg!“ rief der Kurfürſt, nachdem er einen Augenblick über⸗ raſcht inne gehalten.„Sie bittet umſonſt. Keine Gnade für den Betrüger!“ „Und ich wag' es doch, darum zu bitten!“ ſagte Kordel entſchieden.„Durchlaucht werden mir die eine. Bitte nicht abſchlagen. Bedenken Sie wohl, daß wir alle der Gnade bedürfen! Jeder ſoll ans eigene Herz klopfen und ſich fragen, ob er es rein weiß von Be⸗ trug, und wenn ihn das Gewiſſen nicht ſchlägt, dann ſoll er den erſten Stein aufheben und auf den Be⸗ trüger werfen.“ Wie von einem Zauberſtabe berührt hielt der Kur⸗ fürſt bei dieſen Worten inne, hatte die Ruhe und ſich ſelbſt wiedergefunden. „Stehe Sie auf, Jungfer“, ſagte er ſanft.„Ja, ich will Gnade üben, damit ich auch Gnade finde. Man verfolge den Mann nicht“, rief er den Dienern zu und winkte ihnen, ſich zu entfernen.„Ich will nicht wiſſen, wohin ſein Weg ihn führt!“ „Dank, tauſendfachen Dank!“ ſtammelte Kordel, indem ſie ſich ſchwach erhob und der Thür zuwankte. Der Kurfürſt umfaßte und hielt ſie zurück.„Und ſo verläßt mich die Jungfer wieder?“ ſagte er leiſe und herzlich.„Und ſonſt hat mir die Jungfer nichts zu ſagen?“ Das Mädchen erbebte in ſeinem Arm, das war der Ton, der ihr aus ihrer ſeligſten Zeit in Ohr und Herz nachzitterte; ihm vermochte ſie nicht zu widerſtehen— ſie verweilte, richtete ſich auf und ſah ihm ebenfalls mit einem Zlick aus alten Zeiten ins Auge. „Doch, Durchlaucht“, ſagte ſie innig.„Wenn der Herr Kurfürſt mir's erlauben, hätte ich wohl etwas zu 94 ſagen. Ich möchte Durchlaucht eine Botſchaft zur Be⸗ ſtellung aufgeben.“ „Was immer die Botſchaft enthalten mag, ich werde ſie beſtellen.“ „Unter den Jägern von Eurer Durchlaucht“, be⸗ gann Kordel erſt zagend, bald aber immer feſter und zuverſichtlicher,„unter denen iſt einer— ich mein', Karl Fürſt heißt er— wenigſtens hat er ſich ſelber ſo genannt und ſo wird's wohl wahr ſein. Es iſt ein Mann, Durchlaucht, dem unſer Herrgott ins Geſicht hineingeſchrieben hat, daß er ihn auserwählt und be⸗ rufen hat zu Allem, was gut iſt und brav, aber manch⸗ mal hat er Zeiten, wo er das vergißt, was er ſein ſollt, wo er ſein eigner Feind iſt und zwieträch⸗ tig mit ſich ſelber wird, als wenn er vertauſcht wor⸗ den wäre. Dem Jäger ſollen Durchlaucht von mir ſagen, daß er das arge Weſen nicht über ſich Herr werden läßt! Er ſoll beim Rechten bleiben und ſoll machen, daß man, ſobald man nur von ihm hört, ſich über ihn freuen muß, und wenn er einmal, wie's ja in der Welt geht, an einen Kreuzweg kommt und nicht weiß, wohin er gehn ſoll, dann ſoll er an die Kordel vom Falkenhof denken, die es gewiß gut gemeint hat mit ihm, und an die guten und faulen Aepfel und an die ſchöne Förſterei am Würmſee, die ihm vermeint 95 geweſen iſt.“ Sie mußte inne halten, ihre Ergriffen⸗ heit zu bemeiſtern.„Ich habe ſagen hören“, fuhr ſie dann noch herzlicher fort,„Kordel, das heißt in der Schriftſprach' Concordia, und das ſoll ſo viel bedeuten wie Eintracht, der Nau' ſoll ihn erinnern, nicht an das geringe Mädel, das ihn getragen hat, aber an das, was er bedeut'; er ſoll ihn erinnern, daß er ſich ſelber treu bleibt und die Eintracht mit ſich ſelber nicht verlieren ſoll. Das ſagen Sie ihm, Durchlaucht“, ſetzte ſie abermals mit ihrer Rührung kämpfend hinzu, „und ſagen Sie ihm auch, die Kordel vom Falkenhof läßt ihn noch einmal recht ſchön grüßen, von ganzem Herzen grüßen, zum letzten Mal.“ Sie enteilte weinend, ergriffen eilte ihr Karl Albert nach, um ſie aufzuhalten: ſie verſchwand, ſtatt ihrer aber erſchienen auf der Schwelle einige Herren von ſeinem Gefolge, unter ihnen der Hofmarſchall Baron Freyberg, der ſich ehrerbietig näherte. „Verzeihung für die Kühnheit, Durchlaucht bis hierher zu folgen“, ſagte er.„Die Wichtigkeit und Dringlichkeit der Sache mag ſie entſchuldigen. De⸗ peſchen aus Wien melden, Seine Majeſtät Kaiſer Karl ſind plötzlich ſchwer erkrankt; man weiß nicht, ob er ſich auf der Jagd verkältet oder durch ein Gericht Schwämme den Magen verdorben, genug, die Nach⸗ ———— 96 richt ſeiner Auflöſung kann jeden Augenblick ein⸗ treffen.“ „Sie ſoll uns bereit finden!“ rief Karl Albert mit raſcher Wallung.„Die erſte Schwalbe, die den Frühling bringt, trifft uns in guter Stunde und mit gehobenerSeele! Kommen Sie, meine Herren, eine große Zeit beginnt.“ Sie eilten von hinnen und bald lag der Falken⸗ hof einſam und verlaſſen in der inzwiſchen hereinge⸗ brochenen Nacht; einſam und verlaſſen durchſchritt Kordel die ſchweigenden Räume und Gemächer, um den Vetter zu ſuchen; ſie fand ihn nicht. „Er iſt fort“, flüſterte ſie;„nun, er wird wohl wiederkommen, wenn er merkt und hört, daß er nicht verfolgt wird, aber bevor er wiederkommt, wird es Zeit ſein, meinen Schützling zu befreien. Vorſichtig öffnete ſie das Verſteck, in der Hand die hochgehobene Leuchte, daß deren volles Licht auf Pilgram fiel. Der erſte Blick ließ ſie erkennen, daß eine Veränderung in ſeinen Zügen vorgegangen war, und mit dem Ge⸗ wahrwerden zuckte auch das Verſtändniß derſelben in ihr auf. Sie hatte in der Haſt nicht bedacht, daß das Gemach unmittelbar ans Laboratorium ſtieß und mit. demſelben durch die Spitzbogenthür verbunden war, ſo daß trotz des vorgeſtellten Schrankes jedes dort ge⸗ ſprochene Wort hier vollkommen verſtändlich war. ——— 97 „Es iſt Nacht und finſter genug, daß der Herr ſich hervorwagen darf“, ſagte ſie mit gepreßter Stimme, „laß Er die gute Zeit und Gelegenheit nicht verſtreichen.“ „Das will ich“, entgegnete Pilgram;„ich habe mir reiflich überlegt, was zu thun iſt. Ohne Zweifel wird man in der Herberge, wo ich gewohnt, nach mir ſuchen, ich kann daher nicht wagen, dahin zurückzu⸗ kehren. Darf ich die Jungfer wohl bitten, zu dem Obermedicus Grünwald, der in der Roſengaſſe im Pilgramhaus wohnt, zu gehen, ihm Alles zu erzählen, was ich Ihr erzählt habe, und ihn zu bitten, er ſolle meine Sachen, Geld und Geldeswerth an ſich nehmen und verwahren, bis er Nachricht von mir erhält? Ich hoffe unangefochten das Augsburger Gebiet zu errei⸗ chen; dort, unter Glaubensgenoſſen, bin ich ſicher und werde ſogleich Nachricht von mir ſenden.“ „Ich werde es beſorgen“, entgegnete Kordel,„ſo gewiß als ich einmal in den Himmel kommen will.“ „Dank; doch bin ich damit noch nicht zu Ende“, begann Pilgram wieder.„Wie ich mir Alles über⸗ dachte, wurde mir klar, daß der Anſchlag, ſich meiner zu bemächtigen, weniger meiner Perſon als den? Papieren galt, die ich bei mir trage— dieſer wollte man ſich be⸗ mächtigen, um mich dann als einen fahrenden S Schwindler und Landſtreicher verſchwinden laſſen zu können. Auf Schmid, Concordia II. 7 98 der Flucht kann ich die Papiere nicht bei mir tragen; ſollte ich doch in die Hände meiner Verfolger fallen, ſo ſollen ſie dieſe wenigſtens nicht finden! Will die Jungfer ſie zu Doctor Grünwald bringen und ihn bitten, ſie zu bewahren, bis ich ſie von ihm fordere?“ Kordel ſah ihn treuherzig an.„So Großes ver⸗ traut mir der Herr an“, ſagte ſie,„und kennt mich doch ſo wenig?“ „O nein“, rief Pilgram,„ich kenne Sie, Jungfer, und wenn auch erſt kurze Zeit, ich kenne Sie doch ganz und gar und bis in Ihr reines Gemüth hinein.“ Sie unterbrach ihn nicht ohne Verwirrung.„Eil' ſich der Herr um Gotteswillen“, ſagte ſie,„daß Er ſich nicht verſäumt— ich weiß nicht warum, aber mir wird auf einmal ſo weh ums Herz.“ „Mir auch“, ſagte Pilgram mit ernſtem Nach⸗ druck,„aber nicht aus Beſorgniß vor einer Gefahr, ſondern weil ich von Ihr ſcheiden muß, weil ich Sie verlaſſen muß, liebe Jungfer! Ich will es nicht Zu⸗ fall nennen, daß Sie mich in der Eile der Flucht in dieſem Gemache untergebracht hat, es war eine Schickung. Ich habe Alles gehört; ich weiß, was hier vorging, und was ich nicht weiß, iſt leicht zu ergän⸗ zen. Ich weiß nun auch, weshalb die Jungfer immer ſo bleich und traurig iſt; weiß, daß Sie Niemand hat, der es ehrlich mit Ihr meint, und ich denke, der Aufenthalt hier, der Sie nur an Bitterkeit und Krän⸗ kung mahnt, müßte ihr verleidet ſein Da iſt mir nun ſo ums Herz, als ob ich Ihr helfen müßte und könnte. Sehn Sie mich als einen Bruder und folge Sie mir, fort von hier, ich will Sie zu meiner Mutter bringen, die ihres Sohnes Retterin mit Freuden auf⸗ nehmen und ihr eine Zuflucht öffnen wird.“ „Er iſt ein guter Menſch“, ſagte Kordl,„ich dank' Ihm Seine Lieb' von ganzem Herzen, aber ich hab' ſchon eine Zuflucht gefunden, wo ich ſicher aufgehoben bin und gut.“ „Ich glaube Sie zu verſtehen“, erwiderte Pilgram traurig;„als Katholikin denkt ſie wohl an Kloſter und Schleier, aber ich nehm' es damit auf. Die Zu⸗ flucht, die ich Ihr biete, hat doch mehr Werth. Wo könnte Sie ſicherer und beſſer aufgehoben ſein als am Herzen und im Hauſe eines Mannes, der Sie liebt und Ihr ſeine Hand bietet?“ „Iſt das Sein Ernſt?“ rief Kordl mit einem ſchönen, ſchmerzlich ſüßen Lächeln.„Wollt' Er mich zu ſeinem Weibe nehmen? Sieht Er, das freut mich— mehr, als ich ſagen kann, das werd' ich Ihm nie ver⸗ geſſen. Aber mit der Hand iſt es nichts: wir gehören nicht zuſammen, wir könnten ja nicht einmal mitein⸗ 7* 100 ander beten, und in mir iſt es ſo, daß ich einen Mann anlügen müßt'’, wenn ich ihm die Handreichung thun wollt'. Ich bleib' allein hier! Ich wünſch' Ihm alles, alles Glück, wie— Er hat's ja ſelber geſagt— wie 5 einem Bruder, ich will alle Tage beten für ihn. Und ſo behüt' Ihn Gott— es iſt die höchſte Zeit.“ Pilgram vermochte nichts zu erwidern, ſtumm drückte er ihre Hand an die Lippen und verſchwand in der Nacht, die ſich vor den Blicken der ihm Nach⸗ ſchauenden über ihm ſchloß, dunkel und unheimlich wie die Zukunft, die beider wartete. Drittes Kapitel. Bürger und Herren. „Was gilt's, ich ſcheib' diesmal ein Kranzel? Da liegt mein Siebzehner. Wer hat Schneid' und will ihn halten? Wer wettet mit mir auf ein Kranzel?“ So rief auf dem Sommerkeller zum Unterkandler ein Mann in Hemdärmeln, der ſich, obwohl die andern Spieler ſich ſchon entfernt hatten, von der Kegelbahn nicht trennen zu können ſchien; dabei tauchte er die aus ſchwarzem Eiſenholz gedrehte Kugel des beſſern Laufes wegen in den Waſſerkübel, nahm ſeinen Ab⸗ ſtand und warf gleichzeitig eine Münze vor ſich hin auf den Breterboden. Die Aufforderung fand aber wenig Anklang; we⸗ der von den die Kegelbahn noch umſtehenden Spielern 102 noch von den Bürgern, welche an den nächſten Tiſchen als Zechgäſte ſaßen, erfolgte eine Antwort. „Wer ſoll denn mit Dir wetten, Kerzelgießer?“ ſagte endlich einer derſelben, deſſen lahmer Arm den Kranzelbinder vom Eiermarkt erkennen ließ.„Wenn ich mit Dir in die Wett' ſcheiben könnte, ich würde es nicht thun, ich thäte mich ja der Sünden fürchten. Das hieß Dir das Geld abſtehlen. Du haſt Dir das Bier gar zu gut ſchmecken laſſen und kannſt ja nicht mehr grade ſtehn!“ „O Dich und Euch alle miteinander ſcheibe ich doch noch in Grund und Boden hinein!“ ſchrie der Aufforderer zornig entgegen.„Es gilt eine Wette ſag' ich noch einmal! Hat gar Niemand eine Schneid'? He da, Herr Nachbar Fellerer, wie wär's? Sie ſind ja ein guter Scheiber.“ „Ich habe heut' mein Spiel ſchon mitgemacht“, ſagte der Kaufmann ruhig;„das iſt gerade genug. Zu viel iſt ungeſund; auch kann ich das Wetten nicht leiden.“ „Es iſt Ihnen wohl zu viel?“ höhnte der Andere. „Wenn Ihnen der Einſatz zu hoch iſt, ſo nehm' ich meinen Siebzehner wieder, dann ſoll's eine Landmünz' gelten, die werden S' doch dran ſetzen können?“ „Wenn ich aber nicht will!“ ſagte Fellerer ärger⸗ 103 lich.„Laßt mich in Ruh', ich hab' auch keine Land⸗ münz' unnütz zu verlieren.“ „Nun, wenn's durchaus ſein muß“, rief der Kran⸗ zelbinder aufſpringend,„dann will ich trotz meines lahmen Arms mit Ihm in die Wette ſcheiben, damit ein Ende hergeht! Jeder ſcheibt aber nur ein⸗ mal, das beding' ich mir aus! Ich habe nur mei⸗ nen linken Arm, er hat nur noch ſeinen halben Ver⸗ ſtand, alſo iſt das Spiel gleich. Her mit der Kugel!“ Damit war er auf den Anſtand getreten, hatte etwas unbehülflich mit dem rechten Arme ſich die Kugel in der linken Hand gerichtet und ließ ſie auf dem Bret hinausrollen, ſchwach zwar, aber nicht ungeſchickt. Sie erreichte die Kegel und warf langſam einige zu Boden. Der Kerzelgießer brach in ein Hohngelächter aus und taumelte der Kugel entgegen, welche der Kegel⸗ junge in der ſchiefen Laufrinne hereinrollen ließ. „Hahaha!“ rief er,„der Siebzehner iſt ſchon mein! Schau' ihn Dir nochmal an, Kranzlbinder, und nimm Abſchied davon! Reib' mir den erſten ein biſſel auf, Bub“, ſetzte er dann lang zielend und abmeſſend hinzu und ſetzte die Kugel in Lauf. Aber die Kraft erlag dem Willen; die heftig geworfene Kugel wich bald von dem Brete, ſchlug an die Seitenwand der Kegelbahn an und blieb vor den Kegeln im Sande liegen. „Mein iſt der Siebzehner“, ſagte der Kranzelbin⸗ der ruhig, indem er unter lautem Lachen die Geld⸗ ſtücke aufhob und ſeinen Krug austrank.„Ich dank' Dir ſchön, Kerzelgießer, jetzt leidet's noch eine Maß! Heda, Waberl“, rief er der Kellnerin zu, die eben mit einem Arm voll Krüge herankam,„noch einmal eingeſchenkt; das Geſchäft hat ſich gezahlt!“ Der Verlierer ſtand einen Augenblick verdutzt, dann ſtimmte er blöd in das Gelächter ein.„Was macht's“, rief er,„das kann Jedem paſſiren, daß er ſtolpert. Das gilt aber nicht, wenn man ſtolpert. Wir müſſen noch einmal ſcheiben. Mir auch noch eine Maß, Waberl! Wenn ich noch eine Maß drauf ſetze, wird meine Hand gleich wieder feſt!“ Das Mädchen, eine hübſche, etwas derbe Geſtalt, der das Mieder mit dem Silbergeſchnür und die Rie⸗ gelhaube auf dem Hinterkopfe ſehr gut ließen, nahm von den Gäſten die Bezahlung in Empfang und rief dem Kerzelgießer, ohne ſich nach ihm umzuſehen, in gering⸗ ſchätzigem Tone zu:„Iſt ſchon recht, Kerzelgießer, nur das Geld zuerſt herrichten fürs Bier!“ „Geld?“ rief dieſer entgegen.„Ich hab' keins mehr. Schreib's halt auf die ſchwarze Tafel, Waberl, ſchreib's auf! Uebermorgen—“ 1 „Bei mir wird nichts aufgeſchrieben“, erwiderte —— 405 die Kellnerin kurz,„ich hab' kein Geld zum Hinaus⸗ borgen.“ „Es iſt entſetzlich mit dem Menſchen“, ſagte Felle⸗ rer zu dem neben ihm Sitzenden.„So hat er wirk⸗ lich den letzten Kreuzer verſpielt! Der hat's weit ge⸗ bracht in der kurzen Zeit.“ „Was?“ fuhr der Kerzelgießer auf, der durch die Trunkenheit hindurch die ihm vor ſo vielen Zeugen zugefügte Schmach ſehr wohl empfand.„Mir, einem Bürger bei der Stadt willſt Du nicht einmal eine Maß Bier, nicht einmal eine elende Landmünz' bor⸗ gen? Meinetwegen, mir kann's recht ſein; es geht nur an Dir aus; es iſt Dein eigner Schaden. Weißt Du, wer ich bin? Ich bin der, der in der Lotterie in der erſten Ziehung einen Terno gemacht hat! Ich hab tauſend Gulden gewonnen und—“ „Verlumpt“, ſchaltete Fellerer ein. „Uebermorgen iſt wieder Ziehung“, fuhr der An⸗ dere fort,„ich habe wieder geſetzt und ich gewinn' wie⸗ der, das weiß ich— ich muß gewinnen. Ich hab' einen Traum gehabt, da iſt die Mutter Gottes vom Gruftgaßl zu mir gekommen und hat mir's geſagt, daß ſie mich nit verlaßt! Nachher bin ich wieder reich, nachher hätt' ich Dir für die lumpige Landmünz', die Du mir nit geborgt, einen Kronenthaler geſchenkt.“ 106 „Brauch' nichts geſchenkt“, ſagte die Kellnerin, „ich verdien' mir ſchon ſo viel, als ich brauch'. Wenn ich aber dem Herrn gut zum Rath bin, ſo macht Er, daß Er weiter kommt, in die Stadt hinein, eh' das Thor zugemacht wird, ſonſt muß Er im Freien über⸗ nachten, denn Er kann ja nit einmal den Sperrkreu⸗ zer zahlen!“ „Was? Föppeln willſt mich auch noch, Du miſe⸗ rable Dirn?“ ſchrie der Trunkene und ſtürzte auf ſie los; aber noch ehe die andern Gäſte hinzuſpringen konnten, hatte das kräftige Mädchen ſich ſeiner ſchon erwehrt und ihn gegen das Thor gedreht, daß er die⸗ ſem zutaumelte und beinahe einen Schemel mit ein paar Körben umwarf, in welchen ein altes Weib Rettige und Nüſſe feil hielt. Um ihren Kram zu ſchützen, fing ſie den Taumelnden auf und ſchob ihn vollends auf die Straße, auf der er ſchreiend und ſchimpfend dahin⸗ wankte.„Ich kauf' Euch doch noch alle aus!“ ſchrie er,„Ihr Lettfeigen, Ihr Fretter! Ich erleb's noch, daß Ihr alle zu mir kommt und bei mir betteln geht!“ „Nun, dem hat es kein Glück gebracht, daß er ſo viel Glück gehabt“, ſagte Fellerer.„Wenn er den Terno nicht gemacht hätte, wäre er bei Arbeit und Ge⸗ ſchäft geblieben und hätte jetzt nicht zu gewärtigen, daß ſein Haus auf dem Gantladen ſteht und Weib und —„— — 107 Kind betteln müſſen; ſeit dem Gewinn hat er nichts mehr gearbeitet, Geſottenes und Gebratenes verſpeiſt und gemeint, es könne kein Ende hergehn. Die ver⸗ wünſchte Lotterie, wenn nur die niemals in das Land gekommen wär'!“ „Das könnt' ich jetzt net ſagen“, rief der Kranzel⸗ binder.„Was kann da die Lotterie dafür? Wenn er geſcheidt geweſen wär', könnt' er jetzt ein gemachter Mann ſein. Ich wollt' mich ſchon geſcheidter einrich⸗ ten, wenn mir ſo ein Glück in die Haut ſchießen thät'. Aber wer weiß, was geſchieht? Mein Weib iſt jetzt hinter was gekommen. Die Kerzlerin am heiligen Berg, die hat ihr erzählt, wie ſie's in Italien machen, daß ſie in der Lotterie gewinnen. Da nehmen ſie eine Kreuzſpinne, thun ſie in eine Schachtel und legen Zet⸗ tel mit den Nummern zu ihr hinein. Die Spinu' iſt ein heilig's Thier, ſonſt hätte ſie das Kreuz nicht auf dem Rücken, die fängt dann zu ſpinnen an und was für Nummern ſie in ihr Netz hineinſpinnt, die kommen richtig raus.“ „Guten Abend bei einander, gibt's vielleicht noch ein Platzl?“ ſagte eine tiefe Baßſtimme und ein großer breitſchultriger Mann trat an den Tiſch, indem er ſich mit dem blauleinenen Sacktuch die Stirn trocknete. Die rothbraune Farbe des Rockes und der Weſte wie 108 die großen weißen Knöpfe zeigten, daß er dem ehr⸗ ſamen Handwerke und der Zunft der Altmetzger ange⸗ hörte. „Ah, ſchön' guten Abend, Herr Stadtverordneter“, entgegnete einer der Männer, emſig beiſeite rückend; „wenn wir uns ein wenig ſchmiegen, können Sie ſchon noch herein. Das iſt ja eine beſondere Ehr', daß Sie ſo weit herauskommen auf den Kandlerkeller!“ „Ach was! Dummes Zeug!“ entgegnete der Metz⸗ ger grob.„Ich komm' nicht wegen der Ehr', ſondern blos wegen dem Geſchäft. Ich will's mit keinem von den Bräuern verderben und ſo geh' ich halt zu Jedem, wann ſein Keller auf iſt. Iſt aber ſchon eine kleine Reiſ' da heraus bis auf die Lüften und warm iſt's auch noch, wie mitten im Juli, obwohl es ſchon auf Ende September losgeht.“ „Sie haben Recht, Herr Strandhofer“, ſagte Felle⸗ rer.„Das Verhältniß, von dem Sie ſprechen, hat allerdings viel Läſtiges. Es geht mir auch nicht viel beſſer wegen der Kundſchaft. Aber Sie ſind ja Stadtverordneter, da könnten Sie einmal eine Aenderung in Vorſchlag bringen. Auf meinen Reiſen habe ich es an vielen Orten ſo gefunden, daß jeder Bräuer ſeinen Keller aufmacht, wann und wie er will; wäre das auch hier ſo, dann ſtünde es auch ——„— 109 Jedem frei, dahin zu gehen, wo er eben die meiſten Verpflichtungen hat.“ „Was? Eine Aenderung machen?“ ſchrie der Metz⸗ ger den Sprechenden an.„Da wird nichts geändert, ſag' ich dem Herrn. Iſt Er auch ein ſolcher, dem das Alte niemals gut genug iſt? In München wird ein Keller nach dem andern aufgemacht und keiner eher, als bis der andere ſein Bier ausgeſchenkt hat. S iſt's geweſen von alters her und ſo ſoll's bleiben, und wenn der Herr von Seinen Reiſen von auswärts nichts Geſcheidteres mitgebracht hat als Seine neumodiſchen Projecte, dann kann er ſich das Reiſegeld wieder her⸗ ausgeben laſſen! Verſtanden?“ „Jawohl“, erwiderte der Krämer;„der Herr Stadt⸗ verordnete haben es ja an Deutlichkeit nicht fehlen laſſen. Sie glauben ſich wohl in Ihrer Fleiſchbank vor einem Ihrer Lehrbuben zu befinden?“ „J, ſind's doch ſtill, Herr Fellerer“, rief be⸗ gütigend ein anderer Bürger dazwiſchen, indem er zu⸗ gleich ein rundliches Glasfläſchchen mit Lederſtöpſel hervorzog und in der Runde herumgehen ließ. „Werden ſich die Herren doch nicht ereifern wegen ſo etwas! Beim Bier geht immer ein Wörtlein drein Nehmen die Herren eine Priſ', das ſchlägt den Zorn nieder; es iſt ein echter Schmä zler. Hab' ihn ſelbſt 110 angemacht, und ich verſteh's, denn ich bin aus dem bairiſchen Wald daheim!“ Die beiden Streitenden folgten der Einladung und ſchwiegen, aber der Zwiſt war offenbar nur ver⸗ tagt, um beim nächſten Anlaß wieder hervorzubrechen. „Mit Verlaub“, ſagte der Metzger dann zu dem Vermittler gewendet,„ich kenne den Herrn und kenn' ihn nicht; es iſt mir, als wenn ich das Geſicht ſchon wo geſehn hätt', aber ich weiß doch nicht recht, wo ich es hinthun ſoll!“ „Wär' nicht ſchön, wenn Sie mich nimmer kennen thäten“, war die Antwort,„bin ja der Mattfroh, der Steinmetzmeiſter vom Lehel, wiſſen Sie, derſelbige, der Ihnen den Grabſtein gemacht hat für Ihre Frau ſelig!“ „Richtig“, ſagte der Metzger wieder,„ſjetzt kenn' ich den Herrn erſt. Iſt eben hübſch lange her, daß meine Alte geſtorben iſt und ich den Stein hab' ſetzen laſſen. Der Herr hat zwar eine ſakriſche Rechnung gemacht, aber das thut nichts, wir haben's ja. Iſt ihr auch vergönnt, der Alten! Wir hab'n net gar rar ge⸗ hauſt miteinander, aber deshalb hat ſie doch den Grab⸗ ſtein hab'n müſſ'n, wie's der Brauch iſt für eine ti tige Bürgersfrau.“ „Ich weiß nicht, wie das iſt“, fiel jetzt kopfſchüt⸗ 111 telnd der Kerzengießer ein, nachdem er aus dem friſch gefüllten Kruge den erſten Trunk gethan,„das Bier will mir gar nicht mehr ſchmecken, es iſt ſo leicht und ſo leer! Die Bräuer werden bald gar keinen Hopfen und kein Malz mehr hineinthun und doch verlangen ſie ſo ein Heidengeld! Zwei Kreuzer zwei Pfennig für die Maß! Man weiß bald nimmer, wie man's erſchwingen ſoll.“ „Ja, das iſt wahr“, entgegnete der Metzger, in⸗ dem er den Krug abſetzte und die Hände über ſeinem Bauche kreuzte.„Alles wird theurer, die Mannsnah⸗ rung alleweil geringer und die Laſten alleweil größer. Ich hab' gehört, es ſoll gar wieder eine neue Herd⸗ ſteuer ausgeſchrieben werden.“ „Wär' net übel, man kann ja die alten kaum mehr erſchwingen“, rief der Steinmetz und wollte eben auch einen Abſatz aus dem alten Liede von den theu⸗ ren und ſchlechten Zeiten beginnen, unterbrach ſich aber, um zwei Männer zu begrüßen, die am Tiſche vorüber dem Gartenhäuschen zuſchritten, das in ge⸗ ringer Entfernung auf einer kleinen Anhöhe an die Umfaſſungsmauer des Kellers angebaut wur und den Verſammlungsort der vornehmeren Gäſte bildete. Die beiden Männer waren ganz gleich in feines braunes Tuch mit grüner Seidenſtickerei gekleidet; aber nicht 112 blos im Anzug und in der auffallenden Zierlichkeit deſſelben, ſondern auch an Körper und Geſichtszügen war ihre Aehnlichkeit eine ſo auffallende, daß man ſie ſofort als Brüder erkennen mußte. Sie gingen Arm in Arm, zogen gleichzeitig die reich gefiederten Hüte und erwiderten wie aus einem Munde den Gruß des Meiſters:„Gelobt ſei Jeſus Chriſtus“ mit dem from⸗ men Gegengruße:„In Ewigkeit.“ „Wer ſind denn die zwei Herren?“ fragte der Metzger, dem Steinmetz aber fiel vor Verwunderung die Priſe Schmälzler zu Boden, die er eben auf den Handrücken geſchüttet hatte. 3„Was, Sie kennen die Herren nicht?“ ſagte er. „Das ſind ja die zwei Herren Aſam, die Bildhauer und Maler, wiſſen S', die zwei Brüder, die in der Send⸗ lingergaſſe die Johanniskirch' gebaut haben!“ „Ah, Reſpekt“, ſagte Strandhofer und ſah den beiden mit wirklicher Ehrerbietung nach.„Das laß ich mir gefallen! Ich hab' mir ſagen laſſen, ſie haben die ganze Kirche ſelbſt gebaut, gezeichnet und gemalt, net wahr? Und Kurfürſtliche Durchlaucht hat ſie dafür zu ihren Hofmalern und Hofbildhauern gemacht, und alles das haben ſie aus ihrem eigenen Seckel bezalit— Die müſſen nicht ſchlecht reich ſein!“ „Das will ich meinen“, entgegnete der Steinmetz; 60 113 „die haben mir ein ſchönes Stück Geld zu verdienen gegeben beim Kirchenbau, und fromm ſind ſie, daß es gar nicht zum Sagen iſt. Alle zwei ſind ſie im dritten Orden und haben ein Verlöbniß gemacht, daß keiner von ihnen heirathen thut; das ganze Vermögen kriegt einmal die Kirche und die Armen. Jetzt baun ſie ſich wieder auf ihrem Schlößl in Maria⸗Einſiedel draußen eine Hauskapelle. Sie können nichts Schöneres ſehen, und wenn Sie's ganze Baiernland auf und ab gehen!“ Während des Geſprächs hatte der Krämer Fellerer ſeinen Krug geleert, der Geſellſchaft flüchtig einen ebenſo flüchtig erwiderten Gruß zugerufen und ſich dem Thor zugewendet, um den Heimweg anzutreten. „So ſollten halt alle vornehmen und ſtudirten Herrn ſein!“ begann der Steinmetz wieder.„Das gäb' ein Leben wie im Himmelreich; aber es ſind nur gar zu viel drunter von der neumodiſchen Art und unter den Bürgersleuten fangt's auch ſchon einzureißen an— der da fortgeht, iſt auch einer davon!“ „Recht haben S'“, unterbrach ihn Strandhofer eifrig;„aber wo kommt's her? Blos davon, daß man die jungen Leut' in die Welt hinausſchickt, da werdenſ' verdorben. Ich hab' drei Buben, aber ich hab' keinen davon übers Baiernland hinausgeſchickt, höchſtens ins Kaiſerliche oder ins Tirol. Das ſind auch gut⸗ Schmid, Concordia. II. 8 114 katholiſche Länder! Was ſie für uns brauchen, das können ſie bei uns auch lernen und alles Andre ſind Dummheiten, für die gebe ich keinen bairiſchen Heller, und das iſt gewiß wenig.“ „Ja, ja“, ſagte der Steinmetz beiſtimmend,„der Herr Stadtverordnete ſind halt ein Mann von echtem altem Schrot und Korn. Wenn lauter ſolche im in⸗ nern und äußern Rathe ſitzen thäten, dann könnten ſie zuſammenhalten und ſich vorſpreizen und die neuen Moden nit rein laſſen, ſonſt wird's noch alleweil ſchlechter. Nicht umſonſt hört man lauter ſo ſchreck⸗ liche Sachen. Ich bin erſt neulich bei den Franziska⸗ nern im Refectorium zum Beſuch geweſen— ein präch⸗ tig's Bier habens die Franziskaner, das muß man ihnen laſſen— und da hat mir der Pater Kellermeiſter im Vertrauen erzählt, daß man in Italien oder wo einen Kometen geſehen hat, der iſt drei Tag' und drei Nächte am Himmel da geſtanden, wie eine große feu⸗ rige Ruthe, grauslich, grauslich!“ „Und in Landshut“, ſagte ein anderer Bürger, „das hab' ich für ganz g'wiß gehört, am Seligenthaler Kloſter, da ſteht an der Pforte eine ſteinerne Mutter Gottes, die ſoll die Augen verdreht und g'ſeufzt haben!“ „Was Er ſagt!“ rief der Steinmetz.„Das iſt frei⸗ lich was Wunderbar's. Aber“, ſetzte er etwas leiſer * 115 und unſicher hinzu,„eins geht mir dabei doch nit ein. Ich bin g'wiß ein guter Katholik, aber ich hab' halt in meinem Leben ſchon viel mit Steinern zu thun gehabt, da hat ſich nie einer gerührt; da kann ich halt nit begreifen, wie ein Stein ſeufzen kann!“ „Nachher wird's halt mit dem Glauben auch nit weit her ſein!“ rief der Metzger ungeſtüm.„Meint der Herr vielleicht, unſer Herrgott thut ein Wunder, damit's der Herr begreift? Deswegen g'ſchieht's ja grad', daß man's nit begreift. Das iſt eine Zulaſſung Gottes. Wenn der Herr aus Niederbaiern iſt, wie Er ſagt, könnt Er das ſchon beſſer wiſſen! Geh' Er hinaus an die Donau, da ſteht auf dem Bogenberg in einer präch⸗ tigen Wallfahrtskirche eine Mutter Gottes, ſo groß wie ein ausg'wachſener Mann, ganz maſſiv von Stein, und die iſt auf der Donau dahergeſchwommen. Wenn aber ein Stein im Waſſer ſchwimmen kann, dann, mein' ich, wird er wohl auch das Seufzen zu Wege bringen. Das muß doch Jedem einleuchten, der nit ganz verſtockt und vernagelt iſt!“ Während des Geſprächs hatte an dem leeren Tiſche daneben der Trabant Stuhlreiter Platz genommen und von der Kellnerin einen Krug ohne Deckel erhalten. Die Stadtſchergen waren nicht eigentlich unehrlich oder anrüchig, aber ſo gering geachtet, daß ſie, wenn auch 8* ——————— an öffentlichen Orten geduldet, ſich doch ſeitwärts ſetzen und mit Krügen ohne„Luck“ vorlieb nehmen mußten. Gleichzeitig kam der Obermedicus Grünwald durchs Thor herein und ſchritt mit freundlichem Nicken zwi⸗ ſchen den Tiſchreihen ebenfalls dem Salettchen zu, aus welchem eben laute Geſpräche mit Lachen vermiſcht hörbar wurden. Der Steinmetz und einige Andere er⸗ widerten den Gruß des Doctors. Der Metzger ſtellte ſich, als ob er ihn nicht gewahre. „Das iſt auch einer von denen“, ſagte er dann, als Grünwald das Sommerhaus betreten hatte,„die alles Krumme grad' machen und lauter neue Bräuche einführen möchten! Neulich hat es gar geheißen, er ſollt' einem Luthriſchen durchgeholfen haben, der in die Stadt gekommen war, um auszuſpioniren, wie man's angehn müßte, um uns alle auch luthriſch zu machen. Aber wenn er auch einer von den Allerſchlimmſten ſein ſoll, ſo was kann ich doch nit glauben von ihm!“ „Und doch iſt es wahr!“ ſagte der Trabant von ſeinem Platze herüber.„Ich hab' denſelben Maleficanten ſchon gepackt gehabt, hab' ihn auf der That erwiſcht, wie er nach einer deutſchen Bibel gefragt hat. Der Obermedicus aber iſt gut geſtanden für ihn und hat ihn wieder freigemacht. Ich wett' meinen Kopf, er hat ihm auch durchgeholfen, wie wir ihn das zweite 417 Mal eingeſponnen haben. Aber es iſt ihm nicht ge⸗ ſchenkt, dem Herrn Doctor; ich habe mir's ins Kerb⸗ holz geſchnitten und könnte mir keine größere Freude den⸗ ken, als wenn er mir einmal einginge ins Schlaghäuſel!“ „Aber geſchickt ſoll der Doctor ſein“, bemerkte der Steinmetz;„wenn einem die Seele ſchon auf der Zunge ſitzt, bringt er ihn wieder zurecht.“ „Was hab' ich davon?“ grollte Strandhofer.„Die Religion iſt doch bei aller Geſchicklichkeit die Haupt⸗ ſache. Wer weiß, was er für unchriſtliche Mittel an⸗ wendet! Die Bäckerin am Neuhauſerthor, meine Godel, die hat das Schwinden in den Füßen gehabt und hat ſich vom Bader ein Jahr lang kuriren laſſen; da hat ſie's nachher mit dem Doctor Grünwald probiren wollen, weil ſie gar zu gern noch eine Wallfahrt, eine kleine Reiſ' nach Altötting gemacht hätt'. Da hat er ge⸗ ſagt, ſie hätt's zu weit kommen laſſen, da könnt' er auch nichts mehr machen, ſie ſollt' ſich lieber herrichten zur großen Reiſ in die Ewigkeit, hat den Hut aufge⸗ ſetzt und iſt gegangen. Iſt das auch ein Chriſtenthum und Nächſtenliebe?“ Der Trabant war unmerklich näher gerückt.„Ich habe ſagen hören“, flüſterte er,„er ſoll ſelber ein heim⸗ licher Lutheraner ſein oder gar ein Freimaurer. Frei⸗ lich, wenn man ihm ſo was beweiſen könnt' oder wenn —— man gar dahinter käm', wo die gottverfluchten Frei⸗ maurer ihr Neſt haben, da könnte man ſich einen Stein ins Bret ſetzen. Wiſſen denn die Herrn gar nichts? In dem Salettl kommen ja allerlei Herrn zuſammen; wenn man erfahren könnt—“ „Erfahren?“ ſagte der Steinmetz, indem er den Trabanten bedenklich von der Seite anſah.„Was gibt's da viel zu erfahren? Die Herrn kommen, ſeitdem der Kandlerkeller offen iſt, jeden Tag heraus, weil er die ſchönſte Lage hat und weil's das beſte Bier gibt. Sie haben nichts Heimliches, haben ja das Fenſter offen; wenn man will, kann man jedes Wort hören, das ſie reden.“ „Eben deswegen“, entgegnete Stuhlreiter, abermals näher rückend,„fällt gewiß keinem Menſchen ein, etwas Unrechts zu denken, aber beſſer wär' halt doch beſſer! Wenn man ſo die Gewißheit haben könnt'— und das wär' ja leicht— grad' weil die Fenſter offen ſind, könnt' man vielleicht hier und da ein Wörtl auffangen.“ „Mach' Er nit ſo viel Umſchneiden“, unterbrach ihn der Metzger barſch;„wir hören Ihn ſchon gehen, wenn Er auch noch ſo ſtill auftritt. Aber ich will Ihm einmal was ſagen! Wir ſitzen da, trinken unſer Bier und reden von der Leber weg, wie's uns ums Herz iſt, und die Herrn da drin, die machen es grad’ ſo wie wir. Wir ſind Münchner Bürger und wollen, „vV * daß Ordnung und Frieden und vor allem Religion ſein ſoll, dafür ſollen die ſorgen, die’s angeht, aber 119 mit Horchen und Auffangen geben wir uns nit ab! Das überla en wir den Schergen und den bezahlten Spitzeln. Verſtanden?“ Der Trabant erwiderte nichts; er that, als ob ſein Krug eben leer geworden, und entfernte ſich mit demſelben, um ihn anſcheinend an der Schenke ſelbſt füllen zu laſſen; bald aber änderte er ſeinen Weg und ſetzte ſich an einen andern Tiſch in der Nähe des Ein⸗ gangsthores, unweit der Alten, die ihre Rettige und Nüſſe den Eintretenden anbot oder von Zeit zu Zeit unter den Gäſten herumtrug. Niemand achtete darauf, daß der Trabant in kurzer Zeit in ein eifriges Ge⸗ ſpräch mit ihr gerathen war. Die Unterhaltung der Bürger war auch anderweit unterbrochen worden. Ein blinder Muſikant, vom Volk Scherzlgeiger genannt, trat, von einem Knaben geführt, an den Tiſch und ſang zu den Tönen ſeiner Geige das Lied von dem wackern Prinz Eugen und vom Brückenſchlag von Belgrad, den neueſten Volksgeſang der eben ſeinen Lauf durch die Welt begonnen hatte. Der ganze Keller bot einen freundlichen Anblick. War auch der Boden nur mit grobem Kies bedeckt, ſo erhoben ſich deſto ſtattlicher die alten mächtigen 120 Lindenbäume daraus empor, deren Kronen den Tag über vor der Sonnenhitze ſchattig kühle Zuflucht gewährten, abends aber dem milderen Strahl der ſinkenden Sonne nicht wehrten, wenn ſie, wie eben jetzt, über die Mauer herein mit ihrem letzten Purpur die Stämme zu vergolden und die Laubkronen zu röthen begann. Fröhliches Ge⸗ ſumm fröhlicher Stimmen ſchallte durch den Garten; die Töne der Geige und der wehmüthige Geſang des Blinden klangen verträglich darein; über dem ganzen Bilde ſchwebte ein Hauch der Ruhe und Behaglichkeit. Die Bewohner der Stadt, die ſich als Gäſte hier zu⸗ ſammengefunden, lebten unverkennbar in behäbiger Wohlhabenheit, zufrieden mit einem beſchränkten Looſe, ein anderes weder begehrend, noch kennend. Den ſchönſten Punkt bildete das Salettchen auf der überhöhten Kellereinfahrt; ganz von dem Laubdach e einer rieſigen Linde überdeckt, bot es über die Mauer hin einen vollen unbegrenzten Ueberblick auf die weite, wälderdurchflochtene Hochebene bis hin an das Ge⸗ birge, das in duftig klarer Ferne im Abglanze des Goldmeers verdämmerte, in das im Rücken des Be⸗ ſchauers die Sonne eben majeſtätiſch niedertauchte. Das kleine Häuschen, in dem ſich nur eine lange, von Stühlen umgebene Tafel befand, bildete gegen die Ausſicht hin ein einziges Fenſter, ſodaß den Gäſten . — 2— — 121 der Ausblick von allen Seiten geſtattet war und der Widerſchein des Sonnenuntergangs in den Zinnkannen blinkte, die in Reihen vor den Gäſten aufgeſtellt waren. 's war eine anſehnliche Geſellſchaft, die ſich um dieſe zuſammengefunden, meiſt reifere Männer, deren Erſcheinung und Haltung verrieth, daß ſie im Staat zu hohen Ehren und Würden gekommen, mehr äußer⸗ lich durch das Band einer gewiſſen Standesgleichheit zuſammengeführt, als verbunden durch Uebereinſtim⸗ mung des Gefühls und der Gedanken. Das Geſpräch war kein allgemeines; die Nachbarn begnügten ſich, es untereinander in möglichſt gelaſſenem Gange zu erhal⸗ ten. An der einen Wand hatten die Hofkammerräthe Rambeck und Hufnagel ſich zuſammengefunden, während gegenüber der Hofbaumeiſter Gunetsreiner ſich zu den Malerbrüdern Aſam geſellt hatte; daran reihten ſich die edlen Herren von Chlingensberg auf Pelham und von Reindl auf Hauſen, Mitglieder des Ausſchuſſes der bairiſchen Landſchaft, der zur Vertretung der Landſtände in der Reſidenzſtadt und am Hofe blieb, weil es lange außer Uebung gekommen, die Landſtände ſelbſt einzuberufen und zu befragen. Gegen das obere Ende hatte der Weingaſtgeber Stürzer vom Unſer⸗ Herrn⸗Thor ſich zu dem Bürgermeiſter Schönberg ge⸗ ſetzt, einem der Vier, denen dieſes Amt wechſelsweiſe oblag, einem Mann in der erſten Blüte und Kraft der dreißiger Jahre. Waren die erſtern mit einem aus verſchiedenen reifen Zweigen und Blättern zu⸗ ſammengeſtellten Strauße zu vergleichen, ſo bildeten die beiden mit dem Regierungsſecretär Pfreimter, der ſich beharrlich weigerte, ſein kohlſchwarzes Kraus⸗ haar mit Puder zu entſtellen, ein einiges Kleeblatt voll jugendlicher Friſche und Lebenskraft. Am Fenſter ſtand der zuletzt gekommene Doctor und ſah, an die Brüſtung gelehnt, ſchweigend in die ſchöne klare Herbſtlandſchaft und den prachtvollen Son⸗ nenuntergang hinaus. „Sie kommen ſpät, Herr Obermedicus“, ſagte Pfreimter zu dem Sinnenden,„und ſcheinen ungewöhn⸗ lich ernſt.“ „Nicht daß ich wüßte“, entgegnete dieſer in einer Weiſe, daß das Geſpräch den weiter unten Sitzenden nicht hörbar ſein konnte.„Es geht wohl Jedem ſo, wenn er in den Herbſt hinausblickt; Herbſt, Welken und Vergehen ſind untrennbare Begriffe und man braucht nicht gerade empfindſam zu ſein um durch ſolche Bilder gemahnt zu werden, wie Alles dahingeht, wie nicht blos die Gräſer und Halme verdorren und die Blätter abfallen, ſondern wie auch Alles, was wir ſelber thun, denken und wollen, ein gleiches Schickſal hat und oft ein Herbſttag mehr zerſtört, als eine ganze Reihe von Frühlingen herſtellen kann!“ „SSollten Sie heute einen ſolchen Herbſttag erlebt haben?“ fragte Schönberg theilnahmvoll entgegen. „Nicht gerade heut’“, war Grünwald's Antwort, „aber ich bin doch lebhafter als ſonſt ans Welken er⸗ innert worden! Sehen Sie hinaus in die Glorie die⸗ ſes Abends— können Sie ſich des Gedankens erweh⸗ ren, daß ihm vielleicht eine Nacht folgt, eine finſtere, unheimlich lange Nacht, die den erſten Reif bringen kann und deren Ende wir vielleicht nicht erleben? Ich kann mir bei all dieſer Schönheit nicht aus dem Sinn ſchlagen, daß auch wir vor einem ſolchen Herbſtabende ſtehen, dem eine Winternacht zu folgen droht, die viel⸗ leicht nicht nur die Blätter des vergangenen Jahres fallen macht, ſondern auch die Blüten künftiger Früh⸗ linge in der Knospe vernichtet.“ „Ich glaube Sie zu verſtehen“, ſagte Pfreimter ernſt,„ich glaube zu errathen, was Sie unter dieſem Bilde meinen, es iſt unſer Vaterland, ſeine Gegen⸗ wart und ſeine Zukunft. Doch das iſt ein Leid, das wir beſtändig mit uns herumtragen, wie man den Flor um den Arm trägt, wenn man Trauer angelegt hat um einen theuern Verſtorbenen. Es muß daher Neues und Beſonderes ſein, was Sie ſo ergriffen hat.“ 124 „Das iſt auch der Fall“, ſagte Grünwald.„Was hilft es, wenn ich mir ſelber Vorwürfe mache, daß ich wieder einmal zu ſanguiniſch war— das iſt ein Uebel, das bei mir chroniſch geworden, und faſt jeden Tag ertappe ich mich auf einer Recidive. Ich habe mich wieder einmal getäuſcht, und wenn ich mir auch ſage, daß irren menſchlich iſt, der bittere Nachgeſchmack, den die Pille der Enttäuſchung zurückließ, wird dadurch doch nicht vertrieben. Auf meinem Spaziergange auf den Iſarhöhen fiel mir ſo recht lebhaft ein, daß ich es vor Wochen wieder einmal für möglich gehalten es könnte bei uns die Duldung und Aufklärung wenigſtens in einem einzelnen Falle die Oberhand be⸗ halten, es könnte wenigſtens in einem einzelnen Falle gegen die herrſchende Macht der Prieſter das Recht eines armen Beraubten die Oberhand behalten! Ich habe Ihnen ſchon von dem jungen hoffnungsvollen Mann erzählt, deſſen Bekanntſchaft ich auf ſo unge⸗ wöhnliche Weiſe gemacht und auf einem ſolchen Spa⸗ ziergange fortgeſetzt hatte—“ „Allerdings“, ſagte Stürzer.„Sie ſchilderten ihn ſo anziehend, daß wir auf ſeine Bekanntſchaft ſehr neugierig geworden waren. Sie verſprachen doch einmal, ihn in unſere Abendgeſellſchaft einzuführen?“ „Es war leider nicht möglich, meine Zuſage zu 125 erfüllen“, erwiderte Grünwald ſchmerzlich.„Ein an⸗ dermal, in beſſerer Stunde werde ich mehr davon er⸗ zühlen. Für heute laſſen Sie es genug ſein, wenn ich Ihnen ſage, daß jener Mann München heimlich und bei Nacht verlaſſen mußte, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, verhaftet und einem ungewiſſen, ſcho⸗ nungsloſen Verfahren preisgegeben zu werden, das habſüchtige Frömmelei gegen ihn eingefädelt hatte. Für den Augenblick muß ich über die näheren Um⸗ ſtände ſchweigen; ich bin noch ohne unmittelbare Nach⸗ richt von ihm und weiß nicht, ob und wieweit ich von ſeinem Geheimniß Gebrauch machen darf.“ „Nun, Herr Obermedicus“, rief der Landſchafts⸗ verordnete von Reindl über die Tafel herauf,„wollen Sie ſich mit den Herren da oben ganz ſepariren und uns die Nouvelles vorenthalten, die Sie ſo eifrig dis⸗ putiren? Sicher haben Sie Ihre gewohnte Promenade gemacht und wieder einen Pack jener Contrebande mit⸗ gebracht, die man nicht zu controliren vermag, weil der Viſitator den Koffer, indem ſie cachirt iſt, nicht öffnen kann. Der Koffer iſt nämlich der Kopf“, ſetzte er mit ſelbſtgefälligem Lachen erklärende hinzu und wandte ſich, des gewohnten Beifalls harrend, zu ſeinen Nachbarn.„Was ſagen Sie, Meſſieurs, iſt das nicht ein ſehr gutes Bonmot?“ 5„·.˖ 126 „Es iſt allerdings mitunter ein Glück, daß we⸗ nigſtens die Gedanken noch zollfrei ſind“, ſagte Grün⸗ wald, indem er am Tiſche Platz nahm.„Heute in⸗ deſſen habe ich nicht blos geiſtige, ſondern ſogar greif⸗ bare Dinge hereingeſchmuggelt. Schlimm genug, daß man aus der Stadt nach Föhring gehen muß, wenn man eine Zeitung leſen und etwas erfahren will, was nicht zuvor durch die Cenſur des Collegiums neben der Michaelskirche verſtümmelt wurde! Schlimm ge⸗ nug, daß man in der bairiſchen Hauptſtadt nicht leſen ſoll, was zwei Stunden weiter im Bisthum Freiſing nicht beanſtandet wird!“ „Ja, ja, man kennt Sie ſchon und muß Ihnen etwas nachſehen“, lachte Reindl.„Sie ſind, wie alle Aerzte, ein Zweifler, toujours malcontent et raisonneur! Und worin beſtehen die Nouvelles, die Ihnen important genug dünkten, ſie über die Freiſinger Grenze zu brin⸗ gen?“ „In einem Exemplar des Erlanger Zeitungsex⸗ tractes“, ſagte Grünwald, indem er an die Wand trat, und die Bruſttaſche der leichte Pikeſche mit kurzem Krägelchen, die er über dem Rocke getra⸗ gen, durchſuchte; gleichzeitig war das am Thore feilhaltende Weib mit ſeinem Korbe voll Rettige und Nüſſe in das Salettchen getreten und machte, mit krei⸗ 127 ſchender Stimme ihre Waaren rühmend und ausbietend, die Runde um den Tiſch. Wirklich fanden ſich noch einige Abnehmer dafür; in dem Gedränge, das ſich bei Abwicklung der kleinen Geſchäfte in dem engen Raume ergab, wurde weder Grünwald noch einer der Gäſte gewahr, daß beim Durchſuchen der Papiere ein Blatt zu Boden gefallen war— nur dem ſchielenden Späherblick der Nußverkäuferin entging es nicht. Schnell beſonnen ließ ſie eine der eben als Kaufpreis empfangenen Kupfermünzen klingend zu Boden fallen, bückte ſich raſch, und während ſie im Dunkel danach herumtaſtete, hatte ſie unbemerkt auch das Blatt er⸗ griffen und in den bauſchigen Falten ihres Kittels verborgen. „Eh bien, mon cher ami“, begann von Reindl wieder, nachdem ſie ſich entfernt hatte,„Sie forciren unſere Neugier wohl mit Abſicht, um Ihre Nouvelle pikanter zu machen? Was betrifft ſie? Sind auch Nachrichten aus Paris darunter? Sie wiſſen, daß mich dieſe be⸗ ſonders intereſſiren.“ „Jawohl“, entgegnete Grünwald mit Beziehung, „wie ich als Malcontent, ſind Sie dafür bekannt, daß jeder Tand, der in Paris paſſirt, Ihnen wichtiger iſt als die größten Vorgänge in der deutſchen Heimat. Leider kommen jetzt von dorther keine andern Nachrich⸗ 128 ten als über die Hofhaltung Ludwig's XV. Das Neueſte iſt, daß er zu den drei Schweſtern Mailly, die er nach einander zu Maitreſſen gehabt, nun auch die vierte Schweſter, wahrſcheinlich die jüngſte, zu dieſem Ehren⸗ poſten erhoben hat! Meine Nachricht aber bezieht ſich zunächſt auf Preußen und ſeinen jungen König Friedrich, der es ſich vorgenommen zu haben ſcheint, jeden Tag ſeiner noch ſo kurzen Regierung mit einer merkwürdigen Einrichtung oder trefflichen Entſcheidung zu bezeichnen.“ „Pardieu“, ſchaltete Reindl etwas ſpitzig ein, „es muß alſo doch nicht ſo ſchlimm ſein, ſich für Frankreich zu intereſſiren; der König iſt eben nicht um⸗ ſonſt ein grand amateur der franzöſiſchen Literatur. Und was iſt das Neueſte von ihm?“ „Eine Verfügung, die wirklich eine große That genannt werden kann“, erwiderte Grünwald, das Blatt emporhaltend.„Er hat den Profeſſor der Philoſophie an der Univerſität zu Halle, den berühmten Wolf, der von ſeinem Vater aus dem Lande gewieſen und mit dem Galgen bedroht worden war, zurückberufen, hat ihn in ſeine Würden und ſein Lehramt wieder einge⸗ ſetzt und ſogar zum Kanzler der Univerſität ernannt!“ Die Nachbarn Grünwald's nickten und murmelten Beifall, die Andern ſahen ſich mit bedenklichen Mie⸗ nen an. 129 „Ich ſehe nicht, was daran ſo Merkwürdiges ſein ſoll?“ rief der Kammerrath Hufnagel, ein dicker Sech⸗ ziger mit weinrothem Geſicht, indem er eine Priſe Ta⸗ bak nahm und dann ſeine ſilberne Doſe unwillig zu— klappen ließ.„Bei einem Monarchen, dem ſo wenig an dem Seelenheil ſeiner Unterthanen liegt, daß er ſagt, bei ihm könnte Jeder nach ſeiner Fagon ſelig werden, bei dem iſt es wahrlich nicht zu verwundern, wenn er auch auf andere Weiſe dieſelben verwahrloſt und den Unterricht Freigeiſtern und Gottesleugnern preisgibt! Er wird ſchon noch erleben, was für Früchte aus die⸗ ſer Saat keimen, und mag ſich Glück wünſchen zur jungen Generation, die er ſich heranzieht!“ „Nun, da gehen Sie im Eifer doch wohl zu weit, Wolf einen Gottesleugner zu nennen“, ſagte der Land⸗ ſchaftsverordnete von Chlingensberg.„Das iſt er doch nicht.“ „Und was iſt er anders?“ rief der Kammerrath noch heftiger.„Iſt er's nicht geweſen, der die entſetz⸗ liche Methode aufgebracht hat, die über Gott und die Welt ſo gleichgültig und kalt argumentirt, als wären das Aufgaben, die man wie ein gewöhnliches Rechen⸗ exempel nach dem Einmaleins löſen kann? Geht er nicht darauf aus, unſern Herrgott abzuſetzen und dafür ſeinen Monaden das Weltregiment zu übertra⸗ Schmid, Concordia II. 9 130 gen? Und das nennt man heutzutage philoſophiren! Lieber Gott, man ſieht ja wohl auf den erſten Blick, was dahinter iſt. Wenn man bedenkt, daß er deutſch ſchreibt, was braucht es da noch mehr! Wer was Ge⸗ ſcheidtes weiß und was gelernt hat, der ſchreibt latei⸗ niſch; da iſt man ſicher, daß das gemeine Volk es nicht verſteht; deutſch ſchreiben nur die neumodiſchen Freigeiſter, die ſogenannten Aufklärer, die ſich anſtellen, als wenn ſie dem Volke Wunder was zu ſagen hätten, 5 und denen es dabei nur ums Hetzen und Aufwiegeln zu thun iſt. Und nun gar Philoſophie und deutſche Sprache! Ich habe in Ingolſtadt auch Philoſophie, Metaphyſicam und Logicam gehört und kann mitreden. Die deutſche Sprache iſt für ſo etwas viel zu ungeſchickt, zu ſchwerfällig, zu arm.“ „Das iſt leider ein Punkt, in welchem Sie wider Willen mit dem verhaßten König Friedrich überein⸗ ſtimmen“, ſagte Grünwald mit gutmüthigem Lächeln. „Ohne aber auf Ihre Philippika weiter einzugehen, denke ich, wir könnten es getroſt der Zeit und der Wiſſenſchaft überlaſſen, ob die Weltregierung des Ewigen wirklich durch die Wolf'ſchen Monaden bedroht wird. Ich wünſchte lieber, ich könnte einen Ableiter für das Gewitter erblicken, das in der Frage wegen der Wahl eines deutſchen Kaiſers und wegen der öſterreichiſchen Erb⸗ 4 folge über uns und dem Reiche ſich zuſammenzieht! Daß Baiern und die Pfalz das gemeinſame Reichs⸗ vicariat führen, iſt das einzige Lebenszeichen, das man öffentlich gewahr wird, außerdem iſt Alles unheimlich ſtill und voll erwartender Schwüle, wie vor einem Gewitter. Von und nach allen Seiten werden geheim⸗ nißvolle Verhandlungen gepflogen, wie Wolken, die von allen Seiten heraufziehen und gewiß zuſammen⸗ ſtoßen werden, um ſich unheilvoll zu entladen. Wann das aber geſchehen wird und wie und wohin der erſte Blitz treffen wird, wer weiß das zu ſagen? Ich fürchte ſehr, das Unheil wird nicht lange auf ſich warten laſ⸗ ſen und über unſern Köpfen losbrechen, wenn der Kurfürſt, wie verlautet, geſonnen ſein ſoll, die alten Erbrechte an das Erbe von Habsburg geltend zu machen.“ „Ich glaube nicht mehr daran“, ſagte Reindl. „Vor einiger Zeit hatte es allerdings einige Apparencc, jetzt aber ſcheint die Situation changirt und ſich voll⸗ ſtändig éclairirt zu haben. Wäre Aehnliches ernſtlich beabſichtigt, würde man nicht ſo lange gewartet haben, ſich zu prononciren.“ „Das dünkt mich eben kein Grund“, entgegnete Chlingensberg, deſſen ſcharfgeſ chnittenes, kluges Geſicht ſo⸗ wie ſeine beſonnene Haltung die Annahme rechtfertigten, daß er diplomatiſchen Verbindungen nicht fern ſtand. „Ein ſo wichtiger, jedenfalls gewagter Schritt will wohl überdacht ſein und wird nicht eher gethan, als bis man ſich eine feſte, ſichere Stellung ermittelt hat, auf die man ſich im Fall des Mißlingens zurückziehen kann; nicht eher, als bis man Alliirte gefunden, mit denen man ſich den Rücken decken kann.“ „Sie haben vollkommen Recht“, entgegnete Grün⸗ wald,„und wenn meine Nachricht Grund hat, iſt man eben bei uns eifrig bedacht, ſolche Alliirte und ſolche feſte Stellung zu gewinnen. Hören Sie, was mein Erlanger Zeitungsertract ſagt“, fuhr er leſend fort: „Auch zweifelt man nicht, daß es der Staatsklugheit des jungen Monarchen gelingen wird, ſich unter den zumeiſt betheiligten Reichsſtaaten eine Partei zu ſchaffen, die wohl geeignet iſt, die ſämmtlichen Deſi⸗ deria der Einzelnen zu effectuiren und ſich gegenſeitig zu garantiren.“ Wer könnten die zunächſt betheiligten Reichsſtaaten ſein? Es liegt auf platter Hand, daß darunter Kurbaiern gemeint iſt!“ „Fällt Ihnen ſonſt nichts mehr ein, Herr Oberme⸗ dicus?“ rief Hufnagel noch ärgerlicher als vorher.„Eine Allianz mit Preußen? Das wäre der gerade Weg ins Verderben. Von ſo etwas ſollte man eigentlich gar nicht ernſthaft reden. Daß der König und das ganze ——— —,— — 133 Land lutheriſch ſind, wollte ich mir noch gefallen laſſen, aber ich glaube gar nicht mehr, daß ſie überhaupt noch Chriſten ſind. Man hat es wohl geſehen, wie der vorige König ſich zum Könige machte! Hat er ſich etwa auch krönen laſſen wie andere Monarchen und Potentaten, die die Krone von Gottes Gnaden auf⸗ ſetzen? Nein, er hat ſich die Krone ſelbſt aufgeſetzt; er iſt König von eigenen Gnaden. Das iſt ein Frevel, ſage ich, das iſt unchriſtlich! Eine ſolche Allianz würde zur großen Betrübniß und Beunruhigung der Ge⸗ müther dienen und doch nichts fruchten. Bis uns der Alliirte aus der ſandigen Mark zu Hülfe kommen könnte, hätt' uns Oeſterreich längſt auf dem Kraut verſpeiſt.“ „Auch ich ſehe nicht ein“, ſagte der eine von den Brüdern Aſam mit ſanfter Stimme,„wozu Baiern einer ſolchen Allianz und überhaupt einer Allianz be⸗ dürfte. Unſer gnädigſter Kurfürſt wird keinen An⸗ ſpruch erheben, wenn er nicht das Recht auf ſeiner Seite hat, wer aber das Recht für ſich hat, bei dem iſt Gott. Das Baiernland hat übrigens ſchon von altersher ſeinen bewährten Alliirten, die allerſeligſte Jungfrau Maria, die drin in der Mitte der Stadt auf dem Schrannenplatz hoch aufgerichtet ſteht, als die wahre Patrona Bavariae. Unſer Kurfürſt wird 134 mit ſeiner Marianiſchen Armee in ihrem Schutz mehr ausrichten als mit vierzigtauſend ketzeriſchen Preußen!“ Die jüngeren, freier denkenden Mitglieder der Geſellſchaft waren ſchon bei den letzten Reden unruhig geworden, jetzt vermochte Pfreimter nicht mehr ſich zu mäßigen und ſprang auf, obwohl Grünwald abmahnend ihm die Hand auf den Arm legte. „Nun, bei Gott, Herr Egidius Aſam“, rief er,„es ſcheint, Sie wollen nicht blos unſere Geduld, ſondern auch unſern Verſtand auf die Probe ſtellen! Solche An⸗ ſichten können denn doch unmöglich Ihr Ernſt ſein!“ Warum nicht?“ fragte der Künſtler und wandte dem Fragenden ſein frommes, von keinem Zweifel ent⸗ weihtes Jünglingsantlitz zu.„Mir ſind ſie erprobt. Ich und mein Bruder, wir haben von Jugend auf unſer Vertrauen zu dieſer Patronin gehabt, ſind wohl dabei gefahren und hoffen es fürder zu thun bis an ein ſe⸗ liges Ende!“ „Nun denn“, rief Pfreimter wieder,„dann müſſen wir Andern uns mit dem Gedanken beruhigen, daß Sie nicht Ausſicht haben, Kriegsminiſter zu werden; als ſolcher würden Sie von der Patrona Bavariae wohl keine an⸗ dere Förderung erwarten dürfen, als wenn man ſich allenfalls entſchlöſſe, ſie zu Kanonen umzugießen.“ Der fromme Künſtler erblaßte bis in die Lippen — 135 hinein, Entrüſtung malte ſich auf den Geſichtern der Uebrigen; ſelbſt Grünwald wiegte bedenklich das Haupt. „Sie flackern wieder einmal auf wie übelverwahr⸗ tes Pulver“, ſagte er lächelnd,„und begeben ſich da⸗ durch des Rechts, dem Herrn Hofmaler ſeine Anſchau⸗ ung zum Vorwurfe zu machen. Die Ihrige iſt nicht minder extrem.“ So wohl gemeint ſein ruhiges Dazwiſchentreten war, würde es vielleicht die beabſichtigte Wirkung doch nicht erreicht haben, denn Hufnagel und Reindl nickten und winkten einander zu und ſchienen bereit, dem jun⸗ gen Freigeiſt ſür alle Zeit die Luſt zu ſolchem Frevel zu vertreiben: der Eintritt der Kellnerin und ihr lau⸗ ter Ruf:„Trinken S' aus, meine Herrn, an'zapft wird!“ hinderte ſie daran und half den Frieden er⸗ halten. Die Gäſte leerten ihre Kannen und reichten ſie dem Mädchen mit denſelben Späßen, die täglich bei dieſer Gelegenheit wiederholt und täglich allerſeits mit gleichem Behagen aufgenommen wurden. Grün⸗ wald benutzte die darüber eingetretene allgemeine Ruhe, um das Geſpräch in andere Bahnen zu lenken. „Laſſen wir denn die Politik“, ſagte er.„Wenn auch das Herz jedes guten Patrioten den wärmſten Antheil an den Geſchicken ſeines Landes nimmt, man 136 bekommt doch nur Herzweh davon! Wir ſitzen im Schiffe und müſſen mit demſelben fahren! Ob es glatt dahingeht, oder per Syrtes aestuosas, wie Freund Ho⸗ razius ſagt, wir müſſen mit und dürfen denen nichts dareinreden, die am Steuer ſtehen. Das Herzweh aber, Cardalgia, das glauben Sie dem Arzt, iſt ein böſes Leiden, für welches das Infuſum Cinnamomi in hun⸗ dert Fällen nichts helfen will! Zum Glück gibt es ein Gebiet, auf das man ſich wie auf neutralen Boden flüch⸗ ten und vertragen kann, das Gebiet der Viſſenſchaft, der Künſte, der ſchönen Literatur! Schon lange iſt der ſchöne frühere Brauch nicht mehr beachtet worden, daß in dieſem Cirkel jeden Abend ein Anderer etwas mit⸗ bringen und vorleſen oder berichten ſoll, was er da und dort Merkwürdiges gefunden. An wem wäre wohl die Reihe?“ „Die Reihe iſt zwar nicht an mir“, ſagte der andere von den Malerbrüdern, der bisher geſchwiegen, „der Zufall aber ſetzt mich dennoch in den Stand, den Herren etwas aus dem gevprieſenen Bereich der Künſte mitzutheilen. Auf einer kleinen Reiſe, die ich vor einiger Zeit zum Reichstag nach Regensburg ge⸗ macht, habe ich mir dort einige der neuern Belletriſten angeſchafft, darunter den Lohenſtein, nämlich deſſen nach ſeinem Tode zuerſt geſammelte Scherz⸗ und Trauer⸗ 4 r 137 gedichte. Mit Ihrer Erlaubniß werde ich ein Stück daraus vorleſen, das ich mir eingemerkt habe, weil es mir zur Jahreszeit zu paſſen ſchien. Es iſt ein Herbſt⸗ lied.“ Er las: „Schatzreicher Herbſt, des Jahres Speiſemeiſter, Wo jeder Stern nur Segen auf uns thaut, Du ſchaffſt den Himmel rein, die Erde feiſter, Du wirkſt, daß die Natur, die mit dem Frühling Braut, Im Sommer Mutter wird, im Winter nicht mehr ſäugt, Nun als Verſchwenderin ſich zeigt. Wenn auch der Herbſt ſonſt kein Gewächs mehr hätte, So wäre mehr als viel der ſüßen Trauben Saft; Er iſt die Milch der Alten, iſt das Fette Der Erde, Mark und Oel der Welt, der Schwachen Kraft: Dem Vogel nicht, noch Fiſch, noch andern Thieren, nein, Dem Menſchen ſchuf ihn Gott allein.“ Als er geendet, verfehlten die älteren Männer nicht, ihren Beifall auszuſprechen, die Partei der jün⸗ geren verharrte in Schweigen. „Sind zwar lauter nichtsnutzige Allotria, bloße Spielereien, die keinen Sinn haben“, ſagte endlich Rath Hufnagel,„aber es hört ſich ganz gut an, das Zeug, beſonders das Letzte mit dem Wein hat mir gefallen.“ „Entſchuldigen Sie, wenn ich Ihnen dabei nicht zuſtimmen kann“, rief Pfreimter.„Es ſcheint heute ſchon 138 mein Schickſal zu ſein, daß ich widerſprechen muß. Ich finde im Gegentheil das ganze Poem geſucht und im höchſten Grade gezwungen, den Schluß aber gera⸗ dezu gewöhnlich und alltäglich. Die Ausdrücke:„das Fette der Erde“ oder:„die Erde wird feiſter“ hören ſich ordentlich ſchmierig an.“ „Freilich“, entgegnete Hufnagel gereizt,„der Herr Secretarius iſt ein Allerweltskritikus und Schöngeiſt! Der verſteht's natürlich beſſer als wir alten Leute und philiſter⸗ haften Kanzleimenſchen. Ueberall kann man nicht zu Hauſe ſein, der Herr iſt's auf dem Parnaſſus und wird nichts dagegen haben, wenn wir's am Kanzleitiſch ſind.“ „So wenig als gegen die angedeutete beſondere Weinkunde, mein Herr Kammerrath“, entgegnete Pfreim⸗ ter nicht ohne Spott.„Uebrigens begreife ich nicht, wie eine kleine Bemerkung über Lohenſtein Sie ſo ſehr in Harniſch bringen kann. Es hat doch Jeder das Recht, ſich gefallen zu laſſen, was ihm eben gefällt!“ „Laſſen Sie's gut ſein“, unterbrach ihn Grün⸗ wald;„die Gemtüher ſind heute ſo ſchon aufgeregt. Viel⸗ leicht bin ich glücklicher, wenn ich etwas bringe, was allen neu ſein wird und deshalb vielleicht auf allge⸗ meine Theilnahme rechnen kann. Ein günſtiger Zufall hat mir das neueſte Stück der„Bremer Beiträge“ in die Hand geſpielt; es iſt darin ein Aufſatz eines jungen 139 ſatiriſchen Genies enthalten, das ſchon in den früheren Heften durch ſeinen Witz außerordentliche Hoffnungen erweckte.“ „Es iſt merkwürdig“, ſagte der Rath Hufnagel, „was dieſen jungen ſogenannten Genies Alles ein⸗ fällt! Jetzt ſchreiben ſie auch noch Satiren, natürlich nicht auf ſich ſelbſt, hwo es am meiſten noththäte, ſondern auf andere Leute, die nicht zugeben wollen, daß ſie Witz und Verſtand allein in Pacht ge⸗ nommen haben. Wo kommen die Beiträge heraus, ſagen Sie? In Bremen? Das iſt ja auch preußiſch!“ „Nicht doch“, erwiderte Pfreimter ſpöttiſch,„der Herr Kammerrath wiſſen doch, daß Bremen eine der freien Hanſaſtädte iſt, unfern der Weſermündung gelegen.“ „Das kommt Alles auf Eins heraus“, polterte der Kammerrath;„lutheriſch ſind ſie dort auch und das iſt die Hauptſache. Lutheriſch oder preußiſch, das macht bei mir nicht viel Unterſchied. Und über was ſatiriſirt denn das junge Genie?“ „Es iſt eine höchſt launige Abhandlung, worin denjenigen, die bei Dikaſterien oder Collegien eine Angelegenheit zu betreiben haben, guter Rath gegeben und in einer Reihe von erdichteten Briefen die Kunſt des Beſtechens ſcherzhafter Weiſe in ein förmliches Syſtem gebracht wird.“ 140 „Was?“ unterbrach ihn Hufnagel giftig.„Die Kunſt des Beſtechens? Und das ſoll Satire ſein? Das iſt ja eine Beleidigung für alle Beamten, ein Pasquill, das man dem Burſchen auf der Hand ver⸗ brennen ſoll! Haben denn die Leute gar keine Cenſur, daß ſo etwas gedruckt werden darf?“ „Nicht doch“, ſagte Grünwald begütigend und doch auch unmuthig, daß auch dieſer Verſuch einer beſſern Unterhaltung fehlgeſchlagen.„Wenn die Satire allge⸗ meine Thorheiten in erdichteten Geſtalten verſpottet, be⸗ leidigt ſie Niemand. Das iſt weder ihre Abſicht noch ihr Zweck, am wenigſten iſt das wohl die Abſicht des Ver⸗ faſſers, der, wie ich höre, Rabener heißt und ſelber Steuerbeamter in ſächſiſchen Dienſten iſt. Aber ich ſehe wohl, wenn ſchon eine bloße Erwähnung des Inhalts ſo herbe Beurtheilung erfährt, dann iſt es beſſer, das Schriftchen lieber ungeleſen zu laſſen. Die Alten unter⸗ ſchieden glückliche Tage und unglückliche. Es ſcheint heute ein ſolcher dies nefastus zu ſein“, fuhr er fort, indem er das Heft lächelnd zuſammenlegte und in die Taſche ſteckte. „Eh bien, laſſen wir die Lectüre überhaupt“, rief von Reindl.„Die deutſchen Poeten alle miteinander kommen doch nicht in considération gegen die franzö⸗ ſiſchen. Darin werden Sie mit mir d'accord ſein, daß 141 dieſer Herr Rabener noch große Progrès zu machen haben wird, ehe er einem Boileau nur die Schuhrie⸗ men löſen darf! In neueſter Zeit ſoll, wie ich höre, ein Leipziger Profeſſor die reſpectable Intention ha⸗ ben, etwas Gout für die franzöſiſche Poeſie zu erwecken; ich glaube, Gottſched heißt der Mann oder Gottſcher— mon dieu, wer kann dieſe barbariſchen Namen behalten!“ „Sagen Sie doch, Herr Obermedicus“, fragte Bürger⸗ meiſter Schönberg dazwiſchen,„haben Sie uns über die neulich angeregte Frage nichts mitzutheilen, wo wir im kommenden Winter unſere Zuſammenkunft halten wer⸗ den? Es dürfte Zeit ſein, ſich darüber ſchlüſſig zu ma⸗ chen; der Herbſt iſt zwar ſchön, aber die Nächte werden ſchon ſehr kalt und der Schnee kann uns über den Hals kommen, ehe wir es denken.“ „Allerdings habe ich mich damit beſchäftigt“, ſagte der Obermedicus,„und glaube ein Lokal vorſchlagen zu können, das vollkommen paſſend ſein dürfte. Es iſt das neuerrichtete Kaffeehaus in der Kaufingergaſſe, wo wir ein hübſches ſeparirtes Zimmer haben können und die Inhaberin Frau Mundizia Roſinoni uns die beſte Bedienung verſpricht, wenn wir ihr die Ehre anthun, bei ihr einzuſprechen.“ „In einem Kaffeehaus? Nein, das iſt nichts“, ſagte Hufnagel geringſchätzig;„da iſt das Bier ſchlecht 142 oder gar in Flaſchen abgezogen, das macht Congeſtionen nach dem Gehirn.“ „Dann kann der Herr Kammerrath es unbedenk⸗ lich trinken“, murmelte Pfreimter biſſig vor ſich hin, während Weinwirth Stürzer ihm lächelnd mit dem Finger drohte. „Vraiment“, ſagte Reindl,„ich bin auch nicht portirt für das Café und habe einen kleinen Soupgon gegen unſern verehrten Obermedicus, daß es weniger die Reize des Lokals ſind, was ihn zu dem Vorſchlag be⸗ wog, als die der ſchönen ſchwarzäugigen Frau Mun⸗ dizia Roſinoni. Die mediſante Welt will wiſſen, der Herr Obermedicus, der ſonſt in der Trinkſtube geſpeiſt, ſei in die Kaufingergaſſe übergeſiedelt. Ja, ja, das iſt eine femme très charmante!“ Ueber das ſtets freundliche Purfeht des hage⸗ ſtolzen Doctors glitt eine unmuthige Bewegung. „Wenn ich das Haus beſuche“, rief er und maß den Spötter mit feſtem Blick,„ſo iſt das eine Empfeh⸗ lung, wie ich feſtzuhalten bitte. Frau Mundizia aber iſt eine wackere Frau und nach meinem Sinn auch eine charmante Frau. Sollte Herr von Reindl aber da⸗ mit einem andern, franzöſiſchen Sinn verbinden, ſo müßte ich mir darüber eine nähere Explication er⸗ bitten.“ 143 Der Franzoſenfreund, die ernſte Miene bemerkend, war ſogleich bereit, einzulenken, und trat zu Grünwald, ihn zu begütigen. „Ich weiß nicht, wie das iſt“, ſagte der Hofbau⸗ meiſter Gunetsreiner,„hat es nicht einmal geheißen, daß dort die Freimaurer ihre Zuſammenkunft haben? Wir ſind doch meiſtens Beamte und Hofbedienſtete, da wird ſich's für uns nicht ſchicken, daß wir an einen ſol⸗ chen Ort gehen.“ „Und ich ſehe überhaupt nicht ein, warum wir nicht zum Haſcherbräu gehen, wie im vorigen Jahre“, rief Hufnagel.„Da iſt es doch ganz gemüthlich geweſen in dem kleinen Herrenſtübel!“ „Allerdings“, ſagte Pfreimter ungeduldig,„wenn Sie ſonſt nichts verlangen als daß wir beiſammen ſitzen und Bier trinken und von gleichgültigen Dingen re⸗ den; aber Sie erinnern ſich doch, daß auf Vorſchlag des Doctors der Beſchluß gefaßt wurde, unſern Zuſammen⸗ künften den Charakter einer Art von literariſcher Ge⸗ ſellſchaft zu geben, in der Alles, was ſich in der Welt begibt, im vertrauten Kreiſe beſprochen werden könnte.“ „Das haben wir freilich beſchloſſen“, lachte Huf⸗ nagel,„aber heut' beſchließen wir halt wieder anders und laſſen's gut ſein. Wir ſehen ja, was bei den Neuerungen und bei der ganzen Leſerei herauskommt, nichts als Streit und Verdruß!“ „Und dann“, begann der vorſichtige Hofbaumeiſter wieder,„ein ſolches Geſpräch kann man ja auch in einem andern Lokal führen, dazu braucht man kein abgeſperrtes Zimmer; dann kann Niemand Unrechtes von uns denken!“ „Ich für meinen Theil muß mich offen zu derſel⸗ ben Anſicht bekennen“, ſagte Maler Aſam.„Ich bin ein großer Freund der Literatur, wenn ſie in ihren Schranken bleibt; es läßt ſich aus ihr auch für die Kunſt, die ich betreibe, manches Erſprießliche ableiten, aber was ſie bei einer ſolchen Geſellſchaft fruchten ſoll, vermag ich ich nicht zu begreifen. Man zerſtreut ſich nur, wäh⸗ rend doch Jeder am beſten daran thut, ſich zu ſam⸗ meln und zu ſehen, wie er in der Stille in ſich und mit ſich fertig wird. Wer aber gleichwohl meint, daß Geſellſchaft ihn fördere, der hat ja in München reichliche Gelegenheit. Wozu ſind die Sodalitäten, die Marianiſche Congregation vorhanden? Und wer noch mehr verlangt, der findet im Collegium der Je⸗ ſuiten oder bei den gaſtlichen Franziskanern anregende Anſprache und Belehrung, ohne fürchten zu müſſen, daß er Dinge hört, die man, wenn man ſie auch nicht bil⸗ ligt, doch gewiſſermaßen unwillkürlich einathmet, wie ſchlechte Luft, die allmälig das Blut verdirbt.“ & 145 „Mich dünkt, es will vollſtändig finſter werden“, ſagte Grünwald ernſt, indem er ſich erhob.„Für mich iſt es Zeit, nach der Stadt zurückzukehren. Viel⸗ leicht begleiten Sie mich, Herr Secretär?“ „Ich bitte darum als um eine Gunſt“, rief Pfreimter und ſprang ſo haſtig auf, als habe er Angſt, länger in dieſer Umgebung bleiben zu müſſen. Auch Bürgermeiſter Schönberg, Weinwirth Stürzer und Landſchaftsverordneter Chlingensberg ſchloſſen ſich an, während Hufnagel ſich zu Aſam hinüberneigte und ihm — zuflüſterte: „Aha, ſie gehen! Dasmal haben wir es den Auf⸗ klärern geſagt, daß ſie uns ſobald nicht wiederkom⸗ men mit ihren Projecten! Sollen nur gehen, dann kann man erſt gemüthlich ſein!“ Der Abſchied war gegenſeitig ziemlich kühl und förmlich. Grünwald und ſeine Gefährten hatten ſchon die Thür erreicht, als auch der greiſe Kammerrath Raabeck ſich erhob und ihnen nachrief: „Nehmen Sie mich auch mit, meine Herren. Die Luft in dem kleinen Stübchen iſt ſo dumpfig gewor⸗ den, daß auch ich mich ins Freie ſehne!“ Mit einem kurzen„Gute Nacht, meine Herrn!“ ſchritt er an den Blei⸗ benden vorüber und trat in das Dunkel der Linden hinaus, wo die Andern ſchon aufathmend beiſammen ſtanden. Schmid. Concordia. II. 10 „Ich bin Ihretwegen mitgegangen“, ſagte er zu Pfreimter, deſſen Arm er ergriff und ihn ſeitwärts führte. „Ich habe von Ihrem Chef Gutes über Sie gehört, Sie ſind ein aufſtrebender junger Mann und ſollen ein tüchti⸗ ger Arbeiter ſein. Deshalb nehmen Sie guten Rath von mir an und ſeien Sie auf der Hut! Sie ſind auf dem Wege, ein zweiter Lüttich zu werden.“ „Wer iſt Lüttich?“ fragte Pfreimter verwundert. „Haben Sie nie von ihm gehört?“ antwortete der Rath.„Lüttich war ein begabter, hochſtrebender Jüng⸗ ling wie Sie, der im Schwunge ſeiner Begeiſterung glaubte, allen Menſchen das, was er für wahr und gut erkannt, offen predigen zu dürfen und aufdrin⸗ gen zu müſſen. Er war, wie Sie, Secretär beim Re⸗ gierungscollegium, bis der Einfluß eines bekannten geiſt⸗ lichen Ordens ihm den Boden unter den Füßen unter⸗ grub. Er mußte ſein Vaterland mit dem Rücken an— ſehen und ſein Glück in der Fremde ſuchen. Ab⸗ auch in Mannheim, wohin er ſich gewendet, blieb er derſelbe ungeſtüme Feuerkopf, der er in München ge⸗ weſen. Eines Morgens wurde er auf öffentlichem Spaziergange todt gefunden, den Dolch in der Bruſt, wie es vor Zeiten die Vehme im Brauch gehabt. Daran denken Sie, und mäßigen Sie Ihr Feuer, das über Ihnen zuſammenlodern will! Ueberſtürzen Sie nichts! 147 Was dauern ſoll, muß langſam gebaut werden. Ler⸗ nen Sie Geduld haben!“ Er ließ den Arm des jun⸗ gen Mannes los, ſchritt raſch voran und war bald im Dunkel verſchwunden. Tiefſinnig erwartete Pfreimter die heranſchreitenden Freunde. „Nun, hatte ich Unrecht, Herr Obermedicus“, ſagte Schönberg,„als ich gleich bei Ihrem Vorſchlage voraus befürchtete, der Plan würde nicht durchführbar ſein? Wir können nichts thun als ſeufzen und auf beſſere Zeit hoffen!“ „Ja, Sie haben leider Recht behalten“, erwiderte Grünwald,„aber deshalb iſt es doch nicht an dem, was Sie meinen, am Seufzen und Hoffen, am Verza⸗ gen und Aufgeben; auch der hoffnungsloſe Verſuch iſt eine edle That, er muß gemacht werden. Wir haben angeklopft an die Herzen dieſer Männer, und der helle Ton, mit dem ſie antworteten wie leere Fäſſer, hat ge⸗ zeigt, daß ſie hohl und ohne Inhalt für uns ſind. Wir wiſſen nun unwiderleglich, wie ſie und die meiſten ih⸗ resgleichen geſinnt ſind, wir ſind um eine Hoffnung ärmer, aber auch um eine Gewißheit reicher. Was ſcha⸗ det das? Es gibt doch noch einige biedere Männer und helle Köpfe, und ſind es auch nur wenige, auf die Zahl kommt es ja nicht an! Wir, das unanſehnliche Häuflein, wollen das Werk doch unternehmen und ei⸗ 10* —— 148 nen Bund ſchließen, von dem wir hoffen, daß er ſich zum Gedeihen des Vaterlandes entwickeln wird! Wir unter uns ſind einig; ſo wollen wir denn für uns handeln und warten, ob nicht allmälig in der Stille verwandte Geiſter ſich anſchließen wie die Kryſtalle um den Kern. Unter einfachem, unſcheinbarem Namen wollen wir zuſammenkommen und zuſammenſtehen und als gute Patrioten und vertraute Nachbarn am Iſar⸗ ſtrande den Kampf aufnehmen mit der Finſterniß! Wenn Sie das wollen, geben Sie mir ſchweigend die Hand!“ Sie thaten es; er faßte ſie nacheinander, ſchüt⸗ telte ſie und fuhr bewegt fort:„Nicht verzagt, meine Freunde! Laſſen wir uns nicht irren und einſchüchtern, weil Nacht um uns her iſt! Es muß Nacht ſein, wenn der Morgen kommen ſoll, aber ebenſo gewiß iſt, daß der Morgen kommen muß und das Licht mit ihm! Und wenn uns vielleicht beſtimmt iſt, vorher in der Nacht zu ſterben und Morgen und Sonne nicht zu ſehen, wollen wir das Auge ſchließen in der Ge⸗ wißheit, daß er kommt, und uns mit dem Bewußtſein tröſten, daß wir das Unſerige redlich gethan haben, treu vereint und eingedenk der ſchon einmal zum Wahlſpruch vorgeſchlagenen Loſung: Concordia!“ * Viertes Kapitel. Der Königslieutenant. In der Reſidenz zu München war erregtes Leben und geſteigerte Fröhlichkeit und der Ton fand in der Stadt bereitwilligen Widerhall und Nachklang. Ueber⸗ all war davon die Rede, daß der Kurfürſt von Köln, der bei ſeinem Bruder auf Beſuch ſei, ſich zur Abreiſe bereite und daher eine Feſtlichkeit der andern auf dem Fuß folge. Auch von einer glänzenden Hochzeit wurde erzählt, denn eine der ſchönſten Damen des Hofs, Tereſa Morawika, ſolle ſich einem welſchen Fürſten vermählen und die Kurfürſtin Alles aufbieten, um die Hochzeit ihres beſondern Lieblings mit aller Pracht zu feiern. Beſſer Unterrichtete oder die es zu ſein glaubten, zwinkerten freilich mit den Augen, wenn ſie derlei erzählen hörten, und lächelten einander zu, als ——————————— 150 wollten ſie ſagen: Das wiſſen wir beſſer, weſſen Lieb⸗ ling die ſchöne Hofdame iſt, und könnten wohl die wahre Urſache angeben, warum die Hochzeit ſo ſchnell und ſo überaus glänzend von ſtatten geht. Noch immer verweilte der Hof in dem reizend ein⸗ ſamen Nymphenburg, in der Reſidenz aber und in der Stadt wurden die Feſtkomödien und Bälle gehalten, nach deren Beendigung man unter Muſik in das länd⸗ liche Luſtſchloß zurückkehrte, oft noch beim flackernden Scheine der von zahlreichen Vorreitern getragenen Fackeln, oft erſt im Dämmergrauen des anbrechenden Tages. Es war ſchon ziemlich ſpät, als am Morgen nach⸗ ſolcher Rückkehr Oberkammerdiener Duſchl auf dem Corridor vor den Gemächern des Kurfürſten der Frau Stauberin anſichtig ward, die, von den Zimmern der kurfürſtlichen Kinder kommend, nach jenen der Kurfür⸗ ſtin eilte. Da er wußte, daß ſie ihm gern auswich, ſtellte er ſich, als bemerke er ſie gar nicht und ſei vollauf mit den Tauben beſchäffigt, denen er Krumen und Broſamen aus dem Fenſter ſtreute. Als ſie nahe genug herangekommen, drehte er eilig den Fenſterflügel zu, und gewandt und ſchnell auf den Flieſen des Pflaſters dahingleitend, vertrat er ihr den Weg. „Schönſten guten Morgen!“ rief er.„Welchem ab⸗ 5 1 * 5 „ 151 ſonderlichen Glücksſtern hat man es wohl zu danken, daß man Sie wieder einmal zu Geſicht bekommt, al⸗ lerholdſeligſte Jungfrau?“ Sie warf ſchmollend die Lippen auf und ſchwieg, dennoch ging etwas über ihr Geſicht, als ob ihr die glatten Worte des Kammerdieners innerlich nicht ſo ſehr zuwider ſeien, als ſie äußerlich ſich anſtellte. „Schon geſtern h der Oper“, fuhr er, ihr Schwei⸗ gen nicht beachtend, noch artiger fort,„hatte ich die ſtille Hoffnung genährt, der fürtrefflichen Jungfer zu begegnen, als ich aber auf einen Augenblick vom Dienſte loskam und nach der Loge der kurfürſtlichen Frauen⸗ zimmer mich umſah, hatten Durchlaucht die Frau Kur⸗ fürſtin das Theater bereits vor Beendigung des Bal⸗ lets plötzlich und eilig verlaſſen. Damit war auch meine Hoffnung in den Brunnen gefallen und ich konnte noch nicht einmal erfahren, was wohl die Urſache hier⸗ von geweſen. Kaiſerliche Hoheit ſind doch nicht krank geworden?“. „Nein, das nicht, Gott ſei Lob und Dank“, er⸗ widerte die Stauberin kurz,„obwohl man es leicht werden könnte bei all dem Aerger, den man an die⸗ ſem Hof hinunterſchlucken muß. Thue Er nicht, als ob Er nicht wüßte, was paſſirt iſt! Dieſe Mamſells vom Ballet tragen ſich ja ſo abſcheulich bloß und nackt, — 152 daß ein ehrbares Frauenzimmer gar nicht hinſehen kann; ſie werden es nächſtens wohl dahin bringen, daß man gar nicht mehr weiß, ob ſie nur irgend etwas auf dem Leibe haben!“ „Und deshalb ſind Kaiſerliche Hoheit aus der Loge fort?“ ſagte Duſchl.„O, das iſt doch wohl nicht möglich! Alle Cavaliere ſind darüber einig, daß das Münchner Ballet höchſt decent und anſtändig iſt und gar nicht in Betracht kommt gegen das, was in dieſer Beziehung am kurſächſiſchen Hofe zu Dresden oder vollends zu Paris geleiſtet wird. Kaiſerliche Hoheit nehmen es mitunter wohl ein wenig gar zu ſcharf; es geht ihr damit wie mit ihrer beſtändigen Eiferſucht!“ „Wenn ſie beſtändig eiferſüchtig iſt“, ſagte die Stauberin ſpitz,„ſo folgt daraus, daß ſie beſtändig Urſache dazu hat, oder hat ſie die etwa nicht? Will Er dem widerſprechen? Meint Er, wenn man nicht Alles ſagt, man erfahre nicht Alles? Muß ich Ihn erſt an die Gräfin Morawika erinnern? An die Mag⸗ dalenenkirchweih und die Nachtfahrt auf dem Kanal?“ „Grade dieſes Beiſpiel trifft nicht zu“, entgeg⸗ nete der Kammerdiener,„und grade die wertheſte Jungfer Stauberin weiß ſo gut wie ich, daß Seilie Durchlaucht, ſobald er wahrgenommen, ſeine unſchul⸗ dige Galanterie für die Dame könnte Ihrer kaiſerlichen 153 Hoheit unangenehm ſein, ſogleich allen Verkehr mit der Gräfin abbrach und von ſeiner Seite Alles that, um die Mariage zu beſchleunigen!“ „Ja, aber heut' iſt ſie gnädigſt zur Abſchiedsaudienz beſchieden—“ „Vollkommen wahr, nur mit einem kleinen Bei⸗ ſatz, Fürſt Porzia wird ſich allein verabſchieden.“ „Ei, das wäre ja wunderbar“, rief die Stauberin ſpöttiſch.„‚AUnd warum denn allein? Der lieben Frau Fürſtin wird doch nichts Leides zugeſtoßen ſein?“ „Doch iſt es ſo“, ſagte Duſchl,„und ich will Ihr auch ſagen, woran ſie leidet! Ich ſage Ihr das im Vertrauen, denn wenn wir beide nicht zuſammenhalten, wer ſollte es ſonſt thun? Die neue Frau Fürſtin“, fuhr er fort, indem er ſich zuthulich zum Ohr der Kammerfrau neigte,„die neue Frau Fürſtin hat uns ein Briefchen geſchrieben, worin ſie inſtändig bat, Durch⸗ laucht möchte ihr doch Gnade erweiſen und ihr ge⸗ ſtatten, perſönlich und beſonders Abſchied zu nehmen. Sie verſteht mich ſchon“, ſetzte er mit liſtigem Augen⸗ blinzeln hinzu,„ſo unter vier Augen, aber der Kurfürſt hat ihr gar nicht geantwortet und aus Aerger darüber iſt ſie krank geworden.“ „Nicht geantwortet?“ rief die Stauberin und ihre Augen funkelten vor Vergnügen über die Neuigkeit, die ſie gehörig zu verwerthen hoffen durfte.„Das iſt allerdings etwas, und doch, wenn man es recht bei Lichte betrachtet, iſt es eigentlich gar nichts! Wenn er ihr nicht geantwortet, liegt ihm freilich nichts mehr an der Dame, dann iſt es eben ein Zeichen, daß er ſeine Augen ſchon wieder auf eine Andere gerichtet hat.“ Der Oberkammerdiener war nahe daran laut auf⸗ zulachen.„Ich ſehe wohl, die Jungfer iſt unerbitt⸗ lich“, ſagte er,„wie ihre ſtrenge Gebieterin. Wenn Sie einmal einen Geſponſen hat, wird Sie gegen den auch ſo eiferſüchtig ſein?“ „Ich? Ich komme nicht in den Fall“, entgegnete die Stauberin patzig, aber mit einem Blicke, der wieder zur Hälfte widerlegte, was im Ton ihrer Rede lag. „Ich werde mir kein ſolches Kreuz aufladen.“ „Da würde die Jungfer ſehr Unrecht thun“, ſagte Duſchl zärtlich.„Sie wird ſich wohl erbitten laſſen, aber das glaube ich ihr gern, daß ſie nicht in den Fall kommt, eiferſüchtig zu ſein, denn wer Sie beſitzt, wird nicht daran denken, daß es noch eine Andere Ihres Geſchlechts auf dieſer Erde gibt!“ „Laß mich der Herr meines Weges gehen“, ſagte die Stauberin.„Ich verſpäte mich und Er iſt rin Maulmacher! Erſt neulich hat er mir erzählt, ſeine Frau liege ſchon in den letzten Zügen, und gleich darauf 155 hab' ich von einer guten Freundin gehört, daß ſie kreuzwohlauf iſt und ſich Eſſen und Trinken ſchmecken läßt wie eine Geſunde!“ 3 „Manchmal iſt das allerdings ſo“, ſagte Duſchl, ohne ſich beirren zu laſſen, und gab ſich Mühe, betrübt auszuſehen.„Das iſt eben das Eigene von ihrem Zu⸗ ſtand. Das haben die Abzehrenden alle, daß ſie manch⸗ mal ſo viel Appetit zeigen. Der Tod ißt ſchon mit ihnen. Wenn die liebwertheſte Jungfer mir glauben, wenn Sie ſich nur einmal überzeugen wollte, wie auf⸗ richtig ich es mit Ihr meine, ſie würde gewiß—“ Er vollendete nicht und erhielt auch keine Antwort. Der am Ende des Corridors wacheſtehende Hartſchier ſtieß ſeine Partiſane auf das Pflaſter zur Salutirung des geiſtlichen Kölner Kurfürſten, der mit einigen ſeiner Hausprälaten und Kammerherren würdevoll herankam und dem erſchrockenen Paare, das ehrfurchtsvoll in die Kniee ſank, im Vorbeiſchreiten mit gnädigem Nicken ſeinen Segen ertheilte. Dann huſchte die Stauberin die Treppe hinunter, während Duſchl dem ſchon erwarteten Beſuche die Thür des Vorgemaches öffnete, aus welcher Karl Al⸗ bert dem Bruder bereits entgegentrat; der Erzbiſchof verabſchiedete ſeine Begleiter, indem er einem davon, dem Freiherrn von Siegenhoven, ſeinem Vertrauteſten, 156 den wiederholten Auftrag ertheilte, Alles zur Abreiſe bereit zu halten. „Du bleibſt alſo unwiderruflich bei Deiner Ent⸗ ſchließung? Du willſt mich wirklich verlaſſen?“ ſagte der Bruder, indem er ihn leicht umarmte.„In der That, das bedaure ich ſehr und kann nicht umhin, Dich noch einmal zu fragen, ob denn gar nichts daran zu ändern iſt?“ 8 „Leider nein“, entgegnete Clemens Auguſt, indem er neben dem Bruder, der ſich an dem Schreibtiſch niederließ, auf einem Lehnſtuhl Platz nahm.„Ich wäre gern noch länger in München geblieben, ich bin immer gern hier, wenn auch, wie Du wohl zugeſtehen wirſt, die rauhe Iſargegend mit meinem lieben milden Rheinland, vor allem mit meinem herrlichen Bonn nicht zu vergleichen iſt. Es iſt ja meine Heimat, aber ich muß nach Hauſe, muß meinem Miniſter auf die Finger und meinen Kölnern auf die Köpfe ſehen, denn über den Rhein herüber aus Frankreich weht gar ſon⸗ derbare Luft und ich habe Manchen davon im Verdacht, daß er dafür nicht unempfindlich iſt! Auch habe ich in Brühl bei Bonn ein Luſtſchloß zu bauen begonnen, das ich Auguſtusburg nennen und aus dem ich ein Kleinod, einen Inbegriff von Allem machen will, was die Künſte ſchaffen können, um das Leben angenehm zu geſtalten.“ 157 „Du verſtehſt Dich auf die Künſte wie auf die Lebenskunſt“, erwiderte Karl Albert.„Der Ruf von der geſchmackvollen Pracht der Kölner Hofhaltung iſt durch die ganze Welt gedrungen und geſtern erſt habe ich mich ſelbſt wieder davon überzeugt, als ich endlich ſo glücklich war, nach zahlloſen Störungen und Hem⸗ mungen Dir den„Demofonte“ des Metaſtaſio vorfüh⸗ ren und zeigen zu können, wie meine Oper beſchaf⸗ fen iſt.“ „Ich gebe Dir Dein Compliment zurück“, ſagte Clemens Auguſt.„Die Muſik, die der Kapellmeiſter Alliprandi dazu geſchrieben, dünkt mich vorzüglich. Es iſt das Beſte, was ich ſeit langer Zeit auf dieſem Ge⸗ biete gehört. Auch der Tenor Carelli hat recht ange⸗ nehm geſungen!“ „Was iſt das Alles gegen Deine Leute!“ entgeg⸗ nete der Kurfürſt warm.„Du kommſt hierher mit kleinem Gefolge, aber jeder darunter iſt ein ausgezeich⸗ neter Muſiker, und als einer meiner Sänger im letzten Augenblicke krank wird und die ganze Opernaufführung nahe daran iſt, abermals zu ſcheitern, nimmſt Du einen derſelben heraus, überträgſt ihm die Partie und in wenig Stunden ſingt er ſie zum vollendeten Ent⸗ zücken. Wie muß erſt Deine eigentliche Kapelle beſchaf⸗ fen ſein! Sagteſt Du nicht, er heiße Anton Raff und 158 ſei einer Deiner Kanzliſten, alſo nicht einmal ein Muſikus von Fach? Wie wäre es, wenn Du mir den jungen Mann überließeſt? Du würdeſt mir damit ein großes Vergnügen bereiten!“ „Ich bin Dir gern gefällig, Bruder“, ſagte Cle⸗ mens Auguſt,„bedaure aber, Dir hierin nicht dienen zu können. Ich habe Raff's ſchöne Stimme ſchon lange bemerkt und wollte ihn nur nicht zu früh anſtrengen. Jetzt aber, da er ſich ſo gut bewährt hat, ſchicke ich ihn zuerſt nach Italien, laſſe ihn ein paar Jahre ſtu⸗ diren und hoffe, daß er einer der erſten Sänger wer⸗ den wird. Fordere das nicht“, fuhr er fort, als er be⸗ merkte, daß über Karl Albert's Miene ein Schatten des Mißvergnügens flog.„Laß mich Dir immerhin eine ſolche Kleinigkeit abſchlagen, ich bin dafür bereit, Dir in Größerem zu Willen zu ſein! Du weißt, was ich meine; ich vermied es bisher darüber zu ſprechen, aber ich irre kaum, wenn ich annehme, daß Du mit wichtigen Angelegenheiten beſchäftigt biſt, die zur Ent⸗ ſcheidung drängen!“ Karl Albert erwiderte nichts, ſein Auge haftete feſt an der Wand, an der die große Karte des alten Baiern aufgehangen war. Clemens Auguſt folgte der Richtung ſeines Blickes und nickte bedeutſam. „Ich verſtehe Dich und ſtehe zu Dir“, ſagte er 159 wieder,„der Bruder zum Bruder, der Reichsfürſt zum Reichsfürſten, wenn es den Ruhm und die Größe der Heimat, die Ehre unſeres Hauſes gilt. Verlange keine andere bindende Erklärung; als geiſtlichem Fürſten will es mir geziemen, daß ich mich von den gewöhnlichen Wegen der Politik ſoviel als möglich fern halte und ſo lange, als nur irgend möglich iſt, das erfülle, was einmal zugeſagt ward. Kann ich daher auch nicht ſo⸗ fort auf allen Wegen offen mit Dir gehen, kennſt Du mich doch als ſtillen Genoſſen und wirſt einen guten Rath nicht verſchmähen. Es iſt der“, fügte er leiſer hin⸗ zu:„Treibe Oeſterreich nicht aufs Aeußerſte, bleibe immer der Möglichkeit eingedenk, einſt Deinen Frieden mit ihm zu machen!“ „Ein ſeltſamer Rath“, ſagte Karl Albert ſich er⸗ hebend,„um ſo ſeltſamer, als er wie ein Orakel lautet! Wir ſind unter uns, Bruder und dürfen uns wohl geſtehen, daß für Baiern und Wittelsbach noch niemals von Oeſterreich Heil kam! Wer iſt treuer an ihm gehangen als unſer Urgroßvater Maximilian, der Leben, Land und Leute während dreißig entſetzlicher Kriegsjahre für ſeine Macht aufs Spiel geſetzt? Wer hat ſo viel dafür gethan als unſer Vater Max Ema⸗ nuel, der ſeine Türkenſchlachten focht, der Wien behaupten half? Und wie wurde beiden dafür gelohnt? 160 Oeſterreich hat von jeher die Abſicht gehabt, ſich mit Baiern zu vergrößern oder beſſer abzurunden, glaubſt Du, daß es dies Verlangen aufgegeben hat, weil es ihm das erſte Mal nicht gelang, ſeinen Zweck zu erreichen? Das wird es nie thun, unter allen Freundlichkeiten wird dieſer Gedanke wie unter deckender Aſche der Funke fortglühen.“ „Dann räth die Klugheit, nicht in die Aſche zu blaſen und den verderblichen Funken nicht wieder zu beleben“, ſagte Clemens Auguſt. „Ich begreife Dich nicht, Bruder“, rief Karl Al⸗ bert.„Iſt es nicht beſſer, nicht männlicher, das aus⸗ brechende Feuer nicht zu ſcheuen und es lieber offen zu bewältigen? Und Du gibſt mir ſolchen Rath! Haſt Du vergeſſen, was wir ſelber erlebt? Muß ich Dich erinnern an die Zeit unſerer Schmach? An das Ge⸗ fängniß von Klagenfurt? An jenen Tag, wo man uns, die unmündigen Kinder, mitten aus der Hauptſtadt, aus dem Kreiſe der treuen Bürgerſchaft mit hinterliſti⸗ ger Gewalt hinwegführte und ge fangen nahm?“ „Wie könnte ich das“, entgegnete Clemens Auguſt mit abwehrender Geberde.„Jene Erlebniſſe ſind noch jetzt, nach langen Jahren, manchmal das Schreckbild meiner Träume.“ 8 „Das meine ſind ſie auch“, ſagte Karl Albert düſter,„aber nicht blos im Traume.“ 161 „Und doch ſitzt eine öſterreichiſche Erzherzogin ne⸗ ben Dir auf dem Throne.“ „Ja“, entgegnete Karl noch finſterer,„damals war ich fünfundzwanzig Jahre alt, damals glaubte ich noch an Betheuerungen und Verſprechen, aber tempora mutantur nos et mutamur in illis!“ „Nicht immer“, ſagte Clemens Auguſt ernſt und bot ihm die Hand,„an mir wenigſtens ſollſt Du das Gegentheil erproben. Mögen die Zeiten ſich ändern, mich wirſt Du immer als denſelben finden und damit Gott befohlen. Lebe wohl, mein Bruder, mögen wir uns in Freuden wiederſehn!“ Die Brüder umarmten und küßten ſich, an der Thür hielt Clemens Auguſt noch einmal inne. „Eben recht erinnere ich mich noch“, ſagte er, „daß ich bei Dir Fürſprache gethan wegen des An⸗ liegens der Jeſuiten, wegen ihrer Zuziehung zum all⸗ gemeinen Zwangsanlehn.“ „Ganz recht“, erwiderte Karl Albert.„Ich würde es nicht vergeſſen haben, werde überlegen und thun, was möglich iſt; aber ich ſehe, Du trägſt die Soutane nicht umſonſt“, fügte er lachend hinzu.„Du machſt das Sprichwort wahr von der Krähe, die ſich friedlich zur andern Krähe ſetzt!“ Sie ſchieden raſcher als zuvor; über der Stirn Schmid, Concordia. II. 11 — 162 des Erzbiſchofs hing eine Wolke des Unmuths, als er mit ſeinen Begleitern wieder zuſammentraf. Indeſſen hatten in der Antikamera, die von der andern Seite an das Wohngemach des Kurfürſten ſtieß, ſich die Mitglieder des geheimen Conferenzrathes bereits verſammelt, dem die Entſcheidung in den wich⸗ tigſten und höchſten Staats⸗ und Landesangelegenheiten übertragen war; auch viele andere Angehörige des Hofes hatten ſich eingefunden, um dem Fürſten vor der Seſſion in gewohnter Weiſe ihre Verehrüng zu bezeigen. Es war eine ebenſo anſehnliche als glänzende Ver⸗ ſammlung. Wenn auch für den Aufenthalt in Nymphen⸗ burg die Hofkleidung nicht ſtreng vorgeſchrieben war, echien es doch, als ob heute eine ſtillſchweigende Ueber⸗ inkunft ſtattgefunden, von dieſer Vergünſtigung keinen, Gebrauch zu machen. Die Hofanzüge der Cavaliere⸗ reich mit Treſſen, Stickereien und blitzenden Edelſteinen ſbeſetzt, bildeten einen lebhaften Gegenſatz zu den gold bedeckten Uniformen der Geheimräthe und Generale, von deren lichtem Blau die rothen Röcke der Kammer⸗ herren als wirkſame Farbenabſtufung ſich abhoben. An einem kleinen Tiſche in der Saalecke ſaß der Se⸗ cretär Erdt, verborgen hinter einem rieſigen Schreib⸗ zeug und damit beſchäftigt, ſein Papier zum Protokoll für die bevorſtehende Sitzung vorzubereiten; gegen die v 163 Mitte des Saales ſtand Graf Törring, der Kriegs⸗ miniſter, im Geſpräche mit den Grafen Seinsheim und Preyſing, denen man die Leitung der Finanzen über⸗ tragen. Der letztere war der Liebling und Vertraute des Kurfürſten, weil er, von ungefähr gleichem Alter, auf den Reiſen durch Italien und an den franzöſiſchen Hof ſein ſteter Begleiter geweſen. Sie waren es, denen die öffentliche Meinung beſondere Hinneigung zu Frank⸗ reich Schuld gab, während die Grafen Rechberg, Fugger, Lodron, Baron Freyberg und Andere nebſt dem Kanzler Unertl als diejenigen galten, welche, wenn auch unter ſich nicht einig und vielfach Oeſterreich zugewandt, doch gleichen Sinnes waren im Widerwillen gegen Alles, was von der Seine ſtammte. Neben Unertl ſtand der Rath Praidlohn, wegen ſeiner ausgezeichneten Rechts⸗ kunde ſchon jetzt als deſſen einſtiger Nachfolger be⸗ zeichnet. Die letztere Gruppe ſtand ſchweigend bei⸗ ſammen, während die erſteren ſich in lebhaftem Ge⸗ ſpräch um zwei Fremde ſchaarten, den Marquis von Belleisle und den ſpaniſchen Granden Montijo, beide eben erſt angekommen und von ihren Monarchen geſandt, um ihre Vollmachten als deren Vertreter zu überreichen. Mit freudiger Zuverſicht blickte der Mar⸗ quis umher; ſo artig ſeine Miene, ſo gefällig ſeine Geberde war, verrieth doch jede die ſtolze Genugthu⸗ 11* 164 ung, daß er, der vor nicht langer Zeit als Unter⸗ händler eine nicht eben freundliche Abfertigung erfahren, nun auf demſelben Parquet als Ambaſſadeur mit der Gewißheit ſtand, für ſeine Anerbietungen diesmal willigeres Gehör zu finden. „Seien Sie verſichert, Herr Marquis“, ſagte Törring, indem er ihn, ohne aufzufallen, etwas beiſeite führte,„ich begrüße Sie mit wahrem Vergnügen in dieſem Saale, um ſo mehr, als ich nicht gewagt hatte, auf ein ſo baldiges Wiederſehen zu hoffen.“ „Und unter ſo veränderten Umſtänden!“ entgegnete lächelnd der Marquis. „Unter ſo ſehr günſtig veränderten! In der That, die Strömung hat gewechſelt und es wird nur darauf ankommen, ob ſie zur Fahrt benutzt werden kann!“ „Nichts leichter als das!“ flüſterte der Marquis. „Die ganze Kunſt beſteht darin, ſich der Strömung zu überlaſſen.“ „Doch wohl nicht“, entgegnete Törring bedenklich; „wie leicht kann eine Gegenſtrömung das Fahrzeug erfaſſen und im Wirbel drehen.“ „Die Gegenſtrömung zu überwinden dünkt mich eine Kleinigkeit für einen tüchtigen Steuermann, der weiß, wohin er zu zielen hat!“ „Sie vergeſſen, daß der Steuermann nicht Herr — 165 des Schiffes iſt, der Kapitän iſt es, der zu befehlen hat.“ „Als ob ſich der Kapitän immer um Ziel und Curs kümmerte!“ ſagte Belleisle mit ſeinem eigenthümlichen Lächeln.„Dafür iſt der Steuermann da, der nach dem Compaß ſieht und danach das Steuer richtet, wie es ihm gut dünkt. Wird er wohl den Kapitän um Alles fragen? Wird er ihn wegen jedes kleinen, vielleich eingebildeten Hinderniſſes alarmiren?“ Törring entgegnete nur mit einem bedeutſamen Blicke des Verſtändniſſes, mit Worten konnte er es nicht, denn Baron Freyberg war hinzugetreten und begrüßte den Geſandten in ſeiner gewohnten ſpott⸗ luſtigen Weiſe. „Seien Sie willkommen, Marquis“, ſagte er⸗ „Welcher Wind hat Sie wieder zu uns geführt? Dies. mal ſind Sie doch nicht wieder als Privatmann, als bloßer Wandervogel da, wie Sie jüngſt uns vorzu⸗ ſcherzen beliebten? Damals war Ihre Witterungskunde überhaupt nicht die glücklichſte! Sie erinnern ſich wohl noch, wie Sie ſich über den Türkenkrieg luſtig gemacht, und doch iſt derſelbe losgebrochen, als der ſo unbe⸗ fangen zwitſchernde Sturmvogel kaum hinweggeflattert war!“ „Ich bin entzückt, Sie bei immer gleich heiterer 166 Laune zu finden, mein Herr Oberſthofmeiſter“, ſagte der Chevalier.„Diesmal bin ich allerdings mit etwas anderem Gefieder ausgerüſtet, wenn ich doch bei Ihrem Gleichniß bleiben ſoll!“ „Die Federn des Vogels ſchillern anders“, rief Frreyberg,„aber das Lied, das er ſingt, iſt das nämliche!“ „Ich muß geſtehen“, ſagte Belleisle, indem er den Spötter mit bedenklichen Blicken maß,„Sie ge⸗ gefallen ſich darin, Ihren Witz an Dingen zu üben, die beſſer davon verſchont blieben.“ „Warum doch?“ entgegnete Freyberg.„Warum wollen Sie mir das traurige Bergnügen nicht gönnen, das doch ſo recht am Platze iſt, wenn man bedenkt, daß Sie diesmal noch viel ſüßer zwitſchern und wegen der ſchönen Federn auch leichter Gehör finden werden? Warum ſoll ich nicht ſagen, was ich mir denke? Frankreich hat es lange auf Oeſterreich abgeſehen, das ihm bei ſeinen Plänen im Wege iſt, es hat ihm durch den mißlungenen Türkenkrieg eine tüchtige Schlappe verſetzt; jetzt gibt ſich eine noch beſſere Gelegenheit, jetzt ſoll ihm vollends der Garaus gemacht werden, und Sie, mein Herr Marquis, ſind hier, um uns zu verſichern, daß Frankreich an all das gar nicht denkt und durch⸗ aus keine andere Abſicht hat als die, unſer guter Freund zu ſein!“ 167 „Mein Herr Baron“, entgegnete der Chevalier mit Nachdruck,„ich bin hier, um Ihrem Herrn meine Creditive zu überreichen, weil derſelbe nach dem Tode Seiner Majeſtät Kaiſer Karl's VI. das Reichsvicariat übernommen hat.“ „Nun, das ſage ich ja auch“, rief Freyberg lachend. „Und der ſpaniſche Grande, der ein ſo ernſthaftes Geſicht macht, als ob er in eine unreife Citrone ge⸗ biſſen hätte, der Herr Montijo iſt aus demſelben Grunde hier, wie nicht minder Baron Widmann von Wien.“ „Baron Widmann von Wien“, ſchaltete Törring ein,„befindet ſich keinesweges im gleichen Falle. Durch⸗ laucht können deſſen Creditive nicht empfangen.“ „Nicht? Und weshalb?“ fragte Freyberg erſtaunt. „Weil ſie von einer Macht ausgeſtellt iſt, welche am kurbairiſchen Hofe zu München nicht anerkannt iſt: von Maria Thereſia die wir vorläufig nur als Königin von Ungarn kennen.“ „Sind wir ſchon ſo weit“, ſeufzte Freyberg,„dann ſehe ich wohl, die Würfel ſind im Rollen! Und vor⸗ läufig, ſagen Sie? Das iſt ſchön ausgedrückt, aber mir iſt bang ums Herz, wenn ich daran denke, was da Alles hinterher gelaufen kommen wird!“ Die Thürſteher verkündeten die Erſcheinung des Kurfürſten, gleichzeitig glitt wie ein Schatten Beicht⸗ 168 vater Pater Roſe durch den Hintergrund des Saals und an dem Tiſch des Secretärs vorüber. „Euer Hochwürden auch hier?“ ſagte Törring, der, wie um ſich zu ſammeln, den Saal durchſchritt.„Haben Sie Luſt, an der Staatsconferenz Theil zu nehmen?“ „Nimmermehr“, entgegnete der Pater fein,„ſoweit reicht weder mein Ehrgeiz, noch meine Befähigung. Ich befand mich ſo eben bei Ihrer kaiſerlichen Hoheit der Frau Kurfürſtin und will hinüber, die Patres Franzis⸗ kaner in ihrem neuen Klöſterlein zu beſuchen, da er⸗ laubte ich mir den nähern Weg durch den Saal zu nehmen.“ Er entfernte ſich mit einem Gruße des feinſten Anſtandes und warf im Vorübergehen dem Secretär einen Blick zu, den dieſer mit kaum merklichem Kopf⸗ nicken erwiderte. Die Ceremonie des Empfangs war bald beendigt. Karl Albert war ernſt und nachdenklich; er be⸗ grüßte die Geſandten mit liebenswürdiger Auszeichnung und bedauerte, daß unaufſchiebliche Geſchäfte ihn zwängen, das Vergnügen eingehender Beſprechung auf den nächſten Tag verſchieben zu müſſen; auch die Herren des Hofes zogen ſich zurück und in kurzer Zeit waren nur die Mitglieder der geheimen Conferenz zurückgeblieben. Man reihte ſich um den Sitzungstiſch 169 und mit leichtem Kopfnicken gab der Knrfürſt dem zu unterſt ſitzenden Geheimrath Praidlohn das Zeichen, ſeinen Vortrag zu beginnen. Schweigend wurde die im ſchwerfälligen Periodenſtile jener Zeit gehaltene weitſchweifige Erörterung der Welt⸗ lage angehört. War auch alles darin Geſagte den Hörern nicht unbekannt, lauſchten ſie doch mit geſpannter Aufmerkſamkeit: der fieberhaft erregte Pulsſchlag der Zeit zuckte in allen Herzen nach. Der Vortragende führte aus, wie durch den Tod Kaiſer Karl's VI. eine brennende Doppelfrage ſich zur Beantwortung her⸗ andränge: die Frage, wer als deſſen Nachfolger die Kaiſerkrone des römiſchen Reiches ſich auf die Stirn ſetzen und wie die Erbfolge in den Staaten des Kaiſers geregelt werden ſolle, mit welchem der Mannes⸗ ſtamm Rudolf's von Habsburg zu Grabe gegangen war; er ſchilderte, wie die erſten Mächte ihre Blicke auf Seine Durchlaucht den Kurfürſten von Baiern gerichtet, als auf den Würdigſten, die Krone Karl's des Großen und Ludwig's des Baiern zu tragen, und wie da⸗ gegen Maria Thereſia, Tochter des Kaiſers, ſich mühe, die Wahl auf ihren Gemahl Franz von Lothringen zu lenken; wie trotz der von Karl mit ſo viel Mühe ins Werk geſetzten pragmatiſchen Sanction viele mächtige Fürſtenhäuſer mit Erbrechten an den habsburgiſchen 170 Rücklaß aufzutreten geſonnen ſeien, während Maria Thereſia als älteſte Tochter denſelben ganz für ſich in Anſpruch nehme, auch bereits den Beſitz und die Regierung ſämmtlicher Lande angetreten; wie in ſolcher Weiſe Mähren und Oberſchleſien von Kurſachſen, die Lombardei, Parma, Piacenza und Mantua von Spanien, die niederſchleſiſchen Fürſtenthümer von Preußen an⸗ geſprochen würden, Baiern aber aus dem durch die prag⸗ matiſche Sanction nicht berührten Teſtamente des Kai⸗ ſers Ferdinand I. ein klares Recht auf Böhmen, Oberöſter⸗ reich, Tirol und Breisgau nicht abgeſprochen werden könne; wie nach Gebühr in ſo hochwichtiger und weit⸗ reichender Angelegenheit mit allen Höfen und Potentaten vielfaches vertrauliches Benehmen gepflogen worden und wie nun der Augenblick gekommen, in welchem der Herrſcher Baierns ſich endlich erklären müſſe, ob er die Wahl zum Kaiſer annehme und ſich dem Verein der Fürſten anſchließe, welche geſonnen ſeien, ihre Rechte an das Erbe von Habsburg in jeder Weiſe und ſelbſt mit dem Schwert geltend zu machen. Ernſtes Schweigen waltete rings, als Praidlohn geendet, Niemand wollte ein erſtes, ſchickſalentſcheiden⸗ des Wort ſprechen aus Beſorgniß, daß es vislleicht ein Steinchen ſein könnte, das die Lawine lockern und zum Sturze bringen könnte. Karl Albert hatte den 171 em auf die Tafel geſtützt und ſah, den Kopf in die Hand geſenkt, tief nachſinnend vor ſich hin. „Seine Meinung, Graf Törring“, ſagte er nach einer Weile, ohne aufzublicken. „Kann hier noch ein Zweifel ſein, Durchlaucht?“ begann Törring mit einer Stimme, der man die Er⸗ regung ob des Gedankens anhörte, daß er endlich ein⸗ mal der Erfüllung ſeines ſehnlichen Wunſches nahe ſtand, ſich als Feldherr in einem großen Kriege be⸗ währen und den Heldenruhm ſeines Vorbildes ver⸗ dunkeln zu können.„Hier gibt es nur eine Meinung, die ſich in dieſem Augenblick in jedem Herzen regt, dem die Ehre und Macht des Vaterlandes, der Ruhm und Glanz Eurer Durchlaucht nicht gleichgültig iſt, und dieſe Meinung iſt auch die meine! Es gibt hier keine Wahl! Ein Augenblick wie dieſer wird nicht wieder kommen in der Geſchichte Baierns, er darf nicht unbe⸗ nutzt vorübergehen! Er vermag Baiern mit einem Fe⸗ derzug aus einem kleinen Staate zu einem der erſten Reiche umzugeſtalten und ſetzt zum zweiten Male die Kaiſerkrone auf ein bairiſches Fürſtenhaupt. Ihn nicht zu ergreifen wäre eine unverantwortliche Schwäche; die Umſtände ſind nach allen Seiten ſo günſtig, wie ſie nicht günſtiger gedacht werden können, ſie fordern auf zu entſchloſſener That! Eine Reihe mächtiger Alli⸗ 172 irter iſt erbötig, uns zur Seite zu ſtehen. Spanien iſt bereit, anderthalb Millionen Piaſter von ſeiner alten, noch aus der Zeit Max Emanuel's herrührenden Schuld zu bezahlen, Frankreich ſichert Subſidien zu im mo⸗ natlichen Betrage von zweihunderttauſend Livres nebſt einer vortrefflich ausgerüſteten Hülfsarmee, die es Sei⸗ ner Durchlaucht unterordnen und ihm den Befehl dar⸗ über als Lieutenant des Königs übertragen will! Sachſen und Preußen wollen vereint die Operationen beginnen, und während das franzöſiſche Hülfscorps ge⸗ gen die Niederlande und den Breisgau vordringt, Bran⸗ denburg und Sachſen in Böhmen und Schleſien agiren, unternimmt Spanien den Angriff in Italien, ſodaß der unvorbereitete, durch den letzten Türkenkrieg ge⸗ ſchwächte Gegner außer Stande ſein wird, dem An⸗ marſch des bairiſchen Heeres, das ſich die Donau und Wien zum Ziele ſetzt, Widerſtand zu leiſten. Der Sieg iſt gewiß“, ſchloß er mit erhobener Stimme.„Er iſt wie eine reife Frucht, die kaum noch des Schüttelns bedarf und der Hand des Pflückers wie von ſelbſt ent⸗ gegenfällt! Strecken Sie die fürſtliche Hand nach ihr aus, Durchlaucht, und mit der Frucht des Sieges pflücken Sie ſich den Kranz des unſterblichen Nach⸗ ruhms!“ Der Kurfürſt verharrte noch immer in nachdenklichem 4 173 Schweigen, auch die andern Anweſenden hielten es da⸗ her für gerathen, die Stille nicht zu unterbrechen. Ein Blick auf die Verſammlung ließ erkennen, wie die Mei⸗ nungen ſich theilten. Während Seinsheim, Preyſing und Andere ihre Zuſtimmung zu Törring's Rede nnr ſchlecht zu verbergen vermochten, war in den Zlicken Unertl's und Freyberg's das deutliche Gegentheil zu leſen. Ernſt ließ der Kanzler ſeinen Blick in die Runde gleiten, er ſah, wohin das Zünglein in der Wage ſich zu neigen drohte, ſah das unentſchloſſene Schweigen des Gebieters und zögerte nicht, dem Eindruck von Törring's Worten entgegenzutreten; feierlich erhob er ſich und begann: „Vielleicht ſtünde es mir zu, um Entſchuldigung zu bitten, daß ich unaufgefordert das Wort ergreife, aber ich thue es nicht— der furchtbare Ernſt des Augen⸗ blicks iſt mir Aufforderung genug. Die Erlaubniß darf ich wohl als ertheilt anſehen, wenn ich noch einmal auf mein langes Leben und auf die Dienſte zurückblicke, die ich während deſſelben dem Vaterlande und ſeinen Herrſchern geleiſtet habe! Mein Herz ſchlägt für beide ſo warm wie irgend eins, aber eben deswegen iſt meine Meinung eine ganz andere und ich bleibe bei ihr und wenn ich in dieſem Augenblick abgerufen würde, vor dem Richterſtuhl Gottes Rechenſchaft zu 174 geben! Zwei Lehrmeiſter gibt's, bei denen der Menſch ſich Raths erholen kann, wenn er an einem Scheide⸗ wege ſteht; der eine Lehrmeiſter iſt die Erfahrung, die Kunde deſſen, was in der Welt vor uns geſchehen iſt, der andere Rathgeber ſitzt einem Jeden in der eigenen Bruſt. Ich habe ſie beide redlich gefragt und beide ſagen wie mit einer Stimme: der Weg, den Graf Törring als den glückbringenden preiſt, führt über Blumen zum Abgrund! Ich wende mich an Eurer Durch⸗ laucht landesväterliches Herz. Wollen Sie all das Elend und Unheil auf die Seele nehmen, das kommen muß, wenn Sie dieſen Weg betreten? Wollen Sie den Land⸗ verderber Krieg wieder über Ihr treues Baiernland her⸗ aufbeſchwören, das in zwanzig Jahren kaum recht angefangen hat, ſich nothdürftig aus dem tiefen Ruin zu erheben, in den es durch den letzten Krieg geſtürzt ward? Ich weiß, Durchlaucht, der eine Rathgeber in Ihrem Innern erlaubt Ihnen das ſo wenig wie der andere, der aus dem Munde Ihrer Ahnen und der Stimme Ihres eigenen Vaters zu Ihnen ſpricht und Ihnen ein Halt entgegen ruft. Was den Anſpruch an das habsburgiſche Erbe betrifft, ſo habe ich meine Meinung bereits gründlich geſagt und bleibe dabei, Durchlaucht ſind im Recht, aber ich bleibe auch dabei, daß die Angelegenheit an den Reichstag gebracht und 45 friedlich dort ausgetragen werden ſoll. Durchlaucht beweiſen dann, daß Sie als Reichsfürſt Zutrauen zum Reich haben und das Reich wird das Vertrauen zu rechtfertigen und zu erwidern wiſſen! Strecken Sie die Hand nicht aus nach der verhängnißvoll lockenden Frucht, die man Ihnen bietet; es iſt ein Dangerge⸗ ſchenk, wie Virgil ſagt, ein Sodomsapfel, außen ſchön, aber innen voll Aſche! Ahmen Sie Ihrem edlen Ahn⸗ herrn Ferdinand Maria nach, der großherzig den näm⸗ lichen Lockungen des Glanzes widerſtand, die Kaiſer⸗ krone ausſchlug und dadurch ſeinem Lande ein Men⸗ ſchenalter des Glückes und Friedens erkaufte! Reißen Sie nicht ſelbſt die Pforten des Kriegstempels gewalt⸗ ſam auf, trauen Sie dieſen geprieſenen Freunden und Bundesgenoſſen, trauen Sie vor allem dem ſchmeiche⸗ riſchen und heuchleriſchen Frankreich nicht, das Oeſter⸗ reich gern vernichtet wiſſen möchte und Sie als Feuer⸗ zange brauchen will, um ſich die Hände nicht zu ver⸗ brennen! Muß ich Sie an Ihren Vater Max Ema⸗ nuel und an die Treuloſigkeit erinnern, wie Frankreich die ihm gemachten Verſprechungen hielt? Auch ich ſage, daß ein Augenblick wie dieſer für Baiern nicht wieder⸗ kommt, deſto wichtiger iſt es, daß die rechte Wahl ge⸗ troffen werde; die zum Blute führt, iſt ſicher nicht die rechte! Hören Sie meine Treue, Durchlaucht, glauben 176 Sie dieſem grauen Kopf, der durch kein irdiſches Ver⸗ langen mehr verlockt wird, und weiſen Sie die Ver⸗ ſuchung von ſich! Nicht immer im Begehren, auch im Entſagen liegt die Größe!“ Karl Albert hatte ſich etwas aufgerichtet und ſah Unertl mit ernſten Blicken an, die Rede des ehrlichen Greiſes hatte unverkennbar ihre Wirkung nicht ver⸗ fehlt. Törring, der es gewahrte, nagte ſich vor Un⸗ geduld die Lippen wund, er konnte kaum die letzten Worte erwarten, um den Eindruck wieder zu zerſtören. „Der Kanzler mag von ſeinem Standpunkt aus vollkommen Recht haben“, rief er, mühſam eine noch heftigere Erwiderung zurückhaltend,„aber eben dieſer Standpunkt iſt falſch: es iſt der eines Greiſes, eines Mannes, den, wie er ſelbſt geſagt, kein irdiſches Hof⸗ 6 fen mehr verleiten kann, es iſt der eines einfachen Bürgers, der die gleiche Gewohnheit ſeines beſchränkten Lebens zum Geſetz machen möchte, nur um nicht in ſeiner Ruhe geſtört zu werden! Seine Durchlaucht aber ſind kein Greis, kein einfacher Bürger, ſondern ein Mann in vollſter Kraft und, ſo Gott will, noch nicht geſon⸗ nen, ſich in thatenloſer Ruhe zu begraben, ein Fürſt, der um vorübergehender Uebel willen den Glanz und die Größe ſeines Throns nicht aufopfern wird! Fern ſei es von mir, die Rückſichten der Menſchlichkeit für 47 all das zu vergeſſen, was man gewöhnlich das Wohl des Volkes und des Landes nennt, aber das ſind un⸗- tergeordnete Erwägungen, ohne Gewicht für die Staats⸗ raiſon, die ſich, wenn über das Geſchick von Ländern und Völkern entſchieden wird, durch das Unheil nicht abhalten laſſen darf, das bei allen großen Unterneh⸗ mungen mit in den Kauf genommen werden muß. Möglich, daß für das Land und ſeine Bewohner eine ernſte Zeit anbricht, daß ſchwere Opfer gebracht wer⸗ den müſſen, aber wenn Durchlaucht rufen, wird Nie⸗ mand kleinmüthig zurückbleiben! Und wenn es mein letztes Schloß koſten ſollte, ich bin bereit, es freudig hinzugeben, und ſo denkt Jeder bis in die geringſte Bauernhütte. Durchlaucht, auch ich bin ein treu er⸗ gebener Mann wie Einer und gedenke dieſen Ruf der⸗ einſt in grauen Haaren mitzunehmen in die Gruft meiner Ahnen, aber auch ich bleibe bei meinem Rath im Angeſicht der Ewigkeit! Ich beſchwöre Sie, Durch⸗ laucht, den Entſchluß nicht länger zu verzögern. Die Geſandten von Spanien und Frankreich ſind anweſend, ſind mit den nöthigen Vollmachten verſehen, die Ver⸗ träge liegen im Entwurfe bereit. Laſſen Eure Durch⸗ laucht ſie rufen, verhandeln, unterzeichnen Sie und machen Sie dieſen Tag zum größten in der Geſchichte Baierns!“ Schmid, Concordia II. 12 178 „Nein, thun Sie es nicht!“ rief Unertl mit glei⸗ chem Feuer.„Unterzeichnen Sie nicht! Trauen Sie den Franzoſen nicht! Was helfen Verträge bei einem Volke und bei einer Macht, bei welcher es nur erlaubte Klugheit, aber kein Verbrechen iſt, treulos zu ſein!“ „Grundloſe Verdächtigung!“ brauſte Törring auf. „Als ob, was vielleicht einmal im Zwang unglücklicher Verhältniſſe geſchehen, ſich immer wiederholen müßte. Wie nun, wenn der Geſandte Ludwig's XV. die Frage ſtellte, ob Sie den Vertrag, den er im Entwurf von ſeinem Souverän mitgebracht, wirklich für Schein, für eine unwürdige Schlinge erklären wollen?“ „Der Franzoſe wird mich nicht fragen“, entgeg⸗ nete Unertl feſt,„für ſeinen beredten Vertheidiger aber hab' ich die Antwort bereit. Alle Welt weiß, daß der Marſchall Belleisle von Frankreich, des Geſandten Bruder, ſeinen König gern zum Krieg beſtimmen möchte, Cardinal Fleury aber, der erſte Miniſter, der doch auch ein Wort mitzureden hat, iſt eben ſo beſtimmt für den Frieden! Ich arbeite nicht in den auswärtigen Ange⸗ legenheiten, habe mich auch in meinem Leben blutwenig mit ſogenannter Staatsraiſon befaßt, aberſo ganz peregrinus in Israel bin ich nicht, daß ich nicht davon manchmal etwas inne würde, wie ſie ihre Netze ſpinnt! So iſt mir da die Copie eines Briefleins zur Hand gekommen, das Miniſter Fleury in den letzten Tagen an die verwittwete Frau Herzogin von Lo⸗ thringen, alſo an die Schwiegermutter Maria Thereſia's geſchrieben hat. Da heißt es: der König ſei keinen Augenblick angeſtanden, zu erklären, daß er alle gegen den verſtorbenen Kaiſer Karl VI. eingegangenen Ver⸗ pflichtungen getreulich erfüllen werde, und habe das auch dem öſterreichiſchen Geſandten Fürſt Liechtenſtein bei der Abſchiedsaudienz aufs bündigſte verſichert. Dies Brieflein würde ich dem Franzoſen zeigen und würde ſagen: So ſchreibt der Cardinal zur nämlichen Zeit, zu welcher er dem Geſandten den Vertragsent⸗ wurf für Baiern mitgibt. Eine von dieſen beiden Zungen hat offenbar gelogen, welcher ſoll man nun glauben? Welche ſpricht die Wahrheit?“ „Federgekritzel, das endlich aufhören muß!“ rief Törring unwillig.„Und hat es nur erſt aufgehört, dann wird man bald hinter die Wahrheit kommen. Der Degen wird leſerlicher ſchreiben!“ „Leider auch unauslöſchlicher“, ſagte Unertl. „Darum iſt es doch wohl beſſer, auf das Federgekritzel zu achten, das deutlich genug iſt, wenn man nur die Kunſt verſteht, auch das zu leſen, was zwiſchen den Zeilen ſteht! Wenn hier keine Doppelzüngigkeit vor⸗ liegt, wenn es Frankreich wirklich Ernſt iſt, uns nur 12* 180 um unſerer ſelbſt willen zu helfen, warum will es nicht offen und auf eigene Fauſt den Krieg an Oeſterreich erklären? Warum will es ſich hinter eine ſolche Zwitter⸗ allianz verſchanzen, will Hülfstruppen ſchicken und Durchlaucht in eine Stellung bringen, als wenn er ſein Untergebener wäre?“ Der Kurfürſt hatte ſich erhoben und maß die beiden Redner mit prüfendem Blick.„Hartes Loos der Fürſten!“ rief er dann.„Wenn in ſolcher Stunde der Ernſt der Entſcheidung an uns herantritt, da zaudern wir gern, in die eigene Bruſt zu greifen und den Entſchluß her⸗ vorzuholen, wir blicken umher nach einer treuen Hand, wir horchen umher nach einem wahren Worte. Mir iſt der Wunſch erfüllt, Wahrheit und Treue ſtehen mir zur Seite, aber ſie weiſen nach verſchiedenen Bahnen und der Zwieſpalt iſt derſelbe geblieben, immer muß ich wählen, immer muß ich zuletzt ſelbſt den entſcheidenden Ausſpruch thun! Sei es denn, bin ich es doch auch, der ihn allein zu verantworten hat! Die Gründe beider habe ich vernommen, was iſt nun Sein Antrag, Unertl?“ fragte er dieſem zugewendet. „Ich hab' ihn ſchon früher erörtert“, entgegnete dieſer,„ich kann es jetzt kurz machen, Durchlaucht. Die Rechtsanſprüche an das habsburger Erbe ſollen in einer Staatsſchrift dem Reichstag vorgelegt und den andern Mächten mitgetheilt, zugleich aber bei Oeſter⸗ reich feſt darauf gedrungen werden, endlich einmal das Teſtament weiland Ferdinand's I, auf dem unſer An⸗ ſpruch beruht, im Orginal vorzuzeigen und damit die bairiſche Abſchrift zu vergleichen, von der ich Durch⸗ laucht ein Geſchichtlein erzählt habe. Dann hat aller Streit ein Ende. Ihr Recht iſt klarer als die Sonne und muß Ihnen zugeſprochen werden! Laſſen Sie das Recht den Weg Rechtens gehen, Durchlaucht“, fuhr er wärmer fort,„zeigen Sie den Fürſten und Potentaten aller Zeiten, daß Sie das Recht achten und nicht gleich an den Degen ſchlagen, um dafür die Gewalt eintreten zu laſſen! Geben Sie dem Reich, geben Sie den Fürſten des Reichs das erhabene Beiſpiel, daß ſie lernen, einmal einmüthig unter ſich zuſammenzuſtehen, ihre Zwiſtigkeiten unter ſich auszutragen und nicht fort⸗ während gegen einander fremde Mächte hereinzurufen und auf auswärtige Allianzen ſich zu ſtützen; machen Sie, daß man einmal von Ihnen ſagen kann, er hat den Grundſtein gelegt zur Eintracht, die dem Reich noththut wie uns das liebe Brod. Machen Sie, daß man einſt von Ihnen ſagen kann, er hat die Kaiſerkrone ausgeſchlagen, aber er war doch der echte eigentliche Gründer des Reiches, denn er hat ihm erſt die rechte Loſung gegeben und die hieß Concordia!“ 182 Karl Albert war wie gewohnt im Saale hin und her geſchritten, jetzt blieb er ſtehen und ſah Unertl befremdet an. „Er hat ein bedeutſames Wort geſprochen, Kanzler“, rief er,„ein Wort, das mir klingt wie eine wohlmeinende Mahnung aus einem Herzen, von dem ich gewiß weiß, daß es mir redlich zugethan iſt. Concordia“, ſagte er vor ſich hin, als ob er allein wäre,„ja, das iſt das Wahre! Eintracht, Einigkeit mit ſich ſelbſt. Das iſt Alles! Wohlan, Unertl, um die⸗ ſes Wortes willen will ich ihm folgen, will mich wenig⸗ ſtens jetzt noch nicht entſcheiden. Verſtändige Er die Herren Ambaſſadeure, Graf Törring, ſie werden ſich wohl noch einige Tage gedulden. Ich will Alles noch einmal überlegen und einig werden mit mir ſelber. Einſt⸗ weilen laſſ' Er dem Grafen Peruſa in Wien den Befehl zugehen, mit allem Ernſt die Teſtamentsvorlage zu begehren, die immer verſchleppt wurde. Sorge Er dafür!“ „Dank, Durchlaucht, aufrichtigen Herzensdank“, rief Unertl, indem er die Hände wie zum Gebet auf der Bruſt zuſammenlegte und gerührt zum Himmel blickte. „Ich kehre ſogleich in die Stadt zurück, um die An— ordnungen zu treffen. Dank, Durchlaucht, auch für den Aufſchub, und wenn es nur eine Stunde wäre, 183 was vermag nicht eine Stunde! Möge der Segen des Ewigen auf der jetzigen ruhen!“ Er ging, Karl Albert ſchritt ſeinen Gemächern zu, Törring aber ſtieß unwillig den Säbel auf den Boden. „Hab' ich's nicht gedacht, wo man dieſe Federfuchſer mitreden läßt, verderben ſie Alles!“ murrte er.„Gut, daß man ſeine Vorbereitungen getroffen hat und eine Karte zurückbehielt!“ Mit einem Blick des Einverſtändniſſes auf Graf Preyſing verließ er mit Seinsheim das Gemach in der Richtung gegen den großen Saal, während jener den entgegengeſetzten Weg einſchlug. An ihnen ſchritt grüßend der Pater Roſe vorüber, der wie zufällig eben wieder von ſeinem Beſuche bei den Franziskanern zurückkehrte und ohne zu verweilen auch mit dem Seeretär Erdt einen flüchtigen Gruß wechſelte, der, allein zurückgeblieben, ſeine Papiere ge⸗ ordnet hatte und ſich nun gleichfalls entfernte. Auf dem Tiſche blieb ein Papierſchnitzel zurück, kaum anſehnlicher als ein Merkzeichen, das man in ein Buch zu legen pflegt; wie mechaniſch griff der Pater im Vorüber⸗ gehen danach, drückte es zuſammen und drehte es um den Finger, wie man wohl thut, wenn man tief in in Gedanken iſt. Draußen auf dem Corridor ent⸗ rollte er es ebenſo leicht wieder und warf einen 184 flüchtigen Blick auf die Zeichen, die wie bedeutungs⸗ loſe Federübungen hingekritzelt waren. Ein feines Lächeln überflog das kluge Antlitz des Paters. „Noch nichts verloren alſo“, ſagte er vor ſich hin,„aber das Originalteſtament ſollen ſie zu ſehen bekommen!“ Als die beiden Cavaliere den großen Saal er⸗ reichten, fanden ſie denſelben beinahe völlig umge⸗ ſtaltet; die geſammte Gärtnerſchaft des Schloſſes war eifrig beſchäftigt, Pflanzen, Blumen und Gewächſe aller Art, Orangen,⸗Cypreſſen⸗ nnd Lorbeerbäume herbeizu⸗ bringen und ſo aufzuſtellen, daß der Saal das An⸗ ſehen eines phantaſtiſchen Hains erhielt, in welchem nach ganz neuer Art ein Hofconcert ſtattfinden ſollte.* Auch der Nymphenburger Krautmeiſter war zur Aus⸗ hülfe gerufen und eben daran, ein Blumenparterre zu ordnen, in welchem die ſeltenſten und koſtbarſten Gewächſe, bunte Tulpen ſammt den damals eben in beſondere Gunſt gekommenen Hyacinthen zuſammen⸗ geſtellt wurden, um ein einziges großes, wie ein bunter Teppich hingebreitetes Blumenbeet zu bilden. Auch Kordl mußte dabei Hand anlegen und mit helfend ſorgen, daß die zahlloſen kleinen Töpfe unbeſchädigt herbeigebracht und bis an die Stengel der zarten Blumen mit friſchem grünem Mooſe überdeckt wurden, als wären dieſe frei aus ihm emporgewachſen. „-— 185 Nach der Flucht des Falkners war ihr nichts übrig geblieben, als den verödeten Falkenhof, auf dem ſich bald ein Nachfolger eingefunden, zu verlaſſen und ihre Zu⸗ flucht wieder zu dem Vetter im einſamen Nymphen⸗ burger Krautgarten zu nehmen, bis ſie etwa im Stande ſein würde, ihre weitern Entſchlüſſe auszu⸗ führen. Wohl erkannte ſie, daß bei aller Zurückhaltung die Möglichkeit einer ſchmerzlichen Begegnung nicht ausge⸗ ſchloſſen war, aber ſie bangte nicht davor, weil ſie ſich der Kraft bewußt war, ihr auszuweichen oder die unausweichbare zu ertragen; ſie hatte den größten Schmerz ihres Lebens ertragen und ſich ſelbſt über⸗ wunden, ſie brauchte vor keinem Rückfall zu bangen; die reizende himmelvolle Blüte, deren Duft ihr junges Sein einen Frühlingstag hindurch verſüßt und ver⸗ klärt hatte, war geknickt und gebrochen, ſie war ihr nichts mehr als jede andere gepflückte und getrocknete Blume, die man zur Erinnerung zwiſchen die Blätter eines Gebetbuchs legt. Auch glaubte ſie wohl gewiß ſein zu dürfen, daß Niemand ihre Anweſenheit vermuthen und es ihr wohl gelingen würde, an den Tagen, wo der Hof zugegen wäre, ſich völlig verborgen zu halten. Seinsheim und Törring traten wie im Vorüber⸗ gehen näher, beſahen die Anordnung und ſprachen ihre Bewunderung über den Glanz des Blumenflors und 186 die Schönheit der ganzen Anlage aus; ſie ſchienen es nicht zu gewahren, daß ſchon wenige Augenblicke nach ihnen Graf Preyſing mit Marquis Belleisle und Conde Montijo von der andern Seite eingetreten war und ſich ebenfalls den Pflanzengerüſten näherte. „Auch Sie hier, Excellenz Herr Collega?“ ſagte Preyſing zu Törring, als ob das Begegnen wirklich ein vollkommen zufälliges wäre.„Ich wußte in der That nicht, daß Excellenz auch ein Blumiſt ſind.“ „Ich kann mich deſſen auch nicht rühmen“, ent⸗ gegnete dieſer in gleicher Weiſe,„ein Kriegsmann wie ich hat zu rauhe Hände für ſo zarte Zöglinge. Das hindert mich aber nicht, daran mein Wohlge⸗ fallen zu haben, und da mich eben der Zufall herge⸗ führt—“ „Bei mir iſt das anders“, ſagte Preyſing,„ich habe eine wahre Paſſion für Blumen, und wenn Sie mich einmal auf meinen Schlöſſern in Brannenburg oder Neubeuern beehren wollen, werden Sie ſich über die ausgiebige Blumenzucht erfreuen, die ich in meinen Glashäuſern treiben laſſe. Diesmal aber bin ich hier, um dem Conde Montijo, dem Ambaſſadeur Seiner Majeſtät von Spanien, gefällig zu ſein, welcher ein großer Amateur der Blumiſtik iſt. Wir wollten eben die Treib⸗ und Glashäuſer des Schloßgartens beſuchen, — —— 187 als wir erfuhren, daß des Concerts wegen der ganze Flor hieher gebracht worden ſei.“ „Ich bin dem Herrn Grafen allerdings ſehr; ver⸗ — bunden“, entgegnete Montijo gleichgültig und die Blumen, die er ſo ſehr zu lieben beſchuldigt wurde, kaum eines Blickes würdigend.„Welches iſt die beſonders ſeltene Blume, von der Sie mir geſagt?“ „Laſſen Sie mich den Erklärer machen“, ſagte Belleisle dazwiſchen, indem er einen flüchtigen Blick durch den Saal ſtreifen ließ und ſich dann ſo ſtellte, daß er die Thür, welche zu den Gemächern des Kur⸗ fürſten führte, im Auge behalten konnte.„Ich bin zwar kein Gärtner von Fach, aber doch einigermaßen kundig. Vor allem muß ich dabei bekennen, daß ich ſehr wohl weiß, daß Tulpen nicht mehr in der Mode ſind, aber ich habe noch immer eine Schwäche für die ſtolze Blume und kann daher nicht umhin, meine Bewunde⸗ rung auszudrücken über die Auswahl der koſtbaren Arten und Farben, die ich in ſolcher Pracht und Fülle noch nirgends gefunden habe; dagegen bleibt ſelbſt Trianon zurück.“ Der inzwiſchen herbeigekommene Hofgärtner hörte mit vergnügtem Lächeln zu und freute ſich des Lobes, das aus ſo hohem und unverkennbar kundigem Munde ſeiner Zucht zu Theil wurde. 6 4 188 „Excellenz ſind ſehr gnädig“, ſagte er mit tiefem Bückling.„Wir haben wohl Tulpen von den allerſel⸗ tenſten Farben und Arten, aber an Hyacinthen ſind wir doch noch reicher. Sehen Sie hier, Excellenz, dieſe dunkelrothe Tulpe, das iſt die Semper⸗Auguſtus, die vor fünfzig bis ſechzig Jahren noch mit zehntauſend Gulden bezahlt worden iſt; ich habe ſie ſelbſt gezogen, ſie iſt ebenſo ſchön, ja ſogar noch ſchöner, als die der höchſtſelige Kaiſer wegen ihrer beſondern Pracht malen ließ; ich hab' das Conterfei geſehn, da fehlen die pur⸗ purrothen Spitzen an den einzelnen Blättern. Hier aber ſind die Hyacinthen— Durchlaucht ſind jetzt am mei⸗ ſten auf die portirt. Faſt jeden Tag kommen Seine Durchlaucht ins Glashaus, heut' aber haben Sie mir befohlen, daß ich ſie hier zuſammenſtellen ſoll, und wollen gleich nach der geheimen Conferenz kommen, um ſie in Augenſchein zu nehmen.“ „Hat Er denn auch die allerneueſte Hyacinthe?“ ſagte Belleisle, indem er ſeinen Gefährten mit den Augen winkte, denn die Seitenthür des Saals war aufgegangen und Kurfürſt Karl Albert eingetreten. „O gewiß“, rief der glückliche Gärtner.„Wir haben Alles, was neu iſt, aus Amſterdam verſchrieben. Welche Hyacinthe meinen Excellenz denn eigentlich? „Sehen Sie, hier habe ich die weiße Nonplusultra, 189 da iſt der karmoiſinrothe Rex Ludovicus und die dunkel⸗ blaue—“ Belleisle und die Uebrigen ſtanden im Kreiſe um die Blumen verſammelt und beugten ſich auf dieſelben nieder, als der Kurfürſt hinter ſie trat. „Ehbien, messieurs“, rief er,„welche Ueberraſchung! So viele ernſthafte Staatsmänner und Diplomaten in einem ernſthaften Blumenconſeil verſammelt? Welche iſt wohl die neueſte Hyacinthe, von der der Chevalier geſprochen?“ „Ich ſehe ſie unter den vorhandenen nicht, Durch⸗ laucht“, entgegnete Belleisle fein und mit ehrfurchts⸗ vollſter Begrüßung.„So es Ihnen gefiele, würde es mir aber nicht ſchwer werden, den Bezugsort zu bezeichnen. Es iſt die corona imperialis, auch im Reiche der Blumen der vollſten Bewunderung werth!“ Ueberraſcht, aber nicht unwillig blickte ihn der Kurfürſt an, ließ dann ſeine Augen fragend auf die Uebrigen gleiten, und eine Ahnung deſſen, was ſeine Miniſter mit den fremden Diplomaten an dieſem Orte zuſammengeführt, dämmerte ihm auf; daß ſie auch um ſein Kommen gewußt und ihn erwartet hatten, vermochte er freilich nicht zu vermuthen. „Man muß wehl auf ſolche Allotria verfallen“, murmelte Törring,„wenn man mit den Staatsge⸗ 190 ſchäften Ferien machen muß— Was bliebe ſonſt übrig?“ „Ich ſehe wohl, Törring, Er iſt ärgerlich“, ſagte Karl Albert lächelnd.„Ihm habe ich es diesmal wieder nicht recht gemacht.“ „Ich kann dem nicht widerſprechen“, entgegnete der General,„und glaube volle und gerechte Urſache dazu zu haben! Alles war ſo wohl vorbereitet, ſeit Wochen ſo gründlich erwogen, als etwas nur erwogen werden kann; alle Zeichen ſtanden günſtig; der Schatz, nach dem ich forſchte, hatte ſich bei der Beſchwörung ſchon gehoben, ich ſah ihn bereits blinken, da kommt der alte Zauderer und Plauderer dazwiſchen und die ganze Erſcheinung iſt verſchwunden!“ „Grolle Er dem Alten nicht“, entgegnete Karl Albert,„er meint es gut!“ „Durchlaucht geruhen zu entſchuldigen“, rief Tör⸗ ring,„wenn ich dieſen Grund nicht gelten laſſen kann und eher etwas ſonderbar finde. Ich gebe zu, daß er es gut meint; aber wir, die wir anderer Anſicht ſind, meinen wir es nicht auch gut? Wenn Durchlaucht ihm das als Vorzug anrechnen, iſt das nicht eine Kränkung für uns, eine Art verſteckten Vorwurfs, als wenn wir es ſchlimm meinten?“ „Er iſt immer gleich Feuer und Flamme“, ſagte 1941. der Kurfürſt.„Was liegt an der kurzen Verzögerung! In ſo wichtiger Angelegenheit iſt es nur rühmlich, wiederholt Raths zu pflegen, ehe man zur That ſchreitet!“ „Gewiß, Durchlaucht“, ſagte Belleisle, ehrfurchts⸗ voll hinzutretend, während der Gärtner und die Andern ſchon beim Erſcheinen des Kurfürſten ſich zu ihrer Arbeit zurückgezogen hatten und auf einen Wink Seins⸗ heim's allmälig entfernten,„aber der Rath darf nicht ſo lange dauern, daß die That dadurch beeinträchtigt wird! Raſcher Entſchluß iſt, was mir am beſten ge⸗ fällt, und wenn man vorher alle Möglichkeiten tauſend⸗ fach ausgeklügelt und berechnet hat, der Erfolg iſt doch immer ungewiß! Raſch greife zu, an wem Fortuna auf ihrer Kugel vorüberrollt; es gilt, ſie an der Stirnlocke zu faſſen, ihr Hinterhaupt iſt kahl! Es ſteht mir nicht zu, Durchlaucht zu drängen, ich möchte ſogar den Schein davon vermeiden, aber erinnern darf ich, wie koſtbar die Minuten ſind! Die Geſchicke der Welt ſind wieder einmal in einen Knoten verſchlungen, wer ihn zuerſt ergreift, erwirbt auch die Gewalt, ihn zu löſen! Es wird den Mächten nicht erſpart bleiben, Partei zu ergreifen jin dem kommenden Kampfe, ſie müſſen ſich in Gruppen zuſammenfinden. Eure Durch⸗ laucht iſt jetzt eine glückliche, eine höchſt günſtige Com⸗ bination geboten, wer weiß, ob ein verſäumter Augen⸗ 192 blick ſie nicht umgeſtaltet und vielleicht zu Ihren Un⸗ gunſten verändert.“ Der Kurfürſt war mit den Herren im Geſpräch näher an die hohen Fenſter und die Glasthüren ge⸗ kommen, welche auf die breite ſteinerne Altane vor denſelben führten, während ſeitwärts die Thür eines Gemaches wie zufällig offen ſtand und zum Eintritt einzuladen ſchien. Er ſah ernſt und doch bewegt aus und rang ſichtbar mit einem Entſchluſſe. Es ward ihm jederzeit ſchwer, einen ſolchen zu faſſen, er liebte es, möglichſt Viele zu befragen und ihre Meinung mit Gründen für und wider anzuhören, die Entſcheidung aber bis zum letzten drängenden Augenblick vorzube⸗ halten; diesmal zögerte er zweifach, dem Zünglein an der Wage den Ausſchlag zu geben, die über das Ge⸗ ſchick des Reiches wie ſeines Volkes und Landes ent⸗ ſcheiden ſollte. In der einen Schale winkte ihm ver⸗ lockend die Pracht und Macht der Kaiſerwürde, der Ruhm und die Vergrößerung Baierns entgegen, in der andern laſtete aufgehäuft das Elend, das Blut, die Thränen, die der Krieg mit ſich bringen mußte. Ließ er ſeinen Kopf reden, ſo zog die Krone hin und machte die dunkle Schale ſteigen, hörte er ſein warmes, güte⸗ volles Herz, fo ſank ſie überſchwer hinab und ſchnellte die Krone leicht wie ein nichtiges Luftgebilde empor. 193 „Ich preiſe die Fügung, die uns Durchlaucht hier be⸗ gegnen ließ“, begann Törring wieder.„Ich war auf dem Wege, zurückzukehren und mir nochmals Gehör zu erbitten. Das Wort des Marquis hat ſich bereits bewährt: die Sachen liegen nicht mehr, wie ſie vor einer Stunde gelegen. Als ich eben das Schloß verlaſſen wollte, kam mir ein Eilbote entgegen. Leſen Sie dieſes Schreiben, das er überbrachte; mein Sohn, Eurer Durchlaucht Geſandter in Berlin, meldet, daß der junge König Friedrich ſich in aller Stille gerüſtet hat und entſchloſſen iſt, auch für ſich allein das Schwert zu ziehen; jeder Tag kann die Kunde bringen, daß er in Schleſien eingedrungen.“ „Allerdings“, ſagte Karl Albert, indem er mit ſichtbarem Befremden das ihm dargereichte Blatt über⸗ flog,„das verändert die Sache, dann iſt das Signal zum allgemeinen Kriege gegeben.“ „Das iſt es, Durchlaucht“, rief Törring, den Ein⸗ druck der Nachricht bemerkend, noch dringender,„und nicht Durchlaucht werden es ſein, der das Signal ge⸗ geben! Baiern kann in ſolchem Kampfe nicht müßig zur Seite ſtehen, es muß Partei ergreifen und Niemand kann es tadeln, wenn es damit zugleich ſein Recht er⸗ ringen will, Niemand kann auf Eure Durchlaucht die Verantwortung auch nur für einen Tropfen des Blutes wälzen, das geopfert werden muß.“ Schmid, Concordia. II. 13 194 „Wohlan denn“, ſagte der Kurfürſt,„ſo ſende Er dem Kanzler einen reitenden Boten nach, er wird noch leicht einzuholen ſein. Wir wollen noch einmal berathen und zum Schluſſe kommen.“ „O nicht doch, Durchlaucht“, rief Törring.„Was ſoll der Kanzler, der nichts weiter zu ſagen weiß als ſeinen alten Eulenruf! Durchlaucht erfüllen die ihm gegebene Zuſage, die Angelegenheit noch einmal be⸗ rathen zu wollen; wann die Berathung geſchehen ſolle, ob in einigen Stunden oder Tagen, ward nicht be⸗ ſtimmt; es iſt ja auch nur eine Berathung, um die ich Sie zu beſtürmen wage, ich bitte ja nur, daß Durch⸗ laucht den Herren Geſandten Gelegenheit geben, die An⸗ ſichten ihrer Monarchen erörtern, die Vertragsentwürfe vorlegen zu dürfen. Treten Durchlaucht in jenes Ge⸗ mach, Niemand wird uns dort ſtören. Was liegt da⸗ ran, wenn der Kanzler abweſend iſt und ein Protokoll⸗ führer fehlt? Das ſind Förmlich keiten, und außer⸗ ordentliche Vorgänge erfordern außerordentliche Mittel. Was der bedenkliche Juriſt zu ſagen wußte, iſt geſagt; in ſolchen Sachen haben Staatsmänner und Soldaten das Wort und dem Fürſten allein geziemt die Entſcheidung!“ „Kommen Sie, meine Herren“, rief Karl Albert raſch und entſchieden,„ich will Sie hören. So oder ſo: ich will dem Zwieſpalt ein Ende machen!“ ———— 195 Er überſchritt die verhängnißvolle Schwelle des Gemachs, deſſen Thüren Graf Törring dienſteifrig wei⸗ ter zurückſchlug und zugleich, Triumph im funkelnden Blick, Preyſing zuwinkte, der ſich an die beiden Aus⸗ gänge des Saales begab, den dort ſtehenden Wachen Befehle ertheilte und dann ebenfalls im Seitenzimmer verſchwand. Für Kordel hatte es eines Winkes ſich zu entfernen nicht bedurft. So feſt und abgehärtet ſie ſich gedünkt, hatte es ſie doch wie ein Blitz durchzuckt, als ſie den Kurfürſten eintreten ſah. Sie war einen Augenblick gelähmt, und hätte ſie nicht eine Stütze gefunden, wäre die koſtbare Hyacinthe, die ſie trug, ihrer Hand ent⸗ glitten. Bebend, nach Athem ringend, hatte ſie kaum noch ſo viel Faſſung, daß ſie ſich abwendete, um nicht erkannt zu werden. Dann raffte ſie ſich auf wankte der Thür zu und flog, als dieſe erreicht war, hochaufathmend die Treppe hinunter und wie vom Sturmwind gejagt über den weichen Sand der Gartengänge dahin; ſie bemerkte Kanzler Unertl nicht, der eben den Lindengang gegen die Springbrunnen hinunterſchritt. „Nun, Mädchen“, rief er der achtlos Vorüberſtür⸗ menden zu,„haſt Du's ſo eilig, daß Du mich gar nicht kennſt? Haſt Du keinen Augenblick Zeit zu einem 13* 196 Gruße für mich? Was iſt Dir denn? Ich wollte eben zu Dir, um zu hören, wie es Dir geht.“ „Excellenz, Herr Göd“, ſtammelte ſie, überraſcht ſtill ſtehend und unfähig, den Sturm der Empfindungen zu verbergen, der ſich auf ihrem Angeſicht malte,„ſeien Sie nicht bös, ich habe Sie wirklich nicht geſehen.“ „Das habe ich zur Genüge bemerkt“, ſagte Unertl gütig,„aber was haſt Du denn? Was hat Dich in ſolche Haſt verſetzt? Du glühſt wie eine Kohle und kannſt kaum ſprechen.“. „Es iſt nichts, wahrhaftig nichts“, ſagte ſie und ſchlug vor ſeinem väterlich wohlwollenden und doch ernſt forſchenden Blick die Augen nieder.„Ich bin nur ſo arg gelaufen. Ich habe beim Blumentragen helfen müſſen und habe mich dabei verſäumt. Die Baſ'wirdgewiß zanken.“ „Ich will hoffen, Mädchen daß Du mir die Wahr⸗ heit ſagſt“, erwiderte Unertl.„Ich möchte am liebſten nichts erwähnen von Allem, was vorgefallen iſt, aber ich muß Dich doch daran erinnern, daß Du mir ver⸗ ſprochen haſt, Dir den Menſchen, der ſich bei Dir als Falkner ausgegeben und Dich betrogen hat, aus dem Sinn zu ſchlagen. Sollteſt Du das etwa vergeſſen haben?“ „Nein, Herr Göd, ich hab's ehrlich gehalten“, ent⸗ gegnete Kordel raſch, aber in einem Tone, der mit dem Inhalt der Worte nicht völlig übereinſtimmte. 197 „So, ſo; ich merke wohl, wie es ſteht“, ſagte Unertl, indem er ſie noch ſchärfer betrachtete.„Aus dem Sinn mag er Dir ſein, ob auch aus dem Herzen, das will ich jetzt nicht unterſuchen. Nun, nun, ſei nur ruhig“, fuhr er liebevoll begütigend fort, als er ſah, daß ihr Thränen in die Augen traten.„Wenn ich auch einen alten eisgrauen Kopf habe, ſo weiß ich doch, daß das in einem jungen Herzen ſo ſchnell nicht geht, aber ich weiß auch, daß Du ein braves Mädchen biſt und Dir Mühe geben wirſt, es vollends zu verwinden.“ Kordel reichte ihm die Hand, wie zum ſchweigenden Gelöbniß. „Es kommt Dich hart an, wie ich ſehe“, ſagte Unertl wieder;„ich könnte Dir vielleicht helfen, wenn ich Alles wüßte, Du haſt Dich immer geweigert, mir den Betrüger zu nennen. Willſt Du mir noch nicht ſagen, wer es war?“ Kordel ſchüttelte heftig den Kopf, reden konnte ſie nicht. „So ſage mir wenigſtens, ob er noch hier iſt“, be gann er wieder.„Ja? Dein Erröthen ſagt, was Deine Zunge verſchweigen will. O, ich kann's wohl errathen, es wird einer von den lockeren Hofcavalieren geweſen ſein, der ein leichtſinniges Spiel mit Dir getrieben hat. Ohne Zweifel iſt er Dir eben jetzt unvermuthet begeg⸗ 198 net, daher Deine Aufregung. Ich ſehe wohl, da muß man vorbauen“, ſetzte er mit Kopfſchütteln hinzu,„derlei könnte ſich wiederholen; es wird doch wohl das Beſte ſein, wenn ich Dich von München wegbringe.“ „Das mein' ich auch“, entgegnete Kordel ſchwer⸗ müthig,„und ich thät' inſtändig bitten, daß Sie mir er⸗ lauben—“ V„Ins Kloſter zu gehen?“ ſagte Unertl raſch.„Nein, 3 b das erlaub' ich nicht, wenigſtens jetzt noch nicht, erſt muß Gras gewachſen ſein über der Geſchichte; wenn Du dann noch dabei bleibſt, dann will ich glauben, daß es Beruf und nicht blos augenblickliche Aufwallung iſt, was Dich ins Kloſter treibt. Ich kann die Nonnen nicht leiden, die ſo über Hals und Kopf aus der Welt gehen, weil ihnen in der Welt etwas in die Quere gegangen iſt. Da haſt eine feine Art und ein anſtelliges Weſen“, fuhr er fort,„da wird ſich wohl einſtweilen in anderes Plätzchen für Dich finden laſſen. Aber ich muß noch einmal darauf zurückkommen, woher Du kamſt und was Dich ſo erſchreckte. Hab' ich recht ge⸗ rathen vorhin?“ „Es war nichts“, entgegnete ſie ausweichend;„ich ¹ bin nur ſchnell aus dem Saal, weil die geſtrengen Herrn und die fremden Geſandten hineingekommen ſind.“ „— 199 „Die geſtrengen Herrn, die Geſandten?“ fragte Unertl verwundert.„Was hätten die in dem Saal zu ſuchen?“ „Das weiß ich nicht“, war Kordel's Antwort,„aber einer von den Gärtnern ſagte, wer ſie wären und daß ſie ſeine Blumen anſehen wollten. Das haben ſie auch gethan, bis Seine Durchlaucht dazu kam.“ „Wer?“ rief Unertl außer ſich. „Seine Durchlaucht der Kurfürſt“, entgegnete Kordel unbefangen. „Seine Durchlaucht oben im Saale mit den Mi⸗ niſtern und fremden Geſandten?“ „Ja, ob ſie im Saale ſind, weiß ich nicht. Wie ich fortging, war's, als wollten ſie ins Zimmer nebenan gehen.“ „Der Kurfürſt mit den Miniſtern und Geſandten“, wiederholte Unertl, kaum der Rede mächtig.„Nachdem er die Geſandten gar nicht empfangen, nachdem er— o, das iſt Törring's Werk!“ brach er plötzlich ſchmerz⸗ haft aus.„Das iſt ein abgekartetes Spiel! Sie wollen mich beiſeite ſchieben und ihn beſtimmen, nach ihrem Willen zu handeln. Aber nein, nein, das ſollen Sie nicht! Solange der alte Unertl noch ath⸗ met, ſollen ſie's nicht!“ Schneller, als es ſeinem Alter zuzutrauen war, A* 200 eilte er dem Schloſſe zu und die Treppe hinan; ſtau⸗ nend folgte Kordel in einiger Entfernung, ungewiß, ob ſie gehen oder ſein Wiederkommen abwarten ſolle; ſie blieb nicht lange im Zweifel: ſchon nach einigen Augenblicken kam Unertl haſtig wieder die Treppe herab. „Es iſt nicht anders!“ rief er.„Es iſt eine ſchänd⸗ liche Intrigue! Die Thüren ſind mit Wachen beſetzt, die mir den Eingang verweigern! Umſonſt habe ich mich genannt, habe Ihnen geſagt, wer ich bin, ſie ſagen, ſie haben Befehl, Niemand, auch mich nicht einzulaſſen. Gott, mein Gott“, fuhr er in immer ſtei⸗ gender Aufregung fort.„Muß ich dieſe Schmach er⸗ tragen! Muß ich es ruhig geſchehen laſſen, daß das Wohl und Wehe meines Vaterlandes von Intriguanten verhandelt wird, daß ſie meinen gnädigſten Herrn zu einem unheilvollen Entſchluſſe treiben! O warum bin ich alt! Warum iſt meine Stimme zu ſchwach, um zu ihm hinaufzudringen! Mein Gott, mein Gott, was beginne ich? Und ich weiß nicht einmal gewiß, wo ſie ſich befinden.“ „Dort oben am Fenſter hab' ich eben Uniformen geſehen“, ſagte Kordel. „Dort oben? Im erſten Stockwerk?“ rief Unertl wieder.„Das iſt nicht übermäßig hoch. Aber wie kom me * — 201 ich hinauf? Doch ſieh, liegt hier nicht eine Leiter? Wahrhaftig, der nachläſſige Gärtner, der die Leiter liegen ließ, hat einen glücklichen Einfall gehabt. Die Leiter ſchickt mir Gott! Hilf mir, Mädchen, ich bin allein zu ſchwach, ſie zu tragen und aufzuſtellen. Gott gebe, daß ſie reicht!“ Kordel war kräftig genug, die Leiter aufzurichten; bald war ſie an das bezeichnete Fenſter gelehnt und der greiſe Kanzler ſtieg mit der Raſchheit eines Jüng⸗ lings die Sproſſen hinan. Als er das Fenſter erreicht hatte, bot ſich das Bild, das er gefürchtet, in voller Wahrheit ſeinen erſchreckten Augen dar. Auf dem Tiſch lag die Urkunde des Allianzvertrags mit Spanien und Frankreich; Triumph in den Mienen, ſtand Graf Törring daneben, während der Kurfürſt eben die von Belleisle mit graziöſer Verbeugung ge⸗ botene Feder ergriff und unterzeichnete. „Durchlaucht“, rief Unertl mit lauter Stimme und ſchlug eine der mächtigen Fenſterſcheiben mit dem Hute ent⸗ zwei, daß die Scherben niederklirrten,„nicht unter⸗ ſchreiben! Denken Sie an Ihren Vater! Trauen Sie den Franzoſen nicht! Gracca fides! heißt es von ihnen!“ „Was ſoll das?“ rief Karl Albert ſtreng und un⸗ willig, während Törring auf ſeinen Wink das Fenſter 202 öffnete, Unertl hereinſtieg und ſich aufs Knie vor ihm niederließ. „Laſſen mir Durchlaucht den alten Kopf vor die Füße legen“, rief er ſchmerzlich bewegt,„aber ich konnte nicht anders. Frieden, Durchlaucht, Frieden!“ „Nichts mehr von Frieden!“ rief Törring und ſchlug an ſeinen Degen.„Krieg iſt jetzt die Loſung! Seine Durchlaucht haben unterſchrieben. Die Allianz iſt abgeſchloſſen.“ „Weh mir, daß ich das erleben muß“, ſagte Un⸗ ertl matt und ſank mit brechenden Knieen und ver⸗ ſchwimmenden Blicks in einen Stuhl.„Weh mir, der Königslieutenant iſt fertig!“ —— „ Fünftes Kapitel. Brief und Siegel. Der Winter war vorüber. Die Fluren wurden trocken, Bäche und Flüſſe wieder frei. Die Saaten gingen auf, die vom Schnee verborgen gekeimt, und die Gewäſſer, die unter dem Eiſe ſtill dahingeronnen wie verſchwiegene Gedanken, warfen das Geheimniß von ſich, rauſchten auf und ſäumten nicht, ſich im Sonnen⸗ lichte zu ſpiegeln. Obwohl es noch früh am Tage war, hatte doch die Aprilſonne, durch kein Gewölke verhindert, ſchon ſo viel Macht, daß an den Bäumen ſich die Knospen regten und dehnten, die Menſchen aber in ihren Wohnungen die Fenſter öffneten, um Botſchaft und Gruß des Frühlings einzulaſſen. Nur von Zeit zu Zeit ſchauerte ein kalter Luftſtrom aus Nordoſt heran und mahnte, daß der Winter, wenn 204 auch geſchlagen und vertrieben, noch immer nahe genug war, um auf der Flucht anzuhalten und den ſchon verlorenen Kampf, wenn auch vergeblich, noch einmal aufzunehmen. Wie mit beſonderer Vorliebe legten ſich die be⸗ lebenden Strahlen an die Fenſter der Gemächer, in welchen Kaiſer Karl's Tochter und Erbin, Maria The⸗ reſia, die neue Herrin von Oeſterreich, in der Wiener Hofburg hauſte; ſie brannten auf die Scheiben und ſpiegelten ſich auf dem glatten, koſtbar eingelegten Bo⸗ den ab, von dem bereits die wärmenden Decken und Teppiche weggenommen waren. An dem mit pracht⸗ vollen Spitzenvorhängen überbauten Ankleidetiſch der jungen Herrſcherin war das erſte Kammerfräulein Ka⸗ roline von Hieronymus eifrig beſchäftigt, Schminkdoſe und Puderquaſte und das Schächtelchen mit ſchwarzen Schönpfläſterchen ſammt all den kleinen Bedürfniſſen, Geräthen und Zierlichkeiten bereit zu ſtellen, die un⸗ entbehrlich ſchienen, um Anzug und Haarputz einer vornehmen Dame jener Zeit zu ordnen. Nach einiger Zeit ließ ſich beſcheidenes Pochen an der Thür hören, aber obwohl das Fräulein mit lautem Ruſe einzu⸗ treten aufforderte, kam doch Niemand herein, und nach einer Weile wurde das Pochen in gleich beſcheidener Weiſe wiederholt. — — 205 „Was iſt das wieder für ein Trottel, der den Drücker an der Thür nicht finden kann?“ murmelte das Fräulein.„Sie iſt es, Fritzin!“ rief ſie dann verwundert, als ſie geöffnet hatte und vor der Thür ein hübſches Mädchen erblickte, in welchem das Kopf⸗ tuch mit den lang herabhängenden Zipfeln, der kurze Rock und die rothen Strümpfe die Böhmin erkennen ließen.„Sie getraut ſich hierher, wo die Majeſtät jeden Augenblick kommen kann? Wenn ſie ſie erblickt, iſt dem Faß vollends der Boden ausgeſchlagen.“ Der hübſchen Böhmin kugelten die Thränen über die Wangen.„Weiß ich, Fräulein Karoline“, ſagte ſie ſchluchzend,„kann ich aber net anders. Muß ich ſehen Frau Maria Thereſia, Königin meinige, wann ich net ſoll hingehn, wo is Donau am tiefſten!“ „Aber was will Sie denn?“ fragte das Fräulein. „Sie hat ſich nun einmal verfehlt, Majeſtät hat es erfahren und hat Sie fortgejagt. Sie kann jeden Augenblick aus der Meſſe kommen; wenn ſie Sie an⸗ trifft, wird ſie noch zorniger werden und ich bekomme mit Ihr Verdruß, ohne daß Ihr geholfen werden kann.“ „O heilige Mutter von Czenſtochau“, rief die Weinende,„was hab' ich gethan, daß ich geſtraft werde ſo ſchrecklich? Bin ich Madel armes, was net hat 206 Vater oder Mutter, Schweſter oder Bruder ſeiniges, hab' ich net gewußt, daß es iſt gefehlt ſoweit, wenn ich geh' zum Tanz mit Petraſch, Schatz meinigen.“ „Ja, das wäre freilich nicht ſo groß gefehlt ge⸗ weſen“, ſagte das Fräulein mit leichtem Lächeln,„aber Sie weiß wohl, Fritzin, daß es dabei nicht geblieben iſt!“ „O Gott, o Gott, weiß ich wohl!“ rief die Böh⸗ min troſtlos.„Bin ich ausgeſtiegen bei Fenſter, bin wiederkommen zu ſpät, aber hat Petraſch geſagt, daß er muß einrücken und muß werden Huſar, daß er mich vielleicht nicht wiederſieht ganzes Leben meiniges, da hat mich hinausgezogen bei Fenſter, weiß ſelbſt nicht was. Will wallfahrten barfuß nach Czenſtochau, wenn Königin mir verzeiht, will nachrutſchen auf Knieen meinigen, bis mir verzeiht!“ Das Fräulein fühlte Mitleid mit der Unglückichen, aber zu gleicher Zeit wurde ſie wirklich ängſtlich; es war ihr, als ob ſie durch die Gänge ſchon die Schritte und rauſchenden Kleider der Damen hörte, welche die Königin aus der Meſſe begleiteten; bei ihrer raſch auf⸗ lodernden Heftigkeit mußte ſie auch für ſich unange⸗ nehme Folgen befürchten, wenn ihr das Mädchen zu Geſichte kam, das ſie erſt vor wenigen Tagen in voll⸗ ſtem Unwillen als ein gänzlich verlorenes Geſchöpf verjagt und für immer verſtoßen hatte. —ᷓ— —— 207 „Gehe Sie jetzt nur, Fritzin“, ſagte ſie haſtig,„ich höre ſie kommen. Ich will ſehen, ob ich bei der Maje⸗ ſtät ein Wörtchen für Sie einlegen kann; aber nicht ſogleich, ein paar Tage müſſen erſt darüber vergangen ſein! Wenn ich jetzt davon anfange, würde ich es noch vollends verderben. Gehe Sie nur jetzt! Ich bitte Sie meinet⸗ und Ihretwegen. Komme Sie morgen wieder und frage Sie nach!“ Damit drängte und ſchob ſie die Bittende aus dem Vorgemach, über den Corridor und um deſſen Ecke, gerade noch zur rechten Zeit; denn gegenüber am andern Ende kam Maria Thereſia bereits mit ihrem Gefolge herangeſchritten, das ſich, an der Thür des Gemaches verabſchiedet, mit ehrfurchtsvollſter Ver⸗ beugung zurückzog, während die Fürſtin ſelbſt eilfertig eintrat. Sie ließ den Ueberwurf, den ſie getragen, über die Schulter zurückgleiten, daß er zu Boden fiel. „Da bin ich, liebe Hieronymus“, ſagte ſie.„Das Geiſtliche wäre beſorgt für heute, jetzt wird es wohl erlaubt ſein, daß wir ein wenig an uns ſelbſt und an das Körperliche denken! Weil ich denn doch ein⸗ mal heute in die Conferenzſitzung gehn und Audienz geben muß, ſo mach' mich ſo ſchön, als Du kannſt!“ „Das wäre eine Kunſt“, ſagte das Fräulein, wäh⸗ rend ſie Maria Thereſia, die ſich auf den Stuhl nieder⸗ 208 ließ, den Pudermantel umlegte und das prächtige Goldhaar zu löſen begann. „So, Du machſt mir ja ein recht ſchönes Compli⸗ ment!“ rief die Königin lachend.„Du meinſt alſo, es wäre gar nicht möglich, mich ſchön zu machen?“ „O, Majeſtät wiſſen zu gut, daß ich das nicht ſo gemeint habe und daß es nicht ſo gemeint ſein kann! Wie kann man Jemand zu etwas machen, was er ſchon iſt?“ „Schau, ſchau“, entgegnete Maria Thereſia,„wie die kurze Zeit, daß Du am Hof biſt, Dich ſchon zuge⸗ richtet hat und wie Du Dich ſchon aufs Schmeicheln verſtehſt! Aber ſetze Dich damit nicht in Unkoſten, bei mir iſt es nicht angewendet, ich muß doch einmal ſein, wie ich bin“, fügte ſie hinzu und warf einen flüchtig fragenden Blick in den goldumrahmten runden Toiletten⸗ ſpiegel, mit deſſen Antwort ſie nichts weniger als un⸗ zufrieden ſchien. „Wie ſoll ich das Haar machen?“ fragte die Hie⸗ ronymus.„Soll ich die Krone einflechten, weil Conferenz⸗ rath iſt?“ „ Nein, nein!“ rief die Königin haſtig,„laß mir die Krone weg. Ich trage ſie mir genug in Gedanken! Es iſt eine Dornenkrone, deren Stacheln ich ſpüre, auch wenn ich ſie nicht aufhabe. Flechte mir das 209 Perlendiadem ein, weil ich doch als Regentin auf⸗ treten muß! Perlen, ſo hab' ich einmal ſagen hören, Perlen ſollen Thränen bedeuten, da taugen ſie für mich. Iſt mir doch immer das Weinen näher als das Lachen! Aber davon wollen wir jetzt nicht reden. Sage mir lieber, was es Neues gibt in unſerm lieben Wien?“ „Es iſt nicht viel Beſonderes“, ſagte das Fräulein und ließ die gelöſten herrlichen Haarflechten der Kö⸗ nigin mit ſichtbarem Vergnügen ordnend durch die Finger gleiten.„Das meiſte Gerede—“ „Warte noch ein wenig“, unterbrach ſie dieſe, „das hätte ich bald vergeſſen! Die junge Gräfin Trau⸗ ner war heut' nicht in der Meſſe. Frag' einmal nach, warum? Das junge Vögerl will ſchon die Flügel rühren, wie mir ſcheint. Ich will doch hören, was ſie Wichtigeres zu thun hat, als in die Kirche zu gehen?“ „O dann iſt ſie gewiß krank“, ſagte die Hierony⸗ mus,„die junge Gräfin iſt ein ſo braves chriſtliches Fräulein.“ „Ja, ja, iſt ſchon recht, Du Allerweltsadvocatin“, entgegnete abwinkend Maria Thereſia,„dann könnte ſie es ſagen laſſen. Alſo frage nach, ſo unter der Hand, Du verſtehſt mich ſchon, und morgen will ich Antwort haben und— mache doch das Fenſter auf, daß die Sonne hereinkann, ſonſt verklagt ſie uns bei Schmid, Concordia. II. 14 210 unſerm Herrgott, daß man ſie nicht hereinläßt. Es iſt ja eine Hitze im Zimmer, daß man kaum athmen kann.“ „Verzeihung, Majeſtät, ich habe es nicht ſo warm gefunden“, entgegnete das Fräulein und öffnete das Fenſter, durch welches ſogleich ein kühler Luftſtrom eindrang, denn draußen war Gewölk heraufgezogen und hatte die Sonne verdeckt. „Du haſt eben trotz Deiner neunzehn Jahre kein Blut in den Adern“, fuhr Maria Thereſia fort,„aber jetzt rede und erzähle, jetzt unterbrech' ich Dich gewiß nicht mehr.“ „Ich hab' es Majeſtät ſchon geſagt, es iſt nicht viel Beſonderes. Das meiſte Gerede macht, daß der Stranitzky heute zum letzten Mal ſpielt.“ „Der Stranitzky, der Hanswurſt?“ ſagte die Kö⸗ nigin, ſich raſch umwendend. „Ja, der in der hölzernen Komödienhütte am neuen Markt ſpielt. Er iſt ſchon ſehr alt, hat aber immer noch fortgeſpielt, weil ihn die Wiener ſo gern haben und keinen Andern als Hanswurſt ſehen wollen. Jetzt aber geht er doch, denn jetzt hat er einen ge⸗ funden, der will ein noch größerer Hanswurſt ſein als er.“. „Ich habe viel von dem Stranitzky gehört“, ſagte 211 Maria Thereſia;„er ſoll ſchon hoch in Jahren ſein und keinen Zahn mehr im Munde haben, und doch bricht Alles in Lachen aus, wenn er ſich nur ſehen läßt und den Mund aufmacht. Muß ein eigener Menſch ſein! Ich wäre wohl gern einmal hingegangen, ihn zu ſehen. Ich habe in ſeinem Büchel, dem Fuchs Mundi geleſen und kann mir aus dem, was er hat drucken laſſen, wohl einbilden, was er in ſeinen Ko⸗ mödien ſich erlauben wird. Ach Gott, das könnte auch Alles anders ſein, wenn man Zeit hätte“, ſeufzte ſie, ſich ſelbſt unterbrechend.„Ich bilde mir ein, es müßte möglich ſein, wie es die Franzoſen machen, auch eine ordentliche deutſche Komödie zu ſpielen, wobei der Hanswurſt nichts zu thun hätte, aber ich habe an an⸗ dere Sachen zu denken, als den Hanswurſt abzuſchaffen! Nun, da wird es Leute genug geben in der Komödie: wo es luſtig hergeht, da bleiben die Wiener nicht aus. Sie haben Recht, ich gönne es ihnen und bin froh, wenn ſie vergnügt ſind.“ „Das Vergnügen iſt mitunter nicht ſehr groß“, fuhr die Hieronymus fort.„Sie raiſonniren gar viel, beſonders darüber, daß die Maibäume abgeſchafft ſiud und daß der Eſelritt in Hernals nicht mehr gehalten werden darf.“ „Die närriſchen Leute!“ ſagte Maria Thereſia 14* 212 und ſchüttelte lächelnd den Kopf.„Sie ſind wie die Kinder; wenn man ihnen ein Spielzeug nimmt, greinen ſie darum, aber eine Stunde darauf haben ſie's vergeſſen!“ „Auch die abgeſchafften Feiertage ſind ihnen nicht recht, ſie wollen an denſelben durchaus nicht arbeiten!“ Ueber das Antlitz der Königin flog ein Schatten des Unwillens.„Was“, rief ſie,„ſie ſind noch immer widerſpenſtig? Warum wollen ſie nicht arbeiten? Weil's einmal Feiertage waren? Der Papſt hat ſie abgeſchafft und nicht ich! Ich bin gewiß beſſer katholiſch als ſie alle miteinander und laſſe an den Tagen an meinen Bauten arbeiten; wenn ich's thue, werden ſie auch nicht in die Hölle kommen deswegen. Die Kaufläden ſind doch offen, wie ich befohlen habe?“ „Ja, Majeſtät, offen ſind ſie“, ſagte die Hierony⸗ mus,„aber es geht Niemand hinein, zu kaufen, und wer es doch thun wollte, dem vertreiben die Krämer den Appetit, denn ſie fordern ſolche Preiſe, daß man das Kaufen gern gut ſein läßt!“ „Kinder und abermals Kinder!“ rief Maria The⸗ reſia.„Liebe, aber mitunter ungezogene Kinder, denen man halt manchmal den Willen thun muß. Werden ſich ſchon dran gewöhnen, wenn man ihnen Zeit läßt! Biſt Du jetzt fertig, haſt Du Dein Körbchen mit Neuig⸗ keiten ausgekramt?“ „— „— 213 „Nur der Bodenſatz kommt noch“, erwiderte das Fräulein.„Majeſtät haben vielleicht ſchon von der ſchönen Greißlerin am Graben gehört?“ „Freilich“, ſagte die Königin neugierig,„ſie ſoll ja ſo ganz außerordentlich ſchön ſein, hätte ſie ſchon lange gern einmal geſehen.“ „Ja, ſie iſt eine ſchöne Frau mit ſchwarzen Augen und Haaren, ſo von der ungariſchen Art. Aber ſehen können Eure Majeſtät ſie nicht mehr, denn ſie iſt fort, bei Nacht und Nebel fort, hat ihren Mann und ihre Kinderln im Stich gelaſſen und ſich von einem Fran⸗ zoſen entführen laſſen, der bei der Geſandtſchaft war und ſie mitgenommen hat nach Paris.“ Das Antlitz der Königin verfinſterte ſich; von Allem, was unter den Vorgängen des gewöhnlichen Lebens ſie unangenehm berührte, war ihr das Unan⸗ genehmſte, was ſich auf eheliche Untreue oder ſogenannte Galanterien bezog.„Iſt denn eine ſolche Schlechtig⸗ keit möglich?“ rief ſie.„Nun, Gott ſei Dank, daß das Weib aus meinem Wien draußen iſt, herein ſoll ſie mir nicht wieder kommen, dafür werd' ich ſorgen ⸗ Solche nichtsnutzige Weiber kann ich nicht brauchen. Ich kann es gar nicht begreifen, wie es ſolche Weiber geben kann! Aber das kommt daher, weil ſie alle den Trauring nach Mariazell tragen und in der Kapelle 214 opfern; wenn ſie ihn fein ſittſam an den Fingern trü⸗ gen, würden ſie daran denken, daß ſie verheirathet ſind, und ihn ſpüren, wenn ein galanter Verführer ihnen die Hand drücken will. Ich muß darauf denken, wie ich es möglich machen kann, daß ſo etwas in Wien und in meinen Ländern gar nicht vorkommt. Das ganze Uebel rührt nur davon her, daß es ſo viele müßige leichtſinnige Perſonen gibt, die den Männern in die Augen ſtechen und ſie verführen, und die Män⸗ ner geben nachher den Frauen das ſchlechte Beiſpiel! Ich will es mir ernſtlich überlegen. Was meinſt Du, wenn man alle Frauenzimmer, die allein auf der Straße gehen, wegfangen und einſtecken ließe?“ „Das wäre denn doch wohl zu ſtreng“, wendete das Fräulein leiſe und ſchüchtern ein,„das würde wohl viele Unſchuldige treffen, die zur Arbeit gehen oder verſchickt werden.“ 3 „O nein“, eiferte die Königin,„dafür könnte man ſchon vorſorgen! Die ausgehen müſſen, ſollen nur fein ehrbar einen Roſenkranz bei ſich tragen oder ein Körb⸗ chen oder ein Zeugniß, mit dem ſie ſich ausweiſen können. Ich will nicht hoffen von Dir, daß Du ſolchen Dingen das Wort redeſt?“ Das Fräulein ſchwieg; ſie war eben mit dem Einjlechten der Perlen beſchäftigt, aber es ging ihr nur 215 langſam von der Hand. Durch das Zimmer wehte es ſo empfindlich kalt herein, daß die Finger zu erſtarren begannen. Auch die Kaiſerin war verſtummt; ein nachdenk- licher Schatten hing über der reinen klaren Stirn, hin⸗ ter welcher die Gedanken an einen Ungetreuen wieder wie nur zu oft ihren eiferſüchtigen Tummelplatz auf⸗ geſchlagen hatten. Obwohl mit ihrem Gemahl, dem Herzog von Lothringen, in innigſtem Einverſtändniß lebend, fehlte es doch nicht an Augenblicken, wo ſie ihn argwöhniſch beobachtete, wenn er bei Tafel oder in einer Abendgeſellſchaft ſich mit einer Dame unter⸗ hielt oder auf den Jagden, die er häufig unternahm, länger ausblieb, als ihr überhaupt nöthig ſchien. Sie war edelmüthig genug, ſolche Gedanken, wenn ſie ſich ihr aufdrängten, zu bekämpfen und möglichſt in ſich zu verſchließen, aber das hinderte nicht, daß das Uebel in kurzer Zeit wiederkehrte und die Qualen vermehrte, die auf ſie einſtürmten. „Was meinſt Du, Hieronymus“, ſagte ſie nach einer Weile in einem Ton, der völlig gleichgültig ſchei⸗ nen ſollte, als ob das, was ſie zu ſagen im Begriffe war, mit dem vorigen Geſpräch in gar keinem Zu⸗ ſammenhang ſtehe.„Iſt die Gräfin Kathinka Palffy nicht ſchön und zum Heirathen vollkommen reif?“ 216 Das Fräulein bejahte lächelnd. Sie erinnerte ſich, wie vor wenig Tagen davon die Rede geweſen, daß die junge Magnatentochter bei der Meſſe durch ihre jugendliche Schönheit die Augen des Großherzogs auf ſich gezogen habe. „Nun, da will ich mich doch gleich um eine Partie für das Mädel umſehen“, fuhr die Kaiſerin erleichtert fort.„Ich meine mich zu erinnern, der ſpaniſche Ge⸗ ſandtſchaftsattaché Graf Canales hat ſich günſtig über ſie geäußert. Er iſt Wittwer, reich— ganz recht! Das iſt ein Mann für ſie!“ „Nur vielleicht ein bischen zu alt“, ſchaltete die Hieronymus möglichſt unbefangen ein, indem ſie nur 8 bedacht ſchien, dem künſtlichen Bau, der unter ihrer Hand entſtand, eine etwas widerſpenſtige Locke einzu⸗ fügen,„er könnte zweimal ihr Vater ſein.“ „Das macht nichts“, ſagte Maria Thereſia eifrig, „wenn er nuͤr ſonſt ein braver Mann iſt. Bei Alten wird man gut gehalten; bei einem Alten iſt man vor Manchem ſicher, was ich ihr gern erſparen möchte- Ueberdies iſt er ſo vollauf beſchäftigt, daß er keine müßigen Nebengedanken haben kann, denn das iſt das Allerböſeſte. Ich ſage Dir, Karoline, wenn Du ein⸗ mal heiratheſt, nimm Dir ja keinen Mann, der nichts zu thun hat!“ 217 „O nein, gewiß nicht“, rief das Fräulein ſo eifrig und ſchnell, daß ſich die Königin unter ihren Händen umwendete und ihr ins Geſicht ſah, über das, im Ge⸗ fühle, ſich übereilt und verrathen zu haben, leichte Röthe aufſtieg. „Steht's ſo“, ſagte Maria Thereſia,„daß Du das ſchon ſo gewiß weißt? Das heißt auf Deutſch, Du haſt Dir bereits einen ausgeſucht. Iſt es ſo? Nun, deshalb brauchſt Du nicht ſo in Verlegenheit zu kommen. Wer iſt es denn? Kenne ich ihn? Hat er auch gehörig viel zu thun?“ „Majeſtät“, rief das Fräulein vor der Königin niedergleitend und ihre Hand zu erfaſſen ſuchend. „Nur heraus mit der Sprache“, fuhr dieſe gütig fort, indem ſie die Hand ihrem Kuſſe entzog.„Wer iſt es?“ „Der kaiſerliche Kammerſecretarius von Greiner“, war die leiſe hervorgehauchte Antwort. „So, der?“ erwiderte die Königin ſichtbar zu⸗ frieden geſtellt.„Den kenn' ich allerdings ſo halb und halb. Ein hübſcher Mann und, wie ich höre, von guter Conduite. Nun, er will Dich doch auch? Ihr ſeid wohl ſchon einig? Recht ſo“, fuhr ſie fort, als das Fräu⸗ lein erröthend nickte,„dann wollen wir machen, daß bald Hochzeit ſein kann, nicht wahr? Nun, dafür laſſe 218 mich ſorgen, aber Eins bedinge ich mir aus. Verlieren will ich Dich deshalb nicht. Ich bin Dir gut, Du mußt auch als Frau bei mir bleiben.“ „Bis in den Tod“, ſagte das Fräulein gerührt und bedeckte die Hand der gütigen Fürſtin, die ſie nun doch ergriffen hatte, mit Küſſen und Thränen. „Nun, laß es gut ſein, Du kindiſches Ding“, rief dieſe,„aber was haſt Du denn? Dein Geſicht iſt zin⸗ noberroth und Deine Hände ſind kalt und ſtarr wie Eis?“ „Das kommt von der friſchen Luft“, ſagte das Fräulein ſich erhebend und nach dem geöffneten Feaſter deutend. „Iſt ja wahr, das offene Fenſter habe ich ganz vergeſſen!“ lachte die Königin.„Ich hab' es nicht gefühlt, Du weißt ja, ich hab's nicht gern warm, aber jetzt wird es mir ſelber empfindlich. Schau, der ganze ſchöne Tag und der Sonnenſchein iſt fort. Der April treibt ſein Spiel. Da mache das Fenſter nur zu und ſieh nach dem Heizer.“ „Ich glaube, ich höre ihn eben im Ofen rumoren“, entgegnete das Fräulein und rief zur Thür hinaus, woorauf ein ſtattlicher Mann in leinener Schürze und leinener Jacke eintrat, deſſen martialiſche Haltung, 249 ſowie der Schnurrbart und ſorgfältig geflochtene Zopf den alten Soldaten erkennen ließen. „Was iſt's denn mit Ihm, Stockel?“ rief die Königin.„Ich glaub', Er will uns ausfrieren laſſen? Er meint wohl, wir können auch Kälte aushalten wie ein alter Grenadier?“ „Ich hab' eingeheizt wie ſonſt, Majeſtät“, ſagte der Alte,„aber Majeſtät reißen immer gleich die Fen⸗ ſter auf und da iſt's kein Wunder—“ „Nun ja, zank' Er nur nicht, wir wollen's in Zukunft nicht mehr thun“, lachte die Königin.„Er kann ſchon wieder gehen oder hat Er noch etwas auf dem Herzen? Ich meine, ich ſehe es Ihm an. Was hat Er denn da in der Hand?“ „Ein Büchel hätt' ich“, ſagte der Heizer,„ein frommes Tractätlein, das mein Vetter, das junge Studentlein, hat drucken laſſen. Wenn Majeſtät die Gnade haben wollten—“ „Geb' Er her, ſagte Maria Thereſia, ſchlug das Büchlein auf und las:„Chriſtliche Wallfahrt in die Ewigkeit, ein Wanderſtab für fromme Pilger. Schau, das Bübel hat ja ſchon recht gute Einfälle. Aus dem kann etwas werden, wenn er jetzt ſchon ſo etwas zu Wege bringt. Ich will es leſen, und wenn es mir ge⸗ fällt, Stockel, ſoll er einen Freiplatz haben in der 220 Jeſuitenſchule. Wie iſt es, hat Er das Almoſen aus⸗ getheilt, wie ich Ihm befohlen habe?“ „Zu Befehl, Majeſtät“, ſagte der alte Grenadier, „hier iſt die Liſte.“ „Ich hab' jetzt keine Zeit“, ſagte die Königin, ihn verabſchiedend.„Morgen will ich ſie anſehen und will Ihm wieder Geld geben und— wie iſt mir denn“, rief ſie dem Fortſchreitenden nach,„warum habe ich denn heute die Fritzin noch nicht geſehen, die mir ſonſt immer um dieſe Zeit friſches Waſſer bringt?“ „Majeſtät wollen ſich erinnern“, flüſterte ihr die Hieronymus zu. „Ja ſo, die hab' ich fortgeſchickt“, ſagte Maria Thereſia ſich erinnernd.„Hab' ihr auch ganz recht gethan, hat nicht mehr verdient, die leichtſinnige Dirn', aber ich hab' es im erſten Zorn gethan und das taugt niemals. Wenn ich ſie fortjage, iſt ſie ein verlorenes Geſchöpf und geht vielleicht ganz und gar zu Grunde und ich wäre vielleicht mit ſchuld daran. Ich will ſie noch einmal fehen. Er kann ſie auch auf morgen herbeſtellen!“ „Die brauch' ich nicht erſt zu beſtellen, Majeſtät“, ſagte der Heizer,„die Fritzin hockt draußen auf dem Corridor und heult, daß ſie der Bock ſtößt.“ „— — —— 221 „So laß Er ſie herein“, rief Maria Thereſia und mußte im nächſten Augenblick einen Schritt zurück⸗ treten, um ſich dem leidenſchaftlichem Ungeſtüm zu entziehen, mit welchem die hereineilende Böhmin ſich ihr zu Füßen warf. „Steh' auf“, ſagte ſie gerührt,„ich ſehe wohl, es reut Dich. Ich will Dir verzeihen, aber gut gemacht muß es werden. Du mußt heirathen; Dein Schatz wird doch wollen?“ „Ob Petraſch will!“ rief das Mädchen, das, aus dem tiefſten Abgrund des Leidens plötzlich zum höch⸗ ſten Gipfel der Freude erhoben, Schluchzen und Lachen durcheinander mengte und das Kleid der Königin mit Küſſen bedeckte. „So hole ihn und gehe mit ihm zum Hofpfarrer; ſage, daß ich Euch ſchicke; er ſoll ſehen, wie es mit Euch ausſieht, und wenn kein Hinderniß entgegenſteht, ſoll er Euch am Sonntag copuliren. Aber damit Ihr leben könnt, muß ich Deinem Zukünftigen wohl auch einen Dienſt geben. Zu irgend was wird er wohl zu brauchen ſein?“? „O, Petraſch iſt zu brauchen zu Alles“, rief die Fritzin eifrig.„Petraſch iſt geſchickt, iſt geweſen Hai⸗ duck, hat gelernt zu machen Sättel und Zaum, Pe⸗ traſch—“ 222 „Schon genug“, lachte die Königin,„gehe nur jetzt! Deſto beſſer, dann kann man ihn in der Hofſatt⸗ lerei unterbringen!“ Das Mädchen wollte dem Beſehl folgen, aber der plötzliche Wechſel der Empfindungen war ſelbſt für ihre derbe Natur zu ſtark geweſen. Schmerz und Angſt hatten ihre Kraft aufs höchſte angeſpannt, die plötzliche Freude machte ſie erſchlaffen, daß ſie ſich von den Knieen nicht zu erheben vermochte. Das Fräulein mußte ihr dabei behülflich ſein und ſie zur Thür geleiten. „Kann ich nicht reden“, rief ſie im Fortgehn im⸗ mer wieder,„kann ich nicht danken, aber will ich be⸗ ten zu Frau heiliger von Czenſtochau, ſoll ſchicken Glück und Segen und Freud', was iſt im Himmel, über Kö⸗ nigin gnädige.“ Von der Thür hinweg eilte das Fräulein zu Maria Thereſia, neigte ſich vor ihr und küßte ihr die Hand. „Was iſt Dir denn?“ fragte dieſe.„Ich glaube gar, Du haſt naſſe Augen?“ „Majeſtät ſind ſo gnädig, ſo gut“, ſagte ſie ge⸗ rührt. Dieſe aber winkte ihr ab und rief:„Sei mir ſtill damit! Mache nicht ſo viel daraus. Was iſt es denn, wenn ich hier und da Jemand glücklich machen kann? Nach meinem Sinn ſollten es alle ſein! Es 223 gibt ſoviel Unglückliche, denen ich nicht helfen kann, ſoviel Unglückliche, die ich wider Willen ſelber machen muß. Aber gehe jetzt, lege mir das große Band um und ſtecke mir die Orden an. Es wird bald Zeit ſein zur Conferenz. Ich darf meine Herrn Miniſter nicht warten laſſen, damit ſie ſich von mir keine Ausrede nehmen können. Auch möchte ich zuvor noch den Cabi⸗ netsſecretär Koch hören; er wird gewiß Allerlei haben, was nothwendig iſt, und wartet wohl ſchon im Vor⸗ zimmer.“ Als der Anzug vollſtändig geordnet war, trat ſie zum Schreibtiſch, und die Hand auf denſelben geſtützt, erwartete ſie den Secretär, den die Hieronymus zu ru⸗ fen ging: an Adel und Würde wie an Schönheit der Ge⸗ ſtalt eine wahrhafte Königin. Es war keine Ueber⸗ treibung, wenn der Ruf Maria Thereſia zu den ſchön⸗ ſten Frauen ihrer Zeit rechnete, auf den Thronen der damals bekannten Welt hatte ſie gewiß keine ihres⸗ gleichen. Das blonde Haar ſiel aus dem Perlendiadem in üppigen Locken auf einen ſchöngerundeten Nacken herab, deſſen blendendes Weiß durch den ſchwarzen At⸗ las, den ſie noch immer zur Trauer um den Vater trug, noch gehoben wurde. Der ſchwere dunkle Stoff ließ die Formen der vollen und doch ſchlanken Geſtalt noch mehr hervortreten und bildete eine wirkſame Folie 224 für das um die Schulter geſchlagene Fürſtenband und die an der linken Bruſt befeſtigten Orden. Der Secretär Koch, ein junger Mann von be⸗ ſcheidenem, für ſeine Jahre ungewöhnlich würdevollem Weſen, trat nach den üblichen Verbeugungen näher und öffnete auf den Wink der Herrſcherin die Mappe mit den Papieren, über die er der Kaiſerin zu berich⸗ ten hatte. „Guten Morgen, Koch! Mache Er es heute kurz“, ſagte die Königin zu ihm.„Was warten kann, ver⸗ ſchiebe Er auf morgen. Es kann jeden Augenblick Meldung kommen, daß die Herrn im Staatsrath ver⸗ ſammelt ſind.“ „Dann ſind es zunächſt zwei Angelegenheiten, die wohl keinen Aufſchub erleiden, weil Gefahr im Ver⸗ zug iſt“, ſagte der Secretär;„es ſind Gnadenge⸗ ſuche wegen zuerkannter Strafverfügungen. Die eine iſt die Bitte des Bürgermeiſters Rutenberg von Dan⸗ 31— „Des Bürgermeiſters von Danzig?“ fragte Maria Thereſia verwundert.„Iſt das nicht in Polen? Was haben wir mit dem zu thun?“ „Er bittet um die Begnadigung ſeines Sohnes, der zur Landesverweiſung und vorherigen Ausſtellung am Pranger verurtheilt iſt. Er war als Kauf⸗ 225 mannsdiener in Wien und hat an der Geſellſchaft der ſogenannten Feigenbrüder Theil genommen.“ „Sind das die ſauberen Früchtlein“, fragte Maria Thereſia haſtig und unwillig,„die in Nußdorf zuſammen⸗ kamen, um ganze Nächte hindurch zu zechen, zu ſpielen und mit liederlichen Dirnen zu ſchwelgen?“ „Dieſelben, Majeſtät. Die Einheimiſchen ſind theils in Regimenter geſteckt, theils zu ſchweren Frei⸗ heitsſtrafen verurtheilt, der junge Rutenberg—“ „Wird aus dem Lande gewieſen und vorher an den Pranger geſtellt“, unterbrach Maria Thereſia,„es bleibt dabei!“ „Erlauben mir Majeſtät“, ſagte Koch in beſcheidener Weiſe„zur Begründung der Bitte vielleicht hervorzuhe⸗ ben, daß der junge Menſch eine ſonſt ganz untadel⸗ hafte Conduite gepflogen, auch als Sohn eines allge⸗ mein angeſehenen und geachteten Mannes wie auch als Ausländer einige Rückſicht verdienen dürfte, zumal die Schande der öffentlichen Ausſtellung ihm leicht für die ganze Zukunft ſchädlich ſein könnte.“ „Das hätte er ſelbſt bedenken ſollen“, rief Maria Thereſia unwillig.„Der Pranger iſt ihm keine Schande, wohl aber das, was er gethan hat. Kein Wort mehr, es bleibt beim Urtheil!“ Der Secretär legte die Eingabe zurüil u nd ſuchte Schmid, Concordia. II. 226 die andere.„Das zweite Geſuch um Gnade iſt von dem Bürger und Fleiſchhauermeiſter Werndl in Linz, einem allgemein geachteten redlichen Manne, der aber, wie ſich in neuerer Zeit ergeben, heimlich der lutheriſchen Confeſſion angehört. Nach dem von Majeſtät erlaſſenen Patent wurde ihm aufgegeben, Haus und Geſchäft zu verkaufen und nach Siebenbürgen überzuſiedeln. In den nächſten Tagen geht der Termin zu Ende. Er wendet ſich nun an Eurer Majeſtät Gnade, ſeinem Gewiſſen keinen Zwang anzuthun und geſtatten zu wollen, daß—“ „Wie kann er ſagen, daß ich ihm Zwang anthue?“ rief Maria Thereſia feurig.„Will ich ihm denn weh⸗ ren, lutheriſch zu ſein, will ich ihn katholiſch machen? Nein, ich laſſe ihm ſein volles Recht, aber ich will auch mein Recht nicht umſtoßen laſſen! Ich will keinen Luthe⸗ raner in meinen Ländern. Andere Potentaten thun das Gleiche und haben ganz andere Mittel angewendet, um der Ketzerei zu ſteuern. Ich meine, ſie ſollen es mir danken, wenn ich ſie blos verpflanze und nichts weiter verlange, als daß ſie zu den ſiebenbürger Sachſen gehen. Das ſind Lutheraner, da können ſie es auch bleiben, da drunten in der weiten Entfernung ſtören ſie mich nicht. Brech' Er ab, ich will weiter nichts. davon hören.“ —, 227 Schweigend ſchloß der Secretär die Mappe und war des Winkes ſich zu entfernen gewärtig. „Er iſt nicht zufrieden mit mir“, ſagte Maria Thereſia.„Ich ſehe es Ihm an; warum iſt Er es nicht? Red' Er gerade heraus! Ich muß oft genug nach Rück⸗ ſichten gegen meine Meinung handeln; das ſind Gnaden⸗ ſachen, in dieſen wenigſtens ſoll's nach meinem Willen gehen.“ „Wenn Majeſtät geruhen, mir eine Einwendung zu erlauben“, entgegnete der Secretär,„ſo möchte ich erinnern, daß gerade Gnadenſachen, Angelegenheiten, in denen eigentlich die Geſinnungen Eurer Majeſtät unmittelbar zur Geltung kommen, zweifach ſtrenger Ueberlegung bedürfen. In beiden Fällen handelt es ſich um Grundſätze: beide werden nicht verfehlen, Auf⸗ ſehen zu erregen, und laſſen vielleicht eine mißgünſtige Auslegung zu. Majeſtät ſind eine Frau und haben die Zügel des Regiments erſt vor kurzer Zeit und unter ſo eigenthümlichen Umſtänden ergriffen, daß die Augen von ganz Europa auf Sie gerichtet ſind—“ „Mögen ſie“, entgegnete Maria Thereſia ſtolz, vich ſcheue ſie nicht!“ „Dennoch“, fuhr Koch fort,„dürfte es gerade jetzt nicht räthlich ſein, dem böſen Willen und der Mißgunſt Anläſſe an die Hand zu geben, die ſich viel⸗ 15* 228 leicht verdrehen und gegen Eure Majeſtät ausbeuten laſſen, zumal—“ „Zumal? Nun, warum bricht Er ab?“ „Zumal“, begann der Secretär wieder, ſichtlich die Worte wägend,„als dem Vernehmen nach im Norden in Zeitungen und Flugblättern Alles ausge⸗ nutzt wird, was zu Angriffen gegen Eure Majeſtät nur irgend dienlich ſcheint.“ „Ah, Er meint die Geſchichte, daß man mich be⸗ ſchuldigt, ich hätte Meuchelmörder gegen den König von Preußen gedungen und hätte ſie im geheimen Kriegsrath feierlich und förmlich beeidigen laſſen? Das iſt einfältig, Koch! Der König hat einen unerhörten Friedensbruch an mir begangen, er iſt in mein Land eingefallen ohne Kriegserklärung und will mir Schleſien, das mir von Gott und Rechtswegen gehört, entreißen. Ich werde mich ſeiner erwehren mit allen Mitteln, die in meiner Macht ſtehen, aber derlei ſteht nicht in meiner Macht, derlei traut auch Niemand Maria The⸗ reſia im Ernſte zu!“ „Es iſt nicht das“, erwiderte Koch,„aber eine ähnliche Beſchuldigung. Ich habe das Blatt nicht ſelbſt geleſen— es ſoll die Haude'ſche Zeitung heißen und in Berlin erſcheinen— habe aber Vorkehrung ge⸗ troffen, es zu erhalten, und werde es dann vorlegen 229 Majeſtät erinnern ſich, daß das Teſtament Kaiſer Ferdinand's I, auf das Kurbaiern ſeine vermeintlichen Erbanſprüche ſtützen will, auf deſſen Andringen in Gegenwart der Miniſter und Geſandtſchaften im Ori⸗ ginal vorgezeigt und mit der von dem Grafen Peruſa als Vertreter Baierns producirten, durch einen öffent⸗ lichen Notar und mehrere Zeugen beglaubigten Abſchrift verglichen wurde.“ „Was ſoll's damit?“ rief Maria Thereſia unge⸗ duldig.„Ich weiß, daß das Original und die Ab⸗ ſchrift nicht zuſammenſtimmten und daß das Original gegen die bairiſchen Anſprüche entſchied. Iſt es nicht ſo?“ „Allerdings“, fuhr Koch fort.„Während es im öſterreichiſchen Originale hieß, daß die Töchter Kaiſer Ferdinand's erſt dann zur Erbfolge kommen ſollten, wenn von ſeinen Söhnen keine ehelichen Leibeserben vor⸗ handen ſeien, war in der bairiſchen Abſchrift ſtatt dieſes Wortes männliche Leibeserben zu leſen.“ „Nun alſo?“ rief Maria Thereſia und richtete ihren Blick auf den Secretär, als wolle ſie ihm die Worte vorher aus dem Antlitz leſen. „Nun will verlauten“, ſagte dieſer,„und wird von den Feinden Eurer Majeſtät ausgebreitet, die Ver⸗ ſchiedenheit der Ausdrücke ſei keine zufällige, ſie ſei 230 nicht durch einen Irrthum oder Schreibverſtoß ent⸗ ſtanden, ſondern durch eine Fälſchung!“ „Impertinent!“ brauſte Maria Thereſia auf, „aber ebenſo albern als impertinent! Haben wir nöthig, uns zu ſolchen Künſten herabzulaſſen? Unſer Recht bedarf ſolcher Hülfe nicht. Das ſteht auf feſterem Grunde! Laß Er das Pack ſchwatzen, ſchreien und verleumden, wie es will. Die Welt wird uns eben⸗ ſo wenig für Fälſcher als für Banditen halten. Ich könnte beinahe lachen darüber. Wir haben wohl das Wort herausradirt und das andere künſtlich hinein⸗ geſchrieben? Verſchon' Er mich künftig mit ſolchen Armſeligkeiten!“ „Ich würde es gern thun, Majeſtät“, ſagte Koch, „wenn das Gerede nicht in einer Art und mit einer Beſtimmtheit aufträte, die nicht zu unterſchätzen iſt, wenn nicht Umſtände, Thatſachen angeführt, ja ſogar Namen genannt würden—“ „Was ſagt Er da? Namen? Er träumt wohl?“ rief die Königin. „Ich wünſchte es, Majeſtät, aber es iſt leider die Wahrheit! Allerdings iſt nicht von einer Fälſchung im gewöhnlichen und gemeinen Sinn die Rede, wo man Worte und Buchſtaben radirt oder eine unangenehme Zahl verändert, nein, die Fälſchung ſoll zugleich ein 234 wahrer Triumph der Wiſſenſchaft ſein! Mit allem Aufwand von hiſtoriſchen Kenntniſſen und archivaliſcher Gelehrſamkeit ſoll eine neue Urkunde angefertigt und ihr durch geheime Künſte ſo täuſchend der Schein und das Ausſehen einer alten gegeben worden ſein, daß auch der feinſte Kenner, die ſchärfſte Prüfung die Un⸗ echtheit nicht zu erkennen vermocht habe. Das Stift Gottweih wird als die Stätte bezeichnet, wo das Kunſt⸗ werk entſtand. Der Abt Pertz, der Pater Her und einige andere Confratres ſollen die Urheber und auch der Hofrath von Bartenſtein der Sache nicht fremd ſein.“ Auf dem Antlitz der Königin hatte während des Berichts heftiger Zorn mit dem Gefühl bitterſter Kränkung gewechſelt. Sie war nahe daran, in leiden⸗ ſchaftliche Worte auszubrechen, aber ſie bemeiſterte ſich und bewahrte vollkommen die Haltung der Königin, die ebenſo hoch über dem Berichterſtatter ſtand als über den Ereigniſſen, von denen er berichtete. „Ich danke Ihm für ſeine Mittheilung“, ſagte ſie kalt,„verkenne auch nicht Seinen Eifer, mir zu die⸗ nen, aber Er iſt mein Secretär für mein Haus und für die innern Landesangelegenheiten— Staatsſachen liegen außer Seinem Bereiche. Ich ſeh' es nicht gern, wenn meine Diener ſich um Dinge kümmern, die nicht zu ihrem Dienſt gehören.“ 232 An der Thüre erſchien Fräulein Hieronymus, die ſich inzwiſchen zurückgezogen hatte, mit der Meldung, daß die Mitglieder des geheimen Conferenzrathes ver⸗ ſammelt und die zur Audienz beſchiedenen Perſonen anweſend ſeien. Majeſtätiſch ſchritt Maria Thereſia an dem Secretär vorüber, der, ſo ſehr er ſich in äußerlicher Demuth verbeugte, dennoch nicht danach ausſah, als ob er ſich innerlich beſonders gedemüthigt fühlte. „Immerhin“, ſagte er vor ſich hin,„mag mein Wort ungehörig geſprochen ſein, es bleibt geſprochen und wird nicht vergeſſen werden, dafür kenne ich Maria Thereſia!“ Im Vorſaal vor dem Audienzzimmer hatte ſich indeſſen ſchon eine Anzahl Hülfeſuchender zuſammen⸗ gefunden, welche Troſt in ihrem Kummer und Hülfe für ihre Noth gewiſſer erwarteten, wenn ſie ſelbe der Königin ſelber klagen oder doch die Bittſchrift in deren eigene Hände legen durften. Abgeſondert von ihnen durchmaß ein nicht großer, doch wohlgebauter Mann mit geiſtvollem, nur durch übergroße Lippen entſtelltem Angeſicht in der unverkennbaren Haſt der Erwartung mit klirrenden Schritten den Saal. Es war der Feldmarſchall Graf Seckendorf, der oberſte Anführer im letzten Türkenkriege, der durch die „ p— 233 Uneinigkeit und die Unbotmäßigkeit der ihm unter⸗ gebenen Generale, insbeſondere des Grafen Kheven⸗ hüller einen ſo ſchmachvollen Verlauf genommen und im Frieden von Belgrad einen noch ſchmachvolleren Abſchluß gefunden hatte. Seckendorf galt als ein tüchtiger Feldherr und hatte lange Jahre als Ge⸗ ſandter am Hofe Friedrich Wilhelm's zu Berlin zuge⸗ bracht; dennoch hatte er es nicht verſtanden, ſich die Gunſt der Höflinge zu erſchmeicheln; er war zu gerade, um die Fäden der Intrigue zu beachten, die, vom Hof⸗ kriegsrathe zu Wien ausgehend, durch alle Zweige der Armee und in dieſen zurückliefen. Plötzlich hatten ſie ſich über ihm zu einem Netze zuſammengezogen, dem er nicht zu entrinnen vermochte; er wurde abberufen, verſchiedener Unregelmäßigkeiten und Unterſchleife be⸗ ſchuldigt und gefangen geſetzt. Zwar konnte ſogar das aus ſeinen Gegnern zuſammengeſetzte Kriegsgericht auf Grund der Verhöre nicht umhin, ihn für unſchul⸗ dig zu erklären, aber das Urtheil verzögerte ſich und Seckendorf ſchmachtete auf dem Spielberg, bis der Tod des Kaiſers ihn erlöſte und ihm die Freiheit, aber immer noch ohne Spruch und Urtheil wiedergab. Mit der Freiheit hatte er aber nicht Alles erlangt, was er begehrte, er ſehnte ſich nach dem vollen Wieder⸗ beſitze der Macht, um an ſeinen Verfolgern und An⸗ 234 klägern Rache zu nehmen und ſie ebenſo tief zu er⸗ niedrigen, als er von ihnen geſtürzt worden war. Das Vollgewicht ſeines Haſſes traf den Grafen Andreas von Khevenhüller, der nicht nur gegen ſeine Befehle ſich aufgelehnt und nicht ſelten ihnen zuwider gehandelt hatte, ſondern auch die eigentliche Triebfeder der er⸗ hobenen Anklage geworden war— ein jüngerer, nicht unedler Mann, Seckendorf nur in ſeinem Ehrgeiz und in der Leidenſchaft vergleichbar, mit der er den Haß deſſelben erwiderte. Der Vorſaal des Audienzzimmers ſtieß mit der andern Seite an das Gemach, wo der geheime Con⸗ ferenzrath ſich zu verſammeln pflegte; als Seckendorf eben wieder an der Thür vorüberſchritt, öffnete ſich dieſelbe und Khevenhüller, der als Stadthauptmann von Wien ſeine tägliche Meldung in der Hofburg ge⸗ macht, trat heraus. Unwillkürlich, unvermuthet ſtanden die beiden Todfeinde ſich gegenüber; das Auge eines jeden ſprühte Zornfunken, eines jeden Hand zuckte nach dem Degen, und wäre nicht das Friedegebot des Ortes geweſen, an dem ſie ſich begegneten, unfehlbar wären die Funken in Flammen des Worts und der That aufgelodert. Stumme Drohung auf den Lippen, Todesgedanken auf der Stirn, ſtanden ſie einige Augenblicke ſich gegen⸗ 235 über, dann trennten ſie ſich wie zwei vom Sturm auseinandergejagte Wetterwolken. Der Augenblick, wo ſie im Zuſammenſtoß ſich entladen ſollten, war noch nicht gekommen. Bald darauf ward Seckendorf zum Eintritt bei der Königin gerufen; er trat vor ſie mit aller Chrfurcht des Untergebenen, aber auch mit dem vollen Bewußt⸗ ſein ſchuldlos erlittenen Unrechts. „Ich freue mich, Ihn zu ſehen“, ſagte Maria Thereſia freundlich, aber gemeſſen; in der Haltung und den Blicken des Generals lag etwas, was nach Selbſt⸗ ſtändigkeit ausſah und ihr Machtgefühl als Herrſcherin nicht angenehm berührte.„Ich freue mich, einem Manne, der ſich ſo viele Verdienſte um Oeſterreich er⸗ worben, die Freiheit wiedergeben zu können; ich war oft untröſtlich, daß ich nicht ſchon früher etwas für Ihn zu thun vermochte.“ „Majeſtät, das iſt die ſchönſte Stunde meines Lebens“, entgegnete Seckendorf,„kein Siegesruf hat mir ſo ſchön geklungen als dieſes Wort aus dem Munde meiner allergnädigſten Königin. Deſto zuverſichtlicher darf ich auf Gewährung der Bitte hoffen, die mich—“ „Er hat eine Bitte?“ fragte Maria Thereſia noch unangenehmer berührt.„Ich dachte, Er käme, um für Seine Freiheit zu danken?“ 236 „Eure Majeſtät ſind zu gerecht“, entgegnete Secken⸗ dorf,„als daß Sie Dank erwarten, wo Sie nur Recht geſprochen. Man hat mich verleumdet, hat mich der niederträchtigſten Geſinnungen und Handlungen be⸗ ſchuldigt, darum bitt' ich Eure Majeſtät, die Reviſion meines Proceſſes anzuordnen und mir meine Ehre wiederzugeben durch ein förmliches freiſprechendes Urtheil!“ „Wozu das?“ ſagte die Königin kühl.„Das Alles iſt abgethan, es iſt nicht gut, derlei Angelegenheiten noch einmal anzuregen. Ich denke, Er kann ſich damit begnügen, wenn ich von Seiner Unſchuld überzeugt bin.“ „Gewiß“, entgegnete Seckendorf freudig,„aber dann werden Eure Majeſtät es nicht bei dieſer Ehren⸗ erklärung unter vier Augen bewenden laſſen und wer⸗ den dieſe Geſinnung auch öffentlich dadurch beurkunden, daß Sie den Commandoſtab wieder in meine Hände legen!“ „Ich bin untröſtlich, Seinen Wunſch nicht erfüllen zu können“, erwiderte Maria Thereſia immer froſtiger. „Meine Dispoſitionen ſind bereits getroffen. Ich werde ſehen, wo und wann ſich eine Verwendung für Ihn findet.“ Seckendorf mochte einen ſolchen Beſcheid nicht er⸗ wartet haben. Das Blut des Soldaten wallte auf in ihm, aber der Hofmann rang es nieder. „ 23/6 „Das iſt ein ſchmerzlicher Beſcheid, Majeſtät“, ſagte er dann,„dennoch bin ich weit entfernt, die Dis⸗ poſitionen Eurer Majeſtät durchkreuzen zu wollen; mir aber werden Sie nicht verargen, wenn es meinem Ge⸗ fühle widerſtrebt, mich da, wo ich mit Ehren als der Erſte geſtanden, auf die Stufe der Ueberflüſſigen und Lückenbüßer zurückgeſtellt zu ſehen. Ich lege daher meinen Rang und den Commandoſtab ſammt den Lorbeeren, die er in meiner Hand errungen, Eurer Majeſtät zu Füßen und bitte um die Gnade, mich in die mir anvertraute Reichsfeſtung Philippsburg zurück⸗ ziehen zu dürfen.“ Maria Thereſia richtete ſich dem gekränkten Feld⸗ herrn gegenüber mit dem ganzen Stolze der Herrſcherin empor. „Ich bin untröſtlich über dieſen Entſchluß“, ſagte ſie, dieſe ihre Lieblingsrede wiederholend,„aber auch mir ſei es fern, Seinem Willen entgegenzutreten, ſo ſehr es mich auch ſchmerzt, eine ſolche Kraft meinem Throne nicht erhalten zu können.“ „Dann bin ich ein einfacher Privatmann gewor⸗ den“, begann Seckendorf wieder,„und einem ſolchen iſt es wohl erlaubt, auch eine untergeordnete Sache zu erwähnen. Man hat mir Schuld gegeben, mich bei den Lieferungen widerrechtlich bereichert zu haben. Die beſte 238 Widerlegung iſt wohl, daß ich aus dem Dienſte Oeſter⸗ reichs als armer Mann ſcheide, wenn Majeſtät nicht geruhen wollen, mir die Ausſtände, die ich an die kaiſer⸗ liche Kriegskaſſe zu fordern habe, auszahlen zu laſſen.“ „Wir ſind nicht geſonnen, Seine Schuldnerin bleiben zu wollen“, rief Maria Thereſia unmuthig; „wir werden Befehl geben, die Sache ſobald als mög⸗ lich zu unterſuchen!“ „Sobald als möglich?“ entgegnete Seckendorf, vor Unwillen erröthend.„Sei es denn! Mit um ſo höher gehobenem Haupte darf ich von hinnen gehen, denn ich weiß, was in Oeſterreich dieſe Redensart zu be⸗ deuten hat. Dann bitte ich nur um die letzte Gnade, daß Majeſtät geruhen wollen, dieſe Papiere in Empfang zu nehmen, die jetzt in Ihrer Hand beſſer am Platze ſein dürften als in der meinigen!“ Mit gebogenem Knie überreichte er der Königin einige Blätter, die dieſe befremdet empfing; ohne eine Erwiderung abzuwarten, verbeugte ſich Seckendorf dreimal, wie es der Gebrauch vorſchrieb, und ſchritt von dannen. Maria Thereſia hatte haſtig das Papier entfaltet und eine Flamme des Unmuthes zuckte über ihr ſchö⸗ nes Antlitz; einen Augenblick ſchien es, als wollte ſie 239 den General zurückrufen, dann beſann ſie ſich anders und ſchritt dem Conferenzſaale zu. Es waren die Beweiſe, daß die Lieferungen für den Türkenfeldzug, über welche ſo viel geklagt und wegen deren auch Seckendorf der Nachläſſigkeit und des Einverſtändniſſes beſchuldigt worden war, eine Speculation ihres finanzkundigen Gemahls Franz von Lothringen geweſen. Im Sitzungsſaale waren indeſſen die geheimen Conferenzräthe des Erſcheinens der jugendlichen Herr⸗ ſcherin gewärtig; eine Verſammlung eigenthümlicher Art, denn ſämmtliche Herren waren in der noch von dem verſtorbenen Kaiſer her üblichen ſpaniſchen Mantel⸗ tracht erſchienen, während ſonſt überall am Hofe wie in der Stadt und im bürgerlichen Leben Art und Schnitt der franzöſiſchen Kleider zur allgemeinen Herr⸗ ſchaft gekommen waren. Es ſchien, als wäre in dem ernſten, halbdunklen und faſt feierlichen Gemache eine Schaar Männer aus verſchollener Zeit verſchollen und vergeſſen zurückgeblieben und eben wieder aufgefunden worden. Ihr Ausſehen ſtand mit dieſem Gedanken nicht in Widerſpruch. Der Präſident und Hofkanzler Graf von Sinzen⸗ dorf, der trotz ſeiner ſiebzig Jahre ſich noch ungewöhn⸗ lich leicht und raſch bewegte und geberdete, ſtand ſicht⸗ 240 bar an der Grenze, wo das Alter wieder zur Kindheit zurückkehrt; er hatte ſich zu dem Finanzminiſter Grafen Gundacker von Stahremberg geſellt, einem ernſten, bei⸗ nahe finſtern Mann, deſſen ehrliche Geradheit während der achtzig Jahre ſeines Lebens zu eigenſinnigem Trotze erſtarrt war und der den kleinen Hofkanzler ebenſo körperlich durch ſeine Hünengeſtalt überragte, als ſeine unantaſtbare Redlichkeit ſich geiſtig über den berüch⸗ tigten Geiz und beſtechlichen Eigennutz deſſelben erhob. Nur um wenige Jahre jünger war der Landmarſchall Graf Harrach, ein Mann, deſſen einſtige Thatkraft, durch einen ſiechen Körper gebrochen, längſt in Aengſt⸗ lichkeit und keines Entſchluſſes fähigem Zaudern unter⸗ gegangen war. Sein Nachbar, Feldmarſchall Graf Königseck, ein einſt nicht unglücklicher General, war ſchon ſeit Jahren vom Soldatenwitz wegen ſeiner Lang⸗ ſamkeit mit dem Namen General Raſttag getauft wor⸗ den. Gegen ſie alle mußte der am Ende des Conferenz⸗ tiſches ſitzende Hofrath von Bartenſtein, obwohl auch ſchon im Anfange der fünfziger Jahre ſtehend, wie ein Jüngling erſcheinen; er war nur mit Ordnung ſeiner Papiere beſchäftigt, aber wenn er ſich aufrichtete und mit feſtem, klarem Blick um ſich ſah, war aus Antlitz und Auge wohl zu erklären, wie es kam, daß er ſchon ſeit Jahren trotz ſeiner untergeordneten Stel⸗ 241 lung als Protokollführer der eigentliche Lenker und die Seele der Verhandlungen geweſen war. Die übrigen Räthe waren ihm deshalb abgeneigt, und wenn man ihn auch zu ſehr fürchtete, um die Abneigung offen zu zeigen, blieb doch auch kein Anlaß unbenutzt, um ihn fühlen zu laſſen, wie ſehr der überlegene bürger⸗ liche Emporkömmling verhaßt war, der es gewagt hatte, in ein ſolches Amt ſich aufzuſchwingen und die Phalanx des höchſten Adels zu durchbrechen, der die erſten Aemter in Hof und Staat als Eigenthum und ausſchließliches Vorrecht betrachtete. „Sehen Sie nur den Parvenu“, ſagte Sinzendorf zu Stahremberg unwillig und leiſe,„er iſt wieder der erſte am Platz und arbeitet, als müſſe er es für uns alle thun.“ „Wie können Sie ſich darüber noch alteriren! Daran könnten Sie ſich doch bereits gewöhnt haben“, erwi⸗ derte dieſer.„Sein Arbeiten iſt es, wodurch er ſich auf ſeinem Platze behauptet.“ „Nun ja, das iſt richtig, er arbeitet“, erwiderte Sinzendorf,„dafür ſind ja ſolche bürgerliche Laſtthiere vorhanden; das gibt ihm aber kein Recht ſich, wie er nur zu häufig thut, über die wirklichen Räthe zu über⸗ heben. Immerhin bleibt es unangenehm, daß man kaum ein Wort ſprechen kann, ohne daß er es hört⸗ Schhid, Concordia II. 16 242 Wenn der Protokollführer einträte, ſobald man ihn ruft, wäre es früh genug, die Feder und das Sprach⸗ rohr ſollen ſich nicht einbilden, auch mitreden zu dürfen!“ Das Geſpräch war mit unterdrückter Stimme ge⸗ führt worden, aber die Bauart des Zimmers war ſo künſtlich, daß die Schallſtrahlen an den Wänden hin und in der Ecke zuſammenliefen; dort war jedes leiſe geſprochene Wort verſtändlich und dort hatte Bartenſtein ſeinen Platz als Protokollführer aufgeſchlagen. Nichts verrieth indeſſen, daß er etwas vernommen, er bückte ſich nur noch tiefer auf ſeine Papiere nieder. Deſſen⸗ ungeachtet ſchien Sinzendorf jeden Verdacht ableiten zu wollen, er trat zu ihm, legte ihm die Hand auf die Schulter und ſagte:„Immer thätig, immer arbeit⸗ ſam, mein Verehrteſter? Man muß wirklich ſtaunen über eine ſolche Arbeitskraft! Ja, ja, das iſt die Jugend, die glückliche Jugend! Wird es ſchon auch noch einmal erfahren, der Herr Hofrath, wie das Alles nachläßt, wenn er in unſere Jahre kommt.“ „Aber wie ſteht's mit den äußeren Angelegenheiten?“ fragte Stahremberg.„Nichts Neues vom Kriegsſchau⸗ platz angekommen?“ „Nicht eben das Erfreulichſte“, ſagte Bartenſtein, ſich geſchmeidig erhebend.„Seit der unglücklichen 243 Schlacht bei Mollwitz folgt eine Schlappe auf die andere; Brieg hat unter Piccolomini capitulirt, der Preußenkönig liegt vor Neiſſe und wartet nur die An⸗ kunft ſeiner Geſchütze ab, um das Bombardement zu beginnen.“ „Verdammt!“ ſagte Harrach.„Dieſer Tag von Mollwitz iſt ſchuld an allem Unglück! Bis dahin war im Grunde noch nichts verloren. Unvorbereitet wie wir waren, iſt es nicht zu verwundern, wenn wir vor den lange gerüſteten, in Uebermacht und plötzlich an⸗ dringenden Preußen rückwärts manövriren mußten, aber daß Neipperg mit ſeinen ſchlachtgewohnten Sol⸗ daten ſich von dieſen kriegsunerfahrenen Potsdamer Paradehelden ſo vollſtändig aufs Haupt ſchlagen ließ, iſt unverantwortlich!“ „Es iſt unleugbar ſchlimm, aber immerhin er⸗ klärlich“, ſagte Bartenſtein.„Die Soldaten Ihrer Maje⸗ ſtät waren leider ſchlecht ausgerüſtet, die Preußen ſchoſſen viermal, ehe die unſerigen, denen ihre hölzernen Ladeſtöcke in den Gewehrläufen zerbrachen, einmal zum Feuern kamen. Die Preußen ſtanden wie die Mauern und feuerten auf das Commando ihrer Offiziere ſo kaltblütig wie auf dem Exercirplatz!“ „Das iſt nicht wahr“, rief Königseck, ärgerlich ſeinen Krückenſtock niederſtoßend,„das ſind Märchen, 16* 244 nichts als windige Fabeleien, die man preußiſcherſeits ausſtreut, um eine Gloire um ſich herumzumachen! In der Action ſchießt kein Bataillon wie auf dem Exercir⸗ platz, das weiß Jeder, der einmal Pulver gerochen hat.“ Die Flügelthüren flogen auf und unterbrachen ihn. Der Thürhüter klopfte mit dem Stabe und verkündete die Ankunft der Herrſcherin. Es waren wichtige, inhaltsſchwere Angelegenheiten, die den Gegenſtand der Berathung bildeten. Maria Thereſia hatte kaum den durch die prag⸗ matiſche Sanction ihr geſicherten Thron der öſter⸗ reichiſchen Erblande beſtiegen, als der junge König Friedrich von Preußen, um alte Rechte auf dieſen Theil ihres Reiches geltend zu machen, in Schleſien einfiel und den beinahe wehrloſen Landſtrich in ſieg⸗ reichem Sturmlaufe überwältigte. Gleichzeitig ſtiegen ähnliche Anſprüche anderer Mächte aus allen Himmels⸗ gegenden wie Wolken auf, um ſich zu einem großen Gewitter zu vereinigen, deſſen verderblicher Strahl die Grundfeſten Oeſterreichs erſchüttern ſollte, auf daß es zerſplittert in Trümmer anseinanderfiele. Es galt daher vor allem, ſich Friedrich's, als des nächſten und gefährlichen Gegners, zu entledigen oder ihn zum Freund zu gewinnen, ehe es den andern Feinden, deren man ſich ein zeln wohl zu erwehren hoffte, gelungen war, ſich zu vereinigen. Vergebens hatte man in dieſem Sinn dem Sieger durch Lord Hyndford, den Geſandten Englands, das ſich zum Vermittler angetragen, die Abtretung eines nicht unbeträchtlichen Gebietes angeboten, vergebens ſogar auf beſtimmte Zeit die pfandweiſe Beſetzung von ganz Schleſien zugeſtanden, vergebens ſich endlich ent⸗ ſchloſſen, die ſchöne niederländiſche Grafſchaft Geldern und das reiche Fürſtenthum Limburg als Erſatz und Entſchädigung für Schleſien hinzugeben: Friedrich, durch ſeine glänzenden Erfolge in ſeiner Feſtigkeit nur beſtärkt hatte alle dieſe Anträge zurückgewieſen und beſtand unerbittlich auf der vollen Abtretung von Nieder⸗ ſchleſien mit Breslau, dagegen wollte er ſich verpflichten, Maria Thereſia die pragmatiſche Sanction und ihre Staaten zu garantiren und bei der deutſchen Kaiſer⸗ wahl als Kurfürſt von Brandenburg für ihren Gemahl, den Herzog von Lothringen, zu ſtimmen. „Und ſollte gar keine Ausſicht gegeben ſein, beſ⸗ ſere Bedingungen zu erhalten?“ fragte Maria Thereſia nach längerer Beſprechung, in der ſie, Unmuth und geſteigerte Trauer im ſchönen Angeſicht, ſchweigend zu⸗ gehört hatte.„Wie, wenn man Lord Hynford veran⸗ laßte, noch einen Verſuch zu machen?“ „Erlauben mir Eure Majeſtät, die Sachlage ſo, wie ich ſie erblicke, nach allen Seiten zu beleuchten“, 246 ſagte der Hofkanzler Sinzendorf, indem er ſich erhob und anſchickte, ſich ſeiner Gewohnheit nach in weit⸗ ſchweifiger Rede zu ergehen; ohne darauf zu achten, hatte Bartenſtein aus ſeinen Papieren ein Schreiben hervorgezogen, das er der Königin übergab. „Hier die Widerlegung dieſer Möglichkeit“, ſagte er;„es iſt das letzte Schreiben, worin Seine Lordſchaft erklären, daß daſſelbe als ein Ultimatum anzuſehen und er, falls die Annahme nicht erfolge, nicht in der Lage ſei, weitere Vorſchläge zu vertreten.“ „Welch entſetzliche Lage!“ rief Maria Thereſia. „Soll ich mich denn mit gebundenen Händen ſelbſt überliefern? Bin ich wirklich ſo ohnmächtig, daß ich mir das bieten laſſen muß? Rathen Sie doch, meine Herren Räthe! Wiſſen meine Feldherren und Staats⸗ männer keine Mittel, auf ſolche Zumuthungen durch Aufſtellung eines neuen Heeres zu antworten?“ „Bedenken Majeſtät“, ſagte Harrach,„daß Alles, was irgend aufzubieten war, bereits unter Feldmar⸗ ſchall Neipperg in Schleſien dem Feinde entgegenſteht; bis neue Aushebungen gemacht werden können, ver⸗ gehen Monate.“ „Es fehlt an allem Nöthigen zur Ausrüſtung“, bemerkte Stahremberg;„die Zeughäuſer ſind leer, die Kaſſen erſchöpft—“ b b 247 „Und warum iſt das Alles?“ rief Maria Thereſia zürnend und ließ ihren Feuerblick im Kreiſe der rath⸗ loſen Männer herumgehen, die ihre Stützen und Helfer ſein ſollten in der bedrängten Zeit. Sie ſprach es nicht aus, aber aus ihren Augen blitzte es, daß ſie ſich unter ihnen vergebens nach dem Manne voll That⸗ kraft und Entſchloſſenheit umſah, deſſen ſie bedurft hätte. „Ich will auf dieſe Bedingungen nicht eingehen“, ſagte ſie dann kurz,„ich will nicht. Man ſoll Alles aufbieten, Mannſchaft zu werben und Waffen zu ſam⸗ meln, Neipperg ſoll ſich um jeden Preis halten, bis wir gerüſtet ſind. Denken Sie auf neue Vorſchläge zu Verhandlungen, ſie müſſen uns Zeit ſchaffen, dann wollen wir losſchlagen und den Beweis liefern, daß die Preußen auch nicht unbeſiegbar ſind und Oeſter⸗ reichs Krieger nicht verlernt haben, zu ſchlagen!“ „Ich ſtimme ganz Eurer Majeſtät bei“, rief Sinzen⸗ dorf.„Es gilt vor allem, Zeit zu gewinnen. Die Feder muß unausgeſetzt thätig und kann nachgiebig ſein, bis der Degen das wieder holt, was ſie verloren gab!“ „Das iſt auch meine Meinung“, ſagte Königseck. „Wir ſind ſchmachvoll überfallen worden, wir müſſen erſt Zeit haben, Athem zu holen und uns zu beſinnen! Warten iſt eine noch größere Kunſt als blind darein 1 248 zu ſchlagen. Ich rathe daher, man ſoll die preußiſchen Bedingungen weder annehmen noch ablehnen, ſondern immer neue Vorſchläge machen und ſo warten, bis der rechte Augenblick da iſt!“ „Er iſt anderer Meinung, Bartenſtein“, ſagte Maria Thereſia nach einer Weile,„ich ſeh' es Ihm an und will auch Ihn hören.“ „Wenn mir vergönnt iſt, auch meine unbedeutende Stimme in dieſem erleuchteten Kreiſe vernehmen zu laſſen“, entgegnete dieſer beſcheiden,„ſo bezweifle ich, daß bei der Lage, in der wir uns befinden, beſſere Bedingungen zu erreichen ſind. Wenn wir uns nicht durch den Frieden mit Preußen freie Hand ſchaffen, werden wir nicht im Stande ſein, eine Heeresmacht zu entwickeln, welche dieſer ſpätern Aufgabe gewachſen wäre! Inzwiſchen gewinnen auch die andern Feinde, die den Degen noch in der Scheide, aber die Hand am Griff haben, Zeit, ihre Kraft zu ſammeln und zu ver⸗ einigen. Und wie dann, wenn der König von Preußen den Grund unſeres Zögerns durchſchaut, die Geduld verliert und die Unterhandlungen abbricht, wenn er vielleicht anderswo beſſere Aufnahme für ſeine Vorſchläge ſucht?“ „Unmöglich! Bei wem ſollte das ſein? Er iſt völlig iſolirt!“ riefen die Räthe durcheinander, ohne daß Bartenſtein ſich beirren ließ. — 249 „Bei wem?“ fragte er.„Beantworlet ſich dieſe Frage nicht von ſelbſt? Würde Sachſen oder Baiern ſich lange beſinnen, mit ihm gemeinſchaftliche Sache zu machen? Wäre eine Annäherung an Frankreich eine Unmöglichkeit?“ „Ja, das iſt ſie“, rief Sinzendorf, begierig, end⸗ lich zum Worte kommen und ſeinen Widerſacher auf einer Blöße ertappen zu können.„Man kann allerdings nicht verlangen, daß die politiſchen Conſtellationen Je⸗ dem klar ſein ſollen, dafür ſind aber Andere deſto beſſer unterrichtet. Frankreich, das edle Frankreich, hat keinen andern Gedanken als Frieden.“ „Frankreich, das katholiſche Frankreich“, ſagte Harrach,„ergreift nicht die Partei des Ketzers.“ „Auch ich habe unbedingtes Zutrauen zu ihm“, ſchaltete Maria Thereſia ein.„Mein Herr Vetter von Baiern hat es nie verborgen, wie gern er einen Gang mit mir machen möchte, er iſt doch wenigſtens auf⸗ richtig, aber er vermag nichts allein und ſeine Hoff⸗ nung auf den kriegsluſtigen Marſchall von Belleisle iſt ein Luftgebilde.“ „Zum Ueberfluſſe“, fügte Sinzendorf hinzu,„habe ich erſt in dieſen Tagen einen Brief des Cardinals Fleury, meines Jugendgenoſſen und Freundes, erhalten, worin er mir in den wärmſten Worten ſeine Friedens⸗ 250 liebe und die wohlgeneigteſte Liebe ſeines Königs für Oeſterreich betheuert.“ „Ich traue Niemand als mir ſelbſt“, ſagte Barten⸗ ſtein kaltblütig wie zuvor.„Ich bleibe dabei, daß Majeſtät mit König Friedrich abſchließen. Was hat das bisherige Zaudern genützt? Vor vier Wochen hätte er ſich vielleicht mit der Hälfte von dem begnügt, was er jetzt verlangt, nach weitern vier Wochen wird er den Bogen noch höher ſpannen und vielleicht nicht mehr mit Schleſien zufrieden ſein. Frieden vor allem, Majeſtät, dann mag es gelten, die Zeit der Ruhe aus⸗ zunutzen und an Vergeltung zu denken!“ „Und glaubt Er wirklich“, fragte Maria Thereſia, „daß König Friedrich den Vertrag halten und mit dem Bewilligten zufrieden ſein wird? Ich glaube es nicht! Und wenn ich ihm heute Alles zugeſtehe, wird er mor⸗ gen mit neuen Anſprüchen auftreten. Ich durchſchaue ihn. Sein Plan geht weiter als auf Schleſien, das iſt nur der Vorwand; es gilt Oeſterreich, dem katho⸗ liſchen Oeſterreich überhaupt, das ſoll gedemüthigt und sklein gemacht werden, damit er dann als proteſtan⸗ tiſcher Kaiſer an die Spitze des Reiches treten könnte!“ „ Der Scharfblick Eurer Majeſtät reicht weit“, ent⸗ gegnete Bartenſtein;„auch ich möchte mich nicht ernſt⸗ lich damit befaſſen, einen Mohren weiß waſchen zu — — -4 — -e„„ — wollen, aber das ſollte mich nicht hindern, die gleichen Minengänge zu graben; die Zeit wird entſcheiden, wer zuerſt dazu kommen wird, ſie aufflattern zu laſſen.“ „Unmöglich! Unmöglich!“ rief Maria Thereſia in ſchmerzlicher Erregung.„Ich kann mich zu der uuge⸗ heuern, ſchmählichen Nachgiebigkeit nicht entſchließen, ich kann eine ſolche Provinz, ein ſo ſchönes, reiches Land nicht preisgeben. Ich bin überwältigt, durch Ueberfall beſiegt— ſoll denn Gewalt vor Recht gehen? Ich bin noch ſo kurze Zeit Regentin und ſoll ſie mit einer ſolchen Handlung beflecken? Wenn ich es nicht thue, was kann noch kommen? Zu welchem Aeußerſten können wir noch getrieben werden? Haben wir nicht ſchon das Aeußerſte, was nur kommen konnte? Nur der völlige Untergang bleibt noch übrig, und wenn es in Gottes Rathſchluß läge, daß Oeſterreich untergeht, dann iſt es gleichviel, durch wen es untergeht, wenn es nur mit Ehren geſchieht. Es bleibt dabei“, wieder⸗ holte ſie entſchloſſen, indem ſie durch ihre Erhebung das Zeichen zum Schluſſe der Berathung gab,„ich kann nicht nachgeben, kann nicht Siegel und Brief ausſtellen über Oeſterreichs Erniedrigung; das iſt mein Beſchluß, danach handeln Sie, meine Herren.“ „Dann werden der Herr Hofrath Bartenſtein“, ſagte Sinzendorf triumphirend,„dieſen Beſchluß der gehei⸗ 252 men Conferenz mit der Sanction Ihrer Majeſtät dem Protokoll einverleiben, die Depeſche für Lord Hyndford wegen Fortſetzung der Unterhandlungen entwerfen und mir ſofort nach der Sitzung zur Unterzeichnung vor⸗ legen.“ „Ich muß geſtehen“, entgegnete Bartenſtein, indem er ſich anſcheinend völlig unbefangen Sinzendorf näherte, „die Beweggründe dieſes Concluſums ſind mir nicht vollkommen geläufig, ich kann mich nicht ſo raſch in dieſe der meinigen entgegengeſetzte Anſchauung hinein⸗ denken und fürchte, nicht die rechten Worte und die entſprechende Ausdrucksweiſe zu finden; bitte daher unterthänigſt, daß Seine Excellenz der Herr Hofkanzler, die Depeſche ſelbſt zu redigiren belieben möge.“ „Das iſt Seine Sache“, nnterbrach ihn Sinzen⸗ dorf ärgerlich,„die ſchriftlichen Arbeiten ſind Sein Fach, bleib' Er bei der Feder und führ’ Er aus, was der Kopf ihm angibt!“ Bartenſtein verbeugte ſich mit der Miene des un⸗ bedingten Gehorſams; die Königin hatte ſich bereits der Thüre genähert, als im Vorſaale die laute Stimme eines Mannes vernehmbar wurde, der dringend und augenblicklich Einlaß und Gehör bei ihr verlangte. „Was geht hier vor?“ rief Maria Thereſia.„Iſt das nicht mein Wiener Stadthauptmann Graf Khevenhüller?“ 253 „Es ſcheint ſo“, ſagte Königseck,„ich glaube ihn an ſeiner Commandoſtimme zu erkennen.“ Auf den Wink der Königin öffneten ſich die Flügelthüren des Gemachs und der Commandant, eine echte, hohe Männer⸗ und Kriegergeſtalt in Harniſch und Pickelhaube trat raſchen Schrittes ein. „Verzeihung, Majeſtät“, ſagte er, indem er den Helm abnahm und ſich auf ein Knie niederließ.„Ich komme hereingeſtürmt, wie eine Bombe ins Haus ſchlägt; was ich bringe, iſt auch nicht viel anders, als was zum Vorſchein kommt, wenn ſolch ein Uugethüm platzt! Böſe Neuigkeiten, Majeſtät! Ich habe einen ver⸗ trauten Mann in Berlin, den Niemand kennt und auf den Niemand ein Arg hat und der daher Manches er⸗ fährt, was man ſonſt verborgen hält; der hat mir vor einer Viertelſtunde durch einen eigenen Boten dies Papier da geſchickt. Der Mann iſt freilich ſchon acht Tage unterwegs, vielleicht iſt aber noch nichts ver⸗ ſäumt: Frankreich hat im tiefſten Geheimniß ein Bünd⸗ niß zu Schutz und Trutz abgeſchloſſen mit dem König von Preußen. Das iſt die Abſchrift davon!“ „Unmöglich“, rief Maria Thereſia, ihm das Blatt entreißend; aber beim erſten Blick darauf ließ ſie die Hand mit demſelben wie entkräftet ſinken und wieder⸗ holte erſchüttert:„Unmöglich, aber wahr!“ 254 „Unmöglich!“ ſtammelten Sinzendorf und die Ueb⸗ rigen nach und ſanken wie dieſer in die Arme und hohen Lehnen der Conferenzſtühle zurück, ſtarr, mit bleichen, lebloſen Angeſichtern, als hätte eine wirkliche Bombe in das Gemach eingeſchlagen und im Zerſprin⸗ gen ſie alle zu Leichen gemacht. Maria Thereſia allein hatte die Faſſung nicht verloren und ſtand aufrecht und ungebeugt; Barten⸗ ſtein warf einen Blick ſpöttiſchen Mitleids auf die Verſammlung, dann zog er ſchweigend ein bereitge⸗ haltenes Blatt aus ſeinen Papieren hervor. Maria Thereſia, die es gewahrte, verſtand ihn. „Er hat ſchon vorgeſorgt, wie ich ſehe— nun müſ⸗ ſen wir freilich das Letzte verſuchen. Geb' Er her“, ſagte ſie und Thränen traten ihr ins Auge,„ich will unterzeichnen.“ Sie ergriff die Feder, hielt aber im Anſetzen wie⸗ der inne und ſah ernſt auf das inhaltſchwere Blatt hernieder. Sinzendorf war zu Bartenſtein getreten. „Ich bewundere den Herrn Hofrath“, flüſterte er; „ſo hatte er Alles auf dieſen Fall ſchon vorbereitet?“ „Alles“, entgegnete Bartenſtein.„Sie ſelbſt waren ja ſo gütig, mich zu erinnern, daß die ſchriftlichen Arbeiten mein Fach ſind. Ich bedaure nur“, fügte er 255 mit ſtechendem Seitenblick hinzu,„daß Sprachrohr und Feder wieder einmal Recht behalten haben!“ „Alſo auch von Frankreich preisgegeben! O, wo gilt noch Treu und Glauben!“ ſagte die Königin wie⸗ der und ergriff entſchloſſen abermals die Feder.„Ich unterſchreibe“, ſagte ſie,„aber Gott iſt mein Zeuge, daß ich dies nur gezwungen thue.“ Mit raſchen feſten Zügen ſchrieb ſie ihr Placet Maria Theresia unter die Urkunde. „Sorge Er für die augenblickliche Abſendung, Hof⸗ rath von Bartenſtein; der Preußenkönig ſoll wenigſtens dnurch mich keinen Vorwand zu neuer Zögerung haben!“ „Getroſt, Majeſtät“, ſagte Bartenſtein halbleiſe, indem er mit tiefer Verbeugung die Urkunde in Em⸗ pfang nahm.„Es kommt eine Zeit, die das Siegel von dieſem Vertrag wieder ablöſen und den Brief zer⸗ reißen wird!“ Die Königin ſchien ihn nicht vernommen zu haben, ihr Auge hing forſchend und prüfend an Khevenhüller's edlem, männlich offenem Angeſicht. „Er iſt zur böſen Stunde gekommen, Graf“, ſagte ſie dann,„und doch iſt es mir ein gutes Zeichen, daß Er kam! Er iſt ergeben und treu, Er iſt der Mann, wie ich ihn brauche, der Mann, auf den ich mich in der Noth verlaſſen kann. Er iſt mein Stadthauptmann 256 geweſen, heut' geb' ich ihm das Commando meiner zweiten Armee! Aber ich kann ihm die Armee nicht zeigen, kann Ihm nicht ſagen, wo Er ſie finden ſoll. Er muß ſie ſich ſelber ſchaffen. Will Er das ſchwie⸗ rige Geſchäft übernehmen?“ „In den Tod für Maria Thereſia!“ rief der Graf.„Mit dieſem Namen ſtampfe ich Soldaten aus der Erde, das Vertrauen Eurer Majeſtät ſoll an Khevenhüller nicht zu Schanden werden!“ Begeiſtert beugte der ſchöne Mann das Knie vor der Königin, die ſich ihm huldvoll lächelnd entgegen⸗ neigte. „Steh' Er auf, Graf“, ſagte ſie mit aller ihr eigenen unwiderſtehlichen Anmuth,„laß Er mich bald von Seinen Thaten hören und geh' Er in den Kampf als der Ritter Oeſterreichs und Maria Thereſia's!“ Begeiſtert eilte Khevenhüller hinweg, die Königin ſchickte ſich an, ihm zu folgen. Als ſie an den Räthen vorüberſchritt, hielt ſie vor Stahremberg, dem das Geldweſen übertragen war, an. „Sorge Er dafür“, ſagte ſie,„daß die Ausſtände des Grafen Seckendorf an die Kriegskaſſe ſogleich li⸗ quidirt und ausbezahlt werden. Sogleich! Hört Er? Ohne Reviſion und ohne jede Beanſtandung!“ „Majeſtät“, entgegnete Stahremberg betroffen,„die 257 Kaſſen ſind durch den Krieg ſo ſehr in Anſpruch ge⸗ nommen—“ „Gleichviel!“ unterbrach ihn die Königin.„Und wenn Er den letzten Zwanziger auszahlen muß, dieſer Mann darf nicht als unſer Gläubiger von hinnen gehen.“ Sie machte wieder einige Schritte, dann blieb ſie vor Bartenſtein und Sinzendorf ſtehen und ſah ſie mit ſtrengen Blicken an. „Ich hab' es recht wohl gehört, Bartenſtein, was Er mir vorhin einflüſterte von Loslöſen des Siegels und Zerſchneiden des Briefes— merk Er ſich, daß das nicht meine Anſicht iſt! Wenn Verträge uns ſelber nicht heilig ſind, wie können wir klagen, wenn Andere uns gegenüber ſie brechen? Brief und Siegel muß heilig ſein, unantaſtbar in jedem Fall, verſteht Er mich? Es ſind mir Dinge zu Ohren gekommen, was bei Vor⸗ zeigung des Teſtaments meines Urahnherrn vorgegan⸗ gen. Ich glaub' nicht, was ich gehört, ich will es. noch nicht glauben, aber ich werde ſtrenge Unter⸗ ſuchung anordnen, ſobald die Zeiten nur etwas ruhiger geworden, und wie die Unterſuchung, ſtreng wie ge⸗ recht ſoll die Strafe deſſen ſein, der an der Ehre Oeſterreichs gefrevelt!“ „Ich beſchwöre Ihn, Hofrath, was kann ſie damit Schmid, Concordia II. 17 258 meinen?“ rief Sinzendorf und ſtarrte betroffen der Herrſcherin nach, als ſie an ihnen vorübergerauſcht war.„Sie wird doch nicht etwa gar erfahren haben? Hofrath, das wäre furchtbar, das würde ſie uns nie verzeihen! Da haben wir nun das Ergebniß Seiner Ueberklugheit! Ich wollte gleich anfangs nichts von der Sache wiſſen! Wenn ſie wirklich eine Unterſuchung anordnet—“ „Nun, und wenn ſie das thut?“ fragte Barten⸗ ſtein mit höhniſcher Gelaſſenheit.„Was dann? Dann wird eine Commiſſion eingeſetzt, die wird Sitzung über Sitzung halten, wird verhören und unter⸗ ſuchen und immer unterſuchen und nicht fertig werden, bis die Sache gottſelig eingeſchlafen iſt. Denken Sie an die letzte Türkenaffaire und glauben Sie mir, Excel⸗ lenz, in gewiſſen Dingen dient man Monarchen am beſten, wenn man ihnen den Vortheil der Unbefangen⸗ heit läßt.“ Der Abend deſſelben Tages bot in andern Ge⸗ mächern der Hofburg ein völlig verſchiedenes Bild. Auf einem einfachen Ruhebette ſaß die Königin mit ihrem Gemahl, ohne allen fürſtlichen Prunk, der ſorg⸗ ſamen Hausfrau eines wohlhabenden Bürgers ähn⸗ licher als der Gebieterin Oeſterreichs. Auch Franz von 259 Lothringen, ohnehin ein Freund der Einfachheit, war ſchlicht gekleidet und hatte nichts an ſich, was ſeinen hohen Rang und Reichthnm verrathen konnte, als den prachtvollen Solitär, der in den Fältchen ſeines Vorhem⸗ des funkelte, die auffallend ſchönen geſchmeidigen Hände und bei aller Offenheit den vornehm bewußten Geſichts⸗ ausdruck ſeiner Stellung. Das Paar war nahezu allein, denn die beiden Hoffräulein, die in einem Erker⸗ fenſter mit weiblicher Scheinarbeit beſchäftigt ſaßen, waren zu weit entfernt, als daß ſie das Geſpräch der Ehegatten hören konnten, deren Zärtlichkeit nach mehr als fünfjähriger Ehe noch dieſelbe war wie am Tage des Brautkranzes. Auf dem Tiſche vor ihnen lagen Karten, aber das Spiel war ihnen keine eigentliche Beſchäftigung, ſondern diente nur dazu, um hier und da über die Lücken der Unterhaltung leicht hinwegzu⸗ kommen. Es war eine Art Pharaoſpiel, wobei für jeden Spielenden eine Karte aufgelegt und dann weiter abgeſchlagen wurde, bis für den einen oder andern die gleiche Karte wieder zum Vorſchein kam und ihn gewinnen machte. Der Geiſt war nicht abgehalten, ſich zugleich mit andern Dingen zu beſchäftigen, Zu⸗ fall und Glück waren es allein, die das Spiel regier⸗ ten, und Maria Thereſia ſchien es mit Vergnügen zu bemerken, daß die blanken Kremnitzer Dukaten von 17* 260 ihrem Spieltellerchen immer zahlreicher auf das ihres Gemahls überſiedelten. „Du haſt ſeltenes Glück, Franz“, ſagte ſie lächelnd nach einiger Zeit.„Vielleicht kommt es daher, weil Du nicht beim Spiele biſt und mit Deinen Gedanken Gott weiß wo herumſchweifſt. Ich ſehe es Dir an, Du biſt zerſtreut, gewiß haſt Du keine gute Jagd gehabt?“ „O doch, im Gegentheil“, erwiderte er in jenem etwas unrichtigen Deutſch, das er, als Lothringer der franzöſiſchen Mutterſprache gewohnt, während ſei⸗ nes ganzen Lebens nicht völlig zu überwinden ver⸗ mochte.„Ich habe vielmehr ein ſehr gutes Jagen ge⸗ macht. Ich bin in den Wiener Wald hinausgefahren, um Haſelhühner zu erſchießen— jetzt, wo gerade die Buchenknospen ausſchlagen, ſind ſie in der beſten Falz⸗ zeit. Ich habe ſelbſt drei geſchoſſen und noch auf dem Heimweg einem Füchslein, das in ziemlicher Entfernung über den Weg ſtrich, vom Wagen aus auf den Pelz gebrannt.“ „Du biſt ein wahrer Nimrod“, ſagte die Königin lächelnd, indem ſie die Karten weglegte und ſich leicht an ihn ſchmiegte.„Wer Dich ſieht, ſollte nicht glau— ben, daß Du ſo blutdürſtig ſein könnteſt!“ Bei dieſer Annäherung hatte ſie den Kopf zutrau⸗ lich an ſeine Schulter gelehnt und ſah aus der Bruſt⸗ 261 taſche ſeines Rockes ein in Briefform gefaltetes Papier hervorragen. „Was haſt Du da für einen Brief?“ ſagte ſie. „Darf man ihn nicht ſehen?“ Der Herzog gerieth in ſichtbare Verlegenheit. „Nicht doch“, ſagte er befangen,„er dürfte kein Intereſſe für Dich haben.“ „Wer weiß?“ rief Maria Thereſia, deren eifer⸗ ſüchtige Ader zu pulſiren begann.„Mich intereſſirt Alles, was Dich berührt. Sage wenigſtens, von wem der Brief iſt? Doch von keiner Dame, will ich hoffen!“ „Allerdings iſt er von einer Dame“, ſagte der Herzog zurückhaltend,„aber ich bitte Dich, Thereſe, verlange nicht, ihn zu ſehen!“ „Nein, Franz, ich bitte Dich!“ rief Maria Thereſia erregt.„In allem Ernſt, ich will wiſſen, von wem der Brief iſt, laß mich ihn ſehen!“ „Ich verhehle nicht“, war ſeine Antwort,„daß es mir ſehr unlieb iſt, daß Du den Brief bemerkt haſt, weil ich weiß, daß er Dir unangenehm ſein wird; aber da ich Deine Grillen kenne, will ich unter zwei Uebeln lieber das kleinere wählen. Hier iſt der Brief. Er iſt von meiner Mutter, der Prinzeſſin von Orleans.“ „Von ihr?“ ſagte Maria Thereſia beſchämt und wies das Blatt, das er ihr hinhielt, mit flüchtigem Blicke zurück. 262 „Du kannſt Dir denken, was ſie ſchreibt“, fuhr der Herzog fort,„immer die alten Vorwürfe! Sie kann es nicht verſchmerzen, daß ich mein Lothringen um Toscana hingegeben. Dieſe That zeige, ſchreibt ſie, daß ich weder ſie, noch mein Haus, noch mein Land jemals geliebt; deſto anhänglicher werde ſie demſelben ſein! Ich würde nirgends ſolche Unterthanen finden wie die Lothringer, die unſerm Haus durch ſieben Jahrhunderte unerſchütterlich angehangen, und würde es noch einmal bitter bereuen, daß ich ſie aufgegeben, um als länder⸗ loſer Fürſt von Oeſterreichs Gnaden zu leben.“ „Nein, nein!“ rief Maria Thereſia in zärtlicher Aufwallung, indem ſie ihren Arm um ſeinen Nacken ſchlang.„Das wirſt Du nicht, Franzl. Du wirſt es nicht bereuen, daß Du das gethan. Du haſt ja Dein ſchönes, liebes Lothringen nicht für Toscana hinge⸗ geben, Du haſt es um meinetwillen gethan. Nicht wahr? Das wirſt Du nie bereuen, nie?“ „Gewiß nicht, Thereſe“, entgegnete der Herzog herzlich,„aber ganz unbegründet ſind die Vorwürfe meiner trefflichen Mutter doch nicht. Toscana iſt mir fremd; was ſoll ich dort, wo man mich nicht vermißt? Und die Rolle, die ich hier ſpiele, iſt nicht die ange⸗ nehmſte. Ich bin wirklich ein länderloſer Fürſt, nichts als der Gatte Maria Thereſia's!“ 263 „Zank nicht mit mir, Franzl“, ſagte Maria Thereſia ſchmeichelnd.„Iſt es denn gar ſo wenig, wenn Du mein Mann biſt? Und meinſt Du denn, ich ſähe nicht ſelber ein, daß Manches anders werden muß? Aber Du biſt ungeduldig und willſt nichts erwarten! Habe ich nicht ſchon Alles vorbereitet, um Dich als meinen Mitregen⸗ ten zu erklären uund eine öffentliche Proclamation dar⸗ über zu erlaſſen? Und weißt Du denn nicht, daß ich nicht Ruh' und Raſt habe, daß ich keinen liebern Ge⸗ danken kenne, als die Kaiſerkrone auf Deinen ſchönen braunen Haaren ſitzen zu ſehen?“ Eine Umarmung war das Zeichen der Verſöhnung, dann kamen die Karten unter leichten Geſprächen wie⸗ der in Thätigkeit. Nach einer Weile fragte die Königin leichthin, wie es mit den Tuchfabriken und Hammer⸗ werken ſtehe, die der Herzog zu Holitſch in Ungarn errichtet hatte, und hörte vergnügt lächelnd zu, als er deren treffliches Gedeihen ſchilderte und den reichen Ertrag derſelben rühmte. „Und wie iſt es mit den Goldmachern?“ fragte die Königin, die Karten miſchend, mit einem leichten Spott⸗ lächeln, das ſie noch liebenswürdiger machte.„Ich habe ja munkeln gehört, Dein geprieſener Schwarz⸗ künſtler habe ſich aus dem Staube gemacht?“ „O ſpotte nur“, rief der Herzog,„diesmal war 264 es wirklich Ernſt mit der Sache! Dieſer Sehfeld, den ich aufgefunden, war wirklich ein Adept und beſaß wirklich das Geheimniß, unedle Metalle in Gold zu verwandeln. Ich ließ ihm auf Holitſch ein Labora⸗ torium einrichten, wie er es nur wünſchen konnte, aber die Vorkehrungen, die ich traf, damit er ſicher und ganz ungeſtört ſein ſolle, erweckten ihm den Verdacht, als ob ich ihn gefangen halten wollte. Eines Tages war er verſchwunden, die beiden Offiziere, die ich ihm als Helfer oder, wenn Du ſo willſt, als Aufſeher bei⸗ gegeben hatte, mit ihm.“ „Wie, auch die Offiziere?“ fragte Maria Thereſia. „Allerdings; weder von dem Adepten noch von ſeinen Wächtern fand ſich weiter eine Spur. Wäre das möglich, wenn er nicht die Kunſt beſeſſen hätte, ſich und ſie unſichtbar zu machen und ſie durch ſein Gold ſo reichlich zu entſchädigen, daß ſie verführt werden konnten, Stellung und Alles im Stiche zu laſſen?“ „Nun, wenn Du dem großen Geheimniß ſchon ſo nahe warſt“, erwiderte ſie,„dann beſteht doch Hoff⸗ nung, es einmal wirklich zu enthüllen. Jedenfalls“, fügte ſie ſcherzend hinzu, indem ſie ihm ein Häufchen verlorener Dukaten hinzählte,„wirſt Du mir bis dahin einen Gefallen thun.“ „Welchen?“ fragte der Herzog neugierig.“ 265 „Kein ſolches Geſchäft mehr zu machen“, erwiderte ſie, ſich erhebend, mit leiſer Stimme und druͤckte ihm die von Seckendorf erhaltenen Papiere in die Hände. Ohne ſeine Betroffenheit zu beachten, wandte ſie ſich der Hofdame zu, welche mit der Meldung näher getreten war, der Kapellmeiſter Ferrandini befinde ſich im Vorzimmer und laſſe anfragen, ob Majeſtät wie gewöhnlich zu dieſer Stunde geneigt ſei, ſich zun Ge⸗ ſang accompagniren zu laſſen. „Ach nein“, erwiderte ſie raſch,„ich habe gar keine Luſt; der böſe Mann in Berlin vertreibt mir bei Tag die Ruhe, bei Nacht den Schlaf; da vergeht mir alle Luſt zum Singen von ſelbſt!“ „O thue es doch“, ſagte der Herzog,„vielleicht er⸗ heitert und zerſtreut es Dich doch und ich hün⸗ Dich ſo gern ſingen.“ „Ja, wenn es Dir Freude macht, von Herzen gern!“ erwiderte Maria Thereſia heiter.„Dann ſoll der Ferrandini nur hereinkommen!“ Sie eilte dem eintretenden Kapellmeiſter ſelbſt ent⸗ gegen, führte ihn zum Spinett und legte Notenblätter auf. „Sieht Er, das muß Er mir begleiten, Maeſtro“, ſagte ſie,„es iſt die Liebesklage aus der Daphne von Aſtorga, das liegt mir gut und ich weiß, daß es ein Lieblingslied des Herzogs iſt!“ 266 Bald erklangen die leiſe ſchwirrenden Saiten unter den kunſtfertigen Händen des Kapellmeiſters und die Königin ſang die einfache, aber zum Herzen dringende Cantilene mit einer Stimme, ſo voll und rein, daß ſie ſich anhörte wie eine angeſchlagene Glocke; ſie ſang mit ſolcher Kunſt und Innigkeit des Ausdrucks, daß Herzog Franz, als ſie geendet, ſie vor allen Anweſen⸗ en zärtlich in die Arme ſchloß, der entzückte Maeſtro aber, ſeiner nicht mächtig, ſich auf ein Knie niederließ und die Hand der Königin ergriff, um ſie an den Mund zu führen. „Nun, was macht Er denn, Er närriſcher Menſch?“ ſagte ſie lächelnd.„Mache Er mir nichts weiß, mit meiner Stimme iſt es nicht weit mehr her, das weiß ich beſſer!“ „Majeſtät“, ſagte der Maeſtro,„es iſt nicht allein der Stimm', la voce assoluta, was machen der Ge⸗ ſang, ſein die expressione! Ich wollte, Majeſtät ſän⸗ gen ein einziges Mal auf dem Theater für mich, dann wäre ich ein reicher Mann! Jetzt aber weiß ich unge⸗ fähr, wie es ſein wird, wenn ich einmal ſterbe und dann im Himmel wieder aufwache und die Engel ſin⸗ gen höre.“ 3 „Ich weiß doch eine ſchönere Muſik“, ſagte Maria Thereſia mit zärtlichem Blick zu ihrem Gemahl, während 267 der beglückte Maeſtro ſich entfernte.„Geh' hinüber, Hieronymus, laß mir meinen Buben, meinen Joſeph herüber bringen, wenn er nicht gerade ſchläft. Wenn ich dem in ſeine wunderblauen Augen hineinſchaue, dann hör' ich auch die Engel im Himmel ſingen.“ Sie ergriff den Arm des Gemahls und trat mit ihm in den Erker, heiter in den wieder heiter gewor⸗ denen Abend hinausblickend. Bald erſchien die Gräfin Saurau, die Aja des Prinzen, mit der Kammerfrau, die dieſen in koſtbare Decken eingehüllt trug und der fürſtlichen Mutter übergab. „Da haſt Du Deinen Joſeph“, ſagte ſie leiſe und zärtlich zu dem Herzog.„Sieh, wie er Dir aus den Augen geſchnitten iſt! Gott gebe, daß er einmal ein Mann wird und ein tüchtiger Kaiſer!“ Der Knabe war wach, aber vollkommen ruhig; er ſah mit den ſchönen blauen Augen, die nachmals im Leben ihn auszeichnen ſollten, zu den Eltern empor, als ob er die Liebe verſtände, mit der ſie auf ihn niederſahen. 3 Es war ſtill im Gemach, ein Engel des Friedens ſchwebte verweilend über den Häuptern der Liebenden und dem Bilde häuslicher Glückſeligkeit, wie ſie wohl ſelten in Fürſtenburgen heimiſch iſt. Auf die Straßen Wiens war inzwiſchen ſchon 268 die Dämmerung niedergeſunken; es war Feierabend und von allen Seiten ſtrömten die Arbeiter und Tage⸗ löhner der Stadt über das Glacis nach den Vorſtädten hinaus, wo ihre Wohnungen lagen. Die Bürger hat⸗ ten die Geſchäfte geſchloſſen, das Handwerkszeug an den Nagel gehängt und kamen vergnügt aus den Häuſern hervor, um mit Weib und Kind noch einen Gang ins Freie zu machen oder in einem der Wirthsgärten ein⸗ zukehren, in die der anbrechende Frühling ſchon die erſten Frühgäſte zu locken begann. Beſonders viel Volk war auf dem neuen Markt verſammelt und drängte ſich luſtig um eine aus Bretern zuſammengeſchlagene Bude, über welcher ein Fähnlein mit einer bekränzten Leier flatterte. Es war die Schaubude des Theater⸗ principals Stranitzky und große rothgedruckte Anſchlag⸗ zettel verkündeten an beiden Seiten derſelben die Aufführung einer ganz neuen Komödie, betitelt: Nicht dieſem, dem es zugedacht, Sondern dem das Glücke lacht! oder: Der große Frauenwechſel unter königlichen Per⸗ ſonen mit Hanswurſt, dem Doctor in der Einbildung, ver⸗ liebtem Sponſirer und ſeltſamem Complimentenſchneider. Obwohl die Bude von ziemlichen Umfange war, hatte doch eine Menge von Schauluſtigen keinen Platz mehr gefunden und ergötzte ſich nun, dieſelbe plaudernd 269 zu umſtehen und die Glücklichen zu beneiden, die in den Muſentempel eingedrungen waren, denn nach dem Gelächter zu urtheilen, das beinahe ununterbrochen das Bretergebäude erſchütterte, mußte das Stück ein wahrer Ausbund von Luſtigkeit ſein. Die Wenigſten wichen von der Stelle; luſtwandelnd gingen ſie hin und her oder blieben bei einander ſtehen in allerlei Geſpräch über die Vorgänge in der Stadt oder über das, was man von Krieg und Frieden zu erzählen wußte. Nebenan auf den Balken eines Neubaues ſprangen und ſpielten jauchzende Kinder, während hier und da auch ein aus⸗ gelaſſener Schuſterjunge, der noch ſpät ein Paar Schuhe auszutragen hatte, ſich den Spaß machte, durch einen grellen Pfiff oder durch die Warnung vor erdichteten Gefahren erſt Verwirrung und dann allgemeines Ge⸗ lächter unter die Anweſenden zu bringen. „Aufg'ſchaut!“ rief jetzt ein ſolcher, indem er in größter Eile einherrannte und ſich gewaltſam durch die Menge drängte.„Aufg'ſchaut, ein Ochs iſt wild worden!“ Diesmal aber ſollte ihm der Spaß nicht ganz gelingen, denn die derbe Hand eines Fleiſchſelchers hatte im Nu ſeinen Haarbüſchel gefaßt und hielt ihn feſt. „Wart, Schuſterkneif!“ rief er,„ich will Dir leh⸗ ren die Leut' foppen und erſchrecken!“ 270 Der Bube war zu gewandt, um lange in den Händen ſeines Gegners zu bleiben; ſchnell hatte er ſich losgerungen, und als der Zürnende ihm nachrief: „Wo iſt denn der Ochs?“ da war er ſchon in ſicherer Weite, lachend deutete er auf ihn zurück und rief: „Da iſt er, der Ochs! Aufg'ſchaut, jetzt iſt er erſt recht wild worden!“ Der ergrimmte Selcher wollte dem Flüchtling nach, aber die Menge litt es nicht und ſchalt ihn, daß er keinen Spaß verſtehe. Die wenigen Augenblicke hatten auch hingereicht, eine Anzahl Schuſtergeſellen auf der einen und eine Schaar Fleiſcher auf der andern Seite herbeizurufen, denen es in den Fäuſten juckte und die jeden Anlaß, ſich miteinander zu meſſen, willkommen geheißen hätten. Die Handwerksfehden, die noch vor wenigen Jahrzehnten in Wien einheimiſch geweſen, waren durch die ſtrengen Befehle des verſtorbenen Kaiſers wohl niedergehalten, aber die gegenſeitige Ab⸗ neigung und Gehäſſigkeit war geblieben. Gerade zur rechten Zeit kam eilig ein Mann des Weges daher, ſchon von weitem rufend und winkend, daß er große Neuigkeiten bringe, einen ganzen Sack voll. „Die Königin hat Frieden gemacht mit Preußen“, rief er;„ich hab' grad' mit einem gered't, der grad' aus der Burg rauskommen iſt und es vom Heizer, 221 vom Stockel gehört hat! Die Königin gibt nach, ſie gibt Schleſien her!“ „Das iſt auch das Geſcheidtſte, was ſie thun kann“, ſagte ein großer vierſchrötiger Mann, den Schürze und grüne Schlegelhaube als Brauknecht er⸗ kennen ließen.„Für was iſt denn das Kriegführen gut? Die großen Herrn thun ſich freilich leicht, ſie thun nicht mit; das Volk aber muß das Bad ausſaufen, muß das Geld hergeben und die Leut'!“ „Ja, der Frieden iſt ſchon recht, aber daß wir ſo mir nichts dir nichts das Schleſien hergeben müſſen, das ſeh' ich halt doch nicht ein!“ ſagte ein Greißler, der unter der Thür ſeines Ladens ſtand.„Die Königin iſt einmal die Herrin im Land, was ſollt' denn da draus werden, wenn einer nach dem andern käm' und wollt' einen Fetzen Land nach dem andern wegreißen, daß ihr zuletzt gar nichts mehr übrig bleibt?“ „Ich glaub's ſchon“, ſagte der Brauer wieder, „daß es ihr nicht angenehm iſt, aber was liegt denn uns dran? Wir werden immer einen Herrn haben, unter dem wir zahlen und arbeiten müſſen, ob er nun Maria Thereſia oder Karl Albert heißt. Es iſt doch ein und dieſelbe Freundſchaft, haben ja ſchon oft unter einander hineingeheirathet. Es wäre ja himmelſchreiend, wenn man deshalb einen Krieg anfangen wollt'!“ „Das iſt Alles wahr“, ſagte der hartnäckige Greiß⸗ ler wieder,„aber ich bleib' doch bei meiner Red'! Ich ließ mir's auch nicht gefallen, wenn Jemand in meinen Laden reinkäm' und nähm' mir ein Stück nach dem andern, was ihm grad' gefällt. Der Herr red't aber nur ſo, weil er ein Baier iſt, wenn er auch jetzt in Wien ſeine Heimat hat. Wir aber ſind halt Oeſter⸗ reicher und gut kaiſerlich!“ „Jawohl, das ſind wir“, unterbrach ihn ein Dritter, den der Pechgeruch als Schuſter verrieth,„und ich bin auch gut öſterreichiſch und kaiſerlich, aber was zwiſchen den Baiern und Oeſterreich für ein Unter⸗ ſchied ſein ſoll, das hab' ich halt noch nie auseinander⸗ klauben können! Sie reden eine und dieſelbe Sprache, und es iſt derſelbe Schlag Leut', ich hab's geſehen, wie ich auf der Wanderſchaft in München und Landshut gearbeitet hab'. Und wie letzthin die Baiern, die beim Türkenkrieg dabei waren, zurückmarſchirt ſind, habe ich ſie mir wieder ang'ſchaut und hab' nur wieder denken müſſen, warum wir nicht bei'nander ſind, wo wir doch ſo ſchön zuſammengehören thäten!“ Das Geſpräch wäre vielleicht noch lebhafter und gereizter geworden, hätte nicht das in der Theaterbude los⸗ brechende, mit Händeklatſchen uud Fußſtampfen vermiſchte Beifallsgeſchrei das Ende der Vorſtellung verkündet. 277 „Was lamentirt Ihr ſo? Ihr habt's ja ſo hab'n wollen, jetzt könnt Ihr ja zeigen, ob Ihr wirklich ſo gut kaiſerlich und öſterreichiſch ſeid, als Ihr Euch an⸗ geſtellt habt!“ „Das wollen wir auch!“ rief der Fleiſchſelcher, der ſchon vorher ſeine Thatbereitſchaft erprobt hatte. „Wer hat was dagegen einzuwenden?“ Drohend er⸗ hob er die geballte Fauſt und ſchien nur auf Antwort zu warten, um ſie auf den Schädel des Widerſprechen⸗ den niederſauſen zu laſſen. Eine neue Schaar mit neuer Schreckensbotſchaft drängte heran.„Der Schatz wird eingepackt“, ſchrie Alles durcheinander,„und das Reichsarchiv, Alles kommt nach Preßburg hinunter, die Königin iſt ſchon fort aus der Stadt!“ Als wäre ſchon eine aus feindlichem Belagerungs⸗ geſchütz geſchleuderte Feuerkugel mitten unter ſie nieder⸗ gefallen, ſo heulte die Menge auf und ſtürzte in wilder Verwirrung nach allen Seiten auseinander. Dem bairiſchen Brauknecht, obwohl ſelber ſchon ein halber Wiener, lachte das Herz; das Gewühl über⸗ blickend, brummte er wohlgefällig vor ſich hin:„Wie ſie ſich fürchten! Ja, ja, wenn wir Baiern einmal an⸗ fangen, dann iſt's Matthä' am letzten mit Oeſterreich!“ Die Studenten aber, raſch durch andere junge 278 Leute aus dem Volke verſtärkt, hatten ſich ſchnell nach Art einer kriegeriſchen Schaar in Reihen und Glieder geformt und zogen kampfbereit von dannen unter lau⸗ tem Rufen und fröhlichem Geſang. Friſch und muthig erklang es nach der Weiſe eines alten Burſchenliedes: Wides, spes et charitas Arma nostra trina: Vivat Maria Theresias, Austriae regina! Ende des zweiten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. — Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Pariſer Todtentanz. Roman in 2 Abtheilungen von Mar von Schlägel. 1. Abth.: Nach uns die Sündflut! 2. Abth.: Der rothe Faſching. 6 Bände. Preis 4 Thlr. 15 Ngr. Der Tebensreiter. Humoriſtiſcher Roman von Graf Illrich Zandiſſin. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Frauenherzen. Zwei Novellen von Touiſe Mühlbach. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 3 Thlr. Neue Romane aus dem Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. ie Ehefabrikant 3 Die Ehefabrikanten. Komiſch⸗ſocialer Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Modelle. Humoriſtiſcher Roman A. von Winterfeld. 4 Bände. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. A. 3 Wlephunt. Komiſcher Roman A. von Winterfeld. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr. —— — Verlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Das Vermächtniß der Millionärin. Roman von N. Waldmüller-Zuboc. 3 Bände. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. König Auguſt und ſein Goldſchmied. Roman von Franz Carion. 3 Bände. Flegant geheftet. Preis 2 Thlr. Chriſtoph Pechlin. Eine internationale Liebesgeſchichte von Wilhelm Raabe. 2 Bände. Eleg. broſch. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Ueue Komane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Robespierre. Geſchichtlicher Roman Karl Martenburg. 2 Bände. 8⁰. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. Eine Erzählung von Mar von Schlägel. V 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. Krieg und Frieden. Novellenbuch von Levin Schücking. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Zur linken Hand. Novelle von Edmund Höfer. 1 Band. 8. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. In der Welt verloren. Eine Erzählung von Edmund Hoefer. Zweite Auflage. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr. Armadale. Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Marie Seott. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Thlr. Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Hirel, die Tochter des Calviniſten. Roman von John Saunders. Verfaſſer von„Abel Drake's wife“. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. * 4„ Ein muthiges Weib. Von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von HFophie Verena⸗ Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. gr. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Hannah. Von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Berena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Mnn.nnnnenſmnſnſnnſſüſſſſfiſſſſſſſſſſſſſſſiſſſſiiſſſſſinſſſſſinſſſſſſſe 1 12 13 5 1 8 9 10 1 14 1 6 17 18 19