2 ktate Kianſergeſchichte aus Haneru Erſter Eruſt li Günthei. 4 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leiß- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat:„ Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Regungslos, wie in tiefen Schlaf ver⸗ ſunken, ſtanden die ſchwarzen Gebüſche, lagen die dunk⸗ len Raſenflächen mit ihren Blumenrändern und die unabſehbaren Baumreihen drängten wie träumend ihre Kronen zu einem mächtigen Laubwald in einander. Nur hier und da ſchimmerten im Vollmondſchein die weiße beſandeten Wege aus dem Dunkel empor; aus den Büſchen tauchten weiße Marmorbilder als geiſter⸗ hafte Wachen auf, und über den Bauinwipfeln blitz⸗ ten die Strahlen der ſieben Springbrunnen, die ſich mit dem Monde zu necken ſchienen, als wollten ſie ihn heimlich erreichen und doch den Schall ihres Plätſcherns 1 Schmid, Concordia. I. 2 — dämpfen, um die paradieſiſche Ruhe des Gartens nicht zu ſtören, auf den es vom tiefblauen, wolkenloſen Nachthimmel herniederwehte und wallte wie Gruß und Botſchaft aus einem andern, nicht irdiſchen Paradieſe. Mit einem Male ſchwebte ein weicher Klang durch die Stille, melodiſch wie der träumeriſche Geſang eines halberwachten Vogels; ein zweiter ſchloß ſich, erſt ſchüchtern, dann immer ſtärker werdend, in ſchmeicheln⸗ dem Wetteifer an: immer mehr Stimmen und Töne folgten, und zuletzt rauſchte eine kunſtvoll ausgeführte Symphonie feierlich aus dem Dunkel, weit vernehm⸗ lich und klar, wenn auch manchmal unterbrochen oder minder deutlich, als ob der Ton aus weiter Entfer⸗ nung verflattere und von einem verſchloſſenen Raume gedämpft werde. Die Muſik kam nicht vom Schloſſe her, deſſen Fenſter ſchwarz und lichtlos auf den Gar⸗ ten herniederſchauten und nur hier und da im Wider⸗ ſcheine des Mondes glitzerten. Kaum waren die erſten Töne erklungen, als an einer dunklen Stelle des Gartens, wo die Gipfel eines kleinen Fichtenhains über hohe, geſchorene Taxuswände aufragten, ſich die Thür eines kleinen Hauſes öffnete, das, an die langgeſtreckten Gewächshäuſer angebaut, leicht die Wohnung eines Gärtners erkennen ließ. Eine ſchlanke Mädchengeſtalt huſchte aus der leichtgeöffneten —=— —— —— 3 Thür und blieb lauſchend auf den Stufen ſtehen, die vom Hauſe in den mit Frühbeeten und Treibkäſten ge⸗ füllten Vorgarten hinunterführten. Die Thür des Häuschens hatte ſich jedoch kaum geſchloſſen, als ſie raſch wieder aufging und ein kräftiger, unterſetzter Mann heraustrat, der das Mädchen raſch am Arme faßte und anhielt. „Wo willſt Du hin? Komm herein„Kordel“, rief er mit unwilliger, rauh klingender Stimme,„Du haſt nichts verloren da draußen in der Nacht.“ Das Mädchen wendete ſich dem Manne zu; der Mond warf ſein volles Licht auf beide, ſowie auf eine Frau, welche in der lichtbeſchienenen Thürſpalte ſichtbar wurde, offenbar abwartend, welche Wendung das Geſpräch nehmen würde, um ſich dann nach Gut⸗ befinden in daſſelbe einmiſchen zu können. Der Mann war ſchlicht gekleidet, und die grüne Schürze, die er über dem Arbeitsgewande trug, kennzeichnete ſeinen Stand: es war eine derbe, aber gutmüthige Erſchei⸗ nung, und der Unwille, der ſich in den verwitterten, etwas ſcharf ausgeprägten Geſichtszügen ausdrückte, war nicht bösartig, ſondern von jener polternden Gat⸗ tung, die ſich ſelber darüber grollt, daß ſie zum Un— willen Urſache hat. Auch die Frau trug die ärmliche Tracht gewöhnlicher Arbeitsleute; ihr Geſicht war rund * 4 und wohlgefärbt, aber die Fülle deſſelben hatte angefangen, ſich in Falten zu legen, und das unter der Haube hervorſehende Haar konnte ſchon bald völ⸗ lig weiß genannt werden. Obwohl in den Kleidern dem Paare ganz ähnlich, bot das Mädchen doch einen von ihm ſehr verſchiedenen Anblick dar. Ein kurzer Rock von geſtreiftem Woll⸗ zeug, darüber ein langſchößiges Kamiſol von dunklem Loden, eine helle Schürze und ein über Hals und Bruſt kreuzweiſe geſchlungenes Tüchelchen bildeten den ganzen Anzug. Die Geſtalt ſelbſt aber war von ſo ungeſuchter Anmuth und ſo liebreizenden Formen, daß ſie auch ohne die koſtbare, kleidſame Tracht der vor⸗ nehmen Stände aus jener Zeit eine Menge vornehmer und reicher Damen neben ſich verdunkelt hätte. Vol⸗ lends auf ihrem Angeſicht, als ſie es dem zürnenden Alten zuwandte und mit den mächtigen, dunklen Augen ihn halb verwundert, halb ſchalkhaft anſah, lag eine ſo ſanfte und unwiderſtehliche Kindlichkeit, daß es er⸗ klärlich war, wenn mitten im Fluſſe der zürnenden Rede Ton und Miene des Alten ſich milderten. „Es iſt ſchon ſpät“, ſagte er wieder;„komm herein; das gehört ſich nicht, daß eine ſittſame Jung⸗ fer noch um dieſe Zeit im Garten herumſtreift!“ „Aber ſo laßt mich doch, Vetter!“ ſagte das “ —— 5ö. Mädchen mit einer Stimme, deren ungeſucht natürli⸗ cher und herziger Ton den Hörer unwillkürlich gewann. „Es iſt ja nichts Unrechtes! Ich möchte nur die Mu⸗ ſik etwas näher hören; horcht nur, wie ſchön ſie ſpie⸗ len! So was hab' ich nie gehört; es iſt gerade, als wenn es aus der andern Welt herüberkäme.“ „Wenn's weiter nichts iſt“, entgegnete der Gärt⸗ ner,„die Muſik kannſt Du auch in der Stube durch das offene Fenſter hören, aber ich kenne Dich ſchon! Wenn ich ja ſagte, käm' es vom Horchen zum Sehen, und wenn ich den Finger gäbe, verlangteſt Du die ganze Hand.“ „Nun, und wär' denn das ſo was gar Schreck⸗ liches?“ fragte das Mädchen lachend entgegen.„Wie ich noch daheim war bei Vater und Mutter, in unſerer hübſchen Forſtnerei am Würmſee, hat mich der Vater gar oft mitgenommen, wenn's Kirchweih' gab in den Dörfern am See und auf den Hügeln ins Land hinein. Da hab' ich auch zugehört, wie ſie aufgeſpielt haben mit Schwegelpfeife, Geige und Brummbaß, und hab'’ zugeſehen, wie die jungen Burſchen mit den Mä⸗ dels tanzten, bis der helle lichte Tag heraufkfam. Das hat mir gar wohl gefallen! Freilich bin ich ſeitdem ein Waiſenkind geworden; ich kriege nichts Solches mehr zu hören beim Vetter und bin immer eingeſperrt wie ein Vogel im Käfig, daß ich kaum zum Fenſter hin⸗ aus und über den Gartenzaun ſchauen darf. Deshalb hatt' ich mich ſo darauf gefreut, daß der Vetter gerade jetzt auf ein paar Tage verreiſen mußte und mich bei Euch aufzuheben gegeben hat; ich habe davon gehört, daß die Magdalenenkapelle eingeweiht werden ſoll, und möchte gar zu gern ſehen und wiſſen, wie die großen Herren und die vornehmen Leut' Kirchweih halten.“ Das Geſicht des Alten war bei jedem Worte freundlicher geworden; als ſie endete, vermochte er das Lachen nicht zurückzuhalten.„Biſt halt ein närriſch Ding, Kordel“, ſagte er,„aber man kann Dir auf die Läng' nicht böſe ſein! Ich glaub' wahrhaftig, das Mädel bildet ſich ein, der Kurfürſt und die allerhöch⸗ ſten Herrſchaften ſpringen beim Dudelſack herum wie die Bauern! Da geht's ganz ſtill her! Die Kapelle, das weißt Du ja, iſt ſchon lang' angefangen geweſen, noch vom Kurfürſt Max Emanuel ſelig, er hat's aber nimmer erlebt, daß ſie fertig geworden iſt. Drum hat ſie unſer jetziger Kurfürſt ausgebaut und hat ſie heut' einweihen laſſen, weil gerade ſein Herr Bruder, der Kurfürſt von Köln, nach München gekommen iſt und weil man dem eine Ehr' hat anthun wollen. So iſt denn heut' früh, wie Du noch nicht da warſt, die kirchliche Ceremonie geweſen; der Herr von Köln hat — 7 die Kapelle eingeweiht und jetzt abends iſt Tafel; da⸗ bei iſt aber nur die Durchlaucht und die allerhöchſten Herren vom Hof und vom Frauenzimmer iſt gar Nie⸗ mand eingeladen. Alſo ſiehſt Du wohl ſelber, daß es nichts iſt mit dem Tanz, und was ſie da aufftäüclan, iſt nur Tafelmuſik.“ „Dann kann ich ja erſt recht näher hingehen“, begann das Mädchen wieder.„Hier herauf hört man die Muſik doch nur halb, wenn man aber da unten an der Taxuswand hinginge, da müßte man jeden Ton ſo deutlich hören, als wenn man davor dort ſäße.“ „Na, ich denke, Mann“, ſagte jetzt die Gärtners⸗ frau,„bis da hinunter könnteſt Du ſie ja gehen laſſen; da kann ihr ja nichts geſchehen.“ „Meinetwegen denn“, ſagte der Gärtner;„gern erlaub' ich's zwar nicht, aber wenn es ihr ſo gar große Freude macht und wenn ſie verſpricht, daß ſie hinter der Hecke bleiben will, mag's geſchehen. Auch darf ſie nicht zu lange ausbleiben, damit wir rechtzeitig ins Bett kommen; morgen heißt es in aller Frühe meine neu geſetzten Pflanzen gießen vor Sonnenauf⸗ gang, da müſſen wir bald aus den Federn ſein.“ Das Mädchen erwiderte nichts; ſie nickte nur flüchtig mit dem Kopf und war mit einem Sprunge die Stufen hinab und an der Taxuswand ver⸗ ſchwunden. „Iſt ein Prachtmädel“, ſagte die Frau, ihr nach⸗ ſehend;„kein böſes Aug' ſoll ſie mir anſehen; flink wie ein Reh, und Augen hat ſie auch wie ein Reh. Wenn ſie mich damit anſchaut, geht mir das Herz auf, ſo unſchuldig guckt ſie einen an und ſo unverdorben. Unſer Herrgott ſoll ſie mir behüten!“ „Ja, das wünſch' ich auch“, entgegnete der Gärt⸗ ner.„Es iſt ſchon wahr, ſie hat etwas von einem Reh, aber man hat doch auch ſchon erlebt, daß das ſcheueſte Reh heimlich geworden iſt. Unſer Herrgott ſoll ſie behüten? Iſt mir auch recht, aber— Gott ver⸗ zeih' mir die Sünde! in den ſechzig Jahren, in denen ich jetzt mitlauff, iſt mir's nicht oft vorgekommen, daß unſer Herrgott allein was behütet hat. Selber muß man dazu thun, und das muß auch bei der Kor⸗ del geſchehen. Das Mädel iſt herangewachſen, iſt ſau⸗ ber und friſch wie eine ſchwarze Kirſche; da werden die Spatzen auch nicht lange auf ſich warten laſſen und die Heher und wie all das Näſchervolk heißt. Da heißt es vorſorgen, daß ihnen der Schnabel ſauber bleibt.“ „Ja, wie meinſt Du denn das, Mann?“ fragte die Frau und ſchlug verwundert die Hände zuſammen. —, — 9 „Baſſom!“ entgegnete er ärgerlich.„Thu' mir den einzigen Gefallen, Lieſe, und ſtelle Dich nicht, als wenn Du mich nicht verſtündeſt! Das Mädel iſt Dei⸗ ner Schweſter Kind; es hat keine andern Verwandten als Dich— „O, das gerade nicht“, entgegnete die Frau.„Die Waldhöriſche Freundſchaft iſt nicht ſo klein; Vater und Mutter ſind freilich todt, aber ein Bruder vom Groß⸗ vater, der iſt in der Jugend in die weite Welt ge⸗ gangen, weiß Gott, was der geworden iſt, vielleicht ein großer Herr—“ „Oder ein großer— ich mag nicht ſagen, was ich mir denk— wie der Wolf, der Oberfalkner, der iſt ja auch in die weite Welt gegangen! Aber weil Niemand weiß, wo der große Herr ſeeckt, trifft es Dich und es iſt Deine Pflicht und Schuldigkeit, daß Du Dich ihrer annimmſt.“ „So, thu' ich das etwa nicht? Geb' ich ihr nicht Alles, was ich von meinem Gewand erübrigen kann? Ich hab' ihr erſt die neue Riegelhaube machen laſſen, die ich mir vom Munde abgeſpart; es vergeht keine Weihnacht, wo ſie nicht ihre Niklausbeſcherung, kein Allerſeelen⸗ und kein Oſtertag, wo ſie nicht ihren Seelenzopf, ihren richtigen Eierfladen und ihre rothen Eier bekommt.“ 10 „Und damit, meinſt Du, iſt's genug?“ rief der Mann und ſchien ernſtlich böſe zu werden.„Und da⸗ mit denkſt Du Deine ganze Verantwortung ſchon ab⸗ gelegt zu haben und willſt das Mädel immer noch draußen in der Au bei dem Wolf, ihrem Vatersbruder, laſſen?“ „Iſt ſie etwa nicht gut aufgehoben bei ihm? Du ſagſt ſelber, daß er der Bruder ihres Vaters iſt. Der Wolf war lange fort und iſt gerade heimgekommen, wie meine Schweſter und ihr Mann, der Forſtner, jähen Todes geſtorben ſind an der hitzigen Krankheit, die ſelbigsmal im ganzen Land regiert hat. Da hat er das Mädel zu ſich genommen, hat ſie aufgezogen und hat ihr's, ſoviel ich weiß, bis jetzt an nichts feh⸗ len laſſen. Was ſoll ihr denn abgehen? Und was haſt Du an ihm auszuſetzen? Iſt er nicht kurfürſtlicher Oberfalkenier? Sitzt er nicht draußen in dem ſchönen Haus in der Au, in dem Falkenhof, wie ein kleiner Gutsherr auf ſeinem Edelſitz?“ Der Gärtner beſann ſich einen Augenblick.„Das iſt Alles wahr“, ſagte er dann;„aber der Schwager iſt halt doch nicht mein Mann, er hat was Heimliches an ſich. Es gefällt mir nicht, daß kein Menſch weiß, woo er die vielen Jahr', in denen er fort war, geſteckt und was er getrieben hat. Warum giübt er nicht Red' 11 und Antwort, wenn man ihn darüber fragt? Warum lacht er ſo ſpöttiſch dabei, wenn man ihn fragt, wie ich's gethan hab', aber gewiß nicht wieder thue? Wenn's was Rechtes wär', brauchte er damit nicht hinterm Berg zu halten! Und dann“, ſetzte er nach einigem Zögern hinzu, als ob er ſich deſſen, was er zu ſagen im Begriffe war, ſelbſt ſchäme,„es heißt halt einmal: Hüte Dich vor den Gezeichneten! Und ich kann ſein falſches Geſchau nicht vertragen. Der Menſch kann ja keinem andern grad' ins Geſicht ſehen!“ „Du übertreibſt wieder einmal, Melcher“, entgeg⸗ nete die Frau.„Das kommt nur von der Schmarre, die ihm über das Geſicht geht. Er hat halt im Krieg einen Hieb bekommen.“ „Ja, das ſieht man. Aber woher er die Schmarre hat und wo er den Hieb aufgefangen hat, das iſt es, was kein Menſch weiß! Baſſom, ich ſtehe jedem Chri⸗ ſtenmenſchen Rede, ich kann Jedem, der's hören will, ſagen, daß mir ein Türkenſäbel das Fragezeichen da bei Temesvar auf die Stirn gezeichnet hat! Mit einem Wort: es iſt nicht richtig mit ihm und darum muß das Mädel je eher je lieber von ihm fort. Dir als Schweſter ihrer Mutter ſteht's zu, daß Du die Geſchichte in die Hand nimmſt und es dem Schwager auseinander ſetzeſt, daß das junge ſaubere Mädel nicht „ mehr zu ihm taugt in ſein einſchichtiges Haus, und wenn's noch ſo ſchön iſt. Und damit ich doch einmal Alles ſage, was ich auf dem Herzen habe, ich bin auch drin geweſen in dem Haus, und ich kann ſagen, mir hat's nicht ſo beſonders gefallen; ich hab' gemacht, daß ich wieder hinausgekommen bin! Da ſind aller⸗ hand ſo dunkle Winkel und geheime Kammern, die man ſonſt in einem Jägerhaus nicht findet! Ich habe nur in eine einzige hineingeſehen; da war's wie in einer rauchigen Küch', allerhand ſonderbars Geſchirr iſt herumgehangen an der Wand und auf dem Herd geſtanden, und unter dem Herd iſt etwas Lebendiges gelegen, was ich nicht recht unterſcheiden konnte; es hat faſt ausgeſehen wie ein wildes Thier und hat mich mit glühenden Augen angeſchaut, als wenn es auf mich losſpringen wollte, und hat geknurrt! Ein Hund iſt's nicht geweſen, das weiß ich, und ſo hab' ich die Thür wieder hinter mir zugeworfen und will nichts mehr mit dem Schwager zu thun haben. Ich ſag, es iſt ihm nicht zu trauen, und da, wo er ſich den Denkzettel geholt hat, da hat er auch ſein Chri⸗ ſtenthum gelaſſen.“ Im Eifer der Rede war der Alte immer wär⸗ mer und ſein Ton immer lauter geworden, ſodaß die Frau ihn abmahnend am Arme faßte und gegen 2 2 die Thür zog.„Nun jau“, ſagte ſie,„red' Dich wieder in Deinen Zorn hinein, wie Du's im Brauch haſt! Du ſchreiſt ja, daß es kein Wunder wär', wenn's die Herrſchaften drüben in der Kapelle hörten. Komm herein! Das Alles können wir in der Stube unter vier Augen ebenſo gut und noch viel beſſer ausmachen als hier, wo man Gott weiß welchen Zuhörer haben kann.“ Der Alte folgte ohne Widerrede.„Baſſom, was ich ſage, kann Jeder hören“, rief er mit ſtarker und dennoch gemilderter Stimme.„Hineingehn kann ich ja, aber wenn Du etwa glaubſt, daß Du mich von meiner Red' abbringen kannſt, da irrſt Du Dich. Ich trag' die Geſchichte ſchon lang' mit mir im Kopf herum; jetzt, ſeit ich das Mädel wiedergeſehen hab', iſt's bei mir erſt recht feſt, daß etwas geſchehn muß mit ihr, und das bald, oder—“ Die letzten Worte waren ſchon wieder lauter geworden, aber ſie verklangen in der Thür, die von der Frau in geſchäftiger Eilfertigkeit zugezogen wurde. Das Mädchen war indeſſen lautlos und ſchatten⸗ gleich an der dunklen Taxuswand dahingehuſcht, bis an das Ende derſelben, wo einige abgeſtorbene Zweige in der Hecke eine kleine Lücke und alſo ein günſtiges Lauſcherplätzchen bildeten. Aber ihre Erwartung hatte 14 ſie getäuſcht; das Gezweig war zu dicht, als daß der Blick hindurchzudringen vermocht hätte, und ſo ſchritt ſie behutſam noch eine Strecke weiter, als ſie vorgehabt, bis dahin, wo die Taxuswand ſich unmittelbar an die äußere Umfaſſungsmauer des Gartens anlehnte und nicht ſo feſt ſchloß, daß nicht ein kleiner Zwiſchenraum geblieben wäre. Mit der einen Hand an die Mauer geſtemmt, bog ſie mit der andern die Zweige etwas zurück und ſtand dem Ziel ihrer Wünſche, der neuein⸗ geweihten Magdalenenkapelle gegenüber, nur durch ein kleines Waſſerbecken getrennt, das ebenfalls an der Mauer endete. Zwiſchen den Stämmen des kleinen Fichtenwäldchens hindurch ſah ſie die Kapelle im vol⸗ len Mondlichte ſo deutlich vor ſich liegen, daß ſie je⸗ den Spruug in dem Gemäuer, jeden Riß im Bewurf, jeden losgebröckelten Stein zu unterſcheiden vermochte, denn das Gebäude, eine Einſiedelei mit Kapelle vor⸗ ſtellend, war kunſtvoll ſo angelegt und durchgeführt, daß es Schein und Anſehen einer mühſam erhaltenen Ruine hatte. Die Fenſter des Wohngebäudes zu ebener Erde waren dicht mit Läden verſchloſſen, ſodaß kaum hier und da ein Lichtſchimmer durch eine Ritze drang und die Stimmen der darin verſammelten Geſellſchaft nur wie fernes Summen zu vernehmen waren. Das Mondlicht legte ſich voll in die offene, nur mit einem 15 Eiſengitter abgeſchloſſene Kapellenhalle, welche eine mit bunten Steinen, Schlacken, Muſcheln und Glasſtücken ausgelegte Grotte bildete, und erhellte dieſelbe beinahe bis zur Tiefe, wo aus künſtlich aufgehäuften Fels⸗ ſtücken ein Brünnlein hervorquillt, vor welchem, in weißem Marmor gemeißelt, das Standbild der ſchönen Büßerin Magdalena kniet. Die Muſik war eben verſtummt; vergeblich horchte die Lauſcherin an der Hecke eine geraume Zeit in die Mondnacht hinaus und wollte ſchon enttäuſcht und unmuthig zum Hauſe zurückkehren, als durch die Nacht⸗ ſtille fernes Plätſchern an ihr Ohr drang.„Horch“, hauchte ſie vor ſich hin,„das kommt ja vom Kanal her und nicht vom Springbrunnen! Das iſt das Rau⸗ ſchen von einem Ruder und Stimmen dazwiſchen. Da fährt noch Jemand auf dem Kanal ſpazieren. Es mag ganz hübſch ſein, ſo im klaren Mondenſchein auf dem Waſ⸗ ſer zu fahren, wie daheim am Würmſee. Das möcht' ich wohl einmal wiederſehn.“ Sie verſtummte; denn im nämlichen Augenblick wurde am andern Ende des Waſſerbeckens außerhalb des Wäldchens in dem frei liegenden mondbeglänzten Kanale ein Nachen ſichtbar. In raſch aufwallender Beſorgniß, entdeckt zu werden, wollte ſie zurück, aber die Neugierde hielt ſie feſt, denn die Stimmen kamen 16 immer näher, ſodaß der Klang derſelben zu unter⸗ ſcheiden war, und bald war es nicht mehr bloße Neu⸗ gierde, was ſie feſſelte: eine Empfindung des Schreckens 1 rieſelte ihr lähmend durch die Glieder— die eine der Stimmen klang ihr, als hätte ſie dieſelbe nicht zum erſten Male gehört. Wohl ſchalt ſie ſich ſelbſt in dem Augenblick, als der Gedanke in ihr aufblitzte, über die Thorheit aus, daß die Aehnlichkeit einer Stimme, die ja wohl oft vorkomme, ſie ſo zu erſchrecken vermöge, dennoch war es ihr unmöglich, von der Stelle zu gehen und die Empfindung zu bewältigen. Mit jedem Pulsſchlage kamen die Stimmen näher, wurden ſie heller und vernehmlicher und mit jedem Laute hing ſich ein neues Bleigewicht an ihre Füße. Sie hielt den Athem an, theils vor Beklemmung, theils um beſſer hören zu können— eben jetzt ſchwamm das zierliche, goldblitzende Fahrzeug, nach Art der venetianiſchen Gondeln an der Spitze mit einem hohen Schnabel wie mit einem Schwanenhalſe verſehen, aus dem Lichte in den dunklen, von dem Tannenwäldchen und der Taxuswand beſchatteten Raum, in welchem drü⸗ ben eine Stufe angebracht war, um landen und an der Kapelle ausſteigen zu können. Beinahe lautlos glitt der Kahn durch das dunkle Waſſer; das darin ſitzende Paar war ſo ſehr in ſein Geſpräch vertieft, 17 daß es das Rudern faſt zu vergeſſen ſchien. Jetzt waren ſie ſo nahe, daß die Lauſcherin jedes Wort des Ge⸗ ſpräches hören konnte, obwohl daſſelbe nur halblaut ge⸗ führt wurde, aber umſonſt mühte ſie ſich, es zu verſtehen: es waren weiche, ſüdlich klingende, aber fremdartige Laute, vollkommen zu dem Inhalt der Unterredung ſtimmend, die jedenfalls ſehr freundlicher, wo nicht zärt⸗ licher Art war. Die Horchende erglühte über und über; das Herz ſchlug ihr, daß ſie beide Hände feſt an daſſelbe preßte, als fürchte ſie, daß deſſen ſtürmender Schlag auch Andern hörbar werden und ſie verrathen könne. „Aber es iſt hohe Zeit, zu ſcheiden, Signor“, ſagte die Dame in den reinſten Tönen der Sprache vom Arno;„Sie müſſen zur Geſellſchaft zurückkehren; man wird Sie vermiſſen.“ 1 „Mögen ſie“, entgegnete der Cavalier.„Ich ſchwöre Ihnen, reizende Moraiwka, daß ich die Geſellſchaft nicht vermißt habe. Dort iſt nur irdiſches Vergnügen zu finden; hier bin ich wie ein Seliger im Gefilde der Seligen, wie Rinaldo in Armida's Zaubergarten!“ „Rinaldo iſt des Schmeichelns gewohnt und kun⸗ dig“, ſagte die Dame, indem ſie ihre Hand, die der Cavalier bis jetzt gefaßt gehalten, zurückzog.„Ich bin auch nicht Armida, bin nur eine arme Sterbliche, die Schmid, Concordia. T. 2 keinerlei Zauber zu üben vermag; könnte ich es, ich würde jetzt meine Macht gebrauchen, um unentdeckt durch die Luft hinwegzuſchweben oder eine magiſche Mauer aufzubauen, die mich vor dem Auge des Spä⸗ hers und Verräthers ſchützte! Weh mir Armen, wenn Jemand erführe, daß ich noch des Nachts allein im Schloßgarten geweſen! Aber es war ſo verführeriſch ſtill. Der Schlaf mied meine Augen, unwiderſtehlich lockten mich Nacht und Mondhelle zu ſich hinaus; ohne recht zu überlegen, was ich that, ſchlüpfte ich durch die Gänge und band den Nachen los, um mich im Mondenglanze vom Waſſer ſchaukeln zu laſſen. Ich hätte es wohl nicht gethan wenn ich dieſe Begegnung hätte ahnen können. Aber noch einmal, Signor, Ri⸗ naldo's Zeit iſt wirklich abgelaufen, und ich muß dringend bitten—“ „Und Sie ſind doch eine Zaubrerin“, entgegnete der Cavalier feurig.„Sie bitten mich, Sie zu ver⸗ laſſen, und bitten ſo ſchön, daß Rinaldo es nicht ver⸗ mag, ſich ſo ſchnell loszureißen. Er kann es nicht, ohne vorher zu wiſſen, wie er der ſchönen Fee, die auf dieſer Zauberfahrt ſeinen Nachen gelenkt, danken darf, ohne zu hören, wann und wie er ſie wiederſehen wird.“ „Wann Sie mich wiederſehen, das kann ich nicht 19 ſagen“, erwiderte die Dame lachend.„Aber hoffen Sie immerhin, vielleicht geſchieht es eher, als Sie denken.“ Ein Geräuſch unterbrach das Geſpräch; Kordel, unfähig, ſich länger in ſchwebender Stellung an der Mauer zu halten, hatte die Zweige lsgelaſſen, daß ſie aufrauſchend durcheinander nickten. „Wir werden überraſcht“, rief die Dame.„Ei⸗ ligſt fort!“ Mit einem geſchickten Ruderzuge hatte ſie das Fahrzeug ſo gewendet, daß der Cavalier aus demſelben an das Ufer treten konnte; ein zweiter machte das Schifflein ſich wieder drehen, und nach wenig Sekunden flog es aus dem Dunkel in die ſilberne Mondnacht hinaus. Nicht minder ſchnell hatte Kordel vergeſſen, daß ſie nur gekommen war, auf die Muſik zu horchen; ohne ſich zu beſinnen, war ſie auf dem ſchmalen, ſchwanken Brete, das neben der Mauer über den Kanal gelegt war, über dieſen hinweggeeilt und ſtand unter den Tannen vor der Magdalenenkapelle. We⸗ nige Schritte davon trat der Cavalier aus dem Schatten der Bäume— im vollſten Mondlichte ſtanden beide einander gegenüber. „Sieh da, welche merkwürdige, aber deſto ange⸗ nehmere Ueberraſchung!“ rief der Cavalier.„Iſt das nicht Jungfer Concordia, das Töchterlein des Ober⸗ falkners in der Au? Wie kommt Sie in den Nymphen⸗ burger Schloßgarten und noch dazu in dieſer Stunde? Rede Sie, Jungfer, wie ſoll ich mir das erklären?“ Das Mädchen ſtand unbeweglich und hielt noch immer die Hand ans Herz gepreßt, die Augen aber hafteten feſt auf dem Angeſicht des Mannes und auf der nicht eben überladenen, aber immerhin koſtbaren Hoftracht, die er trug; es war, als bemühe ſie ſich, beide in Einklang zu bringen.„Iſt Er's denn wirklich?“ ſagte ſie nach einer Weile mit unſicherem Tone.„Sein Geſicht iſt's freilich; aber wie Er ausſieht! Das iſt doch kein Anzug für einen Falkner!“ „Allerdings nicht“, entgegnete der Cavalier nicht ohne Befangenheit und etwas zögernd.„Aber die Jungfer weiß wohl, der Kurfürſt iſt mein Herr; als ſein Diener muß ich thun, was er befiehlt. Es wird wohl eine Mummerei geben zur Kirchweih, die heute hier in der Kapelle gefeiert wird, deshalb—“ „Ich weiß nicht“, unterbrach ihn Concordia, in⸗ dem ſie ihn treuherzig anſah und traurig das Köpf⸗ chen ſchüttelte,„wenn man Ihm ins Geſiccht ſieht, meint man, Er müſſe ehrlich ſein, und es könne kein unwahres Wörtlein über Seine Lippen kommen, und dann iſt doch wieder etwas an Ihm und in dem frem⸗ 21 den Anzug, was einen warnt, als ob man Ihm nicht trauen dürfte. Warum hat Er Sich denn ſo lange nicht mehr ſehen laſſen daheim beim Vetter in der Au? Wenn Er gekommen wäre, dann hätt' Er auch erfahren, daß der Vetter auf einige Tage verreiſen mußte und mich während der Zeit bei meinem Vetter, dem Krautmeiſter im Nymphenburger Hofgarten, auf⸗ zuheben gegeben hat!“ „Ich konnte wirklich nicht kommen, Jungfer“, ſagte der junge Mann, indem er die Blicke wohlgefällig auf dem klaren Antlitz des Mädchens ruhen ließ.„Sie weiß wohl, daß ich immer im Auftrag des Kurfürſten hinausgekommen bin; er hat mich nicht geſchickt, alſo— u „Alſo iſt Er auch nicht gekommen!“ ſagte Kordel, indem ſie noch trauriger den Kopf ſchüttelte.„Ich weiß nicht, wie das iſt; aber ich mein', wenn mir an etwas gelegen wär', dann thät' ich nicht warten, bis man mich ſchickte.“ „Zürne Sie nicht, Jungfer!“ rief der Cavalier lächelnd.„Ich habe wahrhaftig nichk gekonnt. Es trifft ſich dafür deſto beſſer und angenehmer, daß ich Ihr hier begegne, hier kann man viel beſſer und un⸗ geſcheuter plaudern. Komme Sie mit mir dort auf jene Bank unter der Tanne und erzähle Sie mir, wie Sie indeſſen gelebt hat, und ich will Ihr ſa⸗ gen—, „Nein, nein“, rief das Mädchen, indem ſie zurück⸗ trat und abwehrend die Hand gegen ihn ausſtreckte. „Solange Er in der Mummerei da ſteckt, will ich kein Wort von Ihm hören. Wenn Er ein ehrlicher Menſch iſt und es gut mit mir meint, wie Er mir ja oft geſagt und betheuert hat, dann kommt Er wohl wieder zu mir als das, was Er iſt, als Falkner, und ins Haus meines Vetters, der Vaterſtelle bei mir ver⸗ tritt. Aber jetzt, jetzt laſſ' Er mich nur gehen! Ich müuß heim, und Er wird auch Seinen Kurfürſten auf⸗ ſuchen müſſen. Ach, ich wollte nur“, ſetzte ſie, ſich ſelbſt unterbrechend, mit einem ſchweren Seufzer hinzu, „ich kennte den Kurfürſten und könnte einmal reden mit ihm!“ 3 „Nun, dazu kann ſich vielleicht Gelegenheit geben“, erwiderte der Cavalier, welchen die Anmuth des Mäd⸗ chens ebenſo anzog, als die ſchuldloſe Reinheit ihres ganzen Weſens ihn wider Willen zurückhielt.„Und was wollte denn die Jungfer beim Kurfürſten?“ „Ich wollt' ihm etwas ſagen“, erwiderte ſie zö⸗ gernd, indem ſie die Augen niederſchlug und hohe Röthe ihre Wangen überflog.„Ich wollt' ihn bitten, er ſolle Ihm eine Förſterei geben, weiß Er, die För⸗ * 23 ſterei draußen am Würmſee, wo ich daheim bin. Ach, da iſt's ſo ſchön wie nirgends auf der Welt. Da ſollte Er Förſter ſein—“ „Und Dich als Förſterin heimführen, holdes Mäd⸗ chen!“ rief hingeriſſen der junge Mann, indem er näher trat, den Arm um ihren Leib zu ſchlingen und ſie an ſich zu ziehen ſuchte; ſie aber hatte ſich ſeiner Annäherung und Berührung ſo raſch und mit ſolcher Entſchiedenheit entzogen, daß er ſie nicht zu wiederholen wagte.„Es iſt juſt nicht deswegen“, fuhr ſie mit wehmüthigem Lächeln fort.„Denn wenn ich auch nicht leugnen will, daß ich Ihm gut bin, gönne ich Ihm doch ein ſolches Glück auch ohne mich. Es iſt mir leid um ihn.“ „Leid um mich? Iſt das wirklich wahr, Mäd⸗ chen? Und warum?“ „Warum?“ ſagte ſie innig.„Weil ich Sorg und Angſt hab' um Ihn! Sieht Er, am Hofe iſt gar kein rechter Platz für Ihn. Man red't gar viel von dem Leben, wie's zugeht am Hof, und was ich da von Seiner Mummerei ſehe, will mir auch gar nicht ge⸗ fallen, und daß Er ſo bei Nacht mit einem Frauen⸗ zimmer auf dem Waſſer herumfährt, noch viel weniger, Wenn ich auch nicht verſtanden hab', was Er mit ihr geſprochen hat, und nicht weiß, wer ſie iſt, ſo viel merke ich doch, daß das nicht zum Guten iſt. Drum ſollt' Er trachten, daß Er vom Hof fortkommt, und darum vor allem möcht' ich, daß Er die ſchöne För⸗ ſterei bekäm'.“ „Sie hat Recht, Jungfer, gefährlich iſt das Leben am Hofe allerdings“, ſagte der Cavalier.„Aber wer will, kann überall gut bleiben.“ „Es iſt aber doch beſſer, davon weg ſein. Weit davon iſt gut vor'm Schuß! Ich fürcht', es geht gar leicht wie mit faulen Aepfeln, unter denen ein guter liegt; die vielen faulen werden nicht beſſer von dem einen, aber der gute iſt bald auch nichts mehr nutz. Es thät' mir wahrhaftig bitter leid, wenn ich einmal ſchlecht von Ihm denken müßt'.“ „Das ſoll Sie nicht, Jungfer!“ rief ergriffen der Cavalier, der mit ſteigendem Antheil zugehört hatte. „Ich ſehe eine Thräne in Ihrem Auge ſchimmern, eine Thräne der Sorge und Liebe für mich! Gehe Sie denn nach Hauſe! Ich werde Sie bald wieder in Ihrer Heimat beſuchen, dieſe Thräne aber, die um mich aus dem Auge der Unſchuld gefloſſen, nehme ich als Talis⸗ man mit mir Laß mich ſie Dir vom Auge küſſen, Mädchen!“ 3 „Nein, nein!“ rief das Mädchen, in höchſter Angſt zurücktretend, aber ihr Sträuben war diesmal verge⸗ 25 bens; raſch hatte der Cavalier ſie umſchlungen, einen feurigen Kuß auf ihr Auge gedrückt und war dann hinter der Kapelle verſchwunden. Dennoch war dieſes Verſchwinden nicht ſchnell genug geſchehen, daß es den Blicken des alten Kraut⸗ meiſters entgangen wäre, der vom Garten her über die Brücke kam, die den gewöhnlichen Weg zu der Ka⸗ pelle bildet. Der Mann ſtand bei dem Anblick wie verſteinert und vergaß anſcheinend ganz, daß ein alter Herr in dunklem Ueberwurf, den Dreiſpitz auf der weißen Rundperrücke, ziemlich mühſam an einem Stocke ihm nachgeſchritten kam. „Hab' ich's nicht gleich geſagt, daß es ſo gehen wird?“ rief der Gärtner zornig.„Da haben wir jetzt die Beſcherung. Heißt das die Muſik hören? Heißt das nur an der Taxushecke bleiben? Baſſom, tkomm mir nur nach Haus, Mädel, wir wollen ein Wörtchen reden miteinander.“ „Warum zankt Ihr, Vetter?“ ſagte das Mädchen, indem ſie ihn mit voller Unbefangenheit anblickte.„Laßt Euch erſt erzählen, wie es ſo gekommen iſt, dann wer⸗ del Ihr nicht mehr ſchelten!“ „So? Das müßt' wunderbar zugehen“, ent⸗ gegnete der Alte.„Kannſt Du'’s etwa leugnen, daß ein Mann bei Dir war, ein Mann, der Dich umarmt und geküßt hat? Es iſt himmel⸗ ſchreiend!“ „Ich leugne's nicht, Vetter; ich konnte mich ſeiner nicht erwehren, aber es iſt Alles in Züchten und Ch⸗ ren geſchehen.“ „Saubere Zucht das! Ich ſeh' ſchon, da bin ich nicht mehr der Mann, dieſe Geſchichte in Ordnung zu bringen! Excellenz, Herr geheimer Rathskanzler“, fuhr er gegen den alten Herrn gewendet fort, einen hohen Greis, der trotz des auf ihm liegenden Gewichts der Jahre zwar mühſam, aber mit aufrechtem Nacken her⸗ ankam und aus deſſen faltenreichem Geſicht ein paar kluge, nicht alt gewordene Feueraugen blitzten.„Das iſt eine Schickung Gottes, Excellenz, ein Fingerzeig vom Himmel, daß Sie noch heut' aus der Stadt nach Nymphenburg gekommen ſind, und daß ich Sie daher führen muß! Sehen Sie das ungerathene Ding! Sie haben die Mutter gekannt, Excellenz; ſie war ja bei Ihnen im Dienſt, eh' ſie geheirathet hat, Ihre Frau hat ſie aus der Taufe gehoben; Sie müſſen ſich ihrer annehmen, Excellenz, und müſſen dazwiſchenfahren.“ Das Mädchen war ſchweigend zu dem Greiſe ge⸗ treten, neigte ſich vor ihm und führte ehererbietig ſeine Hand an den Mund. Dann erzählte ſie treuherzig und unbefangen, was geſchehen war. 27 „Und wer iſt der Mann?“ fragte der Kanzler, als ſie geendet hatte. „Ein Falkner im Dienſte Seiner Durchlaucht des Kurfürſten“, entgegnete das Mädchen beſcheiden,„ein ordentlicher, braver Menſch, der mich lieb hat und den ich auch lieb habe, der mich heirathen will, ſo⸗ bald er eine Förſterei hat, und den ich auch heirathen will, wenn Sie nichts dagegen haben, geehrter Herr Göd!“ „Ein Falkner bei Seiner Durchlaucht?“ fragte der Kanzler.„Und ſein Name?“ „Karl Fürſt.“ „Fürſt?“ ſchrie der Gärtner darein.„Kennen Excellenz einen ſolchen? Wenn ich auch nur Kraut⸗ meiſter im Nymphenburger Schloßgarten bin, kenn' ich doch die Leute vom Stall und von der Jägerei faſt alle, aber den Namen hab' ich noch nie gehört.“ „Ich entſinne mich des Namens auch nicht“, ſagte der Kanzler Unertl nachdenklich und fügte nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit hinzu:„Aber das will nicht viel bedeuten! Als Seine Durchlaucht die Regie⸗ rung antraten, wurden Hof, Jagd und Stall ſo klein gemacht, daß es wohl möglich war, jeden Einzelnen zu kennen; jetzt geht's ſchon wieder ins Große, jetzt ſind die guten Vorſätze verflogen, und die alte Verſchwen⸗ 28 dung—“ Er hielt inne, als ob er zu viel geſagt, und wandte ſich zu dem Mädchen.„Folge dem Vetter und mir, mein Kind“, ſagte er gütig,„und unternimm nichts, ohne daß ich davon weiß! Ich werde mich nach dem Mann erkundigen, und wenn er brav und tüch⸗ tig iſt, ſoll er eine Förſterei haben und Dich heimfüh⸗ ren. Dagegen wird Er als Vetter auch nichts einzu⸗ wenden haben.“ „Ich einzuwenden?“ brummte der Gärtner.„Mir iſt's ja recht, wenn ſie je eher je lieber unter die Haube kommt! Baſſom! Ich will lieber ein Sieb voll gewiſ⸗ ſer Thiere hüten, als eine mannbare Jungfer, die halb⸗ wegs ſauber iſt! Und ſo erlauben Excellenz, daß ich gehe; ich danke Ihnen nochmals, daß Sie mich aufgeſucht und an der Gartenthür geklopft haben!“ „Das hatte ſeinen guten Grund“, entgegnete der Kanzler.„Ich wollte nicht geſehen ſein und habe mich deshalb nicht an die große Schloßpforte gewendet; es gibt immer gleich unnütz Gerede!“ „Kann mir's denken“, ſagte der Gärtner,„aber zum Kirchweihſchmaus kamen Excellenz jedenfalls ſchon zu ſpät; es wird höchſtens noch ein Beſcheideſſen ab⸗ ſetzen.“ „Komme auch nicht deswegen, Alter“, ſagte Unertl lachend.„Iſt nicht mein Geſchmack, ſolche Gelage mitzumachen, aber ich bringe eine Botſchaft, die Eile hat. Alſo gute Nacht, Alter!“ „Gute Nacht, Excellenz!“ rief der Gärtner dem hinter die Kapelle Tretenden nach, indem er mit der einen Hand die Mütze abnahm, mit der andern das Mädchen, das er gleich beim erſten Begegnen am Arme gepackt hatte, noch feſter an ſich zog.„Und Du“, fuhr er fort,„Du gehſt mit mir! Ein Reh hat Dich meine Alte genannt? Recht ſo, mag ſchon ſein, daß Du et⸗ was von einem Reh an Dir haſt. Drum will ich ſorgen, daß Du nicht ſo wild im Gehege herumſtreifſt und daß ſich ſo bald nicht wieder ein Jäger an Dich heranpirſcht.“ In der Magdalenenkapelle, oder richtiger, in der daranſtoßenden Einſiedelei war es indeſſen ganz ſtill ge⸗ worden. Wer, ohne etwas von dem darin gefeierten Feſte zu wiſſen, in die Nähe kam, konnte wohl glau⸗ ben, daß der Schein in den Ritzen der Fenſterläden von der Lampe des einſam wachenden Klausners, das Gemurmel, das ſich mitunter vernehmen ließ, von deſ⸗ ſen nächtlichem Chorgebete herrühre.“Es war, als wäre eine Stockung in dem Strome der Fröhlichkeit eingetreten, der erſt ſo raſch und laut durch die der Frömmigkeit geweihten Räume dahingerauſcht war⸗ Dieſe ſelbſt bildeten durch ihre ernſte Einfachheit und Schmuckloſigkeit einen lebhaften Gegenſatz zu der reichen in allen Farben erglänzenden Verſammlung. Der nahe⸗ zu viereckige Saal war an Wänden und Decke mit dunkel eingelaſſenem Eichenholze getäfelt, und der Kron⸗ leuchter mit ſeinen zahlreichen Armen von ſchimmern⸗ dem venetianiſchem Glaſe vermochte ebenſo wenig den feierlichen Ernſt dieſer Ausſtattung zu überwinden als die zahlreichen auf der Tafel aufgeſtellten Armleuchter. Aus einer runden Niſche ſah ein auf Goldgrund ge⸗ maltes Kreuzbild, offenbar das Werk eines alten by⸗ zantiniſchen Meiſters, wie verwundert auf die lang geſtreckte Tafel herab, auf welcher ſilberne Platten, Schüſſeln und Aufſätze in keineswegs klöſterlichem Schimmer erglänzten, Beſtandtheile jenes großartigen Silberſchatzes, den Kurbaiern beſaß und deren, wie es mit Stolz rühmen konnte, nur noch zwei an den übrigen Höfen Europas vorhanden waren. Dazwiſchen waren koſtbare Früchte, wie die milde Luft jenſeits der Alpen ſie reift, in ſolcher Fülle aufgeſtellt, als wären ſie draußen von den Tannen zu pflücken; die edelſten Weine ſchäumten in klaren, vielgeſtaltigen Glä⸗ ſern und Kelchen, und die Ueberreſte der Speiſen, die hier und da noch auf den Platten lagen, ließen erken⸗ nen, daß auch das Mahl ſelbſt weder an Reichthum noch an Koſtbarkeit hinter ihnen zurückgeblieben war. 31 Der Niſche gegenüber befand ſich ein kleines Kabinet, ebenfalls dunkel getäfelt, mit einem Fenſter, das in die Kapelle mündete und ſo das Stübchen zu einer Art Oratorium machte. Jetzt war das Fenſter ſorg⸗ fältig verſchloſſen und davor ein Schenk⸗ und ein Kre⸗ denztiſch angebracht, von welchem aus der Oberkam⸗ merdiener Duſchl und ſeine vertrauteſten Gehülfen mit leiſer Geſchicklichkeit behend und unmerklich die Geſell⸗ ſchaft bedienten, ſodaß ein Wunſch kaum ſich zu re⸗ gen begann, als er auch ſchon errathen und erfüllt war. Der ganz gleich eingerichtete Vorſaal, von wel⸗ chem eine Seitenthür in die Kapelle und an das eiſerne Gitterthor führte, war vollkommen leer gelaſſen und diente für diejenigen, welche Luſt verſpürten, ſich von den Tafelfreuden zu erheben und mit einem Freunde ein unbelauſchtes vertrauliches Wort zu wechſeln. Nebenan in einem abgeſchloſſenen Gemache befanden ſich die Muſiker, welche die Tafelgäſte weder ſehen noch hören konnten, deren Leiſtungen aber von dieſen durch die in der Wand oben an der Decke angebrachten Luft⸗ öffnungen ſehr wohl vernommen werden konnten. Die Verſammlung war ziemlich bunt. Aeltere Männer in reichen Staatskleidern und Staatsperrücken wechſelten mit jüngeren von mehr ſoldatiſchem Aus⸗ ſehen in Uniform und Hoftracht der damaligen Zeit; 32 geiſtliche Gewänder reihten ſich unter weltliche, hier und da war auch der dunkle, mehr bürgerlich geſchnittene Rock eines Beamten nicht zu verkennen. Das Mahl war ſchon geraume Zeit beendet, und die Geſellſchaft, welcher ein Mittelpunkt zu fehlen ſchien, hatte ſich in verſchiedene kleinere Gruppen gelöſt, wie Zufall oder Abſicht, Neigung oder Intereſſe ſie zuſam⸗ mengeführtz nur Wenige waren es, die noch an der Tafel ſelbſt verweilend der Flaſche zuſprachen; Einzelne ſchrit⸗ ten im Saale hin und wieder, Andere hatten ſich in den Fenſterbrüſtungen zuſammengeſtellt, und auch der Vorſaal hatte ſeine Beſucher gefunden. Zunächſt an der Niſche mit dem byzantiniſchen Kreuzbilde ſaß Clemens Auguſt, der Erzbiſchof und Kurfürſt von Köln, des Kurfürſten Bruder, eine hohe Geſtalt, welche das hagere Geſicht, die ſtarke Adlernaſe. und die hohe, weithinauf entblößte Stirn um Vieles älter erſcheinen ließen, obwohl er nur um ein paar Jahre nach Karl Albert geboren war. Die weite Soutane von veilchenblauem Sammt und das gleich⸗ farbige Käppchen trugen bei, den Ausdruck heiterer Güte und Behäbigkeit zu verſtärken, den ſeine ganze Erſcheinung hervorrief. Der Kirchenfürſt ſchien mit Mahl und Unterhaltung ganz wohl zufrieden zu ſein und hörte behaglich dem Jeſuitenpater zu, der ſich ne⸗ ö“ ben ihm auf einem freigewordenen Stuhle niedergelaſ⸗ ſen hatte, in beſcheidener Entfernung, aber doch nahe genug, daß der Kurfürſt jedes Wort des eindringlich, aber doch leiſe geführten Geſprächs vernehmen konnte. Es war der Beichtvater und Gewiſſensrath des regie⸗ renden Kurfürſten, der Rector des Jeſuitenkloſters, Pater Menradus Roſe, ein noch junger Mann von ſchlanker und wohlgeformter Geſtalt und männlich ed⸗ lem Angeſicht, welchem, umvollendet ſchön genannt zu werden, nichts fehlte als die Farbe des Lebens; es war blaß, als ob noch nie ein Tropfen Blut durch dieſe Wangen pulſirt hätte. Von gleicher Todtenfarbe waren die feinen, langgegliederten Hände, die der Pa⸗ ter über dem ſchwarzen Talar auf der Bruſt zuſam⸗ mengelegt hatte und auf die er, wie um ſich nicht zu zerſtreuen, unbeweglich herniederſah; nur manchmal, wenn er ſich völlig unbemerkt glaubte, zuckte ein Feuer⸗ blick nach der Seite und verrieth, daß ſich in ihm mit der Unterwürfigkeit die Luſt und die Kraft zu gebie⸗ ten ſehr wohl zu vereinigen wußten. „Wie ich Durchlaucht geſagt“, ſchloß, der Pater ſeine Rede,„wir Väter vom Orden Jeſu ſind jeder⸗ zeit bereit, dem Kaiſer zu geben, was des Kaiſers iſt; wir ſind immer und überall den Unterthanen mit gu⸗ tem Beiſpiel vorangegangen im Gehorſam gegen die Schmid, Concordia. I. 3 34 Obrigkeit und den Landesherrn, aber eben deshalb iſt es wohl nichts Unrechtes, wenn wir einige Rückſicht, einige Gnade zu erbitten und zu hoffen wagen.“ Der geiſtliche Kurfürſt wiegte nachdenklich das Haupt und ſpielte mit dem koſtbaren Brillantkreuze, das an einem rothen Bande auf ſeine Bruſt herabhing. „Der hochwürdige Herr hat ganz Recht“, ſagte er. „SIch bin auch immer ein Freund Seines Ordens geweſen, wenn es auch jetzt Viele gibt, die gegen ihn operiren.“ „Mißgünſtige Neider, Durchlaucht“, rief der Pater,„ketzeriſche Janſeniſten!“ Dceer Kurfürſt aber unterbrach ihn:„Laß Er nur! Ich weiß, was ich davon zu halten habe, und wenn ich kann, will ich für die Societät gern etwas thun. Alſo⸗ mein Herr Bruder, Kurfürſt Karl Albert, hat ein Landanlehen ausgeſchrieben?“ „Von achtmalhunderttauſend Gulden“, war die Ant⸗ wort,„und zwar zwangsweiſe. Alles im Lande: Städte und Märkte, die adligen Hofmarken und Sitze, Klö⸗ ſter und Beamte müſſen dazu beitragen, und den Je⸗ ſuiten allein iſt der achte Theil der ganzen Summe auferlegt worden.“ „Nun“, erwiderte Clemens Auguſt mit einem eigenthümlichen Lächeln,„über dieſe Schätzung wer⸗ den ſich die Herren vom Orden Jeſu nicht zu bekla⸗ —-—————— 35 gen haben; die baieriſche Jeſuitenprovinz ſoll ſehr ergiebig ſein.“ „Es iſt auch nicht die Summe“, fuhr der Pater fort,„es iſt der Grundſatz, um den es ſich handelt. Bisher haben wir unſere geiſtliche Immunität unange⸗ fochten aufrecht erhalten und möchten das auch für die Zukunft. Der Orden iſt ſehr gern bereit, Seiner Durchlaucht die dreifache Summe auszubezahlen, aber als Vorlehen und nicht als erzwungene Contribution.“ „Und warum“, fragte der Erzbiſchof,„warum wendet ſich der Pater mit ſeinem Anliegen nicht an Seine Durchlaucht ſelbſt? Der Kurfürſt iſt ja ſein Beichtſohn.“ „Allerdings“, erwiderte der Pater fromm;„aber es würde meinem Gewiſſen widerſtreben, dieſe Stellung, die heiligſte, die es geben kann, zu ſolchen Zwecken zu benutzen und zu entweihen.“ Der Kölner Kurfürſt wendete ſich und ſah den Pater einen Augenblick von oben bis unten an.„Das wundert mich“, ſagte er;„das ſtimmt nicht zu dem, was man ſonſt von Seinem Orden erzählt. Wenn ich nicht irre, iſt es ja gerade ein Hauptvorwurf, den man den Jeſuiten macht, daß ſie um des Zweckes willen ſich vor keinem Mittel ſcheuen. Aber es iſt im⸗ merhin ſchön, hochwürdiger Herr, was Er mir da 36 ſagt; es gefällt mir. Doch was thut denn eigentlich mein Herr Bruder mit all dem Gelde?“ „Das weiß ich nicht“, erwiderte der Jeſuit mit unſchuldigem Geſicht.„Es iſt auch durchaus nicht meines Amtes, danach zu fragen. Soviel aber ver⸗ lautet, ſollen damit die Juwelen und Koſtbarkeiten ein⸗ gelöſt werden, welche vom Kurfürſten Max Emanuel, dem der Herr eine ſelige Urſtänd verleihen möge, während ſeiner Flucht aus Baiern in Brüſſel verpfändet worden.“ „So? Das iſt klug“, entgegnete Clemens Auguſt raſch.„Das iſt mir lieb zu vernehmen. Schon oft, nur zu oft bin ich an dieſes unſelige Ueberbleibſel einer unſeligen Zeit erinnert worden, an die Zeit von Baierns tiefſter Erniedrigung! Es iſt nur zu wünſchen und zu loben, wenn Alles ausgelöſcht wird, was daran mahnt. Das wird den Höfen zeigen, daß Kur⸗ baiern ſich erholt; es wird das Anſehen und den Cre⸗ dit des Landes erhöhen, dagegen ſollte der Orden ſich nicht ſträuben, denn das kommt auch wieder dem Or⸗ den zu gute. Nachdem ich aber nun weiß, daß es ſich um das Anſehen und den Glanz unſeres kurfürſtlichen Hauſes handelt, geht es wohl nicht an, daß ich dem Kurfürſten eine Vorſtellung mache, die gewiſſermaßen auf das Gegentheil abzielt; aber ich will mir's immer⸗ hin noch überlegen.“ 37 „Was Durchlaucht thun, wird gewiß das Beſte ſein“, ſagte der Pater, ohne eine Miene zu verziehen. „Erlauben Sie daher, daß ich meinen Dank ſchon im voraus ausſpreche!“ „Gut, gut, hochwürdiger Herr“, rief Clemens Auguſt, offenbar beſtrebt, dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben,„aber ſag' Er mir nun, wie ſteht es denn in Sachen der Religion in meinem lieben, guten bairiſchen Vaterlande? Es iſt doch noch immer frei von der proteſtantiſchen Ketzerei?“ „Die bairiſche Provinz“, entgegnete Pater Men⸗ rad würdevoll,„iſt, wie Durchlaucht bekannt, das jüngſte Kindlein der Societät, darum auch mit Vor⸗ liebe der Benjamin unſeres Ordens genannt. Wir ha⸗ ben das Söhnlein bisher vor ſolch geiſtiger Peſtilenz zu bewahren gewußt und werden es auch künftig zu bewahren wiſſen! Das Baiernland ſoll bleiben, was es iſt, ein Paradies des alten Glaubens, zu deſſen Wäch⸗ tern wir aufgeſtellt ſind und vor welchem wir auch Wache halten wie dort die Engel mit dem feurigen Schwert.“ Die Hände auf die Bruſt gelegt, verneigte er ſich ehrerbietig und ſchritt hinweg, um einem andern Herrn des Hofes Platz zu machen, den die geiſtliche Durch⸗ laucht zu ſich herangewinkt hatte. Gegenüber, in der Nähe des Kredenzkabinets, 38 wurde der Pater von einer Anzahl junger Leute an⸗ gerufen, welche in lebhaftem Geſpräche bei einander ſtanden, meiſt Söhne aus altadligen Geſchlechtern, Offiziere oder Kammerherren des Hofes, unter ihnen Graf Leoni, der Oberaufſeher der Falknerei, Graf Pioſasque de Non, der Cornet in der Hartſchier⸗Leib⸗ garde, deren Commandant ſein Vater war, Rittmeiſter Graf Coſta von Roſtani⸗Küraſſieren, die Freiherren von Truchſeß, Wenſchenſtein und Zwiebel und der Malteſercomthur Baron von Grollies. „Ah vortrefflich, Sie kommen erwünſcht, hochwür⸗ diger Herr!“ rief Truchſeß.„Sie ſollen unſern Streit entſcheiden!“ „Wenn ich dazu geeignet bin, ſo ſehen Sie mich mit Vergnügen bereit“, erwiderte der Pater mit einem Lächeln, das dazu angethan war, alle Herzen einzu⸗ nehmen.„Ich kann mir aber nicht denken—“ „O, gewiß ſind Sie geeignet“, rief Truchſeß wie⸗ der.„Es iſt ja bekannt, daß Sie die halbe Welt durchreiſt haben.“ „Das eben nicht“, entgegnete der Jeſuit beſchei⸗ den.„Ich bin nur einige Jahre als Miſſionär in Amerika geweſen. Wenn Sie das für die halbe Welt gelten laſſen wollen—“ „Mort de diable“, rief Baron Zwiebel dazwiſchen— —————— 39 „entſchuldigen Sie, Hochwürden, daß ich fluche.— Ame⸗ rika iſt es gerade, worüber unſer Streit und unſere Wette entſtanden iſt. hört, daß der Stallmeiſter des Fürſten von Fürſten⸗ berg, erſt unlängſt von einer Reiſe an den pol⸗ niſchen Hof aus Warſchau zurückgekommen, von dort eine Koppel Hunde von höchſt ſeltener Raſſe mitge⸗ bracht hat.“ „Ich erinnere mich ſogar die Thiere geſehen zu haben, als ſie über die Straße geführt wurden.“ „Deſto beſſer. Es ſind ungeheure Thiere mit brei⸗ ter Bruſt, ſtarken Pranken, prachtvollem Schweif—“ „Sie entſchuldigen wohl, mein verehrter Cheva⸗ lier“, unterbrach ihn der Pater lächelnd,„aber ich be⸗ ſitze wirklich gar keine Kenntniß im Hundefach.“ „Wir werden gleich darauf kommen, hochwürdiger Herr“, rief Zwiebel lachend.„Gedulden Sie ſich nur einen Augenblick! Wir müſſen ja auch in Ihren Pre⸗ digten warten, bis Sie über das Exordium— ſo heißt es doch? hinaus ſind und auf den eigentlichen Text kom⸗ men. Mit einem Worte, es ſind Thiere, wie man ſie hier noch nicht geſehen hat. In Polen nun hat man dem Stallmeiſter geſagt, ſie ſeien aus der neuen Welt eingeführt und Abkömmlinge von jenen Bluthunden, mit welchen die Spanier die Wilden gehetzt haben. Vielleicht haben Sie davon ge⸗ 40 Gewiß haben Sie ſolche Hunde in Amerika geſehen; denn es heißt, daß ſie, wie zur Jagd, auch darauf ab⸗ gerichtet ſind, die Wilden oder Sklaven aufzuſuchen, wenn ſie ſich in die Wälder verlaufen haben. Ich be⸗ haupte nun, das könne nicht ſein; denn ich habe irgend⸗ wo gehört oder geleſen, daß dieſe Hunde kohlſchwarz ſind und kein anderes Härchen am Leibe haben. Dieſe Bullen dagegen ſind, wie Sie ſelbſt bemerkt haben werden, von brauner Farbe, die faſt ins Rothe über⸗ geht. Es kann alſo nicht die nämliche Raſſe ſein—“ „Ich bedaure“, unterbrach der Pater,„daß ich Sie Ihre Wette nicht gewinnen machen kann, Herr Baron; aber Ihre Annahme, daß die Bluthunde nur ſchwarz ſeien, iſt unrichtig. Es gibt allerdings auch eine braunrothe Spielart, und man behauptet ſogar, daß dieſe noch wilder und blutdürſtiger ſei als die andere.“ „Sehen Sie, Baron?“ rief Truchſeß.„Ich hatte Recht. Ihr neuer Pariſer Stahldegen, der mir ſo wohl gefiel und den Sie mir nicht verkaufen wollten, iſt nun doch mein. Ich werde morgen in aller Frühe meinen Diener ſchicken, um ihn abholen zu laſſen.“ „Hm“, erwiderte Baron Zwiebel ärgerlich,„ich glaubte meiner Sache vollſtändig gewiß zu ſein! In⸗ deſſen werde ich Ihnen den Preis der Wette nicht ——— 41 vorenthalten, halte aber damit die Sache noch nicht für abgemacht. Die Hunde werden wohl hier bleiben, man wird alſo Gelegenheit haben, ſie zu prüfen, und wenn ſie wirklich von der Raſſe der Bluthunde ab⸗ ſtammen, müſſen ſie auch die Eigenſchaften derſelben beſitzen. Kurfürſtliche Durchlaucht werden die Thiere ohne Zweifel kaufen.“ „Ich glaube nicht, daß das ſo ganz außer Zwei⸗ fel iſt“, ſprach ruhig und nachdrücklich ein alter Herr dazwiſchen, welcher mit ernſthaftem Geſicht neben der fröhlichen Geſellſchaft geſtanden und von ihr unbeachtet ſchweigend zugehört hatte. „Wie? Der Kurfürſt ſollte ſich eine ſo koſtbare Acquiſition entgehen laſſen?“ rief der Baron, indem er ſich raſch und verwundert nach dem Sprechenden umwandte.. „Kurfürſtliche Durchlaucht ſind zu einſichtsvoll“, entgegnete der ernſthafte Mann,„als daß Sie eine ſo ungeheure Summe für eine Acquiſition aufwenden werden, welche doch immer nur ein höchſt überflüſſiger Luxus wäre.“ 1 „Der Herr bedient ſich ſonderbarer Expreſſions“, rief Zwiebel.„Mit wem hat man denn eigentlich die Ehre?“ Ein hagerer Mann in grauem, mattgeſticktem 42 Sammtkleide, das vollkommen zu deſſen fahlem Geſicht und grauen Haaren ſtimmte, war währenddeſſen leiſe herbeigekommen und miſchte ſich nun ebenfalls in das Geſpräch.„Sie erlauben wohl, daß ich es übernehme, Ihnen dieſen Herrn vorzuſtellen?“ ſagte er.„Das iſt Herr Hofkammerrath Rambeck, einer der treueſten und ergebenſten Diener Seiner Durchlaucht.“ Der Baron verbeugte ſich flüchtig und mit ſpöt⸗ tiſchem Lächeln.„Allerdings“, ſagte er dann,„wenn der Herr von der Kammer iſt, ſind mir ſeine Bedenken erklärlich. Dieſe geſtrengen Herren Rechner kennen nichts als Zahlen; Ziffern gehen ihnen über Alles, und erſt nach dieſen kommt die ganze andere Welt!“ „Sehr wahr“, entgegnete der Graue,„aber ich glaube, es würde auch mancher Andere gar nicht übel fahren, wenn er denſelben Grundſatz befolgen und ſich mit den Ziffern auf gutem Fuß erhalten würde. Doch wovon war denn eigentlich die Rede, wenn es erlaubt iſt, zu fragen?“— „Ich habe mir die Freiheit genommen“, ſagte der Rath, nachdem er den Hergang kurz erzählt hatte,„den gnädigen Herren zu bemerken, daß Kurfürſtliche Durch⸗ laucht ſich wohl bedenken würden, den geforderten Preis von hundert Louisdor für jede dieſer Beſtien zu bezahlen. Die Zeiten ſind zu derlei nicht angethan, —— 43 und die Einkünfte reichen mit knapper Noth aus, um den gewöhnlichen Haushalt von Land und Hof zu be⸗ ſtreiten.“ „Sie ſind bewunderungswürdig, Herr Kammer⸗ rath!“ rief Baron Zwiebel lachend.„Als ob das ein Hinderniß ſein könnte! Dann iſt es eben Sache der Herren, die fürs Rechnen bezahlt werden, daß ſie dar⸗ auf denken, die Einkünfte zu erhöhen.“ „Das geht nicht mehr“, ſagte trocken der Kam⸗ merrath.„Der gemeine Mann iſt nicht im Stande, mehr zu zahlen und zu zinſen. Die Herdſteuer iſt be⸗ reits vierfach angelegt.“ „Ach was“, lachte der Baron,„das ſind Redens⸗ arten! Der Bürger und Bauer kann immer zahlen, aber das Volk hat es ſchon ſo an ſich, daß es jeder⸗ zeit lamentirt, und es iſt doch wie ein Mehlſack; ſelbſt wenn beim Umſturze nichts mehr herausfällt, ſtäubt er wenigſtens, ſobald man darauf klopft.“ Die jungen Herren ſtimmten mit lautem Lachen dem Witzwort ihres Genoſſen bei, der Kammerath zuckte bedauernd die Achſeln; der graue Hekr aber maß den jungen Witzling vom Kopfe bis zur Sohle und fragte leichthin:„Wo ſind Sie begütert, mein Herr Baron von Zwiebel?“ „Begütert? Wie meinen Sie das, mein Herr?“ 44 ſtammelte dieſer betroffen.„Die Güter meiner Familie liegen in Holland; leider ſind ſie uns durch die ſpa⸗ niſchen Kriege entriſſen worden. Aber in der That, ich begreife nicht, was dieſe Frage ſoll.“ „Durchaus nichts“, entgegnete mit leichter Ver⸗ neigung der Graue.„Ich wollte nur wiſſen, ob Sie dieſe ebenſo edlen als ſtaatsmänniſchen Grundſätze aus eigener Erfahrung abgezogen haben, und danke Ihnen zugleich verbindlichſt für die willkommene Bereicherung meiner Kenntniſſe von den holländiſchen Zwiebelge⸗ wächſen. Kommen Sie, Herr Hofkammerath!“ fuhr er, ſich abwendend, fort, grüßte die junge Geſellſchaft mit lachendem Kopfnicken und trat mit dem alten Be⸗ amten beiſeite. Zwiebel klemmte die Lippen zwiſchen die Zähne und ſah einen Moment aus, als wollte er dem grauen Herrn nach, um ihn zur Rede zu ſtellen. „Laſſen Sie ihn!“ rief Graf Leoni, ihn abhaltend. „Sie kennen den Mann noch nicht. Hofmarſchall Baron von Freyberg iſt bekannt wegen ſeiner böſen Zunge, die Niemand verſchont und für die er einen Freibrief be⸗ ſitzt, weil er es war, der nach dem Tode Max Emanuel's den Hof auf den knappen Kartäuſerfuß einrichtete, auf dem er ſich noch immer befindet.“ „Immerhin, er iſt doch ein Cavalier“, rief der Küraſſierrittmeiſter.„Einem ſolchen kann man wohl 45 ein Wort zu gute halten, aber dieſer Andere, dieſer Kammerrath iſt ein unausſtehlicher Patron. Auch einer von denen, die ſich Patrioten nennen und ſich einbilden, es gebe nichts Höheres als ihre Gedanken von der angeblichen Wohlfahrt der Völker und der ganzen Menſchheit! Es ſoll ihrer mehr hier geben. Ich habe mir erzählen laſſen, ſie hätten ſogar eine geheime Ge⸗ ſellſchaft gegründet.“ „Ah, es werden Freimaurer ſein!“ rief Truch⸗ ſeß. „Das nicht, gewiß aber etwas Aehnliches“, er⸗ widerte der Soldat.„Ich habe mich bisher nicht darum bekümmert, werde es aber jetzt thun und mir auch dieſen Hofkammerrath für ein gelegentliches Zwie⸗ geſpräch vormerken. Wenn Du übrigens vorher von der Sache erfahren willſt, ſo frage beim Grafen Tör⸗ ring an!“ „Bei dem Hofkriegsrathpräſidenten?“ „Und Miniſter des Auswärtigen; der hat, ſoviel ich weiß, die geheimen Zuſammenkünfte ſchon aufge⸗ ſpürt und iſt ſchon hinter ihnen her.“ „Wird ihnen aber auch nicht viel zu Leide thun“, ſagte der Malteſer, der bis dahin geſchwiegen.„Ich habe von der Geſellſchaft auch ſchon Einiges gehört, zugleich aber auch vernommen, daß der Hofmarſchall 46 ebenfalls darum wiſſe, und der wird Törring wohl das Gleichgewicht halten.“ „O, ich bin gar nicht neugierig, etwas Näheres von ſolchen Albernheiten zu erfahren“, rief Zwiebel lachend.„Was frage ich nach dem Treiben der Ro⸗ ture? Mort de diable, was iſt das überhaupt für ein Leben in dieſem München! Wenn meine Geſchäfte mich nicht feſthielten, würde ich augenblicklich wieder den Staub von meinen Füßen ſchütteln. Iſt das eine Hofhaltung für einen Kurfürſten von Baiern? In Paris macht der geringſte Seigneur aus der Provinz ein glänzenderes Haus. Und dieſes Feſt! Ein Feſt ohne Damen und mit einer Muſik, die ſich anhört, als ob zu einem Begräbniß geblaſen würde— jeder Epicier und Finanzpachter in einem franzöſiſchen Landſtädtchen hat beſſern Geſchmack! Das einzige Gute iſt der Wein— der kommt aus Frankreich, und ich denke, wir laſſen unſer Geſpräch und kehren zu ihm zurück. Stoßen Sie an, meine Herren, und trinken Sie mit mir: Paris und Frankreich ſollen leben!“ Die Cavaliere folgten der Aufforderung; obwohl ſie mit dem Baron auf dem beſten Fuße ſtanden, hinderte das nicht, daß Wenſchenſtein im Vorſchreiten den Grafen Leoni am Arme zurückhielt und ihm zu⸗ flüſterte:„Der graue Hofmarſchall hat den Satan im — 47 Leibe, er nimmt ſich kein Blatt vor den Mund, und manchmal, das muß man ihm zugeſtehen, trifft er den Nagel auf den Kopf! Dieſe Frage an den Baron war inder That magnifique; ich denke, die holländiſchen Zwie⸗ belgewächſe werden ihn noch lange in die Augen beißen.“ Auf einen Wink eilte der Kredenzmeiſter herbei, brachte und öffnete neue Flaſchen und füllte die Glä⸗ ſer, mit denen die Cavaliere anſtießen, daß ein heller, ſingender, faſt glockenartiger Ton durch den Saal ſchwebte. „Das müſſen Sie übrigens zugeben, Baron“, rief Leoni,„daß nicht blos der Wein, ſondern auch die Gläſer vorzüglich ſind; ſie klingen wie Geſang. Es ſind echte, feinſte Venetianer; ich möchte an Ort und Stelle das Stück nicht für zehn Zechinen beſchaffen.“ Der Hofmarſchall und der Hofkammerath waren indeſſen nicht ſehr weit gekommen; ſchon in der Thür des Vorſaales wurden ſie durch eine Gruppe älterer Männer aufgehalten, deren ganze Erſcheinung auf den erſten Blick verrieth, wie ſehr der Gegenſtand ihres Geſprächs von dem verſchieden ſein mochte, was die junge Welt beſchäftigte. Der eine davon, ein kleiner, unanſehnlicher Mann von hagerem Körperbau, trug einen ſoldatiſchen Ueberrock und ein breites Bandelier, 48 an dem ein auffallend großer Schlachtdegen hing, den er nicht einmal bei Tiſche abgelegt oder unmittelber nach der Tafel wieder umgürtet zu haben ſchien. Es war der Präſident des Hofkriegsraths, Graf Törring, der für einen ausgezeichneten Feldherrn galt und ſich darin gefiel, den alten kaiſerlichen Haudegen Prinz Eugen von Savoyen in Erſcheinung und Geberden nachzuahmen; er ging darin ſo weit, daß er, obwohl vollkommen gerade gewachſen, die eine Schulter etwas höher trug, um ſeinem Vorbilde etwas ähnlicher zu ſein. Die beiden andern bildeten einen ſtarken und dem Feldmarſchall nicht günſtigen Gegenſatz. Beide konnten als Muſter ihrer Art gelten: der eine in An⸗ ſtand und Haltung des klugen, jedes Wort überlegen⸗ den Staatsmannes, der andere in der unbefangenen und doch ſichern Leichtigkeit des Lebemannes, der jeden Augenblick wie eine reife ſaftreiche Frucht bis auf den letzten Tropfen auszupreſſen bedacht iſt. Es waren Graf Peruſa, der kurbairiſche Geſandte am Wiener Hofe, und der Marquis von Belleisle, der Bruder des franzöſiſchen Oberfeldherrn, ein durch ſeine galanten Erlebniſſe allgemein bekannter Abenteurer, der ſein ganzes Leben auf Reiſen zubrachte und wie ein echter Wandervogel bald an dieſem, bald an jenem Hofe auftauchte. Wie bei jenem die italieniſche, war be — “ 49 dieſem die franzöſiſche Abſtammung nicht zu verkennen. War Graf Peruſa trotz moderner Tracht das treue Abbild eines venetianiſchen Nobile aus früheren Jahr⸗ hunderten, ſo bot der Marquis ein Muſter eines ele⸗ ganten Chevaliers aus den Vorzimmern von Ver⸗ ſailles. „Ah, Sie da, Herr Graf Peruſa?“ rief der greiſe Hofmarſchall dieſem zu, indem er ihm freundlich und doch mit eigenthümlichem Lächeln die Hand bot.„Ha⸗ ben Sie ſich endlich von Wien losgeriſſen? Hieß es denn nicht, daß Sie ſchon vor einigen Tagen eintref⸗ fen ſollten?“ „Allerdings“, entgegnete Peruſa,„ſollte und wollte ich ſchon vor zwei Tagen eintreffen; aber ich hatte mit großem Unglück zu kämpfen. Obwohl ich aus klu⸗ ger Vorſicht und der Eile wegen die kürzeſte Richtung über Schärding und Paſſau einſchlug, kam ich doch nicht von der Stelle; denn die Wege waren ſo ſchlecht, daß an meinem Reiſewagen ein Rad brach und ich eine Nacht und einen halben Tag warten mußte, bis der ungeſchickte Schmied im nächſten Dorfe den Schaden wieder ausgebeſſert hatte.“ „Entſchuldigen Sie, Graf“, ſagte der Marquis, „wenn ich die dortigen Wegbauer gegen Ihre Beſchul⸗ digung in Schutz nehme! Ich habe die Straße keines⸗ 4 Schmid, Concordia. I. 50 wegs ſo ſchlecht gefunden. Sie werden ſich erinnern, ich habe mit Ihnen zu gleicher Zeit Wien verlaſſen und bin außerhalb des Thores an Ihnen vorbeige⸗ fahren.“ „Ach ja, ich erinnere mich“, rief Graf Peruſa. „Sie riefen mir zu, Sie wollten einen Aüſterhon nach Trieſt machen.“ „Das war allerdings meine damalige Abſicht; aber unterwegs habe ich mich anders beſonnen— Sie kennen mich ja, ich bin wie ein Vogel, der dahinfliegt und ſich niederläßt, wo es ihm eben behagt— und ſo bin ich auf derſelben Straße, die Sie ſo ſehr verkla⸗ gen, und ohne Unfall vor Ihnen hier eingetroffen!“ „In der That?“ rief Freyberg, indem er ſeinen Blick mit ſpöttiſcher Verwunderung vom Marquis auf den Grafen ſtreifen ließ.„Sie waren alſo auch in Wien, Herr Chevalier? Sind mit dem Grafen Peruſa zugleich von dort abgereiſt, und während dieſem ein Rad am Wagen brach, ſind Sie anderthalb Tage vor ihm angekommen?“ „So iſt es“, entgegnete Belleisle harmlos.„Ein ſonderbares Spiel des Zufalls, nicht wahr, meine Herren?“ „In der That, höchſt ſonderbar“, warf der Ober⸗ kriegsrathspräſident dazwiſchen. 54 „Und mehr als ſonderbar“, begann Freyberg wieder.„Und wie weht der Wind gegenwärtig vom Wiener Walde her, mein Herr Marquis? Iſt dort klarer Himmel, oder gehören Sie vielleicht zu den Vögeln, welche dem Sturme vorausflattern?“ „Excellenz ſind immer geiſtreich“, entgegnete der Marquis verbindlich,„aber ich bin von Stürmen nichts gewahr geworden. Kaiſer Karl VI. hält das Reichs⸗ ſcepter mit ſolcher Grandezza feſt, als dächte er es für die Ewigkeit zu behalten; ſeine ſchöne Tochter Maria Thereſia hat mit ihrem Gemahl, dem weiland Herzog von Lothringen, noch immer die Flitterwochen nicht verlebt. Baron Bartenſtein iſt nach wie vor der All⸗ mächtige. Die Wiener aber ſind luſtig wie immer und laſſen ſich die gebackenen Hühner und den Wein von Kloſter⸗Neuburg ſchmecken wie immer.“ „Nun, gar ſo friedlich ſieht es am politiſchen Himmel denn doch nicht aus“, begann Törring wie⸗ der.„Wenn auch Graf Peruſa in erklärlicher Zurück⸗ haltung darüber ſchweigt, weiß man doch auch hier, was geſchieht; aber der galante Herr Marquis hat wohl über den Vergnügungen der luſtigen Kaiſerſtadt und den ſchönen Augen der Wienerinnen das Rollen des Gewitters überhört, das ſich am Horizont anſammelt.“ „Sie überraſchen mich“, ſagte der Marquis mit 4* 52 allen Kennzeichen der Verwunderung.„Was für ein Gewitter ſollte das ſein?“ „Eine neue Türkengefahr“, entgegnete Törring mit einer Art Mitleid über die Unwiſſenheit des Mar⸗ quis.„Es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß der Sul⸗ tan nur einen günſtigen Augenblick abwartet, um ſeine Mordbrennerſchaaren wieder auf Ungarn und Deutſch⸗ land loszulaſſen.“ Der Marquis lachte ſo unbefangen und herzlich, wie man nur über das harmloſeſte Scherzwort lachen kann.„Ich muß geſtehen“, ſagte er,„und mir, der ich kein Politiker bin, werden Sie es nicht mißdeuten, meine Herren, daß ich dieſe Türkengefahr ſehr beluſti⸗ gend finde. Was ſollte die Türken neuerdings aus der Ruhe bringen? Sie fühlen die Schläge noch, die ſie vom Prinzen Eugen bekommen haben.“ „Dafür möchte ich denn doch nicht ſo völlig ein⸗ ſtehen“, ſagte Freyberg.„Wäre es nicht möglich, daß die Türken, eben weil ihnen die erhaltenen Schläge noch wehe thun, ſich ein Pflaſter auflegen laſſen wol⸗ len, und wäre es denn ſo ganz undenkbar, daß ſich irgendwo, zum Beiſpiel überm Rheine, ein guter Freund fände, der in die Kohlen blieſe, um Kaiſer und Reich ein Feuerchen anzumachen, bei dem er ſich nachbarlich die Hände wärmen könnte?“ 53 „Ich ſehe wohl“, rief der Marquis lachend wie zuvor,„ich vergaß einen Augenblick, daß ich mich bei einem Feſte befinde; es iſt offenbar darauf abgeſehen, die Heiterkeit nicht ermatten zu laſſen, und ich mache Ihnen mein Compliment, meine Herren, über die Ge⸗ ſchicklichkeit, mit welcher Sie ernſte Dinge launig zu verwenden wiſſen. Es iſt nun einmal das Schickſal Frankreichs, daß man es überall vermuthet, wo es nicht entfernt daran denkt, ſich einzumiſchen. Das iſt eben der Vorzug, das Préſtige von Frankreich und zugleich ſein Unglück, das es ertragen muß. Lud⸗ wig XV., mein allergnädigſter Monarch, denkt nicht im entfernteſten daran, die Ruhe des heiligen römi⸗ ſchen Reichs zu ſtören, und wie ſollte er vollends ſich mit den Türken zu ſchaffen machen? Und iſt der greiſe Cardinal Fleury nicht der Friede in Perſon? Für uns Franzoſen kann es ja keine größere Freude geben, als die deutſchen Fürſten und ihren Kaiſer ſo recht ein⸗ trächtig zu wiſſen.“ „Dann kann ich Ihnen die angenehme Nachricht mittheilen“, ſagte Graf Peruſa,„daß Sie auf dem beſten Wege ſind, dieſe Freude zu erleben. Die Nachrichten, welche ich aus Wien bringe, ſind geeignet, den letzten Reſt der Spannung zu heben, welche zwi⸗ ſchen Kurbaiern und dem Kaiſer beſtanden. Seine 54 Durchlaucht haben deswegen für morgen den geheimen Conferenzrath zuſammenberufen, und wenn es mir dann vergönnt ſein wird, mehr zu ſagen, wird mir Jedermann zugeſtehen, daß ich zwar ein etwas lang⸗ ſamer, aber ſicherer und guter Bote geweſen bin.“ „Das ſoll uns allen ſehr erfreulich ſein“, rief Freyberg,„Sie aber, verehrter Herr Marquis, werden ſich eben darein finden müſſen, das Loos Ihres Vater⸗ landes zu theilen. Morgen“, ſetzte er etwas leiſer hin⸗ zu,„werden wir ja darüber im Klaren ſein, ob Ihnen die anderthalb Tage Vorſprung, welche Sie dem Grafen Peruſa abgewonnen haben, von Nutzen geweſen ſind.“ „Sie ſind ein Spötter, Herr Graf, mit dem man ſich nicht einlaſſen ſoll“, entgegnete der Marquis ar⸗ tig,„aber wenn ich denn doch ſchon ſo unglücklich bin, von Ihnen verkannt zu ſein, ſo laſſen Sie uns von andern Dingen reden und klären Sie mich wenigſtens darüber auf, warum Seine Durchlaucht ſeine Gäſte des Vergnügens ſeiner Anweſenheit ſo lange beraubt!“ „Ich bedaure unendlich, Ihnen auch hierin nicht dienen zu können“, ſagte Freyberg lachend,„aber wenn Sie noch nicht Gelegenheit gefunden, Ihre Wiener Witterungsbeobachtungen Seiner Durchlaucht mitzu⸗ theilen, ſo waltet vielleicht jetzt ein für Sie günſtigerer 55 Stern; denn wenn ich nicht irre, ſind Seine Durch⸗ laucht ſo eben eingetreten.“ Eine allgemeine Bewegung, die durch den Saal ging, beſtätigte die Bemerkung des Freiherrn; die Ge⸗ ſpräche verſtummten, die Gruppen löſten ſich und die ganze Geſellſchaft reihte ſich an den Wänden hin, des Winkes gewärtig, welcher über die Fortſetzung der Un⸗ terhaltung und deren Art entſcheiden ſollte. Kurfürſt Karl Albert, in der Blüte der männ⸗ lichen Jahre ſtehend, war eine ebenſo ſchöne als wahr⸗ haft fürſtliche Erſcheinung. Wie zum Herrſchen ge⸗ boren, überragte ſeine ſtattliche Geſtalt die meiſten der Anweſenden; auf einem wohlgeformten Körper ruhte ein feiner Kopf mit edlem Angeſicht, aus dem ein paar durchdringende blaue Augen über einer kühn gebogenen Adlernaſe blitzten. Die Stirn war hoch und frei, und um den Mund, der zwar die habsburgiſche Abſtam⸗ mung nicht verleugnen konnte, ſpielte ein liebenswür⸗ diges, alle Herzen gewinnendes Lächeln. Der Kurfürſt begrüßte den ihm entgegentretenden Bruder, indem er ihm ein paar Worte zuflüſterte, wahrſcheinlich um ſein Ausbleiben zu entſchuldigen, dann wandte er ſich mit freundlichem Nicken der Ge⸗ ſellſchaft zu und foderte ſie auf, ſich in ihrer Unter⸗ haltung durchaus nicht beirren zu⸗laſſen.„Eure Lieb⸗ 56 den, Herr Bruder, müſſen eben heute vorlieb nehmen“, ſagte er dann, abermals zu dem Kölner Kurfürſten ge⸗ wendet;„ich werde wohl dafür forgen, daß Du ein andermal beſſere Unterhaltung findeſt und Dir der Aufenthalt in der alten Vaterſtadt München recht an⸗ genehm wird. Zwar iſt weltbekannt, daß Du eine höchſt vortreffliche Kapelle beſitzeſt, aber in den näch⸗ ſten Tagen wird meine Opera Dich überzeugen, daß ſie ebenfalls des Anhörens werth iſt. Couvilliers“, unterbrach er ſich, indem er einen in der Nähe ſtehen⸗ den Herrn herbeirief,„Herr Baurath von Couvilliers, komm' Er hierher! Wie weit iſt Er mit ſeinen Arbei⸗ ten? Iſt der Opernſaal in der Reſidenz fertig?“ „Durchlaucht“, erwiderte der Angeredete in un⸗ verkennbarer Verlegenheit,„ich hoffe allerdings, den Befehlen Eurer Durchlaucht baldigſt entſprechen zu kön⸗ nen, aber die Zeit war allzu kurz, bis jetzt war es nicht möglich, die ungeheure Arbeit zu bewältigen.“ „Ich will davon nichts hören. Der Saal muß zur beſtimmten Zeit fertig ſein“, rief der Kurfürſt, auf deſſen Stirn eine ſonſt nicht ſichtbare Ader zu ſchwellen begann.„Vermehre Er die Zahl der Arbei⸗ ter, erhöhe Er den Lohn, aber laß Er mich nicht wie⸗ der etwas von nicht möglich hören!“ Der Baumeiſter, in immer ſteigender Verlegenheit, ——— — —— 5* wußte nur einzelne Worte zu ſtammeln, wovon„Kam⸗ mer“ und„Hofmarſchall“ allein zu verſtehen waren; auch dieſe genügten aber, um dem Kurfürſten den Sinn ſeiner Einwendungen klar zu machen. Wieder lief ihm die Stirnader an, und mit unwilliger Handbewegung winkte er dem Betroffenen, zu ſchweigen und ſich zu entfernen.„Es bleibt dabei, Er ſorgt dafür, daß der Saal zur beſtimmten Zeit fertig iſt. Ich werde Be⸗ fehle geben, die geeignet ſind, alle Hinderniſſe aus dem Wege zu räumen. Immer dieſer alte Einſpruch!“ grollte er dann in ſich hinein.„Ich bin der ewigen Hinderniſſe müde. Das muß anders werden! Sie ſollen keinen Krämer aus mir machen.“ Obwohl leiſe gemurmelt, waren dieſe Worte doch dem geheimen Rathskanzler von Unertl nicht entgangen, der bald nach dem Kurfürſten eingetreten war und ſich hinter ſeinen Stuhl geſtellt hatte.„Das wolle Gott verhüten!“ ſagte er.„Ich hoffe vielmehr mit Zuver⸗ ſicht, daß mit Gottes Hülfe und Eurer Durchlaucht feſtem Willen das Geldweſen des Landes und Hofes bald ſo geordnet ſein wird, daß der Kurfürſt von Baiern ſich keinen Wunſch verſagen und einen Hofſtaat halten kann, deſſen Glanz von keinem andern über⸗ troffen wird.“ „Sieh da, Unertl!“ ſagte der Kurfürſt verwun⸗ 58 dert.„Iſt Er doch hier? Er hat ja meine Einla⸗ dung ausgeſchlagen und ſich krank melden laſſen!“ „Ich war auch unwohl“, war die ehrfurchtsvolle Antwort,„aber ich bringe eine Nachricht, die mich ge⸗ ſund gemacht hat, und weil ich überzeugt bin, daß ſie Durchlaucht Freude machen wird, wollte ich nicht bis morgen warten.“ „Er iſt und bleibt mein alter treuer Unertl“, rief Karl Albert herzlich.„Mein Vater ſelig hat wohl Recht gehabt, als er ſagte, in den bairiſchen Landen ſei Keiner, auf den ich mich ſo ſicher verlaſſen könne als auf Ihn. Aber was iſt das für eine Nachricht, die Er bringt?“ „Der Beſitz und die Lande Curer Durchlaucht ha⸗ ben eine anſehnliche Vermehrung erhalten“, ſagte Unertl mit gehobener Stimme, da ſeine Ankunft ſowohl als die Unterredung mit dem Kurfürſten raſch die allge⸗ meine Aufmerkſamkeit erregt und die Geſellſchaft all⸗ mälig näher gezogen hatte.„Johann Joſeph Maria, der letzte Graf von Hohenwaldeck auf Maxlrain, iſt geſtern Abend zu ſeinen Ahnen verſammelt worden: der Schild mit den zwei Löwen wird ihm in die Gruft mitgegeben, das alte Dynaſtengeſchlecht iſt aus⸗ geſtorben. Kraft der errichteten Erbverträge iſt das ganze große Gebiet am Inn, an der Glonn, Mangfall —— 59 und Schlierach an Baiern gefallen und Eure Durch⸗ laucht ſind Herr und Graf von Hohenwaldeck.“ Der Greis hatte mit bewegter Stimme geſprochen; jetzt trat er an die Tafel, ergriff einen Kelch mit Schaum wein und hob ihn mit Jünglingsfeuer empor.„Und weil ich denn doch als ein ſo ſpäter Kirchweihgaſt ge⸗ kommen bin, ſo erbitte ich mir die Gnade, daß ich wie der Hochzeitlader, der auch zuletzt erſcheint, meinen Feſtſpruch ausbringen darf, und rufe laut: Es lebe Karl Albert, der erlauchte Graf von Hohenwaldeck! Lang ſoll er walten und glücklich ſein, der neue Burg⸗ herr von Marlrain, der edle Ritter von Falken⸗ ſtein!“ Lautes Zurufen ertönte, Gläſer erklangen; Karl Albert aber, der ſich ebenfalls erhoben und ein Glas ergriffen hatte, rief mit mächtiger Stimme über die Verſammlung:„Nehme Er meinen Dank, Kanzler! Der Graf von Hohenwaldeck entbietet Ihm und allen ſeinen Gäſten hinwieder ſeinen Gruß! Ich heiße dieſe Botſchaft, die gerade in ſolchem Augenblick und unter den Gedanken, die mich eben beſchäftigten, mir gewor⸗ den, als ein gutes Anzeichen willkommen und fordere alle auf, mit mir einzuſtimmen: Gott ſchütze und er⸗ halte unſer Baiern, er laſſ es gedeihen, grünen und wachſen.“ 60 „Und ſo zerſchmettere er ſeine Feinde!“ rief der Kriegsrathpräſident Törring mit mächtiger Stimme, als ſtände er im Gewühl der Schlacht, leerte das Glas und ſchleuderte es rücklings an die Wand, daß es in Scherben zerſplitterte. Noch lauterer Zuruf erſcholl; an den Wänden aber klirrten die koſtbaren Venetianerkelche, und der edle Wein träufelte verduftend daran hernieder. Im nämlichen Augenblicke wurde draußen lautes Pochen hörbar. Ein Diener eilte hinaus an den Eingang der Kapelle, während andere bemüht waren, die Glas⸗ trümmer zu beſeitigen und für neues Trinkgeſchirr zu ſorgen. Bald kam der Kammerdiener zurück und eilte zum Kurfürſten, dem er eine leiſe Meldung hinter⸗ brachte. „Vortrefflich!“ rief dieſer.„Ein Scherz, wie es ſcheint, aber er kommt im gelegenen Augenblick! Wir bekommen Beſuch, meine Herren; ſo eben meldet man mir, draußen am Gitter der neugeweihten Magdalenen⸗ kapelle ſtehe eine Schaar von Pilgern, welche von un⸗ ſerem frommen Feſte gehört und weither kommen, um daran Theil zu nehmen und auch ihre Andacht zu ver⸗ richten. Kommen Sie denn, meine Herren, und laſſen Sie uns die frommen Wallfahrer begrüßen!“ Die Verſammlung ließ ſich nicht nöthigen, das 61 Verlangen des Fürſten zu erfüllen; ihn an der Spitze, bewegte ſich ein dichter Zug unter lautem fröhlichem Gemurmel gegen das Vorgemach und die Eingangs⸗ thür, in welcher bereits ein anderer Zug erſchien, eine Reihe von etwa zwanzig Geſtalten in dunklen, weiten, tief herabwallenden Kutten, deren über den Kopf gezogene ſpitzige Kapuzen Haupt und Geſicht voll⸗ ſtändig verbargen und nur durch zwei darin einge⸗ ſchnittene Oeffnungen die dahinter liegenden Augen ſichtbar werden ließen. Lange graue Bärte wallten daraus hernieder, ein weißer Strick als Gürtel, mit einem Roſenkranze daran, war um die Mitte geſchlun⸗ gen. Feierlich ſchritten die Geſtalten durch die Ver⸗ ſammlung, bis ſie vor dem Kurfürſten angelangt wa⸗ ren; geſenkten Hauptes, die Arme über die Bruſt ge⸗ kreuzt, neigten ſie ſich vor ihm: trotz alles Ernſtes aber flog eine eigenthümliche Bewegung durch die Anweſen⸗ den, und beſonders Baron Zwiebel war in nicht ge⸗ ringe Aufregung gerathen. „Mort de diable!“ rief er halblaut.„Superbe, in der That ſuperbe! Ich nehme Alles zurück, was ich gegen das Feſt geſagt habe. Dieſe Ueberraſchung ſetzt demſelben die Krone auf und gleicht Alles aus, ſie iſt ebenſo neu als geſchmackvoll. Geben Sie Acht! Ich will niemals mehr einen Degen tragen, wenn einer dieſer Pilger jemals ein Scheermeſſer über den Lippen geſpürt hat.“ Die Stimme des erſten Pilgers, als er den Kur⸗ fürſten begrüßte, beſtätigte die ſchon durch Gang und Haltung des Zuges hervorgerufene Vermuthung; ob⸗ wohl verſtellt und gedämpft, kam ſie doch unverkennbar aus einer zarteren als einer männlichen Kehle.„Ver⸗ zeih' uns, hoher Herr“, ſagte der Führer,„daß wir es wagen, an Deinem Feſte Theil zu nehmen, und geſtatte, daß auch wir unſere Andacht verrichten dürfen!“ „Gern, gern“, rief Karl Albert in heiterſter Laune.„Ihr ſeid willkommen, fromme Pilger, und habt ganz wohl gethan, an dieſe einſame Stätte zu kommen und unſer frommes Feſt mit zu begehen; aber ehe Ihr Eure Andacht verrichtet, verſchmäht nicht, unſere Gäſte zu ſein; dann wollen wir gemeinſam des from⸗ men Spruches gedenken, deſſen auch Ihr gedacht haben müßt, als Ihr Eure Wallfahrt hierher angetreten!“ „Und welcher Spruch wäre das?“ fragte der Pilger. „Der da geſchrieben ſteht gleich zu Anfang im Buche der Schöpfung“, entgegnete der Kurfürſt,„und der wahr bleiben wird, ſolange die Schöpfung ſelbſt dauert, der Spruch, welcher die ſchönere Hälfte des Menſchengeſchlechts ins Leben rief: Es iſt nicht gut, ———˖˖Bn-— 63 daß der Menſch allein ſei.“ Damit ergriff er die Hand des Pilgers, führte denſelben an den Tiſch ne⸗ ben ſeinen Platz und lud die Geſellſchaft ein, ſich ſo einzurichten, daß immer ein frommer Wallfahrer zwi⸗ ſchen zwei Weltkinder eingetheilt würde. Auf einen Wink bedeckte ſich die Tafel mit neuen Speiſen, neue Silberkörbe mit Flaſchen ſpendeten ihren duftigen, be⸗ geiſternden Inhalt, ein allgemeines fröhliches Geplau⸗ der umflog die Tafel, bald immer lebhafter, immer be⸗ wegter durcheinander ſummend; allmälig begannen hier und da die ſchweren dunklen Kutten ſich zu lüf⸗ ten und ließen bunte koſtbare Seidenroben darunter verborgen erblicken. Die künſtlichen Graubärte fielen, und ſtatt ihrer ringelten ſich ſchöne, helle und dunkle Locken unter den Kapuzen hervor, volle weiße Arme tauchten aus den Kutten und rückten an der ſchwarzen Geſichts⸗ verhüllung, durch welche die Augen immer lockender und feuriger blickten. „Geſtehe nur, ſchöner Pilger oder, richtiger geſagt, ſchöne Pilgerin“, ſagte Karl Albert leiſe zu ſeiner Nachbarin,„daß Du die Kunſt des Wahrſagens ver⸗ ſtehſt!“ 3 „Wie könnt Ihr glauben, hoher Herr“, erwiderte der Pilger,„daß unter dieſem heiligen Gewande eine ſo unheilige Kunſt wohne?“ 64 „Dennoch muß es ſo ſein. Kennſt Du nicht die Märe vom Ritter Rinaldo, den eine ſchöne Fee im Mondenſchein über den Zauberſee führte und ihm weiſſagte, daß ſie ihn bald und unvermuthet wieder⸗ ſehen würde? Ich halte Dich für eine ſolche Fee, für eine Zaubrerin, der nichts unmöglich iſt. Möchteſt Du mir nicht die Gunſt gewähren, wieder Deine andere Geſtalt anzunehmen und als die ſchöne Fee oder die freundliche Schifferin zu erſcheinen?“ „Ritter Rinaldo iſt in ſeinem Reiche und hat zu befehlen“, war die leiſe Antwort der Pilgerin, indem ſie ſich erhob und die Umhüllung zurückſchlug. Auf ih⸗ ren Wink ſanken die Kapuzen überall in den Nacken zurück und blühend ſchöne, reizvolle Mädchen⸗ und Frauengeſichter tauchten daraus empor, wie Sterne aus Wolken, doppelt gewinnend durch die Ueberra⸗ ſchung, doppelt reizend in der ernſten, dunklen Um⸗ rahmung. Die meiſten hatten unter den anweſenden Gäſten ihre Männer, Väter oder Brüder zu begrüßen; es waren Damen des Hofſtaats und ihre Ange⸗ hörigen. „Nun wohlauf, edle Muſika“, rief der Kurfürſt fröhlich, indem er ſeiner Gefährtin den Arm bot,„nun laß Deine ſchönſten Weiſen ertönen, ſolch zauberhafte Gäſte würdig zu begrüßen! Man richte das Gemach 65 zum Tanze! Wir wollen den frommen Pilgerinnen zeigen, daß ſie willkommen ſind. Nichts, was bei einem ſolchen Feſte Brauch iſt im Baiernlande, ſoll feh⸗ len bei der Sanct⸗Magdalenen⸗Kirchweih!“ Schmid, Concordia. I. 5 Zweites Kapitel. Venus auf Paphos. Die klare Sommernacht hatte einen ſchönen Tag verheißen, aber als es im Oſten zu grauen begann und der Mond über den Rändern des hinter dem Schloßgarten ſich breit hinziehenden Waldes ſchlummerbereit nieder⸗ ſank, machte ſich von Süden her ein eigenthümlich fächelnder Luftzug auf; wie von ſeinem lauen Athem geweckt, ſtiegen feuchte Dünſte und Dämpfe durch die Dämmerung aus Wieſe und Gebüſch empor, und als die Sonne über dem Horizont auftauchte, ſtand ſie hinter einer ſo dichten Nebelſchicht, daß ſie dieſelbe nicht wegzuſchmelzen vermochte, wenn ſie ſie auch durch⸗ glühte und für eine Stunde zwang, ihr als Purpur⸗ ſaum an ihrem Herrſchermantel zu dienen. Auch als ſie höher ſtieg, war es nur die Tageshelle, welche ihr Daſein bekundete; Glanz und Glut ihrer Strahlen waren von grauen Wolkenmaſſen verdeckt, welche tief herabhängend beinahe die Baumwipfel ſtreiften, als wären ſie der kurzen Wanderung ſchon müde und ſehnten ſich danach, zur Erde, von der ſie aufgeſtiegen, als Tropfen wiederzukehren. Die Tropfen, welche draußen noch zu fallen zöger⸗ ten, floſſen indeſſen ſchon reichlich im Nymphenburger Schloſſe aus den Augen der Kurfürſtin Amalie, die, obwohl es noch ſehr früh am Tage war, ihr Lager ſchon verlaſſen und der Kammerfrau geklingelt hatte, jetzt aber mit verhülltem Angeſichte auf einer koſtbaren türkiſchen Ottomane halb hingelehnt lag, deren Pur⸗ purſammt ſich kräftig von den mattgelben ſilberdurch⸗ wirkten Seidentapeten abbob, mit denen die Wände bezogen waren. Ueber derſelben, in dunklen Rahmen gefaßt, hing das Bildniß des Heilands mit der Dornen⸗ krone, ein Werk von ſeltenem Ausdruck, aber nicht mit dem Pinſel, ſondern in kunſtvollſter Stickerei mit der Nadel ausgeführt; gegenüber, oberhalb eines klei⸗ nen Arbeitstiſchchens mit Moſaikplatte, war ein großes Gemälde eines niederländiſchen Meiſters aufgehangen, Penelope darſtellend, welche das Werk ihres Tagfleißes bei nächtlicher Weile wieder zerſtört. Die Fürſtin, in ihren Trübſinn verſunken, beachtete nicht, daß die kühle 5- Regenluft durch das offne Fenſter vom Garten her aus Bäumen und Waſſerbecken hereinſchauerte und daß ihre Lieblingshunde ſich ſchmeichelnd zu ihren Füßen ge⸗ lagert hatten. Es waren zwei ſehr ſchöne Thiere, Hühnerhunde der größten und ſeltenſten Art, denen das Vorgemach zur ſtändigen Lagerſtätte angewieſen war, die es aber nicht verſäumten, der früh aufge⸗ ſtandenen Herrin ihren Gruß zu bringen. Der eine hatte ſich hart vor der Ottomane gelagert, ſodaß er die Füße der Herrin bedeckte; der andere ſaß halb aufgerichtet vor ihr, hatte den Kopf auf ihren Schooß gelegt und ſah ſie nun mit den klugen Augen wie fragend an, warum die Hand, die ihn ſonſt zu ſtreicheln pflegte, ſich nicht von den Augen loslöſen wollte. Die Kurfürſtin war nicht eben eine gewinnende Erſcheinung. Wohl waren die Züge des Geſichts wie die Formen des Körpers nicht ohne Anmuth, aber ſie waren durch eine Ueberfülle und Beleibtheit beeinträch⸗ tigt, welche zu dem immerhin noch jugendlichen Alter der Dame nicht im Verhältniß ſtand und, wie ſie die Züge verflachte und unbedeutend erſcheinen ließ, auch ihren Bewegungen etwas Schwerfälliges und Linkiſches verlieh. Der Morgenüberwurf von tiefgrüner Seide verrieth, daß die Fürſtin auch in Sachen des Geſchmacks 69 nicht immer die beſte Wahl zu treffen wußte; er ſtand nicht gut zu dem Roth der Ottomane und zu dem hoch⸗ blonden Haar, das in üppigen Locken frei auf die Schultern herabfiel, wie zu dem bleichen Geſichte und den gutmüthigen Augen, deren graue Färbung durch den Thränenſchleier, der ſie umhüllte, kaum zu erken⸗ nen war. Das laute Anſchlagen von Hunden aus dem Vorzimmer weckte ſie aus ihrer Träumerei und ließ zugleich erkennen, daß ihre Liebhaberei außer den bei⸗ den Hühnerhunden auch noch andern Thieren dieſer Gattung Raum in ihren Gemächern gewährte. „Wer iſt da?“ rief ſie mit ziemlich ſtarkem An⸗ klang Wieneriſcher Mundart.„Biſt Du's, Stauberin?“ „Freilich bin ich's, Kaiſerliche Hoheit!“ entgegnete in ähnlicher, nur noch derberer Weiſe eine nicht mehr ganz junge, aber immerhin noch ſtattliche, nur etwas gewöhnlich ausſehende Frauensperſon, welche auf der Schwelle in den halb getheilten Falten des ſchweren ſammtenen Thürvorhangs erſchien. „Du biſt lange ausgeblieben“, rief die Kurfürſtin, ſich erhebend.„Rede! Was haſt Du erfahren? Nun, wirſt Du einmal anfangen zu reden?“ fuhr ſie, als nicht gleich Antwort erfolgte, mit einer Raſchheit fort, die nicht undeutlich erkennen ließ, daß ſie wohl im Stande war, hier und da heftige Worte auf die hef⸗ tige That folgen zu laſſen.„Wie kannſt Du mich ſo lange allein laſſen, wo Du doch weißt, auf welcher Folterbank ich liege?“ Die Frau mochte ſich einen andern Empfang er⸗ wartet haben; ärgerlich zog ſie die Augenbrauen hin⸗ auf, die in eigenthümlicher Schwärze und Stärke ihrem ohnehin finſtern Angeſichte einen noch ſchärfern Aus⸗ druck gaben, zuckte die Achſeln und ſchien ohne Ant⸗ wort das Zimmer wieder verlaſſen zu wollen. „Da bleibſt Du!“ rief erbittert die Fürſtin.„Ich glaub' gar, Du willſt auch noch anfangen, mir zu trutzen und Verdruß zu machen?“ „Fallt mir nicht ein“, erwiderte die Frau in einem widrig hohen, weinerlichen Tone.„Ich bin Kaiſerlicher Hoheit von Wien hierher gefolgt, ich hab' mein liebes Wien verlaſſen, hab' bei Kaiſerlicher Hoheit ausgehalten in dieſem München, das dagegen nicht viel beſſer iſt als ein Bauerndorf, und bei dieſen groben, verſoffenen Baiern— und das iſt zuletzt mein Dank! Es iſt nicht ſchön von Kaiſerlicher Hoheit, daß Sie mit einer treuen Perſon ſo umgehen und mich ſo anfahren— mich, die ſich für Sie todtſchlagen ließe! Aber wenn's ſchon ſo iſt und wenn ich nichts mehr recht machen kann, ſo dürfen Sie's nur ſagen, Kaiſerliche Hoheit! Dann bin ich in der nächſten Stund' an der Länd' am grünen —— „—— ——ÿ——— „— ——,—-— Baum und ſchwimm' auf dem Ordinarifloß nach Wien hinunter!“ „Sei nur ruhig!“ ſagte die Kurfürſtin begütigend und ihre Erregung niederkämpfend.„Weine nur nicht, ich hab' Dich ja nicht kränken wollen; ich weiß ja, daß Du doch die Einzige biſt, die's gut und aufrich⸗ tig mit mir meint. Hör' zu weinen auf!“ rief ſie lauter, als die andere noch immer ſchluchzend das Tuch vors Geſicht hielt,„ich kann's nicht ausſtehen das Weinen, und gib' Dich zufrieden! Ich ſchenk' Dir auch meine Ohrentropfen von Bernſtein, die Dir im⸗ mer ſo gefallen haben..“ „O, ich küſſ' tauſendmal die Hand, Kaiſerliche Hoheit!“ entgegnete die Dienerin, aus der überſpann⸗ ten Betrübniß plötzlich in ebenſo übertriebene Freundlich⸗ keit überſpringend und mit vielen Knixen nach dem Kleid der Gebieterin haſchend, um einen Kuß darauf zu drücken.„Ich weiß ja, Sie ſind die gute Stund' ſelber, aber ich ließ mich auch aufkreuzigen für Kaiſer⸗ liche Hoheit, und wenn Ihnen Jemand was zu Leid' thun wollt'⸗, ich mein', ich müßt' ihm die Augen aus⸗ kratzen.“ „Schon gut, ich glaube Dir ja“, unterbrach ſie die Kurfürſtin.„Aber jetzt rede, erzähle endlich. Was haſt Du erfahren?“ „Nichts“, entgegnete die Stauberin, während die Kurfürſtin enttäuſcht und ärgerlich ſich wieder in den Divan niederließ.„Wenigſtens ſo viel als nichts. Es iſt noch viel zu früh, Alles liegt noch in den Federn. Kaiſerliche Hoheit ſind zu früh aufgeſtanden. Wir müſſen uns gedulden, bis die Dienerſchaft wie die Herrſchaft ausgeſchlafen hat. Nur ſo viel hab' ich er⸗ fahren von einem Gärtner, den ich in aller Früh' im Krautgarten beim Pflanzenbegießen angetroffen hab', daß es ſchon ſtark gegen Morgen gegangen iſt, wie die Kirchweihgäſte fort ſind. Anfangs, ſagt der Gärtner, iſt's ſehr ſtill, dann aber deſto lauter hergegangen; trotz der verſchloſſenen Thüren und Fenſter hätte man die Muſik und das Glöäſerklirren ganz deutlich gehört. Der Gärtner war juſt ein bischen herauſſen geweſen, um nach dem Wetter umzuſchauen. Da iſt der Zug von der Kapelle hergekommen und die große Allee hin⸗ untergegangen dem Schloſſe zu.“ Nun?“ fragte die Kurfürſtin haſtig.„Hat er nicht wahrgenommen⸗ ob ſich wirklich, wie man vorgab, nur Männer unter den Gäſten befanden, nicht auch Frauen?“ „Das hat er nicht erkennen können“, ſagte die Stauberin mit liſtigem Augenblinzeln.„Er hat ſich nicht allzu nah hingetraut, um ſich nicht zu verrathen; v — — ——yy— 73 ſoviel er aber hat unterſcheiden können, haben ſie alle Mannskleider angehabt, und doch iſt es ihm vorgekom⸗ men, als habe er auch feine Stimmen gehört, die ſich gar nicht wie die von Mannsleuten angehört haben!“. „O, es iſt nur zu gewiß!“ brach die Fürſtin in ungeſtümem Schmerze los.„Es war ein abgefeimtes Spiel, ein nichtswürdiger Vorwand, daß die Männer unter ſich und ohne Zeugen ſein wollten, ganz allein — natürlich, allein mit denen, mit welchen ſie allein ſein wollten! Aber ich werde und muß Alles erfahren, und wenn ich es weiß, dann werde ich zeigen, daß ich es müde bin, mich fortwährend hintergehen und mißhandeln zu laſſen! Dann werde ich mir in Wien Hülfe holen. Der Kaiſer wird wohl Mittel finden, um ſolcher Unſittlichkeit, ſolcher Aergerniß Einhalt zu thun. Wir leben nicht in Paris; ich werde es nicht dulden, daß man die Pariſer Sitten am kurbairiſchen Hofe einführt.“ „Faſſen Sie ſich nur, Kaiſerliche Hoheit!“ ſagte die Kammerfrau,„und haben Sie nur noch kurze Zeit Ge⸗ duld! Ich will gleich wieder hinunter. Wie ich vorhin den Corridor heraufging, der zu den Gemächern Seiner Durchlaucht führt, war es mir, als ob es in den Zim⸗ mern des Oberkammerdieners ſchon laut würde. Viel⸗ 74 leicht kann ich einen von den Lakaien ſprechen, die bei der Tafel aufgewartet haben.“ „Wär' es nicht am beſten“, ſagte die Kurfürſtin haſtig,„Du fragteſt den Oberkammerdiener ſelbſt?“ „Das wohl“, ſagte die Stauberin zögernd.„Aber mit dem Oberkammerdiener red' ich nicht gern, Kaiſer⸗ liche Hoheit wiſſen ja—“ „Was ſoll ich wiſſen? Ich erinnere mich nicht.“ „Ich hab's Ihnen ja erzählt“, ſagte die Staube⸗ rin mit gezierter Verſchämtheit,„daß er mich überall auf Schritt und Tritt verfolgt und mir Schönheiten ſagt.“ „Ja, ja; das hatt' ich vergeſſen, aber deſto beſſer; dann wird er um ſo weniger gegen Dich zurückhal⸗ tend ſein.“ „Das glaub' ich wohl. Aber ich hab' ihn immer abfahren laſſen. Ich will mit dem zudringlichen Men⸗ ſchen nichts zu thun haben, der mir immer vorerzählt, ſeine Frau ſei krank und könne nicht mehr lange leben, und wenn ſie ſtürbe, dann wollte er mich heirathen. Ich kann den Menſchen nicht ausſtehen, und da müßt' ich mich anſtellen, als wenn ich ihm gut wäre.“ „O thu's, thu's doch!“ rief die Kurfürſtin haſtig. „Thu's mir zu Lieb', es geſchieht ja nicht, um ſeine Bosheit zu unterſtützen, ſondern um einen andern 75 Böſewicht zu entlarven. Für einen ſo guten Zweck iſt Alles erlaubt.“ Der Kammerfrau ſchien die Aufgabe nicht recht einzuleuchten; ſie gab ſich aber den Anſchein, als wolle ſie ſelbe vollführen, und wendete ſich der Thür zu, an welcher aber der Ruf der Fürſtin ſie zurück⸗ hielt.„Stauberin“, ſagte dieſe,„ſieh nach den Kin⸗ dern, und wenn ſie ſchon auf ſind, bring' ſie zu mir herüber! Ich will ſie ſehen, die Kinder ſind ja mein einziger Troſt und mein ganzes Glück. Erkundige Dich auch gleich, wie der Prinz geſchlafen hat, und vergiß nicht zu fragen, ob für den Nachmittag Alles vorbe⸗ reitet iſt! Ich will auf die Reiherbeize reiten.“ „O, ich bitt' tauſendmal um Verzeihung“, rief die Kammerfrau zurückkehrend,„aber über den andern Dingen hab' ich ganz vergeſſen: wie ich am Jagd⸗ ſtall vorüberkam, hat mir einer von den Piqueu⸗ ren geſagt, es ſei nichts mit der Beize für heute. Hei⸗ ligen Kreuztag ſei lang vorbei, da hätten die Jäger die Falkner vom Hofe gejagt. Jetzt ſei der Hirſch das weidgerechte Wild; drum ſei der Oberfalkner verreiſt und die Falken nicht gerichtet, würden auch keinen Flug haben und keinen Stoß zu dieſer Jahreszeit!“ Ueber das Antlitz und die Geſtalt der Fürſtin flog ein krampfhaftes Zittern des Zorns, daß ſie, die bekannte Jagdfreundin, ſich eine Blöße gegeben.„Ich will aber jagen!“ rief ſie, mit den Füßen ſtampfend. „Ich will! Die Falken müſſen gerichtet ſein, und wenn's nicht geſchieht, kommen alle um ihren Dienſt! Ich will doch ſehen, ob es ſchon ſo weit gekommen iſt, daß mir der geringſte Jagdknecht zuwider ſein darf.“ Ein ziemlich entſchiedenes Pochen an der Thür unterbrach den Erguß der Zürnenden. Die Kammer⸗ frau ſah nach und kam ſchnell mit der Meldung zu⸗ rück:„Seine Hochwürden Pater Menradus, der Beicht⸗ vater Seiner Durchlaucht, will Kaiſerlicher Hoheit guten Morgen wünſchen und ſich nach dem allerhöchſten Be⸗ finden erkundigen.“ „Ah, er iſt willkommen“, rief die Kurfürſtin raſch. „Gib mir meinen Mantel! Ich will noch mein Haar ord⸗ nen. Laß ihn nur ins Vorzimmer eintreten und ſage, ich käme gleich hinaus. Pater Menrad“, flüſterte ſie halb vor ſich hin, indem ſie einen koſtbaren türkiſchen Shawl überwarf, der ſie vollends verhüllte,„von dem erfahre ich gewiß, was ich wiſſen will.“ Als ſie in das Vor⸗ gemach hinauskam, trat ihr der Pater mit tiefer Ver⸗ beugung näher und führte die Hand, die ſie ihm reichte, ehrerbietig an die Lippen.„Guten Morgen, Hochwür⸗ den!“ rief die Kurfürſtin.„Das iſt ungewohnt, daß Er ſchon ſo früh zu mir kommt. Was führt Ihn zu mir? Es iſt doch nichts vorgefallen?“ — ——— 77 „Nichts, das ich wüßte, nichts, was geeignet wäre, Durchlaucht zu beunruhigen“, erwiderte der Pa⸗ ter.„Aber wer im Dienſte des Herrn arbeitet, der muß mit der Sonne aufſtehen, denn wir wiſſen weder den Tag noch die Stunde, die den Feierabend bringt. Ich bin dieſen Morgen erſt ſehr ſpät in mein Käm⸗ merlein gekommen, die Dämmerung ſchien mir bereits ins Fenſter. Da gedachte ich, daß es ein gutes Werk ſein könnte, mich nicht mehr zur Ruhe zu legen, ich betete mit Inbrunſt die Frühtageszeiten, und ſiehe da, für die Entſagung wurde mir auch ſogleich der ſchönſte Lohn zu Theil, denn als ich in die Nähe der Zimmer von Kaiſerlicher Hoheit kam, gewahrte ich, daß auch Allerhöchſtſie ſich bereits von der Ruhe erhoben hatten.“ „Allerdings“, erwiderte die Kurfürſtin etwas be⸗ fangen.„Ich habe eine ſchlechte Nacht gehabt und hab' es vorgezogen, den Tag etwas früh beginnen zu laſſen. Ich wollte zur Jagd reiten; aber mein Herr Gemahl iſt wohl ſpät zur Ruhe gekommen und würde kaum geneigt geweſen ſein, mich zu begleiten.“ „Allerdings“, ſagte der Pater mit vollkommener Ruhe,„die Tageszeit, zu welcher dies geſchah, kann mit größerem Rechte früh als ſpät genannt werden. Ich war auch zugegen.“ „Wie, Er war bei dem Feſte?“ rief die Kurfürſtin überraſcht, indem ſie ſich in einen Armſtuhl warf und durch einen Wink den Pater einlud, ſich neben ihr niederzulaſſen.„Setz' Er ſich, hochwürdiger Herr! Ich habe nach den Kindern geſchickt; Er muß mir von dem Feſte erzählen, bis ſie kommen. Es war wohl ſehr heiter? Ich kann mir's denken. Wenn die Männer unter ſich ſind und ſich in voller Ungebundenheit ihren Neigungen hingeben können—“ „Das Feſt war eines Kurfürſten von Baiern würdig“, entgegnete der Pater.„Beſondere Heiterkeit entwickelte ſich jedoch erſt gegen das Ende deſſelben, als neue Gäſte, eine Schaar von Pilgern, eingetroffen waren.“ „Wie? Neue Gäſte? Pilger, ſagt Er?“ „Richtiger: Pilgerinnen“, fuhr der Pater in gleich unbefangener Weiſe fort.„Eine Anzahl Damen vom Hofe, die ſich den Scherz machten, in dieſer Verkleidung am Feſte Theil zu nehmen und durch den glücklichen Einfall die Freuden deſſelben zu erhöhen.“ „Wirklich?“ lachte Amalie auf, indem ſie unwillig ihr Taſchentuch zerknitterte.„Allerdings ein ſehr glück⸗ licher Einfall. Durch ſolchen Beſuch muß wohl die Freude Seiner Durchlaucht wie ſeiner Gäſte be⸗ trächtlich erhöht worden ſein. Und wer waren die ſinnreichen Damen?“ ———— ——;— — Der Pater nannte einige Namen, wie ſie ihm eben in den Mund zu kommen ſchienen.„Die Gräfin Leublfing“, ſagte er,„die junge Frau des Hofmar⸗ ſchalls, der wohl im Stillen darum gewußt haben mag und die eine Art von Duenna vorzuſtellen ſchien, die Gräfin Haslang, die Gräfin Thereſe von Morawizky—“ „Ah, auch ſie!“ flüſterte die Kurfürſtin, indem ſie die Lippen zwiſchen die Zähne preßte.„Doch das war zu erwarten.“ „Kaiſerliche Hoheit beliebten etwas zu bemerken?“ fragte der Pater. „Nichts, nichts“, erwiderte die Fürſtin mit ge⸗ zwungenem Lachen.„Er hat ganz Recht, das war ein glücklicher Einfall. Aber ich werde mir doch erſt über⸗ legen müſſen, ob es geziemend iſt, daß Damen meines Hofes ſich auf ſolche Abenteuer einlaſſen.“ „Das werden Kaiſerliche Hoheit nicht“, ſagte der Pater, indem er ſich lächelnd verneigte.„Sie werden nicht ſelbſt der Sache eine Bedeutung geben, die ihr an ſich nicht zukommt; wäre das, ſo würde ich es ge⸗ wiß nicht verſchweigen. Kaiſerliche Hohejt kennen meine Ergebenheit gegen Ihre hohe Perſon und gegen das allerhöchſte Kaiſerhaus und werden mir alſo glauben, wenn ich ſage, daß die Sache keine Bedeutung hat, und gerade deswegen— ich will es nur eingeſtehen, 80 was Sie doch wohl ſchon errathen haben— ich bin gerade deswegen nicht zur Ruhe gegangen, um bei der Hand zu ſein und, wenn es vielleicht nöthig werden ſollte, dem Gemüthe Kaiſerlicher Hoheit eine un⸗ ruhige Stunde zu erſparen.“ „Ich weiß das nach Gebühr zu ſchätzen“, entgeg⸗ nete die Kurfürſtin gütig,„und werde auch nicht un⸗ terlaſſen, Seine Ergebenheit bei meinem kaiſerlichen Oheim in das gehörige Licht zu ſtellen. Auch ich ſelbſt werde darauf denken, wie ich Ihn belohnen kann.“ „O, ich handle nicht um irdiſchen Lohn“, entgeg⸗ nete der Jeſuit mit frommer Geberde der Ablehnung; aber die Fürſtin unterbrach ihn.„Ich weiß auch das. Er iſt nur darauf bedacht, Schätze für das Jenſeits einzuſammeln, und mein Dank ſoll eben darin beſtehen, daß ich Ihm und mir ſelber behülflich bin, ſolche Reich⸗ thümer zu erwerben. Er hat neulich einen Gedanken gegen mich ausgeſprochen, der mir ſehr gefiel, den Ge⸗ danken, ein Exercitienhaus zu gründen, in welchem Jeder, der ſich in ſeinem Gewiſſen beunruhigt und gedrungen fühlt, Frieden mit dem Himmel zu machen, drei Tage lang eine gute Stube, Verpflegung, Koſt und Trunk erhalten ſoll, um ſich frei von aller Erden⸗ ſorge gottſeligen Uebungen hinzugeben und ſich im Glau⸗ ben zu ſtärken. Ich hab es mir überlegt und will ein 81 ſolches Exercitienhaus ſtiften; denn es thut noth, daß man für den Glauben immer neue Bollwerke ſchaffe in dieſer gottloſen Zeit! Es iſt mir ein Haus ange⸗ boten worden, das mir ganz geeignet dazu erſcheint: in der Neuhauſergaſſe neben dem Bürgerſaal der Ma⸗ rianiſchen Congregation. Seh' Er ſich daſſelbe einmal an, Hochwürdiger, und berichte Er mir darüber, dann wollen wir die Sache abmachen und den Stiftungs⸗ brief ausſtellen; das Kapital dazu liegt bereit.“ „O Kaiſerliche Hoheit!“ rief Pater Roſe, indem er die Hände auf der Bruſt kreuzte und den Blick ge⸗ gen Himmel ſchlug,„mein Dank iſt ſtumm; aber ich höre ſchon im Geiſte, wie die Marianiſchen Heerſchaa⸗ ren einen Freudenhymnus anſtimmen zum Preiſe der gottſeligen Stifterin! Ich höre, wie die Seelen der Ver⸗ lorenen und nun Geretteten einfallen im erhabenen Chorus, ich höre—“ „Laß Er's gut ſein!“ rief die Fürſtin dazwiſchen. „Man kommtv; es wird die Stauberin mit den Kindern ſein. Behalte Er noch für ſich, was ich Ihm anver traut habe, bleib' Er mir treu, und vor allem laſſ' Er ſich auch das Seelenheil meines Gemahls empfohlen ſein! Ich erwarte Ihn morgen wieder und will Ihm einen Brief an meinen kaiſerlichen Oheim nach Wien geben. Ich könnte ihn zwar auch auf dem gewöhnlichen Schmid, Concordia. I. 6 82 Wege dahin gelangen laſſen, aber durch Seinen Or⸗ den geſchieht es jedenfalls in der verſchwiegenſten Weiſe.“ „Der Orden Jeſu dient gern ſeinen Freunden“, rief der Pater.„Niemand aber iſt er in engerer Freundſchaft verbunden als dem erhabenen öſterreichi⸗ ſchen Kaiſerhauſe; denn von jeher war Habsburg der ritterliche Wächter und Schützer des Felſens, auf wel⸗ chen der Herr ſeine alleinſeligmachende Kirche gegrün⸗ det hat.“: Er ließ ſich auf ein Knie nieder, während die Kurfürſtin ihm ihre Rechte zum Handkuſſe reichte; als er ſich gegen die Thür wendete, erſchienen in derſel⸗ ben bereits die beiden Prinzeſſinnen Walburga und Thereſia mit der Aja, der Frau von Mayerhofen, einer ältlichen Dame von ſehr gemeſſenem Weſen, aber einem Angeſichte, welches auf den erſten Blick erkennen ließ, daß Gutmüthigkeit der Hauptgrundzug ihres Charak⸗ ters ſei. Die Prinzeſſinnen näherten ſich mit dreimaliger Verbeugung der Mutter und wollten vor derſelben ſich auf das Knie niederlaſſen; dieſe aber nahm ſie beide in die Arme, küßte ſie herzlich ab und rief zärtlich: „Guten Morgen, Kinderln! Seid Ihr ſchon auf? Ihr müßt aber früh heraus ſein! Das iſt recht.— Geh Sie hinaus, Mayerhofen, und warte Sie draußen, ich will ——— —— 83 mit den Mädels allein ſein. Iſt Sie denn zufrieden mit ihnen?“ „Vollkommen“, entgegnete die Erzieherin.„Die durchlauchtigſten Prinzeſſinnen verdienen als wahre Muſter bezeichnet zu werden.“ „Nun, das freut mich. So kommt her, Ihr Mu⸗ ſterprinzeſſinnen, und ſetzt Euch zu mir! Stauberin, ſorge, daß die Chokolade gebracht wird! Wir wollen miteinander frühſtücken. Der Kurzprinz kommt auch! Aber der läßt auf ſich warten; der wird gewiß noch aufs beſte geſchlafen haben. Da habt Ihr Mädels den Buben zu Schanden gemacht.“ „Das müſſen Kaiſerliche Hoheit Frau Mutter dem Bruder nicht übel nehmen“, ſagte die ältere Prin⸗ zeſſin.„Er war krank und ſieht noch ein bischen übel aus.“ „So? Weißt Du das?“ „Freilich, ich ſehe ihn alle Tage.“ „Ihr ſeht ihn?“ rief die Kurfürſtin.„Wie iſt das möglich? Eure Appartements liegen doch ganz ge⸗ trennt!“ „Das wohl“, fuhr die Prinzeſſin plauderhaft fort, „aber täglich, wenn wir ſpazieren gehen im Schloß⸗ garten, da begegnen wir ihm und ſpielen miteinander.“ „Ihr ſpielt miteinander?“ fragte die immer mehr 6* 84 erſtaunende Kurfürſtin.„Ja, wo denn? Wie iſt denn das möglich?“ „O das iſt ſehr einfach“, rief die jüngere Prin⸗ zeſſin, ein dunkelblondes Mädchen, das die Züge des Vaters trug, während die ältere braune das ſtille und bequeme Weſen der Mutter zeigte.„Das will ich Kai⸗ ſerlicher Hoheit Frau Mutter ſchon erzählen“, fuhr ſie in kindlicher Argloſigkeit fort, nicht bemerkend, wie ſehr die Mutter ſich Zwang anthat, zu verbergen, daß die Ueberraſchung über die erhaltene Nachricht eine keineswegs freudige war.„Das iſt ſo. Max—“ „Max? Wer iſt das?“ „Nun, unſer Bruder.“ „Man ſagt nicht: Max, man ſagt: Seine Durch⸗ laucht der Kurprinz.“ „Ach, das bring' ich viel ſchwerer heraus“, ſagte die Kleine lachend.„Alſo Seine Durchlaucht der Kur⸗ prinz Max hat im großen Garten ein kleines Gärt⸗ chen, das für ihn eigens eingezäunt und vermacht iſt, daß er nicht heraus und Niemand zu ihm hinein kann. Da muß er ſich allein mit ſeinem Hofmeiſter erluſtiren und er hat's doch noch beſſer als wir; denn wir haben gar keinen Platz, wo wir uns erluſtiren können.“ „Das iſt auch nicht nöthig, mein Kind“, ſagte die Kurfürſtin ernſt.„Die kurfürſtlichen Prinzeſſinnen 85 von Baiern erluſtiren ſich nur in Geſellſchaft ihrer Damen und Angehörigen.“ „Das iſt recht ſchade“, erwiderte das muntere Kind.„Denn mir gefällt es ganz gut, und wenn wir ſo aus dem Park hinaus ſpazieren gehen und ſehen die Kinder von den gemeinen Leuten am Wege, wie ſie auf den Wieſen herumſpringen und in dem Straßen⸗ graben mit einander ſpielen, da bin ich ihnen immer neidig darum.“ „Das ſind eben gemeine Leute, meine Kinder!“ rief die Kurfürſtin, welcher immer unbehaglicher zu Muthe ward.„Perſonen fürſtlicher Abkunft haben ganz andere Vergnügungen und müſſen, eben weil ſie fürſtlicher Abkunft ſind, auf die Unterhaltungen gemei⸗ ner Leute verzichten.“ „Und was ſind das für Vergnügungen für die Perſonen fürſtlicher Abkunft?“ fragte die Kleine neu⸗ gierig. „Das wirſt Du einmal noch früh genug erfah⸗ ren“, rief die Mutter.„Aber erzähle jetzt!“ „Da iſt nicht viel zu erzählen“, nahm Prinzeſſin Walburga, die ältere, das Wort, weil die jüngere mit einem Male verſtummte und betroffen nach der Mutter blickte, deren Neugier ihr auf einmal befremdlich und unheimlich vorkommen mochte.„Seine Durchlaucht der 86 Kurprinz ſah uns einmal an dem Garten vorüber, gehen, wir grüßten uns über die Zaunhecke und es that uns recht leid, daß wir nicht recht hinüberſehen und von einander nicht mehr gewahren konnten als die halben Köpfe. Wie wir aber am andern Tage wieder des Weges kamen, da hatte Max— da hatte Seine Durchlaucht der Kurprinz eine Lücke in den Zaun gemacht, durch die wir hineinſchlüpfen konnten.“ „Ja“, rief Thereſe wieder fröhlich,„da ſind wir dann hineingeſchlüpft und da iſt ein ſchöner grüner Raſenplatz, mit lauter Gebüſch umgeben, auf dem ſind wir herumgeſprungen und haben Fangen geſpielt und einander gejagt.“ Die Kurfürſtin hatte ſich in einen Stuhl nieder⸗ gelaſſen und glich einem verſteinerten Bilde.„Das iſt ja recht hübſch“, ſagte ſie. ‚Aber Eure Aja, Frau von Mayer⸗ hofen, wo war denn die? Iſt die auch mitgeſprungen?“ „Ach nein“, rief auflachend die Kleine,„das nicht. Sie hat uns wohl gerufen und abgewehrt und gezankt und mit dem Verklagen gedroht, zuletzt aber, wie ſie ſah, daß ſie doch nichts ausrichtete, hat ſie ſich draußen auf eine Bank geſetzt und hat zugeſehen. Das nächſte Mal aber muß ſie auch mitſpringen, das muß zu luſtig ſein, wenn die Frau von Mayerhofen, die immer ſo gar ernſthaft die Beine ſtellt, auch mitſpringt!“ 87 Pochen an der Thür half der Kurfürſtin über die Verlegenheit hinweg, welche Antwort ſie den Kindern geben ſollte. Die Stauberin meldete die Anweſenheit des Kurprinzen mit ſeinem Erzieher, dem Profeſſor und Hofrath von Ickſtadt, die auch bereits, der Mel⸗ dung folgend, unmittelbar hinter ihr auf der Schwelle erſchienen. Der Prinz war ein hübſcher, lebhafter Knabe mit blonden Locken, die lang und reich um ein wohlgeformtes Antlitz herabfielen, das von beiden El⸗ tern in glücklicher Miſchung jene Züge vereinigte, welche an jedem derſelben ſchön waren. Wohl verrieth es noch durch ſeine Bläſſe, daß die Krankheit, an der er lange darniedergelegen, ziemlich ernſthaft geweſen; zugleich aber ließ der Glanz der eigenthümlich ſchönen blauen Augen erkennen, wie Friſche und Geſundheit in Geiſt und Körper wiederzukehren begannen. Der Erzieher, ganz ſchwarz gekleidet, war ein ſtattlicher Mann zu Anfang der vierziger Jahre, von ernſtem Blicke, die Haltung des Weltmannes mit der des Ge⸗ lehrten vereinend. Der Prinz machte vor der Mutter mit feinem Anſtand die üblichen drei ſpaniſchen Ver⸗ beugungen, wollte vor ihr niederknieen und begrüßte ſie, während ſie ihn in den Armen empfing, in einer geläufigen und ſchön betonten franzöſiſchen Anrede. „Guten Morgen, mein Sohn!“ unterbrach ihn die 88 Kurfürſtin.„Warum begrüßeſt Du mich franzöſiſch? Du weißt, daß ich das nicht leiden mag.“ Der Prinz antwortete nicht; er hatte ſogleich die Anweſenheit der Schweſtern bemerkt, war zu ihnen hin⸗ geeilt und begrüßte ſie, indem er mit echt fröhlicher Kinderluſt eine nach der andern abwechſelnd an die Bruſt drückte. Der Erzieher mußte für ihn die Ant⸗ wort übernehmen. „Der Kurprinz dachte ſeine Sache gut zu machen, Kaiſerliche Hoheit“, ſagte er.„Er wollte ſeine Fort⸗ ſchritte in der Weltſprache zeigen, welche heutzutage Niemand entbehrlich iſt.“ „ Leider“, rief die Kurfürſtin unwillig,„leider iſt 4 es ſo, obwohl ich nicht einſehe, warum es gerade Fran⸗ zöſiſch ſein muß. Italieniſch iſt doch auch eine ſchöne Sprache, und noch beſſer wäre Spaniſch; das iſt die Sprache, die ſich unter Leuten geziemt, welche ſich ihrer Würde bewußt ſind und derſelben nichts vergeben wollen. Franzöſiſch iſt die Sprache der Leichtfertigkeit und unſerer Feinde.“ „Ich muß geſtehen“, erwiderte ſtaunend der Pro⸗ feſſor,„dieſe Auffaſſung Kaiſerlicher Hoheit—“ „Iſt Ihm neu?“ rief die Kurfürſtin entgegen. „Das mag ſein; aber wahr iſt, was ich ſage. Ich mache auch gar kein Hehl daraus. Ich habe das Fran⸗ ————— ———ᷓpyjᷓ— — 89 zöſiſche ſchon als Kind nicht gemocht und habe es nicht gelernt, ſoviel man mir auch zugeredet hat, und ich bin jetzt noch ſtolz darauf, daß ich es nicht gethan habe.“ „Kaiſerliche Hoheit hatten dazu auch alle Urſache, wenn auch in anderem Sinne“, entgegnete Ickſtadt. „Es wäre hohe Zeit, daß wir Deutſche anfingen, das Ausländiſche und Fremde zu verbannen, und was Kai⸗ ſerliche Hoheit ſagen, wäre ein erſter Schritt dazu. Wozu bedürfen wir des Italieniſchen, des Spaniſchen, da unſere herrliche deutſche Sprache im Begriffe iſt, ſich in ſchönſter Weiſe zu entwickeln? Iſt das einmal geſchehen, dann wird man das Franzöſiſche, das jetzt die allgemein landläufige Münze iſt, entbehren können, bis dahin aber—“ „Daß Er mir nicht Recht geben würde, das wußte ich vorher“, rief die Kurfürſtin.„Er iſt auch ein Ver⸗ ehrer des neuen Heilands in Preußen, des Kronprin⸗ zen Friedrich, der auf ſeinem Schloſſe am Rhein— ich glaube, Rheinsberg heißt das Neſt— ſich mit lau⸗ ter franzöſiſchem Auswurf umgibt und nur Franzöſiſch treibt. Er wird es wohl wiſſen; Er ſoll ja auch dort geweſen ſein.“ „Auf meiner Rückkehr aus England“, ſagte Ick⸗ ſtadt,„bin ich auch an den Rhein gekommen und hatte 90 allerdings das hohe Glück, dem Kronprinzen vorgeſtellt zu werden.“ „Hm, das Glück kann Er für ſich behalten; aber was in aller Welt hat Er in England zu thun ge⸗ habt? Ich kann das Reiſen nicht leiden. Es iſt zu nichts gut, als neue Gedanken unter die Leute zu brin⸗ gen, und das Neue taugt nichts; ſoll mich wundern, wenn Er nicht heimlich ein Lutheraner iſt.“ Der Pro⸗ feſſor wollte etwas erwidern, die Kurfürſtin wartete es jedoch nicht ab, ſondern begann, ihn unterbrechend, von neuem:„Hat Er beſorgt, was ich ihm aufgetra⸗ gen habe?“ „Wenn Kaiſerliche Hoheit den Entwurf zu einem Standbilde des Kurprinzen meinen“, ſagte Ickſtadt, „dann habe ich den Auftrag allerdings erfüllt. Ich habe einen der erſten Künſtler Münchens, den Bild⸗ hauer Aſam, damit beauftragt, ein kleines Modell zu entwerfen. Das iſt bereits geſchehen, und wenn ich es Kaiſerlicher Hoheit noch nicht vorgelegt habe, geſchah es nur, weil ich glaubte, daß die Idee angegeben worden ſei.“ „Aufgegeben?“ rief die Kurfürſtin entrüſtet.„Da ſieht man, was Er für ein lauer Chriſt iſt! Der Kur⸗ prinz, mein einziger Sohn, ſchwebte in Todesgefahr; da hab ich mich zur ſchwarzen Mutter Gottes nach Alt⸗ —pypy — 91 ötting verlobt, wenn er geneſen würde, ſein Standbild in maſſivem Silber auf ihrem Altar zu opfern, ſo ſchwer, als der Prinz iſt. Mein Sohn iſt geneſen, und Er kann zweifeln, ob ich mein Gelübde erfüllen werde?“ „Ich begebe mich jedes Urtheils in ſolchen Din⸗ gen“, ſagte Profeſſor Ickſtadt,„und werde das Mo⸗ dell heute noch überbringen. Wenn aber Kaiſerliche Hoheit wirklich geſonnen ſind, das Vorhaben auszu⸗ führen, ſo muß ich im Ernſte rathen, ſobald als mög⸗ lich daran zu gehen.“ „Warum das? Was ſteckt hinter dieſem Rath? Denn ſo etwas ſagt Er doch nicht im Ernſte!“ „Allerdings“, entgegnete Ickſtadt.„Was ich meine, liegt ganz nahe. Wenn das Standbild ſo ſchwer an Silber werden ſoll, als der Kurprinz wiegt, ſo iſt jetzt der geeignete Zeitpunkt, wo er von der Krankheit noch⸗ nicht ganz hergeſtellt iſt; wenn er ſich erſt wieder vollkommen erholt hat, wird es um manches Pfund Silber theurer zu ſtehen kommen.“ Er verbeugte ſich und ging rückwärts gewendet der Thür zu, welche ſich eben aufthat, um die Stau⸗ berin einzulaſſen, welche die Nachricht brachte, die Cho⸗ kolade werde in wenigen Augenblicken erſcheinen. Das brachte die Kurfürſtin, welche wie verſteinert dem Frev⸗ 92 ler nachgeſehen, auf andere Gedanken.„Chokolade?“ rief ſie.„Wer hat das beſtellt?“ „Kaiſerliche Hoheit ſelbſt“, entgegnete die Kam⸗ merfrau.„Sie wollten die Prinzeſſinnen und den Kurprinzen zum Frühſtück bei ſich haben.“ „Ja, ja, ich erinnere mich“, entgegnete die Kur⸗ fürſtin, indem ſie ihr Tuch vor die Augen preßte und ſich in den Stuhl warf.„Aber ich bin ſeitdem un⸗ wohl geworden; meine alten Krämpfe melden ſich wie⸗ der. Die Kinder ſollen gehen, gehen ohne Abſchied und Compliment; ich will allein ſein.“ Die Kinder, die im Nebenzimmer vergnügt mit einander geplaudert, gelacht und mit den Hunden ge⸗ tollt hatten, machten lange Mienen, als ihnen der Beſchluß angekündigt wurde, aber ſie gingen ohne Wi⸗ derrede. Unter der Thür wurden die Mädchen von der Aja, Prinz Max von Ickſtadt in Empfang ge⸗ nommen. „Ich glaube, die Mama iſt böſe“, flüſterte The⸗ reſe dem Bruder zu.„Es iſt ihr gewiß nicht recht, daß wir im Garten waren; am Ende dürfen wir gar nicht mehr dahin kommen.“ „Das wollen wir ſehen!“ rief Max feurig.„Da⸗ für werde ich ſorgen. Wenn ich auch noch klein bin, weiß ich doch, daß ich künftig Kurfürſt ſein werde und ——., 93 daß man mir jetzt ſchon zu Willen ſein wird, wenn ich etwas durchaus haben will!“ „Hilf mir auf den Divan!“ ächzte indeſſen die Kurfürſtin und ſank, von der Stauberin geleitet, in die Kiſſen deſſelben nieder.„Mir vergehen die Augen, die Gedanken drehen ſich mir im Kopfe, als ſummte ein Bienenſchwarm darin. Du wirſt mir die Aja, die Frau von Mayerhofen, noch dieſen Morgen rufen und zwar allein. Dieſe Zuſammenkünfte der Kinder dürfen durchaus nicht mehr ſtattfinden.“ „Aber, Kaiſerliche Hoheit“, ſagte die Stauberin, „was iſt denn dabei Unrechtes? Es ſind ja Geſchwiſter.“ „Was dabei Unrechtes iſt? Und das kannſt Du fragen?“ rief die Kurfürſtin heftig.„Haſt Du nicht geſehen, wie der Knabe ſeine Schweſter umarmt und, ich glaube, ſogar geküßt hat? O, die Macht der Hölle iſt groß und— aber kein Wort weiter! Ich will nichts hören, will mir nicht einmal den Vorwurf machen müſſen, daß ich bei meinen Kindern irgend etwas ver⸗ ſäumt hätte, um ſie vor den Schlingen des Verſuchers zu bewahren.“ Damit zog ſie unter den Kiſſen einen Roſenkranz von duftenden türkiſchen Roſenkorallen hervor, deſſen Perlen ſie unter halblautem, eifrigem Gebete durch die Finger rollen ließ. Es gelang ihr bald, ihre Gedanken 94 zu ſammeln, ſie ward ruhiger, bald wurde das Ge⸗ flüſter immer unhörbarer; immer langſamer rollten die Betkorallen und bald hatte die Natur das ihr verwei⸗ gerte Recht erobert: das Haupt der Fürſtin ſank zu⸗ rück in die Kiſſen des Divans und in löſenden Schlum⸗ mer, der, von dem zuckenden Herzen lange verſcheucht, nun aber von der Ermüdung bereitwillig empfangen, doppelt erquickend auf ſie niederſank. Der Mann, dem all dieſe Unruhe gegolten, hatte inzwiſchen den Morgen unter nicht viel angenehmeren Gedanken und Empfindungen verbracht. Es war ihm ergangen wie den Gärten vor ſeinen Fenſtern, die nachts im heiterſten Mondlichte entſchlummert waren, um am Morgen unter kaltem Gewölke und Regenge⸗ träufel zu erwachen. Seine Gemächer lagen eine Treppe tiefer, unmittelbar unter denen der Kurfürſtin, mit ihnen durch eine geheime Wendeltreppe verbunden, die aber von der Bewohnerin des obern Stockwerks nach Belieben abgeſchloſſen werden konnte und je nach dem Wechſel ihrer Launen auch wirklich abgeſperrt wurde.. Karl Albert hatte erlebt, was Jedem begegnet, der mit vollem Zuge die Flut der Freude geſchlürft und den Becher bis auf die Neige geſtürzt hat: der fröhliche Taumel war peinlicher Ernüchterung gewichen 95 und ließ Kopf und Herz um ſo trockener und öder zu⸗ rück, je höher die Wellen des Vergnügens daran em⸗ porgeſchlagen. Der Kurfürſt ſaß bereits völlig angekleidet am Tiſche, auf welchem unter Schriften und Büchern aller⸗ lei Gegenſtände, zu Schmuck und leichtem Gebrauch be⸗ ſtimmt, in bunter Unordnung durcheinander lagen; er war eifrig beſchäftigt, aus einem aufgeſchlagenen Büch⸗ lein Sätze auf ein vor ihm liegendes Blatt zu über⸗ tragen. Es war die neue welſche Oper, Adriano in Syria betitelt, welche kommenden Faſching mit her⸗ gebrachtem Pomp gegeben werden ſollte und deren Text der menſchenfreundliche Fürſt ſelbſt ins Deutſche zu überſetzen unternommen hatte; er ließ die Bewohner ſeiner Reſidenz abwechſelnd unentgeltlich das Theater beſuchen, und damit ſich ihnen zum Genuſſe auch das Verſtändniß geſelle, wollte er auf dieſe Weiſe ſelbſt zur Ausbildung ſeiner Münchener Stadtkinder beitra⸗ gen. Die Arbeit ſchien aber nicht ſehr gut von ſtatten zu gehen. Der fürſtliche Ueberſetzer ſtrich und änderte gar viel, dann ſchrieb und ſtrich er, wieder; zuletzt ſchob er das Blatt ganz beiſeite, um es durch ein neues zu erſetzen, aber auch dieſem war kein günſtigeres Schickſal beſtimmt. Nach einiger Zeit warf er den langbärtigen Schwanenkiel unwillig weg, ſprang auf und ging im Gemache hin und wieder, haſtigen Schrit⸗ tes und Wolken des Unmuths auf der Stirn.„Das iſt nichts“, rief er halblaut vor ſich hin;„dieſe müh⸗ ſame Wortkrämerei mag für einen Schulmeiſter tau⸗ gen, aber nicht für mich, und wenn die Münchener auch den Text des Adriano verſtehen, was haben ſie, was hab' ich ſelbſt dabei gewonnen? Sie ſind nicht klüger geworden und ich habe Tage vergeudet; mein Leben iſt um ſo viel kürzer geworden, ohne an Inhalt zu gewinnen! Das iſt nichts. Ich möchte etwas erſin⸗ nen und thun, was mich ganz ausfüllte, was mich ſo in Anſpruch nähme, daß gar nichts Anderes mehr da⸗ neben Platz zu greifen vermöchte.“ Sich ſelbſt unterbrechend blieb er ſtehen und bückte ſich, einen auf dem dunklen Teppich blinkenden Gegen⸗ ſtand aufzuheben, den er bei ſeinem raſchen Aufſpringen achtlos vom Tiſche geſtreift hatte; es war eine gewölbte Meermuſchel, wie Pilger, die ins gelobte Land wallen, ſie an Hut und Kragen zu befeſtigen pflegen; ſie hatte ſich am Abend vorher von dem Gewande ſeiner ſchönen Nachbarin gelöſt, war in ſeine Hand gefallen und in der warmen Aufwallung des Augenblicks in ſeinem Wams verborgen worden. Einen Augenblick hielt er die Muſchel betrachtend, aber ſchon im näch⸗ ſten ließ er ſie gleichgültig unter die auf dem Tiſche 9 zerſtreuten Siebenſachen zurückgleiten.„Du mahnſt mich umſonſt“, ſagte er in halblautem Selbſtgeſpräch. „Du biſt nicht, wonach ich verlange, Du gehörſt dem Augenblicke, der Dich entſtehen heißt, und vergehſt mit ihm. Du biſt wie ein Tropfen Thau, der morgens auf einem Blatte ſchimmert, als ob er eine Perle wäre— der erſte Sonnenſtrahl verflüchtigt ihn und zeigt, daß eerr nur gewöhnliches Waſſer iſt.“ Im erneuten Hin⸗ und Herſchreiten blieb ſein Auge an der Hauptwand des Gemaches haften; ſie war beinahe von der Decke bis zum Fußgetäfel von einer großen Landkarte bedeckt, einem von Meiſterhand gezeichneten Kunſtwerke, das nach der Art jener Zeit die räumliche Ausdehnung auch zu einem örtlichen Abbilde zu machen ſuchte und, wie es die Flüſſe als ſolche darſtellte, auch den Zug der Gebirge und ihre Gipfel nachzeichnete und Burgen und Städte im Kleinen abkonterfeite. Es war eine Karte Baierns in dem Umfange, den das Land unter Kaiſer Ludwig gehabt, als es ſich jenſeits des Alpenſchnees von der Lombardei bis an die Ufer der Elbe und Oder und hart an die Oſtſee erſtreckte, als es ſeine Grenzen von den böhmiſchen Waldbergen bis zum Rhein ge⸗ zogen und dieſen entlang in Holland und an der Nord⸗ ſee ſeine Markſteine geſetzt hatte. Der Kurfürſt blieb davor ſtehen; ſeine Blicke hafteten Schmid, Concordia. I. 7 98 immer feſter daran und funkelten immer heller auf, aber er gab ſeinen Empfindungen keine Worte; in jenen bittern zehn Jahren öſterreichiſcher Gefangenſchaft, da ſein Vater, Kurfürſt Max Emanuel, von Thron und Land vertrieben, das Brod des Flüchtlings oder das noch herbere franzöſiſcher Gnade aß und ihn ſelbſt mit ſeinem Bruder als die geächteten Grafen von Wittels⸗ bach die Burgmauern von Klagenfurt umſchloſſen, hatte er ſich beherrſchen gelernt. Seine Stirn aber ver⸗ düſterte ſich und auf ſein Antlitz lagerte ſich ein Aus⸗ druck jener Melancholie, die ihn, ebenfalls ein Ueber⸗ bleibſel jener Zeit, oft mitten in der größten Fröhlich⸗. keit überkam und ein Grundzug ſeines Weſens gewor⸗ den war, ſicher nicht zu deſſen Nachtheil; denn das überlebhafte Blut ſeines Vaters, das mit gleichem Feuer auch in ſeinen Adern xrollte, bedurfte wohl einer Ge⸗ genwehr, wenn es nicht in unbewachten Augenblicken der Lebensfreude alle Dämme überfluten und die von beſſern Stunden geſtreute Saat guter Regungen ſammt dem Erdreich der edlen Vorſätze mit ſich ent ſchwemmen ſollte. Lange ſtand er vor der Karte und licß di Zei⸗ ten, von denen ſie erzählte, ſowie jene, die nach ihnen gekommen, an ſich vorüberziehen; zuerſt die Zeiten des gewaltigen Baiernkaiſers, der den Kampf mit dem 99 Uebermuthe und der Herrſchſucht Roms aufgenommen und, wenn auch unterliegend, als geiſtiger Sieger ge⸗ endet; dann kamen die Tage, in denen, da des Helden Auge ſich kaum geſchloſſen, ſein ganzes Werk zerbröckelte und zerfiel, gleich einer Aehrengabe, von der das eini⸗ gende Band genommen iſt, da das gewaltige Ganze wieder in Theile zerſplitterte und der Zwiſt der Theile ſie alle ſchwächte, daß es den Nachbarn leicht war, über Rain und Grenze zu ackern und mit Aehrenleſe zu halten! Wie anders das Bild, das die Gegenwart bok! Es zeigte Baiern wieder auf ſeine alten Stammlande be⸗ ſchränkt und gebeugt unter das einſt beſiegte Rom, das in keinem anderen Lande die Zügel der Herrſchaft ſo feſt ergriffen, als in ihm. Hinter dem Geiſterreigen der Vergangenheit aber und über die Geſtalten der Gegenwart hinweg dämmerte das Nebelbild zukünftiger Tage herauf! Unſicher floſſen und ſchwankten die Um⸗ riſſe durcheinander, aber es lag auf ihnen wie Roſen⸗ ſchimmer der Hoffnung, als tauche aus chaotiſcher Dämmerung eine neue Welt empor, die nur eines Ar⸗ mes harrte, der Kräft und Muth beſäße, den Wolken⸗ vorhang von ihr zu lüften und der neuen Welt die neue Sonne zu enthüllen, die ſie zu ihrem Werden bedurfte. In Karl Albert's Seele drängten ſich große Ge⸗ 726 100 danken— es erklang um ihn wie ernſte Mahnung, wie begeiſternder Aufruf zu einem großen Ziele, werth, alles Andere über ihm zu vergeſſen wie Spiel⸗ zeug, womit man in Kinderjahren getändelt, groß ge⸗ nug, um das Wollen zu adeln, ſelbſt wenn ihm das Vollenden nicht vergönnt wäre! Ehrerbietiges Pochen an der Thür unterbrach das wortloſe Selbſtgeſpräch des Fürſten, um anzuzeigen, daß, wie täglich, zur beſtimmten Stunde der Kammer⸗ diener mit dem Frühſtück bereit ſtehe. Karl Albert gab mit der Klingel das Zeichen und ein alter Mann mit ganz kahlem Haupte trat ein. Die koſtbare Silber⸗ platte in ſeiner Hand bildete einen auffallenden Ge⸗ genſatz zu der ärmlichen Einfachheit des darauf befind⸗ lichen Geſchirrs, das aus einem irdenen Topf der ge⸗ wöhnlichſten Art, einem Teller von gleicher Beſchaffen⸗ heit und einem Löffel aus ſchwarzem Horn beſtand. Der ſpärlichen Form entſprach auch die Kargheit des Mahls: es beſtand aus Waſſerſuppe mit gebräun⸗ ten Zwiebeln und einem Stück ſchwarzen Kornbrodes, derſelben Koſt, die in den Tagen der Gefahr und der Erniedrigung ihm oft gereicht worden war. Wohl hatte er ſich inzwiſchen an Reichthum und Genußwechſel ge⸗ wöhnt und an den Annehmlichkeiten des Lebens Ge⸗ ſchmack gefunden, aber trotz alles Aufwandes, den —.,—— —.,—— 101 er ſonſt weder in Wohnung noch bei der Tafel ver⸗ ſchmähte, blieb er in eigenſinniger Beharrlichkeit an dem Frühmahle hängen, das er in der traurigſten Zeit ſeines Lebens genoſſen; es ſollte ihm eine Mahnung ſein, auf wie vergänglichem Grunde irdiſche Macht und Hoheit ſtehe, vielleicht auch ein Denkzeichen, weſſen er ſich von jener Macht verſehen dürfe, die ihn einſt ſo bewirthet habe, wenn auch jetzt die Verhältniſſe ſich ſo freundſchaftlich geändert hatten, daß eine Tochter der⸗ ſelben als ſeine Gattin neben ihm auf dem Throne von Kurbaiern ſaß. Ueber ſein Mahl hinwegblickend, wurde der Kur⸗ fürſt erſt den alten Diener gewahr, der es gebracht hatte.„Ah, Du biſt es, mein alter Heckenſtaller!“ rief er.„Machſt Du wieder Deinen Dienſt? Das freut mich. Du biſt ja trotz Deiner Jahre ſo rüſtig, als wollteſt Du noch auf Freiersfüßen gehen.“ „Durchlaucht ſind ſehr gnädig“, entgegnete der Diener ehrfurchtsvoll.„Ich bin ſchwer krank geweſen und das kräftige Ausſehen iſt nur Schein, eigentlich bin ich recht ſchwach und hinfällig; aber wenn mich der Dienſt bei Eurer Durchlaucht trifft, nehme ich mich allemal zuſammen, weil ich immer denke, es ſei das letzte Mal. Dann bring' ich's immer wieder zu Wege und wenn ich herkriechen müßte!“ 102 „Biſt eine treue Seele“, ſagte Karl Albert herz⸗ lich,„das weiß ich. Aber ich errathe wohl auch, was Dich ſo gut erhalten hat. Du haſt ja lange in der Kutte geſteckt, als Du Dich vor dem Kaiſer flüchten mußteſt. Es ſoll ganz gut ſein, in der Kutte zu ſtecken.“ Der Greis ſah mit einer Verwunderung auf, welche an Beſtürzung grenzte; der ſcherzende Ton des Fürſten „ſchien ihn unangenehm zu berühren.„Das kann wohl ſein, Durchlaucht“, ſagte er dann,„für den, der aus eigenem Willen in die Kutte gekrochen; bei mir war das nicht der Fall und ich hab's in den zehn Jahren nicht vergeſſen können, was mich hineingeführt hat! Ich habe jeden Tag daran denken müſſen, daß es vie⸗ len andern braven Leuten nicht ſo gut geworden war, daß ſie ſich in eine Kutte hätten perkriechen können, daß der Jägerwirth, der wackere Senſer und mancher Andere auf dem Schrannenplatz ihren Kopf auf das Hochgericht tragen mußten. Jede Nacht ſind die blu⸗ tigen Geſtalten der braven Bauern vor mir geſtanden, die in der Mord⸗Weihnacht auf den Feldern von Send⸗ ling niedergemetzelt worden oder dann in der Stadt verblutet und erfroren ſind. Ich habe jede Stunde an das Elend denken müſſen, das draußen auf dem lieben Baiernlande lag; da hab’ich nicht viel von Ruh' und Frieden und Wohlleben verſpürt, trotz der Kutte.“ 10³ „Haſt Recht, Alter“, ſagte der Kurfürſt, indem er aufſtand und ihm die Hand zum Kuſſe reichte.„Es war nicht bös gemeint, es war ein Scherz, aber ich ſehe wohl, es gibt Dinge, mit denen man nicht ſcher⸗ zen darf. Und für mich haſt Du das Alles gethan! Für mich habt Ihr alle gelitten, für mich und meine Geſchwiſter, weil Ihr nicht dulden wolltet, daß man uns in die Gefangenſchaft fortſchleppte! O, glaube nicht, daß ich das vergeſſen habe, daß ich es je ver⸗ geſſen könnte! Es iſt noch tiefer in mein Herz gegraben als in das Eurige. Aber wie kommt es“, fuhr er mit einem abbrechenden Winke auf das Frühſtücksgeſchirr fort,„daß Du Dich ſchon zum Morgendienſte einge⸗ funden haſt? Du biſt doch nicht ſo früh aus der Stadt herausgekommen?“ „Watum nicht, Durchlaucht?“ entgegnete der Die⸗ ner lachend, indem er das Geſchirr ergriff und ſich der Thür näherte.„Ein Weg, den man gern geht, wird einem nicht zu weit, und trotz des kühlen, feuchten Wetters war der Gang gar lieblich und unterhaltlich; denn die Linden duften noch immer gar ſüß und in den Kronen derſelben nähmen Fink und Aimnſel und andere Singvögel vom Sommer und ihren Neſtern Ab⸗ ſchied. Und auf dem Kanal rührt ſich's auch überall, hier und da ſchnellt ſich ein Fiſch empor und die 104 Schwäne kommen aus ihren Bruthäuschen heraus und ſchnauben einen an, weil ſie glauben, es ſei der Wär⸗ ter, der ihr Futter bringt.“ „Sieh da“, unterbrach ihn der Kurfürſt,„es iſt, wie ich geſagt! Trotz Deiner Jahre biſt Du noch ſo lebhaft wie ein Jüngling. Aber iſt das Zwitſchern der Vögel die einzige Neuigkeit, die Du mir aus mei⸗ ner Hauptſtadt, meinem lieben München bringſt, in die ich nun faſt vierzehn Tage nicht hineingekommen bin?“ „Hm, Neuigkeiten gibt's wohl genug, aber nicht viel Neues“, entgegnete der Alte zögernd,„auch nichts Erfreuliches, wobei einem das Herz aufgehen könnte wie dem Vogel in den Zweigen.“ „Rede nur! Erzähle!“ rief der Kurfürſt und warf ſich in einen Lehnſtuhl.„Die Meldung meines Stadt⸗ hauptmanns kommt erſt gegen Mittag, vertritt Du ein⸗ mal ſeine Stelle. Da höre ich die Sachen wenigſtens, wie ſie ſind, Du wirſt nichts hinweg und nichts dazu thun, dafür kenn' ich Dich!“ „In der verwichenen Nacht“, begann der Greis mit unverkennbarer Unluſt,„ich hab's an der Neuhau⸗ ſer Thorwache gehört, iſt am Anger hinter den Mauern, wo's gegen das Henkerthürmlein hingeht, eine ganze Sippſchaft aufgehoben worden, die ſich aufs Schatz⸗ graben verlegt hat.“ 105 „Wirklich?“ rief der Kurfürſt unwillig.„Nimmt dieſe Thorheit noch immer kein Ende? Sind alle meine Geſetze und Verbote vergeblich? Gut, gut, wenn ſie es nicht anders haben wollen, ſollen ſie auch unerbittlich geſtraft werden!“ „Das mag wohl ganz gut und recht ſein, Durch⸗ laucht“, erwiderte der Alte,„aber die Leut' verſtehen's halt nicht beſſer, es iſt armes Volk. Ein abgehauſter Beinringler, der nicht weiß, wovon er leben ſoll, der hat ein Alräunchen gefunden, das hat ihm angezeigt, auf der Baſtei am Angerthor liege von der Schweden⸗ zeit her eine Geldkiſte vergraben; die haben ſie heben wollen, um ihrem Elend ein Ende zu machen! Und es iſt den Leuten nicht einmal gar ſo ſehr zu verden⸗ ken, war doch ſogar ein Pater Kapuziner dabei, der ihnen Lukaszettel gegeben und den Platz vorher ge⸗ weiht hat, wo der Schatz liegen ſollte; der aber iſt nicht mitgefangen, ſondern hat ſich vor Thorſchluß aus dem Staube gemacht.“ Eine raſche Geberde des Kurfürſten unterbrach und bedeutete ihn, in dem Berichte fortzufahren. „Dem Thörlbader ſind geſtern die Fenſter einge⸗ worfen worden, weil es geheißen hat, er hätte einen Juden baden laſſen, und heut' ſoll einer auf den Pran⸗ ger geſtellt werden. Das reißt nicht ab, Durchlaucht, 406 kaum iſt eine Execution vorbei, kommt ſchon eine andere.“ „Und weſſen Schuld iſt es, wenn die Verbrechen kein Ende nehmen?“ fragte Karl Albert unwillig. „Die Ihrige nicht, Durchlaucht“, ſagte unbefangen Heckenſtaller,„Sie thun, was Sie können, aber das Strafen allein macht's nicht aus, man ſollt' die Leute unterrichten, daß ſie keine Verbrechen begehn. Es iſt hart, Durchlaucht, aber die Herrſchaft der Oeſterreicher hat gar zu lang gedauert im Lande und hat bitter⸗ bös gehauſt. Die Häuſer ſind wohl wieder aufgebaut, die Felder ſind auch wieder beſtellt, aber in den Leuten iſt ein arger Bodenſatz zurückgeblieben, und bis die Verwilderung aus den Gemüthern und aus den Köpfen hinausgebracht iſt, das wird wohl noch eine lange Zeit dauern.“ „Wer wird auf den Pranger geſtellt und warum?“ fragte der Kurfürſt dazwiſchen. „Das weiß ich nicht recht. Es ſoll ein Fremder ſein, ein lutheriſcher Buchführer aus dem Ansbachiſchen, der mit verbotenen Büchern heimlich hauſiren ging und von den hochwürdigen Jeſuiten erwiſcht worden iſt. Er ſoll nun ausgeſtellt werden, damit ihn alle Welt kennt und ſich vor ihm in Acht nehmen kann!“ „Was für Schriften hat der Mann verbreitet?“ 107 „Das weiß ich auch nicht recht; aber es heißt, es ſei die heilige Schrift geweſen, die Bibel, aber ver⸗ deutſcht.“ Der Diener ſtockte, denn der Blick des Kurfürſten, der ſich ſchon bei den letzten Reden verfinſtert hatte, ruhte durchdringend auf ihm.„Nun, wenn es ſo iſt“, ſagte er,„geſchieht dem Mann ganz recht, ſollt' ich meinen! Die Bibel iſt nicht für Jeden; die ſoll nur leſen, wer ſie verſteht.“ „Ja, ich weiß wohl“, ſagte der Diener in einem „Tone, der zwiſchen Schüchternheit und Herzhaftigkeit ſchwankte,„daß es verboten iſt, und die geiſtlichen „Herren warnen davor, als wenn es das böſeſte Buch wäre; ich meine aber, es wäre das beſte von allen Büchern, und das Geſcheidteſte wäre, wenn man's zu⸗ Wege brächte, daß es Jeder leſen und verſtehen könnte. Im Kloſter bei den Franziskanern in Freiſing, Durch⸗ laucht, da hab' ich die heilige Schrift zum erſten Male geſehen, da habe ich angefangen ſie zu leſen, und ſeit⸗ dem leſe ich ſie alle Tage, und ſeitdem bin ich trotz meines Alters ein ganz anderer Kerl geworden, und wenn das ein ſo großes Unrecht iſt, dann werd' ich in Gottes Namen auch noch Pranger ſtehen müſſen.“ „Des Kurfürſten Auge hatte ſich noch mehr um⸗ wölkt. Wohl waren Milde und gütige Nachſicht ein 108 Hauptzug ſeines Gemüthes, aber die Erziehung der Jeſuiten, die in den erſten Jahren der Gefangenſchaft ſeine einzigen Lehrer geweſen, hatte ihm eine tiefe, faſt unwillkürliche Scheu und Aengſtlichkeit vor Allem eingepflanzt, wobei er mit ihnen oder der Kirche über⸗ haupt in Widerſpruch gerathen konnte. Er dachte hell genug, um Manches in dieſem Bereich als zu weit gehend und als Uebergriff zu erkennen, aber er ſcheute den Kampf und ſchien es lieber zu überſehen. Er glich einem Manne, der, nicht ohne geiſtige Thatenluſt, auch körperlich kräftig, ſeinen Arm wohl zu gebrauchen vermöchte, es aber nicht thut, weil jede Bewegung ihn an eine einſt daran empfangene Wunde mahnt und den alten Schmerz derſelben erneut.„Es iſt gut“, ſagte er, ſich abwendend„geh Deiner Wege; die Schmach des Prangers wird Deinem grauen Kopfe wohl er⸗ ſpart bleiben, aber ich finde, Du fängſt wirklich an, kindiſch und altersſchwach zu werden, man muß Dir Ruhe gönnen, und ich werde ſorgen, daß es geſchieht!“ Der Diener verſtand den Sinn der Worte nur zu wohl, eine ſchmerzliche Bewegung ging über ſein Angeſicht; aber ehe er derſelben Worte zu geben ver⸗ mochte, trat der Oberkammerdiener ein mit der Mel⸗ dung, ein Wildhüter habe im Auftrag des Oberjäger⸗ meiſters Grafen Gaudenz von Rechberg die Botſchaft x 109 gebracht, daß im Walde unmittelbar hinter dem Schloß⸗ garten ein prachtvoller Zwanzigender aufgeſpürt wor⸗ den ſei, ein gewaltiger Berghirſch, der ſich ohne Zwei⸗ fel vom Gebirge in die Ebene verlaufen habe. Das Wetter laſſe ſich günſtig an, es gebe eine prächtige Parforcejagd, zu der, wenn es Durchlaucht gefällig, in einer halben Stunde Alles bereit ſein ſolle.„Seine Excellenz der Herr Graf“ fuhr der Kammerdiener fort, „haben an der Zuſtimmung Eurer Durchlaucht nicht gezweifelt und vorſorglich bereits alle Anſtalten ge⸗ troffen, daß die Cavalcade aufbrechen kann, ſobald es Durchlaucht beliebt.“ Die Meldung war hochwillkommen; nichts war ſo geeignet, das Gewölk der trüben Morgenſtimmung zu zerſtreuen, als ein wilder Ritt durch Waldesfriſche und Morgenkühle, mußte doch alles Läſtige weit und ſpurlos zurückbleiben hinter dem fröhlichen Reiter. Karl Albert war augenblicklich bereit. Er befahl, ſeinen Anzug entſprechend zu vervollſtändigen und der Kurfürſtin die Einladung zur Jagd zu vringen; alle, die als Angehörige des Hofes in der Sommerreſidenz anweſend waren, ſollten dazu aufgerufen werden; er wolle ſelbſt ſehen, wer zugegen ſei, und daran erken⸗ nen, wer ſich ein Vergnügen daraus mache, ihm den Willen zu thun. Aller Trübſinn, aller Unwille war 110 verſchwunden, Karl Albert ſchien plötzlich ein Anderer geworden; hatte er doch etwas vor ſich, was Erregung und Erheiterung verhieß, weil es Abwechslung brachte. Bald begann es nun vor der großen Freitreppe am Mittelpavillon des Nymphenburger Schloſſes leb⸗ haft zu werden. Immer reicher, immer farbiger, im⸗ mer lebensvoller ſtellten ſich die Beſtandtheile eines großen Jagdbildes zuſammen. Von allen Seiten ſtröm⸗ ten die Diener und Jäger herbei, jene in blauer, reich mit Silber bordirter Livree, dieſe in grünen Röcken mit rothen Auf⸗ und Ueberſchlägen und goldenen Treſ⸗ ſen darauf. Die Piqueure, in gleicher Tracht mit knappen Beinkleidern und Reitſtiefeln von gelbem Le⸗ der, die großen gewundenen Hörner um die Schultern, tummelten ihre ſtattlichen Pferde heran und ließen ſie die Wendungen und Sätze machen und einüben, deren es bedurfte, um auf dem gewaltſamen Ritte durch Dick und Dünn den gehetzten Hirſch zu verfolgen und auf der richtigen Bahn zu erhalten. Von anderer Seite näherten ſich die Reitknechte mit den reichgeſchirrten Pferden des Kurfürſten und ſeiner Gemahlin, ſowie des Jagdgefolges von Cavalieren und Damen, mit Mühe die feurigen, jagdgewohnten Thiere bändigend, die ungeduldig ſchnaubten und ſich bäumten, als wüß⸗ ten ſie, welch fröhliches Rennen ihnen bevorſtehe. Carroſſen fuhren vor, um jene Jagdgäſte aufzunehmen, die den anſtrengenden und nicht ungefährlichen Par⸗ forceritt nicht mitmachen, doch aber die Luſt des Ja⸗ gens nicht miſſen und mindeſtens auf dem eigentlichen Platze beim Halali nicht fehlen wollten. Die Zahl, Schönheit und edle Art der Thiere, Reichthum, Pracht und Zierlichkeit der Geſchirre, Wagen und Beſpan⸗ nungen zeigten, daß der Kurfürſt nicht umſonſt am⸗ Hofe des fünfzehnten Ludwigs von Frankreich geweilt und während eines halben Jahres deſſen Vermählung mit der ſchönen Maria Leſzezynska mitgefeiert hatte. Allmälig begannen auch die zu dem unvermutheten Jagdvergnügen aufgerufenen Hofleute aus den ver⸗ 1 ſchiedenen Thoren und Thüren hervorzukommen, die Männer je nach Geſchmack des Einzelnen in der⸗ bem oder zierlichem Jagdrocke, die Damen in hochge⸗ ſchürztem Reitkleide und Federhute, wie ſie paßten, um im Sturmritte über das Blachfeld oder unter dem Hochwalde anmuthig dahin zu fliegen und zu flattern und doch die Reiterin ſelbſt nicht zu hindern. Die meiſten von den Kirchweihgäſten der vergangenen Nacht waren ebenfalls darunter, manche mit verſchlafenem Angeſicht und übernächtigen Augen; denn nicht alle be⸗ ſaßen ſo viel Schnellkraft der Sehnen und Friſche des Blutes, um gewiſſermaßen ohne Erholung und Zwiſchen⸗ raum von einem Vergnügen in das andere überzu⸗ gehen und wie ein Nachen aus dem Fluſſe ins hohe Meer hinauszutreiben. Da fehlten nicht die Herren von Wenſchenſtein, Pioſasque und Andere, die ihren Dienſt als Kämmerlinge nicht zu verſäumen trachteten, der holländiſche Freiherr von Zwiebel und, ſtark ver⸗ ſchlafen, ja beinahe unwillig, der jüngere Graf Leoni, der auf die Frage eines Genoſſen, ob er gar nicht zu Bette gekommen, die Hand vor den gähnenden Mund hielt und verdroſſenen Tones erwiderte, nicht der man⸗ gelnde oder unterbrochene Schlaf ſei es, was ihn ver⸗ ſtimme, ſondern die Art des Vergnügens, die er aus⸗ zuſtehen gezwungen ſei. Als Oberaufſeher der geſamm⸗ ten Falknerei und der Reiherbeizen war er ein begei⸗ ſterter Verehrer dieſer Jagdform und gefiel ſich darin, jede andere abgeſchmackt zu finden, namentlich galt ihm die Hirſchjagd für einen armſeligen Zeitvertreib.„Du haſt übrigens nicht Urſache, mich zu necken“, fügte er hinzu;„denn Du ſiehſt nicht minder übernächtig aus als ich.“ „Das kommt davon“, entgegnete der andere,„daß ich ſchlecht geſchlafen habe. Ich kam aus einem unan⸗ genehmen und unruhigen Traum in den andern, und weiß der Henker, wie es kam, daß ich die ganze Zeit über immer den fatalen Kammerrath nicht aus dem —ʃʃ³ —— — 113 Sinne bringen konnte. Sobald ich nur die Augen ſchloß, hatte ich immer wieder ſein ausgetrocknetes Zifferngeſicht vor den Augen und ſah, wie er mir mit höhniſcher Miene an ſeinen ausgeſpreizten Fingern vorrechnete und vorzählte.“ Indeſſen hatte ſich die Wetterkunde des Ober⸗ jägermeiſters glänzend bewährt; mit dem ſteigenden Tage wuchs auch die Gewalt der Sonne, das immer mehr ſich verdünnende Gewölk begann allmälig ganz zu zerflattern, und ſtellenweiſe brach bereits das reine Himmelblau durch den Schleier. Der Uhrzeiger an dem kleinen Thürmchen der Franziskanerkirche zeigte auf neun Uhr, als von der Stadt her durch das Rondel eine feine offene Carroſſe herangeſauſt kam, in welcher der Marquis Belleisle im ausgeſuchteſten Hofanzug ſaß und, als er die Geſellſchaft bemerkte, dem Kutſcher zu halten befahl. Mit der Leichtigkeit eines Jünglings und der Grazie eines echten Elegants ſprang er heraus, um nach kurzem Morgengruße ſich um die Bedeutung der großartigen Anſtalten, die er überall erblickte, zu erkundigen.„Mais non“, rief er, als er dieſelbe vernahm;„das iſt ja nicht möglich! Seine Durchlaucht haben mich ja zur Audienz be⸗ ſchieden.“ „Was hat das zu ſagen?“ entgegneten lachend Schmid, Concordia. I. 8 114 die Andern.„Sie werden die Audienz ein anderes Mal haben.“ „Aber ich ſage Ihnen ja, daß das unmöglich iſt“, rief der Franzoſe.„Ich kann ein anderes Mal nicht abwarten. Als ich heute nach Hauſe kam, fand ich eine Depeſche meines Bruders, des Marſchalls von Frankreich, vor, mit einer Nachricht von ſolcher Impor⸗ tance, daß ich München und Deutſchland noch dieſen Abend verlaſſen muß! Ich muß im Fluge nach Paris zurück. Seine Durchlaucht können das nicht vergeſſen haben und werden ſicher in Acht nehmen, daß Sie mir die Stunde beſtimmt haben!“ „Das haben Seine Durchlaucht auch gethan“, ſagte der Freiherr von Freyberg, der, wie ein von der Nacht übrig gebliebener Schatten, in ſein düſteres Grau gehüllt, nach ſeiner Art unbemerkt genaht war und das Geſpräch mit angehört hatte.„Seine Durch⸗ laucht laſſen Ihnen vielmehr zu wiſſen thun, daß es bei der Audienz bleibe, nur Stunde und Ort ſind ver⸗ ändert; Seine Durchlaucht werden auf der Jagd Ge⸗ legenheit finden, Sie zu ſprechen.“ Der Franzoſe wollte Einwendungen machen, aber der Freiherr deutete achſelzuckend nach einem ſchwer⸗ fälligen Galawagen, welcher indeſſen ebenfalls heran⸗ gerollt war und welchem Graf Peruſa und der Kanzler 115 Unertl in großer Hoftracht nicht minder ſchwerfällig und mit Mienen entſtiegen, welche das Befremden über das, was ſie ſahen, nicht zu verbergen ſuchten. „Tröſten Sie ſich mit dieſen Herren“, fuhr Frey⸗ berg fort,„welche das gleiche Schickſal haben!“ „Allerdings, ich bin zur Conferenz beſtellt“, be⸗ merkte der Kanzler mit mühſam verhaltener Entrüſtung. „Und ich“, rief Graf Peruſa,„ſoll über meine Wiener Miſſion Bericht erſtatten. Der geſammte ge⸗ heime Conferenzrath iſt dazu eingeladen, und die Sache duldet durchaus keinen Aufſchub.“ „Ganz recht, meine Herren“, ſagte Freyberg wie zuvor.„Die Conferenz wird auch ſtattfinden. Die Herren ſind eingeladen, der Jagd im Wagen zu fol⸗ gen; auf dem Platze, wo das Hallali gehalten wird, wird ſich auch zu der Conferenz Gelegenheit finden.“ Die Beamten hatten nicht Muße, ihre Verwun⸗ derung über die unerwartete Nachricht auszuſprechen, denn im nämlichen Augenblicke trat der Kurfürſt, voll⸗ ſtändig zur Jagd geruſtet, aus dem großen Saale auf die Terraſſe der Freitreppe heraus, begrüßt von einer heitern vollſtimmigen Hornfanfare der Jäger und Pi⸗ queure, welche inzwiſchen in weitem Halbkreiſe ſich vor dem Pavillon aufgeſtellt hatten. Nur der Marquis fand noch Gelegenheit, eine ärgerliche Bemerkung hin⸗ 8* 116 zuwerfen.„Ich muß geſtehen“, ſagte er,„dieſer Hof von Kurbaiern iſt die Heimat der Ueberraſchungen. Ich habe ſchon viel geſehen und erfahren, aber daß auch die Staatsgeſchäfte par force abgemacht werden, das iſt jedenfalls originell.“ Eine zweite Fanfare verkündete das Erſcheinen der Kurfürſtin im grünen weißbefiederten Amazonen⸗ hute, unter welchem das voll gerundete Angeſicht, um⸗ rahmt von der Fülle der Lockenringe, die auf die grüne Jagdpikeſche herniederfielen, angenehm hervorſah. Un⸗ ter dem von einem breiten Goldgürtel mit Hirſchfänger zuſammengehaltenen Ueberwurf bauſchte ein lang ſchlep⸗ pendes Reitkleid von weißer Seide in reicher Fülle hervor. Die Fürſtin war ſichtlich erheitert, die Er⸗ wartung der Jagd, der ſie leidenſchaftlich ergeben war und die heute ihren Wünſchen beſonders gelegen kam, ſowie der Umſtand, daß ihr Gemahl ſie ſogleich dazu eingeladen, hatte ihre Stimmung gehoben und trotz der ſchmerzensreichen Erinnerungen des Morgens fiel es ihr nicht ſchwer, ihn mit liebenswürdigem Lächeln zu bewillkommnen, als er mit dem edlen, gewinnenden Anſtand und all dem einſchmeichelnden Weſen vor ſie trat, das ihm zu Gebote ſtand, wenn er ſich ihr ge⸗ genüber ſchuldig wußte und damit gewiſſermaßen ein Unrecht abbat, das er ihr insgeheim angethan. 41ʃ „Guten Morgen!“ ſagte Karl Albert, indem er ihre Hand ergriff und an den Mund führte.„Eure Liebden finden ſich ſo pünktlich zu dem Rendezvons ein und beſchämen den Morgen durch den Liebreiz Ihrer Erſcheinung, daß er ſich beeilt, ebenfalls eiligſt das Regenkleid abzuwerfen! Wäre dieſe Umgebung nicht, ſo würde ich glauben, es wäre Diana ſelbſt, die reizende Göttin der Jagd, die mir entgegentritt.“ „Wenn ich Diana wäre“, erwiderte die Kurfürſtin bedeutſam,„wäre an meinem pünktlichen Erſcheinen zur Jagd wohl nichts zu verwundern; das Weidwerk iſt ihr Geſchäft und ihre Luſt. Vielleicht hätte ſie eher beſorgen dürfen, ihren Endymion noch ſchlafend zu finden, der die Nacht hindurch gewacht.“ „Wie es ſcheint, iſt Diana geheimer Dinge kun⸗ dig?“ .„Natürlich, ſie iſt ja auch die Göttin des Mondes und Luna erfährt und ſieht gar Manches, was allen Andern im Dunkel der Nacht verborgen bleibt.“ Sie war im Begriffe, noch mehr zu ſagen und die leichte Verwirrung in den Zügen ihres Gemahls auszubeuten, verſtummte aber plötzlich, entweder weil der Stall⸗ meiſter den herrlichen ſilbergrauen Renner vorführte, der ſie tragen ſollte, oder weil neben dem ſtattlichen, im Luſtgefühle der Kraft tänzelnden Thiere auch ihr 118 weibliches Gefolge unter tiefen Verbeugungen näher trat. Unter den Vorderſten war Gräfin Morawika, ganz in lichtblaue Seide gekleidet, auf dem Haupte einen aufgekrempten Hut von gleicher Farbe, von wel⸗ chem eine mächtige weiße Feder den halben Nacken hinabhing. Die hohe, voll und ſchön geformte Geſtalt überragte die andern Damen ebenſo, wie der Liebreiz ihres ſcharf, aber edel geſchnittenen Angeſichts, die Feuerglut ihrer dunklen Augen und die Pracht ihres rabenſchwarzen Haares Alles um ſie her verdunkelte. Die Kurfürſtin liebte es, zu ihren Gefährtinnen immer die ſchönſten Damen zu wählen; ſie ſchien nicht zu befürchten, daß ſie dadurch in den Schatten geſtellt würde, vielmehr lag darin, daß die Schönſten ihr dienten und als Herrin und Gebieterin huldigten, für ſie ein Triumph des Uebergewichtes, an dem ſie ſich erfreute und der ihr Genugthuung gewährte. Auch der Blick des Kurfürſten hatte dieſelbe Rich⸗ tung eingeſchlagen, er war ſichtbar von der blen denden Erſcheinung überraſcht und überdachte im Fluge, in welcher der drei Geſtalten die gefährliche Dame wohl am ſchönſten ſei, ob als Schifferin im Mondlichte des einſamen Gartens, als Pilgerin beim Strahle der feſtlichen Kerzen oder als Jägerin im vollen Glanze der Sonne, die eben jetzt, als hätte ſie den Augenblick —p,— 119 eigens abgewartet, mit aller Pracht ſiegreich aus dem Gewölke hervortrat. Die Kurfürſtin that, als gewahre ſie die ſchöne Dame gar nicht, und ſchickte ſich an, ihren Fuß in den vom Stallmeiſter bereit gehaltenen Bügel zu ſetzen; wir zufällig entfiel dabei die Reitgerte ihrer Hand und kam gerade vor die Füße der ſchönen Gräfin zu lie⸗ gen. Die Gräfin ſchien zu ſchwanken, ob ſie ſich da⸗ nach zu bücken habe, ehe ſie aber zum Entſchluſſe kam, war aus den Reihen der Cavaliere ein junger Mann raſch hervorgetreten, hob die Gerte auf und überreichte ſie der Kurfürſtin. „Ich danke Ihnen, Fürſt Porzia!“ ſagte die Kur⸗ fürſtin freundlich.„Sind Sie wieder am Hof von München?“ „Seit dieſem Morgen, Kaiſerliche Hoheit!“ ent⸗ gegnete der Fürſt, ein junger Mann von auffallend hagerer, aber gelenker Geſtalt und einem ſchmalen, ſüdlich dunklen Geſichte.„Es war mir noch nicht ver⸗ gönnt, mich vorſtellen zu können, und im Vertrauen auf die früher genoſſene Huld habe ich mir erlaubt, mich ſogleich an die Jagd anzuſchließen“ „Und Sie wollen diesmal länger bleiben?“ fragte die Kurfürſtin mit eigenthümlichem Lächeln.„Sie werden uns diesmal nicht ſo ſchnell verlaſſen? Nun, 120 ich glaube zu errathen, was Sie zurückführt und auch zurückhalten ſoll. Sie ſind übrigens ſehr galant, daß Sie meine Damen ihres Dienſtes überheben; aber ich würde es paſſender finden, wenn meine Daman ſich des Dienſtes nicht überheben ließen.“ Während⸗ deſſen hatte ſie ſich in den Sattel geſchwungen, den Zügel ergriffen und ſchwang weit ausholend ihre Gerte, daß es ungewiß war, ob der Hieb dem Pferde gelten ſolle, das ſich bäumend mit den Vorderfüßen hob, oder der Dame, die unmittelbar vor demſelben ſtand und, um nicht getroffen zu werden, mit Glut über⸗ goſſen unwillkürlich einen Schritt ſeitwärts machte. Schnell war auch der Kurfürſt zu Pferde geſtie⸗ gen, die ganze Geſellſchaft hatte ſich ebenfalls beritten gemacht, die fahrenden Jäger wider Willen waren er⸗ gebungsvoll in ihre Wagen und Carroſſen geſtiegen und auf des Herrſchers Wink wurde von den Troßbuben die Meute vorgeführt, eine zahlloſe Schaar der auser⸗ leſenſten Hunde aller Art, die an Leinen und Gurten zerrend durcheinander drängten und ein mehr als hun⸗ dertſtimmiges Gebell erhoben, das, den Ohren der Jäger ein willkommener Klang, die Hornfanfaren über⸗ dröhnte, die den Aufbruch des Jagdzuges verkündelen. Bald hatte dieſer den Garten und die Schloßmauer umritten und war hinter demſelben im Walde ange⸗ — 124 kommen; ſchnell waren die Hunde losgekoppelt, und ſchon nach wenigen Augenblicken verrieth ihr anſchlagen⸗ des Gebell, daß ſie die Spur des Hirſches aufgefunden und dann dieſen ſelbſt aufgeſcheucht hatten. In ma⸗ jeſtätiſchen Sätzen kam das edle Thier aus dem Dickicht hervor; als kenne es die ihm drohende Gefahr nicht, oder verachte dieſelbe, ſtand es einen Moment ſtill, den Kopf mit dem herrlichen Geweih ſtolz zurückgeworfen, und blickte ſeine Verfolger wie fragend und heraus⸗ fordernd an; im Nu waren ihm die Piqueure zur Seite und hinter ihm, um ihn auf die Wildbahn zu leiten und in ihr zu halten. Jetzt warf ſich das edle Thier in die Flucht. Kläffend, bellend und heulend ſtürzte die losgelaſſene Meute der Hunde ihm nach und hinter dieſen flog die ganze Schaar der jagenden Reiter einher, mit wehenden Haaren, Schleiern und Gewändern, in Gruppen oder einzeln, wie die Schnel⸗ ligkeit der Pferde oder die Kühnheit der Reiter ſie zu⸗ rückhielt oder vorwärts trieb. Der Wald, der damals von Nymphenburg unun⸗ terbrochen bis Starnberg ſich hinzog, war ein ſchöner, geſchonter Hochwald, meiſt aus hohen Föhren mit ab⸗ wechſelnden Buchenſchlägen beſtehend, und darum beſonders zur Hetzjagd geeignet, weil es leicht möglich war, unter den hohen Aeſten hinweg zu reiten. Auch bot der meiſt ebene Boden beinahe keine Schwierig⸗ keiten dar, abgeſehen von ein paar kleinen, leicht über⸗ ſetzbaren Bächlein und einigen Gebüſchniederungen oder einem Zaune, durch welchen hier und da ein Bauer ſein Aeckerchen vergebens zu ſichern verſucht hatte. Fröhlich, von keinem Unfall geſtört, ſtürmte der laute, glänzende Zug dahin und hatte in kurzer Zeit das damals noch reich bewaldete Thal erreicht, aus wel⸗ chem die Thürme von Gauting emporſahen. Der ſchon ermattende Hirſch rannte mit letzter Anſtrengung noch die Anhöhen hinan, jenſeits deren der Würmſee einge⸗ bettet liegt, die Hunde kamen ihm immer näher, bald mußte er ſich von der Unmöglichkeit weiterer Flucht überzeugen. Der Augenblick war nahe, wo er ſich gegen die Meute ſtellen und den Kampf mit den Geweihen aufnehmen mußte, um durch den glücklichen Weidmann, der zuerſt an der Stelle anlangte, den Todesfang zu erhalten. Auf einer ſchönen, leicht abgedachten Waldlichtung trat die erwartete Wendung wirklich ein: der Hirſch, von den Verfolgern gedrängt, wandte ſich und hatte im nächſten Augenblicke einige Hunde, die ſich am näch⸗ ſten herangewagt, mit dem Geweih gefaßt und von ſich geſchleudert, daß ſie ſich heulend und blutend rück⸗ lings auf dem grünen Waldmoos wälzten. Mit dem . 123 letzten Widerſtande war aber auch die letzte Kraft des Thieres gebrochen: halb gelähmt zuſammenbrechend, halb von den Hunden niedergezerrt, knickte der Hirſch nieder, und ſchon ſprengten die Piqueure heran und begannen das Hallali zu blaſen, unter deſſen muthigen, fröhlichen Klängen die berittenen Jäger näher ſtürmten, allen voraus, entweder vom eigenen Eifer getrieben oder von der Galanterie der Uebrigen nicht eingeholt, die Kurfürſtin. Die blonden Locken, vom Ritte losgegangen, flogen ihr frei um Schultern und Nacken, in den Augen blitzte ungewohntes Feuer und auf den Wangen brannte die Glut freudiger Erre⸗ gung. Gewandter, als nach ihrer Geſtalt ſich erwar⸗ ten ließ, und ohne Hülfe ſchwang ſie ſich aus dem Sattel und ſchien ſelbſt den Hirſchfänger zücken zu wollen, aber derſelbe junge Mann, der ihr kurz zuvor die Gerte gereicht hatte, kniete bereits auf dem gewal⸗ tigen, mit letzter Kraft ſich aufbäumenden Thiere und gab ihm den Fang, daß es in ſchweren Zuckungen ſich ſtreckend verendete. Auf den Knieen, mit allem Aufwand von Artigkeit, überreichte er dann der Kuxfürſtin den Knicker, als wäre ſie es geweſen, die über den König der Wälder Meiſter geworden. Die zunächſt Heran⸗ kommenden, unter ihnen der Kurfürſt, mußten das glauben oder gaben ſich den Anſchein ,es zu thun. „Nun, bei der ſchwarzen Jungfrau von Oetting“, rief Karl Albert lachend, indem er ebenfalls abſtieg, „dieſer junge Herr iſt ein Cavalier von echtem Schrot und Korn! Eure Liebden dürfen wohl darauf denken, wie Sie ihn für dieſen Ritterdienſt belohnen.“ „Ich glaube die rechte Belohnung bereits gefun⸗ den zu haben“, entgegnete Amalie mit Beziehung,„und werde nicht ermangeln, Curer Liebden vielleicht noch heute eine Mittheilung zu machen, bei welcher ich des⸗ halb auf Dero freudige Zuſtimmung rechne.“ „Das können Eure Liebden auch unbedingt“, ent⸗ gegnete Karl, ihr den Arm bietend.„ZJetzt aber er⸗ lauben Sie mir die Bitte, als Königin des Tages den Platz beſtimmen zu wollen, wo das Jägermahl gehal⸗ ten werden ſoll!“ Während ſie ihm folgte, ſammelten ſich die übri⸗ gen Cavaliere und Jäger um den erlegten Hirſch und die Troßbuben machten ſich daran, die Hunde, welche ſchnaubend und gierig ihr Opfer umringten, wieder zu koppeln und an den Platz zu führen, wo ſie nach altem Jagdbrauch den Aufbruch des friſch zer⸗ wirkten Thieres als Belohnung erhalten ſollten. „Haben Sie geſehen, Baron Truchſeß?“ rief Zwie⸗ bel, der unter den Vorderſten ſtand.„Ein Paar von den Bluthunden des Fürſtenberg hat die Hetze mitge⸗ 125 macht und iſt von den übrigen weit überholt worden— das beweiſt, daß ich Recht gehabt habe, es ſind keine Abkömmlinge der alten ſpaniſchen Raſſe.“ „Wer weiß?“ rief Baron Freyberg, der, ſo eifrig er beſchäftigt war, die Anordnungen zur Mahlzeit zu überwachen, es doch nicht über ſich gewinnen konnte, im Vorübergehen eine beißende Bemerkung einzuwerfen. „Ihre Behauptung iſt durch dieſes einzelne Factum noch keineswegs bewieſen. Man hat Beiſpiele genug, daß trotz aller Echtheit der Abſtammung Abkömmlinge mit ihren Vorfahren nicht die geringſte Aehnlichkeit haben.“ „Mort de diable!“ ſchrie Zwiebel, indem ihm das Blut ins Geſicht ſchoß, und wollte dem Freiherrn nach, wurde aber von den Umſtehenden zurückgehalten.„Es ſcheint, dieſe graue Excellenz hat es darauf abgeſehen, ſich durch ſonderbare Redensarten bemerklich zu machen. Ich werde mir eine Erklärung von ihm aus⸗ bitten.“ „Das mögen Sie thun“, entgegnete abwehrend Leoni;„nur nicht hier und nicht in Nymphenburg! Verſparen Sie es, bis der Hof nach der Stadt zurück⸗ gekehrt iſt! Der Kurfürſt nimmt es höchſt ungnädig auf, wenn die Vergnügungen des Landaufenthalts durch irgend etwas geſtört werden. Wenn Sie alſo, wie Sie mir anvertraut haben, eine Forderung von Brüſſel her geltend machen wollen und einen günſtigen Beſcheid hoffen—“ „Mort de diable!“ murmelte Baron Zwiebel, in⸗ dem er den halb gezogenen Degen in die Scheide zurückſtieß,„ich werde es nicht vergeſſen und den grauen Herrn zur rechten Zeit erinnern.“ Mit einer an Zauber grenzenden Schnelligkeit war inzwiſchen an dem von der Kurfürſtin bezeichneten Platze das mitgeführte Jagdzelt aufgerichtet worden. Aus den bereit gehaltenen Tafeln und Pflöcken waren Tiſche zuſammengefügt, deren koſtbare Damaſtbedeckung, bis auf den Moosboden des Waldes reichend, bald nichts mehr von ihrer urſprünglichen Einfachheit er⸗ kennen ließ; auch der Wagen mit dem übrigen Geräth, ſowie mit den zerlegbaren, reich verzierten Feldſtühlen kam heran, und in wenig Augenblicken bot das Ganze den Anblick eines mit Sinn und Geſchmack in das Waldesgrün eingebauten Feſtſaals. Auch der Wald⸗ platz ſelbſt war mit Geſchmack gewählt. Unter mäch⸗ tigen Buchen dachte die Anhöhe ſanft verlaufend ſich gegen den Würmſee ab und öffnete den unbeſchränkten Ausblick über den ganzen meerähnlichen Waſſerſpiegel, zur rechten Seite im Vordergrunde von den Zinnen und Mauern des damals noch ſehr ſtattlichen Starn⸗ berger Schloſſes abgegrenzt, links von den jenſeitigen 127 Uferhöhen und darüber empor von den Bergen um— rahmt, damit dem anmuthig heitern Bilde der ernſte, ſinnvolle Abſchluß nicht fehle. Nicht alle vermochten unter dem für die höchſten Herrſchaften beſtimmten Obdach Platz zu finden; viele mußten ſeitwärts auf Wieſe und Waldboden ihre Tafel aufſchlagen; tiefer im Thalgrunde hatten ſich die Bereiter und Stallknechte mit Pferden und Hunden gelagert, um dieſe zu füttern und jene durch Herum⸗ führen verkühlen zu laſſen; im Waldgrunde aber waren die Jäger mit ihren Hörnern gelagert, während eine über die Buchenwipfel ſich emporkräuſelnde Rauchſäule die Stelle verrieth, wo aus Feldſteinen Herd und Küche aufgerichtet war. Daß man den Keller nicht ver⸗ geſſen hatte, zeigten bald Becher und Gläſer, welche gefüllt im Zelte und den übrigen Lagerplätzen an ein⸗ ander klangen und glänzten. Unweit des Herdes bei einer felſigen Bodenver⸗ tiefung, in der man der Kühle wegen Flaſchenkeller und Fäßlein untergebracht hatte, ſaß der alte Hecken⸗ ſtaller, der zu Wagen nachgekommen war, um den Dienſt an der Tafel zu verſehen, jetzt aber ſich tod⸗ müde ins Gras geworfen hatke. Die Anſtrengung der Fahrt nach der heftigen Aufregung des Morgens hatte die Kräfte des Alten ſo völlig aufgezehrt, daß er den Dienſt, obwohl er vermuthlich ſein letzter ſein ſollte, wider Willen jüngeren Händen, an denen kein Man⸗ gel war, überlaſſen mußte. Er blieb übrigens nicht lange allein. Piqueure, Jäger, Reitknechte und andere Hofdiener, vom Speiſegeruche und der Hoffnung ge⸗ lockt, von den Tafelreſten einen Theil zu erbeuten, leiſteten ihm bald fröhliche Geſellſchaft. Der eine, ein junger, wohlgewachſener Menſch in grünem Jäger⸗ kleide, hatte ſich ſelbſt vorgeſehen und faltete einen gro⸗ ßen Bogen Druckpapier auseinander, aus welchem er behaglich ein tüchtiges Stück gebratenen Kalbfleiſches hervorzog, dann aber den Bogen behutſam wie etwas beſonders Koſtbares wieder zuſammenlegte. „Was hat Er denn da ſo Merkwürdiges“, fragte Heckenſtaller,„daß Er den Bogen ſo ſorgſam auf⸗ hebt?“. „Weiß es ſelbſt nicht recht, was es iſt und wie ich dazu gekommen bin“, erwiderte der Jäger.„Ich hab' den Bogen einmal irgendwo gefunden und hab' ihn immer aufgehoben und gemeint, ich wollt' einmal dazu kommen, ihn zu leſen; aber das Leſen iſt ein hartes Ding für unſereinen, und wie mein Weib heute von der Jagd gehört, hat ſie ihn halt hergenom⸗ men und das Fleiſch darein gewickelt; ſie weiß eben, daß es nicht immer ſo hoch hergeht wie heutb, daß 129 man von der Tafel was erwiſcht, und daß unſereiner manchmal den ganzen Tag nichts zu nagen und zu beißen kriegt!“ Der alte Heckenſtaller nahm den Bogen und hatte kaum einen Blick darauf geworfen, als er ihn haſtig zuſammenballte und in das unweit lodernde Küchen⸗ feuer ſchleuderte. „Nun, was fällt Ihm denn ein?“ rief der Pi⸗ queur ärgerlich.„Warum verbrennt Er mir denn mein Schreiben?“ „Weil ich es gut mit Ihm meine“, war die Ant⸗ wort,„und weil ich nicht will, daß Er wegen einer Sache, die Er nicht verſteht, von Brod und Dienſt gejagt wird; denn das geſchähe Ihm ſo gewiß, als zweimal zwei vier iſt, wenn Jemand den Bogen bei Ihm geſehen hätte.“ 3 „Den Bogen? Was iſt es denn ſo Gefährliches mit dem Stück Papier?“ „Was? Es iſt ja das Placat, die Erklärung des Kaiſers gegen unſern gnädigen Herrn, den Kurfürſten, die dieſer dann in Regensburg durch den Scharfrichter hat verbrennen laſſen.“ „Was Er ſagt! Das muß freilich ein merkwür⸗ diges Blatt ſein“, ſagte der Jäger.„Aber was ſteht 9 Schmid, Concordia. I. denn darin? Daß aber unſereiner auch von ſo was gar niemals zu hören kriegt!“ „Das macht“, entgegnete achſelzuckend der Alte, „weil Ihr Euch um nichts bekümmert als um die Suppenſchüſſel und das Bierfaß. Es handelt ſich um die pragmatiſche Sanction. Er wird wohl wiſſen, was das iſt?“ „Ich? Nein, hab' in meinem Leben noch nichts von dem Ding gehört. Wenn ich das verſtehen ſoll, muß Er mir's ſchon ein wenig ausdeutſchen, wenn Er kann!“ „Wär' mir juſt auch nicht zuwider, wenn ich ein⸗ mal hinter das Wahre käme“, fiel einer der Um⸗ ſitzenden ein.„Hab' ſchon ſo viel und oft von dem Ding gehört, hab' aber nie recht erfahren können, welche Bewandtniß es eigentlich damit hat.“ Der Alte ſah ſeine Umgebung einen Augenblick halb mitleidig, halb verächtlich an.„So will ich's halt verſuchen“, ſagte er dann,„ob ich es ſo zurecht machen kann, daß es in Eure Köpfe hineingeht. Ihr wißt, daß gegenwärtig Kaiſer Karl VI. von Oeſter⸗ reich als erwählter König der Deutſchen auf dem rö⸗ miſchen Kaiſerſtuhl ſitzt? Ja? Nun alſo, er iſt der Letzte von ſeinem Geſchlecht, das Haus Habsburg ſtirbt mit ihm aus, weil er keinen Sohn hat, ſondern nur 131 eine Tochter, Maria Thereſia, die an den Herzog Franz verheirathet iſt, der bis vor kurzem Herzog von Lothringen war, dem ſie es aber abgenommen haben, um es dem Schwiegervater des Franzoſenkönigs zu geben, und der auch in den ſaubern Tauſch eingewilligt und ſich mit einer geringen böhmiſchen Herrſchaft zufrie⸗ den gegeben hat— ich weiß nicht mehr, wie ſie heißt.“ „Was der Heckenſtaller nicht Alles weiß! Er iſt wie ein Studirter.“ „Der Kaiſer, der auch nicht mehr der Jüngſte iſt und an allerhand Gebreſten leidet, hat deswegen keinen andern Wunſch und Gedanken, als daß ſein Reich mit Spanien, Italien und den Niederlanden und Allem, was nach und nach dazu erheirathet und zuſammen⸗ gebracht worden iſt, auch beiſammen und bei ſeiner Familie bleiben ſoll. Deswegen hat er ein eigenes Teſtament gemacht und hat beſtimmt, nach ſeinem Tode ſolle ſeine Tochter Maria Thereſia die einzige Erbin ſein von allen ſeinen Ländern und Kronen, und dieſes Teſtament hat er die pragmatiſche Sanction geheißen, und damit es recht niet⸗ und nagelfeſt ſein ſolle, hat er ſich's von allen Regenten und Potentaten beſtätigen und verſprechen laſſen, daß es ihnen auch recht ſei und ſie nach ſeinem Hinſcheiden es ſo halten wollten. Unſer Kurfürſt aber hat das nicht gethan.“ 9* „Ah, jetzt geht mir ein Licht auf“, rief einer der Zuhörer. „Endlich?“ ſagte der Alte ſpöttiſch und fuhr fort: „Wenn der habsburger Mannsſtamm ausſtirbt, ſagte er, unſer gnädigſter Herr Kurfürſt nämlich dann ſollen nicht die Weiber zur Erbſchaft kommen, ſondern die Seitenverwandten, die von Männern abſtammen. Unter dieſen iſt auch der Kurfürſt, weil ſeine Mutter eine öſterreichiſche Prinzeſſin war und weil auch ſchon früher viele Oeſterreicherinnen hereingehei⸗ rathet haben ins Baiernland. Darum hat der Kurfürſt proteſtirt und hat eine Schrift verfaſſen und in Druck ausgehn laſſen, in der es haarklein nachgewieſen iſt, daß, wenn der Kaiſer die Augen zumacht, ſeiner Toch⸗ ter nichts gehört als Ungarn; ein Theil muß an Spanien fallen, ein anderer an Sachſen; Oeſterreich aber, Tirol und Böhmen, das gehört uns.“ „Teufel! Eine ſolche Erbſchaft könnte man ſich gefallen laſſen“, riefen die Zuhörer. „Der Kaiſer iſt darüber wüthend geworden“, fuhr Heckenſtaller fort,„das könnt Ihr Euch denken, denn Oeſterreich hätte von jeher immer lieber den Stiel um⸗ gekehrt und Baiern verſchluckt, als daß es etwas an uns hergelaſſen hätte. Darum hat er eine Gegenſchrift aufſetzen laſſen, um den Kurfürſten und den bairiſchen 133 Beweis zu widerlegen, und darin hat er ihn ſo klein gemacht und ſo ſpöttiſch hingeſtellt, daß der Kurfürſt in Zorn gerathen iſt und hat dem Magiſtrat von Regensburg, weil das Ding dort gedruckt worden iſt, aufgegeben, daß er es auf offenem Markte von Hen⸗ kershand verbrennen laſſen ſolle. Das iſt auch ge⸗ ſchehen und die kaiſerliche Schrift iſt bei uns zu Lande verboten, und wer ſie lieſt oder bei wem ſie gefunden wird, der wird aus dem Lande gewieſen oder kommt in Ketten und Banden, wenn er nicht etwa gar um einen Kopf kürzer gemacht wird.“ „Das wär' mir eine ſchöne Beſcherung“, rief der Jäger lachend, indem er einen unverſehrt gebliebenen Reſt des gefährlichen Blattes mit einem Holzſcheit vollends in die Flammen ſtieß.„Ein anderes Mal werd' ich mich gewiß in Acht nehmen; es iſt ohnehin mit gedrucktem Zeug immer ein gefährliches Weſen! Aber ich weiß mir ſchon zu helfen; ich rühre kein Buch und nichts Gedrucktes mehr an in meinem ganzen Leben, dann will ich den ſehen, der mir was anhaben kann. Uebrigens iſt es mir recht lieb, daß ich bei der Gelegenheit auch erfahren habe, wie es denn eigentlich beſchaffen iſt mit dem Sanctus, oder wie das Ding heißt. Nun kann ich doch auch mitreden und mir einen Schein geben, daß die Andern, die noch weniger wiſſen, Maul und Augen aufreißen über meine Ge⸗ ſcheidtheit.“ Inzwiſchen ging das Jagdmahl des Hofes zu Ende, nachdem die Unterhaltung, welche zuerſt lebhaft und munter den Tiſch umkreiſt hatte, nach und nach immer matter und matter geworden und zuletzt völlig verſiegt war; nur einige Cavaliere unterhielten ſich halbleiſe mit ihren Tiſchnachbarinnen, während die Kurfürſtin angelegentlich auf Baron Freyberg hinein ſprach, als habe ſie ihn ſeit längſter Zeit nicht geſehen und mit ihm Dinge von größter Wichtigkeit zu ver⸗ handeln. Der Einzige, dem der Stoff zur Unterhal⸗ tung nicht mangelte, war der junge italieniſche Fürſt Porzia, welchen Abſicht oder ein günſtiger Zufall an die Seite der Gräfin Morawika geführt und der ſie in ein ſo ununterbrochenes und angelegenes Geſpräch ver⸗ wickelte, daß der beſondere Antheil, den er an der ſchönen Dame nahm, auch für den Unbefangenſten er⸗ kennbar werden mußte. Der Schweigſamſte von allen war der Kurfürſt. So achtlos er noch am Morgen die Pilgermuſchel von ſich geſchleudert hatte, fühlte er ſich doch von der Heimlichkeit und dem Eifer dieſes Geſpräches unangenehm berührt, und der Macht des Augenblicks in hohem Grade unterworfen, ließ er die Verſtimmung immer mehr und mehr über ſich Herr 135 werden, daß ſie zuletzt allen ſichtbar wurde und ge⸗ rade zur rechten Zeit die Kurfürſtin durch Erheben von der Tafel das Zeichen zu deren Beendigung gab. Niemand war dieſe Zeitung erwünſchter als dem Marquis Belleisle, der ſchon geraume Zeit im Wi⸗ derſpruche mit ſeiner gewohnten Galanterie ſeine Um⸗ gebung faſt ganz vernachläſſigt hatte und dem der leichte Feldſtuhl, auf dem er ſaß, längſt zum glühen⸗ den Höllenſitze geworden war. Schon während des Rittes hatte er verſucht, in die Nähe des Kurfürſten zu kommen; aber ſein Pferd vermochte nicht, mit dem Renner des Fürſten gleichen Lauf einzuhalten. Nach der Ankunft war er nicht aus der Umgebung gewichen; aber ohne eines Blickes theilhaftig zu werden, der es ihm möglich gemacht hätte, ein Geſpräch zu beginnen; wie bei Karl Albert der Unmuth, war in ihm mit jeder Sekunde die Ungeduld geſtiegen, daß er ſein An⸗ liegen nicht vorzubringen vermochte und ihm nicht größere Zuvorkommenheit erwieſen wurde, wie ſie, wenn auch ohne alle amtliche Beglaubigung, ein Mann wohl erwarten zu können glaubte, der den Feldmar⸗ ſchall von Frankreich, den mächtigſten Mann nach dem König und nach dem Cardinal Fleury, ſeinen Bruder nannte. Auch jetzt wollte ihm kein beſſeres Geſtirn auf⸗ gehen; denn als es ihm endlich geglückt war, in die 136 nächſte unmittelbare Umgebung des Kurfürſten zu ge⸗ langen, hatte dieſer bereits die Gelegenheit benutzt, im Vorbeiſchreiten an Gräfin Morawika ein kurzes, haſtig und leiſe geflüſtertes Geſpräch mit ihr zu beginnen. Kurfürſtin Amalia in dem Zelteingange ſtehend ſah nach den Bäumen hinaus, unter denen ſich ſeitwärts, vom Jagdlärm und von dem Rufe der bekannten Frei⸗ gebigkeit der Kurfürſtin herbeigelockt, eine Schaar armer Landleute und Bettler geſammelt hatte und, von den Dienern mühſam zurückgehalten, des Augenblicks harrte, wo ſie wie gewöhnlich zu ihnen hintreten und ihre milde Hand aufthun würde. „Armida fliegt von Triumph zu Triumph“, ſagte Karl Albert.„Sie will uns das Schauſpiel eines neuen Ritters geben, den ſie in ihre Roſenketten gezwungen hat. Aber iſt es nicht grauſam, über dem neuen Sige der alten ſo völlig zu vergeſſen?“ „O Durchlaucht!“ flüſterte Morawika erregt ent⸗ 4 gegen,„leider bin ich nicht Armida und habe es nie mehr gefühlt und ſchmerzlicher bedauert, daß ich nur eine ſchwache Sterbliche bin, ein armes, bedrängtes Weib, das keinen Ritter hat, der ſie beſchützt und ver⸗ V theidigt.“ Karl Albert wollte feurig erwidern, um die Be⸗ deutung dieſer Worte fragen, aber das Hinzutreten der 137 Kurfürſtin die den Gemahl hinter ſich glaubend ſich noch einmal umgewendet und das Paar im Geſpräche erblickt hatte, unterbrach ihn.„Wie, Eure Liebden ver⸗ laſſen uns?“ fragte ſie.„Nachdem Sie ſich der Un⸗ terhaltung ſo lange durch nachdenkliches Schweigen entzogen, iſt es erlaubt, ſie jetzt nur einer Dame zuzu⸗ wenden? Iſt es nicht auch uns Andern vergönnt, an einer Unterhaltung Theil zu nehmen, deren Lebhaftigkeit allein ſchon den beſten Beweis für ihr hohes Inter⸗ eſſe liefert?“ „O gewiß“, entgegnete Karl Albert ſchnell gefaßt. „Ich hätte dieſelbe auch Ihrer Theilnahme gewiß kei⸗ nen Augenblick entzogen, wenn ich nicht geglaubt hätte, Eure Liebden ſeien bereits in ſelbſtſtändiger Unterhal⸗ tung mit Ihrem Bettler⸗Relais begriffen, mit denen Sie in löblicher Gewohnheit ſich bemühen, Alles zu verderben, was ich durch meine Bettelmandate gut zu machen beſtrebt bin. Sie thun mir daher ſehr Un⸗ recht, wenn Sie mir eigenſüchtige Abſichten zuſchreiben, im Gegentheil ſprachen wir von einem Gegenſtand des allgemeinen Vergnügens, einem Schauſpiel— ja, ja, ganz recht von einem Schauſpiel, das hier aufgeführt werden ſollte. Ich erinnerte mich, welche Meiſterin in der Kunſt des Vortrags und der Pantomime die Gräfin iſt, und verſuchte, ſie zum allgemeinen Vergnügen zu be⸗ — 138 ſtimmen, daß ſie uns eine Scene aus irgend einem Drama vorführen möchte. Und jetzt beſtehe ich darauf, daß dies geſchehe. Keine Widerrede, Gräfin! Was meinen Sie zu dem Drama Venus auf Paphos?“ „Aber, Durchlaucht, hier im Walde, ohne Vorbe⸗ reitung, ohne Coſtüm!“ erwiderte verwirrt die Gräfin. „Um ſo anziehender und neuer wird das Schau⸗ ſpiel ſein“, entgegnete der Kurfürſt.„Freyberg ſoll Alles anordnen, was geſchehen kann; er wird mit Ver⸗ gnügen bereit ſein, weil er kein Geld auszugeben braucht.“ „Aber die Mitſpielenden, Durchlaucht, die beglei⸗ tende Muſik!“ wendete nochmals die Gräfin ein. „Die Muſik ſoll die Kapelle aus dem Kopf und Stegreif aufführen, wofür nehm' ich die Herren mit? Sie ſollen ſich einrichten, ſo gut es geht. An Mit⸗ ſpielenden wird es auch nicht fehlen— da iſt ja Fürſt Porzia, der bereits por einem Jahre mit Ihnen darin geſpielt hat; er wird ſeine Rolle gewiß noch wiſſen und Sie wohl auch, Gräfin, Sie vor allen oder“, ſetzte er mit bedeutſamem Nachdruck hinzu,„iſt Ihr Gedächtniß ſo kurz und treulos?“ „Mein Gedächtniß iſt in meinem Herzen und ein Wunſch Eurer Durchlaucht iſt mir Befehl“, entgegnete die Gräfin ſich verbeugend.„Ich nehme Urlaub, 139 um die Vorbereitungen zu treffen, und bitte ſchon jetzt, dem guten Willen zu Liebe der ſchwachen Kraft Ver⸗ zeihung gewähren zu wollen!“ Das Erſcheinen Belleisle's, der ſich wieder ge⸗ nähert, war jetzt dem Kurfürſten willkommen, es bot einen guten Anlaß, das Geſpräch abzulenken.„Eben recht, Marquis!“ rief er ihm zu.„Verzeiht, daß ich Euch wider Willen auf meine Hirſchjagd mitgeſchleppt habe! Aber da Ihr mich wiſſen ließet, daß Ihr ge⸗ nöthigt ſeid, unvermuthet abzureiſen, und ich Euch doch nicht ohne Abſchied von mir laſſen wollte, wußte ich keinen andern Ausweg zu finden!“ „Ich bin Durchlaucht dafür zum höchſten Danke verpflichtet“, entgegnete der Marquis, indem er eine Stellung einnahm, die es unmöglich machte, daß der Inhalt des Geſprächs von der in einiger Ferne ſtehen⸗ den Umgebung gehört werden konnte.„Ich bin es um ſo mehr, als ich untröſtlich geweſth wäre, wenn es mir nicht gelungen wäre, im Namen und Auftrag meines Bruders und Seiner Eminenz—“ „Im Namen und Auftrag?“ unterbrach ihn der Kurfürſt.„So kommt Ihr als amtliche Perſon? Mit Creditiv, als Botſchafter oder Geſandter?“ „O keineswegs, Durchlaucht; ich komme als ein⸗ facher Edelmann, dem nur ſeine zufälligen Verbindun⸗ 140 gen geſtatten, vielleicht etwas weiter zu blicken als An⸗ dere, und der ſich glücklich ſchätzt, wenn er als unbe⸗ achteter Privatmann hier und da Gutes wirken kann.“ „Und was wollt Ihr im Namen und Auf⸗ trag Eures Bruders und Seiner Eminenz oder, wenn's Euch ſo beliebt, in Eurem eigenen uns mittheilen?“ „Nichts, Durchlaucht“, rief der Marquis mit gut geſpieltem Feuer,„als die Verſicherungen der beſon⸗ dern Freundſchaft und Zuneigung, mit welcher beide ſowohl als mein erhabener Monarch Ihnen zugethan ſind! Die Betheuerungen der Bereitwilligkeit, überall und zu jeder Zeit Ihre Intereſſen zu fördern und für Sie einzutreten, dann aber, weil doch in dieſer ſündhaften Welt Jedermann auch auf ſich ſelbſt bedacht ſein muß, auch den Wunſch, daß Durchlaucht das erkennen und hin und wieder ſich nicht von Einflüſterungen und Ränken von Leuten beirren laſſen möchten, denen es vielleicht ein Vergnügen machen würde, Unkraut in den Weizen zu ſäen und ein ſo herzliches Einverſtänd⸗ niß zu zerreißen.“ „Ich kann mir wohl denken, worauf Ihr zielt, Marquis“, ſagte der Kurfürſt abbrechend,„aber ent⸗ ſchuldigt mich, wenn ich Eure Geduld noch länger in Anſpruch nehmen und die genauere Auseinanderſetzung auf einen ſpätern freien Augenblick verſchieben muß. 141 Ich ſehe eben meine Miniſter und Conferenzräthe kom⸗ men, die ich auch hierher beſchieden habe; Ihr werdet es billig finden und geſtatten, daß ich vor den Euri⸗ gen die Angelegenheiten meines eigenen Landes er⸗ ledige. Nur näher, Graf Peruſa!“ rief er dieſem zu, der mit Kanzler Unertl, dem Grafen Törring, Preyſing und Andern unter dem Zelteingang erſchien. „Er kommt, mir über Seine Sendung nach Wien Be⸗ richt abzuſtatten? Ich habe deshalb die Conferenz zu⸗ ſammenrufen laſſen und die Herren müſſen entſchul⸗ digen, daß ich ſie nicht in Nymphenburg empfing, aber der Hirſch, der einmal aufgeſpürt war, hätte nicht ge⸗ wartet.“ „Deſto beſſer ſind wir des Wartens gewohnt“, murmelte Freyberg, der keine herbe Bemerkung zu un⸗ terdrücken vermochte, halblaut vor ſich hin. „Alſo ſage Er mir“, fuhr der Kurfürſt fort,„was Er am Wiener Hofe ausgerichtet hat, und mach' Er's kurz! Denke Er, daß wir nicht im Conferenzſaale und am grünen Seſſionstiſche ſitzen, ſondern im Walde! Alſo richte Er auch Seinen Bericht jägermäßig ein! Antworte Er mir kurz und gut: Will der Kaiſer end⸗ lich die Winkelzüge, mit denen er uns ſeit Jahren hinhält, aufgeben und Kurbaiern in alter hergebrachter Form belehnen? Will er deſſen Abgeſandten die Ehren⸗ 142, rechte, die ihnen von jeher gebühren, zugeſtehen oder nicht?“ „Wenn Durchlaucht erlauben“, entgegnete Graf Peruſa mit geſchmeidigem Lächeln,„ſo werde ich ſo bündig antworten, als die Frage lautet. Ja, der Kai⸗ ſer will; er trug mir auf, Durchlaucht der beſon⸗ dern kaiſerlichen und verwandtſchaftlichen Zuneigung zu verſichern, ſowie der eifrigſten Bereitwilligkeit—“ „Auch hier“, ſagte der Kurfürſt halblaut,„auch hier dieſelben ſchönen Worte! Wir wollen die Thaten abwarten!“ „Seine Majeſtät der Kaiſer ſind bereit“, fuhr Peruſa fort,„die Belehnung von Kurbaiern vorzuneh⸗ men, ohne daß Durchlaucht perſönlich am kaiſerlichen Hoflager erſcheinen. Sie geſtatten, daß der Geſandte, den Eure Durchlaucht als Stellvertreter hierzu ſenden werden, mit ſechs Pferden zur Belehnung auffährt und daß die Pferde mit Federbüſchen aufgeputzt und mit Fiocchi behangen werden dürfen. Aber als Beweis dafür, daß dieſes herzliche Entgegenkommen auch von ſeiten Eurer Durchlaucht erwidert wird, haben Seine Majeſtät ſich erlaubt, ſeine Zuſage an eine Bedingung zu knüpfen—“ „Wie? An eine Bedingung?“ rief Karl Albert raſch.„Sagte man ſo?“ f A 143 „An eine Vorausſetzung dann, wenn das Eurer Durchlaucht beſſer gefällt“, ſagte Peruſa geſchmeidig. „Es iſt bekannt, daß der Großſultan in aller Stille große Rüſtungen trifft, um einen neuen Einfall in die kaiſerlichen Lande ins Werk zu ſetzen. Seiner Kaiſer⸗ lichen Majeſtät Wunſch, und Verlangen iſt daher, Kur⸗ baiern möge in dieſer bevorſtehenden neuen Türkenge⸗ fahr nicht, wie bei der jüngſten polniſchen Affaire ge⸗ ſchehen, in der Neutralität verharren, ſondern gegen den Erbfeind der Chriſtenheit ihm thätig beiſtehen und Succurs ſchicken. Kaiſerliche Majeſtät glauben, daß ein bairiſches Hülfscorps von achttauſend Mann den bei⸗ derſeitigen Wünſchen und Verhältniſſen entſprechen dürfte, und ſind gern bereit, dafür Subſidien zu zahlen, deren Beſtimmung Eurer Durchlaucht durchaus an⸗ heimgeſtellt bleiben ſoll, die er indeß vorläufig mit ſechsunddreißig Gulden für den Kopf als nicht zu ge⸗ ring angeſchlagen erachtet.“ „Davon will ich nichts hören!“ unterbrach ihn der Kurfürſt raſch.„Ich bin keiner von jenen Fürſten, die ihre Landeskinder wie Stücke einer Heerde ver⸗ kaufen.“ „Erlauben mir Durchlaucht, zu bemerken“, fiel Graf Törring, der Vorſtand des Kriegsweſens, ein, „dieſe Auslegung dürfte denn doch nicht die richtige 144 ſein. Wenn Seine Majeſtät der Kaiſer Subſidien zahlen, ſo iſt das kein Verkauf! Kriegsdienſt auf Be⸗ fehl Eurer Durchlaucht zu leiſten, iſt Pflicht des Unter⸗ thans, und wenn der Kaiſer für die Koſten der Aus⸗ rüſtung eine Entſchädigung bezahlt, ſo iſt das nicht mehr als billig, und nur der entſchiedenſte böſe Wille könnte—“ „Ich bin kein Freund von Auslegungen“, ſagte der Kurfürſt kurz,„und werde in Erwägung ziehen, was zu thun iſt. Die Sache hat ja Zeit; noch ſtehen die Türken nicht vor Wien. Wie traf Er den Kaiſer ſonſt, Peruſa? Hat er Ihm nichts anver⸗ traut über ſein Lieblingsproject, jenes diplomatiſche Ungeheuer, pragmatiſche Sanction genannt?“ „Gewiß“, entgegnete der Graf.„Es iſt dies der Hauptgedanke, der Seine Majeſtät unabläſſig beſchäf⸗ tigt, um ſo mehr, als ſich dann und wann plötzliche An⸗ wandlungen von Unwohlſein einſtellen. Majeſtät ſcheinen aber ihrer Sache ſehr ſicher und ſind zuver⸗ ſichtlicher als je, ſeit auch Frankreich die pragmatiſche Sanction anerkannt und garantirt hat.“ „Wie wäre das?“ rief Karl Albert, indem er funkelnden Blickes und mit zorngefurchter Stirne aufſprang und ſich gegen den Marquis wendete. „Frankreich hätte garantirt? Was ſagt Ihr dazu, 145 Herr Marquis von Belleisle? Iſt Euch davon be⸗ kannt?“ „Allerdings, Durchlaucht. Wie ſollte es mir nicht bekannt ſein?“ erwiderte der Marquis in vollſter Unbefangenheit.„Seine allerchriſtlichſte Majeſtät waren außer Stande, ſich dem Drängen und wiederholten Anſinnen des Kaiſers länger zu entziehen und zu wi⸗ derſetzen.“ „Alſo wirklich!“ rief der Kurfürſt wieder.„Iſt das die beſondere Zuneigung, die Bereitwilligkeit und Freundſchaft, deren Ihr mich noch vor fünf Minuten, verſichertet? Nun, mein Herr Privatmann, mich bedünkt, Eure allerchriſtlichſte Majeſtät muß kalten und warmen Athem zugleich im Munde führen.“ Der Marquis war nicht aus der Ruhe zu bringen. „Geſtatten mir Durchlaucht, zu bemerken, daß ich Dero allerhöchſte Erregung nicht zu begreifen vermagl!“ ſagte er.„Mit ſolcher Anerkennung iſt nicht das Mindeſte gegen Eure Durchlaucht und die beſondere Zuneigung und Freundſchaft Frankreichs geſagt oder gethan! Die Anerkennung iſt nur von Frankreich ge⸗ geben und gilt nur für Frankreich; Frankreich wird daher auch niemals Anſprüche erheben, aber ebenſo wenig den Rechten Dritter etwas vergeben, das kann ihm niemals in den Sinn kommen.“ Schmid, Concordia. I. 10 146 „Schon wieder eine Auslegung“, rief Karl Albert unwillig,„und wieder eine, die mir nicht beſſer gefällt als die vorige! Ich danke Euch übrigens, Herr Marquis, für die Offenheit Eurer Mittheilung, die uns jeden⸗ falls der Zweifel überhebt. Darum laßt Euch nicht wei⸗ ter aufhalten durch unſer Geſpräch; ich wäre untröſtlich, wenn Eure dringend nothwendige Abreiſe aus meinen Landen um unſertwillen auch nur einen Augenblick verzögert würde.“ Der Marquis verbeugte ſich ſtolz und wortlos und verließ das Zelt, an deſſen Eingang Freyberg ſtand und ihm leiſe zuflüſterte:„Wie nun, Herr Mar⸗ quis? Die drei Tage Vorſprung ſcheinen doch nicht eben viel geholfen zu haben?“ „Lachen Sie nur, mein Herr!“ entgegnete der Marquis in gleicher Weiſe.„Ich vergelte Ihnen da⸗ mit, daß ich Ihnen zur Nachahmung den Hauptgrund⸗ ſatz unſerer Politik mittheile. Der heißt: Abwarten!“ „Verwünſchter Zufall!“ rief der Kurfürſt, indem er, wie er im Unwillen zu thun pflegte, eilig hin und her ſchritt.„Ich habe mich hinreißen laſſen. Wir wollen erſt noch prüfen, wo hinter den ſchönen Worten die wenigſte Lüge ſteckt, und bis dahin überlegen, welche Antwort nach Wien zu geben iſt! Ich bin gern bereit, die rernerand nicht auszuſchlagen, die mir der d 147 Kaiſer bietet, und jeden Zwiſt aufzugeben, aber man muß auch mir billig entgegenkommen, und wie kann das geſchehen, wenn man an dem Phantom, an der unſeligen pragmatiſchen Sanction mit ſolcher Starrheit feſthält! Ich hatte gehofft, es ſollte eine Ausgleichung zu finden ſein, die in Ruhe und Frieden uns allen einen Ver⸗ einigungspunkt gäbe; wenn Jeder etwas opfern und nachgeben wollte, würde das nicht ſchwer werden. Aber jetzt ſehe ich nur neuen Hader, neue Stürme und noch ſchwerere Kämpfe voraus. Sag' Er mir, Unertl, was ich nach Seiner Meinung thun ſoll!“ „Was Durchlaucht thun ſollen?“ enigegneis dieſer. „Das können Sie mich wohl nicht im Ernſte fragen. Es gibt in dieſem Fall nur Eins, was geſchehen kann und darum auch geſchehen muß, und das heißt: Wort halten.“ „Das ſoll heißen?“ fragte der Kurfürſt geſpannt. „Als wenn mich Durchlaucht nicht ohnehin ver⸗ ſtünden!“ fuhr Unertl fort;„als wenn ich Ihnen nicht ſchon oft meine Meinung in dieſem Punkte angedeutet hätte! Damals, wie Durchlaucht die kaiſerliche Prin⸗ zeſſin heiratheten, damals hätte es bei Ihnen geſtan⸗ den, Beſtimmungen zu treffen und Vorbehalte zu ma⸗ chen, damals war es an der Zeit, irgend ein Recht, an das man denken konnte, zu ſichern und zu wahren. 10* 148 Es iſt nicht geſchehen. Ihre Kaiſerliche Hoheit die Frau Kurfürſtin hat mit Eurer Durchlaucht Wiſſen, Zuſtim⸗ mung und ausdrücklicher Genehmigung auf alle Erb⸗ rechte Verzicht geleiſtet, die ihr vermöge ihrer Abſtam⸗ mung zuſtehen. Was bleibt da übrig, als ſich darein zu finden? Verſäumtes iſt nicht nachzuholen; da gibt es keinen Ausweg.“ „Erlauben Sie, mein Herr Kanzler!“ rief raſch vortretend Graf Peruſa, welcher wohl ſah, daß auf Karl Albert's umdüſterter Stirn keine Zuſtimmung zu den Gründen des Kanzlers lag.„Wohl gibt es einen Ausweg und es bedarf, wie ich glaube, keines beſon⸗ dern Aufwands von Staatsklugheit, um dieſen Aus⸗ weg zu finden. Man muß nur unterſcheiden, diſtingui⸗ ren; dann wird Alles ſofort klar. Wer hat verzichtet? frage ich. Ihre Kaiſerliche Hoheit die Frau Kurfürſtin, damals noch kaiſerliche Prinzeſſin von Oeſterreich und Braut Seiner Durchlaucht. Gut, dieſer Verzicht ſoll gehalten, auch kein Jota ſoll daran verrückt werden und die Frau Kurfürſtin ſoll niemals Anſprüche auf das habsburgiſche Erbe erheben, deſſen ſie ſich aus⸗ drücklich begeben hat. Aber durch ihre Vermählung mit Baiern, dadurch daß ſie dem Lande einen Thron⸗ erben gebar, hat das Land ſelbſt Rechte erworben und dieſe konnte die Kurfürſtin nicht vergeben! Sie 1 149 konnte es nicht, weil ſie noch Braut war und als ſolche an Land und Leute irgend ein Recht noch gar nicht erworben hatte; dieſe ſelbſtſtändigen Anſprüche des Landes oder der Krone Baiern beſtehen daher unbe⸗ rührt fort und Durchlaucht ſind in vollem Rechte, wenn Sie davon Gebrauch machen.“ Unertl zuckte wie verächtlich mit den Schultern. „Auf dieſe Unterſcheidung mag ſich die Diplomatie etwas zu gute thun“, ſagte er ernſt.„Ich bin mein Leben lang ein Mann des ſtrengen Rechts geweſen, habe mich an das Geſetz, an den Buchſtaben gehalten und das thu' ich noch. Ich bin zu gerade gebürſtet, Herr Graf, eine ſolche feine Auslegung geht mir wider den Strich.“. „Mir nicht minder!“ rief Karl Albert ſchnell. „Es ſcheint heute ſchon ein Tag unglücklicher Auslegun⸗ gen zu ſein! Die Seinige, Graf Peruſa, macht Seinem Scharfſinn alle Ehre, aber ſie iſt nicht beſſer als die franzöſiſche, mit der uns Herr von Belleisle vorhin regalirt hat. Damit iſt nicht geholfen! Ich will ja nicht mehr, als was mir von Rechtswegen gehört; ich will kein Jota mehr als mein klares wahres Recht! Es iſt etwas in mir, das mir ſagt, trotz dieſes Ver⸗ zichtes habe ich ein ſolches Recht, wenn ich Ihm auch nicht widerſprechen kann, Unertl“, rief er abbrechend 150 dieſem zu.„Er iſt ein ausbündiger Rechtsgelehrter, aber zum Staatsmann iſt Er doch verdorben; dazu wäre Ihm wohl etwas mehr Ehrgeiz und patriotiſches Feuer nöthig.“ Der Kurfürſt hatte ſich bei den letzten Worten wieder in ſeinen Stuhl an der Tafel geworfen und ein Glas ergriffen, er trank aber nicht; es war nur eine Bewegung, um ſich dem Auge des Kanzlers zu entziehen, denn in dem Augenblicke, in welchem er dieſe Worte ausſprach, empfand er ſelbſt deren vorher nicht ganz überlegtes Gewicht. Auch die Uebrigen ſchienen von gleicher Empfindung ergriffen; einen Moment herrſchte das tiefſte Schweigen in der Runde. Der greiſe Unertl aber athmete hoch auf, ſeine Lippen beb⸗ ten und es ſchien, als ob ein raſches Wort aus den⸗ ſelben hervorbrechen wollte. Doch er bezwang ſich wie⸗ der, klemmte ſie zuſammen und legte die Hand aufs Herz, als wollte er ihm Ruhe gebieten, weil es in der Bruſt des alten Mannes aufwallen wollte wie das eines Jünglings.„Das war ein ſchweres Wort, Durchlaucht“, ſagte er dann ernſt;„zwar ein einziges Wort, aber es trifft und ſchlägt ein wie eine Bombe und ſtürzt mit einem Schlage das ganze Gebäude mei⸗ nes Lebens in Trümmer! Sei es denn, ich habe keine Entgegnung darauf, Durchlaucht! Aber Eins muß 151 geſagt ſein, Eins, das ich mir für eine Zukunft auf⸗ geſpart hatte, wo es vielleicht nothwendig würde, was ich aber jetzt nicht länger zurückhalten darf; es ſoll wenigſtens ein Beweis ſein, daß ich das Lob, ein aus⸗ bündiger Rechtsgelehrter zu ſein, nicht unverdient er⸗ halten habe. Ich bleibe dabei, Durchlaucht, der Ver⸗ zicht und die damit verbundene Anerkennung der pragma⸗ tiſchen Sanction iſt nicht anzufechten. Verſuche, die ſtaatskluge Schöpfung des ſechsten Karl von dieſer Seite anzutaſten, ſind vergeblich. Aber die Rechte meines Vaterlandes und Fürſten ſollen darum doch nicht verloren und aufgegeben ſein! Ich behaupte“, fuhr er mit Nachdruck fort,„die pragmatiſche Sane⸗ tion ſelbſt iſt ungültig und will es beweiſen vor Gott und allen Richterſtühlen der Welt.“ Ein Ausruf des Erſtaunens entfuhr dem Munde des Kurfürſten und wie unwillkürlich traten die Räthe näher. „Die pragmatiſche Sanction“, begann Unertl wie⸗ der,„iſt nichts als ein Teſtament, ein letzter Wille, und es gilt als unbeſtrittener Rechtsgrundſatz, daß man auch letztwillig nur über das disponiren kann, worüber man das Recht freier Verfügung hat. Dieſes Recht freier Verfügung aber iſt es, was ich dem Kaiſer be⸗ ſtreite; denn ſchon viel früher, bereits vor einem Jahr⸗ 152 hundert wurde für den Fall, daß der habsburger Mannesſtamm ausſterben ſollte, eine Erbfolge feſtge⸗ ſetzt, welche vollkommen zu Recht beſteht. Stirbt Kaiſer Karl als der letzte Habsburger, ſo tritt dieſe von ſelbſt in Kraft und Niemand, auch der Kaiſer nicht hatte oder hat ein Recht, etwas daran zu ändern.“ Das Staunen der Hörer wurde immer mächtiger, der Ring, den ſie um den Sprechenden bildeten, immer enger. „Kaiſer Ferdinand der Erſte, der 1564 Todes ver⸗ blichen, hat in ſeinem Teſtamente beſtimmt, daß beim Erlöſchen des Mannsſtammes von Habsburg ſeine an Herzog Albert den Fünften von Baiern vermählte Toch⸗ ter Anna und deren Nachkommen die Erben aller ſeiner Lande ſein ſollten. Kraft dieſes Teſtaments haben die Nachkommen der Herzogin Anna durch den Tod des Kaiſers Ferdinand und mit ihm dieſe Erbrechte bereits erworben, wirklich und rechtsgültig erworben und kein ſpäteres Teſtament und keine pragmatiſche Sanction vermag ſie derſelben zu berauben.“ „Unertl!“ rief der Kurfürſt und eilte auf den Kanzler zu, der durch eine tiefe Verbeugung der beab⸗ ſichtigten Umarmung auswich.„Und davon ſpricht Er mir erſt heute! Darüber hat Er geſchwiegen bis jetzt!“ 1 153 „Warum nicht, Durchlaucht?“ ſagte Unertl ge⸗ laſſen.„Ich habe gedacht, die Zeit des Redens wird ſchon kommen, es iſt nicht meine Gewohnheit, das Pulver vor der Zeit zu verſchießen. Vielleicht wäre es auch nicht gut geweſen, früher etwas davon laut werden zu laſſen, denn mit der Behauptung muß man auch an den Beweis denken; der Beweis aber iſt das Originalteſtament Kaiſer Ferdinand's, und das liegt im Archiv zu Wien.“ „Das iſt die Klippe, an der es ſcheitert!“ rief der Kurfürſt.„Ich ſehe voraus, wie es kommt: man wird das Teſtament nirgends finden, man wird es verleugnen, wohl gar, wenn es möglich, beſeitigen. Ich habe mich zu früh gefreut und des hinkenden Bo⸗ ten nicht gedacht, der Seiner Nachricht auf die Füße tritt und zerſtört, was der Vorgänger geſchaffen hat.“ „Doch nicht ſo ganz, gnädiger Herr“, ſagte Unertl feſt.„Wenn man das Original nicht hat, muß man ſich eben mit der Abſchrift behelfen. Kurbaiern aber hat ſeinerzeit eine ſolche Abſchrift erhalten und zwar eine in aller Form Rechtens beglaubigte.“ „Will Er ſein Spiel mit mir treiben?“ unterbrach ihn Karl Albert in beinahe fieberhafter Erregung. „Niemand weiß beſſer als gerade Er, daß alle darauf 154 bezüglichen Schriften und Urkunden aus dem Archiv verſchwunden ſind, als mein Vater aus dem Lande flüchten mußte.“ „Das ſind ſie nicht, Durchlaucht!“ rief Unertl. „In jener Zeit war ein Mann über die Archive ge⸗ ſetzt, der als ausbündiger Rechtsverſtändiger den Werth ſolcher Documente gar wohl zu ermeſſen wußte. Als die öſterreichiſche Landesregierung damals ihr Ge⸗ waltregiment begann, war es das Erſte, daß ſie dem Manne die Schlüſſel abnahm und eine Schildwache vor die Thür des Archivs zu ſtellen befahl. Der aus⸗ bündige Rechtsgelehrte war aber doch ſtaatsklug genug, daß er dem Unteroffizier, der nach dem Archiv fragte, um es zu verſiegeln und zu bewachen, eine andere Thür zeigte, indeſſen aber aus der rechten ein graues, eiſenbeſchlagenes Käſtchen rettete, worin er die beſon⸗ ders wichtigen Urkunden, wie er ſie in der Eile zu⸗ ſammenraffen konnte, verbarg. Die Oeſterreicher merk⸗ ten wohl gar bald, daß ſie hinters Licht geführt wa⸗ ren; ſie ſuchten und vermißten gerade, was ſie ſuchten. Der Wendt und der Goes boten Alles auf, um ſie wiederzubekommen. Sie ſuchten auch bei dem aus⸗ bündigen Rechtsgelehrten nach; der aber hatte das Kleinod zu den Patres Kapuzinern geflüchtet, an die Niemand dachte und in deren Gruft Niemand zu ſu⸗ ———, . 155 chen einſiel. Dort ſind ſie auch ruhig liegen geblieben, bis die Gefahr vorüber war.“ „Und jetzt? Wo ſind die Urkunden, wo iſt das Käſtchen jetzt?“ „Wie können Durchlaucht fragen?“ entgegnete Unertl ſtolz.„Es iſt Alles wieder da, wohin es ge⸗ hört. Als der alte echte Landesherr wieder eingezogen war in ſeine Reſidenz, hat man die Urkunden in aller Stille wieder an ihren Platz gelegt.“ „Und Niemand wußte davon? Er hat Niemand etwas davon geſagt?“ „Wozu hätt' ich das thun ſollen? Ihr Herr Va⸗ ter, Kurfürſt Max Emanuel, hat es gewußt, das war genug. Sonſt hat mich Niemand gefragt, und ſelbſt davon zu reden, das iſt nicht meines Amtes und nicht meine Art. Es wäre auch jetzt noch nicht geſchehen, wenn es nicht gegolten hätte, zu zeigen, daß man ein ausbündiger Rechtsgelehrter ſein und es doch mit Manchem an Chrgeiz und patriotiſchem Feuer aufneh⸗ men kann.“ 4 Mit tiefer Verbeugung verließ der Greis das Zelt, ohne daß der Kurfürſt in ſeiner Ueberraſchung und Verwunderung dazu kam, ihn aufzuhalten.„Geh nur, Alter!“ rief er ihm nach.„Das ſoll Dir unver⸗ geſſen ſein! Du biſt ein unwilliger Murrkopf; aber 156 wir wollen Dir zeigen, daß wir den ausbündigen Rechtsverſtändigen zu achten und ihm zu danken wiſ⸗ ſen. Er aber, Graf Peruſa“, fuhr er fort,„hält ſich bereit, ſofort nach Wien abzugehen. Der Unertl ſoll das Schreiben abfaſſen und dem Kaiſer dieſe neue An⸗ ſchauung auseinanderſetzen; das übergibt Er dann und verlangt, daß man das Original vorzeige, um es mit unſerer Abſchrift zu vergleichen. Wenn ich doch gegen den türkiſchen Erbfeind Succurs ſchicke, mag der Kai⸗ ſer erkennen, daß Kurbaiern, wenn es auch in allem Erlaubten ihm zu Willen iſt, doch ſeinen Rechten nicht einen Zoll breit vergibt, und daß es wohl die Mittel hat, in das Pergament ſeiner pragmatiſchen Sanction ein Loch zu reißen, und wenn es mit dem Degen ge⸗ ſchehen müßte.“ Leiſe anklingende Muſik unterbrach die Verhand⸗ lung und mahnte, daß das Schauſpiel, das auf Wunſch und Machtgebot des Fürſten ſtattfinden ſollte, ſeinen Anfang nehme. Eine Lichtung unter ein paar großen Buchen war zur Bühne umgeſtaltet; von geſchickter Hand waren die rothen, goldbefranſten Tücher, die bei 4 ſolchen Gelegenheiten immer mitgenommen wurden, um auf das Gras ausgebreitet zu werden, an den Zweigen aufgehangen und zu reichen und zierlich ge⸗ falteten Vorhängen geſtaltet worden, welche zugleich —.———-— 154 4 mit den mächtigen ſilbergrauen Stämmen die Scene ſeitwärts begrenzten, während eine leichte, mit Gebüſch bewachſene Anhöhe ſie um ſo wirkſamer abſchloß, als ungefähr aus der Mitte des Geſträuchs ein mächtiges einzelnes Felsſtück emporſtieg und das Auge glauben machte, daß es rückwärts ſteil gegen das Meeresufer abfalle, das nach der Handlung des Stückes im Hin⸗ tergrunde angedeutet ſein mußte. Bald hatte ſich die vornehme Zuhörerſchaft im Halbrund vor der Waldbühne verſammelt, und das Stück, die ziemlich unbedeutende Schöpfung eines ita⸗ lieniſchen Poeten, begann mit einem Zwiegeſpräche von Einwohnern der Inſel Paphos, die in heftigem Streite befangen und nahe daran waren, zur offenen That und zur Gewalt zu greifen. Aus dem Geſpräche ging hervor, daß die ganze Inſel in Haß und Streit entbrannt war und es nur eines letzten Anſtoßes be⸗ durfte, um den allgemeinen Kampf der Vernichtung hervorzurufen. Der eine der Darſteller war Fürſt Porzia, der andere Graf Leoni, beide ſichtbar wohl geübt und vermöge ihrer Abſtammung der italieniſchen Sprache vollkommen Meiſter. Nun ſollten immer mehr⸗ und mehr der Bewohner erſcheinen und einen großen Streitchor aufführen; dieſer mußte natürlich wegblei⸗ ben und ſtatt deſſen im Sprunge gleich auf die Scene — 158 übergegangen werden, in welcher die Hauptfigur auf⸗ zutreten hatte. Ein ſchöner, melodiſcher Einſatz der in den Gebüſchen verſteckten kleinen Kapelle verkündete deren Erſcheinen, und unter den ſanfteſten und ſüße⸗ ſten Akkorden wurde die Gräfin Morawika als Venus Anadyomene ſichtbar, wie ſie, aus dem Schaume des Meeres aufgetaucht, von einer Muſchel als Wagen und ihrem Schleier als Segel an den Strand getra⸗ gen wurde. Zwar blieb bei der Stegreifaufführung aller ſceniſche Schmuck und Aufwand weg, der dieſen Augenblick auf der Bühne unterſtützte, dennoch machte das Erſcheinen der Göttin auch in dieſer verkümmer⸗ ten Form einen überwältigenden Eindruck, denn die ſchöne Gräfin hatte es meiſterhaft verſtanden, ihr Jagd⸗ kleid und die wenigen ihr bei den andern Damen zu Gebote ſtehenden Gewandſtücke in einer Weiſe zu ver⸗ wenden, die ganz dazu angethan war, ihre Schönheit im vollſten Glanze zu zeigen. Ein Flüſtern der Bewun⸗ derung ſchwebte durch die Verſammlung; in der leicht erregbaren Bruſt des Kurfürſten aber gingen die Wel⸗ len wieder ſo hoch, daß er Mühe hatte, einen Aus⸗ ruf zu unterdrücken, der ſeine Empfindung verrathen hätte; der Kurfürſtin, obwohl ſcheinbar ganz mit dem Schauſpiel beſchäftigt, entging kein Zucken in ſeinem Angeſichte. ——— 159 „Nicht wahr, ich habe uns ein herrliches Schau⸗ ſpiel bereitet?“ flüſterte er ihr zu, um ſeine Erregung zu verbergen. A „Allerdings“, entgegnete ſie,„iſt das Schauſpiel, das Eure Liebden mir bereiten, herrlich; aber ſchweigen wir!“ fügte ſie doppelſinnig hinzu.„Es wäre ſchade, wenn wir die Mitſpielenden unterbrecheu wollten, die ihre Rollen ſo unvergleichlich natürlich darſtellen.“ Das Stück ging unter allgemeinem Beifall ſeinen Gang bis zur Schlußſcene, in welcher die Göttin der Schönheit und Liebe zwiſchen die entzweiten, kampfge⸗ rüſteten Völker tritt, durch den Zauber ihrer Erſchei⸗ nung und die hinreißende Gewalt ihrer Rede ſie über⸗ wältigt und zum Frieden, zur Verſöhnung und Ein⸗ tracht führt. Eine allgemeine Huldigung zu den Füßen der weltbeherrſchenden Göttin bildete den Schluß, er gab zugleich das Zeichen für den Beifallsſturm, der die Verſammlung durchbrauſte, als ob er ſtatt an dem grünen, beweglichen Laubdache ſich an dem gemalten kerzenhellen Plafond des Opernſaales der Reſidenz breche. Er war um ſo lebhafter, als Darſteller und Zuſchauer durch keine Schranke von einander getrennt waren und dieſe unmittelbar mit dem Ende des Spie⸗ les ſich jenen nähern und ihnen ihre Bewunderung ausdrücken konnten. Der Kurfürſt war der erſte, der 160 ſich der ſchönen Gräfin nahte, die, von der Erregung des Spieles gehoben und verklärt, wirklich, wo nicht als das Urbild, doch als ein würdiges Seitenſtück der Liebesgöttin erſchien. „Sie haben hinreißend geſpielt und mir ſehr großes Vergnügen gewährt“, rief er feurig.„Ich bin außer Stande, Worte der Bewunderung und des Dankes zu finden; gönnen Sie mir Zeit, ihn durch die That zu beweiſen!“ Die Gräfin erwiderte nichts, nur ihr Auge be⸗ gegnete dem des Kurfürſten; auch wenn ſie ſprechen gewollt, hätte ſie dazu nicht Zeit gefunden, denn mit herzgewinnender Freundlichkeit trat die Kurfürſtin lächelnd dazwiſchen und faßte ſie bei der Hand.„Ue⸗ berlaſſen es Eure Liebden mir“, ſagte ſie,„der Gräfin für ihre außerordentliche Kunſtleiſtung einen Dank zu bieten! Gäbe es für die Schönheit wohl ſchöneren Dank als die Liebe?— Gräfin! Fürſt Porzia hat bei mir um Ihre Hand angehalten, ich habe ſie ihm zu⸗ geſagt und bin überzeugt, daß mein Gemahl mit Freu⸗ den zuſtimmt. Ich erwarte, daß ich am nächſten Cour⸗ tage dem Hofe das Brautpaar vorſtellen kann.“ Die Hörner blieſen zu Sammlung und Aufbruch, raſch war der Jagdzug für den Heimritt geordnet. Der herrliche Araber, den der Kurfürſt ritt, war ein 161 höchſt kunſtvoll geſchultes Thier, das jedem Finger⸗ drucke des mit ihm vertrauten Reiters folgſam gehorchte; diesmal aber ſchien es wie von einem fremden Geiſte belebt. Wild knirſchte das ſtolze Thier in die Zügel, bäumte ſich und flog, als der Reiter kaum ſich in den Sattel geſchwungen, unaufhaltſam wie die Windsbraut mit ihm davon, wie dieſe kaum die Gras⸗ ſpitzen des Waldweges berührend. So ſehr die Cava⸗ liere ihre Roſſe ſpornten, dem Gebieter zu folgen, ver⸗ mochte doch keiner ihn zu erreichen; er war ſchon lange vor der Nymphenburger Schloßtreppe angelangt, als die Jagd noch auf der weit ausbeugenden Landſtraße durch den dämmernden Wald dahinzog, lieblich vom Abendroth beſchienen, aber freudlos, ohne Sang und Klang. Schmid, Concordia. I. 11 Drittes Kapitel. Am Falkenhof. Die Uhr auf dem Thurme des Thalbruckerthors neben dem Rathhauſe hatte ſeit geraumer Zeit die zwölfte Stunde verkündet; aber während dieſe ſonſt dem dort auf dem Ciermarkte ſtattfindenden Kleinhan⸗ del raſch ein Ende machte, und die Bewohner Mün⸗ chens in Paläſten, Häuſern und Herbergen zum Mit⸗ tagsmahle rief, ließ an einem ſchönen klaren Sep⸗ tembertage das Gedränge daſelbſt nicht nur keine Ab⸗ nahme verſpüren, ſondern ſchien vielmehr mit jedem Augenblicke zu wachſen. Auf dem anſtoßenden größeren Platze war die Getreideſchranne längſt beendet, das verkaufte Getreide abgeführt und die nicht verkauften Säcke in breterbedeckte Pfeiler zuſammengeſtellt; aber die Bauern, welche ſich ſonſt beeilten, die Schenke auf⸗ 163 zuſuchen und dann mit leerem Wagen und vollem Beutel in ihre Dorfſchaften heimzukehren, dachten nicht an die Heimfahrt, ſondern ſtrömten dem kleinen Platze zu, auf welchem der heilige Einſiedler und einſtige König Onuphrius, vom Volke der große Chriſtoph ge⸗ heißen, den Kreuzſtab in der Hand und den Laub⸗ gürtel um den nackten Leib, wie ein rieſiger Wächter und Beobachter herniederſieht. Die Häuſer des ganzen Platzes waren in den Gewölbgängen der Erdgeſchoſſe und über dieſe hinaus mit kleinen Buden, Läden und Ständen beſetzt; Gärt⸗ ner hatten ihre beweglichen Hüttchen aufgepflanzt, auf welchen die gelbe Rübe mit dem beliebten ſchwarzen Sommerrettig zwiſchen Kohlköpfen und Salatſtauden prangte; daneben hielten Bäuerinnen aus den nächſten Dörfern in Henkelkörben und Rückenbutten Eier und in breite Wegerichblätter eingeſchlagene Butter feil, hier und da von einem Körbchen verſpäteter Erdbeeren oder verfrühter Zwetſchen wie zum Schmucke unter⸗ brochen. Der Markt zog ſich bis unter den Erker der Trinkſtube und gegenüber bis an den Eingang zur Peterskirche hin, der das Schleckergäßchen hieß, weil dort die wandernden Verkaufsläden der„Küchelbacher, Zuckerbäcker und Lebzelter“ ihre gewöhnliche Stelle hatten. Dazwiſchen und hinter dieſen Verkäufern 1 15* 164 hatten ſich andere, der Stadt angehörige eingefunden, die an ſolchen Tagen erhöhten Abſatz zu finden hofften. Vor dem kleinen Ladenhäuschen, worin ein Klin⸗ genſchmied ſeine verſchiedenen Meſſer, Dolche, Degen und Schlachtſchwerter ausgeſtellt hatte, ſaß eine alte Frau, die in einigen Schachteln den Haarpuder, ein unentbehrliches Erforderniß damaliger Zeit, in allen feineren und gröberen Sorten verkaufte. Zwiſchen den Auslagen eines Kerzengießers und eines Löffelmachers hatte ein Käskäufler auf einem Schragen und ein paar Bretern einige Laibe ſcharfen Jochberger Käſe aufge⸗ pflanzt; der Zugang zu dem etwas anſehnlicheren La⸗ den eines Würzkrämers unter den Bogen aber war beinahe vollſtändig durch einen Kram verſchiedener künſtlicher Kränze und Blumengebinde verſperrt, wie ſie zur Zier der Altäre oder zum Schmucke bei Hoch⸗ zeit, Begräbniß oder ſonſt gebräuchlich waren, wenn ein neugeweihter Prieſter die Primiz hielt oder eine Gewerbezunft in feſtlicher Weiſe ihren Jahrestag be⸗ ging. An dem Ständchen ſaß ein Mann in den beſten Jahren, deſſen Geſicht durch kecken Schnitt und entſchie⸗ denen Ausdruck zeigte, daß er zu ſo ſanfter Beſchäf⸗ tigung und ſo friedlicher Waare wohl nicht geboren ſei; er ſchien auch in ſeinen Gedanken nicht ſehr bei der Handelſchaft zu ſein, denn er ſaß mit geſenktem 165 Kopfe auf der Kiſte, in die nach beendeter Verkaufs⸗ zeit die Kränze verpackt wurden, und ſah nachdenklich vor ſich hin. Er hatte die Hände ruhig im Schooße liegen, aber der eine Arm konnte dieſe Lage, auch wenn der Mann es gewollt, nicht ändern, ſondern hing ſteif und gelähmt auf dem andern. Er überhörte beinahe die Anrede einer alten Frau in bürgerlicher Kontuſche und breiter Riegelhaube, die nach dem Preiſe der pyramidenförmigen, aus rothen und weißen Papier⸗ roſen beſtehenden Todtenkrone fragte, die den Gipfel⸗ und Glanzpunkt der ganzen Ausſtellung bildete. Die Frau, in tiefe Trauer gekleidet, gewahrte die Zer⸗ ſtreuung des Verkäufers nicht, denn wie dieſer mit ſeinen Gedanken, war ſie ganz mit ihrem Schmerze be⸗ ſchäftigt, der durch den Anblick der Sargzierde wieder neu angeregt worden war. „Was? Einen halben Gulden?“ rief ſie, als er endlich den Preis genannt hatte, in einem trotz der Trauer ſehr lebhaften Tone.„Einen halben Gulden für die Todtenkrone, die aus nichts beſteht als aus ein paar Holzreifen und Papierſchnitzeln? Das iſt ja ein halbes Heirathsgut! Ihr müßt bedenken, daß ich eine arme Wittib bin, die von dem leben muß, was ſie ſich mit der Strickerei verdient, und das gibt oft kaum das Salz in die Suppe. Achtzehn Kreuzer will ich dafür 166 geben, aber nicht mehr!'s iſt ohnehin eine Dummheit von mir, daß ich das Ding kaufe, aber ich mein' halt, ich müßt's thun. Der Verſtorbene, für den die Krone gehört, war mein Sohn, mein einziger Bub'; wie die Soldaten fortmarſchirt ſind ins Ungarland, hat er auch mitgemußt. Ach Gott, ach Gott! Ich hab⸗ mir's gleich gedacht, ſelbigesmal wie ich an der Iſar⸗ länd' geſtanden bin, und wie ſie die jungen Leut' auf die Flöſſ' hineingetrieben haben wie die Schaf, ich ſeh⸗ ihn meiner Lebtag nicht wieder, und es hat mir ſchier das Herz abgeſtoßen vor Weinen. Und richtig iſt's ſo geworden! Er iſt kaum in Ungarn angekommen, es hat kaum gekracht, und eine von den allererſten Türken⸗ kugeln hat meinen Michel getroffen. Jetzt liegt er drunten verſcharrt im Ungarland, und meine ganze Freud' mit ihm, und ich hab' nicht einmal einen Sarg und ein Grab, auf das ich die Todtenkron' legen könnt'! Und doch mein' ich, es thät' mir leichter werden ums Herz, wenn ich ihm eine letzte Ehr' anthu' und die Todtenkron' in meinem Stübl aufhäng' über dem Crucifix. Alſo ſeid chriſtlich— die achtzehn Kreuzer, wenn Ihr wollt!“ „Ich kann wahrhaftig nicht“, erwiderte der Ver⸗ käufer.„Ich thät' mein eigenes Geld dabei zuſetzen, und das könnt Ihr doch nicht verlangen. Alles, was 1 167 ich kann, iſt, daß ich eine Landmünz' nachlaſſe, aber keinen Heller mehr. Wenn Euch die Kron' zu theuer iſt, Frau, ſo kauft ſie nicht! Euer Michel wird in Un⸗ garn gerade ſo gut liegen, als wenn die Todtenkron' in Eurer Stube hinge. Er iſt gut aufgehoben, beſſer als mancher Andere, der auch ſeinen Treff gekriegt hat auf Lebenszeit. Da ſeht mich an mit meinem zer⸗ ſchmetterten Arm! Euer Sohn iſt einen ehrlichen und geſchwinden Soldatentod geſtorben; ich bin vom Maurer gerüſt gefallen und muß jetzt mich und mein elendes Leben als ein Krüppel ſo hinfretten.“ Die Frau mochte den Grund einleuchtend genug finden, um ihren Widerſpruch aufzugeben; ſie zog ein kleines Lederbeutelchen und zählte den Betrag auf das Ladenbret. Der Mann aber, als er das Geld erblickte, ſchlug die Hände zuſammen und rief:„Du lieber Himmel! Die Frau wird mich doch nicht mit lauter ſchwarzen Blechhellern zahlen wollen? Die ſind ja ſo ſchlecht, daß ſie kein Hund mehr annimmt, geſchweige denn ein Menſch!“ „Wär' nicht übel!“ rief die Frau.„Cs iſt ja bairiſch Geld, das muß man doch nehmen! Seht, da iſt der Kopf des Kurfürſten drauf!“ „Ja, der Kopf macht das Kraut nicht fett!“ rief der Mann.„Der Kurfürſt braucht das Geld zu an⸗ dern Dingen, und darum macht er die Münz' ſo ſchlecht, daß ſie überall verſchrieen und verrufen iſt. Hat Sie nicht gehört, daß die Augsburger es eigens ausgeſchrieben haben, daß ſie kein baieriſch Geld mehr annehmen?“ „Ei was, wir ſind nicht in Augsburg“, eiferte die Frau, die plötzlich alle Betrübniß zu vergeſſen ſchien,„wir ſind in München, und in München wird man doch noch mit bairiſchem Geld zahlen können!“ Der Einarmige entgegnete nicht minder laut und der Kauf war daran, ſich zu zerſchlagen, aber die wenigen, heftig gewechſelten Reden hatten bereits einen der Stadttrabanten herbeigelockt, die an der Treppe zum großen Rathhausſaal Wache hielten und zeitweiſe ſpähend über den Platz ſchritten.„Ich glaub' gar“, ſagte er, die Hellebarde aufs Pflaſter ſtoßend,„der armſelige Kranzelbinder will ſich weigern, Kurfürſtlicher Durchlaucht Münz' und Gepräg anzuerkennen! Ich frag' Ihn kurz und gut, ob Er das Geld annehmen will oder nicht?“ „Nun ja, ich nehm' es ſchon“, entgegnete der Mann, indem er ärgerlich die Heller einſtrich.„Aber reden wird man doch noch dürfen, wenn man von allen Seiten ſeinen bittern Schaden hat?“ Er murrte noch mehr in ſich hinein, während die leid⸗ 1 169 tragende Mutter vergnügt über den guten Handel ſich mit der Todtenkrone davonmachte; der Trabant aber blieb noch immer ſtehen und lauerte, ob dem Erzürnten nicht ein Wort entſchlüpfe, das im Stande wäre, ihm einen Anzeigerlohn zu verſchaffen. Vielleicht wäre ihm der Fang auch nicht entgangen, wäre nicht im nämlichen Augenblicke ein Knabe von etwa ſieben Jah⸗ ren aus den Bogen hervorgeſchlüpft, der den Kranzbinder an der Schürze zupfte. Es war ein hübſcher Buben⸗ kopf mit hellen blauen Augen und braunem Kraushaar, aber aus den Augen ſtrömten reichliche Thränen und das Haar hing ihm verwirrt und unordentlich um die Stirn. „Vater, Du ſollſt heimkommen!“ ſchluchzte er. „Wir haben Hunger, der Andres und ich, und die kleine Reſi hat nachſchauen wollen, ob noch Brod in der Tiſchſchublade iſt, und iſt auf den Stuhl hinaufgeſtie⸗ gen und heruntergefallen und hat ſich ein Loch in den Kopf geſchlagen.“ „O du blutiger Heiland!“ rief der Mann, indem er ſich mit dem geſunden Arme durch die Haare fuhr. „Was hab' ich für ein Kreuz auf mir! Ihr werdet ſchon was zu eſſen bekommen, und Du, großer Bengel, biſt Du nicht einmal dazu zu brauchen, daß Du auf das kleine Mädel Acht gibſt? Ihr kehrt mir das ganze ——— 5— 170 Haus um, und ich kann doch nicht weg, kann den Kram und den Verdienſt nicht im Stich laſſen.“ „Aber wo iſt denn Eure Frau?“ rief die Nach⸗ barin, die bisher ſtill zugehört, von ihrem Haarpuder⸗ kram herüber, eine einfach, aber ſauber gekleidete alte Frau mit munter geröthetem Geſichte und ſchneeweißem Haar, an dem ſie die Kraft ihrer Waare erprobte, um wie durch ein lebendes Aushängeſchild ihre Kun⸗ den anzulocken.„Ich habe ſie geſtern auch nicht geſehen. Was iſt's denn mit ihr?“ „Wie könnt Ihr fragen, Nachbarin?“ entgegnete der Kranzbinder, indem er mit der Hand in das Kraus⸗ haar ſeines Buben, ſtatt in das eigene, fuhr, als ob er ſchmeichelnd die harte Anrede von zuvor gut machen wolle.„Ihr wißt ja, daß die Roſenkranz⸗Bruderſchaft die große Wallfahrt nach Andechs macht. Da iſt meine Frau auch dabei. Geſtern in der Früh' ſind ſie fort, und heut', am Vorabend des Frauentags, kommen ſie erſt wieder.“ „Das weiß ich wohl“, ſagte die Haarpuderin. „Aber warum Euer Weib bei der Wallfahrt ſein muß, das ſeh' ich nicht ein. Wenn ſie ihre Andacht ver⸗ richten will, braucht ſie ihre Kinder und ihren Mann nicht im Stich zu laſſen; in der Stadt kann ſie gerade ſo gut beten und die heiligen drei Hoſtien auf dem 1 174 Andechſerberg haben gewiß keine größere Kraft als die gnadenreiche Mutter Gottes im Herzogſpital. Aber weil's doch einmal ſo iſt und Ihr nicht wegkönnt, Nachbar, will ich mich Eurer Kinder annehmen, will in Eure Wohnung gehen und ein Mittageſſen richten für die armen Würmer und nach der Kleinen ſehen. Komm, Bübel! Ihr aber, Nachbar, gebt indeß auf meine Handelſchaft Acht und verkauft für mich! Ihr könnt's ganz leicht; es iſt Alles in Päckel abge⸗ theilt, der grobe, der feine und der ſuperfeine Puder, und auf jedem ſteht das Gewicht geſchrieben und der Preis. Macht derweil gute Geſchäfte für mich!“ Sie trat beiſeite, um ihren Anzug zu ordnen; den Augenblick benutzte der Käskäufler zur andern Seite, um dem Kranzbinder ein paar leiſe Worte zuzuflüſtern. „Habt Ihr gehört, wie das Weib daherredet?“ ſagte er.„Die Haut möcht' einem ſchaudern. Wenn ſie nicht ſonſt ſo brav wäre, müßte man glauben, ſie hätte gar kein Chriſtenthum. So läſterlich kann kaum ein Ketzer, ein Luthriſcher daherreden! Habt Ihr denn auch ſchon gehört, Nachbar?“ fuhr er dann ablenkend fort, weil er beſorgte, daß die Frau trotz des leiſen Sprechens ſeine Worte gehört haben könne.„Es ſoll ja ſchon wieder ein neues Mandat herausgekommen ſein, daß man ſich in Acht nehmen ſoll vor den Luth⸗ riſchen. Es ſteht ſchwere Leibes⸗ und Vermögensſtrafe darauf, wer Umgang mit ihnen hat oder ihnen Unter⸗ ſchluf gibt.“ „Ich hab's wohl gehört“, war die Antwort,„aber ich ſorg' mich nicht drum; wüßt' nicht, wie ich mit einem Luthriſchen zuſammenkommen ſollt' und auf was für Art ich mich in Acht nehmen könnt'!“ „Wie?“ rief der Käſehändler entgegen und gab ſeiner Wage, auf der er eben ein Stück Käſe für einen Käufer abwog, einen Schneller, daß die Schale in die Höhe ſtieg, als wäre das Gewicht bereits voll. „Ich hab' Gott ſei Dank noch keinen Luthriſchen ge⸗ ſehen in meinem Leben; aber ich denke, man kann ſich leicht vor ihnen in Acht nehmen; ſie werden ſchon ein Zeichen an ſich haben, an dem man ſie kennt. Ich bild' mir ein, es müßt' ſein wie mit den Juden, denen man's auch am Geſicht anſieht, wo ſie her ſind.“ Die Haarpuderin war indeſſen mit ihrer Vorbe⸗ reitung zu Ende gekommen und ging mit dem Knaben hinweg, vor dem Käskäufler aber hielt ſie einen Augen⸗ blick an.„Mit der Einbildung iſt der Nachbar ſchon auf dem Holzweg“, ſagte ſie in einem Tone, der deut⸗ lich erkennen ließ, daß ihr auch die frühere Aeußerung nicht entgangen war.„Ich für mein Theil, ich hab' ſchon Luthriſche genug geſehen in meinem Leben. Das 173 war ſo ungefähr vor dreißig Jahren, wie der Kurfürſt Max Emanuel auf der Flucht war und die Kaiſer⸗ lichen in Land und Stadt die Herren ſpielten. Da ſind auch Reichsſoldaten da geweſen, aus Sachſen, glaub' ich. Das waren lauter Luthriſche; aber man hat ihnen nichts angeſehen, ſie haben alle die Naſe mitten im Geſicht gehabt, und zwiſchen ihnen und an⸗ dern Leuten iſt kein anderer Unterſchied geweſen, als daß ſie ſauberer geweſen ſind und in jedem Fall nicht ſo dumm. So, das merkt Euch und beſinnt Euch ein ander Mal zuvor, eh' Ihr eine gut katholiſche Chriſtin verketzern wollt!“ Sie ging; der Käſehändler ſchlug verblüfft die Hände zuſammen vor Staunen und Schreck; aber er kam nicht dazu, ſeinem Staunen auch Worte zu geben, denn aus dem kleinen gewölbten Gäßchen, das zur Wies⸗ kapelle und an die hintere Seite des Rathhauſes führt, drängte mit einem Male eine Schaar Menſchen hervor und brach ſich gewaltſam gegen den Thurmbogen Bahn. „Oho!“ rief der Kranzbinder.„Werft mir nur meinen Stand nicht über den Haufen! Was gibt's denn da ſchon wieder?“ „Was wird's geben?“ rief der Käſehändler lachend entgegen.„Ihr ſeht ja doch die Stadttrabanten und den Mann, den ſie in der Mitte haben. Das iſt der Bäcker am ſchönen Thurm, ich kenn' ihn vom Sehen; der hat die roggenen Laibeln zu gering gebacken. Jetzt iſt er abgeurtheilt worden droben auf dem Rathhaus und wird nun an die Hochbruck' hinuntergeführt und geſchlengt.“ „Was iſt denn das? Davon hab' ich noch nie was gehört!“ „Was? Da ſieht man’'s, daß Ihr kein Münchner Stadtkind ſeid! Das Schlengen iſt ein Hauptſpaß, ſag' ich Euch! Der Bäcker wird in ein viereckiges höl⸗ zernes Gittergeſtell hineingeſperrt, dann wird er an dem Schnellgalgen aufgezogen, der an der Hochbruck' ſteht, und wird in den Bach hineingeſchlaudert, wo's am tiefſten iſt.“ „Ja, thut ihm denn das nichts?“ rief der Kranz⸗ binder verwundert.„Da kann er ja den Tod davon haben.“ „Warum nicht gar! Wie er hineinplumpſt, zieht man das Seil wieder an und holt ihn heraus, er muß nur tüchtig untertauchen und ein biſſel Luft ſchnappen und Waſſer ſchlucken und ſieht aus wie eine gebadete Maus. Geſchieht ihnen ſchon recht, den Bäcken, den Unchriſten, wenn ſie einem das Gewicht nicht gönnen! Maß und Gewicht kommt vor Gottes Gericht“, ſetze er hinzu und gab der Wage, auf der eben 175 wieder ein Stück Jochberger für einen Käufer lag, den gewohnten Schneller. Auch weiter aufwärts war das Gedränge nicht minder lebhaft. Dort hatte ein fremder Bilderhändler und Buchführer, von der Erlaubniß, die ihm für einige Tage zu Theil geworden, Gebrauch machend, die flie⸗ gende Bude aufgeſchlagen, ſeine Bücherſchätze auf ein paar mit Bretern bedeckten Schragen ausgebreitet, die Bilder aber an aufgeſpannten Schnüren aufgehan⸗ gen. Es waren meiſt grobe Holzſchnitte mit greller Färbung, für die Kinderaugen des umgebenden Volkes berechnet; doch waren auch einige Kupferſtiche darunter in Linien und Punkten und in der ſchwarzen Kunſt, die damals eben ſich aus England einzubürgern anfing. Die meiſten ſtellten fromme und kirchliche Dinge dar, die Heiligen Ignatius und Aloyſius, die wunderthä⸗ tigen Marien von Bogen und Loretto, den gekreuzigten Heiland, die Kreuzweg⸗Stationen ſowie allerlei Haus⸗ ſegen, groß gedruckte, mit Kreuzen und Figuren ge⸗ ſchmückte Placate, denen, wenn ſie an der Thür ange⸗ nagelt waren, die Kraft zugeſchrieben wurde, Haus und Bewohner vor allem Zauber und vor der Macht des Teufels zu bewahren. Doch fehlten auch weltliche Bilder nicht, beſonders die Conterfeis hoher Poten⸗ taten und anderer merkwürdiger Perſönlichkeiten. Da 176 hing der römiſche Kaiſer Carolus VI. mit der ernſt⸗ haften Staatsperrücke und dem noch ernſthafteren Staatsgeſichte friedlich neben dem grauſamen Er⸗ oberer und Menſchenwürger Tamerlan; der bärtige Sultan Mahmud III. im Türkenbunde mit Reiherbuſch und Halbmond vertrug ſich friedlich mit ſeinem Gegner und Beſieger, dem unſcheinbaren Prinzen Eugen von Savoyen mit Perrücke und Feldherrnſtab; der edle Proſpero Lambertini, als neugewählter Papſt Bene⸗ dictus XIV. geheißen, mit der dreifachen Krone auf der hellen Denkerſtirn, diente dem unbedeutenden Haupte Ludwig's XV. von Frankreich zum Gegenſatze, der keineswegs zu Gunſten der allerchriſtlichſten Majeſtät ausfiel. Auch an bildlichen Darſtellungen anderer Gegenſtände war kein Mangel; berühmte Schlachten wechſelten mit ſteifen Veduten merkwürdiger Orte und Ereigniſſe. Da war zu ſchauen„die merkwürdige See⸗ und Waſſerſtadt Venetia, allwo der große Dogius in einem Fahrzeug, ſo der Bucentaurus geheißen, ſpa⸗ zieren fuhr“, ſowie„der feuerſpeiende Berg Veſuvius, der die weltberühmte Stadt Neapolis in Gefahr ge⸗ bracht“,„die Hinrichtung des berühmten Räuberhaupt⸗ manns, auch Diebskönigs Cartouche, der zu Paris auf das Rad geflochten wurde“, und die große Türken⸗ ſchlacht von Peterwardein, an der freilich außer dem 47⁷ Prinzen Eugen und ein paar todten Türken im Vor⸗ dergrunde vor Rauch nicht viel zu erkennen und das Meiſte der Einbildungskraft des Beſchauers überlaſſen war. Nicht viel anders als mit den Bildern war es mit den Büchern beſtellt. Der Hauptvorrath beſtand in Gebetbüchern und fliegenden Blättern, auf welchen ein andächtiger Stoßſeufzer zu irgend einem Heiligen oder für irgend eine beſondere Angelegenheit oder Krankheit angeboten wurde; Segensſprüche gegen das Behexen des Viehes, gegen Schauerſchlag, Blitz und Ungewitter, Büchlein über die Wallfahrt zu Altötting oder nach Straubing zur„Mutter Gottes in der Brenn⸗ neſſel“ ſammt gründlicher Anleitung, wie die fromme Wanderung am erſprießlichſten vollführt werden könne. Daran reihten ſich die verſchiedenen ſchönen Lieder, deren Entſtehung und Druck keine Jahreszahl bekundete, die aber im Munde des Volkes noch lebendig waren, ſoweit dieſem die Luſt zu ſingen noch nicht vergangen war; ſo das Lied vom Brückenſchlage des edlen Rit⸗ ters und Prinzen Eugenius, von der ſchönen Augs⸗ burger Baderstochter oder von den Hirten auf dem Felde und den Engeln, welche ihnen die Geburt des Herrn verkünden. Darunter lagen auch, auf ſchlechtes ſchwarzes Papier gedruckt, die Lieblingsbücher des Volkes, in die es ſeine einſtige Liebe zu Sang und Schmid, Concordia. I. 12 178 Dichtung gerettet und geflüchtet hatte; neben dem „Geiſtlichen Hoſenträger“ prunkte mit groben Holz⸗ ſchnitten die Hiſtorie von der ſchönen Magelone oder von den vier Haimonskindern, und die„Schwänke Till Eulenſpiegel's“ hielten gute Nachbarſchaft mit der „Chriſtlichen Seelenzuſpeiſ'“. Nur wenige Bücher an⸗ dern Inhalts waren bemerkbar; es war keine große Nachfrage nach den Reimereien von Lohenſtein und Hoffmannswaldau, nach der„Aſiatiſchen Baniſe“, dem „Simplieſſimus“ oder der„Verkehrten Welt“. Für die Wenigen, die ähnliches Bedürfniß fühlten, war vollauf durch den einen einheimiſchen Buchhändler ge⸗ ſorgt, der unter der Cenſur der Jeſuiten und zwiſchen den Stolperpflöcken der kurfürſtlichen Strafmandate ſich bemühte, das nicht ſehr ausgedehnte Bedürfniß an Geſetz⸗, Schul⸗ und Predigtbüchern zu befriedigen. So mancherlei Augenweide hielt fortwährend eine ſchauende und ſtaunende Menge um die Bude ver⸗ ſammelt; auch der Trabant hatte ſich allmälig dahin gezogen, vielleicht aus eigener Neugierde, vielleicht auch, um bei dem Krämer etwas Verbotenes zu erſpähen. Unter den Beſchauern befand ſich auch ein junger Mann in einfachem dunkelbraunem Rocke mit geſpon⸗ nenen Knöpfen von gleicher Farbe; das bis zum Knie reichende, mit kleinen Stahlſchnallen gegürtete Beinkleid 4⁰9 und die langſchößige Weſte waren von gleicher Farbe, zu der auch die dunklen Strümpfe paßten. Die um den Hals geſchlungene Binde und deren breit auf die Bruſt herabhängende Flügel waren nicht koſtbar, aber von ſo tadelloſer Weiße und Sauberkeit, daß ſie den Träger zwar nicht als reichen, aber als einen Mann kennzeich⸗ neten, der auf Anſtand hält und den Werth der äußern Erſcheinung zu ſchätzen weiß. Ein kleiner Stahldegen und ein dunkler aufgeſchlagener Hut auf der rund⸗ lockigen, ſorgfältig gepuderten Perrücke vollendeten den Anzug des jungen Mannes, der das dritte Jahrzehnt ſeines Lebens noch nicht erreicht zu haben ſchien. Es war jedoch nicht blos die Sorgfalt und einfache Fein⸗ heit ſeines Anzugs, was ihn vor ſeiner Umgebung aus⸗ zeichnete, ſondern noch mehr die ungeſuchte, freie und ſelbſtbewußte Art, wie er den wohlgewachſenen, ſchlan⸗ ken Körper trug, und der Adel ſeines Geſichts, dem die ſtarke, ſchön gebogene Naſe, ſowie die feſtblickenden dunklen Augen mit den ſicher geſchwungenen Brauen darüber einen Ausdruck von Ernſt und Kraft verliehen, während der feingeſchnittene Mund und die vollen, aber weich geformten Wangen zeigten, daß mit der Kraft auch die Milde gepaart ſei und der Ernſt keineswegs zu lächeln verlernt habe. Der junge Mann war von dem Weingaſthauſe 124 180 zum deutſchen Ritter hergekommen, das von der breiten ſteinernen Freitreppe, auf der es thronte, gar ſtattlich auf den Schrannenplatz herunterſah, hatte einen flüchtigen Blick auf die Bücher und Bilder ge⸗ worfen und ſchien ſich die Menge des verſammelten Volkes verwundert zu betrachten. Er trat etwas zur Seite, wo unter den Bogen und unter der Ueberſchrift: Fellerer, Würzkrämer— ein Bürgersmann in grüner Bruſtſchürze an den Stufen lehnte, die zu ſeinem Laden hinanführten.„Entſchuldige der Herr meine Freiheit!“ ſagte er zu dieſem.„Aber ich bin verwundert, wes⸗ halb die große Menſchenmenge hier verſammelt iſt. Die paar Marktbuden können doch unmöglich ſolche Anziehungskraft üben.“ „Das thun ſie auch nicht, Herr!“ entgegnete der Kaufmann, ein einfacher Mann mit offenem Angeſicht und treuherzigen Augen.„Aber es gibt ein Spectakel ab und deswegen ſtehen die Leute hier. Der Herr iſt fremd; man ſieht's ihm an, wenn man's ihm auch nicht an der Sprache anhörte. Er weiß alſo wohl noch nicht, daß der Kurfürſt bei uns das Lotto einge⸗ führt hat— heut', in einer halben Stunde iſt die zweite Ziehung; dann werden die Nummern zum Rath⸗ hausfenſter heruntergerufen.“ „Das Lotto?“ rief der Fremde verwundert.„Wie in aller Welt kommt man dazu? Ich kann mir doch nicht denken, daß das einen günſtigen Einfluß auf die Bevöl⸗ kerung haben ſoll! Welchen Nutzen erwartet man davon?“ Der Kaufmann warf einen Blick auf den jungen Mann, als wollte er ihn prüfen, ob es gerathen ſei, mit Vertrauen gegen ihn herauszugehen.„Darüber ließe ſich viel ſagen, lieber Herr!“ entgegnete er dann. „Aber es iſt nicht gut davon reden. Der Kurfürſt braucht Geld; es will nirgends recht zulangen, und ſo kommt man auf Allerlei. Soviel ich mir mit meinen fünf Sinnen zuſammenbuchſtabiren kann, iſt es freilich ſonderbar, wenn man das Schatzgraben und das Gold⸗ machen verbietet und dann doch ein ſolches Spiel öffentlich treibt, das mir nicht viel beſſer vorkommt.“ „Warum nicht gar!“ fiel ihm der nebenan feil⸗ haltende Kerzengießer ins Wort.„Da iſt der Herr Fellerer nicht gut berichtet. Das Spiel iſt ein wahrer Segen fürs Land, daß man nicht mehr ſo viel zu zahlen braucht und dem Armen auch was zukommt, der ſonſt auch keine Freude hat und keine Hoffnung im Leben. Das Spiel iſt ja auch, in andern Ländern eingeführt, in Italien, und wie mir der Pater Joſeph von den Kapuzinern, mein Beichtvater, erzählt hat, hat es auch der Papſt in Rom angenommen, und was der heilige Vater thut, das kann doch nichts Unrechtes ſein.“ Der Fremde ſchwieg; er ſah den Kaufmann mit einem Blicke an, welcher wie eine Frage ausſah und von dieſem mit leiſem Augenwink beantwortet wurde, der deutlich ſagte, daß er mit dem Seifenſieder nicht eines Sinnes ſei, es aber für klüger halte, ſeine Weisheit für ſich zu behalten. Der Fremde zog höflich den Hut, um ſich zu verabſchieden, und wendete ſich der Bilderbude zu; Fellerer rief ihm noch einen Gruß nach und lud ihn ein, zu ihm zu kommen, wenn er als Fremder irgendwie Rath oder Auskunft bedürfen ſollte. Der Kerzengießer aber hatte aus ſeiner Weſten⸗ taſche einen unſcheinbaren ſchmalen Zettel hervorgeholt, den er dem Kaufmann hinhielt.„Da ſehe der Herr!“ rief er vergnügt.„Ich hab' auch in die Lotterie geſetzt: drei, fünfzehn und dreiunddreißig. Es ſind nur ein paar Kreuzer, die ich geſetzt habe— dafür hab' ich geſtern eine Maß Bier weniger getrunken. Wenn die Nummern jetzt herauskommen, krieg' ich beinah' tauſend Gulden; dann bin ich für mein Lebtag ein gemachter Mann. Und daß ſie herauskommen, das kann mir gar nicht fehlen, und ich will Ihm auch ſagen, warum es mir nicht fehlen kann— ich bin nicht neidig und gönn' einem Andern auch was. Wie ich nämlich geſetzt und meinen Zettel bekommen hab“, fuhr er etwas leiſer vertraulich fort,„bin ich hinübergegangen zu der Mut⸗ —— — —* 183 ter Gottes in der Gruft. Es waren gerade wenig Leute da, finſter iſt's auch in dem Gewölb' drunten, wie Ihr wißt— da bin ich an den Altar hingekniet und hab', ohne daß es Jemand gemerkt hat, meinen Zettel an den Mantel der Mutter Gottes angerührt. Jetzt iſt er geweiht, jetzt muß er gewinnen, das kann gar nicht anders ſein!“ Inzwiſchen war die Zeit bereits vorgerückt, und die Uhr am Thalbruckerthorthurme zeigte nahe auf die zweite Stunde, zu welcher die Ziehung der Glücks⸗ nummern ſtattfinden ſollte. Der junge Mann ver⸗ weilte noch immer an der Bude des Bilderhändlers. Er hatte ein Buch, worin er einen Augenblick geblät⸗ tert, ſofort gekauft, ohne lange über den verlangten Preis zu markten oder auch nur die kleine Münze an⸗ zunehmen, die er auf das gegebene größere Geldſtück herausbekommen ſollte. Der Händler, dem derlei nicht oft vorkommen mochte, wußte vor Ehrerbietung gegen den Fremden ſich gar nicht zu faſſen und bemühte ſich, jede Frage deſſelben ſo gut und ſchnell zu beantworten, als es irgend in ſeinen Kräften ſtand; eifrig pries und zeigte er ihm Alles, was ihm in ſeinem Vorrath nur irgend geeignet dünkte, die Beachtung eines ver⸗ nünftigen Menſchen zu finden. In der Nähe des Ladens waren indeſſen ein paar Männer zuſammengetroffen, die ſich gleich alten Be⸗ kannten begrüßten und zu kurzer Unterredung ver⸗ weilten. Das Gedränge ließ ihnen hierzu einen Augen⸗ blick Raum, weil Alles mit Macht gegen das Rath⸗ haus hinwogte, an welchem ſo eben ein Saalfenſter geöffnet wurde zum Zeichen, daß die Lotterieziehung jetzt ihren Anfang nehme. Der eine war der greiſe Kanzler Unertl, der andere ein um Vieles jüngerer Mann von behäbiger, etwas wohlbeleibter Geſtalt und einem fröhlichen, friſch gefärbten Angeſichte, welches wie die lachenden Augen in demſelben nicht verkennen ließ, daß der Mann gewohnt war, Leben, Welt und Menſchen von der heitern Seite zu faſſen. Er war mit außerordentlicher Zierlichkeit und ſogar reich ge⸗ kleidet; auf dem hechtgrauen Rocke ſaßen ſchwere Gold⸗ knöpfe, an Schuh⸗ und Knieſchnallen funkelten edle Steine, und die reiche, buntfarbige Seidenſtickerei auf Rock und Weſte war von ſeltener Schönheit und Koſt⸗ barkeit. Eine mächtige Perrücke fiel auf Nacken und Schultern herab. Die Sorgfalt der ganzen Erſcheinung verrieth den Lebemann, der trotz ſeiner vorgerückten Jahre den Gedanken noch nicht aufgegeben hat, daß er noch gefallen wolle und zu gefallen im Stande ſei. Dennoch war über die ganze Erſcheinung ein Ausdruck ruhiger Sicherheit ausgebreitet, der den Mann von 1 ——— — —. — 185 Stellung und Kenntniſſen bekundete und alle Ueber⸗ treibung fern hielt. „Guten Tag, Herr Landſchaftskanzler!“ ſagte der Mann, indem er die koſtbare Elfenbeindoſe, welche im Griffe ſeines Rohrſtocks angebracht war, öffnete und darbot.„Von wannen kommen Sie, da Sie doch um dieſe Stunde ſchon lange zu Hauſe ſein ſollten? Frau von Unertl ſieht's nicht gern, wenn die Suppe nicht zur beſtimmten Stunde aufgetragen werden kann, auch ſoll ein Mann in Ihren Jahren auf ſtrenge Ordnung und Däät halten!“ „Laſſen Sie's gut ſein, Doctor!“ entgegnete der Greis mit freundlichem Lachen.„Ihre Recepte ändern mich nicht mehr. Meine Diäät iſt die Arbeit; ſolange ich arbeiten kann, bin ich geſund, auch wenn ich ein⸗ mal eine Stunde ſpäter zur Suppenſchüſſel komme. Und was die Stichelei auf meine Hausfrau betrifft, ſo kennt man den Herrn Doctor Joſephus Grünwald und ſeine Spöttereien zu gut, um darin mehr zu ſehen als den Verdruß eines Hageſtolzen, auf den Niemand daheim mit der Suppe wartet.“ „Sie haben Recht, Kanzler“, lachte der Doctor. „Ich bin ein Hageſtolz, ja, aber verdrießlich? Nein. Ich werde das Eine bleiben und das Andere niemals werden. Ich habe ſo eben da droben beim Weingaſtgeb in der Trinkſtube geſpeiſt, wie Sie daheim nicht beſſer ſpeiſen werden, wenn Sie ja noch etwas bekommen und nicht wegen des Zuſpätkommens cariren müſſen wie ein Studentlein, ſo ſein Penſum negligirt. Aber im Ernſte, woher kommen Sie ſo ſpät? Vom Land⸗ ſchaftshauſe? Was gibrs denn dort für Eier, über denen Ihr gar ſo lange zu brüten habt?“ „Das können Sie ſich wohl denken“, entgegnete Unertl mit ſchlecht verhehltem Unwillen.„Es iſt immer dieſelbe Forderung, die man an die Verordneten der Landſchaft ſtellt, immer daſſelbe Uebel, mit dem wir zu kämpfen haben.“ „Aha! Ich verſtehe“, rief der Doctor und machte lachend mit Daumen und Zeigefinger die Geberde, als ob er Geld zähle. Unertl aber fuhr fort:„Wir ſchöpfen in das Faß der Danaiden! Um ein Loch zu ſtopfen, muß ein an⸗ deres aufgemacht werden, und vollends dieſer neue leidige Türkenkrieg ſcheint ein wahrer Abgrund werden zu wollen, der Alles verſchlingt.“ „Es ſteht alſo wirklich ſchlimm?“ ſagte Grün⸗ wald.„Es hat ſchon neulich etwas der Art verlauten wollen.“ „Ganz ſchlimm, zu Ihnen im Vertrauen geſpro⸗ chen“, erwiderte Unertl.„Mit dem Prinzen Eugenius, aA— ——. 187 der kürzlich die Augen geſchloſſen, ſcheint auch deſſen ſieghafter Genius von der kaiſerlichen Armee gewichen; es geht Alles verkehrt. Die Feldmarſchalllieutenants von Seckendorf und Khevenhüller und der Erzherzog Franz hadern und rivaliſiren mit einander, darüber geht eine Schlacht und ein Platz nach dem andern verloren. Bei Krotzka und Semendria ſcheint es im höchſten Grade blutig hergegangen zu ſein, und was übrig bleibt, das fällt und ſtirbt weg wie die Mücken an dem entſetzlichen Sumpffieber, das der heiße Jahr⸗ gang ausgebrütet hat. Ich fürchte, daß von den ſechs⸗ tauſend Mann, die ausmarſchirt ſind, nicht der ſechste Theil ſein Vaterland wiederſieht.“ „Ja, ja, febris paludinaris“, ſagte kopfſchüttelnd der Doctor,„das iſt ein arger Gaſt, der einem wohl zu ſchaffen macht, wenn er einmal epidemiſch iſt und wenn es, was ohnehin der Fall ſein wird, auch an der gehörigen Nahrung fehlt. Die armen Burſchen! Es thut mir bitter leid, wenn ich daran denke, daß ſo viele wackere, kerngeſunde und bildhübſche Leute auf die Schlachtbank geſchleppt werden rein für nichts und wieder nichts. Ich war unten an der Lände an der Iſar, als ſie wegfuhren, ich ſah das Leibregiment mit klingendem Spiele hinmarſchiren, aber ſie machten alle trübſelige Geſichter und hätten am liebſten den Gehorſam aufgekündet. In Linz ſoll es auch wirklich dazu gekommen ſein. Die armen Kerle müſſen eine Ahnung gehabt haben von dem, was ihnen bevorſteht. Daß man bei ſo etwas ruhig zuſehen muß, Kanzler“, fuhr der Doctor in einer Bewegung fort, die um ſo wirkſamer war, je weniger man ſie bei ſeiner gewohn⸗ ten Jovialität von ihm erwartete,„daß man nichts thun kann und ruhig zuſehen muß, wie dem Lande überall Schröpfköpfe angeſetzt und dem Volke fort⸗ während zur Ader gelaſſen wird, und wie kein Menſch daran denkt und es der Mühe werth findet, beiden neuen succum et sanguinem zuzuführen, ohne den es zuletzt der Atrophie und Schwindſucht rettungslos ver⸗ fallen muß! Ich meine, Alles, was Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hat, ſollte ſich die Hände reichen und zuſammenſtehen wie ein Mann. Wie iſt's, Herr Kanzler?“ fuhr er nach kurzem Innehalten fort, wäh⸗ renddeſſen er Unertl mit ernſtem Zlicke betrachtet hatte.„Haben Sie ſich überlegt, was ich Ihnen neu⸗ lich geſagt habe?“ „Ich hatte nicht nöthig, das erſt zu überlegen“, entgegnete dieſer.„Meine Anſicht ſteht feſt.“ „Sagen Sie das nicht ſo geradehin!“ rief der Doctor warm.„Sie wiſſen von mir, daß ſich einige wohlmeinende und wackere Männer zuſammengethan —— haben, um in der Stille auf Mittel zu denken, wie dem Lande und dem Volke aufgeholfen werden könne, wie man das letztere ſelbſt zu heben und über ſich ſelbſt aufzuklären vermöge. Bis jetzt iſt es nur ein kleines, unanſehnliches Häuflein, aber die Menge macht's ja nicht aus, ſondern die Tüchtigkeit! Ein paar Tropfen Gift machen die ganze Blutmaſſe abſtehen— ſollte ſo etwas nicht auch umgekehrt und im guten Sinne mög⸗ lich ſein? Gewiß; es kommt nur darauf an, daß man das richtige Medicament findet, die rechte Emulſion, das wahre Lebenselixir! Warum wollen Sie nicht helfen, die Geſellſchaft zu gründen? Was haben Sie an ihr auszuſetzen, da Sie ja doch der Geſinnung nach unſer Genoſſe ſind?“ „Ich habe nichts gegen eine ſolche Geſellſchaft“, entgegnete der Kanzler,„als daß ſie heimlich iſt. Heimlichkeit führt nie zum Guten und das Gute braucht keine Heimlichkeit.“ „Doch, doch, amicissime!“ lachte der Doctor. „Und ich kann Ihnen gleich das contrarium ad oculos beweiſen! Man denke an die erſten Chriſten, die auch heimlich und unter Verborgenheit in den Katakomben zuſammenkamen, und man wird doch nicht negiren wollen, daß das zum Guten geführt hat. Aller⸗ dings kommen wir bis jetzt heimlich, das heißt, unter dem Vorgeben zuſammen, als wenn es uns blos darum zu thun wäre, Bier zu trinken und Kegel zu ſchieben, aber dabei haben wir keine böſe Abſicht und wollen uns nur die Spürer und Schnüffler vom Leibe halten. Sind wir erſt innerlich geordnet und zuſammengewach⸗ ſen, wie unſer Loſungswort es verlangt, dann können wir auch offen auftreten und eine literariſche und phi⸗ lanthropiſche Geſellſchaft gründen, wie weiland die nutz⸗ und luſtbringende Geſellſchaft der vertrauten Nachbarn am Iſarſtrand. Dann können wir meinet⸗ wegen Seine Durchlaucht zum Protector erbitten und uns fein hochtrabend eine zweite Societas Carlo-Alber- tina nennen, aber bis dahin wird es beſſer ſein, wenn wir ſtill ſind und nicht gackern, ehe das Ei gelegt iſt. Wenn der Halm aufgegangen iſt und ſich zur Aehre entfaltet, freut ſich Alles über ihn, wer wird ihm einen Vorwurf daraus machen, daß das Korn ungeſehen und verborgen im Dunkeln hat keimen müſſen?“ „Sie ſprechen ganz gut“, ſagte Unertl;„aber drin⸗ gen Sie nicht in mich! Ich habe meine eigenen Grund⸗ ſätze. Laſſen Sie die Zeit und die Verhältniſſe walten, jetzt aber entſchuldigen Sie mich, wenn ich gehe! Sonſt könnten Sie wirklich Recht behalten mit dem Mittag⸗ eſſen.“ Sie ſchüttelten ſich die Hände und wollten ſich 191 trennen; der Kanzler aber kehrte nochmals zurück.„Ein guter Wahlſpruch“, ſagte er,„iſt wie ein gutes Geſicht, man weiß oft gleich, was man von dem Träger zu erwarten hat. Wie heißt der Ihrer Geſellſchaft, von dem Sie ſo viel erwarten?“ „Concordia“, ſagte der Doctor nachdrücklich und mit würdigem Ernſte. Der Kanzler faßte wiederholt ſeine Hand, drückte ſie warm und rief:„Das iſt ein gutes Wort, Doctor, dabei bleibt! In dem iſt wirklich Hoffnung.“ Er ging. Auch der Doctor wollte ſeinen Weg fortſetzen; da er aber nicht Luſt verſpürte, ſich durch die wogende Volksmenge Bahn zu brechen, ſchlug er einen Seitenweg ein.„Ich will durch die Bogen auf den Petersfreithof gehen“, ſagte er für ſich hin,„und dann gegen das Thal hinaus! Es kommt im Leben gar oft vor, daß der weiteſte Weg der kürzeſte iſt.“ Im Fortſchreiten hielt er jedoch inne; in der Menge war auf einmal ein Auflauf an der Bude des Bilder⸗ händlers um den jungen Fremden entſtanden, den der Trabant gefaßt hielt und mit ſich fortführen wollte. Der Händler und der aus ſeinem Laden herbeigeeilte Würzkrämer ſuchten ihn zu begütigen, der Fremde aber bemühte ſich, eine Aufklärung zu geben, die der Tra⸗ bant nicht anhören wollte; ihm war es um nichts Anderes zu thun, als ſeinen Pflicht⸗ und Dienſteifer zu zeigen. „Nichts da!“ ſchrie er über den Lärm hinaus. „Der Herr geht mit mir zum Stadtoberrichter! Der Hieronymus Stuhlreiter weiß ſchon ſelbſt, was ſeine Schuldigkeit iſt, und wenn er einmal etwas mit ſeinen zehn Klammern gepackt hat, läßt er es gutwillig nicht wieder los.“ Wollte der Fremde ſich nicht offener Gewalt aus⸗ ſetzen, ſo ſchien ihm nichts Anderes übrig zu bleiben, als ſich zu fügen; er bat daher den Kaufmann, ſich ſeinetwegen nicht weiter zu bemühen. Er wolle mit dem Trabanten gehen, ſagte er, mit dem Stadtober⸗ richter werde ja wohl ein vernünftiges Wort zu reden ſein. „Das iſt gewiß“, ſchrie der Trabant.„Es braucht kein ſolcher Schnapphahn aus Sachſen, oder wo er ſonſt her iſt, nach ſeiner verrückten Rederei, daherzu⸗ kommen und uns das zu ſagen! Der Herr Stadt⸗ oberrichter wird Ihm die Vernunft ſchon weiſen, bevor er aber zu dem geſtrengen Herrn kommt, ſteck' ich Ihn ins Loch, ins Schergenſtübel, daß Er's nur weiß. Ich heiße Hieronymus Stuhlreiter, wenn Er meinen Namen wiſſen will, und jetzt vorwärts marſch ohne Wider⸗ rede!“ 1 193 „Was gibt es denn hier?“ rief Doctor Grün⸗ wald, ſo raſch hinzutretend, als das Gedränge es ge⸗ ſtattete.„Was geht hier vor?“ „Ah, grüße Sie Gott, Herr Doctor!“ rief der Kaufmann ſichtlich erfreut.„Das iſt ein Glück, daß Sie kommen. Helfen Sie doch! Das iſt ja doch nicht recht, wie man mit einem Fremden umgehtz; das bringt München und das ganze Baiernland ins Geſchrei.“ Er erzählte, wie der junge Mann beim Buchführer etwas gekauft und zuletzt gefragt habe, ob er denn auch die Bibel in deutſcher Sprache zum Verkaufe führe; darüber wolle ihn der Stadtwächter in Verhaft nehmen. „Ich wollte mich unterrichten“, ſchaltete der Fremde ein,„wie es mit der Bildung im Volke ſteht; denn was ich ſo an Büchern liegen ſah, hat mir, offen ge⸗ ſtanden, keine beſondere Meinung davon beigebracht. Ich konnte nicht wiſſen, daß es hier zu Lande verboten iſt, nach der heiligen Schrift auch nur zu fragen!“ „Ja, mein Herr, das konnten Sie freilich nicht wiſſen“, erwiderte Doctor Grünwald mit Achſelzucken und fuhr gegen den Trabanten gewendet unwillig fort:„Und das iſt die ganze Urſache, weshalb Er einem Fremden Ungelegenheiten macht und ſolch einen Auflauf hervorruft?“ Schmid, Concordia. I. 13 „Nun, ich denke, das wär' alleweil genug“, ent⸗ gegnete trotzig der Trabant.„Wir haben den ſtrengſten Befehl, Alles zur Anzeige zu bringen, was ſich mit der luthriſchen Ketzerei befaßt und die deutſche Bibel, die iſt luthriſch.“ „Gut, ſo mach' Er ſeine Anzeige!“ entgegnete Grünwald.„Aber den Herrn gebe Er frei, er wird ſich vor dem Richter ſtellen, wenn es verlangt wird; ich leiſte Bürgſchaft für ihn. Die wird Ihm wohl ge⸗ nug ſein; ich hoffe, daß Er mich kennt.“ Der Trabant erwiderte nichts, aber ſein grimmi⸗ ger Blick zeigte deutlich, wie hart es ihm ankam, ſich das Opfer, das er ſchon ſo feſt zu halten glaubte, wieder entriſſen zu ſehen. Der Doctor wartete nicht weiter zu, er faßte den Arm des Fremden und lud ihn ein, ihm zu folgen. „Kommen Sie, mein Herr!“ ſagte er.„Ich will Sie begleiten, wenn Sie mir ſagen wollen, wohin Sie des Weges ſind.“ „Ich wollte durch das Thor auf die Iſarbrücke hinaus“, ſagte der junge Mann,„in die Vorſtadt, welche dort liegen ſoll.“ „In die Au? Dann haben wir ohnehin denſel⸗ ben Weg; ich bin eben im Begriffe, nach Tiſche meinen gewöhnlichen Spaziergang zu machen über den Gaſteig und die Lüften. Macht Platz, Ihr Leute, und laßt uns durch! Es gibt da nichts mehr zu ſehn!“ ſagte er dann zu den Umſtehenden, die auch bereitwillig zur Seite wichen; die Stadttrabanten ſtanden übel angeſchrieben und das Volk war immer bereit, gegen ſie Partei zu nehmen. Dennoch wäre es vielleicht nicht ſo widerſtandslos gelungen, wenn nicht Trompetenruf vom Rathhauſe her erklungen und am Fenſter ein Mann erſchienen wäre, um die fünf Nummern auszu⸗ rufen, die droben ſo eben aus dem Glücksrade gezogen worden. Athemlos lauſchte die Menge, und nur hier und da unterbrach ein unwillkürlicher Ruf der Freude oder ein Laut der Enttäuſchung die horchende Stille. Deſto wilderes Stimmengebrauſe brach los, als die Verkündigung zu Ende war, Unter demſelben begann die Menge ſich zu verlaufen, bildete aber am nächſten Ständchen eine neue Verſammlung, denn der Kerzen⸗ gießer, der die Verleſung mit ſteigender Unruhe ange⸗ hört, begann, als auch die letzte Nummer ausgerufen war, zu hüpfen und zu ſchreien und ſich wie ein Ra⸗ ſender zu geberden.„Juhe!“ rief er, riß ſich die La⸗ denſchürze ab und warf ſie in die Höhe.„All meine Nummern ſind da! Ich habe tauſend Gulden gewon⸗ nen! Hüt' Er mir meinen Stand, Nachbar, ich muß heim, muß es Weib und Kind ſagen! Heut“ Abend 196 laſſ' ich mir einen Kapaun braten; ein Faß Märzen⸗ bier geb' ich zum Beſten und die ganze Nachbarſchaft iſt eingeladen. Und die Mutter Gottes in der Gruft, die mir ſo treulich beigeſtanden, die ſoll einen neuen Mantel haben vom allerſchwerſten Sammt, der nur aufzutreiben iſt, mit Goldborten, ſo breit wie meine Hand! Auseinander, Ihr Leut' oder ich renn' ein halbes Dutzend nieder! Ich hab' gewonnen, ich hab' einen Terno gemacht, juhe!“ Verwundert und ergriffen wich das Volk zu bei⸗ den Seiten zurück und ſah beneidend dem Gliücklichen nach, der wie unſinnig dahinrannte.„Da ſieht man's jetzt ganz deutlich“, ſagten ſie unter einander,„daß doch was dran iſt an dem Spiel“, und Jeder nahm ſich feſt vor, das nächſte Mal auch ſein Glück zu ver⸗ ſuchen und es ſo einzurichten, daß er wenigſtens noch einmal ſo viel gewinnen müſſe wie der glückliche Ker⸗ zengießer; der Unzähligen wurde nicht gedacht, die auch ihr Erſpartes oder das, was ſie ſonſt bedurft hätten, auf das Spiel geſetzt hatten, nun aber ent⸗ täuſcht und traurig heimwärts ſchlichen. Doctor Grünwald und der Fremde hatten inzwi⸗ ſchen das Thor durchſchritten und das Thal erreicht. „Wie ſoll ich Ihnen danken, mein Herr?“ ſagte dieſer. „Sie haben Sich meiner ſo warm und freundſchaftlich angenommen und kennen mich nicht einmal; erlau⸗ ben Sie daher, daß ich—“ „Hat gar nichts zu ſagen“, unterbrach ihn der Doctor.„Sie haben das Ausſehen eines anſtändigen Mannes; anſtändige Leute kennen einander durch ein geheimes Zeichen und helfen ſich, wie es bei den Frei⸗ maurern der Fall ſein ſoll. Zumal ein Mediciner, wie ich, verſteht ſich auf die Geſichter, dem in der Praxis gar viele Leute unter die Hände kommen, noch dazu in einem Zuſtande, in dem man vergißt, ſich zu verſtellen; da lernt man in des Menſchen Geſicht und Auge leſen. Alſo nehme ich Ihr Vertrauen ſo im Sturme nicht an. Finden Sie es nöthig, daß ich Sie näher kennen lerne, ſo beſuchen Sie mich! Ich bin der ſtädtiſche Obermedicus Doctor Grünwald, wohnhaft in der Roſengaſſe, jedes Kind kann es Ihnen zeigen, Sie dürfen nur nach dem ehemaligen Pilgram⸗ Hauſe fragen. Was haben Sie?“ unterbrach er ſich, als er bemerkte, daß der Fremde eine unwillkürliche Bewegung machte, die faſt wie Schrecken ausſah.„Iſt Ihnen das Haus bekannt?“ „Bekannt? Wie ſollte das ſein!“ erwiderte dieſer, ſich ſchnell ſammelnd.„Nur der gebrauchte Ausdruck ehemalige Behauſung machte auf mich einen eigen⸗ thümlichen Eindruck.“ 198 „Sie ſcheinen ein feines Gefühl zu haben, mein Herr“, ſagt der Doctor,„und haben diesmal auch ganz Recht. An dieſes ehemalige ließe ſich eine ganze Geſchichte knüpfen, aber keine erfreuliche. Die Pil⸗ grams ſind eine alte Münchener Patricierfamilie, einſt reich und angeſehen vor vielen, jetzt aber völlig aus⸗ geſtorben. Ich kann Ihnen mehr davon erzählen, wenn Sie mich beſuchen, vorausgeſetzt natürlich, daß Sie Luſt dazu haben und ſo lange in München zu bleiben gedenken.“ „Ich kann darüber noch nichts beſtimmen“, ſagte der Fremde.„Allerdings bin ich in Angelegenheiten hier, die ſich vorausſichtlich nicht ohne Schwierigkeiten ordnen laſſen; immerhin dürfte meine Anweſenheit im beſten Falle ſich auf ein paar Wochen ausdehnen.“ „Gut, dann ſag' ich. Auf Wiederſehen!“ rief der Doetor.„Nun aber kein Wort mehr von all dieſem, und laſſen Sie mich jetzt Ihren Begleiter ſein oder, wie man in Italien ſagt, Ihren Cicerone!“ Gemächlich ſchritten ſie das Thal entlang, und der Doctor bemühte ſich redlich, das übernommene Amt zu erfüllen; er nannte und zeigte dem fremden Beſucher Alles, was ihm merkwürdig oder anziehend ſein konnte: die gewölbte Hochbrücke und das daran⸗ ſtoßende Haus, das einſt Kaiſer Ludwig der Baier den Münchener Bäckern für ihre Tapferkeit in der Ampfinger Schlacht geſchenkt, das Iſarthor mit ſei⸗ nen mächtigen Wällen, Gräben und Ringmauern und die zierlichen Nutz⸗ und Luſtgärten, die von den rei⸗ cheren und vornehmeren Bürgern der Stadt in dem freien Raume bis an die Iſar angelegt waren. Dann ging es durch den viereckigen, hellroth angeſtrichenen Thurm, am Anfang der Brücke, deſſen Erſtürmung den oberländer Bauern in der Mordweihnacht von 1705 ſo viel wackeres und vergebliches Blut gekoſtet. Ein anſehnlicher Haufen großer Feldſteine, welcher ſeitwärts lag und einigen blaß ausfehenden, zerlump⸗ ten Kindern als Spielplatz diente, erregte die Auf⸗ merkſamkeit des Fremden, weil die Steine beinahe den Weg einengten. „Das iſt auch eine Münchener Merkwürdigkeit“, lachte der Doctor auf deſſen Frage.„Das Pflaſter der Stadt iſt ſchlecht und koſtet doch ein Heidengeld. Es gibt in der Nähe keine brauchbaren Steine, des⸗ halb haben Bürgermeiſter und Rath befohlen, daß jeder Flößer und Schiffer, der mit einem Floſſe die Iſar herabfährt und anländet, drei Pflaſterſteine mit⸗ bringen und hier auf den Haufen werfen muß; wenn einmal genug beiſammen ſind, dann erhält München ein neues Pflaſter. Lächeln Sie nicht, mein Herr!“ 200 fuhr er fort.„Bei uns geht Alles langſam, und be⸗ ſonders etwas Neues braucht geraume Zeit, bis es einwurzelt. Da haben Sie gleich noch ein Beiſpiel davon! Sehen Sie jenen großen, hageren Mann in den ſchwarzen, abgetragenen Kleidern, der mit jenen Kindern ſpricht und ſie mit ſich fortführt? Das iſt auch einer, der etwas Neues pflanzen will und ſich Mühe und Zeit nicht verdrießen läßt; es iſt ein Win⸗ kelſchullehrer aus der Au, ich glaube, eines Faßbinders Sohn, ein armer Teufel, der es aber nicht ertragen kann, die vielen, noch ärmeren Kinder zu ſehen, die durch die letzte Seuche elternlos geworden ſind, und der nun ein Waiſenhaus gründen will und die Kinder von der Straße zuſammenlieſt und für ſie bettelt, da⸗ mit er ſie füttern und kleiden kann.“ „Wackerer, herrlicher Mann!“ rief der Fremde. „Und ſein Name?“ „Es iſt auch eins von den Feuerherzen, die nicht eher zur Ruhe kommen, als bis ſie vollſtändig aus⸗ gebrannt ſind“, ſagte der Doctor.„Er heißt Pöppel.“ Ein ſtarker Böllerſchuß erdröhnte, und die an⸗ ſehnliche Menſchenmenge, die unbemerkt von den bei⸗ den Spaziergängern denſelben Weg verfolgt hatte, be⸗ gann lauter zu werden und ſich in eilige Bewegung zu verſetzen. „Die Wallfahrt kommt“, ſagte Grünwald;„ſie muß den Umweg um die Stadtmauern machen. Die Roſenkranz⸗Bruderſchaft iſt von den Paulanern in der Au gegründet worden. Bisher haben die Jeſuiten es als ihr Privilegium betrachtet, das Volk durch Komö⸗ dien und frommes Schaugepränge zu locken, nun fürch⸗ ten ſie, daß die Paulaner ihnen Eintrag thun, und ſind ihnen hinderlich, wo es angeht. So haben ſie es durchgeſetzt, daß der Zug nicht durch die Stadt gehen darf.“ „Sie kommen“, rief jetzt eine ſtämmige Weibs⸗ perſon mit einem Kinde auf dem Arm und einer alten gebrechlichen Frau an der Hand, die ſich vergebens be⸗ mühte, mit den jungen Beinen gleichen Schritt zu hal⸗ ten.„Nimm die Füß' auf den Buckel, Mutter, und mach', daß Du nachkommſt“, rief das Mädchen.„Wir müſſen uns tummeln, daß wir über die Brücke hinüber⸗ kommen, ehe der Zug da iſt, ſonſt können wir nicht mehr durch.“ „Das verſteht ſich“, rief der Begleiter der beiden, ein Burſche mit verwegenem Angeſichte und in abge⸗ riſſenen Kleidern, offenbar der Auserwählte des Mäd⸗ chens.„Wenn wir uns nicht eilen, bekommen wir auch keinen Platz mehr in dem neuen Bräuhaus bei den Paulanern, und das wäre ſchade, denn die ſollen 202 ein Prachtbier haben, das beſſer iſt als der Bock. Greif' zu, Nanni, wir wollen die Alte Engel tragen, da kommen wir gleich vom Fleck!“ Lachend faßten beide die Alte unter den Achſeln und rannten unter lautem Geſchrei mit ihr davon. „Aufgeſchaut und Platz gemacht!“ rief der Burſche. Juhe,„iſt das ein luſtiges Leben in der Münchner⸗ ſtadt; ein biſſel was geht alleweil.“ „Da können Sie gleich wieder Züge aus unſerem Volksleben kennen lernen“, ſagte der Doctor.„Es wäre vielleicht klüger von mir, ſie zu verdecken, aber als Arzt bin ich gewohnt, nichts zu bemänteln und überall mit der Sonde den Schaden bloßzulegen, wenn es auch ſchmerzt. Wir haben nämlich das Glück, eine Gattung von Menſchen oder Bürgern als förmlichen Stand zu beſitzen, die ſonſt nur ausnahmsweiſe vor⸗ kommt, wir haben eingeſchriebene Bettelleute von Pro⸗ feſſion, und dieſes Trifolium gehört dazu.“ „Aber wie iſt das möglich!“ rief der Fremde. „Dieſe jungen Leute ſind ja kräftig und ſtark; ſollten die nicht arbeiten können?“ „Wenn ſie wollten, gewiß“, entgegnete der Doc⸗ tor,„aber Betteln iſt angenehmer und minder beſchwer⸗ lich als arbeiten. Die Alte iſt gebrechlich und dient zur Ausrede für das Mädchen, um bei der Mutter zu —ÿ bleiben; an die hängt ſich dann der Burſche, und weil die Folgen hiervon nicht auf ſich warten laſſen, muß er bei ihr und dem Kinde bleiben, und ſo ziehen ſie alle drei mit einander luſtig im Lande herum, laſſen unſern Herrgott einen guten Mann ſein und brand⸗ ſchatzen die Dörfer und Meierhöfe, wo man ihnen gern gibt, um ſie wieder los zu werden und nicht zu reizen.“ Der Doctor war warm geworden; die halb ver⸗ wunderten, halb bedauernden Blicke, mit welchen ſein Begleiter dieſe Mittheilung aufnahm, waren ihm nicht entgangen.„Ich wiederhole es, ich ſollte derlei gar nicht ſagen“, rief er abermals, blieb ſtehen und hieb mit dem Stocke nach einer Brennneſſel am Wege, als müſſe er etwas haben, was er ſeinen Unmuth fühlen laſſen könne.„Aber ich weiß nicht, wie das kommt, es iſt etwas an dem Herrn, daß ich Zutrauen zu ihm habe und glaube mit ihm reden zu dürfen wie mit unſereinem.“ „Das können Sie auch“, ſagte dieſer.„Wenn Sie mich und die Geſchäfte, die ich in München habe, erſt vollends kennen, werden Sie einſehen, daß Sie es mit vollem Rechte können.“ „Bene, amicissime!“ rief Grünwald.„Wenn ich Ihnen derlei ſage, geſchieht es auch zum großen Theil nur deswegen, damit Sie ſehen, daß in München doch nicht alle eine Binde um die Augen und ein Bret vor der Stirn haben; es iſt aber ſchwer, einem Volke zu helfen, das ſeine Hülfsbedürftigkeit gar nicht kennt und ſich in ſeinem Zuſtande ſogar ganz behaglich be⸗ findet. Doch es muß anders werden und wird auch anders werden, aber Zeit wird es koſten, noch viel Zeit! Ich werde es nicht erleben, das weiß ich, aber wenn ich meinen Kopf einmal auf die Hobelſpäne lege, möchte ich mir wenigſtens ſagen können, daß ich das Meinige redlich gethan habe. Von unten muß man anfangen, ſag' ich immer; die Schulen müſſen beſſer werden, damit das Volk mithilft und ſelber nach der Hand greift, die man ihm bietet. Jetzt kann es nicht anders ſein in einer Stadt, die etwa ſechsunddreißig⸗ tauſend Einwohner hat, von denen nur der dreizehnte Mann ein wirklicher, arbeitſamer Bürger, aber jeder vierzigſte ein Pfaffe und jeder dreißigſte ein Bettler iſt. Aber jetzt erlauben Sie, daß ich mich beurlaube und nach links wende!“ fuhr er abbrechend fort, als ſie am Ende der Iſarbrücke angekommen waren.„Wenn Sie in die Au wollen, führt Ihr Weg Sie hier rechts hinunter, dort an jenem anſehnlichen Gebäude vorüber — es iſt ein Fabrikhaus, das Kurfürſt Max Emanuel baute, weil er in den Niederlanden die Induſtrie ken⸗ 1 — ——— 205 nen gelernt hatte und mit einem Schlage nach Baiern verpflanzen wollte, wie es die Kinder machen, die ab⸗ geriſſene Blumen einſetzen und die Wurzeln für unnö⸗ thig halten. Das Pflänzchen iſt denn auch richtig bald verwelkt und jetzt— aber da gerathe ich ſchon wieder in das Raiſonniren hinein. Leben Sie wohl, mein Herr! Ich gehe links die Anhöhe hinauf. Wenn ich da oben einſam zwiſchen den Wieſen und Wäldchen dahinwandle in der freien Natur, finde ich mich und meinen Gleichmuth bald wieder und kehre geſtärkt in die Stadt zu meinen Patienten zurück. Noch einmal, beſuchen Sie mich, wenn es Ihnen ſo ums Herz iſt, wo nicht, ſo laſſen Sie ſich die Stunde nicht gereuen, die Sie mit einem vielleicht ungelenken, aber gewiß aufrichtigen Baiern zugebracht haben!“ Eilig ſchritt er die Anhöhe hinan, wo über nie⸗ deres Gebüſch und einige Obſtbaumwipfel das kleine Nikolauskirchlein ſeinen unſcheinbaren Thurm empor⸗ hob; es ſchien, als ob ſeine Eile noch verſtärkt würde durch das Herannahen des Wallfahrtszuges, welcher, von wiederholten Böllerſchüſſen angekündigt, bereits an der andern Seite der Brücke unter dem Bogen des rothen Thores ſichtbar wurde. Der junge Mann eilte an den kleinen Häuschen der Vorſtadt dahin, die unter Gärten, Grasplätzen und Ge⸗ 206 büſchen regellos, aber anmuthig zerſtreut lagen, bis zu dem großen Platz, auf deſſen raſenbewachſener Mitte die an⸗ ſehnliche Kirche von Mariahilf ſich aus einer Doppelreihe ſchöner Lindenbäume erhob. Auf dem ſpitzen Thurme ſtand ein lebensgroßes Marienbild, das, mit goldener Krone und Scepter in der Nachmittagsſonne blitzend, weit hinaus Stadt und Gegend gleich einer Königin beherrſchte. Aus dem weiten Baumgarten, der ſich hinter der Kirche die Anhöhe hinanzog, ragte wie aus einem grünen Waldverſteck das Schlößlein Neudeck empor, einſt Sommeraufenthalt und Jagdſitz der bai⸗ riſchen Landesherrn, die den ſtillen, einfachen Zufluchts⸗ ort, nachdem das prächtige Nymphenburg erbaut wor⸗ den, den aus Italien herbeigerufenen Vätern vom heiligen Franz von Paula geſchenkt und ihnen erlaubt hatten, ſich ein Kloſter daneben zu erbauen. Dieſes war denn auch ſchon zu einem ſtattlichen Gebäude er⸗ wachſen und die daran gebaute Kirche zeigte, daß die neuen Anſiedler den Platz wohl feſtzuhalten gedachten, denn der Thurm derſelben trug wie zum Zeichen der Herrſchaft als Abſchluß und Dach ein viereckiges Pfaf⸗ fenkäpplein. Mit dem niedrigen, langgeſtreckten Kloſter⸗ hing, durch einen ſchmalen Gewölbgang verbunden, das Bräuhaus zuſammen, vor welchem ſowie auf dem umfriedeten Platze vor der Kloſterpforte eine Un⸗ zahl Menſchen ſich gelagert hatte, lauter fromme Leute aus der Stadt, die den Einzug der Wallfahrer ab⸗ warten und ſich die Zeit des Wartens durch das vor⸗ treffliche Bier verkürzen wollten, das die ehrwürdigen Väter Paulaner in koſtbarſter Weiſe zu bereiten ver⸗ ſtanden. Gab es doch, wenn einmal die Andacht be⸗ gann, ſo viel zu beten, daß es wohlgerathen ſchien, ſich vorher Lippen und Kehle gehörig zu befeuchten. Die heitere Menge achtete des Fremden nicht, der durch ſie hindurch die Straße entlang ſchritt, die nach manchen Wendungen an einem hübſchen Hauſe vorbei⸗ führte, deſſen Bauart ſowohl als die daran angebrachte reiche Stuccaturverzierung auf den erſten Blick erken⸗ nen ließ, daß es nicht ein bürgerliches, ſondern irgend ein vornehmes oder fürſtliches Beſitzthum war. Ueber dem Eingang und an den Fenſtern waren zwiſchen zierlich verſchlungenen Laubgewinden und Zweigen alle Vorgänge und Erlebniſſe der Falkenjagd und Reiher⸗ beize abgebildet, von dem Augenblicke an, wo der Falke mit der Haube auf dem Kopfe wartend auf Fauſt und Stange ſitzt, bis zu dem, wenn er auf das Federſpiel ſtößt und ſeiner Beute nachſtürzt, um dieſe in den Fängen gehorſam zu ſeinem Herrn zurückzu⸗ bringen. Es war die Wohnung des kurfürſtlichen Oberfalkners, der von hier aus wie von einem Edel⸗ 208 mannshauſe das gegenüberliegende ſchmale und nie— drige Nebengebäude überblicken und überwachen konnte, worin neben den Käfigen der Vögel und den Hunde⸗ ſtällen auch die Stuben für die Falkner und die Räume zur Aufbewahrung des Jagdgeräthes angebracht waren. Der Fremde ſtand beobachtend ſtill, theils weil ihm das Falknereigebäude gefiel, theils war es, als ob er ſich an einem Orte, den er nie geſehen, nach der Beſchreibung zurecht zu finden oder alte Erinnerungen zu ſammeln und zu wecken ſuche. Bald geſellte ſich auch ein anderer Beweggrund des Verweilens hinzu. Der Spähende wurde an einem geöffneten Fenſter des Falkenhofes einen weiblichen Kopf gewahr, deſſen eigenthümliche Lieblichkeit ihn mit ſo unwiderſtehlicher Gewalt berührte, daß er wie gebannt ſtehen blieb und ſein Vorhaben ganz zu vergeſſen ſchien. Unverwandt hing ſein Auge an dem bleichen, von wehmüthiger Trauer wie von einem Schleier umflorten Angeſicht, dem die geſenkten Augenlider und das geneigte Köpf⸗ chen faſt das Anſehen einer ſchmerzhaften Madonna gaben; wohl beſann er ſich bald, daß dieſes Anſtarren ſich nicht gezieme und das Mädchen verletzen könne; aber kaum hatte er ſich abgewendet und einen Schritt vorwärts gethan, als von unwiderſtehlicher Macht ge⸗ 209 zogen Fuß und Auge in die alte Richtung zurückkehr⸗ ten. Indeſſen hatte auch das Mädchen den Beobachter gewahrt, ſo unverwandt und eifrig ſie auch auf das Buch oder Strickzeug, das ſie vor ſich zu haben ſchien, niedergeblickt hatte. Eine Röthe des Unwillens überflog das bleiche Antlitz, raſch ſtand ſie auf, griff nach dem Stängelchen, das die Läden feſthielt, und zog dieſelben ſo kräftig zu, daß über die Abſicht, in der es geſchah, kein Zweifel beſtehen konnte. Betroffen raffte der Fremde ſich auf und ſchritt eilig weiter, einen zwiſchen Gärten und eingeplankten Angern hinführenden ſchma⸗ len Feldweg entlang, an der Ecke aber konnte er ſich nicht enthalten, noch einen Blick nach dem Falkenhofe zurückzuwerfen. Jetzt gaben die Glocken des Paulanerkloſters und der Mariahilfkirche mit feierlichem Geläute das Zeichen, daß der Zug der frommen Wallfahrer nahe und bereits vom Gotteshauſe aus ſichtbar ſei. Gleichzeitig öffnete ſich die Thür des Falkenhofes und eine weibliche Geſtalt trat heraus; ohne einen Blick um ſich zu werfen, zog ſie die Thür ſachte hinter ſich zu und prüfte vorſichtig den Drücker, ob ſie in das Schloß gefallen; dann wandte ſie ſich eilend, aber ſittigen Schrittes dem Feſt⸗ platze zu. Der Fremde beſann ſich; das Verlangen, das Schmid, Concordia. I. 14 210 ſchöne Mädchen noch einmal zu ſehen, ſie genauer und näher betrachten zu können, rang mit der Scheu, ſich zudringlich zu zeigen. Bald aber war dieſe Beſorgniß überwunden, war es ja doch ein Leichtes, ſich in ſol— cher Entfernung zu halten, daß ſie ihn gar nicht be⸗ merken konnte, wenn dies in ſolcher Menſchenmenge überhaupt möglich war.„Es iſt etwas in dieſem An⸗ geſichte“, ſagte er zur Selbſtentſchuldigung vor ſich hin,„und jetzt auch in jeder Bewegung dieſer anmu⸗ thigen Geſtalt, was mich mit dem erſten Blick wun⸗ derbar gefangen und befangen hält. Ich will ihr nach, will mich überzeugen, daß Entfernung und Ueberra⸗ ſchung mich getäuſcht haben; ich muß mich von dieſem Eindruck befreien, oder—“ Er vollendete nicht; denn er mußte eilen, wenn er das Mädchen nicht aus den Augen verlieren wollte. Sie blieb am Thore des Paulanerkloſters ſtehen, an welchem einige Stufen emporführten und den gan⸗ zen Platz gegen die Mariahilfkirche hin zu überblicken geſtatteten; ohne daß ſie eine Ahnung davon hatte, gab ſie dadurch ihrem Verfolger Gelegenheit, ſie mit voller Muße zu betrachten, weil ſie mit Kopf und Schulter frei aus der übrigen Menge hervorragte. Langſam, feierlich kam die Wallfahrt näher, einen weiten Bogen beſchreibend, um auf dem großen Platze X — 211 die ganze Ausdehnung und Pracht des Zuges entfal⸗ ten zu können. Das Schmettern der Trompeten und Poſaunen, von dumpfen Paukenwirbeln getragen, fer⸗ ner, ernſt melodiſcher Chorgeſang und das wirre Ge⸗ brauſe laut betender Stimmen miſchten ſich immer näher und lauter in den ebenfalls immer mächtiger erſchal⸗ lenden Glockenton. Der Fremde hatte unweit der Schenke Platz ge⸗ funden, wo vorher das Kloſterbier geſpendet worden und jetzt ein dienender Bruder, die weiße Schürze über der ſchwarzen Kutte, mit einigen Knechten beſchäftigt war, die ins Freie geſtellten Tiſche und Bänke wegzu⸗ räumen und die Unzahl ſteinerner Maßkrüge beiſeite zu bringen. Dabei vergaß er ſich ſelbſt keineswegs; eben hatte er ſich zur Stärkung einen Krug aus dem Faſſe gefüllt und blies nun behaglich den Schaum davon weg. Darüber hinausblickend gewahrte er den Fremden und hatte denſelben mit dem Scharfblick eines Wirths ſogleich als einen nicht Einheimiſchen erkannt. Er zog den Krug unberührt vom Munde zurück und trat damit zu dieſem hin.„Der Herr iſt ein Fremder“, ſagte er,„ich ſeh' es ihm übers Gewand an; wenn der Herr vielleicht unſer Kloſterbier koſten will, weil juſt noch ein Augenblick Zeit iſt, machen wir uns eine Ehr' daraus.“ 9 14* 212 Der Fremde mochte wirklich Labung bedürfen; er griff nach dem Kruge, indem er zugleich in die Hand des Bruders ein metallenes Entgelt drückte, das die⸗ ſen noch bereitwilliger machte, als er bereits geweſen. „Na, was ſagt der Herr?“ fragte der Bruder ſchmunzelnd und ſtrich ſich vergnügt die Schürze über dem Bauche zurecht, als dieſer mit ſichtbarem Behagen trank und dann rühmend bemerkte, er habe ſchon manchen Trunk in deutſchen Landen gekoſtet, aber höchſtens die berühmte Braunſchweiger Mumme könnte ſich mit dieſem Gebräu an Kraft und würziger Milde meſſen.„Ja, ja, Herr“, ſagte der Bruder vertraulich, „aber das thut uns auch noth, Herr! Wir mindeſten Brüder vom heiligen Franz von Paula haben eine gar ſtrenge Ordensregel; wir dürfen kein Fleiſch ge⸗ nießen, kein Fett, überhaupt gar nichts, was von einem Thiere kommt, nicht einmal ein Ei, Alles ſollen wir mit Oel kochen; weil das aber hier zu Lande nicht an⸗ geht, wo nur Tannenzapfen und Schlehen, aber keine Oliven wachſen, hat uns Seine Durchlaucht der Kur⸗ fürſt— Gott erhalt' ihn! Er iſt ein gottesfürchtiger Herr!— ein Bräuhaus zu bauen erlaubt, damit wir doch etwas haben, woran wir uns erlaben und des gebrechlichen Leibes Nothdurft befriedigen können. Ha⸗ haha“, fuhr er mit gedämpftem Lachen fort,„„der —— 213 Tropfen iſt gut, er iſt weit und breit dafür bekannt, ſie heißen ihn nicht umſonſt das Vateröl. Weiß der Herr was? Ich will ihm einen guten Rath geben. Komm' der Herr ein andres Mal, zu einer ruhigern Zeit wieder, da kann er gemüthlich und in Ruhe pro⸗ biren, und dann wird er mir Recht geben, daß auch die braune Mumie dagegen nicht aufkommen kann.“ Pauken⸗ und Trommelwirbel verkündeten, daß der Zug in nächſter Nähe angekommen. Ein türkiſch geklei⸗ deter Paukenſchläger, hoch zu Roß und gefolgt von fünfzig Berittenen in gleicher Tracht, eröffnete ihn, ihnen folgte ein Genius in weißem, roſenroth gebän⸗ dertem Flügelkleide, ein goldenes Stirnband auf, dem offenen, weit herabfallenden Goldhaar. Mi⸗ niſtranten in weißen Chorröcken und rothen Kragen umgaben ihn, die leiſen Klingeln rührend und die Weihrauchfäſſer ſchwenkend. Pilger mit wehenden Fahnen, Kerzen und einem großen holzgeſchnitzten Kreuz⸗ bild ſchritten dann einem offenen, mit ſechs Schimmeln beſpannten Wagen voran, in welchem auserleſene ſchöne Mädchen in Pilgertracht das wunderthätige Marien⸗ bild trugen und umgaben, das, ebenfalls mit blauer Kutte, blauem Pilgerhut nnd einem Stabe gleich einer Pilgerin angethan, die Wallfahrt mitgemacht und ſo den Heiligthümern von Andechs einen perſönlichen 214 Staatsbeſuch abgeſtattet hatte. An der äußerſten Wen⸗ dung des Bogens angekommen, hielt der Wagen an; das Marienbild wurde von den Pilgergewändern befreit und dafür mit einem Königsmantel aus ſchwe⸗ rem blauem Sammt bekleidet, eine reich mit Edel⸗ ſteinen beſetzte, gewölbte Krone zierte das Haupt. So geſchmückt wurde die Figur auf einen andern bereit⸗ ſtehenden Wagen von jener Form gehoben, wie ſie von den römiſchen Triumphatoren beſtiegen wurden. Genien mit brennenden Fackeln umringten die in ihre Behau⸗ ſung wieder einziehende Himmelskönigin. Die Bürger⸗ reiterei von München gab ihr das Ehrengeleit, eine Schaar von mehr als hundert wehrhaften Männern in gelbledernem Koller mit Kragen und Aufſchlag von blauem Sammt, von kräftigen, wohlgelenkten Pferden getragen. Eine rieſige Purpurfahne, überreich mit Gold geſtickt und mit ſchweren Goldquaſten behangen, ſchwankte, von mehreren Männern getragen und ge⸗ ſtützt, vor den Veranſtaltern und Leitern des Feſtes, dem Convente der Roſenkranzbruderſchaft, einher, ein auserleſener Sängerchor und die geſammte Schaar der kurfürſtlichen Hoftrompeter in ſilberblinkenden Unifor⸗ men reihten ſich als glänzender Schluß ihnen an, ſelbſt wieder gefolgt und umdrängt von den Tauſenden der eigentlichen Wallfahrer, die, obwohl beſtaubt von der , 245 Wanderung und von der Sonne gebräunt, trotz Er⸗ ſchöpfung und Müdigkeit rüſtig und unter lautem Ge⸗ bete einherſchritten. Als die Umkleidung des Marienbildes vollendet war und der Zug ſich wieder in Bewegung ſetzte, fiel die ganze Menſchenmenge, ſoweit das Auge reichte, auf die Kniee, nur der junge Fremde blieb aufrecht ſtehen. Unbekannt mit dem Gebrauch, war er von der großartigen, nie geſehenen Feierlichkeit vollſtändig in Anſpruch genommen und dachte nicht daran, daß er Aergerniß geben und ein Gegenſtand des Anſtoßes werden könnte. Als er gewahr wurde, daß er auffiel, war es bereits zu ſpät, er fand nicht mehr Zeit, ſich zu entfernen; wie ein Windſtoß, der ſich bei heiterem Himmel plötzlich erhebt, brauſte ein Ruf des Unwillens durch die frommen Schaaren, im nächſten Augenblicke ſah er ſich ſchon von einer ſchreienden Menge um⸗ ringt, die als Anhang zu der nebenan ſtattfindenden gottesdienſtlichen Feier und unbekümmert um etwaige Störung derſelben den Frevler zu züchtigen geſonnen war.„Schlagt ihn nieder, den Kerl!“ riefen die zür⸗ nenden Stimmen durcheinander.„Es iſt ein Luthe⸗ raner, ein Ketzer! Schlagt ihn todt, den luthriſchen Hund! Werft ihn in den Bach, wie's den Hunden ge⸗ hört!“ Der Fremde, die Unmöglichkeit jeder Verſtändi⸗ 216 gung einſehend, hatte ſich eilends zurückgezogen; aber obwohl er keinerlei Furcht zeigte und, die Hand am Degen, bereit ſchien, ſich nöthigenfalls aufs äußerſte zu vertheidigen, wäre er doch dem Schickſale, das ſich ihm ſchon einmal drohend aus der Ferne gezeigt hatte, wohl kaum entgangen, weil er, mit der Oertlichkeit unbekannt, keinen Ausweg fand und wußte, ſich der toſenden Menge zu entziehen. An einer Gartenmauer ſich hindrückend, um ſich den Rücken gedeckt zu halten, ſah er ſchon die Fäuſte der Wüthendſten gegen ſich erhoben, ſchon fühlte er ſich beinahe an der Bruſt gefaßt, als neben ihm plötz⸗ lich das bleiche Angeſicht des ſchönen Mädchens aus dem Falkenhofe auftauchte, das ſeine Hand ergriff und zugleich eine eben hinter ihm befindliche Thür aufſtieß. „Hier hinein, oder Sie ſind verloren!“ flüſterte ſie. Unwillkürlich und halb unbewußt folgte er dem Ruf und der führenden Hand und fand ſich im nächſten Augenblick in einem dunklen, aus Taxus gezogenen Laubwege, durch welchen das Mädchen, ſeine Hand noch immer feſthaltend, ihn fliegenden Athems und Laufes mit ſich fortriß. Erſt am Ende deſſelben, hinter einer kleinen Kapelle mit dem Felſengrabe des Erlö⸗ ſers, hielt ſie inne, um ängſtlich und geſpannt nach dem Orte hinzuhorchen, von welchem das Toben der auf⸗ 6 3 217 gebrachten Menge vernehmlich herüberdrang.„Gott ſei Dank, daß ich Sie noch zur rechten Zeit ereilt habe!“ ſagte ſie mit hochfliegender Bruſt und beklom⸗ menem Athem.„Das iſt der Küchengarten der Pau⸗ laner, in den wagen ſie nicht einzudringen. Ein Glück, daß ich den alten Gärtner kenne, der mir die Art geſagt hat, wie man die Mauerthür von außen öffnen kann.“ Der Fremde hatte ſeine Faſſung bereits vollkom⸗ men wiedergefunden und war im Stande, ſeiner Ret⸗ terin Beruhigung und Muth zuzuſprechen.„Wie ſehr bedaure ich“, ſagte er,„daß ich der Jungfer ſolche Aufregung und ſolchen Schrecken verurſacht habe! Ich beklage die Störung, die ich veranlaßt; aber ich kann Ihr mit meinem Worte verſichern, daß es nicht abſicht⸗ lich geſchah..) „Das braucht mir der Herr nicht zu verſichern“, ſagte das Mädchen, indem ſie ihn feſt anblickte.„Er hat nicht das Ausſehen, als ob er ſolch einen Frevel vollführen wollte.“ „Ich danke für die gute Meinung“, entgegnete der junge Mann, deſſen Augen ſich von ihren in der Verwirrung doppelt reizenden Zügen nicht loszureißen vermochten.„Wenn Sie ſo von mir denkt, kann ich mir wohl auch erklären, warum die Jungfer, die doch 218 gewiß auch eine gute Katholikin iſt, ſich meiner ange⸗ nommen hat.“ „Der Herr iſt nicht katholiſch?“ ſagte das Mäd⸗ chen, indem ſie ihn verwundert und wie prüfend anſah. „Nein, werthe Jungfer!“ antwortete er.„Ich bin in einem Lande aufgewachſen und erzogen, in welchem alle Bewohner mit wenigen Ausnahmen ſich zur evangeliſchen Lehre bekennen. Die Gebräuche Ihrer Religion ſind mir faſt gänzlich fremd, und über dem Ungewohnten, das ich ſah und hörte, vergaß ich ganz, daß mein Betragen auffallen oder gar mißdeutet werden könnte. Ich weiß nicht, was ich darum gäbe, wenn das nicht geſchehen wäre, aber nun, da es ſich ſo glücklich gewendet, bin ich dem unſeligen Vorfall dankbar, weil er mir Gelegenheit verſchafft, die Jungfer zu ſehen und zu ſprechen und ihr die Unart abzubitten, die ich ihr angethan, als ich ſie vorhin am Fenſter ihres Hauſes bemerkt hatte.“ Das Mädchen ſchlug erröthend die Augen nieder. „Wenn's der Herr nur einſieht“, ſagte ſie leiſe;„ſchön war's gewiß nicht von ihm, ich bin auch recht ärger⸗ lich geworden über den Herrn.“ „Die Jungfer hatte dazu auch vollkommen Recht“, rief er entgegen.„Und doch verdiente ich Ihren Un⸗ 1 — ͤ 219 willen nicht, es waren keine argen Gedanken, die mich bewogen, ſo feſt zu Ihr hinaufzuſchauen. Die Jungfer kennt vielleicht ihre eigene Schönheit nicht, und dann — ſie ſaß an dem Fenſter ſo blaß, ſo ernſthaft, ſo in die tiefſte Seele betrübt, daß ich meinte, ich müßte hinzutreten und fragen: Kranke Seele, was leideſt du? Kann ich dir nicht Troſt geben, wenn ich viel⸗ leicht auch nicht helfen kann? Die Jungfer hat gewiß ein ſchweres Leid auf dem Herzen.“ „Kann leicht ſein“, erwiderte ſie, und Thränen ſchoſſen ihr unwillkürlich in die Augen.„Wer hat das nicht? Es hat ein Jedes ſein Bündel Leid zu tra⸗ gen. Aber ich meine, ich höre nichts mehr, die Schreier werden ſich wohl verlaufen haben; es iſt Zeit, daß ich heimgehe und auch der Herr wird wieder ſeine Wege gehen wollen. Ich weiß freilich nicht, wohin er jetzt will und wohin er gewollt hat, als er am Falkenhof vorbeikam, aber es iſt immer beſſer, wenn wir nicht bei der nämlichen Thür hinausgehen.“ „Ich wollte einen Landſitz aufſuchen“, entgegnete der junge Mann,„der in dieſer Gegend liegen ſoll und der Jungfer wohl bekannt ſein wird; er heißt Pilgers⸗ heim.“ „Den kenn' ich freilich“, entgegnete das Mädchen. „Aber wen ſucht der Herr dort? Solang' ich denken 220 kann, iſt das Haus verlaſſen und öde; ſeit Jahren hat Niemand dort gewohnt. Jetzt gehört es den Jeſuiten; die Familie aber, die es früher beſeſſen hat, iſt ganz und gar ausgeſtorben bis auf einen einzigen Sohn, der iſt aber auch verſchollen und zu Grund gegangen im Elend.“ „Völlig ausgeſtorben!“ entgegnete der Fremde mit ernſter Betonung.„Verſchollen, zu Grunde gegangen im Elend! Immerhin, ich will mir den Sitz doch an⸗ ſehen und dabei denken, was die Jungfer geſagt hat: Es hat ein Jedes redlich ſein Bündel Leid zu tragen.“ Schweigend ſchritten ſie den Garten entlang, zwi⸗ ſchen breiten wohlgepflegten Gemüſebeeten dahin. Er war ohne Schmuck, nur von dem Theile, wo ſie her⸗ kamen, ragte ein kleiner Hügel als Nachbildung Gol⸗ gathas mit den drei Kreuzen empor. An der Thür angelangt, welche gegen das Paulanerkloſter und in die überwölbte Gaſſe mündete, ſtanden ſie bald auf dem Fahrwege, welcher über die Anhöhe des Iſarrains hinauf zu der Hochebene führt, auf welcher damals noch dichter Wald ſtand und ziemlich nahe bis an den Abhang heranreichte. Wohl hatte die fromme Verſammlung ſich ſo ziemlich verlaufen, nur um die Kirche auf dem Hauptplatze ſelbſt war noch eine Anzahl beſonders an⸗ dächtiger Gemüther verſammelt; dennoch konnten beide 1 — ,— 221 nicht ſofort über die Straße kommen, weil dieſelbe durch ein neues Schauſpiel abgeſperrt war: mit glän⸗ zendem Reitergefolge kehrte Kurfürſt Karl Albert von der Jagd aus dem Hachinger Forſt und dem großen dort liegenden umzäunten Leibgehege heim. Der Fremde und das Mädchen vom Falkenhof traten zur Seite, neben ihnen drängten ſich Weiber und Kinder aus den nächſten Häuſern und Herbergen, von der Neugierde, den ſchimmernden Zug zu bewundern, her⸗ beigelockt. Eine Schaar blaſender Jäger ritt voran; ein mit Tannenreiſern bekränzter Wagen, vollgehäuft mit der erlegten Jagdbeute: ſtattlichen Hirſchen, Rehen, Haſen und anderem Gewild aller Art, rollte hinterher; nach dieſem, allein in der Mitte und dem Gefolge voraus kam in glänzendem Jagdanzuge der Kurfürſt geritten, von den zur Seite Stehenden mit unterwürfigſten Ver⸗ beugungen begrüßt. Der Fremde zog ehrerbietig den Hut. Hoch aufgerichtet, ſtarren Blickes ſtand das Mädchen. „Ein ſchöner Herr, der Kurfürſt, das muß ihm ſein Feind laſſen“, flüſterte eins der Weiber. „Wer? Wo iſt der Kurſürſt?“ fragte ebenſo das Mädchen und taſtete nach der Wand, um nicht umzu⸗ ſinken, denn es begann ihr vor den Augen zu flimmern 222 „Wie könnt Ihr denn fragen?“ rief das Weib zurück.„Kennt Ihr den Kurfürſten nicht, Falkner⸗Kor⸗ del, da Ihr doch ſelber faſt beim Hofe ſeid? Wer ſoll es ſonſt ſein als der prächtige Reiter in der Mitte, da der einzelne? Dem ſieht man's doch auf den erſten Blick an, daß das ein anderes Korn iſt als die Uebrigen!“. „Der Kurfürſt“, ſtammelte das Mädchen zuſammen⸗ brechend. Der Fremde, der ihre Bewegung bemerkte und ſie nicht aus den Augen gelaſſen hatte, fing ſie in den Armen auf.„Um Gotteswillen! Was iſt der Jungfer?“ rief er ängſtlich.„Iſt Sie krank?“ „Ich glaube faſt“, erwiderte Kordel mit matter Stimme, aber bemüht, die eigene Schwäche niederzu⸗ kämpfen. Ich muß wohl krank ſein, denn mir iſt, als wenn es ans Sterben ging.“ „Dann erlaube die Jungfer, daß ich Sie nach Hauſe führe. Allein könnte Sie doch nicht forkommen. Sieht Sie, nun hat meine Unart doch auch etwas Gutes geſtiftet, nun iſt es recht erwünſcht, daß ich Ihre Heimat kenne und Ihr den Liebesdienſt ver⸗ gelten kann.“ Ende des erſten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. — Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. MNann und Weih. Ro man von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Dr. Lehmann. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bde. 8 Eleg. geh. Preis 4 Thlr. 20 Ngr. Fräulein oder Frau? Erzählung von Wilkie Collins. 1 Band. 80⁰. Eleg. geh. Preis 25 Ngr. Die Lovels auf Arden. Roman von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 3 Thlr. 15 Ngr. Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Zur Ehre Gottes Ein Zeitgemälde. von Sacher-Maſoch. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. Falſcher Hermelin. Kleine Geſchichten aus der Bühnenwelt von Sacher-Maſoch. 1 Bd. 8. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. Nomaden. Roman. von 9 Robert Byr. 5 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr.— “ 8 1 4— ſiſſffff fſnfffffſſn 7 8 9 10 11 12 1 15 16 17 18 19 15 5 1 4 1 8 7 4 ₰ 3 8 4 4 . 6 3 8—