3 — 1 * —— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Le ſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Bibliothek ſteht 1 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 U f 2. Leseprei Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegenna eines Buches, eine dem erthe deſſelben entſprechend d hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 4 Bücher:: 6 Snlohebe —— auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mk. 55 8 Pf. „ 3„ 3 1—„ Auswärtige Abon mnenten haben für Zurückſendung auf ihre eigenen Koſten und Gemu. leddſ zu ſorgen. nersatg. r beſchmutzte, zerriſſene, verlorene (namentlich bei ſolc chen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lad denpreis erſetzt werden. Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſ der Leſer zum Erſatz des Gnnahn verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtg beſonders darauf aufmerkſam gemacht, das der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 41 —————=—— — 4 8 3 r 3 5— 1 5)/ 3 2./ 4 = 8 No. mraſan unn. = Ren f. ie 40 9 4 S adas, 3 Wevuaen auwe Tiuee . S 5— eeee dwe Väu Shine Enaebe genuet. VIRNA RACG da laut, Vaa, 4 ſ 5 Roſa von Tannenburg. —.e— Eine Geſchichte des Alterthums fur Aeltern und Kindern. Erzaͤhlt don dem Verfaſſer der Genovefa. Mit einem Ditel⸗Kupfer. Reutlingen, 8 dei Fleiſchhauer und Sep ohn. 1 3 3 0.— — rühmlich ausgezeichnet. Whaht de, Sdelberts Gemoh 1n, ggſt die vortreſflichſte Fraul weit und brenz 6600006606060660006060666606666000600606060000 Erſtes Kapitel. Roſa wird von einer guten Mutter erzogen. A. den ſid ichen Grenzen Schwabens, in jenen maleri⸗ ſchen Gegenden voll blühender Thaͤler und waldiger Berge, hinter denen ſich in blendendweißer Pracht die Schneegebixr⸗ ge der Schweiz erheben, ſtand vor uralter Zeit auf einer ho⸗ hen, mit Tannen bewachſenen Felſenſpitze, das anſehnliche Schloß Tannenburg. Noch Jahrhunderte, nachdem es zer⸗ ſtoͤrt war, machten die zerfallenen Thuͤrme und die hemoos⸗ ten Mauern, zumal wenn ſie von der untergehenden Sonne geroͤthet oder von dem Mondlichte blaß beleuchtet waren, ei⸗ nen eigenen Eindruck auf das Gemüth des Wanderers. Er ſegnete in ſeinem Herzen die edlen Menſchen, die ehemals hier gewohnt und weit umher die ganze Gegend begluͤckt hatten, und ſetzte, von dem ſchauerlichen Gefüͤhle der Vergaͤnglichkeit aller irdiſchen Dinge ergriffen, ſeinen Stab weiter. 3 Auf dieſer Schloſſe lebte ehemals Ritter Edelbert mit ſei⸗ ner Gemahlin Mathilde in der ſeligſten Eintracht. Edelbert wär ein ſehr tapferer Ritter. So rauh aber ſein Beruf war, Schwert und La anze zu fuͤhren, ſo ſanft und mild war ſein Sinn. Unter dem eiſernen Panzer ſchlug ein Herz voli 3 Menſchlichkeit. Er war ein uͤberaus gotiſeliger Herr, ein biee derer deutſcher Mann, ein guͤtiger Beherrſcher ſeiner⸗ Unter⸗ thanen. Der Herzog von Schwaben ehrie ihn als ſeinen Freund, und ſelbſt der Kaiſer hatte⸗ n vor allen aͤbrigen Riltern ſehr wegen ihres Verſtandes, ihrst Froͤmmigket ansnehmender Schoͤnheit. Ritter Edelbert befand ſich in jenen unruhigen, kriegeri⸗ ſchen Zeiten wenig auf ſeinem Schloſſe, er begleitete den Her⸗ zog auf deſſen Kriegszugen, und war oft Jahre lang im Fel⸗ de. Mathilde fand waͤhrend der Abweſenheit ihres Gemahls ihre ſuͤßeſten Freuden in der Geſellſchaft ihres einzigen Kin⸗ 6 des, eines zarten Fraͤuleins, das Roſa hieß, und an treffli⸗ chen Geiſtesgaben und Schoͤnheit der Geſtalt der Mutter glich. Dieſes hoffnungsvolle Kind gut zu erziehen, war die groͤßte Angelegenheit der liebenden Mutter. Ihre Erziehungsart war ſehr einfach, aber vortrefflich; da ſie ſelbſt von Herzen fromm und gut war, ſo konnte es ihr nicht ſchwer werden, auch ih⸗ re Dochter fromm und gut zu erziehen. Die fromme Mutter lehrte ihre Tochter vor allem Gott kennen, und ſuchte eine recht kindliche Liebe zu⸗ dem Vater im Himmel in ihr zartes Herz zu pflanzen. Die edle Frau hatte Sinn und Gefuͤhl fuͤr die herrlichen Werke Gottes, und konnte ſie mit großer Andacht betrachten und ſich von Herzen daruͤber freuen. Von dem hohen Bogenfenſter ihrer gewoͤhnlichen Wohnſtube, an dem ſie viele Stunden des Ta⸗ ges bei ihrer Arbeit zubrachte, hatte man eine prachtvolle Ausſicht. Himmel und Erde gewaͤhrten, von dieſer Hoͤhe betrachtet, einen unbeſchreiblich ſchoͤnen, herzerhebenden An⸗ blick, und gaben der guten Mutter mannigfaltige Gelegen⸗ heit, ihre Tochter auf die Weisheit, Guͤte und Allmacht Gortes in ſeinen Werken aufmerkſam zu machen. Mathilde weckte zum Beiſpiele einmaf an einem herrli⸗ chen Sommermorgen die kleine Roſa ſehr fruhe.„O komm doch, Roſa, rief ſie, und ſieh, wie ſchoͤn heute die Sonne aufgeht! Sieh, ſagte ſie und oͤffnete das Fenſter, wie da, wo jetzt die Sonne heraufkommen wird, der Himmel ſo helle gluͤht! Sieh, die zarten Woͤlkchen umher glaͤnzen vom feu⸗ 1 rigſten Roth, und die fernen Schneegebirge, dort uͤber den dunkelgruͤnen Waldungen, gleichen Gebirgen von Gold. Sieh jetzt jetzt geht die Sonne auf! O welch ein wunderbarer Gott, der ſie und alles, was ihre Strahlen beleuchtet, hervorgebracht hat!—— Sieh, der Kirchenthurm ds druͤben ragt wie dergoldet aus dem Walde von Obſtbaͤu⸗ —— 5 men hervor, in dem faſt das ganze Doͤrflein verſteckt liegt. Die froͤhlichen Landleute gehen neugeſtaͤrkt an ihre Geſchaͤfte. Der Hirte treibt die freudig bruͤllenden Kuͤhe dem tief⸗n Thalgrunde zu; an jenem Berge weiden die Schaafe, vom ſorgſamen Schaͤfer begleitee. Die Maͤhder dort auf den blumenreichen Wieſen maͤhen mit ihren blitzenden Senſen: die Getreidefelder ſind bereits gelb, und bald wird man die Sichel anſchlagen. Ueberall erblicken wir den reichſten Se⸗ gen Gottes. O welch ein liebevoller Vater iſt Er, der auf alle Menſchen, ſie moͤgen in Schloͤſſern oder in Huͤtten wohnen, gleich liebevoll herabblickt, ihnen dieſe ſchoͤne Erde, die ſo voll von ſeinen Gaben iſt, zum Wohnplatze einraͤumte⸗ und ſie alle einſt bei ſich in dem Himmel haben will! O wer ſollte ſich eines ſo guten, lieben Vaters nicht freuen!“ Sol⸗ che Worte, die aus dem Herzen kamen, giengen der kleinen Roſa auch wieder zu Herzen. Sie faltete ungeheißen die kleinen Haͤnde und ſagte: O Du guter, lieber Gott, wie dank ich Dir, daß Du Alles ſo ſchoͤn gemacht haſt!“ Auf eine aͤhnliche Art lehrte Mathilde ihre Tochter, wie alles, was wir am Himmel und auf Erden erblicken— von der Sonne bis zum Thautropfen— uns die Guͤte und Freundlichkeit Gottes verkuͤnde. Die abwechſelnden Jahres⸗ zeiten mit ihren mancherlei Schoͤnheiten und Gaben boten ihr dazu immer neue Gelegenheiten an. Roſa lernte von den Geſchoͤpfen ſich zum Schoͤpfer erheben; ſie konnte bei dem Anblicke einer Baumfrucht oder Blume ſeiner von Herzen ſich freuen, und voll der kindlichſten Liebe Ihm fuͤr ſeine Wohlthaten danken. Die fromme Mutter hatte die heilige Geſchichte ganz inne, und erzaͤhlte, waͤhrend ſie ſpann oder ſtickte, der horchenden Tochter oft Stundenlang ſolche Begebenheiten, die dem kind⸗ lichen Alter derſelben angemeſſen waren. Roſa ward in das Paradies, in die Huͤtten der Patriarchen, in die Wuͤſte der Iſraeliten, in das Land, das von Milch und Honig ſioß⸗ verſetzt, und hatte unausſprechliche Freuden. Sie lernte da, wie Gott ſich den Menſchen als den Heiligſten vffenbate der nur am Guten Freude hat, alles Boͤſe haft, und e Menſchen gut und heilig haben will. In den boͤſen Menſchen, die uns die heilige Geſchichte aufſtellt, erblickte ſie abſchrecken⸗ de Beiſpiele der Laſter; in den Guten aber freundliche Vor⸗ bilder jeder lietzenswuͤrdigen Tugend. Am liebſten hoͤrte Roſa von Jeſus Chriſtus erzaͤhlen. Sie freute ſich mit den Engeln und Hirten des goͤttlichen Kindes in der Krippe zu Bethlehem, und opferte mit den Weiſen aus Morgenland dem neugebor⸗ nen Könige, deſſen Stern am Himmel glaͤnzte, die kindlich⸗ ſten Empfindungen der Anbetung und des Dankes, die koͤſt⸗ licher als Gold und Weihrauch waren. Sie ſah den holden Himmelsknaben in der Huͤtte zu Nazareth, wie Er der heili⸗ gen Mutter und dem frommen Naͤhrvater gehorchte, wie Er betete, arbeitete, an Liebenswuͤrdigkeit vor Gott und den Menſchen, wie an Alter zunahm— und ſie machte die herz⸗ lichſten Vorſaͤtze, ihren Aeltern auch ſo zu gehorſamen und taͤglich in allem Guten zuzunehmen. Sie begleitete in Ge⸗ danken den goͤttlichen Lehrer auf ſeinen Reiſen durch das ge⸗ lobte Land, ſtand im Geiſte unter ſeinen Zuhoͤrern dort am Berge, oder am See, oder im Tempel, hoͤrte Ihm voll An⸗ dacht und Aufmerkſamkeit zu, und verſprach es ihrer Mutter heilig, ſolche ſchoͤne Lehren auch getreulich zu befolgen. Die innigſte Freude erfuͤllte ihr Herz, als ſie vernahm, wie Er, der goͤttliche Kinderfreund, die Keeinen liebreich zu ſich rief und ſie ſegnete, wie Er den trauernden Aeltern des geſtorbe⸗ nen Maͤdchens ſagte:„Das Kind ſchlaͤft nur!“ und es auf⸗ weckte, und wie er dort zu dem todten Jünglinge auf der Bahre ſprach:„Steh auf!“ und ihn der weinenden Mutter wieder lebend zufuͤhrte. Sie nahm ſien vor, ſtets ein gutes Kind zu ſeyn, das ſeinen Segen verdiente, Ihn zu lieben und Ihm zu vertrauen, der alle Thraͤnen trocknen, in jeder Noth helfen, ſelbſt dem Tode alles Schreckliche benehmen und das ewige Leben geben kann. Als endlich die Mutter von den Leiden, die Er, der Schuldloſeſte, aus Liebe zu den Men⸗ ſchen auf ſich nahm, erzaͤhlte, und wie Er, am Kreuze blu⸗ tend, noch mit erblaſſenden Lippen fuͤr ſeine Moͤrder um Er⸗ barmen zum Vater im Himmel flehte, und durch Leiden und Tod in ſeiner Herrlichkeit eingieng, da floßen die heilen —— — ——— uzwaaren dasjenige ſelbſt dafuͤr anſchaffen, was Thraͤnen uͤber Roſa's zarte Wangen. Sie gelobte in threm Herzen, Dem der auch fuͤr ſie ſtarb, ihr ganzes Leben zu weihen. So lehrte die fromme Mutter ihre Tochter Gon und den goͤttlichen Erloͤſer kennen und lieben. Wie die Mutter Liebe zu Gott in das Herz ihrer Tochter pflanzte, ſo wollte ſie, daß auch Liebe zu allen Menſchen darin Wurzel faſſe; vor allem zu ihren Aeltern. Die muͤtter⸗ liche Liebe zu ihrer Dochter gewann ihr die kindliche Liebe der Tochter von ſelbſt. Eben ſo liebte Roſa, obwohl er wenig daheim war, den Vater, weil die Mutter immer mit herzli⸗ cher Liebe von ihm ſprach. Weun die Mutter ſagte:„Mache doch, daß ich dem lieben Vater, wenn er kommt, nichts als Gutes von dir erzaͤhlen kann! ſo war das fuͤr Roſa immer die kraͤftigſte Ermunterung zum Guten. Und kam dann der Vater wirklich nach Hauſe, ſo bemuͤhte ſich Roſa, ſo wie die Mntter, ihm nichts als Freude zu machen. Der Vater aß zum Beiſpiele die Pfirſiche ſehr gern, die ein Baum an der Schloßmauer trug. Die Mutter brach einſt die erſten Fruͤchte, theilte ſie in drei gleiche Theile, fuͤr den Vater, ſich und Roſa, ſagte aber dabei:„Die meini⸗ gen werde ich dem Vater geben.“ Noſa ſagte ſogleich: „Ich werde es mit den meinigen auch ſo machen.“ Um alle Welt haͤtte ſie keine davon gegeſſen. Mit freudiger Geſchaͤf⸗ tigkeit ordnete ſie alle Pfirſiche in ein zierliches Koͤrbchen, damit das liebliche Roth derſelben recht ſchoͤn in das Auge falle, und brachte ſie dem Vater. Mathilde war es gewohnt, wahrhaft Duͤrftige mit Geld oder Lebensmitteln zu unterſtuͤtzen. Viele dieſer Gaben ließ ſie durch die Hand ihrer Dochter austheilen, damit dieſe die Se⸗ ligkeit des Gebens aus Erfahrung moͤge kennen lernen. Sie wußte Roſa's Mitleid fuͤr fremde Noth anzuregen, und ſie dahin zu bringen, ihr eigenes Vergnuͤgen dem Woyle Anderer aufzuopfern. Roſa bekam einſt von dem Vater ein Goldſtuüͤ zu ihrem Geburtstag. Der Vater ſagte, ſie moͤchte ſich von ihr da Angenehmſte waͤre. Roſa that eine Menge Fragen. an die Muter, was man alles Schoͤnes für dieſes Gold t omnes koͤnnte? Die Mutter nannte allerley, und die erfreute Roſa konnte gar nicht mit ſich einig werden, was ſie waͤhlen ſollte. Jetzt ließ ſich aber eine arme Wittwe melden, der ihre einzige Kuh durch die Seuche daraufgegangen war. Die Mutter rief die Wittwe herein, hoͤrte ſie an und ſagte:„Ja, mein Gott, ich habe ſchon ſo vielen Leuten, die das naͤmliche Un⸗ gluͤck hatten, Geld gegeben. Ich werde kaum ſo viel entbeh⸗ ren koͤnnen; ich muß doch noch einiges Wenige für die taͤg⸗ lichen Ausgaben behalten.“ Sie gieng indeſſen, brachte Geld und zaͤhlte es auf den Tiſch.„Mehr kann ich Euch nicht wohl geben, ſprach ſie; allein wenn Ihr noch einen Gold⸗ gulden weiter haͤttet, ſo koͤnntet ihr eine ſchoͤne Kuh kaufen.“ Da lief Roſa eilends, brachte ihr Goldſtuͤck und legte es zu dem hingezaͤhlten Gelde auf den Tiſch.„Ich habe ja ſchon Kleider genug, ſagte ſie; die arme Wittwe hat die Kuh viel noͤthiger, als ich ein neues Kleidungsſtuͤck.“ Das arme Weib weinte vor Freuden und wollte Roſa's Hand kuͤſſen. Da ſie fort war, umarmte die Mutter ihre Tochter und ſprach:„Du haſt dich wohlgehalten, Roſa; dieſes dein thaͤti⸗ ges Mitleid iſt mehr werth, als zehntauſend Goldſtuͤcke, und aller Putz und alle Pracht der Welt.“ Die Mutter gewoͤhnte Roſa von deren zarten Kindheit an zu einem freudigen Gehorſam.„Denn, ſagte die verſtaͤndige Mutter, der Eigenwille iſt das maͤchtigſte Hinderniß des Gu⸗ ten. Ein Kind muß erſt lernen, ſeinen Willen dem Willen der Aeltern zu unterwerfen; dann wird es ihn um ſo leichter dem Willen Gottes unterwerfen koͤnnen. Denn wenn es den Aeltern, die es ſieht, nicht gehorcht; wie ſollte es Gott ge⸗ horchen, den es nicht ſieht?— Die heftigen Neigungen in dem Herzen des Kindes, muͤſſen gemaͤßiget, das Unkraut muß ausgerottet werden, damit die ſchoͤnen Blumen edlerer Em⸗ pfindungen aufbluͤhen koͤnnen.“ Was daher nicht erlaubt werden konnte, ſchlug die Mutter kurz und beſtimmt ab. Die kleine Roſa ſuchte, wie alle Kinder, anfangs Manches, was ſie heftig begehrte, mit Bitten und Thraͤnen zu erzwingen. Allein ſie merkte bald, daß ein„Nein“ der Mutter, ſo viel als taufend Worte gelte; ſie ſah ein, daß alles Bitten und 9 Weinen vergebens ſeyn wuͤrde, und unterließ es. Die Mutter gab ihr taͤglich kleine Anlaͤſſe, ſie im Gehorſamen, im Ueber⸗ winden ſinnlicher Neigungen zu uͤben. Was die Mutter be⸗ fahl, mußte ſogleich geſchehen; alle andere Beſchaͤftigungen, alle Spiele mußten ſogleich bei Seite gelegt werden. Keine Blume im Garten durfte gepfluͤckt, keine Frucht abgebrochen werden, ehe die Mutter es erlaubte. Allein die Mutter hatte keine Freude an zu vielem Verbieten und Befehlen. Sie haßte das unaufhoͤrliche, oft ſehr uͤberfluͤſſige Meiſtern und Zurechtweiſen an den Kindern, woruͤber dieſe zuletzt nicht mehr wiſſen, wo ihnen der Kopf ſteht.„Es ſind nur wenige Gebothe noͤthig, ſagte ſie; dieſe muͤſſen aber genau befolgt werden. Der liebe Gott gab nur zehn Gebote, die Menſchen gut und gluͤcklich zu machen, und waͤren dieſe immer gehalten worden, ſo haͤtte man ſich zehntauſend andere erſparen koͤnnen.“ Dieſe weiſe Mutter fand auch bald, um die Kinder zum Gehorſam zu ermuntern und vom Ungehorſam abzuſchrecken, ſeyen Belohnungen und Strafen nothwendig.„Der liebe Gott, ſagte ſie, macht es mit uns großen Kindern ja auch ſo.“ Es war der Mutter eine Freude, ihrer geliebten Roſa von den ſchoͤnſten Fruͤchten des Gartens reichlich mitzutheilen. Allein Roſa mußte ſie verdienen. Die Mutter ſprach zum Beiſpiele:„Wenn du die Reime, die ich dir vorſagen werde, ohne Fehler auswendig vorſagen kannſt, ſo bekomniſt du dieſe ſchoͤne Kirſchen!“ Oder ſie ſagte ein anderes Mal:„Wenn du das, was ich dir zum Stricken aufgeben, recht macheſt und damit fertig biſt, ſo gebe ich dir jene Traube.“ Roſa hatte die Aufgabe bald zu Stande gebracht, und ihre Freude war nun groͤßer, als wenn ſie die Fruͤchte ohne ihr Verdienſt er⸗ haiten haͤtte. Wenn Roſa einen Fehler gemacht hatte, ſo durfte ſie nicht mit der Mutter in den Garten. Diesß war Strafe genug. Und bald brauchte es auch dieſes nicht mehr. Wenn die Mutter mit ernſtem Blicke ſagte:„Das haͤtte ich von dir nicht geglaubt! Betruͤbe mich doch nicht!“ ſo hatte Roſa keine Ruhe mehr, bis die geliebte Mutter wieder laͤchelte. Die treffliche Mutter, die man nie muͤſſig ſah, hielt ſehr darauf, ihre Tochter immer zu beſchaͤftigen. Wenn ſie bei 10 ihrer Arbeit ſaß, ſo mußte auch die kleine Noſa immer etwas zu thun haben.„Der emſige Fleiß des Kindes nützt freilich noch nichts in der Haushaltung, ſagte dann wohl die Mutter, indem ſie dem Kinde mit Wohlgefallen zuſah; allein er hat fuͤr das Kind einen groͤßeren Nutzen. Er bewahrt es vor langer W und uͤbler Laune, und gewoͤhnt es früh an ein thaͤtiges Leben.“ Roſa lernte auch wirklich ſehr fruͤh zier lich ſpinnen, und bald wußte ſie auch die Naͤhnadel ſehr geſchickt zu fuͤhren. Sie verfertigte ſich, unrer Anleitung der Mutter, aus der ſelbſtgeſponnenen Lein vand ein Kleid— und hatte darüͤber eine ganz ungemeine Freude. Der reiche Stoff, den ihr der Vater einſt von einem ſeiner Züge mitgebracht hatte, freute ſie lange nicht ſo.— Mathilde beſorgte, wie es damals⸗ Sitte war, die helle, glaͤnzende Kuͤche ſelbſt. Auch da wußte ſie fuͤr Roſa, von deren zarten Kindheit an, immer irgend ein kleines Geſchaͤft ausſindig zu machen— und waͤre es auch nichts Weiteres geweſen, als Erbſen aus szuleſen, oder Bohnen abzufaͤden.— Die angenehmſte Beſchaͤftigung aber fand die Mutter in dem ſchoͤn angelegten Schloßgarten; zu⸗ mal die Bewegung in der friſchen Luft ihrer Geſundheit ſehr wohl kam. Auch Roſa zeigte bald Luſt zur Gartenarbeit. Die Mutter wies ihr einige beſondere Gartenbeete an, und ließ ihr einen kleinen Rechen, eine niebliche Gießkanne und andere Gartengeraͤthe machen. Da gab es nun von den er⸗ ſten Fruͤhlingstagen an, in denen die lieblich⸗rothen Pfirſich⸗ blüthe hervorkam, bis im Herblie das Laub fiel, immer etwas für Roſa zu thun. Mit der freudigſten Emſigkeit legte ſie Geſaͤme ein, und ſetzte junge Pflaͤnzchen; ſie begoß die nuͤtz⸗ lichen Gewaͤchſe, und jaͤtete das keimende Unkrant aus; ſie haͤufelte um den jungen Kohl her die Erde auf, und band die emporrankenden Erbfenſtauden an Staͤbe. Als die erſten Gartenerbſen, die Roſa gezogen und gekocht hatte— auf den Diſch kamen, hatte ſie kein geringes Vergnuͤgen; ſie glaubte, nie hab ihr eine Speiſe ſo wohl geſchmeckt.„Das ſind die ſüßen Fruͤchte des Fleißes, ſagte die Mutter. So belohnt 3 Gott den Fleiß— im Kleinen und im Großen. Fleiß hat die ganze Gegend, die unſer Schloß umgiebt, aus einer Wild⸗ nis in einen reichen Garten umgeſchaffen.“ Wie die Mutter darauf bedacht war, ihre kleine Roſa immer zu beſchaͤftigen, und, damit das Einfoͤrmige nicht er⸗ muͤde, ſehr weiſe mit den Beſchaͤftigungen abwechſelte— ſo ließ ſie es ihr auch nicht an Erholung fehlen. Zwei oder reimal in der Woche durften einige arme, oder wohlgeſittete Maͤdchen von d Mola Alter auf Beſuch kommen, unter de⸗ nen ſich beſonders eines, Namens Agnes, durch Gutherzig⸗ keit auszeichnete. Roſa bewirthete allemal zuerſt ihre kleinen Freundinnen, dann ſpannen ſie eine Zeitlang, und machten hierauf in der Wohnſtube oder in dem Garten ein Spiel. Die Mutter hatte die Kinder, ohne daß dieſe es eben merk⸗ ten, immer im Auge, und hoͤrte alles, was ſie mit einan⸗ der redeten. Sie gab ihnen die Spiele an, und wußte ſelbſt das Spiel fuͤr ſie lehrreich zu machen. Auf dieſe und aͤhnli⸗ che Art erhielt ſie ihre Tochter— was ſie fuͤr ein weſentliches Stuͤck einer guten Erziehung anſah— immer heiter und froͤhlich. Roſa war immer ſeelenvergnuͤgt, und deßhalb zu jedem Geſchaͤfte williger und zu allem Guten aufgelegter. Noch ganz vorzüͤglich war die weiſe Mutter darauf be⸗ dacht, daß die keimende Eitelkeit und die Liebe zum Putze für Noſa's Herz nicht verderblich werde. Eines Dages, da Roſa ſchon etwas mehr herangewachſen war, kam der Her⸗ zog nach Tannenburg, um ſeinen Freund Edelbert zu beſu⸗ chen. Mehrere Ritter und Rittersfrauen aus der umliegen⸗ den Gegend wurden eingeladen. Rofa mußte in einem ihrem Stande angemeſſenen Putze erſcheinen; ſie war in Seide ge⸗ kleidet, und mit Edelſteinen geſchmückt. Die fremden Herren und Frauen lobten die Schoͤnheit und den Putz des Fraͤu⸗ leins uͤber die Maaßen, und ſagten ihr viele Schmeicheleien, die Roſa nicht ungern vernahm. Als die vornehmen Gaͤſte fort waren, ſprach die Mutter zu Roſa:„Die Worte, die dieſe Herrets und Frauen dir ſagten, haben mich recht betruͤbt! So wußten ſie denn nichts an dir zu loben, als dieſe glaͤn⸗ zenden Flittern, die dir nur angeheftet ſind, und die du jetzt wieder ablegſt! Dem Seidenweber und dem Steinſchleifer galten ihre Lobſpruͤche, nicht dir. Nur deine Geſtalt rühm⸗ ten ſie, die nicht dein Verdienſt iſt, deren Sch inhan bad — vergeht, die einſt in Staub zerfallen wird. Ach mein Gott, wenn ſonſt an dir nichts lobenswuͤrdig waͤre, ſo waͤre ich wohl eine recht ungluͤckliche Mutter! O meine liebe, gute Roſa, trachte doch nach ſolchen Eigenſchaften, die dir wahrhaft zur Ehre gereichen.“ Die Mutter ordnete ihren Schmuck traurig in das zierliche Schmuckkaͤſtchen.„Ach, ſagte ſie, was ſind dieſe Kleinodien gegen ein edles Herz? Dieſe Dinge koͤnnen mich nicht gluͤcklich machen. Wenn man mich einſt zu Grabe tragen wird, ſo bleibt dieſes Kaͤſtchen hier ſtehen. Edle Ge⸗ ſinnungen und Thaten allein ſind die rechten Edelſteine, die in jener Welt noch einen Werth haben. Mehr als alles aber, was Mathilde ſagen konnte, Roſa gut zu erziehen, wirkte ihr eigenes ſchoͤnes Beiſpiel. Das ganze Betragen der Mutter war gleichſam ein heller, reiner Spiegel, in dem es die Tochter den ganzen Tag vor Augen ſah, wie ſie beſchaffen ſeyn ſollte, und was ſie werden muͤſſe. Die Mutter war ſo beſcheiden, ſo ſanft, ſo ſittſam, daß ihr Benehmen beſtaͤndig eine ſtillſchweigende Lobrede auf dieſe Tugenden war. Sie ſprach nie ruhmredig von ſich ſelbſt. Kei⸗ nen Menſchen ließ ſie ihren Vorzug an Rang, Reichthum und Einſichten eipfinden. Ihr mildes, freundliches Angeſicht ward nie vom Zorn entſtellt. Nie redete ſie Uebels von Anderen; nie kamen tadelſuͤchtige oder tadelnswuͤrdige Worte aus ihrem Munde. Vorzuͤglich aber machten ihre Froͤmmigkeit und Men⸗ ſchenfreundlichkeit auf das Herz der Lochter einen ſolchen Eindruck, daß derſelbe in ihrem ganzen Leben hindurch nicht mehr erloſch. In der Burg befand ſich eine alterthuͤmliche Kapelle mit farbigt bemalten Fenſtern. Hier kniete die fromme Mutter oͤfter mit einer Ehrerbietigkeit, einer Innigkeit vor dem Altar, daß man es ihr anſah, ſie ſey ganz in Gott verſunken, und daß ihr Angeſicht wie verklaͤrt ward. Die betende Mutter war fuͤr Roſa ein yimmliſcher Anblick, und erhob auch ihr Herz zum Himmel. Naſa ſah es hier mit Augen und fuͤhlte es tief im Herzen;„Die edelſte und ſeligſte aller Empfindungen ſey — die wahre Andacht.“ Ein ganzes, weitlaͤuſiges Buch haͤtte gie nicht ſo klar und ſo anſchaulich davon uͤberzeugen koͤnnen. — ————— 4 Mathilde nahm ſich der Kranken, der Leidenden und Be⸗ braͤngten aller Art ſehr thaͤtig an. Einmal war in dem Dorfe⸗ unten am Berge, eine arme Tagwerkerin, die Mutter von ſieben unerzogenen Kindern, ſehr gefaͤhrlich krank geworden. Da war es der edeln Frau nicht zuviel, den hohen Schloßberg hinabzuſteigen, die arme Kranke unter dem niebrigen Stroh⸗ dach zu beſuchen, ſich nach ihren Umfaaͤnden zu erkundigen, alles Dienliche anzuordnen, und ihr, um ihr Muth zum Einnehmen zu machen, die Arznei wohl ſelbſt zu reichen. Sie wiederholte den Beſuch taͤglich, und Roſa mußte ſie be⸗ gleiten, damit ſie bei Zeiten mit dem menſchlichen Elende bekannt wuͤrde, und lernen moͤge, es Andern zu erleichtern, und auch ſich ſelbſt einmal um ſo leichter darein zu finden. Als Mathilde eines Dages wieder an das duͤrftige Kranken⸗ lager kam, und erklaͤrte, daß die Kranke nun außer Gefahr ſey, als ietzt alle ſieben Kinder, der bekümmerte Vater und ſelbſt die kranke Mutter in Freudenthraͤnen ausbrachen, als der Vater die Kinder ermahnte, der gnaͤdigen Frau, die der Mutter das Leben rettete, auf den Knien zu danken als er im Uebermaaße der Empfindung ſelbſt weinend auf die Knie niederfiel; als die Kinder die Hand und das Kleid ihrer Wohlthaͤterin kuͤßten— da ward Roſa ſo geruͤhrt, daß ſie ſelbſt mitweinte, ſich gluͤcklich ſchaͤtzte, eine ſo gute Mutter zu haben, und es in ihrem Herzen Gott heilig angelohle, in ihre Fußſtapfen zu treten. Eine ſo gute Erziehung konnte nicht ohne gute Fruͤchte bleiben. Roſa ward recht das Bild jener jungfraͤulichen Tug gend. Sie war die lautere Liebe gegen Gott, gegen ihre Aeltern, gegen alle Menſchen. Ihre Beſcheidenheit, ihre Sittſamkeit, ihr ſanftes Weſen, ihr frommer, reiner Sinn veredelte und verſchoͤnerte ihr Angeſicht. Einfach und rein, wie ihr Sinn, war ihre Klejdung von ſelbſt geſponnener und ſelbſt gebleichter Leinwand iſg Paar blaue Kornblumen oder eine Roſenknoſpe zu deim blendendweißen Kleide, war ihr liebſter Schmuck. Allein ihre ſchuldloſen, freundlichen Au⸗ dn waren ſchöͤner blau 8 hi Jiurnbmmen⸗ und die 399. 14 Roth der aufbrechenden Roſenknoſpe. Wer ſie nur ſah, ſag⸗ te:„Roſa von Tannenburg iſt wohl das ſchoͤnſte Fraͤulein von ganz Schwaben; allein ibre Tugend macht ſie noch un⸗ endlich liebenswaͤrdiger, als ſie wegen ihrer Schoͤnheit es iſt.“ Zweytes Kapitel. Noſa verliert ihre Mutler. Nc, daß die gute Roſa des Gluͤckes, eine ſo vortreffliche Mutter zu haben, nicht laͤnger genießen konnte! Roſa war etwa vierzehn Jahre alt— da wurde die Mutter ploͤtzlich ſehr krank. Sie fuͤhlte die Gefahr, und verhehlte ſie ihrer Toch⸗ ter nicht. Ritter Edelbert war zu Feld gezogen. Sie ſprach daher zu Roſa:„Liebſte Roſa, ſchicke doch ſogleich einen rei⸗ tenden Boten an deinen Vater. Ich moͤchte ihn in dieſer Welt noch einmal ſehen! und dann— laß den frommen Abt Norbert rufen! er hat mich getauft— und mich bei dem Eintrite in dieſes Leben Gott geweiht und geheiligt. Er wird mir bei dem Austritte aus dieſem Leben ſeinen Beiſtand nicht verſagen, mich ſanft hinuͤber zu geleiten in jenes beſſere Leben — hinuͤber, zu meinem Schoͤpfer und meinem Erloͤſer!— Es waͤre wohl zu ſpaͤt, fuhr ſie fort, wenn ich mich erſt jetzt auß den Tod vorbereiten wollte. Das ganze Erdenleben ſoll ja eine Vorbereitung auf jenes im Himmel ſeyn. Dazu ſind wir in der Welt. Indeß kann ein Menſch in dieſen wichtigen Augenblicken wohl nichts Beſſeres thun, als ſich Gott widmen, ſich nech einmal, auch wegen der kleinſten Fehler, mit ihm ausſoͤhnen, und ſich nach Anordnung der Kirche mit ihm hereinigen.“ Der fromme Abt, ein liebenswuͤrdiger, freund⸗ licher Greis, erſchien. Mathilde redete eine Zeitlang allein nmit ihm. Sie empfieng aus ſeiner Hand das Brod des Le⸗ bens. Die Flamme ihrer Andacht ergriff auch das Herz der guten Roſa und milderte ren unausſorechlichen Schmerz. De hrwuͤrdige Abt betete der Kranken vor. Er ſprach mit einer Kraft, mit einer Uebezeugung von dem ewigen Leben, — Mutter zu ſterben. 3„ daß Roſa von ganzem Kerzen wunſchte, ſogleich mit ihrer — — Roſa blieb— voll Andacht, Liebe und Nitleid, gleich einem dienenden Engel, immer an dem Krankendette der Mutter. Ritter Edelbert kam nach etlichen Tagen ſpaͤt in der Nacht an. Roſa eilte ihm entgegen. Sie begruͤßte ihn, als ſie ihm unten an der ſteinernen Wendeltreppe begegnete⸗ mit einem Strome von TChraͤnen. Tiefbetruͤbt trat der Ritter an das Krankenbett. Er erſchrack, ſeine innigſtgeliebte Ge⸗ mahlin ſo blaß und veraͤndert zu finden. Sein Schrecken 8 loͤste ſich endlich in Thraͤnen auf. Roſa ſtand ſchluch zend an der andern Seite des Bettes. Die todtkranke Frau bot ihrem theuern Gemahl mit unbeſchreiblicher Zaͤrtlichkeit laͤchelnd die Hand; die. andert reichte ſie ihrer Tochter.„Liehſter Edel⸗ bert! liebſte Noſa! ſagte ſie mit ſchwacher Stimme, mein Stuͤndlein iſt da. Ich werde die aufgehende Sonne nicht mehr ſehen. Aber weinet nicht! Ich bekomme es ja beſſer dort oben, in dem Hauſe unſeres himmliſchen Vaters, wo viel Wohnungen ſind. Laßt euch ſegnen; ich gehe jetzt nur in ein anderes Wohnzimmer. Ich bin darum nicht fuͤr euch verloren. Wir ſehen uns bald wieder— und welden dann nie mehr von einander ſcheiden.“ Sie ſchwieg— die Schwaͤ⸗ che geſtattet ihr nicht, weiter zu reden. „Lieber Edelbert! ſprach ſie uͤber eine Weile wieder, ſieh da unſere Tochter!— Nie habe ich dir ein gemaltes Bild von mir gegeben. Sieh, unſere geliebte Tochter, mein leben⸗ diges Ebenbild, ſey dir ein beſſeres Andenken an mich, ja das beſte, das ich dir zuruͤcklaſſen kann. Dir uͤbergebe ich ſie jetzt in meinen letzten Augenblicken— wie vor Gottes Angeſicht! Ich ſuchte ſie fromm und chriſtlich zu erziehen— vollende du jetzt dieſe Erziehung! Verbeſſere, was ich etwa verſah! Wende alle Liebe, die du mir erwieſen haſt, und für die ich dir jetzt noch ſterbend danke, ihr zu!“ „Und du, liebſte Roſa! fuhr ſie fort, du haſt mir viele Freude gemacht—— du haſt mich nie betruͤbt— du warſt mir eine gute Tochter! Dieß Zeugniß muß ich dir noch in er Stunde meines Todes geben. O bleibe fromm unſchule uhe gut— liebe Golt— halte kch an uunſetn gottlichen E Bs blater— ihre Augen ſtarrten— ſie verſchied. vor Jammer ſpea 16 ehre und liebe deinen guten Vater. Ach, er iſt im Kriege immer ſo vielen Gefahren ausgeſetzt. Sollte er einmal ver⸗ wundet nach Hauſe gebracht werden, ſo vertritt meine Stelle bei ihm. Sey ihm einſt in den Tagen des Alters eine liebe⸗ volle Verpflegerin, da ich es nicht ſeyn kann. Bleibe ihm eine gute Dochter— und lebe wohl!“ 79 Gott, ſprach ſie noch mit einem frommen Blick zum Himmel, bewahre Du ſie vor dem Boͤſen, und erhalte ſie im Guten! Erhoͤre mein letztes Gebet, das heiſſe Flehen ei⸗ nes Mutterherzen, das jetzt bricht, und laß mich ſie dort im Himmel wieder ſehen!“ Vater und Dochter zerfloßen in Thraͤnen. Die fromme Sterbende fuͤgte die Hand ihres Gemahls und die Hand ihrer Tochter zuſammen und hielt ſie zwiſchen ihren erklaltenden Haͤnden.„Wir drei, ſagte ſie, waren immer ein Herz und ein Sinn in dieſer Welt, wir werden es mit Gottes Huͤlfe auch in jener ſeyn. Der Tod kann unſerer Liebe nichts anhaben. Wir werden in dem Himmel ewig leben und uns ewig lieben.“ Sie blickte ihren Gemahl und ihre Tochter mit der Hei⸗ terkeit eines Engels an. In ihrem Angeſichte ſchimmerten ſchon die Strahlen ihrer nahen Verklaͤrung.„Gott, ſprach ſie, gewaͤhrt mir einen großen Droſt und eine große Freudig⸗ keit in dieſen letzten Augenblicken. Ihm ſey Dank!— O meine Roſa, wie freue ich mich, daß du an mir ſiehſt, wie getroſt und ſelig diejenigen ſterben koͤnnen, die an Gott, an Chriſtus und an das ewige Leben glauben. Chriſtus laͤßt es denjenigen, die an Ihn glauben, nicht an Troſt fehlen; wo ſte ihn gerade am noͤthigſten haben. Ich achte den Tod fůr nichts; ich bin in der Hoffnung des ewigen Lebens ſchon ſelig.“ Sie richtete jetzt ihre Blicke auf ein ſchoͤnes Gemaͤlde des ſterbenden Erloͤſers, das ihr gegenuͤber an der Wand hieng. Sie faltete die Haͤnde und ſagte noch mit leiſer, faſt unver⸗ nehmbarer Stimme:„Wie Du, mein Erloͤſer, deinen Geiſt in die Haͤnde deines Vaters empfohlen haſt, ſo empfehle ich meinen Geiſt in deine Haͤnde.“ Sie ſchwieg— ſie wurde Roſa war chlos. Edelbert ſagte ſchluchzend: ſie lebte — 17 3 unrd ſtarb wie eine Heilige! Sie hat nun uͤberwunden. Gott 4 nehme uns einmal auch ſo ſanft zu ſich, und fuͤhre uns mit ihr dort oben wieder zuſammen!“ Die Trauer des guten Edelberts und der betruͤbten Roſa in dieſer Nacht, den folgenden Tag, und bei dem Leichen⸗ begaͤngniſſe war unbeſchreiblich. Die ganze Gegend weit und breit trauerte mit ihnen. In jedem Hauſe, jeder Huͤtte ihrer Unterthanen, war ein Jammer ihrer, als waͤre ihnen die eigene Mutter geſtorben. Der ehrwuͤrdige Abt beſtattete die Leiche zur Erde. Er fieng an, zu der unzaͤhligen Menge von Menſchen, die ſich bei dem Leichenbegaͤngniſſe eingefun⸗ den hatte, zu reden. Das allgemeine Schluchzen wurde bald ſo laut, daß man die Stimme des Greiſes nicht weiter ver⸗ nahm. Er ſelbſt brach in Thraͤnen aus. Er winkte mit der Hand, ſtille zu ſeyn, und ſagte nichis mehr, als die Worte: „Wo die Thraͤnen ſo laut ſprechen, muß ich ſchweigen! Laß uns ſo leben, daß auch an unſerem Grabe ſo Thraͤnen flie⸗ 1 ßen; Laßt uns hier reichlich ausſaͤen, wie die Verklaͤrte— ſo werden wir dort auch reichlich einaͤrndten’“—— —— Drittes Kapitel. Roſa verpflegt ihren Vater. Rüter Edelbert war wieder in den Krieg gezogen; allein eines Tages im Herbſte kam er, am rechten Arme ſchwer ver⸗ wundet, zuruͤck auf ſeine Burg. Roſa war ſehr beſtuͤrzt, und empfand das zaͤrtlichſte Mitleid mit dem geliebten Vater. Sie vich nimmer von ſeinem Bette. Sie bereitete und brachte ihm alle Speiſen. Sie half bei dem Verbande der Wunde. und 4 da der Arm nun ſehr langſam beſſer wurde, und Edelbert at mißmuthig an dem Kaminfeuer ſaß, daß er ſeine Pflicht als 5 3 Rittersmann nicht erfuͤllen und dem Herzoge nicht beiſtehen nnne, ſo wußte nur Noſa ihn zu erheitern. Sie ſetzte ſi mit ihrer Stickrahme oder dem Spinnrocken zu ihm. Sf dete von ihrer ſeligen Mutter, und erzählte ſo manche Worte, ſo manche edle Handlungen von ihr, die dem 5 2 18 noch nicht bekannt waren. Sie fragte nach dieſem oder jenem Umſtande aus der Geſchichte ſeiner ritterlichen Thaten. Sie beredete ihn, den ſilbernen Becher, den er noch vom Ahn⸗ herrn, dem Vater ihrer Mutter, zum Geſchenke bekommen hatte, wenigſtens dem Ahnherrn zu lieb, noch einmal fuͤllen zu laſſen. Der Ritter kam unbemerkt ins Geſpraͤch, ſein Miß⸗ muth verſchwand. Viele Stunden des traurigen Winters ver⸗ giengen ihm wie Augenblicke. In den erſten Tagen des Fruͤhlings kam ein ſehr edler Ritter auf Edelberts Burg an, und forderte ihn auf, mit dem Herzog wieder zu Felde zu ziehen. Edelbert fuͤhlte zu ſei⸗ ner großen Betruͤbniß ſeinen Arm noch zu ſchwach, Schwert und Lanze zu fuͤhren. Indeß berief er ſogleich ſeine Dienſt⸗ leute auf ſeine Burg, ſie dem Herzog zu Huͤlfe zu ſchicken. Er bewirthete ſie drei Tage. An dem Morgen des vierten Ta⸗ ges, der zum Aufbruche beſtimmt war, verſammelte er ſie in dem großen Ritterſaale der Burg. Nitterlich gekleidet und mit ner goldenen Kette geziert, jedoch ohne Harniſch, deſſen eher⸗ Armſchienen ſein wunder Arm noch nicht ertragen konnte, aat er in ihre Mitte, uͤbergab ſie feyerlich der Fuͤhrung des fremden Ritters, und ermunterte ſie zur Tapferkeit und guten Mannszucht.„Seyd gegen den Feind tapfer wie ein Loͤwe; gegen den friedlichen Landmann aber ſanft wie ein Lamm 86 ſagte er unter Anderem. Mit Thraͤnen in den Augen ſah er von den Fenſtern der Burg dem Zuge nach, bis derſelbe in dem naͤchſten Walde verſchwand. Vergebens ſuchte er ſich den Tag hindurch aufzuheitern; ſeine ſtille Burg ſchien ihm, nach dem Abzuge ſeiner treuen Kriegsgefaͤhrten, einſam und veroͤ⸗ det. Traurig ſetzte er ſich nach dem Abendeſſen an das Ka⸗ minfeuer. Der Abend war kalt und ſchauerlich. Ein fuͤrch⸗ terlicher Sturm ſauste um die Thuͤrme der Burg, und der Regen ſchlug an die Fenſter der Stube, daß ſie klirrten. Ro⸗ ſa legte mehr Holz an das Feuer, brachte ihrem Vater in dem 883 ſitbernen Becher ſeinen Abendtrunk, ſetzte ſich zu ihm und ſag⸗ erzaͤhle mir doch einmal die Geſchichte des der dich dieſen Nachmittag beſuchte. Ich weiß wohl dgvon. Er wohnte ja ehemals auf unſerer Burg, 19 und die kleine Agnes war die Geſpielin meiner Kindheit. Al⸗ lein ich moͤchte die Geſchichte doch einmal ausfuͤhrlich hoͤren.“⸗ „Die Geſchichte meines braven Burkhards? rief der Rit⸗ ter. O recht gern! der gute Mann beſuchte mich wohl nicht—⸗ ohne Urſache gerade an dem heutigen Tage. Er wußte wohl, wie es mir zu Muthe war, ſo allein zuruͤckbleiben zu muͤſſen. Er hat das auch erfahren. Er war einſt gar ein tapferer Krieger, der mich auf vielen Zuͤgen begleitete.“ „Doch— bevor ich von dem wackern Burkhard erzaͤhlen kann, maß ich dir erſt Einiges von dem Ritter Kunerich von Fichtenburg ſagen. Die praͤchtige Burgfeſte Fichtenburg iſt dir zwar nicht unbekannt; wir ſehen ja von den Fenſtern un⸗ ſers Saales ihre Thuͤrme in weiter Ferne aus dunkeln Fich⸗ tenwaldungen hervorragen; allein den Ritter ſelbſt haſt du noch niemals geſehen, denn er war von jeher ſehr feindſelig gegen mich geſinnt, und hat mich noch niemals beſucht. Sein Haß gegen mich entſpann ſich ſchon ſehr fruͤhe. Wir waren beide in unſerem zarten Alter als Edelknaben an den Hof des Her⸗ zogs gekommen. Kunerich war als Knabe ſchon ſehr eigenſin⸗ nig, aufbrauſend und ruhmredig, und deshalb bei dem Her⸗ zoge nicht ſehr beliebt; und da haßte und beneidete er mich, weil ich ihm vorgezogen wurde. Als wir beide wehrhaft ge⸗ macht waren und auf einem Durniere, das der Herzog dem jungen Adel gab, unſere Geſchicklichkeit in Fuͤhrung des Schwer⸗ tes und der Lanze das erſte Mal oͤffentlich zeigen mußten, er⸗ hielt ich den erſten Preis, ein Schwert mit einem goldenen Griffe, das mir deine ſelige Mutter, die damals das ſchoͤnſte und ſittſamſte Fraͤulein am herzoglichen Hofe war, im Ange⸗ ſichte der ſchwaͤbiſchen Ritterſchaft auß einem Purpurkiſfen uͤberreichte; Kunerich hingegen erhielt den letzten Preis, ein Paar ſilberne Sporen. Von dieſer Zeit an haßte er mich noch mehr, und konnte mich gar nicht mehr gerade anſehen. Aufs hoͤchſte aber ſtieg ſein Haß gegen mich, als der Kanſer, mie du weißt, mir nach jener großen Schlacht dieſes goldne Eh enzeichen hier umhaͤngte, dem Nitter Künerich aber. eſſeen Unbeſonnenheit und Ungeſtuͤmm beinahe Reeitn een waͤre, einen derben Verweis gab./ 20 „Der wackere Burkhard hatte nun als mein Lehensmann und Kriegsgefaͤhrte ein kleines Guͤtlein inne, das an der Graͤn⸗ ze meines Gebietes liegt, und an Kunerichs Waldungen an⸗ ſtoͤßt. Allein Ritter Kunerich war meinem guten Burkhard ein ſehr boͤſer Nachbar. Er unterhielt in ſeinem Gebiete eine Menge Wild. Die Hirſche kamen haͤufig uͤber die Graͤnze und verheerten des guten Burkhards Aecker; die Wildſchwei⸗ ne zerwuͤhlten ſeine ſchoͤnen Wieſen. Ich gab dem wackern Manne den Auftrag, ſie ohne weiteres niederzuſchießen, und ſie mir einzuliefern; indem alles Wild, das auf meinem Grund und Boden erlegt wuͤrde, von Rechtswegen mir gehoͤre. Ein⸗ mal nun ritt ich Abends mit meinen Leuten von der Jagd heim. Die Sonne war bereits untergegangen, und das Abend⸗ roth blickte freundlich durch die Tannen. Da kam auf ein⸗ mal des ehrlichen Burkhards Weib mit zerſtreuten Haaren, lautjammernd mir entgegen, fiel auf ihre Knie nieder, und ihre klein Agnes mitgebracht; das Kind kniete neben der Mut⸗ teer und erhob zitternd und weinend die kleinen Haͤndchen. Der Anblick gieng mir durch die Seele. Ich ſtieg ab, und ließ nir erzaͤhlen, was ſich begeben.“ „Die Geſchichte war dieſe: Der gute Burkhard, ſein Weib Gertraud und die kleine Agnes hatten unter dem Baume vor dacht— da uͤberfiel ſie ploͤtzlich Ritter Kunerich, von meh⸗ reren bewaffneten Knechten zu Pferd und zu Fuß begleitet. Die Knechte ergriffen den guten Burkhard, banden ihm die Haͤnde auf den Ruͤcken, warfen ihn auf einen Karren, und fuͤhrten ihn fort. Dieß that Ritter K Kunerich, weil Burkhard einen Hirſch erlegt, und ihn nach Tannenburg geliefert hatte. Der aufgebrachte Kunerich hatte geſchworen, er wolle da hoshaften Wilddieb, wie er den ehrlichen Burkhard nanne, in dem fürchterlichſten Kerker zu Fichtenburg unter Prätn and Unken verſchmachten laſſen.“ Er ſoll frei werden, ſagte ich dem Weibe, und ſote 7ch das tauße Naubneſt daruͤber zerſtoͤren müſſen. Gey 4 4 flehte mich mit gerungenen Haͤnden um Huͤlfe an. Sie hatte ihrer Hausthuͤre zu Nacht gegeſſen und an nichts Boͤſes ge⸗ kuͤrzlich an der Graͤnze, aber auf unſerm Grund und Boden, —— —— B⸗ nur getroſt und geh einſtweilen mit deinem Kind auf die Burg.“ „Ich machte mich augenblicklich mit meinen Knechten auf den Weg, ihm ſeinen Raub, wo moͤglich, noch abzujagen, ehe er damit ſeine Burg erreichte. Ich ſchickte einige Reiters⸗ knechte auf Kundſchaft aus, nannte ihnen einen Platz, wo wir wieder zuſammenkommen wollten, und ritt im ſcharfen Trab Fichtenburg zu. Die Knechte brachten mir bald Nach⸗ richt: Kunerich ſitze mit ſeinen Leuten in der Muͤhle im Foͤh⸗ rengrunde und zeche; der Karren mit dem armen Burkhard ſtehe vor der Thuͤre. Ich fand, daß ich mit meinen Leuten auf dem Wege zu Kunerichs Burg ſchon einen guten Vor⸗ ſprung hatte. Wir hielten daher an einem bequemen Platz im Walde, wo der Zug vorbei mußte. Sie kamen endlich, keine Gefahr ahnend, gutes Muthes und mit großem Gelaͤrme. Ploͤtzlich, wie ein Blitz vom klaren Himmel, uͤberfielen wir die Raͤuber. Der Vollmond, der eben aufgegangen war⸗ uͤbernahm das Geſchaͤft, uns bei dieſer Arbeit zu leuchten. Da Kunerich auf den Ueberfall nicht gefaßt war, und uͤber⸗ dieß zu viel getrunken hatte, focht er ſehr ſchlecht, und nahm nach einer kurzen Gegenwehr mit ſeinen Leuten die Flucht. Ich haͤtte ihn wohl fangen koͤnnen, allein ich hatte Mitleid mit ihm und ließ ihn entrinnen. Gottlob kam bei dem Ge⸗ fechte niemand ums Leben; nur mit feindlichen Waffen war der Boden beſtreut.“ „Wir banden nun den Mann auf dem Karren los, luden anſtatt ſeiner die eroberten Waffen auf, gaben ihm ein Pferd, das im Getuͤmmel einen feindlichen Reuter abgeworfen hatte, und zogen freudig nach Hauſe. Was ſein Weib und ſeine klei⸗ ne Dochter fuͤr eine Freude hatten, als wir zum Burgthore hineinritten und ſie den Burkhard mir zur Seite reiten ſahen, laͤßt ſich gar nicht beſchreiben! und doch war meine Freude noch groͤßer, O es iſt ein ſeliges Gefuhl, Andere auls der Noth errettet zu haben. „Ich wies den guten Leuten ein Plaͤtzchen in unſerer Burg an, damit ſie vor Kuner 3 Nache ſicher waͤren. Spaterhin wurde Burkhard im Kriege verwundet und konnte keine Kiense — 8 2⁸ dienſte mehr leiſten. nicht muͤſſig verzehren. Indeß war er nicht zu aller Arbeit un⸗ brauchbar geworden, und wollte deßhalb ſein Stuͤcklein Brod Er machte in der wildeſten Gegend des Waldes ein kleines verborgenes Thaͤlchen ausfindig, wo er ſich anzuſiedeln wuͤnſchte. Haus bauen. Ich ließ ihm dort ein huͤbſches Er brach ein Stuͤck Boden zu einem Ackerfeld um, das ihm Brod giebt, und treibt mit meiner Bewilligung nebenzu das Kohlenbrennen Die Gegend, wo er wohnt, wird faſt nie von Menſchen beſucht, und Ruß und Kohlen⸗ ſtaub machen uͤberdieß ſein ſonſt bluͤhendes Angeſicht faſt un⸗ kenntlich. So glaubte er ſich vor Kunerichs Nachſtellungen ſicher genug, und wurde ſeitdem auch nicht im geringſten beunruhigt.“ Dieſer Geſchichte fuͤgte Ritter Edelbert noch einige Bei⸗ ſpiele von Burkhards Tapferkeit und Treue bei, ſo daß die Erzaͤhlung his ſpaͤt in die Nacht waͤhrte. Roſa hatte ſo gufmerkſam zugehoͤrt, daß der Becher ihres Vaters ſchon lan⸗ ge leer ſtand, und daß es ihr ſogar außer Acht gekommen war, neues Holz an das Feuer zu legen. Da erhob ſich ploͤtzlich in der Burg ein furchtbarer Laͤrm. Die gewoͤlbten Gaͤnge wiederhallten vom Geklirre von Waffen und dem Geſchreie ſtreitender Maͤnner. Mehrere Fußtritte naͤherten ſich der Wohnſtube, in der ſich Edelbert und ſeine Dochter befanden. Der Ritter ſprang auf, und blickte nach Waffen umher; Roſa riegelte eilends die Thuͤre. Allein mit einem fuͤrchterlichen Stoße wurde die Thuͤre aufgeſprengt und ein geharniſchter Mann, begleitet von mehreren, Bewaffneten, trgt herein. „Nun, Edelbert!— ſprach er mit blitzenden Augen und mir donnernder Stimme— iſt die Stunde der Rache gekom⸗ men. Ich bin Kunerich, dem du ſo oft zuwieder gehandelt unnd den du ſo oft beleidiget haſt. Nun ſollſt du mir dafür buͤßen. Er wandte ſich hierauf zu ſeinen Kriegsknechten und rief:„ Schlaget ihn in Ketten und bewacht ihn, bis wir aufbrechen; das ſchauerlichſt ſoll von nun an ſeine Wohnung enn. 1 Was von Mlungen und Waffen, Kleidern und Zefaͤngniß zu Fichtenburg Dieſe Burg hier iſt —„, ſtieß ſie von ſich, und gieng, ohne weiter auf ſie zu achten, 23 Koſtbarkeiten mir anſtaͤndig iſt, will ich mir jetzt ausſuchen⸗ Alsdann moͤgt ihr zum Lohne eurer Tapferkeit die ganze Burs rein auspluͤndern, waͤhrend ich mir bey einem Krug alten Weines guͤtlich thue. Macht hurtig! in drei Stunden ziehen wir von dannen.“ Roſa warf ſich dem grauſamen Ritter weinend zu Fuͤſſen und flehte um Erbarmen fuͤr ihren Vater. Der Wüͤthrich mit ſtolzen Schritten zur Thuͤre hinaus. Edelbert wurde ge⸗ feſſelt und zwey Kriegsknechte hielten vor der Thuͤr Wache. Kunerich hatte den Augenblick, da Edelbert ſeine tapfere Rechte nicht gebrauchen konnte, fuͤr den guͤnſtigſten gehalten, ſeine gluͤhende Nache in hellen Flammen ausbrechen zu laſſen. Er hatte uͤberdieß noch ſo lange zugewartet, bis Edelberts tapferſte Krieger mit dem Herzog zu Felde gezogen waren, und ihn alſo nicht ſchuͤtzen konnten. Unter Edelberts wenigen Leuten, die der Burg zur Beſatzung dienten, hatte er einen feigen, wenig nuͤtzen Kriegsknecht, den Edelbert nur aus Barmherzigkeit beibehielt, durch Geld gewonnen. Dieſer hatte ihm Nachts ein geheimes, von Felſentruͤmmern und Dorn⸗ geſtraͤuch verſtecktes Pfoͤrtchen geoͤffnet, das durch einen unter⸗ irdiſchen Gang in das Schloß führte. Die uͤbrigen Kriegs⸗ knechte hatten die eindringenden Feinde zu ſpaͤt bemerkt, und wurden trotz alles Widerſtandes in wenigen Augenblicken uͤber⸗ waͤltigt und zu Boden geworfen. So kam es, daß Kunerich ſo ploͤtzlich in Edelberts Wohnſtube eindringen, und ihn in Mitte ſeiner Burg zum Gefangenen machen konnte. Viertes Kapitel Roſa wird von ihrem Vatel getrennt. Edelbert ſaß in ſeinen Ketten traurig an dem erloſchenden Kaminfeuer. Roſa kniete weinend, jammernd und betezed bei ihm. Sie rang die Haͤnde, und ihre Locken flogen zerſtreuk umher. Sie war wie betaͤubt. Sie blickte mit ihren, thraͤnen⸗ vollen Augen zu ihrem Vater auf. 8 war ihr nici and — ͤͤſͤſͤͤſſſſ — als ſaͤhe ſie bei dem roͤthlichen Scheine der erſtorbenen Gluth blos ſein Bild im Traume. Durch das ganze Schloß hin hallte der wude Laͤrm der pluͤndernden und zechenden Feinde. In der Stube war es aber ſo ſtille und duͤſter, wie in einer Todtengruft, die nur von einer ſchwachen, truͤben Lampe erhellt iſt. Nur Roſa ſeufzte zuweilen ſchwer auf, und rief wehmuͤthig:„Die Hand, die ſo oft die Unſchuld rettete, zu feſſeln!— Sogar den verwundeten Arm in Ketten zu ſchla⸗ gen!— O Gott, hilf Du! Dann ſchwieg ſie wieder und konnte nichts als ſchluchzen. Edelbert brach endlich das Stillſchweigen.„Faſſe dich,⸗ liebes Kind, ſprach er, und trockne deine Thraͤnen! Dieſes Leiden hat Gott geſendet. Laß uns ſeine Hand kuͤſſen, auch wenn ſie uns ſchlaͤgt. Er thut nur weh, um wohl zu thun. Er wird auch dieſen harten Schlag zu unſerm Beſten lenken. Wir ſind in Gottes Hand; gegen ſeinen Willen kann uns nichts geſchehen. Sogar unſere Feinde koͤnnen nichts— als an unſerem Beſten mitarbeiten. Im Vertrauen auf Gott wollen wir alſo feſt ſtehen. Ja ich glaube, mein Wohl ſteht jetzt feſter gegruͤndet, als vorhin. Vorhin traute ich zu viel auf die Gnade des Kaiſers und auf die Gunſt des Her⸗ z08s. Allein dieſe haben jetzt mit ſich ſelbſt zu thun, und koͤnnen ſich kaum ihrer maͤchtigen Feinde erwehren. Ich ver⸗ ließ mich wohl gar auf Stein und Eiſen, auf Mauern und Riegel; jetzt verlaſſe ich mich auf Gott allein. Er ſey von nun an mein einziger liebreicher und treuer Beſchützer und meine feſte Burg.“. „Wir werden nun bald ſcheiden muͤſſen, liebſte Tochter!“ ſagte er nach einer Weile, und umſchlang ſie mit ſeinem lin⸗ ken Arme, weil der rechte Arm mit der ſchweren Kette bela⸗ den war, und die Wunde davon ihn aufs neue ſehr ſchmerzte. „O rede doch nicht vom Scheiden, liebſter Vater! rief Roſa, ihm um den Hals fallend. Aus deinen Armen ſollen ſie mich nicht reiſſen! Ich gehe mit dir in das Gefaͤngniß nnd in den Tod.“ „Nein, liebe Roſa, ſprach der Pater ruhig, das wird Kunerich nie gigehen, daß du bei mir bleibeſt. Dieſen Troſt 8 23 goͤnnt er mir nicht. Noch einmal, wir muͤſſen ſcheiden! Hoͤre aber jetzt meinen Rath: Auf dich achtet wegen deines zarten Alters wohl niemand ſonderlich; ſuche alſo aus dem Schloſſe zu entkommen, damit du dein Leben nicht etwa gleich einer Sklavin in ſchmaͤhlicher Dienſtbarkeit zubringen muͤſſeſt. Ei⸗ ner oder der andere meiner Diener wird dir zur Flucht be⸗ huͤlflich ſeyn.“ Dieſes Schloß und alles, was darin iſt, nimmt nun Kunerich in Beſitz. Du biſt jetzt aus einem Ritterfraͤulein ein ſehr, ſehr armes Maͤdchen geworden, aͤrmer als das ge⸗ ringſte Soͤldnermaͤdchen in meiner Herrſchaft. Doch, obwohl man dich jetzt, wie du gehſt und ſtehſt, aus deiner vaͤterlichen Wohnung verſtoͤßt, und du von deinem muͤtterlichen Erbe und dem reichen Schmucke deiner Mutter nicht eines Hellers Werth erhalten wirſt, ſo verzage darum nicht. Zeitliche Guͤ⸗ ter verdienen es nicht, daß wir uns uͤber ihren Verluſt be⸗ truͤben. Wir koͤnnen ſie nicht einmal mit Wahrheit unſer nennen. Du erfaͤhrſt es eben jetzt, wie leicht ſie uns koͤnnen genommen werden. Und behielten wir ſie auch die kurze Zeit unſers Lebens, ſo raubte ſie uns doch der Tod einſt alle gewiß. Es giebt noch edlere Schaͤtze, liebes Kind, die uns kein Schickſal und kein Tod rauben kann, gegen die Gold, Perlen und Edelſteine nichts ſind— ich meyne Froͤmmigkeit, Fleiß, Keuſchheit, Sanftmuth. Dieſe und aͤhnliche Tugenden waren der groͤßte Reichthum und der ſchoͤnſte Schmuck deiner Mutter. Wenn dir nur dieſes Erbtheil deiner Mutter bleibt⸗ dann biſt du reich genug! 8 „Haſt du dich aus der Burg gerettet, ſo ſuche unſern guten Kohlenbrenner, den ehrlichen Burkhard, auf. Er und ſein frommes Weib werden fuͤr dich ſorgen. Da kannſt du in ſtiller Verborgenheit leben, bis er dich auf der Burg eines meiner Freunde unterbringt. Und ſollteſt du auch Jahre lang bei ihm bleiben, ja dein ganzes Leben unter ſeinem nie⸗ drigen Dache zubringen muͤſſen, ſo laß es deinen Troſt ſeyn, daß man auch in einer Huͤtte— und in einer Huͤtte oft noch leichter, als in einem Schloſſe— zufrieden leben und ſelig keerben kann. Und das iſt am Ende doch das Beſte.... 3 6 3— 4 „Schaͤme dich deßhald der laͤndlichen Arbeit nicht. Die Schwielen an den Fingern der fleißigen Hand verdienen mehr Achtung, als die Edelſteine und Perlen an muͤßigen Haͤnden. O wie gut kommt es dir jetzt, daß deine ſelige Mutter dich an Arbeirſamkeit gewoͤhnte und dich dein Gluck nicht in eitelm Putze, koͤttlichen Speiſen und rauſchenden Luſtbarkeiten ſu⸗ chen lehrte.“ „Mit fleißiger Arbeit vereine frommes Gebet. Wir ſind Leib und Seele. Der Leib ſoll arbeiten; der Geiſt ſich zu Gott erheben. Anbeit gewinnt Brod fuͤr den Leib; Gebet naͤhrt die Seele. Wenn du alſo auch die Sichel in die Hand nehmen mußt, ſo habe Gott im Herzen. Stetes Andenken an Galt kam uch die derinsſen Aebellen beredeln⸗ und „Vor allem bewahre dene nnhn Fliehe Menſchen, die ſölche Reden führen, daß du daruͤber erroͤthen mußt. Ich kann nicht mehr auf dich Acht haben und nicht mehr dein guter Engel ſeyn. Sey es alſo ſelbſt! Denk, daß Gott dich uͤberall ſieht und daß Er auch in das Herz blickt. Thue alſo nie Boͤſes— ja denke nicht einmal etwas Boͤſes.“ aum mich ſey unbeſorgt. Bete für mich und laß den lieben Goit ſorgen. Ich weiß gerviß Er verlaͤßt mich nicht. Dein frommes Gebet wird nicht unerhoͤrt bleiben. So hart mein Schickſal ſeyn mag, Gott kann es mir leicht machen Eiſerne Thuͤren und Riegel halten ihn nicht ab. Gott iſt uͤberall, nur im Herzen des Boͤſewichts nicht. Er wird auch in dem Kerker mit mir ſeyn. Vertrau auf Ihn, wie ich auf Ihn vertraue— auf Ihn, den einzigen Freund, der uns nie verlaͤßt.“ „Soit wird, wie ich es getroſt hoffe, mich einſt wieder aus der Gefangenſchaft befreien. Sollte es aber das letzte Man ſehn, daß du, liebſte Tochter, das Angeſicht deines Naters ſieheſt, und ſollte ich lebenslang im Kerker ſchmach⸗ — ſo laß mir nur den Troſt, daß ich in meinem e denken könne: n nüui verdißt bi Ermahnungen ien mu werth. Und ſollte denn auch in dem duͤſtern, einſamen Ker⸗ ker die Todesſtunde fuͤr mich anbrechen, kein Auge mich ſter⸗ ben ſehen, kein Ohr meine letzten Seufzer hoͤren, keine freund⸗ liche Hand mir die Augen ſanft zudruͤcken, ſo bleibe mir doch im Dode der Troſt: Ich laſſe eine gute Dochter zuruͤck— oder vielmehr— ich laſſe ſie nicht zuruͤck, ſie wird mir nach⸗ folgen in den Himmel!“ „Die letzten Worte deiner verklaͤrten Mutter, die auch meine letzten Worte ſeyn wuͤrden, wenn du bei meinem To⸗ de zugegen waͤreſt, wiederhole ich dir jetzt:„Bleibe fromm, unſchuldig, gut; liebe Gott; halte dich an unſern goͤttlichen Erloͤſer; thu nie etwas Boͤſes.“ Wenn du hoͤren ſollteſt, der Tod habe meine Ketten auf immer geloͤst, ſo denke, jene letzten Worte meiner Mutter waren auch die letzten, die mein Vater mir bei dem Abſchied ſagte! Befolge dieſe Worte, ſo wird Gott, der aus unerforſchlichen, aber gewiß weiſen und liebevollen Abſichten, dir ſchon fruͤher deine Mutter nahm, und dir jetzt auch deinen Vater nimmt, uns alle drei im Himmel wieder vereinigen.“ „Und ſiehe da— da habe ich heute eben die goldene Denk⸗ muͤnze an der goldenen Kette umgehaͤngt, die ich ehemals aus der Hand des Kaiſers erhielt. Ich habe ſie, als vorhin die Feinde zur Thuͤre herein kamen, hier unter meinem Kleide verborgen. Ach, ich kann ſie ohne Schmerz nicht anſehen! Wie unbeſtaͤndig iſt doch alles Gluͤck auf Erden! Ehemals hat mich der Kaiſer mit dieſer goldenen Kette beehrt; jetzt muß ich gleich, einem Uebelthaͤter, dieſe eiſerne Kette tragen.“ „Nimm dieſes goldene Ehrenzeichen indeſſen zum Andenken an mich! Verkauf es nicht, auch in der groͤßten Noth. Es kann, wenn ich einmal nicht mehr lebe, fuͤr diech von Wich⸗ tigkeit ſeyn. Du kannſt dadurch vielleicht einſt beweiſen, daß du aus dem edeln Geſchlechte der von Tannenburg biſt.“ „Die ſchoͤnen Sinnbilder und die troͤſtlichen Worte auf der goldenen Denkmüͤnze ſind mehr werth, als das Gold, aus dem die Münze gepraͤgt iſt. ³ „Sieh, das Auge Gottes von Strahlen umgeben auf der einen Seite, mit der Umſchrifte„Wehtn Gatt für uns, wer wider uns!“ erinnere dich daran, daß Gottes Auge uns uͤberall ſieht, und immer uͤber uns wacht, und daß diejenigen, die alles wie vor Gottes Augen thun und ſich vor Suͤnden rein bewahren, nichts zu fuͤrchten haben.“ „Das Kreuz im Strahlenkranze auf der andern Seite, mit den Worten:„In dieſem uͤberwinde!“ erinnere dich ſtets an die Liebe desjenigen, der fuͤr uns am Kreuze ſtarb. Wir Menſchen alle haben in dieſer Welt zu ſtreiten und zu leiden. Im Glauben an den Gekreuzigten aber, im treuen Gehorſam gegen ſeine heiligen Gebote, in Liebe und Geduld⸗ nach ſeinem ſchoͤnen Beiſpiele, im Vertrauen auf ſeine all⸗ maͤchtige Gnade, in der Hoffnung auf ſeine Verheiffungen können wir alles Boͤſe uͤberwinden und alles Widrige frohen Mutys ertragen. „Gott hat jetzt wohl ein großes Leiden uͤber uns kommen laſſen! Allein was iſt dieſes Leiden gegen jene Leiden, durch die unſer goͤttlicher Erloͤfer in ſeine Herrlichkeit eingieng! An ſeiner Herrlichkeit werden wir auch Theil haben, wenn wir unſern Kampf auf Erden gluͤcklich vollenden, und in der Ge⸗ duld ausharren bis ans Ende.“ „Und nun knie nieder, liebſte Tochter, damit ich dich noch ſegne.“ Roſa kniete weinend nieder, faltete die Haͤnde, und neigte ihr liebliches Angeſicht voll unbeſchreiblicher An⸗ dacht und Wehmuth.— Der Vater legte ihr ſeine gefeſſelte Hand auf das Haupt und ſprach:„Gott, der Allmaͤchtige, ſesne dich, und die Gnade unſers Herrn und Heilandes ſey mit dir ewig.“ Roſa zerfloß in Thraͤnen. Der Vater ſchloß ſie noch einmal in ſeine Arme und ſagte, indem er ſelbſt in Thraͤnen ausbrach:„Ich werde deiner nie vergeſſen und in meinem Kerker ſtets fuͤr dich beten. Verſprich auch du mir, daß du meine getreuen vaͤterlichen Ermahnungen nicht ver⸗ geſſen, ſondern ſie treulich befolgen wolleſt.“ „0 alles, ſprach Roſa ſchluchzend, alles will ich mit Freuden thun, was du mir immer geſagt haſt: nur Eines nicht: Ach ich kann, kann dich nicht verlaffen! Ach verlange es nicht, daß ich entfliehen ſolle! Vielleicht koͤnnen meine Ditien, meine heißen Thraͤnen dieſen hartherzigen Ritter be⸗ 2— — 88 † wegen, daß er mir geſtattet, dir in die Gefangenſchaft zu folgen und dich im Gefaͤngniſſe zu bedienen!“ 4 Jetzt entſtand im Schloſſe aufs neue Laͤrm. Der feindli⸗ che Ritter befahl ſeinen Leuten aufzubrechen; nur einigen gebot er; als Beſatzung zuruͤck zu bleiben. Bewaffnete dran⸗ gen in Edelberts Zimmer. Roſa hielt ſich feſt an ihren Vater, und bat, ſie mit ihm ins Gefaͤngniß zu bringen. Sie wurde ihm mit Gewalt aus den Armen geriſſen. Edelbert wurde hinunter gefuͤhrt in den Schloßhof, der von mehreren brennenden Pechfackeln furchtbar beleuchtet war. Die Schloßthore ſtanden weit offen. Eine Menge Kriegsknechte zu Pferde, deren jeder noch ein leeres Pferd an der Hand fuͤhrte, waren nachgekommen. Kunerichs Kriegsroß, mit ſchimmerndem Zaume und purpurner Decke geſchmuͤckt, befand ſich darunter. Den trefflichen hochbe⸗ ruͤhmten Edelbert ſetzte man auf einen ſchlechten Karren. Zwei große Wagen, die Edelbert gehoͤrten, ſtanden mit ge⸗ raubten Guͤtern hoch beladen da. Edelbert mußte es mit anſehen, wie ſeine Zugpferde aus dem Stalle gefuͤhrt und vor die Wagen geſpannt wurden. Der gute Mann, der von ſeiner Wunde noch nicht ganz hergeſtellt war, zitterte auf dem elenden offenen Fuhrwerke ſchon vor Naͤſſe und Froſt, bevor man aufbrach. Endlich kam Ritter Kunerich in den Hof, und ſchwang ſich auf ſein Pferd. Reiter um⸗ ringten den Karren. Jauchzend und mit wildem Getuͤmmel zogen ſie eilends zum Thore uͤber die donnernde Fallbruͤcke hinaus. Den ſteilen Berg hinunter gieng es langſamer. Roſa holte den Zug ein. Kunerich ritt neben dem Karren, auf dem ihr Vater ſaß. Weinend und flehend draͤngte ſie ſich zwiſchen Kunerichs Pferd und den Karren, und bat mit aufgehobenen Armen, ſich zu ihrem Vater ſetzen zu duͤrfen. Allein Kunerich that, als hoͤrte er ſie nicht; er ſah ſte gar nicht an und blickte, die eine Hand in die Seite geſtemmt, und in der andern das bloße Schwert, trotzig umher. Unten am Berge rief Kunerich:„Nun vorwaͤrts!“ Alle gaben ih⸗ ren Pferden die Sporen; die Fuhrleute ſchlugen mit den 4 6 * Peitſchen auf die Roſſe— und mit wilder Eile ritten und fuhren alle davon. Roſa lief in Sturm und Regen nach, bis ihre Kraͤfte erſchoͤpft waren und der Zug endlich aus ihren Augen in Wald und Nacht verſchwand. uͤnftes Kapitel. Roſa nimmt ihre Zuflucht zu einem ar⸗ men Koͤhler. Doſa, die felten, ohne Begleitung aber niemals aus dem Schloſſe gekommen war, befand ſich nun bei finſterer Nacht im weiten Felde, bei Sturm und Regen unter freiem Himmel einſam und allein. Sie wußte nicht, wo an und wo aus. Sie ſuchte lange vergebens nach einem trocknen Plaͤtzchen, wo ſie ſich hinſetzen, und den Dag erwarten koͤnnte. Endlich kam ſie an ein dichtes Gebuͤſch von jungen Tannen, in dem ſie gegen die Naͤſſe und den Sturm einigen Schutz fand. Furcht fuͤhlte ſie keine, hier ſo allein zu uͤbernachten. Ihr Kummer ließ ſie wenig auf die Schreckniſſe dieſer ſchauerli⸗ chen Nacht achten. Sie hatte keinen andern Gedanken, als ihren Vater, und weinte, jammerte, betete— daß es einen Stein haͤtte ruͤhren koͤnnen. Als der Morgenhimmel anfieng grau zu werden, kroch ſie aus dem Dickicht hervor, und blickte um ſich. Sie ſah den Thurm ihrer vaͤterlichen Burg, ſchon etwas vom Morgen⸗ lichte erhellt, aus den Tannenſpitzen des Berges hervorragen, und brach aufs Neue in Thraͤnen aus.„Wie gern, ſprach ſie, moͤchte ich meine vaͤterliche Wohnungen noch einmal beſuchen! Vielleicht traͤfe ich noch einen von den treuen Die⸗ tern meines Vaters an, der ſich meiner erbarmte, und mir zu dem guten Burkhard den Weg zeigte. Allein die Woh⸗ n ic geboren und erzogen worden, iſt nun fuͤr mich wohl auf immer verſchloſſen. Kaum war ich zum Thore e das TDyor verriegelt, und die Fallbruͤcke m vaͤterliche Burg iſt fuͤr mich nun in eine wohnte. Sie wußte die Gegend aus den Erzaͤhlungen ihres Vaters hoben ſich ein Paar raube wiſchen dieſen Bergen lag nur beilaͤufig. Weg noch Steg. hinderte ſie, die Tief im Walde er finſtere Berge voll Tannen. 3 die Koͤhlerwohnung. Es war ungefahr zwei Meil Roſa faßte die beiden Berggipfel wohl in ihren Weg ſo, als wollte ſie mitten zwiſch durch gehen. Allein ſie fand in dem ſich bald mit J Dickicht hindurch arbeiten, bald einen S bald ſich durch einen Waldbach wagen. Berge von Weitem zu ſehen. war bereits vorbei, und noch immer wollte kein men. Sie wanderte muthig weiter. D Schritte von ihr, in dem Gebuͤſche rauſchen und zu krachen. gem Geweihe erhob ſich, ſchwarzen Augen an, ſich durch die Zweige ihren Weg unermuͤdet fort. Grunzen eines wilden Sch ungeheure Thier hatte in einem Sum blickte grimmig aus ſeinen kleinen A mit ſeinen fuͤrchterlichen Zaͤhnen. Flucht und lief, faſt au Dichte Geſtraͤuche hielten ſie end muͤdet unter einen Baum, gen gedachte, wenn das ſtaͤndig; allein alles blie aber nun ganz verirrt; ſie wußte dur chen Weg ſie nehmen ſolle— und bereits zum Untergange. Dhier nachkaͤme. b ruhig und ſiille. feindliche verwandelt!“ Traurig gieng ſie unten am Berge vorbei— dem Walde zu, in dem der ehrliche Kohlenbrenner en dahin. s Auge, und nahm hen denſelhen hin⸗ de weder Ruͤhe durch ein umpf umgehen, und Der dichte Wald Der Mittag Berg kom⸗ a ſieng es keine zehen ploͤtzlich an maͤchtig zu Ein großer Hirſch mit hohem zacki⸗ ſtarrte ſie mit ſeinen weit offenen, wandte ſich dann ſeitwaͤrts— brach einen Weg, und entfloh. Sie ſetzte Jetzt ſchreckte ſie auf einmal das eins. Roſa blickte hin. Das nofe gewuͤhlt, ſtand auf, ugen, und drohte ihr Roſa nahm eilends die ßer Athem, ſo weit ſie konnke. lich auf. Sie ſetzte ſich er⸗ deſſen niedrige Aeſte ſie zu erſtei⸗ Sie horchte be⸗ Sie hatte ſich chaus nicht mehr, wel⸗ die Sonne neigte ſich „Ach, ſeufzte die arſne Zauſt. werde wohl in dieſem fuͤrchterlichen Walde unter den Shieren einſam uͤbernachten muͤſſen Der. Hunger, den ſie vor Jammer het da e ich 5 wicen ſ 33 ihres Vaters bisher wenig gefuͤhlt hatte, fieng jetzt an, ſie ſo ſehr zu quaͤlen, daß ſie zu verſchmachten fuͤrchtete. Bei⸗ nahe ganz entkraͤftet vor Hunger und Muͤdigkeit machte ſie ſich wieder auf, und erreichte eine kleine Anhoͤhe im Walde, auf der ſie freier um ſich blicken konnte. Schwarze Wolken mit gleitrothem Rande bedeckten die untergehende Sonne; die ganze duͤſtere Gegend lag in truͤben blutrothen Dunſt gehuͤllt. Roſa kniete nieder und betete.„Lieber Gott! ſagte ſie unter anderm, Du ſprichſt ja ſelbſt:„Rufe mich an in der Noth, ſo will ich dich erretten und du wirſt mich preiſen.“ Ach er⸗ fuͤlle an mir dieſes dein Wort!“ Und ſieh, indem ſie noch betete, brach die Sonne noch einmal aus den Wolken, und ihre Strahlen vergoldeten eine Rauchſaͤule, die in weiter Ent⸗ fernung aus dem waldigen Grunde emporſteigt.„O Gott! rief Roſa freudig; Dir ſey Lob und Dank! Du haſt dein Wort an mir erfuͤllt! Du haſt mich gerettet!— Dort brennt der gute Burkhard Kohlen; denn ſfonſt iſt ja der ganze Wald unbewohnt.“ Sie raffte ihre letzten Kraͤfte zuſammen und eilte dahin, wo ſie den Rauch aufſteigen ſah. Es war h, wie Noſa dachte. Burkhard hatte dort ſeine Kohlenſtaͤtte aufgeſchlagen, und rings umher den Wald ſchon ziemlich gelichtet. Er ſaß auf einem Kohlenhaufen. Der Stock des abgehauenen Baumes, auf den er ein kleines Kiereckigtes Brett befeſtigt hatte, diente ihm zum laͤndlichen Liſchchen, worauf ſich ſeine Abendmahlzeit, Brod, Butter und ein Krug mit Waſſer befand. Seine Axt und ſein Schuͤrhacken lagen nebem ihm im Graſe. Er ſah dem Un⸗ tergange der Sonne zu, und ſang mit einer kraftigen Baß⸗ ſtimme andaͤchtig ſein Abendlied, daß es rings umher im Walde widerhalte. Roſa vernahm ſeine Stimme mit Freu⸗ den und eine noch mehr. 8 Als der gute Burkhard Roſa, ohne ſie noch zu kennen, in der Ferne kommen ſah— ſtutzte er, und wunderte ſich/ wie in aller Welt ein ſo zartes Fraͤulein hieher in den wil⸗ 8 den Wald fomme. Sobald er ſie aber erkannte, ſprang er auf, gruͤßte ſie mit lautem Zurufe ſchon von weitem, eilte ie zu, druͤckte und ſchuͤttelte ihr nach altdeutſcher Art kraͤf⸗ 33 kraͤftig die Hand, und bat dann erſchrocken und ſehr hoͤflich um Vergebung, daß er ihr zartes weiſſes Haͤndchen ſo ſchwarz und rußig gemacht habe. Doch fieng er ſogleich an, ihr ſein Erſtaunen zu bezeugen, ſie hier zu ſehen.„Gott im Himmel! ſagte er, Ihr ſeyd es, Fraͤulein, Ihr! Wie um des Himmels willen kommt ihr hieher, ſo allein, ſo ſpaͤt am Abende? Gewiß habt Ihr Euch verirrt. Nun, nun, Ihr kommt eben recht. Ich halte heute Abend offene Dafel vor allen Tannen und Fichten, Eichen und Buchen umher, und die Mahlzeit iſt eben aufgetragen. Kommt und ſetzt Euch zu mir auf mein neues hoͤlzernes Kanapee, und ruht aus und labt Euch ein wenig; denn Ihr muͤßt heute noch nach Hauſe. Dafuͤr hilft nichts. Euer Vater koͤnnte ſonſt, ſo wahr ich Burkhard heiße, vor Kummer die ganze Nacht kein Auge zuthun!“ 4 „Ach mein Vater! fieng Roſa an, und konnte vor Schluch⸗ zen kgum mehr ein Wort hervorbringen, wißt Ihr denn die ſchreckliche Geſchichte noch nicht?2 „Euer Vater, der geſtrenge Ritter! riof der Kohlnbren⸗ ner erſchrocken. Wenn ſein Geſicht von Kohlenſtaud und Ruß nicht ſo ſchwarz geweſen waͤre, ſo waͤre es todtenbleich geworden. „O liebſtes Fraͤulein Roͤschen, fuhr er fort, redet zoch um Got⸗ teswillen redet, was es giebt! Was iſt ihm geſchehen?“⸗ „Ach Gott! ſprach Roſa, Kunerich von Fichtenburg hat ihn die vergangene Nacht gefangen und in Ketten und Ban den förtgeſchleppt auf ſeine Burg.“ „Der!“ rief der Kohlenbrenner und griff nach feinem Schuͤrhacken, den ſoll—„Doch, ſprach er und ließ den Ha⸗ gen fallen, ich will nicht fluchen! Wenn ihn aber der in ſei⸗ ner Gewalt hat, dann iſts nicht gut. Allein erzaͤhlt doch, wie das zugieng! Ich begreife noch gar nicht, wie das moͤglich iſt. Ich verließ Euren Vater jg erſt geſtern Abend und alles war in Nuh und Frieden. Wie konnte Kunerich eine ſolche uüner⸗ ſteigliche Burg in einer Nacht erohern 2 Roſa ſetzte ſich neben den Mann zauf den Baumtauna. eind ſieng an zu errzaͤhlen. Der ehrliche Burkhard mertte t Fald, daß ſie vor Hunger und Ermuͤdung nicht meht 3 2 4½ 8 — .“ 8 3 8 34 konnte. Er gab ihr nun mit herzlichem Wohlwollen das But⸗ terbrod, das fuͤr ihn beſtimmt war. Sie aß, und trank da⸗ zu von Zeit zu Zeit von dem klaren Quellwaſſer im Kruge. Der brennende Kohlhaufen leuchtete zu der kleinen duͤrftigen Mahlzeit. Dennoch verſicherte Roſa, in ihrem Leben habe ihr Speiſe und Drank nicht ſo gut geſchmeckt. Ja, ja, ſprach der Koͤhler, der Hunger iſt ein koſtbares Gewuͤrz, dergleichen man in den Gewuͤrzſchachteln der Rei⸗ chen keines ſindet— und wir Armen haben es umſonſt! So gleicht der liebe Gott alles aus. Nachdem ſich Roſa erquickt, und Gott fuͤr ſeine Gaben herzlich gedankt hatte, erzaͤhlte ſie ausfuͤhrlich, wie es ihrem Vater ergangen ſey. Burkhard hoͤrte mit offenem Munde zu, ſchmaͤhte zwiſchen ein uͤber den grauſamen Kunerich, jammerte um ſeinen lieben, guten Herrn, und fuhr mit der Hand oͤfters uͤber die Augen. Als er aber vernahm, Saß Ritter Edelbert das Fraͤulein an ihn gewieſen habe, ſo ſieng er, von dieſem Zutrauen geruͤhrt, an laut zu ſchluchzen!“ „Nun, nun, liebſtes Fraͤulein! ſagte er, einen ſo guten Herri kann der liebe Gott nicht ſtecken laſſen. Gott hilft ihmn gewiß wieder aus der Wolfsgrube— dem verwaͤnſchten Fich⸗ tenburg. Denn Gott fuͤhrt in die Grube, und fuͤhrt wieder heraus. Laßt nur den lieben Gott walten, ſo wirds recht wer⸗ den. Was aber Euch betriff, liebſtes Fraͤulein— ſeht Ihr hier den brennenden Kohlenhaufen? Ihr duͤrft nur ein Wort ſagen, ſo ſpring ich hinein. Fuͤr Euch und Euren Vater geh' ich durchs Feuer. Doch— vor allem braucht Ihr nun Ruhe. In meine Wohnung iſts fuͤr Euch jetzt zu weit. Ich habe aber da ein Hüttlein, wie es ſo die Koͤhler zu bauen pfle⸗ gen— und in dem iſt gerade Naum fuͤr eine Perſon. Seht Ihr es vort imerothen Scheine des Kohlenhaufens unter den drei Buchen ſtehen 2˙, Das Huͤllchen beſtand aus einigen ſchief en Tannenaͤſten durchflochten und mit dichten Raſen belegt waren.„Die vier Waͤnde, ſagte Burkhard laͤchelnd, ſind vergeſſen; das Huͤttlein iſt lauter Dach. Es iſt aber ſo und feſt, daß kein Regentropfen durchbringt. Das Beit —jj———— gegen einander in die Erde geſchlagenen Pfaͤhlen, die mit jun-⸗ ————y 35 darin iſt von dem ſchoͤnſten trocknen Mooſe. Eine Matte von Baſt, die ich ſelbſt flocht, iſt zugleich der Bettvorhang und die Hausthüre. Ich verſichere Euch aber; wenn man, wie Ihr, ein gutes Gewiſſen hat und muͤde iſt, ſo ſchlaͤft es ſich ſo gut darin, als auf Pflaumfedern unter einem goldenen Thronhimmel mit ſeidenen Vorhaͤngen.“ Er fuͤhrte das Fraͤulein hinein, und ſetzte ſich dann nicht weit von ſeinem Kohlenhaufen unter ein Paar dickaͤſtige Dan⸗ nen, wo er einen bequemen Raſenſitz angebracht hatte. Er ſann die ganze Nacht uͤber die Erzaͤhlung des Fraͤuleins nach. Was ihn am meiſten ſchmerzte, war der Gedanke, daß die Huͤlfe, die Edelbert ihm gegen Kunerich geleiſtet hatte, wenigſtens zum Theil Urſache an der Gefangenneh⸗ mung des edeln Ritters ſey. Er kratzte hundertmal hinter den Ohren, ſchob ſeine rußige Muͤtze hundertmal hin und her— zuletzt aber nahm er ſie gar ab, faßte ſie zwiſchen die gefalteten Haͤnde, und betete inbruͤnſtig zu Gott, Er wolle den edeln Ritter retten, und das gute Fraͤulein einſt⸗ weilen troͤſten. Er dachte an keinen Schlaf. Noſa aber war ſogleich eingeſchlafen, und ſchlief ruhig bis an den lich⸗ ten Morgen, wiewohl bis Tagesanbruch furchtbare Sturm⸗ winde durch die ſchwankenden Dannen brausten und bor ganze Wald mehrmals von heftigem Platzregen rauſchte. Sechstes Kazßitel. Noſainder K dhlegmohnung. Au der Morgen angebrochen war, legte ſich der Wind. Die Wolken hatten ſich zerſtreut. Alles war ſitte, und die Gipfel der Tannen umher glühten im reinſten Moͤngengolde. Der Kohlenbrenner horchte von Zeit zu Zeit, ob ſich das Fraͤulein noch nht rege. Er meynte einige Male, ſie ſey erwacht, und freute ſich allemal wieder, wenn es nicht ſo war.„Mein Gott, ſagte er, wie goͤnne ich ihr dieſe Ruhet O der Schlaf iſt eine ſo große Wohlthat Gottes! Er macht uns die Leiden vergeſſen; er nimmt uns die Laſt, die mu 3* 3 5 36 zu tragen haben, eine Zeitlang ab, und giebt uns neue Kraſt, ſie wieder aufzunehmen. Lieber Gott, fuhr er ge⸗ rührt fort, und nahm die Muͤtze ab, ſey gelobt fuͤr dieſe deine ſtille Wohlthat— den Schlaf. So, denke ich, iſts wohl auch mit ſeinem Bruder, dem laͤngern Schlafe unter der gruͤnen Bettdecke von Raſen. Ja, dieſer iſt wohl noch eine groͤßere Wohlthat. Er macht uns der Leiden auf immer los, und ihm folgt, wenn wir unſer Dagwerk gut vollbracht haben, das froͤhlichſte Erwachen.“ Ueber eine Weile kam Agnes, des Kohlenbrenners Doch⸗ 5 ter, ein ſehr freundliches, gutherziges Maͤdchen, auf der Kohlenſtaͤtte an. Sie trug einen Korb an dem Arme, in dem ſich zugleich Fruͤhſtuͤck, Mittag⸗ und Abendeſſen fuͤr ihren Vater befand. Sie ſah es dem Vater ſogleich an, daß es mit den Augen nicht richtig ſtand, und daß er einen ſchweren Stein auf dem Herzen habe. Sie fragte, was ihm fehle. Er winkte ihr, ſtille zu ſeyn, damit ſie das Fraͤulein nicht wecke, fuͤhrte ſie auf den Raſenſitz unter den Dannen, und erzaͤhlte ihr Edelberts Geſchichte ausfuͤhrlich— und das gute Maͤdchen weinte, daß eine Thraͤne die andere ſchlutg. Roſa war indeſten erwacht. Die Morgenſonne hatte ihr durch eine kleine Deffnung der Huͤtte, die der Kohlenbrenner gelaſſen hatte, damit er nach dem Kohlenhaufen ſehen koͤnne, geerade in ihr holdes Angeſicht geſchienen, und ſie geweckt. Nachdem ſie ſich beſonnen hatte, wo ſie war, weinte ſie aufs neue. Mit Thraͤnen auf den lieblichen Wangen kam ſſie aus der Hutte hervor. Der Koͤhler und ſeine Tochter 4 ſtanden von dem NRaſenſitze auf und eilten auf ſie zu. 0 nicht doch, liebſtes Fraͤulein! ſagte der Koͤhler. Be⸗ gruͤßt den ſchoͤnen Morgen nicht ſogleich mit Thraͤnen. Seht, wie der Himmel nach der vergangenen ſtuͤrmiſchen NRezennacht ſo ſchoͤn und hell iſt, wie klar die Tropfen an den zungen Tannenaͤſten und den Wachholdergeſtraͤuchen bli⸗ en und wie warm und lieblich die Sonne ſcheint! So wird 3 auch der Sturm, der uͤber Euch und Euern Vater kam ei wieder voruͤber gehen. Nach Ungewitter kommt Sonnen⸗ ſchein, nach Leid kommt Freud. Vertraut nur auf den lie⸗ —&* N&☛ — 37 ben Gott, von dem Sonnenſchein und Regen, Leid und Freud kommen.“ Roſa und Agnes begruͤßten ſich nun als Bekannte von ihrer Kindheit her auf das freundlichſte. Sie hatten ſich lange nicht mehr geſehen. Eine Jede wunderte ſich, wie groß die Andere indeß geworden ſey. Agnes oͤffnete hierauf ihren Armkorb. Sie nahm eine irdene Flaſche heraus, goß ſuͤße Milch in ein reinliches, ir⸗ denes Schuͤſſelchen, und ſtellte es auf das laͤndliche Siſchchen. Dann langte ſie friſchen Butter und kraͤftiges Brod hervor⸗ und lud das Fraͤulein zum Fruͤſticck ein. Roſa ſetzte ſich auf den Baumſtamm, brockte Brod in die Milch, aß ſie mit ei⸗ nem zierlich geſchnitzten hoͤlzernen Loͤffel, und verzehrte dann noch ein Stuͤckchen Butterbrod. Nachdem Roſa ſatt war und Gott und dem Koͤhler gedankt hatte, ſagte der treuherzige Mann:„Jetzt, mein libſtes Fraͤu⸗ lein, geht mit meiner Agnes in meine Wohnung und bleibt dort ſo lange, bis der liebe Gott hilft. Ich will indeſſen hier uͤberlegen, ob ich mit Gottes Huͤlfe! nicht auch etwas dabei thun koͤnne. Geht alſo mit Gott! Sobald der Kohlen⸗ haufen da es erlaubt, komme ich nach. Seyd mir aber indeſſen nicht ſo traurig und weinet nicht ſo viel⸗ Ergurigkeit hilft ja nichts, und weinen macht die Sache nicht beſſer. Horcht, wis die kleinen Voͤgelein auf den Baͤumen umher ihr Morgen⸗ liedchen ſo munter ſingen. Der liebe Gott ſorgt ſo liebreich fuͤr die armen Thierchen; darum find ſie ſo froͤhlich. Fuͤr Euch, liebſtes Fraͤulein, und Euren Vater ſorgt er gewiß noch viel liebreicher. Darum ſend auch Ihr froͤhlich und ge⸗ troſt.— Du aber, Agnes, biete auf den ſteilen Felſenwegen dem Fraͤulein ſorgſam die Hand, darzit ſie nicht falle— und gruͤße mir meine Mutter. So— ietzt geht miteinander, und der liebe Gott geleite Euch. Roſa und Agnes machten ſich auf den Weg in die rauhe, faſt unzugaͤngliche Wildniß, von der die Koͤhlerwohnung um gebhen war. Zuerſt mußten ſie wohl eine Stunde, vhne einen eigentlichen Weg zu haben, durch einen hohen, dunkeln Dan⸗ nenwald gehen. Hierauf kamen ſte an üngeheurt fit Mors 38 1 3 und Gebuͤſch bewachſene Felſen zwiſchen denen ſich ein enger 3 Steig aufwaͤrts ſchlang. Sle mußten lange Zeit ſteigen. Nun fuͤhrte ſie der ſchmale Fußweg laͤngs einer hohen Felſenwand hin und an Abgruͤnden vorbey, in denen ſie die Gipfel der dhoͤchſten Tannen tief unter ſich erblickten. Endlich gieng es eine fuͤrchterliche Felſenſchlucht wieder ſehr ſteil abwaͤrts. Roſa ſchaute nicht ohne Aengſtlichkeit zu den himmelhohen, bu⸗ ſchigen Felſen empor, die drohend uͤber ihrem Haupte hiengen und von dem hellen klaren Himmel kaum mehr eine Span⸗ ne breit erblicken ließen.„Ach Agnes, ſagte ſie, wo fuͤhrſt du mich hin? Mir iſt bange, ob wir noch einen Ausweg finden oder in was fuͤr eine ſchauerliche Wildniß wir jetzt . kommen werden.“ Sie hatte dieß kaum geſagt, thaten ſich die Felſen ſeitwaͤrts auf, und ein kleines Thal, das einem bluͤ henden Garten glich, lag in vollem Glanze der Sonne vor ihr. „0, wie ſchoͤn! rief Roſa; mir iſt es, als kaͤme ich aus der Wuͤſte ins gelobte Land.“ Es ward ihr ſehr leicht um das gen Ausgang geben, und ſie auf rauhen Wegen zum Gluͤcke führea. Oben im Thale, das ſich ſanft gegen ſie herab ſenkte, ſtand das Koͤhlerhaus mit flachem, weit vorſtehendem Dache. Das Haus wan ganz von Holz erbaut, und die gelbbraune Solzfarbe gab ihm kein unangenchmes Anſehen. Dunkelgruͤ⸗ ne Tannen erhoben ſich hinter dem Hauſe; junge, weiß und roth blühende Obſtbaͤume umgaben es. Ein Baͤchlein, hell wie Kryſtall, rauſchte daran vorbey. Das ganze Thal prang⸗ te mit friſchem Gruͤn und lieblichen Blumen von allen Far⸗ ben. Die hohen Feſſen und Baͤume, die das Thal rings einſchloßen, wehrten den rauhen Winden, daß ſich der Fruͤh⸗ ling hier immer fruͤher einſtellte. Unten im Thalgrunde gra⸗ ſeten ein paar Kuͤhe; ſeitwaͤrts an den buſchigen Felſen klet⸗ terten Ziegen. Ein kleines wohlgebautes Gaͤrtchen, mit einem gegitterten Zaune aus Tannenaͤſten, gruͤnte und blühte naͤchſt dem Hauſe. Ein Bienenſtand mit ſtrohgeflochtenen Bienen⸗ Foͤrben befand ſich in der Ecke des Gaͤrtchens; die Bienen Herz; es regte ſich in ihr die frohe Hoffnung, Gott werde auf aͤhnliche Art auch ihrem traurigen Schickſal einen freudi⸗ 39 ſummten froͤhlich umher und trugen emſig ein. Einige Huͤh⸗ ner ſcharrten vor der Hausthuͤre im Sande, Roſa trat in das Wohnſtuͤbchen, und ſetzte ſich ermuͤdet auf die hoͤlzerne Bank. Das Stuͤbchen war aͤußerſt reinlich, und durch die kleinen hellen Fenſeer hatte man eine praͤchtige Ausſicht in das Felſenthal. Es war bereits Mittag. Die Koͤhlerin war in der Kuͤ⸗ che beſchaͤftigt. Da ſie aber ihre Tochter mit jemanden re⸗ den hoͤrte, kam ſie jetzt ſchnell zur Chuͤre herein. Sie begruͤßte das Fraͤulein mit unbeſchreiblichem Jubel. Sie glaubte, Roſa ſey nur auf einen freundlichen Beſuch gekommen. Als ſie aber vernahm, wie die Sache ſtand, brach ſie in lautes Weinen aus. Doch faßte ſie ſich wieder, und troͤſtete Roſa auf das liebreichſte.„Liebſtes, beſtes Fraͤulein, ſagte ſie, ſeyd uns in unſerm kleinen Thale, in unſerer kleinen Huͤtte von gan⸗ zem Herzen willkommen. Seht, dieſes Haͤuschen, das Euer Vater uns bauen ließ, hat er ohne es zu wiſſen, fuͤr Euch. bauen laſſen. Euch ſoll es nun ganz gehoͤren. Seyd ihr in Eurem Eigenthume nur recht zu Hauſe, bis der liebe Gott Euch und Euern Vater wieder in Euer Schloß zuruͤck fährt, was er gewiß bald thun wird. Wir alle wollen uns indeß beeifern, nur zu Euerm Dienſte zu leben.“ Roſa ſagte geruͤhrt:„O mein Gott, wie wohl thut es einem, wenn man im Ungluͤcke gute Menſchen antrifft! Wie danke ich Euch fuͤr Eure Liebe! Wie gut iſts, daß mein Vater immer gut gegen Euch war!“ 3 Die gute Koͤhlerin hatte aber nan auf einmal einen an⸗ dern Jammer, der wenigſtens für ſie nicht klein war, und ſie Roſa's großen Jammer fuͤr jetzt vergeſſen machte.„Ach, ſagte ſie, ich habe einen ſo lieben und werthen, einen ſo vornehmen Beſuch, und weiß nicht, was ich dem Fraͤulein auftiſchen ſoll. Wir haben heute nichts als ein Habermuß; das iſt ſo dicht und feſt, daß man darauf tanzen koͤnnte. Ich weiß nicht, was ich anfangen ſoll. Wenn es nur nicht ſchon Mittagszeit waͤre! Doch— Agnes, vertreid du dem Fraulein einſtweilen die Zeit. Ich will in die Kuͤche, und ſehen, was ich aus Mehl und Eiern, Milch und Butter noch zuſammen bringen kann.“ Roſa ſuchte vergebens, ſie zu beruhigen. Die bekuͤmmerte Hausmutter gieng indeß in die Kuͤche— und brachte etwa in einer halben Stunde ein paar laͤndliche Gerichte, die wirklich ſehr gut bereitet waren. Sie fieng aber aufs Neue an, ſich zu entſchuldigen.„Bier un Wein haben wir auch nicht, ſagte ſie ſeufz end; einem naͤdigen Fraͤulein bei Tiſche nichts als Waſſer aufzuſetzen— 8 hat doch gar keine Art. Es iſt zum verzweifeln. Heute iſt es das erſte Mal in meinem Leben, daß mir unſere Ar⸗ 4 muth ſchwer faͤllt.“ „O meine liebe Gertraud, ſagte Roſa, Ihr wißt nicht wie reich und gluͤcklich Ihr in Eurer Armuth ſeyd. Von Eu⸗ rer Koſt, bei der Ihr alle geſund und ſtark ſeyd, und die auch mir ſehr wohl ſchmeckt, will ich jetzt gar nicht reden. Ihr habt aber etwas Beſſeres, als ſeltene Speiſen und koſt⸗ bare Getraͤnke— ein ſtilles, ruhiges Leben. O wie thut dieſe Stille und Nuhe in Eurem friedlichen Thale meinem Herzen ſo wohl! Wie unruhig war es dagegen auf unſerer 1 Burg Wie mußte mein Vater, bei all ſeinen Schmerzen, ter mit allerlei Welthaͤndeln plagen; wie oft wurde er von Menſchen, die Streit hatten, uͤberlaufen? wie oft von traurigen Kriegsnachrichten betruͤbt, und wie ſchrecklich war erſt der feindliche Ueberfall! O ſeyd froh und danket Gott fuͤr dieſen freundlichen Aufenthalt, in dem Ihr— an⸗ ſtatt des Weltgetuͤmmels und der kriegeriſchen Trompeten, nichts hoͤrt, als den Geſang der Waldvoͤgel und den Hahnen⸗“ ruf, die Schellen Eurer Kuͤhe und die Gloͤcklein der Ziegen. Ich wollte gern mein Lebenlang hier bleiben, wenn nur 3 auch mein Vater hier märe; Und er iſt gewiß guch ſo geſinnt, wie ic. 4 ¹ Siebentes Kapitel. Roſa als Khhlermaͤdchen. Da ehrliche Koͤhler Burkhard haͤtte mehrere Tage nichts von ſich fäan An hüren laſſen. Er hatte ſeiner Dochter, 41 als ſie ihm wieder das Eſſen in den Wald brachte, blos ge⸗ ſagt, er werde jetzt ſeine Kohlen in die Stadt liefern, ſie duͤrfe ihm nichts mehr zu eſſen bringen; er hoffe bald ſelbſt nach Hauſe zu kommen. Alle waren bereits ſehr beſorgt um ihn; da trat er eines Abends ploͤtzlich in die Stube. Er hatte einen ſchweren Rehbock auf den Schultern; in der Haͤnd trug er Pfeil und Bogen. Er legte ſeine Laſt auf den Boden, und gruͤßte das Fraͤulein und ſeine Leute, die alle ſehr er⸗ freut waren, auf das herzlichſte.„Haſt du deine Kohlen gut verkauft, lieber Burkhard?“ fragte die Koͤhlerin.„Ei was Kohlen! rief Burkhard; die waͤren jetzt mein geringſter Kum⸗ mer: wenn mir nur meine goldenen Hoffnungen nicht zu Soh⸗ len geworden waͤren! ich habe indeſſen allerlei Gaͤnge gemacht, von denen ich euch zuvor nichts ſagen wollte. Ich war bei Rittern, denen einſt der Vater unſers lieben Fraͤuleins aus großer Noth geholfen hatte. Ich forderte ſie auf, Kunerichs Burg zu ſtuͤrmen, und unſern guten Herrn mit bewaͤffneter Hand zu befreien, oder wenigſtens den Kunerich auf der Jagd zu uͤberfallen, ihn zu fangen und in den tiefſten Tyhurm einzuſperren, bis er Edelbert los laſſe und ihm alles geraubte Gut zurückgebe. Allein all mein Zureden war vergebens. Sie ſagten: Kunerich ſey zu maͤchtig; das Unternehmen ſey zu gefaͤhrlich, es koͤnnte uͤbel ablaufen; man muͤſſt zuſehen, bis Edelberts uͤbrige Freunde aus dem Kriege heimkaͤmen; hann lieſſe ſich vielleicht ein Verſuch machen. Nach Euch, mein Fraͤulein, erkundigten ſich die matten Seelen nicht einmal. Ich haͤtte uͤber dieſen Undank blutige Zaͤhren weinen moͤgen. Ich mochte ihnen gar nichts mehr ſagen, daß Ihr, liebes Fraͤnlein, Euch bei mir befindet; ich mochte auch keinen fragen, ob er Euch wohl in ſeine Burg aufnahine Ihr zꝛhut beſſer, bei uns zu bleiben; doch koͤnnet Ihr die Siche noch bedenken.“ „Da iſt nichts zu bedenken, fagte Roſa. Ich bleibe hun⸗ dertmal lieber bei Euch wenn Ihr ſo gut ſeyn wollet, mich zu behalten.“ Behalten! rief der Koͤhler mit Thraͤnen in den Augen. Meynet Ihr, wir haben es vergeſſen, wie Euer edelherziger Va⸗ ter mich gus der Hand des grauſamen Auntrichs neltete? Wie Arrbeit fertig war, jetzt habt ihr doch 42 er mich mit Weib und Kind ſo freundlich in ſeine Burg auf⸗ nahm! Haus und Hof und alles was wir haben, haben wir von ihm. Wir waͤren die undankbarſten Menſchen von der Welt, wenn wir ſolcher Wohlthaten vergeſſen koͤnnten. Nein, nein! ſo undankbar ſind wir nicht! Bleibet daher bei uns, beſtes Fraͤulein! Ich will Vaterſtelle an Euch vertreten. Meine Gertraud und meine Agnes werden Euch auf den Haͤnden tragen. Wir alle werden alles aufbieten, Euch dieſen einſa⸗ men Aufenthalt ertraͤglich zu machen. Glaubt es: Wir finden die groͤßte Gluͤckſeligkeit darin, einem ſo guten Fraͤulein, der Tochter unſers Wohlthaͤters und Herrn, Gutes zu erweiſen.“ Er nahm nun den Rehbock, der noch zu ſeinen Fuͤſſen läg, wieder auf und ſagte:„Ihr habt mehrere Tage mit Fa⸗ ſenſpeiſen vorlieb nehmen muͤſſen, mein gutes Fraͤulein; die friſche Rehleber ſoll Euch nun ein treffliches Abendeſſen geben⸗ Sch will ſie ſelbſt zurichten; ich habe das oft gethan, wenn iih mit Eurem Vater auf der Jagd war.“ Und nachdem er dieſes geſagt hatte, trug er das Wildbrett in die Kuͤche. Am folgenden Morgen veraͤnderte er Vieles in ſeinem Hauſe, um Roſg anſtaͤndiger zu beherbergen. Er trat ihr die ſte Kammer des Hauſes ab, die er ſo gut einrichtete, als er nür konnte.„So, mein Fraͤulein, ſagte er, als er mit der einmal Dach und Fach. An Nahrung ſoll es Euch auch nicht fehlen. Alles Wud in dem großen weiten Wald umyer gehoͤrt ja Eurem Vater; ich will Euch Rehe und Haſen, wilde Enten und Schnepfen im Ueberfluß einliefern; ja, wenn Ihr wollt ganze Hirſche und wilde Schweine.“ Er führte Roſa im Thale umßer, und ſein Weib und Agnes giengen auch mit. Er zeigte ihr ſeine Aecker und Wieſen, indem er beſtaͤndig die Großmuth ihres wohlthaͤtigen Vaters ruhmte. Er fuͤhrte ſie in ſein Gärtchen, und da Roſa Freude an den Bienen zeigte, ſo ſchenkte ey ihr ſogleich ſeinen ſchoͤnſten Bienenſturk, und brach, da die Bie⸗ nen gut durch den Winter gekommen waren, ſogleich fuͤr das Fraͤulein ein paar Wachskuchen aus, in deren ſechseckigen Zellen der Honig wie durchſichtiges Gold glaͤnzte. Nie kam er von der Kohlenſtaͤtte zuruͤck, ohne ihr irgend etwas mitzubrin⸗ 45 gen— bald ein Gefaͤß aus Tannenrinde voll duftender Bee⸗ ren, bald ein Koͤrbchen voll großer Krebſe, bald ein Gericht eßbarer Waldſchwaͤmme. Er ſieng ihr ein paar Turteltaͤub⸗ chen, für die er ſelbſt den Kaͤfig mit vieler Muͤhe verfertigte. Einmal kam er mit einem niedlichen jungen Rehe aus dem Walde zuruͤck, das ihm wie ein Huͤndchen nachlief; er hatte es fuͤr Roſa zahm gemacht, an die es ſich auch bald gewoͤhnte. Wenn er ein paar Tage zu Hauſe blieb, ſo wußte er ſie ſehr gut zu unterhalten; er erzaͤhlte ihr von den edeln, ritterlichen Thaten ihres Vaters, und von der Froͤmmigkeit und Wohl⸗ thaͤtigkeit ihrer ſeligen Mutter ſehr vieles aus fruͤheren Zeiten, was Roſa noch nicht wußte; welche Erzaͤhlungen fuͤr ſie im⸗ mer ſo lehrreich als angenehm waren. Die gute Koͤhlerin gab an Gefaͤlligkeit ihrem Manne nichts nach. Da ſie mit Schmerzen gehoͤrt hatte, daß Rofa um all ihr Weißzeug gekommen ſey, ſo war ſie mit hausmütterlicher Sorgfalt darauf bedacht, ſie recht bald wieder damit zu ver⸗ ſehen. Sie nahm Leinwand aus dem Kaſten und ſchnitt da⸗ von zu einigen Hemden fuͤr Roſa ab; ſie gab ihr Strickgarn zu Struͤmpfen, und bedauerte nur, daß dieſe Waare fuͤr das Fraͤulein nicht fein genug ſey. Die fleißige Hausmutter hatte den Winter uͤber Garn zu einem Stuͤckchen ſehr feinen Lein⸗ nentuch geſponnen; ſobald es vom Weber kam, ſchenkte ſie es dem Fraulein, und das Tuch wurde nun ſogleich auf dem gruͤnen Raſen naͤchſt dem Baͤchlein zum Bleichen ausgeſpannt. Dieſe Geſchenke waren der guten Roſa, weil ſie dieſelben ſo noͤthig hatte, und weil ſie ihr zugleich eine nutzliche Beſchaͤf⸗ tigung gaben, doppelt lieb und werth. Auch Agnes war dem Fraͤulein eine ſehr liebreiche und an⸗ genehme Geſellſchafterin. Sie arbeiteten und ergoͤtzten ſich zu⸗ ſammen. Fraͤulein Roſa unterrichtete ſie im Naͤhen und Stricken. Sie begoßen mit einander das Tuch auf der kleinen Bleiche ſehr fleißig. Sie beſorgten mit einander das Gartchen am Hauſe, an dem Roſa ſehr viel Vergnuͤgen hatte, obwohl man faſt nichts darin ſah, als die noͤthigſten Gemuͤſe, Kohl und Salat, Lauch und Zwiebel, Rettich und Ruͤben, Gar⸗ tenerbſen und Bohnen, und dann noch zur Zierde einige 6 3 44 g lbgelbe Ringelblumen, feuerfarbene Kapuzinerkreſſe, blaue Winden, und hie und da einen purpurrothen Mohn. Sie giengen in dem bluͤhenden Thale und in dem praͤchtigen Walde zuſammen ſpazieren, beobachteten die ſchnellen Fiſchlein in dem klaren Waſſer, und warfen ihnen von dem gelaͤnderten Stege Broſamen hinab; ſie horchten auf den Geſan ag mancher⸗ lei Voͤgel, die Agnes alle zu nennen wußte; ſie pfluͤckten Bee⸗ re und ſammelten mancherlei Kraͤuter, an denen Roſa eine heſondere Freude hatte. Allein nie wurde das Fraulein ganz heiter; immer lag ihr das Schickſal ihres Vaters im Sinne. Oft wußte man nicht, wo ſie war— Und nach langem Suchen fand man ſie im tie⸗ n Dunkel des Waldes oder einer Felſenhoͤhle, wo ſie mit 3 3 Thraͤ anen fuͤr ihren Vater betete. Es wurde je laͤnger je aͤr⸗ 3 ger. Sie w wurde nur heiter, wenn ſie und die guten Koͤhler⸗ ute twuͤrfe zuſammen machten, wie dem theuern Gefange⸗ Ken ſein Elsnd leichtert, oder wie er gar befreit werden koͤnnte. tags ſaßen alle vier bei dem Mittageſſen, und des guten Ritters aus dem Gefängniſſe war, ſt das einzige Tiſchgeſpraͤch. Die kleine orhei, und es ſtand nur noch ein irde⸗ ell goldgelber Schwaͤmme, koͤftlich mit frie und wuͤrzhaftem K ümmel zugerichtet, auf dem Köhler, der die eßbaren und giftigen Schwaͤm⸗ Sorgfalt fuͤr Nola geſummel weil Ro Zeuge. Aber die vnt Ehien ie nuan Paltn. 3e) braß gennt. und bie nirgends gut, als auf den ea gerathene Ein anderer Koͤhl ler in des von Fichtenburgs Wal⸗ 4 dungen Ihce durch ſeine Kinder auch immer ſehr viele nach . Ein Maͤdchen von ihm kam ſogar zum Thor⸗ waͤrier in den enſt. Allein horwaͤrterin, die ein wahrer Dre che ſehn ſoll, jagte vor einigen Dagen das Maͤd⸗ chen dason⸗ und n Per denn mein rußiger Herr Kollega⸗ * 3 me fehr aut zu unterſchoiden wußte, hatte ſie znit vieler 4 der nuch ein ziemlicher Brauſekopf iſt, geſchworen, keine Schwaͤmme mehr hinzuſchicken, und ſollten die Leute auf den Koͤpfen herauskommen, und ihn darum bitten.“ Jetzt ſprang Roſa ploͤtzlich vom Diſche auf und rief freu⸗ dig:„Ich habs; ſo kanns gehen!— Ich kleide mich als Koͤhlermaͤdchen, trage Schwaͤmme in die Burg ſuche der Thorwaͤrterin Gunſt zu gewinnen, komme zu ihr in Dienſt und— bring es dann ſo weit, daß ich meinen Vater ſehen⸗ ihm manches Gute thun, und ihn oielleicht gax befreien kann.“ „0 Sott, ſprach ſie, und blickte mit gefalteten Händen zum Himmel, gib du deinen Segen zu dieſem Einfall!“ Der Koͤhler ſchuͤttelte den Kopf, ſagte„Hum Hum!” und machte Einwendungen. Roſa widerlegte alle; er mußte nachgeben. Sie eilte zur Thuͤre hinaus, und kam in eini⸗ gen Minuten als Koͤhlermaͤdchen gekleidet wieder herein. Sie hatte ihr langes himmelblaues Kleid mit einem Anzitse der Agnes verwechſelt, der ſehr nett und reinlich war. Das rothe Mieder, die ſchwarze Jacke, der grane Re blendend weiſſem Koller und Schuͤrze waͤren ihr meſſen, und auch der laͤndliche Strohhut ſtand ihr e Die Koͤhlerin und Agnes hatten ihre Herzensluſt dar das Fraͤulein ihnen aͤhnlich gekleidet zu ſehen, klatſchten t— Freude in dir Haͤnde, und waren noch viel zutraulicher Ze⸗ gen ſie, ais vorher.„Die Kleider ſtehen Euch unpergleichlich, ſagte die Koͤhlerin; allein euer liebliches Geſichtlein, das wie Milch und wie Blut ausſicht, und Eure zarten weiſſen Haͤnde paſſen nicht dazu. Man wird bald errarhen, wer Ihr ſeyd!“ Burkhard wußte ein unſthäͤsliches Mittel, ihrem Ange ſichte und ihren Haͤnden eine braune Farbe zu geen, die ſich leicht wieder abwaſchen ließ. Er machte ſosleich den Verſach damit, und die Köhlerin und Aanes riefen:„Jetzt gehts gewiß; nuͤn kennet Euch kein ienſch’’, Roſa wollte gleich am ſolgenden Dag den Gang nach Fichtenburg wagen. Sie fuͤrchteke, ein anderes Maͤdchen moch⸗ te ihr zuvorkommen.„Ss wagt es denn in Gottes Namen⸗ ſagte der Koͤhler. Noch dieſen Abend will ich euch die ſchoͤn⸗ hen goldgelben und ſübergreuen Scwaͤmme ſammeln; und 46 einige Schnaͤre getrockneter Morcheln werden noch oben in. der Kammer haͤngen. Agnes ſoll Euch begleiten bis zum 1 Ausgange des Waldes, an einen kleinen Huͤgel, auf dem drei ſeinerne Kreuze ſtehen, wo man Fichtenburg ſehen und den Weg nicht mehr verfehlen kann. Dorrt, bei den Kreuzen am Walde, ſoll ſie auf Euch warten bis Ihr wieder zuruͤck kommt.“ Am folgenden Morgen war Roſa ſchon ſehr fruͤhe reiſefertig. Sie nahm den Korb mit Schwaͤmmen an den Arm; Agnes trug einen andern, in dem einige Lebensmittel waren. Der Koͤhler und die Koͤhlerin ſegneten Roſa an der Thuͤre herzlich und gaben ihr noch viele Klugheitslehren. Mit Thraͤnen in den Auge ſahen ſte ihr nach.„Das gute Kind! ſagte der Fhle es muß ihr gelingen; ſonſt bliebe die Verheiſſunztg, de ein vierten Gebote ſteht, nicht in ihrer Kraft.“ *——— — elaͤnge, zu ihm zu „Du meine Kritte und laß m ert. Als ſt fene Burgt “ . Er rde umge 45 ben und wollte eben ausreiten auf die Jagd. Der guten Ro⸗ ſa brachen bei dem Anblicke des grauſamen Feindes ihres Vaters beinahe die Knie. Sie mußte ſich auf die ſteinerne Bank ſetzen, die naͤchſt dem Thore war; ſonſt waͤre ſie um⸗ geſunken. Jetzt erklangen die Jagdhoͤrner, und der Zug kam ſehr nahe an ihr vorbei. Roſa ſtand auf. Allein der ſtolze Ritter blickte das arme zikternde Maͤdchen kaum an— und ritt mit ſeinen Leuten zum Thore hinaus. Roſa ſetzte ſich wieder auf die Bank. Es war ihr unbeſchreib⸗ lich aͤngſtlich und bange um das Herz. Sie dachte, es waͤre das beſee, zu warten, bis man ſie anredete. Ueber eine kleine Weile kamen ein paar Kinder, blieben in einer kleinen Entfer⸗ nung von ihr ſtehen, und ſchauten ſie an. Roſa gruͤßte die. Kinder freundlich, und fragte nach ihren Namen. Sie ſagten⸗ die Namen, und wurden nun ſogleich zutraulicher. Othmar, 3 der Knabe, machte den Deckelkorb auf, der neben ihr auf der. Bank ſtand, und guckte, was ſie darin habe. Sie kleinz Ber⸗ tha ſtreckte das kleine Haͤndchen nach den blatten i Kornblumen aus, die Roſa auf den Strohhut geſtecht⸗ Roſa gab dem Maͤdchen die Blumen und befchenkte beide Kin⸗ der mit einigen ſuͤßen Frihbirnen, die ſie aus dem Koͤrbe nahm und bie ihr die Köͤhlerin mit auf den Weg gegeben hatte. Alle drei redeten zufammen, als maͤren ſie Geſchwiſter. Die Kinder gehoͤrten dem Thorwaͤrter. Er blickte eben heim⸗ lich aus einem Seitenfenſterleinder Thorſtube, das da angebracht war, um leicht zu ſehen, wer aus und eingehe. Er mward ge⸗ rührt, daß ein fremdes Maͤdchen mit ſeinen Kindern ſo freundlich rebe. Die reine Ausſprache, die liebliche Stimme, der edle Anſtand des freundlichen Landmaͤdchens, in der netten, rein⸗ lichen Bauerntracht ſielen ihm auf.„In meinem Lehen, ſagte r; habe ich kein ſo ordentliches, wohigezogenes Bauernmaͤd⸗ chen geſchen.“⸗““ Er kam heraus und füͤbrte Roſa in die Stube.„Was haſt denn du da feil?“ ſagte er freunslich. Roſa oͤffnete den Korb und zeigte die Schwaͤmme. Der Mann fragie, was ſie dafür verlange 2 Was ihr gern dafuͤr geben wollet, ſagte Rofa, denn ich denke, Ihr gebt einem armen Maͤdchen gewiß nicht e Patte. 1 43 zu wenig.“„Das iſt gut geantwortet! ſagte der Mann. Warte hier; ich will die Schwaͤmme ſelbſt in die Schloßkuͤche tragen, und fuͤr dich handeln. Sie haben ſchon lange keine mehr zu ſehen gekriegt. Ich ſtehe dir gut, du ſollſt nicht zu wenig dafuͤr bekommen.“ Er nahm den Korb und gieng. Bald darauf trat die Thorwaͤrterin mit der Mittagsſuppe in tie Stube.„Wie kommſt du da herein, du verwegener Nickel? ſagte ſie zu Roſa. Wer biſt du? Was willſt du? Was unterſtehſt du dich als fremd, ſogleich unangemeldet in dieſe Stube zu gehen? Auf der Stelle pack dich hinaus, oder ich werfe dir die Schuͤſſel an den Kopf und laſſe dich mit dem groſſen Hofhunde hinaushetzen! Die Kinder baten fuͤr Roſa, und zeigten die Fruͤchte und die Blumen, die ſie von ihr bekommen hatten. Eben kam auch der Thorwäͤrter mit dem leeren Korb und dem Gelde zuruͤck. „Nun, nun, ſagte er, ſey nur nicht ſo gar hitzig. Das Naͤdchen iſt brad. Ich dachte ſchon, ob ſie wohl nicht bei dir dienen moͤchte, da wir doch wieder ein Dienſtmaͤdchen brauchen. 8 Aber wenn du. gleich ſo oben hinaus biſt, ſo bleibt kein Menſch mehr bey dir!—— Ich ſelbſt führte äbrigens das zute K Kind in tie Stube.“ „Dann iſt es etwas Anderes, ſagte die Lzorwärterin⸗ dann mag ſ bleiben. Du mußt mirs aber nicht uͤbel nehmen⸗ 3 Maͤdchen, daß ich in Eifer kam; für das haben wir das Brnd⸗ daß wir auf Pende Leute wohl Acht haben.“ Ihr habt Recht, ſagte Roſa; daß ich herein geführt wuede, konntet Jor ja nicht wiſſen. Auch war es gefehlt von mir, daß ich in einer fremden Stube allein blieb. In dieſer Hin⸗ ſicht lobe ich Euern Eifer und bitte Euch um Verzeihung. Das geſiet der Lhormaͤrterin. Wenn man ihr nur Necht ließ, ſo gah ſe ſich ſchon Szufrieden.„Weil du dein Obst mit meinen Kindern theilteſt, ſagte ſo ſollſt du an unſerem 9. ittagsmahl auch Thei huben.„ Komm, ſetz dich an den Diſch und iß mit.“ Noſa aß mit. Die zwei Kinder gaben ihr aber ſo viel zu thun, daß ſie kaum einen Loſſel zum Munde bringen konnte. 2 1 Doch 3 —— — — 49 Doch redete ſie mit der ihr ganz eigenen Leutſeligkeir immer mit ihnen, beantwortete alle ihre Fragen, und war ſo freundlich gegen die Kleinen, daß es die Mutter entzuͤckte. „Als Roſa den leeren Korb nahm und gehen wollte, ſchrien beide Kinder:„Da bleiben, da bleiben!“ Ja, mir waͤre es recht lieb, wenn du bleiben koͤnnteſt! ſag⸗ te die Mutter. Noͤchteſt du nicht zu mir in Dienſt? „O von Herzen gern, ſagte Roſa, und ich wuͤrde Euch gewiß treu und redlich dienen.“ „Nun wohl, ſagte die Thorwaͤrterin, ſo gehe erſt nach Hau⸗ ſe und rede zuvor noch mit deinen Leuten, und wenn es dieſen auch recht iſt, ſo kannſt du den kommenden Samſtag deinen Dienſt hier antreten.“ Die Thorwaͤrterin ſagte noch, was ſie ihr Lohn geben wolle, und that ihr weißes Brod und geraͤuchertes Fleiſch in ihren Korb.„Bringe das deinen Leuten zum Gruß, ſprach ſie, und komme gut nach Hauſe.“ Roſa dankte fuͤr die Gabe, und eilte nun freudig dem Walde zu. Annes ſaß nicht weit von den drei Kreuzen unter einer Haſelſtaude und ſtrickte. Sie ſprang, ſobald ſin das Froulein von Weitem kommen ſah, augenblicklich auf, lief ihr entge⸗ gen und ſagte:„Nun Gottlob, mein liebſtes Fraͤulein, daß Ihr wieder da ſeyd. Ihr werder mude und hungerig ſeyn. Kommt, ſetzt Euch dort unter den Haſelſtrauch, wo mein Korb ſteht, ins Grune, und labt euch mit Milch und But⸗ terbrod— und erzaͤhlt mir, wie alles gegangen iſt.“ Roſa gieng mit ihr.„O du gute Agnes, ſagte ſie, du haſt ja mit dem Eſſen gewartet, bis ich kam. Du haſt in⸗ deſſen nichts angeruͤhrt. Iß doch jetzt! Ich habe ſchon zu eſſen bekommen. Einige Augenblicke will ich mich indeſſen doch zu dir ſetzen. Laß uns aber eilen; wir duͤrfen uns nicht in die Gefahren der Nacht wagen. Erzaͤhlen kann ich dir ja im Gehen— und etwa unterwegs auch noch ein Stuͤckchen But⸗ terbrod verzehren.“ Agnes ſagte:„Ja, das kann ich ja auch!“ Sie machten ſich unverzuͤglich auf den Weg. Dief im Walde, als die Sonne bereits untergieng, ka⸗ men ihnen der treue Koͤhler und ſein Weib, die um Roſa 4 50 und Annes beſorgt waren, entgegen. Die guten Leute freu⸗ ten ſich, daß alles ſo gut abgelaufen ſey; nur ſchmerzte es ſie, daß ſie nun ihr liebes Fraͤulein verlieren ſollten. Sie legten den uͤbrigen Weg unter vertraulichen Geſpraͤchen gluͤck⸗ lich zuruͤck. Als ſie in das kleine Thal kamen, war eben der Vollmond ſafrangelb in Oſten aufgegangen und beleuch⸗ tete die friedliche Koͤhlerwohnung. Roſa begab ſich, ſehr er⸗ muͤdet, aber auch ſehr vergnuͤgt, auf ihre Kammer und dankte, bevor ſie ſich niederlegte, Gott auf den Knien, daß Er den Anfang ihres Unternehmens geſegnet, und ſlehte zu Ihm, daß Er es auch zu einem gluͤcklichen Ende fuͤhren wolle. Neuntes Kapitel. Noſa als Dienſtmaäaͤdchen. Der naͤchſte Sountag, an dem Roſa abreiſen ſollte, war für alle im Hauſe ein ſehr trauriger Tag. Es kam Roſa unausſprechlich hart an, dieſe guten Leute, die es redlich mit ihr meynten, und das freundliche Thal, in dem ſie ſo ruhig lebte, zu verlaſſen— und hinzugehen in die Burg eines Feindes, an den ſie nicht ohne Schrecken denken konnte. Auch wußte ſie wohl, daß ſie ſich jetzt in einen Dienſt be⸗ gebe, in dem keine geringen Leiden auf ſie warteten. Al⸗ lein im Ventrauen auf Gott und aus Liebe zu ihrem Vater trat ſie dieſen harten Weg muthig an. Der ehrliche Burkhard und ſein gules Weib giengen bis zu Ende des Waldes mit ihr— und nahmen dann unter heißen Thraͤnen und from⸗ men Segensbuͤnſchen Abſchied von ihr. Agnes aber, die ihr das kleine Wanderbuͤndelein ug, begleitete ſie bis in die Thorſtube zu Fichtenburg. Die Thorwaͤrterin nahm beide ſehr treundlich auf.„Das iſt brav, daß du Wort haͤltſt, ſagte ſie zu Roſa. Setzt euch nun beide; ich will euch beioe gut bewirthen.“ Noſa oͤffnete den Korb, den ſie am Arm hatte, und uͤberreichte, als ei⸗ nen kleinen Gegengruß von ihren Leuten, der Thorwaͤrterin einige Neiſten ſehr feinen Flachs. Da ward ſie noch freund⸗ — 5¹ licher.„Du und deine Leute wiſſen zu leben, ſagte ſie; es wird gut gehen.“ Fuͤr die Kinder hatte Roſa Birnen und Pflaumen und eine Menge Haſelnuͤſſe und getrockneter Dorn⸗ ſchlehen mitgebracht, woruͤber die Kinder eine ungemeine Freude hatten. Alle waren ſehr vergnuͤgt. Nach dem Eſſen nahm Agnes, bitterlich weinend, Abſchied von Roſa.„Nun, nun, ſagte die Thorwaͤrterin, weine nicht ſo! Du kannſt uns ja oͤfters beſuchen. Es wird mir allemal lieb ſeyn. Und wenn du allemal Morcheln mitbringen willſt, ſo wird es mir noch lieber ſeyn, und dir wird dann noch obendrein der Gang bezahlt. Agnes verſprach recht oft zu kommen, und gieng ſchluchzend zur Thuͤre hinaus. Der gu⸗ ten Roſa aber, die ſich jetzt, von allen ihren guten Freunden getrennt, in den Mauern einer feindlichen Burg ſah, war es nicht anders, als waͤre ſie nun ganz allein auf der Welt. Nachdem Agnes fort war, ſetzte ſich die Thorwaͤrterin in den großen Lehnſeſſel, der neben dem Ofen ſtand, nahm eine etwas hoͤhere Miene an, und ſagte, indem ſie mit dem Fin⸗ ger auf den Boden zeigte:„Du Roͤſel, ſteh einmal daher, hieher auf dieſes Plaͤtzchen. Ich habe ein paar Woͤrtlein mit dir zu ſprechen. Merke alſo wohl guf.“ „Ich weiß wohl, man ſagt mir nach, es ſey mit mir gar nicht auszukommen; ich ſey zu hitzis und aufbrauſend; ich habe in einer Zeit von fuͤnf Jahren bei zwanzig Maͤgde ge⸗ habt. Das ſagt man weit umher im ganzen Lande. Davon ſagt man aber nichts, was alle dieſe Maͤgde fuͤr Fehler hat⸗ ten. Ich muß dir dieſe Muſter doch ein wenig heſchreiben.“ Sie ſieng nun an, mit ſehr gelaͤuſiger Zunge und vieler Hitze ihre bisherigen Maͤgde abzuſchildern. „Die Erſte, ſagte ſte, die Brigitt— doch ich will die Namen der Maͤgde nicht nennen, um ſie nicht in uͤbeln Ruf zu bringen; ich will dir nur ihre Fehler zur Warnung vor Augen ſtellen— die Brigitt alſo, uͤber die ich mich faſt am meiſten erzuͤrnte, war hoͤchſt ſtolz und hochmuͤthig, wollte alles beſſer wiſſen, und niemals Unrecht haben. Einmal hatte ſie mir einen Eierkuchen ſo vollkommen zu Köhlen ver⸗ brannt; als haͤtte ſie dieſe Kunſt von einem Kohlenbrenner 4* geleknt. Und da war ſie noch ſo unverſchaͤmt und behauptete mir unter das Geſicht, der Kuchen ſehe ſchoͤn gelb aus wie Gold und keiner auf der ganzen Welt koͤnne beſſer ſchmecken. Da uͤberlief mir die Galle und ich wies ihr die Thuͤr.“ „Die Andere war ungenuͤgſam, mit nichts zufrieden, immer muͤrriſch und verdrießlich. Sie machte beſtaͤndig ein Geſicht, als kaute ſie Wermuth. Immer wußte ſie etwas an der Koſt zu tadeln. Mehr als zehnmal warf ſie mir die viele Arbeit und den wenigen Lohn vor. Da bekam ichs endlich genug, und ſagte: Nun Urſchel, ſo ſuche dir denn einen Dienſt, wo du mehr Lohn und weniger Arbeit haſt.“ „Die Dritte war die Faulheit ſelbſt. Ich glaubte es nicht zu erleben, bis ſie mit einer Arbeit fertig war. Bis ſce einen Topf geſpuͤlt hatte, haͤtte Moos daran wachſen koͤn⸗ nen. Sie war zu faul, ſich zu buͤcken. Wenn ſie die Stube gekehrt hatte, ließ ſie den Beſen vor der Thuͤre liegen, und ſtieg zehnmal daruber hinüber, bis ich ihn endlich in die Ecke ſtellte. Alle Morgen mußte ich ſie wecken und wohl zehnmal rufen: Steh doch einmal auf, du faule Kaͤther! Es waͤre faſt nothwendig geweſen, der Engel mit der Poſaune waͤre gekom⸗ men, ſie zu erwecken. Ich glaube, wenn ich ſie einmal haͤtte liegen laſſen, ſie ſchliefe noch. Wem waͤre nun mit einer ſo traͤgen Magd gedient geweſen? Ich ſagte, ſie ſollte gehen⸗ oder wenn ſie zu faul dazu waͤre, ſo wolle ich ſie auf dem Schubkarren fortführen laſſen. „Die Vierte war naſchhaft. Rahm und Butter, Fleiſch und Speck waren ſo wenig vor ihr ſicher, als von einer Katze. Einmal im Fruhlinge, an einem Sonntage Nachmittags, wollte ich meinem Manne, der uͤber Feld war, entgegen ge⸗ hen bis auf das naͤchſte Dorf Unterwegs ſchaute ich mich um, und ſch aus meinem Kanine Rauch aufſteigen. Ich kehrte auf der Stelle um und als ich in die Kuͤche trat, was erblickte ich da? Da ſaß meine ſaubere Margreth auf dem Heerde und hatte eine große Schuͤſſel voll Aepfelkuͤchlein vor ſich ſtehen. Alle Welt, wie ich da auffuhr! ſie mußte ſich uͤber Hals und Kopf aus dem Hauſe packen. Wer haͤtte ein ſo treu⸗ loſes Thier auch nur noch einmal uͤber Nacht behalten moͤgen 10 — 6 6 — 55 „Die Fuͤnfte war unreinlich in ihrem Anzuge. Zwar an den Sonn⸗ und Feſttagen ſtieg ſie geputzt einher, wie ein Pfau. Aber an den Werktagen ſah ſie aus, als waͤre ſie ganz aus Schmutz und Lumpen zuſammengeſetzt. Wenn man ſie ausgeſtopft und auf den Acker hinausgeſtellt haͤtte, ſo haͤtte ſie nicht nur die Voͤgel verſcheucht, ſogar die wilden Schweine waͤren vor ihr davon gelaufen. Dieſe ſchaffte mir der Ritter weg; er ſagte, es ſey unanſtaͤndig, daß einem ſogleich bei dem Eintritte in das Schloß eine ſolche Vogelſcheuche in das Auge falle.“ „Die Sechste war hoͤchſt vergeßlich und unachtſam, und ſah nicht im geringſten auf meinen Nutzen. Sie dachte an gar nichts, und ich mußte es ihr alle Tage aufs Neue ſagen, was ſie jede Stunde zu thun habe. Sie zerbrach mir mehr Schuͤſſeln und Haͤfen, als Dage im Jahr ſind. Die zinnernen Loͤffel ſchuͤttete ſie mit dem Spuͤlwaſſer aus; ich fand einmal einen im Schweinſtalle und das Schwein hatte ihn zerbiſſen. Bald darauf zerbrach ſie ein Glas. Ich hoͤrte es klinglen und lief in die Kuͤche. Sie hatte aber die Scher⸗ ben ſchon verſteckt und laͤugnete die That. Ich ſuchte lange vergebens. Mir war ſie aber nicht zu liſtig. Sie hatte die Scherben in das Spulwaſſer geworfen, aus dem ich ſie her⸗ aus ſiſchte und mich im Eifer noch dazu in die Finger ſchnitt. Daruͤber wurde ich noch zorniger. So, ſagte ich, die Glas⸗ ſcherben haͤtte wieder mein Schwein verſchlucken ſollen. Aber ehe ich-mein Schwein darauf gehen iaſſe— gehſt mir lieber du. Sie mußte fort.“— „Die Stebente war vorwitziger und ſchwatzhafter als eine Dohle. Immer horchte ſie heimlich an den Thuͤren. Al⸗ les, was im Hauſe vorgieng, plauderte ſie aus, und ſtiftete dadurch vielen Zank und Hader an. Wenn man wollte, daß etwas recht bald allgemein bekannt werde, durfte man es nur ihr anvertrauen, ſo konnte man ſich das Trinkgeld fuͤr das Aus⸗ ſchellen erſparen. Sie war eine entſetzliche Plaudertaſche, die alles uͤbertrieb und an kein Ende kommen konnte. Doch— horch!— eben hat man mir geſchellt; jetzt muß ich abbrechen. Das iſt mir recht leid, denn, ich habe mich ohnedieß ſehr kurg 54 gefaßt. Ich koͤnnte dir von jeder dieſer Maͤgde drei Stunden lang erzaͤhlen. Wir wollen das Weitere auf morgen ſparen. Da iſts Sonntag; da haben wir recht Zeit dazu. Merk dir indeſſen dieſe Fehler und huͤte dich davor, ſo wie vor allen an⸗ dern, die ich dir noch in dem Spiegel meiner Maͤgde zeigen werde; ſo werden wir, wie ich hoffe, nicht uͤbel mit einander auskommen.“ Roſa ſah wohl ein, daß die Thorwaͤrterin ſelbſt uͤbertreibe und gar nicht Urſache habe, Andern uͤber die Schwatzhaftigkeit Vorwuͤrfe zu machen. Auch war Roſa der richtigen Meynung, daß man dieſe Maͤgde zuvor auch anhoͤren muͤßte, ehe man uͤber ſie urtheilen koͤnnte. Sie ſagte indeſſen blos: Wenn eine Magd nur den zehnten Theil von einem der genannten Feh⸗ er an ſich haͤtte, ſo verdiente ſie ſchon Tadel, und eine Haus⸗ frau, die auf Fleiß, Reinlichkeit und gute Hausordnung haͤlt, koͤnne allerdings nicht mit ihr zufrieden ſeyn. Ich werde niich bemuͤhen, alle dieſe Fehler gaͤnzlich zu meiden.“ Wirklich war auch Roſa recht das Bild einer guten Dienſt⸗ magd. Sie diente, nach der Lehre Jeſu und ſeiner Apoſtel⸗ ihrer zeitlichen Herrſchaft nicht blos unter den Augen, um ſich bei den Menſchen wohl daran zu machen, ſondern mit einem redlichen Herzen und aus Furcht Gottes. Was ſie immer that, das that ſie von Herzen gern, als thaͤte ſie es Gott, und nicht den Menſchen. Sie war unermuͤdet fleißig; es war eine Luſt anzuſehen, wie flink und friſch ſie die Arbeit angriff, und mie ſchnell und gut ihr alles von ſtatten gieng. Nichts mußte man ihr zweymal befehlen; ſie verrichtete die Arbeiten, die taͤglich vorkamen, zu rechter Zeit und wartete nicht, bis man ſie daran mahnte. Sie ſah ſelbſt ein, was zu thun ſey; ja. manche Arbeit war ſchon gethan, ehe man daran gedacht hat⸗ te, ſie ihr zu bekehlen. Hausgeraͤthe und Geſchirre ſtellte ſie⸗ wenn man ſie nicht mehr brauchte, an ihren Ort. Die Stube hielt ſie hoͤchſt reinlich, und ruhte nicht, bis in der Kuͤche alle Geſchirre glaͤnzten und blinsten, daß jeden, der hinein kam, die Reinlichkeit gleichſam anlachte. Das Eigenthum ihrer. Herr⸗ ſchaft nahm ſie mehr in Acht, als das Ihrige. Sie gieng mit dem irdenen Geſchinet ſo vorſichtig um, als waͤre es d 2 — 55 feinſte Porzellan. Keine Naͤhnadel, die ſie auf dem Bohtn erblickte, ließ ſie liegen; ſie hob ſie auf, und ſteckte ſie in das Naͤhkiſſen ihrer Hausfrau. Heimlich zu naſchen waͤre ihr ein Graͤul geweſen; ja ſie haͤtte ſich vor der Suͤnde gefuͤrchtet, auch nur ein Druͤmmchen Faden zu veruntreuen. Sie war ſehr ver⸗ ſchwiegen, und was im Hauſe geredt und gethan wurde, kam nie uͤber ihre Lippen. Sie war ſehr genuͤgſam und zufrieden, und deßhalb auch immer heiter und freundlich. Sie war die Beſcheidenheit ſelbſt. Wenn ſie je etwas verſah, ſo geſtuͤnd ſie den Fehler ein und bat um Verzeihung. Wenn ſie ohne ihr Verſchulden ausgezankt wurde, ſo verſtand ſie die große Kunſt, zu rechter Zeit zu ſchweigen; und ihr Schweigen und der An⸗ blick ihrer ſanften Engelsmiene ruͤhrte und beſanftigte die aufge⸗ brachte Hausfrau auch mehr, als alles, was Roſa zu ihrer Vertheidigung haͤtte ſagen koͤnnen. Die Thorwaͤrterin wurde nach und nach ſelbſt ſanfter, und es kam, zum nicht geringen Erſtaunen ihres Mannes, hie und da ein Tag herum, ohne daß ſie ein einziges Mal zankte. Indeſſen hatte Roſa dennoch einen ſehr harten Dienſt. Sie war in den feinen weiblichen Arbeiten fuͤr ihr Alter eine Mei⸗ ſterin; allein viele der rauhen Arbeiten, die man ihr jetzt auf⸗ trug, waren ihr, als einem adelichen Fraͤulein, ganz und gar ungewohnt, und fielen ihr deßhalb ſehr ſchwer.— Sie mußte jeden Morgen vor Tag aufſtehen, Holz und Waſſer tragen, in der Kuͤche Feuer aufſchuͤren und die Geſchirre ſpuͤlen, den Stu⸗ benboden und das Kuͤchenpflaſter auffegen und noch viele andene Arbeiten der Art verrichten. Da ſie mit mancher dieſer Ar⸗ beiten, die ſie das erſte Mal in ihrem Leben that, bei dem beſten Willen nicht allemal ſogleich zurecht kommen konnte, ſo mußte ſie ſich von der aufgebrachten Hausfran dumm und un⸗ geſchickt ſchelten, und mit allerley garſtigen Namen benennen laſſen. Die Koſt war zwar in ihrer Alt gur; allein manche Speiſe kam dem guten Fraͤulein ſo fremd und ſeltſam vor, daß es ſie keine kleine Ueberwindung koßete, davon zu eſſen. Ihr Bett war zwar reinlich, allein für ein Fraulein ſehr armſelig. Wenn ſie nun vom fruͤhen Morgen bis zum ſpaͤten Abend Bart gearbeitet hatte, und noch dafuͤr ausgezaukt und geſchol⸗ 56 mer kam, ſo war es ihr einziger Troſt, noch eine halbe Stunde für ſich allein zu ſeyn und ihre Leiden Gott zu klagen. Oft oͤffnete ſie ein Fenſter, blickte mit Thraͤnen in den Augen zu den Sternen auf und betete.„O mein Gott, ſagte ſie, alle dieſe Leiden will ich gern ertragen, wemm nur am Ende die Leiden meines geliebten Vaters dadurch erleichtert werben.“ Zehntes Kapitel. Roſa kommt zu ihrem Vater in das Gefaͤngniß Roſa hatte in ihrem Dienſte ſchon viele harte Tage zugebracht und noch keine Gelegenheit gefunden, zu ihrem Vater in das Gefaͤngniß zu kommen. Es war ihr ſehr ſchmerzlich, ihm ſo nahe zu ſeyn, und ihn doch nicht zu ſehen. Indeſſen war ihr ſogleich anfangs ein Strahl von Hoffnung aufgegangen. Sie hatte bemerkt, der Thorwaͤrter ſey zugleich Kerkermeiſter und er muͤſſe den Gefangenen die Koſt reichen. Sie erkundigte ſich bei ihm von Zeit zu Zeit nach allen Gefangenen. Da hoͤrte ſie doch wenigſtens, daß ihr lieber Vater noch lebe und geſund ſey. Sie bat den Thorwaͤrter oͤfters, ihr die Gefangenen zu zeigen; er aber ſchuͤttelte allemal den Kopf und ſagte:„Man muß nicht ſo vorwitzig ſeyn.“ Oft konnte ſie die Thraͤnen nicht zuruͤck halten, wenn ſie das irdene Schuͤſſelein mit ma⸗ gerer Suppe ſah, das nebſt ſchwarzem Brod und dem Waſſer⸗ krug fuͤr ihren Vater beſtimmt war.„Ach, ſeufzte ſie, was ich auch leide, iſt nichts gegen das, was er ausſtehen muß! Ich will von nun an jedes Leiden fuͤr nichts achten.“ Eines Abends, als eben die Suppe fuͤr die Gefangenen in den irdenen Geſchirren auf dem Tragbrette bereit ſtand, ſagte der Thorwaͤrter zu Roſa;„Du, Roͤſe, komm mit! Mor⸗ gen muß ich in Geſchaͤften meines geſtrengen Ritters verreiſen. Ich will dir die Gefangniſſe zeigen, ſo kannſt du den Gefan⸗ genen das Eſſen bringen. Mein Weib hat wenig Zeit und och weniger Luſt dazu.“ Er nahm das Brett, auf dem die Seſchiere ſtanden, in eine, und den raſfelnden Bund Schlüt⸗ ten worden, und muͤde und traurig auf ihre kleine Schlafkam⸗ — —y— .— 5 57 ſel in die andere Hand, und gieng durch einen langen dunkeln Gans voran. Es war fuͤr Roſa ſehr unerwartet, daß ſie jetzt in dieſem Augenblicke ihren Vater ſehen ſollte. So groß ihre Freude auch war, ſo empfand ſie doch eine Art von Schrecken. Sie war ganz erſchuͤttert. Mit klopfendem Herzen folgte ſie dem Thorwaͤrter durch den dunkeln Gang. Sie war indeß bald wieder gefaßt, und nahm ſich feſt vor, ſie wolle ſich jetzt ihrem Vater noch nicht zu erkennen geben.„Denn, dachte ſie, wenn das Geheimniß, daß ich ſeine Tochter ſey, entdeckt wuͤrde, ſo wuͤrde man mir die Schluͤſſel zu ſeinem Gefaͤng⸗ niſſe gewiß nicht anvertrauen.“ Der Thorwaͤrter blieb bei einer kleinen Oeffnung, die ſich in der dicken Mauer befand, und mit einem eiſernen Laͤdchen verſchloſſen war, ſtehen, und ſchloß das Laͤdchen auf. Roſa ſah aͤngſtlich und bebend hinein. Ein Mann mit ver⸗ wildertem Haare und Bart und einem ſchrecklichen Blick ſaß in dem duͤſtern Kerker.„Der, ſagte der Thorwaͤrter, war ein tapferer, ruͤſtiger Kriegsmann; aber die Spielſucht und das erwuͤnſchte Saufen verleiteten ihn, aus einem edlen, tapfern Krieger ein Straßenraͤuber zu werden. Ich moͤchte den Lohn, der auf ihn wartet, nicht mit ihm theilen.“ Er gab ihm die Waſſerſuppe hinein und ſchloß wieder zu. Hierauf oͤffnete er ein anderes Feuſterlaͤdchen. Roſa er⸗ blickte in dem dumpfen Gewoͤlbe eine todtenbleiche, weibliche Geſtalt in ſchweren Keiten, mit zerſtreuten Haaren, einge⸗ fallenen Wangen und Augen, voll unbeſchreiblicher Schwer⸗ muth.„Dieſe, ſagte der Thorwaͤrter, indem er die Suppe hineinſtellte und das Laͤdchen wieder zuſchloß, war einſt ein Maͤdchen, ſchoͤn wie ein Engel— wenn ſie nur auch un⸗ ſchuldig geblieben waͤre, wie ein Engel. So aber lief ſie heimlich den boͤſen Gelegenheiten nach, und jetzt ruht ein ſchwerer Verdacht auf ihr, ſie ſey eine Kindsmoͤrderin. Wenn es ſo iſt, ſo wird ſie mit dem Schwerdte hingerichtet. Die Verzweiflung macht ſie oft ganz raſend. Bei Leib ofine die Thuͤre ihrzs Gefaͤngniſſes nie. Sie koͤnnte dir ein Leid an⸗ thun unNrkise. 6 4 Thorwaͤrter, und oͤffnete eine eiſerne Thuͤre. Dieſer iſt ein guter Mann, ſanft und fromm wie die Geduld. Es iſt Ritter Edelbert von Tannenburg.“ Die arme bebende Roſa haͤtte ihn aber nicht mehr erkannt. Er war ſehr bleich und hager, und hatte einen langen Bart. Seine Kleidung war abgetragen und unſcheinbar. Er ſaß auf einem ſteinernen Sitze, an den er mit einer langen Kette, ſo daß er im Ker⸗ ker umher gehen konnte, angeſchloſſen war. Der Tiſch dar⸗ neben war aus einem einzigen großen Steine ausgehauen. Ein irdener Krug, neben dem etwas trockenes Brod lag, ſtand darauf. Der gute Ritter hatte den linken Arm auf den Kiſch geſtuͤtzt, und hielt mit der Hand die Stirne. Die rechte bot er wehmuͤthig ſeinem Kerkermeiſter dar. Nehen dem Ti⸗ ſche ſtand eine uralte Bettlade von wurmſtichigem Holze. Et⸗ was Stroh und eine grobe Wollendecke dienten zum Bette. Das ganze Gefaͤngniß war ſehr ſchauerlich anzuſehen. Es war, weil es fuͤr gefangene Ritter beſtimmt war, ſehr geraͤu⸗ mig, aus großen Felſen tuͤcken in die Nunde gemauert und hoch gewoͤlbt. Mauern und Gewöͤlbe ſehen vor Alter gans ſchwarzgrau aus. Ein einziges ſchmales und ſtark vergittertes Fenſter befand ſich in der dicken Mauer. Der groͤßte Theil der kleinen runden Fenſterſcheiben war von außen mit Schutt verſchuͤttet; die uͤbrigen Scheiben waren mit Neſſeln uͤber⸗ wachſen, ſo, daß nur etwas eicht in dieſe duͤſtere Gruft ſiel und ſie noch ſchauerlicher machte. „Ritter, ſagte der Thorwaͤrter, morgen wird Euch mein Dienſtmädchent eure Koſt reichen. Ich muß in Geſchaͤften verreiſen.“ Edelbert betrachtete Roſa. Ihr Anblick erinnerte ihn ſo⸗ gleich an ſeine Tochter; indeſſen kannte er ſie nicht.„Mein Gott, ſeufzte er, und Thraͤnen kamen ihm in die Augen; von dieſer Groͤße und in dieſem Alter iſt meine Roſa auch. Ach, koͤnnet Ihr mir denn gar nichts von ihr ſagen, lieber „Nur zu dieſem allein duͤrfen wir hinein gehen, ſagte der e Kerkermeiſter? Habt ihr denn noch keine Kunde von ihr ein. gezogen, wo ſie ſey und wie es ihr gehe? Ich habe Suh ja ſchon hundermal darum gebeten.“ Me, 59 Der Thorwaͤrter ſagte:„Der liebe Gott im Himmel weiſ⸗ wo ſie iſt! Denn von den Menſchen vermag keiner auahuſpä⸗ hen, wo ſie hingekommen.“ „Ach Gott, ſagte Edelbert, ſo hat denn nicht ein einziger von jenen Rittern, die ſich meine Freunde nannten, als ich noch im Gluͤcke war, ſich meiner Dochter erbarmt und ſie in ſeine Burg aufgenommen!“— Edelbert dachte jetzt wohl an ſeinen getreuen Burkhard. Er hoffte, Roſa werde bei ihm ſeyn. Er wollte es ſich aber nicht merken laſſen, um den guten Burkhard, dem Kunerich ſehr feind war, nicht un⸗ gluͤcklich zu machen. Er ſagte alſo blos:„Nun, nun, ich hoffe, ſie werde ſich ſonſt bei guten Leuten befinden, die auf ſie Acht haben, damit ſie unſchuldig und gut bleibe.— Nur dieſes laß mich noch ſicher erfahren, lieber Gott, ehe ich in dieſem Kerker ſterbe; dann winl ich meine Augen im Frieden ſchließen, ohne ihr Angeſicht noch einmal zu ſehen, ſo ſehn⸗ lich ich dieß auch noch vor meinem Tode wuͤnſchte.— Kerker⸗ meiſter, o Ihr glaubt nicht, was fuͤr ein liebes, gutes Kind meine Noſa gegen mich war, wie ſie mich liebte, wie ſie mir alles that, was ſie mir nur immer an den Augen anſehen konnte, Sie machte mir nichts als Freude. Nun, wo ſie guch iſt— ſo wird es ihr wohl gehen!“—„Sey du, liebes Kind, ſprach er zu Roſa gewendet, gegen deine Aeltern auch ſo gut und folgſam, wenn ſie noch leben.“ Roſa, die bisher nur Schrecken uͤber das ſchauerliche Ge⸗ faͤngniß und das bleiche Ausſehen ihres Vaters empfand, fieng jetzt an zu weinen und zu ſchluchzen. Ihr Herz brach. Bald waͤre ſie ihrem Vater um den Hals gefallen, und nurz mit Muͤhe hielt ſie ſich zuruͤck. Edelbert verwunderte ſich, ſie ſo geruͤhrt zu ſehen, und ſagte:„Iſt dir vielleicht erſt kuͤrzlich dein Vater oder deine Mutter geſtorben, daß du ſogar troſtlos weineſt?“ Roſa konnie vor Weinen kaum die Worte heryorbringen: ihre Mutter ſey ſchon laͤnger geſtorben; Ihr Vater lebe noch, es gehe ihm aber ſehr hart. „Nun, ſprach Edelbert, Gott wolle ſich uͤber ihn erhar⸗ men!— Du haſt aber ein ſehr weiches Herz, liebes Kind! Gott bemahre es vor Verfuͤhrung!“ — „Es iſt wahr, ſagte der Thorwaͤrter zu Roſa, du biſt gar zu weichherzig! Weine nicht ſo, ſonſt kann ich dir dieß Geſchaͤft nicht uͤberlaſſen.“—„Uebrigens, fuhr er gegen Edelbert fort, iſt ſie ein herzgutes Kind. So fromm, ſo willig, ſo fleißig, daß man wohl zehn Meilen in die Runde kein beſſeres Maͤd⸗ chen finden kann. Und wie lieb ſie meine Kinder hat und was ſie an ihnen thut, das koͤnnen ich und mein Weib gar nicht genug ruͤhmen. Wenn meine kleine Bertha einmal auch ſo wird, ſo will ich Gott alle Tage auf den Knieen danken!“— Edelbert blickte Roſa mit unbeſchreiblicher Freundlichkeit an.„Gott ſegne dich, liebe Tochter! ſagte er, und bot ihr die gefeſſelte Hand. Bleibe immer ein ſo gutes Kind, bete fleißig und verkraue auf Gott!— ſo wird deinem Vater ge⸗ wiß geholfen und er erlebt gewiß noch große Freude an dir.“ „Das gebe Gott!“ ſagte Roſa mit gebrochener Stimme, kuͤßte die dargebotene Hand, und ihre heißen Thraͤnen ſielen darauf. Es war gut, daß der Kerkermeiſter gieng, denn laͤnger haͤtte Roſa ſich nicht mehr halten koͤnnen. Sie wußte nicht, woie ſie zum Kerker hinaus kam. Sie wankte durch den lan⸗ gen Gang zuruͤck und mußte ſich an den Mauern halten, daß ſie nicht umſank. — Eilftes Kapitel. Roſa giebt ſich ihrem Vatet zu erkennen. Noſa brachte den uͤbrigen Abend in ſehr traurigen Gedan⸗ ken zu. Die bleiche Geſtalt ihres geliebten Vaters, wie ſie ihn mit Ketten beſchwert in dem ſchauerlichen Gefaͤngniſſe ge⸗ ſehen hatte, ſchwebte ihr immer vor Augen. Sein Elend gieng ihr durch die Seele, und nur die nahe Hoffnung, ſich ihm zu entdecken, und ſein Elend ihm zu erleichtern, linderte ihren Schmerz ein wenig. Sohald ſie nach vollbrachtem Tagewerk in ihre Schlafkammer trat, fiel ſie auf ihre Knie nieder, und flehte mit heißen Thraͤnen zu Gott, Er, der ihr Unternehmen bisher geſegnet habe, wolle ihr ferner beiſtehen, und ihrem armen behraͤngten Vater durch ſie Troſt und Er⸗ „— „ 5 Gang zu dem Gefaͤngniſſe ihres Vaters— und oͤffnete, ſo ſtill als moͤglich, die Thuͤre. 4 61 auickung bereiten. Sie legte ſich hierauf ſchlafen; allein ſie konnte faſt bis Mitternacht kein Auge ſchließen. Nach Ein Uhr wurde ſie von der Thorwaͤrterin geweckt. Der Thorwaͤrter wollte um zwei Uhr fort. Roſa ſollte ihm zuvor eine Suppe kochen. Sie ſchuͤrte Feuer an und machte die Suppe. Der Thorwaͤrter aß, lobte Roſa's Kochkunſt, verſprach ihr etwas mitzubringen, wenn ſie indeß ihre Ge⸗ ſchaͤfte gut machen wuͤrde, ſchwang ſich auf ſein Roß und ritt fort. Die Fallbruͤcken wurden wieder aufgezogen, und die Dhorſchluͤſſel durch einen Kriegsknecht dem Ritter Kunerich uͤberbracht, der ſie zu Nacht immer ſelbſt in Verwahrung nahm. Die Thorwaͤrterin war wieder ſchlafen gegangen. Roſa befand ſich in der einſamen Thorſtube allein. Kiſe und ſorg⸗ ſam luͤste ſie nun den Schluͤſſel zu dem Gefaͤngniſſe ihres Vaters, den ſie ſich wohl gemerkt hatte, aus dem Bunde heraus, nahm die alte Laterne des Kerkermeiſters, die nehen dem Schluͤſſelbunde in dem Kaſten hieng, gieng damit in ihre Kammer, und verweilte da noch einige Zeit. Jetzt, da alles im Schloſſe wioder ruhig und ſtill war, ſtellte ſie ihr kleines Oellicht in die Laterne, bedeckte ſie mit ihrer Schürze, ſchlich, nach abgelegten Schuhen, durch den langen ſchauerlichen Sie züͤndete mit der truͤben Hornlaterne, die der viele Ruß noch truͤber gemacht hatte, hinein— und ſieh da, Edel⸗ bert ſaß mit in einander geſchlungenen Armen auf dem Stei⸗ ne neben dem Tiſche. Er verwunderte ſich, als er bei dem braungelben Scheine der Laterne das Dienſtmaͤdchen des Thorwaͤrters zu erkennen glaubte. „Biſt du's, gutes Kind? ſagte er. Was willſt du ſo ſpaͤt in der Nacht, oder vielmehr ſo fruͤh am Morgen? Es iſt noch nicht lange, daß der Waͤchter zwei Uhr gerufen hat.“ „Vergebt, fluͤſterte Roſa mit leiſer Stimme, daß ich Euch ſtoͤre. Doch wie ich ſehe, habt ihr auch nicht geſchla⸗ fen. Ich moͤchte gern allein mit euch reden; deßhalb komme ich zu dieſer naͤchtlichen Stunde.“ „0 mein Kind, ſagte Edelbert, das iſt gefaͤhrlich. Das könnte dir boͤſe Haͤndel machen. Ein wackeres Maͤdchen ſollte uͤberhaupt zu Nacht gar keinen Fuß uͤber die Schwelle ihrer Kammer ſetzen, ja lieber die Thuͤre feſter verriegeln, als mein eiſernes Kerkerthor hier.“ „Seyd ohne Sorgen, ſagte Roſa. Alles im Schloſſe, den Thurmwaͤchter und den Hahn ausgenommen, liegt im tiefen Schlafe. Nicht ohne Ueberlegung und Gebet komme ich hieher. Gott leite meine Tritte; Er iſt gewiß mit mir. Nur ein paar Woͤrtchen moͤchte ich mit Euch reden. Euer Jammer und Eure Tochter geht mir ſo zu Herzen, daß ich nicht ſchla⸗ fen kann, ich komme Euch Nachricht von ihr zu geben.“ „Von meiner Roſa? fragte er ſchnell. O Golt, wenn das waͤre, ſo waͤreſt du, liebes Kind, mir willkommen, wie ein Engel des Himmels, der meinen Kerker beſucht. O ſag an— ſag an— kennſt du ſie? Haſt du ſie geſehen? Haſt du ſelbſt mit ihr geledet?— Iſt ſie geſund? Gehts ihr wohl? O rede, rede! Kannſt du mir eiwas Gewiſſes von ihr ſagen 2 „Ich kann Euch die ſicherſten Nachrichten von ihr geben, ſprach Roſa. Du ſeht!— Kennet Ihr dieſe goldene Kette? Dieſe goldene Muͤnze?“ „Gott im Himmel! rief Edelbert und griff mit zitternden Huͤnden darnach. Das iſt ja die goldene Denkmuͤnze, die ich meiner Roſa in der Stube des Abſchieds zum ſieten Anden⸗ ken gegeben habe. Ich habe ihr ſehr nachdruͤcklich befohlen, dieſes koſtbare Geſchenk nie aus den Haͤnden zu laſſen. Du mußt ſehr gut mit ihr bekannt ſeyn, liebes Kind, und ſie muß ſehr viel auf dich halten, daß ſie es dir anvertrauen konnte. Gewiß that ſie das nur, damit ich dir leichter glau⸗ be, und die Nachrichten, die du von ihr bringſt, ſind gewiß ſehr wichtig.“ „Sie gab es nicht in fremde Haͤnde, lieber Vater, ſprach jetzt Roſa; ſich— ich bin Roſa, deine Tochter „Du? rief Edelbert erſtaunt. O betruͤge mich nicht! Meine Tochter war, was ihr Name ſagt, eine bluͤhende Roſe, und du— du, nein, du biſt es nicht!“ 3 Roſa hatte, bevor ſie zu ihrem Vater gieng, ihr Ange⸗ ſicht vos der entſtellenden braunen Farbe ſorgfaͤltig mit Sai⸗ 6 63 fenwaſſer gereinigt. Sie nahm jetzt das helle Oellichtlein aus der duͤſtern Laterne heraus— und ſah da, ihr ſanftes, holdes Angeſicht war lieblicher und ſchoͤner, als es der Vater je geſehen hatte; weiß und roͤthlich, gleich einer zarten Lilie im purpurnen Morgenſchimmer oder im Wiederſcheine einer nahen Roſe. Ihre braunen Locken ſchwebten in Ringeln um ihr Haupt. Thraͤnen ſchimmerten in ihren Augen— obwohl ſie mit der Freundlichkeit eines Engels laͤchelte. „Roſa, du? rief jetzt der Vater außer ſich, und die gol⸗ dene Kette entfiel ſeinen Haͤnden. Du hier? O komm in meine Arme! O, da ich dich wieder habe— jetzt mag dieſer feſte Bau von ſchweren Quaderſtuͤcken uͤber mir zuſammen ſtuͤrzen; ich achte es nicht!“ Er ſchloß ſie in ſeine Arme und benetzte ihr Angeſicht mit Thraͤnen, und auch ſie weinte lange an ſeinem Halſe.„Va⸗ ter! Vater! liebſter Vater!“ war alles, was ſie hervorbrin⸗ gen konnte. „Aber ſage mir doch, liebſte Roſa, ſorach der Vater, wie kommſt du hieher? Enthuͤlle mir doch dieſes Geheimniß. Welches ſchreckliche Schickſal hat meine Roſa ſo tief ernie⸗ drigt, die geringſte Dienſtmagd, die Dienerin des letzten Dieners in dieſem Schloſſe zu werden?“ Roſa erzaͤhlte ihrem Vater ihre ganze Geſchichte— wie freundlich ſie der redliche Koͤhler im Walde aufgenommen, wie ſie da immer ſo bekuͤmmert um ihren Vater geweſen, wie ſie auf den Gedanken gekommen, als Koͤhlermaͤdchen gekleidet in die Dienſte des Kerkermeiſters zu treten, um ſo wieder zu ihrem Vater zu kommen, wie ſchmerzlich ſie ſich nach dieſem ſeligen Augenblicke geſehnet, ihn wieder zu ſehen.— „Und nun, ſchloß ſie, hat Gott mein Gebet erhoͤrt, mei⸗ nen herzlichſten Wunſch erfuͤllt, mir Gelegenheit verſchafft, dich, beſter Vater, oͤfters zu ſehen, mit dir zu ſprechen, dir hie und da eine beſſere Nahrung mitzutheilen, dir allerley kleine Dienſte zu erweiſen. O ich bin die gluͤcklichſte Tochter! Mein ganzes Leben ſoll ein lauteres Dankgebet ſeyn! Der Vater blickte weinend zum Himmel.„Ach, ſagte. er, nicht die gluͤcklichſte, aber die bette Tochter biſt du! Ich — 64 bin der gluͤcklichſte Vater. Wie oft ſchmerzte mich mein har⸗ tes Schickſal, daß ich die goldene Kette hier mit der eiſer⸗ nen verkauſchen mußte! Aber jetzt danke ich Dir, o Gott, fuͤr dieſe Schickung! Ohne dieſe Schickung haͤtte ich das Herz meiner Tochter nicht ſo kennen gelernt. Ich meinte Wunder, wie gluͤcklich ich ſey, als der Kaiſer mir dieſe goldene Kette umhaͤngte. Jetzt, mit der eiſernen Kette be⸗ ſchwert, die meinen Arm laͤngſt wund gedruͤckt, bin ich glͤckli⸗ cher. Ich fuhle ſie nicht mehr. Ich gaͤbe dieſen Augenblick, da ich dich in meinem Arme halte, nicht fuͤr alle Schaͤtze der Welt. Ja, ſagte er, und warf einen verachteten Blick auf die goldene Kette, die noch auf dem Boden lag, was iſt Gold?— Nichts gegen die Tugend und die Seligkeit, mit der ſie lohnt.“”—„Doch halt, ich thue der Denkmuͤnze Un⸗ recht, ſagte er jetzt und hob ſie auf. Sie hat einen hohen Werth; nicht weil ſie aus reinem, lauterm Golde gepraͤgt iſt, ſondern weil die ſchoͤnen Sinnbilder und Spruͤche da⸗ rauf ſich uns als goldreine, lautere Wahrheit bewaͤhren!“ „Ja, liebſte Roſa, eben jetzt gehen ſie an uns in Erfuͤl⸗ lung. Gottes Auge machte üͤber dich! Er bewahrte dich und fuͤhrte dich unſchuldig und gut wieder in meine Arme. Er, deſſen Blicke ſich vor keiner Mauer abhalten laſſen, ſchaute in meinen Kerker und erbarmte ſich meines Elends. Er bereitete uns mitten in dieſem ſchrecklichen Kerker die⸗ ſe Augenblicke des Himmels. Gott iſt mit uns. Dieſer Rit⸗ ter wollte gegen uns ſeyn; allein er war nur ein Werkzeug in der Hand des Hoͤchſten, mir dieſe Freude zu bereiten. Im Kreuze iſt Heil. Durch Leiden fuͤhrt Gott zu den edelſten Freuden. Dieß fuͤhle, dieß erfahre ich jetzt ſchon. Kunerich mag, wenn er bei rauſchender Muſik, Trunk und Tanz dir Naͤchte durchſchwaͤrmt, mich wohl fuͤr hoͤchſt elend halten; allein, laß den Jubel der Trompeten und das Geſchrei der Zecher bis in mel⸗ nen Kerker herab ſchallen, wie ichs oft um Mitternacht hoͤren mußte— ich tauſche nicht mit ihm. Bei Waſſer und Brod hier unten in dieſem dumpfen Gefaͤngniſſe bin ich gluͤcklicher, als er ben in den Prachtzimmern des Schloſſes, bei koͤſtlicem Weine in goldenen Pokalen und bei ausgeſuchten Speiſen auf ſilbernen Tellern. ““ Tellern. Denn die Kette iſt noch nicht geſchmiedet, die den freien Geiſt feſſeln und zuruͤckhalten koͤnnte, ſich zu Gott auf⸗ zuſchwengen, und jeden Augenblich ſein Gluͤck in Ihm zu ſu⸗ chen und zu finden.“ „O meine Roſa! Wohl dir, daß du fruͤh erfahreſt, was Kreuz und Leiden iſt; daß du in den Stunden der Nacht, die Andere bei Spiel⸗ Tanz und Laͤrm zubringen, lieber dei⸗ nen leidenden Vater im Gefaͤngniſſe aufſuchſt! Durch Leiden wirſt du vor den Gefahren des Laſters bewahrt; und lernſt die Schoͤnheit der Tugend fruͤh kennen. O Roſa, Roſa, bleibe ferner gut! Halte dich an Gott, befolge alle ſeine Gebote, wie das Vierte. Bleibe Gott und der Tugend getreu. Beſiege im Glauben an den Gekreuzigten das Laſter, verachte die falſchen Freuden der Welt, und dulde ihre Leiden— und du wirſt gluͤcklicher ſeyn, als waͤreſt du auf den erſten Thron von Europa erhoben.“ Roſa gab ihrem Vater innigſt geruͤhrt die Hand darauf, loͤſchte ihre Oellampe und eilt fort; denn eben verkuͤndete das Horn des Thurmwaͤchters den anbrechenden Morgen. Zwoͤlftes Kapitel. Roſa erleichtert das Elend ihres Vaters. Roſa— von Geſtalt nun wieder ganz das braͤunliche Koͤh⸗ lermaͤdchen— hatte ſich mit der Thorwaͤrterin und den zwei Kindern kaum an den Liſch geſetzt, um die Morgenſuppe zu eſſen, da trat ganz unvermuthet Ritter Kunerich ſehr ſtuͤrmiſch und eilfertig in die Stube. Roſa hatte keinen geringen Schrecken. Seit ſie hier diente, war der Ritter nicht in die Thorſtube gekommen. Was konnte ſie anders denken, als ſie ſey verrathen? Kunerich ſprach mit vefehlender Stim⸗ me:„Von nun an habt ihr euch um das Burgthor nichts mehr zu bekuͤmmern. Ich werde es von vier meiner Kriegs⸗ knechte veſetzen laffen. Ihr beide aber begebt ench auf der Stelle— in die Schloßkuͤche, dort zu helfen; denn heute und morgen bekomme ich viele Gaͤſte.“ Nun wurde es Roſa die 5 der leicht um das Herz. Ritter Kunerich hatte wohl geſehen, wie heftig ſie erſchrack. Er glaubte aber, ihr Schrecken ſey von der uͤbergroßen Ehrfurcht hergekommen, die ſie vor ihm habe. Er laͤchelte ſelbſtgefaͤllig und blickte ſie— das erſte Mal, ſeit ſie in Fichtenburg war— nicht ganz unfreundlich an; denn er hatte nichts lieber, als wenn die Leute ihn recht fuͤrchteten und vor ihm zitterten. Roſa gieng mit der Thorwaͤrterin an die angewieſene Ar⸗ beit. Schon auf den Mittag kam ein benachbarter Ritter mit großem Gefolge an; am andern Tage kam noch einer, auch von vielen Reiſigen begleitet, und beinahe ſtuͤndlich ruͤckte viel Volks, theils zu Fuß, theils zu Pferd, in Fichtenburg ein. Nicht nur das eigentliche Schloßgebaͤude, in dem Ritter— Kunerich wöhnte, ſondern auch alle Nebengebaͤude, die den gersumigen Schloßhof umgaben, waren voll Kriegsleute. Sie zuͤndeten Abends im Hofe große Feuer an und kochten, aßen und tranken und hatten ein großes Gelaͤrme. Roſa dachte ſich wohl, was dieſes alles zu bedeuten habe. Wirklich † trat auch, da ſie eben Abends ſpaͤt den zwei Kindern zu eſſen gab, die Thorwaͤrterin todtenbleich in die Stube und rief, indem ſie die Haͤnde uͤber dem Kopfe zuſammenſchlug:„OHD Ainder betet! Es iſt Krieg. Euer Vater, der die Leute aufbot und eben heim kam, muß aulch mit fort. Moraen in iler Fruͤhe brechen ſie auf.“ Am folgend een Morgen wurde auch ſchon, bevor ſich die Lageshe elle zeigte, zum Aufbruch geblaſen. Der Thorwaͤrter, einer von des Ritters tapferſten Kriegern war, hatte ſich ſchon gewaffnet. Im eiſernen Harniſche und mit dem Schwert umgurtet, die eherne Pickelhaube auf dem Kopf und den Spieß in der Hand, nahm er Abſchied von Weib und Kin⸗ dern. Mutter und Ki zer weinten, und Roſa weinte ſo herz⸗ lich mit, als ware ſie auch ſeine Tochter. Er ermahnte ſein Weib und ſeine Kinder, alle Tage für ihn zu beten.„Bete 67 hinaus. Kunerich war der letzte des Zugs. Er uͤbergab, als alle hinaus waren, die Thorſchluͤſſel dem alten Burgvogte und ſprach:„Du, alter Getreuer, behalte nun die Schluͤſſel bei Dag und bei Nacht in deiner Verwahrung; ohne daß du ſelbſt, wenigſtens mit zwei von meinen Kriegsknechten, die zur Beſatzung zuruͤckbleiben, dabei biſt, darfſt du Niemanden weder herein noch hinaus laſſen. Dafuͤr buͤrgſt du mir mit deinem alten grauen Kopf.“ Er gab dem Pferde den Sporn, ſprengte den Uebrigen nach, und ſogleich wurden die Fallbruͤ⸗ eken aufgezogen und die Chorfluͤgel verſchloſſen und verriegelt. Roſa und die Thorwaͤrterin hatten noch den ganzen Dag ſehr viele Arbeit in der Schloßkuͤche, die Geſchirre zu reini⸗ gen und alles wieder in Ordnung zu bringen. Am Abende ſagte die Thorwaͤrterin zu Roſa:„Roͤſe! morgen fruͤh will ich mit meinen zwei Kindern meine alte Mutter heimſuchen; denn von dem Kriegsgetuͤmmel iſt mir der Kopf ganz voll, und von dem Abſchiede das Herz ganz wund. Dieſer Beſuch wird mich ein wenig aufheitern. Vor ſpaͤtem Abend komme ich nicht heim. Der Weg iſt fuͤr die Kinder ziemlich weit. Den Tag hindurch kannſt du auch ausruhen; das Schloß⸗ thor geht dich jetzt nichts an. Nur vergiß das Eſſen fuͤr die Gefangenen nicht, und ſorge dafuͤr, daß du uns, wenn wir heim kommen, ein gutes Abendeſſen vorſetzen koͤnneſt.“ Am Mor⸗ gen, mit Aufgang der Sonne, gieng ſie mit ihren Kindern fort. Wer war nun gluͤcklicher als Roſa! Sie dachte an keine Ruhe. In den verfloſſenen Tagen konnte ſie wegen vieler Arbeit ihren Vater nur auf Augenblicke ſehen; jetzt konnte ſie ihm, was ihre kuͤhnſten Wuͤnſche uͤbertraf, einen ganzen Tag widmen. Sie hatte ſich ſchon lange her alles ausgedacht, und alles war ſchon vorbereitet, ihm ſein Elend zu erleichtern. Vor allem war ſie darauf bedacht geweſen, ihn mit friſchem Weißzeuge zu verſehen. Sie hatte von der feinen Kein wand, die ihr die Koͤhlerin geſchenkt hatte, ihrem Vater einige Hem⸗ den gemacht, und bei den wenigen freien Stunden, die ihr bei ihrem harten Dienſte übrig blieben, oft noch um Mitternacht daran genaͤht. Eben ſo hatte ſie einige Paa Struͤmpſe von ſelbſt geſponnenem Garn fuͤr ihn geſtrickt. Sie eilte nuͤn zu⸗ 5* 68 ihrem Vater, und brachte ihm die neuen Hemden und Struͤm⸗ pfe; ſie ſtellte ihm ein großes Geſchirr mit lauem Waſſer, nebſt Saife und Handtuch in ſein Gefaͤngniß; auch gab ſie ihm den Schluͤſſel, ſeine Ketten abzulegen. Dem guten Edel⸗ bert, der die Neinlichkeit uͤber alles liebte, war dieß eine große Wohlthat, nach der er ſich lange vergebens geſehnt hatte.„Ich fuͤhle mich neu geboren!“ ſagte er, als Roſa nach einer Stunde wieder kam, das Waſchgeſchirr zu holen. „Nun mußt du doch wieder einmal friſche Luft ſchoͤpfen, liebſter Vater!“ ſagte Roſa. Aus dem dunkeln Gange, der zum Gefaͤngniſſe fuͤhrte, gieng ein enges Thuͤrchen in ein freundliches Gaͤrtchen, das der Kerkermeiſter zu benutzen hatte, und das Roſa ſehr gut in Ordnung hielt. Dahin fuͤhrte Rofa ihren Vater. Der Morgen war unvergleichlich ſchoͤn. Die Sonne ſchien warm und lieblich; die Luft wehte lau und erquickend. Es war dem guten Ritter, da er ſo aus dem dunkeln Kerker an Göttes freie Luft und an das Sonnenlicht herauskam, als traͤte er in den Himmel.„Mein Gott, ſagte er, wenn einem nach dem Tode ſo leicht und wohl iſt, ſo ſollte man gern ſterben!“ 3 Raoſa brachte ihm nun ſein Fruͤhſtuͤck, eine kraͤftige Fleiſch⸗ Gaͤrtchens, naͤchſt dem Wartthurme ſtand, wo ein Tiſch und LTZag im Freien zubringen koͤnne.„Gern, ſagte ſie, bliebe ich den Dag hindurch bei dir, liebſter Vater, wenn ich nich aber ſchon oͤfters nach dir ſehen!“ Sie eilte fort; er aber gieng, den herrlichen Morgen recht zu genießen, im Glanze ihm innig wohi und belebten ihn gleichſam neu. Er dankte Gott mit Thraͤnen fuͤr die Sonne— und noch mehr fuͤr die Roſa, die ih r 4 gebratht und in den Tag hindurch wohl zhumnal, aber all ſuppe, heraus unter den Nußbaum, der in einer Ecke des eine Bank angebracht waren. Sie ſagte, daß er den ganzen ſo Manches, das hoͤchſt noͤthig iſt, zu thun haͤtte. Ich will der Sonne auf und ab. Ihre erwaͤrmenden Strahlen thaten Liebe ſeiner guten Dochter.„Liebe iſt die rechte Sonne in der Geiſerelt Fiue er, die alles erwaͤrmt nas belebt. t. Shr 4 —————— 69 mal nur auf einige Augenblicke, beſucht hatte, kam nun Abends wieder, und fuͤhrte ihn— ach mit welchem ſchweren Herzen! zuruͤck in das Gefaͤngniß. Aber wie erſtaunte er, als er hinein trat! Er glaubte Roſa habe ſich verirrt, und ihn anſtatt in ſeinen Kerker— in ein Zimmer des Schloſſes ge⸗ fuͤhrt. Die Waͤnde und das Gewoͤlbe, die vorhin ſchwarzgrau⸗ wie Eichenrinde ausſahen, waren licht und weiß getuͤncht, und den heißen Tag hindurch bereits voͤllig getrocknet. Der un⸗ freundliche Ziegelboden war geſaͤubert und mit weißem Sande beſtreut, der ihm ein roͤthliches Anſehen gab— faſt ſo ſchoͤn, agte Roſa, wie feiner weißer Flor, den man uͤber Roſenroth ſtragt. Schutt und Neſſeln vor dem Fenſter waren weggeraͤumt⸗ und der ſchoͤne blaue Himmel blickte durch die hellgereinigten Fenſterſcheiben. In der Bettlade befand ſich friſches Stroh⸗ uͤber das ein weißes Leinentuch ausgebreitet war; auch ein Kopfkiſſen, das bisher fehlte, war da, und friſch uͤberzogen; ein neuer dichter Teppich von reiner Wolle diente zur Bett⸗ decke. Auf dem weißgedeckten Diſche ſtand ein Geſchirr voll ſchoͤ⸗ ner wohlriechender Blumen. Die dumpfe Kerkerluft war ver⸗ ſchwunden, und liebliche Blumenduͤfte erfuͤllten das Gefaͤngniß. „O wie viele Freude machſt du mir! ſagte Edelbert. Wahrhaftig die kindliche Liebe kann die Lebenswege der Eltern mit Blumen beſtreuen; Liebe kann einen duͤſtern Kerker zu einem Paradieſe umſchaffen. Aber fuhr er fort, indem er das reingeweißte Gewoͤlbe und die Mauern betrachtete, dir allein war es nicht moͤglich, dieſes alles zu Stande zu bringen. Wer in dieſer feindlichen Burg konnte ſo gutherzig ſeyn, dir zu helfen? Roſa ſagte:„Es beſindet ſich ein alter Kriegsmann in dieſer Burg, der in ſeiner Jugend ein Maurer geweſen, und von ſeinem Handwerke noch hie und da Gebrauch macht. Vor einer Woche war er einige Tage krank. Die Thorwaͤrterin ſchickte ihm auf meine Fuͤrbitte oͤfters ſolche Speiſen, die dem kranken Manne dienlich waren. Ich brachte ſich ihm, und wenn es meine Zeit erlaubte, ſetzte ich mich an ſein Bette und redete mit ihm. Da ſprach er einmal— natuͤrlich ohne zu wiſſen, daß ich deine Tochter ſey— mit großer Ehrfurcht und herzlichem Bedauern von dir. Er ſagte, er habe in jener — Schlacht, die durch Kunerich bald waͤre verloren gegangen, durch dich aber gewonnen worden, auch mit gefochten und ſey ſchwer verwundet worden; er waͤre damals auf dem Schlacht⸗ felde liegen geblieben und umgekommen, wenn du dich nicht ſeiner angenommen haͤtteſt. Geſtern Abends bat ich ihn ſehr ſchuͤchtern, mir zu helfen, dein fuͤrchterliches Gefaͤngniß ein wenig beſſer in Stand zu bringen. Ich dachte, er wuͤrde Schwierigkeiten machen. Allein er lobte mein Vorhaben ſehr, und uͤbernahm den groͤßten Theil der Arbeit mit Vergnuͤgen. Mag es auch Kunerich inne werden, ſagte er; ich frage nichts darnach. Er kann nichts dagegen haben, daß ich den Ritter⸗ ſtand ehre.“ Edelbert ſprach:„Ich erinnere mich zwar nicht mehr, ihm Gutes erwieſen zu haben; allein die Dankbarkeit des Mannes ruͤhrt mich ſehr. Du ſiehſt hier, liebe Roſa, wie das Gute, das wir laͤngſt vergeſſen haben, nach vielen Jahren noch gute Folgen haben kann.“ Nun brachte Roſa das Abendeſſen.„Heute wollen wir wieder einmal zuſammen ſpeiſen, liebſter Vater!“ ſagte ſie. Sie hatte einen Stuhl mitgebracht, und ſetzte ſich zu ihm. Die Mahlzeit war klein, aber reinlich und ſehr gut bereitet, Es war Roſa gegluͤckt, gerade die Lieblingsgerichte ihres Va⸗ ters zuſammen zu bringen— eine Suppe von geperlter Gerſte⸗ ein paar gebratene Feldhuͤhner nebſt Endivien⸗Salat; und zum Nachtiſche ein Seller voll rothgeſottener Krebſe, die mit grünen Selleriblaͤttern zierlich umlegt waren. Auch ſtellte ſie dem Vater, der bisher nichts als Waſſer und rauhes Brod bekommen Fatte, eine Flaſche guten Wein nebſt ſehr gutem Brode auf. „Aber um des Himmels willen, liebſte Roſa, ſprach der Vater, indem er auf den Tiſch und auf das Bett blickte, wo⸗ her nimmſt du, bei deiner Armuth, dieſes alles?“ Roſa ſagte, die Koͤhlerin habe ihr die weiſſe Leinwand geſchenkt, und Ag⸗ nes habe ihr erſt geſtern die Feldhuͤhner und die Krebſe ge⸗ bracht; das wenige uͤbrige habe ſie von ihrem Lohne und von dem Trinkgelde angeſchafft, das ihr die Gaͤſte für das Auf⸗ ſchließen des Thores ſchenkten. Daß ſie aber ihr eigenes Kopf⸗ biſtn unter dem Kopf hervor, ihrem Vater abgetreten hatie⸗ 74 davon ließ die gute Tochter ſich nichts merken. Der edle Vater war hoͤchſt vergnuͤgt.„Ich ſpeiste ſchon an der Tafel des Kaiſers, ſprach er, allein ſo hat mich noch nie eine Mahlzeit erfreut und erquickt! Gott wird dir deine Liebe vergelten, liebſte Roſa!““ Roſa fuͤhlte ſich aber noch gluͤcklicher. In ihrem Leben hatte ſie noch nie eine ſolche Seligkeit empfunden, als in dieſer Stunde, da ſie ihren Vater ſo bewirthen konnte. Sie empfand es recht: „Seliger iſt geben, als nehmen.„O wie gluͤcklich könnten die Reichen ſeyn, ſagte ſie, wenn ſie das wuͤßten! Wie ſelig koͤnnten Kinder ſeyn die reich genug ſind, ihren Eltern recht viel Gutes zu thun! Sie muͤßten auf Erden ſchon den Himmel haben.“ Roſa mußte nun wieder an ihre Arbeit gehen und fuͤr die Thorwaͤrterin und deren Kinder kochen. Sie eilte, indem ſie ihrem Vater gute Nacht wuͤnſchte, ſchnell zur Thuͤre hinaus. Allein das Gefuͤhl der Vaterfreude, eine ſolche Tochter zu haben, ließ ihn lange nicht ſchlafen; und als er endlich ein⸗ ſchlief, ſo war ſein Schlummer ſo ſanft und erquickend, wie noch nie in ſeinem Leben. Roſaz machte nun ihrem Vater jeden Tag eine neue Freude. Morgens brachte ſie ihm zu ſeinem Stuͤckchen trocknen Brodes ein Glas friſche Milch oder ein paar weichgeſottene Eier, oder goldgelben Butter auf einem gruͤnen Rebblatte, was dem ar⸗ men Gefangenen ſehr wohl kam. Sie gab ihm, ſo oft ſie es ohne Aufſehen thun konnte, ihre gute kraͤftige Mittagsſuppe, und nahm dafuͤr mit ſeiner geringen Suppe vorlieb. Sie aß oft nicht zu Nacht, und trug das Stuͤckchen Braten, das ſie am Sonntage, oder das Stuͤckchen Kuchen, das ſie ſonſt zu Zeiten bekam, ihrem Vater zu. Sie ſtellte ihm von Zeit zu Zeit friſche Blumen in das Gefaͤngniß, die er ſehr liebte⸗ und brachte ihm die Fruͤchte, die ſie hie und da bekam. Sie hatte ihren einzigen Schmuck, den ſie bei der Gefangennehmung ihres Vaters eben getragen hatte, ein paar goldene Ohrenringe mit Edelſteinen, durch den Koͤhler verkaufen laſſen, um ihrem Vater von dem Gelde manches Nothwendige, beſonders aber alle Tage einen Becher guten Wein, der ihm ſo wohl kam, anſchaffen zu koͤnnen. Sie lebte ganz nun fuͤr iyn. Als der Kerkermeiſter einmal auf einige Tage aus dem Felde nach Hauſe kam, einiges zu beſtellen, ſah er nach dem Gefangenen. Er ſtaunte nicht wenig, als er die Thuͤr zu Edelberts Gefaͤngniß geoͤffnet hatte. Er ſchuͤttelte den Kopf und ſprach:„Ritter Kunerich durfte dieſes nicht ſehen, ſonſt koͤnnte ich auch in eine ſolche Zelle mit vergittertem Fenſterlein kommen, die aber ſicher nicht ſo freundlich ausſehen wuͤrde. Indeſſen ge⸗ faͤllt mir doch alles ſehr wohl. Was es doch ſchoͤnes um die Reinlichkeit iſt! Ein paar Haͤnde voll Kalk und Sand, nebſt etwas Muͤh und Arbeit haben dieſes dunkle Gefaͤngniß in ein reines helles Zimmer umgeſchaffen, indeß Mancher ſein Zim⸗ mer durch Nachlaͤßigkeit und Unreinlichkeit zu einem duͤſtern Keerrker macht.“ Draußen auf dem Gange ſagte der Thorwaͤrter aber ſehr ernſthaft zu Roſa:„Hoͤre, Noͤſe! Ich will dein mitleidiges Herz gegen den Kttter eben nicht tadeln. Ich kann mir auch denken, daß du ihm ſonſt noch viel Gutes erweiſeſt, und wiill auch das gelten laſſen. Allein laß dich dein Mitleiden nicht verleiten, ihm zur Flucht zu verhelfen. Es wuͤrde ihm zwar⸗ nie gelingen; dafuͤr iſt mit den Schloͤſſern und Riegeln am 4 Burgthore und mit den Fallbruͤcken zu gut geſorgt. Allein ſchon der Verſuch koͤnnte mich ungluͤcklich machen. Ich kaͤme um Amt und Brod, und wuͤrde mit Weib und Kind für immer aus dieſer Burg verſtoßen. Ja mein Herr waͤre im Stande, mich in der Wuth zu erſtechen. Denn ich habe es ihm mit meinem Kopfe verbuͤrgt, daß die Gefangenen gut verwahrt ſeyen. Mache mich alſo nicht ungluͤcklich und ſetze mein Leben keiner Gefahr aus.“ Noſa mußte ihm das heilig erierechen und er reiste ab. k Dreizehntes Sapftel. Roſa giebt den Ermahnungen ihres Vaters 3 Geh dr. Sitz der Freude geweſen; allein jetzt hat das Leiden, das ſich durch verriegelte Thore und durch Fallbruͤcken nicht abhalten laͤßt, ſeine Einkehr auch dort in jenen Prachtzimmern genom⸗ men. Die Nachrichten von dem Kriege, den Kunerich aus Nebermuth mit einem ſehr maͤchtigen Ritter angefangen hatte⸗ lauteten gar nicht gut. Kunerich war verwundet, ſeines gan⸗ zen Gepaͤckes beraubt und beinahe gefangen worden. Er lag in einer weit entfernten Burg an ſeinen Wunden darnieder. Anſtatt, daß er wie ſonſt Wagen voll Beute auf ſeine Burg fuͤhren ließ, mußte man nun ihm Geld und Gut zuſchicken. Seine Gemahlin konnte ihn nicht einmal beſuchen, weil es ihr an Kriegsknechten fehlte, unter deren Schutz ſie hätte reiſen koͤnnen. Sie durfte ſich nicht aus den Mauern wagen; ſie wußte es zu gut, daß nicht Liebe, ſondern nur die Furcht ihrem Manne die Menſchen umher gefaͤllig mache. Kunerichs Feinde waren auch wirklich erwacht und ſchritten bereits zu oͤffentlichen Gewaltthaͤtigkeiten. Sie hatten ſchon einige Mal die beſſeren Lebensmittel, die man in einem benachbarten Flecken aufgekauft hatte und in das Schloß bringen wollte, weggenommen, ſo daß die Frau und ihre Kinder mit ganz ge⸗ meiner Koſt vorlieb nehmen und an Manchem gar Mangel leiden mußten. Die Kinder bekamen die Blattern und man zweifelte lange an ihrem Aufkommen. Zuletzt wurde die Frau von Kummer, Sorgen und ſchlafloſen Naͤchten ſelbſt krank. Roſa hatte dieſes alles, bis auf die kleinſten Umſtaͤnde, von der geſpraͤchigen Thorwaͤrterin erfahren. Denn Roſa ſelbſt war aͤußerſt ſelten, nur wenn es ihr befohlen wurde und ſie den Befehl nicht ablehnen konnte in jene obern Zimmer und Gänge des Schloſſes hinaufgekommen, die der Ritter und ſei⸗ ne Familie bewohnten. Bei jeder Staffel, die ſie betrat, wuchs ihr Widerwillen, und ſie eilte, ſo ſehr ſie konnte, wieder die ſteinerne Stiege herab. Ein Stich war ihr in das Herz gegan⸗ gen, ſo oft ſie den Ritter oder jemand von ſeiner Familie er⸗ blickt hatte. Ohne es ſich ſelbſt recht bewußt zu ſeyn, naͤhrte ſie in ihrem Innern eine tiefe Abneigung— nicht nur gegen Kunerich, der ihrem Vater ſo ſchreckliches Unrecht gethan und ihm Gut und Freiheit geraubt hatte, ſondern auch gesen Ku⸗ tnerichs Gemahlin und Kinder. Roſa erzaͤhlte ihrem Vater, wie es nun oben im Schloſſe ſtehe. Ein kaum merkliches Laͤcheln zeigte ſich auf ihrem Geſichte, als ſie davon ſprach.„Nun, ſagte ſie, moͤgen ſie es auch aus Erfahrung inne werden, was Elend ſey; nun mag ihr Stolz ſich beugen lernen. Dieſe Rittersfrau, die immer im Glanz und Ueberfluß lebte, ihre Kinder aufs praͤch⸗ tigſte kleidete, beſtaͤndig von vornehmen Freundinnen beſucht wur⸗ de, und ſie wieder beſuchte, kann nun ſo einſam und ſtille leben, wie in einer Kloſterzelle; ſie macht nun neue Bekannt⸗ ſchaften— mit Thraͤnen und mit Seufzern. Und der ſtolze, uͤber⸗ müuthige Ritter, der uns und andern vielen Jammer bereitete, er⸗ faͤhrt nun die Wahrheit des Sprichworts:„Mit welchem Maaße man ausmißt, wird einem zuletzt wieder eingemeſſen.“ Allein der edelmuͤthige Vater billigte die Geſinnungen ſeiner Tochter nicht.„Wie, meine Roſa, ſprach er, dich— dich hoͤre ich ſo ſprechen? Dein ſanftes, mildes Angeſicht ſeh' ich von ſchadenfrohem Laͤcheln entſtellt! O nicht doch, licbes Kind: dieſe Geſinnungen ſind nicht gut. O laß den 1 Groll dein edles Herz nicht vergiften! Es iſt wahr, dieſer Ritter hat an mir gehandelt, wie es nicht recht iſt.⸗Er haßte mich ohne Urſache, und that mir viel Boͤſes. Allein iſt dir denn die Lehre und das Beiſpiel unſers goͤttlichen Erloͤſers ſo fremd? Sollen wir denn die nicht lieben, die uns haſſen? Sollen wir denjenigen, die uns Boͤſes thun, nicht Gutes erweiſen?— Und wie das Boͤſe das Kunerich an uns that, wollteſt du auch ſeine Gemahlin entgelten laſſen?— Ihr, die durch ſein rohes Weſen ohnehin genug leiden mag, und ſein Verfahren gegen uns ſicher nicht billigt! Ja, was der Vater verbrach, wollteſt du ſogar an ſeinen Kindern raͤchen, die doch unſchuldig ſind und noch nicht Rechts und Links wiſſen? Roſa! Roſa! laß dich die Liebe zu deinem Vater nicht zum Haſſe gegen ſeinen Feind verleiten! Sieh, ich haſſe ihn ia auch nicht. Ja, mein Gott, fuhr er fort, legte ſeine Hand auf die Brußt und erhob die Augen zum Himmel. Du weißt wenn ich dieſen Ritter im Getümmel der Schlachti n Lebensgefahr erblickte, ich würde mich hineinſtuͤrzen unter feinbliche Schwerter und Spieße, um ihm das Leben zu ret⸗ 8 75 ten— und ſollte ich auch das meinige zum Opfer bringen muͤſſen!— Und bu, Roſa, wenn du wieder im Gluͤck und Wohlſtand lehrſt, und wenn ſeine Frau und ſeine Kinder in Noth und Elend geriethen, und vor deiner Thuͤre um Huͤlfe flehten, waͤrdeſt du ihnen Herz und Thuͤre verſchließen, und die armen Kleinen und ihre jammernde Mutter, die uns kein Leid thaten, huͤlflos von dannen ziehen, und in ihrem Elende umkommen laſſen?“ Nein, ſagte Roſa geruͤhrt, dieß wuͤrde— dieß koͤnnte ich nicht thun. Ich wuͤrde ihnen von Herzen gern von allem, was ich haͤtte, mittheilen.“ „Ich zweifle! ſagte der Vater. Da du ihnen nicht ein⸗ mal das kleinſte— einen freundlichen Blick, ein gutes Wort geben magſt, wie ſollſt du ihnen etwas Groͤßeres geben? Da du ſtets alle Gelegenheit ſlieheſt, ſie nur zu ſehen, wie koͤnn⸗ teſt du jene Gelegenheit finden, ihnen Gutes zu thun? Aendere jetzt dein Beiragen gegen ſie. Begegne ihnen jetzt von Herzen freundlich; nur dann wirſt du, wenn ſich ein Anlaß dazu ergibt, ihnen noch mehr thun.“ 8 „Ich raihe dir dieß nicht aus menſchlicher Klugheit— um ſo unſere maͤchtigen Feinde, in deren Gewalt wir ſind, zu gewin⸗ nen, damit ſie uns dasienige zuruͤckgeben, was ſie uns ge⸗ nommen. Wenn wir nur deßhalb freundlich gegen ſie waͤren, ſo haͤ te dieſe Freundlichkeit gar keinen Werth. Sie waͤre eine elende, kriechende Heucheley, deren wir uns ſchaͤmen muͤßten.“ „Nein, meine liebſte Tochter, die wahre Menſchenfreund⸗ lichkeit, dieſe himmliſche Blume, kann nicht aus der ſchmutzi⸗ gen Wurzel des Eigennutzes emporbluͤhen; ſie kommt nur aus dem Grunde eines reinen, wohlwollenden Herzens! Sie iſt nur der Abglanz und Wiederſchein jener himmliſchen Liebe, die das Weſen unſerer heiligen Religion ausmacht, und jedes wahr⸗ haft fromme Herz erfuͤllen muß.. Gott ſelbſt iſt ja die Liebe. Er liebt die Menſchen als ſeine Kinder. Er laͤßt ſogar ſeinen ungerathenen Kindern unter ih⸗ nen noch ſeine Sonne ſcheinen, und giebt ihnen Thau und Re⸗ gen. Er will, daß auch dieſe ſich beſſern, und daß einß alle zu ihm in den Himmel kommen. Ja der Sohn Gottes gab 85 20 ſogar ſein Leben dahin und vergoß ſein Blut, ſie zu retten. So muͤſſen auch wir die lautere Liebe ſeyn. Wir muͤſſen alle Menſchen als unſere Geſchwiſter lieben, ihnen Gutes thun, und auch die Feindſeligen, Boͤsartigen nicht von unſerer Liebe ausſchließen. Wir ſollen bereit ſeyn, ſelbſt unſer Leben fuͤr ſie dahin zu geben. Wir ſollen ſie lieben, wie uns ſelbſt. Ja unſere Liebe muß ſich von der Erde zum Himmel emporſchwin⸗ gen. Wir muͤſſen Gott, der uͤber alles liebenswuͤrdig iſt, nicht nur uͤber alles lieben; wir muͤſſen auch trachten, Ihm an Liebe zu gleichen. „Nur dieſe heilige Liebe gegen Gott und Menſchen— auch gegen Feinde— macht uns faͤhig, einſt in den Himmel aufge⸗ nommen zu werden. Eine liebloſe Menſchenſeele wuͤrde ſelbſt im Himmel unſelig ſeyn. Wer noch haßt, taugt nicht hinein. Die Liebe iſt die Quelle aller Seligkeit im Himmel; ſie macht den Himmel erſt zum Himmel. 1. „Eben deßwegen iſt es die Aufgabe unſers Lebens auf Er⸗ den, dieſe himmliſche Liebe, gleich einem edeln Gewaͤchſe, in unſer Herz zu pflanzen, ſie zu pflegen, und ſie zur Vollkom⸗ menheit zu bringen. Die Liebe zu nichtswuͤrdigen Dingen⸗ eitter Ehre, ſinnlicher Luſt, vergaͤnglichen Guͤtern, laͤßt die himmliſche Liebe in dem Herzen der Menſchen keinen Platz fin⸗ den, und erſtickt, gleich ſtechenden Dornen, ſie ſchon im Kei⸗ me. Deßwegen, um unſer Gemuͤth von Stolz, Eigennutz, Begierde nach Erdenluſt zu reinigen, ſendet uns Gott Leiden zu; deswegen nahm er wohl auch uns den Glanz unſeres Standes, unſere zeitlichen Guͤter, die irdiſchen Vergnuͤgungen, die der Reichthum verſchafft. Denn, glaube ſicher, liebe Tochter, ſo lange uns Gott Leiden ſendet, iſt noch immer etwas in uns, wovon uns nur das Leiden reinigen kann. Wir wollen, meine liebſte Roſa, Gottes liebevolle, vaͤterliche Abſicht erkennen, ſie nicht durch Haß gegen unſere Beleidiger vereiteln, und uns nicht um den Segen bringen, den Gott uns durch Leiden bereitet.““ Roſa hoͤrte ihrem Vater aufmerkſam zu.„Du haſt Recht, liebſter Vater, ſagte ſie, indem ſie ihn mit ihren Augen voll Thraͤnen freundlich anblickte. O wie weit habe ich noch hin, des Himmels werth zu ſeyn. Nun, ich will mich mit Gottes Huͤlfe beſſern, da haſt du meine Hand darauf! Ich will trachten, Gott uͤber alles, und alle Menſchen— auch Kunerich und ſeine Frau und Kinder— wie mich ſelbſt zu lieben. Und kann das Leiden mich beſſer und liebevoller machen, ſo will ich gern lei⸗ den, ſo lange es Gott will. Denn was iſt dieſe Spanne Zeit, in Leiden hingebracht, gegen eine ſelige Ewigkeit.“ Roſa hielt getreulich Wort. Sie wich den Kindern des Ritters, die jetzt wieder geſund waren, und zu Zeiten in Be⸗ gleitung ihres Kindermaͤdchens in den Schloßhof herab kamen und da ſpielten, nicht mehr vorſaͤtzlich aus. Sie that nie mehr, als ſaͤhe ſie dieſelben nicht. Sie gruͤßte ſie mit freundlichem Laͤcheln. Sie ließ ſich mit ihnen in kleine Geſpraͤche ein. Sie ſuchte ihnen allerley Gefaͤlligkeiten zu erweiſen. Sie ließ ſich von Agnes das zahme Reh und das Paar Turteltaͤubchen brin⸗ gen, und ſchenkte das Reh dem Knaben und die Taͤubchen den zwei kleinen Fraͤulein. Sie fand an dem Knaben und den zwey Maͤdchen ſehr liebenswuͤrdige Kinder. Sie machte ſich Vor⸗ wuͤrfe, daß ſie gegen dieſe holden Geſchoͤpfe bisher ſo unfreund⸗ lich ſeyn konnte.„Ich habe mich ſelbſt um viele Freuden ge⸗ bracht, ſagte ſie, mein Fehler war zugleich meine Strafe. O wie Recht hat mein Vater: Es iſt beſſer, freundlich und ver⸗ ſoͤhnlich, als feindſelig und rachgierig ſeyn!“ Allein bald fand Roſa Gelegenheit, die Lehren ihres Vaters nach deren ganzem Umfange in Erfuͤllung zu bringen. Vierzehntes Kapitel. Roſa's Heldenmuth. Es war nach langem Regen wieder einmal ein ungemein ſchoͤ⸗ ner, freundlicher Herbſttag angebrochen. Die Sonne war ſo warm aufgegangen, ſie ſchien ſo freundlich zwiſchen die hohen Mauern der Burg herein, daß alles wie neu auflebte. Die Leute in dem Schloſſe hatten ſich auf das Feld hinaus gewagt, den Reſt der Feldfruͤchte herein zu bringen. Das Kindermaͤd⸗ chen, Namens Thekla, war nach Tiſch mit Kunerichs drei Kindern in den Schſoßhof herab gekommen. Mitten in dem großen geraͤumigen Schloßhofe befand ſich 78 ein praͤchtiger Brunnen. Er war mit einer Mauer von ſchoͤn behauenen Steinen eingefaßt, und ſechs ſchlanke Saͤulen tru⸗ gen das hohe ſteinerne Spitzdach empor, das nach der Art al⸗ terthuͤmlicher Muͤnſterthuͤrme, ſehr kunſtreich mit allerley ſtei⸗ nernen Verzierungen geſchmuͤckt war. Der Brunnen war von ganz ungemeiner Tiefe. Man hatte beynahe eine Viertelſtun⸗ de zu thun, den einzigen großeen Eimer, vermittelſt eines an⸗ gebrachten Rades, hinab und hinauf zu winden. Die Fremden, deren gar viele die Burg beſuchten, bewunderten alle den Brunnen als die groͤßte Merkwuͤrdigkeit der Burg. Um ihnen einen Begriff von der ungeheuren Tiefe des Brunnens zu ge⸗ ben,, warf man kleine Kieſelſteine hinab— und da war kein Reiſender, der nicht erſtaunte, wie lange es anſtand, bis der Schall des hinabgefallenen Steines endlich wieder herauf kam. Auch ſtellte man wohl eine brennende Kerze in den Eimer und ließ ſie ſo hinab; und es war wunderſam anzuſehen, wie das Licht rings die Mauer, aus der hie und da ein gruͤnes Kraͤut⸗ chen zwiſchen den Steinen heraus wuchs, ſo ſchoͤn beleuchtete, ſich in jedem Tropfen der naſſen Mauerſteine ſpiegelte, und zu⸗ letzt wie ein roͤthlicher Stern aus der tiefen Nacht herauf ſtrahl⸗ te. Die Maurer, die zu Zeiten hinabſteigen und den Brunnen ausbeſſern oder reinigen mußten, brauchten eine Menge Leitern, die ſie an eigens dazu in die Mauer geſchlagenen Haken befeſtig⸗ ten. Es war eine alte Sage, wer ſich, bevor der Brunnen mit einem Dache verſehen worden, unten in dem dunkeln Brunnen befand, habe am hellen Mittage die Sterne an dem blauen Himmel glaͤnzen ſehen. Der Brunnen war mit einem großen runden Rafen, der ſich in dem gepflaſterten Hofe ſehr gut aus⸗ nahm, und mit einem Kreiſe von Vogelbeerbaͤumen umgeben. Die drei Kinder ſpielten nun auf dem gruͤnen Platze am Prunnen. Die kleinen Fraͤulein, Itha und Emma, waren ber den Anblick der ſchoͤnen, ſcharlachrothen Vogelbeeren, die ſetzt reif waren, hoch erfreut. Thekla mußte ihnen einige Trau⸗ ben abbrechen. Sie faßten ſehr geſchaͤftig die Beeren an Fä⸗ an, nannten die angefaßten rothen Beere ihre Korrallenſchuu⸗ e, ſchmuͤckten, nicht ohne fruͤhe maͤdchenhafte Eitelkeit, Hals ud Arme, und bildeten ſich auf deu ſellſamen Schmuck nicht wenig cin.“ Eberharb, der Knabe, warf zum Zeitvertreibe Kieſelſteine in den Brunnen; er ſuchte immer die groͤßten heraus, die er finden konnte, horchte aufmerrſam, bis der Stein im Waſſer klatſchte, und huͤpfte dann vor Freude. Als er dieſes Spieles uͤberdruͤßig wurde, und ſich ein wenig von dem Brunnen ent⸗ fernte, kam ein Voͤgelein herbei geflogen, ſetzte ſich auf den Rand des Eimers, und weil, wie gewoͤhnlich, ein klein wenig Waſſer in dem Eimrr geblieben war— ſo flog es hinein, zu trinken oder ſich zu baden. Der Knabe ſah das Voͤgelein hinein fliegen.„Wartet, ſagte er in ſeiner kindlichen Einfalt zu ſei⸗ nen zwei kleinen Schweſtern, das Voͤgelein will ich jetzt leicht fangen. Habt nur wohl Acht; das wird einen huͤbſchen Spaß abgeben!“ Er kletterte an der ſteinernen Einfaßung des Brun⸗ nens hinauf, ſtreckte den kleinen Arm nach dem Eimer aus, neigte, als er ſein Aermchen bei weitem zu kurz fand, ſich imn er weit hinuͤber, bekam das Uebergewicht— und ſtuͤrzte hinunter in den ſchrecklichen Abarund. Die beiden kleinen Fraulein am Brunnen erboben ein entſetz⸗ liches Jammergeſchrei. Thekla, das Kindermaͤdchen, die um zu naſchen in die Schloßkuͤche geſchlichen war, ſprang erſchrocken herbei. Sie hoͤrte gegen alle ihre Erwartung den Knaben in dem Brunnen noch iammern und ſchreien. Sie ſchaute hinunter. Er war weit unten mit einem Fluͤgel ſeines Kleides an einem Mauerhaken haͤngen geblieben. Allein— da ſtand ſie, und wußte nicht, was ſie anfangen ſollte! die Rittersfrau lag noch krank zu Bette, und konnte nicht aus dem Zimmer; die uͤbri⸗ gen Leute des Schloſſes waren drauſſen auf dem Felde. Das zitternde, todtbleiche Maͤdchen ſchlug die Haͤnde uͤber dem Kopfe zuſammen, und rief laut jammernd Gott und alle Heiligen um Huͤlfe an. Jetzt kam ploͤtzlich Roſa herbei. Sie hatte zu Hauſe bleiben muͤſſen, weil das kleine Maͤdchen der Thorwaͤrterin in der ver⸗ gangenen Nacht erkrankt war, und die Blattern zu bekommen ſchien,„O geſchwind, ſagte Roſa zu Thekla, hüͤf mir imden Eimer hinein ſteigen— und laß ihn dann ſorgfaͤltig hinunten, Mit Gottes Huͤlfe hoffe ich den Knaben zu reiten,“ Roſa he⸗ fahl ſich, mit einem vertrauensvollen Blicke zum Himmel, dein — 839 Schutze Gottes, und ſtieg in den Eimer. Ein Schauder nach dem andern uͤberlief ſie, als ſie immer tiefer und tiefer hinab ſank— die feuchte kalte Luft des Brunnens ſie anwehte— die Sonne ihr zu erloͤſchen ſchien, und es immer dunkter um ſie her wurde. Endlich kam ſie dem jammernden Knaben nahe; ſie ſchrie aus der Tiefe herauf:„Halt!“ und der Eimer ſtand. Sie bemuͤhte nun, den Knaben in ihre Arme zu faſſen, und ihn von dem Haken los zu machen. Allein das war ſehr ſchwer und hoͤchſt gefaͤhrlich. Sie konnte nicht beide Arme ganz frei gebrau⸗ chen, weil ſie— um nicht ſelbſt in den Abgrund zu ſtuͤrzen— immer die Kette mit einem Arme mußte umſchlungen halten. Es wollte nicht gehen. Eine unbeſchreibliche Angſt uͤberfiel ſie, die ihr den kalten Schweiß auf die Stirn trieb Sie flehte aus der ſchauerlichen, dunkeln Diefe mit inbruͤnſtigen Seufzern zu Golt, er wolle ſie in der außerſten Noth nicht verlaſſen. End⸗ lich gelang es. Sie nahm den Knaben auf den Arm— und er ſchlang beide Haͤndchen feſt um ihren Hals, als fuͤrchtete er noch immer zu falle. Er hoͤrte auf zu weinen, und ſie ſchrie nun; „Auf, zieh auf!“ mit Freuden ſpuͤrte Thekla das vermehrie Gewicht des Eimers— und fieng nun an, ihn hurtig her⸗ auf zu winden. Die kranke Mutter des Knaben war auf das Jammergeſchrei im Schloßhofe an das Fenſter herbei gekommen. Mit einem Schrecken, der ſie gleich einem Blitze traf, hoͤrte ſie von den jammernden Kindern im Schloßhofe die Worle:„Eberhard iſt in den Brunnen gefallen!“ Die furchtbaren Worte duͤnkten ihr gleich einem Donner im ganzen Schloſſe zu wiederhalten. Die arme, leichenblaſſe Frau hielt ſich an dem Finſtergeſimſe— ihre Knie wankien ihre Haͤnde zitterten— ſie konnte nicht von der Stelle. Es war ihr, als wollte das Klopfen ihres Herzens ihr die Bruſt zerſprengen. Thekla rief ihr zu: Eberhard ſey haͤngen geblieben; des Thor⸗ waͤrters Dienſtmaͤdchen ſuche ihn heraufzuholen. Da regte ſich ein ſchwaches Fuͤnklein von Hoffnung in ihrem Herzen. Sie ſieng an zu beten. Die Stimme verſagte ihr— aber aus allen Kiefen ihres Herzens flehte ſie zu Gott um Rettung ihres erſt⸗ gebornen, ihres eintigen. Sohnes. Underwandt waren ihre Au gen 8 ——— gen auf den Brunnen gerichtet.— Endlich kam Roſa zum Vor⸗ ſchein, indem ſie den Knaben, der ſich faſt an ſie anſchmiegte, als ſchlummerte er, mit einem Arme umſchlang, und mit dem andern die Kette hielt. Als der Eimer weit genug herauf ge⸗ wunden war, und Roſa mit dem Kinde in Mitte der ſteiner⸗ nern Einfaſſung uͤber dem Abgrunde ſchwebte, befeſtigte The⸗ kla das Nad, trat an den Rand des Brunnens, zog den Eimer mit einem dazu beſtimmten Hacken zu ſich heruͤber, und wollte den Knaben in ihre Arme faſſen. Allein es fehlte dem ſchwaͤchlichen, und noch immer zitternden und bebenden Naͤdchen an Kraft und Gewandtheit, zu gleicher Zeit den Eimer feſt zu halten, und zu gleicher Zeit den Knaben aus Roſa's Armen in die ihrigen zu nehmen. Sie bemuͤhte ſich lange vergebens. Das war fuͤr die Mutter ein ſchrecklicher Anblick Jeden Augenblick glaubte ſie, alle drei wuͤrden in den Abgrund hinunter ſtuͤrzen. Roſa ſah, daß es ſo nicht gelingen werde; und Shekla ließ den Eimer wieder los. Roſa wollte nun den Knaben Theklen heruͤber bieten; allein ſo weit auch Thekla ſich mit weit vor⸗ geſtreckten Armen hinuͤber neigte, ſo fehlte immer noch ein we⸗ niges, ihn zu erreichen. Die Mutter am Fenſter konnte dieſes gar nicht anſehen; es ward ihr dunkel vor den Augen. Sie verſuchte, ſo laut es ihre ſchwachen Kraͤfte erlaubten, zu rufen: „O nicht ſo, nicht ſon, Roſa vernahm die Worte nicht; allein ſie hatte ſelbſt ſogleich bemerkt, auf dieſe Art ſey es noch gefaͤhrlicher. Roſa hielt ſich eine Weile ſtill, blickte zum Himmel auf — ſann nach und ſagte dann ſchnell:„Chekla ſioße mit dem Hacken den Eimer ſanft an, daß er in der weiten Oeffnung des Brunnens langſam hin und her ſchwebe. Thekla gehorchte, ohne zu wiſſen, wozu dieß helfen ſolle.„Jetzt, ſprach Roſa und laͤchelte der bebenden Thekla Muth zu, jetzt— wenn die der Eimer von ſelbſt nahe kommen wird, ſo faſſe das Kind ſchnell und kraͤftig in beide Arme. Warte aber noch— his ich es dir ſagen werde.— Sich— jetzt— jetzt!“ Thekla nahm jetzt mit leichter Muͤhe den Knaben in die Arme und. ſetzte hn auf die Erde. Nun bot ſie Roſa die Hand, ior herauszuhelfen. Allein Roſa ſagte:„Stoße hher den Eimer 2 5 der ſie und das Kind gerettet.„Guter Gott, Dir ſey Dank“ war ihr erſter Gedanke.„Wie wird ſich mein Vater freuen; aus. Sie ſiel, indem ſie den Knaben in den Armen hielt, wieder geſchenkt; Dir will ich ihn erziehen!“. 32 *. ſo an, daß er ſich der Saͤule da naͤhern muß.“ Thekla thaͤt es, und als der ſchwebende Eimer der Saͤule nahe kam, um⸗ klammerte Roſa dieſelbe, trat auf die Einfaſſung des Brun⸗ nens, und ſprang herab auf den Erdboden. O mie froh war ſie, als ſie wieder den feſten Boden unter ihren Fuͤßen fuͤhlte!— Wie freute ſie ſich des hellen Sonnenlichtes und des blauen Himmels! Sie ſank auf die Knie und blickte zu Gott auf, wie zufrieden wird er mit ſeiner Roſa ſeyn!“ war der zweite. Sie eilte, ihm ſogleich die Freudennachricht von der gluͤckli⸗ chen Rettung des Kindes zu bringen. Er umarmte ſie mit Thraͤnen der ſuͤßeſten Freude, die je das Auge eines Vaters geweint hat.„Du haſt den ſchoͤnſten Sieg erkaͤmpft, ſagte er, du haſt dich ſelbſt uͤberwunden und dem Feinde Gutes gethan! Du haſt eine beſſere Heldenthat vollbracht, als der kühnſte Ritter, der den maͤchtigſten Feind todt zur Erde hin⸗ ſtreckt; du haſt ein Menſchenleben gerettet! Werde aber nicht ſtolz, liebſte Roſa! Gott iſt es, der dir die Gelegenheit und den Muth dazu gegeben hat; gieb alle Ehre Ihm allein!“ Fuͤnfzehntes Kapitel. Noſa's edelmuͤthige Geſinnungen. Indellen hatte Thekla den geretteten Knaben der Mutter gebracht. Die Mutter fuͤhlte in dieſem Augenblicke ihre Krankheit nicht mehr, ſtuͤrzte auf ihn zu, umfaßte ihn mit beiden Armen, benetzte ihn mit Freudenthraͤnen und fragte ihn hundertmal, ob ihm nichts weh thue? Er war unver⸗ ſehrt, nur ſah er von Angſt und Schrecken noch ſehr bleich⸗ — auf die Knie und rief weinend:„Du, o Gott, haſt mir ih Sie ſtand wieder auf, ſetzte ſich erſchoͤpft auf das Bett⸗ nahm den Knaben auf ihren Schoß und ſprach:„O du boͤ⸗ ſes Kind, welchen Schrecken haſt du mir durch deinen Leicht⸗ 83 ſinn gemacht! Wie oft habe ich dir verboten, nicht zu dem Brunnen hinzugehen, von den Pferden hinweg zu bleiben, nicht auf die Baͤume zu klettern. Sieh, bald haͤtte dein Un⸗ gehorſam dich um das Leben gebracht. Was haͤtte dein Vater geſazt, wenn ich dich ſo verloren haͤtte! O ſey doch von nun an gehorſamer! Wie durch ein Wunder biſt du mir geſchenkt. Danke Gott, der dich durch ſeinen Engel gerettet hat!“ „Doch, der Engel, der dich rettete, iſt— das arme Koͤh⸗ lermaͤdchen! ſprach ſie um ſich blickend. Iſt ſie nicht da, das gute Kind?— Geh, Thekla, ſuche ſie— eile— laß ſie hieher kommen, daß ich ihr danke. Dieſe That ſoll ihr nicht unbelohnt bleiben.“ Thekla eilte in die Thorſtube. Noſa ſaß ſchon wieder an dem Bette des kranken Maͤdchens und ſtrickte.„Komm, rief Thekla, du ſollſt den Augenblick herauf zur gnaͤdigen Frau! Freue dich, du bekommſt gewiß ein gutes Trinkgeld!“ Was Thekla vom Trinkgeld ſagte, hatte Roſa's feines Gefuͤhl belei⸗ digt. Sie hatte keine Luſt, mitzugehen— ſie wollte keinen Lohn. Indeſſen dachte ſie, wenn ſie die Einladung nicht an⸗ naͤhme, ſo waͤre es unfreundlich und koͤnnte die erfreute Mut⸗ ter betruͤben. Sie gieng alſo. Beſcheiden und mit erroͤthenden Wangen trat ſie in das Zimmer. Die gnaͤdige Frau, die neben dem ſchlummernden Knaben auf dem Bette ſaß.! leilte ihr mit offenen Armen entgegen; ſie gedachte nicht ihres Ranges, und ſchloß das duͤrftig in 8 wilch und rauhe Wolle gekleidete Maͤd⸗ chen zaͤrtlich in ihre Arme.„O meine Tochter, ſagte ſie, wie vielen Dank bin ich dir ſchuldig! Welche edle That haſt du vollbracht! Welchen unendlichen Jammer haſt du von mir ab⸗ gewvendet! Welche unausſprechliche Freude machſt du mir! Ohne dich laͤge der holde Knabe, der jetzt ſo ſanft auf dem Bette ruht, kalt und todt in dem Abgrunde jenes Brunnens. Du haſt mein Kind dem Tode entriſſen und es mir wieder geſchenkt; von nun an ſollſt du gehalten ſeyn, wie eines mei⸗ ner Kinder, und in mir eine wahre Mutter finden. Bleibe von nun auf immer bei mir.“ „Dich aber, ſprach ſie zu Thekla gewendet mit Ernſt, aber dennoch ſanft und ahne alle Aufcallung von Zorn, dich kann 6* 34 ich ferner nicht mehr in meinem Dienſte behalten. Du haſt die leichteſte Pflicht, das Kind nie aus den Augen zu laſſen, die jeder Kinderwaͤrterin heilig ſeyn ſoll, ſchlecht erfuͤllt. Du waͤreſt aus einer Kinderwaͤrterin bald eine Kindermoͤrderin geworden. Ich werde dir heute noch deinen Lohn auszahlen laſſen, und morgen raͤumeſt du dieſes Schoß.“ Thekla weinte und ſchluchzte, und bat um Verzeihung und Gnade. Sie ſiel auf ihre Knie— ſie ſagte, daß ſie, als eine arme Waiſe, nicht wiſſe wohin— daß ſie gewiß ſich beſſern werde. Allein die Frau ſprach:„Dieß haſt du mir ſchon oͤfter verſprochen und nicht Wort gehalten. Ich kann mich nicht mnehr auf dich verlaſſen. Es faͤllt mir ſchwer, dich fortzu⸗ ſchicken. Allein ich kann dir zu Gefallen meine Kinder nicht einer beſtaͤndigen Todesgefahr ausſetzen. Geh alſo— und betrage dich in deinem kuͤnftigen Dienſte vernuͤnftiger.“ Roſa ſprach:„Erlauhet mir, gnaͤdige Frau, ein Wort — fuͤr Thekla zu ſprechen, und nehmet meine reimüthigken nicht unguͤtig auf!“ „Es iſt wahr, und wohl habt Ihr Recht, Thekla hat ge⸗ fehlt. Ihr Leichtſinn hat Eurem Mutterherzen eine Todes⸗ angſt verurſacht, und haͤtte Eurem Sohne das Leben gekoſtet. Allein Thekla, die das Leider nicht zuvor bedachte, wird ſich dieſe ſchreckliche Begebenheit zur Warnung ſeyn laſſen, und gewiß in ihrem Leben nicht mehr ſo leichtſinnig handeln.“ „Und hat den Thekla nur gefehlt? Hat ſie nicht ſich redlich bemuͤht, ihren Fehler wieder gut zu machen? hat ſie nicht treu⸗ lich mitgeholfen, ja— wie Ihr es ſelbſt geſehen— ſogar ihr Leben daran gewagt, Euren Sohn zu retten? Und ſoll nur ihres Fehlers gedacht werden, und von ihrer treuen Huͤlfe gar nicht die Rede ſeyn? Wollet Ihr ſie, die ſich bei der Rettung Eures Sohnes wahrhaft als eine gute, treue Seele erwieſen, ohne Erbarmen verſtoßen und ſie weinend von hier ſcheiden laſſen?“ „Seht, Gott hat eben jetzt Euer Gebet erhoͤrt; verſchmaͤhet in der naͤmlichen Stunde die Bitten und das Flehen einer Lei⸗ denden nicht! Gott hat Euch Barmherzigkeit erzeigt; erweiſet e nun auch Andern! Gott hat Euch Euer liebes Kind wieder ge⸗ — 3⁵ ſchenkt; entzieht nun einer armen verlaſſenen Waiſe ihre guͤtige Pegmutter nicht. Gott ſelbſt verzeiht ja dem Reuigen, der ſich ernſtlich beſſern will; ſo verzeihet den auch Ihr. Gott giebt Euch eine ſchoͤne Gelegenheit, den Dank, den Ihr Ihm ſchuldig ſeyd, ſogleich durch die That zu beweiſen— indem Ihr der tiefbetruͤb⸗ ten Thekla verzeiht, und ſie wieder zu Gnaden aufnehmet.“ „Ach, wie haben Thekla und ich uns uͤber die gluͤckliche Rettung des Kindes erfreut und mit Euch Freudenthraͤnen ver⸗ goſſen; wollet Ihr, die Gluͤcklichſte aus uns— denn was geht uͤber Mutterfreude!— gerade die ſeyn, die heute durch Un⸗ erbittlichkeit eine Ungluͤckliche macht? Koͤnntet Ihr, ehe noch die Freudenthraͤnen auf Euren Wangen vertrocknet ſind, der armen Thekla Thraͤnen des bitterſten Schmerzens auspreſſen — ohne dieſe Thraͤnen wieder mit milder Hand abzutrocknen? Nein, das koͤnnet Ihr nicht, edle Frau!“ Was uͤbrigens mich betrifft, ſo nehme ich die mir ange⸗ botene Stelle nicht an. Ich wuͤrde mich vor der Suͤnde fürchten, ein armes Dienſtmaͤdchen aus ihrer Stelle zu ver⸗ draͤngen, und mein Gluͤck auf fremdes Ungluͤck zu bauen.“ Die Frau ſah das vermeynte Koͤhlermaͤdchen mit großen Augen an.„In der That, ſagte ſie, ich weiß nicht, ſoll ich deinen Heldenmuth oder deine edelmuͤthige Geſinnungen mehr bewundern! Wer koͤnnte einer ſolchen Fuͤrbitterin widerſtehen? Thekla ſoll ihre Stelle nicht verlieren— aber du mußt den⸗ noch bei mir bleiben. Ich laſſe dich nicht mehr von mir— wunderbares Maͤdchen!— haͤtte ich bald geſagt. Dich ganz zu belohnen— ſehe ich mich jetzt außer Stande, da mein Gemahl weit entfernt iſt, und ich gleich einer armen Gefangenen in dieſes Schloß eingeſperrt bin. Ich hoffe aber, es ſoll bald der Tag anbrechen, da mein Gemahl aus dem Felde zuruͤckkommen und dich dann herrlich belohnen wird. Indeß gieb deinen Dienſt bei der Thorwaͤrterin auf und ſey meine Tochter, mei⸗ ne Geſellſchafterin, meine Freundin. Ich laſſe dich neu klei⸗ den; du biſt zu etwas Beſſerem geboren, als zu dem Stande der Dienſtbarkeit.“ RNoſa wurde von dem Betragen der ſanſten, freundlichen Frau, die ihr ſo unbeſchreiblich liebreich begegnete, und auch 86 der reuigen Thekla ſo großmuͤthig verzieh, innig geruͤhrt. Sie fuͤhlte eine aufrichtige Hochachtung gegen die Frau, und waͤre in dieſer Hinſicht gern bei ihr geblieben. Allein ſie gedachte ihres Vaters, zu dem ſie dann nicht mehr ſo oft haͤtte kom⸗ men koͤnnen, und den man dann fremden Haͤnden uͤbergeben haͤtte. Das Geheimniß, daß ſie Edelberts Tochter ſey, zu entdecken, trug ſie Bedenken. Sie wollte zuvor ihren Vater um Rath fragen. Sie ſagte daher:„Verzeiht mir, daß ich auch dieſes Anerbieten nicht annehmen kann. Ich erkenne Eure Guͤte mit Dank. Allein eines Cheiles iſt es beſſer, daß wir, wenn uns mit Gottes Hülfe je etwas Gutes auf Erden gelungen iſt, keinen Dank annehmen; wir haben ihn dann im Himmel zu erwarten. Und andern Cheils bin ich in mei⸗ nem Dienſte ſo zufrieden und vergnuͤgt, daß ich mich gar nach keiner andern Stelle ſehne. Der Stand adelt den Men⸗ ſchen ja nicht, ſondern die Art, wie er die Pflichten ſeines Standes erfuͤllt und die Beſchwerden deſſelben ertraͤgt. Ich habe als Dienſtmaͤdchen des Kerkermeiſters Gelegenheit, den Gefangenen manche kleine Wohlthat zu erweiſen. Ich bin gluͤcklichz; macht mich durch Eure Guͤte nicht ungluͤcklich“ „Sonderbares Kind! ſagte die Frau, ich begreife dich nicht. Deine Reden von deinem Gluͤcke in deiner dunkeln Thorſtube, und von dem Ungluͤcke hier bei mir kommen mir ſeltſam vor. Iſt denn gar nichts in meiner Macht, womit ich dir dienen kann? Verlange was du willſt— und ich ver⸗ ſpreche es dir bei meiner Ehre, es ſoll dir— wenn es an⸗ ders moͤglich iſt— gewaͤhrt ſeyn!“ „Nun denn, ſagte Roſa, ſo nehme ich Euch beim Worte. Gebt mir, ſo lange ich es nothwendig ſinden werde, Bedenk⸗ zeit, um was ich euch bitten ſolle. Ich denke, die Zeit wird nicht ausbleiben, da Ihr mir zu einem großen Gluͤcke ver⸗ helfen koͤnnet. Indeſſen laßt mich in meiner gluͤcklichen Dun⸗ kelheit. Doch— verzeiht, daß ich jetzt gehe; ich darf das kranke Kind der Thorwaͤrterin nicht laͤnger allein laſſen.“ Sie gieng eilends zur Thuͤre hinaus. ſpaͤt in der Nacht, wenn alles bereits in tiefem Schlafe. liege, den feindlichen Rittersmann im Gefaͤngniſſe beſuche nßerſt bedenklich und gefaͤhrlich, ſagte er; das Maͤdchen annte ein großes unglück uͤber uns bringen, wenn ſie dem Nitter hülfreiche Hand boͤte, zu entrinnen; und an Muth * 37 Sechszehntes Kapitel. Roſa's adeliche Abkunft wird entdeckt. Die Frau— Hildegard von Fichtenburg war ihr Name— zeichnete ſich durch ihr edles Herz eben ſo ſehr aus, als durch ihren Verſtand. Sie wußte Roſa's Edelſinn zu ſchaͤzen; ſie fuͤhlte das innigſte Wohlwollen gegen ſie, und wuͤnſchte ſie gluͤcklich zu ſehen; allein ſie konnte aus ihrem Betragen nicht klug werden. Sie glaubte, nicht ohne Grund, in ihrem gan⸗ zen Weſen etwas Geheimnißvolles zu finden. Sie ſtuͤtzte den Kopf auf die Hand und ſann daruͤber nach. „Wie kam dieſes arme Koͤhlermaͤdchen zu dieſen Geſin⸗ nungen, ſagte ſie, und zu der Art, ſie auszudruͤcken? Wo nimmt ſie dieſen Anſtand her, mit dem ſie in das Zimmer trat und mit dem ſie ſich durchgehends benahm? Sie war ſo wenig verlegen, mit mir zu reden— als waͤre ſie von jeher mit dem Adel umgegangen, als haͤtte ſie die ſorgfaͤltigſte Er⸗ ziehung genoſſen! In der That, dieſes alles befremdet mich faſt noch mehr, als ich ihren Heldenmuth, ihre Beſonnenheit und ihre Geiſtesgegenwart bewundern muß.— Und was kann wohl die Urſache ſeyn, daß ſie nicht beſtaͤndig um mich ſeyn mag, da ſie es bei mir doch viel beſſer haͤtte? Es muß etwas dahinter ſtecken. Sollte ſie unerlaubte Wege gehen? Sollte es ein Geheimniß ſeyn, uͤber deſſen Entdeckung ſie erroͤthen muͤßte? Ich glaube nicht. Indeß muß ich ſie naͤher beobachten.“ Sie gab vorerſt dem alten Burgvogte den Auftrag, auf alle Tritt und Schritte derſelben wohl Acht zu haben. Der Mann that es, und hatte nichts als lauter lobenswuͤrdige Dinge zu berichten. Eines Morgens aber brachte der dienſt⸗ fertige Mann mit brennendem Kopfe die Nachricht, daß Roſa und Stundenlang bei ihm verweile.„Die Sache daͤuchtsmir 88 dazu fehlt es dem kuͤhnen Maͤdchen nicht. Indeſſen weiß ich noch nicht, was ſie mit einander auszumachen haben. Ich horchte an der Kerkerthuͦ üre aus Leibeskraͤften; ich hoͤrte aber nichts, als ein unverſtaͤndiges Gemurmel.“ Dieß kam nun eben nicht daher, weil Edelbert und Roſa beſonders heimlich redeten, ſondern weil der alte Mann beinahe taub war. Die Frau von Fichtenburg erſtaunte nicht wenig.„Edel⸗ bert, ſagte ſie, iſt unſer aͤrgſter Feind, unſer Todfeind. Dieß unt mir mein Gemahl oͤfters betheuert, wenn ich ihn vat, den armen Ritter nicht ſo zu guaͤlen. Ja, mein Kune⸗ rich wußte mir von dieſem Edelbert ſo viel Nachtheiliges zu erzaͤhlen, daß ich nicht daran zweifeln kann, Edelbert ſey doͤchſt feindſelig gegen uns geſinnt. Daß dieſes fremde Maͤd⸗ chen mit unſerm aͤrgſten Feinde in ſolcher Vertraulichkeit ſteht, gefaͤllt mir nicht. Ich will einmal ſelbſt hoͤren.“ Sie befahl dem Burgvogte, wohl Acht zu haben, wenn Roſa den Ritter wieder beſuchen wuͤrde— und ihr ſogleich Rachricht davon zu geben; ſonſt aber Niemanden in der Burg etwas zu ſagen. Indeß ſah ſie Roſa faſt taͤglich, be⸗ handelte ſie mit ausnehmender Guͤte, und machte ihr allerlei kleine Geſchenke. 3 Einige Tage nachher kam der Burgvogt zu Nacht und ſagte:„Jetzt, gnaͤdige Frau!“ Sie warf ſogleich einen ſchwar⸗ zen ſeidenen Mantel um und eilte an die Thuͤre des Gefaͤng⸗ niſſes. Es iſt wohl kein lobenswerthes Geſchaͤft, das ich da treibe, ſprach ſie bei ſich ſelbſt. Horchen iſt etwas Schlechtes und Niedriges. Indeß thue ich es ja nur, weil ich um das Wohl des armen Maͤdchens aufrichtig beſorgt bin— und dann auch das Wohl der Meinigen nicht aus den Augen verlieren darf. Die Thuͤre war nur angelehnt, und in dem Gefängniſſe brannte ein Licht. Sie konnte jedes Wort ver⸗ nehmen, das geredet wurde. Sie höͤrte alſo zu, was Edel⸗ bert und Roſa mit einander ſprachen. „Die Pürſiche ſind vortrefflich, ſagte der gefangene Ritter; ſie ſind von eben der Art, wie ſie der Baum traͤgt, n in unſerem Schloßgarten an dem Thurme aufgezogen iſt. E waren mir immer die liebſte Frucht. Lublic i das w ven iſt das ſanfte, wie hingehauchte Roth, angenehm und kraͤf⸗ tig iſt ihr Geruch, und ſaftreich und fein iſt der Geſchmack.“ „Ach mein Gott! ſagte Roſa, mir kommen die Thraͤnen in die Augen, indem ich dieſe Pfirſiche anſehe! Wenn ich nur wieder einmal ſolche liebliche Fruͤchte von jedem Baume in unſerem Garten pfluͤcken, und ſie dir, lieber Vater, wie in den vergangenen Zeiten, in einem reinlichen, zierlich mit Reb⸗ laube ausgelegten Koͤrbchen auf dein Zimmer bringen koͤnnte!“ „Danke Gott, liebe Tochter, daß du mir dieſe bringen kannſt! ſprach Edelbert.— Kaum zehn Pfrſiche trug dieſes Jahr der Baum, ſagteſt du, und drei davon gab dir die edle Frau? Sie iſt ſehr— ſehr guͤtig gegen dich.“ „Darum meyne ich ich immer, ſagte Roſa, ich ſoll ihr einmal ſagen, daß ich deine Tochter bin. In ihrer Bruſt iſt das Geheimniß, denke ich, gut bewahrt, und ſie konnte es von Ritter Kunerich am beſten herausbitten, daß er dir Freiheit ſchenke.“ 4 „Das denke ich nicht! ſprach Edelbert. Du haſt gar keine Vorſtellung davon, wie er mich haßt. Der Sinn dieſer holden Frau mag wohl ſanſt und mild ſeyn, wie dieſe zarte weiche Pfirſiche hier; aber Kunerichs Sinn iſt hart, wie der Pfirſich⸗ ſtein. Du wuͤrdeſt dir eher die Zaͤhne ausbeißen, als ihn brechen.“ „Aber ich denke doch, ſagte Roſa, wenn Kunerich hoͤrt, daß deine Tochter mit Gottes Huͤlfe ſeinem Sohne das Leben rettete, ſo werde er dich nicht in dieſem Gefaͤngniſſe ſterben laſſen. Wenn ich mich ihm zu Fuͤſſen werfe und ihn birte-e o gewiß, er wird mich erhoͤren!“ „O glaube das nicht ſo leicht! ſprach Edelbert. Ich kenne ihn zu gut. Wenn er auch deine Chat ſchoͤn findet, weil ſie ihm nuͤtzt; wenn er ſogar darauf denkt, ſich dir dankbar zu bezeigen, ſo wird er ſich doch nicht entſchließen koͤnnen, ſeinen Haß gegen mich aufzugeben. Dieſer iſt zu tief gewurzelt. Eher wuͤrdeſt du einen Eichbaum mit den Wurzeln ausheben.“ „„Aber, lieber Vater, ſagte Roſa, wenn man ihn davon überzeugen koͤnnte, daß du, den er um alles brachte, ihn den⸗ noch liebeſt und ſegneſt, und ihm gern Gutes erzeigen wuͤrdeſt; daß du mich ihn und die Seinigen alle lieben, ſegnen und ihnen 90 Gutes thun lehrteſt; daß ich, ohne die vorhergehenden vaͤterli⸗ chen Ermahnungen, auf das Kindergeſchrei am Brunnen viel⸗ leicht nicht ſo ſchnell herbei geeilt waͤre, und ſeinen Sohn wohl nicht gerettet haͤtte; daß alſo du die erſte Urſache dieſer Rettung biſt— muͤßte das nicht ſeinen harten Sinn aufthauen, wie die laue Fruͤhlingsluft die Eisſchollen? Sollte es denn gar nicht moͤglich ſeyn, ihn zu beſaͤnftigen?“ „Moͤglich, ſagte Edelbert langſam, iſt es vielleicht; aber mir iſt es gar nicht wahrſcheinlich. Indeß iſt fuͤr jetzt nichts zu machen; bis er kommt, muß ich im Gefaͤngniſſe bleiben. Wenn die Frau mich auch entließe— ohne ſeine Einwilligung nnoͤchte ichs nicht annehmnen. Sie koͤnnte es theuer luͤſſen muͤſ⸗ ſn. Ja wenn ſie mich nur frei im Schloſſe herumgehen ließe, ſo koͤnnte der argwoͤhniſche, feindſelige Mann tauſend boͤſe Dinge daraus folgern. Du ſchweigſt alſo, Roſa, und ich bleide in Gottes Namen bis auf weiteres gefangen. Ich will der edel⸗ müthigen Frau keine Leiden zuziehen. Gott wird am Ende alles recht machen. Doch— dieſe Reden machen uns beide weichherzig. Darum genug fuͤr heute.“ Edelbert und Roſa ſtengen ein anderes Geſpraͤch an. Die Frau hatte aber genug gehoͤrt; ſie eilte zuruͤck auf ihr Zimmer. Sie konnte die ganze Nacht nicht ſchlafen; Erſtau⸗ nen, Bewunderung, Schmerz wechſelten ſtets in ihrem H erzen „Dieſes dermeintliche arme Koͤhlermaͤdchen, dachte ſie, iſt alſo ein adeliches Fraͤulein! Sie hat, um ihrem Vater nahe zu ſeyn, dieſe ſchlechte Kleidung gewaͤhlt und einen ſo harten Dienſt uͤbernommen. Sie hat die Baumfruͤchte und aͤhnliche Geſchen⸗ ke, die ich ihr gab, ſich an dem Munde erſpart und ihrem Vater gebracht. Aus Liebe zu ihm ſchlug ſie das Gluͤck aus, das ich ihr anbot, und wollte lieber alles Elend ihrer gegen⸗ waͤrtigen Lage ertragen. Welch ein Herz hat dieſes Kind! O wie gluͤcklich waͤre ihre Mutter wenn ſie noch lebte!— Und die⸗ ſes Maͤdchen, ſie, die Tochter eines Vaters den wir in Ketten und Banden halten, rettete meinem Sohne das Leben! Und dieſer Vater lehrte ſeine Tochter ſo denken, und handeln! Wel⸗ 8 che Geſinnungen von Edelmuth muͤſſen ſein Herz erfuͤllen!“ Sie brach in Thraͤnen aus.„Nein, ſagte ſie, er ſoll frei A 91 werden, der gute der edle Mann! Er ſoll ſeine Burg und ſeine Guͤter wieder zuruͤck erhalten! Der vortreffliche Vater und die gute Tochter ſollen ſo gluͤcklich ſeyn, als ſie es verdienen. O daß es in meiner Macht ſtuͤnde, ihn ſogleich aus ſeiner Gefan⸗ genſchaft zu befreien und ihm all das Seinige zuruͤck zu geben⸗ Noch dieſe Nacht ſollte er ſeinen traurigen Aufenthalt im Kerker verlaſſen, und morgenden Tages ſeinen Einzug in Dannenburg halten. Allein dieſes iſt unmoͤglich; Der alte taube Burgvogt hier, der da immer behauptet, die Frauen haͤtten in Staats⸗ und Kriegsſachen keine Stimme, wuͤrde fuͤr meine Befehle dop⸗ pelt taub ſeyn. Er wuͤrde Edebert weder im Kerker, noch aus der Burg entlaſſen. Unſer Burgvogt zu Tannenburg wuͤrde ihn eben ſo wenig aufnehmen. Mein Gemahl aber, wenn er auch nur hoͤrte, daß ich ſo etwas verlangt haͤtte, wuͤrde es mir in ſeinem Leben nicht verzeihen. Doch, wo die Frauen zu ſchwach ſind, ſelbſt zu helfen, vermoͤgen ſie oft noch durch ihre Fuͤrbitten Huͤlfe zu verſchaffen. Ich will, ſobald mein Ge⸗ mahl aus dem Felde zuruͤck kommt, einmal verſuchen, was Bitten und TChraͤnen uͤber ihn vermoͤgen. Gott gebe dazu ſei⸗ nen Segen!“ „Wie benehme ich mich aber indeſſen gegen Fraͤulein Roſa? dachte ſie wieder. Soll ich ihr ſagen, daß ich ſie kenne? Soll ich— da die Fehde zwiſchen meinem Gemahl und ihrem Vater auf ſie keinen Bezug haben kann— ſie ganz ihrem Stande gettuͤß behandeln, ſie als ein adeliches Fraͤulein kleiden, ihr ein Zim⸗ mer im Schloſſe einraͤumen, ſie an meinen Tiſch nehmen? Wel⸗ ches Aufſehen wuͤrde das in der ganzen Burg machen? Der alte ſtarrſinnige Burgvogt wuͤrde, unter ſtützt von ſeinen alten Kriegs⸗ genoſſen, es nimmermehr geſtatten, daß Noſa auch nur ein Wort mit ihrem Vater ſpraͤche. Er wurde ihn aufs ſtrengſte bewachen laſſen; an eine mildere Haft waͤre nicht zu gedenken. Ich haͤtte ſo den Jammer des guten Frauleins nur vergroͤßert. Nein, nein, kein Menſch in der Burg darf fur jetzt noch erfah⸗ ren, daß Roſa Edelberts Tochter ſey. Ihr ſelbſt will ich nicht einmal ſagen, daß ich davon wiſe. Denn was koͤnnte ſie, was koͤnnte ihr Vater dadurch gemennen? Und in welche Ver kegenheiten, würde ich mich verwickeln? Es iſt das Beſte, ich 3 4 thue der edlen Fraͤulein, und durch ſie ihrem Vater, ohne Auf⸗ ſehen zu erregen, im Stillen ſo viel Gutes als ich kann— und üͤberlaſſe die Enthuͤllung des Geheimniſſes einem gluͤcklichern Augenblieke, der nicht mehr ferne ſeyn kann. Siebenzehntes Kapitel. Roſa bittet um Befreiung ihres Vaters. ee Frau von Fichtenburg ließ am folgenden Morgen Roſa rufen, und begegnete ihr mit noch groͤßerer Guͤte, als zuvor⸗ „ Ich weiß, ſprach ſie zu ihr, daß du mit dem guten Ritter“ er in unſerer Burg gefangen ſitzt, großes Mitleiden haſt und ihm manches Gute erweiſeſt. Dieß gefaͤllt mir ſehr wohl, und ich lobe dich darum. Allein du mein gutes Kind, haſt ja ſelbſt nichts. Ich will kuͤnftig deine Wohlthaͤtigkeit aus meiner Kuͤ⸗ che und meinem Keller unterſtuͤtzen. Von nun an holeſt du Speiſe und Srank fuͤr den Ritter bei mir.“ Sie gab der erfreu⸗ ten Roſa fuͤr Edelbert taͤglich die auserleſenſten Speiſen von ihrem eigenen Tiſche, und den beſten Wein beſſer, als ſie ſelbſt ihn trank. Sie richtete es ſo ein, daß der Burgvogt nichts da⸗ von erfuhr, und wußte den alten Mann uͤber den Argwohn, den er gegen Roſa gefaßt hatte, vollkommen zu beruhigen. Sie kam taͤglich mit ihren Kindern in die Thorſtube herab um— wie ſie ſagte— die Erretterin ihres Sohnes zu beſuchen, und brach⸗ te es durch die Auszeichnung, mit der ſie Roſa behandelte, und durch das Anſehen, das ſie uͤber die Thorwaͤrterin hatte, dahin, daß Roſa's ſchwerer Dienſt um gar vieles erleichtert wur⸗ Thorwaͤrterin mitbringen— eine Gnade, auf die ſich die Thor⸗ waͤrterin nicht wenig einbildete und ſich gluͤcklich ſchaͤtzte, ein Dienſtmaͤdcheu zu haben, das bei der gnaͤdigen Herrſchaft ſich ſo zu empfehlen gewußt. 8 Kunde Lit⸗ er ſey wieder hergeſtellt, und werde bald zu⸗ de. Roſa mußte in ihren freien Stunden die gnaͤdige Frau in in deren Zimmer beſuchen, und durfte auch die Kinder der Indeſſen wartete die Frau von Fichtenburg mit doppelter Sehnſucht auf die Zuruͤckkunft ihres Gemahls. Haͤtte er nicht ½ 6 nichts; denn ſie wagte ihr Le 93 rückkommen— ſie haͤtte es gewagt, zu ihm in das Kriegslager zu reiſen. Endlich kam Ritter Kunerich mit den zwei Rittern und dem groͤßten Theile der Kriegsleute, die mit ihm zu Felde gezogen waren, nach Fichtenburg zuruͤck. Nilter und Gemei⸗ ne hatten ihre Helme und S pieße mit gruͤnem Eichenlaube ge⸗ ſchmuͤckt, und zogen mit großer Pracht und unter dem Schalle der Drompeten zum Burgthore herein. Kunerich ſprang vom Pferde— begruͤßte ſeine Gemahlin und ſeine Kinder, die im Schloßhofe ſtanden, mit großer Freude, und gieng mit ihnen, den Rittern und Edelknechten und den tapferſten Kriegern, in den großen Ritterſaal. Nachdem der laute Jubel der erſten Begruͤßungen vorbei war, und Ritter Kunerich an fel⸗ nem Sohne, der ein ſehr ſchoͤner bluͤhender Kn noch immer nicht ſatt ſehen konnte, erzaͤhlte die Vater die Geſchichte, wie der Kleine in den Brunnen Küͤrzte und Roſa ihn rettete. Sie erzaͤhlte ausfuͤhrlich, und beſchrieb alles nach dem Leben. Dem Ritter ſchauderte.„Alſp, rief er, waͤreſt du bald ertrunken und ich haͤtte dich bald nicht mehr geſehen, lieber Eberhard! Welch ein namenloſer Jam⸗ mer waͤre dieſes fuͤr mich und deine Mutter geweſen! Das Blut in den Adern moͤchte mir gerinnen, wenn ich nur dar⸗ an denke. O Knabe, werde vorſichtiger!“ 3 4 Die Mutter brachte das Gewand, das der Knabe damals anhatte, und das ſie zum Andenken an die Geſchichte auf⸗ bewahrte. Sie zeigte dem Vater den Riß, den der eiſerne Hacken gemacht hatte. Kunerich betrachtete den Riß ſehr auf⸗ merkſam und ſprach mit Entſetzen:„Es war die hoͤchſte Zeit, daß Huͤlfe kam; nur noch einige Faͤden haͤtten brechen duͤr⸗ fen— und Eberhard waͤre verloren geweſen. Das aume Dienſtmaͤdchen hat uns einen ſehr großen Dienſt erwieſen. Ja, beim Himmel! das war ſchoͤn und edel von ihr; das war ſehr viel von einem Maͤdchen! Es war eine Heldenthat. Die ſchnelle Entſchloſſenheit und der Muth des Maͤdchens ge⸗ fallen mir noch ganz beſonders. Haſt du ſie auch dafur belohnt.“ „Das, ſagte ſeine Gemahlin, uͤberließ ich dir. Alles, waz ich ihr haͤtte gaͤben kaͤnnen, ſchien mir zu geringe— ja ar ben daran; Mir vergiegg en faſt abe war, ſich 4 Mutter dem die Sinne, als ich ſie ſo in dem Eimer uͤber dem Abgrunde ſchweben ſah! So etwas laͤßt ſich nicht mit einigen Goldſtuͤcken bezahlen. Ich verwies ſie auf eine Belohnung von dir. Ich hoffe, du werdeſt mich nicht beſchaͤmen!“ Der Nitter war ſo geruͤhrt, wie noch nie in ſeinem Leben. Der ungeſtuͤmme Mann wollte das Maͤdchen auf der Stelle ſehen. Roſa ward gerufen. Mit beſcheidenem Anſtande trat ſie herein in den Saal. Der Ritter gruͤßte ſie mit dem lauten freudigen Zurufe:„Willkommen, junge Heldin! Willkommen du Reiterin meines Sohnes! Doch ſieh, ſo viel ich mich erin⸗ nere, kennen wir uns ja ſchon. Ja, ja, ich habe dich einmal in der Thorſtube geſehen. Allein damals haͤtte ich es dir nicht angemerkt, daß ein ſolcher Muth in dir ſtecke. Nun, ich bin dir großen Dank ſchuldig; denn ohne dich waͤre ich ein ungluͤck⸗ licher Vater. Der heutige frohe Tag waͤre fuͤr mich ein Tag der tiefſten Trauer. Verlange was du willſt, und du ſollſt es haben.“ Jaxrief er, der nie gelernt hatte, ſeine Empfindungen zu maͤßigen, im Uebermaaße ſeiner Vaterfreude laut aus:„Ich ſchwoͤre es dir auf Ritterehre, verlangteſt du auch eines meiner zwei Schloͤſ⸗ ſer— Fichtenburg oder Tannenburg-— ich wuͤrde es dir abtreten.“ Roſa ſagte ruhig und mit jungfraͤulicher Beſcheidenheit: „Ihr habt ein großes Wort geſprochen, Herr Ritter, und dieſe zwei edlen Ritter hier haben es vernommen. Ich koͤnnte Euch un eine große Gnade bitten, und Ihr durftet ſie mir nicht ah⸗ ſchlagen. Allein ich verlange keine Gnade, nur um Recht flehe ich Euch an! Gebt mir, gebt meinem Vater zuruͤck, was Ihr uns genommen habt!“ „Wie? Was? Wie war das! ſagte Kunerich betroffen. Sch ſollte euch beraubt und bepündert haben? Wer biſt du? Wer iſt dein Vater? „Ich bin Roßt von Tannen nburg, ſprach ſie; Edelbert iſt mein Vater! Entlaßt ihn aus dem Gefaͤngniſſe, und geht ihm ſeine Guͤter wieder zuruͤckk. Die zwei fremden Ritter und alle Edelknechte und Krieger. die ſich im Saale befanden, waren Ein Erſtaunen. Ritter Ku⸗ nerich aber trat einen Schritt zuruͤck und ſtand wie verſteinert. So ief und maͤchtig ihn die edle That der Tochter geruͤhrt hatte, 4 7 * /* 4 9 ſo wild und heftig empoͤrte ſich ſein alter, vieljaͤhriger Groll gegen den Vater. In ſeinem Herzen erhob ſich ein fuͤrchterli⸗ cher Streit der widerſprechendſten Empfindungen. Er ward blaß wie die Wand, blickte mit ſeinen ſchwarzen Augen wild um ſich und murmelte zwiſchen den Zaͤhnen:„Eines von mei⸗ nen beiden Schloͤſſern wollte ich darum geben, wenn mir je⸗ mand anders den Dienſt erwieſen haͤtte, als die Tochter dieſes Mannes. Alle im Saale erſchracken uͤber dieſe ploͤtzliche Veraͤnderung des Ritters, und ſahen einander ſtillſchweigend und mit verle⸗ genen Blicken an. Kunerichs Gemahlin aber ſprach mit ſanfter Stimme:„Ich weiß es erſt ſeit einigen Tagen, daß dieſes aͤrmlich gekleidere Maͤdchen hier Edelberts Tochter iſt. Aus kindlicher Liebe zut ihrem Vater— um ihn im Gefaͤngniſſe beſuchen zu koͤnnen— ihn in ſeiner traurigen Einſamkeit zu troͤſten— ihn zu be⸗ dienen und den Biſſen von ihrem Munde mit ihm, dem geliebten Vater, zu theilen, kam ſie in dieſem ſchlechten Anzuge in unſere Burg, trat in die Dienſte des Kerkermeiſters und er⸗ trug alle Launen der Kerkermeiſterin, bei der das amſte Maͤd⸗ chen im Lande nicht aushalten mochte, mit himmliſcher Geduld. Sie unterzog ſich den haͤrteſten Arbeiten, die ihr noch zehn⸗ mal haͤrter, als andern Maͤgden, vorkommen mußten. Mir zerriß es das Herz, wenn ich von meinem Fenſter aus ſah⸗ wie ſie— ein Fraͤulein, die mit uns ebenbuͤrtig iſt— den ſchwe⸗ ren Waſferkuͤbel auf ihrem Haupte trug, oder wenn ich ſie, gleich der geringſten Magd, bei dem Beſen erblickte, wie ſie den Schloßhof kehrte. Ich ließ es mir nicht merken, daß mir ihr Stand und ihr Rang bekannt ſey. Ich getraute mir nicht, ohne deine Genehmigung in der Sache etwas Entſcheidendes zu thun. Mit Schmerzen wartete ich auf deine Zuruͤckkunft. Aber nun, liebſter Kunerich, laß die Güte und die Menſch⸗ lichkeit walten. Wenn Fraͤulein Roſa deinen Sohn auch nicht vom Tode errettet haͤtte— iyre kindliche Liebe zu ihrem Vater allein ſchon ſollte dich bewegen, dich mit dem Vater einer ſolchen Tochter auszuſoͤhnen.“ 4 „Bei meinem Schwerte! rief jetzt Siegehert, einer der zes 8 95 fremden Ritter, was das Fraͤulein an ihrem Vater gethan hat, iſt noch unendlich mehr, als was ſie fuͤr den Knaben wag⸗ te. Die Rettung des Knaben war ein kuͤhner Augenblick, de⸗ ren auch minder edle Gemuͤther zu Zeiten haben. Die langen, ſchweren Leiden aber, die das Fraͤulein fuͤr ihren Vater mit „wundrungswuͤrdiger Standhaftigkeit ertrug, zeugen von ei⸗ ner großen Seele. Ein ſolches kindliches Gemüͤth voll Liebe iſt ein wahrer Edelſtein. An deiner Stelle, Kunerich, wuͤrde ich mich nicht lange bedenken, was ich zu thun haͤtte.“ „Kunerich, ſagte Theobald, der andere Ritter, wenn Edel⸗ bert feindlich gegen dich geſinnt waͤre, ſo haͤtte er dir wohl genug ſchaden koͤnnen. Hilf Himmel! waͤhrend du im Felde dich mit auswaͤrtigen Feinden herumſchlugſt, war derjenige, den du fuͤr deinen ſchlimmſten Feind hielteſt, mitten in deiner Burg— und ſeine Tochter hatte die Schluͤſſel zu ſeinem Ge⸗ faͤngniſſe. Neun unter zehn haͤtten die Gelegenheit benutzt, haͤtten die Burg zu Nacht in Brand geſteckt und ſich waͤhrend des Tumultes aus dem Staube gemacht. Kunerich⸗ Kunerich, du haſt wahrlich keine Urſache, dem wackern Edelbert feind zu ſeyn.“ Kunerich ſtand mit ſtarren Blicken wie ſtumm da. Er ath⸗ mete ſchwer auf und rieb ſich die gluͤhende Stirne. Es war, als habe er von allem, was ſeine Gemahlin und die zwei Ritter ſagten, nichts gehoͤrt. Aller Augen waren voll banger Erwar⸗ tung auf ihn gerichtet, Roſa blickte ſeufzend zum Himmel⸗ Es herrſchte eine ſchauerliche Stille in dem Saale. Da trat ſeine Gemahlin naͤher zu ihm und ſprach mit großer Ruͤhrung:„Liebſter Kunerich! nur eines will ich dir noch ſagen! O hoͤre mich guͤtig an!“ „ Kunerich, du glaubſt, Edelbert ſey dein grimmigſter Feind! Aber darin haſt du dich bisher geirrt. Ach, wenn er ſo ge⸗ gen dich geſinnt waͤre, wie es dir vorkam, wie koͤnnte ich⸗ deine treue Gemaylin, dich bitten, ihn ſeiner Haft zu emlaſ⸗ ſen? Ich muͤßte dir vielmehr rathen, ihn in dem Gefaͤngniſſe noch ſorgfaͤltiger bewahren zu laſfen. Aber es iſt noch ſo, wie es dir bisher geſchienen hat; davon will 49 dich jetzt über⸗ zeuigen.“ 2* Sieh⸗ — „Sieh, ich war es einzig und allein, die es entdeckte, daß Roſa Edelberts Tochter ſey. Bis auf den Augenblick, da ſie es dir ſelbſt bekannte, wußte kein Menſch in der ganzen Burg etwas davon, als ich allein. Deine Leute, denen du die g anvertrauteſt, ahneten es nicht einmal— ſo wenig, als du ſelbſt es ahnen konnteſt. Ohne mich waͤre Niemand, ſelbſt dein getreuer Burgvogt nicht, darauf gekommen, daß RNoſa in den naͤchtlichen Stunden den gefangenen Ritter be⸗ ſuche. Ich wollte wiſſen, was dieſe Beſuche fur eine Ahſicht haͤtten. Ich ließ mich— o nicht ohne Erroͤthen kann ich es vor dir und dieſen werthen Rittern und Edelknechten hier V bekennen— ſo weit herab, in ſpaͤter Nacht, da Vater und t Tochter im Gefangniſſe mit einander ſprachen, an der Thuͤre zu horchen. Mehr um dich und deine Burg beſorgt, als um mich, that ich dieſen Schritt, den ich ſelbſt tadeln muß. So weit gieng meine Sorgfalt fuͤr dich! Ich wollte mit eige⸗ nen Ohren hoͤren, ob kein Anſchlag gegen dich im Werke ſey. Vater und Tochter dachten nicht daran, und konnten nicht daran denken, daß ich jedes ihrer Worte vernaͤhme⸗ Aber, o Gott, was mußte ich da hoͤren! Wie beſchaͤmt ſtand ich da! Wie gut ſind dieſe Menſchen, wie gut! Der arme gefangene Edelbert weiß nichts von Haß und Nachgierde gegen dich. Er billigte nicht nur die That ſeiner Tochter; er hat ſie vielmehr dazu ermuntert. Er war es, der ſie vaͤterlich ermahnte, uns zu lieben, und uns, ſo viel in ihren Kraͤften ſtehe, Gutes zu erweiſen. Ohne dieſe treuherzigen Ermahnungen ihres Vaters haͤtte Roſa deinen Sohn wohl ſchwerlich gerettet. Ihm, dem guten Edelbert, haſt du dieſe Rettung zuerſt zu danken. Wie koͤnnte er nun dein Feind ſeyn? Ach, wie koͤnnteſt du noch ferner uͤber ihn zuͤrnen!“ „Doch— was ſtehſt du noch zweifelnd und unſchluͤſſig da?— Ach Kunerich! nein, du kannſt, du darfſt Fraͤulein Roſa nicht unerhoͤrt aus dieſem Saale ſcheiden laſfen!— O Gott, ruͤhre Du ſein Her;!“ Kunerich ſagte mit dumpfer, halblauter Stimme:„Roſa mnag die Tannenburg mit allem, was dazu gehoͤrt, zuruck nehmen; ich habhe Richts dagegen. Allein Edelbert muß blei⸗ 98 ben, wo er iſt! Dabei ſah er ſeine Gemahlin nicht ein⸗ mal an. Da wandte ſie ſich zu ihrem Sohne, und rief mit innigſt bewegtem Herzen und in heiſſe Thraͤnen ausbrechend:„O komm, Eberhard, bitte du deinen Vater fuͤr deine Retterin, daß er ihre Bitte nicht halb, ſondern ganz erhoͤre! Knie nieder und erhebe deine Haͤndchen zu ihm. Sieh, ich knie mit dir vor ihm! Ich will dir bitten helfen! Ich will dir jedes Mont vorſprechen; ſprich mir nach!“ Der holde Kleine ſah die Murter weinen und auch Roſa, die ihm faſt ſo lieb wie ſeine Mutter war, traurig und mit Thraͤnen in den Augen daſtehen— und ſieng ſelbſt an zu weinen. Die finſtere Miene ſeines Vaters ſchreckte ihn; er begriff ſehr wohl, daß viel daran gelegen ſey, den erzuͤrnten Vater zu beſaͤnftigen. Er kniete nieder, erhob zitternd die V kleinen Haͤnde, und ſprach mit Nachdruck und deutlicher, herzdurchdringender Stimme, wie die Mutter es ihm vorſagte: „Lieber Vater! ſey nicht hart! Beſinne dich nicht ſo„ lange, Roſa's Vater zu befreien! Roſa beſann ſich ja auch nicht, ihr Leben fuͤr mich zu wagen. Sieh, dieſes gute Fraͤulein, hat mich aus dem Brunnen gezogen; befreie nun auch du den Ritter Edelbert aus dem Kerker. Sie errettele mich von dem ſchauerlichen Tode im Waſſer; laß nun ihren Vater nicht den traurigen Tod im Gefaͤngniß ſterben. Sie ſchenkte dir, liebſter Vater, mich deinen Sohn, wieder; gieb nun auch ihr, der geliebten Tochter, ihren lieben Vater wie⸗ der zuruͤck! O blicke nicht ſeitwaͤrts, liebſter Vater! Ach! ſieh mich, deinen Sohn, doch nur an! Sieh, wenn Fraͤulein „NRoſa nicht geweſen waͤre, ſo haͤtteſt du mein Angeſicht und dieſe meine Augen, die mit Thraͤnen zu dir emporblicken, gar nicht mehr geſehen. Dieſe Haͤnde, die ich zu dir empor hebe, moderten jetzt im Grabe.“—— „Halt inne! Es iſt zu viel!“ rief jetzt Ritter Kun⸗ rich. Er bemüuͤhte ſich vergebens die Zaͤhren zuruͤck zu hal⸗ ten, die nach ſeiner Meynung einem Ritter nicht geziemten. Er ſprach, zu Roſa gewandt:„Euer Vater, Fraͤulein Roſa, iſt frei, und ſeine Burg gebe ich ihm mit aͤllen Guͤtern wie⸗ 99 der zuruͤck. Ich habe ihm Unrecht gethan. Ein Mann, der eine ſolche Tochter erzog, kann kein bö er ſeyn.“ „O Gottlob!“ rief jetzt die edle Hildegard und ſiel ihrem 1 Gemahl unter Thraͤnen um den Hals, und hieß den kleinen Eberhard die vaͤterliche Hand küſſen. Roſa war wie in Him⸗ mel. Die beiden Ritter verhehlten ihre Thraͤnen nicht, und boten Kunerich die ritterliche Rechte. 3 „Ihr ſeyd ein edler Mann, ſagte Ritter Thevbalb; von dieſer Stunde an halte ich noch einmal ſo viel auf Euch, als zuvor.“ „Ihr habt gehandelt, ſprach Siegebert, wie es einem bie⸗ dern Ritter geziemt. Gerecht ſeyn iſt mehr, als tapfer ſeyn; ſich ſelbſt uͤberwinden beſſer als die Feinde beſiegen.“ Die Edelknechte und die uͤbrigen Krieger, von denen mancher ſich eine Zaͤhre abwiſchte, murmelten freudig durch einander, ja ſie lobten den Ritter laut.„Das iſt ſchoͤn! Das iſt brav! Das iſt edel! ſagte bald der Eine bald der 1 Andere, und zuletzt riefen alle einmuͤthig und von ganzem 3 Herzen:„Es lebe Kunerich, Hildegard und der kleine Eber⸗ hard! Es lebe Edelbert und Noſa!“ —ꝗn— Achtzehntes Kapitel. Roſa kuͤndigt ihrem Vater ſeine Be⸗, freiung an.„* Ritter Kunerich war jetzt, da die edlern menſchlichen Ge⸗ fuͤhle in ſeinem Herzen die Oberhand gewonnen hatten, gleichſam in einen neuen Menſchen verwandelt. Das Be⸗ wußtſeyn, ſeine feindſelige Leidenſchaft beſiegt und der Stim⸗ me der Vernunft Gehoͤr gegeben zu haben, erfuͤllte ihn mit hohem, nie gefuͤhltem Vergnuͤgen; Ruhe und Friede kamen in ſeine erſt noch empoͤrte Bruſt, gleich der lieblichen Stille nach einem Gewitter. Sein Angeſicht hatte ſich aufgeheitert und Freude ſtrahlte aus ſeinen Augen. Sogar der kleine Eberhard bemerkte dieſe gluͤckliche Veraͤnderung.„Nun, lie ber Vater, ſagte er, ſiehſt du ſo freundlich aus, wie die * 7 —ÿ—— 100 Mutter und Fraͤulein Roſa. Jetzt kann ich dich erſt recht gern anſehen und dich recht lieb haben. Fraͤulein Roſa trat zu dem Ritter, und dankte ihm in ſehr rührenden Ausdrücken.„Nun, nun, mein werthes Fraͤulein, ſprach er, macht von der Sache nicht ſo viel Auf⸗ hebens. Ich verdiene weder Lob noch Dank! Ich muͤßte ja ein Unmenſch ſeyn, wenn ich anders handelte. Laßt es gut ſeyn, und kommt nun mit mir. Wir wollen zu Eurem Vater in das Gefaͤngniß. Ich halte es jetzt für Suͤnde, ihn nur einen Augenblick länger darin ſchmachten zu laſſen. Kommt! Euch hat er ſeine Befreiung zu danken; Ihr ſollet ſie ihm nun auch ankuͤndigen. Legt dann aber auch ein gutes Wort fuͤr mich ein, daß er mir das Unrecht, das ich ihm anthat, verzeihe!“ 3 Frau Hildegard winkte jetzt ihrem Gemahl, gieng mit ihm an ein Fenſter, und redete heimlich mit ihm. Er nickte ein paar Mal freundlich, und Hildegard ſprach hierauf zu Roſa:„Kommt erſt noch ein wenig mit mir, werthes Fraͤu⸗ lein!“ die edle Frau fuͤhrte Noſa in ein praͤchtiges Zimmer, in dem ſchon einige Zeit her Kleider und Koſtbarkeiten fuͤr den Augenblick bereit lagen, da Noſa wieder in ihren Stand wuͤrde eintreten koͤnnen. Roſa reinigte ihr Angeſicht von der braͤunlichen Farbe. Frau Hildegard brachte ihr die reichlichen Haare in kunſtloſe Locken und zog ihr ein koſtbares weißes Kleid an, mit ſte⸗ hendem Kragen von den allerfelnſten Spitzen. Roſa war jetzt unbeſchreiblich ſchoͤn. Ihr bluͤhendes Angeſicht uͤbertraf das liebliche Weiß und Roth der friſchen Apfelbluͤthe; ihre gerin⸗ gelten Locken floßen auf ihre Schultern; edel war ihr An⸗ ſtand und ihre ganze Geſtalt. Die Frau betrachtete ſie mit wohlgefaͤlligem Laͤcheln. Indeß ſchwieg ſie; ſie hielt es fuͤr unweiſe, ein Fraͤulein mit Lobſpruͤchen auf deren Schoͤnheit eitel zu machen.— Frau Hildegard brachte hierauf ein niedliches Kaͤſtchen von glaͤnzend ſchwarzem Ebenholze, das ſehr ſchoͤn mit Gold. verziert war.„Scht, liebes Fraͤulein, ſagte ſie, indem ſie das Kaͤſtchen oͤffnete das iſt der Schmuck Eurer ſeligen 4 4 ihn ſchoͤner ſchmuͤchen een Leib zieren kaͤnn.“ 101 der ihn fuͤr eine gute Beute hielt, hat ihn mir geſchenkt. Allein nie trug ich dieſen Schmuck; ich haͤtte es fuͤr eine Schmach gehalten, mich mit geraubten Koſtbarkeiten zu ſchmuͤcken. Der Schmuck war mir, als Euer Eigenthum, heilig, und immer habe ich mich nach dem Augenblicke geſehnt, ihn Euch wieder zuruͤck zu geben. Em⸗ pfangt ihn hiemit aus meinen Haͤnden. Es fehlt daran kein Edelſtein und keine einzige Perle.“ Roſa nahm den Schmuck mit aufrichtigem Danke. Sie betrachtete die ſchoͤnen Steine und Perlen; allein ſie zeigte keine ſolche Freude, als es Frau Hildegard von Roſa's Ju⸗ gend erwartete.„O meine ſelige Mutter! ſprach Roſa mit Thraͤnen in den Augen, wie lebhaft erinnern mich dieſe Steine an dich! Nur als ein Andenken von dir ſind ſie mir ſchaͤtzbar!“ „Ach ſeht, gnaͤdige Frau, ſagte ſie zu Hildegard, dieſer Ring mit Diamanten war der Brautring meiner guten Mut⸗ 3 ter; dieſe Perlenſchnuͤre erhielt ſie von der Herzogin zum Hochzeitgeſchenke; dieſe diamantenen Ohrengehaͤnge gab ihr mein Vater an dem Dage, da ich zur Welt kam. Ach Gott mir iſt es, als ſehe ich die geliebte Mutter mit dieſen Perlen und Steinen geſchmuͤckt jetzt vor mir ſtehen! Ach wie hin⸗ faͤllig ſind wir Menſchen! dieſe Perlen ſind noch da; dieſe Steine funkeln noch mit unveraͤndertem Glanze. Die Geſtalt der herrlichen Frau aber iſt jetzt Moder und Staub! Was waͤre der Menſch, das herrlichſte Geſchoͤpf Gottes auf Erden, wenn nichts in ihm waͤre, das laͤnger dauerte, als dieſe ſchimmernden Steine!“ Frau Hildegard fagte: Liebſt die in Euren Augen glaͤnzen, ſind mehr werth, als alle dieſe Perlen, und Eure edlen Geſinnungen ſind ſchäͤtzbarer, als dieſe Edelſteine. Ja, wenn auch Eure blühende Geſtalt wird in Staub zerfallen ſeyn, wenn die Macht der Zeit ſelbſt dieſe feſten Diamanten zerſtaͤubt haben wird, werden Eure edlen Geſinnungen noch die Zierde Enres edlen Geiſtes ſeyn, und. „als dieſer praͤchteze Schmuck jetzt Eu Mutter. Mein Mann, es Fraͤulein! dieſe CThraͤnen, Frau Hildegard ſchmuͤckte nun Roſa's Haar und Hals mit den ſanftglaͤnzenden Perlen, fuͤgte ihr die funkelnden Ohrenringe ein, und ſteckte ihr den praͤchtigen Diamantring an den Finger. Der Ring war aber zu weit. Roſa laͤchelte und ſagte:„Den Ning koͤnnten wir gar weg laſſen. Er ſchickt ſich ohnedieß nicht fuͤr meine Jugend; nur ein ver⸗ lobtes Fraͤulein darf einen Ring tragen.“ Allein Frau Hildegard ſagte:„Seht, der Ring, der fuͤr den Goldfinger zu groß iſt, iſt fuͤr Euren Zeigefinger vollkom⸗ men recht. An dieſem tragt ihn alſo! die Hand der Tochter, die ihrem Vater ſo viel Gutes that, verdient wohl, daß man ſie mit Edelſteinen ziere.“ Frau Hildegard begleitete nun Fraͤulein Roſa bis an die Kerkerthure. Roſa oͤffnete ſchnell die Thuͤre und rief im Hin⸗ eingehen:„O Gottlob, liebſter Vater, du biſt frei!“ Aber wie uͤberraſcht war Noſa! Ihr Vater ſtand da, wie ehemals an feſtlichen Tagen, in Rittertracht von ſchwarzem Sammet gekleidet, und mit der goldenen Kette und Denkmuͤnze geziert, und die zwei Ritter Siegebert und Theobald, ſtanden ihm zur Seite. Frau Hildegard hatte naͤmlich ihrem Gemahl vorhin heim⸗ lich geſagt, er ſolle, indeſſen ſie Roſa, einem Fraͤulein ge⸗ ziemend, ankleiden wolle, auch den Ritter Edelbert ritterlich kleiden laſſen; auch moͤchten Siegebert und Theobald den guten Edelbert, damit ihm die unvermuthete Freude nicht ſchade, etwas darauf vorbereiten— jedoch phne ihn merken zu laſſen, daß ſeine Befreiung ſo nahe ſey, um der edlen Tochter die Freude nicht zu verderben, ihrem Vater ſeine Befreiung zuerſt anzukuͤndigen. Die zwei Ritter hatten das Geſchaͤft mit Vergnuͤgen uͤbernommen; ja ſie ſelbſt hatten die Kleidung, die man ihm ehemals raubte, ihm uͤberbracht und anllei⸗ den helfen⸗ Edelbert umarmte ſeine Tochter mit großer Ruͤhrung. „O meine liebſte Roſa! ſprach er, mit Gottes Huͤlfe haſt du einen Sieg errungen, den ein ganzes Heer mit Schwerdt und Spietz nicht haͤtte erzwingen können. Gewalt der Waffen haͤtte nur Nitter Kunerichs Burg erſtuͤrmen und ihn nur 403 dem Leibe nach beſiegen koͤnnen; allein die ſanfte Macht deiner Liebe zu deinem Vater und zu allen Menſchen hat Kunerichs Herz erobert, und ihn aus einem Feinde in einen 4 Freund umgeſchaffen. Laß uns Gott danken! Gott hat alles wunderbur gefuͤgt. Er iſt es, der deine kindliche Liebe geſegnet und deine Bemuͤhungen mit dem gluͤcklichſten Erfolge gekri ont hat!“ Jetzt erſt achtete Edelbert darauf, wie reichlich Roſa mit Perlen und Edelſteinen geſchmuͤckt war.„Sieh, ſagte er, Gott hat nicht nur das, um was du Ihn ſo oft gebeten, erfuͤllt, und deinem Vater die Freiheit gegeben; Er hat auch den Schmuck deiner ſeligen Mutter, um den du wohl nie⸗ mals bateſt, dir wieder geſchenkt. Ich habe oft mit geruͤhr⸗ tem Herzen daran gedacht, daß du deine Ohrenringe, das letzte Kleinod, das du noch von allem Glanze deines Stan⸗ des uͤbrig hatteſt, aus Liebe zu mir verkaufteſt; auch dafuͤr giebt dir nun Gott, ohne daß du es erwarteſt, reichlichen p Erſatz. Er iſt ein treuer Vergelter. Er vergißt auch das nicht, an deſſen Belohnung wir gar nie gedacht haben.“ Die beiden Ritter, Siegebert und Theobald, waren uͤber Noſa's Schoͤnheit nicht wenig erſtaunt.„Wahrhaftig, mein holdes Fraͤulein, ſagte Theobald, Ihr habt Eurem Vater kein geringes Opfer gebracht, daß Ihr dieſes liebliche An⸗ geſicht unter der nußbraunen Farbe verborgen, und Eure Geſtalt durch jene ſchlechte Kleidung entſtellt habt. Ihr ſeyd wirklich ſchoͤn wie ein Engel.“ Roſa erroͤthete und nahm dieſes fuͤr eine Schmeichelei⸗ die ſie nicht verdiente. Siegebert der andere Ritter, ſagte aber:„Schoͤnheit iſt des Fraͤuleins geringer Vorzug; ihre kindliche Liebe zu ihrem Vater iſt noch unendlich mehr werth. Wie ein Engel ſtieg ſie vorhin in das Gefaͤngniß ihres Va⸗ ters hinab, ſeine Noth zu lindern; als ein Engel erſcheint ſie jetzt, ihm ſeine Freiheit, die ſie hhn ausgewirkt hat, aanzukuͤndigen:“ Roſa brachte nun Kunerichs Bitte vor, ihr Vater ſolle ihm verzeihen. Edelbert ward ſehr geruͤhrt.„Da ſiehſt meine hruͤnen, ſagte er, lund du weißt, daß ich ihm loͤngſt bern 104 ziehen habe.“ In dieſem Augenblicke, da er dieß ſprach, offnete ſich die Gefaͤngnißthuͤre, und Nitter Kunerich und feine Gemahlin, nebſt dem kleinen Eberhard traten herein. Edelbert und Kunerich boten ſich die ritterliche Rechte— und umarmten ſich mit großer Ruͤhrung. Aller Groll war verſchwunden. Sie empfanden die Seligkeit der Ausſoͤhnung — ſie gelobten ſich ewige Freundſchaft. Der gute, menſchenfreundliche Edelbert hatte noch eine beſondere Freude daran, den holden Knaben zu ſehen, dem Roſa das Leben gerettet hatte. Er ſetzte ſich, von den vor⸗ yergegangenen Empfindungen ermuͤdet, auf den ſteinernen Sitz des Gefaͤngniſſes, nahm den Knaben auf den Schooß⸗ blickte ihn mit Thraͤnen in den Augen freundlich an, ſegnete ihn und ſagte:„Lieber, holder Knabe! Gott laſſe dich zur Freude deines Vaters und deiner Mutter aufwachſen und einen edlen Mann aus dir werden.“ „O mein theurer Ritter, ſagte die Mutter des Knaben, Gott gebe, daß der Knabe uns ſo liebe, wie Euch Eure Tochter liebt, und daß er ihr an edlen Geſinnungen gleiche, dann werden wir die gluͤcklichſten Eltern ſeyn.“ Der Tag wurde mit einer feſtlichen Abendmahlzeit in dem großen hellerleuchteten Ritterſaale beſchloſſen. Edelbert und Roſa mußten die erſten Stellen an der Dafel einnehmen; Kunerich ſaß neben Edelbert, und Hildegard neben Roſa. Alle Gaͤſte waren ſehr froͤhlich. Den Ritter Kunerich aber hatte man ſeit vielen Jahren nicht ſo vergnuͤgt geſehen. Er ſelbſt betheuerte es und ſprach:„So ſeelenvergnuͤgt, wie heute, war ich in meinem Leben noch nie. Meine tolle Feindſeligkeit gegen dich, lieber Edelbert, vergaͤlte mir meine beſten Freu⸗ den. Was iſt es doch etwas Seliges um Eintracht und Friede! Jetzt fuͤhle ich es recht, Haß und Feindſchaft ſtammen aus der Hoͤlle; Liebe und Freundſchaft aus dem Himmel!“ Kunerich hatte heute die großen ſilbernen Pokale, die innen praͤchtig vergoldet waren, auftragen und ſie mit dem beſten und aͤlteſten Weine, den er im Keller hatte, fuͤllen laſſen. Bei Edelberts Gedecke aber ſtand der ſchoͤne ſilberne Becher, aus dem er zu Hauſe auf ſeiner Burg gewoͤhnlich trank. — — —Q— trinkt, einen ſchoͤnen Trinkſpruch vorbringen— und du den und Eintracht leben und ſſich nie mehr uͤber Nichts⸗ und alle Kinder ihre Eltern ehren und lieben, wie To 105 und der ihm als ein Andenken von ſeinem Ahnherrn ſo ſchätz bar war. Roſa hatte den Becher ſogleich bemerkt, und den Frau Hildegard blos mit einem Blicke fuͤr die Aufinerkſam⸗ keit gedankt. Kunerich ergriff zuerf den ſilbernen Pokal und leerte ihn auf Edelberts und Roſa's Wohl. Die zwei Ritter, Siege⸗ bert und Theobald, folgten ſeinem Beiſpiele. Edelbert trank auch, ſagte aber ſehr bedeutend:„Vor dieſem ſtarken Weine, ihr Herren Ritter, muͤſſen wir wohl auf unſerer Hut ſeyn, er waͤre im Stande, einen Rittersmann, den noch kein Feind beſiegte und der ſich vor keinem Tuͤrkenſaͤbel fuͤrchtet, zu Boden zu werfen!“ Kunerich lachte; das Lob beines Weines geffel ihm. ue⸗ brigens verſtand er den Wink. Weiß wohl, ſagte er zu Edelbert, als wir noch Edelknechte an dem Hofe des Her⸗ zogs waren, ermahnteſt du mich und unſere Spießgeſellen immer zur Maͤßigkeit. Nun, nun, du hatteſt Urſache dazu. Sey aber außer Sorgen! recht luſtig wollen wir heute be einander ſehn; aber dabei doch ſattelfeſt bleiben. Wir wollen in der ſchoͤnſten Ordnung verfahren! Jeder muß, bevor er “ Hildegard, und Ihr, Fraͤulein Roſa, muͤßt heute auich mit anſtoßen.“ Hildegard und Roſa ſtießen mit an; allein ſie benetztan d mit dem feurigen Weine kaum die Lippen. Die Trinkſpruͤche und Segenswuͤnſche aber, die den meiſten Beifall fanden, waren dieſe: Edelbert ſprach:„Alle deutſchen Maͤnner ſollen in Frie⸗ wurdigkeiten entzweien!“ Theohald ſagte:„Alle deutſchen Frauen und Inngfrauen ſollen an liebenswuͤrdigen Tugenden der Frau Hildegard, der 5 holden Roſa und der ſeligen Mathilde gleichen’?"?!. Siegebert ſprach:„Alle Eltern ſollen ihre Kinder er⸗ ziehen, wie Edelbert und Mathilde ihre Tochter erzogen, ihren Vater!“ Kunerich beſchloß mit den Worten:„Alle Eltern ſollen ſo viele Freude an ihren Kindern erleben, als Edelbert an ſeiner Dochter!“ Neunzehntes Kapitel. Roſa und ihr Vater erhalten ihre Guͤter zuruͤck. Am andern Morgen ſehr fruͤh kam Kunerich in Reiſekleidern, geſtiefelt und geſpornt, in Edelberts Zimmer.„Edelbert, rief er, ich habe ſchon lange meine Leute aus den Federn gejagt und eben ſatteln laſſen. Ich wollte ſpornſtreichs mit dir nach Tan⸗ nenburg reiten, und dir deine Burg und deine Guͤter wieder zu⸗ ruͤck geben. Allein meine Hildegard meynte, das Schloß, in dem eine Zeit her blos die Reitersknechte wirthſchafteten, duͤrfte nicht am beſten ausſehen; man muͤſſe es zuvor in Ordnung brin⸗ ven. Darin, ſagte Kunerich lachend, mag ſie wohl recht haben; mir waͤre es aber nicht eingefallen. Bleibe alſo mit deiner Roſa noch eine Weile bei mir, lieber Edelbert! du haſt viele traurige Tage in dieſen Mauern zugebracht; laß uns daher nun auch einige freudige Tage zuſammen leben.“ Edelbert war mit dem Vorſchlage ſehr zufrieden. Kunerich gieng mit ihm in den großen Saal. Siegebert und Theobald fanden ſich mit ihren Edelknechten auch bald ein. Alle ſetzten ſich zuſaminen an die Tafel zum Fruͤhſtuͤcke. Hierauf nahmen die zwei fremden Ritter, die ſich nach Hauſe ſehnten, von Ku⸗ nerich und Edelbert Abſchied, und zogen mit ihren Kriegsleuten, die im Schloßhofe ihrer warteten, ab. Kunerich aber ſagte zu Edelbert:„Nun mußt du vor allem meine Burg beſehen; nach Tiſche reiten wir dann auf die Jagd. Zuerſt ſieh einmal die Bildniſſe meiner Ahnen an, mit denen dieſer Saal geziert iſt. Edelbert betrachtete die alten Nitter, die alle im Har⸗ niſche, und deren Frauen, die in alterthuͤmlicher Tracht abge⸗ malt waren. Bei den meiſten blieb Kunerich ſehr lange ſtehen, und wußte vieles von ihnen zu erzaͤhlen. Hierauf zeigte Kune⸗ rich ihm die Ruͤſtkammer, in der Waffen aller Art, alle blank —— — und glaͤnzend, und nicht nur viele vollſtaͤndige ſchimmernde Harniſche fuͤr Ritter, ſondern ſogar einige fuͤr die Roſſe aufgeſtellt waren. Dann fuͤhrte ihn Kunerich in der ganzen Burg herum, und machte ihn in den gewoͤlbten Gaͤngen, durch die ſie kamen, beſonders auf die kuͤnſtlich gearbeiteten und bemalten Hirſch⸗ koͤpfe aufmerkſam, die natuͤrliche Hirſchgeweihe von zehn bis zwanzig Enden aufhatten. Nun zeigte Kunerich ihm ſeine Stal⸗ lungen, und die muthigen, wohlgenaͤhrten Pferde. Auch in den hochgewoͤlbten Felſenkeller mußte Edelbert hinab ſteigen⸗ die großen Faͤſſer bewundern, und von den beſten Weinen, er mochte nun wollen oder nicht, verkoſten. Zuletzt beſuchten ſie den Brunnen im Schloßhofe. Beide Ritter ſchauten nicht ohne ſchauerliches Gefuͤhl hinunter. Edelbert freute ſich aufs neue der edeln That ſeiner Tochter; Kunerich ſeines geretteten Soh⸗ nes. Beide Vaͤter umarmten ſich an dem Brunnen und dankten Gott fuͤr die gelungene Rettung. Frau Hildegard hatte indeſſen dem Fraͤulein ihre ganze Hauseinrichtung— die mit blendend weißer Leinwand gefuͤllten Kaͤſten, ihre ſehr ſchoͤnen und reichen Stickereien, die große blinkende Kuͤche, und manches andere Merkwuͤrdige gezeigt. Zuletzt oͤffnete ſie noch einige Kaͤſten, die in einer beſondern Kammer ſtanden, und in denen ſich alles befand, was Ku⸗ nerich an feiner Leinwand, ſchoͤnen Kleidern und dergleichen von Tannenburg nach Fichtenburg gebracht hatte.„Ich habe es indeſſen auf das ſorgfaͤltigſte aufbewahrt, ſagte die edle Frau, und werde es unverzuͤglich auf Eure Burg bringen laſ⸗ ſen. Die ſchoͤnſten dieſer Stuͤcke hat, wie man mir ſagte, Eure ſelige Mutter mit eigenen Haͤnden verfertiget. Sie zeu⸗ gen noch von ihrem unermuͤdeten Fleiße und von ihrer Liebe zu Euch. Schon damals war die liebevolle Mutter fuͤr Eure Ausſtattung beſorgt. Kein einziges unrechtmäßiges erworbenes Stuͤck, wie ich ſehr wohl weiß, befindet ſich darunter. Dar⸗ um ruht auch ein Segen darauf, und darum, denke ich, konnten ſie Euch nicht auf immer genommen werden!“ Roſa wollte hierauf die Thorſtube noch einmal beſuchen⸗ Frau Hildegard begleitete ſie. Als ſie uͤber den Schloßhof —— — aengen, geſeliten Edelbert und Kunerichtſich zu ihnen. Der 0 108 Thorwaͤrter ſaß eben in dem großen Lehnſeſſel der Thorſtube, um von der Reiſe auszuruhen. Als er Kunerichs Stimme vernahm, ſprang er auf und oͤffnete die Thuͤre. Da ſtand Roſa vor ihm. „Je, Roͤſe, rief er— doch verzeiht! Fraͤulein Noſa wollt ich ſagen. Je, je, was habe ich an euch erleben muͤſſen! Aber kommt mit der gnaͤdigen Herrſchaft doch erſt herein in die Stu⸗ be.— So!— Ja, ja! ich haͤtte mir eher eingebildet, der Himmel werde einfallen, als daß ich geglaubt haͤtte, mein Dienſtmaͤdchen ſey ein Fraͤulein von Tannenburg. Ich kann es faſt jetzt noch nicht glauben, daß ein gnaͤdiges Fraͤulein den reinlichen Stubenboden auf dem ich ſtehe, aufgefegt haben ſoll. Und doch muß ich mich wieder wundern, daß ich Dumm⸗ bart es nicht fruͤher merkte, Ihr ſeyet Ritter Edelberis Tochter. Geſtern Abends, als auf einmal unter den verwundeten Kriegs⸗ leuten draußen im Schloßhofe uͤber dieſe ſeltene Geſchichte der große Laͤrm entſtand, und ich ſie von ihnen vernahm, gieng mir ein Licht auf. Darum waret Ihr gegen den gefangenen Ritter ſo voll Mitleid! Nun, nun, ich lobe Eure kindliche Liebe, und Gott und mein geſtrenger Ritter hier haben Euch, wie ich ſehe, dafuͤr belohnt.— Aber meine Hedwig, was erſt die fuͤr Augen machte! Das iſt gar nicht zu ſagen. Sie kam faſt von Sinnen; ſie rieß ſich faſt den Kopf ab! Nun, ſie mag die Grobheiten, die ſie Euch, gnaͤdiges Fraͤulein, ange⸗ than hat, Euch ſelbſt abbitten.“ Die zwei Kinder des Thorwaͤrters ſtanden ſcheu in einer Ecke. Roſa gieng zu ihnen hin und redete mit ihrer gewohn⸗ ten Freundlichkeit mit ihnen. Da bekamen die Kinder wie⸗ der Muth. Die kleine Bertha ſagte:„Du biſt aber jetzt praͤchtig ge⸗ putzt, Fräͤulein Röſe; alles iſt ſchoͤn und neu an dir, ſogar dein Geſicht.“ Der kleine Othmar ſprach: Das iſt kein Fehler! Das laſſe ich mir gern gefallen, wenn nur Fraͤulein Roͤſe unſre Magd bleibhr; denn eine ſo gute bekommen wir doch in unſe⸗ rem Leben nicht mehr.“ Kunerich und alle ebrigen lachten, Noſa fragte hierauf — ——— — ——— — 109 die Kinder:„Wo iſt denn Eure Mutter?“ Die kleine Ber⸗ tha ſagte:„Sie hat eben dort Brod zur Suppe eingeſchnitten. Die Schuͤſſel ſteht noch auf dem Tiſche.“ „Ja, ſagte der kleine Othmar, als ſie hoͤrte, daß die Herr⸗ ſchaften kaͤmen, da hat ſie ſich dort zur Thuͤre hinaus gefluͤch⸗ tet, als jagte ſie der Wolf.“ Roſa gieng zur Thuͤre, die aus der Stube in die Kuͤche fuͤhrte, hinaus, und fuͤhrte die Thor⸗ waͤrterin in die Stube. Das arme Weib ſtand ſehr beſchaͤmt da, als ſie den Ritter Edelbert und Fraͤulein Roſa praͤchtig gekleidet vor ſich ſtehen ſah— und auch ihren Herrn, den geſtrengen Ritter Kunerich, und Hildegard, ihre gnaͤbige Frau, in der Stube erblickte. Sie ward bald blaß und bald roth.„In ein Mausloch, ſagte ſie, moͤchte ich mich vor den gnaͤdigen Herrſchaften verkrie⸗ chen; denn ſie werden nun wohl alle wiſſen, was fuͤr ſaubere Reden in mir ſtecken, und welche ſchoͤne Namen ich oft dem gnaͤdigen Fraͤulein gegeben habe. Allein wenn ich gemußt haͤtte, von weicher hohen Abkunft meine Roͤſe ſey, und zu was fuͤr hohen Ehren ſie noch ferner gelangen werde, ſo haͤtte ich mich freilich ganz anders gegen ſie aufgefuͤhrt.“ Die Frau von Fichtenburg ſagte:„Meine gute Thorwaͤr⸗ terin, der geringſte Menſch iſt goͤttlicher Abkunft; das iſt der hoͤchſte Adel, mit dem ſich kein anderer vergleichen darf. Der aͤrmſte Bettler wird, wenn er anders ein guter Menſch iſt, in jener Welt zu einer Herrlichkeit gelangen, gegen die aller Glanz dieſer Welt nichts iſt. Wir haben alſo wohl urſache, auch dem geringſten Menſchen gut zu begegnen. Ihr empfindet Reue und Schaam, daß ihr gegen Euer ehemaliges Dien ſtmaͤdchen vormals unfreundlich geweſen, da ſie jetzt in veraͤnderter Ge⸗ ſtallt als ein adeliches Fraͤulein vor Euch ſeeht. Noch eine ſchmerzlichere Reue wuͤrde uns quaͤlen, noch eine groͤßere Beſchaͤ⸗ mung uns treffen, wenn wir die Armen hier in dieſer Welt mit Stolz und Verachtuug behandeln, und ſie dann dort in jener Welt in ihrer Herrlichkeit erblicken wuͤrden.“ Die Thorwaͤrterin gab ihr ſehr Recht, und bat das Fraͤu⸗ lein mit vielen Worten und unter reichlichen Thraͤnen um Ver⸗. zeihung. Noſa ſprach zu ihr:„Meine liehe Hedwig! Ich haͤfte K 3 110 Euch oftmals Manches ſagen moͤgen. Allein damals hielt ich es nicht für rathſam; ich ſparte auf einen ſchicklichern Augen⸗ blick, der jetzt gekommen iſt. Ich muß daher ein Woͤrtchen anbringen. Zuvor muß ich es Euch aber vor Eurer gnaͤdigen Herrſchaft und meinem Vater hier aufrichtig bezeugen, daß Ihr recht ſehr viel Gutes an Euch habt. Ihr ſeyd eine ſorg⸗ ſame, liebevolle Ehegattin gegen Euren Mann, eine gute Mut⸗ teer Eurer Kinder, eine treffliche Hauswirthin. Ihr ſeyd un⸗ ermuͤdet fleißig, und in Eurer Haushaltung herrſcht Rein⸗ lichkeit und Ordnung. Ihr ſeyd ſparſam ohne karg zu ſeyn, und thut den Armen viel Gutes. Ja, Ihr ſeyd gegen ieder⸗ mann dienſtfertig, freundlich und zuvorkommend— ſo lange nichts vorfaͤllt, das Euren Zorn reitzt. Aber dann wißt Ihr Euch ſelbſt nicht mehr zu beherrſchen. Ihr ſagt und thut dann Dinge, die nichts taugen. Dieſer Euer Jaͤhzorn verbittert Euch und denen, die um Euch ſind, das Leben, und hat Euch in den uͤbeln Ruf gebracht, als waͤret Ihr ein ſehr boͤ⸗ ſes Weib. Ja, man behauptet auch, Ihr haͤttet— woran es euch gewiß nicht fehlt— ſehr wenig Verſtand, weil Ihr ihn ſo wenig braucht, und an ſtatt ſeiner nur den Zorn walten laſſet. Gewinnt es einmal uͤber euch ſelbſt, Eurem, Zorn Meiſter zu werden. Braucht Euren Verſtand! Glaubt, daß der Jaͤhzorn wohl mit Recht ein kurzer Anfall von Wahnſinn genennt werde. Bedenkt, daß Geduld und Sanftmuth Chri⸗ ſtenpflichten ſind. Faßt ſogleich jetzt den ernſtlichen Entſchluß, Euch in dieſem Stuͤcke zu beſſern. Erneuert dieſen neuen Ent⸗ ſchluß alle Morgen und Abend, ja oͤfters des Tages vor Got⸗ tes Angeſicht, und bittet Gott um ſeinen Beiſtand. Verliert auch nicht ſogleich den Muth, wenn es nicht augenblicklich geht. Werdet nicht muͤde, Eure Vorſaͤtze immer und immer wieder mit groͤßerem Ernſte zu erneuern. Der Baum faͤllt nicht auf den erſten Streich. Harret aus— und am Ende werdet Ihr Euren Zorn, der in der That Euer grimmigſter Feind iſt, beſiegen.— Und wenn Ihr wieder eine Magd bekommet⸗ der es nicht an gutem Willen fehlt, ſo verlangt nicht, daß ſie aagenblicklich alles ſo verſtaͤndig und geſchickt machen koͤn⸗ ne, wie Ihr ſelbſt. Nehmt Euch die Muͤhe, ſie nach Eurem — Sinne abzurichten; habt ſo viel Geduld, ihr alles mehrere Male zu zeigen, unterſagt ihr ihre Fehler mit Sanftmuth und Liebe— und ſie wird ſich belehren laſſen und ſich in Euch ſchicken, und Euch ehren und lieben. Ja, wenn Ihr dieſen Euren Gewohnheitsfehler ablegt, ſo wird Euch jedermann als eine vortreffliche Frau ſchaͤtzen. Wenn ich Euch nicht ſchäͤtzte, ſo haͤtte ich nicht halb ſo viel geſagt. Folgt mir, und ihr wer⸗ det Ehre und Freude, Gluͤck und Segen davon haben. „Das heißt einmal klug und ehrlich geſprochen, rief Kune⸗ rich. Es iſt ein Zuſpruch, den mancher Mann und auch manche Frau— die meinige jedoch ausgenommen!— zu Her⸗ zen faſſen duͤrfte. Was ihr doch fuͤr ein verſtaͤndiges, wohl⸗ unterrichtetes Fraͤulein ſeyd, meine werthe Roſa! Ich ſelbſt will nur meinen Theil aus Eurem Reden entnehmen. Was Ihr da ſagtet, ſtimmt mit dem uͤberein, was mir mein ſeli⸗ ger Vater oͤfters geſagt hat. Nur faßte er es gewoͤhnlich in ein kurzes Spruͤchlein zuſammen. Kunerich, Kunerich, ſag⸗ te er, mehr Witz und weniger Hitz; damit kommt man am beſten durch die Welt. Nach einigen Tagen zogen Ritter Kunerich und ſeine Ge⸗ mahlin mit Edelbert und Fraͤulein Roſa, nebſt einem anſehn⸗ lichen Gefolge bewaffneter Krieger und ſchoͤn gekleideter Die⸗ ner nach Tannenburg. Der Ruf von dem, was ſich in Fich⸗ tenburg zugetragen, hatte ſich ſchon uͤberall verbreitet. In al⸗ len Doͤrfern und Weilern Kunerichs, durch die ſie zogen, kamen aus jedem Hauſe und jeder kleinen Huͤtte froͤhliche Menſchen hervor, die ſich uͤber die Eintracht der beiden Rit⸗ ter freuten, beſonders aber das Fraͤulein ſehen wollten, die ſo liebreich an ihrem Vater gehandelt, und den Knaben ſo heldenmuͤthig aus dem Brunnen errettet hatte. Als aber Edel⸗ bert in ſein eigenes Gebiet kam— da war es uͤberall ſehr ſtille, und alle Ortſchaften ſchienen wie ausgeſtorben. Edelbert wun⸗ derte ſich, und machte ſich daruͤber allerlei Gedanken; a⸗ lein als er durch das aͤußere Thor ſeiner Burg ritt, erblickte er den ganzen Hof woll Menſchen. Alle ſeine Unterthanen waren hier verſammelt und in der ſchoͤnſten Ordnung aufse⸗ ſtellt. Auf der einen Seite ſtanden reihenweiſe die Knaben⸗ —— 9 Juͤnglinge und Maͤnner; auf der andern die kleinen Maͤdchen, Jungfrauen und 2 r. Alle waren feſtlich gekleidet. Im Namen der Maͤnner fuͤhrte Burkhard, der Koͤhler, das Wort; im Namen der Weiher die Koͤhlerin Gertraud. Burkhard hatte ſich von dem alten Burgvogte einen nach damallgem Style ſehr langen und ausfuͤhrlichen Spruch einuͤben laſſen, und ſieng mit ſehr ernſthaften Mienen und Geberden an: Sintemalen, alldieweilen und was Maaßen es ſich bege⸗ ben, zugetragen und ereignet hat— daß— daß—“ hier dee er nicht mehr weiter. Er faßte ſich aber und ſagte: Derzeiht, lieber geſtrenger Herr Ritter! In dem Augen⸗ blicke, da ich Euch von Angeſicht ſah, iſt mir alles das ge⸗ lehrte Zeug, das ſehr ſchoͤn ſeyn ſoll, ausgefallen. Ich weiß nun nichts mehr zu ſagen, als: Da ich dieſen Tag noch erlebt habe, will ich gerne ſterben.“ Auch die gute Gertraud egruͤßte ihren guten Herrn und Fraͤulein Roſa, anſtatt der auswendig gelernten Worte, faſt nur mit Freudenthraͤ⸗ nen. Ja, die Ruͤhrung aller der guten Landleute war ſo groß, daß ſie vor Weinen ihr„Lebehoch!“ kaum hervorbrin⸗ gen konnten. Edelbert und Roſa giengen, beide ſelbſt bis zu Thraͤnen geruͤhrt, durch die Reihen hochbegluͤckter Men⸗ ſchen. Auf dem erhoͤhten Platze, vor der innern Schloß⸗ pforte, durch die man in die Ritterwohnung kam, befanden ſich ilter Siegebert und Theobald, nebſt mehreren andern mit ihren Frauen, Soͤhnen und Doͤchtern in feſtlichem Schmucke, von einer zahlreichen Dienerſchaft umgeben. Zu vorderſt and Agnes, jenes gute Koͤhlermaͤdchen, mit Blu⸗ men begranzt und weiß gekleidet, und hielt ein purpur⸗ rothes Kiſſen, auf dem ſilberhell und mit goldenen Quaſten geſchmuͤckt, die Burgſchluͤſſel lagen.„Edles Fraͤulein! ſprach ſie, Ihr habt Euren geliebten Vater nicht nur aus ſeinem Kerker befreit, Eure kindliche Liebe hat ihm auch die Thore ſeiner Burg wieder geoͤffnet— empfangt hiemit dieſe Schluͤſ⸗ ſel und uͤberreicht ſie Eurem Vater.“ Rofa bot das Kiſfen ihrem Valer dar. Er nahm die Schuͤffel mit einem from⸗ men Blick zum Hanmel. Er gedachte jener ſchauerlichen Nacht, da er vor eben dieſer Pforte in Sturm und Regen, gefeſſelt 4 112 1 13 gefeſſelt auf einem Karren ſaß, und aus ſeiner Burg gefuͤhrt wurde, und Roſa jammernd und weinend ihm folgte. Der freundliche Empfang, den Kunerichs Gemahlin ſo ſchoͤn ver⸗ anſtaltet hatte, war fuͤr ihn deßhalb um ſo ruͤhrender. Er ſprach:„Bevor ich die Schwelle der Schloßpforte betrete, laßt uns in die Burgkapelle gehen! Gott hat alles, was geſchehen iſt, uns zum Beſten gelenkt. Er hat Trauer in Jubel verwandelt. Laßt uns Ihm ein herzliches„Herr Gott dich loben wir!“ darbringen.“ Alle Ritter und ihre Frauen gaben ihm Beifall und folgten ihm in die Kapelle... Hierauf gieng man zur Tafel, die in dem großen Saale bereitet ſtand, das Volk wurde in dem Schloßhofe bewirthet. Edelbert konnte es aber nicht erwarten, bis abgeſpeiſet war. Er gieng noch vor dem Ende der Mahlzeit hinunter in den Schloßhof, und war in Mitte ſeiner Unterthanen ſo vergnugt⸗ wie ein Vater unter ſeinen Kindern. Vor allen ſuchte er den ehrlichen Koͤhler Burkhard und deſſen gutes Weib auf.„Du alter, treuer Diener, ſprach er zu ihm, der du mit deiner frommen Hausfrau meine Qochter ſo freundlich in deine Woh⸗ nung aufgenommen haſt, du ſollſt nun vieſe meine Burg nicht mehr verlaſſen, und fuͤr immer hier wohnen. Ich mache dich hiemit zu meinem Stallmeiſter: ein Amt, auf, das du dich, da du von Jugend auf als Reiter dienteſt, wohl noch beſſer, als auf das Kohlenbrennen verſteheſt, und noch immer mit ritterlichem Anſtande zu Pferde zu ſitzen weißt. Deine gute Gertraud, die mich in meiner Gefangenſchaft mit Weißzeug verſah, ſoll von nun an Beſchließerin in meiner Burg ſeyn. Die gute Agnes aber, die meiner Dochter im Ungluͤck eine ſo treue Gefaͤhrtin war, ſoll nun im Gluͤcke ihre ſtete Ge⸗ ſellſchafterin ſeyn. Eine treuere Dienerin und Freundin kann ſie unmoͤglich finden.“. Edelbert gieng hierauf bei allen Tiſchen herum, und re⸗ dete mit jedem der Gaͤſte. Jedem wußte er etwas Angeneh⸗ mes zu ſagen. Die Frau von Fichtenburg hatte, da ſie un⸗ moͤglich alle Unterthanen Edelberts einladen konnte, die aͤlte⸗ ſten Hausvaͤter mit ihren Kindern und Enkeln ausgeſucht⸗ ohne einen Unterſchied zwiſchen Reichen und Armen zu ma⸗ 4 8 4 1 114 chen. Den uͤbrigen hatte ſie geſagt, Edelbert werde ſie ein anderes Mal bewirthen. Manche der Anweſenden hatten vorhin monatliche oder jaͤhrliche Wohlthaten von Edelbert bezogen; allein ſeit das Schloß ſich in fremder Gewalt be⸗ fand, nichts mehr erhalten. Edelbert ſicherte ihnen dieſe Wohlthaten aufs Neue zu. Die Freude daruͤber war all⸗ gemein. Alle betheuerten, daß ſie bereit ſeyen, fuͤr ihren guten Herrn Gut und Blut daran zu ſetzen. Kunerich, der auch herabsrkommen war und Edelberten zur Seite gieng, ſagte:„Es iſt doch wahr, Guͤte geht uͤber Gewalt, und es iſt beſſer geliebt, als gefuͤrchtet ſeyn.“ Edelbert ſprach:„Ein Heer, den die Boͤſen fürchten, und die Guten lieben, iſt meints Bedünkens der beſte.“ Zwanzigſtes Kapitel. Was von Roſa's Schickſalen noch weiter bekannt iſt. Eßelbert und Kunerich, Roſa und Hildegard beſuchten ein⸗ ander ſehr oft. Kunerich zog zu ſeinem und ſeiner Unter⸗ thanen Wohl in allen Angelegenheiten ſeinen Freund Edelbert zu Rath. Roſa ehrte die edle Hildegard als eine zweite Mutter, und ſuchte immer noch von ihr zu lernen. Die 4 Freundſchaft, in der alle zuſammen lebten, trug ſehr viel bei, ihrer aller Leben zu verſchoͤnern und zu veredeln. Einige Zeit aber war Kunerich nicht mehr nach Tannen⸗ burg gekommen; ja er hatte ſogax die Beſuche, die Edelbert und Roſa ihm zudachten, unter unbedeutenden Vorwaͤnden abgelehnt. Ganz unvermuthet ſprengte er jedoch eines Dages auf ſeinem Schimmel wieder in den Burghof, und lud Edel⸗ vert und Fraͤulein Roſa ein, unverzuͤglich ſich mit ihm nach Fichtenburg zu begeben. Sie merkten es ihm wohl an, daß eer etwas Beſonderes im Sinne habe. Es gelang ihnen aber nicht, das Geheimniß herauszubringen. Indeſſen reisten ſie mit ihm. Als ſie in Fichtenburg angelangt waren, ließ Ku⸗ 115 nerich ihnen kaum Zeit, ſeine Gemahlin zu begruͤßen.„Edel⸗ bert, ſagte er, du mußt ſogleich mit mir, und Roſa muß auch mit!“ Er zog Edelbert faſt mit Gewalt fort, und Hildegard und Roſa folgten den beiden Rittern. Sie kamen — in den dunkeln Gang zu Edelberts Kerker.„Himmel! wohin fuͤhrſt du mich?“ ſprach Edelbert befremdet?„Mir ſchaudert es, ſagte Roſa; was ſollen wir in dem traurigen Gefaͤngniſſe? Kunerich ſchwieg, oͤffnete die Thuͤre des Ge⸗ faͤngniſſes— und ſie traten erſtaunt in eine ſehr ſchoͤne, nach damaliger Art praͤchtig ausgezierte Kapelle. Einige hohe Fenſter mit bunten Glasgemaͤlden gaben ihr Lichtz Ge⸗ woͤlbe und Mauern waren himmelblau bemalt und mit gol⸗ denen Sternlein beſaͤet; der Altar prangte reihlig mit ver⸗ goldetem Schnitzwerk. „ Edelbert und Roſa bezeugten ihre Verwunderung und. ihren Beifall.„Das dacht' ich, ſagte Kunerich⸗ daß Euch dieſe Umwandlung gefallen werde. Ich wollte Euch damit uͤberraſchen; deswegen verbat ich, waͤhrend wir bauten, mir Eure Beſuche.— Nicht wahr, die Kapelle iſt ſchoͤn? Allein meiner frommen Hildegard gebuͤhrt die Ehre davon. Sie wußte es ſehr klug einzuleiten, daß ich das Kirchlein her⸗ ſtellen ließ. Laßt Euch erzaͤhlen, wie ſie es anſieng. Als wir Euch vorigen Herbſt nach Dannenburg begleitet hatten und wieder nach Hauſe gekommen waren, bat ſie mich, mit ihr das Gefaͤngniß, in dem du gefangen lagſt, zu beſehen. Ich hatte wenig Luſt dazu.„Wozu das? ſagte ich; mir grauet davor!“ Indeſſen gieng ich doch mit ihr: ſie bat gar zu beweglich. Als wir herein getreten waren, ſagte ſie zu mir:„Sieh doch, wie die kindliche Liebe das duͤſtere Gefaͤng⸗ niß zu einer freundlichen Wohnung umzuſchaffen wußte!“ —„Es iſt wahr, ſagte ich, vorhin fah es hier furchtbar aus; jetzt iſt es da ſo hell und ſchoͤn, wie in einer Kapelle.“⸗ Da rief meine gute Hildegard ſehr erfreut:„Du haſt da, lieber Kunerich, einen herrlichen Gedanken, der im Stillen auch der meinige war. Er kam mir zuerſt in den Sinn, als ich die ſchoͤne Burgkapelle in Tannenburg ſah. Ja, zu einer Kapelle laͤßt ſich dieſe geraͤumige gewoͤlbte Halle leicht mg. 8* 14 6 chen. Etwas muͤſſen wir doch thun, um unſere Dankbarkeit 8 gegen Gott, wegen der gluͤcklichen Reitung Unſers Sohnes an den Tag zu legen. Die Stiftung einer Kapelle iſt das Beſte, was wir thun koͤnnen. Dieſe fehlt uns gerade noch, ſo trefflich unſere Burg auch ſonſt eingerichtet iſt. Bisher mußten wir immer in die Dorfkirche unten am Berge in den Gottesdienſt gehen, was ſehr beſchwerlich, ja manchmal un⸗ moͤglich war. Eine eigene Burgkapelle iſt ein Denkmal, das 89 noch unſern Nachkommen Segen bringen wird.“ So ſagte ſte. Der Vorſchlag gefiel mir.„Du haſt vollkommen recht, re ich; ja, ſo ſey es. Hier ſoll kein Gefangener mehr achten; hier wollen wir Gott ſtets fuͤr ſeine Gnade und barmung danken, daß er unſern Sohn durch Fraͤulein ſſa ttete, mich mit Ritter Edelbert ausſoͤhnte, und mir Frieden meines Herzens wieder gab.„So iſt dieſe Ka⸗ lle zu Stande gekommen.“ „Und morgen, fuͤgte Frau Hildegard noch bei, wird der fromme Abt Norbert als Weihbiſchoff die Kapelle einweihen. Siegebert, Theobald und mehrere andere Ritter, die uns lieb und werth ſind, werden mit ihren Frauen und Kindern bei dieſem Feſte erſcheinen. Allein die liebſten und werthe⸗ ſten Gaͤſte ſeyd ihr uns, werther Edelbert, und Ihr, meine 5 theure Roſa. Wir ſind auch verſichert, daß Ihr an der Einweihung dieſer Kapelle, die Euch ihr Daſeyn dankt, einen beſondern Antheil nehmen werdet. Ihr werdet dieſem ſchoͤnen Feſte gewiß mit frommer Ruͤhrung beiwohnen.“ Die Einweihung der Kapelle zum Gottesdienſte war auch 4 wirklich eine ſehr ſchoͤne und ruͤhrende Feierlichkeit. Die ein⸗ — ten Stunde getreulich ein. In ihrem feierlichſten Anzuge 1 nach damaligem Gebrauche— in Helm und Harniſch und mit dem Schwerte umguͤrtet— ſeellten ſich die Ritter zu beiden Seiten des Altars; die Rittersfrauen erſchienen, wie es in jener Zeit an hohen Fiſten Sitte war, in Schwarz mit Gold gekleidet; die Fraͤulein aber weiß mit Blumen be⸗ kraͤnzt. Alle waren voller Ehrerbietigkeit vor Gott. Der kleine Eberhard aber und ſeine zwei kleinen Schweſterchen geladenen Ritter trafen mit allen den Ihrigen zur beſtimm⸗ 117 knieten mit aufgehobenen Haͤndchen und einer Andacht vor dem Altare, daß man kleine Engel in ihnen zu erblicken glaubte. Die Kapelle war mit gruͤnen Maien, der Altar mit fri⸗ ſchen Blumen geſchmuͤckt; reine Wachskerzen brannten und Weihrauchwolken ſtiegen empor. Der ehrwuͤrdige Abt Norbert betrat mit Inful und Stab, und von mehreren Geiſtlichen im reichen Ornate umgehen, den Altar, wandte ſich zu der Verſammlung, bemerkte mit frommer Freude ihre andaͤchtige Stellung und Geberde, und hielt eine kleine Anrede, die ihrem weſentlichen Inhalte nach ſo lautete: „Geliebte im Herrn! Die Liebe guter Eltern zu ihrem Sohne, der aus einer großen Gefahr errettet wurdez. hie Liebe einer guten Tochter zu ihrem Vater, dem ſie hier an dieſem Orte ſehr viel Gutes that— waren die Veranlaſſtinng⸗ daß dieſer vorhin fuͤrcherliche Ort in dieſe freundliche Kapelle umgeſchaffen wurde, und nur heute zur Anbetung Gottes zum dankbaren Andenken an Gottes Wohlthat, eingeweiht wird.“ „Die Geſchichte, die uns den heutigen Feſttag bereitete, beſtimmt auch den Inhalt meiner Feſtpredigt. Doch werde ich— um die Beſcheidenheit einiger meiner verehrten Zu⸗ hoͤrer nicht zu beleidigen— die Geſchichte nicht weiter be⸗ ruͤhren. Sie iſt allen hinreichend bekannt. Ich werde blos an einige Lehren erinnern, die ſich durch dieſe Geſchichte ſehr bewaͤhren; ich werde— zumal ich mehrere verehrte Eltern mit ihren geliebten Kindern vor dem Altare verſam⸗ melt ſehe— blos ein Wort an Eltern und ein Wort an Kindern vorbringen.“ „Es iſt eine ſchoͤne Anordnung Gottes, aus der ſeine Weisheit und Guͤte beſonders freundlich hervorleuchtet, daß er die liebenswuͤrdigſten und huͤlfsbeduͤrftigſten Geſchoͤpfe auf Erden, die Kinder, der Pflege liebender Eltern andertraute; daß er den Eltern eine ganz eigene Liebe zu den Kindern — einen Funken ſeiner Alles umfaſſenden Liebe in das Herz ſegte; daß er ſeine erſten Wohlthaten, die den Menſchen auf Erden an Leib und Seele zu Theil werden, ihnen durch einen guten Vater, eine zaͤrtliche Mutter zukommen laͤßt; daß er, der Unſichtbare, den Kindern ſeine unendliche Liebe in der Liebe treuer Eltern ſichtbar und augenſcheinlich offenbaret.“ „Moͤchten doch alle Vaͤter und Muͤtter ſich bemuͤhen, ihren Kindann ein treues Bild der hoͤchſten Güte vor Augen ſtellen; moͤchten ſie Gott nachahmen, der uns Menſchen nicht blos ſpeiſet, traͤnkt und kleidet, ſondern auch auf man⸗ ichfaltige Weiſe fuͤr unſere Belehrung ſorgt, uns durch Be⸗ 5 ohnungen und Strafen zum Guten lenkt, uns durch alles, was Er verfüͤgt, zu edlen Menſchen bilden will; moͤchte die Liebe der Eltern zu den Kindern, dieſe Flamme vom Him⸗ mel, nie vom Ruß und Rauch irdiſcher Leidenſchaften ge⸗ truͤbt und verfinſtert werden, nie in blinde Zuneigung aus⸗ arten, die der Fehler nicht achtend, die Kinder verderbt; moͤchte dieſe himmliſche Flamme, das Gefuͤhl der Eltern fuͤr ihre Kinder, nicht durch Weltliebe, Sinnenluſt, zer⸗ ſtreuende Vergnügungen, wilde Leidenſchaften, gar ausge⸗ loͤſcht werden!“ „Noͤchten alle Kinder das Gluͤck, gute Eltern zu haben, recht zu ſchaͤtzen wiſſen! Ihr Soͤhne und Toͤchter, die ihr die Jahre der Kindheit bereits zuruͤckgelegt habt, blickt in dieſe goldenen Jahre, die gluͤcklichſte Zeit eures Lebens⸗ noch einmal zuruͤck! Eure Eltern ſorgten da fuͤr alles, was ihr bedurftet; Speiſe und Trank wurden euch zur rechten Zeit gereicht; die fertigen Kleider euch von der liebreich ge⸗ ſchaͤftigen Mutter angezogen. Euer Vater ſcheute keine Muͤhe und verſagte ſich manches Vergnuͤgen, euch alles Noͤthige zu verſchaffen. Die zaͤrtliche Mutter theilte den Biſſen vom Munde mit euch! Wenn ihr krank waret, wachte die zaͤrtlich beſorgte Mutter ſchlafloſe Naͤchte hindurch an eurem Kran⸗ kenbette. Die Sorgfalt des Vaters, die zaͤrtliche Aufſicht der Mutter warnte und bewahrte euch vor Gefahren. Zu⸗ ihnen nahmet ihr in allen euren kleinen Anliegen eure Zu⸗ flucht, und wie oft trockneten ſie eure Thraͤnen! Bei ihnen,⸗ ihrer beſſern Einſicht, fandet ihr Belehrung. Sie erſetzten † 119 euch den Mangel an Erfahrung; ihre Einſicht wurde nach und nech die Eurige. Sie lehrten euch reden; hundertmal fragtet ihr ſie, wie dieſes oder jenes heiße? und der Vater und die Mutter wurden nicht muͤde, eure Fragen mit freu⸗ diger Bereitwilligkeit zu beäntworten. Sie ſagten euch, was wahr, gut und ſchoͤn iſt, und ermunterten euch dazu. Sie waren die Schiedsrichter in euren kleinen Streitigkeiten mit euren Geſchwiſtern, nnd gewoͤhnten euch zur Vertraͤglichkeit, zu Frieden und Eintracht. Die Zufriedenheit des Vaters mit eurem Wohlverhalten, das freundliche Laͤcheln Purer Mutter war euch Belohnung, wohl mehr noch, als die er⸗ freuenden Geſchenke; ſelbſt die Strafen, die weiſe Eltern hie und da nothwendig fanden, waren Wohlthaten fuͤr euch! Wie liebreich hat Gott von dem Augenblicke an, da ſich eure Augen das erſte Mal dem Lichte der Sonne oͤffneten, fuͤr euch geſorgt!“ „Erkennet in dieſer ſchoͤnen Anordnung Gottes ſeine Liebe und Freundlichkeit gegen euch. Ehret Ihn in euren Eltern, durch deren Haͤnde Er euch ſo viel Gutes erweiſet! Liebet eure Eltern, die Gott euch gab! Seyd euren Eltern, die euch an Einſicht weit uͤbertreffen, und die es ſo gut mit euch mey⸗ nen, gehorſam— und folgt ihren Winken! Die zaͤrtlichſte Dankbarkeit gegen ſie erfuͤlle euer Herz. O fern von uch ſey eines der empoͤrendſten Laſter— der kindliche Undank. Habt ein herzliches Zutrauen zu euren Eltern— und huͤtet euch, wenn ihr gefehlt habt, vor Falſchheit und Verſtellung, die immer die erſten Schritte im gaͤnzlichen Verderben ſind. Suchet euren Eltern Freude zu machen! Trachtet, da ihr die unzaͤhlbaren Wohlthaten, die ſie euch erweiſen, ihnen doch niemals ganz vergelten koͤnnet, euch wenigſtens erkennt⸗ lich gegen ſie zu bezeigen. Wie ſie in den huͤlfloſen Tagen eurer Kindheit ſich eurer annahmen, ſo verpflegt auch ihr ſie in den kommenden Tagen des unbehuͤlflichen Alters, und verſuͤßt ihnen ihre letzten Lebenstage. Ihr ſolltet euch lieber mit trockenem Brode und mit Waſſer begnuͤgen, und euch lieber in den rauheſten Zwilch kleiden, ehe ihr eure Eltern Mangel leiden lieſſet. So nur erfuͤllt ihr das vierte Gebot! 120 So nur wird es euch wohl gehen in dieſem und in jenem Leben. Gottes Segen wird euch begleiten bis zum Grabe — und jenſeits wird Er ſeine Herrlichkeit mit euch theilen.“ „Von den Vaͤtern und Muͤttern, und von den Kindern, die hier um den Altar verſammelt ſind, blicke ich auf zu Gott, dem dieſer Altar geweiht wird— der unſer Aller liebe⸗ voller Vater iſt, und deſſen liebende Kinder wir alle ſeyn ſollen— der da will, daß wir Ihm den zaͤrtlichſten Namen „Vater“ geben, und der uns verſichert, daß Er unſer weniger vergeſſen koͤnne, als eine Mutter ihres Kindes!“ „Allen Eitern, die ihre Kinder herzlich und innig lieben, ſey dieſe ihre Liebe zu ihren Kindern ein Pfand der Liebe Gottes, des Vaters im Himmel, gegen alle Menſchen. Welch ein Droſt in allen Leiden muß einem Vater, einer Mutter der Gedanke ſeyn: Gott liebt mich unendlich mehr, als ich meine Kinder! Wie ſollte Er nicht fuͤr mich ſorgen! Wie koͤnnte Er meiner vergeſſen! So koͤnnen auch nur jene Kinder, deren Herz zur Ehrer⸗ bietigkeit, zur Liebe, zum Verrauen, zum Gehorſam gegen die Eltern gebildet worden, Gott in Wahrheit und mit ge⸗ ruͤhrtem Herzen„Vater“ nennen; nur ſolche Kinder koͤn⸗ nen dahin gelangen, Ihn, den beſten Vater, uͤber alles zu lieben; aus Gehorſam zu Ihm in den Verſuchungen zum Boͤ⸗ ſen feſt zu ſtehen, und wahrhaft gute Menſchen zu werden. Nur Kinder, die in ihrem vaͤterlichen Hauſe zur Liebe gegen ihre Geſchwiſter, fern von Haß, Neid und Zwietrach erzogen worden, koͤnnen, wenn ſie in die Welt eintreten, alle Men⸗ ſchen als Kinder des Einen Vaters im Himmel, als ihre Bruͤder und Schweſtern lieben. Nur ſolche Kinder werden bei den mancherlei Leiden, von denen kein Menſchenleben frei iſt, im Vertrauen auf den Vater im Himmel einen feſten Stab fin⸗ den, und auch einſt den Dod nicht fuͤrchten— denn er bringt ſie ja heim zu Ihm, in das vaͤterliche Haus, wo es Kinder noch immer am beſten haben.“ „Gott, beſter Vater im Himmel, verleih uns, daß alle Menſchen dich uͤber alles, und einander als Bruͤder und Schwe⸗ ſtern lieben, und ſich auch der armen Waiſen und Wittwen 18½ annehmen, und ſich vor dem Verderben der Welt, das alle wahre Liebe zerſtoͤrt, unbefleckt bewahren. Dieß iſt ein reiner, Dir gefaͤlliger Gottesdienſt! So nur wuͤrden alle Familien auf Erden Eine Gottes⸗Familie ausmachen, auf die Du, Va⸗ ter der Menſchen, mit Wohlgefallen herab blickeſt. Daß der Gottesdienſt, zu dem jetzt dieſe Kapelle eingeweiht, und der jetzt und in kuͤnftigen Zeiten hier entrichtet wird, dazu beitrage — das iſt Dein Wille; dazu verhilf uns Du, durch Jeſum Chriſtum, unſern Herrn. Amen.“ Nachdem die Kapelle eingeweiht und der erſte Gottesdienſt darin gehalten war, ging man in dem großen Saale zur Tafel⸗ Kaum hatte man ſich geſetzt— ſo erſchallten Trompeten in dem Schloßhofe. Kunerich und die uͤbrigen Ritter horchten hoch auf, ſprangen an die Fenſter, und ſahen— eine Schaar be⸗ waffneter Reiſige in dem Schloßhofe. Mehrere Diener ſtuͤrzten zur Saalthuͤre herein und riefen:„Der Herzog!“ Die Ritter wollten ihm entgegen eilen— allein ſchon trat er, von meyreren Rittern begleitet, in den Saal, Er war ein anſehnlicher Mann⸗ von hoher, edler Geſtalt. Seine Locken waren bereits grau, allein ſeine Augen noch voll Feuer. Er begruͤßte Edelbert zu⸗ erſt, bot ihm die Rechte und ſprach:„Mein lieber Edelbert, ich wollte Euch die erſte Nachricht von dem ruhmtoll er⸗ kaͤmpften Frieden, und meinen und des Kaiſers Dank fuͤr die dabei geleiſtete Huͤlfe ſelbſt uͤberbringen, und eure tapfern Leute, die den Frieden erkaͤmpfen halfen, Euch perſoͤnlich wieder zu⸗ fuͤhren. Geſtern Abend ſpaͤt kam ich auf Tannenburg an, wo ich hoͤrte, daß Ihr in Fichtenburg waͤret. Ich ritt alſo mit meinen Kriegsgefaͤhrten ſogleich nach Anbruch des Tages hieher— uͤberzeugt, daß wir nun auch in Ritter Kunerich ei⸗ nen aufrichtigen und getreuen Freund finden wuͤrden.“ „Nicht wahr, ſprach er zu Kunerich gewandt und ihm die Hand bietend, eines ſolchen Ueberfalls waret Ihr nicht gewaͤr⸗ tig?— Ich verſichere Euch hiemit, auf ausdruͤcklichen Befehl des Kaiſers, deſſen hoͤchſter Zufriedenheit uͤber Eure Ausſoͤh⸗ nung mit dem vortrefflichen Edelbert- und bezeuge Euch auch mein Wohlgefallen, zwei ſo tapfere Ritter im Frieden und Ein⸗ tracht hier beiſammen zu finden.“ Kunerich war vor Freude 122 faſt außer ſich. Die Gnade des Kaiſers und des Herzogs wirkte faſt wie Rheinwein auf ihn; ſie machte ihn beinahe trunken. Der Herzog bemerkte jetzt den frommen Abt, gieng zu ihm hin, bezeugte ihm ſeine aufrichtige Freude, ihn hier zu treffen, und ſetzte noch bei:„Ich freue mich um ſo mehr, Euch hier zu ſehen, hochehrwuͤrdiger Vater, da dieſes Gluͤck uns Welt⸗ geuten ſo ſelten zu Theil wird; Ihr zeigt Euch nirgends außer den Mauern Eures Kloſters, als wo euch die fromme Pflicht hinruft.“ Hierauf wandte ſich der Herzog an Kunerichs Gemahlin und ſprach:„Auf Eure guͤtigen Geſinnungen vertrauend, edle Frau lade ich mich, als ein ungebetener Kirchweihgaſt, ſelbſt zu Tiſche, und begruͤße in Euch meine und der Ritter die mit mir kamen, freundliche Hauswirthin!— An Euch mein lie⸗ benswuͤrdiges Fraͤulein, ſprach er zu Roſa, habe ich noch be⸗ ſondere Auftraͤge, die ihr nach Diſche vernehmen ſollet. Jetzt will ich alle die Herren Ritter und deren Frauen und Fraͤulein Doͤchter, die ich hiemit ſaͤmmtlich gruͤße, nicht laͤnger von der Tafel abhalten, und ſogleich mit gutem Beiſpiel vorangehen— denn, um die Wahrheit zu geſtehen, habe ich von dem etwas ſtarken Ritte hieher wirklich Hunger bekommen. Wir wollen einmal recht freundſchaftlich und ohne Umſtaͤnde zuſammen ſpeiſen. Frau von Fichtenburg und Fraͤulein Roſa wuͤnſchte ich zu beiden Seiten zu haben, obwohl ich ſo dreifach gegen das Sprichwort anſtoße:„Die Dugend befindet ſich in der Mitte.“ Euch, hochehrwuͤrdiger Abt, haͤtte ich am liebſten mir gegenuͤber, zwiſchen den zwei ausgeſehnten Rittern. Frie⸗ den ſtiften war von jeher Euer liebſtes Geſchaͤft; dieſe Stelle kann Euch alſo nicht anders als angenehm ſeyn. So haben wir auch die viel Perſonen, die an der Geſchichte, die uns hier zuſammenbringt, den meiſten Antheil haben, zunaͤchſt um uns, und koͤnnen um ſo vertraulicher zuſammen ſprechen. Die Uebrigen wiſſen ihre Plaͤtze.“— Der Herzog ſetzte ſich an die erſte Stelle der Tafel, wo man ein friſches Gedecke und einen goldenen Pokal fuͤr ihn bereitet hatte; alle Uebri⸗ gen ſetzten ſich, wie er es angeoroͤnet hatte. 183 Nachdem der erſte Hunger der Gaͤſte geſtillt war, ſprach der Herzog:„Sowohl die Fehde zwiſchen Edelbert und Ku⸗ nerich, als auch ihre Ausſoͤhnung und was Frau Hildegard und vorzuͤglich Fraͤulein Roſa dazu beigetragen, iſt uns zwar ſchon in dem kaiſerlichen Lager zu Ohren gekommen: allein die Geſchichte iſt mir ſo wichtig, daß ich auch die naͤheren Umſtande zu wiſſen wuͤnſchte.“ Er fragte nun bald nach dieſem bald nach jenem Umſtanke. Edelbert und Roſa, Ku⸗ nerich und Hildegard mußten abwechſelnd erzaͤhlen. Der Herzog hoͤrte ſehr aufmerkſam zu, und bezeugte dem treffli⸗ chen Edelbert oͤfters ſein Bedauern und der edlen Roſa fei⸗ nen Beifall. Auch der Frau von Fichtenburg ertheilte er verdieme Lobſpruͤche, und fand an Kunerichs gegenwaͤrtigem Betragen noch ein beſonderes Vergnuͤgen. Edelbert und Noſa wollten, um Kunerich zu ſchonen, in ihrer Erzaͤhlung Manches verſchweigen oder doch ſchnell daruͤber wegeillen. Allein Kunerich erzaͤhlte es dann ſelbſt mit freimuͤthiger Auf⸗ richtigkeit.„Ich habe grob gefehlt, ſagte er, ich weiß es⸗ Allein der Fehler iſt nun einmal geſchehen, und verheimlichen macht ihn nicht ungeſchehen. Nuͤhmlicher iſt es, den Fehler friſch weg hekennen, und ihn, ſo gut man kann, wieder verguͤten. Das glaube ich redlich gethan zu haben— und ich rathe jedem, der gefehlt hat, es auch zu thun. Er wird dabei nicht uͤbel fahren— und auf einem andern Wege kommt Ruhe und Zufriedenheit niemals in ſein Herz.“ Am Ende der Erzaͤhlung blickte der Herzog vergnuͤgt im Kreiſe umher und ſprach: Dem werthen Fraͤulein haben wir es zu danken, daß wir bei dieſer Freudenmahlzeit friedlich beiſammen ſitzen. Ohne ihre Dazwiſchenkunft wuͤrden wir uns jetzt einander im blutigen Kampfe feindlich gegenäͤber ſtehn. Denn es verſteht ſich von ſelbſt, daß wir den Rilter Edelbert nicht im Kerker haͤtten ſitzen laſſen. Es war im kaiſerlichen Lager ſchon beſchloſſen, ſobald der Friede mit den auswaͤrtigen Feinden zu Stande gebracht waͤre, ſollte ich mit großer Macht vor Kunerichs Burg ruͤcken, um ſie zu erobern. Kunerich haͤtte uns den Kampf gewiß ſehr heiß gemacht, und vieles Menſchenblut waͤre an den Mauern 8 dieſer Burg herabgeſtoſſen. Gott ſey geprieſen, daß er durch eine zarte Jungfrau, das edle Fraͤulein hier, es anders lenkte. Die beſcheidene Roſa erroͤthete.„Ach gnaͤdigſter Herr, ſag⸗ te ſie, ſo viel Ehre gebuͤhrt mir nicht. Gott allein lenkte alles ſo. Das Voͤgelein, das in den Brunneneimer flog, hat an dem gluͤcklichen Ausgange der Mißverſtaͤndniſſe zwiſchen Ritter Kunerich und meinem Vater ſo vielen Antheil, als ich. Da⸗ durch, daß es in eben dem Augenblicke, da Eberhard ſich am Brunnen befand und Thekla entfernt war, herbei gekommen, verhinderte es den Krieg. Der fromme Abt Norbert ſprach ſehr geruͤhrt:„Die feine und lebliche Bemerkung, die Fraͤulein Roſa machte, iſt nicht mit Gold zu bezahlen. Ja, ſo iſt es. Tauſend kleine Umſtaͤnde kommen in dem taͤglichen Leben vor, auf die wir nicht achten, und die doch von den wichtigſten Folgen ſind, und oft das Schickſal vieler Menſchen entſcheiden. Solcher Umſtaͤnde finden ſich in dieſer Geſchichte noch mehrere. Wer denkt zum Beiſpiel daran, daß ſein Schickſal davon abhaͤngen koͤnne, ob es heute regne oder die Sonne ſcheine? Allein wenn es an jenem Dage, an dem die Herbſtſonne ſo freundlich in dieſe Burg herein ſchien, geregnet haͤtte, ſo waͤre der kleine Eberhard nicht in den Burghof hinab gekommen, und Roſa haͤtte keine Gelegenheit gefunden, ihn zu retten und das Herz ſeines Vaters zu erweichen— und vielleicht mehrere hundert tapfere Maͤnner haͤtten bei der Belagerung das Leben verlo⸗ ren, und ihre Wittwen und Waiſen unzaͤhlige Thraͤnen dar⸗ uͤber vergoſſen.— Wer haͤlt es fuͤr moͤglich, daß es in der Ge⸗ ſchichte ſeines Lebens eine große Aenderung machen koͤnne, ob dieſe oder jene Speiſe auf ſeinem Liſche ſtehe? Allein waͤre jenes Naͤpfchen voll Erdſchwaͤmme dort in der Koͤhlerwohnung nicht auf dem Tiſche geſtanden, ſo waͤre es dem Fraͤulein nicht eingefallen, das Dienſtmaͤdchen der Thorwaͤrterin zu werden. Jene Erdſchwaͤmme wendeten unter Gottes Leitung das große Ungluͤck ab, daß dieſe Burg, anſtatt des Freudenfeſtes, das wir jetzt darinn feiern, nun beſtuͤrmt und vielleicht in einen Schutthaufen verwandlt worden waͤre. So verherrlichet ſich “ . die goͤttliche Vorſehung in den anſcheinenden Zufaͤllen des menſchlichen Lebens. Wie ein geſchickter Tonkuͤnſtler tauſen⸗ derlei Toͤne, ja mit unter ſelbſt Mißlaute, zu einem wohllau⸗ tenden Ganzen zu vereinigen weiß, ſo fuͤgt die goͤttliche Allmacht und Weisheit tauſenderlei, theils angenehme, theils unange⸗ nehme Ereigniſſe unſers Lebens zu einem wohl uͤbereinſtim⸗ menden Ganzen zuſammen. Noͤchten wir unſer Leben in dieſer Hinſicht oͤfter aufmerkſam uͤberdenken— wie oft wuͤrden wir Anlaß ſinden, Gott fuͤr ſeine weiſen und liebreichen An⸗ ordnungen mit frohem Herzen zu loben und zu preſien!“ Alle gaben ihm Beifall; der Herzog aber ergriff ietzt feierlich den goldenen Pokal, ſtand auf und rief:„Auf das Wohl des Kaiſers!“ Alle— der Abt, die Ritter, die Edelknechte, Frauen und Fraͤulein erhoben ſich ehrerbietig, wiederholten den Aufruf mit lauter Stimme und tranken. Hierauf ſtellte der Herzog den goldenen Becher auf die Tafel, wandte ſich zu Roſa und ſprach: In dieſem feierlichen Augenblick entledige ich mich der Botſchaft des Kaiſers an Euch, mein theures Fraͤulein! Mit hohem Wohlgefallen hat der Kaiſer Eure große Liebe zu Eurem Vater vernommen, die uns nach gluͤcklich beendigtem auswaͤrtigen Krie⸗ ge— eine einheimiſche blutige Fehde erſparte. Er beſchloß daher in ſeiner Weisheit, was ich Euch, werthes Fraͤulein, Eurem gelleb⸗ ten Vater und allen Anweſenden kund und zu wiſſen machen werde.“ Der Herzog winkte einem der Ritter, die mit ihm gekom⸗ men waren. Dieſer brachte einen großen, mit vilen Verzierungen auf Pergament geſchriebenen Brief, der mit rothem Sammet um⸗ ſchlagen war, und an dem an ſeidenen, mit Gold durchfloch⸗ tenen Schnuͤren ein großes kaiſerliches Siegel in einer Kapſel von Elfenbein herabhieng. Der Herzog uͤherreichte den Brief dem erſtaunten Fraͤulein und ſprach:„Mein verehrtes Fraͤulein! da Euer Vater keinen Sohn hat, und Tannenburg, als ein Manns⸗ lehen, nebſt allen Guͤtern an den Kaiſer und das Reich zu⸗ ruͤckfallen wuͤrde, Ihr aber dem Kaiſer und dem Reiche groͤ⸗ ßere Dienſte geleiſtet habt, als es vielleicht zehn Soͤhne haͤtten thun koͤnnen, ſo wird, wie dieſer Bief ausfuͤhrlicher ſagt, dieſes Lehen von dem Kaiſer und den Fuͤrſten des Neichs Euch uͤbertragen. Ihr koͤnnet nun aus den edelſten Ritterſoͤhnen 4 126 Deutſchlands Euch einen Gemahl nach Eurem Herzen waͤhlen, und derſelbe hat keine andern Bedingungen zu erfuͤllen, als daß er ſich don Tannenburg ſchreibe. Moͤge ſo der ruhm⸗ wuͤrdige Name von Tannenburg ſich noch auf Enkel⸗ und Uhrenkelſoͤhne forterben, und dieſes edle Geſchlecht noch lange ein Segen der Erde bleiben!“— Edelbert war von dieſer ausgezeichneten Gnade des Kai⸗ ſers tief geruͤhrt. Roſa, die ſich einer ſolchen Auszeichnung nicht wuͤrdig hielt, konnte kaum Worte finden, ihren Dank auszudruͤcken.— Der Wunſch des Herzogs aber ward in der Fols vollkammen erfuͤllt. Viele edle junge Ritter bewarben ſich um Roſa's Hand; ſie aber waͤhlte den edelſten unter allen — Sdelbert, den füngſten Sohn des Herzogs, mit dem ſie auch in der gluͤcklichſten Ehe lebte.— Doch dieß geſchah erſt nach einigen Jahren. Jetzt aͤußerte der Herzog, daß er nach beendigter Tafel noch den Brunnen und die Kapelle zu ſehen wuͤnſchte. Hil⸗ degard ordnete ſogleich an, daß der Eimer des Brunnens, kcerzen umgeben werde, um die dunkle Tiefe des Brunnens z beleuchten. Brunnen, lobte deſſen kunſtreiche Bauart und ſprach, indem er den Kranz von ſchimmernden Lichtern immer tiefer hinab ſinken ſah: Wahrhaftig, mein wertheſtes Fraͤulein! mich wun⸗ wagen. So lange dieſe Burg ſteht, wird man von dem kuͤh⸗ nen Fraͤulein von Tannenburg reden. Ihr habt Entch an die⸗ Helden kaum eines zu Theil wird. macht und der Barmherzigkeit Gottes. Ich fuͤhle es in dieſem Augenblicke da ich hinab ſehe, nur zu wohl, daß der Muth, niicch hinab zu wagen, nicht in mir lag. Gott hat mir den bevor man ih hinab ließe, rings mit brennenden Wachs⸗ Der Herzog begab ſich mit der ganzen Geſellſchaft zu dem derts, wo ihr den Muth her genommen, Euch da hinab zu ſem Brunnen ein Denkmal geſtiftet, desgleichen dem groͤßten „Ach nicht doch, gnaͤdigſter Herr! ſagte das anſpruchsloſe Fraͤulein; der Brunnen ſey vielmehr ein Denkmal der All⸗ Muth eingehaucht. Gott hat den Knaben gerettet. Nur Ihm, 127 dem Allbarmherzigen, von dem alles Gute kommt, danke — Ihn lobe und preiſe, wer immer dieſen Brunnen erblickt.“ Der Herzog begab ſich hierauf in die Kapelle, kniete eini⸗ ge Minuten an den Stufen des Altars, ſtand dann auf und ſprach:„Da eigentlich Roſa's kindliche Liebe zu ihrem gefan⸗ genen Vatker ſein Gefaͤngniß in eine Kapelle umgeſchaffen hat, ſo ſollte man mit goldenen Buchſtaben die Inſchrift uͤber den Altar ſetzen:„Dem Andenken der kindlichen Liebe.“ Roſa antwortete, abermal beſcheiden erroͤthend:„O nein, nein! das waͤre zu viel Ehre fuͤr einen Menſchen. Dem Al⸗ lerhoͤchſten allein, der große Dinge an uns gethan hat, Bleibe dieſer Altar und dieſe Kapelle gewidmet.“— Der fromme Abt lobte Roſa's Beſcheibenheit, und ſprach dann weiter:„Ich ſchlage jedoch vor, anſtatt der Inſchrift, die das beſcheidene Fraͤulein mit Recht ablehnt, mit großen golde⸗ nen Buchſtaben die Worte anzubringen:„Ehre Vater und Mutter, ſo wird es dir wohl gehen und du wirſt lange leben auf Erden.“ Es geſchah— und die goͤttliche Verheißung, die in dieſen Worten enthalten iſt, wurde auch fernerhin an Roſa im reichlichſten Maaße erfuͤllt, ——— 8 .— 4. 8 1 8 1 ſſinſnſinſſnſſſnſiſſſſſſſſſſſſnnſſſſſſniſſſiſſſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 1