3 „— f 6=———— X 0 2 0 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von. k 1 Eduard Oftmann in Gießen, 6 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe de Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offe f 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: —— — — für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 4„„„ 3„ 4„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre nen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 2 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ Rr, SSe O8n G8sSee oßeSets 8O80 6 3 Der Weihnachtsabend. Eine Erzahlyng 3 zum Weihnachtsgeſchenke 3 3 3 3 3 6 8 1 3 fuͤr Kinder. 2 Von 28. dem Weifaßſe der Oſtereyer. 8 5 WMuuunuhnhmnn G Reutlingen, vää h Fleiſchhauer und Spahn Oe³e Ooe Oote Oete Oete Oets Oen — Erſtes Kapitel. Das Weihnachslied. Ar dem heiligen Abende vor dem Weihnachtsfeſte wan⸗ derte der arme Anton, ein holder Knabe von acht Jahren, noch durch die ſchneebedeckte Gegend hin. Der arme Klei⸗ ne hatte ſeine blonden Locken, die von der Kaͤlte angeduf⸗ tet waren, noch mit dem leichten ſchwarzen Strohhute vom letzten Sommer her bedeckt, und ſeine beiden Wangen gluͤhten hochroth von Froſt. Er war nach Soldatenart ge⸗ kleidet und hatte eine niedliche ſcharlachrothe Huſarenjacke an. In der Rechten fuͤhrte er einen dicken Stecken von Schlehdorn, und auf dem Ruͤcken trug er ein kleines Rei⸗ ſebuͤndelein, in dem ſich all ſein Hab' und Gut befand. Er war aber froͤhlich und guter Dinge, und hatte an der ſchoͤnen weißen Winterlandſchaft umher und an den bereif⸗ ten Hecken und Geſtraͤuchen am Wege ſeine herzlichſte Freude. Indeß gieng die Sonne glutroth unter. Die angedufteten Halme und Zweige umher ſtimmerten wie mit roͤthlichen Fuͤnklein beſtreut und die Gipfel des nahen Tannenwaldes ſtrahlten im Abendgolde. Anton dachte, das naͤchſte Dorf, das jenſeits des 1* ——————— no— G — Waldes lag, noch leicht zu erreichen, und gieng muthig in den dicken, finſtern Wald hinein. Er hoffte in dem Dorfe gute Weihnachtsfeiertage zu bekommen; denn er hatte gehoͤrt, die Bauern dort ſeien ſehr vermoͤgliche und gutherzige Leute. Allein er war noch keine Viertelſtunde gegangen, ſo kam er vom rechten Wege ab, und verirrte ſich in die wildeſte Gegend des rauhen, bergigen Wal⸗ watten, und einige Mal verſank er beinahe in Gruben und Schluchten, die unter dem Schnee verſteckt waren. Die Nacht brach ein und es erhob ſich ein kalter Wind. Wolken uͤberzogen den Himmel, und verdunkelten jedes Sternlein, das durch die ſchwarzen Tannenaͤſte funkelte. Es war ſehr finſter und fieng. aufs neue heftig an zu ſchneien. Der arme Knabe fand keine Spur mehr von einem Wege, und wußte nicht mehr, wo an und wo aus. Muͤ⸗ de von langem Umherirren, vermochte er nicht mehr wei⸗ ter zu gehen. Er blieb ſtehen, zitterte vor Froſt, und ſieng an ſchmerzlich zu weinen. Er legte ſein Wander⸗ pundelein in den Schnee, kniete darneben nieder, nahm ſeinen Hut ab, erhob ſeine ſtarren Hände zum Himmel, im Himmel! Ach laß mich doch nicht in dieſem wilden Wmalde, in Nacht und Froſt umkommen. Sieh, ich bin na ein armes Waislein, und habe keinen Vater und kei⸗ ne Mutter mehr! Ich habe niemand mehr als Dich⸗ Aber Du biſt ja der Vater aller armen Waiſen. O laß niich nicht erfrieren; erbarme dich deines armen Kindes⸗ Es iſt ja beute die Nacht, da dein lieber Sohn zur Welt des. Er mußte faſt beſtaͤndig durch tiefen Schnee und betete unter heißen Thraͤnen:„Ach du lieber Vater — — geboren wurde. Um Seiner Willen erhoͤre mich! Ach, laß nicht in eben der Nacht, da ſich alle Welt uͤber die Geburt des goͤttlichen Kindes freut, mich armen Knaben hier einſam im Walde ſterben.“ Er legte ſein muͤdes Haupt auf ſein kleines Buͤndelein und ſchluchzte und wein⸗ te bitterlich! Aber horch— da erklang es mit einem Male, ſeitwaͤrts von der Hoͤhe herab, lieblich wie Harfentoͤne, und ein wun⸗ derſchoͤner Geſang erhob ſich und hallte von den Felſen nie⸗ der. Dem Knaben war es nicht anders, als hoͤrte er die heiligen Engel Gottes ſingen. Er ſtund auf, horchte und faltete die Haͤnde. Der Wind hatte ſich gelegt, und kein Luͤftchen regte ſich. Unausſprechlich lieblich erklang der Geſang in der tiefen naͤchtlichen Stille des Waldes⸗ Jetzt vernahm er deutlich die Worte: 5 ſey getroſt in jeder Noth, Denn ſieh, den liebſten Sohn hat Gott Zum Heiland dir gegeben! Auf Ihn vertrau' und faſſe Muth, Was ſchlimm iſt, macht Er wieder gut; Er liebt dich, wie ſein Leben. Jetzt war es wieder ſtille; nur klangen noch wie ein leiſer Wiederhall einige ſanfte Harfentoͤne nach. Dem guten Anton wurde es wunderbar um das Herz.„Ach, ſagte er, ſo muß es den Hirten zu Bethlehem geweſen ſeyn, als ſie in jener heiligen Nacht den himmliſchen Geſang vernahmen. Ich will wieder friſchen Muth faſ⸗ ſen und froͤhlich ſeyn. Sicher wohnen gute Menſchen in der Naͤhe, die ſich meiner annehmen; denn ich hoffe, daß ſie nicht nur ſo ſchoͤn ſingen, wie Engel, ſondern auch ſo gut und freundlich geſinnt ſeyen, wie die Engel!“ Er nahm ſein Buͤndelein, und gieng dier Anhoͤhe hinauf— der Gegend zu, woher er den lieblichen Geſang vernom⸗ men hatte. Kaum war er einige Schritte durch das Ge⸗ buͤſch gegangen, ſo glaͤnzte ihm ein heller Lichtſtrahl ent⸗ gegen, der ſogleich wieder verſchwand, üuber eine Weile aber wieder erſchien, dann wieder auf einige Augenblicke verſchwand, dann wieder heller glaͤnzte, und ſo wechſels⸗ weiſe. Anton gieng freudig vorwaͤrts, und kam an ein Haus, das einſam im Walde ſtand. Er klopfte zwei⸗ drei Mal an der Hausthuͤre; er hoͤrte wohl mehrere froͤh⸗ liche Stimmen in dem Hauſe, aber niemand antwortete ihm. Er verſuchte nun, die Thüre zu oͤffnen; ſie war nur mit der Thuͤrſchnalte geſchloſſen. Er gieng hinein, tappte lange in dem dunkeln Hausgange umher, und ſuchte die Stubenthuͤre. Endlich fand er ſie, machte ſie auf— und blieb höchſt erſtaunt ſtehen. Ein heller Glanz von mehre⸗ ren Lichtern ſtrahlte ihm entgegen. Es war ihm nicht an⸗ ders, als blickte er in das Paradies, in den offenen Himmel. In der Ecke der Stube, zwiſchen den zwei Fenſtern, war eine uͤberans ſchoͤne Fruͤhlingslandſchaft ganz nach gend mit hohen bemoosten Felſen, gruͤnenden Tannen⸗ waͤldern, laͤndlichen Huͤtten, weidenden Schaafen, nebſt ihren Hirten, und einer kleinen Stadt oben auf dem Ber⸗ ge. In Mitte der Landſchaft war aber eine Felſenhoͤhle — da ſah man das Kind Jeſu— die heilige Mutter— der Natur im Kleinen abgebildet— eine gebirgige Ge⸗ — — — 3SK —xn — 7 den ehrwuͤrdigen Joſeph— die anbetenden Hirten, und oben ſchwebten die jubelnden Engel. Die ganze Land⸗ ſchaft flimmerte von einem wunderſamen Glanze; ſie war wie mit unzaͤhligen winzig kleinen Sternlein beſaͤt, ſo wie etwa Laub und Moos an Baͤumen und Felſen ſchimmern, wenn ſie an einem Fruͤhlingsmorgen von reichlichem Thaue troͤpfeln. Die Einwohner des Hauſes waren um die ſchoͤne Vor⸗ ſtellung des Kindes Jeſu in der Krippe verſammelt. An einer Seite ſaß der Vater und hatte eine Harfe zwiſchen den Knieen ſtehen; an der andern Seite ſaß die Mutter mit dem kleinſten Kinde auf dem Schooße. Zwei liebli⸗ che Kinder, ein Knabe und ein Maͤdchen, ſtanden zwiſchen den bauden Eltern, blickten andaͤchtig zur Krippe des Hei⸗ landes hinauf und erhoben die Haͤnde gleich den frommen Hirten, die vor der Krippe knieten. Jetzt griff der Vater wieder in die Harfe und die Mutter ſang mit ihrer lieb⸗ lichen Engelsſtimme noch einmal das Lied von dem Anton jene Worte gehoͤrt hatte. Die zwei Kinder ſangen mit ih⸗ ren zarten, hellen Stimmchen freudig mit, und der Vater begleitete den Geſang mit ſeiner angenehmen Baßſtimme und dem lieblichen Harfenſpiel. Sie ſangen: Vor Dir, Du holdes Himmelskind⸗ Dem GSottes Engel dienſtbar ſind, Fall ich aubetend nieder— Und freue mit Maria mich, und preiſe mit den Engeln Dich, Und ſinge Jubellieder! V V — In Dir erſcheint uns Gottes Heil, Dich lieben— iſt der beſte Theil, Du Liebe ohne Gleichen! Zwar ſpricht noch deine Lippe nicht, Doch ſagt dein mildes Angeſicht Dem Armen wie dem Reichen: „O ſey getroſt in jeder Noth, Denn ſieh, den liebſten Sohn hat Gott Zum Heiland dir gegeben! Auf Ihn vertrau' und faſſe Muth, Was ſchlimm iſt, macht Er wieder gut; Er liebt dich wie ſein Leben.“ „Und koͤmmt ein armes Kind in Noth Vor deine Thuͤr', ſag nicht: Helf Gott! Wollſt ſeiner dich erbarmen! Fuͤhlſt du fuͤr Gottes Liebe Dank, Laß liebreich es bei Speis und Trank An deinem Heerd erwarmen. Anton ſtand noch immer unter der geoͤffneten Thuͤre, uund hielt die Thuͤrſchnalle in der einen Hand, und Hut und Stecken in der andern. Seine Augen waren beſtaͤn⸗ dig auf die ſchoͤne Vorſtellung der Krippe Jeſu gerichtet, und mit offenem Munde horchte er auf den Geſang und das Harfenſpiel. Niemand bemerkte ihn. Jetzt fuͤhlte aber die Mutter die Kaͤlte, die durch die offene Thuͤre in die Stube drang und blickte nach der Thuͤre:„Lieber Gott, rief ſie, wie kommt das Kind in der finſtern Nacht durch den dicken Wald hieher? Armer, armer Knabe 9 du haſt dich gewiß verirrt!“„Ach ja, ſagte Anton, ich habe mich im Walde verirrt!“ Alle ſahen jetzt nach der Chuͤre. Die zwei Kinder hatten ein herzliches Mitleid mit dem verirrten Knaben, blieben aber etwas ſcheu ſtehen, weil er ihnen fremd war. Die Mutter gieng mit ihrem Kinde auf dem Arm zu ihm hin, und fragte ihn freundlich:„Wo biſt du denn her, lieber Kleiner, wie heißt du und wer ſind deine Eltern?“„O du lieber Gott, ſagte Anton mit Thraͤnen in den blauen Augen: Ich habe gar keine Heimath mehr. Ich heiße Anton Kro⸗ ner. Mein Vater iſt in dem Kriege umgekommen und meine Mutter iſt den letzten Herbſt vor Jammer und Elend geſtorben. Ich bin hier im Lande ganz fremd und irre in der Welt umher, wie ein verlornes Laͤmmlein.“ Er fieng an zu erzaͤhlen, wie er eben jetzt im Walde in ſo großer Noth geweſen, wie er da aber ihren Geſang ge⸗ hört und ſo den Weg zu ihrem Hauſe gefuͤnden habe. Er wollte weiter reden, allein die Stimme verſagte ihm; es fror ihn noch allzuſehr. In der warmen Stube fuͤhlte er die Wirkungen der Kaͤlte erſt recht. Er zitterte vor Froſt und klapperte mit den Zaͤhnen. „Ach du armer Anton, ſagte die Mutter, du kannſt ja vor Froſt kaum mehr reden; und hungerig und muͤde mußt du auch ſeyn. Leg dein Buͤndelein ab, und ſitz nieder; ich will dir eine warme Suppe geben, und was ſonſt noch von dem Nachteſſen uͤbrig iſt.“ Die zwei Kinder, Chriſtian und Catharine, nahmen ihm nun voll Mitleid Hut und Stock und das Buͤndelein ab. Catha⸗ rine legte das Buͤndelein auf die Bank; Chriſtian legte ven Hut oben darauf und lehnte den Stecken in eine 10 Ecke. Hierauf fuͤhrten ſie ihren kleinen Gaſt an den Tiſch. Die Mutter brachte Suppe und ein großes Stuͤck Feſtkuchen nebſt gekochten Pflaumen. Sie ſetzte ſich an die andere Seite des Tiſches, und laͤchelte freundlich, daß Aunton es ſich ſo gut ſchmecken ließ. Die Kinder aber theil⸗ ten ihm reichlich von ihren Weihnachtsgeſchenken mit.— ſchoͤne rothwangige Aepfel, goldgelbe Birnen, und große braune Nuͤſſe. Sogar das kleine Lischen, auf dem Schoo⸗„ be der Mutter, ſchenkte ihm, auf Zureden der Mutter, das ſchoͤne purpurrothe Aepfelein, das ſie in dem kleinen Haͤnd⸗ chen hielt, und mit den zarten Fingerlein kaum umſpannen konnte. 1 Die warme Suvpe bekam dem erſtarrten Anton ſehr gut, und die liebliche Stubenwaͤrme that ihm nunmehr ſehr wohl. Er ward wieder munter und froͤhlich.„Aber was ihr doch da in der Ecke eurer Stube Schoͤnes habt!“ fieng er jetzt an. csr hatte ſchon unter dem Eſſen beſtaͤndig nach der Krippe hin⸗ A ergeblickt„Das iſt ja ein Fruͤhling mitten im Winter! aagte er. So etwas Wunderſchoͤnes hab' ich in meinem Leben noch nicht geſehen. Ich muß es doch naͤher betrach⸗ ten.“ Er ſyrang hin und die zwei Kinder folgten ihm. „Weißt du aber auch, was das alles vorſtellt?“ frag⸗ te Catharine.„Freilich weiß ich das, ſagte Anton. Es ſtellt die Geburt Jeſu vor. Was das fuͤr ein ſchoͤnes, liebliches Kindlein iſt! Sein Angeſicht ſo ſchoͤn weiß und roth, wie Lilien und Roſen. und was es fuͤr glaͤnzen⸗ de Aeuglein hat, und wie freundlich es laͤchelt!“„Das iſt aber nicht das rechte Jeſuskindlein! ſagte Catha⸗ rine. Jeſus iſt ietzt kein Kind mehr; Er iſt ſchon lan⸗ ge in den Himmel aufgefahren.“„Das weiß ich wohl⸗ 11 ſagte Anton. Meynſt du denn, ich ſey ein Heide? Es iſt ja ſchon bald zweitauſend Jahre, daß Jeſus als ein Kind in der Krippe lag. Das alles hier iſt nur ſo ge⸗ macht, damit wir Kinder uns alles beſſer vorſtellen koͤn⸗ nen. Das da oben iſt, glaube ich, die Stadt Bethlehem. Nicht ſo?“ Catharine nickte.„Siehſt du nun, ſagte Anton, daß ich alles weiß! Ich bin nicht ſo dumm, als du meynſt.“ Die Kinder lachten und machten nun Anton noch auf allerley Kleinigkeiten aufmerkſam, die ihnen aber hoͤchſt wichtig vorkamen.„Sieh nur, Anton, ſagte Ca⸗ tharine, das ſchoͤne weiße Schaaf hier mit krauſer Wolle, und die zwei allerliebſten kleinen Schaͤftein daneben! Sieh, hier herum graſet die uͤbrige Heerde, und dort ſteht der Hirt und blaͤst auf der Schalmei. In dem niedlichen rothen Huͤttchen mit Raͤdern ſchlaͤft er zu Nacht.“— „Siehſt du auch, ſprach Chriſtian, wie da aus dem Fel⸗ ſen ein kleines Quellchen, ſo fein wie ein Silberfaͤdchen, hervorſpringt, und ſich in den hellen See ergießt? Sieh, zwei weiße Schwaͤne mit ſchoͤngebogenen Haͤlſen ſchwim⸗ men auf dem See und ſpiegeln ſich in dem ruhigen, ſilberklaren Waſſer.“„Dort, ſagte Catharine, kommt ein Hirtenmaͤdchen den ſteilen Weg am Berg herab, und traͤgt ein zugedecktes Koͤrblein auf dem Kopf. Da⸗ rin werden wohl Aepfel oder Eier ſeyn, die ſie zur Krippe traͤgt.“„und ſieh, ſagte Chriſtian, dort ſchiebt einer auf ſeinem Schiebkarren einen Sack die hohle Bergſchlucht hinauf. Was aber in dem Sacke iſt, weiß ich nicht zu ſagen“ So unterhielten ſich die Kinder hoͤchſt angenehm, und kein kleines ſtreifiges Schnecklein, das an dem Felſen 1 4 1 — — 12 klebte, und kein buntes Muͤſchelein am Ufer des Sees blieb unbemerkt. „Nun wohl, ſagte Anton, das iſt alles ſehr ſchoͤn. Allein das Schoͤnſte iſt doch die Abbildung des himmli⸗ ſchen Kindes! Das freut mich am meiſten. Denn um jenes Kindes willen, das hier abgebildet iſt, hat mich der himmliſche Vater aus meiner großen Noth errettet,“ Drittes Kapitel. Geſchichte des armen Ankons. Der Hausvater, in deſſen Hauſe Anton gut aufgenom⸗ men wurde, war ein Föoͤrſter. Er ſaß, indeſſen die Kin⸗ der ſo miteinander plauderten, in ſeinem Lehnſeſſel am Ofen, und ſchien in Gedanken vertieft. Die Foͤrſterin ſetzte ſich, mit dem kleinſten Kinde auf dem Arm, ne⸗ ben ihn auf einen Stuhl, und ſagte uͤber eine Weile: „Warum biſt du ſo ſtille, und uͤber was ſinneſt du nach?“„Ich ſinne den letzten Reimen nach, die wir geſungen haben, ſagte der Foͤrſter. Du haſt nun freilich gethan, wie ſie lanten, und den armen Knaben geſpeiſet uund erwaͤrmt. Ich denke aber, wir koͤnnten doch noch mehr an ihm thun. Sieh, es iſt heute die heilige Nacht. Wir feiern das Andenken jener Nacht, in der das goͤtt⸗ liche Kind geboren wurde, das zu unſerm und aller Menſchen Heil in die Welt gekommen. Und nun ſchickt Gott uns eben heute Nacht ein Kind her, dem wir zum 13 Heile werden koͤnnen.— Der Erloͤſer kam als ein Fremd⸗ ling in die Welt, und hatte nicht, wo er ſein Haupt hinlege, als wollte er die Gaſtfreundlichkeit der Menſchen auf die Probe ſtellen. Die Einwohner von Bethlehem beſtanden in dieſer Probe ſchlecht, und verſtießen ihn gleich anfangs zu den Thieren des Stalles; ſollten wir den Knaben da auch ſo verſtoßen? Sag mir aber deine Meynung aufrichtig, Eliſabeth, was wir thun ſollen!“ „Den Knaben annehmen, ſagte die Foͤrſterin freudig und freundlich. Was ihr einem von dieſen Mindeſten thut, das habt ihr mir gethan, ſagte ja Er, der in die⸗ ſer Nacht geboren ward. Und der Anton ſcheint mir ein recht guter, ſanfter Knabe, der ein edles Gemuͤth hat. Er ſieht ſo fromm und unſchuldig aus, und, ob⸗ wohl er betelt, ſo iſt er doch gar nicht keck und verwegen⸗ Gewiß iſt er ehrlicher Leute Kind. Er hat ſo eine feine Ausſprache, und obwohl ſeine rothe Jacke etwas abgetra⸗ gen iſt, ſo iſt ſie doch von recht gutem Tuche. Wo ihrer fuͤnf eſſen, eſſen auch ſechs. Wir wollen den Kna⸗ ben behalten.“ „Du biſt doch eine gute, liebe Frau, ſagte der Foͤr ſter, und druͤckte ihr die Hand, Gott wird es dir ver⸗ gelten, und was du an einem fremden Kinde thuſt, un⸗ ſern eigenen Kindern zu gut kommen laſſen. Doch muͤſ⸗ ſen wir den Knaben zuvor erſt pruͤfen, ob er der Wohl⸗ that werth iſt.“ „Anton, komm einmal da her! rief der Foͤrſter jetzt laut. Anton kam und ſtellte ſich vor ihn hin, gerade und aufrecht, wie ein Soldat vor ſeinem Officier ſteht. „Dein Vater, fieng der Foͤrſter an, war glſo ein —hhͤhöhͤhnͤnh—„—·„— — 1½ Soldat, und ſtarb den Tod fuͤrs Vaterland. Nun, das iſt wohl traurig fuͤr dich, allein fuͤr ihn iſt es ſchoͤn und ruͤhmlich. Aber erzaͤhle uns doch mehreres von dei⸗ nen Eltern: Wo waret ihr vor dem Kriege? Wie kam dein Vater um? wie ſtarb deine Mutter? Wie kamſt du hieher in unſern Wald? Laß einmal hoͤren!“ Anton erzaͤhlte: Meinen Vater, Gott habe ihn ſelig, nannten die Huſaren ihren Herrn Wachtmeiſter. Unſer Regiment lag, ſo lange ich denke, zu Glatz in Schleſien in Garniſon. Meine Mutter naͤhete immer ſehr fleißig und verdiente vieles. Sie war ſehr geſchickt. Da kam der Vater eines Tages eilig nach Hauſe und ſagte:„Es iſt Krieg; wir muͤſſen morgen fort!“ Er war ein tapferer Mann und wußte ſich gut darein zu ſchicken. Meine Mutter aber hatte einen großen Schrecken und weinte bitterlich. Sie wollte ihn nicht allein ziehen laſſen: der Abſchied fiel ihr gar zu ſchwer. Auf vieles Bitten nahm er uns endlich mit. Wir zogen weit— weit fort. Mit einmal hieß es:„Der Feind ruͤckt an.“ Mein Vater und die Hu⸗ ſaren mußten ihm entgegen. Meine Mutter und ich blieben zuruͤck. Da wurde uns nun wohl recht bange, als wir in der Ferne ſo fuͤrchterlich ſchießen hoͤrten.„Ach, ſagte die Mutter zu mir, bei jedem Schuß geht mir ein Stich durchs Herz. Denn ich weiß ja nicht, ob die Kugel nicht das Herz deines Vaters durchbohrt.“ Wir weinten und beteten, ſo lange das Schießen waͤhrte. Doch der Vater kam gluͤcklich und unverſehrt wieder zuruͤck. So gieng es nun oͤfter. Allein eines Tages kam nach einem Gefechte ein Huſar mit des Vaters 15 leerem Pferde in das Dorf geſprengt und ſagte, der Va⸗ ter ſey ſchwer verwundet; er liege eine halbe Stunde vom Dorfe auf der Wahlſtatt und werde wohl ſterben. Die Mutter und ich eilten ſogleich zu ihm. Er lag un⸗ ter einem Baume. Ein alter Soldat kniete bei ihm und hielt ihn ſanft in den Armen, ſo, daß der Vater den Kopf an die Bruſt des wackern Kriegers anlehnen konnte⸗ Noch zwei andere Soldaten ſtanden dabei. Mein armer Vater war durch die Bruſt geſchoſſen und ſah bereits ſo blaß aus, wie ein Sterbender. Wir ſahen es ihm wohl an, daß er uns noch etwas ſagen wollte; allein er konnte nicht mehr reden. Da blickte er mich mit ſeinen ſterben⸗ den Augen noch einmal ſchmerzlich an, dann blickte er auf die Mutter, und dann zum Himmel. Wenige Augenbli⸗ cke nachher verſchied er. Die Mutter und ich weinten uns faſt die Augen aus. Die Leiche wurde auf dem naͤch⸗ ſten Kirchhofe begraben. Einige Herren Officiere und viele Soldaten kamen und begleiteten die Leiche. Die Trompete klang mir ſo ſeltſam und ſo traurig, daß mirs iſt, ich hoͤre ſie noch immer. Sie erwieſen ihm noch die letzte Ehre, und ſchoßen ihm noch in das Grab. Meine Mutter und ich wurden von dieſer traurigen Ehrenbezeu⸗ gung ſo erſchuͤttert, als wuͤrde auf uns ſelbſt geſchoſſen⸗ Viele Soldaten wiſchten ſich die Augen, als ſie vom Gra⸗ be zuruͤckkehrten. Ich und meine Mutter aber zerfloßen faſt in Thraͤnen. Die Mutter wollte nun wieder in ihre Heimath zuruͤck kehren.„Ich habe dort freilich keine Verwandte mehr, ſagte ſie, aber doch noch eine gute Bekannte Sie bekomme ich doch nicht mehr.“ 16 wird uns wohl in ihr Haus aufnehmen, und ich denke, dort von meiner Arbeit dich und mich zu ernaͤhren.“ Allein wir hatten kaum einige Tagreiſen zuruͤckgelegt, da wurde die gute Mutter unterwegs krank., Mit Muͤhe erreichten wir noch einen kleinen Weiler. Man wollte uns nirgends aufnehmen; endlich fanden wir in einer Scheune ein Unterkommen.„Das iſt wohl hart, ſagte meine Mutter, allein Maria hatte es ja auch nicht beſſer. Auch ſie wurde nirgends hineingelaſſen und mußte in ei⸗ nem Stalle uͤbernachten.“ Meine Mutter wurde indeß ſtuͤndlich kraͤnker. Sie ließ einen Geiſtlichen rufen und bereitete ſich zum Tode. Als es Nacht wurde, ſagte die Beaͤurin, der die Scheune gehoͤrte, zu meiner Mutter: „Ihr ſeyd wohl recht krank; ich muß daher ſchon etwas Uebriges thun.“ Sie gieng, brachte eine alte Stallla⸗ terne, in der ein kleines Oellicht brannte, und haͤngte die Laterne an einem Balken auf. Dus war alles, was ſie that. Sie ſagte uns nun gute Nacht, und kuͤmmerte ſich weiter nicht mehr um uns. Ich blieb ganz allein bei der Mutler; ich ſaß ſo neben ihr auf einem Bund Stroh und weinte bitterlich. Gegen Mitternacht wurde ſie, ſo viel ich bei dem truͤben Scheine der Laterne ſehen konnte, immer blaͤſſer. Sie ſeufzte mehrmal ſehr tief. Ich weinte immer heftiger. Sie bot mir die Hand und ſagte:„Weine nicht, lieber Anton! Bleibe fromm und gut, bete gern, hab Gott vor Augen und thu⸗ nichts Boͤſes; ſo wird dir Gott einen andern Vater und eine andere Mutter geben.“ So ſprach ſie.„Aber lieber Gott, ſagte Anton, und die hellen Zaͤhren floßen ihm uͤber die bluͤhenden Wangen— eine ſolche gute Mutter —-—OͤeͤeAͤ—,—õ——— 8 2 2—— „ „Nun, fuhr er fort, —ι „—2 r. — —₰,j A o o(u N o 2 N GQ 8 o22 17 ſie blickte nun lange zum Himmel, betete in der Stille, ſegnete mich mit ihren ſterbenden Haͤnden und verſchied. Ich konnte nichts als weinen. Der Bauer und die Baͤue⸗ rin hatten wohl meiner Mutter verſprochen, ſie wollen mich annehmen und mich wie ihr eigenes Kind halten. Sie nahmen das Wenige, was meine Mutter hinterlaſ⸗ ſen hatte, ihre Kleider und einiges Geld, auch wirklich zu ſich; allein ehe drei Wochen vergiengen, ſchickten ſie mich fort, und ſagten, ich haͤtte ſchon dreimal ſo viel verzehrt, als die Hinterlaſſenſchaft meiner Mutter werth ſey. Ich gieng und nahm mir vor, nach Glatz zu meinen Schulka⸗ meraden zuruͤck zu kehren. Allein die Bauern konnten mir nicht ſagen, wo der Weg nach Schleſien gehe. Da irre ich nun ſo im Lande hin und her und bettle; denn was ſoll ich ſonſt anfangen 2☛G Die Foͤrſterin war ſehr geruͤhrt, und ſagte mit Thraͤ⸗ nen in den Augen zu ihren Kindern:„Seht, meine Kinder, ſo koͤnnte es euch auch gehen. Auch ihr koͤnnet Vater und Mutter verlieren, und was wollet ihr denn anfangen? Darum bittet doch Gott alle Tage, daß Er euch eure Eltern erhalte.“ 3 Der Foͤrſter ſprach: Du hatteſt, ſo viel ich ſehe⸗ ſehr rechtſchaffene Eltern, lieber Anton. Allein haſt du denn gar nichts Schriftliches aufzuweiſen?“„O ja wohl!“ ſagte Anton, und nahm eine Brieftaſche aus ſeinem Paͤcklein.„Dieſe Papiere, ſagte er, hat mir meine Mutter noch auf ihrem Sterbebette uͤbergeben. Sie befahl mir, wohl darauf Acht zu haben, und ſie nicht aus der Hand zu laſſen. Euch darf ich ſie aber ſchon ſehen laſſen.“ Es waren der Trauſchein ſeiner Aeltern, — 2 18 Antons Taufſchein und der Todtenſchein ſeines Vaters. 1r Der Todtenſchein war von dem Feldprediger ausgeſtellt. ſti Der Oberſt des Regiments hatte aber noch eigenhaͤndig da ein ſehr ruͤhmliches Zeugniß von dem tapfern, edelmuͤthi⸗ ſti gen Betragen des ſeligen Wachtmeiſters und der tadello⸗ un ſen Auffuͤhrung der hinterlaſſenen Wittwe beigefuͤgt. „Nun wohl, ſprach der Förſter, das iſt alles gut. Jetzt ſage mir aber, Anton, wie gefällt's dir bei uns? „Sehr gut, ſagte Anton freundlich, ſo gut, daß mir iſt⸗ als ſey ich bei Euch zu Hauſe.“ Moͤchteſt du wohl beſ uns bleiben?“ fragte der Foͤrſter.—„O nirgends in der Welt lieber, ſagte Anton. Eure Frau iſt gerade ſo freund⸗ lich, wie es meine Mutter war, und Ihr ſeyd auch recht brav und habt gerade einen ſolchen Schnurrbart, wie ihn mein Vater trug.“ Der Foͤrſter lachte und ſtrich ſich den Bart.„Nun, Knabe, ſprach er, ſo bleibe denn bei uns. Ich viill dein Vater ſeyn, und meine Frau wird als Mutter an dir handeln. Sey uns aber auch ein guter Sohn, und habe deine neuen Geſchwiſter lieb und thu ihnen nichts zu leid.— Hoͤrſt du— du biſt jetzt mein Sohn Anton!“ Der Knabe ſtand ſehr betroffen da, und ſah den Föͤrſter mit großen Augen an, ob das auch ſein Ernſt ſey. Er war der harten Begegnung, die er von vielen Menſchen erfahren mußte, ſo gewoͤhnt, daß ers kaum glauben konnte, der Forſter wolle ihn an Kindesſtatt annehmen.„Nun wie, Anton, ſagte der Foͤrſter, und bot ihm die Hand, ſchlaͤgſt du nicht ein?“ Jetzt brach Anton in Thraͤnen aus, bot dem Förſter die Hand, kuͤßte darauf die Hand der Foͤrſterin, und gruͤßte beide Kinder, aauch das kleinſte, wiewohl es noch nicht ſo ru 19 rs. wußte, was vorgieng, als ſeine neuen Geſchwiſter. Chri⸗ llt ſtian und Catharine hatten eine große Freude, daß Anton dig da bleiben durfte.„Jetzt iſts erſt recht luſtig, ſagte Chri⸗ hi⸗ lo⸗ ut. 24 iſt, beſ der ad⸗ cht hn ſtian: jetzt ſind wir, wenn wir ein Spiel machen, doch unſer drei.“— Der Foͤrſter fuhr aber ernſthaft fort:„Sieh Knabe⸗ ſo ſorgt Gott fuͤr dich. Der Segen deiner guten Aeltern ruht auf dir. Gott erhoͤrte das Gebet deiner ſterbenden Mutter und— auch dein Gebet, als du dort im Walde zit⸗ ternd vor Froſt im Schnee knieteſt. Er lenkte deine Tritte hieher! Er fuͤhrte dich in unſer Haus. Wenn du unſern Geſang nicht gehoͤrt haͤtteſt, ſo waͤreſt du auf deinem Buͤn⸗ delein eingeſchlafen und erfroren, und ich haͤtte dich todt im Walde gefunden. Gott rettete dich gerade noch im rechten Augenblick. Er fuͤhrte dich gerade in dieſer heili⸗ gen Nacht, da unſre Herzen vor der Liebe des Vaters im Himmel, der den Eingebornen fuͤr uns dahin gab, beſon⸗ ders geruͤhrt waren, zu unſerer abgelegenen Wohnung im Walde, die du ſonſt am Tage kaum gefunden haäͤtteſt. Gott und ſeinem lieben Sohne, der auch fuͤr dich armen Knaben vor bald zwei tauſend Jahren in der heutigen Nacht geboren ward, und auch fuͤr dich geſtorben iſt, haſt du es zu danken, daß du jetzt wieder ein Obdach haſt. Darum erkenne es, und vergiß es in deinem Leben nicht, und habe immer ein dankbares Gemuͤth gegen Gott und deinen Erloͤſer. Hab' Gott dein Lebenlang recht vor Au⸗ gen und fuͤhre dich chriſtlich auf.“ Anton verſprach es mit weinenden Augen.„O Du guter Gott, ſagte er, indem er zum Himmel blickte, Du haſt die letzten Worte meiner ſterbenden Mutter treulich 2* erfuͤllt, und mir wieder Vater und Mutter geſchenkt. Ich will aber ihre letzten Worte auch erfüllen, deine heiligen Gebote halten, und beſonders das vierte Gebot gegen mei⸗ ne neue Aeltern recht beobachten.“„Bravo, Anton ſprach der Forten, das thu, und es wird dir wohl gehen. Die Forſterin Mies hierauf dem Knaben eine kleine Kam⸗ mer mit einem keinlichen Bette an, und alle begaben ſich vergnuͤgt zur Ruhe. Am andern Morgen waren die Kinder ſogleich wieder um die Vorſtellung des Kindes Jeſu in der Krippe verſam⸗ melt. Sie war an dem heiligen Weihnachtsfeſte und dar⸗ auf folgenden Feiertagen und Feſten ihre einzige Freude. 4 Allein dieſe unſchuldige Weihnachtsfreude waͤre bald geſtoͤrt worden. Ein gewiſſer junger Herr von Schilf, der ein großer Jagdliebhaber war, und den Förſter oͤfters beſuchte, kam einmal in die Stube. Er machte uͤber dieſe Art, den Kindern die Krippe Jeſu vorzuſtellen, allerlei ſpoͤttiſche Anmerkungen und konnte nicht finden, wozu dergleichen dienen ſollte. „Wozu? ſprach der Foͤrſter. Schauen Sie da ein⸗ mal zum Fenſter hinaus, junger Herr! Sehen Sie, tiefet Schnee deckt die Erde, und die Baͤume des Waldes kra⸗ chen unter ſeiner Laſt. Man ſieht keine Blume; nur hier an den gefrornen Fenſterſcheiben ſchimmern Blumen vor⸗ Eis. An den Obſtbaͤumen, die mein Dach umgeben, haͤn⸗ gen keine Aepfel und Birnen mehr, und es iſt kein gruͤnes Blatt mehr daran zu ſehen; alle Aeſte und Zweiglein ſind weiß angeduftet und ganz mit Reifen uͤberzogen, und an dem Hausdache haͤngen lange Eiszapfen. Die armen Kinder hier ſind in der Stube gleich Gefangenen einge: 1 3 4 4 — * ——,j———— 21 ſperrt, und koͤnnen kaum einen Tritt vor die Hausthuͤre thun. Sollte es denn nun ſo uͤbel ſeyn, wenn liebende Aeltern ihren Kindern zur rauhen Winterzeit in der waͤr⸗ menden Stube gleichſam einen Fruͤhling erſchaffen? Wirk⸗ lich iſt dieſe Fruͤhlingslandſchaft im Kleinen mit den gruͤ⸗ nen Waͤldern, blumigen Wieſen, weidenden Schaafen und deren Hirten faſt die einzige Winterfreude der Kinder.“ „Allein das iſt noch das Wenigſte! Die Hauptſache iſt dies: Wir Chriſten freuen uns zur heiligen Weihnachts⸗ zeit, daß uns in Chriſtus die Menſchenfreundlichkeit Got⸗ tes in Menſchengeſtalt erſchienen iſt. Und da moͤchten wir denn auch unſre Kinder, ſoviel ſie es verſtehen, an dieſer Freude Theil nehmen laſſen. Nun weiß ich zwar wohl⸗ daß die groͤßten Mahler dieſe heilige Geſchichte in Gemaͤl⸗ en darſtellten, die ſeit Jahrhunderten die Bewunderung Welt ſind. Ich ſelbſt habe, da ich noch auf Reiſen , jenes beruͤhmte Gemaͤlde der Krippe Jeſu zu Dres⸗ 1 den, die heilige Nacht genannt, mehrmal bewundert. Al⸗ lein die Einwendungen, die Sie gegen meine, freilich ſehr unvollkommne Darſtellung der Krippe Jeſu hier machen, ließen ſich, den Kunſtwerth abgerechnet, gegen jenes herr⸗ liche Gemaͤlde auch machen, und ſtud deßhalb keiner Wie⸗ derlegung werth. Solche koſtbare Gemaͤlde ſind uͤbrigens nur fuͤr große Herrn, und waͤren hei Kindern gar nicht angewendet. Denn ich wette darauf, meine Kinder wuͤr⸗ den ihre Krippe gegen jenes beruͤhmte Gemaͤlde zu Dres⸗ den ſicher nicht vertauſchen.“ „Laſſen Sie alſo, mein lieber Herr von Schilf, uns einfaͤltige Leute hier im Walde immer bei der alten Sitte unſerer Vaͤter bleiben. Ich erinnere mich noch, aus mei⸗ 22 nen eigenen Kinderjahren, daß die Krippe meine beſte Kinderfreude— und nicht ohne Segen fuͤr mich war. So⸗ moͤge ſie denn auch meinen Kindern zur Freude und zum Segen gereichen.“ Drittes Kapitel. —— 2 Die edle Foͤrſterfamilie. Da Forſter der den armen Waiſenknaben an Kindes⸗ ſtatt angenommen hatte, war ein ſehr rechtſchaffener, bie⸗ derer Mann, und, wie er ſich ſelbſt ausdruͤckte, noch von 1 altem Schrot und Korn. Er war ſehr gottesfuͤrchtig⸗ ge⸗ gen alle Menſchen wohlwollend, un nes Fuͤrſten unermuͤdet und von unverbruͤchlicher Treue Der ehrliche Foͤrſter hielt ſich ſtreng an die frommen Sit⸗ ten ſeiner Großaͤltern, die er noch gekannt hatte, und ſei 1 ner Aeltern, die ganz ſo wie die Großaͤltern geſinnt waren. Am Morgen war es immer ſein erſtes Geſchaͤft, mit Frau und Kindern das Morgengebet gemeinſchaftlich zu entrichten; eben ſo wurde auch der Tag mit dem Abend⸗ gebete gemeinſchaftlich beſchloſſen.„Wie ſollten wir, ſagte er, nicht jeden Tag mit dem Gedanken an Denjenigen anfangen und beſchlieſſen, der uns jeden Tag das Leben friſtet, und uns Speiſe und Srank und alles Gute giebt? Es iſt wohl auch, denke ich, ſelbſt fuͤr Engel ein ruͤhren⸗ der Anblick, wenn Vater und Mutter in Mitte ihrer Kinder vor Gott knieen, und alle, auch das Kleinſte d in dem Dienſte ſei⸗ 5 nicht ausgenommen, die Haͤnde betend und dankend zum Himmel erheben. Der Vater im Himmel kann nicht an⸗ ders als ſegnend auf ſie herabblicken.“ Eben ſo andaͤchtig und ehrerbietig betete der Foͤrſter mit allen den Seinigen vor und nach dem Tiſche. Eines Tages brachte er den jungen Herrn von Schilf von der Jagd mit nach Hauſe und lud ihn, da eben die Suppe aufgetragen wurde, zum Mittageſſen ein. Der junge Herr ſetzte ſich ſogleich ohne Tiſchgebete an den Tiſch. Allein der Foͤrſter, der ſich wie er zu ſagen pflegte, nie ein Blatt vor den Mund nahm, aagte ſehr ernſthaft: „Pfui, junger Herr! ſo machen es meine Wildſchweine draußen im Walde; die verſchlucken die Eicheln, ohne aufzuſchauen, woher ſie kommen.“ Der junge Herr vollte Einwendungen machen, und meynte, das Tiſchge⸗ eey eben nicht ſo bedeutend. Allein der Foͤrſter ſprach mit großem Nachdrucke:„Was uns zu beſſern Men⸗ ſchen macht, iſt von großer Bedeutung. Die Gottſelig⸗ keit iſt zu Allem nuͤze, von der Gottesvergeſſenheit hinge⸗ gen habe ich noch keine guten Fruͤchte geſehen, wohl aber ſchon ſehr viele ſchlimme. Beten Sie mit uns, wie es einem Chriſten und vernuͤnftigen Menſchen geziemt, oder Sie ſind mit mir das letzte mal auf der Jagd geweſen. Mit einem Heiden mochte ich nichts weiter zu thun ha⸗ ben. Ich mag nicht einmal mit ihm an Einem Tiſche eſſen. Doch, ſetzte der Foͤrſter gelaſſener hinzu, ich weiß wohl, daß Sie uͤber die Sache nie nachgedacht haben. Sie ſahen etwa einige vornehme Herren nicht zu Tiſche beten, und machten es ihnen ohne weitere Ueberlegung ſogleich nach, Sie glaubten dadurch ſich ſelbſt ein vor⸗ 2 ½ nehmes Anſehen zu geben. Allein, mein lieber junger Herr, obwohl Sie Schilf heißen, ſo muͤßen Sie deßhalb doch nicht dem Schilfe gleichen, das innen leer und ohne Mark iſt und ſich nach jedem Luͤftchen dreht.“ Der junge Herr ſtand wieder auf und bequemte ſich mit zu beten. Er that es aber nicht aus Andacht gegen Gott, ſondern bloß aus Liebe zur Jagd⸗ Am froͤhlichſten war der ehrliche Foͤrſter immer, wenn er ſich in der Mitte ſeiner Familie befand.„Was ſoll ich die Freude auswaͤrts ſuchen, ſagte er, da ich ſie zu Hauſe beſſer und wohlfeiler haben kann.“ Er trank daher nach vollbrachtem Tagewerk ſeinen Krug Bier, und Sonntags ſein Glas Wein daheim, fuͤhrte mit ſeiner Hausfrau vertrauliche Geſpraͤche oder erzaͤhlte den Kindern fröͤhliche und lehrreiche Geſchichten. Wenn er beſonders aufgeraͤumt war, nahm er ſeine Harfe zur Hand⸗„Dieſe gilt uns, ſagte er bei den langen Winterabenden in un⸗ ſerm rauhen Walde anſtatt Koncert und Over.“ Er hatte in ſeiner Jugend zwar das Waldhornblaſen angefangen;’ allein da der Arzt es ihm unterſagte, ſo verlegte er ſich⸗ als ein großer Freund der Muſik, auf die Harfe. Die Foͤrſterin wußte mehrere ſchoͤne Lieder, und der Foͤrſter begleitete ſie mit ſeinem Harfenſpiel. Auch die Kinder hatten bald einige ihrem Alter angemeſſene Liedchen ge⸗ lernt, und ſangen zuſammen, gleich den Zeiſigen im Walde⸗ Die Kinder des Foͤrſters giengen nach Aeſchenthal⸗ dem naͤchſten Pfarrdorfe, in die Schule. Sobald die Weihnachtsfeiertage voruͤber und die Wege durch den Wald wieder gangbar waren, mußten Chriſtian und Ca⸗ 4 25 tharine taͤglich dahin gehen. Anton gieng mit tauſend Freuden mit, und uͤbertraf bald alle ſeine Mikſchuͤler. Sein Fleiß und ſeine Talente waren ausnehmend⸗ Wenn der Foͤrſter Abends von der Jagd nach Hauſe kam und in ſeinem Lehnſtuhle naͤchſt dem waͤrmenden Ofen ſaß, mußfen ihm die Kinder erzaͤhlen, was ſie in der Schule ge⸗ lernt hatten, und ihm ihre Schriften vorweiſen. Anton wußte immer am meiſten zu erzaͤhlen; ſeine Schriften wa⸗ ren immer die ſchoͤnſten, und in dem Leſen brachte er es bald zu einer großen Fertigkeit. Nach dem Abendeſſen mußten die Kinder abwechſelnd vorleſen, allein alle im Hauſe hoͤrten am liebſten dem Anton zu.„Er liest am natuͤrlichſten, ſagte die Foͤrſterin. Wenn man es nicht ſaͤ⸗ he, daß er ein Buch vor ſich habe, ſo meynte man ſicher⸗ anß er die Geſchichte nicht leſe, ſondern daß er ſie einmal gehoͤrt habe, und ſie uns nur ſo aus dem Kopfe erzaͤhle.“ Der froͤhlichſte Tag in der Woche war den Kindern 6 nicht auf die Jagd und die Kinder konnten den ganzen Tag um ihn ſeyn.„Ich bringe, ſprach er, die ſechs r Tage der Woche unausgeſetzt und unverdroßen in herr, ſchaftlichen Dienſten zu; allein der Sonntag iſt dem Dienſte eines groͤßern Herrn gewidmet. Auch iſt mir und meinen Holzhauern nach ſechs Arbeitstagen wohl ein Ruhetag zu goͤnnen.“ Am Sonntage Morgens giengen Later und Mutter in der lieblichen Sonntagsfrühe mit den Kindern nach Aeſchenthal in die Kirche. Das mor den Kindern, beſonders im Fruͤhlinge und im Sommer. eine große Freude. Der Weg fuͤhrte bald uͤber waldige 3 immer der Sonntag. An dieſem Tage gieng der Foͤrſter 4 4 1 1 8 — Berghoͤhen hin, bald durch ſchmale Wieſenthaͤlchen, die mit buſchigen Felſen und hohen Baͤumen umgeben waren.„O wie ſchoͤn iſts doch im Walde, ſprach dann wohl Anton; wie herrlich gruͤnen die Baͤume im Glanze der Morgen⸗ ſonne! Ja, am Sonntage kommt mir der Wald noch viel ſchöͤner vor, als ſonſt.„Mir iſts, als haͤtten alle Baͤume ein freundlicheres Gruͤn. Die Voͤgelein auf den belaubten Zweigen ſingen viel froͤhlicher. Und außer ihnen ſchweigt alles! Man hoͤrt keine Holzart, kein Wagenrad und kei⸗ nen Schuß; nur die Kirchenglocke ertoͤnt in der Ferne. Es iſt alles ſo ſtill und ruhig, wie in der Kirche.“ „So feierlich, wie in einem Tempel, ſagte der Foͤr⸗ ſter. Auch der Wald iſt ein Tempel des Herrn; Er, der Allmaͤchtige, ſtellte dieſe Baͤume wie Saͤulen umher, und fuͤgte ihre Zweige zu einem gruͤnen Gewoͤlbe zuſammen Alles, von der ungeheuern bemoosten Eiche dort, bis zu den kleinen Maibluͤmchen hier zu unſern Fuͤßen, verkuͤndet uns ſeine Allmacht und Guͤte. Ja, die ganze Erde, ſo weit der blaue Himmel ſich woͤlbt, iſt ein Tempel ſeiner Herrlichkeit. Beſonders am Sonntage ſollen wir Ihn in dieſem ſeinem Tempel anbeten und dieſe herrlichen Werke andaͤchtig betrachten. In dieſem prachtvollen Tem⸗ pel, den Er ſelbſt erbauete, koͤnnen wir ſeine unermeßli⸗ che, unbegreifliche Groͤße und Herrlichkeit wahrnehmen; in unſern Kirchen aber, wiewohl ſie von Menſchenhaͤm den erbaut ſind, laͤßt er ſeine Rathſchluͤſſe und ſeinen heiligen Willen uns naͤher offenbaren. Auch deßhalb wur de der Sohn Gottes ein Menſch, lehrte uns Menſchel und ordnete das Lehramt an⸗ In hundert tauſend Tem 27 peln und Kirchen der ganzen Chriſtenheit wird an dem heutigen Tage ſeine Lehre verkuͤndet und von Millionen Menſchen angehoͤrt. Merkt daher auch ihr, meine Kin⸗ der, heute in unſrer Kirche andaͤchtig auf jedes Wort des Lehrers, und bewahret es in eurem Herzen.“ Solche und aͤhnliche Geſpraͤche fuͤhrte er mit den Kindern auf dem Wege zur Kirche; auf dem Heimwege aber redete er mit ihnen von der Predigt, und ſie wetteiferten, ihm zu erzaͤhlen, was ſie dasaus ſich gemerkt haͤtten. Bei Tiſche war der Foͤrſter Sonntags immer beſon⸗ ders froͤhlich.„Die Freude, ſprach er, mit euch zu Mittag zu eſſen, wird mir unter der Wochen ſelten zu Theil; da verzehre ich mein Mittagsmahl meiſtens gleich im Walde aus der Fauſt, und es ſchmeckt mir, Gott ſey Dank, im⸗ mer ſehr gut. Aber am Sonntage ſchmeckt es mir doch am beſten, nicht, weil die Mutter da eine beſondere Mahl⸗ zeit bereitet, ſondern weil ich die Speiſen in eurer Mitte genießen kann.“ Er legte den Kindern mit dem herzlich⸗ ſten Wohlwollen ſelbſt vor.„Eſſet, Kinder, eſſet, ſprach er, und danket Gott fuͤr ſeine Gaben.“ Nach Tiſche ieng er mit den Kindern im Walde umher, lehrte ſie die mancherley Baͤume, Straͤuche und Kraͤnter kennen, und pries ihre mannigfaltige Schoͤnheit und Brauchbar⸗ keit.„So, ſprach er dann immer, hat Gott alles, auch das kleinſte Kraͤutlein, ſchon gebildet und zu dem Nutzen des Menſchen eingerichtet. Auch der Wald iſt ein Buch, in dem ihr auf allen Blaͤttern von der Weisheit und Guͤte Gottes leſen koͤnnet.“ Wenn im Fruͤhlinge oder im Sommer der Abend ſchoͤn war, ſo deckte die Foͤrſterin unter der großen einbe 3 2. nicht weit vom Foͤrſterhauſe, wo ein Tiſch neben einigen 1¹ Baͤnken angebracht war. Nach dem Abendeſſen ſangen fie noch einige ſchoͤne und ruͤhrende Abendlieder. Der Foͤrſter ſpielte dazu die Harfe, und die Voͤgel auf allen Baͤumen des Waldes umher ſtimmten in den Geſang und das Harfe wiel mit ein. Anton fuͤhlte ſich unter dieſen edeln Menſchen, bei denen wahre Froͤmmigkeit, Eintracht und Liebe, Fleiß, Ordnung und Zufriedenheit wohnten, hoͤchſt gluͤcklich. „Gott meynte es doch recht gut mit mir, ſagte er oͤfter. Er haͤtte mich auf der ganzen Welt zu keinen beſſern Menſchen fuͤhren koͤnnen.“ Der gute Knabe war aber auch die lautere Dankbarkeit und Dienſtfertigkeit gegen ſeine Pflegeeltern. Wenn der Foͤrſter Abends aus ſeinem Forſtbezirke heimkam, eilte Anton ſogleich, ihm den alten hechtgrauen Ueberrock mit gruͤnen Aufſchlaͤgen, deſſen ſich der Foͤrſter als eines Schlafrockes bediente, und die Pan⸗ toffeln zu bringen. Wenn die Foͤrſterin in der Kuͤche am Heerde ſtand und kochte, trug er ihr ungeheiſſen Holz zu⸗ oder lief, um ihr einige Schritte zu erſparen, in den Ge⸗ muͤsgarten am Hauſe und holte Schnittlauch, Peterſilien oder was ſie ſonſt eben von gruͤnen Kraͤutern noͤthig hat⸗ te. Mancher ihrer Wuͤnſche ward, bevor ſie ihn ausſprach, ſchon erfuͤllt. 3 Seinem guten Pflegevater erzeigte er aber noch ganz beſonders gute Dienſte. Der Foͤrſter verfertigte von allen 4 ihm anvertrauten Waldungen Riſſe, und gab ihnen mit zarben ein ſchoͤnes, gefaͤlliges Anſehen. In der Ecke jedes Blattes war der Namen des Waldes mit großen Buchſtaben geſchrieben, und, nachdem es ein Wald 5 5 29 bar, mit einem Kranze von Tannenzweigen oder Eichen⸗ laube eingefaßt. Anton brachte es bald ſo weit, daß er die groͤßten Riſſe nett und genau nachzeichnen konnte. Die Verzierungen aber, die er dabei anzubringen wußte, waren von ihm ſelbſt erfunden und ſo gut ausgefuͤhrt, daß der Foͤrſter darüber erſtaunte. Anton zeichnete zum Beiſpiele einen Eichbaum, an dem ein Schild mit dem Namen des Waldes lehnte, und ſeitwaͤrts ſah man ein Wildſchwein, das nach Eicheln ſuchte. Der Name des Waldes ſtand in einem Felſen eingegraben, der mit Tan⸗ nen gekroͤnt war, und unten am Felſen ruhte ein Hirſch mit zackigem Geweih. Ueberhaupt zeichnete und malte Anton in allen ſeinen freien Stunden bald Landſchaften, bald Thiere, und wo er nur ein Streiſchen weißes Papier oder einen leeren Briefumſchlag fand, zeichnete er einen Vogel, eine Blume, oder einen Baumzweig darauf. Er konnte keinen Augenblick muͤßig ſeyn. Der Förſter und die Foͤrſterin liebten den guten Knaben wie ihr eigenes Kind, ja, ihre eigenen Kinder wurden, von Antons Bei⸗ ſpiel aufgemuntert, noch viel dienſtfertiger und thaͤtiger, als ſie es zuvor waren, —. ——— — Viertes Kapitel. Antons fernere Geſchichte. Eines Tages ſchickte der Foͤrſter den Anton mit einem Paar Schnepfen in das benachbarte fuͤrſtliche Jagdſchloß Felseck. Der Verwalter hatte eben einen Gaſt und wollte ihn damit bewirthen. Anton kam unterwegs an einem Waſſerfall vorbei der zwiſchen ſchwarzgruͤnen Tan⸗ nen, weiß wie Schnee, von einem hohen Felſen herab⸗ ſtuͤrzte. Nicht weit davon ſaß ein fremder Herr in einem dunkelblauen Kleide, der den Waſſerfall abzeichnete⸗ Anton gieng hin, ſchaute uͤber die Schulter des Fremden auf das Blatt, und konnte ſich nicht enthalten, laut zu rufen:„O wie ſchoͤn! Ja, das heißt gemalt!“ Er bat um Erlaubniß, das ſchoͤne Gemaͤlde naͤher beſehen zu duͤrfen, und erhielt ſie.„Mir iſts, ſagte er, indem er es betrachtete, als waͤre das Blatt da ein Spiegel, in dem ſich der Waſſerfall, nebſt Felſen und Baͤumen, im Kleinen abſpiegelte. Wie filberhell das Waſſer aus dem geſpaltenen Felſen hervorſchießt, und wie ſchoͤn ſich der weiße Schaum unten zwiſchen den bemoosten Steinen kraͤuſelt! Wie friſch und gruͤn das zarte Moos an dieſem Steine da iſt! Man meynt, man köoͤnne es wegrupfen. Wie keck dieſe rauhen Tannen emporſtarren! Und da haben Sie uͤberdieß noch einen Hirſch hergemalt, der aus dem Bache trinkt. Wie leicht er auf den Fuͤßen ſteht! 31 Man ſieht es ihm an, wie fluͤchtig er uͤber Stock und Stein wegſetzen kann. Die Hirſche, die ich male, ſtehen ſo lahm da, als wollten ſie alle Augenblick umfallen. Ich weiß kein rechtes Leben in ſie hineinzubringen.“ Der Maler hatte an den ungeheuchelten Lobſpruͤchen des Knaben und noch mehr an deſſen Eefuͤhl fuͤr Kunſt ein großes Wohlgefallen. Er ſagte lächelnd:„Du biſt alſo, ſo viel ich merke, auch ein kleiner Maler?“„Ach, ſagte Anton, bisher meynte ich wohl gar, ich ſey kein kleiner, ſondern ein großer Maler. Jetzt ſehe ich aber wohl, daß ich gar keiner bin.“ Der Maler ſagte:„Ich wuͤnſche deine Malereien doch zu ſehen. Ich werde dich naͤchſtens beſuchen, und da mußt du mir ſie zeigen. Wer ſind deine Eltern und wo biſt du zu Hauſe?“„Ach, ſprach Anton, ich bin ein armer Waiſenknabe. Der Herr Foͤrſter Gruͤnewald hat mich aber an Kindesſtatt ange⸗ nommen.“„Nuun, ſagte der Maler, da biſt du wohl mit ihm verwandt, ein Brudersſohn oder ein Schweſter⸗ ſohn?“„Nein, ſagte Anton, ich kam ganz landfremd in ſein Haus; er und ſeine Frau nahmen mich aber ſogleich auf und hielten mich wie ihr eigenes Kind.“„Das iſt viel, ſehr viel, ſagte der Maler. Doch wie kam denn dieß?“ Anton erzaͤhlte ſeine Geſchichte ausfuͤhrlich. Der Maler hoͤrte ihm aufmerkſam zu, und ſagte am Ende: „Der Föͤrſter und ſeine Frau muͤſſen ſehr edle Menſchen ſeyn. Gruße ſie mir, und ſage ihnen, morgen des Ta⸗ ges werde ich ſie beſuchen, um ihnen im Namen der Menſchheit fuͤr die Liebe, die ſie dir erwieſen, z danken. Der Maler hieß Riedinger und war vor einem Paar 32 Tagen auf dem Fuͤrſtlichen Jagdſchloſſe angekommen, um da einige alte Gemaͤlde aufzufriſchen. Er benuͤtzte dieſe Gelegenheit, eine und die andere Waldgegend, die ihm beſonders gefiel, abzuzeichnen. Sogleich am Abende des folgenden Tages beſuchte er den Foͤrſter. Beide biedere Maͤnner fanden bald, daß ſie Eines Sinnes waren, und wurden Freunde. Der Maler wollte nun Antons Zeich⸗ nungen ſehen. Die Förſterin lobte ſie ausnehmend. „Glauben Sie mir, aagte ſie, ſie ſind unvergleichlich.“ Allein Anton ſtand erroͤthend an der Thuͤre und ſagte: „Herr Riedinger, Sie werden ſehen, daß ſie ganz und gar nichts heiſſen.“ Der Maler ermunterte ihn aber, ſie zu zeigen, und Anton brachte ſie. Herr Riedinger betrachtete eine nach der andern ſeyr bedachtſam und laͤ⸗ chelte einige Male. Wiewohl er vieles daran auszuſtellen hatte, ſo gefielen ſie ihm dennoch ſehr.„Wahrhaftig⸗ ſagte er, es ſteckt ein Maler in dem Knaben. Herr Gruͤnewald, uͤberlaſſen Sie in mir. Sie ſollen Freude an ihm erlehen.“„Topy! ſagte der Foͤrſter, und ſchlug ein. Ich habe ſchon lange nachgeſonnen, was der Knabe werden ſolle. Er iſt nun bereits in dem vierzehnten Jah⸗ re, und in der Schule zu Aeſchenthal iſt fuͤr ihn weiter nichts mehr zu lernen. Zu einem Jager iſt er zu zart und zu mitleidig. Er artet mehr ſeiner ſanften Mutter nach, als ſeinem tapfern Vater. Wenn Sie alſo meynen, er gebe einen guten Maler ab, ſo nehmen Sie ihn im⸗ merhin in die Lehre. Wie viel verlangen Sie Lehrgeld?“ „Lehrgeld! ſagte der Maler. Davon kann keine Rede ſeyn. Sie gaben mir zuerſt ein Beiſpiel, wie man ſich armer Waiſen annehmen muͤſſe, Eine edle That zieht 33 immer andere nach ſich, wie eine Kerze andere anzuͤndet. Das ergiebt ſich alles ganz natuͤrlich. Laſſen Sie es alſo gut ſeyn. Sobald ich mit meiner Arbeit auf dem Schloſſe fertig bin, faͤhrt Anton, wenn er anders Luſt hat, mit mir in die Stadt, und ich werde keine Muͤhe ſparen, ihn zu einem Kuͤnſtler zu bilden.“ Anton huͤpfte faſt vor Freude. Als indeſſen nach einigen Tagen der Maler in einer Kutſche vor das Haus gefahren kam, ihn mitzunehmen, weinte der gute Knabe doch recht herz⸗ lich. Allein der Foͤrſter ſprach:„Weine nicht, Anton⸗ Es iſt ja nur ein Sprung in die Stadt. Wir beſuchen dich oͤfter, und auch du kannſt uns an Sonn⸗ und Feiertagen leicht beſuchen.— Ja, das bedinge ich mir noch aus, ſprach er zu Herrn Riedinger, daß Anton uns manchmal beſuchen, die Weihnachtsfeiertage aber allemal ganz bei uns zubringen duͤrfe. Sie muͤſſen ihm das erlauben.“„O recht gern, ſagte der Maler, recht gern; und wenn Sie und die Frau Foͤrſterin nichts dagegen haben, ſo komme ich allemal mit.“ Sie gaben ſich darauf die Hand. Anton dankte ſeinen Pflegeeltern. Sie ermahnten ihn, ſeinen Lehrmeiſter, der ſo vieles aus lauter Guͤte fuͤr ihn thun wolle, als ſeinen Vater zu ehren. Unter den beſten Segenswuͤnſchen ſeiner Pflege⸗ Eltern und Geſchwiſtern ſtieg Anton in die Kutſche und fuhr mit dem Maler fort. Der treffliche Maler hielt in allen Stücken Wort. Es war ihm eine Herzensluſt, einen ſo faͤhigen Schuͤler zu unterrichten. Auch kam er mit ihm zu dem Föoͤrſter oͤfter auf Beſuch; ja manchmal blieben ſie mehrere Ta⸗ ge, um in dem gebirgigen Walde ſchoͤne Gegenden abzu⸗ .o ——— — 54 zeichnen. Der Meiſter konnte ſeinen Schuͤler jedesmal nicht genug loben.„Unter uns geſagt, ſprach er zum Foͤrſter, er wird ein Kuͤnſtler, dem ich das Waſſer nicht bieten darf.“ Nach einigen Jahren kam Herr Riedinger mit Anton, der nunmehr ein bluͤhender Juͤngling war, wieder ein⸗ mal zu dem Foͤrſter in die Weihnachtsfeiertage. Herr Riedinger blieb nach dem Abendeſſen mit dem Foͤrſter und der Föoͤrſterin etwas länger auf. Anton und die Kinder des Forſters hatten ſich laͤngſt zur Ruhe begeben⸗ Der Foͤrſter und die Föoͤrſterin merkten wohl, daß der Maler etwas auf dem Herzen habe, und es ihnen ſagen möchte. Endlich fieng er an:„Was Anton bei mir ler⸗ nen konnte, hat er gelernt. Er muß nun reiſen; er muß Italien ſehen. Allerdings wird das nicht wenig koſten; allein es lohnt ſich der Muͤhe. Kein Kapital koͤnnte beſo ſer angelegt werden. Ich ſtehe Ihnen dafuͤr; es wird auch reichliche Zinſen tragen und ſeiner Zeit wieder erſetze werden. Was eine ſolche Reiſe koſtet⸗ uͤberſteigt freilich das Vermoͤgen eines Privatmannes. Allein ich habe mir die Sache ſo ausgedacht: Es verſteht ſich, daß An⸗ ton nicht ganz auf fremde Koſten reiſe. Er muß ſelbſt etwas verdienen. Indeß braucht er doch immer anſehnli⸗ chen Zuſchuß; denn er muß auch fuͤr ſich noch freie Zeit behalten, um in der Kunſt weiter zu kommen. Was nun mich betrifft, ſo werde ich das Meinige redlich dazu beitragen. Ich habe mir es, von Ihrem Beiſpiele er⸗ muntert, nun einmal in den Kopf geſetzt, den Anton umſonſt zu einem Maler zu bilden. Seine Arbeiten, die er bisher lieferte, ſind mir ſehr gut bezahlt worden. Dien ſes Geld habe ich zuruͤckgelegt, und werde es zu ſeiner Reiſe verwenden. Allein es reicht bei weitem nicht zu. Waͤren Sie nun nicht geneigt, das noch Fehlende, das freilich eine nicht geringe Summe betragen kann, darauf zu legen? Ein gutes Werk, das man angefangen hat, muß man auch vollenden.“ Er bot dem Forſter die Hand hin, erwartend, er werde einſchlagen. Der Foͤrſter hatte an Antons Wohlverhalten und ſeinen Fortſchritten in der Kunſt hohe Freude. Er beſaß ein ziemliches Vermoͤgen. Er blickte ſeine Hausfrau an. Sie nickte. Der Foͤrſter ſchlug ein und ſagte:„Nun wohl, wenn die Summe mein Vermoͤgen nicht uͤberſteigt, ſo will ich ſie ausbezah⸗ len.“ Es wurde ein Ueberſchlag gemacht, was die Reiſe koſten koͤnnte, und einmuͤthig beſchloſſen, Anton ſollte kuͤnftigen Fruͤhling die Reiſe antreten. Der Maler fuhr am naͤchſten Morgen mit Anton im Schlitten zuruͤck in die Stadt. Der Förſter und die Foͤrſterin machten aber den Winter uͤber Anſtalten zu Antons bevorſtehender Reiſe. Der Foͤrſter kaufte Tuch ein, um ſeinen Pflegſohn hinreichend mit wohlanſtaͤndiger Kleidung auszuſtatten. Auch ſuchte er ſeinen eigenen Reiſekoffer hervor, und ließ ihn mit Rehfell neu uͤberzie⸗ hen. Die Foͤrſterin und ihre zwei Toͤchtern naͤhten und ſtrickten ſehr emſig, den Anton reichlich mit Leinenzeug zu verſehen. Zu Anfang des Fruͤhlings mußte Anton noch einige Tage bei ſeinen Pflegeeltern zubringen. Sein Pflegevater gab ihm in dieſer Zeit noch viele gute Er⸗ mahnungen und Klugheitslehren, und war gegen ihn ganz ungemein liebreich. Der gute Mann nahm ſich ſelbſt die Muͤhe, den Koffer zu packen. So oft ihm die 36 Foͤrſterin ein neues Kleidungsſtuͤck hinreichte, wurde An⸗ wenn ſie noch lebten, koͤnnten nicht mehr fuͤr mich thun!“ Der Koffer wurde an einen beruͤhmten Maler, dem der Herr Riedinger den Anton empfohlen hatte, vorausge⸗ ſchickt. Denn Anton wollte die ganze Reiſe zu Fuß ma⸗ chen. Chriſtian, unſer Herzensfreund, hatte aber noch fuͤr ein kleines Felleiſen geſorgt, in dem Anton das Noth⸗ wendigſte zum taͤglichen Gebrauche mitnehmen konnte. Endlich kam der Abſchiedstag; Anton wollte nach Tiſche zu Herrn Maler Riedinger in die Stadt ge⸗ hen, und von da aus dann weiter reiſen. Die Förſter⸗ in bereitete ein Abſchiedsmahl, und alle ſpeisten noch einmal mit einander zu Mittag. Es war ein ſreundli⸗ ches, ruͤhrendes Familienfeſt. Der Förſter blickte in dem kleinen Kreiſe umher.„Es herrſchte eine wehmuͤthige Stille.„Nicht doch, meine Söhne und Toͤchter, ſprach er, ſeyd nicht ſo traurig; und auch du, gute Mutter, trockne dieſe Thraͤne da ab. Es iſt nun einmal ſo! Die Soͤhne, zumal wenn ſie bereits erwachſen ſind, muͤſſen hinaus in die Welt: und auch ihr, meine Toͤchter, ſeyd in dem Alter, wo ihr vielleicht das vaͤterliche Haus voerlaſſen werdet. Doch, wenn uns auch Berg und Thal dem Leibe nach trennen, im Geiſte bleiben wir immer vereinigt. Und ſo traurig der Abſchied immer ſein mag; das Wiederſe⸗ hen das uns hier oder dort nie ausbleibt, iſt dann deſto freu⸗ diger!“ Der edle Mann wußte durch froͤhliche Geſpraͤche alle gen, von dem er ſonſt nur an Feſttagen trank, Er ſchenkte ton aufs neue geruͤhrt.„Ach wie vieles— wie gar ſo vieles thun ſie an mir! ſagte er. Meine eigenen Eltern, —————,—— S 2 —8= —————,——, wieder zu erheitern. Er ließ eine Flaſche guten Wein brin⸗ 12 te die Thraͤnen in den Augen, Ant Er konnte die Thraͤnen nicht me der Mutter und den beiden Toͤchtern, obwohl alle drei ſich weigerten, davon ein.„Den Draurigen gieb Wein!“ ſagte er laͤchelnd. Anton und Chriſtian boten ihre Glaͤſer her, ohne ſich lange noͤthigen zu laſſen. Am Ende der Mahlzeit nahm der Foͤrſter ſein Glas und ſagte:„Nun, Anton, ſtoß an— auf eine gluͤckliche Wanderſchaft und ein froͤhliches Wiederſehen!“ Dasl gehe Sott, ſagte die Förſterin, ſtieß an und trank ein klein wenig. Chriſtian, war am geruͤhrteſten. zurückhalten und ſag⸗ te:„O meine liebſten Eltern, wie iNen Dank bin ich Ihnen ſchuldig! Was waͤre ich ohne Sie! Ach, ewig kann ich es ihnen nicht vergelten, was Sie an mir gethan ha⸗ ben. Göott wolle ihr Vergelter ſeyn! Er wolle mich einſt in den Stand ſetzen, fuͤr das unansſprechlich iele Gute, das Sie an mir thaten, Ihnen und meinen lieben Ge⸗ Catharine und Luiſe ſtießen ah an. Allen ſtanden 0 ſchwiſtern meinen Dank durch die That zu bezeugen.“ 3 ₰ „Ja, lieber Auton, ſagte der Foͤrſter, ich kann es. dir nicht verhehlen, wir thun viel an dir; und wenn ich deine Geſchwiſtern hier ſo anſehe— ſo moͤchte ich faſt ſagen, zu viel. Denn was mich und meine geliebte Hausfrau betrifft, ſo brauchen wir wohl wenig mehr. Unſere Haare ſind bereits grau. So lange wir noch le⸗ ben, haben wir wohl Brod. Allein, mein lieber Anton, wenn eines oder das Andere deiner Geſchwiſter einmal in Noth kommen ſollte, ſo vergiß nicht, wie wir dir aus der Noth geholfen haben, unz laß ſie nicht in der Noth ſtecken. Gieb mir die Pand n darauſ⸗ Anton! Nolh —jj-———y 3 V Pftegemutter oder meinen lie⸗ iſen zu koͤnnen.“ „Ich glaube dir Ankon, ſagte der Foͤrſter; doch— nun iſt es Zeit, daßuwir ſcheiden.“ Er ſtand auf und ſprach:„Knie nieder, ieber Sohn, damit ich dir noch den vaͤterlichen Se er Anton kniete nieder. Der Foͤrſter erhob fei zum Himmel; es war etwas Ehrwuͤrdiges in ſeinem Angeſichte und den Juͤngling und ſprach: Halte dich fuͤr zu guf, etwas Boͤſes zu thun. ter und Luͤſte dieſer Erde ſind es nicht werth, daß wir ihrethalben unſer Gaviſſen beſchweren. Gedenke, daß wir nicht fuͤr dieſe urze Zeit, die wir auf Erden zu leben haben, geſchaffet ſind und daß eine Ewigkeit ſey. Meide nicht nur das Boͤſes zu thun. Beſonders fliehe ſolche Menſchen, die uͤber den frommen Glauben unſerer Voreltern ſpotten und ſich uͤber reine Sitten luſtig machen. Noch einmal— lebe wohl und Gott ſey mit dir.“ Die Foͤrſterin ſagte mit Augen voll Thraͤnen:„Anton! Sieh dieſe meine rothgeweinten Augen, dieſe meine naſ⸗ ſen Wangen! Um dieſer Thraͤnen willen bleibe Gott erge⸗ ben, gut und rechtſchaffen. Gedenke dieſer Thraͤnen, wenn du in Verſuchung kommeſt, Boͤſes zu thun. Bisher haſt du uns nur Freude gemacht; betruͤbe uns uie. So herz⸗ lich ich jetzt weine, ſo fuͤhle ich dabey doch vielen Troſt! Aber wenn wir je etwas Unrechtes von dir hoͤren ſollten, dann wuͤrden ich und wir alle die bitterſten Thraͤnen wei⸗ nen. Vergiß unſerer treuherzigen, vaͤterlichen und muͤt⸗ terlichen Ermahnungen— und der letzten Ermahnung deiner ſeligen Mutter— in deinem Leben nicht, und lebe vohl.“ Die ganze Familie begleitete den tief geruͤhrten, trau⸗ gen Juͤngling noch eine weite Strecke Weges, faſt bis a Ende des Waldes. Endlich ſagten ſie ihm alle noch nmal Lebewohl! Anton gieng— ſie aber blieben ſtehen. er ſah noch ſehr oft um und winkte ihnen mit dem Hu⸗ . Der Föoͤrſter und Chriſtian winkten ihm auch mit ih⸗ en Huͤten, und die Foͤrſterin und zwei Toͤchter mit ihren eißen Tuͤchern, bis er endlich mit ſeinem Wanderſtab n der Hand und ſeinem Felleiſen auf dem Ruͤcken hinter einem waldichten Huͤgel verſchwand. —— Fuͤnftes Kapitel. Ein Weihnachtsgeſchenk. Da heilige Weihnachtsabend war, ſeit Antons Abreiſe bereits das drizte Mal, wieder angebrochen. Der Foͤrſter kam heute mit ſeinem Sohne Chriſtian fruͤher aus dem Walde nach Hauſe. Es war ſehr kalt. Ber Abendhimmel ſtrahlte gluͤhendroth durch die Fenſter in die Stube. Die runden Scheiben fiengen ſchon an zu gefrieren und ſchim⸗ merten in dem roͤthlichen Abendſchein wie Edelſteine. Der Foörſter ſetzte ſich in ſeinen Lehnſeſſel neben dem großen Ofen. Er legte mehr Holz zu; denn der Ofen war ſo ein⸗ gerichtet, daß man ihn auch in der Stube oͤffnen konnte. Die Flamme loderte bald hoch auf, verbreitete einen wal⸗ lenden Schimmer durch die Stube, ſpiegelte ſich jn den Fenſtern und vermehrte das Funkeln der gefrornen Fen⸗ ſter ſcheiben. Jetzt kam die Foͤrſterin in die Stube.„Iſt kein Brief von Anton da?“ fragte der Foͤrſter.„Nein!“ ſagte ſie mit betruͤbtem Angeſichte.„Wunderlich! ſprach doͤr Foͤrſter und ſchuttelte den Kopf. Auf den Weih⸗ nachtsabend war ſonſt allemal richtig ein Brief von ihm da. Er ſchrieb immer ſehr ausfuͤhrlich und ſeine Briefe waren mir immer die angenehmſte Weihnachtsfreude. Was treibt der Junge, daß er nicht ſchreibt?“ Kaum hatte der Foͤrſter dieſes geſagt, ſo trat ein Bothe mit weißangedupftetem Haare in die Stube Er hatte 41 hatte einen Brief in der Hand und eine neue Kiſte von Tannenholz auf dem Ruͤcken, die nur ganz flach, aber ziemlich breit und ſo hoch war, daß der Mann ſich buͤcken mußte, um in die Stube zu kommen.„In dem Kiſtchen wird wohl ein Spiegel ſeyn!“ ſagte Ca⸗ tharine. Der Bothe uͤberreichte dem Förſter den ai ief und lud die Kiſte ab.„Der Brief iſt von dem Herrn Maler Riedinger, ſagte der Foͤrſter. Wie kommt das? Nun glaube ich bald, daß dem armen Anton ein Ungluͤc begegnete.“ Er rieß den Brief eilig auf, und durchlief ihn am Glanze des Feuers, das aus dem Ofen ſtrahlte, mit begierigen Blicken.„Denkt nur, rief er freudig, Anton ſchickt uns bis aus Rom ein Gemaͤlde zum Weih⸗ nachtsgeſchenk. Er hat es, zuſammengerollt, an Herrn Riedinger uͤberbracht, und ihn erſucht, es in eine reiche goldene Rahme faſſen zu laſſen, und dafuͤr zu ſorgen, daß wir es auf den heiligen Abend ſicher bekaͤmen. Das Ge⸗ maͤlde ſey ein wahres Meiſterſtuͤck, ſchreibt Herr Riedin⸗ ger. Der Anton iſt doch ein trefflicher Junge; ich moͤch⸗ te ihn ſogleich umarmen.“ Catharine, rief er jetzt, bring doch dem ehrlichen Bo⸗ then, bis das Eſſen kommt, einſtweilen ein Glas Wein. Das wird ihm gut thun; denn es iſt draußen wirklich grimmig katt. Der Bothe nahm den Wein mit Dank an; verbat ſich aber das Abendeſſen. Er habe, ſagte er, zu Aeſchenthal Auverwandte, und wollte bei dieſen den Weih⸗ nachtsabend und den heiligen Tag zubringen.„Auch gut! ſprach der Foͤrſter, hieß den Boten gustrinken, be⸗ ſchenkte ihn reichlich und entließ ihn. „Nun, ſprach der Föorſter, ſitzt alle um mich her! Da 4 42 iſt in des Herrn Riedingers Brief auch noch ein Brief von An⸗ ton eingeſchloſſen; den will ich euch vorleſen.“ Luiſe ſagte: „Ich will nur noch zuvor ein Kerzenlicht holen.“ Wohl, ſprach der Foͤrſter; ich kann dann den Brief mit mehr Bequemlich⸗ keit leſen. Aber eile!“ Luiſe brachte die brennende Ker⸗ ze ſosleich auf einem glaͤnzenden Leuchter von Meſſing. Alle ſaßen bereits begierig im Kreiſe umher. Der Foͤrſter las: „Liebſte, beſte Eltern und Geſchwiſter! Sie erhal⸗ ten hier ein Weihnachtsgeſchenk, ein Gemaͤlde, das ich mit vielem Fleiße gemalt habe. Es ſtellt den neuge⸗ bornen Heiland in der Krippe vor. Mehrere Kuͤnſtler verſicherten mich, das Bild ſey mir ſehr gut gelungen. Ich wuͤnſche, daß es Ihnen nur halb ſo viel Freude ma⸗ chen moͤchte, als mir die Vorſtellung des Kindes Jeſu in der Krippe machte, da ich das erſte, Mal in Ihr Haus trat. Gewiß wuͤrden Sie dann keine geringe Freude daran haben.“ Ach, daß ich doch mit dem Bilde ſelbſt zu Ihnen rei⸗ ſen, und es Ihnen uͤberreichen koͤnnte! Es iſt zwar da⸗ hier ein herrliches Land! Jetzt, im Monat November, da ich dies ſchreibe, iſt es bei Ihnen wohl ſchon laͤngſt Winter, und Ihr Dach und die Tannen und Eichen um⸗ her ſeufzen unter der Laſt des Schnees. Aber hier pran⸗ gen die Zitronen⸗ und Pomeranzenbaͤume noch mit ſilber⸗ hellen Bluͤthen und goldenen Fruͤchten. Dennoch ſehne ich mich unter all dieſen Herrlichkeiten nach Ihrem laͤnd⸗ lichen Kaminfeuer zuruͤck, an dem ich die ſeligſten Stun⸗ den meines Lebens zugebracht habe.“ „Ihrer Guͤte habe ich es zu danken, daß ich unter dem milden Himmel Italiens lebe, daß ich, wenn ſch 3 ie dieſen Namen verdiene, ein Kaͤnſtler bin, gene gr⸗ muͤlhliche Vorſtellung der Krippe Jeſu fuͤr Kinder, fo un⸗ vollkommen ſie auch ſeyn mochte, weckte mein Talent zu⸗ erſt. Immer ſteht ſie mir noch vor Augen, und was ich auch, allerdings ohne Vergleich Herrlicheres, von Kunſt⸗ werken ſehe, ſo werde ich doch ſo, wie damals, davon ent⸗ zuͤckt. Ach, die ſeligen Jahre der Kindheit gehen doch uͤber alles! Da erblicken wir alles umher wie verklaͤrt vom goldenen Glanze der Morgenroͤthe. Schade, daß ſie ſo ſchnell voruͤber ſind!“ „Zetzt, in dieſem Augenblicke, da ſie dieſen Brief leſen und meine Malerey betrachten, bin ich im Geiſte unter Ihnen zugegen. Ich erinnere mich mit geruͤhrtem Her⸗ zen, wie ich halb erſtarrt unter Ihr laͤndliches Dach kam, wie mich die gute Mutter mit warmen Speiſen erguickte, wie Sie mich zu Ihrem Kinde aufnahmen, wie Chriſti⸗ an, Catharine und Luiſe ihre Weihnachtsgeſchenke ſo freu, dig mit mir theilten. O liebſter Vater! ich kuͤſſe dankbar Ihre und meiner Pflegemutter ehrwuͤrdige Haͤnde. Ich umarme alle meine Geſchwiſter. Ich freue mich jetzt ſchon im Voraus, Ihnen nach einigen Jaͤhrchen nicht blos im Geiſte und aus weiter Ferne, ſondern von Angeſicht zu Angeſicht ſagen zu koͤnnen, wie von ganzem Herzen ich ſey — Ihr dankbarer, Sie innigſtliebender Anton. Rom, den 35. November 1756. „Das iſt ein Brief, ſagte der Foͤrſter und wiſchte ſich die Augen; was wir auch an den Jungen gewendet haben, es iſt alles noch zu wenig. Ich ſetzte zwar im⸗ mer keine kleine Hoffnungen auf ihn; allein er ubertrifft ſie alle bei weitem. Niemals haͤtte ich geglaubt, eine ſol⸗ 4⁴ che Freude an ihm zu erleben. Doch, ſagte er jetzt laͤ⸗ chelnd, ich denke, das Nachteſſen wartet auf uns. Nach Tiſche wollten wir das Gemaͤlde beſehen.“„O nein! riefen alle einmuͤthig, jetzt gleich!“„Das geht uns uͤber das Eſſen!“ fuͤgte Louiſe noch bei; ich will nur ge⸗ ſchwind noch eine Kerze holen, damit wir das Gemaͤlde beſſer betrachten koͤnnen.“ Chriſtian brachte Stemmeiſen und Hammer, und öffnete die Kiſte.„O wie ſchoͤn! Wie lieblich! riefen alle. Welche himmliſche Geſtalten! Welche unver⸗ gleichliche Farben!“ Der Foͤrſter ſtellte das Gemaͤlde auf ein Wandtiſchchen und die zwei hellleuchtenden Wachskerzen darneben. Aller Augen waren auf das ſchöne Bild gerichtet. Die Föorſterin faltete andaͤchtig die Haͤnde und ſagte:„Wahrhaftig, man kaun nichts Schoͤneres ſehen! Mir ward es, als, waͤre ich wirklich bei der Krippe Jeſu zugegen! Wie freundlich, wie hold⸗ ſelig das goͤttliche Kind uns anblickt, als wollte es bei ſeinem Einteitte in die Welt uns alle willkommen hei⸗ ßen! Wie Maria, an der Krippe knieend, ſo zaͤrtlich und liebreich auf das Kind niederblickt, es mit einem Arme umfaßt, die audere Hand auf ihr tiefgeruͤhrtes Herz legt, und uͤber dem holden Kinde aller Duͤrftigkeit des armen Stalles vergißt! Wie ehrwuͤrdig Joſeph da ſteht und wie fromm er mit gefalteten Haͤnden zum Himmen aufſchaut! Wie den Hirten die Redlichkeit aus den Au⸗ gen ſieht; wie ehrerbietig und andaͤchtig ſie auf die Knie geſunken ſind! Und die Engel oben, wie himmliſch ſchoͤn! Wie leicht und ſchwebend! Und welch ein heller Glanz das Kind umgiebt, alles umher erleuchtet, und ſelbſt 4 1 45 den Schimmer der Engel uͤberglaͤnzt. Wahrhaftig, wer ſich da der Geburt des Erloͤſers nicht freuen und mit den Engeln Gott loben und preiſen wollte, der mußte ein Herz von Stein haben.. Der Foͤrſter hatte das Bild bisher mit unverwandten Augen ſtillſchweigend betrachtet, ohne ein Wort zu ſagen. Endlich ſprach er, wie aus einem Traume erwachend: „Ja, du haſt Recht! Wenn wir dieſe heilige Geſchichte ſchoͤn gemalt und in eine Rahme gefaßt, vor Augen ha⸗ ben, ſo macht ſie einen neuen, ganz eignen Eindruck auf unſer Herz. Ich will es einmal verſuchen, ob ich es euch ſagen kann, was ich alles darin finde und wie es mir um das Herz iſt.“ Er ſchob ſeinen Lehnſeſſel herbei, ſetzte ſich in einer kleinen Entfernung von dem Bilde, in der es ſich am beſten ausnahm, und ſprach dann: „Wir wollen, meine lieben Kinder, unſere Augen zuerſt auf das goͤttliche Kind in der Krippe richten! Wir wollen aber jetzt auf einige Augenblicke ſeiner goͤttlichen Abkunft noch nicht gedenken; wir wollen es zuerſt nur als ein Menſchenkind betrachten. Schwach und huͤlflos, in arme Windeln eingewickelt, liegt es auf ein wenig Heu und Stroh. Aber die liebevolle Mutter begruͤßt es mit freundlichem Laͤcheln und voll der zaͤrtlichſten Sorg⸗ falt, es wohl zu verpflegen; und der treue Naͤhrvater ſteht theilnehmend dabei, bereit mit ſeinem ſtaͤrkern Arm, Mutter und Kind zu ſchuͤtzen, mit ſeiner arbeitſamen Hand beide zu ernaͤhren. Ein treuer Vater, eine liebe⸗ volle Mutter und ein. Kind, das dieſe treue Liebe, ſo⸗ bald es zur Beſinnung kommt, dankbar erwiedert, iſt 46 der ſchoͤnſte Anblick auf Erden, uͤber den ſich Engel er⸗ freuen muͤſſen. Dieſes liebliche Drei— Vater, Mutter und Kind— hat Gott ſo zuſammengefuͤgt.“ „O meine Kinder, denkt daher bei dieſem Kinde in der Krippe: Als ein ſchwaches Kind bin auch ich einſt ſo dagelegen, wo man mich hinlegte. Ich haͤtte verſchmach⸗ ten muͤſſen, wenn meine Eltern ſich meiner nicht liebreich angenommen haͤtten. Allein mit Freude und Jubel wur⸗ de der kleine fremde Gaſt aufgenommen, und alles war ſchon zu ſeiner Ankunft bereitet. Meine Mutter huͤllte mich in meine erſte Bekleidung, die Windeln, die ſie wohl felbſt geſponnen, gebleicht und genaͤht hatte. All ihr Sin⸗ nen und Trachten Tag und Nacht gieng nur darauf, daß mir nichts abgehen moͤge. Sorgſam wachte ſie an mei⸗ ner Wiege, wenn ich ſchlief; manche Nacht brachte ſie ſchlaflos zu, aus zaͤrtlicher Liebe zu mir! Der treue Va⸗ ter theilte ihre Sorge und arbeitete fuͤr beide. So denket und danket Gott, daß Er euch gute Eltern ſchenkte! Denn Er iſt es, der aus Liebe zu euch etwas von ſeiner unaus⸗ ſprechlichen Liebe in das Herz eurer Mutter pflanzte, und eurem Vater von ſeinem neuen Vaterſinne mittheilte und ihm das Vaterherz gab. Seyd aber auch nicht undank⸗ bar gegen eure Eltern. Ein Sohn, eine Tochter, die es vergeſſen koͤnnen, was die Mutter mit ihnen ausſtand, was der Vater fuͤr ſie that, ſie zu ernaͤhren, zu kleiden, zu erziehen, waͤren ohne alles menſchliche Gefuͤhl. „Laßt uns nun, meine Kinder, nachdem wir die heilige Familie betrachtet, zu den heiligen Engeln, die dort oben ſchweben, hinaufblicken— und einen Blick auf & —2 —— JIJͤäͤͤde ——Oñſj —— — o E— S 47 die Thiere des Stalles werfen. Da wird uns die Wuͤr⸗ de und die Beſtimmung des Menſchen klar.— Schaut erſt noch einmal der heiligen Jungfrau in das milde An⸗ geſicht voll himmliſcher Unſchuld und unausſprechlicher muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit! Betrachtet die aufrechte Geſtalt des ehrwuͤrdigen Joſephs, wie er ſo voll Geiſt und An⸗ dacht die Augen zum Himmel erhebt! Sehet das holde Kind an, deſſen Angeſicht ſo lieblich laͤchelt, deſſen Au⸗ gen wie Sterne leuchten! Und nun ſchauet auf die rau⸗ hen haarigen Thierkoͤpfe— des Ochſen und des Eſels hin. Wie dumm und vernunftlos ſie darein ſehen! Wie das Maul hervorſteht, und uns zu erkennen giebt, daß ſie nur auf Futter bedacht ſind und von nichts Hoͤherem und Beſſerem wiſſen. Sie ſind nicht einmal eines freund⸗ lichen Laͤchelns faͤhig! O, wem erſcheint bei dieſer Ver⸗ gleichung der Menſch nicht als ein hoͤheres Weſen? Wahrhaftig, er gehoͤrt einer hoͤhern Reihe von Geſchoͤ⸗ pfen an. Der roheſte Menſch hielte ſich ja fuͤr be⸗ ſchimpft, wenn man zu ihm ſagte: Du biſt um nichts beßer, als der Ochs, der deinen Pflug zieht, als der Eſel, der deine Saͤcke zur Muͤhle traͤgt und dann ver⸗ fault. Nein, der Menſch gleicht vielmehr den heiligen Engeln Gottes, die ihren Schoͤpfer erkennen, ſich ſeiner freuen und ihm lobſingen. Der Menſch iſt das einzi⸗ ge Geſchoͤpf auf Erden, der dieß auch kann. Sey es, daß der einige Aehnlichkeit mit den Thieren hat; er iſt doch den Engeln des Himmels naͤher verwandt. Sey es, daß er weinend und wimmernd zur Welt kommt, daß er vie⸗ les ausſtehen, vieles leiden muß, bis er in ſeiner voller Bluͤthe daſteht, daß er dann nach kurzer Zeit wieder gleich einer Blume dahingewelkt, gleich den Thieren da⸗ hin modert— nur ſeine Erdengeſtalt zerfaͤllt zu Staub. Es iſt ein unſterblicher Geiſt in ihm: Er iſt ein Engel in ſchwaches Fleiſch und Blut verhuͤllt. Sobald dieſe Huͤlle abfaͤllt, iſt der Engel vollendet— wenn anders der Renſch ſeine Beſtimmung auf Erden erfuͤllt und dem Willen des Schoͤpfers gemaͤß gelebt hat.“ „Sehr gut hat der Maler, außer den groͤßern Thieren noch ein Lamm und ein Koͤrblein voll Fruͤchte angebracht, die man als ein Geſchenk fuͤr das neugeborne Kind am Fuße der Krippe erblickt. Dem Menſchen ſind alle uͤbri⸗ gen Geſchoͤpfe der Erde unterworfen. Er bezaͤmt die ſtaͤrk⸗ ſten Thiere und ſie muͤſſen ihm dienen; ihm giebt das Schaaf Milch und Wolle; ihm bringt die Erde ihre ſchoͤn⸗ ſten Fruͤchte hervor. Nur ein weniges hat Gott den Men⸗ ſchen den Engeln nachgeſetzt, hat ihn mit Ehre und Hoheit gekroͤnt, hat ihn zum Herrn ſeiner Werke gemacht und alles ihm zu Fuͤßen gelegt.“ „Auch der Ort, an dem wir dieſes Kind und ſeine Eltern erblicken, die arme Krippe und der duͤrftige Stall, ſind nicht ohne Bedeutung. Der Menſch bedarf keines Pallaſtes, um hier auf Erden ſeine Beſtimmung zu erreichen. Er kann in der elendeſten Strohhutte zu⸗ frieden leben und ſelig ſterben. Wir erblicken in dem Stalle nur Armuth und Mangel. Allein um wahrhaft gluͤcklich, aller wahren Ehre wuͤrdig und von aͤchtem Menſchenadel zu ſeyn, braucht der Menſch weder Sam⸗ met noch Seide, weder Gold noch Silber. Gerade im Wichtigſten hat Gott keinen Unterſchied unter den Men⸗ ſchen gemacht. Ein armer Stall beherbergt hier die heilig⸗ — ͤͤͤ ————— heiligſten, die ſeligſten, die ehrwuͤrdigſten Menſchen, die je auf Erden gelebt haben. „Doch— meine Kinder, was ich euch bisher geſagt habe, iſt fuͤr uns wohl ſehr erfreulich und tröſtlich. Al⸗ lein es gilt nur von dem Menſchlichſchoͤnen dieſer Ge⸗ ſchichte. Die görtliche Abkunft und die hohe Beſtimmung dieſes goͤttlichen Kindes iſt erſt das Allerwichtigſte. Denn Jeſus Chriſtus, der menſchgewordene Sohn des Allerhoch⸗ ſten, iſt in dieſe Welt gekommen, die Menſchen, die von Gott und ihrer urſpruͤnglichen Wuͤrde abgefallen und deß⸗ halb verloren waren, zu retten. In Ihm erſchien uns die Menſchenfreundlichkeit Gottes ſichtar; in Ihm erbli⸗ cken wir Gott in Menſchengeſtalt. Er ward zwar in tief⸗ ſter Armuth geboren, lag als ein Kind in einer Krippe, hatte in dieſer Welt nicht ſo viel Eigenes, wo er nur ſein Haupt hinlegen konnte, und ſtarb gleich einem Uebelthaͤter am Kreuze. Allein ohne alle irdiſche Hüͤlfsmittel, ohne Reichthuͤner und bewaffnete Macht, hat Er durch ſeine goͤttliche Weisheit, Liebe und Allmacht die Geſtalt der Er⸗ de veraͤndert, das Menſchengeſchlecht erleuchtet, veredelt, dem Verderben entriſſen— und ſo ſeine goͤttliche Abkunft bewaͤhrt. Darauf wird in dieſem Gemaͤlde, ſo wie in der Geſchichte, ſehr ſchoͤn gedeutet. Seht, ringsumher iſt es Nacht; tiefes Dunkel deckt die naͤchtliche Gegend; nur das Licht, das von dem goͤtt⸗ lichen Kinde ausgeht, erhellt alles mit ſeinem Glanze. So bedeckten bei der Geburt Jeſu die Finſterniſſe der Unwiſ⸗ ſenheit und des Heidenthums die Erde: in Jeſus Chriſtus iſt aber der Welt ein Licht aufgegangen, das 2 — jeden Menſchen erleuchtet, der in die Welt kommt. Die Menſchen waren in Suͤnde und Laſter verſunken, viele glichen an Rohheit— den Ohieren des Stalles; manche hatten ſich durch Laſterhaftigkeit ſogar unter das Vieh herabgewuͤrdigt; allein durch Chriſtus wurden alle, die wahrhaft an Ihn glaubten, zu beſſern Menſchen, zu Heiligen, zu Engeln in Menſchengeſtalt neu umgeſchaffen. So unwiſſend und ſuͤndig die Menſchen waren, ſo elend waren ſie auch. Allein ſeht, wie ſelig ſind ſchon die burt freuen! Maria, Joſeph, die Hirten fuͤhlten im An⸗ blicke des neugebornen Erloͤſers ſich uͤber allen Erdenjam⸗ mer erhoben. Er, der in die Welt gekommen, die Men⸗ ſchen von allem Elende zu erloͤſen, ihnen wahre Freude und den goͤttlichen Frieden vom Himmel zu bringen,) machte ſchon bei ſeiner Geburt damtt den Anfang. Die Worte des Engels erſchallen noch immer an alle Men⸗ ſchen:„Ich verkuͤnde euch große Freude, es iſt euch ein Erloͤſer geboren, der da iſt Chriſtus, der Herr.“ Zu Ihm ſteht jedem Menſchen der Zutritt offen. Er offenbarte ſich zuerſt armen, einfaͤltigen Landleuten— den Hirten, auch ſeine Mutter iſt arm, ſein Naͤhrvater ein Handwerker, der mit harter Arbeit ſein Brod erwirbt. Schon bei der Krippe Jeſu wird uns gezeigt, daß Reich⸗ thum, hoher Rang und Erdenweisheit vor Ihm nichts gelten. Er will nur Menſchen um ſich ſammeln, die ei⸗ nes guten Willens ſind, wie Maria, die heiligſte Inng⸗ frau, wie Joſeph, der Gerechte, wie die Hirten, dieſe 3 frommen Maͤnner voll Gottesfurcht und Rechtſchaffenheit. Doch weiſet Er auch den groͤßten Suͤnder nicht zuruͤck, Menſchen, die ſeine Krippe umgeben und ſich ſeiner Ge⸗ 1 51 der ſeine Suͤnden bereut und ſich ernſtlich beſſern will. Darauf deutet ſchon der Namen des goͤttlichen Kindes. Deßwegen verkuͤndete der Engel Marien den goͤttlichen Befehl:„Ihm ſollſt du den Namen Jeſus geben!“ Deß⸗ halb wiederholte er dieſen Befehl dem Ioſeph:„Jeſus, das heißt Erloͤſer, ſollſt du Ihn nennen, denn Er wird ſein Volk von Suͤnden erloͤſen.“ Das fuͤndige Menſcheu⸗ geſchlecht ſollte ſein Volk, ein heiliges Velk Gottes wer⸗ den. Deswegen ſehen wir uͤber der Krippe Jeſu den offe⸗ nen Himmel. Er wollte den Menſchen den verſchloſſenen Himmel wieder oͤffnen, ein Himmelreich auf Erden gruͤn⸗ den, und ſo Himmel und Erde wieder vereinigen. Dar⸗ uͤber freuen ſich die heiligen Engel Gottes, jubeln und frohlocken, preiſen Gott in der Hoͤhe und wuͤrſchen den Menſchen Gluͤck zu dem Heile, das Ihnen durch Chriſtus bereitet ward.“ 3 Was uns bei der Krippe Jeſu verkuͤndet wird, das hat Jeſus Chriſtus erfuͤllt, ſo große Hinderniſſe Ihm auch der Unglaube und die Hartnaͤckigkeit der Meuſchen entgegenſetzte; an ſo vielen ſeine Geburt und ſein Tod ver⸗ loren war. Er gruͤndete ein Himmelreich auf Erden, und ſein Werk beſtand. Manche Welteroberer ſtifteten indeſſen Weltreiche; allein ſie uͤberlebten ihre Reiche nicht lange, oder ſahen wohl noch lebend ſie in Truͤm⸗ mer zerfallen. Das Reich Jeſu allein— das wahre Chriſtenthum— breitete ſich immer weiter aus und be⸗ ſtand bis auf dieſe Stunde. Ganze Voͤlker kamen zum Glauben an Ihn und Kinige zierten ihre Kronen mit ſeinem Kreuze. Die alten heidniſchen Greuel, Menſchen⸗ opfer und dergleichen, uerſohſunden aus den chriſtlichen 4 und Tod. Noch immer wird das Evangelium, die Freu⸗ ſchen, die Ihm Augen und Herzen oͤſſnen wollen— der Landern der Erde. Eine Menge von Tempeln und Kir⸗ chen erhoben ſich, in denen der wahre Gott angebetet und goͤttliche Wahrheit gelehrt wird. Unzaͤhlige Schulen, Armenanſtalten, Krankenhaͤuſer kamen durch die chriſtliche Liebe zu Stande. Wie viele Kinder, Arme und Kranke muͤßten ohne dieſe milden Stiftungen in Unwiſſenheit, La⸗ ſterhaftigkeit und Elend umkommen! Millionen von Men⸗ ſchen haben im Glauben an Chriſtus Beruhigung uͤber begangene Suͤnden gefunden, und ſind durch Ihn edle Menſchen geworden. Und noch jetzt, ſo ſehr auch der Un⸗ glaube und das Verderben uüͤberhand nehmen, ſchlagen Ihm unzaͤhlige Herzen und finden in Ihm Troſt in Noth deubotſchaft von Ihm, den Heiden verkuͤndet, und wilde Voͤlker bekehren ſich zum Glauben an Ihn, freuen ſich der himmliſchen Wahrheit und nehmen fanftere Sitten an. Der Geburtstag Jeſu iſt daher der wichtigſte Tag in der Weltgeſchichte, und mit Recht filengen die weiſen Alten von dieſem Tage eine neue Zeitrechnung an. Jede Jahrs⸗ zahl ſoll uns daran erinnern, der Geburtstag Jeſu ſey uns der Geburtstag des Lichtes und Heiles fuͤr alle Men⸗ Geburtstag des wahren Menſchengluͤckes, der Erleuchtung und Veredlung des Menſchengeſchlechtes. Laßt uns denn, meine Kinder, au dieſem Abende und am morgigen Tage dem Erloͤſer aufs neue huldigen und in den Lobgeſang der Engel mit einſtimmen.“ 3. So ſprach der Foͤrſter; die Förſterin ſagte geruͤhrt: „Ja, Kinder, das wollen wir! Das ſchoͤne Gemaͤlde, ————— 2 das Anton uns ſchickte, iſt das ſchoͤnſte Weihnachtsge⸗ ſchenk, das Anton oder irgend ein Menſch— ja wohl ein Fuͤrſt!— uns haͤtte machen koͤnnen. Die Andacht, mit der ihr die frommen Bemerkungen euers Vaters angehoͤrt habt, iſt die ſchoͤnſte Weihnachtsfeier, mit der wir den heiligen Abend feiern koͤnnen. Wir wollen das Heil, das uns Gott durch den neugebornen Heiland bereitete, dank⸗ bar annehmen. Dann iſt der Geburtstag des Erloͤſers auch der Geburtstag unſers Heils.“ Sechstes Kapitel. Widerwaͤrtige Schickſale des Foͤrſters. De treffliche Foͤrſter hatte mit den Seinigen ſeit An⸗ tons Abreiſe mehrere Jahre in Ruhe und Zufriedenheit verlebt. Seine Kinder waren erwachſen; der Sohn eimn ruͤſtiger junger Mann, die Toͤchter bluͤhende Jungfrauen; alle ſehr gut erzogen und von untadelicher Auffuͤhrung. Allmaͤhlig empfand der gute Vater aber die Beſchwerden des herannahenden Alters. Er war darauf bebacht, ſeinen Dienſt dem Sohne abzutreten. Der Fuͤrſt des Landes bs⸗ ſuchte jaͤhrlich im Herbſte auf einige Tage das fuͤrſtliche Jagdſchloß Felseck; denn die Jagd war ihm bei ſeinen vielen Geſchaͤften immer einige Erholung. Er war ein ſehr leutſeliger Herr; jeden ſeiner Unterthanen, auch den Geringſten, hoͤrte er liebreich an und redete freundlich mit ihm. Als der Fuͤrſt wieder auf dem Jagdſchloſſe au⸗ —— ——————— 54 gekommen, und die Jagd in dem Walde des alten Foͤr⸗ ſters beſonders gut ausgefallen war, naͤherte ſich ihm der Fuͤrſt, klopfte ihm ſehr zufrieden auf die Schulter und ſagte;„Nun wie gehts, mein lieber Foͤrſter?“ „Eure Durchlaucht, ſprach der Föoͤrſter, dieſen alten Schultern will die Laſt des Tages zu ſchwer werden; ich wuͤnſche ſie juͤngern Schultern uͤbertragen zu duͤrfen.“ „Nun, ſprach der Fuͤrſt, doch wohl Euerm Sohne, dem Chriſtian dort? Er iſt ein braver Jaͤger, und, was ich ohne Vergleich mehr ſchaͤtze, ein ſehr guter Ferſtmann. Die Waldungen ſind, wie ich auf der Jagd gar wohl bemerkte, im beſten Zuſtande. Verlaßt Euch darauf; kein Anderer bekommt den Dienſt. Er mag ihn auch einſtweilen verſe⸗ hen. Indeß iſt mirs lieb, wenn Ihr noch eine Zeit die Oberaufſicht und den Foͤrſtertitel beibehaltet. Auch die be⸗ ſten jungen Leute werden leicht uͤbermuͤthig und nachlaͤßig, wenn ihr Rockkragen zu fruͤhe mit goldenen Boͤrtchen ver⸗ braͤmt wird. Es iſt mein und Euer Vortheil, wenn Ihr noch eine Zeit Foͤrſter bleibt.“ Der Foͤrſter bezeugte dem Furſten fuͤr die gnaͤdige Zu⸗ ſicherung ſeinen Dank, und ſagte dann:„Es iſt aber noch ein anderer Umſtand dabei. Mein Sohn koͤnnte ſich eben jetzt gut verheirathen— mit der Tochter meines Jugendfreundes, des laͤngſt verſtorbenen Foͤrſters Buſch. Das Maͤdchen hat erſt kuͤrzlich auch ihre Mutter verloren, und weiß nun nicht wohin. Sie iſt arm— aber ſehr fromm, fleißig und die lautere Unſchuld, Guͤte und Be⸗ ſcheidenheit.”“„Nun wohl, ſprach der Fuͤrſt; ich lobe es ſehr, daß ein braver Mann bei ſeiner Wahl mehr auf Unſchuld und Tugend, als Geld und Gut ſehe. Ich gebe — ö“——— ihm die Erlaubniß zu heirathen mit Vergnuͤgen— und die Anwartſchaft auf den Foͤrſterdienſt dazu. Ich werde ſogleich Befehl geben, damit daes Dekret ausgefertigt werde.“ Der Foͤrſterſohn, der voll banger Erwartung in eini⸗ ger Entfernung ſtand, kam auf den Wink ſeines Vaters herbei, und dankte ndem Fuͤrſten. Die Heirath kam zu Stande. Mit der jungen ſanften Frau kam neuer Segen in das Haus; Friede und Eintracht wohnten unter dem Dache des guten Förſters. Dem alten Manne wurde noch die Freude, ſeine Enkel noch auf ſeinem Schooße zu ſehen, und die alte Foͤrſterin wurde wie verjuͤngt, nun ihre kleinen Enkel pflegen und tragen zu koͤnnen. Die Toͤchter des Hauſes lebten mit der jungen Foͤrſterin wie mit einer Schweſter. Alle waren ſehr gluͤcklich. Allein bald kam uͤber dieſes gluͤckliche Haus eine große Widerwaͤrtigkeit. Sie entſpann ſich aus einer alten Ge⸗ ſchichte, die der alte Foͤrſter beinahe vergeſſen hatte. Je⸗ ner junge Herr von Schilf, der ehemals mit dem Foͤrſter ofter auf die Jagd gegangen war, hatte bald darauf ſich herausgenommen, allein und ohne Erlaubniß des Foͤrſters in den Wald zu gehen, und alles, was ihm zu Geſicht kam, ohne Erbarmen niederzuſchießen. Der Foͤrſter traf ihn im Walde und ſagte:„Das Vildſchießen iſt ſehr ſtrenge verboten. Haben Sie, mein lieber junger Herr, Luſt zur Jagd, ſo kommen Sie, wie bisher, zu mir. Ich nehme ſie dann gern mit mir, und weiſe Ihnen die beſten Plaͤtze an, wo Sie dann nach Herzensluſt ſchie⸗ Hen koͤnnen. Allein das darf ich nicht zugeben, daß Sie eigenmaͤchtig in denr mir anvertrauten Forſte ſchalten und — V walten.“ Wer aber vor wie nach auf die Jagb gieng, war der junge Herr. Der Förſter traf ihn wieder, nahm ihm das Gewehr und ſagte:„Gott weißt es, jch thu es ungern. Allein ich muß. Die Befehle ſind ſtreng; ich kann nicht anders. Wenn ich Sie nochmals treffe, muß ich weitere Anzeige machen, und dann— geht es Ihnen nicht gut.“ Der brave Förſter gieng uͤberdieß noch zu dein alten Herrn von Schilf, und bat ihn, dem jungen Herrn das Jagen zu verbieten. Der alte Herr ließ zwar⸗ ſonſt ſeinem Sohne alles hingehen. Allein dieſes Mal ward er doch ſehr aufgebracht; er fuͤrchtete die fuͤrſtliche Ungnade. Er drohte ſeinem Sohne mit der Enterbung, wenn er noch ein einziges Mal auf die Jagd gehen wuͤr⸗ de; es ſey denn, der Foͤrſter gehe mit ihm. Allein der junge Herr war es ſchon gewohnt, ſeinem Vater nicht zu gehorchen. Bald darauf hoͤrte der Foͤrſter einen Schuß, eilte hin und traf den jungen Herrn bej einem erlegten Hirſch. Der Foͤrſter machte die Anzeige. Der alte Herr von Schilf reiſete ſelbſt zum Furſten und flehete um Gna⸗ de. Der Furſt ſagte:„Nach den Geſetzen ſollte der jun⸗ ge Herr in das Zuchthaus wandern. Ich will ihn zwar begnadigen; allein laͤßt er ſich noch einmal treffen, ſo ſchicke ich ihn ſicher dahin— und da begreifen Sie wohl, daß ich mir dann einmal keinen Rath oder andern Diener aus dem Zuchthauſe nehmen kann.“ Die Sache wurde ſo beigelegt. Der junge Herr von Schilf faßte aber einen grimmigen Haß gegen den ehrlichen Forſter, und gluͤhte, wiewohl indeß viele Jahre verfloſſen waren, noch immer von Rache gegen ihn. Jetzt ſtarb der Fuͤrſt ſehr unerwartet; der Erbprinz 8““ 5² war noch minderjaͤhrig und befand ſich eben auf Reiſen. Es wurde eine Vormundſchaft angeordnet und in dem Laude gieng manche Veraͤnderung vor. Der junge Herr von Schilf, der ſehr reich war und angeſehene Verwandte hatte, wurde Oberfoͤrſter. Mit großer Pracht zog er in das fuͤrſtliche Jagdſchleß Felseck ein, von dem ihm ein Theil zur Wohnung angewieſen wurde. Er war nunmehr der Vorgeſetzte des guten Foͤrſters, und quaͤlte den alten Mann unſaͤglich. Des Tadelns war kein Ende. Der Foͤrſter konnte ihm nichts recht machen. Der Erbprinz hatte zwar nunmehr die Regierung an⸗ getreten. Allein der Oberfoͤrſter von Schilf, der ſehr abgeſchliffen, gewandt und beredt war, wußte den ober⸗ ſten Forſtmeiſter, der bei dem neuen Fuͤrſten ſehr viel galt, ganz fuͤr ſich einzunehmen, und ward nun gegen den guten Foͤrſter noch uͤbermuͤthiger und feindſeliger, als zuvor.„Ihr taugt nicht mehr zum Dienſte, ſagte er einmal zu ihm: ich werde darauf ankragen, einen brauch⸗ bareren Mann fuͤr den ſchoͤnen Forſt zu bekommen.“ Der Foͤrſter ſagte:„Herzlich gern lege ich mein Amt nie⸗ der. Ich haͤtte es ſchon laͤngſt gethan, wenn der hochſe⸗ lige Fuͤrſt es zugegeben haͤtte. Es iſt alſo mein Sohn Foͤrſter.“„Das waͤre! ſagte Herr von Schilf hoͤhniſch laͤchelnd. Da muͤßte ich auch etwas davon wiſſen.“ Der Forſter berief ſich auf jenes fuͤrſtliche Dekret, deni zu Folge ſein Sohn geheirathet hatte.„Pah, rief Herr von Schilf, ich kenne es wohl.“ Er wußte es ſehr kuͤnſt⸗ lich auszulegen.„Es iſt, ſagte er, blos ein Verſprechen auf Wohlverhalten; nichts weiter. Der Junge taugt aber nichts. Ich werde meinen Mann beſſer zu waͤhlen wiſſen.“ Der alte, graue Foͤrſter bemuͤhte ſich vergebens, eine Thraͤne zu verhehlen und ſagte:„Seyn Sie nicht unge⸗ recht, Herr Oberfoͤrſter! Sie glaubten ſich einmal von mir beleidigt. Deßhalb ſollten Sie ſich zweifach in Acht nehmen, mir wehe zu thun.“„Was, rief Herr von Schilf, und ſeine Augen funkelten von Zorn; Ihr ſelbſt erinnert mich an Eure Grobheiten! Ihr ſelbſt mahnt mich daran, daß Ihr mir mein einziges Jugendvergnuͤgen ge⸗ raubt und mich bei Hofe angeſchwaͤrzt habt. Ihr ſeyd ein ungeſchliffener, uͤbermuͤthiger Kerl. Von jeher hattet Ihr keine Achtung fuͤr hoͤhere Staͤnde, und hieltet Euch nur am Bettlergeſindel. Euerm Sohne habt Ihr geſtat⸗ tet, ein Maͤdchen ohne Heller und Pfenning, eine wahre Bettlerin zum Weibe zu nehmen. Euer huͤbſches Vermoͤ⸗ gen habt Ihr an den Bettelbuben, den Anton, weggeworfen. Ihr wußtet Euer eigenes Vermogen nicht zu verwalten, wie ſolltet Ihr fremdes Eigenthum und das Intreſſe des Fuͤrſten gut beſorgen? Geht, geht, mit Euch iſt nichts anzufangen. Ich hoffe, wir werden bald wenig mehr mit einander zu thun haben und Ihr ſollet mir bald gar nicht mehr unter die Augen kommen.“ Der Foͤrſter gieng.„Hum, dachte er auf dem Heim⸗ wege, der Oberfoͤrſter mag ſagen, was er will. Meine Waldungen ſind in der beſten Ordnung. Er kann, ſo abgeneigt er mir auch ilt, mir nichts anhaben. Ich laſſe es darauf ankommen.„Er ſagte indeſſen zu Hauſe den Seinigen von allem, was der Oberförſter geſagt hatte, nichts, um ſie nicht ohne Noth zu betruͤben. Allein bald darauf, da der alte Mann eben aus dem Walde zuruͤckgekommen war und in ſeinem Lehnſeſſel aus⸗ 59 ruhte, trat ein Bothe in die Stube, und uͤberreichte ihm ein Schreiben vom Oberforſtamte. In dem Schreiben ſtand: Der bisherige Foͤrſter Gruͤnewald ſey vermoͤg hoͤch⸗ ſten Befehls, wegen Altersſchwaͤche und davon herruͤhren⸗ der Unfaͤhigkeit, ſeines Dienſtes entlaſſen und der Forſt bis zur Wiederbeſetzung einſtweilen dem benachbarten Foͤr⸗ ſter zu Waldenbruch zur Verwaltung gegeben worden. Von einem Ruhegehalt fuͤr den verdienten alten Mann, von einer andern Anſtellung ſeines Sohnes war keine Re⸗ de. Nur wurde noch bemerkt, der abgekommene Foͤrſter ſolle ſich von dem Augenblicke an, da er dieſes Schreiben erhalte, nicht mehr unterſtehen, im Walde einen Schuß zu thun oder ſich auch nur mit einem Gewehre blicken zu laſſen, bei Strafe, daß es ihm abgenommen werde. Der alte Foͤrſter oͤffnete das Schreiben und ward ſehr beſtuͤrzt; ſeine Hand zitterte, in der er es hielt. Indeſſen faßte er ſich wieder und las den Seinigen, die in der Stube mit allerley Arbeiten beſchaͤftigt waren, das Schrei⸗ ben laut vor. Die alte Foͤrſterin und ihre zwei Toͤchter wurden bleich vor Schrecken. Der junge Foͤrſter gluͤhte vor Zorn uͤber die Bosheit des Oberfoͤrſters. Die junge Foͤr⸗ ſterin ſtand eine Weile ſprachlos da und fieng dann an, laut zu weinen. Ihre Kinder, die in der Stube ſpielten, und die Mutter weinen ſahen, weinten auch. Es ent⸗ ſtand ein allgemeiner Jammer. Nur der alte ehrwuͤrdige Foͤrſter ſtand ruhig in ihrer Mitte, und ſprach:„Vergeßt nicht, daß der alte Gott noch lebt. Du, Großmutter, hoͤre zuerſt auf zu weinen, und gieb unſern Kindern und Enkeln ein Beiſpiel von Vertrauen auf Gott. Ge⸗ 8 —— — V V 60 gen ſeinen Willen koͤnnen boͤſe Menſchen uns nicht ſchaden. Dieſe Pruͤfung kommt von Ihm; ſie wird uns einmal zu unſerm Beſten gereichen. Alſo Muth gefaßt! Gott iſt unſer maͤchtiger Beſchuͤtzer. Er verſtoßt uns nicht, wenn uns auch alle Welt verſtoßen ſollte. Er, der gute, reiche Vater wird es uns, ſeinen Kindern nie an Brod fehlen laſſen. Auf Ihn wollen wir vertrauen und unverzagt und getroſt ſeyn.“ „Indeß, fuhr er fort, will ich nichts von dem, unter⸗ laſſen, was ich thun kann. Ich reiſe Morgen des Tages zum Fuͤrſten. Er iſt ſo edelmuͤthig, als ſein hochſeliger Vater. Er wird mich hoͤren, ſo uberhaͤuft er auch jetzt, bald nach dem Antritte ſeiner Regierung, mit Geſchaͤften ſeyn mag. Er iſt gerecht; er wird nicht zugeben, daß man einem alten Diener, der dem Fuͤrſtenhauſe uͤber vier⸗ zig Jahre treu und redlich diente, ſo ohne Weiters mit Weib, Kindern und Enkeln dem Mangel und dem Hun⸗ gertode preisgebe. Du, Chriſtian, mußt mich begleiten. Wir konnen ja jetzt beide abweſend ſeyn, ohne den Oberfoͤr⸗ ſter um Urlaub zu bitten. Wir machen die Reiſe zu Fuß; das Reiten oder Fahren waͤre fuͤr unſere jetzigen Umſtaͤn⸗ de zu koſtbar; iſt auch gar nicht nothwendig. Die noͤthi⸗ gen Kleidungsſtuͤcke fuͤr die Reiſe finden in unſern Jagd⸗ taſchen wohl Platz. Macht nur Anſtalt, daß morgen fruͤhe alles bereit ſey.“ Der alte Foͤrſter war am folgenden Morgen ſchon vor⸗ Anbruch des Tages aufgeſtanden und weckte ſeinen Sohn. „Es wird mir zu lange, auf den Tag zu warten, ſagte er; es iſt ja Mondſchein und wir koͤnnen alle Wege. Laß uns gehen!“ Die alte Foͤrſterin legte die gruͤne, goldbor⸗ dirte Uniform huͤbſch zuſammen, und ſchlug ein reines Leinentuch daruͤber, um ſie bequemer in die Jagdtaſche zu packen. Catharine brachte Weißzeug und einige Lebens⸗ mittel fuͤr die Reiſe. Die junge Forſterin und Luiſe mach⸗ ten das Fruͤhſtuͤck zurecht und kamen damit in die Stube. Die Kleinen ſchliefen noch.„Und bis wann gedenkſt du denn wieder zuruͤck zu kommen?“ fragte die alte Foͤr⸗ ſterin ihren Mann.„Das weiß ich ſelbſt noch nicht ge⸗ nau, ſprach er; vor acht Tagen ſchwerlich.“„Morgen uͤber dierzehn Tage iſt der heilige Weihnachtsabend, ſagte die alte Foͤrſterin; bis dahin kommſt du doch gewiß?“ „Wills Gott, morgen uͤber acht Tage, ſagte der Foͤrſter, Uebrigens gehe es, wie es will, den heiligen Weihnachts⸗ abend muß ich mit Euch feiern.“„Gott gebe, in Freu⸗ den! ſagte die Föorſterin.“„Betet indeſſen, ſagte der Foͤrſter noch, und vertraut auf Gott. Er wird machen, daß die Sachen gehen wie es heilſam iſt.“ Alle begleite⸗ ten die zwei Männer unter die Hausthuͤre. Es war noch voͤllig Nacht und man ſah noch nicht das Geringſte von der Morgenhelle. Sie giengen indeſſen in der kalten ſchauer⸗ lichen Decembernacht getroſt weiter. Alle im Hauſe waren nun um die lieben Reiſenden, beſonders um den alten Vater ſehr beſorgt. Die erſten acht Tage wußten ſie ſich zwar immer zu troͤſten. Als aber weiterhin ein Tag nach dem andern vergieng und die Witterung hoͤchſt unfrenndlich und ſtuͤrmiſch wurde, und es faſt unaufhoͤrlich regnete, wurden ſie ſehr unruhig. „Ach, ſprachen ſie, der Chriſtian, ſo ruͤſtig er iſt, wird genug auszuſtehen haben; wie aber wird der alte Vater durchkommen?“ Die zwei Kinder des jungen Foͤrſters —— — Regendach, der von einem Felſen ſtuͤrzt.„Ach Du mein liefen alle Angenblicke vor die Hausthuͤre, um zu ſehen⸗ ob der Vater und der Großvater denn noch nicht kaͤmen. So verfloßen zu den erſten acht Tagen noch acht Tage in Kummer und Sorgen. Ueberdieß hatte bald nach der Abreiſe der beiden Foͤrſter ein Jaͤgerburſche des Oberfoͤr⸗ ſters ein amtliches Schreiben gebracht. Die Forſterin getraute ſich zwar nicht, es zu oͤffnen; allein ſie fuͤrchtete, daß es nichts Gutes enthalte. Denn der Jaͤgerburſch hatte noch muͤndlich mit hoͤhniſcher Miene geſagt:„Es iſt toll, daß der alte Mann mit ſeinem jungen Brauſenkopf in die Reſidenz lauft. Der Herr Oberfoͤrſter iſt ſeiner Sache gewiß. Sie richten ſicherlich nichts aus und kehren mit Schand und Spott zuruͤck.“ Alle im Hauſe beteten in⸗ deß taͤglich, Gott wolle die beiden Reiſenden bei dem Fuͤr⸗ ſten ein gnaͤdiges Gehoͤr finden laſſen und ſie gluͤcklich wie⸗ der nach Hauſe fuͤhren! Auch die Kinder beteten ungehei⸗ ßen mit. Siebentes Kapitel Wie es mit dem Foͤrſter weiter gegangen. Uueer dieſen traurigen Umſtaͤnden brach der heilige Weih⸗ nachtsabend an. Es wurde heute fruͤher Nacht als ſonſt. Denn der ganze Himmel war mit ſchweren Wolken bedeckt. Der Sturmwind brauste durch die alten Eichen und die ſchwankenden Tannen des Waldes. Es ſchneyte und reg⸗ nete ſehr heftig und die Dachrinne rauſchte gleich einem 1 — 65 Gott, ſagte die alte Foͤrſterin, nachdem ſie lange zum Fenſter hinausgeſehen hatte, ſie kommen noch nicht. Wenn ſie heute, am heiligen Chriſtabende, ausbleiben, ſo iſt ihnen ſicherlich ein Ungluͤck begegnet. Mir iſt ganz un⸗ ausſprechlich bange. Es iſt ja ein Welter, man ſollte kei⸗ nen Hund vor die Thuͤre jagen, und die Wege ſind zum Verſinken ſchlecht. Ach, wenn ſie nur wieder da waͤren, gehe dann alles Uebrige, wie es wolle!“* Sie öͤffnete wieder das Fenſter: ſah hinaus und rief: „O Sottlob, nun kommen ſie!“ Alle eilten ihnen vor die Hausthuͤre entgegen; alle fragten:„Nun, wie iſt es in der Stadt gegangen?“„Ich hoffe, es ſoll noch alles gut gehen, ſagte der alte Foͤrſter. Ihr werdet aber unſertwe⸗ gen Kummer gehabt haben. Wir blieben lange aus. Allein ich war auf der Reiſe nicht ganz wohl, und konnte nicht mehr weiter; und da es wieder beſſer gieng, waren von dem vielen Regen die Fluͤſſe und Baͤche ſo angeſchwol⸗ len, daß wir noch einige Dage aufgehalten wurden. Nun Gottlob, daß wir wieder da ſind!“ Er trat in das Haus, kleidete ſich um, und ſetzte ſich in ſeinen Lehnſeſſel an den waͤrmenden Ofen. Die alte Foͤrſterin brachte eine Flaſche Wein, zwei Glaͤſer und die brennende Oellampe.„Er⸗ quickt euch doch belde ein wenig, ſagte ſie, indem ſie einſchenkte; ihr werdet es beide ſehr noͤthig haben. Das Eſſen wird bald fertig ſeyn.“„Wohl! ſprach der Foͤr⸗ ſter, beim Scheine des hellen Oellichtes umherſchauend; es iſt doch gut, wieder zu Hauſe zu ſeyn, unter den lieben Seinigen, wo man lauter freundliche und froͤhliche Ge⸗ ſichter um ſich erblickt.“ Der junge Foͤrſter hatte aber indeß ſeiner Frau im — 64 Vertrauen geſagt:„O, es ſieht gar nicht gut; wir kom⸗ men wahrſcheinlich um den Dienſt.“ Dieſe erſchrack ſehr, und ſagte es heimlich den uͤbrigen. Der alte Foͤrſter ſah, wie ſich auf einmal alle Geſichter verfinſterten, und von Schrecken und Angſt zeigten.„Hat Chriſtian ſchon geplaudert? ſagte er; je nun, es iſt da nichts zu verheh⸗ len. Ihr ſollet es hoͤren; dor werdet mir nicht zu trau⸗ rig. Es iſt uns ja heute Nacht ein Erloͤſer geboren; uͤber dieſer großen Freude müſſen wir unſere kleinen Erden⸗ ſorgen vergeſſen; wenigſtens ſie uns nicht zu ſehr zu Her⸗ zen nehmen.“— „Als wir, ſprach er hierauf, Abends ſpät in der Re⸗ ſidenz außamen, gieng ich noch zu dem alten Forſtrath Muͤller. Er iſt ein ſehr biederer Mann, dachte ich; er war vor alten Zeiten mein Oberfoͤrſter und immer mein Freund. Die uͤbrigen Raͤthe, die mich kannten, ſind alle todt oder in Ruhe verſetzt. Wiewohl auch er ſich Alters halber von Geſchaͤften zuruͤckgezogen hat, ſo kann er mir doch den beſten Rath geben.“ So dacht' ich. Der edle Mann nahm mich auch in der That mit großer Herz⸗ lichkeit auf. Ich ſagte ihm mein Anliegen. Er ſprach: „Sie haben an dem Oberfoͤrſter einen ſehr ſchlimmen Feind, der dahier maͤchtige Freunde hat. Er will Ih⸗ ren Dienſt einem jungen Menſchen, der ſein Bedienter war, zuſchanzen und ſendet immer die nachtheiligſten Be⸗ richte uͤber Sie und Ihren Sohn ein. Ich fuͤrchte ſehr, er dringe durch, und bringe den guten Chriſtian um das vaͤterliche Brod.“„Ach, ſagte ich, es wird ja nicht ſo weit kommen! Indeß bin ich Willens, ſelbſt zum Fuͤrſten zu m⸗ V ————— zu gehen.“„Thun Sie das, ſagte der Forſtrath. Sch gehe mit. Indeß kommen Sie eben jetzt zu der ungele⸗ genſten Zeit. Der Herr hat zu viele Geſchaͤfte. Sie wer⸗ den kaum vorkommen. Auch zu dem okerſten Forſtmei⸗ ſter und den Forſtraͤthen muͤſſen Sie gehen. Allein ich fuͤrchte, da finden Sie keine gute Auſfnahme. Herr von Schilf hat ſie alle ganz verblendet.“ Ich ſand auch, daß der Forſtrath vollkommen Recht hatte. Ich machte man⸗ chen ſauern Gang. Der oberſte Forſtmeiſter nahm mich ſehr kalt auf und fertigte mich kurz ab. Die andern Ro a⸗ the behandelten mich nicht viel beſſer; ich ſah nur finſtere Geſichter und wußte manche harte Rede anhoͤren. Bei dem Fuͤrſten aber wurde ich da der oberſte F Forſtmeiſter eben um ihn war, gar nicht vorge laſſen. Der Oberföoͤrſter wußte mich und den Chriſtian ſehr ſchlau zu verlaͤumden. Ich mag euch dieß jetzt nicht ausfuͤhrlich erzaͤhlen; 5 be⸗ trifft ohnehin Geſchaͤfte, die ihr nicht verſtehet. Alles, was wir hoffen koͤnnen, iſt eine Unterſuchung; abein es iſt zu fuͤrchten, daß ſie in ſolche Haͤnde kommen w erde, von denen wir wenig Gutes zu erwarten haben.— Doch dieſe Geſpraͤche machen uns zu traurig, und heute Abend ſollten alle Menſchen in der ganzen Chriſtenheit froͤhlich ſeyn. Es iſt ja der heilige Weihnachtsabend; wir wollen der Geburt unſers Erloͤſers gedenken. Das wird unſern truͤ⸗ ben Sinn erheitern. Er richtete ſeine Blicke auf das Gemaͤlde von der Ge⸗ burt Jeſu, das Anton einſt geſchickt hatte. Es hieng in der Stube an jener Stelle, wo vorhin der Spiegel gehan⸗ gen, und war, damit es nicht Schaden nehme, mit ei⸗ nem Flor verhuͤllt. Die kleinen Enkeln des alten Forſters, 6 b V 66 zwei liebliche Kinder, Franz und Klara, hatten ſich ſchon ſeit mehreren Wochen auf die Feier des heiligen Weih⸗ nachtsabend gefreut. Sie ſprangen auf und trockneten ſich ſchnell die Thraͤnen von ihren erheiterten Geſichtern.„Groß⸗ mutter, ſagte der kleine Franz, nimm den Flor weg von dem Bilde und zuͤnde, wie im vorigen Jahr', die Kerzen an, damit man es auch recht ſehe.“„Und du, Großva⸗ ter, ſagte die kleine Klara, hole deine Harfe; wir wollen unſer Weihnachtsliedchen ſingen, das uns die Mutter ge⸗ lehrt hat.“ „Nun wohl, ſprach der Foͤrſter; wir wollen ein Weihnachtslied ſingen. Doch, ſagt zuvor noch, hat ſih waͤhrend wir fort waren, nichts beſonders ereignet?“ „Nichts, ſagte die alte Foͤrſterin: nur iſt leider, bald nach eurer Abreiſe, wieder ein Schreiben von dem Ober⸗ forſtamte angekommen. Was es wohl ſeyn mag!“ Sie reichte ihm das Schreiben verſchloſſen hin. Er oͤffnete es— erblaßte— und ſagte mit einem Blick zum Himmel: „Nun, Herr, dein Wille geſchehe! Alle ſchauten erſchro⸗ cken und erwartungsvoll auf ihn.„Was iſt es denn?“ fragte die Großmutter.„Wir ſollen aus dieſem Hanſe fort, ſagte er; ja wir ſollten ſchon fort ſeyn. Der Ober⸗ foͤrſter befiehlt in dieſem Schreiben, das Foͤrſterhaus muͤſ⸗ ſe laͤngſtens bis zum Weihnachtsabend geraͤumt und gerei⸗ niget ſein, damit der neue Foͤrſter auf die Weihnachts⸗ feiertage einziehen koͤnne. Er droht, wenn wir ihm nicht gehorchen wuͤrden, uns durch die Amtsdiener abfuͤhren zu laſſen. Mich wundert, daß ſie noch nicht da ſind; wir ſind keinen Augenblick ſicher, daß ſie uns aus dem Hauſe werfen.. — — +—— — & 8ᷣ—, 1 67 „Ach Gott! rief die junge Foͤrſterin, ſetzt, in dieſer fuͤrchterlich ſtuͤrmiſchen Nacht! Hoͤrt ihr, wie draußen der Sturmwind braust? Wie es regnet? Wo werden wir gegen Sturm und Regen ein Obdach finden!“ Sie ſank auf einen Seſſel und umfaßte ihre zwei Kinder.„Guter Gott, ſeufzte ſie, ach erbarme Du Dich dieſer Unſchuldi⸗ gen!“ Der junge Förſter ſtand mit gefalteten Haͤnden ſprachlos vor ihr, und blickte ſie und ſeine zwei Kinder mit Augen voll Thraͤnen an. „O Du mein Gott, ſagte die Eroßmutter ſchluchzend und die Haͤnde ringend, in unſern alten Tagen mit Kin⸗ dern und Enkeln aus dem Hauſe vertrieben zu werden, in dem ich geboren bin, in dem mein Vater und mein Großvater lebten— ach, es iſt ſchrecklich! Guter Gott, laß mich in dieſem Hauſe, in dem ich geboren ward, vol⸗ lends abſterben.“ Catharine weinte ſtille Thraͤnen; Luiſe ſtand zitternd und bebend da, wie ein Lamm, das man ſchlachten will. Der alte Foͤrſter aber mit ſeinem ehrwuͤrdigen Angeſichte, der hohen kalten Stirne und den grauen Seitenlocken blickte lange ſchweigend zum Himmel, und ſprach dann ruhig und gefaßt:„Ja, meine liebſten Kinder, es iſt an dem, daß wir dieſes Haus verlaſſen muͤſſen. Ich weiß keinen Menſchen, der uns alle zugleich in ſein Haus anfuehmen koͤnnte. Wir werden jetzt wohl von einander getrennt werden. Ich hoffe zwar, in eurer Mitte ein ruhiges Alter zu genießen—ihr wuͤrdet, ſo wie ihr jetzt um mich verſammelt ſeyd, in dieſem Hauſe einſt alle an mei⸗ nem Sterbebette ſtehen. Gott beſchloß es anders— wir wollen uns in ſeinen heiligen. Willen ergeben.“ 6* — 68 Er blickte auf ſeine Enkel und ſprach weiter:„Unſer Herz regt ſich, wenn wir dieſe weinenden Kinder betrach⸗ ten. Gott hat noch ein liebevolles Vaterherz gegen uns. Schickt er ein ſo ſchweres Leiden uͤber uns, ſo hat er ge⸗ wiß die weiſeſten Abſichten dabei. Auch dieſen Jammer wird Er zu unſerm Beſten lenken. Wenn es einmal auf das Aeußerſte gekommen, muß es wieder beſſer gehen. Die Alten ſagten ja aus wohlbewaͤhrter Erfahrung: Iſt die Noth am hoͤchſten, ſo iſt Gottes Huͤlfe am naͤchſten. — Wir haben in dieſer Stube viele Weihnachtsabende in Freuden zugebracht, laßt uns auch den Einen trauri⸗ gen von Gottes Hand willig annehmen. „Du haſt recht, liebſter Mann, ſagte die alte Foͤrſterin; wir wollen alles Gott uͤberlaſſen und in unſerm großen Jammer getroſt ſeyn. Ach, ich dachte oft daran, wie es Marien ſeyn mußte, als ſie nicht nur in dem Stalle ſon⸗ dern bald darauf ihre Wohnung bei dunkler Nacht— wie jetzt wir gar verlaſſen, und mit ihrem goͤttlichen Kinde fortziehen ſollte in ein anderes Land. O ſo groß ihr Glau⸗ ben, ihr Vertrauen war, ich denke doch, daß ihr, wo nicht um ihrer ſelbſt, doch um ihres Kindes willen, Thraͤnen in die Augen traten! Ich weiß, was es um ein Mutterherz iſt! Ihre Leiden waren gewiß herzzerſchneidend. Jeder Menſch auf Erden aber muß in aͤhnliche Lagen kommen. Gott laͤßt keines ſeiner Kinder ungepruͤft. Jene alten Geſchichten werden auf eine gewiſſe Art an uns erneuert. Allein Derjenige, der Marie, in dem armen Stalle und auf ihrer traurigen Flucht, troͤſtende Freunde und leitende Engel zuſchickte, wird auch uns nicht ohne Troſt laſſen. Er wird zu Pchler Zeit Huͤlſe ſchicken.“ ——— 69 Nun wuͤrde mit einem Male an der Hausthuͤre ge⸗ klopft.„Jetzt kommen ſie, ſagte der alte Foͤrſter, und werden uns aus dieſer Stube vertreiben.“ Der Förſter⸗ ſohn fuhr auf, blickte nach ſeinem Gewehr, und rief: „Das ſollen ſie ſich nicht unterſtehen, meine grauen El⸗ tern, mein liebes Weib, meine Kinder, meine Schwe⸗ ſtern aus dem Hauſe zu werfen. Den Erſten, der an ſie Hand anlegt, den——“ „O nein, nein, mein Sohn, ſprach der alte Vater, ſprich dieſe ſchrecklichen Worte, die du auf der Zunge haſt, nicht vollends aus. Keine Widerſetzlichkeit; nichts von un⸗ rechtmaͤßiger Gewalt! Sott iſt uͤber uns und ihnen. Er al⸗ lein iſt unſer Schutz und unſre Zuflucht. Wenn unſre Bit⸗ ten und Vorſtellungen uͤber dieſe Maͤnner, die uns zu ver⸗ treiben kommen, nichts Vermoͤgen, ſo gehen wir willig aus dem Hauſe, und fluͤchten uns, bis die Nacht voruͤber iſt, in jene Hoͤhle des Waldes, in der wir bei ſtuͤrmiſcher Wit⸗ terung auf der Jagd oft eine Zuflucht gefunden. Ach, ſprach er, indem er aus ſeinem Lehnſeſſel aufſtand, ich wollte, ein jedes aus euch koͤnnte mit mir alten, vielge⸗ pruͤften Manne ſagen: Um mich hab' ich mich ausbekuͤmmert, Und alle Sorg' auf Gott gelegt, Wuͤrd' Erd' und Limmel auch zertruͤmmert, So weiß ich doch, daß Er mich träͤgt; Und hab' ich meinen treuen Gott, So frag ich nichts nach Noth und Tod.“ ———B—ꝛ—— I Achtes Kapitel. Ein unerwarteter Beſuch. ◻ρꝙ Indeſſen wurde wiederholt geklopft, und noch ſtaͤrker, als zuvor.„Geh, Chriſtian, ſagte der alte Förſter und oͤffne die Thuͤre.“ Chriſtian gieng. Nach einigen Au⸗ genblicken trat ein ſchoͤner, anſehnlicher Herr, den ſie nicht kannten, in einen dunkelgruͤnen Mantel gehuͤllt und mit einer Pelzmuͤtze bedeckt, zur Thuͤre herein.„Das iſt der neue Forſter!“ dachten alle mit erſchrockenen Her⸗ zen. Der Unbekannte ſchien aber ſelbſt erſchrocken, ſo viele rothgeweinte Augen und ſchreckenblaſſe Angeſichter zu ſehen. Er nahm ſeine Muͤtze ab, ſtand einige Au⸗ genblicke ſtill und ſagte:„Kennen Sie mich denn nicht mehr?„Ach Gott, rief Luiſe, es iſt Anton!“ Anton! rief Catharine, iſts moͤglich?„Was faͤllt euch ein, ſagte die alte Mutter; dieſer Herr iſt ja viel groͤßer und ſtaͤrker als Anton.“ „Wahrhaftig, er iſt es, ſprach Chriſtian, es iſt Anton! Um des Himmels willen, Bruder, wie kommſt du hieher? Ich haͤtte dich in Rom geſucht, mehrere hun⸗ dert Stunden von hier!“ Der alte Vater rieb ſich die Augen, als traute er ihnen nicht, trat langſam naͤher, eilte aber ploͤtzlich mit weitausgeſtreck en Armen auf Anton zu, ſchloß ihn in die Arme und konnte nichts mehr ſagen, als:„O mein Sohn Anton!“ Sie umarm⸗ ten ſich lange und innig. Nun gruͤßte Anton ſeine ehr⸗ ——1 rinen und Luiſen, voll der herzlichſten Freude des Wie⸗ derſehens. Auch die junge Foͤrſterin und ihre Kinder, die er das erſte Mal ſah, gruͤßte er mit großer Freude und Herzlichkeit. So tief betruͤbt alle noch vor wenigen Augenblicken waren, ſo hoch erfreut waren jetzt alle. Die unerwartete Freude hatte alle Traurigk it verſcheucht, wie die aufgehende Sonne die naͤchtlichen Schatten zerſtreut. Jetzt aber fieng die alte Mutter an:„Ach Anton, du findeſt uns in ſehr traurigen Umſtaͤnden. Du haſt ja unſere Thraͤnen noch geſehen, als du in die Stube herein kameſt. Ach, laß dir unſern Jammer doch erzaͤhlen.“ „Ich weiß alles, ſprach Anton; ſeyen Sie aber vollkom⸗ men ruhig, liebſte Eltern! Ihre Angelegenheiten ſtehen aufs Beſte. Ich komme eben vom Fuͤrſten. Er gruͤßt Sie liebſter Vater, auf das freundlichſte.— „Mich? rief der alte Vater? Wie kamſt du zum Fuͤrſten? Das begreife ich nicht. Wahrhaftig, ich fuͤrchte dieſes alles iſt nur ein gluͤcklicher Traum.“ „Nein, ſp. ach Anton, nichts weniger als ein Traum, ſondern die gewiſſe Wahrheit. Setzen Sie ſich einmal in Ihren Lehnſeſſel, liebſter Vater, und Sie liebſte Mutter, nehmen Sie hier Platz, und laſſen Sie ſich alles ausfuͤhr⸗ lich erzaͤhlen.“ Er legte ſeinen Mantel ab und holte noch ein Paar Seſſel herbey. Die erfreuten Pflegeeltern nah⸗ men ihn in ihre Mitte. Alle uͤbrigen ſtanden umher und ſahen voll Verwunderung und Erwartung auf ihn. An⸗ ton erzaͤhlte: „Unſer jetziger gnädigſter Fuͤrſt war, wie Sie wiſſen, noch vor Kurzem als Erbprinz in Itaglien. Da wurden wuͤrdige Pflegmutter, ſeine Geſchwiſter, Chriſtian, Catha⸗ ——— ——ͤ—“ nun einmal zu Rom die Gemaͤlde junger Kuͤnſtler zur Schau ausgeſtellt. Er gieng hin, und unter den vielen Gemaͤlden gefiel ihm eines ganz vorzuͤglich. Man ſagte ihm, ein junger Maler aus ſeinem Fuͤrſtenthume, Anton Kroner, habe es gemalt. Der Prinz ließ mich rufen, lobte mich ſehr und war gegen mich ganz ungemein gnaͤ⸗ dig. Er fragte mich, was ich fuͤr das Gemaͤlde fordere, und bezahlte mir mit fuͤrſtlicher Großmuth viel mehr, als ich verlangt hatte. Da er die beruͤhmteſten Gemäͤlde zu Rom ſehen wollte, ſo mußte ich ihn öſter begleiten, durf⸗ te neben ihm in ſeinem Wagen ſitzen, ja, ſogar einige Male bei ihm ſpeiſen. Nun wurden zu Rom mehrere alte Gemaͤlde von ganz vorzuͤglicher Schoͤnheit zum Ver⸗ kauf ausgeboten. Der Prinz fuhr mit mir hin, ſie zu beſehen. Er fragte mich bei jenen Stuͤcken, die ihm be⸗ ſonders gefielen, um meine Meynung, und beſchloß ſie zu kaufen. Es war ein Tag beſtimmt, an dem ſtie oͤffentlich ſollten verſteigert werden. Der Prinz konnte aber nicht mehr ſo lange bleiben; er mußte nach Hauſe reiſen, und die Regierung uͤbernehmen. Er gab mir Eaher den Auf⸗ trag, die Gemaͤlde zu kaufen, und dafuͤr zu ſorgen, daß ſie ihm ſicher und unbeſchaͤdigt uͤberliefert wuͤrden. Er beſtimmte, wie viel ich im aͤußerſten. Falle fuͤr die Gemalde geben duͤrfte, und wies mir eine Summe Geldes an. Dieſer fuͤr mich ſo ehrenvollt Auftrag lag mir nun ſehr am Herzen. Ich war auch ſo gluͤcklich, die Gemaͤlde fuͤr eine bedenutend geringere Summe, als er mir geſtattet hatte, zu erhalten. Da ich bereits alles, was für einen Maler in Italien vorzug⸗ lich ſehenswerth iſt, geſehen hatte, und da eben ein Schiff u —— 88 r — 1— 73 Schiff zum Abſegeln bereit lag, ſo ſchiffte ich mich ſammt den Gemaͤlden ein. Ich kam mit meinem koſtbaren Scha⸗ ze gluͤcklich an das Land. Da miethete ich nun fuͤr die Gemaͤlde einen beſondern Wagen, und fuhr, damit ſie ja keinen Schaden nehmen moͤchten, ſelbſt mit, bis wir auf dem Wagen zuſammen in der Reſidenz) anlangten. Ich eilte ſogleich nach Hofe und ließ mich melden. Der Fuͤrſt war eben von der Mittagstafel aufgeſtanden und befand ſich in ſeinem Kabinette. Ich kam ſogleich vor.„Nun, willkommen in Deutſchland, ſprach der Fuͤrſt ſehr freundlich; was bringen Sie mir Gutes aus Italien?“„Die Gemaͤlde, ſagte ich, die ich Eurer Durchlaucht hoͤchſtem Befehle ge⸗ maͤß gekauft habe.“„Nun, ſprach der Furſt, und wie viele davon?⸗„Alle!“ ſagte ich.„Alle!“ rief er ſehr erfreut;„das iſt ja ganz vortrefflich.“ Er gab ſogleich Be⸗ fehl, daß die Bilder ausgepackt und aufgeſtellt wuͤrden. Ich legte auch mit Hand an. Alle waren vollkommen unbeſchaͤdigt. Der Fuͤrſt war in ſeinem groͤßten Vergnuͤgen. Denn er iſt nicht nur ein Liebhaber, ſondern auch ein Kenner von Gemaͤlden. Ich uͤberreichte ihm die Quittun⸗ gen fuͤr die bezahlten Gemaͤlde.„Die Sumime, ſprach er, betraͤgt ja ein Merkliches weniger, als ich Ihnen geſtatte⸗ te.“ Ich ſagte:„Eure Durchlaucht wollen beſehlen, wo, ſch das uͤbrige Geld abzugeben habe.“„Ach ſagte er ſehr gnaͤdig, davon kann keine Rede ſeyn. Ich bin Ihnen Dank ſchuldig. Wenn Sie mit mir zufrieden ſind ſo bin ich es mit Ihnen noch viel mehr. Doch— Sie ſind muͤde von der Reiſe und haben ſich mit Auspacken noch mehr abgemattet. Sie beduͤrfen der Ruhe.“ Er befahl mir ein gimmer in der Reſidenz anzuweiſen. Als ich Abends in meinem Zimmer ſaß, fiel mir ploͤtz⸗ lich ein, den alten Forſtrath Muͤller zu beſuchen. Er war ia, außer dem Fuͤrſten, der einzige Mann, den ich in der 7 3 74 Reſidenz kaunte, und ich erinnerte mich ſehr wohl, wie er ehemals als Oberfoͤrſter Sie beſter Vater, oͤfter beſuchte und mit Ihnen in der herzlichſten Freundſchaft lebte. Er fragte mich, wie ich hieher komme. Ich ſagte es ihm. „Sie kommen zur gluͤcklichen Stunde!“ ſprach er, und ſieng nun ſogleich an, mir zu erzaͤhlen, wie es Ihnen, liebſter Vater, gehe, wie viel Verdruß Ihnen der Oberfoͤr⸗ ſver mache, wie Sie deßhalb ſelbſt in die Reſidenz gekom⸗ men, wie Sie aber einige Tage vor meiner Ankunft unver⸗ richteter Sache wieder abgereiſet waͤren. Ich wollte ſogleich wieder zum Fuͤrſten.„Nicht doch! ſagte der Forſtrath, das geht nicht. Morgen fruͤhe muͤſſen Sie um eine beſondere Audienz bitten. Ich werde Sie begleiten. Die Sache iſt jetzt ſchon ſo vorbereitet, daß wir ein geneigtes Gehoͤr fin⸗ den werden.“ Wir wurden am folgenden Morgen ſehr bald vorgelaſſen. Ich fieng ſogleich von Ihnen an, und re⸗ dete mit großem Eifer. Ich erzaͤhlte, wie ich in Ihr Haus gekommen, und was Sie all; an mir gethan haben. Ich war ſehr ausfuͤhrlich. Der Forſtrath ſagte einige Male: „Zur Sache, zur Sache!“ Der Fuͤrſt aber laͤchelte nur und ſagte:„Laſſen Sie! Die Dankbarkeit des guten Sohnes gegen ſeine atten Pflegeeltern gefaͤllt mir. Wir werden ja am Ende finden, wo das alles hinaus will.“ Ich kam nun auf den Herrn von Schilf und ſagte es gerade zu, warum er Ihnen ſo aufſaͤzig ſey, und daß er als ein Wilddieb in das Zuchthaus gekommen waͤre, wenn der hochſelige Fuͤrſt nicht zu gnädig geweſen waͤre.„Nicht doch, ſagte der Forſt⸗ rath ernſthaft zu mir, Sie vergeſſen den ſchuldigen Reſpekt. Fürſten koͤnnen kaum zu gnaͤdig ſeyn. Der Oberfoͤrſter war damals ein junger Menſch, und es konnte deßhalb immer einige Schonung eintreten.“„Nur weiter, nur wei⸗ ter!“ ſagte der Fuͤrſt zu mir. Ich zeigte ihm nun die Brieſe, die Sie, liebſter Vater, mir nach Irglien geſchrie⸗ ——. — — —— — —; ben. Ich hatte ſie noch in der Nacht aus meinem Koffer hervorgeſucht. Da iſt auch nicht ein einziger darunter, in dem nicht fuͤr den Durchlauchtigen Erbprinzen, der mit mir damals in einem Lande lebte, die beſten Segenswuͤnſche ent⸗ halten waͤren. Der Furſt las nicht nur die Stellen, die ich ihm zeigte, ſondern, nachdem er mich zuvor, mit zu vieler Gnade, um Erlaubniß gefragt hatte, die ganzen Briefe⸗ „Nun wohl, ſprach er, ich erinnere mich jetzt, daß Sie mir ſchon in Italien von dem wackern Manne geſagt haben; ein Mann, der ſo ſchreibt und einen ſo guten Sohn erzog, kann kein ſchlechter Mann ſeyn.“„Deßhalb, ſagte ich, muͤſſen Eure Durchlaucht den Oberförſter beſtrafen, und dem Sohne des Foͤrſters den vaͤterlichen Dienſt geben.“ Der Forſtrath blickte mich unwillig an und ſagte:„Spricht man denn auch einmal ſo mit dem gnaͤdigſten Herrn?“ Der Fuͤrſt ſprach aber mit Laͤcheln:„So ſchnell geht es freylich nicht, wie Sie meynen junger Mann. Ich muß den Ober⸗ forſter erſt auch hoͤren.“ Er winkte dem Forſtrath an ein Fenſter und redete einige Zeit beſonders mit ihm. Der Forſtrath ſetzte ſich hierauf und ſchrieb. Der Fuͤrſt ſagte aber zu mir:„Seyen Sie ruhig, es wird recht werden.“ Er redete nun, waͤhrend der Forſtrath ſchrieb, mit mir von Gemaͤlden.„Mein ſeliger Vater, ſagte er, hat mir eine ganz artige Sammlung hinterlaſſen. Ich bin begierig, was Sie dazu ſagen. Indeß muͤſſen alle Gemaͤlde wieder in beſ⸗ ſern Stand geſetzt werden. Dieſe Arbeit uͤbertrag ich hiemit Ihnen. Wollen Sie das Geſchaͤft uͤbernehmen?“„Mit dem groͤßten Vergnuͤgen, ſagte ich; aber erſt nach den Weihnachtsfeiertagen. Am heiligen Weihnachtsabende ha⸗ be ich meine ehrwuͤrdigen Pflegeeltern das erſte Malgeſehen; an dem Weihnachtsabende muß ich ſie wieder ſehen; he⸗ ſonders da ſie in einer ſo traurigen Lage ſind, und ich ihnen erfreuliche Nachrichten bringen kann.“„Das iſt ——— 76 nicht mehr als billig!“ ſagte der Fuͤrſt. Der Dankbarkeit gegen Eltern will ich gerne nachſtehen.“ Der Forſtrath war indeſſen mit Schreiben fertig ge⸗ worden und uͤberreichte dem Fuͤrſten das Blatt. Der Fuͤrſt unterzeichnete es.„Gruͤßen Sie mir Ihren guten Pflege⸗ vater, ſprach er zu mir, und ſagen Sie dem braven, alten Manne, er ſolle außer Sorgen ſeyn.“ „Aber wie frey Sie doch mit dem Fuͤrſten ſprachen, ſagte der Forſtrath, indem er mich auf mein Zimmer be⸗ gleitete. Ich wehrte Ihnen immer, aber Sie achteten nicht darauf. Nun, Ihrer Liebe zu Ihren Pflegeeltern iſt dieſes zu verzeihen. Auch finde ich, der geradeſte Weg iſt immer der kuͤrzeſte.“ Ich frage nun den Forſtrath, was der Fuͤrſt mit ihm geſprochen und was er ihm zu ſchrei⸗ ben befohlen. Nach vielem Bitten geſtand er ihm endlich, der Furſt habe geſagt:„Bald haͤtte man mich zu einer Ungerechtigkeit verleitet. Dort liegt ein Dekret, in dem an die Stelle des alten Foͤrſters ein anderer Mann ernannt wird. Ich fand jedoch einige Bedenklichkeiten dabeilund habe, ſo ſicher man auch darauf rechnete, es noch nicht unterzeichnet. Ich werde nun die Sache zuvor noch gruͤnd⸗ licher unterſuchen.“ Was der Ferſtrath ſchreiben mußte, war ein beſonderer Befehl an den Oberfoͤrſter, ungefaͤhr die⸗ ſes Inhalts:„Seine Durchlaucht haͤtten mit allergroͤßtem Mißfallen vernommen, wie unwuͤrdig der Oberfoͤrſter den wuͤrdigen Forſter Gruͤnewald behandle; der Oberfoͤrſter er⸗ halte hiemit die geſchaͤrfteſte Weiſung, bis auf weiteres we⸗ der den alten Foͤrſter noch deſſen Sohn im Geringſten zu be⸗ unruhigen.“ Den Befehl mußte der Forſtrath ſogleich durch eine Staffete abſenden.„Denn, hatte der Fuͤrſt geſagt, es liegt mir ſehr daran, dem alten ehrlichen Mann, ſobald als moͤglich, Ruhe zu verſchaffen.“ Der Forſtrath gab mir nun noch auf, Sie zu gruͤßen und Ihnen zu ſagen:„Die Unter⸗ —— —.,— —— 77 ſuchung, die der Fuͤrſt anordnen werde, falle zuverlaͤßig zu ihrem Beſten aus, und Ihr Sohn erhalte ſicher den Foͤrſterdienſt:““ Der alte Foͤrſter wiſchte ſich, ſo wie alle uͤbrigen, waͤhrend dieſer Erzaͤhlung öfter die Augen. Jetzt ſtand er auf, umarmte Anton, nahm den Flor von dem Gemaͤl⸗ de der Geburt Jeſu hinweg, blickte dankend zum Himmel⸗ und rief:„Nun laßt uns in den Lobgeſang der Engel einſtimmen: Ehre ſey Gott in der Hoͤhe und Friede auf Erden den Menſchen, die eines guten Willens ſind.“ Neuntes Kapitel. Der Weihnachtsbaum. 3 Nacdem Anton ſeine Erzaͤhlung geendet hatte, erkun⸗ digte er ſich ſehr gelegentlich nach dem Befinden ſeiner lieben Eltern. Er hatte nicht ohne Schmerzen bemerkt, wie ſehr beide ſeit ſeiner Abreiſe gealtert hatten. Ihre grauen Haare und ihre vielen Falten preßten ihm beinahe Thraͤnen aus. Indeß ließ er ſich davon nichts merken, um ſie nicht zu betruͤben. Gar ſehr mußte er ſich hingegen verwundern, ſeine Geſchwiſter, Chriſtian, Catharine und Luiſe nun in der vollen Bluͤthe des Lebeus zu erblicken. Er rief Chriſtians beyde Kinder freundlich herbei.„Mein Gott, ſagte er, ſo verfließt die Zeit! Ach, vor achtzehn Jahren waren Chriſtian⸗ Catharine und ich Kinder wie dieſe hier; Luiſe noch kleiner⸗ Jetzt ſind dieſe Kinder in unſre Stelle eingeruͤckt.“ Er be⸗ trachtete die zwey Kinder mit Wohlgefallen.„Nun, ſprach er, habt ihr aber auch eure Weihnachtsgeſchenke ſchon be⸗ kommen?“„Ach nein, ſagte der kleine Franz. Der Ober⸗ förſter hat uns den Spaß verdorben; er iſt ein rechter He⸗ — —“ 78 rodes.“ Die Mutter verwies ihm dieſe Rede. Die kleine Klara ſagte:„Anton, dich bat gewiß ein Engel hieher ge⸗ ſchickt. Haſt du uns aber auch ein Weihnachtsgeſchenk mit⸗ gebracht?“„O ja wohl, ſagte er, ich habe euer nicht vergeſſen. Nur muͤßt ihr warten, bis meine Kutſche nach⸗ kommt. In dieſer iſt alles.“ Die Kinder gaben ſich zufrieden. Hierauf wurde das Abendeſſen aufgetragen. Es wurde aber mehr geredet als gegeſſen. Nach Liſche verlangten die Kinder in das Bett. Alle uͤbrigen blieben aber noch bei ein⸗ ander auf.„Den lieben Kleinen, ſagte Anton, muͤſſen wir morgen fruͤhe noch eine beſondere Freude machen. Wir muͤſſen ihnen einen Weihnachtsbaum zurichten. Denn wie in einigen Gegenden die Krippe, ſo iſt in andern der Weihnachts⸗ baum Sitte. Chriſtian muß ſich aus Liebe zu ſeinen Kindern ſchon bequemen, noch dieſe Nacht aus dem nahen Walde eine junge Tanne zu holen. Das Nothige, den Baum zu ſchmuͤ⸗ cken, bringe ich mit. Ich habe meinen Kutſcher, deſſen Pfer⸗ de faſt erlegen waren, in Aeſchenthal zuruͤckgelaſſen, und bin auf dem Fußſteig uͤber alle Berge hieher geeilt; morgen fruͤhe aber vor Anbruch des Tages wird die Kutſche mit meinem Koffer und uͤbrigem Gepaͤcke hier eintreffen.“ Am folgenden Morgen, ſehr fruͤhe, da die Kinder noch fuͤß und ſanft ſchliefen, waren ſchon alle Erwachſene im Hauſe mit Aufſtellung und Ausſchmuͤckung des Weihnachts⸗ banmes beſchaͤftigt. Ein junger ſchener Tannenbaum mit dichten gruͤnen Aeſten wurde in der Stubenecke zwiſchen den Fenſtern angebracht. Anton öͤffnete, nachdem die Kutſche abgepackt war, eine große Schachtel, bie faſt mit allem, was Kinder freuen kann, gefuͤllt war. Er haͤngte die kleinen Geſchenke— ſchoͤnes Obſt, allerley buntes Zuckerwerk, nied⸗ liche Korbchen voll verzuckerter Mandeln, Kraͤnze von kuͤnſt⸗ lichen Blumen mit roſenfa benen oder himmelblauen Bän⸗ dern geziert, nebſt allerley flimmernden Spielzengen au den — — 79 Baumzweigen auf. Er wußte alles ſehr maleriſch zu ord⸗ nen. Nun nahm er auch ein Paar Dutzend kleine blecherne Lampen hervor, die mit Wachs eingegoſſen waren. Er haͤngte ſie vorſichtig, damit ſie den Baum ſchoͤn beleuch⸗ ten, aber nicht anbrennen konnten, an den Zweigen auf. Da alles fertig war, giengen Catharine und Luiſe, die Kinder zu wecken.„Sie durfen aber nicht fruͤher kommen, ſagte Anton, als bis ich mit dem Anzuͤnden der Lampen ferlig bin und bis die Mutter ruft.“ Als die Kinder von den Weihnachtsgeſchenken hoͤrten, vergieng ihnen ſogleich aller Schlaf. Man konnte ſie nicht ſchnell genug ankleiden. Endlich rief die Mutter:„Jetzt kommt!“ Die Kinder ſprangen eilig in die Stube— blieben aber von Glanz und Schimmer geblendet ploͤtzlich ſtehen. Vor Erſtaunen und Entzuͤcken uͤber den unerwarte⸗ ten Anblick konnten ſie Anfangs nicht reden. Sie ſtaunten den wunderſam ſchimmernden Baum mit ſtarren Augen und offenem Munde anverwandt an. Der gruͤne Glanz der Zweige, die Lichter, die dazwiſchen wie Sterne ſchim⸗ merten, die hochroth ſtrahlenden Aepfel, die goldgelben Birnen, die vielen bunten und funkelnden Sachen kamen ihnen wie Zauberey vor. Sie wußten nicht, ob ſie wach⸗ ten oder traͤumten. Endlich riefen ſie hoͤchſt entzuͤckt; „O wie ſchoͤn, o wie herrlich!“ Franz ſagte:„Einen ſol⸗ chen Baum, der ſo ſchoͤn iſt und im Winter ſo vielerley Fruͤchte traͤgt, giebts in unſerm ganzen Walde nicht.“ „Ey, ſagte Klara, ſolche Baͤume wachſen nur im Para⸗ dieſe, oder gar nur im Himmel. Nicht wahr Mutter, das Chriſtuskindlein hat uns den Baum geſchickt?“„So, wie er da iſt, ſprach die Mutter, nun eben nicht. Indeß hat doch Chriſtus, der einſt als ein Kind in der Krip⸗ pe lag und nun im Himmel iſt, euch dieſe Freude be⸗ ſcheert. Denn waͤre Er uns nicht geboren, ſo wuͤßten wir —— — — —— — 80 nichts von Weihnachtsfreuden und Weihnachtsgeſchenken.“ „Nun gut, ſagten die Kinder, wir wollen Ihn ſchon recht lieb haben und Ihm recht folgen. Er iſt gar ſo gut, und hat die Kinder gar ſo lieb. Eine ſolche Freude, wie er uns macht, hatte noch kein Menſch in der Welt.“ Die Großmutter ſprach:„Es iſt wohl wahr, ein er⸗ wachſener Menſch kann kaum eine ſolche Freude empfin⸗ den, wie ihr Kinder. Schuldloſe Kender ſind die ſeligſten Geſchoͤpfe auf Erden; ihre Freuden ſind rein und lauter. Gott erhalte euch unſchuldig und gut!“—„Ach, ſagte ſie zu den uͤbrigen, die Freuden der Erwachſenen werden nur zu oft von Kummer und Sorge, von Ehrfurcht, Geiz, andern boͤſen Leidenſchaften, wohl gar von Ge⸗ wiſſensbiſſen verbittert. Darum iſt es ein ſchönes, wah⸗ res Wort unſers goͤttlichen Erloͤſers:„Wenn ihr euch nicht bekehret und nicht werdet wie die Kinder, ſo koͤnnet ihr nicht in das Himmelreich eingehen.“¹ Der Großvater ſagte:„Der Gebrauch mit dem Weih⸗ nachtsbaume gefaͤllt mir ſehr wohl. Es war klug und wei⸗ ſe von den Voreltern, daß ſie darauf bedacht geweſen, die ſchoͤnen chriſtlichen Freudenfeſte auf mancherley Wei⸗ ſe den Kindern zu Tagen der Freude zu machen. Dieſe kindliche Freude macht ihnen die Feſttage des Herrn lieb und werth, und bereitet ihr Herz vor, an der hoͤheren Feſtfreude, zum Heile, das uns allen geworden, Theil zu nehmen. Von nun an ſoll in dieſem Hauſe an jedem Weihnachtsfeſte den lieben Kleinen immer ein Weihnachts⸗ baum gruͤnen. Wenn er auch nicht ſo praͤchtig geziert ſeyn ſollte, wie dieſer, ſo wird er ihnen doch nicht weniger Freude machen. Es braucht wenig, Kinder zu erfreuen; einige Aepfel, Birnen, vergoldete Nuſſe reichen ſchon hin⸗ wenn man nichts Beſſers hat. Auch wird wohl niemand knickern wollen, wenn es darauf ankommt. Kindern kinf ſchuld⸗ i⸗ ſchuldloſe und heilſame Freude zu machen. Ich denke auck, der Weihnachtsbaum kann uns bei der Kinderzucht große Dienſte leiſten; er kann uns, wenigſtens ſehr oft, die Ruthe erſparen. Kinder, die einmal einen Weihnachtsbaum geſe⸗ hen haben, freuen ſich gewiß das ganze Jahr wieder darauf und werden gewiß mehr auf die Worte achten: Wenn ihr nicht gehorcht, bekommt ihr keinen Weihnachtsbaum!— als wenn man ihnen mit Schlaͤgen drohte.“ Die Aeltern und Großeltern dankten nun dem Anton fuͤr die viele Freude, die er ihren Kindern und Enteln gemacht hatte.„Es iſt eine Kleinigkeit, ſagte er, die nicht der Rede werth iſt. Indeß muß ich Sie bitten, daß auch Sie einige kleine Weihnachtsgeſchenke von mir nicht verſchmaͤhen.“ Er ſchloß ſeinen Koffer auf, der in einer Ecke der Stube ſtand.„Dieſen Koffer, ſagte er, haben Sie mir einſt reichlich gefuͤlt mit auf die Reiſe gegeben; es iſt nicht mehr als billig, daß Sie ihn nicht gauz leer wieder zuruck erhalten.“ Er uͤberreichte der Foͤrſterin koſt⸗ bares Pelzwerk und Seidenzeug.„Es iſt ja die Pflicht guter Kinder, ſagte er, ihre alten Eltern bey der rauhen Jahrszeit warm zu halten.“ Der jungen Frau und den zwey Jung⸗ frauen gab er gruͤnen Taffet zu Kleidern, ſeidene Halstuͤcher aus Mailand und andern Frauenzimmerputz. Der junge Forſter bekam eine vortreffliche Doppelflinte, deren Schaft 5 von Nußbaum Holz ſehr ſchoͤn mit Silber eingelegt war. „Sie, liebſter Vater, ſagte Anten zu dem alten Forſter, muͤß⸗ ſen nun nicht mehr auf die Jagd gehen; Sie muſſen nun von Ihren vielen Beſchwerden ausruhen. Sie brauchen Stär⸗ kung in Ihren alten Tagen. Der Korb dort iſt mit Flaſchen vom beſten alten Rheinwein gefuͤllt. Und hier iſt ein Becher dazu.“ Anton uͤberreichte ihm einen ſilbernen Becher, der innen praͤchtig vergoldet war. Außen auf dem Becher waren in einem Kranze von Eichenlaub die Worte eingegraben⸗ 1 3 6 82 „Meinem lieben Vater Friedrich Gruͤnewald zur Erinnerung an den Weihnachtsabend 1740, uͤberreicht am Weihnachtsfe⸗ ſte 1758 von deſſen dankbarem Sohne Anton Kroner. Der alte Foͤrſter umarmte Anton mit Thraͤnen in den Augen. Allein Anton uͤbergab ihm uͤber dieß noch eine Nolle Gold. „Sie, liebſter Vater, ſagte er, haben große Summen auf mich verwendet. Es ware nicht recht, wenn Ihre äbrigen Kinder und ihre Enkel dadurch ſollten verkuͤrzt werden.“ Der edle Greis erſtaunte und wollte das Geſchenk nicht nehmen. Allein Anton ſagte:„Es iſt nichts weniger als ein Geſchenk von mir. Der gnaͤdigſte Fuͤrſt hat mich ſo reichlich beſchenkt, und ſein Geſchenk freute mich zweyfach, weil ich dadurch in den Stand geſetzt wurde, Ihnen an einer alten Schuld, die ich nie werde ganz bezahlen koͤnnen, wenigſtens Einiges ab⸗ zutragen.“ Aue Umſtehenden waren hoͤchſt erſtaunt. Die alte Foͤrſterin aber ſagte:„Ach Anton, wie huͤtten wir an je⸗ nem Weihnachtsabende, an dem du das erſte Mal in un⸗ ſer Haus kameſt, denken koͤnnen, daß du uns dereinſt ei⸗ nen ſo froͤhlichen Weihnachtsabend bereiten, uns durch die Verwendung bei ſeiner fuͤrſclichen Durchlaucht aus ſo gro⸗ ßer Noth retten, und uns alles, was wir an dir ihaten, ſo reichtich vergelten wuͤrdeſt!“„Das hat Gott gethan, ſprach Anton. Er fuͤhrte mich in ihr Haus, um Sie und mich reichlich zu ſegnen. Sein Name ſey geprieſen.“ „Doch, ſorach jetzt Anton, erlauben Sie nun, daß ich ſogleich abreif“„Was, wie, warum? rieſen ſie erſtaunt. Allein Anton ſagte:„Ich fahre jetzt zu Herr Riedinger. Ich hoffe dort noch dem Gottesdienſte beywohnen zu koͤnnen, mei⸗ nen vortrefflichen Lehrmeiſter durch meinen Beſuch eine uner⸗ wartete Freude zu machen, und ihn auf den Abend hieher zu bringen. Denn wollen wir die uͤbrigen Weihnachtsfeiertage, ja alle Tage des noch uͤbrigen Jahres recht froͤhlich beſchlie⸗ ßen.“ Aule begleiteten Anton an die Kutſche. Am Abende ———— 83 kam Anton mit ſeinem Lehrmeiſter an, und das alte Foͤr⸗ ſterhaus in dem duͤſtern Walde beherberget in dieſen Ta⸗ gen ſo ſelige Meuſchen, als je auf Erden gelebt haben. Was von Antons Geſchichte noch weiter bemerkt zu wer⸗ den verdient, iſt kurz dieſes. Anton bat den alten För⸗ ſter und deſſen Hausfrau, ihm ihre Tochter Luiſe zur Ehe zu geben. Beide bewilligten es mit Freuden.„Ach Luiſe⸗ ſprach die alte Großmutter, damals, als du dem Anton jenes Aepfelein zum Weihnachtsgeſchenk gegeben haſt, dach⸗ te ich wohl nicht daran, daß er dich dereinſt als ſeine Braut zum Altare fuͤhren wuͤrde.“ Das Hochzeitfeſt war erſt noch das freudigſt geſt, das je in dem Foͤrſterhauſe gefeiert wurde. Ante aber kaufte ſich in der Reſidenz ein eigenes Haus, hatte als ein ſehr geſchaͤtzter Maler immer ſehr viel zu malen, und lebte mit Lutſen in der ſe⸗ ligſten Eintracht.— Im folgenden Fruͤhling kam der Fuͤrſt ganz unerwartet auf dem fuͤrſtlichen Jagdſchloſſe Felseck au, und brachte den alten Forſtrach Muͤler und einen auswaͤrtigen forſtverſtaͤn⸗ digen Mann mit ſich. Der Oberforſter war ſehr beſtuͤrzt und verſprach ſich von dieſem gnaͤdigen Beſuche wenig Gu⸗ tes.„Sie haben meine Befehle uͤberſchritten, ſagte der Fuͤrſt zu ihm. Ich hatte zwar, durch ihre Berichte ver⸗ leitet, den alten Forſter ſeiner Geſchaͤfte uͤberhoben, und war Willens, den zungen Foͤrſter auf einen ſehr geringen Foͤr⸗ ſterdienſt zu verſetzen; anein die ganze Familieſo unmenſch⸗ lich aus dem Forſthauſe zu verſtoßen, wie Sie es im Sin⸗ ne hatten, war nie mein Wille.— Doch wir wollen vor⸗ erſt die Waldungen in Augenſchein nehmen.“ Des Oberforſters eigener Bezirk befand ſich in einem klaͤglichen Zuſtande.„Auf den Papieren, die er einſchickte, ſprach der Fuͤrſt, fand ich alles vortrefflich. Da war alles ſo ſchoͤn geſchrieben und linirt, wie geſtochen. Allein im Wal⸗ 84½ de finde ich es anders. Auf manchem Platze iſt offenbar ohne Vergleich mehr Holz geſtanden, als in den Rech⸗ nungen ſteht. Er hat mich betrogen.“ Der Oberfoͤrſter hatte, wie ſichs in der Folge zeigte, an eine benachbarte Eiſenſchmelze nach und nach einige tauſend Klafter Holz mehr abgegeben, als er in Rechnung brachte. Er hatte, um ſeinen großen beynahe fuͤrſtlichen Aufwand zu beſtrei⸗ ten, nicht nur ſein eigenes Vermoͤgen verſchwendet und ſich in Schulden geſteckt, ſondern ſich uͤberdieß noch Un⸗ trene gegen ſeinen Fuͤrſten erlaubt. Der Furſt ſetzte ihn ab, und verurtheilte ihn, den Schaden zu verguͤten. Der arme Herr von Schilf lebte von nun ſan auf ſeinem klei⸗ nen Landgute in ſehr duͤrftigen Umſtaͤnden. Den Waldbezirk des alten Foͤrſters fand der Fuͤrſt im trefflichſten Zuſtande. Er kam in eigener Perſon zu ihm in das Haus, bezeugte dem alten Manne ſeine Zufrie⸗ denheit, ließ ſich deſſen ganze Familie vorſtellen und re⸗ dete mit allen ſehr freundlich. Bevor er ſeinen Schim⸗ mel beſtieg, den ein Reitknecht vor dem Foͤrſterhauſe am Zaume hielt, ſagte er zu dem Foͤrſterſohne:„Er iſt hie⸗ mit Foͤrſter; mache er ſeine Sache ferner gut!“„Sie, ſprach der Fuͤrſt zu dem alten Foͤrſter, ſind nun wohl etwas alt, aber noch lauge nicht der abgelebte Greis, fuͤr den Herr von Schilf Sie ausgab. Sie ſind trotz ihres Alters noch ſehr wohl bey Kraͤften; ich kann Sie meiner Dieuſte noch nicht entlaſſen. Sie werden mich verſte⸗ hen, wenn ich Ihnen ſage: Leben Sie wohl, Herr Oberfoͤrſter.“ — yyy — 4 ——— ifſ uumauauaauuuuuuu 9 11 12 13 14 16