Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 9 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 2 für 1tchentlich 27Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. der Bücher auf ihre eigenen Koöſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Anr beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 8 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet..... 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Sin⸗ und Zurückſendung ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Chevalier Neynaud. — Roman von Couis Tar, Verfaſſer der Memoiren eines Schornſteinfegers, der Bekehrer ꝛc. ꝛc. Nur eine Stizze. La Bruyere. 1 Erſter Band. ———V——õ— Aachen und Keipzig, Verlag von Jacob Anton Mayer. (Grüſſel, bei J. A. Mayer und Somerhauſen.) 1835. —— 1775. —— 1775. Nun, wie geht es? — Auf die Neige. — Alſo auch der Englaͤnder hat nichts aus⸗ gerichtet? — Zu Waſſer iſt er gekommen und zu Waſ⸗ ſer iſt ſeine Kur geworden. Aber freilich nicht durch ſeine Schuld. Die andern Aerzte, die den alten Koͤnig gluͤcklich ſo weit gebracht hatten, daß eine Nuͤckkehr nicht mehr zu beſorgen war, erklaͤrten den armen Sutton mit ſeinen Pul⸗ vern fuͤr einen Charlatan, erkauften ſich von dem gefaͤlligen Herzog de la Vrilliere einen Ver⸗ bannungsbefehl und kehren jezt ruhig dem Tode den Weg rein. Zwei Freunde und Landsleute, beide zugleich Offiziere unter den grauen Musketieren, ſaßen in einer nicht eben ſehr geraͤumigen Stube zur ebenen Erde, von welcher man die Ausſicht auf den Haupteingang zum Schloſſe von Ver⸗ ſailles hatte, als der dritte, ebenfalls ein Ka⸗ merad vom Regimente, in das Zimmer trat und die Nachricht von dem ſchlimmen Aus⸗ gange mittheilte, den die Krankheit Ludwigs XV. nahm. Alle drei waren Maͤnner in ihren beſten Jahren, indeß mochte der eine, obwohl ſeine Zuͤge faſt den groͤßten Ernſt verriethen, doch der juͤngſte ſeyn. Dieſer nannte ſich Chevalier de Reynaud; der, welcher zuletzt eingetreten war, Marquis de Bievre und der andere Herr von Verigny. Als der Marquis Federhut und Degen abgelegt und es ſich an dem mit einigen Flaſchen beſetzten Tiſche bequem gemacht hatte,. ſiel das Geſpraͤch nach kurzer Pauſe natuͤrlich wieder auf das Ereigniß, das vor allem geeig⸗ ——y net war, die allgemeine Aufmerkſamkeit in vol⸗ len Anſpruch zu nehmen. — und wie ſieht es ſonſt heute im Schloße aus, Marquis? — Wie ſoll es ausſehen? Nicht anders wie geſtern, wo Du den Dienſt hatteſt, Verigny. Ein Theil zwingt ſich, traurig zu ſcheinen, der andere iſt es wirklich, und noch ein anderer iſt vergnuͤgt. Der Letzteren ſind jedoch druͤben die wenigſten, obgleich das Geſindel auf der Straße keinen Anſtand nimmt, Hoſiannah zu ſchreien. — Und das Volk hat auch diesmal Recht, fiel mit Waͤrme der Chevalier ein. Welcher Mann von Ehre und Rechtlichkeit ſoll ſich nicht freuen, wenn die Welt eines Mannes ledig wird, der vom Marke des Landes ſich und ſeine Kreaturen genaͤhrt hat, der auf Schmutz und Schmach ſich gebettet und den drohenden Folgen Hohn geſprochen hat, weil er wußte, daß ſie ihn, den Greis, nicht mehr ereilen konnten? — und wer buͤrgt Dir, daß es beſſer wird? 10 — Der Koͤnig ſtirbt, es lebe der Koͤnig! Eine Null folgt bei uns der andern. Findet ſich kein Nenner, der ſich keck vor ſie hinſtellt und ihnen einen Halt gibt, ſo bleiben ſie ewig ohne Bedeutung. — und haſt Du vergeſſen, fuͤgte der Mar⸗ quis hinzu, daß derſelbe Ludwig, den die Ka⸗ naille jetzt ſtuͤrzen moͤchte, fruͤher ihr Meſſias war und der Vielgeliebte hieß? Ich wette, der Beiname fuͤr ſeinen Nachfolger iſt ſchon fertig und der Klang wird nicht minder ſchoͤn ſeyn. Ob aber das Gepraͤge halten, ob die Muͤnze nicht zuletzt doch falſch ſeyn wird, das muß die Zukunft lehren. — Ihr raubt mir doch meine Hoffnungen nicht, antwortete der Chevalier. Und auf zweier⸗ lei ſtuͤtze ich mich. Erſtens auf alles, was man bisher von dem Dauphin erfahren und geſe⸗ hen, auf ſein ſtilles, inniges Leben mit ſeiner Gemahlin, der liebenswuͤrdigſten aller Frauen, auf ſeinen geſunden Verſtand, ſeinen rechtlichen Sinn und dann endlich darauf, daß eine ſchlim⸗ — 11 — mere Regierung, als die, welche jetzt ihrem Ende entgegengeht, nicht moͤglich iſt. — Haſt Du, fragte Verigny, den Boden des Unglüͤcks, das uͤber eine Nation ergehen kann, ſchon ermeſſen? Weißt Du, wie lange ſie ſinken kann, ehe eine rettende Hand ſich ausſtreckt, ihr aufzuhelfen und ſie wieder feſt⸗ zuſtellen? Weißt Du, daß uͤberhaupt ſich ein Arm fuͤr ſie erheben und ob ſie nicht vielmehr huͤlflos niederſchmettern und zu Grunde gehen wird auf ewige Zeiten? — Das wird Frankreich nie. Unſer ſchoͤnes, großes Vaterland— — So groß es iſt, unterbrach der Marquis, haben es doch jetzt drei Weiber hintereinander in die Falten ihrer Unterroͤcke ſtecken koͤnnen. Groͤße? Weißt Du noch, wie wir als Knaben in der Rhone geangelt haben? Was haben wir nicht oft fuͤr maͤchtige Fiſche mit unſerer win⸗ zigen Angel an's Ufer gezogen! Wo das ganze Land nur Einen Willen, Eine Seele, Ein Herz hat, und eine ſchief geſteckte Buſennadel 12 Willen, Herz und Seele wie eine Harpune abfan⸗ gen kann, da hilft alle Groͤße nichts. Die Chateau⸗ roux, Pompadour und Barry— ein ſchoͤnes Kleeblatt! Nur Schade, daß es, ſtatt verzehrt zu werden, ſelbſt das Land aufgegeſſen hat. — Leider Gottes war Frankreich von jeher nur der Weideplatz des Hofes und des Adels, und bewundernswerth iſt die Nation, die trotz dem in ſolcher Glorie ſich erhalten hat. — Hat die Philoſophie Dich auch angeſteckt? frug Verigny ſpoͤttiſch. Laß es gut ſeyn. Was bringt uns unſer armer Adel ein? Nichts. — Nichts als dieſen Degen und Schulden. Freilich ſchuͤtzt uns der erſtere oft, wenn wir die zweiten nicht bezahlett, und freilich iſt Schul⸗ den machen und ſie nicht bezahlen, ſo gut, als keine Schulden haben, indeſſen zoͤge ich doch wirkliche Einkuͤnfte allen ſolchen Auskuͤnften vor. — und iſt das Volk denn beſſer, als wir? — Wem anders, rief der Chevalier nicht ohne Heftigkeit, iſt das zuzuſchreiben, als uns, 13 unſerm Stande? Hat Hof und Adel nicht Al⸗ les gethan, um ſeine Sittenloſigkeit auch den uͤbrigen Klaſſen einzupfropfen? Hat er nicht ſeine Laſter zur Schau geſtellt ſeit dem Regen⸗ ten und ſie ſchamlos in Mode gebracht, daß nichts in unſerm, dem Tonangeber nachaͤffen⸗ den Lande der uͤberhandnehmenden uhelaßſen heit widerſtehen konnte! — Ereifere Dich nicht, denn es iſt erſt die Frage, ob die Ueppigkeit und Ausſchweifung, wenn Du es ſo nennen willſt, von oben nach unten herab⸗ oder nicht von unten nach oben hinaufſteigt. Und ein ganzes Volk, das ſich verfuͤhren laͤßt, iſt an und fuͤr ſic ſchon nicht zu bedauern. — Es iſt eine Heerde Schaafe, die blind in's Feuer rennt. — Um deſto eher iſt es Pflicht des Hirten, fuͤr ſie zu wachen. Ich ſage Euch, die Laſter des Hofes und die Ausartung des Volkes wer⸗ den ſich begegnen, wie die herabhaͤngende Wolke und die aufſteigende Woge, und es wird eine Zeit kommen, die, gleich einer Waſſerhoſe, uͤber das Land ſtuͤrmen und alles Beſtehende umſtuͤrzen und umwaͤlzen wird. Wohl dem, der dann noch feſten Fußes ſtehen wird. — Bis dahin, lachte der Marquis, habe ich das Podagra und folglich ſchlechte Ausſichten. — Alſo zweifelſt Du ja ſelbſt, daß der Dau⸗ phin dieſer Kataſtrophe vorbeugen werde? — Ich habe das Vertrauen zu ſeinem Wil⸗ len. Der Himmel gebe ihm die Kraft dazu. — Bei dem Himmel, ſagte Bievre, faͤllt mir ein, daß ſein Diener, der Erzbiſchof von Paris, ſeit vier und zwanzig Stunden verge⸗ bens auf Einlaß gewartet hat, naͤmlich nicht in den Himmel, wohin er ſich noch gar nicht ſehnt, ſondern in das Krankenzimmer. Seine Majeſtaͤt fuͤhlt durchaus kein Verlangen nach den heiligen Sakramenten. Aber er wich nicht von der Stelle. Der Herzog von Richelieu zog Fhn in eine Ecke und ſagte ihm, wenn er denn ſo erpicht darauf ſey, ſo ſolle er ihm die Beichte abhoͤren, die ihm tauſendmal mehr Spaß ma⸗ —yjj————. — 15 chen wuͤrde, aber Madame Eliſabeth ſetzte es durch. Graͤfin Barry, die fich, vermuthlich aus Gewohnheit, nicht vom Bett des Koͤnigs tren⸗ nen mochte, mußte der Kirche weichen. — Das koͤmmt mir eher tragiſch, als laͤcher⸗ lich vor, ſagte der Chevalier. Welch ſchreckliches Loos das eines Fuͤrſten, wie ſchwer, die Ge⸗ wichte, die ihn herabziehen in das Gemeine, Irdiſche, frei ſchwebend zu erhalten! Ohne Freundſchaft, weil ſie nur mit Gleichheit be⸗ ſteht, ohne Liebe, weil Wahl und Annaͤherung durch den Zwang des Kreiſes, aus dem er nicht heraustreten darf, unmoͤglich gemacht wird, Leidenſchaften leicht befriedigend und darum ihnen leicht erliegend, ohne Achtung fuͤr die Men⸗ ſchen, weil ihm die Selbſtſtäͤndigen fern blei⸗ ben, und die naͤchſten nur zu oft die wenigſte Achtung verdienen, lebt er, wenn nicht die reinſte Religioͤſitaͤt ihn emportraͤgt, nur im Ge⸗ nuß des Augenblicks und hat noch nicht ausge⸗ athmet, waͤhrend ſeine Schmeichler und Hoͤf⸗ 3 linge ſich ſchon laͤchelnd der neuen Sonne zu⸗ 16 wenden. Iſt es nicht traurig, einen Mann, vor dem ſich ein halbes Jahrhundert lang al⸗ les, was einen Namen trug, in den Staub geworfen hat, jetzt geſchmaͤht, verlaſſen zu ſe⸗ hen; zu ſehen, daß Alles ſchon intrigirt, kaba⸗ lirt und ſinnt und trachtet, wie der eine dem andern bei dem neuen Herrn ein Bein unter⸗ ſchlage, um an ſeine Stelle zu treten? Iſt das nicht traurig? Gefallene Groͤße, ſelbſt wenn ſie zu fallen verdient hat, macht ſtets einen ſchmerz⸗ lichen Eindruck. Truͤmmer erwecken keinen Haß mehr, aus ihnen ſpricht die Macht eines Hoͤ⸗ hern, der alle dieſe Pracht zerſchmettern konn⸗ te, und dieſe Stimme dringt in unſer eigenes Herz, mahnt uns an unſere eigene Schwaͤche und zwingt uns zum Mitleid mit dem Ungluͤcke und dem Elende. — In Einem haſt Du Recht, bemerkte der Marquis, gepackt wird wirklich ſchon. Alles Pack ſchnuͤrt ſein Buͤndel und ſalvirt ſich. — Das iſt das ſchoͤne Recht der Tugend, daß ſie die Unſittlichkeit, ſo wie die Sonne den 17 Morgennebel, verſcheucht und zerſtreut, ſchon ehe ſie ganz an dem Himmel heraufgezogen iſt. Schon die Hoffnung, die der Dauphin erregt hat, genuͤgt, die Blutigel unſeres armen Va⸗ terlandes von ihrem Raube zu jagen. — Wenn ich Herr waͤre, ich wuͤrde ihnen Salz aufſtreuen. — Graf Barry allein, ich meine den Maho⸗ mek, den Roue, ſoll dem Staate uͤber zwanzig Millionen gekoſtet haben. — Die Pariſer ſprechen ſich auch deutlich genug aus. Geſtern hing eine Tafel an des Koͤnigs Bildſaͤule, worauf ſtand: Hier ſieht man Ludwig XV. Von den Vielgeliebten den zweiten, Gott bewahre uns vor dem dritten. Dagegen lebe der neue Ludwig, der uns bald beſchieden ſeyn wird. Stoß an Chevalier! Zum Teufel, was trinkt Ihr da? — Schmeckt Dir der Wein nicht? — Hm, paſſabel. Fuͤr einen Bordeaux gut . I. 2 18 genug. Aber ich weiß nicht, warum er ſeit ei⸗ nigen Jahren anfaͤngt, in Mode zu kommen. Ich liebe ihn nicht. Es iſt ein geſunder Wein, aber keine Poeſie drin, kein Bouquet, kein Schwung, keine Begeiſterung. Das Blut bleibt kalt und der Kopf wird ſchwer dabei. Ich halte es nach wie vor mit unſerm Burgunder und mit unſerm Cote Roti. Ich trinke nicht fuͤr den Magen, ſondern fuͤr das Herz. — Weißt Du Deinem Herzen nichts Beſſe⸗ res zu bieten? — Liebe etwa? Nein, Freund, das iſt ein Gefuͤhl, deſſen ich mich laͤngſt entſchlagen habe. Zweimal habe ich etwas davon geſpuͤrt, aber da ich beidemal mehr Pruͤgel, als Kuͤſſe davon⸗ getragen, ſo habe ich die Art Liaiſons, die ſo uͤbel fuͤr mich ausſchlagen, gaͤnzlich aufgegeben. Seit mir die Liebe nicht mehr roſig, ſondern immer blau angelaufen erſchien„gehe ich ihr aus dem Wege. Das erſtemal— ich war kaum in Paris angekommen— wohnte gerade uͤber mir ein alter Kuͤſter mit ſeiner Frau und einer ——⸗ 19 allerliebſten Tochter, die zum Ungluͤck Braut eines maſſiven Tiſchlers war. Das Maͤdchen hatte den guten Geſchmack, an meiner Politur mehr Geſchmack zu finden, als an dem unge⸗ hobelten Weſen ihres Zukuͤnftigen, vielleicht wollte ſie auch aus bloßer Zuneigung fuͤr den⸗ ſelben einige Feinheit gruͤndlich genug ſtudiren, um ihr rohes Meubel von Mann einſt damit firnißiren zu koͤnnen, kurz ſie erwiederte endlich meine gluͤhenden Blicke, wenn ich zufaͤllig ihr begegnete, darauf begegneten wir uns abſicht⸗ lich, darauf ſtach ich ihr in die Augen, danach ſtach ich ihren Braͤutigam gaͤnzlich aus, und endlich erhoͤrte ſie mein heißes Flehen und nahm meine Beſuche an. Ich war ein gluͤcklicher Menſch und ſehr verliebt, und wurde gegen alle Regeln immer verliebter, je gluͤcklicher ich wurde. Das ging eine Weile. Die Alten hatten einen ehrlichen geſunden Schlaf, aber die Eifer⸗ ſucht wachte. Die Kaͤlte meines Maͤdchens machte dem Tiſchler warm, und er klagte bei den El⸗ tern und forderte ſie auf, wachſamer zu ſeyn. 20 58 Eines Nachts hoͤrten wir etwas an der Thuͤr raſcheln, erſchrocken ſpring ich auf, und nehme mir nur gerade noch Zeit genug, mich in die Bettdecke einzuwickeln, als auch ſchon die Klinke aufgedruͤckt wird, und der alte Kuͤſter in ſeinem gebluͤmten Schlafrock, eine weiße Müͤtze auf dem kahlen Haupte und eine Lampe in der Hand uͤber die Schwelle tritt.— Ich richte mich hoch auf— ich bin ohnedies nicht ſehr kurz, wie ihr ſehet— ſtrecke langſam und feier⸗ lich den Arm aus, glotze den alten Mann ſtarr an, hebe, immer in die Decke gehuͤllt, den Fuß auf, und ſchreite ſo langſam auf den Kuͤſter zu, der entſetzt die Lampe fallen laͤßt, laut ein Geſpenſt, ein Geſpenſt! ſchreit und mit einem Stoßgebet davon laͤuft. Die Nacht war gewon⸗ nen, aber des andern Tages erzaͤhlte der Kuͤſter die Geſchichte dem Tiſchler, um ihn zu beruhi⸗ gen, da er auf einen Geiſt nicht eiferſuͤchtig zu ſeyn brauche. Nun iſt aber wohl ein Kuͤſter von Amtswegen gezwungen, an den Teufel und ſeine Großmutter zu glauben, denn er muß 21 ſie ja austreiben helfen, aber ein Tiſchler nicht. Kurz die folgende Nacht daſſelbe Spiel, nur fiel die Kataſtrophe anders aus, denn mit dem Alten trat zugleich der Braͤutigam in's Zimmer und fuhr, ohne allen Respekt vor meiner geiſtigen Natur, mit einem unverſchaͤmt harten Knittel aͤber meinen Ruͤcken her, daß er mich bald zu einem Geiſte gemacht haͤtte. Erſt ſpaͤt gelang es mir, ihm ein Bein unterzuſchlagen und mich uͤber den Stuͤrzenden hinweg aus meinem Pa⸗ radieſe, in das ich fruͤher kam, als in das Fe⸗ gefeuer, nach meiner Wohnung zu retten. Aber ich litt noch Wochen lang an den Folgen mei⸗ ner erſten Liebe, und ich konnte mich noch lange, wenn ich einen Tiſchler ſah, nicht eines Zuckens mit den Schultern enthalten. Dies war mein erſter Ritterſchlag in dem Reiche Amors. Das Volk, dachte ich endlich, iſt noch in der Bildung zuruͤck, und um Roſen ohne Dornen zu pfluͤcken, muß man ſich nur, wenn ſie auch etwas verblaßt und zerknittert ſind, an vor⸗ nehme Damen wenden. Zu einer Zeit, wo ſelbſt 22 die weibliche Welt keinen Anſtand nimmt, öͤf⸗ fentlich die luſtigſten Haͤuſer zu beſuchen, wo die Gourdan, Varenne und Montigny in hoͤherer Achtung ſtehen, als die Fillon bei dem Regen⸗ ten, wo Frauen und Maͤdchen ſich nur bei der Oper einſchreiben duͤrfen, um der Gewalt von Maͤnnern und Vaͤtern entruͤckt zu ſeyn,— in einer ſolchen Epoche kann in den hoͤhern Regio⸗ nen der Genuß nur bequem und ohne bittern Nachgeſchmack ſeyn. Es gelang mir, mich zu verlieben. Ich ſage Euch nicht in wen, obgleich es Mode iſt, die Namen zu nennen, und die Frauen ſelbſt noch indiskreter geworden ſind, als die Maͤnner. Es genuͤge Euch, daß meine Dame ſchoͤn, reizend, aber kokett war, wie zehn Teufel. Ich, der ich noch durch und durch ein Neuling war und meiner Goͤttin einen Tem⸗ pel baute, in dem ich ſie gern frei von jedem fremden Hauche gehalten haͤtte, da ich, wie die Griechen, glaubten, es ſey nicht zu viel, ſich, um einem Maͤdchen ſeine Liebe zu bewei⸗ ſen, die eigene Bruſt aufzureißen; ich machte 8 — ———— 23 tauſend Thorheiten und Tollheiten, und ver⸗ dankte es vermuthlich eben dieſen Ertravagan⸗ zen, daß meine ſchoͤne Graͤfin ihr Auge auf mich warf. Ich wurde aus meiner ſcheuen Ent⸗ fernung heraufgezogen und ſchwamm in einem Meere von Wonne. Aber das Bad ward mir verſalzen. Das Meer fing bald an ſtuͤrmiſch zu werden. Acht Tage lang herrſchte ich als Mo⸗ narch in dem Boudoir meiner Graͤfin, aber ſie, welche wie die Sonne nicht blos Einen Pla⸗ neten, ſondern ein ganzes Weltſyſtem beſtrah⸗ len, erwaͤrmen und begluͤcken wollte, ſchob mich langſam in die Sonnenferne und zog ei⸗ nen Verehrer nach dem andern an ihrem Ho⸗ rizonte herauf. So lange ich glaubte, daß ſie nur an der Bewunderung ihrer Verehrer ſich ergoͤtzen wollte, blieb ich ſtill und ſtumm, als aber das Spiel zu ernſt wurde, als ich da⸗ hinter kam, daß ich ganz nahe daran ſey, be⸗ trogen und verſtoßen zu werden, da wurde ich laut und grimmig.— Ich weiß jetzt ſehr wohl, wie dumm und einfaͤltig ich mich da⸗ 24 mals benommen, wie ich gegen alle Regeln von Welt und Anſtand verſtoßen haben muß, aber ich konnte mir nicht helfen; der Landjun⸗ ker war ſtaͤrker, als der Hofmann, und ich tobte, raſte, drohte. Als ich in dieſer Stim⸗ mung eines Morgens zu meiner Graͤſin trat und uͤber einen fremden Hut, den ich bei ihr fand, den Kopf ſo verlor, daß ſie vermuthlich das Aergſte von mir fuͤrchtete, entfloh ſie in ein Nebenzimmer und ſchickte ein Paar, wahr⸗ ſcheinlich ſchon in Bereitſchaft gehaltene Leute uͤber mich, die mich, als ich mich nicht gut⸗ willig entfernen wollte, auf eine nachdruͤckliche Weiſe dazu zwangen. Zu meinem Troſte ſah ich hinter der Fenſtergardine das Geſicht des Marquis Sally hoͤhniſch hervorlaͤcheln. Jetzt wußte ich wenigſtens, uͤber wen ich wegen meines Unfalles herzufallen hatte, und jetzt wißt Ihr auch, warum ich ihn Tages darauf im Duell erſtochen habe. Ich hielt aber ſeitdem dieſe Kolliſionen fuͤr handgreifliche Winke des Him⸗ mels, mich nicht mehr mit den Frauen zu be⸗ 25 faſſen, ſondern mich mehr an die weſentlichen Freuden der Tafel zu halten, wobei wohl der Koͤrper, aber nicht die Unſchuld zu Falle kom⸗ men kann, und die Roͤthe des Geſichts nicht durch Zudringlichkeit von außen blos auf we⸗ nige Augenblicke mit ſchwerem Aufdruͤcken hin⸗ gepinſelt wird, ſondern langſam und haltbar von innen herausſchlaͤgt, und aus jeder Feuer⸗ probe noch glaͤnzender hervorgeht. Die Liebe, meine Freunde, reibt auf, denn es iſt ein al⸗ tes Sprichwort, daß an Amor kein guter Fa⸗ den iſt, Eſſen und Trinken aber haͤlt, wie ebenfalls allbekannt iſt, Leib und Seele zuſam⸗ men. Was aber kann mehr der Zweck unſeres Lebens ſeyn, als beide in eine ſchoͤne Harmo⸗ nie zu bringen, daß der eine fuͤr den andern wirke, daß der Leib tuͤchtig im Weingarten arbeite, um die Seele, dieſen Ausfluß des Him⸗ mels, dieſes Ewige, Unſterbliche, das uns der Gottheit naͤhert, friſch und munter zu erhalten? Und waͤre es nicht unrecht, wenn die Seele undankbar genug waͤre, und nicht aus Erkennt⸗ * 1 lichkeit wieder dem Leib, der ſo willig fuͤr ſie ſorgt, dafuͤr neue Genuͤſſe zur Staͤrkung und Belohnung ausdaͤchte? Hier greift eines in das andere, waͤhrend bei der Liebe die Seele los und ledig herumſchwaͤrmt um die Geliebte, und ſich an dem ſchnoͤden Waſſer ihrer Augen er⸗ labt, mit ihren Seufzern zu Mittag peiſt und ſich nur an Traͤumen ſatt ißt, und der Koͤrper dumm und laͤppiſch herumſchlendert, den ent⸗ laufenen Geiſt zu ſuchen, und daruͤber abma⸗ gert und zu Schande geht. Nehmt den Wein dagegen vom ſchlechteſten Medoc bis zum edel⸗ ſten Chateau⸗Roſe, welche Friſche, welches Le⸗ ben! Waͤhrend die Damen im Alter ſich ſchmin⸗ ken, um uns zu taͤuõſchen, ſchminkt der Wein uns und macht uns jung. Hier iſt keine boͤs⸗ willige Taͤuſchung, jeder gibt ſich, wie er iſt. Aus allen ſpricht die reinſte Wahrheit, ein großer Magnet fuͤr den wahren Philoſophen. Die Frau muß zu kuͤnſtlichen Blumen ihre Zu⸗ flucht nehmen, hier duftet uns ein ewiges Bou⸗ quet entgegen. Und waͤhrend die Frauen uns ———— 24 nur koſten, und viel koſten, will der Wein ge⸗ koſtet ſeyn, und waͤhrend die Frauen, je tiefere Luͤcken ſie in unſern Boͤrſen hervorbringen, uns deſto kaͤlter machen, wuͤnſchen wir, je tiefer wir in die Flaſche ſehen, nur deſto mehr, ihr ganz auf den Grund zu kommen, und je naͤher der Boden, je waͤrmer werden wir. Aber nicht blos dieſes edle Naß, ſelbſt die feſtere, dich⸗ tere Sheie das, was man gemeinhin effn nennt.. — Hore auf, ein Gefuͤhl zu profaniren, das Dir ewig fremd geblieben iſt. Wer im Gemei⸗ nen fuͤr den Verluſt des Hoͤhern Troſt ſucht und findet, hat das Hoͤhere nie gekannt. Du biſt nie der Liebe faͤbig geweſen. — Du biſt nicht artig gegen den Marquis. — Was, kann er es leugnen? War ihm nicht als Knabe ein wenig Raſchisern libere als Spiel und Tanz? — Sey ruhig, ich üiderföreche; Dir nicht. Eine eingemachte Aprikoſe war mir immer lie⸗ ber, als alle Eure ausgemachten Koketten, Deine S— ————— 28 eigene Dulcinea, wenn Du willſt, nicht mit⸗ gerechnet. — Was, rief Berigny, 3 hat unſer Mo⸗ uulſpiegel doch wieder eine Geliebte? — Das weißt Du nicht? antwortete Bievre. Wo iſt er denn die letzten acht Tage geweſen? Nirgends anders, als bei ihr in Blois, wo der Schatz jetzt begraben liegt. 4 — Ja wohl begraben! ſeufzte der Shevalſer — Wie herzbrechend! Iſt denn Deine Lei⸗ 4 denſchaft ſo kurzathmig, daß Du nicht ein Paar Meilen darum laufen kannſt? — Und wer iſt denn ſeine Angebetete? fragte Verigny. — Noch immer die Tochter des Spezerei⸗ haͤndlers von Aix, die Du ja kennſt. Er ſchwaͤrmt fuͤr ſie zum Erbarmen und hat den Muth nicht, die Feſtung anzugreifen, obgleich die Garniſon freiwillig ausruͤckt, um auf hal⸗ bem Wege die Waffen zu ſtrecken. Seit es bei ihrem Muſiklehrer zum Geſtaͤndniß gekommen iſt und ſich das Spruͤchwort bewaͤhrt hat 29 Quand on aime ia Musette, On aime bientôt le Berger— — Nun, ja wohl, ich habe ſie geliebt, ich liebe ſie noch, aber nicht in dem Sinne, den Ihr dieſem Gefuͤhle ſogleich beizulegen bereit ſeyd. Rein wie der Schnee war das Band, das uns aneinander knuͤpfte. Unſere Herzen ſchlu⸗ gen fuͤr einander und dieſe Harmonie der Seele genuͤgte, uns gluͤcklich zu machen. Ein Blick aus ihrem Auge, ein Wort aus ihrem Munde und ich war beſeligt bis. 1 — Bis? ³ — Bis die Arme gezwungen wurde, ihre Hand einem reichen Kraͤmer aus Blois zu ge⸗ ben. Fuͤrchterliche Trennung! Welche Thraͤnen koſtete uns dieſe Barbarei der gefühloſen El⸗ tern! — Sollten ſie vielleicht darauf warten. bis der Chevalier eine Heirath unmoͤglich ge⸗ macht haͤtte? — Unſer Leben iſt zur freudenloſen Wuͤſte 30 — geworden. Aus der Ferne ſie zuweilen zu ſehen, iſt der einzige Sonnenblick, der mein Daſeyn erleuchtet. Mich ihr naͤhern, iſt mir verboten, und ſo zehre ich an meinem Schmerz, bis er mich ſelbſt verzehrt hat. — Mein lieber Freund, entgegnete Bern Ich kenne dieſen erſten Spuk einer jungen Phan⸗ taſie: das aͤndert ſich mit den Jahren und der Reife, dann wirſt Du mit dem Alten von Ferney ſagen: die Liebe iſt nichts als ein Ding, das durch die Augen dringt, in's Herz Herlau terſteigt und— — Alſo auch Du abgeſtorben? — Im Gegentheile, nur wiege ich alles mit menſchlichen Gewichten und ich koͤnnte Dir be⸗— weiſen, daß ich die Liebe beſſer verſtehen muß, als Du, da ich ſeit meinem ſechszehnten Jahre noch nicht aufgehoͤrt habe zu lieben. Freilich mit dem noͤthigen Wechſel, um die Spielarten der Herzen deſto gruͤndlicher zu ſtudiren. Mache ich es auch nicht dem wackern Bellarmin nach, der ſich auf dem Sterbebette ruͤhmte, ſechszehn —,— —— — V * 31 hundert vierzig Geliebte gehabt zu haben, ſo ſtrebe ich doch einem ſo ſchoͤnen Beiſpiele nach Kraͤften nach. Wo kein Kampf, iſt freilich der Sieg ohne Werth. Er vertreibt die Jeit r und das iſt Alles. — Es wird eine Zeit kommen, wo die Tan⸗ herinnen die tugendhafteſten Frauen von Paris ſind. S rr.— — Nur zwei haben mir in meinem Leben Sorgen gemacht. Ein junges Maͤdchen aus dem Marais, das nicht anders mein werden konnte, als daß ich das Haus der Eltern in Brand ſteckte und ihr Kind heraustrug und entfuͤhrte, eine Geſchichte, die mich trotz der Verwendung des Herzogs von Aiguillon doch zwei Monate Haft koſtete, und dann jetzt die Frau des Praͤ⸗ ſidenten. — Ich: mag ihren Namen nicht wiſſen. Un⸗ gluͤcklicher Gatte! — Sie hat mir Kummer genug gemacht; da⸗ fuͤr haͤngt ſie jetzt an mir mit einer ſolchen Wuth, daß ſie die Abweſenheit ihres ſeit eini⸗ 3² ger Zeit abweſenden, eiferſuͤchtigen Mannes be⸗ nutzt und es ſich in meiner Wohnung zu Pa⸗ ris gefallen laͤßt. Pardieu, ich habe ſie gern; ich habe ſie, glaube ich, ſogar einmal wirklich geliebt. Aber es muß doch alles ein Maaß ha⸗ ben. Außerdem kann es zu nichts Gutem fuͤh⸗ ren. Eine Frau zu verfuͤhren, iſt zwanzig Mal leichter, als ſie mit Anſtand wieder los zu werden. — Stoßt an, der Wein wird nie e laſtig. — Der Wein und die Weiber! In das Klirren der Glaͤſer fiel ploͤtzlich der dumpfe Ton der Glocken ein. Die Straßen be⸗ lebten ſich. Der Platz vor dem Schloſſe wogte von Menſchen. Es lebe der Koͤnig! rief ploͤtz⸗ lich eine Stimme und durch die ganze Maſſe brauſte bald nur der Eine Ruf: Es lebe Lud⸗ wig XVI!. Die Freunde traten an das Fenſter. — Er iſt gerade zur rechten Zeit geſtorben, ſagte ein Weib draußen, daß er ſein Jubilaͤum in der Hoͤlle feiern kann... 33 — Das verſtehen Sie nicht, Frau Antoi⸗ nette, antwortete ein dicker Mann mit einer wichtigen Miene; Fuͤrſten nehmen immer ein ſeliges Ende. 1 — Oder ein ſchmaͤhliges, fiel ein derber Bur⸗ ſche mit ziemlich rohen Zuͤgen ein; aber wahr iſt es, Madame, daß Ludwig XV. zur rechten Zeit geſtorben iſt, denn bei laͤngerm Leben haͤtte ihn ſtatt den Blattern vielleicht noch Schlim⸗ meres befallen. Das Volk— — Pah, das Volk, erwiederte die Frau ſpoͤttiſch. — Man merkt's, daß Euer Mann einmal Livree getragen hat. — Recht ſo, Jouve, rief ein Anderer. Es lebe der Koͤnig, der Freund des Volkes und der Teufel hole den andern, der uns geſchun⸗ den und getreten hat! 3 — Platz da! Platz da! rief ein Menſch zu Pferde. Laßt mich durch, ich habe Eile. — Ei was, hier hat eben jemand Platz ma⸗ I. 3 34 chen muͤſſen, der gar keine Eile hatte, darum kannſt Du Dich wohl dafuͤr gedulden. — Das iſt meines Onkels Bedienter, rief der Chevalier, ſich umſehend. — Nacht Platz, Ihr Schurken, ſchrie Herr von Verigny. Die Leute gaben widerſtrebend ſo vielen Raum, daß der Bediente ſein Pferd durch den Thorweg in das Haus lenken konnte, in wel⸗ chem ſich die drei Offiziere befanden. Ein Knecht nahm ihm ſein Thier ab und er ſelbſt eilte, nachdem er nur eben einen ſchnellen Blick in einen kleinen Handſpiegel geworfen und ſich eitel angelaͤchelt hatte, in das Zimmer zu ſei⸗ nem Herrn.. — Mayeux, was fuͤhrt Dich her? — Gottlob, Eure Gnaden, daß ich Sie endlich finde. Seit zehn Tagen muß ich Sie jetzt taͤglich ſuchen und konnte Sie nicht finden. Herr von Blenaye ſind ganz ungeduldig gewor⸗ den..— — Mein Onkel, iſt er dann auch in Paris? . 35 — Freilich, leſen Sie nur, was er Ihnen ſchreibt. Nom de Dieu! wir ſind geſtiegen, wir ſind jetzt obenauf. Sag' mir einmal, Freund, wendete ſich Ve⸗ rigny zu dem Bedienten, hat Dein Herr lau⸗ ter ſo ſchoͤne Leute in ſeinem Dienſte, wie Du biſt?. — O bitte, Eure Gnaden. Bis jetzt hat er niemand gefunden, den er mir haͤtte an die Seite ſtellen koͤnnen. — Ich glaub's, denn Eure Ruͤcken— mit ſeinem Stocke dieſen Theil ſeines Koͤrpers be⸗ ruͤhrend, der ſich etwas ungebuͤhrlich woͤlbte— wuͤrden eine abſtoßende Kraft aufeinander uͤben. — Du kennſt, glaube ich, Herrn von Ble⸗ naye nicht perſoͤnlich, bemerkte der Marquis. Es iſt die beſte Seele von der Welt; denke Dir ein unterſetztes, ſtattliches Geſtell, mit einem runden Kopfe darauf, deſſen Geſicht wie die Gutmuͤthigkeit ſelbſt, wie die ewige Zu⸗ friedenheit ſtrahlt und nur von einer gewalti⸗ gen Naſe beſchattet iſt, die allerdings einen ſol⸗ chen Anſatz genommen hat, um ſich von ſeinen Ohren zu entfernen, daß, wenn er nieſt, er es unmoͤglich hoͤren kann. Hier unſern Chevalier liebt er uͤber Alles, und da er nur ein maͤßi⸗ ges Vermoͤgen beſitzt, ſo hat er um ſeinetwil⸗ len nicht geheirathet und auf ſeinem Landgute gelebt wie ein Dachs, nur daß er nicht fuͤr ſich, ſondern fuͤr den Neffen geſpart hat. Was ihn jetzt ploͤtzlich aus ſeinem Loche gejagt hat, weiß ich nicht. — Oh, antwortete der Chevalier, die erfreu⸗ lichſte aller Begebenheiten. Ich bin, das heißt, mein Onkel iſt ploͤtzlich reich geworden. Der Bruder ſeiner Mutter hat ihm vierzig tauſend Franken Renten vermacht, die er mit mir in Paris verzehren will. — Du Gluͤckskind! Mir thut niemand den Gefallen und ſtirbt, daß ich beſſer leben kann. Aber trotzdem gratulire ich. — Ich muß fort. Mayeux, die Pferde. Lieben Freunde, auf Wiederſehen in Paris. — — Wart', rief Herr de Bievre, ich begleite Dich. ¼ Herr von Blenaye war der juͤngſte Sohn einer Familie aus der Bretagne, die, urſpruͤng⸗ lich im Beſitze großer Beſitzungen, den betraͤcht⸗ lichſten Theil ihres Vermoͤgens durch den unſe⸗ ligen Papierſchwindel unter der Regentſchaft des Herzogs von Orleans verloren hatte. Was noch aus dem Schlunde, in den Law's Spe⸗ kulationen den Wohlſtand Frankreichs hinab⸗ ſuͤrzten, gerettet werden konnte, reichte nur eben hin, das Stammhaus nicht ganz ſeines alten Glanzes zu berauben. Herrn von Blenaye ſiel nur ein kleines Familiengut in Langue⸗ doc und der Befehl zu, er ſolle ſuchen, durch eine reiche Heirath ſein Gluͤck zu machen. Er war noch ſehr jung, als er an den Hof Lud⸗ wigs XV. eilte. Die Sittenloſigkeit, die unter Philipp von Orleans einen gewiſſen genialen Anlauf genommen, und mit einer Art von Großartigkeit gepflegt wurde, die ſogar impo⸗ niren konnte, war zur platten Gemeinheit her⸗ ————õÿõ— 38 abgeſunken, und Laſter und Verbrechen ſtuͤrzten nicht, wie gewaltige Bergſtroͤme, ſchaͤumend und zertruͤmmernd uͤber ihre Ufer, ſondern ſie ſickerten ſtill und bequem durch alle Poren der Geſellſchaft, die behaglich in dem langſam an⸗ wachſenden Pfuhle plaͤtſcherte und ſich wolluͤſtig in dem Schlamme waͤlzte. Aber dies Bad war kein ſtaͤrkendes, ſondern ein entnervendes, das alle Kraͤfte des Geiſtes und Willens toͤdten mußte. Aus der Ausgelaſſenheit der Regentſchaft war ein Erheben moͤglich, aus der Liederlichkeit der darauf folgenden Epoche nicht. Jene er⸗ weckte Haß, Entruͤſtung, dieſe Widerwillen und Ekel. Nach jener haͤtte eine kraͤftige Hand den Staat in ſein Geleiſe zuruͤckfuͤhren koͤnnen, nach dieſer mußte erſt ein Sturmwind die ſtinkenden Nebel verſcheuchen, die ſich dick um das Gluͤck der Nation gelagert hatten. An einem Hofe, wo nur der galt, der ſich bei den Damen Ein⸗ gang zu verſchaffen, durch Geiſt ſich gefuͤrchtet zu machen, oder durch Verſchwendung einen Hof im Hof um ſich zu bilden wußte, mußte 39 Herr von Blenaye eine uͤble Rolle ſpielen. Er war hingegangen, ſein Gluͤck zu machen. Aber wie das anfangen? Es fehlte ihm nicht weni⸗ ger, als Alles dazu. Schon damals beſaß er, wenn er auch nicht grade haͤßlich zu nennen war, doch keinesweges den koͤrperlichen Reiz, der unwillkuͤhrlich Aller Blicke auf ſich zieht, und ſelbſt bemerkbar wird, wenn er unter der Menge verſteckt erſcheint. Nicht ohne geſunden, derben Verſtand fehlte es ihm doch an der Be⸗ hendigkeit des Witzes, an der Federkraft und Seiltaͤnzerei des Geiſtes, der mehr als Alles noͤthig war, um im Geſpraͤche uͤber die frivolen Kleinlichkeiten des gewoͤhnlichen Lebens ſtets bei der Hand zu ſeyn, durch einen gluͤcklich ange⸗ brachten Pinſelſtrich der erblaſſenser wnterhal⸗ tung ein ftiſches Kewat zu geben, durch einen geſchickt beageworfenen Witzfunken ſie neu zu be⸗ leben. Über nichts wußte er nichts zu ſprechen, alſo ſchien er langweilig; kam aber eine vernuͤnftige Frage zum Vorſchein, ſo wollte er ſie gruͤnd⸗ lich erſchoͤpfen und wurde unausſtehlich. Die Impertinenz, mit der ihm Herren und Damen bei der ſchoͤnſten Unterſuchung durch einen un⸗ gehörigen Scherz in die Rede ftllen, und ihm ſo das Futter vor dem Munde abſchnitten, ver⸗ bitterte ihm jeden Umgang, und je mehr er der Geſellſchaft zuwider wurde, einen deſto groͤße⸗ ren Haß warf er auf ſie. Das geringe Ein⸗ kommen, das er zu verzehren hatte, konnte auch nicht dazu dienen, ihm den Aufenthalt in Pa⸗ ris oder Verſailles angenehm zu machen. Das Geld, die Vorſehung der Einfaͤltigen, war an dieſem verſchwenderiſchen Hofe ein zu nothwen⸗ diges Requiſit, als daß der Mangel daran ſich nicht ſchmerzhaft fuͤhlba, machen mußte. Um Schulden zu machen, war er zu rechtlich ge⸗ Ennt, we. dann uͤberhaupt ein großer Fond von Ehrlichkeit und biederer Watuͤrlichkeit ſein groͤß⸗ ter Schatz war, der nur leider nter jenen Menſchen ſich nicht auspraͤgen ließ. Er verſuchte wohl einige Mal, Verhaͤltniſſe mit Frauen an⸗ zuknuͤpfen, von denen er hoffen konnte, daß ſie außer Vermoͤgen, ihm auch eine gluͤckliche Zu⸗ 41 kunft zubringen wuͤrden. Aber zu ſeinem Wohle zeigte es ſich immer ſchon vor der entſcheidenden Verbindung, daß man ihn nur als Werkzeug zu unwuͤrdigen Plaͤnen hatte mißbrauchen wol⸗ len, und ſo loͤſten ſich ſeine Ausſichten auf, noch ehe er rechtes Vertrauen zu ihnen gefaßt hatte. Bei alledem war er durchaus kein Ver⸗ aͤchter des weiblichen Geſchlechtes. Er fuͤhlte ſich im Gegentheil zu ihm hingezogen, aber die Verderbtheit ſtieß dennoch ſein jugendliches, auf dem Lande den Einfluͤſſen der Unmoralitaͤt ziemlich fremd gebliebenes Herz zuruͤck. Ohne ein Muſter zu ſeyn, haßte er doch das Laſter, um ſo mehr, als er ſeine Ungeſchicklichkeit er⸗ kannte, mit demſelben umzugehen. Es gibt mehr ſolcher forcirter Tugenden, die ſich nur dadurch uͤber Waſſor erhalten haben, daß der Sersenballaſt aus Noth uͤber Bors geworfen werden mußte. Und ſo faßte er denn eines Ta⸗ ges ploͤtzlich einen Entſchluß, riß ſich vom Hofe los, und kehrte, ſo arm, als er gekom⸗ men war, nach ſeinem kleinen Gute bei Air zurück. Eine ſeiner Schweſtern, die nicht lang erſt Wittwe geworden war, ſtarb um dieſelbe Zeit und hinterließ ein nicht bedeutendes Ver⸗ moͤgen und einen erſt zweijaͤhrigen Sohn, den ſie der Obhut ihres Bruders uͤbermachte. Jetzt fand er eine Beſchaͤftigung, einen Wirkungs⸗ kreis. Umgang hatte er faſt gar nicht, als etwa mit einem ſeiner aͤlteſten Freunde, dem Praͤſi⸗ denten von Gauthier, der jeden Sommer von Avignon auf ein ebenfalls nahe bei Aix liegen⸗ des Landgut kam. Er beſchloß, nur ſeinem klei⸗ nen Neffen zu leben, und ganz fuͤr deſſen Aus⸗ bildung zu ſorgen. Er ließ es im Unterricht an nichts fehlen. Der junge Eduard de Rey⸗ naud erhielt die beſten Lehrer, auf deren Sitt⸗ lichkeit der Onkel, der ſich auf ſeine eigene Moralitaͤt, aus Mangel an etwas Anderm, viel zu gut that, ſcharf ſah, und geure nach des Letztern Wuͤnſchen. Gern haͤtte Herr von Blenaye ſeinen Zoͤgling ganz von der Welt abgeſchloſſen, allein er ſah wohl ein, daß da⸗ mit vielleicht mehr verdorben, als gewonnen 43 wuͤrde, und daß er es vielleicht ſchon zu lang gethan habe, und ſo erlaubte er ihm, obwohl mit der aͤngſtlichen Sorge einer zaͤrtlichen Mut⸗ ter, zuweilen einige junge Edelleute der Nach⸗ barſchaft zu beſuchen, und dieſe zu ſich einzu⸗ laden. Zu dieſen gehoͤrte hauptſaͤchlich der Mar⸗ quis de Bievre— derſelbe, der ſpaͤter die Calem⸗ bourgs ſo ſehr in Mode brachte, und nachdem er ein damit angefuͤlltes Buch unter dem Na⸗ men Comteſſe Tation(Konteſtation) herausge⸗ geben, ſich faſt das ausſchließliche Monopol dieſer Witz⸗ und Wortſpiele anmaßte— ſo wie, aber in weit geringerm Grade und erſt ſpaͤter der Herr von Verigny, den Eduard auch nur ſelten und nie bei ſich ſah, da er ſelbſt damals ſchon in mehre Intrigen verwickelt war. Beide waren mehre Jahre aͤlter als Eduard, und daher in Man⸗ chem erfahrener, als dem Onkel lieb war. In⸗ deß wußte man ihnen doch nichts Schlimmes nachzuſagen, und ſo ließ er den Bund der jungen Freunde ungeſtoͤrt ſich enger und enger zuſammenziehen. —p/ Waͤhrend einer Reiſe von einigen Wochen, die Herr von Blenaye in Familiengeſchaͤften nach Toulon machen mußte, und wo Eduard der vollſten Freiheit genoß, hatte er ſich mehre Tage in Aix aufgehalten, daſelbſt die Toch⸗ ter eines beguͤterten Kaufmanns geſehen, und ihr ſeine ſchuͤchterne Liebe geweiht. Lange ver⸗ ſchloß er dies Gefuͤhl in ſeine Bruſt, als ob jede Mittheilung deſſen Heiligkeit entweihen wuͤrde, und begnuͤgte ſich mit dem Gluͤcke, das Ideal ſeines Herzens von Fern zu bewundern und anzubeten. Aber das Geheimniß ward ihm endlich zu ſchwer, das bloße Sehen befriedigte ihn nicht mehr und in ſeiner Verlegenheit ent⸗ deckte er ſich ſeinen Freunden, die, gewandter als er, es bald erkundſchaftet hatten, daß das Maͤdchen zweimal woͤchentlich einen geſchickten Muſiklehrer beſuchte, der ſie im Geſang unter⸗ richtete. Eduard mußte ſich, auf das Anrathen ſeiner Freunde, an denſelben Lehrer wenden, der, vermittelſt einiger Goldſtuͤcke, ſich leicht dazu bewegen ließ, es nicht uͤbel zu nehmen, 45 wenn der junge Edelmann zu derſelben Stunde zu ihm kommen wuͤrde, wo er ſeine liebens⸗ wuͤrdige Schuͤlerin erwartete. Es ſcheint, daß dieſe eben ſo wenig dagegen einzureden hatte; denn ſehr bald hatten ſich beide ihre Liebe ge⸗ ſtanden und ſich, wie gewoͤhnlich, Suihe aeis und Beſtaͤndigkeit geſchworen. Um dieſelbe Zeit reiſten der Marquis de Bie⸗ vre und Herr von Verigny nach Paris ab, da beide zugleich ein Lieutenants⸗Patent in dem Musketier⸗Regimente erhalten hatten. Der Ab⸗ ſchied ſchmerzte die jungen Leute, aber die neuen Offiziere ſahen Paris und ſeine Herrlich⸗ keiten vor ſich. Verigny ſehnte ſich uͤberdies laͤngſt fort, da die Geſpielin ſeiner Kindheit, die er ſehr geliebt hatte, ihm durch den Praͤſi⸗ denten Gauthier weggeheirathet worden war. Eduard blieb ſeine Adele. Die Liebe hatte ihn bereits ſchlau gemacht, und es gluͤckte ihm, ſei⸗ nem Onkel einen Vorwand vorzudichten, der ihn noͤthigte, auch nach der Entfernung ſeiner Freunde, ſich oͤfters nach Aix zu begeben. 46 — Sein Verhaͤltniß dauerte noch einige Jahre auf dieſelbe Art fort und beſchraͤnkte ſich auf die kurzgezaͤhlten Augenblicke, welche das Zu⸗ ſammentreffen bei dem Lehrer, wobei freilich die Muſik ſehr zu kurz kam, moͤglich machten. Ploͤtzlich aber zuckte ein fuͤrchterlicher Blitzſtrahl am Himmel der Liebenden auf. Adele wurde von ihren Eltern verlobt. Eduard gebehrdete ſich ſo, daß das Verhaͤltniß zu ihr bekannt wurde, und der Vater derſelben ſich ſchriftlich an Herrn von Blenaye mit der Bitte wandte, ſeinen Neffen dazu zu veranlaſſen, daß er dem Gluͤck ſeiner Tochter nicht in den Weg trete. Der Onkel gerieth außer ſich vor Schrecken. Mit den ruͤhrendſten Worten ſtellte er Eduard vor, wie ſehr er ſeine ſchoͤnſten Hoffnungen getaͤuſcht habe, fragte ihn, womit er das ver⸗ dient habe, daß ſein Neffe, dem er immer ein zaͤrtlicher Vater geweſen ſey, ihm ſein Vertrauen vorenthalten, und brachte es dahin, daß Eduard, der nur bemuͤht war, den Schmerz ſeines Oheims zu beſaͤnftigen, weniger an den ſeini⸗ 47 gen dachte. Der vorſichtige Herr von Blenaye ſah jedoch ein, daß hier ein entſchiedener Schritt noͤthig und mit einer erſten Liebe nicht kraͤftig genug verfahren werden koͤnne. Er bewarb ſich daher in der Stille um ein Offiziers⸗Patent fuͤr ſeinen Neffen, den er ſo damit uͤberraſchte, daß er wohl merkte, daß ſeine Neigung fuͤr die Kaufmannstochter von Aix nur betaͤubt, aber nicht erſtorben ſey. 5. Indeſſen das Patent ließ ſich nicht zuruͤck⸗ weiſen. Ob Eduard ſeine Geliebte noch einmal geſprochen, daruͤber wollte er nichts geſtehen, aber einige Tage nach Eintreffen des miniſte⸗ riellen Schreibens reiſte er, von den beſten Se⸗ genswuͤnſchen ſeines Oheims begleitet, der von ſeinem Vermoͤgen ihm noch einen Theil zu ſei⸗ nen eigenen Einkuͤnften hinzugefuͤgt hatte, nach Paris ab. Dort im Kreiſe ſeiner alten Freunde und neuen Bekannten verlor ſein Schmerz taͤg⸗ lich mehr von ſeiner erſten Bitterkeit, und wenn er auch ſeine Geliebte nicht vergaß— denn wir haben bereits erfahren, daß er noch zuweilen ſich nach ihrem neuen Wohnort begab, um ſich ihr Bild wieder aufzufriſchen— ſo war die Wunde doch faſt vernarbt. Da ſiel Herrn von Blenaye jene große Erb⸗ ſchaft zu. Seine Blicke wendeten ſich wieder der Sonne Frankreichs, dem lebensluſtigen Pa⸗ ris zu. Laut ſagte er zwar, nur das Vergnuͤ⸗ gen, ſeinen theuren Neffen wieder in ſeine Naͤhe zu bekommen, zoͤge ihn nach der Haupt⸗ ſtadt, innerlich draͤngte ihn jedoch noch eine andere Sehnſucht mit faſt gleicher Kraft. Den Hof, den er faſt mit Ingrim verlaſſen, der ihn verſtoßen, weil er ihm nichts zu bieten hatte, wollte er wiederſehen, um ihm ſtolz ſein neues goldgeſticktes Kleid zu zeigen; die Ge⸗ nuͤſſe, die er ſich verſagt, die er waͤhrend einer dreißigjaͤhrigen Einſamkeit zu vergeſſen geſucht hatte, wollte er jetzt, ſo viel und ſo verſchwie⸗ gen, als moͤglich, nachholen. Kannte er denn ſchon Paris und ſeine Freuden? Waren ihm in ſeiner Jugend nicht alle Quellen des Vergnuͤ⸗ gens verſchloſſen? Der Sittenrichter, deſſen 5 49 Strenge noch weniger durch ſeine eigene Feſtig⸗ keit der Grundſaͤtze, als durch die Umſtaͤnde geſchaͤrft worden war, welche ihn verhinderten, ihnen entgegen zu handeln, ließ unbewußt ih⸗ nen leicht die Zuͤgel ſchießen, als die Armuth ſie nicht mehr kuͤrzte. Das Hauptmotiv, das ihn jedoch noch in Schranken hielt, war die Liebe zu ſeinem Neffen, und dieſe hatte aller⸗ dings durch den Gluͤckswechſel nichts an ihrer Staͤrke eingebuͤßt. Nur von einem einzigen Bedienten begleitet, war er nach Paris geeilt, ohne Eduard vorher etwas wiſſen zu laſſen. Mayeux war als Kind, nachdem ſeine Eltern, die auf dem Gute des Herrn von Blenaye lebten, in bitterer Armuth geſtor⸗ ben waren, auf dem Schloſſe aufgenommen wor⸗ den, wo er anfangs mit dem kleinen Eduard ſpielte, hernach zu manchen Dienſtleiſtungen angehalten worden war. Herr von Blenaye mochte ihn nicht gern miſſen, und da er guten Willen und Anhaͤnglichkeit zeigte, und weiter keinen Fehler hatte, als daß er auf ſeine gei⸗ 50 ſtigen und, ſonderbar genug, auch auf die Vor⸗ zuͤge ſeines etwas verwachſenen Koͤrpers ſich zu viel einbildete und durch dieſe Eitelkeit zu man⸗ chem Verdruß Anlaß gab, ſo nahm er ihn mit nach Paris. Gleich bei ſeiner Ankunft ſchickte Herr von Blenaye Mayeux nach ſeinem Neffen ab, erhielt aber den Beſcheid, daß derſelbe auf Urlaub ſey, und man nicht wiſſe, wann er zuruͤckkehren werde. So unlieb dieſe Nachricht dem Oheim kam, ſo beſchloß er doch, ſie ſich auf andere Art zu Nutze zu machen, und da er jetzt keinen Zwang noͤthig fand, die Freu⸗ den des Lebens in vollen Zuͤgen zu ſchluͤrfen. Zehn Tage hintereinander erkundigte ſich Mayeur vergebens nach der Ruͤckkehr des Che⸗ valier de Reynaud. 3 Herr und Diener hatten die zehn Tage gut benutzt. Es war eine luſtige Zeit damals, und je ſchneller ſich die Regierung des alten, kran⸗ ken Koͤnigs ihrem Ende zuneigte, je gewiſſer die Ausſicht auf ſein Ende wurde, deſto lau⸗ ter wurde die Freude im Volke, das ruͤckſichts⸗ 51 los dem Tode ſeines Monarchen entgegenju⸗ belte. Die Straßen waren mehr als ſonſt be⸗ lebt und aus allen Zuͤgen athmete frohe Er⸗ wartung. An allen Ecken las man Spottge⸗ dichte auf die Maitreſſen⸗Herrſchaft und Pro⸗ phezeiungen, die uͤber den Nachfolger Lud⸗ wigs XV. nichts als Gluͤck und Segen verkuͤn⸗ deten. Es regnete Witze und Vaudevilles auf die Familie der Barry und ihre Anhaͤnger und ſelbſt in den Theatern wurden, da auch die Polizei von dem allgemeinen Schwindel angeſteckt ſchien, zuweilen Anſpielungen auf die Tagesereigniſſe ungeſtraft mit wuͤthendem Beifalle aufgenom⸗ men. Es herrſchte eine Aufregung, eine Span⸗ nung wie noch nie. Von den Vergnuͤgungen, welche Herrn von Blenaye zu feſſeln verſtanden, waren die Thea⸗ ter nicht das letzte. Er hatte mehre Tage da⸗ mit zugebracht, alte Bekannte aufzuſuchen und ſich von ihnen in Geſellſchaften herumfuͤhren zu laſſen. Herrn von Gauthier, der von Avignon nach Paris berufen worden, aber be⸗ 52 reits ſeit mehreren Monaten in Geſchaͤften ab⸗ weſend war, traf er nicht an. Und der Ton, den er anderswo vorherrſchend fand, wollte ihm faſt noch weniger zuſagen, als der ſeiner Ju⸗ gendzeit. Der Unglaube, der ſo weit gediehen war, daß, als er einen der wackerſten Geiſt⸗ lichen der Hauptſtadt frug, ob denn nicht we⸗ nigſtens die Biſchoͤfe, welche die Religion im⸗ mer im Munde fuͤhrten, ſie auch im Herzen haͤtten, dieſer naiv zur Antwort gab, daß es wohl noch fuͤnf oder ſechs geben moͤge, die daran glaubten; die Philoſophie, welche ſich bis zu den hoͤchſten Staͤnden Bahn gemacht und ſich eigene Bureaux d'Esprit gebildet hatte, wo mit einer unerhoͤrten Schaͤrfe und Keckheit die heiligſten und wuͤrdigſten Lehren angegriffen und umgeſtoßen wurden, ſchreckten Herrn von Blenaye ab, der ohne Ahnung von dem neuen Umſchwunge der Ideen aͤngſtlich, wie ein Huhn vor dem Waſſer, zuruͤckprallte. Daher ſprach ihn denn auch das Theater mehr als alles Andere an. Die beruͤhmteſten 5³ — und verrufenſten Taͤnzerinnen und Saͤngerin⸗ nen, Demoiſelle Arnoud und Demoiſelle Ran⸗ court, Demoiſelle Luzi und Demoiſelle Hesnin, waren bereits, ohne Eindruck auf ihn zu ma⸗ chen, an ihm voruͤbergegangen, als er am vier⸗ ten Abende wieder in der Oper ſaß. Man hatte die falſche Magie von Gretry gegeben, die ſchoͤ⸗ nen Trios der Oper ſtuͤrmiſch applaudirt und viel uͤber die hergebrachte Weiſe gelacht, wie der alte Vormund, der die Heirath ſeines Muͤn⸗ dels nicht zugeben will, geprellt wird. Den Schluß der Vorſtellung ſollte ein neues Vaude⸗ ville, der drei Koͤnigskuchen, bilden. Gleich in der erſten Scene eine neue Erſchei⸗ nung. Welche Schoͤnheit! Weicher Reiz, welche Anmuth! Herr von Blenaye hing mit Entzuͤcken an jeder ihrer Wendungen, folgte jeder Bewe⸗ gung, wandte kein Auge von ihr. Dieſe jugend⸗ liche Friſche und Grazie, dieſer Adel und dabei dieſe Freundlichkeit waren ihm noch nicht vorge⸗ kommen. Das Herz ſchlug ihm ſo lebhaft, als ob ſein Blut nicht ſchon durch mehr als fuͤnf⸗ 54 zig Sommer abgekuͤhlt worden waͤre, und als ſie erſt zu ſingen anfing, und eine Stimme ſo reich, ſo voll, ſo ſchwellend aus dieſem feinen Munde hervorquoll, da lag er ſchon feſt in ihren Banden. — Wer iſt das Maͤdchen? fragte er einen Herrn, der in einer Loge neben ihm ſaß. — Es iſt die Beaumesnil„ antwortete die⸗ ſer, nachlaͤſſig nach den Schauſpielern aufblik⸗ kend. Sie iſt jetzt frei, fuͤgte er hinzu, ſich zu ſeinem Nachbar wendend. Der Prin Mo⸗ naco hat ſie aufgegeben. Herr von Blenaye verbeugte ſich, er wußte nicht, ob mehr erfreut oder erzuͤrnt, als ploͤtz⸗ lich ſeine Gefuͤhle durch das tobende Geſchrei im Publikum: bis! bis! eine andere Richtung bekamen. Er wendete ſich nach der Buͤhne zu⸗ ruͤck und ſah, daß eben Demoiſelle Beaumes⸗ nil naͤher an das Orcheſter ging. Es trat eine augenblickliche Pauſe ein, waͤhrend deren die Schauſpielerin ein Couplet wiederholte, in deſ⸗ ſen Anfang gefragt wird, wie ein Koͤnig mit 5⁵ zwanzig Jahren weiſe regieren koͤnne und wo am Schluſſe die Antwort: Il est des sages de vingt ans Et des étourdis à soixante, von Neuem mit allgemeinem Bravorufen und Haͤndeklatſchen aufgenommen wurde. Die Schau⸗ ſpielerin machte noch eine tiefe Verbeugung, als einer der Mitſpielenden aus den Kouliſſen hervortrat und ihr einige Worte in das Ohr fluͤſterte. Man ſah, daß ſie unter der Schminke blaß wurde. Verlegen trat ſie noch einmal naͤ⸗ her und kuͤndigte mit zitternder Stimme an, daß der dienſthabende Polizeikommiſſar das Aus⸗ ſpielen des Stuͤckes unterſagt habe. Nieder mit der Polizei! das Stuͤck! das Stuͤck! wurde von allen Seiten zuruͤckgeſchrien und der Tumult wuchs zu einer ſo ſchreckener⸗ regenden Hoͤhe, daß das arme Maͤdchen ſich, einer Ohnmacht nahe, an einem Tiſch feſthalten mußte. Zum Gluͤck fuͤr ſie erſchien der Regiſ⸗ ſeur, ſie aus ihrer peinlichen Lage zu erloͤſen, Befinden zu erkundigen. Dort erfuhr er, daß 56 — und nachdem er ſie von der Buͤhne abgefuͤhrt hatte, berichtete er dem immer forttobenden Parterre, daß der Cenſor die repetirten Verſe geſtrichen habe, daß ſie aber aus Verſehen in der Rolle ſtehen geblieben ſeyen, und daß, wenn der Laͤrm fortdaure und die Polizei wei⸗ ter einſchreiten muͤſſe, Demoiſelle Beaumesnil dies Alles, obwohl unverſchuldet, werde buͤßen muͤſſen, etwas, deſſen ſich das galante Publi⸗ kum gewiß nicht ſchuldig machen werde. — Bravo! bravo! ſchrie Herr von Blenaye mit einer Stentorſtimme herab, und nach eini⸗ gem Beſinnen folgte ihm das Parterre und die Wogen des Unwillens legten ſich allmaͤhlig, als gleich darauf der waͤhrenddeß gefallene Vor⸗ hang wieder aufgezogen und ſtatt des unterbro⸗ chenen Stuͤcks ein anderes begonnen wurde. Als Herr von Blenaye ſich jedoch uͤberzeugt hatte, daß Demoiſelle Beaumesnil nicht in demſelben be⸗ ſchaͤftigt ſey, litt es ihn nicht laͤnger in ſeiner Loge und er eilte nach der Buͤhne, ſich nach ihrem 57 ſie bereits nach Hauſe gefahren ſey. Er ließ ſich ihre Wohnung bezeichnen und eilte ihr nach, wurde aber mit der Angabe abgewieſen, daß Demoiſelle zu unwohl ſey, um heute noch je⸗ manden empfangen zu koͤnnen. Nach einer vor lauter Ungeduld ſchlaflos ver⸗ brachten Nacht war ſein Erſtes, daß er ſich ſogleich an ſeine Toilette machte, ein Geſchaͤft, deſſen er ſich beinahe entwoͤhnt hatte. Die reich⸗ ſten Kleider, die er ſich bereits in Paris ange⸗ ſchafft hatte, wurden hervorgeſucht und das ſchoͤnſte, geſchmackvollſte auserwaͤhlt. Die An⸗ ordnung der Friſur nahm ebenfalls eine betraͤcht⸗ liche Zeit hinweg, und als er endlich die bril⸗ lantenen Ringe an die Finger geſteckt hatte, ſchlug die Stunde, in der er hoffen konnte, bei der reizenden Saͤngerin vorgelaſſen zu wer⸗ den. In ſeiner Erwartung, ſie allein zu finden, ſah er ſich jedoch getaͤuſcht, denn als er in das reich meublirte Kabinet trat, in welchem De⸗ moiſelle Beaumesnil auf einem Divan im ele⸗ * 58 ganten Neglige ruhte, fand er daſſelbe bereits mit jungen Herren vom Hofe, Dichtern und Schauſpielern angefuͤllt, da alle gekommen wa⸗ ren, dem ſchoͤnen Maͤdchen ihre Theilnahme zu beweiſen oder ihre Huldigung darzubringen. Herr von Blenaye ſtellte ſich, da er keinen Be⸗ dienten ſah, nicht ungeſchickt ſelbſt vor und ver⸗ ſicherte der Demoiſelle Caroline, daß die Sto⸗ rung des vergangenen Abends ihn ſo beſorgt fuͤr ſie gemacht habe, daß er nicht umhin koͤnne, ſich perſoͤnltich von ihrem Wohlſeyn zu uͤberzeu⸗ gen. Demoiſelle Beaumesnil erhob den Kopf ein wenig und dankte ihm mit einem freundli⸗ chen Laͤcheln, worauf ſie ſich wieder zu einem jungen Manne in reichgeſticktem Kleide kehrte. — Ich bleibe alſo gewiß aus dem Spiele? fragte ſie ihn. — Auf Kavaliers Parole, antwortete der Gefragte. Aber es hat mir Muͤhe gekoſtet, meine Schoͤne, Ihre Unſchuld zu beweiſen, und ich darf wohl auf etwas Erkenntlichkeit rechnen. — Einen Dienſt leiſten zu koͤnnen, ſollte 59 ſchon an und fuͤr ſich eine Belohnung ſeyn. Und wer hat denn den Zorn des Herrn Poli⸗ zeilieutenants ausbaden muͤſſen? — Zwei Leute, die von Strichen leben, der Cenſor und der Abſchreiber. Der eine, daß er ie verfaͤngliche Anſpielung auf den Koͤnig und den Dauphin nicht dick genug geſtrichen; der andere, daß er den feinen Querbalken, den der Cenſor durch die kitzlichen Verſe gezo⸗ gen, beim Ausſchreiben der Rolle nicht geſehen hat. Der eine iſt ab⸗ und der andere feſtgeſetzt. — Die Armen! entfuhr unwillkuͤhrlich dem Herrn de Blenaye. — Waos liegt an ſolchen Menſchen, antwor⸗ tete ein Anderer, wenn unſerer goͤttlichen Fee hier dafuͤr ein truͤber Augenblick erſpart wird? — Sie thun mir dennoch ſelbſt leid, ſagte die Schauſpielerin ernſt, und was ich fuͤr ihr Beſtes thun kann, ſoll gewiß geſchehen. Herrn von Blenaye brannte der Boden unter den Fuͤßen, denn im Alter macht die Liebe doppelt ungeduldig, weil jeder Augen⸗ 60 blick, der ſich vom Leben abreißt, einen Frei⸗ brief des Gefallens nach dem andern mit zer⸗ reißt. Wenn ein Beſucher ſich entfernte, ſo er⸗ ſetzten ihn bald darauf ein Paar andere und das Zimmer wollte nicht leer werden. Er fuͤhlte, daß ſein langes Bleiben auffallen mußte. Dies Bewußtſeyn machte ihn noch verlegener. De⸗ moiſelle Beaumesnil warf ihm zuweilen einen Blick der Verwunderung zu, bis ſie endlich ei⸗ nen Moment, wo ſie allein waren, benutzte und ihn fragte: — Sie haben mir etwas zu ſagen? — Ja, Mademoiſelle. 1 Sie klingelte ihrem Kammermaͤdchen. — Ich bin fuͤr niemand mehr zu Hauſe. Gott Lob! ſeufzte Herr von Blenaye auf, als die Dienerin ſich entfernt hatte, und nahm auf einem Seſſel, den ihm die Schau⸗ ſpielerin neben ihrer Ottomane anwies, Platz. Hier zupfte er ſich an Manſchetten und Buſen⸗ krauſe, huſtete und laͤchelte, konnte aber einige Minuten keine Einleitung zu ſeiner Eroͤffnung, 61 finden. Liebesreden und ſchoͤne Worte roſten, wenn ſie auch anfangs noch ſo geſchliffen wa⸗ ren, mit der Zeit ein, wenn ſie nicht gebraucht werden. Es gehoͤrt Jugendfriſche dazu, um ohne Uebung auf glattem Parket nicht auszugleiten und Frauen gegenuͤber nicht mit Schanden ſtek⸗ ken zu bleiben. Es gibt freilich ein Stocken, das am beredtſten fuͤr die Macht einer Frau ſpricht und ein ſolches findet immer Aufmun⸗ terung. Ein freundlicher Blick aus den ſanften Augen Karolinens gab ihm endlich etwas Muth und Faſſung zuruͤck. — Wollen Sie auch nicht boͤs ſeyn, brach er endlich aus, zu dem, was ich Ihnen jetzt ſagen werde? Sehen Sie, ich bin alt geworden auf dem Lande und verſtehe mich nicht auf die ſchoͤnen Worte, mit denen Sie taͤglich uͤber⸗ ſchuͤttet werden. Aber ich meine es deſto ehrli⸗ cher, und was ich ſpreche und verſpreche, dem koͤnnen Sie unbedingt trauen. Ich weiß recht gut, daß ich wenig Anſpruͤche machen kann, daß ich mit der Thuͤr in's Haus falle, aber— — Ja, aber was ſoll ich dabei? — Mich nur ein klein wenig lieb haben. Sie laͤcheln? Es iſt mein Ernſt. Nein, nein, er⸗ ſchrecken Sie nur nicht und laſſen Sie mich ausreden. Ich habe Sie bisher nur auf dem Theater geſehen und Sie haben mir gefallen. Was ich von Ihrem Karakter gehoͤrt habe, hat mein Gefuͤhl fuͤr Sie beſtaͤrkt. Ruͤckſichten ha⸗ ben mich gezwungen, unvermaͤhlt zu bleiben; auch habe ich niemanden gefunden, die ich mein Weib haͤtte nennen moͤgen. Und doch fuͤhle ich das Beduͤrfniß, ein Weſen mein zu nennen, das, wenn auch nicht Liebe, doch Wohlwollen fuͤr mich empfaͤnde, das ich durch Zaͤrtlichkeit und Großmuth zwaͤnge, auch etwas Neigung fuͤr mich zu zeigen. Gehoͤrt denn Jugend und Schoͤnheit ſo durchaus nothwendig dazu, ein Weib an ſich zu feſſeln? Es mag thoͤricht ſeyn, was ich Ihnen hier vorplaudere, aber halten Sie es mir zu Gute. — Sie ſind ein wunderbarer Menſch, aber 63 Ihre Offenheit iſt es nicht, was mir an Ih⸗ nen mißfiele. — O, Sie Gute! Aber laſſen Sie mich aus⸗ reden, da ich im Zuge bin. Ich habe mir zwar zugeſchworen, einem Neffen zu Liebe nicht zu heirathen, doch darf ich wohl uͤber die Intereſ⸗ ſen des Vermoͤgens, das mir eben zugefallen iſt, waͤhrend meines Lebens verfuͤgen. Theilen Sie dieſe mit mir und ſeyen Sie mein. Es waͤre laͤcherlich von mir, wollte ich mir dabei die Rechte eines eiferſuͤchtigen Ehemannes er⸗ kaufen, denn ich fuͤhle zu gut, daß Sie ſich und mich durch Offenbarung unſeres Verhaͤlt⸗ niſſes dem Spott ausſetzen wuͤrden. Darum laſſen Sie das ſtrengſte Geheimniß daruͤber walten. Am Tage ſey ich ein Fremder, nur einer der vielen Bewunderer, die Ihr Talent, Ihre Liebenswuͤrdigkeit anziehen, am Abend nehmen Sie mich als einen Freund auf, uͤber den Sie nie zu klagen haben werden. Sie ſe⸗ hen, ich ſpreche geradezu, baͤueriſch, wenn Sie wollen. Aber in meinen Jahren hat man keine 64 Zeit zu verlieren, und im Grunde koͤmmt es bei allen Reden doch mehr auf den Kern als die Form an. Darum ſtoßen ſie ſich nicht an die Letztere und halten Sie ſich an den Erſte⸗ ren, der gut iſt, ohne mir zu ſchmeicheln. — und wenn ich's verſuchte? ſagte ſie ſpaͤ⸗ ter, als Herr von Blenaye ihr ſeine Verhaͤlt⸗ niſſe naͤher entwickelt hatte, einen Finger in ſeine ausgeſtreckte Hand legend. * b» Der Chevalier Reynaud und der Marquis de Bievre ritten anfangs in ſcharfem Trabe nach der Stadt, bald jedoch rief der erſtere den Diener, der ihnen in ehrerbietiger Entfernung gefolgt war, zu ſich heran, um ihn uͤber ſeinen Onkel und die ploͤtzlich eingetretene Veraͤnderung in ſeinen Umſtaͤnden naͤher zu befragen. Mayeurx erzaͤhlte, wie die Nachricht von der Erbſchaft eingetroffen und wie ſie ſich ſogleich auf den Weg nach Paris gemacht haͤtten. Dort habe Herr von Blenaye zwei mit der Lokalitaͤt beſ⸗ *4 65 ſer bekannte Diener angenommen und ihm, wenn er ſich in Paris oder Verſailles nach dem Chevalier erkundigt, den Reſt des Tages zu ſeiner eigenen Benutzung frei gegeben. — und das haſt Du Dir nicht zweimal ſa⸗ gen laſſen? Wie? — Nom de Dieu, das iſt eine Stadt! — Auch ſchon Eroberungen gemacht? Mayeur kniff die Augen zuſammen, der Mund verzog ſich zu ſeiner ganzen Breite und ſchob das breite Kinn hervor, auf dem ſich ei⸗ nige leichte Warzen abſchatteten. — Man iſt nicht ganz ohne Reize, ohne Manieren, und wenn man dabei die Ehre hat, Leibe und Kammerdiener Seiner Gnaden des Herrn von Blenaye zu ſeyn. — Einem Mann, unterbrach ihn der Mar⸗ quis mit einem Blick nach hinten, der ſo viel auf ſich hat, kann es naturlich nicht fehlen. — Zu guͤtig. Oh, ich koͤnnte die Maͤdchen auch an allen Fingern haben. Trozdem habe ich mich mit einer begnuͤgt, aber einer, Dieu I. 5 66 de Dieu, was fuͤr einer! Haare und Augen wie Kohlen, ein Muͤndchen zum Anbeißen, ein Wuchs zum Verzweiflen, eine Lachtikeit, eine Beweglichkeit— 1 — Wenn Du nicht ſtill ſitzt, wirſt Du Dich gleich ſelbſt vom Pferde herabbewegen. — Und wer iſt denn die Schoͤne, welche durch dieſes gewaltige Vorwerk Breſche geſchoſ⸗ ſen hat? — Die Tochter des Herrn Laroſſe, der in dem Hotel des Herrn von Blenaye wohnt, ei⸗ nes ſehr achtbaren Schriftſtellers und wuͤrdigen Mannes, der auf Alles Gedichte macht, und dabei raiſonnirt, daß es eine Freude iſt, ihm Mzuhsren. — Und was hat Herr Mayeux denn fuͤr Abſichten?. — Die honneteſten von der Welt. Wie ein Mann von Ehre, Herr Chevalier. In demſelben Augenblicke rollte eine herrliche Kutſche ihnen entgegen. Ein praͤchtig gekleideter Herr bog den Kopf aus, und zeigte ein hoch⸗ 67 rothes, von Blattern entſtelltes Geſicht, zwi⸗ ſchen deſſen kleinen, funkelnden Augen eine derb geformte Naſe mehr berunterzuſallen als zu ſteigen ſchien.. — Herr Marquis, Herr Marquis, rief e er Herrn de Bievre zu, wie ſieht es dort aus? nach der Richtung von Verſailles zeigend. Der Gerufene ſprengte an die Kutſche heran. — Schlimm, Herr Graf. Es gibt dort nichts mehr zu holen, als Berwiinnſchungen und Ge⸗ faͤngniſſe. 1 — Ich verbitte mir jeden Spaß, mein Herr Marquis. — Ich ſage Jönen, es i*ſt bitterer Ernſt. mein Herr Graf du Barry. Der Abbe Terray zahlt nichts mehr, denn Seine Majeſtaͤt Lud⸗ wig XV. iſt todt, an dem Maͤdchen, das Dero Schweſter ihm verſchrieben, nach allen Regeln verſtorben, und das Volk hat eine ſolche Liebe fuͤr Sie und Ihre werthe Familie, daß es ſich, wenn es Sie ſieht, gewiß um Sie reißen wird. — Jacques, fahr nur zu. 68 Der Marquis hielt den Grafen, der an der Wagenſchnur ziehen wollte, zuruͤck und fuͤgte hinzu: Herr Graf, es iſt ein wohlge⸗ meinter Rath, den ich Ihnen gebe, kehren Sie um. — Es wird ſo arg nicht ſeyn, und wenn das Volk auch im erſten Augenblick ſich gegen uns eingenommen zeigt, der Hof, der Koͤnig wird uns nicht entbehren koͤnnen und uns hal⸗ ten, weil wir, ich und meine Freunde, allein im Stande ſind, die Monarchie zu halten. — O ja, wie der Strick den Gehenkten. Ich wiederhole Ihnen, kehren Sie um, Sie gehen in Ihr Verderben. Sie wiſſen, welchen Beinamen Ihnen dies Volk gibt. Verbergen Sie ſich, ſonſt duͤrften Sie ein wirklicher Rouc werden. Seyen Sie uͤberzeugt, daß der Ver⸗ haftsbefehl ſchon gegen Sie unterzeichnet iſt, und daß Sie das, was Sie dem Staate ge⸗ koſtet haben, wieder bezahlen muͤſſen. Der Graf erbleichte. In demſelben Augen⸗ blicke raſſelte eine Equipage, mit Koͤniglichen 6 8* 69 Pferden beſpannt, im Fluge an ihnen voruͤber. Eine Dame, die darin ſaß, bog ſich einen Au⸗ genblick heraus, konnte aber nicht ſprechen, ſon⸗ dern winkte nur dem Grafen, als ob er ihr nach ſollte. Es war die Graͤfin du Barry. — Nach Paris, befahl der Graf. Der Kutſcher lenkte um. — Weiter, viel weiter, fiel der Marquis ein; man moͤchte Sie ſonſt, wie einen koſtbaren Juwel, ſo feſt faſſen, daß Ihnen die Augen im ſchoͤnſten Waſſer ſpielten. Über die Graͤnze, Herr Graf, wo Sie der Franzoͤſiſchen Juſtiz ein Schnippchen ſchlagen koͤnnen, und die himmliſche fuͤrchten Sie ja ohnehin nicht. — Wir ſehen uns wieder, Herr Marquis. — Ich hoffe das Gegentheil, rief ihm dieſer nach. Man ſchreit, ſagte der Marquis, als er ſeinen Freund wieder eingeholt hatte, uͤber die Sitten gewiſſer wilder Voͤlker, welche, wenn der Fuͤrſt ſtirbt, ſeinen ganzen Nachlaß, Frauen, Diener und Pferde, auf ſeinem Grabe opfern. —— Was thun wir denn anders? Wenn freilich un⸗ ſere Miniſter wuͤßten, daß man nach dem Hin⸗ ſcheiden des Herrn, ihnen den Hals abſchnitte, ſo wuͤrden ſie bei deſſen Lebzeiten deſto mehr eilen, ſich wenigſtens den Leib zu maͤſten, und die Haut, die ſie jetzt langſam dem Volke ab⸗ ziehen, noch ſchneller zu weichen Decken fuͤr ihre Kinder und Verwandte verarbeiten. Aber entgehen denn ſelbſt die guten Diener ihrem Schickſale, naͤmlich daß man ſie fortſchickt? Um jeden Dauphin bildet ſich ſchon Jahrelang ein kleiner Hof, der freilich nur noch klein iſt, wie der um den Mond, aber doch ſchon alle die Duͤnſte und Nebel enthaͤlt, die ſpaͤter den Horizont des Monarchen umwickeln und um⸗ ziehen, und von allen Strahlen ſeiner Gnade ſpaͤter ein Durchgangsrecht verlangen werden. Natuͤrlich muͤſſen dieſen Leuten, die ſo lange von Hoffnungen gelebt haben, die aͤlteren Platz machen, wenn gleich der Platz fuͤr ſie beſſer paßte, als fuͤr jene. Jeder denkt, er werde ſchon in den neuen Regierſtuhl hineinwachſen und 71 ihn ausfuͤllen. Da ziehen ſie hin. Sie, die ſo lange Jahre wie eine Sonne am Himmel Frankreichs geglaͤnzt und geherrſcht hat, ſtuͤrzt jetzt herab wie eine Sternſchnuppe mit laͤcher⸗ licher Haſt und erliſcht mit einem Male. — Und wohl ihr noch, ſagte der Chevalier, wenn ſie in Nacht verſchwindet! Wenn die Wunden, die ihre Verſchwendung und die hab⸗ gierigen Krallen ihrer Angehoͤrigen in die Na⸗ tion geſchlagen, ſich weit aufthuen, und um Rache ſchreien, wenn das gedruͤckte Volk ſich erhebt, und nun, von der ſchmachvollen Unter⸗ druͤckung eines verachteten Weibes befreit, mit einem Male Abſtellung aller ſeiner Leiden, Ver⸗ beſſerung aller Uebelſtaͤnde hofft und verlangt, und das feſtgewurzelte Uebel nicht mit Einem Rucke herausgeriſſen werden kann, wird das Volk nicht mit verdoppelter Wuth gegen die machtloſe Urheberin dieſes Elendes ausbrechen, und der Hof, um die zuͤrnende Stimme von ſich abzuwenden, ſie als Suͤhnopfer Preis geben? — Darum meine ich ja eben, es ſey beſſer, ,‧ ſtatt ſo von dem Schauplatze ehemaliger Groͤße wegzufahren, lieber mit dem Fuͤrſten ſelbſt ab- zufahren. Den dicken Grafen bedaure ich nicht. An ihm iſt kein gutes Haar, an dem ein ehr⸗ licher Menſch ihn anfaſſen moͤchte. Er hat dem Staate Millionen gekoſtet. Wenn Terray einen dummen Streich gemacht hatte, ſo ging er zu ihm und erklaͤrte ihm, er wuͤrde ihm das bei ſeiner Schweſter anſtreichen, und ihm ein Bein unterſchlagen, wenn er, der Kontrolleur, ihm nicht gleich mit einer Anweiſung auf den Schatz unter den Arm griffe. Und je tiefer der Abbe vor Schreck die Boͤrſe fallen ließ, je tiefer griff der Graf hinein, denn er brauchte viel, der Gute. Seine Schweſter hatte, ehe ſie in's Schloß kam, ſo viel Maͤnner begluͤckt, daß er die Frauen nicht wollte zu kurz kommen laſſen. Er hat den Beinamen Mahomet nicht umſonſt gefuͤhrt, denn er iſt ihm theuer zu ſtehen ge⸗ kommen. Aber, wie geſagt, ihn bedaure ich nicht, denn er hat nur die Rolle eines Diebes im Großen geſpielt, und wohin er auch flieht, 73 es bleibt ihm immer noch genug, ſich uͤberall ein neues Serail anzulegen, und wenn es ihm um Franzöſiſche Sultaninnen zu thun iſt, ſo gibt es auch deren genug, die ſo gefaͤllig ſind, mit ihm bis an das Ende der Welt zu reiſen, ſo lange er nicht mit ſeinem Gelde zu Ende iſt. — Schlimmere Diener, als die, denen Lud⸗ wig XV. die Zuͤgel der Regierung uͤberlaſſen hatte, kann ſein Nachfolger nicht erhalten. — Wer weiß? Ungeſchickte Haͤnde bringen ſelbſt mit guten Abſichten einen Staat oft ſchneller zum Ruine, als ein geſchickter Schelm. Indeß wollen wir das Beſte von dem jungen Koͤnige hoffen, der allerdings Gelegenheit hat⸗ te, manches zu hoͤren und zu erfahren, was ihm die Augen oͤffnen muß. Bei aller Strenge gegen alte Mißbraͤuche wuͤnſche ich jedoch, daß er einige Pietaͤt gegen die alten Freunde und Beamte ſeines Vorgaͤngers beweiſe, wenigſtens gegen die Graͤfin. Was kann ſie dafuͤr, daß ihr Koͤniglicher Liebhaber ſie ſo hoch ſtellte; ſie, die fruͤher von einem Tag auf den andern oder yÿy 2 1 4 1 3 8 74 vielmehr von einer Nacht auf die andere gelebt hatte, konnte unmoͤglich etwas vom Haushalt verſtehen. Wenn ſie das Volk auszog, ſo that ſie nur in Maſſe, was ſie fruͤher ungeſtraft und ungeſtoͤrt mit den einzelnen Individuen gethan hatte. Wenn Ludwig ſeinen Thron auf einem Sopha aufſchlagen wollte, konnte ſie es wehren? Ich finde, daß man ihr noch Dank ſchuldig iſt fuͤr das Schlimme, das ſie nicht gethan hat, obgleich ſie es haͤtte thun koͤnnen, denn die Macht hatte ſie zu allem. Demoiſelle Lange, verheirathete und zugleich geſchiedene Graͤfin von Barry, war Koͤnigin von Frank⸗ reich. Von der Gourdan nach Verſailles ver⸗ ſetzt zu werden, kann einem wohl den Kopf verdrehen. Was Wunder, daß ſie nur ſolche Leute um ſich mochte, die uͤber ihr fruͤheres Le⸗ ben wegſprangen und ſie wie eine geborne Fuͤrſtin behandelten? Choiſeul mußte dem Herzog Ai⸗ guillon weichen, jetzt wird der eine wieder vor und der andere zuruͤcktreten, das iſt der Lauf der Welt. Um alle dieſe Leute iſt mir nicht 7 O— bange. Aber was ſoll die Graͤfin anfangen, wenn ſie vom Hofe verwieſen wird, und das iſt das Wenigſte, was ihr geſchehen kann, oder vielmehr iſt ſie es ſchon. Die andern werden wieder, was ſie waren. Aber das mag ſie nicht, weil es zu ſpaͤt iſt, obgleich es ihr vielleicht das reizendſte waͤre. Freunde hatte ſie nie, ſon⸗ dern nur Schmeichler, und dieſe verbeugten ſich nur vor der Favorite. Nichts Schlimmeres aber und Zuruͤckſtoßenderes, als eine Exgeliebte. Ach⸗ tung kann ihr niemand bieten. Intereſſe kann niemand zu ihr ziehen, denn eine ſolche Rolle kann man nicht zweimal Glelen Was bleibt ihr alſo uͤbrig? — Ein troſtloſes, einſames, verlaſſenes Le⸗ ben, und ſo entlegen auch das Aſyl ſeyn wird, das ſie ſich ſuchen mag, der Chor der Ver⸗ wuͤnſchungen wird doch hineindringen, und ſie aus ihrem Schlummer aufſcheuchen, und ihr Wachen verkuͤmmern und ihre Traͤume verbit⸗ tern. Sie ziehe in Frieden! Die Freunde hatten bald die Stadt ercicht. —,—²““ 4 76 An dem Laͤrm auf den Straßen, an den Aus⸗ rufungen, die ſich vernehmen ließen, erkannten ſie, daß die Nachricht von dem Tode des Koͤ⸗ nigs ihnen zuvorgekommen ſey. Ueberall hoͤrte man nichts, als Freude und Jubel, vermiſcht mit den ſchamloſeſten und abſcheulichſten Schmaͤh⸗ reden gegen die Vergangenheit. An der Ecke der Rue de Varenne trennten ſich die beiden Ka⸗ meraden; Herr von Bievre begab ſich nach ſei⸗ ner Wohnung Rue de Seve, und der Chevalier ritt, mit dem Bedienten hinter ſich, nach dem Hotel in der Rue de Verneuil, das ſein Onkel bezogen hatte. An dem Thor kam ihnen ein Knecht entgegen, der die Pferde in Empfang nahm und dem Chevalier ſagte, daß ſein Oheim zu Hauſe ſey. Herr von Reynaud eilte die Treppe hinauf in die Arme des Herrn von Blenaye, nachdem er Mayeux noch zugerufen, daß er ſeiner nicht mehr beduͤrfe. a Dieſe Erklaͤrung kam dem Letztern ſehr gele⸗ gen, da waͤhrend des langen Weges ihn ſeine Sehnſucht nach der Geliebten nicht wenig ge⸗ 77 quaͤlt hatte. Er ſprang nun ſchnell in ſein Zim⸗ mer, brachte die Verwuͤſtung, welche der Ritt in ſeiner Toilette angerichtet hatte, behutſam in Ordnung, ſtrich ſich die Friſur zurecht und huͤpfte darauf mit dem gluͤcklichſten Laͤcheln zwei Treppen hoͤher, nach der beſcheidenen Wohnung des Herrn Laroſſe. 14 Das Ausſehen des Zimmers, in welches Mayeux, nachdem er leiſe angeklopft hatte, hereintrat, war in der That faſt mehr als be⸗ ſcheiden, beinahe aͤrmlich zu nennen. Wenn man nicht einige Blumentoͤpfe, die an dem en⸗ gen Fenſter ſtanden, fuͤr Zierrathen gelten laſ⸗ ſen wollte, ſo beſchraͤnkte ſich das Meublement nur auf das allernothwendigſte. Einige Rohr⸗ ſtuͤhle, ein Bett ohne Gardinen und ein Schreib⸗ pult, deſſen urſpruͤngliche Farbe unter Tinten⸗ kleckſen untergegangen war und der ſich jetzt nur durch ein wuͤſtes Durcheinander von Pa⸗ pier, Federn und Buͤchern auszeichnete, war Alles, was beim erſten Blicke in die Augen ſiel. In einem Kaͤmmerchen, das an die Stube 78 ſtieß, ſtand noch ein Bett, das jedoch Vor⸗ haͤnge vor hatte und vermuthlich fuͤr die Toch⸗ ter des Schriftſtellers beſtimmt war. Denn ein Schriftſteller iſt Herr Laroſſe, der dort an dem Pulte ſitzt, allerdings und es iſt moͤglich, daß er, wie er dort in den bloßen Hemdsaͤrmeln, die bis an den Hals zugeknoͤpfte Weſte mit Schnupftabak punktirt, die hohe Muͤtze auf dem kahlen Haupte, da ſitzt und an der Feder kaut, jetzt eben an einem Hochzeitsgedichte, an einem Raͤthſel fuͤr den Merkur oder an einer Sa⸗ tyre gegen die Regierung arbeitet. Oder wer weiß, ob er ſich nicht auf die Philoſophie ge⸗ worfen hat und in die Fußſtapfen Diderot's und d'Alembert's tritt? Er ſchien wenigſtens ſd vertieft in ſeine Arbeit, daß ihn das Klopfen an die Thuͤr durchaus nicht ſtoͤrte und daß er das Eintreten des Herrn Mayeux nicht eher be⸗ merkte, als bis ihn dieſer mit einem leiſen Schlage auf die Schulter aus ſeinen tiefen Ge⸗ danken aufſchreckte. — Oh, Ihr Diener, bewillkonmnte er ihn 79 — endlich, an ſeine Muͤtze faſſend, bedaure, daß Geſchaͤfte— Sie verſtehen mich— Jeannette, komm' heraus und unterhalte den Herrn Mayeun bis ich mein Werk vollendet. Immer ſo fleißig, antwortete der Kam⸗ merdiener, wandte ſich aber ſogleich nach dem Stuͤbchen hin, aus dem auf den Ruf ihres Va⸗ ters, obwohl mit nicht ſehr heiterer Miene, Demoiſelle Laroſſe heraustrat. Mayeur flatterte, ſo leicht es das Gewicht, das ihn ſtets nach hinten zog, ihm erlaubte, auf die ſchoͤne Jeannette zu und kuͤßte ihr zaͤrt⸗ lichſt die Hand, indem er ihr einſtudierte Schmeicheleien zufluͤſterte, auf die ſie jedoch keinen großen Werth zu legen ſchien. Es fſiel ihm ſelbſt auf, daß ſie ihn heute zerſtreuter aals je zuhoͤrte und den Blick faſt nicht von dem Fenſter verwandte, durch welches ſie immer ohne Nachlaß nach der Straße ſtarrte, als ob ſie jemand ſehnlichſt erwartete. Teufel! ſeufzte Mayeur innerlich und ſein ſteifes Haar fing an, ſich langſam zu ſtraͤuben, 8⁰ waͤhrend die kleinen Augen und die ſich roͤthen⸗ den Warzen auf ſeinem Kinne Feuer ſpruͤhe⸗ ten, ſollte ſie in meiner Gegenwart an ein an⸗ deres Mannsbild denken?— Jeannettens Augen aber fuͤllten ſich mit Thraͤnen und ihrem Munde entſchluͤpfte der Ruf: er kommt nicht. — Wer, Mademoiſelle? frug Mayeux, die Lippen aufwerfend, daß eine gewaltige Reihe von Zaͤhnen ſichtbar wurde, wer kommt nicht? — Gewiß der Jouve, antwortete der Vater, der ſich eben nach dem Paare umgewendet hat⸗ te, und da ſein Werk geendet ſeyn mogte, auf⸗ ſtand und ſich den Beiden naͤherte. Er hat um meine Tochter angehalten— Mayeux riß den Mund auf, konnte aber keinen Ton vorbrin⸗ gen— ich habe ihm aber geſagt, daß ich ei⸗ nem Geſellen mein Kind nicht zur Frau geben wuͤrde; wenn er Meiſter waͤre, ein Geſchäͤft haͤtte, dann freilich, da meine Jeannette ihm vielleicht nicht abgeneigt— — Aber zum Wetter! ſchrie endli ch Mayeur, von der Fenſterbank herabſpringend, was iſt 81 denn das, geehrter Herr Schwiegerpapa? Haben Sie ſie mir denn nicht erſt geſtern noch zuge⸗ ſagt, als ich Ihnen die Geſchichte von meinem Herrn erzuͤhlte und was er fuͤr große Stuͤcke auf mich hielte? — Das war ſpaͤter. — O Gott, wenn ſich auf Dichter nigt mehr zu verlaſſen iſt, wem ſoll man denn trauen? Und Sie, Demoiſelle, Sie koͤnnten ei⸗ nen ſo einfaͤltigen, aufgeſchoſſenen Menſchen, der ſo maſſiv wie ſein Handwerk iſt, einen Huf⸗ ſchmied, einen Mann, der nur mit dem Vieh umgeht, den koͤnnten Sie einem kultivirten, einem ſo feinen Herrn vorziehen, der, ohne mir zu ſchmeicheln, es an Politur mit jedem Edelmanne aufnimmt und der, wo er nur ſich ſehen laͤßt, alle Blicke auf ſich zieht? O De⸗ moiſelle Jeannette, ich haͤtte Ihnen nicht dieſe Geſchmackloſigkeit, und Herr Laroſſe, ich haͤtte Ihnen nicht dieſe Verraͤtherei zugetraut. — Geſtern war der letzte Termin, antwor⸗ tete der Vater, bis zu dem ich Jouves Ant⸗ I. 6 8² wort abwarten wollte; kommt er heute nicht, ſo bin ich meines Wortes entbunden. — O dann iſt alles gut, jubelte Mayeux und drehete ſich auf einem Beine herum, daß er ausſah wie ein rieſiger Kreiſel; er kommt nicht, er kommt nicht! — Woher wiſſen Sie das? fuhr Denwiſele Laroſſe auf. — Weil ich eben in vollem Galloppe von Verſailles herkomme und ich ihn dort geſehen habe, wie er ſich noch mit einigen Burſchen unter dem andern Volke umhertrieb und laͤrm⸗ te und ſpektakelte und ſich luſtig machte, offen⸗ bar ganz unbekuͤmmert um die ſchoͤnen Augen, die ihm in Paris nachweinen. Demoiſelle Jeannette nahm ihr Tuch vor und verließ ſtill das Zimmer. — Deſto beſſer, antwortete Laroſſe, ſo ſind wir ihn los, und unſere Abſprache gilt, das heißt, wenn Sie die Erlaubniß des gnaͤdigen Herrn von Blenaye und die verſprochene Aus⸗ ſteuer erhalten, denn ohne Geld laͤßt ſich nicht 83 heirathen, und dann halte ich darauf, daß man ſeine Herren respektire. Sie ſind uns von Gott vorgeſetzt und das Goͤttliche muß man ehren. Das gemeine Volk faͤngt jetzt zwar an zu murren und ſchwatzt dem Narren Rouſſeau und dem boshaften Teufel von Voltaire nach, daß alle Menſchen gleich und von Natur jeder gleiche Rechte habe, aber das iſt Unſinn. Wo⸗ fuͤr waͤre denn der Adel, wenn er nicht zum Beſtehen der Geſellſchaft noͤthig waͤre, und da er einmal da iſt, gebuͤhren ihm nicht ſeine Vor⸗ rechte vor den niedern Klaſſen? Nieder! ſagt nicht das Wort ſchon an, daß das Volk unter dem Adel ſteht und alſo von ihm auf den Kopf getreten wird? Unterſcheidungen muͤſſen ſeyn; wo alles in einander laͤuft, ſtuͤrzt bald alles zuſammen. — Ganz meine Anſicht, Herr Laroſſe, und ich ziehe es daher auch vor, Kammerdiener ei⸗ nes Vornehmen, als ein unabhaͤngiger Buͤrger zu ſeyn, beſonders da ich wohl ſagen darf, da ich weniger wie ein Diener, als hm! wie ein 84 — Sohn von Herrn de Blenaye behandelt werde. Fuͤr die Erlaubniß und das Uebrige werde ich ſorgen. — Thun Sie das. Da habe ich eben eine Ode fertig gemacht. Ich befaſſe mich ſonſt nicht mit dergleichen hochſtrebenden Sachen. Sie heißt: die Wahl der Miniſter zeigt die Weis⸗ heit der Koͤnige. Sie iſt an den Herrn Herzog von Aigutlllon gerichtet. — Aber wenn der bis Morgen abgeſetzt wird? — So ſchreibe ich ſie ab und adreſſire ſie an ſeinen Nachfolger. Wollen Sie ſie hoͤren? — Morgen, lieber Schwiegerpapa. Heute will ich erſt das Noͤthigſte in Ordnung brin⸗ gen. Demoiſelle Jeannette, Ihr gluͤcklicher Braͤutigam legt ſich Ihnen zu Fuͤßen. Herr von Blenaye fand zu ſeiner großen Beſtuͤrzung ſeinen Neffen ſehr veraͤndert. Er ſchien ihm wo moͤglich noch ernſter, bekuͤmmer⸗ ter auszuſehen, als bei ſeiner Abreiſe von dem Guͤtchen bei Aix. Nach einer theilnehmenden Er⸗ 8⁵ kundigung erkannte er zwar, daß die alte Liebe nicht mehr an dem Leben ſeines theuern Pfleg⸗ lings zehre, daß ſie aber eine Oede in ſeinem Herzen zuruͤckgelaſſen hatte, die er bisher nicht auszufuͤllen faͤhig geweſen war und die ihm ſein Daſeyn zu einer druͤckenden Laſt machte. Das ſoll mir anders werden, dachte Herr von Blenaye und entwarf ſogleich einen Plan, den Chevalier zu beſchaͤftigen und zu zerſtreuen. Iſt es mir doch in meiner Jugend beinahe eben ſo gegangen, ſagte er, nur fehlte mir damals das Geld, mit dem ſich alles ausrichten laͤßt, und das habe ich jetzt. Er fuhr, ritt und ging mit ihm, trieb ihn in Geſellſchaften, fuͤhrte ihn eines Morgens ſogar zu Demoiſelle Beaumesnil, deren Lie⸗ benswuͤrdigkeit er ihm mit den gluͤhendſten Far⸗ ben geſchildert hatte, aber obgleich die Schau⸗ ſpielerin ihn zuvorkommend aus der Menge der ſie umgebenden Verehrer hervorzog und ſich mit ihm in ein anhaltendes Geſpraͤch einzulaſ⸗ ſen ſuchte, ſo blieb er doch ernſt und in ſich 86 gekehrt wie immer. Der Onkel war außer ſich vor Unruhe und Kummer und nur die ſchoͤnen Abende, die er bei ſeiner angenehmen Geliebten verbrachte und von denen er immer bezauberter zuruͤckkam, hielten ihn ab, daß er nicht auf der Stelle einpacken ließ und mit ſeinem Nef⸗ fen eine Reiſe durch die ganze Welt antrat, um ihn nur etwas aus ſeiner Abſpannung auf⸗ zuruͤtteln. Eines Nachmittags trat der Chevalier in das Gemach ſeines Onkels und zeigte ihm an, daß er ihn am naͤchſten Tage nicht begleiten koͤnne. — Und warum nicht? — Ich bin nebſt Bievre und Verigny beor⸗ dert, die Leiche des Koͤnigs nach St. Dan zu eskortiren. — O ich fahre mit. und weißt Du, daß uͤbermorgen wieder alle Theater eroͤffnet wer⸗ den? So laß auch Deinen Truͤbſinn uͤbermor⸗ gen fahren und ſtecke eine luſtige Flagge aus, wie die ganze Welt. Was Teufel 2 ſoll ſich 87 denn Dein alter Onkel vor Dir Deiner Luſtig⸗ keit wegen ſchaͤmen? Es war ein unwirſcher, regniget Nach⸗ mittag, als Herr von Blenaye mit ſeinem Neffen nach Verſailles fuhr, von wo des naͤch⸗ ſten Morgens die Leiche in die Koͤnigliche Gruft abgefüͤhrt werden ſollte. Von Dewmeiſelle Beau⸗ mesnil hatte er mit um ſo leichterm Herzen Urlaub genommen, als ſie an dieſem und dem naͤch⸗ ſten Abende in den Proben zu einer neuen Vor⸗ ſtellung beſchaͤftigt war. In Verſailles traf er die Freunde ſeines Neffen, die ihn herzlich be⸗ willkommneten, ſich jedoch bald des Dienſtes wegen von ihm trennten. Er verbrachte den Abend allein und verdrießlich und waͤre beinahe auf der Stelle wieder nach Paris umgekehrt. Der Zug ſollte am andern Morgen fruͤhzei⸗ tig abgehen. Herr von Blenaye ließ ſich ſchnell von Mayeur ankleiden, ſeine Kutſche nach dem Schloſſe hinfahren und eilte zu Fuß nach dem Platze, wo er ſeine jungen Freunde treffen ſoll⸗ te. Sie waren in voller Bereitſchaft und war⸗ 88 teten nur auf den Befehl zum Aufbruch. Der Oheim wurde freudig begruͤßt. 4 — Seine Majeſtaͤt hat ſich ſchlecht Wetter zur letzten Reiſe gewaͤhlt, ſagte Herr von Ble⸗ naye. — Da halten Sie ja, antwortete Verigny, dem Koͤnige dieſelbe Leichenrede„ die er der Pompadour nachgerufen hat. — Sie haben beide, bemerkte Bievre, naſſe Augen genug gemacht; es iſt billig, daß es der Himmel ihnen wieder eintraͤnkt. — Aber ich ſehe ja noch keine Anſtalten zum Zuge? fragte der Alte. — Keine Anſtalten und ſie ſtehen doch vor Ihnen. — Wo? — Hier in dieſem Wagen. — Sie ſcherzen. — Nicht im mindeſten, erwiederte Verigny, in dieſem Wagen befindet ſich der Sarg Seiner Majeſtaͤt Ludwigs XV. — Und alſo, ſetzte der Marquis hinzu, das 89 Kopf⸗ und Fußſtuͤck der ganzen Ceremonie. In dieſem Wagen liegt das fuͤnfzigjaͤhrige Ungluͤck Frankreichs, der Fluch und der Jammer zweier Generationen,— der ſchwer genug wiegt, daß die Pferde daran zu ziehen haben werden. Und das, denke ich, iſt doch Zug genug. — Aber bei alledem iſt es doch unret, ſo wenig Ruͤckſicht zu nehmen. — Das Volk will auch nicht ruͤckwaͤrts, ſon⸗ dern nur vorwaͤrts ſehen. Und wer weiß, ob es ruhig geblieben waͤre, wenn es dieſe Leiche mit Pomp haͤtte beſtatten ſehen. So wird es ſich jetzt mit einigen Witzen begnuͤgen. — Alſo die ganze Eskorte? — Beſteht aus uns. — Kein Wagen? — Nur der Ihrige, der ſo eben ankoͤmmt. — Setzen Sie ſich ein, lieber Onkel, denn dort bringt Herr von Giroud die Ordre, uns in Bewegung zu ſetzen. Es ging in ſchnellem Trabe fort. Der unun⸗ 90⁰ terbrochene Regen gab der ſonderbaren Fahrt etwas noch Unheimlicheres, Niederdruͤckendes. Die Straßen waren ziemlich leer, wo ſich je⸗ doch Menſchen blicken ließen, verfolgten ſie den Wagen mit Hohngelaͤchter und ſchamloſen Witze⸗ leien; ja die Offiziere konnten nicht wehren, daß ſelbſt mit Koth und Steinen nach dem Sarge geworfen wurde, was Herrn von Ble⸗ naye in ſeiner Equipage nicht wenig bange machte, da einige verirrte oder abſichtlich ſo ge⸗ richtete Wuͤrfe ſeinen eigenen Wagen trafen. Zum Gluͤcke hatte er das Mißliche und Lang⸗ wierige der Fahrt vorausgeſehen und ſich we⸗ nigſtens in Einer Beziehung gut bedacht, die beſonders auch Herrn de Bievre ſehr gelegen kam. Das Wetter war kuͤhl und ſo nahm jeder der drei jungen Leute gerne die Einladung an und ſetzte ſich einer nach dem andern zu ihm in den Wagen, um an ſeiner reichlich verſorg⸗ ten kalten Kuͤche und an ſeinem noch beſſer ge⸗ fuͤllten Flaſchenkorbe ſich fuͤr das unasgenehnts des Dienſtes zu entſchaͤdigen. 91 Es war ſchon dunkel, als ſie in St. Denis ankamen, und mit ſolcher Nachlaͤßigkeit waren alle Anordnungen zu dem Leichenbegaͤngniſſe ge⸗ troffen worden, daß nicht einmal eine Kerze in der Kirche brannte. Man mußte ſchnell ein Licht holen, um ſich nur zurecht finden zu koͤn⸗ nen. Zu den Fuͤßen des Altars geſtellt, ver⸗ breitete es einen ſpaͤrlichen Schimmer uͤber die naͤchſten Gegenſtände, waͤhrend die Schatten in dem uͤbrigen Theile des Gebaͤudes immer duͤſterer und dichter wurden. — SIch glaube doch, ſagte der Chevalier, daß mein Oheim Recht hat, dieſe Sorgloſigkeit zu tadeln. Mich duͤnkt, daß dieſe Geringſchaͤ⸗ zung, ſelbſt des ſchlechteſten Koͤnigs, das ganze Koͤnigthum in den Augen des Volkes herabſetzt. Man ſollte der Krone, auch nicht der gefalle⸗ nen, ihren heiligen Schimmer nehmen, damit das Volk nicht zuletzt gegen den Glanz ſelbſt gleich⸗ guͤltig werde und ſtatt vor der Majeſtaͤt demuͤthig zu knien, ihr aufgerichtet Aug' in Auge blicke. Ein Geiſtlicher trat vor den Altar und ſprach 92 ein kurzes Gebet. Er ſtieß dabei an das Licht, das niemand beachtete, dieſes fiel auf das Al⸗ tartuch und ſteckte es in Brand. — Gut, rief Herr de Bievre, daß ewas Feuer in die Predigt kommt, ſie war kalt zum Erfrieren. — Wie haͤtte er auch Waͤrme hineinbringen köͤnnen, entgegnete Verigny, er haͤtte denn die Hoͤlle mit in's Spiel ziehen muͤſſen. Das Feuer ward ſchnell geloͤſcht und der Sarg in die Gruft gelegt. Herr von Blenaye lud die jungen Leute ein, mit ihm nach Hauſe zu fahren und bei ihm Abendbrod zu eſſen, ein Vorſchlag, der von allen gerne aufgenommen wurde. Es war ſchon Nacht, als ſie in Paris hineinfuhren. Da ſie die Treppe nach der Woh⸗ nung des Herrn von Blenaye hinaufſtiegen, boͤrten ſie im obern Stocke laut und heftig re⸗ den. 1. — So hoͤre doch nur, ſchluchzte eine weib⸗ liche Stimme. — Ich will nichts hoͤren, ich will nichts 9³ mehr von Dir wiſſen, treuloſe, falſche Verraͤ⸗ therin, rief ein maͤchtiger Baß dagegen. — Was iſt denn das, Mayeur, fragte der Chevalier, indem er eben ſeinen Freunden in das Zimmer nachfolgen wollte. — Nom de Dieu! antwortete der Diener freudeſtrahlend, hoͤren Sie denn nicht? Das iſt meine holde Jeannette, die einem ihrer Anbeter den Laufpaß gab, einem groben Schmied, der natuͤrlich mit mir ſich nicht meſſen konnte. — Warum biſt Du nicht zur rechten Zeit gekommen? jammerte das Maͤdchen. — Preſſirte es denn ſo auf den Tag? herrſchte Jouve zuruͤck. Mußteſt Du Dich des⸗ halb gleich mit einem andern verſprechen? — Der Vater— — Pfui uͤber Dich und Deinen Vater, den alten Schelm— — Ja es iſt aber doch Deine Schuld, Deine Unordentlichkeit— 4 — Mach' Du mir noch Vorwuͤrfe. Ich waͤre der ordentlichſte Menſch geworden, aber jetzt hole der Teufel alle Arbeit und alle Ordnung: jetzt will ich erſt leben und Gnade Euch Allen, wenn ich einmal mein Muͤthchen an Euch küͤh⸗ len kann. — So ſey doch nicht gleich ſo wild; es kann ſich ja noch machen und ich behalte Dich ja doch lieb, und Du kannſt mich ja doch im⸗ mer fort lieben— — Wie gefaͤllt Dir das? fragte der Che⸗ valier. Mayeur ſteckte den Kopf tief zwiſchen! ſei⸗ ne hohen Schultern. Redensarten, gnaͤdiger Herr, ſtotterte er; Redensarten, um ihn los zu werden. Und kennt ſie mich nur erſt recht— — Laß mich los, rief es oben von Neuem, ich will nichts mehr von Euch wiſſen. Laß mich, Adieu und gruͤße mir Deinen ſaubern Vater, den alten Kuppler. 3 MNit zwei Saͤtzen ſprang er die Treppe her⸗ unter und ehe ſich Mayeur noch beſinnen konn⸗ te, flog er auch ſchon, von einem Rippenſtoße des Geſellen unſanft getroffen, gegen die Thuͤr, 95⁵ durch die eben der Chevalier ſich entfernt hatte, und prallte noch ſo heftig zuruͤck, daß er der Laͤnge nach auf den Flur ſtuͤrzte. So fand ihn Jeannette, die vermuthlich ihrem Geliebten nach⸗ eilen wollte; aber ſie kuͤmmerte ſich nicht um ihn, ſondern ging langſam die Treppe wieder hinauf. Das ſchmerzte ihn mehr, als die blauen Flecken, die er davon getragen hatte. Der Chevalier erzaͤhlte ſeinem Onkel, der ſich wunderte, daß ſich Mayeux nicht ſehen laſſe, das Ungluͤck, das den armen Schelm be⸗ teoffen hatte. — Wer heißt den Narren ſich verlleben, ſagte der Marquis, als alle herzlich gelacht hat⸗ ten. Wenn ſich ſchlanke Leute ſolche Geſchichten gefallen laſſen muͤſſen, glaubt er etwas Appar⸗ tes haben zu koͤnnen, da ihm die Natur doch vor Andern Platz verliehen, ſeine Laſt zu tra⸗ gen? Er ſoll hereinkommen, fuͤgte er hinzu, da eine ſchnell hinter einander ausgetrunkene Flaſche Burgunder ihn ſchon mehr als enuühne lich aufgeregt hatte. Ein Bedienter holte Mayeux herein, der mit gequetſchter Naſe und einer Beule vor der Stirne hereintrat. — Seht nur, wie der Menſch ausſieht, rief Herr de Bievre, auf den Armen hinweiſend. Wie ein Dromedar mit duͤnnen Beinen und dickem Hoͤcker. Hat nicht der Ruͤcken, auf den er ge⸗ fallen iſt, durch ſeine Elaſtizitaͤt noch einen kleinen Ableger nach vorn herausgetrieben? Sag mir, Kameel, wie kannſt Du nur ſo ein⸗ faͤltig ſeyn, Dich mit Deinem Bergwerk an ein Maͤdchen zu haͤngen? Jetzt biſt Du mit einem blauen Auge davon gekommen. Kuͤnftig wirſt Du ganz blind ſeyn muͤſſen, wenn Du nicht ganz verzweifeln willſt. Du biſt ſchon vor der Hochzeit aus dem Himmel auf die Treppe ge⸗ fallen, nachher wird Deine Frau noch ganz an⸗ dere Spruͤnge machen, bei denen nicht ſie, ſondern Du den Hals brechen kannſt. Dein Geſicht ſpielt jetzt ſchon alle Farben, mit der Zeit wird man es Dir noch ganz anders anſtreichen. Und dieſe platt gedruͤckte Fleiſchmaſſe, gewoͤhn⸗ g. lich Naſe genannt, die aber jetzt ausſieht, als ob man etwas rohes Fleiſch auf eine darunter verborgene Brandwunde gelegt haͤtte, dieſes Denkmal Deiner Beſcheidenheit und Herablaſ⸗ ſung auf die Treppenſtufe, ſollte es das kalte Herz Deiner Angebeteten in Staunen ſetzen? — O Gott, ſtoͤhnte Mayeux. — Laß ihn gehen, bat der Chevalier und winkte dem Gequaͤlten, ſich zu entfernen. — Und doch, fuhr Bievre, immer luſtiger werdend, fort, wie gluͤcklich iſt der Schlingel, daß er ſo ein Plattfiſch iſt, denn wenn er nach Perſiſchen Anſichten eine Schoͤnheit waͤre und einen ſo bedeutenden Geſichtsvorſprung haͤtte, wie unſer verehrter Wirth hier, wie denn aller⸗ dings auch bei uns viele Frauen auf große Falkennaſen ſehen und ſich von ihnen angeln laſſen, Himmel, welches Ungluͤck wuͤrden wir taͤglich erleben! Herr von Blenaye, ich bewun⸗ dere Ihren Stoicismus, Ihre Gleichguͤltigkeit gegen die fuͤrchterlichſte aller Gefahren, Ihren J. 7 98 Heldenmuth, mit dem Sie, ohne daran zu denken, ſich taͤglich einer Kataſtrophe ausſetzen. — Wie ſo? fragte Herr von Blenaye. — Sie errathen nicht? Welcher Menſch ſteht ſo feſt, daß er nicht einmal zum Falle kommen koͤnnte? Ich freilich weniger, als Andere, denn waͤhrend ich hier ſtill und gemuͤthlich ſitze, fangt Ihr ſchon an, Euch um mich zu drehen, und wenn Ihr Euch nicht in Acht nehmt, werdet Ihr bald alle ſammt auf der Naſe liegen. Die Naſe! Ja dabei faͤllt mir ein, was ich ſagen wollte. Wenn Sie alſo fielen, was ſtaͤnde Ih⸗ rer Naſe bevor? Und wenn Sie noch ſo ſpitz und frech in die Luft hinausfaͤhrt, ein Stein, ein Brett iſt keine Luft, die ihr ausweicht. Ein Kieſel iſt ein unverſchaͤmter Grobian, der ſich nicht ſo viel um die ſchoͤnſte Naſe kuͤmmert, ſondern ihr eins verſetzt, daß ſie entweder de⸗ muͤthig in ſich geht und ſich gewiſſermaßen ſelbſt uͤberzieht, oder nach einer von beiden Seiten umknickt und in dieſer windſchiefen Richtung einmal in Gefahr koͤmmt, auf eigenem Grund 4 99 und Boden Krieg anzufangen und mit ihrer Spitze ein Auge zu durchbohren. Sie ſind alt geworden mit Ihrer Naſe, Herr von Blenaye, und lieben die Veraͤnderung nicht; aber an Ihrer Stelle wuͤrde ich zittern, uͤber die Straße zu gehen, ohne meine Naſe in einem ſtarkbeſchla⸗ genen Futteral ſicher zu wiſſen. — Trink nicht mehr, Bievre, ſagte Ve⸗ rigny. — Laſſen Sie ihn nur, fiel Herr von Ble⸗ naye ein. — Warum ſoll ich nicht trinken? fuhr der Marquis auf. Der Wein iſt gut und ich habe mein Vergnuͤgen an guten Weinen. Der Cham⸗ bertin iſt etwas zu kalt, Herr von Blenaye. — Wir wollen ihn verſchlagen laſſen. — Gut, das kann nichts verſchlagen. Blei⸗ ben wir einſtweilen bei dieſem Cote⸗Roti. Ein mildes, huͤbſches Weinchen. Warum ſoll ich nicht trinken, Verigny? Sehen Sie mich an, Herr von Blenaye. Wie finden Sie mein Ge⸗ ſicht? Spiegelt ſich nicht die Roſenfarbe der 100 ſtillen Zufriedenheit darauf? Glaͤnzt mein Auge nicht von Freude und Wonne?„Thue des Gu⸗ ten, ſo viel Du kannſt.“ Das iſt mein Wahl⸗ ſpruch und ich halte ihn redlich, denn ich bin den ganzen Tag beſchaͤftigt, mir etwas zu Gute zu thun. Betrachten Sie dagegen dieſe bleichen Geſichter, welche Ihrem verehrten Nef⸗ fen und dem braven Herrn von Verigny ange⸗ hoͤren. Steht nicht auf jedem Zuge mit großen Buchſtaben das Wort: Waſſer, geſchrieben?— Nichs als blaſſe Monotonie, ohne Farbenmi⸗ ſchung, ohne Glanz, alles kalt, trocken und nur von einigen dunkeln Linien durchfurcht, welche die Liebe mit ſchwerer Hand hinein ge⸗ zeichnet hat. Der Wein ſteigt ihnen nicht ein⸗ mal zu Kopf, denn ſie haben ihn ſchon mit dem Herzen verloren. Der Wein bringt uns auch zuweilen um die Beſinnung, aber ein Paar Stunden darauf ſtellt ſie ſich wieder ein, und wir ſind friſch wie zuvor. Wem die Liebe aber den Verſtand raubt, der findet ihn erſt nach der Hochzeit wieder, wenn er ihn nicht 101 mehr brauchen kann. Mein zweiter Wahlſpruch iſt,„verſchuͤtte den alten Wein nicht, ehe Du den neuen haſt.“ Und da kommt der Chamber⸗ tin zuruͤck, und ich bitte, mich jetzt etwas in Ruhe zu laſſen, denn das will mit Andacht und gruͤndlicher Ueberzeugung genoſſen ſeyn. — Und ein ſo heiterer Freund, wandte ſich Herr von Blenaye zu ſeinem Neffen, konnte Dich nicht heiter ſtimmen? — Sie haben mich nie gelehrt, antwortete der Chevalier, mein Gluͤck auf dieſem Wege zu ſuchen. 1 — Bei ihm gebe ich meine Hoffnung auf, unterbrach ihn der Marquis. Er iſt ein Phan⸗ taſt. Schwaͤrmen iſt Dunſt, Dunſt iſt Waſſer und Waſſer— — Iſt freilich das Schrecklichſte, was Du Dir denken kannſt. — Und Sie, Herr von Verigny, auch Sie finde ich heute ſo ſchweigſam? — Laͤßt uns denn unſer Freund hier zu Worte kommen? 10² — Bedankt Euch bei mir, alter Herr. Die Worte des Chevaliers wuͤrden ſich doch nur in Seufzer der Sehnſucht, die Verigny's in Seuf⸗ zer des Ver⸗ und Ueberdruſſes aufloͤſen. Mit dem einen iſt nichts anzufangen, weil er ſich fuͤr zu ungluͤcklich haͤlt; mit dem andern, weil er zu gluͤcklich iſt. Der eine ſchmachtet nach Liebe, den andern druͤckt die Liebe zu Boden. Mangel und Ueberfluß wirken auf beide gleich niederſchlagend. Iſt's nicht ſo? — Auf jeden Fall, Herr von Verigny, ſagte Herr de Blenaye lachend, wird Ihr Un⸗ gluͤck die meiſten Neider finden. — Ich bedaure aufrichtig, Herr von Ble⸗ naye, wenn Sie mich heute nicht in der Stim⸗ mung finden, die Ihre Gaſtfreundlichkeit er⸗ warten durfte. Glauben Sie mir, daß es nur eine augenblickliche Verlegenheit iſt, die mich verſtimmt, niederbeugt, und daß es auch an mir nicht gelegen hat, wenn Sie unſern Freund Raynaud noch immer in derſelben Gemuͤthslage finden, in der Sie ihn verlaſſen haben. 103 — Aber liebſter Onkel, rief der Chevalier laͤchelnd, thun Sie doch, als ob von der groͤ⸗ ßeren oder geringeren Heiterkeit, die mein Weſen zeigt, Leben und Seligkeit abhinge. Ich lebe darum nicht weniger, als einer von den Herren, die ihren Frohſinn zur Schau tragen, ja es gibt Genuͤſſe, die ihnen vielleicht ganz fremd und unbekannt ſind, und die mich wohl fuͤr das entſchaͤſigen, was ſie ſo hoch ſtellen. Wenn niemand dadurch verletzt wird, ſo laſſe man doch jedem ſeine eigene Art des Vergnuͤ⸗ gens, und wenn mir noch etwas fehlt, ſo ſeyen Sie verſichert, daß es an meinem Wil⸗ len nicht liegen ſoll, dieſe Luͤcke auszufuͤllen. — Vernaͤnftig ſeyn iſt ſchon Recht, aber alles hat ſeine Grenzen. Wenn man Dein Al⸗ ter hat, ſo mag ich es leiden, daß man friſch in das Leben hineingreift und nicht betrachtend vor dem Vorhange ſtehen bleibt. Die Jugend iſt dazu da, daß man ſich ſein Theil von dem Feſte nehme, die Zeit des Zuſehens und des Aufwartens kommt ſchon von ſelbſt. Die Tafel 104 iſt gedeckt, der Zutritt ſteht Dir offen, warum nicht beſcheiden zugreifen? — Weil ich fuͤrchte, daß die glaͤnzenden Fruͤchte innen von Staub ſind. — So ſuche, bis Du Wahrheit findeſt. Soll ſie gerade Dir entgegenkommen? — Und wer ſagt Ihnen, daß ich das nicht thue 2 — Nicht Deine Freunde, Dein Weſen ſagt es mir. Dem Schwaͤrmer genuͤgt ſchon ſeine Schwaͤrmerei und er glaubt, nach Kraͤften ge⸗ handelt zu haben, wenn er in ſeiner Phanta⸗ ſie die Welt verbeſſert. Wenn die Phantaſie Adlerſchwingen hat, welche die That nach ſich ziehen, ſo kann ſie Großes leiſten, wenn ſie aber an der Erde herumſtreift und wie ein Bampyr mit ihrem Flattern die Willenskraft in Schlummer wiegt, dann verbluten die be⸗ ſten Faͤhigkeiten und Talente. Du graͤmſt Dich um Liebe und weil das Ideal bis jetzt noch nicht eines Morgens in Deine Stube getreten —— — 105 iſt, ſo quaͤlſt Du Dich in den Traͤnmen un⸗ befriedigter Sehnſucht ab. — Gut geſprochen, rief der Marquis, mach's wie Verigny und probire alle Tonarten des weiblichen Geſchlechts durch, bis Du den rechten Akkord gefunden. — und wenn ich den eigenen Schmerz ge⸗ taͤuſchter Hoffnung nichts rechne, warf der Chevalier ein, die Verzweiflung der Verlaſſenen rechnet Ihr nichts? — Mein lieber Freund, entgegnete der Mar⸗ quis, heut zu Tage verzweifelt man nicht mehr um ſo unbedeutende Verluſte. Wo die Erſatz⸗ mannſchaft ſo groß iſt, macht ein Deſerteur weder Aufſehen, noch Kummer. — Die du Barry hat mehr verloren, als bloß einen Geliebten, und ſie befindet ſich doch ganz wohl in der Abbain Pont aux Dames, wohin ſie Seine Majeſtaͤt verwieſen hat. — Auf die Geſundheit des Koͤnigs, meine Herren! rief Herr von Blenaye aufſtehend. 106 — Und auf die der Koͤnigin, der Sonne des Hofes, fuͤgte Verigny hinzu. Alle ſtießen die Glaͤſer zuſammen. — Hat er nicht ſchon gehalten, rief der Chevalier begeiſtert, was wir uns von ihm ver⸗ ſprochen? Die Miniſter, die ſich mit Recht den Haß der Nation aufgeladen, ſind entſetzt; Maͤnner, die das allgemeine Vertrauen genie⸗ ßen, wie Muy und Maurepas, aus ihrer lan⸗ gen Verborgenheit hervorgezogen; der Koͤnig entſagt, um die Laſten des Volkes zu erleich⸗ tern, einem Theil ſeines eigenen Einkommens; er ſelbſt geht allen mit dem herrlichſten Bei⸗ ſpiele der Thaͤtigkeit, Sparſamkeit und Sitt⸗ lichkeit voran, verbannt die ſchmaͤhlichen Die⸗ ner der Ausſchweifung ſeines Vorfahren, wie Richelieu und Vrilliere, aus ſeiner Naͤhe; hilft, wo er kann; gibt und troͤſtet, heilt die tiefen Wunden. Ja, es bricht eine neue Aera fuͤr unſer Vaterland an, das Koͤnigthum wird ſich aus ſeiner tiefen Erſchlaffung erheben und wie⸗ der aufſtehen als der Stolz und der Schmuck der ganzen Erde. Auguſtus wollte er ſich nicht genannt wiſſen, aber den Namen des Erſehnten konnte er nicht ablehnen, denn lange, lange hat ſich die Nation nach der Befreiung von der Schmach und Entwüͤrdigkeit der endlich dahingegangenen Herrſchaft geſehnt. — Aller Anfang iſt gut, ſagte Verigny, und gebe der Himmel, daß man den Koͤnig auch bei ſeinem Tode noch den Erſehnten nenne und daß ſich die Stimme des Volkes nicht um⸗ wende, wie gegen den Vielgeliebten Ludwig XV. — Wenn Ihr heute noch von Politik an⸗ fangen wollt, ſo gehe ich, rief der Marquis. Es ſchickt ſich uͤberhaupt nicht, daß man ſo lange bleibt, bis einen der Wirth ſelbſt fort⸗ ſchickt. Lieben Freunde, wollt Ihr nicht meinen unruhigen Fuͤßen etwas unter den Arm greifen und mir zu einer guten Stellung verhelfen? Reynaud und Verigny hatten bereits nach ihren Huͤten gegriffen und waren im Begriff, von Herrn von Blenaye Abſchied zu nehmen, als die Thuͤre aufgeriſſen wurde, und ehe Mayeur 108 noch, um den Fremden anzumelden, hereintre⸗ ten konnte, dieſer ſich vordraͤngte, und in die Arme des ihm freudig uͤberraſcht entgegen eilen⸗ den Wirthes ſtuͤrzte. — Ich hoͤrte, ſagte der neue Ankoͤmmling, daß Du waͤhrend meiner Abweſenheit Dich haͤufig in meinem Hotel nach mir erkundigt haſt, und ſo bin ich denn ſogleich zu Dir geeilt, um Dir ſelbſt meine Ruͤckkehr anzuzeigen. — Herzlich willkommen! Ich bedaure nur, daß Du ſo ſpaͤt koͤmmſt, und daß dieſe Herren ſich ſchon zum Aufbruch entſchloſſen haben. Du haͤtteſt Dich unterhalten, alter Freund, und Du, Neffe, und Sie, Herr de Bievre und Herr von Verigny. Der Fremde druͤckte krampfhaft die Hand des Herrn von Blenaye, die noch in der ſeinigen lag. — Was iſt Dir, lieber Gauthier? — Laßt uns gehen! fluͤſterte Verigny ſeinen Freunden zu. Aber was iſt Dir denn? fragte Herr von Blenaye beſorgt, als die jungen Maͤnner ſich 109 mit einer ſtummen Verbeugung entfernt hatten. Du ſcheinſt ja ganz erſtarrt. Was haſt Du? — Nichts, nichts, antwortete der Andere gepreßt und ließ ſich ohne Widerſtreben auf das Sopha hinziehen. Eine augenblickliche Beklem⸗ mung... — Nein, Freund, Dein Ausſehen ſtraft Dich Luͤgen. Deine Zuͤge ſind zerruͤttet, wie von ei⸗ nem gewaltigen Schmerze oder Schrecken, Du biſt alt geworden, ſeit wir uns zum letztenmale geſehen. — Bin ich das? rief Praͤſident Gauthier mit einem bittern Lachen. Wer die Ehre ver⸗ liert, kann wohl auch ein Paar Haare mit daran geben. — Um Himmels Willen, was iſt Dir? — Nichts, meine Frau hat blos fuͤr gut ge⸗ funden, mich zu verlaſſen. 3 — Manſch, ſprich Dich aus, ſchuͤtte Deinen Kummer aus, ſonſt verzehrt er Dich, wie Feuer. 4 110 — Und wenn auch? Was liegt jetzt noch daran? Du weißt, daß ich den ehrenvollen Ruf erhalten, meine Stelle in Avignon mit einer entſprechenden in Paris zu vertauſchen. Meine Frau war gluͤcklich, daß ſie das langweilige Avignon verlaſſen ſollte, und ich willigte ein, nachdem ich nicht ohne Schwierigkeiten meine Entlaſſung aus den Paͤpſtlichen Dienſten er⸗ langt hatte. Ich fuͤhrte Madame Gauthier nach Paris, richtete mich ein, ſah mich aber bald darauf genoͤthigt, nach Avignon zuruͤckzukeh⸗ ren, da die Regulirung meines Vermoͤgens und die Erledigung noch mancher anderen Geſchaͤfte meinen Aufenthalt von einem Monate zum an⸗ dern verzoͤgerten. Mehr als acht waren bereits daruͤber vergangen, einige davon mußte ich in Rom verbringen, allein ich erhielt regelmaͤßig Briefe von meiner Frau, die nichts als Zaͤrt⸗ lichkeit und Freundlichkeit athmeten, aber als ich heute in meinem Hotel ankomme, finde ich es leer. Seit vierzehn Tage hat ſie es bereits verlaß⸗ ſen, und niemand von der Dienerſchaft weiß, 111 wohin. Dieſe Falſchheit, dieſe Doppelzuͤngigkeit bricht mir das Herz. — Troͤſte Dich, mein Freund, mit der gan⸗ zen Maͤnnerwelt, der es nicht beſſer ergeht. Und warum gleich das Aergſte fuͤrchten? Ein Brief kann ſo leicht verloren gehen! Wer weiß, ob Du ihr nicht mit Unrecht etwas vorwirfſt, woran ſie nie gedacht hat! Laß Dich nicht von Dei⸗ nem Schmerz hinreißen, Du hatteſt ja ſonſt Muth. — Ich habe ihn noch, nur den der Schande nicht. Beide ſaßen einige Minuten lang ohne zu ſprechen. Herr von Blenaye wußte nicht mehr, womit er ſeinen alten Freund beruhigen ſollte. — Haſt Du geſehen, fragte der Praͤſident ploͤtmzlich, wie Herr von Verigny, als er mei⸗ nen Namen hoͤrte, erbleichte und ſeinen Kame⸗ raden etwas ins Ohr fliſterte. Oh, mir geht eine fuͤrchterliche Ahnung auf, und ich will bald Gewißheit erlangen. — Was meinſt Du? 112 ner Angelique war, daß ſie in den Traͤumen ihrer Kindheit ſich fuͤr einander beſtimmt hiel⸗ ten. Dieſes Gefuͤhl iſt zur Leidenſchaft gewor⸗ den, er hat die Gelegenheit benutzt, und es iſt kein Zweifel, ſie iſt bei ihm, er hat mir mein Gluͤck, meine Ehre, mein Leben geſtohlen. Die Papiere, die ich gefunden— ſie waren mir ein Raͤthſel, jetzt habe ich die Aufloͤſung. Aber ich will Rache haben, er und ſie ſollen es mir buͤßen, ſollen mir das Elend vergelten, das ſie uͤber mich gebracht haben.. — Keine Uebereilung, Freund. — Was? Liegt es nicht klar am Tage? Es iſt nicht, es kann nicht anders ſeyn. Ich habe ihr nie Gelegenheit zur Klage gegen mich ge⸗ geben. Auch iſt ſie nicht ſchlecht, nicht gefuͤhl⸗ los gegen alle Sitte und Ehre. Nur die Nach⸗ ſtellungen eines erſten Geliebten konnten ſie dahin bringen. Laß mich, ich muß zur Gewißheit ge⸗ langen und dann... — Willſt Du den Namen Deiner Frau, — Ich weiß, daß Verigny der Geſpiele mei- 113 Deinen eigenen an den oͤffentlichen Pranger ſchlagen? — Du haſt recht, antwortete der Praͤſident ſchmerzlich. Aber Gewißheit, laß mich nur erſt Gewißheit haben. — Ich rufe Dir nochmals zu, keine Ueber⸗ eilung! — Sorge nicht. Es iſt ſchon ſpaͤt, aber Herr Lenoir wird fuͤr mich noch zu ſprechen ſeyn. Ich eile zuerſt zu ihm. Weiß ich erſt den Auf⸗ enthalt meiner Frau, werde ich uͤber die ubri⸗ gen Maßregeln ſchon in's Reine mit mir kom⸗ men. Der Polizei⸗Lieutenant, Herr Lenoir, ließ wirklich den Praͤſidenten ſogleich vor und ver⸗ ſprach ihm, nachdem er den Fall vernommen, ſeine thaͤtige Unterſtuͤtzung. Gauthier begab ſich, in Vertrauen auf die anerkannte Geſchicklichkeit des Polizei⸗Chefs, etwas beruhigter nach Hauſe. Am andern Morgen erzaͤhlte Herr von Blenaye ſeinem Neffen, was ihm nach ſeiner Entfer⸗ nung begegnet war. Der Chevalier erinnerte J. 8 114 ſich des Geſpraͤchs, das er in Verſailles mit Verigny gehabt, und indem er dies mit der Erzaͤhlung ſeines Oheims verglich, konnte er nicht mehr zweifeln, daß die Geliebte, welche jetzt ſeinem Freunde ſo viel Verdruß mache, niemand anders ſey, als die Praͤſidentin Gau⸗ thier. Herr von Blenaye ſchilderte ſeinen alten Freund als einen ſo heftigen, jaͤhzornigen und eiferſuͤchtigen Menſchen, daß der Chevalier es fuͤr ſeine Pflicht hielt, Verigny zu warnen, und ihn aufzufordern, Alles anzuwenden, daß ſeine Intrige ſich auf eine fuͤr beide Theile nicht verlezende Weiſe aufloͤſe. Er ſetzte ſich auf der Stelle an den Sekre⸗ tair ſeines Oheims, meldete Herrn von Ve⸗ rigny die ihm drohende Gefahr, und befahl Mayeux, den Brief ſogleich an ſeine Adieſſ abzugeben. Herr von Blenaye, der ſich feſt vorgenom⸗ men hatte, ſeinen Neffen in einen froͤhlichen Menſchen umzuwandeln, ließ ihn jetzt weniger als je von ſeiner Hand. Namentlich mußte er 1 115 ihn faſt jeden Abend in das Theater begleiten, aber indem er ſich bemuͤhte, ihn bald auf die Schoͤn⸗ heit des Stuͤcks, bald auf die Eleganz und die Pracht des Auditoriums aufmerkſam zu machen 5 kam er doch regelmaͤßig wieder darauf zuruͤck, die Vorzuͤge und Reize der Demoiſelle Beau⸗ mesnil anzupreiſen, und ſo in's Einzelne aus⸗ einanderzuſetzen, daß der Chevalier zuletzt ſich genoͤthigt ſah, um nicht ganz unaufmerkſam zu ſcheinen, dieſe Schauſpielerin mit groͤßerer Theil⸗ nahme zu verfolgen. Die Liebe im Alter iſt noch plauderhafter, als die der Jugend, weil jene eitler auf ihre Perſoͤnlichkeit iſt, als dieſe. In der Jugend iſt die Liebe ein Lavaſtrom, der ſich gluͤhend fortwaͤlzt und alles verzehrt, in den ſpaͤtern Jahren ein Spiritusfeuer, das nur aͤußerlich auflodert, aber nicht nach innen zu⸗ ruͤckbrennt. Je weniger Fond mehr da iſt, deſto duͤnner und hoͤher ſchaͤumt er auf. Es ſchmei⸗ chelt der Eitelkeit ſo ſehr, wenn anan erzaͤhlen kann, daß man, trotz des Schnees auf den Haaren, noch Herzen entzuͤnden kann. Was 116 Wunder daher, daß Herr von Blenaye unun⸗ terbrochen immer wieder auf dieſe Kuͤnſtlerin zuruͤckkam? Eben ſo natuͤrlich war es, daß Rey⸗ naud zuletzt glaubte, der Onkel lobe ſie abſicht⸗ lich ſo ſehr, weil er wuͤnſche, daß er, der Chevalier, ſich in ſie verliebe. Er hatte keine Ahnung, daß ſein Oheim nur ſeinem eignen Gefuͤhl Luft mache. Dieſe Vermuthung richtete ſeine Gedanken mehr, als ihm ſonſt eingefallen waͤre, auf das Ge⸗ ſicht und die Bewegungen der Schauſpielerin, und theils aus Wunſch, dem Oheim eine Freude zu machen, theils aus wirklicher Ueberzeugung, ſtimmte er zuletzt in das Lob des Herrn von Blenaye ein. Dies ſteigerte ſich bald ſo ſehr, daß er kein Auge mehr von Demoiſelle Beau⸗ mesnil abwenden konnte, und daß er nach Ver⸗ lauf einiger Tage ſich geſtehen mußte, daß er, was er noch eine Woche fruͤher nicht fuͤr moͤg⸗ lich gehalten haͤtte, die Schauſpielerin liebe. Ein noch ganz friſches Herz widerſteht ſelten, wenn man es mit Gewalt nach einem Gegen⸗ ſtande hinzieht, der nicht zu abſtoßend iſt. 117 Viel weniger aber noch ennes, das ſich eben von einer ungluͤcklichen Liebe zu erholen ſucht. Es gleicht einer weichen, glatten, praͤparir⸗ ten Tafel, die ſchon fuͤr jeden Eindruck em⸗ pfaͤnglich gemacht iſt und der erſten Beruͤh⸗ rung des Fingers ſanft nachgibt. Die Spuren verwiſchen ſich zwar ſchnell wieder, aber es bedarf nur wiederholten Nachhelfens, um ſie bleibend zu machen. Das Herz des Chevalier war wie die Sinnpflanze, es brauchte nur eine entge⸗ genkommende Beruͤhrung, damit es ſich auf der Stelle anſchloß. Ueberdies lag wirklich ein Zauber in dem ganzen Weſen der Schauſpie⸗ lerin, dem ſich ſchwer widerſtehen ließ. Aus ihrem Gange ſprach eine Wuͤrde, aus ihrem Laͤcheln eine Unſchuld und Grazie, die außer dem Theater kaum mehr gefunden wurde. Jede Vorſtellung gab ſeiner Neigung neue Nahrung, bis ſie zuletzt ſo heftig wurde, daß er ſich ſcheute, ſie ſeinem Oheim zu geſtehen. Seine gewoͤhnliche Zaghaftigkeit in ſolchen Dingen be⸗ 118 ſtimmte ihn, ſich ſchriftlich an ſie zu wenden, und ihr ſeine Liebe zu geſtehen. Keine Antwort. Der Chevalier gerieth in Verzweiflung, und ſo ſehr ſeine Ruhe und Gleichgultigkeit fruͤher den Onkel geaͤrgert hatte, ſo ſehr beunruhigte ihn jetzt ſein unſtetes Treiben. Er ſchrieb einen zweiten, noch gluͤhendern Brief, worin er in ſeinen Verſprechungen bis auf's Aeußerſte ging. Wieder keine Antwort. Dieſe Kaͤlte, wo ſie ſo wenig zu erwarten war, brachte eine Umwaͤlzung in allen ſeinen Gefuͤhlen und Anſichten hervor. Der bloße Wunſch des Beſitzes trat zuruͤck, und machte einem edleren, reineren Gefuͤhle Platz, das darum nicht weniger innig und heftig war. Seine Freunde mied er ganz, und er hatte alle Muͤhe, ſich vor ſeinem Onkel zu verſtellen. Eines Abends ſaß er wieder mit ſeinem Oheim in deſſen Loge, als man das Vorſpiel„die Kroͤnung eines Koͤnigs“ gab. Herr von Blenaye, der ſelbſt kein Auge von 119 der Buͤhne verwandte, konnte nicht bemerken 3 welche Unruhe ſeinen Neffen ergriff, als De⸗ moiſelle Beaumesnil, welche die Koͤnigin dar⸗ ſtellte, erſchien, und mit welcher Gier er an jeder ihrer Bewegungen hing. Auch duldete es ihn, als der Vorhang gefallen war, nicht laͤn⸗ ger in der engen Loge; er ſtuͤrzte hinaus, ohne das folgende Stuͤck abzuwarten, und ſuchte im Freien Kuͤhlung fuͤr die in ihm lodernde Gluth. Aber auch draußen litt es ihn nicht lange; er eilte zuruͤck in das Theater und beſchloß, ſeine Schuͤchternheit zu beſiegen und Alles zu wa⸗ gen, um von ihren Lippen ſelbſt die Entſchei⸗ dung ſeines Schickſals, Tod oder Leben zu ver⸗ nehmen. Ein Theaterarbeiter zeigte ihm ihre Garde⸗ robe. Wenn der Furchtſame einmal auf's Aeu⸗ ßerſte gebracht iſt, ſo macht er die Augen zu und rennt blind in die Gefahr hinein. In die⸗ ſem Muth der Betaͤubung klopfte er, und noch hatte er das Herein! nicht gehoͤrt, als er auch ſchon zu ihren Fuͤßen lag. Demoiſelle Beau⸗ 120 mesnil ſprang erſchrocken uͤber dieſe unvermu⸗ thete Erſcheinung von ihrem Stuhle auf, er ergriff jedoch ihren Arm, ſo daß ſie ſich nicht ganz entfernen konnte und druͤckte brennende Kuͤſſe auf ihre Hand. — Was ſoll das, mein Herr? fragte ſie ernſtlich entruͤſtet. Der Chevalier war ſo verſunken in ihren An⸗ blick, ſo gluͤcklich durch ihre Naͤhe, durch die Beruͤhrung ihres Gewandes, daß er kein Wort hervorbringen konnte.. — Sie zwingen mich, Huͤlfe zu rufen. — Halten Sie ein, Demoiſelle, beſchwor ſie der Chevalier endlich. Halten Sie ein. Nur die heftigſte, die gluͤhendſte Leidenſchaft fuͤr Sie konnte mich zu dieſem Schritte bewegen. Die Verzweiflung uͤber die Kaͤlte, mit der Sie alle meine Briefe bisher unbeantwortet ließen... — Aber... — Grauſame, fuhr er mit einem Pathos fort, bei dem es ein Gluͤck fuͤr ihn war, daß er den Herrn de Bievre nicht zum Zeugen 121 hatte, welche Schmerzen haben Sie mir berei⸗ tet! Welcher Verzweiflung hat Ihre Gleichguͤl⸗ tigkeit mich Preis gegeben! Oh, wuͤßten Sie, was ich gelitten, was ich ausgeſtanden habe. Und ich liebe Sie doch ſo ſehr... — Schweigen Sie, ich darf, ich mag Sie nicht laͤnger anhoͤren. Glauben Sie, weil Sie mich auf dieſen Brettern geſehen haben, Sie duͤrften mich ohne Scheu mit Ihren Erklaͤrungen verfolgen, die aus der Neigung einer Sekunde entſproſſen, mit den Genuͤſſen der naͤchſten ver⸗ fliegen? Sie haben ſich verrechnet, mein Herr. Ich halte mich zu gut fuͤr Ihre Anerbietung und bitte Sie, mich mit Ihrer Zudringlichkeit zu verſchonen. Ein Anderer, Herr von Verigny zum Bei⸗ ſpiel haͤtte uͤber dieſe Aeußerung gelaͤchelt und ſie nur fuͤr eine Aufforderung gehalten, drin⸗ gender zu werden, Der Chevalier war jedoch zu naiv, um dieſe Worte nicht von der ernſten Seite zu nehmen, wie ſie hier auch wirklich gemeint waren. — Sie haben Recht, ſagte er, ich habe Sie * 122 gekraͤnkt und Sie beleidigt. Aber ſprechen Sie ſelbſt, verdient es nicht Entſchuldigung, wenn ich mich von der allgemeinen Anſicht hinreißen ließ? Aber nein, Entſchuldigung verdient es al⸗ lerdings nicht, aber von Ihrer Engelsguͤte darf ich Verzeihung hoffen. Habe ich doch mein Un⸗ recht eingeſehen. Ja, ich liebe Sie, ſtoßen Sie mich nicht von ſich. Ich habe nichts auf der ganzen Welt, was mich reizt, was mich feſ⸗ ſelt, Sie allein ſind das einzige Band, das mich mit ihr verbindet. Zerreißen Sie es nicht, da⸗ mit ich nicht der Vernichtung anheimfalle. Rei⸗ chen Sie mir Ihre Hand. Fort mit allen Vor⸗ urtheilen! Nehmen Sie meinen Namen und laſſen Sie uns gluͤcklich ſeyn. — Wie, antwortete die Schauſpielerin et⸗ was freundlicher, Sie wollten— — und warum nicht? entgegnete der Che⸗ valier mit Enthuſiasmus. Was hat mir die Welt mit ihren feſtſtehenden Verhaͤltniſſen denn bisher geboten, daß ich ihnen nicht Hohn ſpre⸗ chen ſollte, wenn es mein Wohl gilt? Die 123 Schranken, welche verjaͤhrte Vorurtheile, Be⸗ ſchraͤnktheiten und Anmaßungen gezogen, wer⸗ den untergehen, und weil vielleicht die Zeit nooch nicht dazu gekommen, ſollte ich mein Gluͤck von mir ſtoßen? Erhoͤren Sie mein Fle⸗ hen, ziehen Sie mich aus dem Chaos, in das ich geſtuͤrzt bin, zu ſich hinauf, laſſen Sie die Liebe den Sturm, den die Liebe entfeſſelt hat, auch beſchwichtigen; ſtoßen Sie mich nicht von ſich, ich beſchwoͤre Sie, ſtoßen Sie mich nicht von ſich. Er umfaßte weinend ihre Knien. Der Ernſt dieſer Betheurungen ruͤhrte die Schauſpielerin und trieb auch ihr Thraͤnen in die Augen. — Sie antworten nicht, begann Raynaud von Neuem. Sie mißtrauen mir. Was habe ich auch gethan, daß ich Ihr Vertrauen ver⸗ dienen koͤnnte? Sie haben Recht, pruͤfen Sie mich ,erproben Sie die Lauterkeit meiner Ge⸗ füͤhle. Ich verlange keine raſche Entſcheidung, erlauben Sie nur, daß ich Ihnen meine Hul⸗ digungen darbringen darf. Beſtimmen Sie 124 ſelbſt die Zeit, wo der ſchoͤnſte Lohn meiner war⸗ ten ſoll. Nur ein Zeichen, nur ein freundliches Wort ſchenken Sie mir, das mir Hoffnung gibt, mich aufrecht haͤlt in meinen Kaͤmpfen. Draußen wurde es laut.— — Stehen Sie auf, Herr Chevalier. Wenn man Sie hier faͤnde! Ich darf Ihnen nicht laͤnger zuhoͤren. Sie kennen meine Lage nicht. Aber Ihr Geſtaͤndniß ehrt mich, ſchmeichelt mir und verdient darum Aufrichtigkeit von mei⸗ ner Seite. Hier iſt der Ort nicht dazu. Am naͤchſten Dienſtag werde ich fuͤr Sie zu Hauſe ſeyn. Leben Sie wohl. 5 Der Chevalier druͤckte einen feurigen Kuß auf ihre Hand, die ſie nicht zuruͤckzog, und ſtuͤrzte, berauſcht von Seligkeit, aus dem Zimmer. Als er zu dem Onkel in die Loge trat und dieſer ihm in das freudeſtrahlende Geſicht blick⸗ te, drohte er ihm laͤchelnd mit dem Finger und ſagte mit den Augen blinzelnd: Nun? Etwas gefunden? Gratulire. *† 1. * 125 Die Polizei von Paris war damals ſo treff⸗ lich organiſirt, wie in keinem andern Staate. Allerdings verurſachte ihr weit verzweigtes Sy⸗ ſtem viele Mißbraͤuche, doch ließ ſich auf der andern Seite auch nicht verkennen, daß durch das diskrete Einſchreiten eines geſchickten Chefs manchem Skandal vorgebeugt, manche Unbe⸗ ſonnenheit verhuͤtet, manches Familienungluͤck verhindert wurde. Herr Lenoir hatte alle ſeine Spuͤrhunde auf das edle Wild ausgeſchickt, das ihm der Praͤſident Gauthier bezeichnet hatte, aber alle kehrten unverrichteter Sache zuruͤck. Der Praͤſident lief taͤglich mehr als einmal nach dem Kabinet des Polizeilieutenants, aber da er noch immer keine genuͤgende Auskunft erhielt, ſo glaubte er ſich zuletzt doppelt betrogen und be⸗ ſchloß, auf ſeine eigne Hand Nachſtellungen vorzu⸗ nehmen. Herr Lenoir, der dies ſehr bald erfuhr und ſeine Ehre dabei beeintraͤchtigt hielt, bot nun alle ſeine Mittel auf, ließ alle ſeine Trieb⸗ federn ſpielen, um hinter das Geheimniß zu kommen. Durch einen Bewohner des Gauthier⸗ 126 e— ſchen Hotels bekam er endlich eine Spur, die ihn ſicher zu fuͤhren verſprach. Er ließ nichts unverſucht, keine fehlgeſchlagene Hoffnung ſchreckte ihn zuruͤck. Hundertmal ſchon glaubte er ſich am Ziele und ploͤtzlich hatte die ſchoͤnſte Bahn ein Ende und das Ziel verloren war. Da gelang es einem ſeiner gewandteſten Gehuͤl⸗. fen, den dieſe Angelegenheit ſchon muͤde gehetzt hatte, einen Faden zu erfaſſen, der aus dem Labyrinthe zu fuͤhren ſchien. Der Punkt war gefunden, nach dem alle Kreuz⸗ und Queer⸗ wege hinfuͤhrten. Schon auf den erſten Wink des Praͤſidenten war Herr von Verigny vor Allen in's Auge gefaßt worden, aber alle wei⸗ teren und neheren Nachforſchungen hatten kein Reſultat geliefert; im Hauſe wollte niemand etwas von einer Dame wiſſen. Herr Lenoir kam endlich, da ſich faſt nirgends eine Spur auffand, auf die erſte, am naͤchſten liegende Vorausſetzung zuruͤck und hatte, auf das Aeu⸗ berſte gebracht, bereits den Befehl zur ſtreng⸗ ſten Nachſuchung und zur gewaltſamen Entfuͤh⸗ 127 rung der Praͤſidentin gegeben, als ſie ſelbſt ploͤtzlich allen dieſen Beſchwerlichkeiten ein Ende machte. Es konnte Verigny nicht verborgen bleiben, daß die Polizei ihm auf den Ferſen ſey; er ſah ein, daß auf die Dauer ihrer Nachſpuͤrung nichts verborgen bleiben konnte; die Nachricht des Herrn de Raynaud hatte ihn ohnedies ge⸗ warnt, und ſo beſchloß er, da das Aergſte zu fuͤrchten war, ſeine Geliebte auf eine ſo ſchonende Weiſe, als es ihre Umſtaͤnde noͤthig machten, von der Gefahr in Kenntniß zu ſetzen und mit ihr ſich uͤber die beſten Mittel zu be⸗ rathen, wie ihr auszuweichen ſey. Madame Gauthier gerieth anfangs außer ſich; ſie kannte die Heftigkeit ihres Mannes und was ſie bei ihm zu gewaͤrtigen hatte. Aber entſchloſſen und gewandt, wie ſie war, erkannte ſie auch ſogleich den einzigen Ausweg, der ihr aus dieſer mißli⸗ chen Lage uͤbrig war. Es war der, ſich der Großmuth des einen Feindes anzuvertrauen, 128 um vor der Rache des gefaͤhrlichern geſchuͤtzt zu ſeyn. 3 3 Der Vorſatz war nicht ſchneller gefaßt, als er auch ſchon ausgefuͤhrt wurde. Lenoir war eben beſchaͤftigt, noch ſpaͤt am Abende dem Praͤſidenten Gauthier von dem Ergebniſſe ſei⸗ ner Bemuͤhungen Bericht abzuſtatten, als eine tief verſchleierte Dame in ſein Kabinet gefuͤhrt wurde. Der Polizeichef ging ihr entgegen, fuͤhrte ſie galant nach einem Seſſel und bat ſie, ſich niederzulaſſen und ihm ihre Wuͤnſche zu offen⸗ baren. — Ich habe zwei Bitten, ſagte die Dame mit ſanfter Stimme, eine an den Mann von Ehre und Galanterie, in deren Beſitz jeder⸗ mann Herrn Lenoir weiß, die andere an den Polizeilieutenant, der leider nicht immer der Stimme des Menſchen Gehoͤr geben kann. 2 — Sie machen mich neugierig, Madame. — Aber hier iſt der Fall anders. Fuͤhlen Sie Mitleid genug, mir als Menſch zu verzeihen„ mich zu entſchuldigen; iſt es Ihnen darum zu 129 thun, eine ſchwache Frau nicht ungluͤcklich zu machen, eine Familie vor Schande zu ret⸗ ten, ſo wird auch der Chef der Polizei Mittel finden, alles auf das Beſte zu lenken. — Darf ich um Ihren Namen bitten, Ma⸗ dame? — Ich bin die Praͤſidentin Gauthier, ant⸗ wortete die Fremde, ihren Schleier zuruͤckſchla⸗ gend. 5— Wie? rief Lenoir, von ſeinem Stuhle aufſpringend; Sie, deren Aufſuchung mir ſo viele Muͤhe gemacht, deren Verſteck ich endlich zu erbrechen dachte, eine Nachricht, mit der ich ſo eben Ihren Herrn Gemahl uͤberraſchen wollte — Sie uͤberliefern ſich ſelbſt meinen Haͤnden? — Haͤtte ich mich in Ihrer Großmuth ge⸗ irrt? Ja, mein Herr, freiwillig erſcheine ich vor Ihnen, nicht weil ich fuͤrchtete, daß mein Aſyl Ihnen nicht laͤnger verborgen bleiben wuͤrde, ſondern weil ich einſah, daß nur durch Ihre Vermittlung ein groͤßeres Ungluͤck verhin⸗ dert werden konnte. Dieſe Ueberzeugung, mein — I. 9 130 — Glauben an Ihr Herz gaben mir den Muth zu dieſem Schritte. — Seyen Sie verſichert, Madame, daß ich thun werde, was ſich mit meiner Pflicht ver⸗ traͤgt. — Ich erwartete das von Ihnen, antwor⸗ tete die Praͤſidentin mit einem reizenden Laͤcheln und reichte Herrn Lenoir die Hand, die er zierlich zum Munde fuͤhrte. — Laſſen Sie hoͤren, was zu thun iſt. — Herr von Gauthier iſt bei Ihnen geweſen und hat Ihnen vermuthlich ſo viel Liebloſes von mir geſagt, daß es mir vergoͤnnt ſeyn darf, einiges zur Linderung meiner Schuld hinzuzu⸗ fuͤgen, was er ſchwerlich beruͤhrt haben wird. Seit meiner Kindheit ward ich zuſammen mit Herrn von Verigny erzogen; wir lernten, wir ſpielten zuſammen, wir hatten nur Eine Seele, Einen Willen, einer lebte in dem andern. Un⸗ ſere Eltern freuten ſich dieſer kindiſchen Ver⸗ traulichkeit und befoͤrderten ſie auf alle Weiſe, denn ſie hatten uns auch fuͤr ein ſpaͤteres Alter 134⁴ beſtimmt. Als wir heranwuchſen, blieb uns dies nicht verborgen; das ſchweſterliche Gefüͤhl, das uns bisher an einander geknuͤpft hatte, zer⸗ riß, machte aber nur einem andern, ſtaͤrkern Platz, dem der Liebe. Da verloren meine Eltern durch einen unſeligen Prozeß den groͤßten Theil ihres Vermoͤgens, und der Vater des Herrn von Verigny fing an, ſich kaͤlter gegen meine Familie zu zeigen. Wir, Heinrich und ich, hat⸗ ten keine Ahnung davon, bis eines Tages mein Geliebter zu mir kam und mir den Befehl ſei⸗ nes Vaters mittheilte, ſich in Kurzem nach Paris zu begeben. Ich glaubte, ihm anzuſehen, daß noch ein anderes Gefuͤhl auf ſeiner Bruſt laſtete. Er ſchwieg, obgleich er ſchon wußte, was mir bevorſtand. Unſer Schmerz uͤber die bevorſtehende Trennung war bitter, und die Schwuͤre, die wir beim Abſchiede gewechſelt, waren noch nicht verhallt, die Kuͤſſe noch nicht auf unſern Lippen erkaltet, als Herr von Gauthier, der reiche Praͤſident, der mich kaum einige Mal geſehen, im Hauſe meiner Eltern erſchien und 132 um meine Hand anhielt. Ein Maͤdchen hat kei⸗ nen Willen. Meine Thraͤnen, meine Beſchwoͤ⸗ rungen, mein Kummer, meine Verzweiflung waren vergebens. Mein Vater behauptete, ein ſo reicher Schwiegerſohn ließe ſich nicht abwei⸗ ſen, und alles Uebrige ſeyen Kindereien, die bei den Brautgeſchenken ſchon vergeſſen werden wüͤrden. Meine Mutter— meine Mutter ſag⸗ te, man verlange ja nur meine Hand— nicht — mein Herz. So ward ich die Gemahlin des G Praͤſidenten Gauthier. — Sie Armel rief Lenoir theilnthmend. — Ja wohl war ich zu bedauern, fuhr Ma⸗ dame Gauthier weinend fort, mit dieſer Liebe im Herzen einem Manne anzugehoͤren, der, ſo brav und rechtlich er ſeyn mag, doch alle Fehler und Launen des Alters beſaß und meine 1 Gefuͤhle nicht zu ſchonen, meine Liebe nicht zu V begreifen mochte. Als der erſte, haͤrteſte Schlag etwas uͤberwunden war, ſuchte ich mich in mein Geſchick zu finden und mir und meinem Gat⸗ ten daſſelbe ſo ertraͤglich zu machen, als moͤg⸗ 133 lich. Was vermag ein feſter Wille nicht, wenn er nach dem Rechten ſtrebt? Wir fuͤhrten, was die Leute eine muſterhafte, gluckliche Ehe nen⸗ nen. Da erhielt Herr von Gauthier den Ruf nach Paris. Ich glaubte in dem Treiben der großen Stadt Zerſtreuung, Erheiterung zu finden und rieth meinem Gatten, die neue Stelle anzuneh⸗ men. Der Himmel weiß, daß jeder Gedanke an Verigny damals meiner Seele fremd war. Da mußte der Praͤſident nach Avignon zuruͤck, und weil er fruͤher wiederzukehren dachte, als er wirklich kam, ſo begleitete ich ihn nicht. We⸗ nige Tage nach ſeiner Abreiſe ſah ich Verigny wieder. Laſſen Sie mich kurz ſeyn. Ihr Auge ſagt mir, daß Sie mich nicht ganz verdammen. Bei ſeinem Anblicke loderte die Liebe in meiner Bruſt aus ihrer Aſche hell wieder auf; die Lei⸗ den, die ich bis jetzt beſtanden, fachten, wie ein Sturmwind, die Gluth noch an. Wir ſa⸗ hen uns zuerſt nur ſelten, dann immer oͤfter wieder. Ein entlegener Ort diente uns zu un⸗ ſern Zuſammenkuͤnften; die Liebe kennt keinen 134 Ruͤckhalt; was ſie zu reichen hat, das gibt ſie freudig hin. Mit Schrecken fuͤhlte ich, daß ich Mutter war. Hoffnungen, die mir ſonſt den Himmel eroͤffnet haͤtten, wurden mir jetzt zur Hoͤllenqual. Ich ſah taͤglich mit Schrecken der Ruͤckkehr meines Gatten entgegen und fand keine andere Rettung, als ganz in die Arme meines Geliebten zu fluͤchten. — Aber jetzt? — Aber jetzt bin ich verloren ohne Ihren Beiſtand. Ich hoffte noch immer, der Praͤſi⸗ dent wuͤrde erſt nach meiner Niederkunft zuruͤck⸗ kehren, dieſe Hoffnung iſt dahin. Flucht, Klo⸗ ſter oder Tod, was bleibt mir ſonſt uͤbrig? — Vielleicht gibt es noch ein Viertes. — Nur kein Verſuch, meinen Gatten zu verſoͤhnen, ihn taͤuſchen zu wollen. Sie kennen ihn nicht. Er wuͤrde Ihnen ſcheinbar Alles ver⸗ ſprechen, um mich erſt in ſeine Gewalt zu be⸗ kommen und dann ſich doch fuͤrchterlich raͤchen. — So meine ich es nicht, Madame. Sie haben einen Fehler begangen, aber mir gebuͤhrt 135 es nicht zu verurtheilen, ſondern auszugleichen. Ich beklage Sie und fuͤhle, welche Kraft noͤ⸗ thig geweſen waͤre, einer ſolchen Verſuchung zu widerſtehen. Jedes Aufſehen wuͤrde nur Herrn von Gauthier ſelbſt in den Augen der Welt mit Schimpf beladen und die Sache nicht beſſer machen. Vertrauen Sie ſich mir an, aber ver⸗ ſprechen Sie mir auch, jede, aber durchaus jede Verbindung mit Herrn von Verigny ab⸗ zubrechen. — Ich verſpreche es, betheuerte Madame Gauthier mit bebender Stimme. Ich fuͤhle meine Schuld, fuhr ſie, ploͤtzlich in lautes Schluchzen uͤbergehend, fort; und wenn ich ihr nicht er⸗ liege, ſo iſt's, weil mir die Furcht, einen doy⸗ pelten Mord zu begehen, Muth zum Leben gibt. Aber hier brennt es wie Feuer! — Sie kehren nicht mehr zu ihm zuruͤck. Ich werde ihn durch eine ſichere Hand benachrichti⸗ gen laſſen, daß er nichts fuͤr Sie zu fuͤrchten habe. Sie ſelbſt werden eine Wohnung bezie⸗ hen, wo keine Nachforſchungen von Seiten des 136 Herrn Praͤſidenten Sie auffinden ſollen. Dort erwarten Sie Ihre Niederkunft und fuͤr das Uebrige werde ich ſorgen. Wann glauben Sie, zu Threm Gatten zuruͤckkehren zu kͤnnen? 2 — Bald, antwortete Madame Gauthier mit leiſer Stimme. — Deſto beſſer. Jetzt laſſen Sie mich meine Auftraͤge fuͤr Ihr neues Aſyl geben. Herr Lenoir verließ das Kabinet, kehrte aber ſchon nach wenigen Minuten wieder zuruͤck und zeigte auf einen einfach gekleideten Mann, der im Vorzimmer ſtand. — Folgen Sie getroſt dieſem Herrn, er wird Sie an Ort und Stelle fuͤhren. Unten erwartet Sie ein Wagen. Enen Madame Gauthier ergriff ſeine Hand, um ſie, von ihrem Gefuͤhl hingeriſſen, an ihre Lip⸗ pen zu druͤcken, er faßte jedoch nach ihrem Hu⸗ te, ließ den Schleier fallen, ergriff ihren Arm, um allem Danke auszuweichen, und fuͤhrte ſie dem Herrn draußen, einem vertrau⸗ 137 ten Agenten der Polizei, zu, dem er ſeine Schutzempfohlene nochmals dringend anempfahl. Einige Augenblicke darauf rollte der Wagen ab, und Herr Lenoir ging in ſein Kabinet zu⸗ ruͤck, zerriß den Brief, den er an den Praͤſi⸗ denten angefangen hatte, und befahl einem an⸗ dern Agenten, der die Stelle des Fortgefahr⸗ nen vertrat, alle Schritte des Herrn Gauthier genau zu beobachten. Der arme Mayeux! Wohl konnte er ſeufzen, wer den Schaden hat, darf auch fuͤr den Spott nicht ſorgen. Harte Stoͤße und harte Worte, das war zu viel auf Einmal. Auch hatte er ſich wirklich anfangs vorgenommen, ſeiner Liebe ganz zu entſagen, und allen Umgang mit der Falſchen, die ihn ſo ſchmaͤhlich gekraͤnkt hatte, ohne Weiteres abzubrechen, aber mit den Flek⸗ ken im Geſicht ſchwand auch ſein Groll, ſein Selbſtbewußtſeyn ſchnellte mit doppelter Feder⸗ kraft wieder auf, die Liebe loderte mit neuer Kraft empor, und ſo beſchloß er, trotz aller fruͤhern Vorſaͤtze, die verhaͤngnißvolle Treppe zu beſteigen, von der herab die ſchneidenden Worte erſchallt waren, die ſeine Eigenliebe ſo bitter verletzt hatten. Aber es geſtaltete ſich Alles beſſer, als er hoffen durfte. Der Empfang von Seiten Jean⸗ nettens war, wenn auch nicht ſehr freundlich, doch nicht zuruͤckſtoßend, und der Vater kam ihm mit ſichtlicher Freude entgegen, denn er mochte ſchon gefuͤrchtet haben, daß er den einen Freier vor die Thuͤr gewieſen habe, ehe er des andern ſicher geweſen ſey. Ein aͤhnlicher Ge⸗ danke ſchien in Jeannetten die Herrſchaft erlangt zu haben. Sie dachte, da Jouve ſie einmal auf immer verlaſſen habe, daß auf ihn nicht mehr zu rechnen ſey, und daß vielleicht noch lange kein beſſerer Liebhaber, der auch zugleich an das Heirathen daͤchte, ſich ſinden wuͤrde. Heirathen aber, 139 frei ſeyn, ſelbſt zu befehlen, ein Haus zu ma⸗ chen, war ihr Wunſch, ihre Leidenſchaft, und ſo uͤberſah ſie die Auswuͤchſe, die ihr Gluͤck bei einer Verbindung mit Herrn Mayeux verdun⸗ kelten, und hielt ſich nur an die Lichtſeiten, an die Freiheit, die ihr ſeine Beſchraͤnktheit, ſeine Einbildung, ſeine Schwaͤchen eroͤffneten, und fing an, ihn mit weniger finſtern Blicken zu betrachten.— Mayeur gerieth außer ſich uͤber dieſe unerwar⸗ tete Veraͤnderung. Sein Entzuͤcken, ſeine Zärt⸗ lichkeit war uͤbertrieben, großartig. Jede Stun⸗ de, die er ſich jetzt ſeinem Dienſte abmuͤßigen konnte, brachte er bei ſeiner Geliebten zu, und da er die Erlaubniß des Herrn von Blenaye zu ſeiner Verbindung, ſo wie ein bedeutendes Geſchenk zu ſeiner erſten Einrichtung erhalten hatte, ſo draͤngte er aus allen Kraͤften auf die baldige Anſetzung des Hochzeitstages. Niemand hatte etwas dagegen. Die Naſe war geheilt, von der Quetſchung keine Spur mehr, und ſo wußte Jeannette nicht, warum ſie nicht je eher 140 je lieber an den Altar treten ſollte. Der alte Laroſſe hoffte, bei ſeiner Tochter ſich nach der Hochzeit fuͤr die Koſten, die ſie ihm vor der⸗ ſelben ſeit ihrer Geburt an gemacht hatte, ſchad⸗ los zu halten, und ſo wurde endlich ein kurzer Termin zu der heiligen Ceremonie anberaumt. Eines Abends wurde Mayeur von dem Che⸗ valier Reynaud mit einem Billet an Herrn von Verigny abgeſchickt, in welchem er denſel⸗ ben im Namen ſeines Oheims zu einem Mit⸗ tageſſen fuͤr den naͤchſten Tag einlud. Es war dunkel auf der Straße, und da er jetzt nur Jeannetten und den ehelichen Himmel im Kopf hatte, ſo bemerkte er beinah nicht, daß ihm je⸗ mand, als er in das Haus gehen wollte, dicht zur Seite trat, aber ſich ſchnell wieder zuruͤck⸗ zog. Er fand Herrn von Verigny zu Hauſe, und mußte einige Augenblicke warten, bis die⸗ ſer ein Paar Zeilen zur Antwort geſchrieben, die er dem Diener unverſiegelt uͤbergab. Mayeux war aber kaum einige Schritte ge⸗ gangen und bog eben in der ſchmalen Rue —— 141 du Sabot ein, als ſich eine ſchwere Hand auf ſeine Schultern legte, und ihn aus ſeinen ſuͤßen Liebestraͤumen weckte. Mayeux ſprang erſchrocken auf die Seite, aber der Unbekannte draͤngte ihn gegen die Mauer und ſtellte ſich dort ſo dicht vor ihn, daß an ein Entrinnen nicht zu denken war. Mayeux riß die Augen auf, um ſeinem Feind in das Geſicht zu ſehen, aber ein tief uͤber die Stirn gedruͤckter Hut, und ein bis uͤber das Kinn geworfener Mantel machte, da die weite Entfernung der Laterne ohnedies den Platz in betraͤchtlichem Dunkel ließ, jede Erkennung unmoͤglich. — Mein Herr, rief endlich Mayeux, indem er den Kopf in die Hoͤhe warf, waͤhrend das Zittern ſeiner Stimme und ſeiner Beine dieſen Schein von Muth Luͤgen ſtrafte; mein Herr, Sie irren ſich, ich bin nicht derjenige, von dem Sie etwas erwarten koͤnnten... — Still, antwortete der Fremde befchlend, ich kenne Dich und taͤuſche mich nicht. Nicht von dieſer Stelle geruͤhrt, nicht geſchrien, oder 142 dieſer Dolch verſtopft Dir den Mund auf 3 ewig. Mayeux ließ, vor Schreck erblaſſend, den Kopf zwiſchen die Schultern ſinken und fiel in die Knieen. — Steh auf, Du haſt nichts zu fuͤrchten, wenn Du mich nicht hintergeheſt. — Was ſoll ich denn thun?. 8 — Du kommſt von Herrn von Verigny. Wer hat Dich geſchickt? — Der Chevalier von Reynaud. Ich habe ein Billet hingebracht, ein anderes als Antwort erhalten. — Gib her. — Aber... — Her damit, ſage ich.— Der Dolch fun⸗ kelte wieder Mayeux vor den Augen. Zitternd griff er in die Klappen ſeines breitſchoͤßigen Rockes und holte den Brief heraus; der Fremde nahm eine kleine Laterne unter den Mantel hervor und befahl ihm zu leuchten. Mayeuxr hob die Laterne in die Hoͤhe, ihr Licht ſiel auf das 143 Geſicht des Fremden und er erkannte den Praͤ⸗ ſidenten Gauthier. Er ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus. — Was gibt's, fragte der Praͤſident, der damit beſchaͤftigt war, das Billet zu entfalten. Ach, Du haſt mich erkannt? Doch davon ſpaͤ⸗ ter. Zuerſt den Brief. Er riß das Papier auf und las: „Lieber Freund! „Bedaure mich und wuͤnſche mir Gluͤck. „Diesmal iſt das Boͤſe mit dem Guten „Hand in Hand gegangen. Mein Vater „iſt geſtorben, und ich bin genoͤthigt, mor⸗ „gen fruͤh ſchon nach der Provence abzu⸗ „reiſen, um meine Angelegenheiten in Ord⸗ „nung zu bringen. Entſchuldige mich bei „Deinem Onkel, und ſage ihm, daß ich „bei meiner Ruͤckkehr ſeine Einladung noch „als guͤltig betrachten wuͤrde. So weit die „Condolation. Das Gluͤck iſt, daß ich eine 144 „ aaſt, die, wie Du weißt, mich ſeit eini⸗ n ger Zeit gedruͤckt hat, auf eine gute Weiſe „los geworden bin. Eine ohne Zweifel „maͤchtige Hand hat mich von aller Ver⸗ „ legenheit befreit und ich kann wieder ru⸗ „hig Athem ſchoͤpfen. Gruͤße den Marquis. „Auf baldiges Wiederſehen. „Heinrich von Verigny.“ — Eine Laſt los geworden, murmelte der Praͤſident ingrimmig vor ſich hin. Oh, es iſt kein Zweifel. Er iſt's, der meine Ehre geſchaͤn⸗ det, meinen Namen gebrandmarkt hat! Eine maͤchtige Hand! Wer miſcht ſich in meine An⸗ gelegenheiten? Sie iſt nicht mehr bei ihm. Aber wo? Wer hat ſie auf's Neue meiner Gewalt entzogen? Aber nur Geduld. Ich finde ſie. Sollte der Chevalier darum wiſſen?— Hoͤre mich an, wendere er ſich ruhiger zu Mayeur, haſt Du eine Ahnung von dem Grund meines Benehmens? — Wie Sie befehlen. 145 — Dummkopf, ich will wiſſen, was Du von mir denkſt? — O Gott, nichts als Gutes, Eure Gnaden. — Toͤlpel! Haſt Du je bei Deinem Herrn etwas von mir reden hoͤren? Hat der Chevalier ſich uͤber mich, uͤber Madame Gauthier, uͤber Herrn von Verigny in Beziehung auf mich ge⸗ aͤußert? — Ich habe nichts gehoͤrt. — Hier haſt Du Dein Billet zuruͤck. Ueber⸗ gib es dem Chevalier. Hier ſind zehn Louisd'or für den Schreck, den ich Dir verurſacht habe. Aber ich verlange dafuͤr Schweigen, tiefes Schweigen uͤber Alles, was Dir heute Abend begegnet iſt. Gelobſt Du mir das? — O Gott, ja. — Denke daran, daß ich jeden Laut wieder⸗ erfahre, mit dem Du Dich verrathen ſollteſt, und daß Dich meine Rache bei Tag und bei Nacht ereilen wuͤrde. Fuͤr Treue Gold, für Verrath dieſen Stahl! I.. 10 146 — Verlaſſen ſich Eure Gnaden auf das gu dene Schloß. — Ich werde Dich vielleicht noch wieder brauchen und Du kannſt immer der beſten Be⸗ lohnung gewaͤrtig ſeyn. Erfaͤhrſt Du etwas, was auf meine Familie Bezug hat, ſo erwarte ich, daß Du unaufgefordert es mir anzeigeſt. Jetzt gehe. Beide entfernten ſich nach verſchiedenen Rich⸗ tungen, Mayeux, froh, ſo guten Kaufs da⸗ von gekommen zu ſeyn, der Praͤſident bekuͤm⸗ mert, daß das Ziel, das er erreicht zu haben glaubte, ſeinen Blicken wieder entſchwunden ſey. Daß Verigny der Entfuͤhrer ſeiner Frau ſey, daruͤber hegte er keinen Zweifel mehr. Aber daß die Polizei trotz dem, daß er ſelbſt ſie auf den vermeintlichen Raͤuber aufmerkſam gemacht, ihm keine Gewißheit hatte verſchaffen koͤnnen, machte ihn ſtutzig. Wie, fiel ihm ploͤtzlich ein, wenn Du auch auf dieſer Seite hintergangen wuͤrdeſt? Wenn die Polizei mit Verfuhrer und Verfuͤhrten unter einer Decke ſpielte, um mich irre 147 zu fuͤhren! Wenn das die maͤchtige Hand waͤ⸗ re, von der Verigny ſchreibt? Der Sache muß ich auf den Grund kommen. Mit Geld laͤßt ſich Alles in Paris erreichen; es ſoll nicht feh⸗ len. Ich will die Zahl meiner Spaͤher verdop⸗ peln, verdreifachen. Laſſen Sie doch ſehen, Herr Lenoir, ob ich es nicht mit Ihnen aufnehmen kann.— Waͤhrenddeß war der vom Chevalier ſo ſehn⸗ lich herbeigewuͤnſchte Dienſtag herangekommen. Fuͤr ſeinen Oheim, der ihn Nachmittags bat, ihm bis gegen zehn Uhr Geſellſchaft zu leiſten, hatte er ſchon eine Entſchuldigung bei der Hand, und ſo eilte er, als es kaum zu daͤmmern be⸗ gann, auf den Fluͤgeln der Liebe nach der Woh⸗ nung der Schauſpielerin. Er wurde ſogleich vorgelaſſen und Demoiſelle Beaumesnil empfing ihn in ihrem Boudoir mit Freundlichkeit, aber auch mit Wuͤrde. Ein un⸗ befangener Beobachter haͤtte aus ihrem Geſicht, ja aus ihrem ſtrengen Anzug das Urtheil erra⸗ then koͤnnen, das den enthuſiaſtiſchen Chevalier 148 treffen wuͤrde. Er wollte ihr gleich beim Ein⸗ treten zu Fuͤße fallen, aber ſie wehrte ihn mit ernſter Miene ab, und bat ihn, auf einem Ta⸗ bouret in gebuͤhrender Entfernung von dem So⸗ pha Platz zu nehmen. — Grauſame, rief der Chevalier thmerzlich wollen Sie mir nicht einmal Ihre Naͤhe, nicht das Gluͤck goͤnnen, Ihre Hand an mein Herz, an meine Lippen preſſen zu duͤrfen? — Sie wuͤrden dann vielleicht, antwortete die Sängerin, weniger auf meine Worte hoͤren, und doch muß ich fuͤr ſie um Jhre Nuniner ſamkeit bitten. — Ich unterwerfe mich ihnen im Voraus, rief er mit Feuer. Was koͤnnten Sie mir be⸗ fehlen, was ich nicht freudig befolgen moͤchte. O, ſtellen Sie mir jede Bedingung und die ſchwerſte wird mir die angenehmſte ſeyn, damit ich Ih⸗ nen beweiſen kann, wie ſehr, wie aufrichtig Sie liebe. — Sie Serbrchen das. Exinnern Sie ſich — 149 2— daran, wenn ich Sie an die Erfͤllung dieſes Wortes mahne. — Ich gelobe Alles, was Sie begehren. — Nun denn, o begehre ich, daß Sie nnic vergeſſen. — Nein, theure Caroline, nicht dieſen grau⸗ ſamen Scherz. O fuͤhlten Sie, wie ſehr er meine Bruſt zerreißt, Sie wuͤrden auch im Scherze nicht ſo ſprechen. Alles, alles kann ich „Ihnen opfern, nur meine Liebe nicht. Sie iſt feſt in mein Herz gegraben, und nur mit ihm kann ſie verloͤſchen.. 1 — Und doch, antwortete Demoiſelle Beau⸗ mesnil, und doch muß es ſeyn. Bleiben Sie ruhig und hoͤren Sie mich an. Ihr Antrag, Herr Chevalier, iſt ehrenvoll fuͤr mich, wie er es fuͤr jede Dame geweſen waͤre, die ihn mehr verdient, als ich. Aber ich kann ihn nicht an⸗ nehmen. — Sie ſtoßen mich nnic: — JIch thue, was wenige meiner Freundin⸗ nen in meiner Lage den Muth zu thun haͤtten. 150 Ich habe mir reiflich uͤberlegt, was Sie mir geſchrieben und geſagt haben, und ich verhehle Ihnen nicht, daß ich aus andern Gruͤnden ſchon laͤngſt Intereſſe an Ihnan genommen habe...— — Sie geben mir neues Leben. — Laſſen Sie mich vollenden. Aber eben darum halte ich es fuͤr meine Pflicht, Ihr glaͤn⸗ zendes Anerbieten zuruͤckzuweiſen. Sie ſind im Dienſt, von Stande, erwarten Vermoͤgen von Ihrem Oheim, und um das Alles wollen Sie ſich durch eine Mißheirath bringen? Allerdi5hs ſind ſolche Verbindungen jetzt nicht ſelten, es ließe ſich auch im ſchlimmſten Falle geheim hal⸗ ten, aber mehr als Alles fuͤrchte ich Sie ſelbſt. Sie ſind in der Bluͤthe Ihres Lebens, in dem erſten Sturm Ihrer Leidenſchaft. Bliebe das ſo, vielleicht koͤnnte ich dann Ihr Gluͤck machen, Ihnen Erſatz bieten fuͤr das, was Sie mir opfern. Aber der Beſitz wird Sie bald ermuͤ⸗ den, der Zauber, der Sie jetzt gefangen haͤlt, wird ſchwinden. Ich werde Ihnen bald gleich⸗ —— 151 gultig, dann eine in einem unſeligen Augen⸗ blick fuͤr das Leben aufgenommene Buͤrde, zu⸗ letzt verhaßt, zuwider werden. Sie wuͤrden mir Ihr eigenes Unrecht vorwerfen, Ihre Ueber⸗ eilung auf mich ſchieben, mir Schuld geben, daß ich Sie verfuͤhrt, Ihnen Schlingen gelegt haͤtte. Dieſe Vorwuͤrfe ſollen Sie mir nicht zu machen haben; ich werde mich Ihres Antrages dadurch werth halten, daß ich ihn verwerfe. Der Chevalier ſaß ſo in ihren Anblick ver⸗ ſunken, als ob er nur mit den Augen hoͤren ſollte. Als ſie einhielt, ſchien er aus einem ſchweren Traume zu erwachen und ſtuͤrzte ihr zu Fuͤßen. — O Geliebte meines Lebens! — Nichts mehr davon, unterbrach ſie ihn mit bewegter Stimme. Jede weitere Erklaͤrung iſt uͤberfluͤſſig. Laſſen Sie uns ſcheiden. Ihre Liebe kann ich nicht erwiedern, erhalte Sie mir Ihre Achtung.. — Es kann nicht ſeyn. Wenn Ihr Herz frei iſt, koͤnnen Sie mich nicht von ſich ſtoßen 152 Was verlange ich denn? Nur die Hoffnung, daß Sie einſt, wenn Ihr Gefuͤhl ſich mehr zu mir hinneigt, mein ſeyn wollen. Laſſen Sie mir die Noͤglichkeit dieſes Gluͤckes, rauben Sie mir nicht mit der Gegenwart zugleich die Zu⸗ kunft. — Es iſt beſſer, eine Pflanze, die nicht auf⸗ blühen kann, ſogleich auszureißen, als ſie erſt zwecklos den Boden ausſaugen zu laſſen. Ich kann nie, nie die Ihrige werden, Herr Che⸗ valier. — Und ich, ich gebe Sie nicht auf. Ich biete Allem Trotz, nichts wird meine Liebe ſchwaͤchen, vernichten. O, Geliebte, wenn die Furcht vor meiner Reue Sie zuruͤckhaͤlt, ſo laſſen Sie uns fliehen, fern von allen dieſen Men⸗ ſchen, welche die Gedanken an eine andere Ver⸗ gangenheit erwecken koͤnnten, laſſen Sie uns fliehen, wo wir allein ſind, wo wir uns allein leben koͤnnen. Ich fuͤhle die Kraft in mir, Ih⸗ nen einen Erſatz fuͤr das ſchale Treiben leiſten 153 zu koͤnnen, und Du, Du wuͤrdeſt mich zum gluͤcklichſten Sterblichen machen. — Ich wiederhole Ihnen, es iſt unmoͤglich. Jeder neue Beweis Ihrer Zaͤrtlichkeit kann mich ruͤhren, bewegen, wuͤrde aber doch meinen Vor⸗ ſatz nicht erſchuͤttern. Er iſt unabaͤnderlich, er muß es ſeyn. Fragen Sie nicht, warum. Ge⸗ hen Sie, und verſprechen Sie mir, mich nicht mehr in meinem Entſchluſſe wankend machen zu wollen. Es ſey Ihr letzter Beſuch geweſen. — Wie, ſelbſt Ihres Anblicks wollten Sie mich berauben? — Ich werde, wenn auch widerſtrebend, Befehl geben, daß ich nicht fuͤr Sie zu ſprechen bin. Richten Sie ſich auf. Der Schnitt mag weh thun, aber die Wunde wird deſto ſchneller hei⸗ len. Leben Sie wohl, ich bedarf der Ruhe, um mich zu erholen. Demoiſelle Beaumesnil entfernte ſich mit ei⸗ nem freundlichen Gruße in ein Nebenzimmer und der Chevalier ſtuͤrzte, mit Thraͤnen in den Augen, hinaus. Auf der Straße haͤtte er bei⸗ 154 nah ſeinen Oheim, der, ohne ihn zu erkennen, an ihm voruͤberging, uͤber den Haufen gerannt. Herr von Reynaud liebte jedoch zu heftig, als daß er ſich durch die erſte Zuruͤckweiſung jede Hoffnung haͤtte nehmen laſſen. Trotz dem Befehle der Schauſpielerin kehrte er doch taͤg⸗ lich nach ihrer Wohnung zuruͤck, aber ſie hatte deſto beſſer Wort gehalten, denn er fand ihre Thuͤr ſtets fuͤr ihn verſchloſſen und keine Be⸗ ſtechung vermochte die Dienerſchaft der Demoi⸗ ſelle Beaumesnil, ihn wider die Erlaubniß ih⸗ rer Gebieterin bei ihr einzulaſſen. Er gerieth in Verzweiflung. Die Hinderniſſe erbitterten ihn und brachten, ſtatt ihn abzuſchrek⸗ ken, ſein Blut in fieberhafte Wallung. Er mußte, das fuͤhlte er, ſie noch einmal ſprechen, ſie noch einmal zu uͤberzeugen ſuchen, alle ſeine Kraͤfte aufbieten, ſie fuͤr ſich zu gewinnen. Aber wie das anfangen? Zum Gluͤck fiel ihm ein, daß er fruͤher dem Schauſpieler Le Kain einen kleinen Dienſt erwieſen. Er wandte ſich an ihn und fragte, ob er es nicht moͤglich ma⸗ —— 155 chen koͤnne, daß er Demoiſelle Beaumesnil an einem dritten Orte auf einige Augenblicke ſehen koͤnne. — Nichts leichter, als das, antwortete der Schauſpieler. Es iſt heute der Geſellſchaftsabend der Arnould. Dort finden Sie ſie. Begleiten Sie mich, ich fuͤhre Sie ein. Der Chevalier nahm mit Vergnuͤgen den Antrag an und fuhr auf der Stelle mit Le Kain zu der beruͤhmten Saͤngerin. Sie fanden bereits eine, jedoch nicht ſehr zahlreiche Geſellſchaft vor. Auf einem ſchmalen Divan ſaß Demoiſelle Arnould ſelbſt, die we⸗ gen ihres Geiſtes nicht weniger, als wegen ih⸗ rer unzaͤhligen Liaiſons ſich in ihrem Kreiſe eine ſolche Authoritaͤt verſchafft hatte, daß die Damen vom Theater ſich bei allen ſchwierigen Faͤllen an ſie wie an ein Orakel wendeten und ihr Salon einer der beſuchteſten in der Haupt⸗ ſtadt war. Von ihrer Schoͤnheit war nur noch uͤbrig gebleeben, was die Zeit eben am laͤng⸗ ſten unangetaſtet laͤßt. Ein großes ſchwarzes — Auge und ein huͤbſcher Zug um den Mund, der nur zu leicht einen ſpoͤttiſchen Karakter an⸗ nahm, gaben ihren Zuͤgen noch jetzt etwas An⸗ ziehendes. Das pauſchige ſeidene Kleid, das ziemlich hoch von der Taille abſiel, war jedoch ſo wenig, als die langen Spitzen, die von den kurzen Aermeln bis an die Hande herabfielen, im Stande, die ungewoͤhnliche Magerkeit der Schauſpielerin zu verbergen, die durch den Kopfputz, der damals unerlaͤßlich war, nur noch mehr hervorgehoben wurde. Es war gerade die Zeit, wo die Friſur durch Federn und kuͤnſt⸗ liche Vorrichtungen ſo in die Höhe getrieben wurde, daß die Damen, wenn ſie in einer Kutſche ſaßen, ſich mit den Knien auf den Boden derſelben legen, und ſogar zuweilen, wenn ſie nicht oben anſtoßen und die Arbeit vieler Stunden zerſtoͤren wollten, den Kopf zum Schlage hinausſtecken mußten. Und wun⸗ derbar genug war es anzuſehen, wenn zwei Wagen hart aneinander voruͤberfuhren, und vielleicht zwei Nebenbuhlerinnen in einem jeden 157 derſelben ſaßen, und waͤhrend unten die ge⸗ putzten Feindinnen ſich giftige Blicke zuſchoſſen, in dem nur eine Elle hoͤher gelegenen Stock⸗ werke die Federn der beiden Parteien ſich fried⸗ lich beruͤhrten und kuͤßten. Um dieſen Uebelſtand abzuſchaffen, hatte man zuletzt die Coiffuͤren mit Springfedern verſehen, ſo daß ſie ſich in der Haͤuslichkeit bequem einziehen ließen, und wenn Beſuch kam und man etwas Hohes vor⸗ ſtellen wollte, aufgeſchnellt wurden. Marie An⸗ toinette hatte die Mode der allegoriſchen Friſu⸗ ren aufgebracht, welche vollends dazu geeignet waren, alle Koͤpfe in jeder Hinſicht zu verruͤk⸗ ken. Man trug das Haar à la Constance, wo auf der linken Seite Krepp mit ſchwarzen Blu⸗ men, rechts Aehren und ein Fuͤllhorn angebracht waren; à linoculation, wo ſich eine Schlange, eine Sonne und ein Oelzweig zeigten; der Frau eines Admirals hatte der beruͤhmteſte aller Coif⸗ feurs, Herr Beaulard, durch Gaz ein ganzes wogendes Meer auf den Kopf ſtellen muͤſſen. Demoiſelle Arnould war, einer ihrer Hauptrol⸗ 158 len zu Liebe à Plphigenie friſirt und trug ei⸗ nen Kranz um die Stirne, daruͤber einen Halb⸗ mond, von dem ein koſtbarer Schleier herab⸗ fiel. Zu beiden Seiten von ihr ſaßen noch ei⸗ nige Damen vom Theater und theils hinter ih⸗ nen, theils in einzelnen Gruppen ſtanden meh⸗ rere junge und aͤltere Herren. Es war heute ungewoͤhnlich leer in ihrem Salon. Le Kain ſtellte den Chevalier vor. Herr von Neynaud, ſagte er mit einem boshaften Blicke auf ihn, hat mir eben im Hereintreten eine Bemerkung gemacht, die ich Deinem Scharf⸗ ſinne, Sophie, nicht vorenthalten darf. Er frug naͤmlich, warum Damen, die ſich doch ſo leicht ergaͤben, nicht laͤngſt ſchon ihre Feſtungswerke, die Reifroͤcke, nebſt Zubehoͤr geſchleift haͤtten. — Vielleicht, antwortete Demoiſelle Arnould. den Chevalier mit einem frechen Blicke meſſend, weil wir uns gerne belagern laſſen. Der Chevalier erroͤthete. — Das Einnehmen lieben Sie allerdings, ſagte ein junger Mann lachend. 159 — Von Ihnen, Herr von Chamfort, ant⸗ wortete die Schauſpielerin, bin ich nie einge⸗ nommen geweſen.. — Das macht, entgegnete er, ſih entfer⸗ nend, weil ich nicht genug auszugeben habe. — Bleiben Sie, rief ihm eine Andere zu, und kommen Sie zu mir. Seit Sie den abge⸗ ſchmackten Laharpe ſo geaͤrgert, weiß ich nichts, was ich Ihnen abſchlagen koͤnnte. — Ich Gluͤcklicher! Alſo habe ich zugleich ſeine Galle und Ihr Herz geruͤhrt. Fuͤr dieſen ſuͤßen Lohn einer bittern Arbeit laſſen Sie mich Ihre Hand kuͤſſen, meine ſchoͤne Heinel. — Sind Sie in Streit mit Herrn Laharpe verwickelt? fragte der Chevalier. — Sehr ohne mein Zuthun, erklaͤrte Herr von Chamfort. Die Akademie von Marſeille hatte als Preisarbeit fuͤr das laufende Jahr eine Lobrede auf Lafontaine ausgeſetzt. Herr Laharpe hatte eine Schrift dazu verfaßt, die er in allen Geſellſchaften, deren Koryphaͤe er iſt, vorgele⸗ ſen hatte und die uͤberall fuͤr ſo vortrefflich ge⸗ 160 halten wurde, daß man an ſeinem Siege nicht zweifelte. Vor Allen war Madame Necker, die Frau des reichen Bankiers, dieſer Anſicht und da ſie ihrem Schuͤtzlinge gerne auf eine zarte Weiſe ein Geſchenk machen wollte, ſo ſchickte ſie der Akademie von Marſeille zwei tauſend Livres zu und bat ſie, dieſe dem gewoͤhnlichen Preiſe hinzuzufuͤgen. Nun aber hat der Zufall gewollt, daß die Akademie mir den Preis und alſo auch die zwei tauſend Livres zuerkannt hat, und daß Herr Necker mich von fruͤher her nicht leiden mag. Er hat ſeinen Aerger merken laſ⸗ ſen, aber ich habe doch ſein Geld. — Seit wie lange? fragte Demoiſelle Rau⸗ court. — Seit vorgeſtern. — Alſo hatten Sie es, ergaͤnzte Sophie, denn wie viel haben Ihnen Ihre Glaͤubiger ſeitdem gelaſſen! Aber es thut nichts, Sie ſind zu Gnaden aufgenommen. Was die Heinel aus Schadenfreude uͤber Laharpe thut, thue ich we⸗ gen der Madame Necker. Ich haſſe dieſe gelehr⸗ 161 — 6 ten Weiber. Sie ſind nicht beſſer wie wir, aber jeder ſieht nur auf ihren Kopf, auf ihre Büͤſte, waͤhrend man bei uns armen Geſchoͤpfen bis auf die Fußſpitze geht und uͤber unſere Schwach⸗ heiten Buch fuͤhrt. — Es ſoll doch eine geiſtreiche Frau ſeyn, warf der Chevalier ſchuͤchtern ein. — Das iſt nicht wahr, entgegnete Sophie lebhaft. Wenn ſie Geiſt haͤtte, wuͤrde ſie ihn nicht auf die gelehrte Lampe ſchuͤtten, ſondern ihn frei leuchten und waͤrmen laſſen. — Sie haͤlt ein Bureau d'Esprit. — Das iſt s eben, Herr von Conflans. Da ſitzen ſie und ſehen ſich einander an und druͤk⸗ ken an ihren Hirnkaſten, und wenn einer ein Wort fallen laͤßt, das nicht ganz von Blei iſt, ſo heben ſie es ſchnell auf, putzen es und ſtrei⸗ cheln es, und ſtecken es unter Dach und Fach, daß es nicht verloren geht. — Bei Bureau, fuͤgte Chamfort hinzu, fallt mir gleich die ganze Regiſtratur mit Akten und Buchern, Staub und Schubladen ein. I.— 11 162 Wollen ſie den Witz dahin ſperren, ſo muß er freilich dumpf und hoͤlzern werden. — Enfin, fiel Herr von Conflans ein, Herr Necker iſt kein Franzoſe. — Es gehoͤrt auch Deutſche Geduld dazu, den Vorleſungen des breiten Laharpe zu wider⸗ ſtehen. — Wer den wahren Geiſt kennen lernen will, muß ſich an unſere liebenswuͤrdige Ar⸗ nould wenden. — Ich danke, Herr Marmontel, ich habe nicht mehr als eine andere, aber was ich habe, verbrauche ich fuͤr's Leben. Ich verſtehe mich nicht auf Sparen und Sammeln. — Doch habe ich geſtern gehoͤrt, ſagte De⸗ moiſelle Lebar, daß Du Dich vor Kurzem nicht uͤbel vorgeſehen haſt? — Biſt Du neidiſch, Kleine? Mach's wie ich und gehe in den Weingarten des Herrn, ſo wird Dir auch wohl werden. Hatte ich nicht Recht, daß ich mir vom Abbé Terray kurz 163 vorher, ehe er ſeinen letzten Sprung von der General⸗Controlle in das Exil nach der Bre⸗ tagne machte, eine Penſion auswerfen ließ? Was lachſt Du dort, Le Kain? — O, Herr Doucet erzaͤhlt mir eben eine Parodie, an der er arbeitet. — Kommen Sie naͤher, Herr Doucet; ge⸗ gen wen iſt ſie gerichtet? — Gegen Niemand in's Beſondere. Es iſt ein Drama in zwei Akten und heißt Kaſſan⸗ der, oder die Wirkungen der Liebe und des Gruͤnſpans, und iſt eine Apotheoſe der Schrek⸗ kensſtuͤcke, welche jetzt in Mode kommen, und in welcher gluͤcklich dargethan wird, daß vier dramatiſche Dichter, welche ihre Sujets dem Bicetre, der Conciergerie oder dem Greveplatze entnehmen, mehr Wirkung hervorbringen, als ein und fuͤnfzig Polizeikommiſſaire, und daß es daher Pflicht der Regierung ſey, wenn ſie fuͤr die Sicherheit der Buͤrger ſorgen wolle, lieber einige ſolcher Dichter, als ſo viele Voli⸗ zeideamte in Sold zu nehmen. 164 — Und das Stuͤck ſelbſt? — Ein Familienvater, verliebt, aber voll Verzweiflung, ſeine Antraͤge zuruͤckgewieſen zu ſehen, beſchließt, ſeinen unbekannten Nebenbuh⸗ ler zu vergiften. Aber wer iſt das? Sein eige⸗ ner Sohn. Gleich in der erſten Scene ſieht man Kaſſander von Liebe und Eiferſucht zer⸗ fleiſcht. Der Gegenſtand ſeiner Gluth iſt Jac⸗ queline, die denſelben Morgen mit ſeinem Sohne ſich verheirathet hat. Kaſſander beſchließt, ſeinen Nebenbuhler mit einem Glaſe Liqueur zu ver⸗ giften, das er in Jacquelinens Stube hat ſte⸗ hen ſehen. Der Sohn trinkt den ungluͤcklichen Ratafia und Jacqueline meldet Herrn und Ma⸗ dame Kaſſander den Tod ihres Sohnes. Im zweiten Akte ſitzt der Held im Kerker, da er aber den Gedanken nicht ertragen kann, ſich auf dem Greveplatze geraͤdert zu ſehen, ſo nimmt er den Reſt des Gruͤnſpans und ſchuͤt⸗ tet ihn in ein großes Glas Wein, wovon er einen Schluck trinkt; der Gefaͤngnißwaͤrter weiß nichts von dem ſchrecklichen Plane Kaſſander's 165 und trinkt ebenfalls einen Schluck. Da erſcheint der Sohn, der wieder geneſen iſt, und ver⸗ ſpricht ſeinem Vater die Freiheit, da er den Richtern erklaͤren wird, er habe ſich ſelbſt aus Verſehen vergiftet. Aber der Vater ſagt, er komme mit ſeinem Senf nach der Mahlzeit, denn er habe ſo eben aus dieſem Glaſe Gruͤn⸗ ſpan getrunken. Ich habe auch daraus getrun⸗ ken, ruft der Sohn, der kein Weinglas ruhig ſtehen ſehen kann, und ſtuͤrzt todt auf den Schließer, dieſer todt auf Kaſſander und dieſer todt auf ſeine Frau. Kein Menſch bleibt am Leben. Ich glaube aber, mir ein beſonderes Verdienſt durch die neue Todesart der Madame Kaſſander erworben zu haben. Ihr fehlt eigent⸗ lich nichts, aber ſie wird unter den Leichen der uͤbrigen erdruͤckt, wobei hoffenlich auch allen Zuhoͤrern der Athem vergehen wird. — Nehmen Sie ſich in Acht, ſagte Sophie, wenn das Dorat hoͤrt, ſo wird er Ihr Feind. — Er hat geſtern ſein Theil bekommen, fiel Marmontel ein. Er iſt der gierigſte Menſch 166 unter der Sonne und er moͤchte gerne allen Beifall und alle Ehre fuͤr ſich eskamotiren. — Was wurde geſtern gegeben? — Regulus und die Liſt aus Liebe. Er haͤtte gern einen doppelten Lorbeer errungen und an einem Abende zu weinen und zu lachen gemacht. .— Und da hat man weder geweint, noch gelacht, fuͤgte Chamfort hinzu. — Du kannſt von Gluͤck ſagen, liebe Rau⸗ 3 court, ſagte die Arnould, daß Du meinem Rathe gefolgt biſt. Denken Sie ſich, meine Herren, der Menſch hat ſich ihr durchaus auf⸗ draͤngen wollen. Ein Menſch, trocken, arm und ſchwaͤchlich, gerade das Gegentheil von Allem, was ſich fuͤr Dich paßt.— — Er betet jetzt Demoiſelle Guinard an. — Die Guinard? Neulich tanzte ſie mit Veſtris und Auberval ein Pas de trois. Das kam mir vor, als ob zwei Hunde ſich um ei⸗ nen Knochen ſtritten. — Da hat ſich die Duplant beſſer vorgeſe⸗ 167 hen, ſiel die Heinel ein. Sie wird jetzt von dem reichen Fleiſcher Colin unterhalten. In demſelben Augenblicke trat eine Dame in das Zimmer. Ach, meine liebe Duplant, ſagte Sophie, ihr entgegen gehend und ſie auf den Mund kuͤſſend, wie lange haben wir Dich ſchon erwartet? Aber ſage mir doch— auf einen großen Hund weiſend, der mit ihr in die Stube gelaufen war— iſt das vielleicht der Laͤufer Deines neuen Geliebten? Der Chevalier wendete ſich entruͤſtet ab und trat zu Le Kain hin, der ſich mit Champfort unterhielt. — Wer iſt der Herr dor, fragte er, indem er auf eine derbe, etwas eckige Geſtalt zeigte. — Der ſo ſteif ſteht, antwortete Chamfort, als ob er in die Mauer hineingewachſen waͤre? Er haͤlt ſich ſelbſt fuͤr eine Arbeit ſeines fruͤhern Handwerks. Es iſt Sedaine, der ehemalige Steinhauer. — Sie ſcheinen engedud, Pent von Rey⸗ naud. 168 — Ich muß Ihnen geſtehen, Herr de Cham⸗ fort, daß ich nicht begreife, wie eine ſolche Ge⸗ ſellſchaft Ihrem Geiſte genuͤgen kann. — Was wollen Sie machen? antwortete dieſer achſelzuckend. Wo finden Sie ſie beſſer? Dieſe Weiber, wie Sie ſie dort ſehen, machen doch wenigſtens einen Stand aus ihrer Lieder⸗ lichkeit, und ſo weiß man, was man an ihnen hat. Die Damen aber pfuſchen nur hinein, und ſetzen ihren Laſtern noch das der Heuche⸗ lei hinzu. Ueberdies amuſirt mich das. Waͤhrend Marmontel dort ihnen devot die Haͤnde und Fuͤße kuͤßt, mache ich mich luſtig mit ihnen und uͤber ſie. Halten Sie es eben ſo. Apro⸗ pos, Le Kain, ich habe Sie noch nicht gefragt, wie es Ihnen in Berlin gegangen iſt? Iſt Friedrich wirklich ein ſo großer Koͤnig? Ver⸗ dient er, wie Veſtris ſagt, mit ihm und Vol⸗ taire zu den großen Maͤnnern des Jahrhun⸗ derts gezaͤhlt zu werden? — Er iſt wirklich ein großer Mann, ant⸗ 169 wortete der Schauſpieler, aber ſeine Kaſſe ſcheint mir klein zu ſeyn. — Wie? Verſteht er das Verdienſt nicht zu belohnen? — O ja, und ich geſtehe, ich moͤchte meine Reiſe nicht verkaufen. Es iſt eine Freude, vor einem Manne zu ſpielen, der eben ſo gut ein Heer befehligt, als eine Rolle beurtheilt, denn ich verſichere Sie, er weiß Alles, er kennt Alles, und er ſpricht mit mir uͤber die Schauſpielkunſt ſo gruͤndlich, wie mit Herrn von D'Alembert uͤber Philoſophie. Das Lob eines ſolchen Mo⸗ narchen kann ſtolz machen—. — Aber nicht reich. — O, ſagte Sedaine, der hinzugetreten war, ein Lorbeerzweig gilt mehr als die Wuͤn⸗ ſchelruthe, die alle verborgenen Schaͤtze der Welt aufſchlaͤgt. — Das kommt darauf an, antwortete Le Kain vornehm, wie man zu leben gewohnt iſt. — Es iſt nicht moͤglich, rief Demoiſalle Rau⸗ court laut. 170 — — Was nicht? fragte Herr von Chamfort ſich umwendend. — Der Koͤnig, antwortete ein Neuangekom⸗ mener, hat heut beim Lever erklaͤrt, er werde ein Edikt ergehen laſſen, das allen uͤbermaͤßi⸗ gen Putz der Damen von der Oper unterſagen wird.. — Es fragt ſich erſtens, erwiederte Herr Marmontel, was uͤbermaͤßig iſt, und ſelbſt wenn der Befehl noch ſo ſtreng lautete, wer⸗ den Sie, meine Damen, nur gewinnen, wenn die Kunſt hinter der Natur etwas mehr zuruͤck⸗ tritt. — Ich fuͤr meinen Theil, fluͤſterte Le Kain dem Chevalier ins Ohr, bin gar nicht neugie⸗ rig, die Verbindung von Haut und Knochen, welche die Welt Demoiſelle Arnould nennt, in ihrer Naturwahrheit kennen zu lernen. — Habe ich es euch nicht ſogleich geſagt, Kinder, ſagte Sophie, als der ſelige, hoch⸗ und hoͤchſtſelige Koͤnig ſtarb, daß wir jetzt ein⸗ packen koͤnnten? Der Dauphin? Was war von 171 einem Menſchen zu erwarten, der ſeine Frau liebt? Er iſt ein Jahr mit ihr verheirathet und liebt ſie noch! Und begeht keine Untreue! Hat man ſo etwas gehoͤrt? Des Morgens fruͤhſtuͤckt er mit ihr, des Mittags ißt er mit ihr, des Abends ſpielen ſie zuſammen. Es iſt aus, die gute alte Zeit iſt verſchwunden, denn Alles ahmt ſchon dem Monarchen nach. — Nicht Alles, antwortete der Markis von Conflans. Sie wiſſen, daß ich kuͤrzlich mich mit der Tochter des Grafen Coigny verbunden habe. Dies gab zu manchen Familien⸗Soupers Anlaß. Zuletzt kuͤndigte auch mein Schwiegervater eins an. Als wir am Morgen davon ſprachen, ſagte ich ihm, ich fuͤhlte mich etwas beklom⸗ men, weil ich noch nie bei ſeiner Gemahlin geſpeiſt habe. Pah, gab er mir zur Antwort, ich auch nicht. Wir wollen zuſammen gehen und uns einer den andern ſouteniren.. — Das iſt die Geſchichte vom Henker, ſetzte Chamfort hinzu, der dem Verurtheilten ſeine Verlegenheit geſtand, da er noch nie gehenkt 172 habe, und zur Antwort erhielt: Und ich bin noch nie gehenkt worden. Wir wollen unſer Moͤglichſtes thun, und uns, ſo gut es geht, herausziehen. — Ach, Bertin, ſagte Sophie Arnould, wenn Du jetzt Schulden machſt, ſo geht keine Graͤfin Barry mehr fuͤr Dich herum, und macht Kollekten, Deine Glaͤubiger zu befriedigen. — Apropos, ſprach Le Kain dazwiſchen, dem der Chevalier, welcher kein Auge von der Thuͤr verwandte und von Sehnſucht verzehrt wurde, etwas ins Ohr gefluͤſtert hatte. Apro⸗ pos, kommt Demoiſelle Beaumesnil nicht mehr zu Dir? — Die Maulheldin? erwiederte Sophie hoͤh⸗ niſch, die habe ich aufgegeben. Entweder ſie hat einen Liebhaber, der ſich unſichtbar machen kann, oder ſie hat der Tugend das Bettelkleid abgeborgt. Sie iſt unausſtehlich. Sie faͤngt an zu moraliſiren, und dazu iſt ſie doch wahrhaf⸗ tig zu jung. Ich ſehe ſie nicht mehr, außer auf dem Theater. Der Chevalier hatte ſich zuruͤckgezogen, als die Rede von ſeiner Geliebten war, aber doch kein Wort von dem verloren, was die Schauſpielerin ſagte. Als er hoͤrte, daß er ver⸗ gebens ſeine Zeit in dieſer Geſellſchaft verbracht hatte, ſchlug er ſich aͤrgerlich vor die Stirn und eilte ſchnell davon. Es trieb ihn unwillkuͤhrlich und unwiderſteh⸗ lich nach der Wohnung der Demoiſelle Beau⸗ mesnil. Er klopfte an das Thor, er rief, er laͤrmte, aber der Pfoͤrtner, der ſeine Stimme erkannt hatte, betheuerte ihm zum hundertſten Male, daß er ihm nicht oͤffnen duͤrfe. Dieſe unerſchuͤtterliche Feſtigkeit, mit der alle ſeine Bemuͤhungen abgewieſen wurden, benahm ihm dermaßen alle Faſſung, daß er wie ein Kind bald weinte, bald tobte, mit Haͤnden und Fuͤ⸗ ßen ausſchlug und einem Feuerwaͤchter, der eben mit ſeiner langen Leiter voruͤberging, ei⸗ nen Stoß verſetzte, den dieſer ſehr geneigt war, uͤbel zu nehmen. Ploͤtzlich ſtieg ein Gedanke in ihm auf. Er packte den Mann mit einer ſolchen Kraft an der Schulter, daß ſich dieſer nicht ruͤhren konnte. — Willſt Du einen Louis verdienen? fragte er ihn nach einer Weile. — Sacré Dieu, Eure Gnaden antwor⸗ tete der Menſch, indem er ſich buͤckte, um ſich loszumachen. Wenn Sie meinem Magen etwas zu gut thun wollen, muͤſſen Sie mir nicht vorher die Knochen zerbrechen. — Stelle Deine Leiter dort an. Ich muß durch das Fenſter in jenes Zimmer. Der Menſch verzerrte das Geſicht und blickte mit zuſammen gekniffnen Augen zu dem Che⸗ valier auf. Wie ein Spitzbube, ſagte er, ſehen Sie mir nicht aus und Gold kommt ſelten an unſer Einen. Meinetwegen. — Hier iſt ein Louis, rief der Chevalier, als er ſchon auf einer Sproſſe der Leiter ſtand, und wenn Du hier unten warteſt, bis ich zu-⸗ ruͤckkomme, ſo bekoͤmmſt Du noch einen. — Dafuͤr warte ich bis uͤbermorgen, ſagte der Waͤchter, waͤhrend der Chevalier ſchon am ——— 175 Fenſter war, das beim erſten Drucke nachgab und gleich darauf in das Zimmer der Schau⸗ ſpielerin ſprang. In dem Saale war niemand. Er tappte nach der Nebenſtube zu, in dem, wie eine Spalte in der Thuͤr verrieth, noch Licht brannte, oͤffnete ſie leiſe und ſtand vor Demoiſelle Caroline, die mit einem Schrei des Entſetzens von dem Tiſche, an dem ſie eine Rolle durchlas, in die Hoͤhe fuhr. Zum Gluͤck war ſie allein. Aber wenn auch ihre Verlegenheit dadurch geringer wurde, ſo war ihre Entruͤſtung darum nicht minder heftig. Ihm jedoch hatte ſie nie ſo reizend geſchienen. Das leichte Nachtgewand, das die wirklich vollendete Schoͤnheit ihres Wuchſes noch mehr hob, entflammte jeden Tro⸗ pfen ſeines Blutes; die Heimlichkeit, die in der Stube herrſchte; die Ploͤtzlichkeit, wie er jetzt auf einmal ſein Gluͤck erreicht hatte, nach dem er ſo lange ſich ſchmerzlich geſehnt hatte;— alles ſteigerte ſeine Leidenſchaft bis zur Heftig⸗ keit des Wahnſinnes und machte ihn blind ge⸗ 18 4 3 1 176 gen den Zorn, der aus jedem Zuge der Schau⸗ ſpielerin ſprach. Er ſtuͤrzte auf ſie zu, ſie trat jedoch hinter den Tiſch zuruͤck und ſtreckte die Hand mit einer ſo kalt befehlenden Miene ge⸗ gen ihn aus, daß er wie gelaͤhmt ſtehen blieb. — Alſo das, ſagte ſie endlich mit Bitter⸗ keit, alſo das nennen Sie Liebe! Ein armes Maͤdchen, das Ihnen ſeine Gefuͤhle und Ge⸗ danken ehrlich bekannt hat, mit Gewalt uͤber⸗ fallen, es in den Augen der Welt durch eine ſchaͤndliche Liſt zu Grunde richten und es un⸗ gluͤcklich machen, blos um den Trieb eines Au⸗ genblicks zu befriedigen. Pfui, Herr Chevalier. Ich habe beſſeres von Ihnen gedacht. — Hoͤren Sie mich! — Kein Wort weiter, Ihr Betragen raubt Ihnen meine Achtung. Liegt Ihnen an ihr noch etwas, ſo ſuchen Sie ſie wieder zu verdie⸗ nen, und vor allem verlaſſen Sie mich jetzt, auf der Stelle. — Nachdem ich ſo lange vergebens dieſen — Augenblick erfleht, ſollte ich ihn wieder aufge⸗ ben, mich trennen— — Herr Chevalier, es kann kein Band zwiſchen uns beſtehen. Ich habe es Ihnen be⸗ reits geſagt und Ihre Indiskretion zwingt mich hinzuzufuͤgen, daß ich Ihnen keine Hoffnung geben kann, weil ich bereits gebunden bin durch ein Verhaͤltniß, das ich freudig eingegangen bin und nie ſelbſt loͤſen werde. Dieſe Worte fielen auf Herrn von Reynaud ſchwer wie ein Blitzſtrahl nieder; er ließ den Kopf ſinken und ſeinen Thraͤnen freien Lauf. Auf das, was Demoiſelle Caroline noch ſagte, hoͤrte er nicht mehr. Als ſie nochmals mit der Hand ihm winkte, daß er ſich entfernen moͤch⸗ te, verließ er mechaniſch das Zimmer und ging auf das Fenſter zu, durch das er hereingekom⸗ men war. Sie eilte ihm nach und ergriff ihn beim Arme, um ihn zuruͤckzuhalten. Nicht hier durch, ſagte ſie, es moͤchte Sie jemand ſehen. Gehen Sie durch die Thuͤre. Sie ſelbſt begleitete ihn die Treppe hinunter I. 12 7 178 und oͤffnete ihm das Thor, da der Pfoͤrtner in ſeiner Loge eingeſchlafen war. Er ſchwankte wie beſinnungslos weiter, ohne mehr an den Mann zu denken, der an dem andern Ende des Hau⸗ ſes ruhig an ſeiner Leiter ſtand und Wache hielt. Aber das Gewitter, das Demoiſelle Beau⸗ mesnil jetzt an ſich voruͤbergezogen waͤhnte, hatte ihr noch den ſchwerſten Schlag aufbewahrt. Herr von Blenaye, der den Tag uͤber bei ei⸗ nem Freunde in Verſailles zugebracht und ſei⸗ ner Freundin angezeigt hatte, daß er erſt des andern Morgens werde zuruͤckkommen koͤnnen, hatte ſich fruͤher, als er gedacht hatte, los zu machen gewußt und ſeinem Kutſcher befohlen, ihn ſo ſchnell, als die Pferde laufen koͤnnten, nach Paris zu fahren. Obgleich es ſchon gegen Mitternacht war, als er an der Barriere St. Marie ankam, ſo ließ er ſich doch ſogleich noch nach der Ecke der Rue Taitebout und der Rue Pro⸗ vence bringen, von wo er nur wenige Schritte zu Demoiſelle Beaumesnil hatte. Dort ſtieg er aus, hieß ſeinem Kutſcher nach Hauſe zuruͤck⸗ 179 kehren und ging zu Fuß weiter. Aber wie er⸗ ſchrack er, als er an der Mauer des Hauſes, das er beim ſchwachen Schimmer der Re⸗ verbere von fern als den Tempel ſeines Gluͤcks. erkannte, eine Leiter und am Fuße derſelben einen Mann erblickte. Sein erſter Gedanke war: Diebe! Er lief, was er konnte, auf den vermuthlichen Spitzbuben mit geſchwungenem Stocke los, faßte ihn bei der Gurgel und ſchrie: hieher! die Wache hieher! Diebe! Der Waͤchter aber ſtieß den alten Mann zuruͤck und rief ſei⸗ ner Seits: — Saeré Dieu, Herr, ſehe ich wie ein Spitzbube aus? Scheren Sie ſich zum Teufel und laſſen Sie einen ehrlichen Mann in Ruhe ſein Stuͤck Bord verdienen. — Nicht Spitzbube, ſtoͤhnte Herr von Ble⸗ naye, in dem ein fuͤrchterlicher Argwohn er⸗ wachte. — Zum Wetter, der Herr, dem ich hier die Leiter halte, ſah mir ganz aus, als ob er ſo 180 viel gutwillig bekomme, daß er nichts zu neh⸗ men brauche. — Es war ein Herr? — Ey freilich, und ein ſchundet, junger obenein. — Die Falſche! knirſchte Herr de Blenage⸗ Und Du Schurke liehſt zu ſolchem niedertraͤch⸗ tigen Streiche Dich her? — Nur die Leiter, Eure Gnaden. — Elender, ich ſollte Dich einſperren laſſen. Aber nein. Hier nimm dieſen Louis und hilf mir hinauf. Ich will die Treuloſe mit ihrem Buhlen uͤberraſchen und zermalmen. — Recht gern, antwortete der Waͤchter. Und jetzt, fuͤgte er hinzu, als Herr von Blenaye ebenfalls durch das Fenſter hereingeklettert war, jetzt haͤtte ich meine zwei Louis und begebe mich nach Hauſe. Der Eine iſt der Mann und der Andere iſt der Liebhaber; einer kriegt Schlaͤge und muß wieder herunter. Dann faͤllt ſeine erſte Wuth auf mich und mein Buckel iſt nicht hiebfeſt. —j— — 181 Demoiſelle Beaumesnil ging Herrn von Ble⸗ naye, als er ſo unerwartet in ihr Gemach trat, uͤberraſcht entgegen; die Spuren der Auf⸗ regung, die noch auf ihrem Geſichte zu leſen waren, beſtaͤrkten ihn nur in ſeinem Verdachte; aber trotz dem konnte er nicht ſogleich Worte ſinden, ſeinen Gefuͤhlen Luft zu machen. Sie, die ſein verſtoͤrtes Ausſehen befremdete, wußte ebenfalls nicht, was ſie denken, noch was ſie ſprechen ſollte, ſo daß ſie ſich mehrere Minuten ſtumm anblickten, bis Herr von Blenaye end⸗ lich, dieſes Schweigen als einen Beweis ihrer Schuld anſehend, voller Wuth in die abgebro⸗ chenen, langſam, mit Muͤhe auf einander fol⸗ genden Worte: ſo! Falſche! Treuloſe! ausbrach. — Was iſt Ihnen? fragte Caroline ruhig. — Was mir iſt? Meineidige? Steht Sie nicht da ſo unſchuldig, als ob Sie kein Waſſer truͤben koͤnnte! Was mir iſt? Habe ich nicht die Leiter an dem Fenſter geſehen, habe ich nicht unten gehoͤrt, weiß ich nicht, daß, waͤh⸗ 182 rend Sie mich entfernt glaubten, hier ein Ga⸗ lant bei Ihnen ſchwelgte? — Sie vergeſſen ſich, Herr von Blenaye. — Hal ha! der Spaß ich gut. Ich mich vergeſſen? Bin ich blind? Bin ich taub? Koͤn⸗ nen Sie es leugnen? Zittern Sie nicht jetzt? Sie fuͤrchten, daß ich den Verſteckten finden moͤchte. — Das geht zu weit; ich ſchwoͤre Jhnen, daß ich unſchuldig bin— — Und daß gar keine Leiter draußen ſteht und kein Menſch hier hereingeſtiegen iſt. Wie? Schwoͤren Sie das auch? Aber freilich, was koſtet Euch Weiber ein Schwur? Und doch thun Sie es nicht einmal. So ſchwoͤren Sie doch, in des Teufels Namen, ſo ſchwoͤren Sie wenigſten. — Ich will nicht, Herr von Blenaye, wenn Sie mir nicht ſo glauben, ſo wollen wir es dabei bewenden laſſen. Vergeſſen Sie nicht, daß Sie kein Recht auf mich haben, außer dem, das ich Ihnen einraͤume. —.,— 183³ — — und unſer Kontrakt? — Er iſt zerriſſen. — Oh, Sie wollen mich alſo los ſeyn. Alfo wiegt der andere ſchwerer, ſchrie Blenaye, im⸗ mer mehr in Wuth gerathend, je kaͤlter er Demoiſelle Beaumesnil werden ſah. — Ich verzeihe Ihnen dieſen ſchmutzigen Verdacht. Sie haben mich bisher mit Zartheit und Liebe behandelt, und wenn ich mich nicht mit Leidenſchaft an Sie feſſeln konnte, ſo fuͤllte doch die Achtung und Theilnahme, die ich fuͤr Sie, wie fuͤr einen vaͤterlichen lieben Freund empfand, meine Bruſt ganz aus. — So ſchwoͤren Sie mir— — Nein. Ein Verhaͤltniß wie das unſere, kann nur durch gegenſeitige Achtung, gegenſei⸗ tiges, feſtes Vertrauen beſtehen. Das Vertrauen bedarf keiner Erklaͤrung— es glaubt; heute koͤnnte ich Ihnen Ihr Unrecht beweiſen, ein andermal nicht, und wenn ich noch ſo ſchuld⸗ los waͤre, Sie wuͤrden mich um ſo mehr ver⸗ 184 dammen, weil ich mich nicht vertheidigen koͤnnte, wie das er ſtemal.. — Theaterphraſen. Und die ſollen mich kir⸗ ren? Ich fordere Beweiſe, ich kann ſie fordern. — Nichts koͤnnen Sie, Herr von Blenaye. Sie ſelbſt haben das Band zerriſſen. — Was? Und Sie glauben, ich ſollte meine Sinne gefangen halten, und mich blind einer Schauſpielerin ergeben? — Jetzt bitte ich Sie, ſich zu entfernen, Herr von Blenaye. Die Schauſpielerin will nichts mehr mit Herrn von Blenaye gemein haben, und bittet ihn, ſie ihrer Ruhe zu uͤber⸗ laſſen. — Ja, ich will gehen, ich will fort. Narr ich, der ich beim Theater Treue ſuchte. Dop⸗ pel Narr, der ich mich daruͤber quaͤle und graͤme. Leben Sie wohl, Sie, Sie Falſche.— An der Thuͤr kehrte er noch einmal um.— Es iſt aus, ich ſehe Sie nie wieder, und wenn mir auch das Herz daruͤber zerſpraͤnge.— Er lief wieder fort, kehrte aber noch einmal um 185 und ſtellte ſich vor ſie hin. Sie ſah ihn aber ſo kalt und feſt an, daß er kein Wort heraus⸗ bringen konnte, ſondern bloß mit den Armen um ſich focht, endlich nach dem Fenſter ſprang und von da, als er die Leiter fortgezogen ſah, aus der Thuͤr abſtuͤrmte. Caroline ſtand noch einige Minuten wie feſt⸗ gebannt mitten im Zimmer, und erſt, als ſie die Hausthuͤr zuſchlagen hoͤrte, wankte ſie nach dem Sopha, auf dem ſie ſich herzlich aus⸗ weinte... Als der Chevalier nach Hauſe kam, fand er auf ſeinem Tiſche den Roman von Arnaud, Herr von Conninges, der in la Trappe ſpielt. Das iſt ein Wink des Himmels, rief er mit ſchmerzlicher Bewegung. Ja, fuͤr mich hat die Erde keine Freuden mehr, und nur fern von allem Treiben der Welt, von allen Leidenſchaf⸗ ten, welche unſer Leben verwuͤſten, kann ich die Ruhe wiederfinden, die mir hier nicht ver⸗ goͤnnt iſt.. Er rief nach Mayeux. Ein Bedienter ſagte ———ö———— 186 — ihm, daß er gegen Abend das Haus verlaſſen babe und noch nicht zuruͤckgekehrt ſey. Der Che⸗ valier war mit ſeinen eignen Gefuͤhlen zu be⸗ ſchäftigt, als daß ihm dieſe ungewoͤhnliche Ent⸗ fernung aufgefallen waͤre. Er ließ ſich von dem Diener, der ihm dies gemeldet hatte, einige wenige Sachen in einen kleinen Koffer packen, beſtellte Poſtpferde und befahl, als dieſe er⸗ ſchienen waren, man moͤge ſeinem Oheim ſa⸗ gen, er habe in Dienſtgeſchaͤften abreiſen muͤſſen. Als Herr von Blenaye erſchoͤpft und zerſtoͤrt in ſeiner Wohnung ankam, war er um eine Geliebte und um einen Neffen aͤrmer. Dieſelbe Nacht war noch fuͤr Andere unheil⸗ bringend. Herr von Gauthier, der ſich durch —ydqp— 187 das Mißlingen ſeines erſten Verſuches keines⸗ weges hatte zuruͤckſchrecken laſſen, war nur mit deſto groͤßerm Eifer ſeinem Plane gefolgt, und hatte endlich mit Muͤhe und Koſtenaufwand eine neue Spur aufgefunden. Er hatte ein Haus entdeckt, in dem ſeit einiger Zeit eine Dame in ſtrengſter Verborgenheit lebte, und, wie er ebenfalls erfahren, ihre baldige Niederkunft er⸗ wartete. Mehrere Polizei⸗Agenten, die er um das Haus hatte ſchleichen, ſogar hereingehen ſehen, beſtaͤrkten ihn in ſeinem Verdachte, und er beſchloß, um jeden Preis hinter das Ge⸗ heimniß zu kommen. An dem Morgen deſſelben Tages, an welchem Herr von Reynaud die Geſellſchaft der Demoiſelle Arnould beſucht hat⸗ te, ließ er Mayeux zu ſich rufen, und theilte ihm, vermuthlich weil er ſich keinem ſeiner ei⸗ genen Diener anvertrauen wollte, ſeinen Ope⸗ rationsplan mit. Aber alle Vorſicht ſchien ihm nichts helfen zu ſollen, und ein ungluͤcklicher Stern uͤber ſeinen Anſchlaͤgen zu ſchweben. Der Praͤſident hatte zwar ſorgfaͤltig die bei⸗ 188 den Thuͤren ſeines Kabinets verſchloſſen, aber vergeſſen, hinter die Thuͤren zu ſehen, denn als er von der einen Seite Mayeur entließ, ſchlich auf der andern ein Lakei, der, nach dem Wege, den er einſchlug, im Solde der Polizei ſtand und ſich die Haͤnde uͤber den zu erwartenden Lohn rieb, zum Hauſe hinaus. Herr Lenoir traf ſogleich die noͤthigen Anſtal⸗ ten, um den Streich des Praͤſidenten zu verei⸗ teln. Nachdem dies geſchehen, eilte er ſelbſt zu Madame Gauthier, welche vollkommen herge⸗ ſtellt war und theilte ihr mit, was vorgefallen und was im Werke ſey. Er fragte ſie, ob ſie nicht in der Provinz eine Freundin habe, auf deren Diskretion ſie ſich verlaſſen koͤnne, und da ſie ihm die Adreſſe einer Dame von Rouen angab, ſo hieße er ſie ſich niederſetzen und ei⸗ nen Brief an ihn ſchreiben, in welchem ſie ihm anzeigte, daß ſie nichts von der Nuͤckkehr ihres Gatten gewußt und daß ſie allerdings Unrecht ge⸗ habt habe, eine Reiſe anzutreten, ohne ihren Mann davon in Kenntniß zu ſetzen. Allein ſie 189 habe ſchnell zuruͤckzukehren gedacht, und ſey nur durch Zufall und Krankheit davon abgehalten worden, ſie müuͤſſe ihm jedoch fuͤr ſeine Muͤhe, ſie davon in Kenntniß zu ſetzen, aufrichtig dan⸗ ken. Uebrigens wuͤrde ſie zugleich mit dieſem Briefe nach Paris zuruͤckkommen. Herr Lenoir verſprach ihr, daß er fuͤr das Kind einſtweilen Sorge tragen und Herrn von Verigny von dem Schickſal deſſelben in Kennt⸗ niß ſetzen werde. Die Mutter forderte er auf, Abends um ſieben Uhr ſich in die Wohnung des Praͤſidenten zu begeben, und eilte darauf nach der Poſt, wo er dem Brief den Stempel der Stadt Rouen aufdruͤcken ließ. Mayeur eilte indeſſen nach der Wohnung ſei⸗ nes kuͤnftigen Schwiegervaters hinauf, blieb aber betroffen an der Thuͤr ſtehen, als er die⸗ ſen mit bloßem Kopfe, ohne Peruͤcke in der Stube hinauf und hinunter laufen und dabei die heftigſten Bewegungen machen ſah. — Was iſt Ihnen? fragte Mayeuxy beſorgt. — Aus meinen Augen, herrſchte ihn der 190 Autor an, aus meinen Augen, Sklavengeſicht, Herrenknecht. Adel? Wer hat ihn ihnen gege⸗ ben? Iſt er, fragt der treffliche Herr von Voltaire, mit Sporen und wir mit Saͤtteln zur Welt gekommen? Er will etwas Beſſeres ſeyn, als wir. Weiß er mehr, als wir? Nichts als Ignoranten, Obskuranten ſind es. Von Kunſt und Wiſſenſchaften keine Idee. Und wir ſind die Mehrheit, alſo ſind wir auch mehr werth. Er ſollte Gott danken, daß wir ihm noch das Leben laſſen. Aber das erkennt er nicht, er thut, als ob er uns nur ſo mitſpielen koͤnnte.*.— — Aber liebſter Vater, liebſte Feannette, ſtotterte Mayeux ganz verwundert, was iſt denn vorgegangen? Jeannette zuckte laͤchelnd mit den Achſeln. — Was vorgegangen iſt, ſchrie Laroſſe. Was immer, was taͤglich, was ſtuͤndlich vorgeht. Das Talent wird verkannt, wird mißhandelt. Aber das Volk muß ſich raͤchen, muß ihnen den Korb hoͤher, ſo hoch haͤngen, daß ihnen der 191 — Hals ſteif werden ſoll. O wartet! Ich will mich raͤchen. Meine Feder ſoll ein Dolch, meine Tinte ſoll Gift werden, ich will ſchreiben, ſchreiben, und ihr ſollt es mir buͤßen.. — Iſt Ihr Gedicht an Herrn von Aiguillon etwa... fragte Mayeur ſchuͤchtern. — Er iſt nicht mehr Miniſter, und ließ mich die Treppe hinunterwerfen, weil er es fuͤr Sa⸗ tyre hielt. Ich aͤnderte die Aufſchrift und brachte es an Herrn von Maurepas. Er drehte mir den Ruͤcken. Aber ich will euch beruͤcken und bewerfen, daß ihr drunter liegen bleiben ſollt. Ich will dem Volke zeigen, was ſeine Rechte ſind. Schmach uͤber jeden, der nicht: nieder mit den Privilegien! ruft. Und darum fort mit Dir, Herrendiener! — Teufel, jammerte Mayeux, ich will ja mitrufen. Hoͤren Sie mich doch nur erſt an. Ich habe keine Zeit zu verlieren. Ich bin nur hergekommen, um Sie aufzufordern, mich zu einem Gange zu begleiten, der Ihnen und mir ein gut Stuͤck Geld eintragen wird. Ich bin 192 beauftragt, einen zuverlaͤſſigen Mann dazu zu nehmen, und wen oͤnnte ich beſſer nehmen, als Herrn Laroſſe? Es iſt ein kleiner Dienſte der leicht gethan iſt. — Dienſt? Ich will nichts mehr von Dienſt wiſſen. Menſch, habe ich nicht eben erſt geſagt, ich will mit Deinen adligen Herren nichts mehr in Guͤte zu thun haben.. — Aber es iſt von einem Parlamentsmit⸗ gliede die Rede. — Ah, es lebe das Parlament! Wird das Geld baar bezahlt? — Auf der Stelle, es wuͤrde Ihnen und mir und Jeannette nichts ſchaden, vor der Hochzeit noch etwas Geld mitzunehmen. — Du haſt Recht, mein Gahn. Aber was iſt zu thun? — Das ſollen Sie ſpaͤter erfahren. Auf den Abend brachte Mayeux, ſelbſt ſchon als Schreiber verkleidet, ſeinem Schwiegervater einen Anzug als Polizeiagent herauf, in den ſich Laroſſe ſchnell werfen mußte, worauf er ſich 193 mit Mayeux auf den Weg machte. An ei⸗ ner Ecke trafen ſie auf den Praͤſidenten, der in einem langen Rocke, mit Perruͤcke und vier⸗ eckiger Kappe auf ſie zu warten ſchien. Als er Mayeux erkannt hatte, warf er nur einen kur⸗ zen Blick auf ſeinen Begleiter, und begab ſich, ihnen voran, nach der Wache des Faubourg St. Antoine. Dort begehrte er von dem kom⸗ mandirenden Offizier einige Mann, die ihm bei einer wichtigen Verhaftuug im Nothfalle huͤlfreiche Hand leiſten ſollten. Er erhielt ſie ohne Schwierigkeit, hatte aber kaum einige Schritte gemacht, als der Kommiſſair Chenon, der beſondere Vertraute des Herrn Lenoir, um eine Ecke hervorkam, die Wache aufhielt und ſich nach dem Grunde dieſes Aufzugs erkundig⸗ te. Der Praͤſident trat ohne Verlegenheit naͤher und antwortete, er ſey der Kommiſſair des Faubourg St. Jacques und habe auf hoͤhern Befehl das Haus einer Hebamme in dieſem Quartier zu unterſuchen. — Du, der Kommiſſair von St. Jacques? 1. 13 194 rief Chenon. Das iſt gelogen und Du biſt ein Betruͤger. Der Kommiſſar iſt mein Freund und ich komme ſo eben von ihm. Man verhafte die⸗ ſen Menſchen, der ſich, wer weiß, zu welchem Zwecke einen falſchen Titel anmaßt. Er geht mit mir auf die Polizei, wo ſich ſein Söhidh ſal entſcheiden wird. 6 Bei dieſen Worten gerieth der Praͤſident in Verwirrung. Mayeux und Laroſſe, auf die nie⸗ mand Ruͤckſicht zu nehmen ſchien, machten ſich die beiden Seitenſtraßen, die nach den entge⸗ gengeſetzten Enden von Paris führten, zu Nutze und liefen, ſo lange ihr Athem reichte, ob⸗ gleich niemand an ihre Verfolgung dachte. Sie irrten die ganze Nacht in den Straßen umher, und fanden ſich erſt am ſpaͤten Mor⸗ gen wieder in ihrer Wohnung ein, immer noch voll Angſt, daß die Verfolger ihnen auf dem Nacken feyen, um auch ſie in den Kerker zu ſchleppen. Der Praͤſident geſtand waͤhrenddeß dem wah⸗ ren Kommiſſair ſein Unrecht, und ſuchte durch 195 Geld ſeine Freilaſſung zu erwirken, aber der Kommiſſair blieb unbeſtechlich. Er beſchwor ihn darauf, ihn wenigſtens nicht in dieſem An⸗ zuge vor den Polizei⸗Lieutenant zu fuͤhren, der ihn perſoͤnlich kenne, aber auch das ward ihm abgeſchlagen, und er mußte ohne Wider⸗ rede mit zu Herrn Lenoir, der, nachdem er in ſeiner Gegenwart die uͤblichen Erkundigungen eingezogen, deren er hier nicht mehr bedurfte, ihn in ſein Kabinet eintreten ließ und ihm da⸗ ſelbſt mit den bitterſten Worten die Schaͤnd⸗ lichkeit der von ihm geſpielten Rolle vorwarf, ihm deren Folgen entwickelte, durch Androhen der Strafe, welche er vrdient habe, ihn in Schrek⸗ ken ſetzte und zuletzt damit ſchloß, daß er ſein Benehmen nur einer uͤbermaͤßigen Eiferſucht zuſchreiben koͤnne, und daß er ihm daher fuͤr dieſesmal zwar verzeihe, aber ihm doch vorher noch beweiſen wolle, wie ſehr er ſich beſonders gegen ſeine Frau ſchuldig gemacht habe, die ſeine Ankunft erſt ſpaͤt erfahren, aber auf die erſte Nachricht davon ſich auf den Weg zu ihm — 4α— gemacht habe. Um ihm keinen Zweifel daruͤber zu laſſen, uͤbergab er ihm darauf den Brief, deſſen Datum und Stempel allerdings jeden Verdacht vernichten mußten, und ließ den Praͤ⸗ ſidenten beſchaͤmt nach Hauſe gehen, wo ſeine Gattin ihn bereits erwartete.— Allein der Argwohn hatte zu tiefe Wurzeln in ſeiner Bruſt geſchlagen, und das Benehmen ſeiner Gattin, in dem er, vielleicht nicht mit Unrecht, eine ſchlecht unterdruͤckte Verlegenheit zu erblicken glaubte, beſtaͤrkte ihn nur noch mehr in demſelben. Ueberdies war ſeine Ge⸗ ſchichte, doch ohne Schuld des Herrn Lenoir, ruchbar geworden, und verleidete ihm den Auf⸗ enthalt in Paris. Er beſchloß, ſeine Stelle nie⸗ derzulegen und ſich ganz auf ſein Gut zuruͤck⸗ zuziehen. Madame Gauthier folgte ihm, ohne ein Wort dagegen zu aͤußern. Als ſie in Aix ankamen und auf die Pferde warteten, welche ſie fuͤr die letzte Station beſtellt hatten, traf ihr erſter Blick, den ſie aus dem Fenſter des Poſtgebaͤudes warf, auf Herrn von Verigny, —— 197 der auf der andern Seite der Straße ſtand, und unverwandt zu ihrem Fenſter aufblickte. Sie erſchrack und wechſelte die Farbe. Der Praͤ⸗ ſident, der ſie ſeither nicht mehr aus den Au⸗ gen ließ, und in jeder ihrer Mienen ſein Schick⸗ ſal zu entraͤthſeln ſuchte, ſprang mit einem Satze, wie ein Tiger, herzu und erkannte auf der Stelle den Mann, in dem er laͤngſt ſeinen Nebenbuhler geahnt hatte. Seine Leidenſchaft erwachte wieder in ihrem ganzen Sturme, er ergriff ſeine Frau beim Arme und ſchleuderte ſie vom Fenſter zuruͤck. Daß ſie, ohne ihm ei⸗ nen Vorwurf zu machen, ſich geduldig in einen Seſſel warf und dort in tiefe Gedanken ver⸗ ſunken ſchien, ſteigerte nur noch ſeinen Ver⸗ dacht. Die Ungluͤckliche! Der Gedanke an den Geliebten, an das Kind ihrer Liebe, hatte alle ihre Sinne und ihr ganzes Denkvermoͤgen ſo eingenommen, daß ihr alles Andere fremd wurde. Sie lebte in einer eigenen Welt, und was nicht zu dieſer gehoͤrte, bewegte ſich vor ihren Augen, ohne daß ſie es bemerkte. Sie — — 198 ließ ſich willig zu dem Wagen fuͤhren, der ſie nach dem Gute bringen ſollte, und ein krampf⸗ haftes Zucken der Hand nach dem Herzen war das einzige Zeichen der Troſtloſigkeit, mit der ſie ihrem traurigen Looſe entgegengiuuiuing. Der Praͤſident verbrachte nur wenige Augen⸗ blicke bei ſeiner Frau. Des Morgens verließ er das Schloß, und erſt ſpaͤt Abends kehrte er uruͤck. Acht Tage lang war er ſo ununterbro⸗ chen in der Naͤhe ſeines Gutes umhergeſtreift, und taͤglich hatte er Herrn von Verigny be⸗ lauſcht, der das Terrain zu erforſchen ſchien, um ſeine Anſchlaͤge auf Madame Gauthier ſpaͤter erneuern zu koͤnnen, vermuthlich weil ſie ihm jetzt, da ſie ihm genommen war, wieder in neuem Reize und eben ſo begehrlich, als fruͤher laͤſtig ſchien. Der Praͤſident dachte einen Augenblick ſich ſeinem Gegner in offenem Kampfe entgegen zu ſtellen, aber er fuͤrchtete, daß er dem verraͤtheriſchen Paare dadurch nur in die Haͤnde arbeiten duͤrfte, da das Reſultat nicht zweifelhaft ſeyn koͤnnte, wenn er, der in Waffen ungeuͤbte Mann des Geſetzes, ſich mit dem Krie⸗ ger meſſen ſollte. Mit jedem Tage wurde daher ſeine Stimmung duͤſterer, heftiger, ſchwoll die Wuth, die in ihm kochte, immer hoͤher an, bis ſie zuletzt alle Schranken zerſchmetterte. Er hatte vor meh⸗ ren Jahren einen Knaben zu ſich genommen. den er verlaſſen und halb verhungert auf der Landſtraße gefunden hatte. Da er Talent und Geſchick zeigte, ſo hatte er ihn gut unterrichten laſſen, damit er einſt im Stande ſey, ſich ſelbſt ein Fortkommen zu ſchaffen. Dieſen ließ er ei⸗ nes Morgens zu ſich rufen. — Dominique, ſagte er ihm mit finſterm Blicke, Du biſt jetzt achtzehn Jahre alt. Weißt Du, was ich fuͤr Dich gethan habe? Jetzt iſt die Zeit, wo Du mir Deine Dankbarkeit er⸗ weiſen kannſt. Hier iſt eine geladene Flinte und eine Boͤrſe mit hundert Louisd'or. Nimm bei⸗ des. Mit der Flinte befreieſt Du mich noch heute von dem Herrn, den Du an der Graͤnze meines Gutes wirſt ſchleichen ſehen, mit dem Gelde gehſt Du nach Toulon, und ſegelſt mit 200 [.O.ꝭ—— dem erſten Schiffe nach Domingo. Was ich Dich habe lernen laſſen, ſichert Dir dort ein gluͤckliches Loos. Keine Anaborse ſondern Ge⸗ horſam. Um ſieben Uhr verließ Dominique das Sahlog⸗ zwei Stunden ſpaͤter lag Herr von Verigni in ſeinem Blute. — Was hat Dir der Burſche gethan? fragte jemand, der um eine Ecke hervortrat, mit bar⸗ ſcher Stimme, indem er den Moͤrder, der noch unmer mit angelegter Flinte nach dem geſtuͤrz⸗ ten Opfer hinſtarrte, von hinten auf die Schul⸗ ter ſchlug. — Mir, ſtotterte Dominique erſchrocken, das Gewehr fallen laſſend, mir nichtss— aber der Herr Praͤſident... — Alſo beſtellte Waare? Wie viel ringe ſe ein? Halb Part und ich will ſchweigen. Dominique zog ſeine Boͤrſe hervor und gab dem Fremden eine Hand voll Gold, worauf. ſich beide nach verſchiedenen Richtungen ent⸗ fernten. Allein obwohl es wegen der Abend⸗ ſtunde weit und breit wie ausgeſtorben zu ſeyn ſchien, hatte doch ein Landmann den Schuß gehoͤrt und gleich darauf, als er ſich nach der Richtung deſſelben wandte, Dominique mit dem andern, wie es ſchien einem Handwerks⸗ manne, in Geſpraͤch und mit der Theilung von Geld beſchaͤftigt geſehen. Er lief, ſo ſchnell er konnte, und erzaͤhlte einem Gensdarmen, dem er begegnete, was vorgefallen war. Dieſer ſprengte nach der ihm von dem Bauern gege⸗ benen Weiſung querfeldein und holte noch den Geſellen ein, der ſich ihm nach kurzem Wider⸗ ſtande ergab und von ihm nach Air gebracht wurde, von wo ſogleich Signalements auf Do⸗ minique nach allen Polizeibehoͤrden abgeſchickt wurden, mit der Aufforderung, ſich des Moͤr⸗ ders zu verſichern. Aber umſonſt. Es war keine Spur von ihm zu entdecken und wahrſcheinlich war es ihm gelungen, auf einem abfahrenden Schiffe ſich allen Nachforſchungen zu entziehen. Die Gerichtsperſonen, welche ſich nach dem Schauplatze des Mordes verfuͤgt hatten, um die 20² O— That zu konſtatiren, luden den Praͤſidenten von Gauthier, auf deſſen Grund und Boden der Vorfall ſich ereignet hatte, als Zeugen ein. Als er der Leiche naͤher kam, uͤberflog ihn ein lei⸗ ſes Zittern; bald jedoch wurde er wieder Herr ſeiner Erſchuͤtterung, und auf die Frage, ob ler den Koͤrper erkenne, buͤckte er ſich ſogar uͤber ihn und erklaͤrte nach kurzer Pauſe, es ſey der des Herrn von Verigny. Niemand hatte bemerkt, daß er waͤhrend des Betrachtens dem Todten einen Ring von dem Finger gezogen hatte, mit dem er, als ſein Geſchaͤft beendigt war, auf Fluͤgeln der Rache nach ſeinem Schloſſe eilte. — Madame, ſagte er, in das Zimmer ſei⸗ ner Frau eintretend, mit kaltem Ingrimm, ich bin Ihnen noch das Geſchenk zu Ihrem Na⸗ menstage ſchuldig. Erlauben Sie, daß ich Ih⸗ nen dieſen Ring uͤberreiche. — Wie kommen Sie zu dieſem Ringe? fragte Madame Gauthier, von ihrem Sitze aufſte⸗ 203 hend, als ſie einen Blick auf den goldenen Reif geworfen hatte. — Sie haben ihn bei Herrn von Verigny liegen laſſen und er war ſo guͤtig, mir ihn wiederzugeben. — Das iſt nicht wahr, antwortete ſie mit Stolz. — Doch, mein Kind. Nur war er außer Stande, es zu wehren. — Er iſt todt! ſchrie ſie außer ſich auf, be⸗ deckte ſich das Geſicht mit beiden Haͤnden und ſank bewußtlos auf einen Stuhl. — Er iſt todt, wiederholte der Praͤſident darauf, dem dieſer Schmerz ſeiner Frau, ſo ſehr er ihn vorher geahnt hatte, wie Dolch⸗ ſtiche die Bruſt zerfleiſchte. Ohne einen Schritt naͤher heran zu gehen, oder ſeiner Frau die geringſte Huͤlfe auzubieten, wartete er, bis ſie wieder zu ſich kam und die Augen aufſchlug, in denen ein beinahe irrer Ausdruck lag. Ein fuͤrchterlicher Verdacht war in ihr er⸗ wacht. 204 — Und Du, fuhr ſie auf ihn zu, Du haſt ihn gemordet. — Schweig! herrſchte er ihr zu, und ſichn fuͤr Dich. — Elender, gib auch mir den Tod, hier iſt meine Bruſt, ſtoß zu, aber beruͤhre mich nicht mit Deiner triefenden Banditenhand. Ein Weib umbringen, einen Mann hinterruͤcks erſchlagen — nichtswuͤrdiger Schurkenſtreich. Jetzt will ich erſt mein Herz vor Dir ausſchuͤtten. O koͤnnte ich dieſe Bruſt vor Dir aufthun! Ich habe ihn geliebt von meiner Kinbheit an, ich habe ihn angebetet, ich habe immer in dem Gedanken an ihn gelebt, er war mein alles, mein Troſt, mein Gluͤck, meine Seligkeit. — Schweig, Weib. 3 — Nein, Du ſollſt mich hoͤren. Dich, Dich habe ich von dem erſten Augenblicke, wo ich Dich ſah, gehaßt. Du warſt mir der Feind, der mich um mein Gluͤck hienieden und um mein ewiges Seelenheil beſtohlen hat, denn Deine Hand, die mir aufgezwungen worden, 3 20⁵ machte mich treulos meinem Schwur, der Schwur, den ich Dir geſchworen, war ſchon ein Meineid an einem fruͤhern; Deine Naͤhe iſt mir ein Graͤuel, Deine Beruͤhrung eine Peſt. Aber gegen mein Gefühl jetzt iſt das, was ich fruͤher gegen Dich em⸗ pfand, mild wie die Unſchuld. Der Haß, mit dem ich Dich ſonſt betrachtete, iſt Liebe gegen den Haß, der mich jetzt. beſeelt. Ja ich liebte ihn, ich liebe ihn noch und ewig werde ich nur ihn lieben. — Bring' mich nicht zur Beizeiktung. knirſchte der Praͤſident.. — Verzweiflung! Warum haſt Du dies nicht fruͤher bedacht? Wollteſt Du durch Mord mein Herz erkaufen? Glaubſt Du, ich wuͤrde Dir entgegenlaͤcheln, wenn Deine Haͤnde mit Blut beſudelt waͤren? Thor! Thor! Fruͤher trug ich meine Liebe ſtill im Herzen, jetzt will ich auf⸗ treten und ſie laut verkuͤnden; die ganze Welt ſoll wiſſen, daß ich ihm angehoͤrt habe und wie ſeine Wittwe will ich ihn betrauern. — Kein Wort mehr— — Nein, kein Wort mehr zu Dir. Ver⸗ — flucht ſey das Wort, das ich je noch zu Dir ſpreche; verflucht der Blick, den ich auf Dich werfe; verflucht die Hand, die ich gegen Dich ausſtrecke; verflucht der Fuß, der mich Dir naͤhert, ehe Dich der Tod feſt in ſeinen Armen haͤlt und Dir mehr als eine Stunde uͤbrig hleibt, Deine verbrecheriſche Seele auf ihren letzten Weg vorzubereiten, und verflucht ſey bis dahin Dein Leben, und jede Minute bringe Dir immer neue Schmerzen, wie Du ſie mir gebracht haſt, und die Freude und Zufrieden⸗ heit ſeyen auf ewig von Deiner Schwelle ver⸗ bannt. 4 — Es thut mir leid, Madame, ſagte Herr von Gauthier, der bei der immer ſteigenden Leidenſchaftlichkeit ſeiner Frau ſich etwas gefaßt hatte, mit eiſigem Hohn, daß ich Ihren freund⸗ ſchaftlichen Wuͤnſchen nicht laͤnger Gehoͤr geben kann. Ich muß bei Herrn von Verigny's Be⸗ erdigung zugegen ſeyn. Ihre Drohungen ver⸗ lache ich, meine Rache aber hat erſt angefan⸗ Len. Er verließ, ohne ſich nur einmal nach 207 — ſeiner Frau umzuſehen, die ermattet zu Boden geſunken war und von Kraͤmpfen ergriffen ſchien, das Zimmer und ſchloß es hinter ſich ab. Als er in Aix ankam, wurde er von dem mit der Unterſuchung der Sache beauftragten Richter, einem ſeiner Freunde, eingeladen, der ihm anzeigte, daß der eine Verhaftete mit ihm konfrontrirt zu werden wuͤnſche. Man brachte ihn herein. Es war ein noch ziemlich junger Menſch, der ſich Jouve nannte und angab, er ſey Hufſchmied und komme aus Paris, um im Suͤden Arbeit zu ſuchen. Jeden Antheil an dem Morde leugnete er durchaus ab und berief ſich darauf, daß er gar kein Intereſſe an dem⸗ ſelben haͤtte haben koͤnnen, wohl aber der Ent⸗ flohene, der aus eigenem Haſſe oder vielleicht auch— mit einem Seitenblicke auf den Praͤ⸗ ſidenten— auf fremden Befehl den Mord ver⸗ uͤbt haben koͤnnte. Das Geld, das man bei ihm gefunden, habe er von Dominique bekom⸗ men, um ihn nicht zu verrathen, und die Flinte, die jener bei ſeinem Erſcheinen habe 2———— fallen laſſen, muͤſſe den wahren Thaͤter am klarſten an's Licht bringen. Herr von Gauthier nahm das Gewehr in die Hand, erklaͤrte je⸗ doch, daß er daſſelbe durchaus nicht kenne und nie auf ſeinem Schloſſe geſehen habe. Sein Karakter ſtehe zu feſt, als daß die Andeutungen eines hergelaufenen Vagabunden, der ein natuͤr⸗ liches Intereſſe habe, die nichtswuͤrdige That, bei der er ertappt worden, mit einer Perſon von Rang zu theilen, um dadurch vielleicht ſelbſt eine Ausſicht auf Rettung zu erhalten, ihn erſchuͤt⸗ tern koͤnnten. Jouve ſchlug mit geballter Fauſt auf den Tiſch, wurde jedoch ernſtlich zur Mühe verwieſen. — Er ſoll gegen mich zeugen? ſchrie er dar⸗ auf mit ſchaͤumendem Munde. Wenn er nun ſelbſt der Moͤrder oder Anſteller des Mordes waͤre? Sacrebleu, iſt das Juſtiz, daß man ei⸗ nen unſchuldigen Menſchen durch einen Schur⸗ ken an den Galgen bringen laͤßt? Wart', drohte er, das gedenke ich Dir.— Der Praͤſident bat um Erlaubniß, ſich ans 209 fernen zu duͤrfen, was ihm ohne Schwierig⸗ keiten geſtattet wurde. 1 Als er nach Hauſe kam, fand er das Zim⸗ mer ſeiner Frau durch einen Nachſchluͤſſel, der noch in der Thuͤr ſteckte, geoͤffnet; ſie ſelbſt war verſchwunden. Des andern Tags erfuhr er, daß ſie ſich in ein, wenige Stunden von Air gele⸗ genes Urſulinen⸗Kloſter zuruͤckgezogen habe. Er verſuchte alle moͤglichen Schritte, ſie gutwillig oder durch Einſchreiten des Parlaments dazu zu bringen, ihr Aſyl zu verlaſſen. Aber jede guͤt⸗ liche Annaͤherung wurde von ihr mit unerſchuͤt⸗ terlicher Entſchiedenheit zuruͤckgewieſen; von andern Maßregeln wurde Herr von Gauthier ſelbſt durch den Oheim und Beichtvater ſeiner Gattin, den Abbe de Raſtignac, abgebracht. Die⸗ ſer, dem ſeine Nichte die Gruͤnde ihrer Schei⸗ dung unter dem Siegel der heiligen Beichte entdeckt hatte, drohte dem Praͤſidenten, wenn er ihr nicht Ruhe ließe, ſich geradezu an den Koͤnig zu wenden. Dies fruchtete. Herr von Gauthier begab ſich auf einige Zeit nach Paris, I. 14 210 wo er in der Freundſchaft des Herrn von Ble⸗ naye Troſt zu finden hoffte. Dominique war mittlerweile in Contumaciam zum Tode verurtheilt und ſein Bild an den Galgen geſchlagen worden. Jouve kam mit⸗ fuͤnfzehnjaͤhriger Galeerenſtrafe davon. Ludwig XVI. hatte dem ſchaͤndlichen Unfuge der Geſellſchaft, der von ſeinem Vorgaͤnger das Monopol des Kornhandels und damit die Erlaub⸗ niß ertheilt worden war, den Preis des Getreides nach Willkuͤhr feſtzuſetzen und das Volk auszu⸗ hungern, ein Ende machen wollen und den Ge⸗ 211 treidehandel freigegeben. Aber der Wucher, an dem Ludwig XV. und ſeine Miniſter Theil genommen, den der Abbe Terray namentlich beſchuͤtzte, hatte zu vielen Menſchen einen eben ſo leichten, als ſchmachvollen Gewinn verſchafft, als daß dieſe nicht haͤtten verſuchen ſollen, den edlen Abſichten des neuen Miniſters, Herrn Tuͤrgot, Hinderniſſe auf Hinderniſſe in den Weg zu ſtellen. In dem augenblicklichen Beſitz alles Kornes fuͤhr⸗ ten ſie, trotz den großmuͤthigen Aufopferungen des Koͤnigs, eine Theurung herbei, die an al⸗ len Enden des Koͤnigreichs den Poͤbel zum Aufſtande und den Koͤnig durch Schrecken von ſeinen menſchenfreundlichen Abſichten zuruͤckbrin⸗ gen ſollte. In Dijon, Rouen, Lyon und an andern Orten brachen ernſtliche Unruhen aus. In Paris ſelbſt fanden Exceſſe Statt, die nur dadurch beigelegt wurden, daß der Koͤnig den Tumultuanten perſoͤnlich Herabſetzung des Brod⸗ preiſes verſprach. An mehren Orten in der Naͤhe der Hauptſtadt waren Muͤller, Baͤcker und Paͤchter gepluͤndert worden. In Paris 2 212 mußten die Truppen Tag und Nacht auf den Beinen bleiben, um, doch nicht immer mit Erfolg, die Ordnung und Sicherheit zu erhal⸗ ten. Herr Lenoir wurde abgeſetzt, weil er der Aufregung nicht entſchieden genug entgegenge⸗ wirkt hatte. Die ſtrengſten Befehle wurden gegen die Aufruͤhrer erlaſſen; die Truppen erhielten Ordre, mit Gewalt einzuſchreiten; eine Menge Naͤdelsfuͤhrer wurden eingefangen und in die Baſtille geſchickt und die entſchie⸗ denſten Maßregeln angeordnet. Nach der Bre⸗ tagne und Normandie, wo ſich der Gaͤhrungs⸗ ſtoff am laͤngſten erhielt, wurde Verſtaͤrkung geſchickt und von Verſailles ſelbſt brach, da hier nichts mehr zu beſorgen war, eine Abthei⸗ lung nach der Richtung von Rouen auf. Auch Herr von Bievre mußte marſchieren. Als er eben mit ſeinem Trupp die Stadt ver⸗ laſſen wollte, fuhr Herr von Blenaye herein. — Keine Nachricht vom Chevalier? rief er in den Wagen herein. 1 Der arme Mann, den der Kummer um 213 zehn Jahre gealtert hatte, ſchuͤttelte betruͤbt mit dem Kopfe. Die Truppenabtheilungen ſollten zum groͤß⸗ ten Theil uͤber Dreux nach Falaiſe marſchieren. Bei Verneuil wurde von der Straße abge⸗ ſchwenkt, weil das Geruͤcht ging, daß in der Gegend von Seez ſich eine Partie Poͤbels zu⸗ ſammengerafft und bereits mehrere Magazine und Fabrikgebaͤude gepluͤndert habe. Die Trup⸗ pen mußten kurz vor Mortagne auf beinahe ungebahnten Wegen in ein ſchmales Thal drin⸗ gen, in welchem Bouthillier de Rance ſein Aſyl fuͤr die ſtrengſten aller Kloſterregeln ge⸗ ſtiftet hatte. Die rauhe Gegend, die Grabesſtille, die rings umher herrſchte, und nur das eintoͤnige Memento mori! zuruͤckrief, das ein junger Moͤnch hoͤren ließ, der an dem Kloſtergarten ſtand und den Blick nicht von den voruͤberziehenden Schaaren abwenden konnte, machte ſelbſt auf dieſe letztern einen ſolchen Eindruck, daß jeder Scherz in ihrem Munde erſtarb. Alle fuͤhlten ſich ergriffen und doch wie peinlich gedruͤckt von einem Gefuͤhle, das man gerne abſchuͤtteln moͤchte, aber nicht bezwingen kann. Der vor⸗ derſte Zug des Korps, das aus dem Thale fort⸗ zukommen eilte, hatte das Kloſter bereits im Ruͤcken, als Marquis Bievre, der, einer der letzten, nachſprengte, in die Naͤhe des Gartens kam. — Memento mori! rief er ſcherzend dem jungen Geiſtlichen zu, der noch immer den Soldaten nachſtarrte; der Moͤnch drehte ſich um, ſtieß einen Schrei aus und rief unwill⸗ kuͤhrlich den Marquis bei ſeinem Namen. Herr von Bievre parirte und wendete, waͤh⸗ rend der Reſt der Truppen ihm voruͤberzog, den Kopf zuruͤck, ſprang mit einem Ausruf des Erſtaunens vom Pferde und in die Arme des Trappiſten.— Zwei Tage ſpaͤter erhielt Herr von Blenaye folgenden Brief: „Wenn Sie, mein verehrter Herr und „Freund, bei Eroͤffnung dieſes Schreibens 215 „vielleicht eben in einem ſuͤßen Kampſe „mit einem fetten Kapaunen und einer „Flaſche Chambertin begriffen ſind, wobei „Sie, wie ich uͤberzeugt bin, nicht den „Kuͤrzern ziehen, ſondern Herr des Schlacht⸗ „feldes bleiben werden, ſo fallen Sie auf „die Kniee und danken Sie dem Himmel, „der Ihnen Vernunft gegeben, ſeine Ga⸗ „ben gehoͤrig zu ſchaͤtzen und zu erkennen. „Es gibt Menſchen, die nur mit vier Sin⸗ nnen zur Welt kommen. Mit Schmerz „ffuͤge ich hinzu, Ihr Neffe gehoͤrt zu die⸗ nſen vier Fuͤnftel Geſchoͤpfen. Er iſt da! „Er iſt gefunden! Aber, o Gott, in wel⸗ nchem Zuſtande! In der halbeingegangenen „Kreatur, mit dem halbausgegangenen Le⸗ „ben, die ich ihnen, gut eingepackt, morgen „fruͤh zuſchicken werde, duͤrften Sie kaum i„den Juͤngling erkennen, den Sie ſonſt „Ihren Neffen nannten. Furchtbare Macht nabgeſchwellten Gemuͤſes und kalten Waſ⸗ „ſers! Noch acht Tage, und er waͤre als * 216 — „O pfer dieſes graͤßlichen Mordverſuchs ge⸗ „fallen. Gemuͤſe und Waſſer und Waſſer „und Gemuͤſe, heißt das nicht den Magen „des Menſchen zum Pflanzenbette machen, „bas zuletzt ſeinen Deckel ſprengen muß? „Eine ſolche Blasphemie in Ihrer Familie! „Ja, mein verehrter Freund, ich darf mir „ſchmeicheln, daß ich unſern theuern Che⸗ „valier aus den Armen eines hoͤchſt blaſſen „Todes errettet habe, dem er ohne Ret⸗ „tung in den Mauern von la Trappe ver⸗ „fallen waͤre. In la Trappe? Ja, aus la „Trappe habe ich ihn erloͤſt. Durch einen „Zufall kam ich bei dieſem Kloſter vor⸗ „uͤber, durch einen Zufall erblickte ich den „Chevalier und erkannte ihn trotz ſeiner „Vermummung, in der er ausſah, wie „ein vor Alter weiß gewordener Rabe. „Unſere Freude war groß. Sein wehmuͤ⸗ „thiger Blick zeigte mir, wie unbehaglich „er ſich ſchon in dieſen Mauern fuͤhlte. Kein „Wunder, bei Waſſer und Brod und ſol⸗ 217 „cher Unterhaltung. Er geſtand mir ſeine „Reue uͤber den Schritt, den er ge⸗ „than, wie wenig das unthaͤtige Leben ſei⸗ „nem Geiſte genuͤge, ſo wie den Grund „ſeiner Verzweiflung. Die Liebe zu der „Schauſpielerin, Demoiſelle Beaumesnil, „die ihn zu den tollſten Streichen getrieben „hat, zu der er wie ein Spitzbube durchs „Fenſter geklettert iſt, und die ihn mit ſeinen „Heirathsantraͤgen dennoch ſtandhaft abge⸗ „wieſen, hatte ihm den Verſtand verruͤckt. „Um der Seltenheit des Falles wegen habe „ich ihm verziehen, und Sie werden es „auch. Ou Diable la vertu va-t-elle se „nicher? Das Waſſer und die Ein⸗ „ſamkeit hat ihn jedoch muͤrbe gemacht und „ihm alle Liebesgedanken vertrieben. Er iſt „ſo nuͤchtern, wie ein neugebornes Kind. „Der Abbe hat ihn, da er das eigentliche „Noviziat noch nicht einmal angetreten „hatte, auf der Stelle entlaſſen, und ſo „wird er morgen nach Paris abreiſen. Von * 218 (— „meinen Kameraden hat ihn niemand ge⸗ „ſehen. Denken Sie eine Entſchuldigung naus, die ſeine Abweſenheit vom Regi⸗ „mente etwas bemaͤntelt, denn, wenn die „Kloſtergeſchichte bekannt wuͤrde, gaͤb es „mehr Spott, als er vertragen kann. Laſ⸗ „ſen Sie auch ſeine Kleider enger machen, „denn er iſt ſo ſchmal geworden, daß er neiner maͤßigen Flaſche den Kopf zum „Halſe hineinſtecken kann. Mit den beſten „Wuͤnſchen fuͤr Ihren koſtbaren Appetit „bin ich Ihr ꝛc. „Marquis Bievre.“ Doppelt, wie der Schmerz gekommen war, kam auch die Freude fuͤr Herrn von Blengye. Er hatte ſeinen Neffen wiedergefunden und die Ueberzeugung von de Treue ſeiner Geliebten erhalten. Außer ſich vor Freude, eilte er ohne Verzug zu Demoiſelle Beaumesnil, ließ ſich weder durch die Vorſtellungen des Kammermaͤd⸗ chens abweiſen, noch durch den kalten Blick, 219 mit welchem Caroline den Hereinſtuͤrmenden be⸗ gruͤßte, abſchrecken, ſondern ſank, ſtumm vor Freude, ihr zu Fuͤßen und bedeckte ihre Hand, die ſie ihm umſonſt zu entziehen ſuchte, mit den feurigſten Kuͤſſen. Er brauchte Zeit, che er zu Athem und zu Worten kommen konnte, um ihr die gluͤckliche Aufloͤſung des Raͤthſels mittheilen zu koͤnnen. Er ſchlug ſich vor die Stirn, als er in ihr, die Spuren tiefen Lei⸗ dens verrathendes Geſicht blickte, und bat ſo flehentlich um Vergebung fuͤr das ihr ange⸗ thane Unrecht, daß ſie ſelbſt nicht umhin konn⸗ te, ihm gutwillig die Hand, die er einen Au⸗ genblick hatte ſinken laſſen, als Zeichen der Verſoͤhnung zu reichen. 8 — Das iſt nicht genug, hſef er eutzückt; daß ich meine Schlechtigkeit einſehe und erken⸗ ne, das iſt natuͤrlich. Aber ich muß den Kum⸗ mer, den ich Ihnen gemacht, auch gut machen. Sie haben den Namen meines Neffen ausge⸗ ſchlagen. Wohlan, ſo fuͤhren Sie den meini⸗ gen. Ich war fruͤher entſchloſſen, dem Chevalier 220 zu Liebe nicht mehr zu heirathen, aber er muß es jetzt ſelbſt geſtehen, daß es meine Pflicht iſt, dieſes Wort zu brechen. Traͤgt er doch die Schuld mit, und brianis ſoll auch er nicht zu kurz kommen. Einem ſo edlen Antesge konnte Demoiſelle Beaumesnil nicht widerſtehen, und als er, ein gluͤcklicher Braͤutigam, nach Hauſe kam, konnte er ſeinen Neffen, deſſen Zuſtand er ſich nach Bievre's Beſchreibung doch ſchlimmer gedacht, als er wirklich war, mit der Anzeige von ſeiner getroffenen Wahl uͤberraſchen. 1 — Schaͤme Dich nur, ſagte er, als der Chevalier die Farbe wechſelte, ſchaͤme Dich nur, ein junger Menſch, wie Du, laͤßt ſich von einem alten ſechszigjaͤhrigen Kerl ausſtechen! Nun, nun, ſey nur nicht boͤs, es wird ſich auch ſchon fuͤr Dich etwas finden. Morgen gehſt Du mit mir, und holſt Dir auch Deine Verzeihung bei meiner Schoͤnen. Die Liebe des Chevaliers hatte ſich allerdings in ſeiner Einſamkeit bedeutend abgekuͤhlt, und 221 er konnte es zuletzt uͤber ſich bringen, mit ziem⸗ licher Ruhe ſich, ſelbſt allein, mit Demoiſelle Beaumesnil zu unterhalten, aber bei alledem herrſchte doch immer zwiſchen beiden eine ſicht⸗ liche Spannung, die ihm ſein Verhaͤltniß zu ihr und zum Onkel druͤckend machte. Die Nach⸗ richt von dem Tode Verigny's, die nur Mayeur wegen der Verurtheilung ſeines ehemaligen Ne⸗ benbuhlers, Vergnuͤgen machte, war nicht ge⸗ eignet, ihn aus ſeiner duͤſtern Stimmung zu reißen. Und eben ſo wenig vermochte dies ein Brief des Marquis Bievre, den er einige Wo⸗ chen nach ſeiner Ankunft in Paris erhielt. Es hieß darin, nach den erſten Fragen nach dem Chevalier und ſeinem jetzigen Leben: „Was mich betrifft, ſo geht es mir ei⸗ „gentlich gar nicht, denn ich liege platt „und bin nicht bloß ein geſchlagener, ſon⸗ „dern auch ein geſtochener Menſch. Dich „hielt la Trappe feſt. Mich hat ein dum⸗ „mer Spaß attrappirt. Als wir in Fa⸗ „laiſe ankamen, war der Teufel los. Ueberall 222 „Mord, Brand, Raub. Eines Tages wurde „ich nach einem Dorfe in der Naͤhe deta⸗ „ſchirt, wo es wild zugehen ſollte. Auf halbem Wege begegnete mir ein Bauer, „der mir ſagte, daß ein Haufe gegen la „Mothe, der Beſitzung des Abbe Terray, „wo der alte Suͤnder jetzt mit ſeiner Ge⸗ „liebten, der Madame Garde, lebt, ein nanderer nach einer Muͤhle zoͤge, um die zu pluͤndern. Da der Abbe, dachte ich, „ſchon eine Leibgarde bei ſich hat, ſo „brauche er mich nicht, und er mag die „Suppe, die er eingebrockt hat, auch ſelbſt vaufeſſen. Ich marſchirte nach der Muͤhle. „Schon von fern ſah ich, daß der Poͤ⸗ „bel ſich derſelben bemaͤchtigt hatte. Ich „ſchickte den Lieutenant de la Villiere vorn, „mit der Erklaͤrung, daß ich, wenn „nicht Alles auf der Stelle auseinander⸗ „ginge und die Naͤdelsfuͤhrer ausgeliefert „wuͤrden, nichts ſchonen duͤrfte. Der Vor⸗ „ſchlag wurde mit Hohn aufgenommen. „Als mein Lieutenant zuruͤckkehrte, hoͤrte ich „das Volk laut jubeln. Was iſt das? fragte „ich. Es iſt nichts, antwortete er kalt, ſie „haben nur eine Bouteille zerbrochen. Nun „hieß aber der Muͤller Bouteille, und das „raſende Volk hatte ihn auf die Muͤhle hin⸗ „aufgeſchleppt und ihn von da auf die un⸗ „ten liegenden Steine geſtuͤrzt, daß das „Gehirn herumſpritzte. Mir ahnte der Zu⸗ „ſammenhang, ich warf dem Lieutenant „keinen ſehr freundlichen Blick zu und be⸗ „fahl, die Rebellen anzugreifen. Sie wehr⸗ „ten ſich redlich, und es floß viel Blut. „In der Muͤhle ſelbſt ſaß der Hauptan⸗ „ſtifter dieſer Graͤuelthaten, ein wuͤſter „Geſelle, und drohte hinter den Saͤcken, „die er vor ſich aufgeſchichtet hatte, auf „jeden, der ihn greifen wollte, hinunter⸗ „zufeuern. La Villiere erhielt Befehl, mit „einigen Mann ſich der Muͤhle zu bemaͤch⸗ „tigen. Ein Schuß ſtreckte den einen Sol⸗ „daten nieder, die Bewegung, die der Re⸗ „bell dabei machte, ſtoͤßt einen Sack um; „dieſer faͤllt auf den Lieutenant, der be⸗ „taͤubt aus der Muͤhle zuruͤckweicht, waͤh⸗ „rend ſeine Soldaten durch die Oeffnung „in der improviſirten Verſchanzung den „Menſchen erſchießen. Wenn man, rief ich „dem Lieutenant zu, als ich ihn in ſeiner „weißgepuderten Uniform erblickte, uͤber nein Menſchenleben grauſam ſpotten kann, „ſo muß man ſich wenigſtens mit Ruhm „und nicht mit Mehl zu bedecken ſuchen. „Dafuͤr hat mich dieſer Mehlwurm beinah zum Mahl fuͤr die Wuͤrmer gemacht. Gegen „meinen Einfall wurde er ausfallend, und num die Sache wieder ins Reine zu brin⸗ „gen, und ihm das Mehl und die Schande nabzuklopfen, mußten wir uns ſchla⸗ „gen. Es ſcheint aber, daß meine Pointen „uͤberhaupt treffender und ſpitzer ſind, als „die ſeinigen, denn ich bin mit einem „Seitenſtiche weggekommen, waͤhrend ich „zu meinem Leidweſen ihm allen Spaß 225 · „fuͤr dieſes Leben verdorben habe. Jetzt „habe ich doppelten Arreſt, phyſiſchen und „militairiſchen, und bekomme wenig Be⸗ „ſuch, außer von einem leichten Wundfie⸗ „ber, das, zudringlich wie ein Gascogner, „mich nicht verlaſſen will. Komm Du und „hilf mir es in die Flucht ſchlagen. Biſt „Du nicht ſehr vergnuͤgt in Paris, ſo lege „Deine Langeweile zu der meinigen, und „laß ſie uns beide bruͤderlich tragen. Denk „an Dein Kloſter. Beſſer, als dort, iſt es „bei mir immer noch, denn hier findeſt „Du doch einen Menſchen, der Dich liebt, „und mit dem ſich plaudern laͤßt. Ich „breche ab, weil der verdammte Gaſt ſich „ſchon wieder anmeldet. Wirf ihn mir zur „Thuͤr hinaus, mir fehlt es an Kraft da⸗ „zu.— Ich brenne und darf nicht loͤſchen. „So muß einem ſchmachtenden Liebhaber „zu Muthe ſeyn. Ich verſchmachte, wie „ein Fiſch am Lande, ich vertrockne, ich „ſchnappe nach einem Tropfen, und brauche I. 15 „Meere. Ich ſtehe ſichtlich ab, bringe neues „Leben Deinem zu Pergament verſchrumpf⸗ „ten „bedauernswerthen Freunde.“ Der Chevalier machte ſich ſogleich auf den Weg nach Falaiſe und erſchrack nicht wenig uͤber den Zuſtand, in welchem er den armen Marquis antraf. Der ungewohnten langen Ent⸗ behrung muͤde, hatte er, als er ſich eben etwas wohler befand, trotz dem ſtrengen Verbote der Arezte ſich dazu hinreißen laſſen, etwas Wein zu nippen, und dann, als er den ſo ſehr ver⸗ mißten erſt einmal wieder gekoſtet hatte, in ſolchem Maaße davon getrunken, daß ihn eine Entzuͤndungskrankheit uͤberſiel, die ihn hart an den Rand des Grabes brachte. Herr von Rey⸗ naud blieb, ſo lange ſein Leben in Gefahr war, Tag und Nacht bei ihm, aber als die Gene⸗ ſung ſich auf eine traurige Weiſe in die Laͤnge zog, wechſelte er ſeinen Aufenthalt zwi⸗ ſchen Falaiſe und Paris. Faſt ein Jahr ging 227 daruͤber hin, ehe der Marquis, der jetzt, ſo ſchwer gewarnt, ſich huͤtete, ſeine Unmaͤßigkeit zu erneuern, aber auf Veranlaſſung der Ver⸗ wandten la Villiers ſeinen Abſchied erhalten hatte, nach Paris kommen konnte, wo ihn der Chevalier, Herr von Blenaye und deſſen junge Frau mit Herzlichkeit empfingen. Als Reynaud und Bievre eines Nachmittags bei einander ſaßen, und der erſtere ſelbſt den Marquis, wie dies in der letzten Zeit haͤufig der Fall war, mit ſeinem truͤben Ernſte ange⸗ ſteckt hatte, forderte der Chevalier ſeinen Freund auf, ihn zu einem Beſuche zu begleiten, der auch fuͤr ihn von Wichtigkeit werden koͤnnte. Bievre, der ſich nach Zerſtreuung ſehnte, wil⸗ ligte ein. Auf der Treppe begegneten ihnen Herr und Madame Mayeux, welche ſich nicht vom Hauſe des Herrn von Blenaye getrennt hatten. — Monſieur Mayeur, ſagte der Marquis, dieſen vertraulich auf die Schulter ſchlagend, ſind die Gevatterbriefe ſchon geſchrieben? Mayeux riß den Mund zu einem pfiffigen Laͤcheln auseinander. — Ich hoffe aber, fluͤſterte der Marquis der tie⸗ fer ſtehenden Frau zu, daß diesmal der Apfel weit vom Stamme faͤllt; denn hier— er blickte dabei nach dem Ruͤcken Mayeux's zuruͤck— waͤren kleine Vergehen nur eine Abweichung vom krummen Wege, und ein verdienſtliches Suchen nach dem rechten. Die beiden Freunde ſetzten Arm in Arm ih⸗ ren Weg nach einem der eleganteſten Hotels der Stadt fort, in welchem ſie ein einfach geklei⸗ deter Diener ſogleich in das Kabinet ſeines Herrn fuͤhrte. 8 — Sie kommen zur gelegenen Stunde, Herr hevalier, ſagte ein ganz junger Mann, deſſen feine Zuͤge Freundlichkeit und Wohlwollen ath⸗ meten, und der mit grazioͤſem Anſtand ihnen entgegen trat. Ich kann Ihnen die freudige Nachricht mittheilen, daß alles in Ordnung iſt. Aber wen bringen Sie da mit? Haben Sie geworben? 229 — Er weiß von nichts, Herr Marquis, antwortete der Chevalier. Aber ich glaube ver⸗ ſichern zu koͤnnen, daß Herr de Bievre mir uͤberall folgen wird. — Das klingt geheimnißvoll, bemerkte Bie⸗ vre, indeß hat er Recht, wenn die Reiſe Zer⸗ ſtreuung verſpricht. — Wenn ein Kampf, antwortete der Herr des Hauſes, ſchwaͤrmeriſch das Auge erhebend, ein Kampf fuͤr das Hoͤchſte und Schoͤnſte des menſchlichen Lebens, fuͤr die Freiheit, Reiz fuͤr Sie hat, ſo ſind Sie der unſere. Ja, Herr Chevalier, alles iſt in Ordnung. Herr von Bievre, das Wort Ihres Freundes buͤrgt mir fuͤr Ihre Verſchwiegenheit. Ehe der Monat um iſt, treiben wir den Ufern Ame⸗ rikas zu. An allen Enden der Welt iſt die Vernunft erwacht und im Streite mit den ver⸗ jaͤhrten Vorurtheilen einer in Unwiſſenheit und Aberglauben verſunkenen Zeit. Das Volk faͤhrt aus ſeinem dumpfen Schlummer auf, und . ſchreit nach ſeinen Rechten. Es regt ſich, treibt und gaͤhrt. Die Stimme der Billigkeit wird laut. Was dieſſeits des Meeres nur noch wie ein leiſes, halbunterdruͤcktes Murmeln durch die Reihen laͤuft, iſt jenſeits deſſelben ſchon zum gewaltigen, drohenden Schrei angewachſen. Das Joch, welches das uͤbermuͤthige England ſeinen Amerikaniſchen Kolonien uͤbergeworfen, iſt zer⸗ brochen. Freiheit und Tyrannei begegnen ſich auf offenem Schlachtfelde. Das Panier der Freiheit weht und ruft die Edlen zum heiligen Kampfe und Frankreich ſollte ihre Stimme ver⸗ kennen? Nimmermehr. Und wenn die Regierung in ſchmaͤhlicher Furcht vor den natuͤrlichen Fein⸗ den unſeres Vaterlandes ſich ſcheut, eine Rei⸗ bung herbeizufuͤhren; wenn der ehrwuͤrdige Franklin vergebens bei den Miniſtern um Huͤlfe fuͤr ſein armes Vaterland fleht, ſo wird der Adel Frankreichs allein handeln, allein Frank⸗ reichs Ehre zu retten wiſſen. Der Chevalier druͤckte dem Redner begeiſtert die Hand und erfuhr von ihm, daß es ihm 231 endlich gelungen ſey, ohne daß die Regierung, die ihm alle moͤglichen Hinderniſſe in den Weg lege, eine Ahnung davon habe, eine ſchoͤne Fregatte zu kaufen, ſie zu bemannen und aus⸗ zuruͤſten, und daß er bei erſter Gelegenheit nach Amerika abſegeln wuͤrde, weshalb ſich die Theil⸗ naehmer des Ritterzuges jeden Augenblick bereit zu halten haͤtten. — Nunz ſagte der Chevalier, als er mit ſeinem Freunde ſich ſchon wieder eine Zeit lang auf der Straße befand und dieſer kein Wort ſprach. 4 — Nun? antwortete Herr von Bievre. Ich denke nur eben daruͤber nach, ob die Narrheit anſteckt. — Wie ſo? fragte der Chevalier aͤrgerlich. — Daß er ſein Vermoͤgen verſilbert, um Leuten, die er nicht kennt, Eiſen und Pulver zu bringen, will ich hingehen laſſen. Er macht ſich damit einen Namen und das ſchmeichelt ei⸗ nem jungen Menſchen von kaum zwanzig Jah⸗ ren; daß er aber von ſeinem Unternehmen, daß er von ſeinen Plaͤnen mit einem Feuer ſprechen kann, das nicht blos leuchtet, ſondern ſogar andere, zum Beiſpiel Dich, in Brand ſetzen kann, das mahnt mich an Wunder. — Alſo Du billigſt es nicht? — Ich bemerke zum Voraus, daß ich mit Dir ziehe, aber fuͤge auch ſchnell hinzu, blos Dir zu Liebe, um Dich vor den Folgen Dei⸗ nes ſchwaͤrmeriſchen Schnupfens zu ſchuͤtzen, und dann auch, weil ich hier nichts Beſſeres zu thun weiß. Der Krieg wird mir an und fuͤr ſich Spaß machen; wenn ich aber ſagen ſollte, daß ich mich darum ſchluͤge, damit das Volk in Boſton ſeinen Thee ein Paar Sous wohlfeiler ſaufen koͤnnte, ſo waͤre das eine ſchaͤndliche Luͤge. — Iſt es denn das allein? Und die Sache der Menſchheit? — Bleib mir damit vom Leibe. Das iſt ein Begriff, der ſich ausdehnen laͤßt wie eine Sei⸗ 233 fenblaſe und eingeſchoben wird, um eine Leere zu verſtecken. Glaube mir, es handelt jeder nur zunaͤchſt fuͤr ſich oder ſeinen Kreis; wer fuͤr alle handeln will, thut gar nichts. Die Welt iſt in Partheien getheilt. Der Staasmann muß fuͤr eine beſtimmt auftreten. Wer ſich an das Allgemeine haͤlt, der ſetzt ſich zwiſchen zwei Stuͤhle und faͤllt, ſo wie einer zuruͤckweicht, auf die Erde. So wird es dem jungen Herrn dort gehen. Er wird ſo lange fromm nach ſei⸗ nem Ideal aufſchauen, bis er unten in die Neſſeln faͤllt und durch den Kontraſt deſto laͤ⸗ cherlicher wird. — Nur das Gemeine kann das Edle ver⸗ ſpotten. — Und wie? Wenn nun dieſer Kreuzzug eigentlich etwas Unrechtliches waͤre? Wiſſen wir denn ſo genau, ob die Amerikaner gedruͤckt ge⸗ nug waren, um eine Empoͤrung unternehmen zu duͤrfen? Und wenn es ein Maaß dafuͤr gibt, muß es nicht auch eines fuͤr Frankreich geben? 8 6 . Wird nicht einmal auch das Volk Frankreichs ſagen, jetzt iſt das Maaß voll? Wer wird ihm beweiſen, daß es noch nicht ſo weit ſey? Und womit? Mit dem Schwerte? Alſo hat der Sieger Recht? Wenn wir alſo dort von den Englaͤndern beſiegt werden, ſo waͤre die gute Sache auf Seiten der Englaͤnder. Ihr ſpielt wie Kinder mit ſcharfen Meſſern, ohne daran zu denken, wie leicht ihr euch ſelbſt ſchneiden koͤnnt. Den Englaͤndern wird dadurch ein em⸗ pfindlicher Schaden zugefuͤgt? Allerdings, es iſt ein ſchwerer Schlag, wenn dieſe Kolonien abfallen. Aber wird es nicht auch auf unſere Kolonien zuruͤckwirken? Mich duͤnkt, jener Schwaͤrmer hat nicht blos ſich, ſondern ganz Frankreich eine Ruthe gebunden, die ſich einſt gegen uns alle kehren koͤnnte. — Schmaͤlere mir meinen Glauben nicht. Und waͤre er auch nur ein Traum, er iſt doch ſchoͤn, und ich fuͤhle mich neu belebt, ſeit ich ein ſolches Streben vor Augen habe. Oh! die — —yyy— 235 Freiheit iſt ein großer Gedanke, und ſelbſt zu ſterben fuͤr ein ſo leuchtendes Zauberbild iſt ſuͤß. Journal Politique. Paris. Montag... 1777. Herrn von Maurepas erlaſſene Befehl, das da⸗ ſelbſt ausgeruͤſtete Schiff La Victoire mit Be⸗ ſchlag zu belegen, zu ſpaͤt eingetroffen iſt. La Victoire war bereits nach St. Sebaſtian abgeſe⸗ gelt, wo ſich der Marquis de Lafayette auf der⸗ ſelben eingeſchifft hat, um zu den Rebellen der Man meldet uns aus Bordeaux, daß der von Engliſchen Kolonien in Nord⸗Amerika zu ſto⸗ ßen. Der Vicomte de Noailles, der Chevalier de Reynaud, der Marquis de Bievre und meh⸗ rere andere Offiziere begleiten ihn. Ende des erſten Bandes. 8* Urlichs Sohn. Druc R * . 8 „ᷣ * ſſſenſnſſſſſnſſn mnnnſinlſin 9 1 1 3 1 15 1 umn 10 1 2 1 4 6 17 18 19