S 4 Leihbib deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur E V Eduard Ottmann m Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leihj- und Feſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4 —y— 3 uf Monat: 1 Mk. Pf. 1 M 50 Pf. 2 Mk. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Köoſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. 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Das geſchmackvolle und weitlaͤufige Gebaͤude, welches dem Grafen Thiard gehoͤrt, das ſchoͤn⸗ ſte in der ganzen Stadt Rennes, war glaͤnzend erleuchtet, und die reichgeſchmuͤckten Saͤle um⸗ faßten eine ungewöhnlich zahlreiche Geſellſchaft. Das kam daher, daß der edle Wirth, der Gou⸗ verneur der Bretagne, die Scheidewand, wel⸗ che ſonſt die Staͤnde ſcharf voneinander geſon⸗ dert hatte, umgeſtoßen, und ſeine Zirkel allem, was nur mit Anſtand in ihnen erſcheinen konn⸗ te, eroͤffnet hatte. Doch war dies weniger eine Folge ſeiner Humanitaͤt, als ein politiſcher Ver⸗ ——-————— 8 ſuch. Die Stellung eines Gouverneurs war nicht mehr ſo angenehm, als ſie fruͤher war, nicht mehr das Schattenbild eines uͤppigen, verſchwenderiſchen Hofes. Calonne, der den Staatswagen ſo ſchnell dem Abgrunde zugejagt hatte, daß der Staub, den er aufruͤttelte, das Volk eine zeitlang gegen die Gefahr verblenden konnte, hatte endlich, als der Blick klarer wurde, mit Schimpf entfliehen, und ſeinem Widerſa⸗ cher bei den Notablen, dem Erzbiſchof von Toulouſe weichen muͤſſen, der jedoch, einmal in das Miniſterium gelangt, nach dem ſein ganzer Ehrgeiz ihn getrieben hatte, nicht ein⸗ mal einen Plan zur Rettung der Finanzen auf⸗ zuzeigen vermochte, ſondern gerade zu in die Fußſtapfen ſeines ſo heftig angefeindeten Vor⸗ gaͤngers trat. Aber die Nation war durch ſei⸗ ne eigenen Angriffe aufmerkſam geworden, und fing, geſtuͤtzt auf das Parlament, laut zu mur⸗ ren an. Der Koͤnig fuhr zwar am 6. Auguſt 1787 nach dem Parlament, um durch ein Lit de Juſtice die Einſchreibungen der neuen Auf⸗ 9 — lagen zu befehlen. Aber das Parlament, das von jeher, um ſeine Wichtigkeit zu behaupten, Oppoſition gegen die uͤberhandnehmende Gewalt, auf welcher Seite ſie auch war, machte, er⸗ klaͤrte mit großer Feſtigkeit, daß zu ſolchen Aufla⸗ gen die Einwilligung der Nation vermittelſt der Generalſtaaten erforderlich ſei. Das Pariſer Par⸗ lament wurde zwar verbannt, allein die uͤbrigen Parlamente der Provinzen widerſetzten ſich noch entſchiedener, und die Gaͤhrung nahm immer mehr uͤberhand. Sie wurde noch erhoͤht, als der Koͤnig, nach einer ſcheinbaren Verſoͤhnung mit ddem Parlamente, einige ihrer Mitglieder feſt⸗ nehmen ließ, und ſie trotz den Vorſtellungen des Herzogs von Orleans und Anderer nicht frei geben wollte, außer wenn ihre Kollegen durch ehrfurchtsvollen Gehorſam ſich ſeiner Verzeihung wuͤrdig machen wuͤrden. Die fortdauernde Wi⸗ derſetzlichkeit des Parlaments hatte im Jahr 1788 die koͤnigliche Gerichtsſizung zur Folge, in welcher alle Parlamente abgeſchafft und an ih⸗ rer Stelle eine Cour plenière eingeſetzt wurde. —j 10 Aber dieſer Akt war leichter gegeben als ausge⸗ fuͤhrt. Die Parlamente von Dijon, Metz und Perpignan widerſetzten ſich dem koͤniglichen Be⸗ fehle, an andern Orten wurde fuͤr einen Ver⸗ raͤther erklaͤrt, wer ſich bei dem neuen Gerichts⸗ hofe anſtellen laſſen wuͤrde; die Dauphine er⸗ klaͤrte, unter ſolchen Umſtaͤnden zoͤge ſie es vor, ſich wieder von Frankreich zu trennen; in Grenoble kam es zu Thaͤtlichkeiten und auch in der Bretagne waren bereits Unruhen ausgebro⸗ chen. Das Parlament kaͤmpfte fuͤr ſeine Exiſtenz; der Adel fuͤhlte ſich zum Theil verletzt durch die Art, mit welcher die Anſichten der Notablen ver⸗ achtet wurden, zum Theil hatten ihn auch die Lehren der neuen Philoſophie ergriffen, und der Sieg dieſer Prinzipien in Amerika dieſen Schwindel der Aufopferung noch vermehrt; das Volk endlich war auf ſeine Rechte und ſeine Macht aufmerkſam gemacht worden, und es hatte, was bei Unruhen ein weſentliches Erfor⸗ derniß iſt, in dem Verlangen nach Reichsſtaͤn⸗ den endlich ein Loͤſungswort gefunden, um das 11 es einſtweilen alle ſeine Wuͤnſche und Beduͤrf⸗ niſſe ſcharen konnte. Ein ſo einſtimmiges Be⸗ gehren haͤtte eine einſichtsvollere Regierung be⸗ denklich machen, und bei dem Schlunde in den Finanzen, den keine Anleihe mehr ausfuͤllen und kein Kredit mehr zu uͤbertuͤnchen ver⸗ mochte, ſie bewegen ſollen, der Stimme der Nation entgegen zu kommen und freiwillig zu gewaͤhren, was ſie ſpaͤter zu bieten gezwungen war, aber Herr von Brienne glaubte, der Schein des Despotismus ſei hinreichend, die Gemuͤther auf's Neue zu feſſeln. Allein dieſer Perſeus⸗ Schild war erblindet und das Volk hatte ſich laͤngſt gewoͤhnt, das Schlangenhaupt in's Auge zu faſſen, ohne dabei zu erſtarren. Graf Thiard, ein liebenswuͤrdiger Mann, der ſich die Achtung der ganzen Provinz erworben hat⸗ te, war ſchon fruͤher auf den Gedanken gekom⸗ men, die hervorſtechendſten Perſonen aller Klaſ⸗ ſen bei ſich zu ſehen, um durch ſie auf die groͤ⸗ ßere Maſſe zuruͤckzuwirken. Aber der Beſchluß des Hofes drohte ſeine ganze Popularitaͤt zu „ 4 12 vernichten. Als er ſich nach dem Parlamentshauſe begab, um dort das Edikt des Koͤnigs, welches daſſelbe auflöſte, bekannt zu machen, konnte er ſich kaum vor der Wuth des Volkes retten, das ihn auf ſeinem Ruͤckwege mit Steinwuͤrfen verfolgte. Der Miniſter ließ darauf mehrere Re⸗ gimenter in die Bretagne einruͤcken, worauf der Adel in einer neuen Verſammlung einen jeden, der bei dem Gerichtshofe eine Stelle einnehme, fuͤr ehrlos erklaͤrte. Fuͤr den ruhigen Beobachter waͤre es nicht unintereſſant geweſen, die einzelnen Gruppen zu ſtudiren, in welche ſich die Geſellſchaft des Gouverneurs aufgeloͤſt hatte, denn je zahlreicher eine Verſammlung, deſto lieber und leichter loͤſt ſie ſich in kleine Parteien auf, in denen ſich die gleichen Elemente zuſammen finden. Graf Thiard ſelbſt geſellte ſich zu Allen und ſuchte, wo dennoch eine Mißſtimmung eintreten zu wol⸗ len ſchien, auszugleichen und zu verſoͤhnen. Die beſten Vermittler ſpielten jedoch, wie immer, die Frauen, welche auch die abſtoßendſten —nͤ— 13 Kraͤfte ruhig nebeneinander hielten und um ſich herum bewegten. Den lebhafteſten Kreis hatte Fraͤulein von Molleville um ſich gebildet, die Tochter des Koͤniglichen Intendanten, der ſich mehr als einer den Haß des Volkes zugezogen hatte, weil man ihm die willkuͤhrlichſten Er⸗ preſſungen Schuld gab, die er jedoch noͤthig hatte, um nur den ſchreiendſten ſeiner unzaͤh⸗ ligen Gluͤubiger den Mund zu ſtopfen. Fraͤu⸗ lein Adele war uͤber die eigentlichen Jugend⸗ jahre hinaus, aber doch keineswegs verbluͤht. Ihre Zuͤge waren nicht regelmaͤßig, doch gab das geiſtreiche dunkle Auge, das glaͤnzendſchwarze Haar ihnen etwas Anziehendes, das durch die Fuͤlle des Wuchſes noch geſteigert wurde. Mehr faſt noch wurde es jedoch durch ein junges Maͤd⸗ chen gehoben, das ihr nicht von der Seite kam, als Kind mit ihr erzogen worden war, und ſie jetzt als Freundin und Geſellſchafterin uͤberall begleitete. Lucilie war die Tochter einer Schwaͤgerin des Intendanten, die ſich aus Liebe mit einem Menſchen niedern Standes verhei⸗ rathet hatte, aber bald geſtorben war. Obgleich Lucilie ſchon ſo fruͤh in fremde Haͤnde gekom⸗ men war— denn als Verwandtinn behandelte ſie der Intendant ſelbſt wenigſtens nie— ſo hatte dies doch auf ihren Karakter einen eher guͤnſtigen als ſchlimmen Einfluß. Waͤhrend die hingebende Guͤte ihres Herzens es ihr leicht machte, den oft verletzenden Launen ihrer herrſchſuͤchtigen, heftigen Couſine nachzugeben, und dieſe zuletzt, wenigſtens ihr gegenuͤber, faſt weich ſtimmte, zwang ſie doch ihre unter⸗ geordnete Stellung, oft mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehen, ihre Gedanken und Gefuͤhle abzuwaͤ⸗ gen und zu pruͤfen, ſo daß ſie durch die Ruͤck⸗ ſichten, welche ſie beobachten mußte, ſich eine Sicherheit und Feſtigkeit aneignete, die mit der Milde ihres Gemuͤthes im Widerſpruche zu ſte⸗ hen ſchien. Noch wunderbarer trat dieſer Kon⸗ traſt gegen Adele in koͤrperlicher Beziehung her⸗ vor, da Lucilie zart gebaut und ihr Geſicht ei⸗ ne beinah matte Blaͤſſe zeigte. Nur wenn ſie die gewoͤhnlich geſenkten Augen aufſchlug, ver⸗ 15 breitete ſich ein unausſprechlicher Reiz uͤber dieſes junge Weſen, und man erkannte die Seele, welche darin lebte und wirkte. Adele hatte viele Verehrer, aber keinen Bewerber; Lucilie wenig Schmeichler, aber einen Mann gefunden, den ihre beſcheidene Schoͤnheit ge⸗ feſſelt hatte, und der ihr nicht gleichguͤltig ge⸗ blieben war. Aber ſie hatte ſich beſtimmt er⸗ klaͤrt, daß ſie ihre Couſine, die mit zunehmen⸗ den Jahren auch an uͤbler Laune zugenommen hatte, nicht verlaſſen wuͤrde, als bis auch ihr Schickſal ſich zur Zufriedenheit geſtaltet haͤtte, und leider ſchien, da des Vaters ſchlechte Ver⸗ moͤgensumſtaͤnde immer deutlicher an den Tag traten, die Ausſicht dazu immer mehr zu ſchwinden. — Wiſſen Sie wohl, ſagte Fraͤulein von Molleville zu mehreren Herren, welche ſie um⸗ ringten, daß Sie ſeit einigen Tagen es gar nicht mehr der Muͤhe werth zu halten ſcheinen, liebenswuͤrdig zu ſein? Wenn die Politik eine Nebenbuhlerin der Galanterie werden ſollte, ſo 16 lob' ich mir das alte Regiment. Mein Gott, ſonſt gingen die Herren in den Krieg, aber wenn es auch noch ſo ernſtlich zuging, wurden die Damen doch nicht vergeſſen. Jetzt ſtreitet man nur mit dem Munde, und das Herz hat den Abſchied erhalten. — Wer Sie ſieht, muß nur zu ſchnell ſein Herz verlieren. — Herr von Bievre, Sie koͤnnten mich mit den Maͤnnern verſoͤhnen. Sie ſind der Ein⸗ zige, auf deſſen Geſicht nicht mit ſchwarzer Tinte die ganze Maulamente⸗Regiſtune zu le⸗ ſen iſt. — Das macht, antwortete der Marquis la⸗ chend, mit der Hand uͤber das Geſicht fahrend, daß ich ſchon zu viel mit rother darauf ge⸗ ſchrieben habe. 4 — Der Augenblick iſt ſo wichtig, bemerkte ein Anderer, daß es Entſchuldigung verdient, wenn er uns dem Dienſte der Damen entzieht. Iſt es doch ihr ſchoͤnſtes Loos, dem Sieger 17 bei ſeiner Ruͤckkehr vom Streite den Kranz zu reichen. — Wer buͤrgt Ihnen dafur, Herr von So⸗ leure, erwiederte das Fraͤulein, daß wir Luſt dazu haben und daß Sie uͤberhaupt ſiegen wer⸗ den? Wiſſen Sie denn, warum Sie den Degen gezogen haben? Um dem Volke die Laſten zu er⸗ leichtern? Pah, wenn es zum Zahlen kommt, werden Sie die Taſche zuhalten. Um noch ein⸗ mal die Herren zu ſpielen, um mit dem Koͤnig als Macht zu unterhandeln. Die Zeit der Fron⸗ de iſt vorbei. Zwei Prinzipien ſpielen jetzt Ball mit der Gewalt. Sie glauben dazwiſchen zu ſtehen, um ſie in die Taſche ſtecken zu koͤnnen, wenn ſie hier oder dort zur Erde faͤllt. Aber Sie irren ſich. Sie ſind nur die Rakete, mit der geſpielt wird, und die man wegwirft, wenn die eine Partie gewonnen hat. — Das Parlament und der Adel haben die ſchoͤne Pflicht uͤbernommen, die Sache der Nation zu vertheidigen. Ach, mein Herr Parlamentsrath, Sie ſind II.„. noch ſehr jung und treten nur in die Fußſtap⸗ fen, die breitere Fuͤße Ihnen vorgezeichnet haben. Sie glauben fuͤr den Adel zu handlen, und geſellen ſich zum gemeinen Volke, um die Hand gegen den erſten Edelmann, den Koͤnig zu erheben. Aber den Menſchen reizt nichts ſo ſehr, als die Begierde, zu befehlen. — Den beſten Beweis liefern die Damen, antwortete Herr von Soleure. — Es wird dahin kommen, daß wir kein Vergnuͤgen mehr daran finden werden, uͤber ſolche Unterthanen zu herrſchen. Allerdings re⸗ gieren wir jetzt, und was wuͤrde aus der Ge⸗ ſellſchaft, meine Herren, wenn wir es nicht thaͤten? Aber wir lieben es, daß man unſerm Koͤniglichen Worte ſich fuͤge, unſeren Blicken . folge, nicht, daß wir erſt mit dem Zepter da⸗ rein ſchlagen muͤſſen, denn das zerbricht. Mit der Rauhheit moͤgen wir nichts zu ſchaffen haben. Auf Sie, Herr von Bievre, ſollten⸗wir eigentlich auch boͤſe ſein. — Auf mich? 19 — Ja, ja. Sie gehoͤren auch zu denen, die aus einer neuen Welt ein neues Heil holen wollten. Was haben Sie uns aus ihren Waͤldern mitgebracht? Nichts als Unfug. Schoͤner Nutzen! Unter die Wilden zu gehen, um uns hier das Volk wild zu machen. 3 — Ach, mein Fraͤulein, entgegnete der Marquis, mit den Waͤldern hat es ſeine Rich⸗ tigkeit, und es war allerdings nur ein hoͤlzer⸗ ner Spaß; fuͤr mich beſonders— ſetzte er truͤbe hinzu, da mein ganzer Gewinnſt dabei in dem Verluſt eines Armes beſteht. Als ich Frankreich verließ, hatte ich die Haͤnde voll Aerger und Verdrießlichkeiten, und ich dachte ſie uͤber dem Meere los zu werden, und wirk⸗ lich habe ich nur Eine Handvoll zuruͤckgebracht. — Sie werden den Damen nur deſto mehr gefallen, rief Herr von Soleure. — Ich wenigſtens, bemerkte Adele mit einem feinen Laͤcheln, kenne Eine, bei der jeder Frei⸗ heits⸗ oder Volksheld einen großen Stein im Brette hat. Ueber Lucilien's Geſicht ergoß ſich eine hohe Roͤthe, welche demſelben einen ganz neuen Zau⸗ ber verlieh. — Sie muͤſſen nicht alles glauben, ſagte ſie ſanft, was meine gute Adele ſagt. Die Luſt am Streiten laͤßt ſie oft das Pannier des Strei⸗ tes verkennen, und ſie iſt weder ſo warm fuͤr die eine Partei, als ich fuͤr die andere einge⸗ nommen. — Deſto mehr aber, fiel Adele ihr heftig in das Wort, fuͤr den einzelnen Parteigaͤnger.— Lucilie ſchlug bittend die Augen zu ihr auf.— Nein, nein, fuhr ihre Couſine fort, wirfſt du mir den Handſchuh hin, darf ich ihn wohl auf⸗ nehmen. Ja, ja meine Herren, Sie ſehen hier eine entſchiedene Rebellin zu meiner Seite, und ich kann Sie verſichern, Herr von Soleure, wenn Sie fortfahren— 3 — Hoͤren Sie nicht darauf, unterbrach ſie Lucilie mit Ernſt, als der junge Parlaments⸗ rath ſich geſpannt zu Fraͤulein von Molleville hinneigte. Dieſe aber winkte einem jungen Of⸗ 21 ſizier, der ſo eben naͤher trat und fragte ihn nach Neuigkeiten vom Hofe. — Auf Ehre, mein Fraͤulein, erwiederte der Lieutenant von Barege, indem er ſich in die Bruſt warf, und mit der Degenquaſte ſpielte; ich habe ſo eben von meinem Freunde, dem Capitain der Garde Monſeigneurs des Grafen von Artois die beften Nachrichten von der Welt abaltane — Und die ſind, wenn man fragen darf? wendete ſich ein hochgewachſener Mann zu ihm, der eben in den Saal getreten war, und der beiden Damen eine tiefe Verbeugung gemacht hatte, welche von Adele mit einem leiſen Laͤ⸗ cheln, von Lucilie mit einem ſtill glüͤcklichen Blicke erwiedert wurde. — Parbleu, entgegnete der Offizier, daß alles bei Hofe von dem beſten Muth und der beſten Hoffnung beſeelt iſt, und daß der Mi⸗ niſter entſchloſſen iſt, die Rechte der Krone zu vertheidigen, wie es ihren braven Dienern geziemt. — Und mit welchen Waffen? antwortete der Neuangekommene hoͤhniſch. — Mit dieſer, entgegnete Barege, an den Degen ſchlagend. Mit der tapfern Armee Sr. Majeſtaͤt. — Es gibt einen Schild, der haͤrter iſt als das Eiſen Ihrer Kuͤraſſe, einen Blitz, der ſchneller iſt, als das Feuer Ihrer Kanonen, einen Arm, der ſchwerer iſt, als der Ihrer Grenadiere. Das iſt die Bruſt eines Patrioten, an der Ihr Degen wie Binſen zertruͤmmert wird, das iſt der Wille eines Volkes, das ſeine Ketten zerſprengt, das iſt die Gewalt freier vereinigten Buͤrger. Die Armee? Und wer iſt die Armee? Die tauſend Offiziere doch nicht, welche der Zufall ihrer Geburt an die Spitze der Reihen geſchoben hat? Die Maſſe iſt es, die ſich ſelbſt ihre Fuͤhrer bilden kann, und dieſe Maſſe iſt wieder das Volk. — Mein Herr, eine Schwadron Dragoner hat das Geſindel von Paris auseinander ge⸗ ſprengt. — Fluch den Unmenſchen, die den Var 23 dazu gegeben, Fluch ihnen, die die Hufe ihrer Pfer⸗ de gegen die Koͤpfe wehrloſer Kinder und Frauen erheben konnten! Die Leichen, die ſie aus Schaam vor dem Licht der Sonne, uͤber Nacht in die Seine geworfen haben, werden einſt aus ihrem Waſſer⸗Grabe hervortauchen, und die Moͤrder an ihre vermoderte Bruſt druͤcken. „Wer iſt der Menſch, fragte der Offizier, indem er ſeinen Gegner ſtehen ließ, und ſich Adelen naͤherte. Mit ſeinem großen maſſiven Koͤrper, dem dicken, zu beiden Seiten breit aus⸗ fahrenden Kopf, und der kurzen ſchwerfaͤlligen Naſe zwiſchen der engen Stirn und dem der⸗ ben Munde und dem noch derbern Kinne fehlt ihm bloß, daß er auf vier Beinen geht, um leibhaftig einem Bullenbeißer zu gleichen. — Auch rathe ich Ihnen, erwiederte Adele lachend, ſich vor ſeinen Biſſen in Acht zu neh⸗ men. Noch mehr aber, den ſaubern Vergleich, den Sie mit dem Herrn Advokaten Danton angeſtellt haben, ja vor meiner Nachbarin hier geheim zu halten. Graf Thiard, den die Lautheit des Geſpraͤchs herbeigezogen hatte, ſuchte demſelben eine an⸗ dere Richtung zu geben, und ließ ſich bald dar⸗ auf in eine lange Unterredung mit Herrn von Barege ein, waͤhrend Danton ſich ausſchließlich⸗ mit den Damen beſchaͤftigte. Der Marquis Bievre war aufgeſtanden, und mit dem Che⸗ valier Reynaud, der gerade auf ihn zukam, in ein anderes Zimmer gegangen, wo ſie Herrn von Blenaye mit ſeiner Gemahlin und mehrere andere aͤltere Herren, darunter den Intendanten von Molleville und den Vater des Lieutenant von Barege, einen wuͤrdigen Greis, fanden Herr von Blenaye war, da ſeine Frau kei⸗ nen Gefallen mehr an dem Aufenthalte in Pa⸗ ris fand, wo jeder Schritt und jedes Geſicht ſie an ihren fruͤhern Stand erinnerte, auf ſeine ihm zugefallenen Guͤter in der Bretagnegegangen, und von da, weil ihm das Landleben nicht mehr zuſagte, nach dem benachbarten Rennes gezogen, wo er das von ſeinem Onkel ihm hinterlaſſene Hotel ganz zu ſeiner Aufnahme eingerichtet vor⸗ * 25 fand. Erbe eines bedeutenden Namens und ei⸗ nes großen Vermoͤgens, konnte er in ſeiner Provinz eine große Rolle ſpielen, und in der That draͤngte ſich auch die vornehme Welt zu ſeinen Geſellſchaften, und machte ſeiner Ge⸗ mahlin den Hof, als ob ſie nicht eine Buͤrge⸗ rin, ſondern eine geborne Prinzeſſin geweſen waͤre. Ihrem Benehmen nach haͤtte ſie uͤbri⸗ gens das letztere ſein koͤnnen, und Alles ſtimmte darin uͤberein, daß ihr Anſtand, ihr feines, zuvorkommendes Weſen nichts zu wuͤnſchen uͤbrig laſſe, wie auch ihr Wandel nicht den ge⸗ ringſten Stoff zum Tadel gebe. Oft aber wird die Tugend mit Mangel an Temperament ver⸗ wechſelt, und vor mancher Verſuchung rettete nur kaltes Blut, was als Strenge der Grund⸗ ſaͤtze geprieſen wurde. Es giebt mehr als Eine Frau, die gefehlt und groͤßere Reinheit des Ge⸗ muͤthes dabei bewahrt hat, als andere, die der Verſuchung widerſtanden. Nicht der Fall macht die Suͤnde, ſondern die Luſt am Fallen; die Tugend iſt nicht die Gleichguͤltigkeit gegen das * —— ——nnrʒrrrr. 26 Laſter, ſondern der ſiegreiche Kampf der goͤtt⸗ lichen Kraft in uns mit den ſchmeichelnden, irdiſchen Leidenſchaften. Frau von Blenaye blieb gefuͤhllos gegen alle Verſuche auf ihr Herz, weil ſie kein Beduͤrfniß nach einer Neigung empfand und ſie es ſich zum Grundſatze ge⸗ macht hatte, keinen Anlaß zur Laͤſterung zu geben, damit ſo jede Erinnerung an die ehe⸗ malige Schauſpielerin verloren ginge. Sie war tugendhaft zum Theil aus Dankbarkeit gegen Herrn von Blenaye, zum Theil, weil es ihr nichts koſtete und ſie dabei viel gewann. Es gibt mehr Menſchen, als man glaubt, die nur aus Berechnung tugendhaft ſind, denn eine Zeit mag noch ſo verderbt ſein, es gibt immer Lagen, wo die Tugend ſich beſſer bezahlt macht, als das Laſter. Mayeur war Anfangs in Paris geblieben, da ſein Schwiegervater darauf beſtand, er ſolle mit dem Gelde, das er ſich theils erſpart, theils geſchenkt erhalten hatte, ein eigenes Ge⸗ ſchaͤft anfangen. Er legte ſich auch wirklich —— einen kleinen Gewuͤrzkram an, der um ſo beſſer ging, da Herr Laroſſe taͤglich die Makulatur zu den Duͤten auf's billigſte lieferte und Madame Mayeux Kunden genug anzog. Ihrem Manne wollte das aber auf die Laͤnge nicht gleich gut gefallen; er erinnerte ſich an die Aeußerungen, die ſeine Frau, als ſie noch verlobt mit ihm war, gegen Jouve fallen ließ. Der ſaß nun zwar feſt, aber die Zaͤrtlichkeit und Freundlichkeit ſeiner Jeanette ſchien ſich nach andern Seiten ausdehnen zu wollen. Denn im Laden wurden mehr Lie⸗ besblicke, als Livres gewechſelt, und mehr ſuͤße Reden, als Zucker an den Mann gebracht. Kleine Menſchen ſind, wie die kleinen Kolibris, leicht in Hitze gebracht, denn das Blut hat des naͤher vom Herzen zum Kopfe, und Mayeur ging daher ſchnell von ſtiller Eiferſucht zu lauten Dro⸗ hungen und Vorwuͤrfen uͤber. Jeanette aber wuß⸗ te, daß in der Ehe, wie im Angriffskriege, die erſte Schlacht die entſcheidendſte ſei und daß einmal das Terrain gewonnen, dies zum Boll⸗ werke werde, aus dem man nicht leicht zu vertreiben 28 ——— ſei. Der Sieg macht doppelt ſtark, indem er die eigene Kraft erhoͤht, und die des Geg⸗ ners laͤhmt, und die Flucht, ſie mag nun ge⸗ zwungen oder freiwillig ſein, iſt immer eine Niederlage. Madame Mayeur huͤtete ſich da⸗ her wohl, gleich anfangs nachzugeben, um nicht mit dieſem erſten Schritte ihrem Man⸗ ne das Recht und die Gewohnheit des Be⸗ fehlens zu verleihen, und in dieſer loͤblichen Schilderhebung fuͤr die Wuͤrde der Frauen erhob ſie die Stimme ſo laut und die Arme mit ſol⸗ cher Heftigkeit, daß ihr armer geſchlagener Gatte es fuͤr die beſte Taktik hielt, ſeinen Ruͤckzug anzutreten, jedoch nicht ohne mit derſelben Kuͤhnheit wie die Parther, noch im Weichen die Pfeile ſeiner Worte auf die ver⸗ folgende Siegerin abzuſchießen. Seitdem herrſch⸗ te Stille im Hauſe, aber ſobald es ſo arg wurde, daß es nichts mehr half, wenn er auch ein Auge zudruͤckte, ging er, wie ein frommer Menſch, dem Unfuge lieber aus dem Wege und entfernte ſich aus dem Rathe der 29 Gottloſen. Weniger zu loben war es aber, daß er die chriſtliche Liebe zu weit trieb, und, um ſeiner Frau in nichts in den Weg zu treten und hinderlich zu werden, oft ganze Tage lang gar nicht nach Hauſe kam, und damit er dereinſt nicht Gefahr laufe, als zu tugendhaft von ſei⸗ ner Haͤlfte geſchieden zu werden, lieber ihr nachzuahmen ſuchte. Was das Buch von den Pflichten geſagt, daß man fuͤr ſich nicht, wohl aber fuͤr ſeinen Freund ein Unrecht begehen duͤr⸗ fe, befolgte er treulich, und ſo wurde er zu⸗ letzt, um ſeine Jeannette nicht durch ſeinen, all zu reinen Wandel in Schaam aufzuloͤſen, ein liederlicher Patron. Aber anfangs wirklich nur aus Aufopferung, der Geſchmack daran kam erſt ſpaͤter. Denn es iſt die Art der Liederlich⸗ keit, daß der erſte Schritt in derſelben oft an⸗ ekelt, daß ſie aber nach einigen herzhaften Zuͤ⸗ gen aus ihrem Becher ihre Juͤnger ſo an ſich feſſelt, daß ſelbſt der Verweſungs⸗Geruch ſi 8 nicht aus ihrem Zauber aufſchreckt. Daß das Geſchaͤft dabei zuruͤck ging, war natuͤrlich. Frau, 30 Mann und Vater nahmen, ſo lange etwas zu nehmen war, und erſt als nichts mehr uͤbrig war, was Geldes Werth hatte, fanden ſich alle drei wieder zuſammen, um ſich uͤber die Zu⸗ kunft zu berathen. Geſcheut genug, ſich nach ge⸗ ſchehenem Ungluͤck keine Vorwuͤrfe zu machen, gelangten ſie bald zu einem Entſchluſſe. Laroſſe ſollte in Paris bleiben und ſich wie fruͤher ſein Brod erwerben, Mayeurx wollte mit ſeiner Frau und den beiden Kindern, von denen wenig⸗ ſtens das aͤlteſte, ein Knabe, ihm ſprechend aͤhnlich ſah, in den Dienſt des Herrn von Ble⸗ naye zuruͤckkehren, uͤberzeugt, daß dieſer ihn nicht verſtoßen wuͤrde; und ſo geſchah es auch. Herr von Blenaye nahm ihn bereitwillig wie⸗ der auf, und machte ihn zum Aufſeher ſeines Hotels in Rennes, wo die beiden Eheleute, eingedenk ihres Endſchickſals in Paris, ein ſtil⸗ leres und ziemlich eintraͤchtiges Leben fuͤhrten, obgleich Herr Mayeur einen jungen Vetter, Na⸗ Shnens Meda, vorgefunden hatie⸗ der ihmm zu⸗ — 31 weilen, obgleich wohl ohne Grund, manche boͤſe Augenblicke machte. Faſt zu gleicher Zeit mit Mayeux war auch der Chevalier Reynaud mit ſeinem Freunde aus Amerika zuruͤckgekommen, nachdem beide ruͤhm⸗ lichen Theil an dem Kampfe mit England ge⸗ nommen, und Herr von Bievre in einem der letzten Treffen einen Arm verloren hatte. Es war Anfangs Reynauds Wille, ſich ganz in den Vereinſtaaten nieder zu laſſen, allein der Auf⸗ enthalt daſelbſt wurde ihm ſchon einige Jahre nach dem Frieden zuwider, da ſein Herz ſich mehr als je nach einer Beſchaͤftigung ſehnte, die ſein ganzes Weſen aufzuregen vermochte. Nichts war geeigneter, ihn truͤbe, ja krank zu machen, als Ruhe. Wer gerne in Phantaſien lebt, und es liebt, ſich in Traͤumen zu wiegen, die ihn bald in dieſe, bald in jene Stellung verſetzen und dies dann bis in das Kleinſte und Schoͤnſte ausmalen, wird bei dem geringſten Unfalle verdrießlich. Weil die Gedankenwelt ſeid iſt, ſeinem Willen gehorcht, ſo verlangt er von 32 der wirklichen daſſelbe, und jede Stoͤrung in dieſem bequemen Weſen erſcheint ihm als ein Unrecht, das ihn gegen das Schickſal erbittert. Daher die wandelbare Stimmung ſolcher Men⸗ ſchen von dem Frohſinn zur Traurigkeit, ohne daß irgend jemand, ſie ſelbſt nicht, den Grund zu Beidem angeben koͤnnte. Jede Einſprache verrdirbt, ſtatt zu helfen, und es bleibt nichts uͤbrig, als ſie gehen zu laſſen. Wehe ihrer Um⸗ gebung, wenn zu dieſer Seelenſchwaͤche ſich noch koͤrperliches Leiden geſellt! Nur ein Streben, das ihre ganze Energie in Anſpruch nimmt, nur ein Ziel, das wie ein gewaltiger Magnet ihre ganze Lebenskraft zu ſich hinzieht, kann ſie dem Nebelſchleier, in den ſie ſich einhuͤllen, entreißen. Eine Leidenſchaft iſt fuͤr ihre Bruſt, was ein Feuer, das in verſchloſſenen Raͤumen die Luft reinigt. Wie viel Edles geht aber durch dieſe Schwaͤche des Willens verloren, weil es an einer aͤußern Triebfeder fehlt, welche der Thaͤtigkeit einen ungeahnten Schwung verleiht! — Da kommen noch zwei Herren, rief der 33 Intendant den beiden Freunden entgegen, wel⸗ che die Wette halten werden. — Hat die engliſche Krankheit auch Rennes ſchon ergriffen? fragte Bievre. — Herr von Blenaye wettet, daß die Par⸗ lamente es gegen die Koͤnigliche Gewalt durch⸗ ſetzen werden. — Die Wette halte ich mit, bemerkte der Chevalier. — Und ich, ſagte ein junger Mann, von gelblichem Teint, indem er ſich mit einer an⸗ maßenden Miene vordraͤngte, ich lege dagegen, ſo viel beliebt. — Der da drinnen, ſagte der Marquis zu Herrn von Reynaud, ſchlug immer auf den Degen, der hier ſchlaͤgt an die Taſche, als ob Gold und Stahl die einzigen Hebel der Welt waͤ⸗ ren, aber beide greifen fehl. — Und doͤch iſt das erſte mir noch das lieb⸗ ſte, denn der Stahl vertraͤgt wenigſtens keinen Roſt, das Gold wird aber durch Süund nicht ſchlechter. „II. 3 — Weißt Du, ſagte Herr von Blenaye, daß meine Frau recht boͤs auf Dich iſt, und mit Recht. Du laͤßt Dich ja nicht mehr ſehen, Du Einſiedler. 1 Frau von Blenaye, welche eben nach ihm hinſah, winkte ihm mit einem ſo freundlichen Laͤcheln, daß er nicht umhin konnte, ſich ihr Zu naͤhern. Er hatte bisher, um jedem moͤg⸗ lichen Verdacht von Seiten ſeines Onkels vor⸗ zubeugen, es vermieden, zu viel mit ihr in Beruͤhrung zu kommen, da er ſeinem Herzen nicht zu ſehr traute. Er wurde trotzdem ſo ar⸗ tig empfangen, daß er es fuͤr Pflicht hielt, ſei⸗ ner jungen Tante Geſellſchaft zu leiſten. Wenn Frauen noch ſo tugendhaft ſind, koͤnnen ſie ſich doch eines gewiſſen Wohlwollens gegen den Mann nicht erwehren, dem ſie eine wahre Lei⸗ denſchaft eingefloͤßt haben. Sie wollen ihm kein Recht einraͤumen, glauben aber ſelbſt das Recht zu beſitzen, ihn belehren und zurechtweiſen zu duͤrfen. Der ungluͤckliche Liebhaber iſt ein Eigen⸗ thum, das keine Anſpruͤche hat, aber das man 35 nicht gern aus der Hand laͤßt. Iſt der Vereh⸗ rer widerwaͤrtig, ſo wird er freilich fortgeſchickt, aber aus Abneigung, nicht aus Moral. Es iſt huͤbſch, einen lebendigen Beweis der Macht ſeiner Reize bei der Hand zu haben, und was ſind Liebhaber der Frau anders, als eben ſo viel Spiegel, die ihr eigenes Bild verſchoͤnert zuruͤckwerfen? Wenn daher die Juͤdinnen, nach Warnekers hebraͤiſchen Alterthuͤmern, ihre Spie⸗ gel ſogar mit in den Gottesdienſt nahmen, ſo iſt ihnen das ſchon darum zu verzeihen, da ſie von den Maͤnnern getrennt waren, und alſo nicht das Surrogat der jetzigen Weiber beſaßen. Der Chevalier war jetzt zu ſcharfſichtig, um nicht die Gedanken Carolinens zu dur chſchauen, und fuͤrchtete doch, daß ſich trotzdem jedes Wort und jeder Blick wie ein Haken an ſein Herz legen wuͤrde, von dem er ſie nicht ohne bluti⸗ ge Wunden wieder wuͤrde losreißen koͤnnen. Nichts aber ſchmeichelt mehr, als recht aufmerkſa⸗ mes, theilnehmendes Zuhoͤren. Ehe eine Stunde verging, war der Chevalier, der Carolinen von 36 ſeinen Abentheuern jenſeits des Ozeans erzaͤh⸗ len mußte, ſo warm und lebhaft geworden, daß er ein ganz anderer Menſch ſchien. Sein Geſpraͤch wurde durch die Unterhaltung im Ne⸗ benſaale geſtoͤrt, die ploͤtzlich ungewoͤhnlich laut geworden war. Frau von Blenaye ſchickte den Chevalier ab, um ſich nach der Urſache bieſe Heftigkeit zu erkundigen. Der Lieutenant von Barege hatte, als Herr von Thiard ihn verlaſſen, ſich zu Lucilien geſetzt, auf deren Verhaͤltniß zu Herrn Danton ihn Fraͤulein von Molleville aufmerkſam gemacht hatte, und ſich ausſchließlich mit ihr beſchaͤftigt, da die Wuth, welche er deutlich auf ſeines Gegners Geſicht ſich entwickeln ſah, ihn hinlaͤnglich dafuͤr entſchaͤdigte, daß er gegen ſeine Gewohnheit, ſeine ganze Zeit Einem Gegenſtande widmen mußte. Lueilien's Verlegenheit, die ihm nicht entgehen konnte, kuͤmmerte ihn nicht. Die Arme ſah den Kampf, welcher in ihres Geliebten Bruſt tobte, und ſuchte nur durch Kaͤlte gegen Herrn von Ba⸗ rege, und durch einen gelegentlichen flehenden —— —nn 37 Blick zu Danton ihn zu beſaͤnftigen. Waͤhrend deß war Graf Thiard abgerufen worden, da dringende Depeſchen ſeiner warteten. Aber ſchon nach wenigen Augenblicken trat er wieder in den Saal. Seine Stirn war umwoͤlkt, auf je⸗ dem Zuge ſprach der Empfang boͤſer Zeitungen. Er winkte den Intendanten, Herrn von Ba⸗ rege und noch einige Herren zu ſich, welche einen Kreis bildeten, in deſſen Mitte der Gou⸗ verneur mit leiſer, aber augenſcheinlich beweg⸗ ter Stimme den Umſtehenden ſeine Nachrichten mittheilte und ihren Rath anzuhoͤren ſchien. Die anderen Parlamentsraͤthe, welche nicht zu der Berathung zugezogen worden waren, ahn⸗ ten aus dieſer Ausſchließung nichts Gutes und blickten mit Beſorgniß auf die entfernte Gruppe. Ploͤtzlich hoͤrte man den alten Herrn von Ba⸗ rege mit erhobener Stimme und heftiger Be⸗ wegung der Arme ausrufen: Ich kenne nur Eine Pflicht, und die heißt: Gehorſam dem von Gott eingeſetzten Koͤnige.. Der Gouverneur wollte ihm die Hand auf — den Mund legen, der alte Herr ſchob ſie aber unwillig zuruͤck und ſetzte hinzu: Ich weiß nicht, warum ich das nicht ausſprechen ſoll? Iſt hier einer, der anders denkt? Ich bin ein Edel⸗ mann, aber mein Degen gehoͤrt dem Koͤnig, und wenn er mich heute ruft, ſo ſollen meine ſiebenzig Jahre mich nicht hindern, ſeiner Stim⸗ me zu folgen. Wenn alte Peruͤckenſtoͤcke und junge Abentheurer andern Sinnes ſind, ſo komme das Blut uͤber ſie! Die Parlamentsraͤthe thaten, als ob ſie den heftigen Ausfall nicht gehoͤrt haͤtten; die uͤbri⸗ gen Edelleute, welche es mit ihnen und den neuen Prinzipien hielten, zuckten die Achſeln. Graf Thiard rief den jungen Herrn von Barege zu ſich und fragte ihn leiſe: Kann ſich der Koͤnig auf Ihre Kameraden verlaſſen? — Fuͤr meinen Sohn buͤrge ich mit meinem Ehrenwort, rief der leidenſchaftliche Vaten Der Koͤnig, fuhr der Gouverneur fort, iſt Willens, ſein Anſehen geltend zu machen und hat mir ſo eben Verbannungsbefehle fuͤr ſaͤmmt⸗ 39 liche Mitglieder des Parlaments geſchickt. M Mor⸗ gen fruͤh muͤſſen die Offiziere Ihres Regimen⸗ tes ſie perſoͤnlich zur Ausfuͤhrung bringen. Der Lieutenant verbeugte ſich und kehrte zu der Geſellſchaft zuruͤck. Ehe Sie gehen, rief ihm Graf von Thiard nach, ſehe ich Sie noch. Was hatten die Herren denn dort auszu⸗ machen? fragte Adele. Oder ſind es Staatsge⸗ heimniſſe, die der Herr Lieutenant nicht mit⸗ theilen darf? — Es muͤſſen erſtaunlich wichtige Dinge ſein, bemerkte der erbitterte Danton hoͤhniſch, welche die Zuziehung eines ſo erfahrenen Staats⸗ mannes noͤthig machten. — Dinge, antwortete der Offiziere, ſich den Schnurbart in die Hoͤhe ſtreichelnd, welche den Uebermuth der Federhelden, groß und klein, mit einem Male daͤmpfen werden. 4 — Wenn wir eine Feder fuͤhren, brauſte Danton auf, um fuͤr das Wohl der Unter⸗ druͤckten zu ſtreiten, fehlt uns auch der Degen nicht, wenn es die Ehre unſerer Perſon gilt. — — Wenn der Edelmann, entgegnete der Of⸗ fizier ſich veraͤchtlich abwendend, es der Muͤhe werth haͤlt, ſie durch einen Zweikampf zu ſich zu erheben. 8 — Es iſt nicht ſchoͤn, fiel Lueilie, erroͤthend, daß ſie ſich in den Streit der Maͤnner miſchte, Herrn Danton in das Wort, von dem ſie noch ſchlimmere Gegenreden fuͤrchtete, es iſt nicht ſchoͤn, wenn der Einzelne im Einzelnen den Stand verdammen will. Muͤſſen Unterſchiede ſein, duͤnkt mich, ſo ſollten die ſie feſtſtellen und beſtim⸗ men, denen das Schickſal oder das Geſetz die Befugniß dazu verliehen, aber der Einzelne ſollte in dem Andern nur den Menſchen ſehen, der ihm gleich iſt, wenn Bildung und Karak⸗. ter ihn ihm gleich ſtellen. Iſt doch jede Abgraͤn⸗ zung nur ein Werk der Zeit, und wer weiß, ob nicht die zuruͤckkehrende Fluth heute den er⸗ hebt, der geſtern auf den Boden ſank. Wie ſoll das Wohl der Nation gefoͤrdert werden, wenn nicht alle in Liebe und Verſoͤhnung ſich um⸗ faſſen, und der Reiche dem Armen von ſeinem Ueberfluſſe mittheilt, der Bevorrechtete dem Un⸗ terdruͤckten die Feſſeln abſtreift? Und die Wohl⸗ fahrt der großen Maſſe zu foͤrdern, das ſollte doch das ſchoͤnſte Streben aller Edlen ſein, von welchem Stande und Range ſie auch ſein moͤgen. — Mir aus der Seele geſprochen, rief Herr von Soleure. Der Chevalier warf Lucilien einen freundli⸗ chen Blick zu. — Gewiß ſehr ſchoͤn, erwiederte der Offizier ſpoͤttiſch, aber gar nicht praktiſch. Geben Sie den Leuten da draußen einen Finger, ſo wol⸗ len ſie die Hand. Erlaubt man ihnen, an uns anzuſtreifen, ſo rennen ſie uns bald uͤber den Haufen. Das ſind die Reden von Aben⸗ theurern, die nichts ſind, und bei einer Um⸗ waͤlzung etwas werden moͤchten. Aber das ſind gefaͤhrliche Menſchen und Sie ſollten ſich huͤten, mein Fraͤulein, ihnen Ihr Wort zu leihen. — Das iſt unverſchaͤmt, rief Herr Danton, der vor Wuth zitterte. Lucilien ſtanden die Thraͤnen in den Augen, und ſie hielt ſich krampfhaft an Adelen feſt. — Ich habe Ihnen bereits geſagt, antwor⸗ tete Herr von Barege, daß ich mich nicht mit einem Buͤrgerlichen ſchlage und nur ein Feiger inſultirt den, der ſich ihm nicht ſtellen kann. Ich will Dich zwingen dazu, ſchrie Dan⸗ ton, und hob die Hand auf. Aber waͤhrend die Umſtehenden ſich dazwiſchen warfen, waren auch die beiden Damen erſchrocken aufgeſprun⸗ gen, ſo daß Lucilie gerade vor Danton zu ſtehen kam, und ihn mit einem Blicke anſah, in dem zugleich ſo ſtrenger Unwille und ſo lie⸗ bevolle Zaͤrtlichkeit ſich miſchten, daß er den Arm maſchienenartig ſinken ließ, und betaͤubt ihr in das angſtbleiche Geſicht ſtarrte. Nur erſt, als er wieder die Stimme ſeines Gegners hoͤr⸗ te, den der Gouverneur in ein anderes Zim⸗ mer zog, erwachte er wieder, knirſchte gewalt⸗ ſam mit den Zaͤhnen und ſtuͤrtzte aus dem Salon. 3 32 Der unangenehme Vorfall hatte natuͤrlich die ganze Geſellſchaft geſtoͤrt, und obgleich Adele es fuͤr unſchicklich hielt, ſogleich nach der Ent⸗ fernung Danton's ſich fort zu begeben, ſo brachen doch auch die Uebrigen bald auf und be⸗ freiten Lucilien aus ihrer peinlichen Lage. Muß⸗ te ſie auch noch zu Hauſe manche Spottrede ihrer Couſine anhoͤren, ſo fand ſie ſich doch bald allein auf ihrem Zimmer, wo ſie unge⸗ ſoͤrt ihren Schmerz ausweinen konnte. Saͤmmtliche Offiziere hatten ſich auf das Be⸗ ſtimmteſte geweigert, die Verhaftungs⸗Befehle den Parlaments⸗Mitgliedern zu uͤberbringen. Herr von Barege ſah ſich daher gezwungen, allein mit Huͤlfe einiger gemeinen Soldaten, dies trau⸗ rige Amt zu uͤbernhemen, von dem auch er ſich jetzt gern zuruͤckgezogen haͤtte, haͤtte ſein Vater nicht ſein Wort fuͤr ihn verpfaͤndet gehabt. Aber ſtatt dem Befehle des Koͤnigs zu gehor⸗ chen, verſammelte ſich das Parlament zum Trotze noch an demſelben Tage. Der Graf Thiard ſchickte ein Detaſchement Truppen nach dem Parlamentshauſe, um die Mitglieder die⸗ ſes Gerichtshofes zu zerſtreuen. 4 4 4 — Was iſt zu thun? fragte Herr von Ble⸗ naye, der ſich mit mehrern andern Notablen in dem Parlamentshauſe befand.— — Was zu thun iſt? rief Danton der bald mit einem Rathe ſprach, bald wieder auf die Straße lief, was zu thun iſt? Der Gewalt Gewalt entgegen ſetzen. Der erſte gluͤckliche Widerſtand zwingt die Miniſter nachzugeben, denn ſie wiſ⸗ ſen, daß ſie ohne Geld ſpaͤter leicht genoͤthigt ſein duͤrften, noch ſchlimmere Bedingungen einzugehen. — Koͤnnen wir den Bajonetten wehren? fragte der alte Praͤſident. Der Koͤnig hat eine Armee in der Provinz— — Und Sie haben das Volk. Treten Sie nur an das Fenſter. Sehen Sie, wie es ſich regt, wie es laͤrmt. — Mit dem Laͤrmen allein, bemerkte Herr von Blenaye, ſchlaͤgt man die Truppen nicht. — Sie verlaͤumden das Volk, rief Danton leidenſchaftlich, den Herrn von Blenaye am Arm anfaſſend. Wie es da unten ſteht, bedarf 45 es nur eines Funkens„ nur Eines entſchloſſe⸗ nen Mannes, der es anfuͤhrt, und das Par⸗ lament herrſcht in Rennes. — Und wer wird verwegen genug ſein, ſich an die Spitze von Rebellen zu ſtellen? — Das will ich! entgegnete Danton, ſich mit der geballten Fauſt vor die breite Bruſt ſeßlagende Aber der Praͤſident ſchuͤttelte mtt dem Kopfe und meinte, es ſei nicht an der Zeit. Paſſi⸗ ver Widerſtand ſei das Einzige, was ihnen in ihrer Lage gezieme. Danton zuckte mitleidig die Schultern und ging auf die Straße hin⸗ unter, wo das dicht gedraͤngte Volk allerdings ſeinen Unwillen uͤber den neuen Gewaltſtreich des Miniſters freien Lauf ließ. Nom de Dieu, ſchrie Mayeux, der ſich ruͤh⸗ rig durch die Menge Platz machte, und bald hier, bald dort perorirte. Nom de Dieu, ſol⸗ len wir das leiden? Am Ende faͤllt es dem Herrn von Brienne noch ein, einmal ganz Rennes zu verbannen, als ob wir Schnecken 4 3 4 . 8 4 ueneͤͤ ͤ 46 — waͤren, die ihr Haus uͤberall mitnehmen koͤnnen. lion, ſeinen Buckel hier laͤßt, kann er in mei⸗ nen Stiefeln Quartier umſonſt haben. — Er hat Recht, ſchrieen andere. Es lebe das Parlament! Nieder mit dem Miniſter und den Soldaten!— — Nur drauf geſchlagen, feuerte Mayeux an. Hierher, Vetter Meda, hierher, wir wol⸗ len ſie niederſchmettern, wir wollen— in dem⸗ ſelben Augenblick raſſelten Trommeln in einer benachbarten Straße— wir wollen nach Hauſe gehen und die Thuͤre ſchließen. Nom de Dieu! Aber die Leute draͤngten von allen Seiten vor, ſo daß kein Entrinnen moͤglich war. Als die Soldaten um die Ecke hervormarſchierten, wurde der Tumult immer aͤrger. Die Soldaten ſtutzten. Die Elenden, ſagte Danton aͤrgerlich, nach dem Parlamentsgebaͤude aufſehend, man ſoll ih⸗ nen die Gewalt rein geſchaͤlt auf einem Teller — Wenn der Kleine, rief ein langer Poſtik ———r — 2è 47 ingen, ſie zu pfluͤkken haben ſie den Muth nicht, weil ein Dorn ſie ritzen koͤnnte.— Seht ihr denn nicht, ſagte er zu einem Trupp Leu⸗ ten, die in ſeiner Naͤhe ſtanden, daß ſie ſich nicht an euch herantrauen, daß ſie euch fuͤrch⸗ ten. Drauf und jagt ſie zum Teufel, der ſie hergeſchickt.— — Sie haben keinen Muth, ſchrie Mayeux, den das ungewiſſe Schwanken der Soldaten wieder ermunterte, laßt mich vor, wir wollen die Rothroͤcke, die Satelliten der Tyrannei zu Krebſen machen. Laßt mich vor, ich bin außer mir, ich fuͤhle ein Regiment in jedem Finger. — Seht ihr den Offizier dort? ſagte ein an⸗ derer; der hat auch heute die Verbannungs⸗ befehle ausgetragen. Er hat bei dem Gouver⸗ neur einen Stein im Brette. — So ſoll er von uns auch einen haben, rief ein Anderer. Steinigt ihn, ſchrieen Viele. Von allen Seiten regnete es Steine auf die Truppen, welche endlich auch den Gleichmuth 4 8 * —— verloren, und nur auf den Befehl warteten, ſich fuͤr die angethane Beſchimpfung raͤchen zu duͤrfen. Herr von Blenaye ſah aus dem Fenſter, was vorging, und erſchrak vor dem Ungluͤcke, welches der naͤchſte Augenblick zur Folge haben mußte. Er eilte mit mehrern an⸗ dern Edelleuten auf den Hof des Parlaments⸗ hauſes und kam durch einen Seitengang den Truppen in den Ruͤcken. Er beſchwor den Herrn von Barege, es nicht auf einen Kampf an⸗ kommen zu laſſen, der fuͤr beide Theile ver⸗ derblich ausfallen muͤßte, und leicht gegen ihn ausſchlagen koͤnnte. Uebrigens verſprach er, im Parlament ſeinen Einfluß anzuwenden, daß der Befehl des Koͤnigs in Guͤte befolgt werde. Herr von Barege war froh, daß er ſich mit Ehre aus dem mißlichen Handel ziehen konnte und kehrte gerne mit dem Verſprechen des Herrn von Blenaye zu dem Gouverneur zuruͤck. Das Volk jubelte den Truppen nach. Danton zuͤrnte uͤber den Vermittler, der ihm die ſchoͤne Gele⸗ genheit, ſeinen Haß gegen Herrn von Barege —— — 49 und gegen die Bevorrechtete uͤberhaupt, Luft zu machen, entriſſen hatte. Alſo fuͤr ein an⸗ dermal! murrte er, und entfernte ſich langſam. Die Parlaments⸗Mitglieder entſchloſſen ſich, Rennes zu verlaſſen, und ſich an die Orte Pihrer Verbannung zu begeben. Aber es war voraus zu ſehen, daß die Un⸗ zufriedenheit des Volkes dadurch nur erhoͤht werden wuͤrde. Da das Geld, welches die rei⸗ chen Parlamentsherren in Rennes verzehrten, jetzt ploͤtzlich in einen andern Kanal abgeleitet wurde, ſo wendete ſich der Unwillen nur um ſo heftiger gegen die Regierung, und von Tag zu Tag ſah man, wie ſich Gruppen auf den Straßen bildeten, in denen die Miniſter auf das Bitterſte angegriffen wurden. Auch fehlte es nicht an Leuten, welche den Gaͤh⸗ rungsſtoff tuͤchtig umruͤhrten, und immer bei der Hand waren, den Funken zur Flamme anzublaſen. Um die Ruhe entſchieden herzuſtellen, bekam ein bedeutendes Truppenkorps Ordre, in die II. 3. Stadt einzuruͤcken; da aber die Buͤrger ſich durchaus weigerten, Soldaten in ihre Haͤuſer aufzunehmen, ſo verlangte Graf Thiard, ſei⸗ ner Stellung mude, vom Hofe ſeinen Abſchied. Er wurde ihm abgeſchlagen, dagegen einer Ar⸗ mee von dreißigtauſend Mann, unter dem Mar⸗ ſchall Stainville, Befehl ertheilt, ſich vor Rennes zu lagern. Heern von Molleville's Thaͤtigkeit ward durch dieſe Wirren mehr als je in Anſpruch genom⸗ men, und nicht ſelten mußte ſeine Familie die üble Laune buͤßen, in welche ihn ſeine ver⸗ wickelten Geſchaͤfte verſetzten. — Weißt Du, ſagte eines Tages Adele zu Lucilien, daß der Vater ernſtlich boͤs auf Dich iſt? Er fuͤrchtet, daß deine Liebſchaft mit Dan⸗ ton, der jetzt uͤberall zu treffen iſt, wo es Laͤrm giebt, ihn kompromittiren koͤnnte. Ich moͤchte keinen Liebhaber, der ſich ſo wenig um mich kuͤmmerte! — Iſt es denn nicht gerade dieſer Feuereifer, antwortete Lucilie, dieſes kuͤhne Streben fuͤr 51 das gedruͤckte Volk, das meine Seele ihm zu⸗ erſt zugeneigt hat? — Haͤtteſt du nur nicht das Herz nachfolgen laſſen! Sag' mir nur um des Himmels willen, was du an dem ungeſchlachten, meduſenkoͤpfigen Menſchen haſt? — Ich ſehe ſeine Haͤßlichkeit nicht, antwor⸗ tete Lucilie laͤchelnd. Die Gewalt ſeiner Rede, die Gluth ſeines Weſens, die Rieſenkraft, die aus jedem ſeiner Worte, ſeiner Entſchluͤſſe ſpricht, haben mich unterjocht. Das alles hat ſich zu Einem Bilde verkoͤrpert, und das Bild iſt doch nur Er, und das liebe ich. — und wenn er ploͤtzlich zum Boͤſewichte, zum verabſcheuungswuͤrdigen Geſchoͤpfe wuͤrde, wuͤrdeſt du ihn noch liben — Kann er denn das? Doch, waͤre es, ſo weiß ich nicht, was ich empfinden wuͤrde. Aber ich glaube, ich wuͤrde doch noch lieben aber liebend vergehen. — Und die ausgelaſſenen Geſellſchaften, die er hier beſucht, ſein wuͤſtes, tolles Treiben.. Glaube ich nicht. Und kann das Weib mit dem Maaßſtabe ſeiner Schwaͤche das Thun des Mannes meſſen, deſſen kuͤhne Kraft viel⸗ leicht dieſes Treibens bedarf, wenn ſie ſich nicht gegen ihn ſelbſt kehren ſoll? Wenn ſein Geiſt nur bei mir iſt, ſo iſt mir das genug. — Da koͤnnten am Ende beide Theile nach verſchiedenen Richtungen ſchwaͤrmen, und ſich damit entſchuldigen, daß ihre Seelen zu Hauſe geblieben waͤren, und ſich ein Rendezvous gaͤ⸗ ben! Aber ſieh nur, da geht er eben. Und mit wem geht er denn? Ach, mit dem kleinen gar⸗ ſtigen Doktor, der ſich wieder hier herumtreibt, um ſeine Dummheiten anzubringen. Kommt er dir nicht vor, wie eine große Brummfliege neben einer Muͤcke? Aber wahrhaftig, er ſieht nicht ein⸗ mal herauf. Nein, Lucilie, das iſt zu arg, ſo ein Liebhaber haͤtte in den erſten vier und zwanzig Stunden ſeinen Abſchied von mir. Der Herr von Bievre zieht eine Flaſche Wein jeder Dame vor und hat nur Einen Arm, aber er waͤre mir lieber, als ein Menſch, der unter dem Fenſter ſeiner Geliebten vorbeigehen kann, ohne hinauf zu blicken. In demſelben Augenblick trat der Marquis Bievre ſelbſt in das Zimmer. Als Adele ihn bemerkte, lachte ſie laut auf. Wiſſen Sie, ſag⸗ te ſie, daß ich eben von Ihnen geſprochen habe? — Wenn Damen, antwortete der Marquis, von einem Manne ſprechen, ſo denken ſie zu⸗ letzt auch an ihn, und vom Denken zum Fuͤh⸗ len iſt nicht weit. — Machen Sie doch eine Leichenbittermie⸗ ne dazu, als ob Sie fuͤrchteten, es waͤre ſchon ſo weit mit mir, und Sie haͤtten keine Zeit mehr, Ihren Ruͤckzug anzutreten. — Ach mein Fraͤulein, ich fuͤhle mich ſeit einiger Zeit ſo angegriffen, daß ich bald der geſchlagenſte aller Menſchen ſein werde. — So laſſen Sie doch hoͤren, ſagte Adele mit verſtellter Gutmuͤthigkeit, was haben Sie denn 2 — Es iſt ein chroniſches Uebel, die Krank⸗ heit der Zeit, die auch mich aufreibt. Wenn 54 ich die Verwirrung um mich ſehe, wird mir ſchwindlich. Es nimmt ſich keiner mehr Zeit, ſtill zu ſitzen. Das laͤuft und rennt, ſchreit und zankt durcheinander, kein Menſch will einen anhoͤren, wenn man etwas Vernuͤnftiges ſpricht, es iſt als ob die ganze Stadt von der Taran⸗ tel geſtochen waͤre. Ich gehe fort. — Aber Herr Marquis, wo werden Sie es beſſer finden? — Das iſt eben das Elend. Es iſt lumpi⸗ ges Volk in Amerika, aber wenn es genug ge⸗ laufen iſt, ſo ſetzt es ſich doch hin und laͤßt mit ſich reden. Aber hier iſt die Unruhe an der Tages⸗ und an der Nacht⸗Ordnung, der Adel disputirt, der Buͤrger raiſonnirt, und der Poͤbel tumultuirt. Von unſeren kleinen Soupers keine Spur mehr. Eine ſolche nuͤchterne Trunkenheit iſt mir noch nicht vorgekommen. Und wenn nur nicht ſtatt Wein, Blut dabei vergoſſen wird! — Es wird ſich noch Alles zum Guten wen⸗ den, bemerkte Adele. — Ich zweifle, antwortete Herr von Bievre. 5⁵ Ich habe nie etwas Gutes von dieſen Neuerun⸗ gen prophezeit, ſeit ich aber ſo melancholiſch ge⸗ worden bin, ſehe ich es klar, wie es kommen wird. Sie werden ſich alle ſo lange an den Roͤcken reiben, bis ſie zuletzt die Haut dabei einbuͤßen. Wo einmal die rohe Gewalt in's Spiel gezogen wird, muß die Mehrheit die Minoritaͤt erdruͤcken, und der materiellen Kraft iſt nicht von Meaſchtiezeit und Civiliſation zu mebiten — Zum Gluͤck, ſagte Lucilie, fraſt Ihr ei⸗ genes Benehmen, Ihre Unterſtuͤtzung der Volks⸗ ſache in den vereinigten Staaten, Ihre Worte Lügen. 4. — Bin ich denn gerne hingegangen? Was gieng mich der Streit an? Ich ſah die Folgen voraus, die er fuͤr Frankreich haben wuͤrde, und einfaͤltig war es, daß unſer Koͤnig ſein eigenes Metier, wie es Friedrich der Große gegen Franklin nannte, ſo verdarb. — und was wird das Ende der hieſigen Haͤndel ſein? 56 — Daß die Regierung wieder nachgeben und ſich dadurch noch mehr herunterſetzen wird. Glauben Sie mir, es giebt keine traurigere Regierung, als die, welche heute vor⸗ und mor⸗ gen zuruͤckſchreitet, und kein beſtimmtes Syſtem hat. In einem Lande, zu einer Zeit, wo das. „Elend unverkennbar, tief ausgepraͤgt iſt, wo der Schrei der Nation klar und hell aufſteigt, wo die Meinungen entſchieden hervortreten, muß auch die Regierung entſchieden und ſcharf ausgeſprochen ſein. Entweder beſtimmt ſich dem Strome entgegen ſtellen und ihn mit eiſerner Gewalt in ſeinem Lauf aufhalten, oder, wenn 7 Neigung und Kraft nicht ausreichen, ſich vor den Strom ſtellen und ihm auf ſeiner Bahn vorangehen. Das Eine kann Ehrfurcht, das Andere Liebe erzeugen, und beides die Exiſtenz retten. Aber hier in Großem aͤngſtlich weichen, dort in Kleinigkeiten hartnaͤckig den Despoten ſpielen, erbittert, raubt die Achtung und erſchuͤt⸗ tert den Gehorſam. Es giebt keine ſchlimmere Regierung, als die, welche zwiſchen zwei Ex⸗ 57 tremen zappelt; beide ſtuͤrzen zugleich über ſir und Mbegraben ſie im Falle. — und was wuͤrden Sie wuͤnſchen? — Daß der Laͤrm voruͤber waͤre, und daß ich wieder mit Seelenruhe... — Ein Glas Wein trinken koͤnnte. — und warum nicht? rief der Marquis mit Waͤrme. Der Zug aus der Flaſche bringt mir wenigſtens etwas ein, naͤmlich Troſt, ſchoͤne Traͤume, Heiterkeit und Frohſinn, waͤhrend mein Zug nach Amerika, wo ich wie ein San⸗ cho Panſa hinter dem Donquixote des Freiheits⸗ taumels trabte, mich einen Arm gekoſtet und zum Kruͤppel gemacht hat. Auf der Straße wurde es wieder unruhig. Der Marquis trat mit den beiden Damen an das Fenſter. Eine Menge Volkes zog unten to⸗ bend, aber unbewaffnet, voruͤber. Mitten im Gedraͤnge befand ſich Herr Dumesnil, welcher ihnen von dem Abend bei dem Gouverneur her bekannt war. Er war erſt vor Kurzem aus den Antillen in Breſt angekommen, auf ſeinem Wege 58 nach Paris in Rennes ſchwer erkrankt, und als Fremder und wegen ſeines Reichthums, der von ſeinen Dienern vielleicht uͤbertrieben werden mochte, vom Grafen Thiard eingeladen worden. Seine Zuͤge hatten nichts Angenehmes. Es lag etwas Wildes, Hartes auf denſelben, wie es haͤufig der Umgang mit Sklaven mit⸗ theilt. Sein Benehmen war das eines Men⸗ ſchen, der bald zeigen moͤchte, daß auch er von Stande ſei, bald wieder, daß ſein Geld ihn uͤber alle Ruͤckſichten der guten Erziehung er⸗ höbe. — Es ſcheint, rief der Marquis, man will dem Fremden uͤbel mitſpielen, er ſieht bleich wie der Tod aus. — Der Menſch iſt mir ein Graͤuel, rief Abele ſeine Augen ſind falſch, ſeine Stirn iſt anma⸗ ßend, und ſein Mund iſt fade. Der Marquis empfahl ſich, um dem Freindem aus ſeiner Verlegenheit zu befreien. Aber er hatte ſich geirrt, wenn er geglaubt hatte, das Volk ſei gegen ihn aufgehetzt wor⸗ 59 den. Er war nur durch Zufall unter die Menge gerathen, die gar keine Notiz von ihm nahm. Herr Dumesnil bedankte ſich jedoch ungewoͤhn⸗ lich zuvorkommend bei dem Marquis fuͤr ſein freundliches Anerbieten und erzaͤhlte ihm, waͤh⸗ rend ſie zuſammen ſich von dem Tumulte ent⸗ fernten, die Urſache ſeines angegriffenen Aus⸗ ſehens. Es war allerdings ein harter Schlag, der ihn getroffen hatte, da er ihm alles, was er beſaß, was ihm Ausſicht auf Ehre, Rang und Achtung verſchaffen konnte, ſein Geld naͤm⸗ lich, zu rauben drohte. Dumesnil war vor einer Reihe von Jahren nach den Inſeln gegangen, um dort, wie ſo viele andere, ſein Gluͤck zu verſuchen. Auf Domingo lernte er die Wittwe eines Millionaͤrs kennen, der, als er aus Europa wegen ſchlechter Streiche entfliehen mußte, ſich durch Geiz und Spekulation bereichert und ſein ganzes Vermoͤgen einer freien Negerin, die er geheirathet, hinterlaſſen hatte. Die Wittwe ver⸗ liebte ſich in Dumesnil, reichte ihm ihre Hand und that ihm den noch groͤßern Ge⸗ 60 — fallen, bald darauf zu ſterben. Er wußte nichts Eiligeres zu thun, als ſeinen Beſitz zu baarem Gelde zu machen und mit demſelben nach Frankreich zuruͤckzukehren, das ihm jetzt alle ſeine Freuden und Vergnuͤgungen erſchließen ſollte. Eine ſchwere Krankheit warf ihn in Rennes nieder, aber kaum war er geneſen, als der Fiskus ihm einen Prozeß an den Hals jagte und ſeine ganze Habe in Anſpruch nahm, da einem alten Geſetze nach, das Vermoͤgen der Neger nach ihrem Tode an die Staats⸗ Domaine zurüͤck faͤlll. Ich brauche, ſchloß Dumesnil ſeine Mittheilung, einen tůchti⸗ gen Advokaten, der ſich auf der Stelle mei⸗ ner Sache annimmt, da ich mich noch zu ſchwach fuͤhle, meine Reiſe nach Pauis fort⸗ zuſetzen. gen, kam bönen ein neuer Haufen Volks ent⸗ gegen, an deſſen Spitze der kMarguns Danton — Und eben kommt einer, antwortete der MNarquis, gerade wie Sie ihn brauchen. Von der Straße, in welche ſie eben einbe. —— 61 erblickte, den er mit Herrn Dumesnil und ſeinem Anſuchen bekannt machte und dann verließ. Der Advokat faßte ſeinen Clienten beim Arme und zog ihn mit fort, um ſich unterwegs uͤber die naͤhern Umſtaͤnde des Falles belehren zu laſſen. Aber das Gehen ſtrengte den kaum Ge⸗ neſenen zu ſehr an und er verſprach, lieber auf den Abend Danton in ſeiner Wohnung aufzuſuchen. Seit die Armee ſich vor Rennes zuſam⸗ men gezogen hatte, waren die Einwohner der Stadt taͤglich in groͤßern und kleinern Partlen vor die Thore gezogen, um ſich die Truppen anzuſehen. Anfangs verhielten ſie ſich ziemlich ruhig, als ſie aber ſahen, daß die Soldaten noch immer nicht Ernſt machten und nichts ge⸗ gen die Stadt unternahmen, wurden ſie mit jedem Tage dreiſter, und ſchoben auf die Furcht⸗ ſamkeit der Regierung, was nur der Befehl des edlen vorſichtigen Gouverneurs war. Dieſer hatte bereits mehrmals von dem Miniſter An⸗ weiſung erhalten, Ernſt und Strenge zu gebrau⸗ 62 chen, aber immer darauf geantwortet: die La⸗ ge der Dinge ſei zu bedenklich, und die zu be⸗ fuͤrchtenden Folgen zu weitgehend, als daß er, ohne ſelbſt mit dem Koͤnige geſprochen und aus deſſen eigenem Munde einen ſolchen Befehl er⸗ halten zu haben, denſelben auszufuͤhren wage. Es gab aber Maͤnner in der Stadt, welche einen Konflikt zwiſchen den Truppen und den Einwohnern zu ſehnlich herbeiwuͤnſchten, um nicht dieſes Schwanken der Regierung auf ihre Weiſe zu benutzen und das Volk dadurch zu immer groͤßerer Anmaßung aufzuhetzen. Die Par⸗ tei des Herzogs von Orleans hatte ſich bereits zu regen angefangen. Nachdem er ſelbſt dem Koͤnige eine Denkſchrift gegen die neuen Auf⸗ lagen uͤberreicht hatte, ſuchten ſeine Agenten nach unten zu wirken, und ihrem Prinzen im Volke einen Anhang zu verſchaffen, uͤber deſſen Benutzung ſie ſelbſt noch nicht im Klaren wa⸗ ren. Wie ſie das Feuer anregten, glaubten ſie — es auch wieder austreten zu koͤnnen, wenn der Name Orleans einmal recht glaͤnzend durch⸗ 63 gegluͤht durch daſſelbe durchgegangen waͤre. Zu ihnen geſellten ſich noch die Feinde, welche jede Regierung hat, zuruͤckgeſetzte und gekraͤnkte Menſchen, andere, die gefaͤhrlichſten von Allen, die nichts zu verlieren hatten, und welche die Armuth verwegen macht, und einige Wenige, denen es Ernſt war mit ihrem Grimme gegen die beſtehenden Mißbraͤuche, und welche deren Abhuͤlfe um jeden Preis, und um der guten Sache willen verlangten. Der ewigen Verſpre⸗ chungen des Hofes muͤde, die von den Hoͤflin⸗ gen ſtets wieder vereitelt worden waren, wuͤnſch⸗ ten ſie einen ernſtlichen Kampf herbei, damit der Koͤnig ſich endlich von der Gefahr, in der Land und Krone ſchwebe, uͤberzeuge, und die entſcheidenden Maaßregeln ergreife, welche die Stimme der Nation laut forderte. Auch hatten ſie bis jetzt nicht einmal noͤthig, ihre Rollen im Finſtern zu ſpielen, da Adel und Parla⸗ ment gemeinſchaftliche Sache mit dem Volke gemacht hatte. 1 Aber aller Spott, mit welchem die Einwoh⸗ 64 ner taͤglich die Truppen uͤberſchuͤtteten, ſchien machtlos an ihrer Gleichguͤltigkeit abzuprallen. Die Soldaten hatten ſtrengen Befehl, ſich ru⸗ hig zu verhalten, und ließen die Buͤrger nach Herzensluſt ſchimpfen. Dieſe, dadurch kecker ge⸗ macht, draͤngten ſich immer naͤher heran, und ſangen den Soldaten die ſchmaͤhlichſten Lieder in das Geſicht. Der weite Anger, auf welchem das Lager aufgeſchlagen war, wurde zuletzt zu dem Sammelplatze von ganz Rennes. Mit Frauen und Kindern, Fahnen und Trommeln zogen die Buͤrger hinaus, und ließen ſich auf dem Raſen nieder und tanzten und jubelten und ſtießen dazwiſchen die fuͤrchterlichſten Laͤſter⸗ ungen gegen den Miniſter, den Marſchall und ſeine Armee aus. Zum ernſtlichen Angriff konn⸗ ten die Volksfuͤhrer nicht anrathen, da er nothwendig zum Nachtheil der Buͤrger ausſchla⸗ gen mußte. Sie begnuͤgten ſich daher, unun⸗ terbrochen die Gaͤhrung zu erhalten, und die Erbitterung immer mehr anzufachen. Wie gewoͤhnlich, war auch hier wieder Herr 65 — Mayeux derjenige, der ſich am vorlauteſten zeigte. Doch ermangelte er nie, um zu Hauſe und draußen deſto ſicherer zu ſein, jedesmal ſeinen theuern Vetter mitzunehmen. Wo ſo viel Menſchen, und in einem aufgeregten Zuſtande verſammelt waren, konnte es nicht fehlen, daß faſt kein Tag vergieng, wo nicht eine oder mehrere laͤrmende Scenen vorfielen. Es fehlte aber auch nicht, daß ſich Mayeux, deſſen Muth durch die anerkannte Zaghaftigkeit der Solda⸗ ten zum Heroismus geſtiegen war, ſich uͤberall hinein draͤngte. An dem Tage, wo der Marquis Bievre kurz hintereinander zwei Volkshaufen begegnet war, welche nach dem Lager zogen, war die große Wieſe mehr als je mit Menſchen angefuͤllt. Es war mehrere Wochen lang unge⸗ woͤhnlich heiß geweſen und kein Tropfen Regen hatte die trockenen Felder erquickt. Alles lechzte nach einem tuͤchtigen Regen, da bei einer Miß⸗ aͤrndte eine allgemeine Theuerung und Hun⸗ gersnoth zu erwarten war, die bei den ohnehin faſt unerſchwinglichen Abgaben das Volk ganz zur * 66 Verzweiflung bringen mußte. Die Buͤrger von Rennes lagen, erſchoͤpft von der druͤckenden Schwuͤle, in einzelnen Gruppen auf dem Bo⸗ den. Hier ganze Familien, Frauen, die ſich mit einer Arbeit beſchaͤftigten, Vaͤter, die mit ihren Kindern ſpielten; dort ſaß ein junger Burſche zu den Fuͤßen eines ehrbaren Maͤd⸗ chhens, und ſagte ihr mit zaͤrtlichen Worten ei⸗ nige Galanterien; hier ſtand ein Mann und perorirte zu den Umſtehenden uͤber die Lage der Stadt und des Landes. Ein leiſes Lüftchen, das ſich aufmachte und kuͤhlend uͤber den An⸗ ger ſtrich, erfriſchte und belebte die ganze Verſammlung. Die Schildwachen im Lager giengen ruͤſtiger auf und ab. Die Verwünſchungen gegen die Truppen brachen mit erneuerter Heftigkeit aus. Kinder zogen in Reihe und Glied mit Sto6ͤcken in der Hand gegen die Verſchanzung und warfen mit Erdſtüͤcken nach den Soldaten. Wenn ein Poſten getroffen wurde, brach die ganze Maſſe in ein allgemeines Jubelgeſchrei aus. Das iſt die ein⸗ 67 zige Waffe, ſchrie man, die man gegen euch brauchen muß. Kommt doch heraus aus eurem Loche, ihr feigen Hunde. Pfui, ſeid ihr Fran⸗ zoſen, daß ihr euch verkriecht?— Zog ein Sol⸗ dat aͤrgerlich das Gewehr an, als ob er ſich damit vertheigen wollte, ſo wurde er ſo lange ausgepfiffen, bis er es wieder uͤber die Schul⸗ ter warf. — Seht nur, rief ein Obſtweib, wie dick und fett die Schlingel ausſehen, und wir muͤſſen Hunger leiden. Ihr Fleiſch iſt unſer Geld. Koͤnnte ich es ihnen nur wieder herausſchneiden! 3— Und die haben ſie noch bei uns einquar⸗ tieren wollen, daß ſie uns noch das letzte Stuͤck Brod wegaͤßen. — Zum Teufel alle, die ſie geſchickt und die edlen Herrn Parlamentsraͤthe fortgeſchickt haben. — Bahl hoͤhnte Mayeux einer Schildwache entgegen, die ihn anſah. Wie terglotzt, als ob er einen ehrlichen freſſen wollte. 68 — — Das waͤre ein famoͤſer Biſſen, antwor⸗ tete lachend ein Soldat, der neben dem Poſten ſtand. 8 348 — Nom de Dieu, ſchrie Ma nicht ſolche Memmen, feſt da oben ſitzen. — Sehen Sie denn die Naͤgel nicht, ant⸗ wortete ein Anderer, auf die Palliſaden zei⸗ gend, mit denen ſie angeſchlagen ſind. — Naͤgel? antwortete Mayeur großſpreche⸗ riſch. Die Dinger meinen Sie, die die Spitze hinaus ſtecken, als ob ſie die Leute aufſpießen ſollten? Ein braver Kerl wird doch ſo ein Stuͤck Holz nicht fuͤrchten. 5 — Bravo! bravo! jubelte es im Chor. — Was gebt ihr mir, rief der Kleine, durch den Beifall ganz außer ſich gebracht, ſo klettere ich hinuͤber und bringe euch den Hut von dem langen Schlingel da herunter? Nom de Dieu, wer Muth hat, mir nach.— Ma⸗ heur ſprang vor, Meda hielt ihn beim Rock zuruͤck. Laßt mich los, rief er, mit dem glü— heux, waͤret ihr ſo würdet ihr nicht ſo 69 henden Kopf herumfahrend, daß ihm der Hut herabfiel, laßt mich los„ich will euch zeigen, wie David den Rieſen Goliath beſiegt. Noch einige junge Tollkoͤpfe ſprangen ihm nach, als er ſich von Meda losgeriſſen hatte, und kletterten mit ihm unter Zujauchzen der Menge uͤber die Palliſaden in das Lager, wo ſie jedoch ploͤtzlich verſchwanden und nicht wie⸗ der zum Vorſchein kamen. Man wartete einige Zeit, aber niemand kam. Jetzt wurden die naͤchſten Zeugen des Geſchehenen ungeduldig; wie ein Lauffeuer verbreitete ſich die Nachricht von der wahrſcheinlichen Gefangennahme etlicher Buͤrger, vielleicht ihrer Ermordung, uͤber den ganzen Platz. Alles ſtroͤmte fluchend, drohend. unbekuͤmmert um den immer dunkler werdenden Himmel zuſammen. Wir muͤſſen ſie heraus ha⸗ ben! ſchrie es von allen Seiten, heraus! her⸗ aus! toͤnte es aus jedem Munde wieder. Stuͤrmt das Lager! Schlagt ſie nieder!— Eine Al⸗ les uͤbertoͤnende Stimme gebot jedoch Ruhe. Danton war es der auf eine kleine Erhoͤhung 4 3 70 geſtiegen war und ſich erbot, im Namen des Volkes als Geſandter zu dem Marſchall zu gehen. Giebt er unſere Mitbuͤrger frei, ſchloß er, ſo habt ihr ſeinen Muth erprobt und ihr wißt, ob ihr dann noch laͤnger ſeine Naͤhe dulden duͤrft; verweigert er ſie, ſo rufe ich euch zu: Greift zu den Waffen und dann Mann ge⸗ gen Mann und nieder mit den Schergen der Tyrannei! Ihr habt es mit Guͤte verſucht, und man hat ſie zuruͤckgeſtoßen. Wer nicht die Menſchlichkeit im Buſen traͤgt, den zatttate der Fuß der Rache! Herr Danton wurde ohne Schwierigkeit als Parlamentair in das Lager gelaſſen, erhielt je⸗ doch den Beſcheid, daß die Buͤrger, welche in⸗ nerhalb deſſelben verhaftet worden waͤren, auch dem Arme der Militair⸗Obrigkeit verfallen waͤ⸗ ren, daß der Marſchall endlich einmal ein Ex⸗ emplar ſtatuiren und die Gefangenen, den Ue⸗ brigen zum Schrecken, gebuͤhrend beſtrafen laſ⸗ ſen werde. Dantons trotzige Sprache war eben nicht geeignet geweſen, ein verſoͤhnliches Reſul⸗ — — —— 71— tat herbeizufuͤhren. Auch ließ er ſich nach der erſten abſchlaͤglichen Antwort nicht auf Bitten und Vorſtellungen ein, ſondern verließ unter unzweideutigen Drohungen mit ſtolzen Schrit⸗ ten den Kreis der ihm ſpoͤttiſch nachblickenden Offiziere, die ihm reichlich den Hohn vergal⸗ ten, mit welchem ſie von der tobenden Menge draußen uͤberſchuttet wurden. Als Danton kaum an der letzten Schildwache voruͤber war, ſtreckte er beide Arme aus, und rief mit einer Stim⸗ me, die uͤber das ganze Feld vernommen werden konnte: Er gibt Eure Bruͤder nicht zuruͤck! Wollt ihr ſie buͤßen laſſen, was ihr mit ver⸗ ſchuldet habt?— Nein, nein, antwortete die Menge; reißt die Palliſaden heraus und ſpießt die Soldaten darauf!— Folgt mir, rief Dan⸗ ton, wir wollen ſehen, ob die Sklaven, die ihr mit eurem Marke fuͤttert, den Kampf ge⸗ gen ihre Ernaͤhrer magen. 36 will euch fuͤhren, mir nach! 1 Drauf! drauf! ſchrie es durcheinander, wir muͤſſen unſere Bruͤder befreien. 44 , —«ͤ8ͤ 2 Danton riß einem Buͤrger, der ſich einen ſchweren Saͤbel umgeſchnallt hatte, dieſen von der Seite, und ſprang an die Spitze des ſich in einen Keil zuſammendraͤngenden Haufens. Aber er war noch keine drei Schritte vorge⸗ drungen, als ploͤtzlich einige dicke Tropfen vom Himmel herabfielen. Da Danton die eben noch ſo laute Menge hinter ihm ploͤtzlich ſtill wer⸗ den hoͤrte, drehte er ſich unwillig um. Alles war ſtehen geblieben und hatte ihn allein ſich vorbewegen laſſen. Ehe er noch ſeinen Aerger laut werden laſſen konnte, zuckte ein Blitz uͤber den Himmel hin, und gleich darauf krachte ein ſe furchtbarer Donnerſchlag nach, daß ſelbſt eine Stentorſtimme davor verſtummtzwaͤre. Ueber die trockenen Felder raſte mit einem Mal ein furchtbarer Windſtoß, der dicke Staubwol⸗ ken uͤber den ganzen Anger jagte. Ein gelbli⸗ ches Gewoͤlk uͤberzog den ganzen Himmel: noch einige Donnerſchlaͤge, und der letzte war noch nicht verhallt, als das Gewoͤlk ſich aufriß und praſſelnd einen Hagelſchauer herabſchuͤttete, vor 73 dem ſich Alles in Sicherheit zu bringen ſuchte. Wie mit einem Zauberſchlage war die Wieſe in einem Augenblicke leer geworden. Dan⸗ ton allein ſtand noch da, in dem fahlen Lichte und auf dem uͤberſchwemmten Anger einer hohen Klippe gleichend, die mit ſteinerner Ruhe dem Sturme in's Auge blickt, der ihn mit ſeinen wilden Fluthen peitſcht. Endlich ſchlug auch er den Weg nach der Stadt ein. In ſeiner Wohnung fand er bereits Geſel⸗ ſchaft vor, Maͤnner, welche ſich mit ihm in das Geſchaͤft, die Stimmung des Volkes zu bearbeiten, theilten, und einige Maͤdchen, welche das Ungewitter hineingetrieben hatte, und de⸗ ren Ruf keinen Angriff mehr zu fuͤrchten hatte. Auch ſtroͤmte ihm Alles, als er erſchien, mit einer Sicherheit und Ungezwungenheit in ſein Zimmer nach, daß man wohl ſah, ſie fanden ſich nicht zum erſtenmale verſammelt. Ein Die⸗ ner ſetzte einen großen Tiſch in die Mitte der Stube mit einer Reihe Flaſchen und Glaͤſer, und entfernte ſich dann auf einen Wink Danton's, 1 — der es ſich bequem machte, die naſſen Kleider abwarf und ſich mit den Uebrigen an den Tiſch ſetzte. 1 — Ihr habt Eure Leute ſchoͤn disciplinirt, ſagte Danton, die Lippen aufwerfend und ſeine Tiſchgenoſſen rings herum anſehend, wenn ſie ſchon ein Blitz in die Flucht jagt, was thaͤte erſt der Kanonendonner? — Das Wetter war zu fuͤrchterlich, meinte Einer, und mußte die aͤrgſte Hitze abkuͤhlen. — Und der Hagel, ſagte ein Maͤdchen ne⸗ ben Danton.. — Haͤtte Euch die Friſur verdorben. Wer verargt’s Euch? Die Maͤnner machten ſich oh⸗ nehin zuerſt davon, und denen nachzulaufen, iſt ja Euer Handwerk. 4 — Im Grunde iſt es ſo ſchlimm nicht, warf der kleine Doktor ein, mit dem Danton am Tage uͤber die Straße gegangen war. Das Volk hat doch den Willen gezeigt und den Mar⸗ ſchall kompromittirt. Nachgeben kann er nicht mehr, und es wird morgen, je vorbereiteter 75 wir ſind, deſto ernſtlicher hergehen. Das Beil iſt geſchwungen, nur immer darauf zu gehauen, bis der faule Stamm zuſammenfaͤllt. Er muß fort, um dem jungen Nachwuchs Platz zu ma⸗ chen, damit er ſich huͤbſch ausdehnen und ge⸗ deihen kann. — Der Menſch, ſagte Danton's Nachbarin leiſe, laͤchelt ſo behaglich, wenn er vom Zuhauen ſpricht, daß ich nicht unter ſeinem Meſſer ſeyn moͤchte. Ich glaube, er ſchnitte, bloß um Blut zu ſehen. — Nehmt Euch in Acht, rief Danton her⸗ uͤber, die Maͤdchen glauben, Ihr haͤttet Lan⸗ zetten in Mund und Augen ſitzen. — Das kann meine Lilli nicht denken, antwortete der Doktor, indem er, ſein Geſicht zu einem widrigen Laͤcheln verzerrend, einen Arm um ſeine Nachbarin ſchlang und ſie, die ſich ſträubte, zu ſich heran zu ziehen ſuchte. Die Wiſſenſchaft lehrt, daß boͤſe Saͤfte vertrieben wer⸗ den muͤſſen, damit ſie nicht die geſunden Glie⸗ der anfreſſen. Die Philoſophie lehrt, daß man 76 1 den Krebs im Staate ausbrennen muß, damit der Reſt am Leben bleibe. Hippokrates ſagt, erſt das Eiſen, dann das Feuer, ich ſage, in der einen Hand das Eiſen, in der andern das Feuer! 69, r — Was ſeyd ihr fuͤr ſchleppende, langwei⸗ lige Thiere, rief Danton, daß Ihr mit Wein vor Euch und Maͤdchen neben Euch, die Din⸗ ge, an denen Ihr Euch am Tage ſatt ge⸗ ſprochen, am Abend noch wiederkauen muͤßt. Schweigt und kuͤßt und trinkt. 8* Danton's Nachbarin hatte ſich ihm auf den Schooß geſetzt, und ſtrich ihm das dicke, wilde Haar von der Stirn. 6 B — Iſt es jetzt eine Zeit, ſagte ein ganz jun⸗ ger Menſch, den man Venal nannte, mit langſa⸗ mem Tone, uns dem Schwelgen zu uͤberlaſſen. Wie kann man vom Volke Energie verlangen, wenn ſeine Fuͤhrer ſelbſt erſchlaffen? Wir kaͤmpfen alle, aber wie, wofuͤr, fuͤr wen? Ihr faßt das Volk bei ſeiner Abneigung gegen den Vornehmeren, den Armen bei ſeinem Haſſe gegen den Reicheren, 77 und zeigt dem, daß er ſo gut zu Hoͤherem ge⸗ boren, dem, daß das Geld gleichmaͤßig ver⸗ theilt ſeyn ſollte. Damit koͤnnt Ihr eine augen⸗ blickliche Aufregung, aber keine moraliſche En⸗ ergie erwecken. Und wie koͤnntet Ihr das auch, da Euch ſelbſt kein reines Prinzip vorſchwebt? Ihnen, Doktor, hat von jeher das vagabun⸗ dirende Leben gefallen und jetzt wird es ohne⸗ hin beſſer bezahlt, als fruͤher. Danton treibt ſein heißes Blut. Und damit wollt Ihr etwas Großes ausrichten? Irrlichter ſeyd Ihr, aber keine Fackeln. 2 Danton drehte den Kopf etwas herum und frug: Und wie, mein weiſer Herr, muͤßten wir es denn anfangen? 1 — Indem Ihr ſelbſt den Schmutz des Egois⸗ mus abwuͤrfet, und dem Volke, das Ihr be⸗ lehret, ein lauteres Beiſpiel gaͤbet. Ihr wendet Euch an ſeine Leidenſchaften— ſprecht lieber zu ſeiner Tugend, erweckt die Erinnerungen des Alterthums in ihm, denn das allein gibt uns die Muſter fuͤr unſer Thun. Laßt das Vaterland 78 * das Motiv ſeyn, um das ſich alle Gedanken dre⸗ hen, laßt die Selbſtaufopferung an der Tages⸗ ordnung ſeyn. Jeder Reichthum macht den Ka⸗ rakter verdaͤchtig, ſeyd ſtolz darauf, arm zu ſeyn. — Hoͤre nicht auf den langweiligen Schwaͤz⸗ zer, ſagte Louiſe, indem ſie Danton einen Kuß gab. — Armuth! Wer ſoll mir denn ein neues Kleid kaufen? — So lange Ihr nicht, fuhr Venal fort, Eurer Begierden Herr werdet, koͤnnt Ihr auch nicht des Volkes Herr werden. — Wie falſch! ſchrie der Doktor, der ſich waͤhrenddeß fleißig einſchenkte, das Volk fuͤhrt man nur an ſeinen Begierden. An den Ver⸗ ſtand wendet man ſich in der Zeit der Ruhe, an die Leidenſchaften in der Zeit der Aufre⸗ gung. — Ihr koͤnnt Euch nicht zu der Hoͤhe dieſes Ge⸗ dankens erheben, unterbrach ihn der junge Mann ſtolz, weil das Gemeine Euch zu ſehr herabzieht. — Glaubt Ihr, das Volk ſehe Euch nicht zuletzt in die Karten, und werde Euch nicht, wenn es Euer falſches Spiel ſieht, auf die Finger ſchla⸗ gen! Ihr betrachtet es als Maſchinen, aber nehmt Euch in Acht, daß Ihr ihnen nicht zu nahe kommt, das Naͤderwerk moͤchte Euch zer⸗ malmen. Jetzt zeigt Ihr ihm die Großen, und ſchimpft auf ihre Privilegien, nicht um ſie zu zerreißen, ſondern ſie ſelbſt in die Taſche zu ſtecken. Ich warne Euch. Der Uneigennuͤtzigſte, Unbeſtechlichſte wird Euch zuletzt alle uͤber den Haufen werfen. Niemand darf groͤßere Rechte, groͤßern Beſitz haben, als der Andere. — Und wozu waͤre das Talent, wozu der Fleiß? — Um die geſammte Wohlfahrt zu Fördern. Der Staat gibt den Bewohnern das Land, dafuͤr gehoͤren auch deren Kraͤfte dem Staate. — Und wer theilt den Beſitz, wer zwingt das Talent, ſich unentgeldlich zu opfern? — Die Nation. a — Durch weſſen Augen: — Durch die der Tugendhafteſten, der Wei⸗ ſeſten? — Und wer ſucht dieſe hervor? — Wieder die Nation. — Eine Kette, an der kein Schloß iſt. Der Kluge ſtellt den Klugen an, aber wer waͤhlt den Waͤhler? Und wenn den Tugendhaften die Tugend ſelbſt lohnt, wer zwingt die Andern, ihm zu gehorchen? Erſt macht die Menſchen zu Engeln, und dann regiert ſie mit Philoſophie. So lange ihnen Fleiſch an den Knochen waͤchſt, und warmes Blut in ihnen auf⸗ und abſteigt, ſo lange wird der Kluͤgſte und der Staͤrkſte ſich das Gut des Schwaͤchern und Duͤmmern an⸗ maßen, und das von Rechts wegen. — Alſo koͤnntet Ihr Euch hinlegen und aus⸗ ruhen, rief Venal heftiger werdend, wenn mor⸗ gen der Koͤnig Euch an die Stelle Lamoignon's erhoͤbe. Geht Euer Ehrgeiz nur auf den Rang, nicht auf das Gluͤck des Volkes? — Mein lieber Freund, antwortete Danton ruhig, mit allen Euren Schimaͤren aͤndert Ihr 7 81 die Welt nicht. Solche Reden ſind gut fuͤr die Schule, nicht fuͤr das Leben. Wuͤrde ich, wie „Ihr ſagt, morgen Miniſter, ſo wuͤrde ich al⸗ lerdings die Mißbraͤuche abzuſchaffen ſuchen, deren Unvertraͤglichkeit mit dem Beſtehen der Ruhe ich erkannt habe, aber ſonſt wuͤrde ich gewiß das Anſehen der Koͤniglichen Gewalt entſchieden zu behaupten ſuchen. Etwas muß herrſchen, Eine Macht muß ſeyn, vor der ſich die Maſſe beugt. — Muß es denn ein Koͤnig ſeyn! Gibt es nicht eine reinere, der Natur entſprechendere Form, welche die Gleichheit, zu der alle berech⸗ tigt ſind, als Prinzip aufſtellt, und die Men⸗ ſchen auf eine neue Stufe erhebt, weil ſie ihm zeigt, daß er zu dem Hoͤchſten anſtreben kann? Und waren ſolche Formen bei den Alten moͤg⸗ lich, warum nicht auch bei uns? Nur durch ſie vermochten kleine Staaten ſo unendlich Gro⸗ ßes zu leiſten. Weil jeder mit dem andern auf gleichem Boden ſtand, mußte er ſich auch huͤ⸗ ten, ſich eine Bloͤße zu geben, die ſogleich ge⸗ II. 3 6 1 82 ſehen und getadelt werden konnte. Erſt als die Republiken fielen, trat auch die Unmoralitaͤt ein, denn, ſagt Salluſt, die Koͤnige koͤnnen die Schelme nicht entbehren, und fuͤrchten ſich ſo⸗ gar vor der Rechtlichkeit. Nur in der Demo⸗ kratie iſt Hoffnung, daß die Herrſchaft des Verbrechens und der Intrige aufhoͤre. Laßt Frankreich eine Republik ſeyn, und es wird das erſte Land der Welt! Alle lachten laut auf. — Apropos, Danton, ſagte Louiſe, gehen in Republiken alle gleich angezogen? — Gewiß, antwortete dieſer mit ernſter Miene... — Jas rief das Maͤdchen in die Haͤnde klatſchend, dann bin ich fuͤr die Republik. Hat ſich nicht der Koͤnig unterſtanden, Edikte gegen unſern Putz zu erlaſſen, und uns zu zwingen, weniger Staat zu machen, als ſeine Hofdamen, die es doch nicht beſſer treiben, als wir? Darum bin ich gegen die Moönarchi⸗ und es lebe die Re wolik! 83 — Jetzt kann es Euch nicht mehr fehlen, rief der Doktor. Mit ſolchen Anhaͤngerinnen iſt die Republik ſo gut als geborgen. Venal ſtieß wuͤthend ſein Glas auf den Tiſch, daß es in tauſend Stuͤcke zerſprang. — Laßt es gut ſeyn, troͤſtete Danton, mit Euren lateiniſchen Brocken und Citaten lockt Ihr jetzt keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Die Menſchen wollen, wenn ſie ihr Leben in die Schanze ſchlagen ſollen, jetzt etwas Sicht⸗ liches, Reelles haben, das ihnen nach dem Siege zu gut komme. Es iſt jetzt gefeſſelt, ge⸗ plagt, geſchunden. Es duͤrſtet nach Freiheit, nach Abſchuͤttlung des Joches, das es zu Bo⸗ den druͤckt, es will aufathmen von der Laſt, die es zuſammenſchnuͤrt, es will nicht mehr das Saumroß ſeyn, das hungrig und ſchwitzend den Lohn ſeiner Muͤhen in den Schatz liefert, um uͤbermuͤthige Muͤßiggaͤnger zu fuͤttern. Es will ſaͤen, aber auch aͤrndten. Es will kaͤmpfen, aber nicht bloß immer Gemeiner bleiben. Gebt⸗ 3 ihm Rechte, Sicherheit und Brod weiter wil „ 84 es nichts. Zu Theorien, wenn bloß eine ſchwarze Suppe dahinter ſteckt, lacht es. Eine Gleich⸗ heit des Beſitzes wuͤrde ein Ringen zwiſchen Nachbar und Nachbar ſeyn, in dem einer dem andern den Dolch in die Gurgel ſtieße und Frankreich eine Wuͤſte wuͤrde. Eiin Diener unterbrach Herrn Danton und ſagke ihm etwas in's Ohr. Er ſoll nur herein kommen, rief dieſer. Der Bediente oͤffnete die Thuͤr und ließ Herrn Dumesnil naͤher treten. Dieſer aber blieb betroffen auf der Schwelle ſtehen, und wußte nicht, ſollte er hereingehen, oder umkehren. — Sie haben mich in meinem einſamen Bu⸗ reau geglaubt, ſagte Danton, ihm laͤchelnd ent⸗ gegengehend, und finden mich in einem Kreiſe der Freude. Ich werde Ihnen trotzdem eben ſo gut zuhoͤren, und uͤberdies habe ich bereits von Ihrer Sache gehoͤrt, und meine Freunde hier werden Sie um ſo lieber bewillkommnen, wenn ſie in Ihnen einen Mann erkennen, der einen Strauß mit dem Staate anzubinden hat. 8⁵ — Ape, ſey mir gegruͤßt, rief Venal pathe⸗ tiſch, Du Edler, der der Tyrannei den Hand⸗ ſchuh hinwerfen will. Hier ſchlage in dieſer Hand, ſie iſt dem Sturze der Monarchie ge⸗ weiht, und gehoͤrt einem aͤchten Republikaner an.— Der Doktor war zwiſchen der Flaſche und ſeiner Nachbarin in ein ſo hitziges Doppelfeuer gerathen, daß er ſeiner Sinne kaum mehr maͤch⸗ tig war. Komm her, Bruderherz, lallte er, waͤhrend Dumesnil ſich neben Danton ſetzte, und mit dieſem angelegentlich ſprach, komm her, oder wenn Du nicht willſt, ſo bleib ſitzen. Freiheit muß herrſchen! Sing⸗Freiheit, Trink⸗ Freiheit! Es lebe die Freiheit und die Rebel⸗ lion! Notabene, wenn man ſich gehoͤrig zu ſalviren verſteht, ſobald es ans Pruͤgeln geht. Das Zuſchlagen iſt fuͤr ſolche dicke Kerls, wie unſer Freund dort, ich arbeite mit dem Geiſte. Ich ſoll leben! Stoß an, Blondine, der kleine Marat mit dem großen Geiſte ſoll leben! Als ich noch herumzog mit meinen Ma⸗ 4 „ 8 86 dikamenten, habe ich mir oft die Lunge ausge⸗ ſchrien, um ſie an den Mann zu bringen, und habe doch oft meinen eigenen Spiritus ſaufen muͤſſen, um nur was Warmes in den Leib zu kriegen. Gib mir einen Kuß, Lilli. Es ging mir ſchlecht, edler Republikaner, ich war ein poverer Hund. Mit meinen Univerſaltropfen kam es auch in's Stocken, und ich ſah mich genoͤthigt, bei den Beſtien Huͤlfe zu ſuchen, und um Brod zu haben, mich an die Krippe zu ſtellen. Das war ein Witz, lacht doch, Halun ken! Lach, Maͤdchen, oder ich ſtoße Dir das Meſſer in's Zwergfell. Gut gelacht, mein Puͤpp⸗ chen! Alſo ich wuͤrde Roßarzt Seiner Hoheit, des gnaͤdigen Herrn Grafen von Artois. Ein lieber Herr, vor dem ich allen Reſpekt habe, aber knapp bei Gelde. Troz Gehalt und Buͤ⸗ cherhonorar konnte ich den Weinwirth nicht zahlen. Aber jetzt heißt's: Heureka! Ich habe eine Mine angebohrt, eine Goldmine, und hier ſitzen die lieben gelben Dinger. Willſt Du eine neue Haube haben, Schatz? Sollſt ſie haben, Engelchen. Aber ioß an und fhr, was Du kannſt: Es lebe der Herzog von Orleans! der allein werth iſt, Koͤnig von Frankreich zu ſeyn, und ſolche gelehrte Genies, wie ich, zu wuͤrdigen verſteht. Freund Danton, thue. mir Veſcheid. — Die Wetterfahne, ſagte Louiſe aͤrgerlich. Jetzt ſpricht er wieder ſo ernſtlich mit dem gel⸗ ben Geſichte da, als ob wir nicht bei ihm waͤ⸗ ren. Sie zog ihn am Haare. — Was gibt's? fuhr Danton barſch auf. — Heißt das Wort halten, antwortete das Maͤdchen weinerlich, haſt Du mir nicht eben Treue geſchworen? — Ja wohl, bis morgen fruͤh. — So halte das wenigſtens, und werde mir nicht um ſo eines Affen wegen untreu. — Du biſt eine Naͤrrin, laß mich in Ruhe. — Freilich, verſetzte ſie ſchnippiſch, wenn ich das Fraͤulein Luzilie waͤre, da haͤtte der Herr Danton immer Zeit, und wenn auch der Himmel draußen einfiele. 88 — — Schweig und bringe ihren Namen nicht uͤber Deine ſchmutzigen Lippen. — Wenn ſie ſchmutzig ſind, ſo ſind ſie es von Deinen Kuͤſſen, und ſie ſind nicht ſchlech⸗ ter, als die Deiner Prinzeſſin. — Sey ſtill, ſage ich, rief Danton mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlagend, daß Flaſchen und Glaͤſer in die Hoͤhe ſprangen. — Oh, druͤck Du nur Deine kleinen Augen zu, und verzerre Dein Pockengeſicht, mir machſt Du doch keine Furcht. Und wenn Du noch ſo grimmig ausſiehſt, ich ſage Dir doch, daß ich ſo gut bin, wie Deine Mamſell, die von den Al⸗ moſen ihrer ſchlechten Verwandten lebt, waͤhrend ich... Sie konnte nicht ausſprechen, denn Danton faßte ſie mit ſeinen gewaltigen Haͤnden um den Leib, hob ſie mit einem Ruck in die Hoͤhe, und ſchwang ſie uͤber den Kopf, waͤhrend ſie zappelte und aus allen Kraͤften ſchrie. Dumesnil war entſetzt aufgeſprungen und Dieſer drehte die Kleine zeg Danton am Arme. 89 herum und hielt ſie, noch in der Luft ſchwe⸗ bend, wie eine Puppe gerade vor ſich, ſo daß ihr Geſicht, das todtenblaß war, ſich hart dem ſeinigen gegenuͤber befand. Was hindert mich, ſtieß er endlich mit einer dumpfen, bei⸗ nah knurrenden Stimme hervor, was hindert mich, Geſchoͤpf, daß ich Dich nicht zerbreche, und zu Atomen zerſtaͤube, wie ein verfaultes Spielzeug? Dank Deinem Engel, wenn Du ei⸗ nen haſt, daß Du diesmal mit dem Schrecken davon koͤmmſt. Er machte ſeine Haͤnde auf, und ließ das Maͤdchen zur Erde fallen. Es ſchluchzte laut. Komm her, ſagte Danton nach einer Weile, durch das Weinen wieder beguͤtigt, komm her, ſetze Dich auf meinen Schooß und nimm Dich ein ander Mal beſſer in Acht. Er zog ſie zu ſich heran, ſtrich ihr die zerzauſten Haare aus dem Geſichte und gab ihr einen Kuß, worauf ſie ſich bald beruhigte. — Schade, daß Du nicht zugeworfen haſt, 4 1 90 heulte der Doktor, es waͤre ein Goͤtterſchauſpiel geweſen. — Aber was, fragte Dumesnil den Ad⸗ vokaten, koͤnnen Sie mit ſolchen Menſchen ge⸗ mein haben? — Den Zweck, antwortete dieſer. So ver⸗ aͤchtlich ſie Ihnen ſcheinen moͤgen, ſo wirkſame Werkzeuge ſind es in ihrer Art. Die Zeit des Sturms hat erſt begonnen, und ich brauche Sturm, wie der Islaͤnder, um mich wohl zu fuͤhlen. Die ſtille Luft nimmt mir den Athem. Ich fuͤhle hier etwas, ſetzte er hinzu, auf Bruſt und Kopf ſchlagend, und hier, das her⸗ aus will, und heraus draͤngt. Ich muß Spiel⸗ raum haben fuͤr die Kraͤfte und Elemente, mit denen die Natur mich begabt hat. Ich fuͤhle einen Vulkan in mir, wohl mir, daß die Zeit mir zu Huͤlfe koͤmmt und dem Feuer einen Ausweg bietet. — Danton, Herzensfreund, Du ſollſt trin⸗ ken! ſchrie Marat. 91 — Opfert dem Bachus, nunc est bibendum, nunc pede libero pulsanda tellus! rief der eben⸗ falls berauſchte Venal. — Aber ſich von ſolch einem Menſchen Freund nennen zu laſſen, fragte Dumesnil, auf Marat zeigend, der ſich eben die Kleider bis auf die Bruſt aufgeriſſen hatte, mit einer Hand in den Haa⸗ ren wuͤhlte, und mit der andern ſich den ver⸗ ſchuͤtteten Wein von dem Geſichte abwiſchte. — Freund? wiederholte Danton vrraͤchtlich. Es iſt das Schwein, das ich die Pfuͤtze aus⸗ trinken laſſe, damit ich den Boden rein finde. — Jetzt werde ich, ſchrie Marat, wie wir es in England nennen, einen Toaſt ausbrin⸗ gen. Alles muß mittrinken. Maͤdchen, ſchenkt ein! Herr— Herr— wie heißen Sie— aber thut nichts. Was wollen Sie fuͤr welchen? Nehmen Sie aus meiner Flaſche. Es iſt rother. Ich liebe den rothen. Er ſieht wie Blut aus. Dumesnil ſchauderte zuſammen und ſtieß das Glas um, daß der Wein uͤber den Tiſch und Lilli auf die Kleider floß, die ſchnell aufſprang 9²2 und dabei den ohnehin wankenden Doktor mit ſich auf den Boden riß. Dumesnil benutzte die entſtandene Verwir⸗ rung und entfernte ſich, von dem Advokaten bis an die Hausthuͤr geleitet. Den andern Tag— wie man denn bei ei⸗ ner Rebellion ſelten vom Heute auf das Mor⸗ gen ſchließen kann— kam es anders, als die Demagogen es gedacht hatten. Den Notabeln, welche ſich ſchon fruͤhzeitig auf dem Stadthauſe verſammelt hatten, war es gelungen, den er⸗ warteten Konflikt zu verhindern. Eine Geſandt⸗ ſchaft, welche ſie an den Marſchall von Stain⸗ ville abgeſchickt hatte, vermochte denſelben, um Blutvergießen zu verhindern, ſeine Gefangenen frei zu geben. Naͤchſtdem aber wurde eine De⸗ putatian von zwoͤlf Adligen ernannt, welche dem Koͤnige die Beſchwerden der Provinz Bre⸗ tagne vorſtellen und ihm wegen Erhaltung ih⸗ rer Privilegien Vorſchlaͤge machen ſollten. Auch Herr von Blenaye gehoͤrte zu dieſen Abgeſand⸗ 44 93 ten, die noch an demſelben Tage nach Ver⸗ ſailles abreiſten. Um nicht ganz leer auszugehen und ſich we⸗ nigſtens den Schein des Sieges zu geben, hat⸗ ten Danton und ſeine Gefaͤhrten das Volk von Rennes verſammelt und den befreiten Buͤrgern einen Triumphzug aus dem Lager nach der Stadt bereitet. Kaum hatten dieſe ſich am Ein⸗ gange des Lagers von ihrer militairiſchen Es⸗ korte getrennt, als auch die Luft von dem ein⸗ ſtimmigſten Jubelrufe zerriſſen wurde: Es le⸗ ben die Maͤrtyrer der Freiheit! Von dem Schrek⸗ ken und den Leiden der vergangenen Nacht noch ziemlich angegriffen, wirkte dieſer enthuſiaſtiſche Empfang neu belebend auf die Opfer ihres Uebermuthes. War Mayeux ſchon bei dem Er⸗ klettern der Palliſaden der Vorderſte, wie erſt, als die Lorbeerkronen ausgetheilt werden ſoll⸗ ten! Er warf die langen, magern Arme ſo weit um ſich, daß er allein Platz fuͤr dreie ein⸗ nahm und an der Spitze des Triumphzuges 3 der ſich bildete, ſich vor Wichtigkeit nicht zu 94 laſſen wußte. Bald ſah er ſich um, ob das Hauptkorps ihm auch gebuͤhrend folge; bald nach den Fenſtern, die mit Damen beſetzt wa⸗ ren, welche er mit einem ſtolzen Laͤcheln begluͤck⸗ te; bald auf ſich, ob auch das ſchlechte Nacht⸗ lager ſeiner Eleganz nicht geſchadet habe. So ging der lange Zug unter anhaltendem Jubel und unter Lebehochs, die einzelnen adligen Volksvertheidigern ausgebracht wurden, und unter Spottliedern auf die Regierung und das Militair, durch die Hauptſtraßen der Stadt, bis ſich am Ende alles in einzelne Gruppen auf⸗ aoͤſte, die den Tag durch gebuͤhrende Libationen wuͤrdig zu beſchließen gedachten. — Weib, ſagte Mayeux, als er vor ſeiner Thuͤre ankam, Du ſiehſt einen Triumphator vor Dir. Hole mir meinen neuen Hut und nimm dieſen Kranz dafuͤr mit. Wenn ich zu⸗ ruͤckkomme, ſollſt Du mich noch einmal kroͤ⸗ nen, jezt, Nom de Dieu, ruft mich die Pflicht nach der goldenen Traube, wo fuͤr das Vater⸗ land getrunken wird. 95 Uebrigens ließ ſich nicht leugnen, daß dieſer unblutige Sieg die Volkspartei um ein Großes weitergebracht und daß Herr von Stainville einen ſchweren Fehler begangen hatte. Bei Kin⸗ dern und Voͤlkern muß man nicht drohen und dann wieder ſchmeicheln. Wenn man die Ruthe oft zeigt, ohne ſie zu brauchen, wird ſie zum Spielwerk. Die Regierung, welche ſtrenge ſpricht und ſchwach handelt, untergraͤbt ihre eigene Wuͤrde und Exiſtenz. Der Marſchall haͤtte entweder die Buͤrger ſogleich von ſelbſt aus dem Lager verweiſen oder ſie auch allen Fuͤrbitten zum Trotz nachdruͤcklich ſtrafen laſſen ſollen. Auf die eine Art haͤtte er den Sturm abgeleitet, auf die andere ihn vielleicht ganz zerſtreut, denn der Buͤrger, der des Kampfes ungewohnt iſt, wagt nicht ſo leicht, mit dem Militair handgemein zu werden, deſſen maſchie⸗ nenmaͤßige, wie von Einer rieſigen Gewalt aus⸗ gehende Bewegungen den untergeordneten Hau⸗ fen erſchrecken, in welchem jeder allein zu ſte⸗ hen glaubt. Um den Kampf mit Erfolg wagen zu duͤrfen, gehoͤrt große eigene Begeiſterung, oder große Verachtung des Gegners dazu. Dieſe letztere dem Volke noch mehr einzufloͤßen, war jetzt das Streben der Parteimaͤnner, welche nur zu geſchickt die Nachgiebigkeit des Mar⸗ ſchalls dazu benutzten. Ihre Arbeit wurde ihnen auf mancherlei Art erleichtert. Das Ungewitter, welches den Auf⸗ lauf auf der Wieſe auseinandergejagt hatte, war zugleicher Zeit faſt uͤber ganz Frankreich ausgebrochen und hatte uͤberall die ſchrecklichſten Verheerungen angerichtet. Eine unmittelbare Erhoͤhung der Getreide⸗ und Brodpreiſe war die Folge davon. Die Unzufriedenheit brach in helle Flammen aus, als die Nachricht aus Verſailles eintraf, der Koͤnig habe die Geſand⸗ ten von Rennes gar nicht vorgelaſſen, ſondern ihnen ſagen laſſen, er koͤnne Rebellen kein Ge⸗ hoͤr geben; er ſey mit dem Betragen ſeiner Provinz Bretagne hoͤchſt unzufrieden und ſeine Nachſicht werde aufhoͤren, wenn man fernerhin fortfuͤhre, die Ruhe und Ordnung zu ſtoͤren. 97 Dieſe Antwort, deren Haͤrte bei dem von Natur ſich zur Milde neigenden Karakter des Koͤnigs nur ſeinen Rathgebern zur Laſt gelegt wurde, vermehrte den Haß, der alle Gemuͤther gegen Herrn von Brienne und ſeinen Freund, den Juſtizminiſter Lamoignon, vereinigte. Die Staͤnde und die Notabeln blieben in permanenter Verſammlung, um zu wachen, daß der Frieden der Stadt nicht durch Exzeſſe unterbrochen werde. Aber die Zuͤgel waren zu lange erſchlafft, als daß ſie das immer ſtoͤrri⸗ ger werdende Volk noch zu baͤndigen vermoch⸗ ten. Jedermann ſah eine Kriſis uͤber ſeinem Haupte ſchweben, niemand wußte, wie ſie zu verhindern ſey. Der Gouverneur ſuchte nach Kraͤften die Erbitterung zu beſchwichtigen, durch Verſprechungen und gute Worte eine Verſoͤh⸗ nung herbeizufuͤhren, aber die Antwort des Adels war: erſt Sicherheit unſerer Rechte; die Antwort der Volksmaͤnner: erſt Entfer⸗ nung der Armee. Man war bis zum 11. Juli gekommen. U. 7 98 Am Abende dieſes Tages hatte ſich das Volk wieder vor den Thuͤren der Baͤckerlaͤden geſchla⸗ gen, weil das Brod entweder aus Mangel an Mehl oder auf Anſtiften Marat's, dem es an Geld nicht fehlte, nicht in hinreichenden Quan⸗ titaͤten ausgeliefert wurde. In allen Straßen ſah man große Trupps von armen Leuten ſich draͤngen und Brod verlangen. Die Weiber heul⸗ ten, daß ſie nicht durch die Maſſen ſich Bahn machen konnten; Kinder krochen zwiſchen den Beinen der Groͤßern durch und jammerten, wenn hier und da jemand, ohne zu wollen, ſie mit Fuͤßen trat. Die Maͤnner arbeiteten mit Haͤnden und Beinen, um zuerſt vor dem Ti⸗ ſche des Baͤckers anzukommen, wo die Brode, ſo wie ſie aufgeſchuͤttet wurden, mit furchtba⸗ rer Schnelligkeit verſchwanden. Und noch war niemand ſeines Beſitzes ſicher, denn wer mit ſeiner Beute ſich davon machen wollte, mußte oft noch einen neuen Kampf beſtehen und gluͤck⸗ lich pries ſich, wer nach wiederholtem Ringen endlich mit einem Brode zu ſeiner Familie ei⸗ —-— 99 len konnte. Das allgemeine Elend wurde noch durch große Schaaren von Landleuten vermehrt, denen der Hagel ihr Feld zerſchlagen, der Sturm die Huͤtten niedergeriſſen hatte, und die, ſelbſt dem Mangel erliegend, noch Abga⸗ ben zahlen ſollten. In der Stadt ſuchten ſie Arbeit und Brod. Die Ungluͤcklichen! In der Stadt, die ſelbſt dem Hunger Preis gegeben war! Der Hunger iſt eine Pulvertonne, die nur eines Funkens bedarf, um alles in die Luft zu ſprengen. Keine Verzweiflung iſt ſchreck⸗ licher, als die, welche die eigene Entbehrung und der Anblick verſchmachtender Kinder und Frauen erweckt! Man zeige ihm ein Opfer und kaum erblickt, wird es auch zerriſſen ſeyn. Obgleich der Marſchall ſeinen Untergebenen ſtrengen Befehl ertheilt hatte, beſonders bei Nacht⸗ zeit, die Stadt nicht zu betreten, wurde dieſem Verbote doch oft, vorzuͤglich von den Offtzie⸗ ren, welche Freunde in Rennes hatten, zuwi⸗ der gehandelt. Das Ungluͤck hatte an jenem Tage 1 100 den alten Herrn von Barege in das Lager ge⸗ fuͤhrt, um ſeinen Sohn zu beſuchen. Er hatte ſich dort laͤnger verweilt, als er gedacht hatte, und da es ſchon anfing, dunkel zu werden, ſo wollte der Lieutenant ſeinen Vater nicht allein uruͤckgehen laſſen. Aus Vorſicht zog er eine buͤrgerliche Kleidung an und begleitete ſo den Greis, der ſich voll Stolz auf ſeinen Sohn, die Freude und Stiütze ſeines Alters, lehnte. Sie waren noch einige hundert Schritte von dem Hauſe des Herrn von Barege entfernt, als ſie an der Ecke einer Nebenſtraßee eine ge⸗ waltige Rotte von Leuten bemerkten, aus der Zan jedoch nur das Geſchrei nach Brod und einzelnes Wehklagen, durch das Gedraͤnge aus⸗ gepreßt, vernahm. Das Schauſpiel war ſeit einigen Tagen zu gewoͤhnlich geworden, als daß es die beiden Wanderer ſehr beunruhigt haͤtte. Sie wollten ruhig voruͤbergehen, als Herr von Barege uͤber einen Stein ſtolperte und gegen einen Mann anſtieß, der ſich ſchnell umdrehete und mit der Fauſt zuruͤckſchlug —s—— 101 aber ſtatt des Vaters den Sohn traf. Dieſer zog in unbeſonnener Hitze den Degen, den er unter ſeinem Rocke trug, und wollte auf den Angreifer eindringen. Der Kerl aber wich ſchnell zuruͤck und ſchrie: zu Huͤlfe! zu Huͤlfe! wir werden angegriffen! Die Menge machte Kehrt und draͤngte mit ſo reißender Schnelligkeit zu⸗ ruͤck, daß Herr von Barege mit ſeinem Sohne gegen die Mauer gedruͤckt und rings um von dem Volke umgeben wurden. In dem Sturme war dem Offizier der Degen aus der Hand ge⸗ riſſen worden. Wer greift an? Was gibt's? bruͤllte es durcheinander, ohne daß die beiden Edelleute zu Wort kommen konnten. Als man ſich jedoch uͤberzeugt hatte, daß an keinen An⸗ griff zu denken, daß die Straße leer ſey, ſchwankte die Rotte, bis der, welcher den Schlag ausgetheilt hatte, um ſeinen Schreck zu rechtfertigen, ausrief: Es ſind verkleidete Offiziere! Es ſind Spione des Marſchalls! Das Volk machte wieder eine drohende Bewe⸗ gung auf die beiden Ungluͤcklichen zu, die ſo hart gepreßt gegen die Mauer ſtanden, daß ſie kein Glied ruͤhren konnten. So hoͤrt mich doch nur, Ihr guten Leute, rief der alte Mann. Ich bin Herr von Barege und kein Offizier, ſondern ein Buͤrger Eurer Stadt. Hier mein Sohn zog nur den Degen, weil ein Menſch zuerſt nach ihm ſchlug. abt Erbarmen! — Habt Ihr Erbarmen mit uns? rief eine heiſere Stimme. Wenn das Volk hungert, kacht Ihr; wenn das Volk luſtig iſt, weint Ihr. Der Teufel habe Erbarmen mit Euch. — Ich verlange auch kein Mitleid von Euch, rief der alte Mann mit Stolz. Ich verachte Eure Drohungen und Euer Treiben, als ein treuer Diener meines Koͤnigs, nehmt mein Le⸗ ben, aber ſchont das meines Sohnes. Die Ruhe des Greiſes, die kuͤhne Wuͤrde, mit der er ſprach, imponirte den Tumultuan⸗ ten und ſchon begannen die am weitſten Zuruͤck⸗ ſtehenden ſich umzuwenden und nach dem eben verlaſſenen Baͤckerladen zuruͤckzukehren, als eine hohe, im Dunkel unkenntliche Geſtalt plötzlich —— 103 aus der Menge auftauchte, auf einen Eckſtein ſprang, den Arm ausſtreckte und laut rief: Herr von Barege iſt's, der den Parlamentsraͤ⸗ then die Verbannungsbefehle brachte und der am 10. Juni die Truppen gegen das Volk befehligte. Ein graͤßliches Geheul folgte auf dieſe An⸗ rede. Wie eine Heerde Woͤlfe ſtuͤrzte die ganze Rotte auf ihre beiden Schlachtopfer, die in einem Augenblicke erdruͤckt, zerquetſcht, zertre⸗ ten, ihren Geiſt aufgaben. Der Anfall war ſo ploͤtzlich, ſo zermalmend, daß keiner nur Ein Wort zu ſeiner Vertheidigung hervorbringen konnte. Sie fielen ſtumm„ohne Klage, ohne Laut. Als das Volk ſeine Rache gekuͤhlt hatte, kehrte es ruhig zum Laden zuruͤck. Der Menſch, der den Zorn dieſer Verzweifelten auf die un⸗ gluͤcklichen Edelleute gelenkt hatte, war laͤngſt verſchwunden. 4 Die Kunde dieſes Vorfalles hatte ſich mit unbe⸗ greiflicher Schnelligkeit durch die Stadt verbrei⸗ tet und allgemeine Beſtuͤrzung erregt. Danton 104 begab ſich noch denſelben Abend, ſo ſpaͤt es auch war, in das Haus des Intendanten. Als er in das Zimmer trat, in welchem er Luzilien, obwohl faſt immer in Geſellſchaft ihrer Ver⸗ wandten, zu finden gewohnt war, fuhr Adele unwillkuͤhrlich auf und eilte durch eine Seiten⸗ thuͤre davon. 4 — Verdanke ich, frug Danton, naͤher zu Luzilien tretend, das Gluͤck, mit Ihnen allein zu ſeyn, der Gefaͤlligkeit Ihrer Couſine oder treibt ſie ein anderer Grund von dannen? — Wir haben ſo eben, antwortete Luzilie mit zitternder Stimme, die Nachricht von der graͤßlichen Unthat in der Rue d'Artois erhalten und.. — Und? wiederholte Danton duͤſter. — Und, ſagte Adele, weil Herr von Ba⸗ rege Ihr Feind geweſen ſey, ſo— aber nein, ich kann es nicht ausſprechen, es waͤre eine Laͤſterung gegen meine Liebe, und wenn die ganze Welt an Ihnen zweifelt, ich vertraue Ih⸗ nen, denn mein Herz buͤrgt fuͤr das Ihrige. 10⁵ — Hat Herr von Barege ſich nicht gewei⸗ gert, mir als Mann von Ehre Genugthuung zu geben? — Alſo doch, rief Luzilie erbleichend und entſetzt ein Schritt zuruͤcktretend. — Das ſage ich nicht, antwortete ihr Ge⸗ liebter milde, indem er ihre Hand ergriff. Aber wir ſtehen auf einem hohlen Boden und nie⸗ mand kann wiſſen, wann und von wo der Stoß zuerſt ausgehen wird, der das ganze morſche Gebaͤude zuſammen werfen wird. Dar⸗ um ſuche jeder, wer etwas Theures, Liebes hat, daß er es bei Zeiten berge, ehe es zu ſpaͤt wird. Luzilie, der Augenblick gehoͤrt uns, der naͤchſte findet uns vielleicht nicht mehr. Gib mir endlich nach, laß Deine Ruͤckſichten, die immer, aber jetzt mehr als je, zu weit getrie⸗ ben waͤren, und ſey mein. — Ich habe mein Wort gegeben und heilig wie ich es Ihnen, werde ich es auch meinen Verwandten bewahren. Glauben Sie mir, Sie verkennen Adele. Sie iſt nicht ſo heiter, als ſie 105 ſcheint. Ihre Luſtigkeit iſt eine Maske und dar⸗ unter weint ſie. Daß ſie kein Ziel vor ſich ſieht, daß ſie vorausſieht, wie ſie einſt allein ſtehen wird, ungluͤcklich, vielleicht huͤlflos, das nagt an ihrem Herzen und macht ſie ſo ungleich in ihren Launen. Und ich ſollte ſie verlaſſen— nimmermehr. Sie hat mir wohl gethan und ich kann ihr nicht mit Undank vergelten. Sie bedarf der troͤſtenden Hand einer Freundin und die will ich ihr ſeyn, ſo lange es ihr an einer andern Stuͤtze fehlt.. — Und bin ich Ihnen nichts? Oh, die Bahn, auf der die Volksgunſt erworben wird, um fuͤr des Volkes Wohl zu arbeiten, iſt rauh und wuͤſt, und wohl bedarf auch ich der Freundin, die mir, nach der Ruͤckkehr aus dem oͤffentlichen Treiben, die Arme oͤffnet, daß ich an ihrer treuen Bruſt mich erhole und mich ſtaͤrke von der dornigen Laſt, die ich mir aufgeladen. Oh, wenn Du mich wahrhaft liebſt, Du wuͤrdeſt nicht ſo lange anſtehen, ganz mein zu werden. — Und bin ich das nicht auch ſo? Genuͤgt 107 Ihnen der Gedanke nicht, daß es ein Weſen gibt, das nur ganz fuͤr Sie lebt und denkt, deſſen heißeſten Wuͤnſche Sie immer umſchwe⸗ ben und das nur gluͤcklich in Ihrem Gluͤck iſt? 1 — Es iſt keine Zeit dafuͤr. Nur der Beſitz kann jetzt dem Herzen Ruhe gewaͤhren. Das Volk iſt in Gaͤhrung, das Schrecklichſte kann uns bevorſtehen, fuͤr Ihre Freunde, fuͤr Sie ſelbſt iſt vielleicht ſchon morgen keine Sicher⸗ heit mehr. Darum ſeyen Sie mein. Ich will die Bande, die mich hier umſtricken, zerrei⸗ ßen; hundert Verbindungen, die ich mit Paris angeknuͤpft, rufen mich dorthin; dort wollen wir hin. Ich will meine Liebe wie einen Zan⸗ bermantel um unſer Aſyl ſchlagen und wenn ſich auch die Welt unter einander zerfleiſcht, in meinen Tempel ſollte kein feindlicher Fuß treten; kein Laut des Getoͤſes, das die Stra⸗ ßen erſchuͤttert, ſoll in mein Heiligthum drin⸗ gen; ſtill und gluͤcklich wollen wir leben, Du ganz gluͤcklich in mir und ich in Dir. 10⁰⁸ — Braucht es Deiner Worte, mich zu be⸗ ſtechen, zu was mich das eigene Herz ſchon treibt? Aber es kann nicht ſeyn. Ich kenne Dein Herz und weiß, welchen Kern die wilde Schale verbirgt. Darum vertraue ich Dir, und wenn die ganze Welt auch als Zeuge gegen Dich auftreten ſollte, ich wuͤrde meinen Glau⸗ ben nicht verlieren und lieber meinen Augen, als der Stimme meiner Bruſt mißtrauen. Geh, Du weiß nicht, wie ſehr ich Dich liebe. — Engelsſeele, ſagte Danton und druͤckte einen langen, gluͤhenden Kuß auf ihre Lippen. Als er nach Hauſe kam, fand er jedoch noch keine Ruhe, denn bei ſeinem Eintritte in ſein Vorzimmer ſprang ein Mann vom Sopha auf, auf dem er geſchlafen zu haben ſchien. Es war Herr Dumesnil, der den Tag uͤber vergeb⸗ lich ſeinen Advokaten geſucht und ſich endlich entſchloſſen hatte, ihm in ſeiner eigenen Woh⸗ nung aufzupaſſen. Bei dem Anblicke ſeines Clienten ſtieg ploͤtzlich ein Gedanke in Dan⸗ ton auf. — Auf dem Wege Rechtens, ſagte er zu ihm, iſt Ihr Vermoͤgen verloren.— Der von der Krankheit noch erſchoͤpfte Mann hiielt ſich erſchrocken an der Lehne des Sophas feſt.— Ja waͤren Sie in Paris und nicht in Ren⸗ nes, wo durch die Unruhen jezt alle Juſtiz ge⸗ hemmt iſt, ſo haͤtte man Ihnen ſchon Alles abgenommen. Die Miniſter brauchen jetzt ganz andere Mittel, um ſich Geld zu verſchaffen, und werden es ſich da nicht aus den Haͤnden gehen laſſen, wo es das Geſetz ihnen anbietet. Es gibt nur Einen Ausweg— — Welchen? Sie geben mir das Leben wieder. — Geben Sie mir unbeſchraͤnkte Vollmacht? — Fuͤr Alles, was Sie fuͤr gut finden. — Auch wenn Sie eine Frau in den Kauf nehmen muͤßten? — Auch dann, antwortete Dumesnil, nachdem er Danton einmige Augenblicke erſtaunt angeſehen hatte. Ich verlaſſe mich dabei auf Ihre Delikateſſe. 110 — Seyn Sie unbeſorgt, erwiederte Danton, gehen Sie ruhig ſchlafen und vielleicht ſchon in wenigen Tagen werde ich Ihnen ein Reſul⸗ tat mittheilen koͤnnen, das Sie in jeder Hin⸗ ſicht zufrieden ſtellen ſoll. Den andern Morgen hatten ſich die Staͤnde noch fruͤher als gewoͤhnlich verſammelt. Man konnte mit Grund Scenen entgegenſehen, welche die geſtrigen an Schrecklichkeit uͤbertreffen wuͤr⸗ den. Der rohe Menſch iſt wie das wilde Thier; hat es einmal Blut gekoſtet, ſo iſt ſein Durſt nicht mehr zu loͤſchen. Als Herr von Lally hin⸗ gerichtet wurde, ſagte Madame Pompadour zum Herzoge von Choiſeul: Ich kenne den Koͤ⸗ nig; gewoͤhnen Sie ihn nicht an Todesurtheile, ſonſt fallen noch viele Koͤpfe. Es kamen Mel⸗ dungen uͤber Meldungen von Drohungen, die man gegen dieſen oder jenen dem Volke ver⸗ haßten Mann hatte ausſtoßen hoͤren. Schon mit Tagesanbruch waren die Straßen lebhaft geworden. Viele junge Adlige hatten ſich be⸗ waffnet auf dem Stadthauſe eingeſtellt und . 1 —— 111 ihre Dienſte zur Sicherung der Ordnung ange⸗ boten. Aber was wollten die Wenigen gegen eine verzweifelte Menge? Truppen herbeizuru⸗ fen, durfte man nicht wagen, wenn man nicht das Schickſal der ganzen Stadt auf die Spitze ſtellen wollte. Die Buͤrger verſagten ihre Huͤlfe, weil jeder fuͤr ſeinen eigenen Heerd be⸗ ſorgt war und ſich nicht dem Poͤbel feindlich gegenuͤber ſtellen wollte. Die Gewalt des Gou⸗ verneurs war annullirt. Die adlige Patrouille, welche von den Staͤnden ausgeſchickt worden war, kehrte mit der Nachricht zuruͤck, daß ſich auf allen Straßen ſtarke Rotten bildeten, ohne daß man wiſſen koͤnnte, gegen wen ſich zuerſt die Gewitterwolke entladen wuͤrde. Die Staͤnde behielten die jungen Notabeln bei ſich, um einen Schutz zu haben, wenn der Poͤbel es etwa wagen ſollte, gegen das Stadthaus ſelbſt an⸗ zuſtuͤrmen. Brod und Rache war das Loſungs⸗ wort des Volkes. Wem die Rache gelten ſollte, wußte niemand. Der Rath war in toͤdtlicher Verlegenheit. Endlich ſchlug einer von den Her⸗ 112 — ren vor, man ſollte ſich in direkte Verbindung mit den Tumultuanten ſetzen und, da Zwang nicht anwendbar ſey, durch guͤtlichen Einfluß die Unruhe zu daͤmpfen ſuchen. Das Volk, ſagte er, hat uns bisher vertraut und uns ſeine Liebe geſchenkt, weil wir ſeine Rechte ver⸗ theidigt und mit Energie fuͤr ſein Beſtes gear⸗ beitet haben, warum nicht auch jetzt?— Die Buͤrger allerdings, antwortete ein Anderer, die mittlere Klaſſe iſt uns auch jetzt noch treu, weil ſie einſieht, daß wir der Regierung ge⸗ genuͤber gethan haben, was in unſern Kraͤften ſteht, aber hier iſt vom Poͤbel, vom aufgereiz⸗ ten, hungrigen Poͤbel die Rede. Der fraͤgt nicht nach der Moglichkeit oder Unmoͤglichkeit, ſondern will, was es ſich in den Kopf ſetzt, gleich fertig haben, begnuͤgt ſich nicht mit Wech⸗ ſeln, ſondern verlangt ſein Geld baar auf dem Tiſch. Sagen Sie ihm, Sie wollten noch eine Deputation an den Koͤnig ſchicken, ſonantwor⸗ tet er, wir wollten nur Zeit gewinnen und wir waͤren Verraͤther; verſprechen Sie ihm 113 ſchon morgen Abhuͤlfe ſo antwortet er, mich hungert heute. Dieſes Volk koͤnnen nicht Sie, kann niemand leiten, der außer ihm ſteht, weil es in jedem Fremden einen Feind ſieht; ſoll es zu etwas bewogen werden, ſo muß es einer aus ſeiner eigenen Mitte, einer ſeiner eigenen Fuͤhrer thun. Ihm mag es gelingen, ſeine Tra⸗ banten eine Zeit lang hinzuhalten, und doch ſpielt auch er eine gefaͤhrliche Rolle dabei. — Seine Gefahr, warf ein Dritter ein, kuͤmmert uns nicht, wenn wir unſern Zweck erreichen und den Frieden der Stadt bewahren. Aber wer wird ſich dazu hergeben? Es gehoͤrt Kraft und guter Willen dazu. — Es gibt nur Einen, ſagte der Chevalier Reynaud, und das iſt Danton. Er allein hat Einfluß genug auf die Menge, daß ſie ihm ge⸗ horcht, und er iſt Mann dazu, ihr den Nak⸗ ken zu brechen, wenn ſie ſich weigert. — Auch iſt er, fuͤgte Herr von Soleure hin⸗ zu, kein gewoͤhnlicher Parteigaͤnger. Er iſt ein Mann von großen Gaben und großem Ehr⸗ II. 8 114 geize; haͤtte er anderswo Raum fuͤr jene gefunden, er wuͤrde ſie nicht auf den Straßen vergeuden; obgleich gewiß auch jene Menge, ſo ſchrecklich ſie in ihrer Zuͤgelloſigkeit iſt, doch mehr Mit⸗ leid, als Haß verdient. — Ein leerer Magen, ergaͤnzte Herr von Bievre, hat ein leichtes Gewiſſen, und es iſt kein Wunder, daß, wer vier und zwanzig Stunden lang nichts zu beißen hat⸗ am Ende biſſig wird. — Aber wo, frug man, wird Danton jetzt aufzutreiben ſeyn? Ich ſchaffe ihn, rief der Chevalier und kehrte wirklich nach einer Viertelſtunde mit dem Advokaten zuruͤck, den er unweit der Woh⸗ nung des Intendanten gefunden hatte. Die Vorſtellungen der Mitglieder der Staͤnde machten ſichtlichen Eindruck auf ihn. Es ſchmei⸗ chelte ſeiner Eigenliebe, daß man mit ihm allein wie mit einer Macht unterhandelte. Auf die Verſprechungen, die man ihm perſoͤnlich mach⸗ te, nahm er Anſtand, geradezu einzugehen. 115 Dagegen ſtellte er als Bedingung, daß die Staͤnde auf keinen Fall den Anmaßungen der Regierung nachgeben, ſondern bis auf das Aeußerſte bei ihrem Widerſtande beharren wuͤr⸗ den, und daß man endlich Maßregeln ergrei⸗ fen ſollte, auf das Schleunigſte der druͤckend⸗ ſten Noth der unteren Klaſſen in Etwas ab⸗ zuhelfen. Die Staͤnde verſprachen alles und er⸗ klaͤrten, wenn man ihnen nur etwas Zeit ließe und das Volk ſich gedulde, ſo wuͤrden ſie ein Anlehen machen, um die Nothleidenden damit zu unterſtuͤtzen. Danton erklaͤrte darauf, daß er bis dahin fuͤr die Sicherheit der Stadt mit ſeiner Perſon buͤrgen wolle. In demſelben Au⸗ genblicke ſtuͤrzten mehrere Leute in den Saal und ſchrien, daß man das Haus des geſtern ermor⸗ deten Herrn von Barege pluͤndere. Danton verließ ſogleich das Stadthaus und eilte nach der Rue d'Artois. In der That fand er vor dem beeichneten Hauſe einen betraͤchtlichen Haufen Volks, der die verrammelte Thuͤr einzubrechen ſuchte und 116 im Begriffe war, wie eine Meute Hunde auf die Beute zu ſtuͤrzen, welche der Reichthum des ehemaligen Beſitzers erwarten ließ. Danton machte ſich mit unwiderſtehlicher Gewalt Bahn durch die Menge und indem er auf die erſte der Stufen ſprang, welche zum Haupteingange hinauffuͤhrten, rief er mit ſeiner gewaltigen Stimme: Was? Seyd Ihr Haifiſche, die den Mann mit dem Kleide verſchlingen? Der Fran⸗ zoſe iſt fuͤrchterlich in ſeinem Zorne und er⸗ ſchlaͤgt, wer ſich gegen ihn vergeht. Aber pluͤn⸗ dern kann nur der feige Straßenraͤuber. Wer ein wahrer Franzoſe iſt, weicht zuruͤck. Das Leben war Eurer gerechten Wuth verfallen, das Eigenthum ſteht unter dem Schutze des Geſetzes.— Da die Hinterſten ſeinen Befehlen nicht ſchnell Folge zu leiſten ſchienen, ſo nahm er die ihm Zunaͤchſtſtehenden bei der Bruſt und druͤckte ſie gegen die Uebrigen, daß ſich bald ein weiter leerer Raum vor ihm bildete. Er ließ ſich von inwendig das Thor oͤffnen und hieß die Diener unbeſorgt ſeyn. Zu beiden — — 117 Seiten ſtellte er Leute, auf die er ſich verlaſſen zu koͤnnen glaubte; andern befahl er, die Straßen zu durchſtreifen und ihm von allem, was ge⸗ ſchehe, Bericht abzuſtatten; Venal, dem einzi⸗ gen Raͤdelsfuͤhrer, den er ſah, gebot er, unter Androhung ſeiner Rache, das Volk im Zaume zu halten. Er ſelbſt beſchloß, im Hauſe des Herrn von Barege, zu groͤßerer Sicherheit, ſein Hauptquartier aufzuſchlagen. Marat aber, der mit einem eigenen Haufen herumzog und dem Venal unterweges begegnete und das Vorgefallene mittheilte, war trotz ſei⸗ ner Furchtſamkeit nicht ſo leicht einzuſchuͤchtern. Er ahnte, daß etwas im Spiele ſeyn muͤſſe, was Danton ploͤtzlich auf die Seite der Ord⸗ nung hinuͤbergeriſſen habe, und war durchaus nicht Willens, um der Vortheile willen, die jenem fuͤr die Ruhe geſichert ſeyn mochten, die Preis zu geben, welche ihm die Unruhen ein⸗ tragen wuͤrden. Er beredete Venal leicht, ſich zu ihm zu ſchlagen und den Plan, den er bereits entwor⸗ 118 fen, zu unterſtuͤtzen. Sie zogen nach der Rue St. Malo, in welcher das Stadthaus liegt, von dem aus man mit Staunen und Schrecken den zu einer unuͤberſehbaren Maſſe herangewach⸗ ſenen Poͤbel immer naͤher kommen ſah. Der Unwillen uͤber die Wortbruͤchigkeit oder die Ohn⸗ macht Danton's war allgemein. Mit Verwun⸗ derung ſah man einzelne Perſonen, welche of⸗ fenbar die Anfuͤhrer dieſer regelloſen Truppen waren, Maßregeln anbefehlen, die faſt einen militairiſchen Anſchein hatten. Die bewaffneten Edelleute machten ſich auf das Aeußerſte gefaßt. Die Straße war ziemlich breit, aber auf eine betraͤchtliche Strecke von keinen Nebengaſſen durchſchnitten. An die Ecken der erſten derſelben auf den beiden entgegengeſetzten Seiten ſchickte Marat Detaſchements ab, mit dem ſtrengen Befehle, Jedermann, beſonders aber die Ab⸗ geſandten Danton's, die ſich etwa zeigen ſoll⸗ ten, herein, aber nicht wieder zuruͤck zu laſſen, damit dieſer gefuͤrchtete Chef in ſeinem entlege⸗ nen Quatiere von aller Kundſchaft abgeſchnit⸗ E S. 119 ten werde. Als man ſich durch dieſe Vorſicht den Ruͤcken geſichert hatte, erhob Marat auf einmal ſeine kreiſchende Stimme und rief: Auf! Gegen das Haus des Intendanten, des Blut⸗ ſaugers! Das Volk ſtimmte bruͤllend ein und ſetzte ſich in Bewegung.— Wiſſet Ihr auch, was Ihr thut? ſagte Venal zu dem Doktor. Danton's Geliebte wohnt dort!— Damit er ſie deſto eher kriegt, grinſte Marat, wollen wir den Alten ein bischen weich klopfen. Friſch! friſch! Zeigt Euch wie ein neuer Grachus! Die Buͤrger hatten bereits auf den erſten Laͤrm in der ganzen Straße Thuͤren und Fen⸗ ſter geſchloſſen. Nur aus den oben Stockwerken ſah man hier und da einen Kopf zum Vor⸗ ſchein kommen, aͤngſtlich die Richtung verfol⸗ gend, welche die Emeute nehmen werde. Als die Spitze der Tumultuanten vor dem Hauſe des Herrn von Molleville angelangt war, wurde das Gedraͤnge lebhafter. Die erſten ſtuͤrzten nach dem Thore, waͤhrend die Folgenden, von den Hinterſten geſchoben, weit uͤber ihr Ziel ———— ———— ———— 12⁰ hinausgedraͤngt wurden, und ſo der ganze Trupy die Straße wohl noch die Laͤnge von zehn Haͤu⸗ ſern zu beiden Seiten des Hotels des Inten⸗ danten einnahm. Die Todtenſtille, die in dem Gebaͤude herrſchte, das uͤberall feſtgeſchloſſen war, ſchien den Raͤubern zu imponiren, und einige fuͤrchteten, die Ruhe ſey nur Taͤuſchung, drinnen ſtecke es voll Bewaffneter, die auf die Erſten, welche angriffen, ihr moͤrderiſches Feuer 1 richten wuͤrden. Auch der haͤrteſte Suͤnder hat, ehe er ein Verbrechen begehet, einen Augenblick des Bangens. Als ob ſie die Abſicht haͤtten, die innere Angſt durch aͤußeren Laͤrm zu betaͤu⸗ ben, brachen ſie ploͤtzlich in wildes Geſchrei, vermiſcht mit Drohungen und Fluͤchen gegen den Intendanten, aus. Vielleicht wollten ſie auch den verſteckten Feind dadurch bewegen, ſich zu zeigen. Da nahm jemand aus der hin⸗ terſten Reihe aus einem Haufen Steine, mit denen man die Straße eben neu pflaſtern woll⸗ te, einen heraus, und warf ihn gegen ein Fenſter. Die Scheiben ſlogen klingend zur Erde. 121 Dieſer Klang ermuthigte die Angreifer. Der Anfang war gemacht; in aufgeregter Stimmung hat das Zerbrechen, Verwuͤſten ſelbſt einen Reiz. In einem Augenblick flogen hunderte Steine ge⸗ gen die Fenſter, die theils in die Zimmer, theils auf die Koͤpfe der Untenſtehenden fielen. Andere ſtemmten ſich gegen das Thor, das je⸗ doch allen ihren Anſtrengungen widerſtand. Da draͤngte ſich ein Arbeiter vom Lande vor, der mit ſeiner Hacke gegen einen Fenſterladen ſo lange ſchlug, bis die Fugen auseinander gin⸗ gen, und eine Haͤlfte ſich halb los machte. So⸗ gleich waren zwanzig Haͤnde bereit, ſie ganz abzureißen. Der Arbeiter ſchlug darauf mit ſei⸗ ner Hacke das Kreuz des freigewordenen Fen⸗ ſters ein und kroch durch die Oeffnung in das Flurzimmer. Ein Dutzend der Verwegenſten folgten ihm auf demſelben Wege nach und eil⸗ ten zunaͤchſt nach dem Thore, das ſie von in⸗ nen aufſprengten, und ſo der ganzen Maſſe den Eingang oͤffneten. In blinder Haſt ſtuͤrzte Alles herein, die Blicke gierig nach Beute um⸗ 12² herwerfend. Niemand war im Hauſe zu ſehen. Wo Thuͤren verſchloſſen waren, wurden ſie mit Beilen, die man aufgegriffen, eingeſchlagen, in alle Zimmer, alle Keller und Soͤller drang der immer noch nachſtuͤrzende Strom der Pluͤnderer. Man ſah, daß die Bewohner ploͤtzlich aus ih⸗ rer Sorgloſigkeit aufgeſcheucht worden waren, denn uͤberall lagen noch Gegenſtaͤnde zerſtreut, welche eben erſt gebraucht waren. Alles, was ſich leicht tragen ließ, wurde ſchnell eingeſteckt, umgeworfen, uͤbergehaͤngt. Waͤre der Anblick nicht ſcheußlich geweſen, es haͤtte oft Lachen erregt, wie man zuweilen des Unbrauchbarſten ſich be⸗ maͤchtigte und es ſorgſam bewahrte. Maͤnner, halb⸗ nackt, noch mit dem Schmutz der Erde bedeckt, auf der ſie die Nacht verbracht, ſteckten ſich in Frauenkleider, und ſchlugen ſich in dieſem An⸗ zug mit andern um ein Nadelkiſtchen, an dem ſich vielleicht eine ſilberne Einfaſſung zeigte. Die Meubel, die nicht fortzuſchleppen waren, wurden zerſchlagen, zum Fenſter hinausgewor⸗ fen. Tiſche, Stuͤhle, Spiegel krachten herab und zertruͤmmerten unten, und um die Stuͤcke unten wurde eine neue Schlacht geliefert, bis ſie endlich einem Dritten, Gewandteren in die Hand ſielen. Matratzen und ganze Betten wur⸗ den eben ſo herabgeſchleudert, und erregten nicht weniger Streit. Am thaͤtigſten beim Pluͤndern zeigten ſich die Weiber, wenn anders der Ab⸗ ſchaum derſelben, der ſich hier umhertrieb, noch dieſen Namen verdiente. Zerlumpt, mit ekelhaften Geſichtern und widrigen Spaͤßen hetzten ſie die Maͤnner auf, und balgten ſich auf das Scham⸗ loſeſte um den Abfall der Beute. Aus dem Kel⸗ ler unten toͤnte das Gebruͤll am lauteſten her⸗ auf. Ein Theil war zuerſt dort eingebrochen und hatte ſich uͤber den Wein gemacht. Um keine Zeit mit Oeffnen der Flaſchen zu verder⸗ ben, ſchlugen ſie ihnen mit der Hand, unbekuͤm⸗ mert, ob das Blut dabei herabfloß, den Hals ab und ſetzten das ſpitze Glas an den Mund, und nicht eher fiel es ab, als bis kein Tropfen mehr uͤbrig war. In der Finſterniß ſah nie⸗ mand, wo er ſtand; ſie waͤlzten ſich auf Scher⸗ d 124 — ben und im verſchuͤtteten Wein. Wem es noch gelang, mit etlichen Flaſchen auf die Straße zu kommen, den betaͤubte die friſche Luft vol⸗ lends, und er ſtuͤrzte nieder und waͤlzte ſich viehiſch in der Goſſe. Die Edelleute, welche von dem Stadthauſe dieſen Auftritt mit anſahen, konnten den An⸗ blick nicht ertragen; trotz der Einrede der Staͤn⸗ de, welche ſich durch ihre Entfernung ſelbſt ge⸗ faͤhrdet hielten, waren ſie einmuͤthig dafuͤr, ei⸗ nen Verſuch zur Rettung des Intendanten zu wagen. In zwei Reihen ruͤckten ſie mit gezoge⸗ nem Degen und im Sturmſchritt auf das Volk los, das zu beiden Seiten auseinander ſtaͤubte, aber dicht hinter ihnen wieder zuſammen wogte. Die Edelleute kamen, durch dieſen Mangel an Widerſtand zu den ſchoͤnſten Hoffnungen ver⸗ leitet, ungefaͤhrdet bis vor das Haus des Herrn von Molleville, aus dem ihnen Stuhlbeine, Fußſchemel und andere Sachen entgegengeſchleu⸗ dert wurden. Dem Chevalier wurde der Hut vom Kopfe geriſſen, einem andern die Stirne 125 von einer Flaſche geſtreift. Im Volke, das jetzt erſt eigentlich ſah, daß die neuen Ankoͤmmlinge ihm ſeine Beute ſtreitig machten, wurde ein Murren laut, wie das des Hundes, dem man den Knochen entreißen will; bald ging es in gellendes Geſchrei, Ziſchen und Pfeifen uͤber, das die Edelleute jedoch nicht abhielt, in das Haus zu ſtuͤrmen und die einzelnen Pluͤnderer mit dem Degen in die Rippen zu verfolgen. Doch floß kein Blut; als aber zwei der Herren vom Stadthauſe einen Menſchen, der ein offe⸗ nes Kaͤſtchen fortſchleppte, bis vor die Thuͤr verfolgte, um ihm ſeinen Raub abzunehmen, wurden ſie auf einmal von einem Steinregen begruͤßt, der ihnen das Nachſetzen verleidete. Sie zogen ſich auf ihre Kameraden zuruͤck, de⸗ nen ſie die Stimmung des Geſindels draußen mittheilten, das man laut rufen hoͤrte: Nieder mit den Schurken von Edelleuten! Wir brau⸗ chen keine Adligen! Dieſe ſchickten zwei andere aus ihrer Mitte ab, um zu recognosciren, und erhielten bald von denſelben den Beſcheid, daß 126 der Poͤbel immer mehr wieder gegen das Hotel vordraͤnge. In dem Hauſe ſelbſt, ſahen ſie ein, durften ſie die Maſſe nicht erwarten, das ein⸗ zige Heil war, daß ſie durch einen ploͤtzlichen Geſammtangriff das Volk in Verwirrung ſetz⸗ ten und ſich ſo einen Ausweg bahnten. Trotz der fuͤrchterlichen Uebermacht drangen ſie doch muthig aus dem Thore heraus, aber die Pfla⸗ ſterſteine, welche ihnen entgegen geworfen wur⸗ den, machten die Haͤlfte ſchon beim erſten Schritt kampfunfaͤhig. Herr von Soleure erhielt einen Wurf in die Seite, daß er taumelte und ſich in das Haus zuruͤckretten mußte, andere wur⸗ den mehr oder weniger ſchwer verletzt. Herrn von Bievre riß ein Stein den leeren Aermel ab, den er vorn auf der Bruſt eingeknoͤpft hatte. Die Wunde kann der Schneider flicken, ſagte der Marquis, der ſich an des Chevalier Seite hielt; dieſer drang mit gezogenem Degen auf den Halbkreis ein, den die Pluͤnderer um das Haus gebildet hatten, aber ein Schmiede⸗ geſell ſchlug mit einer eiſernen Stange dage⸗ 4 127 gen, daß die Klinge in Stuͤcke ſprang. Rey⸗ naud warf zornig dem Geſellen das Gefaͤß in das Geſicht, aber ſchon war ein anderer bereit, mit einem ſchweren Knittel den Wehrloſen zu Boden zu ſchlagen, als zum Gluͤck der Marquis die Gefahr ſeines Freundes bemerkte, vor ihn ſprang und mit geſchwungener Waffe, ſelbſt weichend, deſſen Ruͤckzug deckte. Im Hofe an⸗ gelangt, wurde Berathung gehalten. Sich durch⸗ zuſchlagen, war unmoͤglich befunden worden. Im Hauſe den Feind abzuwarten, waͤre wahnſinnig geweſen, die Maſſe haͤtte ſie erdruͤckt; im einzel⸗ nen Kampfe waͤre wohl mancher von den Raͤubern gefallen, ſie ſelbſt waͤren aber doch zuletzt ohne Erbarmen und ohne Nutzen geſchlachtet worden. Sie waren in eine Falle gerathen, aus der keine Rettung war, als durch ſchleunige Flucht. Aber wohin? Der Hof hatte keinen Ausgang, und war rings von hohen Mauern umſchloſſen. Und doch blieb keine Wahl, denn das Gebruͤll drau⸗ ßen wurde immer heftiger, die Steine raſſelten bis in den Hausplatz. Der Chevalier bemerkte 128 Feuerleitern, welche ſchnell herbeigeſchleppt wur⸗ den. Die Mauer ſtieß oben an ein breites Dach, das zu einem Hintergebaͤude gehoͤrte, welches 5 mit dem Stadthauſe in Verbindung ſtand. Die⸗ ſer gefaͤhrliche Weg mußte eingeſchlagen wer⸗ den. Auf Haͤnden und Fuͤßen kriechend, be⸗ ſchaͤmt und doch froh der Rettung, erreichten alle das Ziel. Reynaud war der Letzte. Aber er war noch nicht bis zur oberſten Sproſſe der Leiter gelangt, als der wuͤthende Poͤbel ſchon in dem Hofe erſchien. Als er die Edelleute weit aus ſeinem Bereiche auf dem Dache ſah, ſtieß er ein Geheul des Zornes uͤber die ihm entrinnenden V Opfer aus, das ſich jedoch ſchnell in Jubel ver⸗ wandelte, als er den Chevalier erblickte. Er ſoll fuͤr 4 die Andern buͤßen, ſchrien ſie und riſſen an der Leiter, um den Obenſtehenden herabzuſchuͤtteln. Der Chevalier klammerte ſich in Verzweiflung mit beiden Haͤnden feſt an die Mauerkante und ſchwang ſich mit einem gewaltigen Satze nach, daß er oben auf dem ſchmalen Rande zu knien ¹ kam. Aber waͤhrend man von unten mit Stei⸗ 129 nen und Knitteln nach ihm warf, kletterten an⸗ dere bewaffnet die Leiter hinan, um ihn deſto ſicherer zu treffen. Die langwierige, muͤhſame Flucht uͤber das Dach war jetzt nicht mehr moͤglich. Auf der andern Seite deſſelben zeigte ſich der Hof eines Gebaͤudes, deſſen Vorderſeite nach einer andern Straße ging. Er war zwar mit Raſen bewachſen, aber der Chevalier wenig⸗ ſtens zwanzig Fuß uͤber demſelben. Indeſſen von beiden Gefahren war es die kleinſte. Ehe ſeine Verfolger es ahnen konnten, ließ er, mit den Haͤnden ſich wieder an der Kante feſthal⸗ tend, ſich mit dem uͤbrigen Koͤrper auf die andere Seite herab, ſchwebte ſo einen Augen⸗ blick und ließ ſich dann herabfallen. Er hatte das Gluͤck, ſich nicht zu beſchaͤdigen. Schnell raffte er ſich wieder auf, eilte uͤber den Hof in das Vorderhaus, wo man, ſelbſt voll Angſt, ſich gern ſeiner ſchnell wieder entledigte und ihm die Thuͤr nach der Straße oͤffnete. Zwei Schritte davon war das Hotel des Herrn von Blenaye. Madame Mayeur, welche ihm auf ſein Ru⸗ II. 9 130 fen die Thuͤr oͤffnete, fuhr erſchrocken zuruͤck, als ſie den Chevalier mit zerriſſenen Kleidern und in ſo erhitztem Zuſtande ſah. Er ſtuͤrmte ſchnell an ihr voruͤber, ohne ihr Rede zu ſtehen und die Treppe hinauf. Auf dem Flur des er⸗ ſten Stockes kam ihm Frau von Blenaye, welche ſeine Stimme erkannt hatte, aus ihrem Zimmer entgegen. Auch ſie war vom Schreck uͤber den Laͤrm, der deutlich bis heruͤberdrang, auf das heftigſte erſchuͤttert und zitterte krampf⸗ haft an allen Gliedern. Gott Lob, ſagte ſie, daß ich Sie hier weiß. Jetzt bin ich ruhiger. Als ſie ihn aber naͤher betrachtete, entſetzte ſie ſich vor ſeinem wilden Blicke und fragte be⸗ ſorgt: Was fehlt Ihnen? Was iſt vorgefallen? — Nichts, nichts, rief er haſtig, Sie ha⸗ ben nichts zu fuͤrchten. Mayeux, bring mir Hut und Degen. — Wie! Sie wollen mich wieder verlaſſen? — Ich muß. Haͤtten Sie die empoͤrenden Scenen geſehen, von denen ich ſo eben komme, Sie wuͤrden ſelbſt mich hinausſtoßen gegen die 131 entmenſchte Rotte, die uns eine Zwangsherr⸗ ſchaft faſt liebenswuͤrdig machen koͤnnte. Hier iſt nichts zu thun, dort vielleicht mehr als ein Menſchenleben zu retten. Weh uns, wenn un⸗ ſer Streben, die Mißbraͤuche der Hochſtehenden zu vernichten, nur den an Rang und Bildung am Tiefſten Stehenden zu gut kommen ſollte; wenn die, welche die wahre Freiheit wuͤnſchen, durch ihren Kampf gegen die Despotie nichts Anderes ausrichten, als in dem Poͤbel einen neuen Despoten zu erhalten. Das Herz dreht ſich herum, wenn man an das ſcheußliche Treiben dieſes brutalen Tyrannen denkt, der Richter, Klaͤger und Henker in Einer Perſon iſt. 1 — Hoͤren Sie, das Getͤſe koͤmmt naͤher, ſie werden auch uns uͤberfallen und Sie wol⸗ len mich verlaſſen, Eduard? Reynaud, der ſchon auf der Treppe ſtand, wendete ſich raſch um. Es war das erſtemal, daß Caroline ihn bei ſeinem Vornamen nannte. Er warf einen langen, ſtarren Blick auf ſie, 8. 132 zuckte dann ploͤtzlich zuſammen, als ob er ein Traumbild, das ihn gefangen hielt, von ſich ſchuͤtteln wollte und ſagte abgebrochen: Ich muß. Fuͤrchten Sie nichts. Ehe das Geſindel dort fertig iſt, ſchaffe ich Huͤlfe. Ich will zu Danton, der Schurke ſoll mir Ordnung ſchaf⸗ fen und muͤßte ich ihn bei den Haaren unter ſeine Spießgeſellen ſchleifen. Miit dieſen Worten ſprang er die Treppe her⸗ unter, befahl Mayeux die Thuͤr hinter ihm feſt zu verſchließen und lief nach dem Hotel des Herrn von Barege, wo er Danton zu finden hoffte. Ohne ſich von den Wachen, die der Ad⸗ vokat aufgeſtellt hatte, zuruͤckhalten zu laſſen, drang er in das Haus, und in das Zimmer, in welchem Danton an einem Tiſche ſaß, und fuhr auf ihn, der ruhig ſitzen blieb, mit den Worten ein: Wortbruͤchiger! Wo iſt Dein Ver⸗ ſprechen? 4 Danton ſprang von ſeinem Stuhle auf und blickte mit gerunzelter Stirn den Chevalier groß an. 133 Was? fuhr Reynaud fort, Du ſitzeſt hier, und draußen wird gepluͤndert, vielleicht gemordet, trotz dem, was Du heut fruͤh ge⸗ lobt haſt? — Wer ſagt, daß gepluͤndert wird? ſtieß Danton heraus, mit einer Stimme, die wie das Rollen des fernen Donners klang. — Das ſage ich. — Es iſt nicht wahr, ſchrie Danton, es kann nicht wahr ſeyn. — und ich ſage, es iſt, denn ich komme von dem graͤßlichen Schauplatz und bin nur mit Muͤhe Deinen unmenſchlichen Trabanten ent⸗ ronnen. Danton fuhr ſich wild in die Haare. Jede Muskel ſeines Geſichtes zuckte. Seine Bruſt hob ſich. Er konnte nicht ſprechen und brachte endlich nur das Wort: Wo? heraus. — Bei dem Intendanten, Herrn von Molle⸗ ville! Danton ſtieß einen Schrei aus, der ſelbſt dem Chevalier durch Mark und Bein drang, ſchob 134 dieſen bei Seite und ſprang zur Thuͤre hinaus. Es brennt! riefen ihm einige Leute draußen entgegen. Danton blickte nach einer Rauchſaͤule auf, die blaͤulich ſich gegen den Himmel auf⸗ wirbelte und ſchlug ſich wie ein Verzweifelter vor die Stirne. Ein Reitknecht fuͤhrte eben ein ungeſatteltes Pferd voruͤber. Es ihm weg⸗ reißen, ſich darauf werfen und die Straße hin⸗ unterjagen, war das Werk eines Augenblicks. Den Leuten, deren Anhaͤnglichkeit er trauen konnte, winkte er im Voruͤberſprengen mit der Hand, ihm nachzukommen. An der Ecke der Rue St. Malo hielt noch das Detaſchement, welches Marat dort aufgeſtellt hatte. Er ritt im Galopp darauf los, daß alles entſetzt zur Seite ſtob. Nur einer, der Muth hatte, hielt ihm eine Stange vor. Danton trieb ſein Pferd ge⸗ rade darauf zu und rannte den Tollkuͤhnen, der ſich ihm widerſetzen wollte, uͤber den Hau⸗ fen, aber das Pferd ſtuͤrzte uͤber den Gefalle⸗ nen. Danton gab ſich nicht die Muͤhe, es wie⸗ der aufzurichten, ſondern lief, als er ſich ſelbſt 135 losgemacht hatte, mit Saͤtzen, wie ein ver⸗ wundeter Löwe, auf das Haus des Intendan⸗ ten zu, in dem die Pluͤnderer Nachleſe hiel⸗ ten und dem draußen ſtehenden, jubelnden Poͤ⸗ bel noch immer Effekten zuwarfen, die bei dem erſten Angriffe zuruͤckgeblieben waren. Einige, ſchon halb betrunken, hatten den Gallawagen des Herrn von Molleville aus der Remiſe ge⸗ zogen, die obere Decke davon heruntergeſchlagen und einen aus ihrer Mitte, der ein rothes Frauentuch als Fahne ſchwang, hinaufgehoben. Die uͤbrigen hatten ſich vor dem Wagen ange⸗ ſpannt und zogen denſelben mit dem Trium⸗ phator darauf, ſingend die Straße herunter. Wenn wir zuruͤckkommen, ſchrien ſie dabei, zu den Bewohnern gewendet, die ſich ſchuͤchtern an den Fenſtern der Nachbarhaͤuſer zeigten, ſo kommt die Reihe an Euch! Der Zug ſperrte beinahe die Straße, als Danton heranſtuͤrzte. Aber dem erſten, der ihm in den Wurf kam, riß er einen Pfahl aus der Hand, den dieſer wie ein Gewehr auf der Schulter trug, und 136 ſchlug damit, ohne ſich die Muͤhe zu geben, ein Wort zu ſprechen, unter das Geſindel, das mehr noch vor ſeinen Blicken, als vor ſeinen Streichen erſchrocken zuruͤckwich. Als er das Tuch, das er ſo oft beneidet hatte, ſo profa⸗ nirt ſah, ſprang er ſchaͤumend vor Wuth auf die Achſe des Wagens und riß den Raͤuber bei den Haaren herunter, daß er krachend auf das Pflaſter ſtuͤrzte. Schlagend, ſchimpfend, dro⸗ hend kam er bis an das Haus des Intendanten. Haltet Ihr ſo, ſchrie er, was ich Euch befoh⸗ len? Zuruͤck, Schurken! Wer ſich ruͤhrt, iſt des Todes. Er drang in das Haus und trieb die Pluͤnderer, wo er ſie antraf, hinaus. Die meiſten ſuchten, als ſie ſeine Stimme erkann⸗ ten, ſich ſtill fortzuſchleichen. Nur in den auf den Hof gehenden Zimmern hatten ſich noch manche verſpaͤtet. In einem derſelben, im oberſten Stockwerke, befand ſich Venal mit einigen Trabanten. Sie hatten ei⸗ nen Bedienten vom Hauſe unter den Haͤnden, deſſen blutiges Geſicht von der Behandlung —— M 137 zeugte, die ihm ſchon widerfahren war. Das Zimmer ſchwamm in dickem, ſtinkendem Qualm. Der Bediente jammerte und weinte.— Wirſt Du uns gleich ſagen, rief Venal, wo Deine Herrſchaft iſt?— Ich weiß es nicht, ſchluchzte der arme Menſch.— Ein Raͤuber warf ihn zu Boden, kniete ihm auf die Bruſt und ſchrie ihm zu: Wirſt Du jetzt bekennen? Der Be⸗ diente war außer Stande zu antworten.— Steckt das Stroh wieder im Kamine an, und ſengt ihn druͤber, wie ein Schwein, ſchrie ein anderer, und noch einer: Wenn er nicht ſpre⸗ chen will, ſo reißt ihm die Zunge heraus.— Wir muͤſſen den Intendanten haben, rief Ve⸗ nal, und finden wir ihn nicht, ſo ſoll ihn ſchon das Feuer ſinden. Allons, zuͤndet das Haus an. Der Volksſchinder hat lange genug uns das Mark ausgeſaugt, wir wollen es ihm wieder ausbraten. Und wie ihm, ſoll es Allen ſeines Gleichen gehen. Wenn es keine Vor⸗ nehme, keine Reiche mehr gibt, gibt es auch 138 keine Armen und keine Hungrigen mehr. Feuer her! und den Kerl hier werft zuerſt hinein! Er ſelbſt buͤckte ſich, um Hand anzulegen und den Bedienten, der ohnmaͤchtig auf dem Boden lag, nach dem Kamin zu ſchleppen, aber in demſelben Augenblicke fuhr ihm ein Schlag mit einem Stuͤcke Holz uͤber den Nak⸗ ken, daß er ſelbſt beſinnungslos hinſtuͤrzte.— Warte, Bube, ſchrie Danton, der endlich, nachdem er alle Zimmer durchſtreift hatte, auch hieher und gerade zur rechten Zeit ge⸗ kommen war; warte, haſt Du die Lektion des Lehrers vergeſſen, ſo ſoll er ſie Dir wie⸗ der einblaͤuen. Dann ergriff er Venal, ſchleppte ihn mit der einen Hand, waͤhrend er mit der andern die uͤbrigen Mordbrenner davon jagte, hinter ſich her und ſtieß ihn mit dem Fuße die Treppe herunter, wo er von ſeinen Geſel⸗ ten aufgefangen und fortgetragen wurde. Als Danton zuruͤckkam, hatte der Diener, der ſich wieder erholt hatte, das Feuer ſchon erdruͤckt, das noch nicht recht gepackt hatte und das auch 139 fruͤher nur durch den dicken Qualm, den das feuchte Stroh verurſachte, zu dem Glauben verleitet hatte, als ſtehe das ganze Hotel in Flammen. In allen Zimmern hatte Danton den Namen ſeiner Geliebten gerufen, uͤberall hatte nur das Echo von den leeren Mauern geantwortet. Wie raſend lief er Treppe auf, Treppe ab, raufte ſich die Haare und rief: Luzilie! Luzilie! Wie wahnſinnig ergriff auch er endlich den alten Diener bei der Bruſt und wollte ihn nach dem Aufenthalte ſeiner Gebie⸗ terin fragen. Aber die Anſtrengungen, die Wuth, die Verzweiflung hatten ihm den Hals zugeſchnuͤrt, er konnte kein Wort mehr vor⸗ bringen, die Arme zitterten ihm, der Angſt⸗ ſchweiß rieſelte ihm von der Stirne herab, der Diener ſuchte ſich umſonſt los zu machen, da öffnete ſich ploͤtziich eine Tapetenthuͤre und Lu⸗ zilie ſelbſt trat aus ihrem Verſtecke, Adele und der Intendant hinter ihr drein; Luzilie bleich, aber kuͤhn, im Bewußtſeyn, daß ihr in Dan⸗ ton's Naͤhe nichts Boͤſes begegnen koͤnne, die 140 uͤbrigen noch bebend von der ausgeſtandenen Angſt und der Zukunft mit Bangen entgegenſehend. — Luzilie! ſchrie Danton, wollte auf ſie zu⸗ ſtürzen und ſank ploͤtzlich, wie vom Blitze zer⸗ ſchmettert, zuſammen. Die ploͤtzliche Erſcheinung nach der ausge⸗ ſtandenen Qual hatte ſelbſt ſeine Eiſennatur zu heftig erſchuͤttert, doch brachte etwas Wein, womit der Diener ſeine Lippen benetzte, ihn beinahe augenblicklich wieder zu ſich. Gott Lob! ſagte er leiſe, Du biſt gerettet! Darauf rich⸗ tete er ſich auf, ergriff Luziliens Hand und blickte wieder wild um ſich, als ob er ſehen wollte, ob jemand ſeine Schwaͤche belaͤchle. Es war keine Zeit zum Laͤcheln. Alles war voll Angſt. Zuͤrnen Sie mir nicht, Luzilie, und auch Sie nicht, fuhr er fort, ſich zu den Verwand⸗ ten ſeiner Geliebten wendend, uͤber das, was geſchehen iſt. Es war nicht meine Schuld. Man hat mich graͤßlich betrogen. Aber die Schurken, die ich nicht ſchon gezeichnet habe, ſollen es mir buͤßen. Doch jetzt muͤſſen ſie erſt mir das Leben 141 rauben, ehe ich Ihnen ein Haar kelanan laſſe. Penates„fort aus dieſem Qualme. Sie gingen nach dem erſten Stocke hinab. Als ſich die Verwuͤſtung zeigte, welche in den Zimmern angerichtet worden war, brach Adele in lautes Weinen aus. Der Intendant mur⸗ melte leiſe Fluͤche vor ſich hin, da er ſeiner Wuth vor Danton nicht Luft zu machen wagte. Luzilie ging in ſich gekehrt hinter allen drein. Danton eilte hinunter, rief einige beſſer Ge⸗ ſinnten zu ſich und ließ das Thor wieder ver⸗ rammeln. Darauf ging er wieder hinauf und trat auf den Balkon, um von da aus das Volk anzureden. Hoͤrt mich, rief er zu dem Volke herab und er ſah ſich dabei um, ob er von Außen keine Huͤlfe zu erwarten habe, aber weder von den Adligen, noch von den Buͤr⸗ gern ließ ſich jemand ſehen— hoͤrt mich. Ihr kennt mich Alle. Ihr wißt, daß ich Euer Freund bin. Mein Thun und Handeln liegt offen vor Euch. Habt Ihr mich je als falſch befunden? Ich war ſtets an Eurer Spitze. Sehe 142 ich wie ein Feiger aus, der ſeine Partei im Kampfe verlaͤßt? Ich habe fuͤr Euch geſprochen. Werde ich jetzt Euch ſchmaͤhen? Ich habe fuͤr Euch gehandelt wie fuͤr meine Kinder. Wird ein Va⸗ ter ſein Kind verkaufen? Ihr habt mich zu ei⸗ nem Bergſtrome gemacht, der in ſeinem rei⸗ ßenden Laufe Tyrannen fortſchwemmen ſollte. Ich werde den Berg nicht zuruͤckſtroͤmen und den eigenen Quell zerſtoͤren. Ich habe den Staͤnden Ruhe verſprochen— einzelne Stim⸗ men fingen an zu ziſchen und zu pfeifen.— Still drunten! ſchrie Danton. Ich habe Ruhe verſprochen.— Neues Ziſchen, das nun allge⸗ mein wurde.— Aber nicht umſonſt. Die Staͤnde haben mir dafuͤr geloben muͤſſen, daß ſie Eurer Noth abhelfen, die druͤckendſten Laſten erleich⸗ tern wollen! Eine Unze Brod, rief ein Menſch, iſt mir lieber, als ein Pfund Verſprechungen. Marat wand ſich wie ein Aal durch die Menge und hezte ſie auf, ſich nicht durch ſchoͤne Worte bethoͤren zu laſſen. Er ſah ein, daß hier eine 143 Gelegenheit war, Danton die oberſte Rolle aus den Haͤnden zu ſpielen. — Ich ſehe Dich wohl, rief dieſer zornig, aber gib Acht, Quackſalber. Hoͤrſt Du nicht auf der Stelle auf, Dein Gift unter dies Volk zu ſpeien, ſo zermalme ich Dich mit dieſen meinen Haͤnden, wie Herkules die Schlangen. Er wollte ſich nochmals zum Volke wenden, aber das Geſchrei uͤbertaͤubte ſeine Worte. Nie⸗ der mit dem Verraͤther! mit dem Judas, der das Volk verkauft hat! rief es und: Wir muͤſe ſen den Intendanten haben! In's Feuer mit dem Blutſauger! Und es blieb nicht beim blo⸗ ßen Geſchrei, ſondern das Haus wurde wieder mit Steinen beſchoſſen, von denen einige dicht neben den zitternden Intendanten fielen, einer Danton ſelbſt traf. Mehrere vom Volke ſchick⸗ ten ſich ſchon an, durch die Fenſter zu klettern. Danton trat bleich, aber mehr vor Zorn, in das Zimmer zuruͤck. — Was iſt zu thun? fragte Herr von Molle⸗ ville bebend. 144 — Nichts, antwortete der Advokat tonlos. Sie werden das Haus anzuͤnden und es ver⸗ brennen. Wo ſich Nichtswuͤrdigkeit auf der ei⸗ nen und Feigheit auf der andern Seite begeg⸗ nen, muß alles, was dazwiſchen ſteht, zu Grunde gehen. Wir ſind uns ſelbſt uͤberlaſſen und Sie ſehen, die Raſenden hoͤren nicht mehr auf meine Stimme. — Haͤtten Sie den Wind nicht geſdet, rief Adele bitter, wir wuͤrden jetzt den Sturm nicht aͤrndten. Danton blickte ſcheu zur Erde. Luzilie weinte ſtill vor ſich hin. — Es gibt noch Ein Mittel, tief Danton ploͤtzlich, es iſt zwar ſicher, aber hart, viel⸗ leicht— ſehr hart. — Was es auch iſt, antwortete der Inten⸗ dant haſtig, nennen Sie es, ich nehme es an. Es gilt das Leben meines Kindes, meiner Tochter! — und doch muͤſſen Sie ſie opfern, wenn Sie ſich retten wollen. 145 Luzilie ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus und warf ſich an Adelens Bruſt, als ob ſie ſchuͤtend zwiſchen Danton und ihre Couſine treten wollte. — Nimmermehr, erwiederte Herr von Molle⸗ ville. — Hoͤren Sie mich aus, fuhr Danton ru⸗ hig fort. Es giebt nur Ein Mittel, das ſchrei⸗ ende Geſindel draußen zu befriedigen und fort⸗ zubringen, und das iſt Geld. — und ich habe keins, ſeufzte der Inten⸗ dant. — Das weiß ich, und Credit, fuͤrchte ich, fehlt Ihnen auch; wird Ihnen nach der heuti⸗ gen Kataſtrophe noch mehr fehlen. Waͤre ich reich, ich wuͤrde Ihnen ſelbſt mein Vermoͤgen darbieten, als Erſatz fuͤr meine Fahrlaͤßigkeit. waͤre es auch nicht aus Liebe zu einem Weſen, das mit Ihnen in Verbindung ſteht. Aber ich habe uͤber fremde Millionen zu bieten, und dieſe ſtehen Ihnen unter Einer Bedingung zu Gebote.— 5 1.. 10 5 145 — Der Intendant machte große Augen. Der Laͤrm draußen wurde immer heftiger, man hoͤrte, daß die Angreifer ſich wieder an das Vanſie zur ebenen Erde machten. — Die Gefahr kommt immer naͤher. Es iſt kaine Zeit zu verlieren. Hoͤren Sie mich an. Es gilt Ihr, unſer aller Leben, denn ich theile jetzt mein Schickſal mit dem Ihrigen. Geben Sie die Hand Ihrer Tochter Herrn Dumesnil, und er verſchreibt Ihnen ſein ganzes unernneßlches Vermoͤgen. 8 ans — Lieber todt, ſchluchzte Adele. — Aber Ihr Nein toͤdtet Sie und Ihren Vater mit, erwiederte Danton ernſt. Und wiß⸗ ſen Sie, was es heißt, in die Haͤnde dieſer wilden, trunkenen Horde draußen zu fallen? Hier iſt nicht von etwas Schoͤnheit mehr oder weniger, nicht von Talent, von Geburt die Rede, ſondern von Tod und chmaihvihr Mißhandlung. „Beide Maͤdchen ſchauderten. Danton riß den Intendanten, der willenlos Alles mit ſich ge⸗ 147 ſchehen ließ, auf den Balkon mit hinaus, wo beide von einem entſetzlichen Gebruͤlle empfan⸗ gen wurden. Kommen wir nur herauf, Hund, ſchrie einer der Wildeſten, ſeinen Knittel gegen den Intendanten ſchwingend, wir wollen dir das Fell abziehen, wie du ˙s uns uͤber die Oh⸗ ren gezogen haſt.— Danton zog den wankenden Intendanten zu ſich, und ſtreckte die Arme nach dem Volke aus, das uͤberraſcht durch die⸗ ſes neue Schauſpiel ploͤtzlich ruhig wurde, um die Aufloͤſung des Raͤthſels zu vernehmen. — Ihr wollt dem Herrn von Molleville an's Leben, rief er. Was bringt euch ſein Tod ein? Nichts, als Gewiſſensbiſſe. Doppelte Reue, wenn ihr wuͤßtet, was er zu eurem Beſten zu thun geneigt iſt. Sein Blut ſtillt keinen Au⸗ genblick euren Durſt, und er will, wenn ihr ihm das Leben ſchenkt, euern Hunger auf Wo⸗ chen ſtillen. Hat er euch gekraͤnkt, ſo bittet er euch um Verzeihung, hat er euch Boͤſes zuge⸗ fuͤgt, er will euch Erſatz geben, habt ihr ihn fuͤr euern Feind gehalten, ſo will er euch zeigen, 1 148 daß er wie ein Vater fuͤr euch ſorgen wird. Ein unfruchtbarer Tod, ein nützliches Leben— was zieht ihr vor? — Sein Blut, ſchrie Marat, der die Men⸗ ge ſchwanken ſah, und ſich fuͤrchtete, daß Dan⸗ ton wieder ſeine Macht erlangen und ihn zuͤch⸗ tigen werde. — Schweig' Du, herrſchte ihn Danton an. Nicht mit dem bezahlten, erkauften Fremdlin⸗ ge, mit dem Volke von Rennes habe ich zu ſchaffen, mit dem Volke das hungert, und dem ich Speiſe biete. — Wie hoch das Loͤſegeld? ſchrie endich ei⸗ ner der Vorderſten. — Die Staͤnde haben verſprochen, binnen dierzehn Tagen durch ein Anleihen Euerer Noth abzuhelfen, bis dahin verſpricht Herr von Mol⸗ leville jedem Nothleidenden der Stadt taͤglich fuͤr ch und ſeine Familie auf den Kopf ein Brod und ein Livre zu zahlen. Seid ihr das zu⸗ kiie den? Einen Augenblick ſchien die Menge den Vor⸗ 149 ſchlag zu uͤberlegen. Ploͤtzlich brach ein Menſch, dem das Elend aus allen Zuͤgen ſah, in den Ruf aus: Es lebe der Intendant! und gleich darauf ſtimmte die ganze Rotte in den Ruf ein, dem ſie noch lauter ein: es lebe Danton, un⸗ ſer Vater! nachfolgen ließen. — Und wer buͤrgt uns füͤr Erfimng des Vertrags? rief noch einer. — Ich, antwortete Danton. Der Vertrag beginnt mit dem heutigen Tage. Der Pfarrer eines jeden Kirchſpiels wird die Vertheilung uͤbernehmen. Jetzt geht. Traut ihr aber noch nicht, ſo moͤgt ihr eine Wache von den Euri⸗ gen vor dem Hauſe aufſtellen. Freunde. geht und bringt eueren Kindern den Troſt, daß ſie ie nicht zu verſchmachten brauchen. 3 Ddie Menge brachte dem Advokaten ein neues Lebehoch und verlief ſich jubelnd nach beiden Seiten. Marat hatte ſich ſchon frliher, Wuth im Herzen, weggeſtohlen. Venal wurde von eini⸗ nigen Leuten fortgetragen. Danton kehrte mit dem, durch den Anblick des raſenden Poͤbels, 150 ganz erſchuͤtterten Intendanten zu den Frauen zuruͤck. Adele gieng mit großen Schritten, die Haͤnde ringend, im Zimmer auf und ab, und ſtieß Lucilien, da ſie ſich ihr naͤhern wolliei mit Heftigkeit zuruͤck. — Was haben Sie mich verſprechen lafene ſeufzte der Intendant. — Nichts, was Sie nicht halten banerde antwortete Danton. Einige hundert tauſend Franken fuͤr das Leben Ihrer Familie ſind, duͤnkt mich, kein zu großes Opfer. — Aber meine Tochter. — Nie— nie— rief dieſe abgebrochen— ich will nicht— kann nicht.— — Wie Sie befehlen, ſagte der Advokat, indem er zur Thuͤre gieng, das Volk hat ſich noch nicht zerſtreut, und ich werde ihm ſagen, daß der Vertrag null iſt und es mit uns thun moͤge, was ihm gut duͤnkt. — Ungluͤcklicher! ſchrie Lucilie, ihm nache eilend, wohin gehſt dus im — In den Tod, antwortete Danton kalt. 4 151 — Nicht von der Stelle, rief Lucilie mit einer Beſtimmtheit, die bei ihrer gewoͤhnlichen Sanftmuth nur um ſo groͤßern Eindruck mach⸗ te, und Du Adele, weißt Du denn, ob Du nicht bei jenem Manne dein Gluͤck ſindeſt?— — Du moͤchteſt mich wohl an den Mann bringen, antwortete dieſe bitter, weil Dich Dein Verſprechen, mich nicht verlaſſen, ſchon zu ſehr druͤckt? Geh', geh', heirathe nur, und kuͤmmere Dich nicht um mich. Lucilie ließ den Kopf ſinken und weinte tief verletzt. — Danton ſagte zu dem verlegenen Inten⸗ danten: ich habe das Meinige gethan; es bleibt mir nichts uͤbrig, als zu gehen. Er wandte ſich wieder nach der Thuͤre. Adele gieng heftig auf ihn zu und ſagte, die Arme gegen ihn ausſtreckend, mit feſtem Tone: Nein, jetzt bleiben Sie. Ich habe mich beſonnen. Ich will mich freiwillig hingeben. Hier ſind meine Haͤnde. Holen Sie die goldenen Feſſeln. Ket⸗ 1⁵² — ten ſchmiedet die Ehe ja doch immer, und hier ſ nd ſie von Gold. Sagen Sie Ihrem Herrn — wie heißt er?— Ihrem Mohren, daß ich ſein bin, und jetzt gehen Sie mir aus den Au⸗ gen, Ihr Anblick iſt mir zuwider. Danton verbeugte ſich geruͤhrt und wollte ihre Hand ergreifen, ſie riß ſie aber haſtig zu⸗ ruͤck und warf ſich weintend in die Arme ihßes Vaters. Danton naͤherte ſich Lucilien. Ein Strahl der Freude flog uͤber ſein Geſicht, das heute ſchon der Spiegel ſo vieler Leidenſchaften ge⸗ weſen war. Seine Augen funkelten. Mein! rief er und zeg ſie mit Inbrunſt an ſich. Sie aber entwand ſich ihm, und indem ſie ihm einen Blick der zaͤrtlichſten hingebenden Liebe zu⸗ warf, zeigte ſie mit dem Finger auf ihre troſtloſe Freundin. Er preßte ihre Hand an Feine Bruſt und wollte ſich entfernen. — Und das Geld, das den Leuten heute verſprochen ward? rief ihm der Intendant nach. 153 Ich werde fuͤr Alles ſorgen, antwortete Danton. An der Thuͤre traf er den Chevalier und einige andere Adlige, denen es jetzt erſt durchzudringen gelungen war. Die Wache am Hauſe wollte ſie nicht einlaſſen. Danton beru⸗ higte die Edelleute, und verſicherte ihnen, daß keine Gefahr mehr zu beſorgen ſei. Dem Che⸗ valier ſchaffte er bei der Volkswache Einlaß und bat ihn, dafuͤr zu ſorgen, daß dem Intendan⸗ ten und ſeiner Familie, denen alles im Hauſe zertrummert ſei, die noͤthigſten Meubel ver⸗ ſchafft wuͤrden. Der Chevalier verſprach, aus dem Hotel ſeines Oheims dies zu beſorgen. Darauf eilte Danton zu Dumesnil, den die Unruhe wegen ſeines Prozeſſes in t ſaberhaſtet Aufregung erhielt. — Ich habe Ihre Vollmacht gebraucht, ſagte er ihm, und Ihnen den groͤßten Theil Ihres Vermoͤgens gerettet, aber Ihre Freiheit dafuͤr hingegeben. Seit einer Stunde ſind Sie Braͤu⸗ tigam. — Wie iſt das? fragte Sumesnil betroffen. 154 — Ich habe Sie kraft meiner Befugniß mit Fraͤulein von Molleville verlobt. Sie verſchrei⸗ ben dem Vater oder der Tochter, gleichviel⸗ Ihr Vermoͤgen, und ich buͤrge Ihnen dafuͤr, daß bei den Einfluͤſſen des Intendanten bei Hofe, der Fiskus es nicht mehr tpagen wird, gegen Sie einzuſchreiten. Fuͤr Dumesnil war dieſer Ausweg zu ehren⸗ voll und zu erfreulich, als daß er ihn nicht mit Dank haͤtte aufnehmen ſollen. Selbſt die Nachricht, daß er einſtweilen eine ſo betraͤcht⸗ liche Summe fuͤr ſeinen kuͤnftigen Schwiegki⸗ vater zu zahlen habe, truͤbte ſein Gluͤck nicht ſonderlich, und er gab gern ſeinem Advokaten das noͤthige Geld, das dieſer den Pfarrern zur Vertheilung uͤberbringen ſollte. Dumesnil wollte auf der Stelle zu ſeiner Braut eilen. Danton war aber zartfuhlend genug, dies nicht zu erlauben und Adelen Zeit zur Erholung zu laſſen. Dagegen verſprach er, am folgenden Mittag ihn dem Intendanten und ſeiner Tochter vorzuſtellen. 155⁵ An demſelben Abend betrank ſich gar Man⸗ cher bei Geſundheiten, die er Danton und dem Intendanten ausbrachte. Aber wenn auch die Truppen bei den Un⸗ ruhen in Rennes eine unthaͤtige Rolle geſpielt hatten, ſo nahm der Koͤnig doch die Sache nicht ſo gleichguͤltig auf. Ludwig XVI. war ſchwach und bequem und ließ deshalb viel ge⸗ waͤhren, aber dennoch hatte er zuweilen Anfaͤlle von Heftigkeit, denen er ſich gern hingab, weil K er dieſe Aufregung fuͤr Karakter hielt. Von den in ſolchen leidenſchaftlichen Augenblicken gefaß⸗ ten Entſchluͤſſe gieng er um ſo ſchwerer ab, je ſeltener ſie kamen. Daher fruchteten auch die 156 Vorſtellungen des Heren von Lamoignon nicht im mindeſten, und der Koͤnig befahl, daß man die noch in Paris anweſenden Mitglieder der adligen Deputation von Bretagne in die Ba⸗ ſtille ſperren ſollte. 1 Die Miniſter hatten mit Recht gefuͤrchtet, daß eine ſolche halbe Maaßregel kein Heil brin⸗ gen wuͤrde. Man konnte die inſurgirte Provinz nicht mit Gewalt zur Ordnung zuruͤck fuͤhren, da man ſeit einiger Zeit Urſache hatte, an der Treue der Truppen zu zweifeln. Die Regimen⸗ ter Baſſigny und Penthievre hatten ſich gerade zu geweigert, gegen das Volk zu handeln. Die Offiziere nahmen ihren Abſchied. In dem Bear⸗ niſchen wurde der Marquis Antichamp, als er mit vier Regimentern in die Provinz einruͤcken wollte, von der Landmiliz zuruͤckgeſchlagen. Man konnte alſo nicht im Norden den Krieg erklaͤren, ohne Gefahr zu laufen, daß im gan⸗ zen uͤbrigen Frankreich ein allgemeiner Abfall und Aufſtand nachfolgen werde. Was war alſo zu gewinnen, wenn man ſich an unſchuldi⸗ 157 gen Abgeſandten vergriff und ſie fuͤr die Aus⸗ ſchweifungen des Poͤbels buͤßen ließ? Die Re⸗ gierung regte dadurch nur den Adel und den Mittelſtand noch mehr gegen ſich auf, und iſo⸗ lirte ſich ganz, ſtatt mit Einer Partei die an⸗ dere zu bekaͤmpfen. In Rennes ſelbſt erwachten die Buͤrger aus ihrer Lethargie. Sie glaubten Anfangs genug ge⸗ than zu haben, nachdem ſie Geſandte abgeſchickt und ſich paſſiv den Befehlen der Regierung wi⸗ derſetz t hatten. Denn der Wohlſtand macht friedlie⸗ bend, und nur das Ungluͤck zankſuͤchtig. Der Beſitz iſt ein weiches, weites Kleid, das erwaͤrmt, aber die Bewegung hemmt und phlegmatiſch macht, weshalb der mittlere Stand ſich bei den politi⸗ ſchen Erſchuͤtterungen oft aus Traͤgheit von der unterſten Klaſſe die Macht aus den Haͤnden winden laͤßt. Wenn er erwacht, iſt es oft zu ſpaͤt, denn es iſt leichter die Gewalt zu behaup⸗ ten, als ſie, einmal verloren, wiederzugewin⸗ nen. Die Politik des Poͤbels iſt der Schrecken, und der Schrecken laͤhmt. Der Pluͤnderung des 158 Intendanten hatten ſich die Buͤrger nicht wi⸗ derſetzt, weil er bei ihnen nicht weniger verhaßt war, als beim gemeinen Volke, aber ſie machte ſie doch aufmerkſam, weil die Drohungen der Pluͤnderer die Luſt verriethen, ſich neue Beute auch bei Leuten zu holen, die nicht Freunde der Regierung waren. Die Nachricht von der Ein⸗ kerkerung der Deputirten kam dazu, um ſie noch mehr aufzuruͤtteln und ſie zu bewegen, von Worten zu Thaten uͤberzugehen. Einmuͤthig beſchloſſen ſie, die Waffen zu ergreifen, um ihre Rechte, da man ſo lange zoͤgere, ſie in Guͤte zu gewaͤhren, mit Gewalt zu ertrotzen. Der Poͤbel, gegen den der Intendant, wie die Staͤnde ihre Verpflichtung gewiſſenhaft erfuͤll⸗ ten, ſchloß ſich jetzt den Buͤrgern an, und in wenigen Tagen hatte Rennes eine foͤrmliche Armee auf den Beinen. Die Staͤnde ſandten noch ei⸗ ne Deputation an den Koͤnig ab, welche ihm dringend die Gefahr der Provinz vorſtellen und namentlich die Entfernung der Truppen ver⸗ langen ſollte, welche wie ein drohendes Schwert —— —— 159 uͤber der Stadt ſchwebten. Aber der Koͤnig ant⸗ wortete: Wenn die Provinz Treue und Gehor⸗ ſam bewieſe, ſo koͤnnte ſie ſich etwas von der Guͤte des Koͤnigs verſprechen. Ihre Vorrechte ſollten erhalten werden. Jeder Ungehorſam aber gegen den Koͤniglichen Befehl wuͤrde beſtraft werden. Uebrigens ſollten die Geſandten auf der Stelle nach Rennes zuruͤckkehren. Dieſe Worte wurden mit feſter Entſchloſſen⸗ heit aufgenommen. Graf Thiard war in der lebhafteſten Beſorgniß, der Marſchall ſelbſt ſah mit Bangen den bevorſtehenden Ereigniſſen entgegen. Die Buͤrger, welche ihre Maſſe uͤber⸗ zaͤhlten, waren voller Muth und es fehlte nicht an Chefs, welche denſelben unaufhoͤrlich an⸗ regten. Fuͤr Danton hatte ſich der Wirkungs⸗ kreis erweitert. Die Rolle, welche er bei den letzten Unruhen geſpielt, hatte ihm groͤßere Wichtigkeit, und auch bei den Buͤrgern Achtung verliehen. Aber das genuͤgte ihm nicht mehr. Sein Ehrgeiz, ſeine Thatkraft ſtrebte weiter. Die Provinz war ein zu enger Schauplatz, und 160 daher hatte er beſchloſſen, ſich ſogleich nach ſeiner Verbindung nach Paris zu begeben, die in we⸗ nigen Tagen, zugleich mit der Adelens gefeiert werden ſollte. Die letztere hatte ihren Va⸗ ter, der vom Koͤnige die Niederſchlagung der gegen Dumesnil erhobenen Anſpruͤche und zu⸗ gleich ſeine nachgeſuchte Entlaſſung erhalten hatte, bewogen, ihr nach Carpentras, ihrem Geburtsorte, zu folgen, da Rennes ihr zuwider geworden war, und ſie mit ihrem Manne nicht nach Paris wollte. Auch der Chevalier de Reynaud ſehnte ſih fort, da er, wie er dem Marquis de Bievre offen geſtand, in ſeine Neigung fuͤr Carolinen zuruͤckzufallen fuͤrchtete, und nur der Gedanke, daß ihr bei den jetzigen drohenden Umſtaͤnden ein Beſchuͤtzer noͤhig ſei, hielt ihn noch zuruͤck. Zum Gluͤck fuͤr ihn und Alle zogen jedoch die Wolken, die ſich jeden Augenblick ihrer Todes⸗ pfeile entladen zu wollen ſchienen, noch ein⸗ mal an dem Himmel Frankreich voruͤber. Noch einmal trat die Sonne durch den Schleier, den 16¹ ſie um ſich hergezogen hatte, und warf ein Streiflicht auf den Hof von Verſailles, das ihm den Weg aus dieſem Irrſale haͤtte zeigen koͤnnen. Herr von Breteuil nahm ſeinen Ab⸗ ſchied; der Koͤnig gab'die verhafteten Deputir⸗ ten frei, und verſprach die Einberufung der General⸗Staaten, welche uͤber das Beſtehen der Eour Pleniere und die ſonſtigen Beſchwerden des Volkes entſcheiden ſollten. Den zum offnen Aufruhr bereiten Buͤrgern fielen die Waffen aus der Hand, ſie fraterniſirten mit den Sol⸗ daten, und waͤhrend man in Rennes mit Ju⸗ bel den zuruͤckkehrenden Geſandten entgegen zog und durch einen feſtlichen Empfang ſie fuͤr die Qualen des Kerkers zu entſchaͤdigen ſuchte, herrſchte auch derſelbe Enthuſiasmus im ganzen aͤbrigen Frankreich. Aber der Sturm erwachte bald wieder von Neuem. Der Bankerott, den Herr von Brienne erklaͤrte, ſtieß das Rad an, das ſich von jetzt immer ſchneller herumwaͤlzte, ganz Europa durchfurchte, in ſeinem reißenden Laufe zerſchmetterte, wer in ſeine Felgen II. 11 162 * — greifen wollte, und in Brand ſetzte, was es beruͤhrte. Das Volk war zu gedruͤckt, zu aufge⸗ klaͤrt geworden, um laͤnger ſeine Erniedrigung zu ertragen; aber es war zu berauſcht, um ſeinen Sieg ohne Uebermuth anzunehmen, zu leichtſinnig, um ihn auf Intereſſen zu legen. Wie ein Verſchwender griff es das Kapi⸗ tal an, und ſprach zuletzt nur noch von Frei⸗ heit, wie der ungluͤckliche Spieler noch als Bettler die Manieren des Weltmannes an ſich traͤgt. Herr von Reynaud hatte, wie alle ed⸗ lern Gemuͤther, nur die ſchoͤnere Seite erblickt und ſich ihr mit Leib und Seele verſchrieben. Err hatte die Nothwendigkeit einer Revolutfon anerkannt, da ſich die Abneigung des Hofes, freiwillig und ernſtlich Verbeſſerungen zu geſtat⸗ ten, und Mißbraͤuche aufzuopfern, von denen er Nutzen trug, zu deutlich ausgeſprochen hatte. Ihn, den die Liebe zur Freiheit nach Amerika getrieben hatte, der, da ſein Herz in einem Kampf zwiſchen Pflicht und Neigung ſchwank⸗ te, mit um ſo groͤßerer Leidenſchaftlichkeit wie⸗ „ 163 der ſich dieſer Goͤttin in die Arme warf, ihn ergriff mehr als einen der ſchoͤne Taumel, mit welchem die damals von der neuern Philoſo⸗ phie getraͤnkten Gemuͤther den Schmuck ihrer Zeichen und Namen auf den Altar des Vater⸗ landes niederlegten, um durch die That die Gleichheit der Menſchheit zu beweiſen. Sie war⸗ fen ab, was ihnen im Auge des Volks Be⸗ deutung gab, und waͤhnten es durch Tugend leiten zu koͤnnen, als ob eine durch einen lan⸗ gen Krebs verderbte Menge ſie zu begreifen, noch mehr, ſich durch ſie imponiren ließe. In Revolutionen muß ein Grandiſon untergehen, weil die Leidenſchaften mehr als die Vernunft regieren. Erziehung des Volkes vermeidet eine Revolution, wer aber durch eine Revolution ein rohes Volk erziehen will, muß die Zuͤgel feſt halten, wenn nicht der Schuͤler den Leh⸗ rer ſchlagen ſoll. Der Marquis von Bievre verhehlte weder ſeinem Freunde noch deſſen Onkel, welcher Mitglied der eonſtitutirenden Verhandlungen geworden war, ſeine Be⸗ ſorgniſſe. Ihr kommt mir vor, ſag ein Arzt, der ein neues Syſtem erft und nun zu einem Kranken gerufen wird. Er paßt die Kur nicht der Krankheit an, ſondern er zwingt dieſe in ſein Syſtem, und uͤberlaͤßt es dann dem Himmel, ob er helfen will. Statt das Volk von innen heraus ſeine Conſtitu⸗ tion verbeßern zu laſſen, wollt ihr es in eine fremde Conſtitution ſtecken, wie man wunde Menſchen in friſche Schaafsfelle naͤht. Aber wenn es durchreißt, fuͤrchtet ihr dann nicht, daß es die ungeſchickten Doktoren mit zer⸗ reißt?— 8. Noch unwilliger ſchuͤttelte er den Kopf, als er die Aufloͤſung der Verſammlung vernahm. Wie, ſagte er, heißt das gewiſſenhaft ſein? Weil ihr dem Patienten etwas verſchrieben habt, glaubt ihr ihn verlaſſen zu koͤnnen? Wenn ihr euch nun verſchrieben habt? Ihr habt nicht blos euch, ihr habt das Wohl Frank⸗ reichs gemordet. Nicht wahr, ihr haltet euch fuͤr wunderbar edel und uneigennuͤtzig, weil 8* 165 ihr diktirt habt, die jetzt beſtehende Verſamm⸗ lung duͤrfe euch nicht in ihren Schooß aufneh⸗ men? Aber ihr ſeid nur dumm geweſen. Ihr hattet einmal euern Geſchmack an Theo⸗ rien befriedigt und waͤret nach eurem Cham⸗ pagner Rauſche am Ende doch zum Praktiſchen üͤbergegangen. Nachdem ihr euer Haus ſo ge⸗ baut, haͤttet ihr es auch meublirt und euch drin zeinrichten koͤnnen. Aber auf einmal ergreift euch der Schwindel und ihr lauft davon. Und die neue Verſammlung kommt mit neuen Anſich⸗ ten, und der hohe und edle Styl ſteht ihr viel⸗ leicht nicht ſo an. Und wer baut nicht gern* Jeder, bis er ſeine Luſt gebuͤßt hat. Da wird es an ein Einreißen, Umwerfen, Zimmeren und Mauren gehen, bis die Geſellen und Handlan⸗ ger es muͤde werden und eueren Nachfol⸗ gern, den Geſetzgebern, die Steine an die Koͤpfe werfen. Wenn ſie das wieder muͤde ſind, kann man wisder etwas mit ihnen anfangen, aber bis dahin koͤnnen wir alle eingeſchaufelt ſein. Wenn ich wie Sie waͤre, Herr von Ble⸗ 166 — naye, ich machte mich aus dem Staube. Wenn Sie Frau und Geld mitnehmen, fuͤhren Sie uͤberall ein annehmlicheres Leben, als hier, wo man laͤngſt vergeſſen hat, was leben heißt. — Gehen Sie mit? fragte Herr von Blas naye. 99372G — Nein; die Englaͤnder haben mir Einen Fluͤgel abgeſchoſſen, der Reſt ſoll degigſtent in Frankreich bleiben. 1 — Wenn es ruhiger wird, kehren wir zuric. — Wenn Sie eine Kanone abfeuern, ſo wiſſen Sie, wo die Kugel ausgeht, aber nicht wo ſie niederfaͤllt. Den Anfang der Revolution wiſſen wir Alle, aber das Ende weiß niemand. Ich bin reſignirt. Da die Politik die Men⸗ ſchen vor lauter Aufopferung fuͤr die ganze Welt eigennuͤtzig, vor lauter Humanitaͤt un⸗ ausſtehlich gemacht hat, ſo habe ich angefan⸗ gen, mich auch in mich ſelbſt zWruͤckzuziehen, und mich einem ſtillen, beſchautiehen Leben zu widmen, bei dem ich wenigſtens nie auf's Trocke⸗ ne komme. Ein einſamer Rauſch iſt zwar klaͤg⸗ 167 lich, aber es iſt doch noch Poeſie gegen eine nuͤchterne Geſelligkeit. „Herr von Blenaye verſprach es⸗ z ericdog der Chevalier jedoch, der wieder ſeine fruͤhere Stelle eines Adjutanten des Marquis Lafayette bekleidete, war weit entfernt, ſich den duͤſtern Prophezeiungen des Herrn von Bievre hinzu⸗ geben, ſondern deutete nur immer mit Stolz auf die ſiegreichen Kaͤmpfe, weiche die Volks⸗ verſammlung, ſo wie die Regierung gegen die Despotie des Hofes, und die Anarchie des Poͤ⸗ beis beſtanden habe, und verwies auf die Folge, in welcher die Nation die Segensfruͤchte dieſer Beſtrebungen einaͤrndten wuͤrde. Aber die Nachrichten, die aus den Departe ments eingiengen, ſtraften leider dieſe ſchoͤnen Hoffnungen nur zu bald Luͤgen. An den entgegen⸗ geſetzten Punkten waren beinah zu gleicher Zeit Unruhen ausgebrochen. Avignon, von den auf⸗ regenden Prinzixien umgehen, konnte ihrer An⸗ ſteckung nicht fremd bleiben und war es auch nicht geblieben. Nachdem die Buͤrgerſchaft zuerſt, unter 168 der Erklaͤrung, daß ſie dem heiligen Stuhle treu bleiben wollte, demſelben mehrere Ver⸗ beſſerungen aufzudringen verſucht hatte, ging auch dort die Herrſchaft ſchnell in die Haͤnde der heftigeren, leidenſchaftlicheren Partei uͤber. Dieſe ſogenannten Patrioten hatten es bald dahin gebracht, daß, wer etwas zu verlieren hatte, Avignon verließ, worauf ſie gegen das Venruſſin zogen, und nachdem ſie die gegen ſie abge⸗ ſchickten Truppen auf ihre Seite gebracht, ihr Pluͤnderungsgeſchaͤft im Großen trieben. Meh⸗ rere Staͤdte wurden erobert und ausgebeutet, und was gefangen wurde, nach Avignon ge⸗ ſchleppt. Krieg und Pluͤnderung war die Lo⸗ ſung. Der Jakobinerklubb dekretirte den Auf⸗ ruͤhrern Dankſagungen. Die Erklaͤrung der National⸗Verſammlung, welche Avignon mit Frankreich vereinigte, gab den Raͤubern noch freieres Spiel. Der Beamte, welcher das Gut des Herrn von Blenaye bei Aix verwaltete, verlangte drin⸗ gend, daß man ihm ſeine Verantwortlichkeit 169 abnaͤhme, und daß jemand ihm zu Huͤlfe kaͤme, der unter ſo ſchwierigen Verhaͤltniſſen, beſſer als er, geeignet ſei, bei dem immer weiter grei⸗ fenden aufruͤhreriſchen Geiſte dem Sturme die Stirn zu bieten. Herr von Bievre erbot ſich freiwillig zu dieſem Geſchaͤfte, da Herr von Blenaye nach Rennes zuruͤckkehren mußte, um ſeine wichtigen Angelegenheiten daſelbſt in Ord⸗ nung zu bringen, und der Chevalier ſeinen Poſten nicht verlaſſen wollte. Im September des Jahres 1791 reiſte er ab. Es war faſt dunkel, als er in Nions ein⸗ traf; aber er wollte durchaus noch denſelben Abend auf dem Gute ankommen und fuhr da⸗ her, ohne ſich aufzuhalten, ſogleich weiter. Er war jedoch noch mehrere Stunden von Belleterre (ſo hieß die Beſitzung) entfernt, uls der Poſtlllon, der keinen Schritt vor ſich ſehen konnte, den Wa⸗ gen in einen Graben warf. Das ganze Land, ſeufzte Bieore, iſt in Aufſtand, und ich allein liege hier, mit der Ausſicht auf ein kaltes Nachtlager. Statt eines Abendeſſens kann ich meinen Aer⸗ . † ger herunter ſchlucken, denn die Zeiten ſind ja ſo, daß ich den verdammten Kerl dafuͤr, daß er mich umgeworfen hat, nicht einmal ein kleines Donnerwetter an den Kopf werfen darf. Der Poſtillon zeigte ſich indeß zahmer und arkiger, als zu befuͤrchten war. Er entſchuldigte ſich hoͤflich bei dem Reiſenden fuͤr das unfreiwillige Ungluͤck und troͤſtete ihn mit der Verficherung, daß keine hundert Schritte entfernt Schloß Carre liege, wo man ihn gewiß die Nacht uͤber mit Vergnuͤgen aufnehmen wuͤrde, denn an Weiter⸗ fahren ſei nicht zu denken, da ſich ſonſt das eben gemachte Experiment noch oft und viel⸗ leicht mit ſchlimmern Folgen wiederholen koͤnnte. Der Marquis rieb ſich verdrießlich die Seite, die ihn bedeutend ſchmerzte, und ihm den Vor⸗ ſchmack eines aͤrgern Falles gab, machte gute Miene zum boͤſen Spiele und ließ ſich, als der Wagen wieder aufgerichtet war, nach dem Schloſſe fuͤhren, das nur noch durch ſeinen dunkleren Schatten aus der Nacht hervortrat und wenig Freundliches verſprach. Ein alter, 171 muͤrriſch ausſehender Diener oͤffnete auf das Rufen des Poſtillons, und fuͤhrte Herrn von Bievre„ als dieſer ſeinen in dieſer Gegend nicht unbe⸗ kannten Namen genannt hatte, in den großen Saal. Darauf beurlaubte er ſich, um ihn ſei⸗ nem Herrn zu melden. Ein flackerndes Kamin⸗ feuer lud den Reiſenden, da der Abend etwas ſtuͤrmiſch geweſen war, in ſeine Naͤhe und troͤſtete ihn etwas fuͤr das ziemlich lange 2 Aus⸗ bleiben des Schloßherrn. Statt ſeiner erſchien der Diener wieder und forderte Herrn von Bievre auf, ihm in das Speiſezimmer zu fol⸗ gen, wo ihn ſein Gebieter erwarte. Der Mar⸗ quis folgte, eben nicht erbaut davon, daß je⸗ ner nicht ſelbſt gekommen ſei, ihn einzuladen, war aber noch mehr betroffen, als er in dem⸗ ſelben den Praͤſidenten Gauthier erkannte. Ob⸗ gleich die lange Abweſenheit von dem Suͤden Frankreichs ihm den Namen dieſes Schloſſes ganz aus dem Gedaͤchtniſſe gelöͤſcht hatte, ſo hatten ſich ihm die Zuͤge ſeines Beſitzers doch zu tief in daſſelbe eingegraben, als daß ſelbſt die Veraͤnderung, welche das Alter in ihnen hervor⸗ gebracht hatte, ihn haͤtte im Zweifel laſſen koͤnnen. Welcher Unterſchied zwiſchen ihm und dem ruͤ⸗ ſtigen, friſchen Herrn von Blenaye, ſeinem Jugendfreunde! Seinen Koͤrper hatten aber nicht blos die Jahre gebeugt, das Ungluͤck hatte ihn niedergedruͤckt, leidenſchaftlicher Schmerz tiefe Furchen durch ſein Geſicht gezogen„ und aus dieſem ſcheuen, und doch zuweilen ſtrengen Blick, ſprach Gewiſſensangſt und Haß gegen ſich und die Menſchen. Der Praͤſident gieng ſeinem Gaſte langſam entgegen, und, indem er ihm einen ſchnellen Blick zuwarf, gleich darauf aber die Augen nieder ſchlug, ſagte er mit einem gezwungenen Laͤcheln: Seien Sie mir willkommen, Herr Marquis. Es war eine un⸗ heilvolle Zeit, als wir uns zuerſt ſahen, und in einer unheilvollern ſehen wir uns wieder. — Laſſen wir die eine ruhen, antwortete Bievre ernſt, und hoffen wir, daß die andere uns in Ruhe laſſe. — Ruhe? knirſchte Gauthier. Wie lange iſt 173 es her, daß wir uns in Paris ſahen? Fuͤnf⸗ zehn Jahre, wie? Seit der Zeit iſt die Erde mir nicht mehr gruͤn, der Himmel nicht mehr blau erſchienen, ſeit der Zeit war mir die Welt, das Leben finſtre Nacht. — Vater, ſagte ein junges Maͤdchen, das eben hinzutrat, dein Gaſt wird muͤde und hun⸗ grig ſein, und ſich nach einem heitereren Emp⸗ fange ſehnen. — Du haſt Recht, Clemence, antwortete der Praͤſident, ſich mit der Hand uͤber die Stirn fahrend. Herr von Bievre, ich habe die Ehre, Ihnen meine Tochter vorzuſtellen, die Sie zu Tiſche zu fuͤhren wuͤnſcht. 1 Der Marquis verbeugte ſich und nahm mit ſichtlicher Ueberraſchung den Arm des Maͤdchens an, deſſen Geſicht faſt noch kindlich war, waͤh⸗ rend ihr Wuchs ſchon die ausgewachſene Jung⸗ frau verrieth. — Ich wußte nicht, Herr Praͤſident, ſagte er, daß Sie Kinder haͤtten. 174 Der Praͤſident nickte ſtumm, waͤhrend Cle⸗ mence ſeine Hand ergriff und ie an ihre Lippen druͤckte. 4 Bei Tiſch erzaͤhlte der Marquis, was ihm jetzt hieher fuͤhre. Der Praͤſident wunderte ſich daruͤber, daß jemand den Muth habe, fuͤr An⸗ dere zu thun, was jetzt ſo viele nicht fuͤr r ich wagten. — Wer rechten Muth hat, bemerkte Fraͤu⸗ lein Clemence, laͤuft, glaub' ich, uͤberall die wenigſte Gefahr. — Sehr wahr, antwortete Bievre. Wer ihr feſt ins Auge blickt, vor dem weicht ſie zu⸗ ruͤck, wie man auch vom Loͤwen erzaͤhlt, daß er davon laͤuft, wenn man ihn keck und un⸗ verwandt anſtarrt. Es ſteht manches gar ſehr verwirrt und aͤngſtlich aus, was doch leicht ſich fuͤgt, wenn man entſchieden dazwiſchen tritt. Und iſt denn uͤberhaupt die Stimmung ſo arg hier zu Lande? — Wollen Sie nach der Stinunung einer Raͤuberbande fragen? Seit die Verſammlung 175 den Aufruhr genehmigt, durch welchen der Poͤbel von Avignon ſich vom Pabſte, d. h. von allen Geſetzen des Staates und der Menſchheit los⸗ geſagt hat, iſt das ganze Land nur eine Moͤr⸗ dergrube. — und doch haben Sie Ihr Lager in der⸗ ſelben aufgeſchlagen. — Wo ſoll ich hin? Wird nicht uͤberall der, welcher der Menge nicht gefaͤllt, todt geſchla⸗ gen? Gilt dieſe Freiheit nicht uͤberall fuͤr den Wunſch der Geſellſchaft, fuͤr den Wunſch derer, welche die Geſellſchaft aufgeloͤſt haben: gibt man ſich nicht uͤberall daran, die Rechte der Voͤlker auf die Verletzung der Menſchenrechte zu gruͤnden und philoſophiſche Grundſaͤtze auf Mordthaten bauen zu wollen? Und wenn ich denn einmal irgendwo mit meiner Perſon be⸗ zahlen ſoll, ſo will ich es doch am liebſten in meinem Eigenthum, wo die Gruft meiner Vaͤter zur Hand iſt. — Aber Ihr Fraͤulein Tochter? — Ich fuͤrchte nichts, rief dieſe mit Waͤrme. ——ꝑnp—n 176 Unſere Diener lieben uns; die Rotte Jourdans und ſeiner Kameraden wird ſich nicht bis hieher wagen und kleinen Schaaren werden wir die Spitze zu biten wiſſen. — Ach mein Fraͤulein, antwortete der Mar⸗ b quis laͤchelnd, wenn unſere Landsleute noch rechte Franzoſen waͤren, ſo wuͤrde ein Blick dieſer Augen hinreichen, ſie auf ewig zu feſſeln und zu Ihren Gefangenen zu machen, aber ich fuͤrchte, jetzt gehoͤrt ein groͤberes Feuer dazu. — Ich ſcherze nicht, ſagte Fraͤulein Gauthier trocken. Hat doch Demoiſelle Puzy ihr Schloß ver⸗ theidigt, wie ein Mann, und ſich nicht geſcheut, die angreifenden Raͤuber mit eigener Hand zu erlegen, warum ſollte ich es nicht, um meinen geliebten Vater zu ſchuͤtzen! 3 — Ich fuͤhle mich an das Schloß gebunden, ſagte Gauthier duͤſter. Es kleben keine freundli⸗ chen Erinnerungen an demſelben, aber es iſt ein Zauber, der mich in ſeinen Kreis feſtbannt. Und ich habe ſo vieles in demſelben ertragen, 177 ohne zu erliegen, daß ich hier dem Schickſal Trotz bieten zu koͤnnen glaube. Das Auge der Tochter ſchwamm in Thraͤ⸗ nen. Der Praͤſident bemerkte es und ſtand auf. Herr von Bievre, ſagte er, entſchuldigen Sie einen armen Einſiedler, der ſich ſeit einer Reihe von Jahren wie eine Uhr zu leben gewoͤhnt hat, wenn er Sie jetzt ſchon verlaͤßt. Laſſen Sie ſich durch unſern Aufbruch nicht ſtoͤren. Mein Die⸗ ner wird alle Ihre Befehle befolgen. Morgen ſehen wir uns noch. Herr von Bievre wuͤnſchte ſeinem Wirthe gute Nacht, und ſagte zugleich ſeinen Dank fuͤr die ihm gewordene Aufnahme, da er mor⸗ gen ſehr fruͤh abzureiſen denke und daher nicht wiſſe, ob er noch das Vergnuͤgen haben koͤnnte, ſich dem Praͤſidenten und ſeiner ſchoͤnen Toch⸗ ter vorzuſtellen.— Als dieſe ſich entfernt hat⸗ ten, verſuchte der Marquis es noch einige Zeit allein an der Tafel auszuhalten, aber es mun⸗ dete ihm nicht, und die ganze Umgebung ſchien ihm ſo unheimlich, daß er ſich von dem ſchweig⸗ 3 II. 4 12 178 ſamen Diener nach dem Schlafzimmer fuͤhren ließ. Die Aufregung ließ ihn wenig ruhen und ſchon mit Tagesanbruch eilte er ſelbſt nach den Hof hinab, ſah ſich nach ſeinem Wagen um und ſetzte ſeine Reiſe fort, nachdem er dem Bedienten nochmals ſeine Empfehlungen an den Praͤſidenten aufgetragen hatte. Der Verwalter empfieng Herrn von Bievre mit der lebhafteſten Freude, da er, voll Liebe und Treue fuͤr ſeinen Herrn, ſich in der letzten Zeit faſt nicht mehr zu helfen gewußt hatte. Er fuͤhrte ihn ſogleich in die Zimmer des Herrn von Blenaye. Der Marquis erkundigte ſich unver⸗ zuͤglich, wie es auf dem Gute ausſehe. Schlecht, antwortete der Verwalter. Die gezwungenen Requiſitionen haben uns ausgeſogen, und was uns noch blieb, haben wir noch Aermern mit⸗ getheilt, die aus Haus und Heimath vertrieben oder gefluͤchtet, halb verhungert voruͤberzogen. Es iſt eine harte Zeit, gnaͤdiger Herr. Apro⸗ pos, ſagte er, im Fortgehen ſich noch einmal umwendend, wir haben auch einen Gaſt hier, ——y; 179 aber auch einen, den man lieber gehen als kom⸗ men ſieht, den Abbe Muͤlot, den Koͤniglichen Komiſſar. — Wie kommt der hieher? fragte der Mar⸗ quis verwundert. — Oh, erſt hat er mit den Raͤubern aus Einer Taſche geſpielt, hernach iſt es zum Zan⸗ ken gekommen und jetzt ſind ſie wie Spin⸗ nen, die ſich untereinander auffreſſen. Er iſt hier krank geworden, ich glaube vor Schrecken, und da mußten wir ihn aufnehmen. Werden Sie mit ihm zuſammen ſpeiſen? — Gewiß. Bei Tiſch lernten ſich die beiden Herren ken⸗ nen. Der Abbe war ein kleiner, dicker Mann mit einem ſehr rothen Geſichte. Die ungewoͤhn⸗ liche Kleinheit ſeiner Augen wurde nicht durch die Breite des Mundes erſetzt, der eine vor⸗ treffliche Reihe Zaͤhne blicken ließ. Die Naſe verrieth den Schnupftabak. Der Abbé gieng mit ziemlicher Lebhaftigkeit auf den Marquis u, und bat mit zierlichen Reden um Entſchul⸗ 180 digung, daß er ſich ſo lange in dem Schloſſe einquartirt habe. Herr von Bievre antwortete hoͤflich, aber mit großer Zuruͤckhaltung, denn, dachte er, Spitzbube bleibt Spitzbube, wenn er ſich auch nicht mehr zu ſeinen Spieß⸗ geſellen haͤlt. Der Abbe ſuchte waͤhrend der Mahlzeit, der er mit großem Appetit zuſprach, mehr Waͤrme in das Geſpraͤch zu bringen, aber ſeine Bemuͤhung ſcheiterte an der uͤberlegten Kaͤlte ſeines Tiſchgenoſſen. — Ich freue mich, ſagte er etwas ſpoͤttiſch, daß dieſes Schloß hier ſo heilbringende Wir⸗ kung hat, denn wie mir ſcheint, haben Sie Ihre Krankheit gluͤcklich uͤberſtanden! Der Abbe druͤckte die Augen noch mehr zu, ſchoß jedoch durch die beinah geſchloſſenen Au⸗ genlieder einen ſcharfen Blick auf den Marquis heruͤber. Sie haben Recht, antwortete er mit ſeinem ſuͤßlichen Ausdruck, den er gewoͤhnlich beibehielt, ohne daß man wußte, ob es Fro⸗: nie, Koketterie oder Natur war. Aber mein Unwohlſein war in der That nur unbedeutend. 181 — Schreck und Aerger hatten mich ploͤtzlich nie⸗ dergeworfen, ehe ich mich dagegen wehren konn⸗ te. Ach, Herr von Bievre, ſetzte er hinzu, indem er ſich die Augen trocknete, es war ein harter Schlag, der mich getroffen hat und wehe Jourdan, wenn er mir in die Haͤnde faͤllt. — Wie, rief der Marquis erſtaunt, Jour⸗ dan? Man hat mir geſagt, Sie ſeien be⸗ freundet mit ihm. — Man hat mir Unrecht gethan. Ich wurde als Koͤniglicher Kommiſſair nach Avignon ge⸗ ſchickt, um den Zuſtand der Sachen in dieſer Stadt zu unterſuchen. Natuͤrlich mußte ich die Patrioten, denen wir dieſen Beſitz verdan⸗ ken, welche von Freiheitsliebe beſeelt, zuerſt das paͤbſtliche Joch abgeſchuͤttelt hatten, bei mir ſehen, natuͤrlich ihnen mehr Gehoͤr geben, als den Tyrannenknechten, den feigen Sklaven, die nicht mit dem Geiſte der Zeit fortſchreiten wollten. Aber Freund war ich ihnen nie, we⸗ der Jourdan, dieſem entlaufenen Galeerenſkla⸗ ven, dem Kopfabhacker von Verſailles, noch 182 Mainville, Duprat und Leruyet, ſeinen Hel⸗ fershelfern. — Als Koͤniglicher Kommiſſar tonnten Sie ja hindern, was Ihnen nicht genehm war. — Sie vergeſſen erſtens, daß mir die Haͤnde gebunden ſind, und dann, daß man die Scenen dort nicht nach dem Maaßſtabe der gewoͤhnlichen Moral beurtheilen muß. Wohl blutet mir das Herz, wenn ich an manches Geſchehene denke —er trocknete ſich wieder einige Thraͤnen ab— aber ein Volk, das nach langer Unterdruͤckung erwacht, muß ſich austoben, und die Freiheit laͤßt ſich nicht nach dem Katechismus be⸗ ſchraͤnken. — Es giebt einen Katechismus der Ehre, ſagte der Marquis unwillkuͤhrlich heftiger wer⸗ dend, den man nie uͤbertreten ſollte. Der Abbe laͤchelte. Ich bin kein Menſch von Stein, bemerkte er endlich, aber es iſt eine Zeit, wo man keine Zeit hat, alles gar zu ge⸗ nau abzuwaͤgen Die Ereigniſſe ſitzen einem auf den Nacken und treiben einen vorwaͤrts — Wer ſtehen bleibt, wird erdruͤckt. Man muß ſelbſt anfaſſen, oder ſich herum werfen laſſen, Opfer oder Meſſer ſein. Wer den Finger da⸗ zwiſchen legt, verliert ihn. — Ob es aber nicht ſchoͤner iſt, Opfer, als Henker zu ſein? — Das kommt auf den Geſchmack an, uͤbri⸗ gens wuͤrde ich Ihnen rathen, Ihre Meinung dar⸗ uͤber nicht zu laut werden zu laſſen. Bei mir hat das nichts zu ſagen, denn ich bin ein guter Menſch, und Ihr Gaſt. Aber ich empfehle Ihnen doch Vorſicht, denn es braucht nur wenig, ſich Feinde zu machen, und Feinde haben jetzt Dolche in den Haͤnden. Der Marquis ließ ſich nach Tiſch von dem Verwalter die Geſchichte von dem Unfalle des Kommiſſairs erzaͤhlen. en In Avignon waren mit Genehmigung Muͤ⸗ lots neue Behoͤrden eingeſetzt worden, welche die Graͤuelthaten, deren Schauplatz jetzt dieſe unglüͤckliche Stadt, ſo wie ihre Umgegend wurden, ſanktionirten. Im Grunde herrſchte Jour⸗ — 184 dan unumſchraͤnkt. Seine Kuͤhnheit, Grauſam⸗ keit und Kraft hatten ihm die unbeſtrittene Obergewalt uͤber die Rotte der Aufruͤhrer ver⸗ liehen. Nachdem in der Stadt faſt alle oͤffent⸗ lichen Gebaͤude, Stifter und Kloͤſter ausge⸗ pluͤndert worden waren, und die letzteren waren beſonders reich, zogen ſie auf das Land und ſetzten dort ihren Verheerungskrieg fort. In Sorgues beſonders hatten ſie es ſo arg gemacht, daß ſelbſt Muͤlot beinah in Zorn gerieth und uneingedenk ſeiner fruͤher fuͤr die Raͤuber an den Tag gelegten Freundſchaft und der Geſin⸗ nungen, welche, wie er wohl wußte, im Jakobi⸗ nerklubb von Paris herrſchten, Truppen gegen ſie anruͤcken ließ. Dieſe ſchlugen das Corps Jourdans, trotz deſſen Gegenwehr, in die 1 Flucht und nahmen mehrere gefangen. Aber Jourdan ließ ſogleich einige der angeſehenſten Einwohner aufgreifen, und drohte ſie unter den fuͤrchterlicſten Martern umbringen zu laſſen, wenn man ſeine Leute nicht frei gaͤbe. Nicht genug. Er uͤberfiel mit einigen ſeiner 185 Kameraden den Sekretair des Abbe Muͤlot, den dieſer wie ſeinen Sohn liebte, hieb ihn nieder, ſtach ihm die Augen aus, ließ ihn die Nacht uͤber unter freiem Himmel liegen und Tags darauf auf einem Karren nach Avignon fahren. Dort erſt ſtarb er. Dieſer Schlag war es, welcher den Koͤniglichen Kommiſſar ſo er⸗ griffen hatte. Aber es war nicht das Aergſte, was ſie thaten, wenn irgend unter einer ſo großen Maſſe von Schandthaten von einer Steigerung des Verbrechens die Rede ſein kann. Und das Schlimmſte iſt, ſagte der Verwalter, daß die Luſt am ungeſtraften Rauben leichter anzieht, als die Schuld vor der Suͤnde abſtoͤßt. Ueber⸗ all finden Sie Anhaͤnger, Spione dieſes Ge⸗ ſindels, und Leute, die auf den erſten Wink bereit ſind, ſich zu ihnen zu ſchlagen. Und was noch geſunden Herzens iſt, das ſuchen Emiſſai⸗ re zu bearbeiten und aufzuhetzen, oder wird von Schrecken feſtgehalten. Selbſt unſer Gut, Herr Marquis, iſt von der Seuche angeſteckt, und ich habe bereits manche Drohungen ausſtoßen 186 hoͤren, vor deren Erfuͤllung uns Gott bewahren moͤge. Und doch haben ſie es Aule ſe gut bei uns gehabt. Tags darauf, es war ein Sonntag, empfahl ſich der Abbe, um ſich nach dem Venaiſſin zu begeben. Am Thore wurde er von einer Maſſe Volks empfangen, die ihn, als er abfuhr, mit gro⸗ ßem Jubel und dem Geſchrei: es lebe die Frei⸗ heit, es lebe die Gleichheit! Nieder mit der Ariſtokratie! verfolgte. Der Abbé zog freund⸗ lich den Hut ab und dankte, im Wagen auf⸗ ſtehend, nach allen Seiten hin. — Haben Sie es gehoͤrt? fragte der Ver⸗ walter, indem er ganz leiſe zum Marquis trat, der duͤſter zum Fenſter hinunterblickte. — Was? Daß das Volk gute Lungen hat? O ja, aber wir wollen einmal ſehen, ob nicht die Stimme eines redlichen Mannes noch lau⸗ ter ſchallt und tiefer in das Herz dringt. — Auch iſt es nicht ihr Geſchrei, was ich am meiſten fuͤrchte. Aber da iſt eine Frau im Dorfe, der ich bisher, in ihrer Armuth, 187 — immer etwas vom Schloß habe zukommen laſſen, die hat mir eben ihren kleinen Jungen hergeſchickt mit der Nachricht, daß die Dorf⸗ leute, das undankbare, ſchaͤndliche Volk, Sie und mich heut in der Kirche ermorden wollen. Sie haben ſich geſtern in der Schenke daruͤber berathen und die infamſten Sachen von Ihnen ausgeſprengt. Der Junge ſagt, ich wills aber nicht behaupten, der Herr Abbé ſei auch dabei geweſen und der Judas habe erſt recht zum Aufruhr angefeuert. — Ich will dem Prediger einen Text ge⸗ ben, ſagte der Marquis bitter laͤchelnd, daß ſeinen Zuhoͤrern die Haare zu Berge ſtehen ſollen. Da der Gottesdienſt bald anfangen mußte, ſo ließ er ſich ſchnell ankleiden. Er zog die Uni⸗ form an, welche er in Amerika getragen, ſchnallte ſeinen ſchweren Saͤbel um, und machte ſich zu Fuß mit dem Verwalter, der ſich dicht an ihn hielt, auf den Weg nach der Kirche. Er begegnete nur Wenigen, die ihm trotzig 9 188 erggegenteeten zu wollen ſchienen, aber ſo kam, ſcheu zur Seite wichen. enthuͤr war eine groͤßere Menge je meiſten trugen ſchwere Knit⸗ tel und ſprachen laut und heftig miteinander. Als ſie den Marquis erblickten, ſchwiegen ſie Ploͤtzlich ſtill, draͤngten ſich aber dicht zuſam⸗ men, als ob ſie ſeinem Weitergehen ſich nur erſt auf dieſe Art widerſetzen wollten. Aus ihren Blicken ſprach hier Unentſchloſſenheit, dort Wild⸗ heit. Der Marquis fuͤhlte, daß das leichteſte Schwanken ſein Verderben herbeifuͤhren koͤnn⸗ te, und daß ein Umwenden die ganze Meute hin⸗ ter ſich herrufen hieße. Der Verwalter zitterte, Herr von Bievre aber ſchritt feſten Muthes vorwaͤrts. Einige Schritte vor dem Haufen ſtand ein Menſch vom Schloßhofe, der den Marquis dreiſt anzuſtarren affektirte und die Muͤtze auf dem Kopfe hielt. Herr von Bievre gab ihm einen Schlag in's Geſicht, daß die Kappe und faſt er ſelbſt mit zur Erde ſuͤrzte, und gieng darauf, als ob nichts vorgefallen waͤre, auf 189 den Trupp zu, der un willkuͤhrlich nach den Muͤtzen griff und zu beiden Seiten Platz mach⸗ te. Kaum war er aber hindurch, als die Bau⸗ ern zur Beſinnung zu kommen ſchienen, und anfangs in ein dumpfes Murren, dann in ein Wuthgeheul ausbrachen und die Knittel ſchwingend in die Kirche nachſtuͤrzten. Aber eben ſtimmten die bereits Anweſenden einen Geſang an, die Orgel fiel mit ihren maͤchtigen Toͤnen ein, und die Bauern verſtummten, draͤngten ſich aber dicht in einen Halbkreis, um den Marquis ſogleich nach Beendigung des Gottesdienſtes deſto ſicherer in Empfang neh⸗ men zu koͤnnen. Herr von Bievre ſah ſich ein paar Mal um, ſein Blick traf nur auf Tod drohende Geſichter, er ſelbſt aber veraͤnderte keine Miene. Als aber der Prediger auf die Kan⸗ zel ſtieg, und nach einem Gebete eben zur Pre⸗ digt uͤbergehen wollte, erhob er ſich ploͤtzlich, richtete ſich in ſeiner ganzen Laͤnge auf, faßte den Saͤbel bei der Scheide, hob ihn ſo bis zur Hoͤhe ſeiner Bruſt auf, ſchlug die Au⸗ 190 gen wie zum Gebet empor und rief mit lau⸗ ter, die ganze Kirche erfuͤllenden Stimme: O Herr mein Gott, verzeihe mir das Blut, das ich jetzt werde fließen laſſen!— Er faßte darauf den Saͤbel beim Griff, aber noch war die Scheide nicht klirrend auf die Steine herabgefallen, als auch ſchon die Bauern zu beiden Seiten zuruͤck⸗ geprallt und im naͤchſten Augenblick, ohne ſich umzuſehen, zur Kirche hinausgerannt waren. Jetzt predigen Sie weiter, ſagte der Marquis, ſetzte ſich ruhig hin, und wich bis zum Ende des Gottesdienſtes nicht von ſeinem Platze. Als er ſich mit dem Verwalter ſpaͤter nach dem Schloſſe zuruͤckbegab, trafen ſie niemanden auf ihrem Wege, der ihnen ein beleidigendes Wort geſagt haͤtte. — Sie haben eine Schlacht gewonnen, aber noch nicht geſiegt, ſagte der Verwalter zu dem Marquis, als dieſer ihn uͤber ſeine Furcht vor den ſo leicht zur Unterwerfung gebrachten Bau⸗ ern ein wenig aufzog. 191 — Nur etwas Geduld noch, antwortete Herr von Bievre. Die National⸗Verſammlung i*ſt endlich erwacht. General Lafayette hat unſern Chevalier, ſeinen Adjutanten, abgeſchickt, um ſich perſoͤnlich von der Lage der Dinge bei uns zu uͤberzeugen. Und in der That war die Ruhe noch keines⸗ wegs ſo hergeſtellt, daß man ſich ihr unbe⸗ kuͤmmert haͤtte uͤberlaſſen koͤnnen. Die Leute waren nur erſchreckt, aber nicht zur beſſeren Geſinnung zuruͤck gebracht worden. Je ſchimpf⸗ licher ihnen ihre Flucht vor einem einzigen Manne vorkam, um deſto mehr ſehnten ſie ſich, dieſen Flecken durch einen entſchiedenen Streich wieder auszuwetzen. Und doch waͤre, abge⸗ ſchloſſen von der uͤbrigen Welt, der Friede viel⸗ leicht auf dieſer Strecke heimiſch geworden, wenn das Dorf nicht zu ſehr im Strudel der Begebenheiten gelegen haͤtte, als daß es mitten in der Bewegung ſich haͤtte feſt halten koͤnnen. Allerdings hatten die Raͤuber ſich bis jetzt noch nicht ſo weit vorgewagt, dafuͤr aber einzelne . 192 aus ihrer Mitte abgeſchickt, die den Boden und die Gemuͤther zu ihren Gunſten bearbeiten ſoll⸗ ten. Die Bewohner, welche aus den von Jour⸗ dan eingenommenen Orten entflohen und den Fluch des Himmels auf ihre Verfolger herab⸗ flehten, fanden keinen Eingang bei den Bau⸗ ern, denen ſie als gehaͤſſige Ariſtokraten ge⸗ ſchildert wurden. Und als General Ferrièsres, welcher die Franzoͤſiſchen Truppen befehligte, und, wenn auch nur durch ſeine paſſive Hal⸗ tung, bisher noch das Corps Jourdans aus ſeiner Naͤhe abgehalten hatte, ſich weiter zuruͤck zog, ſo konnte man auch mit) Gewißheit vor⸗ herſehen, daß die Frechheit her Raͤuber weiter um ſich greifen wuͤrde. Sie ſprach ſich zuerſt in dem armen Avig⸗ non aus, in welchem die Patrioten, nach ſo oft wiederholter Pluͤnderung, noch zuletzt eine Nach⸗ leſe hielten, worauf ſie, da die Unzufriedenheit der Einwohner uͤber die Schaͤndung der Heiligthuͤ⸗ r immer drohender wurde, mit allen ihren Lae abzuziehen beſchloſſen. Ein Haufen 2 Mlu, he ude fprengte nach einigen Stunden noch einmal zu⸗ ruͤck, uͤberfiel das Leihhaus und ſchleppte alles fort, was von Werth war. Ein ſolcher Ranb mußte weniger die Vermoͤgenden, als die Aer⸗ meren in ihren Intereſſen angreifen. Auch brach auf die erſte Nachricht von dem Vorfall der ſo lang zuruͤckgehaltene Ingrimm der Buͤrger ploͤtz⸗ lich mit der fuͤrchterlichſten Heftigkeit in helle Flammen aus. Es war ſchon Abend geworden, aber ſelbſt das hielt die Einwohner nicht zuruͤck. Alle Fenſterſchlaͤge wurden, wie auf Befehl, uͤberall wieder aufgeſtoßen, und Lichter vor die Scheiben geſtellt, daß die Stadt wie im Glanze einer feſtlichen Illumination ſchwamm. Aus al⸗ len Thuͤren ſtuͤrzten die Einwohner, arme und vermoͤgende, die nicht zu der Partei Jourdan's gehorten, auf die Straßen, und verſchworen ſich, die lange Schmach an ihren Unterdruͤckern zu raͤ⸗ chen. Einige wollten Sturm laͤuten. Die Kluͤ⸗ gern aber wehrten dies und ſchnitten ſelbſt die Glockenſeile entzwei, damit der Laͤrm nicht Jourdan ſelbſt zuruͤckrufe. Die Maͤnner ſtuͤrzteit U. 13 4 nach dem Leihhauſe hin, wo man die Raͤnber noch mit Theilung der Beute beſcha ͤftigt fand. Die uͤberraſchten Pluͤnderer wurden niederge⸗ macht, wo ſie ſich blicken ließen. Wer noch im Hauſe gefunden ward, wurde aus den Fenſtern auf das Pflaſter herabgeworfen und unten vol⸗ lends getoͤdtet. Lecuyer, der Anfuͤhrer der Ban⸗ de, und ein beſonderer Freund Jourdan's, wurde lebend herausgeſchleppt und nach der Barfüßzerkirche gezogen, wo die Weiber waͤh⸗ renddeß ſich verſammelt hatten. Er bat um ſein Leben, man verhoͤhnte ihn. Er drohte mit der Rache ſeiner Kameraden, man trieb ihn unhit Fußtritten weiter. Er warf ſich auf die Erde und woll ſte nicht auf. Zwei Leute packten ihn bei aitar, we ſie ihn, blutend, mit zerriſſenem Ge⸗ ſichte, fallen ließen. Unter den Frauen glaubte ſtens. ſein Leben gehorgen. Er verſpracht de ſo viel man verlangte, aber die Shae hitengicts⸗ wollten nichts hoͤren, Beinen und ſchleiften ihn bis zum Hoch⸗ Menſchen vor: ſich, netbnan n 9 195 lange Schrecken eingefloͤßt, ſie geſchmaͤht, miß⸗ handelt, ausgezogen, ihre Freunde, Gatten, Kinder hatte morden helfen. Ein Weib, das keine andere Waffe fuͤhrte, nahm eine Scheere, die ihr an der Seite hing, und ſtieß ſie ihm in den Leib, eine andere ergriff ihn bei den Haaren und zerſchlug im den Kopf auf den Steinen! „Jourdan war waͤhrenddeß mit den Sarde weiter marſchirt. Niemand wußte, wohin es ging, auch war es allen ziemlich gleichguͤltig, wenn es nur unterwegs uͤberall etwas mitzu⸗ aahmen gab. Uebrigens ſetzten ſie ein unerſchuͤt⸗ terlichrs Zutrauen in ihren Anfuͤhrer. Dieſer hatte einen beſondern Zweck bei ſeinem Zuge, den er aber, weil er perſoͤnlich war, niemanden mitzutheilen Luſt hatte, einen Zweck, den er ſchon lange vor Augen hatte, aber erſt jetzt, nach Entfernung der Soldaten, ganz erreichen konnte. Wohin er kam, ſchloß ſich alles Geſindel ihm an, Doch hatte er ſtreng befohlentz daß man nur im Falle der aͤußerſten Noth, morden 196 Und ſonſt alle Gefangene ihm vorfuͤhren ſolle. Er behielt ſich vor, das Urtheil uͤber ſie zu ſprechen. Eine Streifpartei war noch in der erſten Nacht bis auf das Gut Belleterre gedrungen und von mehreren Bauern mit Freuden begruͤßt worden, die ſie leicht zu einem Angriff auf das Schloß beredeten. Mainville, der Anfuͤhrer, verbot Laͤrm zu machen, und ſich der Feuerge⸗ wehre zu bedienen. Ein Knecht fuͤhrte die Raͤu⸗ ber durch eine Hinterthuͤr des Parks bis in den Hof. Ueberall herrſchte die tiefſte Stille, nie⸗ mand wagte es, ſich zu widerſetzen, der Mar⸗ quis war verrathen und verkauft. Einige von dem Korps faßten unten Poſto, waͤhrend Main⸗ ville mit andern ſich hinaufſchlich und bis in das Schlafzimmer des Herrn de Bievre drang. Erſt bei dem Geraͤuſch, welches das Aufſchließen der Thuͤr machte, erwachte er aus ſeinem Schlaft. Er wollte zu ſeinen Piſtolen greifen, die immer geladen neben ſeinem Bette lagen, aber drei bis vier ſeiner Feinde fielen ihm in den Arm, waͤhrend andere ſich auf ihn warfen 197 und ihn feſt hielten, daß er ſich nicht ruͤhren konn⸗ te. Bindet ihn, befahl Mainville, als er ſah, daß der Marquis ſich noch wie ein Verzweifel⸗ ter wand, um ſeine Gegner abzuſchuͤtteln. Schur⸗ ken, feige Schurken, rief Bievre, die ihren Mann im Schlaf uͤberfallen, weil ſie nicht Muth haben, ihm bei Tage ins Geſicht zu ſes hen.— Er glaubte, er habe es nur mit ſeinen Bauern zu thun, die ſich jetzt an ihm raͤchen wollten. Mainoille benahm ihm jedoch ſeinen Irrthum, indem er ſich mit Stolz als einen der Unterkommandeurs Jourdan's anzeigte. Noch ſchlimmer, knirſchte der Marquis, ſo ſoll ich. ſchon bei Lebzeiten mit Teufeln Bekanntſchaft machen. Mainville lachte auf. Es koͤmmt dar⸗ auf an, Bruͤderchen, ob ſie Dir ihre Bekannt⸗ ſchaft lang goͤnnen werden. Wir ſind den Leu⸗ ten nie lange laͤſtig geworden.— So ſtoßt zu, daß. ich Eure widerwaͤrtigen Geſichter los werde. Iſt gegen die Ordre.— Kommandant, ſchrie einer von der Bande, ich weiß nicht, wie ich. den ariſtokratiſchen Hund binden ſoll. Er hat 198 — nur einen Arm.— Verſteht ſo ein Strick nicht einmal das Binden! ſagte der Marquis, häͤtte ich den Arm frei, ich wollte dir eine Schlinge umwerfen, daß Du Maul und Naſe aufſper⸗ ren ſollteſt. Achfuskren Sin Sor aden rn — Vorwaͤrts! vorwaͤrts! herrſchte Mainville Wer duͤrfen uns nicht lange aufhalten. Hinaus mit dem Gefangenen. Pluͤndert das Haus und dann aufgebrochen. 84 228 333 da — und wenn ich nicht mitgehen will? — So wird man das fuͤr boͤſen Willen hal⸗ ten, antwortete Mainville hoͤhniſch, und Dir die Beine abhauen, damit Du wenigſtens eine Entſchuldigung haſt. 6 2uar Pdmazen Der Marquis zuckte die Achſeln und ging zwiſchen vier Raͤubern die Treppe hinunter. Zwei derſelben banden ihn zwiſchen ihre Pferde und ritten mit ihm nach dem Ausgang des Parkes zuruͤck. Dort mußten ſie noch eine Stunde warten, bis die Uebrigen mit Ausraͤu⸗ mung des Schloſſes fertig waren. Da jetzt Schweigen nicht mehr Noth war, ſo ging dies 129 1 15925 Geſchäft unter dem lauten Jubel der Bande und der Dorfleute vor ſich, die redlich dabei halfen, wenn ſie gleich ſich mit dem geringſten Theil an der Beute, beſonders mit dem begnuͤ⸗ gen mußten, was nicht fortzuſchleppen war. Als Mainville ſich mit den ſeinigen entfernen woll⸗ te, brachten einige Bauern den armen Ver⸗ walter herbei, der ſich beim erſten Laͤrm ver⸗ ſteckt hatte, aber dennoch aufgefunden worden war⸗ — Macht mit ihm, was Ihr wollt, ſchrie Mainville den Bauern zu, und eilte mit ſeinen Kameraden davon. r Aus hundert Kehlen ſchallte ihm das Getrül raſender Freude nach, durch welches man den⸗ noch ein einzelnes Angſtgeſchrei durchbiechen hoͤrte, das jedoch bald verſtummte.⸗ Es war Morgen, als Mainville n mit ſeinen Detaſchement an dem Dorſe ankam, wo der. Jourdan zu ſinden dachte. Alles ſchien ausgeſtor⸗ ben zu ſeyn, nirgends ein Poſten, oder ſonf ein Anzeichen, daß hier ein Korps Bewaffacter liege. Ein Bauer, der aus ſeiner Huͤtte geholt wurde, ſagte aus, Jourdan ſey gegen Abend da geweſen, habe hier Raſt gehalken und dann ſſei⸗ nen Trupp auf dem Wege, den er gekommen, zuruͤckgeſchickt, eer ſelbſt aber mit einigen von ſeinen Leuten ſey nach der elitgegengeſetzten Rich⸗ tung geſprengt. Die Sache verhielt ſich wirklich ſo. Jourdan hatte in dieſem Dorfe durch einen ſeiner Anhaͤnger, der nach den Borfaͤllen in Avignon die Flucht ergriffen hatte, die Nach⸗ richt von dem Morde Lecuyers erhalten. Jouve ſchaͤumte vor Wuth uͤber den Verluſt ſeines Lieblings. Er ließ ſogleich die unter ihm ſtehen⸗ den Befehlshaber in das Haus eintreten, in welchem er ſein Quartier genommen und theilte ihnen mit, was er ſo eben erfahren hatte. Alle ſtimmten darin uͤberein, daß man Nache an den Einwohnern Avignon's nehmen muͤſſe, ſowohl um das Blut eines der Ihrigen zu ſuͤhnen, als ihr eigenes Anſehen durch ein furchtbares Exem⸗ pel feſter als je zu ſtellen, und jedem die Luſt zu benehmen, ſich wieder gegen ſie aufzulehnen. Und wenn wir alle, ſchrie Jourdan, auf hun⸗ 201 dert Meilen weit ab waͤren, und einer der un⸗ frigen ſtaͤnde nackt mitten unter den bewaffneten Buͤrgern einer Stadt, ſo will ich doch, daß er ſo ſicher und ſo ſehr Herr und Meiſter ſey, als waͤre er an der Spitze von tauſend Mann. Ich will ihnen zeigen, was es heißt, Hand an ei⸗ nen Patrioten zu legen. Wie die Hunde will ich ſie behandeln, und mit dem Geſicht in das Blut ihrer Kinder und Frauen druͤcken. Es wurde einſtimmig beſchloſſen, den Raub⸗ u den man im Werke hatte, fuͤr den Au⸗ genblik fahren zu laſſen und ſich gegen die re⸗ belliſche Stadt zurückzuwenden. Jourdan billigte dies vollkommen, nur konnte er es nicht uͤber ſich bringen, den Plan, den er fuͤr ſich gefaßt hatte, ganz aufzugeben. Er fuͤrchtete, daß die Gelegenheit, wenn ſie ihm einmal entgangen war, ſchwer ſich wieder darbieten und daß die Nachricht von ſeiner Naͤhe hinreichen würde, ihm den Gegenſtand. ſeines Unternehmens ganz aus dem Bereiche zu ruͤcken. Auch war es zwei⸗ 20⁰2 — ſeihaft, ob man nicht doch zuletzt ihm die Flä⸗ gel beſchneiden, und ihn auf einen engern Kreis zuruͤckdraͤngen wuͤrde. Genug, er beſchloß, ſeine Pflicht als Befehlshaber mit ſeinen eigenen Waͤnſchen zu verbinden, und befahl demnach, bei Tagesanbruch dem ganzen Korps, ſich auf den Marſch nach Avignon zu machen und in der Naͤhe der Stadt ſeiner zu warten. Er ſelbſt wollte gegen Abend wieder zu den Seinigen ſtoßen, und vorher noch eine kleine Expedition vornehmen, zu der er hoͤchſtens ein Dutzend Leute beduͤrfe. Das Korps hatte ein zu feſtes Vertrauen in Jourdon, als daß es in dieſem Be⸗ nehmen den geringſten Anlaß zu zweifeln geſe⸗ hen haͤtte. Ueberdies herrſchte jetzt nur Eine Ge⸗ finnung von dem Oberſten bis zum Unterſten, die Begierde, die Einwohner Avignons zu zuͤch⸗ tigen. Das Korps und ſein Anfuͤhrer ſchlugen demnach entgegengeſetzte Richtungen ein, und das war es, was Mainoille ſo in Erſtaunen ſetzte. 5328 2. 1 Da err ſich unmoͤglich den Grund davon er⸗ 203 klären konnte, und große Anhaͤnglichkeit an Jeurdan hatte, ſo entſchloß er ſich, mit ſeis nem Detaſchement deſſen Spur zu verfolgen und ſich, was er auch im Schilde hrn ih — rlt Jonrdon war wie der Sturmwind fortgeiprengr dnn es lag ihm daran, jeder Nachricht von ſei⸗ ner Annaͤherung zuvorzukommen. Es war acht Uhr Morgens, als er in der Naͤhe von Carré an⸗ kam. Das Dorf, das dazu gehoͤrt, beſteht aus zwei Straßen, die vor dem Eingange des Schloſſes zu⸗ ſammentreffen. Jourdan, der nicht wußte, ob er dem Geiſt der Bauern trauen duͤrfe, wollte ſie in Schrecken jagen und dadurch wenigſtens im Zaume halten, daß ſie nicht Partei gegen ihn naͤhmen. Er theilte ſeine Leute in zwei kleige Detaſchements, und befahl ihnen— er ſelbſt ſtellre ſich an die Spitze des einen— in vollem Car⸗ tiere unter dem Geſchrei: Jourdan! Jourdan! ohne aufzuhalten, gegen das Schloß zuzuſpren⸗ gen. Er rechnete mit Recht auf die Furcht, welche ſein Name einfloͤßen wuͤrde. Die Bauern 204 ſchloſſen beſtuͤrzt ihre Thuͤren, als ſie nur von fern das Rufen hoͤrten, Niemand wagte ſich heraus, um ſich von der Staͤrke der vordrin⸗ genden Schaar zu uͤberzeugen. In jeder Straße glaubte man, daß das Hauptkorps durch die andere Gaſſe einruͤcke. So waren die Raͤuber in das Schloß gedrungen, ehe deſſen Bewoh⸗ ner noch eine Ahnung von der drohenden Ge⸗ fahr hatten. Jourdan ließ ſchnell das Thor zu⸗ werfen, alle Ausgaͤnge beſetzen und ſturzte mit vier ſeiner entſchloſſenſten Leute in die Wohn⸗ zimmer hinauf. Zwei Diener, die ſich ihrem Vordringen widerſetzen wollten, wurden nieder⸗ geſtoßen, einige andere wichen entſetzt vor dem Anblick der Banditen zuruͤck, und wurden nicht verfolgt. Jourdan drang immer vorwaͤrts. Den Kammerdiener packte Jourdan bei der Gur⸗ gel und fragte ihn nach ſeiner Herrſchaft. Der Arme hatte die Beſinnung verloren; ſonſt ſo treu, daß er ſich fuͤr ſeinen Herrn haͤtte todt⸗ ſchlagen laſſen, wußte er in der ploͤtzlichen Be⸗ taͤubung nicht, was er that. Er konnte keinen 205 Laut von ſich geben, zeigte aber mit dem Ftit⸗ ger auf eine Thuͤr ihm gegenuͤber. Jourdan ſprang mit einem Satze darauf los und ſchlug mit einem Beile, das er in der Hand ſchwang, dagegen, daß ſie krachend aufſprang. In dem⸗ ſelben Augenblick fiel ein Schuß aus dem Zim⸗ mer und die Kugel pfiff dicht uͤber den Kopf des Raͤubers hin. Clemence hatte ſich hart vor die Thuͤre geſtellt, um die Angreifer bei ihrem Eindringen niederzuſtrecken. Ein Stuͤck von der Thuͤr war ihr gegen den Arm geflogen und hatte ihrer Kugel eine falſche Richtung ge⸗ geben. Sie wollte zu einem zweiten Piſtol grei⸗ fen, aber es war zu ſpaͤt, einer der Raͤuber gab ihr mit dem Kolben ſeines Gewehrs einen Schlag auf den Arm, daß ſie ihn machtlos ſin⸗ ken ließ. Doch entfuhr ihr kein Laut. Sie erblaßte einen Augenblick vor Schmerz und Zorn und ſprang zu ihrem Vater, um ihn mit ihrem Leibe zu ſchuͤtzen. Jourdan hatte gar keine Ruͤckſicht auf die Tochter genommen, ſondern war ſogleich mitten in das Zimmer geſprungen, 2⁰6 — wo der Praͤſident ſtarr und halb ohnmaͤchtig vor Schreck hinter einem Tiſche ſaß. Der plötz⸗ liche Angriff, der ſo gar keinen Widerſtand ge⸗ funden, hatte auch ihn aller Energie beraubt. Er war wie ein Opfer, das geduldig das Meſt⸗ ſet des Schlaͤchters erwartet. Selbſt die Gefahr ſeiner Tochter weckte ihn nicht aus ſeiner Be⸗ taͤubung. Als Jourdan ſah, daß nichts mehr zu befuͤrchten ſey, und die Schloßbewohner in ſeiner Gewalt waren, zuckte ein hoͤhniſches Laͤ⸗ cheln uͤber ſein finſteres Geſicht. Er reckte die Glieder, wie jemand, der ſich's nach einer voll. brachten Anſtrengung wohl ſeyn laſſen will, ſtrich ſich die Haare, die ihm wild uͤber di⸗ Geſicht herabhingen, zur Seite, ſetzte ſi ch auf einen Stuhl und lehnte ſein Beil daran. Sei⸗ ne Leute, die um ihn herſtanden und mord⸗ gierige Blicke auf den Praͤſidenten und ſeine Tochter warfen, winkte er zuruͤck, und befahl ihnen, an der Thuͤr Poſto zu faſſen, daß ſie e auf den erſten Ruf bei der Hand ſeyn könnten. 5 Sie ſollten ſehen, was vorfiele, aber nicht hö⸗ 207 ren, Einige Augenblicke herrſchte eine dumpfe Stille im Zimmer. Clemence hielt ihren Va⸗ ter umſchlungen, der noch immer an der andern Ecke des Tiſches, ſeinem Gegner gegenüber, regungslos ſaß. — Kennſt Du mich noch? Hagte endiih Jourdan mit wuthgedaͤmpfter Stimme. Gauthier ſchuͤttelte ſtumm mit dem Kopfe⸗ Jourdan lachte laut auf. — Freilich, rief er, die Jahre haben mich und Dich geaͤndert, aber Dich haͤtte ich doch unter Fauſenden wiedererkannt und wenn auch jedes„Jahr eine Furche mehr in Dein Sühnes kengeſicht gegraben haͤtte. Elemence ſprang auf. Ihr Blick ſchoß Büte auf den Raͤuber. na MtS mar Nuhig, Puͤpychen, fuͤgte dieſer hinzu; Du wirſt noch mehr zu hoͤren bekommen. Sieb nur, wie der Alte da ſitzt; ich wette, ſein Ge⸗ hoͤr führt ihn ſchneller auf die Sepur, wie lis Geſicht.. Der pröſden ſarrtz Fanrdan an.„ Seine 208 Beuſt hob ſich. Der Angſtſchweiß brach ihm auf der Stirne aus— aber er ſprach nicht. — Nun, wird's bald, oder ſoll ich das Ge⸗ daͤchtniß auffriſchen? Unſer einer vergißt es al⸗ lerdings nicht ſo leicht, wenn er'mal mit ei⸗ nem Großen zu thun hat, waͤhrend die vor⸗ nehmen Herren heut ſchon nicht mehr daran denken, wie ſie uns geſtern das Herz ge⸗ brochen haben.— Er lehnte ſich dabei mit beiden Armen auf den Tiſch, ſtuͤtzte den Kopf auf die Haͤnde und warf dem Praͤſidenten ei⸗ nen grimmigen Blick zu.— Damals trug ich freilich noch nicht den dicken, ſchwarzen Bart hier, damals liefen mir die Narben noch nicht über das Geſicht. Und weißt Du, wo ich die gekriegt? Auf der Galeere, als ich den Waͤcht ter erſchlug, der mich auf der Flucht aufhalten wollte. Nun, kennſt Du mich noch nicht? Heda! Puͤppchen, ziſchle ihm doch mal den Namen Jouve in's Ohr. Ha! ha! Siehſt Du, wie er munter wird? wie er zuſammenzuckt? Das Gewiſſen weckt ihn auf, Ja, Schurke, ſieh 209 nur her, fuͤgte er hinzu, mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlagend, als ob er ſich noch zu größerer Wuth aufreizen wollte, der Jouve iſt's, der gekommen iſt, Abrechnung mit Dir zu halten. Du weißt, was Du zu gut haſt. CElemence ergriff die Hand des Praͤſidenten derzweifelnd: Vater, Vater, um Gottes willen ſprich, was haſt Du mit dem Mhanſchen zu ſchafen⸗ Der Praͤſident bedecke ſich die Augen und ſchwieg. — Der Menſch, mein Fräulein, iſt jetzt hier, um Gericht zu halten; der Menſch iſt jetzt Praͤſident und dieſer dort, Ihr Vater, iſt der arme Suͤnder, der ſein Urtheil erwartet. Und Sacré Dieu, er ſoll mehr Gerechtigkeit finden, als er gezeigt hat. — Laßt mein Kind ſich entfernen, ſoͤhnte der Praͤſident, erſpart ihm den Anblick der Scene, die Ihr vor habt, — Nein, nein, ſie ſoll Zeuge ſehn da5 ar II. 14 210 kes nach Recht und Billigkeit geht, und nach Euch kommt auch an ſie die Reihe. 1 Gauthier ließ den Kopf Tintenzus Clemence ſchauderte. 3 Jetzt pprich, rief Iourdan laut, abe 6 Herrn von Verigny ermordet? Der Praͤſident kaͤmpfte mit ſich und ue ſei⸗ nen Stotz zu Huͤlfe, um ſeinen Muth zu er⸗ heben. isa — Habe ich Herrn von Verigny ermordet? wiederholte der Naͤuber. Nein, antwortete Gauthier kalt. — Er wußte es, Mademoiſelle, daß ich un⸗ ſchuldig war und doch ſprach er es nicht aus, aus Furcht, ſich zu komptomittiren, und ich, ich, ich der Unſchuldige, ich mußte fuͤr den Mord buͤßen, den er befohlen hatte— und er ſchwieg. Er hatte ſeinem Diener den Mord be⸗ fohlen und als ich eingezogen ward, ſchwieg er. Ich wurde zu den Galeeren verurtheilt und er ließ mich in Ketten liegen und abfuͤhren, und ſchwieg. Er ſtellte ſich mir gegenuͤber und 211 der Richter frug ihn, ob er etwas von dem Moͤrder wiſſe und er ſchwieg. Ich frug ihn auf ſein Gewiſſen, und er wendete ſich von mir, ließ den Stab uͤber mich brechen und mich brandmarken. Ich kann noch von Gluͤck ſagen„ daß ſie mich nicht aufgehaͤngt haben. Ihm w waͤre es ſchon recht geweſen! — und der Menſchheit auch, rief der Praſi⸗ dent, der ſeine Bewegung durch Trotz ver⸗ bergen wollte. — Morgen vielleicht, antwortete der Raͤu⸗ ber, heute aber vertrete ich die Juſtiz. Mache Deine Rechnung mit dem Himmel, wie Du kannſt, Du mußt ſterben. 3 Clemence warf ſich auf die Knie ünd ſeh⸗ : Erbarmen! habt Erbarmen! 1— Hatte er es mit mir? Ich will Euch das Zeichen des gluͤhenden Eiſens zeigen und dann ſprecht von Mitleid. — Erbarmen! — Lernt man Erbarmen auf den Gales⸗ ren? Ich war wild, aber nicht bos; der Menſch — dort hat mich an der Menſchheit verzweifeln laſſen. Unter Moͤrdern und Raͤubern, an der Kette fand ich erſt mein Bewußtſeyn wieder. Was jeder ſich fuͤhlt, das kann er erreichen. Die Freiheit kam mir zu Huͤlfe und jetzt bin ich hier, und der maͤchtige Herr Praͤſident zittert unter meinen Fuͤßen. Hn ſ — Nie!l rief dieſer; Du kannſt mich toͤdten, aber nicht beugen; Gott verzeihe mir, wenn ich gefehlt habe, von Dir, Boͤſewicht, ver⸗ lange ich nichts. Bi rrr Jouve ergriff wuͤthend ſein Beil und warf es dem Praͤſidenten nach dem Kopf, zum Gluͤck drehte es ſich, indem es durch die Luft ſauſte und traf ihn nur mit dem Stiele, waͤhrend das Eiſen weiter in die Mauer fuhr und dort ſtek⸗ ken blieb. Der Praͤſident war von der Erſchuͤt⸗ terung zu Boden gefallen. Clemence ſchrie laut; ihr Vater richtete ſich jedoch wieder auf und troͤſtete ſie, waͤhrend das Blut ihm aus einer Stirnwunde uͤber das Geſicht lief. Zu gleicher Zeit trat Mainville in das Zim⸗ 213 mer. Jouve drehte ſich unwillig uͤber die Stoͤ⸗ rung um. Mainville erzaͤhlte, was ihn hie⸗ her fuͤhrte.— Schon gut, antwortete Jouve kurz, geh zuruͤck zu Deinen Leuten. Ich komme bald nach. Laß Deinen Gefangenen gut bewa⸗ chen. Ich habe hier noch zu thun. 84 Mainville warf einen haͤmiſchen Blick auf die beiden Opfer ſeines Anfuͤhrers und: ent⸗ fernte ſich wieder. — Menſch, rief Clemence verzweiflungsvoll, rüͤhrt Dich denn dieſer Anblick nicht? Kannſt Du Deine Hand gegen einen Greis erheben? — Mord gegen Mord und er hat meine unaun gemordet. — Oh es iſt graͤßlich. Wie! mein Vater, mein guter und edler Vater— nein, es iſt nicht moͤglich. Man hat ihn verleumdet, Euch hintergangen und Euch gegen meinen guten Vater aufgereizt. Er, die Lisbes die Geteth rigkeit—. Ig — Und mit aller dieſer a Gerechägkat hat er mich auf die Galeeren geſchickt; Fluch uͤber ihn 214 — noch in jener Welt! Was ich gelitten, was er an mir gethan, kann der Tod nicht ſuͤhnen. — Und wenn er gefehlt, ſo verzeiht ihm, ich beſchwoͤre Euch darum, ich will Euch anbeten, wie ein Gott Euch verehren, ich will Eure Dienerin, Eure Magd ſeyn, nur ſchont ihn. — Nichts, antwortete der Naͤuber kalt. Er ſtirbt und Du biſt ohnedies mein. Ich habe Jahre auf dieſen Augenblick gewortet led iſt er gekommen. — Unmenſch, rief der Praͤſident. Stahe auf, Clemence, verlangſt Du Mitleid vom Hen⸗ kerꝛ rd un — So wollen wir zuſammen ſterben, rief Clemence, ſich in die Arme ihres Vaters ſtuͤrzend. Jouve oder, wie er ſich mach ſeiner 3 Flucht von den Galeeren nannte, Jourdan ſprang um den Tiſch herum nach ſeinem Beile. Der Praͤ⸗ ſident zog ſich mit unwillkuͤhrlicher Scheu nach der andern Seite. Jourdan riß an dem Beile, um ſeine Lieblingswaffe, die noch von dem 21s Blute ſo vieler Opfer teiefte, aus der Wand zu ziehen. Allein in demſelben Augenblicke fie⸗ ken unten im Hofe mehrere Schuͤſſe, man hoͤrte Saͤbelklirren und das Geſchrei: kein Quartier den Banditen! Jouve riß das Beil an ſich und ſtuͤrzte nach dem Fenſter, um zu ſehen, was vorgehe. Alles war mit Bauern und Solda⸗ ten angefuͤllt; von ſeinen Leuten lagen meh⸗ rere todt auf dem Pflaſter. Er drehte ſich wuͤthend um; die Schildwache, welche er an die Thuͤr geſtellt hatte, ſtuͤrzte mit ſchwerer Wunde in das Zimmer und uͤber ſie herein ſtuͤrmten, allen uͤbrigen voran, zwei Maͤnner, welche das Korps der Befreier zu befehligen ſchienen.— Herr von Bievre! rief Ciemence freudig. Jouve verlor jedoch die Beſinnung nicht. Er zog kaltbluͤtig ein Piſtol, zielte nach dem er⸗ ſten, der ihm zunaͤchſt war, und ſchoß ihn durch den Arm. Darauf ſtuͤrzte er ſeinen an⸗ dern Verfolgern den Tiſch entgegen und zog ſich hinter denſelben zuruͤck nach dem Fenſter von dem er den Praͤſidenten zuruͤckſtieß. Ein Hieb, der ihn von hinten traf, ſtreifte ihm den Kopf. Er wendete ſich, und als er ſeinen Feind auf ſich eindringen ſah, ſchlug er mit dem Beile nach ihm, daß deſſen Degen zerſplitterte und er ſelbſt zuruͤcktaumelte. Er benutzte dies und kletterte zum Fenſter hinaus, zu dem ſich ein Gelaͤnder hinaufzog. Als er feſten Fuß ge⸗ faßt hatte, blickte er noch einmal zuruͤck in das Zimmer und da er den einen ſeiner Ver⸗ folger mit dem andern beſchaͤftigt ſah, zog er ſein zweites Piſtol, zielte gelaſſen auf den Praͤ⸗ ſidenten und ſchoß. Der Praͤſident ſtuͤrzte zu⸗ ſammen; Jouve ſchlug ein lautes Lachen auf und ſprang auf die Erde herab, ohne ſich zu beſchaͤdigen. Als die Truppen ihm nachſetzen wollten, hatte er bereits mehre ſeiner gefluͤchte⸗ ten Kameraden erreicht, mit denen er Hals uͤber Kopf davonſprengte. — Zu Huͤlfe! rief Clemence, die auf der Erde kniete und den Kopf des Praͤſidenten in dem Arm hielt, zu Huͤlfe meinem Vater! Der Marquis war jeboch ſo mit dem andern 1 A17 — Berwundeten beſchaͤftigt, daß er nichts hoͤrte, auf nichts achtete. Das Zimmer hatte ſich mit Dorfleuten angefuͤllt, die mit zur Vertrei⸗ bung der Raͤuber beigetragen hatten und ſich jetzt nach ihrer Herrſchaft umſehen wollten. Ei⸗ nige derſelben hoben den Praͤſidenten auf und trugen ihn auf das Bett, waͤhrend andere die Leichen der getoͤdteten Raͤuber hinausſchleppten. Ein Wundarzt, der ebenfalls herbeigeeilt war, erklaͤrte auf den erſten Blick, daß der Zuſtand des Praͤſidenten hoffnungslos ſey. Der Marquis t ihn zu dem andern Verwundeten, aber ehe er noch zu demſelben trat, ſchlug dieſer die Au⸗ gen auf und blickte truͤbe um ſich. Reynaud! rief der Marquis freudig, mein Befreier! Gott Loh Du lebſt! irnl:n ertah ao JEs war in der That der Chevalier, welcher, wenn er auch nicht ganz die Plaͤne Jourdans vernichten konnte, ihn doch verhindert hatte, das Maaß ſeiner Unthaten voll zu machen. Wir wiſſen, daß er uͤber den Zuſtand der Provinz „Machrichten einziehen ſollte. In Nions eerfuhr † 218 er, daß nirgends mehr Sicherheit herrſche und gern nahm er den Vorſchlag des Kommandeurs einer dort liegenden Huſarenabtheilung an, der, als er von ſeinem Plane hoͤrte, Belleterre zu be⸗ ſuchen, ihn aufforderte, eine Eskorte von etli⸗ chen zwanzig Mann mitzunehmen. Auf ſeinem Wege kam er an Carre vorbei, erfuhr den Ueber⸗ 3 fall der Raͤuber und beſchloß ſogleich, dem Praͤſidenten zu Huͤlfe zu eilen. Die ausgeſtell⸗ ten Poſten wurden niedergehauen, ohne daß ſie ſich zur Wehr ſetzen konnten. Im Schloßhofe war das Erſte, was er ſah, ſein Freund Bie⸗ vre, mit Stricken gebunden. Ihn frei chen und ſeine Waͤchter in die Flucht ſchlagen, war das Werk eines Augenblicks. Bievre rieß einem Huſaren den Saͤbel aus der Hand und ſtuͤrzte mit dem Chevalier die Treppe hinauf, um ſich 1 an dem Chef der Bande zu raͤchen. Aber Main⸗ ville war bereits entflohen und Jouve gelang „ ſich durchzuſchlagen. — So kommt hier unſere Huͤlfe doch zu — ſpaͤt! ſeufzte der Chevalier, indem er einen Blick auf das Bett warf. — Haſt Du doch mich, ſagte Bievre leiſe, ſeinem Freunde die Hand druͤckend, von einem Angebinde befreit, das mir die Seele zuſam⸗ menſchnuͤrte. — Es hat mich weniger gekoſtet, wie Dir, als Du mit Deinem Koͤrper mich gegen die Streiche der Englaͤnder ſchuͤtzteſt. — Still davon und laß Dich verbinden. Die Kugel war durch den Arm gedrungen und hatte dann die Seite geſtreift. Nur der verluſt und die Betaͤubung hatten den Che⸗ valier ohnmaͤchtig gemacht. Von Gefahr war keine Rede. Er ließ ſich vom Marquis zum Bette des Praͤſidenten geleiten, der die Augen ge⸗ ſchloſſen hielt. Der Chirurg fuͤhlte ihm den Puls und ſchuͤttelte den Kopf. Die Bauern wollten nicht fort ohne beſtimmte Nachricht uͤber ihres Herrn Zuſtand. Trotz ſeines finſtern Ernſtes hatte er ihre Liebe gewonnen. Als der Arzt ſie aufforderte, ſich zu entfernen, weil Mangel an 220 — Ruhe die Lage des Kranken nur verſchlimmern koͤnne, ſtanden ihnen Thraͤnen in den Augen. Sie zogen ſich leiſe zuruͤck und ſorgten, daß unten jedes Geraͤuſch unterdruͤckt wuͤrde. Der Praͤſident richtete ſich etwas auf. Der Arzt verbot ihm zu ſprechen.. — Es hilft mir doch nichts mehr, antwor⸗ tete er. Und ob ich heute ſterbe oder mein Le⸗ ben noch bis morgen friſte, kommt auf eines heraus. Ich muß ſprechen, ehe es zu ſpaͤt iſt. Ihnen, mein Herr, zuerſt meinen.. — Nicht mir, antwortete der Marquis. Ich war ſelbſt ein Gefangener dieſer Banditen und wurde ebenfalls nur durch die Ankunft des Chevalier Reynaud gerettet. — Reynaud? ſagte leiſe der Praͤſident und Clemence blickte zu ihrem Erretter auf, der noch bleich und erſchoͤpft von dem Blutverluſte ſich an die Bettpfoſte lehnte und die reizende Tochter des Herrn von Gauthier betrachtet hatte. Sie ſchlug ſchnell die Augen wieder zu ihrem Vater nieder. 221 — Reynaud? wiederholte der Praͤſident. Iſt es nicht ſeltſam, daß die beiden Freunde des Herrn von Verigny als Retter hier vor mei⸗ nem Bette ſtehen, des Mannes, der mir ſo wehe gethan, der mein Leben vergiftet hat? — Er liegt im Grabe, ſagte der Chevalier, und Friede ſey ſeiner Aſche. Wenn er auch gefehlt, ſein ungluͤcklicher Tod hat es gebuͤßt. Der Praͤſident verzog den Mund zu einem ſardoniſchen Laͤcheln. Herr von Reynaud, fing er nach einer Weile wieder an, Sie ſind aber auch der Neffe meines wackern Freundes, und man hat mir Ihre Loyalitaͤt geruͤhmt. Der Chevalier verbeugte ſich. — Blenaye hat auch einen dummen Streich gemacht und ſich eine Frau genommen. Alte Maͤnner ſollten nicht heirathen. — Mein Onkel lebt ſehr gluͤcklich, bemerkte Reynaud. — Es iſt ein guter Menſch, der ein Auge zu⸗ lich. 222 druͤckt. Ich habe es nicht gekonnt und die ge⸗ kraͤnkte Ehre nicht verzeihen koͤnnen. — Schone Dich, beſter Vater, flehte Cle⸗ mence. — Hier iſt mein Kind, ein gutes Kind. Sie wiſſen wohl nichts davon. Genug, ſie iſt mein Kind, nicht von jener Frau, die—. Sie wird jetzt eine Waiſe, allein in der Welt ſtehen, ohne Freunde, die ſich ihrer annehmen. Ver⸗ moͤgen ſteht heut zu Tage nicht mehr feſt, ich moͤchte ſie nicht gern huͤlflos laſſen. Wollen Sie ſie Ihrem Onkel empfehlen? Sagen Sie ihm, es ſey das Vermaͤchtniß ſeines ſterbenden Freun⸗ des. Ich kenne ſein Herz, er wird ſie wie ſeine Tochter behandeln. Wollen Sie ſie ſeinen Haͤn⸗ den uͤbergeben wie ein treuer, rechtlicher Edel⸗ mann? — Ich ſchwoͤre es, rief der Chevalier feier — Mein Kind, willſt Du Dich unſerm Ret⸗ ter anvertrauen? Clemence ſah wieder auf und. blickte zum 223 erſtenmale frei in das Geſicht des Chevalier. Sie erroͤthete und nickte mit dem Kopfe. Rey⸗ naud reichte ihr uͤber das Bett die Hand. Der Praͤſident legte ſie in die ihrige. — Sie haben ſie vor der Mißhandlung der Raͤuber gerettet, ſagte der Praͤſident, Sie wer⸗ den ſie auch vor den Sthanahnngen der Welt ſichern. Herr von Gauthier ließ ermattet den Kopf auf das Kiſſen zuruͤckfallen und ſeine Bruſt hob ſich krampfhaft, er konnte nicht athmen. Seine Tochter zerfloß in Thraͤnen. Der Marquis legte ſeinen Kopf etwas hoͤher. Der Chirurg unter⸗ ſuchte den Verband. Nach einigen Minuten erholte ſich der Ver⸗ wundete wieder.— Man hat mit mir Gericht gehalten, fluͤſterte er, und ich habe meine Strafe erhalten. Meine Zeit verrinnt und es hat Eile. Aber ich habe noch nicht abgeſchloſſen mit der Welt. Es lebt noch ein Weſen, das meinen Namen fuͤhrt. Der Augenblick iſt da, wo ich ſie wiederſehen kann. Sie hat mich in die Grube 224 geſtuͤrzt und ſich verſchworen, mir die Hand nicht eher zu reichen, als bis ich dem Tode nahe waͤre. Der Tod ſteht vor der Thuͤre, laßt mein Weib kommen, daß ſie beide zuſammen in das Zimmer treten. Die beiden Maͤnner blickten ihn erſtaunt an⸗ Oh, ſagte ſeine Tochter, verſoͤhne Dich mit ihr, die Du geliebt. Hat ſie ſich auch vergan⸗ gen gegen Dich, Dir Qual und Schmerz be⸗ reitet, auch ſie hat es ja gebuͤßt in langer Ein⸗ ſamkeit, reich ihr wieder die Hand. Du wirſt wieder geneſen und noch mit ihr leben, und gluͤcklich leben. Der Praͤſident laͤchelte bitter.— Iſt das Deine Liebe zu mir, daß Du fuͤr ein Weib ſprechen kannſt, das mir das Leben vergiftete? Schweig! Herr Marquis, ſchicken Sie nach Frau von Gauthier. Eine halbe Stunde von hier in dem Kloſter der Eiſterzienſerinnen, das noch nicht aufgeloͤſt iſt, lebt ſie als Schweſter Anna. Laſſen Sie ihr ſagen, ich ringe mit dem Tode und muͤſſe ſie noch ſprechen. „ 22⁵ — Ich werde ſie ſelbſt holen, antwortete der Marquis und entfernte ſich, um ſogleich nach dem Kloſter zu fahren. — Du gelobſt mir, ſagte der Praͤſident, den Haß Deines Vaters gegen das Weib zu uͤber⸗ nehmen, das⸗ mir auf der Erde mein Gluͤck, im Himmel die Gluͤckſeligkeit geſtohlen hat! Der Verwundete ſiel in ſeine fruͤhere Ohn⸗ macht zuruͤck. Der Chirurg erklaͤrte, daß er bei dieſer Anſtrengung keine Stunde mehr leben koͤnne. Nach einer Viertelſtunde kam er wieder zu ſich und ſagte leiſe: — In dem zweiten Fache meines Schreibti⸗ ſches finden Sie die Papiere uͤber die Geburt meines Kindes. Darauf ſank er wieder zuruͤck. Er ſtirbt, ſchluchzte Clemence. — Nein, nein, antwortete der Arzt. Er wird ſich noch einmal erholen. Clemence lag vor dem Bett auf den Knieen und blickte unverwandt nach den geliebten Zuͤgen ihres Vaters. Der Chevalier ſaß ihr gegenuͤber II. 15 226 und vergaß uͤber ihrem Anblick faſt den Gegen⸗ ſtand der Trauer, der beide im Raume von ein⸗ ander trennte. Niemand ſprach ein Wort. So verging mehr als eine Stunde, da rollte ein Wagen in den Hof. Zugleicher Zeit ſchlug der Praͤſident, als ob er aus einem Schlafe erweckt werde, die Augen auf und horchte auf das Geraͤuſch. Er wendete den Kopf nach der Thuͤre, eine leichte Roͤthe flog uͤber ſein Geſicht und er ſchien mit aͤngſtlicher Erwartung(dem naͤch⸗ ſten Augenblicke entgegenzuſehen. Der Marquis trat zuerſt herein und ſchon runzelte ſich die Stirne des Praͤſidenten uͤber dieſe Taͤuſchung, als jener ſich wieder zuruͤckwendete und eine Dame in geiſtlicher Tracht eintreten ließ. Es war Madame Gauthier. Sie blieb auf der Stelle ſtehen, wie ſchwankend, ob ſie weiter gehen ſolle. Dies Zimmer war daſſelbe, das ſie einſt bewohnt hatte; daſſelbe, in das ihr Ge⸗ mahl einſt mit dem verhaͤngnißvollen Ringe getreten war; daſſelbe, in dem ſie auf ſeine Drohungen ihm geſchworen, daß ſie nicht zu —— 227 ihm gehen, nicht mit ihm ſprechen wuͤrde, außer im Augenblicke ſeines Todes. Der Au⸗ genblick war gekommen. Sie hatte ihren Schwur gehalten bis zum Ende. Die Tiſche und Schraͤnke, auf die ihr Blick fiel, waren noch dieſelben, welche ſie benutzt hatte; das Todte hatte ſich nicht veraͤndert, aber wie anders war das Lebende geworden! Der einſame Gram, die Gewiſſensbiſſe hatten nicht umſonſt fuͤnfzehn Jahre lang an ihrem Herzen genagt. Die Spu⸗ ren der Schoͤnheit waren von ihrem Geſichte gewichen, wie der heitere, bewegliche Sinn von ihrer Seele. Und er, den ſie ſo tief gekraͤnkt, der ſich dafuͤr ſo fuͤrchterlich geraͤcht, lag vor ihr, ringend mit dem Tode, ſie anſtarrend mit kaltem, glaͤſernem Blicke. Sie griff mit der Hand nach dem Herzen, wie um es zur Ruhe zu bringen, und ſchritt langſam naͤher zum Bette. Clemence ſah bittend ihren Vater an, wandte ſich aber kalt von der ihr Fremden ab. — Ich komme auf Ihren Wunſch, ſagte die * 228 Nonne mit leiſer, aber feſter Stimme. Wir haben uns beide im Laufe dieſes Lebens wehe gethan; verzeihen Sie mir, wie ich Ihnen ver⸗ ziehen habe, und laſſen Sie uns in dieſer letz⸗ ten Stunde unſer Gebet vereinigen. In der naͤchſten werden Sie vor Gott ſtehen, ich werde Ihnen bald folgen und moͤge er auch mir ein gnaͤdiger Richter ſeyn! Die Nonne warf ſich auf die Knie vor dem Bett nieder, nahm ein kleines Kruzifix, das von ihrem Halſe herabhing, in beide Haͤnde und ſchien inbruͤnſtig zu beten. Der Praͤſident winkte allen, die ihn umga⸗ ben, ihn mit der Nonne allein zu laſſen. Die Maͤnner traten zuruͤck. Clemence zauderte und folgte ihnen erſt, als eine heftige Bewegung ihres Vaters ſie dazu trieb. — Glaubſt Du, aͤchzte der Verwundete, ich habe Dich rufen laſſen, um mit Dir zu beten? Weib, Du haſt mich nie gekannt. Vor fuͤnfzehn Jahren biſt Du meiner Rache entflohen. Die Kloſtermauern, glaubteſt Du, wuͤrden Dich ſchuͤ⸗ 229 zen. Falſch! Ich habe aͤber Deiner Strafe ge⸗ bruͤtet und habe ſie aufgezogen wie ein Huhn das Kuͤchlein, und jetzt iſt ſie ſo groß wie das Maͤdchen dort. 1 Die Nonne blickte betroffen nach Clemence. Ein Zittern ergriff ihre Glieder. Sie wollte aufſtehen, vermochte es nicht. — Bleib ruhig und halte aus. Dort findeſt 14 Du nur Haß, und iſt Deine Stelle nicht hier am Bette Deines ſterbenden Mannes? Und wollteſt Du fort, Du koͤnnteſt nicht mehr. Das Sterbebett haͤlt Dich feſt, ich kann die Finger nicht mehr erheben, Du biſt aber doch meine Gefangene. Denkſt Du noch an Verigny? Die Nonne druͤckte ihren Kopf auf das Bett. — Sieh das Maͤdchen dort noch einmal an. Gleicht ſie ihm nicht? — Menſch, rief die Nonne entſetzt aufſprin⸗ gend, Du bringſt mich zur Verzweiflung. Wer iſt— ſprich— wer iſt ſie? Der Praͤſident laͤchelte. Geh doch zu ihr und ſieh zu, ob die Stimme der Natur in Euch ſpricht. Die Nonne ſtieß einen Schrei aus und wollte ſich in Clemence Arm ſtuͤrzen. Dieſe ſtieß ſie mit der einen Hand kalt zuruͤck und zeigte mit der andern nach ihrem Vater. Die Nonne be⸗ deckte ſich das Geſicht mit beiden Haͤnden und wankte zum Praͤſidenten zuruͤck. — Merkſt Dus fragte dieſer hoͤhniſch. Sch wußte, daß Dein Onkel es Dir zur Pflicht machte, nicht nach dem Kinde Deines Buhlen zu fragen. Ich raubte es, gab es fuͤr das mei⸗ nige aus und erzog es im Haſſe gegen Dich, die mich ungluͤcklich gemacht, und in Liebe zu mir. Wie gefaͤllt Dir meine Rache— oh— das Blut erſtickt mich— oh— Du haſt mir Ehre und Unſchuld geſtohlen, dafuͤr nahm ich Dein Kind— oh— ich ſterbe geraͤcht— lebe in Verzweiflung— Buhlerin, ohne Gelieb⸗ ten— Frau ohne Mann— Mutter ohne— Er konnte nicht weiter ſprechen. Der Krampf ergriff ihn. Er richtete ſich hoch auf in der letz⸗ ½ 23¹ ten Zuckung. Clemence! ſchrie er poͤtzlich; helft mir! und ſank kraftlos zuruͤck. Seine Tochter ſtuͤrzte zu ihm hin. Er war todt. O Gott, betete die Nonne, habe Erbar⸗ men mit ſeiner Seele, wie auch mit Deiner armen Suͤnderin. Ich habe ſchwer gefehlt, und muß ich auch noch dieſen Kelch leeren? Herr gib mir Kraft zu tragen, was Du uͤber mich verhaͤngt haſt und lenke alles zum Guten. Der Chevalier trat auf Clemence zu, um ſie dieſem ſchmerzlichen Anblicke zu entfuͤhren. Sie wollte ſich nicht von der Leiche ihres Vaters trennen. —Meine Tochter, rief die Nonne mit herz⸗ zerſchneidendem Tone und ergriff die Hand des jungen Maͤdchens, das ſie ihr heftig entriß; meine Tochter, haſt Du keinen Blick fuͤr mich? — Wer hat, antwortete Clemence dumpf, die Kugel des Moͤrders gegen dieſen Edlen be⸗ ſchworen? — O Gott, willſt Du die Fehler Deiner Mutter richten? 232 — Nicht der meinigen. Ich war die Tochter dieſes Todten, gegen Sie lehrte er mich nicht Liebe fuͤhlen.. — Vergiß, was er geſagt hat, rief die Nonne leidenſchaftlich; ich klage ihn nicht an, ich habe ihm verziehen. Aber ſoll ich mir mein Kind rauben laſſen? Vertheidigt das Thier nicht ſein Junges, wenn es ihm geraubt wird? Mein Kind, oh Du biſt mein Kind„ mir wiederge⸗ geben nach ſo vielen Jahren. Er ſelbſt hat es mir geſtanden. Aus Haß gegen mich, hat er Dich mir geſtohlen und Dir Widerwillen gegen mich eingefloͤßt. Aber ich laſſe mir mein Kind nicht rauben. Nehmt mir Alles, aber das nicht. In Kummer und Angſt habe ich Dich geboren, fremden Haͤnden Dich uͤberlaſſen muͤſſen; Dich, die ich liebte, wie nichts auf der Welt. O, wie waͤre ich gluͤcklich geweſen, haͤtte ich an Deiner Seite leben koͤnnen!— In der Einſamkeit habe ich nur an Dich gedacht, von Dir getraͤumt. Ich durfte Dich nicht ſehen. Aber man ſagte mir, es ginge Dir wohl. Man 23³ taͤuſchte mich, denn niemand ſagte mir, daß Du hier ſeyeſt. In kalter Nacht, in Sturm und Nebel haͤtte ich mich in Deine Naͤhe ge⸗ ſchlichen, nur Dich zu ſehen, dieſe Augen, dieſe Zuͤge, aus denen ſein geliebtes Bild ſpricht. Der Gedanke an Dich war mein ganzes Da⸗ ſeyn; was ich that, wenn ich betete, in alles draͤngte er ſich ein. Und Dich will man mir rauben? O nein, Du biſt mein Kind. O wuͤß⸗ teſt Du, wie ich gelitten, welche Qualen Du mir bereitet haſt. Ach Du Arme warſt ja unſchul⸗ dig daran. Er hat ſich im Leben ſchadlos ge⸗ halten fuͤr meine Suͤnde mit Deiner Liebe, und noch im Tode will er mir ſie vorenthalten. Cle⸗ mence, mein Kind, ſieh mich an, Deine Mut⸗ ter liegt auf den Knieen vor Dir, ich habe im Elend gelebt und noch keinen Blick von meinem Kinde erhalten. Es ſteht vor mir und hat kei⸗ nen Blick fuͤr mich! Die Nonne umſchlang ſchluchzend die Kniee 234 Clemencens; ſie hob ſie auf, trat aber ſchnell einen Schritt zuruͤck und ſagte bloß: — Kann dieſer Mann ein Luͤgner ſeyn? Die Nonne rang die Haͤnde. Der Chevalier, der ſich einen Augenblick entfernt hatte, kam mit Papieren zuruͤck. Hier, ſagte er, ſind die Dokumente, welche in dem Sekretair des Herrn Praͤſidenten lagen. Hier Quittungen uͤber Sum⸗ men, welche der Herr Praͤſident als Koſtgeld fuͤr ſeine Tochter an die Familie Lebeau zu Paris gezahlt; hier ein Dokument, durch wel⸗ ches der Herr Praͤſident ſeine Tochter, Fraͤulein Clemence, als ſein Kind anerkannt und ihr alle legitimen Rechte zuertheilt, hier.. — Genug, ſagte Clemence erroͤthend, aber mit Stolz, Sie ſehen, Madame, daß wir beide uns fremd gegenuͤberſtehen. Sie machte eine kurze Verbeugung und entfernte ſich aus dem Zimmer, ohne weiter ein Wort zu ſprechen. Die Nonne ſtarrte ihr einen Augenblick be⸗ troffen nach. Ploͤtzlich riß ſie dem Chevalier die 23⁵ Papiere aus der Hand und rief mit Heftigkeit: Und wenn dies Alles falſch iſt? Hat er nicht einmal, entweder mich oder ſie, hintergangen? Was beweiſen dieſe Schriften? Mein Oheim war weit ab von Paris, ich erfuhr nichts von ihm, außer den ewig wiederholten Spruch: Dein Kind iſt wohl. Ich weiß, daß mein Kind in Paris erzogen wurde: wie, wenn dieſer Mann es geraubt, ſeinen Huͤtern abgekauft hat, und dieſe meinen Oheim betrogen haben? Er kann nicht mit einer Luͤge geſtorben ſeyn. Und in der That hatte die muͤtterliche Angſt die Wahrheit errathen. Der Polizei⸗Lieutenant hatte das Kind der Familie Lebeau anvertraut und dies Herrn von Raſſignac, dem Oheim der Madame Gauthier, der ſich deshalb an ihn ge⸗ wendet hatte, ſogleich mitgetheilt. Dieſer ſchickte von nun an regelmaͤßig das Koſtgeld ab und erkundigte ſich dabei zugleich nach dem Beſin⸗ den des Kindes. Der Praͤſident hatte erfahren, daß und wo das Kind ſeiner Frau lebte, und ſogleich beſchloſſen, ſeinen Racheplan in 236 — Ausfuͤhrung zu bringen. Er begab ſich zu den Lebeau's, und bot ihnen auf zehn Jahre das Doppelte deſſen, was ſie bisher fuͤr den Unter⸗ halt des Kindes bezogen, wenn ſie ihm daſſelbe uͤberlaſſen und dem Abbe Raſſignac deſſen Tod melden wollten. Die Leute verſprachen es, hiel⸗ ten aber nicht Wort, da ſie unbeſchadet von beiden Seiten nehmen zu koͤnnen dachten. Erſt als der Abbe einmal anzeigte, daß er im Laufe einiger Monate nach Paris zu kommen denke, um das Kind abzuholen, zeigten ſie ihm mit Bedauern an, daß daſſelbe geſtorben ſey. Da ſie um dieſe Zeit ſelbſt ein Kind verloren, ſo glaubten ſie ihren Betrug dadurch leicht verhuͤl⸗ len zu koͤnnen. Der Abbe wollte ſeiner Nichte einen unnoͤthigen Schmerz erſparen und ver⸗ ſchwieg ihr die Trauerbotſchaft. — Der Einzige, ſagte Herr de Bievre, der dies Dunkel aufklaͤren kann, iſt Ihr Herr On⸗ kel, der Abbe von Raſſignac. Er muß Beweiſe fuͤr die Identitaͤt Ihres Kindes mit Fraͤulein Gauthier in Haͤnde haben. 237 — Zu ihm! rief die Nonne. Er darf mir nichts mehr verſchweigen. Ich habe ſtill bis jetzt gelitten, aber jetzt, da ich das Gluͤck einer Mutter vor Augen geſehen habe, wuͤrde ich er⸗ liegen, wenn ich es mir nicht auf immer er⸗ kaͤmpfte. O entbehren iſtn nur leicht fuͤr den, der den Reichthum nie geſehen hat! Der Tod iſt ſuͤßer, als Verlaͤngerung dieſer Qual. Sie warf noch einen Blick auf das bleiche Geſicht des Verſtorbenen, das noch den Aus⸗ druck des Lebens zu tragen ſchien, und wandte ſich ſchaudernd ab, um ſich auf den Weg zu ih⸗ rem Onkel zu machen, der in Carpentras wohnte. Der Marquis bot ihr den Arm und fuͤhrte ſie zu dem Wagen, der, da ſie ſeine Begleitung ausgeſchlagen hatte, mit ihr allein davon fuhr. Als der Marquis wieder oben ankam, fand er ſeinen Freund mit dem Kopfe auf dem Tiſche aufliegend. Er faßte ihn an, bekam aber keine Antwort. Die Wunde, die Aufregung hatte ihm ein Fieber zugezogen. Herr von Bievre ließ ihn zu Bette bringen, da es nicht rathſam ge⸗ 238 weſen waͤre, jetzt nach Belleterre zuruͤckzukeh⸗ ren. Jourdan hatte mit denen, welche ſich außer ihm aus den Haͤnden der Huſaren gerettet hat⸗ ten, nach einem angeſtrengten Ritte ſein Haupt⸗ korps wieder erreicht, wo er mit Jubel empfan⸗ gen wurde. Mit ſeiner Ruͤckkehr fuhr auf der Stelle ein neuer Geiſt in das Korps. Jourdan, dem man manche zum Befehle noͤthige Eigen⸗ ſchaften nicht abſprechen konnte, entwickelte ſo⸗ gleich ſeine ganze Thaͤtigkeit. Es wurden Marſch⸗ ordres ertheilt und nach allen Seiten kleine Detaſchements vorgeſchoben, die Befehl erhiel⸗ ten, ſich auf das Hauptkorps zuruͤckzuziehen, wenn ihnen etwas Wichtiges vorkommen ſollte. Die kleine Armee beſtand aus mehr als tauſend Mann, die ſich jetzt mit wilder Freude in Be⸗ wegung ſetzten. Man wollte noch vor Abend Avignon erreichen. Eine Stunde vor der Stadt erhielt man Rapport, daß die Buͤrger, welche die Ruͤckkehr der Raͤuber erfahren hatten, und wohl wußten, welches Schickſal ihnen bevor⸗ 239 ſtehe, ſich, unterſtuͤtzt von einigem Landvolk, vor der Stadt aufgeſtellt haͤtten, um die Feinde mit Gewalt abzutreiben. Das Reh ſtillt ſich, rief Jouve, wenn es nicht weiter kann, aber meine Hunde hier fuͤrchten ſich vor ein Paar Stoͤßen nicht. Ein anderes Detaſchement brachte Gefangene herbei, darunter einen vornehm ge⸗ kleideten Herrn, nebſt einer Dame und einem Geiſtlichen, welche aus Carpentras kamen und nach Marſeille zu gehen vorgaben. Jour⸗ dan befahl, Alles hinter die Linie zu fuͤhren, da er jetzt keine Zeit habe, ſich damit abzuge⸗ ben. Bald bekam man die Heeresmacht der Buͤrger zu ſehen. Sie war offenbar den Raͤu⸗ bern an Zahl uͤberlegen, aber ſchlecht bewaffnet. Nur wenige hatten Flinten, die meiſten trugen Beile, Senſen, Piken und Knittel. Um die Nachtheile dieſes Uebelſtandes zu vermeiden, hatten die Buͤrger ſich, auf eine Seite von dem Fluß Sorgues gedeckt, auf dem Kamm eines ſanften Abhanges aufgeſtellt, der ſich nach der Landſtraße herabzog. Wenn ſie ihre Feinde zwin⸗ 240 gen konnten, zu ihnen hinanzuklettern, hatten ſie Ausſicht, ſich ihrer unvollkommenen Waffen mit Nutzen bedienen zu koͤnnen, und durch ihre Uebermacht die Angreifenden abzuſchlagen. Bei einem Angriff dagegen in der Ebene mußten ſie das Opfer ihres Mangels an Disziplin und Einheit werden. Jourdan uͤberſah ſogleich das Schwierige ſeiner Lage. Er befahl einem Theile ſeiner Kavallerie mit einer Kanone umzukeh⸗ ren, die Bruͤcke, welche etwa eine halbe Stunde von ſeinem Standpunkte uͤber die Sorgues fuͤhrte, zu paſſiren, ſich auf dem andern Ufer in groͤßter Eile nach der ſteinernen Bruͤcke zu begeben, welche einige Minuten von der Stadt ſich uͤber den Fluß woͤlbte, dieſe zu forciren und eine Diverſion in dem Ruͤcken der Buͤrger zu verſuchen. Duprat, einer der revolutionairen Buͤrgerraͤthe, uͤbernahm den Befehl uͤber dieſe Truppen. Die Buͤrger, welche den Abzug die⸗ ſes Detaſchements als die Vorboten des Ruͤck⸗ zugs hielten, erhoben ein Freudengeſchrei. Die Soldaten Jourdan's ſchlugen voll Ungeduld ihre 241 Waffen gegeneinander, und waren nur mit Muͤhe durch ihre Anfuͤhrer im Zaume zu hal⸗ ten. Sie verlangten, unverzuͤglich Sturm zu laufen. Aber Jourdan ritt die Fronte entlang und ſchuͤttelte mit dem Kopfe. Als er glaubte, daß Duprat ungefaͤhr ſein Ziel erreicht haben koͤnnte, ſprengte er zur Seite, aber weder von dieſem Punkte, noch von dem Abhange, auf wel⸗ chem die Buͤrger lagerten, konnte man den von Weinhuͤgeln und Olivenwaͤldern verſteckten Fluß in ſeinem Laufe verfolgen. Pioͤtzlich donnerte ein Kanonenſchuß durch die Luft. Jourdan ſprengte zu den Seinigen zuruͤck. Da kein zwei⸗ ter erfolgte, ſo vermuthete er, daß Duprat ihm nur habe ein Signal geben wollen, und daß er, was bei der Unbekanntſchaft der Buͤrger mit allen militairiſchen Vorſichtsmaßregeln faſt zu erwarten war, an der ſteinernen Bruͤcke keinen Widerſtand gefunden habe. In der That zeigte ſich auch ſchon die Wirkung dieſer Ueber⸗ raſchung in den Reihen der Buͤrger. Man be⸗ merkte eine lebhafte Unordnung, Durcheinander⸗ II. 16 242 laufen und Verwirrung. Sie erkannten, daß wenn jetzt Jourdan angriffe, ſie zwiſchen zwei Feuer kommen wuͤrden und rettungslos ver⸗ loren waͤren. Warfen ſie ſich auf den Trupp, der ſie umgangen hatte, ſo mußten ſie ihre vortheilhafte Poſition aufgeben, und dem Feinde den Weg zur Stadt offen laſſen. Furchtſame Stimmen ſchlugen vor, ſich auf Diskretion zu ergeben, aber man hatte die Gnade dieſes Fein⸗ des zu gut kennen gelernt, als daß die Mehr⸗ heit Luſt bezeugen konnte, ſich ihr noch ein⸗ mal Preis zu geben. Es blieb nur Ein Aus⸗ weg uͤbrig, der kuͤhnſte freilich, der aber, wenn er gelang, auf immer Sicherheit, gewaͤhrte. Man mußte ſich naͤmlich auf das geſchwaͤchte Hauptkorps werfen, da, dies erſt geſchlagen, der Feind im Ruͤcken nicht zu fuͤrchten war. Jourdan ſah an der Bewegung der Buͤrger, daß der entſcheidende Augenblick nahe ſey. Er ſtellte ſeine Infanterie in einer Linie auf, um mehr zu imponiren, und ließ hinten die drei ihm noch uͤbrigen Kanonen auffahren, zu deren ——— 243 Deckung er die wenige Kavallerie beorderte, aͤber die er noch zu verfuͤgen hatte. Die Buͤr⸗ ger hatten, als ſie den Fuß des Huͤgels erreich⸗ ten, ſich zu einem unordentlichen, aber dicken Haufen geſammelt, und drangen jetzt mit ziem⸗ licher Faſſung vorwaͤrts, in der Abſicht, die Reihe der Soldaten zu durchbrechen, und ſo jedes Enſemble in deren Bewegung unmoͤglich zu ma⸗ chen. Als ſie auf hundert Schritte herangekommen waren, ließ Jourdan, der ihre Abſicht errieth, Feuer geben, und zog dann ſchnell den rechten Fluͤgel ſeines Korps vor den linken, ſo daß er dieſen verdoppelte und die Buͤrger ploͤtzlich ihre Richtung veraͤndern mußten. Ehe ſie ſich von ihrer Ueberraſchung erholt hatten, erhielten ſie eine neue Salve, welche nicht weniger moͤrde⸗ riſch ausfiel. Trotzdem verloren ſie den Muth nicht, ſondern ſchwenkten ebenfalls und ſtuͤrz⸗ ten im Laufe auf den Feind, um zum Handge⸗ menge zu kommen. Als ſie auf einige fuͤnfzig Schritte vorgedrungen waren, ließ Jourdan ploͤtzlich wieder mit einer Praͤziſion eine Seiten⸗ 244 ſchwenkung machen, welche dem geubteſten Heere Ehre gemacht haͤtte, und demaskirte ſo ſein Geſchuͤtz. Die Buͤrger ſtutzten, und zugleich ent⸗ luden ſich die drei Kanonen ihrer toͤdtlichen La⸗ dung. Die Kartaͤtſchen flogen in die dichte Maſſe und riſſen ganze Reihen nieder. Ein Schrei des Entſetzens zerriß die Luft. Es war an kein Sammeln zu einem neuen Anlauf mehr zu denken, und als Jourdan jetzt den Befehl zum Vorruͤcken gab, und auch die Kavallerie in die Luͤcken einſprengte, da wurde die Flucht allgemein. Der Widerſtand war voruͤber, aber die Metzelei begann erſt. Die Buͤrger warfen ihre Waffen fort, um leichter fliehen zu koͤnnen, aber die Reiter holten die Mehrzahl ein, trie⸗ ben ſie, wie der Hund die Heerde, in einen Kreis zuſammen und auf die Infanterie zu, welche des Mordens nicht muͤde wurde. Niemand gab Pardon. Was noch am Leben blieb, dankte ſeine Rettung nur der einbrechenden Nacht, welche die Fluͤchtlinge in ihren ſchuͤtzenden Schleier huͤllte. 245 Es war neun Uhr, als Jourdan ſich mit Duprat vereinigte und vor die Stadt zog, die ihm zitternd ihr Thor oͤffnete. Seine Soldaten mußten die Nacht uͤber unter dem Gewehre bleiben. Fuͤr die Einwohner war es eine Nacht des Grauens und des Jammers. Jede Familie faſt hatte einen Streiter hinausgeſchickt, und niemand war zuruͤckgekehrt. Schon hatte der Tod ſo viel Opfer verlangt, und was war noch zu fuͤrchten? Alles zitterte, wenn man an das Schickſal dachte, das noch bevorſtand. Einer wuͤthenden Horde Preis gegeben, welche noch durch Rache aufgeregt war, ſchien nichts ſo graͤßlich, was nicht zu beſorgen war. Am andern Morgen gebot Jourdan, daß die Thore der Stadt geſchloſſen bleiben ſollten. Er ſetzte den alten Buͤrgerrath, zu welchem Du⸗ prat und Mainville gehoͤrten, wieder ein und er⸗ klaͤrte denſelben in Permanenz. Patrouillen durch⸗ ſtreiften die Straßen. Aus mehreren Haͤuſern wurden Leute fortgeſchleppt und nach dem Schloſſe gefuͤhrt, welches Jourdan hatte befe⸗ 246 ſtigen laſſen. Den ganzen Morgen dauerte das Verhoͤr. In dem großen Saale zur ebenen Erde ſaßen die Richter, Jourdan in der Mitte, ſein Beil vor ſich. Auf dem Tiſche lagen Papiere zwiſchen Flaſchen, Glaͤſern und Pfeifen. An dem Thore hielten ein halb Dutzend Kerls Wache, waͤhrend ein Paar Andere immer einen Gefangenen nach dem andern bei dem Kragen hereinſchleppten, und wenn das Urtheil gefaͤllt war, ihn draußen an andere ablieferten. Die Fragen betrafen groͤßentheils nur die Namen der Verhafteten, die Richter blickten darauf in die Papiere, in welchen ſich Notizen uͤber die Geſinnungen derſelben vorfanden, und beſtimm⸗ ten ohne Weiteres den Spruch.— Wenn Jourdan auf das Eiſen ſeines Beiles tippte, ſo bedeutete dies, daß der Verhaftete in das Stadtgefaͤngniß gebracht werden ſolle, griff er nach dem Stiele, ſo bedeutete dies Freiheit. Doch kam das Letztere nur ſelten vor, unter neun⸗ zig Faͤllen nur drei Mal. Kinder fanden nicht mehr Mitleid, als Erwachſene. Unter Lachen und 247 — Scherzen wurde das Geſchaͤft abgemacht. Es war bereits Mittag, und man ſollte eben die Sitzung aufheben, als noch die drei hereinge⸗ bracht wurden, welche kurz vor dem Treffen in die Haͤnde der Raͤuber gefallen waren. Man fuͤhrte zuerſt den Geiſtlichen an den Tiſch, ei⸗ nen ehrwuͤrdigen Greis, noch von bluͤhendem Ausſehen. Der Glanz ſeiner Augen hatte noch ganz ſeine Jugendfriſche, obgleich ſein Haupt faſt ganz kahl und nur am Rande von einigen Silberlocken bekraͤnzt war. Er blickte ſeine Richter mit einer Ruhe an, die ſie in Verle⸗ genheit zu ſetzen ſchien. — Du fuͤrchteſt Dich nicht, fragte endlich Jourdan. — Warum ſollte ich? Ich werde bald vor Gott ſtehen, und ſollte einen menſchlichen Rich⸗ ter fuͤrchten? — Wie heißt Du? — Abbe de Raſtignac. — Woher? — Von Carpentras, wo ich einem Jugend⸗ 248 freunde, dem ehemaligen Intendanten Herrn von Molleville, in ſeiner Sterbeſtunde beiſtand. Von da wollte ich ſeine Tochter und deren Gat⸗ ten nach Marſeilles begleiten, als wir gefangen wurden, ohne Recht und ohne Urſache. — Er rebellirt gegen unſer Recht, ſchrie Mainville, der halb betrunken war. — Es iſt ein Spion, rief Duprat. Der Geiſtliche drehte nicht einmal den Kopf bei dieſer Entſchuldigung. Wenn noch Gefuͤhle fuͤr Menſchlichkeit in Ihren Herzen leben, ſo wuͤrde ich mich an Ihre Großmuth wenden, wenn ich Maͤnner von Ehre vor mir ſaͤhe, ich wuͤrde Sie fragen, ob dieſe graue Locken den Kopf eines ſo niedrigen Weſens, wie ein Spion iſt, decken koͤnnen. Ihren Verſtand aber frage ich, ob ich als Spion unklug genug geweſen waͤre, Ihnen ſo in die Haͤnde zu laufen. — Was ſollen wir uns hier ſchimpfen laſſen, ſchrie Mainville; reißt ihm die Locken ſammt der Haut'runter, daß er ganz zum Kahlkopf wird. 249 — Wenn es Ihr Gewiſſen vertraͤgt, ant⸗ wortete der Abbe ruhig, ſo thun Sie es. Sie ſind das Morden gewoͤhnt, ich habe ſo gelebt, daß ich taͤglich des Todes gewaͤrtig ſeyn kann, und werde zu ſterben wiſſen. Duprat warf mit einem Glaſe nach ihm und ſtreifte ihm das Ohr. — Fuͤgen Sie Ihrer Ungerechtigkeit, ſagte der Abbe, auch noch die Schmach kleinlicher Wuth hinzu, Sie erſchuͤttern mich doch nicht. Jourdan ſchlug mit der Hand auf das Beil. Zwei ſeiner Haͤſcher packten den Greis auf je⸗ der Seite bei der Schulter, riſſen ihn fort und zerrten ihn zur Thuͤr hinaus, waͤhrend zwei andere Herrn Dumesnil vorfuͤhrten, der bleich und zitternd ſich mit einer Hand an den Tiſch feſthielt. — Ein anderes Glas, rief Duprat. — Trink nicht mehr, ſagte Jourdan. — Pahl antwortete Mainville. Wein berauſcht nicht, wie Blut. — Was wollen Sie von mir, meine Her⸗ ren? ſtotterte Dumesnil. Jourdan ſchlug die Augen auf und ſah den Gefangenen einige Sekunden an. Ploͤtzlich brach er in ein lautes Gelaͤchter aus. Dumesnil ſah ſich erſchrocken um, da er nicht wußte, wie er dieſen ploͤtzlichen Ausbruch der Luſtigkeit deuten ſollte. — Was gibt's? frugen die Andern. Jourdan lachte noch immer, aber ſelbſt die frohe Laune gab dieſem ſinſtern baͤrtigen Ge⸗ ſichte keinen Ausdruck, der einem Manne in der Lage Dumesnil's großen Muth einfloͤßen konnte. Endlich ſchlug er mit der Fauſt auf den Tiſch und rief, indem ihm die Thraͤnen uͤber die Wangen rollten: Kerl, wie ſiehſt Du aus? Dumesnil betrachtete ſich, war aber noch immer ſo beklommen und angſterfuͤllt, daß er kaum die Augen aufſchlagen konnte. — Dies duͤrre, bleiche Geſpenſt, ſetzte Jour⸗ dan hinzu, und der friſche Jaͤgersmann, der ſo ſchoͤn in's Schwarze traf! Hel rief er, in⸗ 251 dem er aufſtand und uͤber den Tiſch hinuͤber dem Gefangenen auf die Achſel ſchlug, he! Do⸗ minique, halb Part! Dumesnil fuhr zuſammen und ſtarrte den Raͤuber an. — Nun, Burſche, kennſt mich noch nicht? Ich ſehe, der Schuß auf den Herrn von Ve⸗ rigny hat uns beide in die Hoͤhe gebracht, mich zum Anfuͤhrer einer Armee, Dich, ei, zum Schwiegerſohn eines Intendanten und alſo zum reichen Manne. Dominique, der Bandit! ha! ha! Wo haſt Du geſteckt? — Ich erwarb mir etwas in Amerika, ſagte Dumesnil mit ſchwacher Stimme, ohne noch zu wiſſen, ob dieſe Entdeckung ihm Nutzen oder Schaden bringen wuͤrde. — und weißt Du, Schatz, daß ſie mich ſtatt Deiner gefaßt und auf die Galeeren ge⸗ ſchickt haben? Dumesnil zitterte. — Mit dem Praͤſidenten habe ich mich ge⸗ ſtern abgefunden, jetzt zu Dir. 25² Dumesnil warf ſich auf die Knie und bat um Schonung. Ein veraͤchtliches Laͤcheln zuckte um Jouve's Lippen. Was gibſt Du mir, wenn ich Dir das Leben ſchenke? fragte er. — Alles, was ich habe, antwortete der Ge⸗ fangene. — Das iſt ohnedies unſer, antwortete der Raͤuber lachend. Du biſt Ariſtokrat geworden und die Patrioten ſind Deine geſetzlichen Er⸗ ben. Das iſt ja eben das Schoͤne an der Frei⸗ heit, daß ſie Ketten und Kaſſen ſprengt. Nein, nein, Du mußt mehr thun. Dein Schuß da⸗ mals war eine Schlinge, die ſich um uns beide zog. Du haſt den Lohn mit mir getheilt, jetzt theile ich mit Dir; Du biſt Schuld, daß ich jetzt hier ſitze, und es iſt billig, daß Du wenigſtens jetzt mein Loos theilſt. Du trittſt in unſer Korps und ich ernenne Dic zu mei⸗ nem Adjutanten. — Ich kann nicht, flehte Dumesnil, ih bin krank, ſchwach und meine Frau— — Ah, Deine Frau, bringt ſie her. —* —— 253 Zwei von der Bande fuͤhrten Madame Du⸗ mesnil herbei. — Pah, rief Duprat, die Buͤrgerin iſt nicht werth, daß man um ſie lamentirt. — Wie gefallen wir Dir? fragte ſie Jouve. — Steh ich bloß hier, um dieſe Frage zu beantworten? entgegnete Adele. — Ja wohl; Dein Mann will in unſer Korps eintreten, moͤchte aber Deine Meinung wiſſen. Adele warf einen Blick des Mitleids auf Dominique. Er ſoll mir den Namen wieder abnehmen, ſagte ſie, den er mir geliehen hat, und ſeiner Neigung folgen. Mainville ſtieß einen groben Fluch aus. — Seh' ich, fuͤgte ſie heftiger hinzu, einer Perſon aͤhnlich, der man einen ſolchen Antrag machen kann? Hat mich das Ungluͤck in die Arme dieſes Menſchen gefuͤhrt, ſo war es doch beſchloſſen, daß er meinen, nicht ich ſeinen Weg gehen ſollte. 254 — So gehe ihn, antwortete Jourdan, und beruͤhrte das Eiſen. Adele wurde abgefuͤhrt, Dumesnil ruͤhrte ſich nicht, vergoß aber bittere Thraͤnen. Duprat ſtand ſcheltend uͤber ſeine Unmaͤnnlichkeit auf und druͤckte ihm ein Glas Wein mit ſolcher Ge⸗ walt in den Mund, daß es faſt zerſprungen waͤre. Trink, ſchrie er, und komm zu Tiſch. Die Sitzung iſt aufgehoben; es lebe die Na⸗ tion! Nach der Arbeit ſchmeckt es doppelt. Die Befehlshaber der Patrioten waren noch bei ihrer Mahlzeit, die ſich bei Scherz und Wein bis in den ſpaͤten Abend hingezogen hatte, als eine Ordonnanz eine Nonne meldete, die ſich durchaus nicht abweiſen laſſen wollte. Auf den Befehl Jourdans wurde ſie hereinge⸗ laſſen. Es war die Wittwe des Praͤſidenten. In Carpentras, wo ſie ihren Oheim, den Abbe Raſſignac, geſucht hatte, wurde ihr berichtet, daß derſelbe ſich mit Herrn Dumesnil und ſei⸗ ner Gattin nach Marſeille begeben habe. Sie fuhr ihnen ſogleich nach und vernahm unter⸗ weges, da ſie ſich uͤberall nach den Reiſenden erkundigte, weil bei dieſer bewegten Zeit leicht eine Abweichung von der Route vorauszuſetzen war, daß drei Perſonen, auf welche ganz die Beſchreibung der Nonne paßte, von den Pa⸗ trioten Avignons gefangen genommen und mit fortgefuͤhrt worden waͤren. Die Nonne nahm keinen Anſtand, ihnen ſelbſt nach Avignon zu folgen, und erſchien jetzt vor Jourdan, um ſich hei ihm nach dem Schickſale des Abbe's zu er⸗ kundigen. Als ſie ihren weltlichen Namen nann⸗ te, antwortete Jouve bloß mit einem Ah! Ah! Sie bemerkte jedoch den zweideutigen Ausdruck ſeines Geſichtes nicht, ſondern beſchwor ihn auf das Leidenſchaftlichſte, ihr zu geſtatten, daß ſie auf der Stelle, waͤre es auch nur auf einige Minuten, ſich mit ihrem Oheim beſprechen duͤrfe. Man ſagte ihr, er ſey im Gefaͤngniß; ſie ließ nicht nach, ſie bat, ſie flehte mit ſol⸗ cher Heftigkeit, als ob ihr Leben von dieſer Unterredung abhinge. Meinetwegen, antwortete Jouve zuletzt. Die Nonne wollte ihm die Hand ———x ö“ 1., vor Dankbarkeit kuͤſſen. Duprat fragte, was die fromme Schweſter ſo in Ruͤhrung verrſetzt habe. Jouve antwortete, daß er ihr Erlaubniß ertheilt habe, das Gefaͤngniß zu beſuchen. Die Patrioten lachten laut auf. Die Nonne hoͤrte nichts, ſah nichts, dachts an nichts, als an ihr Kind, an die Gewißheit, die ſie uͤber ſeine Geburt erhalten ſollte. Einer der Solda⸗ ten winkte ihr, ſie folgte ihm mit ſchnellen Schritten. Als ſie vor der Gefaͤngnißthuͤre an⸗ gekommen waren, rief der Soldat dem Schlie⸗ ßer. Pierre, ſagte er, die Nonne hier will zum Abbé, der heute eingeſperrt worden iſt. Der Schließer betrachtete das Geſicht der Nonne, und ergriffen von der freudigen Spannung, die aus demſelben ſprach, fragte er ſie leiſe, als er mit ihr uͤber den Hof ging: Wiſſen Sie auch, daß die Gefaͤngniſſe heute nicht ſicher find? Die Nonne ſah ihn an, ſchien ihn aber nicht zu verſtehen, ſondern eilte nur noch ſchnel⸗ ler weiter. Der Schließer folgte zoͤgernd, zuckte die Achſeln, als ob er das Seinige gethan 257 — habe und ſchloß eine Thuͤr nach der andern auf, bis ſie zu der kamen, welche in den Saal fuͤhrte, der die heute eingebrachten Gefangenen umſchloß. 8* Die Nonne ſank halb bewußtlos in die Arme des beſtuͤrzten Abbé's. Ein krachender Schlag unterbrach ploͤtzlich die Stille. Man höoͤrte deutlich, es war eines der aͤußern Thore, das aufgeſchlagen wurde. Die Gefangenen fuhren in die Hoͤhe. Sie dach⸗ ten, man wolle ſie mit Gewalt befreien. Sie hofften Rettung, es kam der Tod. Jourdan hatte, als er mit den Seinigen ſich von der Tafel erhoben, an der ſie reichlich des Guten genoſſen, ſich auf die Straße begeben, wo ihn zwei hundert Mann erwarteten, die er beordert hatte. Ein Theil derſelben hatte, da der Him⸗ mel dicht umwoͤlkt und weder Mond noch Sterne ſichtbar waren, bereits Fackeln angezuͤndet. Der Zug ſetzte ſich ſchweigend in Bewegung. — Wohin gehen wir? fragte Dumesnil, den Jourdan gezwungen hatte, ihn zu begleiten. II. 4 17 —— 258 — Du wirſt es gleich ſehen, antwortete die⸗ ſer. Ich denke der Seele meines ermordeten Freundes Lecuyer eine Hekatombe zu opfern. Dumesnil ſchwieg ſchaudernd. Vor dem Gefaͤngniſſe wurde Halt gemacht. Man rief nach Dumenoir, dem Schließer, daß er oͤffnen ſolle. Niemand antwortete, wahrſchein⸗ lich hatte er ſich aus Abſcheu vor den Scenen, denen er entgegen ſah, aus dem Staube ge⸗ macht. Jouve ſchlug mit ſeinem gewichtigen Beile gegen das Thor, daß es klirrend aus dem Schloſſe fuhr. Die Anfuͤhrer nebſt der Haͤlfte der Soldaten drangen in das Gebaͤude, die uͤbrigen hielten draußen Wache. Die Fak⸗ keln warfen ein grelles, ſchwankendes Licht uͤber den duͤſtern, von hohen Mauern eingeſchloſſe⸗ nen Raum. Jourdan gab mit der Hand ein Zeichen und eine Rotte ſtuͤrzte nach dem Ein⸗ gange zu den Gefaͤngnißſtuben, der ebenfalls mit Gewalt erbrochen werden mußte. Die armen Ver⸗ hafteten hofften noch immer. Alles hatte ſich nach der Thuͤr gedraͤngt, um zuerſt der Freiheit 259 v theilhaftig zu werden. Jede Bruſt hob ſich vor freudiger Erwartung. Der Abbe hielt noch im⸗ mer ſeine Nichte in den Armen, die ſich kaum zu erholen vermochte. Ihr erſtes Wort war: mein Kind! Der Abbé ſah ſie mit einem ſchmerz⸗ lichen Blicke an. Nein, nein, rief ſie, ſich er⸗ hebend, kein Verheimlichen mehr. Ich habe mein Kind wieder gefunden. Es will mich nicht erkennen, mein Oheim; o eilen Sie, fuͤhren Sie es an mein Herz. Jetzt erſt weiß ich, was Mutterliebe und Mutterſchmerz iſt. Sie ſind es mir ſchuldig, mein Oheim; ich habe mich Ih⸗ rem Ausſpruche unterworfen, aber mein Kind bedarf meiner. — Dein Kind, Du Arme, antwortete der Abbé— Die Nonne hing an ſeinen Lippen. Aber ehe er vollenden konnte, ſiel die Thuͤr, von einem Brecheiſen aufgeſchlagen, in das Zimmer und verletzte mehre der zunaͤchſt Stehenden. Beim Fackellichte, das ploͤtzlich die Daͤmmerung durch⸗ brach, ſah man mehre wilde Geſtalten heran⸗ 260 dringen, deren Geſichter nichts Gutes verkuͤn⸗ deten. Den Gefangenen entfuhr einen Schrei des Entſetzens: einige, die ſich herausdraͤngen wollten, wurden von den Patrioten auf der Stelle niedergeſchlagen, die uͤbrigen zogen ſich erſchrocken in den Hintergrund zuruͤck. Der Abbe wurde in der Verwirrung von ſeiner Nichte ge⸗ trennt. Man hoͤrte nur ihr lautes, jammerndes Rufen: mein Oheim! mein Oheim! Es dran⸗ gen immer mehr von Jourdans Schaar herein. Die verzweifelten Gefangenen, die jetzt errie⸗ then, welches Schickſal ihrer wartete, wehrten ſich wie die Raſenden. Aber was vermochten ſie gegen die Uebermacht? Mit eiſerner Fauſt packten die Eingedrungenen ihre Opfer und ſchleppten ſie hinaus auf den Hof, wo Jourdan und ſeine Hauptleute einen Halbkreis bildeten und das Blutgericht hielten. Gruͤße mir Lecu⸗ yer, rief er, als der Erſte vor ihn g ebracht wurde, und ſage ihm, ich ſchicke Dich als Suͤhnopfer. Auf einen Wink fiel einer der Sol⸗ daten uͤber ihn her und ſchlug den ungluͤckli⸗ 261 chen nieder. Weiber und Kinder wurden ge⸗ mordet.— Unmenſchen, rief die Frau eines der reichſten Weinhaͤndler, fuͤhrt Ihr mit Weibern Krieg?— Was, ſchrie Jourdan wuͤthend, habt Ihr Weiber nicht auch meinen Freund zu Tode geſtochen? Ich will Euch wieder ſtechen. In demſelben Augenblicke rannte ihr ein Kerl ſeine Pike von hinten durch den Leib, daß ſie ſich, wie eine Raupe an der Nadel, noch ei⸗ nige Minuten kruͤmmte. Jourdan ſtieß die Leiche mit den Fuͤßen fort. Fort damit, befahl er, in die Eisgrube! Ein kleiner Knabe flehte, man moͤge ihm ſeinen Vater nicht nehmen. Dein Wille geſchehe, antwortete Mainville hoͤhniſch, und als der Vater das Kind an ſeine Bruſt druͤckte, ließ er ſie Arm in Arm durchbohren. gwei Raͤuber kamen mit dem Abbe herbei. Die Nonne ſtuͤrzte ihm nach. Ich bin nicht ge⸗ fangen, rief ſie, zu einigen Soldaten, die ſie noch zuruͤckhalten wollten, laßt mich los. — Wie ſteht es jetzt mit Deinem Muthe? fragte Duprat hoͤhniſch. * 262 — Beſſer, antwortete der Geiſtliche gefaßt, als es mit Dir in Deiner Sterbeſtunde ſiehes wird. Duprat ſchwang ſeinen Saͤbel uͤber das Haugt des Geiſtlichen, aber dieſer blickte ihn ruhig an, ohne zu zucken. Die Nonne hatte ſich nach langer Anſtrengung von den ſie feſthaltenden Maͤnnern losgeriſſen und war auf ihren Oheim zugeeilt. Als ſie den Saͤbel blinken ſah, ſprang ſie mit einem Schrei vor und zog den Abbe zuruͤck. Oheim, wo iſt mein Kind? frug ſie, indem ſie außer ſich die Arme um ihn ſchlang, als ob ſie mit ihrem Koͤrper ihn decken wollte, bis ſie Nachricht uͤber das erhielt, was ihr jest das Theuerſte auf Erden war. Duprat aber zog den Abbe wieder zu ſich heran. Jouve fiel ihm in den Arm und fragte den Greis: Willſt Du Dein Leben retten? Du haſt Muth, ſey mein Sekretair. — Es iſt Suͤnde, antwortete der Gefangene, ſein Leben zu kuͤrzen, ſuͤndlicher aber, es 2 auf ſolche Weiſe zu verlängern. 263 — Dominique, der dieſe Worte hoͤrte, erbleichte. — Thut mit mir nach Eurem Gefallen. Nehmt meinen Leib. Gott erbarme ſich meiner Seele.. Duprat, der eine beſondere Wuth auf den Geiſtlichen hatte, ſchlug mit ſeinem Saͤbel nach ihm, hieb ihm aber nur den Arm durch. Ich verzeihe Dir, ſagte der Verwundete mit einem ſchmerzlichen Laͤcheln. Seine Nichte warf ſich wieder zwiſchen ihn und ſeine Moͤrder. Armes, ungluͤckliches Weib, ſetzte er matt hinzu, faſſe Muth; Du geheſt zu Deinem Kinde ein. Ich habe Dich getaͤuſcht; ſchon vor zehn Jahren ſchrieb mir die Familie, bei der es erzogen worden, es— Den Moͤrdern wurde die Zeit zu lang; ein Schlag auf den Kopf mit einem ſchweren Knittel ſtreckte den Greis zu Boden. Die Nonne ſank neben ihn, ſie legte ihr Ohr an den Mund des Sterbenden, um den Schluß ſeiner Offenbarung zu vernehmen. Er ſchlug die Au⸗ gen noch einmal auf, bewegte die Lippen— mehr. 264 oͤffnete den Mund, ſchloß ihn wieder— ſtam⸗ melte deiſe das Wort: todt! und war nicht Die Nonne ſah die Leiche mit irrem Blicke an, faßte ſie ungeſtuͤm bei'm Kopfe, riß ihn in die Hoͤhe, ſchuͤttelte ihn, wie jemand, don dem man glaubt, er wolle aus Halsſtarrigkeit nicht ſprechen, und ließ ihn, als er dennoch ſtumm blieb, auf das Pflaſter zuruͤckfallen. Als der Kopf toͤnend gegen die Steine ſchlug, brach ſie in ein lautes Gelaͤchter aus. Jetzt kann er ſprechen, ſagte ſie, der Trotzkopf! Einige Au⸗ genblicke ſchwieg ſie. Darauf ſchrie ſie, wie von einem ploͤtzlichen Entſetzen ergriffen, todt! und brach in einen Strom von Thraͤnen aus. Als einige Leute die Leiche des Oheims fortzie⸗ hen wollten, warf ſie ſich uͤber dieſelbe, riß 1 ihm den Rock auf und zog ein Paket Papiere heraus. Das iſt mein Kind! rief ſi ie, die Pa⸗ piere küſſend und ſie in den Armen wiegend, wie einen Saugling. So ſaß ſie ſtill und merkte nicht, daß waͤhrenddeß neue Opfer fielen. 265 Als eine der letztern wurde auch Adele her⸗ beigefuͤhrt. Als ſie die bluttriefenden Geſtalten, noch graͤßlicher durch das rothe Fackellicht, vor ſich ſah, ſanken ihr die Knieen zuſammen und nur mit Muͤhe gewann ſie wieder ihre Faſſung. Jourdan fragte ſie, ob ſie noch auf ihrer An⸗ ſicht beſtehe. Mit Moͤrdern leben? rief Adele, lch das Geſicht bedeckend, lieber todt! — Wer ſpricht von todt? nef die Monns mit großen Schritten naͤher kommend. Als ſie Adelen erblickte, ſprang ſie auf ſie, ſchloß ſie in ihre Arme und rief: auch mein Kind! Einer der Raͤuber wollte einen Streich nach Adelen fuͤhren, die Nonne fuhr aber mit einem Sprunge auf ihn zu und faßte ihn an der Gurgel, daß er uͤberraſcht ſeinen Degen fallen ließ. Sie hob den Degen auf und ſtellte ſich damit vor Adele und ſagte, indem ſie ſie mit ihrem Leibe deckte: lebendiges Kind fuͤr todtes Kind? Wollt Ihr das auch todt machen: — Macht dem Geſchrei ein Ende, grollte 266 Mainville, werft die Wahnſinnige fammt der andern in die Eisgrube. Die Naͤuber zauderten. — Was, ſchrie er wuͤthend, tolle Hunde erſchlagt Ihr und vor einem tollen Weibe fuͤrch⸗ tet Ihr Euch? Er drang auf die Frauen ein, aber die Nonne ſtuͤrzte wie eine Raſende auf ihn und verwundete ihn mit dem Degen an der Hand, daß er betroffen zuruͤckprallte. Sie lachte laut und lief um Adelen, den De⸗ gen ſchwingend, herum und rief: Kein Menſch ſoll Dir etwas thun. Ich bin Deine Mhutta und Du biſt mein Kuͤchlein. — Werft ſie lebendig in die Grube, befahl Mainoille voll Zorn. Dumesnil hatte ſich endlich ein Herz gefaßt und war vorgetreten. Jourdan, ſagte er, zu Dir wende ich mich. Was hat Dir mein ar⸗ mes Weib gethan? Du willſt, ich ſoll treu Dein Schickſal theilen und befiehlſt den Tod meines armen Weibes. Wenn ſie anders denkt, als ich, ſo verzeihe ihrer Geburt. Hab' Erbar⸗ 267 men! Thue mit mir, was Du willſt, aber vergieße ihr Blut nicht. Ich will Dir dienen, ich will zu Dir halten wie ein Bruder, aber habe Mitleid.— Er konnte vor Angſt nicht 3 weiter ſprechen. Die Haͤnde ringend, ſtand er vor Joudan, faſt wie ein Verurtheilter, waͤh⸗ rend ſeine Gattin ſtolz und üneeennst iihr⸗ Ur⸗ theil erwartete. — Gut, antwortete der Anführer. Ich ſchenke ihr das Leben, aber nicht die Freiheit. Bei Dir will ſie nicht bleiben und draußen wuͤrde ſie zu viel plaudern. Sperrt ſie in das Schloßge⸗ faͤngniß ein, und damit ſie Geſellſchaft hat, ſo ſteckt ſie mit der Verruͤckten hier zuſammen. Die eine hat nicht mehr Verſtand, als die andere, da köoͤnnen ſie ſich die Zeit vertreiben. Mainoille und einige andere nahmen dieſen Befehl nur murrend auf, wagten es jedoch nicht, offen zu widerſprechen. Kein Gefangener war mehr uͤbrig. Jourdan ließ den Eingang zur Eisgrube zumauern und zog ſich mit ſeinen Truppen und den beiden, fuͤr den Kerker beſtnatten Trauan Ks dem Senof. zuruͤck. Afin. 9 Am andern Tage herrſchte die tieffe Beſtuͤr⸗ zung und Betruͤbniß in der ganzen Stadt. Es konnte nicht fehlen, daß etwas von den Sce⸗ nen des vergangenen Abends ruchbar gewotden war. Zwar ließ Jourdan ausſprengen, er habe die Gefangenen nur aus der Stadt nach dem Schloſſe bringen laſſen, das Gerücht dnd i ls doch wenig Glauben. Schon vierzehn Tage vor dieſen Vorfaͤllen hatte der Koͤnig den Beſchluß der National⸗ Verſammlung, durch welchen Avignon mit Frankreich vereinigt wurde, genehmigt. Unmit⸗ melbar darauf waren drei Kommiſſaire, die Herren Champion, dAlbignae und Le Siene des Maiſons, von Paris abgereiſt, um. dieſe Vereinigung zu bewirken. In Orange erhielten ſie die erſte Nachricht von den in Avignon vor⸗ gefallenen Graͤuelthaten. Einige Buͤrger, denen es, trotz der vom Feinde getroffenen Maßre⸗ geln, gelungen war, aus der Stadt zu entkom⸗ men, und die nach Paris eilen wollten, um der National⸗Verſammlung ein Bild ihres Elendes zu entwerfen, trafen auf die Kommiſſaire und ſchilderten ihnen den graͤßlichen Zuſtand ihrer Stadt; den Schrecken, welchen ſie beſtanden haͤtte; das Ungluͤck, welchem ſie noch ſtundlich entgegenſah. Die Bevollmaͤchtigten ſchauderten. Sie ſahen ein, daß ſchnelle, energiſche Huͤlfe noͤthig ſey. Sie befahlen dem General Choiſy, der uͤber drei tauſend Mann zu verfuͤgen hatte, an deren Spitze in die Grafſchaft einzuruͤcken. Die Botſchaft von den nahenden Truppen und ihrer Beſtimmung weckte auch den Cheva⸗ lier aus ſeinem Traͤumen. Das Wundſieber, wer⸗ ches ihn uͤberfallen hatte, war von keiner großen Bedeutung geweſen und wich bald der ſorgſa⸗ men Pflege, die ihm zu Theil wurde. Clemenee hielt es fuͤr ihre Pflicht, ſelbſt uͤber der Her⸗ ſtellung ihres Erretters zu wachen, waͤhrend der Marquis die Beſorgung der durch den Tod des Praͤſidenten noͤthig gewordenen Anſtalten Abernahm. Clemence fand ſich bei ihrem entſchie⸗ denen Karakter, der Sicherheit ihres Taktge⸗ fuͤhles leicht, ohne Scheu in die Pflichten, welche ihr oblagen. Nur ihr einſames Zimmer ſah die Thraͤnen, welche ihr der Schmerz uͤber den Verluſt ihres Vaters und ihre verlaſſene Lage entriß. Gern lieh ſie den heitern Scherzen des Herrn von Bievre ihr Ohr, mehr an der Abſicht, als dem Scherze ſelbſt ſich erfreuend, um ſo mehr, da man dem Marquis ſelbſt das Gezwungene ſeiner Laune anmerkte, und der Truͤbſinn der Zeit auch den blinkenden Spiegel ſeines Gemuͤths nur zu ſehr verdunkelt hatte. Lieber jedoch betrachtete ſie ſtill fuͤr ſich ſinnend den unruhigen Schlummer des Kranken. War ſie doch von ihrem Vater ſelbſt an ihn, als ihren Schirmer, gewieſen worden. Ihre Haͤnde waren von dem Sterbenden zuſammengefügt worden und an dieſen Augenblick knuͤpfte ſie eine ganze Zukunft. Die letzten Ereigniſſe hat⸗ ten ihr ganzes Weſen aufgeregt, und wenn die Phantaſie eines Maͤdchens einmal erwacht iſt, ſo findet ſich ſchnell das Bild zu dem Rahmen, 271 — den ſie aufſpannt. Als das Fieber ihn zu ver⸗ laſſen anſing, hoͤrte ſie ihn mit noch groͤßerer Theilnahme von ſeinem fruͤhern Leben, von ſeinen Kaͤmpfen fuͤr die Freiheit, von ſeinen Wuͤnſchen und Taͤuſchungen reden. Sie fuͤhlte, daß ſie die Hoffnungen eines Mannes nicht hin⸗ tergehen wuͤrde und von dieſem Bewußtſeyn zu dem Wunſch̃, in den Stand geſetzt zu werden, dies beweiſen zu koͤnnen, fuͤr ſein fruͤheres Ungluͤck einen Erſatz zu bieten, iſt nur ein kurzer Schritt. Der Chevalier ſelbſt fuͤhlte ſich kraͤnker, wenn er ſie nicht in der Naͤhe wußte. Ihn, der tief das Beduͤrfniß eines Weſens empfand, dem er ſich ganz hingeben und bei dem er nicht bloß Theilnahme, ſondern auch warmes, zartes Mit⸗ gefuͤhl erwarten konnte, mußte Clemente mehr, als irgend ein Weib feſſeln. Ohne ſich ſelbſt Rechenſchaft davon abzulegen, empfand er, daß er in ihr die Ergaͤnzung ſeines eigenen Seyns gefunden hatte, nicht bloß Edelmuth, ſondern auch Feſtigkeit— Milde und doch Stäͤrke und Beſtaͤndigkeit. Die Miſchung von Karak⸗ — ter, Verſtand und Gefuͤhl war ein Netz, das ſich mit tauſend unſichtbaren Faͤden durch je⸗ des Wort, jeden Blick, jede Handlung um ſein Herz legte und es unwiderſtehlich zu ihr hinzog. Zuweilen wollte er dem Zauber ihrer Rede entfliehen und ſtellte ſich ſchlafend; aber wenn er verſtohlen durch die halbgeſchloſſenen Augen in dieſes liebe, unſchuldsklare Geſicht blickte, durch das man bis in die Seele durch⸗ ſehen zu koͤnnen glaubte, druͤckte er ſich den Pfeil nur tiefer in die Bruſt. Das Schmer⸗ zenslager war fuͤr Beide ein Liebesband; denn nichts verbindet weiche Gemuͤther mehr, als Huͤlfe in Leiden. Der Egoismus guter Men⸗ ſchen beſteht darin, daß ſie gern dem Dulder beiſtehen. Das Wohlthun thut ihnen ſelbſt wohl. Es ſchmeichelt unſerm Stolze, wenn wir einen Nebenmenſchen aus einem Abgrunde erheben koͤnnen, denn wir geben ihm dadurch neues Leben, machen ihn alſo zu unſerm Geſchoͤpfe. Wir erkaufen uns Vaterfreuden, glauben aber aüch Vaterrechte zu gewinnen. Der Chevalier — 273 atte Slemence aus der drohendſten Gefahr ge⸗ rettet, ihr Vater ſelbſt hatte ſie ſeinem Schutze anvertraut, und ſchon dadurch glaubte er ſich auf das Innigſte mit ihr verbunden, waͤhrend ſie, indem ſie ihn pflegte und ſeine Schwaͤchen errieth, ſich berufen waͤhnte, ihm eine Stuͤtze zu werden. Natuͤrlich daß, wo die Geſinnun⸗ gen ſich ſo auf halbem Wege entgegenkamen, eine Verſtaͤndigung bald erfolgen mußte. Die ſeelenvollen Blicke, mit denen ſie, ohne daß der Mund ſprach, ihre Gefuͤhle austauſchten, hatten laͤngſt Liebe geſchworen, ehe noch ein Dritter etwas ahnte. Bei alledem wunderte ſich Herr von Bievre, der ſeinen Freund kannte, keinesweges, als dieſer ihm eines Tages in Gegenwart Clemences den geſchloſſenen Bund anzeigte. Er hatte ihren Werth in ſtiller Beo⸗ bachtung erkannt und war uͤberzeugt, daß der Chevalier keine ſchoͤnere Wahl treffen koͤnne. Nur der Gedanke an die verſchollene Schweſter Anna truͤbte zuweilen die heitern Plaͤne, welche fuͤr die Zukunft entworfen wurden, und als II. 18 274 die Nachricht von der Expedition gegen die Patrioten Avignons eintraf, war ſie ſelbſt es, welche den ganz geneſenen Chevalier in ſeinem Wunſche beſtaͤrkte, ſich dem Zuge anzuſchließen⸗ da beiden eine Ahnung vorſchwebte, als ob ſich in Avignon manches Dunkel aufklaͤren muͤſſe⸗ Auch der Marquis war nicht zuruͤckzuhalten. Ein Strauß mit den Raͤubern, denen er. ihren Ueberfall noch nicht verziehen hatte, kam ihm erwuͤnſcht. — Und Dus fragte der Ehevaljer ſinec Geliehte — Ich habe jetzt nichts mehr zu fuͤrchten, antwortete ſie laͤchelnd, da ich Dich j ja swiſchan mir und den Raͤubern weiß. Am andern Morgen traf das kleine he geg mütden Kommiſſairen in Carré ein. Der Adjutant La⸗ fayette's und ſein Freund wurden mit Freude auf⸗ genommen. Als man durch Belleterre kam, wollte der Marquis durchaus die rebelliſchen Bauern beſtraft wiſſen, allein der Chevalier gab es nicht zu, ſetzte den Bruder des ermordeten Ver⸗ walters cls Oberaufſeher des Gutes ein, drohte 275 aber, bei dem erſten neuen Zeichen von Wider⸗ ſpenſtigkeit, mit Strenge zu verfahren. Gegen alle Erwartung fand das Exekutions⸗ heer auf ſeinem ganzen Marſche nirgends den geringſten Widerſtand. Die Buͤrger Avignons oͤffneten dem General Choiſy die Thore ihrer Stadt, welche derſelbe ſogleich, nach dem Ein⸗ zuge ſeiner Soldaten wieder ſchließen ließ. Jour⸗ dan hatte ſich mit den Seinigen auf das Schloß zuruͤckgezogen, deſſen Zugaͤnge er durch Kano⸗ nen gedeckt und wo er auf beinah ein ganzes Jahr Proviant aufgehaͤuft hatte. Choiſy ließ das Schloß mit Reiterei umgeben und Geſchuͤtz gegen daſſelbe aufpflanzen. Die Raͤuber, eben ſo feig als grauſam, zitterten vor den Folgen eines Sturmes, und zwangen Jourdan, ſich zur Ueber⸗ gabe bereit zu erklaͤren. Choiſy, der die Geſinnun⸗ gen des Jakobinerklubs kannte und fuͤrchtete, ver⸗ ſprach ihnen Vergeſſenheit fur alles, was geſche⸗ hen ſey, und freien Abzug. Einige Stunden dar⸗ auff erſchienen jedoch die Koͤniglichen Kommiſſaire an Ort und Stelle. Vaͤter, Gatten, Muͤtter und Kinder warfen ſich ihnen zu Fuͤßen und forderten von ihnen die von der Rotte fortge⸗ ſchleppten Angehoͤrigen zuruͤck. Die Kommiſſaire begaben ſich auf das Schloß, vor welchem die Raͤuber entwaffnet und ihre Anfuͤhrer zu Pferde aufgeſtellt waren, um Avignon zu verlaſſen. Einzelne Detaſchements regulairer Truppen ſoll⸗ ten ſie truppweis nach verſchiedenen Richtungen hin eskortiren, damit ſie ſich nicht wieder ſam⸗ meln koͤnnten. Die Kommiſſaire ließen ſich das Schloßgefaͤngniß offnen, wo ſie der Angabe nach, die entfuͤhrten Buͤrger zu finden dachten. Zwei Frauen war Alles, was ſich vorfand. Der Chevalier, welcher voll Erwartung die Kommiſſaire begleitet hatte, erſchrack vor ihrem Anblick. Er fand die Nonne, welche er ſuchte, aber in welchem Zuſtande! Und neben ihr, bleich, matt, mit thraͤnenrothen Augen, in zer⸗ riſſenen Kleidern Adele von Molleville, die er einſt ſo heiter und glaͤnzend gekannt hatte. Adele ſchwankte, als ſie an die friſche Luft trat. So ſind wir frei! ſagte ſie mit einem traurigen. 277 — Laͤcheln. Der Chevalier druͤckte ihr die Hand. Ueberraſchung und Schmerz raubten ihm die Sprache. Er fragte nicht, wie ſie hieher gekom⸗ men ſey, ſie nicht nach der Veranlaſſung ihrer Rettung. Er wollte ihren Arm nehmen, um ſie von dieſem Schauplatze des Schreckens fort⸗ zufuͤhren, aber die Nonne ſtieß ihn mit einem wilden Schrei zuruͤck und rief: Es iſt mein Kind. Ich laſſe mir mein Kind nicht mehr neh⸗ men. Jetzt erſt blickte der Chevalier ſie genauer an und eckannte auf ihrem Geſichte die unzwei⸗ deutigen Spuren des Wahnſinnes. Er ließ, von Jammer ergriffen, den Kopf ſinken. Die Nonne ſtreichelte Adelen das Geſicht. Sie iſt nicht boͤs, ſagte Adele, ſie fuͤrchtet nur, daß man ſie von mir trenne.— Kennen Sie mich nicht mehr? wandte ſich der Chevalier an die Nonne. Sie ſah ihn an, ſchien ihn aber nicht zu verſtehen. Hier ſteht es, rief ſie, ein Packet Papier her⸗ vorziehend, daß ſie mein Kind iſt.— Der Che⸗ valier griff haſtig danach, ſie wollte es aͤngſt⸗ lich zuruͤckziehen, aber man ſah ihr an, daß 278 — ein Gedanke in ihr aufſtieg, als ob ſie von dem Chevalier nichts zu fuͤrchten habe. Dieſer riß das Paket auf und fand darin unter Andrem mehrere Quittungen der Familie Lebeau über ein Kind, das ihnen anvertraut worden, einen Taufſchein auf den Namen Clemence Vinegry, offenbar eine Verdrehung des Namens Verigny. Da die Nonne ungeſtuͤm wieder nach ihren Papieren verlangte, ſo gab er ſie ihr zuruͤck und wandte ſſich einen Augenblick ab, um ſeine Bewegung zu verbergen. Unglückliche Frau, ſeufzte er, Dein Kind zu finden und zugleich das Vermoͤ⸗ gen zu verlieren, Dein Gluͤck zu erkennen und zu empfinden. Arme Clemence, znachos Wieder⸗ aehen fuͤr Dich! Er ging nach dem Thore zu, uu ba er ſah, daß die Jourdaniſten noch draußen hielten, und er es nicht fuͤr rathſam hielt, die beiden Frauen an dieſen Urhebern ihrer Leiden voruͤber zu fuͤh⸗ ren, ſo brachte er ſie in ein Zimmer, wo er ſie der Obhut des Marquls uͤberließ, der unterdeß herbeigekommen war, und nicht weniger über 279 das Zuſammentreffen erſchrack. Waͤhrend er ſich bei Adelen nach ihrer Gefangenſchaft und der Veranlaſſung erkundigte, welche die Nonne ih⸗ res Verſtandes beraubt hatte, eilte der Cheva⸗ lier den Kommiſſairen nach, welche, da ſie das Schloßgefaͤngniß leer gefunden hatten, ſich nach dem der Stadt begaben, um dort ihre Unter⸗ ſuchung fortzuſetzen. Jammernd und immer noch hoffend, war eine große Anzahl Buͤrger ihnen gefolgt. Jeder zitterte vor der Wahrheit und wollte doch der Ungewißheit ein Ende machen. Als man auf den Hof trat, ſchauderten die Kommiſſaire zuruͤck vor dem Blute, das noch an den Steinen klebte. Die Buͤrger ſtuͤrzten in den innern Raum, kehrten aber verzweifelt zuruͤck. Dumenoir, der wieder zum Vorſchein gekommen war, machte auf die Eisgrube auf⸗ merkſam, deren Oeffnung erſt kuͤrzlich zuge⸗ mauert ſey. Man ſchlug die Steine heraus. Ein Lraͤßlicher Leichengeruch fuhr den Herandrin⸗ genden entgegen. Die Beweiſe ihres Besluſts lagen verweſend vor ihnen. 280 — Waͤhrend die troſtloſen Einwohner in die herzzerreißendſten Klagen ausbrachen, gaben die Kommiſſaire, von Grauſen ergriffen, Befehl, daß, wenn man auch die gemeineren Raͤuber dem Verſprechen gemaͤß ungefaͤhrdet ziehen ließe, die Anfuͤhrer unverzuͤglich feſtgenommen und einem Gerichte uͤbergeben werden ſollten. Jour⸗ dan hatte nur mit Ungeduld auf die Erlaubniß zum Abmarſch gewartet. Er war nicht der Mann, der auf ein gegebenes Verſprechen zu viel vertraute. Als er die Kommiſſaire das Schloß verlaſſen ſah, ohne etwas uͤber ihn zu verfuͤgen, erwachte der erſte Argwohn in ihm, und als er von dem Stadtgefaͤngniß heruͤber das Geſchrei der Buͤrger hoͤrte, und bald dar⸗ auf eine Ordonnanz in Eile die Straße her⸗ aufkommen ſah, war ſein Entſchluß gefaßt. Ich habe geſchworen, ſagte er zu Dumesnil, der neben ihm hielt, da die Soldaren, denen er vorgeſtellt hatte, daß er nur mit Gewalt von den Raͤubern angeworben worden ſey, ihn mit Widerwillen zuruͤckgewieſen hatten— daß Du mein 281 — Schickſal theilen ſollſt. Halke Dich feſt im Sat⸗ tel, fuͤgte er hinzu, ergriff den Zuͤgel ſeines Pferdes, gab ihm die Sporen und ſprengte mit Dominique mitten durch die uͤberraſchten Wachen, welche gar an einen Verſuch zur Flucht nicht dachten, denn ſie wußten, daß den Naͤubern ihre Freiheit zugeſichert worden war. Das Raͤthſel loͤſte ſich ihnen jedoch ſchnell. Der Befehlshaber der Eskorte gab ploͤtzlich, als die Ordonnanz ihre Meldung ausgerichtet hatte, Ordre, ſich der Chefs der Raͤuber zu bemaͤchtigen. Mainville, Duprat und Lecuyer, ein Bruder des Ermordeten, wurden nebſt meh⸗ reren andern ergriffen und in das Schloßgefaͤng⸗ niß gebracht. Als Adele ſie voruͤberfuͤhren ſah, faltete ſie die Haͤnde und blickte zum Himmel auf. Sie erwartete jeden Augenblick, ihren Gat⸗ ten zu erblicken, wagte es aber nicht, mit dem Marquis von ſeinem Treiben zu ſprechen. Da er nicht unter den Gefangenen war, ſo hoffte ſie, daß ein guͤnſtiges Ungefaͤhr ihn den Haͤn⸗ den der Soldaten entzogen habe, und daß der 282 — Name wenigſtens, den ſie jetzt trug, nicht der oͤffentlichen Schmach Prajs eneben werden wuͤrde.. 8² Eine Zeitlang war die gezwungene Flucht Dumesnils allerdings gluͤcklich von Statten ge⸗ gangen. Allein eine Straße, die durch Bauma⸗ terial geſperrt war, zwang Jourdan nebſt ſei⸗ nem Begleiter umzukehren. Von mehreren Sei⸗ ten ſprengten Huſaren herbei, um ſich ſeiner zu bemaͤchtigen. Er bog in eine ſchmale Gaſſe ein, die kaum zwei Pferdebreiten zu haben ſchien. Trotzdem ließ Jourdan das Pferd Dumesnils nicht fahren und zog es immer nach. Die Hu⸗ ſaren, welche jetzt berangekommen waren, ſchwankten einen Augenblick, unkundig des Ter⸗ rains, ob ſie ſich in dieſen engen Pfad hinein⸗ wagen koͤnnten. Da ſprang ein junger Buͤrger, der Sohn eines Kaufmanns, der im Gefaͤng⸗ niſſe ſeinen Tod gefunden hatte, aus einem Hauſe heraus, und erbot ſich, die Soldaten zu fuͤhren. Ein Huſar uͤberließ ihm ſein Pferd, er ſtellte ſich an die Spitze des Zuges und 283 ſprengte in die Gaſſe hinein, voll Eifer, ſeinen Rachedurſt in dem Blute der Moͤrder zu ſtillen. Jourdan hatte bereits einen ziemlichen Vorſprung, aber der Hufſchlag der Pferde leitete die Ver⸗ folger auf die rechte Spur; hinter ihm waren die Feinde, vor ihm die Sorgues. Der junge Buͤrger war den Huſaren weit voran. Dumes⸗ nil bat Jourdan, ſich allein zu retten, da er ihn nur in ſeiner Flucht hindere.— Nichts da, kuirrſchte der Andere, Du bleibſt bei mir, todt oder lebendig. Er ſah ſich um, der junge Mann war keine vierzig Schritte mehr von ihm ent⸗ fernt. Sind wir hier durch, holen uns die andern nicht mehr ein und mit dem einen werden wir fertig. Er gab ſeinem Pferde die Sporen, daß es uͤber das etwas abſchuͤſſige Ufer in den Fluß hinabſetzen ſollte. Zugleich gab er dem Pferde Dumesnil's einen Schlag und ließ deſſen Zuͤgel Aos, damit es ungehindert ihm nach ſetze. Der Kaufmann, der ſein Opfer zu verlieren fuͤrch⸗ tete, griff zhaſtig nach dem Halfter, zog ein Piſtol heraus und ſchoß daſſelbe auf Jour⸗ — dan ab. Aber das Pferd Dumesnil's, das ſich jetzt frei im Zuͤgel fuͤhlte, ſtutzte vor dem Waſ⸗ ſer und warf ſich baͤumend zur Seite, ſo daß es den in demſelben Augenblick hinabſprengen⸗ den Jourdan deckte, und die Kugel nicht ihn, ſondern Dumesnil in die Seite traf. Er ſtuͤrzte lautlos zu Boden. Der Kaufmann hielt ſich nicht mit ihm auf, ſondern warf ſich Jourdan nach, deſſen Pferd ſich beim Sprunge beſchaͤ⸗ digt hatte, und riß ihn von hinten bei den Haaren herunter in's Waſſer. Jourdan machte ſich zwar bei ſeiner uͤberlegenen Koͤrperkraft auf einen Augenblick von ſeinem Gegner frei, aber die Huſaren, welche unterdeß herangekommen waren, warfen ſich uͤber ihn und ſchleppten ihn gefangen an das Ufer. Als er wieder auf feſter Erde war, ſchuͤttelte er ſich das Waſſer ab und blickte darauf gleichmuͤthig auf den entſeel⸗ ten Koͤrper Dumesnil's, der zu ſeinen Fuͤßen lag. Du haͤtteſt genug! ſagte er kalt. Du wirſt auch bald genug haben, rief der Kaufmann, ihm mit der Fauſt drohend. Jourdan lachte —ĩr— 285 hoͤhniſch. Ihr werdet die Zeit erleben, ſagte er daß ich Euch den heutigen Tag vergelte, und dann ſollt Ihr meinem etdiebi eine Lobrede halten. nis 1sſean Man brachte den Gefangenen und die Leiche nach der Stadt herein. Als der Chevalier, der ſich eben nach dem Schloſſe zuruͤckbegeben woll⸗ te, die letztere erblickte, befahl er, von dem Schickſal Dumesnil's unterrichtet, daß man dieſelbe in der Stille beerdigen ſollte. Im Schloſſe fand er Adele in Geſpraͤch mit dem Marquis, die Nonne ſtill ſitzend, aber ihre Ge⸗ faͤhrtin nicht aus den Augen verlierend. — Sch habe Anſtalten getroffen, ſagte er im Eintreten in das Zimmer, Sie dieſem unſeligen Orte zu entfuͤhren. Ich werde Sie einſtweilen zu meiner Braut, Fraͤulein Gauthier, beglei⸗ ten, wo wir uͤber das Waitere uns z beſer ſer be ſprechen koͤnnen. lesiSne — Und mein Gatte? fragte Adele, die Hande an ihre Bruſt druͤckend, euntinge dieſe Unger wißheit laͤnger zu ertragen. 286 — Fragen Sie nicht, antwortete Reynaud duͤſter. 4 — Er iſt gefangen, eingekerkert mit den Uebrigen, rief ſie entſetzt. 38 — Nein, ſo arg hat es das Schickſat nich mit ihm gemeint. Er ward auf der Sachte er⸗ ſchoſſen. Uh 4 Die Nonne ſprang auf, als ſie den unge⸗ heuchelten Schmerz Adelens ſah. Sie ſchlang zaͤrtlich ihre Arme um ſie, und druͤckte ihren Kopf an ihre Bruſt. Adele weinte lang in dieſer Lage. Sie hatte ihren Gatten nicht ge⸗ liebt, aber er hatte ſie immer wie ein hoͤheres Weſen behandelt, und ſein letztes Bitten um ihr Leben hatte ſeine fruͤhere arakterloſgkent in ihrem Gedaͤchtniß ausgeloͤſcht. Der Chevalier und der Marquis de Bievre ſoͤrten den Erguß ihrer Thraͤnen nicht. Bald hatte ſie ſich jedoch erholt und war bereit, ih⸗ ren Fuͤhrern zu folgen. Die Nonne ging ihr willig nach. Ein Wagen, den der Chevalier beſorgt hatte, brachte ſie in kurzer Zeit nach Carre⸗ —*————*—— 2875 Clemence empfing ihren Geliebten mit inniger Herzlichkeit und die uͤbrigen mit zuvorkommender Freundlichkeit. Nur ihr Auge ſchweifte fragend zu dem Chevalier hinuͤber, als ſie die Nonne anſichtig wurde. Dieſer ſchien anfangs verlegen, glaubte aber endlich, daß er ſeiner Clemence die ganze Wahrheit ſchuldig ſey. Clemence, die aus der kalten Gleichguͤltigkeit der Nonne das Gegentheil geſchloſſen hatte, wollte, wenn auch von Schmerz ergriffen, doch reuig ſich ihrer Mutter zu Fuͤßen werfen, dieſe aber wandte ſich, ohne ſie zu erkennen, mit nichtsſagendem Laͤcheln von ihr ab und draͤngte ſich aͤngſtlich an Adele heran, die ſie mit den Worten: Du biſt mein Kind, behalte Deine Mutter bei Dir— bei der Hand ergriff und feſthielt. Clemence ſah ſich betroffen um. In der Ver⸗ wirrung hatte ihr niemand den Geiſteszuſtand ihrer Mutter mitgetheitt. Clemence lehnte ſich betaͤubt an die Wand, als ſie die traurige Wahr⸗ heit vernahm. Das Andenken an den Bater, 288 — ſeufzte ſie, iſt mir getruͤbt worden, und ich habe ſelbſt die Mutter von mir geſtoßen. — Und werde ich Dir nicht beide erſetzen? fragte der Chevalier zaͤrtlich.— Clemence ſuchte ſich noch einige Mal⸗ der Nonne zu naͤhern, wurde aber jedesmal zurüͦck gewieſen. — Sie muͤſſen mir ſchon erlauben, ſagte Adele ſanft, daß ich mich in Ihre Rechte draͤnge und die Pflichten eines Kindes gegen Whn Mutter uͤbernehme. Clemence druͤckte ihr, die ihr durch dieſe Worte ſchnell eine Freundin geworden war, ſeſt die Hand. 3 Der Chevalier erinnerte, daß er dem Praͤſi⸗ denten gelobt, Clemence der Vormundſchaft ſeines Oheims anzuvertrauen. Adele und Cle⸗ mence, zwiſchen denen ſchon die Nonne ein Ring war, der beide aneinander feſſelte, hatten mit der bei jungen Frauen ſo ſchnellen Hinge⸗ bung geſchworen, daß ſie nie ſich von einander trennen wollten. Beide hatte das Ungluͤck ſchon war Herr von Blenaye mit ſeiner Gemahlin — ſo fruͤh mit harten Schlaͤgen heimgeſucht, und auf beide verſchieden, und doch wohlthaͤtig ein⸗ gewirkt. Clemence war milder, und dadurch noch reizender geworden„ Adele hatte an Ernſt und Gleichheit gewonnen, ohne daß ſie an Leb⸗ haftigkeit des Geiſtes eingebuͤßt hatte, eine Aenderung, die ſelbſt auf den Marquis Ein⸗ druck zu machen ſchien. Als man nach einer glücklich vollbrachten Reiſe in Rennes ankam, eben damit beſchaͤftigt, ſich zur Emigration aus Frankreich anzuſchicken. Die Ereigniſſe der neue⸗— ſten Zeit hatten endlich den Entſchluß in ihm zur Reife gebracht, ſeine alten Tage dem Un⸗ 8 gewitter zu entziehen, das ſchun aus der Verne 4 herauf donnerte.. u. 19 82 — Mit tiefem Schmerze erfüllte ihn das trau⸗ rige Schickſal, das ſeinen Freund„ den Praͤſi⸗ denten, und das vielleicht noch truͤbere, das deſſen Gattin getroffen hatte. Ihre Tochter wurde ſelbſt von Frau von Blenaye mit Liebe aufgenommen und fand in ihr eine lebhafte Vertheidigerin gegen die Beſtuͤrmungen des Chevaliers, der auf eine unverzuͤgliche Verbin⸗ dung drang, und die Zeitumſtaͤnde als die bun⸗ digſte Entſchuldigung fuͤr eine Umgehung der gewoͤhnlichen Trauerzeit vorſchuͤtzte. Wohl mochte dieſe Einſprache Carolinens dazu beigetragen haben, daß endlich auch der alte Herr von Blenaye, der die Aufſicht, welche ihm der Praͤſident im Sterben uͤber ſeine Tochter ver⸗ macht hatte, als eine heilige Pflicht treulich zu verſehen gelobte, ſich gegen ſeinen Neffen er⸗ klaͤrte und den Aufſchub fuͤr unerlaͤßlich erkann⸗ te. Nicht bloß die Schicklichkeit, ſagte er, muß beobachtet werden, auch die Zukunft muß erſt geſichert ſeyn, ehe ich mein Pflegekind aus mei⸗ nen Haͤnden laſſe. Der Chevalier ſah ſich ge⸗ 291 enöthigt, nachzugeben, und da er ſelbſt nach APäns zurdch mußte, in die keinſtwenige Tren⸗ die Thräͤnen in Neachem Maaße. Reynaud ver⸗ ſprach, wenn die Verhaͤltniſſe ſich ſo geſtalten follten, daß ſein Oheim es nicht rathſam faͤn⸗ de, bald nach Frankreich zuruͤckzukehren, ihm in das Aſyl, das er ſich waͤhlen wuͤrde, nachzu⸗ 4₰ kommen, und dort im Schooße aller ſeiner Lieben ganz dem haͤuslichen Gluͤcke zu leben. So ſchwer dem Marquis auch die Wahl wur⸗ de,. ſo gab er doch ſeinem Freunde den Vor⸗ zug vor den Damen, und erklaͤrte ſich bereit, 1 1 auch ferner noch ſein Schickſal mit dem ſeini⸗ gen zu verbinden. An einem und demſelben Tage verließen alle Glieder unſerer kleinen Ge⸗ ſellſchaft Rennes; die Nonne, welche in den letzten Tagen,: wenn auch ſchweigſam, doch ſtets heiter laͤchelnd dem Treiben ihrer Umgebung beige⸗ wohnt hatte, ſtieg ruhig zu den Übrigen i in den Wagen, als ſie Adele, welche ſie wie eine lie⸗ bevolle Tochter pflegte, bei der Hand ergriff, 1292 und zuerſt voranging. Der Abſchied war ſchwer. Selbſt dem Marquis verſagte die Sprache, als er ſich zum letztenmale über Adeleng Hand beugte. Die Zeiten waren der Art, daß Freun⸗ den, die ſich trennten, der Zweifel am Wie⸗ derſehen wohl das Herz bewegen und ſchwer machen konnte. Das Schickſal warf die am ge⸗ ſchickteſten und muͤhſamſten berechneten Zige mit Einem Rucke durcheinander, und die beſten Steine mit den beſten Ausſichten ſielen oft ploͤtzlich vom Brette auf den Boden und wa⸗ ren verloren. Kaum hatte Herr von Blenaye mit ſeinen Schutzbefohlenen das Franzoͤſiſche Gebiet verlaſſen, als das, durch die furchtbare Zunahme der Auswanderung veranlaßte Edikt erſchien, welches außerhalb des Koͤnigreichs ver⸗ ſammelte Franzoſen einer Verſchwoͤrung gegen das Vaterland verdaͤchtig erklaͤrte, und ihr zu⸗ ruͤckgelaſſenes Eigenthum gefaͤhrdete— eine Drohung, die ſich bald in ernſtliche Maßre⸗ geln verwandelte, welche die ungluͤcklichen Fluͤcht⸗ linge an den Rand des Hungertodes brachte. 293 Der Chevalier fand die Verhältniſſe bei ſeinem Eintreffen in Paris ebenfalls nicht guͤnſtig ge⸗ ſtaltet. Herr von Lafayette, an dem er mit großer Liebe hing, hatte eben ſeine Stelle als Generalkommandant der Buͤrgergarde, die eine neue Einrichtung erhielt, niedergelegt. Aber der Chevalier ſah, daß man bei dem ſich im⸗ mer dichter zuſammenziehenden Netze, mit dem die fremden Maͤchte Frankreich zu umſpannen ge⸗ dachten, bald wieder der Talente und des morali⸗ ſchen Einfluſſes ſeines patriotiſchen Generals be⸗ duͤrfen werde, und ſo entſchloß er ſich, da ihm das Treiben in Paris nicht zuſagte, die Einla⸗ dung des Herrn von Lafayette anzunehmen und ihm mit dem Marquis de Bievre auf ſeine Guͤter in der Auvergne zu folgen. Am 9. Ok⸗ tober reiſten ſie ab. So ſchnell aber veraͤnderte ſich in jener vielbewegten Zeit das bunte, wilde Kolorit ihrer mannigfachen, ſcharfgezeichneten Phaſen, daß die, obgleich fruͤhe Ruͤckkehr unſerer Freunde in das oͤffentliche Leben doch ſchon in das Gemaͤlde einer andern Epoche fällt. —.— 8———— Druck: M. Urlichs Sohn. 3 8 3 4* 5 3 1 * 7 3 1 f 4 * . 4* * 1 . 4* 8 —yyy nn— Mnſiniſſnſinſſnſinſnſindſſnſiſiiinſiniſinſnnnnſinninſnennſ 9 10 11 12 13 14 15