Leihbibliot deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, V f Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. f V eih- und Teſebedingungen. 1 ¹. Offensein der Bibliothak. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen... 3. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet) wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 r— 82 r 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hi der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Ge „. und Zurückſendung b für möchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: f auf 1 Monat: 1 Nk. Pf 1 Mr. 50 Pf. 2 NMk. Pf. „ 3. 3—. 8 hr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Fünf Bände mit Generalregiſter. gr. 8. 1834— 37. 8 Thlr. 12 gr. Geib, K., die Sagen und Geſchichten des Rheinlandes. In umfaſſender Auswahl geſammelt und bearbeitet. 1836. gr. 8. cart. 1 2 Thlr. Guttenſtein, D. B. F., Geſchichte des ſpaniſchen Volkes. In gedrängter Ueberſicht dargeſtellt. 2 Thle. 1836. br. 3 2 Thlr. 12 gr. Laube, H., Moderne Charakteriſtiken. 2 Theile. 1835. 8. 3 3 Thlr. Reiſenovellen. 1r 2r Bd. 1835. 8. br. 4 Thlr. Reiſenovellen. 3⁰r 4r Bd. 1836. 8. br. 3 Thlr. Liebesbriefe. 1836. 8. br. 1 Thlr. die Poeten. Novelle. 8. br. 1 Thlr. 12 gr. die Schauſpielerin. Novelle. 1836. 8. 1 Thlr. 4 gr. das Glück. Novelle. 1837. 8. br. 1 Thlr. 18 gr. Klagen eines Juden. 8. br. 16 gr. Le Petit, Sittengallerie der Nationen. Das Buch der Völker in Bildern und Vignetten. 1836. gr. 8. cart. — 1 Thlr. 12 gr. Lewald, A., Aquarelle aus dem Leben. 4 Theile. 1836 und 1837.— 6 Thlr. Saintine, der Verſtümmelte. Aus dem Franzöſiſchen nach der 4ten Auflage. 1835. gr. 12. 18 gr. Schütt, Ado, Pſyche. Epiſches Gedicht in drei Geſängen. 1836. 8. cart. 1 Thlr. 8 gr. Varnhagen von Enſe, Denkwürdigkeiten und vermiſchte Schriften. 2 Bd. gr. 8.„. 4 Thlr. 12 gr. 1111I —— — Neue Reiſenovellen von Heinrich Laube. Zweiter Band. ——— Mlannheim. Verlag von Heinrich Hoff. 1837. — Vor⸗ und Schlußwort. Mit dieſem Bande ſchließe ich die Reiſe⸗ novellen, weil ich glaube, daß hiermit die Form derſelben erſchoͤpft ſei: ſie wurden in einer Zeit begonnen, wo das Intereſſe des Publikums ſo ſtoͤrſam befluͤgelt war, daß es nur durch lebhafte Abwechſelung gefeſſelt wer⸗ den konnte. Ich ſuchte ſelbſt ein Ziel, eine Faſſung, der Name dafuͤr war„das Gluͤck“, nach dieſem bunten, fabelhaften Vogel ſetzten ſich die erſten Baͤnde in Karriere, die zweite Lieferung verfolgte unſicher aber aufmerkſamer VI denſelben Weg in einem ſchuͤchternen Trabe; dieſe letzten gehn im ſtillen Schritte bis auf das letzte Blatt, und wenden eine Ueberzeu⸗ gung im Herzen hin und her, welche dem Buche einen Schlußſtein ſetzt. Es iſt die Ueber⸗ zeugung, daß man mit allem Reiſen und Suchen jenen roth und goldnen Grenzpfahl des Gluͤckes nicht auffindet, daß ſich aber allmaͤhlig eine Ruhe und Sicherheit in Herz und Geiſt einſtellt, wenn man fuͤr jeden neuen Raum eine eig'ne ſelbſtaͤndige Exiſtenz erkennt und gewaͤhrt, wenn man das Zuſammenge⸗ hoͤrige in eine gedraͤngte Form bannt. Laͤßt ſich das Gluͤck nur finden, ſo liß ſich doch das Paſſende gewinnen. Vielleicht praͤgt ſich dies am deutlichſten in den letzten Baͤnden aus, und ſie werden ſomit ein wirklicher Schluß. Uebrigens muß ich ein Geſtaͤndniß machen: ich habe eigentlich noch nie ſo geſchrieben, wie ich ſchreiben moͤchte; und zwar nicht VII darum, weil ich's nicht zu Stande braͤchte, ſondern weil ich fuͤrchten muß, alsdann ſehr wenig Leſer zu haben. Somit habe ich der Leſeſouverainetaͤt geopfert, um ſelbſt eine Macht zu werden. Denn das Publikum geſtattet erſt dann dem Autor einen eigenen Band, wenn ihm der Autor ſechs Publikumbaͤnde gegeben hat. Das Publikum iſt eine daͤmoniſche, willkuͤhrliche Macht; ſchlimmer als Samiel, der von ſieben Kugeln ſechs Freikugeln ge⸗ ſtattet, ſchenkt es dem Autor nur eine. Dieſe eine will ich naͤchſtens in Anſpruch nehmen. Alſo nicht weil ich ſie fuͤr das beſte Genre hielt, oder weil ich Heine geleſen hatte, ſchrieb ich Reiſenovellen, ſondern weil ich ſah, daß man damit das Publikum traͤfe; ich bin leider durchaus kein heiliger Antonius, der ſich da⸗ mit begnuͤgt, den Fiſchen zu predigen. Daß man die bunte Jacke der erſten Baͤnde ins⸗ beſondere fuͤr baare Muͤnze nahm, hat mir oft Lachen, oft Betruͤbniß gebracht— mein Geſchmack geht auf eine viel groͤßere Ein⸗ VII fachheit. Zuweilen verſuchte ich ihn dazwiſchen in kleinen Buͤchern, das hieltet Ihr leicht fuͤr ſchwachen Scherz, beſonders Gutzkow that dies, der die Reizung fuͤr das Schoͤne und Nothwendige haͤlt. So ſuche ich denn mit halber Convenienz Poſto zu faſſen, und auch dies Genre zu vereinfachen, mein Publikum mir ſelbſt naͤher zu fuͤhren. Daruͤber wird man alt werden und ſterben; mit der Welt den eigenſten Ver⸗ bindungspunkt zu finden, iſt ja alle Aufgabe des Lebens, alles ſtrebſame Leben ſelber. Ach, was man eigentlich tief in Sinn und Herzen traͤgt, das ſpricht man niemals aus, es paßt nicht, wuͤrde mißverſtanden, verdorben— ſo ſteht man von der Seite zur Welt, die meiſten Menſchen gehen hinweg, ohne ihr charak⸗ teriſtiſch Wort je verlautbart zu haben. Jeder Menſch hat ein eigenes, und wuͤßten wir alle, ſo beſaͤßen wir die Summe aller Weisheit— ſprich, Leſer, welches iſt das Deine? Ein II penſionirter Hauptmann beſuchte mich einſt mitten in der Nacht, weckte mich, und ſprach: „Doktor, Sie muͤſſen mir eine wichtige Frage beantworten, von der Alles abhaͤngt.“— Wie ſo?—„Ich habe ſchon dreimal geleſen, und jetzt eben wieder, daß es einſt ſieben Weltweiſe gegeben hat, ſieben; ſagen Sie mich, warum haben wir jetzt in Preußen keine ſieben Weltweiſen?“ Dieſe Frage ließ den penſionirten Haupt⸗ mann nicht ſchlafen; jeder Menſch hat eine Hauptfrage auf dem Herzen, die Polizei ſollte einen Zettelkaſten neben dem Briefkaſten errichten, wo Jeder anonym die ſeine los werden koͤnnte, die Zeitung muͤßte ſelbige in einer Beilage mittheilen. Es iſt der groͤßte Irrthum unſrer Ein⸗ richtungen, daß von mehreren dreißig Millio⸗ nen nur ein paar hundert ihre Gedanken veroͤffentlichen, und unter dieſen beinahe ein paar hundert Mittelmaͤßige. Wenn es das X Publikum intereſſirte, ſo wuͤrde ich einge⸗ ſtehen, daß ich eigentlich nie habe ſchreiben wollen, daß mir das Handeln viel inter⸗ eſſanter iſt, und daß ich nur ſchreibe, wenn ich nichts zu thun habe. Da dies nun einmal ſo iſt, ſo ſind wohl noch ein paar Worte angebracht uͤber die Manier dieſer Buͤcher. Es hat wohl hie und da Einer geſagt, welcher die Eſche von der Espe, die Birke von der Erle nicht zu unter⸗ ſcheiden weiß, und, um ſich auszuſprechen, Alles Laubholz nennt, was gruͤne Blaͤtter hat, es hat wohl ein ſolcher Recenſent geſagt, die Reiſenovellen gingen den Heine'ſchen Reiſe⸗ bildern nach. Das Publikum weiß, wie ich Heine liebe, wie ich ihn fuͤr den Demiurgen der jungen romantiſchen Literatur halte; aber ich glaube nicht, daß die Einwirkung ſo plump vor ſich geht, und ſo beleidigend nahe liegt, um kein anderes Wort als Nachah⸗ mung zu haben. Vielleicht— um hiſtoriſch II zu ſprechen— waͤren wir Alle nicht in der Literatur, haͤtte Heine nicht ſeine Zauberworte gefunden; aber wir ſind deßhalb nicht blos durch Heine da, oder wir ſind nicht wuͤrdig, da zu ſein. Er hat uns in den Krieg ge⸗ lockt, in den Krieg mit Liebes⸗ und Schmer⸗ zesklagen, mit toͤnenden Pfeilen, die uͤber den Horizont hinausfliegen, in den Krieg der Welt, die ſingend und trachtend fechten will, nicht damit ihr augenblicklicher Schlacht⸗ ruf ſiege, ſondern damit das Herz der Menſch⸗ heit ſiege. Dies Letztere hat die plumpe Maſſe nie begriffen, denn ſie begreift nur das wirklich Ausgeſprochene und Bekannte; jenes Herz iſt aber ewig, und nicht in einen einzelnen Na⸗ mensruf zu faſſen, darum hat ſie Heine ſo oft geſchmaͤht, ihm die Konſequenz abgeſpro⸗ chen, ihn des Verraths der Republik ge⸗ ziehen und ſolchen Zeuges mehr. Lieber Him⸗ mel, mit dem Worte Republik erſetzt Ihr II kein Herz, mit einer politiſchen Form erſchoͤpft und zwingt Ihr zu Eurem eigenen Heile kei⸗ nen Dichtergeiſt, und wenn Ihr das ver⸗ moͤgt, ſo iſt jener Herzenskuͤndiger nie mehr geweſen als ein Buͤrgermeiſter. Die Maſſe iſt grauſam: was ihr einmal gefallen hat, das betrachtet ſie wie ihren Soͤldner; mor⸗ gen werdet Ihr's preiſen, daß ſich Heine in Eurer kurzen Konſequenz heute nicht fangen ließ, daß er aus einer ſchlimmen Schlacht die Fahne des ſchoͤnen, ewigen Gedankens rettete. Damit will ich ſagen: er hat die Spekulation des Weltherzens hervorgezogen aus dem Handgemenge beſchraͤnkter Parteien. Die Welt iſt von Anbeginne ein Kampf, und die großen Anfuͤhrer fuͤrchten mordende Siege eben ſo wie mordende Niederlagen, der himmliſche Gedanke des Kampfes iſt in beiden gefaͤhrdet. Auf dieſen Kampfplatz nun hat uns Heine allerdings gelockt; aber in der Schlacht muß LIII ſich dann Jeder ſelbſt helfen, und da es, wie oben geſagt, bei einer hoͤheren Kultur nicht auf Tod und Leben, ſondern auf Leben abgeſehen iſt fuͤr beide Theile, wenn auch mit Schmerz und Wunden, ſo uͤbernahm jeder Einzelne, der ſich vorwagte, eine ganz beſondere Aufgabe: ſich und die Schaar ſei⸗ ner Gedanken und Anhaͤnger, die Schaar der neu aus der Erde wachſenden Gedanken und Anhaͤnger auf's beſte zu fuͤhren. Wir treiben zudem nur den Guerillakrieg, die großen Ereigniſſe ſind die Schlachten— iſt es nicht kindiſch, da von Nachahmung zu ſprechen, wenn der Eine dies, der Andre jenes Terrain nimmt, wo ganz Verſchiedenes noͤthig iſt? Wir hoͤren oft erſt nach langen Kampagnen von einander ein Wort, und erfahren, wie der Andere ſich poſtirt, was er erfunden habe. Und nun gar Heine, der die Wohnung im Vaterlande verloren hat, der arme Kroͤ⸗ XIV 8 ſus in der Fremde! Er ſieht es nicht mehr ſeit vielen Jahren, das tauſendfache Gewirr deutſcher Entwicklungsfaͤden, er hoͤrt in der Ferne nur die Reſultate, er iſt gar nicht mehr im ſpeciellen Verbande, nur mit ſei⸗ nem Genie wirft er uns zuweilen auf gut Gluͤck treffende Schlaͤge zu; wenn es noch lange dauert, verlieren wir ihn voͤllig an Frankreich; ſeit der letzten großen und ver⸗ lornen Schlacht, welche von 31 bis 34 ge⸗ ſchlagen wurde, hat man nur hie und da in einem Oleandergebuͤſch ſein diamantenes Schwert blitzen ſehn— eine Nachahmung Heine's waͤre ſeit laͤngerer Zeit voͤllig alt⸗ modiſch, wir ſind ein ganz andres Deutſch⸗ land jetzt, als fuͤr das Heine Reiſebilder in Hamburg ſchrieb! Warum ich jetzt dies Genre ſchließe? Warum ich mich zu andern Formen gedraͤngt fuͤhle und warum ich glaube, daß dieſe raſch wechſelnde Darſtellung einfacheren Anſpruͤchen des Geſchmacks weiche? XV Traut Ihr Euch alle ein Herz fuͤr die Liebe zu, ſo darf und muß ſich der Autor ein Herz fuͤr Erſcheinung und Form zutrauen; wie Ihr Sympathie und Antipathie empfin⸗ det, ſo muß er empfinden, in welcher Ge⸗ ſtalt das Bewußtſein der Welt ſich zum An— blick herausbilden will. Wir ſind wie Schiffer, ſo fortwaͤhrend inmitten des Elements, daß wir am eigenen Pulsſchlage eine Aenderung der Luft bemer⸗ ken, die erſt ſpaͤter eintreten wird. Der In⸗ ſtinkt des Geſchmackes iſt unſer Kompaß. Wem dieſer Inſtinkt abgeht, den kann nur der Zufall auf hohem Meere erhalten, und wer uns wegwerfend Modeſchriftſteller nennen will, der weiß es nicht, daß die Mode ſehr viel iſt, und daß man ſich nur gewoͤhnt hat, die Ausartung derſelben eine Mode zu nen⸗ nen; der weiß es nicht, daß wir oft ſelbſt guten Bedachtes die Mode vorbereiten und machen. Die Mode iſt der jedesmalige hiſto⸗ LVI keit und im Geſpraͤche ausnimmt. Mit der Mode iſt es wie mit der Ge⸗ ſundheit: wer ihretwegen ein eigenthuͤmlich Leben opfert, der iſt thoͤricht, wer ſie groͤb⸗ lich vernachlaͤſſigt, nicht minder. Iſt das nicht civil, und, was man ſagt, fuͤr's Haus brauchbar? In einem Polizeihauſe der Lauſitz am 18. Juli 1837. riſche Gedanke, wie er ſich in der Geſellig⸗ Inhalt des zweiten Bandes. III. TChüringen. 19. Durch Weißenfels...... 20. Eine Jagd bei Weißenfels.. 21. Ein Liebespaar.. 22. Die güldene Aue... 23. Auerſtädt und Osmanſtädt. 24. Weimar.. 25. Goethe's Hausweſen. 26. Briefe und Geſpräche Goethe's IV. Südpeutſchla 27. Bis Frankfurt 28. Der Rhein..........„ 29. Die Nibelungen.... 60 Nell.... 31. Stuttgart und die Schwaben... 32. Schiller in Stuttgart.. 33. Das Schloß in Franken... VI. III. Thüringen. 7 Motto: 4 Mein Hügel iſt ſanft und mein Berg iſt grün, Mein Kuchen ſchmeckt ſüß, meine Linden blüh'n, Die Peitſche knallt Laut durch den Wald. 19. Durch Weißenfels. — Es wurde dunkel als wir den Berg nach Weißen⸗ fels hinunterfuhren; das Schloß am Berge leuchtete noch matt herüber in ſeiner ſtolzen Ruhe, lichtgelb mit blaugrauem Dache, ein ſtattlich Gebäude, bei deſſen Anblick mir immer der dreißigjährige Krieg einfällt, dieſer wüſte Krieg, der mich oft an die Burſchenſchaften und Landsmannſchaften in Deutſch⸗ land gemahnt. Die einen ſchwärmen ſich mühſam eine ideal nüchterne Tendenz in Sitten und Wün⸗ ſchen, die andern laufen roh dem herkömmlich mate⸗ riellen nach, und beiden iſt eine wechſelnde, wilde Wirthſchaft nach Wunſche. Mit ſolchem wirren 4 Studentenverkehr, wo beim Einzelnen oft kalt fana⸗ tiſcher Ernſt zu Grunde liegt, und wo doch eigent⸗ lich Alles auf einen nie abreißenden Krieg, auf eine jeweilige Schlacht geſtellt iſt, hat jener ewige Krieg wirklich Aehnlichkeit. Auf dem Schloſſe zu Weißenfels hat Wallen⸗ ſtein in der letzten Nacht vor dem Lützner Schlacht⸗ tage gewohnt, und die Sterne, welche jetzt über mir aufgingen, ſie haben ihm damals Rede und Antwort gebracht auf ſeine Lebens⸗ und Todesfragen; auf dieſem Schloſſe lag die Nacht darauf todes⸗ wund der wilde katholiſche Reiterführer Graf Pap⸗ penheim, welcher mit ſeinen Küraſſieren noch am Abende der Schlacht von Halle herüber auf den Kampfplatz gallopirt kam, um einen donnernden Angriff zu machen, und den Todesſtreich zu em⸗ pfangen; in dieſes Schloß brachte man den Tag dar⸗ auf Guſtav Adolph's Leiche, die mühſam unter dem Haufen Gefallener hervorgezogen, in deren Entſtel⸗ lung kaum der große Schwedenkönig erkannt wor⸗ den war. 5 Solch eine Warte, ein Sterbehaus, eine Lei⸗ chenkammer war dies Schloß damals zwiſchen zwei Sonnenaufgängen. Hier bei Weißenfels fällt die große welthiſto⸗ riſche Schlachtebene, die ſich zwiſchen Halle, Mer⸗ ſeburg, Leipzig und Lützen ausbreitet, die nur ein⸗ mal in der Nähe von Schkeuditz ihre einförmige Fläche durch einen Abhang unterbricht, an deſſen Fuße ſie etwas tiefer, aber eben ſo gleichmäßig, Mei⸗ len weit fortläuft; hier fällt ſie in Abhänge und Gründe, die Thüringer Hügel beginnen, und wach⸗ ſen nach Süden hinauf zu Bergen. Schon von der grotzen Ungarſchlacht an, welche Heinrich der Finkler auf der Ebene von Merſeburg ſchlug, bis zu Napoleons Todestage in Deutſchland ſammelten ſich hier immer die Heerhaufen zur Entſcheidungsſchlacht. Dieſe hier beginnende Hügelſtraße über Naumburg, Köſen, Eckartsberga nach Thüringen hinein war auch beſonders im letzten Kriege das wichtige Defi⸗ 16, wo die Franzoſen mit dem eigentlichen Nord⸗ deutſchland zuerſt in Waffenberührung kamen, wo 6 man ſie oft in Gefahr brachte, und wo ſie ihr gutes Glück niemals verließ. Einige Meilen weiter auf dieſer Straße werden wir auf das Schlachtfeld von Auerſtädt kommen, wo Davouſt bei glücklicheren Dispoſitionen vernichtet werden konnte. Ferner: zu Anfangs des Feldzugs 1813, wo Napoleon mit der jungen Armee über Erfurt herunterkam, erhielt hier, am Ausgange dieſes Defilées, die franzöſiſche Avantgarde eine Schlappe, kehrte eiligſt um, und floh durch Weißenfels und Naumburg zurück, haſtig fragend: ou est le chemin pour Paris? Das Haupt⸗ korps drückte indeſſen die Zerſprengten unabläſſig wieder vor, die Alliirten wehrten nicht mit Nach⸗ druck den Zugang auf die Ebene, Beſſibres erſchien mit den Garden eben auf der Fläche, leitete die Schlacht bei Lützen ein, und fiel. Zu Ende des Feldzugs 13 hatte die bei Leipzig geſchlagene große Armee den Rückzug vor ſich durch dieſe Paſſagen, der von einigen Abtheilungen der Alliirten bedroht wurde. Napoleon, um mehr Raum zu gewinnen, leitete einen Theil des Rückzugs eine nördlichere, 7 kleinere Straße entlang über Freiberg, der Haupt⸗ weg blieb aber dieſe Straße, und hier hindurch hat ſich alſo die letzte franzöſiſche Armee rückwärts gewälzt, welche auf deutſchem Boden geweſen iſt. Auffallenderweiſe ebenfalls weit glücklicher und unan⸗ gefochtener, als man bei ſolchem Terrain und einer hinten und ſeitwärts drängenden Armee erwarten ſollte. Dennoch kann ich mich immer des Gedankens nicht erwehren, daß einmal ein Feind unſers Vater⸗ landes hier ſeine caudiniſchen Päſſe, eine vernich⸗ tende Niederlage finden werde, und ich ſehe den Feind beſonders in dem großen Naumburger Keſſel eingeſperrt und erdrückt. Hier bei Weißenfels begegnet man der Saale, dieſem ſchwarzen ſchwermüthigen Fluſſe Thüringens, der aus der Frankenſcheide über Saalfeld, Rudol⸗ ſtadt, der Leuchtenburg und Jena vorüber herunter⸗ kommt. Er durchſchlängelt alle die Päſſe, welche von hier aus den direkten Zugang zum ſüdlichen Deutſchland bilden, und tritt hier hinter Weißenfels 8 in die Ebene hinaus nach Halle und der Elbe zu. Auch er hat, wie alles Sächſiſche, kein Glück gehabt und ſeine Paſſagen nicht vertheidigt gegen die Franzoſen, welche 1806 die beſchwerliche Saalſtraße herauf bis Jena und mit dem Seitenkorps über Zeitz und Naumburg kamen zur Doppelſchlacht von Jena und Auerſtädt. Dies Mittelſtück zwiſchen Süd⸗ und Nord⸗ deutſchland, Thüringen, das gehügelte und bergige, beginnt geographiſch eigentlich hier. Die alte Grenze iſt zwei Meilen, weiter eine halbe Viertelſtunde, hin⸗ ter Naumburg: dort auf der großen Heerſtraße nach Köſen iſt ein kleines Brücklein, genannt die Schweinsbrücke, dies gilt für die alte officielle Grenze Thüringens. Es iſt ein lieblich, freundlich Land, was mir ſtets ſonnenbeſchienen im Sinne liegt mit grünen Bergen, weichen Hügeln und freundlichen Bewohnern, die täglich Pflaumen⸗ oder Apfelkuchen oder ſonſt eine Kuchengattung verſpeiſen. Weil der Kuchen in meiner Heimath etwas Sonn⸗ und Feier⸗ tägliches iſt, ſo hat mir Sachſen und Thüringen F —— — 9 ſtets etwas Geputztes: Sachſen leiſtet in der Kuchen⸗ bäckerei nur etwas weniger als Thüringen, wobei ich blos an zwei Vergnügungsorte bei Leipzig erinnern darf, welche ohne weitere Umſtände der große und kleine Kuchengarten genannt ſind. Die ärmſte Frau bäckt mit dem Brode einen Kuchen, die National⸗ leidenſchaft heißt Kuchen, an der Heerſtraße ſteht an den Gaſthausſchildern obenauf„Kuchenbäckerei“. Ich hatte eine lange Zeit das Glück, mitten im Schooße dieſes nationalen Appetits zu wohnen, und alle Nüancen deſſelben alle Tage zu beobachten: in Köſen nämlich ſteht hoch am Wege das berühmte Hämmerlingſche Kuchenhaus, wo der leichtgeſchürzte Pilger, der ſchwere Kärrner, welcher das Saumroß treibt, der muntre Handelsmann und das ernſte Edelfräulein anhält, und einen Wink ausgehen läßt mit der reſpektiven Hand. Darauf erſcheint ohne weitere Frage Bertha, die ſchalkhafte, mit dem⸗ jenigen Kuchen, welcher eben an der Jahreszeit iſt. Zu Fuß, zu Roß, zu Wagen wird er pauſirend 10 genoſſen; das Haus liegt an der Straße nach Paris, der Poſtillon, welcher den Ruſſen oder Franzoſen vorüberfährt, hält ſtill als Thüringer, und erwartet Bertha für ſich und für die fremde Herrſchaft, die oft mit Verwunderung den ohne Weiteres präſentirten Kuchenteller betrachteet. Wenn das Novellenſchreiben träge ging, habe ich oft ſtunden⸗ lang den Reiſenden zugeſchaut, und ich wußte am Ende den Thüringer wohl zu unterſcheiden, welcher mit größerer Sicherheit und vertrauterem Genuſſe das heimathliche Labſal verzehrte. Manchmal hat mich der frevelhafte Gedanke überraſcht, welchen kein Thüringer vergeben wird, ob dieſe weiche Kuchenleidenſchaft ſchuld ſei, daß dieſes ſchöne, ſo wohl gelegene Land niemals einen herrſchenden Moment in der Geſchichte errungen habe; die Perſer aßen Brod und Brunnenkreſſe, die Spartaner ſchwarze Suppe, die Ruſſen lieben das Sauerkraut, und haben mit dieſen ſtrengen Nahrungsmitteln große Reiche und große Macht 11 gewonnen; Erfolge des Kuchens kennt die Welt⸗, geſchichte nicht, der ſüßeſte Aepfelkuchen hat nichts ausgerichtet. Es iſt aber allen Ernſtes auffallend, daß dies zur Herrſchaft im deutſchen Reiche ſo wohl gelegene Land nie eine derartige Bedeutung errungen hat. Es ſieht aus ſeinem ſchönen Walde von Eiſenach bis Coburg nach Süddeutſchland hinab, und die Höhen ſeiner reizenden güldnen Aue winken lockend nach Norddeutſchland hinein: es iſt die Mitte unſeres Vaterlandes, und außer dem unbedeutenden Pfaffenkönige Raspe, wenn der noch flüchtiger auf⸗ tauchende Günther von Schwarzburg übergangen wird, hat es nicht einmal einen deutſchen Kaiſer geboren, noch weniger einen nachdrücklichen, oder gar ein Kaiſergeſchlecht. Die Beziehung zum alten deutſchen Reiche wird aber hier rege, wo man aus der nordöſtlichen Ebene an die Berge und Thäler kommt, welche den Uebergang bilden zum alten, ſogenannten Reiche. Jenſeits, öſtlich und nordöſtlich von dieſen 12 Bergen, gab es nur Marken, Grenzländer, und wenn man hier von einer Höhe nach Norden hin die blauen Vorberge des Harzes ſieht, da wird man an ein Kaiſergeſchlecht erinnert, was dort ſeine Burgen baute, die Bären jagte, die Wälder lich⸗ tete. Dies altſächſiſche Geſchlecht hat allerdings viel herübergereicht in's thüringiſche Land, die Otto⸗ nen haben Naumburg, die Nauenburg, geſchaffen, und in einer Ecke der güldnen Aue, hinter den Bergen von Bibra, in Memleben, viel verkehrt und gelebt, und ſind auch dort geſtorben; aber was wir dort Thüringen und Sachſen, oder mit dem gemeinſchaftlichen Worte Sächſiſch nennen, das hat in unſrer Reichsgeſchichte keine herrſchende Rolle geſpielt. Was die Geſchichte Sachſen nennt, und was manchmal heute noch mit dem Worte Nieder⸗ ſachſen bezeichnet wird, das war der Norden, das, was ſich eine Zeit lang ſpecieller über den Harz weſtlich hinüber bis an den Rhein zog. Was ſpä⸗ ter Sachſen hieß, als das deutſche Reich mehr in Staaten überging aus Stämmen, war allerdings 13 ein abgezweigter Theil des alten Sachſen, der aber theils mehr und mehr ein abgeſondertes eignes Weſen eines Mittelſtaats zwiſchen Nord⸗ und Süddeutſchland erhielt, theils auch aus den Marken ſich arrondirte. Seine Hauptſtadt zum Beiſpiele, Dresden, bildete ſich in dem Meißniſchen Grenz⸗ lande, und ſtützte ſich ſchon auf die mit Slaven vermiſchteren Lauſitztheile. Aus dem allen bildete ſich ein vermittelter und vermittelnder Staat, der ſich in Sprache und Sitten vom alten Sachſen abſonderte, und von Hauſe aus auf eine andere Exiſtenz angewieſen war, als die iſt, welche man eine in ſich abgeſchloſſene und ruhende nennt. Betrachtet man Sachſen von dieſem Stand⸗ punkte, ſo findet man leicht die Gründe ſeines hiſtoriſchen Unglücks auf: Um zu gedeihen mußte es ein ſchöpferiſcher Staat werden, dahinaus ging aber nur das Weſen und die Tendenz eines ein⸗ zigen Regenten dieſes Hauſes, des zu früh ſterben⸗ den Moritz; alle übrigen hatten ihre Exiſtenz auf 1 14 ein Begnügtſein geſtellt. Die Theilung in zwei Linien war ein zweites Unglück, welches die Kraft gebrochen hielt, und dieſem prächtigen Lande, was von der ſchleſiſchen Grenze durch lauter geſegnete Gegend bis jenſeits Langenſalza mit entſprechender Breite hinausging, die Zukunft nahm. Die Erobe⸗ rung von Schleſien, und alles Folgende, was einen mächtigen norddeutſchen Staat bildete, wäre Sach⸗ ſens Beſtimmung geweſen, es verſäumte und verlor ſie, und Preußen, mit viel weniger Ausrüſtung, G übernahm ſie energiſch; alle Wechſelfälle, welche eintraten, und denen der Sachſe die Reſultate des V jetzigen Zuſtandes zuſchreibt, ſind zwar unweſentlich, ihr Ausbleiben hätte den damaligen ſächſiſchen Staat vielleicht noch etwas länger gerettet, aber weiter nichts geholfen; nicht das Ereigniß entſcheidet dau⸗ ernd für einen Staat, ſondern die Poſition, welche er gewinnt oder verliert. Die Poſition eines neuen Staatslebens, was aus dem verfallenden alten Reiche und in ein noch vielfach vereinzeltes Ländergebiet 15 eingehen ſollte, ließ ſich Sachſen entgleiten, und ſo verlor es ſich ſelbſt, denn der Staat, welcher nicht gewinnt, geht dem Tode entgegen. Der allgemeine Charakter des Menſchenſchlages hat nun ſicher auch auf das Schickſal des Landes eingewirkt, und iſt auch umgekehrt vom Schickſale des Landes gebildet worden, wie beim Staatsleben Alles Gegenſeitigkeit wird. Von dem Hauptſtamme im Norden war man abgezweigt; und ein ſtarker, ungeſchwächter Urſprung konnte nicht fortwirken oder neu erzeugen; mitten im Binnenlande, was die Arbeit freundlich, aber nirgends luxuriös, lohnte, war man eingedrängt, ohne daß eine höhere, bewe⸗ gende Staatsperſpektive irgend welchen Schwung verliehen hätte: ſo entſtand eine betriebſame, artige Nation, welche nirgends zu einer genialen Kraft⸗ entwickelung aufgefordert wurde, ſolchergeſtalt in eine achtungswerthe Gewöhnlichkeit hineinwuchs, und das Opfer größerer Kombinationen der Geſchichte werden mußte. Das Vorgefühl dieſes Bedrohtſeins machte den von Natur freundlichen und höflichen 16 Sachſen liſtiger, weshalb man ſeine Höflichkeit oft für weniger aufrichtig hält, weshalb er auch wirk⸗ lich zum Diplomatiſiren, zu feinen, vorſichtigen Schritten im Welt⸗ und Staatsleben am geeignet⸗ ſten iſt; daneben hat ſich übrigens ſo viel herzliche Güte fortgepflanzt und ausgebildet, das Element des Fleißes und der Betriebſamkeit in Wiſſenſchaft und Induſtrie hat ſich ſo regſam, ſo fein und ſauber in ihm fortgeſchaffen, daß man des behag⸗ lichſten, beſten Eindrucks gewiß ſein kann, ſobald man in den Bereich der jetzigen und früheren ſächſiſchen Staaten kommt. Bis in das kleinſte Städtchen findet man die heiterſte Reinlichkeit, und das Behagliche eines wohlhäbigen Mittelſtaates ſieht man noch jetzt darin ausgedrückt, daß die Ortſchaften gefegt, zierlich und lachend wie große Stuben ausſehn; dies und die Nähe des Reichs kündigt ſich damit an, daß man links und rechts in geringen Entfernungen eine Menge Städte, Städtchen und Ortſchaften antrifft, und die kleine Exiſtenz überall ſauber und gerundet iſt. 17 Den Sachſen ſelbſt hat es nie an innerem Selbſt⸗ gefühl und Nachdruck einer nationalen Eigenthüm⸗ lichkeit gefehlt. Wie ſtark ihr ſaͤchſiſches Bewußtſein war, hat ſich beim Zuſammenſchmelzen in der letzten hiſtoriſchen Kriſis gezeigt, ſie waren ſo ärgerlich, wie eine Mittelnation nur ſein kann, und beſonders der Preuße war ihnen völlig verhaßt. Dergleichen iſt natürlich bei hiſtoriſchen Kolliſionen, und ein kräftiger Menſch hat ſtets das Bedürfniß, ſeinen Heimathsſtaat groß und ſtark zu wünſchen, wider⸗ ſtrebend in einen neuen Verband überzugehen; das Königreich Sachſen ſchmolz bekanntlich am ärgſten zuſammen, aber es blieb doch eine Kompaktheit, und der Bewohner hatte einen ganzen, leicht faßlichen Gegenſtand des Zornes; viel ärgerlicher kam das nationale Bewußtſein bei den kleineren ſächſiſchen Staaten in's Gedränge, eben deßhalb wunderlicher und viel wunderlicher, dem Untergehn näher gerückt. Ich hab' es oft gehört, daß ſich Bewohner aus den Herzogthümern für Bewohner des Königreichs aus⸗ VI. 2 18 gaben, um in der Wärme des Nationalſtreits mit größerem Nachdrucke Sachſen zu ſein. Aber wie vielfach hat man ſeit dem Wiener Kongreſſe das Entſchlummern ſolcher Pietätsunterſchiede beobachten können! Der Vortheil und die Gewohnheit halten das Alte, und binden eben ſo das Neue, die Liebe verkohlt und der Haß wird Aſche, neues Leben wächst über Wunden. Nur die Alten denken noch manch⸗ mal daran in Naumburg, daß ihre Stadt einſt ſächſiſch geweſen; die herrſchende Generation fragt ſchon manchmak: iſt denn das wahr? Sie hat ſchon gar keinen lebendigen Bezug mehr darauf; ich ritt von jenem Orte eine Zeitlang täglich auf den nahen Knabenberg, welcher über Schulpforte liegt, weil dort neben der prächtigen Ausſicht auch der einzige Reitplatz war. Er iſt mit Bäumen eingefaßt, und man ſieht's ihm an, daß er officiell angelegt iſt; der erſte Referendarius, welchen ich fragte— alle Spaziergänger, denen man dort begegnet, ſind näm⸗ lich Referendarien— war ein geborner Sachſe, er wußte nichts von dem Reitplatze; der zweite Referen⸗ 19 darius, ein Pommer, erzaͤhlte mir ausführlich, daß die ſächſiſche Kavallerie da oben ihre Reitexercitien vorgenommen habe; ihn hatte es intereſſirt, weil er von draußen kam, und vielleicht noch ein national⸗ ſächſiſches Intereſſe vorausſetzte; für den Sachſen hatte eine ſolche Erinnerung gar nicht mehr exiſtirt. So ſteht in Leipzig nach dem Ranſtädter Thore hin, unweit der Roſenthal⸗Brücke, ein verwitterter alter Meilenſtein, wo noch die Städte Lützen, Weißen⸗ fels, Naumburg ꝛc. als Landesſtädte verzeichnet ſind. Mich hat dies hiſtoriſche Denkmal oft beſchäftigt, wenn ich im Vorübergehn die Städtenamen las; mancher Leipziger, dem dies Blatt vor die Augen kommt, wird ſich beſinnen, was das für ein Stein ſei, er hat ihn nie bemerkt, oder beim Anblick des⸗ ſelben, ſelbſt bei dem der Ortsnamen iſt ihm nie eine politiſche Beziehung eingefallen— ſo zieht die Geſchichte immer einen dünnen Schleier nach dem anderen über das Vergangene, bis die alten Dinge unleſerlich und vergeſſen ſind. 20 In Thüringen überhaupt iſt alles Saͤchſiſche ſchon ſanfter ſchattirt, der Accent iſt nicht ſo auf⸗ fallend ſächſiſch, der Menſchenſchlag, zwar auch noch wenig über die kleine Mittelgröße hinausreichend, wie ſie in Sachſen vorherrſcht, iſt ſchon mannig⸗ faltiger; die glatten, zierlichen Mädchen Sachſens ſind ſeltener, das dralle Leipziger Jäckchen hört auf, und der kurze Kattunmantel beginnt, in welchen ſich hier auch die ärmlichſte Weibsperſon hüllt; das Scheibenſchießen, was durch ganz Thüringen all⸗ ſonntäglich knallt, die Lohnkutſcherei, die hier in vollem Flore ſteht, die Einſpänner, die ſaure Milch treten als Eigenthümlichkeiten auf. Dies muntre, rührige Weißenfels erweckt mir als ein halber Grenzort ſtets die thüringiſchen Ge⸗ danken, es iſt ein kleines Leipzig, und geſellig wie ein Ameiſenhäufchen; die ſächſiſche Geſprächigkeit geht nicht unter, ſo lange die Sonne und der Schnee auf Weißenfels fallen, auf dies fidele, penſionirte Städtchen. Wohlfeil und leicht zugänglich zieht es 21 mit magnetiſcher Kraft die Penſionirten aller Staͤnde an, man ſpielt Liebhabers auf Liebhabertheatern, man lieſ't franzöſiſche Bücher, man hält Zeitungen, nur die„Allgemeine“ nicht 3 man iſt eine luxuriöſe kleine Stadt und gar nicht blöde. 20. Eine Jagd bei Weißenfels. Mäülner war die Hauptperſon dabei, aber glück⸗ licherweiſe der todte, nicht der lebendige. Wir waren von Naumburg ausgezogen über die rothen Sand⸗ wege, welche nach der Schönburg führen, dort hatten wir hinter dem Naumburger Keſſel, in welchen man von hier hineinſieht, den Sonnenuntergang genoſſen, welcher ſich roth an dem Steinberge abſpiegelte; dann waren wir Hügel auf, Hügel ab, mit der Flinte im Arm durch die Waldwege gekrochen, die öfters Blößen und Lichtungen in dies und jenes kleine Thal bieten, und die Ermüdung ſtellte ſich ein. Wenn ich wir ſage, ſo heißt das: ein alter 23 Juſtizbeamter und ich. Der Mann war von ächt thüringiſcher lateiniſcher Bildung, er wird bis an ſeinen Tod die Pennalgeſchichten von Schulpforta erzählen, und mit citirtem Cicero oder Horaz über Napoleon und den Liberalismus ſprechen. Wenn er von der Gegenwart ſprach, ſo ſprach er von der Vergangenheit, zuckte die Achſeln bis an's Ohr, und ſagte:„Ach Du lieber Gott, das waren andere Zeiten!“ Er that durchgehends, als ob die Welt ſeit ſeiner Jugend ganz erbärmlich geworden wäre. Gewöhnlich deutet dies auf eine Art Mittelmäßig⸗ keit; bedeutende Menſchen erheben nicht immer das Vergangene auf Koſten der Gegenwart, ſondern be⸗ kunden ſich auch darin, daß ſie mit geſchärftem, geiſtigem Organe die ſtumpf gewordenen Sinne überbieten, daß ſie die Intereſſen und Genüſſe An⸗ derer dem allgemeinen Zuſtande in Anrechnung brin⸗ gen— Entäußerung des Egoismus ſpielt auch hier wie bei aller Bildung die Hauptrolle. Dies Urtheil iſt nur zu mildern, wenn der Alte von nieder⸗ drückender Krankheit oder von Verluſten betroffen 24 worden iſt, die ſich nicht mehr erſetzen laſſen, z. B. vom Verluſte eines Weibes oder Freundes, welche die Ergänzung ſeiner Lebensgeſchichte ausmachten. So etwas iſt allerdings unerſetzlich, und hierbei iſt juſt die vergangene Zeit das baare Gold, was man verloren hat. Mein alter Juriſt aber hatte nichts Bedeutendes verloren, als höchſtens Prözeſſe, und da jeder Menſch zur Ausfüllung ſeiner Würdigkeit ſolch eines großen Verluſtes zu bedürfen glaubt, da⸗ mit er eine Folie habe für den unproduktiven Augen⸗ blick der Exiſtenz, ſo bildete ſich mein Begleiter ein, die Hauptſache und der Mittelpunkt ſeines Lebens ſei mit Adolph Müllner zu Grabe gegangen. Wir kamen, ohne daß ein Haſe unſer Gewiſſen beläſtigt hätte, an dem Bergeshang auf eine offene Waldblöße, von wo aus man bei klarem Mond⸗ ſcheine das Städtchen Weißenfels im Thale liegen ſah. Das breite, ſtattliche Schloß, welches ſich mit dunklem Dache über die Stadt erhebt, und ihr ein gewiſſes nobles Anſehn verleiht, ſchimmerte mit ſeinen langen Fenſterreihen im Mondlichte; ich vertiefte 25 mich in den Anblick und die Gedanken, welche eine weiß dämmernde Mondnacht ſo weich und milde anregt; mein Juriſt aber geſtattete dieß nicht, er machte ein Feuer an, und rief fortwährend: „Ach die ſchöne Zeit, wo Müllner noch da drüben lebte!“ Aergerlich über dieſe leere Emphaſe fragte ich ihn, worin denn eigentlich die Schönheit jener Zeit beſtanden habe? denn die Literatur von damals wecke durchaus keine angenehme Erinnerung, und ich müſſe ihm offen geſtehn, daß mich die Müllnerſche Epoche immer wie der Abſchnitt eines wüſten Interregnums gemahne, wo die Freibeuter, Wilddiebe, Raubgrafen herrſchend umhergeſtrichen auf der ndſnaß⸗ unſerer Literatur. Es war Unrecht, daß ich mich unter ſolchen Worten an das gaſtliche Feuer niederſtreckte, was er bereitet, denn man ſoll der Armuth nicht die dürftige Illuſion zerſtören, wenn man ihr nicht Erſatz bieten kann. Alles Neue iſt grauſam; für geſchichtliches Intereſſe gibt es im Alter keinen Er⸗ 26 ſatz, weil die Schöpfung fehlt, die Schöpfung des Schaffens und des Empfangens. Er bedauerte mich indeſſen, denn jenes Intereſſe war abſolut feſt und nothwendig geworden in ſeiner Exiſtenz: wie ein Geſpenſt erhob ſich der Alte mit dem ordinair geſunden, rothen Antlitze; ſeine weißen, zurückgeſtrichenen Haare flatterten im Winde, aus den leeren, lichtblauen Augen ſtarrte jener lederne Eifer, welcher mit ſeiner Beſchränktheit einen unan⸗ genehmen Eindruck macht, und doch eben damit unſre Nachſicht in Anſpruch nimmt. Ach, ſagte er endlich, alles Uebrige höflich hin⸗ unterſchluckend, Sie haben Müllner nicht gekannt, den Großen! ſeinen ſcharfen Geiſt, ſeinen Witz nicht genügend beachtet, er war ein außerordent⸗ licher Menſch. Nachdem er dies geſprochen, ſank der alte Juriſt wieder auf ſeine alte Stelle am Feuer. Was führte denn Müllner für eine Lebens⸗ ordnung? 27 „Ja wohl, Ordnung, Alles war bei ihm Ord⸗ nung— Man erzählt, daß er ſich aus der Natur, der ſchönen Gegend, dem Liede der Vögel, dem glitzern⸗ den Sonnenſtrahl im Walde nichts gemacht habe, und ich ſinde das ſehr bezeichnend für ihn, der Mann war ein dürres Abſtraktum. „O, unterbrach mich mein Nachbar, dies Girren und Flöten der Romantiker war allerdings nicht für ihn, ſeine Poeſie wußte nichts von dem Schwebeln und Faſeln, von den empfindſamen Spazirgängen, ſie war rein geiſtig.“ So? „Was habe ich davon, hinunter in den Mond⸗ ſchein zu blicken? Aber von Gedanken habe ich etwas, der Gedanke iſt, nun ja, der Gedanke— Iſt das Abſolute, Sie verehren wohl Hegel neben Müllner? „Ach, was Herr, Hegel und Abſolutes! Das iſt auch ſolch'ne neue Mode, ich will abſolut nichts davon wiſſen, das iſt mein Abſolutes, das bin ich 28 Müllnern ſchuldig. Ja, deſſen Gedanken! Darum arbeitete er auch nur des Nachts, wo ihn kein Ein⸗ druck ſtörte, bei verſchloſſenen Fenſtern, im einſamen Zimmer, wirklich nach Mitternacht ſchrieb er ſeine Mitternachtzeitung. Erſt wenn der Morgen kam, legte er ſich ſchlafen, und ſtand am ſpäten Nach⸗ mittage auf. O, er wußte dabei die Realität der Dinge zu ſchätzen, man aß und trank vortrefflich bei ihm, er rauchte eine ſüperbe Pfeife Tabak; wenn er Abends in die Reſource kam mit ſeinem ſtrengen, gebieteriſchen Angeſichte, da war's, als ob ein König aufträte, wehe dem Unglücklichen, der ihm wider⸗ ſprechen wollte, er wurde zermalmt. Müllner war ein praktiſcher Poet, der ſeine juriſtiſchen Kenntniſſe den Buchhändlern gegenüber geltend zu machen wußte; wie verſtand er ſein Handwerk, die Juriſterei! wer ihm ſeine Gedanken nicht voll bezahlen wollte, der hatte einen Prozeß am Halſe, eh' er ſich deſſen verſah.“— Herr Hofrath Müllner verdiente viel Geld? 29 „O ia, die Schriftſtellerei brachte ihm doch ab und zu des Jahrs ihre 2— 3000 Thaler. Das verdient man nicht mit Mondſcheingedichten; davon rieth er auch allen jungen Schriftſtellern ab.“ Ich habe das ſelbſt erlebt: als ich im Jahre 1826 nach Halle auf die Univerſität kam, wohnte ich in einem Weingarten an der Saale, dicht in Grün und Laub gehüllt, die Vögel hüpften mir auf die Fenſter, und da übereilte mich wohl mitunter ein Sonett, wenn ich aus dem Studententumult wüſt heim kam, und an Schleſien dachte; ich ſchickte ihm zwei davon für ſein Journal, und erhielt ſie mit dem Bemerken und einem lehrreichen Briefe zurück, daß lyriſche Sachen nicht gedruckt würden; er hatte ſie ſorgfäͤltig mit Randgloſſen verſehen, die einzelnen Metaphern lobend angemerkt, und ſie ſorgfältig wie ein gutes Schulexercitium behandelt. „Sehen Sie, wie genau und ſorgfältig er war! Wegen meiner Jagdliebhaberei, die ich des Unter⸗ leibs wegen betreibe“— Ihres Unterleibs wegen? „Ja, deswegen hat er mich oft aufgezogen.“ Er ging von Weißenfels aus nie auf die Jagd? „Ein einziges Mal war er mitgeweſen, und hatte ein wunderliches Abenteuer dabei beſtanden, was er auf die ſcharmanteſte Weiſe zu erzählen wußte. Zur damaligen Zeit waren die großen Fuchsmützen Mode, von denen ein großer Fuchsſchwanz den Rücken hinunter hing; bei Kutſchern und Föoͤrſtern findet man ſie zuweilen heute noch. Müllner trug an jenem Tage eine ſolche, und war unterhalb der klei⸗ nen Anhöhe poſtirt worden, welche Sie hier im Mondlichte ſehen können— dort, wo der kleine Baum ſteht— die Vertiefung des Bodens verbarg ihn von der einen Seite ſo weit, daß man nur den Fuchsſchwanz auf der Mütze wackeln ſah. Ein Jäger, der von jener Seite kommt, iſt des Glaubens, der Schwanz gehöre einem lebendigen Fuchſe, und giebt eine ſolide Schrotladung darauf— das hat die Mütze ruinirt, und dem Herrn Hofrath alle andern Jagdpartieen abgeſchnitten. 31 Wir lachten. In dem Augenblicke fiel ein Schuß, und die Schroten ziſchten dicht über uns hin in die Bäume; der Juriſt ſprang erzürnt auf, um den frevelhaften Schützen zu ſuchen. Ich ſtieg beim Monddämmer nach Weißenfels hinab, und die Ge⸗ danken über Müllner, die Literatur und Sachſen ſchaukelten ſich mit mir die Hügel hinab. Bezeichnend für Müllner iſt es mir immer ge⸗ weſen, daß er ſeine Hauptverehrer unter den Juriſten hat. Die jetzige Generation weiß es gar nicht deut⸗ lich, daß er eine zeitlang mit Redaktion des Mor⸗ genblattes ein tumultuariſches Aufſehn machte: er ſpektakelte und würzte mit ein Paar juriſtiſch⸗äſthe⸗ tiſchen Begriffen und einer harten ſcharfen Feder ebenſo wie jetzt Menzel gethan mit ein Paar andern Begriffen. Sie ſind eigentlich zuſammen Rinaldo Rinaldini in unſrer Literatur, und wie das Hand⸗ werk unter ſich ſtets den heftigſten Haß entwickelt, ſo ward Rinaldo Müllner von Rinaldini Menzel auf das Intimſte gehaßt, und wir bekamen noch vor einiger Zeit im Morgenblatte die Grabſchrift zu Ge⸗ 32 ſichte, welche einem literariſchen Urtheile ſo ange⸗ meſſen iſt, und einem Schriftbrigand ſo wohl ſteht, der den anderen überlebt. Menzel ſchrieb von Müll⸗ ner:„Als die Beſtie in Weißenfels endlich verreckt war“— ich habe mich in Wahrheit ſcheu nach einem Galgen umgeſehen, als mir nächtlicher Weile dieſer Ausdruck einfiel. Heitere Dichtkunſt, ſo wenig wie das ſchöne, zarte Mädchen biſt Du ſicher vor roher, gemeiner Hand! Stimmt es wohl auch mit dem Mittelſtande der ſächſiſchen Staaten überein, dieſem Mittelſtande zwiſchen Nord⸗ und Süddeutſchland, zwiſchen Drang nach ſelbſtſtändigſter Eigenheit und Drang und Noth⸗ wendigkeit, ſich anzuſchließen und zu ergänzen, daß dieſer Länderſtrich keinen großen Dichter geboren hat? Keinen Kaiſer, keinen Dichter! Und doch murmeln die Quellen ſo lockend herab von den Thüringiſchen Bergen, doch rauſchen die Bäume des hohen Berg⸗ waldes ſo ahnungsſchwanger wie der Schwarzwald und die Alp, welche den Schwaben ſo freigebig ge⸗ worden ſind mit Kunde und Sage! Seit die Minne⸗ 33 ſänger bis hier herein geſungen haben in die Thü⸗ ringiſchen Thäler, ſind große, beherrſchende Dichter⸗ worte von hier aus nicht mehr ausgegangen. Und doch war juſt dieſes Sachſen lange Zeit der Mittel⸗ punkt deutſcher Bildung: die Univerſitäten Witten⸗ berg, Leipzig, Jena waren das Centrum deutſcher Kultur. Gottſched machte in Leipzig einen diktato⸗ riſchen Verſuch mit der ſchönen Literatur; er miß⸗ lang, und die eigentlich ſchöpferiſchen Talente erhoben ſich im eigentlichen Nordͤdeutſchland und im eigent⸗ lichen Süddeutſchland.. Nur Leſſing kommt in Frage: er ſtammt aus einem Grenzbezirke des ſächſiſchen Landes, aus der Lauſitz. Bekanntlich ſind die Grenzen oft überaus umflußreich, weil auf ihnen Heimiſches und Frem⸗ deres in Berührung kommt, Kampf und Anregung weckt. Dieſe Grenzbewegung ſchien auch das Leb⸗ hafteſte in Leſſing zu ſein; er ging nach Berlin und nach Norddeutſchland und blieb dort; das märkiſche, norddeutſche Element war auch durchweg in ſeiner ganzen Schärfe vorherrſchend in ihm, nichts deutet VI. 3 3 34 auf den Sachſen, als die Gleichgültigkeit gegen die Natur, welche er mit Müllner gemein hatte; in der Minna von Barnhelm verläugnete er darin ſein Vaterland ſchon, daß er ſich dem preußiſchen Inter⸗ eſſe des Soldatenlebens anſchloß, von der ſächſiſchen Höflichkeit, und dem gefälligen Triebe, auszugleichen, hatte er keine Faſer; an die ſächſiſche Literarmanier, ſich an die Schulerinnerungen mit vermiſchtem Ge⸗ ſchmacke anzuſchließen, erinnert ſeine kühne Eigen⸗ thümlichkeit in keiner Weiſe, die nur für die fein⸗ ſten Geſetze das Griechenthum in Anſpruch nahm, ſonſt aber mit Shakeſpeare das neu Geſchaffene pries und anrieth. Auch darin hat dieſer Landſtrich ſein Unglück gehabt, daß ſeine größten Talente die Heimath ver⸗ ließen— auch Leibnitz war aus Leipzig— und die daraus ſproſſenden Keime zertraten, daß ſeine geringeren Talente, wie Müllner, das Unvortheil⸗ haftere ausbildeten, und lebhafter die Entrüſtung in Anſpruch nahmen als die Anerkennung. —— 21. „Ein Liebespaar. I. Ein Liebespaar iſt das Intereſſe einer Provinzial⸗ ſtadt; ſo lange man noch Friſche und Sehnſucht hat, ſo lange entbehrt man die große Welt draußen nicht, ſo lange bleibt man ſelbſt noch liebenswürdig neben, ſelbſt in den Spießbürgereien, wo die Frau Aſſeſſorin ſich kühnlicherweiſe neben die Frau Räthin auf's Sofa geſetzt hat, wo es einen einzigen Frev⸗ ler giebt, der den Herrn Praͤſidenten nicht grüßt, wenn dieſer mit den langſamen Rappen ſpazieren fährt. Wenn die Liebe in der Provinz aufhört, dann kommt Whiſt und L'hombre an die Reihe, oder gar die Flaſche; zunächſt wird die Zeitung mit⸗ gehalten, dann miſcht man ſich in den politiſchen Klatſch, dieſer hält nicht lange vor, und man um⸗ armt den Stadtklatſch; der Brod⸗ und Stellenneid reckt ſeine Glieder; an beſtimmten Feiertagen wird 6 eine Landpartie unternommen; man fängt an, vor'm 3 Schlafengehn pünktlich aufzuſchreiben, was ausgege⸗ ben worden iſt; man klagt über Immoralität; man ſchont eine Staatsweſte, und läßt für das wochen⸗ tägliche Gilet Knöpfe bis an den Hals ſetzen, um Wäſche zu ſparen; man nimmt keinen unfrankirten Brief mehr an: man wird ein Phlliſter. Dies Alles gelingt auch in der großen Stadt ohne allzu große Schwierigkeit, aber die geſchäftigen Wogen des größeren Verkehrs verbergen es mehr, beſpülen die Außenſeite mehr, ſo daß ſie nicht völlig vertrocknen kann; in der kleinen Stadt wird man ohne lebhaftes ſtrebſames Herz ein Spießbürger, in der Mittelſtadt ein Philiſter. Es giebt viel unter⸗ ſcheidende Nüancen zwiſchen dieſer und jener Charge: der Spießbürger iſt in ſeiner Beſchränktheit naiv, 37 der Philiſter frech oder dumm; der Spießbürger haut zuweilen über die Schnur, faßt ſich ein Herz und giebt einen Groſchen über den Etat aus, der Philiſter nie, er vergiebt ſich nichts, ſeine Redens⸗ art heißt: Ich habe mir keine Vorwürfe zu machen. Der Spießbürger ſchmunzelt bei einer Mesalliance, welche von lebhafter Neigung herbeigeführt iſt, doch einen Augenblick, und ſagt:'s iſt Schade, eigentlich wär's ein hübſches Paar! Der Philiſter dagegen ſpricht: der Hunger und der Wurm wird dieſe Phan⸗ taſterei bekehren, ich könnte auch mehr Vergnügen haben, wenn ich blos darnach fragte, was gut ſchmeckt. Der Philiſter haßt jeden Schnurrbart und fragt: wozu das? Wenn er ein hübſches Mäſdchen ſieht, fragt er zuerſt: Wem gehört ſie an? Kurz der Spießbürger i*ſt friſcher als der Philiſter. Wenn ich alle Berührungen und kleinen Ge⸗ . ſpräche zuſammen rechne, die ich in dieſer oder jener Provinz angeknüpft, ſo ergiebt ſich mir das Reſultat, Thüringen gehöre darin zu den beſten Provinzen unſers Vaterlandes: ſein Spießbürger iſt heitrer, — 38 friſcher, den Spaziergang und das Vogelſchießen würdigend, ſein Philiſter iſt nachgiebiger als der in manchem andern Lande. Es iſt Lebensluſt und Friſche da; vielleicht hilft es auch, daß man auf vielen Hü⸗ geln Reben pflanzt, von denen der Dichter ſingt: „Gewächs, ſieht aus wie Wein;“ man ſtrebt aus Dorf und Stadt hinaus nach dem Freien, und während der Weinleſe ſelbſt wird in allerlei Formen mehr Pulver verplatzt als in manchem Feldzuge; es iſt mir noch nirgends eine ſolche Liebhaberei für Pul⸗ ver und deſſen mannigfache Exploſion begegnet, als im Thüringiſchen Lande. Man ſollte glauben, der Krieg und Soldat wären hier zu Hauſe, aber ich glaube, es iſt den Leuten lieber, wenn's zum Spaſſe geſchieht. Auf den Weinbergen, die wie ein Bachus⸗ kranz ſich an der Saale hin um Naumburg ziehen, und ihre Abdachung Wärme ſuchend der Sonnen⸗ ſeite zukehren, blitzt und knallt es an den Herbſt⸗ abenden, als ob ein feindlich Heer in's Thal her⸗ niederſtiege. Oft ſpät am Abende, wenn Alles ſtill geblieben war, ſah ich weithin in der Dunkelheit — 39 eine Rakete ſteigen oder eine Leuchtkugel fliegen, ſil⸗ berweiß mit abfallenden Sternen; wie poetiſch hat mich das immer angeweht: heitre, frohe Menſchen verkanden der einbrechenden Nacht, und jedem Wan⸗ derer, der's ſehen will, daß ſie ſich freuen; ein Lie⸗ bender grüßt die Geliebte, welche unten im Thale ſeiner gedenkt. Ueberhaupt haben dieſe Berghügel viel Reizen⸗ des: ſie trennen ſteil, und halten doch in der Nähe. In der Nacht, wenn der Mond ſcheint, und man ihre kalkigen Geröllblößen und ähnliche Kahlheiten nicht ſieht, die ihnen ſtellenweis am Tage ein pauvres Anſehn geben, formiren ſi ſie ſtets ein lockendes Gebiet mit ihren ſchwarzen Schatten und weißen Mondes⸗ kronen, dazwiſchen durch die ſchwarze Saale, am Ufer zuweilen weiche Wieſen, durchſichtige, fein ſchat⸗ tirte Eſchengruppen, weiße Häuschen auf den Ber⸗ geserkern, und oben auf dem Gipfel am dunklen Walde das Sommerhaus, wo der Freund wohnt, und alte Kriegsmärſche trommelt, die fern und ge⸗ dimoſ in die friedliche Ebene herunter fallen: ———— 40 Schläft auch die Welt, es wacht mein Herz, Schläft auch das Glück, es wacht mein Schmerz, Wohl dem, der Schmerzen hat! Weh' dem, der lebensſatt!— Trumterum, trumterum, trumterum! Erde geht im Kreis herum, Mancher fällt im Schwindel um, Fließe Mondſchein drüber hin, Hüll' in Dämmer wüſten Sinn, Oeden Gleichmuth hüll' in Traum, Der Himmel iſt hoch, weit iſt der Raum— Trumterum, trumterum! Wann, o Zeit, wann biſt du um?! — Zur Nachtzeit, bei Mondenſchein, aus dem Bergesdunkel hernieder liegt in dem plumpen ein⸗ fachen Tone der Trommel eine wunderbare Melancholie, die Trompete ruft zur Schlacht, die Trommel zum Tode. Sind Euch die ſtillen Sommernächte unbe⸗ kannt, wo Euch Niemand liebt, wo die wohllüſtig athmende Erde nur für Eure todte Gleichgültigkeit keinen Reiz bietet, wo Ihr Euch in ein Ende aller Dinge hineinſtarrt? die Eſche flüſtert über Euch, 41 eine Eule flattert vorüber, vom Wege herüber kommt flüchtig das Kichern von Liebesleuten, ſonſt iſt es todtenſtill— wenn Ihr dann eine Waffe bei Euch habt, ſo iſt das Leben in Gefahr, auch die Gleich⸗ gültigkeit hat ihre wohllüſtigen Stunden. Ein Liebespaar! in kleiner Stadt Iſt's nöthiger als Brod und Bad. Als ich jetzt bei faſt dunklem Abende wieder nach Naumburg hineinfuhr, und die Exiſtenzen deſſelben mir vergegenwärtigte, da drängte ſich mir aus der Dunkelheit eine Erinnerung vor allem heraus. Das Gebäude, an welchem ich eben vorüber eilte, und in welchem jetzt ein einziges Lichtlein brannte, war eines Abends glänzend erleuchtet geweſen; eine ge⸗ putzte Soirée zog in den Zimmern auf und nieder und ſtellte ſich endlich in einen wirbelnden Ball. Ich war fremd, und hatte wenig Intereſſe; die Leute, welche ich ſprechen mochte, ſchienen auch alle wenig intereſſirt zu ſein; 3z ein hoher Mann, ganz in Schwarz gekleidet, fiel mir endlich auf, er mochte etwa dreißig 42 Jahre alt ſein, aber der Schmerz, welcher um ihn lagerte, ſah viel älter aus. Er zog ſich zurück, wie ich es that, und ſo fanden wir uns einmal zuſam⸗ men. Ein Paar hin und her gehende Worte brachten uns auf ein Urtheil über die Geſellſchaft, und er ſagte: Es mag hier Gott danken, wer wenigſtens ein Leid hat, denn Freude ſucht und findet deßhalb Keiner. Unter all dieſen jungen Herrn und Damen ſeh' ich nicht ein einzig Liebespaar; die Welt ver⸗ liert ihre unbefangenen Gefühle immer mehr, Sa⸗ lomo weiß, was daraus werden ſoll, Glückt es ihnen einmal, daß ſich eine Neigung in's Herz verirrt, ſo iſt ihnen in der indifferenten Schlaffheit, welche jetzt herrſcht, der feſte Wille entgangen, etwas ganz und entſchloſſen zu wollen; der akute Zuſtand des Romanenjammers tritt nicht mehr ein, ſondern die klägliche Nebelatmoſphäre, daß man verliert, was man halb gewollt, daß man halb glaubt, etwas Großes verloren zu haben, daß man das Recht be⸗ zweifelt, verzweifeln zu dürfen, daß man nicht un⸗ glücklich iſt, aber ohne Glück. 43 Wir haben in einem Winkel des Saales damals lange geſprochen, am andern Morgen wachte ich mit dem Gedanken auf:„es mag hier Gott dan⸗ ken, wer wenigſtens ein Leid hat,“ ſetzte mich an den Tiſch und ſchrieb Folgendes: II. Die Sonne neigte ſich zum Untergehen an einem rauhen Herbſttage, der Wind blies kalt über die Stoppeln, die Reſidenz lag in wenig lockender Anſicht vor einem Reiſenden, der im zurückgeſchla⸗ genen Wagen ſaß. Es konnte höchſtens fünfzehn Jahre her ſein, daß der Wagen Mode geweſen war, auch die Pferde waren nicht älter: wer einige Uebung beſaß, erkannte leicht die Equipage eines Landedelmanns, der in den erſten Jahren ſeiner Ehe ſich der jungen Frau halber um die Mode gekümmert hatte. Der im Wagen ſitzende junge Mann war das einzige Kind dieſer Ehe, die Mutter war geſtorben, Dietrich kam vom kleinen Landgute ſeines Vaters, mit welchem er ſtill und einſam, nur von den Ernteleuten berührt, den Sommer zugebracht hatte. Ein ganzer Sommer, in der Stille des Land⸗ lebens verbracht, ſchafft ein Herz wieder jung, weich und empfänglich; das Leichtſinnige der Stadtge⸗ wohnheiten flieht ſchüchtern nach und nach mit all ſeinen oberflächlichen Eindrücken, mit der prickeln⸗ den Sucht nach Abwechſelung. Wir leſen wieder Dichter, die uns bereits langweilig geworden waren, und finden es nicht mehr thöricht, wenn die klei⸗ nen Aenderungen im einfachen Gemüthe beſchrieben werden. Dietrich war von Univerſitäten und Reiſen als ein verwöhntes Weltkind nach Hauſe gekommen, hatte viel Bedürfniſſe mitgebracht, viel unklare und ebenſo unbeſchränkte Wünſche. Wenn ihn der Vater fragte: Was wünſcheſt Du Dir für eine Exiſtenz, Dietrich? beſchreib ſie mir— dann hatte ihm der Sohn immer nichts Befriedigendes erwiedert; jedes abgeſchloſſene Verhältniß der Zukunft, es mochte 45 noch ſo reich und glänzend ſein, erſchien ihm eine Beeinträchtigung ſeiner Hoffnungen. Hierin liegt ein Reiz und Unglückskeim für die moderne Jugend. Dietrich war ein guter Menſch mit mäßigen Anlagen und vieler Fähigkeit, lebhafte Empfindungen aufzunehmen. Sein Herz war keuſch, er hatte Paſſionen und Liaiſons gehabt mit Modedamen, aber er hatte nicht geliebt. Wäre er nicht zu wacker geweſen, um an einen großartigen, durchgehenden Welttrug denken zu können, er hätte die über⸗ ſchwenglichen Beſchreibungen des Gefühls der Liebe für eine hergebrachte Convenienz ohne innere Wahr⸗ heit halten mögen. Sein Vater und ſein Herz nur erinnerten ihn zuweilen an die wahrſcheinliche Exi⸗ ſtenz eines Zuſtandes, den er nicht kenne: ſein Herz ſchwoll in Sehnſucht auf bei ſtillen Sommeraben⸗ den, wenn er durch den Wald ſchritt, wenn die Vögel ſchwach und einzeln dem Tage ihren Abſchied ſangen, wenn die Luft flüſternd um ſein Haupt ſpielte. Er blieb dann wohl ſtehen, als umſchwebe ihn ein wunderbar ſüßes Geheimniß; im ſchoͤnen blauen Zimmer zu Hauſe hing ein großes Bild ſeiner Mutter, zuweilen ſah er den Vater lange davor ſtehen, einzelne Thränen rollten über die brau⸗ nen Wangen des feſten, bejahrten Mannes, und er drückte dem Sohne heftig die Hand und verließ das Zimmer. Solche Scenen nährten den verdeckten Gedanken des Herzens, es müſſe noch eine Welt geben, die ihm nicht nahe getreten ſei.. Ob ſie wohl hinter den hohen Häuſern liegen wird? dachte er jetzt eben, als er ſich der Stadt näherte. Er wollte den Winter dort zubringen, mit dem Frühjahre nach England reiſen. III. Dietrich bewegte ſich in den geſelligen Kreiſen wie eben jeder Andere; er war ein hoch und tüch⸗ tig gewachſener Mann mit genügend leichten Bewe⸗ gungen, er tanzte gut, ſprach nicht übel, ſang ein wenig, kurz er wurde ganz gern geſehn, ohne ſich 47 weiter auszuzeichnen, die Regelmaͤßigkeit, das Her⸗ kommen der Tage trug ihn; manchmal hoffte er auf Frühling. Eines Abends war er zum erſten Male in ein vornehmes Haus gebeten. Es beſtand keine einzelne Beziehung zwiſchen ihm und dem Wirthe, nichts als eine gewöhnliche Ausfüllung des Abends hoffend, ging er hin. Er ward der Tochter des Hauſes vor⸗ geſtellt und tanzte mit ihr. Gewöhnlich iſt ſolch eine erſte Unterhaltung, wie ſich etwa zwei Bücher mit einander unterhalten würden, wenn ſie Mit⸗ theilungs⸗ und Auffaſſungsorgane erhielten, um ſich gegenſeitig hören und ſehen zu können. Es fehlt an unterſcheidenden Beziehungen; Dietrich kam ſich ſehr ſteril vor, Fräulein Anna ſchien ihm auch etwas zerſtreut, voll allgemeinen Antheils einer Wirthin, die ſich überall umſieht und für Höflichkeiten Sorge hat. Zwiſchen jungen Leuten bringt jene allgemeine, jene Begriffshöflichkeit ſelten nahe. Ein Bekannter fragte Dietrich nach dem Tanze, wie ihm das Fräulein gefallen habe? O, gut, erwiederte er, ohne etwas mehr ſagen zu wollen, als gewöhnliche Redensart. 8 Der Zufall führte ihn noch oft in die Nähe der Dame bei den folgenden Tänzen; er betrachtete ſie lange, wie ja dies oft zufällig geſchieht, ohne daß man ſich eines beſondern Gedankens dabei bewußt wäre, er fragte ſie, ob ſie vielleicht nech einen Tanz für ihn frei habe, und er erhielt die Zuſage. Das gab doch einen Bezug, und das Geſpräch erhielt ein wenig Färbung, beſonders, da ihn die Dame nach ſeinen Reiſen fragte, und ſich von Italien erzählen ließ. Sie war vom vielen Tanzen ermü⸗ det, und das iſt immer ein Vortheil für den Herrn, der nicht blos tanzen will. Er wollte nicht das völlige Ende der Geſellſchaft abwarten und verließ bald nach Mitternacht den Tanzſaal; Anna ſtand nicht weit von der Thür, und es ſchien ihm einen Augenblick, als bemerkte 49 ſie ſein Fortgehen, und als blicke ſie nicht ganz zufrieden dazu. Sie iſt eine gute Wirthin, fiel ihm ein, aber er war dennoch einen Augenblick Willens, wieder umzukehren, wenigſtens noch einmal hinein⸗ blicken in den Saal wollte er, ohne ſelbſt zu wiſ⸗ ſen, was ihn intereſſire. Wünſche und Intereſſen, wenn ſie ſich zu bil⸗ den beginnen, geberden ſich immer wie die kleinen Kinder; es könnte etwas paſſirt ſein im Saale, meinte Dietrich, obwohl er wußte, daß in einem Tanzſaale nie etwas paſſire, wenigſtens nichts Aeußer⸗ liches, was einen neugierigen Zuſchauer befriedigen könnte. Anna war noch an derſelben Stelle, eine ſchlanke, jugendlich erfüllte Figur. Sie trug ein einfaches weißes Kleid, das von einem einfachen weißen Gür⸗ tel umſchloſſen wurde. Solche Gleichfarbigkeit des Gürtels hebt den Wuchs ungemein, denn jede abſte⸗ chende Farbe nöthigt das Auge zur Unterbrechung des Anblicks. Blendende Schultern, blendender Nacken, ſchlanker Hals, glatt geſcheiteltes Haupt, VI. 4 5⁰0 es war eine lockende Ballfigur, wenn man noch den kleinen Fuß mit dem weißen Atlasſchuh ſpielen ſah. Das Geſicht war nicht ſo formell ſchön, wie der Körper, aber es lag ein lieblicher Ausdruck darin— ſie blickte ſich eben im Saale um, und es ſtreifte Dietrich ihr ſuchender Blick— ja, welch ein reiches Vokabelbuch hat die Phantaſie für Blicke! „Es iſt recht, daß du noch nicht fortgegangen biſt,“ glaubte er leſen zu können, und über ſeine Eitel⸗ keit lächelnd, ging er. Aber ſchon in der Garde⸗ robe, als ihm der Bediente den Mantel umhing, war er unſchlüſſig, ob er nicht lieber noch ein hal⸗ bes Stündchen bleiben ſolle. Es war kalte, trockne Nacht draußen, feſt in den Mantel gehüllt, ſchlenderte er durch die Stra⸗ ßen. Es giebt keinen ſchönern Dämmer im inner⸗ ſten Menſchen, als wenn ein Mädchen mit halber Lockung an die Thür unſeres Herzens tritt: Alles i*ſt noch ſo fern, Abſicht, Gefühl, Verhältniß, daß die Phantaſie ihre bunteſten Farben aufziehen kann. Wie oft war es Dietrich begegnet, daß er mit irgend einem Mäͤdchenauge beſchäftigt aus der Geſellſchaft heim ging, aber es wollte ihm doch bedünken, als pulſire heut größere Wärme in ihm. Indeſſen ſchien es nichts Bedeutendes zu ſein; ein Lebefreund, wackrer, offner junger Mann, der von demſelben Balle kam, holte ihn. ein, Dietrich nahm erfreut die Geſellſchaft auf. Freilich, es iſt noch nicht ſo ausgemacht, ob nicht die erſten⸗An⸗ fänge der Neigung gern von ihrem Gegenſtand ſpre⸗ chen und ſprechen hören; ſie ſind noch nicht ent⸗ deckt, haben noch kein Aufziehn zu fürchten, und ein gewiſſes Vorgefühl mag ihnen rathen, dieſe erſte und einzige Zeit der Neutralität zu unpar⸗ teiiſchen Mittheilungen zu benutzen. In ſo fern unterſcheiden ſie ſich vielleicht von der ſchamhaften Verſchloſſenheit aufgeblühter junger Liebe. Das Geſpräch kam auf Anna, das Geſpräͤch iſt meiſthin der Stunden- und Minutenweiſer unſers Herzens: ſie iſt eine ſchöne Ballfigur, ſagte der Freund, aber das Geſicht iſt nicht ſchön zu nennen, hat am Tage wenig Farbe und erſcheint immer 5² ein wenig todt— da iſt die kleine Bergen, die ihr im Contretanz gegenüberſtand, ein ander Mäd⸗ chen, voll Leben, Feuer und Glanz— Nun gute Nacht, Dietrich! Gute Nacht! IV. Die näͤchſten Tage brachten Dietrich vielfältige Zerſtreuung, das Bild jenes Abends ward immer tiefer in den Hintergrund gedrängt. Dazu kam ein wunderlicher Brief des Vaters, welcher ihn gegen Gewohnheit auf ein Mädchen aufmerkſam machte; es war nicht klar ausgeſprochen, der Charakter des Vaters war auch ganz ſo beſchaffen, daß es niemals mehr als Wunſch ſein konnte, aber es war nicht zu verkennen, daß dem alten würdigen Einſiedler keine größere Freude aufblühen würde, als wenn Dietrich in die nächſten Verhältniſſe zu dieſem Mäd⸗ chen treten könnte. Sie war aus der Familie von Dietrichs Mutter, und ſollte mannigfache Aehnlich⸗ keit mit dieſer haben. 53 Pietätsverpflichtungen ſind gewaͤltiger als alle Befehle und Verbote. Dieſe eingeleiteten Beziehun⸗ gen waren Dietrich ſehr unangenehm, ja ſie waren peinlich für den Sohn, aber er liebte ſeinen Vater von ganzem Herzen, und war bereit, ſich ihnen zu unterwerfen. Fräulein von Bergen hieß die Dame, welche ſein Vater protegirte. Dietrich vermuthete, daß es dieſelbe ſein werde, welche neulich beim Heimgange vom Balle ſein Freund Julius ſo ausgezeichnet hatte. Es war den Abend große Geſellſchaft beim Miniſter, Dietrich ſollte ſie dort finden, ſollte ihr vorgeſtellt werden. Wie iſt es nur möglich, dachte er beim Hin⸗ gehen, daß ſie mir noch nicht aufgefallen iſt? ſie ſoll ſchön und liebenswürdig ſein. Das war ſie wirklich. Der Thee wurde noch herumgegeben, als Dietrich eintrat; die Geſellſchaft ſtand in großen Partien zuſammen, und füllte eine lange Reihe von Zimmern. Er durchſtrich ſie lang⸗ ſam, nachdem er der Frau vom Hauſe und dem 54 Gaſtgeber ſein Compliment gemacht hatte; flüchtig, zerſtreut begrüßte er hie und da ſeine Bekanntſchaf⸗ ten, ſein Antlitz war ſorgendüſter, und die hohe Geſtalt mit dem ernſten Ausdrucke paßte nicht recht zu den ſchwatzhaften Gruppen, an denen ſie vorüber⸗ ſtrich. So kam er bis in's letzte Zimmer. Anna lehnte in einer Fenſterbrüſtung, einige Damen neben ihr führten das Geſpräch, ſie ſelbſt ſchwieg und ſah auf Dietrich, der ein großes Bild betrachtete, das an der Wand hing. Ihre Nachbarin fragte umſonſt, Anna war in den Anblick des jungen Mannes verloren⸗ er ſelbſt gewahrte ſie nicht; ein alter Herr näherte ſich ihm und ſtellte ihn einer jungen, ſchönen Dame vor, die am Sofa ſtand und lebhaft mit Julius ſprach. Es war das Fräu⸗ lein von Bergen. Dietrich mußte ſich geſtehn, daß ſie wirklich ſehr ſchön ſei; da ſie ihn nun ſehr freundlich aufnahm, und da durch die Gegenwart des gemeinſchaftlichen bekannten Julius das Geſpräch ſchneller, als ſonſt bei erſter Bekanntſchaft, Beziehungen und Intereſſen 55 erhielt, ſo ward Dietrich bald von ſeinen Gedanken abgewendet, und die liebenswürdige Gewandtheit, die herzliche Artigkeit der Dame brachten ihm die ange⸗ nehmſten Eindrücke. Als ſie aus der Ferne durch die Muſik erfuhren, daß der Ball eröffnet ſei, bat er ſie um den erſten Tanz, und verließ mit ihr das Zimmer, ohne Anna geſehen zu haben. Dieſe ſtand noch auf derſelben Stelle, die Farbe ihres Antlitzes war lebhafter als gewöhnlich; als ihr Tänzer erſchien, war es, als ob ſie ſich von einer Gedankenreihe losmache, die wichtiger wäre als der nächſte Tanz. Es war bereits länger als eine Stunde getanzt worden, Dietrich war nicht ſehr aus der Nähe des Fräuleins von Bergen gewichen; man tanzte eben nicht und er ſtand wieder bei ihr, das munterſte Geſpräch flatterte ſcherzend zwiſchen ihnen hin und her— da erblickte er beim ſchnellen Umwenden Anna dicht in ſeiner Nähe, ihr Blick traf den ſeini⸗ gen, es war ein eigner Blick;— die Bergen ward eben engagirt, er ging zu Fräulein Anna, ſie zu 58 begrüßen. Freilich, Julius hatte Recht; es war kein Vergleich mit dem ſprudelnden Leben jener; Anna empfing den Herankommenden mit einer wunderbar kühlen Atmoſphäre, das Brauſen der Worte und Gedanken ward niedergehalten in ihrer Nähe. Und dennoch fühlte man ſich in ihrer Nähe zu Gedanken angeregt, die Kühle hatte nichts Kältendes, ſondern erfriſchte„ Maaß und Behagen breitete ſich über die Stimmung. Sie pauſirte den Tanz, Dietrich ſtand neben ihr an einer Säule, und es entwickelte ſich ein Geſpräch, das aus kleinen, wunderbar intereſſanten Bemerkungen von ihrer Seite zuſammengewoben war, und den Theilnehmer zu eifriger Beſchäftigung anregte. Worin lag der Zauber von Anna's Augen, welche ihm ſo überaus wohl thaten? Sie waren allerdings ſchön und groß, aber die Farbe unbedeu⸗ tend, wie man ſie oft findet bei braunblondem Haare. Eine beglückende Ruhe lag darin, eine wohlthuende Stille und Klarheit, und in tiefſter 57 Tiefe mochte man ein reiches, wohlgeordnetes Leben entdecken. Der Vergleich mit einem klaren, tiefen See lag ſo nahe, daß er auch Dietrich beſchäftigte. Anna war zurückhaltend, ohne ſcheu zu ſein, ernſt ohne ſteif zu erſcheinen; ihr ſeltnes Lächeln war ihm deßhalb von außerordentlichem Reize, das ganze Weſen des Maädchens feſſelte ihn mit den feinſten Organen, er wäre nicht von ihr gewichen, wenn ſie nicht den nächſten Tanz angenommen hätte. Er zog ſich nun in eine Ecke des Saales zurück, und verfolgte ſie mit den Augen: wie graziös, wie ſchön waren all ihre Bewegungen! der hohe, ſtatt⸗ liche Mädchenleib ſpielte ſo leicht und doch ſo ge⸗ meſſen auf dem glatten Parquet umher. Heute trug ſie ein roſenrothes Gewand, nirgends war ein ſtören⸗ der Zierrath angebracht, nur ein einfaches Halsband von großen, weißen Perlen umſchloß den Hals. Zu⸗ weilen fand ihn das ſtille, ſchöne Auge in ſeinem Winkel auf, verweilte einen Moment, ging wieder, kam wieder— wer beſchreibt die feenartigen dünnen Fäden dieſes Reizes, welchen ein entſtehendes Be⸗ 58 gegnen mit ſich bringt! Des Menſchen Seele wird weit, alles Edle, was ſeiner Empfindung, ſeinem Gedanken jemals nahe getreten iſt, wacht wieder auf mit großen Augen, man wird durchwallt von der Bereitwilligkeit, die größten Opfer zu bringen, und erwartet dies Alles in noch größerer Art bei dem Weſen, das unſere Freude und Sehnſucht ſo mächtig geweckt hat. Man tanzte Kotillon; das Fräulein von Bergen holte Dietrich in den Kreis, Anna ſchien mehrmals auf dem Wege zu ihm, war es Scheu, zu Viel auszudrücken, war es Gleichgültigkeit, ſie wählte ihre Kandidaten immer, ehe ſie bis in ſeine Nähe kam. Nach dem Kotillon verließ ſie den Saal, der nun auch für Dietrich eine Wüſte mit Menſchen war. Sein Heimweg führte ihn an dem Pallaſte vor⸗ über, der Anna's Eltern gehörte, ein mattes Licht ſchimmerte im Seitenflügel— ob Anna dort wohnte? Es war eine klare Mondnacht, und Dietrich ſtand lange im Häuſerſchatten; weiche, ſehnſüchtige e 59 Gedichte ſchwebten durch ſein Herz, eingewiegt in ſüße Träume, wie ein Vogel in den großen Blumen des Südens ſchlafen mag, kam er in ſein Zimmer. Er hat noch lange geſungen in jener Nacht, und noch am andern Morgen wachte er mit dem letzten Liede auf, das aus der Seele ihm gewachſen: Süß iſt doch zu Deinen Füßen Tag um Tag und Jahr um Jahr, Einmal Jahres möcht“ ich küſſen Dir Dein aufgelöſ'tes Haar.— Möchte Dir in's Herze ſchauen Durch Dein Auge ſtill und klar, Und Palläſte, Welten bauen Aus dem Blicke wunderbar. Jemals Deinen Mund berühren, Dies zu wünſchen wag' ich nicht, Moͤcht' nur Deine Hand berühren, Wenn mein Aug' im Tode bricht. V. In des Menſchen Seele liegt die Farbe für ſein Leben. Ohne Muth, reſignirt ſah Dietrich zu der x& 60 vornehm geſtellten Anna empor, er wagte nichts, nicht einmal eine Hoffnung. Wer nicht zu hoffen wagt, ſchafft ſich Unglück: ſo zögerte er unſchlüſſig mit der Viſite im Hauſe von Annens Eltern, und als er endlich hinkam, fand er Niemand zu Hauſe. — Nun mußte er eine Einladung abwarten, Anna wmar nirgends in Geſellſchaft zu ſehen, man ſagte, ſie ſei unwohl. So vergingen mehrere Wochen, endlich kam die Einladung, er ſah ſie bei Tiſche, ſie war blaß, ihr Auge vergeiſtigter als je, ſein Platz war weit von ihr entfernt, ein mit Orden decorirter Mann ſaß neben ihr, und bewies ſich ſehr artig und galant. Als der Champagner kam, erhob ſich der Wirth, Anna's Vater, und brachte die Ge⸗ ſundheit des verlobten Paares, Annens und ihres Nachbars aus— ein Schwert ging durch Dietrichs Herz. War ſein eignes Auge gebrochen, und nahm es deßhalb die Gegenſtände fälſchlich auf, oder ſchwankte dieſer unbeſchreibliche Blick wirklich durch Anna's Auge? 61 Sturm und Regen flogen durch die Straßen, als Dietrich des Abends durch ſie hinſchritt, die Worte kamen nicht aus ſeinem Sinn, wichen nicht von ſeinen Lippen: „Jemals Oeinen Mund berühren, Dies zu wünſchen wag ich nicht, Moͤcht' nur Deine Hand berühren, Wenn mein Aug' im Tode bricht.“ Zu Hauſe fand er eine Karte, auf welcher ſich Julius und das Fräulein von Bergen als Verlobte empfahlen. Am andern Morgen reiſ'te er nach England, obwohl noch lange nicht Frühling war.„Armer Vater“, waren die einzigen Worte, die ihm ent⸗ ſchlüpften, als er aus dem Thore der Reſidenz fuhr. VI. Während er bei ſtürmiſchem Wetter über das Meer fuhr, geſtaltete ſich in der Heimath mancher⸗ lei zu ſeinem Beſten. Aber er erfuhr nichts davon, denn er hatte alle Verbindungen abgebrochen; nur e ſeinem Vater ſchrieb er zuweilen, und der konnte ihm nichts von Anna erzählen, denn er kannte ſie eben ſo wenig wie das Verhältniß ſeines Sohnes zu ihr, was niemals aus der Bruſt deſſelben her⸗ ausgetreten war. Anna, ein ſtarkes Mädchen, mit ſtill, aber feſt und gleichmäßig einherziehenden inneren Wogen des Charakters, erklärte ihrem Vater, daß ſie den ihr beſtimmten Bräutigam nicht heurathen könne. Es gab die gewöhnlichen Kämpfe bei ſolcher Gelegenheit, ihr feſter Entſchluß drang indeſſen durch, das Band, was ſchon zur Hälfte geſchürzt war, wurde gelöſ't; ſie war frei. Aber ſie war bei aller dieſer Feſtigkeit eine ſchüch⸗ terne Mädchenſeele: in warmer Frühlingsnacht ſtand ſie am Fenſter, ſah die Wolken ziehn und die Sterne leuchten, und wenn Dietrichs Name über ihre Lippen ſchlüpfte, ſo folgte ihm ein Seufzer. Auch ſie hatte keinen Muth, ohne weitere Beweiſe an ſeine Liebe zu glauben, ihr Herz war zu keuſch. —e 6³ Lange nach Dietrichs Abreiſe hatte ſie nicht ge⸗ wußt, daß er die Reſidenz verlaſſen habe; ſie faßte ſich endlich ein Herz, Julius nach ſeinem Freunde zu fragen. Auch der konnte nichts Sicheres mit⸗ theilen, Dietrich war ohne Abſchied von dannen ge⸗ reiſ't, wahrſcheinlich nach England, wie er früher ſich vorgenommen. Daß er ſchon ſo lange fort ſei, that ihr freilich wohl, konnte ihr ein Liebeszeichen ſein: damals, am Verlobungstage, hatte nur er nicht gratulirt, war er verſchwunden lange vorher, eh' die Geſellſchaft ſich trennte.— Anna wiegte ſich in ſtille, ver⸗ ſchloſſene Mädchenromantik, ſie geſtand ſich ſelbſt nichts klar, ſie hoffte nichts klar, ſie ließ die Tage kommen.— Ja, wenn Dietrich dies Alles gewußt hätte! bleibt man doch oft in größter Nähe fremd, und hier lag ſo viel Land und Meer dazwiſchen! Die Men⸗ ſchen legen den Verhältniſſen ſo viel Trennung zur Laſt, ja ſie trennen viel, die Menſchen aber ſelbſt noch mehr.— 1 64 — Es verging ein Jahr, es verging beinahe ein zweites. Anna hatte nichts von Dietrich ge⸗ hört, immer eine Verbindung nach der andern hatte ſie ausgeſchlagen, ihr Vater war alt und ſchwach geworden, es ſchmerzte ihn tief die Einſamkeit ſeiner Tochter. Dieſem Schmerz konnte ſie nicht wider⸗ ſtehen; an dem Tage, wo Dietrich von England abreiſte, um nach der Heimath zu kommen, gab ſie ihre Hand am Altare einem Manne. Es war ein alter Held, dem ſie ſich vermählt hatte, ein wackrer Mann: ſie wollte ſo gern nach dem Norden reiſen, wollte das Meer ſehen; er konnte ſie nicht begleiten, ließ ſie aber mit ſeiner Schweſter reiſen, wohin ſie wollte. Durch den Harz nahmen ſie ihre Richtung. Es war ein klarer Abend im Frühherbſte, als ſie auf dem Brocken ankamen. Die alte Schwägerin war müde und verfügte ſich bald in's Haus, Anna bieb allein auf einem jener Felsblöcke ſitzen, die da herumliegen, und ſah in die untergehende Sonne. Ein klein wenig rechts davon, dachte ſie, muß ja 65 England liegen. Ein Reiſender, vergoldet von den Sonnenſtrahlen, ſtieg den Berg herauf, blieb öfters ſtehen, ſchaute ſich um, kam näher. Wenn es Dietrich wäre! dachte Anna, ohne zu denken, denn es gibt Gedanken in uns, für welche wir nicht können, die wie Mückenſchwärme im Sonnenſchein unſeres Herzens ſpielen.— Der hochgewachſene, gebräunte Mann ſtand dicht bei ihr, es war Dietrich. Auf der Heimreiſe ging er über den Brocken. 3 Dietrich! Anna! Sie hoben beide die Arme, aber Anna ließ ſie ſinken, ſie berührten ſich nicht. Es wurde dunkel und ſie ſtanden noch ebenſo neben einander, und erzählten ſich in abgebrochenen Sätzen das Unwichtigſte, und waren ſehr glücklich. Die Schwägerin ſchickte heraus, Anna möge ſich nicht erkälten und in's Zimmer kommen; dabei er⸗ fuhr Dietrich, daß ſie anders verheirathet ſei, als * er geglaubt, und erſt ſeit wenigen Wochen.— Hier⸗ VI. 5 bei trat eine lange Pauſe ein, es konnte es keines vom andern ſehen, daß jedem helle Thränen über die Wangen rieſelten; ſie gingen langſam nach dem Hauſe. Wir ſehen uns doch morgen wieder? ſagte Anna, als ſie in die Kammer zu ihrer Schwägerin ging. Heut' haben Sie die Sonne untergehen ſehen, ſagte der Brockenwirth dazwiſchen, morgen werden Sie einen ſchönen Aufgang haben. Am andern Morgen war der Berg in dichten Nebel gehüllt— Anna ſtieg hinab nach Clausthal, im Nebel verſchwand ſchnell ihr grüner Schleier, ihr Abſchied winkendes Taſchentuch— Dietrich ging langſam auf der andern Seite hinab, und reiſ'te ernſt und gefaßt, traurig, aber nicht unglücklich zu ſeinem Vater. Anna hatte keine Sehnſucht mehr nach dem Meere, und trat auch ihre Rückreiſe an, als ſie den Fuß des Gebirges erreichte. VII. Als Dietrich einige Jahre darauf mit amtlicher Stellung in eine kleine Stadt verſetzt wurde, war 67 er nicht mehr traurig, ſondern verdrießlich. Die Verdrießlichkeit ging allmählig in eine graue In⸗ differenz über;„wenn man hier nicht ein Weib zu lieben findet, ſo verdirbt man wie ein dorrender Baum. O, hätte mein Herz früher ſo entſchloſſenen Muth gehabt, wie ich jetzt einſehe, daß es nöthig iſt, um etwas ganz zu ergreifen, um das Blut im Schwunge zu halten! Jezt iſt's zu ſpät, Verlaſſe Keiner die Reſidenz mit ihrer Abwechſelung, den Neiſewagen, der täglich zu Neuem führt, wenn er nicht noch die Kraft und den Drang in ſich empfin⸗ det, die erſte, beſte Liebe feſt an's Herz zu drücken. Wenigſtens ſuche er das einfache Landleben, wenn er in die Provinz muß, dort vegetirt er ſich viel⸗ leicht zu einiger Geſundheit: die Einſamkeit weckt und ſtärkt, aber die Provinzſtadt hat die Oede und Leere im Herzen, und tödtet wie langſames Gift. Intereſſe, Intereſſe! nach dir lechze ich wie nach der Geſundheit!“ Dieſe Worte ſtanden am Schluſſe ſeines Tage⸗ buchs. Nach einer mondhellen Nacht ward er auf —COꝭ—QC—-—-——— erſchoſſen. 68 einem Berge aufgefunden, hinter welchem die Sonne untergeht, wenn ſie dies Thal verläßt; er hatte ſich — 22. Die güldene Aue. Es war ein finſterer Morgen des Herbſtes, als ich wieder einmal die ſo oft betretene Straße von Naum⸗ burg nach Köſen fuhr, wo dunkelblau im Thale dicht an der ſteilen grünen Berglehne Schulpforta ſteht. Weiße Nebel wogten hier in der Pforte von Thü⸗ ringen umher, wo ſo viel ſächſiſche Gelehrſamkeit aufgewachſen iſt. Die Mönche haben einſt von der Saale einen Kanal abgeleitet, welcher die Pforte und deren Föhrenwäldchen bewäͤſſert. Hier wohnt der kühle Schatten und die Nachtigall, hier ſickert hinter der groben Holzthüre hervor die Klopſtocks⸗ auelle, an welcher er oft gelegen haben ſoll, da er 70 noch Knabe war, und die erſten Verſe empfand. Hinter dem Berge im mannigfach geſchlitzten, be⸗ wegteren Thale liegt Köſen mit der dampfenden Sa⸗ line und den hölzernen, eintönig knarrenden Gradier⸗ häuſern. Mein alter Freund, der Chauſſéeeinnehmer an der Brücke, erkannte mich nicht im dunklen Herbſt⸗ nebel, ſo geht das Bekannte oft unbemerkt an uns vorüber. Reſignation iſt zu jedem Glücke nöthig: Anfangs beunruhigte es mich, als ich hier an der Heerſtraße nach Frankreich wohnte, wo die Reiſe⸗ wagen ſo zahlreich vorüberflogen, es beunruhigte mich beſonders zur Nachtzeit, wenn das Poſthorn unter meinem Fenſter klang und der Wagen vorüberſchüt⸗ telte— welch ein Freund, welch ein ſchönes Auge, welch ein vielerfahrener Mann der Reiſe und der Weltgeſchichte konnte da ungeſehn vorübereilen! Wie ruhig iſt ein ſtilles Thal tiefer im Gebirge, oder im Lande, wo kein Poſtwagen hinkommt, wo keine Anſprüche und Möglichkeiten geweckt ſind! Dahin ſollen wir die Liebe und die Trauer retten, wenn die eine oder die andere noch unſer Herz erfüllt; 71 die Landſtraße iſt unſicher vor allerlei Räubern, die Menſchenwelt iſt immer feindlich, wer nicht auch in Rüſtung ſchlafen kann, der muß ſie verlaſſen. Hier führt eine alte ſteinerne Brücke über die Saale, Napoleon iſt ſtets darüber gefahren, wenn er zu den deutſchen oder ruſſiſchen Schlachten eilte anno 6, anno 12, anno 13. Seit er die Köſener Brücke nicht mehr geſehen, hat er auch Deutſchland nicht wieder geſehn. Sie war der Wegelagerer⸗Punkt für die alten Ritter, die auf der Rudelsburg, auf Saaleck, auf den Eckartsbergen, der Freiburg, Burg Scheidungen näher oder ferner hauſ'ten, und denen der Kaufherr mit den Saumroſſen erwünſchte Beute war. Ueber den Saalſpiegel hinauf, juſt im Win⸗ kel, wo ſich die Berge wenden, ſieht man jetzt noch dürr, grau und öde den Trümmerreſt der Rüdels⸗ burg, welche an dieſer Brücke ihr Leben verloren hat. Der Kaiſer kam, und mißbilligte mit hartem Schwerte das Wegelagern dahier, und zog hinauf und ſtürmte und ſchleifte die Feſten. 72 Einen Büchſenſchuß ab von der links und rechts in's Saalthal ſchauenden Rudolphsburg liegt tiefer, auf weichem Hügel, Schloß Saaleck, von welchem rund und ſchlank wie ſtille Warten zwei Thürme übrig geblieben ſind. Das Schloß zwiſchen ihnen iſt rein verſchwunden, und der Anblick erinnert an zwei Liebende, die ſich täglich ſehn und nie umar⸗ men können. In dieſem Höhenterrain an der Saale, wenn es auch mitunter kalkſtein⸗kahl und ein wenig go⸗ fleckt von Farbloſigkeit entgegentritt, ſind viel ver⸗ borgene, lockende Thalwinkel und Keſſel, die an den mehr und mehr beginnenden Waldungen erquicken⸗ den Hintergrund finden. Dieſes mitunter ſtörſam Kahle zieht und wechſelt noch fort durch Höhen und Gründe über Jena hinaus, wird aber dann ſüdlich und weſtlich von geſättigten Laubdunkel des Schwarz⸗ burgiſchen und Meiningſchen Waldes weich bedeckt. Ich erinnere mich aus den Studentenwanderungen mit ſommer⸗kühlem Behagen des ſchwarzgrünen Schwarzathals mit ſeinem plätſchernden Bache, mit —— —— 73 der erhöhten Schwarzburg, wo in der ſchweigenden Einſamkeit die Günther gehauſ't, von denen Einer deutſcher Kaiſer war; unten auf einer Waldwieſe gingen Hirſche, neben uns wurden die Schnabel⸗ ſchuhe gezeigt, mit welchen die Jungfrau Maria über das Gebirg gewandelt. Dort jene Bergesſcheide entlang, welche bis Eiſe⸗ nach hinaufzieht, nach Heſſen hinüber in die Rhön⸗ gebirge ausgeht, und überall ſüdlich hinab nach Franken fällt, dort zieht der eigentliche Thüringer Wald, kurzweg der Wald geheißen, ein Gebirge, was mir ſtets den romantiſchen, totalen Eindruck einer vollen, dunkelbelaubten Bergeswelt gemacht und mich geſchloſſen, klang⸗, ſang⸗ und ſchattenreich angeweht hat— mehr als der Harz, der mir zer⸗ riſſener, vereinzelter, und nur an wenig Stellen eben ſo ſanft rauſchend und lockend erſchienen iſt. Hier in dieſem Walde, den man einige Meilen zur Lin⸗ ken hat, wenn man die große Straße über Weimar, Erfurt, Gotha, Eiſenach fährt, in dieſem dunklen Bergwalde haben wir als Studenten glückliche Lieder — 74 gejubelt, wenn wir am Kohlenmeiler ein karges Mahl verzehrten, oder der Abhang ſich öffnete beim Mor⸗ genſcheine, und man hinabſah auf das geſegnete Land. Hier findet man die grünen, dampfenden Thäler des Inſelberges, Ruhla, das reizende, wo die Meerſchaumköpfe geſchnitten werden, wo es die hübſcheſten Mädchen und immer Vogelſchießen giebt. Es zittert Sonnenſchein durch dicht belaubte Bäume, es ſteigt blauer Rauch klar durch die Luft, es pfeift ein Waldvogel, es lächelt ein friſches Mädchen ver⸗ ſchämt, es klingt ein muntrer Holzſchlag durch den Wald, und es knallt eine Büchſe durch das Holz, wenn ich an Thüringen's Gebirge denke. Der Buſch heißt hier ein Holz. Rechts, alſo nördlich von dieſer Heer⸗ und Städte⸗ ſtraße, welche ſich von Leipzig über Weißenfels und Naumburg bis Eiſenach durch Thüringen zieht, und links den Wald zum Seitengrunde hat, rechts von dieſer Straße erheben ſich nach Norden kleine Hügel, und trennen dieſen dunkleren Landestheil von dem lichteren und in ſeiner Art eben ſo anmuthigen, 75 nämlich von der güldnen Aue. Sie zieht ſich wie ein glänzender Garten zwiſchen dieſen Hügeln und den Vorbergen des Harzes hin, welche bis hier her⸗ ein die Abhänge ſtrecken. Einſt, es war ein luftiger Sommermorgen fuhr, ich mit einem Freunde in die Bergſchlucht hinein, welche in Köſen die Hohle genannt wird, und wo über Bergebenen und tiefe Thäler der Weg nach dem Bade Bibra, und wenn man direkt nördlich weiter will, nach dem Harze hinauf führt. Wir hatten einen ſtarken Klepper, waren unſre eignen Kutſcher, dürſteten nach Luft und fröhlicher Bewegung, waren anſpruchslos und geſund— wie lockend tritt da Land und Gegend und Menſchheit zu uns! Bibra iſt ein Bad, wo gar nicht gebadet wird, und getrunken werden könnte; der Bürgermeiſter wird immer zu den Badegäſten gerechnet, und eine Liſte wird nicht geführt, weil ſie eine Verlegenheit mehr wäre. Es iſt ein verlegener Ort ohne An⸗ ſprüche, der ſeine Verlaſſenheit auf die leichtſinnig wechſelnde Mode ſchiebt, wie es alte Jungfern zu 76 thun pflegen, die ſitzen geblieben ſind. Beide haben ganz Recht, dies zu thun, da ſie nichts Beſſeres thun können. Der Wirth, bei welchem wir ſehr einfach frühſtückten, ſagte, das Waſſer ſei gegen den Unterleib; obgleich ich nun das Waſſer vorziehe, welches für den Unterleib iſt, ſo gebe ich doch gern zu, daß die Wirkung des Bibraſchen Brunnens ſehr ſtark ſein muß, wenn es ſeinen Badegaſt von der Melancholie heilt. Die Trinkanſtalt iſt ſolchen Ver⸗ hältniſſen angemeſſen ſehr beſcheiden, und für die drei Badegäſte der belebten Saiſon iſt die Prome⸗ nade von genügendem Umfange, da man bei einem Badegaſt, welcher nach Bibra geht, Reſignation und Bildung vorausſetzt. Eine ſolche verlangt nicht, immer gemeinſchaftlich und in einer Linie zu pro⸗ meniren. Wie Rom Neapel, ſo beneidet Bibra Köſen, wirft ihm das Bischen Salzſohle und Saal⸗ waſſer vor und beruft ſich auf ſeine Alterthümer. Das iſt nicht mehr als billig, wir ließen's uns ge⸗ ſagt ſein, und fuhren weiter, ſandige, breite Berge hinauf, wo weit umher nur eine Schenke tröſtet, 77 ſo viel ich mich erinnere„die Wespe“ genannt, welches Namens Urſprung uns undeutlich verblieben. Eine lichtgrüne Holzung auf der Berghöhe nahm uns auf, und als ſie jenſeits wieder abwärts fiel, öffneten ſich uns die erſten Blicke in die güldene Au. In breiten, geſegneten Flächen zwiſchen ſanfter Hügelreihe, die ſich mehr und mehr nach Norden und Nordweſt erweitert, zieht ſie ſich hin von Mem⸗ leben bis Nordhauſen, durchſtrömt von der dunklen, ſchmalen Unſtrut und dem raſchen Helmeflüßchen. Die Fläche iſt beſät mit Ortſchaften aller Art, aus den ſchattigen Hügeln blickt ein Städtchen um das andere; ein güldener, heiterer Mittelpunkt Deutſch⸗ lands. Unſer Klepper wieherte und ſetzte ſich in eiligen Trab die Berglehne hinunter, an deren Fuße Memleben liegt. Dieſer von den Ottonen ſo be⸗ günſtigte Ort, in welchem die ſtürmiſchen Kaiſer Heinrich J. und Otto I. ländlich lebten und auch geſtorben ſind, iſt ein breites, ſtilles Dorf mit den zur Unbedeutendheit verfallenen Ruinen eines Bene⸗ diktinerkloſters aus jener Kaiſerzeit. Es ſoll früͤher ——— 78 Meinleben genannt worden ſein, und einem Lieb⸗ lingsſpruche des einen Kaiſers ſammt den Städtchen Wiehe und Wolmirſtädt, welche ſüdlich aus den Hügeln nicken, ſeine Benennung verdanken:„Wie — wohl mir ſteht— mein Leben!“ Noch jetzt ſteht es ihm wohl, die Aue lacht, die Frucht gedeiht, durch blühendes Land, an der In⸗ ſtrut hin trabte der Klepper, durch Schloß Wen⸗ delſtein, das hoch auf bröckelndem Felſen mitten in der Ebene ſteht, durch Roßleben, das Salz berei⸗ tende Artern nach dem Fuße des Kyffhäuſers, wel⸗ cher die höchſte Spitze und eine ſcharfe Ecke der ſüdlichen Hügel bildet. Rechts öffnet ſich mehrfach der Blick nach den Harzlehnen, aus dem weißbe⸗ flockten Himmel lachte die Sonne weithin über ein liebliches Land. Kyffhäuſer, rothe Kyffhäuſerburg,* Wie freut's mich, daß du noch lebſt! Ich hatte von Jugend auf die kindiſche Furcht, daß berühmte Leute und Orte nicht ſo lange dauern möchten, bis ich ſie geſehn hätte. So war mir 79 ſtets mit einer gewiſſen Kaiſermyſtik vom Kyffhaͤuſer erzählt worden; Kaiſer Rothbart, oder ſonſt einer, denn die Mythen ſind philologiſch und haben ver⸗ ſchiedene Lesarten, ſollte hier verzaubert ſitzen, und wenn einmal der Zauber gelöſ't wäre, dann ſtiege er hernieder in die güldene Aue, die Jagdhörnet der alten Zeit klängen melancholiſch und luſtig durch alle Thäͤler, und das deutſche Reich ſtünde wieder auf im Norden und Süden. Jetzt ſaß ich wirklich in holder Mittagswaͤrme an ſeinem Fuße; das Oertchen Tilleda, wo die Dreſchflegel überall Takt ſchlugen, und welches bela⸗ gert war von mehreren Schweineheerden, hatte mich durch einen Eierkuchen geſtärkt, meinethalben konnte es jetzt losgehen mit der zauberhaften Entzauberung des Kyffhäuſers. Der Klepper twar geſchürzt, der Tilledeſer, der uns leiten ſollte, ſtieg barfuß voraus, zweifelhaft fuhr ich hinterdrein. Den ſteilen Berg hinauf zu fahren, hat ein frivoles Anſehn, an Warnungen hatte es nicht gefehlt, und es war doch ſtörſam modern, in einer Naumburger Droſchke dem 8⁰ alten Kaiſer Rothbart, welcher da oben ſein Mit⸗ tagſchläfchen hält, die Aufwartung zu machen. Berge breiten ſich immer aus, wenn man näher zu ihnen tritt, wie Menſchen, die man nur aus der Ferne betrachtet; die ſteile Ecke, als welche der Kyff⸗ häuſer von Weitem erſcheint, wird ein mannigfal⸗ tiger, weitläufiger Berg mit Schluchten und Wald, mit rothen Sandſteinbrüchen und grünen Wieſen⸗ plätzen, der ſich rückwärts an andere Höhen lehnt. Der Fahrweg iſt ſchmal und ſteil, und kann ſehr unangenehm werden, wenn es den Tilledeſern juſt einfällt, zu gleicher Zeit einen Mühlſtein von oben herunter zu bringen. Auf einem gehügelten Kamme oben ſtarren trotzig die gewaltigen Mauerſtücke, welche von einer ſehr weitläufigen Burg noch übrig ſind, der weitläufigſten, die ich je geſehen habe. Der Klepper fand Graſung, wir ſahen zu gro⸗ ßem Genüge die prächtige Aue im milden Sonnen⸗ ſcheine gülden ringsumher, den blauen Harz, San⸗ gerhauſen, Nordhauſen, das populäre, das ſchnaps⸗ erfinderiſche, den gefürchteten Rival meiner heimath⸗ 81 lichen Liqueur⸗Hauptſtadt Breslau, ſahen rückwaͤrts gen Süden über die waldigen Hügel hinweg bis in die Mittelebene Thüringens, zur Cyriakswarte von Erfurt. Und Erfurt beſonders hat viel im kriege⸗ riſchen Wechſelverhältniſſe mit dem Kyffhäuſer geſtan⸗ den. Mein Freund und Begleiter, ein Thüringer natif, und noch obenein ein Langenſalzer, ſtörte meine Illuſion durch einen Schneidergeſellen, welchem er alle Theilnahme zuwendete. Unterwegs nämlich hatte er in einer Buchſchatzkammer, deren antiquariſcher Werth oft leichtſinnig überſehen wird, in einem einfachen, beſcheidnen Käſeladen mehrere alte Druck⸗ blätter entdeckt, worin ausführliche Meldung geſchieht von einem Schneidergeſellen aus Langenſalza, wel⸗ cher eine Zeitlang den Kyffhäuſer beſett gehalten, und ſich deutſcher Kaiſer genannt habe. Das deutſche Kaiſereich hatte wirklich ſo etwas Burſchikoſes, daß ich die Fortſetzung deſſelben durch Studenten immer natürlich gefunden habe. Mein Freund war durch den Vorwurf, Thüringen habe keine Kaiſer erzeugt, gereizt worden, und ſpottete VI. 6 3 —— a— 8² nun gegen mich, den ſchleſiſchen Barbaren, daß ſelbſt thüringiſche Schneidergeſellen ihr Haupt zur Kaiſerwürde aufgereckt hätten. Und Langenſalza war obenein lange Zeit eine Hauptſtadt von Thüringen; dies Gemiſch von Hauptſtädten, die alle kein eigent⸗ lich Uebergewicht erlangten, hat einer Geſammtkraft und Aeußerung des Landes ſicherlich geſchadet. Der Freund hatte aber auch Bechſteins Sagen⸗ ſchatz des Thüringer Landes bei ſich, und las mir Angeſichts dieſes blühenden Reiches daraus vor. Bechſtein, der mit unermüdlichem Fleiße dafür ſam⸗ melt, macht ſich dadurch ſehr verdient; ſolch häus⸗ lich Leben eines Landes, in welchem ſich Sitte, Neigung, Anlage, Geſchichte charakteriſtiſch abſpie⸗ gelt, ordnet und bereichert das Bewußtſein einer Nation. Ich erzähle wieder, was ich auf dem Kyff⸗ häuſer gelernt habe. Im Mythennnebel liegt mit ſehr unbeſtimmten umriſſen ein Königreich Thüringen von der Wetterau bis an die Elbe, vom Harz bis an ben Main, wo er jenſeits des„Waldes“ im Frankenabhange bei 83 Bamberg, Schweinfurt und Würzburg fließet. Odin, Thor und Freia ſeien da verehrt worden, der Stuf⸗ fenberg am Harze habe noch vom Gott Stuffo ſeinen Namen, der Name Thüringen datire vom Gotte Thor, der bei Thornburg, dem heutigen Dorn⸗ burg, einen heiligen Hain gehabt. Bei Arnſtadt nenne man den Donnerſtag heute noch„ Thurſtig“, im thüringiſchen Henneberg„Thorstag“, in Ruhla „Dornſtig.“ Dies thut man freilich in Schleſien auch, mo oer Bauer Dornſt'g oder Durnſt'g ſagt, und ſo wie man den Freitag der Göttin Freia(Friga) vindicirt, ſo gehört der Donnerſtag überall dem Gotte des Donners, dem Thor. Die andere Ablei⸗ tung, von Döringt(thöricht), wie das Volk von den Sachſen genannt worden ſei, iſt allerdings charakteriſtiſcher. Ein ſchöner blonder Sachſenjüng⸗ ling nämlich ſei mit einer goldnen Kette um den Hals zu einem Ackersmann jenſeits des Harzes getreten, und habe ihm die Kette vertauſcht für einen Schooß voll Erde. Darauf hätten die Haahſen 8⁴ dieſe Erde getrocknet, fein gerieben und damit ein groß Stück Land beſtreut, ſagend: dies iſt jetzt unſer Land, mit unſerm Golde erkauft, Ihr aber ſeid Döringt! Die Sachſen hätten ſich angebaut, und die Döringt über den Harz herunter in die Aue gedrängt.. 1 „Eine dritte Erklärung läuft auch wieder auf die Thorheit dieſes Volks hinaus, nämlich als Alexan⸗ ders Feldherrn unten im Süden viel Kriegsunheil ſchafften, wanderte ein Volk auf zwölf Schiffen aus, und kam in die Gegend von Lübeck, wo die Thyrigeten oder Theuern⸗Gothen wohnten, welchen das Fechten nicht geläufig war. Sie verſuchten es aber doch, und da es ſchlecht gerieth, wurden ſie von den Fremden Thürlinge genannt und tief in's Land zurückgeworfen. Aus Thürlingen ſeien die Thü⸗ ringer entſtanden. Jene Fremden nannten ſich Pe⸗ treoli, zu Deutſch„Kieslinge“, die Thürlinge hätten ihnen die lateiniſche Benennung Sarxen verliehn. Daß ſie nicht die klügſten geweſen ſind, unſre Thüring'ſchen Ahnherrn, ſcheint naiv überall durch⸗ 85 zublicken; ihr Spitzname war„Haringsnaſen“, was unwahrſcheinlicher von phyſiſcher beſonderer Naſen⸗ bildung als von Liebhaberei für Haͤringe abzuleiten ſein dürfte. Die jetzige Redensart„der Menſch iſt ein Stockfiſch,“ könnte die nöthige Analogie bieten. Als erſter thüringiſcher König wird Chlodowig angeführt; dieſer Ahn aller Ludwigs war bekanntlich ſehr beliebt, und wie Pharaonen in Aegypten, wenn man die Namen nicht wußte, kurzweg Pharago genannt wurden, wie in der grauen ſchwediſchen Zeit Alles Olaf heißt, ſo Alles Chlodowig, was mit den alten Franken zuſammentrifft, denn eigent⸗ lich ſoll dieſer erſte thüringiſche König ein Franken⸗ könig geweſen ſein, der eine neue ſtolze Burg, D.s⸗ pargum, im thüringiſchen Frankenabhange gebaut, wo heute noch der Name Disburg für einen ver⸗ witterten Steinwall exiſtirt. Freilich wird dies Dis⸗ pargum auch am Rhein, am Neckar und in Bra⸗ bant nachgewieſen; warum nicht? hatten doch die Römer der Augustae wer weiß wie viele; giebt es heute noch der Königsberg, der Frankfurt mehrere. 86 Andere behaupten, da drüben die hohe Burg⸗ ſcheidungen ſei die erſte Reſidenz geweſen, dort ſei die alte Scheide zwiſchen Franken und Sachſen. Chlodowigs Frau nun ſoll einſt im Meere geba⸗ det haben und der Umarmung eines Meerwunders begegnet ſein, daraus ſei Merovich, auch ein belieb⸗ ter Name, entſproſſen, der überaus viel thürin⸗ giſche Städte und Plätze errichtet. Dieſe ſublime Sage ſticht vortheilhaft ab von den übrigen beſchränkteren. Um jene Zeit ſei König Etzel auf der Rückreiſe von Chalons nach Thüringen gekommen, in Eiſenach habe er mit der ſchönen Chrimhilde, einer Thüringſchen Fürſtentochter, Hoch⸗ zeit gehalten, und er ſei überhaupt in dieſem Lande ſehr guter Dinge und koſtfrei geweſen. Hier an der Aue habe er oft gejagt und gefiſcht, und noch heiße ein Ort von ihm der Königsſtuhl, Später giebt's Kämpfe mit den Hunnen, man verbindet ſich dazu mit den Franken, Irminfried heurathet die ſchöne und ſtolze Amalberga, des Oſt⸗ gothen Theoderich Schweſter, welcher die Franken 87 im Zaum hielt, und man war ſehr vergnüglich. Er ſchenkte dem Gothen ſilberweiſe Pferde, die ſehr ſchön zeweſen ſein ſollen; Thüringen hatte damals eine ſehr berühmte Pferdezucht, welche vielleicht von den Hunnen, dem Reitervolke herrührte. Aber Amal⸗ berga war ehrgeitzig, ſtachelte den Gemahl zu Untha⸗ ten, und bald finden wir ihn zu Burgſcheidungen ſchwer belagert von den ſüdlich heraufkommenden Franken, von den nördlich herabdrängenden Sachſen. Das Reſultat war, daß die Sachſen alles Land jenſeits der Unſtrut mit Burgſcheidungen eroberten, die Sachſenburg gründeten, und ihr Feldzeichen mit dem Löwen, Drachen und Adler immer weiter in das Land hineindrang, was Jahrhunderte ſpäter von dieſen Eroberern den Namen Sachſen erhielt, ohne eigentlich Sitz und Heerd dieſes Volks geweſen zu ſein. Sachſen iſt alſo ein aufgeprägter Eroberungs⸗ name, wie einſt die Völker im Süden und Norden Italiens Römer genannt wurden. Das weſtliche und ſüdliche Thüringen gerieth unter die Franken, welche Irminfried ſelbſt und ſeinen Stamm tödteten, ——— — 88 „fränkiſche Treue“ ſo ſpottend erwähnte, wie's einſt die Römer mit der puniſchen Treue thaten. Um dieſe Zeit entſtanden viele Burgen und Orte; die Frankenhauſen, Frankenſtein ꝛc. erinnern an die fremde Herrſchaft; der Kyffhäuſer ſoll noch etwas früher gegründet ſein. Später ſetzte Karl der Große Landgrafen ein, welche zuerſt auf der Schauenburg herrſchten und dann die Wartburg bauten. Als beſonders geachtete alte Hauptſtadt wird auch Weißenſee genannt, das Herz von Thüringen. Aus dem Allen ergiebt ſich, wie es dem Volke an urſprünglicher Herrſchaft immer gebrach, und es deshalb von vornherein in die Stellung eines ab⸗ hängigen Mittelſtaates gedrängt wurde, der ſpäter leichtlich mit dem gemiſchten Sachſenlande zu einem größern Mittelſtaate vereinigt werden konnte. und von jener Zeit alſo gehaßt waren, daß man Güldene, friedliche Aue! Hier ſollen neue Poe⸗ ten ihre naiven Romane ſpielen laſſen; hier iſt es ſtill und heimlich, die herrſchenden Beziehungen ſind 89 noch die urſprünglichen, zwiſchen Kindern und Eltern, zwiſchen Nachbar und Nachbar; die kleine Heimaths⸗ welt der Gefühle aus Matthiſſon und Tiedge, das Veilchen der Menſchengeſellſchaft blüht noch, junges Deutſchland iſt unbekannt wie das Verſtändniß einer Räuberbande; Gut und Böſe läßt ſich noch an den Fingern herzählen— güldene Aue! Polizei iſt hier gar nicht nöthig. In Wahrheit, ein friedliches Landleben bedarf einer andern Literatur als die ge⸗ räuſchvolle Reſidenz, der Markt unſerer Tage; die großen Städte brauchen Paris; das Landleben findet Störung genug in der kleinen Stadt— und für Beide ſoll der Schriftſteller mit denſelben Worten ſchreibene Mein Freund iſt ſo ſanft, ſo rückſichts⸗ voll, ſo fromm⸗andäͤchtig, ich zog alle Unſchuld, alle Schüchternheit, deren ich habhaft werden konnte über den farbendreiſten Schlangenleib der Welt, und ſo traten wir nach Kräften blöde in eine reiche, ge⸗ bildete Familie dieſer Gegend, aßen, tranken, pro⸗ menirten mit ihr, ließen uns anwehen vom ſüßen Hauche der Wirthlichkeit und Reinlichkeit des blan⸗ 90 ken Geſchirrs, des ſchimmernden Leinens, der glaͤn⸗ zenden Dielen, der ſtillen, beſcheidenen Domeſtiken, der ſorglichen Aufmerkſamkeit unſrer Wirthe, der zurückhaltenden Schaamhaftigkeit ihrer Töchter. Wir fanden da einen jungen Mann aus der Stadt, er liebte die ſchöne, im ſchneeweißen Kleide blühende Tochter des Hauſes, vielleicht liebte ſie ihn wieder; ſie hatte im Städtchen tanzen gelernt und etwas Klavierſpielen, ſie war innig und gut, lächelte auch zuweilen, und die Mutter hatte ihr geſtattet, etwas von Schiller und Jean Paul leſen zu dürfen. Goethe wurde beſcheiden ein Autor für die große Welt ge⸗ nannt. Der junge Mann war ſanft und artig, aber die Eltern faßten kein Vertrauen zu ihm, er war aus der Stadt; eine andere Welt des Gedan⸗ kens und der Geſinnung lag auf ſeinem Grunde, und ein harmloſer Scherz, der von da heraufſchlug, erſchien in dieſer Welt des Veilchens dreiſt und un⸗ ziemlich, er las des Abends im Bett, und der patrouillirende Diener hatte ihn zweimal ſchon er⸗ innert, um zehn Uhr das Licht auszulöſchen, er paßte 91 nicht recht. Die Mädchen, in denen die Jugend auch unter der ſtrengen Erziehung pulſirte, waren trotz der Mutter nachſichtiger und eingänglicher, aber die Mutter ſagte im Familienrathe unverholen: er paßt nicht. Ach, es war ein ſo goldener, glücklicher Morgen, als er, der Liebende, neben uns aus dem reinen, ſtillen Hofe ritt, die Familie ſtand am Fenſter und ſah uns ernſthaft grüßend nach; uns Genoſſen einer andern Welt, die bei aller Beherrſchung nur wie Störenfriede dieſer Exiſtenz erſchienen waren. Sein Herz war gebrochen, traurig warf er nur einen Seitenblick auf das kleine Eckfenſter, wo die Geliebte mit dem weißen Taſchentuche ſtand— das Leben ging nicht in einander, und nur der Seufzer ſammt dem Weh waren gewonnen. Traurig ritt er rechts, wir fuhren links; um⸗ ſonſt ſchien die prächtige Sonne; wo ſich die Welten in der Geſchichte ſcheiden, da ſieht ſie Gerechte und Ungerechte in tauſendfacher Schattirung und ſtillen verborgenen Kampf und lauten und öffent⸗ 92² . lichen Streit mit allerlei Schmerz und Wunden, die immer prächtige, erquickende Sonne. So iſt die Welt beſchaffen. Mit dieſer Erinnerung ſchieden wir von der Aue, um auf dem waßigen Hügelrücken nach der Rothenburg zu fahren, die an der Nordhäuſer Ecke gelegen iſt, und in einen ſüdweſtlicheren Winkel dieſer Thäler blickt. Sie iſt viel erhaltener als der Kyffhäuſer, klein und zierlich, und wird meiſthin auch mehr belobt. Aber der Sagenodem weht nicht ſo eindringlich wie um das Kyffhaus, wo die Kaiſer fortleben. Es iſt hier einzuſchalten, daß die Kyffhaͤuſer Sage vom harrenden Kaiſer auch vom Untersberge bei Salzburg exiſtirt und dort von mir erzählt wor⸗ den iſt. Unpaſſender wird der Schatten auch Karl V. genannt, welcher meines Erachtens mit der inneren deutſchen Welt nicht ſo viel zu thun hatte; er redete 1 b mit Gott ſpaniſch und nannte den deutſchen Aus⸗ druck eine Sprache für die Pferde— möge ſein Geiſt im Eskurial umgehn, aber nicht in unſern 93³ Bergen. Bechſtein, um die Leſ'arten geographiſch einander näher zu rücken, ſagt, es gäbe auch in Thüringen, am„Walde“ einen Unterberg, eine Abdachung des Inſelberges nach Broterode hin, und die Broteroder hätten noch Fahne, Gehölz und Frei⸗ heiten von Karl dem Fünften. Wie dem ſei, wir fuhren nun wieder ſüdlich in dem Bergforſte, der ſich hier eine große Strecke hoch erhält, nach dem ſogenannten Rathsfelde, wel⸗ ches ein freier Theil dieſer ſtillen Hochebene iſt, und von dort auf der anderen Seite über eine ſtolze, ſchöne Chauſſée die Berge hinunter, welche das Thü⸗ ringen der großen Heerſtraße von der güldnen Aue trennen. Am Fuße dieſer Berge liegt Frankenhauſen, in deſſen Nähe Thomas Münzer mit ſeinen Bauern auf's Haupt geſchlagen wurde. Von dieſem Siege habe ich nichts bemerkt, man raucht jetzt noch im Theater Tabak. Die Gegend wird hier eben; erſt weiter hin erheben ſich wieder die flachen, beackerten Hügel des mittleren Thüringens. An einem kleinen Berg⸗ — —— 94 hange, dicht am Wege, liegt altersweiß die Sach⸗ ſenburg, welche einſt mit Löwe— Drache und Adler⸗Fahne der alte Ritter Hagk oder Hategaſt aufrichtete. —— 23. Auerſtädt und Osmanſtädt. Jener finſtre Morgen, aus welchem heraus ſich das vorige Kapitel in Zeit und Raum ſo weit entfernte, ging erſt ein wenig in's Dunkel über, als wir hinter Köſen die lange Bergſtraße aufwärts fuhren. Sie iſt mit der trefflichſten Chauſſée noch beſchwerlich genug, und nun iſt zu bedenken, daß ehe dieſe Ge⸗ gend preußiſch wurde, ſolche Chauſſée gar nicht exiſtirte, es war alſo hier ein ſogenannter roman⸗ tiſcher Paß, wo Pferd und Wagen mannigfach zer⸗ brachen oder ſtecken blieben, und Kotzebues Landhaus an der Heerſtraße ſehr richtig angebracht war. Die große Armee, Sachſens Alliirter, welche ſo oft hier 2 96 auf⸗ und abwärts kletterte, hat auch blos darüber geflucht. Im jenſeitigen Dorfe aber und unten in Köſen waren die Wegelagerer zu Hauſe, das heißt diejenigen Leute, welche ſich zum Behufe des Vor⸗ ſpanns Pferde hielten. Dieſe gebornen Feinde aller Chauſſéen ſind heute noch nicht ganz beruhigt, von ihnen und ihrem Bereiche wurden die Kunſtſtraßen eben ſo ſchnöde begrüßt, wie es jetzt den Eiſenbahnen ergeht, ein Inſtitut, was noch viel mehr natürliche Feinde hat, da noch viel mehr gebräuchliche Inter⸗ eſſen, Wirthshäuſer und Lohnfuhren allen voraus, dadurch beeinträchtigt werden. Es giebt keinen Fortſchritt, der nicht damit an⸗ finge, eine Wunde zu ſchlagen. Auf der Spitze dieſes Berges beginnt ein Pla⸗ teau, was mit tiefen Unterbrechungen nach Eckarts⸗ berge hinläuft, und auf welchem das Schlachtfeld von Auerſtädt liegt. 4 Dieſe Doppelſchlacht von Jena und Auerſtädt iſt neuerdings wieder lebhaft in Beſprechung gekom⸗ men durch einen Aufſatz des bekannten Gentz dar⸗ 97 über, welcher aus England mitgetheilt wurde, und deſſen Aechtheit durchaus nicht zu bezweifeln iſt. Gentz kam damals, kurz vor Ausbruch dieſer unheil⸗ vollen Schlacht, zum preußiſchen Heere, welches in dieſen thüringiſchen Gegenden von Weißenfels bis in das heſſiſche Gebiet vertheilt war, und beſchreibt den damaligen Zuſtand. Gegen alle herkömmliche Schilderung fällt alle Schuld auf die haltloſe, un⸗ kundige Oberleitung des Krieges von Seiten des Generaliſſimus, und neben dieſem auf den Haupt⸗ miniſter, den Grafen von Haugwitz. Der Erfolg eines Genies wie Napoleon beſteht eben auch darin, daß es die Gegner wie mit magi⸗ ſchen Kräften verwirre; man kombinirte jede mög⸗ liche Art des franzöſiſchen Angriffs, nur nicht die richtige; man zerſplitterte ſich, man löſ'te eine wirk⸗ lich beſtehende große Macht, wie die preußiſche Armee damals wirklich war, in machtloſe, unpaſſend ſituirte Partieen auf; man verzettelte Einſicht und Kraft. Ganz falſch iſt die Meinung, daß ſich die Armee ſelbſt ſchlecht geſchlagen habe; ſie hat, beſonders bei VI. 7 98 Auerſtädt, mit äußerſter Bravour gekämpft, aber die Führung war von vornherein ohne allen ſtraffen Zuſammenhang. So kam das Davouſtſche Corps über Zeitz nach Naumburg herauf, und ſchlug Tags darauf die Schlacht bei Auerſtädt von der Seite, nach welcher zu Berlin liegt; ſo verkehrt ging Alles her, in ſolcher Verworrenheit ließ man ſich über⸗ raſchen. Und hätte man noch den Augenblick zu faſſen gewußt, wie er ſich bot: wurde Davouſt bei Auer⸗ ſtädt geworfen, ſo konnte er bis auf's Aeußerſte ge⸗ fährdet ſein, denn nicht blos der verhängnißvolle Rück⸗ zug den ſchlimmen Köſener Berg hinab lag dann vor ihm, ſeine Retirade war durch Terrain und Truppenmaſſen überall koupirt. Und wie dicht lag dies Geſchick an ſeiner Sohle: die preußiſchen Truppen ſtanden unerſchütterlich, die prachtvoll berittenen Ka⸗ vallerie⸗Regimenter machten, von höherer Führung entblößt, ſelbſtſtändig die glänzendſten Angriffe, Da⸗ vouſt, mitten im Feuer haltend, ließ die Kugel un⸗ beachtet durch ſeinen Hut ſchlagen, war blaß und 99 auf's Aeußerſte gefaßt. Als die Schlacht zu Ende ging, hatte er noch keinen Sieg, preußiſche Regi⸗ menter blieben auf eigne Fauſt halten, das Schlacht⸗ feld behauptend, und es ward noch ein Kavallerie⸗ angriff verſucht, ehe man ſich in beſter Ordnung nach Eckartsberge zurückzog.. Wenn eine Frucht der Geſchichte reif iſt, ſo treffen alle Kugeln: die Hauptführer des preußiſchen Heeres ſtürzten links und rechts getroffen von den Pferden, und ein wahrſcheinlicher Sieg, welcher die gleichzeitige Niederlage bei Jena zwar nicht verhin⸗ dert, doch in den Folgen aufgehalten hätte, ging verloren. Mit vielen andern, mit Schmettau, einem Hauptführer, war der Generaliſſimus des Heeres, der Herzog von Braunſchweig, eins der erſten Opfer. Er war noch aus des alten Friedrichs Kriegen, und die Franzoſen haßten ihn bitter wegen des bekannten Manifeſtes von Anno 92; in's Auge hinein traf ihn eine auf gut Glück gejagte Flintenkugel,— Niemand wußte ſeinen Operationsplan, ſelbſt der König nicht, welcher in dieſer Schlacht zugegen war, —— — 100 und ſpäter bei Sömmerda in vollem Roſſeslaufe durch die Feinde ſprengen mußte, um aus dieſem Gewirr von Feinden, die nun auch von Jena her⸗ überdrangen, ſich zu löſen. Köſen iſt wie einſt Verona in den Streit zweier Familien, der Montecchi und Capuletti geſpalten, ſie heißen hier auf deutſch Hämmerling, der Kuchen⸗ bäcker, und Weber, der Gaſtwirth„zum muthigen Ritter“. Dieſer, das Haupt der Capuletti, war zur Zeit der Schlacht ein junger, ſächſiſcher Poſtillon in Naumburg, und ihm ward der Auftrag, dem Marſchall Davouſt den Weg zu zeigen, damit er rekognoſciren könne. Er hat mir's reichlich beſchrie⸗ ben, wie dick der Nebel dieſen Vormittag am 14. Oktober geweſen ſei, wie grimmig Davouſt ausge⸗ ſehen mit dem haarloſen Vorderkopfe, wie er ge⸗ ſchrien habe, Hals über Kopf, Soldaten und Kano⸗ nen den Berg hinauf zu ſchaffen, woran ſchon die ganze Nacht gearbeitet worden war. Hätten ſich die Preußen vom 13. auf den 14. zu einem ſolchen Nachtmarſche entſchloſſen, wie vor⸗ 101 geſchlagen wurde, die Franzoſen hätten einen bluti⸗ gen Tag an dieſem unwegſamen Berge erlebt. Das Haupt der Capuletti iſt noch heute außer ſich darüber; er hat ſpäter den Pferdehandel kultivirt, und dafür ein ſcharfes Auge, er ſchwört aber, nie eine ſo prächtige und trefflich berittene Cavallerie wiederge⸗ ſehn zu haben, als Anno 6 die preußiſche geweſen. Die Schlacht, welche er neben Davouſt hat aus⸗ halten müſſen, iſt ihm beſonders der Pferde wegen peinlich geweſen, und er ſchaudert jetzt noch bei der Erinnerung, wie leichtſinnig die theuerſten Thiere todtgeſchoſſen worden ſind. Wenn's noch lauter Schimmel geweſen wären, meint er, da ließe man ſich's gefallen! Für den ſchönſten Schimmel hat er nämlich die abſchmeckende Redensart:'s iſt halt ein weißes Pferd! Das Dorf Auerſtädt, durch welches wir mit dem aufgehenden Tage fuhren, iſt ſtill wie jedes andre Dorf, und weiß nichts mehr von dieſem Lärmen. Hinter dem Städtchen Eckartsberge fällt das Land wieder in tiefere Hügel, und links auf dieſen, 10² wo in einer Thaltiefe das Städtchen Apolda ſchlum⸗ mert, begegnete der von Auerſtädt geſchloſſen reti⸗ rirenden Armee ſtatt Hohenlohes der Marſchall Berna⸗ dotte. Von der gleichzektigen Schlacht bei Jena näm⸗ lich wußte man gar nichts, das Hohenlohiſche Corps, welches ſie vier kleine Meilen von Auerſtädt ſchlug, war ohne Verbindung mit der Hauptarmee. Jetzt that ſich's ſchrecklich kund, was geſchehen, und auch dieſer beſſere Rückzug ward in die Flucht verwirrt. An dieſem traurigen 15. October erhielt der König von Preußen, dem eben ein Pferd unter dem Leib erſchoſſen war, einen Brief Napoleons vom 13., worin er Frieden anbot. Dieſe Verzögerung eines Billets, die Verzögerung um 24 Stunden, hatte vielleicht den Sturz eines Reiches zur Folge, aus welchem ſpäter der eigent⸗ liche Enthuſiasmus gegen Napoleon wuchs, welcher den Rieſen ſtürzte. Dies ſind ſolche Späße der Weltgeſchichte, über die ſich unnütz ſchwatzen läßt in müßigen Stunden, ſo wie man von Cromwell erzählt, daß er, ein 103 ruinirter Bürger, im Begriff geweſen ſei, nach Amerika auszuwandern, und durch ein allgemeines Edikt Karls I. daran gehindert worden ſei, deſſelben Karls, den er ſpäter zum Schaffot brachte. Meine Gedanken wurden friedlicher, rechts im Thale fließt die Ilm durch ſchweigende Dörfer, und ich dachte einer anderen Zeit. In dieſem klein⸗ und ſanfthügeligen Lande mit fruchtbaren Feldern, die ſich über die kleinen Berge ſchlängeln, die mit kleinen Laubgehölzen und den Thalufern der Ilm bekränzt ſind, in dieſem Weimariſchen Ländchen ſind ja auch weit⸗ und tiefwirkende Bewegungen unſers Vaterlandes verſammelt geweſen, die Geiſtes⸗Klaſſi⸗ ker haben hier gelebt und geſchrieben, ihre Aſche ruht hier. Ich kam einmal bei ſinkender Sonne von einem Pferdemarkte geritten, es war ganz ſtill in der Natur und ein Dörfchen mit einem Parkbuſch hoher Bäume und einigen weißen Häuſern lag neben mir, vor mir ſtolperte ein ſchwerbäuchiger unſichrer Reiter den Hohlweg hinab. Er that ſehr erfreut, einen Be⸗ — 104 gleiter zu finden, war ein alter Kaſſenbeamter, der ſeine alte Schecke verkauft hatte, weil ſie nach gerade zu ſehr geſtolpert wäre, und der ſich jetzt auf dem neuen Thiere gar nicht zu Hauſe fühlte. Solch ein alter Diener eines kleinen Staates hat immer viel liebenswürdig Beſchränktes, hat immer Aehnlichkeit mit einem alten Kammerdiener, den der Herr nicht mehr verabſchieden kann, weil er aus der Dienſtjacke in den Familienrock, in's Herz des Hauſes hineingealtert iſt; ich begegne ſolch einem Rathe von Anno 1 aus Meiningen oder Hildburg⸗ hauſen gar zu gern. Sie ſind treu und gutmüthig und bieder, und der Anſtrich von kleinem Hofleben färbt das beſchränkte Idyll ſo artig! Er erzählte mir von den fröhlichen Tagen unter dem Großherzoge Karl Auguſt, wo er öfters mit auf die Jagd geritten ſei. Sehn Sie— ſprach er— hier unten an der Ilm in dem Dorfe, deſſen Bäume und weiße Häuſer Sie ſehen, da ſchläft unſer vortrefflicher, immer lächelnder Wieland— +** iſt Osmanſtädt? 105 Ja, das iſt Osmanſtädt. Wie ruhig und ſtill und anſpruchslos war das — da ruhte die Aſche des alten geſprächigen Herrn, der ſo verführeriſche, farbige Geſchichten erfunden hatte, die wir im Verborgenen unter dem Schul⸗ tiſche verſchlangen. Und neben der luſtigen, nach Allerlei greifenden Liebe in ſeinen Büchern war er ein ſo ordentlicher Ehemann, der ſo reichlich Kinder zeugte, daß ihm der Großherzog mit den Fingern drohen und ſagen mußte: Bis wohin, Catilina, werden Sie's bringen!— Wir klepperten an jenem Abende ſchwatzend weiter, und ſtiegen noch einmal in Tiefurt ab, um Roß und Mann mit einem Trunk zu ſtärken. Dieſes Tiefurt war der eigentliche Gartenſalon der damaligen Weimar'ſchen Geſellſchaft, hier waren ſie am genialſten und unbehindertſten, hier haben ſie die Majeſtät und Robe abgelegt, und wie Karl der Große mit Alcuin, Eginhard und de Uebrigen, als David, Homer, Virgil verkehrt hat, ſo hat die vortreffliche Großherzogin Amalie hier ein heitres 106 Dichtungsleben geweckt und geſtattet. Das ſoge⸗ nannte Journal von Tiefurt, das geſchriebene In⸗ ventarium aller Einfälle, Witze, Geſchichten, die ſich hier ereignet und erzeugt, befindet ſich noch auf der Bibliothek in Weimar. Ein Hauptmemorial geheimer deutſcher Literaturgeſchichte. Wie ich erfahren habe, iſt die jetzige Herrin, welche große Aufmerk⸗ ſamkeit und Acht auf dieſen Theil der Weimar'ſchen Geſchichte wendet, ganz und gar nicht bedenklich, Leuten von Fach und Takt, von denen keine Unge⸗ ſchicklichkeit zu beſorgen iſt, die Mittheilung dieſes handſchriftlichen Schatzes zu geſtatten. Dies Tiefurt liegt wirklich in der Tiefe, zwiſchen dunklen Bäumen zieht ſich der Park an der Ilm hin, und jenſeits des Flüßchens an einer Berglehne in die Höhe. Es war ſchon etwas herbſtlich, als ich ihn damals bei dunkelndem Tage durchſtrich, hier und da ſah mir ein weißes Monument geiſter⸗ haft entgegen, es gemahnte mich in manchem ein⸗ zelnen Augenblicke, als ſei ich im Königreiche Wales, und durchſtriche den ausgeſtorbenen Park des Königs 107 Arthus— auch die ganze Tafelrunde von Tiefurt iſt todt; das Land, das nahe Städtchen Weimar iſt eine offne, ſonnenbeſchienene Gruft unſrer klaſſi⸗ ſchen Literatur. Auch Goethe;— i*ſt es nicht, als hätten wir das erſt im letzten Jahre recht empfunden! Iſt er jemals ſo im Munde aller Literaten, ſo Mittel⸗ punkt aller Literatur geweſen? ſogar ſeiner Feinde, die ſich am Sarkophage des alten Dichters die harten Schädel eingerannt haben? 24. Weimar. .* Die deutſchen Städte ſind zum Theil ſo familien⸗ mäßig geſchloſſen und eitel, daß es immer ein Riſiko bleibt, über ſie zu ſchreiben; alle kokettiren die Jung⸗ fräulichkeit, halten es für unredlich, aus der Schule zu ſchwatzen, halten ſich für beleidigt, wenn ſie be⸗ ſprochen, das heißt, wenn ſie nicht blos gelobt werden. Es iſt dies ein Reſt unſrer keuſchen Nationali⸗ tät, dem viel Achtbares zum Grunde liegt, aber er iſt heutiges Tages übel dran: wir wollen nicht hoffen, daß mit dem Geheimniſſe, was von den Zuſtänden herabgeriſſen iſt, auch alle Diskretion 109 verloren gehen werde, aber es iſt wahr— man braucht heut viel mehr Dreiſtigkeit, um erträͤglich und ohne häufigen Aerger zu exiſtiren. So iſt Weimar noch immer ſehr blöde, obwohl es ſo lange Zeit der Hof unſerer Literatur war. Vielleicht kommt aber juſt die Blödigkeit daher: von jenen Notabilitäten, die in Weimar wohnten, ſprach man nur mit abgezogenem Hute, und ein Theil⸗ des Complimentes kam immer an Weimar mit; ſo iſt's an Courtoiſie gewöhnt, und der einfache Hiſtoriker fällt ihm ſchon auf. Weimar war aber immer unſchuldig, auch unſchuldig an unſrer Literatur. Ich bin immer ſehr gern dort angekommen: es iſt mir ſtets ein ſo reinliches, ſaubres, friedliches, zur ſüßen Beſchaulichkeit aufforderndes Städtchen erſchienen, wie nicht leicht ein anderes. Auf der großen Straße von Leipzig her ſieht man Weimar nicht eher, als bis man gegenſeitig das Weiße im Auge erkennt, auf den Höhen vor der Stadt lagert ſich nämlich laubgrünes Gehölze, das ſogenannte Webicht. Dieſer friſche, junge Wald 110 iſt von Alleen durchſchnitten, durch ihn und an ſeinem Saume laufen Wege für Karoſſen, Reiter und Fuß⸗ gänger, die Heerſtraße bildet den äußerſten Rand. Die Stadt iſt dicht in der Nähe, man vermuthet ſie aber nur der Spazirenden wegen; das duftige grüne Waldleben hängt wie ein grüner Schleier vor den kleinen, begierig geſuchten Büchern der Cotta'ſchen Buchhandlung, dem Don Carlos und Fauſt, denn unter Weimar denkt man ſich zunächſt Schiller und Goethe, etwas Anderes nur nebenher. Ich war indeß ſchon vernünftiger— ein rother Leibhuſar reitet am Waldesrande, ein Hofwagen, welchen die renommirten Iſabellenpferde ziehn, ſchau⸗ kelt vorüber, man kommt in die Illuſion des Arthus⸗ ſchen Hofes, wie ſie mir in Tiefurt genaht war, es öffnet ſich der Blick nach dem Thale, und dicht vor uns wie ein lieber, blauer Friede liegt die Stadt. Hier kann nur Glück und ſtille Freude wohnen, denke ich ſtets bei der Ankunft; ſolch einen behag⸗ lichen Eindruck macht mir immer der blaugedeckte, thüringiſche Thurm, das Durcheinander der Häuſer⸗ 111 decken, das anſpruchsloſe Schloß, von Waſſer und hängenden Baumzweigen auf der einen Seite be⸗ gränzt. An einer klappernden Mühle führt der Weg in die Stadt vorüber, und die klappert ſo Hermann⸗ und Dorotheiſch! Noch reizender, wenn auch nicht eben anders iſt der Anblick, wenn man vom Ettersberge herunter⸗ kommt, wo Napoleon einſt eine große Jagd gehalten. Er liegt nach der güldnen Aue zu, der Ettersberg nämlich, das heißt der Richtung nach in jenes auf⸗ und abwiegende gedeihliche Hügelland, aber nur eine Stunde von Weimar entfernt, einer der keckſten dieſer Hügel. Wenn man von dort Weimar im hellen Sonnenſcheine liegen ſieht, ſo geſammelt, blau und freundlich, gehoben durch die heitere Berg⸗ lehne, ſo findet man wohl, daß ſich die Literatur hier in der Mitte von Thüringen zwar nicht pittoresk oder verführeriſch, aber doch ganz artig angeſiedelt hat. Eine neue Chauſſée läuft ſchnell hinunter, und erhöht den Eindruck bequemer und doch genügend romantiſcher Lage. ½ Will man ſich dieſe Romantik erhalten, ſo fahre man gleich wieder auf der andern Seite aus der Stadt, die Allee nach Belvedere entlang, da gibt es Landhäuſer von Dichtern, man kann weiterhin Buſch und Wald ſuchen, und braucht nicht wieder umzukehren. Die Ankunft iſt die Hauptſache; es wird bald eine kleine Stadt, wo man in's Kaſino, auf die Jagd gehen muß, um Abwechſelung zu haben, und die Literaturgeſchichte iſt ihr größter Feind, weil ſie Anſprüche weckt, für die Weimar ſelbſt nicht kann, denn Weimar iſt Weimar an ſich, wie das Ding an ſich, ohne Weiteres, ein offner Ort mit 8000 und einigen Einwohnern, worunter jetzt keine Dichter mehr ſind, mit einem Gymnaſium, mit einem Waiſenhauſe, einem Theater, einem Hoſpitale, mit krummen Straßen und ſonſtigem Zubehör. Das is Weimer, wie die Leute ſagen. Daß der große Wei⸗ maraner Karl Auguſt aus Nord und Süd die be⸗ rühmteſten Deutſchen hierher gerufen, daß dieſe ſo und ſo lange hier gewohnt und ſchöne Sachen ge⸗ 113 ſchrieben haben, dafür kann man billigerweiſe Wei⸗ mar nicht verantwortlich machen, der Ort ſelbſt iſt keine Fabrik berühmter Leute, der ſein Geſchäft ſorg⸗ los betriebe. Aber wer kann dem Gedanken und mit ihm der Anforderung und Atmoſphäre unſrer letzten Litera⸗ tur entgehn, wenn er in dieſen klaſſiſch gewordnen Ort tritt! Um jede Straßenecke ſieht man Schiller und Göthe, Wieland und Herder biegen, Fußtapfen heiligen allerdings einen Ort, wenn das Gras des Ortes auch Gras bleibt.— Mag es auch thöricht und unbillig ſein, Wei⸗ mar's Vergangenheit, die ihm noch dazu geſchenkt, nicht ſelbſt erzeugt war, ſeiner Gegenwart zum Vor⸗ wurfe zu machen, wenn ſich auch hiſtoriſche Zuſtände nicht gewaltſam wiederholen laſſen, es iſt doch eine gerechte hiſtoriſche Forderung, ein verhäͤltnißmäͤßiges Streben zu verlangen, ſobald die Anregung ſo groß und ſo herriſch geweſen iſt, das Erbe und Gedäͤcht⸗ niß des Genies, was ſich nicht nachmachen und erſetzen läßt, in angemeſſenem Schwunge und Stil⸗ VI. 8 114 zu erhalten— dies iſt die höchſte hiſtoriſche Pietät, aus welcher hervor oft die prächtigſte Befruchtung überraſcht, und welche jedenfalls einen würdigen, hohen Luftkreis begünſtigter Kultur rein und friſch erhaͤlt. Weimar ſollte nicht ſeit dem Tode ſeiner Herren ganz und gar aus der Welt dieſer Herren verſchwinden: da die Kaiſerkronen ſeiner literariſchen Herrn, da alle die Reichs⸗ und Herrſchkleinodien unter die große ſchriftſtellernde Zahl vertheilt, und nicht mehr an wenig größte Einzelne vererbt worden ſind, ſo mußte juſt Weimar den Beruf fühlen, eine literariſche Akademie Deutſchlands in ſich zu gründen, literariſche Kongreſſe in ſich zu verſammeln. Der Tod geſchichtlicher Größe ſoll keine Leichen machen, ſondern Götter, deren Bilder nachwirken. Wo ſind Deine Bildſäulen Schiller's und Göthe's, du anſpruchvolles Weimar, was mit geehrt ſein will um Schiller's und Göthe's willen, wo ſind ſie? Zeige ſie uns! Du haſt keine! Die Sonne und der Frühling und der fernher kommende Wanderer, den die Bücher 115 von der Ilm berauſcht haben, ſie alle finden ſie nicht, die Göttergeſtalten; man muß die Lohndiener fragen, ob man hier recht ſei am geheiligten Orte Deutſchlands, an der Wohnſtätte der Männer, um derentwillen das deutſche Wort geſucht wird von Petersburg bis Philadelphia. Wenn ihr, wie jüngſt, auf dieſen Vorwurf erwidert, Weimar ſelbſt ſei das Denkmal, ſo iſt dies eine hochtrabende Abgeſchmacktheit, welche leerer Dünkel und dreiſter Unſinn geboren hat, und welche wir nicht gern dem Herrn Kanzler von Müller zurechnen möchten, der aus den Brief⸗ und Lebens⸗ mittheilungen über Göthe höflicher Convenienz hal⸗ ber ſchon ſo viel geſtrichen und unterdrückt hat, der einen juſt intereſſanten Theil des Knebel'ſchen Nachlaſſes kurz vor deſſen ſonſtiger Publikation auf⸗ gekauft und den Druck deſſelben bis jetzt vergeſſen hat. Höfliche Rückſicht, für die eine Höflichkeit gewonnen wird, iſt nicht die Hauptſache und wür⸗ digſte Beziehung, wenn man über die Verlaſſen⸗ ſchaft von Heroen zu verfügen hat. 116 Literariſche Größen jetzt an einem Orte zu ver⸗ einigen, würde allerdings in dieſem Augenblicke von der größten Schwierigkeit ſein, wo die Literatur ſo tief und oft ſo ſchmerzlich in's Mark der eigent⸗ lichen Geſellſchaft eingedrungen iſt, wo Neutralität nur unter den feinſten Bedingungen zu wünſchen, und ſo überaus ſchwer zu finden wäre. Daß Aehn⸗ liches nirgends verſucht worden iſt, bleibt übrigens ſehr befremdlich bei dem Vorwurfe, die Literatur habe ſich allerwärts mehr oder weniger in republi⸗ kaniſche Sympathien eingelaſſen: die Berührung mit einem Hofe, nur ein näheres oder ferneres Ver⸗ hältniß zu demſelben iſt ja der Erfahrung nach ein ſo ſpezifiſches Mittel bei ſolchem Zuſtande, und der Hof mit ſeiner Form, ſeinem Reize, ſeiner leichten und geſchmückten Feſſel iſt ja in Spanien und Frank⸗ reich urſprünglich dafür erfunden worden, das in irgend einer Weiſe Widerſtrebende dadurch zu ban⸗ nen, daß es in die neutralen Intereſſen eines glän⸗ zenden Mittelpunktes zuſammengedrängt wird. Die Granden Spaniens und die Seigneur's Frankreichs⸗ 117 welche von vornherein die hartnäckige Opoſition der Monarchie waren, ſind durch die Höfe von Madrid und Paris beruhigt und beſiegt worden. Warum verſucht man es nicht, die hartnäckige Literatur durch einen Hof zu geſchmeidigen? Wollt Ihr ermeſſen, was aus dem Genius Göthe's, Schillers, Herders geworden wäre, hätten ſie nicht Zugang und Lohn und Reiz und Ver⸗ pflichtung bei der Macht und Herrſchaft und beim Glanze derſelben gefunden? Jeder Genius iſt von Hauſe aus revolutionär, weil er erfinderiſch und ſchöpferiſch iſt; die Aufgabe der Mitwelt iſt es eben, dieſen Ausdruck in gemeſſener harmoniſcher Verbin⸗ dung mit dem Beſtehenden zu erhalten, und dies geſchieht eben dadurch, daß man ihn in die Vor⸗ theile und Lockungen deſſen, was herrſcht, hinein⸗ zieht, damit er aus ungeſtörtem Herzen, und ſomit unſtörend das Neue ſchafft und erfindet. Weſſen Geiſt ſich nie hinausgewagt hat, um das beſtehende Geſetz, die herrſchende Sitte vom iſolirten Hügel der ungebundenen Eigenthümlichkeit anzuſehen und 118 zu prüfen, die Rechte des Verbotenen mit in die Wagſchaale zu werfen, in ſich den Verſuch einer eigenen Geſetzgebung zu machen, der hat nie einen Genius beſeſſen, und bleibt, bei aller Trefflichkeit, in Bezug auf die große Menſchenfrage, bornirt. Dieſe Weſenheit des Genius niemals feindſelig werden zu laſſen, das iſt die Aufgabe des Herr⸗ ſchenden, und man muß einräumen, daß ſie an den Heroen unſrer letzten Literaturepoche vortrefflich gelöſt worden iſt. Bedenket nur, daß jede noch ſo dreiſte Frage damals im brennenden Frankreich Stoff und Spielraum fand, und daß außer Forſter und einigen Geringeren kein großer Genius zur Rück⸗ ſichtsloſigkeit verleitet wurde. Aber die literariſche Bildung war neu, war überraſchend, trat nur in Wenigen gebieteriſch heraus, es war leicht, ſie auszuzeichnen und zu ehren; man that es, die ſtolzen Worte, der„Dichter müſſe mit dem König gehen“ kamen auf, wurden geglaubt, die untergegangene Macht des Prieſterthums ward den poetiſchen Prieſtern wenigſtens titulariter über⸗ 119 reicht, und das an vielen Orten; einzelne Herrſcher ſchrieben an's heilige römiſch⸗deutſche Reich um Ehren und Würden und Adelsdiplome für Dich⸗ ter und Schriftſteller, ein ausgezeichneter Fürſt, eben in Weimar Karl Auguſt, verkehrte mit ihnen als mit den Erlauchten der Nation, Einzelne, wie Göthe, genoſſen ſeiner intimſten Freundſchaft— Das hat jetzt ein ganz anderes Anſehn: man ſieht keine literariſchen Granden bei Hofe mehr, dafür haben auch die kleineren Geiſter jetzt Speiſe und Trank, der Buchhandel iſt thätiger geworden, der Buchhändler zahlt mehr, der Schriftſteller iſt ein ſtolzes Mitglied des tiers-parti geworden, wäh⸗ rend es früher in ſeiner Klaſſe nur Seigneurs und Lumpe gab; aber die Schriftſtellerei iſt nicht mehr vergöttert, ſie iſt geſucht und gebraucht und gefürch⸗ tet und gehaßt, eine Uſurpation benannt, und bei Lob und Tadel in ganz anderer Stellung als früher. Man muß ein Mädchen nicht zu lange ignori⸗ ren, wenn man ihr Vorwürfe zu machen hat, ſie ſucht ſich einen andern Liebhaber, und man bringt 120 die Verzeihung dann ſchwer an, und jedenfalls mit Opfern. Aus all dem iſt zu erkennen, daß des Fürſten Metternich Idee einer deutſchen Akademie ſehr gewal⸗ tig, und eines ſolchen Staatmanns vollkommen wür⸗ dig iſt. Vereint die Literatur wieder, ſo weit es angeht, zu geſchloſſenem gegenſeitigem Glanze, und ſie wird Euch weniger zu ſchaffen machen, denn ſie wächſit aus der Quelle, die zwiſchen Blumen ſanft rieſelt, und über Geſtein und Hinderniß ſchäumend ſprützt und brauſ't, ſie wächſ't aus Menſchen. Von dem Götheſchen Kreiſe leben jetzt noch in Weimar von Müller, genannt der Kanzler, welcher viel Götheſches erwarten ließ, als der alte Herr ſtarb, was jetzt gerade fünf Jahre her iſt, Riemer und Eckermann. Jener hat die Schuld ſeiner Bekannt⸗ ſchaft durch Herausgabe des Zelterſchen Briefwech⸗ ſels, dieſer durch Herausgabe ſeiner Geſpräche mit Göthe abgetragen. So unbedeutend Eckermann's eigene Zugabe dabei iſt, die nirgends über den 121 Lehrlingskreis hinausgeht, ſo dankbar hat das Publi⸗ kum mit den prächtigen Mittheilungen Göthe's den Namen des kleinen Eckermann aufgenommen, und dies iſt ein rührendes Beiſpiel, wie man als Fähr⸗ mann einer großen Verlaſſenſchaft auch ſein Stück⸗ chen Ruhm gewinnen mag. Ich weiß nicht, ob Stephan Schütz, der eben⸗ falls hier lebt, auch zum Goethe'ſchen Kreiſe klaſſi⸗ fizirt ſein will; die einfache, naiv⸗thatſächliche Ma⸗ nier, in welcher er vor Kurzem ſein anſpruchsloſes Leben geſchrieben hat, ſtreift allerdings an dieſe Ge⸗ ſchmacksrichtung;z er iſt aber der Einzige von dort, welcher zuweilen kopfſchüttelnd in den Journalen ſein Haupt erhebt, wenn von den Ueberſchwenglichen Goethiſches erzählt wird, und welcher immer wieder behauptet, Goethe ſei nur ein Menſch geweſen. Ich habe im Theater eine kleine Figur mit dunk⸗ lem, ſcharf markirtem Kopfe geſehen, und man ſagte mir, das ſei Stephan Schütz, der Herausgeber von „Liebe und Freundſchaft,“ der unermüdliche Beför⸗ — 12² derer des Heitern und Komiſchen, und der Erkennt⸗ niß deſſelben in unſer Literatur. Auch lebt der bekannte Rationaliſt Röhr in Weimar als Oberhofprediger, und hält ſich und ſeine Predigten ſehr in Aufnahme, obwohl der Ra⸗ tionalismus übrigens ſehr in's Hintertreffen gerathen iſt, der Rationalismus von Paulus, Wegſcheider, Röhr und Aehnlichen, der in den zwanziger Jahren blühte, und jetzt mit reicherer Ausſtattung durch Strauß wieder einen Aufſchwung erlebt hat. Röhr, mit einer handfeſten Geſundheit und einem ſcharf ſondernden Geiſte begabt, predigt und ſchreibt noch rüſtig. Zum Belege deſſen citire ich eine Betrach⸗ tung der Schleiermacher'ſchen„Reden über die Re⸗ ligion,“ welche er vor Kurzem in ſeiner„Kritiſchen Prediger⸗Bibliothek“ gegeben hat. Dieſe, ſchon in vier Auflagen erſchienenen Reden, die viel geleſen und bewundert worden ſind, haben merkwürdiger⸗ weiſe nie eine gründliche Prüfung erlebt, obwohl ſie ſchon ſeit mehr als dreißig Jahren im Publikum ſind. Es war, als ob die Geiſtesgewandtheit, die 1²³ glänzende Stellung und ſcharfgewaffnete Kampfluſt des Verfaſſers einen ſchützenden Arm über dieſes und fein anderes Jugend⸗Produkt, die lobpreiſenden Briefe über Schlegels Lucinde, ausgebreitet habe. Jene ſind bekanntlich neuerer Zeit neu abgedruckt und in den Lärm gedrängt worden, als worüber der Buchhändler, Herr Reimer, bei dem ſie früher erſchienen ſind, ſein Gutachten auf der Leipziger Börſe abgegeben hat, wornach ſich die deutſche Literatur erkundigen mag, wenn von der prächtigen Ausſtattung Jean Paul's und Ritter's die Rede iſt, welche ein Produkt deſſelbigen Herrn Reimer iſt. Jene„Reden“ nun ſind hier endlich zu einer Beurtheilung gekommen, die ſehr ſcharf gerathen, und bei der zu bedauern iſt, daß ſie nicht, des Kritikers Abſicht gemäß, zu Lebzeiten Schleiermachers bekannt gemacht worden. Der Recenſent will aus Schleiermachers eignen Worten folgern, daß deſſen Religionslehre nichts ande⸗ res als Epikuriſcher Naturalismus geweſen ſei, ohne perſönlichen Gott, ohne Unſterblichkeit, ja ohne Mo⸗ — 124 ral. Und das geſchieht mit großem Scharfſinn und mit feinſter Eindringlichkeit und Dialektik, wie eine Schleiermacher'ſche Schrift nur verlangen kann. Und dabei bleibt der Recenſent nicht ſtehen: er geht über das Buch hinaus, und ſucht deſſen Entſtehung und Fortbildung aus der perſönlichen Denkart Schleier⸗ machers und aus deſſen Geſchichte zu erklären. Die Reden über die Religion ſind nach ihm, gleich den Briefen über die Lucinde, ein übereiltes Jugend⸗ produkt, bei dem der Autor indeß feſtgehalten wor⸗ den, und das zu verwerfen und zu verläugnen er nie Muth und Entſchloſſenheit gehabt, dem auch vielleicht das dort Ausgeſprochene noch in der letzten Zeit das Rechte geweſen ſei, deſſen Vertretung er nicht mehr habe übernehmen mögen. Mangel an Aufrichtigkeit, an friſchem, offnem Sinne, dialek⸗ tiſche Künſtelei und ſophiſtiſche Akkommodation ſei ihm durchweg in der zweiten Hälfte ſeines Lebens vorzuwerfen. Dieſer Angriff wird damit geſchloſſen, es ſei die Tradition wohl zu glauben, daß Schleier⸗ macher von Niemand eine geringere Meinung ge⸗ 125 hegt, als von denen, die ſich zu ſeinen Zöglingen zählten. Wer hätte nun eine ſo aufrühreriſche Polemik aus dem ſtillen Weimar erwartet! Ferner lebt der Oberkonſiſtorialrath Peucer hier, der frei und fröhlich an jeder Regung des literari⸗ ſchen Genius Intereſſe nimmt, und ſich neuerdings wieder durch ſeinen Antheil an dramatiſcher Literatur hervorgethan hat. Endlich der raſtloſe Biedenfeld, welcher von der Bidaſſoa bis an die Bereſina über⸗ all gelebt hat, von Napoleon bis zum Commiſſions⸗ rath Cerf alle Notabilitäten geſprochen, unzählige Stücke und Bücher geſchrieben, die Literatur aller Nationen geleſen, jedem Bekannten ſich freundlich und gefällig bewieſen hat, ein unverwüſtlicher Freund und Mann des Lebens, deſſen Biographie ich ſchreibe, ſobald er mir's erlaubt. Er hält ſich ſeit einigen Jahren der Jagd wegen in Weimar auf, und iſt auf der Durchreiſe begriffen. Von Inſtituten iſt das Muſeum als preiswür⸗ digſtes und eins der ſchönſten in Deutſchland zu 126 nennen: die Literaten fehlen; dagegen iſt ein Haus für Literatur errichtet; die Geliebte iſt todt, begnügt Euch mit der Liebe, die ja noch was Beſſeres ſein ſoll. Der Frau Großherzogin ſelbſt, von der über⸗ haupt eine ſehr thätige und ſegensreiche Einwirkung ausgeht, verdankt dies Leſeinſtitut ſeinen großen Stil und die koſtſpielige Unterhaltung. Faſt wie zu Lon⸗ don im großen Leſekabinet, wo man für einen Schil⸗ ling Entroegeld eine Cigarre und faſt alle Journale der Welt bekommt, findet man hier ohne Schilling und Cigarre eine Lektüre, die in alle Länder und Branchen reicht. Daneben ſind alle neuen Bücher ausgelegt und die beſſeren für die Bibliothek ge⸗ kauft— das hat nun darum ſeine Schwierigkeit, weil merkwürdig genug in dieſer alten Reſidenz un⸗ ſerer Literatur nur eine Buchhandlung iſt, die auf ein ausſchließlich Privilegium geſtützt, die Bücher an ſich kommen läßt, was man ſagt: er läßt's an ſich kommen, So wie auf unſern Gymnaſien früher nur eine oder gar keine Stunde für deutſche Sprache gegeben ward. 127 Wenn man in Weimar neue Bücher kaufen will, ſo ſchreibt man nach Jena. So wie man von Merſeburg nach Halle fährt, um gutes Merſe⸗ burger Bier zu trinken; es wird erſt gut, wenn es verfahren iſt, und die Bücher ſind intereſſanter, wenn ſie verſchrieben werden. 25. Goethes Hausweſen. Unweit des Theaters bückt ſich ein kleines Häuschen, zuſammengeknickt und von grünen, ausgeblichnen Jalouſieen verſperrt wie ein abgegriffenes Taſchen⸗ kalenderchen— das war Schillers Haus. Faſt über⸗ all, wo ich Schillers häuslicher Wirkſamkeit nach⸗ geſpürt habe, ſind mir kleine, niedrige Räume be⸗ gegnet; man ſollte denken, die hoch auffliegenden Geſtalten ſeiner Poeſie hätten ſich die Köpfe einſtoßen müſſen an der niedrigen Decke. Es war aber in ſeinen Gewohnheiten etwas Bürgerliches, Cyniſches, was keine beſonderen Anſprüche machte, oder rich⸗ tiger: der Idealismus, in welchem er webte, nahm 129 keine weitere Rückſicht auf ſolche Nebendinge. Schil⸗ ler erkaufte ſich mühſam ſein kleines Haus mit Ge⸗ dichten und Tragödien; Goethe, der Glückliche, er⸗ hielt es zum Geſchenk, er war der näher gerückte, wirkliche Jugendfreund des Großherzogs, der den aus Italien heimkehrenden Goethe mit einem Haus⸗ bau überraſchte; Schiller war der geſchätzte und hoch⸗ geachtete Freund in Apollo 3 Apollo baut aber kleinere Häuſer als der Jugendfreund. Stattlicher iſt allerdings das Goetheſche, aber man muß ſich keine Pallaſtvorſtellung machen, wie manche Beſchreibung veranlaſſen könnte: ein artiger Flur, ein Paar Figuren abgerechnet, welche mit kühler Stille empfangen, iſt's eben nur ein hübſches Wohnhaus, wie es der Berliner Banquier ſchoͤner hat, und nach außen iſt es ganz ohne beſonderes Antlitz. Trotz der Künſte, Studien und Vorbilder, hat die Baukunſt in Weimar noch keine beſonders glückliche Stunde gehabt; ſelbſt die Privatunterneh⸗ mungen Berlin's, welche nur auf beſchränkte Aeuße⸗ rungen ausgehn, ſind von einem viel ſchöneren Ge⸗ VI. 9 130 ſchmacke, und die Bilder Schinkels und Klenze's, wenn man ſie in verjüngtem Maahſtabe der kleinen Stadt noch ſo gefällig anpaſſen wollte, ſind gar nicht in Vergleichung zu ziehen. Goethes eigentliche literariſche Häuslichkeit nun hat nicht einmal etwas mit dieſem artigen Hauſe zu thun, ſie iſt in einem kleinen Hinterſtübchen zu ſuchen, was gar nicht in die volle Figur des neuen Hauſes zu gehören ſcheint. Dies Arbeitszimmer iſt klein, einfach und ſchmucklos, und nur dieſe größte Einfachheit, der Mangel alles modernen Komforts, der Mangel der Gardinen, eines Sophas erinnert an antike Schmuckloſigkeit, eine antike Mahnung, die manches andere Dachſtübchen mit ihm gemein hat. Dies iſt der kleine Raum, in welchem man Engländern, Franzoſen, Amerikanern begegnet, die ihre Namen in's Gedenkbuch einſchreiben, wie man's auf alten todten Schlöſſern zu thun pflegt. Die Ausſicht des Zimmerchens, das einen kleinen Stock hoch liegt, geht auf das Gärtchen, in welchem er ſo oft umherſchritt; auch dies iſt ſehr einfach, klein 131 und unſcheinbar. Die Meubles und Geraͤthſchaften ſind noch auf der Stelle, wie er ſie an ſeinem To⸗ destage verlaſſen hat: ein großer, einfacher Tiſch von länglich viereckiger Form ſteht in der Mitte; das kleine Kiſſen liegt noch darauf, wo er ſeine Arme auflegte, wenn er diktirte; die zerpflückten Läppchen liegen noch im Winkel, die er ſeinem kleinen, un⸗ ruhigen Enkelkinde zur Beſchäftigung gab, wenn es darauf drang, bei ihm zu bleiben, und ihn doch nicht ſtören ſollte. Briefe ſtecken noch reichlich in kleinen Fächern am Fenſterwinkel, und man darf ruhig einſehn, wie Herr von Varnhagen und dieſer und jener an ihn geſchrieben hat; wo ich auch immer hineingeblickt habe, überall wurde er wie der geſegnete Padiſchah angeredet, und man erkennt, welch ein Ruhm, welch eine Ehre, welch eine Achtung aus allen Weltgegenden immer beſcheiden in dies Zim⸗ merlein getreten iſt zu dem ruhigen, großen Manne, der hier, die Hände auf dem Rücken, umher ge⸗ ſchritten iſt. In der kleinen Handbibliothek, die ebenfalls unverrückt dageblieben war, fand ich mehrere 132 Encyklopädieen, die letzten Hefte der Minerva, und Mancherlei aus fremden Sprachen. 1 Seine kleine Stube in Frankfurt, wo er den Götz und Werther geſchrieben hat, mag ähnlich aus⸗ geſehn haben. Eine kleine Kammer mit einem Fen⸗ ſter ſtößt an das Zimmerchen, da ſteht noch das ſimple Bett mit leichter Decke, wie er ſie aus Süd⸗ deutſchland gewohnt war, und immer beihalten hat, der alte Lehnſtuhl, in dem er eingeſchlafen iſt, zum lebten Schlummer auf dieſer Erde, iſt auch noch im Zimmer. Die Dame, welche mit mir die Stätte beſuchte, fand ſich beſonders durch die kleine Schlaf⸗ kammer lebhaft an Ferney erinnert, an Voltaires Schlafgemach. Seine Nachkommen ſpielten auf dem Saale Klavier, und waren luſtig und guter Dinge. Der alte Herr war ſchon über vier Jahre todt, und wie lange wird's dauern, ſo wundern ſich die Leute, daß wir noch neben ihm gelebt haben, da iſt er hoch zurückgetreten in ein dämmerndes Pantheon. 13³3 Der letzte Sekretair, welcher ſeine Worte ge⸗ ſchrieben hatte, war ſo freundlich, ausnahmsweiſe unſer Cicerone zu ſein, und weil er von den auf⸗ geweckten Erinnerungen lebhaft und ſchmerzlich be⸗ rührt wurde, ſo gewann uns dieſer Gedächtnißvor⸗ mittag etwas tragiſch Lebendiges. Aus Goethe's kurzem Krankenlager, was ſeinem Tode voraus ging, iſt eine Scene nicht bekannt, welche mir in der Schilderung einen charakteriſtiſchen Eindruck⸗ machte: in der Fieberphantaſie iſt er von ſeinem Lager auf⸗ geſtanden, und über die Stubenſchwelle ſchreitend, hat er vor ſich hingeredet: Was betaſtet Ihr mei⸗ nen Schiller, meinen Geliebten! Laſſet ab von ihm, er iſt groß und herrlich! Warum liegen ſeine Brief⸗ blätter da zerſtreut am Boden umher! Wie Viele mägen oft geglaubt haben, es ſei Goethe innerlichſt doch wohl niemals ſo recht Ernſt geweſen mit ſeiner Achtung vor dem Schiller'ſchen Genius, weil dieſer ein ſo ganz verſchiedener von dem ſeinigen war— ich geſtehe von mir ſelbſt, daß ich nicht alle leiſen Zweifel beſiegen konnte, obwohl 134 die Aeußerungen, welche Eckermann mittheilt, ſieg⸗ reicher als Alles für Goethe's Liebe zu Schiller ſprachen. Hier nun ward mir, nach dieſer Seite hin ganz unbefangen, referirt, daß ſeine verborgenſte Seele liebevoll mit dem literariſchen Siegesgenoſſen beſchäftigt war, und wie gern bat ich das Herz eines Dichters um Verzeihung, was ſo viel Mißdeutungen ausgeſetzt bleibt, Mißdeutungen, weil er den einzel⸗ nen Ausdruck und Ausbruch des Gefühls einer ganzen, ſtets in ihm thätigen, ſtets in ihm beherrſcht ſein wollenden Welt unterordnete. Die Franzoſen ſind mit ihrer bekannten pikanten Manier raſch bei der Hand, wenn ſie dies ſchmuck⸗ loſe Zimmer Goethe's ſehen, ſie ſchreiben darüber „Goethe wollte der bemerkenswertheſte Gegenſtand ſeiner Wohnung ſein.“ Wenn es noch ſo gut bei ihnen gemeint iſt, aus ihrer Eitelkeitsſphäre können ſie nicht heraus, die zuerſt und zuletzt auf Repräſen⸗ tation ſieht, und die Repräſentation andichten muß. Inn dieſer Art iſt ſie Goethe's Sache niemals ge⸗ weſen. 135 Auf dem Vorſaale vor dieſem kleinen Zimmer ſteht eine alte Wanduhr, ſie iſt ein fürſtliches Ge⸗ ſchenk, was Goethe eines Morgens mit ahnungs⸗ reicher Ueberraſchung aus dem Schlafe geweckt hat. Dieſe Uhr hatte ihm die Stunden ſeiner Jugend geſchlagen, war ſpäter aus dem väterlichen Hauſe verkauft oder verſchenkt, und jetzt hatte ſie ein Fürſt, ich glaube ein Mecklenburgiſcher, aufſuchen, kaufen und in der Stille hierher poſtiren laſſen, zu ſeinem Jubelfeſte 1825. Ich bin ſonſt nicht ſo pietätsſenſible; das lederne Kollet Karl's XII. hat mir ein Intereſſe, aber es beſchäftigt mich nicht lange— der alte Großvater⸗ ſtuhl hier hatte es mir indeſſen angethan: hier war er leichtem Schlummer hingegeben, der alte Herr, jenem Schlummer, wo die Dichtungsgeſtalten in den Wolken des Himmels vor uns wandeln, und den Reiz und Glanz doppelt und prächtig anziehn, welcher dem Dichter bei langer Beſchäftigung mit demſelben Gegenſtande ſo leicht verwiſcht wird. Die fernen Bilder des zweiten Fauſt, Bilder aus der 136 Mythenwelt Griechenlands, aus dem Himmel der Chriſten hatten hier roſenroth um ſeine Schläfe ge⸗ ſchaukelt; auf dieſem Stuhle war zum letzten Male die Farbe der Welt zu ihm gekommen, um dann in dunkles Gemiſch, in's ewige Schwarz zu ver⸗ ſinken, von wannen, Gott weiß wie! neuer Farben⸗ ſtrahl anhebt; auf dieſem Stuhle hatte ihn der Tod ereilt. Als der Todesdrang des Scheidens an ſein Herz trat, da rief er juſt ſo, wie er einſt als Jüng⸗ ling den ſterbenden Götz hatte rufen laſſen:„Licht! mehr Licht! 2 man ſchob die Gardinen aus einander, er trank noch einmal die Farbe unſrer Welt, und ſchloß das Auge. Seine Schwiegertochter, die er ſo überaus lieb hatte, und an welche zu denken ich bei den Wahlverwandſchaften ſtets geneigt bin, glaubte damals, der Tagesſchein blende ſein Auge, und ſetzte ihm den grünen Schirm auf, aber er bedurfte keines Schirms mehr gegen unſere Welt, er war todt. Wunderbarer Weiſe werd' ich jetzt während des Schreibens erſt inne, daß der kalte, rauhe Tag, welcher mit verletzendem Winde durch die Straßen 137 Berlin's fegt, juſt der 22. Maͤrz iſt, juſt der Todes⸗ tag Goethe's— das Wunderbare eines Dichter⸗ lebens geht über den Tod hinaus weiter; Alles, was großen Beziehungen an's Herz greift, iſt mit Wundern umgeben. Dies kleine Lebens⸗ und Sterbezimmer war übrigens nur den vertrauteren Freunden geöffnet, Fremde wurden vorn in den großen Gemächern em⸗ pfangen, und dieſer Empfang beſtand meiſtens darin, daß er ſie zu Tiſche lud. Wenn ihn nicht ſchönes Wetter zum Spazierenfahren oder Gehn lockte, ſo war er bis zu der für kleine deutſche Städte etwas ſpäten Tiſchzeit in dieſem Arbeitskämmerchen. Die größeren Poeſi een ſchrieb er gewöhnlich ſelber, und zwar meiſt ſtehend an einem kleinen/ unſcheinbaren Stehpulte, welches noch jetzt beim Fenſter ſteht, und zwar ſchrieb er ſie ſelten in der Reihenfolge, wie ſie das vollendete Werk bietet, ſondern meiſt par⸗ tieenweiſe, wie eben die Stimmung bot, bald vorn, bald hinten, bald in der Mitte. Das darf um ſo weniger bei ihm verwundern, da der Plan des Gan⸗ — — 138 zen gewöhnlich ſchon von vornherein detaillirt fertig war, und er mit einem Anfluge von Reichsſtädtiſcher Ordentlichkeit, die ihm ſtets verblieben iſt, und vie⸗ len Leuten zur Vorſtellung von einem Genie nicht recht paſſen will, da er mit dieſer Gewohnheit ſeines Vaters, auch den Plan einer Poeſie ſorgfältig zu Papiere brachte. Beim Diktiren ging er meiſt um⸗ her, oder ſaß mit aufgelegten Armen am Tiſche; es ging ſehr fließend, raſch und oft viele Stunden lang, ſo daß der Sekretair ein anſtrengendes Ge⸗ ſchäft hatte, und ſeiner Verſicherung nach oft die Finger nicht mehr fühlte. Bis zum Mittageſſen genoß der alte Herr ſehr wenig, bei dieſem aber war er rüſtig und thätig, wie es der geſunde Leib eines ſtarken Mannes nur fordern mochte. Dazu trank er ſeine volle Flaſche Würzburger, und wohl auch noch eine halbe Flaſche Champagner oder anderen Weines; Scherz und Hei⸗ terkeit waren ihm dabei ſehr genehm, und eine ſolche muntere Bewegung war vorzugsweiſe in der Familie herrſchend. Von Holtei erzählt, daß er viel mehr 139 mit dieſer Anknüpfung der fröhlichen Unterhaltung als mit literariſchen Intereſſen die lange Zeit ſeines Weimar'ſchen Aufenthaltes den täglichen Verkehr im Goethe'ſchen Kreiſe gepflegt und gewonnen habe. Von den kräftigen Aeußerungen Goethe' s, die er im Familienleben oft von ſich gab, erzaͤhlt Holtei gern Folgendes:. Man ſprach von dem düſtern Hange zur Fröm⸗ migkeit, von den Pietiſten, die ſo viel Sünde und Gefährliches in der Welt ſehen, und die Freude mit bedenklichem Kopfſchütteln aufnehmen, man ſprach hin und her, und konnte ſich nicht darein finden, da ſetzte der alte Herr das Glas feſt auf den Tiſch und ſprach in ſeiner nachdrücklichen Art:„Dieſe Frommen ſind alle verſchnitten, wenn ſie fromm werden; der Werner und wie ſie weiter heißen, dach⸗ ten nicht daran, ſo lange ſie auf dem Zeuge waren. a kroch zum Beiſpiele der Brentano bei'm Hauſe der Sophie Mereau am Spalier in die Höhe, da⸗ mit es fein hitzig ausſähe mit der Liebe—'s war eitel Komödie, und ſah ſchlimm genug dahinter aus. 140 Die Welt iſt ja nicht gemacht, damit ſie zugeſchloſſen werde. Folgt, Kinder, Eurer geſunden Neigung, und ſprecht mit dem perſiſchen Dichter:„„Kaiſer, Du mußt die Welt mit meinen, nicht mit Deinen Augen anſehen, wenn ſie Dir ſo gefallen ſoll, wie mir.““ Danken wir Gott, daß wir ſo glückliche Augen haben, und laſſen wir uns nichts vor⸗ machen.“ Wenn Göthe darauf in der Abendzeit ſich wie⸗ der in's kleine Gemach zurückzog, dann ſah er ganz gern einige ſpecielle Freunde bei ſich, mit denen er über dies und jenes ſprechen konnte. Sein Geiſt war wie ſein Körper von großer Dauer, und er ver⸗ mochte ſehr lange Zeit hinter einander Gedankliches zu zeugen und zu verbrauchen. Indeſſen ließ er auch ſehr viel reden, und hörte, und ſchenkte den Freunden die Gläſer voll, wenn ſie läſſig darin waren. Er ſelbſt trank faſt nur bei Tiſche, und genoß bis zum Schlafengehen nichts mehr. Dieſe Tagesordnung wurde nur etwas anders, wenn er ſehr lebhaft bei einer Beſchäftigung war, 141 dann ließ er ſich nur etwas Eſſen auf ſeinen Arbeits⸗ tiſch ſerviren, und blieb den ganzen Tag im Käm⸗ merchen, und ging dann zuweilen des Abends zur Familie hinüber. Um elf ſuchte er gewöhnlich das Bett, und etwa um die ſechſte Stunde verließ er es wieder. Drüben im Park beſaß er noch ein Gartenhaus, und in der ſchönen Jahreszeit ging er oft ſchon des Morgens dahin, den Sekretair wie den ſtets nöthi⸗ gen, ſtets Dienſt thuenden Kammerherrn neben ſich. Dies Opfer bringt der Schriftſteller allein, und Göthe hat es ſpäterer Zeit im reichlichſten Maaße gebracht, daß er ſeine beſten Stunden im Bewußt⸗ ſein und Drange genießt, wie ſie auch den Leſern von ergiebiger Ausbeute ſein könnten— wie der Vater Alles in Bezug auf ſein Kind leidet und genießt, ſo der Autor in Bezug auf die Leſenden. Der feinſte Egoismus, der ſtille, einſame Reiz für unſer geheimſtes innerſtes Ich, ihm entſagt der Autor, und der Lohn dafür iſt jener ſüßer Drang, welcher zur andern Natur wird und mit viel fei⸗ e 14² neren Nerven ausgeſponnen iſt, als ſelbſt das Ent⸗ zücken des Ruhmes. In dieſem Gartenhauſe hat Göthe früher, in den jungen Mannesjahren, manch heitere Stunde genoſ⸗ ſen, und das Weib umarmt, welche er ſpäter zur Frau Geheimderäthin erhob, und die ſonſt Fräulein Vulpius hieß. Sie war die Schweſter des bekann⸗ ten Romanciers, welcher Rinaldo Rinaldini und ähnliche tugendhafte Räuber in vielen Bänden und in vielgeliebter Proſa beſungen hat. Außerdem, daß er ſo ſüperbe Räuber ſchuf, war er Bibliothekar in Weimar, und zu ſeinen beſondern Vorzügen gehörte die ſchöne Schweſter. Sie ſtand in ſchönſter Blüthe, da Göthe aus Italien heimkehren wollte, und hatte den ſchönen Dichter wol früher ſchon von Weitem geſehen. Göthe nun, der in Italien ſeine bekann⸗ ten Elegieen nicht wie ein blöder Gymnaſiaſt aus der Luft gedichtet, ſondern ganz reell und ſtandhaft erlebt hatte, ſchrieb vor ſeiner Abreiſe von Rom an die Weimarſchen Freunde. Es ſchien ihm nicht wün⸗ 143 Sand zu gerathen, wie Carlos im Clavigo dies aͤhnlich bezeichnet, und da er nicht blöde war, ſo ging er auf näheres Detail ein, künſtleriſch die Requiſiten und Qualitäten ſchildernd, wo die allgemeinen Um⸗ riſſe und Definitionen der weiblichen Schönheit mit ſeinem perſönlichen Geſchmacke zuſammenträfen, und mit der Frage ſchließend, ob denn im Lande Weimar ſolch ein Spiegelbild der Fauſtſchen Helene in kei⸗ ner Weiſe, wenn auch nur in annähernder, zu fin⸗ den und zu ſchaffen wäre? Die Theorie des Schö⸗ nen war damals ſehr unbefangen und nachdrucks⸗ voll ſchöpferiſch, die Freunde antworteten ſinnig und gerecht: Weimar ſei zwar nicht Rom, aber deshalb doch auch nicht von der Schönheit verlaſſen, er werde ſich wundern, was ihm auf der letzten Station begegnen könne. Und auf der letzten Station begegnete ihm Fraͤu⸗ lein Vulpius, und ſie gefiel ihm ſehr. Ueber das Verhaͤltniß mit dieſer Dame iſt viel gefabelt worden. So kurſirt die wunderlichſte Sage, wie ſie Frau von Göthe geworden ſei, was aller⸗ .— 144 dings erſt mehrere Jahre nach gemeinſchaftlicher näherer Bekanntſchaft eingetreten iſt. Als Napoleon nach der Schlacht bei Jena Göthe in ſein Quartier beſchieden habe, um den erſten Deutſchen zu ſprechen, habe er auch den Wunſch geäußert, des erſten Deut⸗ ſchen Frau ſich vorgeſtellt zu ſehen. Um dies in legitimer Form thun zu können, habe Göthe, in ſeine Behauſung kehrend, den Herrn Paſtor zu ſich gela⸗ den, und ſo ſei Frau von Göthe entſtanden. Die einfachere und anſpruchsloſere Tradition iſt, daß Göthe ſeinen Sohn legitim habe beſitzen wollen, und da das Verhältniß mit der Dame auch übrigens mehr ein dauerndes geworden, als wohl von Hauſe aus beabſichtigt geweſen ſei, ſo habe er eine her⸗ kömmliche Kopulation für gut erachtet. Daß die Fraͤu Geheimderäthin, welche Göthe immer den„Herrn Geheimderath“ zu nennen pflegte, keinen beſonders ſchriftſtelleriſchen Geiſt beſeſſen, hat den Leuten auch viel zu ſchaffen gemacht, wie man denn ſo leicht vergißt, daß eine Dame liebenswür⸗ dig und reizend ſein kann ohne das Zeug der kou⸗ 145 ranten Bildung, und wie ein Naturell dem erfah⸗ renen Manne oft von größerem Zauber iſt als erwor⸗ bene Kultur. Wie eine ſolche Kultur klein und dürf⸗ tig neben dem großartig ſchöpferiſchen Manne, oft ſogar für dieſen ſtörend und beengend ſein kann mit dem ſtets gleichen unbedeutenderen Maaßſtabe, der doch ſeine Prätenſionen macht als Maaßſtab, das wird gar zu leicht mit gebräuchlichen Floskeln verſchüttet. Aus dieſen heraus iſt denn auch die beliebte Erzählung eines Vorfalls erwachſen, der übrigens nebenher auch wahr ſein kann: Es habe ein berühmter Mann bei Gothe geſpeiſ't, und wie einſt die ſchöne, aber in antiquariſchen Studien weniger erfahrene Gefährtin Talleyrands den berühm⸗ ten Denon mit Robinſon Cruſp⸗ verwechſelt, ſo habe auch die Frau Geheimderfthin die lebhafteſten Jerthümer an den Tag gelegt. Göthe, mit olym⸗ piſcher Ruhe ſich an den Gaſt wendend, ſei in folgenden Worten darüber vernehmlich geweſen⸗ Sollte man nun wohl glauben, daß dies Frauen: 4 VI. 10 146 zimmer bereits einige zwanzig Jahre in meiner Ge⸗ ſellſchaft lebte?! Beizufügen iſt, daß das Wort„Frauenzimmer“ in ſeinem Munde niemals den ſäuerlichen Beige⸗ ſchmack hat, welchen verzärtelte Schüchternheit unſrer Tage dieſem Ausdrucke beilegt; Göthe's„Frauen⸗ zimmer“ iſt nichts mehr und nichts weniger, als was der Dandy jetzt„Dame“ nennt. Wie frei und harmlos übrigens im Allgemeinen zu Ende des vorigen Jahrhunderts und zu Anfang des jetzigen die Umgangsverhältniſſe unter Männern und Frauen waren, das klingt jetzt ganz überra⸗ ſchend; wir wiſſen es gar nicht, wie ſorgfältig die geſchloſſene Form und geregelte Erſcheinung darin wieder Terrain gewonnen hat. Es ſei der fran⸗ zöſiſchen Zeit gar nicht gedacht, wo man es für lächerlich hielt, auf ein Verhaͤltniß ohne Ehe anzu⸗ ſpielen, will ſagen, nicht blos für tacktlos, ſondern für ſo unpaſſend, als wenn wir jetzt eine Dame damit necken oder aufziehn wollten, daß ſie in's Theater gehe, daß ſie einen Roman leſe. Kurz, 147 das ſogenannte„Verhaͤltniß“ hatte keinen Gegen⸗ Hatz mehr, die Unordnung war in die Ordnung auf⸗ genommen. Dies bei Seite; bei uns, bei unſern erſten Geiſtern, bei den Autoren, die jetzt als Muſter der Tugend und Sittſamkeit paſſiren, zum Theil glänzen, war ſolch„Verhältniß“ etwas gar nicht in Frage kommendes. Wenn man alle die Geſchich⸗ ten der Schlegel und ihres Gleichen aufführen wollte, lieber Himmel, welchen Bequemlichkeiten begegnet man da, die dem jetzt urgirten Prinzipe ſehr unbe⸗ quem waͤren, und man begegnet Namen darunter, bei deren Nennung jetzt die Hände über dem Kopfe zuſammengeſchlagen würden, deren Nennung für Animoſität, für Luſt am Skandale gälte. Beides iſt mir nie fremder geweſen, es iſt eine ganz nüch⸗ tern hiſtoriſche Vergleichung, die ſich leicht auf⸗ drängt, wenn man einmal links und rechts in das Hausweſen der früheren Literatur blickt; und die Sache muß auch nach ihrer Zeitſtimmung beurtheilt werden, das Klatſchen darüber bleibt den alten Wei⸗ bern— die Zeitſtimmung war wirklich die, daß 148 um die Wetterſcheide des achtzehnten und neun⸗ zehnten Jahrhunderts die Ehe unter den gebildeten Ständen nur noch ein Name war, deſſen man ſich nach Umſtänden bediente oder nicht bediente. Schle⸗ gels Lucinde und Schleiermachers Briefe über ſolch freie Liebe würden dem jetzigen Publikum viel weni⸗ ger Auffallendes haben, machte man ſich zuweilen eine ungeſchminkte Vorſtellung vom damaligen Le⸗ bensverkehre. Viele Aeußerungen jener Leute ſind auch nur in ſolchem Zuſammenhange richtig zu verſtehn. Als die Freunde Goethe mit der ſogenannten Vulpia neckten, und ſeinen Sieg über ſie, als den erſten, welchen ſie erlebt, aufhetzend in Zweifel zogen, gab er die merkwürdige Antwort:„Daß ſie auch Andern würde gefallen haben, bezweifle ich nicht.“ Wie wichtig, großartig und fein iſt die Wen⸗ dung dieſer Antwort, die Wendung dieſes Intereſſes auf einen Standpunkt ganz anderer Art! Goethe iſt dreißig Jahre mit einer Frau dn Stein liirt geweſen, und darunter manches Jahr 149 intim; von dieſer Bekanntſchaft exiſtirt noch eine Correſpondenz, welche uns wohl gelegentlich mitge⸗ theilt wird, und worin vielleicht manches Bedeu⸗ tungsvolle über das geſellſchaftliche, moraliſche und Herzensmoment jenes Verkehrs zwiſchen den Ge⸗ ſchlechtern mitgetheilt wird. Goethe ſelbſt war darüber ganz ſorglos: als er zum Beiſpiele ſeinen kurzen Beſuch in Berlin ab⸗ ſtattete, und von den Zirkeln, und was ihn ſonſt fetirte und in Beſchlag nahm, nicht ganz hinreichend gefeſſelt war, machte er, wie er in Italien gethan, ſeine Abendpromenade; hier gab es keine Poppäa, aber Madame Schuwitz exiſtirte; die Berliner, welche das ausſpionirt hatten, nahmen's ihm übel, ich weiß nicht, ob die Wahl im Einzelnen oder im Allge⸗ meinen, er nahm das Spioniren übel, es gefiel ihm nicht in Berlin und er reiſ'te ab. Der Tod dieſer Madame Schuwitz, und was ſich dabei ereignete, iſt einer der merkwürdigſten Beiträge zur Erkenntniß des damaligen ſittlichen Momentes: an ihrem Grabe hielt ein geiſtreicher 150 Literat, Friedrich Schulz, eine Rede, die im Archiv der Literatur nicht verloren gehen ſollte. Mitten in dieſer Zeit, mitten unter dieſen Ver⸗ hältniſſen, wo die gegenſeitige Begegnung ſo heid⸗ niſch frei gegeben war, als ob das athenienſiſche Leben aufgeweckt werden ſollte, mitten in dieſem leichten Verkehre lebte zu Weimar ein ſchönes Mäd⸗ chen, freundlich und lockend gegen Alle, geſchmeichelt und gefeiert von Allen, und keuſch und ſtreng wie eine Muſe, die vielleicht unter der ſtillen Schönheit alles Weh einer Geſellſchaft trug, welche keinen grö⸗ ßeren Platz für ſie hatte als den einer Schauſpielerin, Corona Schröter. Es gibt nicht leicht einen inter⸗ eſſanteren und ergiebigeren Stoff für eine Novelle, als die merkwürdige Situation dieſer Corona, welche einer Iphigenie gleich, die intereſſanteſte Welt von Barbaren um ſich hatte, die ihr kein würdiges nahes Verhältniß bieten konnten, von denen ſie vielleicht ein Bild tief, feſt verſchloſſen im Buſen trug, ohne jemals das leiſeſte Wort darüber kund zu geben. 151 Sie war aus Leipzig und ſtand in prächtigſter Blüthe ihrer hohen Schönheit zu der erſten Regie⸗ rungszeit Karl Auguſts. Merkwürdig genug war dieſer Regent, der ſich in genialer Kräftigkeit ſo ſehr hervorgethan, in ſeiner damaligen jungen Männ⸗ lichkeit ſchüchtern, ohne Drang und Kraft, das Weib als Ergänzung des Mannes gar nicht wünſchend und ſuchend. Der damals ſiebenundzwanzigjahrige Goethe unternahm das Kühne, ſo vieler Verant⸗ wortung Ausgeſetzte, dem jungen Fürſten in's unter⸗ nehmende Leben, in die verlangſame Exiſtenz zu helfen, er unternahm mit ihm eine Fußreiſe durch die Schweiz. Dies iſt jene Reiſe, welche in der Cotta⸗ ſchen Ausgabe dem Werther angehängt iſt, und wo ſich die meiſterhafte und diskrete Schilderung eines Mädchens findet, das ihm den Anblick einer unverhüllten Venusſtatue gewährt. Stark und kräftig kam der Fürſt mit ihm nach Weimar zurück, und die ſchöne Corona erſchien ihm. jetzt erſt ſchön; aber ſie war ein Feuer aus Eis, wie ſpäter zu wiederholten Malen verſichert worden iſt. . 152 Kein Mann hat ſich einer hingebenden Gunſt dieſer keuſchen Muſe gerühmt, und ſie ſteht wie eine ſchimmernde weiße Marmorſtatue in dieſer bun⸗ ten, warmen, genießenden Zeit. ” . 26. Briefe und Geſpräche Goethe's. Die Goethe'ſchen Briefe, welche ich hier mittheile, ſind an den berühmten Philologen Friedrich Auguſt Wolf gerichtet, und es liegen einige dreißig vor mir, welche den Zeitpunkt von 1795 bis 1815 umfaſſen. Die leichtſinnigeren Leſer dieſes Buches mögen getroſt ſein: das Meiſte der Korreſpondenz, ſo weit es nur eben briefliche Wendung enthält, wie ſie uns von Goethe hinlänglich bekannt, wird ihnen erlaſſen, und ich verſuche nur eine Blumenleſe. Weimar, den 24. Januar 1805. Darf ich einmal wieder, mein würdiger Freund, bei Ihnen anfragen, wie Sie ſich befinden, und 154 auch von mir etwas erzählen? Ich bin dieſen Winter nicht aus Weimar, und manche Woche nicht aus der Stube gekommen, doch bin ich nie⸗ mals ganz an irgend einer Thätigkeit gehindert geweſen, und ich hoffe, daß Einiges, was mich unterhalten hat, Sie auch naͤchſtes Frühjahr unter⸗ halten werde. Winkelmanns Briefe und die dazu gehörige Kunſt⸗ geſchichte ſind nun abgedruckt, und ich darf nun auch nicht ſäumen, den dazu gehörigen Sermon nächſtens auszufertigen. Haben Sie denn auch an mich ge⸗ dacht? Mit einem Dutzend Ihrer Bemerkungen und mit Rückſendung der monumenti inediti würden Sie mich in dieſen Tagen ſehr glücklich machen. Die ſchöne Schlittenbahn ſollte Sie zu uns auf den Weg locken. Wenn Sie aber auch jetzt, da alle Ihre Arbeiten im Gange ſind, ſich nicht los machen können, ſo nehmen Sie uns doch die Hoff⸗ nung auf's Frühjahr nicht. Es iſt ein kleines Zimmer für Sie eingerichtet und für Minchen auch ſchon geſorgt. 155 Sagen Sie mir doch auch ein freundliches Wort über unſere jenaiſche Literaturzeitung! Wollen Sie dazu noch ein tadelndes und ein wünſchendes hinzu⸗ fügen, ſo ſoll es mir noch lieber ſein. Iſt es noch dazu gekommen, daß die drei Evan⸗ geliſten ſich Ihrer Auslegung erfreuen? Laſſen Sie mich auch davon etwas erfahren. Weimar, den 2. Mai 1805. Für Ihren lieben Brief, als einen Vorläufer Ihrer baldigen Ankunft, erwidere ich ſogleich meinen beſten Dank. Wenn ich gleich wegen meiner Ge⸗ ſundheit noch immer in einiger Sorge bin, ſo wächſt doch immer die Hoffnung, daß ich über die böſen drei⸗ bis vierwöchentlichen Epochen des Rückfalls hinaus kommen werde. Ich reite täglich, um durch die Bewegung den ganzen Körper dergeſtalt in Kon⸗ tribution zu ſetzen, daß er die fehlenden Kapitel der Einnahme übertragen möge. Winkelmann mit allem Zubehör, und auch Ihre gütigen Beiträge, ſind in Setzershänden, unde nulla 156 redemtio. Es geht mir dabei wie Ihnen, ich weiß kaum ſelbſt recht mehr, was ich geſchrieben habe, und doch mußte ich bei ſo oftmaliger Unterbrechung die Sache ſo oft von vorn wieder aufnehmen, daß ich zuletzt faſt gar nichts mehr davon gewahr wer⸗ den konnte. Noch einen anderen Spaß werden Sie finden, der bei uns aus dem Jammer dieſes Winters ent⸗ ſtanden iſt. Rameau's Neffe, ein Dialog von Diderot, aus dem Manuſtkript überſetzt mit einigen, freilich nur allzuflüchtigen Anmerkungen. Können Sie mir den Montucla auf kurze Zeit borgen, ſo geſchieht mir ein Gefallen. Ich muß zu meiner Beſchämung bekennen, daß wir ihn hier nicht beſitzen. Sprat iſt nach meiner vorläufigen Anſicht ein excellenter Kopf, den man wohl benutzen kann, ohne ihm zu vertrauen. Seine Geſchichte der königlichen Societät ſcheint mir durchaus ein redneriſch zweckmäßiges Produkt, und deſto belehren⸗ der wird es mir ſein, zu vernehmen, was jener an ihm ausſetzt. 157 Ich danke recht herzlich, daß Sie ſich meiner bei Ihrer ausgebreiteten Lektüre erinnern. Thun Sie es ja, und jagen mir manchmal ſo einen Braten in die Küche.. Auguſten hab' ich mit einem Erfurter Kaufmann nach Frankfurt auf die Meſſe geſchickt, damit er ſich auch mit ſolch einem Weſen und Treiben be⸗ kannt mache. Er lebt luſtig und in Freuden, be⸗ ſonders wird vieler Gaſtereien erwähnt. Mein ganzes Haus grüßt zum Schönſten, und ich werde mich ſuchen möglichſt auf den Beinen zu halten, um Ihnen recht froh entgegen zu gehn.——— (Dazu Zettel von Goethe's eigener Hand.) An Ihre Entfernung aus unſern Gegenden mag ich gar nicht denken. Es wäre eins der größten Uebel, die mir widerfahren könnten. Sie bald wiederzuſehen 3 war mir in Schmerzen und Schwach⸗ heit ein ſchöner Troſt, und iſt mir jetzt eine höchſt angenehme Hoffnung für die nächſte Zeit. Was ſoll ich von der Zukunft ſagen?— 158 Lauchſtädt, den 3. Auguſt 1805. Dr. Gall iſt auch in Weimar ſehr wohl auf⸗ genommen worden, und wird wahrſcheinlich von der Mitte dieſes Monats an daſelbſt leſen. Auch iſt ſchon ein Ruf aus Bremen an ihn ergangen. Wenn er nicht ſo geſchwind nach Hauſe eilt, ſo kann er noch ganz Deutſchland erobern. Mit tauſendfachem Lebewohl G. Goethe mündlich über Gall. Von ſeinem Vortrag iſt man im Ganzen wohl zufrieden. Iſt er gleich nicht immer ſtreng logiſch geordnet, und laufen gleich zuweilen entbehrliche excursus mit unter, ſo iſt er doch immer nicht nur unterhaltend, ſondern auch wirklich belehrend. Ich habe den Schlüſſel zu manchen von mir gemachten Beobachtungen gefunden. Auch iſt mir Gall's Or⸗ ganenlehre, ob wir gleich noch nicht an das Detail gekommen ſind, doch ſchon ziemlich klar, und ſcheint mir ſehr annehmlich. Das den Schädel ein wenig emportreibende kleine Partikelchen Hirn thut's frei⸗ 159 lich nicht, ſondern der geſammte Theil des Nerven⸗ ſyſtems, der in jenem Partikelchen ſich endet. Ich ſtelle mir es ſo vor. Wenn wir einen Schädel in den Händen haben, und auf ein an demſelben be⸗ findliches ſogenanntes Organ hinabſehen, ſo blicken wir aus der Höhe auf einen belaubten Wipfel eines Baumes, deſſen Aeſte wir aus unſerem Standpunkt nicht bemerken, und noch weniger den(hier in Rückenmark eingehüllten) Stamm ſehen können. Aber wenn ich aus meinem Fenſter meiner oberſten Etage auf einen tief darunter ſtehenden Baum hin⸗ abſehe, ſo unterſcheide ich gewiß ſehr richtig an der Belaubung des Wipfels, ob der Baum in geſun⸗ dem ſtarkem Trieb ſtehe, oder ob er am Stamm den Brand habe, an der Wurzel von Waſſermäuſern angenagt ſei u. dgl. Selbſt die einzelnen kränkeln⸗ den oder geſunden Aeſte erkenne ich ſo von oben herab ſehr ſicher an der Beſchaffenheit ihrer Belau⸗ bung. Nicht als wenn die Kraft des Baumes von dem üppigen Laube abhinge, ſondern ich dort oben, der ich nicht hinabſteigen und Stamm und Wurzel 160 unterſuchen kann, erkenne nur die kräftige und krän⸗ kelnde Vegetation am Laube des Wipfels.— Lauchſtädt, den 29. Auguſt 1805. Warum ich meinen Geburtstag lieber hier in der Einſamkeit als unter werthen Freunden zu feiern gedachte, war mir ſelbſt ein Räthſel, das ſich aber nunmehr genügſam aufgeklärt, da ich in Plotins Leben folgende Stelle gefunden: quippe cum nequa- quam decere putaret, natalem ejus sacrificiis convi- viisque celebrari.* Hat nun der Geiſt des vortrefflichen Mannes auf den meinen ſchon durch den Schweinsband hin⸗ durch ſolche Einflüſſe ausgeübt, was wird es erſt werden, wenn ich das jetzt aufgeſchlagene und durch⸗ blätterte Werk gründlich ſtudire! Dazu iſt mir aber der griechiſche Texe höchſt nöthig. Denn obgleich der Ueberſetzer ſeinen Autor *Für die im Lateiniſchen ſchwachen Leſer: Weil er es durchaus nicht für ſchicklich hielt, ſeinen Geburtstag mit Opfern und Feſten zu feiern. 161 im Ganzen und Einzelnen recht wohl verſtanden haben mag, ſo ſcheinen doch mehrere Stellen dunkel, entweder aus wirklicher Inkongruenz des Lateiniſchen zum Griechiſchen, oder daß ich deſſen Kongruenz nicht ſo leicht einzuſehen vermag. Darüber würde mich der Text leicht hinausheben. So wie denn auch beſonders nöthig iſt, die oft wiederkehrende, abſtrakte Terminologie in der Urſprache und Urbe⸗ deutung vor ſich zu haben. Von allen dieſen gedenke ich bald nähere Rechen⸗ ſchaft zu geben, wenn Sie die Güte haben wollen, mir das in Händen habende Original auf einige Zeit mitzutheilen. Uebrigens mag es ganz zweck⸗ maäßig ſein, bis die poetiſche Stimmung eintritt, ſich im Reiche der Ideen aufzuhalten. Wie viel ich Ihnen Dank ſchuldig bin, daß Sie mich über Chauſſeen, Bruchdämme und Berg⸗ ſtraßen an ſo mancherlei Gegenſtänden vorbeiführen wollen, fühl' ich jetzt recht lebhaft, da ich das Ver⸗ gangene rekapitulire, und, wie ſehr ſich meine Zu⸗ ſtände verbeſſern, empfinde. Möge Ihnen im Geiſte VI. 11 162 deutlich werden, was ich weder ſchriftlich noch münd⸗ lich ausdrücken kann. G. Für den überſchickten Plotin danke zum ſchön⸗ ſten. Leider fällt ſeine ideale Einheit, auf die er ſo ſehr dringt, mit der realen Einerleiheit zuſammen, an der ich hier gewaltig zu leiden anfange. In Hoffnung, ſelbſt thätig zu ſein, habe ich gar keine Bücher mitgenommen, da ſich aber der Genius, wie ich merke, erwarten läßt, ſo bitte ich um einige unterhaltende Bücher, beſonders um Reiſe⸗ und Lebensbeſchreibungen. Können Sie mir die neulich erwähnte griechiſche Grammatik mitſchicken, ſo geſchieht mir ein beſonderer Gefallen. Je bunter Ihre Sen⸗ dung iſt, deſto beſſer, damit ich nur eine Abwechſe⸗ lung vor mir ſehe, denn die ſechzehn Stunden des Tages haben eine furchtbare Länge. G. Lauchſtädt, den 5. September 1805. Es iſt mir ſchon mehrmalen ſo gegangen, daß ich, wenn ich auswärtig zu lange gezögert hatte, 163 endlich auf einmal über Hals und Kopf nach Haufe berufen wurde. So geht es auch dießmal. Mein kleiner Hausgeiſt iſt angekommen, und mit ſolchen Nachrichten und Aufträgen, daß ich wohl eilen muß, morgen Abend zu Hauſe zu ſein. Nimmt mir dieſer Schritt die Freude Sie wiederzuſehen, ſo überhebt er mich auch eines Abſchiedes, der mir, nach ſo langer genoſſener Nähe und Nachbarſchaft, noch empfindlicher fallen würde, als er mir jetzt in der Einbildungskraft ſchon werden muß. Das viele Gute, das Sie mir erzeigt haben, bleibt mir un⸗ vergeßlich, und für die Geduld, die ſie mit einem Kranken, einem nothdürftig Geneſenden haben kön⸗ nen, bleibe ich Ihnen ewig dankbar. Wo fänden ſich Beweiſe der Freundſchaft und Neigung, wenn es dieſe nicht ſind! 3 Die überſendeten Bücher habe wohl eingepackt bei Richters gegen dem Schauſpielhauſe niederge⸗ legt, wo ſie ja wohl irgend ein Freund abholt. Das Leben Ruhnkens und Wyttenbachs hat mich ſehr unterhalten und um ſo mehr erfreut, als ich meiſtens „ 8 3 164 von Ihnen zu leſen glaubte. Doch will mir Herr Rink nicht ganz gefallen, er ſcheint mir dem Ge⸗ ſchäft nicht völlig gewachſen. Ferner habe ich mich an Robertſons Meiſter⸗ ſchaft, an Veltheims geiſtreichem Dilettantismus er⸗ freut, bin Cemprieren gern im Geiſte nach Marocco gefolgt, indem ich Gott dankte, daß ich dem Leibe nach in Lauchſtädt war, wo es mir jedoch nicht am Beſten ging. Den Verſuch, mich in eine Wüſte zu begeben, werde ich nicht wieder wagen. Das Schema zu meiner Arbeit iſt recht umſtändlich aus⸗ gedacht, zur Ausführung wollte ſich die Quelle nicht eröffnen. Da hab' ich denn geleſen, und dazwiſchen ſehnſüchtig nach Norden und nach Süden geblickt. Das Bad und ſeine Peitſche greift denn auch an, man weiß nicht, welchem Heiligen man ſich widmen ſoll, beſonders da ſie nun auch an meiner Wand zu dreſchen anfangen, welches ich bei aller meiner Freude über die gute Erndte ſehr unbequem finde. Wie ſehr habe ich die Tabakraucher beneidet, die auf ſolche F le gerüſtet ſind! 165 Unter dieſen Vorausſetzungen iſt es für einen Beſuch, den ich hatte, nicht einmal ſehr ſchmeichel⸗ haft, wenn ich ſage: wär' er doch ein Paar Stun⸗ den früher gekommen und hätte länger verweilt! Herr Steffens und ſein Freund ſahen mich auf einen Augenblick. Der junge Dichter gefällt mir von Anſehn recht wohl. Kommt er nicht nach Weimar? Veranlaſſen Sie ihn doch dazu, er ſoll wohl empfangen ſein, und mich mit ſeiner und der däniſchen Poeſie bekannt machen. Er verſprach mir ein Exemplar. Wenn er es nicht ſelbſt bringt, wird es lange todt bei mir liegen. Er iſt ja nah, und er findet manches bei uns, deſſen er ſich der⸗ einſt im fernen Norden gern erinnert. Indeſſen überlegte ich mit meinem kleinen Haus⸗ gefährten, ob wir nicht noch ſchnell zu Ihnen hin⸗ überrutſchen ſollten. Unſre eignen Kräfte aber, und die Kräfte unſrer Thiere berechnend, ſtanden wir ungern von dieſem Vorſatz ab. Wir grüßen beide auf das Lebhafteſte, bitten bald um ein ſchriftliches Wort und laſſen nächſtens von uns hören. G. 166 Weimar, den 5. Januar 1806. Herr Jagemann hat uns zum Eintritt des Jahres eine gar große Freude gemacht, daß er Sie uns ſo ſchön vergegenwärtigte. Bild und Brief ſind ihm durch den freundlichen Empfang erwiedert worden. Haben Sie vielen Dank, daß Sie den guten Künſtler ſo liebreich aufgenommen. Meine ſchönen Lauchſtädter Vorſätze ſind freilich ſehr in's Stocken und Stecken gerathen, woran der muſikaliſche Freund wohl die größte Schuld hat. Ich habe die Glocke hier noch nicht einmal aufge⸗ führt, geſchweige jenes beſprochen. Vielleicht gelingt es für Lauchſtädt: denn es iſt wohl billig, das An⸗ denken eines ſolchen Freundes mehr als einmal zu feiern. Wenn die lieben Preußen uns gleich nicht die willkommenſten Gäſte ſind, weil wir dieſen Winter auch ohne ſie ein theures Leben gehabt hätten, ſo muß ich uns doch tröſten, wenn wir vernehmen, daß im Königreiche ſelbſt Kirch' und Altar nicht geſchont wird. Indeſſen haben wir alle Urſache, 167 das Regiment Opſtien zu loben, das bei uns im Winterquartiere liegt. Man ſucht von beiden Sei⸗ ten, die Unbequemlichkeit ſo gering als möglich zu machen. G. Jena, den 31. Auguſt 1806. Da es oft ſo große Pauſen der brieflichen Unter⸗ haltung geben kann, ſo will ich geſchwind auf Ihr werthes Schreiben vom 28. Auguſt aus meiner Jenaiſchen Muße einiges erwiedern. Ich würde mich hier noch länger aufhalten, wenn ich nicht in einigen Tagen, um des von Ihnen ſo ſehr verſchmähten Theaters willen, nach Weimar müßte. Ein Paar Fahrten hätten Sie wohl, verehrter Freund, zur Auf⸗ munterung dieſer guten Leute thun können, welche nun ſämmtlich die Flügel hängen, und ſich noch für viel moderner halten, als ſie vielleicht ſind, weil der große Alterthumsforſcher mit ihnen nichts zu thun haben will. Von wenig Perſonen, aber von manchen neuen und wunderlichen Büchern bin ich in meinem hie⸗ 168 ſigen Malepartus heimgeſucht worden, unter andern trat, wie ein Sirius unter den kleinen Geſtirnen, Herr Steffens hervor und funkelte mit kometartigen Strahlen. Von ſeinem Buche habe ich freilich ſchon früher einige Blätter wehen und rauſchen hören, als ich hinter der bewußten Thüre horchend ſaß. Mag's aber ſein, daß der Dreifuß, auf welchem er ſich damals niedergelaſſen hatte, ihm etwas mehr Klar⸗ heit einflößte, oder daß man dem perſönlichen In⸗ dividuum ſeine Individualität eher verzeiht, als wenn ſie in ein Buch gekrochen iſt, oder daß dergleichen heilige Laute unter der Hand des Setzers gar nicht erſtarren ſollten; genug das Büchlein hat zwar an ſeiner Vorrede einen honigſüßen Rand, an ſeinem Inhalt aber würgen wir andern Laien gewaltig. Gebe nur Gott, daß es hinterdrein wohl bekomme. Vielleicht geht es damit, wie mit den Brunnenkuren, an denen die Nachkur das Beſte ſein ſoll. D. h. doch wohl, daß man ſich dann erſt wieder geſund befindet, wenn man ſie völlig aus dem Leibe hat. 8 169 Sonſt wüßte ich von allerlei kleinen Aquiſitionen zu erzählen; aber das Steinreich, das man durch's Evangelium der äußern Kennzeichen ſo glücklich auf der Briefpoſt mittheilen kann, intereſſirt Sie nicht, und das Kunſtgebilde läßt ſich leider nicht wörtlich mittheilen. Eine ſchöne gleichzeitige Medaille auf Arioſt habe ich erhalten. Er zeigt eine ſehr ſchöne, freie und glückliche Bildung. Wie zart, ja man möchte ſagen, wie ſchwach er aber iſt, ſieht man nicht eher, als bis man ihm einen Tyrannen gegen⸗ über legt. Zufällig fand er ſich in meinen Käſtchen neben einem Domitian, und die beiden Geſichter beſahen ſich einanden wie über die Kluft von meh⸗ reren Jahrhunderten. Für alles Freundliche, was Sie den Meinigen erzeigt haben, danke ich zum Schönſten. Würde die Zeit vor Winters nicht ſo knapp, ſo wäre ich gewiß gekommen Sie zu beſuchen, aber ich ſehe im ganzen September wenig Ruhe vor mir. Es will manches Vergangene nachgebracht und gar Manches eingerichtet ſein. Das beſte Wohlergehen Ihnen 170 und was Ihnen zunächſt wohnt. Mögen doch die militäriſchen Bewegungen uns durch ihre Andeutung hinreichende Sicherheit geben. Bis jetzt wenigſtens ſcheint es, daß der Norden politiſch erſtarren und nicht in die ſüdliche Lava mit einſchmelzen werde. Ein vielfaches Lebewohl. G. Weimar, den 3. November 1806. Ihr Brief von Leipzig, mein Wertheſter, hat uns die größte Freude erregt, und eine faſt uner⸗ trägliche Sehnſucht geſtillt. Bei Ihnen, bei der guten Loder, auf dem Berge und ſelbſt auf Reils Gipfel iſt unſre Einbildungskraft gegenwärtig gewe⸗ ſen, immer aber in der peinlichen Lage, ſich nichts Beſtimmtes ausbilden zu können. Sein Sie daher, nach dieſer Ueberſchwemmung, auf dem Halbtrocknen gegrüßt, und laſſen Sie uns die alten Bande der Freundſchaft und Vertraulichkeit nur immer feſter zuſammenziehen. Wir haben die erſten Stunden und Tage in einem Taumel verlebt, ſo daß wir die Gefahr ſelbſt beinahe da erſt gewahr wurden, als 171 ſie faſt ſchon vorübergegangen war. Ich habe erſt den General Victor, dann die Marſchälle Lannes und Augereau im Hauſe gehabt, mit Adjutantur und Gefolge. Für vierzig Perſonen Betten mußten in einer Nacht bereitet ſein und unſer Tiſchzeug ward als Leinlacken aufgedeckt. Was daran alles hängt, können Sie ſich leicht denken. Indeſſen iſt unſer Haus dadurch erhalten worden, und ob wir gleich Manches geſpendet und ausgetheilt haben, ſo können wir wohl von Verluſt, aber nicht von Schaden ſpre⸗ chen. So viel für heute mit den beſten Grüßen an Minchen und auch an Berger, für deſſen Blätt⸗ chen wir danken. Meine kleine Frau, Auguſt und Riemer grüßen ſchönſtens. Ein tauſendfach Lebewohl mit Bitte um baldige fernere Nachrichten. (von Goethe eigenhändig.) Wie ſieht es in Giebichenſtein aus? Iſt jemand von der Familie daſelbſt? * 172 Weimar, den 28. November 1806. Warum kann ich nicht ſogleich, verehrter Freund, da ich Ihren lieben Brief erhalte, mich wie jene Swedenborgſchen Geiſter, die ſich manchmal die Er⸗ laubniß ausbaten, in die Sinneswerkzeuge ihres Meiſters hineinzuſteigen und durch deren Vermitt⸗ lung die Welt zu ſehen, mich auf kurze Zeit in Ihr Weſen verſenken und demſelben die beruhigenden Anſichten und Gefühle mittheilen, die mir die Be⸗ trachtung Ihrer Natur einflößt? Wie glücklich ſind Sie in dieſem Augenblick vor Tauſenden, da Sie ſo viel Reichthum in und bei ſich ſelbſt finden, nicht nur des Geiſtes und des Gemüths, ſondern auch der großen Vorarbeitung zu ſo mancherlei Dingen, die Ihnen doch auch ganz eigen angehören! Wäre ich alſo auf jene magiſche Weiſe in Ihr Ich ein⸗ gedrungen, ſo würde ich es bewegen, ſeine Reich⸗ thümer zu überſchlagen, ſeine Kraft gewahr zu wer⸗ den und zu irgend einem literariſchen Unternehmen, wäre es auch nur für die erſte Zeit, ſogleich zu greifen. Sie haben die Leichtigkeit, ſich mitzutheilen, 175 es ſei mündlich oder ſchriftlich. Jene erſtere Art hatte bisher einen größern Reiz für Sie, und mit Recht. Denn bei der Gegenwirkung des Zuhörers gelangt man eher zu einer geiſtreichen Stimmung, als in der Gegenwart des geduldigen Papiers. Auch i*ſt die beſte Vorleſung oft ein glückliches Impromptü, eben weil der Mund kühner iſt, als die Feder. Aber es tritt eine andre Betrachtung ein. Die ſchriftliche Mittheilung hat das große Verdienſt, daß ſie weiter und länger wirkt, als die mündliche, und daß der Leſer ſchon mehr Schwierigkeiten findet, das Ge⸗ ſchriebene nach ſeinem Mode umzubilden, als der Zuhörer das Geſagte. Da Ihnen nun jetzt, mein Wertheſter, die eine Art der Mittheilung, vielleicht nur auf kurze Zeit, verſagt iſt, warum wollen Sie nicht ſogleich die andre ergreifen, zu der Sie ein eben ſo großes Talent und einen beinahe reichern Stoff haben? Es iſt wahr, und ich ſehe es wohl ein, daß Sie in Ihrer Weiſe zu leben und zu wirken eine Veränderung machen müßten, allein was hat ſich nicht alles verändert! —-— 174 und glücklich der, der, indem die Welt ſich umdreht, ſich auch um ſeine Angel drehen kann. Neue Be⸗ trachtungen treten ein, wir leben unter neuen Be⸗ dingungen, und alſo iſt es auch wohl natürlich, daß wir uns, wenigſtens einigermaßen, nur bedingen laſſen. Sie ſind bisher nur gewohnt, Werke her⸗ auszugeben, und die ſtrengſten Forderungen an das⸗ jenige zu machen, was Sie dem Druck überliefern. Faſſen Sie nun den Entſchluß, Schriften zu ſchrei⸗ ben, und dieſe werden immer noch werkhafter ſein, als manches Andere. Warum wollen Sie nicht gleich Archäologie vornehmen und ſie als einen compenda⸗ riſchen Entwurf herausgeben? Behandeln Sie ihn nachher immer wieder als Concept, geben Sie ihn nach ein Paar Jahren umgeſchrieben heraus. In⸗ deſſen hat er gewirkt, und dieſe Wirkung erleichtert die Nacharbeit. Nehmen Sie, damit es Ihnen an Reiz nicht fehle, mehrere Arbeiten auf einmal vor, und laſſen Sie anfangen zu drucken, ehe Sie ſich noch recht entſchloſſen haben. Die Welt und Nach⸗ welt kann ſich alsdann Glück wünſchen, daß aus 175 dem Unheil ein ſolches Wohl entſtanden iſt: denn es hat mich doch mehr als einmal verdroſſen, wenn ſo köſtliche Worte an den Wänden des Hörſaals ver⸗ hallten. Auf dieſe Weiſe können Sie den Winter mit ſich ſelbſt bleiben, welches das Beſte iſt was man jetzt thun kann. Denn wo man hinſieht und hin⸗ tritt, ſieht es wild und verworren ausz. und das allgemeine Uebel zerſpaltet ſich doch eigentlich nur in unzählig einzelne Mährchen, davon ewige Wieder⸗ holung die Einbildungskraft mit häßlichen und un⸗ ruhigen Bildern erfüllt, und zuletzt ſelbſt geſetzte Gemüther ergreift. Haben wir ein halbes Jahr hin, ſo ſieht man eher, was ſich herſtellt, oder was verloren iſt, ob man an ſeiner Stelle bleiben kann, oder ob man wandern muß, und das Lettte ſollte man gewiß nur im äußerſten Nothfall ergreifen. Denn der Boden ſchwankt überall, und im Sturm i*ſt es ziemlich gleich, auf welchem Schiff der Flotte man ſich befindet. So viel über die wichtige Frage, vielleicht ſchon zuviel. Ich ſpreche freilich nur nach meiner Denk⸗ 176 weiſe, die ich Ihnen wohl überliefern, aber nicht mittheilen kann. Indeſſen handle ich ſelbſt nach dieſer Lehre. An dem Farbenweſen wird ziemlich raſch fortgedruckt. Einen Entwurf der Morphologie gedenk' ich auch bald unter die Preſſe zu bringen, und meine Träume über Bildung und Umbildung organiſcher Weſen wenigſtens einigermaßen in Wor⸗ ten zu fixiren. An den Aushängebogen von Tübin⸗ gen her ſehe ich auch, daß die erſte Lieferung meiner äſthetiſchen Arbeiten bald hervortreten wird, und ſo muß man denn, in Erwartung beſſerer Zeiten, die gegenwärtigen nutzen und vertreiben, ſo gut man kann. Tauſend Lebewohl mit lebhaftem Wunſch eines baldigen Wiederſehens und längeren Zuſammenſeins, als leider das letzte antidiluvianiſche war. G. Jena,—— 1807. Wenn Sie, verehrter Freund, ſelbſt Ihrer Arbeit einige Gerechtigkeit widerfahren laſſen, wenn Sie 177 ſich erinnern, wie ſehr wir gerade dieſe Bemühungen von Ihnen erbeten, wenn Sie ſich unſere Zuſtände und Denkweiſen recht vergegenwärtigen: ſo können Sie ſich ſelbſt ſagen, wie viel Freude Sie uns burch Ihre Zuſendung machten. Wir haben das Heft geleſen und wieder geleſen und werden einzelne Seiten deſſelben zum Text vielfacher Unterhaltungen legen. Ich ſage wir, weil wir grade in Jena uns in Ge⸗ ſellſchaft von mehreren theilnehmenden Freunden be⸗ finden. Ein beiliegendes Blättchen von Knebel drückt einigermaßen ſeine dankbaren Geſinnungen aus. Wir ſtehen alle zuſammen mit Staunen und mit Be⸗ wunderung vor der weiten Gegend, von der Sie uns den Vorhang wegziehen, und wünſchen ſie nach und nach an Ihrer Hand zu durchreiſen. Mit einer ſtolzen Demuth habe ich meinen Namen an einem ſo ehrenvollen Platze gefunden, und mit herzlicher Freude gedankt, daß Sie mich glauben laſſen, ich habe durch meine früheren Anregungen und Zudring⸗ lichkeiten ein ſo verdienſtliches Werk mit fördern helfen. VI. 12 178 Ich bin ſchon über vier Wochen in Jena, und da ich hier immer einſam lebte, ſo finde ich es nicht einſamer als ſonſt. Ich hatte mir Manches zu ar⸗ beiten vorgeſetzt, daraus nichts geworden iſt, und Manches gethan, woran ich nicht gedacht hatte, d. h. alſo ganz eigentlich, das Leben leben. Werner, der Thalſohn, iſt bald vierzehn Tage hier. Seine Perſönlichkeit hat uns in ſeine Schrif⸗ ten eingeführt. Durch ſeinen Vortrag, ſeine Er⸗ klärungen und Erläuterungen iſt manches ausgeglichen worden, was uns ſchwarz auf weiß gar ſchroff ent⸗ gegenſtand. Es iſt in jedem Sinne eine merkwür⸗ dige Natur und ein ſchönes Talent. Uebrigens läßt ſich auch bei dieſem Falle ſehen, daß der Autor, wenn er einigermaßen vom Geiſte begünſtigt iſt, ſeine Sachen ſelbſt bringen und reproduciren ſolle. Er wird in dieſen Tagen mit mir zurück nach Wei⸗ mar gehen. Durch ſeine Unterhaltungen ſind wir auf die angenehmſte Weiſe den kürzeſten Tagen näher gekommen. 179 Weimar, den 28. September 1811. Was ich treibe, iſt immer ein offenbares Ge⸗ heimniß. Es freut mich, daß meine Farbenlehre als Zankapfel die gute Wirkung thut. Meine Geg⸗ ner ſchmatzen daran herum wie Karpfen an einem großen Apfel, den man ihnen in den Teich wirft. Dieſe Herren mögen ſich gebärden, wie ſie wollen, ſo bringen ſie dieſes Buch wenigſtens nicht aus der Geſchichte der Phyſik heraus. Mehr verlang' ich nicht; es mag übrigens jetzt oder künftig wirken, was es kann. Zu Michaelis werden Sie mich auf einem wun⸗ derlichen Unternehmen ertappen. Ich ſage davon weiter nichts, als daß ich's der Zeit ganz gemäß halte, das Faß, in dem man gewohnt, auf⸗ und abzurollen, damit man nicht müßig zu ſein ſcheine. Der Auszug, welchen ich durch ein ganzes Päck⸗ chen Briefe im Galopp zurückgelegt habe, iſt hier beendigt. Zürne nicht, blaſſe Schneidermamſell, 180 welche Du auch Reiſenovellen ſtudireſt, daß ich Dein Novellenintereſſe ſo lange aufgehalten; wenn Du Goethe nicht liebſt, überſchlage auch den Reſt dieſes Kapitels, ſpäter reiſen wir wieder luſtig.— — Es wird Vielen bekannt ſein, daß dies präch⸗ tige Verhätniß zwiſchen Goethe und Wolf geſtört und zerſtört worden iſt. Wenn die Tageswelt zwei große Menſchen einig ſieht, ſo kuppelt ſie eben ſo gern Feindſchaft, wie ſie zwiſchen mittelmäßigem Volke gern Heurathen ſchürzt. Wolf, dieſe beiſpiel⸗ loſe unbefangene Geradheit und Friſche in der Phi⸗ lologenwelt, war leicht zu verlaumden, in falſches Licht zu ſtellen; der Schatten warf ſich dann auch zwiſchen dieſe beiden Männer, und die Correſpondenz hörte auf. Ich glaube nicht, daß über das Jahr 1815 hinaus noch Briefe gewechſelt worden ſind, und Wolf ſtarb erſt am 8. Auguſt 1824 zu Marſeille, wohin er von Berlin gereiſ't war. Ich gehe nun zu einigen Unterredungen mit Goethe über. Sie ſtammen aus verſchiedener Quelle, am wenigſten aber daher, woraus im Vorhergehenden — 4 3 181 die mündliche Mittheilung über Gall gefloſſen iſt. Es war auch dabei viel zu ſondern. Die Leute erzäh⸗ len gern eitel Schlagendes, und verändern und übertreiben ohne böſe Abſicht, ſie wollen ſelbſt ein Stückchen dramatiſchen Dichters dabei vorſtellen. Der eigentliche Dichter aber unterhält ſich doch nicht mit jedem Beſuche dergeſtaltz, daß etwas ge⸗ druckt werden könne; er betrachtet ſich nicht bei jeder Promenade, auf jeder Poſtſtation wie eine Zeitungsfigur. Darum ſind alle nicht officiellen Aeußerungen großer Leute immer mehr werth, ſie ſind ein wirklicher Theil des Ganzen, ſie geben Wahrheit, auch wenn ſie ſcheinbar ganz Unbedeu⸗ tendes geben; Kernausſprüche, welche der Beſuchte von ſich giebt, damit der Beſuch eine Ausbeute habe, ſind ſehr bedenklich. Dabei tritt der Spre⸗ cher aus der eigenen Haut, und belügt ſich zur Hälfte ſelbſt. Aus dieſem Grunde verſchweige ich größtentheils die Mittheilungen einer lebhaften Dame, welche reich an ſchlagendem Ausdrucke ſind, ich fürchte, 182 die Dame intereſſirt ſich dabei viel weniger für Göthe, als für die Erzählung von ihm. Man hat viel davon geſprochen, daß die Weimar'ſchen Klaſ⸗ ſiker keinen Witz gehabt, eine Art humoriſtiſcher Laune war allerdings in Göthe, ſie gehörte nur nicht in die Form, welche er ſich für die Oeffent⸗ lichkeit geſchaffen hatte; verhauchte ſich höchſtens einmal in ein kleines Gedicht, in eine Bemerkung. Um ſo ſtolzer iſt jene Dame, auch einen Göthe⸗ ſchen Witz zu kennen: Sie iſt ihm einmal in Dresden wieder begegnet, und hat ihn ſo lange zur Rede geſtellt über den ſchlechten Hut, welchen er trage, bis er verſpricht, einen neuen zu kaufen. Als ſie ihn wieder ſpricht, hat er doch wieder den ſchlechten Hut— aber Herr von Göthe— es iſt nicht meine Schuld, gnädiges Fräulein, erwidert er, ich habe herumgeſucht, aber es paßte mir kei⸗ ner, man iſt in Dresden nicht auf große Köpfe eingerichtet. Beſonders bei Hofe, ſagt ſie, ſei der Herr Ge⸗ heimderath gewöhnlich ſehr mauſſade geweſen, ſehr 183 zugeknöpft. Einmal habe ſie eine große Geſellſchaft auf ihn zum Abende eingeladen. Er kommt, iſt aber ſehr ſchweigſam und unergiebig; ſie fragt ihn, er lacht und verſichert, ſo viel gegeſſen zu haben, daß er zu keiner redenswerthen Unterhaltung was tauge. Aber, mein Gott, die Leute ſind auf Sie gebe⸗ ten, was ſollen die in der Ferne erzählen? Sie müſſen durchaus reden,'s wird immer gut genug ſein. Er lacht wieder und beſtellt eine Flaſche Waſ⸗ ſer beim Bedienten. Die hat er denn genoſſen, und hat ſich dann vortrefflich aufgeführt. Wichtiger iſt ein Geſpräch über die Wahlver⸗ wandſchaften: Ich kann dieſes Buch durchaus nicht billigen, Herr von Göthe, es iſt wirklich unmoraliſch, und ich empfehle es keinem Frauenzimmer. Darauf hat Göthe eine Weile ganz ernſthaft geſchwiegen, und endlich mit vieler Innigkeit geſagt: Das thut mir leid, es iſt doch mein beſtes Buch. Glauben Sie nicht, daß es die Grille eines alten 184 Mannes iſt, ja, man liebt das Kind am meiſten, welches aus der letzten Ehe, aus der ſpäteſten Zeit unſerer Zeugungskraft ſtammt. Aber Sie thun mir und dem Buche Unrecht; das Geſetz in dem Buche iſt wahr, das Buch iſt nicht unmoraliſch, Sie müſſen es nur vom größeren Geſichtspunkte betrach⸗ ten, der gewöhnliche moraliſche Maaßſtab kann bei ſolchem Verhältniſſe ſehr unmoraliſch auftreten.— — Verlaſſen wir nun aber die Dame, welche draſtiſch mittheilt, und halten wir uns an einen Mann, der mehr denn einmal in ausführlichen und intimen Geſprächen mit Göthe verkehrt hatte. Einige Stücke vom Tagebuche deſſelben liegen zur Mittheilung vor, ich gebe ſie wörtlich und ohne Zuſatz. Die Geſpräche ſind nicht immer ausgeführt, oft ſind nur die Themata mit einzelnen Worten angedeutet: „Patriotismus— Sinn dafür— Individuali⸗ tät— doch ſo ſehr deutſch— Die Ehe— die drei Weiber im Meiſter, welche gar nicht dafür taugen.— 185 Göthe: es war nie meine Art, gegen Inſtitute zu eifern, das ſchien mir ſtets Ueberhebung, und es mag ſein, daß ich zu früh höflich wurde, kurz, es war nicht meine Art, ich habe deshalb immer nur ein entferntes Ende der Stange leiſe berührt. G. Sie fragen, ob ich mit ausgebildeter Ab⸗ ſicht—? ich desavouire mich nicht gerne ganz— mit ausgebildeter Abſicht? Nein— ohne ſieꝛ Nein. Ich habe nie mehr gewollt, als anregen; wenn der Schriftſteller mehr will, ſo kommen die Sachen an die Regierungskanzlei, und er verliert nicht nur die Aepfel, ſondern den Korb dazu. G. Ob die Wahlverwandſchaften wahr ſind, ob ſie auf Thatſächlichem beruhen? Jede Dichtung, die nicht übertreibt, iſt wahr, und Alles, was einen dauernden, tiefen Eindruck macht, iſt nicht über⸗ trieben. Uebrigens ſoll es den Menſchen gleichgül⸗ tig ſein, der bloßen Neugierde muß man nicht Rede ſtehen. Das Benutzen der Erlebniſſe iſt mir immer Alles geweſen, das Erfinde, aus der Luft war nie 186 meine Sache, ich habe die Welt ſtets für genialer gehalten als mein Genie. G. Die Romantik? Wer ſich befähigt und beru⸗ fen fühlt, der möge das Ungewöhnliche erfinden und ungewöhnlich färben, es wird Manchen heraus⸗ heben aus ſeinem gedrückten Zuſtande. Nur ver⸗ binde ſich nicht die Prätenſion mit dieſer Willkühr, die freie Kunſt darf nie an Andere Prätenſionen machen— darin lag das Fehlerhafte der ſogenann⸗ ten Romantiker, beſonders Tieck's, der für roman⸗ tiſche Poſſen eine Anſtellung bei der Nation haben möchte. Wir ſind der Nation gegenüber alle Dilet⸗ tanten, die kein Entréegeld verlangen dürfen. Dies Unromantiſche der Romantik hat ſie ſehr zurück⸗ gebracht.— G. In Carlsbad hat einmal Einer von mir geſagt, ich ſei ein geſetzter Dichter; er wollte damit ausdrücken, ich bliebe beim Dichten doch nebenher ein bürgerlich vernünftiger Mann— der Eine hielt das für Lob, der Andere für Tadel; ich kann nichts 187 darüber ſagen, denn es iſt dies eben mein Ich, worüber Andern das Urtheil zuſteht. Wenn ich für mich nicht Recht zu haben dächte, ſo wäre ich anders, wenigſtens ein Wenig anders, denn ſeine Urſprünglichkeit ändert Jedermann ſehr wenig. G. Ob ich Viel auf Aenderung ausgegangen ſei? Nein, nur auf Bildung. Jede Farbe kann zu einer gefälligen Darſtellung gebildet werden; ich bin niemals roth geweſen wie Lord Byron, mein Kolorit von Hauſe aus war immer ſanfterer Art, etwa ein artiges Blau; ich hätte mich zerſtört, wäre mir das Beſtreben geworden, durchaus roth zu ſein. G. Ob ich nicht zu weit gegangen ſei mit der Art, mich zurückzuziehn, mit der abweiſenden Lebens⸗ art, was man in einer Art auch Bildung nennen dürfe? Ob ich nicht eben dadurch Manches verletzt, oder gar zerſtört habe? Das kann wohl ſein; wo es ſo viel Unzureichendes giebt, wie in dieſer Welt, wird nichts ohne Opfer erreicht, man hat nur die Wahl zwiſchen großen und kleinen. Ich that nur, wie ich konnte, und da ich immer ſah, daß die 188 geringſten Erfolge und die größten Nachtheile da entſtanden, wo der Menſch ſich ſelbſt überbot und verlor, ſo drängte ich oft gewaltſam Alles darauf hin, mich ſelbſt vor dem tauſendfachen Zudrange der Welt und deren Anmuthung zu retten. Da ich nun einmal zur ganzen Nation ſprach, ſo hoffte ich dadurch im Ganzen mehr zu retten, als wenn ich dem Einzelnen ſtets zu Willen geweſen wäre. Jede Bildung iſt ein Gefängniß, an deſſen Eiſen⸗ gitter Vorübergehende Aergerniß nehmen, an deſſen Mauern ſie ſich ſtoßen können; der ſich Bildende, darin Eingeſperrte, ſtößt ſich ſelbſt, aber das Reſul⸗ tat iſt eine wirklich gewonnene Freiheit. Bei einem gewiſſenhaften Schriftſteller der Nation leiden die nächſten Umgebungen am meiſten, ſie leiden für den etwaigen Gewinn der Nation, man opfert auch hier das Kleinere für das Größere. Ich habe oft den Privatmann beneidet, daß er ſeinen Umgebun⸗ gen alle Opfer, alle Hingebung widmen kann, daß er ſeine Bildung ſtündlich zeigen darf; er ſieht den Lohn nahe, er wird immer ſchnell bezahlt, wenn ——— 189 auch nur durch ſich ſelbſt. Ich habe die Größe mit Mühe erlernet, die Größe, in weiten National⸗ oder Epochenkreiſen das Genüge für meine Wirk⸗ ſamkeit zu ſuchen, oft in Symptomen zu erkennen, wo der nächſte Freund mir die Zurechnung verſagt, ſie für Eitelkeit ausgegeben hatte. G. Allerdings gehören meine Briefe in dieſen Gedankenkreis. Wolf hat mir's vorgeworfen, Schil⸗ ler, daß ich ſie karg abſpeiſ'te. Wer ſich in Briefe hingeben will— der Glückliche— der giebt die Sammlung auf, welche dem Nationalſchriftſteller nöthig iſt. Das Wort an den Einzelnen mag erleich⸗ tern und ſchön ſein, aber der Nachdruck, wenn es ſtill in uns ausgetragen iſt wie das Kind der Mut⸗ ter, die Peripherie deſſelben, die es am öffentlichen Orte gewinnen kann, geht verloren.. G. Sie werfen mir den Schluß des Meiſter vor, nennen die Einhüllung in den geheimen Bund und das dahin Gehörige wohlfeil und einen Mangel der Löſung im vollen Sonnenſcheine. Lieber Freund, erſt haben Sie ein Hochwichtiges darin gefunden, 190 daß eitel Mesalliancen zum Vorſchein kommen und die mittlere Welt ſich in die höhere eindränge, und nun vermiſſen Sie für ein ſolches Buch den vollen Sonnenſchein. Ein ſolcher hätte erſchreckend belei⸗ digt, die Seele des Buchs aber iſt eine höfliche Andeutung, mehr lag nicht in meinem Charakter und in meiner Fähigkeit, und das Zuſammengehn dieſer beiden macht allein eine wohlthätige Roman⸗ erſcheinung. Ueberbietet man Eins oder das Andere, ſo entſteht die Gewaltſamkeit, und der poetiſche Ein⸗ druck wird durch die Entrüſtung zerſtört, welche dadurch bei einer großen Klaſſe von Leſern hervorge⸗ rufen wird. Darin verſehen es dieſe begabten jungen Franzoſen, und es überhebt ſich ihrer deshalb ſogar unſer unſchöpferiſcher Pedant. Wünſchen darf man zu einem Buche, aber man muß nicht zum Weg⸗ wünſchen genöthigt ſein, aus welchem Wort das Verwünſchen entſtanden iſt. Der Roman ſoll erſchei⸗ nen, wie die Landſchaft erſcheint, ohne Leidenſchaft, auch in jener verbergen ſich dunkle Partien. Daß man für jenen geheimnißvollen Bund etwas Leich⸗ 191 teres, Gefälligeres, oder, wie Sie ſich ausdrückten, Natürlicheres habe erfinden können, glaube ich wohl; es lag eben nichts Solches in meiner ſchaffenden Kraft zur Hand, es bot ſich mir Jenes, und dem Schöpfer einer ſo breiten Welt muß man zutraun, daß er, alle Rückſichten erwägend, paſſender wählt, als der beſuchende Leſer. Freilich ſieht der Leſer oft glücklicher, er iſt frei, betrachtet ein Bild unbe⸗ fangen; aber Freund, wenn man ſich darauf ein⸗ laſſen will, ſo wird am Ende alle Neigung, aller Muth zum Hervorbringen verleidet. Haben wir eine eigne Welt gemacht, ſo muß es uns doch auch für's Erſte zuſtehn, die Geſetze darin zu machen; wer ſo viel Anderes über ein Buch weiß, der ſollte ſich nicht über dem Buch ausgeben, ſondern ſelbſt ein anderes ſchreiben. Die eigenſinnig fordernde Kritik hab' ich mir ſtets vom Leibe gehalten; wer mich nicht mag, dem kann ich nichts geben, mit dem iſt es bald ein klares Verhältniß; wer mich aber durchaus anders will als ich bin, der verſucht es, mich unter freund⸗ lichen Worten zu erwürgen, der iſt mein ſchlimm⸗ 192 ſter Feind, weil er ſpricht, als ob er mein Freund wäre. Und dieſe weichliche Freundesfeindſchaft quält manchen armen Autor bei uns zu Tode. Ein ähn⸗ liches Verhältniß ward es zwiſchen mir und den Herren von Schlegel ſammt deren Kreuzfahrerheere, ſie ſpannen mich ein mit Lob und Litanei, die mir nicht zukamen, und mit freundlicher Bußauflegung, die mie ebenfalls nicht zukam; ſie wollten mich mir ſelbſt entwenden, ich wäre in dieſer lobeſamen Kritik erſtickt, hätte ich nicht plötzlich beide Arme gebraucht. — Endlich aber, um dies Thema zu erledigen, war damals die Zeit der geheimen Bündniſſe, Alles war darauf geſtellt, ſo gerieth es Einem denn auch wohl in den Roman, als etwas, was ganz in Her⸗ kommen und Ordnung ſei.“ IV. Süddeutſchland. —.,— VI. 13 Morto: Farbenfröhlich, mannigfaltig, Erbe von dem deutſchen Reich, Erbe freilich zwanzigfaltig, Aber Erbe doch und reich. 27. Bis Frankfurt. Wo iſt Süddeutſchland, wo fängt es an, wo hört es auf? Die Naturforſcher ſollten's doch wiſſen, wozu forſchen ſie ſonſt! und ſie wiſſen's auch nicht. Ein Jahr ſoll'n ihre Verſammlungen in Nord⸗ das andre Jahr in Süddeutſchland ſein, und das macht ihnen alljährlich große Schwierigkeit. So kam man auf die feine Frage: wohin gehört Bonn? der Rhein klingt doch ſo ſüddeutſch, und Naſſau iſt ſo nahe, und doch liegt's faſt mit Weimar, Dresden und Breslau unter einem Breitengrade.'s iſt ein ſchlim⸗ mer neutraler Punkt— der Niederrhein ſei Nord⸗ deutſchland; ja, aber an welchem Baume beginnt 196 der Niederrhein? Die Nüancirung als abweichende vom eigentlich ſüdlichen Deutſchland iſt gar nicht zu verkennen; die alten Sachſenlager, der Haupt⸗ ſtock alles Norddeutſchen, ziehen ſich am Nieder⸗ rhein hinauf; jetzt ſondert ſich ein Dichterkreis, ein Niederrheiniſcher in ſcharfer Färbung ab, der nur etwas von dem weicheren ſüddeutſchen Elemente, und ſehr viel von der weitgreifenden norddeutſchen Entſchloſſenheit in ſich trägt. Gedenken wir der Jugendzeit Heine's in Düſſeldorf, welche das Lied in ſeine Bruſt gepflanzt hat, ſo kann er für einen Fürſten dieſes Kreiſes gelten; Freiligrath, der kühn ſchweifende, iſt ein aktueller Heerführer deſſelben, Reinick, Hub, Schnezler, Landfehrmann, Simrock, Geib ꝛc. fechten rüſtig ſingend, der wilde Grabbe, Freiligrath's Freund, grenzt hieran, und die aus dem Norden eingewanderten und in Düſſeldorf ein⸗ gebürgerten Immermann und Uechtritz können dem Kreiſe beigezählt werden, wenn auch ihre Entfaltung weniger lokal und rheinländiſch iſt, und ſie vielmehr wie Grabbe dem Allgemeinen zugewendet ſind. Soll — — 197 die Düſſeldorfer Malerſchule mit ihren poetiſchen Talenten auch dieſem Landeskreiſe vindicirt ſein, ſo wächſ't eine ſtattliche Tafelrunde am Niederrheine auf, welche eine vermittelnde Gemeinſchaft zwiſchen Nord- und Süddeutſchland ausmacht, von reſpek⸗ tabelſter Erſcheinung. Ein meklenburgiſcher Edelmann, der mit ſeinen Frölen Töchtern auf Reiſen ging, führte ſelbige bis an's Thor von Nürnberg, dort ſteckt ein großer Nagel.— Nun ſeht, ſprach er, hier fängt Süd⸗ deutſchland an, und laßt mich jetzt mit Fragen in Ruhe. Kurzweg und im engeren Sinne verſteht man das alte Franken und Schwaben unter dem Worte Süddeutſchland, was man in Schleſien und Sachſen nennt„draußen im Reiche“. Wenn der junge Bäckermeiſter das Aeußerſte einer verwegenen Reiſe bezeichnen will, ſo bringt er einen Ulmer Pfeifen⸗ kopf hervor, und ſagt: den hab ich draußen aus dem Reiche mitgebracht. Dieſe Hauptunterſcheidungen von Franken und Schwaben, von Süden und Norden ſind ſo viel 198 tiefer gehend und ſchildernder, daß ſie von den klei⸗ nen Herrſchaftsbenennungen, von Naſſau oder Heſſen bei Rhein nie unterdrückt werden. Nächſt dem ſüdlichen Niederrheine iſt Schleſien ſtets in Verlegenheit, ob es zu Ober⸗ oder Nieder⸗ deutſchland zu zählen ſei; ſein ſogenanntes Ober⸗ italien reicht ſüdlich bis über den Grad hinaus, unter welchem Mainz liegt, ſeine frühere, alte Ver⸗ einigung mit Oeſterreich, die ihren Antheil dabei gehabt, daß die Sprache noch eine Schattirung von öſterreich'ſcher und oberdeutſcher Farbe hat, und die vollen niederdeutſchen Vokale und Doppelvokale ihr ganz fremd ſind, die oberdeutſche bewegliche Rührig⸗ keit und ſchnelle Rede unterſtützen die Anſprüche auf oberdeutſche Verwandtſchaft allerdings. So muß ich hierbei eines wunderlichen Kartenſpiels einmal gedenken, was in Schleſien ganz zu Hauſe, und vielleicht vom Gefolge der ſpaniſchen Habsburger ein⸗ geführt worden iſt, das einzig Spaniſche dieſer Ge⸗ gend, was in der ſchleſiſchen Mundart ſich komiſch genug ausnimmt. Die Karten nämlich ſind noch — 199 einmal ſo groß als die kouranten franzöſiſchen oder deutſchen, und heißen Baſtankarten, vielleicht von ihrer Heimath aus dem Baſtanthale, oder weil Baſtan eine zierliche Knüttelgattung bedeutet, welche das Sinnbild einer der vier Farben iſt, und gut ober⸗ deutſch von den Schleſiern Baſchtan ausgeſprochen wird. Die andere Farbe zeigt blaue Schwerter und heißt Spade, Schpade genannt, die dritte hat das Abbild gelber Pfennige und heißt Denar, die vierte, Kuppe geheißen, ſpottet all meiner etymologiſchen Kombinationen. Das Aß wird Eß ausgeſprochen, den König— Rey, im Spaniſchen Re klingend, hat man dem nächſten natürlichen Begriffe ange⸗ ſchloſſen, da das Jo el Rey unſern Baſtanſpielern unbekannt iſt, und nennt ihn„das Reh“, die Mitte zwiſchen König und Bube iſt ein Reiter, il cavallo, und heißt das Kavall, der Buhe ſelbſt, der Infant, heißt„das Fantel“. Dieſe ſüdlich⸗ſpaniſchen Spielereien, welche noch kein Hiſtoriker erklärt hat, bei Seite, wird wohl Schleſien wie der ſüdliche Niederrhein ſich dahin — 200 beſcheiden müſſen, ein Uebergangspunkt zu ſein, wel⸗ cher in aller weſentlichen Entwickelung moderner Geſchichte dem norddeutſchen Verbande eingeordnet iſt. Einzelne Ausdrücke und Formen kleiner Völker⸗ ſchaften erinnern freilich mitunter an kluge Vögel, die eine Redensart im Schnabel weiter tragen über Berg und See wie ein Gerſtenkorn: wie anders ſoll die Erſcheinung gedeutet werden, daß ſich an dem entfernteſten Oſtpunkte von Deutſchland, in Schleſien, das franzöſiſche il-y-a als deutſches„es hat“ wiederfindet. Der Schleſier ſagt nicht:„es gibt dies Jahr viel Aepfel“, ſondern„es hat viel Aepfel“. In einer Schrift des bekannten Theolo⸗ gen aus dem Breisgau, des Prälaten Hug, iſt mir daſſelbe einmal aufgeſtoßen, und es wäre doch ein wunderlich Spiel, wenn dieſer weſtliche Punkt, dicht an der franzöſiſchen Grenze, und der öſtlichſte, an der polniſchen, das il-y-a aufgenommen hätten. Für denjenigen, der ſich um ſonſtige Unterſchei⸗ dungen nicht kümmert, ſei das ein Merkmal: Süd⸗ deutſchland füngt da an, wo das Eſſen und Trin⸗ — — 201 ken reichlich wird und die Kreuzer und Gulden wachſen. An dem einen Ende Thüringens, hinter Eiſenach, wendet der Poſtillion den Wagen direkt nach Süden, und zwiſchen den Hügelzweigen des Rhön⸗ und Vogelgebirges ſteigt und fällt die Straße nach Fulda hinab. An den wohlgenährten Reſten des alten Bisthums, das ſonnenfreundlich in der Tiefe liegt, erkennt man, daß es dem Herzen des deutſchen Reiches entgegen geht. Hier iſt Heinrich König, der beſcheidene Romanſchreiber, der Verfaſſer der „hohen Braut“ und der„Waldenſer“ geboren. Dieſer letzte Roman, anſpruchslos und laubgrün wie das Frankenland, ſpielt auch hier in„Fuld“, wie's der bequemer werdende, verſchluckende ſüdlichere Accent ausſpricht. Auf einer kleinen, weichen Höhe vor der Stadt liegt das Kloſter, von wo Mergar⸗ dis entführt wird. Das Land fällt thalwärts ab nach Hanau und Frankfurt hin, in das Gebiet des Frankenfluſſes, des Mains, der breit und bequem in die Fläche 202 herabzieht. Bis man ihn erreicht, wo die Sal⸗ münſter und ähnliche Flecken liegen, die vom fran⸗ zöſiſchen Worte sale ihre Geburt ableiten, und für welche noch keine rechte Fleckſeife erfunden iſt, ſchlot⸗ tert das Land unſauber wie eine Eckenſteherjacke, man reiſ't des Nachts allda am genußreichſten. Vor Hanau irrt ein dünner, niedriger Wald um⸗ her, in welchem Wrede dem Napoleoniſchen Rückzuge von Leipzig entgegentreten wollte und auf die Seite geworfen wurde. Hanau ſelbſt, in deſſen Nähe dies geſchah, iſt ein kleines Kaſſel oder Berlin mit geraden hübſchen Straßen, ſtill und reinlich wie ein Schachbrett, und es kann alles Mögliche darin wohnen von Geiſt und Vortrefflichkeit, ich habe blos in die friedliche, zierliche Wohnung Heinrich Königs geſehen, der ſich hier niedergelaſſen hat, und den ich in der beſchaulichen Sonntagsſtille überraſchte. Ein ſanfter, beſcheidener, lieber Mann ſaß er am Fenſter, die ſchweigende Straße betrachtend, einem neuen Romane nachſinnend. Frappante Störungen find in Hanau wohl nicht häufig, und der an⸗ „ 203 muthige Roman entwickelt ſich gefällig, anſpruchslos und ungeſtört. Carlos oder Poſa ſagen's ſchon ein⸗ mal auf dem Theater, daß Philipp an denjenigen Unterthanen die beſten verlöre, welche der Religion halber auswanderten. Solche Leute haben einen feſten Kern, ſei er ſüß oder ſauer, denn ſie haben ein ſtarkes Intereſſe und ſind das Opfer fähig— wo ſie ſich niederlaſſen, wird es durchgehends Ernſt mit einer ſtarken Exiſtenz. Durch ſolche iſt auch Hanau entſtanden, der Emigrationstrieb iſt in Fabri⸗ ken übergegangen, welche hier ein einträgliches Dogma ſchnurren. Hanau verſorgt halb Deutſchland mit Ringen und Uhrketten, der Glaubensdrang iſt in weltliche Bijouterie ausgeſchlagen, man wird reich, man ſpeiſ't von ſchwer beladenen Tiſchen, die Dame des Hauſes hat Zeit und Luſt äſthetiſch zu ſein und von Emancipation zu ſprechen. Auch wachſen große gelbe Rüben in der Nähe. Eine Stadt der Landhäuſer erhebt ſich von hier aus Frankfurt links und rechts, grüne, geſättigte Wohlhabenheit überall verkündend, Frankfurt, eine 204 geborne Hauptſtadt des ſüdweſtlichen Deutſchlands. Und das iſt es nie geworden, iſt immer ein Dilet⸗ tant geblieben, dieſer breite, fleiſchige Punkt des heiteren Frankenlandes, was vom Fichtelgebirge bis über die Ardennen und den Argonnerwald hinaus einſt vom großen Frankenſtamme bedeckt war, und ſeinen Namen und ſeine urſprüngliche Macht an die Franzoſen verſchenkt hat. Ich glaube, ein reiſiger Frankenkönig hat hier einſt am Maine eine willkommene Furth für ſeine Schaaren entdeckt, und davon datirt die alte Fran⸗ kenfurth, welche ſpäter das Krönungshaus der deut⸗ ſchen Kaiſer wurde. Jetzt iſt ſie die wunderlichſt gemiſchte Speiſe von alten, verdrießlichen, überbauten Gaſſen und neuweißen Straßen, von bürgerlicher Freiheit und Fürſtenmacht, von Kaufmannſchaft und Diplomatie. Wie eine ſilberne Faſſung garniren und durchſchneiden die„ſchöne Ausſicht“,„die Millio⸗ nairſtraße”“ und„die Zeil“ das aufeinander gehäufte Kupfer der übrigen Stadt, grün und lockend be⸗ ſchattet die mannigfaltige Promenade, das Buſch⸗ 205 werk der Landhäͤuſer, der fern winkende blaue Tau⸗ nuswald, das dürre, rechnende Kaufmannsherz, den proſaiſchen Spießbürger der Reichsſtadt. Siegend über Alles hinaus blühen die Gaſthöfe in modernſter Lockung; das Wirthshaus zu Frank⸗ furt iſt ein entſchied'ner, reiner Charakter, Frank⸗ furt iſt die Univerſität der Kellner und der table qehöte. Sein„Schwan“, ſein„Hôtal d'Angleterre, Hôtel de Russie“, ſein„Weidenbuſch“, ſeine „Stadt Paris“ ſind Perlen von reinſtem Waſſer, man„logirt“ hier ganz und gar, und alles Uebrige iſt Nebenſache. Auch vom Alterthume dahier, vom„Römer“, wo die Kaiſer gekrönt wurden, mache man ſich keine imponirende, moosgrüne Vorſtellung: wie ſich im Durchſchnitte das Reichsberühmte in den Städten unſcheinbar beweiſ't, wie man, mit Ausnahme des Kirchlichen, all die Reichstagsplätze, welche mitunter einen ſtolzen Namen in der Geſchichte tragen, klein und verſchrumpft, namentlich in enge Straßen und Plätze verſteckt findet, ſo geht's auch hier. Man — 296 hat von der praͤchtigen Kaiſerkrönung, von leibhaftig ganzem Ochſen gehört, den man auf dem Platze gebraten habe, und von aͤhnlicher Außerordentlichkeit— für einen ganzen Ochſen und alles Aehnliche iſt Platz und Haus und Stil viel zu unbedeutend, und dies alte Rathhaus, der Römer, hat inſofern keine Schuld an dem Aufwande ſeiner Berühmtheit. Es iſt mir hier wie in Regensburg und an manchem altdeutſchen Orte ergangen: ich weiß immer nicht, wie die langen und breiten Recken zu Platze gekommen ſind. Auch mögen wir wohl nicht ge⸗ nügend in Rechnung bringen, daß alle die mittel⸗ alterlichen Verhältniſſe nirgends zu einer nur entfernt ähnlichen Maſſenkoncentrirung, wie ſie in moderner Zeit herrſcht, gekommen ſind, daß Alles dünner ge⸗ rieth, und durch die hundert ſelbſtſtändigen Einzeln⸗ heiten, welche ſich geltend machten, alle äußere Erſcheinung ſehr vereinzelt und geſchwächt wurde. Wenn man über die Mainbrücke, drüben durch Sachſenhauſen nach èiner von den kleinen Höhen geht, welche den Blick über Stadt und Fläͤche ein — 207 wenig erleichtern, wenn auch nirgends ganz gewaͤhren, ſo ſieht man nach dieſer und jener Richtung fern an den einſchließenden Bergen die alten Thürme, welche einſt Wartthürme Frankfurt's geweſen ſind, und durch Feuer⸗ und ſonſtige Zeichen den nahenden Freund oder Feind für die Patrizier angekündigt haben. Das erinnert an die politiſche Stellung, und erinnert daran, daß dieſer Raum mit ſeiner vortrefflichen Situation nie eine ſolche gefunden hat, wie ſie berufen zu ſein ſcheint; es iſt ein Bürger⸗ haus geblieben für und für. Daß die Landſtraßen von England und Holland nach Italien und Oeſter⸗ reich, vom ganzen Norden nach Süddeutſchland, der Schweiz, Italien und Frankreich hier ſich kreuzen, daß dies Land dahier willkommene Arme nach den verſchiedenſten und reichſten Gebieten unſers Vater⸗ landes ſtreckt, wozu iſt dieſe unübertreffliche Situa⸗ tion ausgebeutet worden? Um mit ein Bischen Band, einem Fetzen Zeug vortheilhafter Handel zu treiben, als ein anderer Ort, das iſt Alles. 208 Das Erbtheil der Franken, du glückliches Fran⸗ kenfurth, jener leichtblutigen, ſpekulativen Franken, deren Hand reichte von der Maas bis an die Tiber, vom Rhonefluß bis an die Saale, nichts als die Elle und ein Stückchen Name haſt Du davon be⸗ halten! Neid und Aerger und unfruchtbare Krittelei über alles mächtig Heraustretende in ſtaatlichem Weſen unſers Vaterlandes iſt genug von jeher in Dir erfunden worden, aber niemals die kleinſte, eigene Schöpfung. Dergleichen Vorwürfe ſind aller⸗ dings an die unbeſtimmte, blaue Atmoſphäre eines Orts, eines Landes gemacht, die jedesmaligen Be⸗ wohner können rufen: Was tragen wir für Schuld? Sollen wir jetzt auf die Dächer ſpringen und Spek⸗ takel machen, ſollen wir vor Rothſchild's Hauſe ſchreien„Holla, Frankfurt will ſpekulativ ein groß Intereſſe verfolgen?“ Nein, es ſoll Euch jetzt zu keiner Thorheit ver⸗ anlaſſen: wer vom Vermögen und der Ausſicht ſeiner Ahnen nur noch einige Kreuzer und einen kleinen Kram geerbt hat, der kann ſeine Karribre nicht mit — 209 Ertrapoſtpferden beginnen; aber er ſoll ein Verhält⸗ niß großer Anſprüche ſuchen, ſein Verhältniß. Nir⸗ gends iſt die Nörgelei gegen die größern Staaten Deutſchlands mehr zu Hauſe als in Frankfurt, nicht aus Prinzipien, nicht aus eigner Spekulation nach Neuem und Großem, nein, aus Nörgelei. Wenn man aber die eigene Ausſicht, ſei's durch was es wolle, verloren hat, im Vaterlande einen weit grei⸗ fenden Herrſcherplatz einzunehmen, dann ſuche man die patriotiſche Bildung eben darin, Allem entgegen⸗ zukommen, was mit Kraft und Geſchick großen Er⸗ folgen im Vaterlande nachſtrebt. Jener Geiſt der Stadtkliquen, der Ländchenkoterieen, er iſt die ge⸗ fährliche Philiſterei unſers Vaterlandes, er hat von früh auf die Macht Deutſchland's gebrochen, ſie in die Schaar von Ohnmachten zerſplittert, er iſt, dieſer Kleinpatriotismus iſt das, um deßwillen mit gutem Rechte bei uns ſo viel gegen den Patriotismus ge⸗ ſagt worden, gegen den Patriotismus, wie er bei uns kurſirt. VI. 5 14 210 Dieſer patriziale Patriotismus hat Frankfurt zur kleinen freien Reichsſtadt eingeſperrt, die thun muß, was Andere wollen; dies Frankfurt, was Goethe geboren, Bethmann beſeſſen und ſo viel andere ſchöne Bildungsfiguren umſchloſſen hat und noch umſchließt. Es iſt, als ob der Scherz mehr wäre als Scherz, daß die ſchön und üppig gelegenen Städte niemals mächtige Hauptſtädte würden, oder daß das Reich verfiele, wenn ſie es würden, eben ſo wie die ſchön⸗ ſten Gegenden der Erde niemals die großen Dichter und Helden hervorbrächten. Nicht Neapel, das prächtige, ſondern das weniger begünſtigte Rom ſei Herrſcherin Italiens; das kahl gelegene Madrid Spaniens; nicht Lyon, nicht Bordeaux, die einfache Fläche von Paris habe Frankreich verbunden und beherrſcht; Berlin, in der unergiebigſten Gegend, ſei eine ſchaffende Hauptſtadt; von dem Momente, wo der ſchönſte Punkt Europens, Conſtantinopel, Haupt⸗ ſtadt geworden, ſei das Reich abwärts gegangen, und in den verſchiedenſten Formen immer wieder geſtürzt; die ſchöne Schweiz habe nie erobert, und 211 weder in Staat noch Literatur ein großes Neich gegründet; aus dem gegen Griechenland unſchein⸗ baren Macedonien, aus den aſiatiſchen Steppen, aus dem ſterilen Korſika ſeien die Eroberer und großen Herrſcher gekommen; in dem wenig verführeriſchen Landſtriche von Mecca bis an's todte Meer ſeien die drei Religionen entſtanden, die man in Europa für die beſten hält: in der Wüſte die jüdiſche, in der arabiſchen Einſamkeit der Islam, am Jordan das Chriſtenthum, und man muß leider einräumen, daß das Chriſtenthum noch die beſte Gegend gehabt hat. Ich erwähne München auf ſeiner dürren Hoch⸗ fläche gar nicht, weil es noch jung iſt; verſchweige San Marino, was ſehr beſonders liegt und den⸗ noch eine mächtige Republik geworden iſt, und über⸗ gehe Treuenbrietzen, Gräfenhaynchen und Schkeuditz, welche in ihrer Lage alle erſinnliche Berechtigung haben, große Hauptſtädte zu werden. Die frühen, mächtigen Frankenherrſcher ſcheinen es beſtens mit dieſem Frankfurt im Sinn gehabt zu haben: aus ihren Sitzen vom jetzt belgiſchen Ge⸗ 212 biete her errichteten ſie zahlreiche Domainen um Frankfurt, gleichſam andeutend, wie wichtig ihnen die Poſition dieſer Stadt erſcheine, welche Zukunft ſie hineinlegten. Sal hieß dieſen ſaliſchen Franken die Domaine, und von jener grauen Zeit ſtammt der Salhof dieſer Stadt, welcher bei den kaiſer⸗ lichen Beſuchen ſpäterer Zeit ſo oft ſeine Rolle ſpielte. Man hat über dieſes Beiwort„ſaliſch“ viele Unterſuchungen angeſtellt: die eine Deutung ging dahin, das Wort Sal bedeute Erde, feſtes Binnenland, und, im Gegenſatz zu dem am Meere wohnenden Frankenvolke, habe ſich der andere Stamm den ſaliſchen genannt. Die neuere Erklärung aber ſagt, der Fluß Yſſel, an welchem dieſer Volksſtamm gewohnt, ſei damals Sal benannt worden, und der Name rühre daher. Dies iſt den Frankfurtern gleichgültig, und auch von der reſpektirlichen Anſicht über die Weiber, welche den ſaliſchen Franken eigen war, iſt juſt nichts Charakteriſtiſches um den Salhof herum übrig ge⸗ blieben: das ſaliſche Geſetz nämlich, welches von den 213 Ahnherrn Frankfurts abſtammt, ſchließt bekannter⸗ weiſe jegliches Weib vom Throne aus; und man ſchießt und ſchlägt ſich heutiges Tag's in Spanien noch unter dieſer Firma todt, in Frankfurt aber iſt die Herrſchaft der Weiber oder die Weiberherr⸗ ſchaft keineswegs verboten, Vielleicht iſt indeſſen die ſaliſche Antipathie an⸗ derswie zum Vorſchein gekommen, denn was ein⸗ mal hiſtoriſche Ader geworden iſt, das behält für ewige Zeit eine gewiſſe Exiſtenz, wenn auch in un⸗ kennbarer, anderer Geſtalt; nicht die kleinſte Erfin⸗ dung, ſei's ein Gedanke oder eine Sitte kann wieder gänzlich verſchwinden, dies iſt der Baum unſrer Welt. Ein denkender Autor hat ſich in dieſem Sinne lange damit beſchäftigt, wo die Stockprügel hingekommen ſeien, die noch vor kurzer Zeit ſo viel kultivirt wurden, und eines Abends, als ich in ſein Zimmer trat, überraſchte er mich mit der Löſung: die Stockprügel ſind in die Examina gefahren, der examinirende Gerichtsrath und Konſiſtorialrath prügelt modern. So iſt die ſaliſche Antipathie in Frank⸗ 214 furt vielleicht eine jüdiſche geworden— wie viel die freien Reichsſtädte in ſolchem Privathaß an Zähig⸗ keit und Ausdauer im Allgemeinen leiſten, iſt hin⸗ länglich bekannt; der kleine Staat, die kleine Stadt, der kleine, unergründliche Groll ſind ſtets in treuer Kompagnie geweſen, und die„Judengaſſe“ in Frank⸗ furt, wo dies unglückliche Volk abgeſperrt wurde als verpeſtet, iſt aller Welt ſo bekannt wie der Galgen vor dem Thore, den noch kein Menſch für ein Bel⸗ vedere angeſehen hat. Die Kaufmannsſtädte haben ſich in chriſtlichem Judenhaſſe überall ſehr hervorgethan; man wird ver⸗ ſucht, an einen frühen Handwerksneid zu denken; ſogar in dem zugänglichen, heiteren Leipzig iſt noch heute keinem Juden der feſte Wohnort geſteattet. Im Allgemeinen ſei übrigens noch bemerkt, daß man in dieſen kaufménniſchen Reichsſtädten, und überall, wo der Handel ein wohlgepolſtert Haus aufgeſchlagen, auch in Amerika, wo man in den Sklaven noch bequemere Juden liebt und die Emancipation haßt, daß man in Hamburg, Lübeck, Bremen, Elberfeld, 215 Magdeburg noch am meiſten darauf hält, was man Religion nennt. In Bremen iſt die Berufung eines Predigers, ſeine Eigenſchaft, ſeine Manier langer, ſteter Lebensſtoff der Unterhaltung, Stoff der Jour⸗ nalkorreſpondenz, und wenn auch nicht zur Unter⸗ haltung für das leider verwöhnte Publikum, doch als ſonſtig gutes Zeichen den Journalredakteuren bekannt, denen ſo ſelten ſtatt des Theaters die Kanzel geboten wird. Ich erinnere mich aus der Redaktions⸗ praxis, daß mich die Briefe aus Bremen immer an's ſechzehnte Jahrhundert gemahnten, wo man die Bugenhagen, Jonas, Amsdorf verſchrieb, berief, und wo die Pfarrſtellen das Hauptintereſſe der Städte und Länder waren. Die Frankfurter haben das Unglück gehabt, für dieſes religiſe Moment den Juden gegenüber ein glücklich literariſches Talent aufzuziehen, was ihnen die Vaterſtadt mit viel Kummer bezahlt hat, den Ludwig Börne, welcher die„Judengaſſe“ öfter ge⸗ nannt und berühmter gemacht hat, als die chriſtliche Beſcheidenheit ſolch eines Etabliſſements verlangen 216 mochte. Man muß ſie in Schutz nehmen, Frank⸗ furt hat nie Inſtitute angelegt und Polizeigeſetze verordnet, um den Witz in der Literatur zu beför⸗ dern, Börne iſt niemals in ein Frankfurter Amt eingeſellt und deſſen entſetzt worden, damit er ein Schriftſteller, oder gar ein berühmter werde. Dies Zuſammenwerfen der Frankfurter und Börneſchen Politik iſt eine Ungerechtigkeit; ſie zu erklären muß ich zu den Chlodewigen zurückgehn, um kürzeſten Weges auf den Nachfolger derſelben, Napoleon, zu kommen, der das alte Augenmerk auf Frankfurt wieder aufnahm, und eine politiſche Stellung dafür einleitete, welche im großen Trubel jener Geſchichts⸗ rücke dem nördlichen und weſtlichen Publikum leicht entgeht, das nicht zum Reiche Frankfurt ge⸗ hört hat. Nach dem Lüneviller Frieden, im Anfange von 1801, ward das Rheinthal die Grenze zwiſchen Frankreich und Deutſchland, die geiſtlichen Fürſten auf dem linken Ufer wurden ſäkulariſirt; der Wich⸗ tigſte von dieſen, der Mainzer, ſah ſich auf die * 217 Fürſtenthümer Regensburg, Aſchaffenburg und Wetz⸗ lar als Primas von Deutſchland verpflanzt. Aber das heilige römiſch deutſche Reich erklaͤrte officiell ſeinen Tod— dies iſt derſelbe Todesfall, den Görres, Arndt, Jahn, die Burſchenſchaft und der Oehlmüller Salomon ſpäter bezweifelt haben— der Rheinbund ward von Napoleon producirt, und bei dieſer Gelegenheit machte er auch einige Jahre ſpäter, nämlich 1810, ein Reich Frankfurt, welches ein Großherzogthum genannt, und wozu die Fürſten⸗ thümer Hanau und Fulda, Aſchaffenburg und Wetzlar geſchlagen wurden. Mit welch reicher Zukunft er dieſen Ort und ſeine Situation bedachte, zeigt die Wahl des Nach⸗ folgers, welchen er dem Großherzoge beſtimmte; ſeinen ſanften, ſo geliebten Stiefſohn Eugen Beauharnais traf dieſe Wahl. Der Großherzog ſelbſt war ein Dalberg, aus dieſer erſten Ritterfamilie Süddeutſch⸗ lands. Bei allen munteren Zechgelagen wird dieſer Name noch heute genannt, man ruft:„Iſt kein Dalberg dan“ und Viele mögen's nicht wiſſen, daß 218 ſie eine alte Reichsſitte unſers Vaterlandes in Er⸗ innerung bringen und fortſetzen. Die Dalberg nämlich waren von jeher ſo tadel⸗ und makelloſe Reichsritter, daß bei jeder Kaiſerkrö⸗ nung der Herold vortreten und laut rufen mußte: „Iſt kein Dalberg da?“ Dann trat der anweſende Dalberg vor, und der neue Kaiſer ertheilte ihm den erſten Ritterſchlag als erſtem Reichsritter. Die Dal⸗ berg waren unſre Connetables. Napoleon, welcher den Zauber ſolches Adels, ſolcher Auszeichnung wohl kannte, nahm den Ritterſchlag der Dalberg als ein Recht der franzöſiſchen Kaiſerwürde in Beſchlag. Die franzöſiſche Sitte alſo aus der letzten Zeit, wo alle Abende beim Zapfenſtreiche der erſte Gre⸗ nadier Frankreichs Latour d'Auvergne titirt, und wo⸗ durch mancher Soldat zur Tapferkeit begeiſtert wurde, iſt von uns entlehnt. Wie es einſt in Frankfurt hieß„Iſt kein Dalberg da?“ ſo rief man zwiſchen die Trommeln des Zapfenſtreichs: Latour d'Auvergne, ou est il? Il est mort au champ de l'honneur! 219 Frankfurt! Wo biſt Du? Auf der Börſe bei den Kurſen, auf der Mainluſt beim Schoppen, im Schwan zur Tafel, auf dem Muſeum, eine gemiſchte Vorleſung zu hören, oder gemiſchte Journale zu leſen. Dies Muſeum iſt ein vortreffliches Inſtitut der unterhaltenden Bildung. Jetzt iſt auch die Bildſäulenepidemie in Frank⸗ furt eingebrochen, und man ſpricht von Modell und antikem oder modernem Koſtüm, Gott ſegne den Geſchmack! Jahrzehnde lang haben die Schriftſteller, um einen Vorwurf zu haben, über den man ſich ungeſtraft erhitzen darf, gegen die Gleichgültigkeit und Undankbarkeit des Publikums geſprochen; es hieß ein Skandal, wie die großen Autoren und Dichter unbekränzt blieben. Das war bereits ein ewiges Thema, wie man zur Sommerszeit über die Hitze, zur Winterszeit über Kälte klagt, kein Menſch dachte an Erfolg. Nun haben wir eins dieſer merk⸗ würdigen Beiſpiele in der Naturgeſchichte: ſo und ſo viel Schläge und Stöße ſind nöthig geweſen auf einen tauben Fleck Erde, jeder Vorübergehende hat 220 4 in der Zerſtreuung mit geſchlagen, kein Menſch hat was erwartet, plötzlich iſt ein dicker Quellſtom befreit geweſen, jetzt wiſſen wir kaum, was mit dem unerſchöpflichen Denkmalwaſſer anzufangen ſei, das Konverſationslexikon wird ſteinern auf die Alleen geſetzt, die Chauſſeen werden mit Denkmal⸗Alleen bepflanzt: bald werden die Schriftſteller, denen der Stoff fehlt, dagegen ſchreiben. Das iſt die Welt, renne, wer rennen kann. Die Börſe iſt jetzt Weltſeele, ich hoffe, die Bild⸗ ſäulen auch mit der Dividende figuriren zu ſehn, da es ſich ja doch hierbei immer nur um ein ima⸗ ginaires Kapital handelt. Wenn mein Freund Gutzkow, welcher Frank⸗ furter geworden iſt, auch d'ran kommt, ſo bitte ich unvorgreiflich in einem Basrelief anzubringen, wie wir einander wiedererkennen an der Fahrgaſſenecke, wie ein beiderſeitiges Gelächter der erſte beiderſeitige Ausdruck iſt. Dieſes Basrelief würde ſomit ein ganzes Stück deutſcher Geſchichte enthalten: man ſchwärmt für die Beglückung der Menſchen, und . 221 trachtet ungeduldig, an welchem Ende es zu faſſen, und binnen 24 Stunden millionenfach zu vertheilen ſei, man trennt ſich, zerdrückt eine Thräne, und ſagt„ich werde thun, was möglich iſt.“ Der nächſte Weg führt in's Gefängniß, da hindurch reiſ't der Eine leider mit der Landkutſche ſehr langſam und beſchwerlich, der Andere ſpäter mit dem Dampf⸗ wagen; nun tritt das Schickſal auf, was geraden Wegs von Peter Schlemihl kommt, und bittet ſich die Namen Beider aus, um ſie tief in die Man⸗ teltaſche zu vergraben, hier wird gerufen, dort wird gefragt, man kann nicht Antwort geben, man hat keine Namen mehr, man ſagt Dies, man ſagt Jenes, wer hat's geſagt, wer ſpricht? tiefes Schwei⸗ gen, der Name ſteckt in der Manteltaſche. Und dabei geht die Welt im Galopp, Niemand weiß recht wohin, wenigſtens ſagt es Niemand, man wird fortgeriſſen, und begegnet ſich plötzlich zu Frankfurt in der Fahrgaſſe. Was thut man zuerſt? Man lacht— iſt das nicht ein moderner Roman? Noch vor zwanzig Jahren hätte man ſich tragiſch umarmt 222 und viel Pantomine verſchwendet und halbe Aus⸗ rufungen. Frankfurt! haſt Du dieſe Aenderung, überhaupt eine Wandelung in der Welt gefördert? einen Fort⸗ ſchritt gezeigt, unterſtützt? Ein Reich, eine Stadt, eine Gemeinde ſollte ſich oft wie einer Perſon ſolche Katechismusfrage vorlegen, ſich ſelbſt richten, ſpor⸗ nen oder zügeln, vor allen Dingen nach einem Be⸗ weiſe ſuchen, ob man etwas Eigenes, Tüchtiges gethan oder nur gewollt habe. Dahin geht eben die Klage gegen Handelsſtädte, daß ſie nicht nach einem Dritten, einem außerhalb Liegenden, einem höher Gewonnenen fragen, daß ſie ſich mit der Frage begnügen: Was haben wir profitirt? — 28. Der Rhein. Eine Rheinreiſe zu ſchildern iſt heutiges Tages ſo überflüſſig, als wenn Einer erzählen wollte, daß er ein Gedicht verfertigt habe— jeder gebildete Menſch macht jetzt Beides. Auch iſt das Wort Rhein in Deutſchland ſo bekannt und angeſehen wie das Wort Nachtigall, man ſieht und hört was Schönes, man iſt entzückt, man himmelt bei dem Einen, wie bei dem Anderen, der Rhein heißt ſo viel als ſchöne Gegend; wenn die Engländer und Franzoſen eine Vergnügungsreiſe nach Deutſchland machen wollen, ſo verſtehen ſie unter Deutſchland das Rheinland. Nun hat an den Ufern dieſes Stroms das deutſche 224 Leben begonnen, als es in die Geſchichte heraus⸗ getreten iſt: die Römer ſprachen vom Rhenus, ein Uebergang über den Rhenus war der Marſch in eine neue Welt, Cäſar ſchrieb vom Rhenus, Taci⸗ tus ebenfalls, der Rhein war Germania. Auch in der Folge blieb alle geſchichtliche Entwickelung an dieſe Weſtſeite Deutſchlands geknüpft, das, was nächſt den Frauen am meiſten zu ſprechen macht, der Wein kam ebenfalls von dort, der Rhein wurde für Deutſchland eine Gottheit. Vielleicht ſind einſt, ehe die Flüſſe ſich überall durchgearbeitet haben, in dieſen Gegenden große Seen geweſen; waren die Mark und der anliegende Theil Norddeutſchlands einſt Meer, damit auf dem leichten Sandboden ſpäter Teltower Rüben und Kar⸗ toffeln wohl gedeihen könnten, ſo war vielleicht ein Aehnliches bei Hanau beabſichtigt, wo jebt ſo große gelbe Rüben wachſen; der große Mainſee kann hier gewogt haben. In dem Becken von Mainz, das Rheingau hinauf, bis hinter Bingen, wo der Rhein ſich plötzlich rechts durch Felſenberge wirft, wãre 225 dann die Stelle des Rheinſees. Denn hierbei ſind die Geognoſten in Wahrheit einfach und natürlich; hinter Bingen verſetzt ſich die Welt dergeſtalt mit hartnäckigen Felſen, daß der Rhein wohl Jahrhun⸗ derte lang Arbeit gehabt haben kann, um fortzu⸗ ſchreiten. Die Flüſſe machen ihre Studien und Fortſchritte eben ſo und eben ſo langſam, wie die Weltgeſchichte und wie die Studenten. Ein lebendes Beiſpiel iſt der Niagara, welcher einmal revolutio⸗ när den langſamen Entwickelungsgang verläßt, über den im Wege liegenden Berg mit dem ungeheuren Waſſerfalle hinwegſpringt, und den Berg nun auch rückwärts auszuhöhlen, zu vernichten trachtet, wie er es im herkömmlichen, geſetzlichen Falle nur vor⸗ wärts durch Untergraben und Abſpülen thun ſollte. Was kann der Gensdarmes und Herr Profeſſor Leo gegen einen Fluß! der Fluß iſt eine Brutalität, die nicht leicht überboten wird. Zwiſchen Frankfurt und dem Rheine liegen noch Höhenzüge, die ſich nördlich nach dem Taunus hin ſtrecken;z am Fuß dieſes Gebirges in einem Thale VI. 15 —8u— 226. kleiner Wellenhügel liegt Wiesbaden breit und reich mit gaſtlich winkenden Landhausfagaden, ein wohl genährter, üppiger Anblick ſüdlichern Landes. Alles dehnt ſich hier gemächlich und feſt wohlhabend zu einem ächten, großen Bade, wo man eine Saiſon verbringt, um die Schwächen des Winters zu repa⸗ riren, im Freien zu frühſtücken, Sommerluft mit offnem Munde zu ſchlürfen, oder im prächtigen Kurſale mit fremden Weſen Tänze zu verſuchen, eine rothe Romantäuſchung zu wünſchen. Der dor⸗ tige Kellner hält den Saal für den größten in Europa dieſſeits und jenſeits, wie er ſich ausdrückte, warum das ſüße Glück ihm rauben? Kenntniß iſt nützlich und gut, aber die Illuſion iſt ein noch wohlfeileres Glück. Ich kroch auf den Bergen umher, nach Blicken ſuchend in dies geſegnete Naſſau, wo die Geſund⸗ heit in allerlei Geſtalt aus der Erde quillt und die Kranken herbeilockt. Dies Ländchen iſt wie eine Grotte, wo Schatten und Wein und allerlei Nah⸗ rung und Heil zu finden iſt, Sagen und Nymphen — 227 wohnen überall, ſchützend rauſcht drüben an der Grenze der Rheinſtrom hin. Die Bekanntſchaft die⸗ ſes Fluſſes zu machen, drängte es mich, als ob ich die Audienz bei einem großen Kriegshelden zu erwar⸗ ten hätte; ich hatte den Rhein nur auf engliſchen Stahlſtichen geſehn. Es war Abend, der Mond ging auf, als wir den Hügel von Wiesbaden her hinabfuhren, und der breite Waſſerſpiegel mir zum erſten Male entgegenſchimmerte. Die Mondesſtrah⸗ len hüpften darauf umher, alle Waſſernixen des Mährchens und Liedes tauchten dazwiſchen auf, Hei⸗ nes Jugendgeliebte, die Loreley, kämmte ihr gold⸗ blondes Haar, und aus den Uferbüſchen kuckten die römiſchen Geſichter, welche einſt hier geweſen; auf der Straße ſah ich die Burgunder ſpaziren reiten, dann ſtiegen ſie ab, verſchwanden als Nebel; und die alten Ritter des Mittelalters ſetzten ſich auf die Roſſegund tummelten ſie, bis die Jakobiner mit rothen Mützen aus allen Sträuchen geſprengt kamen, Alles verjagten, ein großes Geſchrei erhuben und meine Mondesbilder ſcheuchten. Die breite Schiffs⸗ —* 6 „.ſſſſ — 228. f 2 brücke von Mainz lag mit ihrer langen Lichterreihe wie ein Juwelenſchmuck dicht am Buſen des Waſ⸗ ſers, Mainz ruhte drüben ſchwarz mit goldnen Punkten, vor mir die feſte Vorſtadt Caſſel; bald war ich mitten auf dem Rücken des Stroms, und durch dieſe Schiffbrücke ward die erſte Erinnerung eine moderne. Napoleon hat das koloſſale Werk vorgehabt, über den hier ſehr breiten Rhein eine ſteinerne Brücke zu bauen; hier in Mainz waren zur Schreckenszeit die wildeſten Männer des Con⸗ vents zu Hauſe, welche den Brand unter dem Heere ſchürten und ſelbſt mit in die Schlacht ſchrit⸗ ten, St. Juſt beſonders hat hier ſeinen wilden. Fanatismus gepredigt, und ſeinen magern, bleichen puritaniſchen Jünglingskopf in die Schlacht getra⸗ gen; hier, wo man jetzt in ausgewaſchnem guten Deutſch meinen Paß forderte, begann das franzö⸗ ſiſche Kaiſerthum. 3 Wer am Thore wohnt, hat mehr Abwechſelung, mehr Freude und Leid von außen. Dieſes Rhein⸗ land von Baſel bis Mainz, der Oberrhein, und — — 229 † 2³ von Mainz bis Holland, der Niederrhein, einſt Hauptgermanien, iſt durch die Jahrhunderte und den tieferen Anbau allmaͤhlig die belebte und bewegte Vorſtadt Deutſchlands geworden, wo die Weltge⸗ danken, die Vermittelungen der Völker zuerſt vor⸗ überſpringen, ſobald ſie lebendig, ſobald ſie Fleiſch und Blut geworden ſind. Dazu kommt, daß hier ein guter Wein wächſ't, daß alles Leben leicht zu gewinnen, von ſchöner Natur luſtig aufgemuntert iſt, daß der Reiſedrang von halb Europa hier zum Vergnügen hindurch ſchwirrt, ſchnellen Vortheil und flüchtige Berührung bringt— ſo iſt ein Menſchen⸗ ſchlag entſtanden, welcher voll Farbe und Blut, voll leichter oberflächlicher Empfänglichkeit einen wirk⸗ lichen Uebergang zu Frankreich bildet. Die Charak⸗ teriſtik mit wenigen Strichen erklärt es, daß die letzte politiſche Zeit hier den lebhafteſten Anklang finden konnte, ein näherer Einblick in das Land erklärt es, daß die Geſchichte ſelbſt die Rheinſtämme bereit gemacht, allerlei neuem Intereſſe ohne Wei⸗ teres ſich zuzuwenden, ohne Weiteres, obwohl das — 230 deutſche Leben in ſeiner Tiefe und Mannigfaltigkeit hier am glänzendſten entwickelt geweſen iſt. Be⸗ kanntlich war das deutſche Reich eigentlich zu Ende, als der erſte Habsburg Kaiſer ward, die Idee des Reichs, welche zuſammenhielt, war begraben, die Idee der kaiſerlichen Familie trat an die Stelle, Oeſterreich entſtand für Deutſchland. So wurden die einzelnen Reichsländer wieder Atome, die in ſich eine begründete und umſchloſſene Exiſtenz ſuch⸗ ten, und größtentheils Kleinſtaaten wurden. Das große Bewußtſein eines großen Staates war dahin, und mit ihm all das, was hieraus erwächſ't, das Gegliederte, das Organiſche, die innere nachhaltige Macht, der langſame, aber weite Blick. Man ſuchte das Nächſte, man griff nach dem Nächſten. Das Rheinland, vielen kleinen Herrn gehörig, durch Ge⸗ deihlichkeit mehr als jedes andere zum leichten, unbe⸗ kümmerten Sinne lockend, ward ſomit das Haupt⸗ bild des flüchtig und beweglich gewordenen deutſchen Lebens. Die Wiege Deutſchlands hat ſich beſon⸗ ders das Schaukeln der Wiege erhalten. In dieſem 231 großen Garten vom Bodenſee bis Düſſeldorf blüht allerlei Geſträuch, iſt allerlei Geſchmack, ein Garten aber iſt es wirklich, und bringen ſie's auch nicht zur völlig romantiſchen Zaunloſigkeit, iſt auch bald bequemerer, bald einſchränkender Konſtitutionalismus, bald reiner Monarchismus das Herrſchende, ſingt auch oben der wärmere Süddeutſche, ſpricht auch unten der kühlere Norddeutſche— ein beſonderes, freieres Rheinleben haben ſie ſich dennoch erzeugt, ein gemeinſchaftliches grüneres, als manche braune Länderchen unſers in die Tiefe gehenden deutſchen Reiches. Ich bin nur darüber hingeflogen wie ein Vogel, ich wollte nur in einem langen Blicke den Farben⸗ ſaum des Rheins genießen. Es regnete fein und durchſichtig, als wir am linken Ufer hinauffuhren, um den Rheingau zu ſehn; von Mainz bis Rüdes⸗ heim, nämlich auf der deutſchen Seite, wenn der Turner dieſe ſchnelle Bezeichnung nicht übel nimmt, liegt dies Herzblatt aller Rheingegend, der Rhein⸗ gau, und man fährt auf der linken Seite, um ihn 232 ſonnenbedeckt liegen zu ſehn wie das verheißene Land, aus der Ferne. Es iſt ja der Erde Loos, daß das Beſte in der Weite liegt, und nur das Beſte bleibt, wenn es weit bleibt. Und Alles hat ein Beſſer und Schlechter, auch der ſchöne, grüne Nhein: ſeine frühe Jugend iſt reizend bis an den Boden⸗ ſee, dann bezieht er die Schule und lernt und iſt bleich und unbedeutend bis Mainz, hier geht er auf in Jugendfriſche und Schönheit und Duft und Romantik, er erobert, er dichtet, er iſt all⸗ mäͤchtig bis Coblenz, dann kommt bis Bonn dem ſtattlichen Manne noch ſolch eine Zugabe alten Weiber⸗Sommers, er gewinnt noch hie und da ein leidlich Herz, bis die Kraft ſinkt, er ſchleicht betroffen an Cöln vorüber, ermattet bei Düſſeldorf, und ſinkt unintereſſanter und ſchwächer mit jedem Schritte zuſammen nach Holland hinein, von ſeiner Geſchichte zehrend und lebend wie die deutſche Poli⸗ tik, und ſich wie dieſe tröſtend mit der Naturan⸗ lage, mit der charakteriſtiſchen Beſtimmung. Wer nicht ſchaffen und genießen kann, der tröſtet ſich, 233 der Troſt iſt ein Fruchthaus unter Glas, wenn das warme ſchöpferiſche Klima fehlt; wer keinen guten Tag gewinnen kann, der lobt ſeinen Man⸗ tel, der Troſt iſt eine deutſche Erfindung. Wie unter einem Silberſchleier lag drüben im Sprühregen das rechte Ufer, der Rheingau mit ſeinen dichtgeſäten Ortſchaften und Weinbergen. Raſch fuhr uns der Mainzer Kutſcher dahin, all die berühmten Namen nennend, mit der Peitſche auf das vor uns liegende Ingelheim deutend. Dort iſt Karl der Große geboren worden, ſpäter hat er einen großen Pallaſt dort erhaut, ein palatium, eine Pfalz. Hier ſoll ſich auch die Geſchichte mit Eginhard und Emma zugetragen haben, von wel⸗ cher heut noch mancher Novelliſt zehrt, dieſer Rhein⸗ ſtrich iſt eine Bildergallerie der deutſchen Geſchichte. Am Fuße der Rochuskapelle, die auf einem ſammt⸗ grünen Berge allen guten Chriſten Abſolution winkt, hielten wir ſtill, Rüdesheim liegt gegenüber, die Welle des Rheins leckte an unſern Rädern, wir ſchifften uns ein; grün wie ein dunkler Smaragd 234 iſt dieſer Strom, dieſe präͤchtige Farbe hat er gemein mit den ſüdlichen Bergflüſſen, mit dem glänzend grünen Inn, mit der grünen Etſch, ein Schimmer der grünen Bergmatten ſeiner Kindheit bleibt ihm treu. Vielleicht darum, weil er in dieſer Farbe ſo rein und lockend ausſieht, haben ſich ſo viel Waſ⸗ ſerfeen auf ſeinem Grunde angeſiedelt, von denen die farbloſen, traurigen Flüſſe des Nordens nichts wiſſen. Welche reinliche Fee hätte wohl auch Luſt, in den graugelben Elbſtrom, in die ausdruckslos bleiche Oder zu ſteigen! und die blonden Haare der Waſſernixen würden ſich auch nicht ausnehmen auf dem ſchmutzigen Gewäſſer, und die Nixe hat eben⸗ falls ihren Toilettenſchmuck. Der grüne Rhein mit der Leidenſchaft ſeines bewegten, raſchen Hinſtrömens iſt das blühende, friſche Leben, während die zögern⸗ den, zum Theil ſchwarzbraunen Flüſſe des Nordens der Tod ſind, Bilder des Styx. Hier auf dem breiten, tiefen Strome bei Rüdes⸗ heim erblickt man die große, romantiſche Wendung des Rheins; abwärts nämlich, hinter Bingen, ſcheint 235 die Welt mit Bergen verſtellt, hier beginnt ſein Gang zwiſchen Felſen hindurch, auf denen die Schlöſſer hängen, wo die Nebel des Himmels ge⸗ ballt hindurch fegen, und jenen Gebirgsduft ſpenden, welcher die Rheinbilder ſo zauberhaft und lockend macht. Rückwärts nach Mainz, den eigentlichen Rheingau hinauf, liegt üppige, ſchwellende Ebene am Ufer, und die ſanfteren Berge treten beſcheiden einige Schritte zurück. Trotz des Regens beſtiegen wir in Rüdesheim die Eſel, um auf den Röſſel zu reiten; eins dieſer Thiere, welchem der Rhein jetzt ſchon gleichgültig geworden iſt, weil es ihn täglich ſieht, führt den ſanften Namen„Fritze“, und wird hiermit der Auf⸗ merkſamkeit der Rheinreiſenden empfohlen. Es hat ſich dieſer Fritze ein ſehr intereſſantes Verhältniß mit ſeinem Führer gebildet, welches lebhaft an zwei Eheleute erinnert: Fritze thut gewöhnlich das Gegen⸗ theil von dem, was der Führer ſagt, und dieſer ruft dann gewöynlich„Himmel und Mantua!“ und ſetzt ſich in unverkennbaren Rapport mit Fritzen. 236 Ich habe nicht ergründen können, warum das gerade Mantua ſein muß, Franz Horn würde wahrſchein⸗ lich muthmaaßen, es ſei darum, weil Romeo nach Mantua geflohen ſei, Kurz, Fritze und ſein ſanf⸗ terer, weniger pikanter Miteſel trugen uns über die Weinberge in den Wald des Röſſel hinauf, wir gelangten an eine Ruine, wo der Berg jäh nach dem Rheine hinunterſtürzt, ein Windſtoß warf den Nedel aus den Schluchten, der Regen ſtockte, vor uns lag der ſchönſte Rheinblick, den es geben ſoll. Dicht unter uns liegt der Mäuſethurm mitten im Rheine, dicht am Binger Loche, das ſeine ſchlür⸗ fenden Wirbel wälzt; Jedermann weiß aus der deutſchen Naturgeſchichte, daß Biſchof Hatto vor den zudringlichen Mäuſen hierher flüchtete, daß die Beſtien nachſchwammen und ihn auffraßen: für jeden, der die Mäuſe nicht eben liebt, eine quälende, lehrreiche Geſchichte; drüben, etwas rückwärts, fließt die Nahe in den Rhein, und führt ihr Waſſer eine Zeit lang beſcheiden an der Seite hin, wie die Reverenz eines ſchüchternen Mannes, welcher 237 den König ſprechen will. Bei dieſer Mündung am Ausgange des ſchmalen Thals der Nahe ruht die alte Stadt Bingen, wo Kaiſer Heinrich der Vierte einſt gefangen ward von ſeinem Sohne; es war der heilige Weihnachtsabend, an welchem die Eltern ihre Kinder beſchenken, die Nacht war kalt und der graubärtige Kaiſer ſchrie umſonſt über den Rhein hin: Mein Sohn, mein Sohn! Noch weiter zurück öffnet ſich über Rüdesheim hinauf der Rheingarten wie eine gelichtete, freundliche Zeit. Aber rechts, rheinabwärts, wo der Strom die Krümmung durch die Felſen ſchlägt, da ſieht der Blick weit, weit hinaus in das dampfende Schluchtthal des Rheins, Felſenmauern, Ritterſchlöſſer, ein kleiner, ſchüchter⸗ ner, dahin geſchleuderter Kahn, die ganze Rhein⸗ romantik liegt in blauem Dämmer da.— Mit„Himmel und Mantua“ kehrten wir zurück, und fuhren mit der ſchönſten Nachmittagsſonne den Rheingau entlang, oder das Rheingau, wie man es an Ort und Stelle benennt. Hinten bleibt das Bergdüſter des Bingener Winkels und die weit 238 lockende Rochuskapelle, rechts rauſcht zwiſchen ein⸗ fachen, blühenden Ufern die grüne Rheinwelle dahin, und mitunter hebt ſich aus ihrer Mitte eine be⸗ buſchte Inſel, links lehnen ſich ſanfte Hügel braun und gelb rückwärts, ſie gehören zu der bekannteſten Geographie, für dieſe Hügel iſt in Deutſchland ſchon das Unglaubliche geſchehn: auf ihnen wächs't der beſte Rheinwein. Da iſt Geiſenheim, da iſt Hatten⸗ heim, da winkt gar goldgelb, etwas ariſtokratiſch abgelegen, der Johannisberg, der ächte Johannis⸗ berg, welcher dem Fürſten Metternich gehört, und wo es einen tiefen, kühlen Keller giebt. Das Wort Johannisberg gehört zur deutſchen Nationalität, in ihm vereinigen ſich alle Parteien. Dieſe Rheingauſtraße von Rüdesheim nach Mainz, dieſer Weg von einigen Meilen iſt eine fortlaufende Stadt, unſre Reſidenz des Weines. Die ſieben oder acht einzelnen Städtchen, aus welchen ſie be⸗ ſteht, haben nur immer ein Viertelſtündchen Chauſſée zwiſchen ſich, damit man die Zunge wieder auf einen neuen Geſchmack vorbereiten kann. Bekannt⸗ 239 lich hat dies Zungenvergnügen des Weintrinkens, welches im Norden Europas für ein dogmatiſches Vergnügen gilt, das heißt für ein Vergnügen, wel⸗ ches über allen Zweifel erhaben iſt, bekanntlich hat es auf den Univerſitäten einen ausgebildeten Kultus, welcher Komment heißt. Er iſt ſehr ausgebildet, und man muß ſehr viel vertragen können, um ſich auszuzeichnen. Drei Prieſter deſſelben, im gewöhn⸗ lichen Leben Studenten genannt, machten einſt eine Reiſe von Bonn nach Heidelberg. Sie waren ſehr gute Fußgänger, und erledigten des Tags mit Leich⸗ tigkeit acht Meilen. Ihnen begegnete das Wunder⸗ bare, daß ſie einen ganzen Sommer lang die ſchein⸗ bar kleine Strecke bis Mainz nicht zurücklegen konn⸗ ten; man nennt dies den Bann des Rheingaus; auch ich habe ihn empfunden, obwohl ich nicht vom Wagen geſtiegen bin, ich habe nämlich nicht be⸗ greifen können, wozu es hier Schuſter und Schnei⸗ der giebt, wo blos Winzer, Bötticher und Kellner nöthig ſind. Man ſchwimmt durch eine einzige große Blume bis nach Biberich, denn erſt dort, wo der Herzog von Naſſau dicht am Strande des Rheines Hof hält, endigte dieſe großartige Wein⸗ karte. Auf dieſer Karte liegen auch die vielen Land⸗ häuſer reicher Kauf⸗ und Edelleute aus Mainz, Frankfurt und der Umgegend, welche ſo gefällig ſind, oft die ſchönſten Punkte den Engländern zu vermiethen für ein Paar hundert lumpige Guineen. Die Gegend ſelbſt iſt nicht berauſchend ſchön, ſie iſt heiter, lieblich, weich und behagend. Hier liegt auch das Brentano'ſche Landhaus, von welchem Bettina ſpricht in dem Briefwechſel Goethe's mit einem Kinde, und in deſſen Nähe die Günderode ſich das Leben nahm. Mußte ſie ſich auch juſt einen Ort wählen, der ſonſt ſo vielen Deutſchen das Leben gibt! Die Arme! Die Reſidenz Biberich, deren Fenſter ſich im Rheine ſpiegeln, ſieht eben ſo aus, als erwartete man die alten Ritter und Herrn, um ein Turnier oder einen Minnehof abzuhalten. Von Mainz wiſſen Manche, daß es eine Bun⸗ desfeſtung iſt, aber daß es zu Heſſen⸗Darmſtadt — 241 gehört, iſt Vielen eine Neuigkeit. Wir fuhren des Nachts über den Rhein und in einer Fähre über den Main, um nach Darmſtadt ſelbſt zu kommen. Dies Heſſen iſt nur ein mageres Leinwandfutter gegen Rheinheſſen; ein trocknes Waldland, was erſt ſfüdlich nach dem Neckar hinauf zu in die Berg⸗ ſtraße ergiebig ausſchlägt. Seine Verlängerung nach Norden hin, welche durch Frankfurt unterbrochen wird, führt in das ganz dürftige Niederheſſen, wo die Vogelsberge ſtreichen, und das kleine Gießen Studenten wünſcht. Unter uns geſagt, ich weiß nicht, wie die kleinen Univerſitäten bei einiger Kraft bleiben und fortbeſtehn ſollen, da alles Bedeutende in den großen Anſtalten koncentrirt wird. Dieſe Centraliſation macht ſich mehr und mehr bei uns in dieſer Weiſe geltend, und ſie hat die Fähigkeit in ſich, um ſo mehr nach der Breite zu wachſen, je mehr ſie nach der Höhe wächſt, die Studenten⸗ zahl lockt den Profeſſor, der Profeſſor die Studen⸗ tenzahl, und das Enſemble erzeugt von ſelbſt den Aufwand, die Eentraliſation, eine gefürchtete und VI. 16 242 getadelte Macht, die durchweg in der heutigen Ent⸗ wickelung begriffen; es wird umſonſt ſein, ſich gegen ſie aufzulehnen, man muß ſie leiten. In fünfzig Jahren ſind die kleinen Univerſitäten, dieſer Stolz der Mannigfaltigkeit Deutſchlands, als ſolche ver⸗ ſchwunden. Stellt Eure Wirthſchaft bei Zeiten auf ſolchen Umzug. In dieſem ärmeren Heſſen hat es in letzter Zeit die meiſten Demagogen gegeben, wenigſtens hat man hier die meiſten gefunden. 3 Darmſtadt ſelbſt liegt in einer Waldgegend. Ich weiß nichts davon zu erzählen, als daß man des Nachts dort ganz ungeſtört ſchläft, und daß es auch des Morgens noch ganz ſtille war. Die Sonne ſchien, als uns der Poſtillon durch breite, vornehm ruhige Straßen hinausfuhr, welche neben großen Gärten ſchlummerten; meine Begleiterin meinte, hier müßten die Kinder recht gut gedeihen, es wäre friedlich und ohne Wagenſtörniß, ſie könnten ſpielen nach Herzensluſt. Woher Verkehr und Erwerb und befruchtendes Leben in dieſe Haideeinſamkeit kommt, „ 233 hat mein flüchtiger Reiſeverſtand nicht ergründet, was kümmert's mich! ich ließ mich luſtig in den Wald hinein rollen, aus welchem ein Trupp ſchöner und ſchön berittener Reiter uns entgegen kam. Der befehlende Wachtmeiſter ſchwenkte eine hübſche Hetz⸗ peitſche in der Hand; man iſt dieſen Anblick nicht mehr gewohnt, das Inſtrument mag aber ſeine guten Dienſte thun, um Kavallerie einzuexerciren. Die Waldberge des alten Melibocus drängten ſich neugierig herzu, neben ihnen hin lauft die Bergſtraße zwiſchen Darmſtadt und Heidelberg. Dieſe Bergſtraße iſt ein ſehr hübſcher Weg: die Berge, welche man im Oſten hat, ſind weich und reich belaubt, mit Ruinen geſchmückt und in lockender Nähe, man fährt durch fruchtbare Obſtgärten hin; nach Weſten dehnt ſich die Pfalz flach und eben nach Mannheim, nach dem Rhein hinüber; aber dieſe Bergſtraße wäre ein viel hübſcherer Weg, wenn ſie nicht für ſo ausgezeichnet gälte, ſie iſt kleiner als ihr Ruf, es giebt ſchönere Straßen. Man denkt ſich auch unter dem Ausdrucke Bergſtraße etwas — —xxx 244 ganz Anderes, die Berge ſehen blos drein, und man fährt in einem meiſt ebenen Garten dahin; auch mit dem Rheine hat man nichts zu ſchaffen, wie's nach den Schilderungen oft zu klingen ſcheint. Zu viel Kourmacher ſchaden der Hochzeit, zu viel Lobpreiſer dem Reize. Aber der eigentliche Süden Deutſchlands fällt hier mit tieferen Farben auf uns herab, das Kolorit der Laubberge iſt dunkler, ſammt⸗ ner, geſättigter, der Himmel iſt blauer, feine Ka⸗ ſtanien gedeihen, der Mandelbaum grüßt, Heidel berg liegt hinter dem Berge. Heidelberg! Das klingt wie Minnegeſang, wie Walter von der Vogelweide, wie Romantik dunkel⸗ blau; wenn man das Wort Heidelberg ausſpricht, ſo heißt das ſo viel als„Ach ja, dahin, dahin!“ Dort wohnt die lyriſche Poeſie in eigner Perſon, man ſitzt unter dunklem Laube am Bergeshang und ſchaut in's Paradies hinab, ſeufzt, ſchließt die Augen und öffnet ſie wieder. Neidiſches Schickſal! Dieſer Genuß hätte für mich ſeine Unbequemlichkeit gehabt, denn als ich —— 243 um die Bergecke fuhr, fing es an zu ſchneien, der ſchönſte Spätherbſt erkältete ſich einen Nachmittag lang, und Heidelberg, wo jeder anſtändige Menſch ſchöne dunkle Farben vorausſetzt und dem Prinzip nach nicht zugiebt, daß es Koth ſchneien könnte, Heidelberg am Neckarſtrom trat mir weiß⸗ und ſchmutz⸗ geſprenkelt entgegen. Dies abgerechnet war es auch unter Anderem ganz anders, als ich mir's gedacht hatte; dafür kann Heidelberg nicht. Es kriecht in eine Schlucht hinein, das Schloß ſitzt ihm näher auf Hals und Schulter, der Ort dehnt ſich länger und ſchmäler, als man nach der Beſchreibung den⸗ ken ſollte; der Neckar wird dadurch zudringlicher, der weitere, geſchmeidigere Blick fehlt. Aber es iſt in ſeiner Art beinahe eben ſo ſchön. Das Feen⸗ hafte iſt nicht da, die alte Ruine liegt nicht frei, unbeſchränkt wie ein Mittelalter ſchlafend, in ein weites, weiches Thal mit ſchlummerhaftem Auge blinzelnd, nein, das große alte Gebäude kriecht gemſenartig dicht über der Stadt umher, und iſt mehr eine Welt in ſich mit Schatten und Vorſprung, A —— 246 mit Blick und Fall; die Formen und Winkel des Thals ſind ſchärfer, das Gebirg dahinter, der Königs⸗ ſtuhl und ſo weiter iſt höher, die unklare Ebene nach der Pfalz hinaus iſt verdeckter und darum intereſſanter. Heidelberg iſt pittoresker aber weniger zauber⸗ haft, als die gewöhnliche Beſchreibung verkündet. Wenn man hier auf einem großartigen Reſidenz⸗ ſchloſſe der Pfalz die Franzoſen eine Zeit lang haßt, welche dies blühende Land zum Manövreplatze ihrer Verheerungen gemacht, welche an dieſen prächtigen Felsmauern mit dem Schießpulver Verſuche ange⸗ ſtellt haben, ſo iſt dies eine ganz natürliche Regung. Es gibt Orte, welche geheiligt ſind durch den Stempel der Gottheit, ein ſolcher Ort iſt Heidel⸗ berg. Sogar Matthiſſon hat hier ſein beſtes Ge⸗ dicht empfangen, ſein„Schweigend in der Abend⸗ dämm'rung Schleier“, was verlangt Ihr mehr? Am großen Schwetzinger Garten vorüber flacht und vereinfacht ſich das badiſche Land nach Carls⸗ ruhe hin mehr als nöthig wäre; weſtlich drüben 247 geht ſchmucklos in der Ebene der Rhein, und von ſeinem jenſeitigen Ufer waren es nur der Dom und die Thürme von Speier, welche einen Gedanken⸗ anhalt gaben in dieſem ganz reizloſen Landſtriche. Heidelberg iſt hier der äußerſte Vorſprung nach Weſten, wo das Land in Berg und Thal Schön⸗ heit erzeugt. Die Rheinufer ſind ſehr einfach, ſelbſt bei der freundlichen Pfalzhauptſtadt Mannheim, und ſo den Rhein aufwärts nach Straßburg hinauf. Das heitere Land hat ſich hier auf's linke Ufer auf⸗ ſteigend hingelagert, dort nämlich lacht das warme Rheinbaiern mit ſeinen freundlichen kleinen Städten, Burgen und Weinbergen, mit ſeinem Hambach, ſeinen Hardtbergen, ſeinen lang aufgeſchoſſenen, dunk⸗ len, leicht erregten Bewohnern. Dieſe Richtung läßt man immer weiter rechts liegen, und durch den einförmigſten, traurigſten Strich Badens nähert man ſich dem Laubwalde, in welchem Carlsruhe liegt. In dieſer fächerartig gebauten Stadt, wo alle Straßen nach dem Schloſſe, dem Griffe dieſes Fächers auslaufen, findet man 248 ſchon die erſte franzöſiſche Färbung, und wenn man ſich über Raſtadt wieder rechts nach dem berühmten Baden⸗Baden wendet, ſo iſt man plötzlich in eine 1 romantiſche Thalſchlucht verſetzt, wo alle Sprachen Europa's durcheinander ſpaziren, wo großartiges Gaſt⸗ hof⸗ und Luxustreiben an die Hauptſtadt⸗Exiſtenz erinnert, und wo die ſchwarzgrünen Waldberge romantiſche Stimmungen in die Seele drücken. Dieſe mannigfaltige Eigenſchaft, überall im größten Stile „„.. ausgeprägt, macht Baden zu demjenigen Bade, was vorzugsweiſe das Bad genannt wird. 3 88 29. Die Nibelungen. Wie oft hört Ihr flüchtigen Leute, die Ihr Reiſe⸗ novellen leſ't, von den Nibelungen reden, und Ihr wißt nicht recht, was das bedeute. Ich will's Euch erzählen; ich kenne ſie, am Rhein ſind ſie zu Hauſe, auf der Ebene bei Worms haben Siegfried und Hagen ihre Roſſe getummelt, der Rhein iſt für alle deutſche Dichtung der Lebensſtrom, hier hat ſich auch das größte Epos geſchürzt, das Nibelungenlied, das größte Lied nach der Iliade, die germaniſche Iliade, die mir theuer und werth iſt trotz aller altdeutſchen Grammatiker. Ich ſtand im Röſſelwalde oberhalb Rüdesheim, Streifregen flogen wie Pfeile über das Land, aber plötzlich barſten die Wolken, und der goldne Sonnen⸗ ball fiel wie ein Schatz in den Rhein hinab, in's wirbelnde Binger Loch hinein. Dort hat auch der grimme Hagen— nicht Herr von Hagen, der alt⸗ deutſche Grammatiker, welcher nicht grimm iſt, ſon⸗ dern gelehrt— dort hat er auch den Nibelungen⸗ ſchatz verſenkt, und die Wirbel und Strudel des Stroms, die wilden Geiſter haben ihn bis heute beſchützt. Wohl ein Jahrtauſend lang heben die deut⸗ ſchen Poeten daran, und heben, aber der Nibelungen⸗ hort iſt nicht mehr an's Tageslicht gekommen. Der Blick ſpringt gierig über das prächtige Land; da tauchte mir das alte Leben vor der Seele auf, wie die Burgunder hier geherrſcht, wie Siegfried herangezogen, wie Alles gekommen ſei. Siegfried, der hörnerne oder gehörnte Siegfried, von welchem die Mähr auf allen Jahrmärkten zu haben iſt, er reitet und ruht als Mittelpunkt des Nibelungenliedes: der Tag dieſes Liedes iſt Sieg⸗ 251 frieds friſches Heldenleben, ſein Tod an der kühlen Quelle; die Nacht des Liedes iſt ſeines Weibes Rache für den herben Tod. Zwiſchen Cleve und Weſel, nicht weit vom Rheine, was man Niederland nennt, ſoll eine Stadt gelegen haben, die hieß Xanten. Von da zog Sieg⸗ fried auf Abenteuer aus, kroch durch die Schluchten und das Dickicht des Rheinwaldes, und kam in's Hardtgebirge, dort beſtand er ſein Abiturienteneramen und erlegte den Drachen Fafner. Mit deſſen Blute und Fette beſtrich er ſeinen Leib, davon bekam er eine Hornhaut, die ihn unverwundbar machte. Ein Fehler wurde damals jedoch überſehn: zwiſchen den Schultern blieb ein unbeſtrichener Fleck übrig. Da⸗ für kamen ein Paar Tropfen auf die Zunge, welche in der Geſchwindigkeit eine Sprache lehrten, nach welcher die Dichter alle Frühjahre ſeufzen, und die keine Bonne lehrt, die Sprache der Vögel. Fafner hatte wie jeder ordentliche Drache ſeinen Schatz, damit rüſtete ſich Siegfried ſtattlich aus, ritt hinab nach Worms an's Hoflager des Königs 252 Günther, richtete ſich dort ein, erſchlug nebenher allerlei Feinde des Burgunderkönigs mit ſeinem guten Schwerte Balmung und verkehrte in Frieden mit den Burgundiſchen Recken, mit Hagen, mit Volker, mit Dankwart und wie ſie weiter heißen. König Günther hatte eine ſehr ſchöne Schweſter, Namens Chriemhilde, die gefiel Siegfried ſehr, und Siegfried gefiel ihr ebenfalls; Günther verſprach ſie ihm zum Weibe, wenn Siegfried ihm erſt die ſchöne gefähr⸗ liche Brunhild zur Gattin verſchafft hätte. Hier treten nun nordiſche Sagenkreiſe ein, denn die Mährſchaften zogen wie Sommerfäden von einem Lande in's andere und verwirrten ſich; wenn die Völker ihren Frühling und Sommer hinter ſich haben, dann ſpinnen ſie aus ihrem Kern heraus die langen Liedesfäden. Die Einheit und Aechtheit war damals im Röſſelwalde nicht eben mein Kummer. Ich fuhr mit den Burgundern den Rhein hinab, die Reiſe geht naiverweiſe gleich bis Island hinauf, was da⸗ mals noch grün war, und wo die ſtolze Brunhild herrſchte. Sie war ein glänzendes Mannweib, man 253 mußte ſie erſt im Kampfe beſiegen, wenn man ſie heurathen wollte. König Günther, der nicht der ſtärkſte war, hielt ſich an Siegfried, und Siegfried verſprach ihm den beſten Beiſtand. Er hatte bei⸗ läufig einen gewaltigen Zwerg zerwürgt, und von dieſem ein Zaubermäntelchen errungen, welches die Tarnkappe heißt und die Eigenſchaft beſaß, unſicht⸗ bar zu machen. In dieſer Tarnkappe ungeſehen ſtand Siegfried neben Günther und rang für ihn, und rang auf's Beſte, Brunhild ward beſiegt, und alle Welt meinte, Günther habe das zu Stande gebracht. Nun kommen wir zu den Nibelungen: ihr Stammland iſt Norwegen; dorthin ſchiffte Siegfried, knebelte den Rieſen der Nibelungenburg, und eben ſo den gefährlichen Zwerg Alberich. Dieſer letztere war eine ſehr wichtige Perſon; unter ſeiner direkten Obhut befand ſich der Nibelungenſchatz, welcher Ni⸗ belungenhort genannt wird. Alberich ſchwor einen entſetzlichen Eid, Land und Schatz dem Siegfried zuzuerkennen, dieſer nahm viel Gold mit und tauſend 254 wohlgewaffnete Nibelungenritter, damit holte er Kö⸗ nig Günther und Brunhilden ab, und es ging zur Hochzeit nach Worms. Die ſeinige mit der ſchönen Chriemhilde gelang denn auch auf's Beſte, und ſie waren am andern Morgen ſehr vergnügt. Nicht ſo König Günther: Brunhild trug einen Zauber⸗ gürtel und Ring, ließ ſich im Ehebett nicht über⸗ wältigen, und hing vielmehr ihren ſchwächeren Gatten einſtweilen des Nachts über an einen Nagel. Dies ſchien Günther denn doch für die Folge nicht wün⸗ ſchenswerth und er vertraute ſich Siegfried— es iſt durchaus nicht gut, ſich in fremden Ehezwiſt zu miſchen; Siegfried aber war ein guter Narr, und ſagte: lieber König, ich werde Dir in allen Ehren helfen. Er nahm alſo ſeine Tarnkappe, ging neben Günther in's Schlafzimmer, überwältigte Brunhild, nahm ihr Gürtel und Ring, und Günther, welcher bei ſeiner Gattin für den Sieger galt, konnte ſich nun der ſchönen Brunhild freuen nach Herzensluſt. Aber dieſe Nacht hatte ſchwere Folgen, wie das Jeder gern glaubt, welcher eheliche Verhältniſſe kennt: 2⁵5 Siegfried erzählte den Vorfall in der erſten Freude ſeiner jungen Frau Chriemhild, gab ihr den Gürtel, empfahl ihr natürlich Stillſchweigen, wie das über⸗ flüſſiger Weiſe jeder Maͤnn thut, und die Sache war gut und ſchön. Er reiſ'te mit Chriemhild heim nach den Niederlanden, und lebte da an die zehen Jahre ganz heiter. Brunhild hatte eigentlich doch zweierlei Verdruß gegen ihn auf dem Herzen: zuerſt hatte ſie ihn eigentlich geliebt, und wenn auch nicht leicht Jemand davon wußte, ſo vergiebt das eine Frau nicht leicht, umſonſt etwas empfunden zu haben. Der abge⸗ brochene Anfang einer Liebe iſt der Anfang eines Haſſes. Zweitens war ſie ſehr fürnehm, und ſie verlangte, Siegfried und Chriemhilde ſollten Dienſt⸗ leute des burgundiſchen Hofes ſein. Dies ſchien aber dieſen überflüſſig, es gab einiges böſe Blut. Indeſſen, Brunhild war klug, und lud ſie noch vor der Sonnenwende zum Beſuche nach Worms. Sie verſprachen zu kommen, und beſchenkten die Boten reichlich, ſo daß dieſe viel Rühmens machten bei 256 der Heimkehr. Hagen ſagte dazu: Wer den Hort der Nibelungen beſitzt, der hat gut ſchenken!— Sie kamen; man küßte ſich, man gab Feſte, die beiden Frauen ſtanden auf dem Balkone und ſahen zu, Chriemhild ſagte, Siegfried ſei doch der herrlichſte, Brunhild erwiderte, eigentlich ſei er doch ihr Dienſtmann. Man weiß, daß die Frauen nichts auf dem Herzen behalten, ſei's noch ſo ſüß, oder noch ſo bitter, ſie lieben oder haſſen, während die Männer gleichgültig ſind, das heißt Keins von Bei⸗ dem thun, und es kommt am meiſten zum Aus⸗ bruch, wenn die Frauen zur Kirche, zum Tanze oder zu Bette gehn. Diesmal geſchah's vor der Kirche: Jede wollte den Vortritt haben, und es ereignete ſich eine Scene, welche Chriemhild damit ſchloß, daß ſie Ring und Gürtel hervorzog, und der Andern bewies, Siegfried, nicht Günther habe ſie bezwungen. Brunhild weinte bitterlich und blieb zurück, es kam böſe Zeit. Hagen, der Siegfried nicht leiden konnte, weil er ihm überlegen war, ſagte zu Brunhild, er wolle ihr helfen. Er verſchaffte ſich von Chriemhilden, 257 die ihn für den Freund ihres Gemahls hielt, das Geheimniß von Siegfriedens Leibe, und die Offen⸗ herzige erzählte ihm ausführlich, wie ſie auf ſein Gewand zwiſchen den Schultern, wo die Salbe fehle, ein heilig Zeichen von Seide genäht habe. So kam es denn nun wie folgt: Man hielt eine Jagd im Odenwalde, Siegfried hatte ſich einen lebendigen Bären gefangen und ſich durſtig erhitzt, Hagen aber hatte den Wein fälſchlicherweiſe nach dem Speſſart beſchieden, ſo fehlte es am Trunke. Ich weiß eine Quelle in der Näh', ſprach Hagen, legen wir unſre Rüſtungen ab, und machen wir einen Wettlauf dahin. Es war ein ſchöner, vom Wald umkränzter Anger, wo ſie über den Klee dahin liefen zu einem Lindenbuſche, in welchem der Brunnen quoll. Sieg⸗ fried, der zuerſt da war, wartete, bis der König getrunken, dann bückte er ſich nach dem Waſſer, und Hagen ſtach ihm den Speer tief zwiſchen die Schultern hinein. Er ſank, hob ſich zornig noch ein⸗ mal und ſchlug mit der Fauſt den Uebelthäter zu VI. 17 Boden, dann fiel er ſterbend in die tiefen Wald⸗ blumen, über welche ſein Blut hinrieſelte. Sieg⸗ fried war todt! Solches iſt geſchehen, wo jetzt das Dorf Edig⸗ heim in der Nähe von Frankenthal liegt, und der Rhein ſelbſt war ſo erſchrocken darüber, daß er dem Flecke auswich, und einen neuen Weg einſchlug; der Lindenbuſch, wo Siegfried fiel, war damals auf der rechten Rheinſeite, jetzt kam er auf die linke. Hagen legte den todten Siegfried vor Chriem⸗ hildens Thür; am andern Morgen gab es ein ſchweres Weinen; der gehörnte Leib ward im Münſter zu Worms beſtattet; Chriemhilde aber weinte nicht blos Zorn, ſondern auch Rache. Sie blieb indeſſen zu Worms, und vergab den Burgundern, nur Hagen nicht, auch den Nibelungenſchatz ließ ſie holen. Hagen ſtahl ihr den Schlüſſel und raubte den Schatz, aber die Burgunder wollten ihn nicht, und er mußte ihn verſenken, da wo der Rhein um die ſcharfe Ecke wirbelt, welche jetzt der Röſſelberg heißt, und dem gegenüber Bingen liegt; er getraute ſich zu, ihn 259 allein wiederzufinden. Denn Hagen war ein nüch⸗ terner, gewaltiger Mann, welcher mit dem griechi⸗ ſchen Odyſſeus einige Aehnlichkeit hatte, und das Gold zu ſchätzen wußte, er hielt alle Träume und Mährchen für Fabeln, und war ſehr vernünftig. So kam mancher gelbe Sommer, Chriemhilde lebte in traurigem, ſchwarzem Wittwenſtande, konnte Siegfried nicht verwinden und weinte viel. Es ver⸗ lor aber im Hunnenlande an der Donau, was auf den Landkarten jetzt Ungarn heißt, der König ſeine Frau, wollte wieder freien und warb um Chriem⸗ hild. Dieſer König hieß Etzel, und deshalb ſagen die Leute, es ſei der verſchriene, gottloſe Attila ge⸗ weſen, obwohl er ſich in dieſer Geſchichte immer ſehr ſanftmüthig aufführt. Vielleicht hat man die Könige der Hunnen alle Etzel genannt, wie die im Lande Aegypten alle Pharao hießen. Das mochten die Burgunder wohl beſſer wiſſen, und ſie riethen Chriemhild zu der Heurath; dieſe entſchloß ſich auch, weil König Etzel ſehr mächtig war, und weil ſie immer noch Gedanken der Rache hatte. Sie ward alſo an der 260 Donau Königin, und lud die Burgunder ein, ſie zu beſuchen, ausdrücklich auch Herrn Hagen. Als ſie denn auch abreiten wollten, ſprach König Gün⸗ thers Mutter, ſie habe einen ſchlimmen Traum ge⸗ habt, daß alle Vögel im Burgunderlande todt von den Bäumen geſtürzt wären. Hagen ſprach dazu, dies ſei dummes Zeug, und man ritt nach der Donau. Chriemhilde gab ihnen dort ein ſtattliches Gaſtmahl in zwei großen Sälen, und hatte viele tauſend Spielleute beſtellt, welche plötzlich eintraten, und mit Spießen und Schwertern grauſam aufſpiel⸗ ten, es begann eine große Noth. Die Burgunder ſprangen von der Tafel auf, und wehrten ſich, ſie waren eiſerne Recken. Der grimme Hagen erſchlug ſogleich Etzels Söhnlein, die Burgunder machten reine Bahn in ihrem Saale, und blieben Sieger. Aber König Etzel war nun auch unmuthig gewor⸗ den, er ſchickte immer neue Tauſende zum Kampfe hinauf; hei, ſagt das Lied, wie da die blanken Schwerter flogen; Herr Volker, der Spielmann, mit ſeinem ſchweren Fiedelbogen fegte gefährlich an der 261 Thür; dieſer Burgunde, der auch ſchön zu ſingen wußte, hat große Aehnlichkeit mit einem jetzigen Recken, der auch aus jenen Gegenden ſtammt und Uhland heißt; Herr Dankwart ſchrie und ſchlug hin⸗ ter ihm; Herr Hagen mähte mitten im Saale; viele, viele Mütter hatten Leid von dieſem Tage. Nun ließ Chriemhild den Saal anzünden, das war ein ſchwerer Kummer, ſie litten ſehr von der Hitze und tranken aus der Blutlache, welche den Boden bedeckte, zu dieſem Unglück kam grau und weiß der Morgen herauf. Endlich entbot König Etzel den langen Dietrich von Bern, dieſer ſchickte ſeinen alten Meiſter Hildebrand, mit Wolfhart und acht ſchweren Helden, die machten ein Ende bis auf Günther und Hagen, aber ſie fielen auch alle bis auf Hildebrand, der entrann. Nun ſchnallte Dietrich ſelbſt ſeine Rüſtung um, nahm Hildebrand wieder mit, und begann zuerſt den Kampf mit Hagen, wovon die Grundfeſten des Hauſes bebten, denn Hagen focht mit Balmung, dem Schwerte Siegfrieds. Endlich fiel Hagen, und ward gefeſſelt, darnach unterlag 262 auch Günther, und Dietrich übergab die Beiden der zornigen Chriemhild, verlangte aber, daß ihnen kein Leid mehr geſchähe. Chriemhild hatte noch großen Zorn, ſie forderte von Hagen den Nibelungenhort zurück, und da er ſich deſſen weigerte, wohl wiſſend, daß es ihm nichts helfen würde, ließ ſie ihrem Bru⸗ der Günther den Kopf abſchlagen, und hielt ihn vor Hagen's Augen, dann dachte ſie ſtark ihres erſchla⸗ genen Siegfried, erraffte mit beiden Händen Bal⸗ mung, ſein gutes Schwert, und ſchlug Hagen zu Tode. Als dies der alte Hildebrand, Dietrichs Waffenmeiſter ſah, ſprang er hinzu, und hieb das wilde Weib in Stücke. Etzel und Dietrich, und alle Frauen und Völker weinten; dies war der Ni⸗ belungen Noth. Starker Rhein, ſo ſtarke Leidenſchaften, ſo ſtarke Menſchen, ſo ſtarke Mährſchaften ſind neben Dir aufgewachſen und geſtürzt, und heut' wie zur Ni⸗ belungenzeit gehſt Du raſch und grün und ſtolz vor⸗ über, von Neuem weckend, von Neuem ſtüzend, ein ewiger Strom wie der Ganges. Der Schwarzwald iſt wirklich ein ſchwarzer Wald; langſam und mählig erheben ſich die Berge, links und rechts ſieht man in dunkle tiefe Thäler, die umſäumt und umſchattet ſind von ſchwarzen Tannen⸗ wäldern. Es iſt kein rieſiges Gebirge, aber es fäͤllt in tauſend Gruppen ab, dunkler, friſcher Friede liegt darüber, tief aus den einzelnen Schluchten lockt hier ein Thal und dort ein Grund mit grüner Matte und blinkendem Bächlein; wo die Bergwüſte ſich zu verwirren ſcheint, ſpaltet plötlich ein lichter Abhang wie ein Sonnenſtrahl die Wirrniß, und eine Hütte, wo hölzerne Uhren gemacht werden, wo zwei Men⸗ 264 ſchen von einer Kuh leben und von einer Ziege das ganze Jahr hindurch, tritt uns vor's Auge wie die lockende Beſcheidenheit. Die alte Weltruhe lagert über den ſchwarzen Bergforſten der Tannenbüſche, der Raubvogel ſchwebt hoch hinweg nach der Ebene hin, um Nahrung zu ſuchen, und die Ebene ſelbſt, welch ein reicher Rahmen iſt ſie dieſes dunklen Wald⸗ gebirges! Die Pfalz blüht unten im Sonnenſcheine, der Rhein blitzt herauf, der Straßburger Münſter kündigt den Anfang des immer kreiſenden, immer brauſenden Frankreich, die blauen Vogeſen ſchließen den Blick, lichte Farbe, Wechſel, Bewegung iſt vor uns ausgebreitet, und das ſchwarze, ſchweigende Waldgebirg rings um uns her mahnt ernſt und wie die Leidenſchaftsloſigkeit ſelber: träume von der ſtür⸗ miſchen Welt der Abwechſelung, des verzehrenden Wunſches, geh' hin, laſſe Dich ſchleudern, gewinne, vergiß mich, oder kehre wieder, ſuche Troſt in der Sammlung, ich ruhe feſt Jahrhundert für Jahr⸗ hundert, ich bewahre die heilige Stille, nimm ſie, verwirf ſie, ich warte nicht, ich erſchrecke nicht, ich 265 hoffe nicht, ich zweifle nicht. Wer im Schatten meines Tannenwaldes wohnt, hat wenig, aber er hat ein ruhig Herz, er hat keine überraſchende Ab⸗ wechſelung, aber er hat den Frieden. Habt Ihr nie von dem reinen Weine gekoſtet, welcher Unabhängigkeit benannt wird? Solch ein ſtilles Waldgebirge iſt dieſe Unabhängigkeit; es iſt dürftig, aber es bedarf keines Menſchen; des Him⸗ mels Sonne und des Himmels Regen, ſie mögen ſparſam, ſie mögen üppig kommen, gewährt ſo viel, als der ſchwarze Winterbaum bedarf, als der Gras⸗ halm und das Kraut zum Gedeihen erheiſcht. Und in ſeiner Dürftigkeit kann er mittheilen dem beſchei⸗ denen Wunſche: ſein trockener Aſt waͤrmt den Frie⸗ renden, ſein Gras nährt das Hausthier, ja in der Sommerzeit bietet er den Luxus ſogar, nicht blos den kühlen Trunk, auch die friſche Waldbeere hat er zum Verſchenken, Es ritt einſt ein finſter ausſehender Mann dieſe Berge herauf, und blickte rückwärts und ſeitwärts, rückwärts in die ſchimmernde Ebene, ſeitwärts in 266 die ſchwarzen Gründe. Sein Haar war ergraut, Kummer beugte den ſtolzen Leib, Gram ſaß auf der Lippe; aber wenn er mühſam einen tief ver⸗ ſteckten Grund entdeckte, da trat ein Ausdruck auf ſein Antlitz, welcher noch eine entfernte Aehnlichkeit mit der freudigen Ueberraſchung unbefangener Men⸗ ſchen hatte. Er hielt ſein Thier an, und wartete auf ein zweites, welches ſein Diener ritt. Tom, dieſer Diener, hatte ein kleines Mädchen von ſechs Jahren vor ſich auf dem Sattel, das Mädchen ſchwatzte, und war guter Dinge, und rief dem Vater zu: Papa, laß uns da hinunter reiten, dort graſ't eine ſchöne ſcheckige Kuh! Das wollen wir, Nell, ſprach der Vater, dort unten iſt Ruhe. 3 Der Mann glaubte, viel Unglück gehabt zu haben und wollte der Welt entfliehn. Er war reich und vornehm von Hauſe aus, und hatte ſeit ſeiner Man⸗ nesjugend ein ſchönes Mädchen geliebt; das Mädchen war aber niedrigen Standes und die Eltern des jungen Mannes willigten nicht in dieſe Verbindung⸗ 267 Er war ein guter Sohn, und gehorchte, und da die Eltern lange lebten, ſo war er beinahe vierzig Jahr alt geworden, eh' er ſeine Geliebte heurathen konnte. Bis dahin hatte er auf das Glück gewar⸗ tet, und nichts in der Welt ſchön gefunden als ſeine verweigerte Braut; jetzt war das Glück da, aber es fand ihn nicht. Seine Frau war eigen⸗ ſinnig und verdrießlich, und ſagte, er ſorge nicht genug für Abwechſelung und Vergnügen, das Leben ſei langweilig. Darunter litt Edward dergeſtalt, daß er glaubte, es würde eine ganze, ſteinerne Welt auf ſeinem Herzen zerſchlagen; als ſeine Frau eines Abends auf den Ball fuhr, nahm er Nell, ſein einziges Töchterlein, und Tom ſeinen treuen Diener, und ging mit dieſen in die weite Welt, um einen ſtillen Platz zu ſuchen, wo man nicht von Menſchen geſtört würde. In einem verborgenen Thale des Schwarzwaldes glaubte er ihn zu finden. Er kaufte von den armen Leuten die Hütte, die Kühe, die Ziegen, nahm ihnen das heilige Verſprechen ab, niemals von ihrer alten 268 Heimath zu reden, nieigals ſie wieder aufzuſuchen, und begann ſein ſtilles verborgenes Leben. Tom murrte Anfangs gegen das Kühemelken, aber er fand ſich. Nell wuchs auf. Edward war nicht ſo radikal feindlich gegen die Welt, als es für den erſten Anblick ſcheinen mag; die ſchwarzen Waſſer der Trübſal gingen ihm tief über die Seele, aber er meinte, das Unglück rühre nur von den Verboten der Welt her. Weil Dies und Jenes verboten iſt, darum richten wir um ſo ſtärker unſere Kraft, unſern Wunſch darauf, ſolcher⸗ weiſe ſind unſre meiſten Wünſche nicht mehr ächt, ſondern ſie ſind Kaprice, wir lieben und haſſen die Dinge, die Menſchen nicht, weil ſie ſchön oder häß⸗ lich ſind, ſondern weil ſie in dieſem oder jenem Verhältniſſe zu uns ſtehn, weil ſie uns erlaubt oder verboten ſind. Damit vernichten wir unſre wirk⸗ liche Freude; das Erlaubte, weil es uns mit offnen Armen entgegen kommt, wird wenig beachtet, das Verbotene wird überſchätzt. 269 Nells Erziehung ward alſo darauf begründet, daß ihr Alles erlaubt ſei—* wird ſie, meinte Edward, ein wirklich unbefangenes Weſen, und ſie wird rein und lauter erfahren, was ihr wirklich gefällt. Was uns aber wirklich gefällt, das iſt auch wirkliches Glück, darin beſteht die Harmonie der Weltgeſetze.— Es waren zehn Jahre vergangen, Nell war ſchön und luſtig wie ein Waldvogel. Sie fragte jetzt öfter Edward oder Tom, ob die Männer alle weiße Haare hätten und Runzeln, ob man nicht auch deren finden könnte, die ſchwarze hätten wie ſie und eine glatte Haut. Um dieſe Zeit verirrte ſich ein Wanderer in Edwards Thal, und klopfte eines Abends an die Hütte. Man erſchrack ſehr; es war ein kräftiger Mann, der eine Fußreiſe durch die Gebirge machte, um eine Hypochondrie zu heilen, die ihn plagte. Er war in den Jahren, welche man die beſten nennt, weil wan nichts beſſeres von ihnen zu ſagen weiß, übrigens von ganz leidlichem Ausſehn und von genügend lebendiger Art, da die 270 Reiſe gut angeſchlagen hatte. Nell ſagte, er gefiele ihr, und ſie möchte, daß er da bliebe. Das Syſtem Edward's ſchien dieſer Verlegen⸗ heit nicht zu erliegen, da der Fremde, Herr Wal⸗ ther, auch Edwards Beifall gewann und um die Hand der ſchönen Nell anhielt. Ich kann nichts dawider haben, ſprach Edward, und will noch eine Kuh anſchaffen, wenn Sie bei uns bleiben. Er blieb; Edward war religiös, und die Hoch⸗ zeit mußte vom Prieſter geſegnet ſein. Zu dem Ende begab man ſich nach der Ebene, wo die nächſte Kirche zu finden war. Nell ſah hier lauter Neues, Menſchen, Häuſer, Wagen, ſie fand das hübſcher als die Einſamkeit, man mußte bleiben. Walther erzählte ſeiner jungen Frau von Paris, ſie fand die Beſchreibung lockend, und ſagte: Laß uns nach Paris reiſen. Der alte Edward wurde inkonſequent und wollte Nein ſagen, Nell begriff nicht, wie er Nein ſagen könne, und er mußte ſich fügen. 271 In Paris ſagte ſie Walther gleich in den erſten Tagen, daß ihr Dieſer und Jener beſſer gefalle als er, und da Walther mißmuthig wurde, erklärte ſie, daß er ihr gar nicht mehr gefiele, und ſie durch⸗ aus einen andern Mann haben wolle. Edward war in Verzweiflung; er ſah mit Schrecken ein, daß ſich das Leben nicht lehren laſſe, daß die Welt eine unergründliche Macht ſei, vor der man auf Flügeln der Morgenröthe, in's fernſte Thal nicht entfliehen könne, er ſah mit Schrecken ein, daß nichts den Kampf ſo gefährlich mache, als wenn man vor ihm fliehe, daß Liebe, Glück und Schickſal eben die ewigen Gedanken der Welt ſeien, deren kein Menſch ſich bemächtigen könne. Ferner: ich habe das Uebel viel ärger gemacht, ſagte er, jede Zeit, jede Welt hat gerade da ihren ſicher⸗ ſten Schutz, wo ſie am meiſten brauſ't und ſiedet, da ſind all ihre ſchärfſten Geſetze am klarſten aus⸗ gedrückt, da rüſtet man ſich am beſten. Das Ge⸗ dräng von Paris, nicht die Einſamkeit des Schwarz⸗ 272 waldes waffnet gegen die Welt; verkriechen mag ſich das ſchwache furchtſame Alter, das für immer zer⸗ brochne Herz hinter Berge und Felſen; aber was leben will, muß ſeine Weisheit im Leben ſuchen, es wird keine Erfahrung gelehrt, ſie wird nur gemacht. 3 O Tom, was haben wir angerichtet! Wußteſt Du nicht von der Jagd her, daß man dicht an der Büchſenmündung viel ſichrer iſt, als entfernt davon? da ſind nur wenig Punkte, wo ſie treffen kann, ein ganz kleiner Kreis, aber je weiter Du gehſt, deſto größer wird der Umkreis, wo dich die Kugel findet. Unabſehbar ſchienen in der erſten Zeit die Un⸗ ſchicklichkeiten, deren Nell mit ihrer Erziehung und dem Grundprinzipe ihres Vaters ausgeſetzt war, mit dem Prinzipe, zu thun, was ihr gefiele. Die baare Revolution liegt eben darin, die allgemein angenommene Form dem eigenen Geſchmack unter⸗ zuordnen, die Begriffe, Bildung und Sitte werden dadurch vernichtet, das ſtets überraſchende Geheimniß — — 273 liegt darin, daß alles Neue zuerſt unſittlich erſchei⸗ nen muß. Wenn ſich das aber an einem Mäd⸗ chen offenbaren will, ſo nennt man das Skandal. Nell hatte in Geſellſchaft nicht Luſt, auf dem Stuhle zu ſitzen, ſie ſetzte ſich an die Erde, ſie riß einer Dame die falſchen Locken aus, und wiſchte ihr die Schminke ab; ſie ſagte dem einen Herrn, er habe ein unausſtehlich garſtiges Geſicht, dem anderen, er ſei ſehr ſchön; ſie fing im Theater, wo Alles todtenſtill einer Tragödie zuhörte, plötzlich an, mit ſchmetternder Stimme ein Alpenlied zu ſingen, weil ihr das beſſer gefiel, als die Tragödie. Der Vater ſagte ihr, ſie ſolle wieder mit nach dem Schwarzwalde zurückkehren, ſie erwiederte aber: in meinem Leben nicht, es gefällt mir hier in Paris viel beſſer. Wenn er ſie zwingen wollte, ſo mußte er ſelbſt auf das grauſamſte gegen ſein eignes Erziehungs⸗ prinzip ſündigen. Unter all dieſen hin und her ſpringenden Nei⸗ gungen bildete ſich diejenige zu einem ſtattlichen VI. 18 274 Franzoſen, Namens Alfred, bis zur entſchloſſenſten Leidenſchaft auf. Alfred nahm auch großes Inter⸗ eſſe an Nell, aber er war an die Liaiſon mit einer älteren Dame gefeſſelt, und dieſe Dame verſtand es, ihn immer wieder feſtzuhalten, wenn er im Begriff war, Nell ausſchließlich zu wählen. Sie wußte geſchickt, Nell's Originalität, welche für den blaſirten Pariſer ſo viel Reizendes hatte, in's Lächer⸗ liche, Grelle, Unpaſſende zu kehren; der Franzoſe war Convenienzmann, er erſchrack vor dem Fratzen⸗ bilde, was ihm die ältere Freundin ausmalte, ſobald ſie von der jüngeren ſprach, er verließ Nell immer wieder, ward von Neuem durch ihre Schönheit und durch ihr mächtig zudringliches Naturell angezogen, und verließ ſie von Neuem. Nell war unter dem Namen Miß Walther bekannt; Walther ſelbſt, durch ihr Betragen abge⸗ ſchreckt, hatte ſich völlig von ihr zurückgezogen, und war ſehr bereit, Partei gegen ſie zu nehmen, weil ſeine Rolle nicht ganz ohne Lächerlichkeit war, und weil man in unſrer Geſellſchaft lieber Veranlaſſung 275 giebt, gehaßt, als verſpottet zu werden. Er hörte von Alfreds älterer Geliebten, von dieſem feindlichen Verhältniſſe zu Nell, und machte dieſer Dame ſei⸗ nen Beſuch. Sie führte den Namen Miß Claren, und nahm ihn ſehr freundlich auf. Man kam darin überein, die wilde Nell für verrückt zu erklären, beſprach ſich, das Gerücht auf die ſchnellſte und geſchickteſte Weiſe auszuſtreun, und hielt es zunächſt für angemeſſen, daß Walther ſich achſelzuckend dazu verhalte. In der modernen Geſellſchaft ſind die Gerüchte das geworden, was einſt in der italieniſchen Geſell⸗ ſchaft die Gifte waren, ſie wirken oft eben ſo gut, und man hat den Vortheil, deshalb mit keiner Obrig⸗ keit in Mißverhältniſſe zu kommen. Wäre man nicht über die ſogenannten Gewiſſensbiſſe hinaus, ſo haben die Gerüchte, welche man zum Nachtheil Anderer erfindet, auch dafür ihr Gegenmittel in ſich: ſie bekommen nämlich in der Umwälzung durch tauſend Zungen und Hände eine ſo veränderte Ge⸗ ſtalt, ſie betheiligen die verleumdete Perſon immer 276 ſelbſt ſo weit mit der Verleumdung, daß ein Theil des Gerüchtes wirklich wahr wird, kurz, der erſte V Lügner ſieht am Ende Perſon und Sache ſo ver⸗ ändert und verwechſelt, daß er ſelbſt an ſeine Lüge glaubt, daß er meint, beſſer und ſchärfer geſehen zu haben als andere Leute, nicht gelogen, ſondern nur geweckt und erkannt zu haben. b Es war eine große Geſellſchaft, Nell war da, b V Miß Claren, Alfred und Walther. Das Gerücht von Nell's geſtörtem Geiſte war wie Staub ſchon längſt V in alle Ritze gedrungen; alle Welt wich ihr aus, ihre bizarren Manieren, die man noch vor acht Tagen intereſſant, originell, liebenswürdig gefunden hatte, galten jetzt allgemein für eine ſchreiende Be⸗ ſtätigung; man flüſterte, man zeigte, man ging aus dem Wege, man ſprach von der Nothwendig⸗ keit ſichrer Vorkehrungen. Nichts macht ſo leicht verrückt, als wenn man für verrückt gilt— die allgemeine Geltung iſt ur⸗ ſprünglich das, was wir Vernunft nennen. Nie⸗ mand wagt eigentlich den Glauben, oder Niemand 277 ertraͤgt ihn doch, etwas allein zu wiſſen, etwas allein zu ſein. Juſt eben das gilt uns für Ver⸗ rücktheit, denn Alles in unſrer Anlage und in unſe⸗ rer Welt iſt auf Gemeinſchaftlichkeit berechnet. Nell fühlte ihr Herz, ihr Gehirn von einem Schlage bedroht, als ſie ihre völlig iſolirte Stellung in dieſer Geſellſchaft inne ward, zitternd ſtand ſie inmitten des Kreiſes— der Inſtinkt führte ſie nach dem Sitze der Miß Claren hin. Dieſe aber, als ſie dies ſah, ſprang vom Stuhle auf, und rief Alfred zu: ſchützen Sie mich, Graf, vor dieſer ver⸗ rückten Perſon. Mit einem gellenden Schrei ſtürzte Nell zu Boden, das gefürchtete Wort war wirklich ausge⸗ ſprochen. Man ſollte glauben, die Bedeutung deſ⸗ ſelben könne für eine Schwarzwälderin, die außer der Geſellſchaft und außer den geläufigen Begriffen der Geſellſchaft aufgewachſen war, nicht ſo ſchla⸗ gend geweſen ſein, aber man irrt ſich darin. Die gegenſeitige Anerkennung des gemeinſam menſchlichen Verſtandes iſt unſre Luft des Verkehres, jeder Zwei⸗ 278 fel, der dahin gerichtet iſt, trifft bis in den abgele⸗ genſten Minkel, wo Menſchen ſind. Miß Claren hatte auch wirklich, wie oben bereits angedeutet iſt, nicht ſo viel Schuld, ſie hatte Nell nach einiger Zeit zum erſten Male wieder geſehn, und es war doch nicht zu verkennen, daß ſie ſich wie eine verrückte Perſon aufführte, und von aller Welt wie eine verrückte Perſon behandelt wurde. V Auch hatte Miß Claren nichts weiter geſagt, als eine gewöhnliche Redensart, die man ja öfters V braucht, ohne geradezu eine wirkliche Verrücktheit bezeichnen zu wollen. Die größte Rechtfertigung lag b ja aber offenbar darin, daß Nell von dieſem flüch⸗ b tigen Ausdrucke ſogleich zu Boden geworfen wurde, der ganze Zunder der Verrücktheit mußte ja alſo offenbar aufgehäuft ſein, Miß Claren hatte wirklich nicht ſo viel Schuld, es war offenbar in der Wahr⸗ heit nicht ganz richtig mit dieſem Mädchen. Fürchtet Ihr Euch nicht? Edward lebte auch in Paris, ſo weit es irgend anging, einſam; man brachte ihm jetzt die bewußt⸗ 279 loſe Tochter nach Hauſe, und ſagte ihm, ſie ſei plötzlich wahnſinnig geworden. Wenn er ſich näher unterrichten wolle, möge er bei Miß Claren anfra⸗ gen, dieſe ſcharfſichtige Dame habe das Unglück heute in der Geſellſchaft am erſten und deutlichſten entdeckt. Edward ſah ſchweigend wie ein Grab der Botſchaft und der Tochter in's Antlitz. Als Nell zu ſich kam, brach ſie in konvulſiviſch Weinen aus, ſtreckte bittend die Hände nach Edward aus, und ſprach: Bin ich denn wirklich verrückt, Vater? Ach, Vater, fürchte Dich nicht vor mir, ich thu Dir nichts zu Leide, ach Gott, und warum bin ich denn verrückt? Edward ſuchte ſie zu beruhigen. Du ſiehſt, ſo böſe ſind die Menſchen, warum ſind wir nicht im Schwarzwalde geblieben? Ach, Vater, wenn Du mich wieder mitnehmen wollteſt, ich möchte noch heute wieder dahin zurück, aber Du wirſt nicht mehr mit mir verkehren woll'n, ach, warum Vater iſt's ſo geworden? Mein Kind, welch thörichte Aeußerung! Ja, ja thöricht, ſiehſt Du, Alles iſt jetzt bei mir thöricht, ach, warum? Und iſt denn thöricht wirklich ganz ſo viel wie verrückt, Vater, lieber Vater! Kind! Edward machte Alles reiſefertig; aber er mußte wiſſen, was vorgefallen ſei, und ging, Miß Claren aufzuſuchen. Er kannte ſie nicht, nur ihren Namen hatte er zuweilen geyört. Unterwegs begegnete ihm V Walther; auf Edwards Befragen zuckte er blos die V Achſeln, und lobte ſehr den Entſchluß, wieder nach dem Schwarzwalde zu reiſen. Die Frage, ob er b mitreiſen wolle, fand er ſonderbar, die Farce mit dem verrückten Mädchen habe ihm Aerger und Geld genug gekoſtet. Edward ſtieß ihn mit der Fauſt vor die Bruſt, daß er rückwärts an die Mauer taumelte, und ging weiter. Am Hauſe der Miß Claren begegnete ihm Alfred — was iſt mit meiner Tochter vorgefallen? Alfred wourde roth, und erwiderte, der Vater werde wohl den geiſtigen Zuſtand ſeines Kindes am beſten ſel⸗ ber kennen. 1 1 V 281 Edward ſtürmte die Treppe hinauf, Alfeld, viel⸗ leicht unklar für Miß Claren fürchtend, folgte ihm. Ungemeldet ſchritt der graue Schwarzwälder bis in's Boudoir der Dame— beide ſchreien auf, Miß Claren und Edward. Sie iſt ſeine Frau aus England, ſie iſt die Mutter Nells, ſie hat ihre eigene Tochter verrückt gemacht. Alfred weicht beſtürzt aus dem Hauſe, um deſſen Schwelle nie wieder zu betreten, Edward bringt ſein Kind und ſeinen Tom eiligſt zur Stadt hinaus, und fährt dem Schwarzwalde zu, was die Poſtpferde laufen können. Sie ſaßen wieder im Schwarzwalde— auch Edward ſah ſein Kind jetzt mit mißtrauiſchen Augen an; die Anklage des Wahnſinns iſt wie eine Ver⸗ peſtung der Luft, jeder Atom wird bedenklich, kein Menſch fühlt ſich ſicher. Er hatte das Mädchen in einer vorgefaßten, eignen Meinung erzogen, die ganze übrige Welt erzieht anders, konnte nicht der 282 Same des Irrthums ſchon in ihm ſelber gelegen ſein, konnte er ihn nicht ſelbſt im eignen Kinde genährt und gereift haben? Tom war todtenſtill geworden, Edward bemerkte, daß der alte Diener ihm und Nell oft aufmerkſam nachblickte, daß er nichts rechts zu ſagen wußte, wenn ihn Edward mit der Frage anging: ſage Tom, iſt die Welt nicht raſend? Die Majorität iſt durchweg die eigentliche Macht, wer ſich von ihr abſondert, ergiebt ſich dem Zweifel, und jeder Zweifel rächt ſich in gelegener Stunde. Wer ſich feindlich gegen das allgemeine Be⸗ wußtſein hinſtellt, beginnt einen Kampf mit dem Univerſum, auch wenn er ſich in die tiefſte Ein⸗ ſamkeit flüchtet, und wenn auch ſeine Idee Segen erzeugen kann, er ſelbſt geht rettungslos unter. Dies iſt die alte Sage von den Titanen, ſie unter⸗ lagen den Göttern, denn das allgemeine Bewußt⸗ ſein einer Zeit iſt die Gottheit dieſer Zeit. Wird dieſer Kampf nur mit halbem Muthe unternommen, ſo entſteht der Separatismus, die 283 Philiſterei, die Pedanterie— ein Beiſpiel davon iſt diejenige Beſchränktheit und Abgeſchloſſenheit, welche man die ſchwäbiſche nennt, welche eine kleine Gedankenwelt mit puritaniſchem Fanatismus ver⸗ ficht, welche das Neue in der Frechheit des Ganzen und Großen nicht anders auffaſſen kann, denn als eine Störung des mühſam Umzaunten, als eine Feindſeligkeit, als eine Immoralität. Der Geſichts⸗ kreis iſt durch die nahen Hügel eingeengt, das Genie, was ſtets feindlich auftritt, denn die neue Schöpfung iſt ein Feind der alten, wird vom engen Geſichtspunkte aus verketzert; Schiller erſchreckte zuerſt die Schwaben am meiſten, ſeine Landsleute, mußte fliehn, und ward erſt anerkannt von ihnen, als er geläufig worden war; Hegel, der Schwabe, hat in Schwaben keinen Freund und die meiſten Feinde; Goethe heißt im Schwäbiſchen heute noch ſo viel wie Immoralität; die Ernüchterung der Religion, welche ſich vor dreihundert Jahren geltend machte, iſt in den ſchwäbiſchen Hütten jetzt ſo weit, daß Bucerus zugeſtehn müßte, man iſt nüchtern genug. Die — 284 trocken feindliche Stellung gegen alles fortgreifend Moderne iſt bei uns vorzüglich eine ſchwäbiſche, das Bischen Politik darf uns darüber nicht täuſchen; ein Inſtinkt hatte Edward in dieſe Atmoſphäre ge⸗ leitet. Aber ſie konnte ihm nichts mehr helfen, im Kampfe gegen Modernes hatte er ſelbſt modern, das heißt mit neuen, eignen Mitteln ſpekulirt in der Erziehung ſeines Kindes, und dieſer Wider⸗ ſpruch hatte ſein Gebäude zertrümmert. Wie bei ihm kann einſt in Schwaben eine heftige Kataſtrophe bevorſtehn, um das Gleichgewicht mit der modernen Welt zu gewinnen. Zunächſt wirkte die Einſamkeit des Schwarz⸗ waldes mit ihrer ſtillen, nachhaltigen Macht: die drei Menſchen lebten ſich in einige Ruhe hinein, Tom glaubte zwar, ſein Herr und ſeines Herrn Tochter hätten ein Splitterchen im Kopfe, aber er wollte ſie in der Krankheit nicht verlaſſen. Edward iſt raſch älter geworden, ein wenig tiefſinnig, aber freundlich und ſanft, nahe am Sterben. Er hat es aufgegeben, die Welt allein, aus einem einzelnen 285 Gedanken heraus bekämpfen zu wollen, er ſagt zu ſeiner Tochter: Vergieb mir Kind, ich habe dich unglücklich gemacht, es iſt nicht richtig mit uns Beiden, weil wir zur Welt nicht paſſen, und daran bin ich ſchuld. Nell weint oft in der Waldesſtille heiße Thränen, ſie ſehnt ſich, ſie ſehnt ſich und glaubt ſich verworfen, ihr Herz wimmert nach Liebe, die ſchwarzen Tannen rauſchen ſie aber ſtets wieder in ein weinendes Friedensgefühl. Der Schwarzwald heilt langſam, aber er heilt. Wenn ein tüchtiger Mann über den Kniebis reiſ't, und, von Baden heraufkommend, rechts in ein tiefes Thal ſteigt, den nächſten ſchwarzen Berg überklettert und wieder hinabſteigt, dann ſieht er das weiße Mädchen am kleinen Bache ſitzen; er kann ihr die Welt wieder geben. Edward iſt geſtorben, Tom iſt müde, ſie wächſ't und blüht durch die Einſamkeit immer noch geſund weiter, ſie ſchmachtet nach der großen Weltſonne, aber ſie verſchmachtet nicht, der Wald läßt ſie nicht verſchmachten. Er enthülle ihr den Irrthum Edwards, nehme ſie an 286 ſein Herz, trage ſie hinaus in die Ebene, lehre ſie die leichteſten Bedingungen, welche die Welt an den Einzelnen macht, ſie wird ſich finden, ſie wird wieder lachen, den Wahnſinn von der flachen Hand blaſen, ſie wird mit der geſammelten Kraft einer Schwarzwaldseinſamkeit den Retter lieben, ſie wird beglücken und beglückt ſein. Das eine Wort hat das Unglück gemacht: die Abſonderung, die Ein⸗ ſamkeit iſt ein Labſal, iſt eine Zuflucht, aber die gebärende, treibende Welt hat nicht Unrecht, und dieſe Welt iſt die Macht. Hat keiner von den Leſern den Muth, die Luſt und das Zeug, ſich aufzumachen, dieſe verzauberte Prinzeſſin des Schwarzwaldes zu löſen? Rechts vom Kniebis durch's Thal und über den Berg hinüber! Macht Euch auf! Wenn Ihr Liebe bringt, wird ſie empfinden, daß ſie nicht verworfen ſei, denn Liebe rechtfertigt Alles. Macht Euch auf! 31. Stuttgart und die Schwaben. Offen geſtanden, ich weiß eigentlich nicht recht, wie ich zu den Schwaben gekommen bin. Schon jenſeits des Schwarzwaldes auf der Pfälzer Seite ſind Schwaben— wir kamen Mittags in ein kleines Städtchen am Fuße des Gebirges, es hatte geregnet und die Sonne ſchien weiß, kirchlich ſtill war's in der ſchlecht gepflaſterten Straße, ſelten kam ein Hand⸗ werker von ſeiner Arbeit an's Fenſter, um nach dem fremden Wagengeräuſch zu kucken, eine Poſt gab's hier gar nicht, in einem alten Wirthshauſe ſollten wir nach Pferden fragen. Das Wirthshaus war todtenſtill, mit Mühe fand ich die dicke, etwas 288 ſchmutzige Wirthin aus den wüſten Winkeln des Gebäudes heraus. Das war eine Schwäbin: gut⸗ müthig, verwundert, unerfahren, vor preußiſchem Papiergelde erſchrack ſie ernſtlich, dergleichen habe ſie niemals g'ſehn, und daß ich dieſe Papierzettel für Geld ausgeben wollte, erſchütterte ihren Glauben an meine Solidität völlig. Ich flüchtete mich zum Golde; ja, in der Franzoſenzeit hatte ſie ein Paar Napoleonsd'or von Weitem erblickt, aber zum Friedrichsd'or ſchüttelte ſie ungläubig das Haupt. Die Lage war ſchlimm; es ward zum Krämer des Oertchens geſendet, er ließ zurückſagen, das ſei wohl Geld, aber hier zu Lande könnne man's nit brauche. Der hohe Berg, welchen wir paſſiren mußten, hieß der Kniebis, und weil dort ſchon viel Schnee liege, mußten vier Pferde vorgeſpannt werden. Der Schnee fand ſich auch wirklich, wir fielen bis an die Achſen hinein, und es gewährte einen eigenen Kontraſt, daß die Sonne noch warm ſchien, daß grün und lachend tief unten das Land hinüberlief nach Frankreich, und daß nur einzelne melancholiſche, 289 mit weißen Schneeſpitzen behängte Fichten uns be⸗ grüßten. In dieſem Winter wurde es Nacht, es ging bergab und immer bergab, und ſtundenlang, und der Winter hörte nicht auf, obwohl die Welt noch nichts vom Winter wußte, tiefe Todtenſtille lag ſtarr umher, auch Pferde und Wagen glitten geräuſchlos, geſpenſtiſch dicht an den Abhängen hin. Plötzlich ging es gar wieder bergan, und das ver⸗ ſchneite Städtchen Freudenſtadt nahm uns auf. Wieder gutherzige Schwaben, denen preußiſch Papier⸗ geld ein Schrecken war. Nach dem Süden hinunter hebt und ſenkt ſich weithin das Gebirge; in dieſem Oberlande, deſſen „rauhe Alp“ Guſtav Schwab gepachtet hat zu allerlei Beſchreibung, da wohnt der arme Schwabe, welcher hölzerne Uhren macht oder Quirl und Koch⸗ löffel, der pietiſtiſch wird, weil er nicht viel Anderes zu thun und ſehr wenig zu eſſen hat, weil er den Himmel nie anders geſehn als ſtreng und verſagend. Im Vordergrunde dieſes Oberlandes, an den Hängen der Alp bis zu den Blicken nach der Schweiz hin⸗ VI. 19 auf hangt über Schwaben ein regenſchwerer, trüber Proteſtantismus, den nur hie und da die friſche Urkraft des Lebens unter dieſem kernigen Volke durch⸗ bricht wie ein Sonnenblitz. Erſt am See, wie man ohne Weiteres den Bodenſee nennt, wo das Land weich und ergiebig wird, da hat ſich auch ein heitrer Katholizismus erhalten. Der Gegenſatz zwiſchen Schle⸗ ſien und Schwaben, dieſen Grenzlagen Deutſchlands iſt hierin frappant: in Schleſien iſt der düſtere, zurückgebliebene Theil katholiſch, in Schwaben iſt die Düſterheit, der magre, dogmatiſche Ernſt, die Armuth und Strenge beim Proteſtantismus. Bergauf, bergab ging es in der Nacht weiter das Hügelland entlang, von kleinem Städtchen zu kleinem Städtchen, die hier überall zu finden ſind, als ob man einen Sack voll Kreuzer ausgeſchüttet hätte. Jeder Poſthalter nöthigte uns ein überflüſſi⸗ ges drittes Pferd auf, weil die„Steig“ zu hoch ſeiz Steig nennen ſie den Berg; und als der Mor⸗ gen kam, und die grüne Erde längſt wieder gewon⸗ nen war, fuhren wir die letzte Steig hinunter. 291 Stuttgart dampfte unten im engen, ringsum ge⸗ ſchloſſenen Bergkeſſel, wie das Endſiegel des Ober⸗ landes, die Vermittelung zwiſchen Ober⸗ und Nieder⸗ ſchwaben. Aus dieſer Vermittelung, welche einige ſchwäbiſche Striche an Baiern und Baden gelaſſen hat, iſt das feſte, markige Würtemberg entſtanden, das eigentliche Stammland Süddeutſchlands. Wenn in Norddeutſchland das Wort Schwaben genannt wird, ſo haben die Leute gar keine feſte Vorſtellung, was damit gemeint ſei; an den ſchwä⸗ biſchen Kreis erinnern ſich nur noch Wenige, welche vor 1806 in die Schule gegangen ſind, und der ſchwäbiſche Kreis im deutſchen Reiche war ſelbſt noch etwas ganz Anderes als Schwaben. Reiſ't vom Fichtelgebirge hinüber bis Frank⸗ furt, bis an den Rhein, und Ihr habt das alte Franken durchſchritten; was wir auf der Landkarte unterhalb davon nennen, was aber eigentlich nach den Alpen hinauf ſich hebt und oberhalb zu nennen wäre, das iſt Schwaben bis nach der Schweiz und Tirol hinein. Davon mögt Ihr öſtlich ein kleines 292² Gebiet der wilden Baiern abziehn, und weſtlich den Rheinſtrom entlang die ſchöne Rheinpfalz ausnehmen. Mit dieſer letzteren Ausnahme iſt aber ſchon große Vorſicht nöthig, der Schwarzwald und Odenwald, welche hier die Grenze bilden, ſind keine ſtrenge Trennung geweſen, der ſchwäbiſche Sprachton iſt oft noch weit darüber hinaus geſtiegen. Der Name Schwaben und der Stamm dieſes Volkes wird von den Sueven, den ſchweifenden, abgeleitet. Wenn man nicht in beſondere Anrech⸗ nung bringt, daß heute noch aus dieſen Gegenden Viel nach Amerika auswandert, ſo iſt nicht viel Schweifendes von den Ahnherrn übrig geblieben, das Volk hat ſich im Gegentheile ſehr feſtgeklammert an alten Boden und alte Sitte. Man rühmt den Sueven aber auch nach, daß ſie großen Reſpekt vor dem weiblichen Geſchlechte im Herzen und Betragen gehegt hätten, und die Freunde der Analogie be⸗ haupten, der Schwabe ſei deßhalb heute noch ſehr blöde, und die Keuſchheit würde nicht nur gelehrt, ſondern geerbt. Es giebt nichts Keuſcheres als die 3 1 293 ſchwäͤbiſchen Dichter, ſie leben und dichten von der Ahnung eines Kuſſes, es iſt möglich, daß ihr Haupt⸗ dichter Uhland niemals geküßt hat, und eben darum ein ſo guter Dichter geworden iſt; denn der Genuß iſt bekanntlich für den Menſchen ſehr angenehm, aber der Dichter gedeiht in der Entbehrung, man beſingt viel beſſer was man wünſcht, als was man beſitzt. Guſtav Schwab wäre viel größer geworden, wenn er nicht dick geworden wäre. Ueber dieſen ſueviſchen Grundſtamm ergoſſen ſich ſpäter die Allemannen; ſie ſind der eigentliche Lebens⸗ ſtamm Süddeutſchlands; der alte Suevenreſt, noch heute der Kern von Schwaben, drückte ſich feſt zwiſchen dem Schwarzwalde und der rauhen Alp. Das Land im Großen hieß Allemannien und gehörte zum mächtigen Frankenreich. Dann zerſpaltete es ſich in einzelne Herrſchaften, die als Lehen zum deutſchen Reiche gehörten, und mit dem Anfange des zwölften Jahrhunderts erſt in eine vorzügliche Bedeutung heraustraten. Da nämlich war auf jener Burg, welche am nordöſtlichen Winkel der rauhen 294 Alp liegt, ein großes Feſt, der Herr von Hohen⸗ ſtaufen war von Kaiſer Heinrich zum erblichen Herzoge von Schwaben ernannt, weil er ihm treulich bei⸗ geſtanden hatte gegen den Gegenkönig Rudolph von Schwaben. Es gab harte Kämpfe, Allemannien zerfiel, die Zähringer, welche noch heute in Baden regieren, nahmen für ſich die Diſtrikte nach der Schweiz und nach Burgund hin, Welf ſonderte ſich Baiern ab, und die Hohenſtaufen wurden Herzoge von Schwaben. Hier auf dem Staufenberge begann, wogte, ſang und turnirte von nun an das eigentlich blühende deutſche Mittelalter, was jetzt im Kloſter Lorch, der Hohenſtaufengruft, begraben liegt, die Zeit der Minne⸗ ſänger, die Zeit der Ghibellinen. Der Mittelpunkt war Schwaben, und die Folgen davon ſind noch heute der Mittelpunkt Süddeutſchlands. Die Ghi⸗ bellinen nämlich waren die Blüthe und der Tod des Mittelalters, ſie kämpften auf den Tod gegen Adel und Kirche, die Souverainetät war ihr Ziel, deßhalb hoben ſie den Bürger, ſchufen die Schaaren von 295 Reichsſtaͤdten, von kleinen Bürgermachten, und an dieſer Schaar iſt Süddeutſchland als große öffentliche Macht zerknickt worden. Hier von der ſchwäbiſchen Alp aus wurden die Herrſcher verſendet, welche heut noch regieren: Welf von Baiern war beſiegt, und die Hohenſtaufen ſetzten das Haus Wittelsbach ein, die Grafen von Wür⸗ temberg hatten treu zu den Ghibellinen gehalten, ſie wurden vergrößert, der Graf von Zollern ward zum Burggrafen von Nürnberg gemacht, Rudolph von Habsburg zum Ritter geſchlagen, kurz, die Herr⸗ ſchaften Baiern, Würtemberg, Preußen, Oeſterreich wurden vorbereitet; jetzt ſind ſie mächtig, aber die Stauffenburg liegt in Trümmern, das Geſchlecht der Ghibellinen iſt vom Erdboden verſchwunden, die groß⸗ artigen ſchwäbiſchen Kaiſer haben dem Schwabenlande nur ihre großen Anfänge und ihre Gebeine zurück⸗ gelaſſen. Daran hat ſich das Land geklammert, ſtatt ſelbſt zu erfinden und zu ſchaffen, und ſo iſt's ge⸗ kommen, daß man heute das, was Schwaben heißt, antiquariſch zuſammen ſuchen muß. Ausführlich und gründlich iſt dies hiſtoriſch⸗ politiſche Moment Süddeutſchlands in dem bedeu⸗ tenden Buche Guſtav Schleſiers„deutſche Studien, 1 nachzuleſen. Eins bleibt ewig für uns zu beklagen, daß die ſangesweiche allemanniſche Zeit ſo wenig Spuren in unſrer Sprache zurückgelaſſen hat. Unverbunden mit uns ſteht jener Minnekodex in der Bibliothek, Leute, welche ſelbſt nicht ſingen können, plagen uns mit dem Generalbaſſe alter, deutſcher Poeſie, aber von den ſammt⸗ und ſeidnen Liedern des alten Schwa⸗ bens, das heißt des alten Süddeutſchlands, iſt leider nur zu wenig in unſre Redeweiſe gerettet worden. Norddeutſchland bemächtigte ſich mit der Reformation unſeres Ausdrucks, Luther erfand und ſiegelte das Deutſch, was wir noch heute reden, und ſolcher⸗ geſtalt ward das ſächſiſche Idiom von den Harzab⸗ hängen ſouverain. Allerdings war der Schwabe Me⸗ lanchthon neben ihm, aber er war doch faſt nur in Bretten geboren, und übrigens in den klaſſiſchen Orten der Römer, Griechen und Hebräer erzogen, 297 und er war übrigens zu ſanft. Wenn es an's Er⸗ obern geht, da bleiben die weichen Hände zurück. Viele Leute wiſſen es gar nicht, wie wir zum taglichen Brote allemanniſche Endvokale und Wech⸗ ſelungen brauchen. Das Schickſal hat ſie nicht für uns gewollt, Schwaben iſt keine überwältigende Macht mehr geworden, die Eberhard, der Erlauchte und der im Barte, Friedrich, der ſelbſt Napoleon trotzte, haben ein Würtemberg, ein Kompendium Schwa⸗ bens gerettet, aber Süddeutſchland war als herr⸗ ſchendes Reich nicht mehr zu retten. All unſere Vorzüge ſind dort herrſchend geblieben wie unſre Fehler, es iſt heute noch eine Taſchenausgabe des deutſchen Reichs: man iſt muthig, geſund, wohl verſehen, man iſt idealiſtiſch im Großen, materiell im Kleinen, aber man hat keine Brücke zwiſchen Beidem, jeder Einzelne will herrſchen, jeder kleine Stamm was Beſſeres ſein, das Wort deutſches Vaterland iſt ſehr beliebt für Mittageſſen und Trink⸗ gelage, man hat große Worte und gute Herzen, aber die Sympathie, die Exiſtenz, das wirklich lebende 298 Bewußtſein einer Provinz. Weil wir ſtets Provinzen waren, ſind wir das Deutſchland einer Landkarte geworden; Süddeutſchland, weit reicher, ausgebildeter im Einzelnen, mannigfaltiger, hat uns dieſe Beſtim⸗ mung als Siegel aufgedrückt; unſere politiſche Par⸗ tikularität, unſere Klique ſtammt von dort; der Norden iſt oberflächlicher aber umfaſſender, nach dem Weiten hin energiſcher. Wenn Deutſchland nicht eben darin ſeine Beſtimmung hat, die große Ge⸗ dankenwerkſtatt für Europa zu ſein, und eben keine handelnde politiſche Beſtimmung zu haben, ſo geht die eigentliche Macht und Herrſchaft ſicherlich ein⸗ mal vom Norden aus. Er mag nicht ſo ſaftige, ausgearbeitete, genußfähige, gemüthsreiche Menſchen haben als Süddeutſchland, das ſei zugegebenz dafür hat er ſchnellere, entſchloſſenere, und es kann ſich einmal zutragen, daß der Süden mit einer Bürger⸗ meiſterwahl nicht fertig wird, wenn der Norden die Schlacht bereits ſchlägt. Betrachtet das Terrain, wo doch durchſchnittlich noch von der Leber herunter geſprochen und agirt — 299 werden kann, die Dichtkunſt in Verſen, das, was Guſtav Schwab Dichtkunſt nennen würde: die Schwa⸗ ben, geſegnet mit manchem glücklichen Talente, wor⸗ über wir uns mit ihnen freun, haben eine Bann⸗ meile um ſich gezogen, und Guſtav Schwab, weil er blos eine Sylbe weniger iſt als ganz Schwaben, hat ſich zum Schwabenvogt gemacht gegen Alles, was im Norden den Frühling beſingen will. Dieſer wohlgenährte Gymnaſialprofeſſor, welcher Uhland, den körnigen, quellfriſchen Uhland ſo geläufig kopirt mit einem hübſchen Provinztalente, dieſer Herr Schwab iſt der pruhſtende Repräſentant alles deſſen, was ſchwäbelt. Er verwaltet ganz im Stillen die deutſche Literatur in Stuttgart, und ſchützt ſie vor zudring⸗ lichen Geiſtern; dabei befindet er ſich ſehr wohl, und trägt ſeinen Stern unter der Weſte; auch die deutſche Lieteratur befindet ſich ſehr wohl, ſie hat nichts zu thun als den Sonnenuntergang zu beſchreiben und wie die Veilchen blühn, und wie Herr Eberhard im Barte über Land geritten ſei. Es iſt die deutſche Literatur im ſchwäbiſchen Ausgedingſtübchen. 300 Dieſer ſchwäbiſche Ton iſt uns, allen Ernſtes geſprochen, lieb und werth, aber es iſt ein Ton, eine Melodie; man will doch nicht das ganze Jahr den ſchönen, grünen Jungfernkranz hören, und die Beſcheidenheit, welche durch die ſchwäbiſchen Verſe in unſrer Dichtkunſt dargeſtellt wird; die Beſcheiden⸗ heit iſt recht gut, aber man iſt doch noch nicht be⸗ ſonders viel, wenn man beſcheiden iſt. Herr Schwab hat vorigen Jahres mit dieſer Beſcheidenheit dem alten Chamiſſo erklärt, daß die Schwaben kein einziges Lied zum Muſenalmanache geben würden, wenn Heine's Bildniß dahinein käme, und die Beſcheidenheit hat Wort gehalten. Wenn der Herr Profeſſor Schwab je erfahren ſollten, daß der Dichter Heine außer einigen Maiblümlein an der rauhen Alp noch eine ganze, neue Welt für den kleinen Vers gewonnen und nicht blos mit ein wenig anders taktirten Noten eben ſo geſungen habe, wie von jeher geſungen worden iſt, wenn ſie das je er⸗ fahren ſollten, dann wird die Beſcheidenheit ſeines Liedes noch deutlicher zu ſehen ſein. V 301 Indeſſen, man muß billig ſein, die Armee der ſchwäbiſchen Verſe, deren Profoß und Quartiermeiſter Guſtav Schwab iſt, ward am 4. Oktober 1831 von einem Wetterſtrahle betroffen, welcher dem Profoß ſo unerwartet auf's Haupt gefallen iſt, daß man nicht mehr ſagen kann, die Aeußerungen deſſelben ſeien vom Jahre 1833 an ungeſtört. 1833 näm⸗ lich ward die Goetheſche Kabinetsordre an Zelter bekannt, worin er ſagte, es werde ihm beim Leſen der ſchwäbiſchen Schule armſelig zu Muthe, und er enthalte ſich ſolcher Büchlein, um ſich vor de⸗ primirenden Unpotenzen ſtreng zu hüten.„Aus jener Region“, ſagt er,„möchte wohl nichts Auf⸗ regendes, Tüchtiges, das Menſchengeſchick Bezwin⸗ gendes hervorgehn. So will ich auch dieſe Produk⸗ tion nicht ſchelten, aber nicht wieder hineinſehn. Wunderſam iſt es, wie ſich die Herrlein einen gewiſſen ſittig⸗religiös⸗poetiſchen Bettlermantel ſo geſchickt umzuſchlagen wiſſen, daß, wenn auch der Ellenbogen heraus guckt, man dieſen Mangel für eine poetiſche Intention halten muß. Ich leg' es bei der näͤchſten Sendung bei, damit ich es nur aus dem Hauſe ſchaffe.“ Einzelnes in dieſem Worte iſt ſehr hart, und Goethe würde es wahrſcheinlich anders gefaßt haben, wenn er es für die Oeffentlichkeit geſchrieben hätte. Der Kampf gilt ja nur der Anmaaßung; dies Dich⸗ tungsleben, was eine nicht eben ungewöhnliche An⸗ regung der Natur enthält, eine hiſtoriſch⸗romantiſche Sehnſucht mit glücklichen weichen Worten ausdrückt, hat in dieſem kleinen Kreiſe ſeinen Werthz Uhland beſonders hat in dieſem Kreiſe einzelne Lieder gemacht, ſo ſchön wie Goethes Lieder aus guter Zeit; aber haltet auch die Forderung in dieſem Kreiſe. Dies Bergteraſſenthal Stuttgart, dieſe kleine Reſidenz mit ihren einzelnen, reizenden Vorzügen, mit ihren be⸗ ſcheidenen Landhäuſern und Baumgruppen, die mit Euch nach dem ſpröden, von Euch abgewendeten Neckar dürſten, dieſe große kleine Stadt, wo ſich Alles kennt, wo der Fremde in einer Familie die Neugier und Forſchung des ganzen Orts rege macht, dieſe Berge, welche in Eure Schlafzimmer ſteigen 303 mit Wald and Käfer, dieſe Markttage, welche alle Geſtalten und Antheile Schwabens zuſammenführen — das iſt Eure Welt. Sie bringt Ihr uns in Euren Liedern, dies dunkle Schwaben, was aber nicht hinaus will, was allein Schwaben ſein will mit der Sphäre des Gedankens, des Empfindens, jeglichen Anſpruchs; in dieſem Kleide müßt Ihr aber auch nur Geltung verlangen! Die große Welt der Kühnheit, der Entdeckung, ſie liegt draußen von Euch, ſie liebt Euch, ſie achtet Euch, ſie hofft auf Euch, auf den tiefen Born Eurer Beſtimmung, auf die dichte Kraft Eures Kerns. Aber Ihr wohnt im kleinen Thale, Ihr ſeht das Nächſte feſt und ſchön, aber Ihr ſeht nicht weit, verlangt nun auch nicht das Unpaſſende, wollet nicht ein herrſchender, ton⸗ angebender Leuchtthurm ſein! Ihr ſeid es nicht, Ihr leuchtet romantiſch violett⸗blau im Thale, darin liegt Eure Welt; Gutzkow hat Euch geärgert, aber er hat ganz Recht mit ſeinem Ausdrucke: es iſt Weltſchmerz für Euch, vom Spaziergange keine neuen Gleichniſſe mitzubringen. 304 Wir wollen indeß nicht übertreiben, der dicke Held der Maikäfer⸗Klique, Guſtav Schwab, hat nicht Alles unter der feiſten Hand; Schott, ein ſehr wür⸗ diger, achtungswerther Repräſentant hält ein Haus von anderen, wichtigeren Formen, und Paul Pfizer, ein feiner, ſcharfer und thatſtarker Geiſt ragt allein wie König Saul einen Kopf hoch über alles Volk empor. Hier iſt eine ſtolze, allgemeine Bildung, eine große, kühne Spekulation, er iſt jetzt der einzige Schwabe, welcher den„Briefwechſel zweier Deut⸗ ſchen“ ſchreiben kann. Es iſt ſehr zu beklagen, daß ſich ſeine Kultur auf Parteiſtandpunkten geſammelt hat, und darum bei aller Größe einen ſauren Bei⸗ geſchmack behält, nicht ſowohl ſchaffen als beſſern will, und für die freie Goetheſche Welt des nach außen geoffenbarten Lebens kein empfangendes, ſon⸗ dern nur ein geiſtreich mäkelndes Herz beſitzt. Der puritaniſche Dampf ſchwäbiſcher Thäler hat auch dieſe ſtolze Bruſt genährt, und den Hauch derſelben grau gefärbt; es iſt auffallend, daß ganz Schwaben, auch in ſeinen geiſtreichſten, friſcheſten Männern die Freude 305 verfolgt, die Freude, welche rückſichtslos, Athem der 6 Gottheit, rothe Farbe des Lebens iſt. Jede wird nach ihrem moraliſchen Paſſe gefragt; die Moral in Ehren! aber ſie iſt die höhere Polizei der Bildung; die 6 Poeſie iſt uns noch eine Rettung drüber hinaus 7 wo auch die höchſte Polizei aufhört. Wo der Idealis⸗ mus quält und unpraktiſch iſt, da habt Ihr ihn, wo er nöthig wäre für unſre kurze Ewigkeit, da verliert Ihr ihn— trauriges Schwabenthum! 32. Schiller in Stuttgart. Bei allen Ausſtellungen, die man dieſem Volks⸗ ſtamme macht, bei alle dem, daß man den Schwaben harthörig, ſtarr, kleinſtaatlich, kleinſtädtlich, haus⸗ ſchüchtern, haustrotzig, hausbornirt, philiſterhaft nennt, bei alle dem iſt er der kernigſte, innerlichſte, ſchöpferiſchſte Stamm des ganzen Oberdeutſchland ein Stamm, der alle Rinde, allen Reif und alles Mark eines Urſtammes beſitzt, und nach langem unſcheinbaren Hinbrüten immer plötzlich wieder eine volle geharniſchte Potenz aus ſeinen düſtern Winkeln wirft. Solche ſtahlbedeckte Potenzen, für deren Ahn⸗ herrn die Hohenſtauffen leicht erkannt worden ſind, 307 zeigt uns die Geſchichte mannigfalt, wie ſie aus dieſen braunen Hügeln und ſchwarzen Waldbergen aufſteigen und titanenartig über unſer Vaterland hinſchreiten. Der Schwabe wird nicht vor vierzig Jahren klug, ſagt das Sprichwort, und damit wird allerdings das harte Geſtein dieſes Menſchenſchlages hart bezeichnet; aber mit vierzig Jahren wird er klug, deſſen kann ſich nicht jeder Andere rühmen, und wenn ein Schwabe vor vierzig Jahren klug wird, ſo iſt er ſehr klug. Die Bezeichnung iſt genauer aus dem ſpeciellen Sinne des Wortes klug zu erklären: ein gewandter Weltverſtand, ein geſchmeidiges, wendungsreiches Element des Geiſtes, das iſt in Schwaben nicht zu Hauſe, aber wenn ſeine Potenz ſich offenbart, ſo geſchieht es gewaltiger als in der Klugheit; zur klei⸗ nen Schlacht, zum raſchen Schleudern der Wurf⸗ geſchoſſe, zu Wendungen und Manövern iſt der Schwabe nicht geſchickt, aber er ſchleudert ganze Felſen und Gebirge, wenn ſein Geiſt aufbricht. 308 Darum iſt es allerdings ergiebiger und amüſanter, von den Schwaben zu hören, zu leſen und zu lernen, als in ihrer Mitte zu ſein, wo der ſchwere Geiſt dumpf und für den Augenblick unergiebig kreiſet; der Schwabe iſt am liebenswürdigſten und größten, wenn man ihn nicht ſieht; vielleicht auch, wenn man ihn in nächſter Nähe ſieht. Das Letztere weiß ich nicht aus eigner Erfahrung, das Erſte hab' ich erfahren. Schiller war ein Schwabe; hier in Stuttgart iſt ſeine Poeſie zur Welt gekommen, und ein Herr von Scharffenſtein hat auf die liebenswürdigſte Weiſe dieſe Zeit der Wehen und der Geburt erzählt, wie ſie nach außen hin ſich gezeigt haben. Er war ein Vertrauter Schillers auf der hieſigen Karlsſchule, und es iſt aus dieſer Mittheilung rührend anzuſehn, mit welcher ſchweren Gewalt ſich der große Genius losringt und die harte Schwabenſchale zu ſprengen trachtet. Die Länge des Bergkeſſels hinauf, in welchem Stuttgart liegt, zieht ſich die Hauptſtraße der Stadt, 309 die Königsſtraße, wo ein Paar Haupthaͤuſer des Ortes liegen, das Haus Cotta, das Haus Seydel⸗ mann. Nach der Abſenkung zu breitet ſich rechts hinein, wenn man von oben kommt, ein breiter flacher Platz, an deſſen Enden liegt das Schloß, das Theater und alles Nebengebäude, was in dieſen Be⸗ reich gehört, darunter auch das, was früher Karls⸗ ſchule war, und wo Schiller ein Dichter ward. Da⸗ hinter breitet ſich der Park nach der Thalöffnung hin, wo man, etwa eine halbe Stunde entfernt, dem Neckar bei Kannſtadt begegnet. Dieſer Weg durch den Park nach Kannſtadt iſt die bequemſte und geſuchteſte Spazierfahrt. Die Wagen rollen dabei unbehindert zwiſchen den Flügeln des Schloſſes hindurch, dicht unter den Fenſtern des Königs vor⸗ über, der parterre wohnt, und hier i*ſt auch ein ſtiller, ſchattiger Platz, der für das Standbild Schiller's vorgeſchlagen iſt. Das Schloß mit ſeiner Umgebung ſieht von der Königsſtraße aus behaglich vornehm aus, ohne weitere Anſprüche zu machen; vorn auf der Fagade ſteht eine Krone, deshalb nennen die 310 mediatiſirten Herrn, welche hier zu Hauſe ſind, und denen die moderne Souverainetät ſehr koſtſpielig und darum nicht ſo ganz liebenswürdig geworden iſt, ſie nennen dieſen Schloßherrn, welcher ihr Souverain, den Kronenwirth. Dieſe wohlfeile Entſchädigung für verlorene Herrſchaft wird ihnen Niemand mißgönnen. Wenn die Sonne ſcheint, ſieht der Schatten⸗ platz, wo man Schiller aufſtellen will, tröſtlich über den Platz herüber, und es ſollte mir leid thun, wenn die Statue nicht dahin käme, wie eine dagegen er⸗ hobene Oppoſition möglich zeigt— der Dichter wäre ſo nahe an der geplagten Wehenzeit, aller Lohn iſt doppelt groß, wenn er Angeſichts des Ueberſtandenen oder Geleiſteten genoſſen wird. Ein Lob in Amerika für die That in Deutſchland iſt ein verwelktes Blüm⸗ chen, was fern von mir in mein Stammbuch gelegt wird; ein Lob von Aug' zu Auge, das iſt ein friſcher Strauß, eine lebendige Liebeserklärung, wo Augen und Lippen wirklich winken, ein Genuß aus erſter Hand. Ein Denkmal iſt ein Sinnbild des Genius, der Schillerſche ſoll hier den Raum der trocknen 311 Karlsſchule neben ſich ſehen, wo er geſchmachtet und gerungen hat, dieſer Anblick iſt die Grundlage aller Gelingensfreude, hier neben dem Schooße, neben der Wurzel ſieht man ganz, und der Genius genießt's in einem Zuge, wie hoch aus kümmerlichem Boden der ſtolze Baum geſchoſſen ſei. Herr von Scharffenſtein kann gar nicht genug beſchreiben, wie das kein Menſch von Schiller er⸗ wartet habe. Der Genius hat ſo wenig von ſich merken laſſen, daß der Aufſeher juſt auf den armen Friedrich ein beſonders ärgerliches Auge geworfen, ja wegen mangelnder Waſchbefliſſenheit ſich zum Oefteren des auffallenden Wortes„Schweinpelz“ bedient hat, was billigerweiſe jede für Schiller ſchwaͤr⸗ mende Dame ſehr irritiren muß und zu den„Göt⸗ tern Griechenlands“ nicht paſſen will. Außerdem wird die dichteriſche Jünglingsgeſtalt durchaus einem Stoorche ähnlich beſchrieben, mit langen magern Ar⸗ men und ditto Veinen, welche letztere mit weiß angeſtrichenen, äußerſt ſchmalen Hoſen und mit Ka⸗ maſchen bekleidet geweſen. Selbige Kamaſchen hätten das Unglück gehabt, durch untergelegten Filz ein Unterbein zu erzeugen, welches den Schenkel an Um⸗ fang und Dicke übertroffen habe; auch der Hals ſei lang und mager praͤſentirt worden; ſetze man nun die Fäuſtchentoupees über die Ohren, und den ſtarren, hartnäckigen Zopf an das Hinterhaupt, ſo erkenne man wohl, was der Genius für Arbeit gefunden habe, ſtolze Grazie durchzudrängen. Eine weiße Papagaiennaſe, rothe Augenbrauen, zuſammengehend über tiefe, dunkelgraue Augen, haben das Geſicht beherrſcht, aber juſt in dieſer Partie habe von früh auf pathetiſcher Ausdruck gelegen. Die Lippen waren dünn, die untere ſtand, wie in der habsburgiſchen Familie, etwas vor, und darin ſei beim Sprechen viel Energie ausgedrückt, worden. Das Kinn war ſtark, die Wangen blaß und einge⸗ fallen, von Sommerflecken betupft, die Augenlieder waren meiſt entzündlich geröthet, das Haupthaar ſah buſchig und roth aus, aber von der dunklen Art. Der ganze Kopf, mehr geiſtermäßig als männlich, hatte Energie; die Stimme war kreiſchend und un⸗ 313” angenehm, und er beherrſchte ſie ſo wenig wie ſein Geſicht.— Rechnet man hierzu den bedenklichen, ſchwaͤbi⸗ ſchen Accent, dem er ſehr hingegeben war, ſo erklärt ſich wohl, wie die Vorleſung ſeines Fiesko in Mann⸗ heim unglücklich ausfallen konnte. All ſeine Hoff⸗ nnuung war zunaͤchſt auf Annahme und Darſtellung dieſes Stückes geſetzt, als er von Stuttgart dahin geflohen war; die bedeutendſten Schauſpieler hörten zu, und immer einer nach dem andern ſchlich ſich fort, jeder erklärte, an dem Stücke ſei gar nichts, und es ſehe dem Verfaſſer der Räuber ganz un⸗ 1 ähnlich. Wie ſauer hat's ihm die Welt gemacht, dem Trefflichen, mit dem, was ihn äußerlich ausrüſtete, mit dem, was ihn von außen empfing; wahrlich, er mußte eine eigens erfundene Welt heraufbeſchwö⸗ ren, um eines Glückes, einer Begeiſterung theilhaftig zu ſein. Betrachtet dies äußere Wiegenerbtheil Göthes und Schillers; das glückliche Aeußere, die nachgie⸗ bige leiſe ſpornende Umgebung des Frankfurter Patri⸗ zierſohn's, das ungünſtige Außenzeug des Karls⸗ ſchülers, der im unlockenden Getriebe einer Mili⸗ tairſchule aufwuchs, und ihr ſeht mit eigenen Augen, wie die eine Bahn eben und glücklich, die andere ſtürmiſch, nach Aeußerſtem, oft nach Unmöglichem greifend werden, wie ſie an den Idealismus gewieſen ſein mußte. Wenn der Menſch nichts hat, dann ſchafft er das Kühnſte, der Idealismus iſt das natürliche Erbtheil irdiſcher Armuth; darum iſt auch das Un⸗ glaubliche immer unter den niedrigen Ständen erfun⸗ den worden, die höheren bilden mehr, der Plebs zeugt die meiſten Kinder. Der Genius pochte, wie zumeiſt, oppoſitionell in Schiller; die Welt war ihm erſchwert, der Be⸗ ſtand der Geſellſchaft, die ihn nicht ſchaukelnd auf⸗ nehmen konnte, war alſo das Nächſte, was er bekämpfte, und aus dem innern Kampfe wuchs die erſte That. Schiller begann revolutionär, wie bei⸗ nahe jedes Genie, ſeine Bekanntſchaft mit der Welt, mit welcher ſeine Bildung wuchs, hat immer eine Conceſſion nach der andern gemacht, bis ſie mit einem Schauſpiele ſchloß, mit dem Wilhelm Tell, was auch den äußeren Schauplatz einer Revolution brachte, und in der Revolution die loyalſten Unter⸗ thanen, die beſcheidenſten Anſprüche verherrlichte, ſo daß die Urheber des Aufſtandes konſervativer erſcheinen, als die Herren, gegen welche der Auf⸗ ſtand gerichtet iſt. Ein ſanfter Roman, dem als Titelkupfer eine Schlacht vorgebunden iſt, welche ein Durchreiſender des Buches nebenher erzählt. So war Schiller am Ende von der Welt beſiegt, daß die wirklich hiſtoriſche Revolution unter ſeinen Händen ein Kuhreigen wurde! Und wie begann er? Wir wollen ein Buch machen, ſagte er zu ſeinem Kameraden, aber ein Buch, das abſolut vom Schinder verbrannt wer⸗ den muß! Ja, die Welt iſt tief gefügt, und hat eine überwältigende Kraft. 316 Er verkehrte auf der Karlsſchule allerdings intim mit einigen Genoſſen, aber ſein Herz war von früh⸗ auf ſo zart beſaitet, daß er durch Unſcheinbares tödtlich verletzt wurde, und ſich zuweilen ganz und gar zurückzog. Wegen äußerlicher Dinge geſcholten, verſpottet, von den Freunden falſch angefaßt, kroch er ſtolz in den Winkel ſeiner geheimſten Welt, ſeiner geheimſten Wünſche; dieſe ideelle Iſolirung nährt ſeine Schwärmerei, leitet ſie immer mehr in's Außerordentliche, giebt von vornherein die Rich⸗ tung, und die Blödigkeit, die Unkenntniß der Geſell⸗ ſchaft ſetzt ſie fort. Zu ſeiner frühen Lieblingslektüre gehörten Plu⸗ tarch, Shakeſpeare und— Göthe. Aber Werther that ihm weniger; dem Leiden ſich hinzugeben paßte nicht in ſeine Natur und ſein Verhältniß, ihm mit dem Degen entgegenzutreten, das lag in ihm. Beaumarchais im Clavigo, das war ſeine Freude, Schubart's Fürſtengruft erquickte ihn, und er pil⸗ gerte mehrmals auf den Asperg hinauf, wo der unglückliche Dichter gefangen ſaß, um deſſen Be⸗ 317 kanntſchaft zu ſuchen. War es das genirte Ver⸗ hältniß, was einen Herzenserguß nicht leicht zuließ, oder fand er im Dichter nicht, was er im Gedichte fand, es kam zu keiner eigentlichen Annäherung. Merkwürdigerweiſe war ihm von den übrigen damals wogenden Dichtern Uz, dem die Literatur⸗ geſchichte nicht ſo günſtig geweſen iſt, lieber als Klopſtock. Als er nun aus den vorbereitenden Klaſſen zu einer Facultät gehen ſollte, wäre Schiller am lieb⸗ ſten Theologe geworden, da es nun aber einmal Medizin ſein mußte, griff er es mit ſeinem gan⸗ zen Feuer an, und war Anfangs ein ganz ernſtli⸗ cher Mediziner, der Kraftkuren unternehmen wollte. Dieſe mißlangen aber, und die Sache wurde ihm leidig. In Ludwigsburg hatte er das erſtemal ein Theater geſehen, das war nicht mehr aus ſeinem Sinn geſchwunden, der erſte Wurf, die Räuber, geſchah darnach, und das Theater blieb immerwäh⸗ rend ſeine lockend grüne Inſel, ein angeſtellter Thea⸗ terdichter Herr eines Zauberreichs. 3 318 Mit Mühe und Noth hatte er die Raͤuber auf eigene Koſten zum Druck gebracht; es ward eine V Vignette auserwählt, ein aufſteigender zorniger Löwe 8 mit dem Motto: in tyrannos, und ſo erſchien die erſte Ausgabe auf förmlichem Fließpapier, wie eine leibhaftige Mordgeſchichte ausſehend. Das Geſchäft b wurde ſehr ſchlecht betrieben, es verkaufte ſich ſehr wenig, und das leere unordentliche Stübchen Schil⸗ lers war in den Winkeln mit Stößen von Räubern belaſtet. In dieſem unbequemen Gemächlein ſaß ſorgen⸗ voll der Dichter, bis Scharffenſtein oder Streicher kam, und man den Entſchluß faßte, ſich eine Güte zu thun: da wurde Kartoffelſalat bereitet und Knack⸗ wurſt geholt. Hier ereignete ſich's eines Tages, zwar zu großer Satisfaktion, aber auch großer Ver⸗ b legenheit Schillers, daß ein fremder Herr in großem Wagen vorfährt, und dem Dichter der Räuber ſeine Aufwartung machen will. Es war Leuchſenring, den Varnhagen beſchrieben hat; er tritt in die Parterre⸗ boutike, wo der Tabaksgeſtank ſchwebt, wo die an⸗ 319 geſtrichnen Hoſen haͤngen, wo die Kartoffelreſte und die Räuber im Winkel liegen. Es iſt wenig bekannt, daß Schiller nach den Raͤubern noch eine Anthologie und ein Schwäbiſches Repertorium herausgegeben hat, und über die ent⸗ zückende Laura ſind wir immer im Dunklen geblie⸗ ben. Dies iſt jetzt gelüftet— Hinrichs ſagt bei der„Entzückung an Laura“„So lange die Liebe bloße Sehnſucht iſt, wird ſie von der Hoffnung und Furcht erfüllt; denn ſie kann Gegenliebe wer⸗ den und auch nicht.“ Ei!„Wenn die Hoffnung in Erfüllung geht, wird die Freude darüber zum Entzücken.“ Das iſt ſehr ſchön und gewöhnlich, auch hilft es der Laura nichts— ſie war eine gutmüthige Hauptmannswitwe, nicht mehr ganz jung, mit der keine Hoffnung in Erfüllung ging, und die nur in Ermangelung einer Anderen beſungen wurde. Es war damals Alles Idealismus. Als Schiller nach Mannheim durchgegangen war, galt er ſelbſt für eine Art Raͤuber, für einen 320 überſpannten Menſchen, einen Thunichtsguts. Aber bei allem ſonſtigen Mißlingen wäre er dort beinahe gar zu einer Frau gekommen, er ſollte in der Ge⸗ ſchwindigkeit eine Tochter des Buchhändlers Herrn Schwan heurathen; der liebte ihn entweder ſehr, oder er ſah die Cottaſchen Ausgaben voraus, was ſeiner buchhändleriſchen Kenntniß alle Ehre machte. Von hier aus fand er das ſtille Aſyl bei Frau von Wolzogen in Bauerbach. Dort am thüringer Walde überkam ihn endlich die lange vergebens erſehnte Stille und Ruhe, und war auch das Leben der Natur nicht das, was raſch, unmittelbar und immer zu ſeinem Geiſte ſprach— als er mit Strei⸗ cher reiſ'te, ward er von dieſem meiſt aufgeweckt aus ſeinen Träumereien, um eine ſchöne Ausſicht zu betrachten— war auch der Menſch zunächſt das Bewegende und Herrſchende ſeines Weſens, doch gab ihm Bauerbach die erſten glücklichen Stunden ja er hat ſie oft ſpäter noch die ſchönſten und glück⸗ lichſten ſeines Lebens genannt. 321 Profeſſor Hinrichs hat zu dem unintereſſanten Buche, worin er Schillers Gedichte wie ein Bota⸗ niker die Pflanze erklärt, eine intereſſante Vor⸗ rede gegeben, aus welcher hier manches Einzelne aus dem Leben des Dichters, und beſonders aus ſeiner Beziehung zu Göthe entnommen wird. Er erzählt zum Beiſpiele, daß Göthe auch einmal mit dem Herzoge von Würtemberg durch die Karlsſchule geſchritten ſei, und daß Schiller damals den Dich⸗ ter zum erſten Male geſehn habe, freilich gefeſſelt an die obſkure Schulbank. Von dieſer Begegnung weiß man ſonſt nichts, ſie müßte in jene oben erwähnte Neiſe gefallen ſein, wo Göthe den Großherzog Karl Auguſt nach der Schweiz führte. Von Bauerbach ging er wieder nach Mannheim zurück, und wurde Theaterdichter; dies Ziel war alſo erreicht, aber mit einem ſo kläglichen Gehalte, daß die Exiſtenz mehr denn kümmerlich war. Da kam die Nachricht, der Herzog von Weimar ſei in Darmſtadt zum Beſuche. Schiller machte ſich auf, VI. 21 322 ſteckte ein Manuſcript in die Taſche, und wollte ver⸗ ſuchen, ob er zum Vorleſen, und damit zu ſonſt was käme. Erinnert das nicht an die Zeit der Meiſter⸗ ſänger, wo die Poeten an ein Hoflager wanderten, damit ihnen ein Lob, ein Imbiß, eine Förderung werde? Hinrichs ſagt, dies Manuſcript ſei der Don Carlos geweſen; das iſt nicht wahrſcheinlich, da er dieſen, meines Wiſſens, erſt ſpäter, größten⸗ theils in Dresden geſchrieben; dem ſei, wie ihm wolle, er kam als Weimarſcher Rath zurück, er fühlte ſich mehr, nahm die Schauſpieler ſchaͤrfer vor, das gab Reibung, das Theater, was ſich nicht über Nacht ändern wollte, ward ihm gleichgültiger, er gab die ganze Herrlichkeit auf, und pilgerte nach dem Norden. Als er von ſeinem Freunde Strei⸗ cher Abſchied nahm, verſprachen ſie ſich, einander nicht eher zu ſchreiben, als bis der eine Miniſter, der andere Kapellmeiſter geworden wäre; der Wei⸗ marſche Rath trieb doch wohl etwas Spuk, wenn 3²23 auch dieſe dem Schillerſchen Weſen fremden welt⸗ lichen Dinge bald wieder verſanken. Er kam nach Leipzig, und wollte geſchwind Jura ſtudiren, er kam nach Dresden, er kam nach Wei⸗ mar, wo Herder und Wieland ihn begrüßten. Auf einer neuen Fahrt nach Bauerbach traf er in Ru⸗ dolſtadt bei der Familie von Lengenfeldt ſeine künf⸗ tige Frau und Herrn Göthe. Merkwürdigerweiſe ging es nicht über eine laue Begrüßung hinaus, Schiller hatte nicht ſeinen guten warmen Tag, und Göthe ſoll damals von ſchmerzlicher Sehnſucht nach Italien befangen geweſen ſein. Hinrichs kommt hier auch darauf, wie verſchie⸗ den dieſe beiden Männer aus der Mutter Schooße, aus des Vaters Hauſe entlaſſen worden ſind, wie Göthe ſchon als kleiner Junge ſtolz und behaglich, ſein Glück tragend, gravitätiſch unter den hüpfen⸗ den Spielkammeraden umhergeſchritten iſt. Die Mutter habe ihm ſein ſteifes Geradgehn vorgehal⸗ ten, und der ſiebenjährige kleine Wolf habe erwi⸗ dert:„Mit dieſem mache ich den Anfang, und 334 ſpaͤter werde ich mich noch durch allerlei auszeich⸗ nen.“ Mit den Sternen habe er ſich beſchäftigt, und herausgebracht, daß Jupiter und Venus ſeine Regierer ſeien. Als nun die Mutter ihn aufgezo⸗ gen, weil er etwas Appartes wolle, und alle andern Leute ohne Sterne ſich behelfen müßten, da habe er geſagt:„Mit dem, was andern Leuten genügt, kann ich nicht fertig werden.“ Auf Tiſch und Stuhl hätten ihm ſpäter drei Toiletten parat ſein müſſen, eine ordinäre, eine beſſere und eine ganz ſtattliche, die habe er verbraucht, und nach dem Gebrauch durcheinander geworfen. Wie knapp ſah es darin mit Schiller aus! Zum Vater, mit dem er auch nicht die mindeſte Aehnlich⸗ keit hatte, gab's gar keine ermunternde Beziehung, nur die Mutter, an welche auch das Geſicht vielfach erinnerte, kam in der Liebe für den Fritz zuſammen mit der Frau Rath. Sie ſah immer etwas Außer⸗ ordentliches in ihm, und küßte und ſtreichelte, und wenn er von Stuttgart verhungert zum Beſuche kam, da wurde im Stillen für ihn und den Begleiter 325 gebacken und gebraten. Aber ſie konnte ihm nicht den ſtarken, abwehrenden Weltgeiſt vererben, wie die Frau Rath ihrem Wolf; ſie war ſanft, engels⸗ gut und nach andrer Welt ſchwärmend, wie man⸗ ches ſpätere Gedicht des Sohnes. Und was hätte Schiller zu ſagen gehabt, und wie erſchrickt man über die Welt, wenn Goethe, der ſtets Glückliche, im Alter einmal ſagt:„Man hat mich als einen vom Glück beſonders Begünſtig⸗ ten geprieſen, auch will ich mich nicht belagen und den Gang meines Lebens nicht ſchelten, allein im Grunde iſt es nichts als Mühe und Arbeit geweſen, und ich kann wohl ſagen, daß ich in meinen fünf⸗ undſiebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt. Es war das ewige Wäͤlzen eines Steins, der immer von Neuem gehoben ſein wollte. Mein eigentliches Glück war mein poetiſches Sinnen und Schaffen. Allein wie ſehr war dies durch meine äußere Stellung geſtört, beſchränkt und gehindert! Hätte ich mich mehr vom öffentlichen und geſchäf⸗ tigen Wirken und Treiben zurückhalten und mehr 326 in der Einſamkeit leben können, ich wäre glücklicher geweſen, und würde als Dichter mehr gemacht haben.“ Ja, Goethe, der im Verhältniſſe zu Schiller und zu tauſend Menſchen eine ſo glückliche Exiſtenz genoß, verſichert nachdrücklich, daß er nur in Rom empfunden habe, was ein Menſch ſei, im Vergleich mit jenem römiſchen Zuſtande ſei er eigentlich ſonſt nie wieder froh geweſen! Dieſer Drang, in der nirgends hinterlichen Natur, in einer Natur, welche im Gegentheile die Organe weckt, ſich auszuſtrecken, hinzugeben, dieſer wollüſtige Drang des körperlich kraftvollen Menſchen, ach, ich glaube, Schiller hat ihn nie genoſſen! Die Arbeit und Unruhe des Gedankens hatte früh ſeinem Körper die Lebenskrone ausgebrochen, und vielleicht darum, weil ihm die Realität nirgends zu Hilfe kam, hat er ihr oft auch das nöthige Recht ver⸗ ſagt und verläugnet. Man ſagt, ganz homogen mit jenen Aeußerun⸗ gen Goethe's, daß er ein ganz anderer Menſch aus Italien heimgekehrt ſei: umgänglicher, ſanfter, aller 327 freundlichen Regung offener; jetzt fanden ſich auch die beiden Dichter, und er verſchaffte Schiller bald eine feſte Stellung in Jena. Allerdings wurde dieſer nicht eben freudig und gern Profeſſor, der den Studenten Geſchichte vortragen ſollte. Er fürchtete ſich vor der Pedanterie, vor dem Zeitraube, die ſeinen Dichtungen entginge, und obendrein mußte er ſpaßhaft ſagen: am Ende weiß mancher Student ſchon mehr Geſchichte als ich. Bald gab's denn auch Aerger: auf ſeinen Vor⸗ leſungen war er Preofeſſor der Geſchichte benannt worden, und der Pedell ward beauftragt, den Titel am Buchladen abzureiſſen, weil Schiller blos Pro⸗ feſſor der Philoſophie ſei, und der Profeſſor der Geſchichte, Herr Soundſo, dadurch beeinträchtigt werde. Das lebhafte Verhältniß zu Goethe, der eifrig ſchrieb und kam, die enthuſiaſtiſche Freundſchaft Wilhelms von Humboldt, der zu ihm zog, waren ſein einzig Labſal. Goethe ward nämlich immer inniger von ihm angezogen, das Dämoniſche, wie * — er zu ſagen pflegte, und was er im milderen Aus⸗ drucke eine Natur nannte, daſſelbe, wofür jetzt die Bezeichnung„eine Potenz“ gewöhnlich iſt, dies zog ihn zu Schiller. Und in Weimar hatte er wenig ähnliche Feſſel, Wieland war ihm eine leichtere, herum naſchende Natur, welcher die urſprüngliche innere Gewalt abging, und Herder war ſein eigent⸗ licher Gegenpunkt, der alles Wirkliche, alles Exiſti⸗ rende oder Exiſtirthabende in den Gedanken der Humanität entkleidete. Auch Kunſt und Poeſie war ihm nur in Bezug auf Sittlichkeit vorhanden, nur inſofern lobenswerth, als dieſe direkt und zunächſt dadurch gefördert würde; das Schöne an ſich als Selbſtſtändiges, Eigenes, exiſtirte nicht für ihn. Hinrichs ſagt ſehr richtig, daß Herder das eigent⸗ liche Extrem zu Goethe geweſen ſei, nicht Schiller. Dies Verhältniß in Weimar geſtaltete ſich denn auch ſo unergiebig, daß das humane Paar, Herder und ſeine Frau, Goethen eine Wolfsnatur nannte. Auf⸗ fallend zahlreich haben ſich in neuerer Zeit die Stim⸗ men erhoben, welche Herder's Perſönlichkeit ladelnd 2 329 ſchildern. So ward noch ganz vor Kurzem bekannt gemacht: Der berühmte Wolf in Halle hatte bei ſeiner neuen Ausgabe des Homer eine Hypotheſe über die Homeriden aufgeſtellt, die äußerſt ſcharf⸗ ſinnig und mit einem großen Aufwande von Gelehr⸗ ſamkeit unterſtützt iſt. Herder benutzte dieſe Abhand⸗ lung und lieferte einen Aufſatz in die Horen, worin die ganze Hypotheſe als ſeine eigene Anſicht, die er von Jugend auf gehabt habe, dargelegt, und Wolfs auch nicht weiter gedacht wird. Wolf ſpie Feuer und Flamme und beſchwerte ſich bitterlich bei Schiller. Herder und Schiller kamen darüber in Verdruß, und Herder gab von dieſer Zeit an keinen Aufſatz mehr in die Horen. So gedieh das in der Geſchichte ſo ſeltne Ver⸗ hältniß zwiſchen den zwei größten Dichtern einer Nation, von dem der Briefwechſel ein großartig Zeugniß iſt. Der eine, Goethe, dem alles Theore⸗ tiſiren unbequem war, der ſich um die Philoſophie nur bekümmerte, wenn er Katarrh hatte, wirkte auf den ſtets abſtrahirenden Schiller, und dieſer, 330 der die Natur über dem Gedanken vergaß, und in allen Geſtalten das Subjekt Friedrich Schiller reden ließ, wirkte auf den ſtets objektiven Goethe. Einſt kam dieſer nach Jena, und fand den Geſchichtsprofeſſor ſo krank ausſehend) daß er glaubte, Schiller werde keine vier Wochen mehr leben, er drang darauf, daß er nicht mehr des Nachts ar⸗ beite, daß er öfter nach Weimar komme, und Luft und Leben ſuche. Die Geſpräche, in denen Goethe die Natur, das Beſondere vertheidigte, und Schiller die Idee und das Allgemeine, brachten auch inner⸗ liches Leben genug, aus welchem die Abhandlung über„naive und ſentimentale Poeſie“ erwuchs, was eben die Goethiſche und Schillerſche Poeſie bedeutete, die Poeſie der beſondern Realität und die Poeſie der allgemeinen Empfindung. Sollte dem großen Publikum, was ſich ſo gern mit Formeln trägt, mit zwei Worten eine Hilfe gebracht ſein, ſo wäre es für Goethe das Wort Intuition, der unmittelbare Einblick in die Sachen, für Schiller das Wort Reflexion, die mittelbare 331 Verſtändigung. Jener Einblick ſieht leicht und un⸗ ſcheinbar aus, und findet darum langſamer und nur bei Aufmerkſameren und Kundigeren die Würdigung, die Reflexion, der weitere Weg, iſt allen Menſchen und Kräften zugänglicher, und da ihn Schiller mit ſeinem Genie ſchmückte, ſo lohnte ihn zunächſt die große Popularität. Da Schillers Art von einer ſtarken Kraft, einem wirklichen Leben getragen war, wie es ſeinen Nach⸗ ahmern abgeht, ſo machte er auch damit auf Goethe einen ſtarken Eindruck, auf Goethe, der ſich übrigens alle Einwirkung des Subjektiven ſo lange und ſo kräftig abgehalten hatte, und er konnte ſagen: Schil⸗ ler hat mir eine zweite Jugend gegeben und mich wieder zum Dichter gemacht. Die ſchönen Balladen Goethe's, die Braut von Corinth, der Gott und die Bajadere ſtammen aus jener aufblühenden Freundſchaft, und das Naturleben im Wilhelm Tell ſtammt aus den Beſchreibungen Goethe's. Denn Schiller war ſein Lebtag nicht in der Schweiz geweſen, hatte aber ein ſo außerordent⸗ 332 lich Genie, auch die Natur aus der Erzählung für ſeinen Zweck aufzufaſſen. Es iſt bekannt, daß Goethe Schiller ſpäter nach Weimar ſelbſt lockte, und daß der von Geiſt und Gedanken erſchöpfte Körper dort zuſammenbrach. Stuttgart, Stuttgart! Du haſt lange warten laſſen, den Zopf und den Stock deiner Karlsſchule, welche unſern zweiten, einzigen Friedrich den Zwei⸗ ten und Großen geplagt hat, auszuwetzen mit einer Statue, und daß du hierfür im heil'gen römſchen Reiche den Ablaßzettel zur Sammlung des Pfennigs herumgeſchickt haſt, iſt gar verwunderlich. Du kannſt zeugen, Schwabenland, aber auch bilden und be⸗ lohnen? —nʒõ———QO[——-——O— 33. Das Schloß in Franken. Ucber ſchmale Hügel, durch kleine Thäler gelangt man aus Würtemberg, aus dem niederen Schwaben, in die Hügelebene des mittleren Deutſchlands, was vorzugsweiſe das Frankenland heißt. Der Main rauſcht hier durch grüne Gelände, von dem Gebirge herabſteigend, was dieſen reichen Landſtrich abſondert von Norddeutſchland; das Fichtelgebirge, der Franken⸗ wald, der Thüringerwald haben ſich hier gelagert mitten hin zwiſchen die große Halbſcheid des deut⸗ ſchen Reiches, die Nordwinde abhaltend von dieſer heitern, breiten Frankenflur. Hier gedeiht eine fröh⸗ liche Rebe, zu Würzburg an dem Stein, zu Klin⸗ 334 genberg am Main, zu Bacharach am Rhein, da wächſ't der ſchönſte Wein⸗ ſingt ſchon der alte topo⸗ graphiſche Spruch. Der Boden iſt feiſt und ergie⸗ big, der ſchlanke, friſche Baum ſchießt auf, die Gartenfrucht, das Gemüſe bläht ſich, und weiter hinauf nach der Donau zu wuchert wenigſtens fett und üppig das Getraide; frank und unbeſorgt um das Nöthige und das Ermunternde des Lebens wächſt der Franke in den heitern Tag hinein, ſein Blut iſt raſch, ſein Sinn iſt froh, ſein Auge leb⸗ haft, ſchnell greift er nach dem Intereſſe, und iſt ein hüpfender Sprung vom düſtern, nachhaltigen Schwaben hinab zum kargeren Norddeutſchen. Die eigentliche Bedeutung des Frankenvolks in der Geſchichte iſt jedoch nicht ausſchließlich hier zu ſuchen. Von dieſem wichtigen deutſchen Stamme ſind allerdings den Main hinab Hauptreſte haften geblieben, und eine Hauptgrundlage unſrer Sprache iſt von ihm gelegt worden. Die Franken nämlich bemächtigten ſich vom achten bis zum zwölften Jahr⸗ hunderte des germaniſchen Kernes, was wir in der 335 Literargeſchichte unſers Vaterlandes Althochdeutſch nennen, was am Main und Mittelrhein vom Nor⸗ den und beſonders vom Süden den Ausdruck an ſich rieß, dies war die fränkiſche Macht, welche unter Karl dem Großen europäiſch wurde. Der Stamm aber ſcheint ſehr groß geweſen zu ſein, er griff unten über Thüringen hinaus in die Sachſen hinein, und ſtreckte ſeinen geharniſchten Arm tief nach Gallien. So gab er eine Grund⸗ farbe deſſen, was wir noch heute Frankreich nennen, und von hundert neuen Elementen erfüllt, das Pro⸗ vengaliſche, das Normanniſche abwehrend und auf⸗ nehmend, bildete er ſich zum Franzoſen, und ſeine Hauptkraft ſchoß in Wurzel und Zweige jener Nation, die jetzt ſo verſchieden von uns erſcheint, und doch zum Theil aus unſerm Herzblute ſtammt. Das Südliche, das Römiſche iſt nur ſtärker geweſen, und ſo iſt der Franke im Franzoſen untergegangen. Die Deutſchen par excellence gebrauchten Anno Sieb⸗ zehn das Wort Franke und Fränkiſch als eine feind⸗ liche Bezeichnung des Fremden, und ſpuckten dabei aus. Der Vertrag von Verdün, welcher die frän⸗ kiſche Herrſchaft in deutſch und fränkiſche ſchied, war ihnen unbekangt. Die Frankenübermacht ward von den Schwaben abgelöſ't, und der Stamm hat keine Gelegenheit mehr gefunden, ſich vorherrſchend geltend zu machen. Der Rheinſtrich vertheilte ſich in kleine Herrſchaften, von denen nur noch Frankfurt an den alten Namen erinnert; die Geiſtlichkeit breitete ihren Talar über die beſten Striche, der Krummſtab ſegnete über Fulda, Aſchaffenburg, Würzburg, Bamberg, und hielt ſeiner⸗ ſeits eine große weltliche Herrſchaft auseinander, die demokratiſche Bürgermacht der Reichsſtädte that andrerſeits das ihrige mit der großen Hauptſtadt Nürnberg, und ſo gewann Franken keine eigentliche Auferſtehung mehr. Die Nürnberger Reichsbürger haben es noch am lebhafteſten verſucht; ihr Albrecht Dürer verſuchte es, eine neue Kunſt zu malen, die reichsſtädtiſche Züchtigkeit kam zu Hilfe, aber die Schönheit blieb aus, Hans Sachs brachte den Meiſtergeſang in Schwung, aber das Genie eines 337 Schuſters war doch nicht hinreichend, das Intereſſe einer Nation zu erſchöpfen und zu überwältigen. Bei alle dem iſt dem Frankenreſte, welcher in einer Nundung nach dem Wiener Congteß als nörd⸗ licher Theil Bayerns zuſammengeblieben iſt, ein Sammelcharakter der heiteren Lebendigkeit ſtets ge⸗ rettet worden. Das verſchiedenartige Regiment, der Krummſtab am Main, das Markgrafenthum in Ansbach und Baireuth, die Reichsbürgerſchaft in Nürnberg hat einen farbigen Wechſel und eine bild⸗ ſame Mannigfaltigkeit befördert; das Zuſammen⸗ ſtoßen Nord⸗ und Süddeutſchlands hat allerlei Lichter rechts und links hingeſtreift, ſo daß man in eine bewegte, lebhafte Exiſtenz verſezt wird beim Ein⸗ tritte in dieſes Land. Auf einem Hügel, welcher ſich nach dem Maine hinabſenkt, liegt ein ſtolzes Schloß, hoch beſchattet von Ulmen und Linden. Eine prächtige Treppe führt hinauf in der Breite des ganzen Hauſes, ſchöne Säulen bilden eine Vorhalle, die mit ſüdlichen Bäu⸗ men angefüllt iſt, und von wo man einen großen VI. 22 338 Theil dieſes blühenden Landes überſieht. Teraſſen ſteigen zum Maine hinab, Gras, Sträucher und Bäume wuchern und flüſtern links und rechts, ohne die Ausſicht zu ſtören, der Weinſtock kriecht überall umher, ſelbſt an den Säulen der Vorhalle hinauf, den tief gefärbten Epheu überdeckend. Die Sonne iſt eben aufgegangen, einen blitzen⸗ den Sommertag beginnend, der Thau flimmert, die Lerche jubelt, Landleute mit Senſen ziehn jenſeits des Maines in's Feld, auf der oberſten Treppen⸗ ſtufe ſteht ein junger Mann. Er lehnt den Rücken in die Wein⸗ und Epheuranken einer Säule, hat die Arme untergeſchlagen und ſieht in das glitzernde Land hinab. Dieſer Mann heißt Gregor. Wer ihn genau kennt, iſt in der größten Verlegenheit, wie er ihn bezeichnen ſoll: Gregor iſt nicht unglücklich, noch weniger iſt er glücklich. Im alten Nürnberg, was ſich da drüben in der Ebene ausbreitet, iſt er in einem Bürgerhauſe geboren. Angeſichts dieſer alten Reichsſtadt iſt er aufgewachſen, im nördlichen Deutſch⸗ 339 land weiß man gar nicht was das heißt, denn man hat keinen Begriff von Nürnberg. Dieſe Stadt iſt ein Stück Mittelalter, was in Eſſig konſervirt worden iſt, das heißt ſtädtiſches Mittelalter, was ſchon in die alten Tage des Mittelalters gehört, in diejenigen Tage, wo der Ritter ſchon banquerott iſt, und der Bürger mit der Plüſchhoſe ſich bläht. Nürnberg iſt aus der altklugen deutſchen Zeit, die Romantik war vorüber, die Minneſänger waren in Meiſterſänger herabgeſunken, Albrecht Dürer malte die reizloſe Keuſchheit, Hans Sachs machte Faſt⸗ nachtsſpiele, der Patrizier baute ſich ein feſtes ſtei⸗ nernes Haus in zuſammengedrücktem Stile— dieſen bürgerlichen Uebergang aus einer hochgebogenen alten Zeit in eine detaillirtere Epoche ſtellt Nürnberg dar, heute noch das ächteſte Bild einer Reichsſtadt, den Gymnaſiaſten und Liebhabern heute noch ein Lehr⸗ exemplar damaliger Bauweiſe und Einrichtung. Da⸗ durch allein ſchon macht die Stadt einen ganz eigen⸗ thümlichen Eindruck, ein würdiges Alter fordert unſer Staunen, unſre Ehrfurcht, und doch iſt das 340 Alter nicht großartig und ſchön genug, um unſre Sehnſucht oder den heiligen Schauer zu wecken. Nur in den alten Kirchen beſchleicht uns der heilige Schauer einer hoch ſtrebenden Vergangenheit, darum fand man Gregor öfters in den Gängen von Sanct Sebald. Die Ahnungen, welche er in St. Sebald em⸗ pfing, das niedrige Mittelalter, was ihn umgab im Bau der Häuſer, in den gedrückten altmodiſchen Stockwerken, die verlaſſene Fläche rings um die Stadt, welche die Arme zu ringen ſcheint nach den Frankenhöhen im Norden, der hartnäckige, ſpröde Bürgerſinn im Hauſe der Eltern, die Mädchenge⸗ ſtalten, welche mitunter noch ein wenig in die mitteldeutſche Malerei heimelten— das Alles ſetzte ſich in Gregors reichem, empfänglichen Gemüthe auf eine wunderbare Weiſe zuſammen. Sein Charakter wurde ein Schubladenſtück: mit wirklichem Eifer konnte er eine Zeitlang und gewiſſen Leuten gegen⸗ über das ſtreng bürgerliche Intereſſe verfechten, zu einer anderen Zeit und bei anderer Umgebung war 341 er ein Ritter, ein Gläubiger mit Hand und Mund und Herz, und vor dem Zeitungsblatte überſah und beherrſchte er die breite, induſtrielle Welt, welche ſich gleich einem Goldnetze über unſre Tage ge⸗ worfen hat. Dieſe Mannigfaltigkeit wuchs aus dem ſtarken Kerne der größten Anlagen, und jener nordfränkiſche befruchtende Thau lag darüber, den wir mehrmals in unſrer Geſchichte erlebt, einige Male zu unſerm Schrecken erlebt haben. Da wo ſich das Fichtel⸗ gebirge abſenkt, iſt die ſüße Schwärmerei Jean Pauls erwachſen und die ſaure Ludwig Sand's, ja bei den Revolutionsausbrüchen neu'ſter Zeit fand ſich eine der gewaltigſten Naturen, Bunſen's, der in Frank⸗ furt den Tod fand, ebenfalls aus den fraͤnkiſchen Thälern. Neben dem munterſten Blute unſres Vater⸗ landes, was vorherrſchend in den Franken rollt, und was in Rückert zur reizendſten Geiſtes⸗ und Herzens⸗ wendung gekommen iſt, neben dem heitern Lebens⸗ drange findet ſich hier öfters denn anderswo eine wunderbar tief und ſchwer zeugende Luft. Sie hatte 342 auch Gregor angeweht, hob ſeine großen Anlagen früh⸗ zeitig zu einer ungewöhnlichen Dichtheit und Be⸗ deutung, legte aber auch die Gewitterſchwüle eines heißen Frühlingstages über Stirn und Auge. Das machte ihn allerdings ſehr intereſſant, aber wirklich intereſſante Leute zahlen den theuerſten Ein⸗ ſatz ſelbſt für die Fähigkeit, Andre zu reizen; die Höhen und Tiefen, in welchen ſie das eigene Herz herumſchleudert, ſehen für den Beſchauer blau und lockend aus, der Geſchleuderte ſelbſt aber empfindet an ſeinem Leibe jedes Felſenriff, über welches er ſchonungslos hingeriſſen wird. Man ſollte nie ver⸗ geſſen, daß Sophie Müller damals dem Publikum am beſten gefiel, als ſie den Tod ſchon im Herzen trug; faſt alle große Theilnahme der Welt iſt grauſam. Dazu hatte Gregor ein wohlgebildetes Aeußere; er flog im Karrieère durch die Welt, bemächtigte ſich im Fluge alles deſſen, was zu gewinnen war; darunter befand ſich glücklicherweiſe auch Geld und Gut, und als er im Jahre 1835 nach Kiſſingen in's Bad kam, freuten ſich alle intereſſanten Mädchen. 343 Seine Neigungen ſchwaͤrmten juſt zur damaligen Zeit in's Ritterliche, es intereſſirte ihn der Adel und die hiſtoriſche Weihe, er fand ſich zu dem ſchönen und reichen Fräulein Aphanaſia, ſie fand ſich mit ihrer Fröhlichkeit und ihrem empfänglichen Gemüthe zu ihm, ſie verlobten ſich, er liebte ſie, ſo viel er lieben konnte, er nahm einen Ring von ihr, und ſie ſprach dabei halb ſcherzend, halb ernſt⸗ haft:„wenn Du den Ring verlierſt, ſo verlierſt Du mich und Dein Leben,“ er heurathete ſie und machte ſie unglücklich. Gewaltige Menſchen, die nicht eine große That⸗ exiſtenz finden, wo ſich all ihre dämoniſchen Kräfte verſuchen und tummeln, ſind für die meiſten Weiber ein Unglück. Das Ideal der Liebe iſt erſt in den letzten Jahrhunderten ſo vorherrſchend in der Welt geworden, und es hat die Frauen verführt, allen Bezug davon ſich allein zuzueignen; ſtarke Menſchen aber ſind ſtets im Verbande mit der ganzen Welt⸗ geſchichte, ſie ſtreben und ſteuern nicht blos nach Anleitung der Minneſänger, ſie vergeſſen zuweilen das Weid, wie es den Alten ſaſt durchgaͤngig be⸗ gegnete, aber die Weiber vergeben das nicht. Und ſie haben als Weiber damit ganz recht. Gefüg und umgänglich ohne Anſtoß iſt durch die ganze Welt nur die Mittelmäßigkeit; gefällig iſt nur das Detail. Die Frauen verlangen Detail; die Aufmerkſamkeiten, dieſer Hofſtaat der Liebe, auf welchen ſie mehr geben, als auf die Liebe, die Auf⸗ merkſamkeiten ſind das Detail. Gregor, deſſen Blicke in's Große und Weite gingen, überſah ſie, und kränkte damit ſeine Frau. Anfänglich ſcherzte ſie darüber, denn ſie war gut und heiter, und ſchob's auf die vernachläſſigte plebejiſche Erziehung ihres Mannes, dann ſchmollte ſie, dann grollte ſie und endlich ward ſie ſtill, aber es hatte ſich ein Roſt um das lichte Gemüth angeſetzt, ein Roſt der ſchlim⸗ men Worte„er liebt mich nicht.“ Solch ein Glaube hat harte Folgen. Man er⸗ wartet im Sommer keine Kälte, man will nicht daran glauben, wenn ſie eintritt, man erkältet ſich zum Tode, und ſagt doch: es iſt ja Sommer! 343 Solch ein ſchlimmer innerlicher Sommer war es, als Gregor auf ſeinem prächtigen Schloſſe ſtand in der Morgenfrühe, und auf das Frankenland hin⸗ abſchaute. Glücklicher Gärtner! ſprach er vor ſich hin, er betrachtet jede kleine Pflanze, ob ſie Thau genug hat, um zu gedeihen; wo es fehlt, da gießt er Waſſer zu, und morgen früh ſieht er mit dem leb⸗ hafteſten Antheile nach, ob es gefruchtet habe. So wohlfeil iſt die Theilnahme, welche das Leben trägt, und den nächſten Tag wünſchen läßt. Gregor war nicht blaſirt, er nahm an tauſend Dingen das größte Intereſſe, aber er hatte zu wenig Macht, er war blos ein reicher Gutsbeſitzer, er ge⸗ hörte zu einem kleinen Staate, er fühlte ſich berufen, aber die Bahn fehlte. Dies giebt den Schein der Blaſirtheit. Weil ein großer Ruhm nicht zu ge⸗ winnen war, verhöhnte er den Ruhm ſelber: was ſoll mir's, daß ein Paar tauſend mittelmäßige Men⸗ ſchen meinen Namen auspoſaunen? Dieſe Menſchen find mir gleichgültig, ſoll es mir nicht gleichgültig ſein, daß ſie von mir ſchwatzen oder nicht? Der Enthuſiasmus iſt der Herzſchlag des Geiſtes, ich hatte ihn in der Jugend, die Täuſchungen hielt ich für einzelne, jetzt kenn' ich die Motive der Welt, und ich habe keinen Enthuſiasmus mehr! Wüßt' ich drei Freunde, die eben ſo hofften und wünſchten gleich mir, ich beruhigte mich. Und doch, was iſt's für ein Mangel, wenn man nichts thun kann, als ſich beruhigen! Ich will leben! Ich kann leben, ich fühl es, nur die Gelegenheit fehlt, und deßhalb werd' ich bei allem Mangel nicht unglücklich, bei allem Beſitze nicht glücklich! Es kamen zwei Reiter den Berg herauf, ein Cavalier mit ſeinem Diener. Jener war ein feiner, zierlicher, muntrer Gutsherr aus der uUmgegend, welcher Aphanaſien den Hof machte. Gregor begrüßte ihn zerſtreut; was kümmerte es ihn, ob ſeine Frau unterhalten wurde, was fragte er nach dieſen Ein⸗ zelnheiten des Lebens! 347 Herr von Richard ward von der Herrin des Schloſſes freundlich aufgenommen, ſein heitres, auf⸗ merkſames Weſen gefiel ihr ſehr wohl, und ſie be⸗ handelte ihn ſo zuvorkommend, daß der unparteiiſche Zuſchauer nicht überſehen konnte, es handle ſich da⸗ bei noch um andere Abſichten, als um die der Gaſt⸗ freundſchaft. Aphanaſia, raſchen Blutes, litt lebhaft dadurch, daß ſie ſich von Gregor vernachläſſigt ſah; ſie liebte ihn, ſie glaubte bereitwillig an den großen Zwieſpalt, der ſeine Exiſtenz quälte, ſie verzichtete beſcheiden darauf, ihn durch gegenſeitige Neigung aufzuheben, aber ſie verlangte Mittheilung, das Ausbleiben der⸗ ſelben empfand ſie wie ein Zurückſetzen, wie ein Geringachten. Tief unter der leichten Hülle ihres Weſens lag das tief Entſchloſſene, das Excentriſche, deſſen der heitere fränkiſche Charakter fähig iſt. Sie trat keck in das gefährlichſte Spiel, Gregor durch Eiferſucht zu zwingen, ſie ermunterte Herrn von Richard, überſah Gregor, und ward immer weiter 348 getrieben, als Gregor von alle dem keine weitere Notiz nahm. Und doch war dieſer keineswegs ſo unbetheiligt dabei: die Sache ſelbſt ſchien ihm des Herausfor⸗ derns in eine Beſprechung unwürdig, einmal, weil er ſolch ein häuslich Verhältniß nicht für wichtig genug, zweitens, weil er ſich für zu vornehm hielt, die Theilnahme ſeiner Frau durch ein Dreinſprechen zu erzwingen. Theilnahme muß wie der Thau des Himmels kommen, ſprach er, oder ſie iſt ein reiz⸗ los Weſen. So drängten ſich Beide ſtets weiter auseinander; Gregor konnte ſich der Eiferſucht nicht mehr erwehren, die er vorher noch für ein partikulares, unbedeuten⸗ des Gefühl ausgegeben hatte, er fühlte ſich geradezu gequält, und dachte auf ſchleunige Abhilfe. Apha⸗ naſia, welche dabei noch mit einer lebendigen Ver⸗ mittelung, mit Richard zu ſchaffen hatte, ward in die Folgerungen ihres Entgegenkommens verwickelt, und war auf dem Punkte, ſich in Mißmuth, Ver⸗ zweiflung und Laune dem Zufalle zu überlaſſen. — 349 Der Zufall war eigentlich ein zufälliger Menſch, Herr von Richard, wie das oft geſchieht, und die⸗ ſer Lebemenſch war ganz geeignet, dafür die Hand offen zu halten. Ordinaire Lebemenſchen ſammeln ihren Genuß, ohne daß ſie es wiſſen, meiſtentheils von den Schnitzeln und Spähnen, welche irgend ein höheres Mißverhältniß abwirft. Um ſelbſt ein höheres Verhältniß zu ſchaffen, gebricht es ihnen an Fähig⸗ keit, und ſo leben ſie aus zweiter Hand. Gregor trug ſich mit dem Entſchluſſe, von dannen zu gehn. Er gab damit nicht nur das Beſitzthum ſeines Herzens auf, ſondern auch ſein äußeres: Schloß und Gut gehörte vom Hauſe aus Aphanaſien, und das eigen Erworbene hatte er hinein gebaut, hinein gepflanzt; dies äußere Beſitzthum war eine wirkliche Ehe worden, das Beiderſeitige war bis zur Untheil⸗ barkeit in einander aufgegangen. Mit dieſem Entſchluſſe ringend ſchritt er in ſeinem Zimmer auf und ab; Aphanaſiens Gemächer lagen eine halbe Treppe tiefer; er überſah durch ein inneres Fenſter den größten Theil ihrer Räume. 350 Die hohe, ſchöne Frau ſaß weiß angekleidet auf einem Sopha, und hatte die Stirn nachdenklich auf die Hand gelehnt. Gregor ſtand ſtill und ſah ihr zu. Was trennte ſie? Sein Weſenz und nicht einmal dies, nur der Schein deſſelben. Er durfte hinab⸗ gehn, und die Hand ausſtrecken, nicht das kleinſte Wort war nöthig, ſie wäre ihm weinend um den Hals gefallen. Aber was wir Haltung nennen, Stolz, Trotz, und was die eigentlich fremde dämoniſche Natur in uns iſt, das iſt der Hauptfeind des Zuſammenlebens. Verſchiedenes Herkommen hat auch bis zum Tode eine doppelt ſchwere Ehe, es trägt einen Mutterleib von Mißtrauen bis zum Tode mit ſich. Dennoch war Gregor einen Augenblick zweifel⸗ haft, ob er nicht hinabgehn ſollte— da erſchien Herr von Richard bei ſeiner Frau; ſie lächelte, ſie lachte, er warf ſich vor ihre Kniee hin, ſie reichte ihm die Hand zum Kuſſe— Gregor ertrug das nicht, und daß er es nicht ertrüge, kam ihm kindiſch vor, er rief ſeinen Diener und ließ ſeine Sachen packen. 351 Dann machte er einen Gang in's Freie; als mehrere Stunden vorüber waren, kam er zurück— jetzt haben ſie wohl genug Zeit gehabt, ſprach er, und um ja nicht ſtörend zu ſein, ſoll mich Betty melden. Aphanaſia kam ihm entgegen, er ſah es nicht, daß ſie verweinte Augen hatte— Warum, Gregor, ſolche Formen? Auch dieſe ſollen Dir nicht mehr läſtig werden, ich komme das letzte Mal, und reiſe in der nächſten Stunde. Gregor! Machen wir keine Scene; wir beglücken ein⸗ ander nicht, ein Hieb iſt kürzer als ein langſam Sterben. Aphanaſia konnte nicht ſprechen, damit er ihr 7 Weinen nicht ſähe, denn ſie war eben ſo ſtolz. Eine ſchwere Pauſe herrſchte. Nur ein einzig ehrlich Wort, was dem Einen oder dem Andern entſchlüpft wäre, hätte hingereicht, ſie einander in die Arme zu führen. Das Kammermädchen kam mit einem 352 Kleide dazwiſchen, und entſchied das Geſchick— Gregor ging abgewendet davon; Aphanaſia wagte den Schmerzensſchrei, welcher in ihr aufſtieg, vor dem fremden Geſchöpfe nicht, einen ſo tiefen Schmer⸗ zensſchrei, daß er Gregor unmittelbar belehrt hätte. Es blieb todtenſtill; Gregor warf ſich auf's Pferd, und ſprengte den Hügel hinab, ſein Weib, ſein Schloß verlaſſend, verloren gebend, er wußte ſelbſt nicht, warum. Im nächſten Herbſte ging es über die Maaßen munter zu auf jenem Schloſſe; der Herr war auf Reiſen gegangen, und die Strohwittwe Aphanaſia⸗ gab große Jagden und Feſte, alle luſtigen Cavaliere ſind geladen; die Dame iſt ſchön, nimmt alle Hul⸗ digungen an, zwar etwas höhniſch, aber lächelnd, alle Welt ſagt, ſie führe ein ſeidnes Leben. An einem jener Herbſtabende, als Aphanaſia, ermüdet von Bankett und Jagd in ihr Zimmer trat, ſchrieb ſie in ein Tagebuch mit großen, ungleichen —— —— 35³ Buchſtaben: Wo ich Dich finde, Gregor, erdroſſele ich Dich!— Das arme Weib glaubte jetzt mehr als je, kein Mann ſei wie Gregor, kein Mann habe ſo viel Quellen des Reichthums und Glücks für ſie, als Gregor. Juſt weil er ſie in's Unglück geführt, traute ſie nur ihm die Macht des größten Glückes zu; Haß und Liebe ſind ein Gefühl, ſie haben nur entgegen⸗ geſetzte Farben. Am anderen Tage kam ein einſamer Wanderer an den Fuß des Schloßberges, es war Gregor; am Anblicke dieſer Heimath wollte er ſich Kraft holen zu neuer Verlaſſenheit. Er ſah Aphanaſien mit ihrem Hoftroſſe vorüberſprengen in die Ebene, tiefer verbarg er ſich in die Hecken, welche er einſt ſelbſt gepflanzt, und erſt als der berittene Zug in der Ferne verſchwand, ſtieg er langſam zum Schloſſe hinauf, ſchlich unbemerkt in ſeine früheren Zimmer, ſtieg in Aphanaſiens Gemächer hinab, fand das Tage⸗ buch, und ſah nur jene Stelle, die Tags vorher erſt geſchrieben war. VI. 23 Schweigend ſchlug er das Buch zu, ſchweigend führte er noch einmal ſeinen Blick von der Teraſſe über das lachende Frankenland, und wanderte wieder von dannen. Es iſt ein Irrthum, wenn ein Herr des Hauſes Herr im Hauſe zu ſein glaubt, es giebt keine völlige Unabhängigkeit auf dieſer Welt; ein kleiner Bube, der im Winkel der Treppe mit Bohnen ſpielt, ſieht Dich kommen und gehn, und Du ſtehſt ſomit in der Abhängigkeit des Buben. Es kann Alles davon abhängen, ob Du gekommen oder gegangen biſt, der kleine Bube hat das Loos mit ſeiner Ausſage in den Händen. Gregor war geſehen worden, Aphanaſia erfuhr es, ein Nachtwind ſtrich über den Berg, und das ſchöne Schloß in Franken war verödet; finſteren Blickes ſuchte die Frau ihren Gatten in der Welt, und es war wenig zu hoffen, aber viel zu fürchten, wenn ſie ihn fände. —— 355 Indeſſen war das Finden nicht leicht; ein ein, zelner Menſch verliert ſich wie ein Sandkorn auf der Erde, und Aphanaſia ſuchte allein; von dem Augenblicke an, wo ſie Gregors Anweſenheit auf dem Schloſſe erfahren, hatte ſie ſämmtlichen Troß von Liebhabern und Begleitern verabſchiedet, und war in ein graues Gewand getreten. War es größere Freude, war es größerer Haß, die durch Gregor's neues Daſein erregt wurden? Man muß ſelbſt ein fröhlich fränkiſches Gemüth haben mit den Abgründen fanatiſcher Entſchlüſſe, um dieſe Frage zu beantworten. Das Geſchick und das Wandern auf Fußſteigen brachte Gregor in ein herrnhutiſches Oertchen an der ſchleſiſchen Grenze; die Sauberkeit und Ruhe deſſel⸗ ben machten ihm einen zauberhaften Eindruck, der Fußtritt eines Mannes, der an den Häuſern hin⸗ ging, hallte durch den ganzen Ort; der Kellner des Gaſthofes, der auch von der Gemeinde war, lächelte ſanft, ununterbrochen bei jeder Frage, bei jedem Befehle. 356 Zu anderer Zeit hätte ſich Gregor's Natur wahr⸗ ſcheinlich aufgelehnt gegen ſolche Exiſtenz; jetzt war er ſelbſt gebeugt, erſchöpft, ſie that ihm wohl. Der nächſte Morgen war ein Sonntag: die Frauen, alle ſchneeweiß gekleidet, zogen zur Erde blickend an ihm vorüber nach dem Bethauſe. Er ging auch dahin, und ward von höflichen Männern beſchieden, links zu gehn, rechts ſaßen die Frauen, ein ſtilles, weißes Meer. Man unterſchied in der Einfarbigkeit kaum noch, was ſchön, was unſchön, was jung, was alt wäre. Nur die Bänder gaben ein beſcheidenes Sig⸗ nal: die Wittwen tragen weiße, die Frauen blaue, die Mädchen rothe. Das Haus lag unter dichten Kaſtanienbäumen, und wo ein offener Blick für die Sommerſonne war, da ſchützten weiße Gardinen. Statt des Altars und der Kanzel ſtand ein einfacher, mit grünem Tuch behangener Tiſch da, hinter demſelben ſaß ein Mann im einfachen Ueberrocke, er intonirte den reſponſori⸗ ſchen Geſang. Dann kam ein andrer, welcher die Kinder brachte, und dieſen eine Rede hielt. Sie 357 ſollten das Gute thun, weil es belohnt, und das Böſe laſſen, weil es beſtraft würde, lehrte der Mann. Gregor überhörte es nicht, aber das übrige We⸗ ben, das leiſe und ſanfte, ſtreichelte ihn noch wohl⸗ thuend. Dann kamen Landleute zu der Predigt, und hörten ſie mit der Gemeinde an. Sie hatten auch einen Anſtrich von Beſcheidenheit und traten leiſe guf; der proteſtantiſche Zorn und Eifer fehlte über⸗ all, wohl aber auch die proteſtantiſche Energie. Aber was nützt die Energie, ſprach Gregor, da ſich die Welt nicht zuſammen faſſen läßt; Ruhe iſt mir willkommen. Gregor wollte eintreten in die Gemeinde, um dieſer Ruhe theilhaftig zu ſein, und ein bürgerlich Unterkommen zu finden; er hatte nichts mehr, ſein täglich Brot zu zahlen. Man nahm ihn mit ſanfter Miene auf, empfahl ihm Freundlichkeit, und ließ ihn unter Aufſicht einen einzelnen Lehrzweig in der Anſtalt vortragen, nachdem er über die dogmatiſche 358 und induſtrielle Einrichtung des Ganzen in Kennt⸗ niß geſetzt war. Die Herrnhuter geben ihre Lehre für eine rein evangeliſche aus, welche ſich nur in einzelnen Ge⸗ bräuchen von dieſer unterſcheide: zu dieſen gehört die Feier des Todes, welcher als ein Heimgang zur Freude und Seligkeit nicht in Trauer begangen, und durch keine traurigen Abzeichen kenntlich gemacht wird. Den Punkt des Heurathens rechnen ſie nicht zum Dogma, ſondern zur Gemeindeverfaſſung: früher wurden die Eheleute einander durch's Loos zugetheilt, ſeit dem Jahre 1818 gilt dies aber für abgeſchafft; jede Verheurathung bedarf aber noch der Zuſtimmung der reſpektiven Gemeinde. Aphanaſia fand ihn nicht; je vergeblicher, je länger ſie ſuchte, deſto ſtärker ward ihr Drang, ſich zu rächen, ſeinen Leib zu zerſtücken. Herr von Ri⸗ chard, der ſie ununterbrochen verfolgte mit Anträgen, und der, wenn ſie ihm auch wieder entgangen war, 359 ihren Weg immer von Neuem kreuzte, dieſer zu⸗ dringliche Herr— denn die Alltäglichkeit iſt ſtets zudringlich— entrang am Ende dem Unmuthe wirk⸗ lich ein Verſprechen. Aphanaſia ſagte zu, am näch⸗ ſten Johannistage auf ihrem Schloſſe einzutreffen, wenn ſie bis dahin Gregor nicht habhaft geworden ſei; ſie betrachte ihn dann wie einen Verſchollenen, und ſich ſelbſt für berechtigt zu neuer Verbindung. Was aber geſchähe, wenn ſie ihn träfe, darüber ſchwieg ihr Mund, denn es lag drohend zuſammen⸗ geballt in ihrem Herzen. Grregor fand alle die kleinen, täglichen Neigungen und Leidenſchaften der Menſchen, um derentwillen er aus dem gewöhnlichen Kreiſe entflohen war, bei den Herrnhutern wieder, und ſie hatten ihm dort ein noch viel widerwärtigers Anſehn, denn ſie ſchlichen gebückt, ſauer lächelnd, im Dunkeln umher, ſie trugen zierliche Mäntelchen. Das Verhältniß machte es nöthig, daß jede Leidenſchaft einen Lakai vor ſich her ſchickte, die Gleißnexei. Mitten in den Faſern und Angeln einer Welt von Leidenſchaften, wo Urſprung und Ende und Fortbewegung nur ruckweiſe, ebenfalls in Leiden⸗ ſchaften vor ſich geht, da macht Ihr Jahrtauſende lang den Verſuch, alle Leidenſchaft zu unterdrücken. Dieſer Verſuch ſelbſt iſt eine Leidenſchaft, Euer ganzes Herz iſt eine Leidenſchaft. Leiten, veredlen, verſchönern ſollt Ihr ſie, das iſt ein Beruf, der allein gelingen mag. Dieſe ſüß grinſenden Kabalen, dieſe ſanft er⸗ drückenden Intriguen, dieſe Verläugnung alles raſchen Blutes, wie es doch der Herrgott in die Adern gießt, und durch einen fröhlichen Wind und einen fröh⸗ lichen Sonnenſchein weckt im Menſchen, entrüſteten Gregor immer mehr; dieſer niedergebeugte, paſſive Zuſtand einer ſchaffenden und waltenden Natur gegenüber, welche doch des Selbſtbewußtſeins ent⸗ behrt, ward ihm zu ſchwer; der alte ſehnige Menſch richtete ſich auf in ihm, er ſchüttelte den Staub 361 von den Füßen, und zog hinweg. Kleine Zufälle aber feſſelten ihn lange in dem Knäul kleiner Ort⸗ ſchaften des Diſtriktes, und die kleinen, täglichen Verhältniſſe lähmten ihm wieder die Schwingen, welchen der aufwachende alte Geiſt ein einzig Mal ſeit langer Zeit einen kräftigen Schwung mitgetheilt hatte. Die Miſere eines kleinen Lebens iſt die Peſt alles Schwunghaften; wenn die Seele nicht ein über alle Regeln erhabenes Genie iſt, ſo braucht ſie ihren hilfreichen Boden wie der Baum. Der Same großer Thaten hatte ihn aus dem ſchönſten Kreiſe hinausgetrieben, er war umher ge⸗ irrt, hatte nirgends Ort, Zeit und Gelegenheit ent⸗ deckt, wo Großes zu thun wäre, denn es liegt nichts einzeln am Wege, Alees entſteht in beſtimmten Krei⸗ ſen, auch das Ungewöhnlichſte. Jetzt ſah er ſich nahe daran, ein gewöhnlicher Vagabund zu werden; die Sehnſucht nach ſeinem Weibe, welche ihm zu⸗ weilen erwacht war, drückte ihn jetzt ſchon wie Ver⸗ wegenheit, wie Verlangen nach einer Krone, Anſpruch und Zutrauen der eignen Würdigkeit ſank immer — — — 362 tiefer, er war dem Aergſten nahe, und bereit, dieſem auszuweichen vermittelſt des Aergſten. In dieſem ſchlimmen Momente fand er einen Gaſtwirth, der mit viel Behaglichkeit und leidlichem Verſtande das Geſchäft in ſeinem kleinen Städtchen führte. Jede Behäbigkeit, wenn ſie nicht beſtialiſch iſt, äußert ſich auf den Zuſchauer wohlthuend. Der Wirth wußte Gregor zu einer kleinen Mittheilung der letzten Reiſeeindrücke zu nöthigen, dieſer ertappte ſich ſelbſt wieder auf einer harmloſen Betrachtung, und darüber ward ihm wohnlicher in der Welt. Er fragte den Wirth, warum man in Nieder⸗ ſchleſien auf eine ſo barbariſche Weiſe die Gegend dadurch entſtelle, daß man von allen Laubholz⸗ bäumen die Zweige abhaue, und ſolchergeſtalt nichts als fratzenhafte, unſchöne Baumgeſtalten, um Arm und Bein verkürzte Figuren ſehen laſſe, eine Karri⸗ katur von Landſchaft. —— 363 Der Wirth lächelte: ich hab es auch ſchon ge⸗ ſagt, ſprach er vertraulich, weil ich einmal über die Grenze hinaus gekommen bin und es anders geſehen habe, aber es hilft nichts, ſie brauchen die Laub⸗ zweige zur Schaffütterung, beſonders iſt das Linden⸗ laub den jungen Lämmern gar ſehr zuträglich. Aber das ſind alte Geſchichten, laſſen Sie ſich eine neue erzählen, die hier paſſirt iſt, und aus der kein Menſch geſcheidt wird. Nun erzählte der Wirth Folgendes: Es war ein junger Menſch auch nur auf der Durchreiſe durch das Städtchen gekommen, er war offenbar anſtändi⸗ ger Eltern Kind geweſen, mit Geld und Geſchick wohl verſehen, aber offenbar überſpannt, ſehr über⸗ ſpannt. Beim beſten Appetite, beim ſchönſten Bur⸗ gunder habe er verſichert, ſehr unglücklich zu ſein, er müſſe etwas Außerordentliches leiſten und werden, es koſte was es wolle. Sehen Sie, ſagte der Wirth, das ſind Flauſen, wie man ſie in Büchern lieſ't, und für Dummheiten hält, wenn man's praktiſche Leben vor Augen hat. Nun, ſehen Sie, der junge 364 Mann geht in unſre katholiſche Kirche und ſieht da ein hübſches Mädchen— Sie werden ſie auch noch ſehn— und verliebt ſich auf der Stelle, und fragt wer ſie ſei. Man weiß nicht recht wer, und ob's aus Spaß geſchehen iſt, oder aus Verſehen, kurz, es ſagt ihm Jemand:'s iſt des Herrn Kämmerers Tochter, der draußen am Waſſer wohnt. Der junge Menſch ſchreibt an des Kämmerers Tochter ſogleich einen Brief, erklärte ihr ſeine Liebe, und bittet ſie um ein Rendezvous den andern Morgen in der ka⸗ tholiſchen Kirche. Wenn ſie das gewähre, ſo möchte ſie gegen Abend ein rothes Band aus ihrem Fenſter flattern laſſen.— Das Mädchen iſt ein muntres Kind, ſieht das für einen Scherz an, hat vielleicht auch nichts dawider, einen unbekannten Liebhaber anzufeuern, und bindet einen ganzen Shawl von feuerrother Farbe an's Fenſterkreuz. Der junge Menſch war ſelbigen Abend ganz närriſch vor Vergnügen. Am andern Morgen geht's natürlich in die Kirche, das hübſche Mädchen ſitzt wieder da, nimmt aber gar keine Notiz von ihm, und als er zudringlich wird, — — 36⁵ wird ſie grob. Er erkundigt ſich von Neuem, und erfährt, daß dies gar nicht des Kämmerers Tochter iſt, ſondern des Forſtmeiſters, Kämmerers ſei gar nicht katholiſch, und man wüßte gar nicht, was die hier wolle, und hinten im Kreuzgange ſich die Bilder anſehe. Sehn Sie, kaum weiß er, daß er ſich an eine Falſche gewendet und die Sache verkehrt angefan⸗ gen hat, ſo kommt er nach Hauſe, ſchreibt wieder einen Brief, geht hinten in meinen Garten und ſchießt ſich, ſo wahr Gott lebt, auf der Stelle todr. In dem Briefe ſteht, er ſei ein ſehr unglücklicher Menſch, der ſeinen außerordentlichen Lebenspunkt nicht habe treffen können— nun, ſo ſchlag doch der Teufel drein, den ordentlichen hat er getroffen, er hat nicht mehr gemuckt; aber wenn die große Welt viel ſolche Hansnarren hat, lieber Herr, da lob ich mir unſer kleines vernünftiges Städtchen, nicht wahr? Dieſe Erzählung hatte wie ein Blitzſtrahl in Gregor's Inneres geſchlagen, er überſah ſein letztes 4 Leben wie die öde Haide eines Irrthums, der im Unſichern und Weiten die That ſucht, deren ſeine Anlage und ſein Herz bedarf, und die Kreiſe thöricht durchbricht, innerhalb welcher ſein Daſein einge⸗ webt iſt. Die Geſchichte des Menſchen geht in einem ſtählernen Gewinde feſter Stangen, die aus der innerſten Eigenthümlichkeit heraus ſich bilden, und nur durch dieſe ſich erweitern und verengern laſſen. Wer aus dieſem ſeinem Gehäuſe herausſpringt, und das ihm Außerordentliche haſchen will, der ſpringt in das Chaos, in den Zufall hinein und geht darin unter, wenn er keinen Rückweg findet. Das Draußen iſt für des Menſchen Gedeihn nur als Gelegenheit da, aller Kern und alle wirkliche Größe wächſt nur aus dem innerſten Herzen. Jeder Menſch iſt ſeine eigenſte Welt, zu der er erobern kann, wenn er mit einem Arme feſt an ſeiner innern Burg hält, die er aber nur zu ſeinem Untergange ganz verläßt. Hoch aufgerichtet, feſt und ſicher ſeines Weſens, wenn auch im leinenen Kittel, gelangte Gregor am Johannisabende zum Fuße des Berges, auf welchem 367 das ſtolze Schloß, einſt ſein Schloß, thronte. Die Teraſſen waren verwildert, der Haſe und der Fuchs ſprangen aus dem wirren Weingeranke. Auf dem erſten Abſatze hielt zu Pferde Herr von Richard, nur wenige Stunden waren noch übrig, dann verfiel ihm die ſchöne Frau. Man fühlt ſich ein ganzes Jahr ſicher, aber die letzte Viertelſtunde fürchtet man Alles. Und hier traf es ein, der einzig gefährliche Prätendent ſtand vor ihm. Dies Wunder des Romans, daß der Rechte im letzten Momente eintritt, iſt ein ſtets wiederkehrendes Wun⸗ der der Weltgeſchichte: die Dinge reifen in beſtimm⸗ ten Zeiträumen, und wenn die Frucht plötzlich ab⸗ fällt, ſo verwundert es nur den, welcher Zeit und Geſetze nicht kennt. Richard wehrte ihm den Zugang, Gregor aber, der in ſeine innere, volle Exiſtenz wieder feſt gerüttelt war, riß ihn vom Pferde und warf ihn in die Wein⸗ ranken, das Roß galloppirte in die Fläche hinab. Geh hinauf, Bandit, rief der Niedergeworfene, hole dir den Tod, dein früheres Weib hat dir Rache ——— 368 geſchworen, ihre Söldner erwarten dich, während ſie ſelbſt in Nürnberg ſchwelgt. Gregor fürchtete ſich nicht; aber ſein Weib, das lebendige Herz ſeines früheren Beſitzes, war doch die Seele, welche ihn zog, er wendete ſich um und ſtieg die Straße nach Nürnberg hinab. Richard ſah ihm vergnügt nach und eilte den Schloßberg hinauf, ſo⸗ bald Gregor hinter den Bäumen verſchwunden war. Schweigend in ihrem weißen Gewande ſaß Apha⸗ naſia oben im Saale, eine Uhr ſtand auf dem Tiſche, ein Dolch lag daneben. Richard's Herein⸗ ſtürmen wies ſie blos mit einer unwilligen Hand⸗ bewegung ab, und mit kaltem Tone ſprach ſie blos: „Um zwölf!“ Auf keine Rede, auf kein Geſpräch ging ſie ein, wie ein Marmorbild ſaß ſie da, Richard mußte zu einem Buche flüchten. Es ward todtenſtill, der Zeiger rannte, die dunkle Nacht fiel mit goldnen Sternen herab, die Feuerwürmchen ſpielten hin und her außerhalb der Fenſter; es ſchlug eilf Uhr auf dem Schloßthurme, Richard lächelte, Aphanaſia 8 4 369 lächelte auch, aber es zuckte ein Todesſchimmer in bieſem Lächeln. CEs verging wieder eine halbe Stunde, Alles blieb ſtill. Da hörte man haſtige Schritte auf dem Flure, die Thür ward aufgeriſſen, Gregor im leine⸗ nen Kittel ſtand athemlos auf der Schwelle, Apha⸗ naſia ſprang auf, ergriff den Dolch, rief mit wun⸗ derbar harter Stimme„Gregor!“ und ſchritt ihm entgegen. Aphanaſta! ſchrie dieſer, und der Ton kam ſchmerzhaft dringend aus einem verborgenſten Winkel der Seele— ſie ſtand ſtill— er fuhr fort: Nach Nürnberg ward ich geſchickt, dort ſollteſt Du ſein, aber als der Abend ſank, wandte das gepeinigte Herz meine Füße hierher, hier mußteſt Du ſein— Zeig Deine Hand, ſprach ſie mit ſchwacher Stimme, Deine rechte Hand, Gregor! Großer Gott, der Ring iſt noch an Deinem Finger, und Du liebſt mich?—— der Dolch entglitt ihr— Bis zu peinigenden Schmerzen lieb ich Dich! Damit ſtürzte er ihr in die Arme, ſie brach zu⸗ VI. 24 370 ſammen, ſie verging, bis ein Thränenſtrom, wild wie ein Gebirgswaſſer, aus ihren Augen brach. Nun umfaßte, nun drückte und liebkoſ'te ſie ihn, als ob ſie ihn damit tödten wollte— ich habe nicht ge⸗ weint— Gregor— ſeit Du fort biſt— der Dolch war für Dich, wenn Du ohne Ring, ohne Liebe kamſt— vergieb— für mich, wenn Du ausbliebſt. Als ſie ausgeweint hatten und den Frieden fühl⸗ ten, ſchritten ſie hinaus auf die Teraſſe— Herr von Richard war verſchwunden— und ſahen Arm in Arm, Wange an Wange, in das golden flim⸗ mernde Land hinab. Nun iſt der goldne Reichthum des ſchönen Landes wieder auferſtanden auch für uns, mein Weib, jetzt tritt er in unſer Bewußtſein, wie Alles erſt unſer wird, wenn wir's einmal verloren haben. Mein Weib, mein Land, jetzt bin ich Euer! nſnnfffffffſſfſſſiiſ 11 12 13 14 15 1 7 18 6 1 “