54,3 =—Vn Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ een angenommen... 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 1 8. für wöchentlich 257 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — 2 2 2 9 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. ge Neue Reiſenovellen. ————— Erſter Band. In demſelben Verlage ſind ferner erſchienen: Bauernfeld, Theater. Ir und 2r Bd. Inhalt: die Be⸗ kenntniſſe.— Franz Walter.— Helene.— Der Zauber⸗ drache. 1836 und 1837. 8. br. 3 Thlr. Bechſtein, L., die Reiſetage. 2 Thle. 8. broſch. 2 Thlr. 16 gr. Erlach, Frhr. K. von, die Volkslieder der Deutſchen. Eine vollſtändige Sammlung derſelben von der Mitte des fünfzehnten bis in die erſte Hälfte des neunzehn⸗ ten Jahrhunderts. Fünf Bände mit Generalregiſter. gr. 8. 1834— 37. 8 Thlr. 12 gr. Geib, K., die Sagen und Geſchichten des Rheinlandes. In umfaſſender Auswahl geſammelt und bearbeitet. 1836. gr. 8. cart. 2 Thlr. Guttenſtein, D. B. F., Geſchichte des ſpaniſchen Volkes. In gebrängter Ueberſicht dargeſtellt. 2 Thle. 1836. br. 2 Thlr. 12 gr. Laube, H., Moderne Charakteriſtiken. 2 Theile. de, 8. lr. Reiſenovellen. Ir 2r⁰r Bd. 1835. 8. br. 4 Thlr. Reiſenovellen. 3r 4r Bd. 1836. 8. br. 3 Thlr. Liebesbriefe. 1836. 8. br. 1 Thlr. die Poeten. Novelle. 8. br. 1 Thlr. 12 gr. die Schauſpielerin. Novelle. 1836. 8. 1 Thlr. 4 gr. das Glück. Novelle. 1837. 8. br. 1 Thlr. 18 gr. Klagen eines Juden. 8. br.. 16 gr. Le Petit, Sittengallerie der Nationen. Das Buch der Völker in Bildern und Vignetten. 1836. gr. 8. cart. 3 1 Thlr. 12 gr. Lewald, A., Aquarelle aus dem Leben. 4 Theile. 1836 und 1837. 6 Thlr. Saintine, der Verſtümmelte. Aus dem Franzöſiſchen nach der 4ten Auflage. 1835. gr. 12. 18 gr. Schütt, Ado, Pſyche. Epiſches Gedicht in drei Geſängen. 1836. 8. cart. 1 Thlr. 8 gr. Varnhagen von Enſe, Denkwürdigkeiten und vermiſchte Schriften. 2 Bd. gr. 8.. 4 Thlr. 12 gr. Neue Neiſfenovellen von Heinrich Laube. Erſter Band. —ꝛ—e— Mannheim. Verlag von Heinrich Hoff. 1837. †. . 5 — Inhalt des erſten Bandes. I. Eine Fahrt nach Pommern. 1. Bis Stettin................. 4 2. Bis Swinemünd. 16 3. Swinemünde.................. 35 4. Die Saiſon........ 54 5. Nach Nügen.................... 75 6. Auf Rügen................. 98 7. Rügen........................ 126 8. Nach Arcona und Stubbenkammer 147 9. Oie Seefahrt..............„... 10. Schill.....................„ 41. Der Sturm............. ... SSS Æ 8 6 II. BZerlin. 12. Berlins Geſchichte................. 225 Fortſetzung..................... 241 13. Berliner Berühmtheiten........ 275 14. Die Maske.................... 325 15. Heine bei Stehely und im Kaſio. 344 16. Hegel in Berlin.................. 373 17. Die Novelle in der Theaterloge......... 418 18. Potsdam...................... 443 I. Eine Fahrt nach Pommern. Motto: Blond und kräftig, klar und treu Und vor Niemand trägt er Scheu, — Der Pommer. 1. Bis Stettin. Der Kondukteur war ein dicker, leidenſchaftsloſer Mann, der ein wenig ſchwer hörte. Ich ſaß dicht neben ihm, und die vorfallenden Rippenſtöße wur⸗ den keines Wortes gewürdigt. Solch eine abgehärtete Reiſegleichgültigkeit, ich möchte ſagen: dieſe Objek⸗ tivität der Poſt iſt Leuten ſogar ſehr angenehm, die viel gereiſ't ſind, jedenfalls angenehmer als die Süß⸗ lichkeit einer ſorglichen Theilnahme, deren Urſprung ſelten anderswo als in ausgewaſchener Manier oder in Hoffnung auf ein Trinkgeld zu ſuchen iſt. Die meiſten Damen denken anders darüber, ſie wünſchen Sympathie quand même„Sympathie um jeden Preis. V. 1 2 Es war Abend und dunkelte ſchon, als wir aus Berlin heraus kamen, und ein witzloſer Spaßvogel, der mit uns im Kabriolet ſaß, fragte den Konduk⸗ teur, ob wir auch in Pommern ſicher wären. Da er den ſchlechten Spaß wegen Harthörigkeit des Em⸗ pfängers wiederholen mußte, ſo wurde er noch ſchlech⸗ ter, denn Scherz und Witz ſind wie weiße Wäſche, ſie können nur einmal auftreten. Der Kondukteur hob blos die Hand und ſagte oh! Man kann auch den Pommern eher alles Andere zutrauen, als Spitz⸗ büberei, dafür ſind ſie zu enfach. Wir waren auch noch lange nicht in Pommern, und hatten gar keine Ausſicht, des Nachts hinzukommen. Der Konduk⸗ teur nahm aber hiervon Gelegenheit, das Wort zu ergreifen, und ein für allemal zu ſprechen. Früher nämlich habe er den Cours von Koblenz nach Gießen gemacht, und da habe wohl ſo etwas paſſiren kön⸗ nen, da ſei der Kondukteur ſeines Lebens nicht ſicher geweſen, Es muß vorausgeſchickt werden, daß er Kondukteur und Man und Ich für gleich bedeutend hielt, er hatte ſich ſtreng in den abſoluten Begriff iir 3 eines Kondukteurs hineingereiſ't, Was alſo irgend einem Kodukteur in der Welt begegnet war, das erzählte er in der erſten Perſon. Alſo: Ich hatte viel Geld auf der Poſt, und fuhr wie heute in die Nacht hinein; meine guten Talglichter brannten in der Laterne, wir fuhren an einem Waldrande hin, und ich dämmerte ſo, wie man zu ſagen pflegt, mit halb zugemachten Augen. Da ging's rak— rak— rak, die Laterne klirrte und war aus, ich kriegte einen Ruck an der Schul⸗ ter, der Wagen ſtand ſtill, der Poſtillon war vom Pferde. Das waren drei Schüſſe geweſen, einer hatte das linke Vorderpferd nieder geworfen. Der zweite war in die Laterne gefahren, der dritte hier in's Polſter neben mir, das Polſter hatte ſeine Schul⸗ digkeit gethan und den Schuß vortrefflich gedämpft. Der Schuft von Poſtillon war gleich ausgeriſſen, die Herren Paſſagiere thaten ein Gleiches; ſonſt muß man zehn Tritte und Thüren aufmachen, ehe ſie'rauskriechen, diesmal waren ſie wie'n Donner⸗ wetter alle zum Teufel, und die Kanaillen von —— —— — — — — 4 Spitzbuben waren gleich bei der Hand und fielen über mich her. Laut Inſtruktion wehrte ich mich bis zum letzten Athemzuge, und als ſie mich halb todt geſchlagen, krumm gebunden und geknebelt hat⸗ ten, ſteckten mir meine dreiunddreißig Poſtſtücke noch in der Kehle. Sterben iſt'ne Kleinigkeit, aber ſein Eigenthum ausräumen zu hören, eins, zwei bis dreiunddreißig, das iſt für'nen rechtſchaff'nen Kon⸗ dukteur— nu, die Kanaillen räumten Alles fort, ich blieb wie'n zuſammen geſchnürtes Felleiſen am Wege liegen, und die bitterlich kalte Nacht zerfror mir das Bischen Beſinnung, ich hab' den Morgen nicht erlebt, wie meine Paſſagiere mit Gensdarmes gekommen ſind, und die Beſcherung gefunden haben. Was, rief mein Nachbar, Sie ſind ſchon ein⸗ mal todt geweſen? Wie rief der harthörige Erzähler, der ſich un⸗ gern geſtört ſah— Sie ſind geſtorben? Ja, maustodt war der Kondukteur; aber nun ſehn Sie dieſe rechtſchaffene Watte an, die hat die 5 Spitzbuben'raus gekriegt, hier war der Pfropfen — oder wie er ſagte: der Pfropf— vom nieder⸗ trächtigſten Schuſſe ſtecken geblieben, der dem Kon⸗ dukteur gegolten hatte; den wickelte ein Gerichts⸗ ſchreiber heraus, und es fand ſich, daß es das Schreibeblatt aus einer Kinderſchule war, was der Schulmeiſter mit rother Tinte korrigirt hatte. Man unterſuchte im ganzen Kreiſe die Handſchriften und der Schuft von Schulmeiſter ward Nachts aus dem Bette geholt, er geſtand ſeine fünf Helfershelfer ein, baumſtarke Bauern, die gute Kugelflinten hatten; ſie hatten die dreiunddreißig Poſtſtücke vergraben, und das Poſtamt hat alle dreiunddreißig wieder ge⸗ kriegt, die Kanaillen hängen im Naſſau'ſchen— da ſieht man, daß kein Schurke die königliche Poſt unreſpektabel traktiren darf. Ich aber hatte freilich das Meinige weg, aber ich war auf dem Schlacht⸗ felde geblieben, und die Meinigen beziehen eine Penſion. Hiermit war ſeine Pfeife aus, er drückte ſich in die Ecke, zog den Mantel über das Kinn und ſprach nicht wieder. — —— — —— — —— 6 Zu meinem Erſtaunen fuhren wir einen tiefen Berg hinunter— ſind wir irre gefahren? Wie kommt Moſes unter die Propheten, ein Berg in die Mark Brandenburg? Wir kamen nach Neu⸗ ſtadt Eberswalde, welches da grenzt an die märkiſche Schweiz, deren Berner Oberland Freienwalde ſammt Umgegend. Die Schweiz iſt in neuerer Zeit ein Luxusartikel geworden, der nachgemacht wird, wie Brüſſeler Spitzen und Eau de Cologne nachgemacht werden. Merkwürdigerweiſe ziehen ſich wirklich bis an die pommerſche Küſte hinab Hügel und Höhen in Menge, die freilich etwas dürftig und pauvre wie unnütze Grillen der letzten Erdüberſchwemmung ausſehn, aber doch Hügel ſind. Man kommt gegen Mitternacht auf fünf Minuten in Neuſtadt an, alſo im erſten, träumeriſchen Poſtwagenſchlafe, und es wird Einem in der Paſſagierſtube zu Neuſtadt Kaffee, ſage Kaffee präſentirt. Verſchiedene Generationen von Poſtreiſenden wundern ſich ſeit Jahren über dies ungewöhnliche Phänomen, und ſtellen Forſchungen darüber an, jeder nach Pommern Reiſende ſtellt 2* 7 eine Hypotheſe darüber auf, wie ſonſt jeder nach Afrika Kommende eine Vermuthung über den Aus⸗ fluß des Nigers zu Markte brachte. Für auswärtig Befliſſene diene noch die Notiz, daß ſelbiger Kaffee von ungewöhnlich fremdartigem Geſchmacke iſt, das will ſagen, er kann ſehr gut ſchmecken, und ſchmeckt nur ganz anders als guter Kaffee. Eine heuraths⸗ fähige Dame— mit Reſpekt zu ſagen aus Hinter⸗ pommern— welche in ihre Heimath reiſ'te, that einen lauten Schrei, als ſie den erſten Schluck von dieſem Kaffee genoſſen hatte, und man iſt doch in Hinterpommern nicht gar zu aſiatiſch gewöhnt. Kaffee macht munter, und von dieſem Axiome ausgehend kam unſere Geſellſchaft zu der Hypotheſe, man werde in Neuſtadt um Mitternacht damit be⸗ wirthet, um die Nähe der märkiſchen Schweiz nicht zu verſchlafen. Mondſchein, Erlengebüſch, Hügel auf, Hügel ab, friſche Luft— ſo weit gehn meine Erinnerun⸗ gen an dieſe Naturreize, ich ſchlief ein trotz des Neuſtädter Kaffees, und erwachte erſt wieder auf der 8 nächſten Station. Es hat einen eigenthümlichen Reiz, Nachts, bei Mondſchein in einer ſchlafenden, ſchwarzen Stadt aufzuwachen, deren Exiſtenz und Namen uns unbekannt ſind— die Welt bedünkt Einen ſo reich, ſo unauslernbar an ſtillen Plätzen, wo Menſchen neben einander ſich freuen, intriguiren, leiden und lieben. Ich fragte den ausſpannenden Leinwandkittel— Angermünde, beſchied er mich. Es kann in Angermünde außerordentlich ſchön ſein, und das ſchönſte Mädchen von der Welt kann dort leben und ſchlafen. Der polternde Poſtwagen ſtört ihren ſüßen Traum, in welchem ſie den Sultan— 1 er iſt bei Tageszeit Regiſtrator oder Kanzelliſt am Stadtgerichte zu Angermünde, und hat ſein Aus⸗ —[.—V kommen— alſo, in welchem ſie dem Sultan mit dem Pfauenwedel ſanft über das Geſicht ſtreicht; ſie lächelt Glück und Liebe, und fährt eben mit dem weißen Arme nach dem Schlafhäͤubchen, erſchreckt von unſerm Geraſſel. Dämmern, Einſchlafen, Träu⸗ men, halb Poeſie, halb Ewigkeit, halb Glück, halb Nichts—„fünfzehn Minuten, meine Herren!“ ich 4 9 hatte wieder geſchlafen, der Wagen hielt bei grauer Morgendämmerung in Schwedt. Schwedt, Schwedt, dacht' ich, das Wort haſt Du oft in Tertia gehört auf dem Gymnaſium zu Glogau in der Branden⸗ burgiſchen Geſchichtsſtunde, wie man ſich kurzweg ausdrückt. Es hat Markgrafen von Schwedt gege⸗ ben, die haben Reiter und Fußleute gehabt, und Kriege geführt, auch giebt es Tabakpakete mit der Firma„Kanaſter von Schwedt.“ Alſo orientirt über Geſchichte und Geographie des Terrains ſetzte ich mich neben die Dame aus Hinterpommern, die laut zu-⸗ geflüſterter Nachrichten hartnäckig geſchwiegen hatte, ſeit die Aeußerung gefallen war„mit Reſpekt zu ſagen aus Hinterpommern.“ Ich präſentirte ohne Unterlaß Zwieback, gnädiges Fräulein, Sie befehlen? ſprach von gemiſchter Geſellſchaft, und löſite den Zorn in ſo weit, daß ſie etwas von Vorurtheilen fallen ließ. 4 Bei Schwedt hat man die Oder erreicht, läßt ſie aber auf dem ganzen Wege nach Stettin rechts liegen; der Charakter ihrer Ufer iſt gegen Schleſien 10 wenig geſteigert, wenn auch ein Wenig veraͤndert, es bleibt ein armer Taglöhnerfluß, der es nie zu einer glänzenden Umgebung bringt; ſtatt des Wei⸗ den⸗ und Waldufers, das er oben in ſeiner Jugend ſieht, hat er hier in der nördlichen Mark und in Pommern einen mit Schilfgras bewachſenen Strand, der eigentlich gar kein Ufer, ſondern nur eine Be⸗ grenzung iſt. Er gleicht in dieſem Mangel ſcharf geſchnittener Abgrenzung den traurigen, kriechenden Binnenſeen der Mark, die ohne Muth daliegen wie dunkles Waſſergewürm. Dieſer triſte Charakter, welchen die Berliner bei Tretow ſo emphatiſch über⸗ ſehen, verleidet die Waſſermaſſen, welche ein Haupt⸗ reiz dieſes öſtlichen Nordens von unſerm Vaterlande ſein könnten. Die Poſt fliegt am Markgrafenſchloſſe von Schwedt vorüber, und durch eine breite Lindenallee, die Ber⸗ liner Linden von Schwedt, dahin. Das könnte hier recht hübſch ſein, wenn hübſche Menſchen darunter ſpazieren gingen, ſo in der Morgendämmerung und wahrſcheinlich auch ſonſt bei einer kleinen Provinzial⸗ 3 4 11 ſtadt, neben einem verlaſſenen Fürſtenſchloſſe hat das Ganze ein öd hiſtoriſches Anſehn. Als die vielen hundert kleinen Souverainetäten noch beſtanden haben, da müſſen die Länder allerdings viel intereſſanter, charakteriſtiſch gefärbter und belebter geweſen ſein— wo man jetzt auf ſolche Reſter ſtößt, da haben ſie ſo etwas von alten Bibliotheken oder Bücherſchränken, in denen Chroniken ſtehn. Ewig jung und blühend iſt nur der Tabak; dies moderne Gewächs, vaterländiſch Blatt, gedeiht hier bei Schwedt in fetter, grüner Ueppigkeit, durch eine ſtolze Allee führt der Weg nach dem tabakklaſſiſchen Vierraden, berühmt durch ſeine Blätter wie Arabien durch ſeinen Weihrauch; der Vierradener ſtinkt nur ein Wenig. Ueppige Ausſicht links und rechts für einen Schmaucher, und in Vierraden trocknen aus allen Bodenlucken heraus die langen Blätter dem Genuſſe oder Genoſſenwerden entgegen. Vierraden, das duftende, ſoll früher kriegeriſch geweſen ſein. Ein miſerabel zerfallenes Gemäuer um einen kleinen brutalen Thurm am Ende des Oertchens iſt Sitz 1² der Kampfesluſtigen von Vierraden geweſen, und ſie haben mit denen von Schwedt in vielen Fehden ge⸗ legen. Von allem Ruhm iſt jetzt nichts übrig als Tabak. Aber in unſrer Zeit der großen Reiche, der Allgemeinheit, der gleichen Militairpflichtigkeit ſind mir die Erinnerungen an die Selbſtſtändigkeit der vielen einzelnen von Soundſo immer ſehr intereſſant, V und wenn man ein Edelmann iſt, ſo mag es von ganz angenehmem Reize ſein, juſt einen Namen zu haben, der in Chroniken und Sagen alſo ſelbſtſtändig genannt wird; es iſt ſo etwas homeriſch Epiſches — darin im Gegenſatze zu denen von Müller, von Schmidt, von Hoffmann. Es wäre ſchade, wenn der Schriftſteller Maltitz keine Nachkommen hätte, weil die Erinnerung an jene römiſche Antwort ver⸗ loren gehen könnte, die er einſt gegeben hat, als er wegen eines Schauſpiels mit der Berliner Polizei 3 brouillirt geweſen iſt.„Wenn die von Maltitz,“ V hat er geſprochen,„dreimal hunderttauſend Mann V kommandirten, ſo würden ſie den von Zollern eine andre Antwort geben.“ Dieſes phantaſieſtarke Igno⸗* ——— —— 13 riren einiger Jahrhunderte, dieſe unabhängige, von allen Möglichkeiten unabhängige Kombination iſt mir viel intereſſanter geweſen, als alle Schriftſtellerei des Herrn von Maltitz, welchem Eindrucke unbeſchadet deſſen„Pfefferkörner“ und Sonſtiges ſehr ſchön und lehrreich ſein können. Bei den Tabakspflanzungen und denen von Vierraden kam ich auf ſolche Ab⸗ wege. Hinter Vierraden ging die Sonne tönend auf, das Land dampfte, aus der Tiefe neben einem er⸗ höhten Städtchen blinkte ſilbern hie und da die Oder auf, wir waren an der Grenze von Pommern, das vor uns liegende erſte pommerſche Städtchen heißt Garz. Hügelzüge nach mehreren Seiten geben der Ausſicht Abwechſelndes. So denkt man ſich Pom⸗ mern gar nicht. Freilich muß man überhaupt dreierlei Pommern unterſcheiden: dasjenige, in welches wir eben hineinfahren, iſt Vorpommern, ein fruchtbares, wohlhabendes Land mit der lebhaften, thätigen Haupt⸗ und Handelsſtadt Stettin; nordweſtlich davon das ſogenannte ſchwediſche Pommern, jetzt Neuvorpom⸗ —————— 14 mern, mit der ſtipendienreichen, ſtudentenarmen Uni⸗ verſitätsſtadt Greifswald und dem durch Wallenſteins Renommage berühmtem Stralſund. Dieſer Strich Landes hat noch heute von ſeiner früheren ſchwedi⸗ ſchen Zeit eine abſtechend fremdartige Färbung; nord⸗ öſtlich das betrübte Hinterpommern, das eigentlich arme, traurige Land, was man mit dem Ausdrucke meint: er iſt ein armer Pommer, Hinter Star⸗ gard, einer artigen, rührigen Stadt, dem Gemüſe⸗ garten Pommerns, beginnt Hinterpommern. Die Stargarder mögen durchaus nicht zu Hinterpommern gerechnet werden, und gehören immer zur lebhafte⸗ ſten Oppoſition, wenn das melancholiſche, tiefſinnige Volkslied geſungen wird:— „Maikäfer flieg! Mein Vater iſt im Krieg, Meine Mutter iſt im Pommerland Und's Pommerland iſt abgebrannt, Maikäfer flieg!“ Nein! ſchrieen ſie in Paſſendorf, dem mons sacer der neuen Römer, nein,'s iſt nicht wahr, Pom⸗ 8 8* N 4 15 merland iſt nicht abgebrannt!— Das Ding mag wohl aus dem dreißigjährigen Kriege ſtammen, wo in Pommern oft Nachtquartier gemacht wurde. Wenn man von Garz aus noch einige Male die Hügel hinauf und herunter gefahren iſt, ſieht man Stettin mit einem breiten Thurme auf einem der höchſten liegen. Da die Stadt ſich mehr nach der Oſtſeite zur Oder hinabzieht, ſo zeigt ſie dem von Berlin Kommenden mehr eine feſte Burgſpitze; wie bei allen Feſtungen und ſpröden Jungfern muß man lange und durch mancherlei Biegungen ſich wenden, eh' man ihm Aug' in Auge gegenüber kommt. 2. Bis Swinemünde. * Seetin iſt zu grohe Wichtigkeit erhoben worden, da es der Hauptort des Ausgangs und Eingangs für die preußiſche Schifffahrt iſt. Die Zeiten der Hanſe ſind vorbei, wo Danzig eine Rolle ſpielen konnte, jener abgelegene Theil der Oſtſee mit den kärglichen Beziehungen zu Rußland, dem Verkehre mit Thran und kleinen Kaviarfäßchen iſt eben ein abgelegener worden. Es iſt von da keine kourante Straße in's Herz des Landes, die Weichſel verirrt ſich zu weit nach Oſten, der Landweg iſt zu weit und zu theuer, jene altpreußiſchen Provinzen ſind durch zufällige Konſtellationen viel unbedeutender, und für * ——-— — 17 eignen Markt vien unwichtiger geworden, als ſie es einmal geweſen ſind. Stettin aber hat die Oder, den rein preußiſchen Fluß, es grenzt näher an Eng⸗ land, am dieſes Alpha und Omega alles deſſen, was Geld, Erwerb und Handel heißt.„Stettin iſt der erſte Seeort Preußens, obwohl es gar nicht an der See liegt. Bald hinter der Stadt dehnt ſich die Oder in's Haff aus, und mündet im Haupt⸗ arme Swine in's Meer. Sie iſt glücklicherweiſe bis Seettin ſa tief, daß ſie große Schiffe trägt, und am Bollwerke von Stettin ſieht man Fahrzeuge von allen Kalibern. Freilich müſſen die ſchweren einen Theil ihrer Ladung vorher auf die ſogenannten Lich⸗ ter ſchaffen; indeſſen hat das ungeheure Werk ſchon lange begonnen, allmählig ein ſo tiefes Fahrwaſſer zu gewinnen, daß dies Ausladen oder Lichten erſpart werde. Zu dem Ende arbeiten die Bagger Tag um Tag— dies ſind plumpe, breite Fahrzeuge, in wel⸗ chen eine Dampfmaſchine ſtöhnt, und an beiden Seiten eine Reihe kupferner Keſſel in Bewegung ſetzt. Dieſe ſcharf geränderten Halbkeſſel ſchneiden V. 2 18 in den Waſſergrund ein, ſchöpfen ſich damit voll, ſteigen wieder auf, ſchütten den Boden in ein Be⸗ hältniß, gehen dann von Neuem hinab, und ver⸗ tiefen auf ſolche Weiſe den Grund. Man ſieht dieſer theuren Inſtrumente von Stettin bis jenſeits des Swinemünder Hafens mehrere, und es ſteht zu er⸗ warten, ob die Natur den Baggern weichen wird. Ich hab mir dies Oder⸗ und Swine⸗Seeweſen mehr wie einen Dilettantismus vorgeſtellt, hab' aber doch viel mehr gefunden, als ich erwartet hatte, Stettin hat einen ſehr reſpektablen Waſſerverkehr, und Theer und Maſten; gekauter Tabak und Waa⸗ rentonnen, Matroſenlärm und kraͤftiger Geruch ſind in Genüge zu finden, wenn man von der obern Stadt nach dem Waſſer hinabſteigt. Die Pommern und Stettiner ſind ſehr ſtolz auf Stettin, und finden es ſehr ſchön gelegen und mit ſchöner Gegend umſäumt— das hügelige Terrain am Waſſer iſt auch wirklich für dieſen ſonſt magern Theil unſers Vaterlandes ganz artig; objektiv be⸗ trachtet iſt es freilich nicht viel. Frauendorf, ein 19 am Bergeshange ſeitwärts des linken Oderufers ge⸗ legenes Oertchen iſt der beſondere Stolz Stettin's. Die Verläumdung ſagt, es laure ein fanatiſcher Stet⸗ tiner an der Luiſenſtraßen⸗Ecke dicht bei der Poſt allen Reiſenden auf, und falle ſie meuchlings mit dem Vorſchlage an, Frauendorf zu ſehen, um jeden Preis Frauendorf zu ſehen. Unweit Frauendorf liegt eine Villa auf dem Hügel dicht in Bäumen, und ich muß geſtehen, daß dies der einzige Punkt geweſen iſt, der mir einen Reiz gewährt hat. Wenn man in ſolcher Gegend lebt, dann mag es recht und nothwendig ſein, ſich die vorliegenden Gaben ſo günſtig als möglich in's Auge zu ſtellen; in jedem Kreiſe laſſen ſich auch wohl Verhältniſſe auffinden, die uns behaglich ſind, es mag auch dies gar nicht ſo ſchwer ſein bei dieſer Gegend, aber ohne Weiteres will ich nicht zu den Stettinern ſtimmen. Wenig Farbe, bis auf das melancholiſche Grün des Flußufers, was ſo niedrig iſt, daß der ſchmale Fluß jeden Augenblick in un⸗ ſerm Glauben überlaufen kann, gleich einer Suppen⸗ 20 8 maſſe in grün glaſirtem Topfgeſchirre, keine Grup⸗ pirung, ungleiche, faſt immer unbequeme Temperatur vom Waſſer her— nur wenn man lange Zeit keine weckende, ſchwunghafte Gegend vor Augen gehabt, wenn man lebhaft deſſen eingedenk bleibt, es ſei ein nordiſches, weniger zeugendes Klima ringsumher, nur dann ſtreift man mit„O ja, hem, hem, ganz ar⸗ tig“ durch all dieſe nördlichen Partieen. Die rück⸗ ſichtsloſen Lobpreiſer haben ihnen freilich am meiſten geſchadet.„ Stettin iſt bis jetzt die einzige Stadt in Preußen, welche eine Statue Friedrich's des Großen beſitzt— hatten die Engländer doch lange Zeit Shakespeare vergeſſen, und Garrick mußte ihn aufwecken. Es iſt ein Bild aus weißem Marmorſteine, auf einem hübſchen Paradeplatze aufgeſtellt, welcher da⸗ von„der weiße“ genannt wird. Ueberhaupt lehrt es hier jeder Schritt, daß Preußen ſeinen markigſten Kern in dieſem Pommerlande beſitzt— ein einfach, treues und der tüchtigſten Aufopferung fähiges Volk ſind dieſe Pommern. raucht nicht nach entfernten 21 Gebirgsländern zu reiſen, um offne Biederkeit zu ſuchen, ohne Affektation haben die Pommern alle Tüchtigkeit der Tyroler— die Geſinnung dieſes Volks⸗ ſtammes im Ganzen, im Durchſchnitte hat mir einen durchweg lieben, überaus wohlthätigen Eindruck ge⸗ macht. Mag es einige Beſchränktheit abgeben, mag Spekulation ein ganz wo anders herkommendes Wort ſein, das Herz behält doch ewig ſeine Macht und Rechte, und das Herz erhält die beſten Eindrücke unter den einfachen, redlichen Pommern. Daß dieſer Eindruck gehoben wird durch das Aeußerliche dieſes Volksſtamms, durch die kräftigen, tüchtigen Leiber, die vorherrſchend wohlgebildeten Geſichtszüge, durch den allgemeinen geſunden Anſtrich der Generation, das iſt natürlich und eine Bezeichnung mehr. „Haben Sie Löwe gehört? haben Sie die neue Börſe geſehen,— nicht wahr, der ſchlechte Platz dafür blamirt uns auf 150 Jahre und länger? Sind Sie in Frauendorf geweſen?“ Dieſe Fragen, Stettiner Fragen, die jedem Rei⸗ ſenden zukommen, der einen Frack beſitzt, waren ——;è—— — 22 vorüber, und ich ſchwamm auf dem Dampfboote die Oder hinab, vorüber an den unzähligen Schiffen und Kähnen, Holzplätzen, kleinen Fabriken und ſonſtigen Betriebſamkeiten, die der Philiſter Handel und Wan⸗ del nennt, nach dem Haff hinaus. Hier hat man eben zur linken Seite etwa eine Viertelſtunde vom platten Ufer jene kleinen Hügel, der Stolz Stettins, wo Frauendorf des Bewundertwerdens harrt, hier kommt auch jene Villa, deren ich oben gedachte. Ein ſtattlich italieniſch Haus, reich und geſtaltig von Bäumen umgeben macht ſie allein jenen Eindruck, den man reich nennen dürfte, und der im Allge⸗ meinen hier vermißt wird. Sie gehört auch einer reichen Wittwe, bei der die angenehmſte, bedeutendſte Geſellſchaft, alſo auch wirklich reicherer Lebensreiz zu finden ſein ſoll. Der bekannte Componiſt Löwe iſt öfters in der Woche hier anzutreffen; ſeine Stellung in Stettin iſt die eines Organiſten an der Jacobi⸗ kirche, ſeine Stellung in der muſikaliſchen Welt eine faſt einzige; der Uebergang vom Poeten, welcher mit Worten und Gedanken den bewußten Menſchen be⸗ 23 wegen will, zum Muſiker, der mit Ausdrücken wirkt, welche Empfindungskräfte berühren, Empfindungs⸗ kräfte, deren die Geiſtesoperation nicht habhaft wer⸗ den kann,— mit Tönen. Löwe ſteht mitten inne: ſeine Kompoſitionen haben noch ſo viel Geiſtesopera⸗ tion des Poeten, daß die Muſik nur ein Begleiten⸗ des, Untergeordnetes wird, und doch ſo viel des Eindrucks aus der geheimnißvollen Tonwelt, daß der bewußte Weg des Poeten umſchleiert iſt. Man ſollte ihn vorzugsweiſe ſtatt Muſiker— Komponiſt nennen; er ſtellt zwei große Welten zuſammen, und iſt mehr ein Talent, als ein Genie. Das hier vermißte mu⸗ ſikaliſche Genie, iſt freilich bei den meiſten Muſikern nur ein Inſtinkt, der nur im muſikaliſchen Elemente eine Exiſtenz hat, und ſein Verhältniß zur übrigen Welt nicht verſteht, wer will aber etwas ſagen gegen ſolche Kapricen der Gottheit, man nimmt ſie hin wie eins der vielen Myſterien, in denen wir weben, und vergißt es gern, daß der unſer Innerſtes be⸗ wegende Muſiker außer ſeiner Kunſt ein Dummkopf ſein könnte. 24 Die überwiegende Richtung nach Goetheſcher Poeſie bei Löwe iſt aus Obigem erklärt, und daß er die Muſik nur als eine Hilfskunſt betrachtet eben daher. Dieſem Rationalismus der Muſik ſteht als baarer Gegenſatz Mendelsſohn⸗Bartholdy gegenüber, welcher die muſikaliſche Welt als eine vollkommen ſelbſt⸗ ſtändige geltend machen will, und Lieder ohne Worte ſchreibt. Dies gilt bei Löwe für baaren Unſinn; ein ſolcher Vorwurf müßte aber dann freilich alle bloſſe Inſtrumentalmuſik treffen. Ich glaube, wir werden wohl daran thun, uns beider Weiſen zu erfreuen, bis einmal ein großer Geiſt die Geheim⸗ niſſe der muſikaliſchen Kunſt definirt, paragraphenweiſe darthun können, bewegen ſoll, was nicht. Löwe ſelbſt ſoll ein einfacher, bedeutender Menſch ſein, der ſich wie die meiſten derartigen Figuren mehr in kleine Kreiſe und wenig Menſchen zurück⸗ zieht, In der That gibt es wenig Anlagen zu inner⸗ lich hedeutender Wirkſamkeit, und wir dann was unſer Herz welche nicht eine Con⸗ centrirung auf einzelne Menſchen nöthig machten; 25 in dieſer Gedankenrichtung liegt wohl auch die Mo⸗ nogamie, es liegen darin die gerechten und unge⸗ rechten Vorwürfe gegen den Goethe'ſchen Umgang. Geſellige Genies werden ſelten hiſtoriſche. Wo der ſchmale Oderfluß aufhört, dieſen Namen zu tragen, wo ſich die Waſſerfläche zuerſt mehr ausbreitet, da wird es Paxenwaſſer genannt; iſt es zum weiten, kaum üherſehbaren See ausgedehnt, dann heißt es Haff. Hier beginnen ſchon meer⸗ artige Erſcheinungen: die kartoffelfeſten Landbewoh⸗ ner werden mitunter ſeekrank, hier und da erblickt man einen Heineſchen Vogel, eine Möve. Dieſer Vogel iſt wirklich durch ihn und ſeine Gedichte zu einer anſtändig und allgemein honorirten poetiſchen Figur geworden. Ich zog mich indeſſen in die Ka⸗ füte zurück, um mir den Meeresgenuß nicht durch dieſe Haffanfänge verkümmern. zu laſſen. Dort in der Kajüte ſaß im Winkel, abgewendet von aller Welt, ein Bekannter aus Berlin, der mich nur etwa des Jahres einmal erkannte, ein Muſter⸗Hypochonder, der ſich darin von den ge⸗ 26 wöhnlichen unterſcheidet, daß er ſich ſeit mehreren JIahren für hergeſtellt anſieht und ausgiebt. Ich be⸗ finde mich außerordentlich wohl, pflegt er zu ſagen, wenn er etwas ſagt, ſeit ich nux vomica brauche, außerordentlich wohl. Die erſte Pflicht, die man jedem Hypochonder zu erweiſen hat, beſteht darin, ihn nicht eher wirk⸗ lich zu kennen und anzureden, als bis man deut⸗ liche Anzeichen hat, er wolle es ſelber. Daß er antworten, auf etwas eingehn, ſich betrachtet ſehn muß, das iſt ihm bereits eine gewaltige Anſtren⸗ gung, deren er Kräfte und Nerven nicht immer fähig fühlt. Stumm neben Jemand ſitzen, der ihm nicht ſtockfremd iſt, macht ihm ſchon Arbeit und Mühe, denn der neben ihm Sitzende iſt ja doch der ſtumme Gläubiger eines Geſpräches. Jede Nähe nimmt in Beſchlag; das empfindet der Hypochonder bis in die feinſten Nüancen— wer nie hypochond⸗ riſch geweſen iſt, kennt das feinſte Gewebe von Com⸗ binationen gar nicht, deſſen der Menſch fähig iſt. . 27 Mein Schöneberger— in Schöneberg bei Berlin hatte ich mit ihm Kegel geſchoben, als die nux vomica in glänzendſter Blüthenwirkung bei ihm ſtand — ſchien keinen ganz ſchlechten Tag zu haben, ob⸗ wohl er im Winkel ſaß; es war zwar nicht der kleinſte Buchſtabe in ſeinem Geſicht, als ob er mich jemals geſehen; aber ich ſah ſchärfer, ſeine Augen⸗ lieder verriethen mir, daß es heute ſeine Hypochondrie erregen würde, wenn ich ihn ignorirte. Dieſe Gegen⸗ ſätze liegen einmal in dem Zuſtande: jetzt um keinen Preis gekannt ſein, im nächſten um jeden Preis, weil man ſonſt Verachtung, Feindſchaft, im Stillen ſchleichende Intrigue und alles Schlimme dahinter tragen kann. Kurz, ſein linkes Augenlied ſagte mir: heut will ich gegrüßt ſein, und dann werd' ich mich beſinnen, wo wir uns geſehen haben, und dann werd' ich nach einiger Zeit Schöneberg errathen mit dem Kegelſchieben, und dann werd' ich ſehr lächeln. So geſchah's. Er wollte nach Copenhagen reiſen — Brechmittel haben etwas Vehementes, ſagte er, obwohl ſie eine vortreffliche Erſchütterung des Or⸗ 28 ganismus erzeugen, eine gelinde Seekrankheit muß ausgezeichnet wirken, ich hoffe darauf— den Ocean hab' ich erſchöpft, die langen ungeſchickten Wellen vermögen nichts mehr über meinen Magen, aber ich hoffe noch Alles von den kurzen, unregelmäßigen Stoß⸗Wellen der Oſiſee— Sie fahren alſo blos nach Copenhagen, um— Bitte ergebenſt, der Herr hinter Ihnen wünſcht Sie zu ſprechen— pah! Ein richtiger Hypochonder laͤßt große Zwecke nie⸗ mals bei ihren blanken Namen nennen. Der Herr hinter mir wollte L'hombre ſpielen; da es aber auf dem Verdecke etwas Regen warf, ſo ließ ſich nichts dagegen ſagen, der Herr ſchlug aber dermaaßen hohe Sätze der Points vor, daß ich ſo lange äußerſt erſtaunte, bis ich mit einigem Detail dieſes Herrn bekannt wurde. Er war näm⸗ lich bei der Poſt angeſtellt, und hatte nur drei Tage Urlaub, drei Tage Urlaub ſind aber in einem Poſt⸗ officiantenleben ſchon eine ſo außerordentliche Sel⸗ tenheit, daß während derſelben alles mögliche Außer⸗ 29 ordentliche verſucht wird— iſt's ſchon gefährlich, mit einem Commis zuſammenzutreffen, der nach vierzehn Tagen oder gar drei Wochen ſeinen Sonn⸗ tag⸗Nachmittag hat, ſo kann die ganze Erxiſtenz auf's Spiel kommen bei einem Poſtofficianten, der nach ſo und ſo viel Monaten einige Stunden Ur⸗ laub hat. Alles an Wagniß und Genuß ſoll da zuſammengedrängt werden, was ſich klein, einzeln, unſcheinbar in unſerem ſtets offen ſtehenden Leben herausmacht und verliert. Der Hypochonder lächelte zum L'hombre: Kar⸗ tenſpiel kümmert ſich um Nachbarn und Zuſchauer nicht, der Nebenſitzende iſt leicht beſchäftigt, und doch nicht in Anſpruch genommen, bleibt ſtets ein Freiwilliger. Dieſer Zuſtand iſt das Ideal eines Hypochonders. Er flüſterte zuweilen ſeinen Lieblings⸗ ſpruch:„das Leben iſt wenig, das Leben iſt blut⸗ wenig“, und daran war zu erkennen, wie vortreff⸗ lich er ſich befand, denn der eigentlich ſchlimme „Hypochonderzuſtand hat keine Worte. Wir waren mitten im riskanten L'hombre, als der Poſtofficiant erfuhr, das Dampfſchiff gehe am andern Morgen ſchon wieder von Swinemünde ab, dann pauſirte es zwei Tage, ehe es wieder an⸗ käme und abführe. Dies war gegen den Plan ſeiner dreitägigen Ferienzeit, und er war nun genöthigt, des andern Morgens wieder zurückzureiſen, wenn er zur rechten Zeit hinter'm Brieffenſter ſitzen wollte. Dies machte ihn noch verwegener, und er paßte gar nicht mehr, ſondern entrirte jedes Spiel, um die Zeit auszubeuten— die Situation mochte den Hy⸗ pochonder amüſiren, er flüſterte immer lebhafter: das Leben iſt wenig! Da wechſelte die Scene: der Poſtbefliſſene voll⸗ endete die ſtehende Formel„ich entrire“ nicht mehr, die Karten entſanken ſeiner Hand, er neigte ſein Haupt— das Haff war unruhig geworden, und ſtieß unſer Schiff heftig in die Rippen, Neptuns Opfer begannen ringsum— mit dräuender Miene blieb nur der Hypochonder aufrecht ſitzen— jeder 31 Lump wird ſeekrank, ſprach er vor ſich hin, nur ich nicht.. Man erzählt, daß alte, ausgepichte Matroſen, lebenslange Indienfahrer, denen der Ocean die Ma⸗ genheiterkeit keinen Augenblick trübt, daß dieſe Auk⸗ toritäten des Schönebergers auf dem Haff und der Oſtſee krank werden wie Landratten; ich machte die entſprechende andre Erfahrung: auf dem adriatiſchen Meere ſtraften mich die Meeresgötter in den erſten fünf Minuten, hier fühlte ich nur den Kopf ein wenig belegt. Da ich ausgeſtrecktes Liegen, beſon⸗ ders wenn der Kopf ſich ebenfalls horizontal fügt, als probat erfunden hatte, ſo nahm ich eine Kajü⸗ tenbank in Beſchlag, und das ſtille Schaukeln, das gleichmäßige Aechzen und Stöhnen der Opfernden, der unverrückbar in der Mitte des Zimmerchens ſitzende, vergebens den Meereszorn herausfordernde Schöneberger wirkten ſo einförmig, ſchläfernd auf mich, daß ich bald bewußtlos auf den Wogen ſchwamm. Behält es nicht immer etwas tief Erſchrecken⸗ des, wie unſer Leben fortwährend an unermeſſ'nen Abgründen ſchlummert! Wir haben uns ſo hinein gelebt in die gröbſten äußerlichen Geſetze der Dinge und Kraͤfte, daß wir die Furcht vergeſſen, weil wir nicht mehr nachdenken. Es iſt auch das Beſte, da gar nichts zu fürchten, wo man Alles fürchten müßte — man denkt nicht daran, daß die See einmal ſenkrecht, aufwaͤrts ſtrömen könnte ſtatt horizontal, dann verſchlänge ſie ſolch Dampfboot wie einen Tropfen, man ſchläft ein im unbewußten Vertrauen auf herkömmliche Geſetze. Ich hatte lange geſchlafen, aber der Hypochon⸗ der ſaß noch unverrückt dräuend da, ein kugelfeſter Held, um den rings Alles gefallen war— nicht ſeekrank? fragte ich— ein verachtendes Schweigen antwortete— die Oſtſee macht mehr Wirthſchaft, tröſtete ich, und zum Zeichen des Empfangens ſolcher Tröſtung puhſtete der Schöneberger. Ich ſtieg auf's Verdeck— kalter Wind und Regen ſchmiſſen darüber hin; an der Backbordſeite war ein Raum den Seebrüchigen angewieſen; Ma⸗ troſen führten allerlei Kandidaten dahin, nament⸗ lich eine alte Stettinerin hatte feſt wie an der Faro⸗ bank Poſto gefaßt, mit beiden magern Händen den Rand des Schiffes haltend, und in gemeſſenen Pauſen ſich vom Sitze nach dem Waſſer zu erhe⸗ bend. Sie hat ihren Poſten bis wir landeten un⸗ verrückt bewahrt wie der Steuermann. Eine Dame jüngerer Zeit verdeckte das Geſicht mit ſchönen weißen Händen, die Augen ſchienen geſchloſſen zu ſein, ſie regte kein Glied— der Poſtbefliſſene, welcher ſich herauf geſchleppt hatte, kauerte nicht weit von ihr, und genoß in Angſtſchweiß gebadet ſeine Ferien. Kleine Hügel rechts vom Schiffe flogen dicht am Ufer vor⸗ über, die Lebbiner Berge, noch weiter rechts zeigten ſich die Wolliner, Swinemünde war nahe. Mittel⸗ mäßigen Geographen wird es bekannt ſein, daß in der Schule gelehrt wird, die Oder bilde bei ihrem Ausfluſſe zwei Inſeln, Uſedom, oder vollſtändiger Uiſedom und Wollin; heißt nun auch das Waſſer nicht mehr Oder, und datirt es auch nur zum g ringſten Theile von ihr, die Sache hat doch ihre ziemliche Richtigkeit, und als wir um eine kleine, V. 3 34 mit Fichten ſparſam bewachſene Landzunge gebogen waren, lag die öſtliche Ecke von Uſedom vor uns, und darauf mit leuchtenden weißen und gelben Häu⸗ ſern Swinemünde. Es erinnert an die Landhäuſer⸗ reihe, welche zwiſchen Padua und Venedig am Ufer der Brenta liegen. Von den vielen Kauffahrern im Hafen ſchallte jener monotone Matroſengeſang, der uns noch zu ſprechen geben wird; was noch von Badegäſten in Swinewünde war, kam an den Quai, Bolwerk hier genannt, um das Dampfſchiff landen zu ſehn; dunkelnd fiel der Abend nieder; der Poſt⸗ befliſſene ſah's mit Schmerz; nur dieſer Abend, den ihm die Nachwehen der Seekrankheiten füllten, war der ſtille Genuß ſeiner Reiſe, den andern Tag mußte er fort; der Schöneberger erſchien auf dem Verdecke und ſagte„Pah!“ Swinemünde iſt das Seebad von Berlin wie Sche⸗ veningen vom Haag, Havre de Grace und Boulogne von Paris. Obwohl es etwa dreißig Meilen von Berlin entfernt liegt, ſo kann man doch mit Schnell⸗ poſt und Dampfſchiff in vierundzwanzig Stunden da ſein. Nächſt den Berlinern ſind natürlich die Pommerſchen Leiber vorherrſchend in dieſem See⸗ bade, auch die Schleſier, tief eingekeilt in's Binnen⸗ land, wenden ſich meiſt hierher, wenn ſie Meeres⸗ einflüſſe brauchen. Was weiter nach Weſten in Deutſchland liegt, ſucht die Nordſee. 4 Wie das Volkslied ſagt„es fiel ein ſanfter Regen“, als wir an's Land ſtiegen, der Schöne⸗ berger verließ uns brüſte ohne Abſchied, der Poſt⸗ befliſſene ſchüttelte ſich, und vertraute mir, es ſei⸗ ihm noch ſo jämmerlich zu Muthe, daß er ſich gleich zu Bett legen müſſe, und nicht einmal in's Ge⸗ ſellſchaftshaus kommen möge. Dies Geſellſchaftshaus liegt wenige Schritte abgeſondert von der Stadt, ariſtokratiſch allein, einige hundert Schritte vom Landungsplatze und dieſem gegenüber. Es iſt der Mittelpunkt faſhionabler Badewelt, und auf ganz ſtattlichem Fuße eingerichtet. Man findet Mittags dort eine große table d'höte, und Abends Geſell⸗ ſchaft, die ſich mit Eſſen, Trinken, Spiel, Muſik und Tanz unterhält. Ein Schiffer wies mich mit Gepäck und Woh⸗ nungsgeſuch an ſein reizloſes Weib, und wir ſtiegen am Bolwerke hinab auf feſtem feuchtem Sande— dieſer ſolide Dünenſand vertritt hier die Stelle des Pflaſters. Eine lange artige Reihe Häuſer mit der Ausſicht auf den inneren Hafen, welchen die Swine „ 37 bildet, zieht ſich im ſtumpfen Winkel an dieſem Quai hinunter, langſamen Ganges faſt eine kleine Viertelſtunde einnehmend. Hinter dieſer erſten Reihe finden ſich noch zwei, drei Straßenſchichten, und dieſe nicht unbedeutende Maſſe, hinten an einen Föhrenwald und an Sandfläche gelehnt, bildet Swine⸗ münde. Vom Meere iſt nichts zu ſehn. Es war in den letzten Tagen des Auguſt, und ich konnte annehmen, daß die Wohnungen bereits zum größten Theile verlaſſen ſeien; ſuchte mir alſo die hübſcheſte mit einem Treppenaufgange und breit rankenden Pfirſichbäumen geſchmückte Villa aus und trat hinein. Da fand ſich denn auch eine ſehr noble Wohnung, ein großes, gut möblirtes, ſogar mit einem Fortepiano geſchmücktes, dreifenſtriges Zimmer und ein geräumig Schlafgemach. Das gilt in der Saiſon wöchentlich fünfzehn Thaler, daraus kann auf den Preis⸗Courant im Allgemeinen geſchloſſen werden; er iſt ganz ſolid und tüchtig, geſtattet in⸗ deſſen bei der außerordentlich großen Anzahl von Wohnungen— faſt zwei Drittheile des Orts ſind 0 38 zur Aufnahme eingerichtet— die Jedem zuſagende Modification. Jetzt, außer der kouranten Badezeit, koſtete meine Wahl auch nur den dritten Theil des Saiſonpreiſes. So ſaß ich denn bald eingerichtet im großen Zimmer einſam und allein, und wie es zu gehen pflegt, wenn man ſich auf einige Zeit in neue Räume und neue Zuſtände einſetzt, das ganze Leben mit ſeinen tauſend Anfängen und Verſuchen tritt wie eine Summe vor die Seele. Man über⸗ ſieht wie eine fremde Geſchichte die kleinen und großen Wehen, die uns nahe getreten ſind, und für welche wir kein glücklich Ende zu hoffen wuß⸗ ten, oder gar kein Ende; alle die Lagen und Ver⸗ hältniſſe, für welche unſre Phantaſie das Bun⸗ teſte, Kühnſte komponirte, alle die außerordentlichen Wünſche, die wir für unſer verborgenes Privatglück erzogen, deren Erfüllung uns für unmöglich galt— Alles das überſehen wir und lächeln, als ob das Alles klein und unbedeutend geweſen ſei. Zuſam⸗ mengeſchrumpft iſt es in die Jahre vertrocknet. Von geheilten Schmerzen entdecken wir kaum noch die 5 39 Narben, und wundern uns höchlich, wie das hat quälen können; das Bunteſte und Kühnſte iſt ge⸗ worden; nur weil wir's auf andern Wegen, als uns vorſchwebte, erreicht haben, ſieht es nicht mehr bunt und kühn aus; Werken unſerer ſtolzeſten Phan⸗ taſie ſind wir ſo nahe gekommen, um ſie als un⸗ weſentlich, unhaltbar, nicht mehr zu begehren. Und doch erkennen wir ſchmerzlich— der Schmerz hat eine ſichre, ewige Jugend— daß ſich Anderes ge⸗ öffnet hat von Wünſchen und Perſpektiven, und daß wir fortringen werden bis zur Bewußtloſigkeit. Dieſe luftgraue Ewigkeit des Lebens taucht auf wie der alte Chronos mit grauem Wellenbarte vor unſrer Seele— ich hatte die Fenſter geöffnet, es regnete leiſe draußen, die weißen Raaen der Schiffe leuch⸗ teten aus dem Hafen; links und rechts, wo noch Badegäſte wohnten, klang Geſang und Saitenſpiel, friſche Mädchenſtimmen flogen wie Vögel durch den dunklen Abend. Und all das Menſchliche rings um Dich her hat auch ſolche Geſchichte, hofft und zweifelt und erlebt die Zeit, und hofft und zweifelt 40 weiter, und Alles ſucht das Glück, und findet Etwas, und ſtirbt darüber. Unruhiger ward der Regen, Wind und Sturm erhob ſich von der Merrſeite her, bald hörte ich das Brauſen und Toben der See, die nördlich hinter Swinemünde an die deutſche Küſte pocht. Dazwi⸗ ſchen klang zu meinem Erſtaunen ein gedämpftes polniſches Lied: vier bis fünf Geſtalten, dicht von Mänteln verhüllt, ſtrichen ſchattenhaft durch den Regen vorüber— wie auseinander geriſſene Atome fliegt dieſe Nation mit ihrem Weh in Europa um⸗ her, überall begegnet man ihr. Der Sturm ver⸗ ſchlang ihre leiſen Stimmen, der Regen rauſchte, kalt wehte es aus dem Waſſer herüber, ich ſchloß das Fenſter, und horchte im Bett dem Toben wei⸗ ter— vielleicht, dachte ich, ringt ein Schiff drau⸗ ßen auf Tod und Leben mit dieſem Wetter, während Du ausruhſt von Reiſe und Drang; das iſt die Welt. Am andern Morgen derſelbe graue Regentag, von dem alten Schifferweibe geleitet, welche die Reiſe⸗ 41 taſche und den Regenſchirm trug, ſchlich mit feſt umgeſchlagenem Mantel der Poſtbefliſſene trübſelig vorüber, um ſich wieder einzuſchiffen und ſeinen Ge⸗ nuß von Swinemünde heimzuführen unter die Brief⸗ bücher. Als der Regen etwas nachließ, wollte ich das Meer ſuchen gehn— ein oberflächlicher Bekannter, oberflächlich für mich und für ſich, mit dem ich Gott weiß in welches Herren Land Wein oder Kaffee ge⸗ trunken hatte, begegnete mir, und ſuchte mich zu orientiren. Faſt vor allen Häuſern in Swinemünde ſind kleine Leinwanddächer, ſogenannte Marquiſen, ange⸗ bracht, die Sonne mag vom Waſſer und Dünen⸗ ſand arg zurückprallen, und ſchattende Bäume feh⸗ len— unter ſolchem Dache ſaß ein weißgekleidet Mädchen, ihre dunklen Haare hingen aufgelöſ't über Schultern und Rücken, ihre Hände waren in den Schooß gelegt, ſie ſah unverwandten Blickes über die kleine fichtenbewachſene Landzunge nach dem Haff hinaus, wo vor wenig Stunden die Rauchſäule des 42 Dampfſchiffes verſchwunden war. Was will dieſe weiß und ſchwarze Desdemona— Romantik hier im geſunden, ſandigen Pommerlande und bei dieſem Regenwetter? Das aufgelöſ'te Haar häͤtte mich nicht verwun⸗ dern ſollen, alle Damen tragen es nach dem See⸗ bade ſo, und man ſieht ſie links und rechts in dieſer Manier, als ob Scipio vor Carthago läge, und die Frauenhaare zu Bogenſehnen dargebracht würden, wie dort geſchehen ſein ſoll. Auch baden die Damen Sturm und Wetter zum Trotz viel hartnäckiger und beſtändiger als die Männer— Weiber fürchten die Idee der Gefahr mehr als wir, aber der Gefahr ſelbſt ſtehen ſie entſchloſſener; und was ſie angefan⸗ gen, treiben ſie konſequenter zum Ende, vielleicht ſchon darum, weil es der Formel gewordene Glaube ihnen nicht zugeſtehen will. Offenbar giebt es viel mehr treuloſe Männer als Frauen, wenigſtens iſt der Mann öfter untreu als das Weib— fragt unſre Liebeshelden auf's Gewiſſen; ſie wechſeln ſchon mehr, weil es bei ihnen leichter und ſpurloſer geſchehen 4³ kann, bei der Frau macht es mehr Eklat, und dar⸗ um bemerken wir's öfter, und man zählt nur das, was bemerkt wird. Mit dieſem weißen Mädchen hatte es aber eine andere Bewandniß. Noch vor einem Monate war ſie ein heiteres, lebensfrohes Kind geweſen, und ein ſchöner Kavalier hatte ſich um ihre Gunſt beworben, und ſie erhalten. Man fragte, ob ſie ſich verloben würde, dazu lachte ſie. An einem ſonnenhellen Abende hatte ſie mit dem Kavalier unter der Mar⸗ quiſe geſeſſen, das Dampfboot kommt an, und das Mädchen ſagte: Dort kommt mein Schatz; der Ka⸗ valier küßt ihr die Hand und fragt: Soll der erſt kommen? Die Paſſagiere ziehen mit ihrem Gepãck vorüber, um Wohnungen zu ſuchen, einer von ihnen, ein junger ſtattlicher Mann, betrachtet ſtehen bleibend das Paar durch ſeine Lorgnette, und es iſt ihm an⸗ zuſehen, daß er die Dame intereſſant oder ſchön findet; er beordert die Schiffsfrau, mit dem Gepãck vorauszugehen, und zum Erſtaunen des Paares tritt er unter die Marquiſe, ſagt dem Herrn:„Ich heiße 44 Soundſo, haben Sie die Güte mich der Dame vor⸗ zuſtellen,“ er ſetzt ſich neben ſie, erzwingt mit großer Geläufigkeit ein Geſpräch, ſagt ihr die unumwun⸗ denſten Artigkeiten, ja Liebeserklärungen, und ver⸗ anlaßt am Ende den begünſtigten Kavalier, der nichts zu ſprechen, keine Theilnahme in Anſpruch zu neh⸗ men findet, von dannen zu gehn. Das Mädchen, muthig und muthwillig, hat ſolcher Eigenſchaften wegen die Partie nicht ergreifen wollen, welche der Kavalier bei der Zudringlichkeit des Fremden erwar⸗ ten mochte. Er geht alſo, dieſer bleibt, ſein Ton wird dreiſt wie Romeo's, den er zu ſeinem Gewährs⸗ mann aufführt, aber auch ſo feſſelnd, daß die Dame nicht zum ernſtlichen Abweiſen gelangen kann— er kommt Mittags wieder, kommt Abends, Tag für Tag, und jedes Kommen iſt ein Sturm, der Ka⸗ valier, nicht einmal zu einer Vertheidigung gelaſſen, iſt verdrängt, reiſ't ab, man fragt die Dame wie⸗ der, ob ſie ſich verloben werde— ſie ſchweigt, ſie hat den ſchönen Fremden den ganzen Tag nicht mehr geſehn. Des Morgens, als das Dampfboot zur 45 Abfahrt fertig geweſen, iſt er in demſelben Rocke, den er an jenem erſten Abende getragen, vorüber gegangen, er hat nur gefragt, wie es ihr ginge, und ob ſie ihn noch liebe, und iſt lächelnd fürbaß geſchritten. An dieſem Morgen war er abgereiſ't, und das Mädchen hat nichts mehr von ihm geſehen und gehört. Ihre Wangen ſind noch roth, die ſchwarzen Augen noch glänzend, wenn auch nicht ſo⸗ glänzend wie früher, nur ihre Munterkeit iſt hin, und ſie ſtarrt oft nach dem Haff hinaus, wieder jetzt, es gehen auch nicht mehr viel Leute, beſonders wenig Damen mit ihr um. Das arme Mädchen ſoll von ihrer Mutter ſehr geſcholten und hart be⸗ handelt werden.— Freilich iſt es den Leuten ſtets intereſſanter, die Verwüſtungen eines Schlachtfeldes, Unglück und Elend zu leſen, an deſſen Mitempfindung ſie nicht vor⸗ über können, weil es thurmhoch im Wege liegt, oder ſchreit. O, ſeht mitunter auch die kleinen Blumen an, unter deren Kelchblatte der ſchlimme Wurm nagt. Was war denn das für ein Wurm, den wir da 46 geſehen? Die Dreiſtigkeit verwöhnter Kräfte, durch ſteten Erfolg, durch freche Erziehung verwöhnter Kräfte, oder die Waffen⸗ und Schutzloſigkeit des Weibes? Ich bat meinen Begleiter, nicht zu anatomiren, ſ und mir den Weg nach dem Meere zu zeigen. Dem fernen Donnern nachgehend kam ich in einen Föhren⸗ wald, welcher drei Schritt hinter Swinemünde be⸗ ginnt, und bis an die Dünen geht. Man nennt „— b ihn Plantage— der Name zerſtreute mein Intereſſe, und führte mich in die Jugendzeit zurück, nach Glogau auf's Gymnaſium, und auf die dürren Spa⸗ ziergänge um die Feſtung, wo wir uns von der V Wenck'ſchen Grammatik erholten. Da war eine grüne I Gartenanlage, viel ſchattiger denn Alles ringsum, mitten drinnen ſtand ein Kaffeehaus von Baumrinde, da ſaßen die Honoratioren, rauchten Tabak und er⸗ 5 holten ſich ebenfalls— das Ganze hieß die Plan⸗ tage. Wir kleine Brut durften uns nicht hinein wagen, und lauſchten und kuckten heimlich über den niedrigen Zaun, die vornehmen Mädchen in ſchönen 8 V 47 Kleidern anſtaunend, ſeufzend und weiter ſpringend. Die vornehmen Leute haben's doch gut, ſagten wir, und beſonders die Mädchen, ſie brauchen keine Vo⸗ kabeln zu lernen, überhaupt nichts zu lernen, hübſch ſind ſie ja von Natur alle.— Die vornehmen Leute waren Rendanten, Lieute⸗ nants und Capitains, Kanzlei⸗Inſpektoren, Gym⸗ naſiallehrer— jetzt konnt' ich viel vornehmere Leute haben, und ſie intereſſirten mich nicht— das Ver⸗ hältniß iſt Alles, Alles liegt nur in uns, alle Fär⸗ bung, aller Reiz, draußen iſt Alles und draußen iſt nichts. Mit aufgelöſ'tem Haare fuhren ſchöne Mäd⸗ chen an mir vorüber— was kümmerte mich's! Es war kein Glaube in mir, kein Vertrauen, gereizt zu werden.— Da glaubt man, das bischen Mäd⸗ chenherz mit der Neigung hierhin, der Neigung da⸗ hin auswendig zu wiſſen; und die Männer! der will Politik, der Geld, der Titel, und Jeder will es matt, und wenn er ganz will, und mit dem Kopfe anrennt, ſo heißt er ein Narr— wozu reden mit dieſen Leuten, welche vom Bade zurückkehrten! . 48 Man ſieht, es war eine ganze Gegend des Schöne⸗ bergers wie ein braunes Moor mit Heidekraut in mir aufgeblüht. Dann hofft man thöricht auf Maſſen⸗ eindrücke, ich dachte: das Meer wird Dich zwingen. So kam ich an die Dünen. Das ſind kleine Sandhügel, drei, vier, fünf Schritt hoch, welche das Land vom Meere ſcheiden. Sie haben den ſchön⸗ ſten Streuſand, und ſind offenbar für die Kanzleien und Sekretairs geſchaffen; traurig, halmartig ver⸗ einzeltes Struppgras ſprießt aus ihnen, ſo daß ſie ganz das Anſehn eines alten, grauen Mannskopfes gewähren, der ſchlecht barbirt iſt. Es iſt einzugeſtehn, daß die See viel zu thun hatte, wenn ſie auf einen ſo Vorbereiteten, derma⸗ ßen Profanen erklecklich Eindruck machen wollte. Ich trat auf die Dünenſpitze— Meer! Oſtſee! Schwarz⸗ grün, mit weißem Schaum bedeckt, kam ſie daher, als wollte ſie weit hinein in's Land, wenigſtens bis Angermünd oder Neuſtadt Eheswalde, hielt aber ſtill an dem ebenen Sandufer, noch eine ganze Strecke jenſeits der Dünen.— 49 Von Ewigkeit, von Unendlichkeit, von Menſchen⸗ kleinheit, von wüſter Abſolutheit ſollt' ich durchdrun⸗ gen ſein, das gilt für die kourante Art, wie man empfindet beim Anblick des Meeres, und wer der⸗ gleichen Empfindung nicht zur Hand hat, das iſt ein verwahrloſ'tes Geſchöpfe. Ja, ich war ein ver⸗ wahrloſ'tes Geſchöpfe, aber ich trug die Schuld nicht allein, ſondern der Schöneberger und die Oſtſee ſelber. Der Schöneberger nämlich ging am Strande ſpazieren, um erquickende Seeluft zu genießen, hatte ſich aber gegen etwaige Erkältung dermaßen in Pelz⸗ mütze, Mantel und Waſſerſtiefel eingepackt, daß ſchier allein die geſunde Schnupftabaksnaſe der See⸗ luft theilhaftig werden konnte. Und die Oſtſee war mir zu genirt, um einen überwaͤltigenden Eindruck ohne Weiteres auf mich zu machen. Rechts laufen die ſogenannten Molen ein langes Stück hinaus in's Meerr, an deren Spitze der Leuchtthurm, links tritt die Küſte mit den rothen Dächern von Häringsdorf auch ein wenig vor, aufdringlich für das Auge— v. 4 50 was den Eindruck der Unermeßlichkeit betrifft, da iſt das Meer nur Meer, wenn man eben nirgends einen Maaßſtab ſieht. Sobald man wegdenken, hin⸗ zudenken muß, da iſt eine kombinirende Thätigkeit von uns in Anſpruch genommen, und die unmittel⸗ bare Illuſion iſt geſtört; Illuſion iſt eben etwas Unmittelbares. Weiß ich doch, wie es mir mit Venedig ergangen iſt: eine Waſſerſtadt fand ich, aber Meer, Meer, das Meer der Dichter ſuchte ich umſonſt, Dann, als ich des Morgens auf dem Schiff erwachte, was mich nach Trieſt trug, und mit dem grau däm⸗ mernden Tage auf das Verdeck kletterte, und nichts erblickte als Himmel und Waſſer, da fiel der Göt⸗ tergedanke des Meeres wie eine neue Welt auf mein Herz, da ſah ich mich Aug in Auge mit der ewigen Gottheit, ein Menſchenflocken mit ohnmächtigen Glie⸗ dern und einem allmächtigen Geiſte, einem Geiſte, der ſterben kann ſtill und feſt— das war Meer. Auch die roth aufgehende Sonne wohnte nur m Meere, und ſah nichts als Meer. Alles war Meer 51 — der Vogel, den man ſieht, braucht keinen Zweig, um darauf auszuruhn, er ſchläft auf der Woge; dann iſt es eine ſtelbſtſtändige, ungeheure Welt, die mit ihrer ganzen Maſſe uns befüngt, weil wir allein nicht hinein gehören. Wenn ich links und rechts Land ſehe, wie hier auf einer Düne bei Swinemünde, wer bürgt mir denn dafür, daß da hinten der Waſſerhorizont mee⸗ resweit hinausreiche? Kann nicht gleich dahinter Land ſein? Muß ich denn der Landkarte aus dem geographiſchen Inſtitute zu Weimar glauben? In Weimar kann man ſich ja auch mal irren. Meer iſt nur das Zweifelloſe; was ich vor mir ſah, war nicht die See, ſondern nur die Oſtſee. Aber auch eine bloße See, eine mediatiſirte, die keine Souve⸗ rainität beſitzt, hat ihre großen Reize: ich habe doch ſtundenlang an ihr geſeſſen und ihrem einförmigen Treiben zugeſehn, und gefühlt, wie ſehr man ſie lieben kann. Aus dem Philiſterthume, den kleinen Verhältniſſen und Bewegungen, aus der trivialen Duodezwelt iſt man gerettet, die uns mit Naſen⸗ 5² ſtübern tödtet, dem ächten, urſprünglichen Pulsſchlage der Schöpfung iſt man näher— da, mit den Mee⸗ reswogen kommt nichts Verbrauchtes, Deſtillirtes, nur Elementariſches bewegt ſich, was direkt aus Got⸗ tes Schooß entſprungen iſt; der Meeresſtrand iſt das ſchönſte und größte Kämmerlein, wo nichts Gemei⸗ nes ſtört.— Unter die Badehütten, welche vor mir lagen, hatte ſich aber zu abſcheulicher Ironie ein kleiner hoffnungsvoller Pommerknabe geflüchtet, um den Ge⸗ ſundheitsgöttern ſein Frühopfer zu bringen, der Bade⸗ meiſter, welcher ſo etwas wittern mochte, umkreiſ'te die Anſtalt und überraſchte den offenen Pommeraner in Elagranti— es ſollte mir heute auch keine Ge⸗ dankentäuſchung verſtattet ſein. Die vor mir liegenden Hütten ſind nur das, was man ein Seebad nennt: auf hölzernen Stegen findet ſich ein Quantum Kammern zum Auskleiden, und offene Stege führen etwas weiter in's Meer hinein; in weiße Tempelherrnmäntel gehüllt wandeln die Entkleideten da umher, bis ihnen der Moment 5³ kommt, hineinzuſpringen. Kraͤnkere, oder die ſich ſonſt mehr ſepariren wollen, finden zwei große Bade⸗ kutſchen, das heißt mit Leinwand überzogene, auf 4 Rädern ſtehende Kaſten;z dieſe ſind ſchon ſo weit hineingeſchoben in See, daß man von ihnen aus gleich in eine genügende Tiefe des Waſſers ſteigen kann. Wer bei mangelndem Wellenſchlage das Waſſer ſtürmiſcher auf den Leib oder auf beſtimmte Theile des Leibes haben will, den verſehen Badediener mit genügenden Kübelſtreichen, das heißt ſie verſetzen ihm aus ledernen Kübeln, die etwa wie Feuereimer aus⸗ ſehn, ſo geſchickte Waſſerſtreiche, als man nur ver⸗ langen kann. In der See ſelbſt iſt Hauptſache, die heranbrauſenden Wellen da aufzufangen, wo ſie ſich am ſtärkſten brechen.— Das i*ſt alle Verrichtung und Wiſſenſchaft eines Seebades, 4. Die Saiſon. Sie war vorüber in Swinemünde, aber der Nach⸗ ſommer war noch zu finden. Equipagen, Krankheits⸗ und Geſundheitsklatſch, Geſchichten, recht viel Ge⸗ ſchichten, Partieen, Sonnenſchein und Regen. Darin beſteht Saiſon und Badeleben. Im Seebade iſt aller Mittelpunkt der Wellenſchlag: erſt ſpricht man davon, ob welcher ſein wird, dann ob welcher iſt, zuletzt, ob welcher geweſen iſt, und dann geht's wie⸗ der zum Futurum. Das hat ſein Einfaches. Für die erſten Tage iſt auch die Geſellſchaft ohne Ertrag für den einzelnen Ankömmling, denn ſie hat auch einen Haupttheil ihres Reizes in ihrer Geſchichte, 55 man muß erſt Neigung oder Abneigung oder Gleich⸗ gültigkeit für Dieſen oder Jene in ſich aufgefunden, man muß erſt irgend einen Bezug haben, ehe man einen Reiz gewinnt. Alſo Partieen und Geſchichten waren der mir angedeutete nächſte Beruf— die erſten Seebäder wirkten aber Schönebergiſch auf mein Gemüthe, ich war ſtumm, einſiedleriſch, braun⸗me⸗ lancholiſch. Was Partieen! Sand, Fichten, Fläche, Waſſer, was für Partieen kann ſolche Kompoſition geben? Es paſſirte alſo in den erſten Tagen nichts als Schwermuth, Lectüre, Betrachtung über die Nach⸗ barſchaft, und der unerwartete Beſuch einer Dame, welche mich für einen Doktor der Medizin hielt, und mir all ihre epileptiſchen Leiden bis in's Detail zur Kur vorlegte. Ihr Vortrag war von jener Art, wie Wieland zwei eiſerne Dreſcher ſchildert, die am Ein⸗ Zang des Thores ſo ſchnell und dicht arbeiten, daß ſich kein Sonnenſtrahl zwiſchen ihre Schläge drängen kann— meine Bemerkung, ich ſei ein unglücklicher Philoſoph, welchem die Enthüllung ſolcher vierzig⸗ jährigen Myſterien ebenfalls nur Unglück brächte, 50 war auf keine Weiſe einzuſchieben, und ich mußte mich ſchweigend in das epileptiſche Schickſal ergeben. Als die Dame ſo weit erſchöpft war, für meinen Rath eine Pauſe zu geſtatten, ſagte ich ihr, ſie ſolle heurathen. Darauf läͤchelte ſie, und ließ ſich dahin verneh⸗ men: Bisweilen habe ſie auch wohl daran gedacht, aber ſie ſei es bis jetzt allein geweſen, welche dieſen Gedanken empfunden habe.— Mit aller Anerkennung dieſes letzten Ausdrucks wünſchte ich ihr Beſſerung und empfahl mich und meine Ruhe, In meiner Nachbarſchaft war auch nicht viel Freude: es gab da ein ganz artig ſchwarz⸗ äugiges Mädchen, aber ſie war blos da, wie die Mutter ſagte, um auf andere Gedanken zu kommen. Das iſt immer übel, wenn es darauf abgeſehen iſt, denn die Gedanken eines Mädchens ſind zärtliche Empfindungen, und daran ändern zu müſſen iſt ein Uebelſtand. Das Mädchen liebte nämlich einen Künſt⸗ ler, und die Mutter ſagte, ihre Tochter habe ſich in einen Komödianten vergafft, und es gäbe kein 57 größeres Kreuz. Gegen dieſen Komödianten ſollte nun Swinemünde auch helfen; bekanntlich hilft das Seebad gegen Alles. Ich hatte das Unglück, dieſen dramatiſchen Künſtler auch zu kennen, und dieſe Bekanntſchaft mußte ich mit dem etwaigen Intereſſe bezahlen, welches mir das ſchwarzäugige Mädchen hätte gewähren können. Für mich war Alles un⸗ liebenswürdig an dieſem Liebhaber— es iſt ſolch ein alter trivialer Kram, aber er iſt noch immer von unermeßlicher Wichtigkeit, daß der öffentlich auftre⸗ tende Menſch einen außerordentlichen Reiz ausübt auf die Mädchen. Sie hüllen ihn verſchwenderiſch in alle ſchön gefärbten Luftſchichten der inneren Ro⸗ mantik, welche ihrer Ahnung und ihrer Wunſches⸗ kraft zu Gebote ſteht. Wenn ich ſo fort laborirte, kam ich aber auch nicht einmal zu Badegeſchichten; ich ſchloß mich alſo an einen rüſtigen Badegaſt, machte Partieen und ließ mir erzählen. Es war ein Buchhaͤndler, der ſchon ein bewegtes, erfahrungsreiches Leben durchgemacht, zur Napoleoni⸗ ſchen Zeit mit Noth und Gefahr der Konſkription ſich entwunden hatte, und auf dieſer Flucht nach Oeſterreich und bis tief nach Ungarn hinein gerathen war. Dieſe Schöpfung eines eignen Lebens übt ſtets ihren Eindruck, weil wir die urſprüngliche, ſelbſt⸗ eigne Kraft des Menſchen, die eigentliche Produktion wirkſam ſehen: Der Vater, ein leidenſchaftlicher Franzoſenfeind, hatte den Knaben bis an's Thor ge⸗ leitet, ihm vier Thaler gegeben, den Weg aus dem Königreiche Weſtphalen gewieſen, und ihn dann mit ſeinem Segen entlaſſen. Gott allein, dem weiten Himmel heimgegeben, war der Knabe hineingezogen in's Blaue, Aehrenfelder und Gräben hatten ihn vor den Franzoſen verbergen müſſen, und ſo war er glücklich bis Leipzig gekommen; eine Dresdner Krämerin, beſchäftigt, Kaffee zu paſchen, hatte ihm bis Dresden einen Sack zu tragen und dafür ein Paar Mahlzeiten gegeben, in Dresden war beim öſterreichiſchen Geſandten weitere Hilfe nachgeſucht und gefunden worden.— ß 4 59 Jetzt wanderte er mit mir durch den tiefen Sand nach einem Walde, hinter welchem Corſuand, eine geprieſene Swinemünder Partie liegen ſollte— dieſer erſte Beſuch iſt mir auch der liebſte geblie⸗ ben: ein prächtiger voller Wald führt eine Stunde weit zu einem ſchweigenden, an ſchwarzen Seen ge⸗ legenen Dorfe, wo ein trefflich Unterkommen zu finden iſt. Der Wald iſt nur außen mit trocknen, inproduktiven Kiefern umkränzt, wie man ein reich Geſchmeide in unſcheinbares Futteral verbirgt, innen locken dunkel und erquickend die tief gefärbte Laub⸗ bäume, es klingt der ruhende Wald, es herrſcht die ſchattige, flüſternde Lebensſtille, die ſo kräftig zum Einkehren in ſich ſelbſt ladet, zum Verkehr mit dem Weltgeiſte, zum Gedächtniß an ferne Liebe, an unbefangenes Kindesgefühl, zum Glauben an's Gute, zum Glauben an Ruhe und Glück, zum Glauben an Ehe, zum Glauben an Geiſter. Wald, prächtiger, klingender Wald, du biſt ein Element vonumoig thätiger, ewig ſchöner Kraft; du biſt des Nordens ſchönſter Reiz, der Schooß unſrer Ge⸗ 60 müthswelt, die einen poetiſchen Ausdruck ſucht— unſere und Englands grüne Wälder mag uns der ſonſt reicher beglückte Südländer beneiden. Und wir haben's erkannt, was wir daran beſitzen, wir haben das Wort dafür erfunden, ruft„Wald“ hinein unter die Bäume, alle die ſchönen natürli⸗ chen Reime darauf rufen Euch hell zurück, daß Ihr das rechte Wort, den klaren Namen gefunden habt, auf welchen das Kind der Natur hört— Rufet hinein in den dunklen Wald, Horcht, wie klar es zurücke ſchallt, Gleich Gottes ew'ger Stimme hallt: Ich bin der Wald, der ew'ge Wald, Bin immer alt, erfriſchend kalt, Bin immer jung. Sucht Dämmerung, Sucht Ahnung und Erinnerung, Und Harzes Ouft, der kräftig wallt, Des Echo's Luſt, die widerprallt Der Hoffnung ſüßes, ſchönes„Bald!“ Des Lebens innerſte Allgewalt Im Wald, bei mir, im ew'gen Wald! 2 61 „Nur ein bornirter Literarhiſtoriker wird es überſehen, wie reizend und trefflich die romantiſche Schule dieſes ſchöne Stuͤck Welt uns aufgeſchloſſen, den Wald mit ſeinen Stimmen und Geiſtern, ſei⸗ nem ſtillen raſtloſen Leben und Weben; wenn ich ein Buch von Eichendorff in die Hand nehme, da dringt mir friſch dieſer Waldgeruch entgegen, das Wild ruft, an ſeine fröhliche, geſunde Exiſtenz mahnend, die Vögel ſingen, die Blätter flüſtern alle die ahnungsſchwangeren Lieder, welche die ſüße Sehnſucht unſers Herzens wecken. Mag geſagt werden, daß dieſe Poeten darin des Guten zu viel gethan, daß ſie ſich in der dämmernden Naturwelt verſchlummurt haben, geht's uns nicht mit allen Dingen ſo, haben ſie nicht alle ihre Spitze in die⸗ ſer Endlichkeit, kann die Liebe nicht Liebelei, der Reiz nicht Ueberreiztheit werden? Wenn wir in den Wald treten, in den ächten, tiefen, dunkel⸗ grünen, geheimnißreichen, dann laßt ſie unbefangen heraus aus Eurem Gedächtniſſe, alle die Lieder, die alten— 6² —„Da rauſchten Bäume, ſprangen Vom Fels die Bäche drein, Und tauſend Stimmen klangen Verwirrend aus und ein.“ „Kennſt du noch die irren Lieder, Aus der alten ſchönen Zeit? Sie erwachen alle wieder Nachts in Waldeseinſamkeit, Wenn die Bäume träumend lauſchen, Und der Flieder duftet ſchwül, Und im Fluß die Nixen rauſchen— Komm herab, hier iſt's ſo kühl.“ —„Nächtlich macht der Herr die Rund', Sucht die Seinen unverdroſſen, Aber überall verſchloſſen Trifft er Thür und Herzensgrund, Und er wendet ſich voll Trauer: Niemand iſt, der mit mir wacht— Nur der Wald vernimmt's mit Schauer, Rauſchet fromm die ganze Nacht.“— Hat doch die Nachtigall auch nur ein Lied, was ſie immer wieder ſingt— Ihr ſollt ſie ja 63 nicht Tag und Stunde hören, der Himmel, der das Alles wohl am Beſten weiß, hat's auch nicht ſo eingerichtet, ſie ſchweigt gar lange, aber wenn ſie ſingt, iſt's Euch auch ein Zeichen, daß linde Lüfte und grüner Drang gekommen ſind. Singt mir im Walde die Dichter, und kritiſirt ſie nicht. Seid Ihr nie mit Eurer Liebe durch den Wald gegangen? O, wie werdet Ihr Euch daheim füh⸗ len, in der Welt ohne Arg und ohne Feinde, in dem Rauſchen von tauſend Freudesahnungen, für welche wir Armen noch keinen Ausdruck gefunden haben; und wenn Ihr küßt und Euch dann um⸗ ſchaut, ſo nicken alle Zweige, und der Liebe Odem und Gottes Odem ſind Eins und ſpielen wie ein weicher Aethertraum um Eure Sinne, und wenn es regnet, wie wird Euch heimlich unter den Buchen!— Der Buchhändler ſagte: Aber warum ſchreiben Sie nicht über meine Verlagswerke ſo, wie Sie dieſen Wald bei Swinemünde betrachten und durch⸗ ſpringen? 64 Ach, wirklich, wir ſind in der Nähe von Swine⸗ münde, das hatte ich ganz vergeſſen— wer ver⸗ muthet hier, weithin von Waldrändern umſäumt, eine verſchwiegene Landſchaft mit dunklen Seen! Schauen Sie, da hinten fliegt ein Reh durch die Buchen, und dort, wirklich, als hätten wir uns die Romantik beſtellt, dort hinten im Einbug des See's geht ein Fiſchreiher ſeinem Fange nach, der Gänſehirt am Waldeshange ſchläft mitten unter ſeinen Pflegbefohlnen. Da uns der Weg nach Corſoand ſo gut ge⸗ rathen ſchien, machten wir uns anderen Tages zu einer neuen Partie auf, nach dem Golm. Das iſt ein Berg, von welchem die Ausſicht rings auf die Gewäſſer zu finden ſein ſollte. Der Weg führt durch einen ſandigen Kieferforſt, und läßt wenig erwarten— da zeigt ſich rechts, hinter einer Moor⸗ wieſe, ein grün bebuſchter Hügel. Dorthin fochten wir uns durch ſumpfige, extemporirte Pfade, und 65 eine Laubholzung bergauf paſſirend, die friſch und kräftig war, erreichten wir bald die mäßige Höhe. Ein feiner Staubregen perlte auf die Blätter, ein Wagen, für den die Straße bis hierauf gangbar iſt, ſtand unter den Bäumen, eine Dame ſaß unter einer großen Bude, welche für die Beſucher errichtet ſein mochte, die aus einer nahe liegenden kleineren mit Kaffee und Imbiß verſorgt werden konnte. Auf dem Gipfel des Berges, denn das eben Beſchriebene fand ſich auf der letzten Lehne deſſelben— ſteht eine kleine gemauerte Warte, oder ein Tempelchen, wie man es nennen will, eine Mauer nach der Rückſeite des Berges, ein Paar ſchmale Seitenwändchen, ein Paar Säulen, wenn ich mich recht erinnere. Dort war die Ausſicht und ein intereſſant ausſehender Herr zu finden, wahr⸗ ſcheinlich die Ergänzung der unten ſibenden Dame; denn unſre Damen haben ſich ſo ſehr alle Selbſt⸗ ſtandigkeit entwinden laſſen, daß man ſie immer nur halb zu ſehen glaubt, wenn ſie uns in freier Natur allein begegnen, Die Ausſicht iſt ganz be⸗ 5 66 ſonders: rechts hinter Bäumen, welche dieſen Augen⸗ blick verregnet waren, das Haff mit breitem, nebel⸗ bedeckten Waſſerſpiegel, links wiederum Wald, und dahinter der Swineſpiegel und die gelben und weißen Häuſer Swinemindes, dann ein neuer Waldſtreifen, und über dieſen hinaus als Horizont das Meer, rückwärts nach allen Seiten Bergwald. Vom Lande zu fegten Regenwolken, nach Swine⸗ münde und dem Meere zu war es licht, als ob da Hoffnung und Rettung von den Küͤmmerniſſen und Beſchwerniſſen des Landes zu finden ſei, bei Madame Hannemann in der Lootſenſtraße, welche der Herr Major als eine ſehr preiswürdige Condi⸗ torin zu empfehlen pflegte.— Die können auch wirklich Rettung und Hoff⸗ nung brauchen, flüſterte mein Begleiter, und wies auf den Herrn und rückwärts auf die einſame Dame. Der Herr ſah wirklich auch beſonders aus: groß, blaß, phantaſtiſch bärtig, fliegendes Halstuch, ſchmerzhaft gekniffene Lippen; ſah ſtarr über das Haff hinein, und mochte vielleicht mit 67 mir den Gedanken haben, wie viel Weh dort hinter dem weiten Waſſerſpiegel wohnen und ſprützende Regenwolken ſenden möge. Raſch ging er an uns vorüber und rückwärts in den Wald, die Dame blieb einſam unter der Bude, hatte ſich tief in ihr Umſchlagtuch gehüllt, und den Kopf auf die Bruſt gedrückt. Dies war die Situation, als ich folgende Ge⸗ ſchichte erfuhr— damit der Leſer nicht für unſre Geſundheit fürchte, ſei noch bemerkt, daß ich und mein Begleiter in dem halbwächſigen Tempelchen ſaßen und nur von vorne naß wurden. Drinnen im Lande, in einer fruchtbaren Marſch⸗ gegend liegt ein wohlhäͤbig Dörfchen mit weißer Kirche und ſicher und reichlich gebautom Pfarrhauſe. Die Pfarre iſt gut und bringt mehr als das Nöthige, der Pfarrer iſt von jener gutmüthigen patriarchali⸗ ſchen Beſchränktheit, welche alles Genüge in einer dreißig Jahre unveränderten Thätigkeit findet. Er predigt, wie es ihn auf der Univerſität gelehrt iſt, er hat für jeden vorkommenden Fall ſeinen guten 68 Spruch, er hält die Menſchen bis auf ein Bischen Erbſünde alle für ſehr gut und brav; was die Weltleute die Welt nennen, das kennt er nicht, und er ſagt von ihnen: ſie werden wohl auch mit einander und mit dem lieben Herrgott fertig werden. So beſchaffen ſitzt er am Sommerabende vor ſeiner Hausthür unter dem Kirſchbaume und raucht Tabak aus einer dicken Pfeife; ſeine älteſte Tochter ſitzt neben ihm und näht, die jüngſte ſpringt ſingend ab und zu.„Man kann doch wirklich drüber nach⸗ denken“ ſagt er zur neben ihm ſitzenden Tochter Eliſabeth, wie er das alle Jahr ein Paar Mal zu ſagen pflegt,„ich ſage, und wiederhole es, man kann darüber nachdenken, und zwar ernſtlich und bedächtig, woher Hannchen das viele Temperament hat. Eure ſelige Mutter war eine ſtille Frau, und ich habe auch nie Veranlaſſung in mir wahrgenom⸗ men, ſo beweglich, zum Singen und Springen aufge⸗ legt zu ſein, wie unſer fröhliches Mädchen da.“— Damit wollte er keinen Tadel ausdrücken, er hatte gar nichts dawider, und Eliſabeth liebte Hann⸗ 69 chen auch ſehr, der Herr Paſtor gab nur eine ſeiner oft wiederkehrenden Notizen, welche diesmal durch das Hervorſpringen und unausgeſetzte Bellen des Hausſpitzes unterbrochen wurde. Ein junger Wan⸗ dersmann zog des Wegs daher, und dadurch wurde Spitz beunruhigt, ſeine Unruhe zog auch Hannchen an die Thür, und ſo ſah der Wanderer, ein junger Maler, eine Gruppe unter dem Kirſchbaume, welche ihn feſthielt. Er blieb ſtehn, Spitz vom Herrn Paſtor gerufen, knurrte nur noch, und ging viel⸗ fach umblickend bei Seite. Die Gruppe intereſſirte den Maler: es war ein Kirſchbaum, ein alter Herr mit ſchwarzem Rocke und weißen Haaren, die älteſte Tochter mit blaßem Antlitze, ſchwarzen Locken und dunklem Kleide und das ſiebzehnjährige Hannchen, weiß gekleidet, mit fliegenden nußbraunen Haaren, friſch und fröhlich aus glänzend braunen Augen lachend. Dieſe letztere intereſſirte auch den jungen Mann, der nicht bloß ein Maler war. Nach einigen Tagen iſt er ganz heimiſch, er malt ein Altarblatt für die Kirche, und er und 70 Hannchen lieben ſich, ſie ſitzen heut allein unter dem Kirſchbaume, und ſie erzählt ihrem Guido, was ſie getrieben habe die ſiebzehn Jahre hindurch. Der Vater hat nichts Zegen die Liebe einzuwenden, was ſollt' er auch? Guido iſt ein ſchmucker junger Mann, bemittelten Standes, malt ſchon ſehr ſchön, und wird nach zwei Jahren in Italien ſeine Kunſt ſtu⸗ diren, dann Hannchen heurathen und in der Reſi⸗ denz ſich niederlaſſen. Schweſter Eliſabeth, ein wenig an der Bruſt leidend, iſt ein ſehr gutes Geſchöpf, und freut ſich über Hannchens Glück. Der junge Maler malt und liebt, der Winter vergeht, der Frühling kommt, das junge Liebespaar ſtreicht durch Felder und Wälder, und freut ſich der ſchönen Welt; als der Abſchiedstag da iſt, wird heftig geweint und tüchtig gehofft und verſprochen. Es kommt der Sommer, und Hannchen wird traurig, ſie fühlt ſich krank, und der Vater ſchickt ſeine beiden Kinder nach der Reſidenz, um einen alten Univerſitätsfreund, der ein berühmter Arzt geworden iſt, zu fragen, was ihr fehle, denn ſie — 71 wußte ſelbſt nicht, was es ſei. Auch Eliſabeth huſtet mehr, der Herr Doctor ſoll beiden helfen. Das iſt ein liebenswürdiger, freundlicher Mann, welcher ſich der Sache nach Kräften annimmt: Eliſabeth ſchickt er gleich wieder zum Vater zurück, mit der Wei⸗ ſung, Molken zu trinken, Hannchen ſoll bei ihm bleiben, bis ſie geneſen ſei, des Arztes Frau, eine ſehr verſtändige Dame, welche aus Neigung mit keinerlei Geſellſchaft verkehrt, nimmt ſich mit müt⸗ terlicher Theilnahme des Mädchens an. Im nächſten Frühjahre iſt Hannchen wieder ge⸗ ſund und munter, ihr Ausſehen iſt wunderbar ge⸗ reift, und der Vater iſt ſehr erfreut, ſie wiederzu⸗ ſehn. Zum Winter aber will ſie der alte ärztliche Freund ſo gern wieder bei ſich haben, ſie fehlt ihm, das heitre, gelehrige Mädchen, und beſonders ſeiner Frau, von der ſie ſo Vielerlei lernt. So vergeht der nächſte und noch ein Winter, Hannchen iſt bald in der Stadt, bald auf dem Lande, ſie iſt eine reizende, von aller Welt geſuchte, ſehr unterrichtete, liebenswürdige Dame geworden, der 72 alte, einfache Papa weiß ſich manchmal gar nicht in das kluge Kind zu finden, und ſagt nur immer: Was wird ſich der Guido freun! Und ſchreibt er auch fleißig? Das Altarblatt iſt noch immer ſo ſchön wie damals— Er ſchrieb nun eben nicht fleißig, und wenn er es that, ſo war immer viel von andern Frauen die Rede, bei welchen er Glück machte, die ihn auszeichneten. Anfangs ſchmerzte das Hannchen, ſpäter verdroß es ſie, und es ereignete ſich nun gar Folgendes: Ein junger Arzt, der bei ihrem Pflege⸗ vater aus und einging, bewies ihr jene innere Freundlichkeit, welche der Vorbote ſtärkſter Gefühle iſt, und ſelten verfehlt, auch das Herz zu bewegen, welches den Eindruck geſchaffen hat— kurz, die beiden Leute waren bald ein Herz und eine Seele und liebten ſich ſehr. Der junge Arzt war reich, und hielt um Hannchen an; ſie erſchrack zum Tode; jetzt erſt fiel ihr Guido ein— nicht daß ſie Ge⸗ dächtniß oder Gefühl für dieſen geſtört und gehin⸗ dert hätte, nein; aber ſie weinte bitterlich, und er⸗ 73 klärte, Guſtav, den jungen Arzt, nicht heurathen zu können. Dabei fiel ſie ihm um den Hals, und wiederholte unter Schluchzen die innigſten Liebes⸗ verſicherungen. Das ging ſo eine Zeitlang hin, bis Guſtav es nicht mehr trug, und auf das Entſchiedenſte drängte. Hannchen fuhr hinaus zum Papa, und ließ ihrem Liebſten ein Billet zurück: „Sprich mit dem Onkel und der Tante, und frag' ſie über mich— wenn ſie Dir Alles ge⸗ ſagt haben, und Du willſt mich noch heurathen, dann hole mich nach der Stadt— Der alte Freund des Vaters und ſeine Frau hatten allmählig die Namen Onkel und Tante von ihr erhalten. Guſtav eilte zu ihnen, Hannchen ſaß beim Papa im Zimmer, und weinte; ach, was hatte ſie Alles zu weinen! Schweſter Eliſabeth, die gute, war geſtorben, Guido hatte plötzlich ſeit langer Zeit wieder einmal geſchrieben, und mit den Worten ſeine nahe Ankunft gemeldet, daß er ſein Verſpre⸗ chen zu halten komme; es war der zweite Tag ſchon, 74 den ſie aus der Hauptſtadt war; wenn Guſtav ſie holen wollte, ſo konnte er ſchon ſechs Stunden lang da ſein, ſie ſah unverwandt auf die Landſtraße.— So vergingen ſechs Tage, da kam ein Reiter, der hieß aber Guido. Guido hatte gerade ſo viel Erziehung, daß er's für ſeine Schuldigkeit hielt, Hannchen zu heurathen, obwohl er dieſe Jugendliebe lang vergeſſen hatte— nach einiger Zeit geſchah denn auch die Hochzeit, und Hannchen holte das kleine blonde Mädchen nun herbei, was ſie damals im Winter bei der Tante geboren hatte, deſſen Vater Guido war, und welches all das Unheil verſchuldet hatte, was nun hereinbrach. Denn Guido und Hannchen liebten ſich ſchon lange nicht mehr; die Dame unten in der Bude war Hannchen.— 2 . Naach Rügea. Ein gefälliger Hausgenoſſe weckte mich mit der Nachricht, es liege ein kleiner Schooner zur Abfahrt nach Rügen bereit, in zehn Minuten gehe er in See. Ich entſchloß mich ſchnell, flog in die Klei⸗ der, ſteckte ein Paar Bücher in die Manteltaſche, wie arme Leute ein Stück Brot überall mitnehmen, und ſprang an's Bollwerk. Das Dampfſchiff ging nicht mehr, eine Privatfahrt auf kleinem raſchem Schooner war das einzige Mittel, die geprieſene Inſel, Deutſchlands Thule, zu ſehn, und es wãre mir doch eine Schande für die Abendzeitung geweſen, hätte ich mich an der Oſtküſte herumgetrieben, und 76 die officielle Inſel der Reiſenden nicht beſucht. Luiſa, die dienſtbare, ſtürzte mit zween Butterſemmeln hinter mir drein, denn ich hatte das Frühſtück im Stich gelaſſen, aber wie Ariadne ſtreckte ſie erfolglos die Arme nach dem Waſſer, wir lavirten bereits aus dem Hafen; wenn Theſeus auch gewollt hätte, und er verlangte wirklich nach den Butterſemmeln, das Geſchick und Schiffer Ulrich wollten nicht. Das kleine Fahrzeug war ganz vollgepfropft von Reiſenden, kaum fand ich einen beſcheidnen Platz, und dachte, zurückgezogen mich in den Mantel hüllen und den Elementen wie dem kleinen Menſchenhäuf⸗ lein ungeſtört zuſchaun zu können. Aber Schrift⸗ ſteller ſind wie Gebrandmarkte oder Lorbeerbekränzte — in dieſen Extremen bewegt ſich ja auch zumeiſt ihre Exiſtenz: ſie ſind nirgends unbekannt. Aus dieſem fremden chaotiſchen Knäul wickelte ſich ſchnell ein muntrer Sachſe, dem ich ſchon einmal begegnet war, und der mich begrüßte. Die Geſellſchaft, meiſt aus Studenten und jungen Gelehrten beſtehend, dieſen privilegirten Reiſenden unſers Vaterlandes, 77 war ſehr munter, wenn es auch nur eine ange⸗ wöhnte Munterkeit war— namentlich die Studen⸗ ten lärmen vielfach in einer Tradition unächter Luſtig⸗ keit— und erklärte, das junge Deutſchland ſei nur auf dem Lande verboten, und auf der See könnte man's leben laſſen. Oeffentliche Perſonen erkaufen den etwaigen Ruhm, oder die Renommée, wie man das Wort ſchattirt hat, immer mit verletztem Schamgefühl, die Welt rächt alles Heraustreten auf irgend eine Weiſe. Das leichtblutige Mädchen be⸗ zahlt ſeine Luſt mit Flüſtern und Fingerzeigen, was ihr begegnet; die Cavalliére fiel darüber in's Kloſter und in den Tod, und ſeit einigen Jahrzehnden be⸗ handelt man die kouranten Schriftſteller eben auch wie Maitreſſen des Publikums. Aber auch das wirk⸗ liche, heraustretende Glück findet ſeinen Neid, findet ſein Lob— Lob iſt ja auch eine Verletzung, wenn auch mit Blumen. Indeſſen früh auf dem Meere gibt's erquickendere Gedanken— die Sonne ſtieg glänzend über das Waſſer empor, friſch und voll blies der Südoſt in 78 * die getheerten kleinen Segel, die pommerſche Küſte ſah grüßend mit dunklem Walde nach uns her, die weißen Häuſer von Häringsdorf, was eine Stunde nordweſtlich von Swinemünde auf einer Strandhöhe liegt, glänzten und lachten. Dieſes kleine Seebad⸗ etabliſement nimmt die Nuheſuchenden freundlich auf, hier ſtört kein Geſellſchaftshaus, keine eigent⸗ liche Saiſon, das Meer iſt im Gegenſatze zu Swine⸗ münde dicht dabei, Poeten, die keine bewegte Welt brauchen, die eine halbe Einſamkeit ſuchen, das Langweiligſte für Andere, die Genrebilder wünſchen und Sonnenaufgänge nach der Melodie: „Flammenhufig erhebt ſich das Geſpann Der Sonnengott kommt tönend an“ ſolche Poeten, reſignirt habende Mädchen, welche deklamiren:„Nur die Natur iſt ewig gerecht“, Profeſſoren— Frauen mit vieler Familie, die einer Seewäſche bedarf, Diätetiker mit ſtarken Grundſätzen und andre ehrliche Leute, alle die mit einem Worte, welche nicht in Swinemünde oder ſonſt wo baden 79 wollen, wohnen in Häringsdorf. Man laſſe ſich nicht verleiten, den Namen von Wilibald Alexis herzuleiten, weil er im bürgerlichen Leben ſchlecht⸗ hin Häring heißt und in Häringsdorf ein Haus beſitzt; dieſer Name hat eine andre Geſchichte: ein Fürſt hat hier gefrühſtückt, und man hat ihm als Landesprodukt Häringe vorgeſetzt, dafür hat er dem DOertchen ſolchen Namen verliehen. Uebrigens iſt's einer von den Orten, an wel⸗ chen ſich ſeit Jahren ein und dieſelbe Drohung knüpft, man ſagt nämlich in jeder Saiſon: Häringsdorf wird Swinemünde pernichten. Dies ſoll ein Haupt⸗ genuß in Häringsdorf ſein. Immer weiter linksab blieb uns die Küſte, keck und kühn ging's mitten in See hinein, und die waldigen Uferberge von Uſedom wurden ferner und blauer. Wenn ich in eine unbekannte Geſellſchaft trete, ſo ſtellt ſich mir oft das Bild der blos idealiſtiſchen Poeſie entgegen, die in ihrer Phraſenunbeſtimmtheit gar keinen Eindruck gewährt; ſolch eine Geſellſchaft 80 iſt ein Chaos, aus welchem ſich erſt nach und nach die Einzelnheiten abſondern, und durch ihre Ein⸗ zelnheit werden die Geſtalten erſt Geſtalten. Einer ſpricht viel, der Andre wenig, Einer hat eine große Naſe, der Andre rümpft eine kleine, Jener zeigt feine Wäſche, Dieſer gar keine. Jener ſagt Deutſch⸗ land und ſeine Bewohner, Dieſer„Teutſchlands Söhne.“ Auch auf dem Schooner ſonderten ſich mir die Figuren erſt, als wir ſchon auf hohem Meere waren. Zunächſt unterſchied ſich ein Privat⸗ docent als ſehr ruhmredig, und das Thörichte wa⸗ gend, um einen Theil ſeiner Verſprechungen wahr zu machen: er wollte auf allen Meeren geweſen und auf den Schiffen ganz zu Hauſe ſein. Dies zu be⸗ weiſen kroch er am Hauptmaſt in die Höhe, die Strickchen benutzend, welche das Segel daran be⸗ feſtigen, und bald ſaß er denn auch zu Ulrichs kopf⸗ ſchüttelndem Mißbehagen über dem Segel in einer ſehr unbequemen Stellung, die er uns als ſehr genußreich anpries. Dergleichen erwartet man von einem Schiffsjungen und dem ſehen wir ruhig zu, 81 aber ein Privatdocent mit langem ſchwarzen Rocke nimmt ſich ganz ſchlecht dabei aus, weil es immer eine Gefahr für ihn bleibt, und der Gedanke daran die Zuſchauer ſtört. Wer unnübe Gefahr aufſucht, blos um die Augen auf ſich zu ziehen, ohne daß man ihm ein freches, wirklich innerliches Behagen am Gefahrvollen anſieht, der erreicht auch nicht ein⸗ mal den nächſten Zweck der Prahlerei. Weil die Spannung zu lang dauerte, vergaß man am Ende den Privatdocenten und ſah nicht mehr hinauf; dies bewog ihn, ſeinen genußreichen Sitz aufzugeben, und am Spiegel des Schiffes mit Ueberbaumeln ſein Heil zu verſuchen, welcher Ver⸗ ſuch auch nicht die genügende Würdigung fand. Plötlich wurde der Polytropos von der Seekrank⸗ heit überfallen, und verſchwand vom Schauplatze, das heißt, er legte ſich den Umſtänden angemeſſen „nieder. Neben mir arbeitete ein kleiner renommiſtiſcher Fuchs aus Halle, welcher wie gewöhnlich ſeine große Unkultur und große Muthloſigkeit hinter großen Wor⸗ V. 6 8² ten zu verbergen ſuchte. Wollen dieſe Flegeljahre deutſcher Bildung, die Studentenjahre, in ſpäterer Zeit überhaupt nicht mehr gefallen, weil ſie ſich abgeriſſen von aller Geſammtheit als eine forcirte Idealiſtik hinſtellen, wo für den Erfahrenern die Illuſion abgeht, ſo macht ein Fuchs unſrer Tage, der bei einigem Verſtande gar nicht mehr an die Tradition ſeiner Freuden glauben kann, den Ein⸗ druck einer kompleten Karrikatur. Er erinnert an die jungen Schauſpieler oder Schauſpielliebhaber, welche pathetiſches Deklamiren ungenoſſener Stellen für poetiſchen Reiz ausgeben. Dieſer Fuchs, dem, wie der Student ſich ausdrückt, der Rand nicht ſtille ſtand, ſchwatzte und ſpektakelte ſo ununterbro⸗ chen, daß ich ihm von Herzen die Seekrankheit an den Hals wünſchte. Man hatte ihm geſagt, ſie ſei dadurch zu vermeiden, daß man fleißig eſſe und ununterbrochen die Bewegung des Schiffes mitmache: er verzehrte alſo ein Weißbrod nach dem anderen, und eutſchte wie ein Perpendikel an der Banklehne hin und her— je größer die Verhöhnung von ſeinen 83 Reiſegefährten war, deſto mehr hielt er ſeine Tüch⸗ tigkeit und Conſequenz für gefährdet, deſto lebhafter rutſchte er, der Schweiß ſtand ihm auf der Stirn, er ſchrie aber doch nach Kräften mit, da ſeine Ge⸗ noſſen allerlei Lieder durcheinader ſangen— endlich blieb er auf dem Schlachtfelde. Aber er konnte nicht ſterben, und noch im tiefſten Jammer ſchrie er wieder einmal auf: Mein Lebenslauf iſt Lieb und Luſt— Die unermüdlichſten Sänger waren übrigens ein Paar Studenten aus Siebenbürgen— zu Hauſe, meinten ſie, iſt nicht vom Singen die Rede, be⸗ ſonders ſolche Freiheitslieder ſind nicht ſtatuiret, da müſſen wir uns die Zeit in Deutſchland zu nutze machen. Einer von ihnen war ganz bartverwachſen und ſah lebensgefährlich aus. Alſo auf der Oſtſee, dachte ich, mußt Du ſolch einen ganzen Demagogen wiederfinden, der für einen ſchwülſtigen Vers von Follenius Mond und Sonne mit Pulver auseinander ſprengt; aber ich hatte mich arg getäuſcht: erſtens war er ein Theologe, der in Ermangelung einer 84 Dogmatik ſich an's Moralprinzip hielt und die Liebe zu einem Mädchen für höchſt frevelhaft anſah; zwei⸗ tens hatte er nicht die allerbürgerlichſte Courage, fürchtete ſich auf der Oſtſee vor'm Gubernium in Siebenbürgen, vor dem Waſſer, vor dem Winde und vor allen Elementen, die man etwa noch er⸗ finden möchte; aber er trug einen eiſernen Ring, einen eiſernen Stock und kein Halstuch, und ſang in allen Pauſen: „ Steig aus der Nacht, O Hermannsſchlacht! Sein ſchlankerer, jüngerer Landsmann war etwas friſcher, und offenbar ein muthigeres Naturell, aber auch wie die tugendhaften Franzöſinnen auf der einen Seite, und wie die leichtſinnigen auf der an⸗ dern: jusqu'à un certain point, eine Redensart be⸗ kanntlich, ohne welche es in Frankreich keine Unter⸗ haltung, keine Tugend, keine Liebenswürdigkeit, kein Geſetz, keinen Geiſt, und in Siebenbürgen keine Courage giebt. Wie verkümmertes Haidekraut blühte 8⁵ mir auf Ulrichs Schooner und im weiteren Verlauf der Reiſe ſiebenbürgiſche Nationalität entgegen. Zwi⸗ ſchen Armuth, öde, barbariſche Nachbarſchaft, ſtraffes Regiment von außen und eigne Schwäche eingewürgt, machte mir das Bild dieſes Ländchens den traurig⸗ ſten Eindruck. Eine Nationalität, die aus den fremdartigſten Elementen zuſammengewürfelt iſt, und ihre Ehren⸗ ſtandarte ſo mit verliert, um welche ſich Stolz und Muth ſtets wieder zuſammenfindet, wird immer . einſchrumpfen in kleine, niedrige Bezügniſſe, vor allen Dingen das kleine Bischen Leben und das nothdürftige tägliche Brod zu erhalten ſuchen. Von Ausgleichung der Nationalität kann immer erſt die Rede ſein, wenn die edlen und hohen Beziehungen, das ſtolze innere Lebenselement erſt ſicher geſtellt ſind. Unſre Landsleute, Tuchmacher und Kraut⸗ pflanzer, welche in die ſiebenbürgiſchen Berge ein⸗ gewandert ſind, und dort als Sachſen und Schwaben ihre Plätzchen gefunden, haben ſicher reichlich dazu 86 beigetragen mit ihren Nothdurftsanforderungen, die Atmoſphäre jenes Landes abzuſchwächen. Von ihnen ſtammte auch der Oſtſeebramarbas, und das Obige fand eine traurige Beſtätigung darin, daß ein Paar Ungarn auf dem Schiffe waren, und zornig di⸗ Frage zurückwieſen, ob ſie auch Sieben⸗ bürgner ſeien— Sind wir Ungarn, ächte Ungarn ſagten ſie, ſtolz ſich aufrichtend im ſchwerſten See⸗ jammer. Der Bramarbas flüſterte uns zu, daß dieſe Ungarn, unter denen oft der Schweinehirt ein Edel⸗ mann ſei, ſich immer übermüthig appart hielten — dabei ſah er ſich aber ängſtlich um, ob ihn der kranke Ungar etwa am Kragen packe. Alles Mögliche bei Seite geſetzt, bewieſen die Ungarn offenbar einen vollen inneren Kern neben dieſem holen, muthloſen Geſellen. Es darf nicht in Verwunderung ſetzen, daß auf ein ſcheinbar ſo Alltägliches, wie der ordinaire Muth, ſolcher Werth gelegt ſei— in dem Worte Muth liegt eine ganze Welt, eine Welt des Willens, der Fähigkeit und ſchöpferiſchen Kraft. Zugeſtanden, daß 87 dieſe moraliſche Thätigkeit, welche mit dem Namen Muth benannt wird, oft nur der Inſtinkt eines ſtarken Körpers, oft wirklich nur ein materielles Häuflein Sehnen und Muskeln ſei; zugeſtanden,. daß zwei Drittheile der Muthigen nur darum vor⸗ wärts gehen, weil ſie durch die Nebenleute, die Redensarten, die Terminologie des Lebens ſo ge⸗ wöhnt worden ſind; zugeſtanden alſo, daß der Muth großen Theils eine Sache des Körpers und eine des Herkommens, der Sitte iſt— läge darin ein Vor⸗ wurf? Iſt unſer Leib nicht ein Bedingendes für das Außerordentliche ſelbſt, was ein Menſch leiſten kann? und wo hört er auf, wo fängt er an, wo ſtehen die weißen Grenzfarben des reinen Geiſtes? Eine ſchlechte Leber, eine verſtopfte Milz, welche Gedanken und Gefühlsrichtungen können ſie in Be⸗ wegung ſetzen, wenn ſie ſich bei einem ſonſt gewal⸗ tigen Menſchen und mit dieſem an einem gewaltigen Orte vorfinden! Werdet Ihr deßhalb das Recht haben, eine welthiſtoriſche Epoche leber⸗ oder milz⸗ krank zu nennen, weil dieſe körperlichen Organe 88 auf den Urheber der Epoche einen ſtarken Einfluß geäußert? Alle Leute, die an der Leber leiden, zum Beiſpiel, ſind leicht grillig, hypochondriſch, in dieſem übeln Zuſtande gehen ſie allen Dingen mehr an die Spitze, die Anfänge, auf dieſe Weiſe erfinden ſie — iſt das Verdienſt des Erfinders geringer, weil er durch Leberkrankheit dazu gekommen iſt? Eine friſche Lunge und Leber unterſtützen den Muth, das iſt wahr, wer Beides ſchlecht hat, wird doppelten Aufwand nöthig haben, um eben ſo viel Muth zu gewinnen— thut dies der Abſolutheit des Muthes etwas? Gewiß nicht— bei Beurtheilung der Per⸗ ſonen mögen wir darauf Rückſicht nehmen, der Muth an ſich bleibt uns ein außerordentliches Moment, und ſeine Zeitigung im Menſchen bleibt etwas Noth⸗ wendiges und Verdienſtliches. Was haben wir denn urſprünglich? Anlagen. Alles muß gelernt werden, und auch der Muth läßt ſich lernen. In jedem Hel⸗ den ſteckt ein Hundsfott; daß der nie zum Vorſchein komme, iſt eben Sache des Helden.— 89 Daß Herkommen und Sitte ein Theil des Muthes ſind, iſt gewiß wahr. Verſchiedene Völkerſchaften haben ſehr verſchiedene Aeußerungen des Muths, was dieſen für Feigheit gilt, iſt es Anderen nicht— iſt der Muth darum ein Geringeres, weil er ein Uebereinkommen menſchlicher Gemeinſchaftlichkeit iſt? ruht nicht in Sitten und Gebräuchen das Weſent⸗ lichſte gemeinſchaftlicher Seele? Eine tiefe Bedeutung liegt darin, daß ihr bei den ordinairſten Menſchen, welche nicht durch Nah⸗ rungsſorgen entmannt ſind, allen Bezug der Achtung und des Werthes auf den Muth koncentrirt findet, daß der Muth beim einfachſten Mädchen zuerſt und am ſicherſten die Liebe zum Manne weckt. Die Oeſterreicher heben ſeit einiger Zeit die Er⸗ laubniß, in Deutſchland die Berliner Univerſität be⸗ ſuchen zu dürfen. Von dort bekommen ſie denn auch wohl die Erlaubniß zu kleinen Reiſen in Preu⸗ ßen; wenn nun dieſe zum Beiſpiele in die Nähe von Hamburg führen, ſo iſt wohl auch bei einem Siebenbürgner das Verlangen natürlich, und nicht — 9⁰ ſo ganz ſtrafwürdig, Hamburg zu ſehen, beſonders wenn ſich der Siebenbürgner ſo innig ſeiner Unbe⸗ deutendheit und des bloßen Verlangens bewußt iſt, den Jungfernſtieg betrachten zu wollen, und einmal Auſtern in der Nähe zu ſehn. Der Bärtige hielt aber dieſen Wunſch für unmoraliſch und frevelhaft, weil er die öſterreichiſche Studienfreiheit kompromit⸗ tiren könne. Die Nothwendigkeit eines Paſſes hat nur dies Bedenken, daß guterzogene Menſchen am Ende noch weniger und noch papierner werden können als ein Paß. Mein Heimathsſtolz ward durch das Schickſal eines andern Reiſegenoſſen ſehr verletzt; ich halte es aber doch für meine Schuldigkeit, nicht darüber hin⸗ wegzugehn: ein kleiner Breslauer nämlich, mit einem kleinen blauen Röckchen angethan, ward viel gehän⸗ ſelt, er trug unter dem kleinen Röckchen einen kleinen Ueberfluß auf dem Rücken, fror immerwährend, und rauchte trotz Seebeſchwerden unermüdet aus einer kleinen Pfeife Tabak. Sein Accent war mit all den — 91 kleinen, behenden Breslau'ſchen Worten eingefleiſcht ſchleſiſch, und weil er alle Maasſtäbe von der Bres⸗ lauer Oder und den Breslauer Bierbrauern hernahm, übrigens auch in ſtetem Froſt und Tabakrauchen nicht den kleinſten Reiſegenuß dokumentirte, ſo war er wirklich wie ein kleiner Ableger des Dr. Syntax, eine komiſche Figurz ein Reiſender quand mème, der unter allerlei Unbehaglichkeit doch reiſ'te, obwohl er nicht das geringſte Vergnügen davon hatte, dem es an⸗ zuſehen war, wie er von den Reizen ſeiner großen Reiſe erzählen und rühmen werde, ſobald er erſt wieder das warme Stübchen„auf der Hummorei“ in Breslau erreicht hätte. Gott ſchütze die Reiſen⸗ den, die um jeden Preis reiſen, ſie haben's nöthig. Ich ſehnte mich ſehr nach dem offnen Meere, das heißt nach einem Meere, wo nichts zu ſehen iſt, als Himmel und Waſſer. Unſre Illuſion iſt noch eigenſinniger als ein Frauenzimmer: ein Frauen⸗ zimmer iſt zufrieden, wenn ſie keine Nebenbuhlerin der Liebenswürdigkeit ſieht, die Illuſion aber iſt zer⸗ ——;ʒ;;èq ſtört, ſobald eine Grenze geahnt werden kann; ein ſchlechtes Auge, was nichts als Himmel und Waſſer ſieht, bringt doch keine Illuſion, ſobald der Schiffer ſagt: Bei gutem Wetter ſieht man in Süoſt dieſe Küſte, in Nordweſt jenes Eiland; und nach Rügen hin wird ſelbſt ein mittelmäßig Geſicht die brutal⸗ ſten Störungen nicht los. Rückwärts verläßt Einen der blaue Streif und die Spitze von Uſedom nicht, heilloſe Spitze, wo ich ſpäter einen direkten Blick in den Acheron thun mußte, und rückwärts erhoben ſich bald aus den Wogen zwei Eilande, Ruden und die Die, genannt die Greifswalder Die, zwiſchen welchen hindurch die Fahrt ſich wendet. Hinter ihnen erblickt man bereits den blauen Punkt von Mönch⸗ gut, dem ſüdlichen Theile Rügens. Dieſe öſtliche Meeresküſte Uſedoms, aus welcher wir herausgeſteuert waren, hat den pommerſchen Hi⸗ ſtorikern viel zu ſchaffen gemacht mit den Geheim⸗ niſſen der Unterwelt. Da ſollen verſunkene Städte ſchlafen von wunderbarer Pracht und Herrlichkeit, mit goldnen Thoren und ſilbernen Thürmen, die 9³ ſollen in Handelsverkehr geweſen ſein mit den Grie⸗ chen, das heißt mit den ordentlichen Griechen, mit den Hãä luſern Solon, Cimon und Comp., aus wel⸗ cher Zei der klaſſiſche Hauch noch ſtammen ſoll, der über Pommern, reſpektive Hinterpommern lagert. So tief liegt der Autoritätstrieb in uns, daß Län⸗ der, ſonſt ſo unbefangen und genügſam wie Pom⸗ mern, in den Meeresgrund ſteigen, um Gewährniß zu holen für alte, hiſtoriſche Verbindung. Man wird mich im Verlauf dieſer Reiſe ſchiffbrüchig, in großen Filzſchuhen, den Mantel ſtatt des gewünſch⸗ ten Schlafrocks umſchlagend, auf einem ſandigen Eilande liegen ſehn, wo ich nichts zu genießen finde als etwas Rauchfleiſch und eine von Fliegen beleidigte pommerſche Monatsſchrift. In dieſer ſtehen alle Nachrichten, Sagen, Scholien und Gloſſen von den verſunkenen Städten Vineta und Julia, welche Städte auch eine Stadt geweſen ſein können, da es an Tauf⸗ zeugniſſen aus jener heidniſchen Zeit fehlt und Saxo Grammatikus nicht vereidigt und klar genug geſchrie⸗ ben hat. Kurz: an hellen, ſtillen Sonnentagen will 94 man die Glocken von Vineta unter'm Meere läuten hören und die Thurm⸗ und Kirchendächer durch das Waſſer leuchten ſehn; die größte Handelsſtadt des Nordens von außerordentlichem Umfange und Reich⸗ thume ſei dort von den Fluthen verſchlungen wor⸗ den, und wenn heutiges Tags ein Schiffer drüber fahre, der gottlos und ſchlechtdenkend ſei, da paſſire ihm dort das größte Unglück. Wenn ihm zum Exempel ſeine Liebſte nicht mehr gefallen, und er ſie verlaſſen habe, ſo finde er ſie dort wieder— dies erzählte Ulrich, der Schiffer und ſagte Ber! dabei, ſchüttelte den Kopf und nahm einen Schluck aus der Strohflaſche. Wie überall hin, haben denn auch hier in's Meer die Stationaliſten ihre Laternen geſteckt und die unterirdiſche, wie ſonſt die überirdiſche Welt vernich⸗ ten wollen mit der Bemerkung, die goldnen und ſilbernen Mauern, Thore und Thürme der klaſſiſchen Handelsſtadt Vineta ſeien einfache Felſenriffe, die man bei gutem Sonnenſcheine ſehen könne. Als ob die wichtigſten Dinge mit einer Bemerkung zu 9⁵ erledigen wären— das Wort Bemerkung iſt über⸗ haupt ſchon ein naſeweiſes Wort. Ferner: als ob an einer Küſte, wo mit vortrefflichſtem Auge gar kein Felſencharakter, ſondern nur Sand, Düne, Sandbank zu entdecken iſt, als ob an ſolcher Küſte eigenſinnig allein Felſen etablirt ſein würden, ledig⸗ lich, um den Leuten eine klaſſiſche Anknüpfung zu rauben! O, pfui! Wenn man artig wäre, gäben die Pommern ſicherlich die alten Griechen drein, und begnügten ſich mit einer überſchwemmten Wenden⸗ ſtadt, Heide iſt Heide, indeſſen, ich will kein hiſtoriſches Recht vergeben, und fahre mit Ulrich weiter. Artig braun und blau hob ſich die Küſte von Mönchgut immer deutlicher vor uns aus den Fluthen; unſer Südoſt war ſtetig und friſch, und legte ſich mit vollen Armen in die Segel; die bebuſchte Inſel Vilm, welche in der Bucht von Puttbus liegt, ſtieg ebenfalls aus der See, und bei einer kleinen Wen⸗ dung nach Rechts ſahen wir auf der Strandhöhe hinter dem Vilm die weißen Punkte, welche in der 96 Nähe die weißen Häuſer von Puttbus ſind. Es liegt eine kleine halbe Stunde vom Strande, und hat mit den ſchneeweißen, in einzelnen Partieen etwas kahl ſich bietenden Häuſern ein wunderlich Anſehn von friſcher Wäſche, die auf's Plätten wartet. Die Küſte, zwiſchen welcher und dem Vilm zum Landungsplatze geſteuert wird, iſt ſchön bewaldet, im Meere ſtehen bunt wie ſtille Pagoden die Badehütten, durch die Büſche winkt lockend ein ſtattlich weißes Badehaus. Ich verhandelte mit Ulrich, daß er drei Tage und drei Nächte auf mich warten ſoll, unverführt von etwaigem günſtigem Nordweſt, der eintreten könne, und wendete mich zu Fuße mit dem muntern Sachſen, einem jungen rüſtigen Pommer und den trübſeligen Siebenbürgern rechts nach dem Badehauſe, um in der See zu baden. Die Ungarn und der Bruder Breslauer, deſſen Pfeife noch brannte, ließen ſich vom Privatdocenten gen Puttbus leiten. Er hatte wie Columbus und Wilhelm Tell einige un⸗ bequeme Begrüßungsverſuche mit dem Rügenſchen 97 Erdboden vorgenommen, und ſich den ſchwarzen Rock dabei beſchmutzt, ſonſt ſchien ihm der ganze Meeres⸗ muth wieder gekommen zu ſein, wir hörten ihn noch weithin lärmen. I 1 4 — 2—— 6. Auf Rügen. Es war in der erſten Hälfte des Monats Septem⸗ ber, auf dem Felde erntete man in dieſer nördlichen Gegend noch, die Sonne ſchien noch ganz flanell⸗ artig warm, als wir dem großen, weißen Badehauſe zuſchritten. Es hat ein ſehr ſtattliches, mit Säulen geſchmücktes Anſehn, und weckt große Erwartungen. Die Siebenbürgner fanden es leichtſinnig, in einem unbekannten Meere zu baden, und ließen uns allein durch den Eichenwald nach dem Strande ſchreiten. Tafeln an den Bäumen, Inſchriften auf Inſchriften, wo die Damen gehen und die Herrn gehen ſollten, bekundeten uns, in welch ein civiliſirtes Ländchen 1 99 wir gekommen ſeien, wo anſtändiger Scham gehul⸗ digt, im paſſenden Falle auch ein Caſino und eine Partie Boſton zu finden ſei. Der junge Sachſe ſeufzte, alte, wendiſche Zuſtände wären ihm lieber, Opferfeſte Czernebogs, keine Inſchriften mit römiſchen Lettern„Weg für Herren“„Weg für Damen“ wären ihm erwünſchter geweſen, da er in vielen Dingen den Weg ſelber ſuchen wollte, und es ihm auf eine kleine Verirrung durchaus nicht ankam. Unten am Meeresſtrande iſt ein artiger Blick zwiſchen dem Vilm und der ſchrägüber liegenden Küſte hinaus auf's Meer geöffnet, und man ſieh weit draußen auf der Waſſerfläche die Thürme von Greifs⸗ wald ſchimmern. Für jeden armen Studenten ein ſättigender Anblick, denn es fallen ihm Stipendia und gebratene Häringe ein, deren Auswahl in Greifs⸗ wald zu haben iſt, und zwar die beſte Auswahl von der Welt: man kann nämlich wählen was man will, man bekommt immer Beides, kein Stipendium ohne Häring, kein Häring ohne Stipendium. Jedem ge⸗ bildeten Topographen iſt bekannt, daß man ſonſt in ——y— 10⁰ Greifswald am Thore angehalten und gefragt wurde, ob man ein Stipendium nehmen wolle, nur unter dieſer Bedingung war der Eintritt geſtattet. Das Abſchaffen der Thorſperre mag auch dieſe Zudring⸗ lichkeit gemildert haben; im Correſpondenten ſah ich zwar, daß ſie in Hamburg noch exiſtirt, die Thor⸗ ſperre nämlich, nicht etwa die Zudringlichkeit, weil aber dort keine Univerſität iſt, mag wohl mit den Einpaſſirenden ein andres Abkommen getroffen ſein. Angeſichts jener Stipendienſtadt, wo trotz Häring und Stipendium immer ſo wenig Studenten ge⸗ weſen ſind, daß die Profeſſoren außerſt ökonomiſch mit ihnen umgehn mußten, um leſen zu können, wo auch der mathematiſche Grundſatz erfunden wor⸗ den iſt„Drei machen ein Collegium,“ Angeſichts dieſer edlen Stadt ſtürzten wir uns in's Meer. Ich kann es mir wohl denken, daß dieſe Thürme, welche man bei gutem Wetter und mit guten Augen am Horizonte ſieht, dem Seebade von Putbus nachthei⸗ lig geworden ſind: es hat etwas ſchamverletzendes, von Thürmen im Stande der Unſchuld betrachtet zu 101 werden. Wie leicht können Studenten, die nächſt den Referendarien und Damen des Serails die meiſte Zeit übrig haben, tubusbewaffnet auf dieſen Thürmen erſcheinen, und das größte Unglück anrichten! Sonſt iſt das ſtille Meer, das heißt die ſtille Oſtſee daran ſchuld, daß dies Seebad nicht ſo ge⸗ ſucht wird. Einmal nämlich iſt die Bucht überall vom Lande eingeſchloſſen und nur nach Süden zu theilweiſe offen, die Südwinde ſind ferner an ſich ſeltner und immer ſchwächer und kommen obenein vom Lande, vom friedlichen Greifswald her— es fehlt alſo ganz und gar an Wellenſchlag, dieſem geheimnißvollen, über alles geſuchten Etwas eines Seebades, die Oberfläche des Waſſers iſt glatt wie ein Teich. Daß die Entfernung von Putbus eine halbe Stunde weit iſt, mag auch hinderlich ſein, ſelbſt wenn man zugiebt, daß die See von guter Familie iſt, und mehr als jedes andere Waſſer nur mit wohl⸗ habenden Leuten verkehrt. Man hat wegen des mangelnden Wellenſchlages ſchon vorgeſchlagen, und ich glaube, auch verſucht, 10² an der Oſtküſte, an der ſogenannten Granitz, wie dieſer waldige Theil der Inſel genannt wird, ein Seebad einzurichten, indeſſen paßt aller übrige Zu⸗ ſchnitt, der mit großem Aufwande für Putbus ge⸗ ſchehen iſt, nicht dafür. Wer mag es dem Fürſten von Putbus verargen, daß er nicht die außerordent⸗ lichen Opfer, welche er mit großartigſter Liberalität für Putbus gebracht hat, in ihren Ergebniſſen ver⸗ nichte, und ſeine artige Reſidenz dadurch veröde? Denn Putbus würde verödet, wenn man an der Granitz eine Saiſon veranſtaltete. Es hat ſich denn nun ſo geſtellt, daß Putbus ein heitrer Sommer⸗ aufenthalt ohne beſonders nachdrückliche Rückſicht für das Seebad geworden iſt: die begüterte Welt dieſer nördlichen Striche, vorzüglich Neuvorpommerns und Mecklenburgs kommt in großer Zahl mit Equipagen, ſchönen Pferden und blanken Friedrichsdor's nach Putbus, ergötzt ſich am gegenſeitigen Verkehr, an der Ausſicht, am Park, an Partieen, am Faro, an einem kleinen, artigen Theater. Dobberan und Put⸗ bus theilen ſich in die reichere Badewelt dieſes weſt⸗ 103 licheren Oſtſeeſtrichs. Wie dort der regierende Fürſt ſeine Goldſtücke der Bank nicht vorenthielt oder hält, ſo erfreut der hieſige beſitzende die Table d'hote mit ſeiner Perſon, und ſeine Gemahlin thut ein Gleiches. Mit einer ſolchen halben Officialität halten dieſe Herrſchaften das Badeleben in einem lebhaften Schwunge und verleihen ihm für viele Beſucher einen familiaren Reiz. Daß die Inſel preußiſch iſt, und der Fürſt von Putbus, wie Pückler, ein gefürſteter Graf, der als Privateigenthum einen großen Theil des Ländchens beſitzt, bemerke ich für oberflächliche Statiſtiker. Als wir nach dem Badehauſe zurückkamen, waren die Siebenbürgner mit ihrer Leibeswäſche noch nicht fertig. Zu unſerm Erſtaunen fanden wir in dem imponirenden Gebäude nur einen ganz kleinen Sa⸗ lon, und gar keine Wirthſchaft, da dieſe nur für die Saiſon beſteht, und um die Septemberzeit aller Badebeſuch die Inſel ſchon verlaſſen hat. Das iſt charakteriſtiſch für das eigentliche Bademoment: in den andern Oſtſeebädern iſt der Septemberan⸗ — 104 fang wegen friſchen, bewegten Meeres noch ſehr beliebt. Ueber die Zweckmäßigkeit ſolcher Bauart, links und rechts von dem kleinen Saale viereckige, halb⸗ dunkle Plätzchen übrig zu laſſen, die von Mauern eingeſperrt waren, und auf welchen Grasgeſtrüpp wuchert, hab' ich mich nicht ſo ſchnell unterrichten können. Man fängt es ſonſt einfacher an, wenn man nur einen kleinen Saal haben will. In dem großen, ſtillen Gebäude kam endlich ein Mädchen zum Vorſchein, was ſich eben den Haarzopf aufſteckte, und in flüchtiger, ſinnlicher Perſönlichkeit etwas von Flämmchen aus Immer⸗ manns Epigruen hatte. Die ſtille Abgelegenheit des weißen Hauſes, das ſtille Innere hätte einen ganz hübſchen Hintergrund abgegeben, fremd und unerwartet ein zärtliches, ſinniges Auge zu finden, von der Welt und ihrem Geräuſch zu erzählen und den Abend mit ſolcher Einſamkeit auf ſich herabſinken zu laſſen. Ich weiß 105 nicht mehr genau, ob der Sachſe auch ſo dachte, der Siebenbürgner im Barte hatte Grundſätze. Eine mächtige Anhöhe hinauf, zwiſchen Feldern führt der Weg nach Putbus, was mit ſeinen weißen Häuſern wie eine Theaterdekoration herunter leuch⸗ tet. Wir traten ſogleich in den Park— und Schloßbereich, der ſich an den Hügellehnen hinzieht; es war ein milder ſonniger Tag des Frühherbſtes, die Luft war ſtill, unter den ſchönen großen Bäu⸗ men war es ſtill, das ſtattliche Schloß war eben⸗ falls ſtill, die Beſitzer ſaßen bei Tafel, alle Entréen und Wege waren fein und rein, dick und behaglich lehnte der bordirte Portier am Schloßeingange, und ein großer, neben ihm ruhender Hund blinzelte uns ſchläfrig an; ſammtgrün lockte von der Seite ein ſchöner Grasabhang, auf welchem das Gewächs⸗ haus ſteht, und von wo das Auge ſanft hinabge⸗ leitet wird auf Strand und Meer— aller Reiz vornehmer reicher Exiſtenz, welche ſich auch die Natur zu poetiſcher Lockung bilden kann; alle Ruhe und Behaglichkeit einer ſchönen, ſorgenloſen Erde V V 106 wehte uns an mit weichem Hauche, wir legten uns auf den Raſen und träumten von Gottes Stille, von ſchönen Verſen, von treuen Augen, von weichen ſtreichelnden Händen, von ſanfter Muſik, beſonders von den elegiſchen Anfängen des verſtorbenen Bellini. Der tiefe Schatten des ſchönen Parks mit aller⸗ lei ſchönen Baulichkeiten geht noch weit hinüber zum Thiergarten, wo ſchöne Hirſche in bequemer Gefangenſchaft ihr Leben verträumen. Dieſe ganze Anlage iſt noch ziemlich jung: es war ein Wald, in welchem das Putbuſſer Stein⸗ haus lag; daraus iſt ein Schloß gewachſen, der Wald iſt zum Park gelichtet worden, erſt im Jahr 1810 iſt der Ort Putbus angelegt worden. Und jetzt bewegt man ſich unter dieſen Bäumen, als ſei man in Alt⸗England auf dem müßigen, reichge⸗ pflegten Boden eines Millionenlords, welcher Wald und Meer zu ſeinem Behagen nöthige. Auch der innere Raum des Schloſſes ſoll angemeſſen, ge⸗ ſchmackvoll und reich ausgeſtattet ſein; wir hatten die Stunde nicht getroffen, wo es zu ſehen iſt, und — —— 107 ſo nöthig und paſſend ſolche Einrichtung mit Bil⸗ dern, Büchern und Kunſtwerken natürlich iſt, ich beklage es ſelten, wenn ich den Anblick verliere. Die Vorſtellung füllt mir's genügend aus, und ich habe nicht den ſtörenden, ungerechten, aber natür⸗ lichen Einwurf zurückzuweiſen, daß ich dieß da und dort, wo die Mittel und die Abſicht größer waren, vollſtändiger geſehen habe. Hiſtoriſch⸗charakteriſtiſches trifft da immer noch am eindrücklichſten: ein glücklich gewordenes Enſemble ſolcher Oertlichkeit mahnt am nachhaltigſten an hiſtoriſche Figuren, hiſtoriſche Momente, in denen eine Schöpfung verſucht worden iſt, oder an die ſich eine knüpfet.. Ein kleines Gebetbuch Philipps II. ruht in dieſem behaglichen Putbuſſer Schloſſe, eine Beute Wrangel's. Die violetten Pergamentblätter mit koſtbaren Miniaturgemälden, mit goldnen, weißen, rothen und ſchwarzen Buchſtaben, auf denen einſt das harte Auge betend geruht hatte, liegen hier in Frieden, nur die Neugier fällt zuweilen auf ſie. 108 Und ihre Charaktere haben einſt den Schlüſſel zu Himmel und Hölle gehabt.— Auch eine Gips⸗ maske vom Antlitze des erſchoſſenen Schwedenkönigs Karl XII. mit der Kugelwunde am rechten Schlafe ſchläft hier ihre geſpenſtige Exiſtenz. Ich ließ mir das erzählen, und blieb ſtill auf dem prächtigen Raſenabhange, grün, wie England in meinem Sinne ruht, auf dieſem prächtigen Aus⸗ ſichtspunkte liegen, dachte an die Welt, die ſo Vieles verſucht, und an den Tag, der mit ſeiner goldnen Sonne unpartheiiſch darüber hingeht, an die Welt, die nach all den Andeutungen zunächſt kommen könnte, und ſang, und klagte und hoffte in meinem Herzen— was finden wir? Ein kleines Wort, das Wort heißt„Weiter!“, weiter! riefen ſie, nach dem Fürſtenhofe! Das iſt ein Wirthshaus, da wollen wir Beefſteak eſſen. Nach der Saiſon hat dieſes weiße Städtchen in ſeiner Leere etwas Verſtorbenes, man hört ſeine Tritte ſchallen, man zählt die Leute— ich kaufte mir für zwei Silbergroſchen einen Eichenſtab, und 109 ſchritt ſammt meinen Gefährten aus dem offenen Oertchen hinaus, nach dem Walde zu, um gegen Bergen zu gelangen. So wie man den Menſchen handlicher bekommt, wenn man erſt weiß, ob er von Jugend auf Hof⸗ rath oder Kanzleiinſpektor geweſen iſt, ob er nie⸗ mals Anlage zu Polizeiwidrigem, zu Eigenem be⸗ wieſen hat, ob er in Liebe oder Haß befangen war, ſo verſtändigt man ſich auch erſt mit der Auffaſſung eines Landes, wenn man einen Blick in deſſen Ge⸗ ſchichte werfen kann. Da hat man nun hier große Noth! Was iſt wendiſch, was iſt germaniſch auf Rügen? Das hat ſchon heiße Mühe gekoſtet, wenn's irgend an⸗ geht, entſcheid ich's nicht, das getraue ich mir zu verſprechen; was ſoll ich mir um der alten Wenden halber Ungelegenheiten machen, der ich um der neuen halber ſchon genug habe? Ruhe und Ge⸗ nuß meiner Reiſe iſt durch dieſe Unzulänglichkeit unſerer Hiſtoriker ſehr geſtört worden. 110 Natürlich iſt Rügen den Klaſſikern bekannt geweſen, ſie haben ſich nur nicht die Mühe genom⸗ men, dafür einen Namen auszuſuchen, und man begnügt ſich nicht mit dem Bernſteinlande der Römer, womit dieſe den grauen Norden abfinden, ſondern auch die Phönizier müſſen da geweſen ſein. Da wir nun aus Phönizien alle möglichen Vermuthungen und ſehr wenig Bücher gezogen haben, ſo iſt es beſonders der Inſel Rügen wegen ſehr zu bedauern, daß der Hannöverſche Sanchunia⸗ thon abortirt worden iſt. Das war nämlich der Verſuch, in einem nicht exiſtirenden Kloſter Oporto's ein Manuſcript aufgefunden zu haben; der Verſuch hat ſein Möglichſtes gethan, Hannover hat aber kein Glück mit Oporto; wir ſind auf dem alten Punkte mit Rügen und den Aufklärungen durch die Phönizier.. Etwa dreißig Jahre nach Karl dem Großen ſoll die Inſel in einer wirklichen Urkunde zum erſten Male erwähnt ſein, das genügt für unſern Zweck. Man hat ſie früher Reidgodland und Raneninſel 111 geheißen, wie denn Ranen überhaupt ein alter, beliebter Ausdruck für Rügener iſt, und ähnlich klingende und nicht minder wohlklingende, nach Fiſchthran ſchmeckende Namen, wie„Ratze“ ein Fürſt, Bog, Bialbog, Czernebog, die Namen diverſer Götter auf einen ſehr kräftigen Geſchmack deuten. Die alten Römer nannten es, wie ſie, glaube ich, mit den meiſten Inſeln thaten, Rö oder Roe. Der Name Rugia kommt ſpäter vor, und wechſelt auch noch mannigfalt; kein Menſch weiß, ob er von den germaniſchen Rugiern her⸗ rührt, von denen uns in Tertia erzählt worden iſt, daß ſie mit den Herulern beliebte Soldaten in Rom geweſen, und durch ihren Führer, Herrn Odoaker, das weſtrömiſche Reich geſtürzt haben. Kurz, es ſind mir wenig Forſchungen auf meiner Durchreiſe gelungen, und ich folge zumeiſt dem Herrn von Schönholz, welcher unter der beſcheide⸗ nen Chiffre Fr. v. Sch. und unter ſteter Verehrung der Inſel das neuſte und beſte Reiſehandbuch über Rügen herausgegeben hat. Außerdem habe ich auch 11² das dicke Buch des Herrn Paſtor Grämbke geleſen, welches zum Theil auch die Quelle des Herrn v. Schönholz und ein ſehr dankeswerthes, mit Paſto⸗ renfleiß und reicher Kenntniß gearbeitetes Werk iſt. Die Ranen waren denn alſo unverſchämte See⸗ räuber, die mit Mecklenburgern, Pommern und Dänen in ſteten Kriegen lagen, und eine Zeit lang auch vom Chriſtenthum und Dänemark, beſonders von Kanut dem Großen unterjocht wurden. Be⸗ kanntlich war die Nordküſte Deutſchlands am wider⸗ ſpenſtigſten und feindſeligſten gegen das Chriſten⸗ thum, da gab's viel Schlachten und Blutvergießen, das in unintereſſanter Weiſe durch einander geht, die Kraft der Inſel bricht, deutſche Einwanderun⸗ gen nöthig macht, und ſo am Ende den wendiſchen Schlag vermiſcht. Man erzählt ſogar detaillirt romantiſch, daß die letzte Wendin auf Rügen, die noch wendiſch geſprochen habe, Madame oder Mam⸗ ſell Gülzin, im Jahr 1804 verſtorben ſei. Item, Rügen war eine pommeriſche Provinz geworden. —— —— 113 Die alten rügenſchen Wenden genießen einen ſchlechten Ruf, ſie gelten für grauſam und räube⸗ riſch, dem Fraß und Soff ergeben; ihre Sprache ſoll ſich noch ziemlich rein bei den Caſſuben in Hinterpommern erhalten haben. Eine Gattung der⸗ ſelben findet man noch in einzelnen Strichen der Laufitz, wo ſanftgebildete Reiſende noch heute vor dieſen heidniſchen Lauten erſchrecken. Gegen den eingelernten blondblauen Begriff der Germanen werden uns auch dieſe Wenden blond mit blauen Augen Peſchiber. Man möchte ſagen, die nordiſche Luft erzeuge in ihrer Schärfe und Herbe ſolche blaſſe Farben, laſſe ſatter Gefärbtes nicht zu, denn der lichte Charakter geht noch heute durch, die preußiſche Armee aus den alten nördlichen Provin⸗ zen iſt beinahe ganz blond, und erinnert in Deutſch⸗ land damit zum ſtärkſten an die alten Germanen. Freilich ſind unterdeſſen die Haarſchneider erfunden worden, die Todfeinde geſchichtlicher Sitte; ferner Holſtein, Dänemark, England ſprechen im Ganzen noch heut für den lichten Charakter; aber Schweden V. 8— 114 mit ſeinen dunklen Koͤpfen, mit ſeinem durch Schön⸗ heit berühmten brünetten Menſchenſchlage macht alle Regel zu Schanden, wenn man ſelbſt für die dunklen Irlaͤnder zugäbe, daß ſie ein urſprüng⸗ lich ſüdlicher Schlag ſeien. Die alten blendend weißen, wie alle nordiſchen Völker hoch gewachſenen Wenden auf Rügen ſollen lange Bärte, und kurze Röcke von Tuch oder Lein, kurze Mäntel, kleine Mützen mit einer Feder ge⸗ tragen haben. Daneben ſind die Frauen ſchlecht bedacht geweſen mit einem langen, grauen Kleide aus Flachs, ohne Aermel— die Weiber haben überhaupt durch die moderne Geſchichtsentwicklung das meiſte gewonnen; die Weiber und die Kauf⸗ leute; die Galanterie des Mittelalters war doch nur Zuckerwerk, und wenn es kein Zuckerwerk gab, da gab's viel Langeweile. Intereſſant ſcheint mir's, daß die alten Ranen ächt nordiſch, wo es mehr Nacht als Tag iſt, die Zeit nach Nächten und nicht nach Tagen gezaͤhlt haben; auch haben ſie von dem erfrornen Frühlinge 115 und dem rheumatiſchen Herbſte keine Notiz genom⸗ men, ſondern nur Sommer und Winter unter⸗ ſchieden. Wenn Einem warm iſt, da giebt's Som⸗ mer, wenn man friert, Winter, Ihre zwölf Mo⸗ nate haben ſie auch viel eigenthümlicher benannt als wir mit unſern romaniſchen Namen, die uns nichts bedeuten, ſie hatten folgende Monate⸗ Win⸗ ter, Krähen, Tauben, Kukkuks, Birken, Saat, Linden, Getreide, Brunſt, Blätterfall, Erdfroſt, dürrer Mond. Damit weiß man doch gleich, was in der Natur vorgeht, und mit ein Paar kleinen Geſchmacksänderungen wäre die ächteſte Poeſie in den Kalender eingeführt. Gegen die Frauen waren dieſe Wenden keines⸗ wegs blöde, ſie durften deren drei heurathen, und der Pantoffel war auf Rügen unbekannt: die erkaufte Frau war dem Manne leibeigen, eine Magd, ſie durfte nicht mit am Tiſche eſſen und mußte dem Manne und ſeinen Gäſten die niedrigſten Dienſte verrichten. Nur an den zweiten Frauen entſchädigte ſich die erſte und knechtete ſie. Jede Braut ſang riſſen, Jungfrauenverführer ſtarben in den Flam⸗ 116 ein Klagelied, wenn ſie das Elternhaus verließ, an⸗ geblich, weil ſie das heimiſche Feuer auf dem Heerde unbehütet verlaſſen müſſe, dann ſtieg ſie auf den Wagen, welchen der Bräutigam ſandte. Er bewill⸗ kommte ſie an der Grenze ſeines Eigenthums mit einem Feuerbrande und einem Trinkgefäß. Jener war Symbol, daß ſie nun den neuen Heerd hüten ſolle, aus dieſem durfte ſie trinken. Dieß geſchah, wenn ſie die Wohnung betrat, noch einmal, und darauf wurde ihr das Haar abgeſchnitten und der Braut⸗ kranz aufgeſetzt. Kinder gehörten dem Vater, er machte mit ihnen, was er wollte, nur Söhne erb⸗ ten geſetzmäßig, mißgeſtaltete Kinder durfte der Vater tödten, auch Töchter, wenn ſich deren zu viel einfanden. Die Erbſchaft der Söhne ging nach dem Verdienſte im Wettlauf, Laufen war alſo die erſte Tugend und das einträglichſte Geſchäft. Die Griewen, oberſte Prieſter, waren Haupt⸗ perſonen, ſie machten auch die Geſetze, vor denen nichts rettete. Ehebrecher wurden von Hunden zer⸗ 117 men, Weiber, die nach dem Manne ſchlugen, büß⸗ ten ihre Naſe ein, auf Verläumdung ſtand Stäupung oder Tod, auf Diebſtahl Prügel oder Tod durch wilde Hunde, wer den Gaſtfreund beleidigte, mußte ſterben, gegen Mord ſtand die Blutrache offen. Man ſieht, die Geſetze waren nicht viel weni⸗ ger als die Drakoniſchen mit Blut geſchrieben, und man konnte leicht zu einem Schaden kommen, der keinen zweiten zuläßt. Ihre Religion war heidniſche Vielgötterei, und hier ſpielen die Bog's, Bog als Hauptgott, Bial⸗ bog als weißer und Gott des Guten, Czernebog als ſchwarzer und Gott des Böſen ihre Rollen. Drei⸗ einigkeit und perſiſcher Dualismus beiſammen. Nun gab's aber noch viel apanagirte Gottheiten, die Vit's, Swantevit, Rugevit, Borevit und Poromur, von denen Swantevit mit ſehr geſuchten Eigenſchaften der bei Weitem beliebteſte und auf Arcona, an der Nordſpitze, zu Hauſe war. Er hatte ein weißes Pferd, welches mit den Prieſtern die einflußreichſte, pro⸗ phetiſche Rolle ſpielte. 4 ſchwarzes Täfelchen geſchrieben, und den Tod ein⸗ 118 Wie ſie ihre Todten begruben, intereſſirt uns indeß am meiſten, da hiervon allein noch die Spuren in den verſchiedenen Grabmälern übrig ſind. Die Leichname wurden verbrannt, oft in Ge⸗ ſellſchaft mit Geſinde und ſonſtigem Zubehör des Herrn, da die naive Anſicht, wie bei den alten Ger⸗ manen vorherrſchend war, im neuen Leben finge man Geſchäfte und Intereſſen juſt wieder da an, wo man ſie hier gelaſſen habe. Die Aſche ward in eine Urne gethan, und dieſe auf verſchiedene Weiſe bedeckt, entweder mit Steinblöcken oder mit Erd⸗ haufen. Davon finden ſich nun viele Variationen, und dieſer Reſte ſind noch ſo viele übrig, daß man wie durch einen großen Begräbnißplatz durch dieſe Inſel reiſ't. Frei liegen die alten Recken in Gottes Welt, das Meer kann oft zu ihnen aufſehen, die Vögel des Himmels umkreiſen ſie in weiten Bogen, der Wind trägt ihnen ungehindert von allen Seiten Nachrichten und Grüße zu, kein Dorfſchulmeiſter hat mit dem Tiſchler ſeine Lamentationen auf ein 119 geengt in alltaͤgliche Beziehungen, die alten Rügener ſchlafen frei und groß wie die Elemente. Daß ſich auch bei den Lebenden noch deutliche Zeichen einer uns fremdartigen Nationalität vor⸗ finden ſollen, mag ich nicht ohne Weiteres zugeben, noch auch in Abrede ſtellen, da ich die eigentlichen officiellen Striche der alten Rügener, wo ſie ſich am deutlichſten erhalten haben ſollen, nicht geſehen habe. Dies iſt der ſüdliche Theil Rügens, das ſo⸗ genannte Mönchgut, und es ſind einige Inſeln, beſonders Hiddenſö und Ummanz. Was übrigens dem aus Mittel⸗ und Süddeutſch⸗ land Kommenden Fremdartiges hier entgegentritt, ſcheint ſich nicht allein auf Rügen zu beſchränken: es iſt entweder ein derbes, biederes, halb ſeemänni⸗ ſches Weſen, was dem Norddeutſchen im Allgemei⸗ nen eigen ſein mag, oder es iſt jener Anſtrich von Dänemark und Schweden, der ſich wie eine Luft⸗ einte bis hierher erſtreckt. Beſonders von Schweden. Das frühere Schwediſch⸗Pommern mit Greifswalde, Stralſund und dem anliegenden Striche bietet heut 120 noch mancherlei Sitte und Aeußerung, welche aus der früheren Herrſchverbindung übrig geblieben iſt. Rührend iſt die ariſtokratiſche Abſonderung ſolcher kleinen Inſeln, wie Hiddenſö und Ummanz: ſo wie der Neapolitaner und der Pariſer ſtolz auf die übri⸗ gen Italiener und Franzoſen ſieht, ſo nennen die Ummanzer ihr Inſelchen vorzugsweiſe„das Land“, verkehren ungern mit den Rügenern, und ſehen es ſehr ungern, wenn einer von ihnen eine Rüg'nerin „friet”“(freit). Die Hiddenſöer nennen ihre kleine Inſel das ſüße Ländchen,„ſöte Länneken,“ und manche von ihnen kommen ihr Lebtag nicht nach Rügen. Auch die Sprache ſondert ſich ab als rein ſeemän⸗ niſch⸗plattdeutſch, ſie fertigen ſich, ganz unabhängig von aller Nachbarwelt, auch ihre Kleidung ſelber, und ſind ein hoch und ſchlank gewachſener Stamm mit blauen Augen und blonden Haaren. Ganz ver⸗ ſchieden von ihnen ſind die groß und ſtarkknochigen Mönchguter mit vorherrſchend dunklem Haare. Ihr verdorbenes Plattdeutſch wird ſelbſt von den andern Rügenern ſchwer verſtanden, ſie recken die Worte 121 aus wie die Meereswelle, welche ſich breitet: Milch nennen ſie Mellek, Kalb— Kallef, der Seehund heißt bei ihnen Sahl, die Gerſte— Gaß, die Sem⸗ 1 mel— Peit, Worte, die nur bei ihnen gekannt ſind. Nur ſchwediſche Anklänge finden ſich auch hier: Königin heißt bei ihnen auch de Dronning, König— de Köning; ihr eigen Land nennen ſie Mönnichgaud. Vor Allem charakteriſtiſch iſt ihre Tracht, die noch vom Fürſt Ratze herzuſtammen ſcheint: Schwarz . iſt vorherrſchend Alles, eine ſelbſtgewebte weite Jacke, zwei Paar Beinkleider über einander, und darüber noch weite Fiſcherhoſen. Die Frauen tragen eine hohe, kegelförmige Mütze, in welcher ſo viel Zeug ſteckt, als eine Griſette zur ganzen Bekleidung ihres muntern Körpers braucht; darüber wird noch ein Strohhut geſtuͤlpt.„Ehefrauen und Jungfrauen unterſcheiden ſich durch das Band an der Mütze.“ Der Buſenlatz iſt bei Feſtkleidern roth und mit Silber oder Goldſpitzen beſetzt, dieſer und die weiße, ſteif geſtärkte Schürze ſtechen allein vom ſchwarzen Grund⸗ 2 12² ton ab. Wie die Minner ihre Beine, verwahren die Frauen den Buſen mit doppelten Tüchern. In ihren ſehr niedrigen Wohnſtuben leben ſie höchſt einfach, meiſt von Fiſchen,— wir Binnen⸗ leute könnten bezweifeln, daß dieſe Nahrung für ſo weitläufige Geſtalten ausreiche. Ihre Antipathieen ſind das Kalbfleiſch und der Putbuſſer. Jenes eſſen ſie nie, und mit dieſem verkehren ſie höchſt ungern. Sie unterſchreiben faſt nie ihren Namen, ſondern malen ſtatt deſſen ein Hauszeichen hin, was ihnen heiliger iſt denn Alles. Fr. v. Schönholz erzählt, daß die Frauenzimmer das Recht haben, den Mann, welcher ihnen gefällt, ſelbſt anzuſprechen,„na ehn' utſtellen“(nach Einem ausſtellen), wie ſie's ausdrücken. Dies will mir zu einer originellen Landesſitte nur halb paſſen, welche unſern jungen Dichtern zu einem Gedicht empfohlen werden kann: Wenn ein Mädchen näm⸗ lich heurathsfähig iſt, ſo hängt ſie ihre Schürze an's Fenſter, und darf nur unter den Männern wählen, welche vorübergehn. Sind nun Eltern und Ver⸗ 123 wandte gegen eine Liebſchaft, ſo waͤhlen ſie den Zeit⸗ punkt, wo der Liebſte zur See iſt, und den Schür⸗ zengang nicht mitmachen kann. Da ſteht nun das arme Mädchen weinend hinter der Schürze und ſchilt das Meer und hofft, es werde hereintreten in's Land und das Boot des Geliebten im Bereich der Schürze ſtranden. Weinend kuckt ſie aber doch durch die Lücke, ob nicht wenigſtens ein leidlicher Stell⸗ vertreter gewählt werden könne. Dieſen abſcheu⸗ lich modernen Zuſatz werden die Dichter weglaſſen mögen. Der Hauptfeind Mönchguts iſt der Seehund, der zahlreich an der Küſte ſtreift. Iſt einer in die Netze gebrochen, ſo gibt's ein Landesaufgebot, ihn zu fangen, Weiber und Männer tanzen am Strande, und ſingen einen uralten Reigen, ehe ſie an den Feind gehen; Hahl mi den Sahlhund ut'n Stranne To Lanne! He hett mi all de Fiſch ur fräten, Sett mi't ganze Nett terräten, —ᷣ—ᷣ—ÿ—ÿ—ÿx——O——— ſiebzig Jahre hin und ſterbt auch nicht gern. 124 Hahl mi den Sahlhund ut: Stranne To Lanne! Man ſieht, es iſt wenig Idealiſtik in dieſer Poeſie, Ich habe oft gedankenvoll auf dieſe Küſte hin⸗ übergeſehen, und den Reiz eines ſolchen Lebens ohne Kalbfleiſch und mit der einzigen Feindſchaft gegen den Seehund vorzuſtellen geſucht— es kommt Alles auf die Frage hinaus: Viel oder wenig Bedürfniſſe? Mein Glaube hält es durchweg mit den Bedürf⸗ niſſen, je mehr, je beſſer; Herz, Geiſt und Leib, je mehr ſie wollen, deſto reicher ſind ſie mir, denn deſto mehr haben ſie. Wer viel braucht, entbehrt mehr, aber er hat auch mehr. Doch will ich Euer Glück nicht antaſten, ſchwarze Mönchguter! Das Eſſen ſchmeckt Euch, Eure niedri⸗ gen Stuben wärmen Euch zum Behagen, die ſtille Gewohnheit macht Euch einander lieb und werth, Ihr hofft für's nächſte Jahr auf reichen Härings⸗ ſtrich, und lebt mit drei Intereſſen des Jahres 125 Aber Alles kommt ſicher nicht in gleiche Ver⸗ hältniſſe auf einer andern Welt— des Mönchguters Seele hat ja doch eine ganz andere Geſchichte und iſt deßhalb eine ganz andere als die des Pariſers. Und ſo wird der Unterſchied fort gehn in andre Welten, und das von der Erde gleich Zuſammen⸗ kommende wird ſich wieder in neue Unterſchiede ſon⸗ dern. Das iſt die Welt. R n. 8 ̈☛ Es war ein ſtiller niedriger Wald, durch den wir nach Bergen wanderten. Hinter ihm öffnete ſich ein hügliges Land, in welchem hie und da wie Ruhe⸗ plätze einzelne Gehöfte, mit Bäumen umgeben, lagen. Dies iſt der vorherrſchende Charakter des Ländchens: Kleine Städte, wenig größere Dörfer, aber viel ſolche einzelne Höfe. Gegen Sonnenuntergang ſehen wir vor uns auf einer mäßigen Höhe das Städtchen Bergen. Ein Landſtädtchen ohne beſondern Charakter, Mittel⸗ und Hauptpunkt des Landes; dicht bei ihr liegt der Ru⸗ gard, die geprieſenſte Höhe der Inſel. Die Sonne „ 127 neigte ſich zur Rüſte, wir eilten alſo hinaus. Wenn von Bergen und Höhen die Rede iſt, ſo erhebe man hier ja nicht etwa ſeine Illuſion beſonders, die Unterſchiede ſind hier ſehr gering, und nur im Ver⸗ hältniß unter ſich von Bedeutung— mäßige Er⸗ höhungen, das iſt Alles, was man von Rügen er⸗ warten darf. Da nun Bergen ſchon der höchſte Punkt iſt, ſo darf man kein beſonderes Aufſteigen nach dem Rugard gewärtigen. Es iſt der Erdreſt einer alten Wallburg auf einer kleinen Anhöhe. Um Wälle und einzelne Theile der Befeſtigung auszu⸗ finden, muß man ſehr ſpeciell zu Werke gehen und mancherlei ſpecielle Phantaſie mitbringen. Das iſt um ſo nöthiger, da das Ganze durch kleine moderne Zuſätze bereichert und zu einem Spaziergange ge⸗ macht iſt. Das alte Reſidenzſchloß der Rügenſchen Fürſten ſoll hier geſtanden ſein— wir ließen das auf ſich beruhn, und vertieften uns in die Ausſicht. Es iſt dies der Punkt des Rügenſchen Panoramas, und Herr v. Schönholz wird ſehr ſchelten, daß wir damit angefangen haben, ſtatt damit zu ſchließen. 128 Er hat auch vollkommen Recht: man muß ſich dieſe Totalüberſicht Rügens bis zuletzt aufſparen. Das ganze Ländchen, getheilt und durchwäſſert durch die Binnenwaſſer, die Bodden, liegt vor uns, ein Edel⸗ ſtein, gefaßt in eine Silberſee, wie Shakespeare im König Richard II. von England ſagt, nur die nahe Pommerſche Küſte mit den Thürmen von Stralſund ſtört den Vergleich mit England. Nach Nord und Oſt jenſeits des offnen Wittow und des bebuſchten Jasmund, der dunklen Granitz die uferloſe, in's All verſchwimmende See, mit dem Hauch des Abendrothes, was über Pommern herüber glimmt, auf der andern Seite Küſten und Inſeln, Einſchnitte und Buchten, Thürme und Kir⸗ chen, zunächſt Stralſund mit hohen Kirchen, weiter hinab Greifswald, noch weiter Wolgaſt, die blaue Spitze von Uſedom, dazwiſchen die Stationen unſrer Fahrt: die Die, Ruden, der Vilm.— Hierbei kann dem Leſer ein geographiſches Bild der Inſel gegeben werden: ſie iſt in vier Theile geordnet, und man geht weiter ſüdlich von Bergen 129 an einem Wegweiſer vorüber, wo alle vier Namen zuſammentreffen. Der Theil, in welchem wir uns jetzt befinden, und welcher ſich füdweſtlich zunächſt nach Pommern drängt, wohin man über den Pom⸗ merſchen Sund in zehn Minuten vom Segelboot getragen wird, heißt Bergen, der nördliche Theil dieſer Inſelhälfte, der bis in das Nordkap Arkona ausläuft, heißt Wittow— der nach Südoſt hin⸗ über liegende Theil tritt etwas zurück, und iſt bis unterhalb Bergen durch einen großen Bodden von dieſem geſchieden; ſeine nördliche Hälfte heißt Jas⸗ mund, ſeine ſüdliche Mönchgut, zwiſchen beiden liegt die ſchon erwähnte waldige Granitz, welche keinen officiellen Theil ausmacht, im nördlichen Jas⸗ mund die Stubnitz, welche auch nicht beſonders ge⸗ zählt wird. Dieſer jenſeitige Theil, Jasmund und Mönchgut mit der Stubnitz und Granitz, mit den Stubben⸗ kammern, dem Garthaſee, den ſchönen Wäldern, dem Jagdſchloſſe der Granitz, der charakteriſtiſchen Eigenthümlichkeit der Mönchguter, dieſer Theil drüben, V. 9 130 von welchem uns hier auf Rügard der Boden ſchied, wie vom gelobten Lande, iſt der bei Weitem ſehens⸗ werthere und intereſſantere. Außer Putbus und dem Rügard enthält die weſtliche Hälfte nur den Leucht⸗ thurm in Arcona und iſt offnes, unintereſſantes Land, Es müßte ſich denn Jemand beſonders für den verſtorbenen Dichter Koſegarten intereſſiren, der aber in Wittow, im Dorfe Altenkirchen begraben liegt. Dort war er Prediger— der Ort hat, neben⸗ her geſagt, die älteſte chriſtliche Kirche auf Rügen, und davon ſeinen Namen, auch lebt Swautewit der Heidengott als Sanct Veit hier chriſtlich weiter— von dort aus hat er— nicht Swautewit, ſondern Koſegarten— ſo fleißig Reiſende für Rügen ge⸗ worben, er hat Rügen zuerſt als ein unerläßliches Reiſeziel angeprieſen, von dort aus ſind ſeine„Inſel⸗ fahrt,“ ſein„Euſebio“ ꝛc. Rügen empfehlend zum Druck gewandert, und auf Subſkription in Leipzig herausgekommen. Süße naive Zeit unſrer Literatur! Wir fanden in einem ganz leidlichen Wirthshauſe einen trefflichen Thee gerüſtet, mit gutem Fleiſch, —— —— 131 Seefiſch und vielerlei Sonſtigem garnirt. Ueberhaupt wird der Leib hier in Norden viel kräftiger und tüch⸗ tiger verſehen als in Mitteldeutſchland, und es iſt mir jetzt erklärlich, wie die Pommern und Meklen⸗ burger die Halle'ſche Küche ſo ungemeſſen platt⸗ deutſch ſchmähen konnten. Halle zeichnet ſich auch allerdings darin auf's ſchlechteſte aus, dies Stati⸗ ſtikum darf aber auf die Länge nicht mehr verſchwie⸗ gen werden, daß man in Sachſen und beſonders in Schleſien am geſchmackloſeſten und dürftigſten ge⸗ ſpeiſ't wird. Hier in Bergen fanden wir denn auch Koſe⸗ gartens Gedichte, die ſo geeignet ſind, in jene lite⸗ rariſche Epoche zurück zu verſetzen, wo neben Schiller und Goethe die Poeſieen des Pfarrers von Alten⸗ kirchen und Aehnliches noch mit großer Theilnahme aufgenommen wurden, wo er die harten Verſe, in denen er Arcona propagandiſtiſch beſingt, dreimal verbeſſert, oder wenigſtens verändert herausgeben konnte, wo er ſeines Töchterchens Alwina Bildniß vorſtechen ließ, in ſichrer Gewißheit, das Vaterland Seite für Rügen ſtolz geſteigert, und vielleicht die und das gefiel noch zu einer Zeit, wo Goethe ſchon 13² nehme auch an der Phyſiognomie ſeiner Familien⸗ glieder das größte Intereſſe. Da finden ſich denn auch drei Lieder auf den Rügard. Das erſte beginnt: „Auf Deinem ſchroffen Felſenſcheitel Empfange mich alter Rügard, Empfange mich, Hehrer! Mich lüſtert, zu ſchauen, Mich lüſtert, zu faſſen ꝛc. 4 Der Rügard iſt aber alles Mögliche, nur kein— ſchroffer Felſenſcheitel— das iſt nun auf der einen 4 Grundlage zu den irrigen Vorſtellungen, die man jetzt noch vielfach von der Inſel hat, als ſei dies ſanfte, anſpruchsloſe Eiland eine wilde, pittoreske Felſeninſel; auf der andern Seite vergegenwärtigt es ganz und gar das Antlitz einer aus Worten zu⸗ ſammenaddirten Poeſie. Hohe Felſen, tiefe Schluch⸗ V ten, immer Sturm und dergleichen Extreme waren ſtets erforderlich, um eine Gegend poetiſch zu finden, 133 ſo viel für den einfachen Geſchmack am Wahren und Aechten geſchrieben hatte. Dieſe Koſegartenſchen Poeſieen mit ſeinem und Alwina's Bildniſſe und vielen andern Bildern ſind 1798 erſchienen. Das zweite Lied an den Rügard beginnt wiederum: Hinan den Fels! 5 Hinan im heulenden Sturm! Was ſtrebeſt du, Starker, mit mächtiger Schwinge Dem Klimmer entgegen? Ich will, Ich will ihn erklimmen.— Wieder Sturm und Fels und Anlauf! Wir mußten uns beſinnen, ob wir denn auch nur eine Anhöhe zu erſteigen gehabt; nur der Siebenbürgner nahm Koſegartens Partie, weil faſt in jedem Ge⸗ dichte die Unſterblichkeit empfohlen werde. Der Sachſe dagegen lachte wie ein Recenſent darin umher und las einzelne Verſe vor: „Mit herrlichen Narben die Stirne beblümt“ „Nur Eines, Ida, altre nie, „Es ändre und es kränkle nie „Das ſüße Band, das uns umflicht, „Das faſ're und das reiße nicht.“ 134 Dann fand er mehrere„Thränchen“ und trieb arges Zeug. Man kann pietätslos damit viel Un⸗ recht thun, und muß ſich meiſtens begnügen, die hiſtoriſche Vergleichung zu gewinnen. Der Siebenbürgner im Barte führte uns dieſen Abend noch ein wunderliches Schauſpiel auf: Das ſtille friedliche Bergen, was in der Sonntagsruhe um uns her lag, unſere ſanfte, lachende Simmung und ein ſchönes Rügenſches Mädchen mit vollen, wohlgebildeten Formen und den artigſten Luſtſpiel⸗ augen, das Alles hatte wohl den Paroxysmus ver⸗ anlaßt, welcher ſich ſeiner bemäͤchtigte. Er ſtand nämlich auf und ging heftig im Zimmer auf und nieder, lange Zeit unbemerkt von unſerm Treiben. Sein Landsmann, dem die Erſcheinung nicht mehr neu war, machte uns aufmerkſam.— Der Akteur hatte die Arme gekreuzt, trat ſtark und imponirend auf, machte ein ſehr böſes Geſicht, und ballte mitunter ſchnell eine Fauſt in die Luft. Das Mädchen räumte den Tiſch ab, und ſah mit⸗ unter von dem mit ihr ſcherzenden Sachſen nach dem Bärtigen zurück, und kicherte.— Warum lachen Sie, warum erdreiſten Sie ſich zu lachen, bedenkliches Geſchöpf? wandte er ſich plöt⸗ lich mit einer Donnerſtimme an ſie.— Wie ein Pfeil entwich die Dirne, an der Thür dem Hauswirth begegnend, welchen ein Geſchäft zu uns führte. Gegen dieſen richtete ſich der neue Angriff.— Herr Wirth— die Stimme war ge⸗ dämpft— beſorgen Sie mir ein Glas Waſſer und einen Stiefelknecht, oder ich renne Ihnen meinen eiſernen Stock durch den Leib.— Der Wirth prallte zur Thüre hinaus, und brachte in Kurzem zaghaft und ſchüchtern das Verlangte, Waſſer und Stiefelknecht.— Herr, wie konnten Sie ſich erlauben, was Sie ſich erlaubt haben? ich werde blutige Rechenſchaft von Ihnen fordern.— Darf ich fragen— Schweigen Sie, thörichter Mann, ich weiß, was ich ſage, und ich ſage, was ich weiß, das Un⸗ 136 glaubliche wird bei der Sittenverderbtheit möglich, aber ich werde ein ſchreckliches Gericht halten— Aber ich erinnere mich durchaus nicht, und muß tauſendmal um Verzeihung— Ich mache Sie kalt, furchſamer Mann, bewegt ſich Ihre Lippe noch weiter— Sie haben vor einer halben Stunde vor der Hausthür gepfiffen, ge⸗ pfiffen haben Sie, dreiſter Mann— Ein allgemeines Gelächter veranlaßte den Wilden, gegen uns Front zu machen, er maß uns mit ſtol⸗ zem Blicke, und da unſer Lachen nicht aufhören wollte, wendete er uns den Rücken und ſchritt hinaus. Sein Landsmann ſchien mehr verlegen, als er⸗ ſchreckt zu ſein, und was er uns endlich zögernd von ähnlichen Vorfällen zugeſtand, deutete wirklich auf einen Paroxysmus renommirender Kourage, der unter gewiſſen Verhältniſſen bei dem bärtigen Manne ein⸗ zutreten pflegte. Die hauptſächlichſten Bedingungen ſchienen zu ſein, daß er kurz vorher in mehrerlei Situationen ein Benehmen gezeigt habe, was die nöthige Kourage allenfalls vermiſſen ließe, daß ein * * 137 ſchönes Mädchen in der Nähe ſei, und ſich einem muntern Scherze mit andern Männern nicht abge⸗ neigt zeige. Dazu gab er die ſehr überflüſſige Ver⸗ ſicherung, ſein Landmann thue auch in dieſem Pa⸗ rorysmus keinem Menſchen einen Finger weh. Wir hatten alſo eine vollſtändige Monomanie vor uns gehabt, wo der mangelnde Muth, Muth zu Gedanken, zur That, zur Liebe auf gefahrloſe Weiſe eine Exploſion erzeugt, ein blindgeladenes Los⸗ ſchießen, um irgend ein verlorenes Gleichgewicht mit ſich und der Umgebung wieder herzuſtellen. Ich ſprach mit dem Sachſen vor'm Einſchlafen noch über Men⸗ zels Literaturblatt, ſonſt thaten wir nichts mehr. Den andern Morgen, als wir in der Frühe aufbrachen, war unſer Held ganz ſtill und ſanft, und wandelte langſam mit uns zum Thore hinaus. Niemand erinnerte ihn an ſeine Schlacht von geſtern, wir behandelten ihn wie einen Nachtwandler. Wir ſchritten durch ſanfte Hügelſchluchten, an Berglehnen hin, über kleine ſtille Plateaus; die Sonne ſchien freundlich, der Thau blitzte, ein Schäfer 138 grüßte freundlich neben ſeiner Heerde. So kamen wir an die Abdachung, welche nach dem Jasmunder Bodden abfällt, und ſahen mit Freuden den matteren herbſtlichen Sonnenſtrahl auf der breiten ruhigen Waſſerfläche tanzen, einen gemeſſenen Adagiotanz. Die Luft war ſtill und Alles ladete zur Beſchau⸗ lichkeit. Das Meer ausgenommen, iſt aller Eindruck und alles Verhältniß auf Rügen in dieſer kleinen, ge⸗ fälligen Weiſe, die Berglehnen ſind niedrige, ſanfte Hügel, das Geſtein iſt weich, bröcklig, kaum zum Kreideartigen gedichtet, die Wälder, denen man weiter drüben im Oſten und Südoſten begegnet, ſind freund⸗ lich und in mäßiger, halbjunger Stammesſtärke, meiſt aus Buchen beſtehend. Wir haben uns ge⸗ wundert, keinen eigentlich tiefen, alten Wald, keinen bejahrten Hain der alten Wenden und Germanen zu finden, er muß mit der alten Vorzeit geſchieden ſein. Alle die Redensarten von erhabener, wilder Natur, von pittoresker Geſtalt der Inſel, wie ſie gäng und gäbe, ſind übertrieben, und ſtammen vom 139 täuſchenden Idealismus, der nach dem Schema alter Poeten beſchreibt, ſind Koſegartenſch. Wir ſchifften über den ſeichten Bodden, ſchritten über die Hügel, welche Jasmund ſchützen, und ge⸗⸗ langten durch breite Hügelbecken gegen Mittag in das Städtchen Sagard. Dieſes krummſtraßige Oertchen hat zwei todte Merkwürdigkeiten, und eine lebendige. Dieſe iſt der Wirth des Gaſthofes, deſſen Namen ich leider ver⸗ geſſen habe, der aber in ſeinem grünen Rocke, in ſeiner ganzen rüſtigen Wohlgenährtheit und taktfeſten Geſchäftigkeit, mit ſeiner ſchwediſchen Phyſiognomie noch lebendig vor mir ſteht. Der Mann gewährt mir die beſte Erinnerung: er betreibt nämlich einen kleinen Gaſthof auf's rührigſte, ausbeutendſte, und befriedigend für alle Gäſte, liebt und pflegt ſeine hübſchen Kinder, und iſt über alle hiſtoriſche und Naturmerkwürdigkeit Rügens auf das beſte unter⸗ richtet. Ganz mit eigner Hand hat er ſich im Wirths⸗ zimmer eine Sammlung aller rügenſchen Merkwür⸗ digkeiten angelegt, giebt Auskunft und die kundig⸗ 140 ſten, beſonnenſten Hypotheſen über alle Steine, Mu⸗ ſcheln, Opfermeſſer, Streitäxte von Stein, Urnen, die ſich auf, bei und unter Rügen irgend vorfinden. Das Meiſte hat er ſelbſt zuſammen geſucht, und beſonders ſeine naturhiſtoriſche Kenntniß iſt von ſol⸗ cher Bedeutung, daß er mit den berühmten Forſchern unſers Vaterlandes in dem freundlichſten Verkehre ſteht. Das flicht ſich Alles ſo anſpruchslos und doch bewußt mit der ordinairſten und befliſſenſten Gaſt⸗ wirthsſorge für ein Beefſteak, für ein Glas Bier durch einander, daß es das wohlthuendſte Enſemble einer erfüllten Menſchenfigur gewährt, und wirklich an ein Ideal erinnert, wie wiſſenſchaftliche Kennt⸗ niß und Forſchung mit alltäglicher praktiſcher Wirk⸗ ſamkeit verbunden ſein könne. Ein ſehr ſchmerzhaftes Gegenbild, wie der Menſch nicht wohlthuend gebildet ſein könne, bildet der Bar⸗ bier von Sagard, den Gott und die Kunſt beſſern mögen. Eigentlich iſt er kein Barkier, ſondern ein weibliches Weſen, des Barbiers Frau, was mit Seife und Barbiermeſſer ſchmerzhaft handthieret, ——.,—— ——.,—— 141 Dieſe Manier erinnert auch an Schweden, wo eine Amazonen⸗Domeſtikenſchaft herrſcht, wo die Weiber nicht nur Weiber, ſondern auch Hausknechte, Po⸗ ſtillone und Barbiere ſind. Ich war der erſte, wel⸗ cher unter ihren Händen weinte, aber ich verbarg meine Rührung, um die Genoſſen keines Reiſeein⸗ drucks verluſtig zu machen, das nächſte Schlacht⸗ opfer, der Sachſe, wollte zwar nach den erſten An⸗ näherungen dieſer Damenhand ſprunghafte Beweiſe einer ungewöhnlichen Betheiligung dokumentiren, aber ein Wink von mir auf den bärtigen Siebenbürgner ließ ihn ausharren, er ruckte und zuckte nur einige Male wie ein Karpfen, der geſchuppt wird, trug's aber für die Ausſicht des nächſten Anblicks. Man konnte nicht ſagen, daß die grauſame Dame ſchön ſei, ſie hatte im Gegentheil zum wahrſchein⸗ lichen Leidweſen des wirklichen Barbiers von Sagard die Zeit des Paradieſes, die Zeit der„zarten Sehn⸗ ſucht und des ſliäßen Hoffens“ hinter ſich, und deß⸗ halb nahm der Siebenbürgner keinen Anſtand, mit ihr in ein Verhältniß zu treten, ein Verhältniß, 14² was ſeiner Tugend gewiß auf viele Jahre förderlich ſein wird. Ich ſchweige von dieſer unchriſtlichen Scene, von den Schlangenwindungen und dem Ge⸗ ſtöhn, unter welchen er für die Erbſünde der Män⸗ ner, für den Bart, zu leiden hatte. Verklärt, ge⸗ läutert durch Weh ging er hervor, kein erklärendes Wort entweihte die Scene, die Dame von Sagard hat nie erfahren, was ſie angerichtet. Die erſte todte Merkwürdigkeit des Städtchens iſt ein Geſundbrunnen, der vor dreißig Jahren ge⸗ ſund gemacht haben ſoll, jetzt aber wie ein entlarv⸗ ter Wunderthäter ignorirt wird; möge die wackere Barbiersfrau ſein Schickſal theilen, Sagard wird glücklicher ſein. Die zweite iſt der Dubbenworth, das größte Hü⸗ nengrab der Inſel: ein abgeſtumpfter Kegel mit Dorngebüſch bewachſen, der dicht bei Sagard liegt, und neben ſeiner Antiquität auch eine Ausſicht ge⸗ währt. Die Landleute glauben, unter dieſen Gräbern lägen Rieſen, und wenn beim Unwetter die Erde bebt, da ſchnarchten ſie, oder wendeten ſich um. 143 Das iſt ganz gut, was machen aber wir, die wir keine Hünengräber haben? Auch mit einer Sage wartet der Dubbenworth auf: In Jasmund hat eine große Rieſin gehauſ't, denn es giebt auch große und kleine Rieſen, die hat über den Bodden hin⸗ über zum Fürſten von Rügen geſchickt mit dem Be⸗ merken, ſie wünſche ihn zu heurathen. Dies hat ſelbigem aber nicht wünſchenswerth geſchienen, da er zufällig gar kein Rieſe und ohne Verlangen nach ſo großen Gliedmaaßen geweſen iſt. Er giebt ihr alſo einen Korb, und ſie nimmt das natürlich ſehr übel, und rüſtet einen Krieg. Um ſchneller über den Bodden zu kommen, will ſie ihn eiligſt mit Sand ausfüllen. Sie trägt eigenhändig Sand in ihrer Schürze zu, und bei dieſer Gelegenheit ſehen wir, daß die Schürze ein ſehr altes, äſtimirtes und nicht blos Griſetten, ſondern auch großen Damen zukom⸗ mendes Kleidungsſtück iſt— die Schürze aber platzt in der Nähe von Sagard, und der Haufe Sand, welcher herausfällt, liegt noch heute da, und heißt jetzt, wo's an Rieſen fehlt, der Dubbenworth. 144 All dies erlebten und erfuhren wir in dem kleinen Städtchen, und es war noch nicht zu Ende— es fuhren zwei lange, unbedeckte Korbwagen vor, die Pferde waren ziemlich ordinair aufgeſchirrt, aber prächtige Thiere, deren reines Blut auch in der un⸗ ſcheinbaren Tracht und Umgebung leicht erkannt wurde. Solche Korbwagen hat man in Mecklenburg, und die Heimath derſelben iſt Holſtein; es fahren in jenen Gegenden ganz noble Leute darauf; ſolche Pferde hat man nur in Mecklenburg; die Geſellſchaft, welche aus einem Zimmer trat, was wir noch nicht geſehen hatten, mußte alſo nothwendig aus Mecklenburg ſein. Mecklenburg, welche ſolide, ſchrotige, viereckige Ge⸗ danken ſteigen Einem auf bei dieſem Namen! ich denke ſtets dabei an Kutſchenpferde, große Klöße, Fleiſchtöpfe und waſſerdichte Stiefeln; ich bin immer ſatt, wenn mir das Land einfällt, es muß ſich derb und geſund dort leben. Und ſo hatte ich mir die Mecklenburg'ſchen Damen gedacht, wie ich deren zwei hier vor mir ſah: von großem, vollem Wuchſe, mit weiten blauen Augen, mit feſtem, weißem, luftig 145 geröthetem Fleiſche, nicht fein, aber üppig, kräftig, mit tüchtiger Gutmüthigkeit in den Zügen, mit großen, weißen Zähnen und dichtem, braunblondem „Haar, mit ſtarker, aber fleiſchesvoller, weißer Hand. Die eine trug ein weißes Kleid, die andre ein ſchwar⸗ zes, und ſte gefielen uns ſehr. Nach Unbefangen⸗ heit der nordiſchen Art gingen ſie leicht ſammt ihren Begleitern in Anknüpfung und Geſpräch ein; wir waren im Begriff nach Arkona zu fahren, ſie ſtiegen eben auch auf den Wagen: von allen Herrlichkeiten der Welt hatten wir im Augenblicke nichts anders zu wünſchen, als daß dieſe freundlichen, ſchönen Mecklenburgerinnen— klingt das nicht ſo gewiß handfeſt und zuverſichtlich, und ganz gewiß kochver⸗ ſtändig und treu und gut, das Wort Mecklenbur⸗ gerin— als daß ſie auch nach Arkona fahren wür⸗ den. Und ſo lieb und zutraulich fragten ſie auch: Sie fahren gewiß ebenfalls nach Stubbenkammer? Herr Gott, nein, wir thörichten Menſchen haben einen Wagen beſtellt— geſchwind, läßt ſich das nicht ändern? V. 10 146 Da raſſelten ſie fort, die im weißen Kleide, die wirklich prächtig drein ſah mit dem gutmüthig⸗innigen Ausdrucke ſah ſich ſo ermunterungsvoll um— meine Herrn, ändern wir den Plan— aber die Sieben⸗ bürgner waren ungerührt, der Sachſe war nicht da, und hatte keinen Drang, da ihm der Eindruck ent⸗ gangen war; ich mußte mitpoltern auf dem harten Wagen über die Schabe nach Arkona, das that weh! Die Schabe iſt zwar ſehr merkwürdig, aber es giebt doch beſſere Dinge als Merkwürdigkeiten. 6 8. Nach Arkona und Stubbenkammer. Um nach Arkona zu kommen, mußten wir wieder zurück nach der weſtlichen Hälfte, an deren Nord⸗ ſpitze das Vorgebirge liegt, an der Spitze von Wittow. Und dies ſollte zu Lande bewerkſtelligt werden, obwohl der Jasmunder Bodden zwiſchen Jasmund und Wittow liegt. Da nämlich, wo das Meer beginnt, und der Bodden ſtolz und wohlge⸗ muth der großen Waſſermutter, der See, in die Arme eilen könnte, da drängt ſich wie eine ſkurille Ironie eine ſchmale, klägliche Landzunge zwiſchen den Bodden und das Meer, und zieht ſich von Jasmund bis nach Wittow hinüber, wohl zwei 148 gute Secunden Wegs lang. Dazu ſieht dieſe Land⸗ enge höchſt plebejiſch aus und man begreift das Meer und den Bodden nicht, wie ſie ſolch ein ge⸗ meines Hinderniß dulden können— ein Schwert zwiſchen den Ehegatten mag reſpectirt werden im Nachtlager, aber eine dürre Gerte! Ich habe das Meer und den Bodden im Verdacht, daß ſie keinen guten Willen zu einander haben: der Bodden mag vielleicht lieber ein kleiner, aber ſelbſtſtändiger Herr ſein, und das Meer vergißt hier in der tiefen Bucht den ſeichten, ſchwachen Geſellen, den kleinen Tau⸗ ſendſappermenter eines Provinzſtädtchens, der die Cotillons aufführt. Wie dem ſei, dieſe Landenge iſt ein ſchmaler, kaum ein wenig über den Waſſer⸗ ſpiegel erhöhter Sandſtrich, und heißt die Schabe. Vielleicht ſeiner ſchäbigen, ganz unproduktiven Be⸗ ſchaffenheit wegen, die Seeraben halten hier kleine Caſinos, aber ſie genießen nichts da, ſie koſten nur einmal die Landruhe. Nirgends hab' ich ſo viel Möven geſehn, als auf der Schabe, von allen Far⸗ ben, ſchwarz und weiß, grau und weiß, grau, weiß 149 ſitzen ſie hier und konſpiriren. Der Wagen, um feſten Boden zu haben, fährt meiſt mit einem Rade in der See, und ſie laſſen ihn oft ganz nahe kom⸗ men, ſie fliegen und ſchwimmen ein ungeſtörtes, ſichres Leben. Der Siebenbürgner war nicht ſo ruhig wie die Möven, und die tiefe Zuneigung der einen Wagenhälfte zum Meere beunruhigte ihn. Er verſicherte den Kutſcher, nicht ſchwimmen zu können; der Sagarder aber lachte bloß; hier giebt es keine Unebenheiten, der Meeresſtrand iſt gleich⸗ mäßiger Sandboden. So fuhren wir denn halb im Waſſer und fort⸗ während zwiſchen zwei Waſſern, an einigen Stellen i*ſt die Schabe nicht breiter als zwei, drei Chauſſeen— wie die Kinder Iſrael durch's rothe Meer. Der Siebenbürgner ſagte: wenn nun plötzlich eine Ueber⸗ ſchwemmung einträte, was geſchähe mit uns auf dieſem Sandgrat? wir erſöffen, erwiderte der Sa⸗ garder, ſein Nachbar. Im Winter mag wohl dieſe Paſſage durch das Eis gehemmt ſein, was ſich aufſchiebt. 150 Die Meeresbucht, Wilk wird es hier genannt, auf deren inneren Landesbogen wir fuhren, hat auf der öſtlichen Inſelhälfte das breiter mit der Bruſt ſich bietende Jasmund zur Grenze, und ſchief vor uns liegend auf Wittow die eigentliche Spitze der Inſel, Arcona zum Brechpunkte. Beide Ge⸗ ſtade glänzten wie Kreidefelſen aus der Ferne, und der Leuchtthurm von Arkona, in deſſen Nähe noch einige Wallreſte einer alten Jaromarsburg ſich fin⸗ den, ſah wie ein Caſtell über das Meer herüber zu uns. Die Sonne ſchien freundlich, wir ließen zu großer Beunruhigung des Siebenbürgners den Wagen etwas weiter in's Meer fahren, machten ihn zur Garderobe und wateten in die See hinein. Auch das Waſſer hält nicht einmal Wort, wenn der Anblick von Reinheit der Geſinnung ſpricht, ſchwar⸗ zer Schleim wie Rogen von ſchwarzen Fiſchen er⸗ füllt die Strandwellen, und macht den Badenden ſchwarz ſtatt weiß, in großer Maſſe ſchwimmt das merkwürdige Waſſerphänomen, der Seeſtern, medusa 151 aurita darin umher, der aus der Ferne einer kleinen platten Muſchel gleicht, in der Nähe eine weißliche Gallertmaſſe zeigt mit dunklem Mittelpunkte. Die⸗ ſer kleine, wunderliche Teller iſt ein lebendiges Weſen, was ſich ſelbſt befruchtet, ein abgeſchloſſener Staat, der millionenfach in der Oſtſee ſchwimmt. Es war gegen Abend, als wir den Leuchtthurm dicht vor uns ſahen; der Himmel hatte ſich bedeckt, die Sonne ging roth unter, wir ſtiegen aus, und traten an die nördlichſte Spitze Deutſchlands; vor einigen Jahren war ich an der ſüdlichſten, bei'm adriatiſchen Meere geweſen, wie viel Schickſal lag da⸗ zwiſchen, Schickſal, was mich ſeitdem betroffen, Schick⸗ ſal aller der Länder vom Rügener bis zum halbdeutſchen Dalmatier. Von Rügen bis Trieſt, von Riga bis Straßburg und Genf wird deutſch geſprochen— wahrlich, der Burſchenſchaftstraum war als Traum ein artiger, daß eine Macht erweckt werden möge, ſo weit die deutſche Zunge klingt, wir wären auch politiſch das Herz von Europa, wie wir der Magen ſind, der Alles verarbeiten muß, was der lüſterne 15²2 Mund Frankreichs und die langen Arme Englands bringen. Aber die Geſchichte nimmt keine Rückſicht auf ſanguiniſche Combinationen, die Macht der Völker⸗ ſchaft iſt nicht mehr ihr Typus, der Staatsbegriff iſt ein anderer worden, und juſt die gemiſchten Staaten haben ſich herausgeſtellt, als die von der Geſchichte begünſtigten. Und wie abgelöſt von Deutſchland iſt mehr und mehr der Staat, aus welchem Jahrhunderte lang unſere Kaiſer kamen, wie bildet ſich die Herrſch⸗ und Kulturaufgabe Oeſterreichs immer mehr dahin aus, den gemiſchten Bereich hinab an der Landkarte zu bilden und zu regieren! Aber wenn die Politik, wie es ſich jetzt ankündigt, eine total andere Wendung nimmt, wenn die jetzt mehr und mehr lallenden Fragen der letzten Zeit von ganz andern erſetzt ſind, da kann der deutſche Norden eine Herrſchbeſtimmung gewin⸗ nen, wie ſie den hochgewachſenen Nordländern immer beſtimmt geweſen ſcheint. Der Norden, mäßig und karg im Genießen und in den Sinnen dafür, nüch⸗ 153 tern und beſonnen, billig und ſtark, iſt zum Herr⸗ ſchen berufen, er hat Rom zweimal geſtürzt, die Imperatoren und die Päpſte, er hat Napoleon ge⸗ ſtürzt, er iſt noch heute ſtark und muthig in ſeiner dünnen, kühlen Luft. Die Schweden und Dänen haben ihre Zeit gehabt, und ſie nicht dauernd be⸗ nutzen können; der Boden, auf dem ich bei Arkona ſtand, hat ihnen Jahrhunderte lang gehört, jetzt ſind ſie Provinzialſtädte geworden unter den euro⸗ päiſchen Mächten. Schweden verarmt und verküm⸗ mert immer tiefer in Haferbrot und Kälte, der Nordpol iſt ſein immer näher rückender Feind— aber Norddeutſchland, was eigentlich noch nie kom⸗ pakt in der Geſchichte aufgetreten iſt, hat noch eine große Zukunft. Wie kräftig ſind ſeine Verſuche mit Kultur, mit Friedrich dem Großen, mit Blücher geweſen— wir haben noch Gußeiſen genug zu neuen Statuen. Süddeutſchland hat ſeine Hohenſtaufen, ſeinen Schiller und Uhland gehabt, iſt reich aber nicht maͤchtig. 154 Treten Sie nicht ſo nahe an den Strand, der Boden bröckelt— dieß Nordkap Deutſchlands fällr ebenfalls nicht ſo imponirend ab, als man's zu beſchreiben pflegt: es iſt allerdings eine Bergſpitze, aber nur in der mäßigen kleinen Weiſe, wie alles Derartige auf Rügen, es iſt auch kein ſtolzer Fels, an dem ſich die Brandung bräche, ſondern ein Ge⸗ röll aus Lehm und Erde, annd Fuße ſind Steine, und wenn das Meer ruhig iſt, ſpielt es nur an dieſe heran und bedeckt ſie nur zuweilen mit einer Sprungwelle. Wahrſcheinlich löſ't es auch von Jahr zu Jahr ein wenig vom Boden, die runden beraſ'ten Filzkegel, die noch von der Jaromarsburg übrig ſind, mögen eben ſo durch Meer und Wetter ver⸗ loren haben, und in Rechnung auf das gefräßige Meer und den nachgiebigen Boben hat man auch den Leuchtthurm eine Strecke zurück erbaut. Solch ein Leuchtthurm iſt ein koſtſpielig Möbel; eine Meerbeleuchtung, die Meilen weit geſehen wer⸗ den muß, hat ihre Schwierigkeit. In alter Zeit, wo das Holz noch wohlfeil war, machte man dies 155 Geſchäft mit Holzſtößen ab; unterhielt doch mancher Rittersmann, dem die dicken Forſte zu Gebote ſtanden, allnächtlich auf ſeiner Burg eine Feuer⸗ wacht. Jetzt werden die Leuchtthürme ganz modern verſehen mit ſaubern Oellampen, deren Schein von einem dreifachen Kranze blankſchimmernder Kupfer⸗ keſſel zurückprallt, und das ſauberſte Licht gewährt. Wir ſahen in dem verglaſ'ten oberſten Raume des Thurms dem Anzünden zu, bewunderten die rein gehaltenen, glänzend polirten Geſchirre, und ließen uns durch den knochigen, kurz gebundnen Vommer erzählen von den Schiffen, die zu Sturmeszeit in wilden Nächten aus der See herauf um Hülfe donnerten. Der Mann hatte Ordenszeichen und Medaillen, beſonders von den Schweden, denen er mehrere bedrängte Schiffe gerettet hatte. Er ver⸗ ſprach uns zur Nacht einen ſoliden Sturm. In ſchmalen Stübchen wurden wir eingeſchach⸗ telt wie auf dem Schiffe, und noch waren wir nicht eingeſchlafen, da erwachten draußen die Wet⸗ ter, und ſpielten auf in allen Tonarten. 156 Ich ſuchte mir eine Lucke zum Hinausblicken, und dankte Gott, daß ich ein Schriftſteller und kein Leuchtthürmer ſei, der hinaushorchen muß, ob ein Nothſchuß mit den Winden kommen werde. Schwarz kam das Meer aus der Finſterniß in den bleichen Lichtſchimmer hereingeſtürzt, welchen der Leuchtthurm auf die nächſte Tiefe machte; daß es unten in der Tiefe lag und baͤumte, giſchte und tobte, erhöhte noch das Unbehagen, wenn man ſich zu Boot hinein genöthigt dachte. Der Siebenbürgner machte die triviale und doch in vieler Weiſe richtige Bemerkung, Uebung thue Alles, und huſchte ſich tiefer in die Bettdecke, um den Sturm nicht heulen zu hören, und die Er⸗ ſchütterung des Thurms weniger zu empfinden. Uebung gebiert auch den Muth der Gewohn⸗ heit, und der Siebenbürgner ward auch durch Uebung täglich furchtſamer. Mögt Ihr Ruſſen⸗, Schweden⸗ und Dänenfah⸗ rer Gott befohlen ſein da draußen in der peitſchen⸗ den Meeresnacht, ſprach ich am Ende auch, ich 157 kann nichts thun, als Euer Geſchick beſchreiben, wenn Ihr eins erlebt oder nicht erlebt. So auf dem egoiſtiſchen Standpunkte rücken ſich die Men⸗ ſchen Tag um Tag weiter, was Gutes davon ab⸗ fällt, kommt von den Beſten in unbeſprochner Stille, übrigens waltet für die Indolenten der bequeme Glaube an eine wohl adminiſtrirende Weltordnung, und ſo laſſen ſie's gehn, und ſuchen ihre Bequem⸗ lichkeit. Wir haben auch gut geſchlafen, und als wir zum Sonnenaufgang geweckt wurden, war Alles vorbei, und wir hörten's eben mit an, daß ein Sturm geweſen ſei, wie wir's in den Zeitungen leſen. Die Menſchen können ſich nur an ſehr ein⸗ zelnen Punkten der Geſchichte bemächtigen, die ſie ſelber mit erleben, ja machen helfen. Dceen Leſern wird hier die Beſchreibung eines Sonnenaufganges erlaſſen, den ſie in jedem leid⸗ lichen Romane nachleſen können. Gewöhnlich geht die Sonne in den Romanen ſtets intereſſant auf— wir fuhren durch die vom nächtlichen Regen einge⸗ 6 wäſſerten Wege eiligſt zurück nach der Schabe. Da ich eben Altenkirchen in der Ferne liegen ſehe, ſo ſei noch erwähnt, daß hier am Strande von Wittow die berühmten Uferpredigten gehalten werden, in welche Koſegarten ſo viel Schwung gebracht hat. Der Häringsfang nämlich drängt ſich auf wenige Tage zuſammen, und die Leute wohnen da ganz und gar am Strande, und haben auch keine Zeit in die Kirche zu kommen. Die Kirche nimmt dann ein Einſehen und kommt zu ihnen; eine gute Kirche hat, man mag ſagen was man will, immer die beſte Lebensart. Der Herr Paſtor kommt an den Strand— die Häringe warten das Stünd⸗ chen, um dann gefangen zu werden— und hredig unter freiem Himmel, Angeſichts des Meeres und der Häringe. Das mag ſehr gut ſein, und liegt auch auf der andern Seite; aber wenn man die Schabe an einem rauhen Herbſtmorgen, in deſſen Backen noch kleine Regenwetter niſten, auf einem offenherzigen Holſteiner Wagen zum zweitenmale paſſirt, da wird Einem 159 dieſe Naturmerkwürdigkeit allgemach unbequem und langweilig. Endlich waren wir wieder auf Jasmund, und die Sonne brach auch wieder durch— über kleine Hügel und Thäler gings weiter, wir kamen in den lichten, grünen Wald der Stubnitz, und hofften bald Stubbenkammer und unſre Mecklenburgerinnen zu ſehen. Wir hatten kein Glück mit Mecklenburg: mitten in unſerm hoffnungsreichen Morgenliiede roll⸗ ten die Wagen mit Mecklenburgs Stolze an uns vorüber, verſchlafen und melancholiſch grüßte Coeur⸗ und Pique⸗Dame, beſonders Coeurdame; ein ganz niedliches Gedicht mit ſchmollenden Vorwürfen lag auf ihrem Antlitze. Wir bildeten uns natürlich ein, es gälte uns, denn wo ſich junge Männer und Mädchen begegnen, da findet auch ſogleich ein offi⸗ cielles Verhältniß ſtatt, wie Studenten überall Brü⸗ der finden, Officiere überall Kameraden, Referen⸗ darien überall Referendarien. Nun werden die Leute ſagen, wenn uns Stub⸗ benkammer nicht gefällt, Coeurdame aus Mecklen⸗ burg ſei ſchuld— Strubbenkammer hat uns aber gerade zum Poſſen ſehr gut gefallen, der ſchöne Wald geht bis an den Abhang des Strandes, der hier, wenn auch nicht hoch, doch ſteil und zu wirk⸗ lichem Kreidematerial verdichtet iſt. Aus dieſer grünen Waldeshöhe ſieht es ſich prächtig in's Meer hinaus. Die Waldpartie iſt hier auch artig kultivirt, und ein geſchmackvoll Wirthshaus, wo Coeur Dame über⸗ nachtet hatte, liegt lockend in der Mitte. Der Sachſe erkundigte ſich, und trank auf ihre Geſundheit; die Sachſen bleiben die höflichſten Deutſchen. Lauter lichtgrün ſchöner Wald iſt dieſe Stub⸗ nitz, und da die Sonnenſtrahlen den ganzen Tag über durchtändelten, ſo ſprangen und ſangen wir luſtig darin umher. Hier, unweit der Stubbenkammer, liegt die in allen Geſchichtskompendien erwähnte Herthaburg und der Herthaſee, von welchem Tacitus erzählt, wie der Herr Conrektor in Groß⸗Glogau verſicherte. 8 161 Es iſt ein ſchlimmer, ſchlimmer Punkt, dieſe Burg und dieſer See, und er hat ſchon viel Kum⸗ mer gebracht: Germaniſch oder wendiſch, Tempel oder Burg, Natur oder Kunſt? Das ſind die Fragen. Vergeſſen wir einen Augenblick dies ſchwere hiſtoriſche Problem,— ich fürchte auch, wir löſen's nicht— und ſehen wir uns unbefangen um. Es iſt ein ſchmaler, ziemlich hoher Damm, den die officiellen Beſchreibungen durchſchnittlich zu achtzig bis hundert Fuß, ja an einigen Stellen zu zweihundert Fuß angeben. Beſonders hoch erſcheint er Einem eben nicht, der ringsum gelagerte Froſt mag wohl zur Verkleinerung beitragen. Die Form dieſes Dammes oder Walles iſt ungefähr eiförmig, und plattet ſich nach einer Seite tief ab, an dieſer Seite ſchließt ſich der See an, kreisrund, wie man ſagt unend⸗ lich tief, kohlſchwarz. Wir wollten unſre freveln Gebeine in dieſem heiligen Waſſer baden, aber es war uns zu kalt— dies ſoll nun der See ſein, welcher ſchauerlich ein⸗ ſam, todtenſtill von Buchen und Schilf umſäumt, V. 11 wie ein Gewaͤſſer der Unterwelt tief im Walde ruht, von welchem Tacitus erzählt wie folgt: Auf einer Inſel des Oceans iſt ein heili⸗ ger Hain, und es iſt nur den Prieſtern ge⸗ ſtattet, den darin ſtehenden heiligen Wagen zu berühren, welcher mit einem Gewande be⸗ deckt iſt. Wenn dieſer Prieſter die Gegen⸗ wart der Göttin im Heiligthume wahrnimmt, und darauf ihrem von Kühen gezogenen Wagen nachfolgt, dann gibt es frohe Tage und Feſte an den Orten, die ihrer Gegenwart geweiht ſind. Kein Krieg wird geführt, keine Waffe erhoben, alle Eiſenwehr iſt verwahrt, nur dann ſind Friede und Ruhe bekannt und geliebt, bis eben der Prieſter die Göttin, ſatt vom Umgange mit Sterblichen, dem Tempel wie⸗ dergiebt, dann werden Wagen und Gewänder, ja die Gottheit ſelbſt, wenn man dies glauben will, in einem verborgenen See abgewaſchen, und derſelbe See verſchlingt die Sklaven, welche dieſen Dienſt verrichtet haben. — — 163 Alſo Tacitus, den Herr v. Schönholz einen römiſchen Heerführer und Schriftſteller nennt, der uns aber nur bekannt iſt als ein vorſichtiger Sena⸗ tor, welcher mit Heerführern nichts zu ſchaffen hatte, ſondern, außen demüthig und fügſam gegen die römiſchen Deſpoten, nur in der Stille ſeines Ge⸗ maches gegen ſie ſchrieb. Dazu wählte er beſonders eine Schilderung Germaniens, weil ihm die Zuſtände dieſes Landes das beſte verſteckte Paroli gegen die römiſchen abgaben, und bei dieſer Gelegenheit hat er auch vorſtehende Mittheilung gemacht, welche auf die Stubnitz in Rügen bezogen wird, Iſt der Herthadienſt hier wirklich gefeiert wor⸗ den, ſo ginge dies beinahe zweitauſend Jahr zurück, und findet ſich nicht durch Ausgrabungen ein Do⸗ kument, ſo müſſen wir äußere Beweiſe aufgeben. Der Wali nämlich hat wohl mehrmals gewecchſelt, er iſt nicht einmal ein alter, noch weniger ein ur⸗ alter Buchenhain, einem bloßen Erdwalle, wie der vorliegende, was kann dem in ein Paar tauſend Jahren begegnen, und das Waſſer iſt ſtumm. Uebrigens macht der See einen bei Weitem tieferen und geheimnißvolleren Eindruck in ſeiner ſchwarzen, ſchweigenden Rundung, die myſteriös und todt wie das Alterthum daliegt. Vom Walle gewinnt man auch keinen ſo heraustretenden Anblick, da die behenden jüngeren Buchen an vielen Orten hinan und hinauf ſtreben. Die Rügener haben ihn immer den„Borgwall“ genannt, darauf iſt aber kein Nachdruck zu legen, da ſie alles Aehnliche ſo nennen, deßhalb könnte es immer noch eine Tempelwehr ſein, wofür unſre an⸗ tiquariſche Liebhaberei durchaus geſtimmt iſt. Der innere Raum iſt hundert Schritte lang und zwei⸗ undvierzig breit, und drängt an einer Seite auch wirklich ein Stück in den Damm, ſo daß der Raum für einen Tempel damit gegeben ſein könnte. In aller Weiſe war dies derjenige Ort, welcher uns in ſeiner abſonderlichen Einſamkeit und Origi⸗ nalität zum erſten Male die frivole Anſchauung vertrieb, welche uns bei dieſen meiſt kleinen, von Reiſebeſchreibern ſehr übertriebenen Dingen nicht ver⸗ „— — 165 laſſen hatte, der Ort, welcher uns eine ſinnende Geſchichtsſtimmung aufnöthigte, welchen wir ernſt und gedankenvoll verließen. In Sagard, wohin wir jetzt wieder zurückkehr⸗ ten, verließ ich meine Reiſegenoſſen, und wünſchte dem Siebenbürg'ner ſtatt einer glücklichen Reiſe die beſte Courage. Gott ſieht auf's Herz, Freund, nicht auf die Orthographie, und ich fuhr nun allein die ſchmale Haide entlang an der Granitzgrenze hin nach Putbus zurück. Die ſchmale Haide iſt eine etwas breitere Landenge als die Schabe zwiſchen dem untern Theile des Boddens und dem Meere. Der Kutſcher mußte noch ein Stück in die Granitzforſten einlenken, und erquickt von Wald und Luft kam ich gegen Abend in das todesſtille, weiße Puthus. Raſch eilte ich nach dem Stranddorfe hinab, um nach dem Schiffer Ulrich zu fragen, der auf mich gewartet hatte, nach dem Winde, der nicht zu warten pflegt. Ulrich ſtand auf ſeinem Schooner, und ſah ſehr mürriſch aus, er begriff nicht, wie man bei ſo vortrefflichem Nordoſt, wie gemacht 9 166 nach Swinemünde, mehrere Tage lang auf der Inſel herumlaufen könne— ſolch'n Nordoſt— ohſt zu ſprechen— krieg ich mein Lebtag nicht wieder. Es flatterte ein flauer Südwind; dennoch ward beſchloſſen, am andern Morgen zeitig in See zu gehn. Erich, der zweite Schiffer, welcher dem Be⸗ ſitzer des Schooners, dem kurzſtämmigen Ulrich zur Hand war, verſprach, den lieben Herrgott die Nacht über fleißig zu bitten. Beim Abendeſſen in Putbus fand ich einen hohen, breitſchultrigen Herrn, der ſehr geſprächig war. Nebenher war er neugierig und offenherzig, und ich wußte bald, daß ich's mit einem Meklen⸗ burg'ſchen Edelmann zu thun hatte, der die preußiſche Staatszeitung läſe, den Revolutionskrieg in der Champagne mitgemacht und bei dieſer Gelegenheit ſechs Wochen lang Kleider und Stiefel nicht vom Leibe gekriegt, noch weniger ein Bett geſehen habe, daß er übrigens nicht Erfinder des Schießpulvers noch weniger der Buchdruckerkunſt, ſonſt aber ein wackrer Mann ſei. Mit den Zollgeſetzen und dem —,— —,— 167 ganzen Laufe der Politik war er unzufrieden, aber das geſchah blos der Unterhaltung wegen, ſein eigent⸗ lich merkwürdiger Mittelpunkt lag darin: er war im Intereſſe des Adels und des Beſtehenden auf⸗ gezogen, das war ſeine urſprüngliche Natur, in den langen Jahren, die er mitgelebt, in den langen Zeitungen, die er mit geleſen, war aber ſo viel Neues über ihn gerathen, und das Ordinairſte hatte ſich ſo harmlos wie eine dichte Maſſe von Redens⸗ art und Folgerung über ihn gelegt, daß ſein Ge⸗ ſpräch wie eine Guitarre klang, die auf Moll ge⸗ ſtimmt und in Dur begleitet wurde. Er ſchwärmte für's Manifeſt des Herzogs von Braunſchweig und tadelte die jetzigen Regierungen, daß ſie Bücher ver⸗ böten, wie ein Bonapartiſt, der die Continentalſperre eifrig vertheidigte, ſeinen Kaffee aber über London bezog und ſeiner Frau zum Oefteren oſtindiſche Stoffe ſchenkte. 3 Dieſe Unterhaltungspolitiker ſind die gefährlich⸗ ſten Feinde des Beſtehenden; der Ernſt, auch der verwerfliche, bekräftigt, die Salbaderei, auch die gutmüthige, ſchwächt. Wir freuten uns ſehr, einander kennen gelernt zu haben— ich heiße von——, und habe die Ehre gehabt, mit Herrn von— 2 Es that mir leid, ihm nicht dienen zu können; wir ſchieden noch höflicher, als wir angeſetzt hatten, und ich fürchte, ſein Schlaf iſt nicht ſo gut geweſen als der meinige, denn er hatte ſehr viel gegeſſen. 9. Die Seefahrft. In ſtiller, durch keinen Applaus beleidigter Pracht leuchteten noch die Sterne, als ich zum Strande hinabſchritt, um mich dem Meere anzuvertrauen. Die Luft war ruhig, um ſo unruhiger war Ülrich, Erich's Beten hatte nichts geholfen: wir puhſteten uns langſam aus der Bucht heran hinter den Vilm, und hofften auf die Zukunft, was bekanntlich die Menſchen immer thun, wenn ſie nichts Beſſeres thun wollen oder können. Drei Viertheile der kou⸗ ranten Hoffnung ſind nichts als wackre Trägheit, die Wenigſten hoffen mit Kraft und Nachdruck, nach⸗ 170 dem ſie das Ihrige gethan, um dafür berechtigt zu ſein. Außer den beiden Schiffern und mir fand ſich noch ein kleines Männchen im Schiffe vor, das war ein Uhrmacher, der einen grün karirten Schlaf⸗ rock und ein grün geſticktes Mützchen trug. Der Schlafrock war ſehr lang, länger als der Uhrmacher, und ganz zugeknöpft; vorn auf den Beinen hatte er zwei Taſchen, in welchen ſich ſtets die Hände des kleinen Mannes aufhielten, wenn er ſie nicht nothwendig zum Feuerſchlagen oder zum Schneuzen brauchte. Denn er rauchte Tabak und hatte den Schnupfen. Als wir abfuhren, nahm er zärtlich Abſchied von einem kleinen Hunde und beiläufig von einer Frauensperſon, die allem Ermeſſen nach ſeine junge Ehehälfte war, dann ſang er ein auf⸗ rühreriſches Lied mit einigen irrthümlichen Ausdrücken, producirte ſtarke Rauchwolken, und verſprach den Schiffern Wind zu machen, kurz er war ſehr guter Dinge, und außerdem aus Potsdam gebürtig. Dies ſagte er mir nebenher, und in Putbus ſei er jetzt 171 etablirt, wo es ihm ſehr fidel gehe. In dieſem Augenblicke mache er eine Beſuchsreiſe, und zwar diesmal zu Schiffe, weil ſich's damit ſchneller ab⸗ machen ließe; zu Lande ſei er ſchon weit herum geweſen in der Welt, in Croſſen unweit der ſchleſi⸗ ſchen Grenze, und in Torgau bei Leipzig. Ich machte ihn aufmerkſam, daß es vielleicht ſehr langſam ginge, weil wir ſchlechten Wind hät⸗ ten, und daß es auf der See auch gefährlich wer⸗ den könnte.— Pah— larifari, ich habe Viel mitgemacht und immer Glück gehabt, ich trinke Abends meine drei Boddellen Bier, und ſpüre nichts— das iſt pa⸗ perlapap mit der See.— Ulrich lächelte zum erſten Male. Des kleinen Uhrmachers Stimmung hielt auch nicht lange an, es kamen einige Windſtöße, das Schifflein ſchwankte, und das Tabakrauchen des Uhrmachers wurde blöder, kopfſchüttelnd wurde end⸗ lich gar die Pfeife bei Seit geſtellt, und unter ſteter Verſicherung, daß ihm dergleichen unerklärlich 172 ſei, ſtolperte der erblaſſende Held bei Seite und that das Gebräuchliche. Die Windſtöße waren den Schiffern eben noch bedenklicher, Ulrich kratzte ſich in den Haaren, und der alte Erich zog ſeine ſchwarze Pelzmüße tief über die Ohren, faltete die groben Hände und bewegte die Lippen wie ein Italiener, welcher eiligſt etwas von der Frau von Loretto zu wünſchen hat. Die Beſorgniß wurde denn auch ſchnell wahr— klatſch fiel das Segel zuſammen, uud wedelte paſſiv um den Maſtbaum, wir hatten totale Windſtille, und lagen unbeweglich auf einem Flecke. Die Sonne ſchien mild und warm, der grün belaubte Vilm, das weiße Putbus ſahen unverrückt auf uns her, wir waren noch mitten im Rügenſchen Buſen, und es war bereits Mittags. Der Uhrmacher war todt, die Schiffer krochen in die kleine Kajüte, um Kar⸗ toffeln zu kochen, das Schöpſenfleiſch, was ſie aus Rügen mitgenommen hatten, ſollte noch nicht an⸗ gegriffen werden, in ſaß in ſtiller Mittagseinſam⸗ keit auf dem Vordertheil des Schooners, und ſah 173 in's dunkle Waſſer hinab: Geheimnißvoll lockte es mit ſeiner Tiefe, all die Geſchichten von Waſſer⸗ feen ſummten wie ſingende Mittagswärme in mei⸗ nem Kopfe, die Kleider fielen, ich ſprang hinab in das lockende Element. Aber ach, es gibt keine Feen mehr, wenigſtens mochten ſie nichts mit einem Reiſenden zu thun haben, der beim Haloren ſchwimmen gelernt hatte. Heutiges Tages muß man erſaufen, um mit den Waſſergöttern in Berührung zu kommen. Als Ulrich meines Treibens inne wurde, erhob er ein groß Geſchrei und lief nach einem Taue— „wenn der Wind ſich erhebt, ſind Sie verloren, Herr, wir erreichen Sie gar nicht, oder nicht eher, als bis Ihnen Hören und Sehen und Schwimmen vergangen iſt.—“ Man kann auf offenem Meere auch bei Grabes⸗ Windſtille nicht ohne Tau baden, ohne das Aeußerſte zu riskiren. Die Wellen und kleine Strömungen ſchaukelten uns nach der Küſte von Mönchgut hin, ein Frauenzimmer ſaß am Strande, und winkte mit einer dunklen Flagge— Gott ſteh uns bei, Unglück über Unglück, das i*ſt die alte Fretten, die auf ihren verſoſſenen Liebſten wartet, heiliger Jakob, habe ein Einſehn mit uns! Erich bewegte noch lebhafter die trocknen Lippen, und ich erhielt mit Mühe die nöthige Auskunft. Die alte Fretten nämlich war vor vielen Jahren ein ſehr ſchönes Mädchen geweſen, und hatte einen Liebſten gehabt, der ſich durch Geſchicklichkeit und Wildheit vor allen Mönchgutern ausgezeichnet. Weil er aber in ſeiner Wildheit tolle Streiche machte, und zu viel Branntwein trank, ſo waren die Eltern des ſchönen Mädchens gegen die Heurath, und nöthig⸗ ten die arme Tochter, ihre Schürze auszuhängen, um die Freite anzukündigen. Um dieſelbe Zeit war der wilde Liebſte auf einer Fahrt nach Bornholm begriffen, und konnte nicht am Hauſe vorübergehn — ſo wurde denn der kleine Fretten ihr Mann, der ein ſtilles, manierliches Anſehn hatte, aber ein Schleicher und Duckmäuſer war. Von da an ſei es ſchon mit dem Mädchen nicht recht richtig ge⸗ 175 weſen, und wie nun gar die Nachricht eingetroffen, daß der wilde Hans auf der See zu Grunde ge⸗ gangen, da habe ſie kein vernünftig Wort mehr ge⸗ redet. Das iſt dreißig Jahre her, ſetzte Erich hinzu, ich ging gerade damals zum erſten Mal'naus in die ſpaniſche See, und ſo oft ich wieder nach Rügen komme, und's ſcheint die Sonne, da ſeh ich die Fretten, die mit Ihrer Schürze winkt, und das bringt mir jedesmal Unglück, der Teufel hol' die— Gott verzeih mir die Sünde, und ſchenk' uns en Betchen(Bischen) Nordohſt! Erich wurde wieder andächtig, und wirklich wachte auch der Wind ein Wenig auf, und wir trieben wieder in die See hinaus. Die alte Fretten mit ihrer traurigen Flagge war aber noch lange zu ſehn—'s geht eben mit Liebe und Heurath unter den patriarchaliſchen Mönchgutern um kein Haar beſſer, wie bei den erſten, beſten Ge⸗ heimenraths, man will die Kinder mit Gewalt gut unterbringen, und läßt zwei Armeen gegen einander 176 5 operiren, Verſtand und Herz, wo die letztere nicht die kleinſte Waffe hat, um die erſtere einen Ritz tief zu verwunden. Die Natur hilft ſich dann auch hier gewaltſam, und nimmt dem beſiegten Theile auch das Reſtchen Verſtand noch, was Bewußtſein der Niederlage bringen könnte, der Blödſinn rettet wie der Tod, er iſt ein böſes Gewiſſen für gewalt⸗ ſame Eltern. Arme Fretten, der Hans liegt tief, und Du ſiehſt obenein nach einer falſchen Seite, da drüben vom andern Strande aus geht's nach Bornholm. 85 Gott ſei Dank, nun ſehen wir die alte Fretten nicht mehr, ſagte Erich, und der Wind— pſt, pſt. Die Schiffer loben niemals den Wind, um ihn nicht zu erſchrecken. Der Wind war etwas leben⸗ diger geworden, aber freilich noch kontrair, wie ſie's nennen. Man glaubt indeſſen nicht, wie ökonomiſch„ und geſchickt der Seehfahrer allen Wind zu benützen verſteht, er wirft die Segel rechts und links und manövrirt ſo geſchickt damit, bis er den kleinen oft einzigen Punkt gefangen hat, der nach ſeiner Rich⸗ 177 tung treibt, er ſchneidet ihn ſcharf zu ſeinem Beſten wie mit einem Meſſer. Es geht mit den Schifffahrtsangelegenheiten wie mit der Liebe; alle Beſchreibung hilft wenig oder nichts zur Kenntniß, die flüchtigſte eigene Betheili⸗ gung darin hilft mehr als die Lektüre von zwanzig Büchern. Wie viel Seeromane hat man leſen müſſen, wo oft das Schickſal der Helden von Backbord⸗ oder Steuerbordſeite, von Bramſegel oder Topſegel abhängt, man überläßt das dem Autor, der es verſtehen muß. Wir kamen bei dem ſteten Südwinde wenig von der Stelle, und konnten namentlich die Meeresfluth zwiſchen Ruden und der Oie nicht gewinnen, ſon⸗ dern wurden immer noch weſtlich von Ruden ge⸗ trieben. Darüber verging die Zeit, es ward ſpäter Nachmittag, und ich hatte nichts zu eſſen, Erich wollte durchaus noch nicht an's Kochen des Schöp⸗ fenfleiſches gehn, und eröffnete mit der Beſorgniß, daß es uns noch nöthiger ſein werde, die traurigſte Perſpektive. Der kleine Uhrmacher, welcher kleinlaut geworden war, fühlte keinen Beruf, mir von einem V. 12 178 Paket kalter und zerbröckelter Beefſteaks mitzutheilen, die er bei ſich führte, und von den er üblen Appe⸗ tites wegen nur wenig genießen konnte. Ich bot große Summen für ein Brot, aber das Geld hatte wenig Werth bei der drohenden Hungersgefahr, es ward mir nur ſchnittweiſe die karge Nahrung zuge⸗ ſtanden, und das Verhältniß wurde unbequem. Ein Bäcker⸗ oder Fleiſcherladen in der Nähe wäre mir viel erwünſchter geweſen, als Erich's Erzählung von der ſpaniſchen See, mit der er mich bei Gelegenheit des Hungers regalirte. Wenn man den Fuß hinein ſteckte, berichtete er, ſo klebte ein Teller voll Salz daran, das in einer Minute am Sonnenſchein ge⸗ trocknet war. . Zur Hungersnoth geſellte ſich bald auch andre Noth: der Wind erhob ſich voll und ruckweiſe bald von dieſer, bald von jener Seite, der Uhrmacher ſeufzte aus der Kajüte vernehmlich, denn der Schoo⸗ ner machte ſehr ſtörſame, fatale Bewegungen, Erich mußte die Segel bald hierhin, bald dorthin werfen, der lange, magre Alte mit der kurzen Jacke machte 179 ein kläglich Geſicht, und ſeine Lippen fingen während der heftigen Arbeit das alte Geſchäft an, ſelbſt Ulrich ſah ſich unruhig und beſorgt nach dem auf⸗ ſteigenden Meere um. Ulrich war der Beſitzer des Schooners, bewies ſich aber in aller folgenden Fährlichkeit kaltblütiger und gefaßter als Erich, der zweimal reicher Schiffs⸗ herr geweſen war, und zweimal allen Beſitz verloren hatte, ſo daß er jetzt gelegentliche Matroſendienſte verrichten mußte. Das zweite Mal war ihm wäh⸗ rend der Kontinentalſperre ſein Fahrzeug, aus der ſpaniſchen See kommend— den Meerbuſen von Biscaya nannte er ſo— von den Engländern ge⸗ nommen worden, er nannte deßhalb dieſe ſtolze Nation nicht anders als„Spitzbuben.“ Der Gebrannte ſcheut das Feiler; obwohl keine Engländer in der Nähe und in dieſer Weiſe nichts zu fürchten war, zeigte er och lebhafte Beſorgniß vor dem heran⸗ nahenden Sturme, und der heilige Jacob oder J Jago, wie er variirte, den er ſich aus der ſpaniſchen See an⸗ gewöhnt hatte, fiel hundertmal von ſeinen Lippen.— 180 Auf einem ſo unſichern Elemente, wie das Meer iſt, blüht der Aberglaube, wie der niemals ausbleibt, wo man ganz dem Glück und Zufall preisgegeben iſt. Waghalſige Krieger, Spieler, Schiffer werden dieſe freie Poeſie der Götterwelt nie ausſterben laſſen; auch dieſe nüchternen, proteſtantiſchen Nordländer haben ihr gut Theil: Erich hatte heimiſchen und auswärtigen durcheinander, um ſeine Reiſen nicht zu vergeſſen; der ernſte Ulrich hatte auch ſeinen, und verwies mir's ernſtlich, wenn ich den Wind ſchelten wollte. Wenigſtens ſollte ich es leiſe thun; ich ſtärkte mich ſtatt am Schöpſenfleiſche an einem verwandten Irländiſchen Bull, über den auch Ulrich lachte, obwohl er ihn in ſeiner Weiſe eben ganz und gar kopirte und mich darauf gebracht hatte: ein Irländer treibt Schweine nach Cork und es begegnet ihm ein Bekannter; geht's nach Corke fragt dieſer— nein, nach Limerik! ſchreit der Treiber, Ind leiſe ſetzt er hinzu: Freilich geht's nach Cork, aber wenn. ich's dieſen eigenſinnigen Rackern ſage, ſo gehen ſie ſchon darum nach Limerik. 181 4 Und die Winde haben doch wohl noch feinere Ohren als Schweine. Sie wurden immer unbändiger, die Schwenkung links hinüber nach Swinemünde zu gewinnen, ward ganz unmöglich, und es wurde Schiffsrath gehalten, woran nur der Uhrmacher als ſtimmunfähig ausge⸗ ſchloſſen blieb, ob wir blos die Schutzſeite von Ruden, oder die Bucht von Wolgaſt ſuchen ſollten, um dem ſtets ungeſtümer heraufwühlenden Sturme auszu⸗ weichen. Der Nahrungsmittel wegen ſtimmte ich für Wolgaſt, und Erich, um ſein Schöpſenfleiſch zu ſparen, ſtimmte mir halb unentſchloſſen bei, aber der Wind kam mit Courierpferden, wir mußten Hals über Kopf das nähere Ruden zu gewinnen ſuchen. Die Ausſicht auf Speiſ' und Trank fiel dadurch frei⸗ lich unter Null, und ich war nicht beſonders auf das unwirthliche Meer zu ſprechen: ein Boot näm⸗ lich beſaßen wir nicht, und der Schooner konnte, auch wenn wir das Eiland glücklich erreichten, nicht 182 bis dicht an den Strand, weil dafür das Fahrwaſſer nicht ausreichte. Lange ſchon hatten wir ein kleines Fahrzeug in der Ferne kämpfen ſehn, jetzt ward es deutlicher, wir erkannten einen Logger, und ſahen, daß er eben⸗ falls den dürftigen Schutz unter dem Ruden ſuchen möchte. Die Schiffer kennen ſich mit ihren luft⸗ und waſſerklaren Augen auf außerordentliche Strecken, und wie die Fuhrleute einander am weißen Vorder⸗ fuß des Pferdes, am ſchnellern oder langſamern Vorrücken unterſcheiden, ſo wiſſen dieſe auf dem Meere alle kleinen Bewegungsnüancen der Fahrzeuge, ob es flach oder tief ſegelt, wie ſich's im Winde hält und dergleichen, kurz Ulrich erkannte den Logger genau, eh' ich die Umriſſe ordentlich zuſammenſetzen konnte.'s iſt der lüderliche Störte, ſagte er mir zum Troſt, er lungert nach Seegras herum, und der hat ein Boot, was Sie landen kann. Die ärmeren Leſer mögen ſich der unſanften Seegrasmatratzen erinnern, welche eigentlich fuͤr Klo⸗ ſterzellen erfunden ſind, wo man das Fleiſch kaſteit, Die Bekanntſchaft derſelben iſt am Mannigfaltigſten in der Berliner Hausvoigtei zu machen, wo ſie in allen Spielarten von Berg und Thal vorkommen, und mit Geſtöhn und Fluchen vertraut ſind. Die Heimath dieſer Aſchenbrödel, welche ſo verkannt und gemißhandelt werden, ſah ich vor mir, Störte war einer von den merkwürdigen Schlafſorgern vom nord⸗ öſtlichen Deutſchland. Tief in's Binnenland dringt dieſe Seegraserfindung nicht.— Aber das gab noch Wogen und Sprützregen und Arbeit, eh' wir dem Logger unſer Verlangen zurufen konnten. Sieht man die roheſten Fuhrleute bei ſchlimmem Wege und ſchlimmem Wetter aufopfernd gefällig gegen den Hilfsbedürftigen, dem ein Riemen geriſſen, die Deichſel zerbrochen oder ſo etwas Hin⸗ derliches begegnet iſt, ſieht man dieſe Gattung, welche aus Wagenpech und Stricken zuſammengeknetet ſcheint, bei ſolcher Gelegenheit wirklich ein eigentliches Ob⸗ jekt reſpektiren, eines kleinen Opfers fähig, ſo kann man dies in noch viel bedeutenderer Art bei Schiffern finden. Ihr gemeinſchaftlicher Feind iſt noch größer, fie ſind mir in dieſem Punkte wie eine Ordenskor⸗ poration vorgekommen, die ſich zuverſichtlich gegen⸗ ſeits in Anſpruch nimmt, und gegenſeits dieſe An⸗ ſprüche erfüllt. Ulrich und Störte ſchienen keine beſondern Freunde zu ſein, aber Störte ſetzte auf den durch Wind und Gebrauſe kümmerlich zu ihm dringenden Ruf ungeſäumt ſein kleines Boot aus, nachdem der Anker des Loggers gefaßt hatte, und arbeitete ſich mit ſeinem kleinen Burſchen wogauf, wogab mühſelig zu uns heran.— Harriadden, der Seeräuberkönig, Störtebeck, der rügenſche Rinaldini, vielleicht ein Ahnherr Störte's, konnten nicht ſeeräubermäßiger ausſehn, als dieſer verwilderte Schiffer mit zerwühlten, groben Geſichts⸗ zügen und dem braunen Tabaksmaule. Die Schiffer riefen ſich einige plattdeutſche, nicht eben tröſtliche Notizen über Meer und Sturm zu, der kleine Uhr⸗ macher, welcher in ſeiner Kajütenangſt Land gewit⸗ tert hatte und vorgekrochen war, wurde mit in Störte's naſſen Kahn gewälzt, wo ein naſſes Brett die ein⸗ zige trockne Stelle war, und ſo ging's dem Strande zu. 185 Ruden, ein kleines, ſteriles Eiland, an der brei⸗ teſten Stelle etwa wie drei Berliner Straßen breit, i*ſt eine ganz unfruchtbare, baumloſe Dünenbank, auf welcher ſich, zu unſerm Glück, mehrere Menſchen angeſiedelt haben. Das ſind eigentlich keine Men⸗ ſchen, ſondern Lootſen, die nur ihres Amtes wegen, nicht weil es ihnen ein beſonders romantiſches Ver⸗ gnügen macht, hier wohnen. Ske haben die Schiffe in die Häfen von Peenemünde, Wolgaſt, auch wohl noch weiter hinüber zu führen, und mitten unter ihnen iſt zugleich ein Zollpoſten— zum Zöllner und Sünder dieſer Kolonie, als der Hauptnotabilität, welcher zunächſt ein Stück Fleiſch zugetraut werden konnte, wateten wir durch den Dünenſand. Lieber, bibliſcher Patriarchalismus, den ich mir in dieſen ſechs Lootſenhäuſern vorgeſtellt hatte, wie charakteriſtiſch begrüßteſt Du mich bei dieſem Zöllner, der kein Sünder, ſondern ein gutmüthiger, braver Mann war. In der Hausflur ſaß eine alte Hausfrau mit hellblauen, gläſernen Augen, und verſpann Ziegen⸗ 186 haare; ſie ſah uns mit keinem Blicke an, fragte nichts, ſprach nichts, ſondern zündete auf des Mannes Geheiß ein Feuer an, um Eier und Kaffee für uns zu rüſten. Es fand ſich ferner ein ſtattliches, blon⸗ des Mädchen, mit feſten weiß und rothen Backen und feſten weißen Armen, aber ſie war eben ſo ſtill und todt, nicht kloſterſtill, eine Stille, in der etwas begraben oder verboͤrgen liegt, nein, ich möchte ſagen: elementariſch ſtill, als wenn der Schöpfungsfunke noch niemals da geweſen wäre. Dieſe weiblichen Weſen zogen wie gelbe Schatten hin und her, und der Uhrmacher, welcher moderne Forderungen an ſie ſtellte, wie er im Wirthshauſe zu machen gewohnt war, Forderungen nach Wurſt und Sauerkraut, nach einer Flaſche Doppelbier, nach Salat und Apfelmuß, ſah' wie ein Skandal daneben aus. Wie auf dem großen Schiffe war nur Pökel⸗ fleiſch zu haben, dies Ruden iſt alich ein mitten im Meere ſtationirtes Schiff, was ſich mit ſeinen noth⸗ wendigen Ranzionen ſtets auf längere Zeit von Wol⸗ gaſt her verſehen muß. ½ 187 Item, ich ſaß mit dem Uhrmacher im kleinen Stübchen, und wir ſchnitten eben in's Pökelfleiſch, der Kleine bekam allmählig ſein Kourage wieder, da er Land unter ſich fühlte, er nannte das Meer eine ſchlechte Tabagie, die er in ſeinem Leben nicht mehr beſuchen würde— da ſtürzten ein Paar polternde Windrücke an die kleinen Fenſter, der Uhrmacher ſah mich wie ein Sünder an, und ſein offner Mund wagte nicht, in's Pökelfleiſch zu beißen, die Thür ward aufgeriſſen, und Störte ſtürzte wie ein Räuber herein, dem die Polizei auf der Ferſe iſt. Fort, fort, ſchrie er, wenn wir die Schiffe wiederſehen wollten, es bräche ein Orkan los.— Ich fühlte gar keinen Beruf, ſelbigen Orkan in allen Nüancen auf unſerm Schooner zu genießen, da ich dieſen Genuß ohne weitere Unbequemlichkeit eben auch auf Ruden haben könnte. Aber der Uhr⸗ macher konnte voͤr lauter Angſt nicht eilig genug hinein kommen, ich kann doch nicht meinen Frack und meine geſtreiften Hoſen im Stiche laſſen, rief 188 er verzweiflungsreich, und ſtürzte davon, Pökelfleiſch und Ruhe im Stiche laſſend. Mein ſanfter Wirth, der gute Zöllner, ſah kopf⸗ ſchüttelnd zu, und führte mich hinaus auf ſeine kleine Sandwarte, um mir den Aufruhr des Meeres zu zeigen, den blonden Weibern vorüber, die ſich nicht im Geringſten darum kümmerten. Die abgeſchiedne gar ſo einfache, reizloſe Exiſtenz verdichtet ſich über gewöhnlichen Menſchen zu einem förmlichen Stumpfſinn, die rauhe, unproduktive Na⸗ tur kommt mit keiner ſelbſtſtändigen Zeitigung zu Hilfe, dergleichen dumpf hingehende, erſtarrte Weſen mögen eine öftere Schattirung des Nordens ſein. Des Nordens— puff! dieſe kleine Schönheit Rügens weckte mir wieder den alten Glauben, die alte Antipathie auf: der Norden iſt traurig, und es iſt eine geſchickte Uebereinkunft zum Beſten der Nord⸗ länder, eine Phraſenverſchwörung, von der Schön⸗ heit und Tüchtigkeit des Nordens zu reden. Es mag den Leuten gut und nöthig ſein, auch dieſer dürf⸗ tigen Natur einen Reiz anzudichten, und dieſen 189 charakterſtiſchen Reiz, den alles Wirkliche und Selbſt⸗ ſtändige hat, für etwas Abſolutes auszugeben, Gott gebe, daß er ihnen nie zerſtört werde. Was iſt Schönheit ohne Farbe, ohne voll und reich aufgehende Form? Bleich iſt Luft und Him⸗ mel, wenn ſie nicht grau ſind, nur der magere Baum gedeiht mager, die Exiſtenz iſt ein ſteter Kampf— wo der Menſch lebt, ohne daß er zu ſchützen, zu ſorgen braucht, wo er Alles vergeſſen kann, da iſt eine ſchöne Erde, wo von außen die Anregung zur Freude kommt, nicht von innen hinausgebracht wer⸗ den muß, da iſt wirkliches, elaſtiſches Leben. Gott beſchütze Euren Flanell, Eure Oefen und Ueberſchuhe, all' Eure Mittel gegen erfrorene Ohren und Rheumatismus. Die Dunkelheit fiel nieder auf das ſchwarze Meer, das mit donnerndem Geheule ſeine Wogenberge ſchleu⸗ derte, und den Schaum ſprühte über die kleine Sand⸗ inſel; der Zöllner ging zurück und ich empfand un⸗ geſtört die ſchwere Einſamkeit, welche ein toſendes Element bedrängte. Wer denken will und ahnen 190 und kombiniren, der ſtelle ſich Nachts auf einen kleinen, unſichern Sandhaufen mitten im Meere, wenn alle die Waſſer in ihrer Entſetzlichkeit losge⸗ laſſen ſind, der trockene Sandfleck erſcheint wie eine zufällige Laune des Meeres, die jeden Augen⸗ blick zurückgenommen ſein könnte, unter dem ele⸗ mentariſchen, alles Menſchliche wie ein Nichts zer⸗ ſtörenden Lärmen, der eine Armee verſchlingt, ohne daß ein deutlicher Klageton durch den Sturm bräche, unter dem Gebrülle eines bewußtloſen ungeheuern Stoffes ſchrumpft man zuſammen, und die Seele verkümmert zu einem kleinen Lichtlein, was die niedrigſte Welle auslöſcht. Nun erwachte dazu der Donner des Himmels, und fiel wie ein erſchreckendes Paukengedröhn in das Gebrauſe, die Blitze kreuzten nicht zickzack und einzeln die ſchwarze Luft, ſondern ſtürzten ſich breit wie Feuerwolken in's Meer, über die weite See brannte faſt ununterbrochen ein zuckender blaurother Feuerſchein, und das vor Zorn giſchende und ſchäumende Waſſer ſah wie ein beſiegter Feind in 191 dieſem Lichte aus. Man glaubte überhaupt leicht, Feuer komme aus der Oberwelt, Waſſer gehöre in die Unterwelt— wie einen ſchwarzen Punkt erblickt' ich zuweilen den kleinen Schooner, den das Meer auf und nieder ſchleuderte, den der Anker kaum halten mochte, und dahin hatte ſich der kleine Uhr⸗ macher gerettet, um einen Frack und ein Paar geſtreifte Hoſen bei der Hand zu haben. Wie oft ſtürzen ſich die Leute in größere Gefahr, um einer kleineren Angſt zu entgehn, wie oft ge⸗ biert die Angſt den Muth, oder die bornirte Liebe des Beſitzes! — Ich ſaß darauf bei'm Zöllner in der Stube, die Blitze leuchteten uns, und der treuherzige Mann erzählte mir ſein Leben— reiſe an den Nordpol, wenn Du einem Menſchen begegneſt, wird er Pro⸗ tektion brauchen können. Der Mann hat ein ſchlim⸗ mes Geſchäft, er muß mit den Lootſen hinaus, wenn Schiffe kommen, um ihre Waare zu ver⸗ merken, und er wünſchte manchen kleinen Wunſch, wie er jedem Menſchen auch außer der Weihnachts⸗ 192 zeit das Leben friſtet, und ich war aus Berlin, dem preußiſchen Rom, von wo die Statthalter in die Provinzen gehn und die Zöllner beſoldet werden. Ich hatte aber nur einen großen Chef, den er nicht kannte, und der ihm nichts helfen konnte, das Publi⸗ kum. Dennoch erzählte er mir gutmüthig weiter, beſonders vom Treiben auf der Oſtſee, als die Franzoſenzeit geweſen, von Dieſem und Jenem. Die Weiber lebten in einem andern Winkel des Hauſes wie eine gute Art Hausgeflügel. Schil l. „Es zog aus Berlin ein tapfrer Held!“ „Das Bett, in welchem Sie da liegen, ſagte der Zöllner ſpäter, iſt daſſelbe, und es ſteht noch auf dem alten Flecke, wo Schill damals gelegen hat, als er hier in Ruden war mit ſeinem verwundeten Arm. O, das war ein hitziger Herr, um den es ſchade war;— ich hab' ihm manchmal den Arm verbunden!“ Was iſt für hohes Gras über jene Zeit gewach⸗ ſen, Schill in der ſchwarzen Huſarenjacke iſt nur hie und da noch auf einem Pfeifenkopfe zu ſehn; es berührte mich wunderbar, hier in der Meer⸗ und V. 13 194 Sturmeseinſamkeit in ſolchen Bezug zu dem kühnen Partiſan zu treten, der über den großen Geſchichts⸗ ſtrichen mehr und mehr vergeſſen wird. Nicht einmal in unſre Jugend reicht er herein, da ſein Leben noch ein Paar Jahre vor den ruſſi⸗ ſchen Feldzug zurückging, bis wohin höchſtens unſre Kindeserinnerungen reichen. Aber die ſchwarzen Huſaren, die Todtenköpfe, welche der Braunſchweiger Herzog berühmt machte, galten uns immer für übermenſchlich tapfer, und bei den ſchwarzen Huſa⸗ ren wurde denn Schill auch mitgenannt. Ein ſchwarzer Reiter mit einem Todtenkopfe ſei er auch geweſen, ſo viel wußten wir. Noch weniger ahnten wir, daß er gar unſer ſchleſiſcher Landsmann ſei, im Jahr 1775 iſt er in Schleſien geboren worden, und mit ſeinem Vater, der preußiſcher Obriſt⸗Lieu⸗ nant war, ſpäter nach Pommern gekommen. Pommern war denn auch ſeine eigentliche Sol⸗ datenwiege und ſein Soldatengrab. Bei Jena ward er verwundet, kam nach Col⸗ berg, und unternahm von hier ſeine militairiſchen 195 Streifzüge, die etwas ſo Romanhaftes an ſich tragen, wie man's der ſoliden Provinz Pommern gar nicht anſehn ſollte. Aber die Pommern ſind einer der tapferſten Stämme, Tapferkeit iſt Schwertpoeſie und immer blutverwandt mit einer Gattung von Romantik. Mit zwei Dragonern von ſeinem Regi⸗ mente begann Ferdinand von Schill ſeinen Privat⸗ krieg gegen Napoleon. Der Kommandant von Col⸗ berg, dem für den Krieg die Romantik weniger empfehlenswerth ſchien, ließ Schill's Mannſchaft auch nicht leicht über fünfzig bis ſechzig Mann wachſen, damit ſchlug er eine kleine Schlacht bei Neugardt, und nahm den General Victor gefangen, der zur Auslöſung Blüchers benutzt wurde. Der Tilſiter Friede unterbrach ſeine ſtreifende Ritterſchaft. Die preußiſche Regierung war nicht ſo betäubt von ihrem ungeheuren Verluſte,— das Wort Tilſit bedeutete den Verluſt von halb Preu⸗ ßen— daß ſie nicht Schill gewürdigt und belohnt hätte: er bekam ein Huſarenregiment und ſonſtige Ehren,. 196 Außerdem war er der norddeutſche Volksheld geworden, und lebte in jungen Liedern, in den hoffnungsbedürftigen Herzen, auf den Leierkaſten, beſonders in Berlin; hier hat er denn auch einen Moment des Ruhmes erlebt, der ein ganzes Leben von Beſtrebungen aufwiegt— Ruhm iſt ja immer nur ein Symptom von wenig Punkten, der Hauch einer Atmoſphäre, der nur in einzelnen Augenblicken genoſſen werden kann, darum erxiſtirt er nicht für grobe Materialiſten, welche Speiſen vorzugsweiſe lieben, an welchen man lange kaut, und von denen man lange ſatt bleibt. Jener Hauch, der edle Naturen entzückt, wurde ihm, als er 1808 an der Spitze ſeines Regimentes in Berlin einrückte; dieſer Tag war der Glanzpunkt ſeines Lebens. Obwohl man mitten im traurigen Frieden war, ſtürzte ihm doch Alles entgegen, Groß und Klein, Jung und Alt, Vornehm und Gering, aus den Fenſtern weh⸗ ten die Flaggen der Weiber. Hoch lebe Schill! rief man von allen Seiten. Die Thränen der Freude und Rührung, welche Ferdinand Schill damals 197 weinte, ſind der größte Genuß, welchen ſein Vater⸗ land zahlen konnte; Thränen ſind ja immer das Höchſte und Beſte von Leid und Freude. Damals fand man den Huſarendegen in allen Salons, ſchöne Frauen, Officiere und Geſandte machten ihm den Hof, in ſchöne Seide gewickelt ward ihm der Lohn ſeines harſchen Reiterlebens. Als nun im Jahre 9 der ſchwere Krieg Oeſter⸗ reichs mit Napoleon ausbrach, hofften die Preußen, ſie würden ebenfalls zu Kampf und Auswetzen der jüngſten Scharte kommen, und er ward von Vielen zu einer Expedition gedrängt, weil ſie hofften, ſein Losſchlagen werde eine Nothwendigkeit des allgemei⸗ nen Losſchlagens werden.„Schill muß fort, damit wir Alle fort müſſen“ war damals in Berlin die Looſung. Schill war bereit: ſtatt zum Exerciren führte er ſein Regiment in einem Zuge von Berlin bis über die Grenze. Man hat in dieſer Aktion die Wirkſamkeit des„ZFugendbundes“ ſehen wollen, und ſo viel man auch jetzt ſeit einiger Zeit dagegen 198 geſagt hat, eine lebhafte Einwirkung deſſen iſt ſchwer abzuläugnen. Mitglieder des Bundes waren in ſeinem Zuge, wenn auch leicht zu glauben, daß der hitzige Partiſan ſelbſt nicht dazu gehörte, daß er den Eintritt mit den bekannten Worten abgelehnt: „ich bin ein Hitzkopf, und könnte leicht einen dummen Streich machen, was ich thun will, werd' ich allein thun, aber auch allein verantworten.“ Das Wagniß ward aber ſchnell durch den Schlag bei Regensburg ein verlornes, Napoleon drang nach Oeſterreich hinein, Preußen trat nicht feindlich her⸗ aus, und mußte in die Achtserklärung Schills willigen, der allein den Krieg gegen den ſiegreichen Kaiſer führte. Jérome, der König von Weſtphalen, in deſſen Gebiet der Huſar zunächſt drang, ſetzte einen Preis von 10,000 Franken auf ſeinen Kopf, Napoleon ließ ſchonungslos jeden Gefangenen von Schills Truppen erſchießen. Ein norddeutſcher Auf⸗ ſtand in Maſſe war nicht reif; er focht an der Elbe umher, ſchlug das Treffen bei Dodendorf, mußte —— 199 ſich aber, obwohl ſein Corps auf 6000 Mann an⸗ gewachſen war, über Mecklenburg nach Pommern zurückziehen. Hier warf er ſich nach Stralſund, und befeſtigte und ſchützte ſeine Reiter, ſo gut es für Reiter gehen konnte. Napoleon mochte keine ſo herumfliegende Lunte um keinen Preis dulden, zehntauſend Dänen und Holländer unter Gratien und Ewald legten ſich vor Stralſund; Schill wollte ſich und ſeine kühnen Leute der günſtigeren Zeit oder einem günſtigeren Terrain aufſparen, er trat unter ſie, und ſchlug ihnen vor,“ in See zu gehn. Aber die Reiter hielten nichts vom Meere, das war ihnen ein fremdes unheim⸗ liches Element, auch mochten ſie, die aus rein deutſchem Patriotismus zu Pferd geſtiegen waren, nur in Deutſchland ſich am Ort glauben, kurz entweder in Bornirtheit oder tollkühnem Muthe riefen ſie ihm zu: ſo weit die Erde feſt und der deutſche Himmel über uns iſt, wollen wir ziehn, aber nie zu Schiffe! gogenliedern von Anno 17 mit dem alten, unheils⸗ 200 So mußte denn Stralſund ein großes Reitergrab werden, die übermächtigen Feinde drangen nach wüthendem Kanonen⸗ und Gewehrfeuer in die Stadt, und es entſtand ein verzweiflungsvolles Säbelgemetzel in den alten pommerſchen Straßen. Schill war hoch zu Roß mitten im Getümmel, und ſein Säbel arbeitete wie der Spaten des Gärtners, den hol⸗ ländiſchen General Carteret hieb er zuſammen, und gab ihm unter dem Schießen, Säbelklirren und Pferdetrampeln die Worte mit auf die letzte Reiſe: „Hundsfott, beſtell' mir Quartier!“ Er brauchte es ſchnell, mein Zöllner erzählte Schills Tod ſpecieller dahin: ein Landsmann habe unvorſichtig, erfreut über den Anblick des Tapfern, als dieſer mit wenigen Reitern auf eine Lichtung der Straßen herausgeſprengt ſei, ausgerufen:„Sieh da, Schill, Schill!“ es ſei die Ueberzahl auf ihn eingeſtürzt, und unter den zahlreichen Säbeln ſei er gefallen. Ein ſtampfender Reitertod, der in den Dema⸗ 201 vollen„Straleſund!“ noch heut von den Studenten geſungen wird. Der Rudner Zöllner ſagte:„Er war gar nicht beſonders groß und ſtark, der Herr Major, ſondern ein blaſſer, ſchmächtiger Herr, aber raſch und unge⸗ duldig, und Säbelhiebe hatt' er überall. Als er da⸗ mals hier auf Ihrem Bette lag, o, da war er manch⸗ mal böſe, daß er den Arm nicht brauchen, und den Säbel nicht halten und nicht reiten könne. Jetzt iſt's ſtille auf der Oſtſee gegen damals.“ In jener Zeit erwarteten Viele in Schill einen patriotiſchen Helden in großem Stile, und Manche ſagen es wohl heute noch— das heißt aber Schill's Weſenheit völlig verkennen. Mittelmäßige Leute pflegen ſich bei hiſtoriſchen Erſcheinungen immer an diejenigen Perſonen zu hal⸗ ten, welche in einem kleinen Verhältniſſe ſich aus⸗ zeichnen und früh ſterben. Sie ergehen ſich dann in Möglichkeiten, was Alles daraus hätte werden können, dieſe Möglichkeiten rechnen ſie ſich ſelbſt 2⁰0² mit an, weil ſie ihre Erfindung ſind, und ſo haben ſie nicht nöthig, etwas Anderes anzuerkennen, als was halb ihr eigenes Machwerk iſt. Dieſe Claſſe pries Moreau über Alles, der für ſeinen Ruhm zu lange lebte, ſie ſagt, Joubert und Déöſaix, die in Italien fielen, wären größer als Napoleon ge⸗ worden, Theodor Körner hätte der größte deutſche Dichter werden können, Schill ein moderner Ar⸗ minius. Für ſie exiſtirt keine charakteriſtiſche Größe, die in ihrem Kreiſe beurtheilt und geſchätzt werden kann, weil ſie darin eine Mahnung finden, im eigenen Kreiſe mehr zu leiſten, weil das Hinausſchweifen in unklare, phantaſtiſche Möglichkeit keine Forderung an ſie macht. Schill hat ſich ſelbſt am Beſten charakteriſirt, als er bei Arneburg ſeine Soldaten mit den Wor⸗ ten anredete: Kameraden! Inſurgenten ſind wir nicht, wir wollen blos für unſer Vaterland ſtreiten, und unſerm Könige die verlornen Länder wieder gewin⸗ 203 nen; und wenn er das letzte Dorf hat, dann gehen wir alle nach Hauſe, und ich ſchwöre bei meiner Ehre, ich will nie mehr werden als preußiſcher Officier! 11. Der Sturm. Mit dem Zöllner war der Converſationsſtoff bald zu Ende, die Weiber waren noch aus jener Zeit, wo die Rügenſche Frau am Heerde und Spinnrocken ſaß, die Sprache aber für ſie noch nicht erfunden war; den ganzen Zuſtand einer bleigsnen Eilands⸗ ſtille und Antheilsloſigkeit hatte ich überſehen, das I einzige Buch im Hauſe, eine pommerſche Broſchüre über Vineta und Julin geleſen— was ſollt' ich Blitze leuchteten noch im Meere, die Wogen tobten , να länger hier? Fort! dachte ich am finſtern, frühen 2 G Morgen, als ich auf Schills Lager erwachte. Die 205 noch, als könnten ſie ſich nicht erſchöpfen, im Hauſe war's noch grabesſtill. Wenn ein leichtſinniger Bonvivant eine Nacht hierher verſchlagen würde, dachte ich im halben Morgenſchlummer, und das blonde Mädchen, das neben dir in der Kammer ſchläft, in einer ſtürmi⸗ ſchen Nachtliebe zu entzünden wüßte, von dannen reiſ'te und nach mehreren Jahren erſt wieder an Ruden gedächte, was müßte das für eine tragiſche Novellenſituation werden! Das blonde Mädchen ſitzt blaß mit aufgelöſ'ten Haaren vor der Hütte und ſieht ſtarr in's Meer hinaus, ein halbnackter Bube ſpielt auf ihren Knieen, Niemand weiß, wie er heißt, auch die Mutter nicht, das benachbarte Lootſenweib, und das Meer, und der gefleckte kniebeinige Haus⸗ hund ſehen ſcheu nach ihr, ſie hat ſchon viel Aehn⸗ lichkeit mit der alten Fretten.— Ein Sturmſchlag an's Fenſter weckte mich; es war noch immer ein ſchwarzgraues Wetter, aber meinen Entſchluß, um jeden Preis von dannen zu gehn, hatte ich nicht verſchlafen. Der Schooner „ 206 lag noch hoch geſchleudert vor Anker, und mein Wirth gab mir die Verſicherung, daß er bei ſtetem ſtürmiſchem Südwinde, der in's Meer hinauswerfe, nicht an einen Verſuch nach Swinemünde denken könne. Ich wollte alſo verſuchen, an den nächſten beſten Punkt des Feſtlandes zu kommen; über den Wellenbergen ſah man im Süden die Waldſpitze von Uſedom, und da man darüber hinaus nicht kommen könne, ſo wollte ich dieſſeits, wenn mög⸗ lich, bis Peenemünde gebracht werden. Er ſchüt⸗ telte den Kopf, führte mich aber doch in einige Lootſenwohnungen: die Leute ſaßen behaglicher als ich erwartet hatte— ihr ſchlimm Geſchäft wird reichlich bezahlt— ſtrickten Netze und zimmerten und hobelten. Auf meine Anfrage kratzte ſich der Hauptführer in den Haaren, und ging vor die Thür, um nach Wetter und Wind zu ſehen. Als er wieder eintrat, kratzte er noch, ſagte aber Ja. Ich nahm alſo Abſchied von meinem Zöllner und den ſtumpfäugigen Weibern, von den niedri⸗ gen, braun⸗ und aſchfarbigen Hunden des Eilands, * 207 welchen das Klima keine eigentliche Farbe geſtattet, ia ſogar die Augen mit Grau anſtreicht, und watete zum Strande. Puh, das Wetter und Meer war ein Vergnügen! Es mußte aber doch nicht ſo große Gefahr drohen, da die Lootſen noch ein zweites Boot vom Sande in's Waſſer ſchoben, um nach den Netzen zu ſehn: die ſtraffen Kerle in kleinen Glanz⸗ hüten, kurzen Jacken und großen Waſſerſtiefeln wateten bei dieſer Gelegenheit bis über die Kniee in's Waſſer, der Sturm warf kalten Regen in's Geſicht, es war die unbehaglichſte Exiſtenz, die roth⸗ backigen Lootſen trieben das aber, und ruderten in das tobende Element hinein, als wäre das ganz in der Ordnuug und ganz ſcharmant. Ich ward dann auch in ein naſſes Fahrzeug gewieſen, und konnte mich wie ein Huhn auf die Latte flüchten, um nicht ganz in Sauce eingetaucht zu ſein. So erfreulich ſituirt winkte ich dem Zöllner und ſeinem aſchgrauen Hunde Abſchied, und das donnernde Bergauf, Bergauf des ſturmbewegten Mee⸗ res nahm mich auf. Zum Regen geſellten ſich jetzt 208 die Sprütz⸗ und Sturzwellen, welche ſich meinem Antlitz und Mantel zugethan bewieſen, der Wind brüllte, das Segel ward alle fünf Minuten anders geworfen, weil wir faſt direkten Gegenwind hatten, und dies nöthigte zu immerwährendem Sitzwechſel — der Zuſtand war äußerſt heiter, und wenn man ein Liebespaar in Seenoth ſchildern und ihnen dabei allerlei ſentimentale Zärtlichkeit beilegen hört von unſern Romantikern, ſo mögen dieſe es hinter ihrem warmen Ofen verantworten. Maria Stuart hätte in ihrer Blüthezeit neben mir ſitzen können, es wäre mir etwas ganz Anderes wünſchenswerth geweſen, als zärtliche Beſchäftigung mit ihr. Ulrichs Schooner lag etwa einen halben Büch⸗ ſenſchuß von dem Punkte entfernt, wo ich mit den Lootſen in See ging, und nachdem unſer Fahrzeug eine volle Stunde gegen Sturm und Wogen ge⸗ arbeitet hatte, waren wir noch nicht in der Linie des Schooners. Dabei waren wir ununterbrochen tüchtig geſegelt, bald ſcharf rechts, bald ſcharf links, ſo klein iſt der objektive Gewinn beim Laviren. 209 Plötzlich ſchrien meine Lootſen„Weſtſuͤdweſt!“ — ſie bemerken das ſo ſchnell als wir den Regen entdecken, wenn er uns auf die Naſe fällt. Das war ein brauchbarer Wind nach Swinemünde, ich drang alſo darauf, bei meinem Schooner angelegt zu werden. Die Arbeit begann, und nach Verlauf einer zweiten Stunde drückte Ulrich unſern Bord an den ſeinen, und ich mußte in dem Unwetter ſo und ſo viel Thaler und Groſchen zuſammen ſuchen — der Geldverkehr iſt mir nie ſo gemein vorge⸗ kommen: in einer Situation, wo jeder Fehlgriff oder Fehltritt das Bischen Leben koſten kann, muß nach Geld geſucht werden; der natürliche Bezug zwiſchen Menſchen iſt dem feindlichen Elemente gegen⸗ über ſo dringend heraus geſtellt; ſie bezahlen ſich aber ſelbſt die Lebensgefahr, in welche ſie für ein⸗ ander gehen. Und Papiergeld iſt noch viel ärger, und ich hatte blos ſolches zur Hand, das erinnert an ein noch künſtlicheres Verhältniß— aber der Staatskredit ſchwankte im Sturme nicht, wir einig⸗ V. 14 . en 210 ten uns ſchnell, ich kletterte in den Schooner, die Lootſen flogen davon.. Erich ſah blaß aus, und war mit dem heiligen Jakob ſehr unzufrieden, und der Uhrmacher, ach, wie äußerſt alterirt ſah dies kleine Geſicht aus, wel⸗ ches er wehmuthsvoll⸗neugierig aus der Kajüte ſteckte. „Mir blüht kein Frühling, mir lacht keine Sonne/“ dieſer beliebte Vers eines Guitarrenliedes, was von anfänglichen Dilettanten beſonders geſchätzt wird, lag mit ſchwarzen Buchſtaben auf der Augenpartie des Putbuſſers. Er litt ſehr, beſonders am Magen und an der Troſtloſigkeit, noch mehr aber, wie er ſich ausdrückte, an der unzarten Behandlung. Der Schooner ſelbſt hatte ſein gut Theil Schuld daran, er hatte ſich ſehr unruhig verhalten, der Sturm hatte während der Nacht eigenmächtig den Anker gelichtet, und Ulrich war ſehr eilig nach dem zweiten geeilt—„Sie glauben gar nicht, was das für'ne Behandlung bei dem Nachtlager war! Zwei kleine Bänkchen, wie Sie ſehn, und ein Stückchen Fußboden ſind nur diſponibel, und ich wünſchte 211 mich als Paſſagier natürlicherweiſe die Bank, dat ewige Hin⸗ und Hergeſchmeiße brachte mir aber immer wieder auf den Fußboden, und der unanje⸗ nehme Ulrich äußerte endlich, ich ſollte doch liegen bleiben, wo mir— ach! Wenn's nur das eine Mal vorüber wäre, keinen Fuß wollte er wieder auf's Waſſer ſetzen, für einen gebildeten Menſchen ſei doch das gar keine ſchickliche Reiſemanier.— Aber wie wollen Sie denn ohne Waſſer auf die Inſel Rügen zurückkommen? Ach Herr, das weiß ich jetzt noch nicht, aber ich geh' nicht mehr auf's Waſſer, und dieſer Kaffee, den der abergläubiſche Erich kocht! Dieſer Kaffee! Sehn Sie, ich halte viel aus, aber Kaffee mit Syrup in ſolcher Witterung, und bei der Sorte Geſchmack, wie ich ſeit geſtern habe, oh, ich leicht⸗ ſinniger Menſch! Und mein ſchöner Schlafrock, wie ſieht der aus! und das Schöpſenfleiſch kocht er noch immer nicht— ach, und das Gefühl, was in mir iſt, mein Lebtag iſt mir's nicht vorgekommen, regu⸗ 212 lären Hunger kann man's nicht nennen, aber wenn der Kerl nur Schöpſenfleiſch kochte, Kartoffeln ſind noch da.— Zu meinem Schrecken erfuhr ich von Ulrich, daß er ſich jetzt trotz des günſtigeren Windes nicht hin⸗ auswagen könne, und zwar aus folgenden Gründen: das ſei kein Wind, ſondern Sturm, in der See draußen wären ſo viel Wellen, daß an ein Strich⸗ halten nicht zu denken ſei, und weil wir wegen des Peenemünder Hakens tief in See hinaus müßten, ſo könnten wir leicht nach Schweden verſchlagen wer⸗ den. Außer andern Gründen ſei dies aber ſchon darum nicht zu wagen, weil wir nur zwei Pfund Schöpſenfleiſch an Proviant beſäßen. Das war nun zum Verzweifeln; das wiſſend wäre ich mit meinen Lootſen weiter gegangen. Ich äußerte mich denn auch ſehr ungeduldig, denn hun⸗ gernd und auf den verſtörten Uhrmacher beſchränkt, wurde mir Stunde auf Stunde immer langweiliger; Herr von Raumers Beiträge zur Geſchichte Friedrich's des Großen, die ich in der Manteltaſche entdeckte, 213 erhöhten mein Mißbehagen, weil ich eitel bekannte Dinge fand, und mich ärgerte, daß ein Hiſtoriker dergleichen dreiſt und ſelbſtgenügſam für Neues aus⸗ geben könne; ich ſtachelte und turbirte Ulrich, und warf ihm vor, er habe wie der Siebenbürgner keine Kourage. Ulrich aber erwiderte, ich ſollte ihn nicht tück ſch machen, das müſſe er beſſer verſtehn, wie er denn das vor mir verantworten ſolle, und was ich denn dazu ſagen würde, wenn wir in Sünden verſöffen? So war es über Mittag geworden, der Wind war noch ſehr heftig, aber nicht mehr eigentlicher Sturm, und zu meinem Erſtaunen lichtete Ulrich den Anker. Nach mir ſich wendend ſtieß er einige Vor⸗ würfe aus, und ich ſollte es nun vertreten, wenn uns ein Unheil paſſirte, jetzt gingen wir direkt über den Haken. Er brauchte wohl, wie die meiſten Menſchen, auch nur den Schein einer fremden Ver⸗ antwortlichkeit im Hintergrunde; mir war indeſſen damit gar nicht gedient, da ich fürchten konnte, er tieße ſich zu einer Gefahr durch mein Stacheln ver⸗ leiten, der wir am Ende nicht gewachſen ſeien. Ich 214 fühlte auch nicht den mindeſten Beruf, in dieſem kalten, unbehaglichen Waſſer unterzugehen. Wenn b ſich Einer das Leben nehmen will, ſo kann er nicht vorſichtig genug zu Werke gehn, wenn man aber am Leben bleiben will, noch mehr; ich ermahnte„ Ulrich dringend, den„Siebenbürgner“ nicht ſo ge⸗ 1 nau zu nehmen, umſonſt, er hatte etwas Stier⸗ t artiges: wenn der Kopf einmal zum Anlauf geſenkt 1 iſt, dann ſieht er nichts mehr, der Refrain war: 8 's geht über den Haken. Der Anker wich, wie eine V Nußſchale flogen wir in die ſtürzenden Wogen hin⸗ V ein, Erich arbeitete mit höchſt ſorgenſchwerem Ant⸗ V litze, der Uhrmacher öffnete den Mund. Mit dem Peenemünder Haken hat es aber fol⸗ b gende Bewandniß: Von der Spitze Uſedoms geht eine Sandbank unter der Waſſerfläche weit in See hinaus, die ſchon ziemlich weit im Meere außen von nicht mehr als zwei Fuß Waſſer bedeckt iſt. Dieſer G Strich iſt natürlich ſehr gefürchtet; eine Landphan⸗ taſie denkt ſich das weniger bedenklich, und ein Lohn⸗ kutſcher würde ſagen: Wenn wir auffahren, machen 215 wir uns wieder flott, oder wir waten nach dem Lande, was man ja in weiter Ferne ſieht, und was nicht viel über eine Meile entfernt ſein kann. Das iſt aber ein wenig anders: t ſit das Schiff feſt, ſo ſind einige Keulenſchläge der Wogen, wie ſie eben in ſchönſter Ausgabe vorhanden waren, voll⸗ kommen genügend, um den nicht mehr nachgiebigen und weichenden Holzkaſten in Trümmer zu ſchlagen; kommt nun obenein der Wind, oder gar ein halber Sturm vom Lande her, ſo gelingt kein Schritt nach dem Lande zu, ſondern man wird unrettbar nach dem offnen Meere hinausgeſchleudert, wo Jeder nach ſeiner Weiſe ertrinken kann— ſelbſt wenn man glauben wolle, daß der Sandſtrich ganz regelmäßig wie ein Erempel immer auf zwei Fuß eingerichtet wäre. Zwei Fuß im Meere ſind auch mit gutem, bäumendem Wellenſchlage vier Fuß; iſt man aber erſt einmal ohne Schiff im Meere draußen, ſo rettet wohl ein Romanſchreiber gewöhnlich, aber die Wirk⸗ lichkeit nicht; ohne Planke oder Balken geht's mit dem beſten Schwimmen eine ganz kleine Strecke und 216 mit ſolchem Anhalt auch nur ein Weilchen laͤnger, da das Waſſer für keine menſchliche Gliedmaaße, am wenigſten im September auf die Länge brauch⸗ bar iſt. Dies Alles erwägend ſah ich wehmüthig nach dem immer ferner verſinkenden Ruden zurück; da gab's wohl Langeweile, aber doch keine Lebensgefahr. Ich habe meine Manſchetten wie jeder Andere, beſonders wenn ich mit der Leber brouillirt bin, aber ich fand es doch wirklich wünſchenswerther, den Weg ſelbſt durch eine Gefahr aus dieſen unzulänglichen Zuſtän⸗ den aufzuſuchen. Ueber den Ruden öffnete ſich mir jetzt ein kleiner Gedächtnißkaſten, deſſen Exiſtenz mir bisher völlig entgangen war, wie es ja überhaupt mit einzelnen Dingen geht, die als Notiz einmal in unſern Sinn geprägt worden ſind, und geſtorben ſcheinen, bis ſie juſt von dieſem oder jenem Worte oder Gedankengange aufgeweckt werden. Ich erinnerte mich plötzlich klar, daß Guſtav Adolph, als er mit dem ſchwediſchen Heere nach Deutſchland ſegelte, auf dem Ruden gelandet und niedergekniet iſt. Das 217 hätte mir um ſo weniger entgehen ſollen, da Guſtav Adolph einer meiner intimſten Blutsverwandten iſt, den ich zu Breslau im erſten Dichtungsdrange für eine fünfaktige Tragödie binnen zehn Tagen verar⸗ beitet hatte. So vergißt man ſeine nächſten Ange⸗ hörigen, weil das Leben ſtürzend weiter geht und Neues heiſcht, und die Leute hören doch nicht auf zu klagen über das Vergeſſenwerden.'s iſt unſer Loos unter einer Sonne, die täglich untergeht. Das war ſehr paſſend, der brauſende Wind trieb uns heftig in die Gefahr hinein, die Oſtſee konnte bald meinen Leib und Namen bedecken. Ulrich drückte das Steuer bald rechts, bald links, er kam nicht zur Entſcheidung, ob die Meeresſtrö⸗ mungen, die uns hinaus gen Schweden werfen konn⸗ ten, wünſchenswerther ſeien, als die ſeichten Stellen des Hakens, die nach dem Lande zu bedenklicher waren. Erich maß die zwei ein halb Fuß, die un⸗ erläßliche Tiefe, welche der Schooner brauchte, an einer Stange ab, und bezeichnete ſie durch ein um⸗ gebundnes Strickchen; der Haken war nahe; er ſchickte 218 ſich mit bebenden Lippen an, die Tiefe zu meſſen, und dem ſteuernden Ulrich zuzurufen. Sechs Foot!(Fuß) ſechs Foot, fünf ein halb Foot! Das hatte gute Wege, und wir kamen in den guten Glauben, uns weit genug hinaus nach dem Meere gehalten zu haben. Vier Foot! vier Foot! knappe vier Foot! drei ein halb Foot! drei Foot! Ulrich drückte ſtark am Steuer, um das Schiff weiter hinaus zu halten, es wurde keine Sylbe geſprochen— knappe drei Foot! zwei ein halb Foot! Der Uhrmacher hielt ſich den Kopf und ſtürzte in die Kajüte, er hielt es wie der Strauß für hinreichend, den Feind nicht zu ſehen. Der Schooner ſchrammte bereits den Meeresgrund, und hinter ihm her zog ein breiter brauner Strich im Meere von dem aufgewühlten Boden; mit einer wirklichen, kalten Grabesſtimmung ſah ich dem bleichen Erich zu, ob das Waſſer einen Finger breit unter die zwei ein halb Foot treten werde, dann half uns ſelbſt der brauſende Wind nicht mehr, welcher uns jetzt durchſchleuderte, Ulrich drückte aus Leibeskräften mit dem Steuer hinaus. 219 Die drohende Spannung dauerte eine ganze Weile— es ſchien mir etwas Verhöhnendes darin zu liegen, auf dem Meere den Mangel an Waſſer fürchten zu müſſen, ſo weit man ſah Waſſers in Hülle und Fülle, um ganze Nationen zu verſchlin⸗ gen, Waſſer juſt wegen ſeiner Ausdehnung und Tiefe dem Menſchenleben gefährlich, und hier gerade nicht genug, um ein kleines Fahrzeug zu tragen.— Knappe zwei ein halb Foot! Auf's Hintertheil Alles! Her an's Steuer! ſchrieen die Schiffer. Ich mußte den halb ohnmächtigen Uhrmacher aus der Kajüte reißen, er begriff nichts mehr, und es han⸗ delte ſich jetzt darum, die Spihe des Schooners ſo flott und hochgehend zu machen, wie nur möglich. Der Wind war à propos, er warf uns wie ein konſequenter Freund in der Noth hindurch, der Haken ging zu Ende, wir fanden tieferes Waſſer, und nach überſtandener Gefahr kam wie immer die beſte Luſtigkeit. Erich kochte nun endlich ſein Schöp⸗ ſenfleiſch und der Uhrmacher mußte Kartoffeln dazu 220 ſchaben; entſchloſſener Seehunger würzte das kleine Mahl, was türkiſch mit den Fingern genoſſen wurde. Gegen Abend hatte ſich der ſtürmiſche Wind zu einem artigen Fahrwinde beſänftigt; das Dampfboot Dronning Maria ſtrich mit ſeiner fliegenden Rauch⸗ ſäule nach Copenhagen an uns vorüber; bei tieferem Dunkel leuchtete uns der Swinemünder Leuchtthurm; das Meer nahm Abſchied von uns, als wären wir ununterbrochen die beſten Freunde geweſen. Das erſte Wort des Uhrmachers auf feſtem Bo⸗ den war ein herzhafter Fluch, er hatte ſeine ganze Perſon wieder, und ſchnaubte rachedurſtig nach einem Stück gebrat'nen Fleiſches— o Torgau, Torgau! hätte ich deinen ſchwarzen Bären in der Nähe! Ich ſetze voraus, daß in Torgau ein ſchwarzer Bär iſt, obgleich man ſich in keiner Weiſe auf den Uhrmacher verlaſſen konnte. Er ſchied mit einer Rede von mir. Im Geſellſchaftshauſe war glänzende Erleuchtung; bei näherem Zuſehn fand ſich ein Ball; ich eilte nach Hauſe, Luiſa ſchlug die Hände über'm Kopfe 212 zuſammen, und wußte nicht genug von den vergeſ⸗ ſenen Butterſemmeln zu ſagen, und ſich zu verwun⸗ dern, daß ich Frack und Schuhe heiſchen könnte, Abends um halb Neun. Ein ſchönes Mädchen im Tanzſaale trug rothe Schleifen und tanzte vortrefflich Galopp; ſie fragte, warum ich ſo ſpät käme? Mein Fräulein, der Peene⸗ münder Haken hat meine Toilette verzögert, und der gemeinſte Hunger nach einem Beefſteak hat mich im Nebenzimmer aufgehalten. 's iſt erſchrecklich heiß im Saale.— Draußen auf der Oſtſee war's ſehr kalt. So ſtürzen die Menſchenleben in einander, und wenn man's nicht aufſchreibt, vergißt man's, und Viele wiſſen's gar nicht, was ſie Alles erlebt haben. Namentlich denken die Leute, in Pommern ſei nichts zu erleben; die Thörichten!— Motto: Stolz im Werden und Geberden, Ein Geword'nes gilt das Werden, Raſcher geht's auf hohen Pferden. —— 12. Berlins Geſchichte. Wenn die deutſchen Schriftſteller über Berlin ſchrei⸗ ben, ſo ſprechen ſie von den Eckenſtehern und von Wien, und ſchimpfen auf den Witz. Mit Wien und Berlin geht's wie mit Schiller und Goethe: ſtatt daß wir uns nach Goethe's Ausdrucke freuen ſollten,„zwei ſolche Kerle“ zu haben, vergleichen wir ſie, ſtreiten uns, was vorzüglicher, was ge⸗ ringer ſei. 3 Ueber die Eckenſteher, welche Glaßbrenner für die Literatur erfunden hat, lachen ſie, wenn ihnen der Accent verſtändlich iſt, entſchuldigen ſich aber wegen des Lachens, und jeder Hansnarr, der Alles V. 15 226 für Gemüth hält, was langweilig iſt, ſpricht ein Wort von der Gemüthlichkeit, und bedauert, daß der Berliner Witz kein Gemüth habe. Franz Horn, der Klaſſiker aller Gemüthlichkeit, iſt in ſeinem Leben noch nicht witzig geweſen, und es läßt ſich kein Menſch eine ſpaniſche Fliege ſetzen, um einer gemüthlichen Empfindung theilhaftig zu werden. Das Wort Witz hat ſchon im Tone ſeinen ſpitzen Stachel, wer ſich davor fürchtet, der hat eben nichts mit dem Witze zu thun. Daß man ſo viel Animoſität gegen das Ber⸗ liniſche findet, davon liegt der Grund in ganz andern Dingen: der Witz, welchen man tadelt, iſt nur ein Symptom, an welches man ſich zunächſt hält; die Dornen des Buſches ſchlägt man, aber der ganze Buſch mit Keim und Wurzel iſt gemeint. Berlin iſt ein Herrſchgedanke, welcher ſeit Friedrich dem Großen den Nachbarländern zum unklaren Bewußt⸗ ſein geworden iſt; dieſer Gedanke einer jungen Macht, welche mit hiſtoriſcher Energie befruchtet iſt, wird gefürchtet und befehdet wie alle neu geahnte Herr⸗ * 227 ſchaft; dies klare, norddeutſche, preußiſche, entſchloſſene, ſcharfe Element wird gemeint, und das Bischen Witz muß ſeinen Buckel bieten für den Widerwillen. Nun, der Buckel iſt eckig und kantig, er verträgt's. So hängt der Eckenſteher mit der europäiſchen Staatenentwickelung zuſammen. Man ſoll übrigens nicht läugnen, daß dies ener⸗ giſche Weſen des Nordens, was aus Marken und Grenzländern, aus Gebieten und Anlagen entſtanden iſt, die noch in unabgebrauchter Friſche ſtrotzen, man ſoll nicht läugnen, daß dies Weſen koncentrirt und beleidigend im Berliner ſich auspräge, man ſoll eine Oppoſition dagegen ganz natürlich finden. Roma, die ſchon übermüthig war, als ſie erſt ein klein Gebiet beherrſchte, hat den Samnitern und Volskern und wie ſie weiter heißen, die Meinung nie ſtreitig gemacht, daß Roma übermüthig ſei, damit hat es ſich nicht abgegeben. Jeder Staat von neuerem Datum, und beſonders der Mittelpunkt deſſelben, beleidigt, die bloße Exiſtenz deſſelben wird für eine Beleidigung gehalten— wer ſich in der Geſchichte 228 darum kümmern wollte, der würde ein höflicher Mann, ein Hofrath, ein guter Geſellſchafter, aber ſonſt nichts. Karl der Große war für die Römer ein bar⸗ bariſcher Parvenü, den ſie zu Hauſe verſpotteten, dem ſie auf der Straße das Knie beugten; Napo⸗ leon war für ſeine Zeitgenoſſen ein Parvenü, und für die Geſchichte iſt er ein Halbgott— wenn Berlin ſeit hundert Jahren ſeine Statthalter zu Copenhagen, zu Amſterdam, zu Genf und zu Trieſt hätte, ſo wären ſeine Witze vortrefflich. Man ſagt in der Geſchichte, daß die Völker in Kultur und Herrſchaft ſich erſchöpften, und daß die alten ſtets abgelöſ't würden von neuen, friſchen, denen alle vorhergehende Bildung fremd ſei. So wäre Babylonien von Perſis, Perſien von Griechen⸗ land, Griechenland von Rom, Rom von Gothen und Germanen beſiegt worden. Nach dieſer Rech⸗ nung wären jetzt die halb ſlaviſch, halb deutſch ent⸗ ſtandenen Völker an der Reihe, welche niemals zur Innerlichkeit des deutſchen Reiches gehört haben: 229 Schleſien hätte einen Verſuch gemacht mit Dichter⸗ ſchulen, mit Opitz und Hoffmannswaldau, die Mark hätte den ſiebenjährigen Krieg geliefert, Oſt⸗ und Weſtpreußen hätten die Kantiſche Philoſophie ge⸗ ſchaffen, welche von manchen Leuten der deutſche Na⸗ tionalkonvent genannt wird, und Pommern, Pom⸗ mern ſei noch nicht ganz darüber einig, wodurch es ſich eklatant auszeichnen werde, es habe ſich etwas verſpätet und wolle jetzt nicht ſtören, und all dieſe Länder hätten im Befreiungskriege ein entſcheiden⸗ des Ganze gebildet. Ihnen gehörte nach jenem hiſto⸗ riſchen Kalender die nächſte Zukunft; ſpäter kämen die reinſlaviſchen Völker an die Reihe. Da auf der Geſchichtsuhr das Wort„Spätere“ mehrere und einige Jahrhunderte zu bedeuten pflegt, ſo wollen wir das abwarten. Es iſt aber im Ernſt nicht zu läugnen, daß bei der Anlage Berlins zu einer neuen welthiſtori⸗ ſchen Hauptſtadt auf dieſe Theorie ſtark Rückſicht genommen und ein Fleck Landes ausgeſucht worden iſt, welcher durch keine verführeriſche Kultur ver⸗ 230 dorben war, und an welchem viele Jahrhunderte gearbeitet und gebildet werden kann, ehe er in dieſer Weiſe verdorben und durch allzu großen Reiz zur Schwächlichkeit verlockend wird. Es iſt erſtens gar keine Gegend bei Berlin, zweitens kein Raſen, drittens kein Vergnügen und viertens kein Schatten. Der Thiergarten, in wel⸗ chem wir heute ſchwärmen, hilft uns für die Ge⸗ ſchichte nichts, wir dürfen ihn nicht auf die Rech⸗ nung ſetzen, er iſt jung, noch im frühſten Frühlings⸗ alter, kein Schöpfer, ſondern eine Schöpfung Ber⸗ lins, bereits ein Denkmal der Bildung, und deß⸗ halb ſo konſervirt, daß noch heute in ſeinen Hallen kein gemeiner und kein feiner Tabak geraucht wird, er iſt ausgehauen von den Kurfürſten und Königen, er iſt gepflegt und erzogen. Man veranſtaltete Bären⸗ jagden in ſeinem Bereiche; bei Berlin hat man ſich überhaupt viel mit den Bären zu ſchaffen gemacht, der Name ſoll durchaus von ſolcher Beſtie abſtam⸗ men, beſonders da ein Bär im Wappen der Stadt, und Albrecht der Bär ein Markgraf von Branden⸗ ——————Q—Q—Q—— — 231 burg geweſen iſt, Bärlin ſo wahrſcheinlich klingt, und der jetzige Bewohner die erſte Sylbe juſt ſo betonet; das Wort Berlin iſt aber wahrſcheinlich viel zahmer. Nämlich: wendiſche Stämme ſaßen in der Mark und legten ein Fiſcherdorf an„to dem Berlin“; Berlin bedeutet ein Stück wüſtes Land. Der Name iſt alſo dergeſtalt richtig, daß heute noch Jedermann davon leicht zu überzeugen iſt, der von Groß Beeren oder Tempelhof oder von ſonſt einer Seite to dem Berlin gewandert kommt, das wüſte Land iſt nicht zu verwüſten, der Streuſand für unſere Büreaus iſt ewig. Merkwürdigerweiſe iſt über Gründung und Ur⸗ ſprung Berlins gar nichts Sicheres zu ſagen, man weiß über Athen und Palmyra mehrz wir können alſo mit Bequemlichkeit eine Mythe erfinden, daß der erſte Berliner von einer Bärin geſäugt, von Adlern geſpeiſ't, von wilden Männern erzogen wor⸗ den ſei;z damit ſind die Wappen erklärt, und der junge Konditor angelt alsdann in der Spree und fängt da die meiſten Fiſche, wo heutiges Tages die 232 Stadtvogtei ſteht. Dort baut er ſich eine Hütte, es kommen Wenden zum Beſuche, und ſo entſteht ein Fiſcherdorf, daraus wird Berlin, daneben wächst aus dem moraſtigen Spreediſtrikte Kölln, es wächst der Werder, am Ende gar die Friedrichsſtadt, und ſo iſt es dahin gekommen, daß uns jetzt die Droſchke gedankenlos vom Brandenburger Thore in die Kö⸗ nigsſtadt fährt, eine Viertelſtunde weit aus einem viel ſpäteren Jahrhunderte in ein viel früheres. Man glaubt es gar nicht, wie viel man thun und leben kann ohne Wiſſenſchaft: im Berliniſchen Kölln wohnen reiche Kaufleute, die ſich ihr Leben⸗ lang nicht darum gekümmert haben, auf welchem hiſtoriſchen Boden ihr Haus ſteht, und wie Kölln entſtanden iſt; und gerade deßhalb haben ſie keinen Groſchen weniger und manchen Groſchen mehr ver⸗ dient. Um die Vergangenheit kümmern ſich meiſt nur die Leute, welche nichts haben. 6 Und was iſt das für eine Unſicherheit mit der Stadt Kölln! Am Rheine gibt'’s ein Kölln, in Thüringen gibt es das berühmte Kuh⸗Kölln, welches — 233 die Geographen Kölleda nennen, mitten in Berlin gibt's ein„Kölln am Waſſer“! Koll heißt im Wendiſchen ein in's Waſſer geſchlagener Pfahl, Kollne aber ſind Gebäude auf ſolchen Pfählen. Dies kann aber eben ſo gut falſch wie richtig ſein, und die Köllniſchen Kaufleute— Kuh— Kölln treibt ſtädtiſche Viehzucht— an der Spree und dem Rheine haben den ſicherern und beſſeren Theil erwählt, ſich um hiſtoriſche Hypotheſen nicht zu bemühen. Daß man gerade an dieſem beſcheidenen Spree⸗ ufer eine Stadt angelegt hat, dagegen läßt ſich nichts ſagen, denn erſtens ſind die Leute todt, und zweitens hilft es nichts, und drittens hat ein Ort an ſich ja nicht ſo viel Verantwortlichkeit; daß man die Stadt aber ſo gepflegt und begünſtigt hat, bis ſie eine impoſante Hauptſtadt, die ſtattlichſte Metro⸗ polis des eigentlich deutſchen Landes geworden iſt, darüber mag man ſich billig und beſcheiden ver⸗ wundern. Die Erklärung iſt nun einmal des Men⸗ ſchen geiſtiges Brod, alſo geſtatte man den Hiſtori⸗ kern den geſchwätzigen Kommentar: Wo die Situation 234 einer wichtigen Stadt vortheilhaft iſt, da rechnen ſie Gedeihen und Macht eben auf die vortheilhafte Situation, wo ſie dies nicht iſt, da rechnen ſie großen Erfolg auf die unvortheilhafte Situation. Sagte doch einſt die Geiſtlichkeit: Nur was von der Kirche ausgeht iſt gut, was nicht von der Kirche ausgeht, der Kirche aber zu gute kommt, das iſt auch gut. Alſo iſt anzunehmen, daß eine ſchlechte Lage Volk und Land zu größerer Thätigkeit nöthigt und ſpornt, Verführung und Erſchlaffung nicht aufkommen läßt, und um ſo gewaltigere Hülfs⸗ quellen in ſich aufbringt, je weniger außen ge⸗ währt ſind. Mitten in einem höchſt magern Binnenland, kapriciös faſt eben ſo weit entfernt von einem Haupt⸗ ſtrome, der Elbe, wie von einem anderen, der Oder, hat ſich die Hauptſtadt angebaut, ſogar die mäch⸗ tigere, beſſer umgebende Havel verſchmähend, welche nur ein Paar Meilen entfernt iſt. Dieſem tief⸗ ſchwarzen, ſtill⸗ernſthaften Fluſſe, der Spree, hat ſie ſich ganz hingegeben, einem Fluſſe, welcher 235 durch den„Beobachte an der Spree“ bekannt iſt, und welcher zum Theil dieſer Bekanntſchaft halber, und weil er bei Berlin fließt, eine ſo geplagte Stellung in der deutſchen Literatur trägt. Die Spree leidet unſchuldig; ſie war früher da, denn Berlin, ſie hat ſich Berlin nicht angemaßt, und ſie iſt ein viel würdigerer Fluß als man denkt; ich habe ſie früher auch en bagatelle behandelt, und ſie hat mich in ſtiller Größe gezwungen, ihr das abzubitten. Sie iſt ein beſcheidnes Veilchen unter den Flüſſen, nicht des Geruches halber am Unter⸗ baume, ſondern ſtiller Vorzüge halber; ſie iſt von gleichmäßiger, ſehr achtungswerther Tiefe, und in dieſem Punkte ein viel zuverläſſigerer Charakter als mancher große Prahler, zum Beiſpiel die Elbe, welche an manchen Stellen ſich ganz vergißt und die Schiffahrt von Jahr zu Jahr ſchwieriger macht, gleich als ob ſie in die verſagenden und verſiegen⸗ den Jahre hohen Alters geriethe; ſie, die Spree, iſt geachtet von den Obſt⸗ und Holzkähnen, und zwar ſehr; ſie trägt Dampfſchiffe und iſt frucht⸗ 236 bar und ſchöpferiſch wie ein Kaninchen. Es ſtehe der Fluß auf, welcher ſo reich an Fiſchen aller und der beſten Art wäre, wie die Spree! Das ſtolze Geſchlecht des Aals, verſchwenderiſch gedeiht es in der Spree, und der Berliner Bürger ſpricht von dieſem Adel der Fiſche mit ſicherem Gleichmuthe, wie jedes andere ordinaire Gericht kann er ihn täg⸗ lich auf dem Tiſche haben. Und welch eine ver⸗ dienſtliche, wohlthuende Jugend hat die Spree! Der Jüngling tobt und zerſtört, ſie aber ſegnet bereits in dieſem Alter— verkannte, hausmütter⸗ liche Nymphe vergieb den ſpottenden Frevlern! Kennt Ihr den Spreewald, den Sitz der Lauſitzer Roman⸗ tike? Kennt Ihr ihn, Ihr Leichtſinnigen? Aus den böhmiſchen Bergen neben Bautzen herabkom⸗ mend kämpft dieſer Fluß ſeine kümmerliche, ent⸗ haltſame Jugend durch die Niederlauſitz, durch die⸗ ſes Land, was ein Menſch in Heidelberg für un⸗ möglich hält, wo eine ſchöne Gegend für Erfindung der Dichter gilt. Dort bildet die Spree etwa zwiſchen Cottbus und Luckau einen Waldſee von ſechs Meilen 237 Länge, was man einen Bruch nennt, mit dem Pluralis Brücher, worin Laubholz, Wieſen, Huthun⸗ gen und fetter Acker und Viehzucht und Fiſcherei das Land Goſen der Niederlauſitz bilden. Von dieſer Spreeſchöpfung lebt man dort weit und breit, und in Cottbus, wo lauter Tuchmacher wohnen, ſingt man das Lied:„Kennſt du das Land, wo die Citronen blühn?“ zur Verherrlichung des Spree⸗ waldes, die Citronen und Goldorangen für eine poetiſche Licenz haltend. Verkannte Spree! Die frühen Herrſcher der Mark, aus dem anhaltiſchen, bayriſchen und luxem⸗ burgiſchen Stamme, nahmen anfänglich wenig Notiz von Berlin, beſonders die Anhaltiſchen, ihr Hauptſitz war Salzwedel; die Luxemburger kamen zumeiſt nach Frankfurt, und der Ort wuchs in mannigfacher Oppoſition auf, ein Charakter, welcher ihr ſtets verblieben iſt. Der Berliner iſt noch heute jederzeit oppoſitionsluſtig, dreiſt und herausfordernd. Beim Tode des letzten Askaniers, Waldemar's, im Jahre 1319, wo Berlin vielleicht ſchon zweihundert 238 Jahre alt war, überbot ſie indeſſen bereits die meiſten Städte der Mittelmark an Bedeutung; der wendiſche Schlag, durch Chriſtenthum und Coloniſten verändert, hatte ſich tüchtig gerührt, und am Ausgange des vier⸗ zehnten Jahrhunderts ſehen wir es mit mehrern Städ⸗ ten in ein Schutz⸗ und Trutzbündniß gegen den Adel treten, der den Handel ſtörte. All die Bundes⸗ ſtädte ſind aber bis auf Potsdam und Frankfurt ſehr zuſammengeſchrumpft, man ſieht den Bernau, Nauen, Rathenau, Strausberg und Brandenburg die damalige Pairſchaft mit Berlin nicht mehr an. Brandenburg beſonders führte in früherer Zeit, als Sitz des Biſchofs, das große Wort, und war wich⸗ tiger und mächtiger als Berlin. Unter jenem Waldemar hatte übrigens das Markgrafenthum Brandenburg eine große Ausdeh⸗ nung erreicht, ſüdlich bis in die Spitze von Schle⸗ ſien, nördlich bis Pommern, Meklenburg und Braunſchweig hinein, weſtlich bis in die Pfalz Sachſen. —,——-— 2 239 Aber jetzt begannen die Stürme, als die bayeri⸗ ſchen Fürſten es in Beſchlag nehmen wollten, der ſogenannte falſche Waldemar ſtand auf, und hier⸗ durch erhielt Treuenbrietzen ſeinen Namen; dieſe ſehr zufällige Stadt, die ohne Grund auf einer Haidevene liegt, hatte den hiſtoriſchen Blick, treu zu bleiben, und Waldemar nicht zu huldigen. Jene und die nächſtfolgende Zeit, wo der Adel räuberiſch hauſ'te, und eine große Räuberbande, die Stell⸗ meiſer, nächtlicher Weile die Mark regierten, und keineswegs die Bildung der Schiller'ſchen Räuber oder die romantiſche Großmuth Rinaldo's und Aranzo's beſaßen, ſtoͤrte natürlich das Gedeihen der Städte ſehr, und von dem, was man ſo eigent⸗ lich Kultur nennt, war in Berlin ſo viele erſte Jahrhunderte lang gar nicht die Rede. Für die Berliner ſelbſt ſei bemerkt, daß ſie die Hauptſitze ihrer Ahnen auf der heutigen Poſt⸗ ſtraße und in dieſem Terrain zu ſuchen haben, daß der Mühlendamm, als Uebergang nach Kölln, früh⸗ — 240 zeitig entſtand, daß der Molkenmarkt von einer wirthſchaftlichen Fürſtin Katharina den Namen hat, welche die Milch von ihrer Meierei auf dieſem erſten Markte verkaufen ließ, wo überhaupt der erſte Fiſchmarkt und Mittelpunkt war. Fortſetzung. Die bayeriſchen Fürſten, welche die herrenloſe Mark in Beſitz nahmen, aber nicht darin gedeihen konnten, ſind wie Schatten über das Land geeilt: der Kaiſer Karl WV., der kluge Luxemburger, hatte einen geſcheidten Erbvertrag geſchloſſen, und zur rechten Zeit und am rechten Orte auf Pfand ge⸗ liehen, im Jahre 1373 kam das Land an die Lupemburger. Sie verſäumten und verſchleuderten es, Berlin ward von einem fürchterlichen Brande, den vielleicht die romantiſchen Stellmeiſer angelegt hatten, ver⸗ wüſtet, Alles ging einer völligen Auſtöſung ent⸗ gegen. V. 16 242 Da erhielten die Hohenzollern das Land, und die vorſündfluthliche Zeit Berlins ward mit Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts, mit dem Herrſchan⸗ tritt dieſer Familie geſchloſſen. Sie iſt allerdings darin ſehr vom Glück begünſtigt worden, daß ſich die Eigenſchaften dieſer Herrſcher in wunderbar regelmäßiger Weiſe ergänzten: der unternehmende fand einen haushaltenden, beſchränkenden zum Vor⸗ fahr oder Nachfolger. Dadurch ward ein ſolches Gleichgewicht in den Staat gebracht, daß ihn die heftigſten Stürme nicht umwerfen konnten, und daß dies Haus der Hohenzollern ein weſentlicher Wendepunkt der neuen europäiſchen Geſchichte wurde, der Schöpfer und Anhalt einer großen Macht, welche aus dem verlebten deutſchen Reiche wuchs, und die halb deutſchen, halb ſlaviſchen Völkerſchaften mit ihrem bis dahin unberührten Geſchichtsblute in die europäiſche Bedeutung einführte. Die ſtarken ſchöpferiſchen Perſönlichkeiten dieſes Hauſes haben dafür Außerordentliches geleiſtet; Fried⸗ rich der Eiſerne, Johann Cicero, Joachim Neſtor, 243 Joachim der Zweite, der große Kurfürſt, der große Friedrich treten geharniſcht heraus wie aus Felſen gewachſen, und es ſind durchweg wenig Häuſer in der Geſchichte aufzufinden, wo eine in verſchie⸗ dener Weiſe dargethane Tüchtigkeit und Soliditaͤt ſo regelmäßig wiedergekehrt wäre. Es war ein ſo ſtarker Guß in dieſem Geſchlechte, daß ſich ſogar dieſe Regenten vom erſten Burggrafen herunter bis in die neueſte Zeit in den normal ausgeprägten, regelmäßigen Geſichtszügen faſt alle gleichen, und für Söhne einer einzigen ſchönen und ſtarken Mutter gelten könnten. Wenn man weiß, wie überwiegend ſonſt die Natur der Mutter im Kinde ausgedrückt iſt, wie nur in ſeltnen Fällen das Charakteriſtiſche des Vaters vorherrſchend im Kinde heraustritt, ſo erkennt man bei einer Jahrhunderte hindurch ſo gleichmäßigen Reihe, daß ein überaus gewaltiger Kern in den Stammvätern geruht haben muß, ein Kern, der von den verſchiedenartigen Müttern ſtets nur eine Schattirung, und nicht mehr für die nächſten Kinder zurückgelaſſen hat. 244 Bekanntlich ruht die Entſtehung der Hohenzollern auch in dem Urſtamme Schwaben; von wo aus ſo verſchiedenartige große Potenzen über unſer Vater⸗ land gekommen ſind. Das Stammſchloß derſelben liegt unweit von dem der Hohenſtauffen. Eine Linie der Hohenzollern ward frühzeitig in Franken vom Kaiſer belehnt, und von dort aus, von der Burg⸗ grafſchaft Nürnberg, kam ſie zum Beſitze der Mark, die ihr für einige tauſend böhmiſche Schock ver⸗ pfändet war. Dieſer erſte Friedrich, der nur noch die Alt⸗, Mittel⸗ und Uckermark ſammt der Priegnitz von der fruͤheren Ausdehnung vorfand, nahm auch wenig Notiz von Berlin: die ſtörrigen Bewohner mochten dem Süddeutſchen wenig Freude machen. Sein Sohn Friedrich der Eiſerne brach mit ſtarker Hand dieſen Trotz, drang durch das Spandauer Thor mit ſeinen Reitern in die Stadt, welche man ihm nicht öffnen wollte, vernichtete die ſtädtiſchen Privilegien, und begann den Bau der Burg auf der köllniſchen Seite. Die Berliner und Köllner ſchoſſen die Arbeiter todt 245 und fünf Jahre hindurch dauert' der Kampf, ehe ſie gebändigt worden. Dann ward es friedlicher, den ſtädtiſchen Behörden ward erlaubt mit rothem Wachs zu ſiegeln, und Johann Cicero, der 1486 Kurfürſt ward, machte es zu ſeiner wirklichen Reſidenz. Aber wild genug ging es noch immer her, und die Wiſſenſchaften fanden wenig Platz, die erſte Buch⸗ druckerei war nicht in Berlin, ſondern in Stendal angelegt, und Jochim Neſtor, der Nachfolger grün⸗ dete 1506 die Univerſität des Landes in Frankfurt. Er errichtete, um das wilde Weſen mit Gerech⸗ tigkeit zu zwingen, zu Anfang der Reformation um 1517 das Kammergericht, was jetzt noch beſteht, wie legalen und illegalen Leuten bekannt iſt. Unter Joachim dem zweiten bricht die Refor⸗ mation in dieſen Gegenden wie ein neues Tageslicht plötzlich überall durch, und da Berlin hierbei mit ſeinem Beiſpiel vorangeht, da dieſe hiſtoriſche Er⸗ ſcheinung auch ein Hauptmoment der Hohenzollern wird, ſo beginnt eigentlich mit ihr die hiſtoriſche Bedeutung der Stadt. Sie iſt alſo trotz ihres Alters * 246 um und um eine moderne Stadt, ihr Lebensathem datirt aus jener neuen Zeit, und ſo hat Luther unter Anderem auch Berlin geſchaffen. Jetzt, um's Jahr 1540, ward auch die Burg des eiſernen Friedrich niedergeriſſen, und der Schloßbau vom Baumeiſter Kaspar Theiß bewerkſtelligt. Der Regent dieſer Zeit, Joachim II., ſiedelte nun auch allerlei Kunſt und Schönheit an, ja er war ein ſolcher Kenner und Ueber der Muſika, daß er oft⸗ mals in eigener Perſon den Geſang in der Dom⸗ kirche leitete, was allerdings mit der heutigen Sitte nicht ganz harmoniren möchte. Es gab damals einen Dichter Sabinus in Ber⸗ lin, den die Literaturgeſchichte leichtſinnig vergeſſen hat, einen Hiſtoriker Engel, Haftitz, Garcäus und Leutinger, und den berühmten Staatsmann Lamprecht Diſtelmeier, die alle geſtorben ſind. uUm dieſe Zeit ward auch die Stechbahn, ein Turnierplatz, eingerichtet, aus welchem ſpäter die Kaufhalle entſtanden iſt, wo jetzt Joſty Kaffee kocht, Mittler Bücher und manch edle Berlinerin Aepfel 247 und Aepfelſinen verkauft, und welche vom äͤchten Berliner höher gehalten wird als der Arkadengang am venetianiſchen Marcus. Damals ging der Thier⸗ garten bis in die Nähe des Zeughauſes, ein Bret⸗ terzaun trennte ihn von der Stadt, und große Jag⸗ den wurden darin gehalten. Was man in der Welt jetzt Berlin nennt, die eigentlich politiſche Kapitale, wo die großen Herrn wohnen, das war damals eitel Wald und die Wohnung der Beſtien. Dies mußte Alles niedergeſchlagen werden, um die Friedrichsſtadt zu bauen. Monbijou, einer der früheſten Gärten, lag ein ganz Stück außerhalb der Stadt, und die Linden ſind erſt hundert Jahre ſpäter unter Regie⸗ rung des großen Kurfürſten, 1640, angelegt. Man erzählt von Paris, daß es unter Ludwig XI. noch nicht gepflaſtert geweſen ſei, Berlin war ſchon reformirt, und hatte noch kein Pflaſter. Der Unrath war in dem jetzt ſo reinlichen Orte ſo groß und zudringlich, daß er ſich zuvorkommend mit allen anſteckenden Krankheiten verband, und die Peſt und 1 248 der Ausſatz zu wiederholten Malen ihre gefäͤhrliche Viſite machten. Karl Fiſcher, der Verfaſſer einer gründlichen preu⸗ ßiſchen Geſchichte, deſſen Chronikenſtudium ich die meiſten Details entlehne, erzählt von den heiteren Maͤdchen Berlins aus jener Epoche, daß ſie trotz der noch ſo geringen Einwohnerzahl, eine ganze Gaſſe eingenommen hätten. Dieſe Gaſſe, in welcher noch heute der arabiſche Weihrauchsgeruch vermißt wird, und welche ſonſt ohne weitere Umſtände nach ihren Bewohnern genannt wurde, heißt jetzt zart und ſchmeichelnd die Roſenſtraße. Auch die Polizei kann ironiſch ſein, und dies wird den Hiſtorikern ſehr zu ſtatten kommen, welche durchaus der Meinung ſind, die Ironie ſei in Berlin erfunden worden. Dieſe unternehmenden Damen hatten die Verpflichtung, den Gaſſenkoth, ſo weit es möglich war, wegzu⸗ ſchaffen, und zu dieſem Ende ſchloß man ſie an zweirädrige Karren. Die Behörde derſelben war der Henker, der in ihrer Nähe wohnte. Daraus iſt 249 erſichtlich, wie viel auch dieſe Klaſſe von der Civi⸗ liſation gewonnen hat. Ein Kulturfortſchritt, der ebenfalls gegen das Ende des ſechszehnten Jahrhunderts fiel und der nicht eben erfreulich iſt, aber in Berlin und unſerem Norden überhaupt tiefe Wurzel gefaßt hat, iſt der Gebrauch des Branntweins. Man ſagt, die Araber hätten ihn erfunden; die Entdeckung Amerika's, Reis, Rum, Zucker, welche in den Verbrauch kamen, hatte wohl einen Hauptſchwung für dies Feuerwaſſer ge⸗ gegeben, der Norden bedarf eines Anregungsmittels, man ließ den begonnenen kargeren Weinbau liegen und ſchwor zur Schnapsfahne, die heute noch über das nördliche Europa flattert. Aus all der Erweiterung mache man ſich indeſſen keine zu ſtattliche Vorſtellung von dieſem Berlin am Scchluſſe des ſechszehnten Jahrhunderts, es hatte ſich niemals über 12000 Einwohner erhoben, und es brach eine ſo ſchwere Prüfungszeit mit George Wil⸗ helm herein, daß es bei deſſen Tode 1640 nur noch die Hälfte davon beſaß. Die Gründe waren folgende: 250 George Wilhelm ging zur reformirten Religion über, dagegen gab es flammenden lutheriſchen Eifer und mannigfaches Aergerniß, der dreißigjährige Krieg brach aus, Schweden und Kaiſerliche kamen als Feinde, da der Kurfürſt nicht entſchloſſen Partei nahm, an⸗ ſteckende Krankheiten wütheten, von 1200 Häuſern Berlins ſtanden beinahe 400 leer. Unter ſolchen Umſtänden beſtieg Friedrich Wilhelm der große Kurfürſt 1640 den Thron, und begann die eigentlich preußiſche Periode, den reißenden Fort⸗ ſchritt. Als er ſtarb, hatte Berlin 20000 Ein⸗ wohner. Er ſchuf und eroberte nach außen hin, und den⸗ noch ward im Innern, beſonders in Berlin das Meiſte von ihm gethan. Er ließ zum Theil pflaſtern, ließ anbauen, brachte Garniſon, ſein Baumeiſter Memmhardt ſchlug Häuſer und Palläſte aus der Erde, der eigentliche Schloßbau ward nun im Großen vorgenommen, der große Marſtall errichtet, ja Fe⸗ ſtungswerke wurden angelegt, von denen jetzt noch die damaligen Wallgräben der neuexen Stadt als 251 Kanäle zu Dienſt kommen, durch welche die Spree ſo mannigfaltig in der Stadt umher geleitet wird, Eine Hauptrichtung der Feſtungswerke hat man heute hinter dem Namen„Wallſtraßen“ aufzuſuchen. Der große Kurfürſt begann auch das bereits er⸗ wähnte jetzge Berlin der vornehmen ſchönen Welt, was man mit einem Worte die Friedrichsſtadt nennt. Sie trägt zwar ihren Namen von ſeinem Sohne, dem erſten preußiſchen Könige Friedrich I., und dieſer legte ſie allerdings im Großen und Glänzenden erſt nach dem jetzt fertig prangenden Plane an, aber der große Kurfürſt brach den Uebergang durch Grün⸗ dung der Dorotheenſtadt und Ausbreitung des Frie⸗ drichswerder, durch die erſte, wenn auch beſchränktere Anlegung der„Linden.“ Unter ihm kamen auch die erſten franzöſiſchen Emigranten nach Berlin, welche des Religionsdrucks halber aus Frankreich gewandert waren, und eine bereitwillige Freiſtadt fanden. Man nennt alles da⸗ hin Gehörige mit einem Worte„die Kolonie,“ und von dieſer Kolonie datiren ſo viel franzöſiſche Namen, 252 denen man heut noch begegnet, die vielen Inſtitute, welche das Beiwort„franzöſiſch tragen, franzöſiſche Kirche, franzöſiſch Gymnaſium, franzöſiſche Straße. Dieſe zahlreichen Emigranten ſind Veranlaſſung, daß in Berlin mehr als in irgend einer deutſchen Stadt franzöſiſch geſprochen und mancherlei Franzöſiſches gepflegt wurde. Sie haben ſich natürlich ganz amal⸗ gamirt und ſind ſehr gut preußiſch geſinnt, man erkennt ſie weniger am Deutſchen, was ſie gut Ber⸗ liniſch ſprechen, aber wohl am Franzöſiſchen, was ſie ſchlecht ſprechen. Für Wiſſenſchaft und Kunſt that der große Kur⸗ fürſt das Außerordentliche und von ihm eigentlich ſtammt aller Kern und Grund feinerer Civiliſation Berlin's, durch ihn rückt die Stadt zuerſt Sturm⸗ ſchritts in die Reihe vorgeſchrittener Städte, welche in langſamer, begünſtigter Entwickelung an die Spitze ihrer Zeit gekommen waren. So wies er dem Joa⸗ chimsthalſchen Gymnaſium, ehe ein Haus dafür be⸗ reitet war, die Lehrzimmer im eignen Schloſſe an, und nahm die ungezogene, lärmende Jugend geduldig 253 in ſeine Nähe. Er gab das Privilegium zur erſten Zeitung; Peter Silverdingen durfte ein Theater er⸗ richten, und wöchentlich ein Spiel aufführen in der Pulcinellomaske; in feineren Geſellſchaften trank man vorzugsweiſe Thee, was man ſammt dem Tabak⸗ rauchen von den Holländern gelernt hatte; mit den Emigranten kamen die Schnupftabakdoſen und die franzöſiſchen Anzüge. Es darf übrigens nicht geläugnet werden, daß der eigentliche Berliner immer noch ein toller, arger Geſelle blieb, der ſeine derbe Fauſt und grobe Zunge zu den wilden Gelagen brachte, der dramatiſche Ecken⸗ ſteher iſt eine ſtehende Figur geweſen vom erſten Wenden an bis auf Nante Nummero 22. Friedrich III., der ſich als Friedrich I. die preu⸗ ßiſche Königskrone aufſetzte, iſt von den Hiſtorikern oft ſcheel angeſehen worden, weil ſeine Schöpfung durchaus nur auf äußere Pracht, auf Titel und ſchimmernden Glanz gegangen ſei, ohne Nachdruck für inneren Gehalt und wirkliches Wachsthum— man thut ſeiner hiſtoriſchen Stellung damit oft großes 254 Unrecht. Sein Naturel und Weſen war durchaus auf eine glänzende Repräſentation und eine äußere Darſtellung dieſer Art gerichtet, er hätte ſeiner der⸗ artigen ſelbſtſtändigen Anlage nur Gewalt angethan und dadurch nach außen Schaden angerichtet oder wenigſtens ſeine Bedeutung verloren, wenn er dieſem eigenſten Triebe nicht gefolgt wäre. Eine naive Handlungsweiſe iſt ſtets wichtiger und folgenglück⸗ licher als eine gemachte. Dazu war ſein Hang zu Glanz und Pracht ſorgfältig gebildet und geläutert durch eine reiche Erziehung in Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaft, angeregt und begünſtigt durch den Umgang einer ſchönen, geiſtreichen Gemahlin, der Sophie Charlotte von Hannover, welche Charlottenburg den Namen gegeben hat, und dieſer erſte König iſt um und um ein richtiger Ausdruck Berlins geweſen. Es beſteht eine intime Wahlverwandtſchaft zwiſchen ihm und dieſer Hauptſtadt eines jungen Reiches, die von größter Bedeutung iſt: der Berliner nimmt voraus, was er erſt langſam zu erwerben hat, der Gedanke des Beſitzes iſt ſeiner Zuverſicht bereits der Beſitz 255 ſelber. Das ſtört wohl den Soliden, verletzt den ſorgfältig Strebenden, wird lächerlich, wenn es miß⸗ lingt, aber es iſt ein Eigenthümliches aller Erobe⸗ rung. Die Eroberung greift ſtets über die Kräfte hinaus, welche ihr der Anſchein zutraut, Alexander mußte mußte verlacht werden, als er mit einer hand⸗ voll Reitern das perſiſche Reich ſtürzen wollte, die erſten Päbſte wurden verhöhnt, als ſie ſich die erſten Statthalter Gottes nannten, Friedrich der Große ward verſpottet, als er mit der ſogenannten Pots⸗ damer Wachtparade gegen Europa in die Schranken treten wollte— die Idee der Größe wird nie er⸗ worben, man findet ſie, man raubt ſie ſcheinbar aus dem Nichts. Nennt's Arroganz! Mit dieſem Worte muß ſich das Erxiſtirende ſchützen vor der Macht, die ſich rückſichtslos nähert, und mit der Arroganz muß auf der andern Seite das Erobernde auftreten, es muß ſich anmaaßen, denn Niemand ſchenkt das Weſentliche. Siegt ſie nicht, ſo bezahlt ſie's mit Leib und Seele, mit dem Spotte, der ſie trifft, und gegründeter Spott iſt das Schmerzlichſte. Der ſtolze Gedanke eines neuen Reichs war offen⸗ bar in Friedrich dem Erſten, er trat nur elegant, geputzt ſtatt geharniſcht, heraus, und weil man das Letztere gewohnt iſt, ſo fiel er auf. Aber die Form, welche mit dem Königstitel geſchaffen wurde, war ein unberechenbarer Gewinn, ein großer Bauplatz war abgeſteckt und war Pallaſt genannt, ſchon der Enkel begann die Ausführung, den Bau ſelbſt, ganz in dem vorgezeichneten großen Stile, ein ſpäterer Enkel ſetzte ihn fort.— Dies hat auf Berlin den größten Einfluß ge⸗ habt; der vorgreifende Gedanke des Berliners ſtimmte ohnehin dazu, und dieſe Unterſtützung ſteigerte die Zuverſicht, es gibt jetzt kaum einen zuverſichtlicheren Menſchen als den Berliner. Durch ihn erhielt nun Berlin den erſten Stem⸗ pel einer glänzenden Reſidenz, der Genoſſe Memm⸗ hardts, Nering, welcher den Plan der Friedrichs⸗ ſtadt entworfen hatte, begann die Ausführung, be⸗ gann das Zeughaus, Schlüter, der berühmte, bildete ſpäter die Verzierungen darauf, als es Johann 257 de Bodt gegen Nerings Plan abgeſchloſſen hatte; Schlüter ſchuf die prächtige Reiterſtatue des großen Kurfürſten, und ſeine Schüler machten die vier Ge⸗ feſſelten am Fuß derſelben, Schlüter baute das Schloß weiter, und vereinte die vielen Bauten deſſelben zu einem Ganzen. Leider iſt es nicht nach ſeinem Plane vollendet worden, ſondern ein Herr Coſander von Goethe, der weniger Geſchmack hatte als der ſpätere Namensvetter Wolfgang, veränderte unpaſſend den Schlüterſchen Plan. Im Jahre 1709 wurden alle die einzelnen Städte zu dem gemeinſchaftlichen Namen Reſidenzſtädte Berlin vereinigt. Dies war auch die Regierungszeit, in welcher Leibnitz, welcher mit der Kurfürſtin Sophie Char⸗ lotte von Hannover gekommen war, in Berlin lebte und die Societät der Wiſſenſchaften gründete. Be⸗ kanntlich iſt dieſer große Philoſoph neuerdings von Dr. Guhrauer entdeckt worden, und zwar als kör⸗ niger deutſcher Schriftſteller und Charakter entdeckt worden. Es iſt dies kein Spott, oder er trifft nur die unaufmerkſame Zeit, welche ohne Charakteriſtik V. 17 ihre Zeitgenoſſen betrachtete, und uns Leibnitz als ein lateiniſch⸗franzöſiſches Abſtraktum überliefert hat, ſo daß Dr. Guhrauer mit größter Mühe aus dem Bibliothekenſtaube einen nationalen Klaſſiker heraus⸗ ſchütteln mußte, der deutſche Intereſſen und deutſche Sprache in dem ſorgſamſten Herzen getragen, für letztere ſogar Außerordentliches gethan, in ihr Man⸗ nigfaltiges geſchrieben und auf's entſchloſſenſte ge⸗ arbeitet hat. 3 Außer ihm lebten in jener Uebergangsperiode unſrer Literatur im Anfange des achtzehnten Jahr⸗ hunderts, wo man ſich mit ein wenig Geſchmack, aber ſehr geringer Schöpfungskraft, aus den ver⸗ ſauerten Reſten der zweiten ſchleſiſchen Schule her⸗ ausarbeiten wollte, zu Berlin: der Freiherr von Canitz, der Herr Beſſer und Benjamin Neukirch, der Liederdichter; Spener predigte, Puffendorf und Beckmann ſchrieben Geſchichte. Der Herr Propſt Spener, welcher zu den damali⸗ gen Pietiſten gezählt wurde, hat übrigens eben ſo wenig mit den jetzigen Pietiſten zu ſchaffen wie mit —,—— —.,.,— 259 den„Spenerſchen Nachrichten“, aus welchen die jetzige Spenerſche Zeitung erwachſen iſt, und jener Beckmann war nicht ſo komiſch wie der jetzige, er hat wenig Leute amüſirt, und eine märkiſche Ge⸗ ſchichte abgefaßt. Als Friedrich I. 1713 ſtarb, hatte Berlin 50000 Einwohner, es war aber ſo eingeleitet, daß nach hundert und einigen Jahren mehr als fünf mal ſo viel gezählt werden; der Schatz war leer, aber das Glück der Hohenzollern brachte wie durchgehends in dem Leben derſelben die ergänzenden Nachfolger: der Sohn, Friedrich Wilhelm der Erſte, ſparte bei⸗ nahe neun Millionen Thaler und S80000 Kerntruppen, womit der Enkel, Friedrich II., beinahe anderthalb tauſend Quadratmeilen eroberte, und die Thaten des Königstitels, die Anmaaßung einer vorgreifen⸗ den Reſidenz reichlich bezahlte. Was oben über Friedrich den Erſten und ſeinen Bezug zu Berlin angedeutet war, und was ich über Friedrich den Großen in Bezug auf Berlin ſagen möchte, läßt ſich eigentlich ſehr kurz ausdrücken: 260 außerdem, daß ſie Könige waren, waren ſie Ber⸗ liner. Weſentliches vom Berliner Charakter iſt in ihnen ausgeprägt, in jenem die vorausnehmende Re⸗ präſentation, in dieſem noch weit mehr: er unter⸗ nimmt einen gefahrvollen Krieg, und übernimmt die Führung, ohne etwas Anderes für ſich zu haben, als ein fragloſes Selbſtvertrauen. Dies Vertrauen iſt ein ſo in's Allgemeine hin gerichtetes, man darf ſagen, ſolch ein Unternehmungsvertrauen in Bauſch und Bogen, wie es eben den rückſichtslos Wagen⸗ den eigenthümlich iſt, wie es durchweg am Berliner gefunden wird. Man ſoll dem Berliner heute ſagen: „Wenn Du Dies oder Jenes thuſt, ſo erklärt Dir ganz Europa den Krieg“, er thut'’s doch und er⸗ widert: Mit dem Entdecken Europa wollen wir ſchon fertig werden. Er hat eine ſo gute Zuverſicht, daß er nie eine Gefahr detaillirt, und deßhalb leicht die größten Erfolge gewinnt, denn bekanntlich hilft die Berechnung wohl, aber ſie erſchafft wenig. Ganz in dieſem Unternehmungsſinne en gros ritt Friedrich der Große nach Schleſien in den Krieg hinein, und 261 war über ſich ſelbſt erſtaunt, in der Schlacht bei Mollwitz die Sache ſchwieriger und verwickelter und ſich mit dem langen Schimmel auf der Flucht zu finden. Schwerin gewann bekanntlich die Schlacht noch; der König lachte ſich nun auch ſelber aus, und die neue Erfahrung, welche einen Andern be⸗ ſtürzt hätte, ward Stoff zu neuem Muthe, ſie be⸗ lehrte ihn, daß man ſich auch für ſo etwas gefaßt halten müſſe, und da er's nun wußte, ſo iſt es ihm nie wieder begegnet. Um ſo viel größer iſt der Muth und die Unternehmungsdreiſtigkeit im All⸗ gemeinen, der Charakterzug, die Atmoſphäre des Muthes, als der einzelne, muthige Anlauf, wenn ſich der Gefahr nicht mehr ausweichen läßt. Und dieſe Atmoſphäre iſt ganz die des Berliners— Goethe, der wenig mit Berlin verkehrt hat, erkannte dieſen Mittelpunkt vortrefflich, und bezeichnete die Berliner als eine verwegene Nation. 1 Es iſt wohl möglich, daß die Marken überhaupt, mehr blos geſtellt, und weniger in die Sicherheit eines umfriedeten Reiches aufgenommen, von Jugend 262 auf an eine dreiſtere und wagluſtigere Exiſtenz ge⸗ wöhnt wurden. Der Märker iſt halb aus Berlin, und Berlin iſt ganz der Mittelpunkt einer ſtets ſchlagfertigen, nach allen Seiten hin unternehmen⸗ den Mark.. Bekanntlich lebte Leſſing unter Friedrich des Großen Regierung eine Zeitlang in Berlin, verkehrte mit Mylius, Nicolai, Mendelsſohn und mit Schau⸗ ſpielern, ja, hatte die beſte Luſt, mit einer wandern⸗ den Bande in die Welt zu ziehen. Hätte Friedrich der Große damals mehr Zeit gehabt, wäre ſeine erſte Richtung literariſcher Kultur nicht in eine Periode deutſcher Magerkeit gefallen, waͤre Leſſing ihm deut⸗ lich vor Augen gekommen, Berlin wäre damals vielleicht die wunderbarſte Pflanzſchule einer neuen Epoche geworden, denn Leſſings gebieteriſches Talent paßte ſo ganz und gar zu dieſem vorgreifenden Weſen einer Stadt wie Berlin, eines aufſpringenden Staa⸗ tes wie Preußen. Er kam zu dreien Malen immer wieder nach Berlin, und es gelang ihm nicht, ſich zu begründen; in die Stille von Potsdam zog er ſich eine zeitlang zurück, um ſeine Miß Sara Sampſon zu ſchreiben; alſo wenig Schritte vom Könige ſaß er, dachte und ſchrieb, und trug einen ſolchen Um⸗ ſchwung der Literatur im Herzen, wie jener einen des Kriegs und des Staates, und ſie ſprachen und kannten ſich nicht. Er ſah den König oft vorüber⸗ reiten, der König ſah ihn nicht! Von Leſſing's Spuren in Berlin iſt wenig auf⸗ zufinden; Herr v. Sternberg hat eine Novelle über ihn geſchrieben, wo er mit den Schauſpielerinnen in Berlin herumgeht, aber es iſt nicht wohl aus⸗ zufinden, wie viel der Novelliſt, wie viel Leſſing gethan habe. Voltaire war bekannter, ſein Haus auf der Taubenſtraße wird noch heute gewieſen. Soll ich noch der Anekdoten und Witze Friedrichs gedenken, welche ein ſtehender Artikel des deutſchen Lebens geworden ſind, und eine Popularität genoſſen wie Schillers Verſe? Der Kriegsrath Müchler lebt ſeit Jahren von den Anekdoten Friedrichs, und er iſt ein wohl genährter Mann. Tritt Euch nicht in⸗ tereſſant genug auch darin die Vergleichung mit dem jetigen Berlin entgegen? Iſt's nicht ganz Berliniſch, mit einem kurzen Geſchichtchen, mit einer Scene, mit einem Witze, die man dreiſt aufgreift von der naächſten Straße, von der nächſten Begegnung, eine Charakteriſtik zu liefern? Iſt nicht auch darin ein dreiſtes, entſchloſſenes Leben, was dem wirklichen ohne weiteres den frechen Spiegel vorhält? Es klänge frivol, wenn man ſagen wollte, die Berliner Witze datirten von Friedrich dem Großen, aber ein nahes Verhältniß zwiſchen ſeinem ſtets kampffertigen Geiſte und der jetzigen Nationaleigenſchaft, für Alles ſogleich eine ſcharfe Faſſung zu gewinnen, dies nahe Ver⸗ hältniß überſieht nur der Flüchtigſte. Soll ich nicht auch eine Anekdote erzählen? Dieſer Theil der Berliner Geſchichte wäre unvollſtändig ohne ſie. Sie ſpielt zwar in Potsdam, aber Potsdam iſt bekanntlich eine Vorſtadt von Berlin. Eine Höckerfrau ſaß unweit des Schloſſes mit ihrem kleinen Krame, und der König ſtapft eines Tages mit der Krücke an ihr vorüber, und ſagt: 265 Nun, Mutterchen, wie iſt's gegangen während des Krieges? Wate Krieg hat's gegeben: Nu freilich, wir haben ja den ſiebenjährigen Krieg geführt. Ach, was weeß ich! Pack ſchlägt ſich, Pack ver⸗ trägt ſich. Dieſe rückſichtsloſe Antwort iſt dem ächten Ber⸗ liner wie aus dem Geſicht geſchnitten, er würde dem Herrgott, wenn er ihm noch ſo ſehr ergeben wäre, einen ſolchen Beſcheid geben, ſobald ihn dieſer nach etwas fragte, was juſt nicht in ſeinen Kram paßte. Unter Friedrichs des Großen Nachfolger, unter Friedrich Wilhelm II. wurde das Landrecht einge⸗ führt, was Friedrich ſchon beabſichtigt hatte, und das prächtige Brandenburger Thor ward erbaut. Der Baumeiſter war Langhans, und das Vorbild gaben bekanntlich die Propyläen der Akropolis zu Athen. Der Bau hat anderthalb Millionen gekoſtet, die Quadriga darauf mit der Siegesgöttin, welche jetzt 266 in ihrem Kranze das Landwehrkreuz traͤgt, ſeit man ſie in Paris wieder eingelöſ't hat, iſt von Schadow modellirt,„von den Gebrüdern Wohler zu Pots⸗ dam in Holz groß nachgearbeitet, und endlich von Jury, einem Kupferſchmiede aus derſelben Stadt, in Kupfer ausgetrieben.“ Der Berliner höherer Klaſſe nennt das Gebilde kurz weg die Viktorie, der gemeinere die Siegesgöttin, wie er den ſchwie⸗ riger zu bewerkſtelligenden Namen des Hippogryphen auf dem Schauſpielhauſe, den Friedrich Tieck ge⸗ bildet hat, mit der deutſcheren Benennung„Heu⸗ ſchrecke“ abſpeiſ't. Schauſpiel und Oper war um dieſe Zeit immer mehr eine nothwendige Liebhaberei geworden; das deutſche Theater behalf ſich lange mit Privatge⸗ ſellſchaften und Privattheatern, die Drebbelinſche Truppe, welche in einem Hauſe der Behrenſtraße agirte, iſt noch manchem alten Herrn erinnerlich. Jetzt verwandelte der König das franzöſiſche Schau⸗ ſpielhaus auf dem Gensdarmenmarkte in ein Na⸗ tionaltheater. 267 Es iſt oft gefragt worden, warum der Platz Gensdarmenmarkt heißt, da doch keine Gensdarmen dort verkauft würden, ſo viel man ihrer auch ſähe; dieſer Wißbegierde ſoll geholfen werden: Unter Friedrich Wilhelm I. waren merkwürdig genug die Ställe der Gensdarmerie an den beiden Kirchen dieſes Platzes angebracht, und daher jene Thränen. Für die Oper hatte Friedrich der Große bereits das Opernhaus errichtet, dies ward jetzt im In⸗ neren dergeſtalt ausgeſchmückt, wie wir es heute noch ſehen. Die berühmteſten Muſiker aus dem Schluſſe des vorigen Jahrhunderts zu Berlin waren Reichardt, Righini, Himmel, Benda; Vorliebe für Muſik, eigne Ausübung oder doch Förderung derſelben iſt faſt im Durchgehen der Zug der Hohenzollern. Wir haben in der früheren Zeit ſchon einen Leiter des Kirchengeſanges unter ihnen geſehen, wir finden den großen Kurfürſten unter aller übrigen Sorge höchſt thätig dafür, er ſendet Künſtler auf Reiſen, damit ſie Muſik übten und lernten, er hielt und 268 pflegte eine große Kapelle, die ganz im Wider⸗ ſpruche mit dem jetzt ſo unmuſikaliſchen England größtentheils aus Engländern beſtand. Friedrich der Erſte errichtete die Oper, ließ Lautenſpieler aus Paris, Hautboiſten aus Polen kommen, Händel trat damals in Berlin auf, die Kurfürſtin Charlotte komponirte ſelbſt. Daß Friedrich der Zweite die Flöte blies, iſt bekannt, und es wird immer ein höchſt wunder⸗ licher Zuſatz für den berühmten König bleiben, wenn man ihm, dem nüchternen und ſpottenden, dies Inſtrument des ſentimentalen und melancho⸗ liſchen Tones in die Hand giebt, wenn man ihn die alten beſcheidenen Melodieen blaſen läßt. Viel⸗ leicht durch ſein Beiſpiel war die Flöte noch zu Anfange dieſes Jahrhunderts ſehr in Aufnahme, man las noch Geßner und hielt ſich Wäldchen, und blies— in der modernen Frivolität iſt dieſer ſanfte Hauch verſchwunden. Schon der Nachfolger Fried⸗ richs hatte eine viel komplicirtere Neigung, Fried⸗ rich Wilhelm II. ſpielte das Violoncell. 269 Man muß geſtehen, daß Flöte ganz wie Klaſſik, Violoncell ganz wie gewürzte Modernität klingt, ˙s iſt ſchon ein romaniſches e in dieſem Worte, und das Wort Flöte flötet ſelber, man denkt an Pan, an die Rohrpfeife, die Syrinr, der Mond geht auf, die Lüfte ſäuſeln; beim Violoncell denkt man an's Concert. Ganz Berlin lebt und richtet ſich nach einer einzigen Uhr, die gar nicht einmal ſchlägt, ſondern nur zeigt: der Kaufmann, der Student, der Bar⸗ hier und der Dandy bleibt vor der Akademie ſtehen und richtet ſeine Uhr nach dem Zifferblatte der aca⸗ demiſchen, ſie ſtammt aus der Regierung Friedrich Wilhelms II., unter welchem auch die Kunſtaus⸗ ſtellung in demſelben Gebäude ihren Anfang nahm. Als er 1797 ſtarb, hatte Berlin über 180000 Ein⸗ wohner; die letzten vierzig Jahre haben hingereicht, es um 100000 reicher, und aus all den Einzelheiten eine kompakte Reſidenz im größten Stile zu machen. Sie hat ihre großen Anſprüche in der franzö⸗ ſiſch deutſchen Zeit ununterbrochen bewährt, es hat 270 keine Hauptſtadt in Deutſchland gegeben, welche ſich entſchloſſen feindlicher gegen fremde Tyrannei gezeigt hätte als Berlin. Man täuſcht ſich ſehr, wenn man hinter den Witzen und Uebermüthig⸗ keiten, hinter dem aufgeblaſenen Plunder und Wort⸗ gefechte nichts als leeren Dünkel und Hochmuth ſehen will. Es wird an dieſem auch nicht fehlen, aber es fehlt auch nicht an dem klaren oder un⸗ klaren Bewußtſein, daß man das Herz eines muthi⸗ gen Staates ſei. Vielleicht iſt in Europa keine Hauptſtadt, die im Charakter der Bevölkerung ſo viel Anlage zu den Vorzügen und Unarten der Pariſer hat, Der Uebermuth, die Herausforderung vor 1806, über welche ſo viel erzählt und geſpottet worden iſt, war wichtiger, als daß man blos darüber ſpot⸗ ten durfte. Allerdings hat man die Säbel auf den Straßen gewetzt, und den Krieg herausgefordert mit allem Uebermuthe— wer wagte dies denn damals in Deutſchland, wer hatte Muth zum Uebermuthe? Und für das Unglück bei Jena und Auerſtädt konnte „ 271 Berlin und Auerſtädt keinesweges; aus dem un⸗ ſchäßzbaren Genbſchen Memoriale ergiebt ſich unwi⸗ derlegbar, daß eine muthvolle tüchtige Armee knir⸗ ſchend durch eine verwirrte Oberleitung gefeſſelt, unmächtig, verloren gemacht wurde. Wie hat ſich Berlin wenige Jahre darauf gegen Schill benommen! Mit Enthuſiasmus empfing es ihn, und Berlin eigentlich war es, was ihn zu dem romantiſchen Zuge ausſchickte, zum Stegreif⸗ kriege gegen Napoleon; Berlin war der eigentliche Heerd des Befreiungskrieges, welcher nur der Situation wegen nach Breslau verlegt wurde; ſchaarenweiſe ſtrömten die Freiwilligen aus Berlin zu der extemporirten Armee; bei Lützen hat Napo⸗ leon mit Erſchrecken geſehen, daß er ſelbſt im Feuer nöthig ſei, um dieſe todesverachtende Jugend zu beſie⸗ gen, dort ſchlafen auf der grotzen Fläͤche lange Reihen Berliner Söhne. Die tiefen Wunden jenes Kriegs findet ihr nirgends ſo zahlreich als in den Berliner Familien, die ſchwere Narbe des einzigen Sohnes, -—-— —; 272 die Narben aller Söhne, die größten Lücken des Befreiungskrieges, Berlin trägt ſie. Blücher, zwar aus Meklenburg gebürtig, war ganz ein Berliner, inſoweit die Atmoſphäre dieſer Stadt ſich charakteriſtiſch äußert; ſeine Bildſäule, der Hauptwacht gegenüber am Operuplatze, wird wie das Bild eines ſpeziellen Landsmanns angeſehn, der von der Friedrichs⸗ oder Kommandantenſtraße ſtammt. All die harſchen Aeußerungen, welche von ihm bekannt ſind, gehören mitten in die Berliner Redeweiſe. Als Talleyrand ihn beſchwören ließ, den pont de Jéna nicht in die Luft zu ſprengen, da hätten von zehn Berlinern zehne ſo geantwortet wie Blücher. Wenn ſich der Herr Talleyrand noch ſelber mit drauf ſetzen wolle, ſo wird es mir ſehr ange⸗ nehm ſein. Allerdings gehört auch alles Rüde des alten Soldaten in dieſen Vergleich; aber nicht aus Por⸗ zellanerde, ſondern aus ſchwarzem Boden wachſen die ſtarken Bäume; der feine Sinn mag für das 273 rohe Element einer energiſchen Stadt Bildung und Milderung wünſchen, aber der ſchildernde Autor darf durch die rauhe Schaale nicht über den geſun⸗ den Kern getäuſcht werden. Starke Menſchen ſind ihrem innerſten, Sinne nach überall Pairs, ſie denken nicht darüber nach, ſie wiſſen es oft nicht, ſie gehorchen, wo es eine Form verlangt, die ihnen geläufig iſt, aber ihr eigentlich unbefangner Menſch ſtellt ſich neben Alles, neben die höchſt geſtellten Perſonen, neben die höchſten Inſtitute, er dünkt ſich für nichts zu gering. Dieſer ächt berliniſche Zug war bis zur Ge⸗ dankenloſigkeit in Blücher ausgeprägt, und man hat die wunderlichſten Geſchichten darüber. Der jetige König von Preußen, welcher dem alten, ſpiel⸗ und verſchwendungsſüchtigen, Feldmarſchall Alles gab, und mit Langmuth und unwandelbarer Erkenntlichkeit immer wieder gab, wenn das durch⸗ löcherte Faß wieder ausgelaufen war, lud den alten Degen nach dem Feldzuge oft zu Tiſche. Es wird * V. 18 274 wird beim Könige regelmäßig Jahr aus, Jahr ein um zwei Uhr geſpeiſ't, und er ſieht es natürlich ſehr ungern, wenn ein Gaſt ſpäter kommt; Blücher kam gewöhnlich zu ſpät. Eines Tages auch; der König rügt es, Blücher noch ſtehend, ſieht ſich erſtaunt um, zieht ſeine Uhr aus der Taſche, und ſagt: Weeß es Jott,'s is en Viertel uf Drei! 13. Berliner Berühmtheiten. Die Linden ſind eine der ſchönſten Straßen in Europa, der Cours in Marſeille iſt noch länger und wohl eben ſo breit, aber es fehlen ihm die ſtatt⸗ lichen Häuſer zu beiden Seiten; die Pariſer Bou⸗ levards ſind intereſſanter, aber ſie ſind nicht eine ſo impoſante Straße 3 die große Petersburger Straße iſt noch pallaſtſchwerer, aber ſie hat nicht den Reiz der Linden. Wenn Ihr des Abends von der Charlotten⸗ burger Chauſſée nach Berlin kommt, ſo habt ihr einen prächtigen Anblick und glaubt in eine tadel⸗ los vornehme, grandioſe Stadt zu kommen. Es iſt 276 7* warmer Frühling, die Bäume des Thiergartens, durch welchen mitten hindurch die Chauſſoe führt, duften und llüſtern, mit ſeinen fünf hohen Paſſagen lockt das Brandenburger Thor, und weit hinauf zwiſchen den Oeffnungen ſieht man innen die breite Stadt ziehn mit den hundert Gaslichtern. Man tritt ein, der Pariſer Platz empfängt uns: rückwärts läuft die weiße Heerſtraße in den dunklen Wald hinein; vorwärts in ſehr breiter Straße, die am Schluß des Pariſer Platzes anhebt, zieht ſich ein hoher vierfältiger Lindenkranz hinauf. Seine Mitte, über welcher die Zweige ſich entgegen ranken, wandelt der müßige Spaziergänger, dicht daran auf jeder Seite unter dem dunkelſten Schat⸗ ten ſprengen die Reiter, weiter nach Außen kommt links und rechts die gepflaſterte Fahrſtraße, und endlich an den Häuſern liegen die Steinplatten, über welche die geſchäftige Menge hin und her trabt. 4 So ſtellen ſich ſieben Bäche und Ströme dar, von denen jeder ſeine eigne Menſchenwelle führt, & 277* das Gaslicht ſchimmert, der Mondesſtrahl blitzt durch die Baumkronen, das Menſchengewühl murmelt, die Pferde ſprengen, die Wagen raſſeln, ſtill und vornehm ſehen die ſtattlichen Häuſer in die lange Flucht herab. Zwei Hauptſtraßen durchſchneiden die Linden: die ſchweigende Wilhelmsſtraße, breit und ruhig, wo Pallaſt an Pallaſt ſteht, von wo die großen, präch⸗ tigen Kutſchen Fommen, und weiter oben die ge⸗ räuſchvolle Friedrichsſtraße, welche eine Stunde lang ſchnurgerade durch die ganze Friedrichsſtadt läuft, und ein dichtes Fußgängergewühl unter die Linden gießt. Wie Zauberlichter aus den Mythen des befreiten Jeruſalems locken die unabſehbaren Gasflammen, welche in dieſe Straßen hinausirren. Wo die Linden aufhören, beginnt der Opernplatz, der ſchönſte Platz Berlins, einer der ſchönſten in der Welt. Oben, weit oben ſchließt ihn die hohe breite Schloßfagade, tief unten hinter und über den Zwei⸗ gen der Lindenbäume ſeht Ihr noch das Branden⸗ 278. burger Thor und die einherſprengende Viktoria. Neben Euch das neue Palais des Prinzen Wilhelm, von deſſen Firſten Adler in die Luft ſtreben, das alte Prinz⸗Ferdinands⸗Palais, was jetzt Univerſität iſt, von deſſen Giebel keuſche Statuen blicken, das Opern⸗ haus mit dunklem Säulenportal, die dunkle Bronze⸗ geſtalt Blüchers, das kleine Palais, worin der König wohnt, das Zeughaus mit ſeinen weißgrauen Kriegs⸗ wappen auf dem Scheitel, welche Schlüter gebildet hat, die neue Hauptwache, vor ihr die ſchneeweißen Bildſäulen Bülow's und Scharnhorſt's von Rauch, dahinter ein dunkles Wäldchen, aus welchem unſicher die Singakademie, Zelters Sitz, hervorblickt. Das Alles überſeht Ihr mit einer Wendung. Schreitet Ihr nun weiter dem Schloſſe entgegen, wenige Schritte, ſo ſteht Ihr auf der breiten, brei⸗ ten Schloßbrücke, über welche fünf Wagen neben einander fahren können, ohne die Fußgänger zu ſtö⸗ ren, vor Euch liegt der breite Platz am Schloſſe, welcher Luſtgarten heißt, das goldne Kreuz des Domes flimmert, die Waſſer des Springbrunnens rauſchen K . 279 —„.„ in der Luft, das Muſeum mit ſeiner gebieteriſchen Säulenhalle, mit den ſpringenden Roſſen auf ſeinen Ecken, tritt ſtolz wie eine Erinnerung Griechenlands vor Euch, die ſteinernen Quais des Fluſſes, weithin mit leuchtenden Gebäuden beſetzt, winken herauf, die Bauakademie, deren Erdgeſchoß erleuchtende Ba⸗ zars füllen, tritt nach der anderen Seite. Laßt Euch hier die ſpätere Stunde der Nacht ſbereilen, der Menſchenlärm ſchweigt, das Getreibe verliert ſich in die Häuſer, die Lichter verlöſchen, aber im Mondesſchimmer plätſchert die hohe Fon⸗ taine fort, ein eintönig friſches Geräuſch, was die Stille belebt, ſetzt Euch auf die hohe Treppe des Muſeums, wo die Träume erwachen an klaſſiſche Zeit und Kunſt, das Kreuz der Chriſtenheit iſt dicht daneben, das Schloß der Monarchie iſt gegenüber, die moderne Börſe zehn Schritte von Euter Linken, der Mondesſtrahl iſt weiß und ſilbern, wie er einſt vor vielen tauſen Jahren auf die erſte Pyramide Aegyptens fiel— da kommt Euch die geſchichtliche Frage und Betrachtung in langem, weißem Talare. 280 Wie iſt das Alles ſo geworden? Wer hat's ge⸗ ſchaffen? Was wird es noch ſehen und werden? Welche Namen werden noch im Triumph einherge⸗ tragen ſein durch dieſe Straßen, über dieſe Plätze? Wie heißt der Gedanke, welcher dies Alles aus der öden Sandfläche emporgeſchlagen hat? Berlin? Berlin iſt ein Vorname von Preußen. Und ſollte dieſer Gedanke Preußen ein ganz neuer Gedanke der Hiſtorie werden? An die bewegenden Denkſprüche der Geſchichte, zwiſchen denen es auf⸗ gewachſen, hat es ſich gar nicht, oder nur ablehnend angeſchloſſen, der Reformation, die ſein Pathentag wurde, hat es ſich nicht bemächtigt, den dreißig⸗ jährigen Krieg hat es nicht ausgebrütet, Friedrich der Große hat eine eigene Idee extemporirt, gegen Napoleon, der ihm in's Leben griff, hat es einen entſcheidenden Schlag geführt, um ſich wiederum eigen zu erhalten, ablehnend, eigen hat es ſich in den neueren Stürmen gefaßt, wird über Kurz oder Lang dieſer eigne preußiſche Gedanke in europäiſche Geſchichte heraustreten, die herkömmliche Termino⸗ 281 logie verläugnend, aus welcher die Welt nicht her⸗ auszufinden weiß? Mondesnacht antworte! Die Leute wiſſen ja nicht einmal den Berliner Witz einzuordnen, weil er nicht klaſſiſch, nicht roman⸗ tiſch ſei; ich greife ordnungslos nach den berühm⸗ ten Namen Berlin's, und da ich noch auf der Treppe des Muſeums ſitze, ſo iſt der berühmteſte, ein europäiſch berühmter gleich zur Hand; der Mann welcher ihn trägt, wohnt dicht hinter dem Muſeum. Man kann auch überall mit ihm anfangen, da er in ganz Deutſchland keinen Nebenbuhler hat, keinen Neid weckt, und ohne Oppoſition berühmt iſt. Von einem einzigen Manne kann dies geſagt werden, und dieſen einzigen meine ich— Humboldt. Die Humboldt ſind die modernen Dalberg, un⸗ tadelhafte Kulturritter, denen bei allen Staatsaktionen der Ritterſchlag geboten ſein ſollte. In jeder höheren Schule müßte wöchentlich einmal gerufen werden: Iſt kein Humboldt da? 282 Es ſind ihrer zwei; der Leib deſſen, der ſchon in kühler Erde ruht, war Wilhelm's, des ſogenann⸗ ten Miniſters, des Aelteren. Sie ſtammen beide aus Berlin. Wilhelm von Humboldt, Schillers Herzensfreund, iſt vorzugsweiſe als Denker, als Staatsmann der außeren Welt bekannt: er ſchrieb über Poeſie und Sprachen, und das Herz und die Zunge der Menſchheit waren ſeine Sorgen. Er be⸗ ſaß jene olympiſche Ruhe, Tag und Jahre lang ſtill auf ein Wort, auf eine Fiber der Sprache oder des Gedankens zu blicken, um zu erlauſchen, ob und wie ſie ſich bewege, er verfolgte eine Präpoſition durch Jahrhundert lange Häutung und Umpuppung bis in den Samenkern, er ſtand Schildwacht an den Wegſcheiden aller Sprachen der Welt, um das Ge⸗ heimniß der ſchöpferiſchen Kultur, der menſchlichen Gemeinſamkeit und Möglichkeit zu ertappen. Ein Torſo ſeines großen Gedankens, die Gottheit und den Menſchen da zu finden, wo ſie ſich zuerſt und, leider für uns! auch zuletzt begegnen, in der Sprache, ein ——— — — 283 ſolcher Torſo iſt in ſeinem großen Buche„über die Kawi Sprache“ zurückgeblieben. Der großen Welt, die eben auch über Alles mit⸗ ſpricht, iſt von den Namen Humboldt eben der Name bekannt, wie Herodot oder Newton als große Schriftſteller im Munde geführt werden, ohne daß man weiß, was ſie geſchrieben haben. Die politiſche Welt indeſſen, obwohl ſie wenig Intereſſe für die Kawi Sprache hat, und nicht mit Beſtimmtheit weiß, in welchem Welttheile ſie geſprochen wird, kennt Wilhelm von Humboldt durch politiſche Aemter, welche er bekleidet hat. Er war Geſander in Rom, war eine zeitlang Kultminiſter, und ſonſt als Staats⸗ miniſter im Diplomatiſchen ſehr thätig und bedeu⸗ tend: auf dem kurzen Kongreſſe zu Prag, auf dem verſuchten in Chatillon, beim Frieden zu Paris, beim Kongreſſe in Wien war er überall einer der erſten preußiſchen Vertreter. Die Befreiung vom franzöſiſchen Joche lag ihm nahe am Herzen, er ſoll der Erſte geweſen ſein, der auf einen Widerſtand Spaniens und auf große Folgen von dort aus ge⸗ ——— 284 rechnet habe. Man erzählt Abenteuerliches, was er unternommen, um gegen Napoleon zu werben: eine Dame beſaß große Macht über einen wichtigen Staats⸗ mann, die Dame ſollte und durch ſie der Staats⸗ mann gewonnen werden. Humboldt und ein anderer berühmter Mann hatten es eingeleitet, in Mäntel gehüllt warteten ſie auf der Straße den Erfolg ab, ſie gingen auf und nieder, und ſahen beſorgt nach den lichten Fenſtern, und fragten ſich, ob die Lie⸗ benswürdigkeit des Weibes ſiegen werde. In ſolcher menſchlichen Romantik beſchleicht man gern den abſtrakten Denker. Einzelnheiten ſeines Lebens und ſeines Todes ſind in den„Charakteri⸗ ſtiken“ beſchrieben. Hier handelt es ſich mehr um den Lebenden, welcher unweit des Muſeums wohnt, um Alexander von Humboldt, der zur Unterſcheidung meiſthin„der berühmte Reiſende“ genannt wird; ſolch einen Aus⸗ druck wiſſen die Journale zu ſchätzen. Er hatte in Frankfurt und Göttingen ſtudirt und machte im Jahre 1790 mit Forſter die erſte 28 A⁴ Reiſe, die jetzt jeder gebildete Menſch nachmacht, nach dem Rheine, Holland und England. Aber er ſchrieb ein kleines Buch darüber, nicht wie Karl Geib über die Burgen und Sagen, ſondern über die Baſalte am Rheine, was weniger anmuthig aber etwas ſchwieriger iſt. Dann ging er nach Freiberg in Sachſen auf die Bergakademie, ſtudirte und be⸗ ſchrieb Botanik und eroberte Herzen. Er iſt von Jugend auf heiter, friſch, witzig, höflich und zuvor⸗ kommend geweſen. Preußen ſtellte ihn an als Oberbergmeiſter im Ansbach⸗Baireuthiſchen, aber die Entdeckungen, die Pflanzen⸗ und Steinſchichten der Tropenländer, welche noch Niemand kannte, pochten an ſein Herz. Bald ſehen wir ihn zu Paris mit allerlei Plänen nach dieſer oder jener fernen Welt; er will mit den Fran⸗ zoſen über Aegypten weiter, das ſtört Nelſon durch die Schlacht bei Abukir. Endlich wendet er ſich wie Columbus nach Spanien, und von hieraus unter⸗ nimmt er mit Bonpland die berühmte Reiſe nach Südamerika, wo er wirklich eine neue Welt im Einzelnen entdeckt, den Chimboraſſo beſteigt, mit Menſchenfreſſern verkehrt, in Vulkane kriecht, einen neuen Ofen für's Zuckerſieden erfindet, über die Katarakten fährt, ein Thal entdeckt, wo Regen und Donner unbekannt ſind. Nach fünf Jahren— 1804— kam er aus dieſer wunderbaren neuen Welt zurück. Seit 1810 erſchien ſeine Reiſe in Paris:„Voyage de Hum- boldt et Bonpland“ in groß Folio, und ſeit der Zeit i*ſt er, wie billig, der in groß Folio berühmte Rei⸗ ſende, die Univerſität aller Naturforſchung in einer Perſon. Alles Intereſſe naturwiſſenſchaftlichen Trach⸗ tens iſt in ihm bethätigt, eingefleiſcht, und er iſt wirklich eine europäiſche Behörde. Aus Quito, aus Bombay, aus Tornege, vom Schwanenfluſſe ſendet man Bemerkungen, Beobachtungen an Herrn Ale⸗ rander von Humboldt nach Berlin oder Paris. Daß er von da aus, wo ſein Ruhm täglich um einige Zoll wuchs, auf der weitſchallenden franzöſiſchen Schriftkugel ſtand, daß er alle Folgezeit hindurch immer mit einem Fuße in Paris ſtehen blieb, daß 287 er eben ſo franzöſiſch ſchreiben konnte wie deutſch, und alle die Hauptſachen franzöſiſch publizirte, das war allerdings ein nicht geringes Hilfsmittel zur. europäiſchen Berühmtheit. Man hat dieſe Gebrüder die Dioskuren Preußens genannt, wie man immer geneigt iſt, das Un⸗ gewöhnliche durch Uebertreibung dem gelegentlichen Spotte auszuſetzen. Ein ſchönes Bild gegenſeitiger Ergänzung bieten ſie aber in Wahrheit: Wilhelm concentrirte ſich oft Jahre lang auf einen einzigen, ſcheinbar ganz kleinen Punkt, auf ein Wort, auf ein Wörtchen, eine Partikel; Alexander fuhr über alle Intereſſen der Erde hin, gleichzeitig mit hundert Augen rechts und links ſehend. Und wenn er auf's Einzelne ſich wandte, ſo bewies er auch dafür die größte Fertigkeit: er hat weitläufig über die„Steppen“ geſchrieben, über Steppen, wo man weit und breit nichts ſieht als die unergiebige Eintönigkeit, und er hat ſo viel Reichthum und Schönheit entwickelt, daß man einen farbigen Roman zu leſen glaubt. War Wilhelm 288 die eherne Feſtigkeit, ſo iſt Alexander die elaſtiſche Hervorbringung mit ihrem unberechenbaren Reich⸗ thume, forſchte jener nach dem Herzen der Welt, ſo ſuchte ſich dieſer aller Muskeln des ganzen Lei⸗ bes, mit allen Lebensgeſetzen des Leibes zu bemäch⸗ tigen. Alles das wußte ich, ich wußte, daß er bei großen Kriſen als geſchätzter und gewandter Diplo⸗ mat benützt worden, daß er ſich mannigfach an Höfen herumbewegt habe, daß er den Ruf eines feinen taktvollen Kavaliers genieße, der ſeine Ueber⸗ legenheit auch im geſelligen Verkehr fein und doch nachdrücklich bethätige. Ich hatte mir alſo eine feine, Reſpekt gebietende Erſcheinung gedacht.— Es war eine große Geſellſchaft, in welcher er ebenfalls erwartet wurde, man hatte ſich in mehrere Zimmer vertheilt, betrachtete die geſchmackvolle Einrichtung, wandelte umher, unterhielt ſich in Gruppen oder einzeln, wie es ſich fügte; ich ſtand mit Mundt im erſten Zim⸗ mer, und wir beſchauten einen Marmortiſch, der aus Carthago geſchickt worden war, da trat ein Mann 289 ein, machte uns mehrere feierliche Komplimente, und ſchritt unter vielfach wiederholter, reſpektuoſeſter Be⸗ grüßung in die anderen Zimmer. Er war von klein⸗ ſter Mittelgröße, abgetragen ſchwarz gekleidet, mit altmodiſcher Buſenkrauſe, und da das Haupt ſich ſo vielfach tief neigte, ſo hatte ich mich in dem grauröthlichen Kopfe nicht orientiren können. Mundt kannte ihn auch nicht, wir hielten ihn für einen höflichen Hofrath, der ſich's zur beſondern Ehre ſchätzte, eingeladen zu ſein, achteten nicht darauf, und ſahen wieder auf die karthagiſchen Moſaikbilder. Später trat ich in ein anderes Zimmer, und fand alle Anweſenden aufmerkſam horchend in einen Kreis geſchaart, und auf denſelben Mann horchend, als ob ein Bülletin mitgetheilt würde. Iſt ein Kourier aus Paris gekommen? Iſt der Commiſſions⸗ rath Cerf geiſtreich geweſen? Nichts da, von den Pferden in Amerika war die Rede, daß ſie in großen Heerden exiſtirt hätten, ehe die Spanier gelandet wären; von China: daß man im ganzen himmliſchen Reiche keine Milch trinke; von Hegel: daß er ge⸗ V. 19. 290 ſagt habe, ein Berliner Witz ſei mehr als eine ſchöne Gegend; von der Peſt in Conſtantinopel; von der Naturbetrachtung: daß in den Schriftſtellern des Alterthumes keine einzige ſpecielle Schilderung der Natur und des Genuſſes an derſelben vorkomme— und Alles ſprach der eine Mann im abgeſchabten ſchwarzen Leibrock, und wie ein aufgezogenes Uhr⸗ werk ſprach er, kein„Ei!“, kein„Wahrhaftig?“, kein Staubatom konnte dazwiſchen; Leute, von denen ich wußte, ſie ſchwiegen nicht leicht bei einer Nach⸗ richt, bei einer Meinung; Profeſſor Hans und Andre ſchwiegen völlig und hörten, und Alles hörte mit jener Befliſſenheit, welche ausdrückt: Sprechen Sie, ſprechen Sie, ich höre mit Hand und Fuß, ich höre doppelt! Der Bediente, welcher ankündigen wollte, daß ſervirt ſei, verſtummte, da er über die Schwelle trat, und ſchnelle Pantomimen ſeine profane Zunge in Feſſeln warfen. Mein Gott, wer iſt der Mann? pft Aber ſagen Sie doch— pſt! 1 Mein Sohn iſt dreizehn Jahr, zwei Monate alt, 291 Humboldt! flüſterte mir endlich eine Dame zu. Nicht möglich! der veritable, ächte Humboldt, was man ſo unter gebildeten Leuten Humboldt nennt? Freilich, hören Sie doch! Was man erlebt! Schweigen Sie ſtill, Herr, jagte mir ein Banquier im ſtillen Galopp zu, er ſpricht von die Peſt, man kann ſich zehn Bücher ſparen, wenn man den Mann ene Viertelſtunde ſprechen hört, er ſpricht nicht wie en Buch, er ſpricht wie zehn Bücher, was man erlebt! ſchweigen Se ſtill, Herr! Ach, mein Junge, mein Aelteſter, Sie wiſſen's, wie mer's mit ihm geht, Sie wiſſen's nicht? Denken Sie, der Junge i*ſt unter die Räubers gegangen, wie ich Ihnen ſage, unter de Räubers;'s iſt ene ganze Bande, bei Moabit fallen ſe die Marktweiber an, nehmen ſe die Marktpfennige ab und bei die Zelten. geben ſie ihnen Silberjroſchen zurück, und ſagen, ſie wären nur jegen's Eigenthum und wollten ſie nichts duhn. 292 wie ſoll ich's erleben, daß er über de Peſt und die Milch von de Chineſen ſpricht. Was ſagen Se? Er ward durch allgemeine Verachtung zum Schwei⸗ gen gebracht, überhaupt war er wie das Mädchen aus der Fremde, man wußte nicht, woher er kam. Dergleichen paſſirt in jeder großen Stadt und Ge⸗ ſellſchaft. Humboldts Fluß war aber dadurch nicht behin⸗ dert worden; es iſt nicht zu ſagen, mit welcher Volubilität dieſer Mann producirt. Und ſo iſt er zu Hauſe, wenn man ihn beſucht, ſo iſt er bei Hofe, man begreift nicht, wo er hört, wo er ein⸗ nimmt. Wenn Jemand ein Geſchäft bei ihm hat, ſo muß er es um Gotteswillen gleich beim Eintritte anbringen, ehe all die Maſchinen dieſes Kopfes in Bewegung gekommen ſind, wozwiſchen hinein kein Lüftchen unzermalmt ſich drängen mag. Wo er hört? Wie den Propheten in der Wüſte kommen ihm die Raben von aller Welt Ende, und bringen ihm Speiſe und Trank; er iſt ſo tief eingeniſtet in die geiſtige —— 293 Welt, daß ein Wort, ein Komma hinreicht, ihn über Neues zu orientiren. Der Kopf Alexanders v. Humboldt gleicht aller⸗ dings den Bildern, welche man von ihm ſieht, nur iſt er etwas größer, etwas älter und etwas weniger gefaßt und glatt als ihn die Kupferſtiche zeigen. Er i*ſt bereits ein hoher Sechziger, der gedrungene Kör⸗ per hat bewundernswerth feſt gehalten, die kleinen Augen ſind noch friſch, und wenn er ſo daſteht, den Hut unter einem Arme, die andere Hand auf der Buſenkrauſe, unerſchöpflich gebärend, ſo macht er den Eindruck einer lange, lange dauernden Figur, die einſt, nicht durch Krankheit geſtört, ſondern in der Menſchendauer abgelaufen ſein, aufhören wird, ohne gekrankt zu haben. Seine Artigkeit, ſeine Höflichkeit, Freundlich⸗ eeit, ſeine Bereitwilligkeit zu jedem Dienſte, für jeden Fremden, ſoll über alle Beſchreibung ſein, und manche Leute petitioniren nicht bei ihm, weil er niemals abſchlägt, Ehe er an jenem Abende eintrat und Alles ab⸗ ſorbirte, ſah man wechſelnde, immer ſehr betheiligte Gruppen um einen ebenfalls unſcheinbar ſchwarz ge⸗ kleideten Mann mittler Größe, der in ganz andrer Weiſe intereſſirte. Wenn ein Stoff angeregt war, ſo bemächtigte er ſich ſeiner auch gewaltſam nach den Richtungen, welche ſich ihm dabei öffneten, aber er faßte ſein Intereſſe ſcharf und kurz, er hörte dazwiſchen, und erwiderte noch ſchärfer, ſo daß es allerdings eine lebhafte Unterhaltung gab, wenn auch kein eigentlich Geſpräch. Der Mann, welcher einen blauen Orden am Halſe trug, und mit einem klei⸗ nen Stöckchen wie Chateaubriand ſpielte, hatte einen feinen Diplomatenkopf, kummervolle Züge waren darauf eingegraben, und lagen ſogar in dem ergrau⸗ ten feinen Haare, ſahen bleich aus der ſchmalen, blaugeäderten Hand, welche mit der goldnen Kette des Stöckchens tändelte. Um die Mundwinkel hatte ſich Weh eingegraben, und die blauen Augen blick⸗ ten oft ermüdet von der Erde und deren geſtorbenem Reize über die, Brillengläſer hinweg. Sobald das 295 Geſpräch indeſſen eine Spannung brachte, glitt ein lächelnder Sarkasmus, eine ſpottende Verſchlagenheit über Mund und Wange, und oft, wenn er die Unterhaltung dem allgemeinen Geſpräche überlaſſen und mit ſchmerzlichem Ausdrucke ſtill geſeſſen hatte, trat er plötzlich wieder ein, und warf kleine Ge⸗ ſchichten und Spitzen hierhin und dorthin, wo Einer ſehr laut und zuverſichtlich geworden war. Es war leicht zu ſehn, daß er leidend ſei; er iſt auch ſelten in großen Geſellſchaften zu finden. Varnhagen von Enſe heißt er. Seine Geburt und Jugend ſtammt aus Weſt⸗ phalen. Er hat anfangs Medicin ſtudirt, dazu iſt die Poeſie und die Zeit gekommen, wo aller Bezug vom Vaterlande und dem Kampfe dafür in Anſpruch genommen wurde. Nach dem Frieden ſehen wir ihn auf diplomatiſcher Laufbahn, ſehen ihn als preußi⸗ ſchen Geſandten in Carlsruhe, eine glückliche Exiſtenz führend neben Rahel. Er ward abberufen und lebte ſeit der Zeit in Berlin; Rahel ſtarb, er ſammelte ihre reiche Verlaſſenſchaft und übergab ſie zum Theile 296 dem Publikum. Er ſelbſt kränkelt ſchwer, und er⸗ hält ſich karg vom Intereſſe an Literatur und deren ſpecieller Geſchichte, an Weltentwickelung, und vom Umgange mit einigen Freunden. Seine nächſten wichtigſten Freunde ſind todt, Goethe iſt todt, Rahel, Wilhelm Neumann, auch der Ruhm reizt nicht mehr, was ſoll er dem Einſamen, der keinen Aufſchwung, keine neue Entwickelung mehr aus dem Ruhme hofft! Wenn der Ruhm wohlſchmecken ſoll, muß er be⸗ fruchten. So ſtirbt Varnhagen ſeit Rahels Tode, und ſchreibt lauter Teſtamente. Und er hat nie ſo viel geſchrieben, und iſt nie ſo anerkannt worden, als eben jetzt, wie man immer das am reichlichſten er⸗ hält, was man nicht zu brauchen glaubt. Wer weiß! Ein glücklicher Wurf der Weltgeſchichte, ein kräfti⸗ gender Frühlingsmonat, eine ächte, geſunde Span⸗ nung, und die Nerven erheben ſich wohl noch ein⸗ mal zu neuem Leben. Seine mündliche Unterhaltung iſt eine ſo glück⸗ liche Ergänzung zu ſeinen Schriften, wie man ſie „— 297 * äußerſt ſelten findet. Die meiſten Autoren ſind in den Schriften reicher und intereſſanter als im Leben, weil ſie ihr Beſtes für die Feder bewahren und zu⸗ ſammendrängen. Bei Varnhagen iſt es faſt umge⸗ kehrt: er beſchränkt ſich durch Geſchmacksrichtung und durch eine Form, welche aus der Diplomatie ein ganzes Arſenal von Rückſichten mitgebracht hat, dergeſtalt, daß ſeine geübte Darſtellung eigentlich aus lauter negativen Vorzügen beſteht. Es iſt Alles vermieden, was nicht geſagt ſein ſoll, und in dieſer geſchmackvollen Negative beruht für Kenner der Reiz ſeine Schreibart. Dabei geht aber von dem Eigen⸗ thümlichen, dem Kräftigen, dem unbefragt Knospen⸗ den, dem Grünen und Ueppigen ſehr viel verloren, was hinter jeglicher Form ruhen muß, wenn ſie ſelbſtſtändig reizen ſoll. Die Naivetät, welche un⸗ mittelbar wirkt, iſt in ſeiner Schreibart. durch die Kunſt verdrängt, Alles durch eine dritte objektive Perſon und Anſchauung ſagen zu laſſen; er ſucht die Objektivität nicht blos im Ganzen und Großen, ſondern auch im Einzelnen, und beraubt ſich dadurch 298 des eigentlichen Gegenüber, des Aug in Auge, wo⸗ durch die Schrift nicht blos langſam wirkt, ſondern auch augenblicklich trifft. Seine Schrift reizt darum nur als Gattung, und darum nur den Kenner, eine vortreffliche Erziehung, die dann noch viel intereſ⸗ ſanter berührt, wenn ſie ſich zuweilen vergißt. Wenn ich die Korrektheit hier tadelnd berühre, ſo will ich keineswegs dem ordnungslos Bunten das Wort reden, es ſoll nur ein Beiſpiel genannt ſein, wie man durch Bildung ärmer werden kann, ſobald man den perſönlichen Genius zu weit von ihr unterjochen läßt. Dieſer Genius iſt bei Varnhagen in mannigfaltig⸗ ſtem und ſchönſtem Reichthume vorhanden, ſeine mündliche Unterhaltung ſtrotzt davon, aber er lãßt die Farbigkeit deſſelben allzu ſchwach oder gar nicht in die Schrift, er ſchreibt zu keuſch. Wenn Jemand ſeine Unterhaltungen niederſchriebe und drucken ließe, er brächte das intereſſanteſte Buch von der Welt, was neben Varnhagens übrigen Schrif⸗ ten ſtünde wie ein ſtrotzender, blühender Frühlings⸗ baum neben einem halb entlaubten. So geht es 299 uns: Nach dieſer oder jener Richtung hin werden wir zufällig Autoren, das dahin Gehörige bilden wir aus, in Kurzem ſind wir uns ſelbſt eine Norm, ein Gefängniß, und das reichſte und beſte in uns, ſei's Manier, ſei's weſentliche Eigenſchaft, bringen wir nie in unſre Schriftſtellerei. Lächelt der Leſer? Allerdings iſt ſolche Lotterie das Geſchick aller Menſch⸗ heit: der Verlaſſenſte, Unliebenswürdigſte hat eine überſchwenglich reiche Gegend in ſich, der erſte Schritt, das erſte Verhältniß zur Welt hat unglücklich dar⸗ über entſchieden, daß juſt dieſe Gegend immer un⸗ geſehen tief in ihm ruhen ſoll. Darum iſt alles Genie und alles Gelingen ein Glück. Varnhagen hat noch Viel, noch Vortreffliches und Weſentliches von dem eigentlichen Varnhagen für den Schriftſteller gewonnen, aber den ganzen und beſten Varnhagen nicht. Hier ruht ein feines Lebensge⸗ heimniß, das Geheimniß der Wahl; wenn der Menſch für ſeine Kräfte und Fähigkeiten denjenigen Ausdruck, denjenigen Stand, dasjenige Geſchäft findet, wo Alles thätig werden kann, was er beſitzt, und ſo, — wie es in ihm gegliedert und abgeſtuft iſt, dann iſt das wunderbarſte Gelingen ſein. Könnten wir nur eben eine Welt erfinden, wo ſich jeder Menſch ohne die Feſſel des Herkommens ſeine eigenthümliche Thätigkeit wählen könnte, wir würden Millionen von Genies erblicken, und es muß den Simoniſten zugeſtanden ſein, daß ſie ſo etwas ahneten. Aber wir haben uns von vorn herein durch un⸗ ſere Rangunterſchiede beraubt; ich meine hier nicht den Hofrath und Thorſchreiber, den Herrn und Die⸗ ner, ich meine Folgendes: Wir halten den Hand⸗ werker für etwas Beſſeres als den Bauer, den Studirthabenden für etwas Beſſeres als den, welcher nicht ſtudirt hat, und ſo ferner; wir haben einzelne Aeußerungen, die für das Beſte gelten, was der Menſch thun kann, zum Beiſpiele gilt es der Mehr⸗ zahl für das Vortrefflichſte, ein ausgezeichneter Schriftſteller ſein zu können. Dieſe Rangunterſchiede ſchaden ſehr. Leute, welche durch die Ausbildung einer Fertigkeit unübertrefflich ſein koͤnnten, ver⸗ ſäumen ſie, weil ſie nicht ſo hoch angeſchlagen iſt, 301 und dadurch verliert die Welt. Beſonders gilt dies von den guten Geſellſchaftern, den Gelegenheitsdich⸗ tern, den Tauſendſappermentern eines kleinern oder größeren Kreiſes: weil man da eine Fertigkeit ſieht, die ſich im Verkehr ſo ausnimmt wie das Talent des Autors, des humoriſtiſchen Schriftſtellers im Buche, darum ſollen dieſe Leute durchaus ſchrift⸗ ſtellern. Als ob nicht die Faſſung für eine Geſellig⸗ keit und für ein Buch oft ſo verſchieden wären wie Tag und Nacht, ſelbſt wenn beide auf Eins, zum Beiſpiele auf den Humor hinausgehn! Die beſten Gedanken werden mündlich fortge⸗ pflanzt; und die beſten Gedanken kommen nie in die Schrift, denn die Schrift hat keinen Ton, und der Ton iſt oft das Beſte, die Schrift verlangt eine Form, und jede Form muß grauſam ſein gegen den Stoff; der Weg von innen bis auf das Pergament und Papier iſt auch Meilen weir, alle Schriftſteller ſchreiben ganz andere Dinge, als ſie eigentlich ſchrei⸗ 92 ben wollen. Die Schrift ſelbſt iſt wieder eine ſelbſt⸗ ſtändige Macht, die ihre ſelbſtſtändigen Forderungen 1 30² ſchonungslos zur Geltung bringt, das zu Schreibende muß ſich der Schrift erſt unterwerfen, ehe es zur Erſcheinung kommt, und ſchon dadurch wird es ein Anderes, als wir beabſichtigen. Von dieſem Standpunkte aus kann man über Varnhagen ſelbſt und deſſen feine, kunſt⸗ und ge⸗ haltreiche Schriften ein dreiſt mäkelndes Wort ſpre⸗ chen, denn es wird unterſtützt durch die ſtrotzend reiche Perſönlichkeit dieſes Mannes. Dieſe beſitzt all die Farbe, Friſche, Bewegung, ja die Laune, den Humor, welche in der mittelbaren Schrift nur fern, und dem erſten Blicke ganz unerkennbar her⸗ vortreten. Solch ein Mann müßte darum bei einer vollkommneren Welt Sprecher werden, um ſeine ganze Kraft zu entwickeln, ich ſage ausdrücklich nicht Redner, weil darunter eine andere Fertigkeit zu be⸗ greifen iſt. Ein wenig ſäuerlich ausſehend ſteht da neben Herrn von Humboldt ein voller, wohlgerundeter Mann, mit einem gefüllten, lebhaft gefärbten Ant⸗ litze, welches von ſchwarzem, krauſem Haare beſchattet 8 — 303 und von hervortretenden immer glänzenden Augen dunkler Farbe belebt wird. Dieſer iſt der geborene Redner, und er ſieht wohl eben darum heut etwas ſäuerlich aus, weil ſeiner Neigung und ſeinem Ta⸗ lente keine Gelegenheit geboten iſt. Er hört nicht gern, dafür iſt zu viel eigne Arbeit in ihm, er giebt lieber, und doch fügt ſich ſeine Billigkeit der Auto⸗ rität Humboldts, die Alles in Beſchlag nimmt. Daß dies nicht ganz ohne Verdruß abgeht, iſt natürlich, auch wenn er ſelbſt nichts davon wüßte, übrigens i*ſt auch die große vornehme Geſellſchaft zu rückhaltend, als daß ſein charakteriſtiſches Talent hier ſeinen Be⸗ ruf, ſein Terrain und ſeine Anregung fände. Er iſt durchaus der glänzende und entſchloſſene Redner einer franzöſiſchen Kammer, der Verfechter einer lebhaften Politik, welcher als Profeſſor der Juris⸗ prudenz nach Berlin gerathen iſt. Man muß Eduard Gans in einen kleineren Salon eintreten ſehn: mit unbefangener Sicherheit nimmt er den erſten, fern⸗ ſten Stuhl, welcher ſich bietet, und von da aus beginnt er ſeinen Vortrag über das Nächſte der 304 Tagesgeſchichte in einer ſo ſicheren, vollen Form, mit ſo viel ſcharfem Nachdruck und raſcher Wendung, daß man ſich urplötzlich nach Frankreich verſetzt glaubt. Sind nun gar Ausländer zugegen, und man ſpricht gruppenweiſe franzöſiſch, ſo iſt die Täuſchung noch größer, denn er ſpricht die Sprache Odillon Barrots ſo geläufig und national accentuirt, wie man es nur in der Deputirtenkammer verlangen mag; er kennt Paris ſelbſt und alle franzöſiſchen Notabilitäten und Renomméen, er hat immer Briefe aus Paris, er kennt die Geſchichte jenes Landes von Ludwig XIV. bis zum Disjunktionsgeſetze ganz im Detail, kennt alle neuen Bücher auch aus der franzöſiſchen, eng⸗ liſchen und italieniſchen Literatur, redet auch dieſe Sprachen mit Leichtigkeit und hat neben Allem ein feſtes Fundament in deutſcher Philoſophie und Rechts⸗ wiſſenſchaft. Was Wunder, wenn ſich daraus eine geharniſchte, ſtets kampffertige Figur bildet, die noch von der Jugend eines etwa ſechsunddreißigjährigen Alters, von der begabteſten, natürlichſten Suada ———— — 3⁰5 und von der feinſten Kenntniß und ſtärkſten Herr⸗ ſchaft des ſprachlichen Ausdrucks getragen wird. Das ſind drei Männer, welche die Anknüpfung und Bedeutung Berlins nach verſchiedenen Seiten darſtellen: Humboldt mit den Forſchungen der gan⸗ zen Welt, Varnhagen mit mancher intereſſanten Per⸗ ſönlichkeit des letzten Staatslebens und mit allen kourfähigen Autoren unſrer Literatur ſeit Anerken⸗ nung der Goetheſchen Herrſchaft, ſeit dem Inter⸗ regnum der Romantiker und allen dem, was in neuerer Romantik nachfolgte, Gans mit dem Hegel⸗ ſchen Kreiſe, mit den bewegten Dingen und Per⸗ ſonen des Auslandes und der politiſchen Aeußerung des Auslandes. Ein Repräſentant der Kunſt war in Rauch zu⸗ gegen, welcher lächelnd und ſicher, eine ſchlanke Ge⸗ ſtalt mit edlem, leiſe und anmuth ig alternden Kopfe, dreinſah. 3 Berlin hat fünfhundert Schriftſteller, darunter, wie billig, 450 bis 460 gemeine Soldaten. Der fünfhundertſte Schriftſteller Berlins v 20 iſt Heinrich 306 Smidt, ein ſehr dicker Mann, welcher„durch Wort und Schrift bewieſen hat, daß er nicht zum jungen Deutſchland gehört.“ Er ſchreibt wie Walter Scott täglich ſechzehn Stunden lang Romane, hat ferner auch die Aehnlichkeit mit dem großen Unbe⸗ kannten, daß er unbekannt bleibt, und unterſcheidet ſich nur dadurch, daß ſeine Romane nicht ganz ſo gut ſind wie die Scottſchen. Im Jahre 1838 hofft er ſich zu entſchleiern, und entſchieden berühmt zu werden. Uebrigens iſt Heinrich Smidt ſein ehrlicher, holſteinſcher Name. Kennt Ihr alle die Stübchen einer großen Stadt, wo die ſchreiendſten Anſprüche auf litera⸗ riſchen Ruhm in der Einſamkeit darben, wo dem Vaterlande die ſtillen Opfer gebracht werden, die ſtolzen Gedichte, die humoriſtiſchen Aufſätze, die Abhandlungen, welche der Menſchheit ſo höchſt nöthig ſind, die Trauerſpiele, kurz alles das, was nicht gedruckt wird vom ſchnöden Buchhändler, kennt Ihr ſie? Jede Stadt hat deren, jede große hat mehrere, Berlin hat Legionen; die ganze Lite⸗ 307 ratur kann an einem röthlichen Abende ſterben, am nächſten Morgen ſtellt Berlin einen dicken Meß⸗ katalog. Und nicht bloß Titel, nein, reelle Bedienung, Alles liegt parat, jedes Genre iſt wohl verſehen, und der Beweis wird gratis zugegeben, daß Alles nichts taugt, was jetzt gedruckt wird. Die Macht wird immer und allerwege ange⸗ fochten, auch in der Literatur; wer einen Vers machen kann, will auch ſein Amt haben, und bekanntlich iſt beim Zuſehen Alles leichter. So erinnre ich mich aus Breslau: da iſt ein lang gewachſener Mann, er geht ſehr ſauber gekleidet, hat einen Backenbart und zwei rothe Wangen, die beide nicht ächt ausſehn, es aber doch wol ſind, der Mann ſoll ein ganz geſcheidter Mann ſein, und er zuckt ſchon ſeit funfzehn Jahren die Achſeln über die deutſche Literatur. Warum? weil er ſagt, es ſei eine Kleinigkeit, ſie ganz anders und viel beſſer zu machen; man glaubt ihm das, man bedauert ihn und die Literatur, ihn beſonders, denn er leidet darunter, obwohl er ſich bei dem 308 Aerger die rothen Wangen und den Backenbart konſervirt. So wie der Mann aber einmal daran geht, ſelbſt etwas zu ſchreiben, wozu ihn das Mißvergnügen ſehr ſelten kommen läßt, da wird's ein geziertes, klein, ſchrumpfig Ding, was nicht den Abdruck lohnt. Ja, klingt die Entſchuldigung, er verſitzt ſich, er iſt nicht im Zuge, nicht im Strome— ja wohl, das iſt's. Der Weltſtrom i*ſt noch etwas ganz Anderes, als was man ſo vom ufer aus ſieht, wie der Krieg, wie die Ehe, wie die Reiſe, wie das Regieren iſt er eine Sache, die ſich nimmermehr erſchöpfend durch's bloße Zuſehn abmachen und erklären läßt. Die Welt ſelbſt, die wogende, iſt eine unbekannte Macht, jeden Tag, für jeden Menſchen eine andere— roth ſpringt ihr hinein, roth wollt Ihr durchaus bleiben und bleibt's auch mit aller Anſtrengung für Euch, aber nur für Euch, für die Welt habt Ihr vom erſten Anfange Eures Erſcheinens an blau ausgeſehn, die Strahlen und Farben, welche über Euch zuſammenſchlagen, kennt Ihr nicht, ſie 309 ſind ein neu Geſetz außer Euch, eine Macht, die ihr nie bekämpfen könnt, weil Ihr ſie niemals ſeht, Ihr ſeht nur die Wirkung derſelben und nennt dies Euer Schickſal, und weil dies oft gar nicht paſſen will, ſo hat es eben ſchon Manchen toll gemacht— es iſt das Geſchrei der nicht herr⸗ ſchenden, nicht aufgenommenen Literatur ein ſtets unbedeutendes, und die Weisheit derſelben gleicht auf ein Haar der bekannten Aeußerung: ich gehe nicht eher in's Waſſer, als bis ich ſchwimmen kann. Dieſes zweite und dritte Aufgebot der Literatur, was die Druckpraxis nicht recht gewinnen kann, hat ſein Hauptquartier in Berlin; hier ſind die Helden ohne Heldenthaten ſchaarenweiſe, und die nationale Dreiſtigkeit iſt hierzu ſehr behilflich. Auf allen Straßen, in jeder Tabagie wird über die Literatur geſprochen und über die Kleinigkeit, ſie umzuändern; in keinem Winkel des Thiergar⸗ tens ſeid ihr vor der Literatur ſicher und vor den unbegünſtigten Prätendenten derſelben. 310 Aber Berlin hat auch ſo viel wirklich berühmte Männer, daß Ihr nicht die Salons zu ſuchen, ſondern nur auf die Straße Acht zu haben braucht. Unter den Linden ſeht Ihr oft einen ſchlanken Mann mit gebleichtem Haare, aber jugendlich leb⸗ haftem Auge, ſein Antlitz hat etwas Nordaſiatiſches und doch Reines und Freies: es iſt Schinkel, von welchem die neuen, ſchönen Bauwerke ſtammen. Draußen vor dem Brandenburger Thore rüſtet ein Mann mit ſchlichtem, blondem Haare ſeine Cigarrenpfeife zurecht, über den treuherzigen Augen liegt eine Brille, Alles iſt einfach an ihm wie am beſcheidenſten Bürgersmanne, er ſcherzt mit Gans, der ihn auf dem Spaziergange nach Charlottenburg begleitet— hinter dem harmloſen Aeußeren ruht ein eiſenfeſter Charakter und eine eiſenfeſte Wiſſen⸗ ſchaft, es iſt der berühmte Philologe Bökh, vor deſſen Alterthumskunde eine ganze Nation ſich beugt. Auf jener Chauſſée begegnet Ihr täglich einem wunderlichen Paare, es iſt ein Mann mit ſchlech⸗ 311 tem grauem Mantel, ſchlechtem auf dem Hinter⸗ kopfe hängenden Hute, der eine ältliche kleine Dame führt. Ihr haltet ihn für einen alten kranken Juden, der ni von der Welt weiß als ein Paar Gebete des Talmud, den Niemand kenne als die Sippſchaft und der nächſte Nachbar, und Ihr ahnt nicht, daß eine ganze Bibliothek von Gelehrſamkeit, Kenntniß und Gemüth an Euch vorüberſchlürfe, und Wiſſenſchaft die Fülle, wie ſie in der Bibliothek noch nicht zu finden iſt. Er trägt unter dem Mantel hohe Steifſtiefeln, und ſchiebt mühſam die ſchwachen Beine fort, ſein Kopf reckt ſich eben ſo mühſam und müde in die Luft, die kleinen Augen ſind wie abgeſtumpft zuge⸗ blinkt, Viertelſtunden lang iſt der Mund unbeweg⸗ lich, das nach der Seite gebeugte, gelbe Antlitz iſt lebensöde und erſtarrt, alle Phyſiognomik wird daran zu Schanden, denn es zeigt nichts als ein unthä⸗ tiges häßliches Geſicht aus Paläſtina. Dieſer Mann aber iſt der berühmte Theologe Neander, der mit ſeiner Schweſter ſpaziren ſchleicht. — 312 Das ſo gar nicht kouromte Aeußere hat oft zu den komiſchſten Scenen Veranlaſſung gegeben, und es hat nicht leicht Einer in Berlin Kirchengeſchichte gehört, der nicht auch die Geſchichte von Neanders Hoſen gehört hätte. Dieſe Hoſen nämlich bezeichnen ganz und gar ſein Verhältniß zur bekleideten Welt, zur Welt des Umgangs und der Mode. Daß Neander in ſeinem Leben ein Modejournal geſehen hat, iſt durchaus nicht wahrſcheinlich; die aramäiſchen Charaktere kennt er, aber Humanns Charakter kennt er nicht, und er würde ſchwer begreifen, wie ein Menſch ſein Leben darauf ver⸗ wenden kann, Leibröcke und Beinkleider zu erfinden. Was des Morgens durch Fürſorge ſeiner Schweſter an Kleidungsſtücken auf ſeinem Stuhle zu finden iſt, das zieht er an, weil er ſich das ſo allmählig angewöhnt hat, ein Gedanke fällt nie darauf. Nun erzählt der Student, der Herr Profeſſor habe Jahre lang nur ein Beinkleid beſeſſen, und es ſei heute noch unerklärt, wie ohne Vorwiſſen der Schweſter ein zweites, neues habe entſtehen können. Kurz, 313 eines Morgens findet ſie, die ſorgliche, die alte würdige Modeſte unberührt auf dem Stuhle, der Bruder aber iſt bereits in der Univerſität auf dem 4 Katheder. Man denke ſich das Erſchrecken! Offen⸗ bar iſt das treue Beinkleid vergeſſen; zwar trägt er auch auf dem Katheter den grauen Mantel, aber ein Mantel verkehrt direkter mit der leichtſinnigen äußeren Welt, er kann zurückſchlagen, und man ſieht das Unglück. Die Magd wird gerufen, das vergeſſene Schickſalspaar ihr eingehändigt, ſie keucht damit in die Univerſität— malt Euch den ſeltnen Anblick!— ſie klopft am Auditorium, ſie bittet den über das ſchüchtern herabhängende Beinkleid ſtaunenden Studenten, den Herrn Profeſſor heraus⸗ zurufen. Er kommt.„Jemine, Herr Profeſſor, Sie haben ja Ihre Hoſen vergeſſen.“— Herr Gott! Verzagte Oeffnung des Mantels—„Herr Jeſes, der Herr Profeſſor haben ein Paar neue!“ — So?— Der Herr Poofeſſor iſt eben ſo erſtaunt darüber, und rudert unſichern Triumphes nach dem Katheder zurück. 314 Tretet in ein anderes Auditorium. Ein großer, ſtark ausgearbeiteter Mann docirt frei, er hat ein kräftiges Geſicht, eine hohe Stirn und eine geübte Rede, welche oft in die Maſſendarſtellung feine Bezügniſſe und Wendungen flicht. Dieſer ſtattliche Mann hat die Geographie erfunden, es iſt Carl Ritter. Vor ihm war ſie eine Tabellenkenntniß, ein Wiſſen, durch ihn, iſt ſie eine Wiſſenſchaft geworden, und zwar die intereſſanteſte von der Welt, denn die Idee der Welt iſt in ihr geweckt, in ſie getragen worden, die Erde hat das tauſendfache geiſtige Leben gewonnen, was ſo zaubervoll alle Poeſie und Kenntniß zu neuer Schöpfung weckt. Der Baum ſpricht, das Blatt lehrt, der Stein, der Hügel, die Staude, das Kraut der Steppe giebt Kunde, das fremde Thier weckt den Gedan⸗ ken, die fremde Völkerſchaft hilft forſchen, und ſo wächst ein neuer, reicher Baum in die Geſchichte der Menſchheit und breitet dichter und größer ſeinen Schatten über eine neue Einſicht des Weltgedankens. Carl Ritter, der Schöpfer dieſer neuen Geiſteswelt, 315 iſt 1779 zu Quedlinburg geboren, in Schnepfen⸗ thal ward er erzogen, und dort hat der bekannte Guts⸗Muths den Keim in ihm gepflanzt. Guts⸗ Muths ſoll reiche Embryonen dieſer Schöpfung in ſich getragen, und nur die Kraft nicht beſeſſen, das Belebungswort nicht gewonnen haben, wie man daraus eine neue Welt erſchaffen könne. Ritter ſtudirte in Halle, ward dann Erzieher, lebte in Frankfurt, reiſ'te, durchzog Deutſchland und Italien, durchſtrich zum Beiſpiele bis in die verborgenſten Winkel die Schilf⸗ und Rohrwälder der pontiniſchen Sümpfe, das Albanergebirge. Er trat eigentlich mit pädagogiſchen Beiträgen auf. Dazwiſchen erſchien 1804 ſein„Europa“, was zum erſten Male der Geographie ein ſo unerhörtes Geſammtleben gab, ein Geſammtleben, wo die Erde Alles aus ſich heraus erzählt, das. Wiſſen, die Kunſt, die Bewegung, die Sitte und Sprache. Noch fünf und zwanzig Jahre nach dieſer Erſchei⸗ nung gaben die Franzoſen jenen Ritter⸗Atlas von 316 Europa als das Beſte heraus, was in dieſem Fache geboten ſei. 1817 und 18 erſchien das Alles zu einem über⸗ wältigenden Ganzen verdichtet in ſeinem Haupt⸗ werke:„Erdkunde oder allgemein vergleichende Geo⸗ graphie“, die Afrika und Aſien vor uns aufrollte, wie wir es nie geſehn. 1820 wurde Ritter nach Berlin berufen, und jetzt kann ihn Jeder hören, der juſt Nachmittags über den Opernplatz geht, und ſich erinnert, daß der hoch gewachſene Mann im ſchwarzen Frack in die Univerſität hineinſchreitet, um die Erde vor ſei⸗ nem Auditorium ſo zu beleben, wie es in ſo inter⸗ eſſanter Weiſe nicht die üppigſte Idealiſtik vermag. Er handhabt ſie wie eine leichte Kugel auf dem Ka⸗ theder, mit einem Stückchen Kreide zeichnet er ferne Länderſtriche raſch und charakteriſtiſch an die Tafel, die Nachrichten darüber aus der älteſten und der neuſten Literatur, aus indiſchen, griechiſchen und engliſchen Quellen wachſen unterdeß wie belebendes Geſträuch zwiſchen der zeichnenden Hand empor, die 317 Kriegs⸗, die Völkerzüge, welche den Landſtrich je belebt haben, hört man raſſeln und klirren, Alexan⸗ ders Generale, Dſchingiskan's, Tamerlan's Speer⸗ wälder ſieht man vorüberziehn, der Vogel jener Ge⸗ genden ſchreitet, oder fliegt, blendet oder erſchreckt, der Menſch tritt auf in ſeiner Beſonderheit, und wie er zu Gott redet, der eigene Himmel, des Tages Schein, die Sternenwelt, die Nebel, Regen oder Winde werfen die Farbe über das ganze Bild, und eine gefärbte, ſchattirte, fleiſchige Welt iſt Euch in einer Viertelſtunde geboten; der Weg geht weiter, der Schwamm fährt darüber hin, eine neue entſteht mit ganz anderen Beziehungen. Ihr ſeid auf dem Schiffe, erfahrt, wie die Winde an jener Landſpitze ſtreichen und wechſeln, wie die Strömung des Meeres nach Indien, fünf mal, ſechs mal wechſelt und wendet— große, wohl verſorgte Städte verwü⸗ ſten ihren Reichthum, weil ſie ihn nicht genug be⸗ nützen, viele tauſend Berliner gehn um dieſe Stunde über den Opernplatz, und wiſſen nicht, wohin mit der Zeit! —y— 318 Da kommt aber ein kleiner Mann die Char⸗ lottenſtraße herauf, der muß es verſtehn, man ſieht ihn ſtets auf der Straße, im Theater und ſonſtwo, und dennoch hält er Vorleſungen und ſchreibt, wer weiß wie viel und wie dicke Bücher. Ich habe ſchon früher einmal in jugendlichem Muthwillen, der kein Ende finden kann, zu viel über ihn geſprochen, aber wenn ich auch glaube, daß der Muthwille einem Hiſtoriker zu viel anthun mag, liebenswürdig er⸗ ſcheint mir dieſe hiſtoriſche Muſe, dieſer Herr von Raumer mein Lebtag nicht. Man hat in Nord⸗ deutſchland ein kleines Wort, was nach welken, feuch⸗ ten Lippen klingt, und„labbern“ heißt, das Unglück dieſes Wortes hat ſich der Geſchichtſchreibung dieſes Mannes bemächtigt, möge Andern wohl dabei werden! Der kleine Hiſtoriker im blauen Röckchen, im breit⸗ gerandeten Hute, mit den rothbetupften Bäckchen und den hellblauen Glasaugen darf aber in Berlin nicht übergangen werden, er iſt die eigentliche No⸗ tabilität des Berliner tiersparti, zu welcher alle die ganzen und halben Talente gehören, welche dreiſt 319 ſind, ohne die höheren Geſichtspunkte der Spekula⸗ tion und des Urtheils zu kennen und zu würdigen, welche die bürgerliche Klaſſe des Geſchmacks für ſich haben, wie Gleiches ſtets das Gleiche wittert, welche die Mittelmäßigkeit in all den verſchiedenen Abſtu⸗ fungen dieſer Eigenſchaft darſtellen. Das beſte Talent dieſer Pflanzengattung märki⸗ ſchen Sandes iſt Wilibald Alexis, ein kurzer, eckiger Mann mit einem ganz kleinen Schnurrbärtchen, ganz ſo klein wie die Kourage ſeines Talents, was gar nicht nöthig gehabt hätte, hinter die Leihbibliotheken zu kriechen; das ſelbſtgefälligſte und bei aller Frucht⸗ barkeit Krrſte iſt Raupach, das fraglichſte Guſtav Nicolai, der bis jetzt nur dadurch merkwürdig iſt, daß ihm Italien nicht gefallen hat, und das ſchwatz⸗ hafteſte und unbedeutendſte iſt Rellſtab, der Stolz des Berliner Philiſters. Die Mittelmäßigkeit iſt aber ſtets am ſicher⸗ ſten in ihrer ausgezeichneten und berühmten Haut, das Genie mag an ſich zweifeln, die Mittelmäßig⸗ keit nie, und nun wird unſer Raumer wieder nach 320 England reiſen, und da wird die Welt wieder ſehn, was eine Harke iſt. Ich ſchätze dieſe„Briefe aus England“ ſtets als eine Sammlung engliſcher Zei⸗ tungen, die man verdeutſcht und in Octav geheftet bekommt, während ſie ſonſt leicht verloren gehen, ich wünſche dem Herrn von Raumer ſtets eine glück⸗ liche Reiſe, wenn ich ihn die Charlottenſtraße herauf kommen ſehe. Da ſpaziert aber ein kleiner Mann etwas nach der Seite die Linden hinab, das iſt ein Hiſtoriker, wie er das Herz erfriſcht und den Geiſt erweckt, Leopold Ranke iſt's. Er führt ein Junggeſellenleben in Berlin, verkehrt viel mit Staatsmännlen, be⸗ ſonders war er oft bei dem verſtorbenen Ancillon zu finden; ſein Kopf iſt klein und raſch, eben ſo raſch ſind die lebendigen Augen und die ſchnell ent⸗ ſtehenden Worke des Angeredeten, ſeine Geſichtsfarbe iſt zart. Der Accent ſeiner Rede erinnert noch ein wenig an Thüringen, und weil er die Schwäche ſeiner Landsleute mit dem harten und weichen pt. und b d wohl kennt, nicht aber die wunderliche Be⸗ 321 zeichnung brauchen will„hartes b und weiches p“, ſo hat er die griechiſchen Bezeichungen oft im Munde, und ſagt: Man ſchreibt's mit Pi oder mit Beta oder mit Delta. Das kleine Städtchen Wiehe, was nach der güldnen Aue liegt, iſt ſeine Vaterſtadt. Chamiſſo, den langhaarigen, kennt Ihr aus dem Muſenalmanache, er huſtet langſam nach dem Tode hin, hat aber noch ein lebhaftes Intereſſe am Leben, ein neues Buch, was von Chamiſſo erſcheint, wie ſeine letzte Sammlung, weckt und gewährt ihm den lebhafteſten, friſcheſten Antheil. Nehmt Euch ein Beiſpiel an ihm: er iſt ein emigrirter Franzoſe, mit franzöſiſcher Zunge kam er nach Berlin, ward Page und Officier, radebrechte deutſch, ließ ſeine Familie wieder heimkehren, blieb, radebrechte weiter, und iſt jetzt, da er ſich zum Sterben anſchickt, ein deutſcher Dichter erſter Größe! Nehmt ein Beiſpie daran und radebrecht ebenſo! Da ſchlüpft durch's Thor noch ein anderer Dich⸗ ter, den ihr nicht in Berlin vermuthet, aus grünem Wald und grauer Welt klingen ſeine Lieder, wer V 21 4 322 ſucht dahinter und hinter dem Titel eines Regie⸗ rungsraths den Dichter Eichendorff! Schlank, mitt⸗ len Wuchſes und Alters, zugeknöpften Rockes, klei⸗ ner Mütze, als ging's zur Jagd, würdig und ſchnell verſchwindet er hinter dem Thore zwiſchen den Bäumen. Verſchwinde eben ſo zwiſchen den Bäumen, Schat⸗ tenſpiel, ich will nur locken, nicht erſchöpfen, und mancher große, mancher kleine Mann bleibe in der Feder. Auch Clauren? Schämt Ihr Euch jetzt Eures Heißhungers nach dem Vergißmeinnicht? Wenn ich den kleinen Mann nickenden Schrittes unbekannt durch die Menge rudern ſehe, das Geſicht iſt abge⸗ ſpannt, der Naſe ſieht man die Schnupftabakdoſe an, ſo ergreift mich ein ſtarkes Gefühl. Ciauren kann nicht dafür, er iſt die unſchuldige Veranlaſſung. Wie oft betrübt mich der Gedanke, wenn ich mit einem Freunde die Linden entlang unter der bunten, bewegten Menge promenire, wenn wir uns ergehn in Klage oder Erwartung, in Theilnahme an der Geiſteswelt unſerer Tage, wie oft ſchlägt mich kalt 323 der Gedanke: alle die Leute ringsumher kennen nichts von dieſer Sorge, es kümmert ſie nicht ſolch Inter⸗ eſſe, und ſie leben auch, ſie haben auch Recht. Sprich zum Näͤchſten von Objektivität der Literatur, von Tendenzen, von Perſpektiven, er hält Dich für ver⸗ rückt oder ſür einen Ausländer, oder weiſ't Dir Fetitpierre's Laden, wo Perſpektive zu kaufen ſind. H. Clauren aber iſt für dieſe Gedanken ein Troſt, er iſt ein Opfer der Kritik, ihn anbetreffend iſt die Kritik ſelbſt bei den Nähtermamſells wirkſam ge⸗ worden; wenn die Kritik heutiges Tags auch eine Bildſäule kriegt, ſo muß H. Clauren, der bei der Poſt angeſtellte Herr Carl Heun, ein Plätzchen dabei finden. Der arme Mann, er hat ſchwere Tage ge⸗ habt: ſeinen Ruhm und ſeinen Sohn hat er ver⸗ loren, den Ruhm leichten Sinnes, den Sohn mit ſchweren Thränen. An Mimili denkt er nicht mehr, und ſchreibt ſeine Poſtzettel richtig und ſauber. Schade, ſehr ſchade um das ſtarke Erzählungstalent, was der Eifer gewöhnlich vergißt, an ihm heraus⸗ zuheben, ſchade daß er keine Bildung und keinen 324 Geſchmack hatte, und nur mit den materiellſten Dingen lockte, mit hunderttauſend Thalern, mit hübſchen Waden, mit Sillery mousseux und mit Auſtern— ein Berliner aus der Weinſtube. 3 14. Die Maske, Eine Silhouette. Die große Stadt hat allerdings ihre kleinen, ver⸗ borgenen Zimmer, wo es Zeit und Ruhe gibt füur Gefühle und tiefe dauernde Leidenſchaften. Im quar- tier latin zu Paris findet man die bürgerlichſten, ſolideſten Leute, die alte, ſtille franzöſiſche Familie, welche ſich verwahrt um und um gegen Zudrang und Eile. Auch in Berlin iſt das zu Hauſe, be⸗ ſonders in den ſtilleren Seitenſtraßen der Königs⸗ ſtadt, man entdeckt nicht leicht anderswo eine lang⸗ ſamere, zuverläſſigere Familie wie in Berlin, die Treue iſt in einem ſolchen Kreiſe ein ewiges Reli⸗ 326 gionsgeſetz, einmal blickt man auf in die Welt, er⸗ wählt ſich das Seine, und kein Zweifel darf mehr nahen, dies Mädchen, dieſe Farbe bleibt die un⸗ wandelbare für's Leben. Juſt im Trubel der großen Stadt hüllt ſich die einſame, geſammelte Familie, das beſcheidene Gefühl feſter, unzugänglicher in ſei⸗ nen Kreis. Aber im Trubel ſelbſt erſcheint das Unglaub⸗ liche, wie auf bewegter Landſtraße rennt Leben und Neigung und Schickſal durcheinander, der Groß⸗ ſtädter wohnt halb auf der Straße, auch wenn er ſie in der ganzen Woche nicht beträte, das bunte Gewirr trabt fortwährend durch ſeinen Kopf, durch ſein Herz. Neigungen verſchiedenſter Art begegnen ſich, ſie haben keine Zeit zur Prüfung, der nächſte Augenblick kann ſie für immer auseinander reißen, ſie verbinden ſich, im Gedränge entgeht es ihnen eine Zeitlang, daß ſie nicht zuſammen gehören, ſie werden's gewahr, laſſen ſich los, der Strom führt das Eine hierhin, das Andere dahin, kein's hat Zeit, ſeine Wunde zu betrachten. 327 1. Es giebt vielleicht ſo vielerlei Liebe, wie es Blu⸗ men gibt, und es mag wohl manchen Uebelſtand. erzeugen, daß wir unter dem Worte Liebe meiſthin ein und denſelben Begriff von ſtarker gegenſeitiger Zuneigung verſtehn, ſo ſtark, wie wir eben im Stande ſind, ihn bei uns ſelbſt als möglich zu denken. Entſprechend iſt der Frühling— iſt ein Frühling wie der andere? Leben und Fruchtbarkeit beginnt und ſteigt oft unter wenig erfreulichem Wetter; aber es gibt gewiſſe Folgegeſetze, nach denen es doch grün wird, nach denen die Liebesleute doch küſſend zu einander gezogen werden,— der Sommer weiſt es dann aus, und ſicher bringt es der Herbſt an den Früchten deutlich zu Tage, ob die Empfängniß in Wahrheit glücklich geweſen ſei. Vielleicht gäbe es glücklichere Menſchen, wenn ſie ſich weniger blindlings auf einen allgemeinen Begriff verließen, wie die Liebe durch ſchlechte Ro⸗ mane einer geworden iſt, wenn ſie ſchonungsloſer 328 in ſich aufſuchten, was ihnen wirkliches Herzens⸗ bedürfniß iſt, und was ſie als bloße Empfindungs⸗ phraſe in ſich zu einer künſtlichen Höhe ausbilden. Eine ganze, durch und durch nothwendige, volle Liebe iſt vielleicht ſo ſelten, als ein ganzer, durch und durch ſchaffender und ſchöner Frühling.— Der ſchönen Aurelie wären dieſe Gedanken wun⸗ derlich und fremd vorgekommen, weil ſie niemals von ähnlichen, von nur entfernt ähnlichen überraſcht worden war. Liebe iſt Liebe, hätte ſie geſagt, und ich weiß wohl, wenn ich liebe. Ein zufriedenes Lächeln zeigte, daß es damit ſehr gut beſtellt ſein möge— ſie ſaß an einem ſehr großen Blumenfenſter, und ſah auf die ſchneebedeckte, aber von Schlitten, Rei⸗ tern und Vorübergehenden reichlich belebte Straße hinab. Die willkommene Winterſonne ſchien freund⸗ lich in das behaglich und reich eingerichtete, von reiner Wärme durchſtrömte Zimmer, ein Kanarien⸗ vogel, der im großen metallenen Bauer neben ihr ſtand, mitten in Blumen, beleuchtet von den Son⸗ 329 nenſtrahlen, ſang und ſchmetterte, als ob es der Frühling ſei. Aurelie war zwanzig Jahre alt, und ihr Leben war in den Hauptzügen folgendes geweſen. Die Eltern hatten eine günſtige Stellung in der Welt, und erzogen die einzige Tochter auf eine dieſer Stel⸗ lung angemeſſene Weiſe. Aurelie war ſanft, geleh⸗ rig, wußte ſich leicht zu ſchicken, zu fügen, ward ſtattlich und ſchön, und hatte Jedermann zum Freunde, und Ferdinand, ein junger glänzender Mann, weihte ihr die ganze ſchwärmeriſche Neigung erſter Liebe. Wie reizend fand ſie das; Ferdinands Blut und Miene, ſeine Munterkeit, ſeine Gewandtheit waren das Ideal ihrer Wünſche— wie liebte ſie ihn! Da trat der Vater eines Tages zu ihr und ſprach: Liebe Aurelie, ich habe ſtarke Verluſte erlitten, meine Exiſtenz iſt bedroht, du kannſt helfen; ſchlag dir die Jugendtändelei mit Ferdinand aus dem Sinne, Herr von Real hat um dich angehalten, er iſt ein reicher, braver Mann, gieb ihm deine Hand! 330 Aurelie weinte und gehorchte. Ferdinand ging auf Reiſen. Ein Jahr verging beſſer, als ſie ge⸗ dacht hatte. Herr von Real war ein guter, liebens⸗ würdiger Mann. Aureliens milder, fügſamer Cha⸗ rakter, unterwarf ſich erſt geduldig den auferlegten Pflichten, und fand am Ende eine ſtille, ziemlich zufriedene Exiſtenz, die bald gar keine Erinnerung mehr daran hatte, daß ſie eine reſignirte ſei. Herr von Real ſtürzte mit dem Pferde und ſtarb. Aurelie kam nach einer Zeit, als ſchöne, junge Wittwe nach der Stadt zurück und war umſchwärmt von Verehrern und Bewerbern. Ihre Eltern waren in der Zeit auch geſtorben, ſie war mit ihrem Reich⸗ thume allein und unabhängig. Natürlich tauchte Ferdinands Bild in ihrer Seele auf, aber, dachte ſie, der iſt jetzt, Gott weiß wo, und ſein Herz hat Troſt geſucht. Sie gab ſich alſo ziemlich unbefangen den Verehrungen hin, welche man ihr zollte, ſpielte mit den Freiwerbern, und befand ſich wohl. Da traf ſie in einer Abendgeſellſchaft Ferdinand; er war zu⸗ rückgekehrt, ſah ernſt und reiſebraun aus, und be⸗ 331 grüßte ſie ziemlich kühl, jedenfalls viel förmlicher, als er nach ihrem Ermeſſen nöthig gehabt hätte, und als er mit mancher anderen Dame verkehrte. Sie ſelbſt hatte wieder jenen elektriſchen Schlag bei ſeinem Anblicke gefühlt, der ſie früher oft ſo ent⸗ zückend betroffen hatte; größere Wärme, regerer An⸗ theil an Allem ſchien ihr ausgegoſſen über Herz und Sinne— aber mit Ferdinand ſchien es ganz anders zu ſein. Es vergingen mehrere Tage, und er be⸗ ſuchte ſie nicht; als ſie ihm wieder in Geſellſchaft begegnete, ſchien er ihr ſogar auszuweichen. Him⸗ mel, in welche Bewegung verſetzte ſie das! als der Zufall ihn neben ſie führte, mochte ſo etwas von der innern Aufregung heraustreten und irgend ein verrathendes Wort finden, wenigſtens fand er ſchnell eine Erwiederung, die eben dahin ſchattirte; man fand ſich näher zu einander geſtellt, als man ver⸗ muthet hatte, den nächſten Abend erwartete Aurelie ſeinen halb erbetenen, halb angekündigten Beſuch. Sie ſaß in ihrem ſchönen Zimmer, und harrte ſeiner mit klopfendem Herzen; die Erwartung ließ 332 ihr keine Ruhe, bald ſtand ſie auf, ging hin und her, bald ſetzte ſie ſich wieder, bald eilte ſie zum Spiegel:„Meine Haut iſt nicht mehr ſo weich und ſchön wie früher, meine Augen liegen etwas tiefer, mein Mund iſt nicht mehr ſo ſchmal und geſchloſ⸗ ſen— werd' ich ihm noch gefallen? Als könnte Liebe vergleichen!— Sie war aber in der That von einnehmender Schönheit. Schlank und hoch gewachſen, und doch von leichter, feſter Fülle der Umriſſe war ſie eine lockende Erſcheinung, und das ſeidne dunkle Gewand, daß ſie trug, hob die Weiße ihrer Haut und das mit leichteſter und feinſter Röthe angehauchte Geſicht, in welchem unter dunklen Haar und fein geſchweiften dunklen Braunen, ein großes tiefblaues Auge lebte, und dem ganzen Weſen ein ſüß Geheimnißvolles gab, was man oft Romantik nennt. Der ſpröde Reiz des Mädchens, der weiche Schmelz einer jungen Frau ſahen noch vereint aus ihren Zügen, jener war noch nicht ganz überwunden, dieſer hatte noch nicht völlig geſiegt. 333 „Wenn mich nur nicht die Blatternarbe hier am linken Schlafe entſtellt! Betty ſtreicht mir auch den Scheitel immer noch nicht tief und feſt genug darüber.—“ „Aber wo er bleibt! Es iſt ihm gar nicht eilig,“ da hörte ſie ſchnelle, leichte Schritte auf dem Vor⸗ ſaale, und wie tief erſchreckt floh ſie auf's Sopha, und griff mechaniſch nach der Handarbeit. 2. Sie hatten ſich gefunden; aber im Grunde nur ſo weit, daß Ferdinand hoffen konnte, über kurz oder lang eine volle, gewährende Liebe in Aurelie zu finden. Aurelie gehörte zu den Frauen, welche mehr zu geben und gewinnen glauben, wenn ſie wenig und öfter geben, als wenn ſie eine ganze Seele ohne Rückhalt öffnen und im aufopfernden Selbſt⸗ vergeſſen darbieten. In jenem Verfahren liegt Klug⸗ heit oder Mangel; es feſſelt geſchickter, aber es fehlt ihm jener Hauptmoment der Liebe, in welchem alle Beſchränkung und Berückſichtigung aufhört, um deſ⸗ 334 ſentwillen die Liebe ein voller, ſelbſtſtändiger Himmel genannt wird. Das Verhältniß ging in dieſer halben Entſchie⸗ denheit länger fort, als Ferdinand gehofft hatte. Kluge Leute behaupteten, es gewinne dadurch mehr Reiz, andere meinten, der Reiz ſei weniger als das Glück. So war es Winter geworden, und Aurelie ſitzt, wie zu Anfang geſagt wird, am Fenſter, und ſieht mit Behagen dem Treiben auf der Straße zu; es i*ſt um die Mittagszeit, Ferdinand kann jeden Augen⸗ blick vorbeireiten. Bunte Schlitten mit Herren und Damen klingeln vorüber.„Wenn Ferdinand galant wäre⸗ ſo könnte er mich wohl auch zu einer kleinen Serth. abholen!“ und wie ein Tiſchleindeckdich kam der Geliebte mitten in den Wunſch hineingeſchwirrt mit einer prächtigen Equipage.— „Ich finde es ſehr liebenswürdig, guter Ferdi⸗ nand, daß Sie mir den Vorſchlag machen; aber es würde doch zu ſehr auffallen, es geht nicht— Meine Cauſine iſt bereit, uns zu begleiten.““ 71! 333 „Nein lieber Ferdinand, es geht nicht; aber ich dank's Ihnen beſtens.“ Kein Bitten half, verletzt ſtürmte er fort, warf ſich in den Schlitten und fuhr davon, als wollte er ſich und was ihm in den Weg käme zu Grunde richten; Aurelie ſchrie auf am Fenſter. Da er ver⸗ ſchwunden war, reute es ſie.— Du wirſt ihn er⸗ müden, und er wird dich aufgeben. Raſch wurde ihm ein Billet geſchrieben: Sein Sie nicht böſe und kommen Sie ja heut Abend auf die Redoute, ich bin an rothen Schleifen zu kennen und finde Sie ſicher heraus. Ich möchte gut machen, was ich wohl heute ſchlecht gemacht; im Maskenkleide kann ich das vielleicht am beſten, weil ich mich leider ewig vor der blanken Wirklichkeit genire. Die Redoute war im luſtigſten Treiben, ein blauer Domino verfolgte eine weiße mit rothen Schlei⸗ fen geſchmückte Dame— ſie ſah reizend aus mit dem ſtolzen Wuchſe, dem ſtolzen, weißen Nacken, den blendenden Schultern, den vollen, ſchönen Armen, es mußte Aurelie ſein, obwohl die Maske nicht dar⸗ 336 auf eingehen wollte. Am Ende mußte ſie denn doch dem unabläſſig drängenden Ferdinand nachgeben, mußte ſprechen und damit das halbe Geheimniß auf⸗ geben. Eine Weille ſcherzten und tändelten ſie nun unbefangen und glücklich im Saale herum, und ge⸗ noſſen den kleinen Reiz deutſcher Maskenbälle. Wenn ſich nicht ein ſolches Einverſtändniß gebildet hat, kann man bei dieſen Vergnügungsanſtalten dem un⸗ erquicklichſten Zuſtande anheim fallen; man iſt in enge Räume gedrängt, die Witterung verbietet das Draußen, ein wirklich intereſſantes Suchen und Finden und Verkehren iſt ſchon darum nicht möglich, unſre Gewohnheit mit der unvermeidlichen Mutter am Arme, mit der ganzen idealen Schamhaftigkeit der Germanen, bilden einen baaren Gegenſatz zum Romantiſchen; was der Kern eines Maskenballs ſein ſoll, das Fremde, das Unbekannte iſt uns feindlich in der Geſellſchaft, unſere Laune, unſer Humor ſind niemals ſo eigenwüchſig aus unbefangenem, halb⸗ materiellem Uebermuthe, daß wir uns Stunden lang darin herumtreiben, daß wir für ein Scherzwort, 337 was nur ein Erkünſteltes betrifft und von einer Larve ausgeht, zu der wir keinen geſchichtlichen Be⸗ zug haben, Empfänglichkeit oder gar Entgegnung haben könnten. Sind wir auch ſonſt objektiv genug, für das, was man Amüſemant nennt, brauchen wir unſere Gewohnheiten, unſere Umgangsgeſchichte mehr als andere Völker. Deshalb werden die Redouten bei uns immer etwas Forcirtes, Ungenügendes bleiben. Ein Liebender, wie Ferdinand, hätte am wenig⸗ ſten auf ſolche Gedanken kommen ſollen, Aurelie hatte ihm aber doch dazu verholfen. Sie war nun einmal von den Frauen, welche eine Furcht davor haben, ſich an den Mann zu verlieren; ſo war es ihr denn auch bald eingefallen, daß die Maske kei⸗ neswegs verberge, daß ſie auch von andern Bekann⸗ ten Notiz nehmen müſſe, und was dergleichen Be⸗ denklichkeiten mehr waren, die einen Liebhaber in Converſationsſchranken weiſen. Er lehnte ſich, in ſeinen blauen Domino gehüllt, an eine Säule, und ennuyirte ſich herzlich über das Maskentreiben; die Späſſe kamen ihm albern vor, unnatürlich widerlich, F. 22 beſonders die Harlequins mit ihrer dem Deutſchen ſo unangemeſſenen Beweglichkeit, waren ihm ein Gräuel. Und Eiferſucht, das trockne Feuer, das nur ſticht und brennt, ohne jemals zu wärmen; der Baum, welcher nur Ruthen trägt, aber niemals Blätter, quälte ihn prickelnd.— Aurelie war um⸗ ſchwärmt von Masken und Dominos; mitunter ſtrich ſie wohl an ihm vorüber, und verſuchte es, ihn in den Kreis zu ziehen; aber ein Eiferſüchtiger, der Auls haben kann und will, weiſ't trotzig alles Halbe von ſich, ſelbſt Gunſtbezeigungen, womit er einen Augenblick vorher, in größerer Unbefangenheit, glück⸗ lich gemacht worden wäre.. So verging der Abend; Aurelie fühlte ſich auch beunruhigt, einmal durch das Verhältniß zu Ferdi⸗ nand, dem Mann ihrer Liebe, welchem ſie lauter Qual bereitete, ferner durch eine zudringliche Maske, die ſie unabläſſig verfolgte; ſie ſah ſich ängſtlich nach dem blauen Domino um. Er hat kein Glück, ſagte ſie ärgerlich vor ſich hin, ich bin in einer Stim⸗ 339 mung ihm um den Hals zu fallen, und jetzt iſt er nirgends zu ſehen, Die Maske ward immer dreiſter, Aurelie wollte fort; Muſik, Tanz, Schmeicheleien, das Zurücktreten Ferdinands hatte ſie aufgeregt, daß ſie hätte weinen, oder, ja wohl, geſtand ſie ſich leiſe, küſſen mögen zum Vergehen— da, da iſt der blaue Domino? He, Ferdinand, bringen Sie mich nach Hauſe,— ſie reichte ihm den Arm— den erſten beſten Wagen, ich habe nicht Zeit noch Luſt, meinen Bedienten zu ſuchen.— Es war eine ſtockfinſtere Nacht, der Miethwagen hatte keine Laternen, die Fahrenden nahmen ihre. Larven ab. Aurelie, die vielleicht juſt ein ſolches Nichtgeſehenwerden brauchte, um ſich endlich einmal hinzugeben, umarmte ihn feurig und innig, und bat ihn auf das Zärtlichſte, er möge ihr Liebe be⸗ wahren, auch wenn ſie ihrem Naturell nach nicht immer ſo wäre, wie er es gern haben möchte; ihr Drang war diesmal ſo eifrig, daß ſie ihn gar nicht zu Worte kommen ließ. 340 Sie waren an der Hausthuüre; die Lampen waren eingebrannt, auch im Portierfenſter war es dunkel, aber mechaniſch an ſein Geſchäft gewöhnt, mochte dieſer auf den Klingelzug am Drahte ziehn; die Thür öffnete ſich. Um Gotteswillen, Ferdinand, was machen Sie, Sie ſind mit eingetreten! Nur um's Himmelswillen nicht ſprechen, man kennt Ihre Stimme. Seine Küſſe verſchloſſen ihr den Mund — ſie wollte ſelbſt nicht viel ſprechen, um Niemand zu wecken— und was braucht auch die Liebe Worte und Reden, ſie ſind ihr nur ein Ausfüllmittel, wie das franzöſiſche Sprechen in deutſcher Geſellſchaft. Sie waren verheurathet, und lebten eben wie andere junge Eheleute, umgaukelt von neuen Reizen und Zuſtänden, in den Tag hinein. „Aber ſag' mir Aurelie, was dich damals am Tage nach dem Maskenballe bewog, ein ſo reizendes Billet an mich zu ſchreiben, und mir anzukündigen, daß wir verlobt wären?“ 341 „„Schweig, Ferdinand, du biſt abſcheulich!““ Er ſchwieg aber nicht, und nach einigem Hin⸗ und Herreden mußte Aurelie glauben, er ſei damals in ſeinem blauen Domino allein nach Hauſe gegan⸗ gen. Kalt überlief es ſie, aber ſie ſchwieg. War es ein thörichter Scherz von ihm, oder ſollte wirk⸗ lich ein anderer blauer Domino— entſetzlich,— er hatte kein Wort geſprochen! In Sachen der Liebe ſind Frauen viel feinere Diplomaten, als unſere Politiker in Sachen des Staates, weil ihnen das Herz zu Hilfe kommt; Ferdinand ahnte nichts von dem, was in den Fragen war, und Aurelie hatte dennoch bald die unumſtößliche Gewißheit, er ſei nicht der heimbe⸗ gleitende blaue Domino geweſen. Nun zeigte ſich's, was es für ein Frühling, für eine Liebe geweſen ſei: ſie hatte nicht die Kraft, den Vorfall einzutauchen in jenes Meer von Nei⸗ gung, das eine ächte Liebe beſitzt, in jenes grund⸗ loſe Meer; denn es exiſtirt eine Liebe, die Alles vergiebt auch das Schlimmſte, die auch den Ver⸗ 4 342 brecher gegen ſie ſelbſt niemals verlaſſen kann, eine Liebe ohne Rückſicht, eine Liebe quand mèême. Eine ſolche war Aureliens keinesweges; ſie ſah ſich jetzt durch einen Irrthum an Ferdinand gerathen, dieſe Eine Täuſchung warf ihre Schatten über die ganze Neigung, und machte ihr dieſelbe fraglich. Aber ſie liebte auch nicht ſo kräftig, um jetzt zu haſſen, um wenigſtens das Begehren zu empfinden: du möchteſt ihm weh thun bis in's innerſte Herz. Bei ſtarken Naturen ſpringt das Gefühl von einem Pole zum andern,— nichts davon fand ſich bei Aurelien vor: die Neigung war ihr zweifelhaft geworden, die Gleichgültigkeit folgte dieſem Zweifel auf dem Fuße, das Verhältniß, das ſcheinbar ſo tief und ſtark einhergebrauſ't kam, verlor ſich wie der Fluß, der zeitig an den Meeresſtrand ſich ver⸗ iert; ſein Waſſer, ſein Weſen verliert ſich in die große Maſſe hinein. Ferdinands Verwunderung über die gar ſo indif⸗ ferent gewordene Frau wurde Trotz, da die Ver⸗ wunderung unbeachtet blieb; der Trotz, da er ſich * 343 ebenfalls ignorirt ſah, flüchtete ſich zur Gleichgül⸗ tigkeit, und dieſe war gefällig und ließ ſich wirklich finden. Man vergaß ſich, vergaß ſeine Geſchichte, und haſchte nur darnach, irgend ein kleines Inter⸗ eſſe an Dieſem oder Jenem zu haben; ſie wohnten nach wie vor in demſelben Hauſe, und wurden viel artigere Weltleute, als ſie früher geweſen waren. Wenn die innere Welt zu Ende iſt, da hilft die äußere am liebſten; wer nicht dichten kann, ver⸗ ſpottet am ſchnellſten die Dichter. —„Eine ganze, durch und durch nothwendige volle Liebe iſt vielleicht ſo ſelten, als ein ganzer, durch und durch ſchaffender, ſchöner Frühling.“— 15. Heine bei Stehely und im Kaſino. Es war gegen Abend. Um dieſe Zeit geht in Berlin derjenige junge Mann; welcher bei Jagor oder Meinhardt zu Mittag ißt, und welcher der Unterhaltung wegen an Journalliteratur Intereſſe nimmt, um dieſe Zeit geht er zu Stehely. Es müßte ihm denn auf dem Wege von den Linden bis zum Gensdarmen⸗Markte ein anmuthiges Aben⸗ teuer aufſtoßen, deſſen geheimnißvolle Couleur ihn verlockt— Leben iſt immer mehr als Papier; dann kommt der junge Mann nicht bis an das niedrig graue Haus an der Jägerſtraßenecke, oder ſtreicht zerſtreut vorüber. In jenem grauen Hauſe, dreißig 345 Schritte vom Schauſpielhauſe, iſt ein kleines Büffet, hinter welchem erfüllte Geſtalten mit grauen Jäͤck⸗ chen, weißen Schürzen und römiſchen Phyſiogno⸗ mien ſtehn— in dem Winkel des kleinen Zimmers ſißen Officiere, Herren mit Ordensbändern, welche ſich unterhalten oder leſen. Aus dieſem Büffet⸗ zimmerchen tritt man in ein langes niedriges Gemach, die Gasflammen leuchten links und rechts, der Wand entlang ſtehen lauter kleine Tiſche, auf dieſen liegen lauter Journale, an ihnen ſitzen lauter Leſer. Es iſt ganz ſtill; nun der durchſchreitende Gargon mit grauem Jäckchen und weißer Schürze ruft dazwiſchen: Caffee! Chokolade! Hinten am Ende des Zimmers führen drei oder vier Stufen in die Höhe— ein ſymmetriſch hohes Gemach empfängt Einen— in allen Winkeln, mitten im Zimmer ſogar wieder Leſer; ſprechen hört man wenig, doch mehr als unten. Das Zelt iſt ein Kabinet, das mit einer bunt⸗ geſtreiften Zelttapete drappirt iſt; beim Kaffeetrinken * 346 eine Illuſion mit Arabien, da Stehely ſchönen Kaffee reicht, und bei Gelegenheit der Politik man⸗ ches Mährchen aus tauſend und einer Nacht hier verbraucht wird— unſere Kannegießer find Sche⸗ herezades Kinder. Ich trat in's Zelt— ein blaſſer Herr ſaß im Winkel; es war ein bedeutendes modernes Geſicht, das heißt ein ſolches, was nicht durch Umriß und Einzelnes für den erſten Augen⸗ blick Beachtung erheiſcht, in welchem ſich aber bei längerem Einblick fein ſchattirte, intereſſante Par⸗ tien, wunderbar halb gefärbte, reizende Scenen entwickeln. Der Mann hatte eine zartgebogene römiſche Naſe, um den Mund ſaßen ſcharf mar⸗ kirte Gedanken, die ſchlanke kleine Figur hatte juſt ſo viel Feiſtes, um anzudeuten, daß er die irdiſchen Herrlichkeiten der Welt, den weißen Faſan und die rothe Rebe vom Schloſſe la Roſa zu würdigen verſtehn, daß einzelne ſchwermüthige Gedanken nicht von reizloſer Zunge und tonloſem Magen herrührten. Er erinnerte auf keine Weiſe an die Trivialitäten 347 des politiſchen Lebens: nicht an Stubenwirthe, an Abonnement beim Garkoch, an Silbergroſchen oder Viertelfranks. Ich trat zu ihm und ſprach: Madame, ich liebe Sie— Sie haben's getroffen, ſagte er, deshalb bin ich hier, ich mußte Sie einmal wiederſehen, der ich einſt jene Liebeserklärung machte, welche die Deutſchen coquett gefunden haben— keine Vorwürfe, keine Beſorgniß, ich heiße Henri Heise, Mrs. tailor from London, ich will eine Tragödie meiner Jugend zurechtſchneiden, dazu mußte ich Berlin im Mond⸗ ſcheine wiederſehen, mußte dieſen blanken dreiſten Accent wiederhören, der einſt auf meine heiße Lie⸗ beserklärung die beſonnenen Worte äußerte:„Sie müſſen ein Glas Waſſer trinken“— all dieſe ſüßen Kontraſte meines jungen Herzens, ſchöner Baukunſt, grober Griſetten und Gaſſenjungen, ſchwärmender Damen, welche die Wohnung des Viertelskommiſſarius kennen, Raupachs Stücke loben, die Muſik⸗Recenſionen der Voſſiſchen Zeitung 2 348 leſen, und doch für Tiek's Phantaſus Enthuſias⸗ mus hegen, all dieſe reitzenden Gegenſätze muß ich wiederſehen, muß jener Madame ein Ständchen bringen, und vom Nachtwächter, dem dicken, gro⸗ ßen auf der Charlottenſtraße, fortgejagt werden, wenn ich meine Tragödie gebären ſoll. Laſſen Sie uns zu dem Ende promeniren, ſagte ich; hier bei Stehely finden Sie nicht das reine Berlin, auch ſpricht man hier zu wenig; unter die Linden wollen wir gehen, die im Spätſommer jrien werden.— Ach, wat jehen mich die jrienen Beehme an, die Charlottenſtraße hat mich hergerufen, kommen Sie. Wir gingen. Der Mond lag weiß und ſchön auf dem Gensdarmen⸗Markte, ein Mädchen träl⸗ lerte an uns vorüber und ſang die Worte: Es war ein ſchöner Page, Blond war ſein Haupt, leicht war ſein Sinn; Er trug die ſeid'ne Schleppe, Der jungen Königin.— 349 Wackres Mädchen, wackres Maͤdchen! ſagte Henry, drängte mich am Arme ſtill zu ſtehen, und wir horchten. Das Mädchen verlor ſich in dem Schatten des Schauſpielhauſes; aus weiter Ferne hörten wir noch: An Deinen blauen Augen Gedenk ich allerwärts, Ein Meer von blauen Gedanken Ergießt ſich über mein Herz.— Wackres Mädchen! Wiſſen ſie nun, warum ich nach Deutſchland gekommen bin? ich brauche die Stimme meiner Heimath, wenn ich ein Dich⸗ ter bleiben, ich muß das Echo meiner Lieder hören, wenn die Stimme des Gottes in mir wieder klin⸗ gen ſoll; ach Freund, ja wohl rudern wir in einem reizenden Unglück umher— wir verbergen es nur, und Sie, mein Freund, haben Recht, wennn Sie mal irgendwo ſagen: wir haben kein Geſchick, un⸗ glücklich zu ſein. Aber die Ingredienzien ſind alle da: Wer dichtet ihnen die Lieder, mit denen ſie das müde Herz aufwecken, wer reicht ihnen den mannigfach geſchliffenen Spiegel, von welchen ihnen Zeit und Kultur gefällig, zum Verſtändniß lockend wiedergeſpiegelt wird— und weil Einzelnes an uns mißfällt— ach— Soll ich ihnen die Mondesabende beſchreiben, an welchen ich zu Boulogne am Meere ſaß? Wie ſchwarze Seidenberge, mit goldner Stickerei des Himmels lag und drängte das Ewige zu meinen Füßen, dumpf grollend fragte es zu mir herauf. Haſt du keine Heimath, keinen Muth eine Heimath zu haben, Heimath iſt ein ſüßer Kulturbegriff, Hintergrund aller Poeſie, Dein Herz wird verdor⸗ ren in der Fremde, Deine Tragödie wird kalt bleiben, wenn du ihre Helden nicht wiederſiehſt— die Franzoſen ſind Deine Helden nicht, ſie können nicht lachen, wenn ihnen die Thräne im Auge ſteht, ſie können nicht weinen in ſtilller Kammer über das Unglück eines verborgenen, unbedeutenden Menſchen, ſie ſind über das Moderne hinaus; die Wehmuth deſſelben, die ſchwarze Folie deſſelben, die Vergangenheit erweckt ihnen keine Pietätsgefühle; 351 mache Dich auf nach der Heimath! Und ich mich auf die Maille, kam Abends über die erleuchteten lärmenden Boulewards des rauſchenden Paris, und ließ mich nicht halten; am hellen Mittage fuhr ich durch das grüne Frankfurt, an einem andern Mit⸗ tage ſaß ich im freundlichen, lichten, deutſchen Leipzig auf der Petersſtraße bei Julius Kiſtner im Hôtel de Bavière, Deutſchlands erſtem Gaſtwirthe. Sie haben Recht ihn zu preiſen, dieſe liebe Artig⸗ keit und Freundlichkeit brachte mir alle Ahnungen und Reize der Heimath wieder, und auf's Beſte vorbereitet kam ich ſo nach Berlin— hier, Freund, iſt das Haus, hier wohnte ſie, zu der ich ſagen mußte, Madame, ich liebe Sie! Wir ſtiegen die Treppe hinauf und klingelten — drinnen war laute Muſik, man hörte die Glocke nicht, die Thür des Entrées war nicht verſchloſſen, wir traten ein, weiblicher Geſang ward verſtändlich, Geſang, wie ihn nur deutſche Weiber haben: ein⸗ fach, rührend, innig, mitten aus dem Herzen: 35² „Weißt Du, was die hübſchen Blumen Dir Verblümter ſagen möchten? Treu ſein ſollſt Du mir am Tage, Und mich lieben in den Nächten.“ Ja wohl, ja wohl, flüſterte Henry, that ich auch nicht das Eine, ſo that ich doch das Andere— treten wir ein. Es war eine hohe, ſchöne Dame in weißem Gewande, welche am Flügel ſaß, ganz die Ber⸗ liniſche ſchöne Figur, das vornehme Geſicht von ſtolzen Formen, das große, ruhige Auge.— Ach, es iſt eine Andere, flüſterte Henry, Ma⸗ dame, pardonnez, ich habe das Lied gedichtet, was Sie eben ſangen, und ſuche Madame““, die ſonſt hier wohnte.— Die Dame ſah nicht eben freundlich drein, griff nach der Klingelſchnur und ſagte: Jene Dame, die einſt hier gewohnt haben kann, kenne ich nicht, Sie, mein Herr, eben ſo wenig, auch finde ich es ſehr ſonderbar— Sie klingelte. 353 Bon soir, Madame! Die Zofe kam mit Licht. Sie ſagen in Deutſch⸗ land, meinte Henry, als wir die Treppe hinab⸗ ſtiegen, bei ſolcher Gelegenheit: man leuchtet ihm heim, hier leuchtet man uns aber in die Fremde. Wie heißt Du, ſchönes Kind, mit den ſchönen dun⸗ kelblauen Augen? Dörtchen, mein Herr! Adieu, Dörtchen, Du ſollſt eine Rolle ſpielen. Nun, mein Lieber— wir waren auf der Straße, ich habe genug für meine Tragödie, dort kommt auch der dicke Nachtwächter, ich will noch ein fried⸗ liches Geſpräch mit ihm anknüpfen, und dann wieder abreiſen. Ueberlaſſen Sie mich meinem Schickſale, auf jenem Sterne über der franzöſiſchen Kirche finden wir uns wieder. Wir ſchieden, Dies ward geſchrieben, da das junge Deutſch⸗ land ſo eben als politiſcher Körper anerkannt und ihm der Krieg erklärt worden war. Wir durften V. 23 — · 354 in dieſem erſten Blokadezuſtande nur als Geſpenſter, als ſchwarze Striche exiſtiren, als abgeſchiedene Gei⸗ ſter, die keine Eigennamen, ſondern nur den lei⸗ chenweißen, ſchreckenden Titel:„Geiſter“ führen, die beim Hahnenſchrei des Polizeikommiſſarius von den Bücherbretten, aus dem Salon verſchwinden mußten. Und doch hatten wir privatim unſre menſch⸗ lichen Bedürfniſſe, wir wollten Kaffee trinken, Bücher ſchreiben, uns miteinander unterhalten. Deßhalb erfanden wir uns eine Chiffrenſprache, und ich citirte Henry Heine mit dem dreiſten Rufe H. H! Heine hat ſo viel mit Berlin zu ſchaffen, er hat lange hier gelebt, ſein Weſen iſt oft geſchwängert von Berliner Schärfe. Es wäre ihm eine Erfriſchung nach der langen Fremde, alljährlich ein Paar Monate in Berlin zu leben, bei Stehely die Flohſtiche der deutſchen Journale zu genießen. Merkwürdig genug ſtammt dieſe ganze ſtürmiſche Literatur aus dieſem Bereiche des Nordens und der Völkermiſchung, be⸗ ſonders aus der Miſchung des Deutſchen und Slavi⸗ ſchen; Guskow iſt mitten aus Berlin, aus einem 3 355 kleinen Häuschen auf der Mauerſtraße; ſein Name iſt ganz wendiſch⸗mäͤrkiſch, ſtill und fleißig iſt er bis zum Schluſſe ſeiner Univerſitätszeit hier in die Schule gegangen; Mundt iſt ebenfalls ein Berliner. Wienbarg, aus Altona, hat mit den nahen Dith⸗ marſen Verwandtſchaft und Berührung; Laube, um objektiv zu ſprechen, iſt aus dem ſchleſiſchen Theile, wo ſchon die polniſche Sprache herüberreicht, und Heine iſt das Ergebniß einer noch großartigeren Mi⸗ ſchung: die Ahnen ſeines Vaters ſtammen von den Propheten des Jordans, die ſeiner Mutter ſind deutſche Edelleute, er ſelbſt iſt von Jugend auf Chriſt ge⸗ weſen, das heißt, wie wir alle, einige Tage des erſten Schreiens nach der Geburt iſt er getauft wor⸗ den. Dies Gefaſ'le alſo, das kreirte junge Deutſch⸗ land ſei eine jüdiſche Kolonie, gehört in den Jargon jener Mittelmäßigkeit, welche ſich vor der Regſam⸗ keit des jüdiſchen Geiſtes fürchtet, und mit dem Wort„Jude“ bei der Hand iſt wie der Profeſſor Krug mit dem Worte„Seſuit.“ Che die Juden Mode wurden, hieß bekanntlich Feder ungewöhnliche —— 356 Geiſt Jeſuit, und wie die alten Weiber bei jedem Erſchrecken„Feuer“ ſchrein, auch wenn ſie in's Waſſer fallen, ſo lebte Madame Krug viele Jahre lang von dem Schreckensrufe„Jeſuiten“, und die kleinen Krüge unſerer Zeit, welche ſo lange zum Waſſer gehn, nennen es jetzt Juden. Jede Zeit erzieht ſich ein Schreckwort: die wirk⸗ lichen Juden hatten die Philiſter, die Griechen hatten die Tyrannis, die Römer den Hannibal und die Cimbern, das deutſche Reich hatte den Türken, jetzt haben wir die Juden. Heine hat ſehr viel bei Stehely geſeſſen und iſt dort auch einmal von der rohen Lebensart Grabbes mißhandelt worden. Grabbe's diſſolutes Weſen ken⸗ nend, hat er weiter keine Notiz davon genommen, und dies hat Grabbe ſo gewurmt, daß er noch kurz vor ſeinem Tode ſich darüber beſchwert hat. Aber was ſollte Heine mit Ihnen thun? fragte der Beſucher, welchem er den Vorfall erzählt, ſollte er Sie fordern? Nein, derartig war die Sache nicht. 357 Sollte er Sie prügeln, oder, da er körperlich ſchwächer war denn Sie, prügeln laſſen? Nein, das war Alles unzureichend, er mußte mich morden. Sonſt wird Heine's Weſen in Berlin wie ein noch einſylbigeres geſchildert als jetzt, da er im rollenden, durcheinander werfenden Paris etwas ge⸗ läufiger, ausgebender geworden iſt. Er hat ſich äußerſt ſchweigſam verhalten, und dadurch leicht das Anſehn gehabt, als ſei die Erfindung des Schieß⸗ pulvers nicht von ihm ausgegangen, während er doch wirklich eine Art Schießpulver⸗Literatur erfunden hat. In Geſellſchaft von Kenſorten hat der koncen⸗ trirte poetiſche Geiſt oft dieſes Anſehn, beſonders ein ſolcher, welcher von Hauſe aus auf einen ſchla⸗ genden nachdrücklichen Ausdruck geſtellt iſt— das Maſſengeſpräch hat durchweg etwas Verwaſchendes, die ungewählte Woge verſchlingt das Abſonderliche; die Nüance, die Spitze, in welcher ein breiter Rede⸗ kreis enthalten und zur Waffe gefügt ſein kann, geht verloren im Schwall, welcher Raum und Aus⸗ —— 358 dehnung braucht, Zeit füllen, objektiv Unnützes be⸗ rühren will. Eine prächtige Muſchel in der Bran⸗ dung! was iſt ſie dort? Aber im Zimmer, auf unſrer Hand iſt ſie ein Wunder. Auch die Geſell⸗ ſchaft iſt grauſam, wie alle Maſſe; wer ſich ihr ganz anheim gibt, wird ausgehöhlt, verliert die Sammlung und Jungfräulichkeit, welche alle Schrift erheiſcht. Anders iſt es mit dem intimen Geſpräche, das erſchließt und lohnt, da iſt auch die Verſchwendung Gewinn, weil die Gedanken und Einfälle in ein ſcharfes Verhältniß nahe zu einander treten, und für die wenigen Theilnehmer eine wirkliche Exiſtenz gewinnen. Davon hat man auch aus jener Zeit ſchlagende Proben des Heineſchen Genius; beſonders der Rahel gegenüber, die Heine ſehr verehrt hat, ſind ächt Heineſche Aeußerungen noch bekannt. Aus ſeiner Berliner Zeit findet ſich in einem alten„Geſellſchafter“ ein großer Artikel„ über Polen“, den er 1822 geſchrieben, und ſpäter nie wieder zum Abdruck oder auch zur bloßen Erwähnung benutzt * 359 hat. Von Berlin aus hat er den preußiſchen Theil von Polen ſpeciell und ſorgfältig bereiſ't, hat auf den Schlöſſern mit den Magnaten geſchmauſ't und gezecht, in den Wäldern, auf den Angern mit dem Bauer ſein Stück Brod getheilt, in den kleinen Schmutzſtädten dem polniſchen Juden zugeſehn. Dieſer Artikel iſt beſcheiden und ſchüchtern mit„„e unter⸗ zeichnet, trägt aber alle Keime der Reiſebilder, ſogar die artigſten Knoſpen derſelben, und wo es an der ſpäteren ſpringenden Genialität fehlt, da entſchuldigt eine noch jugendlich⸗ſorgfältige Ordnung im Stoffe, ein komiſch⸗würdevolles Trachten nach ernſthafter Gründlichkeit. Sein ſorgloſes Weſen hat auch in der letzten Periode des polniſchen Intereſſes dieſe Berliner Arbeit nicht beachtet. Schnabelewopski allein ſetzte einmal an zu einem Rückblicke auf jene Reiſe, für den Literarhiſtoriker und für Heine's Freunde iſt es aber vielleicht nicht ohne Intereſſe, an kleinen Proben zu ſehn, wie dieſer ſchimmernde, viel beſungene und viel beſchriene Stamm ausgeſehen hat als junges 360 3 Staͤmmchen. Ein Artikel, der fünfzehn Jahre in einem Journale liegt, iſt ja auch in ein tiefes, feuchtes Archiv vergraben; man hat einmal aufgeſtellt, daß nirgends etwas beſſer verſteckt werden könne, als was man in dem Winkel eines Journals abdrucken laſſe. Wenn nicht das Intereſſe ſtark und plötzlich beim erſten Erſcheinen durchſchlägt, ſo iſt der Druch das beſte Mittel, ein Geheimniß zu bewahren; alte Briefe lieſ't man, alte Geſchichten hört man mit Neugierde, aber altes Druckpapier, Makulaturhoff⸗ nung, wird zu allen Dingen mehr gebraucht, als zum Leſen, drum wird das Intereſſanteſte oft beim dringendſten Geſchäfte entdeckt. „Hier gibt es“, ſagt der Artikel„dicke, mür⸗ riſche Fichtenwälder.“— Bekanntlich hat Heine den todten Gegenſtanden die Perſönlichkeit erfunden, er hat ihnen die Zunge gegeben und gelöſ't, und auch den Baum und den Stein mit Stimmungen beſchenkt, welche ſie ſonſt nur hervorriefen.„Mürriſche Fichtenwälder“ gab's vor Heine nicht; wenn ſich die Fichtenwälder — 361 wegen Jujurien über ihn beſchweren, ſo iſt das ganz gerecht. 2 — Sonntags geht der polniſche Bauer nach der Stadt,„um dort ein dreifaches Geſchäft zu verrichten: erſtens, ſich raſiren zu laſſen, zweitens, die Meſſe zu hören, und drittens, ſich voll zu ſaufen. Den durch das dritte Geſchäft gewiß Seliggeworde⸗ nen ſieht man des Sonntags, alle Viere ausgeſtreckt, in einer Straßengoſſe liegen, ſinneberaubt und um⸗ geben von einem Haufen Freunde, die, in weh⸗ müthiger Gruppirung, die Betrachtung zu machen ſcheinen: daß der Menſch hienieden ſo wenig ver⸗ tragen kann!“ Auch Cenſurſtriche finden ſich ſchon vor, obwohl ſich der junge Heine ſehr ſorgſam und bedächtig an⸗ ſtellt; Genies kommen immer mit Oppoſitionszähnen auf die Welt, wie es Mirabeau in der Wirklichkeit begegnet iſt. Dem Witze die Oppoſition nehmen, heißt den Reiter tadeln daß er zu Pferde ſitzt. Witz iſt eben der Krieg des Lachens, zu Krieg gehören Feinde, oder doch Gegner, oder wißt Ihr das beſſer? 36² 4 Solch eine beſſere Erfindung würde knieend gedankt, es iſt eben das Unglück der jetzigen Schriftſtellerei, daß man den Wit ſo ernſthaft nimmt, und miemals glaubt, er mache ſich zuweilen nur einen Stroh⸗ mann zum Gegenſtande, weil er einen Gegenſtand für den ſchriftſtelleriſchen Prozeß braucht. Verſteht Ihr das? Hierin iſt ein Mittel gegeben, diejenigen zu retten, welche aus Verſehen witzig ſind an Ge⸗ genſtänden, die keinen Witz haben und vertragen, die unſchuldigen Uebelthäter würden geſondert von den ſchuldigen. Verſteht Ihr's nicht? Nein? Das iſt freilich ſchlimm, wenn die Juſtiz nicht in das Geheimniß des Witzes einzuweiſen iſt, dann bleibt der Witz ein Feind, ein Böſewicht. Die Politik anlangend, gibt Heine Anno 22 auf der Behrenſtraße das Juliprogramm im Voraus, was Ludwig Phillipp 1830 durch den Redakteur Lafayette veröffentlichte, er ſagt bei Gelegenheit der polniſchen Bauern, daß er einen monarchiſchen Thron mit Waſſhingtonſchen Inſtitutionen wolle, einen König, vor dem ſich Alles beuge, übrigens Bequem⸗ „— 36³ lichkeit—„im Ganzen alſo iſt der geſcholtene Poet Heine, der wie ein Deputirter ſein konſequentes politiſcheñn Glaubensbekenntniß für unſere Journale haben ſoll, er iſt bei aller poetiſchen Licenz konſe⸗ quent geblieben. Die Juden nennt er den dritten Stand Polens, und erzählt, daß einſt jeder zum Chriſtenthum über⸗ tretende Jude dadurch eo ipso polniſcher Edelmann geworden ſei.„Ich weiß nicht, ob und warum dieſes Geſetz untergegangen, und was etwa mit Be⸗ ſtimmtheit im Werthe geſunken iſt.“ Als einen Grund des nothwendigen polniſchen Unglücks führt er die fehlerhafte geographiſche Kennt⸗ niß der Polen an, ſie glaubten immer, ihr Land liege zwiſchen Rußland und— Frankreich. Bei den polniſchen Frauen hält er ſich ſehr lange auf, Luther nennt er einen Mann Gottes und Ka⸗ tharinas, und am Ende verliert er ſich unter die wandernden Schauſpielerinnen der Stadt Poſen, und unter die Abſchriften Schottky's, der ſeit einigen Jahren in der größten Verlegenheit lebt, weil Gutz⸗ kow 1834 in der eleganten Zeitung einen Nekrolog über ihn geſchrieben, den Widerſprechenden todt ge⸗ ſagt, und ihn bei lebendigem Leibe unter die ver⸗ lor'nen Heiligen kanoniſirt hat. Die Recenſions⸗Dilettanten können hier vom Poſener Theater manche Wendung erlauſchen, denn Heine war damals Berliner, und hatte Andacht für die Künſtler. Von einer Demoiſelle Franz ſagt er, ſie ſpiele blos aus Beſcheidenheit ſchlecht, ſonſt habe ſie etwas Sprechendes im Geſichte, nämlich einen Mund. Madame Carlſen ſei die Frau von Henn Carlſen. 1 Des Abends ging Heine in Berlin oft in's alte Caſino, das heißt in's alte alte, nicht in's neue alte, und auch nicht in's Caſino, ſondern nur in das Haus, wo das Caſino war, und wo es noch andere Zimmer gab. Einen Theil der anderen Zim⸗ mer bewohnte der große Philologe Friedrich Auguſt Wolf; ein anderer Theil der anderen Zimmer war der Sammelpunkt junger Genies, die heute noch jung ſind. Das Haus war ſehr vielſeitig gebildet, 365 und lag auf der Behrenſtraße; dort liegt es noch. Die Behrenſtraße in Berlin gilt für faſhionable ſie iſt dicht bei den Linden, und geht von der Mi⸗ niſterſtraße, welche Wilhelmsſtraße geſchrieben wird, bis hinauf zur kleinen⸗ runden katholiſchen Kirche. Dies iſt die einzige Kirche in Berlin, welche ſich durch ihre Bauart auszeichnet, das heißt: außer ihr iſt die Werderſche Kirche noch die zweite einzige als ſehr hübſche Taſchenausgabe der gothiſchen Bauart. Die kleine runde, katholiſche Kirche iſt wie billig aus Rom, wo ihr Vater, das Pantheon, ſteht; ſie hat etwas mürriſch Zuſammengekrochenes, wenn man vorbeigeht, und kann Abends von Landleuten für einen großen Backofen angeſehn werden. Dagegen iſt ſie im Innern vielleicht ſehr ſchön. Berlin hat ſehr viel redenswerthe Frömmigkeit, aber wenig redenswerthe Kirchen. Es iſt ſelten ordinaires Geräuſch auf der Beh⸗ renſtraße, ſondern meiſt nur vornehmes Wagenraſſeln zu hören, oder Hufſchlag eines Pferdes, was der Roßkamm vorbeireitet. Die Wohnungen ſind theuer: — 366 beſonders Damen und Fräuleins, die auf Liebe reſignirt haben, werfen ſich hier leidenſchaftlich auf die Miethe, nehmen Stockwerke in Pacht, meubliren ſie appetitlich, hängen Zettel über die Hausthüren „Chambres garnies à louer,“ welches Franzöſiſch ſie aus Carlsbad, Wiesbaden oder Baden⸗Baden er⸗ fahren, und verlangen den monatlichen Preis mit wegwerfender lispelnder Stimme in Louisdor. Sie haben nach Gerlach in Halle die geiſtreiche Logik: wer nach einem franzöſiſch angekündigten Zimmer fragt, muß immer mehr Geld haben, als wer blos deutſch leſen kann. Mancher ſchüchterne Student, der ſich nach einer Wohnung hierher verirrt, kriegt einen Schreck für ſeine Lebenszeit, und erzählt's noch als Pfarrer, fünfzig Jahr ſpäter; das Quartier der haute volée in Berlin iſt ein gar nicht großes Qua⸗ drat in der Friedrichsſtadt, ſechs Straßen breit, von den Linden bis an die Friedrichsſtraße, und nur viere breit von der Markgrafen⸗ bis an die Wilhelms⸗ ſtraße; ein Paar angrenzende Punkte ausgenommen iſt alles Uebrige nicht wählbar; das alte Verlin, —— 367 Kölln und die Königsſtadt gehört dem Kaufmann, dem Handel und Wandel— und dort iſt auch eigent⸗ lich nur der Eckenſteher zu Hauſe, dort findet der Schnaps ſeine Anerkennung und hat einige ſogar glänzende Hotels. Uebrigens iſt er gar nicht ſo zu⸗ dringlich, arg und verbreitet, wie die Rede geht. Zwei ſchwarze Rieſen ſtehn vor dem ehemaligen Kaſino auf der Behrenſtraße; erzählt Ihr Rieſen! Zwei Treppen hoch fanden ſich zur Abendzeit die jungen Poeten ein, darunter Heine und Grabbe 6 und die weniger bekannten Uechtritz, Köchy und Andere. Ernſte und luſtige Thorheiten wurden da gelärmt. Da, wenn es recht toll her ging, ſaß Heine zuſammengeklappt im Winkel, ſchwieg, lächelte, ſchlürfte aus dem Punſchglaſe, vergoldete und ſchärfte die Pfeilſpiten ſeiner Lieder; der ungebärdige Grabbe ſprang auf den Tiſch, hielt eine Rede an Mamſell Franz Horn, an ſeinen Freund, den Pfandjuden Hirſch in der Jägerſtraße, an Herklots und Gubitz, V an den blinden Weinhändler Siſum; da wurde ge⸗ leſen„Godwin, der Philiſter „ Troſteinſamkeit, die 368 Verſuche und Hinderniſſe Karls,“ kleine literariſche Bosheiten wurden ausgeheckt, mit Adam Müller ward korreſpondirt und für die Juden geſchrieben. Köchy hatte ein portatives Theater da, führte Hol⸗ berg und Shakeſpeare und Parodieen auf. Zuweilen ſteckte der feine Wolf den Kopf in die Thür, um eine Viſitenkarte abzugeben, oder Ludwig Devrient kam, und trug in trunknem Muthe eine Rolle vor, einſt, Rieſen gedenkt Ihr deſſen noch? Goethe’'s Mephiſto. Eine hübſche Brünette aber bereitete und kredenzte Punſch, und wurde dafür belohnt mit Küſſen und Gedichten. Wo iſt ſie hingekommen, was iſt aus ihr ge⸗ worden? Ich weiß es nicht, jung iſt ſie nicht geblieben — Jugend vergeht. Die Poeten wechſeln, die Poeſie geht Morgens und Abends auf und unter, ſtets eine neue, ſtets die alte, volle Welt! Die Caſinoabende Shakeſpeare's ſchauen dreiſt mit einzelnen Blicken aus Heinrich VI., unſere Dichter ſchreiben die Drei⸗ ſtigkeit ſelten auf. 369 Ueber den Rieſen auf der Behrenſtraße iſt's jetzt ſtill. Wie viel ſolche entſtehende Dichterzeiten hat Berlin aufzuweiſen; in der Straßen Weite und Ein⸗ förmigkeit liegen ſie verſteckt, wer weiß, wie nahe die Zeit iſt, wo poetiſcher Glanz ſich in Blüthe und Reife hier zuſammen finden; in dem Mittelpunkte eines großen Landes häuft ſich Saame für weite Länder und Zeitſtrecken, und Berlin iſt ja doch der Mittelpunkt deutſcher Modernität. Wie iſt der Strom gewachſen, der von dem alten Caſino ausgegangen iſt! in jedem Winkel Deutſchlands zwitſchert jetzt ein Schriftſteller, hinter jeder Hecke ein Dichter. Auch das Theater betreffend: die Döbbelin'ſche Schauſpielertruppe, das erſte deutſche Schauſpiel in Berlin, hat auch hier dicht in der Nähe des alten Caſino auf der Behrenſtraße geſpielt, als unſere Komödie noch tief in der Kindheit war, und auch der Würgengel noch ſchlief. Raupach war damals noch in Rußland, und docirte den Bären. V. 24 7 370 Schlagt auf eure Schilde, Ihr ſchwarzen Rieſen. Aus jenen erſten zwanziger Jahren müſſen an vielen Ecken unſers Vaterlandes noch Talente verkrochen ſein; es iſt gar zu auffallend, wie wenig juſt aus jener Zeit herausgetreten ſind mit Leier und Lorbeer. Es iſt bemerkenswerth, daß unſere letzten Lite⸗ raturperioden ſo weit abgeklüftet von einander liegen, daß ſo wenig Zuſammenhang in der äußeren Ge⸗ ſchichte da iſt— mühſam müſſen wir die Genoſſen vergangener Literatur⸗Campagnen aufſuchen, um die Schlachtpläne und die ganze innere Diplomatie auf⸗ zufinden. Wo iſt die Verbindung der wilden Ge⸗ ſellen auf der Behrenſtraße mit den glücklichen Heroen am Graben zu Jena, an der Esplanade zu Weimar? 1 Iſt kein großer, kein kleiner Staat da, oder nur eine Stadt, ein Städtchen, die ein ungeſtörtes Archiv für Literatur errichten will, ein Archiv, wo das Tollſte und Beſcheidenſte innerlicher Geſchichte niedergelegt werden kann! Wie manche Stadt hat 371 nichts zu thun; ich denke an Coethen, an Deſſau, an Lüneburg. Mit der politiſchen Geſchichte da iſt's viel leich⸗ er: das allgemeinere Intereſſe, die zudringliche Zei⸗ tung ſpürt alle Spezialität auf, die Aemter und Pen⸗ ſionen laſſen auch ihre Geſchichte nicht leicht untergehn; die Literargeſchichte aber, die keinen polizeilichen Nach⸗ druck hat, ſondern nur ſchwäbiſchen, iſt immer vogelfrei. So iſt das neue alte Caſino auf der Behren⸗ ſtraße weiter oben an der Charlottenecke geſi⸗ cherter vor Vergeſſenheit, weil es politiſch inter⸗ eſſant iſt: Auf dem Grunde, das heißt par terre hauſ't Eduard Gans, der juriſtiſche Radikale, wel⸗ cher gegen die hiſtoriſche Schule ficht; zwei Treppen über ihm arbeitet Tag und Nacht ein direkter Gegen⸗ ſatz, ein wichtiger Staatsmann des Conſervatismus, und zwiſchen beiden in der Mitte, im erſten Stocke, wohnt ein berühmtes juste milien, der bekannte Dich⸗ ter Stägemann, ein grauer, ſanfter Held aus des Kanzlers Zeiten, der ſeit mehreren ſiebzig Jahren 372* den kleinen, feſten Körper auf lahmen Füßen trägt, immer ernſthaft und mild regieren hilft, immer dichteriſchen Herzens bleibt und die weiche ſchöne Stimme heute noch beſitzt, mit welcher er die erſten Sonette ſeiner Geliebten vorſprach. Still ruht das große Haus auf feſten Pfeilern, die verſchiedenſten Gedanken wirken darin, die ſtille Räumlichkeit der Welt, welche uns gebären läßt auf mannigfachſte Weiſe, wie mag ſie über uns lächeln, die wir ſtets Eins Dies oder Jenes für unerläßlich halten! Vielleicht ſieht auch Heine einmal bei Tage Stehely und das Kaſino wieder! .““ 7 16. Hegel in Berlin. „ Er hat eine Ariſtokratie des Geiſtes gebildet, welche wie ein modernes Ritterthum ſich abſondert, ein Ritterthum des Urtheils, der Wiſſenſchaft, was alle übrigen literariſchen Stande für niedriger, für un⸗ reineren Blutes erachtet. Der Sitz dieſer neuen Pairie iſt Berlin; die Macht derſelben wächst von Tage zu Tage, ihr Reichsgrundgeſetz iſt großartig in weiten ſtählernen Kreiſen geſchloſſen, hält ſich wie jede gewaltige Inſtitution für fertig und beendet, den Gedanken der Welt erſchöpfend, und wird auch ſicherlich durch nichts Einzelnes beſiegt werden. Nur die Erfindung des Syſtems, was in ſo großen Ver⸗ 374* hältniſſen eine geſchloſſene Wiſſenſchaft des Welt⸗ mittelpunktes erfindet, und was dem Hegel'ſchen Rieſen auf Schulter und Herz tritt, entweder um ihn durch eine größere Erfindung ganz zu tödten, oder auf ſeinen Schultern höher zu ſteigen; nur eine ſolche kann die Hegel'ſche Philoſophie verdrängen. Nicht der Tadel, ſondern eine Schöpfung kann Hegel tödten; der gute Tadel wird von ihm zum eignen Beſten des Getadelten eingeſchlürft, wie der große Strom den friſchen lleineren verſchlingt. Das wirklich Große hat jene Doſis Ewigkeit, alles Klei⸗ nere, auch das gute zu überſchwemmen, in ſich zu bergen; der triviale Ausdruck ſagt: Wo viel Geld iſt, da findet ſich immer mehr ein. Nur das Kleine kann durch Angriff und Tadel vernichtet werden. Die Hegelianer lächeln zwar mitleidig, wenn von einer Möglichkeit die Rede iſt, dies Syſtem zu überbieten, und dies Lächeln i*ſt allerdings eine ganze Straße von Berlin, und trägt viel dazu bei, Ber⸗ lin denen zu verleiden, welchen der Schlüſſel fehlt zu dieſer Stadt und zu dieſem Lächeln. ———— 375 Aber iſt dies anders möglich? Das Syſtem iſt eben darum ſo gewaltig, daß es zu einem ringsum verwahrten, gefeſteten Pallaſte ausgebaut iſt, alle Möglichkeit des bisher manifeſtirten Weltgeiſtes in ſich gedrängt, kurz, daß es ſich fertig gemacht hat. Darum lächelt es zu einer Ueberbietung, und der Hegelianer iſt ſomit ſyſtematiſch verpflichtet, zu laͤcheln, ſelbſt der übrigens ſelbſtſtändige, geiſtreiche. Die Bornirung iſt das Loos aller menſchlichen Erfindung, ſie iſt die Nothwendigkeit derſelben; wir ſind alle bornirt, es handelt ſich nur um das Mehr oder Minder. Die Syſtematiſchen gehören von vorn⸗ herein immer zur Abtheilung„Mehr,“ denn ſie haben ſich ſelbſt der Freiheit begeben, deßhalb er⸗ ſchrecken ſo viel kluge Leute vor dem bloßen Worte Poofeſſor, weil ſie dahinter ſehr viel ſyſtematiſche Gelehrſamkeit, will ſagen, einen Mann vermuthen, der Alles verkehrt angreift. Die Staatsregierung gehört doch zu unſerm wichtigſten Intereſſe, es iſt ihr Alles untergeordnet, die Pfarrſtelle und die Be⸗ ſoldung des Philoſophen, und die Staatsregierung 376 kann einen Profeſſor der ſyſtematiſchen Philoſophie nur in ſich aufnehmen, wenn er erſt das Syſtem aufgiebt, dann die Philoſophie, dann die Profeſſur. Vielleicht wird's anders: Guizot iſt der erſte Profeſſor⸗Miniſter, aber er eklektiſirbt, wie alle Franzoſen thun, in der Philoſophie, ſie verehren das Linné'ſche Syſtem, aber ſie begnügen ſich mit einer Blumenleſe. Wir haben noch wenig Ausſicht, daß unſere Miniſterien philoſophiſch werden, Gott ſchützt uns auch vor der Ausſicht; wenn die Gens⸗ darmen auch noch Alles beweiſen könnten, dann wagte ſich kein naturaliſtiſcher Menſch mehr auf die Straße. Man ſagt dem preußiſchen Kult⸗Miniſterium nach, es ſei nicht nur ein preußiſches, ſondern auch ein Hegel'ſches, es regiere nicht blos, ſondern es ſtudire auch; man ſagt's ihm nach! Als ob das etwas Unſchickliches wäre, ſyſtematiſch gebildet zu ſein! Ja, heißt es, dieſe Philoſophie iſt zu aus⸗ ſchließend, und das giebt dann eine einſeitige Wirkung; um die Lehre von den Partikeln vor⸗ 377 tragen zu dürfen, möchte man Hegelſcher Philo⸗ ſoph ſein. Es ſind nie einem Miniſterium ungerechtere Vorwürfe gemacht worden; unter den Händen deſ⸗ ſelben iſt eine Schöpfung hervorgegangen, wie ſie kein Staat Europa's aufzuweiſen hat, eine drei⸗ fache Bruſtwehr von Bildung; Preußen iſt ſo reich an feld- und ſchlachtfähigen Gelehrten, daß wenn heute das ganze jetzt wirkſame erſte Glied abtreten ſollte, morgen ein vollzählig, vollkräftig zweites und drittes eintreten kann; alle Stellen ſind in Wahr⸗ heit doppelt und dreifach zu beſetzen, und alle dieſe Leute beſitzen eine ringsum erfüllte, nach mancher grünen Außenſeite geſtärkte Schulbildung. Und wie thöricht iſt jener Vorwurf der Hegel⸗ ſchen Einſeitigkeit! Einmal iſt er darin unwahr, daß irgend ein Ausſchließliches bei dieſem Mini⸗ ſterium ſtattfände, und ferner: wer muß nicht ſeine Geſichtspunkte beſchränken, um ein Urtheil zu gewinnen? nur in dieſer Begränzung erxiſtirt ein —— „* 5 378 Menſchliches— iſt's etwa vortheilhafter, wenn nach dieſer oder jener Sympathie gewählt, oder nach einer Antipathie verworfen wird? Rennt gegen die eherne Wand des menſchlich Unzulänglichen, ſie iſ der gemeinſchaftliche Feind; wenn Eure Köpfe halten, ſoll es uns lieb ſein, wir erkennen dann noch einmal, daß Ihr harte Köpfe habt, die den Zugang ſtreng vertheidigen. Harte Eier und harte Köpfe ſind ſchwer verdaulich. Allerdings hat Rom auch rauhe Steine und ſchlechte Bilder, und es giebt der Hegelianer ſchaa⸗ renweis, die eine ſo große Gedankenwelt in ſich geſtopft und bei ungenügender Verdauung nicht gut untergebracht, oder wenigſtens nur ſo unterge⸗ bracht haben, daß es für alle übrige Menſchheit ſehr unbequem iſt. Iſt das Hegels Schuld? Ein Syſtem iſt an ſich eine Beſchränkung, kommt nun noch eine ſpecielle Beſchränktheit des reſpektiven Individuums hinzu, dann entſteht frei⸗ lich die Hegelſche Karrikatur, welche aus Klugheit 4 379 immerfort laͤchelt, und darum den Eindruck macht, welchen man ſonſt bei der intimſten Gegnerin aller Klugheit vorfindet. Es iſt nicht zu leugnen, daß dieſe Philoſophie in einem Erfolge die kritiſche Philoſophie noch weit übertrifft, welcher oft als Vorwurf genannt worden iſt, nämlich darin: die Friſche und das Grün des Lebens zu tödten, die Poeſie, weil ſie ein Will⸗ kührliches, aufzulöſen, die freie Schönheit des Lebens, weil ſie nicht ſyſtematiſch erkannt wird, zu verleiden. Nichts blaſirt ſchneller als die Altklugheit, und die ſyſtematiſche Philoſophie iſt eine Couſine der⸗ ſelben, eine Philoſophie aber, die ſtreng und kon⸗ tumazartig aus dem Gedanken entwickelt wird, iſt gar eine leibliche Schweſter der Jungfer Altklugheit, — und es hat deshalb allerdings keine ſo viel blaſirte Zöglinge aufzuweiſen als die Hegelſche; Berlin hat natürlich davon einen ſtarken Beigeſchmack erhalten. Denn Hegel iſt das Gas aller höheren Kultur die— ſes Ortes, was von hier unſcheinbar ausſtrömt in — 380 alle Wiſſenſchaft und Provinz, und das Kriterium durchdringt, welches vielleicht für ein ganzes, näch⸗ ſtes Jahrhundert Kriterium ſein wird. Wie eine diplomatiſche Karriere nicht ohne Kenntniß der fran⸗ zöſiſchen Sprache zu machen iſt, ſo wird in Kurzem kein literariſcher Erfolg möglich ſein, wenn nicht eine derartige philoſophiſche Herrſchaft auf dem Grunde liegt und mit Klammern und Wällen jeden Einzelangriff abweiſ't. Dies zukunftſchwangere Herrſchelement, verbun⸗ den mit einem ähnlichen politiſchen, was ſeit lan⸗ ger Zeit keinen ſiegreichen und kühnen Ausdruck gefunden hat, ſie bilden das verhüllte Etwas, wo⸗ gegen ſich das Nichtberlinſche wehrt, wogegen der Vorwurf„Arroganz“ geſchleudert wird, um deß⸗ willen Berlin ſo viel Antipathie weckt. Ein Herrſch⸗ atom, was im gemeinen Berliner liegt, was elek⸗ triſch aus dem höhern Berliner ſchlägt, und was noch nicht die Gelegenheit ergriffen oder erblickt hat, ſich geltend zu machen, dies Atom iſt das unklar gehaßte. Der Ausdruck„höherer Berliner“ heißt 381 ſo viel wie höherer Preuße, denn es iſt dies wie einſt von Rom Atmoſphäre geworden. Dies Herrſch⸗ atom iſt nun durch einen Wiſſenſchaftsmittelpunkt, wie die Berliner Univerſität, der ſich keine in Deutſchland vergleichen kann, es iſt durch Hegels Philoſophie nach der geiſtigen Welt hin bereits tyranniſch aufgetreten; der Eckenſteher, der Berliner Reiſende, welcher überall zu finden iſt, überall tadelt, haben dem Eindrucke äußeres Material genug⸗ ſam zugebracht— was Wunder, daß bei dem Worte Berlin ſo viel Animoſität geweckt wird! Iſt daran Hegel Schuld? Kann er zum Bei⸗ ſpiele dafür, daß ſo viele ſeiner Schüler blaſirt werden? Er war es gar nicht, er war juſt in Berlin ein vergnüglicher Lebemann geworden. Leute, die ihn früher gekannt, erſtaunten höchlich, wenn ſie ihn zu Berlin wiederſahen: er las„die Schnell⸗ poſt“ von Saphir, ja er gab Artikel hinein, und quälte ſeine Schüler, auch welche zu ſchreiben, er ging fleißig in's Theater, er machte Schauſpie⸗ * — — 382 lerinnen und Sängerinnen die Cour, es hatte allen Anſchein, als ob namentlich Madame Milder ſeinem Herzen gefährlich ſei; es war ein großer Reiz für⸗ ihn, bei Hofe zu erſcheinen, wie es ihm als kour⸗ fähigem Rector magnificus zu Theil wurde. Daß ihn Saphir ergötzte, war doch wirklich ein Zeichen, wie er luſtigen Theil an der Tages⸗ welt nahm, an der Tageswelt quand même; um⸗ ſonſt opponirten ſeine Schüler, umſonſt riefen ſie: Meiſter, wir blamiren uns mit dieſem Eskamoteur, der an den Worten geſchickt herum zu klettern weiß wie Jocko an den Kuliſſen, hinter dem kein Werth, kein Intereſſe ſteckt, als die Beweglichkeit des Ausdrucks, der Skandal des Wortes. Es dau⸗ erte lange Zeit, bis Hegel dem damals jungen und friſcheren Journalſpringer ſeine Huld und Fürſprache entzog. Folgender Vorfall ſchloß die Karnevalszeit für immer, wo der Löwe mit dem Böcklein ſpielte: Karl Schall, dem meine Leſer in meinen Cha⸗ rakteriſtiken begegnet ſind, ſchwärmte für das Frauen⸗ zimmer im Allgemeinen, und damals für Hen⸗ 383 riette Sontag ſpeciell; Saphir, der Oppoſitionsſtoff brauchte, denn der Witz iſt ein geſchworner Feind der Freundſchaft, wie der Menſch ein natürlicher Feind des Todes iſt, ſchrieb Tag und Nacht gegen die Sontag. Daß er auch des Nachts gegen ſie ſchrieb, war natürlich, er ſchlief unruhig, und wenn er nichts Beſſeres thun kann, ſo ſchreibt der Autor. Schall aber betete Henrietten an bei Tag und Nacht, und ſein Kultus blieb immer unentweiht, deshalb immer leidenſchaftlich. Er hatte Viſitte bei ihr gemacht, ſie hatte über Saphir's Angriffe geklagt— ein Schatten auf die⸗ ſem Auge! Ferdinand hätte gelegentlich ermordet für einen Schatten, der auf Louiſen fiel, Schall nicht minder, Schall, obwohl kein ſchlanker Offizier, konnte ganz Ferdinand ſein. Im Caſsé royal, wohin er zornſchnaubend kommt, um heftig zu diniren, begegnet ihm der unglückliche Frevler, dieſer will entweichen, Schall aber ſtellt ihn wie ein Wild mit unausweichbarer Parole, er überſchüttet ihn dreifach mit alle dem, was ſonſt einfach hinreicht, 384 einen Menſchen toll zu machen und auf die Men⸗ ſur zu ſtellen. Saphir liebte dieſen äußerſten Aus⸗ weg nicht, wozu das ernſthafte Leben riskiren für ein ſpaßhaftes Leben! Wenn ich Saphir wäre, ſo dächte ich um kein Haar anders, aber, Gott ſei Dank, um Schall's willen vergeb' ich es Saphir nicht, daß er damals zu Hegel⸗Protektor ſtürzte, blaß, mit gelöſ'ten Locken wie Jaromir, den die Ahnfrau verfolgt, um Schutz, um Hilfe flehend, ich kann es in Ewigkeit nicht vergeben! Um ein ſolches Tableau hat er die Literaturgeſchichte betro⸗ gen: der lange Saphir und der dicke Schall auf der Menſur mit Piſtolen! Schall ſo dick und breit wie eine runde Stadtmauer, die man trifft, man mag hinſchießen wohin man will, und Saphir, die ſchmale Wendung, die nirgends feſtſteht, nir⸗ gends zu treffen iſt. Herr, Sie riskirten gar nichts, wenn Sie damals Ihr Leben riskirt hätten, und die Scene wäre erlebt, und man hätte Schall in dieſer Situation geſehen, in der unlösbaren Beſtre⸗ bung, die ſchmalſte Seite ſeines Leibes herauszu⸗ kehren! Zwei Leute, die nur zum Spaſſe auf der Welt waren— die Sprache tödtet hier den noch Exiſtirenden, nicht ich— auf Tod und Leben gegen⸗ überſehn! Dies Drama, es iſt im Embryo erſtickt worden. Hegel ließ ſich damals wirklich verleiten, nach Hilfe umzuſchaun für den Flehenden, aber die Schü⸗ ler ließen den Meiſter im Stiche, und der Meiſter ließ nun am Ende auch den Journaliſten ſeinem Schickſale. Das Schickſal aber hält immer Wort. Es iſt keine Frage, daß die große Stadt auf Hegel den ſtärkſten Einfluß äußerte, vielleicht nicht durchweg den günſtigſten: viele Reſultate ſeines Sy⸗ ſtems hätten ſich anders gewendet an den Punkten, wo die Theorie in die praktiſchen Formen mündet, wenn er ein unbefangener fränkiſcher Lehrer oder gar ein ſchwäbiſcher Magiſter geblieben wäre, ein unbefangener Mann, der nach keinem Gefallen fragt. Die große Welt, die Welt der Welt, hat ihm ſicher⸗ lich große Aufſchlüſſe gegeben über dieſe und jene ſittliche Schattirung, aber ſie hat ihn auch mit jener V. 25 386 unſichtbaren, artig duftenden Feſſel gebannt, welcher ein Plebejer nicht entrinnen mag, weil er die Ge⸗ fahr verlacht, und welcher ein vornehm Geborener nicht entrinnen wird, weil er die Gefahr nicht kennt. Die Atmoſphäre dringt bis in die verſperrteſten Gemächer, und wirkt auf einen ſenſiblen Leib; die Konvenienz, dies gewaltige, ererbte Wort, dringt in die ſcheinbar rückſichtsloſeſten Geiſter, und ſtumpft und wendet, und erweicht die Feder. Die Viſiten⸗ karte, worauf eine hübſche Edelmannskrone in gold⸗ nem Abdrucke flimmert, und welche die beſtürzte Köchin à propos auf den Schreibtiſch des Philo⸗ ſophen legt, hat auf das Staatsrecht einen entſchei⸗ denden Einfluß. Hegel, der ſtolze Gedankenmenſch, der geleſen, ſtudirt und gedacht hatte, was im Himmel und auf Erden geſchrieben und geſagt worden war, der kühl und kräftig Alles in ſich ordnete zur großen, un⸗ widerſtehlichen Schlacht des Syſtemes, der ſich ſtolz und herrſchtüchtig darin fühlte, eine feſte ſchwaͤbiſche Natur, der ſeinen Werth in Ehren kannte ganz 387 und gar— Hegel ließ ſich von der Formenwelt imponiren wie irgend Einer. Die Kategorien, dieſe Himmelsſäulen ſeines Syſtems, wuchſen ſelbſtſtändig aus ſeinem Geiſte, aber das Lächeln und Zürnen der Welt fiel auf ſie, Sonne und Regen der Welt ruhten zeugend auf dem Gipfel dieſer Säulen, von wo die Stauden, Blätter und Blüthen nach aller Richtung wuchſen und rankten, die Religion, der Staat, die Sitte. Es ſei nicht geſagt, Hegel hätte andere Reſul⸗ tate gegeben, als ſein Syſtemsgang andeutete von Hauſe aus, er haͤtte andere gegeben, weil die Rück⸗ ſicht ihn befing, nein, aber er hat andere gefunden. So grob verführt die Welt nicht leicht einen ge⸗ feſteten Mann. Hier in Berlin ſind hagelnde Gefechte in ſtillen Zimmern vorgefallen, wo ſich der alte Löwe auf Leben und Tod wehren mußte gegen die andrängen⸗ den Freunde und Schüler, welche ihm mit eigenen Waffen vorfochten: Wie kommſt Du zu Deiner ſpieleriſchen Dreieinigkeit, Deinem kraus gewundenen 388 Staate, was hat Deine Kategorie mit allerlei Ara⸗ besken zu ſchaffen, warum krümmſt und windeſt Du Dich bei der Namensnennung des Reſultates, warum glitſcheſt Du auf dem Parquet der vorneh⸗ 1 men Welt und verlierſt den urſprünglichen, ſtolzen 1 Gang? Aber er war ein gedankenharter Kopf, der ſich nach allen Seiten verſchanzt, und Ballen von Waffen ſtets zur Hand hatte, und links und rechts ſchleu⸗ derte, wenn man ihm zu Leibe ging. Es iſt viel davon die Rede geweſen, wie tyran⸗ niſch er gehauſ't, wie deſpotiſch neben ſeinem Ge⸗ danken das Betragen aufgetreten ſei— der Erfinder einer neuen Welt muß deſpotiſch ſein, oder er be⸗ herrſcht ſeine Erfindung nicht, oder er hat ſie ge⸗ ſtohlen oder irgendwo am Wege gefunden. Das erworbene Große macht das Gefäß, den Menſchen, auch gewaltig, und für die kleine Welt und die klei⸗ nen Maaßſtäbe ungebührlich. Dazu hatte Hegel wirklich keine ſogenannte Er⸗ ziehung, die wie ein zweites Naturel immer mildert 389 und beſchwichtigt, er war ein Schwabe, er war in Tübingen im Seminar geweſen— wißt Ihr, wie ein Tübinger Seminariſt erzogen wird? Er geht ſchwarz, damit er nach Theologie ausſähe, trägt ſchwarz wollene Strümpfe und ein dreieckig Hütlein, ſpeiſ't ſchwäbiſche Knödel in Geſellſchaft der übrigen Schwarzen, und trabt in den Freiſtunden die Berg⸗ ſtraßen des düſteren Tübingen auf und ab nach dem Bierhauſe, was weiß er von Erziehung! Da giebt's ein Paar Profeſſoren, bei denen das Theetrinken für eine Ziererei gilt, die Töchter müſſen vor den Schwarzen gehütet werden, guten Tag! und guten Wegl ein ehrlicher Handſchlag, ein ehrlich und ge⸗ ſcheidtes Wort, das iſt der Umgang, etwas ganz Reſpektables, wornach man oft unter der ſogenann⸗ ten Erziehung verlangt, aber keine Erziehung. Bis vor ganz kurzer Zeit war in Schwaben die ſogenannte vornehme Geſellſchaft nur am Hofe zu finden— die vielen kleinen Höfe hatten nichts mit Schwaben zu thun, die waren aus Frankreich, und wo der dahin gehörige Adel in ſeine eigne Exiſtenz 390 zurücktrat, da war er wieder Schwabe, nichts von jenen Formen mit ſich nehmend. Wie in Oeſter⸗ reich geht darum auch die Provinzialmundart bis zu den höchſten Ständen hinauf, und man fand überall alltäglichen, bürgerlichen Gebrauch. Beim Worte Erziehung hielt man ſich an das ſchöne Sprich⸗ wort:„Wohl erzogen hat nie gelogen“, das iſt ſehr wacker, aber unter dem Worte Erziehung verſteht die übrige Welt noch eine beſondere Kulturbranche, nicht blos ein moraliſch Ding, ſondern auch eine geſellige Uebung und Form, die ihre ſelbſtſtändigen, mannigfachen Beziehungen hat, und dem Tübinger Schwarzen das Leben erſchwert, ſtatt zu erleichtern, wenn er aus der rauhen Alp und dem Schwarz⸗ walde heraus in die Welt tritt. Dieſe Erziehung gebrach Hegel, und das war ein Hauptgrund, warum ihm Vieles imponirte, wie es ein hoher Rang, ein vornehmer Orden, eine exkluſive Geſellſchaft that. Dieſe Erziehung iſt wie die Kenntniß einer fremden Landesſprache, in deren Bereich man geräth, Schutz und Waffe, und wenn 391 man geſchützt und gewaffnet iſt, ſo iſt man ein anderer Menſch. Hegel war nun allerdings ein ſo ſtolz und bewußt in ſich ruhender Mann, daß die Magiſter⸗Verlegenheit ihm nicht zwiſchen die Beine lief, aber die Unbeholfenheit des Tübinger Magiſters hokte an ihm herum, und wenn ſie auch vom ſtarken Geiſte ſiegreich links und rechts bei Seite geſchleu⸗ dert wurde, ſo erkannte man doch, daß eine ſolche Arbeit ſtatt fand. Dahin gehörte auch eine ſchreiende Rede, die ſich keiner beſonderen Fügung unterwarf. Er war ein Mann von mittler Größe mit einem altmodiſch ſtarkzügigen ſchwäbiſchen Geſichte, was in ſpäterer Zeit tief durchwirkt und zum ehernen Antlitze eines bedeutenden Menſchen gefugt und ge⸗ faltet war. Seine Gewohnheiten waren einfach, und trugen nichts Beſonderes an ſich; er arbeitete viel, ſchrieb eine große Handſchrift, und korrigirte in ſeinem Ma⸗ nuſkripte durch Einſchaltungen dergeſtalt, daß die nach allerlei Richtung auf und ab weiſenden Striche und Haken das unerfreulichſte Anſehn gaben. Sein 392 Geint war ſo voll von Wiſſen und Beziehung, und deßhalb war der Fluß ſeiner Schrift durch tauſend⸗ fache, einſchränkende Bezugnahme ſo gehemmt, daß ein glattes Fortſchweifen derſelben unmöglich war. 4 Obwohl er ſich beim Vortrage im Kollegium des ausführlichen Heftes bediente, ſo fügte er doch ſo viel Augenblickliches hinzu, daß ein nachgeſchriebenes Heft durchaus nöthig iſt, um dieſen Vortrag im — vollſtändigen Drucke wiederzugeben. Daraus iſt er⸗ ſichtlich, welch eine Arbeit ſeine Schüler mit Heraus⸗ gabe ſeiner Werke übernommen haben. Jegliches Buch, was aus ſolch herumfliegenden Fahnen zuſammen⸗ gebracht werden muß, erfordert die Arbeit eines halben, eines ganzen Jahres; dieſe Papierfahnen, in deren vergilbter Unſcheinbarkeit eine neue Welt ruht, ſind's allein, was er mit ſeinem Ruhme Weib und Kindern hinterlaſſen hat. Der Ruhm iſt ſchön, ein Held lebt davon, aber eine Familie nicht, und die That der Schüler, eine ſo ſeltne That in unſrer egoiſtiſchen und geldbedrängten Zeit, eine That, des Alterthums würdig und an die Schüler des Sokra⸗ 393 tes erinnernd, ſollte hoch gewürdigt werden. Dieſe Michelet, Gans, Hotho, Marheineke opfern Zeit und Mühe unentgeldlich, damit der volle Hegelſche Bau aller Mit⸗ und Nachwelt vor Augen komme, und das Vermächtniß des Alten mit fünfzehntauſend Thalern bezahlt werde. Fünfzehntauſend Thaler für eine neue Philoſophie! Kein großes Ganze neuer Wiſſenſchaft iſt mit Mil⸗ lionen aufzuwiegen, die meiſten Leute von guter Erziehung geben nicht ein Theaterbillet dafür,— und item, die Weisheit verdient doch ſchon Geld, und wird ſchon viel beſſer bezahlt als ſonſt. Er hat eine Wittwe und zwei Söhne hinter⸗ laſſen; dieſe ſtudiren Jurisprudenz und hiſtoriſche Wiſſenſchaft und ſollen ſcharfſinnige junge Leute ſein. Die Frau, aus Nürnberg, wo Hegel eine Zeitlang Rektor am Gymnaſium war, hat ſich in ſeinen da⸗ mals noch jungen Ruhm verliebt, und als junges Mädchen die Tochter eines dortigen Patrizierhauſes, den ſchon dreiundvierzigjährigen Herrn geheurathet. Sie hat, ohne Philoſophin zu ſein, im Ganzen 394 glücklich mit ihm gelebt, wenn auch unter dem Pan⸗ toffel, den der Herr Profeſſor, ein gebieteriſches Gemüth, zu ſchwingen beliebte. Nur in Sachen der Eiferſucht, welche der Frau in Berlin zweimal nahe getreten iſt, hat er klein zugegeben, einmal als plötzlich ein leiblicher junger Hegel im Hauſe erſchien, der aus der Privatdocentſchaft in Jena ſtammte, und zum Zweiten, als Hegel für's Theater ſo empfänglich wurde, und den Künſtlerinnen ſeine Aufmerkſamkeit ſchenkte. Der arme Junge, die Pflanze jener üppigen Jenazeit, wo ſo viel ſchöpferiſche Menſchen in Jena lebten, hat wohl keinen Vortheil von dieſem Ver⸗ hältniſſe und von der Schwäche ſeines Vaters ge⸗ habt, der ihn nicht genügend anerkannte, und iſt am Ende in die Welt gelaufen, erſt nach Holland, in die kleine Welt, dann iſt er nach Batavien in eine neue Welt verſchwunden. Gott weiß, ob der Name Hegel dort auch Glück macht. Hegel war im gewöhnlichen Leben kein ſchwerer Philofoph, ſondern ein ganz vernünftiger Mann, 395 wie die Leute ſagen, ja er hatte ſogar eine ſtehende Whiſtpartie mit rechtſchaffenen handfeſten Herrn, und er ſpielte ſehr ordentlich— kann man von der Phi⸗ loſophie mehr verlangen? vor einer Gefahr war man indeſſen nicht ſicher, wenn man ihn des Abends beſuchte, es war die, daß er leicht einſchlief, und inſofern die Unterhaltung wenig beförderte. Daß eine hübſche Geſchichte über die andere von ſeinem Weſen erfunden worden iſt, das verwundert billigerweiſe Niemand: große Berge ſind reich an Sagen, und die großen Menſchen ſind zum Theil dafür da, daß die kleinen ihre Geſchichtchen an ihnen aufhängen. Wer nicht ſelbſt groß werden kann, der rächt ſich am Großen, dieſe Malice iſt ein altes Erbtheil— ein halbes Jahrhundert mußte Friedrich der Große alle Anekdoten und Witze machen, die Norddeutſchland brauchte. Eine der komiſchſten wurde dem alten Hegel auf's ſchmerzensreiche Sterbebett geworfen, und da ein großer Meiſter, der ein Werk mit tauſend Noth⸗ wendigkeiten erfunden hat, und das Wichtige jeder 8 * 396 kleinſten Nothwendigkeit empfindet, niemals einen Schüler erzieht, der ihn befriedigt, denn ein Schüler, welcher völliges Echo des Meiſters wäre, müßte ein Papagei ſein, ſo könnte dieſe Anekdote wirklich ſtatt gefunden haben. Man erzählt nämlich, Hegel habe ſich beſchwert: Von all meinen Schülern hat mich nur ein einziger verſtanden! und ſich auf die andere Seite kehrend habe er hinzugeſetzt: ach, und der hat mich miß⸗ verſtanden. Er ſtarb bekanntlich an der Cholera; weil nun dieſen Opfern der Peſt kein öffentliches Begräbniß geſtattet werden konnte, ſo verhehlte man die Todes⸗ art, und veranſtaltete die berühmte Leichenfeier, leuch⸗ tete dem großen Todten mit Fackeln zu Grabe und hielt Reden. An demſelben Abende ereignete ſich Folgendes, was ich darum nicht verſchweige, damit dasjenige, was ich oben über Erziehung geſagt, ſeine Folie erhalte, und das ebenfalls erwähnte„höhere Berlin“ nicht mißverſtanden werde. Die gute Er⸗ ziehung nämlich vergißt zuweilen eine Kleinigkeit, 397 und der geiſtige Fortſchritt und beſonders die ſpeku⸗ lative Philoſophie entgeht ihr leichtlich— es war an jenem Abende, wo bei düſtrem Himmel der Herr einer neuen Gedankenwelt unter die Erde geſcharrt wurde, im Hauſe des Grafen von der Golz eine zierliche Geſellſchaft verſammelt. Die Wachslichter brannten, man wußte ſehr viel Intereſſantes num. letzten Balle, man erwartete einen Herrn, der ſich mit Literatur beſchäftigte, und der verſprochen hatte, dieſen Abend etwas vorzuleſen. Er kam nicht und kam nicht, man erſchöpfte ſich in Vermuthungen, plötzlich rief eine Dame: Ach Gott, er wird bei Hegel's Begräbniß ſein, Hegel wird heut Abend begraben.— Hegel, Hegel? Wer iſt Hegel? fragt die Haus⸗ frau; wer iſt Hegel? fragt der Hausherr; wer iſt Hegel? fragt die Geſellſchaft im Chore. Die Dame war verrathen, man ſah, daß ſie Bekanntſchaften habe, die nicht in den recherchirten Kreis gehörten; nicht ohne einige Verlegenheit ant⸗ wortete ſie: Hegel war ein berühmter Philoſoph an der hieſigen Univerſität. Ein Philoſoph? So? Man bedauerte, daß deshalb nicht geleſen würde, und ſuchte eine andere Unterhaltung. Dieſem Abende waren übrigens die großen Streit⸗ fragen in Berlin vorausgegangen, ob dieſe Philoſophie zu dulden, ob ſie nicht dem Chriſtenthume oder dem Staate gefährlich ſei? Schmalz, der Einzige, Schmalz, der ſcharfſinnige, welcher mit Leichtigkeit ein Brett durch ſah, ſobald dem gemeinen Weſen eine Gefahr drohte, Schmalz hatte das Wort ſchon von ſich gegeben, was ihm Nachruhm ſicherte, er hatte die Hegel'ſche Philoſophie für verrückt erklärt. Es war alſo einigermaaßen erſchwert worden, den Namen Hegels gar nicht zu kennen. Schließlich ſei noch geſagt, daß Hegel und Schel⸗ ling gleichzeitig in Tübingen Schwarze geweſen ſind, ja auf einem Zimmer gewohnt haben. Für die Recherchirten die Erläuterung, daß dieſer noch in München exiſtirt, auch ein Philoſoph iſt, und ſeit 399 einiger Zeit von dem Vorwurfe lebt, Hegel habe ihm ſeine Gedanken geſtohlen. Hotho hat in ſeinen„Vorſtudien für Kunſt und Leben“ das Erſchöpfendſte über Hegels Perſönlichkeit gebracht, es ſei mir erlaubt, einen Theil davon woͤrtlich anzuführen, einen anderen mit eigner Zu⸗ that auszubeuten.* Es war eines Morgens.„Er ſaß vor einem breiten Schreibtiſche, und wühlte ſo eben ungeduldig in unordentlich übereinander geſchichteten, durchein⸗ ander geworfenen Büchern und Papieren. Die früh gealterte Figur war gebeugt, doch von urſprünglicher Ausdauer und Kraft; nachläſſig bequem fiel ein gelb⸗ grauer Schlafrock von den Schultern über den ein⸗ gezogenen Leib bis zur Erde herab; weder von im⸗ ponirender Hoheit noch von feſſelnder Anmuth zeigte ſich eine äußerliche Spur, ein Zug altbürgerlicher ehrbarer Gradheit war das Nächſte, was ſich im ganzen Behaben bemerkbar machte. Den erſten Ein⸗ druck des Geſichts werde ich niemals vergeſſen. Fahl und ſchlaff hingen alle Züge wie erſtorben nieder, 400 keine zerſtörende Leidenſchaft, aber die ganze Ver⸗ gangenheit eines Tag und Nacht verſchwiegen fort⸗ arbeitenden Denkens ſpiegelte ſich in ihnen wieder; die Qual des Zweifels, die Gährung beſchwichtigungs⸗ loſer Gedankenſtürme ſchien dieſes vierzigjährige Sin⸗ nen, Suchen und Finden nicht gepeinigt und um⸗ hergetborfen zu haben; nur der raſtloſe Drang, den frühen Keim glücklich entdeckter Wahrheit immer reicher und tiefer, immer ſtrenger unabweisbarer zu entfalten, hatte die Stirn, die Wangen, den Mund gefurcht. Schlummerte dieſe Einſicht, ſo ſchienen die Züge alt und welk, trat ſie erwacht heraus, ſo mußte ſie jenen vollen Ernſt, um eine in ſich große und nur durch die ſchwere Arbeit vollendeter Ent⸗ wickelung ſich genügende Sache ausſprechen, der ſich lange in ſtiller Beſchäftigung in ſie verſenkt.— Wie würdig war das ganze Haupt, wie edel die Naſe, die hohe, wenn auch in etwas zurückgebogene Stirn, das ruhige Kinn gebildet; der Adel der Treue und gründlichen Rechtlichkeit, im Größten wie im Kleinſten, des klaren Bewußtſeins mit beſten Kräften 401 nur in der Wahrheit eine letzte Befriedigung geſucht zu haben, war allen Formen aufs individuellſte ſprechend eingeprägt. Ich hatte ein wiſſenſchaftlich herumtaſtendes oder anfeuerndes Geſpräch erwartet, und verwunderte mich höchlich, grade das Entgegen⸗ geſetzte zu vernehmen. Von einer Reiſe nach den Niederlanden ſo eben zurückgekehrt wußte ber ſeltne Mann nur von der Reinlichkeit der Städte, der Anmuth und künſtlichen Fruchtbarkeit des Landes, von den grünen weitgeſtreckten Wieſen, den Heerden, Canälen, thurmartigen Mühlen und bequemen Chauſſeen, von den Kunſtſchätzen und der ſteifbehag⸗ lichen Lebensweiſe einen breiten Bericht zu erſtatten, ſo daß ich mich nach Verlauf einer halben Stunde ſchon in Holland wie bei ihm ſelbſt ganz heimiſch fühlte.“ „Als ich ihn aber nach wenigen Tagen auf dem Lehrſtuhle wiederſah, konnt' ich mich zunächſt weder in die Art des äußeren Vortrags noch der inneren Gedankenfolge hineinfinden. Abgeſpannnt, grämlich ſaß er mit niedergebücktem Kopf in ſich zuſammen⸗ V. 26 40² gefallen da, und blaͤtterte und ſuchte immer fort⸗ ſprechend in den langen Folioheften vorwärts und rückwärts, unten und oben; das ſtete Räuſpern und Huſten ſtörte allen Fluß der Rede, jeder Satz ſtand vereinzelt da, und kam mit Anſtrengung zerſtückt und durcheinandergeworfen heraus; jedes Wort, jede Sylbe löſ'te ſich nur widerwillig los, um von der metallenen Stimme dann in ſchwäbiſch breitem Dia⸗ lekt, als ſei jedes das Wichtigſte, einen wunderſam gründlichen Nachdruck zu erhalten. Dennoch zwang die ganze Erſcheinung zu einem ſo tiefen Reſpekt, zu ſolch einer Empfindung der Würdigkeit, und zog durch eine Naivetät des überwältigendſten Ernſtes an, daß ich mich bei aller Mißbehaglichkeit, obſchon ich wenig genug von dem Geſagten mochte verſtan⸗ den haben, unabtrennbar gefeſſelt fand. Kaum war ich jedoch durch Eifer und Conſequenz in kurzer Zeit an dieſe Außenſeite des Vortrags gewöhnt, als mir die innern Vorzüge deſſelben immer heller in die Augen ſprangen und ſich mit jenen Mängeln zu 403 einem Ganzen verwebten, welches in ſich ſelber allein den Maßſtab ſeiner Vollendung trug.“ „Eine glatthinſtrömende Beredſamkeit ſetzt das in⸗ und auswendig Fertigſein mit ihrem Gegenſtande voraus, und die formelle Geſchicklichkeit vermag im Halben und Platten am anmuthigſten geſchwätzig fortzugleiten. Jener aber hatte die mächtigſten Ge⸗ danken aus dem unterſten Grund der Dinge heraus⸗ zufördern, und ſollten ſie lebendig einwirken, ſo mußten ſie ſich, wenn auch jahrelang zuvor und immer von neuem durchſonnen und verarbeitet, in ſtets lebendiger Gegenwart in ihm ſelber wieder er⸗ zeugen. Eine anſchaulichere Plaſtik dieſer Schwie⸗ rigkeit und harter Mühe läßt ſich in anderer Weiſe, als dieſer Vortrag ſie gab, nicht erſinnen. Wie die älteſten Propheten, je drangvoller ſie mit der Sprache ringen, nur um ſo kerniger was in ihnen ſelber ringt bewältigend halb und halb überwunden her⸗ vorarbeiten, kämpfte und ſiegte auch er in ſchwer⸗ fälliger Gedrungenheit. Nur in die Sache verſenkt, ſchien er dieſelbe nur aus ihr, ihrer ſelbſt willen, und 404 kaum aus eignem Geiſt der Hörer wegen zu ent⸗ wickeln, und doch entſprang ſie aus ihm allein, und eine faſt väterliche Sorge um Klarheit milderte den ſtarren Ernſt, der vor der Aufnahme ſo mühſeliger Gedanken hätte zurückſchrecken können. Stockend ſchon begann er, ſtrebte weiter, fing noch einmal an, hielt wieder ein, ſprach und ſann, das betref⸗ fende Wort ſchien für immer zu fehlen, und nun erſt ſchlug es am ſicherſten ein, es ſchien gewöhnlich, und war doch unnachahmlich paſſend, ungebräuch⸗ lich und dennoch das einzig rechte; das Eigentlichſte ſchien immer erſt folgen zu ſollen, und doch war es ſchon unvermerkt ſo vollſtändig als möglich ausge⸗ ſprochen. Nun hatte man die klare Bedeutung eines Satzes gefaßt, und hoffte ſehnlichſt weiter zu ſchrei⸗ ten. Vergebens. Der Gedanke, ſtatt vorwärts zu rücken, drehte ſich mit den ähnlichen Worten ſtets wieder um denſelben Punkt. Schweifte jedoch die erlahmte Aufmerkſamkeit zerſtreuend ab, und kehrte nach Minuten erſt plößlich aufgeſchreckt zu dem Vor⸗ trage zurück, ſo fand ſie zur Strafe ſich aus allem 40⁵ Zuſammenhange herausgeriſſen. Denn leiſe und be⸗ dachtſam, durch ſcheinbar bedeutungsloſe Mittelglieder fortleitend, hatte ſich irgend ein voller Gedanke zur Einſeitigkeit beſchränkt, zu Unterſchieden auseinander getrieben, und in Widerſprüche verwickelt, deren ſiegreiche Löſung erſt das Widerſtrebendſte endlich zur Wiedervereinigung zu bezwingen kräftig war. Und ſo das Frühere ſorglich immer wieder aufneh⸗ mend, um vertiefter umgeſtaltet daraus das Spätere entzweiender und doch ſtets verſöhnungsreicher zu entwickeln, ſchlang ſich und drängte und rang der wunderbarſte Gedankenſtrom bald vereinzelnd, bald weit zuſammenfaſſend, ſtellenweiſe zögernd, ruckweiſe fortreißend, unaufhaltſam vorwärts. Doch wer auch mit vollem Geiſt und Verſtändniß ohne rechts noch links zu blicken nachfolgen konnte, ſah ſich in die ſeltſamſte Spannung und Angſt verſetzt. Zu wel⸗ chen Abgründen ward das Denken hinabgeführt, zu welch unendlichen Gegenſätzen auseinander geriſſen, immer wieder dünkte alles bereits Gewonnene ver⸗ loren, und jede Anſtrengung umſonſt, denn auch 406 die höchſte Macht der Erkenntniß ſchien an den Gränzen ihrer Befugniß verſtummend ſtille zu ſtehn genöthigt. Aber in dieſen Tiefen des anſcheinend Unentzifferbaren grade wühlte und webte jener ge⸗ waltige Geiſt in großartig ſelbſtgewiſſer Behaglichkeit und Ruhe. Dann erſt erhob ſich die Stimme, das Auge blitzte ſcharf über die Verſammlung hin und leuchtete in ſtill aufloderndem Feuer ſeines überzeu⸗ gungstiefen Glanzes, während er mit nie mangeln⸗ den Worten durch alle Höhen und Tiefen der Seele griff. Was er in dieſen Augenblicken ausſprach, war ſo klar und erſchöpfend, von ſolch einfacher Wahrhaftigkeit, daß Jedem, der es zu faſſen ver⸗ mochte, zu Muthe war, als hätte er es ſelber ge⸗ funden und gedacht, und ſo gänzlich verſchwanden dagegen alle frühern Vorſtellungsweiſen, daß keine Erinnerung der träumeriſchen Tage übrig blieb, in welchen die gleichen Gedanken noch zu der gleichen Erkenntniß nicht erweckt hatten.“ „Nur im Faßlichſten wurde er ſchwerfällig und ermüdend. Er wandte und drehte ſich, in allen 407 Zügen ſtand die Mißlaunigkeit geſchrieben, mit der er ſich mit dieſen Dingen herumplagte, und dennoch, wenn er das tädioſe Geſchäft zu Ende gebracht hatte, lag wieder alles ſo klar und vollſtändig vor Augen, daß auch in dieſer Beziehung nur die lebendigſte Eigenthümlichkeit zu bewundern war. Dagegen be⸗ wegte er ſich mit gleicher Meiſterſchaft in den ſinn⸗ lichkeitsloſeſten Abſtraktionen wie in der regſten Fülle der Erſcheinungen. In einem bisher unerreichten Grade vermochte er ſich auf jeden, auch den indi⸗ viduellſten Standpunkt zu verſetzen, und den ganzen Umkreis deſſelben herauszuſtellen. Als ſei es ſeine eigne Welt, ſchien er damit verwachſen, und erſt nachdem das volle Bild entworfen war, kehrte er die Mängel, die Widerſprüche heraus, durch welche es in ſich zuſammenbrach oder zu andern Stufen und Geſtalten hinüberleitete. In dieſer Weiſe Epo⸗ chen, Völker, Begebniſſe, Individuen zu ſchildern, gelang ihm vollkommen; denn ſein tief eindringender Blick ließ ihn überall das Durszgreifende erkennen, und die Energie ſeiner urſprünglichen Anſchauung 408 verlor ſelbſt im Alter nicht ihre jugendliche Kraft und Friſche. Bei ſolchen Schilderungen wurde ſeine Wortfuͤlle ſprudelnd, mit treffend malenden Eigen⸗ ſchaftswörtern konnt' er nicht enden, und doch war jedes nothwendig, neu, unerwartet und ſo kernhaft in ſich ſelber beſchloſſen, daß ſich das Ganze, zu welchem die einzelnen bunt durcheinander gewürfelten Züge vollſtändig ſich rundeten, um nie wieder ent⸗ ſchwinden zu können, dem Gedächtniß einzwang. Solch ein Bild ſelbſtſtändig umzuändern blieb un⸗ möglich; in ſo feſte Formen war es ein für allemal ausgegoſſen. Und dieſer Darſtellungsgabe vermochten ſich ſelbſt die eigenſten Sonderbarkeiten und Tiefen des Gemüthes, welche in Worte zu ſaſſen vergeblich ſcheint, nicht zu entziehen. Unerſättlich war er in preiſender Anerkennung des lobenswerth Tüchtigen und Großen, doch auch in Schärfe und Bitterkeit der ſtachlichſten Polemik bewies er die gleiche Gewalt. Wie freundlich dagegen verklang das Liebliche und Zarte zu anmuthigſien Tönen! das Starke brauſ'te gewaltig hin; ordnungslos verwob ſich das Verwor⸗ 409 rene; das Barocke und Lächerliche widerte an und ergötzte; das Haſſenswerthe ſchreckte in dem gleichen Maaße zurück, als das Sittliche und Gute hob und erquickte; das Schöne leuchtete in mildem Glanz; das Tiefe vertiefte ſich in ſeiner Rede, und wie das Erhabene über alle Schranken hinaus ragte, gebot das Heilige die ewige Scheu der Ehrfurcht. Und doch bei aller Vollendung ließ es ſich ſchwer entſchei⸗ den, ob er ſich mehr der Dinge, oder die Dinge ſich ſeiner mehr bemeiſtert hatten. Denn auch hier blieb das Ringen nicht aus, und das Gefügige und Fertige ſelber verläugnete das ſaure Mühen trotz aller Erleuchtung des Genius nicht.“— Seine Gedanken, die Hegel'ſchen Gedanken, waren übrigens eingefleiſcht in Hegel, er war durch und durch eine geſchloſſene Einheit. Dieſe Größe hat den witzigen Leuten viel zu ſchaffen gemacht, welche eben gewohnt ſind, ihre Nahrung in Einzelnheiten zu ſuchen. Wenn alſo Hegel über ein Alltägliches, über einen Berliner Witz ſprach, oder über ſonſt 410 etwas, was man für ein Aphoriſtiſches hält, und wenn er auch dies in die Bedeutſamkeit ſeines gan⸗ zen Gedankenweſens einfügte und ihm ein wichtiges Anſehn gab, ſo galt dies den Leuten des augen⸗ blicklichen Beliebens für ein verirrtes Wild, für eine gute Beute, ſie griffen es als Witz auf, und hatten Recht und guten Erfolg für ihre Beliebig⸗ keit, und doch Unrecht gegen Hegel. Wie viel rich⸗ tige Witze hat man dem Napoleon angehängt, und doch dem eigentlichen Napoleon nichts damit gege⸗ ben oder genommen. Hegel ſelbſt war darüber harmlos, den Wider⸗ ſpruch und die Neckerei der Schwachen belachte er gutmüthig mit, nur der freche Tadel des Unver⸗ ſtandes erzürnte ihn, und Schellings Art und Weiſe, welche that, als ob Hegel nicht exiſtire, kränkte ihn wirklich, da er ſich eines ſchwe⸗ ren Sieges bewußt war, und den früheren Genoſ⸗ ſen und großen Geiſt in Schelling immer hoch verehrte. 411 Obwohl er in der Religion die Orthodoxie ſei⸗ nem Syſteme einfügte, ſo beſtand er doch feſt auf größter Freiheit der Forſchung; obwohl er die blos leidenſchaftlichen Demagogen über alles haßte, und allem wirklich und feſt Beſtehenden von vornherein ſtets das Recht der Exiſtenz einräumte, ſo war er doch, der ſtets Forſchende und Bildende, nichts weni⸗ ger als ſtabil. Bei der Mannigfaltigkeit des jetzt Beſtehenden iſt ja ohnedies noch gar keine Bezeich⸗ nung und nähere Charakteriſtik gegeben, wenn man ſagt: er hielt zu dem Beſtehenden. Am meiſten neigte er ſich mit ſpecieller Vorliebe zur engliſchen Verfaſſung, und die Reformbill erſchien ihm als ein höchſt gefahrvolles Unternehmen; ein auf beſtimm⸗ ten Körperſchaften ruhender Staat war ihm der ſicherſte; die Rechte der Erſtgeburt vertheidigte er ſtreng, für den Höhergeſtellten verlangte und gab er unbedingten Reſpekt. Aus alle dem ergiebt ſich, welche Macht das eigentlich Syſtematiſche in ihm behauptete. Es wäre 412 ein Mißverſtändniß, ihn ohne Weiteres mit den dreiſt Spekulirenden anderer Art zuſammenzuſtellen, welche nicht für ein ausgebildet Syſtem erfinden 6 und fordern. Eben ſo hielt er ſich bei den moraliſchen Fragen perſönlich ſtreng an das Poſitive, an die Inſtitute, und vertheidigte ſie quand même: er verlangte, die Ehe der Ehe wegen einzugehen, um einem feſten Inſtitute anzugehören, nicht weil ſich da eine See⸗ — lenharmonie oder ſo was Aehnliches zuſammenfinde. 3 Dabei geſchah nun freilich das Meiſte des Syſtems wegen, und die Hegelſche Einheit ward auf Koſten Hegels behauptet und durchgeſetzt, denn in den moraliſchen Fragen zum Beiſpiel intereſſirte und lockte ihn Göthe mit ſeiner Freiheit am Mei⸗ ſten; er hielt nebenher ſolche Richtungen für noth⸗ 6 wendig und groß, damit das Beſtehende nicht ver⸗ ſumpfe, ſie waren ſeinem alle wahrhaftige Inner⸗ V lichkeit prüfenden Geſchmacke viel zuſagender, als die meiſt unzulängliche Polemik dagegen, aber er 413 mußte ſich dem Despotismus des eignen Syſtems fügen. In den letzten Jahren ward er darin ſtarrer, als ſeine eigne Lehre heiſcht, und es hat, wie ſchon oben bemerkt, über die Konſequenzen des Syſtems mit Schülern und Freunden heftige Kämpfe gegeben. Das wiederholt ſich in der Geſchichte bei allen Gattungen neuer geiſtiger Welt: die Lutheraner woll⸗ ten mehr und weniger als Luther. Iſt die Erfindung des Geiſtes frei und hinaus gegeben, ſo gewinnt ſie ein ſelbſtſtändig Leben und Weſen, hat ſich nach eignem neuen Geſetze zu wehren und zu bilden; der Baum, den ich gepflanzt, hat es nun ſelbſt und eigen mit Sonne, Wind und Wetter zu thun; der Sohn, den ich gezeugt und erzogen, wird mit meinem Blute, meinem Geiſte, doch ein eignes, ſelbſtſtändiges Geſchöpf. Beſonders leidenſchaftlich war Hegel zuletzt gegen die Entſtehung Belgiens, und Kampfesworte dagegen und gegen die Reformbill ſind wohl das Wichtigſte geweſen, was er zuletzt geſchrieben hat. Bei dieſen Sachen der Politik iſt nicht zu über⸗ ſehen, daß Hegel zwei Jahre lang Redacteur einer weniger bekannten politiſchen Zeitung geweſen iſt, der Bamberger Zeitung. Mit was Allem dieſer Mann ſich beſchäftigt, und gründlich beſchäftigt hat, iſt nicht zu ſagen; bei einem Einblick, beſonders in die Geſchichte der Philoſophie, ſchwindelt dem Zuſchauer vor den weit oben und tief unten kriechenden Büchern, welche der Mann geleſen und ſtudirt hat. Wie ein Titan ſitzt dieſer ſteinerne Geiſt unter den Felsblöcken und dem Gerümpel aller Zeiten. Auch in Kunſt und Poeſie kannte er Alles; ſein Urtheil über Bau⸗ kunſt, Stulptur, Malerei war ſcharf geübt und begründet; er ſaß aufmerkſam und andächtig in den Opern. Sein Geſchmack neigte durchaus zu den Grie⸗ chen, vom Mittelalter mochte er nichts leiden als die großen Gebäude. Scherz und Laune liebte er ſehr, wenn die Gelegenheit paßte; den eigentlichen Humor verſtand er gar nicht, dafür, und noch mehr 41⁵ für die Ironie neueren Datums, beſaß er gar kein Organ der Auffaſſung, die Ironie war ihm gerade⸗ zu unangenehm. Er hatte ſich auch mühſam durch's Leben gear⸗ beitet, mit Freunden Unglück gehabt, langſam erobert. In Frankfurt, wo er eine Zeitlang Haus⸗ lehrer war, lebte er intim mit Hölderlin und mit Sinklair, dem Verfaſſer des Cevennenkrieges. Höl⸗ derlin ward verrückt, Sinklair ſtarb früh. Schel⸗ ling, mit dem er ſo lange zuſammengewirkt, ver⸗ hüllte ſich ihm ſpäter vornehm. Zwei Jahre in Heidelberg nennt Gans mit Recht Hegels Flitterjahre 1816—18: da blühte ſein Ruhm auf, da hatte er Daub und Creutzer, und Voß war noch umgänglich. Seine Schüler von Jena aus, Trorxler in Baſel, Gabler in Baireuth waren noch jung und warm und ſchrieben ihm viel Briefe, Deutſchland war überhaupt verjüngt, die ſchönen Neckarberge um Heidelberg lockten und ent⸗ zückten. Und auch zum Antritte in Berlin, Herbſt 416 1818, fand er noch an Solger einen Beförderer. Dann aber war er lange, lange allein, und mußte langſam die Schüler heranziehn, die ihn unter⸗ ſtützten. Er ging in Berlin täglich ſpaziren, ſchlaff zog er ſich vorwärts, hielt aber tüchtig aus; ging man indeſſen mit ihm, ſo ſtockte die Promenade ſehr; er ließ ſich mit dem größten Antheil das Alltägliche, die Neuigkeiten erzählen, blieb ſtehen, lachte, ver⸗ wunderte ſich, widerſprach. Dabei und bei allen Luſtpartien, die er ſpäter eifrig ſuchte, war ihm das leichte Geſpräch das erwünſchtere, das ſtete Debattiren und Suchen in Ernſt und Eifer war nicht ſeine Sache. Auch im Theater war er ſehr munter und ſehr leicht befriedigt; in Geſchäften langſam und peinlich, für alles Leichte war er am ſchwerfälligſten, weil er ſich durchweg für das Schwere mit Leichtigkeit eingerichtet hatte. Deshalb täuſchte er ſich vielleicht auch oft über leichte Menſchenwaare, denn die unbedeutendſten 417 waren ihm oft ſehr willkommen; oder er brauchte wie ſchwer reiche Leute ſolcher kräuſelnden Bewe⸗ gung, und ſah gern die leichte Waare um ſich hüpfen, um zu ruhen, und das Leben in ſeinem luftigen Zuge zu athmen. 17. Die Novelle in der Theaterloge. Das Theater, unſer Theater, unſre Schauſpieler, unſer Bader, unſre Seidler, das iſt in Berlin Früh⸗ ſtück und Abendbrod, ganz Deutſchland bringt nicht ſo viel Rekruten zur Bühne als Berlin, mehr als die Hälfte aller deutſchen Schauſpieler iſt aus Berlin. Alles urtheilt über das Theater, Alles beſpricht das Theater. In Wien ſind die Theater die Hauptſache, in Berlin iſt's das Theater. Ueber das Schauſpielhaus am Gensdarmenmarkte iſt man nun ziemlich beruhigt; es hat allen Witzen „ * 419 8 2 und Ausrufungen Stand gehalten, jetzt wird es wet⸗ terdunkel und hart. Es iſt im Ganzen eine groß⸗ artige Konſtruktion Schinkels; daß ſeine vielen Fen⸗ ſterlatten an ein Trockenhaus erinnern, ſtört aller⸗ dings, und der Tunnel⸗dunkle Eingang, der Mangel lichter, lockender Eintrittshallen mag Tadel wecken, der grandioſe Treppenaufgang, oder richtiger Unter⸗ gang, der edle ſtolze Stil des Uebrigen entſchädigt reich. Jene Treppe, von wo aus die Mondabende wie gemalt ausſehen, um mit unſern Künſtlern zu reden, iſt darum ein Untergang zu nennen, weil Niemand hinaufgehen, fondern die Menſchheit zur Sommerszeit nur herunter gehen darf. Wäͤhrend der anderen Saiſons konſervirt ſich dieſe jungfräu⸗ liche Treppe und iſt blos zum Anſehn da. Hoch über ihr auf dem Frontengiebel fährt Apollo von dannen, oder wie der Berliner ſagt, auf und davon mit zwei ſchwarzen, fabelhaften Beſtien. Daß auf der anderen Seite die Heuſchrecke, der Hippogryph, ebenfalls vom Hauſe fort galoppirt oder wenigſtens keobt natürlich von der Witzhypochondrie aus⸗ 320 gebeutet worden, und man ſagt, von der alten Kunſt ſei nur Herr Schneider übrig auf dem Schlachtfelde geblieben. Darin übertreibt Berlin, denn dieſer Herr Schneider iſt weder ſo gut, noch ſo ſchlecht, ein geborner Bediente, der für alles Gemeine und Freche ein recht hübſches Talent hat; daß er in ſeinen Rollen immer Herr Schneider iſt, begegnet manchem großen Künſtler. Wo ſoll denn aber auch Apoll und das Muſen⸗ roß hin! Beſſer doch, ſie entfernen ſich, als daß ſie dem Publikum den Rücken kehrten und noch Schlimmeres, und ſolchergeſtalt die Giebel und das Haus verunzierten. Das Geſpann Apollo's, ein Paar krummbeinige und krummgeflügelte Drachen, iſt glücklicherweiſe vom Publikum noch nicht enträthſelt, und die deßfallſigen Witze ſind uns bis jetzt geſchenkt, denn es ſind „Chimären“, mit denen der Pythiſche Gott in die Luft reiſ't, ein ſinnig erdachtes und vortrefflich aus⸗ geführtes Symbol für das Theaterhaus. Glückliche Zeit, wo die Chimären einen Gott ziehen konnten, 321 in unſrer vernünftigen Welt erziehen ſie keinen Vier⸗ telsgott mehr— wirklich? Ohne Chimäre lebt die Welt nicht vier und zwanzig Stunden mehr, ſie entleibt ſich in Maſſe bis zum gemeinſten Philiſter herab, welcher die Chimäre verachtet als unſolid.— Die Baukunſt iſt in unſrer Natur und in unſrer Zeit übel daran, und deßhalb auch die Beſpre⸗ chung derſelben; einen eignen ſchöpferiſchen Geſchmack haben wir ſeit der Kirchenzeit nicht gehabt, und wir haben ihn heut noch nicht, es handelt ſich immer nur um einen nachgemachten und angewandten, es fragt ſich, ob griechiſch oder römiſch, oder byzan⸗ tiniſch oder gar mauriſch. Sind wir doch einmal gar in einen ſchnörkelnden franzöſiſchen gerathen, und daß wir uns da heraus und zu beſſeren Vor⸗ bildern gearbeitet, rechnen wir uns an wie eine Originalſchöpfung. Erſt beklagt unſer Klima, das ſieben Monat ordentlichen Winter und außerdem zwei Monate außerordentlichen hat, dann beklagt unſere Kunſt, daß ſie keine eigenthümlich ſchönen, ſelbſtſtändigen Gebäude erfinden kann. Wir kennen ————— 422 noch keine Architekturſchönheit ohne Luft⸗ und Him⸗ melsblicke, ohne Luftfreiheit, dergleichen können wir aber gar nicht brauchen, wenn wir nicht Schnupfen und Rheumatismen anbaun, oder Gebäude hinſtellen wollen, die blos zum Anſehn aus der Ferne ſind. Ein wirklich nordiſcher Geſchmack war alſo nur der gothiſche Bau, eine wirklich ſelbſtſtändige, nationale Erfindung; aller andere Stil iſt nur mehr oder minder glücklich nachgebildeter Geſchmack, und wir haben ſonſt noch immer keinen Stil, als den für den Süden, für Länder wo es warm, und die Er⸗ kältung nicht das dritte Wort iſt, wie bei uns. Können wir mit Oefen und Witterungsrückſichten einen großen Stil haben, ſo ſoll es uns lieb ſein, bis jetzt iſt er noch nicht da. Man hat Schinkel den Bramante Berlins ge⸗ nannt, und hinzugeſetzt, daß er den Italiener über⸗ treffe; ſicherlich iſt er bis jetzt der geſchmackvollſte Baumeiſter Berlins. Das Glänzendſte im Innern des Schauſpiel⸗ hauſes iſt der Concertſaal, welcher in prächtiger Weiße . 423 ſchimmert, und wo die Künſtlerbüſten aus vielen Niſchen in's moderne Licht hereinſehn. Das Theater ſelbſt iſt ſehr behaglich und ohne Prätenſion hübſch; die Novelle paſſirte aber nicht hier, ſondern in dem dunkler und anſpruchsvoller geſchmückten Opernhauſe. Als ich in die Loge trat, ſaß vorn an der Brü⸗ ſtung eine verſchleierte Dame. Sie war ſchwarz gekleidet, in ein großes Umſchlagetuch gehüllt und verhielt ſich ganz ſtill, übrigens war die Loge noch leer. Sie glauben gar nicht, wie entſchloſſen ſtolz und abweiſend die Weiber Berlins waren, als die Franzoſen im Jahre 6 und im Jahre 12 hier ein⸗ rückten; aber lieber Gott, das Weib iſt ſchwach, ſagt Salomo; es waren ſchöne Leute bei der großen Armee, ein ſchöner Italiener hat beſonders viel Liebe angerichtet. Solch ein Soldat hat doch auch wahr⸗ haftig nicht Zeit, ſich um Alles zu kümmern, das kommt, das geht. Hulda hieß das Mädchen, was 1814 ganz klein war, ſie hat ihren Vater ihr Leb⸗ 4 — 424 tag nicht geſehen, und den fremden Namen hatte ſogar die Mutter vergeſſen, Aber das Mädchen wuchs doch ſchlank auf, hatte dunkle Augen, und weil ſie halb italieniſch Blut war, trug ſie im Körb⸗ chen Orangen umher, und mit der Zeit war ſie die hübſche Orangen⸗Hulda. Sie kam eines Tages in ein ſchönes Parterre⸗ zimmer unter den Linden, in eins der chambres garnies, wo noch heute bewegliche Gargons zu finden ſind, Ein langer junger Herr ſaß in ſeidnem Schlaf⸗ rocke auf dem Sofa und frühſtückte, obwohl es ſchon elf Uhr war. Er ſtand ſpät auf, und die Orangen paßten noch nicht recht, obwohl ein warmer Son⸗ nentag draußen auf den Linden glitzerte. Aber ein hübſches Mädchen, wenn es auch ein ſchmutzig kat⸗ tunen Fähnchen trägt, und der Teint vom Straßen⸗ leben ſonnverbrannt iſt, paßt einem friſchen jungen Herrn immer. Und Cäſar war ſehr hübſch und ſehr munter. Hulda mußte ſich zu ihm ſetzen und ihre Geſchichte erzählen. Auf dem Tiſche lagen unge⸗ zaͤhlt in Häufchen große und kleine Goldſtücke un⸗ 425 ordentlich umher—„ich habe kein Silbergeld, ſchöne Hulda, für Deine Orangen; nimm Dir da ein Paar Goldſtücke, und ſetz Deinen Vorrath hin!“ Hulda hat in ihrem Leben erſt ein einziges Mal ſolch ein Goldſtück in der Hand gehabt, um es für einen reichen Herrn wechſeln zu laſſen, und ſie war damals förmlich erſchrocken, als ſie ſo viel Thaler und Achtgroſchenſtücke für das gelbe Ding erhielt. Sie hatte ſeit der Zeit jene angenehme Furcht vor Goldmünzen, welche ein verliebtes Mädchen empfin⸗ det, wenn ſie an den nahen Hochzeitstag denkt. Cäſar war ein Spieler; er reiſ'te Oſtern und Michael nach Leipzig zur Meſſe, im Sommer nach Dobberan, oder wenn das Jahr ſich arrangirte, gar bis hinaus nach Baden⸗Baden. Den Winter vertändelte er mit dieſem und jenem Privatjeu in Berlin. Es machte ihm Spaß, aus dem armen Orangen⸗ mädchen eine ſchöne Dame zu machen, er nahm ſie ſogar einen Sommer mit nach Dobberan, und hatte die Dreiſtigkeit, ſie in der Badeliſte ſeine Geliebte zu nennen, und in Berlin offen und ehrlich am hellen Tage Arm in Arm mit ihr ſpaziren zu gehn. Die Spieler ſind unſere modernen Rinaldinis, großmüthig, dreiſt, nach Umſtänden liebenswürdig, auf gute Manier von fremden Börſen lebend, und weil ſie nichts Anderes ſein können, ſtarke Geiſter. Ich empfinde eine Art Reſpekt, ich ſtaune den Muth an, wenn ich ſolch einen Gentleman des dreiſten Stegereifs offen und ehrlich mit ſeiner Maitreſſe promeniren ſehe; er genießt auch den Frühling im Thiergarten, ſpricht mit ſeinem Mädchen über die Schönheit der Witterung, ein Familienbezug zwiſchen ihm, zwiſchen dem Mädchen und der Welt exiſtirt nicht, ein innerer Bezug zwiſchen ihm und dem Mädchen iſt ebenfalls nicht da; morgen kann er ein ganz anderes eben ſo führen, ſie kann von einem ganz anderen eben ſo geführt werden; ſie ſind eben eine Geſtalt mit einer anderen, welche dieſen Augen⸗ blick Sinne für einander haben, und äußerlich eben ſo ausſehn, wie alle übrigen Leute, die eine durch⸗ . „ 4* 2 wirkte, beziehungsreiche Geſchichte der Gegenſeitigkeit haben und am Arme umherführen. Dieſer Reſpekt, den ich empfinde, kann ein ganz falſcher ſein, es imponirt aber Alles, was man außer der Geſellſchaft dreiſt und ſelbſtſtändig auf ſich be⸗ ruhen und beſtehen ſieht. Der Mann hat vielleicht eben nur den leichten Sinn, keine Gedanken zu haben; er vergleicht nicht, und eine bürgerliche Schaam iſt nur möglich, wo eine Vergleichung ge⸗ weckt wird, es iſt nicht die ſtolze Frechheit, ein eignes, einzelnes Recht ſich anzumaaßen, denn dazu gehören auch Gedanken, es iſt nicht die Freiheit des ſtolzen Menſchen, der kein Opfer bringen will, es iſt vielleicht nur die brutale Sorgloſigkeit. Ob ihn die Leute kennen oder nicht können, was kümmert's ihn! Kennen ſie ihn, ſo wiſſen ſie: das iſt ſeine Maitreſſe, das macht in der großen Stadt Jeder ſo, der das Geld dazu hat. Ob die andern Leute zu ihrer Begleiterin etwas Anderes ſagen als das Nichts, was er der ſeinigen ſagt, was kümmert’s ihn! Er weiß davon nichts, er hat kein ſolches 428 E Intereſſe und er weiß auch, daß es ein Wort gibt, welches Vorurtheil heißt, und über welches ſich ſtarke Geiſter hinwegſetzen. Er weiß, daß er bequemer lebt, als andere Leute, und darum ein ſtarker Geiſt iſt; ob dies bequemere Leben aus einer Operation ſeines Geiſtes entſpringt, oder aus dem Zufalle, dem Leichtſinne, das iſt ihm einerlei. Item, Hulda ward in dieſer ſorgloſen Sinnen⸗ welt geſchaukelt, bis Cäſar eine hübſchere fand, ihr ſeine Wohnung bis zum Ablaufe des Monats über⸗ ließ, wo anders hin zog, mit einer Andern prome⸗ niren ging. Sie konnte ja wieder Orangen herum⸗ tragen; es waren mehrere Goldſtücke im Sekretair liegen geblieben; ſie konnte machen, was ſie wollte. Dies Mädchen nahm ſich das zu Herzen, wie man ſagt, kaufte ſich einen ſchwarzen Schleier, ging einſam ſpaziren, machte die Bekanntſchaft einer alten Gräfin, die ſehr fromm iſt, zog zu ihr, ging nur verſchleiert aus, und da ſitzt ſie— dieſe Dame in der Loge iſt Hulda. 8 429 Der Herr, welcher mir leiſe aus der rechts an⸗ grenzenden Loge dies erzählt hatte, wies mit dem Stöckchen auf ſie. In dieſem Augenblicke entſtand lebhaftes Geräuſch an der Thür, ein ſchöner Herr mit einem ſchwarzen Backenbarte trat mit einer Dame ein. Die Dame ſetzte ſich vorn neben Hulda, der Herr hinter ſeine Dame. Er ſchwatzte ſehr luſtig mit ihr, und die verſchleierte Hulda ſah ſich nur ein einziges Mal flüchtig nach ihm um. Im Parterre ſtand ein junger Menſch, der unverwandt nach der Loge und nach Hulda's Schleier blickte. Es war ein Student bärtigen Angeſichts, im bloßen Halſe, mit einer großen Brille auf der Naſe. Ein blondes Madonnengeſichtchen ſaß neben ihm, die Tochter ſeiner Wirthin, das Mädchen ver⸗ ehrte und liebte ihn, er nahm aber aus Grundſatz wenig Notiz davon, und ſagte dies auch mit vielen Redensarten täglich dem blonden Kinde. Aber juſt wegen der Redensarten verſtand ſie ihn nicht recht, laͤchelte dazu und litt ein wenig. Guido näͤmlich war aus der Provinz, und hatte vielerlei ſchwierige Dinge eifrig ſtudirt, mitten aus dieſen heraus war er in die große Stadt gerathen, und um recht großſtädtiſch zu ſein, dachte er ſich alle Verhältniſſe derſelben erſtaunlich groß. Solch 'ne kleine Neigung zu einem Bürgermädchen war ihm das unbedeutendſte Sandkörnchen einer Haupt⸗ ſtadt, ſie mußte ſich ſeines Erachtens verlieren wie ein Tropfen im Meere, ſonſt hielte ſie ab, trennte von der ſtürmiſchen Allgemeinheit, machte klein⸗ ſtädtiſch. Dazu gerieth er obenein in die Lektüre moderner Schriftſteller, und ſtellte die dreiſten For⸗ derungen derſelben auf die Spitze; nichts von Reiz und Glück, deſſen ein junger Menſch nur habhaft werden könnte, wollte er ſich entgehn laſſen. Nur um Gotteswillen nicht am Einzelnen kleben, um Gotteswillen nicht von einer Spezialität ſich ver⸗ ſchlingen laſſen, die Spezialität möge ſein, was ſie wolle. Zu dieſen auseinandergehenden größtſtädtiſchen Tendenzen brachte er leider die kleinſtſtädtiſche Ge⸗ — 1 431 wohnheit; ſeine Spekulation; die er ſich anlernte, war dreiſt und ſorglos, ſein eigentliches Weſen aber war ſchüchtern. Er hatte Hulda am Arme Cäſars geſehen, er hatte ſie ſchön gefunden, er wollte ihr ſeine Maximen vortragen, ging ihr zu Gefallen, verſäumte ſeine Studien, hatte aber nicht den Muth zu einer Anknüpfung. Er ſah ſie allein promeniren, als ſie von Cäſar verlaſſen war, er vermuthete die größte tragiſche Heldin, er ſchwärmte in Kombina⸗ tion und Plänen; warum ſie ihn nur nicht anredete! In fünf Minuten hätte ſie ſein ganzes Syſtem ge⸗ wußt, in zehn Minuten wäre ſie mit ihm einig geweſen, denn mehr Zeit mußte für eine Dame der großen Welt, für einen jungen Helden der neuen Welt nicht nöthig ſein. Sie that es leider nicht, ſie war noch nicht genug modern ausgebildet. Du mußt ihr ſchnell die letzten Aufſchlüſſe über Menſchen⸗ verkehr geben, gleich bei der erſten Begrüßung, dachte er, wenn ſie nur wenigſtens einmal grüßte. Himmel, was iſt ſie intereſſant, in dieſem ſchwar⸗ zen Thränenſchleier, ſagte er zu ſich im Parterre, 432 wie vornehm und wie unglücklich mag ſie ſein, und gewiß um die Kleinigkeit der Liebe zu einem einzi⸗ gen Menſchen. Mit zwei Worten könnteſt Du ſie bilden und aufrichten, heut willſt Du's thun! Aber, lieber Guido, warum antworten Sie mir denn gar nicht? fragte das Madonnengeſichtchen— Liebſte, wie kann ich mich im Opernhauſe ſo vereinzeln, die hundert Eindrücke und Lockungen ringsum wie ein beſchränkter Barbar ignoriren, wir können ja zu Hauſe reden— traurige Beſchränktheit! Es war ein prächtiger Sommervormittag in Eng⸗ land, die Sonne warf eben die aufgeſtiegenen Nebel aus den höheren Luftkreiſen und fiel mit jubelndem Glanze auf die hohen Bäume eines Parkes und auf die ſammtgrünen Raſenplätze deſſelben. Zwei junge Damen, welche dort ihr Frühſtück verzehrten, ſetzten ihre Strohhüte auf, und die eine ſprach: Es wird warm, Flipp; warum zögern wir, nach Deutſchland zu gehn, und uns Männer zu ſuchen 433 in der Nation, die uns intereſſirt, weil wir ihre Literatur verſtehen. Es iſt hier Alles todt, was uns band, die Deutſchen ſind tranſcendental und doch auch witzig, ſie ſind die beſten Ehemänner. kes, Mab, ſprach die angeredete, und ſie reiſ'ten auf der Stelle nach Deutſchland, kamen in Dobberan an die Bank, und Mab verlor tauſend Pfund und ihr kleines Herz an Cäſar. Man ging nach Berlin, um Hochzeit zu machen; Polterabend war ihnen nicht wünſchenswerth, und ſo kamen ſie in die Theater⸗ loge, und Mab ſekzte ſich neben Hulda. In der Nebenloge links ſaß eine ſtarke Dame mit ſtolzem Federhute; der Ausdruck ihres Geſichts war ſehr verdrießlich, wenn ſie aber grüßte,— und dies geſchah nach einigen Seiten— ſo lächelte ſie ſüß auf ſaurem Grunde; die Begrüßten erhielten ein Glas Eſſig, aber ein Stückchen Zucker dazu, was ſie in den Mund nehmen konnten. Die Dame war von Stande, und war nur des Winters in der Hauptſtadt, im Sommer gebar ſie ihre Kinder und erzog ſie, und ging in's Bad, um eine ſchlechte V. 28 434 Taille zu konſerviren. Sie war grau und gelb ge⸗ kleidet, was man ſagt ſehr recherchirt, und hatte einen außerordentlich großen Opernkucker. Lange Zeit ſah ſie gegenüber auf einen leeren Platz, und es ſtand der Phyſiognomik nach Alles zu befürchten für den ſchüchtern hinter ihr ſtehenden magern Gemahl. Endlich erſchin ein kompakter Dandy auf dem leeren Platze, die Dame ſetzte nun ihren Opernkucker auf die Brüſtung, und ſagte, beinahe lächelnd, über die Schulter zum Gatten: Der Baron hat wieder die ſchönſte Weſte im ganze Hauſe— ja, meine Ge⸗ ſchätzte, oui, oui, immer beſten engliſchen Gout— A propos engliſch, ſagte die Gattin, und er⸗ kannte jetzt Cäſar, und winkte mit der Fingerſpitze, ſein Ohr zu nähern. Sie wollen ſolid werden, Vetter, hör' ich, und eine reiche Engländerin heurathen? Cäſar lächelte blos. Sie Schalk! Viel Geld? Er nickte.— Aber die Familie? Er zuckte mit den Achſeln.— Beſuchen Sie uns auf dem Lande gelegentlich. 1 4¼ 5 4 6 435 In dem Augenblicke wendete ſich Mab zu ihr herum, die Dame griff nach ihrem Opernkucker, und Mob ſtand dicht an der Batterie. Zu ihrer Schutz⸗ wehr ſtreckte ſie die Zungenſpitze ein klein wenig über die Lippen heraus und parirte damit. Mab ſagte dann zu Cäſar, er möge ihr ein Glas Eis beſorgen. Ein junger, etwas verlebt, aber intereſſant aus⸗ ſehender Mann trat für einige Augenblicke in die Loge. Er ſchließt ſich mit einem ſehr langen, ſehr nachgiebigen Bande von Amtlichkeit entweder an's Auswärtige, oder an's Kammergericht oder an die Regierung, die in Potsdam ihre Seſſionen hat, ich weiß es nicht, aber er hat immer Zeit zu ſeinem Vergnügen, aber nicht immer Intereſſe genug, er kennt alle hübſchen Mädchen, alle Opern, alle Wein⸗ häuſer, er wäre blaſirt, wenn er Geiſt und Anſpruch genug hätte, dies zu ſein, und ſo geht und lacht er halb intereſſirt weiter. Er begreift es nicht, wie 436 man in der einförmigen Provinz leben kann, er reiſ't auch nie. Wenn ich nicht irre, lebt er vom Kapitale ſeines bereits ſehr angegriffenen Vermögens, wenn das zu Ende ſein wird, lebt er noch eine Zeit lang vom Kredite deſſelben, was dann kommt, das findet ſich, hält er's in der Miſöre nicht aus, ſo ſchießt er ſich eine Kugel durch den Kopf. Das neue Geſicht Mab's hatte ihn diesmal in die Loge gelockt—„er will ſie, oder richtiger, ſie will ihn wahrhaftig heurathen? Nun, das muß ich ſagen, die engliſchen Guinéen werden unſer jeu ani⸗ miren. Nicht übel, gar nicht übel! Schönes Profil. A propos, Doctor, was ſagen Sie zur Minna im Cirkus draußen? Straf mich Gott, das iſt ja Hulda, die der Cäſar einmal hatte, ich erkenne ſie am Nacken! Nun, das iſt viel Liberalismus, dieſe beiden neben einander zu ſetzen, Hulda erzählt ja im lebhaften Feuer, und die Engländerin hört an⸗ dächtig zu. Ob ſie ihr die Nächte ſchildert, wenn wir bei Cäſar ſpielten, und ſie Punſch einſchenkte? Wahrhaftig in Gott, das iſt bemerkenswerth!“ 437 Er ließ die Lorgnette am Bande hinunter fallen und ging lächelnd. An der Thür begegnete ihm ein Officier.— „Wer iſt die Dame mit dem engliſchen Geſichte? ſtraf mich Gott, ein Vollblutgeſicht, Sie kennen meine Fuchsſtute, die Kitty, finden Sie nicht eine ſprechende Aehnlichkeit? Eine komplett neue Erſchei⸗ nung, ſprechen Sie!“ Die Thür fiel in's Schloß, man hörte Cäſar hinzutreten, hörte Lachen und Bewegung. Und über all dies zerknitterte Flittertreiben rauſchte und wogte eine lebendige Opernmuſik, die Tänzer⸗ innen mit den kurzen, aufgebauſchten Röckchen dreh⸗ ten ſich und ihr ſtehendes Lächeln umher. Die große Oper, welche der Klaſſiker ſo vortrefflich findet, iſt ſehr geſchickt erfunden für die große Welt im beſſe⸗ ren Sinne des Wortes. Sie iſt nicht da, um be⸗ ſtimmte, geſonderte Eindrücke, geſammelten Nach⸗ druck einer Situation, eines Charakters hervorzu⸗ 438 bringen, ſie ſoll nichts ſein, als ein großer bewegter Hintergrund, eine Anregung, eine beliebige phanta⸗ ſtiſche Welt neben der begrenzten, abgezirkelten Welt der bürgerlichen Geſellſchaft. Die Fülle, der unge⸗ zählte Glanz, der mannigfache Reiz, Alles, was einzeln in gewöhnlicher Form nicht bewilligt iſt, der ganze leichtſinnige Apparat der Sinne flüchtet ſich in ein Enſemble erher, und iſt in den geordneten, den fleißigen, den mit Geſchäft und Spekulation überladenen Leuten eine Erholung, man giebt ſich einmal ohne Nachdenken der himmelblauen Woge des Beliebigen hin. Ihr wundert Euch, daß geiſt⸗ reiche, daß bedeutende Leute öfters in der großen Oper zu finden ſind, als im Schauſpiel, die gelernt dogmatiſchen oder nachſprechenden Kritiker haben ihr gerechtes Aergerniß an der großen Oper— ſeht doch tiefer hinein. Der Staatsmann, der Denker, der Dichter, der aus Geſchäften Hervorkriechende, was findet er bequemer? Die bunte Farbenwelt einer wechſelnden Oper oder das dürre Gerüſt eines Dra⸗ 439 ma's, was über abgeſtandene Intereſſen des Gedan⸗ kens erbaut iſt, worin er noch alle die Latten des beſchwerlichen eignen Treibens wiederſieht, was er eben ſelbſt verlaſſen hat? Erſt wenn Ihr ein Drama erfunden habt, welches den wirklichen ſchönen Kern, den Aetherſchaum unſeres Lebens gefällig darlegt und damit reizt, dann fordert die Theilnahme der be⸗ wegten, großen Welt dafür. Urig daneben laßt der mächtigen Stadt dieſe Geburt der freien Phantaſie, die Schöpfung des Blutes, was in den Adern hüpft, was Glanz und Reiz und bunte Fernſicht wünſchet, laßt ihr Oper und Ballet. Sie ſind die heitere Ver⸗ ſpottung der Convenienz, der engen Regel, der Po⸗ lizeilichkeit, man ſieht, man hört, man träumt, man läßt den Sinn ſpielen, man vergißt, man iſt nicht in Anſpruch genommen und doch nicht müßig, man empfängt Mährchengebilde, phantaſtiſche Reiche. Womit könnt Ihr das ſonſt zu Stande bringen? Etwa mit Raupach oder mit der Orthographie? Geht!. — 440 In unſrer Loge war auch ſehr unerwartet ein Mährchengebild empfangen worden. Mab blieb bis zu Ende der Oper die Liebenswürdigkeit ſelbſt gegen Cäſar; als man aufſtand, um fortzugehen, als Cäſar mit ſchäͤkernder Sicherheit ihr den Arm bot, lächelte ſie, deutete auf Hulda, hob dieſer den ſchwarzen Schleier auf, und ſagte: Lieber Cäſar, dieſe Dame iſt ſo hübſch wie ich, und die Oper hat mir uner⸗ wartete Nachrichten aus England gebracht, ich reiſe ſogleich und habe keine Zeit zum Heurathen. Damit ſchlüpfte ſie nach der Thür. Cäſar, man muß es geſtehen, war ein Mann von Faſſung, er hatte ſich daran gewöhnt, mit einer einzigen Karte Alles umſchlagen zu ſehn, er ſah Hulda lachend an, bot ihr den Arm und ſagte: Du haſt dies wahrhaftig geſcheidter angefangen, als ich Dir zugetraut hätte. Vor der Logenthür war wirklich der Student aufpoſtirt, und er gab ſich mühſam ein Anſehn, als ob er Muth hätte. Mab fragte ihn ſchnell, ob 441 er engliſch verſtünde, er antwortete in der Geſchwin⸗ digkeit„Bitte recht ſehr,“ ob er ſie hinunter zu ihrem Wagen führen wolle? Da dieſe Frage eben⸗ falls engliſch geſchah, ſo antwortete er noch einmal daſſelbe; Mab's Diener war aber zur Hand, und ſie verſchwand mit dieſem. Hulda ging an Cäſars Arm vorüber, es war dem Studenten zu verzeihn, daß er ſich nicht ſchnell orientiren konnte. Die ſtarke Tante trat auch aus der Loge, lächelte entſchieden ſüß dem herbei eilenden Baron entgegen, und fragte, auf Hulda weiſend: Iſt denn dieſe die Engländerin? Nein, meine Gnädige, dies iſt eine parvenue, ein Orangemädchen von Geburt. Fi donc, mon é6poux, wandte ſie ſich zum ſchüchter⸗ nen Gatten, zu welchen Betiſen verleiten Sie! Die arme kleine Madame im Parterre war durch das moderne Streben ihres Begleiters ohne Führung, der zweifelhafte Referendarius, welcher einen Augen⸗ blick in der Loge geweſen war, hatte dies mit ſeiner guten Lorgnette bemerkt, er eilte hinzu, bemächtigte ſich ihres Armes, tröſtete, und unterrichtete ſie. 442 — 7 Der Student, als er ſich allein auf der Straße fand, begriff äußerſt deutlich, daß es zur völligen Modernität und zum Leben in der großen Stadt unerläßlich ſei, engliſch zu verſtehen. Er nahm ſich das ernſtlich vor, und als er auf Umwegen ſpät nach Hauſe kam, fand er ſeine Wirthin und das Ausbleiben der Madonnentochter ſehr ſonderbar. 4 3 18. ³ Potsdam. Die Leute haben ſich etwas Wegwerfendes über Potsdam angewöhnt, weil es nur das Komma ſei, was zu Berlin, der Reſidenz gehöre. Ich bin immer ganz andrer Meinung geweſen, ich habe nie begriffen, warum Potsdam nicht Berlin ſei: es iſt an einem See, an der bedeutenden, direkt in die Elbe mün⸗ denden Hadel gelegen, es hat eine ſchöne Gegend, und iſt vier kleine Poſtmeilen näher am deutſchen Reiche. Man vergleicht es gewöhnlich mit Ver⸗ ſailles, und der franzöſiſche Geſchmack, in welchem Anlagen und Schlöſſer erbaut ſind, das Reſidenz⸗ verhältniß berechtigt vollkommen dazu, aber als Po⸗ V. 29 444 ſition iſt Potsdam viel mehr als Verſailles. Ver⸗ ſailles iſt blos ein Audienzſaat, Potsdam kann eine Handelsſtadt ſein; die Kaufleute ſagen: wenn die Eiſenbahn fertig iſt, ſo wird Potsdam der Hafen von Berlin. Ich verſchweige indeſſen nicht, daß erfahrene Leute die anſpruchsloſe Spree der Havel vorziehn, ſie iſt ein beſcheidenes, ſtets zuverläſſiges, ſtets fahrbares Waſſer; die Havel wird am meiſten von den Malern verehrt, Malerei und Schifffahrt harmonirt doch aber ſelten in den Anſprüchen. Ich war immer nur mit der Poſt durchgefahren, und kannte nur einen Ausſchnitt dieſes Seethals, jetzt wollte ich mir einen ganzen Potsdamer Tag machen, da die Maiſonne ſchien und Pfingſten etwas Beſonderes verlangte. Es ging raſch über die Ber⸗ liner Gebirge— weſtlich von Berlin ſteigt auf aus gutem Streuſande der Kreuzberg, welcher die Eiſen⸗ pyramide der Befreiungsſchlachten trägt; deſſen Ver⸗ längerungen beunruhigen das Dorf Schöneberg mit kleinen Hügeln, und jeder Poſtillon klagt darüber; Schöneberg mit ſeinem Bergwappen im Namen iſt 445 einzig weit und breit; nur ganz unaufmerkſame Rei⸗ ſende überſehen dieſe Berge völlig. Es erinnert mich dieſe Gegend bis an den Wald von Potsdam, welche man in Ermangelung eines geringeren Ausdruckes Gegend nennen muß, an alte Damen welken Antlitzes, die auch exiſtiren wollen, aber der Frühling mit Saat und friſchem Laube hat ihnen ſo viel Kouleur gegeben, daß man unge⸗ ſtört vorüberziehen kann. Alsdann beginnt ein wirk⸗ lich hügliges Land mit bewaldeten Bergen und dunklen Seen, und wenn ſich die Höhe hinunter öffnet nach Potsdam ſelbſt, ſo ſieht man überraſcht eine andere Welt: ein See, eine prächtige Brücke drüber hin, Bergeshänge rings umher, darauf Luſt⸗ ſchlöſſer alten und neuen Stils, Thürme, Palläſte, lieblich verſtreut, nicht maſſenhaft aber mannigfaltig entgegentretend— die Welt Friedrichs des Großen. Er iſt bekanntlich in Berlin immer nur zum Be⸗ ſuche geweſen, und hat in Potsdam gewohnt. Dieſe Stadt mit ihren Kanälen, Brücken, ſtolzen Straßen und Gebäuden iſt eine Schöpfung Friedrich Wilhelms 446 des Erſten und beſonders ſeines Sohnes, Friedrichs des Großen. Er hat ganze Straßen erbauen und die Häuſer dann vertheilen laſſen, nichts iſt ſo theuer in Potsdam als der Menſch; denn eigentlich voll iſt es noch immer nicht, obwohl auch die folgenden Regenten es reichlich bedacht haben. Das iſt ein Naturgeſetz, was Niemand brechen kann: wo Viel iſt, da ſammelt ſich auch mit Leichtigkeit Mehr, der große Staat, die große Stadt entziehen den benach⸗ barten kleinen auch das Verhältnißmäßige, weil die Anziehung in geometriſcher Progreſſion wirkt neben der arithmetiſchen alles Mittelmaaßes. Anfänglich war das überwuchernde Binnenwaſſer zu überwinden, was die Gegend in Sumpf und Bruch verdünnte; dies iſt beſiegt, und aus dem Siege wuchert jetzt eine um ſo reichere Gras⸗ und Baumvegetation; ſpäter müßte Berlin überwunden werden, und die Hoffnung darauf hält wohl noch eine zeitlang vor. Was man übrigens erzählt hat, daß manche Straße Potsdams blos Facaden ent⸗ hielte, hinter welchen kein eigentliches Haus zu fihen 447 ſei, das iſt eine Verläumdung. Wenn auch nicht viel dahinter iſt, ein Haus und ein Bewohner doch. Vielleicht in dieſer Ideenverbindung heißt das erſte Gaſthaus„der Einſiedler“, das beſcheidenſte und angemeſſenſte Schild, wenn man Langeweile und ſchlechte Bedienung finden ſollte. Uns wurde es beſſer, der Tag hatte ſein Ereigniß: die Prin⸗ zeſſin Helene von Meklenburg war eben eingetroffen auf ihrer Reiſe nach Frankreich, wo ſie Ludwig Philipps Sohn, den Herzog von Orleans heurathen wollte. Da gab's Vergleiche und Muthmaßungen in Fülle, das Schickſal der deutſchen Prinzeſſinnen in Frankreich, der Anna von Oeſterreich, der Marie Antoinette, der Marie Luiſe kam in Rede, und der Muth einer neuen Braut ward hin und her beſprochen. Angeſichts jenes Paradeplatzes, nach welchem man unglücklich ſpöttiſch Friedrichs des Großen Armee die Wachtparade von Potsdam genannt hatte, ſind poli⸗ tiſche Combinationen zuerſt am Platze, und man läßt ſich an der Wirthstafel im Einſiedler mehr als anderswo gefallen. Es cirkulirten Briefe von der 448 muthmaßlich nächſten Königin von Frankreich, welche von einem feſt gebildeten Charakter zeugten und von ungewöhnlicher Theilnahme an Literatur. Ein poli⸗ tiſcher Enthuſiaſt aus der Priegnitz war zugereiſ't, um ſie zu ſehen, er war ſehr unruhig, und trieb, hinüber auf den Paradeplatz zu eilen;„der erſte Stock, wo eben Kour gehalten wird, iſt niedrig, man kann ſie am Fenſter erblicken, und bedenken Sie, welch eine wichtige hiſtoriſche Figur kann die Dame werden! Man müßte ſich ſpäter Vorwürfe machen, hätte man's verſäumt. Hätt' es oft haben können, Meklenburg iſt nur einen Katzenſprung von mir, aber bis jetzt waren ja nur die Pferde Mek⸗ lenburgs ein hiſtoriſcher Moment, ich thörichter Menſch, aber laſſen Sif uns eilen.“ Das Schloß in der Stadt iſt ebenfalls, wie alles Uebrige, in franzöſiſchem Geſchmacke erbaut; durch⸗ brochne Säulengänge umkreiſen es und bilden die intereſſanten Durchſichten, rahmen die artigen Bilder der Umgegend ein, werfen ein belebtes Schattenſpiel auf die Gebäude. 449 Allerdings hat dieſe Bauweiſe etwas vom Detail⸗ geſchmack der Chineſen, der Stil iſt nicht groß und erhaben, aber es iſt ein Stil, und ein ächter. Der Anfang des modernen Lebens unter Ludwig XIV., wo ſich die Geſchichte aus der überlebten Allgemein⸗ heit in tauſend neue Beſonderheiten rettete, iſt darin ansgeprägt; das ſpielende Gefallleben, was doch Mil⸗ lionen koſtete, das Kokettiren mit Gelehrſamkeit, was doch geiſtreich war, die moderne Bequemlichkeit, die doch auch glänzen wollte, es iſt Alles ausgedrückt in dieſen niedrigen aber ſteinernen Häuſern, die halb Fenſter, halb Durchſicht ſind, in dieſen Zimmern, welche mit hundert kleinen Goldleiſten und Schnör⸗ keln die Summe verbergen, welche darauf verwen⸗ det iſt. Möge der Werth dieſer Bauweiſe herabgeſetzt ſein, ſobald man den Maaßſtab des klaſſiſchen Ge⸗ ſchmackes daran legt, ſie behält immer den Werth des Charakteriſtiſchen, und ſie iſt mir darum oft intereſſanter als manche jetzige, weil ſie doch wirk⸗ . 450 lich ein wahrer Spiegel ihrer Zeit, weil ſie deshalb ein wirklich lebendiges Geſicht iſt. Jede Nachbildung, auch die des ſogenannten Klaſſiſchen iſt eine ſchöpferiſche Armuth— wir müſſen ſo lange betteln, bis wieder ein überwäͤltigendes Dogma durch all' unſere Lebenskreiſe gebrochen iſt. Was hilft es Euch jetzt Kirchen und Schlöſſer zu bauen! ſeid noch ſo rein gothiſch oder byzantiniſch, oder ſo geſchickt durcheinander griechiſch, römiſch und italieniſch, ein wirklich herrſchend Gebäude bringt Ihr nicht zu Stande, denn die heutige Weltſeele iſt noch zerſplittert; erſt wenn alle die Einzelnheiten wieder zu einem Glauben verdichtet ſind, erſt dann werdet Ihr ein Haus finden. Denn auch das Haus muß mitten aus der Seele einer Zeit wachſen, wenn es ächt und gewaltig ſein ſoll. Jetzt baut Ihr nichts als Studien, und in dieſem Betrachte mögt Ihr Klenze loben, daß ſein Talent eine gebieteriſche Dar⸗ ſtellung im Ganzen zu bilden verſteht, und mögt Schinkel preiſen, daß er im Einzelnen fein und ſchön zu ordnen weiß; Originale habt Ihr nicht. Bil⸗ 2 451 dende Talente, bearbeitende Talente gehen jetzt durch alle Fächer unſrer Geiſtigkeit, durch die Kunſt der Schrift, durch die Kunſt der Farbe und des Steins und durch die Kunſt des Tones, aber das Genie iſt noch in den tauſend neuen Atomen unſrer Zeit verſtreut, es hat noch keinen Leib gefunden. „Das iſt ſie! Nein, auch nicht— aber dieſer Rücken gehört ihr! Nein, nein!“ Der Priegnitzer hatte viel Noth, wir ſahen vom Parxadeplatze aus den Hof an den Fenſtern ſtehn, oder in den Ge⸗ mächern hin⸗ und herziehn, aber die Dauphine ließ ſich nicht entdecken; endlich verſchwand Alles zum Dejeuner, und der Priegnitzer ward ſchwermüthig. Er ließ ſich in eine Verſchwörung mit dem Lohn⸗ bedienten ein, um ein Attentat des Anblicks auszu⸗ führen, wir aber fuhren nach dem neuen Schloſſe hinaus, was jenſeits Sans sousi hinter einem weiten, grünen Parke liegt. Friedrich der Große hat es nach dem ſiebenjährigen Kriege erbaut, um der Welt zu zeigen, daß er noch ſtark bei Kaſſe ſei, und es iſt wirklich das brillanteſte Schloß von allen. Drei 45² Damen, welche rückſichtslos aller Welt das hintere Profil zeigen, tragen auf dem Gipfel des Schloſſes die Krone. Sie ſind eine verkörperte Anekdote des alten, derben Herren, dem die Weiber nicht mit Liebe aber mit Haß viel zu ſchaffen gaben, und der deshalb ſtatt der Sonette Witze auf ſie zu machen pflegte. Bekanntlich ſoll er einſt zu ſeiner Wirthin in Leipzig, als er das Winterquartier bezog, geſagt haben: Wie ſoll's Einem gehn, der zwei Weiber auf dem Halſe und die Franzoſen obendrein hat! Und hier auf dem Gipfel des neuen Palais ſoll er denn auch zu Trägern ſeiner Krone die Maria The⸗ reſia, die Katharina und die Pompadour erwählt haben. Die artigere Deutung von heute ſagt natür⸗ lich, es ſeien die drei Grazien. Nur in der Mangeuvrezeit hat er hier gewohnt, und ſeine Generale beherbergt. Ich erzähle nichts von den prächtigen Sälen, von der ſtillen poetiſchen Ausſicht— auf der einen Seite ſtehen jenſeits eines großen Platzes als Vorhallen dieſes Schloſſes zwei ſchlanke Schlöſſer, zu welchen hoch hinauf kühn 453 gewundene Steintreppen à jour gefaßt ſpringen, ein hohes gedankenleichtes Portal verbindet ſie, und rahmt in ſeiner runden Lichtung das fernehin lau⸗ fende grüne Land zum luftigſten Bilde. Vom Schloſſe aus, was nur lange Fenſter zu Thüren hat, ſieht man hindurch in den ruhigen Abend⸗ glanz, Wölkchen ſegeln, die Havel mit Schiffen glänzt am Horizonte, die lebendige Tagesruhe lagert frei und lockend vor dem Auge. Auf der andern Seite ſchlummert ein grüner Platz bis an den grü⸗ nen ſingenden Park nach Potsdam hinüber. Mit⸗ ten darin ſchläft das kühle Marmorhaus mit Rauch's ſchneeweißem Steinbilde der Königin Louiſe. Dies tadelloſe Kunſtwerk, eine moderne Göttin, die von einem lachenden Himmel träumt und keinen Tod kennt, erfriſcht wie das Wehen einer andern Welt. Als die Franzoſen nach Potsdam gedrungen ſind, i*ſt ihnen dieſer ſtille Tempel lange Zeit völlig ent⸗ gangen, die Bäume haben ſich ſo hoch und ſo dicht mit ihren Aeſten drum geſchaart, um dies Heimaths⸗ gut vor Fremdlingen zu ſchützen, daß Niemand das 454 Daſein dieſes Heiligthums geahnet hat. Ein Pots⸗ damer ſoll es verrathen haben.. Mein Intereſſe ging nur auf die Zimmer des alten Friedrich. Auf gleicher Erde ſind ſie in einer Ecke des Schloſſes, eben auch nur eine bis unten gläſerne Glasthür trennte den König von demjenigen, der hier promeniren wollte. Ein Paar Schritte nur von des Königs Fenſtern ſchwanken die grünen Sträucher und Aeſte des Parks, faſt unmittelbar im jungen Walde ſaß er und regierte. Ich muß geſtehn, daß ich bei dieſem ungemel⸗ deten Beſuche den alten Fritz ganz anders gefunden habe, als ich mir vorgeſtellt hatte. Man traͤgt vie⸗ lerlei kindiſche Antipathien durchs Leben, deren äußere Narbe die Einſicht wohl ſchließen, deren eigentliche Wunde aber keine Belehrung heilen kann. So iſt es mir immer mit Karl dem Großen und lange Zeit auch mit Friedrich dem Großen ergangen; jener behält ſtets etwas unbeſiegbar Philiſterhaftes für mich, und ich werde die Vergleichung eines ſtark gewachſenen Hausvaters nicht los, der im Hauſe eine 455 kurze Jacke trägt und den Tag über tüchtig wirth⸗ ſchaftet und kalfatert, Abends aber beim Kaminfeuer noch etwas Belehrendes aus der Poſtille vorleſen läßt; die Töchter und Dienſtboten machen dabei Rüben rein fürs nächſte Mittageſſen, und Meiſter Karl ſchilt ſie mitunter, wenn ſie ſich etwas zuflü⸗ ſtern und nicht recht aufpaſſen. Ehe ſie ſchlafen gehn, examinirt er ſie, dann zieht er ſich eine Zipfel⸗ mütze über die Ohren, zieht die Schwarzwälder Uhr auf, ſtellt den Wecker, legt ſich ſchlafen, und ſchläft, unbeweglich auf dem Rücken liegend, die Haͤnde auf der Bruſt kreuzend, bis Morgens halb Vier der Wecker lärmt. Anders freilich, intereſſanter, aber unbehaglich dachte ich mir die Exiſtenz des alten Fritz: der Spaniol, den er aus der Taſche ſchnupfte, das ſtrenge Geſicht, die kurze ſchneidende Abfertigung, das immerwährende Beſchäftigtſein, die dürren Wind⸗ hunde an allen Ecken, das einſame Junggeſellenle⸗ ben, die franzöſiſchen Bücher, das Franzöſiſch⸗Schrei⸗ ben, der Krückſtock, Alles zuſammen ſchuf mir eine 156 Unbehaglichkeit, ein gewiſſer Eindruck der Dürre ver⸗ ließ mich nicht beim Gedanken daran. Die ſchle⸗ ſiſche Heimath, wo er die meiſten Verehrer hat, wie der Liebhaber von ſeiner Eroberung am meiſten lieb gehabt wird, mochte wohl gegenſätzlich dazu beitragen; wo man hinſah hing der Schimmeleng⸗ länder mit dem alten Herren; ein Prediger meiner Vaterſtadt, Buguvi, hatte vier magre Bände über den ſiebenjährigen Krieg geſchrieben, die mußt' ich immer wieder leſen, wenn ich gern etwas anders geleſen hätte, ich verwünſchte den ſiebenjährigen Krieg ſo gut ich konnte, obwohl ich nie begriff, wie man bei uns jemals hätte öſtreichiſch ſein können, obwohl mir die Oeſtreicher ſo fremd und fern vor⸗ kommen wie die Aegyptier. Ich hatte nun einmal die Antipathie. Als mir der Großvater erzählte, daß ihn der alte Fritz bei Glogau einmal umgerit⸗ ten, und ich wegen des hartnäckigen Nichtbegreifens, daß dies eine angenehme hiſtoriſche Erinnerung ſei, gar Prügel bekam, da niſtete ſich das Vorurtheil erſt recht feſt. 457 Spaͤter, bei genauerer Kenntniß dieſes Geiſtes, der ſich einem wie eine eiſerne Stange in die Hand drückte, kam wohl der Reſpekt, aber mehr nicht. Hierbei mochte nun die Literatur mit einwirken, welche den Idealismus in uns prägte und keine Charakteriſtik verſtand und gab; welche ſich auch nebenher beſchwerte, daß der alte König von unſrem Dichterfrühling keine Notiz genommen und immer nur die franzöſiſchen Alexandriner gelobt habe. Noch ſpäter erſtaunte ich über den ſchöpferiſchen Nerv des Mannes auf dem Schimmel, begriff ich das Ganze, Geſchloſſene ſeines Weſens aus ſeiner franzöſiſchen Verſtandesbildung— und dennoch war mir für dieſen Beſuch eine große Ueberraſchung vor⸗ behalten: ich fand die beiden Wohnzimmer des Kö⸗ nigs behaglich, comfortable. Das hatte ich durch⸗ aus nicht erwartet. Alle Ueberlieferung ging auf cyniſche Gewohnheiten, und was entferntere äußer⸗ liche Umgebungen beträfe, dafür dachte ich mir die Repräſentativwohnung des geputzten Frankreich, in 3 8 458 der man ſich nicht anlehnen darf ,‚ in welcher das Gemach wichtiger iſt als der Bewohner. Nichts davon! Das Wohnzimmer des Königs im neuen Schloſſe iſt ein kleines lauſchiges Kabinet, ein Arbeitstiſch vor bequemem Sofa, bequeme Lehn⸗ ſtühle ſtehn an der Wand; handlich vom Sitze aus zu erreichen, lächelt die kleine Handbibliothek; ein großer zerwühlter Seſſel für die Windſpiele ſteht neben dem Kamine; eine Büſte Ciceros winkt über der Thür; der Schatten des Gebüſches ſpielt im Zimmerchen umher; ein ganz behaglich deutſches Wefen webt und weht, die ſtille deutſche Muſe lockt, ſich niederzuſetzen, deutſche Gedanken zu ſchreiben. Im kleinen Nebenzimmer ſteht der kleine Schrank, welcher ſonſt die unſcheinbare Garderobe des großen Königs enthielt. Kein beſcheidner Refe⸗ rendarius unſrer Tage, welcher einige Familienbe⸗ kanntſchaften hat, brächte ſeine Equipage darin unter; lachend hüpfen alle die kleinen Geſchichten auf unſre — — 459 Schulter, daß für die gewöhnliche Benutzung nur zwei Beinkleider vorhanden geweſen, daß es einſt ernſte Debatten gegeben habe, ob ein neues ange⸗ ſchafft oder das alte gewendet werden ſolle. In einem kleinen Bezirke drängen ſich dieſe Appartements, ein Schlaf⸗, Wohn⸗, Muſik⸗ und Audienzzimmer zuſammen; von dem großen Schloſſe hat der Herr für ſich nur einen kleinen Winkel benutzt, aber dieſer Winkel iſt ſo gemüthlich deutſch, wie man ihn nur bei einem deutſchen Schrift⸗ ſteller ſuchen möchte, der Lieder und hiſtoriſche Romane ſchreibt, und von Durchreiſenden eine Viſite annimmt. Und es hat alljährlich zur Herbſtzeit der Herr damaliger deutſcher Hiſtorie ſelbſt hier ge⸗ wohnt. Ein kleines Theater, was in dieſem Schloſſe iſt, hat mich eigenthümlich angemuthet: der alte Fritz nämlich hat hier oft allein geſeſſen, und einer Komödie zugeſehn, höchſtens hat er einige oder eine Anzahl der Offiziere und was eben vom Mannsperſonale dageweſen iſt,— zugelaſſen„eine v. 30 460 Dame hat niemals ihre Toilette hier entfaltet in jener Zeit. Napoleon iſt zweimal in dieſem Schloſſe gewe⸗ ſen, das zweite Mal hat er es ganz allein durch⸗ ſtrichen; bekanntlich hegte er ſtets ein großes Inter⸗ eſſe für den alten Friedrich. Als Vandamme vie⸗ lerlei weggenommen hatte an Koſtbarkeiten und Merkwürdigkeiten, um Paris damit zu bereichern, befahl der Kaiſer die ſofortige Zurückſendung der Gegenſtände. Sie waren ſchon in Magdeburg, und Vandamme, in äußerſtem Grimme über den Befehl, verſprach dem Schloßkaſtellane eine Kugel vor den Kopf, ſobald er wieder nach Potsdam käme. Das Schickſal brachte ihn auch wirklich noch einmal hin, aber er war gefangen, und reiſ'te nach Sibirien. Der Kaſtellan hat ſeinen Kopf bis heute behalten. Auch die franzöſiſchen Officiere bewieſen ein ſpeci⸗ elles Intereſſe für den alten König, wie es ſonſt gar nicht ihre Weiſe mit Ausländern iſt. Der kleine Arbeitstiſch des Königs iſt mit einem grau⸗ gelben Sammtſtoffe überzogen, und mit einem gro⸗ 461 ßen Tintenflecke gezeichnet, der dem alten Herrn einmal paſſirt iſt— von dieſem Tintenflecke hat ſich der Franzoſe ein Stück ausgeſchnitten, und dies derbe Facſimile als Beute mitgenommen. Einen kleinen Kanonenſchuß abwärts, nach der Stadt zu, liegt auf dem Parkhügel Sansſouci. Als wir hinfuhren, begegnete uns der Priegnitzer, ganz in Schweiß gebadet, dem Lohnbedienten vorauseilend; er jagte im Schweiße ſeines Angeſichts nach dem hiſtoriſchen Momente, nach dem Anblick der Dau⸗ phine. Zum Sprechen hatte er nicht Zeit, er deu⸗ tete nur auf einen in der Ferne haltenden Sechs⸗ ſpänner, drückte mit einer Kreisbewegung des Zei⸗ gefingers aus, daß die Prinzeſſin Schlöſſer und Anlagen in Augenſchein nähme, und flog fürbaß. Der Lohnbediente lächelte; ich fürchte, er trieb ſein Spiel mit dem hiſtoriſchen Enthuſiasmus der Priegnitz. Ich ſage nichts von der bekannten Windmühle bei Sansſouci, ſie exiſtirt wirklich, und geht noch, wenn der Wind geht; auch iſt ſie ein monſtreuſes, 462 größtentheils gemauertes großes Ding, ein Denk⸗ mal plebejiſchen Eigenſinns. Auch Sansſouci, wie ganz anders habe ich mir's vorgeſtellt! verſteckt, beſcheiden, unſcheinbar, bürger⸗ lich. Beſcheiden iſt es, aber die Beſcheidenheit in⸗ mitten des größten Reichthums: der ſchönſte Punkt von Nordoſtdeutſchland, den ich noch geſehen. Ter⸗ raſſen heben ſich vom Parke zu einem hohen Hügel hinauf, hier ruht es lächelnd, ein großer einſtöckiger Pavillon mit Glasthüren, ein Sommerhaus, in welches die Wache hineinblicken konnte, um zuzu⸗ ſehn, wie man ein Reich ſchuf und regierte: Und doch hat keine recht aufgepapt, es hat's dem alten Könige noch Niemand abgeſehen und nachgemacht. Von dieſen Fenſtern, von dieſer oberſten Terraſſe aus hinab über Wald, Wieſe und Waſſer bis an die im Mittag abſchließenden Brauhausberge das geſchloſſenſte Bild einer vollen, dicht beſetzten Land⸗ ſchaft. Vorn unter den Terraſſen, wo hinter dem Treibfenſter die Weine Siciliens reifen, lachen die grünen Plätze und die weißen Statuen des Par⸗ 463 kes, links im Grunde treten neugierig Thuͤrme und Palläſte Potsdam's hervor, friſcher Wald und dunkler Waſſerſpiegel locken das Auge weiter und weiter. Und wie wohnlich iſt der alte Herr hier einge⸗ richtet: ein großes Zimmer iſt das ſeine, die Möbli⸗ rung iſt einfach, aber bequem, über dem Polſter⸗ ſofa hängt das einzige Bild, es iſt der lebensgroße Guſtav Adolph, in Rüſtung herabblickend. Zwiſchen zwei Säulen hindurch, welche ein Vorhang verbin⸗ det, ſieht man in einen breiten Alkoven, dort ſtand ſein Bett, in welchem er nur fünf Stunden ruhte, am Kamin ſtand der Lehnſeſſel, in welchem er krank ſaß, auf's Thal hinunterblickte zum letzten Male, und mitten in einer warmen Sommernacht am 15. Auguſt 1786 verſchied. Eine zierliche Uhr ſteht noch heut' im Zimmer, welche bei ſeinem letzten Hauche ſtehn geblieben und ſeit jener Zeit nicht mehr aufgezogen iſt; ſie weiſ't wie ein Todesfinger heute noch die Sterbeminute, fünf Minuten über ein Viertel Drei. 464 Solche Anzeichen, wenn ein Cäſar ſtirbt, rächen ſich gern an unſerm nüchternen Geſetze; wir erzäh⸗ len ſie und leben nüchtern weiter. Früher war der Sturm, ein Rabe oder Geier oder ein Himmelszeichen ſehr beliebt, in moderner Zeit haben ſich beſonders die Uhren, die aus Genf und von Breguet in Paris, mit den Geiſtern aſſociirt und ſpotten unſrer. Starke Menſchen ſterben nicht gern im Bett, der alte Friedrich verſchied auch halb aufrecht, noch als zuſammengeſchrumpfte Leiche ein herrſchend, ge⸗ bieteriſch Bild. Er ſoll ſeinem Kammerdiener befoh⸗ len haben, die entkleidete Leiche Niemand ſehn zu laſſen, und nur ein einziger Menſch, dem der Kam⸗ merdiener nicht wehren durfte, habe das Leichen⸗ tuch auf einen Augenblick gelüftet. In dieſen Zimmern ſteht noch Alles unverrückt, wie es der Herr verlaſſen hat. Der jetzige Kronprinz bewohnt öfters zur Sommerzeit die anſtoßenden Gemächer. An das Wohnzimmer des alten Königs ſtößt ein kleines Bibliothekzimmer, was ganz mit Zedern⸗ 465 holz getäfelt iſt, und die franzöſiſchen Bücher ent⸗ hält, von denen in all ſeinen Wohnungen ein Exemplar ſtand. Es gibt einen ganz eigenen Ein⸗ druck, wenn man auch die alten griechiſchen und römiſchen Bücher, unſre Schulfreunde, franzöſiſch vor ſich ſieht, Cicero de officiis als Cicéron sur les offices und Aehnliches, als wären die Herren aus Sekunda und Prima in geſtickte Kleider und Perücken gerathen, um nach Hofe zu fahren. Wenn man mit dem Rücken nach der Ausſicht vor Sonsſouci ſteht, ſo iſt des Königs Wohnung auf dem rechten Flügel des Hauſes; das Eckzimmer des linken Flügels war Voltaires. In der Täfelung deſſelben hat der König all ſeiner Schalkslaune den Zügel gelaſſen: grüne Papagaien öffnen ihre ge⸗ ſchwätzigen Schnäbel, Eichhörnchen knubbern um⸗ her mit ihrer Naſchhaftigkeit, der magere Affe ſelber, der lüſterne und bewegliche, hüpft bald hier, bald da.. Zum Erſtaunen iſt's übrigens, wie nah gerückt die berühmten Männer gewohnt haben, wenn ſie 466 in Sansſouci wohnten: dies luftige Sommerſchloß iſt etwa zwölf breite Fenſter und einige Glasthüren breit, wenn Einer aus ſeinem Zimmer heraustrat auf die Terraſſe, ſo ſah er den Andern, und wurde ſicherlich geſehn. Es gehörte zu ſolcher Exiſtenz die ganze Bewaffnung franzöſiſcher Kultur, welche das kleine Esprituhrwerk den ganzen Tag über aufge⸗ zogen hält, jeden Augenblick die Taſche voll kleiner Gedankenmünze hat, und die deutſche und engliſche zurückgezogene, ſpinnende, ruhende Sinnigkeit nicht braucht. Solche Exiſtenz gehört auch durchweg in dieſe à jour gefaßten Schlöſſer, die jedenfalls nur für einen König oder ſonſt große Herrn taugen, der Wachen ausſtellen und ſich vor Zudringlichkeit ſchützen kann. Aber auch unter dieſem Schutze fehlt's an poe⸗ tiſcher Verborgenheit. Die Wachen ſind ja doch auch lebende Weſen, und die beſten und tiefſten Einfälle und Stunden kommen dem Menſchen nur, wenn ſonſt Niemand kommen kann, auch nicht ein gleich⸗ gültiger Blick, auch nicht die Möglichkeit eines 467 Blickes. Das Innerlichſte iſt ſchamhaft, was nur im Dunkeln heraus tritt; ſo iſt das Herz, ſo iſt das Herz des Geiſtes, denn der Geiſt, wel⸗ cher in Deutſchland Geiſt genannt wird, hat auch ein Herz. Dies harmonirt aber genau mit der franzöſiſchen Wohn⸗ und Lebensweiſe jener Zeit: der Geiſt war nur ein Geſellſchafter, auch wenn man in eine ſo⸗ genannte Einſamkeit ging; man ſpielte nur Ein⸗ ſamkeit, oder brauchte ſie nur als Gegenſatz von Beſuch. Man wollte nicht eine Welt finden, ſon⸗ dern nur eine verbrauchen oder beſchreiben, die man ſehr gut kannte, jusqu'au fond kannte. Soll ich noch einer römiſchen Ruine gedenken, die künſtlich erbaut iſt auf einem noch höheren Hügel hinter Sansſouci? Die franzöſiſche Bildung hat immer eine alte Vetterſchaft für Rom in Anſpruch genommen, handelnd, im alltäglichen Sinne des Worts proſaiſch, kurz und ſchmal im eigentlichen Kulturleibe, hat der Franzoſe viel Aehnlichkeit mit dem Römer; der Gedanke Roma heißt jetzt Paris, 468 auch wenn die Legionen nur Modekupfer wären. Die Corneille, die Racine, die heroiſchen Vergleiche, ſie hielten ſich meiſt im alten Rom auf— ſo ſind die römiſchen Mauerſtücke auf einen Potsdamer Berg gekommen. Es iſt ein Aquädukt damit in Verbindung geweſen, der märkiſche Neptun hat's aber nicht gewollt, und die Inſtrumente ſind beim erſten Verſuche zerplatzt. Ich kann das dem Neptun nicht verdenken, denn Kühlung braucht man in einem Lande wenig, wo acht Monate lang eingeheizt wer⸗ den muß, und obwohl der römiſche Berg kahl⸗ römiſch genug ausſah, und die dürren Nadelholz⸗ bäume aus der Entfernung für Piniengebüſch paſſiren konnten, es wehte doch ein ſo flanellbedürftiger, er⸗ frorner Frühling, daß man die Lenzgenüſſe im Mantel ſuchen mußte. Ungedeihlicher Norden! Wenn man aus dem Thale hinaus wieder auf dem Wege nach Berlin iſt, da erſtaunt man von Neuem über den preußi⸗ ſchen Gedanken. Dieſer Staat iſt ein unverfälſchter Triumph des energiſchen Gedankens, mitten aus 469 der Sterilität heraus ein ſtarkes Reich zu ſchaffen. Es iſt wohl erklärlich, daß der Südländer, welcher in feiſter, ſchaffender Natur ſitzt, und dieſe Natur allnächtlich das zeugen und darbieten ſieht, was er ſelbſt verſäumt, daß der Südländer Friedrichs Armee die Wachtparade von Potsdam nennen konnte, daß ihm der Glaube abging, aus der Unergiebigkeit werde eine Macht wachſen. Aber der Mangel iſt noch immer erfinderiſcher, thätiger und unternehmender geweſen als der Reichthum, die erſte kühne Erobe⸗ rung iſt ſtets von den mageren Ländern ausgegan⸗ gen, aus dem gebirgigen, ſterileren Perſis, aus Macedonien, aus dem wüſten Norden, aus der wüſten aſiatiſchen Steppe. Ich habe mit vielem Lichte gemalt, deßhalb ſoll der Schatten Berlins nicht geläugnet werden, ich hielt es aber für die eigentliche hiſtoriſche Phyſiogno⸗ mie nicht nöthig, ihn ſtark hervorzuheben. 470 Der Berliner iſt grob, zankſüchtig, ohne Sen⸗ timentalität, eitel, exkluſiv. Das letzte Wort liebt er ſehr, ohne zu wiſſen, was es bedeutet;„dies find' ich ſehr exkluſiv“ iſt ein gewöhnlicher Aus⸗ druck, wenn er ſich in die Bruſt wirft. Die ganze nordiſche Volksgemeinſchaft hat nicht Fülle und Unterſtützung gehabt von Außen, um alle Innerlich⸗ keit eines Menſchen zur weichen, wohlthätigen Ge⸗ ſtalt auszubilden, ihr Verhältniß zur Erde iſt von Hauſe aus ein Kampf; ſo iſt alle Exiſtenz eine geharniſchte, der Geiſt ein Deſpot geworden, das Herz macht ſich nur im Gedichte geltend, oder als eine Erwähnung, nicht als eine Thatſache, oder bei den Zurückſtehenden als ein Extrem, nämlich als Sentimentalität. Auch die Sentimentalität in unſrer Literatur war aus dem Norden; diejenigen Volks⸗ ſtämme, wo das Leben ein natürlicher, von Blut und allerlei Nahrung durchſtrömter Körper iſt, ge⸗ rathen nicht auf ſolche Krankhaftigkeit. Eben ſo wie ſie am andern Pole niemals zu ſo großer Kraft⸗ anſtrengung des Willens, des Geiſtes, der That 471 gedraͤngt ſind; ihr Leben iſt eine erfüllte Ueberein⸗ ſtimmung mit einer vollen, reichen Welt, die ſie nährt und trägt. In den Wüſten entſprang von jeher auch die Weltſpekulation; von den zurückge⸗ zogenen, einſam büßenden und entbehrenden Brah⸗ minen ſtammt das innere Leben Aſiens, aus dem todten, traurigen Aegypten ſtammt das Judenthum und Griechenland. Chriſtus ſammelte in der Wüſte den Gedanken einer neuen Welt, der entbehrende Stoiker ſchuf Rom, das Kloſter Luther's die Re⸗ formation, in der ſandigen Mark wuchs ein ſtraffer Staat auf. Allerdings vermißt man hier mit Recht und gutem Grunde die vollſaftige, gemüthliche Men⸗ ſchenart Süddeutſchlands, die Geſellſchaft, wo der Menſch nicht mehr geben will, als eben ſein In⸗ dividuum, wo man nicht gemacht zu ſein braucht, oder geiſtreich, oder durch Stellung wichtig, um gern geſehen zu werden. Allerdings begegnet man durch⸗ ſchnittlich jenem weißblutigen Elemente, was man blos Verſtand, Geiſt oder gar Raffinement nennt, und worin die eigentliche Zeugung umſonſt geſucht wird. 472 Aber iſt dies jetzt an allen herrſchenden Puntenk Europas anders? Herrſcht etwa Paris nicht? Der Gedanke des Pariſer Autors findet ſeinen Leſer am Fuße des Urals und am Fuße der Kordilleren. Iſt Paris nicht im Grunde eben ſo zeugungslos? Iſt der Esprit nicht am Ende noch unfruchtbarer als der norddeutſche Geiſt? Das Geheimniß liegt wohl anderswo: Stoffliches iſt ſo viel aufgehäuft, daß der energiſche Verſtand für die nächſte Herrſchaft ausreicht, denn er weiß das zu verarbeiten; ein allgemeiner Glaube, was Gott, Staat und Herz anbetrifft, ſcheint noch nicht im Durchbruch begriffen zu ſein, unſre Berge von Detail heiſchen noch ihre Verarbeitung, wir müſſen uns alſo wohl begnügen mit Verſtandesenergie, und ihr Blätter und Blüthen andichten ſo viel als möglich. Vollere, mannig⸗ faltigere Menſchen bietet unſer Süden, aber wie das Verhältniß geht und ſteht, hat der Norden mächtigere. Es iſt auch faſt immer ſo in der Welt gegan⸗ gen: der energiſche Verſtand, welchem man die 473 Zeugungskraft abſpricht, hat für die politiſche Welt die größte Macht erreicht, ſo viel der Profeſſor da⸗ gegen ſagen mag. Rom war der energiſche Ver⸗ ſtand. Der Grieche, wo alle Beziehung, aller men⸗ ſchenmögliche Reichthum des Menſchen am mannig⸗ fachſten gepflegt wurde, er iſt für die Weltkultur der Jahrhunderte die erſte Macht geworden, aber ſeine politiſche war eine ſehr kurze. Dergleichen ſei eine Tröſtung, wenn der eigent⸗ lich unſchöpferiſche, aber ſchneidende, dreiſte, ab⸗ ſprechende Berliner läſtig wird. Wer nicht ſelbſt ein Intereſſe für das Wachsthum der norddeutſchen Macht mitbringt, und darum auch die ſtörenden Symptome einer Thatkräftigkeit gern aufnimmt, für den iſt der Berliner das unausſtehlichſte Geſchöpf, für den iſt dies vorlaute Weſen eine Qual, die Dante für ſeine Unterwelt gebrauchen könnte. Mit Berlin und deſſen Weiſe iſt für den Berliner Alles erſchöpft, er hat keinen Maaßſtab als dieſen, er weiß nicht nur Alles, ſondern er weiß Alles beſſer, Alles, was anders iſt, iſt ſchlecht, ein Bayonnet 474 des ſchnellſten, willkührlichſten Urtheils geht durch alle Berliner, und in gewiſſer Art ſind ſie auch eigentlich alle Soldaten. Sie greifen Alles an, der gemeine Berliner ſchlägt ſogleich zu, und ſagt hin⸗ terdrein:„ich werde Dir eenen Jedankenſtrich in's Jeſicht bewejen“, ſeine That iſt der Ankündigung vorausgeeilt; Goethe nennt ſie ſehr richtig eine ver⸗ wegene Menſchenart. Dieſe Verwegenheit kann man bis zum kleinſten Buben herab verfolgen: ſtört im Vorübergehen unverſehens ſeinen Kreiſel, und er hängt Euch ohne Weiteres Eins an. Seht den zehnjährigen Jungen von einem ſtärkeren verfolgt, niedergeworfen, zerbläut, daß Ihr glaubt, es müß⸗ ten einige Gliedmaaßen dabei in Irrthum gerathen, der Junge müſſe halb des Todes ſein, er ſpringt auf, wenn er losgelaſſen iſt, ſchüttelt ſich, wiſcht das Blut auf die Seite und droht und trotzt eben ſo, als ob er einen glänzenden Sieg erfochten. Ein grober Witz ſpielt dabei immer herüber und hinüber, und zwar ein Witz, der ſtets eine Ohrfeige vom Humor hat, der beim diſſoluteſten Kerl auf eine 475 innere Behaglichkeit deutet. Ueber dieſen Punkt ſind Glasbrenners Hefte die erſchöpfendſte Quelle. Man wird mit Leichtigkeit darin erkennen, daß eine ſtarke, komplete Nationalität dahinter liegt, und dieſe Witze nicht eine fahrige aphoriſtiſche Natur haben; mit⸗ unter ruhen ſie auf dem ſcharmanteſten, humoriſti⸗ ſchem Aplomb, zum Beiſpiele, wo eine Frau die andere tröſtet. Sie hat einen Sohn in der Schlacht bei Leipzig verloren, und klagt; die andere tröſtet, und fügt hinzu, daß es ihr leider auch ſo ge⸗ gangen ſei. Wie ſo? fragt Nummer eins, Num⸗ mer zwei ſagt, ihr Sohn ſei bei belle alliance geblieben, na, ſagt Nummer zwei, des is och ene hübſche Jejend. In dies Genre ſchlägt ein Ausdruck, der mir zu wiederholten Malen begegnet iſt, wenn ſie Je⸗ mand verhöhnen wollten: Denken Se, dieſem armen Jeſchöpfe haben ſe jeſtern Nacht für fünfdauſend Dahler Sand hinter'm Hauſe wegjefahren. So bildet ſich auf dem alten Meeresgrunde— denn ein ſolcher iſt wohl dieſer ganze Strich V. 32* 476 von Norddeutſchland— allmählig ein mannigfach gegliedert Leben, und man darf das wohlfeile Ur⸗ theil beim erſten Anblicke nicht unvorſichtig aus⸗ ſprechen. 4 3 — ——*“ ö“ 4 ſinſmnſnſnſſinſ um mnnnſim 10 11 12 13 6 17 18