wir deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet d. b 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 8— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„=„ 1 bonnenten haben für Hin⸗ und Zurürkſendung ——.ℳ—— J .A Das junge Europa. 1 4 Novelle von 5 Heinrich Laube. Zweiten Theiles zweiter Band. Die Krieger. Zweiter Band. —Xꝛ— Mannheim. Verlag von Heinrich Hoff. 1837. Die Krieger. —.— Novelle von Heinrich Laube. Zweiter Band. Mannheim. Verlag von Heinrich Hoff. 1837. 21. Valerius unterrichtete des andern Tages Joel bei Zeiten, daß äußerlich nichts zu beſorgen ſei. Dieſer war in der erzürnten, halb grimmigen Stimmung, welche jener den Tag vorher mit Eifer entzündet hatte. Sie iſt der beſte Schutz kräftiger Menſchen gegen die unleidlichen konventionellen Uebel, und ſie ermunterte Joel auch ſogleich, wie ſein Freund das Regiment zu verlaſſen.„Wir finden einen freundlichen Tod, ſagte er, beim alten Dwernicki — dorthin laſſen Sie uns gehn, dort giebt's keine Ariſtokraten für Sie— und für mich— ach, für mich iſt's überall gleich, aber die Jugend, die unter Dwernicki fechten will, iſt doch beſſer, ihr Blut iſt noch natürlicher, und die Natur kennt keinen Haß.“ Valerius eilte nun zu Stanislaus— er war nicht zu ſprechen— der alte Graf ebenfalls nicht IV. 1 2 — die Fürſtin war den Abend vorher zum erſten Male wieder im Salon erſchienen. O, in welch einer verworrenen Stimmung eilte er hinweg! Was mußte Conſtantie von ihm denken, wie tief mußte ſie ſich gekränkt glauben. Sollte er ſchreiben? Nein, das war ihm nicht möglich— das Hoch und Niedrig, Vornehm und Gering ſprang ſo wild in ſeinem Kopfe herum, daß ihm das Schreiben an die Fürſtin wie ein Hinterhalt vorkam, in welchen er mit all ſeinem Bürgerſtolze fallen könnte wie der arme Joel. Sind wir einmal aus dem Regelmäßi⸗ gen aufgeſchreckt, dann ſehen wir in allen Ecken Feinde. Und Stanislaus und ſein Vater— ſie hatten ſich ſicherlich verläugnen laſſen—„wie konnte ich einen Augenblick vergeſſen, daß ſie keine Teutſche ſind mit all ihrer Sanftmuth!“ Das Leben in dieſem Zuſtande ward ihm un⸗ erträglich: wenn ſich das Verhältniß zu Stanislaus und ſeinem Vater ſo feindlich ausbildete, wie er glaubte, daß es jetzt angefangen habe, ſo war ihm der Weg zu Conſtantien verſperrt. Von der Armee hatte er ſich geſchieden, was hatte er nun in Polen noch zu ſchaffen? Aber der Gedanke war ihm eben 82 3 ſo unerträglich, jetzt zu entſcheiden. Alle Intereſſen ſeines Geiſtes und Herzens hätte er in unvollkomm⸗ ner Halbheit nach Teutſchland gebracht. In dem unbehaglichſten Aufruhr ſeiner Gedan⸗ ken und Wünſche kam er in ſeine Wohnung. Magyac trat ihm mit traurigem Geſicht entgegen: Herr, Sie wollen nicht mehr mit uns fechten? „Woher weißt du das?“ Nach einigem Zögern erzählte er, daß es ihm der Bediente des Grafen Stanislaus geſagt habe: er hat den jungen und den alten Herrn Grafen ſehr heftig darüber ſprechen hören, auch von Joel iſt die Rede geweſen, und der alte Herr hat dem jungen heftige Vorwürfe gemacht, daß er unbeſonnen ſein Vertrauen und ſeine Freundſchaft wegwerfe. Herr, es iſt einer wie der andre von unſern Edelleuten, wenn auch in manchen Stunden einer beſſer aus⸗ ſieht als der andre, und ich würde nicht von Ihnen gehn, Herr, wenn Sie noch mit uns fechten wollten. „Du willſt mich alſo verlaſſen?“ Ja, Herr, ich bin ein Pole. Valerius fühlte eine Art Kitzel der Trauer darin, daß ihm plötzlich Alles untreu würde. Er reichte dem Thaddäus die Hand, und ſchenkte ihm ſeine Börſe, ohne zu bedenken, daß es der letzte Reſt ſeiner Baarſchaft ſei. Leb wohl, Magyac, du biſt noch der Ehrlichſte von Allen. Thaddäus küßte ihm heftig die Hand, eine un⸗ gewöhnliche Rührung trat auf ſein Geſicht: Herr, Sie ſind gut, laſſen Sie mich ſo lange hier blei⸗ ben, bis Sie aus Warſchau gehn, jetzt giebt es doch noch nichts zu thun. Dieſe ſtillſchweigende Vorausſetzung des einfachen Bauers, daß ſein Herr Warſchau verlaſſen müſſe, wenn er nicht mehr fechten wollte, ergriff dieſen heftig. Er fühlte ſich unglücklich, verlaſſen, belei⸗ digt, und da er nicht wußte, wen er direkt ankla⸗ gen ſollte, ſo hätte er am liebſten weinen mögen wie ein ungezognes Kind.— So ſchnell wechſeln die Dinge, daß er es heut war, welcher Joel aufſuchte, um einen Freund zu ſehen. Einer wollte den Andern zerſtreun, und ſie ſtrichen planlos Arm in Arm durch die Straßen. Stanislaus und ſein Vater fuhren raſſelnd an ihnen vorüber, Valerius bemerkte ſie zu ſpät, um zu grüßen, ſie ſelbſt hatten keine Anſtalt dazu ge⸗ macht. „Hoffen Sie wirklich“, ſprach Joel,„mit die⸗ ſen Leuten noch in Verbindung zu bleiben, nach⸗ dem Sie ſich meiner angenommen, nachdem Sie Ihr Regiment verlaſſen haben? O, wie wenig kennen Sie meine Landsleute, im Patriotismus liegt all ihre Tugend, und wenn ſie andre edle Gefühle zeigen, ſo entſpringen dieſe nur aus einem nahen oder fernen Zuſammenhange mit dieſem Patriotis⸗ mus. Alle⸗Nationalität iſt eine Gattung Egoismus, und die unſere vollends. Und haben Sie denn ver⸗ geſſen, daß Hedwig des jungen Grafen Verlobte iſt? Gewiß, Sie haben es vergeſſen, weil er keine Zeit hat für das arme Mädchen, weil Sie nie etwas von Lieb und Theilnahme an ihm bemerkt haben — aber Freund, ſie iſt ſeine Verlobte, und Sie haben einen zudringlichen, niedrigen Liebhaber der⸗ ſelben in Schutz genommen, Sie gehen eben mit ihm Arm in Arm über die Straße. Sie haben in ſeinen Augen ein Sakrileg begangen, Sie haben ſeinen Stand und die kurze, flüchtige Freundſchaft verletzt— er kennt Sie nicht mehr, wenn er Ihnen begegnet.“ Joel war ſtärker geworden, ſeit er ſeinen Freund unter Mißverhältniſſen leiden ſah, in denen er Aehn⸗ lichkeit mit den ſeinen zu finden glaubte. Es war ihm eine Tröſtung, nicht allein von der Geſellſchaft mißhandelt zu werden, und ſein Liebesjammer ver⸗ ſtummte vor den Kämpfen um Ehre und Exiſtenz, die ihm Geiſt und Herz bewegten. Sie traten in ein Kaffeehaus, überall hörte man Entrüſtung über die Unthätigkeit der Regierung, Alles politiſirte, las Zeitungen, ſprach vom Kriege. Valerius kam ſich vor, wie ein abgeſchiedner Geiſt, der nichts mehr mitzuſprechen habe über irdiſche Dinge. Zu ſeinem Schrecken ward er jetzt auch inne, daß er von allem Gelde entblößt ſei, er mußte Joel in Anſpruch nehmen und vorgeben, ſeine Börſe vergeſſen zu haben. Es fiel ihm plötzlich ſchwer auf's Herz, was daraus werden ſolle; Joel hätte gewiß leicht Rath geſchafft, aber er konnte ihm nichts ſagen. Gerade deſſen üble Stellung zur Ge⸗ ſellſchaft hielt ihn ab, etwas zu thun, worin er ſonſt einem Freunde gegenüber nicht das mindeſte 5 4 † 7 Bedenken gefunden hätte. Er hat keinen einzigen Freund als mich, dachte er, und der Arme könnte einen Augenblick glauben, ich ſtünde neben ihm, weil ich ſein Geld brauchte. 3 * Es war ein fataler, übertriebner Gedanke, den aber wohl die Situation entſchuldigte. Valerius hatte nirgends Ruhe, und Joels Vor⸗ ſchlag, ins Theater zu gehn, kam ihm gelegen. Er war aus dem Hauſe getreten, und wartete auf Joel. Da ritten zwei Damen an ihm vorüber; es war Hedwig und Conſtantie, an der Seite jener der Graf Kicki. Hedwig nickte freundlich mit dem Kopfe, noch ehe er Zeit gewann, nach ſeinem Hute zu greifen, Conſtantie dankte leichthin ſeinem Gruße, und es eilte ein ſtolzer Schmerz ſchnell wie ein Windſtoß über das ſchöne Geſicht. „Ach, er iſt auch wieder ſo blaß“ hörte er Hedwig zu ihr ſagen, und ſie wendete ſich noch einmal freundlich nach ihm zurück. Conſtantie aber „ 4 ſah nicht mehr rückwärts. Regungslos blieb er ſtehen. Jenes ſchöne Antlitz Conſtantiens war ihm wohl be⸗ kannt, nie hatte er dieſe verführeriſche Bläſſe, nie dieſen hohen, tragiſchen Ausdruck darauf erblickt. — Das ſchwarze, lange Reitkleid, der ſchwarze Hut mit dem wehenden ſchwarzen Schleier, erhöhten das Bild einer ſtolzen Trauer. Einzelne Locken flogen wie ſehnſüchtige Gedanken über die Schultern zurück und ſprachen ſtumm von der Achtloſigkeit ihrer Herrin. O ſchöne, ſchöne Conſtantie, warum kann ich nicht zu Dir, um Dich zu küſſen und die thörichte Welt in Deinen Armen zu vergeſſen! ſeufzte er leiſe. Fort— fort, flüſterte Joel, der gekommen war, das ſind vornehme Leute. Valerius ſah ihnen aber noch länger nach, und er hatte eine ironiſche Freude an dem Gedanken, daß er in der fremden, für ihn unwirthlichen Stadt eben keinen polniſchen Groſchen beſitze, während das Weib, das er liebte, und das ihn vielleicht wieder liebte, ſtolz vorüber ritte, und dem erſten Bettler zuwärfe, was dem Geliebten auf einen Tag das Leben friſten könnte. Nicht doch, nicht doch, rief er aber ſchnell, wozu ſolche Contraſte und Uebertreibungen, kommen Sie, Freund, in's Theater. ——„— — 9 Aber auch dort litt es ihn nicht lange— „Ueberall Enthuſiasmus, Patriotismus, Freund Joel, das fängt mich an zu langweilen.“. Joel lächelte und erwiderte gutmüthig: Sie ſind ſchlechter Laune, und Sie ſind ein Teutſcher: dies Volksleben, dieſer Volkslärm war ihnen willkommen, als er Ihnen neu war, er entſprach ihren Freiheits⸗ begriffen; jetzt ſind Sie Ihren Launen verfallen, die künſtlichen, die erdachten Wünſche an Volksleben ſchweigen, und die teutſche Gewohnheit macht Ihnen den Lärm läſtig. „Sie haben Recht, man muß über nichts reden, wenn man unfreien Gemüthes iſt; ich habe den Leuten Unrecht gethan.“ Joel führte ihn in den patriotiſchen Klub, aber er hatte nirgends Ruhe. Weiter, immer weiter trieb er, und als er endlich heimgekehrt war, ſtärkte ihn ſelbſt der Schlaf nicht. Ermattet wachte er am nächſten Morgen auf. Die Sorgen fielen über ihn her, und der völlige Geldmangel war nicht die ge⸗ ringſte. Und zwei ſo verſchiedene Dinge ſind es gerade, Liebe und Geld, wo keine Philoſophie hilft. Er warf ſich in die Kleider, um einen Banquier — ——— 26 10 aufzuſuchen, von welchem er bei ſeiner Ankunft in Warſchau einen Wechſel bezogen hatte; vielleicht wüßte der Mann Rath zu ſchaffen. Das Komtoir war noch geſchloſſen, und Valerius hatte Zeit, ſpa⸗ zieren zu gehn. Es regnele emſig; die Leute eilten flüchtig durch die Straßen. Vielleicht nimmſt Du heut' Abſchied von dieſen Orten, dachte er, und der Himmel ſorgt dafür, einen letzten trüben Eindruck Deinem Gedächtniß einzuprägen. Ob er gehen, ob er nicht gehen würde, das wußte er nämlich ſelbſt noch nicht, die ſchöne Reiterin von geſtern ritt un⸗ aufhörlich in Kopf und Herzen auf und ab, und er dachte eigentlich nicht eine Stunde vorwärts, und wenn jetzt eine Stimme in ihm rief: heute noch mußt Du dieſe Stadt verlaſſen, ſo ſagte er:„Ja wohl, ja wohl!“ und ein leiſes Geflüſter, was von Conſtantie erzählte, ward nur von ſeinem Herzen vernommen. Das Herz aber ſchwieg ſtill, als küm⸗ merte es ſich gar nicht um die Entſchlüſſe ſeines Herrn, als hätte es gar keinen Einfluß darauf. So läßt die gebietende Hausfrau den zärtlichen Gatten, wenn er im Zorn oder Sturm einhergeht, Alles Mögliche beſchließen, und wenn das Beſchloſſene 2 11 geſchehen ſoll, ſo ſagt ſie blos: Nicht doch! und es bleibt beim Alten. Valerius kam wieder zum Hauſe des Banquiers.- Das Komtoir war jetzt offen; er traf aber ſchon einen jungen Mann im eifrigen Geſpräch mit dem Herrn. Die Stimme des Mannes, der ihm den Rücken kehrte, klang ihm bekannt, er hatte aber keine Zeit, nachzuſinnen; der Banquier trat ihm entgegen, und fragte nach ſeinem Begehr. Valerius ſtellte ihm ſeine Verlegenheit vor, und fragte, ob er einen Wechſel ausſtellen könne, für jenes deutſche Handelshaus, deſſen Anweiſung ihm der Banquier vor einigen Monaten honorirt habe; der Graf Topf habe ihn an jenes Haus empfohlen, und für das garantirt, was er entnehme, die augenblickliche Ver⸗ legenheit ließe ihm aber jetzt keine Zeit, nach Deutſch⸗ land zu ſchreiben und einen rückkehrenden Brief abzuwarten. Der Banquier zuckte natürlich die Achſeln, und erklärte, ſich auf dies Geſchäft nicht einlaſſen zu können. Auf dem Wege nach Hauſe fiel es Valerius zum erſten Male ein, daß es auch eine Pflicht ſei, Geld zu erwerben. Die Wichtigkeit des Geldes erſchien ihm auf einmal nur zu deutlich. Er mußte ſich geſtehen, daß es unmöglich in der Ordnung ſein könne, vom Vermögen ſeiner Freunde zu leben. Dazu ſei die bürgerliche Geſellſchaft nicht konſtruirt. Eh' er nach Grünſchloß gekommen war, hatte er in kleinen, wohlfeilen Verhältniſſen gelebt, ein⸗ zelne Geiſtesarbeiten, und der jeweilige Zuſchuß ſei⸗ nes Freundes Hippolyt hatten für ſeine Bedürfniſſe zugereicht. Später hatte ihn die liebenswürdigſte Zuvorkommenheit des Grafen Topf nicht mehr an Geld und Gelderwerbung denken laſſen, er hatte ſich unterdeß an die Bedürfniſſe der höhern Klaſſen gewöhnt, und der Gedanke überraſchte ihn bei der argen augenblicklichen Verlegenheit nicht eben an⸗ genehm, daß er auf dieſe Weiſe durchaus nicht fort⸗ leben dürfe. Der Staat iſt einmal auf Erwerb gegründet, ſagte er ſich, und Du biſt ein unnützes, unproduktives Mitglied. 1 Es hatte zwar eine Zeit gegeben, wo er in poe⸗ tiſcher Anſicht des Lebens ſolche triviale Staatsfor⸗ derungen entrüſtet abgewieſen hätte, aber ein Augen⸗ blick, wo man dem Hunger und Mangel vor der Thür ſieht, iſt der poetiſchen Anſicht des Staates 8 84 8 13 nicht günſtig. Und ſein Verlangen nach Selbſt⸗ ſtändigkeit lehnte ſich nicht minder auf gegen dies ſtets abhängige Verhältniß von ſeinen Freunden. Bei Alle dem blieb aber doch ſeine ſtolzere und höhere Art, das Leben zu betrachten, mächtig, er verſchob dieſe ökonomiſchen Unterſuchungen auf eine andere Zeit, und ſchritt ſtolz die Straße entlang, in welcher die Fürſtin wohnte— wohin er gehen wollte, wußte er ſelbſt noch nicht. Stanislaus trat eben aus der Thür; Valerius ging auf ihn zu. Jener konnte nicht füglich mehr ausweichen, und mußte es anhören, wie ihn Va⸗ lerius mit freundlichen Worten fragte, ob er böſe ſei, und warum er ſich durch den Bedienten habe verläugnen laſſen. Aber die Heftigkeit, welche in dem Polen aufloderte, ließ dieſen nicht zu Ende kommen, er überſchüttete Valerius mit einer Fluth beleidigender Worte, wie er ſich des dreiſten Juden angenommen, ſogar um ſeine Familie zu frondiren, Arm in Arm mit jenem frechen Burſchen an ihm und ſeinem Vater vorübergegangen ſei, wie er den heiligen Kampf des Landes leichtſinnig verlaſſen, weil Graf Kicki es nicht in der Ordnung gefunden habe, daß dieſer Joel eine edle Familie mit ſeinen Zudringlichkeiten beſchimpfe— 2 Schweigen Sie, Herr, unterbrach ihn Valerius, der Sie allerlei ſchöne humane Redensarten im Munde führen, und wenn's zur Sache kommt, die veraltet⸗ ſten adligen Unfläthereien an den Tag legen. Es iſt mir nicht eingefallen, an Sie zu denken, und für Sie eine Beleidigung darin zu ſehn, wenn ich den unglücklichen Joel gegen Ungebührlichkeiten in Schutz nahm. Er hatte meine Freundſchaft in An⸗ ſpruch genommen, und es war meine Schuldigkeit ihn zu vertreten. Ja, ich würde ihn auch ohnedies vertreten haben, den man wie einen Paria behan⸗ delt; gegen tyranniſche Unterdrückung zu kämpfen, war ich nach Warſchau gekommen, und es iſt nicht mein geringſter Schmerz, daß ich ſie da finde— genug, Herr, Sie Wortheld der Humanität haben ſich eben der beleidigendſten Ausdrücke gegen mich bedient, und werden mir Satisfaktion geben. Dieſe letzten Worte riſſen Stanislaus aus einem Zuſtande von Beſchämung, welche der erſte Theil von Valerius Rede erzeugt zu haben ſchien. Die Herausforderung ſchürte ſeinen Zorn wieder auf— „kommen Sie, Herr,“ rief er glühend, und trat in's Haus, rief einen Bedienten, ſagte ihm einige Worte in's Ohr, und ſchritt Valerius voraus durch. den Hof in den großen Garten, welcher zu dem Palais gehörte. Ehe ſie noch den hinteren Theil erreicht hatten, flog der Bediente ſchon wieder hinter ihnen her, und brachte ſeinem Herrn einen Säbel. Ein Wink von dieſem, der Bediente entfernte ſich, Sta⸗ nislaus reichte ſeinem Gegner den Säbel, und zog den ſeinen, ſie warfen die Mäntel ab, und die Hiebe flogen. Von dem Palais zog ſich ein bedeckter Gang an der einen Seite des Gartens hin bis zum Ende deſſelben. Er glich von außen völlig einem ein⸗ ſtöckigen Gebäude, hatte Fenſter mit Jalouſieen, und ſtieß hinten an ein Gartenhaus, was quer den Gar⸗ ten ſchloß, und deſſen Front hinten nach einer Straße ging. In dem Winkel, welchen die beiden Gebäude bildeten, war jetzt der Kampfplatz. Die Ialouſieen des Ganges, die Fenſter des Gartenhauſes waren verſchloſſen, von dort aus konnten ſie nicht beobachtet werden, eine dichte Gruppe Bäume, wenn auch da⸗ —ÖY mals unbelaubt, deckte ſie ſo ziemlich nach vorn zu gegen unberufene Blicke aus dem Palais. Sie waren beide geübte Fechter, beide noch in der erſten Aufwallung, es regnete von beiden Seiten Hiebe— da flog die letzte Jalouſie des Durchganges auf, in deren Nähe ſie fochten, und die Fürſtin erſchien in der Fenſteröffnung. Sie hatte vorn am Fenſter den Wortwechſel an der Hausthüre angehört, hatte ſie in den Hof ſchreiten, den Bedienten mit einem Säbel nacheilen ſehn, und ſich leicht das Uebrige ergänzt. Der Durchgang führte juſt in die Zimmer, welche ſie bewohnte; in früheren Zeiten hatte ſich der Herr vom Hauſe gewöhnlich darin auf⸗ gehalten, und die bedeckte Verbindung mit dem Gartenhauſe war vielleicht zum Behufe verborgener Zuſammenkünfte erbaut worden, wie ſie in einem Lande der Unterdrückung nicht ſelten ſind. Die Fürſtin war alſo eilig durch ihre Zimmer die Treppe hinabgeeilt, und das Waffengeklirr verkündigte ihr am letzten Fenſter, daß ſie hier in der Nähe der Kämpfer ſei. Einen Augenblick ſah ſie mit leuch⸗ tenden Augen dem Kampfe zu, als ſei ſie blos deß⸗ halb herbeigeeilt. Die weibliche Sorge überwog aber 17 doch bald jedes andere Wohlgefallen, und ſie rief haſtig den Namen Ihres Couſins. Das Oeffnen der Jaulouſie war dieſen entgangen, aber die Stimme konnten ſie nicht leicht überhören. Beide hielten inne, erhitzt, heftig athmend. „Schämen Sie ſich nicht, meine Herrn, ohne Sekundanten und Zeugen wie ein Paar Seegreif⸗ ritter auf einander loszuſchlagen?— ſo was kann nur in Polen geſchehen! Couſin Stanislaus, iſt das Civiliſation, Herr von Valerius, ſind das Ihre hu⸗ manen Grundſätze, mit denen Sie ſonſt das regel⸗ mäßige Duell ſogar wegraiſonniren mit Stumpf und Stiel?“ Den Einen wie den Andern trafen dieſe Vor⸗ würfe: Jeder hatte ſich von der Hitze fortreißen laſſen, und die beiden jungen Männer, roth von der Be⸗ wegung und einer leichten Scham, ſahen unſchlüſſig nach dem Fenſter, aus deſſen Dunkel das blaſſe ſchöne Antlitz Conſtantiens blickte. „Ich habe vom Fenſter des Salons aus Ihren Streit angehört; Couſin, Couſin, was ſind das für fanatiſche Manieren gegen einen Mann für deſſen Freundſchaft Sie noch vorgeſtern ſchwärmten. Er⸗ 18 lauben Sie, meine Herrn, daß ich Sie beide beim Onkel melde, und ihm den Stand der Sachen aus⸗ einanderſetze— aber haben Sie die Güte, Ihre Säbel einzuſtecken. Sie verſchwand nach den letzten Worten. Va⸗ lerius ſah ſeinen Gegner an, und bot ihm die Hand, dieſer ſchlug erſt nach einer Weile die Augen auf, um mit einem jener rapiden polniſchen Blicke die Stimmung des Teutſchen zu erforſchen. Als er aber die dargebotene Hand ſah, ſchlug er ſchnell ein: Nous sommes d'accord? Wenn das Gewiſſen noch nicht rein iſt, und das Herz nicht ſelbſt und muthig ſpricht, dann reden die Leute in ſolchen Fällen franzöſiſch. Valerius nickte mit dem Kopfe, und ſie gingen langſam dem Palais zu. Jener dachte nur an Con⸗ ſtantie: ſie hatte ſich vorzüglich an Stanislaus ge⸗ wendet, und er fühlte wohl, wie viel Vorwurf darin lag, daß ſie ihm weniger Vorwürfe machte als dieſem, daß ſie kein Recht mehr haben wollte, ihn zu ſchel⸗ ten.— Aber er hoffte, ſie noch beim alten Herrn zu finden, und ihr durch zwei, drei leiſe Worte ſagen zu können, was er empfände. Er wollte deß⸗ 19 halb ſchneller gehn, aber Stanislaus machte keine Anſtalt, ihm zu folgen, und ſo war er genöthigt, langſam fortzuſchleichen, während ſein Herz ſprang. Conſtantie war nicht mehr beim alten Grafen. Dieſer empfing Valerius mit einer ſüßen Höflichkeit, welcher man leicht anmerkte, daß ſie nur die eines Weltmannes und von der Beredſamkeit Conſtantiens erzeugt war. Er bat Valerius, zum Eſſen dazu⸗ bleiben, und begann ein Geſpräch über teutſche Lite⸗ ratur; es war nicht zu verkennen, daß er alle früheren Beziehungen gefliſſentlich umgehen wollte. Valerius fühlte ſich gedrückt, und ertrug den fatalen Zuſtand nur, um wieder in die Nähe der Fürſtin zu kommen. Ich hörte neulich, hub der Graf an, hier unten auf der Straße ein Lied von Goethe ſingen, was ich oft in Teutſchland gehört habe. Es ſind wohl mehrere Ihrer Landsleute hier? und die alten tiefen Augen ſchickten bei dieſen Worten einen ſpitzigen Blick auf den Gefragten— was machen die Leute in einer ſolchen Kriegszeit bei uns? Valerius war verlegen und beleidigt, aber er mochte nicht reden, und zuckte blos mit den Achſeln. Das Geſpräch fügte ſich nicht, die Reden und Gedanken gingen nicht in einander über, und der Vorſchlag des alten Grafen, bis zum Eſſen eine Partie Schach zu ſpielen, war eben ſo natürlich, um das Peinliche des Zuſtandes aufzuheben, als er dem jungen Fremden angenehm war. Es giebt nichts Drückenderes, als wenn zwei Perſonen von äußeren Gründen getrieben werden, ſich einander zu nähern, und doch keine innern gegenſeitigen Verbindungen auffinden können. Der Wunſch des Alten war nicht zu verkennen; Valerius möchte wieder unter die Waffen treten. Jeder„brave Pole“— ſo nennen ſie vorzugsweiſe ihre Patrioten— betrachtet ſein Vaterland wie eine Familienangelegenheit, und einen Krieger dafür zu gewinnen, war in jenen Tagen Gewiſſensſache. Zumal hier, wo ſich Vater und Sohn vorzuwerfen hatten, daß ſie Schuld trügen, wenn ihre Sache einen Streiter verlöre an dem Teutſchen. Der Bediente meldete, daß angerichtet ſei.„Wir müſſen den Schluß unſrer Partie aufſchieben, Herr von Valerius— Sie machen das Spiel dem Gegner ſchwierig durch den häufigen Gebrauch der Springer ℳ ℳ 21 — ſolch ein Springer macht ſeine Bewegungen mit einer regelmaͤßigen Unregelmäͤßigkeit, die ſchnell einen ganzen Plan umwirft.“ Der Spott war alſo ſchon artiger geworden, aber ohne Hedwigs Gegenwart wäre das Mittags⸗ mahl doch wieder peinlich geweſen. Die Fürſtin war völlig ſchweigſam; Stanislaus machte mehrere Verſuche, in den früheren herzlichen Ton mit ſeinem jungen Freunde einzuſtimmen, aber trotz deſſen Ent⸗ gegenkommen gelang es nicht. Hedwig nur war unverändert in ihrer alten Heiterkeit. Einmal be⸗ trachtete ſie ihren Bräutigam und Valerius aufmerk⸗ ſam und mit halblachenden Geſichte, und brach end⸗ lich in ein volles Gelächter und in die Worte aus: Meine Herrn, das nenn' ich Sympathie, Sie haben ja beide zerriſſene Röcke an! Hier iſt ein langer Ritz in der Uniform, und dort— ach, wie ſchade i*ſt's um Ihren blanken ſchwarzen Rock, Herr von Valerius! Dieſe Erinnerung an den Vorfall im Garten war eher geeignet, die üble Stimmung noch zu er⸗ höhen; der alte Graf nahm aber Gelegenheit davon, ſein Glas dem Fremden hinzureichen, und auf 22 „friſche Tapferkeit“ anzuſtoßen. Dieſer begriff zwar leicht, daß es auf ſeine zu hoffende Tapferkeit gegen die Ruſſen gemünzt ſei, aber er ſtieß an, um wo möglich ein fröhlicheres Verhältniß zu erzeugen. Einem aufmerkſamen Beobachter der Fürſtin konnte es nicht entgehen, daß ſie nicht ſo ruhig war als ſie ſchien, daß zuweilen eine ſchnelle Röthe in ihrem Geſichte aufſtieg, daß ſie mit ungewöhnlicher Theilnahme und Beſorgniß auf den Säbelhieb blickte, den Hedwig auf des Gaſtes Rocke entdeckt hatte. Aber ſie ſprach nicht, und wenn Valerius ſie an⸗ redete, und mit weicher, einſchmeichelnder Stimme auf dieſe oder jene Weiſe in ein Geſpräch zu nöthigen ſuchte, ſo wich ſie immer aus, wenn auch gewandt und höflich, aber immer kalt.— Ihre ſchwer ruhen⸗ den Blicke, die auf dem jungen Manne weilten, ſo oft ſeine Augen nicht direkt auf ſie gerichtet waren, bemerkte er leider nicht, von dem mörderiſchen Kampf zwiſchen Stolz und Liebe, der in ſolchen Augen⸗ blicken über ihre ſchönen Züge hinwegbrauſ'te, ge⸗ wahrte er nichts.— Als man vom Tiſche aufſtand, entfernte ſie ſich ſogleich.— Auch Valerius ging. „Die liebt mich nicht, ich habe früher Recht gehabt, es iſt ein gewöhnliches liebeluſtiges Weib, das eine ſcheinbare Vernachläſſigung nicht vergiebt. Still Neigung, ungeſtümes Verlangen— hier iſt kein Heil für mich, und morgen verlaſſ' ich dieſe Stadt.“ Sein Geldmangel fiel ihm ein, und unruhig und ungeduldig kam er nach Hauſe.— Magyac übergab ihm einen Brief und eine Rolle mit Goldſtücken, die angekommen waren. Der Brief war von ſeinem Freunde Hippolyt, vom Gelde erwähnte er zwar nichts, Valerius kannte aber ſeine Gleichgültigkeit und ſein Mißbehagen, über Geld nur ein Wort zu verlieren, und trug den Magyac auf, zum naͤchſten Morgen Poſtpferde zu beſtellen, und Alles für die Abreiſe bereit zu halten. O, Herr verlaſſ' uns nicht! bat Thaddäus. „Ich muß, Magyac, ich muß.“ Und traurig ging Thaddäus an's Packen. * 22. Es war dem Valerius, als ginge ſeine Jugend zu Ende mit der Abreiſe von Warſchau. Alle ſeine früheren Wünſche, Hoffnungen und Gedanken glaubte er in Jerthümer verwandelt zu ſehen, da er ein freiheitsluſtiges Volk aufgeben müſſe. Tief und ſchwer ſeufzte er auf:„Und auch die Liebe geht zu Ende, auch ſie iſt nicht mehr zu ge⸗ winnen. O, Jugend, Du Inbegriff alles Reizes warum ſcheideſt Du ſo früh von mir! Was iſt das Leben ohne Hoffnung, und wo giebt's eine Hoff⸗ nung ohne Jugend? Nur die Jugend hat Farbe und Begeiſterung, was werd' ich anfangen mit den grauen Tagen ohne Roth und Grün, die keine Kraft mehr in mir wecken. Die Jugend allein iſt Poeſie — wie ſoll ich mich fortſchleppen ohne Dich, Du erhebende Schwärmerei!“ 2 25 „Es giebt nur zwei Arten, glücklich zu ſein: entweder man bewegt und bevölkert ſich und die Wellt mit Idealen, Ausſichten, neuer Zukunft, man ⸗ ſchaukelt ſich auf der wogenden Bewegung des un⸗ gezügelten Strebens,— oder man betrachtet die Welt aus einem ruhigen Herzen, freut ſich des Kleinſten, hilft und fördert im Kleinſten, pflanzt mit Genügſamkeit, wartet geduldig auf das Gedeihen, geſtaltet das Unbedeutende zur gefälligen Form, ver⸗ langt nichts vom Tage, als was er eben bietet, und hält den Nachbar und ſein Intereſſe höher als das Wohl oder Wehe von Nationen.“ „Nur der letzte Weg iſt mir übrig, und es fehlt mir Alles, was er in Anſpruch nimmt. So⸗ gar die wohlige Behaglichkeit des Körpers, dieſe Vergnügen erzeugende Harmonie des Leibes geht mir ab. Die Revolutionsmilch hat mich aufgeſäugt, unter Bewegung iſt mir Geiſt und Körper groß gewachſen— wird es mir gelingen, einen neuen Menſchen zu erziehen! Und doch muß es ſein: ich habe zu wenig Fanatismus, zu wenig Leidenſchaft, um als rückſichtsloſer Bewegungsmann irgend ein Ziel zu finden.— Ich werde ein jämmerliches Leben IV. 2 26 führen ohne Begeiſterung und ohne Ruhe, zum Helden verdorben, zum Bürger untauglich— aber zum Leiden und Tragen geſchickt; lebe wohl Jugend!“ Damit nahm er ſeinen Mantel; er wollte von Joel Abſchied nehmen, und noch einmal ſeine Brücke beſuchen, aber der Straße, wo Conſtantie wohnte, ausweichen, ſo weit er konnte. Es war ein ſanfter, ſtiller Abend, den er auf der Straße fand, Frühlingsgedanken irrten ſchon vereinzelt hie und da in der Luft herum, und flüſter⸗ ten unverſtändliche aber fröhlich klingende Worte den unbefangenen Leuten in's Ohr. Ueberraſcht von dem milden Eindruck der Luft blieb er einen Augenblick vor dem Hauſe ſtehn. Da kam eine verſchleierte Dame an den Häuſern entlang, ſie war nicht mehr weit von ihm, als ſie den Kopf aufrichtete, und nach den Fenſtern des zweiten Stocks zu ſehen ſchien, ein Bedienter folgte ihr in der Entfernung von einigen Schritten. Jetzt war ſie dicht bei Valerius, der Kopf war wieder geſenkt— „Conſtantie!“ ſprach dieſer leiſe— Valerius! Dieſer Gegenruf ſchien aus dem Herzen der Dame zu ſpringen, ehe ſie Zeit gewonnen hatte, 27 das überraſchte Gemüth zu verſchließen. Und nun folgte eine Scene, zu welcher nur tiefe und ſtolze Gemüther den Stoff liefern können, oder doch nur. ſolche, welche im Stande ſind, die mächtigſten Ge⸗ fühle lange und feſt in ihren Buſen verſchloſſen zu halten. „Sind Sie es wirklich“ hub dieſer weiter an, indem er neben der Forteilenden herſchritt. Ich bin es; der Abend iſt ſchön, das Haus war mir eng: mögen es die Leute unſchicklich fin⸗ den, was kümmern mich die Leute— „O, wie dank ich's dem milden Abende, der Sie herausgeführt, daß ich Sie noch einmal ſehe; es ſoll mir ein Zeichen des Himmels ſein, daß noch nicht alle Freude für mich verloren ſei“— Sie wollen doch nicht— „Ja, Gnädige, es iſt meine letzte Nacht in Warſchau,“ erwiderte er ſeufzend;„es will mich nichts mehr halten“— Valerius! „O dieſer Ton! Warum öffnen Sie mir den Himmel, um ihn des andern Tages mit kaltem Blicke zu verſchließen“— 2 Das ſagen Sie mir? Großer Gott! bin ich ſo ſchwach, mich verſpotten zu laſſen, oder bin ich ſo thöricht geweſen, nicht zu erkennen, was ich wünſchte— „Sie ſind ſo hart, Liebe zu entzünden, und dann ſtolz zurückzutreten, wenn Sie ein Zufall irre führt“— O, Himmel, nein, nicht hart und ſtolz, un⸗ glücklich bin ich, Valerius— Sie dürfen morgen nicht reiſen— „Ein ganzes Heer in Waffen vermag's jetzt nicht, mich fortzutreiben, Conſtantie reich mir einen Augenblick Deine Hand, daß ich fühle, mein Glück ſei wirklich“— 4 O Du Lieber, o Du Liebſter— verlaß mich jetzt, wir ſind an meiner Wohnung, aber ſei nicht lange von mir, mein Herz zerſpringt vor Freude und Verlangen— drüben in der andern Straße, an der Thüre des Gartenhauſes, warte einen Augen⸗ blick— tritt einen Schritt zurück, dort unter die Laterne, daß ich Dein Auge ſehe, Dein liebes Auge — nun geh ſchnell, ich fliege.— Trunken vor Seligkeit ſchwankte Valerius hin⸗ weg, und ſuchte jene Straße.„Himmel, warum haſt Du an einem ſolchen Abende keine Sterne!“ rief er mit freudebebender Stimme. Aber es war eine ſchwere Aufgabe für ihn, die Front des Gar⸗ tenhauſes zu finden; er hatte Sie nie geſehen von dieſer Seite, die Straße war dunkel und lang, ſein Weſen war in taumelnder Bewegung, und nicht eben geeignet, viel locale Combination zu entwickeln, um aus der Lage des Palais auf die des Hinter⸗ gebäudes ſchließen zu können. Unſicher ſchlich er an vier bis fünf Häuſern auf und nieder, unter denen er ſeine Glückspforte verborgen glaubte, eine beklemmende Angſt kam über ihn, daß ihm das Glück wieder entſchlüpfen könne. Alles war ſtill, keine Thür bewegte ſich. Ich Unglückskind rief er, ich bin gewiß am falſchen Orte! Und dabei ging er einige Schritte weiter. Aber hinter ſich glaubte er jetzt Geräuſch zu hören— wirklich, eine Thür war offen, er trat hinein, eine weiche warme Hand ergriff ihn. Die Thür ward zugeſchlagen, und im Dunkeln gingen ſie leiſe durch den Salon des Gartenhauſes, 30 durch den bedeckten Gang, eine ſchmale Treppe hinauf, ſeine Begleiterin öffnete eine Thür, und er ſah Conſtantien neben ſich in einem hohen, ſchö⸗ nen Gemach, das eine von der Decke herabſchwe⸗ bende Lampe erhellte. Mit dem Ausrufe„Valerius, mein Valerius!“ ſchlang ſie ſtürmiſch die Arme um ihn, und drückte den Kopf tief in ſeine Schulter. Er küßte ihr den Hals, und bedeckte ſich das Geſicht mit ihren aufgelösten Haaren. Sie ſpra⸗ chen lange kein Wort. Endlich begann er leiſe, ganz leiſe: Wie konn⸗ teſt Du uns ſo peinigen, und meine Liebe nicht ſehen! Conſtantie richtete ſich auf, und einen Schritt zurücktretend legte ſie ihm die bebende Hand auf den Mund: Nichts, nichts davon, mein Lieber; o ich bin unausſprechlich glücklich! Auge in Auge blieben ſie wiederum lange ſchwei⸗ gend. Conſtantie glich der Geſtalt einer ſtolzen Göttin, die Alles vergißt und nur in ihrer Leiden⸗ ſchaft ſchwelgt. Ueberwältigendes Glück ſtrahlte aus ihren glänzenden Augen, unter dem leichten ſchwarz⸗ — 31 ſeidnen Gewande glaubte man das Herz ſchlagen, Blut und Muskeln in Freude hüpfen zu ſehen, ſo drängten ſich die ſtrebenden Glieder der hohen Figur hinüber zu dem Geliebten. Es glich der ſchöne, ſich neigende Körper einer zauberhaften ſinnlichen Ahnung, daß ſich zwei Menſchen im nächſten Augen⸗ blicke umarmen, bis zur Todesluſt umarmen, bis zur Auflöſung Alles Sinnlichen in einander feſſeln und drängen würden. Und ſo erfaßte denn auch Valerius den ſchönen, in Freude und Liebe zitternden Leib, wie er ſeiner zu harren ſchien, er hob ihn mit ſchwellenden Armen an ſein Herz, und ſie zerſtörten ſich beide faſt in leidenſchaftlichem Preſſen und Drängen. Nach dieſem erſten Sturme ſo lang zurückge⸗ haltener Gefühle brachen die Thränen heiß und ſtrömend aus Conſtantiens Augen— die Thränen fehlen nimmer, wenn die Gottheit in uns rege wird, und hier brachen ſie die immer noch ſchmerz⸗ liche Sehnſucht des Weibes; ihr Antlitz, ihre ge⸗ ſpannten Arme, ihr ganzer ſtraffer Körper wurde weich und nachgiebig, und die Rede, ſanft und innig wie der tiefſte verborgenſte Ton der Seele, 32 trat wieder auf die Lippen. Und dieſe Lippen küß⸗ ten jetzt mild und ſchriͤeichelnd. „Du haſt meine ganze Seele, Valerius, und ich weine, daß ich nicht mehr für Dich habe, und ich weine, daß ich glücklich bin wie ein Kind, das in den Himmel kommt“— Valerius trug die zuſammenſinkende Geliebte auf ein kleines Taburet, das neben dem Sopha ſtand, kniete vor ihr nieder, legte den Kopf in ihren Schooß, und bedeckte ſich bald die Augen mit ihren willenloſen, nachgiebigen Händen, bald führte er ſie an ſeine Lippen. Sie waren ſo ſelig und ruhig nach jenem Sturme, daß ſie ſich einmal über das andre zuflü⸗ ſterten: hörſt Du Conſtantie, ſiehſt Du Valerius, wie die kleinen roſenrothen Engel um uns herflat⸗ tern und ſich küſſen und Geſchichten erzählen von der Liebe Gottes und ſeiner Menſchen. Das ſind Augenblicke, wo die Menſchen unmit⸗ telbar mit ſchönen Welten verkehren, wo ſie jene Ahnungen von Gottes unergründlicher Liebe, von unendlichen Freuden außerhalb dieſes Lebens tief einſaugen in das offne, empfängliche Gemüth. 33 Wenn der Menſch den Menſchen am Erſchöpfend⸗ ſten liebt, da gehen alle Geheimniſſe der Welt vor ihm auf. Denn in der Liebe ruht das Geheimniß der Schöpfung, ſie„ſpricht mit Engelszungen.“ Valerius richtete ſich allmählich wieder in die Höhe, und ſeine Blicke legten ſich wie die Liebe ſelbſt in die Augen und das ſüße Antlitz des Weibes. Er dachte nichts, er wußte nicht, was er fühlte, aber die Schönheit dieſes Angeſichts flocht und weckte ſich durch Leib und Geiſt mit ihrer klaren wohlthuenden Gewalt. Er hatte keinen Wunſch, als ſie anzublicken, alle Schönheitsfreude durchrieſelte ihn dabei wie ein friſcher Bach. Con⸗ ſtantiens ſchwarzes Kleid war zugeknöpft bis an den Hals, langſam öffnete er's, und ſtreifte es herab über die blendende Achſel, welche hervorleuchtete, über die hochgewölbte Bruſt. Sie ließ Alles ruhig geſchehn, und wendete ihr Auge nicht ab von ſeinem Blick: Du biſt ſo rein, Valerius, ſo frei von jener groben männlichen Sinnlichkeit, die auch das heißeſte Weib erſchreckt — o, ich war nie ſo glücklich. 2* 34 Er küßte ſie auf das Herz, und ſeine Wange daran lehnend, und mit der Hand ihr Geſicht herab⸗ ziehend ſprach er wie in einer trunknen Schwär⸗ merei: Sieh, Conſtantie, ich bin ein Träumer— Du haſt mich oft ſo geſcholten, und Du haſt mich recht geſcholten, ſieh und höre wie ich träume: ich habe einen herrlichen ſchönen Gott, er iſt mir über⸗ all, wo ſich mir eine Schönheit, eine Thätigkeit, eine Bewegung offenbart, er rauſcht in den Bäu⸗ men, in den Wellen, er ſieht aus der feuchten Pflanze, wenn ſie ſich öffnet, er ſpricht aus dem Munde eines Volks, aus dem Munde eines unbe⸗ deutenden Menſchen, aus jedem Moment der Tags⸗ geſchichte, aber ſo lieb, und ſo klar und bezaubernd hat er noch nimmer zu mir geſprochen, als heute aus Deiner Schönheit. Aus Deinem Buſen klopft er in meine Wange, aus der weißen Haut und der vollkommenen Form Deiner Schulter lacht er mir in die Augen wie der unverhüllte alte, und ewig junge Reiz der Griechen. Hier, wo das Kleid das widerſpenſtige, mich hindert, mehr als ein Stück Deines ſtolzen Oberarms zu ſehen, hier beginnt die verſchleiernde Romantik— nicht doch, ſieh, die ſchwache Seide weicht der Gottheit, o Weib, was biſt Du ſchön!. Conſtantie verſchloß ihm den Mund mit Küſſen: Mann meines innerſten Herzens, ich haſſe, ich fürchte den Tod, aber jetzt könnt' ich ſterben, in Deinem ſchönen Gotte vergehn— „Horch, wie Dein Herz klopft, Weib, dies Leben hebt über alle Schönheit hinaus; das iſt wieder mein Gott, Weib meines ſüßen Glücks, horch, wie Dein Herz klopft, warum jauchzt es ſo, weißt Du's?“ Mein Herz klopft wild beweglich, Es klopft beweglich wild, Weil ich Dich lieb' unſäglich, Du liebes Menſchenbild! erwiderte ſie ſtürmiſch mit den Worten des Dich⸗ ters, und die Liebkoſungen ſchlugen wieder zuſam⸗ men über dem zärtlichen Paare mit ihren hohen ſtrahlenden Wogen. Es ſcheint ein Widerſpruch zu ſein mit der raſchen, forteilenden Empfindung, daß Liebende in der höchſten Bewegung ihrer Leidenſchaft die ſchwie⸗ rigſten Gedanken des menſchlichen Geiſtes berühren, 36 über die wichtigſten Intereſſen des Menſchen mit wenig Worten entſcheiden. Aber es iſt keiner, und die Erſcheinung iſt wahr und alltäglich. Alle hö⸗ heren Kräfte ſind aber auch in ſolchen Momenten entwickelt, wirkſam, thätig, das Herz liegt weit geöffnet, und giebt ſie frei, all ſeine beſten Gedan⸗ ken, und es iſt ein altes Wort: die beſten Gedan⸗ ken kommen aus dem Herzen. Zwiſchen die Zärtlichkeit unſrer Liebenden dräng⸗ ten ſich Geſpräche, Ausrufungen, einzelne Sätze der mannigfachſten Art. Sie entwickelten ſich auch gegenſeitig ihren Charakter, und Conſtantie konnte nicht müde werden, ihrem Geliebten vorzuwerfen, 4 daß er ſich zu trübe, zu nachtheilig beurtheile. Was Du ſo anklagſt, ſagte ſie, dies ewig nachdenkliche, prüfende, befangene Weſen, das hat mich zu Dir gezogen, gleich als ich Dich das erſte Mal geſehen hatte. Wir Frauen ſind alle unbefangen; wenn wir eine Zukunft von drei Tagen bedenken, ſo iſt das ſchon ungewöhnlich, die Zukunft iſt der Män⸗ ner, darum iſt der Mann am Gefährlichſten für uns, der ſie zu beherrſchen, ſich zu ſichern, zu un⸗ Wir ſehen, daß er für etwas terwerfen trachtet. 37 ſorgt, wofür wir kein Auffaſſungsvermögen haben, und das gewährt ihm eine große Ueberlegenheit, wir fühlen uns geſicherter, gehoben in ſeiner Nähe; die unbekannten Mächte, die er bewältigen will, weben ein Geheimniß um ſein Weſen, was uns reizt und anzieht, und ſo kommt das gar bald, was Du Poeſie nennſt, was uns Intereſſe, Liebe heißt. O, Ihr Männer mögt dieſen Zauber gar nicht empfinden: wenn Du in die Geſellſchaft tratſt und das Geſpräch ergriffſt, und es mit wenig Worten bedeutſamer machteſt, da wachten die ſüßeſten Ahnun⸗ gen in mir auf von höheren, ſchöneren Dingen. Ich kann ſie Dir nicht ſchildern, ich hatte keine Namen dafür, aber ſie waren da, ſie kommen täg⸗ lich wieder mit Deinem dunkeln, ſinnenden Auge, mit Deinen wunderlichen, ſchweren Worten, die im⸗ mer ſo anders ſind, als die der gewöhnlichen Leute. All mein Stolz war neben Dir entwaffnet, mein Verſtand mochte noch ſo ſchnell operiren, er miß⸗ traute ſeinen Worten, wenn ich ſie vor Dir aus⸗ ſprach, Alles war leer neben den Deinen, es fehlte eben jene Anknüpfung an andere Welten, die wie ein hervorhebender Schatten auf Deinen kleinſten Gedanken lag. Was hab ich mich geſcholten, wenn mein Herz Dir ſo offen entgegenſprang, was hab ich gelitten bei Deinem Zurückhalten, wie arm, wie unbedeutend kam ich mir vor, wie bitter hab' ich geweint, daß ich nicht geiſtigen Zauber genug beſäße, Dich zu feſſeln, und weinend hab' ich den Spiegel geſchlagen, daß er lüge, daß ich nicht ſchön ſei, oder doch eine leere, unin⸗ tereſſante Schönheit— lache immer, küſſe im⸗ mer, Du Schelm, wir wiſſen's ſo gut, daß wir ſchön ſind, wie Ihr, wenn Ihr geiſtreich ſeid. Glaubſt Du, daß es mich innig freut, ſo alten Stolz, ſogar den nöthigen Stolz gegen Dich ver⸗ geſſen zu haben— ſieh, dieſen, gerade dieſen Kuß hab ich immer dafür erwartet, o, Du biſt gut und lieb; und noch viel zu ſtolz bin ich geweſen. Wie kannſt Du fragen, was mich nach War⸗ ſchau geführt hat— die Liebe, und die Liebe führte mich heut Abend in Deine Straße, ich wollte we⸗ nigſtens Dein Licht brennen ſehen. Wenn ich Dich ſtill zu Hauſe wußte, da ward ich ruhiger, Du warſt mir näher dann— o, ich wußte Alles, was Du machteſt, weißt Du wer hier iſt? William— 39 „William!“ Der Narr verfolgt mich überall mit ſeiner Nei⸗ gung; er iſt einige Male während Deiner Abwe⸗ ſenheit in unſerm Salon geweſen, ſonſt ſeh ich ihn nicht, ich mag dieſen harten fanatiſchen Menſchen nicht, aber er ſchreibt mir alle Tage, und da er immer von Dir erzählt, ſo laß ich mir's gefallen. Er hat Dich nicht aufgeſucht, weil er Dein revo⸗ lutionaires Treiben haßt, aber es ſind noch mehr junge Deutſche hier, welche Dich oft ſehen— ich glaub's wohl, daß Du Dich verwunderſt; es iſt nicht nöthig, daß Du ſie kennſt, ihre Geſchäfte hier mögen nicht die lauterſten ſein. Was denkſt Du eben, geſchwind, ſprich, eh' Du Dich auf eine Lüge beſinnen kannſt! Valerius wickelte ihre herabhängenden Haare um ſeine Hand, und erwiderte lächelnd: Ich dachte Dich und mich, zwei ſo verſchiedene Weſen, und es iſt mir jetzt klarer als je, daß die verſchiedenſten Weſen gegen einander die feurigſte, lebendigſte Liebe entwickeln. Die Leute ſagen immer: es ſind zwei gleiche Weſen, ihre Gedanken begegnen ſich überall, 40 ſie paſſen vortrefflich zuſammen. Aber ſo iſt's nicht; das giebt eine eintönige, langweilige Liebe, eine Liebe der Eitelkeit, wo ſich Eins in dem Andern beſpiegelt. Die Gegenſätze bilden das tüchtigſte Leben, ſie entwickeln die Kraft und die Stärke. Sind wir nicht die verſchiedenſten Weſen von der Welt, Conſtantie? Du voll ſtürmender Leidenſchaft, ich langſam prüfender, überlegender Mann; aber vereinigt ſind wir eine Welt, eine Welt voll Kraft und Glück! Wo die Fähigkeit des Einen aufhört, da beginnt die des Anderen, wir ergänzen uns, und ſo erzeugen wir ein drittes, neues Leben, das uns beiden überlegen iſt, uns beide beherrſcht, und glücklich macht— Conſtantie, wie heißt dies Weſen?“ Liebe heißt es, Liebe, Liebe, o Du ſüßes, gött⸗ liches Wort! komm Du beſonnener Mann, mein Athem, meine Küſſe, mein Blut ſollen Deine Seele aufjagen, daß ſie ſpringt wie ein beſonnener Hirſch — Mann, Du erſtickſt mich— Unter dieſem Tändeln und Koſen verſtrich die Zeit und Conſtantie mußte den Geliebten endlich 41 ſelbſt an den Aufbruch mahnen. Sie erhob ſich von ihrem Sitze, und ein flüchtiges Roth der Schaam flog über ihr Geſicht, als ſie den zerriſſenen Aermel des Kleides um den bloſen Arm flattern ſah. Schnell warf ſie die langen Haare um die Achſel, und hielt dem Valerius die Augen zu. Geh jetzt, mein Lieber, nimm den Schlüſſel zur Thür des Gartenhauſes, und wenn Du im letzten Fenſter meines Schlafzimmers die Gardine ein Wenig in die Höhe gezogen ſiehſt, dann können wir uns ſehen, und ich erwarte Dich hier. Aber warte, dies eine Zeichen iſt zu wenig, der Zufall und meine Kammerfrau könnten uns einen Streich ſpielen. Wenn Du am Tage jenen weißen ſeidnen Shawl an mir erblickſt, ſo ſei Dir das ein Zeichen, daß helle ſeidne Stunden unſrer warten. Ja? Und komme hübſch täglich in's Haus, ſpiele den Bekehr⸗ ten gegen den alten Herrn, ob Du Dich bekehren ſollſt, beſprechen wir noch; aber verrathe Dich mit keinem Blicke, er ſieht ſcharf wie ein Luchs, und traut Dir auch in dieſem Punkte nicht. Dein ſchö⸗ nes Lied an jenem Abende, was mich in's Leben zurückrief; kann er nicht vergeſſen— was es ihn 42 kümmert? Du wunderlicher Narr, ſiehſt Du nicht, daß er bei aller ſeiner Bildung ein ſtolzes, altes Weib iſt, das mich gern verkuppeln möchte. Was helfen alle die ſchönen Theorien von Freiheit und Gleichgültigkeit, die eingelebten Dinge bleiben herr⸗ ſchend, wenn's zum Handeln kommt— nur die Liebe, mein Kind, überwindet Alles und die Zeit; die Vernunft iſt ein ſchwaches Ding— fort mit Deinem Philoſophengeſicht, o pfui, das war ein kalter, ein zerſtreuter Kuß, laß Dir die Haare von Deiner Stirnwunde ſtreichen, ſo, ſo, Himmel, wenn der Säbel tiefer gegangen wäre in dieſen lieben Verſtand hinein— o wie ſchön, wie ſchön iſt ſolch ein zärtlicher, keuſcher Kuß von Dir, wenn die Seele dabei aus Deinem Auge winkt, noch einen! ach, daß wir ſcheiden müſſen, daß das Leben ſo viel Lücken hat— o, guter, lieber Mann, wir dürfen nicht länger weilen, der Morgen übereilt uns.— Und doch, ja, bleibe— nein, laß uns vernünftig handeln, dieſen noch, und blos noch dieſen Kuß, und nun Ade— Ade! Da, hüll' Dich feſt in den Mantel,'s iſt kalt draußen,— 43 öffne leiſe die Thür— Ade! o eil nicht ſo— Valerius, komm noch einmal zurück, das war ja kein ordentlicher Abſchiedskuß, ſo, ſo— o, mein ganzes, beſtes Leben— Gott behüte Dich ſorgſam! —— Ade— Ade— 20. An demſelben Abende, wo in einem ſtillen Zim⸗ mer von des alten Grafen Palais die Liebe zweier Leute ſo lebhaft ſich ausſprach, war ganz Warſchau in einer ungewöhnlichen Bewegung. Auf allen Straßen ſah man Gruppen von eifrig ſprechenden Leuten, die Wagen raſſelten ſchneller und häufiger, als man es ſonſt gewohnt war, Soldaten von allen Gattungen, Bauern, junge Leute in Civilkleidern ſtrömten hin und her, Einer fragte den Andern— kurz, der unaufmerkſamſte Beobachter mußte inne werden, die ganze Bevölkerung werde von einem neuen großen Intereſſe bewegt. 5 Zwei junge Männer in weite Carbonarimäntel gehüllt drängten ſich durch die Menge, und gingen auf eine Conditorei zu, deren bunt erhellte Fenſter weit herum leuchteten in der Dunkelheit. Der eine 45 von ihnen ſchien ſich wenig um die Aufregung des Volks zu kümmern; er war etwas größer als ſein Begleiter, die Züge ſeines Antlitzes, das man jetzt dicht an der erleuchteten Ladenthüre ſehen konnte, waren ſtreng und ernſt, ja ſie hätten hart genannt werden können, wenn ſie nicht durch einen ſchwär⸗ meriſchen Zug von Melancholie gemildert worden wären. Er behauptete eine gewiſſe Superiorität über den anderen, und ſchritt ohne Weiteres zuerſt in den Laden. Dieſer Zweite hatte auf der Straße mit vieler Aufmerkſamkeit hierhin und dorthin nach den Aeußerungen der Menge gehorcht, und dabei fortwährend leiſe, ſchnell und angelegentlich zu ſei⸗ nem Begleiter geſprochen, obgleich der letztere gar keine Notiz davon zu nehmen ſchien. Alle Zimmer der Conditorei waren angefüllt, und die beiden Männer fanden mit Mühe in dem Winkel eines entfernten Gemachs zwei unbeſetzte Plätze. 3 Der Beſitzer des Ladens hieß Leſſel, und fuhr geſchäftig unter der Menge hin und her, dem Anſchein nach eifrig beſchäftigt, das Verlangen ſei⸗ ner Gäſte zufrieden zu ſtellen. Indeſſen konnte es 46 einem ſchärferen Beobachter nicht entgehen, daß der vertrocknete kleine Mann mit den beweglichen Augen hie und da länger ſtehen blieb, als nöthig war, und mit großer Aufmerkſamkeit auf die Aeußerun⸗ gen der Anweſenden horchte. Der kleinere von den beiden im Winkel Sitzen⸗ den, machte eben mit einem verſchmitzten Lächeln ſeinen ſchweigſamen Begleiter darauf aufmerkſam, als Herr Leſſel an ihren Tiſch trat—„Glühwein, meine Herrn?“ ſprach er mit lauter Stimme,— leiſe aber ſetzte er hinzu„der Alte fällt durch, Alles geht nach Wunſch,“ und ohne eine Antwort abzu⸗ warten, fuhr er wieder unter die Menge, und man hörte nur ſeine durchdringende Stimme: Glühwein zwei Mal! Das verſchmitzte Lächeln des zweiten Mannes im Karbonari blieb ungeſtört auf dem lebensluſtigen Geſichte, und während nur der Ausdruck einer unſchönen Schlauheit etwas ſtärker auf ſeinen Zügen hervortrat, ſagte er zu ſeinem Nachbar: habe ich Recht gehabt, Sir William? Dieſer erwiderte indeſſen nichts, und erhob nur das tiefliegende blaue Auge auf die Maſſe der 47 Gäſte, unter welcher eben die lebhafteſte Bewegung entſtanden war.„Skrzynecki— Skrzynecki— alſo doch Skrzynecki,“ dieſer Ausruf flog von Mund zu Mund, Alles drängte ſich nach den anderen Zim⸗ mern, und die beiden Männer ſahen ſich plötzlich allein. Es war nämlich an jenem Abende die Wahl des neuen Generaliſſimus der Armee entſchieden worden. In der Schlacht bei Grochow hatte man erkannt, wie nöthig es ſei, ein militairiſches Talent an die Spitze zu ſtellen. Der wackere Fürſt Rad⸗ zivil, welcher damals auf allgemeines Drängen den Oberbefehl angenommen hatte, um den Eiferſüch⸗ teleien der übrigen Befehlshaber keine Veranlaſſung zum Ausbruch zu geben, konnte und wollte dies Amt nicht länger behalten. Als Nichtmilitair und allgemein verehrter Patriot konnte ſeine Wahl keinen der übrigen Canditaten beleidigen, Chlopicki konnte unter ſeinem Namen die Armee leiten, deshalb hatte er damals auf allgemeines Drängen einen Poſten angenommen, dem er nicht gewachſen war. Chlopicki war aber gefallen, und lag jetzt an ſeinen Wunden in Krakau darnieder, man hatte auf dem 48 Schlachtfelde von Praga und Grochow geſehen, wie mißlich es ſei, wenn das Schickſal des Tages in den Händen eines Mannes ruhe, der wie Chlopicki nicht officiell an der Spitze ſtand; die Generale und Oberſten hatten ſich geweigert ſeinen Anordnungen zu gehorchen, und dies Mißverhältniß hatte das Schickſal der Nation auf's Spiel geſetzt. Die Nothwendigkeit lag vor Augen, einen tüchtigen Militair an die Spitze zu ſtellen, und die neue Entſcheidung hatte bisher alle Parteien in Bewegung geſetzt. Skrzynecki und Krukowiecki waren die bei⸗ den wichtigſten Candidaten, zwiſchen denen man ſchwankte. Jener hatte vom Anfange des Krieges her unzweifelhafte Proben einer tüchtigen militai⸗ riſchen Geſchicklichkeit gegeben, er war bekannt und geſchätzt als ein milder, gemäßigter Mann, an ſei⸗ nem Patriotismus haftete kein Zweifel. Aber jene militairiſchen Proben eines untergeordneten Gene⸗ rals waren nicht hinreichend zum Beweiſe, ob er als Generaliſſimus an ſeinem Platze ſtünde, jene gemäßigten Geſinnungen hatten ihm kein Intereſſe bei der Volkspartei erweckt. Krukowiecki dagegen genoß bei dieſer die ausgebreitetſte Popularität, er galt für einen aͤchten, unverfälſchten Polen, er war einer von denen, welche in der ſchlichten Kutka einhergingen, er beſuchte den patriotiſchen Klub, er verlangte durchgreifende, ganze Maaßregeln, ſein ſoldatiſches Talent, ſeine Energie waren bekannt, er war ein alter General, während Skrzynecki erſt im Revolutionskriege dazu avancirt wurde. Es war aber auch gerade Krukowiecki, deſſen Eiferſucht man durch die Wahl Radzivils hatte be⸗ ſchwichtigen wollen, ſein Ehrgeiz wurde über Alles von der Adelspartei gefürchtet, und dieſe Furcht wurde ſelbſt durch ſeine bekannte damalige Aeußerung nicht entfernt: Stellt uns einen Tambour an die Spitze, er wird uns zum Siege führen, denn wir werden ihm folgen. So ſtanden die Sachen, als an jenem Abende Skrzynecki zum Generaliſſimus erwählt ward. Herr Leſſel fand ſich bald wieder ein bei ſeinen beiden vereinſamten Gäſten, rieb ſich vergnügt die Hände, und ſagte zu Williams Begleiter: Nun, hab ich Recht gehabt, Herr von Wankenberg, hab ich Recht gehabt, die Diplomatie der hohen Herr⸗ ſchaften iſt durchgedrungen, der alte Bärenbeißer IV. 3 50 iſt wieder drum gekommen, und der ſanfte, un⸗ ſchuldige, unbekannte Skrzynecki iſt Generaliſſimus. O ich kenne meine Herrn vom Reichstage! Sie wollen die ⸗Armee nicht aus der Hand geben, Skrzy⸗ necki kann ſich auf keine Partei ſtützen, er beruht auf ihnen allein— der patriotiſche Klub wird außer ſich gerathen, ſie kommen an einander, ſie kommen an einander, geben Sie Acht, unſre Sache geht gut, geht ſchneller als wir dachten— Sie thäten am Beſten, gleich in den Klub zu gehn, und alles mögliche Holz ins Feuer zu werfen.— Herr von Wankenberg hatte noch immer daſſelbe Lächeln auf den Lippen, und erwiderte dem lebhaf⸗ ten Conditor mit der ungeſtörten Ruhe eines beſſer Unterrichteten und eines Vornehmeren, der ſich am Eifer eines Gleichgeſinnten freut, ihn aber gern in die untergeordnete Stellung zurückgedrängt ſieht: Sie ſind zu voreilig, zu ſanguiniſch, Herr Leſſel, Sie könnten unſere Sache kompromittiren, ehe ſie reif iſt, Sie ſind den jungen Leuten ohnedies ſchon ver⸗ dächtig, und ſollten mehr als jeder Andere auf der Hut ſein. Leſſel zog die Augenbrauen zuſammen und kniff die ſchmalen Lippen ein, aber Herr von Wanken⸗ berg ließ ſich nicht ſtören und fuhr fort: Der Klub. iſt klüger als Viele denken, ſeine Hauptführer haben beſchloſſen, das ſogenannte Wohl ihres Vaterlandes auf keine Weiſe bloß zu ſtellen, ſo lange der Feind zwei Meilen von Warſchau ſteht, alle Kraft vor der Hand auf den Kampf zu verwenden, und erſt ſpäter einen direkten Einfluß auf die Regierung, oder die Regierung ſelbſt zu erzwingen. Später— ſpäter, fiel Leſſel ein, wenn's nur ein Später für ſie geben wird— Gut, gut, oder möglich, wahrſcheinlich, fiel Wankenberg ein, Skrzynecki iſt ein unentſchloſſener Mann, er wird die Hitze verrauchen laſſen, aber jetzt iſt nichts, gar nichts zu machen, kompromit⸗ tiren Sie uns nicht, Leſſel, mit Ihrer Voreiligkeit — rüſten Sie zu morgen früh, oder beſſer noch für heute Nacht den alten Levi, ich werde ihm Briefe geben über den Stand der Dinge; laſſen Sie nicht wieder den alten Franzoſen ſein Geſchwätz bei⸗ legen, er übertreibt Alles, um ſeine Wichtigkeit beim Feldmarſchall zu erhöhen— ſaien Sie unbeſorgt, 5² Leſſel, ich will Ihrer Thätigkeit ſchon erwähnen, mein Mißvergnügen über Ihre Voreiligkeiten hat nichts mit meinen Mittheilungen zu ſchaffen— drüben im Winkel hinter Ihnen hat ſich ein Gaſt eingefunden, verlaſſen Sie uns, und ſchicken Sie uns beſſern Glühwein. Leſſel nahm die Gläſer und ſchrie wieder wie vorher im Abgehen: Glühwein, zweimal! Während dieſes Geſprächs hatte William ſtill da geſeſſen, und wenn er nicht zuweilen einen ver⸗ ächtlichen Blick auf die beiden Sprecher geworfen hätte, ſo würde man geglaubt haben, er höre gar nichts von ihrem Geſpräche. Der ſchroffe Ausdruck ſeines Geſichts war immer härter gewor⸗ den, er ſtrich ſich die langen ſchlichten Haare, welche ungeordnet um ſeinen Kopf hingen, aus den Schläfen, und eine abſchreckende Verachtung drückte ſich auf ſeinen Lippen aus, als er dem Kellner das friſch gefüllte Glas abnahm und zu ſeinem Begleiter ſprach:. „Sie müſſen geſtehn, Herr von Wankenberg, arme Adlige unſers Vaterlandes, und die alten ver⸗ triebnen Franzoſen arbeiten der Revolution auf's 5³3 Beſte in die Hände— ſie haben ſich faſt das Pri⸗ vilegium des Spionirens erworben“— Wankenberg lachte hell auf; Sie ſind ein Spaß⸗ vogel, aber ich bitte Sie, nicht ſo laut zu ſprechen, der Mann da drüben lieſ't vielleicht nicht ſo eifrig im Warſchauer Kurier als es ausſieht— die Di⸗ plomatie, lieber Sir William, hat mancherlei Bran⸗ chen, und ich weiß ja, wie tief Sie ſelbſt das re⸗ volutionaire Geſindel haſſen. „Ich haſſe ſie, weil ich ihre Grundſätze haſſe, aber ich bin kein Spion für Geld“— um Gotteswillen ſprechen Sie leiſer, wenn Sie Ihre Tugend auskramen wollen, der Menſch da drüben ſieht ſchon über das Journal hinweg. A propos, Ihr alter Freund Valerius, der noch heute Morgen kein Geld zu ſeiner Abreiſe hatte— „Ich weiß, ich weiß, Sie haben mir das heut Morgen ſchon geſagt, und ich glaube, er iſt jetzt damit verſehen“— Laſſen Sie mich doch ausreden— ich bin ihm vor einer Stunde mit der Fürſtin Conſtantie auf der Straße begegnet. Sie war zu Fuß und im eifrigſten Geſpräch mit ihm, es koſtete mich Mühe, 1 den weit hinter ihr gehenden Bedienten zu entdecken — mit Ihren ſchönen Grundſätzen machen Sie Alles ungeſchickt, und bringen nicht einmal dieſen Schwär⸗ mer aus der Stadt— mir iſt er ſicher, mir kömmt er auch ſpäter zurecht; aber Ihnen iſt er ja völlig im Wege. Ich habe mehr für Sie gethan, als Sie wiſſen: ich habe ihn in den demokratiſchen Geſellſchaften erblickt, und damit habe ich ihn aus den Zirteln gedrängt, die er wohl aufgeben mußte, weil man ihm ſcheele Geſichter ſchnitt, ich habe— William, auf deſſen Antlitz ſich die heftigſten Empfindungen ausgeprägt hatten während dieſer Er⸗ zaͤhlung, ſprang in dieſem Augenblicke auf, und verließ ſchnell das Zimmer. Dies ſchien aber ſeinen Begleiter wenig zu rühren; er nahm ein Taſchenbuch aus dem Rocke und notirte ſich etwas. Dieſer Herr von Wankenberg hatte eins von jenen verwiſchten Geſichtern, denen man das Alter nicht recht anſieht. Er konnte eben ſo gut fünfundzwanzig wie fünfunddreißig Jahre zählen. Seine Haare waren dünn und eng am Kopfe liegend, ein fein zugeſchnittenes Bärtchen hob das glatte Ge⸗ ——Q—ꝑ————— 5⁵ ſicht, was für den erſten Anblick geſund und von lebhafter Farbe erſchien. Wenn man genauer hin⸗ ſah, ſo gab man ihm vielleicht das unangenehme Beiwort„ſchwammig“. Seine Hände waren ſehr weiß und fein. 24. Das Glück einer brauſenden Liebe hatte Valerius in allen Organen verändert. Er ſah jetzt Alles ver⸗ ſöhnlich an, freundlich, liebevoll. Das iſt ja eben das wunderbare Geheimniß dieſes Gefühls, daß es der ganzen Welt eine andre, eine glänzende Farbe giebt, und zwar nicht blos der Gedankenwelt, ſon⸗ dern auch den ſcheinbar unbedeutendſten äußerlichen Dingen. Ein Liebender fühlt ſich an den Quellen aller Triebe, er ſieht mit Staunen ihre unendliche Kraft, und darum vergibt er am Leichteſten alle Leidenſchaften. Die wilden, verzehrenden Sympathieen und Anti⸗ pathieen, welche den jungen Deutſchen noch eben entſetzt hatten beim Anblick der polniſchen Zuſtände, erſchienen ihm jetzt in einem viel beſſeren Lichte, —.,——— —— Große Kräfte, meinte er, verlangen auch große, mannigfache und heftige Aeußerungen. Dieſer neue Sinn drückte ſich bis in's Kleinſte in ſeinem Weſen aus, denn die ganzen Erſcheinun⸗ gen unſers Inneren, mögen ſie Liebe oder Haß zu nennen ſein, bemächtigen ſich auch des ganzen Men⸗ ſchen. So kam es denn, daß ſich bald wieder ein leidliches Verhältniß, namentlich mit Stanislaus, herſtellte. Die Wahl Skrzynecki's hatte im Hauſe ſeines Vaters die beſte Stimmung erzeugt: die ariſto⸗ kratiſche Partei fürchtet ſo gut wie die demokratiſche einen überragenden Krieger, denn ſie iſt in ſich ehen auch eine Demokratie. Skrzynecki war ein unbe⸗ deutender Edelmann, ſein Ruhm war mäßig, und man hatte nicht zu fürchten, daß er ſich den Mei⸗ nungen und der Anordnung der Korporation über⸗ heben würde. Dieſe Beruhigung verlangt aber jede Partei, auch wenn ſie noch gar nicht weiß, was ſie will. Sie fürchtet vor Allem, ein bloßes In⸗ ſtrument zu werden. Der alte Graf nun beſonders war nach dieſer Wahl ganz in ſeinem Element: er gehörte zu denen, die Alles Edle und Hohe vorzu⸗ bereiten trachten, die ſich vorreden, die Erreichung 3 ¾ dieſes Zwecks ſei ihr ganzes Streben, die Ausfüh⸗ rung ihrer philantropiſchen Pläne aber ſo weit wie möglich hinausſchieben. Ihre angebornen Neigun⸗ gen ſind im Grunde wenig ſtärker als ihre Kultur, und ſie ſind nie glücklicher, als wenn ſie die Aus⸗ ſicht vor Augen haben, daß ſie auf dem eingeſchla⸗ genen Wege zu Reformen gelangen können, ohne heute oder morgen dieſe Reformen beginnen zu müſſen. Ihre Bildung iſt dann geſchmeichelt und ihre Ge⸗ wohnheiten ſchweigen, weil ſie noch nicht bedrängt werden. So war's mit dem alten Grafen, als Skrzy⸗ necki's Erwählung ſtatt gefunden hatte; es konnte Alles geſchehn, und man ward zu nichts getrieben. Keine Uebereilung, keine Uebereilung! iſt das Loſungs⸗ wort dieſer Leute, die ſich in allen geſellſchaftlichen Kreiſen vorfinden. Valerius, der es nicht ertragen konnte, daß er nach ſeinem Austritte von der Armee nicht mehr für vollgültig im Salon angeſehn wurde, daß ihn Alles mißtrauiſch, kaum mit nothwendiger Höflich⸗ keit behandelte, trug ſich ernſtlich mit dem Ent⸗ ſchluſſe herum, das wieder in's Gleichgewicht zu bringen. So ſelbſtſtändig er auch zu ſein glaubte, ſo ſehr hing er doch von ſeiner Umgebung ab und von der Meinung derſelben. Achtung, ja faſt mehr als Achtung war ihm Bedürfniß, und das konnte ihn ſogar vermögen, gegen ſeinen eignen Glauben zu handeln, beſſere Einſicht zu nehmen, und ſich einer Gewöhnlichkeit unterzuordnen, welcher er ſich weit überlegen fühlte. Hippolyt hatte ihn zwar einmal mit der Behauptung eingeſchüchtert: der Einfluß von dem, was uns umgiebt, iſt ſtärker als alle Philoſophie, er macht uns zum völligen Skla⸗ ven, ſobald wir allen Trotz aufgeben. Valerius bebte vor dieſer Sklaverei, namentlich bei ſeinen jetzigen Umgebungen, aber er hielt es eben ſo auf der andern Seite für das Weſentlichſte einer ge⸗ felligen Cultur, dem verletzenden Widerſpruche, der beleidigenden Abſonderung, dem Rechtbehalten ſo viel als möglich aus dem Wege zu gehn.„Nur der hat Recht,“ pflegte er oft zu ſagen,„der nicht Recht haben will.“ Dieſe Nachgiebigkeit ward nun auch ſehr ge⸗ fördert durch die überſchwellende Stimmung einer neuen Liebe.„Was iſt wahr, was iſt nothwendig,“ 60 rief er lachend,„in den verworrenen geſchichtlichen Zuſtänden dieſer Welt? Ich weiß es nicht, denn es wechſelt wie die Witterung. Nur die Liebe iſt ewig, und die Verſöhnlichkeit iſt darum immer die ſicherſte Tugend.“ So ward es Stanislaus nicht ſchwer, den deſer⸗ tirenden Deutſchen wieder zu gewinnen. Er ver⸗ ſprach, wieder einzutreten, ſobald es an's Fechten ginge. Und ſo war Alles im trefflichſten Gleiſe, und ein wunderlicher Humor ergoß ſich über Gedan⸗ een und Worte Valerius. Keine einzige ſeiner wich⸗ tigen Geſellſchaftsfragen war gelöſ't, aber die Har⸗ monie nach Außen war hergeſtellt, ſein Herz auf das Süßeſte beſchäftigt. Und bei ſolcher Gelegen⸗ heit, wo wir eigentlich im tiefſten Innern hören: es iſt keineswegs Alles in Ordnung, wo wir aber halb und halb die Hoffnung aufgegeben haben, die widerſtrebenden Maſſen zu bewältigen, und wo uns dieſer oder jener Reiz für den Mangel einer völligen Harmonie entſchädigt, da kommt uns der Humor, ein beſchwichtigender Tröſter. Tief in den Winkeln ſeines Lächelns ruht zwar ein ewiger Schmerz, aber dieſer hebt nur das Lächeln um ſo mehr, wir fühlen —— 61 — die Nothwendigkeit, uns ſelbſt zu erhalten, und jenen Schmerz unberührt zu laſſen. In dem Lächeln liegt auch ein ſo heimathlicher Zug, ein Erinnern. an die Kindheit, an die Tage, wo wir noch völlig unſchuldig waren, eine Stimme ſagt uns: dies Lächeln iſt ächt, ſtammt aus dem Urſprünglichen deiner Natur, aber der Schmerz iſt erſt gekommen mit der erworbenen Bildung, folge deiner Natur und lächle. Daher kann es auch nur Humor geben, wenn die Bildungszuſtände in Gährung und Wechſel ge⸗ rathen ſind, und ſich neu geſtalten wollen. In ſo⸗ genannten klaſſiſchen Perioden, wo die eben kurſirende Aufgabe der Zeit gelöſ't, wo Alles fertig und be⸗ ſtimmt iſt, was man Tugend, Geſetz, Schönheit nennt, da giebt es keinen Humor. Die Juden, Griechen und Römer mit ihrer fertigen Welt kann⸗ ten ihn nicht. Der alte Graf verſaͤumte in ſeiner guten Stim⸗ mung nicht, die humoriſtiſche Laune des Teutſchen durch artige, geiſtreiche Bemerkungen zu unterſtützen, Stanislaus lächelte dazu, obwohl man leicht be⸗ merken konnte, daß ihm das eigentliche Verſtändniß 6² dieſer Stimmung abging. Alle einſeitigen Völker wie die Polen, beſitzen keinen Humor, deſſen Exi⸗ ſtenz die größte innere Mannigfaltigkeit bedingt. Dieſer Mangel erſchwert dem Teutſchen das behag⸗ liche Zuſammenleben mit ſolchen Nationen, zu denen auch die Franzoſen gehören. Schnelle, kurze Hand⸗ kungen, welche dieſe Völker bezeichnen, haben nichts zu ſchaffen mit der breiten Baſis des Humors und ſeiner Alles umfaſſenden Natur. Auch Conſtantie 7... 1... gehörte eigentlich nicht in dieſen Bereich, ihr ent⸗ ſchloſſener Geiſt war nicht daran gewöhnt, nach allen möglichen Richtungen zu blicken, aber die Liebe lehrt Alles. Wenn ſie Valerius in dieſer heitern, beweglichen Laune ſah, da fühlte ſie ſich überaus glücklich und gehoben, ſie erkannte darin die friſche Einwirkung ihres Liebesverhältniſſes, das deutſche Naturell und die feinen Auffaſſungsorgane der Nei⸗ gung erleichterten ihr das Verſtändniß dieſer unge⸗ wöhnlichen Sprünge des Geiſtes und Herzens, und ſo bildete ſich bald ein Zirkel der ergötzlichſten Unter⸗ haltung. Hedwig ſchwamm in ihrer jugendlichen Heiterkeit mit darin herum, und ſchickte ſich auf das Beſte zu dieſer in Polen ſo fremdartigen Con⸗ 83 verſation, denn die Frauen verſtehen Alles ſchnell, wo das Herz ſeine Töne beiſteuert, und ſo hatte ſich bald ein beſtimmter Kreis gebildet im Salon, welcher ſcherzhaft„der deutſche Klub“ genannt wurde. Valerius war auch am Tage öfters im Hauſe des alten Grafen, und unter dem ſteten Wünſchen, den weißen Shawl bald zu erblicken, unter Scher⸗ zen und Lachen verſtrich ihm die Zeit. Sehnſüchtig blickte er wohl täglich nach der Thür, durch welche die Fürſtin erſcheinen ſollte, ſie kam, aber das weiße Freudenzeichen fehlte immer. Einige Male flüſterte ſie ihm zu, der alte Herr ſei nicht ohne Argwohn, ſo freundlich er ausſähe, ſie glaubte ſich ſtreng beobachtet.— So ſtanden die Sachen, als Valerius am Abende des 30. März in den Salon trat. Es waren viele Militairs zugegen, und es ſchien eine ungewöhnliche Bewegung zu herrſchen. Sie äußerte ſich indeſſen nicht laut und ſtürmiſch, wie zumeiſt, ſondern da⸗ durch, daß ſich die Geſellſchaft in mehrere Gruppen geſpalten hatte, in welchen einzelne Redner mit halber Stimme lebhaft, und wie es ſchien, auf Ueberzeugung ausgehend, das Wort führten. Nament⸗ 64 lich zeichnete ſich ein junger Officier von höherem Range aus, er fand die meiſten Zuhörer und ſchien am wenigſten durch Zwiſchenreden geſtört zu werden. Er hatte ein blühendes, lebhaftes Geſicht, große forſchende Augen und eine befremdende Wehmuth oder Schwärmerei ſchien manchmal aus den Zügen aufzublicken. Das ganze ſprechende Antlitz war aber trotz dem bedeckt mit den Spitzen und Funken des nationalen Scharfſinns, die bei einem Krieger auf ſchlaue Pläne und Berechnungen deuten. Valerius erinnerte ſich, daß ihn Stanislaus mehrmals auf die ſtrategiſchen Talente dieſes Mannes aufmerkſam gemacht hatte, und obwohl er die Worte nicht hörte, ſo glaubte er doch aus alle dem ſchließen zu können, der junge Officier entwickle irgend einen Feldzugs⸗ plan. Sein Name war ihm entfallen, und er wollte eben näher hinzu gehen, um ſich zu unterrichten, als Conſtantie eintrat. Auf ihren Schultern lag der weiße Shawl— ſie war ſchön wie eine Göttin und alles Andre verſchwand für Valerius. Die Gruppen zerſtreuten ſich, das Treiben löſ te ſich in den gewöhnlichen Salonverkehr auf. Valerius bemerkte es kaum, daß ſich Stanislaus mit dem 9* jungen intereſſanten Officiere entfernte, Conſtantiens ſehnſüchtige Augen beſchäftigten ihn allein; ſie ſprach wenig mit ihm, aber es lag in den wenig Worten eine ſo ſüße Schwere, eine ſo weiche Beklommen⸗ heit, das ſchöne Roth ihres Geſichts ſtrahlte ſo glück⸗ verheißend, daß er es kaum inne ward, wie die Stunden verſchwanden. Ein leichter Schlag auf die Achſel weckte ihn. Stanislaus ſtand hinter ſei⸗ nem Stuhle und winkte ihm nach den ſtilleren Zimmern. Als ſie weit genug entfernt waren, daß Niemand ſie hören konnte, ſtand er ſtill, drückte ihm heftig die Hand, und ſprach: Der Augenblick iſt da, wir können fechten.—. Valerius erſchrack— wann? „Noch heute Nacht“— Oh! „Das klingt ja wie Betrübniß, irr' ich mich wieder in Ihnen?“ Nein, nein, erwiderte Valerius, der ſich ſchnell gefaßt hatte— um welche Zeit ſteigen wir zu Pferde? „Zwölf iſt die ſpät'ſte Stunde; Sie haben Zeit, bis dahin Ihre Vorkehrungen zu treffen. Hören 66 Sie, wie es zuſammenhängt. Sie haben vorhin Prondzinski geſehn—“ 8 Wen? Ah, ja, das war alſo Prondzinski! Ich habe Sie ja ſchon öfters aufmerkſam auf ihn gemacht; er iſt die rechte Hand Skrzynecki's, ein unerſchöpfliches Kriegstalent, wie ich glaube. Er ſagte mir heute Abend, es ſei etwas im Werke, wenn ich Luſt hätte, möchte ich ihn begleiten. Wir gingen. Er hat eine unerſchöpfliche Kriegsphantaſie, und entwickelte mir ſo viel Möglichkeiten, die Ruſſen zu ſchlagen, daß ich, ganz bedeckt und verwitrk⸗ kaum bemerkte, wohin wir gegangen ſeien. Es war ein glänzender Speiſeſaal, in dem wir uns befan⸗ den. Ich blieb ein wenig zurück, Prondzinski trat hinter Skrzyneckis Stuhl und ſie ſprachen leiſe, aber eifrig und lebhaft mit einander. Fröhlich kam er zurück und führte mich wieder von dannen: Endlich i*ſt er entſchloſſen, um zwölf Uhr kündigt er der Geſellſchaft an, daß es gegen den Feind geht, eine Minute drauf iſt er im Sattel.— Nun flogen wir, den Befehl zum Abmarſch zu verbreiten, die Truppen waren ſchon konſignirt, die Weichſelbrücke ward mit Stroh beſchüttet, wenn Sie hinausgehn 67 wollen, ſo können Sie den geſpenſtiſchen Zug der ganzen Armee betrachten.“— Wohin? „Um zwölf Uhr ſpricht Skrzynecki das Wort aus, eher erfährt's Niemand, und die Vorſicht iſt gut, in der Stadt iſt's unſichrer als im Lager“— Wo find' ich Sie um zwölf?— „Zu Pferde an der Weichſelbrücke.“ Sie gingen zurück in den Salon. Valerius hätte um Alles in der Welt gern ein Wort zu Con⸗ ſtantien geſprochen; aber ſie war umlagert von allen Seiten; er ſtand wie auf Kohlen. Er winkte ihr mit den Augen, ſie ſchien ihn zu verſtehn, aber der alte Graf ſchien es eben ſo gut bemerkt zu haben. Die Situation war peinlich. Es ſchlug zehn. Da brachen alle Militairs auf, in der Verwirrung konnte er ſich der Fürſtin nähern, und ihr zuflüſtern: In einer halben Stunde bin ich da—„Das iſt zu zeitig,“ erwiderte ſie ſchnell —„nicht wahr, lieber Onkel, der Graf Kicki iſt den ganzen Abend nicht hier geweſen, Herr von Valerius will es beſſer wiſſen“— —y— 68 Der alte Herr war nämlich ſachte an das Pär⸗ chen herangetreten, und hatte vielleicht ſchon ge⸗ horcht; Conſtantie ſuchte ihn zu täuſchen, und ſprach weiter in ihn hinein; Valerius konnte nicht länger warten. Magyac kam ihm zu Hauſe ſchon gerüſtet ent⸗ gegen, er hatte ſchmerzlich auf den Herrn gewartet, da er von einem Aufbruche der Truppen unterrichtet war. Jetzt jubelte er laut, als ihm dieſer entgegen⸗ rief: Thaddäus, die Pferde ſatteln, meine Uniform! Ich hab's gewußt, ſchrie er luſtig, daß Sie ſo ſprechen würden, ich hab' meinen Herrn gekannt, Sie mochten ſagen, was Sie wollten— Alles fertig, die Pferde ſchon gezäumt, hier, hier Uniform, Degen, Kasket, Piſtolen ſind geladen, feſt geladen Herr, Patrontaſche voll, Herr draußen auf der Weichſel⸗ brücke, das iſt ein Leben, ſeit zwei Stunden dauert der Zug ſchon, unſere Truppen, Herr, unſere Trup⸗ pen, ein Heer, ein ächtes Heer— wohin geht's Herr? ſetzte er leiſer hinzu. „Auf der Brücke werd' ich Dir's ſagen, um drei Viertel zwölf, Schlag drei Viertel zwölf reiten wir.“— Er bezeichnete ihm einen Platz, wo er 69 ihn mit den Pferden erwarten ſollte—„ halt da, den Schlüſſel aus meinem Rock“— Herr, daß Sie die Uhr nicht verhören— Va⸗ lerius flog davon, lachend über Magyacs Aeußerung, der mit der Schlauheit ſeiner Nation den Zuſam⸗ menhang zwiſchen dem Schlüſſel und der Eile er⸗ rathen zu haben ſchien. Es war halb elf, als Valerius an der Thür des Gartenhauſes ſtand. Sie hatte geſagt, es ſei zu zeitig, er konnte auf einen ihrer Domeſtiken ſtoßen, die ſie vielleicht noch nicht hatte entfernen können— aber es blieb ihm nur eine ſtarke Stunde, entſchloſſen öffnete er die Thür, und tappte durch den Gang, die Treppe hinauf. Hier horchte er, wirklich wurde drinnen eben eine Thür zugeſchlagen, dann ward es ſtill— er öffnete. Conſtantie ſtand mitten im Zimmer,; und lauſchte nach den vordern Gemächern. Sie winkte ihm mit der Hand ſtehen zu bleiben, und ſchalt mit leiſer Stimme:„Unbeſonnener! Ich habe mich nicht können umkleiden laſſen, meine Kammerfrau hat noch die nächſte Thür in der Hand — endlich, jetzt iſt ſie fort— Valerius flog auf ſie zu, und drückte ſie herzend und küſſend mit einem Arme an ſich, mit dem andern hielt er den Säbel, um kein Geräuſch zu machen. Der weiße Shawl glitt unter ſeiner Hand von den Schultern, und während Conſtantie ſeine Liebkoſungen erwiderte, ſchob er ihn unter den Mantel— Was machſt Du da? Mit den Worten ſchlug ſie ihm den Mantel auseinander— in Uniform? Himmel, was ſoll das bedeuten? ſprich ſchnell. Valerius legte ſeinen Säbel ab, und lachte. Er hatte ihr nichts ſagen wollen, aber ſie bat ſo gut, ſo dringend: Sei nicht falſch, Valerius, erzähle! Er erzählte. Conſtantie regte ſich nicht, ihre Augen aber verließen die ſeinen nicht— Alſo nur eine Stunde noch! ſagte ſie endlich mit ſchwacher Stimme— und ich ſehe Dich vielleicht nie wieder— ein Schauer überflog den ganzen Körper, und ſie ſetzte noch leiſer hinzu: es wäre entſetzlich! Ich liebe das Leben über Alles; aber ich weiß nicht, wie ich ohne Dich leben ſoll—— bleib; was gehen Dich die Leute an, bleib, Geliebter! Dabei rollten große Thraͤnen über ihre Wangen. 41 ,— ,— 71 „Conſtantie!“ erwiderte Valerius,„wie biſt Du reizend in dieſer Schwäche, laß mich die Thränen hinwegküſſen von dieſem Geſichte, das nicht für Thränen geſchaffen iſt, aber wenn ſie getrocknet ſind, wirſt Du nicht mehr verlangen, daß ich bleiben ſoll. Was wollteſt Du mit einem Manne ohne Muth, der ſein Verſprechen bräche, den die Umgebungen verachten?“ Ach, Mann, es iſt ein größrer Muth, ſeine Umgebungen und ihr Geſchwätz zu ignoriren, es iſt eine Schwäche, den hergebrachten Formen nachzu⸗ laufen und das Glück zu verlaſſen, es iſt eine ein⸗ gebildete Phantaſterei, eine veraltete Ritter⸗Koketterie mit Eurem Muth und Eurer ſogenannten Ehre, und ich hätte Dich ſtärker geglaubt— Rinald war der gewaltigſte Ritter vor Jeruſalem, und der ſchwaͤr⸗ meriſch romantiſche Taſſo läßt gerade ihn mit Ar⸗ mida Jeruſalem und Schlacht vergeſſen— „Aber Rinald war verzaubert“— Und Du biſt es leider nicht— ja, ja, das iſt der Unterſchied. Mit dieſen Worten nahm ſie ein Umſchlagetuch vom Stuhle, hüllte ſich darein, und ſetzte ſich in einen Winkel des Zimmers. .“ „Du thuſt mir Unrecht, Conſtantie, Du wirſt Dich beſinnen; thu es ſchnell, die Minuten ſind uns gezählt. Die Ehre mag ein zufälliges Ueber⸗ einkommen ſein, aber unſre ganze Geſellſchaft iſt ein ſolches; wenn wir in ihr beſtehen wollen, müſſen wir uns in die weſentlichſten Pflichten gegen dieſelbe fügen— Du weißt ich bin nicht der Mann ängſt⸗ licher Formen, ich hätte wohl auch die Kraft, die⸗ ſem gemachten Phantom der Ehre entgegen zu treten; aber was bliebe in einer Zeit übrig, wo nur dies loſe Band noch die Verhältniſſe zuſammenhält, wo alle ſonſtigen höhern Elemente der Geſellſchaft längſt entwichen ſind, und Conſtantie, weißt Du auch, wer mich zuerſt anklagen würde— weißt Du's?— Du ſchweigſt; ich will Dir's ſagen: Die Fürſtin Conſtantie, die ſtolze Conſtantie. Beſinne Dich— ach die ſchönen Augenblicke, in denen wir uns lieben könnten, verſtreichen unter ſpitzfindigen Worten. Es entſtand eine Pauſe. Valerius ging einige⸗ mal im Zimmer auf und ab, und blieb endlich vor ihr ſtehen. Ihr Kopf war auf die Bruſt geſunken, das Auge niedergeſchlagen, ſie regte ſich nicht. Va⸗ lerius legte ſeine Hand auf ihr Haupt, und betrachtete 73 ſie ſchweigend. Bei der Berührung bebte ſie zu⸗ ſammen, ſchlug die Augen auf, ſtreckte ihm die Hand entgegen, und ſprach ſchnell: Es iſt vorüber — Du haſt Recht wie immer, komm, vergieb! Und dabei ſprang ſie auf und zog ihn an's Herz. Das alte Spiel der Liebkoſungen begann, das ein⸗ zige Spiel, in welchem beide Partieen gewinnen. Sie glaubten ſich einer um ſo größeren Heftigkeit hingeben zu müſſen, je unſichrer die Ausſicht war, daß ähnliche Freuden bald wiederkehren dürften. Die ſüßeſten Worte und Schmeichelreden ſchmiegten ſich in das feſte Umarmen, das brennende Küſſen; der Mantel fiel von ſeinen Schultern, das Tuch von den ihren, und ſie ſtanden in einander verſchlungen wie zwei Kämpfer, welche die Kräfte ihrer Liebe meſſen wollen. Haſtig ſprang er auf einmal zurück, und riß die Uhr aus der Taſche—„moch zehn Minuten, Conſtan⸗ tie ſind unſer, und dann“— hier überwältigte ihn das Urſprüngliche ſeines Charakters, das Träumen der Zukunft, das Verzagen am Glück—„ach Conſtantie,“ ſagte er muthlos,„wird unſre Freude wiederkehren?“ IV. 4 74 Conſtantie, welche die Hände auf die Augen gedrückt hielt, gleich als wollte ſie die ſchöne Welt des Augenblicks, welche in ihrem bewegten Herzen rollte, keinen Moment entfliehen laſſen, ſagte mit weicher Stimme: komm, komm zu mir, was küm⸗ mert uns die Zukunft, da der Augenblick ſo ſchön iſt, komm, laſſ' mich Dein Auge küſſen.“—„So, mein Herz, biſt Du nicht auch ſo glücklich, kannſt Du jetzt an etwas Andres denken?“ Das iſt der Vortheil leidenſchaftlicher Weſen: der Genuß der Gegenwart wird ihnen nicht durch den leiſeſten Gedanken an das, was kommen könnte, getrübt, keine Zukunft kümmert ſie, auch wenn ſie ſchon an die Thür klopft. Aber Valerius, dem jetzt ſchon der Trennungs⸗ gedanke und das, was hinter dieſer Nacht lag, quälte, entbehrte dieſes Vortheils, und er hörte dann auch zuerſt Stimmen und Geräuſch im Garten. Con⸗ ſtantie wollte nicht dran glauben, aber er nöthigte ſie, aufzuhorchen. Das Geräuſch war unter den Fenſtern ihres Zimmers, die, an der Rückſeite des Hauſes, nach dem Garten führten. Conſtantie löſchte die Lampe 75 aus, und öffnete leiſe das Fenſter—„Seht nach dem Gartenhauſe— es war die Stimme des alten Grafen—„ob er vielleicht dort entkommen kann“ — eben ſchlug's vom nächſten Thurme drei Viertel auf zwölf— „Ich muß fort, Conſtantie!“— Um Gottes⸗ willen nicht in dieſem Augenblicke. Beide ſchwiegen eine zeitlang und horchten. Man hörte nichts mehr in der Nähe, aber hinten am Gartenhauſe rief hie und da ein Bediente dem andern zu. Conſtantie glaubte wahrzunehmen, daß ſie zu⸗ rückkämen, und die Jalouſieen des bedeckten Ganges unterſuchten. Valerius gürtete ſich den Degen um, ſuchte ſeinen Mantel im Dunkeln, und ſtand nun reiſefertig wie auf Kohlen. „Oeffne mir das andre Zimmer,“ flüſterte er endlich,„das Stockwerk iſt niedrig, ich werde auf die Straße hinunter ſpringen.“ Conſtantie ſchwieg noch eine Weile; dann er⸗ mannte ſie ſich plötzlich, und ging mit raſchen Schritten nach ihrem Umſchlagetuche.„Laß das dumme Volk,“ ſagte ſie dann, und trat zu Vale⸗ rius,„ſie mögen ſehen und erfahren, was ſie wollen, 76 es iſt kein bloßes Liebesabenteuer zwiſchen uns; einen Abſchiedskuß, und noch einen, und den letzten; nun komm, ich bring Dich ſelbſt hinunter, mag uns begegnen, wer da will. „Nicht doch, Conſtantie“— Doch, widerſprich mir nicht, es iſt umſonſt, mein Entſchluß iſt feſt; es ſchlägt den Augenblick zwölf— Sie gingen. Leiſe— leiſe, drück die Säbel⸗ ſcheide an Dich, flüſterte Conſtantie, als ſie im bedeckten Gange wirklich die Bediente an den Ja⸗ louſieen rütteln und ſprechen hörten. Alles iſt feſt, ſagte der eine, die Thür dort iſt auch verſchloſſen, er muß in irgend einem Winkel ſtecken— übrigens, Johann, wenn ich meine Mei⸗ nung ſagen ſoll, ein Spitzbube war's gewiß nicht, 's war nur ein Augenblick, daß ich ihn ſehen konnte, aber ſo ſieht ein Spitzbube nicht aus,'s war ganz gewiß ein Edelmann— „Aber was ſollte denn der“— ſprach der An⸗ geredete— Pſt, Johann, unterbrach ihn der erſte— Die Stimmen entfernten ſich. Valerius und Conſtantie 77 kamen unangefochten in's Gartenhaus, und fanden auch da nichts Verdächtiges. Er öffnete die Thür nach der Straße, ſie umarmte ihn noch einmal mit aller Leidenſchaft, welche die aͤngſtliche Situation um nichts vermindert zu haben ſchien— Leb wohl, wohl, mein Herz, mein Alles— leb wohl— Er flog durch die Straßen, und ſchrie ſchon von Weitem„Magyac— Magyac!“ Dieſer kam mit den Pferden herbei—„Herr, da ſchlägt es zwölf, wir werden zu ſpät kommen“— Beide waren mit einem Sprunge im Sattel, und in geſtrecktem Galopp ging es nach der Weichſel⸗ brücke hinab durch die finſtern, ſchweigſamen Gaſſen. 25. Ungeduldig erwartete ihn Stanislaus an der Brücke, Skrzynecki mit dem Generalſtabe war ſchon fort, die beiden jungen Officiere ſprengten in größter Eile durch Praga, die beiden Gemeinen— Magyac war in das Regiment getreten— in gleicher Eile hin⸗ terher., So ging es über die Fläche hin, welche auf der Oſtſeite Warſchaus bis an die Wälder läuft. Die Nacht war ſtill und dunkel, aber die breite Chauſſée erlaubte den Reitern die ſchnellſte Bewegung. Dieſe Chauſſoͤe führt von Warſchau durch die Wäl⸗ der über Wawre, Dembe, Minsk, Siedlce nach den tieferen polniſchen Provinzen, nach dem eigentlichen Rußland hinein, und ſie ward bis in die Mitte des Sommers 1831 der Mittelpunkt aller Heerbe⸗ wegungen, 79 Kaum eine Stunde von Warſchau beginnen die Wälder. Hier holten die vier Reiter den General⸗ ſtab ein. Stanislaus ſchloß ſich an einen der vor⸗ deren Officiere, und Valerius, der ſich fortwährend zu ihm hielt, hörte einen Theil der Ordres mit an, welche eine ſanfte Stimme austheilte. Sie gehörte einem hohen Manne, der auf einem großen Pferde ritt. Er war in einen Mantel gehüllt, und die Dunkelheit ließ von ſeinem Geſicht nichts erkennen. „Vertrauen Sie auf Gott, meine Herrn, er verläßt die Seinen nicht— und nun an ihre Poſten“— Alles flog auseinander, und Valerius konnte erſt, als er bei ſeinem Regimente angekommen war, nach dem Namen jenes frommen Kriegers fragen. Das war Skrzynecki, erwiderte Stanislaus— ein weiteres Geſpräch ließ ſich nicht anknüpfen. Das Vorrücken der Reiterei war nicht ohne Beſchwerlich⸗ keit, da ſie einen Theil der Chauſſée dem Fußvolk und der Artillerie überlaſſen mußte; der Weg ſelbſt nahm alſo bei der Finſterniß alle Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Valerius erfuhr nur noch von Sta⸗ nislaus, daß ein bedeutender Theil der ruſſiſchen Streitmacht in dem Flecken Wawre und der Um⸗ 80 gegend liege, und daß die nächtliche Expedition da⸗ hin gerichtet ſei. 14 Die Kolonnen hielten plötzlich; die vorderen Spitzen mochten in der Nähe des Ortes angekom⸗ men ſein. Es war eine wunderliche Stille, die einen Augenblick eintrat, Alle, ſelbſt die Thiere ſchie⸗ nen zu empfinden, daß es der Moment vor einer Schlacht ſei. Der Generalſtab ritt raſch auf einem Waldwege vorüber nach dem Angriffspunkte hin; die dunkeln Geſtalten glitten vorbei wie Geſpenſter durch den dichten Nebel, der auf Wäldern und Moräſten lag. Aber bald trat jenes wogende Mur⸗ meln ein, was nie ausbleibt, wenn eine ſo große Maſſe an ein Werk geht. Man hörte die Ladeſtöcke fallen, weil hie und da Einer unterſuchte, ob ſeine Patrone noch feſt ſäße; die Kavalleriſten machten die Säbel in den Scheiden locker; Befehle der Offi⸗ ciere liefen leiſe von Mund zu Mund— plötzlich knatterte eine Lage Musketenfeuer tief aus dem Walde, und noch eine, und noch eine, dumpfe Kanonen⸗ ſchläge miſchten ſich bald darein, die Infanterieko⸗ lonnen auf der Chauſſée erhielten Raum, vorwärts 81 zu rücken; das Regiment des Valerius nahm ihren Platz auf der Heerſtraße ein. Dieſer nächtliche Kampf machte einen wunder⸗ lichen Eindruck auf ihn. Er fühlte noch die warme Hand Conſtantiens auf ſeiner Wange, und jetzt ſtrich die kalte Nachtluft darüber, welche ihm die Töne eines mörderiſchen Kampfes brachte, im näch⸗ ſten Augenblicke konnte er ſelbſt mitten im Getümmel ſein. Die Schlacht ſelbſt befängt viel weniger, man i*ſt beſchäftigt, Geiſt und Phantaſie haben nicht Raum und Zeit, ſich des Gegenſtandes zu bemäch⸗ tigen, aber die Nähe der Schlacht erſchüttert am tiefſten. Man weiß nur, daß unweit von uns ge⸗ mordet wird, maſſenweis gemordet wird; die Phan⸗ taſie bemächtigt ſich der Gegenſtände, und ihre Mög⸗ lichkeiten erſchüttern den Stärkſten. Hier ward ſie obenein durch die Nacht unterſtützt, nur das Ohr benachrichtigte die Seele von den tödtlichen Dingen. Das Feuern ward indeſſen immer lebhafter und ſchneller, man mußte einen heftigen Widerſtand ver⸗ muthen, da die Kavallerie noch immer keinen Be⸗ fehl erhielt, vorzurücken. Hie und da ſtieg aus der ſtillen Reitermaſſe ein Fluch auf gegen die Feinde. 4 mnnmnm Plötzlich verbreitete ſich eine große Helle über den Wald; Häuſer von Wawre waren in Brand gerathen, Kriegsgeſchrei ſcholl aus der Ferne, des Grafen Kicki Kommandoſtimme„Vorwärts“ flog über die Lanzen hin, und in donnerndem Trabe flog das Regiment durch den Wald, in das brennende Dorf hinein. Der Einzelnkampf würgte noch in den Häuſern, pulverſchwarze Krieger fochten in kleinen Haufen mit dem Bayonett gegen einander; wo man hinſah, flogen die glühendrothen Strahlen aus den Feuerge⸗ wehren, Kugeln pfiffen von allen Seiten, mancher Reiter ſank auf den Hals des Pferdes. „Seht, Herr, der Schmied erobert ſein altes Haus,“ rief Magyac, der im Zuge des Valerius ritt,„dort rechts“— Die ſchnelle Bewegung riß Alles vorüber, aber mit einem flüchtigen Blicke glaubte Valerius doch den alten Florian an der rothen Mütze zu erkennen, wie er auf der Schwelle eines brennenden Hauſes ſtand, und einen Ruſſen hineinwarf in die Flamme. Die Hauptmacht der Feinde war aus dem Dorfe hinausgeworfen, die hinter demſelben aufgefahrne Batterie wurde eben genommen, und die Kavallexie⸗ chargen warfen den Feind völlig in die Flucht, im⸗ mer tiefer in die Wälder hinein. Der Feind, das Geismarſche Corps, war zerſprengt, die Reſte zogen ſich auf das Roſenſche zurück, was 3 Meilen davon ſtand. Den nächſten Tag, des Nachmittags, wie⸗ derholte ſich bei Dembe die Schlacht bei Wawre. Hier wurden indeſſen die Ruſſen auf keine Weiſe überraſcht, ſie wußten, daß der Feind ihnen dicht an der Ferſe ſei, und verſuchten mit größter An⸗ ſtrengung das Vordringen deſſelben aufzuhalten. Sie waren in einer feſten Poſition, zahlreich, und, wie alle ruſſiſchen Truppen, ſtandhaft und hartnäckig. Die angreifenden Polen ſtürmten zu wiederholten Malen vergeblich; der Tag begann ſich bereits zu neigen, und die meiſten Kombattanten mochten der keinung ſein, er werde mit einem unentſchiedenen Treffen enden, als Skrzynecki unter den vorderſten Truppen erſchien. Langſam und ſchweigend durch⸗ ritt er ihre Reihen, hie und da nur erhielten ſeine Adjutanten Befehle, die Maſſen enger und dichter in einander zu ſchieben, Regimenter heranzubeordern, die weiter rückwärts geblieben waren, hie und da nur ſprach er im Vorüberreiten zu den Soldaten: Kinder, mit Gottes Hilfe muß der Tag gewonnen werden! Auch die Artillerie war verſtärkt worden. Skrzynecki erhob die Hand, und wie ein Echo ſchallte der Ruf zum Angriffe links und rechts; es begann das Geſchütz ein neues lebendiges Feuer, alle Maſſen ſetzten ſich im Sturmſchritt in Bewegung, die Ruſſen wurden überwältigt, die untergehende Sonne fand ſie auf der Flucht immer tiefer nach der ruſſiſchen Grenze hin gen Iganie und Siedlee. Dembe Wielkie war der zweite Siegesort Skrzynecki's. Er bewies da zum erſten Male die unerſchütterliche, unbiegſame Hart⸗ näckigkeit in dem einmal Begonnenen, die ſich ſpäter ſo oft wieder an ihm herausſtellt. Langſam, vorſichtig, oft allzu bedenklich ging er an die Unternehmungen, aber das einmal Begonnene führte er mit der tädt⸗ lichen Ruhe eines Fanatikers zu Ende, der ſich dem einmal gefaßten Entſchluſſe verfallen glaubt. Es iſt dies vielleicht ein religiöſes Element, was bei Skrzy⸗ necki überhaupt mehr hervortritt als das nationale. Von der polniſchen Volksthümlichkeit bemerkt man außer der ſchwärmeriſchen Vaterlandsliebe faſt nur das elegiſche Weſen an ihm, welches ſich ſo leicht ——— e — 5— e 8⁵ über ein unterdrücktes Land verbreitet, und ſich zu einer ſchwärmeriſchen Religioſität ausdehnt. Hier ſah Valerius den neuen Generaliſſimus zum erſten Male deutlich. Von einigen Officieren begleitet ritt er bei den letzten Strahlen der noch kraftloſen Frühlingsſonne in das Dorf ein. Das Antlitz ſtrahlte, als ob ein Gebet darauf ausgebreitet wäre, und das matte aber große Auge richtete ſich einen Moment lang nach der Himmelsdecke. Dann nahm der Held des Tages ein Glas hervor, betrachtete noch einmal in grözerer Nähe die eroberte Stellung, und gab einige Befehle. Er ritt, wie es ſchien, noch daſſelbe hohe Pferd, das ihn bei Wawre ge⸗ tragen hatte; nachläſſig ſaß die große, edle Figur darauf, aber ein Reitverſtändiger konnte ſchnell er⸗ kennen, daß es nicht die Ungeſchicklichkeit Friedrichs des Zweiten oder die Napoleons in der edlen Reit⸗ kunſt war, welche aus ſeiner nachläſſigen Stellung hervorkuckte, ſondern vielmehr die erworbene Sicher⸗ heit, welche natürliche Anlage und eine ſtete Uebung erzeugt. Die langen Beine des Reiters lagen faſt wie eingewachſen am Sattel, und der ſchön propor⸗ tionirte volle Oberkörper wiegte ſich leicht und gerade 86 in unbekümmerter Sicherheit. Der ſanfte, nach⸗ denkliche Ausdruck ſeines Geſichts, welchen die Siegesfreude nur flüchtig verdrängt hatte, das ſin⸗ nende poetiſche Auge erinnerten eher an einen Den⸗ ker, und nur zuweilen ſchärfte der Ernſt ſeine Züge die weichen Formen bis zum befehlshaberiſchen, kriegeriſchen Anſehn. Die Ordre für die Kickiſchen Uhlanen, den thä⸗ tigſten Antheil an der Verfolgung des Feindes zu nehmen, unterbrach die Betrachtung des Teutſchen. Er konnte nur noch einen flüchtigen Blick auf den neben Skrzynecki reitenden Prondzinski werfen, und fort riß ihn die raſche Bewegung ſeines Regiments. Jetzt begann nun das eigentliche Lager⸗ und Bivouakleben des polniſchen Heeres, der Feind wurde zwar immer wieder auf der Chauſſee zurückgedrängt, bei und in Jganie ſelbſt, was Prondzinski mit dem Bayonnet in der Hand nehmen ließ, in einem mörderiſchen Gefechte geſchlagen, und bis hinter Siedlce, den Hauptort ſeiner Magazine und Kran⸗ ken, zurückgeworfen. Aber der vorſichtige, bedenkliche Skrzynecki wagte nicht weiter zu dringen, in Siedlee war ein Lazareth mit Cholerakranken, er betrat 11 e 87 dieſe Stadt nicht, und der blutige Sieg bei Iganie wurde nicht weiter verfolgt. Allmählig zog der Geg⸗ ner Diebitſch ſeine Truppen enger zuſammen und rückte mit überlegenen Kräften wieder vor, und ſo trat denn die lange Periode des Krieges ein, wo ſich die Heere bald vor, bald rückwärts auf der Chauſſee hin und her bewegten. Zuweilen ließ es ſich an, als würden ſie ſich in eine Schlacht ver⸗ wickeln, wie zum Beiſpiele in den Treffen bei Minsk, aber es kam nicht dazu. Diebitſch war wohl auch durch die Tage bei Praga und Grochow zu der Ueberzeugung gelangt, daß er nur mit erdrü⸗ ckender Ueberlegenheit auf einen Erfolg rechnen dürfe, und wartete deshalb ungeduldig auf die Garden, welche von Petersburg her eintreffen ſollten. So beobachteten ſich die Heere, neckten ſich, ſchützten ſich durch Poſitionen, und der warme Frühling war indeſſen rings um ſie eingekehrt, das Moos der öden Wälder, die jetzt überall von Krie⸗ gern wimmelten, glänzte mit jungem Grün, was unter der Schneedecke gediehen war, die Nadeln der ſonſt ſo eintönigen Kieferwälder ſchimmerten in junger Friſche, dunkle Fichten und Tannen hoben 88 das monotone Kolorit. Wenn er mit den ewig muntern Reitern dahinzog beim warmen Morgen⸗ ſonnenſcheine, welcher ſpielend hin und her prallte an den Waffen, da fühlte Valerius in ſeinem Her⸗ zen oft wieder die lang vermißten Regungen der Jugend, hinauszuſchweifen über die Felder ohne Abſicht und Plan, ſingend und träumend auf den ſchaukelnden Sonnenſtrahlen. Die ſtete Bewegung in der freien Luft, der lebhafte Wechſel des Krie⸗ ges, die tägliche Gefährdung und tägliche Rettung des Lebens— Alles das hatte ihn nicht zu ſeinen Gedanken zurückkommen laſſen, er war ein Krieger geworden wie die andern, von einer Stunde zur andern lebend, nichts vor Augen habend als den nächſten Zweck. Nur wenn ein müßiger Tag ein⸗ trat, da nahten leiſe aus der Ferne die alten quä⸗ lenden Fragen: kannſt Du nichts Beſſeres thun, als Menſchen erwürgen? willſt Du ſo fortleben, ohne Zweck und Abſicht? Aber ſie wurden nicht laut, und traten nicht nahe genug. Das Leben um ihn her ließ keine Zeit dazu übrig, und Conſtantiens heiße Küſſe beherrſchten die Träumereien. 89 Dieſe Art Krieg zu führen begünſtigte aber mehr als jede andere das eigentliche Bivouakleben: es gab keine Schlachten, die alle Kräfte in Anſpruch genommen hätten, und doch war man fortwährend in ſolcher Spannung und Aufmerkſamkeit, daß alle Fähigkeiten geweckt blieben. In der nächſten Stunde ſtand den Leuten Gefahr und Tod an der Seite, was Wunder, wenn ſie alle geſellige Rückſicht und Aengſtlichkeit bei Seite ſetzten, ſo lange ſie neben einander am Feuer lagen, und ihre Lebensgeſchich⸗ ten oder dies und jenes erzählten! Hätte Valerius noch einen Zweifel gehabt über den Leichtſinn, die Liebenswürdigkeit, das Unglück und alle die Feh⸗ ler dieſes Volks, die Bivouakſcenen hätten ihn gelöſ't. Es waren namentlich zwei Offiziere aus den älteren polniſchen Provinzen, mit denen er am öfterſten verkehrte, für die er ſich am meiſten intereſſirte. Der ältere von ihnen war aus Lithauen, der jüngere aus Volhynien. In der Vaterlands⸗ liebe und Tapferkeit glichen ſie vollkommen all den Polen, welche er bis jetzt geſehen hatte, aber auch dieſe beiden Eigenſchaften hatten bei ihnen ein⸗ 90 neue Schattirung: ſie waren weicher, weniger leben⸗ dig, man könnte ſagen ſchwärmeriſcher. Unmittel⸗ bar dem Feinde einverleibt haben dieſe alten Pro⸗ vinzen die rauſchende Friſche verloren, aber Liebe und Haß ſind deſto tiefer eingewurzelt in ihren Her⸗ zen. Die chevalereske Eitelkeit, die oft in Warſchau an den Tag ſprang, war weniger an ihnen zu ſehen, ſie ſchienen aber ſorgfältiger und aufmerk⸗ 1 ſamer den Grundfehlern ihrer Nationalität nachge⸗ dacht zu haben, ſie ſchloſſen ſich deshalb dem Frem⸗ den enger an, und es ſchien dem Valerius zuwei⸗ len, als faͤnden ſich in ihnen tiefere Quellen zu 1 einem langen beſchwerlichen Kampfe. Das größere Unglück mochte alle Innerlichkeit und Tiefe mehr ausgebildet haben. Dieſe beiden Offiziere, Stanislaus und Valerius ſaßen eines Abends in einer einſam gelegenen Hütte 8 im Walde. Eine Seitenwand des Gebäudes, das b längſt von ſeinen eigentlichen Bewohnern verlaſſen V war, lag in Trümmern, ein Feuer brannte auf dem Lehmboden, und der Rauch fand einen beque⸗ men Ausweg durch die Breſche. Die vier Krieger waren lange ſchweigſam, ſahen in's Feuer oder nach — 91 einer andern Gruppe, die ſich im Winkel der Hütte um eine Trommel poſtirt hatte, und ein Spiel arrangirte. Ein Offizier ſetzte ſich auf ein Torniſter an die Trommel, und zog lachend einen Satz Wür⸗ fel und eine Börſe hervor, und lud die übrigen ein, wacker zu ſetzen. Er war zwar dicht in den Mantel gehüllt, aber man durfte aus dem Betra⸗ gen ſeiner Umgebung ſchließen, daß er ein hoher Offizier ſei. Die Statur ſchien die Mittelgröße zu haben, das Geſicht war roth, und trug den Aus⸗ druck lebendiger Behaglichkeit und die Spuren eines in Fröhlichkeit genoſſenen Lebens. „Wir haben eben nichts Beſſeres zu thun, meine Herren,“ ſagte er,„laſſen Sie uns ein kleines jeu entriren, wenn bei den Vorpoſten Schüſſe fallen, ſo finden ſie uns munter, der Feind iſt ganz nahe, unſer Generaliſſimus will aber nicht, daß wir angreifen, hon, wir wollen unſre Börſen angreifen— qu'en dites vous Mon- sieur le comte?— Stanislaus, dem die letzten Worte gegolten hatten, lehnte ſeine Theilnahme mit den Worten 92 ab: Sie wiſſen, Herr General, ich habe kein Glück— „Deſto beſſer,“ erwiderte dieſer,„aber ich weiß ſchon, Sie gehören zur Tugend unſrer neuen Gene⸗ ration, meinethalben, Jeder nach ſeinem Geſchmack, aber rücken Sie ein klein Wenig auf die Seite, ich bitte, damit wir von Feuer, Licht und Wärme profitiren.“ Sie begannen ihr Spiel, das bald lebhaft und hitzig wurde; die vier Krieger am Feuer rückten näher zuſammen, und Valerius fragte leiſe ſeinen Freund nach dem Namen des Generals. „Kennen Sie Uminski nicht,“ antwortete der Lithauer, welcher die Frage gehört hatte, und ein mildes Lächeln ſpielte um ſeine Lippen,„er iſt in Teutſchland ſonſt nicht unbekannt. Als die Revo⸗ lution ausbrach, ſaß er auf einer preußiſchen Fe⸗ ſtung, ich glaube in Glogau. Einer der eifrigſten Patrioten, hatte er fortwährend Verbindungen ange⸗ knüpft, um einen Aufſtand vorzubereiten, ſie wur⸗ den entdeckt, und da er aus dem Poſenſchen iſt, bemächtigte ſich die preußiſche Regierung ſeiner Per⸗ ſon. Von der Feſtung entſprang er, und kam nach 93 Warſchau. Als er aus dem Wagen ſtieg, hörte er die Kanonen der Schlacht von Praga, warf ſich ſogleich auf's Pferd, und kam verhängten Zügels auf dem Schlachtfelde an, übernahm auf der Stelle ein Kommando, und ſtürzte ſich in den Feind. Denken Sie ſich ihn dort, und betrachten Sie ihn hier, ſo haben Sie ſein Bild. Er iſt einer der beſten Patrioten, ein vortrefflicher Soldat, und— ein Lebemann.“ Dieſe Worte wurden ſo leiſe geſprochen, daß der Gegenſtand derſelben ſie nicht vernommen hätte, auch wenn er weniger eifrig mit dem Spiele gewe⸗ ſen wäre. „LCaſimir,“ ſagte hierauf Stanislaus, ſich zu dem Volhynier wendend,„Sie haben uns Ihre Lebensgeſchichte verſprochen.“— Wenn Ihnen ein einfaches kurzes Leben in den Volhyniſchen Wäldern genügt, erwiderte der Ange⸗ redete, wohl, wir haben nichts Beſſeres zu thun, und am Ende hat der unbedeutendſte Menſch ein Intereſſe. Magyac hatte unterdeſſen in einem großen Topfe von Blech eine Art Glühwein zu Stande xvxx 94 gebracht. Dieſen goß er in die leer gewordne Weinflaſche; da es an Gläſern fehlte, und nachdem dieſe einmal die Runde gemacht hatte und wieder unweit des Feuers niedergeſetzt war, begann der Volhynier ſeine Erzählung, indem er ſich faſt aus⸗ ſchließlich dabei an Valerius wandte. Vielleicht glaubte er bei dem Fremden die meiſte Theilnahme zu finden, da dieſem Localität und Verhältniſſe am wenigſten bekannt ſein mußten. Und er irrte ſich darin nicht. 26. „Dch habe aus Ihren früheren Reden geſchloſſen,“ begann er,„daß Sie ſich unſer Vaterland nur als eine traurige Abwechſelung von dürrer Kieferhaide und reizloſer Fläche denken.— Sie haben indeſſen nur einen kleinen Theil Polens geſehen. Wenn man aufwärts geht an der Weichſel, dahin, wo ſie aus dem Krackauiſchen herunterſtrömt, da kommt man über ſaftig grüne Wieſen, durch kühle hohe Eichenwälder. Und wenn man ſich wieder halb nach Oſten wendet, da erheben ſich die ſanften Hügel der Ukraine, welche hinabführen in die unge⸗ heuren Grasebenen, durch welche die flüchtigen Pferde in großen Heerden jagen. Dieſe Grasebenen ſind das Meer unſeres Vaterlandes, und aus ihrer ſchönen, großartigen Einſamkeit kommen unſre ſchön⸗ ſten Lieder. O, ich ritt einſt in der Nacht über 96 jenes grüne Meer, mein Herz war traurig und lag zuſammengepreßt von ſcharfem Weh in meiner Bruſt, der Mond ſchien hell und klar, und ich ſah mit thränenloſem, ödem Auge in die unbe⸗ gränzte Fläche hinein. Da hörte ich plötzllich eins jener ukrainiſchen Lieder, es klang wie eine Geiſter⸗ klage durch die ſtille Nacht. Von der tiefen Ein⸗ ſamkeit ſprach es, und daß kein Baum in der Nähe ſei, mit deſſen Flüſtern der Hirte ſchwatzen könne. O, wie ſchön war dieſe Einſamkeit, hieß es weiter, als die Pferde noch frei waren, und keine andern Sättel zu fürchten hatten, als die polniſchen. Da jagten ſie fröhlich an meiner Hütte vorüber, und wieherten mir ihre Freude zu, daß ſie täglich gröher und ſtärker würden, und bald einen polniſchen Reiter tragen könnten. und jetzt kommt der Tartar Mit dem dicken Schädel, Wirft das ſtumpfe Auge, Wirft die ſtarke Schlinge Auf das freie Thier, Schlägt die plumpen Beine Um den freien Leib, Ach, das Meer von Polen, 97 Grüne Ukraine, Ou biſt jetzt verlaſſen Einſam, einſam, einſam Seit der Tartar kommt—. Ach, ihr freien Pferde, Und ihr freien Polen! Ich hatte vorher nicht weinen können, obwohl ich mein Liebſtes verloren hatte, jetzt rannten mir die Thränen ſtromweis über das Geſicht, ich wen⸗ dete den Kopf meines Pferdes wieder herum nach Volhynien zu, von wo ich gekommen war, um mein Mädchen zu ſuchen. Das Thier eilte raſtlos nach der Heimath, und als beim Anbruch des Morgens eins jener ſchlanken Steppenroſſe wiehernd und wild an mir vorüberflog, da ſah ich ſchon von Weitem die ewigen hohen Wäͤlder, in welchen meine Heimath liegt. Dort zwiſchen den alten Bäumen, auf den feuchten, mit hohem Gras bewachſenen Wieſen war ich groß geworden, hatte den Wolf gejagt, und das muntre Pferd getummelt. Mein Vater war ein reicher Gutsbeſitzer, und ich war das Einzige auf der Welt, an dem er noch Freude hatte, ſeit IV. 5 98 er Steuern zahlen mußte an den ruſſiſchen Herrn. Er war immer ein alter ſtrenger Mann, ſo lange ich mich ſeiner erinnere, der die Freiheit noch geſe⸗ hen hatte, und die Leute erzählten von ihm, daß er nicht mehr gelacht habe, ſeit der ruſſiſche Stadt⸗ halter in Zitomierz erſchienen wäre. Seine Unter⸗ thanen behandelte er hart, aber ſie waren ihm damals zugethan, weil er für den bravſten Polen der Provinz galt. Mir ließ er aus der Schweiz einen Lehrer kommen, der mich in Allem unter⸗ richten mußte. Caſimir, pflegte er zu ſagen, lerne fleißig, Dein Vaterland wird kluge Leute brauchen, wenn es die Feſſeln der Argliſt abſchütteln will. Er ſelbſt lehrte mich unſre vaterländiſche Geſchichte, und wie Hamilcar ſeinen Sohn zog er mich auf in tödtlichem Haſſe gegen die Moskowiter. Eines Tages hatte mich die Fährte des Wildes weiter als gewöhnlich in die Wälder gelockt, ich verirrte mich zwiſchen den Sümpfen des dunklen Buchenwaldes, und entkam mit Mühe und Noth auf eine Lichtung feſten Bodens. Es war wohl⸗ gepflegtes Ackerland, und nach ſorgfältigem Umher⸗ blicken entdeckte ich in der Dämmerung das Häus⸗ 5 99 chen deſſen, dem wahrſcheinlich dieſe Beſitzung ge⸗ hören mußte. Der Herr des Häuschens war nicht daheim, ſeine Tochter empfing mich, wies mich zurecht, und „ ich kam bei einbrechender Nacht mit geſundem Leibe nach Hauſe. Aber ſchon den andern Tag verirrte ich mich wieder nach jener Gegend, Ludmilla hatte mir den Weg ſo vortrefflich gezeigt, daß ich keinen andern mehr finden konnte, als den zu ihres Vaters äuschen. Dieſer Vater war ein ſogenannter Slacht⸗ cziz, das heißt, er gehörte zu dem niedrigen, herab⸗— * gekommenen Adel, der oft nichts weiter beſitzt, als ein Paar tüchtige Arme und ein Paar muskulöſe Schenkel, um ein Pferd zu bändigen, was noch keinen Reiter getragen. Ludmilla's Vater hatte noch ein Paar Stück Ackerland gerettet, die auf den offnen Plätzen des Forſtes in der Nähe ſeines Häuschens lagen. Er ſagte lange Zeit nichts zu meinen Be⸗ V „ ſuchen, wie er aber gewahrte, daß meine Neigung zu Ludmillen immer heftiger und leidenſchaftlicher wurde, da trat er mir eines Tages in den Weg, 4 als ich eben wieder auf ſeine Wohnung zuritt, und ſprach: du liebſt mein Kind, du biſt jung und reich, 100 mein Mädchen ſieht hier wenig ſolche Burſche, auch wenn ich ſie einmal zur Kirche fahre, ſie wird deiner Neigung ſchwerlich entgegen ſein. Wenn du ſie heirathen willſt, ſo wird dir dein Vater die Thüre weiſen, willſt du blos deinen Scherz mit ihr treiben, ſo trifft Dich am hellen Mittage die Kugel meiner Büchſe— was willſt du in meinem Hauſe? Ich hatte Ludmilla's Liebe gewonnen, unter der hohen, breitäſtigen Rüſter neben ihrem Hauſe hatte ich ſie zum erſten Male den Tag vor dieſer Anrede geküßt, die Sonnenſtrahlen waren durch die dunkeln Blätter geſchlüpft bis auf unſre Häupter, und wir hatten uns im ſtillen Walde mit einander verlobt, ich liebte, daß mich das Herz ſchmerzte vor glück⸗ licher Regung. Deßhalb antwortete ich dem Vater, daß ich ſeine Tochter heirathen würde, mein Vater möge ſagen was er wolle. Als wir zu ſeiner Wohnung kamen, ſtürzte uns Ludmilla entgegen, das ſchöne braune Haar flatterte aufgelöſ't um ihre Schultern, die rothen Wangen waren bleich, die größte Beſtürzung ſprach aus allen Zügen und Bewegungen. Wir erfuhren, daß der ruſſiſche Steuerbeamte aus Berdiczow da geweſen ſei, 101 und ſich auf's unanſtändigſte und zudringlichſte gegen ſie betragen habe. In der nächſten Woche wolle er wieder kommen, und wenn die rückſtändige Steuer nicht bezahlt würde, ſo könnt's was Neues geben. Ich theilte dem Alten an Baarſchaft mit, was ich beſaß, tröſtete das Mädchen, was ſich ängſtlich an mich ſchmiegte, und ritt unter dem feſten Vor⸗ ſatz nach Hauſe, meinen Vater zu unterrichten, und ſeine Einwilligung zu erbitten. Er war denſelben Abend bei guter Laune, der Ungarwein ſchmeckte ihm, und er hörte mit unverhehltem Vergnügen meine Schilderung Ludmillens und ihrer Liebens⸗ würdigkeit. Gieb Sie mir zum Weibe, ſagte ich, ermuthigt durch ſeine Heiterkeit— ich liebe ſie über Alles. „Du biſt nicht geſcheidt, Caſimir“ ſagte er laut lachend,„amüſir dich, ſo viel du willſt, aber mit dem Heirathen bleib mir vom Leibe.“— Meine Erwiderung ward durch einen ankommen⸗ den Boten unterbrochen, der uns die erſte Nachricht von den Unruhen brachte, die in Warſchau ausge⸗ brochen waren. Ich mußte ſogleich zu Pferde ſteigen, 102 und die Nachricht den nächſten Gutsbeſitzern mit⸗ theilen, ſie auffordern, Alles bereit zu halten, wenn Volhynien vielleicht ebenfalls losbrechen könnte. Dar⸗ über vergingen zwei Tage, erſt am dritten konnt' ich mein Mädchen wieder aufſuchen. Es war gegen Abend, als ich in die Nähe ihres Häuschens kam, laut ſchallte meine Stimme wieder im winterlichen Forſte, denn ich kündigte mich immer durch ein altes Liebeslied an, was ſie vor allen gern hören mochte. Aber ſie erſchien nicht an der Thür, wie ſie zu thun pflegte. Haſtig und beſorgt ſprang ich vom Pferde, und warf den Zaum über einen Pflock unweit der Hausthür. Dieſe ſtand offen, die Thür des Zimmers ebenfalls, Alles war leer, die ärmlichen Hausgeräthe lagen zerbrochen durcheinander— mir ahnte das Entſetzliche. In Todesangſt rief ich, durchſuchte ich alle Winkel, nir⸗ gends eine Antwort, nirgends ein Lebenszeichen. Auch der kleine Pferdeſtall war leer— troſtlos ſtand ich vor dem Hauſe, und obwohl ich alle Hoffnung aufgegeben hatte, ſchrie ich Ludmillens Namen voll Verzweiflung in den Wald hinein. Schauerlich klang er von den Bäumen nach allen Seiten wieder, der —õ⸗ 4 103 Abend war hereingebrochen, ich bemerkte, daß ſich mein Pferd losgeriſſen hatte, aber ich weiß heut noch nicht, wie dieſe Bemerkung nur in mir ent⸗ ſtehen konnte, denn meine Augen und meine Seele * waren nur von der Leere erfüllt, von der troſtloſen Oede, die mich umgab. Ein Geräuſch weckte mich, es war ein junger, etwas blödſinniger Bauer aus dem nächſten Dorfe, der eine große Zuneigung für Ludmillen hatte, und in jeder Woche einige Male Abends nach beendig⸗ tem Tagewerke herüber kam, um irgend eine Bot⸗ 8 ſchaft für das Mädchen zu übernehmen, oder die b gröbſten Wirthſchaftsarbeiten für ſie zu verrichten. Er gab mir Auskunft. „Ich hab' auf dich gewartet, Herr,“ ſagte er, als ich ihn ſtürmiſch um Nachrichten anging,„geſtern ſchon und heute wieder— du kannſt vielleicht Lud⸗ millen helfen, wenn's auch mir nichts hilft— vor⸗ 8 geſtern kam der Ruſſe wieder, der neulich hier war, und das Mädchen angefaßt hatte. Er hatte dies⸗ mal einen Wagen mit und mehrere Soldaten. Drinn + im Hauſe machte er einen großen Spektakel; am Ende ſchleppten ſie Ludmillen heraus auf den Wagen 104 und den Alten auch, dem Alten waren aber Haͤnde und Füße mit Stricken feſt gebunden, und der Ruſſe hatte des Alten Büchſe in der Hand— es waren fünf Männer, Herr, mit Waffen, ich konnt' nichts thun, als die Zähne zuſammenbeißen und mich hinter die Sträucher verſtecken. Sie waren noch nicht lange fort, da hörte ich einen Schuß— ich dachte: der iſt dem Alten in die Bruſt gefahren, nahm den Stein, der immer dort neben dem Pferdeſtalle lag, und lief ſchnell auf dem Fußſteige über den Sumpf — du weißt, Herr, der Fußweg iſt noch einmal ſo kurz als der andre, und ſo kam ich dem Wagen zuvor, und wartete hinter einem Erlenbuſche. Der Wagen kam, aber der Alte fehlte, ich griff feſt in meinen Stein, der Ruſſe wollte das Mädchen um den Hals nehmen, aber ſie ſchlug ihn in's Geſicht, und da warf ich meinen Stein, aber ich hab' den rechten nicht getroffen, Herr, blos den Kutſcher. Er fiel'runter, und ein andrer nahm den Lenkſtrick und ſie fuhren weiter, daß die Axen krachten, immer auf die Stadt zu— Herr, reite nach der Stadt, du biſt reich, hilf der Ludmilla von den ſchwarzen Kerlen.“—— 105 Mit der höchſten Ungeduld hatte ich dieſe Er⸗ zählung angehört, jetzt rannt' ich nach meinem Pferde. Auf mein Pfeifen kam es herbei, aber um meine Ungeduld noch mehr zu foltern, ſprang es ſcheu umher, und wollte ſich nicht fangen laſſen. Die kleinen Hinderniſſe vollenden, was oft das größte. Unglück nicht vermag, ſie bringen die Verzweiflung zum Ausbruch. Ich ſchrie, weinte, tobte, bis ich den Zügel des Pferdes in Händen hatte. Dann ward ich ſtill, als ob das Thier mir alles Verlorne wieder bringen könnte. Durch die Nacht hin jagte ich nach der Stadt. Jeder Pole iſt gegen den fremden Herrn verſchworen, er beachtet die kleinſte Bewegung gegen den Verhaßten— überall erhielt ich Nachricht, wohin das ſchöne polniſche Mädchen geſchleppt worden ſei. Aber der Vorſprung des Ent⸗ führers war zu groß, ich holte ihn nicht ein, und am Ende unſerer Wälder verlor ich auch ſeine Spur. So ritt ich auf's Unſichre in die Steppe der Ukraine hinein; bis dahin hatte ich alle die kriegeriſchen An⸗ ſtalten meiner Landsleute, die ich überall angetroffen hatte, unbeachtet gelaſſen, das Mädchen beſchäftigte meine ganze Seele. Jetzt hörte ich in ſtiller Mond⸗ 5 · rErEͤö nacht den Pferdehirten mit ſeiner einſamen, patrio⸗ tiſchen Klage— er preiſ't ſeine öde Verlaſſenheit, wenn die Steppe, wenn die Pferde dem Vaterlande angehören. Ich ſchämte mich tief, alles Unglück meines Landes trat vor meine Seele, unaufhaltſam ritt ich nach der Heimath, und wo mein Pferd vorüberflog, da rief ich den Polen zu, ſie ſollten ſich bereit halten. Es war ein finſtrer Abend, als ich zu Hauſe ankam und in den Hof hinein ritt. Aus dem Zimmer meines Vaters ſchallte bacchantiſcher Lärm, mein Pferd ſtand plötzlich ſtill, es wurde am Zügel gehalten. Zu gutem Glück war es mein Reitknecht, der mit Lebensgefahr Tag um Tag auf meine Rück⸗ kehr gelauert hatte.„Fort, Herr!“ rief er,„fort, um aller Heiligen Willen! Das ſind die Ruſſen, die da oben ſaufen und ſingen, das ganze Schloß liegt voll.“ Er hatte ſich ein geſattelt Pferd bei Seit ge⸗ bracht, und wie ein Dieb floh ich von meiner Väter Hauſe. Von heißem Haß getrieben hatte mein Vater voreilig ſeine Leute und die Umgegend bewaffnet, war überfallen, überwaͤltigt und— er⸗ „ 107 ſchlagen worden. Im Augenblicke war nichts zu thun; unter mannigfachen Fährlichkeiten kam ich bis Warſchau.“ Aber warum, ſprach Stanislaus, haben Sie . ſich nicht der Expedition Chrzanowski's angeſchloſſen, die in dieſen Tagen ſüdlich hinauf nach Zamosc zu abgegangen iſt, vielleicht eine Verbindung mit Dwer⸗ nicki bewerkſtelligt, und ſicherlich eher als jedes andere Korps bis in Ihre Heimath dringt? Sie können dort am meiſten wirken durch Ihre Bekanntſchaft,. und zuerſt Nachricht von Ihrer Ludmilla erhalten. Die beiden übrigen Zuhörer vereinigten ſich zu dieſer natürlichen Frage. Caſimir entgegnete, daß er dieſe ſchwachen Er⸗ b peditionen für äußerſt nachtheilig hielte. Entweder, ſagte er, ſie erreichen unſre Provinzen gar nicht, oder ſie bringen ihnen, wenn ſie bis hin gelangen, nur Verderben, beſchleunigen den Aufſtand, können „ ihn nicht genügend unterſtützen, und vernichten ſee alle Ausſicht auf ein Gelingen im Ganzen und b Großen. Ich mag zu dieſem heilloſen Verfahren meine Hand nicht bieten— Ludmilla?— ach, geben Sie mir doch noch einmal die Flaſche her, 108 der Wind kommt kalt von der Seite— ſie hat mir lange das Herz ſchwer gemacht; der Vorfall iſt in der ganzen Provinz bekannt: iſt ſie noch in Vol⸗ hynien, ſo retten ſie meine Landsleute mit eben dem Eifer, womit ich's thäte, wäre ich da—'s war ein ſchönes, ſüßes Mädchen— was hilft's— ich höre auch, daß ein Unternehmen der ganzen Armee nach den öſtlichen Provinzen im Werke iſt— „Das gebe Gott!“ ſchaltete der Lithauer ein— Und auf dieſes, fuhr Caſimir fort, warte ich. Das entſcheidet den Krieg; Lithauen, Podolien, Volhynien, die Ukraine, dieſes Altpolen iſt wichtiger als Alles.— Stanislaus konnte ſich eines leichten Spottes über dieſen Provinzialſtolz nicht enthalten, aber Caſi⸗ mir nahm ihn gutmüthig auf, und die ſchwer⸗ müthige Darſtellung, welche der Lithauer von dem Inſurgentenkampfe in ſeiner Heimath entwarf, nahm alle Theilnahme und Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Er wurde aber in der Schilderung ſeiner blon⸗ den, blauäugigen Landsleute ſtürmiſch unterbrochen, die Wachtpoſten riefen an, man hörte einen Trupp Reiter heranſprengen, die Spieler fuhren ausein⸗ ander— es ward nach dem General Uminski ge⸗ — — ——— fragt; über die eingefallene Mauer der Hütte traten in weiten Reitmänteln die hohen Geſtalten Skrzy⸗ necki's und Prondzinski's ein. Zwei Adjutanten folgten ihnen, und erſuchten alle in der Hütte An⸗ weſenden, General Uminski ausgenommen, den Ort zu verlaſſen. Es geſchah ſogleich, die Adjutanten zogen ſich ebenfalls zurück, und die drei berühmten Officiere blieben allein. Prondzinski wandte ſich ſogleich mit ſeiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit an Uminski, und ſetzte ihm den neuen Feldzugsplan auseinander, der entworfen wäre, und für deſſen Gelingen man ſeine eifrigſte Thätigkeit in Anſpruch nehme. Es handelte ſich nämlich darum, mit der Hauptarmee ſchleunigſt eine große Diverſion nach Nordoſt hinab bis nach Lithauen hinein vorzunehmen, auf dieſem Wege die bereits heranziehenden Garden aufzuheben, und der lithauiſchen Inſurrektion Hilfe zu bringen. Die ſchwierigſte Aufgabe war es nun, Diebitſch mit der ruſſiſchen Hauptarmee, der ihnen jetzt gegenüber ſtand, zu täuſchen, und in dem Wahne zu erhalten, er habe noch immer das polniſche Hauptheer vor 110 1. ſich. Zu dieſem letzten Unternehmen ſei er, naͤmlich General Uminski, beſtimmt. Während dieſer Auseinanderſetzung ſtand Skrzy⸗ necki unbeweglich am Feuer, und ſah nachdenklich in die Flamme hinein. Als indeſſen Prondzinski eine augenblickliche Pauſe machte, wendete ſich jener raſch zu den Sprechenden, beſtätigte mit wenig Worten das Geſagte, und fügte hinzu, General Uminski ſolle ſogleich einen Angriff auf die nächſten feindlichen Poſten machen, damit der Abzug der Hauptarmee verdeckt würde.„Halten Sie Diebitſch fortwährend in Athem, wird er die Täuſchung zu früh gewahr, ſo ſteht Alles auf dem Spiele, drängt er nach Warſchau hin, ſo weichen Sie nur Schritt für Schritt.“— Nimmermehr iſt er ſo thöricht, fiel Prondzinski ein, ſeine Kommunikationslinie aufzugeben, er geht rückwärts über den Bug.— „Nun, wie Gott will. General Uminski, ich mache Sie auf die größte Wichtigkeit Ihres Poſtens aufmerkſam, möge der Himmel Sie beſchützen— jetzt zu Pferde, meine Herrn.“ + 111 Sie verließen die Hütte, die Hufſchläge der Roſſe verloren ſich nach allen Seiten, es ward einen Augenblick ſtill, das Feuer des kleinen Raums fiel in Kohlen zuſammen, ein leichter Wind flog über die eingeſchloſſene Fläche, und jagte noch ein Paar kleine Flämmchen auf, ein ununterrichteter Zuſchauer hätte nicht geahnt, daß eben ein ſo wichtiger Mo⸗ ment in dem Befreiungskriege der Nation einge⸗ treten ſei, ein Moment, deſſen Folgen ſich Jahre lang über Europa verbreiten ſollten. Von allen Seiten wurde bald darauf die Stille durch Flintenſchüſſe, den Lärm der Trommeln, das Schmettern der Trompeten unterbrochen. Uminski griff die Ruſſen an. 27. Die Hauptarmee war in ſchnellen Märſchen vor Oſtrolenka angekommen, hatte dort die Narew über⸗ ſchritten, war auf der großen Straße, die nach Lithauen und Petersburg führt, gegen Comza vor⸗ gedrungen, und ſtieß hier auf die Garden. Sie verließen Hals über Kopf ihr Lager, und die Polen nahmen es in Beſchlag. Der Augenblick war da, dieſe Elite des ruſſiſchen Heeres zu vernichten. Aus einem Bauerhauſe ſah man einen hohen polniſchen Officier ſtürzen, er trug den Hut in der Hand, das aufgeregte Geſicht glänzte vor Freude, und er rief haſtig nach einem Uhlanen, der zu Pferde in der Nähe hielt, und ein ſchönes engliſches Roß am Zügel hatte, was dem Officier anzugehören ſchien. Dieſer ſetzte ſchon den Fuß in den Bügel, als das kleine Fenſter des Hauſes ſchnell aufgeriſſen wurde, 113 und ein blaſſes, von der Sonne leicht gebräͤuntes Antlitz zum Vorſchein kam. Prondzynski, Prondzinski! rief der heraus⸗ blickende Mann, ein ſchwarzer Schatten von Beſorg⸗ niß legte ſich auf das Geſicht des reiſefertigen Offi⸗ ciers, zögernd gab er dem Uhlanen den Zügel wieder, und ging unſicher nach dem Bauerhauſe. Skrzynecki— dies war der Herausblickende— ſchlug das Fenſter zu, und als ſein Generalquartier⸗ meiſter eintrat, fand er ihn heftig im Zimmer auf⸗ und abgehend. „Es iſt ein unnützes Blutvergießen, Prondzinski, der Angriff auf die Garden; wir müſſen erſt Nach⸗ richten über die ruſſiſche Hauptarmee haben, warten Sie noch mit den Befehlen“—. Um Gotteswillen, General, ſolch eine günſtige Stunde kommt nicht wieder, die Garden ſind ver⸗ loren, wenn wir ſie angreifen, ſie ſind gerettet, ſo⸗ bald wir ihnen Zeit laſſen, die Brücken und Dämme bei Tycoczin zu paſſiren, ſie vereinigen ſich dann gefahrlos mit Diebitſch, ſobald dieſer über den Bug 3 geht, ich beſchwöre Sie, General, laſſen Sie uns angreifen. 114 Skrzynecki ſtand vor einem großen, plumpen Tiſche aus Fichtenholz; Karten, Pläne, Journale waren darauf ausgebreitet, und er ſah ſcheinbar nachdenkend, oder wie man am Ende bei ſolchen Augenblicken gewöhnlich iſt, gedankenlos auf die Papiere. Er hatte die Arme übereinander geſchlagen, und als Prondzinski immer heftiger drängte, machte er eine leichte, abwehrende Bewegung mit der Hand und ſchritt im Zimmer auf und ab. Seine breit⸗ ſchultrige und doch ſchlanke hohe Geſtalt ſchien kaum Platz zu finden in der niedrigen Stube, ſein Gang hatte jenes Wiegende, was nachdenklichen Menſchen oft eigen zu ſein pflegt; die Schwere des Körpers ſenkte ſich bei den langen Schritten ſichtbar von einer Hüfte auf die andere, und doch war eine ge⸗ wiſſe vornehme Leichtigkeit, ein imponirendes Etwas nicht zu verkennen, der Oberkörper nahm wenig oder gar keinen Antheil an der Bewegung.— Prondzynski ſchien einen Augenblick ſelbſt von der geheimnißvollen Würde dieſer Erſcheinung betroffen zu ſein, und den eignen klaren Anſichten vom Verhältniß der Dinge zu mißtrauen. Wenigſtens ſchwieg er. — —— 115 Der Erfolg hat gelehrt, daß in jener Bauern⸗ ſtube wirklich Alles auf dem Spiele ſtand. Man hat Prondzinski oft den Vorwurf gemacht, daß er bei ſeinem erſtaunlichen Reichthume an Kriegsplänen arm geweſen ſei an dem Muthe einer konſequenten rückſichtsloſen Ausführung. Der Vorwurf iſt wahr⸗ ſcheinlich nicht ungerecht, wenigſtens darf man auf ſein Betragen in der Schlacht bei Iganie, welches allerdings dieſer Anſicht widerſpricht, kein zu großes Gewicht legen. Es iſt wahr, daß er ſelbſt die Sol⸗ daten in dieſe überaus künſtlich angelegte Schlacht hineinführte, obwohl nicht alle berechneten Hilfsmittel zur beſtimmten Stunde eintrafen, es iſt wahr, daß er die größte Kaltblütigkeit mitten in dem mörderi⸗ ſchen Kampfe behielt, und ſeinen Leuten während des Sturmſchrittes unter dem feindlichen Kugelregen die Vortheile des Bayonnettkampfes auseinanderſetzte. Aber es iſt nicht der perſönliche Muth, der ihm mit jenem Tadel abgeſprochen werden ſoll, es iſt der moraliſche Muth eines kräftigen Befehlshabers, wel⸗ cher große, gewagte Unternehmungen auf ſeine Schul⸗ tern nimmt, durch den Gedanken an die Verant⸗ wortlichkeit nicht erſchreckt wird, und nicht rück⸗ 116 nicht ſeitwärts ſehend ſeinem einmal nach beſter Ueberzeugung gefaßten Entſchluſſe ſchnurſtracks folgt. Nicht die Geſchicklichkeit, ſondern die Kraft des Heer⸗ führers darf man ihm abſprechen. Aus dieſer Eigen⸗ thümlichkeit erklärt ſich auch ſein ſpäteres Betragen, als das Unglück ſeiner Nation die Höhe der Kriſis erreicht hatte, und vielleicht Niemand die ſtrategiſche Fähigkeit in dem Maaße beſaß wie er— da hatte er nicht die moraliſche Kraft, das Oberkommando zu übernehmen. Er beſaß die größten Kriegskennt⸗ niſſe, aber ſie beſaßen ihn nicht, das heißt: ſie ver⸗ mochten es nicht über ihn, ein zweifelloſes Vertrauen gegen ſie zu hegen, ſie konnten ihm nicht die Kraft geben, welche ſeinem Temperamente abging. Pron⸗ dzynski iſt ein deutliches Beiſpiel, wie viel mehr ein beſchränkter Kopf vermag, der ſein geringes Wiſſen feſt zuſammengedrückt in der kräftigen Hand hält, als ein reiches Talent ohne energiſchen Cha⸗ rakter. Eine gewiſſe Einſeitigkeit iſt zu den größten Handlungen nöthig; es giebt nichts in der Welt, was nicht in mancher Rückſicht bedenklich erſchiene, und wer alle Rückſichten bedenken will, wird nie ein Schöpfer. 117 In dieſer Situation war aber Prondzynski außer allem Zweifel. Seine Stellung überhob ihn der Verantworlichkeit im Großen, ſeine Einſicht lehrte ihn das Nothwendige des unverzüglichen, kräftigen Angriffs, und verhieß ihm die glänzendſten Früchte, ſtellte ihm auf's Deutlichſte die ſchlimmen Folgen der Unterlaſſung dar. Es war alſo nicht zu ver⸗ wundern, daß er mit ſolchem Eifer in den Ober⸗ feldherrn drang, ja, daß er dieſen bald bis zur Leiden⸗ ſchaftlichkeit ſteigerte. Eben ſo lag es aber auch in ſeinem oft zweifelnden und mitten im Laufe ſtill hal⸗ tenden Weſen, daß ihn die imponirende Verweige⸗ rung des Angriffs von Seiten Skrzynecki's eine Weile befangen machen konnte. Was der Oberfeldherr einmal unternommen hatte, das war ſtark und tüch⸗ tig von ihm durchgeführt worden— gerade was uns fehlt, macht den gebietendſten Eindruck auf uns, ſobald wir es an Andern entdecken: dieſe ſtille nach⸗ haltige Kraft wirkte einſchüchternd auf Prondzynski. So kam's, daß er den Bewegungen des Gene⸗ raliſſimus lange ſchweigend zuſah, und zu erwarten ſchien, es werde bald ein einziges Wort von deſſen Lippen kommen, was alle ſeine Gründe mit einem 118 Male niederſchlagen könne. Leute von Prondzynski's Beſchaffenheit, die leicht und gewandt produciren, und wenig Kraft beſitzen, ſind am Erſten der Mei⸗ nung, daß Andere mit langſamen Geiſtesoperationen Gedanken zum Vorſchein bringen, welche reifer und vollkommner ſind als die Kinder ihrer eignen ſchnellen Geiſtesbewegungen. Skrzynecki ſchwieg aber noch immer, und ging im Gemache auf und ab. Endlich blieb er am Tiſche ſtehen, und neigte ſich über die Karten hin. Es war aber nicht ſchwer zu erkennen, daß ſein Auge nichts von dem ſah, worauf es gerichtet war. Seine Hand, die beſſer von den Sympathieen ihres Herrn unterrichtet ſein mußte, griff nach einem fran⸗ zöſiſchen Journale, indem ſie ein polniſches heftig bei Seite ſtieß.— „Es iſt ein frevelhaftes Geſchwätz, was dieſe Warſchauer Journaliſten ſich erlauben, nichts iſt ihnen heilig.“— Dieſe Worte ſprach er mit halber Stimme, und ſie ſchienen ihm ſo zu entgleiten, daß er ſelbſt kaum etwas davon wiſſen mochte, denn er vertiefte ſich gleich darauf in das franzöſiſche Journal, und ſein ,. — Geſicht heiterte ſich merklich auf bei der Lektüre. Es war der Avenir von Lamennais, welcher damals mit vieler Salbung von dem religiöſen Element des polniſchen Oberfeldherrn zu ſprechen pflegte, viele Nutzanwendungen daraus auf die nächſte Geſtaltung Polens, auf Sinn und Geiſt der Armee und auf die Kriegsführung überhaupt herleitete, und Skrzy⸗ necki ſelbſt immer auf eine äußerſt ſchmeichelhafte Weiſe mit Lobeserhebungen bedachte. Als Prondzynski dieſe Wendung der Dinge inne wurde, da verſchwand ihm natürlich die Hoffnung auf ein Alles erſchöpfendes weiſes Wort Skrzyneckis, was er bisher erwartet hatte, und er begann mit verdoppelter Lebhaftigkeit ſein Drängen. Skrzynecki, der nun einmal feſt in's Verweigern hineingerathen war, wies ihn ab; jener aber, überwältigt von dem Gedanken eines leichten, überaus erfolgreichen Sieges, von der Vorſtellung gequält, daß die entkommenden Garden dem ganzen Feldzuge von außerordentlichem Nachtheile werden könnten, warf ſich ihm endlich zu Füßen— „Laſſen Sie uns keine Komödie ſpielen,“ rief Skrzynecki entrüſtet,„die Verantwortung iſt mein, 120 ich werd's vertreten; Sie haben nichts zu thun, General, als meinen Befehlen zu gehorchen.“— Erzürnt ſprang dieſer auf und ſprach heftig: Nun wohl denn! Vernichten Sie durch dieſes un⸗ zeitige Zögern die ganze Expedition, ſetzen Sie unſre Armee auf's Spiel, wenn Diebitſch mit den Garden ſich vereint, und uns den Rückzug über die Narew vertritt, aber ich will nichts zu ſchaffen haben mit dieſer Art des Kriegs, ich verlange meinen Abſchied— „Den haben Sie— Adieu!“ Prondzynski ſtürzte hinaus, warf ſich auf's Pferd und jagte davon. Die Thränen liefen ihm über das Geſicht. Während dieſer Zeit hatten die Truppen marſch⸗ fertig geſtanden, und den Befehl zum Angriff er⸗ wartet; ein Trupp Officiere hielt zu Pferde auf einer kleinen Anhöhe, und hatte das Bauerhaus im Auge, wo der Feldherr wohnte. Sie ſahen Prond⸗ zynski in Karriere ſich nähern, hielten dies für ein Zeichen, daß der Angriff ſchleunigſt bewerkſtel⸗ ligt werden ſollte, und wollten ſich eilig auf ihre Poſten begeben. Er machte aber im Vorbeifliegen eine verneinende Bewegung mit der Hand, hielt + 2 —. 121 plötzlich ſein Pferd an, und blickte mit dem ſchmerz⸗ lichſten Ausdrucke nach der Gegend hin, in welcher die Garden ihre Flucht bewerkſtelligten, die ihnen nur durch einzelne polniſche Truppenabtheilungen ſchwierig gemacht wurde. Sein ſonſt blühendes Antlitz war verſtört, ſein Auge ſtarr, die Geſichtsmuskeln zuckten zuweilen wie vom Krampf ergriffen. Stanislaus und Valerius befanden ſich in der Officiergruppe, und jener wendete ſich fragend an Prondzynski. „Ich habe keine officielle Antwort mehr für Sie, ich bin verabſchiedet“— ſprach er mit metalloſer Stimme—„der Generaliſſimus greift die Garden nicht an. Darauf ritt er langſam nach dem polniſchen Lager.— Nur ein junger heftiger Obriſt ſtieß einen lauten Fluch aus, die übrigen Officiere ſahen ſich erſtaunt an, ſchwiegen aber. Das Vertrauen auf Skrzynecki war damals noch ſo groß, daß Niemand an der Weisheit ſeiner Maaßregeln zu zweifeln wagte. Es war ein ſchimmernder Maimorgen, die ſtrah⸗ lende Sonne ſpiegelte ſich in den Wellen des Fluſſes, der Thau blibzte auf der weiten Fläche bis auf die IV. 3 6 12²2² Waldſpitzen, die hie und da in's Land herein liefen, die Vögel ſangen, nur aus der Ferne hörte man Schüſſe, und Valerius vergaß des Kriegs und ſeiner Sorgen. Er hatte ſich bereits an das wechſelnde, gedankenloſe Leben gewöhnt, ließ die alten Fragen ſeines Geiſtes und Herzens nicht mehr aufkommen, da er weniger als je eine Löſung der Lebensräthſel in Bereitſchaft hatte, und ſah mit offnem Blicke in die friſche Natur hinein. Da kam eine glänzende Equipage von der Rich⸗ tung her gefahren, in welcher die Gardend entflohen. Man hatte eine ſo große Menge Lurxusartikel in ihrem Lager vorgefunden, daß man auch jenen ſchim⸗ mernden Wagen für eine Beute der nachſetzenden Reiter anſah, und ſich nicht eben über ſeine Erſchei⸗ nung verwunderte. Als er indeſſen näher kam, fiel es doch auf, daß eine Dame darin ſaß; in ihrem Begleiter erkannten Valerius und Stanislaus den Volhynier Caſimir, und wie aus einem Munde riefen ſie: Ludmilla? Der Wagen hielt einen Augenblick, und Caſimir erzählte den beiden theilnehmenden Be⸗ kannten, wie er zu dieſem Funde gekommen ſei. Die eilige Flucht der Garden hatte die Straße ver⸗ 123— ſtopft, ſo den Wagen aufgehalten und ihn den nach⸗ ſetzenden Polen in die Hände geliefert. Caſimir war dazu gekommen—„öUnd der Ruſſe?“ unter⸗ brach ihn Stanislaus— Die Canaille hat ſeine Beute im Stich gelaſſen, und war ſchon aus dem Bereich meiner Kugel. Er iſt übrigens nicht der eigentliche Räuber geweſen, jene Steuerbeſtie hat Ludmillen nicht mal für ſich geſtohlen, ſondern für den Anführer eines ruſſiſchen Korps, was damals aus dem Süden heraufzog, um ſich mit den Gar⸗ den zu vereinigen, ſo iſt das Mädchen hierher ge⸗ bracht worden.— Valerius hörte wenig von dieſen Worten, er konnte ſeine Augen nicht abwenden von dem Geſicht Ludmillens. Es entging ihm nicht, daß die Schön⸗ heit und das Glück dieſes Antlitzes zerbrochen ſei, das große Auge, voll von ſchwerer Leidensgeſchichte, wagte es nur ſelten, ſchüchtern aufzublicken, die lan⸗ gen Wimpern deckten es ſchirmend zu, und wenn ſie ſich hoben, da ſtieg eine brennende Röthe in das bleiche, ſchöne Geſicht: Zorn und Schaam, Stolz und Haß ſchienen ihm in dieſer ſchnell erſcheinenden, ſchnell verſchwindenden Röthe aufzuflackern. Das 124 Mädchen war noch zur Hälfte in ihrer früheren ländlichen Tracht, zur Hälfte mit modiſchen Klei⸗ dungsſtücken behängt— der Wagen flog davon, und es blieb ein wunderlicher Eindruck dieſes Bildes in Valerius zurück. Wie quälen wir uns, dachte er, im engen, kleinen bürgerlichen Leben um die unſchein⸗ barſten Konvenienzien, machen Glück und Unglück davon abhängig, und geberden uns entſetzlich, wenn ein Maͤdchen allein ſpazieren geht. Und ein Wind— ſtoß der Geſchichte wirft alle die kleinen Dinge kopf⸗ über durcheinander, und man hat keine Zeit, darnach zu fragen— du armes, blaſſes Mädchen!— Nachdenklich ritt er zu ſeinem Bivouak zurück, Magyac brachte ihm einen Brief entgegen, der von Warſchau angekommen war. Conſtantie ſchrieb: „Komm, Geliebterz ſobald Du dieſe Zeilen ſiehſt⸗ komm zu mir. Ich vergehe. William kommt täg⸗ lich in's Haus, wird täglich läſtiger. Ein hieſiger Vornehmer verfolgt mich mit Liebesanträgen, und mein Onkel, der alte Kuppler, begünſtigt ihn und ſeine Anträge; ich bin von Ennui umgeben, und ſchmachte nach Dir. Laß mich nicht länger harren. Du mußt mein Weſen ſo weit kennen, daß die —— 57 - 123 Leidenſchaften in mir ſtets auf Tod und Leben fechten, vernachläſſigſt Du meine Liebe, ſo kann ſie plötzlich über Nacht ermordet ſein. Mein Herz erträgt dieſen halben, ſchmachtenden, unbefriedigten Zuſtand nicht. Komm ſogleich, wenn Du mich noch küſſen willſt. Was kümmert Dich der Krieg dieſes Volks? Für Deine Wünſche fechten die Leute nicht; wenn ſie den ruſſiſchen Herrn geſtürzt haben, dann kommen die polniſchen Herren dran;z was intereſſirt Dich das? Du weißt am beſten, wie kurz die Jugend, die Kraft zu genießen dauert, warum willſt Du ſie unnöthig ſelbſt noch abkürzen? Es ſoll mir das einzige, untrügliche Zeichen Deiner Liebe ſein, wenn Du kommſt. Folgſt Du meinem Rufe nicht, ſo haben wir uns in einander geirrt.“ Kaum hatte er dieſe Zeilen zu Ende geleſen, ſo ſchmetterte die Trompete, ſein Regiment ſollte aufſitzen, und den Feind verfolgen. Was war zu thun? Der General Kicki— er war im Laufe des Krieges avancirt worden— ſprengte eben vor⸗ über, und rief mit freundlicher Stimme: zu Pferd, zu Pferd, Sie deutſcher Freiheitsheld! Die Trom⸗ peten ſchmetterten auf's Neue. Es dünkte ihm 126 unmöglich, es dünkte ihm ehrlos, jetzt das Heer zu verlaſſen, obwohl er den Ernſt von Conſtantiens Leidenſchaftlichkeit tief erkannte, obwobl er dem na⸗ türlichen, richtigen Gefühl zu folgen glaubte, wenn er nach Warſchau ritte. Aber die künſtlichen Geſell⸗ ſchaftsbegriffe waren zu tief in ihn hineingewachſen; während er ſich ſchalt, daß er die Convenienz höher achte als das urſprüngliche Gefühl, eilte er zu ſei⸗ nem Regimente, und inſtinktartig mit dieſem über die Fläche fort nach Lithauen hin. Das Herz blu⸗ tete in ſeiner Bruſt, aber er war dennoch ruhig und ergeben, als müßte es ſo ſein. Die geſellige Bildung iſt ſelbſt in ſkeptiſchen Gemüthern bereits mächtiger geworden, als die na⸗ türliche Regung. Der Gedanke, daß der Einzelne ſeine gerechteſten Wünſche der allgemeinen Form unterordnen müſſe, damit die Allgemeinheit unge⸗ ſtört fortbeſtehe, dieſer Gedanke wird ihnen nicht gerade in dieſer Geſtalt klar und anſchaulich, aber er iſt ihnen ſo tief eingebildet, daß er ſie unum⸗ ſchränkt beherrſcht. Der günſtige Moment, die Garden zu vernich⸗ ten, war vorüber. Die einzelnen Angriffe fügten * 127 ihnen zwar vielfachen Schaden zu, hinderten ſie aber nicht, den Uebergang über den Bug zu gewin⸗ nen, und als nun Skrzynecki am folgenden Tage bei den Brücken und Dämmen vor Sycoczin an⸗ kam, waren ſie bereits bei den andern Ufern in Sicherheit, und er mußte nun ſeine eigne Paſſage erzwingen. Hier betrat die Armee zum erſten Male lithaui⸗ ſchen Boden, und dieſe Idee weckte einen großen Jubel im Heere. Es war dies der Höhepunkt der polniſchen Waffen, das angegriffene Volk war in ein angreifendes verwandelt, die Straße nach Peters⸗ burg lag offen vor ihm. Es war ein warmer Morgen, als das Heer eine weite Haidefläche vor ſich ſah, aus welcher eine hohe Säule wie eine Pyramide in der ägyptiſchen Wüſte ragte. Sie führt den Namen Caarneckiſäule, weil ſie dieſem alten Helden zu Ehren auf der Grenze von Lithauen und Polen errichtet worden iſt. Als der General⸗ ſtab bei ihr angekommen war, feſſelte ein vielfaches Halt die ganze Armee. Skrzynecki ſtieg vom Pferde, und alle Reiter folgten ſeinem Beiſpiele. Er ließ ſich auf die Knie nieder, und alle die wilden Trup⸗ 128 pen, die man noch kurz vorher nur im bluti⸗ gen Haße einherſchreitend geſehen hatte, beugten ſich betend zur Erde. Es war ein erſchütternder Anblick. kung auf den Betenden ſelbſt wichtig erſchienen war, ſah mit einem andächtigen Erbeben, wie es durch die Gegenſeitigkeit, durch den plötzlich laut werdenden allgemeinen Gedanken erſchütternd wirkte auf ein zahlreiches, aus ſo vielen rohen Elementen beſtehendes Heer. Er ſah auf den harten, ſonnen⸗ braunen, zum Theil zerfetzten Geſichtern, über welche jetzt hie und da eine ſtille, einſame Thräne rollte, er ſah auf dieſen ſtarren bärtigen Geſichtern überall den Ausdruck: Gott da droben über dem blauen Himmel, Du weißt Alles, was wir gelitten haben, hilf uns, hilf uns! Er fühlte in der eig⸗ nen Bruſt ein heißes Gebet aufſteigen: Du großer und guter Gott, hilf ihnen, hilf allen Menſchen, wie toll und thöricht wir uns auch mitunter geberden. Die weite Fläche, mit einer unabſehbaren Krie⸗ germaſſe bedeckt, war ſtill wie ein nur leiſe mune 4 Valerius, dem das Gebet nur immer als Wir⸗ 129 melndes Meer, die warme Sommerſonne zerſprengte die leichte Wolkenſchicht, welche ſich zwiſchen ihr und der Erde gelagert hatte, der Waffenglanz blitzte in tauſend Funken auf. Valerius ward an die ſon⸗ nigen Feiertagsmorgen ſeiner Jugend erinnert, wo er im Pfarrhauſe ſeines Vaters am Fenſter ſtand, und die geputzten Bauersleute in die Kirche wan⸗ deln ſah. Er hatte immer geglaubt, zum Sonn⸗ tage und zum Gottesdienſte müſſe auch die Sonne ſcheinen; ihr lichter Strahl war ihm Bedürfniß geweſen zur klaren Sabbathſtille, die er in ſeinem Heimathdörfchen immer ſo erquicklich genoſſen hatte. Die jetzt durchbrechende Sonne hob ſeine Andacht zur Begeiſterung, er glaubte ein unmittelbares Zeichen des erhörten Gebets darin zu erblicken. Und nun brauſ'te plötzlich wie das Getümmel einer neuen Weltſchöpfung ein altpolniſcher andächtiger Geſang aus ſo viel tauſend Männerkehlen über die ſtille Haide— was gleicht dem gewaltigen Ein⸗ drucke eines tauſendſtimmigen Männerchors! Das verſtockteſte Herz wird erſchüttert, das muthloſeſte gehoben. In der menſchlichen Stimme liegt viel⸗ 4 6* 130 leicht das Meiſte von der göttlichen Unmittelbarkeit, ihr tauſendfacher Ausdruck erzeugt darum die wun⸗ derbarſte Wirkung— das polniſche Heer hätte in dieſem Augenblicke eine Welt in Waffen angegrif⸗ fen mit dem zweifelloſen Glauben an unendlichen Sieg. Die feierliche Handlung war beendigt; noch wogte die erhabene Stimmung durch das ſchwei⸗ gende Heer, da flogen dicht hinter einander zwei Kouriere im vollen Roſſeslaufe durch die offnen Gaſſen der Truppen nach der Czarneckiſäule hin. Sie brachten die Nachricht, daß Diebitſch, ſeinen Irrthum einſehend, mit ſeiner Armee ſchleunigſt aufgebrochen und in ungeheuren Märſchen über Granna und den Bug gezogen ſei. In dem Augen⸗ blicke, wo das Heer gebetet hatte, war alſo ſeine Hoffnung ſchon vernichtet geweſen. Das Kriegs⸗ geräuſch verbreitete ſich bald wieder ſtürmiſch durch die Maſſen, der Rückzug nach Lomza und Oſtro⸗ lenka hin mußte ſchleunigſt angetreten werden, wenn ſich der Feind nicht zwiſchen das polniſche Heer und Warſchau ſchieben ſollte. Unter Gielgud und Chlapowski wurde ein Armeekorps nach Lithauen — —— — —— hinein beordert, um die dortige Inſurrektion zu unterſtützen. Jener Lithauer, welcher damals in der Waldhütte neben Valerius am Feuer geſeſſen hatte, ritt jetzt an dem Teutſchen vorüber, welcher eben im Begriff war, mit ſeiner Truppenabtheilung abzuziehn. „Sie ſchließen ſich der Expedition in ihre Hei⸗ math an?“ rief ihm dieſer zu,„möge Sie das Glück begleiten!“ Der Lithauer richtete einen ſeiner ſanften ſchwer⸗ müthigen Blicke zum Himmel und reichte Valerius die Hand: Ich fürchte, wenn Sie einſt wieder im Schooße Ihres Vaterlandes an das ferne Lithauen denken, da werden die ſanften ſtillen Bewohner dieſes Landes erſchoſſen hinter den Bäumen liegen, welche jetzt noch ihr einziger Schutz ſind— ach, ich habe keine Hoffnung auf Glück; Gott gebe nur, daß ich mit den Waffen in der Hand fallen mag, daß ich nicht den Barbaren in die Hände gerathe, nicht die abermalige Ermordung meines Vaterlandes zu ſehen habe. „Valerius wollte ihm die traurigen Gedanken aus dem Sinne treiben, der Lithauer ſchüttelte 132 aber ſchmerzlich laͤchelnd ſein Haupt, drückte ihm feſt die Hand, und ſchied. Als die Garden den Rückzug der polniſchen Armee inne wurden, rückten Sie auch wieder vor, beunruhigten jene, und ſchickten ſich an zur Ver⸗ einigung mit Diebitſch, der vom Süden herauf⸗ rückte. Die Vereinigung war nicht mehr zu hin⸗ dern, Skrzynecki ging raſtlos bis Oſtrolenka, und der größte Theil des Heeres hatte dort bereits die Narew paſſirt. Es war ein warmer Nachmittag, eine Menge Soldaten badeten im Fluſſe, die Ka⸗ vallerie fütterte, die Infanterie kochte, Alles war in ſorgloſer Ruhe, da hörte man jenſeits des Fluſ⸗ ſes plötzlich ein heftiges Schießen. Das vierte Re⸗ giment war noch drüben in der Stadt, bald ſah man einzelne Trupps deſſelben, rückwärts feuernd, aus der Stadt kommen, die Brücke war bald erfüllt von ihnen, immer lebhafter wurde das Gewehrfeuer in den Straßen der Stadt, man ſah Batterien am jenſeitigen Ufer auffahren, die Kugeln flogen auf die Brücke, welche das tapfere Regiment Schritt für Schritt vertheidigend langſam paſſirte. 13³3 Es war kein Zweifel: Diebiſch mit der großen Armee ſtand den Polen gegenüber. Wirklich war er in unerhörten Märſchen herbeigeeilt. Ein kleines polniſches Korps unter Lubienski, was ſich ihm bei Nur entgegengeſtellt hatte, war natürlich nicht im Stande geweſen, ihn aufzuhalten. Es gab nur ein Vorſpiel zu der jetzt beginnenden Schlacht von⸗ Oſtrolenka. Die Polen kämpften bei Nur mit über⸗ menſchlicher Tapferkeit, und erzwangen ſich mit blutigen Opfern einen Rückzug. Das Treffen ſelbſt war im Grunde eben ſo wenig nöthig, als das bei Oſtrolenka, in welches ſich Skrzynecki am Nach⸗ mittage des 26. Mai einließ. Ein toſender Lärm brach unter den Polen aus, die ſich in der nachläßigſten Situation überfallen ſahen, und ſich nun rüſteten mit aller Schnelle und Unerſchrockenheit, welche ihre Heere charakteri⸗ ſirt. Skrzynecki flog auf ſeinem hohen Pferde hin und her, und befahl und ordnete mit feſter, ſtarker Stimme. Die Kugeln vom andern Ufer ſchlugen links und rechts neben ihm ein, aber ſie ſtörten ihn nicht; ein wunderliches Feuer brannte in ſeinen Augen, die blaſſen Wangen waren leicht geröthet, —ꝛ 13⁴4 und auf den Lippen lag der tapfere Trotz, welcher zu ſagen ſchien: ich verlaſſe den Platz nicht, oder ihr begrabt mich hier. Valerius, der ihn in dieſen Augenblicken ſah, erſchrack vor dem Anblick. Er wußte nicht, war es etwas Schwärmeriſches, war es etwas Dämoniſches oder gar ein Heiliges, was aus dem erregten, geſpannten Antlitz ſchaute. Die Puritanergeſtalten Balfour und Cromwell mit den ehernen Fanatismuszügen kamen ihm in den Sinn; nimmer hätte er die ſanften Züge Skrzynecki's dieſes Ausdrucks fähig geglaubt. Wirklich weiß man das ganze, hartnäckige, todesverachtende Benehmen des Feldherrn an jenem Tage nur aus einer ſolchen überſpannten Stim⸗ mung zu erklären. Er vertheidigte die Narewbrücke mit einer ſolchen Berſerkerwuth, als ob das Schick⸗ ſal des Landes vom Beſitz derſelben abgehangen häͤtte. Im Rücken des polniſchen Heeres erhoben ſich Sandhügel, welche ihm die beſte Poſition gewährt hätten, um den Uebergang des Feindes, wenn nicht zu hindern, doch auf das blutigſte und nachtheiligſte für dieſen zu ſtören. Er ſah aber nichts als die Brücke und den Feind auf der 135 Brücke. Die unterlaſſene Schlacht gegen die Gar⸗ den ſchien wie ein Dämon in ihm zu wüthen: noch in keinem Zeitraume war die polniſche Armee ſo zahlreich, ſo gewaltig geweſen als jetzt, er wollte nicht nach Warſchau zurückkommen, ohne geſchlagen zu haben, das Gewiſſen drängte ihn zu Thaten, die bis jetzt verabſäumt worden waren. Kouriere flogen nach den Truppen, welche ſchon nach Warſchau hin abmarſchirt waren; die Ba⸗ taillone ſchritten mit gefälltem Bayonnet nach der Brücke, auf welcher ſich die dichten ſchwarzen Maſ⸗ ſen der Ruſſen herüberwälzten. Ein Morden und Schlachten ohne Gleichen begann. Die Kartätſchen und Kanonenkugeln ſchlugen mörderiſch dazwiſchen in den Menſchenknäul, Feind und Freund treffend⸗ Niemand wich dem menſchlichen Gegner, was in dem Defilée vor der Brücke und auf der Brücke ſelbſt erſchien, das erlag nur dem Tode. Hügel von Leichnamen verſperrten den Weg; wo der Bo⸗ den einen Augenblick leer wurde, da ſah man ihn gepflaſtert mit Kugeln groß und klein. Und immer neue Schaaren drängten ſich zu dem Opferplatze; ſchauerlich einſam ragten die Generale zu Pferde aus den dunklen Maſſen. Sie hatten die Säbel gezogen, und halfen ſchlachten wie die gemeinen Soldaten. Vorn, dicht an der Brücke, erblickte man den General Kaminski, den Säbel hielt er hoch in der Hand, und rückwärts ſich wendend ſchrie er Befehl auf Befehl; Valerius ſah in geringer Ent⸗ fernung nur ſeinen geöffneten Mund, das brüllende Getoſe der Schlacht ließ die donnerndſte Stimme eines Einzelnen nicht vernehmen. Plötzlich ſank er vom Pferde und verſchwand in der dunkeln Maſſe. Wie ein Kriegsgott hoch zu Roß flog der ſchöne Kicki herbei, und verſchwand ebenfalls wie ein ſchim⸗ merndes Meteor, raſende Kugeln hatten die ritter⸗ lichen Helden darniedergeriſſen.„Kicki iſt gefallen, Kicki iſt gefallen“ flog es in dem Toben von Mund zu Munde. Aber man hatte keine Zeit zur Trauer, der Tod dieſes Helden erfüllte die Soldaten nur mit größerer Wuth, und die Wuth ſieht keine Ge⸗ fahren, ſie iſt blind. Wie raſend ſtürzten die nächſten Schaaren auf den Feind; das Defilée vor der Brücke, in welches die Ruſſen vorgedrungen waren, wurde wieder genommen, aber dicht wie Wolken quollen immer neue ruſſiſche Maſſen aus — 137 der Stadt heraus, über die Todten hinwegſchrei⸗ tend. Das alte Reiterregiment, was Kicki früher geführt hatte, ſtand ohnmächtig in der Nähe des Schlachtfeldes, der enge Raum geſtattete der Reiterei wenig oder gar keine Mitwirkung. Valerius ſah und hörte, wie die Uhlanen in Thränen und Heulen ausbrachen um ihren vergötterten Helden, um das rings mähende Unglück, und über die peinigende Qual, gefeſſelt ſtehen zu müſſen, iiren alten Führer nicht rächen zu können. Eine Pauſe der Erſchöpfung trat vor der Brücke ein, die Ruſſen warfen Todte und Verwundete in den Fluß, um Raum zu erhalten, von der polni⸗ ſchen Seite raſſelte eine weitere Batterie an das Ufer herbei. General Bem führte ſie, und im Nu flog ein hagelndes Feuer gegen die Brücke. Jeder Schuß traf bei der großen Nähe, und die Kartät⸗ ſchen wühlten ſich in die Menge hinein, viele Ge⸗ troffene wälzten ſich unter dem Geländer in die 3 Narew hinab. Aber auch die ruſſiſchen Batterieen vom andern Ufer verdoppelten ihr gefährliches Feuer— Skrzy⸗ necki, der mit düſterem Geſicht vorn im dichteſten Kugelregen gehalten hatte, ſtieg vom Pferde, ſtellte ſich an die Spitze einer Kolonne, und marſchirte mit ihr im Sturmſchritt hinein in den Feind. Die Flintenkugeln ziſchten wie tauſend Schlangen um ihn, ſchlugen in ſeine Mütze, zerriſſen ihm die Uni⸗ form, vorwärts, immer vorwärts ging es. Er nahm die durchlöcherte Mütze vom Kopfe, und wies ſeinen Grenadieren den Punkt, wo ſie angreifen ſollten; ein leichter Wind hob ſeine dünnen dunklen Haare in die Höhe, deren Spitzen ſchon ergraut waren unter den Kriegsſorgen. Er glich einem rüſtigen Vater, der in der Verzweiflung ſeines Herzens die letzte Anſtrengung macht, ſeine bedrohten Kinder zu retten.— — Die Sonne ging glühend roth unter, wenige Minuten lang glänzten zitternd ihre Strahlen über den blutgetränkten Fluß, und eine ſchnell herein⸗ brechende Dämmerung hüllte die Gegenſtände in's Ungewiſſe. Die Anſtrengungen der Ruſſen ließen nach, das Schlachten hatte ein Ende. Die Nacht brach herein, und man hörte anfänglich das Ab⸗ ziehen des polniſchen Heeres, das ſich die traurige Ehre nicht hatte nehmen laſſen, das Schlachtfeld 139 zu behaupten. Als es immer ſtiller wurde, vernahm man nur das Geſtöhn und Wimmern der Todes⸗ wunden. Oft drang eine herzzerſchneidende Stimme aus der Tiefe eines hohen Menſchenhaufens. Die Sterne ſchienen klar, die Luft war mild, als ſei nichts vorgefallen. 28. Valerius lag zu Warſchau in ſeiner Wohnung dar⸗ nieder. In den letzten Stadien der Schlacht hatte ihm eine Kugel den Arm zerſchmettert; Stanislaus Sorgfalt hat ſo viel bewirkt, daß er nicht in ein Hoſpital gebracht, ſondern in ſeiner alten Wohnung aufgenommen wurde. Es waren Wochen vergangen, die Wunde heilte langſam und ſchmerzhaft. Von Stanislaus hatte er erfahren, daß Conſtantie auf des Onkels Land⸗ gute wohne, zwei Meilen von der Stadt; ſie befinde ſich ſehr wohl. Das Landgut ſei belebt durch zahl⸗ reiche Beſuche; Manche ſollten der ſchönen Wittwe auf das dringendſte den Hof machen. Valerius bat ſeinen Freund, Conſtantien zu grüßen— ich werde es ſchwerlich ausrichten können, Wertheſter, erwiderte Stanislaus— in einer Viertel⸗ —— ſtunde muß ich Warſchau verlaſſen in Dienſtge⸗ ſchäften; eh ich wiederkehre, denk' ich, ſind Sie geſund.— Schreiben konnt' er nicht, dazu fehlte der Arm, fremde Leute gewährten ihm die nöthigen Hand⸗ reichungen, er wußte kein Mittel, Conſtantien Nach⸗ richt zu geben, da der direkte Weg eines plumpen Boten durch die Form verſperrt war. Der alte Graf ſchickte ihm Bücher, feine Krankenſpeiſen und dergleichen— aber er glaubte, verſichert ſein zu können, daß dieſer alte Fuchs ſeiner Nichte kein Wort erzähle, was den jungen Deutſchen beträfe. So mußte er in der Einſamkeit harren, und das Schickſal ſeinen Gang gehen laſſen. Wir mögen noch ſo viel über die Worte Schickſal, Fügung, Zufall reden, imreer ſind wir innerlichſt der Mei⸗ nung, daß ſie durch unſer Zuthun, wenn nicht ge⸗ ändert, ſo doch gelenkt werden, und unſer Mißbe⸗ hagen erreicht den höchſten Grad, wenn wir uns von aller Thätigkeit und Einwirkung ausgeſchloſſen ſehen. Dann glauben wir uns dem Aergſten preis gegeben. —ÿy So Valerius. Alle ſchwarzen Gedanken ſeiner letzten Entwickelungsjahre ſammelten ſich um ſein Krankenlager, und als er zum erſten Male wieder ausgehn konnte, brachte er eine ganze Welt von quälenden Gedanken mit ſich an die warme Som⸗ merluft. Und die Gedanken flogen nicht mehr in Geſtalt von Zweifeln um ſeine Seele, es waren feſte, unumſtößliche Vorſtellungen. Du biſt eins der unglücklichſten Weſen auf der Welt, ſagte er ſich, in die Reform des Menſchengeſchlechts haſt du dich hineingeſtürzt mit einem Herzen, das jeden Augenblick ſelbſt des Troſtes, der Unterſtützung be⸗ darf, das an Liebhabereien, Gewohnheiten hängt, wie das Kind an der Amme, das bei jedem neuen Schritte tauſend Fragen der Rückſicht und Bedenk⸗ lichkeiten aufwirft. Unglücklicher Thor, wozu taugſt du auf dieſer Welt? Im beſchränkten hergebrachten Kreiſe fortzuleben genügt dir nicht, um das Kleine, Unſcheinbare kennen zu lernen, und dich am Ende daran zu erfreuen, fehlt es dir an Geduld und Ausdauer, und für das Große an Muth und Kraft. Deine Hoffnungen gingen zu Grunde, da du dieſes Volk anders fandſt, als du daheim hinter dem Ofen +—— 14³ geträumt, mit einem einſeitigen Maaßſtabe der Bil⸗ dung kamſt du her, und entſetzteſt dich, als er nicht paßte für neue Verhältniſſe. Sie haben Recht, die Verfolger dieſer neuerungsluſtigen Jugend, wenn ſie uns Oberflächlichkeit vorwerfen, wenn ſie ſagen: es ſind junge, unreife Leute, voll Drang nach neuen Dingen, weil ſie zu ungeſchickt, zu träg, zu ſtolz ſind, ſich mit allen Kräften der alten zu bemeiſtern. Es iſt ihnen zu langweilig, die bisherigen Zuſtände bis in ihr tiefes hiſtoriſches Leben zu ergründen, die beliebten hiſtoriſchen Recits, einige blendende wiſſenſchaftliche Redensarten, die ſie ſich angeeignet, geben ihnen die Ueberzeugung tiefer geſchichtlicher Einſicht. Die eigne innere Unluſt, Dinge gründlich erſchöpfend zu ſtudiren, ſtachelt ſie, Alles, was da iſt, abgelebt, veraltet, unvollkommen zu nennen. Einige Unvollkommenheiten, Vernachläſſigungen, Mängel, die bei keinem irdiſchen Inſtitute ausbleiben, dienen ihnen als Vorwand, Alles für ſchlecht, jede Ver⸗ änderung für nothwendig zu erklären. In dem hohlen Revolutionslärm übertäuben ſie das eigne Gewiſſen, was ihnen zuflüſtert, wie ſie die Zukunft im Grunde dem Zufall überlieferten, die Civiliſation auf eine —— ——— 144 unſichre Karte ſetzten, wie ſie nicht die Fähigkeit beſäßen, eine neue Geſellſchaft zu erfinden, eine Geſellſchaft mit den tauſend kleinen Rädern und Walzen, deren Kenntniß das erſchöpfendſte, gründ⸗ lichſte, ſorgfältigſte Studium nöthig macht. Solche Leute, tröſten ſie ſich, werden ſich finden, das ge— hört für die Maſchinenmenſchen, wir erfinden, wir ändern im Großen, das Genie kümmert ſich nicht—— um Hilfswiſſenſchaften. Und dieſe Klaſſe der Revo⸗ lutionairs iſt noch die beſte, ſie ſucht nur dem eignen Geſtändniſſe der Unzulänglichkeit zu entfliehn, ſie will ſich ſelbſt darüber täuſchen, daß ſie den ſchwieri⸗ gen, mühſeligen Weg der Kultur überſpringt, ſie hat noch Stunden des Zweifels, der Unſicherheit, und ſie wird noch von der anderen, ſchlimmeren Hälfte vorgeſchoben, die nichts will als rauben und ſtehlen im Großen und Kleinen. Dieſe letztere lebt in unbehaglichen Zuſtänden, ſie iſt zu träge oder zu ungeſchickt, ſie in beſſere umzugeſtalten— jede allgemeine Aenderung iſt ihr willkommen. Je ge⸗ waltſamer, je größer, deſto beſſer. Da öffnen ſich Chancen, die außer dem Laufe des Herkömmlichen liegen, da gibt es allerlei Beute, die nicht mühſam lange vorbereitet zu werden braucht. Dieſe Steg⸗ reifritter des Wiſſens, des Herzens und ſchneller Hände, dieſe bilden die ſogenannte revolutionäre Jugend.“— 4 Wenn die Leute dennoch Recht hätten! Er ſtand an einer Straßenecke ſtill. Es iſt freilich ein Raiſonnement des Theaters, ſprach er weiter, eben ſo oberflächlich, wie das, was ſie oberflächlich nen⸗ nen, eben ſo einſeitig, eine ſchnelle Antwort für den ſchnellen Frager, der die Bühne verlaſſen muß, weil man zur Verwandlung geklingelt hat. Aber wie ſieht es aus in mir? Muß nicht ein jedes Indi⸗ viduum ſeine ganze Partei vertreten, muß es nicht all ſeine Verhältniſſe, Stimmungen und Wünſche fortwährend den Forderungen der Welt, der Bildung gegenüberſtellen, um zu prüfen, ob die neue Genera⸗ tion auf richtigem Wege ſei? Iſt es blos perſön⸗ liches Ungeſchick, daß nichts in mir und um mich paſſen will, bin ich ein falſcher Ausdruck unſrer Jugend? Gehetzt lauf' ich durch die Tage hin, Alles entwickelt ſich mir zu langſam, überall finde ich Hinderniſſe, nur der Rauſch, wie meine Liebe für Conſtantien zu ſein ſcheint, hält mich eine Zeit IV. 7 — 146 4 lang aufrecht, einſames Krankenlager wirft mich wieder in das Chaos zurück— kann das der rechte Weg ſein? Vorgeſehn! riefen plötzlich zwei Stimmen neben ihm. Eine Tragbahre ſtreifte an dem Träumer hin; 4 ſein Auge fiel auf einen Kranken, der ausgeſtreckt auf derſelben lag. Entſetzt wendete er den Blick hinweg. Es war ein aufgeſchwollnes, todtblaſſes Frauengeſicht, deſſen vortretende Augen ihn mit einem geſpenſtiſchen Todesblicke anſtarrten. Jetzt fiel ihm ein, daß ſeine Krankenpfleger er⸗ zählt hatten, ſeit der Schlacht bei Iganie ſei die 2 Cholera unter den Polen zum Vorſchein gekommen, das Pahlenſche Corps habe ſie aus Beßarabien mit⸗— gebracht, und jetzt wüthe ſie in Warſchau. Die Träger hatten jenes kranke Weib niedergeſetzt, und reichten einander die Schnapsflaſche, um ſich für den weiteren Weg zu ſtärken. Dabei lachten ſie, und auf die Kranke deutend, meinte der eine: Sie 8 geht auf's letzte Stadium los, wie der Doctor zu ſagen pflegt, friſch Kamerad, daß wir ſie noch leben⸗ dig in's Hoſpital bringen. .147 Valerius ſchauderte, aber er konnte ſich nicht enthalten, noch einen Blick auf das Weib zu werfen. Mit Entſetzen glaubte er zu bemerken, wie ſich die ſchwarzen Todesſchatten der Peſt immer dichter um Augen und Schläfe legten, mit Entſetzen erkannte er in den verzerrten Zügen das Antlitz Ludmilla's. Auch ſie ſchien ſich eines Bekannten in ihm zu erinnern— bekanntlich bleiben die von dieſer Peſt 3 Befallenen ihrer vollen Verſtandeskräfte mächtig. Vielleicht wußte ſie auch weiter nichts, als daß ſie das Geſicht des jungen Mannes ſchon einmal ge⸗ ſehen hatte, und in dieſer Todesverlaſſenheit, in den Händen ſtockfremder roher Geſellen mochte ihr das ſchon Aufmunterung ſein, irgend eine Hilfe anzuſprechen. Kurz, ſie arbeitete ſichtbar mit den Händen unter der wollenen Decke, und ſtreckte end⸗ lich einen kreideweißen Arm heraus nach Valerius hin. Der hintere Träger, welcher mit ſeinem Ge⸗ fährten eben die Laſt wieder aufheben wollte, ſprang fluchend herbei und drückte den Arm wieder zurück. Valerius aber, vom krampfhaften Mitleide durch⸗ drungen, verſprach den ſtier auf ihn blickenden Augen, er werde mitgehn. 148 5 Je näher ſie dem Hoſpital kamen, um ſo größer wurde die Anzahl der Tragbahren, welche herbeige⸗ ſchafft wurden. Aus allen Gäßchen kamen welche, und im Hofe des Krankenhauſes ſtockte der Zug, weeil die Vordern nicht ſo ſchnell ihrer Laſt entledigt 7 werden konnten, als die Hintern nachdrängten. Da ſtand denn der ohnedieß ſchon geiſtes⸗ und körper⸗ kranke Deutſche, entſetzt von dem ſchrecklichen An⸗ blicke der Verpeſteten, welche ſich zum Theil in der Todesangſt aus den Bahren herauszuarbeiten trach⸗ teten, betäubt von dem wüſten Lärm der Träger, die ſich ſchreiend zutranken, rohe Scherze zuriefen,. ihre unruhigen Schützlinge unter die Decken drückten und das Ganze mit nicht mehr und nicht weniger Theilnahme behandelten, als trügen ſie Kuliſſen und Garderobe für ein Schauſpiel zuſammen. Zu einer V Seitenthür des Gebäudes ſah er einen Leichnam nach dem andern heraustragen, und kopfüber in eine ungeheure Grube ſtürzen— wenn ein unglücklicher Kranker ſich einen Augenblick aufrichten konnte, ſo ſah er, was ſeiner wahrſcheinlich in wenig Stunden harrte. Man machte für ihn Platz, und bald gab er denen Raum, die nach ihm kamen. Der Anblick —, eines Schlachtfeldes dünkte Valerius Erholung neben dieſer Scene. Man könnte ſagen, dort ſieht der Tod und das Leiden geſund aus, und in dem Schmerzensgeſchrei der Verwundeten bekundet ſich noch eine Lebenskraft. Hier ſah man nichts als faulen Tod, die betroffenen Opfer ſchwiegen größten⸗ theils, nur aus den verzerrten, zu Schmerz ver⸗ ſteinerten Geſichtern ſprach die unendliche Qual. Und wenn man ein Wimmern hörte, ſo klang es ſo übermenſchlich ſchmerzhaft, ſo unnatürlich jammervoll, als käme es aus einer fremden, in lauter Elend wogenden Welt, aus einer qualvollen Hölle. Valerius ſchauderte im Innerſten. So entſetz⸗ lich war ihm das Menſchenleben noch nie erſchienen, und gefoltert von den Fragen der Geſellſchaft, um⸗ geben von dem Elende des Körpers, war er wohl zu entſchuldigen, wenn er einen Augenblick dem Ge⸗ danken Raum gab: wozu das ganze Daſein dieſer Art? So ſehr ihm ſonſt die Verzweiflungshelden zuwider waren, die überall Zorn und Klagen gegen die Weltordnung ausſtoßen, in dieſen Augenblicken wußte er keinen Tadel gegen ſie. ——— 150 Beim Drängen am Eingange wurde eine Bahre umgeſtürzt; der Kranke fiel auf das Pflaſter mit dem Geſicht nach unten. Ohne nachzuſehn, was ihm begegnet ſein könne, warfen ihn die Träger wieder auf ſein Lager, und fort ging es, die Treppe hinauf. Der Begriff eines Menſchen hört in ſolchen Zeiten auf, es giebt nur Gegenſtände, deren man ſich ſo ſchnell und ſo gut entledigt, als es eben gehen will. Er kam endlich mit ſeiner armen Leidenden in den großen Saal des Krankenhauſes. Es war kein Platz, und er mußte ſich durch Geld die Auf⸗ merkſamkeit und Theilnahme eines Wärters erkau⸗ fen, um Ludmillen unterzubringen. „Ich glaube, der Alte wird fertig ſein“, ſagte dieſer murmelnd vor ſich hin, und ſchritt nach einem Winkel des weiten Gemachs. Valerius ſah, wie er einen greiſen Kopf in die Höhe richtete, die ver⸗ worrenen grauen Haare hingen ſtruppig bis über die weit offnen, gläſern herausſtarrenden Augen. Das magre, knochige Geſicht war mit einer bräun⸗ lichen, grauenhaften Peſtfarbe überzogen, der Schaum lag in einzelnen Tropfen auf den zuſammengekniffe⸗ nen blauſchwarzen Lippen— —* 151 „Ja“, ſagte der Wärter, indem er ſein Ohr einen Augenblick an die Naſe des entſtellten Kopfes geneigt hatte—„der iſt reif“—„He da, ihr faulen Schlingel, ihr werdet die Peſt nicht verſaufen mit eurem Branntwein; gebt einmal die Flaſche her, na, der alte Krukowiecki und die Cholera ſollen leben, macht hier Platz mit dem Alten,'s hat ihn lang genug gewürgt, andre ehrliche Leute wollen auch dran, ſputet euch, bis ihr nunter kommt iſt er kalt“— Dieſe Anrede galt ein Paar rothbackigen Bur⸗ ſchen, welche das Geſchäft der Todtengräber verſahen. Sie warfen den Alten auf ein Paar zuſammenge⸗ nagelte Bretter, und traten die letzte Reiſe mit ihm an. Ludmilla kam an ſeine Stelle. Aengſtlich blickte Valerius über den weiten Saal, ſein Auge ſuchte einen Arzt. Bett an Bett ſtand auf beiden Seiten, hie und da hob ſich ein dem Tode verfallener Schmer⸗ zenskopf.— „Ich will Ihnen den kleinen deutſchen Doktor bringen“, ſagte der Wärter,„der verſteht's am beſten; wenigſtens dauert's immer nicht lange: ent⸗ weder's hilft ſo, oder's hilft ſo, aber wirken thut's immer. Man weiß doch immer bald wie man dran 15² 4 iſt— da kommt er juſt den Gang herauf, ſehen Sie nur wie er hopſt, munter iſt er immer, als wenn er'n Franzoſe wäre.“— Valerius eilte ihm entgegen. Zu ſeinem größten Erſtaunen erkannte er Leopold. Dieſer umarmte ihn. ſtürmiſch, und hatte ſo viel tauſend Fragen, und war ſo heiter und glücklich, als wenn er ſeinen alten Freund auf einem Balle wieder gefunden hätte. So viel man ſehen konnte, ganz der alte Leopold, wie er auf Grünſchloß geweſen war. Sein ernſterer Landsmann führte ihn aber ohne Verweilen an Ludmillens Lager, und ſprach: Hilf,— wenn Du kannſt. Leopold griff nach dem Pulſe, und entblößte dabei wieder den Arm der Kranken—„ſchöne For⸗ men, ſchöne Formen!“ ſagte er lächelnd zu Valerius. Die Kranke richtete die ſtarren Augen auf den Arzt, als er die Hand auf ihre heiße trockne Stirn legte; man glaubte, Schwerter darin zu ſehen, die um ——— das Leben fechten wollten—„Hilfe!“ dies einzige, erſte Wort rang ſich von den blaſſen Lippen. . Valerius fühlte ſich auf's ſchmerzlichſte ge⸗ peinigt. 4 153 Der junge Arzt öffnete der Leidenden eine Ader, und wendete alle die unſichern Mittel an, welche damals gegen dieſe unergründete Peſt gebräuchlich waren. Dabei verfuhr er mit ſo großer Zuverſicht und Sicherheit, das geſpannte, krampfhafte Weſen der Krankheit ſchien wirklich in etwas nachzulaſſen, ſo das Valerius einige Beruhigung ſchöpfte. Er fragte Ludmillen, ob er noch irgend etwas für ſie thun könne, ob er Caſimir ſuchen ſolle— ſie ſchüt⸗ telte heftig den Kopf, und machte eine ſanfte Be⸗ wegung mit der Hand, als wolle ſie ihn nicht länger zurückhalten. Er verſprach, mit dem Arzte bald wiederzukommen, und verließ am Arme Leopolds den Saal. Nachdem er ihm über ſeine bisherigen Schick⸗ ſale, den verwundeten Arm and die ſchöne Kranke den nöthigen Aufſchluß gegeben hatte, überſchüttete ihn dieſer mit Erzählung der eignen Schickſale. Denn nur die Neugier war einen Augenblick größer ge⸗ weſen, als ſeine Geſchwätzigkeit. Valerius unter⸗ brach ihn jedoch noch einmal mit der dringenden und ernſten Frage, ob er ſich auf die gegen Lud⸗ millens Krankheit getroffenen Maaßregeln verlaſſen könne, ob Leopold ſichre Einſicht in dieſe Krankheits⸗ 154 verhältniſſe beſitze, ob man nicht vielleicht noch einen aͤlteren Arzt zu Rathe ziehen möchte? aber der Kleine unterbrach ihn lächelnd. Es war noch jenes alte artige Gelächter, worin ſo viel Kindlichkeit, gut⸗ müthiges Weſen und Bonhommie lag, daß es Nie⸗ mand übel nehmen konnte. „Du biſt noch derſelbe gewiſſenhafte Kauz,“ ſprach er unter dieſem Lachen,„der die Medizin in Ordnung und Nothwendigkeit eingeſperrt wiſſen will, wie die Logik. Die Welt mag ein Exempel ſein, aber wir haben keinen Rechnenknecht dazu und kön⸗ nen's nicht löſen, drum iſt es wohl beſſer, ſie für eine große Poeſie zu halten, deren Prinzipien uns unbekannt ſind, und die wir ohne Prüfung genießen ſollen, ſo gut wir eben können. Sieh, das iſt am Ende in wenig Worten die Ausbeute meines Lebens, ſeit ich Dich nicht geſehn habe. Oder richtiger: ich bilde mir's dieſen Augenblick ein, ſolch eine Aus⸗ beute gewonnen zu haben, denn ich muß Dir ehr⸗ lich geſtehn, ich hab eigentlich nichts gelernt in der ſogenannten Lebensphiloſophie, was man ſo lernen nennt. Das heißt, ich bin noch immer zu keinen Prinzipien gekommen, und als ich neulich William 155 begegnete, ſo ſagte er nach der erſten Viertelſtunde, ich wäre noch immer der alte Taugenichts, der zwecklos, und ſomit tugendlos in die Welt hinein⸗ lebte. Gott weiß, ob er Recht hat, aber ich kann nicht anders, wenn ich nicht alle Freude aufgeben ſoll, und das wäre am Ende doch auch ſündlich, da die ganze Welt voll Freude iſt, und es ſie miß⸗ brauchen hieße, wollte man ihre Hauptſache von der Hand weiſen. Du biſt immer gut gegen mich ge⸗ weſen, Du wirſt mich deshalb nicht ſo hart angehn, und Deinen Belehrungen will ich immer Folge lei⸗ ſten, o, ich freue mich über Alles, Dich alten, lieben Valerius wieder gefunden zu haben; es war mir oft ängſtlich, ſo ohne meinen guten Schulmeiſter leben zu. müſſen. Du weißt zwar, daß ich leicht und bequem mit den Menſchen verkehre, daß ich mir alle Tage einen guten Freund erwerben kann, aber es iſt doch keiner wie Du, nein, wirklich, wenn Du auch lachſt, keiner wie Du. Dein Ernſt iſt ſanft, und wenn Du lachſt, dann weiß ich gewiß, es iſt alles in Ordnung, und ich darf tüchtig mit⸗ lachen, ich fühle mich ſo ſicher in Deiner Nähe! Und wenn die Leute ſagen, ich ſei leichtſinnig, Du 156 aber weißt, was ich treibe, und nicht eben darüber ſchiltſt, dann kümmert mich das Gerede der Leute nicht. Nun höre, was ich getrieben habe. Aber laß uns hier bei Leſſel eintreten, Du mußt etwas genießen, damit Dir der Choleraſchreck nicht ſchadet — ja, à propos, ich bin davon abgekommen, Dir von der Cholera, und unſrer Heilung derſelben zu ſprechen. Du weißt, ich bin in allen Dingen für die Poeſie dieſer Dinge, und weniger für ihre ſtrenge, ausgerechnete Wiſſenſchaft. Du glaubſt nicht, wie viel bloße Poeſie in unſrer Heilkunſt ſteckt. Darum lieb ich ſie. Wie jeder Menſch ſeine individuelle Dichtung in ſich trägt, ſo jeder Arzt ſeine eigne Medizin. Der menſchliche Leib iſt uns der Kosmos, das verkleinerte All, ihm gelten unſre Sonette und Kanzonen: das ſind die künſtlichen aus Tauſenderlei zuſammengeſetzten Recepte, in welchen unſre Gelehr⸗ ſamkeit brillirt; die vielfältigen, meiſt unſchuldigen Stoffe paralyſiren ſich gegenſeitig, das Reſultat des Sonettenrecepts iſt blos unſer Ruhm. Ihm gelten ferner unſre Epen und Romane; ſie ſind das Fun⸗ dament des ärztlichen Lebens, ſie bringen die ſtehende Beſchäftigung, das ſtehende Einkommen das ſind — 157 die ſogenannten großen und langen Kuren. Die Krankheit nämlich iſt unſer Dichtungsmoriv, das bilden wir aus nach allen Seiten, wir betrachten, wir dehnen es rechts, wir dehnen es links, und je mehr Jahre darüber hingehn, deſto reifer wird das Kunſtprodukt— ein ſchlechter Arzt, der nicht einige Scott'ſche Romane unter ſeinen Kuren aufzuweiſen hat. Er bereitet ſich den Roman in der Vorrede aus unſcheinbaren Materialien, das heißt: er begeg⸗ net dem Patienten in spe auf einem Spaziergange und unterhält ſich mit ihm über Krankheitsmöglich⸗ keiten, ſpäter beruht ſeine Kunſt darin, die Parteien des Stoffs in feindliche Berührung mit einander zu bringen, das giebt die Spannung, und nun kommen die epiſchen Recepte. Epiſche Recepte ſtammen ge⸗ wöhnlich aus den Kolonieen, aus den Aequatorge⸗ genden, wo die Sonne brünſtig auf der Erde ruht, und die fabelhaften Gewächſe gedeihen, die den beſten nordiſchen Magen in zehn Minuten außer Vernunft ſetzen können. Zwei, drei ſolche Recepte, in denen etwa der ſpaniſche Pfeffer die Rolle der pikanten Figur des Romans ſpielt, zwei, drei ſolche Recepte, Freundchen, bringen den Roman auf die Höhe des 158 Intereſſes. Nun iſt die Gefahr da. Held, Ver⸗ wandte, Freunde, Zuſchauer ſind jetzt hinlänglich beſchäftigt, nun läßt der Arzt dem Stoffe ſeinen Lauf, er iſt bereits unentbehrlich geworden, wie der Romanſchreiber in der Mitte des zweiten Theils, es kommen einige Ausfüllrecepte, ſanft lyriſche Akkorde, welche den allzuſchnellen, wilden Verlauf ein wenig mäßigen, und man nährt ſich langſam dem Schluſſe. Hier kommt es nun wie beim Ro⸗ mantiker darauf an, ob ſich die zu Anfang und bei der Hauptſchürzung gebrauchten Stoffe und Motive nicht gegen einander geſtellt haben, ob eine Verſöh⸗ nung möglich iſt. In dieſem Falle ſchließt das Ganze mit gelinden Stärkungen, kleinen nütlichen Sprüchen, die man in der Aeſthetik Gnomen nennt, und die ſich am Ende in mediciniſche Diätsregeln auflöſen. Der Kranke geht zum erſten Male wieder aus, wenn er auch etwas bleich iſt, und den Stock braucht. Hierbei öffnet man nur noch die Perſpek⸗ tive, der Roman iſt zu Ende, und die Mitſpieler rufen wie in den alten Komödien des Plautus und Terenz: plaudite omnes, das heißt: bezahlt und preiſ't den Arzt, den Künſtler auf's beſte. Sind 159 jene Stoffe und Motive aber unverſöhnlich, nun dann ſchließt die Sache mit dem tragiſchen Chor der Griechen, und das poetiſche Intereſſe iſt um ſo größer, der Held iſt dem Fatum erlegen. Honorar und Beifall ſind eben ſo groß. Was nun aber die Cholera betrifft, um wieder auf beſagten Hammel zu kommen, denn ich ſehe Du wirſt ungeduldig, ſo behandeln wir ſelbige epigrammatiſch. Ein glück⸗ licher Augenblick, ein glückliches Wort, ein unge⸗ wöhnlicher, plötzlicher genialer Verſuch des Arztes— das giebt dem Dichter das Epigramm, dem Arzte das Mittel gegen die Cholera. Das Epigramm heilt ſelten, wie Du weißt, aber es trifft den em⸗ pfindlichen Punkt; Leben und Tod ſteht in Gottes Hand, ſagen wir; das ſchnelle Ende iſt ebenfalls ein Zeichen, daß wir auf rechtem Wege waren, es iſt Schickung, daß die Natur gerade den negativen Pol und nicht den poſitiven Pol berührt hat. Dieſe epigrammatiſche Behandlung iſt ebenfalls ſehr künſt⸗ leriſch, ſchon Goethe ſagt im Fauſt: Wir ſind gewohnt Daß die Menſchen verhöhnen Was ſie nicht verſtehn.— 160 Der Mediziner iſt der Fauſt der Materie. Er verſchreibt ſich dem Teufel, um das Weſen der Natur zu ergründen. Der Teufel beſteht nämlich in den verborgenen Kräften derſelben.— „uf, ſetz Dich hierher, altes Brüderchen, laß j mich ausreden, es gibt ſonſt ein Unglück, ich fühle alle meine Studien und Betrachtungen auf der Zunge. Wenn ich Dir den jetzigen Zuſtand unſrer Medizin ſchildern ſollte,— denn das müßte ich, um Dir unſre Behandlung der Cholera darzuthun— ſo wäre eine Darſtellung der ganzen Kulturgeſchichte noth⸗ wendig. Erſchrick nicht, ich begnüge mich mit eini⸗ gen Strichen, die letzten Jahrhunderte zu bezeichnen. Die Medicin iſt immer abhängig von dem Zuſtande der laufenden Bildung, ſo wie es denn, nach Deinen eignen Worten keine vereinzelte Erkenntniß giebt. Alles hängt an dünnen, oft kaum ſichtbaren Fäden zuſammen. Die Philoſophie lernt von der Natur⸗ kunde, die Naturkunde von der Philoſophie, und die Medizin iſt ein Dekokt aus beiden. Die Ge⸗ ſchichte der Medizin läßt ſich am tiefſten aus einer Geſchichte der Philoſophie ſtudiren. Bei den Grie⸗ chen entſtand die Medizin aus Poeſie und Philoſophie, und ſo muß es wieder werden, wenn meine Reformen durchgehn. Lache nicht, höre nur! Als die alten Götter noch allmächtig waren, da heilten ſie in eig⸗ ner Perſon die Krankheiten; als der heilige Geiſt noch über der Erde herumflog, da übertrug man ihm die Kuren: eine gute Religion muß auch wirk⸗ lich die kleinen Sorgen des Leibes im Vorübergehn mit beſeitigen. Wie ſich denn der heilige Rochus mit ſummariſcher und glücklicher Behandlung der Peſt beſchäftigte. Sobald nun die Scholaſtiker immer naſeweiſer wurden, durch ihre Spitzfindigkeiten den heiligen Geiſt in Verlegenheit ſetzten, da verfiel man auf Zaubereien. Das war eine poetiſche Revolution gegen die Gottheit, und Albertus Magnus, der die beſetzten Tafeln aus der Erde ſteigen ließ, ſollte nicht leichtſinniger Weiſe in unſrer Geſchichte der Poeſie vergeſſen werden. In dieſer myſtiſchen Zeit der Me⸗ dizin verfielen die menſchlichen Leiber den Schwarz⸗ künſtlern und ihren Genoſſen, und die Sterbliſten, wenn man damals welche angefertigt hätte, wären nicht größer geworden, als ſie's heut zu Tage ſind. Als darauf Theophraſtus Bombaſtus Paracelſus den Stein der Weiſen ſuchte, und ſeit Jahrhunderten 162 1 wieder die Naturbeobachtungen der Philoſophie zu Hilfe brachte, da wurde die Heilkunſt ſehr gelehrt, aber die Gelehrſamkeit derſelben erlitt einen neuen Stoß durch die Reformation. Sie machte Alles 8 einfach und vernünftig, der Glaube an ſympathetiſche. Kuren verfiel, und mit dem Glauben fällt auch die Kunſt. Platte Hausmittel wurden Mode, wie ſie der Doctor Luther empfahl, der den Leuten ein Doktor in allen Dingen war; die Leute wurden alt, aber die Kunſt trauerte. Es war ein lange, jäm⸗ b merliche Zeit, die ununterbrochenen Religionskriege beförderten nur die Chirurgie, für andre ſolide Krank⸗. heiten nahm man ſich weder Zeit noch Mühe. Bei der Lektüre von Schillers dreißigjährigem Kriege hab ich oft ſehnlichſt gewünſcht, nur auf ein Paar Stun⸗ den in ſolch ein Papiſten⸗ oder Schweden⸗Lazareth V zu kommen, um den Leuten mit zwei Worten die Lazarethfieber auseinanderzuſetzen.“ „Jetzt erſcheint Dein Liebling, jener niederläͤn⸗. diſche Jude mit den wunderbaren klugen Augen, welcher die Gläſer ſchleift, und dabei die Weisheit erfindet, Baruch Spinoza. Das war eine Philoſophie⸗ um alle Doktoren auf einmal vernünftig zu machen, 163 ſie verbreitete die Gottheit in allen Faſern der Erde, in jedem Peterſilienſtängel hätten ſie die nächſte gött⸗ liche Hilfe finden können, ſie gab die Erfindung der einfachſten natürlichen Mittel an die Hand, ſie ſtieß ſie mit der Naſe darauf, wie die Hauptkraft und Hilfe in der natürlichen Entwickelung ruhe; aber der anſpruchsloſe große Jude ward von den Phi⸗ loſophen ſo wenig erkannt, wie von den Medizinern; der pompöſe, vornehme lateiniſche Herr Leibnitz ließ ſich ſeine Augengläſer vom guten Baruch machen, er ſah Alles durch dieſe Gläſer, nur den weiſen Baruch ſelber nicht. Aber der vornehme Herr Leib⸗ nitz fuhr mehr unter die Leute, ſeine Lehre von den Atomen, Wolfs mathematiſche Logik und dieſe ganze Richtung zerſtört alles eigentliche Menſchen- und Naturſtudium in der Medizin, und wenn nicht hie und da ein beſonnener Empiriker aufgetreten wäre, wie Mendelſohn, Abt und dergleichen, die ſich wenig⸗ ſtens mit den Thaten der Seele beſchäftigten, und Vorarbeiten für die Behandlung des Wahnſinns und den Gemüthskrankheiten lieferten, die Medizin wäre eine Algebra geworden, und die Aerzte hätten von ihrer Stube aus durch bloße Berechnungen ku⸗ 164 rirt. Damals lebten die hochmüthigen Doktoren, die ſich nicht einmal das Waſſer zeigen ließen, wenn ſie nichts weiter vom Kranken haben konnten; ſie berechneten den Patienten nach der Länge ſeiner Figur und nach der Art ſeines Ganges. Frevelhaft, f Freund, frevelhaft, wenn ich Recht habe. Da ward zum Heile der Welt Immanuel Kant in Königs⸗ berg geboren, und fing bald nach ſeiner Geburt an zu denken, und dachte ſo lange, bis er die Kritik der Vernunft erfunden hatte. Er gründete das Wiſſen wieder auf Anthropologie, wenigſtens wies er allen höheren Thätigkeiten des Menſchen wieder. einen Platz an und vernichtete die Einſeitigkeit. Die Aerzte lernten wieder ſich umſehn in Gottes Welt. Er ſagte: wir wiſſen nichts abſolut, wir kennen die 4 Dinge nur, wie ſie uns erſcheinen, alles Wiſſen iſt bedingt— das war ein Himmelsregen für die Me⸗ dizin. Die unverſchämten Aerzte, welche dem Herr⸗ 8 gott die Welt kurirt hätten, ſobald er ihnen geſtand,. ſie leide an der Auszehrung, wurden vorſichtig— Kants Kriticismus wurde eine zeitlang im vorigen Jahrhunderte komplette geiſtige Atmoſphäre Deutſch⸗ lands, die Mediziner gingen bedachtſamer an die — Krankheit und an die Heilmittel. Es ſchwebte ihnen fortwährend vor, daß Beides etwas ganz anderes ſein könne, als Krankheit und Mittel, als es ihnen beim erſten Anblicke erſchiene, da wir die Dinge nicht erblickten, wie ſie an ſich ſeien. Aber dieſe Kriſis der Medizin wurde leider geſtört. Meh⸗ rere Franzoſen riefen alte materielle Gedanken Ba⸗ cos in's Leben, welche Locke wieder aufgenommen; eine grobe Phyſiologie verdrängte frech alles höhere geiſtige Lebenselement des Menſchen, Condillac ging immer weiter, Cabanis wollte ſogar den genauen Zuſammenhang aller innern Theile des Gehirns bei Entſtehung eines Gedankens nachweiſen, Schaa⸗ ren von Medizinern verfielen wieder in die dreiſte, grob ſinnliche Richtung. Und nun kommt der un⸗ verſchämte Titane Fichte, und wirft Alles über den Haufen, was mühſam vorbereitet war. Er ver⸗ nichtet alle objektive Natur, und ſchreit: es giebt nur ein„Ich.“ Wäre dieſer Tugendterroriſt, die⸗ ſer Robespierre der Philoſophie nicht ſo liebens⸗ würdig, ich könnte ihn haſſen. Die Mediziner, welche ſich ihm anſchloſſen, vernächläſſigten natür⸗ lich alle Erfahrung, alle Natur, ſie konſtruirten 166 alle Heilmittel aus ihrem Ich heraus, und ſie ahmten ihren Helden auch in ſeiner gigantiſchen Kühnheit nach. Aber es iſt ein ander Ding, wenn Fichte den Herrgott ſelbſt und die Religion bravirt, und ſeine ſubjektive Tugend als Kämpfer hinſtellt, und's iſt ein ander Ding, wenn die Fichteſchen Mediziner Krankheit und Tod herausforderten gegen ihren nackten ſubjektiven Verſtand. Ich bin immer der Meinung geweſen, daß die Brownianer in der Medizin mit den Fichtianern in der lebhafteſten Wahlverwandtſchaft ſtanden, Brown war der Fichte der Medizin, ſeine heftigen leidenſchaftlichen Mittel ſind Fichte's terroriſtiſche Gedanken, ſeine wilden Aderläſſe ſind Fichte's revolutionäre Reden an die deutſche Nation, es war ein Paſſionsidealismus, der heut noch nicht zu Ende iſt, und wahrſcheinlich erſt jetzt in der Cholera ſeine Zeit findet.“ „Nur noch einen Augenblick Geduld, Lieber, ich bin bei der neueſten Zeit, und komme zu Ende. Spinoza ſteht noch einmal auf mit noch helleren, weiter und tiefer ſehenden Augen; Schelling bildet die Naturphiloſophie aus. Naturhiſtoriſche, orga⸗ niſche Kenntniſſe verbreiten ſich, die Philoſophie und —— —“«ꝛ—— . —— —“«ꝛ—— 167 Medizin hören auf, Kunſt zu ſein, ſie werden Wiſſenſchaft, alle Extreme der Subjektiven und Objektiven vereinigen ſich in der identiſchen Um⸗ armung; Oken ſteigt mit kühnem Schritte in die geheimſten Falten der Natur und ihrer Geſetze. Die ſublimſten Grenzen zwiſchen Geiſt und Materie, wie der Magnetismus, werden gangbar, und dem Dienſte der Menſchen unterworfen, die abſchrecken⸗ den Gegenſätze hören auf, die ganze Welt wird ein Einiges, die Harmonie kehrt zurück. Zum Schluſſe tritt Hegel auf, verdichtet den Geiſt zur kompakten Subſtanz, vindicirt Allem und Jedem die ewige Gottheit, und ſetzt die Weltſeele wieder auf den Thron, ohne die himmliſche Welt zu ver⸗ nichten. Seiner großartigen Logik verſucht die Homöopathie ſich zu nähern, ſie will mit den fein⸗ ſten Denkgeſetzen der Natur heilen, die Phyſik der Logik in der Medizin einführen, das grob Mate⸗ rielle in ſeine Unbedeutendheit zurückweiſen, aber den Geiſt der Materie zur Herrſchaft bringen. Aber wir ſind Menſchen— die Cholera iſt gekom⸗ men, alle entdeckten Geſetze ſind an ihr geſcheitert, Hegel perſönlich iſt von ihr weggerafft worden, die 168 Wiſſenſchaft ſteht wieder vor ihr wie vor einem dunkeln Vorhange. Dieſe Cholera iſt eine vollkom⸗ men neue Manifeſtation der Welt, es muß erſt wieder eine neue Poeſie kommen, um ſich ihrer zu bemächtigen, damit einer neuen Wiſſenſchaft die Augen geöffnet werden. Die Sprache dieſer Peſt iſt unſrer Gelehrſamkeit unverſtändlich, ſie paßt in keines unſrer Wörterbücher, das Glück und das Genie ſchnappt hie und da ein Wort auf, und rettet einen Menſchen, aber an Geſetze dieſes neuen Idioms iſt nicht zu denken, wir warten wie die Juden auf den Cholerameſſias.“* Du biſt ein ſyſtematiſcher Narr, erwiderte Valerius auf die lange Provocation, aber der Schluß iſt mir zu ernſthaft, um über Deinen Ga⸗ limathias zu lachen, ich muß einen andern Arzt für Ludmillen ſuchen— „Ich ſchwöre Dir's, Freund, der Klügſte wie der Dümmſte iſt vor dieſer Krankheit gleich klug; ſie iſt das neue Welträthſel, und das wird nicht in acht Tagen gelöſ't; das Mädchen ließ ſich gut an, Du mußt es dem Zufall überlaſſen— die Cholera iſt ein Spott der Gottheit über das abſo⸗ 169 lute Wiſſen der Menſchen, ſie wird den Pietismus befördern und die Unverſchämtheit zügeln, trink, lieber Valerius, trink, Du biſt noch ganz blaß.“ Valerius trieb den kleinen Schwätzer nach dem Lazareth, das Schickſal Ludmillens beängſtigte ihn ſo mehr, da er die Unzulänglichkeit der Medizin ge⸗ gen die Krankheit ſchildern hörte. Er ſelbſt wollte unterdeß bei Stanislaus Vater eine Viſite machen, und um jeden Preis Conſtantien Nachricht zu geben ſuchen. In Leſſels Conditorei, die ſie eben ver⸗ ließen, wollten ſich die Freunde nach ungefährem Verlauf einer Stunde wiederfinden. Valerius war ſehr geſpannt, wie er den alten Grafen treffen würde. Das Schickſal des Landes hatte ſich gewaltig umgeſtaltet, halbe Maaßregeln ſchienen mehr als je verderblich. Nach der Schlacht von Oſtrolenka war Skrzynecki ohne Aufenthalt nach Warſchau gefahren, um der erſte Bote zu ſein, den Reichstag auf das günſtigſte vom Zuſtande der Dinge zu unterrichten, die Nachtheile der Schlacht ſo viel als möglich zu verdecken. Es war ihm auch gelungen; der Tag von Oſtrolenka konnte ihn den Oberbefehl koſten, aber der Reichstag und die IV. 8 Regierung bezeigten ihm ein ungeändertes Vertrauen, und ließen das Schickſal des Krieges mit den ermun⸗ terndſten Ausdrücken in ſeinen Händen. Der alte General Malachowski ſammelte die Trümmer der auseinander geriſſenen Armee, die ver⸗ ſprengten Truppen fanden ſich aus eignem Antriebe wieder zuſammen, Diebitſch verfolgte ſeine etwaigen Vortheile nicht weiter, da ſein Truppenverluſt noch größer geweſen war als der des polniſchen Heeres. Er rückte nach der Weichſel hin, und ſchien die Verhältniſſe abwarten zu wollen, ob ſich ein Ueber⸗ gang bewerkſtelligen ließe. Bei Beurtheilung dieſes Mannes, ſo weit dieſe die militairiſche Seite des polniſchen Kriegs betrifft, muß der Hiſtoriker ſehr vorſichtig verfahren, und die geringen Erfolge des Feldzugs nicht ohne Weiteres dem Ungeſchick des Anführers zuſchreiben. Bei einem genauen Blicke in's ruſſiſche Lager ſtellen ſich vielerlei verwickelte, lähmende Zuſtände dar: das ruſſiſche Nationalinter⸗ eſſe iſt keineswegs ſo indifferent, daß es ihm voll⸗ kommen gleichgültig wäre, unter einem Ausländer zu fechten. Eiferſüchteleien der Art, nachläſſig aus⸗ geführte Befehle von Seiten der ruſſiſchen Generale 171 kommen in Fülle vor. Zu Petersburg hatte man keinen Maaßſtab für die moraliſche Kraft eines auf den Tod kämpfenden Volks, man ſchrieb es dem mangelhaften Eifer oder der unzulänglichen Geſchick⸗ lichkeit des Heerführers zu, daß die Inſurrektion nicht gedämpft werden könne, man ſchickte Paske⸗ witſch, um Diebitſch zu unterſtützen. Dieſer konnte in ſolcher Maaßregel nicht wohl etwas anderes, als ſeine halbe Abſetzung erblicken, der Uebergang über die Weichſel war äußerſt bedenklich, weil man da⸗ durch die Communikation mit Rußland völlig ver⸗ lieren konnte, die Cholera wüthete im Heere, und ſo ſah man Diebitſch von allen Seiten gelähmt, niedergeſchlagen in ſeinem Lager ſitzen. Da ergriff ihn die Cholera ſelbſt, und raffte ihn hinweg. Pas⸗ kewitſch, der bald darauf eingetroffen war, hatte mit plumper Zuverſichtlichkeit das Heer ohne Wei⸗ teres über den Fluß geführt, Skrzynecki hatte nicht das Mindeſte dagegen gethan, ſogar alle die klei⸗ nen Vortheile verſchmäht, die bei ſolch einem Kriegs⸗ ereigniſſe zu erringen ſind, auch wenn der Ueber⸗ gang ſelbſt nicht gewehrt werden kann. Die Ruſſen rückten nun auf dem linken Weichſelufer gegen ö— 172 Warſchau heran, und die polniſche Armee wich von Poſition auf Poſition zurück, So ſtanden die Sachen, als Valerius ſeit lan⸗ ger Zeit zum erſten Male wieder das Palais des Grafen betrat. Der Herr des Hauſes war ſchon am frühen Morgen auf's Landgut hinausgefahren. Das war dem Teutſchen eigentlich erwünſcht, denn es gewährte ihm die beſte Gelegenheit, auf dem Landgute ſelbſt zu erſcheinen. So hoffte er, auf das bequemſte wieder in Conſtantiens Nähe zu gelan⸗ gen. Als er eilig aus der Thür des Pallaſtes trat, rannte ein haſtig Vorübereilender gegen ihn, und ſtieß ihn ſchmerzlich an den wunden Arm, welchen * er in der Binde trug. Der heftige Schmerz preßte ihm einige harte Worte aus, der Vorüberſtürmende blickte ſich heftig um— es war das wilde Geſicht Slodczeks, was dem Verletzten trotzig in das Auge blickte. . Leopold war noch nicht in der Conditorei, als Valerius dort ankam. Er las Journale, um ſich über die Stimmung des Volks zu unterrichten, da in ſeine Krankenſtube nur Einzelnes, Unvollſtändiges gedrungen war. Ueberall fand er die heftigſte Ent⸗ 173 rüſtung gegen Skrzynecki und die Unthätigkeit des Heeres, überall fanatiſches Lob des alten Kruko⸗ wiecki, der als Gouverneur von Warſchau eine raſt⸗ loſe, energiſche Thätigkeit entwickelte. Ein Geräuſch auf der Straße zog ihn vom Leſen an's Fenſter. Ein hoher Offizier ritt lang⸗ ſam daher, die Leute, welche ſich eben auf dem Wege befanden, waren überall ſtehen geblieben, ſchwenkten die Hüte und Mützen, und riefen laut. Valerius öffnete das Fenſter, um die Worte zu verſtehen—„in die Schlacht, in die Schlacht, Vater,“ waren die erſten Worte, welche er ver⸗ nahm. Mit Staunen erkannte er in dem vorüber⸗ reitenden Offizier jenen alten graubärtigen Mann wieder, welchen er auf dem Balle beim Grafen Kicki geſehen, den Stanislaus mit ſo viel Auf— merkſamkeit und Theilnahme die Treppe hinab begleitet hatte. Seine harten, finſtern Züge waren in dieſem Augenblicke durch eine gleißende Freund⸗ lichkeit geglättet, das ſchnelle, graue Auge flog wie ein ſpielender Raubvogel links und rechts unter die immer größer werdende Menge.„Hilf, Kruko⸗ wiecki, Vater Krukowiecki hilf uns!“ rief man von 3 . 1 174 allen Seiten. Zu ſeinem Erſtaunen ſah Valerius ſeinen kleinen Mediziner mitten unter den Schrei⸗ ern, er ſchwenkte ſein weißes Hütchen, und mit dem ihm eigenthümlichen Lächeln, was halb gut⸗ müthig, halb ironiſch, immer aber einnehmend ausſah, ſchrie er tapfer mit: hilf Krukowiecki, Va⸗ ter Krukowiecki hilf uns!“ Der Angerufene ſprach etwas zum Volke, er war aber ſchon zu weit entfernt, als daß man es am Fenſter der Conditorei hätte verſtehen können. Jubel und Vivatrufen des Volkes kam hinterdrein. Das alſo iſt Krukowiecki! ſagte der Teutſche vor ſich hin, ein unheimlicher Mann des Volks für mich, ich weiß ſelbſt nicht warum— was fällt denn Dir ein, Du unverbeſſerlicher Narr, rief er dem ein tretenden Leopold zu, mit dem Volke zu ſchreien, was haſt Du denn für ein Intereſſe an Krukowiecki? „Ich lache und rufe,“ erwiderte dieſer,„mit I allen aufgeweckten Leuten,'s iſt immer etwas Mun⸗ * teres und Belebendes für mich darin, wenn die Menge Jemand zujauchzt, etwas verlangt; die Aeu⸗ ßerung iſt ſo natürlich, man vergißt einen Augen⸗ blick unſer künſtliches Staatsleben— und dieſer 175 Krukowiecki hat ein ſo intereſſantes Geſicht, ich ſage Dir, Freundchen, in dieſem Geſicht liegt ein ganzes Stück Weltgeſchichte“— Wenn's nur ein gutes iſt— „Ja, das iſt die Frage. Du weißt, ich habe ſolch einen gewiſſen phyſiognomiſchen Inſtinkt: dies eckige, ſtarre Geſicht, dieſer brutal heroiſche Kopf, der ſich in den Nacken zurückwirft, bedeutet etwas Wichtiges“— Was macht die Kranke?. „Nichts, mein Lieber, gar nichts“— Sie iſt doch nicht— „Nein, ſie iſt nicht mehr, das heißt, ſie iſt dem Geheimniß der modernſten Philoſophie, der oſtindiſchen Peſt verfallen, in populärer Sprache: ſie iſt todt— keine Vorwürfe, Lieber, die beſten Aerzte haben ſich mit ihr beſchäftigt nach unſerm Weggange, ſie haben alle Syſteme probirt, und der Cholera tapfer beigeſtanden— wir wandeln hier in einem dunkeln Thale, das neue große Geheim⸗ niß, was aus Calcutta gekommen iſt, lehrt uns wieder, daß wir nicht wiſſen, in welchen Atomen das Leben beſteht. Wenn wir erſt etwas Leben⸗ 176 diges erſchaffen lernen, etwas, was Puls und Odem von uns empfängt, dann wollen wir der Medizin die Anmaßungen vergeben“— Caſimir! rief Valerius, aus einem traurigen Nachſinnen auffahrend— der junge Volhynier trat nämlich eben in's Zimmer— wiſſen Sie, wo Lud⸗ milla iſt? Caſimir zog die Stirn zuſammen. Im Grabe iſt Sie. Was? Und nun folgte raſch die Erzählung. Der Vol⸗ hynier ſchwieg noch eine Weile, als ſie beendigt war. Dann ergriff er raſch Valerius Hand: Sie werden mich verdammen, Herr, und Sie haben vielleicht nicht Unrecht. Ludmilla kam aus den dreiſten Händen des Ruſſen in die meinen, ſie hatte keine Schuld— aber— mit meiner Liebe war es aus, ich verließ ſie— zu was Anderem, Wichti⸗ germ, aber hier iſt nicht der Ort, vermeiden Sie überhaupt in dieſen Tagen dies Haus— Valerius überhörte die letzten Worte, ſagte Leo⸗ pold Adieu, unterrichtete ihn, wo er zu finden ſei, und ging mit Caſimir. — ——— 177 „Wir ſind bei einer bedenklichen Kriſe ange⸗ kommen,“ huͤb dieſer mit leiſer Stimme an, als ſie auf der Straße waren,„haben Sie vorhin Krukowiecki durch die Straßen reiten ſehn? Ich fürchte, ich fürchte, mit dieſem Streicheln der Menge pflegt er nicht nur ſeine Eitelkeit, ſondern bereitet ſeinen ſtolzeſten Plänen ein Feſt. Ich glaube, es muß etwas von unſrer Seite geſchehen, ich ſpreche offen und rückhaltslos zu Ihnen. Alles iſt bei der Armee, was dem Treiben Krukowiecki's entgegenarbeiten könnte, mich führt ein zufälliger Auftrag nach Warſchau, ich habe in dieſem Augen⸗ blicke Niemand, dem ich meine lebhafte Beſorgniß mittheilen könnte, ich glaube Ihr Herz und Ihre Anſichten zu kennen, bieten Sie mir die Hand, vielleicht können wir mancherlei abwenden.“ Valerius geſtand, daß er jetzt völlig außer ge⸗ nauer Kenntniß der Verhältniſſe ſei, er wiſſe nicht, worauf dieſer Eingang hinaus gehen ſolle. „Sie ſind ein Demokrat,“ fuhr Caſimir fort, „ich bin es auch— glauben Sie nicht, daß ich Mißbrauch mit dieſem Worte treibe. Ich habe es Ihnen angemerkt, daß Sie viele Täuſchungen der 8* 178 Art in unſerm Lande erfahren haben, geben Sie uns deshalb nicht auf, Sie finden Repräſentanten für Alles unter uns. Eine allgemeine, gleichartige Ausbildung wurde durch die Herrſchaft der Frem⸗ den unmöglich gemacht, es iſt nicht zu verwundern, wenn ſich die verſchiedenſten Richtungen unter uns finden. Mein ſchweizeriſcher Lehrer hat mich die größte Unbefangenheit in Rückſicht auf Parteien und Zuſtände gelehrt, vergeben Sie's, wenn Sie hie und da einen Reſt nationellen Leichtſinns an mir entdecken, ich bin jung, und es iſt gar ſchwer, das Temperament, die Atmoſphäre jedes Landes nach den Forderungen, ſelbſt nach den eignen Forderun⸗ gen der Bildung zu fügen. Man kann im Grunde nicht mehr verlangen, als daß ein Jeder den leben⸗ digen Willen dazu habe, und, glauben Sie mir, den habe ich. Vielleicht geſtehen Sie mir ſpäter zu, daß ich unbefangener bin als Stanislaus; denn ich habe es wohl bemerkt, wie Sie mißtrauiſch auf ihn blicken, obwohl er zu unſern kultivirteſten jun⸗ gen Edelleuten gehört. Sie werden nicht leicht ein Land finden, wo die Bildung ſo eifrig anerkannt 3 und geſchätzt wird, als Polen, vergeben Sie uns 179 bei der Beurtheilung auf einen Augenblick die na⸗ tionellen Leidenſchaften, welche dem Fortſchritte ſo vielfach hindernd in den Weg treten.“ „Und nun näher zur Sache! Wir mögen noch ſo eifrige Volksfreunde ſein, nimmer können wir es für wünſchenswerth halten, das Regiment un⸗ mittelbar in den tauſend Händen der Menge zu ſehn. Und ich fürchte: darauf geht es hinaus. Ich ſetze nicht den entfernteſten Zweifel in den un⸗ begränzten Patriotismus Krukowiecki's, aber ich bin dennoch überzeugt: er bietet in dieſem Augenblicke nur Alles auf, um Skrzynecki zu ſtürzen, ſelbſt mächtiger, gewaltiger zu werden. So lange ich in Warſchau bin, beobachte ich dieſen Mann, er iſt von glühenden Leidenſchaften getrieben, man ſollte alſo meinen, er könne ſich nicht verbergen, und dennoch darf ich nicht ſagen: ich kenne ihn. Die jedesmal hervortretende Leidenſchaft ſcheint im Augen⸗ blicke ihrer Thätigkeit die allein herrſchende ſeines Weſens zu ſein, die Größe der Affekte verbirgt den eigentlichen Charakter des Mannes mehr, als ſie ihn enthüllt. Nie aber habe ich dieſe Sättigung in ſeinen Zügen geſehen wie heute. Irgend ein 180 drohender Streich muß bereits ausgehoben ſein. Warſchau iſt in der bedenklichſten Aufregung; das konnte nur Einem entgehen, der wie Sie zum erſten Male ſeit vielen Wochen aus der Krankenſtube tritt. Die Entrüſtung iſt allgemein, daß Skrzynecki fort⸗ während ohne Widerſtand dem Feinde weicht; die Entrüſtung iſt gerecht, ich theile ſie vollkommen; aber ein Aufſtand, wie er in dieſen Straßen droht, iſt nicht das Mittel. Unordnung erzeugt keine Vor⸗ theile. Wie es nun immer zu gehen pflegt bei Volkern, die lange unter grauſamem Orucke ſchmach⸗ ten, alles Unerwünſchte bildet ſich in Gemüthern zunächſt in Mißtrauen, in Verdacht aus. Wo der Fortgang zögert, da fürchtet man ruſſiſchen Ein⸗ fluß. Das iſt das Entſetzlichſte unſerer Sklaverei, daß ſie alles geſunde Vertrauen in die bewährteſten Patrioten tödtet. Ein Theil dieſes Unglücks kommt mit jeder Sklaverei, aber das förmliche Syſtem der ruſſiſchen Beſtechung, wie es von der Katharina angefangen hat, iſt ſchlimmer als Alles, was an⸗ derswo Derartiges ein Volk gelähmt hat. Nun hat ſich Mancherlei zuſammengefunden, den Ver⸗ dacht des Volks zu ſteigern; das Benehmen der 181 Generale Jankowski und Bukowski, welche damals Turno im Stiche ließen, als ein ruſſiſches Armee⸗ korps mit Leichtigkeit vernichtet werden konnte, war höchſt auffallend und beunruhigend. Dieſe und Andere ſitzen noch in Warſchau, es erfolgt kein Urtheilsſpruch, das Volk glaubt Leute protegirt, in denen es die abſcheulichſten Verräther des Vater⸗ landes ſieht. Der Feind rückt täglich der Haupt⸗ ſtadt näher, eine kräftige, glühende Armee thut keinen Schwertſtreich, Warſchau iſt in den Händen deſſen, welcher ein leidenſchaftlicher Gegner des Generaliſſimus iſt— zweifeln Sie noch, daß wir bei dieſen bedrohlichen Elementen täglich einen gefähr⸗ lichen Ausbruch des Volksunwillens zu fürchten haben?“ „Glauben Sie nicht, daß ich übertreibe, ich bin ein eifriger Beſucher der patriotiſchen Klubs, und kenne die Stimmung. Wenn ich auch das wilde, ungeordnete Drängen unſerer Demagogen gar nicht billige, ſo muß ich doch den Urſprüngen ihrer Meinung Recht geben. Laſſen wir die Frage ungelöſ't, ob es rathſam war oder nicht, den Bauer plötzlich und ganz von aller Hörigkeit zu befreien, die Sache, einmal in Anregung gebracht, von der allgemeinen Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen, mußte ein genügenderes Reſultat geben, als ſie gab. Die demokratiſche Jugend hat die Revolution geſchaffen, ſie iſt groß, groß an Anzahl, der Kern des Heeres, ihre Meinung iſt weit und tief verzweigt in die Nation, ſie konnte mit Recht einen Antheil an der neuen Regierung verlangen. Sie hat ſich ihn ertrotzen müſſen von der ariſtokra⸗ tiſchen Partei, und die ſpäte Aufnahme Lelevels in die Regierung hat ſie belehrt, daß von dem guten Willen der alten Ariſtokraten nicht das Mindeſte zu erwarten ſei. So ſtehen wir in dieſem Augen⸗ blicke bedrohter als je zwiſchen den Extremen, und alle vermittelnden Schattirungen treten jetzt völlig in den Hintergrund. Was iſt zu thun? Sie ken⸗ nen Stanislaus Vater genau, wollen Sie mit mir zu ihm eilen? Wir finden bei ihm eine große Anzahl bedeutender Männer, die ſtolze, eigentliche Ariſtokratenpartei, und die Humanitätsariſtokraten, wie ich ſie nennen möchte, unſre Doktrinärs und Alles, was nicht direkt zu den Männern des Klubs gehört, erſcheint faſt täglich in ſeinem Hauſe“— 183 Er iſt nicht in der Stadt, ſondern auf ſeinem Landgute— 1 „Ich weiß das; eben dort verſammelt ſich die wichtigſte Geſellſchaft. Laſſen Sie uns einen Wa⸗ gen nehmen, und hinausfahren.“ Dieſer Vorſchlag war Valerius ſehr genehm. Nach einer Viertelſtunde rollten ſie ſchon aus dem weſtlichen Thore der Stadt über die Ebene hinweg. Das Landgut lag eine halbe Meile ſeitwärts von der Straße, die nach Lowicz führt, in einer freund⸗ lichen Birkenwaldung. Es war ſpäter Nachmittag als ſie ankamen, die heiße Sonne des Auguſt lag drückend auf der Gegend, und die ſchattigen Gär⸗ ten, welche den Landſitz umgaben, winkten ihnen einladend. Sie fanden die Geſellſchaft in den dunk⸗ leren Partien des Gartens; bei der erſten Gruppe, welche ſie trafen, befand ſich der Graf. Es war leicht zu erkennen, wie ihn der Anblick des Teut⸗ ſchen nicht eben angenehm überraſchte, ſein feiner Weltton bedeckte jedoch ſchnell den flüchtig erſchei⸗ nenden Ausdruck des Mißbehagens mit den höfli⸗ chen Zügen des ceremoniöſen Wirths. Das Vor⸗ ſtellen Caſimirs, deſſen unumwundene Erklärung, 184 was ihn herführe, verdrängten ſchnell alle übrigen Intereſſen, eine ſtürmiſche Diskuſſion begann, bald dieſer, bald jener der Anweſenden trug den ab⸗ und zugehenden Bedienten auf, das Anſpannen und Vorfahren zu beſtellen. Es waren wirklich bedeutende Repräſentanten der damaligen höhern Geſellſchaft Polens zugegen, und faſt alle Schattirungen waren vertreten. Ein ernſter, ſinnender Mann ergriff zuerſt das Wort, und erklärte mit ſehr gewandter Motivirung und nachdrücklicher Rede, daß die Unzufriedenheit des Volks keineswegs grundlos ſei, daß man ernſthaft und ſchnell Mancherlei ändern müſſe. Es war dies Bonaventura Niemozewski, welcher den nächſten Uebergang zur Volkspartei bildete. Sein Bruder Vincenz, von kleinerer Statur, mit einem blaſſen, von Nachdenken und Studien gefurchten Geſichte ſchloß ſich ihm an. Er that dies aber ſeiner Natur gemäß mit ſehr viel Schonung, vielfachem Vorbe⸗ halt und in mehr künſtlichen als energiſchen Wor⸗ ten. Dieſe beiden Brüder waren Häupter einer Richtung im Reichstage, welche man im Vergleiche mit ähnlichen Erſcheinungen des franzöſiſchen Par⸗ 185 lamentes die doktrinäre nennen dürfte. Ihr Ver⸗ langen, geſchichtliche Einrichtungen nicht ohne Wei⸗ teres dem rationellen Ermeſſen unterzuordnen, ihre Berufungen auf die engliſche Verfaſſung und ihre große Vorliebe für dieſelbe charakteriſirten ſie. Eine hervorſtechende hiſtoriſche Gelehrſamkeit jeder Art, und ein wohl durchgearbeitetes Element humaner Kultur zeichnete ſie aus. Dem Verlangen Bonaventura's opponirte ſogleich mit großer Lebhaftigkeit ein ſchlanker, glänzender Mann mit jenen Maintiens und kurzen, ſtolzen Bewegungen des Kopfs, die den Vornehmen par excellence eigen zu ſein pflegen. Es war Guſtav Potocki, und er repräſentirte die Spitze der ultra ariſtokratiſchen Kotterie. Ein ſehr edel und ein⸗ nehmend ausſehender Greis von feinen, ſanften Manieren, die mehr das Edle als das Vornehme ausdrückten, milderte Anſicht und Ausdrücke des ſtolzen Potocki, obwohl er ſelbſt zur Partei deſſelben gerechnet wurde. Dieſer Greis war der Fürſt Adam Czartoryski. Ein dritter Mann, welcher ſeit einiger Zeit mehr zu dieſer ariſtokratiſchen Richtung hin⸗ neigte, als man von ihm erwartet hatte, ja mehr, 186 als ihm eigentlich ſelbſt natürlich war, ſchloß ſich in dieſem Augenblicke lebhaft und mit vielem Feuer den Worten Bonaventura's an. Es lag ſo viel .Imponirendes in ſeinem Benehmen, ſeinen Mienen, ſeinen Ausdrücken, daß man leicht davon auf ſein Amt ſchließen konnte, in welchem er dieſe Art von Repräſentation vielfach geübt hatte. Er ſaß näm⸗ lich auf dem Marſchallſtuhle des Reichstags, und ihm gebührte das wichtige Verdienſt, die Verhand⸗ lungen dieſes Staatskörpers in einer ſo ſtürmiſchen, revolutionären Zeit mit einer bewundernswürdigen Humanität, Unparteilichkeit und Kraft, ja mit einer Größe geleitet zu haben, wie ſie ſelten in der Ge⸗ ſchichte angetroffen wird. In Ladislaus Oſtrowski ſpiegeln ſich alle Vorzüge eines madernen Polen ab, und von den Fehlern deſſelben finden ſich nur die unbedeutenden an ihm. Kein übermäßiger per⸗ ſönlicher Ehrgeiz, kein Standesvorurtheil, kein Fa⸗ natismus irgend einer Art darf ihm vorgeworfen werden, und nur kurze Zeit hat er ſich vielleicht zu weich und nachgebend gegen Standesgenoſſen wie Guſtav Potocki und Aehnliche bewieſen. Er iſt einer der glänzendſten Charaktere jener Revolutions⸗ 187 zeit, und nur der neben ihm ſtehende Bruder Anton Oſtrowski übertraf ihn an unerſchütterlich gleich⸗ mäßigen Grundſätzen patriotiſcher Tugend, und an einer Popularität von patriarchaliſchem Gepräge. Dieſe beiden Brüder umfaſſen in ihren Perſönlich⸗ keiten die ſchönſten Ausdrücke von polniſchem Pa⸗ triotismus. Während Ladislaus den ganzen adligen, chevaleresken, liebenswürdigen, glänzenden Theil der Nation darſtellte, und Alles, was zu dieſem gehörte, feſſelte und hob, nahm Anton, als Commandant der Nationalgarde, beinahe völlig die Stellung La⸗ fayette's in Frankreich ein, repräſentirte die edel⸗ ſten demokratiſchen Anſichten, war Abgott der Bür⸗ ger im engen Sinne des Wortes. Es war natürlich, daß er ohne Umſchweife die Partei Niemozewski's ergriff, ja noch darüber hin⸗ ausging. Seine ernſten, traurigen Worte über den Zuſtand des Vaterlandes machten auf alle, ſelbſt auf Potocki und den Herrn des Hauſes einen tiefen Eindruck, und es herrſchte noch ein langes Schwei⸗ gen, als er ſchon weggegangen war, um eiligſt nach Warſchau zurückzukehren. 188 Valerius hatte in Betrachtung dieſer Gruppe alles Uebrige vergeſſen, und erſt, als die Leute ſich trennten, und alle nach der Stadt aufbrachen, dachte er daran, ſich nach Conſtantien umzuſehen. Wie es zu gehen pflegt, hatte das Gerücht von drohenden Vorfällen ſich dahin verwandelt, daß Alle glaubten, es ſei ſchon Trauriges vorgefallen. Der Herr des Hauſes, die Staatsmänner fuhren eiligſt nach Warſchau, und was an unwichtigen Beſuchen da war, lief erſchrocken und fragend durcheinander. Caſimir war mit dem Grafen Heinrich Oſtrowski nach der Stadt gefahren, und hatte Valerius drin⸗ gend gebeten, ſogleich nachzukommen. Dieſer eilte in das Schloß, und fragte nach der Fürſtin. Ein vorübereilender Bediente deutete auf die offne Saal⸗ thür. — 29. Der Saal war leer. Durch die dem Eintretenden gegenüberliegende Thür eilten eben noch ein Paar Geſtalten, wie es ſchien von den beunruhigenden Gerichten davon gejagt. Valerius hörte aber den⸗ noch deutlich die muntre, lachende Stimme Con⸗ ſtantiens. Er trat tiefer in's Gemach, und erblickte nun einen Balkon, der auf den Garten hinaus ging, ein leichtes flatterndes Dach von geſtreiftem Stoffe beſchattete ihn. Dort ſaß die Fürſtin halb nach der Gegend, halb nach dem Saale zugekehrt, wenn ſie die Augen wendete, ſo mußte ſie gerade auf Valerius blicken, der ſchweigend, in ihrem Anſchauen verloren, ſtehen geblieben war. Der weißſeidne leichte Shawl flatterte wieder um ihre Schultern, aber heute war er keine Freudenflagge. Vor ihr ſaßen zwei Männer mit dem Rücken nach 190 dem Innern des Saales. Das Geſpräch zwiſchen den drei Perſonen bewegte ſich in jenen kleinen franzöſiſchen Kreiſen, um ein holdes Nichts, was die Converſation dieſer Art mit zierlichen, antithe⸗ tiſchen oder ſonſt kokettirenden Phraſen behängt. Es war das Spielen mit den Schaalen und Hülſen der Sprache, wie ſich's die ſogenannte gute Geſell⸗ ſchaft angeeignet hatte. Da man dieſen höheren Geſelligkeitston zumeiſt aus Frankreich entlehnt hat, und er dort unter einem Regenten ſeine höchſte Ausbildung erhielt, welcher alle Thätigkeit und Macht des Staats in ſich vereinigte, und jedes Mitdenken und Mitwirken der übrigen, ſelbſt der höheren Mitglieder des Staates ausſchloß, ſo hat er vielleicht ſchon von daher dieſen Charakter der Unbedeutendheit mitgebracht. Es war eine Unter⸗ ordnung oder gar eine Schmeichelei gegen die Des⸗ potie, eine Converſation zu erfinden, die ſich mit Nichts beſchäftigte und doch geiſtreich ſchimmerte. Die Bemühungen der Fronde löſ'ten ſich in Epi⸗ gramme auf, und dieſe Epigramme zerfloſſen end⸗ lich in den charakterloſen Esprit. Dieſer Esprit hat in Frankreich ſelbſt mit der wieder errungenen — — 191 Selbſtſtändigkeit der Individuen ſchon lange den verlornen Charakter reklamirt, die großen Beziehun⸗ gen der Sprache ſind dort längſt wieder bis in die kleinſten Spielereien derſelben zurückgekommen, aber die franzöſirenden Ausländer treiben noch immer das alte leere Spiel mit den Glasperlen des großen Ludwig. Valerius hörte mit Verwunderug zu, wie die geiſtreiche und energiſche Fürſtin ſich in ſolcher Unterhaltung gefallen konnte. Aber Erziehung und Gewohnheit ſind bekanntlich die zweiten Schöpfer, und die ſchöne Frau war ganz à son aire— da fiel ihr Blick zufällig in den Saal, und ſie ſah den Geliebten ſtehn. Ein hohes Roth bedeckte ihr Geſicht, und ſie erhob ſich wie unwillkührlich von ihrem Sitze. Die beiden Herren ſprangen erſchro⸗ cken auf, und fragten,— Valerius ſah zum erſten Male William wieder. Er war einer von den Beiden. Conſtantie trat raſch in den Saal— „Wie kommen Sie hierher?“ und ohne Antwort zu erwarten, ſetzte Sie mit leiſerer Stimme hinzu: „wann bekamen Sie meinen Brief?“ 192 Im Angeſichte des Feindes, den wir eben an⸗ greifen wollten— „Und der Angriff war Ihnen wichtiger“— Die beiden Männer waren unterdeß ebenfalls herangetreten, das leiſe Geſpräch mußte aufhören, Valerius und William begrüßten ſich mit einem wunderlichen Gemiſch von Froſtigkeit alter Freund⸗ ſchaft und landsmannſchaftlichem Intereſſe. Die Fürſtin ſtellte Valerius dem andern Herrn vor, er überhörte den Namen des polniſchen Fürſten. Man ging im Saale auf und ab. Das Ge⸗ ſpräch hatte ein geſpanntes, zerriſſenes Weſen. Va⸗ lerius fühlte ſich verletzt von dem ſtolzen, kalten Benehmen Conſtantiens, und ſetzte ihm alle ſchroffe Entſchloſſenheit entgegen, welche ihm eigen war. Nur einen Moment kam eine gewiſſe Wärme in Conſtantiens Ton, als ſie auf den Arm im ſchwarzen Tuche deutete, und nach ſeiner Verwundung fragte. Um ſeine Anweſenheit zu rechtfertigen— denn er hätte in dieſem Augenblicke ſelbſt Conſtantien nicht zugeſtehen mögen, daß er zum Theil ihretwegen da war— erzählte er kurz, was man in Warſchau befürchte. 193 Man iſt nicht ſtreng genug gegen den Pöbel geweſen, ſagte der Fürſt. Die dreiſt gelöſ'ten Verhältniſſe, ſetzte William hinzu, deren innere Heiligkeit der freche Geiſt des Jahrhunderts überſpringt, rächen ſich früher oder ſpäter überall. Valerius verging vor Pein, er ſchützte Befehle vor, die ihn nach Warſchau riefen, und empfahl ſich. Einen Augenblick ſchien die Fürſtin beſtürzt zu ſein, aber der alte Stolz trat ſchnell wieder auf ihre Lippen, ſie entließ ihn ſtumm und cere⸗ moniös. Er warf ſich in den Wagen, und von allerlei Qualen gemartert kam er nach Warſchau. Ob es Eiferſucht allein, oder auch gekränkter Stolz war, was ihn peinigte, das wußte er ſelbſt nicht zu ſagen. Die Straßen waren von Menſchen erfüllt, die in der Dunkelheit des Abends drohenden Ge⸗ ſpenſtern gleich hin und herzogen. Er eilte zum alten Grafen, um vielleicht dort etwas Näheres über die getroffenen oder zu treffenden Maaßregeln zu erfahren, denn daß Caſimir's Vermuthungen IV. 9— 194 nur zu richtig geweſen, zeigte ihm jeder Schritt. Die durch die Straße wogende Menge befand ſich zwar größtentheils in einem dumpfen Schweigen, aber hie und da hörte man doch den drohenden Ruf: Nieder mit den Ariſtokraten, nieder mit den Ruſſenfreunden! Nieder mit den Ruſſenfreunden! rollte dann gewöhnlich wie eine Lawine durch die ganze Straße hin. Er fand den alten Grafen in einer Aufregung, wie er ſie nie an ihm geſehen.„Da haben Sie den patriotiſchen Klub,“ rief er ihm entgegen,„da haben Sie die gepredigte Zügelloſigkeit, das kommt von dem demokratiſchen Unſinn— Kanonen, Kano⸗ nen, Kavalleriechargen gegen die Canaille! grand dieu, und nun iſt kein Militair da, und was da iſt, wird von dieſem gleißneriſchen Schurken, dem Krukowiecki kommandirt! In ſolchem Augenblicke ſolch ein Gouverneur der Stadt!“ Der Graf, welcher einen Angriff auf ſein Haus ſelbſt zu fürchten ſchien, bat den Teutſchen, da zu bleiben, die Bedienten bewaffnen, poſtiren zu hel⸗ fen, und was der Sicherheitsmaaßregeln mehr wa⸗ 195 ren. Valerius aber, in ſeiner ohnehin gereizten Stimmung durch die Ausdrücke des Grafen noch mehr verletzt, lehnte es ab. Er glaubte, die vom Affekte überraſchte ächte Geſinnung des Grafen in dieſer ariſtokratiſchen Berſerkerwuth und Beſorgniß zu erblicken; alle die ſchönen Worte, welche er frü⸗ her von ihm vernommen, ſchienen ihm jetzt ange⸗ lernte Floskeln, von denen das Herz des unverbeſ⸗ ſerlichen alten Adelshelden nichts gewußt habe. Ein altes ſchreckliches Wort Hippolyts fuhr ihm durch den Sinn: Dieſe Erben des alten Syſtems ſind durch und durch inficirt, und durch nichts zu hei⸗ len, ſie müſſen ausſterben— Niemand kann ſie ändern. So ging er entrüſtet von dannen, und es war ihm, als höre er einen entſetzlichen Fluch des alten Edelmanns hinter ſich her. Aber er mochte es nicht glauben, daß ſich ein ſo ausgebildeter Mann zu ſolcher Roheit fortreißen laſſe, und ſchob's auf einen Irrthum, auf ſeine eigne erhitzte Phantaſie. Die Menſchenmenge auf den Straßen war zwar nicht geringer worden, aber ihre heftige Gährung und Bewegung ſchien nachgelaſſen zu haben. Man ſah 196 ſie mehr in Haufen zuſammengedrängt, und einzel⸗ nen Rednern zuhören, welche ihnen mit der natio⸗ nellen Lebhaftigkeit die Verhältniſſe auseinander⸗ ſetzten.„Unſere Sache iſt eine heilige,“ ſchloß ein ſolcher Redner ſeinen Vortrag, zu deſſen Gruppe der junge Teutſche eben trat,„unſere Sache iſt eine heilige,“ wiederholte er mit dem größten Nach⸗ druck,„und wir brauchen ſie nicht zu verbergen vor dem Sonnenlichte— am hellen Tage, im An⸗ geſichte von ganz Europa wollen wir Gericht halten über die Verräther. Wie? haben wir nicht Alles in die Schanze geſchlagen, um die Freiheit für un⸗ ſer Vaterland zu erwecken? Was wüßten denn dieſe vornehmen Herren von der glorreichen polni⸗ ſchen Revolution ohne uns? Als wir unſre Köpfe gewagt hatten, als die Ruſſen aus Warſchau hin⸗ ausgeworfen waren, da kamen die vornehmen Her⸗ ren erſt zum Vorſchein. Was? Iſt unſer Blut nicht ſo roth wie das ihre, iſt es nicht eben ſo polniſch wie das ihre? Und wohin haben ſie uns geführt? Iſt der Bauer frei geworden? Iſt der Ruſſe geſchlagen? Nicht doch. In wenig Tagen wird der Ruſſe vor Warſchau ſtehen, und ſeine 197 Spione, von denen wir umgeben ſind, werden ihm die Stadt verrathen. Warum hängt man die Spione nicht? Weil die vornehmen Herren es nicht zum Aeußerſten kommen laſſen wollen, weil ſie immer noch ein Brückchen zur Rückkehr haben möchten— wollen wir eine Rückkehr?“ Keine, keine, ſchrie der Haufe. „Keine Rückkehr, Ihr ächten Polen,“ fuhr der Redner fort,„Freiheit oder Tod! Da drüben ſitzen die Verräther Jankowski und Bukowski, welche unſere Armee verrathen haben— bleibt, meine Freunde, unſere Sache iſt eine heilige, ſie ſcheut den Tag nicht, ſie ſucht ihn vielmehr— die helle Sonne des Freiheitsſommers ſoll unſre Rache beſchei⸗ nen, morgen ſollen die Verräther am hohen Mit⸗ tage ſterben, damit die Ariſtokraten erkennen, es giebt ein Volk, wenn ſie ſich zur Tafel ſetzen. Freiheit oder Tod!“ Donnernd wiederholte die Maſſe den Ruf, und nachdem der Redner einigen der Zuhörer noch leiſer etwas mitgetheilt hatte, zerſtreute ſich der Haufe. Valerius ſah beim Schein einer Laterne das Geſicht deſſen, der eben geſprochen hatte, es war ein blaſſes, 198 entſchloſſenes Geſicht, ein junger Mann von hoher, ſchlanker Geſtalt— eine Patronille kam die Straße entlang, und im Nu war der Redner ſammt allen Zuhörern verſchwunden. Die Nacht verging ruhig, und als der Morgen des fünfzehnten Auguſt anbrach, glaubten Viele, das Ungewitter ſei vorübergezogen. Valerius war nach dem, was er den Abend vorher gehört hatte, nicht der Meinung. Er ging zeitig aus, um dem Grafen Anton Oſtrowski mitzutheilen, was er ge⸗ hört— er fand ihn nicht, Alles war ſchon in Bewegung, es war ein Feſttag, Maria Himmel⸗ fahrt, alle Straßen waren angefüllt, ein unheil⸗ volles Murmeln lief durch die Straßen. Valerius ſah mit Entſetzen, was es heiße um einen Volks⸗ aufſtand. Gerechte Klagen, thörichtes, ausſchwei⸗ fendes Verlangen, blutdürſtige Drohungen drangen in buntem Gemiſch zu ſeinem Ohr. Wo iſt die Möäglichkeit, dachte er, hier aufzuklären, zu beleh⸗ ren, das Uebertriebene vom Richtigen zu ſondern! Welch ein entſetzliches Mittel, geſellſchaftliche Ver⸗ hältniſſe umzugeſtalten, bleibt der Aufruhr! Alle Civiliſation iſt wieder dem Chaos anheim gegeben. 199 Graf Anton Oſtrowski kam mit einer Abtheilung der Nationalgarde daher. Man machte ihm Platz, ja man rief:„es lebe Oſtrowski!“ Aber wenn er die Leute ermahnte, nach Hauſe zu gehen, den NRuf der gerechteſten Revolution nicht zu beflecken, da ſcholl es von allen Seiten:„die Köpfe der Verräther! die Köpfe der Verräther!“ und ſo wie er mit den Truppen vorüber war, ſchloß ſich die geöffnete Gaſſe wieder brauſend. Die Nationalgar⸗ diſten ſelber ſchüttelten den Aufrührern im Vor⸗ überziehen die Hände; es war leicht einzuſehen, daß mit dieſer Macht der Aufſtand nicht unterdrückt werden könne. Hoch über den Köpfen der Menge ſah man hie und da Hände ſich emporſtrecken, welche einen Strick in der Luft ſchwenkten, und „Hurrah! Halsbänder für Verräther! Halsbänder für Ariſtokraten!“ ſchrien rauhe Kehlen von allen Seiten. Valerius bemerkte, daß der letztere Ruf ſeltener war, und bald erblickte er auch in ſeiner Nähe den geſtrigen Redner, von welchem beſonders die tödtliche Drohung gegen die Ariſtokraten aus⸗ zugehen ſchien. Der Volksaufruhr galt wirklich nur den Ruſſenfreunden. 200 Ein wilder Burſche, der neben Valerius ſtand, fragte dieſen plötzlich, warum er nicht mitrufe— „Du gehörſt wohl auch zu den lauen Brüdern, die ſich allenfalls mit den Ruſſen vertragen!“ Dadurch wurde die Aufmerkſamkeit aller Umſtehen⸗ den auf den Teutſchen gerichtet, und dieſer befand ſich wirklich wegen einer Antwort in der größten Verlegenheit. Daß hier nicht der Ort ſei, perſön⸗ liche, publiciſtiſche Anſichten zu entwickeln, ſah er wohl ein, und doch vermochte er es nicht, in den blutdürſtigen Ton einzuſtimmen. Ein wohlgeklei⸗ deter Bürger kam ihm mit der Bemerkung zu Hilfe: Siehſt Du nicht, Thomas, daß der Herr verwundet iſt, die Türken werden ihm den Arm nicht zerſchoſſen oder zerhauen haben, nicht wahr, Herr? Nein, mein lieber Freund, erwiderte Valerius ſchnell, der ſich durch dieſe Wendung des Geſprächs aus der peinlichen Situation zu befreien hoffte, es hat's eine ruſſiſche Kugel bei Oſtrolenka gethan— Siehſt Du, Thomas, du biſt immer unbändig— „Sachte, ſachte, Meiſter Warcow, es haben manche verdächtige Leute unter Madame Skrzynecki 201 gefochten, und ſolch eine dumme Kugel weiß den Teufel, ob ſie an den rechten kommt. Der junge Herr ſpricht mir auch ſo ein fremdes Polniſch, und ich ſeh's ihm an, daß ihm meine Frage garſtig in die Quere kommt. Heut denken die Vögel, ſie ſeien im Haufen am ſicherſten. Wer weiß auch, ob unter dem ſchwarzen Tuche eine Wunde ſteckt, und warum trägt denn der junge Herr keine Uni⸗ form, ſchämt er ſich unſrer Uniform, he? In dem Augenblicke brüllte wieder der ganze Haufe:„Tod den Verräthern!“ und ein naher Strick flog Valerius um den Kopf. Valerius, der in einem gewiſſen Starrſinn nicht mitſchreien mochte, obwohl er einſah, daß es am Beſten ſei, mit den Wölfen zu heulen, und dasß er durch ſein Schweigen eine wirkliche Gefahr für ſich herbei⸗ ziehe, ſah, wie der wilde Thomas die Hand nach ihm ausſtreckte, hörte, wie er mit dröhnender Stimme ſchrie: Hoho, ein Verräther!— In dieſem Augenblicke aber rückte die Volks⸗ maſſe mit einem mächtigen Stoße vorwärts, ein entſetzliches Gebrüll erſcholl, ſie machte den Angriff 9* 202 auf das Gefängniß der verdächtigen Generale Jan⸗ kowski und Bukowski. Dadurch ward Valerius von dem wilden Aufrührer getrennt, und er hielt es nach ſeiner Erfahrung für räthlicher, ſich aus der Menge zurückzuziehn. Da der Hauptdruck ſich ent⸗ fernt hatte, ſo war es dünner und lichter um ihn geworden, er gewann eine Querſtraße und ent⸗ ſchlüpfte. Die nächſte Hauptſtraße war indeſſen wieder mit Menſchen angefüllt, und die Leſſelſche Konditorei, zu welcher ihn die Woge trug, war ihm ein erwünſchter Poſten, auf den er ſich zurück⸗ ziehen wollte. Der geſtoßene Arm ſchmerzte ihn ſehr, und er bemerkte es in ſolchem Zuſtande gar nicht, daß gerade vor dieſem Hauſe das Volk in dichteſter Reihe aufgepflanzt war, und nur auf einen Impuls zu warten ſchien, um in die Thür zu dringen. Im Innern fand er Alles gefüllt, und drängte ſich mit Mühe bis in die hinteren Zimmer, weil er dort mehr Raum und Ruhe zu finden hoffte. Hier begegnete ihm Leopold, der ſich in großer Heiterkeit über dieſen Volksſturm hin⸗ und herbewegte:„Man ſieht doch, daß ſie Blut 1 in den Adern haben, das ſind natürliche Urzuſtände, die Polizei hört auf, die Poeſie beginnt.“ Valerius ſetzte ſich auf den einzig leeren Platz im dunkelſten Winkel des Gemachs. Ein modiſch gekleideter Mann ſaß neben ihm. Es war dem Teutſchen, als ob er dies blaſſe gedunſene Geſicht ſchon geſehen habe, und zwar in der Heimath. Leopold, der ab⸗ und zuging, und rapportirte, klärte ihn bald darüber auf, indem er den Nach⸗ bar anredete: Herr von Wankenberg, Sie ſind wohl krank? Ich habe Sie ja in meinem Leben nicht ſo blaß geſehen. Der Angeredete machte eine verneinende Bewe⸗ gung, und bat Leopold mit leiſer Stimme, ſeinen Namen nicht ſo laut zu nennen. Jeder Name, der nicht polniſch klinge, ſetzte er hinzu, ſei in die⸗ ſem Augenblicke verdächtig. Ich glaube, Sie haben mit dem Ihrigen beſon⸗ ders Recht, ſagte der kleine Mediziner mit der gewöhnlichen Schalkhaftigkeit, es ſind da draußen ganz fatale Sprachforſcher, und wenn ich mich nicht irre, war Ew. Hochwohlgeboren werther Name auch der Gegenſtand ihrer Studien— 204 Nicht doch! ſtammelte Herr von Wankenberg, und verſuchte zu lächeln, aber die zitternden Zahn⸗ reihen ließen es nicht dazu kommen— Die teutſchen Namen fuhr jener fort, ſcheinen den Herren da draußen beſonders unangenehm zu ſein, das Wort Leſſel werfen ſie mit allerlei mörderiſchen Zungenkünſten umher, wie ich aber bemerke, hat ſich der ehrenwerthe Beſitzer dieſes anſtößigen Wor⸗ tes den Blicken entzogen. Das iſt die angeborne Höflichkeit eines Kaffeewirths, er will durch ſeine Gegenwart keine Veranlaſſung zu Mißfälligkeiten geben. Ich fürchte nur, Herr von Wankenberg, dort unter dem Ladentiſche, oder oben auf dem Bo⸗ den iſt er vor dieſen gründlichen Forſchern durchaus nicht ſicher, ſobald ſie einmal ernſtlich an die Ent⸗ ſcheidung ihrer grammatiſchen Streitigkeiten gehen — aber ſagen mir doch Ew. Hochwohlgeboren, wodurch Sie ſich das Mißfallen dieſer Generation zugezogen haben; es iſt zwar nur Pöbel, Volk, und daher kommt es wohl— „Ich verehre das polniſche Volk über Alles,“ erwiderte dieſer haſtig, gleich als ob ihn dieſe Ver⸗ ſicherung retten könnte,„ich liebe jede Volksherr⸗ — 8 205 V ſchaft, wahrhaftig, auf Ehre, ich liebe das Volk,“ und dabei perlte der Angſtſchweiß in großen Tropfen auf ſeiner Stirn. Valerius erinnerte ſich jetzt deutlich dieſer Per⸗ ſon: es war in Teutſchland eine renommirte Figur. Auf der einen Seite galt er für einen Spieler und für einen charakterloſen, käuflichen Menſchen, der für Geld zu Allem brauchbar ſei; auf der andern Seite war er in der höchſten adeligen Geſellſchaft aufgenommen, galt für einen Esprit, und ward als ein unterrichteter Vertheidiger des ruſſiſchen Syſtems gerühmt. Ein unparteiiſcher Beobachter hatte Mühe, mit dieſem Menſchen auf's Reine zu kommen, denn bei näherem Umgange fand er ein weiches, poeti⸗ ſches Gemüth in ihm, was zarter, höherer Empfin⸗ dungen fähig war, ſich ſelbſt in ſchwachen Stunden ein verlornes Geſchöpf nannte und in Thränen aus⸗ brach. Valerius vergegenwärtigte ſich jetzt Alles, was er auf Grünſchloß von ihm gehört hatte, wo man dieſen Herrn von Wankenberg kannte; und nach dem, was er ſah und hörte, ſchien es ihm nicht zweifelhaft, daß ſich dieſer Ueberreſt aus der franzöſiſchen Royaliſtenzeit für ruſſiſches Gold auch 206 zu Machinationen gegen Polen bereitwillig gefun⸗ den habe. Es war ein auffallender Zug in dem Gemüthe Valerius, daß er eben ſo wenig einem dauernden Haſſe ſich hingeben, als einen wirklich verächtlichen Menſchen völlig verachten und wegwerfen konnte. Er klagte es oft als eine Schwäche ſeines Charakters an, und doch widerſtrebte ein Etwas ſeines innerſten Weſens, wenn er ſich zu dieſen ſogenannten Kraft⸗ äußerungen der Seele anſpörnen wollte. Es giebt ein bekanntes Wort: Wer nicht recht haſſen kann, vermag auch nicht recht zu lieben; aber er kam nie recht zum Glauben an dieſen gebieteriſch klingenden Satz. In der Forderung dieſer Kraftextreme lag ihm ſtets eine kultivirte Roheit, und ſo unangenehm ihn auch die Schwächlichkeit berühren mochte, ſie durfte ſich nun in Thaten oder Maximen äußern, ſo wenig konnte er ſich doch den rückſichtsloſen Kraft⸗ prinzipien anſchließen. Alle Syſteme mit ſtarrer mathematiſcher Konſequenz ſchienen ihm der uner⸗ ſchöpflich mannigfaltigen, immer neu und unerwartet ſich entwickelnden Menſchennatur zuwider, feindlich, verderblich zu ſein. Namentlich führten ihn geſchicht⸗ 207 liche Studien von allem Unbedingten zurück, und ſeine eignen früheren Anſichten flößten ihm oft ein Grauen ein vor jeder ſtarren Einſeitigkeit. So mißfällig ihm alſo das erſchien, was er von ſeinem jetzigen Nachbar wußte, ſo fühlte er doch eine Art Mitleid mit dem gefährlichen Zuſtande, in wel⸗ chem ſich dieſer wirklich befand. Die Todesſtrafe jeder Art, wie ſie von Menſchen über Menſchen ver⸗ hängt wird, hatte immer etwas Entſetzliches für Valerius; er war ſich zu tief deſſen bewußt, wie Moral und Geſetze und Zuſtände aller Art dem leb⸗ hafteſten Wechſel unterworfen ſeien, er hielt es immer für eine martialiſche Aushilfe der Geſellſchaft, ſich über das Leben eines Menſchen das Recht anzu⸗ maaßen. Während ſolchergeſtalt die Gewitterwolke über Leſſels Konditorei hing, und jeden Augenblick ſich zu entladen drohte, ſchlug ſie bereits mit mächtigen Streichen in die Gefängniſſe der beiden verdächtigen Generale. Die Regierung war machtlos, ſolche Ex⸗ zeſſe zu hindern ohne den Gouverneur, und der Gouverneur war Krukowiecki. Es iſt nicht zu läug⸗ nen, daß er eine außerordentliche Thätigkeit an dieſem 208 verhängnißvollen Tage entwickelte, er war überall, und überall war er thätig. Glühroth vor Zorn und Eifer ſtürzte er in das Zimmer, wo ſich die fünf Mitglieder der Regierung verſammelt hatten, und berichtete, wie der Aufſtand von Minute zu Minute wachſe, und ein immer drohenderes Anſehn gewinne, wie die Gefängniſſe der Generale bereits erbrochen ſeien, und er nichts hindern könne, wenn man ihm nicht größere Vollmacht ertheile. Die vier Regie⸗ rungsmänner machten dem fünften unverholen die lebhafteſten Vorwürfe über dieſe Scenen.„Das ſind die Thaten des Klub,“ rief Vincenz Niemo⸗ jowski,„den Sie protegiren, das iſt die Manifeſta⸗ tion Ihrer geprieſenen Demokratie.“ Der lange blaſſe Mann, an welchen dieſe Worte gerichtet waren, zuckte mit einiger Schüchternheit die Achſeln, und, ſeinen ſchmalen Kopf auf die Bruſt herabneigend, ſagte er mit halber, aber wohl verſtändlicher Stimme: Das iſt nicht das Werk der Oemokratte, meine Herrn, ſondern des halben, zögernden Syſtems, was die Regierung befolgt hat. Ich habe bisher um⸗ ſonſt meine ſchwache Stimme dagegen erhoben, jetzt ſehen Sie in den Straßen der Hauptſtadt ſelbſt die 209 Folgen davon. Uebrigens glaube ich nicht— und bei dieſen Worten zog er einen Moment die Wim⸗ pern in die Höhe, und fuhr mit einem ſeiner blitzenden Blicke an der breiten, hohen Geſtalt Kru⸗ kowiecki's in die Höhe, bis ſeine tiefliegenden, ſtechen⸗ den Augen den verſchmitzten, lebhaften Blick des Generals getroffen hatten, und ihn feſtzuhalten ſchienen; man hätte hinter der Schärfe dieſer vier blitzenden Pupillen bei leidenſchaftsloſer Betrachtung ein Lächeln entdecken können— übrigens glaube ich nicht, daß die wackre Nation Jemand anders ein Leid zufügen wird, als Perſonen, die mit der Schmach von Vaterlandsverrätherei gebrandmarkt ſind— „Es iſt Anarchie, gleichviel, wohin ſie ſich richte,“ entgegnete zornig Niemojowski. Lelevel, denn das war der ſchwarzgekleidete, blaſſe Mann, gegen den ſich die Vorwürfe gerichtet hatten, zuckte abermals die Achſeln, und ſpielte mit den weißen, magern Händen an der Kette ſeiner Uhr, die er vor ſich auf dem Tiſche liegen hatte. Krukowiecki erhielt die Vollmachten, eilte fort, ſchwang ſich auf's Pferd, und ſprengte in die Straßen hinein. Ein wilder Tumult wälzte ſich über den 210 Platz, auf welchem der General eben ankam. Die Aufrührer waren in das Gefängnißhaus eingedrungen, und jetzt ſchleppten ſie die Schlachtopfer daher. Die Generale waren nur halb bekleidet, der Tod lag bereits auf ihren blaſſen Geſichtern, der Strick um die Nacken; ein mörderiſcher Lärm brauſ'te durch die Luft, halb im Sprunge ſtürzte die zum Blut⸗ durſt erhitzte Menge nach den Laternenpfählen, die an der Häuſerreihe ſtanden, und die dem Tode Ge⸗ weihten mußten die ſchnelle Bewegung mitmachen, wenn ſie nicht ſogleich von den angezogenen Schlin⸗ gen erwürgt werden wollten. General Krukowiecki, der von ſeinem Pferde aus die Scene überſehen konnte, ſtrich ſich wohlgefällig den grauen Knebelbart, und redete leiſe zu einigen verwegenen Geſichtern, die ſich neben ihm eingefun⸗ den hatten. Als der erſte Unglückliche am Laternen⸗ pfahle zappelte, wendete er ſein Roß, und ritt zu⸗ rück nach dem Regierungshauſe, den Vorfall zu berichten, und neue Vollmachten zu verlangen. Die Nachricht von der vollzogenen Exekution rannte wie ein Thier der Wüſte blitzſchnell durch alle Straßen, und die vor Leſſels Hauſe noch zögern⸗ 211 den Demagogen erhoben ein wildes Geſchrei und ſtürzten ſich nun unaufhaltſam in die Thüren. Wie bei allen Dingen, ſo vornehmlich bei einem Auf⸗ ſtande iſt der Anfang, die erſte That das Schwie⸗ rigſte, was den Entſchloſſenſten erheiſcht. Die roheſten Leute ſind ſo bis in's Innerſte von der Ordnung, dem beſtehenden Geſetz umſchloſſen, daß ſie mit der größten Wuth Alles vorbereiten können, die Schran⸗ ken zu durchbrechen, und dennoch an der äußerſten Grenze unentſchloſſen ſtehen bleiben. Iſt nun aber angefangen mit der wirklichen That, dann ſchwinden alle Bedenklichkeiten, der Erſte hat gleichſam die Verantwortung für Alle übernommen, und die Wuth, welche ſich bei ungeſetzlichen Handlungen oft ſo grell herausſtellt, iſt nur ein Kind des Rauſches. Die Uebertreter ſind einmal über das Gewöhnliche hin⸗ ausgegangen, der ungewöhnliche, geſteigerte Zuſtand befängt ſie, was einmal mit Gefahr begonnen iſt, ſoll nun auch erſchöpft werden, damit man der etwa folgenden Strafe auch allen Genuß vorweg abgekauft habe, alle prüfenden Gedanken werden als unbequem in den Hintergrund geſchoben. 212 Die eindringenden Männer des Aufſtandes ſchrieen einſtimmig nach Leſſel, dem Spione, dem Ruſſen⸗ hunde, wie ſie ihn nannten. Er war nicht zu ſehen, und nach allen Treppen hinauf und hinunter ver⸗ breiteten ſich die Rachedurſtigen. Daß er in ein anderes Haus entflohen ſein könne, befürchteten ſie nicht; am Morgen war er noch da geweſen, und kein Warſchauer, ſagten ſie, hätte an dieſem heiligen Tage der Rache einen Flüchtling verborgen. Es war ein erſchütterndes Geſchrei, was in dem Hauſe hin und wieder flog, und Valerius, den die ganze Scene entſetzte, verwünſchte den Gedanken, hier eingetreten zu ſein. An's Hinausdringen war aber nicht zu denken, die Zimmer waren ſo gefüllt, daß er regungslos neben dem von Todesſchauern ge⸗ worfenen teutſchen Edelmann ſitzen bleiben mußte. Leopold war durch das Gedränge von ihnen getrennt worden. Valerius konnte übrigens ſchnell erkennen, daß der Aufſtand keineswegs eine bloße Sache des Pöbels war. Anſtändig gekleidete Männer, jung und alt, füllten das Gemach, nur hie und da ſtreckten ſich die braunen, nackten Arme eines rohen gemeinen 213 Burſchen oder eines alten bärtigen Tagarbeiters in die Höhe, um einem wilden Fluche gegen die Ruſſen und ihre Freunde die nöthige Geberdenbegleitung zu geben. Die flüchtig gewechſelten Worte der drohen⸗ den Geſellſchaft überzeugten ihn eben ſo ſchnell, daß man nichts wolle, als die zögernde Geſetzeshand⸗ habung gegen die Feinde und Verräther des Vater⸗ landes beſchleunigen. Es lag eine tödtliche Ruhe des Revolutionsrechts in den wenigen Worten, die er vernahm. „Der teutſche Spion iſt im Hauſe,“ ſchrie plökz⸗ lich eine durchdringende Stimme aus dem anderen Zimmer, und Valerius ſchrack nicht viel weniger zuſammen als der Edelmann neben ihm, denn er hatte dieſe Stimme ſchon gehört, obwohl er im Augen⸗ blick nicht wußte, wo. Die Stimme kam immer näher, der Rufer brach ſich eine Gaſſe durch die Menge, und plötzlich ſtand der blaſſe Volksredner, deſſen Peroration Valerius den Abend vorher auf der Straße gehört hatte, vor den beiden Teutſchen. Eine ſekundenlange Todtenſtille trat ein. Alles war⸗ tete auf die Bezeichnung des Schlachtopfers. Vale⸗ rius fühlte ſich von dem entſetzlichen Gefühle durch⸗ 214 drungen, wie das Individuum in Zeiten der Anarchie jeder Willkühr des Einzelnen eben ſo Preis gegeben ſei, wie in den Zeiten eines unbeſchränkten Despo⸗ tismus. Wirklich richtete auch der Demagoge ſeine tödtlichen Blicke bald auf Wankenberg, bald auf Valerius, und auf dieſem ſie ruhen laſſend, ſprach er plötzlich: Sie ſtanden geſtern Abend bei einer Gruppe Patrioten, die einem Volksredner zuhörten und zujauchzten, Ihr Mund aber blieb ſtumm, und Ihr Geſicht drückte eine Mißbilligung deſſen aus, was Sie ſahen und hörten— Bei dieſen Worten griffen jene braunen nervigen Arme nach Valerius, und die weiter Zurückſtehenden, welche die beiden ſitzenden Teutſchen nicht ſehen konnten, erhoben einen wilden Lärm: An die La⸗ terne, an die Laterne mit dem Verräther! Der Volksredner drängte aber den Angreifenden zurück, und auf Wankenberg zeigend rief er den auf der andern Seite Stehenden zu: Greift den Spion! Darauf wandte er ſich um, und verlor ſich unter der Menge, gleich als habe er noch viel dergleichen Geſchäfte zu verrichten, und könne ſich nicht mit dem Detail abgeben. Zwei junge, fein gekleidete 215 Männer, die zunächſt an dem teutſchen Edelmanne ſtanden, ergriffen ihn mit Wuth, ſpukten ihm in's Angeſicht, und warfen ihn mit den Worten: Da habt Ihr einen niederträchtigen, ausländiſchen Ver⸗ räther für die Laterne! den Vorderen zu. In die⸗ ſem Augenblicke drang ein wüthendes Halloh von der Treppe herunter, man hatte Leſſel ergriffen. Eine offen ſtehende Thür des hinteren Zimmers, in welchem das Bisherige vorgefallen war, ließ von da aus die Treppe und den Hausflur erblicken, man ſah den kleinen, magern Konditor von Fauſt zu Fauſt herunterfliegen. Dies Ereigniß ſetzte Alles in eine neue Bewegung, dadurch wurden die Perſonen in einander geſchoben, und in einem Handumdrehn war keiner der Männer mehr in der Nähe, welche Wankenberg arretirt hatten. Obwohl ſich alle Augen nach der bekannten und allgemein verhaßten Perſon Leſſels hinkehrten, ſo wurde der teutſche Edelmann doch noch immer feſtgehalten, er war traditionell von einer Hand in die andere übergegangen. Er machte ſich aber mit großer Geſchicklichkeit den wüthen⸗ den Tumult zu nutze, der auf dem Hausflur aus⸗ gebrochen war, ſuchte ein Lächeln auf ſein Todes⸗ 216 geſicht zu heften und erklärte den Fnhabern der Fäuſte, welche ihn eben ſchüttelten, ſie ſeien an den Un⸗ rechten gekommen.„Seid Ihr des Teufels,“ ſagte er haſtig,„einem der eifrigſten Patrioten die Kehle zuſammenzudrücken! Auf dieſe Weiſe entwiſchen Eurer Blindheit die ärgſten Verräther— dort, dort, ſeht hin, dort iſt er wieder ſtill auf ſeinen Stuhl geſchlüpft, und wartet die Sache ab in aller Sicherheit!“ Bei dieſen Worten deutete er auf Valerius— „Strafen mich alle Heiligen,“ ſchrie eine rauhe Stimme,„nach dem Burſchen hab ich heute Mor⸗ gen ſchon einmal die Hand ausgeſtreckt, ich erkenne ſolch einen Vogel auf den erſten Blick.“ Es war der wilde Thomas, der mit blutdürſtigen Augen und Händen nach Valerius griff. Dieſer ſchlug ihn jetzt ohne Weiteres in's Geſicht, daß er zurücktau⸗ melte. Der Zorn über dieſe ſchauderhafte Wirthſchaft hatte ſich ſeiner völlig bemächtigt, und alle Beſorg⸗ niß vertrieben.— Schämt Ihr Euch nicht, Polen, Eure edle Sache durch ſolche plumpe Tölpel zu be⸗ flecken, die Handhabung der Strafen dem Zufall Preis zu geben? Ich bin Officier im Kickiſchen 217 Regimente, mein Arm iſt noch wund von Oſtro⸗ lenka— „Hollah ho! das iſt ein Vogel für uns, Tho⸗ mas, Du haſt einen richtigen Treffer,“ rief plötzlich eine neue Stimme, und Valerius ſah den unge⸗ ſtümen Slodczek auf ſich eindringen. Vor dem großen Lärmen waren die Vertheidigungsworte des Teutſchen nur den nächſten Umſtehenden verſtändlich geworden; dieſe ſahen ihn unſchlüſſig an.„Ueberall iſt dieſer ariſtokratiſche Spion herumgeſchnüffelt,“ fuhr Slodezek zu einigen Bauern fort, die hinter ihm ſtanden, und zu Thomas, der ſich das Blut aus dem Geſicht wiſchte,„in Wargows Scheuer hat er unſern Klub behorcht, erſt geſtern kam er wieder aus dem großen Hauſe eines alten, gefähr⸗ lichen Edelmanns, dem er unſer heutiges Feſt ver⸗ rathen hatte, heut rettet Dich der alte Florian nimmermehr,“ und damit fiel er mit ſeinen Ge⸗ noſſen über Valerius her, welcher ſich fruchtlos gegen die Menge vertheidigte und fortgeſchleppt wurde. Vor der Hausthür kam er mit Herrn Leſſel zuſammen. Die Volksmaſſe drängte ſich ſo unge⸗ ſtüm herbei, daß die Urtheilsvollſtrecker und die Ge⸗ I. 10 218 fangenen ſtill ſtehen mußten. Valerius verſuchte es hier noch einmal, den Leuten in Betreff ſeiner Per⸗ ſon ihren Irrthum verſtändlich zu machen, aber das erſchütternde Geſchrei von Schimpfreden und Ver⸗ wünſchungen ließ ihn nicht zu Worte kommen. So geht es denn, dachte er, mit deinem Civiliſations⸗ laufe unerwartet ſchnell zu Ende. Du haſt die Revolution vertheidigen helfen, um in ihren zwei⸗ ſchneidigen Armen ermordet zu werden. Sein Blick fiel auf Leſſel. Es iſt wunderbar, wie dem Menſchen in den entſetzlichſten Momenten, wo man die ganze Seele gefeſſelt und unthätig denken ſollte, Gedanken und Bilder entſtehen, die man nur den ruhigen Lagen des Lebens natürlich glaubt. Valerius ſah ein altes Bild vor Augen, was ihn oft in ſeiner Kindheit erſchreckt hatte. Der Teufel war darauf konterfeit, wie er einen Böſewicht zur Hölle abholt. Dieſen Candidaten Urians glaubte er jetzt in Leſſel zu erblicken: Das Geſicht des Konditors war weiß wie die Kalkwand, die kleinen Augen waren faſt ganz zurückgetreten hinter die Augenknochen, ein leerer weißer Strich ſtarrte nur geſpenſterhaft hervor. Der Unglückliche ſank einmal über das andre in die Kniee, und bat in den jäm⸗ merlichſten Ausdrücken um ſein Leben. Vorwärts! Vorwärts! ſchrie man von allen Sei⸗ ten— Platz für den Henkersgang der Verräther! Es ward ein ſchmaler Raum offen, man ſetzte ſich in Bewegung, und jetzt, da es direkt zu dem ſchimpf⸗ lichſten Ende ging, überfiel Valerius eine unnenn⸗ bare Angſt, deren ſich ſein Muth und Verſtand umſonſt zu bemeiſtern ſuchte. Platz für die alte Gräfin! Platz für die beſte Polin! rief man auf einmal von vielen Seiten, und die meiſten Anweſenden entblößten ihre Häupter. Ein Wagen rollte langſam durch die Menge, Va⸗ lerius erkannte die alte Großmutter Hedwigs in ihren ſchwarzen Gepändern— Hedwig ſelbſt ſaß neben ihr. Sie erblickte ihn, ſchrie laut auf, ſprang aus dem Wagen, eilte zu ihm, griff nach ſeiner Hand. Aber ſeine Arme waren von Slodzeek und Thomas feſt nach hinten gedrückt—„Polen, ſeid Ihr raſend,“ rief ſie, an die Menge ſich wen⸗ dend,„dieſer Mann iſt einer Eurer tapferſten Soldaten, von untadelhaftem Patriotismus!“ Ein drohendes Murren erhob ſich, eine Stimme nach 220 der andern ſtieg auf: er iſt ein Verräther, ein ruſſiſcher Spion! „Großmutter, ſprich ein einziges Wort, aus Deinem Munde wird es genügen, ſage dieſen be⸗ thörten Patrioten, daß Du den Herrn kennſt, daß er uns, unſer Vaterland vertheidigt hat, daß er kein Verräther iſt!“ Ein lang gewachſener Bauersmann mit kurzem rohleinenen Kittel trat mit entblößtem Kopfe an den Wagen, machte eine tiefe Verbeugung und ſagte: Wenn die gnädigſte Frau Gräfin Ja ſagen will zu den Worten der ſchönen Dame, ſo wollen wir den Verräther laufen laſſen“— Hedwig, Valerius, Alle Rhteten ihre Blicke auf die alte Frau. Unbeweglich, ſteinern blieb ihr blaſſes Antlit, die Augen ſahen ſtarr und theil⸗ nahmlos in die Luft, man konnte glauben, ſie be⸗ merke gar nichts von dem, was vorgehe. Rings⸗ um war Alles ſtill. „Großmutter!“ unterbrach endlich Hedwig die Ruhe mit flehendem Tone. Da machte die Alte eine Bewegung der Unzufriedenheit mit der flachen Hand; das Volk nahm dies für ein Zeichen der Verneinung, toſend brach der unterbrochene Lärm wieder aus:„An die Laterne mit den Verräthern! An die Laterne!“ und fort ging's mit den Gefan⸗ genen nach der Seite hin, von wo der Wagen ge⸗ kommen war. Alles Volk ſtürzte nach. Der lange Bauer hatte Hedwig ſchnell in den Wagen gehoben, und auf der leer gewordenen Seite der Straße rollte dieſer raſch von dannen. Valerius, erbittert durch dieſe Scene, hatte ſeine Kraft im Zorne wieder gefunden. Nichtswürdiges, undankbares Volk, murmelte er vor ſich hin, und warf mit einem plötzlichen Rucke die beiden Be⸗ gleiter von ſeiner Seite— Ich will frei zum Tode gehn. Ihr Schurken, ſo viel Recht hab' ich mir erworben durch die Schlachten, die ich für Euch gefochten habe— zurück, oder ich ſchlag Dir den Schädel ein! Der verwundete Arm war aus dem Tuche ge⸗ riſſen, das Blut lief ſtrömend über die Hand; dieſer Anblick und der ſtolze Ausdruck ſeines Geſichts, das Kriegsehrenzeichen, was beim Verſchieben des Arm⸗ tuchs zum Vorſchein gekommen war, wirkten auf ——— 222 ſeine Häſcher, die vielleicht einen Augenblick ſelbſt irre wurden. Sie ließen ihn frei einhergehn. Er glaubte in dieſen Augenblicken, der Tod ſelbſt ſei ihm nicht ſo furchtbar als die Schande; ſo ſehr er auch Ruhm und Ehre oft verſpottet hatte, als von Menſchen gemachte Puppen, ſo waren doch im Grunde die innerſten Fäden ſeiner Seele daran geknüpft. Und alle Fenſter waren geöffnet, Damen jung und alt ſahen herab auf die Exekution, ſchwenk⸗ ten die weißen Taſchentücher, klatſchten dem Volke Beifall zu, daß es die Nation von dem Auswurfe befreie, riefen„Pfui und Schande über die Ver⸗ räther!“ Das Herz im Leibe wurde dem unglücklichen Teutſchen zuſammengeſchnürt— das Ziel war er⸗ reicht. Wo in die große Straße eine Quergaſſe mündet, ſtanden zwei tüchtige Laternenpfähle am Eingange der kleinen Gaſſe, ſo daß des Abends ihre Leuchten einen Theil der großen und die ganze Länge der kleinen Straße erhellen konnten. Dieſe Oeko⸗ nomie wollte man ſich zu Nutze machen, mit reißen⸗ der Schnelligkeit ward Leſſel aufgeknüpft, Leiter und Strick war längſt bereit geweſen. Der Scherge eines —ÿy—;— 223 erbitterten Volks ſtieg langſam die Sproſſen herab, und ſtarrte wohlgefällig in das vom zurückgepreßten Blute dunkel werdende Geſicht des Konditors; die Reihe kam jetzt an Valerius, Slodcezek ſchickte ſich an dazu. Es ſchien, als ob das ſtolze Weſen ihn völlig eingeſchüchtert habe, die Bewegungen des wil⸗ den Burſchen hatten all ihre ſonſtige Entſchiedenheit verloren,— da ſprangen plötzlich diejenigen Zuſchauer und Theilnehmer der Strafhandhabung, welche ſich in den Eingang der kleinen Gaſſe gedrängt hatten, in die Hauptſtraße zurück.„Platz für die Cholera!“ hörte man rufen, und zwei jener ſchauerlichen Trag⸗ bahren erſchienen unter dem verſcheidenden Leſſel. Obwohl dieſe Peſt nirgends ſo gering geachtet wurde als in Warſchau, weil dort Alles um Tod und Leben ſpielte, ſo trieb doch der Inſtinkt die Leute, einem ſolchen Ungeheuer auszuweichen, wenn es ihnen gerade in den Weg trat. Die Exekutions⸗ ordnung verſchob ſich, Alles drängte ſich bei Seite, und Valerius, von der glühendſten Sehnſucht nach dem Leben erfüllt, glaubte dieſen Moment zu einem Entweichungsverſuche benutzen zu können. Es war wenig Hoffnung da, in der um und um aufgeregten 224 Stadt den vielen tauſend bereitwilligen Händen zu entſchlüpfen, aber der Schiffbrüchige greift zu dem letzten morſchen Brette. In ſeiner Jugend hatten noch die letzten Reſte des Turnweſens in Deutſch⸗ land geblüht, Laufen und Springen konnte er noch auf's beſte aus jener Schule, die Todes⸗ angſt verdoppelte ſeine Kräfte, und mit einem mäch⸗ tigen Satze flog er über das im Wege ſtehende Cholerabett hinweg, flog in die enge Quergaſſe hinein. Ein donnerndes Geſchrei und die nächſten ſeiner Henker ſtürzten hinter ihm drein. Ihr Nachſetzen ſchien nicht ſo gefährlich als ihr Geſchrei:„Haltet auf, haltet auf! ein Spion! ein Verräther!“ Die nächſte Straße war indeſſen ſtill und einſam, es hatte ſich alles Volk nach den Orten gedrängt, wo unmittelbar gehandelt wurde. Aber dieſe Einſamkeit war bald durchrannt, er mußte in eine andre Straße einbiegen, in welche ſo eben von mehrern Seiten ein Theil, der Volksmenge eindrang, die von der 3 Hinrichtung der Generale zurückkam. Er hörte das Geſchrei hinter ſich, ſah wie die neue Volksmaſſe ſtutzte, und ſich anſchickte, ihn aufzufangen— er 225 gab ſich verloren, und rannte wie wahnſinnig die Erſten über den Haufen, welche ſich ihm entgegen⸗ ſtellten. Da donnerten die Hufſchläge einer Cavallerie⸗ abtheilung herbei und ſprengten das Volk ausein⸗ ander. Es war Caſimir mit einer Abtheilung Uhla⸗ nen, der eben ankam, als Valerius erſchöpft in die Kniee geſunken war. Jener, der mit einem Blicke und durch das Geſchrei der Menge vom Stande der Dinge unter⸗ richtet war, wendete ſich raſch zu einigen Männern, deren Aeußeres und Weſen andeutete, daß ſie keines⸗ wegs zum Pöbel gehörten. Sie ſchienen dem Offi⸗ cier bekannt zu ſein, und ihn ebenfalls zu kennen. Er rechtfertigte nicht ohne Heftigkeit Valerius und ſchloß mit den Worten: Wohin ſoll es führen, wenn wir auf dieſe Weiſe unſre gerechte Entrüſtung auch auf unſre wackerſten Krieger ausdehnen— da habt Ihr ein Beiſpiel deſſen, was ich Euch vorher ver⸗ kündigte, als Ihr auf rohem anarchiſchem Wege Beſſerung der Verhältniſſe ſuchen wolltet. Ich habe leider Recht gehabt, entfeſſelt alle Leidenſchaften, und das Gute wird mit dem Böſen zertrümmert. 10* ——— 226 Die angeredeten Männer ſchwiegen ſtill, und auf ihre Handbewegungen zerſtreute ſich der Schwarm allmählig. Nur Slodczes, der unterdeß vom Ver⸗ folgen wieder zu Athem gekommen war, wollte ſeine Beute nicht ſo leicht fahren laſſen. Es hätte ihm jetzt noch klarer ſein müſſen, daß der Verfolgte nicht zu denen gehörte, deren Beſtrafung das Volk mit Recht verlangen konnte, aber bei wilden fanatiſchen Gemüthern iſt es leider nicht ſelten, daß ſie um ſo hartnäckiger auf einem Verlangen beſtehen, je unſtatthafter es ihnen dargeſtellt wird. Er rief die leinenen Kittel um ſich zuſammen, winkte Thomas an ſeine Seite, und forderte mit polternder Stimme, hinter welche ſich gewöhnlich ein unſichres Gewiſſen verſteckt, die Auslieferung des Verräthers von Caſimir. 1 Dieſer war nicht ſo geneigt, dieſe Abtheilung des Aufſtandes mit Worten zu beruhigen, und be⸗ fahl trocken einigen Uhlanen, den Burſchen feſtzu⸗ nehmen. Slodzek fand es nicht gerathen, den Ver⸗ lauf dieſer Sache abzuwarten und ſprang davon. Die leinenen Kittel folgten ſeinem Beiſpiele, aber die kommandirten Uhlanen begnügten ſich mit dieſem — 2227 Erfolge nicht, ſondern ſprengten hinterdrein, den Wortführer im Auge behaltend. Caſimir begleitete den erſchöpften Valerius bis in die Nähe der Straße, wo dieſer wohnte, erzählte ihm, daß er zur Armee abgeſchickt geweſen ſei, um Truppen gegen den Aufſtand herbeizuholen. Glück⸗ licherweiſe, ſetzte er hinzu, kam ich mit meinen ſchnellen, vorauseilenden Uhlanen noch zu rechter Zeit, Sie zu befreien. Schreiben Sie Ihre abſcheu⸗ liche Gefahr nicht den Patrioten zu, von denen ich einige in Ihrer Nähe fand; die Abſicht des Auf⸗ ſtandes ſelbſt war die gerechteſte von der Welt, aber wir ſehen auf's neue und deutlichſte, welch ein entſetzliches Mittel die Empörung iſt.— Ich be⸗ ſuche Sie bald! Damit ſprengte er fort. Valerius ſchleppte ſich mühſam bis in ſein Haus und raſtete eine Weile auf der Treppe, wo ihn die Krafte zu verlaſſen drohten. Da ſtürzte ein Menſch in's Haus, ſchoß an ihm vorüber, und flüſterte: verbergen Sie mich, iich werde verfolgt. Die Hufſchläge von flüchtigen Pferden näherten ſich. Treppe und Saal, die zu Valerius Zimmer führten, waren dunkel, und erſt die Schlüſſel ab. als dieſer dem Flüchtenden ſeine Thür öffnete, er⸗ kannte er— Slodezeck. Dieſer ſtürzte auf die„ Kniee, als er des Teutſchen anſichtig wurde, Sporen und Säbelſcheiden klangen auf der Treppe. Valerius ſchob den Verfolgten in das Schlafzimmer und zog 30. Schon einige Tage vor dieſen Ereigniſſen war der Reichstag zur Ueberzeugung gekommen, es müſſe bei der Armee eine durchgreifende Veränderung ſtatt finden; die Armee war bis nach Bolimow zurück⸗ gegangen, Skrzynecki ließ jede Gelegenheit zu einer Schlacht vorüber. Es ward alſo eine Deputation erwählt, welche in's Lager hinausfahren und nöthi⸗ genfalls Skrzynecki abſetzen ſollte. Dergleichen blieb aber der Maſſe natürlich un⸗ bekannt, und hatte keinen Einfluß auf Anſicht und Verhalten derſelben. Es ſind vierzehn Stunden Weges bis nach Bo⸗ limow; am 10. Auguſt des Vormittags kam die Deputation mit ihrem ſchweren Geſchäfte dort an; es war ein bedeckter warmer Tag, und ſie fanden den Generaliſſimus zu ihrem Erſtaunen und mit 230 nicht geringer Beſorgniß zu Pferde und alle Truppen muſternd. Seine Freunde hatten ihn bereits genau unterrichtet von Allem was bevorſtünde; er nahm nicht die mindeſte Notiz von der ankommenden Deputation, hielt Reden an die Soldaten, ſchalt auf die Landboten, ermahnte, feſt an ihm zu halten, ihm zu vertrauen, und„es lebe Serzynecki!“ ſchrieen die kampffertigen Truppen weit über die Ebene hin. 28 Dieſen Feldherrn jetzt abzuſetzen, ſchien alſo in einer ſo geſtörten, mit dem Aeußerſten bedrohten Zeit eine ſehr gefahrvolle That. Die Mitglieder der Deputation traten bei Seite, und warteten un⸗ entſchloſſen, ob Skrzynecki von ihrer Ankunft keine Kenntniß nehmen werde. Er that es nicht. End⸗ lich ward auf Czartoryski's Veranlaſſung, der ſich unter den Deputirten befand, ein Adjutant zum Generaliſſimus abgeſchickt, um ihn officiell zu be⸗ nachrichtigen. Auch dies machte keinen Eindruck, er ſetzte die Muſterung fort, und immer lauter ſchrieen die Soldaten: es lebe Skrzynecki! Die Deputation ſah ſich in der bedenklichſten Lage. —— —— 231 Indeſſen, Skrzynecki war weder der dreiſte noch der ſchöpferiſche Mann, ſich außer den vorgezeich⸗ neten Kreiſen weiter zu bewegen; nach einer kurzen Weile brach er die Muſterung ab und begrüßte die Deputirten, ſeinen Aerger in die begrüßenden Worte ſchiebend: Ich hoffe, die Herren ſind da, um den Feind ſchlagen zu helfen. Man verlangte einen Ort, um dem Generaliſſi⸗ mus die Mittheilungen vom Reichstage vorzutragen, und eine Berathung zu eröffnen. Es ward eine Scheune des Hofes eingerichtet, wo das Hauptquar⸗ tier war. Er ging, die Deputation ließ ſich dort nieder, und beſchied ihn kurze Zeit darauf vor ihr Forum. Die große ſtattliche Figur erſchien nach dieſem kleinen Zwiſchenraume beſcheiden und ſanft, und mit der Erklärung, ſich dem Reichstage in Allem zu unterwerfen. Er ward befragt, warum er keine Schlacht liefere — ſeine Antwort brachte mehr Betheuerungen, daß er ein guter Patriot ſei, als Gründe. In der jetzi⸗ gen Stellung, fügte er indeſſen hinzu, ſetze eine Schlacht Alles auf's Spiel; wolle man einen andern 232 Führer an die Spitze ſtellen, ſo werde er ihm folgen, ſelbſt als gemeiner Soldat unter ihm dienen. Die Deputation, wohl einſehend, daß hier der Edelmuth nicht ausreiche, ſondern die That erfordert werde, ließ einen Kriegsrath von allen bedeutenden Officieren für den Abend zuſammenberufen, und der fand ſich denn auch ein, zum eignen Schrecken der Geſandtſchaft. Gegen dreihundert Officiere, die natürlich ſehr verſchiedener Meinung waren, erfüll⸗ ten klirrend und lärmend, ſtreitend und rufend den Hof vor der Scheune, die Einen lobten Skrzynecki, die Andern verwünſchten ihn, noch Andere ſchworen, nun ſei endlich der höchſte Moment da, alles Ariſto⸗ kratiſche niederzumachen, was den Aufſtand und Krieg ſo lange gelähmt habe. Dazu ſchickte Ramo⸗ rino von den Vorpoſten die Kunde, der Feind greife an; ein kleines Flüßchen nämlich trennte nur die ruſſiſche Armee von der alſo aufgelöſ'ten polniſchen. Und über alle dem lag ein weicher, ſchmeichelnder Auguſtabend, und einzelne Sterne lächelten herunter in das wilde Menſchengetreibe. Skrzynecki ließ ſagen, man ſolle die Officiere abfertigen, damit ſie auf ihre Poſten kämen. Die 233 Geſandtſchaft war in der größten Verlegenheit, weil jeder Einzelne befragt werden ſollte; da kam endlich Ramorino ſelbſt mit der Nachricht, der Angriff ſei wieder eingeſtellt. So begann denn nun dennoch das aller Kriegs⸗ form unerhörte Verfahren: jedem Einzelnen ward Geheimhaltung ſeiner Ausſage zugeſichert, und jeder einzelne Officier gab ſeine Meinung über den Krieg ab und über den Feldherrn. Das Reſultat war: eine Schlacht bei Bolimow iſt nicht rathſam, Skrzynecki aber hat das Vertrauen der Armee verloren, ein neuer Generaliſſimus iſt nöthig. Es begann die ſchwierige Wahl, und daß ſie nicht genügend erledigt werden konnte, war zunächſt der neue Untergang Polens. Nämlich ein über⸗ wiegendes Talent war nicht da, was zu gleicher Zeit eine überwiegende Perſönlichkeit mitgebracht hätte, wie dies in ſo aufgelöſ'ten Zuſtänden unerläßlich war. Prondzynski wurde das Talent zugetraut, aber er ſelbſt traute ſich die Perſönlichkeit nicht zu, hatte ſie alſo nicht. Eine neue Figur war übrig, von der Viele noch Außerordentliches erwarteten, das 234 war der Reitergeneral Dembinski. Er hatte unter den gefährlichſten Schwierigkeiten und Hinderniſſen einen Theil des litthauiſchen Expeditionsheeres durch die Feinde hindurch zurück geführt, und während die oberen Führer Gielgud und Chlapowski mit ihren Heeresabtheilungen nach Preußen übergetreten waren und die Waffen geſtreckt hatten, brachte er ſein Kommando beutebeladen durch alle Feindesſchaa⸗ ren, und erſchien plötzlich, verwildert, mit langem Knebelbarte, aſiatiſchen Anſtrichs, an der Spitze ſeiner Reiter, am Thore von Warſchau. Dies hatte ein großes, lebhaftes Intereſſe aufgeweckt, fabelhaft ritterlich, mährchenhaft glücklich und tapfer erſchien zu jener Zeit, wo der Krieg nur Rückzüge und Rückzüge darbot, der halb tartariſch einreitende Dem⸗ binski. Große Erwartungen knüpften ſich an dieſen Eindruck; aus den übrigen Kandidaten, welche Stim⸗ men erhielten, aus Uminski, Lubienski, Bem, Malachowski ward Dembinski zum Generaliſſimus gewählt, man ſchickte nach Warſchau, wo er als Gouverneur wirkte, um ihn zur Armee zu holen. Aber auch Dembinski war nicht der Mann, welchen man brauchte; ſein Weſen, angefüllt mit Tapferkeit, raſcher, gewandter Kühnheit eines Rei⸗ terführers, mit ſchnell erregter Heftigkeit, beſaß noch nicht jene durchgeſchüttelte, in ſich ruhende, mit den täglichen Leidenſchaften fertige Solidität, welche man Charakter und Aplomb nennt, und welche vor allem Andern in jetziger Lage erforder⸗ lich war. Noch ehe er ankam, murrte es in der Armee umher, als ob ein Sturm losbrechen ſollte. In⸗ fanterieregimenter ſchüttelten die Waffen, ſie woll⸗ ten keinen Reitergeneral, Anhänger Skrzynecki's erhoben ihre Stimmen, Deputationen der Offiziere drängten ſich an die Reichstags⸗Deputation, die Ruſſen griffen die Vorpoſten an, es war ein ver⸗ worrenes böſes Weſen. Am elften erſchien Dembinski, ſchalt die Depu⸗ tirten, daß ſie ſich als Civilgewalt ſo ausführlich in den Krieg miſchten, wollte nur interimiſtiſch auf ſechzig Stunden annehmen, ergab ſich dem Patro⸗ nate Skrzynecki's, der ihn der Armee vorſtellte — dieſer Antritt in all ſeinen Theilen mißfiel der Regierung, Dembinski ward nicht beſtätigt, die Armee zog ſich gegen die Verſchanzungen von War⸗ 6 236 ſchau zurück, in die Poſition von Utrata. Dieſer neue Rückzug flog wie ein Klageſchrei durch War⸗ ſchau und gab den äußeren Stoß für die Aufruhr⸗ ſcene, welche nun mit dem 15. Auguſt ausbrach. An der Spitze ſtand Krukowiecki, welcher ſich der Volkspartei und der Klubs bemächtigte, um die ariſtokratiſche Partei zu ſtürzen, und ſelbſt an die Spitze zu kommen. Während des Aufſtandes erklärte er ſich zum Gouverneur der Stadt, und war an allen Orten und Enden, der Regierung immer neue Gefahren meldend, den Aufruhr ſelbſt in aller Weiſe bis zu einem gewiſſen Höhepunkte fördernd.. So waren die Zuſtände am Abende des 15. Auguſt, wo Valerius nahe daran war, aufgehängt zu werden: in der Stadt war leiſe, aber ſicher alle Gewalt in die langen Finger Krukowiecki's geſchlüpft; die ohnmächtige Regierung, in welcher nur Lelevel zur Aufruhrpartei gehörte, hielt er durch immer neue Schreckbilder im Schach, die Volkspartei ermahnte er, nach einer gewiſſen Ordnung zu henken. 2 ——;:— 237 Zu gleicher Zeit war die Armee ohne Führer, Dembinski's Termin war in wenig Stunden abge⸗ laufen, neue Deputirte kamen denſelben Abend in das neue Lager, um für jeden Preis einen Gene⸗ raliſſimus zu wählen. Skrzynecki, welcher durch⸗ aus Dembinski wollte, weil ſich ihm dieſer ſo erge⸗ ben bewies, trat ihnen mit der ſpöttiſchen Frage entgegen: Wen wollt Ihr denn jetzt in Warſchau? des Sultans Bart, oder Barbara Radzivillowna? Keiner von den übrigen Generalen wollte an⸗ nehmen, der allgemein verehrte Fürſt Czartoryscki kam verhängten Zügels in's Lager geſprengt, um Schutz zu ſuchen, die Aufrührer waren an der Bar⸗ rière ſeinem Pferde in den Zügel gefallen, er hatte ſich durch einen Piſtolenſchuß befreien müſſen, die Lage war entſetzlich, wenn Paskewitſch Kunde erhielt und mit aller Gewalt angriff. Die Deputirten zwingen jetzt Prondzynski, den Oberbefehl anzunehmen, man ſchildert ihm den Zu⸗ ſtand der Hauptſtadt, wo die Regierung im Begriff iſt, dem allmächtig gewordenen Krukowiecki auch formell das Feld zu räumen und niederzulegen. Er nimmt ebenfalls nur interimiſtiſch an, und erklärt, 238 Krukowiecki ſprechen zu müſſen, und reitet nach Warſchau. Jetzt erheben ſich wieder Skrzynecki und Dembinski: Warſchau, heißt es, müſſe gebändigt werden, ein militairiſcher Diktator ſei nöthig. Die Armee wird von Utrata noch weiter zurück bis in die Verſchanzungen der Hauptſtadt geführt, und den Truppen in einem Tagesbefehle angezeigt, die Ruſſen hätten einen Aufruhr in Warſchau ange⸗ richtet. Unter dieſen ſich überſtürzenden Aufregun⸗ gen errichtet man ſogar in Eile Batterien gegen Warſchau. So ſteht's am 17. Auguſt. An der Spitze ſeiner Reiter und ſeines Generalſtabs reitet Dem⸗ böinski in die Stadt, vor den Pallaſt der Regie⸗ rung, um eine Diktatur in Beſchlag zu nehmen. Prondzynski hat bereits wieder niedergelegt, die Regierung thut desgleichen, Dembinski noch zum Generaliſſimus ernennend. Dieſer, nur halb entſchloſſen zu einem Aeußer⸗ ſten, eilt in den Sälen des Pallaſtes hin und her, bald dieſen anfahrend, bald jenen fragend. Kruko⸗ wiecki tritt ein, auf ihn ſtürzt er los: Ich bin gekommen, die Verbrecher vom 15. Auguſt zu ver⸗ ——— 239 haften, Sie ſelbſt ſind mir von Lelevel als Theil⸗ nehmer genannt— Krukowiecki erbleicht, ſein ganzes Werk ſteht auf dem Spiele, die Armee iſt da, und ſeine Macht kann in einem Nu entrückt ſein. Er giebt ſein Ehrenwort, mit dem patriotiſchen Klub nichts gemein zu haben, Dembinski läßt ſogleich die Häup⸗ ter deſſelben und Anführer des Aufſtandes verhaften. Unterdeſſen verſammeln ſich die Landboten, der Moment kommt, wenn ſich Dembinski zum Dik⸗ tator machen will; er ſchwankt hin und her; ſein Vorſatz kommt zur Kenntniß des Marſchalls Oſtrowski, und dieſer ruft laut: Wenn Dembinski erſcheint, ſo verweigere ich ihm das Wort. Man überbringt Dembinski eiligſt dieſe Aeuße⸗. rung, er erſchrickt, giebt ſein Unternehmen auf, und da er doch Generaliſſimus iſt, rückt er hinaus in's Lager. So war das Feld wieder frei für Krukowiecki: immer längere Liſten von ſolchen, welche das Volk ermorden wolle, überbrachte er dem Reichstage, ließ das Schloß mit Truppen und Kanonen um⸗ ringen, als ſei die größte Gefahr vorhanden, und 240 ward dann auch wirklich unter dieſen Schreckens⸗ umſtänden, die er allein zu bändigen ſchien, zum Präſidenten der neuen Regierung ernannt. Jede Partei glaubte ſich Glück wünſchen zu können: die ausſchweifendſten Demagogen wurden beſtraft, die tüchtigſten aus der Volkspartei, wie Xaver Bronikowski wurden angeſtellt, den Doktri⸗ närs ward dadurch genügt, daß Bonaventura Nio⸗ mojowski Vicepräſident wurde, die Ariſtokraten fanden ihre Stellen im diplomatiſchen Kreiſe, ein paar Soldaten und gemeine Leute, welche man bei den Mordſcenen ergriffen hatte, wurden erſchoſ⸗ ſen; der neue Regent war von unermeßlicher Thä⸗ tigkeit, man fühlte ſu, onſequent und durchgreifend regiert, Alles pries den Retter aus ſo großer Un⸗ ruhe und Unordnung, den alten Krukowiecki. Valerius, der an jenem Abende den Slodezek wirklich gerettet hatte, ging jetzt lebhaft mit dem Entſchluſſe um, wieder in die fechtenden Reihen einzutreten, obwohl ſein Antheil an allen dieſen Dingen völlig erſtorben war. Es graute ihm vor dieſen revolutionären Zuſtänden, die ihm mit aller Gräßlichkeit, mit ihrem enſetzlichen Zufalle ſo nahe —; 241 getreten waren, ein ganzes hiſtoriſches Verhältniß war ihm unheimlich, wo in keiner Weiſe ein ge⸗ ſichert Allgemeines feſtgeſtellt werden konnte, aber er hielt es für ſchicklich, jetzt nicht abzuſtehen, wo die Gefahr auf's Höchſte geſtiegen war. Eine Rückkehr nach Teutſchland war in dieſem Augenblicke auch nicht möglich, die Ruſſen hatten eine Meile von Warſchau den ganzen Kreis des linken Weichſelufers beſetzt; ſogar das Rüdiger'ſche Corps hatte ſich von Süden herauf mit der großen Armee vereinigt, vor Teutſchland lag die Mauer einer Armee. Im Begriff nach Wo nauszugehn, ſchritt er trübe und düſter über den ſächſiſchen Platz, das ganze Leben ſah ihm zugemauert und verloren aus, da kam Caſimir geritten, der eine Botſchaft von der Armee an den Präſidenten gebracht hatte. Er war ſehr niedergeſchlagen, und rieth Valerius durch⸗ aus ab, noch einmal die Waffen zu ergreifen für eine völlig verlorne Sache— In dieſem Augenblicke fuhr der Präſident Kru⸗ kowiecki mit Stanislaus und deſſen Vater vor⸗ über. IV. 11 242 Sehen Sie, ſprach Caſimir, dieſe unnatürlichen Verhältniſſe: der alte Graf haßt Krukowiecki wie die Peſt, da fährt er freundſchaftlich mit ihm hin. Nein, nein, glauben Sie das nicht, hoffen Sie nichts von dieſer blendenden Energie, dieſe War⸗ ſchauer Polen ſind bis in die innerſte Seele eitel und egoiſtiſch, dieſer Krukowiecki iſt der Egoismus ſelber, ich fürchte das Schlimmſte. Kommen Sie mit, ich will mein Pferd einſtellen, und einen Schlupfwinkel ſuchen. Helfen Sie mir; ich ver⸗ traue Ihnen rückſichtslos. Heut Abend kommt Dem⸗ binski, der jetzige Generaliſſimus mit Skrzynecki in die Stadt herein, Skrzynecki iſt ſeines Lebens nicht mehr ſicher vor ſeinem Todfeinde, dem alten Grauen. Krukowiecki verlangt heute ſeine augenblickliche Ent⸗ fernung von der Armee, morgen, übermorgen wird er auch Dembinski abſetzen. Sie ſuchten eine Wohnung für Skrzynecki. Des Abends kam wirklich ein Wagen vor den Regie⸗ rungspallaſt gefahren, in welchem zwei Offiziere ſaßen. Der eine ſtieg aus, um den Präſidenten der polniſchen Regierung zu ſprechen, heftiger Groll lag auf dem Antlitze, und raſchen Schrittes eilte er 243 über den Hof— es war Dembinski. Der andere Offizier, in einen Mantel gehüllt, fuhr weiter; in einer dunkeln Straße ſtieg er aus, Caſimir und Valerius traten zu ihm, gingen ſchweigend noch durch einige kleine Straßen, und traten in ein Haus.. Der Mann, welcher ſich jetzt in Warſchau ver⸗ bergen mußte, war derſelbe, welcher noch vor wenig Tagen an der Spitze des polniſchen Heeres geſtan⸗ den hatte, war Skrzynecki. Seufzend warf er ſich im Zimmer auf einen Seſſel; der lange, blaſſe, intereſſante Mann nahm ſeine Brille ab, und be⸗ deckte die Augen mit der Hand. Die Situation ſchnitt Valerius durch das Herz, wie zermalmender Sturm erſchien ihm eine Zeit, die aus dem Gleiſe gerückt iſt. Wenn Dembhinski heftig iſt gegen den glückli⸗ chen Intriguanten, ſo wird er morgen des Gene⸗ raliſſimates entſetzt ſein, dieſer Krukowiecki iſt unſer Saturn, ein heidniſcher Dämon, der ſeine Kinder frißt.— — Der nächſte Tag ſah die Erfüllung dieſes Wortes, Dembinski ward abgeſetzt, Valerius und 244 Caſimir brachten dem zerbrochenen Krieger die Nach⸗ richt, und man berathſchlagte eifrig über Mittel und Möglichkeit, daß Skrzynecki nach Krackau ge⸗ lange; Krukowiecki hatte überall ſeine Spione, es war die größte Gefahr zu beſorgen. Darüber brach der Abend ein, man hatte ſich über die Abreiſe zum nächſten Abend vereinigt, die drei Männer ſaßen ſchweigend im Dunkeln. Da polterte ein ſchwerer, beſpornter Fuß die Treppe heranf, die Thür ward ohne Weiteres auf⸗ geriſſen, ein großer breiter Mann trat auf die Schwelle und blieb dort ſchweigend ſtehen; die Thür blieb offen. Hinter ihm kam ein Soldat mit einer Laterne, er trat neben jenen, das Licht beleuchtete die Gruppe— Krukowiecki! riefen gleichzeitig die drei Männer, und ſprangen von den Stühlen auf— Ja wohl, Krukowiecki, ſprach Jener. General Skrzynecki ſchlägt wohl die Ruſſen hier ganz in der Stille? Skrzynecki hatte ſeine volle vornehme Faſſung, und verhielt ſich mit untergeſchlagenen Armen völ⸗ lig ſchweigend. Die beiden großen Figuren in ſol⸗ cher Stimmung und Situation einander gegenüber, der leuchtende Soldat daneben, in welchem Valerius Slodczek erkannte, die beiden erſchreckten Männer Caſimir und Valerius, bildeten eine merkwürdige Gruppe. Sie, junger Mann aus Teutſchland, ſprach Krukowiecki zu Valerius, ſind auch eine der ver⸗ dächtigſten Perſonen, die ihren Lohn finden wird — General Skrzynecki, Befreier Polens, ich be⸗ fehle Ihnen, Sie das letzte Mal geſehen zu haben, Sie gehören weder zur Armee, noch nach Warſchau. „General Krukowiecki“ erwiderte der abgeſetzte Generaliſſimus,„der Sie unſere Revolution ent⸗ würdigen, gebe Gott zum Heil meines Vaterlandes, daß ſie nicht der ſind, für den ich Sie halte!“ Sie haben ausgeſpielt, Skrzynecki, erwiderte dieſer heftig, und Ihr Geſchwätz ſoll auch ein Ende nehmen. Damit verſchwand er. Die drei Männer waren wieder im Dunkeln, und gingen augenblicklich daran, andere Maaßregeln für ihre Sicherheit zu treffen. — 31. Serzynecki war auf dem Wege nach Krakau; Ca⸗ ſimir und Valerius ritten durch die Barriére nach Wola, um ſich in die Armee zu retten. Es war eine mondhelle Nacht, und ſie konnten nur langſam vorwärts, weil ein ganzes Armeekorps vom Lager aus durch Warſchau marſchirte, um über die Brücke von Praga auf's jenſeitige Weichſelufer zu rücken und einen Streifzug zu unternehmen. Es war eine Heeresabtheilung von mehreren zwanzigtauſend Mann, welche unter Ramorino und Lubienski den Zugang von Praga ſäubern, und der dieſſeitigen Armee, welche auf eine Quadratmeile eingeengt war, Lebens⸗ mittel verſchaffen ſollte. Valerius war ſtarr und öde, und ſah mit Ver⸗ zweiflung auf die Stadt zurück, welche unter Nacht und Mondſchein hinter ihm lag. Für all ſeine 247 uneigennützige, enthuſiaſtiſche Theilnahme an Be⸗ freiung der Nation, welche in dieſer Stadt verkör⸗ pert war, mußte er jetzt wie ein Dieb in der Nacht entweichen, und unter den Kugeln der Ruſſen eine Freiſtatt ſuchen. Alle ſeine Anknüpfungen hinter jenen Mauern ſahen ihm trübſelig nach: er wußte nicht einmal, ob Conſtantie noch dort wohne, das Weib, was in einem ſo ſtürmiſchen Rauſche an ſeiner Bruſt gelegen hatte; auch Joels Schickſal war ihm unbekannt; die liebliche Hedwig hatte er nur in jenem entſetzlichen Momente wiedergeſehn, das ganze Leben grinſ'te ihn an wie ein poſſenhaftes Trauerſpiel. Dazu dieſer erſchreckende Leichtſinn des vorüberziehenden Heeres, Lärm und Jubel deſſelben in der warmen Sommernacht, und ſie ziehen viel⸗ leicht dahin, ſagte Caſimir, und ſehen dies vergöt⸗ terte Warſchau nicht wieder; Paskiewitſch weiß vor⸗ trefflich, wie es unter uns hergeht, er hat ſeine ganze Macht beiſammen, und iſt ein entſchloſſener, tapferer Feldherr, der mit Energie das Aeußerſte daran ſetzt— Gott ſchütze das arme Polen! 4 Auf Wiederſehn! Auf Wiederſehn! riefen die Kriegskameraden, welche vorüberzogen und im Mond⸗ 248 ſcheine Caſimir oder Valerins erkannten. Auch Stanislaus war unter den Marſchirenden, aber er ritt ohne Gruß dicht an dem Teutſchen vorbei. Jener Expedition Ramorino's ſchloß ſich über⸗ haupt der Kern der ariſtokratiſchen Partei an, die ſich in einem unſichern Verhältniſſe zu Krukowiecki fühlte. Dieſer merkwürdige Mann war nun jetzt im ganzen Umfange des Wortes Diktator, obwohl er den Titel nicht hatte: Das Generaliſſimat war dem 75jährigen Malachowski aufgenöthigt worden, damit die Armee für alle Pläne verfügbar bliebz die Gouver⸗ neurſchaft von Warſchau hatte General Chrzanowski, ein Officier, welcher den Patrioten höchſt verdächtig war, und ſchon lange von Unterhandlungen mit den Ruſſen geſprochen hatte; vom Oherbefehl über die Nationalgarde war der hochgeachtete Anton Oſtrowski entfernt; Krukowiecki ließ ſeine eigne Wohnung von einem Chaſſeurregimente bewachen. Die Demokraten nämlich geriethen jetzt in die Furcht, von ihm be⸗ trogen zu ſein, und organiſirten eine Verſchwörung. Sie ward entdeckt— in dieſen aufgelöſ'ten Zuſtand kamen nun die Parlamentairs von Paskiewitſch, welche Unterhandlungen eröffneten. — 249 So ſtand es, als Valerius am Vormittage des fünften Septembers den General Prondzynski an ſich vorüberſprengen und über die polniſchen Vor⸗ poſten hinaus eilen ſah; vor ihm ritt ein Parlamen⸗ tair, neben ihm Peter Wyſocki, jetzt Obriſt⸗Lieute⸗ nant, welcher ein Hauptführer der Fähndriche beim Ausbruch der Revolution geweſen war. Als ſie nach mehreren Stunden erſt zurückkehrten, erzählte Wyſocki zu großer Beſtürzung, daß Prondzynski eine Stunde lang geheim mit dem ruſſiſchen Generale Dannen⸗ berg in Unterredung geblieben und ganz verwandelt, höchſt beſtürzt zurückgekommen ſei. So war man denn auch über dieſen wichtigſten Heerführer in Un⸗ ruhe verſetzt, wenn auch nicht an einen Verrath von ſeiner Seite geglaubt wurde; vielleicht waren ihm im Eifer Andeutungen entſchlüpft über die ferne Abweſenheit des Ramorino'ſchen Corps, über die Regierung, kurz, den Morgen darauf, als Valerius ſich eben gegen 5 Uhr von ſeiner harten Lagerſtatt am Erdboden erhob, donnerte ein Kanonenſchuß vom ruſſiſchen Heere herüber, es folgte ein zweiter, und als ob Luft und Erde in Donner aufgelöſ't würden, ein Schlag von hundert Kanonen, die wie ein Hagel⸗ 11* ——— wetter links und rechts neben ihm in die polniſchen Verſchanzungen einſchlugen, ſchwarze Kolonnen, die Blitz auf Blitz vor ſich hertrugen, kamen über die Ebene daher auf die Poſition von Wola los, welche die ſtärkſte der Warſchauer Verſchanzungen war. Paskiewitſch begann den Sturm; in dem Augen⸗ blicke war der Oberbefehlshaber Malachowski gar nicht zugegen, General Bem, welcher ſämmtliche Artillerie befehligte, ſtand ruhig auf dem Obſerva⸗ torium in Warſchau uund hielt den Angriff auf das feſte Wola für einen Scheinangriff, viele Werke waren von Soldaten entblößt, weil die 20,000 Mann von Ramorino fehlten, die zum Theil juſt nach Wola gehörten, nur Uminski, unter welchem auch Valerius jetzt focht, war auf ſeinem Poſten und des Aeußerſten gewärtig. Der größte Theil von der Armee, ganz Warſchau dachte nicht daran, daß in den nächſten 48 Stunden eine Totalentſcheidung des ganzen Krieges vor ſich gehe, juſt dies Verhüllte, Unerkannte des Aeußerſten war ein ſo überaus tra⸗ giſches Moment. Zwei Stunden Zeit koſtet's die Ruſſen, zwei kleine, vereinzelte Vorwerke zu nehmen, aber ſie ———ÿ 251 bieten, von der kräftigſten Energie ihres Feldherrn Paskiewitſch gedrängt, einen unabläſſigen maſſen⸗ haften Angriff der verzweiflungsvollen Wehr von Seiten der Polen; nach ſieben Uhr ſtürzen ſie zum Sturm auf Wola, nach einem entſetzlichen Gemetzel iſt es gegen neien Uhr genommen; Wyſocki, der es mit vertheidigt, in den Händen der Ruſſen— es tritt eine Todtenſtille auf dem Felde ein, kein Schuß fällt mehr; Krukowiecki erſcheint, um zu ſehen, was vorgefallen ſei. Als nun die Ruſſen zu weiterem und breiterem Angriffe vorrückten, fanden ſie geordneten Widerſtand von Bem und Uminski; Nachmittags um drei Uhr beginnen die Polen ſelbſt den Angriff, um Wola wieder zu erobern. Hier gab es nun eine Stunde lang das mörderiſchſte Gefecht des ganzen Krieges; Paskiewitſch drängte mit koncentrirteſter Tapferkeit und Kraft Alles auf Wola zuſammen. Um vier Uhr mußten die Polen auf das nächſte Hauptwerk Czyſti zurückweichen und Wola aufgeben; um fünf Uhr ſchwieg erſchöpft Alles; die Ruſſen befeſtig⸗ ten Wola. 252 Dies war der erſte Tag des Sturms. Warſchau hatte in dem Halbkreiſe, welchen es dieſſeits der Weichſel nach der weſtlichen Ebene ausdehnt, drei Vertheidigungslinien; dieſer Tag hatte den feſteſten Theil der erſten Linie gekoſtet, der übrige Kreis der⸗ ſelben war noch von Polen beſetzt, die zweite und dritte Linie unberührt; man hoffte jede Stunde auf Ramorino's Ankunft, man dachte nicht an ein Ende. Aber Krukowiecki dachte daran, Chrzanowski, der Gouverneur von Warſchau, der Alles zu ver⸗ haften befahl, was in der Stadt die Waffen erhebe, Prondzyuski, der muthlos war. Krukowiecki ließ in die Stadt hinein ſagen, Alles ſei verloren, man möge ihn zu Unterhandlungen bevollmächtigen. Er erhält vorläufige Erlaubniß, man denkt, er wolle Zeit gewinnen; aber die Armee er⸗ hält keine Befehle für den nächſten Tag, noch be⸗ ordert er Wagen, welche man vorſchlägt, um dem Ramorino'ſchen Corps die Ankunft zu beſchleunigen; gegen Mitternacht beruft er Prondzynski. Er ſoll neue Unterhandlungen anknüpfen, und erhält von Krukowiecki die geheime Weiſung, Rückkehr unter ruſſiſche Herrſchaft ſei die Grundlage. Um drei Uhr 253 des Morgens reitet Prondzynski nach Wola; Feld⸗ marſchall Paskiewitſch empfängt ihn barſch in Gegen⸗ wart des Großfürſten Michael und des General Toll, der Großfürſt aber vermittelt, es ſoll bis neun Uhr Waffenſtillſtand ſein, Präſident Krukowiecki ſolle ſelbſt zur Unterhandlung nach Wola kommen. Nach acht Uhr des Morgens am 7. September ritten alſo Krukowiecki und Prondzynski mit dem ruſſiſchen Parlamentair, General Dannenberg nach Wola; Paskiewitſch empfing ſie von einem glänzen⸗ den Generalſtabe umgeben, und man ging in's kleine Wirthshaus von Wola, um zu unterhandeln. Das wichtige Verhältniß wurde dadurch einge⸗ leitet, daß der ruſſiſche Feldmarſchall den polniſchen Präſidenten hart und rauh anging, wie den Vertreter einer bereits ganz verlornen Sache, und daß Kruko⸗ wiecki ſich nun ebenfalls zornig in die Bruſt warf, und aufzählte, was Alles für Hilfsmittel den Polen noch zu Dienſt wären. Der Großfürſt Michael ver⸗ mittelte hierbei ebenfalls; Paskiewitſch verlangte un⸗ bedingte Unterwerfung und Räumung von Warſchau, Krukowiecki erklärte ſeinen Beitritt, fügte aber hinzu, daß die Zuſtimmung des Reichstags nöthig ſei, daß dieſe indeſſen erfolgen werde. Bis ſie verſchafft ſei, bis Nachmittag zwei Uhr, ſolle der Wafefenſtillſtand ausgedehnt werden. Zwiſchen den ruſſiſchen Zurüſtungen zu einem neuen Sturme ritten die beiden Polen zurück, und zwar einen andern Weg als ſie gekommen waren. Dies rettete Krukowiecki das Leben: an dem Wege, den er des Morgens genommen, harrte ſeiner der Tod, die Demokraten, welchen er jetzt ein Entſetzen geworden, lauerten ihm auf. Warſchau war unterdeſſen in der wunderlichſten Unruhe und Ungewißheit: Niemand dachte an eine ſo nahe Endkataſtrophe, und doch fühlte man ſich unter dem peinigenden Drucke einer Gefahr drohen⸗ den Luft, man fragte ſich: was iſt? was geſchieht? Warum ſchweigen die Kanonen? Siegen wir? War⸗ um iſt der Präſident bei den Ruſſen? Nur die höher Geſtellten ſahen den Abgrund, an welchen ſie geführt waren, ohne doch auch genau zu wiſſen, wie tief er ſei, ob ein Sprung retten könne; der Vicepräſident, welchem vor den unheim⸗ lichen Schritten Krukowiecki's graute, legte ſeine Stelle nieder, ihm folgten die meiſten Miniſter, „ . — 255 dennoch fürchtete noch Niemand das Entſetliichſte, was bereits neben ihnen ſtand. Es iſt Vormittags zehn Uhr, der Reichstag verſammelt ſich, Krukowiecki und Prondzynski kom⸗ men an; wie ſoll die Forderung des ruſſiſchen Feld⸗ marſchalls, welche die ganze jetzige Exiſtenz ver⸗ nichtet, den Deputirten vorgetragen werden? Prond⸗ zynski wird hineingeſchickt, er ſoll als betrauter Officier den rettungsloſen Waffenzuſtand ſchildern. Erhitzt, fieberiſch bewegt von den Eindrücken, die ihn ſchleudern, tritt er ein, und bittet um eine geheime Sitzung. Man ſchließt die Thüren, räumt die Gallerien, Prondzynski gibt eine hinreißende Schilderung, daß Warſchau kaum noch eine Stunde zu halten ſei, daß der Feldmarſchall den Wiener Traktat, vollſtändige Amneſtie, Preßfreiheit, Freiheit von ruſſiſcher Beſatzung biete— ein Theil des Reichstags iſt erſchüttert, da erhebt ſich der Land⸗ bote Worcell, und ruft, man ſolle ſich vertagen, und niemals einen ſolchen Vertrag beſtätigen, es erhebt ſich der Landbote Jelowicki und erklärt, jene Darſtellung ſei lügneriſch übertrieben, General Bem habe verſichert, die Stadt könne ſich noch vierund⸗ 256 zwanzig Stunden halten, unterdeß ſei Ramorino da, Paskiewitſch habe bereits ſo viel Munition ver⸗ ſchoſſen, als Napoleon zu ſeinem ganzen Zuge bis Moskau mitgenommen, er müſſe in Kurzem er⸗ ſchöpft ſein.— Herrn Landboten! beginnt Prondzynski auf's Neue— Bonaventura Niemojovski verbietet ihm das Wort und ermahnt die Verſammlung, ſtand⸗ haft zu ſein, ſich nicht einſchüchtern zu laſſen. Es iſt ein Uhr. Prondzynski zieht einmal um das andere ſeine Uhr heraus und ruft: Meine Herrn, entſcheiden Sie ſich, es ſind nur noch wenig Minuten übrig, der Sturm beginnt von Neuem, die Ruſſen dringen in die Thore. Laſſet die Sturmglocken läuten, ruft Anton Oſtrowski, Alles mit Waffen hinaus treiben gegen den Feind! Auf der Stelle, ſtimmt Nakwaski bei, und der Biſchof mit dem heiligen Kreuz ſoll vorangehn. Wählt Niemojowski zum Präſidenten! Nein, fragt Krukowiecki! Keine Volksbewaffnung, ſie erwürgt auch uns. 257 Da dröhnten die Fenſter von dem Schlage, welchen zweihundert Kanonen donnerten, Paskie⸗ witſch begann den neuen Sturm. Erwählt den Kaiſer von Rußland zum König von Polen, wenn Polen ganz Polen bleibt, rufen fünf bis ſechs Stimmen, darunter Lelewel's, Oſtrowski's. Erwartet das Aergſte auf dieſen Stühlen, wie römiſche Senatoren, ruft Szaniecki; zwingt den ent⸗ muthigten Prondzynski, der unſer huſer General iſt, an die Spitze der Truppen zu eilen! Ja, ja! ſo ſei's! ruft Alles, Prondzynski entweicht. Oeffnet die Thüren, ruft der Reichstagsmar⸗ ſchall, verhandelt das Eigenthumsrecht der Bauern! So ſoll uns der Feind finden.— Aus dieſer Zerfahrenheit, wo ſtolze Phraſen, einzelne Kühnheit, aber nirgends eine gefaßte, durch⸗ dringende Energie, nirgends überwältigende, herr⸗ ſchende Perſönlichkeiten und Entſchlüſſe zu finden waren, aus dieſer Verſammlung, welche von den Ereigniſſen überflügelt war, ließ ſich keine Rettung erwarten. Und dieſe Verſammlung war das einzig noch geachtete mächtige Inſtitut der ganzen Revolu⸗ 258 tion. Prondzynski mochte übertreiben, aber er that es ſicher nicht ſo lügneriſch, als man ihm vorwirft, Paskiewitſch hatte wirklich große Wahrſcheinlichkeit des Gelingens für ſich, da die Dinge einmal ſo weit getrieben waren, und er eine unumſchränkte Entſchloſſenheit für ſich hatte. Der Hauptſturm war dieſen Tag auf den Mit⸗ teipunkt der polniſchen Poſition, auf Czyſti gerich⸗ tet, was mit zweihundert Kanonen verheerend an⸗ gegriffen wurde. Auf der Uminskiſchen Linie, wo ebenfalls ſtürmiſch vorgedrungen ward, gelang der ruſſiſche Angriff nicht, ſondern ward zurückgeworfen, aber Czyſti wurde bald ſo weit demontirt, daß es ſturmesreif war; Paskiewitſch, der mitten im Feuer hielt, und ſeine Truppen unabläſſig vordrängte, mußte zwar perſönlich zurück, da eine Kugel ſeinen Kopf geſtreift und verwundet, General Toll indeſſen über⸗ nahm das Commando, und war eben im Begriff den Sturm zu beginnen. Da kam Prondzynski mitten durch das beiderſeitige Feuer geſprengt, und brachte die Nachricht, Krukowiecki ſei vom Reichs⸗ tage autoriſirt, zu unterhandeln. 259 General Berg wurde mit ihm zurückgeſendet; dieſer verlangt ſchriftliche Autoriſation vom Neichs⸗ tage, Krukowiecki hat eine ſolche nicht, und ſchickt dem Reichstage ſeine Entlaſſung. Sie wird ange⸗ nommen; der Sturm auf Czyſti beginnt, Prond⸗ zynski läßt ſich noch einmal von Krukowiecki in den Reichstag ſchicken, Niemojovski und der Marſchall erheben ſich gegen ihn, der Lärm beginnt von Neuem, er erhält aber doch die ſchriftliche Erlaubniß, mit Rückſicht auf den Geiſt der früheren Geſetze in Unter⸗ handlung zu treten. Raſch läßt nun Krukowiecki ſeine Abdankung wieder vom Tiſche nehmen, und ſendet Abends um ſechs den immer reitenden Prond⸗ zynski nochmals in's ruſſiſche Lager mit jener Be⸗ vollmächtigung und mit einem eignen Unterwerfungs⸗ briefe an den Kaiſer von Rußland. Unterdeſſen iſt Czyſti genommen, und die Ruſſen dringen durch dieſe eine Lücke in die Vorſtädte, die Uminskiſchen Linien, welche noch unverſehrt ſind, in der Flanke und im Rücken laſſend. Von hier aus greifen nun die Polen an, und es entſteht ein neues entſetzliches Gemetzel, die Nacht bricht ein, der Tod mäht wüſt, da fehlen plötzlich überall die 260 polniſchen Truppen, wie ſie von Malachowski und uUminski beordert waren; auf Krukowiecki's Befehl ſind ſie in die Stadt und bis nach Praga hinüber gezogen worden; Chrzanowski läßt Niemand über die Brücke von Praga flüchten, es iſt offenbar dar⸗ auf abgeſehn, Krukowiecki's Unterwerfung an die Ruſſen zu beſtätigen. Es herrſcht die troſtloſeſte Verwirrung, man rennt, man klagt, man ſchimpft, Truppen ziehen dazwiſchen; aus den Vorſtädten herein knattert das Gewehrfeuer, brauſ't das Kampfgetümmel— da bringt der Marſchall Oſtrowski noch einen kleinen Theil der Landboten im Pallaſte zuſammen, Kruko⸗ wiecki wird von ihnen abgeſetzt. Die beiden Oſtrowski unterzeichnen es, und tragen es ſelbſt zu ihm hin, viele Landboten folgen. Was wollen Sie? ſchreit er, und geräth in ſchäumende Wuth, als ihm die Abſetzung mitgetheilt wird— ſagt dem Großfürſten, daß er jetzt die Stadt beſchieße, ich nehme die Entlaſſung nicht an, holla, Ordonnanz, die Gitter vom Reichstagspallaſte ſollen geſchloſſen werden, ich will ſehen, ob der Reichstag meinen Vertrag ratificiren wird. 261 Aber dies war die letzte Wuth, er wartete ſelbſt die Rückkehr Prondzynski's nicht ab, ließ Alles im Stich und entwich über die Weichſelbrücke. Die Verwirrung war nun noch größer, als der ruſſiſche Parlamentair ankam, und nur mit Krukowiecki un⸗ terhandeln wollte; es war mitten in der Nacht, und man mußte Reiter abſchicken, um Krukowiecki zu⸗ rückzuholen. Am achten September endlich Vormittags gegen 12 Uhr ward eine militairiſche Kapitulation abge⸗ ſchloſſen, nach welcher Warſchau und Praga über⸗ geben wurden und die polniſche Armee mit ihren Effekten nach Plock abmarſchiren ſollte. Um dieſe Zeit ritt Valerius zum letzten Male durch die Straßen, am Hauſe des alten Grafen vor⸗ über, wo er mit Conſtantien glücklich geweſen war; ſie ſtand neben dem alten Herrn am Fenſter und ſah in das vorübertoſende militairiſche Getümmel, der Graf hatte ſeine ſonſtige ſtille Miene, und man konnte darauf leſen, daß er nicht flüchten, ſondern ſich mit den Ruſſen abfinden werde. Sie mochten Valerius in dem Wirrwarr nicht erkennen, aber es war dieſem ein ſchneidender Eindruck, der Fürſtin 262 Augen lächelnd auf dieſem Untergange ruhen zu ſehn. Biſt Du ein unbedeutender Geiſt, ſprach ſein Ge⸗ wiſſen, iſt ſie ein ſo überlegner? Oder giebt Geburt und Stellung auch in den wichtigſten Fragen ſo viel richtigere Einſicht? Sie hat es Dir voraus geſagt, daß es ſo kommen würde, Du haſt es jetzt zum Schrecken geſehn, was eine Macht, die in ſtrenges Verhältniß, in ſtrenge Einheit gefügt iſt, Ueber⸗ legenes leiſtet! Wie gewaltig und ganz iſt Dir in den letzten Tagen der ruſſiſche Feldherr entgegenge⸗ treten neben dieſen aufgelöſ'ten Revolutionszuſtänden! Hätte er nicht auch ſiegen müſſen, wenn nicht ge⸗ rade von den Krukowiecki und Chrzanowski hand⸗ thiert worden wäre? Täuſcht man ſich nicht eben weiter, wenn dieſer Untergang auf einzelne Perſön⸗ lichkeiten und Zufälligkeiten geſchoben wird? Was iſt alle Frage und Unterſuchung und Redensart im Staatsleben, was bleibt der ewige Mittelpunkt? Kraft und Macht— wo wohnt ſie in dieſer Ver⸗ worrenheit? Der Zug war juſt vor des Grafen Hoter in's Stocken gerathen, und Valerius mußte dort harren wie im Feuer einer Batterie. Auch Williams ſonſt ſo düſtres Angeſicht ſah er am Fenſter, und er glaubte die Schadenfreude darauf zu erkennen. Als er endlich bis an die Brücke gekommen war, fand er ein Drängen und ein Gewirr, daß er ſein Pferd auf die Seite ſchieben, und ſich ruhig im Warten beſcheiden mußte. In den Heereszug drängte ſich Alles, was bisher in Warſchau regiert oder mit⸗ geſprochen hatte, dieſer und jener, der bis daher ein vornehmer Mann geweſen war, trug ſein Bün⸗ del, ſein Käſtchen, was er eben zunächſt retten wollte; die ganze letzte Zeit gewann hier das Anſehn eines Mummenſchanzes, der plötzlich verboten wird, auf die enge Paſſage dieſer Brücke war mit einem Male Alles angewieſen, was bisher agirt hatte. Sieh da, auf einem kleinen Vorſprunge ſtand Leopold, und ſah neugierig dem Allen zu; Valerius rief ihn an; der Kleine bewies ſich auch hier wie immer redſelig und heiter—„es iſt ein hiſtoriſcher Moment, den muß ich mir betrachten, lieber Alter, ſieh, ſieh, wie das höchſt intereſſant ſich geſtaltet hat, ich hab' mir's gedacht, Lieber, es mußte ſo kommen, eine geſtorbene alte Geſchichte bleibt eine Leiche, man mag thun, was man will.“ 264 „Es war ein wunderlich ironiſcher Eindruck auf Valerius, daß ſelbſt dieſer kleine, leichtſinnige Fant ſich überlegen fühle, ihn gewiſſermaaßen beſchäme oder herausfordre. Er fragte ihn, ob er ſich denn nicht retten wolle, daß er hier im dünnen Leibrock mit dem Zuſchauen begnügt ſei? „Wovor mich retten? Ich bin ja kein Revolutio⸗ nair, bin ein neutrales Element; die zerſtörende Leidenſchaft der Menſchen, Du weißt es ja, iſt nie meine Sache geweſen, nur die gefällige— ſchau, ſchau, kennſt Du ihn noch von neulich, da ſah er anders aus— Krukowiecki, Krukowiecki! ſprach hie und da ein Vorüberziehender, aber man hatte in der allgemeinen Nothwendigkeit keinen Raum zu abſonderlicher Be⸗ achtung, auch nicht zu zorniger. Er hatte ſeinen Mantel umgeſchlagen, und ritt unter dem polniſchen Zuge, als wäre nichts Störendes zwiſchen ihm und ſeinen patriotiſchen Landsleuten vorgefallen. Valerius reichte Leopold die Hand, er wollte nun ebenfalls durchzukommen verſuchen— leb wohl, Gott weiß, wo wir uns wiederſehn! In Petersburg oder in Paris, Lieber. 265 In Petersburg! Hansnarr! Höre, Valerius, biſt Du vielleicht ſtark bei Kaſſe— Das Gewühl drängte den Befragten weiter, ein Wagen, der raſch vorwärts ſtrebte, nöthigte ihn zu großer Aufmerkſamkeit auf ſein Pferd— ach, Herr von Valerius! hörte er eine ſanfte Stimme rufen, ſie kam aus dem Wagen, und war Hedwigs, welche mit der ſteinalten Großmutter und dem Vater darin ſaß. Die arme Kleine hatte ein verſchwollen ge⸗ weintes Antlitz, und ſtreckte ihm die Hand entgegen. Bitte, begleiten Sie uns! bat ſie inſtändig. Wie freue ich mich in allem Elend, daß ich Sie gerettet ſehe!. Ihr Vater lag mehr als er ſaß todtenbleich im Wagen, nur die alte Gräfin ſaß kerzengerade, wie ſie immer geſeſſen hatte, und ſtarr und geiſterhaft ſah ihr todter Blick vor ſich hin. Jenſeits der Brücke hatte General Bem vierzig Kanonen auffahren laſſen, und ſie kamen eben dazu, als Krukowiecki die Weiſung erhielt, man werde auf ihn ſchießen, wenn er das rechte Weichſelufer betrete. Zuſammenfallend ſuchte der alte Intriguant 1v. 12 266 mühſam einen Weg nach Warſchau zurück, er war vernichtet. Valerius war übrigens nicht mit vielen Andern der Meinung, daß er offener Verrätherei anzuklagen ſei, er ſah jenes unglücklichſte Moment des polniſchen Nationalcharakters zum Aeußerſten in ihm wirkſam, welches den einzelnen perſönlichen Einfluß, den einzelnen perſönlichen Ehrgeiz ohne aufopfernde Rückſicht für das Ganze und Große um jeden Preis geltend macht. Wo dieſe Fähig⸗ keit der Entäußerung und Entſagung fehlt, glaubte Valerius jetzt mehr als je, da ſei auch keine Kultur, und, als Ergebniß derſelben, kein gedeihender Staat möglich. So ſtellte ſich ihm das polniſche Unglück als ein regelmäßiger Verlauf der ganzen polniſchen Geſchichte dar, in welcher niemals die einzelne Per⸗ ſon dem allgemeinen Bewußtſein einer allgemeinen Nothwendigkeit untergeordnet worden, in welcher das Opfer im feinſten Sinne des Wortes unbekannt geblieben ſei. In dieſer Weiſe habe auch Kruko⸗ wiecki blindlings hineingewirthſchaftet, und nur da⸗ für gearbeitet, bis zum letzten Augenblicke, ſelbſt als Ueberlieferer an den Feind, die Hauptperſon zu 267 bleiben; nebenher ſei er der geprieſene Patriot ge⸗ weſen, mehr aber Krukowiecki als Patriot. Sie waren im Freien, links nach der Straße von Plock zog das Heer, geradeaus vor ihnen lag der Weg nach Siedlce, die früher ſo wichtige große Chauſſee. Auf dieſer wollte die Familie weiter, um dann rechts durch die Wälder nach ihrem Gut zu gelangen, und dort ergeben die weitere Entwickelung des Drama's abzuwarten. Hedwig bat unter immer⸗ währenden Thränen, Valerius möge ſie begleiten; das kindliche Anſchmiegen rührte ihm die Seele; Florian, düſter und niedergeſchlagen, fand ſich mit einigen Bauern ein, um, wie er ſagte, die alte Gräfin in Sicherheit zu bringen; er antwortete dem fragenden Valerius, das Ramorinoſche Corps rücke durch die Wälder herauf, dem könne er ſich anſchlie⸗ ßen; der Graf ſprach nicht ein Wort, der Wagen rollte weiter; Valerius trabte halb unſchlüſſig hinter⸗ her, von der ſich zum Oeftern umſchauenden Hedwig wie gezogen. Er wußte es, wie gefährlich der Weg für ihn ſei mitten in das von Ruſſen überſchwemmte Land hinein. 268 Florian mit den Bauern war beritten, es ging raſch nach den Wäldern zu, in einiger Entfernung folgte ein einzelner Reiter. Auch Florian ſprach kein Wort, nur ſeine Hand⸗ bewegung drückte aus:„Alles iſt verloren,“ ein ein⸗ ziges Mal, als Valerius ſagte, es ſei ja nur Warſchau hin, erwiderte er: Warſchau iſt Alles, die großen Herrn haben ihr Spiel verloren, und wir kommen hinterdrein. Bei einbrechender Nacht vernahm man aus der Ferne jenes ruckweis murmelnde Geräuſch, welches den Anzug von Truppen bezeichnet; der Wagen hielt ſtill; Florian und die Bauern ritten auf Rekognos⸗ cirung aus; es war eine windige unfreundliche Nacht, der Hufſchlag des Reiters, welcher dem Zuge gefolgt war, näherte ſich raſch, hielt aber plötzlich ſtill, als er etwa auf zehn Schritt dem Wagen nahe gekom⸗ men war. Valerius ritt langſam und vorſichtig nach ihm hin, und erkannte— Joel. Florian brachte die Nachricht, es ſei ein Theil des Ramorinoſchen Corps, wahrſcheinlich deſſen Avant⸗ garde, man könne die Reiſe ruhig fortſetzen.— Dies 269 Corps war dadurch ſo verſpätet worden, daß es ſich mit Gefechten gegen den Feind zu tief eingelaſſen, und daß es mehrmals widerſprechende, mitunter ganz ſorglos klingende Nachrichten von Warſchau erhalten hatte. Es konnte wünſchenswerth ſein, Stanislaus dar⸗ unter ausfindig zu machen, damit ſich dieſer ſeiner Braut annehme, es ſprach aber Niemand davon, es war Nacht, und, wie immer bei ſolchem Begegnen, von großer Schwierigkeit, aus einem marſchirenden Heere den Einzelnen auszufinden. Um einen unge⸗ nirten Fahrweg zu gewinnen, bog man auf Neben⸗ wege ab, die Nacht war bald wieder ſtill und todt um die Reiſenden, und Valerius, den eine ſchwere Bangigkeit überfiel, tiefer in das verlorne Land hin⸗ ein zu reiten, fand es nun doch gerathener, einen Rückweg zu ſuchen, welcher ihn mit der Ramorino⸗ ſchen Colonne vereinigte. Joel, der ſich dem Wagen nicht zu nähern wagte, beſchwor ihn umſonſt; er ritt hin, um von Hedwig Abſchied zu nehmen. Was ſollte er hier? was konnte er helfen? — 270 Aber es war bereits zu ſpät. Die Heeresabthei⸗ lung, welcher ſie eben begegnet waren, bildete nur eine Nebenſäule des Ramorinoſchen Corps, die leichte Reiterei der Ruſſen umſchwärmte es bereits, in dieſem Augenblicke erſchien dicht neben ihnen ein Koſack; man ſah ihn beim Scheine der Wagenla⸗ ternen, er mochte die polniſchen Uniformen von Va⸗ lerius und Joel erkennen, war ſchnell wie ein Blitz wieder verſchwunden, und gleich darauf vernahmen die Reiſenden aus allen Seiten des Waldes ein Schrecken erregendes Hurrah. Die Koſacken ſtürzten zwiſchen den Bäumen hervor; Florian mit den Bauern gaben Feuer; Valerius und Joel zogen die Säbel und vertheidigten ſich gegen die eindringenden Lanzen; aber aller Widerſtand war nutzlos, der feindliche Trupp ward immer ſtärker, und mochte wohl ein Pulk von hundert Mann ſein, das Käm⸗ pfen war bald zu Ende, der alte Graf lag im Blute ſterbend ausgeſtreckt im Wagen, Valerius und Joel waren entwaffnet und gebunden, Florian, als Schmied von Wavre erkannt, ſchwer verwundet, war an ein Koſackenpferd gebunden, ſeine Bauern hatten ent⸗ weder unter den Lanzenſtichen und Kugeln der Ko⸗ V . 271 ſacken ihr Leben verloren, oder hatten ſich in das Waldesdickicht gerettet; Hedwig ſaß vorn auf dem Sattel des bärtigen Führers dieſer Koſackenabtheilung, der ſie mit den rauhen ſchmutzigen Händen liebkoſen wollte; man ritt und fuhr nach einer Waldblöße, um dort den nahen Morgen zu erwarten, und den Wagen zu plündern. Da wurde ein Feuer angezündet, der alte Graf, welcher indeſſen verſchieden war, aus dem Wagen geworfen, und man ging eben daran, die Gräfin, welche fortwährend unbeweglich geblieben war, anzu⸗ faſſen, als Florian in übermenſchlicher Anſtrengung Reiter und Pferd, an welche er mit einem ſtarken, langen Riemen gebunden war, mehrere Schritte mit ſich fortriß, auf den Wagentritt ſprang, den im Wagen ſtehenden Koſacken mit einem Schlage in's Genick niederwarf, um den Gürtel faßte und brüllend in die Lanzen der übrigen warf.— Auffallenderweiſe trat eine große Stille ein, die Koſacken ſchienen das heilige Gefühl des Schmiedes zu erkennen, und zu ehren, ſie machten keine An⸗ ſtalt, den alſo getroffenen Kameraden zu rächen, wie ihnen überhaupt eine ſolche kameradſchaftliche Ver⸗ 272 pflichtung nicht eigen zu ſein ſcheint; Florian ſtand eine Weile unangefochten neben der unbeweglich ſitzen⸗ den Gräfin, das Feuer beleuchtete ſein verwildert fliegendes, dickes Haar und ſeins Zäge, welche die entſetzlichſte Wuth ausdrückten— nur Joel entfuhr der Ausruf:„Florian!“ Schweig, Jude! erwiderte dieſer, und in dem⸗ ſelben Momente verſchwand er unter den Pferden. Der Koſack, an deſſen Thier er gefeſſelt war, hatte es fortgedrängt, Florian war hinunter gezerrt, und da die Koſacken nach der Erſchütterung des Schweigens eine lebhafte Bewegung machten, ſo war er unter den Hufſchlägen ihrer Roſſe zermalmt worden. Der erſte Morgenſchein flog grau über den Himmel, man erkannte, daß die alte Gräfin leblos war, und nur noch mumienartig daſaß; ſchonend hoben ſie die Koſacken aus dem Wagen, und ſetzten ſie an einen Baum. Dort ſaß ſie, drohend noch im Tode, als man aufbrach, eine ſchreckliche Leiche einnſam im Walde; einige Schritte vor ihr lag der verſtümmelte Leich⸗ 273 nam Florians, einige Schritte neben ihr der erſchla⸗ gene Graf, ihr Sohn. Hedwig, Valerius und Joel ſahen noch tiefer aus dem Walde auf die Lichtung zurück, über welche ein grauer Morgen aufging. Hedwig war todtenbleich, aber ohne Thräne. 12˙ 32. Der Koſackentrupp, welcher die drei Gefangenen transportirte, war folgenden Tages nicht weit gekom⸗ men; die Nachricht vom Falle der Hauptſtadt mochte beim Ramorino'ſchen Corps eingetroffen ſein, wenig⸗ ſtens hielt es inne in ſeinem Marſche, und die leichte Verfolgung der Koſacken ward dadurch ebenfalls ge⸗ hemmt. Sie raſteten des Abends in einem kleinen Haidedörfchen, und der Theil, welchem zunächſt die Bewachung der Gefangenen anheimfiel, nahm eine Scheune und deren Umgebung zum Nachtquartier. Hedwig war noch immer ſehr begünſtigt, und durfte ohne Feſſel bleiben; man ſah es nicht gern, wenn ſie ſich den beiden Schickſalsgefährten zugeſellte, hin⸗ derte es aber doch nur leichthin und ohne Nachdruck. Es wurde Nacht, die Koſacken lagen unordent⸗ lich auf der Tenne umher und ſchliefen, durch die — 275 zerſchlagenen Thorflügel der Scheune ſchimmerten die in Kohlen zuſammenfallenden Feuer herein, um welche her die Piken aufgeſteckt waren und die kleinen Pferde ſtanden und lagen. Valerius und Joel, denen die Hände feſt auf den Rücken gebunden waren, blieben wach und dach⸗ ten auf Flucht. Hedwig lag in einiger Entfernung von ihnen, und ſprach leiſe zu Valerius herüber. Der Koſack neben ihr hatte dies zwar mehrmals ver⸗ boten, wenigſtens war durch Pantomime und Be⸗ tonung dies unverkennbar geweſen, obwohl ſie des Koſacken Mundart nicht verſtand, ſie hatte aber keine Notiz davon genommen, und der Koſack war end⸗ lich eingeſchlafen. „Nach einer Viertelſtunde,“ ſagte ſie leiſe, „werde ich meinem Wächter das Meſſer aus dem Gürtel ziehn, und den Strick durchſchneiden, un welchem er mich feſthält, dann komm ich zu Ihnen, um Ihre Bande zu löſen— geben Sie doch dem Kerl, welcher von hier aus vor Ihnen liegt, einen Stoß, damit er ſich ein wenig anders legt, über ſeine breite Figur kann ich nicht geräuſchlos weg⸗ ſteigen.“ 276 Es geſchah, der Geſtoßene knurrte und erwachte halb, warf ſich aber in eine andere Lage. Hedwig vollführte an ihrem Nachbar das Vorhergeſagte glück⸗ lich, und ſchlüpfte leiſe zwiſchen den ſchlafenden Ge⸗ 4 ſtalten hin, hier über ein Bein, dort über einen Arm hinwegſchreitend— plötzlich entſtand ein Ge⸗ räuſch vor der Scheune, und mehrere Koſacken fuhren in die Höhe; Hedwig, die juſt neben Valerius an⸗ gekommen war, kauerte ſich zuſammen; die Koſacken riefen hinaus, und man antwortete von draußen; Hedwigs Lage war peinlich, und wenn ihr eigent⸗ licher Wächter erwachte, ſo wurde ſie mehr als dies. Dennoch ſchnitt ſie in Eile die Stricke um Valerius Hände durch, und gab ihm das Meſſer, damit er Joel ein Gleiches thue. Mit Entſetzen gewahrte ſie, daß auch ihr Wäch⸗ ter jählings ſich aufrichtete und ſeine Stimme zu einigen unverſtändlichen Lauten erhob— aber wie bewußtlos und vom Schlaf überwältigt fiel er ſogleich wieder zurück; es ward ſtill. Schweigend verharrten die drei zur Flucht Fer⸗ tigen; Joel ergriff im Drange ſeines Gefühls Hed⸗ wigs Hand, um ſie zu küſſen, ſie zog dieſelbe aber —— raſch zurück, und Valerius bei der ſeinigen ergrei⸗ fend eilte ſie vorſichtig über die Schläfer hinweg nach dem Thore. Dort ſchlüpften alle drei durch die Oeffnung, welche durch losgeriſſene Planken ge⸗ boten war. Sie ſtanden im Freien, der Wald lag nur etwa zwanzig Schritt entfernt, die Nacht war ſchwarz und finſter, wenige Kohlen glühten noch in den Haufen. Es mußte aber darauf gerechnet wer⸗ den, daß an mehreren Punkten eine reitende Schild⸗ wacht aufgeſtellt ſei, die man umgehen müſſe; die ſchwere Aufgabe blieb auch noch übrig, ſich durch den Knäuel von Pferden und Lanzen und auswärts Schlafenden ohne Geräuſch hindurch zu ſchleichen; Hedwig riß eine Pike aus der Erde, die beiden Folgenden thaten ein Gleiches, ſie waren glücklich den gefüllten Kreis paſſirt, da hörten ſie dicht neben ſich den langſamen Tritt eines Pferdes. Dies war der patrouillirende Koſack; ſie bückten ſich raſch zur Erde, ſein Auge aber, ſchon mehr an die Nacht und Dunkelheit gewöhnt, ſchien doch etwas geſehen zu haben, er hielt ſein Pferd an, und ſtreckte wie prüfend und unterſuchend die Lanze nach der Gegend, wo ſie kauerten. Hedwig, welche zunächſt damit in 278 Berührung kam, ſchlug ſie fort, ſprang auf, und ſtieß ihre Pike mit aller Anſtrengung nach dem Reiter. Ein Schrei, eine lebhafte Bewegung des Pferdes war die nächſte Folge. Die Fliehenden eilten jetzt rückſichtslos ſchnell nach dem Walde, hinter ſich hör⸗ ten ſie den ſchnellen Pferdetritt, und ein Paar hin⸗ und herfliegende Koſackenworte, zuverläſſig war es der zweite Wachtpoſten, welcher zu dem erſten, ge⸗ troffenen heranſprengte, das Nöthige hörte, das Pferd nach ihnen wendete, und ſchreiend hinter ihnen drein⸗ ſetze. Sie waren eben bis zwiſchen die Bäume gekommen, ein Ruck verrieth, daß der Lanzenſtich des Koſacken gegen einen Stamm geprallt war, wenige Momente darauf knallte ihnen aber ein Schuß nach, und ſie hörten den Lärm der aufgeſchreckten Schläfer. Hedwig, welche wieder die Hand von Valerius ergriffen hatte, zuckte heftig zuſammen, ſie war ge⸗ troffen. Nur eine kleine Strecke konnte ſie noch vorwärts, dann brach ſie zuſammen; der Wald war ein dichtes Geſtrüpp; Valerius trug ſie noch einige Schritte mit Hilfe Joels, der bei Erkennung des Unglücks in Jammer ausbrechen wollte, und nur 279 mühſam von Valerius zur Ruhe gebracht wurde. Mitten in dem dichten Geſtrüpp kamen ſie auf einen kleinen lichten Fleck, etwa von der Größe eines Zim⸗ merchens; dort ertaſteten ſie einen mit der Wurzel herausgeriſſenen Baum; durch die ausgehobenen Wurzeln hatte ſich unten eine Art Höhlung gebildet, da hinein brachten ſie das arme Mädchen. Unterdeſſen entſtand rings im Walde ein brau⸗ ſendes Getümmel der nacheilenden Koſacken, die in den eng ſtehenden Bäumen nicht wohl fortkamen; bald ſahen die Flüchtlinge über das Geſtrüpp her⸗ über auch Kienſpäne leuchten; aber man glaubte die Fliehenden ſchon weiter, es hielt ſich kein Verfolger damit auf, durch das dichte Geſträuch einen beſchwer⸗ lichen Weg zu ſuchen. Der Lärm und die Gefahr hörten aber keinen Augenblick auf, und man mußte des Schlimmſten gewärtig ſein. Der Schuß war in den Rücken des Mädchens gedrungen, die Sprache wurde immer ſchwächer, der Tod näherte ſich ſchnell. Und noch in dieſem Zu⸗ ſtande wies ſie die befliſſenen Dienſtleiſtungen Joels zurück. Als der weiter ſpähende Theil der Koſacken 280 wieder am Verſteck vorüber zurückzukehren ſchien, ſtarb die arme Hedwig in Valerius Armen. Die Freunde ſaßen erſtarrt und ſchweigend bei der Leiche bis zum Morgen; der Gedanke an den nahen Feind ſchien ganz vergeſſen zu ſein; wenigſtens ging Joel ohne weitere Vorſicht, ſobald es Tag ge⸗ worden, hinüber nach dem Haidedorfe, um ein Grab⸗ ſcheit zu leihen. Die Koſacken waren glücklicherweiſe fort, er fand den Spaten, grub auf der kleinen Lichtung ſeiner Geliebten, die bis in den Tod ſeine Liebe abgewieſen hatte, ein tiefes Grab, und beſtattete ſie mit dem ebenfalls ſchweigenden Freunde in ſaleklicher Wal⸗ desſtille— — Sie waren Fie auf dem Wege nach Joels Vaterſtädtchen, wo der alte Manaſſe ſchwer krank darnieder liegen ſollte. Valerius konnte den Verſuch nicht mehr wagen, durch die verfolgenden Ruſſen. hindurch bis zu Ramorino's Corps zu dringen, er mußte Joels Vorſchlag annehmen. Dieſer war Tag und Nacht mit ihm durch die Wälder gewandert, zehnmal hatten ſie ſeitab ſich bergen müſſen, um den ruſſiſchen Truppen zu entgehen; Joel hatte nur ——ę—ÿ—ÿ—ÿ—ÿ———— 281 das Allernothwendigſte geſprochen; am nächſten Mor⸗ gen war ihm der ſtarre Schmerz in ſtrömende Thrä⸗ nengüſſe aufgegangen, und damit war ihm denn auch die Sprache wieder gekommen, und er konnte in einem gewiſſen Zuſammenhange Folgendes vor⸗ ſchlagen: Valerius ſolle mit zu Manaſſe kommen, von dort wollte ihn Joel nach Krakau bringen. „Dort,“ ſagte er,„werden wir dieſe unglück⸗ lichen Soldatenjacken los, ich werde wieder das, was ich bin und bleiben muß, um eine Exiſtenz zu haben, ein Judenjunge, ich gehe auf den Schacher, da läßt mich die Welt gewähren. Sie ſtößt mich, ſie be⸗ handelt mich verüchtlich, ſie weiſ't mich in den Win⸗ kel; aber das wird meinem Herzen wohlthun, es wird Ruhe haben. Ich habe ein Menſch ſein wollen mit Menſchen, man hat dazu gelächelt, und ich habe leider nicht ſterben können an dieſem Lächeln; Andrer Unglück iſt der Tod, unſer Unglück iſt das Leben. Namenlos, namenlos Unglück! Iſt's ein nationaler Zug, den wir vom Jordan mitgebracht haben, dieſe feige Liebe zum Leben, oder iſt er uns eingewachſen durch die über tauſendjährige Gefangenſchaft? Wer weiß es! Oder hängen wir in aller Erniedrigung 282 ſtolz und gläubig an der alten Tradition, das vor⸗ nehmſte Volk, das auserwählte Volk Gottes zu ſein?— wir können den Tod nicht ſuchen und wünſchen, ſo nothwendig er uns ſei. Ich werde ein Schacherjunge, um weiter zu leben!“ „Und was hab ich erlebt! Ein gemeiner Bauer verſchmäht den Ausdruck meiner Theilnahme; ein Mädchen, das mich geliebt hätte, ich weiß es, waͤre ich ihrer Abſtammung geweſen, dieſem Mädchen blieb ich zuwider bis in den Augenblick des Todes, weil mein Leib eine nationale Atmosſphäre hat, die ihr fremd und unheimlich iſt, weil ich an den Jordan gehöre, und an der Weichſel ein verachteter Fremd⸗ ling bin. Fremd, fremd, fremd! in dem Worte liegen alle Abgründe der Exiſtenz! Euch ſtinkt die Zwiebel, die Anderen duftet. Nur das verwegene Glückskind trete aus ſeinem Kreiſe, ich werde ein Schacherjude, und vergeſſe meine Philoſophie und Kenntniß, die ich in falſchen Kreiſen erlernt habe; Gott gebe, daß ich zurück kann! Der Chriſt ver⸗ ſtößt mich, und ich habe ſchon lange den Juden in mir verſtoßen! Weh! Dies wird der Zwitterzuſtand, den diejenigen durchmachen müſſen wie eine lebens⸗ —— 283 lange ſchmerzliche Geburt, die ſich einlaſſen auf Emancipation. Ihr haltet dieſe Gewährniß der Emancipation für eine beſondere Gunſt, für ein wohlſchmeckendes Recht, was Ihr uns gewährt— weh, der emancipirte Jude zieht ein ſtechend Hemd auf ſeinen Leib, was er Zeit ſeines Lebens mit Schmerzen tragen muß, um außen Frack und Weſte darüber zu tragen, wie Ihr tragt. Wer hilft, wer hilft gegen hiſtoriſch Unglück?“ „Und dieſem Volke, das in grobe Kinderei entzweit iſt, dieſem polniſchen, das in ungebildeter Perſönlichkeit auseinanderklafft, und deshalb wieder verloren hat ſein Spiel, es wird ihm nicht viel beſſer gehen, als den Juden, und wenn es nicht wandert, ſo wird es doch beherrſcht ſein von Frem⸗ den, freilich immer noch ein Glück gegen ein Ge⸗ knechtetwerden in der Fremde! Hatten meine Vä⸗ ter vor ihrem Untergange Streitigkeiten unter ſich, ſo waren's doch große Fragen der Ewigkeit. Der Sadducäͤer ſprach: es lebt kein Fleiſch fort in ande⸗ rer Welt, der Phariſäer wollte Geſetz und Pro⸗ phezeihung und Glaube wörtlich und ganz. Habt Ihr die Fragen geſchlichtet, an denen wir unter⸗ gegangen ſind?— Was war hier neben uns, hier in Polen zu fragen? Ueber ein Bischen Verwaltung, ob das Ding ſo heißt, oder ſo— pah! Aber, was höhn' ich, ſo ſpricht kein Schacherjude und mein Unglück iſt unwandelbar.“ Er ſetzte ſich erſchöpft nieder; Valerius raſtete ſchweigend neben ihm. Dann ſprang er haſtig wie⸗ der auf, und rief: Ach, ich ſollte fliegen, Manaſſe hat mir nach Warſchau ſagen laſſen, er ſei ſchwer krank, und„wo bleibt mein Sohn Joel?“ und ich bin meinem Vergnügen mit der kleinen Hedwig nachgelaufen,'s war wohl ein ſchlimmes Vergnü⸗ gen, und nun iſt's aus für immer, aber es war doch mein Gelüſt, und ich habe verſäumt, was allein hält in dieſem Leben, das Band zwiſchen Eltern und Kindern. Vater Manaſſe, lebe noch, ich komme; Du biſt vom beſten Stamme, vom Stamme Levi, und jeder Jude hat ein zäheres Leben als ein Menſch von anderem Volk; wir ſind in allen Dingen die Ariſtokratie der Welt, von reinem, uraltem Blut— aber was hilft alle Wahr⸗ heit, und was iſt wahr? Das, was geglaubt wird, ſonſt nichts. Wir älteſten Ariſtokraten, wir han⸗ 285 deln mit Band und heißen Juden— o Hedwig, wenn Du mich einen Augenblick geliebt hätteſt, dann wäre Alles gut— weiter, weiter!— 3 Die Wanderer kamen des Abends vor dem Städtchen an, in welchem Manaſſe wohnte, ſie traten in das erſte Häuschen, um ſich zu orienti⸗ ren und umzukleiden. Das that wirklich Noth, denn es war ein Trupp Ruſſen im Orte; in dem Hauſe wohnte ein jüdiſcher Trödler, welcher Joel mit lebhafter Freudenäußerung empfing, und mit wahrem Jubel den Anzug eines wandernden Band⸗ krämers zuſammenſchleppte, einmal über das andere rufend:„Nun haben wir Euch wieder, Herr Joel, nun ſeid Ihr wieder von unſere Leit! Gottes Wun⸗ der, wie wird ſich der heilige Rabbiner, Euer Vater Manaſſe freuen!“ Joel ſtrich ſich die Haare anders, und der ele⸗ gante Reiter glich wirklich im Handumkehren einem Bandjuden auf's Haar, ſo daß Valerius erſchrak. Die Klagen des ſchönen jungen Mannes, welche er ſo lebhaft mitfühlte, waren ihm viel würdiger erſchienen, ſo lange der Klagende in beſſerer Klei⸗ dung neben ihm hergegangen war. Er ſchalt ſich 4 über ſolche Schwäche, fuhr in den Bauernanzug, der ihm auf Joels Veranlaſſung geboten wurde, und begleitete dieſen zu Manaſſe. Es war ein kleines dürftiges Haus, ſie traten in die Stube und fanden ſie dunkel— „Wer ſtört einen ſterbenden Juden?“ ſtöhnte eine leiſe, hohle Stimme aus dem Winkel. Joel, mit der Oertlichkeit vertraut, ging ein Paar Schritte ſeitwärts und machte Licht— „Weh mir, wer dringt in mein Haus mit Gewalt?“ ſprach ſtärker die traurige Stimme. Va⸗ lerius ſah zwiſchen dem Ofen und einem alten Schranke in ſchmutzigem Pelzrocke eine Geſtalt hoken, zuſammengekrümmt, mit langem, ſchneeweißem Barte und kahlem Haupte: er hätte von ſelbſt Manaſſe nicht wieder erkannt. „Vater Manaſſe!“ ſprach Joel leiſe. „Gott meiner Väter! meine Ohren ſind ſtumpf, meine Augen ſind ſtumpf, aber das iſt ein Para⸗ dieſesodem, der mich umweht!“— Und lang auf richtete ſich die magere todesar⸗ tige Geſtalt, und ſtreckte die zitternden, dürren Hände vor. 287 Vater Manaſſe, es iſt Joel, Euer Kind! Die Erkennung und Begrüßung hatte etwas ſchauerlich Heftiges, Convulſiviſches. Der Alte fiel darauf erſchöpft zuſammen, und mit den Worten: „Nun, Gott Abrahams, laß Deinen alten Manaſſe in Frieden fahren, Du haſt meine Gebete erhöret,“ ward er bewußtlos. — 33. Manaſſe lag auf dem Tode; die letzten Monate, wo er ſich von ſeinem Sohne verlaſſen glaubte, wo ſein Beſitz in fortwährender Gefahr ſchwebte, hatten ihn reißend ſchnell an's Grab geführt; der Freu⸗ denmoment des Wiederfindens hatte ſeine Kraft erſchöpft. 5 „Behalte, mein Sohn Joel, behalte den Rock, den Du zur Freude Deines Vaters wieder ange⸗ zogen haſt; bleibe ein Jude, und Du behältſt Dein Volk zum Troſte, Deine Väter und das Unglück Deiner Väter, Du behältſt reine Thränen und ein ſtilles Herz; laß mich gelitten haben für Dich, mein Sohn! Ich habe gelebt unter den Chriſten, mit ihnen, für ſie, ich habe eine ihrer vornehmſten Töchter geliebt, ſie hat mich. wieder geliebt, ſo lange ſie mich hielt für ihres Gleichen, Du biſt ihr Sohn, — N—— x289 Gott meiner Väter, verzeihe mir dieſen Abfall von meinem Volke, verzeihe mir dies Geſtändniß, es iſt mein einziges Kind, dem ich's ſage, die Wege der Menſchen ſind wunderbar, es kann ihm nü⸗ tzen; die ſchöne Dame, Joel, die Du geſehen haſt bei des Herrn Grafen Stanislaus ſtolzem Vater, die ſchöne Dame aus Teutſchland iſt die Tochter Deiner Mutter. Gottes Wunder! ich habe ſie ange⸗ ſchaut, als ſie bei mir vorbeigeritten iſt, in War⸗ ſchau, wie ein kindiſcher Knabe, ſie ſieht ähnlich ihrer Mutter, wie Du mir ſiehſt ähnlich, Joel, da ich jung und thöricht war; das Herz iſt mir im Leibe geſprungen, ich habe eine ſündliche Erinnerung gehabt an die Zeit, wo ich meinem Volke untreu ward mit einer Tochter der Abgefallenen, ich habe es gebüßt mit einer ſtrengen Strafe, die ich mir auferlegt. Frage nichts, mein Sohn, es wird mir ſauer, davon zu ſprechen, im ſchwarzen Käſtchen findeſt Du Briefe und Zeichen, es wird mir ſchwach, mein Sohn, rücke mir das Kopfkiſſen“— In dem Augenblicke drang wilder Lärm in's Haus; die Ruſſen hatten Kunde erhalten von Fremd⸗ lingen, die Manaſſe beherbergte, von Manaſſe's IV. 13 299 Reichthume, den er vergraben halte: Valerius flüch⸗ tete auf Joels Geheiß hinten aus dem Hauſe, Manaſſe, im Sterben geſtört, riß ſich mit letzter Kraft aus dem Bette, und ſtellte ſeine Entſetzen erregende Todesfigur dem Feinde entgegen. „Ich habe nichts als mein Kind Joel, weicht von der Schwelle eines ſterbenden Mannes, oder der Fluch Adonai's zerſchmettre Euer Gebein und Eure Seelen.“ Man ſtieß ihn bei Seite, und durchſuchte das Haus; er war auf die Erde gefallen, und der ſtarke Wille rang mit dem ſtark eindringenden Tode. Unter polterndem Geräuſch, mit Dieſem und Jenem beladen, fluchend zogen die Soldaten wieder ab—„ſteig in den Keller— Joel— grabe links im Winkel— ſchnell— bring mir das ſchwarze Käſtchen— ſchnell— Joel wollte den ſterbenden Vater nicht verlaſſen, aber krampfhaft ſchleuderte ihn dieſer von ſich— das Gold allein— erhält uns— in der Men⸗ ſchenwüſte— fort Joel!“— Joel eilte in den Keller, fand das Käſtchen, und brachte es Manaſſe, der mit brechenden Augen — d — — 191 und ſchwer arbeitender Bruſt am Boden lag. Beim Anblick deſſelben öffneten ſich noch einmal die Augen weit, er griff darnach, und ſtieß noch folgende Worte ſchnell heraus:„Ich habe edel ſein wollen, ſie haben mich verachtet— ich habe mich um nichts mehr gekümmert als um das Geld, es iſt das Beſte, was wir haben, mehr' es, ach, Joel, mein Sohn!“— Das Käſtchen entfiel ihm, er griff mit den ma⸗ gern Händen heftig nach dem Geſichte ſeines Kin⸗ des, und verſchied. Tief im Hintergrunde des Gemüthes lagen bereits dieſe Verwüſtungstage, als Joel, ein wan⸗ dernder Bandjude, und Valerius, ein Bauer im ſüdlichen Polen, über die Fläche hinſtrichen— es war über einen Monat ſeit dem Falle Warſchau's vergangen, ſo langſam hatten ſie lavirt, um durch den herrſchend gewordenen Feind hindurch zu kom⸗ men bis in die Nähe des Krakau'ſchen Gebietes. Unterdeſſen war die polniſche Armee nach mancher⸗ lei ſtürmiſchen Verſuchen in der Wahl eines neuen 292 Generaliſſimus, in der Wahl eines neuen Feldzug⸗ planes an die preußiſche Grenze gedrängt worden, war dort übergetreten, hatte die Waffen niederge⸗ legt, war aufgelöſ't; unterdeſſen war auch der rauhe Herbſtwind thätig geweſen, das Laub fing zeitig an von den Bäumen zu fliegen, der Himmel ward grau und grauer. Die beiden verwüſteten Wande⸗ rer ſprachen wenig oder nichts von den nächſten Dingen, nur zuweilen, wenn ſie ruhten, und das kümmerliche Mahl aus dem Reiſeſacke ſie geſtärkt hatte, ſprachen ſie, und dann wurden es ſtets all⸗ gemeine Beziehungen, und es klang wie verlornes Wort in eine Wüſte hinaus. In dieſem ſüdlichen Theile des Landes fanden ſie mitunter eine Laubholzung, und an einem blei⸗ chen Nachmittage, als ſie, eine ſolche verlaſſend, wieder in's Freie traten, ſahen ſie am Horizonte Krackau, die alte ehrwürdige Polenſtadt, die Stadt des polniſchen Geſanges und der Kirchen vor ſich mit den plumpen Thürmen.. Sie ſetzten ſich unter einen Eichenbaum, der ſpärlich gegen den rauhen Wind ſchützte, und ver⸗ zehrten ihr hartes Brod, zu deſſen Würze Joel 29³3 einige Zwiebeln hatte. Als das kümmerliche Mahl beendigt war, ſahen ſie noch lange ſchweigend in die traurige Welt hinein; in kleiner Entfernung lagen mehrere todte Pferde zerſtreut umher— das Rozyckiſche Corps hatte ſich hier noch lange gewehrt; ein Menſch war nirgends zu ſehen. Das Studium der Weltgeſchichte— hub Vale⸗ rius an— iſt unſer trauriger Troſt; jede neue Epoche findet eine neue Stellung zu ihr, eine neue Erklärung derſelben, und doch halten wir uns im⸗ mer an dieſen einzigen Troſt, weil wir uns immer erſt beſchwichtigt glauben, wenn die Dinge auf ein Geſetz geführt ſind. Menſchen! auch unſer Stolz iſt ein mitleidig gewährter Sonnenblick, damit wir unſre Schwäche vergeſſen. Vor Kurzem war es unſere natürlichſte geſchichtliche Forderung, daß Po⸗ len beſtehen müſſe, das Schickſal entſcheidet anders, wir erfinden ein anderes geordnetes Raiſonnement, damit wir unter einem neuen welthiſtoriſchen Geſetze doch den Anſchein bewahren, als beherrſchte unſer Geiſt die Welt. Menſchen! Und wir ſind Einer wie der Andere! 4 * 294 Ich habe nun die Polen geſehen; ſie ſind wie der beſiegt, und ich glaube jetzt, ſie werden nie ſiegen, ſie werden zermalmt unter einer großen hiſtoriſchen Combination. Von Zeit zu Zeit wird die Welt verjüngt durch friſche, von aller Kultur unberührte Völker. So kamen einſt die Römer gegen die Griechen auf, die Germanen gegen die Römer. Die aſiatiſchen Slaven haben ihre Zeit noch nicht gefunden, vielleicht finden ſie ſelbige nie, ſie ſcheinen unſchöpferiſch, in der Einzelnheit unbe⸗ gabt; vielleicht bilden ſie doch einſt ein neues gro⸗ ßes Element der Weltgeſchichte. Aber ihre Vor⸗ poſten ſind ſicher verloren, wie es einſt den Van⸗ dalen, den Alanen, ſelbſt den Hauptſtämmen der Gothen ergangen iſt: der Wende, der Obotrite, Wilze, Leche iſt früh zertreten worden, der Böhme und Mähre iſt langſam aufgezehrt in germaniſchem Weſen, der Pole iſt tief angeſteckt von alt⸗ und neueuropäiſchen Verlangniſſen, Ideenrichtungen, er will ſogar nichts eigenes mehr als einen Namen, er verlangt halb franzöſiſchen, halb ſonſtigen Zu⸗ ſchnitt; deßhalb hat der Pole keine Zukunft, er unterliegt dem eigenthümlichern Rußland. Findet 295 dieſer Repräſentant des mächtigſten Slaventhums, findet er Regenten, die ohne Rückſicht auf das alte Europa Rußland in ganz eigner Nationalität zu einer Gewalt aufbilden, ſo kann ein neues welt⸗ hiſtoriſches Element entſtehen, was Bisheriges frei⸗ lich zermalmen müßte. Selbſt ohne ſo große Ausdehnung und Bedeu⸗ tung kann Polen auf. Jahrhunderte als Polen ver⸗ loren ſein, und was Jahrhunderte lang ſich ver⸗ liert, das wird ein Anderes. Laſſet ſingen: Jetzt iſt Polen doch verloren! Wer ſich thöricht unterfängt, in Schnelligkeit die Weltgeſchichte meiſtern und ändern zu wollen, wie wir in den letzten Jahren als eine Kleinigkeit verſuchten, der beklage ſich nicht, wenn er zu Grunde geht. Handle, wer ſich berufen fühlt, aber Keiner wage in's Einzelne vorauszubeſtimmen, was werden ſoll; wir kennen die Welt nur einen Schritt weit. Ich will in meine Heimath gehn, mir eine Hütte bauen, das Weite auch ferner betrachten, aber nur für's Nächſte wirken. Hofft Ihr Juden nicht ſeit achtzehnhundert Jahren umſonſt auf ein wieder erwachend jüdiſch 296 Reich, iſt das nicht Euer Hauptunglück? Warnet die Polen, damit ſie nicht mit ihrem ſtarr erhal⸗ tenen Schmerze enropäiſche Juden werden! Ihr wollt es heut noch nicht glauben, daß Ihr in einem neuen Umſchwunge der Welt verloren gegan⸗ gen ſeid, und ſo ſeid Ihr der ewige Jude gewor⸗ den, der nicht ſterben kann, und überall leidet. Gott bewahre dies Land vor einem einem ewigen Polen! Wer nicht ſterben kann lebt auch nicht. Dieſe Welt kreiſ't einmal nur zwiſchen Leben und Sterben. Wie glücklich ſind die Schotten in Eng⸗ länder aufgegangen, wie ſchwer wird den Irländern der Tod, die ſchon lange Engländer ſind, wie be⸗ droht jeder Ruck die Scheinpflanze Belgien, wie ringt Spanien in tauſend Schmerzen, weil die einzelnen Reiche nie ſterben wollten! „Wie ſollen wir ſterben, wir armen Juden! weiſer Chriſt?“ ſagte Joel. Wenn Ihr den Buchſtaben der Tradition auf⸗ gebt, aufgeklärte Juden werdet, Euch emancipiren laßt, ſo ſterbt Ihr, freilich langſam und ſchmerz⸗ haft. Von jetzt an, wo dieſer Gedanke aufkommt, werden noch drei Generationen zuckend leiden, wenn’'s 297 in Stille fortgeht und nicht nach dem gläubigen Unglauben ſchlechter Chriſten eine ganz neue Offen⸗ barung über die Welt kommt. Geſteht's nur, daß Ihr juſt darum ſo hartnäckig ſeid, weil das Chri⸗ ſtenthum aus Euch erwachſen iſt, weil Ihr die alt⸗ klugen Väter bleiben, den überflügelnden Kindern nicht weichen wollt; es gäb lange keine Juden mehr, wäre das Chriſtenthum unabhängig vom Moſaismus entſtanden. „Vor der Hand will ich ſchachern!“ Mit dieſen Worten erhob ſich Joel, und die beiden Wanderer ſchritten im Winde, der immer mehr dunkle Abendwolken zuſammenjagte, auf Kra⸗ kau zu. — Tnſinſſiſſiſſ 1 7 9 3 14 15 16