er— Leihbi ſ deutſcher, engliſcher und franzöͤſiſcher Literatur 4 Eduard Oltmann in Gießen, 3 ſ 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abendz 8 Uhr offen. ſ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ hen angenommen. 4... 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme bi Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. beträgt:. 24 Iie⸗. füͤr Sachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3——————:———V—.,— wauf 1 Monat: 1 Mr. Pf. 1 Mer. 59 Pf. 2 wer.— Pf. uurh—„=„ 3„=„=, 3. Auswürtige Abonnenten haben fuͤr Hin⸗ und Zuruückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Fräulein Malchen, Hofdame der verwittweten Fürſtinn, war von ihren Verwandten an einen nichtswürdigen Menſchen verhandelt. Die Fürſtinn unterſtützte die Verbindung. Malchen hatte keine andere Hülfe, als einen Oheim, der aber in der* ganzen Familie unter den Nahmen Tollkopf bekannt war. Sie ſchrieb ihm, und wies ihn, wenn er ihr helfen wollte, an ihr Garderobe⸗ Maͤdchen; denn die Fürſtinn durfte ums Himmels willen nicht wiſ⸗ ſen, daß ſie nicht wollte. Vetter Tollkopf kam richtig an, wendete ſich 3 an das Mädhen des Fräͤuleins, wurde von dem Das Fraͤulein mußte fort. Der Fürſtinn war — 6— Mädchen bedauert, daß er das Fraͤulein, die man beobachtete, nicht ehe ſprechen koͤnne, als bis nach dem Spiel, und ſo lange, ſetzte ſie lachend hinzu, müſſen Sie ſich gefallen laſſen, mein Oheim zu heißen. Denn Sie wiſſen nicht, wie hier Einer den Andern belauert, behorcht und belügt. Das Maͤdchen hatte ſeine achtzehn Jahre, eine ſchlanke, volle Figur, ein paar lachende, blaue Augen, ein paar Arme rund wie gedrechſelt, und weiß wie Schnee, plauderte allerliebſt, lachte noch lieblicher; kurz, Vetter Tollkopf, der ein hübſcher Mann von zwey und dreyßig Jahren war, fand ſeine Lage mit dem hübſchen Mädchen mit jeder Mi⸗ nute bedenklicher. Ein Maͤdchen am Hofe hat ſo etwas in der er⸗ ſten bedenklichen Minute weg. Sie koketirte aus jugendlichem Uebermuth deſto mehr, deſto ſiegreicher mit dem Manne, bis das Fraͤulein kam. Nun kam eine andere Szene. Der Oheim ver⸗ ſprach zu helfen, es war ſpaͤt geworden. Da ſtürzte das Madchen athemlos ins Zimmer, rief die Ober⸗ hofmeiſterinn! Das Maͤdchen zog, das Fraͤulein ſchob den Oheim Tollkopf durch eine Thür. Das Fraͤulein ſchloß ab, und Vetter Tollkopf ſtand im Dunkeln allein mit dem allerliebſten Mädchen, das ihren Kopf an ſeine Bruſt lehnte, um ihr Kichern zu verbergen. 8 Sie horchten dann. Das war noch ſchlimmer. —— — n nicht wohl geworden. Sie ging, ſchloß ab, und der Oheim war mit dem allerliebſten Mäͤdchen im Dunkeln und allein. 81112. Am andern Morgen kam das Fraͤulein. Das hübſche Madchen konnte die Augen gegen ihr Fräu⸗ lein nicht erheben, und eine dunkle Schamröthe be⸗ deckte ihre Wangen. Dem Fraͤulein wurde gehol⸗ fen. Sie verließ den Hof. Es hieß am Hofe, ihr Maͤdchen begleitete ſie. Aber dem war nicht ſo. Sie zog in eine kleine Stadt unter dem Nah⸗ men einer Wittwe. Sie hatte ein ſehr anſtändiges Auskommen. Sie wurde Mutter des Maͤdchens, das da im Thale unter dem Roſenbuſche ſitzt. Die Mutter ſtarb in der Geburt, und ihre Schweſter, die Caſtellaninn des Schloſſes auf der Höhe, nahm das Kind zu ſich, und Niemand auf der Erde wußte als ihr Mann, daß es nicht ihr Kind war. 3 Bey der zweyten Sünde war nicht nur die Mutter, ſondern auch der Teufel im Spiel. Auf der Stelle des Schloſſes ſtand ſonſt nur ein fürſtli⸗ ches Jagdhaͤuschen. In dem Jagdhauschen wurde die von dem jungen Fürſten lang verfolgte Tugend eines unſchuldigen Mäͤdchens zerſtört. Der Fürſt ließ an dieſem ſchönen Orte zum Andenken der ſchön⸗ ſten Stunde ſeines Lebens dieſe italieniſche Willa aufführen, um dort mit ſeiner Geliebten jeden Frühling und ſeinen Triumph über die Tugend zu feyern. Zwey Jahre war der Hof im Frühjahr hier — 3— in dieſem Thale, das ſich mit jedem Schweizer⸗ thale meſſen konnte. In Schönberg, dem nahen Dorfe, ſtieg eine zierliche Kirche hervor, und das Pfarrhaus wurde ein kleiner Pallaſt. Um das Dorf und durch führten Lindenalleen. Das dritte Jahr blieb der Hof aus. Der Fürſt hatte wieder eine andere ſchönſte Stunde ſeines Lebens gefunden. Die ganze Herrlichkeit und alle Hoffnungen der Bewohner von Schönberg waren zu Ende. Der Prediger Lamm war in ſeinem großen Hauſe ſo arm wie zuvor; die Einwohner, die von dem Er⸗ trage ihrer Herden, von Kohlenbrennerey lebten, blieben arm. Sie gewannen nichts als einige Frohndienſte im Garten des Schloſſes, alle Jahre ein paar Reiſende, welche das Schweizerthal, das durch die Hofreiſen bekannt worden war, dahin lock⸗ te, und eine Familie mehr, die des Caſtellans Vo⸗ gelſang, der nun das verödete Schloß bewohnte. Ein dritter, Herr Schnell, ein Mann mit ei⸗ nem gewaltigen langen Backenbart, der eine Köh⸗ in ein ſchönes Landhaus verwandelte, und in dem Haͤuschen mit einer Magd und einem Knecht ein⸗ ſeedleriſch lebte, war für nichts zu rechnen; denn er lebte fuür ſich, Der Caſtellan ſendete bey ſeiner Ankunft dem um, und wußte nicht, was ſie bedeuten ſollte. Dann kam er ſelbſt, in ſeidenen Strümpfen, in ei⸗ 1„· lerhütte kaufte, und eine Wieſe dazu, die Hütte Pfarrer eine Karte; der Pfarrer drehte ſie rings —— — —— ner geſtickten Weſte und Haarbeutel, die Frau Ca⸗ ſtellaninn am Arm in einem abgelegten Hofkleide. Der ehrliche Prediger ſtand in ſeinem Oberrock neben dem bunten, prächtigen Hofmann ein wenig beſchämt, aber noch vielmehr durch den demüthigen Hochmuth in ſeinem ganzen Weſen. Er nannte den Fürſten, die Prinzen, die Prinzeſſinnen ver⸗ traulich: unſer Prinz Carl! unſere Prinzeß Luiſe! das Wort Hof betonte er noch nachdrücklich, wie ungefähr der Prediger auf der Canzel das Wort: Gott der Welten Richter! Der Prediger wurde blutroth vor Verdruß über den Hofmann, und noch mehr, daß er ſeinem Verdruße nicht Luft machen durfte. Denn dieſe leiſe Sprache, dieſes bedeutende Lächeln, womit er über Alles, was der Prediger rühmte, weg ging, überwaltigte ſeinen Stolz. Aber da er weg war, und ſeine Frau, der es nicht beſſer gegangen war, ihnen noch mit Ehrfurcht nachſah, rief er mit ſei⸗ nem Bußpredigt⸗Donner: Caſtellan! was Ca⸗ ſtellan? Ich bin im Dienſt des Allmachtigen nicht Caſtellan, ſondern Miniſter, liebe Frau! Und meine Ordines, ich meine meinen Kragen, ſind ſo viel, und mehr als ein Fürſtenhut. J Vaͤterchen, wie ſprichſt du? mehr wie eine Krone. Mehr ſage ich. Eine Krone kann verloren zehen wie alles Irdiſche. Ich bitte dich, ſtecze doch nur den Cicero neben ſo einen Fürſten, und ſieh', welch ein armſelige Figur.— Die Frau ließ ihn ſeine Blasphemie nicht voll⸗ enden. Sie legte voll Schrecken die Hand auf ſeine Lippen. Beym Gegenbeſuch war es noch ſchlimmer. Der Caſtellan führte ſeine Gäſte im Hauſe umher. Vor dem Zimmer des Fürſten geboth er mit Miene, Stellung und Hand Ehrerbiethung. Der Paſtor dachte an Cicero, an Cäſar; aber ſeine Stellung war doch demüthig. Im Schlafzimmer erzählte der Hofmann mit einem zweydeutigen, aber doch ehr⸗ erbiethigen Lächeln die Begebenheit von der ſchön⸗ ſten Stunde ſeiner Durchlaucht, die das Schloß hervor gebracht hatte. Hier hielt ſich der Prediger nicht länger. Er rief: ſo wahr der Herr lebt, er iſt ein Mann des Todes! So ſprach Nathan zu David, und ich hoffe zu Gott, ich würde ſo ſagen, und ſtünde der Fürſt mit ſeiner Krone auf dem Haupte hier. Für das Wort ſegne Sie Gott, Herr Paſtor rief der Caſtellan in einem ganz andern Tone, und ſchuͤttelte dem Paſtor herzlich die Hand. Sie waren von dieſem Augenblicke an Freunde; obgleich der Caſtellan nach ein paar Minuten in den leiſen, ſanften, demüthigſtolzen Hofton zurückfiel. Kurz, trotz der äͤußern unähnlichen Schale, ſchmolzen die beyden Hauſer in eine enge Freund⸗ 3 ſchaft zuſammen. Lamm feyerte auf dem Schloſſe ne, ſchon mehr Leben und Th tigkeis herporz denn — 11— jedes Hoffeſt mit, und Vogelſang geſtand, daß Ci⸗ cero eine Krone verdient hätte. Die Kinder der bey⸗ den zogen das Freundſchaftsband noch feſter, ob⸗ gleich Caſtellans immer den Hofpaſtors das Land darſtellten. Ich wollte, der Pfarrer oder der Saßetan haͤt⸗ ten die Grundſätze ihrer Erziehung niedergeſchrie⸗ ben: ſie häͤtten alle Pädagogen verdunkelt. Denn ſeht nur hin, wie da oben am Rande der Höhe, worauf das Luſtſchloß ſteht, Paſtors Heinrich, ein Knabe von fünf Jahren, mit einer langen Haſel⸗ ruthe, die kleine dreyjährige Blandine,— den Nah⸗ men hatte ihr die poetiſche Mutter gegeben,— und ein milchweißes Lamm, mit einem rothen Hals⸗ bande, weidet; wie Blandine dem Schafchen die Hälfte der Blumen und Erdbeeren gibt, die Hein⸗ rich für ſie gepfluͤckt hat. Seht, wie die Liebe und die Ruhe die kleine Familie der drey glücklichen Weſen vereinigt, wie das im fetten Klee ruhende Lamm den wilden Muth des Knaben, der immer davon will, zurückhalt! Selbſt der Klausner mit dem ſchrecklichen Ba⸗ ekenbart, der über nichts mehr flucht, als über die Paädagogen, ſetzt ſich lächelnd nicht weit von den drey jungen Freunden, ſieht ihrer Liebe freundlich zu, und hat an dieſer Erzieh hung nichts zu tadeln. Im künftigen Frühling bringt ein Ziegen⸗ Laͤmm⸗ chen, der vierte Mann in der weidenden Karapan⸗ — 12— Heinrich ſetzt Blanden ins Gras; denn er muß hin⸗ ter dem Ziegen⸗Lamm drein, das den Felſen hin⸗ auf geklettert iſt. Erſt erzürnt ihn das Thier mit ſeiner Wudheit, dann verführt es Heinrichen dazu, und er und Blandine klettern und ſpringen mit dem frohen Thiere um die Wette. Bravo! ruft ſogar der finſtre Klausner, bey der vergrößerten Thätigkeit der kleinen Schule. Denn die Ziege, ein guter Lehrer, zieht den Kna⸗ ben und Blanden von der Höhe in das Thal, von dem Thal weiter auf eine andre Höhe. Blanden, da⸗ mit ſie wild werde, wie der Knabe, hat die Mutter mit einem pädagogiſchen Kunſtgriff an eine Blu⸗ menkette gelegt. Die rothen Schuhe dürfen nicht ſchmutzig, die weiße Schürze nicht zerriſſen und der kleine Strohhut nicht zerzauſt werden. Sie geht alſo langſamer hinter her, ſchaut vorſichtig, wohin ſie den Fuß ſetzt, und bebt die zarte Schürze mit der Hand empor, während Heinrich, der wie ein Knabe, und eines armen Pfarrers Sohn, nichts mehr zu zerreißen hat, wild durch Dorn und Ge⸗ ſtein rennt, und von oben zurückkehrt, Blanden vorſichtig nachzuhohlen. Und gab die Caſtellaninn oben das Zeichen mit dem Gongon aus dem ſineſi⸗ ſchen Häuschen zur Rückkehr, ſo, denn der mor⸗ gende Spaziergang hing daran, ſo beſah er erſt vorſichtig Blandens Schuhe, Schürze und Hut! kühlte mit friſchem Waſſer aus dem Bache Blan⸗ dens erhitzte Wangen, und dann trieb er die kleine 4 — 13— Herde gluͤcklich Berg an bis vors Schloß, küßte der Caſtellaninn die Hand, nickte Blanden auf Morgen zu, und hinab den Gang, wie ein Bohel⸗ der Pfarre zu. Ich wüßte nicht, ſagte der Backenbart: was ein Philoſoph an dieſer Erziehung ausſetzen könnte. O wie viel Lug und Trug gehört dazu, aus ſolchen En⸗ geln Teufel zu machen! in dieſes Paradies voll Unſchuld alle die Upasbaume zu pflanzen. Der Klausner konnte ſo ſagen: denn er war nie ſehr weit von den beyden Kindern entfernt; auch hatte er ſchon von Weitem eine kleine Bekanntſchaft mit ihnen gemacht, und zwar durch ſeine Flöte, die er ſehr ſchön blies. So lange er blies, ſaßen die Kinder ruhig auf der Höhe und horchten. Dann ging er ihnen vorüber, und ſagte freundlich: guten Tag, Heinrich! guten Tag, Blande! Sie wußten nicht, daß der freundliche Mann der Klausner war, den Alles ſcheute. Der Klausner ſah mit Vergnügen, wie die Kinder jede Woche weiter in die Welt hinein dran⸗ gen. Sie waren ſchon bis an den Bach gekommen, der ſein Häuschen von ihrer Seite trennte. Er ſah mit Vergnügen, daß Blandine, wenn Heinrich der Luſt nicht widerſtehen konnte, die unbekannte Felshöhe zu erklettern, die Schürze vorſichtig ab⸗ band, in den Hut die Handſchuhe legte, und Alles in eine kleine Felshöhle verſteckte, und dann eben ſo leicht und frey, wie ihr Cefaͤhrte, ihm nachklet⸗ —-r——; — 14— zuckte ihn, daß der Knabe da ſtand, und mit den funkelnden Blicken in die unermeßliche Ferne ſah. Blande ſah nur ihm in die ſtrahtenden Blicke, als waren die ihre Ferne.. O ſchönes, unentſtelltes Bild des Mannes und des Weibes! rief der Klausner, und ſeine Flöte füllte die Gegend mit geiſtigen, zarten Tönen, die Blande laͤchelnd behorchte. Ein paar Tage darauf ſtanden die Kinder am Bache, und jenſeits weidete ein zahmes Reh, das der Klausner erzogen hatte, und weiter hin glaͤnzte der Spiegel eines Sees durch die Baͤume; Blande, ich gehe durch, rief der Knabe. Wenns tief iſt, ſagte Blande, den Bach betrachtend. Ich ſehe ja jeden Stein im Grunde, Blande. Ich gehe durch. Die Mutter hat's verbothen, Heinrich! Aber Hein⸗ rich war ſchon drüben, der Bach war einen Fuß tief. Er naͤherte ſich dem Rehe, das nicht floh. Dann ſah er den See offen vor ſich liegen, ſeit⸗ warts das ſchöne Haͤuschen des Klausners, der mit eine kleine Gondel ſtieg, und den ruhigen Spiegel des Sees durchſchnitt. Der Knabe ſchaute, ſtand, ſchaute, ging zurück zu Blanden, erzahlte, und Blande ſagte: wenn ich hinüber waͤre? Zieh Schuh und Strümpfe aus. Sie waren beym See, und aus dem Laubgeflecht einer kleinen Inſel kam die Gondel hervor, und legte an, wo ſie terte, bis auf des Felſens höchſte Spitze. Es ent⸗ einem Gruße bey den Kindern vorüberging, in —— * — 15— ſtanden. Steig ein, Heinrich. Heinrich war mit einem Sprunge in der Gondel. Blande hob furcht⸗ ſam den Fuß. Der Klausner hob ſie an ſeine Bruſt, ſetzte ſie auf die Bank, und die Gondel glitt uber die Wellen. Zwey Schwäane zogen leiſe aus dem Rohr heran. Der Klausner gab den Kindern Brot zum Füttern. Sie ſtiegen auf der Inſel aus. Die Kinder jauchzten; denn da weideten einige Rehe. Faſanen ſchwirrten flatternd auf, und breiteten die goldenen Flügel am Strahl der Sonne. Im Mit⸗ telpunkt der Inſel ſtand ein kleines Haͤuschen, rings umgeben von einem Drathgitter, in dem hunderte von Vögeln brüteren, ſangen und ſpielten; umher gingen Pfauen, Sielberfaſanen. Die ganze Inſel war lebendig, und Alles war zahm, wie im Para⸗ dieſe..— Die Kinder ſahen einander ſtumm an, uber die Herrlichkeit, die ſie vor ſich hatten. Dann gab der Klausner Blanden einen Korb mit Gerſten. Er ſelbſt ſtieß dreymahl in eine helle Pfeife, und von allen Seiten kam es heran gerennt, geflogen, und ſie ſtanden im Mittelpunkte einer lebenden Welt von ſchönem Geflügel, denen Blande mit zitternden Handen das Futter ausſtreute.— Dann zeigte er den Kindern in den Gebuüſchen die Neſter mit den brütenden Müttern, die nur vorſichtig die leiſe Herannahenden betrachteten, nicht aufflogen. Er zeigte ihnen die hülfloſen Jungen, — 16— und die Liebe der Alten, die unablaͤßig herbeyflo⸗ gen, die Jungen zu ätzen. Aber, Kinder, hört ihr den Gongon wohl? Er brachte ſie ans Land, und zeigte ihnen eine Brücke über den Bach, den nähern und beſſern Weg nach dem Schloße, und ſie gingen voll der Wunder, die ſie geſehen hatten. Die beyden Kinder hatten faſt Niemanden im ganzen Dorfe als ſich ſelbſt. Da die meiſten Be⸗ hatten, die Uebrigen als Hirten mit dem Viehe aauf den Bergweiden in der Ferne lebten, ſo war das Dorf den ganzen Sommer hindurch wie ver⸗ ödet. Nur der Prediger hatte einen kleinen Ackerbau und der Klausner. Er hatte von der Gemeine ein Stück Wald gekauft, das an den kleinen See ſtieß⸗ und er war noch damit beſchaftigt, den Wald aus⸗ zuroden, eine Arbeit, die koſtbar, und der Spott ſeiner Nachbarn war. Den kleinen See hatte er von dem Fürſten in 2 Erbpacht genommen. Er war ſehr fiſcharm. Es See, ſeir ein Selbſtmörder da ſeinen Tod gefun⸗ den, verſchwunden waͤren. Man lachte über den naͤrriſchen Klausner, der ſein Geld wegwarf; aber treide zu arnten, und lachte nicht. wohner von Schönberg ihre Hütten im Walde ging das Gericht im Dorfe, daß die Fiſche aus dem der Klausner ſiug an Fiſche zu fangen, und Ge⸗ — 17— Die beyden Kinder waren alſo auf ſich ſelbſt beſchränkt, und auf die Spiele, die ſie erfinden konnten. Die Koͤhler im Walde mußte Blande mei⸗ den, ihrer Kleidung wegen, die nach dem ausdrück⸗ lichen Willen ihrer Mutter beſtaͤndig von heller Farbe waren, und ſo kam der Klausner mit ſei⸗ nem See, ſeiner Gondel, ſeinem Paradieſe— ſo nannte er ſeine Inſel im See— den Kindern eben recht. Beyde Aeltern aber erſtaunten nicht wenig, da die Kinder von der Inſel, und der Gondel, und dem guten Vater und ſeinen Maͤhrchen zu plaudern anſingen, die ihnen faſt noch ſchöner vorkamen als ſein Paradies. Der Caſtellan hatte ihn ohne wei⸗ ters für einen Menſchen erklaͤrt, der einen Mord oder ſo etwas auf dem Gewiſſen haben mußte; der Pfarrer hielt Standeswegen mit ſeinem Urtheit zu⸗ rück; aber er nickte doch mit dem Kopfe dazu. Es half nicht viel, daß einige arme Köhler den Mann und ſeine Wohlthaätigkeit ſchon längſt gelobt hatten; aber die Erzählung der Kinder gab der Sache ein ganz anderes Anſehen. Der Prediger und der Ca⸗ ſtellan hielten es der Mühe werth, den Mann und ſeine Wirthſchaft in der Naͤhe anzuſehen, aber ſie kamen kopfſchüttelnd wieder. Herr Schnell hatte, mit einer Art von Verachtung ſogar, den Caſtellan vom Hofe reden hören. Der Paſtor wollte gar in ſeinem Geſprach etwas von einem Atheiſten bemerkt haben. Die Kinder erhielten den Befehl nicht zu — 18— oft zu dem Klausner zu gehen; aber die Maͤhrchen des Klausners zogen ſüßer als die Warnung der Aeltern. Sie gingen immer öfter und immer lieber hin. Nur erzäͤhlten ſie nicht mehr ſo viel von ihm. Waͤren die Aeltern nicht blind geweſen, wie Aeltern, ſie haͤtten ſehen muſſen, daß die Kinder in einer andern Welt lebten, in einer ſchönern, als die ſie ihnen geben konnten. Es waren die Maͤhrchen des Krausnerg, die Hein⸗ richen und Blanden eine ganz neue Welt aufge⸗ ſchloſſen hatten. Er erzählte ihnen, gar nicht oft, ſelten ſogar, ein Maͤhrchen, aber mit ſo viel Ernſt, mit ſo viel nachdrücklicher Heimlichkeit, daß die Kinder gar nicht auf den Einfall kommen konnten, es ſey ein Maͤhrchen, es ſey erdichtet. O nein, vielmehr hatten ſie je etwas für wahr gehalten, ſo hielten ſie des Klausners Mährchen für Wahrheit, nur für eine Wahrheit, die nicht jeder Menſch wiſſen könnte und durfte. Er ſaß mit ihnen, wenn er ihnen erzaͤhlte, ent⸗ weder in einer daͤmmernden Felſengrotte, wohin ſich nur ein zweyfelhafter Strahl des Tages ſtahl, oder oben auf der Spitze der höchſten Höhe, wo zu ihren Füſſen die unermeßliche Ebene lag, und über ihnen das reine Gewölbe des Himmels, der Auf⸗ enthalt der Schutzengel, von denen er erzählte. Er erzählte das unglückliche Schickſal eines Men⸗ ſchen, der mit einfachem Muthe alles traͤgt, um nur redlich, treu ſeinem Worte zu ſeyn. Bald war 3 — 19— er Ritter, der Gott und ſeinem Arm alle Wunder zutraut, und ſich nicht irrt. Er ſteht am Abgrunde, den ſeine Feinde ihm gegraben. Er muß hinein; und ihn trägt die Hand ſeines Engels durch den Abgrund, durch Feuerflammen, durch reißende Waſſerſtröme. In den öden Wildniſſen zeigt eine unſichtbare Stimme, eine Quelle, eine Hütte, ei⸗ nen Weg, einen Baum edler Fruchte. Der Glau⸗ ben an Gott, ein einfach treues Herz ohne Trug, ohne Heucheley bringt alle Wunder hekvor, macht ſich die ganze Natur, und alle Geiſter dienſtbar. So erzäͤhlt er, und die beyden Kinder ſitzen jedes auf einer Seite neben ihm, die großen Augen voll Glauben, Bewunderung und Entzücken, auf ſein ernſtes Auge, als einer ſchönen Wehmuth feſt⸗ geheftet, die Bruſt voll Begeiſterung, voll Erwar⸗ tung, voll Mitleiden, voll Triumph. Er verſchmaht es nicht ihnen ein andermahl die Treue zweyer Liebenden zu erzahlen, getrennt von einander durch ein hartes Geſchick, Amandus er, Amanda ſie. Er ging für ſie in den Tod, in die Welt; und ſie, ſie barfuß und zerſtreutem Haar, mit Pilgerhut und Stock, wandert durch das Eis des Nordens, durch den glühenden Sand des Sü⸗ dens, über Ströme und Gebirge, rund um die Erde, bis ſie endlich ſich finden, ſich ſehen, ſich erkennen, ſich einander an die treuen Herzen drü⸗ cken, und vor Entzücken, Lippe an Lippe, die Seelen aushauchen. — 20— O wenn Blandinens gebrochenem Auge einſt noch Amandens ſchöne Geſtalt vorſchwebt, und Amandens Entzucken im Tode in ihren Tod über⸗ geht, ſo dankt ſie es dem ſchönen Maͤhrchen, das ihre Seele ganz durchdrang. So erhöhte der Klausner das arme, vergehende irdiſche Leben mit einer regen, ewigen Geiſterwelt, ſo hing er der Kinder Leben und ihre Schickſale, ihre Tugenden, ihre Liebe mit einer Wunderkette durch die Himmel an den Thron Gottes. Ach, ſie fingen an den Klausner unendlich zu lieben, der ihnen einen ſchönern Frühling; ein ſchöneres Le⸗ ben gab. Sne weeſhwiegen die Mährchen aus keinem an⸗ dern Grunde, als weil der Klausner ſie ihnen ſo heimlich, mit einer ſo geheimnißreichen Feyerlichkeit anvertraute. Der Caſtellan, der am Hofe die Wahr⸗ heit hatte ſchätzen lernen, und beſtaͤndig darauf drang, den Kindern keine Albernheiten in den Kopf zu ſetzen, haͤtte den Glauben der Kinder irre gemacht. Die Aeltern der Kinder konnten die zarte Ei⸗ nigkeit ihrer Kinder nicht ohne Wohlgefallen anſe⸗ hen, und obgleich Heinrich in ſeinen aärmlichen, faſt zerriſſenen Kleidern gegen die immer mit höfi⸗ ſcher Eleganz gekleidete Blandine gewaltig abſtach, ſo funkelte doch ein ſo ſchönes blaues Auge unter den Kaſtanienlocken die Stirne hervor, und auf den Wangen blühten ein paar ſo friſche Morgen — 21— roſen, und der wilde Knabe war dabey ſo einſchmei⸗ chelnd gegen Blandens Aeltern, daß, wenn der Paſtor den Kindern nachrief: Gott ſegne die Kin⸗ der! der Caſtellan jedesmahl ſagte: Zeit bringt Ro⸗ ſen, Herr Nachbar! damit ſpielte er auf eine ſchö⸗ nere Zukunft an; aber natürlich kam es denn auch dadurch ſehr bald zur Frage: was aus dem Kna⸗ ben werden ſollte? Ach, die Frage hatte ſich der arme Paſtor ſchon hundertmahl ſelbſt vorgelegt, und mit einem ſchwe⸗ ren Kopfſchütteln nur beantworten müſſen. Leſen konnte Heinrich, ſchreiben auch. Latein— bey dem Worte brach dem armen Pater ein ſchwerer Seufzer aus der Seele. Auf einer Schule konnte er, der kaum lebte, ihn nicht halten. Auf der Univerſitaͤt? Der ehrliche Mann, der betruͤbte Vater ſchlug die naſſen Augen gen Himmel. Wohin ſollte er ſie ſonſt ſchlagen? Er ſah in ſeine arme Jugend zurück, wo er die Zeit des Lernens mit Lehren verderben mußte. Aber er war ein ehrlicher Mann. Er griff das Werk an, und nun ſaß Hein⸗ rich den Tag vier Stunden, und trieb Latein dem Vater um die Wette. Die vierte Stunde ging aber meiſtens verloren; denn Blande ſteckte das Köpf⸗ chen ſo oft durch die Thür, um ihn ein Zeichen zu geben, daß ſie da ſey. Der Vater erſtaunte; der Knabe lernte viel⸗ mehr als er ihn lehrte. Er fragte, und der Klaus⸗ ner war es, der ſich des Vaters und des Sohnes as e e —ye —— — 22— annahm. Der Vater gab den Unterricht, der ihm ſchwer wurde, nun auf, und des Knaben Unter⸗ richt bey dem Klausner wurde nun ernſthaft; denn er hatte den Grundſatz: was gelernt werden ſoll, muß mit Ernſt gelernt werden, muß eine Arbeit ſeyn, ſogar eine ſchwere Arbeit. Aber zugleich gab er dem Knaben Kraft zur Arbeit. Sieht dein Vater nicht, Heinrich, daß du hier viel lernſt, ſehr viel: ſo mußt du auf eine Schule, und wer weiß, ob du dann Blandinen je wieder ſiehſt. Das einzige Wort gab dem Knaben eine zehnfache Kraft. Er lernte viel. Da wagten die dankbaren Aeltern noch einmahl den Umgang des ungeſelligen, wohlthätigen Ein⸗ ſiedlers zu erhalten; aber vergebens. Er war ſo kalt, daß ſie alle Hoffnung aufgaben. Sie über⸗ ließen ihm die Kinder faſt ganz. Heinrich trieb ſeine Sprachen mit Eifer; Blande beſorgte die Inſel, mit ihrer Arbeit in der Hand. Dann nahm Schnell die Kinder mit zu ſeinen Ar⸗ beitern auf das neue Feld, das immer reichere Ern⸗ ten trug. Sie waren nicht müßige Zuſchauer. Sie lernten, was ſie hier machen ſahen, und Heinrich mußte ſogar mit Hand anlegen. Ein neuer Bienenſtand, ein neuer Obſtgarten am See hin lehrte Blanden die Geſchaͤfte des Zeid⸗ lens, der Obſtzucht, des Gartenbaus. Sie ſpielte nicht, ſondern ſie war ernſthaft thaͤtig. Dann hat⸗ ten ſie ihre Spielſtunden, die ſie mit edlern Bl 4. then der Dichtkunſt aus des Klausners Maͤhrchen kraͤnzten. Sie hatten ihre Maskeraden ſo gut wie eine Hauptſtadt, und viel ſinnvoller: Heinrich ging von Blanden tief ins Gebirge, und Blande mußte ihn ſuchen. Ihr fiel mit einer ſüßen Wehmurh Amanda ein. Sie nähte Muſcheln von Seeauſtern an ihren Hut, an ihren Mantel; dann pilgerte ſie mit ihrem Pilgerſtabe ins Gebirge hinein, und ſuchte. Amanda ſie, Amandus er! bis ſie ihn auf ihrer Lieblingshöhe traf. Ach, es war das erſte Mahl, daß er die Arme um das geliebte Pilgermädchen ſchlug, das erſte Mahl, daß er ſie mit einem ganz veraͤnderten Tone der Stimme, nicht Blande, ſon⸗ dern Amanda nannte. So war ſie vierzehn Jahre alt geworden, er ſechzehn. Sie liebten ſich unendlich; aber ihre Liebe war nur das heitere Vertrauen, die heilige Un⸗ ſchuld, eine ſüße Gewohnheit, ein freundliches Spiel, eine reine Liebe aus den Gefilden des Him⸗ mels, ohne den Stachel der unruhigen Begierde, der wilden, heißen Sehnſucht nach etwas Unbe⸗ kannten. Die beyden Herzen ſchlugen nur vor Freu⸗ de, vor Glück. Ruhe lag in ihren Seelen. Sie waren nur glücklich. Da lief die erſte dunkle Wolke über ihr Leben weg. Die Caſtellaninn ſah einmahl vom Schloſſe her mit einem Tubus, der in des Fürſten Zimmer ſtand, in der Gegend umher. Sie ſah Blandinen mit dem Juͤnglinge auf der naͤchſten Hoͤhe erſchei⸗ nen. Was ſie hundertmahl in der Naͤhe geſehen hatte, ſchien ihr durch das Glas gefährlich. Sie ſah, wie Blande den Arm um Heinrich Schulter legte, wie ſie ihm zulaͤchelte, wie ſie dann unten im dicken Gebüſche verſchwanden. 1 Das Maädchen ſchien ihr in der Ferne ſo groß, ſo ausgewachſen, und der Gongon ertönte ſogleich. Blande kam. Aber Blande, ſagte die Mutter et⸗ röthend: du gehſt den ganzen Tag mit Heinrich! Ach, liebe Mutter, leider nicht den ganzen 1 Tag. Da muß er jetzt rier Stunden bey ſeinen Büchern ſitzen, und ich darf nicht einmahl Hein⸗ rich ſagen, nicht einmahl Huſten, nicht einmahl recht das Auge zu ihm aufſchlagen. Dann hülft er mir eine Stunde im Garten. Dann ſchreibe ich, und er iſt auf dem Felde, oder rechnet, oder macht Bauriſſe. Ach, Schnell, liebe Mutter, ſchraͤnkt unſere ſchönen Spielſtunden im⸗ mer mehr ein. Ich wollte ganz und gar. Ganz und gar? Warum denn, Mutter? das eben ſind ja die ſchönſten Stunden, wenn ich mit ihm ſo ganz allein bin; ſo ganz allein. Auf der Inſel im See, wo Niemand uns ſtöyen kann, auch 1 5 Schnell nicht einmahl. Aber was macht ihr denn ſo ganz allein. ₰ gar nichts, Mutter, ganz und gar nichts. Ich ſtricke und er ſieht zu. Ich laͤchle, er laͤchelt. — , — 25— Er haͤlt mir das Auge zu, ich ihm. Das iſt allen, Ach! Dann aber reden wir auch recht ernſthaft, recht ſehr, von unſerer Zukunft, von— Von eurer Zukunft? Was denn? Was er an meinem Geburtstage wieder für mich ausgeſonnen hat mit Vater Schnell, und,— hier hob ſich des Mädchens Buſen mit einem Seufzer— von der Zeit, wann er von hier weg muß, wie es da ihm und mir ſeyn wird; ob wir's wohl überle⸗ ben,— und Höre, Blandchen, hob die beſorgte Mutter nun an, und ſetzte dem Mädchen auseinander, daß ein Maädchen, das confirmirt iſt, ein ganz anderes Mädchen ſey. Die Mutter war natürlich ein wenig undeutlich, und Blande fragte nach Allem; denn es galt ihr ganzes Glück. Die Mutter befahl denn endlich Blandinen beſtimmt, ſie dürfe nie wieder mit dem jungen Menſchen allein ſeyn.. Das ſey dem Himmel geklagt! ſagte Blande allein. Ich begreife doch nicht, was die Confirma⸗ tion damit zu thun hat. Sie trug noch denſelben Abend den Fall dem Geliebten vor. Der rieth hin und her; aber er rieth nichts heraus. Aber die Mutter beſtand auf ihren Willen, der Vater auch, und nach vierund⸗ zwanzig Stunden Heinrichs Aeltern auch. Ich weiß nicht, Heinrich, was ſie wollen. Sie thun ſo wunderbar geheim damit. Es ſchickt ſich Lafontain's Romane. B nicht? Nun, wenn wir uns nicht in einander ſchi⸗ cken, was thut's denn? Wenn'’s nicht davon eine Probe ſeyn ſoll, ob wir uns auch ſo recht lieb haben. Denn haͤtten ſie recht, ſo gingen ſie gerade heraus, und dein Vater lächelte dazu, als wäre es nur Spaß. Aber es war kein Spaß. Den Blande ſaß den andern Tag am offnen Fenſter des Schloſſes, und 3 ſchüttelte den Kopf, da Heinrich winkte, und da er in's Schloß kam, ſagte ihm die Caſtellaninn: Blande hat zu thun: Geh' du an deine Bücher! Brum nend ging Heinrich, und mit dem Kopfe zurnend nickend. Aber er war wie eine Katze am Pfirſich⸗Spalier hinauf vor Blandens Fenſter. Er hinein, und die Mutter traf ihn bey Blanden. Die Mutter redete nun in ſchaͤrferm Ernſt. Heinrich warf einen bedeutenden Blick auf Blan⸗ den, und ging ſtill, und Beyde ſprachen ſich, ehe die Sonne aufging, und ehe die Aeltern auf waren.* Schnell fyagte nach Blanden. Heinrich erzählte 4 unſchuldig alles, auch wie er Blanden heimlich n ſaähe. Schnell läͤchelte. Er ging zum erſten Mahle h zu den Aeltern. Er erhielt nur ſo viel, daß man fi. Blanden nicht mehr von dem jungen Menſchen ſe trennen wollte; dagegen verſprach Schnell, Hein⸗ ſ d d —— — — æ — Ocda C Soar r cich ſollte weg von Schönberg.* Alles kam leidlich in's Gleis wieder. Schnell fand ſeine Entſchuldigung für die Aeltern, die Heinrich und Blanden glaubig annahmen. Schnell ging nun in der Aeltern Häuſern aus und ein. Er verſprach für des Jünglings Glück zu ſorgen. Daß Schnell ein wohlhabender Mann ſeyn mußte, war unbezweifelt. Familie hatte er nicht. Er liebte die Kinder. Man rechnete auf eine glückliche Zu⸗ kunft. Der Sommer ging hin, und im Herbſt ſtan⸗ den Heinrich und Blande zum letzten Mahl auf der Inſel allein, die thräͤnenſtrömenden Augen auf einander geheftet, ohne Worte, die Haͤnde feſt in einander geſchlagen, bis Blande, vom Schmerz uͤberwaͤltigt, das erblaſſende Geſicht auf ſeine Schul⸗ ter legte. Da tönte des Klausners Flöte über den See her, ihnen das Zeichen, daß er gehen wollte. Amanda! ſagte er zum vierten Mahle. Aman⸗ dus! antwortete ſie, und er trat allein in die Gon⸗ del. Blande blieb allein im einſamen Gebüſch. Heinrich ging mit dem Klausner durch das Thal, über die Höhen, das Gebirg hinab, bis die breite Landſtraße, die Heinrich zum erſten Mahl ſah, ſie empfing. Sieh noch einmahl zuruͤck, Heinrich, nach dem Gebirge. Dort ſchlägt ein unſchuldiges Herz in rei⸗ ner Liebe für dich, Blandens Herz. Du wirſt in der weiten Welt ein ſo reines Herz, ein ſo unſchul⸗ diges als Blandens nicht wieder ſinden, und faͤn⸗ deſt du es wieder, ſo kannſt du nicht dieſe Liebe wieder finden, Heinrich, o du glücklicher Menſch! B 2 — 26— Blande liebt dich. Ihre ganze Seele iſt dein. Hein⸗ rich, bleib' ihr treu! o zerſchlage das Herz nicht, das keine andere Hoffnung im Leben hat, als deine Wiederkunft, als deine Treue. Ich war nicht ſo glücklich, wie du, ein Mädchen zu ſinden, die mein Weib häͤtte ſeyn können: du haſt ein Weib gefunden; die Unſchuld, die Liebe ſelbſt. Hier ſtutzte Heinrich, und erröthend legte er die Gluth der Liebe, und die ſchöne Schamroͤthe des Jünglings zu verhüllen, ſein Haupt an ſeines Lehrers Buſen. Schnell fuhr fort: die Liebe, die Unſchuld, der Himmel hat dich mit Blanden ver⸗ lobt! Hier nimm den Ring, Heinrich, er enthaͤlt Blandens Nahmen. Bringe, wenn du zuruckkehrſt, den Ring und deine Treue gegen Blanden wie⸗ der mit. Der Jüngling nahm heftig den Ring. Aber noch konnte er das Auge nicht gegen ſeinen Freund aufſchlagen. Das neue Bild, Blande ſeine Braut, einſt ſein Weib, verwirrte alle ſeine Empfindun⸗ 5 gen. Der Schmerz der Trennung wurde eine Se⸗ ligkeit, die aber wie ein dunkles Meer in ſeiner Seele ſtürmend wogte. 3 S Endlich ſchlug er das Auge empor zu dem Va⸗ ter, und da ſank er laut ſchluchzend zu ſeinen Füͤſ⸗ —— —“— 3 cs oerar e. h f. Augen auf ſeine Hand. Dann kam die Sprache 1 d verſtand ihn. Er ließ ihn mit dem Ringe allein. ſen, und druͤckte die Lippen und die überſtrömenden wieder. Er ſagte: Amanda, Blandine! Der Vater — 29— Nach einer Viertelſtunde kam Heinrich nach. Sie redeten nicht wieder von dem Ringe. Aber viel er⸗ mahnte ihn der Vater über die Welt, in die er nun treten ſollte; über die Anwendung der Zeit, über die Ehre des Mannes, über die Schuldloſig⸗ keit des Herzens, über die Reinheit der Sitten, über den Umgang der Menſchen. Heinrich verſprach ſeinem Freunde, ihm Alles, Alles zu ſchreiben, was ſeinem Herzen merkwürdig ſeyn würde. In der naͤchſten Stadt ließ Heinrich ſich kleiden. Schnell ſchrieb ihm einige Empfehlungsbriefe, leerte ſein Geld in ſeine Börſe aus, drückte ihn noch einmahl an ſein Herz, ſagte Amanda! und verließ ihn. er kehrte ins Gebirge zu Blanden zurück. Er hatte Blanden die Stunde ſeiner Rückkehr beſtimmt. Sie erwartete ihn auf der Höhe, wo ſie den Weg uberſehen konnte. Sie flog in ſeine Arme, und ließ ſich von ihm Heinrichs Abſchied erzählen. Jede Thräne, die ſie vergoß, war eine Thräne des Schmerzens und der Freude. Der Caſtellan hatte jetzt gar nichts mehr dagegen, daß Blande oft den ganzen Tag bey dem Klausner zubrachte, und Abends erſt ſpät zurückkam. Denn je näher man den Ei⸗ genſinn kennen lernte, deſto größer wurde die Ge⸗ wißheit, er ſey ein reicher Mann, vielleicht ein ſehr reicher Mann, und daß die Nahmen Heinrich und Blandine einmahl in ſeinem Teſtament ſtehen würden, war noch viel gewiſſer. Denn er liebte — 3e— Blandine wie ſeine Tochter. So hielt man ihm ſeine eigenſinnigen Grillen zu gut. Die, ſagte der ehrliche Paſtor voll Eifer, wenn auch nicht Men⸗ ſchen, Gott zu Buche tragen wird. Aber er trug ſelbſt zu Buche, oder vielmehr um Blanden in ih⸗ rem Grame zu zerſtreuen, mußte ſie ſein Buch füh⸗ ren. Sie trug anfangs leichtſinnig, wie ein Maͤd⸗ chen von fünfzehn Jahren, die Summen in's Buch, ddie er ohne Zinſen hier einem Nachbarn lieh, dort Neeiinem, um ein fruchtbares Stück Wald in Weitzen⸗ acker zu veredeln. Sie trug zu Buch das Geld, das die Bewaͤſſerung der ſchlechten Wieſen koſtete, die zu reichen Weiden, und dann zu Kleeaͤckern wur⸗ den. Aber er redete mit ihr darüber, und ſie las ſchon aufmerkſamer ſeine Rechnungen, wie viel wohlhabender das Dorf ſeit ihren fünfzehn Jahren, ſo lange lebte er hier, geworden war. Sie wurde die Vertheilerinn ſeiner Wohlthaten, und ſie lernte von ihm freygebig und karg zu ſeyn. Ach, ſie ſah auf einmahl, welch ein wohlthatiger Genius ihr Lehrer war, und wie undankbar die, denen er woohl gethan hatte. Laͤchelnd ſagte er dem betruͤbten Maͤdchen: fordert denn die Natur Dank, daß ſie die Erde befruchtet, die Gewitterwolke Dank für ihren Segen? Sie ſegnet und verſchwindet, Blan⸗ de, und wir freuen uns des blallen Himmels, der nur uns ſchmeichelt. Sieh, Blande, iſt die Hütte dort voll wohlgekleideter Kinder, voll Wohlhaben⸗ heit, voll Jauchzen, nicht ein göttlicher Anblick. — 7— SBe.—&ö— œłx — = — 312— Por zehn Jahren wohnte in der Hütte die Armuth, die Sorge; der Schlaf ging vorüber, und Seuf⸗ zer erfüllten die Nacht. Welchen beſſern Dank konnte ich haben, als den Anblick, ſieh hin, der glückli⸗ chen Mutter, die in die Thüre tritt. Da erſt lernte Blande ihren Lehrer verehren, und zum erſten Mahle wünſchte ſie ſich reich zu ſeyn, um glücklich zu ſeyn, wie er; denn ſie lernte von ihm Glückliche zu machen. Da kam ein Brief von Heinrich. Er war voll von den Empfindungen, welche die große Welt⸗ in die er durch die Güte ſeines F. undes getreten war, in ſeiner Seele hervorgebracht hatte. Er war voll von Blanden, von ſsiner Kindheit ſchönen Freuden, von ſeiner unendlichen Liebe zu Blanden, die er tauſend und tauſend Mahl grüßen ließ. Ich habe in der Welt nichts gefunden, was erhabener ware, als meiner Kindheit früheſte, ſpielende Traäͤu⸗ me. Ach, das Paradies auf Ihrer kleinen Inſel ſuche ich vergebens. Ich war auf ſchönern Inſeln ſeitdem; aber der Hauch des himmliſchen Lenzes auf ihrer Inſel fehlt; das Rauſchen, der Athem, die leiſen Stimmen der Geiſterwelt fehlen; Blan⸗ dens, ach Blande! o meine Blande! Blandens Lä⸗ cheln, Blandens himmelreine Unſchuld fehlt; das Leben, das Blandens Gegenwart dem allgemeinen Tode mittheilen würde. O fände ich auch Alles wie⸗ der, mein Vater, was mir lieb war, ſo würde ich doch Blanden nimmer finden, und nach ihr ſehnt oee A — — 32— mein Herz ſich, für ſie allein ſchlaͤgt dieſe volle Bruſt, an ihr haͤngt mein Leben! Blande konnte nicht mehr zuhören vor Weinen und Entzücken. Sie ſtand auf; da gab ihr Schnell den Brief. Sie nahm ihn mit in's Paradies, und da las ſie ihn allein. Ich liebe die Menſchen, fuhr Heinrich fort: ich liebe die Welt. Sie iſt mir nicht fremd. Aber mir iſt, als müßte ich ihr ewig fremd ſeyn; als gehoͤrte ich einem höhern, einem ſchönern Leben an, einem heiligen, wie jene Frau, von der Sie den Kindern erzaͤhlten, die begraben war, und wieder aus dem Grabe aufſtand, die immer die blaße Grabesfarbe behielt, und nie wieder, ſo lang ſie lebte, lächelte. O Blande hat mich auf ewig zum Fremdling in der Welt gemacht. O meine Blande! Nur in der Muſik hier, mein Vater, finde ich allein meine heimiſche Welt wieder, mein Paradies, Sie, meinen Pater und meine Blande, ſo neu ſie mir war, ſo war ſie mir dennoch gar nicht fremd. Ich ſaß da, und ſie trug mich auf ihren tönenden Flügeln leiſe zurück, wie auf der Gondel, in das Paradies, in Blandens Arme, und mit ihr, mit ihr ewig verbunden, verklaͤrt in unſerer himmliſchen Liebe, ſtieg ich empor, durch lauter Morgenröthen nd Regenbogen, und durch lauter Sonnen und duftende milde Frühlingsnächte, umrauſcht von flie⸗ genden und klingenden Welten in eine höhere Welt, bis der Doctor, Ihr Freund, der mich hineinge⸗ . 3 4 4 — 33— füͤhrt hatte, mich ergriff und ſchüttelte. Ich hatte mit meinen Schluchzen und Thränen das Aufſehen meiner Nachbarn erregt. Was war Ihnen? fragte er mich. Ich war bey Blanden. Ich ſagte die Wahr⸗ heit, und er laͤchelte, und Alle lächelten, die es hörten. Wer mag Blandens unendliche Sehnſucht nach Heinrich, nachdem ſie den Brief geleſen, beſchrei⸗ ben? Sie hätte mögen der ganzen Natur ihren Schmerz, ihre Sehnſucht, iyre Liebe eindrücken. Sie that, was ſie konnte, in ſpielendem einſamen Gram, und der Klausner gab ihren Träumen Wirklichkeit. Auf dem Paradieſe im See wurde eine Hutte erbaut, die nur ein Zimmer enthielt, einſam liegend unter jungen Eichen, die Heinrichs Hand ſelbſt gepflanzt hatte. Die Hütte trug die Aufſchrift: Amandensruh! Ringsum zog Blande ei⸗ nen Kreis blühender Geſträuche und der ſchönſten Blumen. Hier wollte ſie, ſo ſagte ſie oft, Hein⸗ rich empfangen, wenn er zuruck kaͤme. Alle Gänge der Inſel führten in ſchönen Gewinden auf die Hütte zu. Hier war Blande oft, hier las ſie ſeine Briefe, die immer an Schnell gerichtet waren, und die ſie nicht alle las. Aber ſie las doch die meiſten; und alle waren rührende Beweiſe ſeiner Liebe, ſeiner Treue. Auf einmahl fuhr ein tödtender Nordwind durch alle Paradieſe dieſer Unſchuldwelt. Eine nahe Ver⸗ ———— — 34— wandtinn der Caſtellaninn aus der Hauptſtadt kam nach Schönberg zum Beſuch mit ihrer Tochter. Die Caſtellaninn hatte bis jetzt ihre Blande nach der Mode gekleidet, die vor ſechzehn Jahren beſtand, und ſie hatte an ihr nichts, gar nichts auszuſetzen gehabt. Aber jetzt ſtand Blande in dem einfachen weißen Kleide, auf den feinen, weichen blonden. Locken den Schweizerſtrohhut, ein Engel an Schön⸗ heit, neben dem geputzten, halbnackten, eingeſchnür⸗ ten Stadtmaͤdchen, den Hut voll wehender Federn, das bewegliche Auge voll Buhlerey. Die Mutter ſah den Abſtand. Sie ſah, wie blöde Blande war, wie ſie erröthete, wenn ſie angeredet wurde. Sie verglich den leichten Gang Blandens mit dem Hops⸗ walzer des Stadtmaͤdchens. Schön, wie ein Engel! ſagte die Baſe, der Caſtellaninn zufliſternd: aber man ſieht ihr das Land an, und das iſt Schade. Nach einer Stunde war die Caſtellaninn wieder in ihre Jugend zurückgeplaudert, Blandens Haar nach der Mode aufgebunden. Die Caſtellaninn ſuchte Federn hervor. Mit dem Hute wurden Verſuche gemacht, Blande vor einen Spiegel geſtellt, um zu ſehen, wie ſchön ſie nun war. Von ihrem Kleide wurden ze Aermel weggeſchnitten, der Rücken halb. Blande erröthete, ſich nun ſo vor den Frauen ſehen zu laſſen. Aber die Mutter befahl, und Plande mußte gehorchen. 3 Dihin wie ein Engel! rief die Bal mit Er⸗ — 33— ſtaunen, da Blande, die ſich in ſich ſelbſt hinein⸗ ſchmiegte, da ſie es nicht mehr in ihr Kleid konnte, nach der Mode vor ihr ſtand. Schön, wie ein En⸗ gel! rief das Stadtmadchen voll heimlichen Neides. Vier Wochen nur in der Stadt, liebſte Baſe! rief der Caſtellaninn Verwandte den andern Tag. Ein Tanzmeiſter ein paar Monathe, daß die ſchöne Statue Leben bekommt. In die Welt! In die Welt! Guter Gott! ſage ich immer, nichts kann die Welt erſetzen, und den Hof; denn da hat man die Moden aus der erſten Hand! Das ſage ich immer! Liedes Herzchen, wie Sie den Schwal halten, als wäre es ein Regenſchirm. Jettchen, mach doch ein⸗ mahl mit dem Schwal die Bewegung aus dem Do⸗ nauweibchen. Da ſollen Sie ſehen, Engelskind, was ein Schwal iſt. Kurz, die Caſtellaninn glühte, da ſie den Nixentanz geſehen hotte, die Blande in der ſteif⸗ ſten Stellung anſtaunte. Man fliſterte, man nick⸗ te, und es wurde beſchloſſen, Blande ſollte ein paar Monathe in die Stadt, um Welt zu lernen. Herr Schnell machte Himmel und Erde rege⸗ da er es erfuhr. Er ſtellte der thörichten Mutter Himmel und Erde vor. Die Mutter antwortete ſehr höflich, der Erbſchaft wegen, die ſie hoffte. Da aber der Klausner gar nicht mit dem Verluſt der Erbſchaft drohte, was ſie ſehr gefürchtet hatte, ſpielte ſie ſogar ſeldſt darauf an, feſt eneſchloſſen, wenn er ſich bindig erklarte, Biandens Stadtreiſe ———— — 35— noch aufzuſchieben. Er beantwortete die Anſpielung nicht, ſondern ſchlug auf das Mutterherz los, das die Tochter in die Arme des glühenden Molochs legen wollte. Nun, da gar nichts von der Erbſchaft vorkam, die Mutter hatte ſogar auf eine Ausſtat⸗ tung Blandens von ihm für die Stadt gerechnet— ſo ſing ſie Feuer. Sie ſprach von dem Nixentanze und vom Hofe.— Noch war der Caſtellan ohne Entſchluß; er kannte die Stadt und den Hof auch. Die Caſtella⸗ ninn aber rief ein wenig ſpitz: ich weiß nicht, was Sie ſich hier hinein zu miſchen haben, Herr Schnell. Wäare Blande Ihre Verwandtinn, oder Ihre Er⸗ binn— ſie hielt einen Augenblick inne, damit er einfallen könnte,— ſo haͤtten Sie mit einzureden. So aber ſoll ſie den Nixentanz lernen mit dem Shwal, und ſoll den Hof ſehen, und ein Bischen Weltmanier.. O ſo hohl' der Teufel den Nixentanz, rieß Schnell laut, und die Vetteln, die ihn empfehlen; den Hof mit dem Hofmarſchahamt dazu! Hier wurden des Caſtellans Wangen heiß. Und alle Wei⸗ ber und Maͤdchen, fuhr Schnell zürnender fort, die von der Aphrodite nichts haben, als ihre Nackthett⸗ nicht einmahl ihre verſchämte Stellung! Hier dre⸗ heten die beyden fremden Damen die Häalſe, und wurden roth vor Zorn. Aber Schnell fuhr grim⸗ 3 miger fort: und alle naͤrr'ſche, eitle Mütter! j Da war dem Faß der Boden ausgeſtoßen ——y—— Herr Schnell! rief die Mutter— Herr Schnell! rief der Caſtellan— Herr Schnell! riefen die beyden fremden Damen. Der Caſtellan legte dem Klausner die Hand verächtlich auf die Achſel, und hob an: waͤren Sie je an einem Hofe geweſen, wie ich, ſo—. Am Hofe? Der? Lieber Gott! Er iſt unter den Bauern nicht geweſen. Das ſieht, das hört man. Aber Blande ſoll in die Stadt, und— ſie riß dem Mädchen den Shwal von den nackten Schultern— ſo ſoll ſie gehen. Nun tobte Alles durch einander. Schnell ſah Blanden mit einem Blicke voll unausſprechlicher Liebe an, und dann ging er, ohne ein Wort weiter zu ſagen. Der Sturm brauſte noch lange hinter ihm her. Schnell ſah ein, wie viel er mit ſeiner Hitze verdorben hatte. Er lächelte, und ſein Enrſchluß war gefaßt. Blande erhielt nicht allein das Verboth, den Klausner wieder zu ſehen, ſondern die aufgebrachte Mutter hüthete ſie ſo ſtreng, daß es ihr nicht ein⸗ mahl möglich war, von dem Paradieſe Abſchied zu nehmen. Ach, ſie hatte noch einen viel groͤßern Kum⸗ mer. Der ehrliche Prediger, Heinrichs armer Va⸗ ter, gab, da ihm der Zank erzählt wurde, dem Klausner recht. Die erbitterte Caſtellaninn ſah den Prediger höhniſch an. Der ehrliche Mann ſagte: Blande paſite für mei⸗ nen Heinrich beſſer als ſo! Er zeigte auf Blanden, — —-. Oc d n er 3— 38— die nicht das Herz hatte, in ihrer Kleidung die züchtige Mutter ihres Heinrichs anzuſehen.. Nun wenn ſie für ihn ſo nicht paßt: ſo iſt's gut! rief die Caſtellaninn: verlobt ſind ſie noch nicht, und wenn Ihnen die paar Thaler, die der grobe Menſch Ihrem Sohne gibt, mehr ſind, als unſere lange Freundſchaft, Herr Paſtor— Sie verbeugte ſich ſehr tief— ſo— Blande fiel ihrer Mutter laut ſchluchzend in die Arme, um das harte Wort, das ihre bitterhoͤhniſche Miene ankundigte, zurückzuhalten. Mein Mann iſt Caſtellan, fuhr die Mutter fort: Sie ſind hier Paſtor. Wer von des andern Umgang mehr Ehre gehabt hat, das richte Gott, der recht richtet! Sie drehte ſich nach einer kurzen Verbeugung ab. Der Paſtor faßte an ſeinen Kragen. Ehre 2 ſagte er ernſt: ich ſtehe in Gottes Dienſt, und Gott iſt größer, als ihr Herr.⸗ Der Caſtellat faßte ihn leiſe auf die Schulter, ſah ihn lächelnd an. Der Paſtor verlor das Gleich⸗ gewicht. Sie ſchieden ſtumm, mit Verbeugungen, aber gehäſſig aus einander. Unterwegs ſagte die Mutter zu Blanden: und von heute an denkſt du mir nicht wieder an den Pfaffenſohn! Zum erſten Mahle fühlte die Caſtel⸗ laninn, daß ſie Blandens Mutter nicht war; denn ſie ſah ohne Mitleiden die todtenbleiche Farbe Blan⸗ dens, hörte die ſchmerzlichen Seufzer, die aus dem zerriſſenen Herzen hervor kamen. — 39.— Nach drey Tagen reiste Blande mit ihren Ver⸗ wandten nach der Reſidenz ab, ohne ihren Lehrer geſprochen, ohne Amandensruh noch einmahl geſe⸗ hen zu haben. Im erſten Nachtquartier hörte ſie auf einmahl ihres theuren Lehrers Flöte die Melodie von einem Liede auf Amanden blaſen. Sie flog an's affne Fenſter. Sie ſah ihn unter einer Weide ſtehen. Er winkte ihr. Sie kam herab. Er ſteckte ihr einen Zettel zu, und verſchwand. Sie las: Sey ruhig, Blande. Ich bin dein Beſchützer. Jeder, der dir das Wort: Amanda! leiſe zufliſtert, iſt ein Bothe von mir, dem du trauen kannſt. In der Reſidenz wird eine Frau dir den Nahmen nennen. Folge ihr! In ihrem Hauſe iſt Sicherheit für dich. Denk an Heinrich, wie treu er dich in ſeinem Herzen trägt; trage ihn treu in deinem Herzen, Blande! Dein treuer Vater. Sie ſteckte den lieben Brief in ihren Buſen. Die Thranen, die bis jetzt in ihren Augen gehan⸗ gen hatten, vertrockneten. Sie kam mit entzückten Blicken zu ihren Reiſegefäahrtinnen zurück. Die Thörinnen glaubten, es ſey die Freude auf die Re⸗ ſidenz, wovon ſie erzaͤhlt hatten. Auch war Blande nur ein paar Tage in der Reſidenz, und mit ihrer Verwandtinn in einem öffentlichen Garten, wo ſie die ſchöne Welt ver⸗ ſammlet ſehen ſollte, als ſich chr im Gedränge nach dem Saal eine Frau naͤherte, ihre Hand verſtohlen ———— 85——— — 40— ergriff und druͤckte. Blande ſah ſich um, leiſe fli⸗ ſterte ihr die Frau das Wort: Amanda! zu, und verließ ſie. Blandens ſtrahlende Blicke verfolgten die Frau, die bey ihrer Verwandtinn ſtille ſtand, und mi der, wie ſie ſah, unendlich freundlich redete. Das war eine Frau von Wollzogen, ſagte trium⸗ phirend die Verwandtinn zu Blanden, die ſo freund⸗ lich mit ihr redete, die edelſte Dame in der ganzen Welt. Die Frau von Wollzogen kam wieder zu der Frau, ohne aber auf Blanden zu merken. Sie ging mit ihr in einer einſamen Allee auf und ab. Sie haben eine ſo große Bekanntſchaft, liebſte Madame Bruch, hob die Wollzogen freundlich an, und ſo viel Verſtand, daß ich mich wohl an Sie am beſten wende. Sie kennen doch meine Julie? Ein Engel, gnädige Frau, ein himmliſcher Engel.. Nun ſehen Sie, für das Maͤdchen ſuche ich eine Geſellſchafterinn„ von ihren Jahren ungefäͤhr, alſo zwiſchen fünfzehn und achtzehn; aber, was ſchwer zu finden ſeyn wird, das Madchen muß ſtill und höchſt ſanft ſeyn, um die Lebhaftigkeit meiner Julie zu mäßigen. Sie muß unſchuldig ſeyn, von den reinſten Sitten, wenn es möglich iſt, von dem Lande. Daß ich ſie wie meine Tochter halte, trauen Sie mir zu, daß ich für ihr Glück ſorgen werde, auch. Ich würde Ihnen höchſt verpflichtet ſeyn, wen Sie mir— — 41— O mein Gott, gnädige Frau, das kann ich.! brach die Frau freudig hervor. Denn die Frau Bruch hatte gegen die Caſtellaninn ſich ein wenig zu reich gemacht, mit zu viel gutem Willen ver⸗ ſprochen, Blanden umſonſt zu ſich zu nehmen. Die Reue war ſchon nachgekommen. Das kann ich, rief ſie. Ich habe gerade, gerade das Mädchen, das Sie ſuchen. Sie iſt mit hier. Wenn Ihnen gefäͤl⸗ lig iſt?. Die Sache war in ein paar Minuten in Rich⸗ tigkeit. Madame Bruch, ihre Tochter, und Blande fuhren mit der Frau von Wollzogen, aßen bey ihr, waren entzückt, wurden beſchenkt von ihr. Blande blieb ſogleich da. Die Caſtellaninn gab ihre Ein⸗ willigung nach einem Briefe von ihrer Verwand⸗ tinn, worin dieſe die Frau von Wollzogen in den Himmel erhob, Blandens Schickſal glücklich pries, daß ſie in dieſem vornehmen reichen Hauſe, das ſo⸗ gar von den Prinzeſſinnen beſucht wurde, lebte. O, wer weiß, liebſte Baſe, welche Freude ſie noch an Blanden erleben, welche Ehre! denn Blande iſt ſchoͤn, wie ein Engel. Alle Männer ſtarren ſie⸗ an mit Erſtaunen. O welch ein glückliche Mutter ſind Sie! Die Caſtellaninn ſtieg auf in einen Himmel von Grafen, Baronen und adelichen Titeln, brü⸗ ſtete ſich gegen Paſtors, noch mehr gegen den Klausner, die nicht da waren, ſchon im Voraus. Der Caſtellan warf ſich, was er ſonſt aus nefem e neee— —= S ſich ſonſt aufhielt, der ſchönſte, der großmüthigſte, 3 — 42— Reſpect nicht that, in einen fürſtlichen Seſſel, ſchlug ein Knie über das andere, warf das Haupt auf, als wäre er der Fürſt. Aber er ſagte nichts; er lä⸗ chelte nur. Der Ausgang war noch ungewiß, und 4.„„. ſeine Weisheit mußte er retten. Aber Alles, auch die Loſung Amanda kam zu ſpaͤt; denn auf der Reiſe in die Reſidenz, eine Viertelſtunde vom Thore, wo Madame Bruch mit ihrer Tochter und Blande ausſtiegen, um die Lo⸗ cken zu rollen, den Staub abzuſchütteln, und die Salops hervor zu hohlen, erblickte Herr von Har⸗ tenſtein aus dem Fenſter ſeines Gartenhauſes, hin⸗ ter einer Jalouſie verborgen, Blanden. Er erſtaunte vor dieſem himmliſchen Reitz des Maͤdchens. Sein Herz pochte ſtärker als jemahls. Er nahm ſein Glas, und ſchaute. Iſt ſo viel Reitz möglich? ſagte er immer mehr erſtaunend. Die Damen waren fertig mit ihrem Putz, und ſtiegen ein. Der Baron hinter den Wagen her. Er hörte im Thor die Nahmen der Madame Bruch. Er folgte dem Wagen bis vor die Wohnung, wo ſie ausſtiegen. Nach einer Stunde wußte der Ba⸗ ron von ſeinem Julius der Madame Bruch Welt⸗ geſchichte, und er quartirte ſich in ein Wirthshaus gegenüber ein, von wo er den Charakter der ſchö⸗ nen Fremden zu ſtudiren anfing. Julius dagegen ſtudierte Blandens Stammbaum und Geſchäfte hier. Der Baron hieß in der Reſidenz, oder wo er — 43— der reichſte junge Edelmann. Ein genialer Kopf⸗ ein edler Sonderling! Sagten einige Stimmen; denn obwohl er den Hof beſuchte, ſo war der Hof doch die Zielſcheibe ſeines Witzes. Er war auf Rei⸗ ſen geweſen; die ernſthaften Leute ſagten, wie ein Geck, denn er hatte nicht einen Hof beſucht, nicht einmahl die Geſandten ſeines Fürſten, wohl aber die Vergnügungsörter des Pöbels. Er hatte große Summen auf Reiſen verſchwendet, und doch kam er mit einer blühenden Geſundheit zurück, und ſeit er muͤndig war, bezahlte er alle ſeine Schul⸗ den, ſo ſparſam war er. Sein Haus war klein, aber bequem, und ſeine Geſellſchaften auch. Aber dagegen war ſein Haus auf ſeinem Gute ein präch⸗ tiger Pallaſt, und ſein Park dabey ein Zaubergar⸗ ten. Seine Bauern lobten ihn; denn er war ge⸗ recht und großmüthig; aber ſie liebten ihn nicht, obwohl er ihnen Gutes that. Kurz, er war das ſchönere Bild ſeines Oheims, des alten Barons Hartenſtein, von dem Niemand etwas wußte, als daß er in ſeiner Familie Vetter Tollkopf hieß, weil er, wie man ſagte, Alles in der Welt verkehrt an⸗ gegriffen hatte. Der Großvater war auch ſo ein Tollkopf geweſen, den aber, naͤrriſch genug, alle ehrliche und alle unglückliche Leute, die in ſeine Nähe geriethen, unendlich geliebt hatten. Vetter Tollkopf war ganz und gar unſichtbar geworden; denn daß er alle Jahre ein paar Mahl auf ſeinen Gutern, wie ein Blitz vom hellen Him⸗ — r — e — 44— mel, erſchien, und ſich Rechnung von den Guü⸗ tern und dem Glück ſeiner Bauern ablegen ließ, das immer wachſen mußte, daß er ſeine Beamten zum Zittern brachte, wenn einer es gewagt hatte, Unrecht zu thun, erfuhr faſt Niemand. Der Neffe, der dor Niemand zitterte, zitterte vor dem bloßen Nahmen ſeines Oheims, den er nicht kannte, der aber ihm aus ſeinem Verſteckwin⸗ kel aufpaßte, und ihn beſſer kannte, als die ganze Reſidenz, in der er lebte. Der Oheim war nicht verheirathet, weil er ſo ein toller Tollkopf war, ſagte man. Der Neffe ſchien das Band der Ehe auch zu fliehen, weil ihm die Narrheit ſeines Groß⸗ vaters und ſeines Oheims im Blute ſteckt, ſagte man. Julius, des Barons Bedienter, ſagte läͤchelnd; weil es ein Band iſt! Julius kannte ſeinen Herrn. Eben um ſeines Oheims winen, der unſichtbar ihn umſchwebte, und weil er ein Kenner war, fiel der Baron nicht ſogleich in das Haus der Madame Bruch, wobey, das wußte er, er nichts gewagt haͤtte. Er hatte den Plan ſeiner Bekanntſchaft mit Madame Bruch ſchon von weitem und vorſichtig angefangen, da ging. Blande— o weh! in das Haus der Frau von Wollzogen über. Nichts haͤtte den Baron unangenehmer ſeyn können als eben dieß. Denn der Himmel mochte wiſſen, wie es zuging, die Frau von Wollzogen, die faſt nichts wußte, was am Hofe und in der Stadt vorging, und deren Umgang er geſucht hat⸗ — 45— te, weil ſie eine geiſtreiche und hoöͤchſt gebildete Frau war, ſchien ihn beſſer zu kennen, als irgend ein anderer Menſch. Sie nahm ihn gütig auf; aber ſie ſagte ihm ſchon am dritten Tage: es gibt keinen gefaͤhrlichern Menſchen, Herr Baron, als einen jungen, reichen, hübſchen Mann, der aus Luſt, weil es ihm gelingt, die Menſchen überliſtet. Die Mske, die er traͤgt, verbirgt jedes Verbre⸗ chen, und ſo erwacht auch die Luſt, jedes Verbre⸗ chen zu vollenden, weil man es unbeſtraft und un⸗ erkannt vollenden kann. Der Baron ſtutzte; aber da ſolcher Bemerkun⸗ gen noch ein Paan kamen, ſo vermied er die ge⸗ fährliche Frau, die allwiſſend ſchien, und unter dem Schutze dieſer Frau lebte Blande, Blande, die er mit wilder Gewalt liebte, obgleich er ſie nur geſehen: aber da er ſie nun geſprochen hatte— er ſprach ſie in einer Geſellſchaft, wo die Frau von Wollzogen nicht war,— da er nun bey ihr fand, was ihm der hoͤchſte Reitz an dem weibli⸗ chen Geſchlecht ſchien, die hohe Unſchuld, bey der allertiefſten Empfindung, ſo kannten ſeine Liebe und ſeine Begierde keine Graͤnze mehr; aber deſte verſteckrer ſpielte er ſein Spiel. Madame Bruch hatte allen Einfluß auf Blanden verloren. Sie wurde zwar von der Frau von Woll⸗ zogen zum Eſſen gebethen, Frau von Wollzogen fuhr mit Blanden dort vor. Das war alles, und daraus lies ſich nichts machen. Blande lernte ſin⸗ — 46— gen, tanzen, Sprachen mit Julien; aber die Frau von Wollzogen war in jeder Stunde gegenwaͤrtig⸗ Die Bekanntſchaft, die der Baron mit Blandens Lehrern machte, war ganz unnütz. Die Domeſtiken der Frau von Wollzogen erklärte Julius für gang unbeſtechlich. Blande mußte aus dem Hauſe dort weg. Er fuhr nach Schönberg zu Blandens Aeltern. Er lief einige Tage in der himmliſchen Gegend umher, aber mit ſo viel Geräuſch, daß jeder Koͤhle: von dem Fremden wußte, der das Schweizerthal beſah. Der Zufall führte ihn auch an das Schloß⸗ Er ließ es ſich zeigen. Er ſah vom Schloſſe nichts; aber er haͤtte können einen Grundriß von den Ael⸗ tern Blandens entwerfen. Die Gegend geſiel ihm ſo ungemein, beſonders die Ausſicht vom Schloſſe, es war ſo bequem in dem Wirthshauſe des Dorfs daß der Caſtellan, der nie einen ſo höflichen Ba⸗ ron, und der den Hof ſo genau kannte, geſehen hatte, ihm ein Zimmer im Schloſſe anboth. Der Baron zahlte für Wohnung und Tiſch höchſt großmüthig, und altes ging gut. Von Blanden nicht ein Wort; ſo oft die Mutter auch davon anheben wollte. Die Freundſchaft war ge⸗ ſchloſſen. Der Caſtellan reiſte mit dem Baron auf. ſein Gut, die Frau auch. Sie wußten beyde nicht was ſie ſagen ſollten, bey dieſer Pracht, bey di* ſem Reichthum, bey der Menge Bedienten und b der Achtung, womit ſie hier aufgenommen wurd —-— 47— Herr Baron! ſagte der Caſtellan weiſe: Eins, nur Eins fehlt hier noch. Das waͤre? nun lieber Freund, das waͤre? Eine ſchöne, reitzende Gemahlinn für Sie! Der Baron zuckte die Achſeln, und ſagte leicht⸗ hin: Die wird ewig fehlen. Ewig? Das wollte Gott nicht, daß dieſer fürſtliche Reichthum nicht in ihrem Hauſe bleiben ſollte! Frey heraus, Herr Caſtellan. Ich bin ein we⸗ nig ein Sonderling. Die Mädchen am Hofe— Sie kennen den Hof beſſer als Jemand— ſind an die Intrigue ſo gewöhnt; der Stadtadel? Guter Gott! Die ſuchen Gold, ich Liebe. Liebe ſuche ich, nichts als Liebe. Ein Herz voll reiner Unſchuld. Der Land⸗ adel? Eine ſchlechte Copie von dem Hofadel! Ein reines Herz voll Liebe ſuche ich, und wäre der Va⸗ ter— ein Handwerker. Wahrhaftig, und waͤre er das. Ich bitte Sie, Herr Baron, Sie aus einem ſo alten Hauſe? Wie alt denn? Gehen Sie! Ja, hieße ich Cornari oder Contarini, oder Zane, wie dieſe Ve⸗ netianer, ſo ließe ich es gelten, die ihr Geſchlecht mit Urkunden aus dem fünften Jahrhundert belegen können. Mein Haus iſt von geſtern. Pah! nicht alter als Ihr Haus, Herr Caſtellan. Der Caſtellan ſprang drey Schritte zurück vor Schrecken, und die Caſtellaninn dachte mit einem Blicke gen Himmel: waͤre doch Blande hier! das Geſpraͤch wurde abgebrochen, wieder angeknuüpft, 1 und der Caſtellan, dem die Frau ihren Stoßſeuf⸗ zer an den Himmel mitgetheilt hatte, ſtemmte das Kinn auf ſeinen Stockknopf, und ging nachſinnend in dem prächtigen Saale auf und nieder, die Naſe in der Luft, als ware er ſchon des Freyherrn Schwiegervater. Die Mutter hob von Blanden an. Sie that, was ſie ſchicklicherweiſe konnte, des Barons Auf⸗ merkſamkeit auf Blanden zu lenken; aber vergebens. Der Baron hörte höflich zu; aber brach gleichgültig ab, ſobald er konnte. O wenn doch Blande ſelbſt hier waͤre? rief ſie zehnmahl. Da ſie wieder nach Schönberg reiſten, bath der Baron ſie ja zu verſchweigen, was er ihrer Freund⸗ ſchaft nur entdeckt hätte. Er verſprach recht bald wieder nach Schönberg zu kommen. Und Blande ſoll her! rief die Mutter mit der Fauſt in die flache Hand ſchlagend, und die Baſe ſchreibt, daß wir ſie ganz und gar nicht wie⸗ der kennen wurden, ſo haͤtte ſie ſich formirt in den ſechs Monathen unter der Frau von Wollzogen Aufſicht. Und ſingen? ſchreibt die Baſe: ſie hatte immer eine ſchöne Stimme von ihrer ſeligen Mut⸗ ter her. Die ſang auch.* Pft! Pſt! das darf Niemand hören, ein un ehliches Kind! Sonſt waͤre alles vorbey. Un liebe Frau, ich denke, wir dürfen uns nichts . gar nichts merken laſſen von unſern Hoffnun⸗ gen. Sonſt— Blande haͤngt noch an den Klausner. Blande erhielt den Befehl, ſogleich no⸗ch Hauſe zu kommen. O, mit welchem Entzücken las ſie den Brief. Sie dachte, ihre Aeltern wären wieder mit ihrem theuren Klausner ausgeſöhnt; ſie traumte mitſtiller Seligkeit, daß vielleicht Hein⸗ rich ſie am Eingange des ſchönen Thals empfangen würde. Sie wußte ietzt, daß ſie ihn liebte. Der Umgang mit der Stadt hatte ſie über tauſend Dinge belehrt. Sie hatte die edle Frau von Woll⸗ zogen hundert Mahl gefragt, in welchem Verhält⸗ niſſe ſie mit Herrn Schnell ſtünde. Die edle Frau lächelte, küßte ſie, und erklärte nichts. Mit Freuden zog ſie die einfachen Kleider eines Landmadchens wieder an, welche die Frau von Wollzogen ihr beſorgt hatte. Die Kleider der Stadt packte ſie tief in den Koffer, ihre Singe⸗ notten darauf, und von einem alten Bedienten des Hauſes begleitet fuhr ſie mit froh ſchlagendem Her⸗ zen allen ihren ſchönen Paradieſen entgegen. Ach, da erkannte ſie in der blauen ferne die lieben Geſtalten ihre Gebirge, und Thraͤnen der Freude floßen über ihre Wangen. Da erſchien der Eingang in's Gebirg, zwey Felſen, die wie ein— Triumphthor, ſich über den Weg wölbten. Sie ſtieg ab. Sie ließ den Wagen den langen Weg fah⸗ ren. Sie drang mit ſüßen Schauern in das Ge⸗ winde der Felſen, bey jedem die zitternden Arme Laf. drey kl. Romane. C 4 — — iin die Thur. Sie pochte leiſe an die Zimmerthuͤt — 50— ausbreitend, als müßte Heinrich dahinter ſtehen. Sie hörte von oben das Getöſe der Holzhacker, den füßen Ton der Kuhglocken; aber Heinrich war nicht da. Heinrich! ſeufzte ſie aus der wunden Bruſt. Das Echo gab ihr den Seufzer zurück. Da ſah ſie unter dem Grün der Linden das Häuschen ihres Lehrers in der Ferne; da glänzte der Spiegel des Sees. Sie flog mit ausgebreite⸗ ten Armen vorwärts. Ach, ſie durfte nicht fragen. Iyr Fuß ſtockte, ihre Wange erblaßte. Da ſtand die Gondel, halbvoll Waſſer. Wo iſt der Vater? fragte ſie dennoch. Er iſt lange fort! antwortete die Magd, und begrüßte Blanden. Und aͤngſtlich . fragte Blande: und Heinrich? Iſt noch nicht heim. Sie legte die Hand über die Augen. Aber ſie ließ ſich nach dem Paradieſe hinüber rudern. Oie Rehe, die Tauben, das andere Geflüͤgel kann⸗ te Blanden nicht mehr. Ach, das betrübte ſie am meiſten. Ich bin eine Fremde hier! ſagte ſie lang⸗ ſam, leiſe, ſchwermuͤthig. Sie kehrte zurück. Der Wagen raſſelte noch immer im felſigen Hohlwege, weit ums Dorf. Da ſtand die Kirche, und ſie blied zweifelnd ſtehen; denn vor ihr ſtand, das Pfarr⸗ haus.. Als häͤtte ſie etwas verbrochen, gegen die theu⸗ ren Bewohner des Hauſes, ging ſie den Weg, der „orüberführte, mit bebenden Schritten, mit geſenk 3 tem Auge. Ader nein, ſie konnte nicht. Sie flo d8 damit. Heinrich iſt wohl arm; aber er hat ein — 6— und ſchauderte zuſammen, da des Paſtors Donner⸗ ſtimme herein rief. Sie öffnete furchtſam, und ſtand auf der Schwelle. Ach, Mamſel Blande, ſagte die Pfa⸗ rerinn doch ein wenig höhniſch: wie kommen wir zu dieſer Ehre? Das war zu viel. Blande ſank auf der Schwelle auf die Knie, und rief: o ſtößt den Jeder mich Verlaſſene zurück? Da faßten der Pre⸗ diger und ſeine Frau ſie in ihre Arme, druͤckten ſie an ihre Herzen. O meines Heinrichs Pater! ſagte ſie. O Blandchen! geliebtes Kind! rief die Mutter: woher kommſt du? Denkſt du des armen Heinrichs noch, der deinetwegen in die böſe Welt gehen mußte, über Berge, höher als unſre, und über das wilde Meer, ins heiße Land, wo die Zitronen wachſen, wie uns Herr Schnell vorgeleſen hat aus ſeinem Briefe. Da ſtand Amandus vor ihren Augen, ihr Herz blurete. Er ließ dich tauſend Mahl grüßen, und ſchrieb viel, viel Schönes von dir, von den Sternen und Sonnen— wie war's doch, Vater! ſag' du's dem Kinde. Aber der Wagen raſſelte ſchon an der Pfarre weg. Sie mußte fort, auf's Schloß. Die Pfarre⸗ rinn gab ihr noch in fünfzig Schritten der Beglei⸗ ung die Weltgeſchichte des Dorfs, daß auf dem Schloſſe der Baron Hartenſtein geweſen, ein ſchö⸗ ner Menſch, wie ein Bild, und reich, wie der Hofagent. Deine Mutter, Blande, thut wohl groß Ea — — 52— Herz, was kein Hofagent bezahlen kann, und kommt er wieder, und Herr Schnell handelt väter⸗ lich an ihm.— Er nennt ihn Vater— ſo— das Gütchen am See, und der See dazu— ich glau⸗ be, Blande, du und Heinrich habt den Fluch von dem See genommen— denn es ſind dir Karpfen drin, lang, wie mein Arm— das Gut nährt ſeine Familie reichlich. Ich weiß/ wie genügſam du biſt⸗ Blandchen. Ein Gericht in Liebe, wie es da heißt, Einen Gott, Einen Rock, Friede und Einigkeit, und kommen Kinder, Blandchen— Gott erbarmt ſich der jungen Raben,— ſo— Liebſte Mutter, der Wagen kommt mir vor. Sie entſprang hoch erröthend, und dennoch mit einer geheimen Freude, dem liebenden Geplauder der Paſtorinn. Sie ſprang tauſend Mahl leichter und froher in den Wagen, und nun ſank ſie in die Arme ihrer Aeltern mit einem frohen Geſichte. Denn das Gütchen, mir der glücklichen Familie drauf, ſtand noch vor ihre Seele. Nach den erſten Grüßen ſah die Mutter Blan⸗ den drauf an, welchen Eindruck ſie wohl auf den Baron machen würde. Sie theilte ihrem Manne ihr Wohlgefallen an dem ſchönen Mädchen durch Winke mit. Aber da Blande nun an zu reden fing, von ſich ſo beſcheiden, von der Frau von Woll⸗ zogen mit einer ſo heitern Dankbarkeit, von de Stadtleben mit ſo feinen, klugen Bemerkunge dazu kam der edle Anſtand des Mäͤdchens, die M — 53— ßigung in Allem: da fuͤhlte die Caſtellaninn eine faſt fremde Achtung gegen Blande. Sie hatte nicht das Herz, über ihren alren geliebten Lehrer und über ihren Spielgefaͤhrten der Kindheit ſpot⸗ tend herzufahren, wie ſie Willens geweſen war. Sie freute ſich nur in ſich, daß Blande weder nach Heinrich, noch nach dem Klausner fragte. Sie erzählte nur ſo beyläufig, daß der alte wunderliche Mann, man wüßte nicht wohin, geſtoben und ge⸗ flogen waͤre. Man ſagt, Blandchen, er wäre nicht geweſen, wofür er ſich ausgegeben? Er hat ſich hie⸗ her ins Gebirge verkrochen, um der Hand der Ge⸗ rechtigkeit zu entgehen. Und da man ihn hier ſuch te, fort war er. Suchte man ihn? o liebe Mutter! Wer ſuch⸗ te ihn? wer? Verbrochen hatte er gewiß nichts. Der Caſtellan legte Blanden die Hand ſanft auf die Schulter, kehrte ihr Geſicht gegen ſeines tegte Zeigeſinger an Zeigeſinger, und ſagte lächelnd: Haſt du wohl bemerkt, Blande, daß Schnell⸗ wenn'’s die Rede gab, auf die Großen der Erde, Hofleute und Miniſter, fluchte? Bemerkt, ſage ich⸗ Blande, daß er unſichtbar auf ſeiner Inſel ſaß/ oder in irgend einer Felshöhle, wenn ein Frem⸗ der hier die Gegend ſehen wollte? Bemerkt, ſage ich drittens, daß er ſeinen Backenbart ſo lang wa h⸗ ſen ließ, daß das ganze Geſicht in dem buſchigen Barte ſteckte, wie in einer Masque? Bemerkt, vier⸗ 7 eens, daß er Bothen bekam, die ſich wie Diebe 3— 54— zu ihm ſchlichen, Briefe brachten, Briefe hohlten, fliſterten, und ziſchelten. Ich verda mme ihn nicht, Gott behüthe! Aber wir ſehen ihn nicht wieder, daß weiß ich, und dafür danke ich Gott. Das Alles konnte Blande nicht läugnen. Da⸗ zu ſiel ihr ein, wie räthſelhaft die Frau von Woll⸗ zogen von ihm geſprochen. Sie faltete die Hände, und ſendete dem theuren Manne, wohin er auch geflohen war, einen Seufzer voll Liebe nach. Und des armen Paſtors Sohn, fing die Mut⸗ ter wieder an, hat er auf der Seele. Da hat er ihn hingeſchickt, wer weiß, wie weit? wer kann ſagen wozu? Da ſitzt die Unſchuld nun in der Frem⸗ de, kann nicht nach Haus, muß Gott danken, wenn er nur Soldat werden kann, und die armen Ael⸗ tern ſehen ihn nimmer wieder. Der Caſtellan gab ſeinen Commentar dazu. Dann rückte die Caſtellaninn mit dem Baron hervor, der, ſo ſchön, ſo reich, ſo vornehm er auch iſt, dennoch nur ein ſtilles Landmädchen aus dem Bür⸗ gerſtande, nur ein reines Herz voll Liebe ſucht. Sie beſchrieb Blanden ſein Schleß ſeinen Feengar⸗ ten, ſeine Equipagen, die reiche Livree ſeiner Be⸗ dienten. Blande ſtand bey dieſer langen Rede in einer Stellung, die Augen an den Boden gerichtet. Die Mutter, die meinte, ihre Tochter daͤchte an die glänzende Zukunft, laͤchelte. Sie hatte nicht ge⸗ lächelt, hatte ſie den Ariſtoteles geleſen, der ſehr fein bemerkt, daß der Menſch, wenn er das Auge 55 — 55— zu Boden ſchlägt, an die Vergangenheit denkt, und mit zum Himmel gewandtem Blick an die Zu⸗ kunft. 2 Blande dachte an den armen Heinrich in ſeiner weiten Ferge, in dem heißen Lande über dem Meer und Amanda's Pilgerfahrt. Endlich mußte ſie doch hoͤren; denn die Matter endigte nicht. Blande er⸗ ſchrack heftig, da ſie begriff, welche Hoffnungen ihre Mutter hatte. Indeß beruhigte ſie ſich wieder, da ſie hörte, der Baxon wüßte von ihr nichts. Arme Blande! Der Baron hatte dich auf deiner ganzen Reiſe begleitet, und liebte dich noch heißer; und ſieh' hin, da ſprengt er ja in einer reichen Jagdkleidung, auf den ſtolzeſten Normann den Berg zum Schloſſe herauf. Da iſt er, rief die Mutter freudig: iſt das nicht Gottes Finger, liebſte Blande, Gottes Hand, die ihn ſendet. Nur bitte ich dich, liebes Kind, Herzenskind, ſey recht freundlich, recht unſchuldig! Blande konnte nicht einmahl antworten, ſo ſchnell war er den Berg heran und im Zimmer. Er ſah Blanden, und er erſtaunte ohne alle Kunſt; denn die Kleidung des Landmädchens, ſo zuͤchtig und doch ſo reitzend, erhob ihre Reitze mehr als der elegante Stadtputz, worin er ſie geſehen hatte. Mein Gott, Fraͤulein von Wollzogen, ſagte er erſtaunt. Blan⸗ de kannte ihn wieder. Sie hatte ihn nur Herr Baron nennen hören, ohne ſeinen Nahmen. — ——— genug verbarg, daß ſie nicht das Fräulein von aber— er bückte ſich gegen Blanden— die er — 565b— Das iſt meine Blande, Herr Baron! ſagte die Mutter vergnügt über den guten Anfang. Die Aehnlichkeit aber mit dem Fraͤulein Woll⸗ zogen iſt ſo groß.— Er wurde bedeutet, daß Blan⸗ de in dem Hauſe der Frau von Wollzogen geweſen ſey. Der Baron behandelte Blanden mit einer ſo großen Ehrerbiethung, bemerkte das Lächeln, das Augenwinken, die Anſpielungen, das Treiben der Mutter ſo gar nicht, daß Blande damit ihre Be⸗ kanntſchaft anfangen mußte, ihm Dank ſchuldig zu ſeyn. Noch mehr, ſie hatte in der Reſidenz recht wohl geſehen, welchen Eindruck ihr Anblick auf den jungen Mann gemacht hatte, den ſie nicht kann⸗ te. Er redete wenig; aber er betrachtete ſie verſtoh⸗ len mit Blicken voll Verlangen. Hier ſah ſie die⸗ ſelbe Szene wieder, außer daß er ſie mir vieler Frey⸗ müthigkeit anredete, und eine hohe Freude nicht Wollzogen war. Der Baron redete ſo ſchön, ſo beſcheiden, und zuweilen brach eine ſo ſanfte Begeiſterung über die Natur, über die menſchlichen Schickſale aus ſei⸗ nem Geſpräͤch hervor, daß Blande ihm ihre Ach⸗ tung nicht verſagen konnte. Ich hatte, ſagte er leicht, meinen Wagen auf übermorgen hieher beſtellt, um Sie auf einige Ta⸗ ge nach Roteln— ſo hieß ſein Gut— mit zu nehmenz ſten Tage zwiſchen Aeltern und Tochter ſind zu heilig. Die arme Blande— ſie mußte nur einwillig en mit zu fahren, um nicht noch mehr vor ihrer Mut⸗ ter erröthen zu müſſen. Der Baron wußte recht wohl, daß Blande von einem wunderlichen Menſchen mit dem Sohn des Predigers erzogen war; er konnte vermuthen daß die beyden jungen Leute in einer Art von Ver⸗ bindung ſtänden, obgleich ihm die Mutter das Al⸗ les verſchwiegen hatte. Blande, die jetzt ſah, daß ihrer Mutter unglaubliche Hoffnungen nicht ſo un⸗ glaublich waren, beſchloß, dem Baron alle Hoͤff⸗ nungen, wenn er welche gefaßt haͤtte, zu benehmen, und ſo erzählte ſie ihm auf einem Gange im Gar⸗ ten von dem edlen Schnell und ihrer Kindheit; aber ihre Liebe zu Heinrich konnte doch die zarte Mäd⸗ chenſcham nicht verrathen. Schon der halbe Entſchluß dazu goß eine heiße Gluth auf ihre Wangen. Der Baron bath ſie, ihm die Wohnung des Alten zu zeigen, wo ſie ſo glücklich geweſen war. Sie mußte ihn dahin führen. Sie ſah mit Sehn⸗ ſucht nach der Inſel hin. Die Gondel war rein; aber neing ſie konnte ſich nicht uüͤberwinden, einen Fremden in das Heiligthum ihres Lebens und ih⸗ rer Hoffnungen zu führen. Aber mit rinnenden Thraͤnen ſagte ſie ihm: glauben Sie mir, Herr Baron, ich kann nirgend auf der Erde glüßklich werhen, als hier, hier in dieſem Thal. 8 4 54——— —— ———— 9 8— ⁴ Der Baron verfinſterte ſein Auge, und ſie war ruhiger; denn er wußte ja nun, daß ſie nicht frey, war; aber nach drey Tagen kam des Barons ver⸗ goldeter Phaeton mit vier Schimmeln. Die Caſtella⸗ ninn, obgleich Blande ſehr ernſt erklärt hatte⸗ daß ſie nur ihre Landkleidung tragen würde, pack⸗ te dennoch Blandens Stadtkleider und ihre Singe⸗ muſikalien heimlich mit ein, und ſie reiſten ab. Die Paſtorinn ſtand kopfſchüttelnd vor der Thür, und ſah mit ſchwerem Herzen den prächtigen Zug, und ſagte leiſe, obgleich Blande mit einer ängſtlichen Demuth ſie grüßte, und lange noch das weiße Ta⸗ ſchentuch ihr zuſchwenkte: der arme Heinrich! Ach laß du nur die weiße Freudenfahne in der Luft ſlattern; dein Herz iſt doch noch flatterhafter, Blande, und dem armen Jungen bräche es das Herz, wenn er dich ſäͤhe. Die Caſtellaninn ſaß breit da, und erröthend vor Freude; das atlaſſene Polſter ſchwoll unter ihr zu einem Thron empor. Der Paſtor predigte den an⸗ dern Tag über die Stelle: ſelig ſind die Armen; denn das Himmelreich iſt Ihr; aber dennoch ſagte ſeine Frau noch zehnmahl: Mein armer Sohn! Er iſt drum!. Da ſah Blande von weitem das Schloß von dem Hügel ihr entgegen leuchten, und die bohen 3 Pappeln rings um, und den ſchönen Park, und vor dem ſtolzen Schloß ſah ſie den Saͤulengang, die 1 — bohe Orangeris in derooidelen Gefaͤſſen, die Vild⸗ ſäulen, die hohen Stufen, die unter den Sflen Jum Schloſſe empor führten. Sie liebte alles Schöne, denn ſie war ja auf einem Schloſſe erzogen, und ſo machte das Gut einen höchſt angenehmen Ein⸗ druck auf ſie. Der Baron beobachtete Blanden. Er ſah lä⸗ chelnd, was in ihr vorging. Seine Hoffnung nahm zu. Er führte ſie in zwey kleine Zimmer ne⸗ ben dem Zimmer ihrer Mutter, die für ſie beſtimmt waren. In der That, ſie wurde höchſt überraſcht von einer großen Pracht, die nur eine einfache Schoͤnheit ſchien. Wohin ſie die Blicke ſchlug, über⸗ all glänzte ihr der Reichthum in der lachendſten Geſtalt entgegen. Alles, was ſie bey der Frau von Wollzogen in Eleganz geſehen und geliebt hatte, war nichts gegen alles das, was ſie hier ſah, und was noch viel mehr war; der Baron gab ihr hier alle Freyheit, die ſie nur haben wollte. Er fand ſie wohl zufaͤllig auf einem Spaziergange im Garten oder im Walde; allein er verließ ſie ſogleich, ſo oft ſie es wünſchte, oft noch ehe ſie es wünſchte. Alles, was das Land an Vergnügungen hat, both ſich ihr hier in der ſchönſten Geſtalt an, und faſt immer gaben die Bewohner des Dorfes die Veran⸗ laſſungen der Feſte. Heute der Hochzeittag eines jungen Paars im Dorfe, den ſie alle feyerten, mor⸗ gen die Taufe eines Kindes, deſſen Pathe der Ba⸗ ron war. Der Vater des Kindes bath Blanden ſo g,„ die Pathie ſeines Kindes zu ſeyn, daß ſie — 60— es nicht abſchlagen konnte, und das Feſt des Land⸗ manns wurde immer zu einem ſchönen Feſte auf dem Schloſſe, und alle Künſte, die ſchönſte Mu⸗ ſik, der Tanz, den Blande mit einem jungen Land⸗ mann eröffnete— konnte ſie es nun dem Baron abſchlagen, mit ihm zu tanzen?— Feuerwerke, Er⸗ leuchtungen, nicht des Schloſſes, oder des Gartens, ſondern die tauſendfache Erleuchtung einer dun⸗ keln Maſſe im Park, die allein da ſtand, mitten in der nachtlichen Dunkelheit des Waldes, oder eine Erleuchtung auf einem großen Teiche im Gar⸗ ten, in deſſen Mitte brennende Saͤulen Thriumph⸗ bögen, Obelisken ſtanden. Der Baron ſchwam auf einer Gondel, die vergoldet war, mit Blanden zwiſchen den erleuchteten Bogengaͤngen umher, oder am dunkeln Ufer unter der Daͤmmerung der hangenden Thränenweiden. Aus dem dunkeln Wal⸗ de zogen die Zaubertöne von vier Hörnern wie Geiſterſtimmen hervor, und vom Schloſſe kam das Echo von Flöten und Hoboen zurück. Und verſteckt an dem Thriumphbogen oder ir⸗ gendwo in einer leuchtenden Sonne las Blande ihren Nahmenszug oder eine feine, zarte Anſpielung auf die höhere Schönheit, die hier waltete, die ih⸗ re Mutter nicht bemerkte, die Blande nicht bemer⸗ ken wollte, und die der Baron beſcheiden ver⸗ ſchwieg. Blande konnte gegen alle dieſe Feſte nichts ha⸗ ven, da die Familien des Predigers, des Juſtitz⸗ ———y— 1 8 — 51— amtmanns, des Pächters im Dorfe Theil daran nah⸗ men. Alle hatten Töchter, und Blande war immer von den Maͤdchen umringt. Der Baron zeichnete Blanden nur in ſofern aus, weil ſie ſein Gaſt war. So fiel er mit allen Künſten ihr Herz, ihre Phantaſie, ihre Sinne an, und nur den Vormit⸗ tag, wo ſie allein waren, fühlte ſie den Reitz ſeiner angenehmen Unterhaltung. Keine Schmeicheley kam von ſeinen Lippen, nicht einmahl Verſicherung ſei⸗ ner Achtung. Aber ſie ſah ja, wie aufmerkſam er ſie reden höͤrte, wie er ihr jedes Wort von den ſchoͤ⸗ nen lächelnden Lippen ſtahl; wie er ſich abwendete, um die Rührung zu verbergen, womit ihre Erzäh⸗ lung ihn ergriff, wie nur ein hellerer Blick, und ein ſeelenvolleres, bewunderndes Lächeln einen er⸗ habenen Gedanken Blandens auszeichnete. Nur ſpaͤt am Abend höͤrte ſie ihn, was er ver⸗ ſchwieg, auf ſeinem Fortepiano in einem klagenden Adagio ausdrücken. Es muß heraus, arme Blande! Er fing an dein Herz einzunehmen. Ach, laß des armen Heinrichs Mutter nicht recht haben, die dich vorüberfahren und mit dem weißen Tuche dich winken ſah, und ſeufzend ſagte: des armen Heinrichs Herz würde brechen, wenn er dich ſähe. O wenn er dich ſähe, wie du in des Mannes Arm deinen haͤngſt, wie du mit dem ſeelenvollen Laͤcheln ihm antworteſt: ach, armer Heinrich, dein Herz würde tauſend Mahl bre⸗ chen. O, edler Junge, du haſt Wort gehalten; du — ½ 86 3 haſt keine Blande gefunden, in allen Städten, wo du lebteſt, in allen den Ländern, wohin dein Fuß dich trug! Und ſaheſt du ein Maͤdchen, das lächelte, wie Blande, und ein Auge, das freund⸗ lich dir entgegen kam, ſo ſchlugſt du dein Auge nie⸗ der auf den Ring an deiner Hand, und dein treues Herz ſchlug nur für Blanden. O ſieh nicht her, wie Blande, flatterhafter als ihr winkendes Tuch, vergeſſen hat, was ſie der Frau von Wollzogen verſprach, nie einem andern Manne mit ihrer ſchoͤnen, alle Nerven bewegenden Stimme vorzuſingen, als dem Manne, deſſen Braut ſie wäre! Auch that ſie es in den erſten Tagen nicht, obgleich ihre Mutter ihre Muſikalien gedultig, ein Blatt nach dem andern, hervorbrachte, und bey jedem fragte: Willſt du dieſes, Blandchen? Aber er lockte ihr liſtig in einer Wette das Verſprechen ab, zu ſingen. Sie ſang, die ſchamhaften Augen auf die Notten feſt geheftet, erröthet vor jungfräͤulicher Scham und Un⸗ ruhe; daß ſie ihr Wort gebrochen. Sie ſang, und Thränen ſtiegen in ſeine Augen, und ſeine Bruſt hob ſich in wilden entzückenvollen Empfindungen. Am⸗ phions Geſang gab dem Tode Leben, und Blandens Stimme machte den Baron zu einer Bildſäule, in deſ⸗ ſen Innerm Feuerſtröme brannten, Wie ſie endigte ſagte er nicht ein Wort. Er verließ wie träumend das Zimmer, und draußen ſchwor er die Hand auf dem ſchlagenden Herzen: Sie ſoll mein ſeyn! mein! und wenn auch am Altare! 1 — — 63— Aus Blandens Augen tropften Thraͤnen— welcher Empfindung? Die Mutter, die ſich auf 3 Blicke verſtand, die dem Baron waͤhrend des Sin⸗ gens in Auge gehabt hatte, drückte ihre Tochter an ihr triu unjohir endes Herz; aber dieſe Umarmung ſtillte d des Maͤdchens Thränen nicht. Sie ging hin⸗ aus, ſie rang die Hande. O Blande, Blande⸗ was iſt mit dir vorgegangen? Sie ſang in den nächſten dreß Tagen nicht wie⸗ der. Da bath der Baron Wilhelminen— ſie lebte bey dem Prediger hier gerade ſo Whe als der Ma⸗ jor mit Caſtellans bekannt war. Der Prediger kann⸗ te ſie vorher nicht; aber er nahmſ ſie auf, auf den Empfehlungsbrief einer ſeiner Freunde. Sie zahl⸗ te ein reiches Koſtgeld. Sie war nicht ſchön, aber ſie hatte Geiſt. Sie hing ſich, ſobald Blande hier war, an Blanden, warb um ihre Liebe, um ihr Vertrauen, und erhielt es. Sie war, ſo oft es gehen wollte, bey Blanden. Dieſe Willhelmine bath der Baron, doch mit Blanden zu ſingen. Das Madchen lächelte ſo ſeltſam bey dieſer Bitte, und ſagte: Sie ſelbſt wollen es? Iſt's denn ſchon Zeit? Der Baron verſtand ſie nicht. Aber ſie nahm ihre Gui⸗ tarre, und ging zu Blanden. Sie fand Blanden unruhig, nachſinnend, zer⸗ ſtreut. Sie ging mit ihr in den Park. Der Ba⸗ ron war mit dem Caſtellan geritten, um die Wal⸗ dung zu beſuchen. Blande ſetzte ſich mit Wilhelmi⸗ nen in den abgelegenſten Theit des Parks, und ließ — — 64— das ſchöne Haupt auf die Bruſt herabhängen. Wil⸗ helmine ſtimmte ihr Inſtrument, griff einige leiſe Accorde, dann ſpielte ſie eine rührende Melodie. O, wie ſchön, ſagte Blande⸗ Der Text iſt auch ſchön, liebe Blande! So ſing ihn, ſagte Blande, und Wilhelmine griff in die Saiten zum klagenden, zum leis er⸗ ſterbenden Vorſpiel. Dann ſang ſie langſam mit trauernden Tönen: Noch ſchwimmt die Gondel im leuchtenden See, So leiſe zur Inſel vom Lande; Da rudert der Schwan noch, da weidet das Reh; Da ſteht noch das häuschen in Blumen und Klee; O treuer Amandus! mandus, o weh! Denn treulos allein iſt Amande! Amande! So ſang Wilhelmine mit leiſer Stimme; aber Blande ſtürzte empor mit einem lauten Geſchrey. Sie ſchloß mit heftiger Innigkeit das Mädchen in ihre Arme. O, du biſt meines Vaters Bothinn. O, rede! rede! Wo iſt er! O, will er mich retten? O, du mein helfender Engel! Komm! führe mich! O, treulos bin ich nicht! Nein! nein! 2 zögere nicht! Was ſetzt dich ſo außer dich, Blande? W iſt dir? Ich verſtehe dich nicht. O, du biſt eine Bothinn an mich von meinem Vuater. O ſo rede doch! und brich mir das Herz 1 nicht! Wie? Du ſiehſt nic eiſaunn an? Von wem — 65— haſt du das Lied, liebſte Wilhelmine? Die Treu⸗ loſe bin ich! ich! ich!. Das iſt freylich ſeltſam. Ich war vor einigen Tagen hier auf einem Dorfe der Nachbarſchaft. Ein junger Landmann, deſſen Sprache zeigt, daß er nicht in dem Stande geboren iſt, redet mich an, und fragt, ob in Roteln ein junges Maͤdchen, Nah⸗ mens Blande, ſey. Ich ſage ja. Er fragt weiter: ob's wahr ſey, was man hier ſage, Blande waͤre des Barons Braut. Ich antwortete, was ich weiß, daß es faſt ſo ſcheine. Er erblaßte. Ich frage ihn, ob er dich kennt. Er antworte ſeufzend: wenn es die Blande iſt, die ich mein Dann geht er. Ich konnte ihn nicht vergeſſen. Ich gehe vor dem Hau⸗ ſe vorüber, wo er ſeit kurzem wohnt; er ſingt das Lied, das du eben von mir gehört haſt. Er ſang es einigemahle; ich ſchreibe den Text auf, wieder⸗ hohle auf dem Rückwege die Melodie ein paar Mahl, und— kennſt du den jungen Mann? Blande war blaß, war roth. Ihr Buſen hob ſich angſtlich, ihr Athem flog. Thraͤnen ſtürzten aus ihren Augen ſtromweiſe. Sie hob die Arme auf, ſie ließ ſie wieder ſinken. Wie heißt das Dorf? So viel Athem hatte ſie zu fragen. Wege⸗ born; du haſt es ja geſehen, das mit den rothen Dchern, durch das die Heerſtraße führt. Des Landmanns Haus iſt das erſte am Wege lins. Vor ber Thuͤr ſtehen zwey Linden. — 66— Das?— Ach, das!— Gott gebe mir die Kraft, es zu erreichen. Wie, Blande, dahin willſt du? Ueberlege, lie⸗ bes Kind, überlege doch erſt! Sie faßte ihre Hand ſie haltend.. Laß mich!— O, laß mich! O Goit! Gott gib mir noch ſo vielen Athem, daß ich den letzten an ſeinen Lippen aushauche. An ſeinen Lippen? An den Lippen eines Bau⸗ ern? Blande, du, die Braut, die ſchöne Braut des reichen, maͤchtigen Barons? Du weißt nicht, was du redeſt. Ich laſſe dich nicht. Braut! O, gerechter Himmel! O, laß ihn nicht früher ſterben, als vor Entzücken an meiner Bruſt. O, laß mich los. Wilhelmine ſchlang ihren Arm um ſie, ſie zu halten. Sie ſtellte ihr Alles vor, was die Men⸗ ſchen hier ſagen würden, wenn Blande, die ſtolze Gebietherinn des reichen Guts, einem Bauern um die Arme liefe; aber Blande rang mit ihr, rief wie außer ſich: Mit Muſchelhut und Pilgerſtab! und dahin flog ſie den Weg nach Wegeborn. Wil⸗ helmine folgte ihr den größten Theil des Weges/ bis ſie das Haus links ſah. Dann ſagte ſie froh: Sie iſt gerettet! und langſam kehrte ſie nach Ro⸗ teln zurück.— Blande lief, den Blick vorwaͤrts gewendet nichts ſehend, als das Haus links, nicht hörend, was die Voruͤbergehenden ihr ſagten, nicht mer⸗ kend, daß ihr Shawl ihr vom Winde entriſſen wurde, daß ihr Hut ihr entfiel. Vor dem Hauſe ſah ſie den alten Klausner auf einer Raſenbank ſitzen, den Spaten in ſeiner Hand. Mit dem lau⸗ ten Jubelgeſchrey: Vater! Vater! ſtürzte ſie in ſeine offenen Arme. Er hob ſie empor, trug ſie durch das Haus in den Garten, rief: Sie iſt hier, Hein⸗ rich, deine treue Blande! Er legte ſie ſanft in Heinrichs Arme. Da hatte ſie ihn wieder; da legte ſie die Arme um des Geliebten Hals. Da druckte ſie den zwey⸗ ten Kuß auf ſeine Lippen, und Amanda! ſagte er! ſie: Amandus! und nur nach und nach rang ſich die Seele los aus des ſtummen Entzückens ſüß be⸗ klemmender Bürde. Sie ſaß nun neben ihm, ihn in ihren Armen haltend, von ſeinen Armen um⸗ ſchlungen. 8 O himmliſcher Anblick der treuen Liebe! ſagte der Alte, und ſah aus der Ferne dem ſchönen Schauſpiel zu. Da des Entzückens erſter Sturm vorüberge⸗ biaſt war, ſagte der Alte: Siehſt du, Heinrich; da iſt ſie, unſre Blande, obwohl wir ihr nichts zu biethen haben, als dieſes Hauschen, dein Feld und deine kleine Herde, und ſchlägt ſie dazu ein.— Blande ſprang auf, und reichte erſt dem Klaus⸗ ner, dann Heinrichen die Hand— geh' ins Haus, Blande, du ſindeſt da Kleider von meiner Tochter, die für deinen Stand paſſen. —* — 93— Tochter? fragte Blande erſtaunt, und voll Freude; aber ſie wartete die Antwort nicht ab, ſon⸗ dern flog ins Haus, um den feſten Willen zu zei⸗ gen, den ſie hatte, Heinrichs Schickſale alle zu theilen. Nach fünf Minuten kam ſie hervor als eine Bauerinn gekleidet; aber ſie hatte es zu machen ge⸗ wußt, ſchlanker und ſchöner als zuvor. Eine Tochter? mein theurer Vater? fragte ſie freundlich, nachdem beyde Männer ſie mit Triumph betrachtet hatten. Eine Tochter, Blande. Aber für ein Stadt⸗ mdchen iſt jede Zeit zum Plaudern recht, für ei⸗ ne Bäuerinn und Hausfrau nur die Tiſchzeit und der Feyerabend. Es geht auf den Abend, Blan⸗ de, beſorge uns ein Abendbrot; aber ſpare heute nicht. Es iſt der ſchönſte Tag eures Lebens, und der erſte deiner jungen Haushaltung. ¹ Dieſer Gedanke ſetzte der ſchönen Hausmutter Flügel an Fuß und Arm, und goldne Engelflügel an die Seele. Nur einen himmliſch⸗ lächelnden Blick warf ſie auf den jungen Hausvater; dann ging ſie raſch mit der freundlichen Majeſtät der Hausfrau in die Küche, in die Speiſekammer. Das heilige Feuer auf dem Hausaltare, dem Herde lo⸗ derte hoch empor. Sie weihete mit Freudenthränen, oeft mit einem lauten Aufjauchzen, ihre erſte Arbeit der häuslichen Liebe ein, und das Auge des Himmelz ſah ſegnend auf die ſeligen Menſchen. 3 59— Sie ſetzte auf den Tiſch unter der Linde das Eſſen auf; triumphirend, wie eine junge Königinn ddie Krone auf ihr Haupt ſetzt. Sie ſetzten ſich alle drum— welchen Nahmen finde ich für ihr Gefühl? Ach, ſagte dennoch Blande: wenn meine Aeltern doch wußten, wie glücklich ich bin! Armes Maͤdchen, hundert Schritte von dir faͤhrt der Wagen mit deinen Aeltern und dem Ba⸗ ron, der dich zurückhohlen will. Der Baron hatte Blanden vermißt. Er und die Aeltern ſuchten ſie. Einer hatte ſie laufen ſehen auf dem Wege nach Wegeborn. Man brachte ihren Shawl, ihren Hut brachte Wilhelmine mit der Erzahlung des ganzen Vorfalls, wie ſie einem jungen Bauern in dem er⸗ ſten Hauſe, links am Wege in Wegeborn, ein Lied abgehorcht, wie dieſer Geſang, den ſie Blan⸗ den geſungen, das Maͤdchen gewaltig ergriffen; wie ſie gerufen: er iſt's, ich habe ihn wieder! Wie ſie ſich von ihr losgeriſſen, und ſchnell, wie ein Reh, nach Wegeborn geflogen ſey. Ein Getümmel entſtand. Der Baron befahl anzuſpannen; dann ließ er ſich das Lied von Wil⸗ helminen vorſagen. Er begriff nicht, welch ein Zauber in dieſen Worten liegen konnte. Ein altes Ammenmahrchen, Herr Baron! ſag⸗ te der Caſtellan lächelnd, das ein alter wunderlicher Menſch Blanden in der Kindheit erzaͤhlt hat. Was kann das machen? Sind wir nicht Aeltern? Aben ſchnell, damit ſie nicht davon gehen! 8 — 70— ſtaunte, da man Blanden, trotz ihrer Kleidung, erkannte. Sie ſtürzten durch das Haus in den Gar⸗ ten. Blande und Heinrich ſprangen vor Schrecken auf. Schnell blieb ruhig ſitzen. Du gottloſes Kind! rief die Mutter: Fort, zurück! zurück! Der Klausner trat nun gegen die Mutter über in der gewöhnlichen, Alles beherrſchen⸗ den Stellung; aber die Mutter hielt Blandens Hand feſt. Schnell legte die linke Hand vor Heinrichs Bruſt, um den zurückzuſchieben; die rechte hielt er in die Höh', und ſagte: Zuruͤck, Heinrich, ſage ich. Gewalt ſoll Blanden nicht geſchehen. Eine Mutter hat das Recht zu reden.. Das will ich meinen. Und ſo verlange ich mein Kind zurück, ich fordre Ihren Schutz auf, Herr Baron! Alſo Sie ſind der Baron von Hartenſtein!— Herr Baron, ſagte der Klausner mit einer Maje⸗ ſtät, die von ſeiner Bauerkleidung gar nichts ver⸗ kor; Herr Baron, Sie lieben das Mäͤdchen. Sie wollen ſie ſogar heirathen, ſagt man. Das Mäd⸗ chen liebt den jungen Menſchen dort, und wie ſehr, das ſehen Sie jetzt. Ein Ton aus ihrer Kindheit, ein Nahme aus einem Mährchen, der einzige Nah⸗ me: Amanda! hat alle Bande, die Sie, Ihr Reich⸗ thum, Ihre Pracht, das ganze Glück eines vor⸗ nehmen Lebens, das Blande kennt, und— S müſſen bemerkt haben, was ihr gar nicht gleichguͤl⸗ 4. Man warf ſich in den Wagen, und man er⸗ —— ———— 4 — * eter, denk' ich. Herr Baron, die Liebe der Beyden hat ihre — 7¹— tig iſt— das einzige Wort hat alle dieſe Bande erſprengt. Sie fliegt hierher in dieſe Bauerhütte, die ihr nichts biethet, als Arbeit, Armuth; aber Liebe. Sie hat frey gewäͤhlt, wie Sie ſehen. Die Armuth, die Liebe. Blande, ſo wendete er ſich an Blanden, die zitternd da ſtand— denn ſie fürchtete ihre Aeltern— Blande, bedenk es wohl. Du gibſt, wenn du Heinrich wählſt, den Rang einer adelichen Dame auf, prächtige Kleider, glan⸗ zende Equipagen, ein reiches Leben, das alle deine Wünſche befriedigen kann. Wählſt du Heinrichen, ſo— das ſend deine Feſttagkleider, die du da trägſt; du gehſt in einen Stand uber, der leider verachtet iſt. Harte Arbeiten erwarten dich, trittſt du in dein Haus; harte Arbeiten erwarten dich auf dem Felde. Armuth wohnt mit dir unter einem Dache. Heinrich! rief Blande, und warf ſich in Hein⸗ reichs Arme mit dem lauten Geſchrey: Heinrich waͤhl⸗ ich, auf ewig, mit ihm Armuth, Elend, den Tod! Sdie ſehen, Herr Baron, was Blande wahlt, ſagte Schnell, den Baron ernſt betrachtend. Der Baron lachelte: es waͤre grauſam, dem jungen Maͤd⸗ gen, bey einer ſo ſchweren, ihr Gluͤck entſcheiden⸗ den, Wahl nur einen Augenblick, und zwar den Augenblick der erhitzten Phantaſie zum Ueberlegen zu gönnen. Sie mag es unter den Augen threr Aeltern ruhig überlegen. Dahin gehört die Toch⸗ — 2— Seelen ſo innig durchdrungen, von der erſten Mi⸗ nute an, da ſie ſich ſahen; das ganze Leben, das ſie führten, was ich ſie führen ließ, wurde nichts als eine Quelle der Liebe, der feſteſten Liebe. Leider thaten Sie es, rief die Mutter zürnend: Wer gab Ihnen aber ein Recht über unſer Kind? Die Natur, die Tugend. Ich wollte es. Sie laͤcheln, Herr Baron, und das ſollten Sie nicht. Aber die Zauberbande, worein ich mit feiner Kunſt⸗ lange Jahre hindurch, die beyden Herzen ſchlug, die Zauberknoten, welche ich, die Natur, die Tu⸗ gend, um dieſe zwey Herzen feſt zuzog, löſt, glau⸗ ben Sie mir, nicht Ihr Rang, Ihr Reichthum, Ihre feinſten Schmeicheleyen nicht, nicht alle Liſt, Herr Baron, womit Sie ſich dem Maͤdchen näͤher⸗ ten. Ich zog, um dieſes Paar zu verbinden, nach Schönberg; ich warf ein unſichtbares Retz um die beyden Kinder, Engel halfen mir dazu. Den Bey⸗ den erbaute ich die ſtillen Aſyle der Liebe, das Pa⸗ radies, die Grotten, auf der Erde; ein Reich im ſchönern Reich ihrer Phantaſien und ihrer Herzen rief ich durch die Kraft einer Tugend, die Sie nicht kennen, das Zauberreich der Liebe, die heiligen Al⸗ taͤre der Treue, des Vertrauens, des feſten Glaub an Gott und an ſich ſelbſt hervor. Ihre Liſt ſind maͤchtig genug für die Schuldige, für die n die Unſchuld ein Reitz, eine Schminke iſt. Für die heilige Unſchuld ſind ſie zu ohnmaͤchtig. Der Baron wurde doch ein wenig verwirrt v „ dieſer Rede des unerſchrockenen Alten; aber er war ja entſchloſſen, Blande ſelbſt an den Altar zu füh⸗ ren. Seine Liebe war unendlich heftig. Selbſt die Bauerkleidung gab dem Mädchen einen neuen lo⸗ ckenden Reitz. Eine verderbende Wuth erhob ſich in ſeiner Bruſt mit den Flammen der Liebe. Das iſt gut, ſagte er; aber Sie werden es erlauben, daß die Aeltern die Tochter mit ſich nehmen, und dann mag Blande entſcheiden. Hier trat der Caſtellan auf Blanden zu, ergriff ruhig ihre Hand, die Mutter nahm heftig die an⸗ dere.— Ruhig ſagte der Klausner: Blandine, Frau Ca⸗ ſtellaninn, iſt ihrer Schweſter Tochter, und ich bin Blandinens Vater. Da ſank Blandine zu den Füßen ihres Vaters, ſchluchzend zu einem neuen Entzücken erhoben. Es war die Wahrheit; denn der Caſtellan und ſeine Frau traten vor Schrecken ein paar Schritte zurück. Der Baron ſtampfte mit dem Fuße. Doch der Caſtellan hatte ſich wieder erhohlt. Er ſagte: das muß bewieſen werden; denn meiner Frau Schweſter kannte ihren Verführer nicht. Da⸗ rauf ſtarb ſie, und auf der Sterbenden Munde iſt Wahrheit. O du treue Seele! rief geruͤhrt der Klausner: bis in den Tod getreu! Ich verführte ſie nicht. Die Natur verführte uns, die Nacht, die Jugend. Sie wurde heimlich mein Weib; das war der Mann af. drey kl. Romane. d der entehrten Jungfrau ſchuldig. Ich forderte von ihr das Verſprechen, unſere Verbindung zu ver⸗ bergen. O, ihr wißt alle nicht, welch ein ſchweres Opfer das edle Mädchen mir brachte. Sie hielt ihr Verſprechen im Tode noch. Die Mutter hielt ihr Verſprechen. Er trocknete hier ſein Auge. Aber die Beweiſe dafür? unterbrach ihn hefti⸗ ger der Caſtellan. Mag dieſer Brief ſeyn, den die ſterbende Hand mir ſchrieb. Er zog einen Brief aus ſeiner Brief⸗ taſche und gab ihn der Caſtellaninn. Die Caſtella⸗ ninn las laut: Liebſter Schnell, das Leben meiner und deiner Tochter iſt der Mutter Tod geworden. Ich habe nur noch ein paar Stunden zu leben, ſagt der Arzt. Sie gehören dir, mein geliebteſter Mann! und unſerer Liebe. Deine Tochter heißt Blandine. O mein Lenardo, o, weißt du noch, wie ich un⸗ möglich hielt, was der Mann verſprach, ach, was der edelſte Mann hielt, du, mein Lenardo, o, weißt du noch, wie du mich an deine treue Bruſt druckteſt, und mir mit Lächeln ſangeſt: Gott ſchuf ja aus Erden den Nitter und Knecht. Ein hoher Sinn adelt auch niedres Geſchlecht. Seit dem nannt' ich dich Lenardo, und meine Tochter Blandine. Ich habe meiner Schweſter, d mit ihrem Manne nach Schönberg zieht, meine Blandine übergeben. Sie hat mit verſprochen, fur ihre Tochter auszugeben. Dein Geheimniß⸗ mein theuerſter Mann, habe ich treu bewahrt. Jo — 75— nehme es mit ins Grab. Alle Papiere ſende ich ddir, auch unſern Trauſchein. Ins Kirchenbuch iſt eingetragen bey der Taufe, was du mir befahlſt. Der Prediger, der uns traute, war bey der Taufe zugegen. O, leb' wohl, ich ſehe die Buchſtaben nicht mehr; die Feder iſt meiner ſterbenden Hand zu ſchwer. Leb' wohl, edler, treuer Lenardo. Deine Blandine. Die Caſtellaninn weinte ſchmerzlich. Sie faßte Schnells Hand. Blande iſt ja dennoch meine Toch⸗ ter, lieber Schwager. Ich habe ſie ja mütterlich geliebt. Und ſie ſoll Ihnen kindlich vergelten, meine gute Schweſter, dafur ſtehe ich. Ach, Gott! rief ſie, die Hande zuſammen⸗ ſchlagend: aber ein Bauersweib? Schnell läͤchelte. Sie ſehen, Herr Baron, hob Schnell an: Sie ſind am Ende. Aber weh' dem Manne, der den Plan bilden konnte, den hölliſchen Plan, wäre es möglich, einen Engel aus dem Himmel herabzu⸗ reißen, und ihn in den Pfuhl der Sünde zu ſtur⸗ zen. Das wollten Sie doch? Ich habe Ihnen keine Rechenſchaft zu geben, was ich wollte, dieß nicht. Sie prahlen, weil das Gluck auf Ihrer Seite ſteht. Es buckte ſich hochmuthig, und ging raſch fort, den Weg nach Roteln. Die Mutter klagte noch immer; mit des Caſtel⸗ lans Weisheit war es am Ende. Sie verſprachen, D 2 — 76— morgen weiter aus der Sache zu reden, und fuh⸗ ren nach Roteln zurück. Der Baron ließ ihnen ſa⸗ gen, daß ihn ein wichtiges Geſchäft weggerufen, und daß ihnen Wagen und Pferde zu ihrer Heim⸗ reiſe zu Dienſt ſtänden, ſobald ſie befehlen. 5 Am andern Morgen erhielten ſie von Blanden ein Billet, daß ſie dieſen Morgen ganz früh hätten abreiſen müſſen. Aber ihr Vater würde mit ihr und dem geliebten Heinrich ſchon in ein paar Tagen nach Schönberg kommen. Caſtellans reiſten ſogleich ab; aber nicht in dem prächtigen Poſtzuge, mit dem ſie gekommen waren. Sie gaben der Familie auf der Pfarre, ein wenig demüthiger, Nachricht, daß Blande Schnells Toch⸗ ter und Heinrichs Braut wäre. Wie Gott will! ſagte die Paſtorinn fröhlich. Und Heinrich iſt— ein Bauer in Wegerode. Wie Gott will! ſagte der Paſtor muthig. Darum hielt ihn der Klausner ſo zum Ackerbau an⸗ Schnell, Heinrich und Blande gingen den Weg nach Norden. Wohin denn? fragte Blande⸗ Das Gut da in Wegerode, ſo nahe bey dem mäch⸗ tigen, gewaltthätigen Baron, taugt nicht. Wir wol⸗ len uns in einer ſchönern Gegend einen Wohnort ſuchen. Schnell hatte auf alle Fragen, die Beyde thaten, wo das Gut in Wegeborn bliebe, eine Antwort. Er ging in einem langſamen Schritte voraus. Hand in Hand folgten ihm die Liebenden, und auf dieſem Weg erzählte Heinrich ihr, Blande — 7,— ihm alle ihre Begebenheiten: er, wie der Vater ihm erſt in Wegeborn entdeckt, wie nahe Blande ihm, und in welcher Gefahr ſie ſey. O, Blande, welche Tage, welche Stunden waren das! Aber dein Vater hatte guten Muth. Und ach, er hatte Recht. Du kameſt, wie du den Geſang gehört hat⸗ teſt, den ich und der Pater machten. Ich glaube, Heinrich, die Wilhelmine, die mir deinen Geſang ſpielte, ſteckte mit dem Vater zuſammen. . Das kam mir faſt auch ſo vor, wie mir noch Vieles dunkel iſt von deinem Vater. Ich hatte im⸗ mer Geld von ihm, mehr als ich brauchte, und verſtehſt du das mit Lenardo und Blandinen. Ach, ſie waren die alten Kinder wieder, ſo zutraulich kindlich plauderten ſie ſich wieder in die Vergangen⸗ heit zurück mit dem ewigen: weißt du noch? Eines rührte das Andere immer zu Thränen der Liebe und der Freude. Die ganze Epiſode mit dem Baron war gaänzlich vergeſſen; ihr künftiger Stand des Landhauſes war vergeſſen, obgleich ſie wohl wuß⸗ ten, daß Heinrich von dem Vater dafur eigentlich beſtimmt war, daß er ſogar dafür hatte reiſen müſ⸗ ſen. Sie waren beyſammen, was fragten ſie nach dem Wie.. So hatten ſie die drey langen Tagereiſen in un⸗ endlicher Liebe weggeplaudert, und den vierten ka⸗ men ſie mit frühem Morgen an einen ſchönen Wald, durch den breite Gänze gehauen waren. Die Bäume waren alle ſo ſchön gehalten, daß ſie mit Vergnu⸗ gen es ſahen. Nach und nach wurde der Wald im⸗ mer gartenmäßiger. Sie irrten jetzt im ſchönen, duftenden Gebüſch umher, und auf einmahl ſchrien Beyde laut auf; denn ſie ſtanden vor dem See zu Hauſe. Da lag die Gondel, da zogen die Schwäͤne herbey, da lag die Inſel, aus deren Laubgeflecht das Dach von Amandensruh hervorſah. Heinrich trug in wilder Freude Blanden in die Gondel, der Vater trat lächelnd zu ihnen. Beyde Kinder thaten nichts als jauchzen, und die Arme um einander ſchlagen. Sie ſprangen an's Land. Sie liefen die bekannten Wege nach Amandensruh. Es war ihr Paradies, ihr ganzes Paradies! denn da ſchwirrten die Faſanen, da weideten die Rehe. Umher lebte Alles. Blande lief hierhin, und kehrte wieder jauchzend mit ausgebreiteten Armen in Hein⸗ richs offne Arme zurück. Siehſt du da, Blande— rief er, und dann drückten ſie ſich freudig an die Bruſt des Vaters, der immer lachelnder ihnen folgte. Aber nun wurde es anders, denn auf einmahl ſahen ſie von Pappeln umgeben einen alten Tempel mit der Aufſchrift: Der treuen Liebe! Nun wurde der Vater der Führer. Im dunkelern Gebuſch ſtand ein Haͤuschen. Da, Blande, ſagte der Pater: geh; hinein, zieh' die Kleider an, die du dort findeſt. Wir ziehen uns auch am. Blande fand einen großen Spiegel, auf den Stühlen verbreitet Kleider von allen Farben, von der höchſten Pracht. Auf dem Tiſche lagen blitzende Ohrenringe, Halsſchmuck, Brillandnadeln in's Haar. Blande ſtaunte lange; aber da hörte ſie des Vaters Flöte und das alte bekannte Zeichen zur Eile. Schnell zog ſie ein einfaches weißes Kleid an⸗ was auch da lag, ſteckte nur eine Roſenknospe in's Haar, und band eine Perlenſchnur— ſie liebte Perlen gar zu ſehr— um den Hals. Sie flog aus dem Hauſe, und ſtutzte; denn vor ihr ſtand ein hoher ſchöner, wohlgekleideter Jüngling, Heinrich. Einen Augenblick lange ſahen ſie ſich doch befrem⸗ det an; aber dann Heinrich! Blande! Es waren die alten Kinder, Schnell mochte machen was er wollte. 3 Er führte ſie über die Inſel, und da ſie an's Ufer traten, ſahen ſie gegenüber ein prächtiges Schloß, und vor dem Schloſſe eine Menge Men⸗ ſchen verſammlet, die alle ihre Augen auf die Gondel richteten, in welche die Drey eben ſteigen wollten. Ich bin der Baron Hartenſtein, ſagte der Va⸗ ter: das dort iſt mein Haus, und dort ſtehen die Menſchen, die mich lieben, meine Unterthanen) mich, und Euch Beyde, ihre künftige Herrſchaft zu empfangen, hob der Baron ein wenig ernſthaft an; er wollte ſie überraſchen; aber er ſah, daß Blande heimlich Heinrichen ein Haͤuschen zeigte, — 30— das ganz mit Blumen an den Waͤnden beſetzt war, und dem Heinrich auf der Inſel in Schönberg den Nahmen Blandens Blumenhaus gegeben hatte, und ſo ſtieg der Baron in die Gondel, ohne wei⸗ ter etwas zu ſagen: als Gott erhalte euch dabey⸗ Aber da empfingen ihn mit Gebeth, mit Ge⸗ lübden, mit Thraͤnen und Schluchzen die Unter⸗ thanen, nicht mit dem Lebehoch, was verabredet war. Niemand konnte es vor Wehmuth hervorbrin⸗ gen. Da hingen Heinrich und Blande, eben ſo ſchluchzend, ihn ſegnend, an ſeinem Halſe, da ſie ſahen, wie er geliebt war. Der Vater ſtellte ihnen ſeine Tochter vor, und ſeinen Schwiegerſohn. Da tönte das Lebehoch aus allen Kehlen. Heinrich, ſagte der Vater, verdiene von ihnen mehr als das Geſchrey.. 4 Die Thraͤnen, Vater, die Gebethe, die ſie em⸗ pfangen. Blande fand ſich bald in die Pracht, in n das vornehme Leben, ſpaͤter Heinrich. Nach drey Tagen fuhren ſie nach Schönberg. Und warum ſollten ſie nicht Alle glücklich ſeyn? ſagte der Baron. Er be⸗ fahl Blanden, allen den reichen Schmuck mitzu⸗ nehmen, und ihn dort zu tragen. O ſagte Blande, wüßte meine Mutter, wie gütig Sie ſind! Sie reiſten nach Schönberg ab, in zwey ebe ſo prächtigen Waͤgen, als des jungen Barons. Die Caſtellaninn konnte ſtundenlang kein Wort hervor⸗ bringen aus Erſtaunen, und aus einem ſehr hefti⸗ — — — 81— gen Aerger, den ſie aber verbarg, daß ihre Schwe⸗ ſter die Freyfrau von Hartenſtein und Blande ein Fraulein geweſen war, ohne daß ſie und die Welt es gewußt hatte. 3. Blande und Heinrich wurden von Heinrichs Vater getraut, auf der Inſel in Amandensruh. Drey Tage blieben ſie in Schönberg, und der junge Mann und das ſchöne, junge, liebreitzende Weib ſaßen noch wie vor ſiebenzehen Jahren, unter dem wilden Roſenbuſch, Amor und Pſyche, eng zuſam⸗ mengedrückt, die Arme in einander geſchlungen, die frohen Blicke auf einander geheftet, da, eben ſo unſchuldig und eben ſo glücklich. Paſtors und Caſtellans fuhren nach dem Gute ihrer Kinder. So prächtig auch alles war, ſo geſiel es der Caſtellaninn nicht ſo, als wie ſie mit dem jungen Baron wegfuhr; denn damahls fuhr ſie vor Paſtors Augen vorüber, und jetzt ſaßen Paſtors mit im Wagen. Aber ſie liebte ſie dennoch. Blande und Heinrich kamen jedes Frühjahr nach Schönberg, um ihr Paradies zu beſuchen. Ihrer Mutter zu Gefallen legte Blande einen Tag we⸗ nigſtens ihren ganzen Schmuck an; ihrem Mann zu gefallen, ſetzte ſie den Muſchelhut auf, und ſuchte ihn mit dem Pilgetſtab in der Hand im Ge⸗ birge, und fand ſie ihn, ſo weinten ſie jedes mahl vor Freude, und ſagten: Amandus! Amanda! —— — 37— noch gern geſehen wurde, machte Pauline, die den Vater und jeden Mann beherrſchte, der ſich ihr näherte, obgleich Gabler auch ſeine Freyheit gegen Paulinen erhielt. 3 Sie füͤhlte ſich angezogen von ihm, und doch blieb er ihr fremd, je näher ſie ihm ſtand. In ſeiner Nahe erklangen in ihrem Innern Töne, höhere, ſchöne Töne, die aber ſchmerzend und be⸗ klemmend durch ihre Seele zogen, wie Geiſterſchauer. Sie ſagte es ihm; aber ſie ſetzte immer binzu: es iſt, fürcht' ich, nichts als Kinderey, Geſpenſter⸗ furcht, die Ihr Seherblick, Ihre Prophetenbegei⸗ ſterung in mir⸗ erregt, gerade wie ich mich fürchte, wenn ich gar nichts ſehe, im Finſtern. Und, mein Herr, ich will ſehen, woran ich glauben ſoll. * Gabler ſchwieg jetzt, den nun verſpottete ſie ſich ſelbſt, immer heiterer werdend, mit einer ſo natürlichen Anmuth, mit einem ſo friſchen, natür⸗ lichen, unſchuldigen Muthwillen, daß ſie ihn mit in den brauſenden Kreis ihrer Freude riß, und ſie machte ihn jetzt zu einem frohen Kinde, wie er ſie vorher zu einer halben Prophetinn. Und wer gewinnt mehr dabey? ich oder Sie? fragte ſie fröhlich, und her gilt mehr? ich oder Sie? O% fröhliches, theures Weſen, rief er berauſcht, wehe dem Mann, der den Reichthum, den Sie dem Leben geben, nicht achtet. O Pauline,(er beugte ſeine Knie) dürfte ich Ihnen ſagen, daß— — 38— Still Gabler, das darf ich nicht hören, viſen, Sie ja. Srolz trat Gabler zurick, mit der Hand die gerunzelte Stirn bedeckend. Stiller wendete Pau⸗ line ſich ab, ſie fühlte, wie glücklich ſie ſeyn könnte. Er wußte es, daß Paulinens Hand dem Gra⸗ fen Georg beſtimmt war. Sie machen ihre Toch⸗ ter unglücklich, Herr Graf; denn wenn Pauline den Grafen Georg nicht liebte. Pah! Gabler, eine halbe Million iſt ein reicher Erſatz für eine Poſſe, die man verfehlt. Gabler ſagte dasſelbe zu Paulinen. Sie ſeufze⸗ te. Iſt es nicht auch eine Tugend, Gabler, ſich geduldig in ſein Geſchick ergeben? Wenn es eine Tugend iſt, dem Geſchick 3u entgeyen, nein! Auch iſt es ja ſo gewiß noch nicht, als mein Vater es meiner Geſtalt zutraut. Vetter Georg hat zwiſchen zwey Maͤdchen zu waͤhlen, zwiſchen mir und Eliſen Rothſand.. Arme Pauline! wenn er Sie nicht wäͤhlte. Wie könnten Sie je Ihr Auge gegen einen Mann wieder empor richten? Oh! Was iſt Ihnen, Gabler? Was ergreift Sie ſo? 4 Die Vorſtellung des Sklavinnenmarkts in Con⸗ ſtantinopel! Jeder Menſch hat ſeinen Preis, ſagt Schaftsbury; aber einen ſchandlichen Preis hat der Teufel für das Herz, für die Liebe, für die — 39— Schönheit nur, mir gebothen, als eine halbe Mil⸗ lion, die Güter ihres Vetters. Er drehete ſich kalt ab, und ließ Paulinen angſtlich allein mit dieſem Bilde. Aber ſie flog leicht darüber hin. Sie dachte an des Vetters bleiches Ausſehen, an ſeine wankende Geſundheit, eine junge reitzende Frau im Witwen⸗ ſchleyer flog ſchnell und doch beſchämend vor ihrem Auge vorüber. Sie hoffte auf einen glücklichen Zufall, und hoffte ſie nicht, und klagte ſie ihrem Vater, ſo ſag⸗ te der: kleine Thörinn! ich bin nicht reich, Pauline. Waͤre der Herr von Gabler reich— erröthe nur, mein Kind, bey dieſem Nahmen! ſo wollte ich— waͤre es auch nur eine Grille von dir, dich gern glücklich machen. Aber ermiß du ſelbſt Pauline. Frau von Gabler in einem kleinen, zerfallenen Haͤuschen, auf einem Gütchen, das verſchuldet iſt, halb Dame, halb Bauerfrau, der Spott der Ade⸗ lichen umher, die uns beneideten, die Verachtung der wohlhabenden Bürgerlichen, dein Leben zubrin⸗ gend in der Milchſtube, und am Rade. Kann das dunkle Bild den vergänglichen Strahl der Liebe auf immer erhellen? Wohlan! Aber ehe du waͤhleſt, Pauline, überlege ja recht beſonnen. Pauline ſchauderte zurück. Sie war einen Tag⸗ lang übler Laune, aber ſie dachte wieder an die bleiche Farbe, an die wankende Geſundheit des Vetters, und ließ ſogar ein Wort von dem Wit⸗ wenſchleyer ganz leiſe gegen Gabler Regen; und Gabler— ſie wußte doch nicht, was ſie davon denken ſollte— Gabler war ſeit dieſem fliegenden Wörtchen fröhlich und muthwillig wie ſie ſelbſt. die Seherſtunden, die Prophetenſchauer waren nur noch ſelten, und der fröhliche Jüngling geſiel ihr um deſto mehr. Aber nicht ganz ſo ſorglos war der Graf Stein⸗ bühl; denn Eliſe von Roathſand hatte zwar nicht den uppigen, unwiderſtehlichen Reitz ſeiner Toch⸗ ter, ſie war aber doch wie eine mondhelle, ſtille, milde Nacht gegen einen ſchönen, freudelauten, heißen Sommertag, und was noch mehe war, es war ein geheimes Band zwiſchen dem Grafen Ge⸗ org und Eliſen, über deſſen Gewalt der Oheim zwar ſpottend läͤchelte, und vor dem er doch zuwei⸗ len erzitterte. Georgs und Eliſens Mutter waren Schweſtern geweſen, in frommer, religiöſer Einfalt, in unge⸗ ſtörter Familien⸗ und Schweſterliebe von frommen Aeltern erzogen. Beyde Schweſtern liebten ſich unendlich, und in ſtiller Hoffnung auf Gott hatten ſie beyde heimlich ihre Kinder, Georg und Eliſen, für einander beſtimmt; das hatten beyde Kinder früh von den frommen Müttern erfahren. Georgs Mutter ſtarb früh, doch ſagte ſie ihrem Sohne wie ſie ihn ſegnete: laß Eliſen nicht fahren, mein Sohn Georg! Aber Heorg vergaß es bald, denn er wurde von Eliſen getrennt, noch ein Kind. Er ſa ſie nicht wieder. 8 — 9¹— Sein Vater beſtimmte im Teſtamente, um doch halb ſeiner frommen Gemahlinn Wunſch zu erfül⸗ len, er ſollte eine ſeiner beyden Couſinen heirathen, Paulinen oder Eliſen. Eliſe lebte ſtill bey ihrer Mutter. Das Mutter⸗ herz hing an Schweſter und Tochter, und da ſie ihre Geſundheit wanken fühlte, laͤchelte ſie dem Grabe hoffend zu, warf einen Blick voll Zaͤrtlich⸗ keit auf ihre Eliſe, und ſagte mit naſſen Augen: o Eliſe, würde doch deiner Tante und mein Wunſch erfüllt! O Eliſe! vergiß meiner Schweſter Sohn, Georg, nicht! laß nicht von ihm! Dann beugte Eliſe das freundlich erröthende Geſicht auf ihrer Mutter Hand, und ſagte: laß Gott walten, liebe Mutter! Das iſt Gottes Waltung, Kind! Verſprich mirs, dein Herz an keinen Mann zu hängen, ſo lange Georg noch unverheirathet iſt. Das ver⸗ ſprach ein leiſes Ja, und noch ein leiſerer Seuf⸗ zer der frommen Eliſe. Wenn die Mutter Paulinens Pater ſprach, es war ſelten, ſo redete ſie unverhohlen von ihrem Wunſche und von dem Plan, den ſie gemacht hat⸗ te, daß Georg zuerſt bey ihr einen Monath zu⸗ bringen ſollte, wenn er zurückkehrte. Davor zit⸗ terte dennoch der entſchloſſene Graf, und die Zeit der Mündigkeit des Grafen Georg war nahe.— Aber der Zufall, wie er es nannte, war ihm günſtiger. Eliſens Mutter ſtarb. Noch Einmahl . mußte Eliſen der Sterbenden verſprechen, ihr Herz an keinen Mann zu haͤngen, ſo lange Georg unver⸗ mahlt bliebe. Eliſe verſprach es, und die Mutter ſtarb zufrieden. Eliſe wurde nach ſechs Wochen nach Steinbühl gehohlt. Ihr Oheim wurde ihr Vormund. Der Wagen, der Eliſen gehohlt hatte, fuhr vor. Der Graf, der Herr von Gabler und Pauline gin⸗ gen ihr an den Wagen entgegen. Hoch erröthend ſaß Eliſe da, denn ſie konnte kaum das ſchöne Haupt beugen. Auf dem Schooße hatte ſie ein Neſt mit ein Paar brütenden Turteltauben, ein Geſchenk ihrer Mutter, neben ihr lag der Schooß⸗ hund ihrer Mutter, und am Fenſter hing ein Bauer mit einem Kanarienvogel, den ihre Mutter geliebt hatte. Eine ganze Menagerie, wie es ſcheint, Eliſe! ſagte der Graf lachend. Mit einem demüthigen Blicke antwortete ſie: vergeben Sie es mir, das iſt mein Alles! alles was mir noch übrig iſt von meiner geliebten Mutter! Gabler nahm ihr das Neſt mit den Tauben und den Bauer ab, und nun fiel ſie an die Bruſt ihres Oheims, dann weinend in Paulinens Arme. Sie ging mit Paulinen auf ihr Zimmer, nachdem ſie erſt ihrer Jungfer aus dem Wagen geholfen hatte. Nun Gabler! meine Nebenbuhlerinn! rief Pauline laͤchelnd. 3 5 Eine gefährliche, Pauline, behaupte ich. Das .— 93— blaſſe Geſicht, was der Schmerz verſchönert hat, Pauline, dieſer Blick voll frommer Unſchuld, dieſe Demuth in der Haltung der Geſtalt. Ich will nicht von Reitz reden, nur vom Charakter erſt, welcher der Schönheit den Reitz geben muß. Und die bedeutenden Symbole, nicht war? Das eingeſperrte Vögelchen, die Hausfrau; der Hund, die Treue; die brütenden Tauben auf dem Schooße, die Mutter; nicht wahr? Ja, ganz gewiß! obgleich ſie ſagte, es waͤren nur Andenken an die geliebte Todte. Aber Gaͤbler hatte noch mehr geſehen, als er ſagte. Er hatte das glänzende, offne, dunkelblaue Auge geſehen, den feinen, blühenden Mund, die Morgenröthe auf den ſchönen Wangen, die feine edle Geſtalt, den leichten lebenvollen Gang. Der ſchwarze Flor auf dem reichen blonden Haar, die ſchöne, demüthige, reine Jungfrauen⸗ Geſtalt, das Neſt mit den Turteltauben erinnerte ihn an die Reinigung Marid von Guido in Wien. Er ſtand nachdenkend am Fenſter, bis Eliſe mit Pau⸗ linen in den Saal trat. Da fragte der Oheim, da tragte Pauline, und über Eliſens Lippen floß ein Strom von ſanftem, ſchönen Gefühl und die reinſte Harmonie der Mu⸗ ſik. Sie erzählte von ihrer Mutter und von der geliebten Schweſter ihrer Mutter, und: von Ge⸗ org, den ſie nun ſo lange nicht geſehen, mit einer ſo ſchönen Begeiſterung, mit Ausdrücken, mit Wen⸗ — 4— dungen, die ſogleich ihre innern Hoffnungen verrie⸗ then, aber auch die reine Unſchuld ihrer ſchönen Seele. Der Graf betrachtete ſie mit nachſinnenden Blicken. Selbſt Pauline ſagte heimlich zu Gablern: mich dünkt jetzt, Sie haben Recht, Gabler. Acht Tage war Eliſe in Steinbühl, da wurden des Grafen Blick noch ſinnender; denn der Gene⸗ ral, ſein Schwager, lachte laut auf, da der Graf von der wankenden Geſundheit ſeines Neffen redete. Wankende Geſundheit? rief der General, Schwa⸗ ger, wer hat dir das Mährchen aufgebunden? Mein Sohn hat ihn in Lauſanne vorigen Sommer geſe⸗ hen. Er hat ſeine zehn Zoll, auf ſeinem Geſicht blüht die friſcheſte Geſundheit. Wie? wie ſo, lieber Schwager? Wie ich dir ſage. Er iſt ein Mann, ſagt mein Sohn, und der verſteht ſich drauf, ein edler Mann, ein ſchöner Mann, der allen Maͤdchen die Köpfe verdrehen wird, ſagt mein Sohn. Nun, dein Sohn weiß doch meinen Plan. Was meint er? Er hat mit ihm über das Teſtament geredet, das er auch in Ehren halten will, hat Graf Ge⸗ org geſagt, wenn eins von den Maͤdchen ſo iſt, als er eins ſucht. Und was für eine ſucht er, Schwager? Nicht viel verlangt er, und doch ſehr viel: 5 — 95— eine treue Seele, ein volles Herz, Schoͤnheit ver⸗ ſteht ſich ohnehin. Liobe und Treue ſucht er, wie jeder Ehrenmann, Schwager; aber von ſo aͤchter Art ſucht er ſie, daß er, denke ich, die Erde durchreiſen kann, ehe er ſie findet. Neymt Euch in Acht, er wird hier ſeyn, wenn er mündig iſt, aber unter einem fremden Nahmen. So ein Wört⸗ chen hat er zu meinem Sohn fliegen laſſen. Aber Paulinchen, was du füͤr ihn thun kannſt, das kann er reich belohnen. Pauline warf einen Blick auf den Herrn von Gabler; Gabler käuete finſter an ſeinen Nägeln. Ich thue am beſten, ſagte er, da er mit Paulinen allein war, ich reite davon; denn ich ſehe an die⸗ ſen Blicken, wie tief des Generals Beſchreibung in dieſe Bruſt gedrungen iſt. Sie ſind ein Thor, Gabler. Waͤre ich Herr meines Geſchicks— Warum ſind Sie es nicht? fragte Gabler bit⸗ ter. Ich wenigſtens bin es; leben Sie wohl! Wunderlicher Menſch! laſſen Sie mir Zeit, einen Entſchluß zu faſſen. Poauline fühlte in Ihrem Innern„ wie glück⸗ lich, wie unendlich glücklich ſie ſeyn würde, wenn Gabler ſo reich wäre als Georg. Aber das war er nun einmahl nicht. Sie mußte ſogar den Wittwenflor aufgeben, und mit ihm alle ihre Hoff⸗ nungen. Aber das prächtige Schloß zu Steinbühl neben der Hutte, die ihr Gabler zu biethen hatte; — 96— die reiche Graͤfinn mit blitzenden Edelgeſteinen be⸗ deckt, neben der unbekannten, ungeſehenen Haus⸗ frau? Es war unmöglich. An einem ſchönen Morgen entdeckte ſie dem ed⸗ len jungen Manne das Opfer, das ſie ihrem Vater zu bringen entſchloſſen war. O, ſagte ſie mit auf⸗ richtigen Thränen: ich weiß es, wie theuer das Opfer iſt, das ich bringe. Ich weiß es! Gabler betrachtete ſie lange. Dann ſagte er lächelnd: Pauline, wahrlich, das iſt das Herz nicht, was Ihr Couſin ſucht. Liebe und Treue ſucht er, ſagte der General, und er ſetzte hinzu: wie jeder Ehrenmann. Ich ſuche auch Liebe und Treue, und waͤre ich zehnmahl reicher als der Graf Georg, ich würde für ein Herz voll treuer Liebe meine Schätze hinwerfen, wie veraͤchtlichen Staub. Sie geben ein Herz um Gold auf, Pauline, mein's Pauline. Sie haben es aufgegeben! Er bückte ſich. Sie wollen das Opfer nicht ſehen, das ich brin⸗ ge, Gabler, ſagte Pauline erröthend. 5 Das einzige Opfer, was der Menſch nicht brin⸗ gen ſollte, Pauline, die Wahrheit. Und ein Mäd⸗ chen hat keinen ſchönern Reitz, keine ſchoͤnere Tu⸗ gend, als die Wahrheit ihrer Gefühle. Wahrheit? wie ſo? Wieder ein Räthſel! bin ich nicht wahr gegen Sie? Gegen mich! Auch gegen Ihren Couſin, der nur einzig die Wahrheit ſucht? Nun, und dieſe unſchuldige, fromme Eliſe, — 97— wie Sie ſagen, will ſie nicht auch des Vetters Hand?— Wie anders! wie ganz anders! des Vetters Herz will ſie, nicht Steinbühl. 4 Doch ohne ihn zu lieben? Was iſt da der Un⸗ terſchied? Was? o Himmel! o Himmel, Pauline! der ſterbenden Mutter Wunſch erfüllt ſie, des Himmels Wunſch! Eliſens Wunſch iſt ein Opfer, was ſie der Tugend, der Wahrheit bringt. Laſſen Sie Georg einen Bettler ſeyn, ſie drückt ihn dennoch an das volle Herz, und ihre erſte Umarmung wird Liebe. 4 Ich wollte, Gabler, Sie verwirrten die Em⸗ pfindungen des Mädchens, wie Sie meine verwirr⸗ ten! nur um zu ſehen, wie viel ſie beſſer iſt. Nur darum? darum nur, Pauline, Sie wol⸗ len ja mit m wahr ſeyn. Sie wünſchen das, weil Sie die Nebenbuhlerinn fürchten. Es iſt der Wunſch Ihres Vaters? Wahrheit, Pauline. Nun ja, lieber Gabler. Mein Vater wünſcht, ben Eliſens Herz verſagt ſeyn möchte, wenn Georg käme. Ich weiß nicht, ob Sie das ſo böſe finden. Ich aber, hier ergriff ſie ſeine Hand mit einer freundlichen Zaͤrtlichkeit, ich habe noch ein ſchönes Intereſſe dabey; wenn Eliſe Sie liebte, ſo waͤre Eiliſe, ach! wie glücklich, und der erſte Freund meines Lebens waͤre mein Verwandter. Ich wollte, Sie könnten es von dieſer Seite ſehen. Laf, drey kl. Romane. E Ich ſuche, wie jeder Ehrenmann, ein Herz, Liebe, und hat Eliſe ein Herz für mich— Nun denn, Sie ſind doch nicht deſſer als ich, Gabler. Gabler lächelte, und für Ihre Anſicht des Lebens paßt auch, denk ich, die fromme Eliſe beſ⸗ ſer, als ich, das Weltkind. Das iſt Wahrheit, Pauline, das? Beym Himmel! Gabler, das iſt Wahrheit. Und geſtehen, Sie, mein edler Herr, daß Sie eine Eliſe ſuchten— Wahr! wahr, Pauline! Ich hätte Sie mit unendlicher Liebe umfaſſen koͤnnen, wenn Ihnen die Liebe alles war. Aber der Graf Georg ſucht was ich ſuche, und Sie werden ihn taͤuſchen wollen. Pauline lächelte. Wie Sie mich täuſchen wollten. Beym Himmel, nein, Pauline! das werden Sie mir glauben, das gewiß. 4 Von dieſem Tage an wendete Gabler ſich an Eliſen, und der Graf und Pauline gaben ihm volle Macht, mit dem Maͤdchen allein zu ſeyn. Er lernte mit Bewunderung die Tiefe ihres ſchönen Herzens kennen, und ihr einfach reicher Geiſt ent⸗ faltete ſich vor ſeinen erſtaunten Bl icken, wie das Licht und der Tag, und die Erde, und die Welt ſich den Blicken des Sehendgewordenen entfaltet. Eine neue Welt ging auch in Eliſen durch die Freundſchaft mit Gabler auf, aber keine fremde. Sie trat hinein wie in ihr Eigenthum. Sie ver⸗ Kand ſein edles Herz, ſie verſtand ſeine Ahnungen, —— Eliſe — 99.— ſie theilte ſie mit ihm. Oft, wenn er neben ihr ſaß am ſchönen Abend. auf der Höhe, wo vor ih⸗ nen die Sonne ſank, und der Mond ſtieg, und ihr Geſprach ſtiller und heller wurde wie die Natur, ſagte ſie: es iſt als müßten Sie mein Bruder ſeyn, Gabler. So ſaß ich neben meiner Mutter, das waren ihre Worte, das waren ihre Gedanken, die meine Liebe gegen die Theure ſo ſchoͤn machte. Sie verſank bey dieſen Worten in einen ſeligen Traum. Und woran denken Sie jetzt, Eliſe? An meine Mutter und an meinen Vetter Ge⸗ org. O Sie kennen ihn nicht. So, ſo würde er mit mir reden, ſo, und— ich würde noch glück⸗ licher ſeyn, Gabler, denn er iſt meiner frommen Tante Sohn, die mich, und ihn ſo innig liebte. So wurde alles, jede Empfindung zu einer neuen Liebe 2 ihre Mutter und gegen ihrer frommen Tanke Sohn. Sie gewöhnte ſich an Gab⸗ lers Umgang. Seine Freundſchaft war ihr alles; aber kein unruhiges Gefühl ſtörte den Frieden ih⸗ rer Seele. Sie liebte nur den Vetter Georg. Der Graf und Pauline ſahen das Vertrauen ns zu Gabler, wie es von Tag zu Tag immer voller wurde, ſie ſahen die Sehnſucht des Maͤdchens, das ſtille Verlangen, wenn Gabler einmahl nicht da war. Mit Freude ſah Pauline, wie Eliſe von Fenſter zu Fenſter ging, um ihn bald von der Höhe oder aus dem Dorfe her entgegen zu ſehen, wie ſie ihren Sonnenſchirm ſchon eine Stunde vorher⸗ . E 2 — 100— ehe er kommen konnte, zurecht ſtellte, die Hand⸗ ſchuhe an und auszog, nach der Uhr horchte, weil ſie glaubte, ſie ginge nicht mehr, und endlich ſanft klagend ſagte: warum mußte er auch heute gehen! Mit Freuden hörten ſie von Eliſen ſagen: ſo wie Gablern ſtelle ich mir den Vetter Georg vor. So gut iſt er! ſo ſanft, ſo lieb! dann erzählte Eliſe Paulinen, die neben ihr auf dem Raſen ſaß, von Gabler, was er iyr erzahlt hatte, wie er ge⸗ dacht, empfunden, und zuletzt mußte Pauline fra⸗ gen: von wem redeſt du eigentlich, liebe Eliſe, von „Gabler oder Georg? Aber Eliſens Frieden ſtörte dieſe Verwirrung nicht. Ihr Herz war mit ſich Eins. Das erzählte Pauline Gablern. Das iſt Liebe, Gabler! Die reinſte, die ſchönſte, die unſchuldigſte! eine überirdiſche Liebe, Pauline! 8 lieben En⸗ gel und himmliſche Geiſter! Und mein Herz zer⸗ fließt in dieſem überirdiſchen Entzücken! G Eine ganz kleine irdiſche Zuthat werden Sie doch zugeben, mein überirdiſcher Herr! Nicht die kleinſte, Pauline, denn reder ſie weniger vom Vetter Georg? Was ich nicht begreife. Und Sie ſind ſo ruhig, Gabler? 5 Ruhig, weil Eliſe ruhig iſt, glücklich, weil Eliſe glücklich iſt. Liebte ich Eliſen, wenn ich es nicht waͤre? — 101— uUnd wenn ſie nun den geliebten Vetter wählte? Eliſens Glück würde mich beglücken, ſonſt haͤtt e ich ſie nicht geliebt. Das machte Paulinen ein wenig unruhig. Die Ruhe Gablers ſchien ihr Gleichgültigkeit. Zwar ſah ſie, wie Gabler an Eliſen hing. Aber, dachte ſie mit mädchenhaftem Triumphe: könnte nicht noch eine heimliche Liebe gegen mich in Gablers Herzen liegen? Könnte nicht eine Hoffnung auf meinen Beſitz Gablers Betragen leiten? Sie beſchloß den kleinen irdiſchen Zuſatz zu der Geiſter⸗Liebe Eli⸗ ſens hinzuzuthun, und ihre Augen uber die Art ihrer Empfindung zu oͤffnen. Ach, der armen Pauline Herz ſchlug ängſtlich bey allem was ſie that. Die Liebe Eliſens zu dem Grafen Georg war ſo fromm, ſo heilig, das fühlte Pezline recht ſehr. Sie fühlte es darum mit de⸗ ſto größerer Scharfe, weil ſie zu gleicher Zeit fuhl⸗ te, wie glücklich ſie ſelbſt in Gablers Armen ſeyn würde. Ja, es miſchte ſich ſogar eine eiferſüchtige Empfindung mit ins Spiel, die ſie unglücklich machte. O, rief ſie mit tiefem Verdruß: Eliſe liebt Gablern, wie ich. Sie will des Grafen Beſitz wie ich, und ſie iſt ruhig und glücklich, und ich— bin— ach! gar nicht glücklich! Seltſames Geſchick! Mitten unter dieſen Gedanken trat freundlich Eliſe ins Zimmer. Eine ſelige Ruhe ſchimmerte — 102— in den klaren Augen. O Eliſe, rief Pauline: ich wollte, ich hätte deine Bruſt voll Ruhe. Sie ſagte dieſe Worte mit einer Leidenſchaft, vor der Eliſe heftig erſchrack, denn ſie lebte Pauli⸗ nen. Sie druckte ſie an ſich. O, ſagte ſie: was haͤtteſt du denn verbrochen, liebe Pauline, was dich unruhig machen könnte? Verbrochen? Eliſe, kann denn nicht der Tu⸗ gendhafte unglücklich ſeyn? Unglücklich? ſo ſagteſt du nicht, Pauline. Un⸗ ruhig, ſagſt du! unglücklich kann das Schickſal dich machen, ſo ſagte recht oft meine Mutter, Pauline, und faſt mit ehen den Worten ſagte es geſtern noch Gabler; aber die Schuld kann nur den Menſchen unruhig machen. Unruhe kann nur entſtehen, wenn ich nicht will was ich ſoll. Das Herz kann brechen vor Schmerz, Pauline, aber unruhig kann es nur die Schuld machen. Nein, Pauline, eine Schuld liegt nicht auf deinem Herzen! Du haſt nichts üb⸗ les vor! Pauline erblaßte. Sie fühlte in einem marter⸗ vollen Momente, daß ſie nicht rein war von Schuld. Sie beſchloß Eliſens Herzen die ſelige Ruhe zu laſſen. Aber die Zeit rückte naher, da der Graf erſchei⸗ nen ſollte. Ihr Vater hatte Nachrichten von ihm eingezogen. Man nannte ihn den edelſten, den ſchönſten, den großmüthigſten Mann. Sein Geiſt war gebildet, ſein Herz warm, ſein Leben rein von — 103— jeder Schuld. Er war ein Ideal der männlichen Tugend, und er ſuchte nach einem einfachen, from⸗ men, liebenden Mädchen. Und da ſtand Eliſe in ihrer göttergleichen Schönheit. Aus dem reinen Auge leuchtete die fromme Unſchuld und die ſtille Flamme der Liebe, und mit dieſen himmliſchen Reitzen, das wußte Pauline, würde ſie ſich in Ge⸗ orgs Arme werfen, mit den Erzaͤhlungen aus ih⸗ rer Kindheit, die ſie zuſammen verlebt hatten, ſein Herz beſtürmen. Pauline kannte dieſe rührende Erzählungen der Kinderſpiele, des Vertrauens, der Liebe zwiſchen Georg und Eliſen aus Eliſens Munde. 1 Sie durfte nicht mehr zoͤgern. Sie hatte ſonſt Georg verloren, wie Gablern. Sie hing ſich an Eliſens Arm, und ging mit ihr, da Gabler ein Paar Tage abweſend war, in die Einſamkeit des dunklen Parks. Gablers Reiſe, Gablers Wiederkunft war Eli⸗ ſens warmes Geſpraͤch. Und wie wurde dieſem Herzen ſeyn, wenn er nun gar nicht wiederkaͤme? fragte Pauline, ihre Hand laͤchelnd auf Eliſens Herz legend. Gar nicht? ſagte Eliſe, das unruhige Auge auf Paulinen richtend. O guter Gott, du weißt doch nicht etwan, daß er nicht wieder kommt? Er kommt gewiß wieder— erblaſſe nur nicht ſo Eliſe— Er kommt wieder. Aber einmahl muß — 104— er doch ausbleiben; oder ich verſtehe dich nicht, Eliſe. Einmahl? Wenn? Warum? Warum? das frage ich auch. Er würde weg⸗ bleiben, wenn es ſeyn müßte, und dann vor Gram ſterben. O wie er dich liebt, Eliſe! mit welcher un⸗ endlichen Liebe! Sein Herz würde in ſtummer Lie⸗ be, in ſtummem Schmerze brechen, und dein's? dein’s? Mein's? Sein's? fragte Eliſe unruhig: ich verſtehe dich nicht, liebe Pauline. Du liebſt ihn, Eliſe? O gewiß, zaͤrtlicher könnte ich meinen geliebten Bruder nicht lieben. Einen Bruder? Eliſe, du verſtehſt dein eige⸗ nes Herz nicht, und auch ſein's nicht. Gabler liebt dich anders und warmer, und lernſt du ſein Herz und dein's nicht beſſer verſtehen, ſo wirſt du Un⸗ ſchuldige ſein Herz vor Gram zerbrechen, und dann. dein’s. 2 O du brichſt mir das Herz ſchon, obgleich ich dich nicht verſtehe. Das Maͤdchen ſchwamm in Thränen. Er liebt dich, aber viel anders als du dellſt, Eliſe. Sein ganzes Herz hangt an dir— bey die⸗ ſem Ausdrucke fühlte Eliſe eine ſchmerzliche Unruhe 4 in ihrem Innern erwachen— ſein ganzes Leben, ſein Weſen, ſein Glück, ſeine Hoffnungen. Ohne dich wuürde ſein Leben eine immerwaͤhrende Trauer ſeyn. — 113— Rauburg hatte Paulinens Hand gefaßt. Pau⸗ line zuckte; aber ſie gab dem alten Geliebten die Hand, und dann drohete ſie dem Grafen Georg mit einem Finger, aber doch laͤchelnd. Er führte ſie vor den Altar. Pauline wurde glücklich; aber Georg und Eliſe waren ſelig, denn der Muter frommes Gebeth, aller Unterthanen ſtille Gebethe waren erhört. Sie waren der Segen der Herrſchaft. Die Alpenreiſe. In den erſten Revolutionskriegen verlor der Herr von Lawis ſein ganzes Vermögen. Seine Guͤter wurden verheert, ſeine Dörfer mit ſeinem Schloſſe abgebrannt. Seine Verhandlungen mit dem Feinde wurden am Hofe für Aufruhr ausgegeben, obgleich ſie nicht ſein Eigenthum retteten, ſondern die Habe der armen Bewohner der Gegend. Der Prozeß für ſeine Unſchuld koſtete was er gerettet hatte. Erbit⸗ tert über die Ungerechtigkeit, womit man den Un⸗ glücklichen behandelt hatte, verließ er die Gegend, wo er gelebt hatte, und zog mit ſeinem einzigen Sohne in ein ſchönes Thal, durch das der Inn ſeine wilden Fluthen gießt. Er fand hier die Ruhe nicht, die er fachee, denn ſein Herz war in den Lebenswurzeln angegriffen, der Freund ſeiner Jugend hatte über ihn das Ur⸗ theil geſprochen, das ihn verdammte. Er lehte ein⸗ — 114— ſam in einem Hofe, dem Erbtheil ſeiner Mutter, und deſſen Ertrag den finſtern Einſtedler ſpärlich ernaͤhrte. Sein Sohn war ein Knabe, der das Unglück ſeines Vaters und ſein eigenes noch beläͤchelte, der in dem ſchönen Thale mit den Schmetterlingen um die Wette herumflog, und den Pfeil des Un⸗ muths noch tiefer in des Vaters Seele drückte, wenn er in froher Unſchuld ſagte: ſey doch ver⸗ gnügt lieber Vater, die Sonne ſcheint ſo warm, die Schmetterlinge ſind auch ſo froh, und ſieh, wie freundlich die Wetterſpitze daſteht, und da hoch der Septiwier. Es iſt ſo prächtig im ſchönen Thal! der Strom braust, die Vögel ſingen, und von der Alpe herab tönt der Hirtengeſang und der Herden ſchöne Glocken! Der Vater ſeufzte. Du ſeufzeſt ſchon wieder, guter Vater, ſey ver⸗ gnügt: denn heute ſagte mir des Müllers Sohn, du wärſt der reichſte Herr im ganzen Innthal, und heuer würde das Heu recht gerathen. Er nannte mich junger Herr Zumfall. Warum heißen wir nicht mehr wie ſonſt, Vater? Wie hießeſt du doch, da wir noch im großen Schloſſe wohnten, weißt du noch? Baron von— Da ſteht auch ein Schloß, Vater, am Bach hinauf, jenſeits der Alpe, ein ſchönes Schloß des Grafen Obſteig. O ich weiß wohl Vater, ſein Bild hing in Lawis ſonſt. Ja. ſo hießen wir, Baron Lawis, jetzt Zumfall. Du warſt ja da, in Zumfall an der Iſer, Jo⸗ li. es gehörte deiner Mutter. 4 O ich weiß, Pater, ich weiß, am ſchönen Walenſee, wo die Iſer ſo hoch herabſtürzt aus de Gebirg. Der Mutter Grab iſt da. Du ſagteſt n ch, Vater, ſo ſtürzt der Menſch, ſo faͤllt er! und e nannteſt du dich Herr Zumfall. Und er Obſteig! Es iſt ſeltſam und 1 wahe, ſagte der Vater ſeufzend, denn ſeiner Jugend Freund und ſein ſtrenger Richter war der Graf Obſteig. Der Vater verboth dem Kinde noch eimmäht ernſtlich, den Nahmen Lawis zu nennen, denn nahe bbey ſeinem Hofe lag des Grafen Schloß. Den Nah⸗ mmen Zumfall kannte Niemand. Nach und nach erheiterte des Knaben Unſchuld des Vaters trübes Leben. Er fand, daß Joſeph mitten in dem Genuſſe ſeines ehemahligen Reich⸗ thums in dieſer Unſchuld nicht häͤtte erzogen werden können. Er lebte jetzt nur für ſeinen Sohn, und er fand ein ſchöneres Glück wieder in dem kleinen Kreiſe der Familienliebe, und der Wohlthäliigkeit gegen ſeine treuherzigen Nachbarn, die ſeine Güte mit freywilliger Ehrfurcht belohnten. Der Knabe wuchs heran in der Freyheit der wilden, ſchönen Gegend unter dem Unterrichte ſei⸗ nes Vaters, der ein ſehr gebildeter Mann war, und unter dem Leben mit den treuherzigen, ehrli⸗ cen Tyrolern des Thals. Man hätte ihn für den — 116— Sohn eines reichen Landmannes halten ſollen, ſo einfach waren ſeine Sitten, ſo einfach war ſeine Kleidung; aber auf das edle, ſchöne Geſicht hatte die gütigere Natur das Siegel der Hoheit gedrückt. Man ſah ihm an, es war nicht der Sohn eines ge⸗ wohnlichen Landmannes, und redete er, ſo wußte man, er war von einem gebildeten Manne erzogen. was hatte der Vater nöthig, den Sohn mit den Sitten der großen Welt bekannt zu machen, die er nach ſeinem Wunſche nie kennen lernen ſollte. Er ließ die einfachen Sitten des Thales ihm, und Joſeph fühlte ſich glücklich. Rings im Thale kannte Joſeph ſchon als Knabe jedes Fleckchen. Er war an jeden Bach hinaufge⸗ gangen, die Quelle zu ſuchen. Die zahmen Höhen hatte er beſtiegen, und ſein unruhiger Blick hing ſehnſuchtsvoll am hohen Gebirg, an dem rauſchen⸗ den Strome, an dem Septimier, deſſen blaue Spitze er oft in der Morgenſonne ſah. Er drang mit jedem Monathe weiter vorwaͤrts, von Thal zu Thal. Er fühlte ſich glücklich, daß er einmahl einen Reiſenden, der nach Worms wollte, und bey ſeinem Vater vorgeſprochen war, bis nach Imſt be⸗ gleiten durfte, wo die Landſtraße anhebt. 3 Der Reiſende redete unterwegs mit dem muthi⸗ gen Knaben von den Wundern ſeines Vaterlandes, ach, die er nicht kannte, und er entzündete in ſeis ner Bruſt eine Flamme, die ſein Pater nicht wie⸗ der löſchen konnte. Das war ganz gegen den Plat — 117— des Vaters, der in ſeinem Schmerze die Welt für einen Strudel des Verderbens, und das einſame Thal für die Wohnung der Tugend und des Glücks hielt. Er erlaubte dem Sohne, um ihn deſto feſter zu halten, kleine Reiſen in die umliegende Gegend, vertraute ihn ſogar der Geſellſchaft eines ehrlichen und vorſichtigen Gemſenjäͤgers an, ihn mit den Ge⸗ fahren auf den höhern Bergen bekannt zu machen; denn Joſeph nahm ſeines Vaters Büchſen, und ware allein gegangen, wenn er keinen Gefäͤhrden gefunden häͤtte. Dieſe beſchwerliche Nebung ſtärkte den Jüngling und machte ihn kühn und feſt gegen die Gefahr, und die Erzählungen ſeines Begleiters, von Geiſtern, die den Berg bewohnen, und dem redlichen Jaͤger, der auf ſeinem Gewiſſen keinen Betrug, keine Lüge, keine Feigheit liegen hätte, zu Hülfe erſchiene, wenn er den Pfad verloren, und die Joſeph hier zum er⸗ ſten Mahle hörte, brachten ſeine Phantaſie in eine neue Bewegung. Er wünſchte ſehnſuchtsvoll einen Berggeiſt zu ſehen, und er ſah ihn oft, wenn ein Luftſtoß einen Nebel in das Thal hinabjagte, und der Nebel ſich zu tauſend Geſtalten formte. Jetzt wurde ihm die Natur erſt recht lebendig: ſeine ſchönere Phantaſie belebte ſie bald mit ſchöneren Weſen, als ihm die Erzählung ſeines Begleiters geben konnte. Er fand ſich unter befremdeten Weſen, denn auf ſeinem Her⸗ — 118— zen lag nicht die kleinſte Lüge, kein Betrug, keine Feigheit. Oft ſaß er allein auf dem höchſten Berge, und ſein Herz ſchuf ihm eine neue Welt, die ſein In⸗ neres mit den höchſten Entzückungen erfüllte und mit einer nahmenloſen Sehnſucht, deren Erfüllung er hinter jenen blauen Bergen ſuchte, welche die Quellen ſeines vaterländiſchen Stronns enthielten. Er verlangte in die Welt, über die Berge hin⸗ weg, ach, nur um noch ein einſameres Thal zu ſuchen, wo er ungeſtört von jedem Menſchen ſin⸗ den könnte, was er traͤumte. Er war in ſich gekehrt, ſanfter als ſonſt, und fragte ſein beſorgter Vater: was iſt dir, Joſeph? ſo ſchlug er das große blaue Auge vertraulich gegen den Vater auf, und ſagte: ich weiß es nicht, Va⸗ ter. Ach, die Gemſenjagd iſt ja nur Morden! das Leben rauſcht wie der Strom dahin, immer der⸗ ſelbe, Welle auf Welle, und wohin? wohin? O ſage nicht, Vater, daß ich hier glücklich werden kann. Mich verlangt nach etwas Beſſerm, nach et⸗ was Größerm. Was iſt das Beſſere, mein Sohn? Das frage ich mich ſelbſt jeden Morgen, wenn die Sonne aufgeht, und wenn ſie hinter dem Arle⸗ berg verſchwindet. Ach, das Leben, was unter den Sternen liegt, iſt es nicht, Vater! ich wünſche sft zu ſterben! Das iſt unrecht, Joſeph. Du biſ undenbar gegen den 4 Himme. — 9— Nein, der Himmel ſelbſt iſt es ja, Vater, der mir ein Jenſeits, ein Jenſeits über alle Graänzen hinweg zeigt. Auch ſehe ich es wohl, eine weite, unermeß⸗ liche Ferne hinter dem Leben, hinter der Erde, auf deren Anfang Nebel, Wolken und Dunkel liegt. Nein, Vater, nein. Dieſe Erde iſt nicht für mich gemacht. Dieſe Erde gehört dem Ehrgeitz, dem Eigennutz, nicht mir. Ich lin ein Fremdling hier, glaute mir ein Fremdling. Ich beneide das Thal, Vater, das doch endlich einſchlummert. Ich ſchlum⸗ mere nicht, ich träume, und meine Traͤume ſind ſchöner als mein Leben, aber doch nur Traͤume. Ich möͤchte fuͤr einen Menſchen ſterben; denn dort, dort muß ich finden, was ich ſuche. Du wirſt es hier finden, mein Sohn, ſagte laͤ⸗ Gelnd der Vater. Die Unermeßlichkeit, die du ſuchſt, wohnt dießſeits des Grabes noch, glaube mir. Habe Geduld, Sohn, du wirſt glücklich werden. Der Vater fand, daß ein Jüngling andere Wünſche hat, als ein Alter, den die Welt ausſtieß. Er ſann hin und her, was zu machen ſey. Er fand mit Schrecken, es ſey nichts anders zu thun, als den Sohn in die Welt zu bringen, in die Welt, die nur das Herz zerſtreut, aber nicht befriediget. Aber das Schickſal übernahm das Amt des Va⸗ kers weit ſchöner. Da wo Tyrol ſich ſcheidet, von Worms, im hohen unzugaäͤnlichen Gebirg kiegt ein ſteiler Abhang, in zerriſſenen Felſen eine Gegend, ie das Ende der Welt heißt. Der Nahme hatte eine ſo lockende Bedeutung für des Jünglings Phantaſie, daß er nur auf den Sommer wartete, um die Gegend zu beſuchen. Sein Vater ließ ihn gehen. Er kam dahin und war nicht glücklicher am Ende der Welt als in ſeinem Thale. Finſter ging er zurück über den Juga, den finſtern, wilden Weg nach dem Klo⸗ ſter Santa Maria. Er bethete im Kloſter am Al⸗ tar der Himmelsköniginn, dann ging er den Weg nach dem Inn zu nach ſeinem Thal zurück. In der wildeſten Gegend des Gebirges, im Münſterthal, wo nur des Geyers rauhe Stimme tönt/ hörte er Menſchenſtimmen. Er näherte ſich, aber ſein Fuß ſtockte, denn auf einem Hügel ſaß ein Maͤd chen, oder ſollte er glauben, ein helfen⸗ der Bergengel aus dem Mäͤhrchen ſeiner Jugend? Sie kennen die Gegend hier? fragte das Maͤd⸗ chen mit einem freundlichen Laͤcheln, da er eben blöde vorübergehen wollte. Recht gut, wenn Sie meiner Huͤlfe bedurfen. Wohin wollen Sie? Nach Botzen. Unſer Führer hat den Weg hier verloren, und zum Unglück iſt eines unſerer Maul⸗ thiere lahm geworden. Joſeph ſah unten im Thal, was ihm die ſchöne Stimme beſchrieb; einen Maulthiertreiber und zwey Maͤnner, die zu dem Madchen gehörten. Das Gepäck lag am Boden. Die Leute wußten nicht, wozu ſie ſich entſchließen ſollten, und ſo waren — 121— ſchon drey Stunden mit Wollen und Nichtwollen verloren. Sie wendeten ſich alle an Jofeph, und er entſchied, was nicht anders ſeyn konnte. Das lahme Maulthier mußte ohne Laſt gehen, das Maul⸗ thier, auf dem das Maͤdchen geritten war, mußte beladen werden, und das Mädchen mußte den Weg nach dem nahen Kloſter zu Fuße gehen; der Weg war richtig und nicht zu verfehlen. O, ich danke Ihnen, ſagte das Maͤdchen noch 2 freundlicher. Aber Joſeph, der mit gepackt hatte, nahm ſeine Taſche wieder auf, und ſeine Büchſe, und ſagte blöde, daß er ſie den bequemeren Weg auf den Höhen wegführen würde. 4 Es lag eine ſolche treuherzige Ehrlichkeit, eine ſo reine Unſchuld auf des Jägers Geſicht, daß ſie ſeine Begleitung ohne Umſtaͤnde annahm. Er führte ſie mit ſorgender Behuthſamkeit. Er bath ſie von Zeit zu Zeit ja zu ruhen Da er ſie nur einmahl von weitem uüber Durſt klagen hörte, war er wie ein Pfeil die Höhe hinab, und nach einer Viertelſtande war er wieder da, ſeinen grunen Hut mit Blaͤttern ausgelegt, und voll der ſchoͤnſten Erdbeeren. Aber in ein Geſprach waren ſie noch nicht ge⸗ kommen, denn der Jager war nur mit ihrer Be⸗ Luemlichkeit allein beſchäftiget, hier einen Zweig aus dem Weg zu beugen, und dort einen Stein wegzurollen; jetzt vor ihr her zu laufen, um von einer Höhe berabzuſehen, welcher von beyden Fuß⸗ r Laf, drey kl. Rom. 3 — 122— ſteigen der leichteſte war, und dankte ſie ihm für ſeine Güte, ſo erröthete er, ſo hatte er nicht den Muth, ſein Auflage aufzuſchlagen; aber wie wohl ihm ihr Dank that, das ſah ſie an ſeinem ſchönen Munde, der durch einen Zug von faſt himmliſcher Freude noch verſchönert wurde. Und bewundern mußte ſie den blöden Jäger, wie er ſo dreiſt zu gleicher Zeit war; denn kam ein Bach, der in ih⸗ rem Wege weglief, ſo hob er ſie, ohne um Er⸗ laubniß zu bitten, auf, und trug ſie bis der Weg wieder trocken war. Da hörten ſie die Abendglocke von der Marien⸗ Abtey. Auf einmahl ſagte er: o wären Sie nicht müde! Ich bins nicht. Er führte ſie langſam auf eine Höhe, von wo herab ſie auf ein Mahl das ganze Thal überſehen konnte. Sehen Sie, hob er auf einmahl an, und ſeine Blödigkeit ſchien verſchwun⸗ den: ſehen Sie dieſes Paradies! Hier möchte man ewig leben, und doch umſchließt es auch ſehnſüch⸗ tige Seufzer. Sehen Sie, wie die Abtey aus den dunkeln Tannen hervor ſchimmert, erröthend im Abendſchimmer der Sonne! Sehen Sie dort den goldnen Strahl, der donnernd ins Thal ſtürzt. Das iſt die Etſch, und nun hier, wie das Para⸗ dies ſich ſchließt mit dem Triumphthor der beyden Berge, deren Stirn der Abend mit Roſenkränzen krönt. O ſehen Sie die weite Ausſicht dahinter, die in ſanftes Blau zerfließt, als ſtünden wir hier — 123— vor dem offenen Thore der Ewigkeit, die dicht am Leben liegt. Sie ſah den Jaͤger an, der auf einmahl ſo be⸗ redt geworden war. Sie ſah jetzt das blöde Auge von einem höhern Feuer funkeln. Er hielt das Auge auf den beyden Bergen feſt, die er das Thor der Ewigkeit nannte. Dann ſenkte er ſanft das Auge zu Boden, und ſagte: ach die Nacht kommt dennoch, und bedeckt mit ihrem Schatten alles, auch die ſchönſte Hoffnung. Er ſagte das ſo leiſe, als ſagte er es nur zu ſich ſelbſt. Dann führte er ſie wieder ſtumm die Höhe hinab, in den Schatten der Tannen, und ſie ſtanden vor der Pforte des Kloſters. Sie ſchellte, und er ſah ſie traurend an. Sie verſchwand, ihm dankend, in das Kloſter. Er ging in das Pilgerhaus des Kloſters, um da die Nacht zu ruhen..* Er ruhte nicht, denn ihm fiel ja ein, daß hier kein Maulthier zu haben war. Er mußte ja das Mäadchen, deſſen Lächeln tief in ſeiner Seele ein ſchöneres Thal des Paradieſes geöffnet hatte, bis nach Münſter begleiten. Am frühen Morgen weckte er die Begleiter des Mädchens. Er half packen, dann ging er an das Kloſter, ſchellte und ließ hinein ſagen, daß alles bereit ſey. Ein himmliſches Laͤcheln begrüßte den Jüngling, und ſie hörte mit Freude, daß er ſie bis nach Münſter begleiten wolle. .. F 2 — 124— Die Maulthiere zogen im Thal im Wege, er führte das Maͤdchen aber über die Höhen, den nähern Weg nach Münſter. Aber fröhlicher war heute der Jüngling, und er hatte Urſach, es zu ſeyn; denn er kannte den Nahmen des Maͤdchens. Gottes Engel begleiten dich auf deiner Reiſe, Ma⸗ ria! hatte die Aebtiſſinn beym Abſchiede geſagt. Er hatte den Nahmen Maria immer geliebt, und ſie hieß Maria. Sie ſind hier in dieſer Gegend zu Hauſe? war ihre erſte Frage. Nicht hier, jenſeit des Gebirges, vor uns, im Innthale. Und Sie kennen die Gegend hier ſo genau? Ich bin oft hier, hier im wilden Gebirg. Welch Geſchaft zieht Sie hierher? Keines. Ach, fuhr er ſeufzend fort, ich ſuche von Thal zu Thal, von Berg zu Berg— und— Was ſuchen Sie? Er ſchwieg. Sie fragte noch zweymahl. Er mußte antworten, und wußte nicht was. Ruhe für mein ſehnſüchtiges, unruhiges Herz/ ſagte er endlich erröthend. Sie verſtand ihn unrecht. Hier im Kloſter, ſagte ſie mitleidig, iſt ein Gnadenbild und ewiger Ablaß. Aber, was können Sie gethan haben; 2 ſo jung/ ſo unſchuldig! 9 dos iſ nicht, gütige Maria, ſagte er le — 125— Da erzaͤhlte er auf ihr Fragen, wie gluͤcklich er in der Kindheit im Thale auf dem Hofe ſeines Va⸗ ters geweſen; aber wie ſchon früh ſein Auge auf den fernen Bergen ſehnſüchtig gehangen, wie end⸗ lich ein unbekannter Zug ihn, wie ein Zauber, weg⸗ gezogen, von allem, was ihm ſo theuer geweſen, und wie ſein Vater ihm geſagt, laͤchelnd geſagt, ſein Wunſch werde noch hier im Leben erfüllt. Wie er nun bis an die Quellen des Inns gedrungen, ohne es zu finden, was ſein Herz ſuche. Das iſt wunderbar! ſagte ſie ſinnend, was es ſeyn könnte. Das macht Sie unglücklich. 2 Ach, ich bin wohl glücklich! Auch ſagt das mein Vater. O geſtern, und heute wieder. O wie ich geſtern da hinein ſah, in die ſchöne Ferne, da war mir's, als häͤtte mein Herz es ergriffen. Es war ihm, als waͤre er allein, ſo ſann er über ge⸗ ſtern, und die Nacht, die er in ſchönen Traͤumen durchwacht hatte— in dieſem Nachſinnen redete er unſchuldig weiter: Geſtern, da Sie in die Klo⸗ ſterpforte eintraten und die Thüre ſich verſchloß, da ſchien mir's, als ſtaͤnde das Leben ſtill, als legte ſich eine Mitternacht über meine Empfindung. Maria ſah ihn ſchnell an, ob er mehr meinte als er ſagte: aber ſein Geſicht war ſo unſchuldig. Er ſchlug das blaue, große Auge ſo unſchuldig ge⸗ gen ſie auf, ſo dem nachſinnend, was es ſeyn könnte, wovon er redete, daß ſie erröthete. Schnell —— 126— aber brach ſie das Geſpräch ab, mit der Frage, wie er heiße. Joſeph Zumfall. Er erzählte von ſeinem Va⸗ ter, von ſeiner Erziehung, von dem Unterrichte, den ſein Vater ihm gegeben. Sie erfuhr alles, was ſie wiſſen wollte, und doch nicht genug, um zu wiſſen, zu welchem Stande er unter den Men⸗ ſchen gehörte. Der Jüngling aber erzählte mit einem Feuer, mit einer Stärke des Ausdrucks, mit einem ſo tief bewegten Herzen, mit einer ſo ungekünſtelten Wär⸗ me, daß Maria hätte ewig zuhören können. Es ging etwas Seltſames in ihrer Bruſt vor. Es war, als hätte der junge Menſch mit ſeinem ſelt⸗ ſamen Wunſche auch ſie begeiſtert. Auf einmahl, ſagte er erblaſſend: da liegt Münſter. I. Was erſchreckt Sie ſo? fragte ſie. Da erhob er ſein Auge und betrachtete ſie lang, und ſagte dann: es iſt mir, als könnte ich nicht von Ihnen ſcheiden, Maria. Es wird mir, o das weiß ich, auf dem Rückwege ſeyn, als hätte ich meine Seele bey Ihnen zuruckgelaſſen. Sie läͤchelte. Sie verſtand ſein Inneres nicht, darum ſagte ſie: ſchmeichelt man hier im Gebirge auch? Schmeicheln? Lügen? rief er, der Himmel be⸗ hüthe mich! Wem könnte ich denn auch ſchmei⸗ cheln? fragte er nachſinnend, denn der Vorwurf — 127— ſchmerzte ihn. Mir? ich muß ja fort! O nein! nein! Mein Herz müßte mich betrügen, wie es oft that, wenn ich dieſes oder jenes wünſchte. O nein, wie ich dieſe Nacht vor der Hütte ſaß, und an heute dachte, da rufte ich, ach! aus dem in⸗ nerſten tiefſten Grunde meiner Seele, wie glüͤcklich ich ſeyn würde, wenn ich immer bey Ihnen ware, immer, und müßte ich Ihr Knecht ſeyn, Ihr ge⸗ ringſter Knecht. Er warf jetzt ſolche flammende Blicke auf ſie, daß ſie anfing unruhig zu werden. Der Weg bog hinab in die Straße, auf der ihre Leute zogen. Sie zeigte hinab mit einem Läͤcheln. Ich bin Ih⸗ nen vielen Dank ſchuldig, Herr Zumfall, ſagte ſie, und ich werde meinen freundlichen, edlen Füh⸗ rer nicht vergeſſen. Vergeſſen Sie auch Marien nicht. Vielleicht ſehen wir uns einmahl wieder; denn ich gehöre auch hier in der Gegend zu Hauſe. Gewiß, ſetzte ſie hinzu: denn das alles, was ſie geſagt hatte, ſchien ihr nicht freundlich genug, ich werde oft an Sie denken, an dieſe beyden ſchö⸗ nen Tage. Sie reichte ihm die Hand. Er nahm die Hand⸗ Er ſah ihr ins Auge, mit einem Auge, das voller Thränen hing, mit einem Abſchiede ohne Worte⸗ Er drückte die Hand in ſeinen beyden heftig, dann ſagte er ſehr leiſe, darf ich dieſe Hand nur einmahl auf mein Herz voll Schmerz legen? Sie ließ ihm die Hand, ohne zu antworten. Er — 123— drückte ſie auf ſein Herz. Vergeſſen, Maria? ſagte er dann. Ich werde Sie immer, immer vor Augen ſehen, und ſo, ſo! ja ſo! mit den Thraͤnen in den blauen Augen, die mir ſagen, was Sie denken: ach, Joſeph bliebeſt du doch immer bey mir! Sie ſeufzte, aber es beleidigte ſie nicht, daß er den Wunſch ihres zu bewegten Herzens nicht nur errieth, ſondern ihn ihr ſagte. Wir müſſen uns trennen, guter Joſeph! trennen! Sie ſah rings umher, und da ſie kein Auge ſah, das ſie beobachtete, ſo drückte ſie ſchnell ſeine Hand an ihre klopfende Bruſt; aber dann war ſie auch in ein paar Augenblicken den Hügel hinab bey ihren Leuten, und Joſeph ſtand verlaſſen, verödet, al⸗ lein, mit Thränen in den Augen, mit einem un⸗ endlichen Schmerz in der Bruſt auf dem Hugel, und ſah, wie ſie hinter den Bergen verſchwand. Noch hörte er die Schellen ihrer Maulthiere, dann aber legte er die Hand vor die Augen, und ſagte: vergeſſen, ach Maria! wie könnte ich vergeſſen, je vergeſſen, was mich ewig begliunte; ewig betrü⸗ ben wird. Noch lange, ach viel länger, als Maria ver⸗ muthete, ſaß der unſchuldige Jüngling auf dem Hügel, und ſann nun erſt all den Wundern nach, die in ſeinem Herzen ſeit geſtern vorgegangen waren. Er ſann den Zuſammenhang nicht hervor, was 3 — 129— den geworfen, führten ſie von drey verſchiedenen Seiten Scharen gegen den Hügel hinauf. Thio⸗ dolf, weit in die Ferne ſchauend, bemerkte das nahe ſtill heimliche Anrücken, nicht doch ploͤtzlich um⸗ ſtarrten ihn von allen Seiten gewaltige Spieße, belagerte ihn ein Wall von ungeheuern Schilden. Freudig zürnend warf er ſich auf den Feind, aber der Kreis rückte immer dichter um ihn zuſammen; geſtachelt von mehrern Spießen bäumte ſich der edle Araberhengſt wild auf, und ein Stoß gegen das gepanzerte Vorderzeug warf ihn ſammt ſeinem Reiter mit gewaltigem Falle raſſelnd auf die Er⸗ de nieder. 35 Thiodolf ſchien verloren, denn ſein Roß hatte ſich beym Sturz in Zügel und Steigriemen ver⸗ wickelt, und konnte nicht wieder über ihm in die Hohe. Dennoch zögerten die Bulgaren, ſich ſei⸗ ner zu bemächtigen. Keiner wagte es, dem edlen, hauenden Pferde zu nahen und der mächtigen Klin⸗ ge Rottenbeißer, die noch immer der goldgehar⸗ niſchte Heldenarm in den Lichtern des Mondes bli⸗ zend umherſchwang. Plötzlich ſcholl es unten vom Hügel herauf, drey harte Schläge, und drey Mahl ſtöhnte es, wie von in's Blut geſunkenen, zum Tode getroffenen Kriegern. Staunend blickten die Bulgaren um. Da kam ganz allein, ohne Schlacht⸗ ruf, ſtumm auf ſeinem dunkeln Roſſe um ſich hau⸗ end, der greiſe hohe Rittersmann heraufgetrabt, und wo er hin traf, röchelte ein Sterbender. Vor 4 58 5 — 480— dem ſtäubten die Bulgaren entſetzt auseinander, ru⸗ fend: dem jungen Helden komme der Geiſt ſeines Stammes zu Hülfe in geſpenſtiſcher Pracht. Der unbekannte Reiter, ohne ſich weiter um ſie zu küm⸗ mern, half derweile dem Wäringerhauptmann in die Höhe, und weil das edle Araberpferd nur leich⸗ te Wunden hatte, ſaßen auch beyde Helden bald wieder hoch zu Roſſe. Thiodolf hielt ſeinem wun⸗ derbaren Helfer die Hand hin, und ſprach einige freundliche Worte dazu, aber der hob ſeine Rechte mit dräuender Geberde gen Himmel auf, wandte ſich, und trabte alsbald, wie im tiefen Unwillen, vom Schlachtfelde fort. Es bedurfte hier freylich ſeiner Hülfe nicht mehr. Schon wankten die Bulgaren von den mehrſten Seiten, und als Thiodolf wieder an der Spitze ſeiner Geſchwader erſchien, warfen einige raſche, freudige Angriffe den heulenden Feind vollends über⸗ all in rettungsloſe Flucht. 5 Viertes Capitel. Die Schlacht war geſchlagen; unter den Strah⸗ len der aufſteigenden Morgenſonne erhub ſich ein milderes, freundlicheres Treiben, das Aufſuchen unnd Löſen der von den Bulgaren fortgeſchleppten Geſangenen, welche der weichende Feind ſonſt in, — 131— mer weiter mit ſich hinaus zu führen pflegte. Aber das war ihm dießmahl unmöglich, denn die weni⸗ gen geretteten Scharen hatten ſich kaum ſelbſt da⸗ von gebracht, zwiſchen Sumpf und Graben und Verhau durch, und dem von der andern Seite un⸗ ter Helmfrids Beſehl anrückenden Griechenheer. Nachdem Thiodolf ſeinen feurigen Philippos als Siegesbothen an den Wäringerfürſten abgefer⸗ tigt hatte, durchſtrich nun auch er ämſig das Lager, um die Befreyten zu tröſten und zu erquicken. Indem er ſich einem großen Zelte näherte, ver⸗ nahm er daraus hervor anmuthigen Zitherklang, der ihn auf eine unbegreifliche Weiſe an irgend eine Vergangenheit mahnte. Der ſanfte Ton auf des wilden Schlachtfeldes Mitte zog ihn mit verdoppel⸗ ter Gewalt zu ſich hin, und die Vorhänge des Zeltes zurückſchlagend, ward er eines Mannes an⸗ ſichtig, der zwar auf Bulgarenart gekleidet war, aber in ſehr auserleſene und zierliche Gewande ge⸗ hüllt. Vor demſelben lag auf köſtlichen Decken ein kleines Kind, das er mit den Tonen ſeiner Zither in Schlaf zu ſingen bemüht ſchien. Er ſchlug die Augen beym Eintritt des Kriegsmannes empor, und Thiodolf erkannte alsbald den Sänger Roma⸗ nus, deſſen Lieder ihn einſt ſo mannigfach in den Pallaſtesgärten von Konſtantinopolis bewegt hatten. „Willkommen, mein edler Norderheld! ſagte Nomanus freundlich. Das konnt' ich wohl wiſſen, daß Ihr unter den Geſchwadern ſeyn mußtet, — 132— welche dieß Lager erſtürmten, ja, daß Ihr deren Anführer war't; aber mich hier unter den Bulgaren zu finden, das hättet Ihr doch wohl unnmermehi gedacht?“ „Freylich nicht, entgegnete Thiodolf, und am allermindeſten in dieſer Behaglichkeit, dieſem Glanz, und zugleich als Wärter eines Kindes. Iſt es ein Bulgarenkind?“ Nein, edler Herr, ſagte RNomanus. Ich darf dden Knaben faſt mein eigen Kind nennen, ſo wun⸗ derſam hat mir ihn der Himmel zugewieſen. Aber laßt mir den kleinen Schreyhals in Ruh; ich trag' ihn nun ſchon über ein Jahr mit mir herum, und da hat er ſich's angewöhnt, daß die Saiten mei⸗ ner Zither ihn in den Schlaf ſingen. Vergönnt mir denn, daß ich während unſeres Geſpräches die Muſik mitreden laſſe; ſo ſtört er uns nicht. Aber jetzt genug davon.“ Er gab rührende, einwiegende Accorde auf ſei⸗ ner Zither an, daß es faſt war, als ſchwirrten Nachtigallen mit in die Erzählung, welche er fol⸗ gendermaßen begann: „Wohin der Sänger kommt auf ſeinen Pfaden: Stets wiederfährt im ſein urgöttlich Recht;, Zu Königstiſchen wird er eingeladen, Geſchirmt ſein Haupt in Sturm und in Gefecht. So, als dieß Raubvolk zu des Reiches Schaden Einbrach, und mancher Freye ward zum Knecht, Da konnten ſie auch mich ſammt Andern fangen, Doch ſtatt der Bande mußt' ich Preis erlangen. — 133— Auch ward im Schwarm wildſtreifender Barbaren Mir eine Mähr' von ſüßer Liebe kund, Die, rings umdroht von ſeltſamen Gefahren, Sich rein hielt, wie in heil'gem Zauberrund. Irr' ich nicht, Herr, ſo biſt du mit den Scharen En Amors Dienſt vereint zum ſelben Bund, Drum öffnen wohl ſich gern dir Herz und Sinne Für AWladimir's und Wlaſta's treue Minne. Jenſeit des Iſtersmeeres grünen Wellen, Im ſchönſten Land der blüh'nden Wüſteney, Die mit der mannigfachſten Früchte Schwellen Bulgariens Horden labt, der Arbeit frey, Sah' man ein Paar in Liebe ſich geſellen, An Hulden eins, an Schickſal zweyerley: Prinz Wladimir, zu allem Glück erkoren, Und Fürſtinn Wlaſta, ſchön, doch ſtumm geboren. Zwar, weil in ihr von allen edlen Gaben Geſammelt war ein endlos reicher Hort, Ihr ſtummes Winken ſelig'res Erlaben Durch Herz und Sinne goß, als Andrer Wort, Galt ſie gleich einer Göttinn hoch erhaben, Ihr mild Erſcheinen hemmte Streit und Mord; Es hieß, daß nur ihr Mund gehalten werde, Weil unwerth ſey ſo hohen Spruchs die Erde. Doch einſtens thauten gift'ge Rebel nieder, Und Mann und Herde ſtarb auf ödem Land, Unheilbedeutend ſchwärmte das Gefieder, Und durch die Prieſter ward der Spruch befannt: „Die Götter fordern zürnend Wlaſta wieder, Ihr heilig ſchweigend reitzend Unterpfand, Es ſey dann, daß zur Prieſterinn ſie ſich weihe, Und unſern mächt'gen Oberprieſter freye.“ SZum Opfer winkt ſie:„Ja“ mit will'gem Reigen, Zur Hochzeitfeyer winkt ſie ernſthaft:„Rein;“ Da hört man ſchon der Prieſterswilde Reigen, Gekränzt zum Feſte harrt der blut'ge Stein. Ooch wird ſie nicht dem Götzenmahl zu eigen, Denn Heldenwaffen funkeln durch den Hain. Der kühne Wladimir mit ſeinen Scharen Bricht vor, ſich Lieb' und Freude zu bewahren. 1 Die Prieſter und die Opferknechte fallen Machtlos und ſcheu in bangem Todeskrampf, Der Schlachtruf tönt, die Schild' und Speere ſchallen, In Blut erliſcht des Altars trüber Dampfz Da uuft der Fürſt:„tragt aus den Waldeshallen Mein ſüßes Lieb! Derweil' end' ich den Kampf!“ Und ſchnell enrführt nach glücklich hellen Auen, Fühlt Wlaſta Heil und Freyheit auf ſich thauen. Doch kaum, daß die Erſchreckte ſich beſonnen, Winkt ſte, und hält ihr treu Gefolge an. Sie Weint, und nicht in Uebermaß der Wonnen., Rein, weil dem Liebling Tod'sgefahren nah'n. und Unverſehens iſt ſte der Schar entronnen, Zurück zum Opferherd geht ihre Bahn. Sie will ſich eh' nochmahls dem Tode weihen, Als ihren Freund mit ihrem Volk entzweyen. Wohin ſie auf dem Irrweg dann entſchwinden,— Man weiß es nicht, man ſah ſie nimmermehr. Als Wladimir mit vielen heißen Wunden Zurücke kam, war ſeine Halle leer, Und nirgends in den Marken aufgefunden, Scheint Wlaſta ſchnell entführt vom Götterheer. So glaubt's das Volk, die Prieſter und die Fürſten, Doch Wladimir ſoll nur nach Rache dürſten. Vergebens, daß man ihn zum Kampf berufen, Als dieſer Krieg das blut'ge Banner ſchwang. Er ſitzt verhüllt an ſeines Herdes Stufen, In zorn'ger Wehmuth, wie Achilleus, krank. und, Held, dem ich dieß Bild emporgerufen, Richt wahr, du fühlſt, was ihm ſein Herz durchdrang? Bey'm Angriff riefen:„Zoe Deine Krieger. Da wußt ich's, Thiodolf führt, und führt als Sieger!”“ — — 133— Thiodolf richtete ſich unzufrieden empor, und wollte den Sänger zur Rede ſtellen, wegen des dreiſten Schlußes ſeiner Erzählung. Da ſprang Phi⸗ lippos zum Gezelte herein, mit Siegesglückwünſchen 8 von Helmfrid, und mit der Bothſchaft, eben ver⸗ ſammle ſich ein Kriegsrath über die Benutzung des erfochtenen Sieges, Thiodolf müſſe eilig dahin. Ro⸗ manus hüllte das Kind in einige reiche Decken, und ſchritt mit lächelndem Gruße hinaus, Thiodolf warf ſich auf den Rappen, flügelſchnell nach der angewieſenen Stelle jagend. Fuͤnftes Capitel. Inmitten vieler Siegeszeichen: gräulicher Gö⸗ zenbilder, die auf hohen Lanzen als Standarten prangten, wunderlicher Waffen, prächtiger Decken und Gewande aus ſeltenen Thierfellen und heidni⸗ ſchen Opfergeräths, hielten die Kriegsoberſten zum Rathſchlage verſammelt. Als Thiodolf in den Kreis geritten kam, neugten ſie ſich Alle unwillkührlich tief vor ihm, und der große Helmfrid gab ihm die Hand, wie einem Bruder. Thiodolf aber winkte den jungen Philippos herbey, und erzählte, wie der den erſten Gedanken zum Siege aus dem Schla⸗ fe des alten tapfern, aber allem Anſcheine nach wahnfinnigen Reitersmannes abgelauſcht, und dann ſo klug und treu in ſich verarbeitet habe, daß die — 136— Ausführung nichts weiter, als ein ganz gewöhnli⸗ ches Hauptmannsſtück geblieben ſey. Helmfrid küßte den wackern Schildknaben, und hing ihm im Nah⸗ men des Kaiſers eine goldene Kette um; gern hätte er ihn zum Ritter geſchlagen, aber er wußte, warum Pbhilippos die goldenen Sporen noch mied, und ehrte ſtillſchweigend die edle Entſagung. Die ſchon angefangene und nur durch chiodolſs Ankunft unterbrochene Berathſchlagung nahm nun wieder ihren Fortgang. Viele der Anführer waren der Meinung, man habe nichts Beſſeres zu thun, als jetzt, in der ſchon ſpäten Jahreszeit, den Rück⸗ weg nach Konſtantinopolis anzutreten; der Feind ſeye durch dieſe Niederlage für viele Monde ſo gut als vernichtet; wieder hergeſtellt habe man das Schre⸗ cken der kaiſerlichen Waffen, und auch an Siegeszeichen ſehle es nicht, um beym Einzug in die Hauptſtadt die Macht des Herrſchers zu verherrlichen, und dem Volke Freude und Beruhigung in reichem Maße zu ſchenken. Der vornehmſte Wortführer dieſer Mei⸗ nung war Michael Androgenes, welcher ſich durch ein ganz muthiges und gewandtes Betragen, wäh⸗ rend der leichten Gefechte des Hauptheeres, Auf⸗ merkſamkeit und Anſehen bey vielen Kriegsleuten er⸗ worben hatte. 3 Helmfrid, der große Wäringerfürſt und Heer⸗ führer des ganzen Zuges, hatte den Hin⸗ und Wiederredenden noch immer ſchweigend zugehört. Man ſah wohl, ſein ſchlachtenkühner Geiſt war —-— 37— 6 Aber wie erſchrack ſie, da ſie nach einigen Ta⸗ gen bereintrat, und— Joſeph mit einem Freu⸗ dengeſchrey ihr entgegen ſtürzte. Sie blieb erſtarrt auf der Schwelle ſtehen. Aber ſeine reine Freude, und die frohe Ehrerbiethung, die er ihr bewies, verlöſchten den Schrecken, vertrieben die Furcht, die ſie hatte. Sie reichte ihm, die alte Freundſchaft zu erneu⸗ ern, die Hand. Dann fragte ſie, wie er hieher kaͤme. Er zeigte ihr aus dem Eingang der Grotte in der Ferne den Rauch aus ſeines Vaters Hauſe. Aber nun that er ſogleich die Frage, wer ſie ſey, um ſie nicht noch einmahl zu verlieren. Die Haſtigkeit, womit er fragte, ſagte ihr die Gefahr der Antwort. Ich heiße Maria, ſagte ſie ſo zutraulich als möglich, um nicht ſein Mißtrauen zu erregen. Sehen Sie, ſetzte ſie ſogleich mit ih⸗ rem Engellaͤcheln hinzu, daß ich Recht hatte, wir würden uns noch einmahl wieder ſehen. Und wenn Sie gut ſind, guter Jo ſeph, ſo wollen wir uns recht oft ſehen. O Maria, ich werde gut ſeyn, wie ein höherer Geiſt. O das müſſen wir Beyde, ſagte ſie ſeufzend. Ich heiße Maria, ſagte ſie, und Sie fragen nicht weiter nach meinem Nahmen. Sie fragen nicht, guter Joſeph; denn er betrachtete ſie ſtarr, weil er nicht recht begriff, wie Maria zu der Bedingung kam; guter, o mein guter Joſeph! wo ich wohne wer ich bin, wo ich bleibe, wenn ich von hier gehe. Sie ſagen Niemanden auf der Erde, daß Sie Ma⸗ rien kennen, daß Sie mich ſprechen. Sie nennen meinen Nahmen gar nicht, denn ſonſt, ſonſt muß ich auf ewig verſchwinden. Joſeph ſah ſie noch immer ſtarr an. Ihr Er⸗ ſcheinen hier in der Grotte, die Niemand kannte als er, ihre Bedingungen. Er hätte ſie faſt für eine Heilige des Himmels gehalten; denn wie ein Menſch nicht ſagen könne, wer er ſey, wo er wohne, konnte er in ſeiner zutraulichen Unſchuld nicht be⸗ greifen. O Maria, Maria, ſagte er ſeufzend: warum ſoll ich das alles? Der Ton, dieſer ſanfte Ton, in dem doch ſo viel Vorwurf war, rührte Marien. Sie fing an zu weinen: Ach glauben Sie mir, es kann nicht anders ſeyn. Da glaubte er ihr, und verſprach es ihr. Sie verſprach dagegen alle Freytage in der Grotte zu ſeyn. 3 Nun ſaß er, alles vergeſſend, neben ihr auf der Felsbank, und erzählte mit ſanftem Kummer, ach, wie er ſie geſucht haͤtte, wie er alle Höhen beſtiegen, um Marien in den Thaͤlern umher aus⸗ zuſpähen, wie Niemand unter den Menſchen, die er gefragt, ſie gekannt hätte, wie er mit ſeinem Grame Aller Herzen zum Mitleid bewegt hätte, nur das harte Schickſal nicht. Er bewegte mit die⸗ ſen einfachen Klagen wieder ein Herz, das Hen — 139— Mariens, zu einem ſchöneren Gefühl. Sie ſchlug die Augen voll Thraͤnen an das ſteinerne Gewölbe der Grotte. Ach, das Gewölbe des Himmels, dachte ſie ſeufzend, iſt eben ſo ſteinern. und doch war ich wieder ſo glücklich, wenn ich es glühend im Buſen fühlte, wie Sie meine Hand beym Abſchiede an Ihr Herz drückten. Sie errö⸗ thete; aber ſie drückte die unſchuldige Hand noch einmahl an ihr Herz, und dachte mit vorwurfs⸗ freyer Seele dabey an ihren Vater.. Aber ſie brach das Geſpraͤch doch ab, denn es wurde ihren Augen nicht nur, ſondern auch dem Verſprechen, das ſie ihrem Vater gegeben, zu mäch⸗ tig. Wo waren Sie, Joſeph, als die Unruhen in Tyrol waren? Ich war mit meinem Vater bey unſern Lands⸗ leuten, vas Gebirg zu ſchützen. Wurden Sie verwundet. Zweymahl. Hier, er ſtreifte den Aermel auf und zeigte ihr den Säbelhieb in dem weißen Arme, und hier in der Vruſt. Er knöpfte die Weſte auf. Sie hielt ſeine dienſtfertige Hand. Aber er ſetzte hinzu: daß ſein letzter Gedanke, mit dem er auf dem Schlachtfelde niedergeſunken ſey, Maria ge⸗ weſen war. Ach, ſie ſah wohl, ſie konnte nichts fragen, ohne daß die Amwort nicht Marien ent⸗ halten häͤtte.* Er erzäͤhlte ihr den blutigen Feldzug, aber mit ben der Unwiſſenheit, womit er von ſeiner heißen — 140— Liebe redete, redete er auch von ſeinem ritterlichen Muͤtbe, von ſeiner ſanften Menſchlichkeit gegen die Gefangenen, dann kam er auf die Zerſtörung des Scharnitzer Paſſes. Aber nein, rief er auf⸗ ſpringend, und beyde Arme triumphirend ausbrei⸗ tend: ich will an nichts, was Kummer macht, mehr denken. Mag die Scharnitz da liegen, die Zeit kommt, wo wir ſie wieder erbauen. Jetzt ſehe ich wieder dieſes blaue Auge voll liebender Thränen, Mariens himmliſches Lächeln. Sie hat die Hand ja wieder an die zitternde Bruſt gedrückt. Ich habe ſie wieder, habe gefunden, was ich jenſeit des Le⸗ bens ſo lange ſuchte. O Maria! Maria! welches iſt das Wunder, das mich ſo glücklich macht. Mein Vater wußte es nicht. Sie mußte ihn noch einmahl bitten, ſeinem Vater nichts zu ſagen. Der Nachmittag war daßin, und er mußte ſcheiden. Er ſah ſie ſo ſchmachtend an. Sie mußte ſeine Hand noch einmahl an die zitternde Bruſt drücken. O Maria! Maria! rief er mit einem ſeltſamen Entzücken. Dann flog er von Felſen zu Felſen über den Dolh⸗ und dabin in das ſchöne Thal. Sie ſchuͤttelte langſam und betrübt den Kopf, und fragte ſich zweifelnd: wie wird das enden? aber dieſe reine, unſchuldig reine Liebe, ach wie häͤtte ſie die von ſich ſtoßen können. Sie kam zitternd den näͤchſten Freytag wieder, — 141— und das Herz wurde immer ſchwaͤcher, und die Liebe immer ſtaͤrker, und ſie kam, als er ſie bath, zwey⸗ mahl die Woche, und zuletzt, es war nicht anders — ſahen ſie ſich faſt alle Tage, und ſchon geſtan⸗ den Händedrücke, Blicke und Seufzer die ſchöne Liebe, und Joſeph verrieth ſein Herz, ach, Marie war es, die es ihm halb verrieth, und ihrs dazu. Da konnte ſie nicht anders. Sie verrieth ihm endlich in einem Augenblicke das ſchrecklichſte und das ſchönſte Geheimniß, daß ſie von ihrem Vater verlobt ſey, und daß ſie ihn liebe. Er begriff wieder nicht. Sie half ſeiner na⸗ türlichen Empfindung das Geheimniß begreifen, daß ihr Vater Recht hätte, die ſie nicht kränken dürfte. Da ſah er auf einmahl in den dunkeln Abgrund der Zukunft, und ſein Leben erſtarrte. Wenn es ſeyn muß, Maria, ſagte er mit kal⸗ ter Dumpfheit, wie ſoll ich denn leben? Leben, und an die unglückliche Marie denken; ach! die auch nicht begreift, wie ſie leben kann. Muß es denn ſeyn? Muß es, Marie? iſt denn auf der Erde, nicht im Himmel, ein Mittel, das uns retten kann? Keins! ſagte ſie erblaſſend und zitternd. Keins! fliſterte er, und lehnte die Stirn an den kalten Stein. Keins? O Maria, ich kenne eure Welt nicht. Ich kenne nur den Schmerz und das Glück, und beydes, wie es nie ein Menſch kannte. Keins? Wenn ich vor dem Vater das — 142— Knie beugte, wie vor Gott? Wenn er dieſe Angſt meiner Bruſt ſaͤhe? dennoch keins? Sie ſchüttelte den Kopf? Alſo keins! Gott, Maria, wenn ich Sie anblicke, wie Sie ſo mein ſind. Wie meine Seele allein von Ihrer Stimme, von Ihrem Lä⸗ cheln, von Ihrer Liebe ſo voll, ſo erfüllt iſt. O wie wollen Sie denn eines Andern ſeyn? Kein Mittel, Maria? Sie ſagen wieder Nein!— O Maria, mir fällt ein entſetzlicher Zweifel ein, der noch erſchrecklicher iſt, als die ungerechte Gewalt, die uns trennen will, ſchrecklicher als, als— welch grauſames Wort kann ich nennen? Maria! Er ſah ſie mit dem blaſſen Entſetzen auf dem Geſicht ſtarr an, und ſagte: Maria, liebſt du mich auch? O daran zweifle nicht, Joſeph! rief ſie, und zum erſten Mahle ſchlang ſie ihre zitternden Arme um ſeinen Nacken, und ihre Lippen zitterten auf ſeinen. Dadurch fuhr ihm des Entzuͤckens und des Entſetzens Blitzſtrahl auf einmahl. Er druͤckte ſie an ſich. Er preßte ſeinen Mund auf ihren, ſein Herz an ihres. Dann ließ er ſie fahren und rief: nein! nein! Maria! jetzt weiß ichs, es gibt kein Mittel uns zu retten, und du liebſt mich! O du liebſt mich, Maria! O gib mir eine Seele fur das Entzücken! Sie liebt mich. Er kniete vor ihr hin, er umarmte ihre Knie, er zog ſie herab in ſeine Arme, wieder an ſeine Lip⸗ pen. Und nun mag das Entſetzen mein Herz bre⸗ — 143— chen, meine Seele iſt voll Wonne, voll von dei⸗ ner Liebe, voll deiner Küſſe, Maria! Joſeph, geliebter, theurer Joſeph! was be⸗ trachteſt du mich ſo ernſt? Wenn wir ſcheiden müſſen, Maria, ſagte er ſchnell, ſo— ſo laß mich dich noch einmahl be⸗ trachten. O koͤnnte ich nur einen Ton deiner Stim⸗ me mitnehmen, einen Blick deines Auges! O be⸗ hielte meine Hand den Druck der deinigen, oder dieſer Mund das Zittern deiner Lippen, o gib mir ein Andenken, denn ich will gehen. Gehen? ſchon heute, Joſeph? Wenn es kein Mittel gibt uns zu retten, Ma⸗ ria, ſo laß mich jetzt gehen. Denn weißt du, Ma⸗ ria, ob ich morgen gehen köͤnnte? Weißt du, was dieſe Nacht ausbrütet, oder morgen, die Sehn⸗ ſucht, das Verlangen, der Kampf mit dem harten Schickſal. Ich weiß nicht, welche unmenſchliche Wünſche, wenn ich bedenke, du waͤrſt eines An⸗ dern— laß mich jetzt gehen! Du liebſt mich doch, Maria! Ich werde dich ewig lieben, bis an den letzten Schlag dieſes treuen Herzens. Wo du biſt, dahin wird meine Seele fliegen. O glaube mir, daß ich dich liebe. O wenn ich dich höre, wenn ich dih ſehe, glaube ich dir, Maria; aber wie? wie? wenn ich dich nicht mehr ſehe? O Maria; ich verſtehe es nicht, — 144— ich begreife es nicht. Ich muß dir glauben. Sprich unſer Urtheil: iſt gar kein Mittel, Maria? Da trat ſie auf ihn zu, da legte ſie ſeine Hand auf ihr angſtlich klopfendes Herz: fühlſt du es ſchlagen? Dieſes Herz zerreiße die Schmach, die Verachtung der Menſchen und der Engel, wenn ich nicht dich ewig liebe, Joſeph. O laß mir die Freude mit ins Elend nehmen, daß du mir glaubſt, daß du weißt, du warſt von Marien geliebt. O biſt auch du grauſam, Joſeph? Nun ſo bin ich ja glücklich, Maria! Und nun, du, die ich mehr liebe, als den Himmel, du, Ma⸗ rie, ſag nun noch einmahl: gibt es kein Mittel? Keins? müßte ich es mit muſend Leben erringen, Maria! Keins, als die Flucht mit dir, rief ſie jetzt, angſtlich von ihm zurücktretend⸗ Flucht mit dir Maria? und du trittſt zurück? du ſiehſt mich fürchtend an? O ſage mir ſanft, mit Liebe, warum die Flucht mit mir nicht geht. Wenn ich fliehe, Joſeph, ſo folgt meines Va⸗ ters Fluch mir nach; aber wenn du willſt— O Joſeph!. Joſeph ſann nach. Er ſchloß Marien in die Arme, und ſagte ſanft weinend, ſo lebe wohl, Maria! Er war die Felſen hinab und verſchwand auf ewig im Thale für Marien. 4— — 145— Das war das blutige Frühjahr, wo Napoleon nicht mehr um die Herrſchaft der Welt, ſondern für ſeine Krone, für ſein Leben an der Elbe kaͤmpf⸗ te. Das ganze Gebirg bewegte ſich in ſtillen Wuͤn⸗ ſchen, daß Oeſterreich ſich erklaͤren möchte. Joſephs Vater war in die Oberthäͤler gereiſt, den Geiſt, ddie Wünſche, die Hoffnungen des Volks zu ſehen, das Gebirg ſtand erwartend, und ſchaute nach Deutſchland. Der Graf Obſteig kam zurück, nur durchreiſend, und nahm ſeine Tochter auf den kürzeſten Weg nach Wien mit. Sie hatte kaum Zeit, ihrer Grott Lebewohl zu ſagen. Sie kam in Wien an. Wohin iſt deine Heiterkeit, Marie? fragte der Vater ſo gütig. Maria warf ſich in ſeine Arme, und rief: ſeyn Sie der Vertraute meines Grams, lieber Vater. Sie erzählte ihm aufrichtig, wie ſie auf ihrer Reiſe den jungen, unſchuldigen, edlen Tyroler ge⸗ funden, wie er mit der Reinheit ſeiner Sitten, ach! mit ſeiner unendlichen Liebe gegen ſie ihr Herz be⸗ wegt hatte. Ach, Vater, ſo tief meine Seele be⸗ wegt war, ich blieb Ihrem Befehle treu. Sie erzäͤhlte weiter, wie ſie in der Marienab⸗ tey die Liebe, die Treue, den Kummer des Jüng⸗ lings erfahren hatte. Sie verbarg dem Pater nicht, wie das ſie ſo wunderbar gerührt hatte. Sie fuhr fort, wie Joſeph, ſo nannte ſte den 4 Geliebten, ſie wußte kaum den Nahmen ſeines Va⸗ 2 Laf, drey kl. Romane. G — 146— ters— wie Joſeph ſie zufaͤllig in der Grotte wie⸗ der gefunden, wie ſie gekämpft mit der Liebe gegen den edelſten Mann. Sie erzählte dann Wort für Wort die letzte Unterredung mit ihm in der Grotte. Sie geſtand, daß ſie mit ihm geflohen wäre, wenn er gewollt haͤtte. Sie ſchwieg nun, und ihr Haupt ſank auf ihre Bruſt. 1 Erzaͤhle weiter, Marie. Ich habe nichts weiter zu erzählen, als meinen Kummer. Denn ich habe ihn nicht wieder geſehen. Wirklich, Marie? gar nicht wieder? gar nicht? Gar nicht. Das war edel, ſehr edel, mein Kind! und meine Marie ſteht an, eben ſo edel zu ſeyn? Sein Herz, daß unſere Sitten nicht kennt und nicht ach⸗ ten konnte, ſein Herz errieth die Pflicht der Toch⸗ ter, und ſeine; und Marie, die weiß, daß ihres Vaters Ruhe, das Glück ſeines letzten Tags von ihrem Gehorſam abhängt, will nicht erkennen, was ſie thun ſoll? Nein, Marie, nimm mir den Stolz nicht, mit dem ich mich bisher Vater nannte. Deine Liebe kann ich nicht tadeln; aber du kennſt ja den Kummer, der mein Leben beengt, du kannſt mein Leben wieder erheitern. Da fiel ſie an ſeine Bruſt und ſchwieg, und nach und nach kam die Roſe auf ihre Wange wie⸗ der, und ihr Lächeln beglückte den gütigen Vater. Joſeph lebte allein in dumpfer, freudenloſer Einſamkeit. Er ſah nur von weitem die Grotte. — 1 47— Er forſchte nicht nach Mariens Wohnung, nicht nach ihrem Nahmen. Er hatte ſie auf immer verloren. 3. Da kam der Vater zuruͤck mit der Kriegserklä⸗ rung Oeſterreichs gegen Frankreich. Wir ergreifen die Waffen wieder, Joſeph, für das alte Vater⸗ land, das uns verſtoßen hat. Auf! Auf! Joſeph, vergiß des Herzens Leid. Das Vaterland ruft, die Freyheit, die Rache!— Vergeſſen nimmer, Vater; aber hier bin ich. Ich weihe das Leben dem Vaterlande! Sie verließen Beyde ihr ſtilles Thal, und zegen bewaffnet durch das Gebirge, einſame Gebirgspfa⸗ de, bis ſie die erſten öſterreichiſchen Vorpoſten er⸗ reichten. Sie wurden angeſtellt zu einer Compag⸗ nie Tyroler Schützen, die wie ſie, des alten Für⸗ ſten gedenkend, und der alten Freyheit, ihr Vater⸗ land verlaſſen hatten. 2 Der Haufen der Tyroler vermehrte ſich, und wuchs zu einem Regimente an. Der Kaiſer ſtellte an ihre Spitze einen Tyroler, wohlbekannt im Ge⸗ birg, und wohl geehrt, den Grafen Obſteig als General. Nun Joſeph, rief der Pater betrübt: Verrathe dich nicht! das iſt er. Er, der Freund meiner Ju⸗ gend. Ach mir waͤre wohl, könnte ich ihn haſſen! O verrathe dich nicht! Mein Nahme ſoll ihn nicht beſchaͤmen.. Der Graf übernahm den muthigen Haufen ſei⸗ G 2 — 143— ner Landsleute. Sein Blick ruhete lang, da er ſie muſterte, auf Joſephs Vater. Dreymahl fragte er nach Nahmen und Vaterland. Zumfall aus dem Janthal. Sie rückten gegen den Feind. Joſephs Bruſt ſog ſich wieder voll eines friſchen Lebens mitten unter dem Tode. Er war immer voran. Er wußte je⸗ den Weg zu änden, über das unwegſamſte Gebirg. Er ging allein, um den Stand des Feindes zu un⸗ terſuchen. Er verachtete die Gefahr des Todes. uUnter den Freywilligen zu jeder Unternehmung weldete er ſich zuerſt. Seine Waffenbrüder ehrten ihn, und jede Unternehmung glückte, wobey er war, wobey man ſeinem Rathe folgte. Graf Obſteig redete mit dem Jünglinge, er fand die Bildung eines beſſern Standes. Ich meinte, dein Vater ſey ein Landmann aus dem Innthal? Iſt Eun Figenthum eine Bauerſame? Rein, ein Herrenhof. Wer hat dich erzogen, mein Sohn? Mein Vater. Ich bin nicht aus dem Thal ge⸗ kommen. Bey der erſten muthigen That Joſephs gab ihm der General das Patent eines Officiers. Er both dem Vater dasſelbe, der Vater aber beſtand darauf, gemeiner Schütze zu bleiben. Jetzt aber entfalteten Sſich Joſephs Künſte der alten Gemſenjagd, und ſei⸗ ner vielfachen Reiſen im Gebirg, beſonders da der General nach dem Beytritt Bayerns zu dem Völ⸗ „ — 149— kerbunde, mit ſeinein Regimente nach Tyrol ge⸗ ſandt wurde, und Joſeph nun in das alte, be⸗ kannte, geliebte Gebirg wieder trat. Er betrat an der Spitze ſeiner Compagnie die 1 alten Wege wieder. Er warf die Franzoſen aus der Marienabtey, und verfolgte ſie ſiegend immer die Etſch hinab nach Trient zu. Der junge Gemſenjaͤger Joſeph, ſo hieß er un⸗ ter den Tyrolern, trug im Winter ſchon den There⸗ 1 ſienorden, und er hatte die Liebe und die Achtung ſeines Generals. Joſeph fühlte die tiefſte Ehrfurcht gegen den tapfern menſchlichen Grafen, und zuletzt liebte er ihn mit ganzer Seele. Aber noch immer hing über Joſephs Herzen die dunkle Trauerwolke ſeiner Liebe und ſeines treuen Andenkens an Marien. Seine Liebe, ſeine Treue, ſein Gram, war unter allen ſeinen Cameraden bekannt; aber Nie⸗ mand kannte den Nahmen des Mädchens, das er ſo treu liebte. Man neckte ihll mit ſeiner reinen Treue, und der General nahm ſogar Theil daran⸗ Er hieß ihn den alten guten Ritter! Und das wurde endlich ſein Nahme bey dem ganzen Corps. Sie kannten ihn alle. Denn er mußte faſt alle Poſten im Gebirg ausſtellen. Der Vater blieb Schütze; er freute ſich des Ruhms ſeines Sohnes. Er wurde geehrt, wenn ſein Sohn ihn kommandirte. In einem kleinen Gefechte wurde Joſephs Vater verwundet. Der General trat, da er es hörte, in — 150— die Hütte, wo eben der Verwundete verbunden wurde. Die Wunde war nicht gefahrlich. Da ſah der Graf auf der Bruſt Zumfalls eine alte Narbe, und er erkannte jetzt ſeinen Jugendfreund. Er hieß alles die Hütte verlaſſen. Er umfaßte den alten Freund. O Lawis! rief er, o iſt denn unſre alte Liebe ganz verſchwunden? Ich habe dich zwanzig Jahre geſucht, Lawis. Erkennſt du mich noch nicht? 2 Lawis wendete das gerührte Auge von dem al⸗ ten Freunde, den er haſſen ſollte und nicht konnte. O Gott, er haßt mich! rief der General: er, den ich immer liebte. O Lawis! Lawis! Du hätteſt mich geliebt? du? wer unterzeich⸗ nete mein Urtheil? Ich! mit Thräͤnen, Lawis! mit zitternder Hand, Lawis! Sie ſollen! ſagte der Monarch: eben weil Sie ſein Freund ſind, ich will gewiß wiſſen, ob er unſchuldig iſt, oder ſchuldig. Er hat Feinde. Schuldig! ſchrieb ich. Haͤtteſt du anders geſchrie⸗ ben, Lawis? Antworte! Ich war unſchuldig, Obſteig. Ach der Verluſt meiner Güter, meiner Würden ſchmerzte nicht. Das Wwort: ſchuldig! von deiner Hand hat an meinem Leben, wie ein Geyer, genagt. An meinem auch, Lawis. Zu ſpat kam ein Zweifel an deiner Schuld. Ich drang darauf, dei⸗ nen Proceß zu revidiren. Man wies mich hart ab. Ich ſammelte in der Stille alle Beweiſe für deine — 151— Unſchuld; aber deine Feinde waren zu thaͤtig ge⸗ weſen. Ich ſuchte dich in Lawwis, im ganzen Ge⸗ birg, in Italien, wo ich nur hoffen konnte, dich zu finden. Ich wußte nichts von dir, als daß du einen Sohn hatteſt, und ich ſchwur bey unſerer Liebe, meine Tochter ſolle ſein Weib werden. Sie ſoll es. O ich habe dich immer geliebt. Da ſchlang Lawis die Arme um den treuen Freund, und ſein Schickſal war verſöhnt. Lawis erzählte ſeine Flucht in das Gebirge, ſein ſtilles Le⸗ ben mit ſeinem Sohne. Aber ſage mir, Lawis, was fuͤr einen Grant hat dein Sohn? Man neckt ihn mit einer Liebe. Der Vater laͤchelte. Er erzählte ihm von dem Maͤdchen, das Joſeph bey der Marienabtey ge⸗ führt hatte. Und wo, wo iſt deine Wohnung im Innthale? fragte eifrig der Graf. Ach, lieber Freund, ganz nahe bey deinem Gute. Ich konnte den Thurm deines Schloſſes ſehen. Ach, wie oft, wie oft hingen die ſehnſuchts⸗ vollen Blicke auf dieſem Thurme. Du warſt nie dort! Der Graf beantwortete das nicht; aber in ſein Auge trat eine reine Heiterkeit. Joſeph war Ma⸗ riens Geliebter. Er ſagte dem Vater nicht ein Wort; aber er war unendlich glücklich. 4 Er verwendete ſich für Joſeph am Hofe. Er nannte ſeinen wahren Nahmen. Er bewies des — 152— Vaters Unſchuld und die Betrügerey ſeiner Fein⸗ de. Die ernſte Sprache des edlen Mannes drang durch. Vater und Sohn waren jetzt zum zweyten Mahl für ihr Vaterland bewaffnet, und unter frem⸗ den Nahmen: das erwies ja ihre Unſchuld vollkom⸗ men. Joſeph erhielt eine Compagnie, die er ver⸗ dient hatte, und er nahm ſeinen alten Nahmen La⸗ wis wieder an. Aber obgleich die Lorbeeren des Ruhms Joſephs Stirn krönten, ſo wich die dunkle Wolke des Crams nicht. Der Krieg dauerte fort, bis die Einnahme von Paris auch in Italien die Waffenruhe herſtellte. Da ſehnte ſich Joſeph in ſein Thal zuruͤck. Er bath den General um ſeinen Abſchied, in Gegenwart ſeines Vaters. Mit Nichten, mein guter, alter, treuer Rit⸗ ter! rief der General. Höre nun. Ich und dein Vater haben uns die Häͤnde darauf gegeben, daß du meine Tochter heirathen ſollſt, Joſeph! Sie nennen mich immer den treuen Ritter, ſagte Joſeph ſeufzend: Ich bin es, Herr General. Das heißt, du ſchlägſt die Hand meiner Toch⸗ ter aus? Laſſen Sie mich zuruͤck in mein Thal, dort wohnt die Freude, die mir das Schickſal gelaſ⸗ ſen hat. Sieh nur meine Tochter erſt, Joſeph! und dann, wenn du willſt, kehre in dein Thal zurück. Er mochte ſich wehren, ſo viel er wollte, er — 153— mußte verſprechen nach Brixen mit ſeinem Pater zu reiſen, wohin der General ſeine Tochter hatte kommen laſſen. Der General reiſte ab, und Va⸗ ter und Sohn folgten ihm; aber Joſeph erklärte ſeinem Vater tauſend Mahl auf der Reiſe, daß al⸗ les vergebens ſey. Nur in meinem Thale kann ich meine Ruhe wieder finden, Vater. Der General kam in Brixen an. Er kündigte Marien ſogleich an, daß der Major Lawis mit ſei⸗ nem Vater, der Baron, bald ankommen würde. O Marie, es iſt der Sohn meines alten beleidigten Freundes. Ich habe ihm deine Hand zugeſagt. Marie, was ſagſt du? Sie erblaßte. Sie zitterte. Thräͤnen antwor⸗ teten, ach, Vater, ſagte ſie endlich, Sie geben dem Sobhne Ihres Freundes ein armes Geſchenk. Ich werde den treuen Jüngling nie vergeſſen! Ich werde ihn ewig lieben! O geben Sie ihm, denn das ſehe ich wohl, Sie ſind dem beleidigten Freun⸗ de eine reiche Genugthuung ſchuldig— geben Sie ihm Ihre Güter, alles, und erlauben Sie Ihrer unglücklichen Marie, daß ſie den Schleyer nimmt in dem Marienkloſter. Der Anblick des Hugels, wo ich mit ihm ſtand, wird mich tröſten. Da häaäͤtte das Vaterherz bald alles verrathen. Sieh ihn nur erſt, Marie! zum Schleyer iſt's noch immer Zeit. O Gott, mein Vater, ſo darf ich hoffen. Sie wollten erlauben, daß ich im Kloſter— — 154— Freylich, wenn du gar nicht willſt, wenn dir deines Vaters Freude ſo wenig gilt⸗ Ach, Vater!—— hier iſt dieſe kalte, zit⸗ ternde Hand, die nur eine Minute lang glücklich war, da ſie auf dem treueſten Herzen ruhte. Der Vater nahm die Hand, und verließ ſchnell das Zim⸗ mer; denn laͤnger konnte ſich das Vaterherz nicht halten.— Da kam aber der Baron Lawis und ſein Sohn⸗ Der General hohlte ſie aus ihrem Wirthshauſe ab. Joſeph erklärte noch einmahl, daß er in ſein Thal zurück wollte. Nun denn Eigenſinn, rief der General: ſo geh. Aber erſt ſollſt du ſie ſehen. Sie gingen. Sie traten zu Marien ins Zim⸗ mer, die ſchwarz gekleidet, mit einem Schleyer aber dem Haupt traurend da ſtand. Hier iſt er! rief der Graf, aber er will dich nicht, meine Tochter. Er will in ſein Thal zurück. Auch meine Tochter will dich nicht Lawis, ſie will durchaus als Nonne ins Marienkloſter bey Mün⸗ ſter. Nun, ihr habt Euren Willen. Ihr könnt Euch Lebewohl ſagen! 3 Voll Freude über die Güte ihres Vaters, ſchlug Marie den Schleyer über das Geſicht zurück, und ſie erkannten ſich Beyde in eben demſelben Augen⸗ blicke. Sie ſanken mit dem Freudengeſchrey: Ma⸗ rie! Joſeph! eines an des andern Herz, und— nein, hier falle der Schleyer uͤber die unſterbliche . — 195—— Freude, uͤber die ſchönſten Minuten des ſterblichen Lebens. Sie reiſten üͤber die Marienabtey nach Obſteig. Bey Muünſter ſtiegen die Liebenden aus dem Wa⸗ gen, und gingen den alten Weg nach der Abtey. Sie ſtanden auf dem Hügel, wo ſie Abſchied ge⸗ nommen hatten. Alle Bewohner der Hütten auf ihrem Wege kamen ihnen entgegen. Sie kannten den treuen Joſeph trotz ſeiner Uniform und ſeiner Orden, und er ſagte ihnen froh: ſeht, ich habe ſie endlich gefunden, meine geliebte Marie, und freund⸗ lich gaben ſie den Liebenden das Geleit, und wünſch⸗ ten dem treuen Joſeph Glück. Aus dem Marienkloſter kam man ihnen entge⸗ gen, denn alle wußten es ſchon, daß der arme Joſeph ſeine Marie gefunden hatte. Es war der Triumphzug der Liebe. Vor dem Altar der Mut⸗ ter der Gnaden, wo Joſeph ſo oft gebethet hatte, ſegnete die Kirche den Bund der treuen Lieben⸗ den ein. Jetzt heißt der Hügel bey Münſter der Marien⸗ hügel, und lange Jahre wird das fromme Land⸗ volk erzaͤhlen von dem treuen Joſeph und der ſchö⸗ nen Marie, welche die Königinn des Himmels au ihrem Kloſter zu ewiger Lieb zuſammen führte. Der Graf gab den Landleuten in Santa Maria ein Feſt, und am andern Morgen ging das junge ſelige Ehepaar bis an den Hugel, wo Joſeph Ma⸗ rien zuerſt fand. 4 —— — 136— Der Graf übergab ihnen ſein Gut in Obſteig. Ihr erſter Gang war in die Grotte. Das junge Weib hing in den Armen des glücklichen Mannes, und da das Feſt des Welteriedens ſeine Freuden in die Thäler der Gebirge umher verbreitete, da rief Maria an Joſephs Bruſt: wir ſind doppelt ſelig, Joſeph! 42223229 2252222 223 5922252306 6KK4KK64 KESEE‚ereerers 4 4 „ 3 An der Graͤnze des Landes, wo ſich die Sane von Sanetſch wildſchäͤumend herab ſtürzt, und durch das verworrene Labyrinth lieblicher oder unzugaänglicher Thaͤler hinirrt, nahe an den weltalten Eisfeldern des Geltengletſchers, nahe am einſamen Pfade, der an finſtern Abgründen nach Wallis führt, liegt in einem einſamen Thal die Burg Mont⸗Salvens, wo in heiliger Stille, faſt in klöſterlichem Geſchaͤft, nur ohne Schleyer, abgeſondert von der Welt, durch mehr als Mauern und Gitter, durch das wilde Ge⸗ birg, Emma, das Fraͤulein von Mont⸗Salvens lebte. Die Einſamkeit und der Anblick der großen Natur, die hier unbeweglich feſt und einig ſcheinet, wie das Gewölbe des Himmels erniedrigt den Stolz des vergänglichen Menſchen, und gibt ihm zugleich den Muth, den Adel der Seele der todten Groͤße der Natur entgegenzuſetzen; ſo war Emma früh ent⸗ ſchloſſen, im Val⸗Sant, das ihre Ahnmutter ge⸗ ſtiftet, den Schleyer zu nehmen, und ihr Leben in unbeweglicher Stille Gott zu weihen. Ihre Mutter, die eine glückliche Mutter war, ſeufzte nur darüber, und ſagte nur zuweilen mit ſanf⸗ ter Stimme: Emma, des Himmels Königinn, die — 160— heiligſte Jungfrau, wer in ſelbſt Mutter, und du nennſt ſie Mutrer wenn du zu ihr betheſt. Liebe iſt die Pflcht einer Kloſterfrau; aber, Emma, faſt ſcheints mir, als liebte eine Mutter feuriger und uneigennutziger! Das bedenke! Und haſt du nicht oft geträumt, Emma, Graf Rudolpy reichte dir ſeine Blumen? Emma lächelte lieblich; aber ſie drückte die Hand auf das Kreutz, das auf ihrem Hergen hing, und auf das Herz, das dem ſchönen Traum wiederhohlte. Graf Rudolph von Greyerz herrſchte weit im Gebirg in alter Fuͤrſtenmacht ſeiner Ahnen, ge⸗ liebt von dem Hirtenvolk, und hoch geehrt von ſei⸗ nen Rittern und freyen Dienſtmannen; obgleich ſie ihn jetzt nicht kannten, denn er wurde nach dem Willen ſeines verſtorbenen Vaters von ſeinem Ohm⸗ dem Biſchof von Sitten in Wallis, erzogen; aber der Ruf pries ihn als den muthigſten und edelſten Mann im Gebirge. In Meyland hatte er ſanftere Sitten gelernt, unter dem Heere des tapferen Gra⸗ fen Peter von Savoyen hatte er mit großen Thaten den Ritterſchlag erworben. Bald war er mündig, ſo lange regierte das Land der Abt von Hauterive ein heiliger Mann, und der Buſenfreund ſeines Vaters. 4 1 Das Volk harrte mit Ungeduld des Tages, an dem der junge Graf, von ſeinen Vaſallen und Dienſt⸗ mannen umgeben, den Stuhl ſeines edlen Vaters beſteigen würde; aber noch ungeduldiger war jeder ——— — 161— zu wiſſen, welch ein Fräulein von ſeinen Vaſallen er zu ſeiner Gemahlinn wählen würde. Viel Wun⸗ derbares und Unglaubliches wurde erzählt von den letzten Stunden des verſtorbenen Grafen in den Hütten der Hirten und auf den Burgen des Ed⸗ len. Der Jüngling haͤtte dem ſterbenden Vater bey dem Schutzheiligen ſeines Stammes zuſchwören müſſen, in Gegenwart des Abts von Hauterive und des Biſchofs von Sitten, nie einem andern Madchen die Hand zu geben, als dem er die Blu⸗ men geben würde, die der Vater ihm reichte. Deer Vater erhob ſich von dem Lager, warf den halberloſchenen Blick auf den Sohn, der im Bette kniete, und ſagte: ich war nicht glücklich, Rudolph. Ich war ein Jüngling, wie du ſeyn wirſt; da wäͤhlte mein Auge und eine blinde Leidenſchaft die Geſel⸗ linn meines Lebens, und— ich habe mein Leben verloren. Es thut mir wehe, es zu ſagen; denn es war deine Mutter. Sie gah dem Grafen ihre Hand, dem Manne das Herz nicht. Ach, ſie war nichts⸗ als ſchön. Der Vater ſeufzte, dann öffnete er ein Schmuck⸗ käͤſtchen, und zog eine Lilie von dem feinſten Gold hervor, der Natur an Geſtalt und Farbe ſo aͤhn⸗ lich, als wäre ſie eben erſt gepfluckt. Das iſt die Blume der unbefleckten heiligen Unſchuld, mein Sohn. Zieht dein Herz dich zu einem Maͤdchen, ſo 1 reiße dich los, wenn ſie nicht ſo rein unſchuldig iſt, wie dieſe Blume. Hier iſt ein Veilchen, Rudolph. — 162⸗— Gib es einem Maͤdchen, das eben ſo demüthig iſt, in verborgener Stille blüht, wie dieſe Blume, die ungeſehen das Leben mit ihrem Duft erfüllt. W Unnd dann— hier zog er eine Roſe hervor— dann gebe der Himmel, mein Sohn, daß ſie dich liebt, daß du ihr der Liebe ſchin⸗ Blume ſchenken darfſt, dieſe Roſe. Iſt ſie unſchuldig, demüthig, und liebt ſie dich, o, dann, dann wird ſie dir treu ſeyn. Gott gebe es! dann ſetze ihr mitten unter deinen Lehnsmaͤn⸗ nern und Unterthanen dieſes Kleinod auf das ge⸗ ſegnere Haupt, dieſen goldenen Kranz von Korn⸗ blumen und Myrthen, die Farben der Treue und der Hoffnung, und ſey glücklich! Reich mir deine Hand, und vergiß nicht, was du mir verſprichſt, mein geliebter Sohn, keinem Maͤdchen dieſe Blu⸗ men zu geben, das ſie nicht verdient, und keinem deine, das dieſe Blumen nicht hat. Prüfe, ehe du eine gibſt, prüfe wieder, ehe du die Weyt⸗ gibſt, mein Sohn! Der Jüngling nahm das Schmuckkäſtchen, drückte es an ſein Herz, benetzte es mit Thraͤnen, und legte dann die zitternde Hand wie zum Schwur darauf. Der Vater ſtarb, und Graf Rudolph ging mit ſeinem Ohm nach Sitten. So erzählten die Ritter in ihren Burgen, noch wunderbarer erzählten die Hirten, daß der Graf nicht mit dem Maͤdchen, das er liebte, eher — 163— reden durfte, als in der Verſammlung ſeiner Man⸗ nen vor dem Altare. Die Töͤchter der Edlen wünſch⸗ ten, das ſchöne Mahrchen möchte wahr ſeyn; denn das Gericht, wie ſchön es ſey, wie unſchuldig ſelbſt, wie treu, wie muthig, ſo, daß er alle ſeine Blumen ſelbſt verdiente, kam aus Wallis über as Gebirg, mit jedem, der in Sitten geweſen war. Ach, es traumten mehr Maͤdchen als Emma von den Blumen, die ihnen der Graf reichte; aber der Graf war in Meyland, dann in Rom, und das Blu⸗ menmährchen war faſt vergeſſen. In Emma's Bruſt hatte es der Kloſterſchleyer ſchon langſt ausgelöſcht, ehe die Hand der Liebe es that. Sie wallfahrtete zwey Mahl die Woche nach der Capelle der heiligen Anna, die in einem Felſen gehauen war, in einem Thale, durch das der Pfad nach Wallis lief. Die Heilige war begabt aus ihrer Mutter Burg und aus Marſan, dem Gütchen ei⸗ nes freyen Lehnsmannes des Grafen. Emmaging eines Tages in klöſterlicher Klei⸗ dung, den ſchleyer über dem ſchönen Haupte, und das Kreutz auf der Bruſt zum Gebeth zu der Ca⸗ pelle; da hörte ſie eine Stimme angſtlich Heife rufen. Sie eilte ſchneller, und ſie ſah einen Mann mit einem Juüͤngling beſchaͤftigt, der am Boden lag. Blut ſtrömte aus ſeiner Schulter hervor. Der Jüngling hatte den naͤhern Pfad über die Fel⸗ ſen geſucht. Er war herabgeſtürzt, verwundet, und ſchien ohnmachtig zu ſeyn. — 164— Während ſein Begleiter mit der Wunde beſchaf⸗ tiget war, löſte Emma das Helmband auf, erhob das Viſer, nahm den Helm ihm vom Haupte, und ein blaßes, aber ſchönes Jünglingsgeſicht lag in ihrem Schooße. Hohle du Waſſer im Helm aus der Quelle, rief ſie mitleidig, und legte das Haupt bequemer. Das Waſſer kam, und der Jüngling, erfriſcht mit kaltem Waſſer, ſchlug die Augen auf, eben da Emma ſich über ihn gebeugt hatte, um zu ſehen, ob der Mund nicht wieder athmete. Sie hatte dazu ihren Schleyer über das Haupt geſchlagen. Er ſah, und auf ſeine Wangen kehrte die Röthe, in ſein Auge, das ſich auf ihr Auge feſt heftete, das Feuer zurück. Er richtete ſich empor, gerade als ſie ihr Geſicht zurückzog, ſie immer ernſt beobach⸗ tend, bis ſie den Schleyer fallen ließ, und vom Boden aufſtand. * Sein Blick, ernſt, erſtaunt, und ſanft, ver⸗ folgte ſie. Seyd Ihr eine Heilige? ſagte er leiſe, ſich langſam emporrichtend, oder ein Engel? denn hier weit umher weiß ich kein Frauenkloſter. Seyd Ihr hier der Gegend kundig, edler Rit⸗ ter? fragte ſie abwendend, und da er nicht antwor⸗ tete, fragte ſie ſeinen Begleiter, iſt etwa hier Eure Heimath? In Marſan, antwortete der. Es iſt der freye Eigner des Gutes, des z Graſen von Greyerz Dianſ mann. — 165— Der Verwundete hörte das alles nicht. Er hielt ſeinen Blick ſanft, aber unbeweglich feſt auf Emma. Eine Kloſterfrau, ſagte er ganz leiſe, wie zu ſich ſelbſt, ſich vergeſſend. Eine Kloſterfrau? ſagte er noch einmahl noch leiſer, aber die Augen auf den Boden heftend. O, vergebt mir, heilige fromme Jungfrau, aber ich wußte nicht, wie mir war, da ich aus der Mitternacht des Todes mein Auge aufſchlug, und Euer Geſicht voll Leben und Mitleid, und Euer blaues Auge, wie der ſchoͤne 4— Stern der Hoffnung am Himmel über mir hing— ich werde das nie vergeſſen— nie— aber vergebt mir, heilige Kloſterſchweſter, ich weiß noch nicht, was ich rede. Ich habe noch nicht das Gelübde abgeleai— ſagte ſie ſanft zurucktretend. Noch nicht? rief er haſtig, noch nicht? und aus ſeinem Auge blitzte Freude hervor. Er breitete 3 die Arme aus, als wollte er Jemanden umfangen. Emma trat noch weiter zuruck. Wenn Ihr nicht ein Engel ſeyd, fuhr er fort: ſo ſeyd Ihr das Fraͤulein von Mont⸗Salvans, und ſo waͤre ich Euer MNachbar Rudolph Marſan aus dem jüngern Hauſe der Herrn von Frutigen. O, Fraulein, Fraͤulein! „ Und Ihr lebet immer jenſeits des Gebirgs? denn Euer Haus ſtand lange verödet. Von heute an nicht mehr; denn was ſind die warmen Nebengefilde, was der reichen Städtee Pracht, was ſelbſt die gebenedeyete Moleſtät des — N — 166— heiligen Vaters gegen dieſes wilde Thal, wo du betheſt, frommes Maͤdchen? Was— So warer Ihr alſo in Rom? Sagt mir doch, ob wirklich des heiligen Peter Münſter.— So heilig, ſo groß iſt, als hier die kleine Annencapelle? Seht Fraͤulein, die Mauern dieſer Capelle ſind unſere weltalten Berge; der Himmel iſt ihre Decke, und am Altare bethet ein frommer Engel, gewiß nicht wie zu Sanct⸗Peter um Sün⸗ den zu büßen, ſondern in der Glorie frommer Un⸗ ſchuld. Vor dieſem Altar will ich künftig bethen, in Sanct⸗Peter muß ich verſtummen. Ihr ſpottet mit den Heiligen, daß iſt nicht gut, Marſan. Ich haſſe den Schein, Fraͤulein, und kniend verehre ich die Unſchuld. Ich fand in Rom nichts, was ich nicht vergeſſen könnte. Hier fand ich, was ewig in dieſer Bruſt leben wird. O verſinkt einſt mein Auge in des Grabes Nacht, ſo bekleide ein Blick ſo ſanft, ſo mitleidig wie deiner, Mad hen, die aufſchwebende Seele! Ihr habt in Rom ſchmeicheln gelernt. Die reinſte Schmeicheley, machſt du zur Wahr⸗ heit. Das redeten ſie; aber das Fraͤulein wünſchte ihm Glück zur Heimkunft, und ging, die Han⸗d auf Kreutz und Bruſt gelegt, in die Capelle, Ru⸗ dolph den Weg nach Marſan. Auf dem Heimwege bedachte nochſeinmahl Enms 4† das Geſprach mit dem Jüngling, und jetzt erſt errö⸗ — 167— thete ſie vor Beſchämung, daß des Jünglings ſchoͤ⸗ nes Haupt in ihrem Schooße geruhet. Sie wurde unruhig, daß ſein funkelndes Auge ſie ſo lange be⸗ trachtet, und welche ſchöne Worte die klingende be⸗ wegte Stimme ihr geſagt. Sie vertrauete ihrer Mutter die erſte Unruhe ihrer ſtillen, reinen Seele, und ſorgte eifrig, ob ſie Recht gethan haͤtte? Die Mutter drückte ſie lä⸗ chelnd an ihre Bruſt, und nannte ſie ihre unſchul⸗ dige Emma. Nach drey Tagen beſuchte Rudolph die Burg Mont⸗Salvens, und Emma's Mutter bewun⸗ derte ihn in der einfachen Kleidung eines Landman⸗ nes. Emma ſah nicht, wie er gekleidet war; ſeine Geſtalt haͤtte ihr nicht erhabener geſchienen, und hätte ein Fürſtenmantel ſie bedeckt. Das edle Ge⸗ ſicht, die ſtolze Stirn, die fruchtloſe Ruhe des Blicks gab ſeiner Kleidung Würde. Emma nahm wenig Theil am Geſprach, ſie achtete ämſig auf ihre Spindel; aber ſeine Stimme, und alle ſeine Worte drangen mit leiſer Gewalt in ihre Seele. Ich dachte Euch in Ritterſchmuck wieder zu ſe⸗ hen, Rudolph, ſagte die Mutter. Wir hoͤrten, Ihr waͤret in des Grafen Gefolge, und ſein Freund. „ Ich war es, des Grafen Buſenfreund. Uns enrzweyte ein Wortwechſel, den Neid und Ver⸗ läumdung vergifteten. Wir trennten uns. Er hat mich vergeſſen; die Macht findet Freunde und Schmeichler. 3 — 168— Ich— kann ihn entbehren. Ihr ſeyd vom Rudolph. Vergebt edle Frau, arm nicht. Ich bin nur nicht reich. Was der genügſame Menſch begehren darf, iſt mein. Mein Gut, was mich naͤhrt. Hohe Mauern hat meine Burg nicht, nicht Gold; aber Unterthanen, die mich lieben werden, weil ich gütig bin; ehren, weil ich gerecht bin. Ich bin frey wie der Graf. In meinem Saal hängen Kriegsbeute, und Ehrenzeichen, die ich in Schlachten er⸗ warb. Mein Vater war arm und mit Frau und Kind glücklich. Gott gebe mir ſein Loos. Die Mutter ſeufzte. Er dachte an den alten Glanz ihres väͤter⸗— lichen Hauſes, an Emma, an die Zukunft, an ihre jetzige Armuth. Aber Emma erhob ihr ſchönes Auge; denn ihr ſchien Rudolph jetzt der reichſte Rit⸗ ter im Gebirge. Rudolph fuhr fort mit niederge⸗ ſchlagenen Augen und weicher Stimme ſein Para⸗ dies auszumahlen, das er im Arme einer geliebten Hausfrau zu finden hoffte. Ich habe heute, ſetzte er hinzu, zu Sanct⸗Annen andaͤchtig um nichts ge⸗ bethet, als um dieſes höchſte Glück des Lebens. Dieſe Worte mit ſeiner bewegten Stimme er⸗ reegten Emma's Herz wunderſam. Sie beſchloß in reiner Unſchuld für ihn zu bethen, daß er es finden möchte. Aber ſie erröthete nicht. Aber bald erröthete ſie, denn des Mannes Edelmuth, ſeine Güte, ſein unbezwinglicher Muth, womit er ſeine Hirten gegen den wilden Uebermuth — — 169— ſeines Nachbars, des Ritters Saley, beſchirmte, die Kunſt des Saitenſpielens, das er in Rom er⸗ lernt hat, womit er ſein einſames Leben verſchönte, und ſeine Jugend, das alles drang immer tiefer in Emma's Herz. Sie horchte mit ſeligen, unruhigen Herzſchlaͤgen ſeinen Geſang zum Saitenſpiele im Thal, das ſeine Liebe ſang, die fern von ihm in Kloſter ſeiner Liebe vergeſſen. Ach ſie errieth nur zu⸗ weilen, daß ſie es gar ſeyn könnte, die er meinte, die er ſang. Mit zitternder Hand hing ſie den Nonnen⸗ ſchleyer über ihr Haupt; mit zitternder Hand hing ſie das Kreutz auf die Bruſt voll heißer, ſehnſuͤch⸗ — tiger Traͤume. Eifriger horchte ſie jetzt auf der Mut⸗ ter Reden, daß die heilige Jungfrau ſelbſt Mutter geweſen. Das Kreutz ſtieg und ſank auf der unru⸗ 1 higen Bruſt. Mit ungewiſſer Freude ſah die Mutter ihren langen Wunſch erfüllt, die Liebe in Emma's Her⸗ zen keimen; Rudolph war ihr zu arm; aber rings⸗ um war kein junger Ritter, außer der wilde, rohe Saley. Er ſchien Emma zu lieben. Er hatte ſie einmahl im Kloſter zu Val⸗Saint geſehen. Die Mutter liebte den wilden Mann nicht, Emma ver⸗ abſcheute ihn. Aber die fromme Mutter wollte auch dem ſtillen Glück der Tochter nicht entgegen ſtehen. Sie ſagte ihr; mich dünkt, Emma, Rudolph liebt dich, und du biſt die Hausfrau, die er meint. Da ſenkte Emma das glühende Geſicht nief auß Laf, drey kl. Romane. H — 170— 4 die Bruſt, und da ihre Mutter fragte, ob auch ſie den edlen Mann liebte, da verhüllte ſie ihr Auge in Thraͤnen, und die glühende Wange in ihren Schleyer, und antwortete nicht. Sie bethete zu Sanct⸗Annen, und da legte ſie den ſchwarzen Schleyer der Heiligen zu Füßen. In ihrem Buſen erhob ſich die Ruhe des Himmels und das Entzü⸗ cken der erſten Liebe. Ja, du Heilige! rief ſie be⸗ thend: ich liebe ihn! Und als ſie ſich umdrehte, kniete hinter ihr Rudolph. Er hatte ihr Gebeth, er hatte das Wort der Liebe gehört. Aber er ehrte der Jungfrau ihr zartes Gefühl, die ihm ſogar verbergen wollte, daß ſie den Non⸗ nenſchleyer nicht mehr trug. Er redete nicht von Liebe, nicht von Hoffnung mit ihr. Nur ſein Sai⸗ tenſpiel ſang ſeine Entzückungen, und ihre Stille 1 Sehnſucht. Ihre Seele öffnete ſich ihm in ſchö⸗ „ nem Vertauen, aber ihr Herz verhüllte noch im⸗ mer die ſchönen Flammen der Liebe. Ihre Haͤnde berührten ſich nur, wenn ſie nebeneinander hergin⸗ gen, ihre Lippen nicht. Nur in Traͤumen ſah die erröthende Jungfrau ſich als Hausfrau an der Bruſt des geliebten Mannes. An einem Morgen ſtand Emma auf dem Balcone, und ſchaute weit hinaus ins Thal und dann ſeitwaͤrts mit lächelndem, ſehn⸗ ſüchtigem Blicke nach der Burg Marſan, und nach dem Pfade, der zu ihr ins Thal führte; da, horch! hörte ſie aus weiter Ferne die leiſen Töne der Horſt⸗ hörner dann und wann, die jetzt, wie das Thal ſich — — 171— 4 wendete, vernaͤhmlicher klangen. Zugleich gab von der Burgwarte wieder das Horn das Zeichen der Vorſicht. Die Bruͤcken wurden aufgezogen, und nun ſchmetterten nahe die Hörner und die Tritte der Pferde. Es iſt ja keine Fehde ringsum! rief die Mutter. Und Saleys Zug kommt von Mittag⸗ Die Hörner ſchallen von Rubli herüber aus Norden! Da erſchienen am Eingange des Thales vier Ehrenherolde in Greyerz Farben gekleidet. Die Fah⸗ nen mit des Grafen Wappen flatterten im Wogen⸗ wind. Ihnen folgte eine Reihe Knappen. Die He⸗ rolde ſtießen ins Horn, und kündeten laut die An⸗ kunft des Lehnsherrn, des Grafen Rudolph von Greyerz. Die Zugbrücken fielen, und Frau von Mont⸗ Salvans machte ſich mit ihrer Tochter bereit, den⸗ Grafen im Thale zu empfangen. Da tönten von Berg zu Berg die Alphörner der Hirten und im Thal das Horſthorn, das Gejauchz der Männer und das Wiehern der Pferde. Emma und ihre Mutter ſtanden am Fuße der Burg⸗Halle, den Grafen erwartend, verwundert, was hier an der Graͤnze des Landes er wollen könnte. Da erſchien der Banner des Landes, und hinter ihm die Banner der großen Vaſallen. Dann ritt auf einem milchweiſen edlen Hengſte der Graf Rudolph von Greyerz, ſein Harniſch halb von Gold, halb von Stahl, den die Majeſtät des Kaiſers ſei⸗ H2 — 172— nen edlen Vater zum Andenken eines großen Siegs zu tragen befahl. Ein goldener Helm mit dem Blut⸗ rothen Helmbuſch verhüllte ſein Haupt und Geſicht. Seine Hand führte die ſchwere Lanze, die kein anderer Ritter ſo leicht führte. Der Graf Rudolph ſprang vom Pferde, ſobald er die beyden Frauen ſah. Seine Vaſallen gingen hinter ihm. Aber Emma ſah nur auf den Grafen, auf ſeine große in Gold und Stahl glänzende edle Geſtalt. Er näherte ſich ſchweigend dem Fräulein, deſſen Herz in ſüßer Beklemmung ſchlug, und in verwirrendem Erſtau⸗ nen über die Pracht, die um ſie her glanzte. Da beugte er ein Knie zu Boden vor Emma, und hin⸗ ter ihm knieten ſeine Vaſallen. Die blitzenden Ban⸗ ner ſenkten ſich über des Grafen Haupt. Da reichte Graf Rudolph dem erblaſſenden Maͤdchen ſchwei⸗ 4 gend eine Lilie von Gold, ſchneeweiß wie ihre Wan⸗ ge jetzt wurde. Die zitternde Hand des Maͤdchens nahm ſie, überraſcht von Erſtaunen, der Graf deugte ſein Haupt tief. Dann ſtand er auf. Seine Lehnsmänner erhoben ſich, ſie ſaßen zu Pferde, als Emma noch nicht die ausgeſtreckte Hand mit der Blume zurück gezogen hatte. Sie ſtand noch da, den Fuß in den Boden gewurzelt, erblaßt, bebend, und die Ritter verſchwanden, und die Muſik ver⸗ klang in den Felſen des Thales. % Mutter! rief ſie mit zitternder Stimme, war es ein Traum? Sie hielt die Blume weit voen ſich, — V — — 175—. Beſinne dich Emma, es war der edle Graf, es war der edelſte Mann im ganzen Uechtland. Es war der junge edle Graf Rudolph von Greyerz, unſer Lehnsherr! Was erblaſſeſt, was zitterſt du? Siehe die freundliche Heilige, zu der du immer betheſt, Sanct Anna, Eefüüns einen ſchönen Traum deiner Kindheit. O Mutter, Mutter, in dieſer Bruſt wohnt jetzt ein ſchöner Traum, als jener Traum! die ſchönſte Wahrheit: die Liebe! Ja, Mutter höre es, was ich keiner anvertraute, als der heiligen Anna: ich liebe ihn, Rudolph von Marſan. Was ſoll mir die Blume? Alſo weiß Rudolph noch nicht, daß du ihn liebſt, fragte haſtig und eifrig die Mutter. O ſo hüthe dich ja, liebe Emma, es ihm zu ſagen. Emma, ſtarrte die Mutter an, die jetzt anhob des Grafen Tugend, ſeine Schönheit, ſeinen Muth, ſeine Liebe zu Emma zu erheben. Sie mahlte ihrer Tochter ſeine Macht, ſein Reichthum aus. Sieh Emma ſagte ſie ſchmeichelnd, und dennoch ſtolz ſich er⸗ hebend über der Tochter Glück: du ſitzteſt da ne⸗ ben ihm auf dem Fürſtenſtuhl, ſeine Vaſallen, der edle Karbieres, der ſtolze Maugranant, ohne uns zu grüßen, an uns in Vanel wegging, die Rouſomeri, die alten reichen Eſtavajels knien dann vor meiner demüthigen Emma, auf deren ſchönem Haupte die Fürſtenkrone ſchimmert. Und in deren Augen dann die Thraͤnen eines langen, unbezwing⸗ .— 14— lichen Grames hingen.— O was der reichſte Wunſch begehren darf, iſt mein, das Herz eines edlen Mannes. Die Mutter errzihete aber ſie fuhr dennoch fort Emma zu bitten, ihre Liebe jetzt nicht dem Nach⸗ 8 bar zu entdecken, ſondern erſt weiſe zu überlegen. Sie meinte, ſie haͤtte ihre Tochter überredet, da dieſe die Lilie aͤn ihrem Buſen befeſtigte. Emma hatte ihren Entſchluß gefaßt. Sie ging den armen Rudolph in dem dunklen Thale entgegen nach Sanct Annen zu. Sie fand ihn an der reinen Quelle ſitzen, und ſie ſetzte ſich dichter an ihm, als ſonſt; ſie hatte die goldene Lilie in ihrer Hand. Er fragte, und ſie erzaͤhlte ihm lächelnd alles; denn ſie war feſt entſchloſſen. Aber wißt Ihr, Fraͤulein, was dieſes Geſchenk aus des Grafen Hand bedeutet? fragte er unruhig? Aber wißt Ihr Rudolph, was dieß bedeutet? Sie zog einen Ring vom Finger, und gab ihm den hocherrothend, und in ihren Tau⸗ benaugen hingen die unſchätzbaren Perlen der Liebe, Thraͤnen. O meine Emma! rief er vor ihr kniend: wie arm iſt der reiche, mächtige Graf gegen mich! O des Vertrauens heiligſte Gabe! Weiß deine Mut⸗ ter, Emma? Eben ſie, Rudolph, bath, mein Herz dir noch nicht zu öffnen. Aber Rudolph, dachte ich, muß nicht einen Augenblick uͤber Emma ungewiß — — — chen, ſtolzen Ritter vor der demüthigen Emma ſeyn. Da beſchloß ich— ſie legte das glůͤhende Geſicht verbergend auf ſeine Schulter. Da beſchloſſeſt du großmüthig, den Himmel, um den ich bethete, mir zu ſchenken, ehe ich dich bath. O, rede weiter! Sieh, da erzaͤhlte meine Mutter, wie die rei⸗ knien würden; o Rudolph, da beſchloß ich noch feſter, dir meine Liebe zu ſagen. Denn keiner kniend vor mir, als ich, du heilige Demuth, und alle Engel des Himmels mit mir. Er lag kniend vor ihr, und weinend. Aber ich begreife nicht, wie der Graf mich kennt; er hat mich nie geſehen. Geſehen, Gewiß Emma, er ging von Sitten aus, oft als Landmann gekleidet in ſein Land. Hierdurch führt der kürzeſte Fußpfad aus Wallis. Er hat dich gewiß geſehen, und ſah er dich? Wem ſollte er die Blume frommer Unſchuld geben, als dir; als dir, Emma!— Die beſorgte Mutter begegnete ihnen auf dem Heimwege. Emma ſagte ihr offen, was geſchehen war. Gott ſegne Euch denn, meine Kinder, ſagte ſie. Aber ich ſorge vor der Zukunft. Der Graf iſt unſer Herr, und er liebt dich, Emma. Wenn er dir, wie man ſagt, noch eine Blume bringt: das Veilchen der Hauslichen, beſcheidenen Demurz, Verdient es Emma nicht, edle Frau? Und bring' er dir die Roſe der Liebe, Rudolph4 Er iſt Herr.— — 176— Er iſt ein Mann, ein edler Mann, und ich bin arm, aber frey wie er. Die Leidenſchaft iſt ſtaͤrker, als alles im Leben. Ich bin beſorgt. Wenn alle Edlen in ltechtland es wollen— Die Liebenden laͤchelten zu der Sorge der Mut⸗ ter, aber nach einem Monathe tönte im Thals herauf das Horſthorn, und die Ehrenherolde ritten bervor und verkündeten die Ankunft des Lehnsherrn, und von ſeinen Großen begleitet, im halb golde⸗ nen und ſtählernen Harniſch, den goldenen Helm über das Geſicht gedeckt, ritt heran Rudolph Graf von Greyerz, und da er Emma ſah, ſtieg er ab. Er beugte ſein Knie zu Boden vor Emma. Er reichte ihr das goldene Veilchen. Ach, eben ſo er⸗ blaßt, eben ſo zitternd, als das erſte Mahl, ſtand Emma, und nahm die Blume. Ihr Herz ſchlug furchtſamer vor einer dunkeln Zukunft, Thraͤnen ſtürzten aus ihren Augen. Sie erhob zitternd die Hände, als wollte ſie reden. Aber der Graf beugte tief das Haupt vor ihr, die Banner ſenkten ſich vor dem erblaßten Maäͤdchen. O Gott! o Sanct⸗ Anna! ſeufzte ſie leiſe. Da tönten die Hörner, da flatterten die Banner durch's Thal, da verſchwand alles, der Hörnerklang verſchallte, nur Emma's Seufzer füllten noch den ſtillen Thalgrund. Was biſt du ſo bleich? Was zitterſt du ſo; fragte Rudolph den Nachmittag Emma. Ich zittere vor der dunklen Zukunft Schreckens⸗ ——C—;—— — ⏑ HQO,QA: A 2·nn—— N» — 177— geiſte, vor einer innern Stimme Wehruf! Ach Ru⸗ dolph, krank bin ich O, wenn er noch einmahl vor mir kniet, und biethet mir der Liebe wunderba⸗ res Unterfand? O Rudolph, welche Schreckens⸗ macht zieht meine Hand ſeiner entgegen, ſeine Ver⸗ haßten Geſchenke zu nehmen? O Geliebter, laß mich ihn nie wiederſehen, wenn er das Haupt vor mir beugt, und der dlutige Helmbuſch Unheil ver⸗ kündend vor mir wallt, und die Banner mich und ihm wie ein Zelt flatternd einſchließen.— O Gott!— Ich haͤtte heute die Roſe aus ſeiner Hand genommen, both er ſie mir. O weh, daß ſeines ſterbenden Vaters allmächtige Worte mir, mir, und dir, Rudolph, zu Zauberſprüchen wer⸗ den mußten; 0 ich werde nicht aufhören zu zittern, vor dem ſchrecklichen Ton des Horns, wenn er durch mein ſtilles Thal wie des Todes Stimme her⸗ auf tönt. Rudolph zartliche Worte tröſteten, und die Zeit beruhigte Emma; aber es blieb eine Unruhe tief in ihrer Seele, der ſie nicht Herr wurde. Sie ſah nie ohne ein geheimes Leben in den Eingang des Thals, woher die Hörner ertönten. Aber ſie ſah nicht links, wo hinter den Bergen di ihre Fluthen waͤlzt, wo aus dunklem Saley die ſchwarzen Thürme ebest mit doppelter Gewalt der Liebe und des gezähmten Willens. Er hoffte noch immer, die Frau von — 178— Montſalvans zur Einwilligung zu bereden. Aber da hörte er, daß ſchon zwey Mahl der Graf Greyerz in Montſalvans geweſen, der reitzenden Emma ſeine Blumen zu bringen. Er haßte den edlen Gra⸗ fen, und Haß und Eiferſucht ſchlugen ihre Flam⸗ men der Hölle unter die Flammen ſeiner Liebe. Er beſchloß ſein Leben an— die Zerſtörung des Glückes ſeines Feindes zu ſetzen. In finſtrer Eile verſah er ſeine feſte Burg mit Waffen und Speiſe⸗ Er ritt hinauf an der Rhone ſchönen Geſtaden, und warnte mit dunkeln Worten ſeine Mannen vor der Zeit unſichtbarer Ruhe, und hieß auf allen Hochwachen Holzhaufen zum Feuer errichten. Ach, Emma wußte von nichts. Sie ging alle Tage an Rudolphs Hand in den ſchönen Gewinden von Thälern in unſchuldiger Freude. Da brach aus einer dunkeln Felſenſchlucht auf einmahl eine Schar Maͤnner hervor, als eben Rudolph und Emma vorübergingen. Rudolph wurde zu Boden geriſſen, in eben dem Augenblicke, da er die Räu⸗ berr erblickte. Emma wollte ihm helfen; aber man hob ſie empor, und wurde verſchleyert auf ein Pferd gehoben, und ſchreyend verſchwand ſie in den Felſen. Gefeſſelt lag Rudolph am Boden, bis am Abend die heimkehrenden Hirten ihn befreye⸗ ten. Rudolph brachte der troſtloſen Mutter die entſetzliche Nachricht. Sie riethen beyde auf den wilden Saley, obwohl die Raͤuber weder Saleys —————— ö„ — — — —— — 179 Farbe noch Feldzeichen getragen. Die Raͤuber führten Emma auf öden, gefährlichen Pfaden, über Hohen durch Abgründe. Die Nacht brach an. Sie kamen über einen breiten Strom bey Nacht, und zurück, über Nebenhügel, um ſie irre zu füͤhren; aber am andern Morgen ſah ſie hinter ſich die hohe Stirn des Rübli, und ſeitwärts den ſchönen Genferſee, und am dunkeln Abend trugen die Maänner ſie auf ſteilen Pfaden die Felſen hinan, über ſchmale Brücken, welche über Abgründen la⸗ gen, bis vor das feſte Thor einer Burg. Das Thor öffnete ſich, Aund ſchlang das zitternde Mäd⸗ chen in ſeine lange Nacht. Erhellende und verir⸗ rende Fackeln leuchteten ihr durch Gewölbe, Wen⸗ deltreppen hinan, imuer höher in ein Gewölbe, wo ſie eine alte Frau fand, die mit einem grinſen⸗ den Lacheln ſagte: willkommen, ſchönes Kind, auf Luzens. Da zitterte Emma, denn Luzens war ein Thurn jenſeits des Stroms der Rhone in fin⸗ ſterm Wald, auf ſteiler Höhe, unangreiflich, dem Grafen von Savoyen gehörig. Wer ſollte ſie hier retten? Wer konnte nur wiſſen, daß ſie hier war? Sie rang die Hände, ſie gab ſich verloren. Am andern Morgen trat ſie an das vergitterte Fenſter und ſchaute umher. Da ſah ſie vor ſich den hei⸗ miſchen Rübli und ſeitwaͤrts die Rhone, und ſie erkannte, daß ſie ihn Saley ſeyn müßte. Nun trat Saley zu ihr ins Gemach, mit finſterer Stirn und mit ungewiſſem Blicke. Ich liebe dich, Emma, —— — 180— ſagte er heftig: du biſt in meiner Gewalt. Ver⸗ gebens ſiehſt du nach Hülfe aus, denn du biſt auf Luzens. Ich lache der Macht des Grey erzers. Keine ſeiner Blumen, womit er dich bethoͤrt, keine Wünſchelruthe wird hier finden. Gib mir deine Hand, und du biſt die Königinn meiner Burgen. Bedenke es wohl, drey Tage gebe ich dir, und ſagſt du nein! ſo ſchwöre ich dir, ſo biſt du mei, ohne den Segen der heiligen Kirche, ohne Sakramenr, ohne geweihte Kerzen, ohne geweihtes Waſſer, du kennſt mich! Siehſt du, du ſchäͤndlicher Mann, ſiehſt du dort den Rübli, und links den See. Ich bin in Saley, und meine Freunde werden mich ſin⸗ den, und dir auf deinen Kopf vergelten. Drey Tage! rief Saley wüthend, und verließ das Gemach. Sie ſah nach dem Rübl, nach allen Wegen, die daher führten, aber alle waren ſie Menſchenleer. Die Sonne ſenkte ſich in den ſchö⸗ nen See, da hörte ſie aus der Tiefe von Rudolphs Saitenſpiel das Lied an die Geliebte; ſie hielt die brennende Wachskerze aus dem offenen Fenſter, und ſang mit zitternder Stimme eine Zeile von ihren Geſang von Sanct Annen, und jauchzend klang aus dem Thale die Stimme: Nun biſt du mein! Im Tod und Leben mein. Da wurde al⸗ les Stil. Am anderen Morgen ſuchte ihr Auge und ſie Rudolphen in der Kleidung eines Meiſterſäͤngers unten. Sie warf ihren Schleyer hinab, mit den ———— ⁄—⁄*— — — 181— Farben Montſalvans, weiß und blau. Der Wind trug ihn ſpielend über Höh und Thal hinab in ei⸗ nen Grund. Sie ſah Rudolphen in den Grund hinabſteigen. Sie mußte das Fenſter verſchließen; denn Saley ſchloß die Thüre auf. Folg'mir, und ergriff ihre Hand, gehend ſagte er: dieſes iſt Saley, ja! aber dennoch iſt morgen der dritte Tag. Er führte ſie in die Burgeapelle. Der Altar war geſchmückt mit den Gebeinen der Heiligen, die geweihten Kerzen brannten, die Weihrauchwolken dufteten. Am Eingang blieb er mir ihr ſtehen. Stehe, ſagte er leiſe, der Al⸗ tar iſt bereit. Der Pfaff erwartet uns mit dem Prie⸗ ſterſegen der Kirche. Zögre nicht; denn bey den heiligen Reliquien ſchwöre ich, läßt du den mor⸗ genden Tag verfließen, ſo biſt du die Nacht mein. Kennſt du Saley? kennſt du ſeinen Willen? Kennſt du dieſes? Er zog einen Dolch aus dem Buſen. Und mußte dieß Eiſen deine ſchöne Bruſt zerſchneiden und dann mein Herz: ich habe geſchwo⸗ ren. Emma griff raſch nach dem Dolche, rufend! und müßte das Eiſen meine Ehre retten! Ich bin nicht dein; Böſewicht! Madchen, du hoffſt auf Hülfe, aber in einen Tag erobert man Saleys Burg nicht. Bey dem Altare dort, du biſt mein! und dann finde der ver⸗ haßte Greyerz dich unter den brennenden Trüm⸗ mern der Burg! —. 192— Emma riß ſich von ihm los, und ging wieder in ihr Gemach. Aber da ſah ſie von dem Gipfel des hohen Rübli eine Nauchwolke empor ſteigen, und weit in der Ferne ſtiegen Rauchwolken empor, und von der Burgwarte ſchmetterte Saleys Heerhorn in die Thaͤler, und ringsum brennten auf den Höhen die Huthfeuer, rund von Berg zu Berg töͤnten die Hör⸗ ner, und riefen Saleys Dienſtmannen zuſammen. In der Burg hörte ſie das Geraſſel der Waf⸗ fen, das Geſchrey der Männer. Steine und große Schleiderpfeile wurden auf die Mauer gebracht. Im Thale zogen die Bannerheere zum Schutz der Burg. Ihr Herz ſchlug, ſie bethete zu St. Annen für ihre Freunde, für ihre Feinde, und der Abend verhuͤllte die Thaͤler. Roth brannten am Himmel die Feuer auf den Bergen in der ſtillen Nacht. Der Mond ging ſtill über die unruhige Erde, und freundlich glaͤnzte er in Emmas naſſen Augen. Hin⸗ ter ihm kam ſtill die Morgenröthe, und beſtreute die Gletſcher mit Roſen, dann ſtieg die Sonne auf hin⸗ ter den Sametſch. O, rief Emma, die gefaltenen Hände aus dem Fenſter emporſtreckend: o ihr ſchö⸗ nen Himmelskörper, warum ſchaut ihr ſo ruhig auf die verbrechenvolle Erde? So rief ſie, da ſah ſie es in der Ferne ſchim⸗ mern, und aus dem Walde tönten leiſe die Hör⸗ ner. Da brach hervor ein Ehrenherhold in des Grafen Feſte, von zwey Knappen begleitet. Er 3 —* 14* — 1833—. ritt bis an den Fuß der Burghalle. Er ſtießlin ſein Horn, und Antwort kam von der Burg. Sie ver⸗ ſtand nichts als die Worte des Herolds: blutige Fehde denn, du ehrloſer Mann! er ritt zurück. Da brach aus dem Walde hervor ein gewaltiger Heer⸗ haufen wohl geruͤſteter Ritter und Fußvolk, mit Armbruſten bewaffnet, Morgenſternen, Streitaͤx⸗ ten, Hellebarden nach Schweizerſitte, und zog links von Hoͤhe zu Höhe in den Wald. Dann ſprengte daher auf wildem Streithengſte, in Gold und Stahl gewappnet, die goldene Lanze in der ſtarken Fauſt, Herr Rudolph, Graf von Greyerz. Der rothe Helmbuſch flatterte hoch in der Luft. Emma zitterte nicht, da ſie ihn ſah. Sein goldenes Heerhorn tönte nicht wie des Todes Stim⸗ me durch das Thal, nein, wie der frohe Ruf der Erlöſung, wie der löſende Segen des Prieſters am Altare. Seine Banner flatterten triumphirend ihr entgegen. O ſeyd willkommen, edler Graf! ſagte ſie froh. Da ſuchte ihr Auge den Geliebten. Sie ſah ihn nicht, und der Graf zog rechts nach dem Aufgange der Burg hinter den Felſen weg. Da ſah ſie endlich den Geliebten. Sie erkannte ihn an dem rothen Kreuze, auf den weißen Har⸗ niſch, und an der ſchwarzen Scharpe, die ihre Hand ihm geſchenkt, ein Andenken an ihren Non⸗ nenſchleyer. Er ſteckte das Banner der Nachhuth in den Boden, und vertheilte die Wachen. Sie hörte das Geſchrey der Kämpfenden. Sie — — 134— zitterte und ſie wurde wieder ruhig; denn ſie ſah ihren Geliebten im Eingange des Thals auf dem Raſen liegen, und für die Verwundeten ſorgen, die ihm gebracht worden. Da kam der Burgpfaff zu ihr. Er winkt ihr freundlich zu. Du haſt tapfere Freunde. Graf Rudolph iſt wie tauſend. Sein Arm hat die Unſern ſchon in die Burg getrieben. Wo er ſteht, iſts, als ſtünden zu ſeinem Schutze Engel neben ihm. Saley verſuchte mit ihm zu ſtechen; aber des Gra⸗ fens gewaltiges Schwert trieb ihn in die Flucht, wie ein furchtſames Rehe. Saley erwartete noch von dorther, wo der tapfere Rudolph von Marſan ſteht, Hülfe. Er iſt des Grafen Buſenfreund, darum hat er ihm auch die Nachhuth gegeben, die einen Mann fordert, der das Leben nicht achtet. Sieh, dort liegt er am Boden, der mit dem rothen Kreuz auf weißem Harniſch. Er war ſein Freund, würdiger Vater. Er wars. Sie ſind entzweyt. Wie Männer denn, die ſich als Feinde auch achten. Sonſt gab er ihm nicht die gefährliche Nachhuth. Sieh hin! ſieh hin! Jetzt wirſt du ſehen, wie tapfer er iſt, dieſer Marſan, tapferer ſogar wie der Graf, der für ſeine Geliebte kämpft, der da ſicht für die Ehre. Sieh hin! ſieh bin! Da ſah Emma, wie Rudolph zu Pferde ſtieg⸗ wie er den Eingang des Thales gegen den maͤch⸗ tigen Feind vertheidigte, welcher der Burg zu Hülfe kam. Sie ſah ihn in den dicken Haufen der —,— — — — 185— Feinde hineinſtürzen. Er tried ſie zurück. Er ver⸗ folgte ſie. Dann legte er ſich wieder auf den Ra⸗ ſen. Emma ſah jetzt den Grafen zu der Geliebten hinſpringen. Sie redeten einige Augenblicke. Dann beſetzte Rudolph einen Felſen. Der Graf kam zurück. Sieh, liebes, gutes Kind, fuhr der Mönch plaudernd fort, wie dein Schleyer mit dem Blute geröthet,— Mein Schleyer? Aber ſie ſah mit Er⸗ ſtaunen, der Graf trug den Schleyer, den ſie am vergangenen Morgen hinab geworfen hatte. Sie konnte es nicht begreifen. Es machte ſie unruhig. Der Mönch verließ ſie; der Saley, mit Blut und Schweiß bedeckt, kam. Er warf einen ſin⸗ nenden Unheil verkündenden Blick auf Emma, und verſchloß von außen ihre Thüre. Das Geſchrey der Kaͤmpfenden nahm zu, und drang durch die verſchloſſene Thüre Emmas. Sie ſah Getümmel auf der Höhe, auf der Marſan lag. Sie war überall mit Schrecken umringt, jedes laute Geſchrey drang wie ein Schwert durch ihre Seele. Stunde um Stunde verging. Sie war ohne Nach⸗ richt, wer ſiegte, wer lebte, wer unterging. Ach, ſie konnte nur bethen. Es war tiefe Nacht. Da donnerte es über die Treppe herauf und über das ſteinerne Pflaſter, im gewölbten Gange nach ihrem Gemach. Schnaubend ſtürzte Saley in das Gemach. Dennoch iſt der Sieg mein! rief er mit einem hölliſchen Lacheln. Folg' mir, rief er, und — 186— ergriff Emmas Hand. Sie wehrte ſich. Da ſetzte er den Dolch auf ihre Bruſt, und mit der andern Hand umfaßte er ſie, und zog ſie die Treppen hinab in ein unterirdiſches Gewölbe. Er ſchloß hinter ſich zu. Jetzt iſt es noch Zeit, rief er, ſie mit Blut⸗ rothen grimmigen Blicken betrachtend, und den Dolch emporhebend. Ich hohle den Pfaffen. Du willſt! laß mich ſterben, Ungeheuer! ſchluchzte ſie, ſich von ihm losreiß end. Mein ſollſt du ſeyn, ſchrie er, und er umfaßte ſie, ſie fortzuſchleppen. Pocht! Teufel, pocht, die eiſerne Thüre ſpottet Euer. Er trug Emma,⸗ die laut um Hulfe ſchrie, in ein zweytes Gewölbe. Auf einmahl wurde die Thüre zerſchmettert, und Saley zuckte ſeinen Dolch: Lebend ſoll er dich nicht haben! Emma ſank zum letzten Gebeth auf die Knie; aber da ſtand der Graf bey ihr, und Saley lag mit geſpaltenem Haupte todt am Boden, und das helle Licht von hundert Fackeln, die in das Ge⸗ wölbe drangen, machten alles ſichtbar; das kniende Maͤdchen und den Grafen mit dem blutigen Schwert 6 in der Hand, aus deſſen Schulter ein Strom Blut floß, denn Saley hatte den Dolch in ſäins Scur⸗ ter geſtoßen. Emma gerettet! rief der Graf, und Emma umfaßte ſeine Knie: edler Graf, Retter meines Le⸗ bens, Retter meiner Ehre! der Graf hub ſie em⸗ — 187— por. Da ſchlang ſie die Arme um ſeinen Nacken, und ſchloß den Lebensretter, den Ehrenretter an ihre Bruſt, und ſein Blut ſtrömte über ihre Bruſt. Da ſcholl es laut draußen: Sieg! Sieg! und des Grafen Vaſallen, und die Knappen mit Fa⸗ ckeln, und die Banner mit den eroberten Bannern drangen in das Gewölbe. Sieg! rief der Ehren⸗ herold, und die feindlichen Banner wurden dem Grafen zu Füßen gelegt. Stille! geboth der Herold. Dann hob er an: Sieg, Graf Rudolph! Gott iſt zu Gerichte geſeſ⸗ ſen! da liegt der Verbrecher im blutigen Staube! das edle Fraͤulein Emma von Montſalvans iſt ge⸗ rettet. Der edle Graf Rudolph hat ſie mit ſeinem Blute erkauft! Ihrer Ehre Retter, ihr Lebensret⸗ ter! ſo ſagt ſie ſelbſt. 4 Emma hing an des Grafen Halſe, außer ſich vor Dankbarkeit und Entzücken. Dann wollte ſie das Knie vor ihrem Retter beugen. Aber da kniete der Graf ſtumm vor Emma nieder, zog von ſeinem Herzen die goldene Roſe hervor, die von ſei⸗ nem Blute beſpritzt war, und reichte ſie Emma hin, und alles Volk rief: Heil dem Retter! Heil der ge⸗ retteten, und die Banner beugten ſich über das edle Paar. Emma erblaßte, erbebte, ſie wollte re⸗ den; aber, Heil, Heil! rief das Volk unabläßig. Emma nahm die Roſe nicht, die des Grafen Hand ihr geduldig vorhielt. Der alte Karbieres nahm den Helm von ſeinem grauen Haupte, und ſagte zu — 188— Emma: Fraͤulein von Montſalvans, es iſt die Blume der Liebe; es iſt unſer und Euer Lehnsherr, der ſie Euch biethet. Aber das Herz iſt frey. Aber er hat Euer Leben. Er hat Eure Ehre gerettet! Er hat Euch mit ſeinem edlen Blute erkauft. Euer Retter ſoll vergebens vor Euch knien? Vor ſeinem Heer, vor ſeinen Vaſallen, vor ſeinen edlen Rit⸗ tern wollt Ihr ſein Haupt mit Schmach bedecken? Wie? Die Gerettete, aus den Händen der Schmach gerettete Jungfrau— Da zuckte Emmas Hand, ſie nahm die Roſe, auf deren Blaͤttern noch Tropfen ſeines edlen Blu⸗ tes hingen. Sie hielt die blutige Roſe mit ſtarrem Arm zum Himmel, ihr Blut war erſtarrt, ihr Ge⸗ ſicht weiß wie Marmor. Der Graf beugte ſich tief. Dann erhob er ſich. Seine Vaſallen mit ihm. Heil dem edlen Paar! rief alles, wie der Graf das Ge⸗ wölbe verließ. Die Erde ſchwankte unter Emmas Füßen, das Licht wurde ihrem Auge zur Mitternacht. Sie ſank an den Buſen des alten Karbieres, in der tödtlichen Erſtarrung, noch immer die Blume empor hebend. Sie wurde an die freye Luft getragen. Da ſah ſie, wie der Graf das Thal verließ. Der Morgen dä⸗ merte erſt hervor. Man legte ſie auf ein Ruhebett, und ſo trugen ſie Krieger aus Montſalvans die Hö⸗ hen hinab und herauf der Burg zu. Im Thale be⸗ gegnete ihnen Marſan, der ihnen zuvorgeeilt war. — —— —e — 189— Emma! rief er. So hohle ich dich doch noch ein! o meine gerettete Emma! Emma ſtieg ab, und ging an Rudolphs Hand weiter, das Auge niedergeſchlagen, ohne zu reden. Was biſt du ſo bleich? was zitterſt du ſo? Emma, geliebte Emma, ſo rede! Sie ſchwieg noch immer, dann hob ſie die Hand, worin ſie die blutige Roſe trug, ſchnell wie in Zuckungen empor, und fragte: Kennſt du die Roſe? Ich nahm ſie, Rudolph!— O, ich hatte Recht, eine Geiſterſtimme verkündigte mir ein dunkles Weh! — O, ich ſagte dir ja, daß eine geheime Macht meine Hand nach ſeinen Blumen hebt!— Ru⸗ dolph, ich nahm die Roſe? Weißt du, was ſie be⸗ deutet? Veruhige dich, Emma. Die Blume der Liebe iſt es, ſo ſagte ein aus dem Grab Entſtandener, oder ein Geiſt, der mit ei⸗ nem grauen Haupte neben ihm ſtand. Ich nahm die Blume, Rudolph; ich that noch mehr! dieſe Arme, Rudolph, haben ihn umfangen— Verſtehſt du mich? — umfangen! vor allem Volk! Ich— o hörſt du zu, Rudolph?— Ich habe ihn an dieſe Bruſt gedrückt, mit der Liebe warmer Innigkeit. Da erſt both er mir dieſe Blume, da erſt, da alles Volk uns Heil rief. Da erſt! und ich nahm ſie.— Beruhige dich nur gute Emma. Er war dein Retter; deine Dankbarkeit.— Nein, nein! er war mehr. Er hielt mir die Blume hin. Ich nahm ſie nicht, obwohl— o Ru⸗ 8* dolph— er meiner Ehre Retter war. Aber da ſi⸗ ſterte die Geſtalt mit dem weißen Haare, das auf ſeinen goldenen Harniſch ſiel, mir leiſe zu, und be⸗ fahl mir die Roſe zu nehmen. Da griff ein kalter Geiſterſchrecken in meine Seele. Ich nahm die Blu⸗ me, und ſieh, ſie iſt mit Blut beſpritzt. Ich drückte ihn an meine Bruſt, und ſieh, Blut hat meine erſte Umarmung geweiht, meine Liebe erkauft. Da ver⸗ lor ich die Beſinnung. Da— 3 Beruhige dich, Emma. Was dir ſo wunderbar ſcheint, iſt nichts als Schrecken, Angſt, Dankbar⸗ keit und Liebe. Sieh um dich her, Emma! da biſt du wieder im ſtillen Thale deiner Mutter. Sieh, da iſt Sanct Annen⸗Capelle, dort iſt— Laßt nich allein hier bethen; das wird mich beruhigen, honpd. Verkünde der Mutter wo ich bleibe. Rudolph ging zu der Mutter, welche die Ankunft ihr er Tochter ſchon wußte. Er erzählte ihr, daß Em⸗ ma die Roſe von den Grafen genommen, und wie alles ſo wunderbar ſich geſtaltet, daß es faſt ein Wunder ſchiene. Er hielt die Mutter ab, Emma zu ſtören. Glaubt mir, ihr Herz findet ſich im Ge⸗ beth am ſicherſten wieder. Da kam endlich Emma. Auf ihrem Geſicht lag ein heiliges Laͤcheln, ein ernſt⸗himmliſches. Sie umarmte ihre Mutter, ſie reichte dem Geliebten zart⸗ lich die Hand. Ich habe zu Sanct Annen Ruhe ge⸗ wonnen, Rudolph. Sieh, im klaren Quell hab “ — =ͤ — 191— ich die Roſe vom Blut rein gewaſchen, und meine Bruſt. Es iſt alles, alles gut! Sie erzählte nun die ganze Begebenheit, und ſchloß mit den Worten: glaubt mir, ſo mußte alles kommen! damit wir alle beſſer würden. Ich bin ru⸗ hig; denn ich bin meiner gewiß. Sie kehrte dann mit Rudolph nach Sanct An⸗ nen zurück. Sie ſetzten ſich an den Fuß des Altars. Dich liebe ich Rudolph, hob ſie laͤchelnd an, du weißt wie treu. Er rettete mir Leben und Ehre mit ſeinem Blut. Ich nahm die Roſe und du mein Herz. Kannſt du das dunkle Räthſel löſen? Er wird mich in drey Tagen— ich ſage dir's zuvor— nach Greyerz entbiethen laſſen. Treu bin ich dir, Ru⸗ dolph. Zweifle nicht, obgleich er mich mit Blut ge⸗ wonnen hat. Verlangſt du mehr? Nein, Emma, ſey mir treu, und dann thue, was dir gut dünkt. Und du willſt gut heißen, alles, alles, was ich thue, Rudolph! Er ſah ihr unruhig in's bittende Auge; aber er ſagte ja, und ſchwor es bey der Heiligen Altar. Nun, ſo laß uns dieſe drey Tage glücklich ſeyn, mein Rudolph.. Sie waren es, o ſie goß einen ganzen Himmel voll Seligkeiten, uͤber des Geliebten Herz in den drey Tagen. Niemand wußte ihren Entſchluß. Am Ende des dritten Tages bath ſie ihn, am andern Morgen anz fruͤh und bewaffnet zu kommen. Du ſollſt mich * — 192— begleiten; aber was ich auch thun mag, du heißt alles gut!. Am andern Morgen war er da, bewaffnet mit dem rothen Kreuz auf weißem Harniſch. Emma hatte ihr ſchönes Haar mit Blumen gekränzt. Sie empfing ihn mit einem Engelslächeln unten an der Burg. 8 Da tänte es weit her aus dem Thale— ſie lä⸗ chelte ihm zu— wie der Hörner Ton, und von den Höhen her der Hirten Alphörner; da blitzten aus dem Walde die Lanzen, da flatterten in der Morgenſonne ſchön die mit Blumen bekräͤnzten Ban⸗ ner, und ein langer präͤchtiger Zug der Ritter zog ein ins Thal.. Rudolph reichte Emma die Hand. So leb wohl, Emma. Ich ſteige zu Pferde, dich zu begleiten. Treue! Treue, ewig Treue, Rudolph! Er ſtieg zu b Pferde, ſchlug das Viſier nieder, und ergriff die Lanze. Er ſprengte zu den Rittern, und ſchloß ſich 4 an. Näͤher kam der Zug. Aber der Graf war nicht bey dem Zuge. An der Spitze zog der edle Karbi⸗ eres. Er ſtieg ab, und kniete vor Emma, die ru⸗ hig lächelnd da ſtand. Er ſchlug das Viſier empor⸗ und ſagte laut: mich ſendet Herr Rudolph Graf von Greyerz, mein und dein Lehnsherr, dich Fraͤu⸗ lein Emma von Montſalvans auf ſeiner Vaͤter Burg zu entbiethen, den Thurm Vanel, mitten in den Kreis ſeine Ritter und Dienſtmannen. Mir gebotrh er, dich als ſeine Braut zu begrüßen, und dich zu — 1 — 193— begleiten. Heil dem Grafen Rudolph, Heil dem Fraͤulein Emma! Da tönte das Thal von dem Ru⸗ fe: Heil! Heil! Emma verbeugte ſich. Erlaubt, edler Karbieres, daß ich mich ſchmücke, wie mir's geziemt. Ein weißer Zelter wurde herbey geführt, und Emma ging nach Sankt Annen. Die beſorgte Mutter fragte: Warum kommt der Graf nicht ſelbſt, und wirbt um meine Tochter? Er hat geworben mit den Blumen, mit ſeinem Blut. Ein Schwur am Sterbebette ſeines Vaters bindet ſeine Zunge. Stumm ſollte er werben mit dem Helm auf dem Haupte, mit Thaten ſollte er werben. Er meint, er habe ſeinen Schwur gehalten⸗ Emma kam zuruͤck, und alle erſtaunten. Auf dem Haupte trug ſie den ſchwarzen Nonnenſchleyer, den ſie vom Sankt Annen⸗Altar zurückgenommen. Auf der Bruſt hing ihr Kreuz, und an ihrem Her⸗ zen waren die drey Blumen, die Lilie, das Veil⸗ chen und die Roſe befeſtiget. Ein langes ſchwarzes Nonnengewand verhüllte die ſchönen Glieder. An ihrem Gürtel hing ein großer Roſenkranz. Ihre Fuße waren bloß. Was iſt das, Fräͤulein? Iſt das der Schmuch einer Braut? Der Schmuck, der mir gebührt. Geleitet mich, edler Kaͤrbieres! und ſie fing an, vorwaͤrts zu gehen. Unter dem Viſier rannten Rudolphs Thraͤnen; aber er ſprach nicht ein Wort Laf. drey kl. Rom. ₰. — 194— Da ſprangen ſie alle von den Pferden, und be⸗ gleiteten in ſtummem Erſtaunen die Heilige, und wo der Zug durchging ertönten die Alphörner, und die Hirten und Hirtinnen und Kinder ſtreuten der frommen Pilgerinn Blumen auf den Weg. So ka⸗ men ſie in Vanel an. Sie ſtiegen hinauf. Ein Theil der Ritter war vorgeritten, um dem Grafen Em⸗ mas Ankunft zu melden. Emma ging ruhig, als waͤre ſie heut die Kaiſerinn, die hohen Treppen hinan, die großen Thüren des Fürſtenſaales flogen auf. Wehmüthig trat ſie über die Schwelle. Die Töchter der Ritter empfingen ſie, links. vom Throne ſtanden die edlen Frauen und Frauleins, rechts in ſchimmernden Waffen die Edlen. Der Graf ſaß auf einem Fürſtenſtuhl. Rechts und links ſaßen der fromme Abt von Hauterive und die geheiligte Macht. des Biſchofs von Sitten. Emma ſtand, die ſchönen Augen auf den Bo⸗ den geheftet, ſich ſammelnd; da ſtieg vom Thron der Graf, das Geſicht verhüllt im goldenen Helm, gewappnet halb in Gold, halb in Stahl. Er beugte ein Knie vor Emma, und ſeine Hand wollte ihr den Kranz von Kornblumen und Myrthen auf das Haupt ſetzen. Hört mich zuvor, Herr! ſagte Emma ruhig. Dort unter Euern Edlen ſteht der Mann, den ich unendlich liebe, dem ich mein Herz, meine Treue gab: Ulrich von Marſan. Da kommt Ihr, edler Graf, und brachtet mir dieſe goldene Lilie. Ich nahm ſie, denn ich war from und unſchuldig. Aber das Geſchenk beunruhigte meine Seele. Ich nahm das goldene Veilchen; denn ich war ja demüthig. Herr! Da bothet Ihr mir die Roſe, das Zeichen der Liebe. Ach ich liebte ſchon längſt, edler Graf. Ich ſchlug es aus. Aber. eine Geiſterſtimme riß. dennoch meine Hand hin nach Euerm Geſchenk. — y— — 2— — 195— Sollte meines Lebens Retter, meiner Ehre Retter vor mir knien, und vergebens bitten? So redete die Stimme, und mich umfloßen Geiſterſchauer. Da nahm ich die Roſe, und ich halte Wort, mein Retter! Soll ich dich nicht lieben, edler Graf, der ſein Blut für mich hingab? Ewig will ich dich lie⸗ ben. Aber meine Treue und mein Herz hat Marſan. So ſtehe ich zwiſchen den beyden Männern, bey⸗ den verlobt, von dir mit Thaten und Blut erkauft, von Marſan mit unendlicher Liebe. Welche menſchliche Hand kann dieſen Knoten löſen? Welcher Mund darf mich losſprechen von dem doppelten Bande meiner Liebe und Eurer*. Mein Herz wäͤhlt ihn, meine Dankbarkeit waͤhlt den Retter meines Lebens, Euch! Zwiefach von Menſchen hierhin geriſſen, dorthin, fliehe ich, wo⸗ hin der ſchwankende Menſch fliehen ſoll, zu den Heiligen. Einen Augenblick lang ſchmückte dieſer goldene Kranz mein Haupt. Sie warf den Schleyer ab und ſetzte den Kranz auf. Ich war Eure Braut, edler Graf. Ich bin deine Geliebte, o theurer Ul⸗ rich. Jetzt entſage ich allem Irdiſchen der Welt, der Liebe, und fliehe zu Gott! Er möchte meinem Herzen einen ſanften Kummer geben! Sie verhüll⸗ te ihr Haupt in den Schleyer, ſie drehete ſich um, und rief: Mein Weg geht nach Valſanct. Mutter, Ihr gebt mir das Geleite. Da ſtand der Abt von Hauterive auf von ſei⸗ nen Sitz, und rief. Bleib Emma, und höre auch mich. Der Graf ſchwor ſeinem Vater nie einem Madchen feine Hand zu geben, das nicht alle dieſe Blumen. verdiente. Du haſt mit deiner frommen inſchuld die Lilie verdient, mit deiner Demuth das Veilchen. Die Roſe nicht, hochwürdiger Abt?. ſagte Emma leiſe. Auch die Roſe, Emma von Montſalvans. Auch, — 196— den Kranz, du edles Maͤdchen. Rudolph von Grey⸗ erz, du theurer Sohn meines Buſen Freundes, du haſt deinen Schwur gehalten, haſt dein Wort ge⸗ löst. Ich ſpreche dich frey von deinem Gelübd! Ich ſpreche dich im Nahmen unſers gnaͤdigen Kaiſers mündig.] Ich übergebe dir heute das Glück dei⸗ ner Vaſallen, und dein eigenes Glück. Edler und ſeliger Menſch, zeige Emma und allen den Deinen dein Antlitz. Dann warf der Graf den goldenen Helm vom Haupte zu Boden, und er rief mit des Entzückens höchſter Wonne: Emma erkenne mich. — Ich bin ja dein Rudolph. Ich bin ja dein ſeli⸗ ger Rudolph. Emma ſchrie auf und ſank in Ohn⸗ macht in des Geliebten Armen; denn Marſan war der Graf, ihr Rudolph von Greyerz, und alle ſchrien empor vor Freude und Rührung, und Schluchzen und frohes Rufen erfüllte den Saal, und der Graf fuͤhrte den wahren Marſan zu ihren Füßen, den Marſan, deſſen Nahmen der Graf ſo lange führte, weil Niemand in Uechtland ſie ſeit Jahren geſehen hatte. Und da drückte der Graf auf Emmas Haupt die goldenen Blumen, und führte ſie empor zum Fürſtenſtuhl. Da knieten die Ritter und Herren vor den Grafen und Emma, und ſchwo⸗ ren dem neuen Herrn die Lehns⸗Eide, und dann trat Emma, die noch immer den Grafen mit Nu⸗ dolph verwechſelte vor den Altar, und ihr Oh der Biſchof, gab den Liebenden den Segen der Kirche. 1 Ein reiches Geſchlecht ſproßte hervor aus der Liebe des Grafen und Emmas. Es blühet lang in der Liebe ſeiner Hirten, und der fürſtlichen Tu⸗ genden, und die dankbaren Enkel krönen den of⸗ fenen Helm noch jetzt mit einer Krone von Lilien, Veilchen, Roſen und Kornblumen, in Myrten gemiſcht. — Ende. — daenmnennFſſſſſffſſsſſſcſſiſiinſinnſiſſinnſſſſnſſſſinin 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 1 1 LLle