Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— „ auf 1 Monat: 1 Nk. Ff. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Ff der Bücher auf ihre eigener Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. e hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. ——.— — Pariſer Codtentanz. Roman in 2 Ahtheilungen von Max von Schlägel. II. Abtheilung: Der rothe Faſching. „ Erſter Band. — e— Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1872. Roman aus Frankreichs jüngſter Vergangenheit von Max von Schlägel. Erſter Band. Teipzig, Ernſt Julius Günther. 1872. I. Band. Blut und Eiſen. v. Schlägel, Der rothe Faſching. I. Ein Pfuhl, ein Höllenpfuhl iſt auf dem Erdenrunde, Man nennet ihn Paris, ein Loch mit weitem Schlunde. Ein tiefer Abgrund iſt's, wo Stein auf Stein ſich häuft, In welchem ſchmuziggelb ein Waſſer dreifach läuft, Ein rauchender Vultan, der immer tobt und grollet, Ein Ort, der jeglicher Verderbniß ſich erſchließt, In den ein jedes Volk den Koth der Sünde gießt Und der von Zeit zu Zeit, wenn voll er bis zum Rande, Aufſchäumend überquillt. Barbier. 1 4 3 „ Geh, ich bleibe!“ Erſtes Kapitel. Die kranke Löwin. Fürſtin Leopolda ging mit großen Schritten in ihrem Boudoir auf und nieder. Sie bewohnte ſeit Mo⸗ naten allein das mit orientaliſcher Pracht ausgeſtattete Hotel in der Rue du Bac, über deſſen Schwelle ihr Vater nie den Fuß geſetzt hatte. Der altersſchwache Fürſt war nach der Beerdigung ſeiner ältern Tochter aufs tiefſte erſchreckt aus der Stadt geflohen, wo er von ſo furchtbaren Schlägen gebeugt worden war, wo er zuletzt in jedem ihm Begegnenden einen Meuchel⸗ mörder erblickte, der den Dolch nach ſeinem Herzen zückte. Leopolda hatte auf das Flehen ihres Vaters, mit ihm zu fliehen, düſter und unerſchütterlich geantwortet: 1* 4 Ohne Thränen hatte ſie die Leiche der Schweſter in die Gruft ſenken ſehen, mit finſterer Gleichgültig⸗ keit ſah ſie mit ihrem Vater den einzigen Menſchen ſcheiden, der ihr vertraut war. Sie entließ die bereits angeſtellte Dienerſchaft bis auf das unentbehrlichſte Küchen⸗ und Hausgeſinde und mit dieſem hauſte ſie nun in dem rieſigen Gebäude, von dem ſie ſelber nur wenige Zimmer bewohnte. Die herrlichſten Räume ſtanden leer und unbeſucht, dem Staub und der Ver⸗ ödung preisgegeben, denn auch auf der walachiſchen Dienerſchaft lag von den letzten Ereigniſſen her ein unheimliches Grauen, das ſie um ſo tiefer beugte, je weniger ſie ſeine Urſachen verſtanden. Sie umgaben ſchweigend die vereinſamte Tochter ihres Herrn, deren glühende Augen täglich tiefer ein⸗ ſanken in das immer bleicher werdende Geſicht, die nur noch die allernothwendigſten Befehle gab, um ſich dann wieder in das hinterſte ihrer Gemächer zu⸗ rückzuziehen und in dumpfem Brüten vor ſich hinzu⸗ ſtarren. Nur manchmal, wenn ihr die walachiſche Kam⸗ merfrau ſchüchtern erzählte von dem, was ſie auf der Straße gehört, von den Siegen der mächtigen Feinde Frankreichs und daß man ſelbſt für die Hauptſtadt fürchte, da flammte es düſter in ihren Augen auf —— ———— — ——— f 4 4 1 . 3 5 5 und einem wilden Stöhnen gleich drangen die Seufzer einer grauſen Befriedigung aus ihrer Bruſt. Heute, es war um die Mitte September, die Pa⸗ riſer berauſchten ſich in der heldenmüthigen Verthei⸗ digung von Straßburg, als ſei es gar nicht möglich, daß ſie ebenfalls verurtheilt werden könnten, die Leiden einer Belagerung zu erdulden, trat die Kammerfrau in demüthiger Haltung ein und überreichte ihrer Herrin ein Zeitungsblatt, worin gemeldet war, daß dreimal⸗ hunderttauſend Preußen nur noch wenige Meilen von Paris ſtünden und die Abſicht zeigten, die Hauptſtadt zu belagern. Fürſtin Leopolda las nicht die hochtrabenden Phraſen von der Unmöglichkeit eines ſolchen Beginnens, von der Unüberwindlichkeit der heiligen Stadt und Anderes, womit der Journaliſt haarklein nachwies, daß das thörichte Unternehmen auf ſeine Urheber zurückfallen müſſe und daß eine Belagerung von Paris der ſichere Sieg Frankreichs ſei. Leopolda ſchaute nur auf die paar fettgedruckten Worte, welche die bevorſtehende Unzzingelung der Stadt und ihre demnächſtige Ab⸗ ſchließung von der übrigen Welt anzeigten, ihre Hände zitterten und zum erſten Mal ſeit Monaten lächelte ſie. Aber es war ein ſeltſames, unheimliches Lächeln, das um ihre Lippen zuckte. 6 „Befehlen meine Herrin, daß wir reiſen?“ fragte die Dienerin zitternd, und dennoch lag in ihrer Stimme die Ueberzeugung, daß ihre Frage bejaht werde. Die Fürſtin blickte überraſcht und unwillig auf die Magd. „Reiſen? Wie kommſt Du zu dieſer thörichten Frage, Narinka?“ „Verzeiht, Herrin“, ſagte die junge Walachin de⸗ müthig und verſchüchtert,„Alles, was fliehen kann, flieht, immer enger ſchließt ſich um uns der Kreis furchtbarer Feinde, bald gibt es kein Entrinnen mehr und tauſend Städte brennen in der Runde.“ Weit entfernt, ſie zu erſchrecken, ſchien die erregte Schilderung Narinka's in der Bruſt der Fürſtin ein düſteres Frohlocken wachzurufen. „Wir bleiben. Der Gürtel, ſagſt Du, ziehe ſich immer enger um uns zuſammen? Deſto beſſer! Rede mir nichts mehr von Flucht. Ich kenne blos einen Fall, in dem ich fliehen müßte.“ Die Fürſtin ſtarrte finſter ſinnend vor ſich nieder, dann ſagte ſie mit einer Art zorniger Angſt: „Iſt Staroſch ſchon hier?“ „Er harrt Deiner Befehle, Herrin!“ Die Fürſtin ſtampfte auf den Boden und machte ein paar Schritte gegen die Thür, ſo ſchnell, als es —— — 7 die Länge des ſchwarzen nonnenhaften Trauerkleides erlaubte, das ſie trug. Dann blieb ſie ſtehen. Sie mochte ſich erinnert haben, daß es ſich nicht gezieme, dem eigenen Diener entgegenzueilen. „Warum ſagſt Du das erſt jetzt?“ herrſchte ſie der Dienerin zu.„Staroſch ſoll kommen, ſogleich!“ Staroſch kam. Derſelbe hatte längſt ſeine National⸗ tracht gegen eine glänzende Livree umgetauſcht, in den letzten Wochen trug er ſich ſogar wie Jedermann in Paris. Staroſch, der bereits die Landesſprache verſtand und ſprach, unterſchied ſich in ſeinem niedrigen modiſchen Hut, ſeinem kurzen Rock und ſeinen langen Beinkleidern nicht viel von dem übrigen Straßenpublikum. Nur der raſche, lauernde Blick, den er manchmal um ſich warf, das Katzenähnliche ſeiner Bewegungen, wenn er ſich durch die Menge ſchlich, der eigenthümliche Schnitt ſeines Geſichts, welches die kühngebogene Naſe und die runde Stirn des Neuhellenen mit den dicken Lippen und den Backenknochen des Tataren vereinigte, hätten einen ſorgfältigen Beobachter etwa auf den Gedanken bringen können, daß er ſich dem Sohne eines fernen, halbciviliſirten Volkes gegenüber befinde. Sonderbar ſtand dem modiſch gekleideten jungen Walachen die ſklaviſche Haltung, mit der er eintrat und an der Thür ſtehen blieb, bis ſeine Herrin ihm 8 zurief, näher zu treten. Staroſch war augenſcheinlich ſehr müde, ſeine Schuhe und der untere Theil ſeiner Beinkleider waren beſtäubt, von ſeiner Stirn lief der Schweiß herab über das Geſicht in den dünnen ſchwar⸗ zen Schnurrbart, der ſeinen Mund umgab. Die Für⸗ ſtin ſah nichts von alledem. Haſtig fragte ſie: „Nun? Iſt er noch immer in der Geſellſchaft des freundlichen Herrn? Wohnt er noch immer in dem kleinen Hotel in der Rue des Ccuries? Haſt Du nicht bemerkt, daß er Anſtalten zur Flucht macht? Ein Ver⸗ räther iſt immer feig, er wird fliehen wollen.“ „Nein, Fürſtin, er bleibt“, antwortete Staroſch mit gebeugtem Haupte auf alle die heftig hervorge⸗ ſtoßenen Fragen ſeiner Herrin.„Heute Morgen fuhr er mit dem Herrn, der ihn ſtets begleitet, in einem Wagen vor das Thor. Ich bekam kein Fuhrwerk, weil die Leute alle an die Barrière du Trone gefahren waren, in der Richtung von Vincennes, wo man Ka⸗ nonendonner vernommen hatte. Ich mußte daher hin⸗ ter dem Wagen herlaufen, aber es liefen auch andere Leute, um die zurückkehrenden Truppen zu ſehen. Es fiel alſo nicht auf. An der Barrière angekommen, konnte der Wagen wegen der Menſchenmenge, welche auf dem Platz war, nicht vorwärtg. Ich drängte mich dicht daneben. Eben wurde eine unabſehbare Reihe —— 9 kleiner zweirädriger, maulthierbeſpannter Karren her⸗ eingefahren— man ſagte, es ſeien Verwundete. Das . Volk ſchwur, den Feind zu vernichten, der ihm das angethan, und eher zu ſterben, als die grauſamen Feinde 4 in die Stadt zu laſſen. Da ſah ich, daß Fürſt Iſtvan ſehr blaß wurde. Er ſagte zu dem Mann mit dem freundlichen Geſichte:„Wir können in Paris nichts mehr erreichen, als nutzlos uns mit den andern Dumm⸗ köpfen zu opfern. Gehen wir nach dem Süden in die Provinz.“ Der freundliche Mann ſah den Fürſten an wie einen ungehorſamen Knecht und ſagte etwas, was ich nicht ganz verſtand. Er ſprach von dem ſatten Bauer und von dem Volke, das durch Hunger und Schrecken zum wilden Thier werde. Er ſagte, daß ſie beide bleiben würden bis zum Ende und entweder in dem allgemeinen Zuſammenſturz mit untergehen oder auf den Trümmern das neue Reich bauen müßten. Da wurde der Fürſt ſehr bleich und zornig und ſagte, das ſei gegen die Verabredung, er wolle nicht bleiben. Aber jetzt wurde auch der freundliche Herr ſehr finſter und gebieteriſch und drohte dem Fürſten, daß er dafür „ſorgen wolle, daß er beim erſten Schritt über die Stadt 9 23 hinaus als Spion feſtgehalten und erſchoſſen werde. Cer freundliche Herr machte ein Geſicht, daß ich davor ichanderte. Auch der Fürſt fürchtete ſich und ſuchte 10 ſeinen Herrn wieder zu beſänftigen, indem er ſagte, es ſei nicht ſo bös gemeint geweſen, und wenn ſich wirklich während der Belagerung etwas wirken laſſe iu Paris, ſo ſei er bereit zu bleiben.„Jetzt oder nie!“ ſagte ſein Herr und wurde wieder freundlich. Die Menge wurde etwas weniger dicht und der Wagen konnte weiter fahren. Am Thor wurde er auf⸗ gehalten, aber der freundliche Herr ſprach einige Worte leiſe zu dem Soldaten, worauf dieſer ehrfurchtsvoll zurücktrat und den Wagen durchließ. Ich war ſehr erſchöpft, aber ich wollte folgen. Der Soldat wies mich zurück, und als ich dennoch hinaus wollte, brachte er das Bajonett vor meine Bruſt und drohte mich zu verhaften. Ich mußte daher um⸗ kehren.“ Der Walache ſchwieg und hob ſein unſtätes Auge ſchüchtern zu dem aufmerkſamen Geſicht ſeiner Herrin, um darin zu leſen, ob ſie mit ihm zufrieden ſei. „Wenn er Paris verläßt, wird er erſchoſſen!“ murmelte die Walachin mit einem Lächeln grauſamer Befriedigung.„Und Du biſt ſicher, daß Iſtvan die Macht des ſeltſamen Mannes fürchtet?“ Der Diener neigte ein paarmal langſam das Haupt. „Er fürchtet ihn wie unſere Bauern den feurigen Reiter, der allnächtlich über den Sumpf des Todes — 11 reitet. Ich ſah's an ſeinem bleichen Geſicht, mit dem er den freundlichen Mann anſchaute. Der Mann hat eine Macht über ihn wie der feurige Reiter über das Leben derer, die ihm begegnen. Auch ich fürchte den Mann.“ „Und Du haſt nichts über den ſeltſamen Gebieter Iſtvan's erfahren können?“ „Ich fragte verſchiedene Leute in dem Viertel, wo Iſtvan wohnt. Niemand kennt ſeinen Begleiter, Nie⸗ mand weiß, wo er ſich aufhält, er kommt und geht und ſtreut das Gold mit vollen Händen aus. Der Eine vermuthet, es ſei ein ketzeriſcher Pfarrer, der An⸗ dere hält ihn für einen reichen Kaufherrn, ein Dritter erklärt ihn für einen Arzt, weil er einmal einen vor Entbehrung auf der Straße liegenden Mann in ſeinen „Wagen nahm und mit ihm fortfuhr. Der kranke Mann iſt ſeitdem nie wieder in der Straße geſehen worden. Ich fürchte mich nach dem ſeltſamen Mann zu fragen, mir iſt, als wiſſe er Alles. Einmal, als ich ihm nach⸗ ging, ſah er ſich um und ſchaute mir lächelnd ins Ge⸗ ſicht, als ob er ganz genau wiſſe, wer ich ſei und warum ich ihm auf der Ferſe folge. Ich hatte nicht den Muth, weiter zu gehen.“ Fürſtin Leopolda zuckte verächtlich mit den Achſeln. „Du biſt ein abergläubiſcher Haſenfuß, Staroſch, 42 aber immerhin iſt der Mann intereſſant genug. Iſtvan wird mir wohl Näheres über ihn mittheilen. Geh zu ihm und ſag', er ſoll kommen. Was ſtarrſt Du mich ſo an? Geh zu ihm, ſag ich. Die Fürſtin Leopolda will ihn ſprechen. Hörſt Du nicht?“ „Ich höre, aber ich verſtehe nicht. Ich hielt Fürſt Iſtvan für Deinen Feind.“ Fürſtin Leopolda knirſchte mit den Zähnen und ſtampfte auf den Boden. „Geh, ſage ich! Zieh' das Gewand an, in dem er Dich früher geſehen! Ob er mein Feind iſt oder nicht, was kümmert's Dich? Er ſoll kommen, ſogleich.“ „Und wenn er nicht kommen will?“ „Nicht kommen will? Er wird wollen, er muß! Doch Du haſt Recht, er fürchtet ſich vielleicht— nun ja, dann ſage ihm, ich könne nicht leben, wenn er fern ſei, ich ſtürbe vor Sehnſucht nach ihm. Sage, was Du willſt, Spion und Kuppler ſind ja verwandtes Gewerbe, nur geh! Geh!“ Staroſch ging. Fürſtin Leopolda ſetzte ihren unterbrochenen Spa⸗ ziergang fort. Alles Krankhafte, Vergrämte war von ihr gewichen, ſie blieb hochaufgerichtet ſtehen bei dem geringſten Geräuſch, ihr Schritt war elaſtiſch und ihr Auge flammte. —— — ——— — 13 Nach einer Stunde kam Staroſch wieder. Er trug hohe Stiefel, weite blaue Beinkleider, einen faltigen Rock und eine pelzverbrämte Mütze. Seine Geberde war demüthig, ſein Antlitz bleich. Leopolda erwiderte ſeinen Gruß nicht, mit vor⸗ gebeugtem Leibe ſtand ſie da und lauſchte ſeiner Bot⸗ ſchaft. Sie lautete: „Fürſt Iſtvan läßt Dich grüßen. Er wird kommen.“ Mürriſch ſenkte der Walache das Haupt. Die Fürſtin trat auf ihn zu und ſtieß ihn mit der Fauſt vor die Schulter. „Wann wird er kommen? Wie ſah er aus? Be⸗ ſchreibe mir ſein Geſicht! Rede, Sklave, wenn Du nicht willſt, daß ich Dich zertrete.“ Der Diener hob mit demüthigem Vorwurf das Haupt. „Als Du mir befahlſt, den Fürſten zu verfolgen, ſagteſt Du, er ſei Dein Feind. Ich verſtehe Dich nicht, Fürſtin!“ Mit bleichem Hohn warf Leopölda das Haupt zurück. „Was redeſt Du da, vorlauter Papagei? Hat die lockere Luft ringsum auch Dir ſchon die Zunge gelöſt, Knecht? Wenn ich Dir befehle, was Du thun ſollſt, haſt Du zu fragen, warum? Was verſtehſt Du 8 1 14 Wurm von dem, was ich empfinde? Rede, ohne Um⸗ ſchweife, wie fandeſt Du ihn? Wie nahm er die Bot⸗ ſchaft auf? Rede die Wahrheit oder ich zertrete Dich! Beſchreibe mir Alles, erzähle, ſoviel Du weißt! Deine Zunge iſt doch ſo glatt und geläufig für Dinge, die Dich nichts kümmern— erzähle, was Du ſollſt, raſch!“ Und Staroſch erzählte. Mit orientaliſcher Breite beſchrieb er das kleine Hotel und Zimmer, in dem Stanowsky wohnte, ſein ſcheues, ſorgenvolles Antlitz, als er zu ihm eintrat, ſein Mißtrauen, mit dem er den Boten betrachtete. „Ich kenne Dich“, ſagte Stanowsky;„ich ſah Dich ſchon früher im Hauſe des Hospodars, und doch iſt mir, als ob ich. Dich ſeither öfter wiedergeſehen. Dein Geſicht iſt mir ſo bekannt, als habe ich es die letzten Monate ſehr oft geſehen.“ „Mein Geſiccht iſt nicht ſchön, Herr!“ hatte Sta⸗ roſch geantwortet.„Das Häßliche lebt noch in der Erin⸗ nerung, wenn das Herrlichſte vergeſſen iſt.“ „Wie heißt Du?“ „Staroſch, Herr!“ „Du biſt klug, Staroſch“, hatte Stanowsky ge⸗ antwortet,„klüger, als walachiſche Bauern gewöhnlich ſind; der Antwort eines Klugen traut man weniger als der Rede eines Dummen. Ich habe Dich öfter 15 in meiner Nähe geſehen, Staroſch! Du trugſt ein an⸗ deres Gewand als dieſes und hatteſt den Anſchein, mich zu beobachten. Ich kenne Dein Geſicht, Du warſt es, Staroſch!“„ „Ein treuer Diener hat kein Gedächtniß, Herr. Frage meine Herrin. Die Wege der Sehnſucht ſind viel⸗ fach und verſchlungen.“ Ueber Stanowsky's bleiches Geſicht flog ein glü⸗ hender Schatten. „Deine Herrin haßt mich.“ „Hat man Sehnſucht nach denen, die man haßt?“ „Vielleicht Sehnſucht, ſie zu verderben.“ „Das Verderben in ſolchen Armen hat keine Schrecken, Herr!“ Stanowsky ſprang auf.. „Was weißt Du davon, Sklave? Geh und ſage, ich würde kommen.“ Den Mund halb offen, daß die weißen ſtarken Zähne blitzten, lauſchte Leopolda. „So war's. Biſt Du zufrieden, Herrin?“ Leopolda löſte eine Börſe vom Gürtel ihres Trauer⸗ kleides und warf ſie dem Diener zu. „Ich bin zufrieden, geh!“ Staroſch ſtand unbeweglich, die Börſe fiel mit dumpfem Klirren auf den dicken Smyrnateppich. 416 8 Leopolda's Augenlider zogen ſich zuſammen, ſie trat auf einen Schrank zu und nahm daraus eine kleine Rolle Goldes. „Die ſchlechten Menſchen hier haben dich habſüch⸗ tig gemacht, Staroſch! Nimm und geh!“ Sie ſtreckte die Hand aus. Staroſch regte ſich nicht. Die Fürſtin warf die Rolle zornig auf den Boden. Sie brach, daß der Inhalt blitzend umher⸗ rollte. „Staroſch, Du biſt unverſchämt! Nimm und ſei zufrieden!“ Scheu und mürriſch blickte Staroſch zu Boden. „Ich will Dir weiter dienen, Herrin; belohne mich, wenn mein Dienſt zu Ende iſt.“ Leopolda runzelte die Stirn. „Was ſoll das heißen, Staroſch? Wer erlanbt Dir anders denn als Knecht zu denken?“ Staroſch beugte ein Knie. „Ich diene Dir nicht um Geld, Herrin! Auch ich haſſe ihn. Erlaube mir ihn zu verderben, und ich bin reich belohnt.“ Ein ſchallendes Gelächter ſchreckte Staroſch vom Boden auf. „Und das glaubſt Du beſſer zu verſtehen als ich, täppiſcher Schleicher? Nimm Dein Geld und geh, ———— 8 “ —— —..— 17 Stümper! Verrathe mich ſogar, wenn Du willſt, aber merke Dir, daß alle Schurken der Welt ohnmächtig ſind gegen das Verderben, im Herzen eines Weibes ausgebrütet.“— Staroſch heftete den Blick voll demüthig ſcheuer Bewunderung auf ſeine Herrin, dann raffte er das am Boden liegende Geld zuſammen und ging. „Narinka!“ rief die Fürſtin. Narinka kam und blieb erſtaunt vor den leuchten⸗ den Augen und glühenden Wangen ihrer Herrin ſtehen. „Mein graues Atlaskleid mit den rothen Schlei⸗ fen— ſchneil! Nun, was ſtarrſt Du mich ſo an? Haſt auch Du den Gehorſam verlernt? Geh!“ Narinka faltete die Hände. „Fürſtin!“ Leopolda erhob hochmüthig das ſchöne Haupt. „Was gibt's?“ „Noch zittern in der Luft die Grabgeſänge für Fürſtin Anna. Ich höre ſie oft des Nachts, wenn ich erwache und Alles ſtill iſt und nur der Mond durch bleiche Wolken geht. Fürſtin Anna hat ihre Reiſe bis zum Himmelsthor noch nicht zurückgelegt, ſie könnte ihren Weg nicht fortſetzen, wenn die nächſten Anver⸗ wandten zu früh die Trauerkleider ablegten.“ „Abergläubiſche Närrin, ich weiß es beſſer, warum v. Schlägel, Der rothe Faſching 2 meine Schweſter keine Ruhe im Grabe hat; ſie ſoll Ruhe finden. Hole das Kleid, ich befehle Dir's.“ Mit geſenktem Haupte ging die Dienerin. „Schwachköpfe!“ murmelte Leopolda.„Schwarze finſtere Trauer wollen ſie. Roth heißen ſie die Farbe der Liebe, der Freude. Aber roth iſt der Haß, die Rache! Ich fühle es, wie das Blut brennend durch meine Adern tobt. Blutrothe Rache lodert in mir! Nur Rache? Nein, es iſt nichts Anderes als der Haß. Ich werde ihn vernichten. Du ſollſt in Deinem Grabe Ruhe fin⸗ den, Schweſter!“ Narinka brachte das Kleid. Die Fürſtin hatte es an dem Tage fertigen laſſen, da ſie der Liebe Sta⸗ nowsky's verſichert war. Sie hatte es nie getragen. Die ſchwarze Hülle der Trauer ſank von ihren blendenden Schultern, deren Schönheit der Gram und Haß von Monaten nicht zu zerſtören vermocht hatten, und mit ſtummer Reſignation kleidete Narinka ihre Herrin in das Gewand der Pracht und der Freude. Mit einem ſeltſamen Lächeln ſah die Fürſtin über ihre Schulter in den Spiegel. Wenn ihr Antlitz den Aus⸗ druck jener kecken Lebensluſt verloren hatte, der es einſt ſo reizend gemacht, ſo mußte man doch geſtehen, daß ihre energiſchen Züge in ihrer wilden Schönheit noch charakteriſtiſcer wurden durch den Schmerz und die ——————— 19 Bitterkeit, unter denen dieſe Augen tiefer eingeſunken, dieſe Wangen flacher, dieſe Lippen ſchmäler und ſchär⸗ fer geworden waren. Das Kleid ſaß nicht überall. Die Fürſtin war magerer geworden. Seufzend kniete Narinka nieder und ſtrich hier eine Falte zurecht, ſetzte dort eine Hafte zurück. Endlich war Fürſtin Leopolda mit ihrer Er⸗ ſcheinung zufrieden und auch die ſchwarzen Locken um⸗ gaben in glänzender Ordnung den edelgeformten Kopf. Fürſtin Leopolda lächelte. Narinka ſeufzte. „Geh!“ ſagte die Fürſtin. Die Dienerin ging. Die Fürſtin warf ſich auf eine Ottomane und blieb dort eine Weile regungslos, halbaufgerichtet und wartete Das Zimmer, in dem ſie ſich befand, bot einen ſeltſamen Anblick. Rings an den Wänden liefen breite gepolſterte Bänke, ein ſchwellendes Polſter von kreis⸗ runder Form nahm die Mitte deſſelben ein. In der Mitte des Polſters ragte ein Blumenhalter empor, ein Immortellenkranz lag darauf. Fürſtin Leopolda ſprang empor. „Verzeih', Anna!“ ſagte ſie leiſe, nahm den Im⸗ mortellenkranz weg und ſteckte ein Bouquet indiſcher Roſen, das am Fenſter ſtand, an ſeine Stelle. 2* Sie ſetzte ſich wieder und ſpielte zerſtreut mit den Blumen des Kranzes. „Wie die giftige Schlange will ich mich unter Roſen verbergen, um ihn zu verderben. Ich räche Dich, Schweſter! Du ſollſt Ruhe haben in Deinem Grabe.“ Sie ließ das lockige Haupt auf ihre Bruſt ſinken. Der Kranz fiel zu Boden und raſchelte und die mor⸗ ſchen Zweige theilten ſich. Mit abergläubiſchem Staunen ſah Leopolda nieder. „Du liebteſt ihn, ja, ja, ich ſah's noch an Deinem brechenden Auge; Du liebteſt ihn noch, als er Dir den Tod gab. Du willſt nicht gerächt ſein. Du biſt noch ſchwachherzig im Tode. Du verzeihſt ihm.“ Leopolda richtete ſich auf. „Aber ich verzeihe ihm nicht. Deine Liebe hat Dich getödtet, mich erhält mein Haß am Leben. Ich bin ſein Verhängniß. Er ſoll daran zu Grunde gehen, trotz Dir.“ Raſchelnd flog der Immortellenkranz beiſeite und vorgebeugt, als wolle ſie ſich auf einen unſicht⸗ baren Feind ſtürzen, grauſamen Jubel im geiſterbleichen Geſicht, lauſchte die Walachin. Sie hatte ſich nicht getäuſcht, es waren Tritte, die ſich näherten. Die Thür öffnete ſich und Sta⸗ nowsky trat in den Raum. Staroſch verfolgte ihn 21 mit einem Blick tödtlichen Haſſes. Dann ſchloß er die Thür... Stanowsky ſtand in der Mitte des Zimmers, er⸗ regt, aber äußerlich ruhig. Selbſt die gewöhnliche ge⸗ ſellſchaftliche Begrüßung erſchien ihm nach all dem, was vorgegangen war, als etwas Lächerliches. Er ſtand daher ruhig, aber die nachläſſig elegante Hal⸗ tung von ehemals gelang ihm nur halb und ſein von einem dunklen Bart umrahmtes Geſicht vermied es, dem bleichen Antlitz der Walachin zu begegnen. In kurzen Zwiſchenräumen wagte er unter den halbgeſenk⸗ ten Wimpern hervor einen lauernden Blick nach der Frau zu werfen, welche er aller natürlichen Ordnung nach als ſeine erbittertſte Feindin betrachten mußte und welche ihn zu ſich rufen ließ aus Sehnſucht nach ihm. Aus Sehnſucht, ja, ſo hatte ſich Staroſch aus⸗ gedrückt. Stanowsky hielt es unter dieſen Umſtänden für das Beſte, zu warten, bis Leopolda ſprach. Er hatte ſogar einen Augenblick gezögert, hierher zu kommen, aber ſeine Abenteuerluſt hatte die Beſorgniſſe über⸗ wunden, die in ihm aufgeſtiegen waren. Leopolda hatte ihm ja ſchon früher Beweiſe ihrer grenzenloſen Hin⸗ gebung geliefert, warum ſollte ihre Liebe nicht auch den Tod der Schweſter und Nebenbuhlerin überdauern? 22 Vor ſeinem innern Auge ſtiegen alle die Frauen empor, die ihm willenlos anheimgegeben waren und ihn vergötterten, obwohl er ſich in vielen Fällen nicht einmal mehr die Mühe gegeben hatte, ſie über ihn ſelbſt zu täuſchen; mit einem wonnigen Schauer durch⸗ drang ihn endlich die Gewißheit, daß Leopolda ihn für den an ihr begangenen Verrath ſchon deshalb nicht verantwortlich mache, weil derſelbe ſie von einer ge⸗ fürchteten Nebenbuhlerin befreit hatte. Mit ein wenig Eitelkeit beweiſt man ſich ja ſo viel. Aber ſeine Ver⸗ haftung, ſeine Entehrung! Bah! Er war nicht verur⸗ theilt worden, alſo war er nicht ſchuldig. Leopolda ſah ihn ſtraflos, was wußte ſie, was wußte er ſelbſt von den Gründen! Eine gewaltige Umwälzung war vor ſich gegangen, das einſt allmächtige Syſtem war geſtürzt und mit ihm ſeine Richter und Helfer. Sein Ankläger, der rothe Fränkel, war durch die wiederholten Pferderequiſitionen der Republik verarmt und galt bei aller Welt für blödſinnig, ſeit er in allen Winkeln von Paris ſeine entflohene Frau ſuchte; er war daher nicht mehr zu fürchten. Nur ein paar vergeſſene Acten in der Regiſtratur des Juſtizpalaſtes erzählten von Stanowsky's Schmach, und während der bevorſtehenden Belagerung konnte eine preußiſche Bombe auch ſie zerſtören. Die glänzendſte Stadt der Welt war abgeſchloſſen von der 1 übrigen Erde, Wer wollte ihm jetzt beweiſen, daß er nicht der ſei, für den er ſich ausgab! Stanowsky hob langſam den Kopf. Ein Schimmer des ehemaligen Selbſtvertrauens lag auf ſeinem Antlitz. Mit milder Trauer ruhten Leopolda's Augen auf ihm. Als käme ſie aus dem Munde der todten Schwe⸗ ſter, ſo ſanft und zitternd drang ihre Stimme durch den Raum. „Man muß ſich alſo vor den Dienern erniedrigen, um Euch wiederzuſehen, Etienne“, klang es wie mit ſchmerzlichem Vorwurf.„Verachtet mich darum nicht, Etienne! Ich habe gekämpft und gelitten, ich habe ge⸗ hofft, daß Ihr kommen und mit mir fliehen würdet, bis der eiſerne Gürtel ſich um dieſe Stadt zuſammen⸗ gezogen hatte. Jetzt kann ich nicht mehr, Etienne! Und wenn es mir das Herz brechen ſollte, ich muß es wiſ⸗ ſen, warum Ihr mich verlaſſen habt. Ihr wart unge⸗ recht angeklagt, ich weiß es, Ihr wart im Gefängniß, ich habe Eure Kerkermeiſter mit Thränen jeden Tag um Nachricht von Euch angefleht. Eines Tages hörte ich, daß Ihr entlaſſen wäret. Selbſt Eure Kerkermeiſter wußten nicht, wohin Ihr Euch gewendet. Niemand wußte es, die Liebe aber fand Euch auf. Warum ſeid Ihr nicht gekommen, als Ihr frei wart, Etienne?“ Stanowsky war verwirrt. Dieſer Empfang über⸗ ——— traf ſeine kühnſten Hoffnungen. Er kniete vor Leopolda nieder und führte ihre Hand an die Lippen. „Ich wagte nicht zu hoffen, daß Eure Liebe ſtark genug ſei, mir mein Verbrechen zu vergeben.“ Leopolda überließ ihm ihre Hand. „Euer Verbrechen?“ „An Anna.“ „An Anna? Tragt Ihr die Schuld, daß das thö⸗ richte Kind an ihrer wahnſinnigen Liebe zu Euch zu Grunde ging? Was könnt Ihr dafür? Ihr habt dieſe Liebe nicht begünſtigt, gewiß nicht, Etienne, ich weiß es.“ Stanowsky erhob freudig überraſcht das Haupt. „In der That, ich bin ſchuldlos, aber ich ver⸗ zweifelte daran, Euch zu überzeugen. Eure unglückliche Schweſter hat ſo ſeltſame Reden geführt.“ Leopolda nickte. „Sie hat Euch ſogar ihren Gatten genannt, das arme Kind. Und für dieſe Ausſchreitung einer kranken Phantaſie werde ich Euch verantwortlich machen, glaubt Ihr? Ihr habt noch weniger Vertrauen zu meiner Ver⸗ nunft als zu meiner Liebe, Etienne!“ Stanowsky blieb ſtumm. Er ſuchte ſich die ganze ſchreckliche Scene ſeiner Verhaftung zu vergegenwärtigen. Die mit ſanftem Vorwurf auf ihn gerichteten Augen 25 Leopolda's ließen es nicht zu. So mit dieſer leiſe vibrirenden Stimme, dieſem von Wehmuth umſchleierten Blick, dieſen von der Sehnſucht um ihn gebleichten Wangen erſchien ihm Leopolda tauſendmal begehrens⸗ werther als je zuvor. Er drückte ſein Geſicht auf ihre Hände und küßte ſie immer wieder. Leopolda beugte ſich zu ihm nieder, legte den Ala⸗ baſterarm um ſeinen Nacken und zog ihn an ſich. „Was fehlt Dir? Biſt Du nicht wieder mein?“ „Für immer, Leopolda.“ „Warum drängſt Du Dich von mir? Liebſt Du mich nicht mehr wie früher?“ „Tauſendmal mehr. Du erſtickſt mich!“ „Thor, uns tödtet die Liebe nicht. Das thut nur der Haß.“ „Was lachſt Du, Leopolda?“ „Weil ich ſo glücklich bin.“ Zweites Kapitel. Der Kirche! Léonie Lebrun war dem Verſprechen, das ſie Al⸗ fred Entretout vor ſeiner Abreiſe gegeben, lange treu geblieben. Sie hatte ihm gelobt, ihm und der Welt zu gehören, ſolange er am Leben ſei, und jede ihrer einſtigen Regungen niederzukämpfen. Beim Beginn des Kriegs war ihr das leicht geweſen. Die ſich drän⸗ genden gewaltigen Ereigniſſe in Frankreich und Paris riſſen auch ihr franzöſiſches Herz mit fort vom Taumel einer falſchen Siegesnachricht zur Verzweiflung über das Unglück der Armee und den Verrath der Führer. Der Sturz des Kaiſerreichs erfüllte ſie mit Trauer, denn ſie hatte in der Kaiſerin die eleganteſte Dame von Paris verehrt, und die Nachricht von der mörde⸗ ——— 27 riſchen Schlacht von Sedan, welche der proviſoriſchen Regierung vorausging, hatte ihr zum erſten Mal die bange Beſorgniß beigebracht, daß Alfred Entretout gefallen ſein könne. Nach jedem bedeutendern Treffen waren ihr von Alfred Entretout einige Zeilen zuge⸗ gangen, welche ſie neben launiſch mißmuthigen Schil⸗ derungen des Kriegslebens ſeines Wohlbefindens ver⸗ ſicherten und der Fortdauer einer Neigung, welche, wie er ſcherzend bemerkte, unter ſolchen Umſtänden, unter Kabylen und bretagniſchen Bauerjungen jeden⸗ falls nicht verringert werden konnte. Léonie Lebrun hatte dieſe Briefe mit großer Sorgfalt in eine prächtig eingelegte Schatulle gelegt, mit der Aufſchrift: Iouvin fils. Alfred hatte ihr dieſelbe vor dem letzten Opern⸗ ball mit den feinſten Erzeugniſſen der berühmten Hand⸗ ſchuhfabrik geſchenkt; die Handſchuhe waren inzwiſchen verbraucht worden und das parfümirte Käſtchen erſchien ihr ganz paſſend, den neueſten Pariſer Toilettenartikel, Liebesbriefe aus dem Felde, aufzubewahren. Nach der Schlacht von Sedan hatte ſie keine Briefe mehr erhalten, und in erſchreckender Größe trat plötz⸗ lich wieder das Geſpenſt des Todes vor ſie hin, das Alfred's Briefe bis jetzt aus ihrer Einſamkeit hinweg⸗ geſcherzt hatten. Alfred konnte todt ſein— das erdrückende Gefühl der Einſamkeit legte ſich lähmend auf ihre nenhellen Tage, welcher zum Fenſter hereinleuchtete. Léonie wehrte ſich gegen den Gedanken, ſie kämpfte mit aller Kraft gegen das Geſpenſt, nicht aus Liebe zu Alfred, ſondern aus Angſt vor der Einſamkeit. Auch Paris war anders als ſonſt, man lebte nicht mehr, man wartete nur auf Telegramme, man zer⸗ ſtreute ſich nicht mehr. Um ſo feſter hatte ſich Léonie an Alfred und ſeine Briefe angeklammert, da wurde eine gewaltige Schlacht geſchlagen, ein mäch⸗ tiger Thron ſtürzte zuſammen und Alfred's Briefe blieben aus. 1 Léonie Lebrun war allein mit ſich ſelber. Mit abergläubiſchem Beben ſah ſie ringsum im Zimmer auf all die hundert Kleinigkeiten, welche von Alfred's Liebe herrührten; ihr war, als klirrten leiſe die Taſſen von dem geiſterhaften Hauch, der ſie ſtreifte, als nickten die Pagoden und als grinſte ihr aus den Spiegeln Alfred's Todtenkopf entgegen: Ich bin todt, auch Du mußt ſterben, allein mit Deiner Verzweiflung. „Nein! Ich will nicht!“ Und lautlos glitt über ihre Lippen der Name des Prieſters, der einſt ſolche Macht über ihre Seele beſaß. Abbé Guerin war ſeit Wochen nach Paris zurück⸗ gekehrt mit einer Botſchaft an die Kaiſerin. Er hatte Sinne und hing wie ein ſchwarzer Flor vor dem ſon⸗ 29 jedoch bald die Einſicht gewonnen, daß der unvermeid⸗ liche Sturz des wankenden Throns Jeden mit begraben müſſe, der ihn zu ſtützen ſuche. Abbé Guerin wurde eifriger Rathgeber und Freund des wegen ſeiner Reli⸗ gioſität bekannten Gouverneurs von Paris. Abbé Guerin hatte ſich damals auch bei ſeinem goldlockigen Beichtkind melden laſſen. Léonie Lebrun las eben Alfred Entretout's luſtige Beſchreibung eines der ernſthafteſten Dinge, die es geben kann, einer Schlacht— es war die bei Wörth. Es war zum erſten Mal, daß ſie zu ihrem Geliebten emporſah. Verſchiedene ſeiner kleinen Schwächen traten zurück in ihrer Erin⸗ nerung und vor ihrer erregten Phantaſie ſtand nur der elegante Mann im dichteſten Gewühle der Schlacht, wie er mit einem moquanten Lächeln ſeine Befehle gab und es bedauerte, daß ſeine Geliebte nicht von einer ihrer Theaterlogen ihm mit ihren niedlichen Händchen zu⸗ klatſchen konnte. Dazwiſchen kam wohl ein ernſterer Ton, ein Wort des Bedauerns für manches hoff⸗ nungsvolle Leben, das an ſeiner Seite dahingeſunken war, eine melancholiſch⸗launiſche Frage an die Zu⸗ kunft, aber Alfred hatte wenigſtens keine Angſt für ſich, er war ein ganzer, furchtloſer Mann, das hatte Léonie aus dem Briefe herausgeleſen, und ſie fühlte ſich zum erſten Male recht ſtolz, daß er ſie liebte. 30 In dieſem Augenblick war es, daß der Prieſter ihr gemeldet wurde. Wie tiefe Beſchämung überkam es Léonie. Was wollte der leidenſchaftliche Prieſter mit den glühenden Augen nnd der vibrirenden Stimme bei ihr in demſelben Augenblick, da zum erſten Mal die Schauer eines nie gekannten Gefühls ihr Weſen durchrieſelten, da die Heldengeſtalt des Geliebten vor ſie hintrat, umgeben von Strahlen eines ſiegreichen Spottes, für den Tod und Flammen keine Schrecken hatten? Sie hatte ihm verſprochen, ſtark zu bleiben, ſie wollte ihr Verſprechen halten, mehr noch⸗ ſie wollte Alfred's würdig ſein. Damals ließ Léonie Lebrun den Prieſter abweiſen. Wenige Wochen darauf ließ ſie ihn durch einen Brief voll herbſter Seelenangſt und reumüthiger Abbitte zu ſich rufen. Der Prieſter kam. Mit Schauder und Befrie⸗ digung zugleich ſah ihn Léonie eintreten. Sie wankte ihm entgegen. Auf halbem Wege blieb ſie ſtehen. „Ich habe Euch rufen laſſen, Abbé. Ich war un⸗ dankbar, Ihr wollt es mir nicht entgelten laſſen. Ihr habt Erbarmen mit meiner Angſt, wie er, deſſen Die⸗ ner Ihr ſeid.“ „Der Geiſt des Böſen iſt ſtark in Cuch“, ſagte der Prieſter, indem er die Hand auf das gebeugte 31 Haupt der goldlockigen Sünderin legte,„um ſo höher werdet Ihr in der Guade ſtehen, wenn Ihr ihn be⸗ ſiegt, meine Tochter. Kämpft und betet.“ Léonie hob das thränennaſſe bleiche Geſicht ver— zweifelt zu dem Prieſter empor. „Ich denke nicht mehr an mich, frommer Vater, die ſchreckliche Angſt meines Herzens gilt nicht dem ſündhaften Zuſtande der eigenen Seele, ich zittere nur noch für ihn. Des Nachts tritt er vor mich hin bleich und todt, ſeine Augen ſind geſchloſſen und ſein Lächeln für immer geſtorben; wenn Ihr mich vom Wahnſinn retten wollt, Abbé, ſagt mir, daß er nicht todt iſt, daß der Allmächtige nicht ſo grauſam ſein kann, ihn mir zu nehmen in der Stunde, da ich zum erſten Mal weiß, daß ich nicht leben kann, wenn er todt iſt. Ich war eine arge Sünderin, ich weiß es. Ich will geſtraft wer⸗ den an meiner eigenen Seligkeit, nur nicht in ihm, nur nicht in ihm.“ Léonie's geſchmeidiger Körper wand ſich auf den Knieen, ihre Hände hatte ſie krampfhaft in einander verſchlungen und ſtreckte ſie verzweifelnd empor, ihre goldig ſchimmernden Haare waren losgegangen und fielen in aufgelöſten Flechten über ihre Schultern. Das Geſicht des Prieſters verzerrte ſich, die Fin⸗ ger ſeiner Hand, die ſegnend über dem Haupte der 32 ſchönen Sünderin ausgeſtreckt waren, zuckten und ball⸗ ten ſich und dröhnend drang die mächtige Stimme durch den zierlichen Raum. „Du frevelſt, Weib, indem Du den Ewigen auf⸗ rufſt für Erhaltung Deines Buhlen! Der Wahnſinn der Sünde, in dem Du gefangen liegſt, hat Dich be⸗ reits ſo weit geführt, daß Du die heilige Religion zur niedrigen Magd verwerflicher Triebe herabwürdigen möchteſt. So wiſſe denn, thörichtes Weib, daß unſere heilige Religion Deine frevelhafte Neigung für den Verächter ſeines Glaubens verdammt.“ Ein leiſes Stöhnen drang aus Léonie’s Munde, kraftlos ließ ſie die gerungenen Hände herabfallen und ſtarrte dem Prieſter dann mit lautloſem Schrecken ins Geſicht. „Der Zorn des Ewigen hat die Verächter unſerer heiligen Religion getroffen, er hat ſchrecklich Gericht gehalten ſelbſt über die Zweifelnden und Lauen. Weit offen ſtehen die Pforten der Hölle, ſie zu empfangen. Wohl denen, die noch am Leben ſind und die Friſt, die ihnen der Ewige geſchenkt, anwenden zur Reue und Buße, vielleicht nimmt der Herr in ſeiner Barmherzig⸗ keit gnädig von ihnen einen Theil der Schuld, unter der ſie gebeugt ſind. Wehe aber denen, die im Stande der Ungnade dahingefahren ſind, dreimal wehe denen, * — —44— 33 welche mit dem Lächeln, das Satan auf ihr Antlitz gelegt, der Zuchtruthe des ſtrafenden Gottes trotzen wollen, wende Dich ab von dem Genoſſen Deiner Sünden, gleichviel ob er todt oder am Leben, und bete zu Gott für ihn, daß ein Strahl ſeiner himmliſchen Gnade in ſeine Seele falle, auf daß er im härenen Gewand Buße thue und weit hinter ſich laſſe alle Luſt und Thorheit dieſer Erde. Dies iſt die einzige Ret⸗ tung für ihn und Dich.“. „Ich habe ihn gemordet!“ flüſterte Léonie.„Ich fühle es an dieſem brennenden Schauer in der Bruſt, daß er nicht mehr lebt.“ Und unaufhaltſam floſſen die Thränen über ihre bleichen Wangen. Eine grauſame Freude verbreitete ihren unheim⸗ lichen Schimmer über das düſtere Antlitz des Prieſters. Dann ſenkte er das Haupt und ſagte mild und ſal⸗ bungsvoll: „Und wenn er hingetreten iſt in ſeinen Sünden vor den Richterſtuhl des Allmächtigen, ſo ſtreue Aſche auf Dein Haupt und thue Buße und bitte für ihn, vielleicht wird der Herr in ſeiner unendlichen Güte einen Theil ſeiner Schuld von ihm nehmen um Dei⸗ netwillen.“ In weichen melodiſchen Tonwellen drangen die v. Schlägel, Oer rothe Faſching. I. 5 3 ————— — —— 34 Worte des Prieſters zu Léonie Lebrun, ſie fühlte ſeine warme weiche Hand, welche ſegnend auf ihrem Schei⸗ tel ruhte. Sie ward ſeltſam durchſchauert von der Berührung. Da ſchrak ſie auf. Draußen war die Klingel ge⸗ zogen worden. Ein langſamer männlicher Schritt näherte ſich ihrem Zimmer. Bleich und bebend, mit vorgebeugtem Leibe ſtarrte Lsonie nach der Thür, finſter an den Alabaſterſims des Kamins gelehnt war⸗ tete der Prieſter. Die Portiéren theilten ſich und René Mondélion trat ein. Er war als Bauer gekleidet, ſein Schnurr⸗ bart war abgeſchnitten und die Stoppeln eines mehrere Wochen alten Vollbartes umgaben borſtig abſtehend ſein braungebranntes, abgemagertes Geſicht. Er warf einen raſchen verächtlichen Blick auf den Prieſter, dann wandte er ſich an Léonie. „Ich habe Ihnen eine traurige Botſchaft zu brin⸗ gen, Madame.“ In den Augen des Prieſters leuchtete es. Léonie's Geſicht war unbeweglich, nur ihre großen Augen hafteten mit geiſterhafter Schärfe auf dem Freunde des Geliebten. „Ich weiß es!“ ſagte ſie dumpf.„Alfred iſt todt!“ Mondelion ſenkte das Haupt. —— 1 35 „Todt!“ wiederholte er leiſe.„Er ſtarb mit Ihrem Namen auf den Lippen, Madame, nachdem er ſich mit einer Kaltblütigkeit ſondergleichen dem feindlichen Feuer ausgeſetzt. Faſt möchte ich glauben, er habe den Tod geſucht, als er ringum Alles untergehen ſah, was er hochgehalten hatte.“ „Und was ſagte er von mir?“ fragte Léonie mit monotoner Stimme. „Madame!“ ſagte Mondelion etwas verlegen, „der Tod iſt etwas zu Ernſtes, als daß eine galante Unwahrheit neben ihm beſtehen könnte. Sein letzter Gedanke galt Ihnen, obwohl er vorher gezweifelt hatte, daß Sie ihm in die Einſamkeit der Gefangenſchaft ge⸗ folgt wären.“ „Er hatte Unrecht, ich wäre ihm gefolgt.“ Nur Léonie's Augen lebten, als ſie das ſagte, ſie flammten auf mit ſolch unergründlichem Schmerz, daß Mondolion den Blick verlegen zu Boden ſenkte. „Der Graf theilte mir ferner mit, daß er Sie zur Erbin ſeines ganzen Vermögens eingeſetzt habe, Madame.“ Kein Zug in Léonie Lebrun's Geſicht bewegte ſich. „Er hat es der Kirche vermacht. Wir wollen für das Heil ſeiner Seele beten, frommer Vater!“ „Wir wollen beten!“ wiederholte der Prieſter mit 3* 36 tiefer Stimme und ſenkte das Haupt und faltete die Hände. Mondeélion lächelte bitter. „Mein Auftrag iſt zu Ende, Madam. Ich habe den Wunſch meines ſterbenden Freundes erfüllt. Mein erſter Gang, nachdem es mir gelungen, zwiſchen den feindlichen Colonnen hindurch nach Paris zu gelangen, war zu Ihnen, Madame. Es iſt nicht an mir, darüber zu wachen, wie Sie das Vermächtniß meines todten Freundes ehren, der Sie ſo ſehr geliebt hat. Geſtatten Sie mir, daß ich in die Arme von Weib und Mutter eile!“ Léonie Lebrun ſchaute vor ſich hin, als vernehme ſie blos den Klang dieſer Worte, ohne ihren Sinn zu verſtehen. Dann ſtreckte ſie die Hand aus. „Ich danke Ihnen, Mondélion!? Zögernd ergriff Mondélion die dargebotene Hand. Sie war unheimlich kalt wie die einer Todten. Auch Léonie's Geſicht hatte etwas Starres, Maskenähnliches. Mondélion ging, ohne den Prieſter eines Blickes zu würdigen. Abbé Guerin ſah ihm mit einem Blick unauslöſchlichen Haſſes nach. Nachdem die Portièren hinter Mondeélion herab⸗ gefallen waren, wandte ſich Léonie nach dem Prieſter um. „Wir wollen beten!“ Drittes Kapitel. Die Rückkehr. Der Baron in der Blouſe verließ das Haus der frommen Courtiſane und ging langſam in der Rich— tung nach der Rue du Faubourg St.⸗Honoré. Eine unendliche Bangigkeit ſchnürte ihm das Herz zuſammen. So war ihm nie zu Muthe geweſen auf der ganzen Reiſe voll gefährlicher Abenteuer, die er hinter ſich hatte. Der Gedanke, in die Arme ſeiner Mutter, an die Bruſt ſeines Weibes zu eilen, das ihm ſo unendlich theuer geworden war die flüchtigen Minuten, da er es be⸗ ſeſſen, hatte ihn zu den letzten Anſtrengungen geſpornt, wenn er vor Hunger und Müdigkeit ermattet hatte niederſinken wollen, hatte ihn die Kunſt der Verſtellung gelehrt, wenn er von feindlichen Poſten gefangen ge⸗ nommen und mit der Mündung eines Revolvers an —— — — — ——— — — — 38 der Stirn inquirirt wurde, hatte ſeine Sohlen leicht gemacht und den Athem der pochenden Bruſt un⸗ hörbar, wenn er im Gebüſch dicht an den lauſchen⸗ den Feinden vorüberſchlich. Glühend tobte durch ſeine Adern der eine Wunſch, noch einmal in ſeliger Selbſt⸗ vergeſſenheit an dem Herzen des Weibes zu ruhen, das edel und anbetungswürdig blieb ſelbſt in der Liebesraſerei, der ſie ſich ſchrankenlos überließ; mochte dann kommen, was wollte, Tod und Verderben hatten keine Schrecken mehr, wenn ſie ihn noch einmal ge⸗ küßt hatte. Er kam an einen Strom; von dem Dorf an deſſen Ufern ragten nur noch geſchwärzte Mauern zum Himmel empor, die Wogen rollten über die zer⸗ ſtörten Pfeiler der Brücke. René Mondelion ſtürzte ſich in die reißende Strömung und theilte ſie mit kräftigen Armen. Als er am zerklüfteten Rand des andern Ufers emporklomm, ſprangen wilde bewaff⸗ nete Geſtalten rings aus den Büſchen und fünfzig Gewehre zugleich richteten ſich gegen ihn. 1 Mondelion hatte keine Furcht, er mußte ja ſein Weib noch einmal umarmen. „Es lebe Frankreich!“ ſagte er und die Flinten ſenkten ſich. Von den Franctireurs erfuhr er, daß die Gegend vor ihnen dicht bedeckt ſei von den feind⸗ lichen Colonnen. Ulanen ſchwärmten bis dicht an —— 1 39 das Ufer, hatten die Brücke geſprengt und das Dorf, aus dem auf ſie geſchoſſen worden war, zerſtört. Es war unmöglich durchzukommen, darin ſtimmten die verwegenen Bauern, die ſich an der Uferböſchung ver⸗ borgen hielten, überein. René Mondeélion blieb. Seine Kleider waren naß und ſeine Zähne klapperten vor Froſt unter dem kalten Nachtwind, der über den Strom ſtrich. Er erkrankte nicht, er wußte, daß er nicht krank werden durfte— um ſeines Weibes willen. Endlich war die Gegend wieder frei, Mondélion nahm Abſchied von ſeinen raſchgewonnenen Freunden. Er war auch ohne Geld. Geld hätte ihn ver⸗ dächtig machen können bei den Feinden, denen er in die Hand fiel. Er hatte ſeine Börſe und ihren In⸗ halt dem Bauer gegeben, der ſeine glänzende Uni⸗ form für Blouſe, Leinwandhoſen und ein paar plumpe Stiefel eingetauſcht und vergraben hatte. Den Schecken hatte Mondelion ſchon vorher erſtochen, als ihm die erſte Ulanenpatrouille auf den Ferſen war. Der Schecke kam in dem dichten Unterholz des Waldes nicht fort, in den der Baron geflüchtet war. Er ſollte we⸗ nigſtens keinen Feind in die wankenden Colonnen Frankreichs tragen. Der ſpärliche Mundvorrath, den die Franctireurs ihm mit auf den Weg gegeben, war aufgezehrt. Die ——————— —————; —— — — —— — 40 Bauerhöfe waren verlaſſen oder ihre Beſitzer hatten das Wenige, was ſie beſaßen, verborgen und ſahen aus hohlen, vom Schreck verwirrten Augen Jeden als Feind an, welcher ſich ihren einſamen Wohnſtätten näherte. Sechs⸗ unddreißig Stunden lang hatte der Baron Hunger und Ermüdung niedergekämpft.„Habt Erbarmen, Mann, ich möchte mein Weib wiederſehen!“ ſtöhnte er, und der verwilderte Bauer reichte ihm ein Stück Brod und gab ihm die noch halbgefüllte Feldflaſche eines todten Soldaten. Mondeélion ſchlug wie ein wildes Thier die Zähne in das Brod und das Weib des Bauers mußte ihm die Flaſche vom Mund reißen, ſonſt hätte er ſie ausgetrunken. Das Weib ſchrie, daß der Branntwein gefallener Soldaten die Milch ihrer Kinder ſei. Mondélion wankte fort. Endlich traf er eine größere Pariſer Abtheilung, die ſich auf Recognoscirung befand. Man gab ihm zu eſſen und nahm ihn auf einem Ambulancekarren mit. Die Mobilgarden, denen ſich Mondeélion angeſchloſſen, hatten ein Gefecht mit feindlichen Vorpoſten und eine Kugel traf das Pferd, das die Ambulance zog. Aber man war ſchon nahe an Paris. Mondélion weinte, als er die Barrière überſchritt. Dann erinnerte er ſich des Freundes, der an ſeiner Seite gefallen war. Taumelnd ſuchte er die Wohnung Léonie's. Mit ſeinem Zorn, 441 als er den Prieſter ſah, erwachte auch wieder ſeine Kraft und das volle Bewußtſein der Gegenwart. Und jetzt, als er zu Weib und Mutter wollte, ging er langſam, und eine Bangigkeit wie die Ahnung eines großen Unglücks ſchnürte ihm Herz und Lun⸗ gen zuſammen. Es war ein Sonntag. Die Leute, die da herumwandelten, waren feſttäglich geputzt; Monſieur plauderte ſo klug und weiſe, als gelte es eine neue Löſung der orientaliſchen Frage zu finden, und Madame ſpreizte ſich an ſeinem Arm in der Siegesgewißheit ihrer Reize. Die Cafés waren mit Menſchen überfüllt. In den Champs Elyſées ſprangen die Kinder jubelnd über den ſtaubigen Raſen und ihre Wärterinnen tauſchten kokette Blicke aus mit den Soldaten, welche, grüne „Reiſer in den Mündungen ihrer Gewehre, vorüber⸗ marſchirten. Es waren Moblots in ihren bunten Uni⸗ formen und Nationalgarde in ihrem düſtern Blau, wie ſie Mondeélion in dieſer Anzahl noch nicht beiſammen geſehen. Paris war heiter, lächelnd. Auf dem Eintrachtsplatz vor den Tuilerien, welche ausſahen wie immer, befand ſich eine Statue, die Mondélion noch nicht kannte. Eine große Menſchen⸗ menge hatte ſich dort verſammelt, und Weiber mit fließenden Thränen und bunten Gewändern legten —q — ——— — — — — 1 42 Blumenkränze vor dem Bilde nieder. Es war das Standbild der Stadt Straßburg, wie ein Bürger Mondélion belehrte. Straßburg war gefallen, aber Niemand bezweifelte, daß es binnen acht Tagen wieder⸗ genommen ſein werde. Man gab ſich gegenſeitig die allerbeſtimmteſte Verſicherung, daß der Fall Straßburgs das Unglück der Feinde ſei, denn jetzt erſt werde Frankreich erwachen und furchtbar ſein. Eine Ab⸗ theilung Mobilgarde marſchirte vorüber, ſchwenkte die Käppis und ſtieß dreimal einen Ruf der Rache aus. Die Bürger nickten ſich zu, als erfülle ſich bereits, was ſie geſagt. Am Fuß der Statue ſtand Pere Roberto. Seine Augen rollten wahnſinniger als je und ſeine Stimme klang weit über den Platz. „Bürger! Nur die Freiheit kann Euch retten, nur die Armee mit den ſchwieligen Fäuſten und den bloßen Armen, nur durch das Volk kann Frankreich von der Invaſion erlöſt werden. Erinnert Euch der Grundſätze des Jahres neunundachtzig! Erhebt das rothe Banner, nieder mit der Tricolore! Der Zorn des Volkes iſt entfeſſelt, nieder mit der proviſoriſchen Regierung! Es lebe die rothe Fahne!“ Der Baron in der Blouſe drängte ſich an die. Seite des Zeitungsmannes und ſchüttelte ihn am Arm „Die Feinde ſtehen kaum drei Meilen von den Forts und Ihr predigt den Bürgerkrieg!“ Pere Roberto nickte. „Eben darum!“ flüſterte er mit einer unheimlichen Miſchung von Sinn und Wahnſinn.„Eben darum! Alles Gute vollzieht ſich nur in Zeiten der großen Noth. Es lebe das Elend!“ Eine Hand mit untadelhaften weißen Handſchuhen legte ſich auf des Barons Schulter und eine affectirte Stimme näſelte: „Beruhigt Euch, Freund! Ihr kennt Paris nicht. Je näher die Feinde kommen, deſto ſicherer iſt ihr Ver⸗ derben. Paris iſt ſchrecklich in ſeinem Zorn. Wir werden ſiegen oder ſterben.“ Der Baron in der Blouſe ließ einen verächtlichen Blick an der Geſtalt des geſchniegelten Bürſchleins hinabgleiten, welcher wohl geſtern noch hinter dem Ladentiſch von ſeines Vaters Modemagazin der Demi⸗ monde zugelächelt und heute die nagelneue Uniform eines Mobilgardenoffiziers vor ſeinen zahlreichen Ver⸗ ehrerinnen ſpazieren trug. Ein behäbiger Bürger drängte ſich an den jungen Helden und ſchüttelte ihm mit der ſichtbarſten Erregung die Hand. „Ihr habt Recht, mein Offizier! Wir werden ——— — — —õõõÿ õõmõ⅓ 44 ſiegen oder ſterben. Ich ſtehe ſeit geſtern beim ſechsund⸗ dreißigſten Bataillon der Nationalgarde, habe aber lei⸗ der meine Uniform noch nicht. Das ganze Bataillon hat einen Pact mit dem Tode geſchloſſen— ich auch! Man kommt nicht ſo nach Paris herein.“ Und die Beiden ſchüttelten ſich die Hände und Je⸗ der drängte ſich an ſie, um auch ſeinerſeits den bei⸗ den Tapfern die Hand zu drücken. Mondélion wendete ihnen verächtlich den Rücken und ſetzte ſeinen Weg fort. Sein Geſicht heiterte ſich wieder etwas auf. Unter den grünen Bäumen des Tuileriengartens brannten die Lagerfeuer, wieherten die Pferde, ſchimmerten die Zelte der Soldaten. Es war ein Artilleriepark, der dort campirte. Vom In⸗ duſtriepalaſt wehte die weiße Flagge mit dem rothen Kreuz. Der Schall ferner Kanonenſchläge rollte dumpf über die Stadt hin. Mondélion erhob den Kopf und ſeine Bruſt holte weit und tief Athem. Dann ging er mit raſchen, elaſtiſchen Schritten nach ſeiner Wohnung. Hätte der Baron einen Monat früher in ſeinem gegenwärtigen Coſtüm es gewagt, die Glocke ſeines eigenen Hotels zu ziehen, ſo hätte Vingris ohne Zwei⸗ fel, bevor er öffnete, in allen Winkeln ſeiner Loge nach — ———— — —-———— 45 dem langen Stocke geſucht, mit dem er den Staub aus den endloſen Flügeln ſeines Livreerockes zu klopfen pflegte. Vingris hatte jedoch in letzter Zeit ſo Vieles erfahren. So Vieles, was er für unumſtößlich gehalten hatte, war von ſeinem eigenen Herrn miß⸗ achtend unter die Füße getreten worden, während der allerletzten Tage mußte er es ſogar erleben, daß ganz gemeine ſchweiß⸗ und ſtaubbedeckte Soldaten ihren dröhnenden Taktſchritt über die Schwelle des von ihm gehüteten Hauſes ſetzten, wo ſie einquartiert worden waren. Noch mehr, ſowohl die alte als die junge Baronin waren den uniformirten Bauern bis in den Hof entgegengegangen und hatten ihnen eigenhändig Erquickungen geboten und hatten mit den Soldaten geplaudert, ſie, die ſelbſt an ihm vorübergingen, als ſei er nur ein nothwendiges Anhängſel des Thores, das er ihnen zu öffnen pflegte. Vingris mußte es mit anſehen, daß eine ganze Compagnie von den untern Räumlichkeiten des Hotels Beſitz nahm, durch die ſonſt ſo ſtillen Räume ſchallte das Raſſeln der Trommel, tönte der Lärm der Soldaten. Selbſt ſein eigenſtes Amt wurde in Frage geſtellt durch einen Poſten unter dem Gewehr, der ſich in ſeine Functionen theilte und Tag und Nacht im gleichmäßigen Taktſchritt vor dem Fenſter auf und ab marſchirte. Von zwei zu zwei 46 Stunden des Nachts wurde Vingris aus dem Schlum⸗ mer aufgeſchreckt durch die Ablöſung, und um das Maß ſeiner Leiden voll zu machen, war ihm befohlen wor⸗ den, das Thor, welches durch den Soldaten hinlänglich bewacht ſei, des Nachts nie mehr zu ſchließen. Noch niemäls in ſeinem bisherigen Leben hatte Vingris da⸗ ran gezweifelt, daß er ein ſehr nothwendiges, ja un⸗ entbehrliches Glied der menſchlichen Geſellſchaft ſei, jetzt aber trat mit jedem Schritt der Schildwache vor ſei⸗ nem Fenſter, mit jedem Klirren der Muskete die düſtere Frage vor ihn hin: Wofür biſt Du noch hier, Winkelried Stierliſtecher? Dieſe düſtere Stimmung erreichte ihren höchſten Grad, als er erfuhr, daß es ſeine Herrſchaft ſelbſt ge⸗ weſen war, welche ihr Hotel, das einen ſtrategiſch wichtigen Punkt bezeichnete, der Militärbehörde zur Verfügung geſtellt und die Einquartierung verlangt hatte. Das war ein direct gegen ſeine Würde ge⸗ richteter Schlag und Vingris ſuchte ſeinem Schmerz über dieſe Zurückſetzung Ausdruck zu geben. Aber ſo ver⸗ zweifelt die Leichenbittermiene ſein mochte, mit der er ſich, ſobald die Damen ausfuhren oder kamen, am Thore aufſtellte, wo er eigentlich nicht im geringſten nöthig war, man bemerkte ihn nicht einmal. Das war zu viel. Alles, was an Galle in ihm ſteckte, regte ſich, 8 — — 47 er fing Streit mit den Soldaten an, ſodaß Thätlich⸗ keiten blos durch das Dazwiſchentreten der Offiziere verhindert wurden. Die Baroninnen, denen der Vor⸗ fall gemeldet wurde, ließen Vingris mit augenblicklicher Entlaſſung drohen. Seit dieſer Zeit verließ Vingris nur ſelten noch ſeine Loge, ſelbſt dann nicht, wenn die Baroninnen ausfuhren oder zurückkamen. Er zog dann einfach die Glocke der Dienerſchaft und überließ alles Uebrige der bewaffneten Macht, die er von Tag zu Tag ingrimmiger haßte. Vingris hoffte, daß die Baroninnen ihn wegen ſeines Nichterſcheinens am Thor zur Rechenſchaft ziehen würden, er wollte ihnen dann die ganze Flut von Anklagen gegen die bewaffneten Eindringlinge entgegenſchleudern, die ihn ſogar hörbar verhöhnten. Louiſon und die Baronin kamen jedoch nicht mehr an ſeiner Loge vorüber. Unter der Diener⸗ ſchaft hieß es, die alte Baronin ſei krank. Die beiden Frauen waren ſeit der Schlacht von Speicheren ohne Nachricht von René6. Der Baron hatte damals ſehr düſter geſchrieben. Bisher, wie halb Frankreich, in der Meinung, eine Regierung, welche alljährlich eine neue militäriſche Errungenſchaft durch die Welt poſaunte, werde wenigſtens in dem Fache etwas geleiſtet haben, durch deſſen Bevorzugung alle übrigen Zweige des öffentlichen Lebens litten, überſah René ſchon wenige 48 Wochen nach dem Ausmarſch die ganze troſtloſe Zer— fahrenheit des franzöſiſchen Militärweſens und ſagte prophetiſch voraus, daß der Krieg zu keinem glücklichen Ende führen könne. „Blos durch die überlegene Strategie des Feindes“, ſchrieb er nach der Erſtürmung der Höhen von Spei⸗ cheren,„waren wir genöthigt, eine faſt uneinnehmbare Stellung zu räumen. Uns Andern bleibt angeſichts ſolcher Thatſachen nichts übrig, als auf dem Poſten, wohin man uns ſtellt, auszuharren und zu fallen.“ Zugleich meldete Mondélion ſeine Verſetzung in den Generalſtab. Die alte Baronin, welche um Jahrzehnte jünger geworden ſchien unter dem allgemeinen Enthuſiasmus, ſchaute lange auf dieſe Zeilen, als zweifle ſie an der Echtheit derſelben. Sie wollte nicht an das glauben, was ihr Sohn ſchrieb; er hatte eins vergeſſen bei ſeiner düſtern Prophetie, den franzöſiſchen Geiſt, die Tapferkeit der franzöſiſchen Soldaten, durch welche alle Folgen ſchlechter Führung ſicherlich bald wieder ausgeglichen wurden. Sie zürnte ihrem Sohne faſt, daß ihm ein einziger Mißerfolg ſo raſch den Muth benahm; auch die Nachricht von der Niederlage von Wörth erſchien ihr als nichts weiter als ein dringen⸗ des Gebot, den geſchickten Feind nun mit mächtiger 49 Fauſt niederzuwerfen. Sie ſchrieb in dieſem Sinne an ihren Sohn, als ob es in ſeiner Macht läge, allein den franzöſiſchen Heldengeiſt emporzurütteln, der nach der Anſicht der Matrone nur eingeſchlummert war, aber in kurzer Friſt ſchrecklich für die Fremden wieder er⸗ wachen mußte. René Mondélion hatte den Brief nie⸗ mals erhalten. Die Feldpoſt, die ihn mit ſich führte, war nie an ihre Beſtimmung gelangt. Aber die Zeit, welche ihre Aufgabe Schlag auf Schlag erfüllte, gab der Baronin ſtatt ihres Sohnes Antwort. Keines Wortes mächtig ſaß die Matrone bei der Nachricht, daß bei Sedan eine Armee und ein Kaiſer ſich gefangen gegeben. Sie ſprach nicht von René, nicht von ſeinem muthmaßlichen Schickſal. Es erſchien ihr wie ein Spott, angeſichts des allgemeinen Unglücks nach dem Looſe eines Einzelweſens, und war es auch das theuerſte, zu fragen. Louiſon beugte ſich zu ihr nieder. Ihre Wangen waren bleich, aber ihre Blicke leuchteten. „Er lebt!“ flüſterte ſie und legte die Hand ans Herz.„Ich fühle es hier innen, daß er lebt!“ Die Matrone ſah ihre Tochter faſt zornig an. Und Louiſon kam es vor, als ſei ihre Schwiegermutter plötz⸗ lich achtzig Jahre alt und eine ſchwache, hinfällige Greiſin v. Schlägel, Der rothe Faſching. I. 4 50 geworden. Am andern Morgen blieb die alte Baronin zu Bette. Sie klagte nicht, keine Thräne rann über ihr verſteinertes Antlitz, ihre Augen waren trüb und glanz⸗ los und ſchauten unverwandt nach dem Bilde ihres Vaters. Jean Jaccard ſtand neben ihrem Lager und wagte die Augen nicht zu dem ſtrengen Blick der Ma⸗ trone zu erheben. Es war ihm, als ſei auch er mit ſchuld an dem Unglück, das der alten Frau das Herz brach. „Eine plötzliche allgemeine Entkräftung!“ ſagte er leiſe zu Louiſon. Die Kranke entzog ihm raſch die Hand und lächelte bitter. So blieb es bis zur Ankunft des Barons. Vingris hatte den Mann in der Blouſe durch das Thor ſchreiten ſehen, war aber, wie in letzter Zeit im⸗ mer, in ſeiner Loge geblieben. Erſt als ſich der Ba⸗ ron verwundert das militäriſche Treiben im Hofe an⸗ ſah und die aufgeſtellte Schildwache Miene machte, ihn wegzuweiſen, hielt es Vingris an der Zeit, ſich einzu⸗ miſchen. Mit langen, würdevollen Schritten kam der Por⸗ tier aus der Loge hervor und fragte den Bauer, was er wolle. Zu Vingris' höchſtem Staunen ſtreckte der Mann in der Blouſe die Hand aus —ÿ— — —— 51 3 Vingris ſah hin, ſah nochmals hin und fiel dann ſchluchzend auf die Kniee, die Hand ſeines Herrn im⸗ mer wieder an die Lippen drückend. Gerührt von dieſer Anhänglichkeit machte ſich der Baron los und eilte die Treppen hinan. Im Vor⸗ zimmer traf er ſeinen Schwager, der ihn ſogleich er⸗ kannte und ihm mit herzlicher Freude die Hand drückte. „Und Louiſon? Und meine Mutter?“ fragte der Baron. „Louiſon erwartet Dich ſeit lange. Sie behauptete zu fühlen, daß Du auf dem Wege zu ihr ſeieſt. Deine Mutter iſt krank.“ „Was fehlt ihr?“ „Ihre Leiden ſind mehr moraliſcher als körper⸗ licher Art. Die Zeitereigniſſe hielten ſie in einer ſolch ſieberhaften Spannung, daß ein Rückſchlag erfolgen mußte. Kein Arzt vermag das raſche Schwinden ihrer Kräfte aufzuhalten. Doch hoffe ich Alles von Deiner Ankunft.“ „Arme Mutter! O ich habe mich nicht in Dir getäuſcht, Jean! Ich danke Dir für den Beiſtand, den Du ihr geleiſtet.“ „Wie geſagt, ich konnte wenig nützen. Auch ſcheint mich Deine Mutter ſeit dem Unſtern von Sedan mit 4* 52 Mißtraueu zu betrachten. Offenbar ſieht ſie in mir den Repräſentanten eines der EClemente, welche das Kaiſerreich oder, wie ſie ſagt, das Vaterland zu Fall gebracht haben. „Und hat ſie darin Recht?“ ſagte René Mondélion ernſt. „Gewiß! Zum Theil! Das Uebrige thaten Andere.“ „Es ſei abgethan! Weil das Schlechte ge⸗ ſtürzt iſt, wollen wir nicht fragen, wie viel Gutes mit⸗ gefallen ſei. Aber jetzt ſind wir einig. Ihr habt die Republik, die Ihr wollt. Der Feind ſteht vor den Tho⸗ ren von Paris. Jetzt gibt es nur ein Ziel, eine Par⸗ tei. Du ſchweigſt?“ In der That ſah Jean Jaccard verlegen, zu Bo⸗ den, als ob ihm das Geſpräch läſtig ſei. „Allerdings, Paris rüſtet; in meinem Quartier ſind ſie ſogar auf die ſonderbare Idee gekommen, mich zum Commandanten eines Bataillons Nationalgarde zu wählen.“ „Ich wußte es“, jubelte Mondélion,„auch Du würdeſt im rechten Augenblick erwachen, wie ganz Frankreich. Der Krieg beginnt erſt— das Volk ſteht auf.“ Faſt ängſtlich wehrte Jean Jaccard des Schwa⸗ gers ſtürmiſche Umarmung ab. — ———— — 53 „Louiſon erwartet Dich! Noch gibt es ja ſo Vieles, was uns trennt; oſfenttich wendet ſich Alles zum Guten.“ Mondélion hörte die letzten Worte nicht mehr. Er trat bereits in das Krankenzimmer ſeiner Mutter. Louiſon ſtand über das Bett der Matrone gebeugt und lauſchte bewegungslos den raſchen Athemzügen ihres unruhigen Schlummers. Bei Mondélion's Eintritt wandte ſie ſich um. Dann ging ſie René, der in der Mitte des Zimmers ſtehen geblieben war, raſch entgegen. Wortlos hielten ſich die beiden Gatten eine Weile umſchlungen. René brach zuerſt das Schweigen. „Du haſt mich erwartet“, ſagt man mir,„Du wußteſt, daß ich wiederkommen würde.“ „Gewiß“, flüſterte Louiſon.„Mir war gar nicht, als ob Du weit von hier und in ſteter Lebensgefahr ſeieſt. Mir war immer, als fühlte ich Deine Nähe, als brauchte ich Dich nur recht ſehnlich herbeizuwün⸗ ſchen, daß Du kämſt.“ „Der Gedanke an Dich verließ auch mich keinen Augenblick“, ſagte Mondélion ernſt.„Manchmal mitten im Getümmel der Schlacht, in der unheimlich einſamen Nacht, wenn man jeden Augenblick durch Alarmruf 54 emporgeſchreckt zu werden fürchtet, oft war mir da, als habe eine ſolche Liebe, wie ich ſie fühlte, Macht über alle Trennung und als müßteſt Du mich hören, wenn ich Deinen Namen nannte.“ „René!“ Es war die Stimme ſeiner Mutter, die erwacht war und ihren Sohn zu ſich rief. Er kniete neben ihrem Lager nieder. Mit un⸗ ſtäten Händen betaſtete die alte Frau ſeinen Kopf und ſeine Schultern. „Da biſt Du ja!“ ſagte die Baronin mit ſchwacher Stimme.„Sie ſagten immer, Du würdeſt bald kommen. Ich glaubte nicht recht daran. Ich dachte mir, Niemand, der ein Herz im Leibe hat, könne dieſe Schmach überleben.“ „Mutter!“ „Verzeih' mir! Verzeih' mir! Ich bin ungerecht. Man kann ja nicht immer gleich ſterben, wenn man will. Ich weiß es. Sonſt wäre ich gewiß geſtorben, als ich es hörte. Sind die Preußen ſchon in Paris? Mein Vater ſah ſie ſchon einmal einziehen und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen und ſeine Stimme zitterte, wenn er uns Kindern davon ſprach. Sind ſie ſchon da, René? Biſt Du vielleicht ihr Gefangener? Sprich! Man will mir hier gewiß alles das verbergen. —— und Mutter.“ 1 55 Schon vor einer Woche ſagte man, daß ſie auf Paris marſchiren; ſie müſſen ſchon längſt da ſein. Sie ſind gewiß ſchon da, man will es mir blos nicht ſagen.“ „Sei ruhig, Mutter! Es iſt wahr, die Feinde ſtehen vor unſern Mauern und ſchließen immer feſter um uns den eiſernen Gürtel, der uns erwürgen ſoll. Aber Paris hat geſchworen, ſich eher unter ſeinem eigenen Schutt zu begraben, als den Feind durch ſeine Thore zu laſſen. Wer eine Muskete tragen kann, bewaffnet ſich, Mutter. Schon haben wir eine Armee in unſern Mauern, ſtärker als die des Kaiſerreichs. Ihr Kern iſt gut und ich habe alle Hoffnung, Mutter—“ Die Matrone athmete tief auf. „Man ſagte mir ſchon Aehnliches, aber ich glaubte nicht daran. Es iſt wunderbar— jetzt glaube ich es.“ „Und begreifen Sie jetzt auch, daß Ihr Sohn nicht zu früh ſterben durfte, Mutter?“ Die alte Frau ſchlang ihre zitternden Arme um den Hals des Sohnes. „Verzeih', verzeih'! Ich war recht häßlich. Aber der Schlag war zu hart. Ich hatte faſt das Gefühl für Liebe und Haß zugleich verloren. Ja, Du mußt noch Großes vollbringen, René, Ihr alle werdet Wun⸗ der thun, denn Ihr vertheidigt Euer Haus und Weib 56 Die Augen der Matrone ſchloſſen ſich müde und ihr Haupt ſank auf die Kiſſen. Sie ſchlummerte. Ihr Athem klang ruhiger und kräftiger als vorher. „Mein Weib!“ wiederholte Mondélion, indem er Louiſon an ſich zog.„Mein Weib, ja, ich will freudig mein Herzblut dafür hingeben, daß kein frecher Blick des Feindes zu Dir dringen ſoll. Und Du? Wir ſtehen vor einer ſchweren Zeit. Selbſt Dein Bruder läßt ſeine finſtere Grübelei hinter ſich und greift zu den Waffen gegen den gemeinſamen Feind. Alles iſt einig, willſt auch Du treu zu mir ſtehen, was auch kommen mag, Louiſon?“ „Ich will es.“ Lange in ſchweigender Umarmung ſtanden die Wiedervereinigten nehen der ſchlummernden Kranken. Die Soldaten im Hofe wechſelten die Wachen, ihre Rufe tönten, ihre Waffen klirrten, René und Louiſon hörten es nicht. Ein Bataillon Mobilgarde zog mit klingendem Spiele vorüber. Die Klänge der kriege⸗ riſchen Muſik drangen in das einſame Krankenzimmer. Still in einander und in ihr Glück verſunken, ver⸗ nahmen die Gatten nichts davon. Ihre Sinne hatten ſich gegen die Außenwelt geſchloſſen und ihre mit vollen Schlägen an einander pochenden Herzen feie“ ernſt und freudig die Weiheſtunde eines Lebens. — Viertes Kapitel. An der Hölleubarrisdre. Die Barrière de l'Enfer gehörte im Frieden zu den weniger beſuchten Ausgangspunkten von Paris. Kein berühmter Vergnügungsort liegt in der Nähe, ſelbſt die Gürtelbahn reicht nicht bis hierher, ſondern durchſchneidet weiter ſtadteinwärts die Vorſtadt. Auch ſtrategiſch war die Barrière de’'Enfer keine wichtige Poſition. Jenſeits der Wälle lagen nur einige Dör⸗ fer, welche zur Friedenszeit Paris mit Gemüſe ver⸗ ſorgten, jetzt aber zum Theil verlaſſen, zum Theil we⸗ gen ihres Widerſtandes gegen einzelne Patrouillen ein⸗ geäſchert worden waren. 9 Man hatte die Barrière de l'Enfer daher mit einer Compagnie Nationalgarde beſetzt, welche für ſehr 58 unzuverläſſig galt, aus den zweifelhafteſten Elementen zuſammengeſetzt war und ſich durch chroniſche Trunken⸗ heit und die unſauberſten Exceſſe an jedem andern Platze unmöglich gemacht hatte. Um ſie aus der Stadt zu entfernen und zugleich möglichſt ungefährlich zu be⸗ ſchäftigen, hatte man die Compagnie auf dieſen ver⸗ einſamten Poſten commandirt, ihr einige verlaſſene Häuſer eingeräumt und überließ ſie hier, wo ſie durch ein Fort und drei Redouten vor jeder ernſtern Auf⸗ zabe ſicher geſtellt war, ihrem eigenen Schickſal. In der That ſchienen ſich die verbrannten Köpfe, wie die franzöſiſchen Soldaten ihre excentriſchen und zweideutigen Kameraden von der Barrière de OEnfer zu bezeichnen pflegten, in ihrer Einſamkeit ganz zu ge⸗ fallen. Einzelne Abtheilungen dehnten ihre Requiſi⸗ tionen bis in die benachbarten Dörfer aus und die⸗ ſelben waren ſelten erfolglos. Auch die der Com⸗ pagnie eingeräumten Häuſer an der Umwallung füllten ſich allmälig mit Allem, was den verbrannten Köpfen für ihre Bequemlichkeit unumgänglich nothwendig er⸗ ſcheinen mochte. Die Wohnung des Commandanten zeigte ſogar einen Luxus, der die Vermuthung nahe legte, daß die Vertheidiger der Höllenbarrière ihre kühnen Streifzüge bis in das eine oder andere nahe⸗ gelegene Landhaus ausgedehnt hatten. —,j— 59 Die Militärbehörden waren einigermaßen ſogar zufrieden, eine Art Strafcompagnie auf einem iſolirten und zugleich unwichtigen Punkte zu be⸗ ſitzen, der ſie alle unbrauchbaren Subjecte, welche ſich in den disciplinirten Corps unmöglich gemacht hatten, ohne daß ihre Vergehen ſich gerade für die Aburthei⸗ lung vor dem Kriegsgerichte eigneten, zuweiſen konnten. So kam es, daß an der Höllenbarrière allmälig der Ausbund von all dem zuſammenſtrömte, was die beſſern Elemente und die lockere Disciplin der Na⸗ tionalgarden ausſtießen. Die Uniformirung der plötzlich geſchaffenen Truppentheile in der umſchloſſenen Stadt ging natürlich ſehr langſam vor ſich. Die meiſten Regimenter der Nationalgarde hatten blos Käppis und Waffen. Die Wache an der Barrière de l'Enfer hatte aber in ihrer großen Mehrzahl nicht einmal die mili⸗ täriſche Kopfbedeckung. Uniformen hatten nicht einmal alle Offiziere und nicht einmal alle Unteroffiziere Käp⸗ pis. Die übrige Mannſchaft in Blouſe, Rock, Cylin⸗ der, Mütze, Fez und Beinkleidern von allen Farben unterſchied ſich nur vielleicht durch die übereinſtimmen⸗ dere Bewaffnung von den Pöbelhaufen, wie ſie noch vor wenigen Wochen in den geſetzgebenden Körper ge⸗ drungen waren und einen Thron geſtürzt hatten, wel⸗ cher Jahrzehnte lang für den mächtigſten Europas galt. 60 ''Enfer zu beſchäftigen, hatten ſie den Auftrag erhalten, hinter den Wällen den Eingang in die ſich nach drei Seiten verzweigenden Straßen durch eine möglichſt ſtarke Barrikade abzuſperren. Dieſer Befehl gab den tapfern Mitgliedern der ehrenwerthen Compagnie den erwünſchten Vorwand, Alles, was nicht niet⸗ und na⸗ gelfeſt war, aus den Häuſern im Umkreis einer Vier⸗ telſtunde zuſammenzutragen und zwar nicht den Ein⸗ gang nach der Stadt, wohl aber die von ihnen bewohnten Häuſer, vorzüglich die als Wohnung des Compagnie⸗ commandanten dienende Cantine auf die wirkſamſte Weiſe gegen jede unberufene Annäherung eines die Wälle inſpicirenden Offiziers ſicher zu ſtellen. Der Anblick, den der Platz an der Barrière de !'Enfer mit ſeinen Vertheidigern bot, mußte für Je⸗ dermann, der die Pariſer Nationalgarde und die von ihr übernommene Vertheidigung der Stadtwälle nur aus den Berichten des Gouverneurs von Paris kannte, etwas ungemein Ueberraſchendes haben. Derart ſchienen auch die Gefühle der Inſaſſen eines rieſigen engliſchen Reiſewagens zu ſein, als ſich die⸗ ſelben plötzlich von einem Dutzend bis an die Zähne bewaffneter Kerle umringt und angehalten ſahen, welche jedes militäriſche Abzeichen entbehrten und ihrer gan⸗ Um die verbrannten Köpfe an der Barrière de ——— 61 zen Erſcheinung nach auch in unbewaffnetem Zuſtande nicht beſonderes Zutrauen erweckt hätten. „O!“ rief mit einem unglaublich dummen Geſicht der einſtige Jockey Tom, indem er ängſtlich ſein geſun⸗ des Bein in die Höhe zog, nach welchem eben eine mächtige Fauſt gegriffen hatte, um es ſammt ſeinem Inhaber vom Bock herunterzuziehen. „O!“ rief ein zwirndünner Groom, deſſen kaum anderthalb Meter langer Körper in eine Uniform ge⸗ kleidet war, welche ausſah wie das jüngſt geborene Söhnchen von Tom's rieſigem Livreerock, und war mit einem Satz genau in der Mitte des gigantiſchen Kutſchendachs, auf derjenigen Stelle, die er für die unerreichbarſte hielt. „O ſagte Lord Watkins, und die beiden Spitzen ſeines rothen Cotelettbartes ſtarrten überraſcht über das halb offene Fenſter der Reiſekutſche, während der hohe graue Cylinderhut Mylords durch den Widerſtand des obern Fenſterrandes ſich in Falten legte, wie die Stirn eines Verzweifelnden. „O!“ kreiſchte Mylady Watkins und fuhr entſetzt zurück vor dem Branntweindunſt, der ihr aus dem Munde des Mannes entgegendampfte, der eben einen ſtruppigen Kopf und ein ſchwitzendes Geſicht in den Wa⸗ gen ſtreckte und ſie auf zwei Zoll Entfernung anſtierte. 62 Mylady retirirte immer weiter nach der Seite Mylords, immer weiter ſchob ſich der branntweinduf⸗ tende Kopf an einem faſt geſpenſterhaft langen Halſe in den Wagen. „O!“ rief Mylady in höchſter Seelenangſt.„My⸗ lord, was bedeutet das?“ Mylord hörte dieſe Worte und wollte ſich nach Mylady umwenden. Dieſe laſtete jedoch bereits ſo feſt an ſeinem Rücken, und auch der Cylinderhut war der Grenze ſeiner Compreſſionsfähigkeit ſo nahe, daß My⸗ lord mit der äußerſten Anſtrengung nicht zurückkonnte. Es blieb ihm alſo nichts übrig, als Mylady's Frage an Tom zu richten, der noch immer regungslos den Bock einnahm. „Tom, was bedeutet das?“ Tom zog auch ſein anderes Bein in die Höhe, daß ſeine Stellung auf ein Haar derjenigen glich, welche der Groom auf dem Kutſchendach einnahm, be⸗ ſchaute ſich dann den regneriſchen Octoberhimmel, an dem ein naßkalter Wind zerriſſene ſchwarze Wolken auf einem bleigrauen Nebelmeer dahinjagte, hierauf die Frieſe einiger Häuſer der Umgebung, dann die zer⸗ trümmerten Fenſter der obern Stockwerke, nach wel⸗ chen die mit dem Barrikadenbau beſchäftigten verbrann⸗ ten Köpfe in ihren ziemlich ununterbrochenen Muße⸗ 63 ſtunden um Gläſer Schnaps mit Kieſelſteinen um die Wette warfen. Sodann traf das erhobene Auge des Jockey⸗Invaliden auf die Bruſtwehr der Umwallung, von welcher der dort aufgeſtellte Poſten eben herabſtieg, um ſich ebenfalls die intereſſante Kutſche in der Nähe zu betrachten, die ſo ſehr das Intereſſe ſeiner Kame⸗ raden in Anſpruch nahm. Dann weilten Tom's Blicke eine Weile ſinnend auf dem Chaos der Kopfbedeckungen jeder Form und jeden Alters, von den Bajonetten und po⸗ lizeiwidrigen Geſichtern, welche ſich um ſeinen Bock dräng⸗ ten, und endlich wandte ſich ſeine breite Yorkſhirephy⸗ ſiognomie genau noch einmal ſo dumm als vorher zu ſeinem Herrn um und ſagte: „Mylord, wenn es Ihnen beliebt, ſo glaube ich, daß wir in die Hände der Preußen gefallen ſind. Ich dächte, wir machten uns auf das Aeußerſte gefaßt. Zum Unglück fällt mir vor Schrecken kein einziger Bibelvers ein, der auf die Umſtände paßt. Aber einen Pſalm will ich ſingen mit Ihrer Erlaubniß, Mylord!“ Und Tom verdrehte einigemal die Augen, zog die Beine noch höher, ſchnappte nach Luft und begann mit einer Stimme, ſchnarrend wie die Holzachſe eines nie geſchmierten Fuhrwerks, die erſten Töne. „Eſel!“ ſchrie der Lord. „Ich verſichere Euch, Bürger, es ſind Preußen, und 64 es iſt unſere patriotiſche Pflicht, ſie gefangen zu neh⸗ men“, ſagte Charles Bertholet, indem er ſeine Trom⸗ mel graziös mit der Linken nach hinten drückte, wäh⸗ rend er mit dem Schlägel ſeine Worte bekräftigte.„Ich will Euch das beweiſen, Bürger, obwohl ich es eigent⸗ lich nicht nöthig hätte, denn ich lebe lange genug in der großen Welt, um auch ohne Beweiſe zu wiſſen, was ein Preuße iſt oder nicht. Da es aber nicht von Jedermann verlangt werden kann, daß er ſeine Bil⸗ dung in den erſten Klaſſen der Geſellſchaft geholt hat, ſo will ich mich herablaſſen, Euch auch zu ſagen, wa⸗ rum die Herrſchaften, die wir die Ehre haben, hier feſtzuhalten, Preußen ſind. Alſo, aller Welt iſt be⸗ kannt, daß die Preußen rothe Haare und blaue Augen haben. Dieſer Herr hat nicht blos rothe Haare, ſon⸗ dern auch einen rothen Bart, ſeine Augen ſind nicht blos blau, ſondern ſogar hellgrau, alſo iſt er einer der gefährlichſten ſeiner Gattung. Kein Menſch hat noch beſtritten, Bürger, daß die Preußen auch Frauen ha⸗ ben wer nur immer die Bilderläden auf den Boule⸗ vards angeſehen hat, wird wiſſen, daß die deutſchen Frauen zwei lange blonde Zöpſe rechts und links auf die Schulter herabhängen haben, welche ſie Locken nennen, für ihren beſonderſten Reiz halten und täglich in Milchkaffee tauchen, um ihnen das bei den Germa⸗ 65 erhob ſeine Stimme.„Bürger, der Mann im Wagen hat eine Frau, alſo iſt er ein Preuße. Der Bürger Frédérie Navet dort auf der andern Seite des Wagens möge uns zur weitern Erhärtung der Thatſache mit⸗ theilen, ob auch dieſe preußiſche Frau lange kaffeeblonde Zöpfe hat.“ Das branntweinduftende Geſicht an dem langen Halſe, welches Mylady ſo ſehr erſchreckt, erſchien über dem Widerriſt der Wagenpferde un rief: „Sie hat nur noch einen, der andere iſt ihr vor Schrecken in den Schooß gefallen!“ „Könnt Ihr noch zweifeln, Bürger?“ rief Charles Bertholet.„Vor Schrecken verliert ſie einen der kaffee⸗ blonden Zöpfe. Was hat ſie zu erſchrecken, wenn ſie keine Preußin iſt?“ Die bisherige Beredtſamkeit Charles Bertholet's hatte ſeine mund⸗ und augenaufſperren de Umgebung mehr verwirrt als überzeugt. Seine directe Interpella⸗ tion des Frédéric Navet jedoch und vorzüglich ſeine letztes Argument brachten eine gewiſſe Senſation hervor. Ein Gemurmel entſtand, das ebenſo beifällig für Charles Bertholet als drohend für die Inſaſſen des Wagens war. Frédéric Navet's Kopf war inzwiſchen nochmals v. Schlägel, Der rothe Faſching. I. 5 nen ſo beliebte Blond zu erhalten.“ Charles Bertholet 66 in der Kutſche verſchwunden und kam nun wieder zum Vorſchein. „Beim Bauch des heiligen Bartolomäus!“ rief er. „Dieſe Deutſche hat einen noch längern Hals als ich.“ Aus Frédéric Navet's Stimme tönte neben aller Bewunderung für die Beſitzerin des außergewöhnlichen Halſes etwas wie Trauer, daß er fortan dem Ruhm entſagen müſſe, daß ſein Kopf auf dem längſten Halſe von Paris ſitze. Charles Bertholet hatte ſeine Trommel nach vorn gebracht und einigemal den Schlägel darauf fallen laſſen. Alles lauſchte. „Bürger! Helden!“ begann Charles wieder und unterdrückte mühſam das Lachen beim Anblick des grenzenloſen Erſtaunens, mit dem Mylord aus dem Wagenfenſter den Tambour der Nationalgarde be⸗ trachtete, der ihm ſo ſchlagend bewies, daß er ein Preuße ſei.„Wenn noch ein Zweifel Raum gewin⸗ nen könnte, unſer Freund und Mitkämpfer Navet hat ihn unmöglich gemacht. Jedermann weiß, daß Fré⸗ dérie Navet das Unglück hatte, von preußiſchen Aeltern geboren zu werden. Kein Menſch wird es beſtreiten, daß er als Erbtheil ſeiner verdammenswerthen Erzeuger den unförmlich langen preußiſchen Hals mit ſich her⸗ umtragen muß, von dem glaubwürdige Perſonen er⸗ 67 zählen, daß er ſchon bei den Säuglingen dadurch ver⸗ längert werde, daß man ſie jeden Tag zweimal an einen eiſernen Ladeſtock binde und bei den Ohren und Zehen in die Länge ziehe. Bürger Navet, der übrigens durch die größte republikaniſche Tugend ſeine verab⸗ ſcheuungswürdige Herkunft längſt vergeſſen machte, hat bereits die berühmteſten Aerzte conſultirt, um ſich des finſtern Erbtheils ſeiner Erzeuger zu entledigen. Ver⸗ geblich, er muß ſeinen langen, dürren preußiſchen Hals behalten! Bürger, Frédéric Navet hat es Euch ſelbſt geſagt, daß die Frau im Wagen noch einen längern Hals habe als er. Ich überlaſſe es Eurem Scharfſinn, meine Freunde, aus dieſem Halſe Eure Schlußfolge⸗ rungen zu ziehen.“ Dieſer Appell an die geiſtige Begabung ſeiner Zu⸗ hörerſchaft verfehlte ſeine Wirkung nicht. Ein wildes Geſchrei entſtand. „Nieder mit den Preußen! Tod den Spionen!“ Ein Stein flog gegen die Kutſche und zerſchmet⸗ terte direct unter Mylords Antlitz das Fenſter, ſodaß die rothen Bartſpitzen mit Zurücklaſſung des Cylinders ſich erſchreckt zurückzogen. Charles Bertholet rührte die Trommel. Ruhe entſtand. „Aber meine Aeltern ſind ja gar keine Deutſchen 5* 68 geweſen, Bürger Trommler!“ rief, ſeinen Hals zu einer ganz unmöglichen Länge emporreckend, Frédéric Navet oder Fritz Rübe, wie er auf Deutſch geheißen hätte.„Meine Aeltern ſind ehrliche Schuhmachersleute aus Fröſchwiller, und ich ſchlage den nieder, der ſagt, daß die Bürger von Fröſchwiller nicht ebenſo gute Franzoſen ſind wie alle andern.“ „Die tugendhafte Entrüſtung ſteht Eurem Helden⸗ antlitz vortrefflich, Bürger Navet!“ verſetzte der un⸗ erſchütterliche Trommler.„Es macht Eurem Patrio⸗ tismus Ehre, daß Ihr ſelbſt mit Abſcheu Eure Her⸗ kunft verleugnet.“ „Aber—“ Ein Trommelwirbel erſtickte den neuen Einwurf Fritz Rübe's, der den Schnaps liebte. „Bürger“, begann Charles Bertholet wieder mit erhöhter Stimme,„ich komme bei dem letzten meiner Beweisgründe an, daß die Leute hier vor uns Preußen ſind. Jedem von Euch iſt bekannt, daß die Preußen die dümmſten Geſichter der Welt haben.“ „Ja, jal⸗ „Nun alſo, beſchaut Euch die beiden Geſichter dort oben, und Ihr werdet zugeben, meine Freunde, daß es keine dümmern geben kann.“ In der That ſahen Tom auf dem Bock und der 69 Groom auf dem Kutſcherdach mit den vor Schrecken runden Augen und Mundöffnungen, mit den großen, vom Kopf abſtehenden Ohren und den heraufgezogenen Beinen nichts weniger als geiſtreich aus. Aufs neue brach der Sturm los. Mit dem Rufe: „Es ſind Preußen, ſind Spione!“ ſtürzten ſich die Soldaten gegen die Chaiſe. Ein neuer Trommelwirbel raſſelte unter den Fauſtgelenken Bertholet's. „Bürger, Franzoſen! Alles mit Ordnung!“ ſchrie er, ſich allen voran an den Schlag drängend.„Wir ſind nicht blos die größte und tapferſte, wir ſind auch die höflichſte Nation des ganzen Erdballs. Laßt mich machen!“ Graziös die Trommel nach hinten werfend und einen Schlägel derſelben elegant zwiſchen zwei Fingern bewegend, die Mütze mit dem geſpaltenen Schirm welt⸗ verachtend im Genick, einen der mit den rohledernen Gefängnißſchuhen bekleideten Füße vorgeſtreckt, die lu⸗ ſtigen Aeuglein vor Uebermuth funkelnd und die Mundwinkel in einer Curve bis zu den Ohrläppchen verlängernd, öffnete Charles Bertholet den Wagenſchlag. „Herr Preuße und Frau Preußin! Wenn Sie nichts dagegen haben, ſo ſind Sie von den gegenwärtigen ehrenwerthen Mitgliedern der Nationalgarde, welchen die Ueberwachung des wichtigen Poſtens der Höllen⸗ 70 barrière vom Gouverneur von Paris eigens wegen ihrer beſondern Tapferkeit anvertraut worden iſt, von dieſen heldenmüthigen Vertheidigern des Vaterlandes, welche ſammt und ſonders geſchworen haben, eher zu ſterben, als die Zehe eines ſchmuzigen Preußen den geheiligten Boden der Hauptſtadt betreten zu laſſen — von dieſen tapfern und berühmten Männern, ſage ich“, fuhr Bertholet, da er in der ſchwungvollen Mitte ſeine Rede vergeſſen hatte, wie er ſie begonnen, ſich räus⸗ pernd fort,„von dieſen Helden, ſage ich, ſind Sie ein⸗ geladen, auszuſteigen und ihnen zum Commandanten des Platzes, dem unüberwindlichen Kapitän Reymond zu folgen, welcher erſt heute Morgen geſchworen und mit einem Liter Wein bekräftigt hat, daß er eher die Höllenbarriére in die Luft ſprengen, als ſie übergeben werde. Vor ihm werden Sie ſich ver⸗ antworten, Herr Preuße, wenn Sie nichts dagegen haben. Sollten Sie jedoch die geringſten Umſtände machen und nicht augenblicklich ausſteigen, ſo werden dieſe ehrenwerthen Leute hier Ihnen das Bajonett ins Fell ſtoßen, daß Ihnen kein deutſcher Gerber das Loch wieder zunähen ſoll. Gewiß, das werden ſie! Nicht wahr meine Freunde?“ Charles erwiſchte nicht alle Tage eine ſolche gün⸗ ſtige Gelegenheit beim Schwanze, um ſeinen oratori⸗ — — 71 ſchen Neigungen einmal vollkommen die Zügel ſchießen zu laſſen und aus ſeinen criminaliſtiſchen Erfahrungen eine ſolche Blumenleſe von mehr oder minder geiſt⸗ reichen Wendungen zum Beſten zu geben. Der Zun⸗ genkampf zwiſchen Vertheidiger und Staatsanwalt, deſſen Gegenſtand er ſchon öfter geweſen, hatte für Charles Bertholet immer ein großes Intereſſe ge⸗ habt und war ihm jedesmal deſto ſchmeichelhafter er⸗ ſchienen, je mehr Geiſt und Witz dabei ins Gefecht kam und je biſſigere Anzüglichkeiten die beiden ſchwarz⸗ gekleideten und ſtudirten Herren ſich ſeinetwegen an den Kopf warfen.. Er nutzte daher dieſe Gelegenheit, welche ihm geſtattete, einem großen Auditorium— denn allmälig war faſt die ganze Compagnie der Têtes brulées von dem ſanften Mittagsſchlummer auf den Wällen oder ihren Nachſuchungen in den Kellern der Nachbar⸗ ſchaft herbeigeeilt— Beweiſe ſeiner Talente zu geben, ſo gut als möglich aus und ſein Ideengang erhielt erſt dann eine andere Richtung, als der Lord der impo⸗ ſanten Anzahl von Bewaffneten und ihrer drohenden Haltung gegenüber und unter dem Einfluß von Myladys herzbrechendem Stöhnen jeden Gedanken an Widerſtand aufgab und ausſtieg. Bei dieſer Bewegung wurde nämlich die ſchwere goldene Kette ſichtbar, an 72 welcher der Chronometer des Lords befeſtigt war. Charles Bertholet verdrehte bei dieſem Anblick die Augen, daß man nur noch das Weiße davon ſal, und rief: „Halt! Keinen Schritt von der Stelle! Wir müſ⸗ ſen ſehen, ob er keine Waffen bei ſich hat. Jeder Preuße führt ein kleines Arſenal in ſeinen Taſchen. Bürger Navet, Ihr werdet die Preußin nach verborge⸗ nen Waffen durchſuchen“ Lord Watkins bäumte ſich auf, ſeine Fäuſte ballten ſich und ſeine Augen rollten wild, aber ſechs paar Fäuſte legten ſich auf ſeine Schultern und unter ſeine Naſe ſtreckten ſich drei bis vier Flintenläufe. Mit einem reſignirten Seufzer überließ ſich daher My⸗ lord den Händen Charles Bertholet's, welcher ſeine Taſchen ſofort mit einer Raſchheit und Gründlichkeit durchwühlte, wie ſie nur einem Gefängnißbeamten oder Spitzbuben eigen ſein konnten. Als Charles Bertholet endlich ſein Gutachten da⸗ hin abgab, daß der Gefangene ausnahmsweiſe keine Waffen bei ſich habe, war auch die ſchwere goldene Kette an Mylord's Weſtentaſche nicht mehr ſichtbar. „Nun, habt Ihr etwas gefunden?“ fragte Charles Bertholet nach der andern Seite des Wagens hinüber, wo der langhalſige Bürger Fritz Navet mit lüſterner —— —— 73 Bewunderung die Wattirungen der dürren Lady be⸗ taſtete. „Nichts!“ gab der patriotiſche Lothringer zurück mit einem unbeabſichtigten Doppelſinn, welcher Mylady vor Zorn das Blut in die angſtfahlen Wangen trieb. „Nur ein Ding hat ſie da hängen; es ſcheint aus Gold, und zwei Gläſer ſind darin.“ „Es ſcheint von Gold, ſagt Ihr, Bürger Navet? Confiscirt es, ich werde es dann in Augenſchein neh⸗ men. Ihr habt doch ſchon von Brenngläſern gehört, Bürger Navet? Nicht? Nun, dann wißt Ihr doch ohne Zweifel, daß uns die Preußen mit ſolchen Gläſern Paris über dem Kopfe anbrennen wollen, weil ſie mit ihren Kanonen blos halb ſo weit ſchießen als unſere braven Seeleute mit den ihrigen. Die Gläſer werfen ein merkwürdiges Licht auf die Abſichten dieſer Herr⸗ ſchaften. Holt mir die Andern da von der Kutſche herunter, Kinder!“ Tom und der Groom warteten nicht, bis ſie von den zwanzig Fäuſten, die ſich nach ihnen ausſtreckten, zu Boden gezerrt waren. Mit Geſichtern, welche deut⸗ lich ausdrückten, daß ſie zum Sterben bereit ſeien, kletterten ſie an der Rieſenkutſche herab und ſtellten ſich hinter ihre Herrſchaft. Eben hatte Charles Bertholet ſeine Trommel nach 74 vorwärts gebracht und wollte das Zeichen zum Ab⸗ marſch geben, als man über die Köpfe der bewaffneten Proletarier hinweg das wilde Geſchimpfe einer heiſern Stimme vernahm, deren kurz und rauh herausgeſtoßene Töne mit einem menſchlichen Organ nichts gemein hatten als einzelne Worte, die man nothdürftig ver⸗ ſtand. „Der Sergent⸗Major Pere Androlet! Und in der ſchlechteſten Laune! Er hat noch Durſt und dann iſt er beſonders unbändig!“ Derart waren die Bemerkungen, welche laut wur⸗ den, und zwiſchen den Bewaffneten, die mit einiger Scheu ihren Vorgeſetzten durchließen, erſchien die ſelt⸗ ſame Geſtalt des verliebten Krämers. An den Aermeln des zu kurzen kaffeebraunen Ladenanzugs, den er noch immer trug, waren die goldenen Galons ſeiner Charge aufgenäht, ein ſchwarzer Säbelgurt umſchnürte ſeinen vorſtehenden Bauch und auf dem blaurothen Kopf trug er die dunkelblaue Mütze der Nationalgarde mit den ſilbernen Schnürchen. Seine Augen ſtierten wild in dem Kreiſe um, als ob es ihm Mühe verurſache, die Leute, die da ſtanden, durch den trübrothen Shliei der auf ſeinen Augen lag, zu erkennen. „Verdammte Kerte!“ ſchrie er. Höllenſpectakel! Wollen ſchlafen, Kapitän und ich— ganze Nacht 75 getrunken— am hellen Tage keine Ruhe— Heiden⸗ lärm.“ „Seid nicht böſe, Vater Androlet!“ beruhigte Char⸗ les Bertholet den Sergent-Major.„Wir haben da einen famoſen Fang gemacht, einen preußiſchen Ariſto⸗ kraten, der in die Stadt gekommen iſt, um zu ſpio⸗ niren. Aber wir wollen ihm das Handwerk gründlich legen, Vater Androlet, nicht wahr?“ „Einen Ariſtokraten?“ lallte der dicke Unteroffizier, der von dem Geſchwätz des Trommlers uur das eine Wort gehört zu haben ſchien. Und dabei ſtellte er ſich mit vorgeſtrecktem Geſicht ſo dicht vor Lord Watkins, daß dieſer den Athem des Trunkenbolds heiß im Ge⸗ ſicht fühlte.„Einen Ariſtokraten? Dann werden wir ihn umbringen. Wir haben es geſchworen, daß wir alle Ariſtokraten umbringen, der Kapitän und ich, ja, das haben wir, gewiß!“ Der Krämer hielt einen Augenblick ſeinen Blick mit blutdürſtiger Neugier auf den Lord geheftet. Dann ſchrie er mit grauſem Jubel: „Vorwärts, ſchleppt ihn zum Kapitän! Wir wol⸗ len ſie umbringen, alle, alle!“— Unter wildem Gejohle wurden die Gefangenen von den Bewaffneten in die Mitte genommen und zwiſchen einer dreifachen Barrikadenreihe aus allem möglichen 76 Geräthe hindurch zu dem Hauſe geführt, in deſſen Erdgeſchoß ſich der Kapitän und die Marketenderin der Compagnie in größter Eintracht theilten. Fritz Rübe, den Mylady in ihrer Todesangſt mit den zärtlichſten Blicken bombardirte, hatte plötzlich eine ebenſo zarte als ritterliche Regung geſpürt und ſeine Kameraden, welche die Abſicht zeigten, ſich Mylady zu nähern, mit einem drohenden Recken ſeines Halſes zurückgeſcheucht. Dann bot er mit ſchmachtender Geberde, ſodaß ſein rechtes Ohr faſt die Schulter berührte, der ſympathi⸗ ſchen Feindin den Arm und folgte dem Zug, bereit, die Erwählte ſeines Herzens bis zum letzten Athemzuge ſeiner langen Kehle zu vertheidigen. Charles Bertholet war allein zurückgeblieben, wäh⸗ rend ſich die aufgeregte Soldateska mit ihren Ge⸗ fangenen in der Mitte zum Commandanten des Platzes wälzte. Er betrachtete ſich einen Moment lang die leere Kutſche, deren Pferde, wahrſcheinlich um jede Flucht der Spione zu verhindern, ein paar National⸗ garden bereits ausgeſpannt und zu Tom's größtem Erſtaunen unter ſeinen emporgezogenen Beinen weg⸗ geführt hatten. Dann ſchnitt er ſeine jovialſte Gri⸗ maſſe, nahm ſeine Trommel ab und legte ſie, damit nichts daran beſchädigt werde, ſorgfältig zur Erde, zog aus den unergründlichen Taſchen ſeiner Bein⸗ 17 kleider ein Meſſer, klappte es auf und machte ſich daran, mit dieſem Inſtrumente die Riemen abzuſchnei⸗ den, mit denen Mylords Koffer an dem Reiſewagen befeſtigt waren. Die Riemen waren ſtark und das Inſtrument ungenügend. Endlich wichen ſie der Aus⸗ dauer und Geſchicklichkeit Charles Bertholet's, und mit einer Kraft, die man ſeinem ſchwächlich ausſehenden 3 Körperbau nicht zugetraut hätte, ſchleppte der Trommler die ſchweren Koffer Mylords und Myladys in die Thür eines benachbarten verlaſſenen Hauſes. Als er damit fertig war, ſtieg er in das 4 Innere des Wagens und kam bald wieder beladen mit eleganten Reiſeneceſſaires, Taſchen aus Juch⸗ tenleder, Tüchern und Pelzen zurück, die ebenfalls in dem dunklen Flur des verlaſſenen Hauſes verſchwanden. Dann warf Charles einen wehmüthigen Blick des Abſchieds auf die Kutſche, als bedaure er es, nicht ſie ſelber wie ihren Inhalt verſchwinden laſſen zu können, nahm ſeine Trommel wieder auf und ſchlenderte gemächlich nach der Wohnung ſeines Hauptmanns, um zu ſehen, was inzwiſchen Neues dort vorgefallen. Die Barrikaden an der Barridère de l'Enfer wa⸗ 6 ren die ſeltſamſten ihrer Gattung. Da ſie weniger A den Zweck hatten, einem Angriff des Feindes Stand zu halten, als der Beſtimmung dienten, läſtige Vor⸗ 78 geſetzte abzuweiſen, ſo hatten die Laune und der Ueber⸗ muth der hirnverbrannten Beſatzung bei ihrer Erbau⸗ ung den freieſten Spielraum gehabt. Hier ſtreckte ein Omnibus in ſtummer Verzweiflung ſeine vier Räder in die Luft, während die aufgetrennten Betten, mit denen er gefüllt war, bei jedem Windſtoß eine Wolke von Federn über die Straße wirbelten. Vielleicht um ſich zu zerſtreuen oder um nicht aus der Uebung zu kommen, hatte einer der verbrannten Köpfe, welcher früher Lackirer geweſen war, die Möbelbarrikade, welche ſich an den Omnibus anſchloß, vermittelſt eines vor⸗ gefundenen Farbentopfes mit dem ſchönſten Zinnober⸗ roth überzogen. Es machte einen ſonderbaren Eindruck, wenn man ſich der rothen Wand näherte und das Chaos aller möglichen Gegenſtände gewahrte, Alles gleichmäßig bis ins kleinſte Detail, denn der Lackirer⸗Na⸗ tionalgardiſt war gewiſſenhaft, mit jener für Stuhl⸗ beine und Kleiderſchränke ganz unmöglichen Farbe überzogen. Selbſt ein Wall von leeren Blumentöpfen fehlte nicht. Sie waren einer Töpferei entnommen, welche die Blumengärten der Nachbarſchaft mit ihrem Geſchirrvorrath verſorgte, und mit ſolcher Kunſtfertig⸗ keit aufgeſtellt, daß ſie in der That einer crenelirten Mauer nicht unähnlich ſahen. Grinſend wand ſich Charles Bertholet durch alle 79 dieſe Annäherungshinderniſſe und durch die Menge, welche des Kapitäns Thür belagerte und dann und wann ihrer Verwunderung Ausdruck gab, daß man mit den preußiſchen Spionen ſo viel Umſtände mache. Wenn man auch zum Zeitvertreib ſämmtliche Laternen der Nachbarſchaft eingeworfen hatte, ſo ragten ihre eiſernen Arme noch an vielen Häuſern über die Straße, als wollten ſie daran erinnern, daß ſie, wenn auch im Augenblick ihrer nächſten Beſtimmung entzogen, doch noch zu manchem Andern zu gebrauchen ſeien. „An die Laterne!“ hieß es, und immer grollender pflanzte ſich der unheilvolle Ruf ins Innere des Hau⸗ ſes fort, wo die vier Kinder Albions vor dem Com⸗ mandanten der Höllenbarrière ſtanden. Charles Bertholet lächelte immer vergnügter. Er hatte ſie beerbt, bevor ſie noch gehängt waren. Er nahm ſeine Trommel an den Bauch, hielt, indem er mit den Fäuſten den Rand derſelben umklammerte, die beiden Schlägel gleich ſpitzen Hörnern nach vorn und begann nun die Hüften ſeiner Vorleute mit ſol⸗ chem Erfolg zu bearbeiten, daß ſie nichts Eiligeres zu thun hatten, als auseinander zu weichen und den lu⸗ ſtigen Trommler in die erſte Reihe vorzulaſſen. Er hatte nun die ganze ſeltſame Scene vor ſich. Das Zimmer, welches ſich Kapitän Reymond zum 80 Aufenthalt gewählt, war früher ein Caféſaal geweſen. Zur Seite gerückt ſtand noch das Billard mit zerriſ⸗ ſener Decke und wackligen Füßen. Mehrere Bettſtücke lagen unordentlich darauf herum und legten die Ver⸗ muthung nahe, daß man hier das Nachtlager des Ka⸗ pitäns vor ſich habe. Gegenwärtig ſaß der Kapitän auf einer Art niedriger Bühne, von welcher herab bis vor wenigen Wochen die Primadonnen der Vorſtadt, bankrott an Reizen und an Stimme, durch irgend ein unſauberes, mit frechen Geberden hervorgequältes Lied ihre Zuhörerſchaft in Blouſe und Holzſchuhen zum wildeſten Enthuſiasmus hingeriſſen hatten. Der Kapitän trug die vollſtändige Uniform der Na⸗ tionalgarde; man hatte ſie ihm geborgt, und der ehema⸗ lige Student der Rechte Reymond war nicht der Mann, der einen angebotenen Credit leichtſinnig ausſchlug. Die Mütze im Genick, den Säbel zwiſchen den Knieen, den Rock offen und ein rothſeidenes Halstuch phantaſtiſch um den Hals geſchlungen, daß ſein Ende über den Kragen der Uniform hing, verhörte Reymond ſeine Gefangenen, und über ihm wölbten ſich die pa⸗ piernen Falten einer gemalten Theaterdraperie. Da⸗ neben, dann und wann mit den verſchwollenen Aeuglein blinzelnd und mit dem Oberkörper langſam vor⸗ und rückwärts wankend, ſtand Androlet. 81 Ein rieſiger Kamin, in welchem ein Gebälke kni⸗ ſterte, das im Profil große Aehnlichkeit mit einem Stück Kirchenbank hatte, warf manchmal ſeinen un⸗ ſtäten Schein durch den Raum, in deſſen Mitte ſchon der trübe Wintertag erloſch, der ſchüchtern durch die blinden Scheiben drang. In dieſer ſonderbaren Beleuchtung ſchien es manch⸗ mal, als ob der Offizier, der hier Gericht hielt, auf ſeinem Seſſel ſchwanke. Auch ſeine Stimme hörte ſich unſicher und lallend an. „Alſo Ihr ſeid nach Paris zurückgekommen, um Euer Verſprechen zu halten und das häßliche Weibs⸗ bild da zu heirathen!“ rief der Kapitän, indem er die Augenlider gewaltſam über die Pupillen zurückzog und ſich vermittelſt ſeines Säbelkorbs eine weniger unſichere Stellung zu geben verſuchte.„Bürger, da ſeid Ihr ſehr dumm geweſen. Ein Stück der Bombe, von der Ihr uns erzählt, muß Euch doch wohl ans Capi⸗ tolium getroffen haben. Daß Ihr ſo ſchlechten Ge⸗ ſchmack habt, beweiſt, daß Ihr ein Deutſcher ſeid.“ „Aber ich bin ein Engländer!“ brüllte der Lord, indem Mylady mit einem leiſen Schrei ohnmächtig in die Arme Navet's geſunken war, welcher ſie mit großer Zärtlichkeit auffing und ſeinem Kapitän einen heraus⸗ fordernden Blick zuwarf. v. Schlägel, Der rothe Faſching. I. 6 82 „Seht!“ fuhr Reymond langſam fort.„Ihr mögt Euch ſelber für einen Engländer halten, aber Ihr ſeid doch ein Deutſcher. Blos ein Angehöriger jener ver⸗ dammten Raſſe, die da draußen im Dreck erſäuft, um uns hier drin im eigenen Fett zu röſten, iſt auch dumm genug, das Verſprechen zu halten, das er einer häß⸗ lichen Frau gegeben. Ihr ſeid ein Deutſcher.“ „Aber meine Papiere, der Paß des Gouverneurs von Paris!“ ſtöhnte Lord Watkins, indem er eine mächtige Brieftaſche zum Vorſchein brachte und dem Kapitän unter die Naſe ſtreckte. „Was? Papiere habt Ihr auch noch? Jeder Spion hat Papiere! Und einen Paß vom Gouverneur, ſagt Ihr? Deſto ſchlimmer für Euch! Wißt Ihr denn, daß wir ſchon längſt einen ſiegreichen Ausfall gemacht und den Feind von den Mauern von Paris und aus Frank⸗ Paris nicht im Einverſtändniß mit den Preußen wäre? Das Volk wird ihn nächſtens ſo hoch wie Euch an die Laterne hängen, Euren Gouverneur von Paris. Ich habe allen meinen Wachen Befehl gegeben, auf ihn zu ſchießen, wenn er ſich an der Höllenbarrière blicken läßt, Euer Gouverneur von Paris.“ . Lord die vorgeſtreckten Papiere aus der Hand, daß reich vertrieben hätten, wenn Euer Gouverneur von Und mit rohem Gelächter ſchlug Reymond dem 83 ſie zu Boden fielen, und die Umſtehenden brachen ob dieſes guten Witzes in ein Jubelgeheul aus. Der Lord wurde ſehr roth im Geſicht, er ſchüttelte ein paarmal den Kopf, wie ein Pferd, dem der Kol⸗ ler zum Gehirn ſteigt, Schaum trat auf ſeine Lippen und mit einem dumpfen Schrei ſtürzte er auf den Kapitän. Aber er erreichte ihn nicht. Bereits hatte ſich Sergent⸗Major Androlet vor ſeinen Vorgeſetzten ge⸗ worfen und ſich— zum Ziehen einer Waffe war nicht Zeit— mit ſeinen welken Fäuſten an den rothen Bart des Engländers angekrallt. Ein Fauſtſchlag, wie er nicht regelrechter und wirkſamer von einem Boxerkönig angebracht werden konnte, brachte Pore Androlet zu Fall, aber ob ihm auch das Bewußtſein halb ſchwand, er ließ den Bart nicht los und riß Lord Watkins mit ſich nieder, daß das Podium erdröhnte. „An die Laterne! An die Laterne!“ ſchrie Rey⸗ mond wüthend und ſprang auf. Sein bleiches, vor Zorn zuckendes Geſicht zeigte keine Spur mehr von Trunkenheit. Zwanzig Fäuſte riſſen den Gefangenen vom Bo⸗ den auf. Mit blutrünſtiger Stirn taumelte Androlet zur Seite. „An die Laterne! An die Laterne!“ wiederholten macht und umfaßte ſchreiend die Kniee des lang⸗ halſigen Fritz Navet. Tom ſtierte mit glanzloſen Blicken auf ſeinen Herrn, den dünnen Groom ſchüt⸗ telte ein Fieberfroſt, daß ſeine Glieder ſchlotterten. Da änderte ſich die Scene. Jeanne Duterey war eingetreten, hinter ihr drängten ſich eine Anzahl Na⸗ tionalgardiſten, welche ein Fäßchen, Körbe mit Brod und Würſten und andere Lebensmittel trugen. Jeanne Duterey trug die Uniform einer Marke⸗ tenderin der Nationalgarde. Der kleine Hut mit Sil⸗ berborte und Federn, Jacke und kurzer Rock von dunkel⸗ blauem Tuch mit Silberſchnüren und die dunkelblauen hohen Kamaſchen mit Silberknöpfen ſaßen ihren kräf⸗ tig ſchönen Formen vortrefflich. Mit dem linken Vor⸗ derarm ſtützte ſie ſich graziös auf das kleine Fäßchen, das zum Zeichen ihrer Würde an einer blauen Schnur von ihrer Schulter hing, mit der rechten ſchob ſie ziem⸗ lich ungenirt die ſchreienden Soldaten zur Seite. „An die Laterne!“ „Hoho, meine Freunde!“ rief Jeanneton mit einem kecken Lachen und jener heiſern Stimme, welche bewies, daß ſie ihrem Geliebten bei ſeinen Gelagen eine treue Gefährtin war.„Hoho! Nur mich nicht! Oder laßt mich wenigſtens anſtandshalber erſt ein Schleppkleid anziehen.“ hundert Stimmen. Mylady erwachte aus ihrer Ohn⸗ — ¹ 3 Ein Nationalgardiſt, den ſie eben zur Seite ſchob, war d um genug, ihr zu verſichern, daß nicht ſie, ſondern die gefange. m Preußen baumeln müßten. „O n Zer Tolpel! Was Ihr mir da ſagt! Ich dachk ſch aar wolltet mich hängen, weil ich wieder fün Gur, oas ganze Viertel durchſtöbert habe, damit Ihr etwas zu nagen habt, Ihr Haifiſche! Platz da!“ Endlich ſtand Jeanne Duterey vor ihrem Geliebten und griff militäriſch grüßend an den Hut. „Da bin ich, mein Kapitän, und melde gehorſamſt: Requiſition ſehr günſtig ausgefallen. Ein Faß Brannt⸗ wein— der Weinhändler in der Sumpfſtraße hatte es in ſeinem Garten vergraben, um es nicht herausgeben zu müſſen, der Dieb. Zehn Dutzend Würſte— wir hatten eigentlich zwanzig Dutzend. Wir fanden das Schau⸗ fenſter eines Fleiſcherladens ganz voll von den präch⸗ tigſten Salamis, Preßköpfen und Aehnlichem und theil⸗ ten nun gleich dem guten Mann mit, daß wir von der Regierung beauftragt wären, alles Eßbare mitzu⸗ nehmen. Es fiel mir ſchon auf, daß der Mann mit der Schürze ſo ruhig blieb; ſonſt ſchreien ſie, als ob ihnen der Hals abgeſchnitten werden ſollte, wie ihren Kälbern; mir ſchien es ſogar, als ob der Mann recht heimtückiſch in ſich hineinlache. Da war plötzlich der ganze Laden voller Federn. Einer der Schlingel, die 86 mich begleiteten, hatte heimlich von einer Wurſt abge⸗ biſſen, und ſiehe da, es waren die ſchönſten Bettfedern in den Häuten. Wir unterſuchten natürlich auch die übrigen, walkten den betrügeriſchen Bourgeois tüchtig durch, und er mußte ſich mit ſeinem ganzen Vorrath, den er verſteckt hatte, Koskaufen. Den Bäcker über⸗ raſchten wir eben, als er im Keller heimlich Brod buk, um es an die Ariſtokraten für theures Geld zu ver⸗ kaufen. Wir nahmen es natürlich für die helden⸗ müthigen Vertheidiger der Höllenbarrière in Anſpruch.“ Lautlos hatte Alles der muntern Erzählung Jean⸗ neton's gelauſcht. Selbſt die Nationalgarden, welche die Gefangenen eben abführen wollten, waren mit ihren Opfern einen Augenblick ſtehen geblieben, da infolge ihrer lockern Verbindung mit den übrigen Armeetheilen die Verproviantirung nicht zu den un⸗ wichtigſten Fragen für die Beſatzung der Barrière de l’Enfer gehörte. Der Lord, die Nutzloſigkeit eines weitern Wider⸗ ſtandes einſehend, ſchien ſich mit ſtumpfer Gleichgültig⸗ keit in ſein Schickſal zu ergeben. Seine Frau jedoch war, als ſie Jeanneton's Stimme vernahm, zuſammen gezuckt und ſichtbar bemüht, der Redenden ins Antlitz zu ſehen. Eben wendete ſich Jeanneton mit der Frage: 1 „Aber was habt Ihr denn mit den Leuten da vor, Kinder?“ an die wüſte Geſellſchaft, da riß ſich Lady Watkins von ihren Henkern los und ſtürzte vor Jeanne Duterey auf die Kniee. „O Madame, Sie ſind es! Sie kennen uns, Sie waren mit uns zuſammen bei Stanowsky, im Caſino d'Or. Mylord hat Sie beſchützt gegen einen Mann, der unartig gegen Sie war. Sie wiſſen, daß wir keine Preußen ſind. Sie werden es ſagen, gewiß, Sie wer⸗ den uns retten.“ 1 Jeanneton hatte die Engländer wiedererkannt. Wenn ihr auch die Impertinenz der Miß gegenüber Louiſon noch lebhaft im Gedächtniß war, ſo hatte ſie doch auch die ritterliche Intervention des Lords, um ſie aus Lazire's Fäuſten zu befreien, nicht vergeſſen. Sie wandte ſich daher zu ihrem Geliebten. „Es iſt Unrecht, Reymond, wenn Du dieſen Leuten ein Haar krümme läßt. Es iſt Lord Watkins und Miß Pinkerton.“ 8 „Lady Watkins!“ konnte ſich die noch immer knieende Eliſa nicht enthalten zu rufen. „Es ſcheint mir ganz gleichgültig, ob Sie als Lady oder Miß gehängt worden wären“, meinte lä⸗ chelnd Jeanneton und fuhr dann fort:„Ich kenne die Leute genau und kann für ſie bürgen. Der Lord hat wieſen, indem er mich von einem Menſchen befreite, der mich verhindern wollte, zu Dir Cawüickzuehren, Rey⸗ mond!“ Jeanneton hatte die letzten Worte etwas leiſer geſprochen. Reymond ſchaute ſich die Gefangenen der Reihe nach an, dann brach er in ein ſchallendes Gelächter aus.— „Der Spaß war gutn, ſagte er,„aber er hätte Euch den Hals koſten küen. Ihr könnt jetzt gehen, wir ſind keine Barbaren, wir Andern, obwohl auch die Engländer das Hängen verdienten, weil ſie uns noch nicht zu Hülfe gekommen ſind. Doch macht jetzt, daß Ihr fortkommt, ehe Poére Androlet erwacht, den ich da hinten im Winkel ſchnarchen höre; der könnte Euch ſonſt noch einen Denkzettel geben wollen. Blökt nicht, Ihr Kälber!“ rief Reymond, als ein leiſes Murren unter den Nationalgardiſten entſtand, die ihre Beute nicht fahren laſſen wollten.„Ruhig, ſag' ich! Ihr ſeid um ein Vergnügen gekommen, das iſt richtig, aber wenn dieſe Spione nun einmal keine Spione ſind, ſo kann man ſie anſtandshalber auch nicht hängen; dafür ſollt Ihr das Faß Branntwein haben, das Jeanneton uns gebracht hat. Schlagt einſtweilen mir vor einiger Zeit ſogar einen großen Dienſt er⸗ —— 5 — den Boden ein! Jeanneton, bringe Deine Freunde in Sicherheit.“ Mit wildem Gejauchze ſtürzte ſich die Meute auf das Faß. Eilig entfernte ſich Jeanneton mit den Eng⸗ ländern. Reymond ſah mit düſterem Lächeln nieder auf den ſich balgenden Knäuel Menſchen zu ſeinen Füßen, von denen jeder der erſte an der Quelle ſein wollte. Da fühlte ſich Reymond am Arme ergriffen. Ne⸗ ben ihm ſtand Fritz Navet, welcher ihn verlegen an⸗ blinzelte und ſeinen Kopf ſentimental zur Seite nei⸗ gend flüſterte: „Ich möchte ſie behalten, die mit dem langen Halſe. Sie hat mir geſagt, daß ſie mich will, wenn man ihren Mann allein hänge.“ „Narr!“ lachte Reymond.„Was ſollte das für éine Raſſe geben! Alles muß ſich ausgleichen in der Natur. Suche Dir eine, die dicker als lang iſt und der die Schultern über die Ohren ragen, und ich gebe Dir meinen Segen.“ Dem Branntweinfaß war inzwiſchen der Boden eingeſchlagen. Die wenigen Gläſer, die im Beſitz der Compagnie waren, kreiſten. Fritz Navet's Kopf wiegte ſich auf ſeinem Halſe hin und her wie der einer erboſten Viper. „Aber ich will die Lange! Ich habe ſie gefangen genommen. Sie iſt meine Kriegsbeute! Ihr habt kein Recht, ſie freizulaſſen, wenn ich ſie behalten will. Wir ſind keine Sklaven! Wir ſind freie Bürger!“ „Wir ſind freie Bürger!“ tönte es von unten herauf, wo der Branntwein bereits ſeine Wirkung that, und mit dem Inſtinkt der Meuterei löſten ſich ein paar wankende Geſtalten von dem unruhigen Knäuel der Zecher los, um eine Forderung zu unterſtützen, die ſie gar nicht kannten. Fritz Navet erhielt dadurch neuen Muth. „Die Lange!“ ſchrie er und ſchüttelte außer ſich vor Wuth den Arm des Kapitäns. Reymond ſchleuderte ihn von ſich, daß er über das Podium taumelte und unfähig, wieder feſten Fuß zu faſſen, mitten unter die Zecher fiel. Das Faß rollte um und ſein Inhalt ergoß ſich über die Steine des Fußbodens bis in das Kamin. Es praſſelte, dann zuckten blitzſchnell blaue Flämm⸗ chen auf und liefen mit raſender Eile über den Fuß⸗ boden. An den Beinen der Zecher brannte das feurige Naß, der Boden, auf dem ſie in Todesangſt umher⸗ ſprangen, flammte. Alles drängte nach dem Ausgang, heulend drückte ſich Fritz Navet an die Wand, um ſeine brennenden Kleider zu erſticken. Reymond ſtand auf ſeinem Breterthron, wohin das Feuer nicht reichte. Umzüngelt, umtanzt von einem Meer von blauen Flammen, auf dem bleichen Geſicht ein Lächeln wilden Jubels, glich er einem jener Fürſten der Finſterniß, von denen es heißt, daß ſie von Sünden und von Flammen leben. Fünftes Kapitel. Ewig. Auch Du wirſt alt, o Dame meiner Seele, Auch Du wirſt alt, wenn ich einſt nicht mehr bin. Mir ſcheint, als ob die Zeit ſich überzähle, Die Tage doppelt rechne, die mir fliehn. Du magſt mich überleben, doch behalte Im Lebensherbſt noch meine Worte werth! Am trauten Feuer ſing' als gute Alte Die Lieder, welche Dich Dein Freund gelehrt. Und wenn der Blick auf der gefurchten Wange Die Züge ſucht, die mich begeiſtert einſt, Und wenn bei Deiner Stimme weicherm Klang Die Jugend fragt: Wer war's, um den Du weinſt? Der Liebe Glut und Rauſch, die mich durchwallte, Kannſt Du's, die Zweifel mal', die mich verzehrt. Am trauten Feuer ſing' als gute Alte Die Lieder, welche Dich Dein Freund gelehrt. War er denn liebenswürdig? wird man fragen, Und ohn' Erröthen ſag': Ich liebt' ihn ſehr! Konnt' einen ſchlechten Zug er an ſich tragen? Mit ſtolzer Stirn antworte: Nimmermehr! Sag' nur: So wild auch ſeine Leier ſchallte, Zu ſanfterm Ton hat Liebe ſie bekehrt. Am trauten Feuer ſing' als gute Alte Die Lieder, welche Dich Dein Freund gelehrt. Du, die ich lehrte unſer Land beklagen, Den Sproſſen ſag's vom neuen Heldenthum, Daß ich als Troſt für ſeine finſtern Plagen Sang meinem Volk von Hoffnung und von Ruhm. Sag' ihnen, daß der Nord, der ſchrecklich kalte, Die Saat von zwanzig Siegen hat verheert. Am trauten Feuer ſing' als gute Alte Die Lieder, welche Dich Dein Freund gelehrt. O theures Weſen! Wenn mein flücht'ger Namen Die Leiden Deines Alters Dir verſchönt, Wenn jeden Frühling meines Bildes Rahmen Die ſchwache Hand mit ein paar Blumen krönt, Den Blick zur Welt emporgerichtet halte, Wo unſer Wiederſehen ewig währt. Am trauten Feuer ſing' als gute Alte, Die Lieder, welche Dich Dein Freund gelehrt. Mondélion, deſſen männliche Stimme noch eben unter der Wehmuth der letzten Strophe erzittert, ſchwieg und ließ das Buch, auf deſſen Deckel das edle Haupt des greiſen Beranger abgebildet war, ſinken. Vor ihm ſaß Louiſon und ſchaute träumend vor ſich nieder, als wolle ſie die ſanfte tiefe Stimme des Ge⸗ liebten voll und ganz in ſich ausklingen laſſen. „Das Lied verſöhnt mich mit dem greiſen Trou⸗ badour der Bonaparte!“ ſagte René. „Das Lied iſt ſchön!“ wiederholte Louiſon. Freudig erregt ergriff Mondélion der Gattin Hand. „Und das ſagſt Du, das Kind des allerneueſten Glaubens, das ſelber alle Seligkeit gibt und dennoch nichts von Gott und Himmel wiſſen will?“ Die Baronin, welche mit marmorblaſſem Geſicht unter dem grünen Betthimmel im Hintergrunde des Zimmers lag, öffnete die müden Augenlider und ſchloß ſie wieder.. Louiſon ließ ihr dunkles tiefes Auge auf dem Antlitz des Geliebten ruhen. „Die Worte hörte ich nicht— nur Deine Stimme! So könnte ich Dir zuhören ohne Ende.“ Mondeélion's Lippen zuckten leiſe. „Ich ſollte Dir vielleicht danken und doch kann ich's nicht. Ich vermag es eben nicht zu begreifen, wie man unempfänglich ſein kann für dieſe zarte Bitte, dieſe Trauer, die für ſich ſelber um Verzeihung fleht.“ „Verzeih' auch Du— ich habe keinen Sinn da⸗ 7 f 3 4. 1 1 95 für. All dieſe zarten Gefühle ſind mir fremd, faſt mein' ich auch, ſie ſind nicht wahr. Wenn ich daran denke, daß wir uns trennen müßten, vielleicht ſterben, eins allein, ohne das andere, ſo legt es ſich auf meinen Sinn wie eine düſtere Wolke. Darüber hinaus zu denken hab' ich keine Macht. Mir gelänge es nicht, mit ſchönen Worten auszuſchmücken, was ich nicht zu fühlen ver⸗ mag, und darum begreif' ich auch nicht das hohle Wort vom Angedenken nach dem Tode, wenn man lebt.“ „Wenn man lebt! Und dennoch wandeln wir nur einen Schritt entfernt vom Abgrund, in den Du nicht zu blicken wagſt. Ich, Louiſon, ſchaue feſten Auges drüber. Ich weiß, daß, was ich hier fühle, nicht das Kind des Zufalls und des Augenblicks ſein kann, mit ihm ge⸗ boren und getödtet von dem todten Ball, den mit ver⸗ bundenen Augen der Schlachtengott aus tauſend Rohren ſendet. Das, was ich hier fühle, iſt ein Funke jener Liebe, die von Ewigkeit das All durchglüht— iſt ewig.“ Erregt, die Hand am Herzen, ſtand René Mon⸗ délion auf. Die großen weitoffenen Augen der Matrone waren mit geiſterhaftem Glanz auf ihn gerichtet und ihre Lippen bewegten ſich leiſe, als ſprächen ſie laut⸗ los: Ewig! Im Nebenzimmer entſtand Geräuſch. Die Thür 96 öffnete ſich ein wenig und das ernſte Geſicht des Kam⸗ merdieners wurde ſichtbar. Mondelion verließ das Zimmer. Die Lieder Beranger's lagen auf dem Teppich. Louiſon blickte ſinnend darauf und murmelte vor ſich hin das dunkle Wort, das ſie nicht verſtehen konnte: „Ewig!“ Nach einer Weile trat Mondélion wieder ein, in der Hand ein großes Schreiben haltend. Er ſchaute Louiſon wie prüfend ins Geſicht, dann nach dem Bett der Mutter. Die alte Frau ſchlief den leiſen Schlum⸗ mer der Kranken. Er zog Louiſon faſt haſtig in die Brüſtung des Fenſters. Seine Hand, die ihren Arm umfaßt hielt, zitterte vor Aufregung, aber ſeine Augen glänzten groß und mächtig. Sein Antlitz war bleich, aber ruhig, faſt heiter. „Der Augenblick der Prüfung naht ſchneller, als wir beide ahnten, Louiſon! Der Gouverneur gibt mir ein Zeichen ſeines Vertrauens. Endlich handeln wir. Ich habe das Commando der Truppen erhalten, welche morgen in der Richtung gegen Clamart ausbrechen ſollen. Wir müſſen um jeden Preis das Dorf nehmen und den Feind zur Entwicklung ſeiner Streitkräfte bringen. Einmal endlich komm' ich zum Handeln. Jetzt —— — ——9— 5 97 will ich an mir ſelber erfahren, ob wir das Schickſal verdienen, das uns getroffen hat. Einmal ſelbſtſtändig und zum erſten Mal nicht an Verrath und Unfähigkeit geſchmiedet!“ René Mondelion ſprach das Alles haſtig vor ſich hin, als wolle er dadurch dem Druck entgehen, der ihm das Herz zuſammenſchnürte und die Kehle beengte. „Louiſon“, ſagte er plötzlich und zog ſie an ſich, „es iſt möglich, daß ich nicht wiederkomme.“ Mit einem unartikulirten Schrei der Angſt warf ſich Louiſon an ſeine Bruſt und klammerte ſich mit den Händen an ſeinen Schultern feſt, daß die Spitzen der Finger ſich tief in das Tuch der Uniform drückten. „Ich laſſe Dich nicht von mir, Du darfſt nicht ſterben.“ „Sei ruhig, Louiſon! Mir ſelber iſt, als ob ich an einem Wendepunkte meines Schickſals ſtände. Doch wie dem ſei, zu dieſer Zeit gibt es nur eine Pflicht und Rückſicht, das Vaterland.“ Louiſon erhob zuckend das ſchöne, ſchmerzvergerrte Haupt. „Ich liebe nichts als Dich, ich haſſe das Vater⸗ land, für das Du ſterben ſollſt.“ „Du machſt mich traurig, Louiſon. Ich gehe nicht allein. Man hat es mir freigeſtellt, das Bataillon v. Schlägel, Der rothe Faſching. I. 7 98 Nationalgarde zu wählen, das mir als Reſerve dienen ſoll. Ich habe das Deines Bruders gewählt.“ „Thu's nicht, es bringt Dir Unheil.“ „Es iſt nicht mehr zu ändern. Der Befehl iſt be⸗ reits erlaſſen. Ich will Jean aus ſeiner finſtern Grübelei aufrütteln. In der That, im kühnen Drang des Augenblicks ſoll er ſich wiederfinden.“ „Mir iſt, als wär's nicht möglich, daß Ihr beide gemeinſam handeln könntet. Es wird nicht gut, René, es wird nicht gut.“ „Ich denke beſſer von Deinem Bruder als Du ſelbſt.“ „Ich denke gut von ihm, gewiß, recht gut. Ich liebe ihn am meiſten in der Welt nach Dir. Aber nie kann ich mir Euch beide vereint denken, und oft iſt mir ſogar, als ſäh' ich Euch von finſtern, unheilvollen Gewalten aufeinander zugetrieben, die Euch zu kämpfen zwingen, während jeder Eurer Streiche mich ſelber trifft. Das Beſte, was ich für Euch wünſchen kann, iſt: bleibt einander fern!“ „Es iſt zu ſpät. Ich will die finſtern Gewalten, denen er gehorcht, dem Vaterlande dienſtbar machen.“ „Dem Vaterlande! Du biſt mein Vaterland, René, Du biſt meine Welt! Bleibe bei mir!“ Traurig zog René Mondélion ſein Weib an ſich. 99 „Faſt möcht' ich, daß Du mich weniger liebteſt, wenn ich Dir dafür jene Heldengröße der Entſagung geben könnte, die Völker groß und ſiegreich machte durch das Weib.“ „Daß ich Dich weniger liebte? René, Du ſprichſt im Wahnſinn! Des Weibes grenzenloſe Hingebung wäre nicht das Höchſte, was der Mann begehrt?“ „Das Höchſte? Nein! Noch über ihrer Liebe ſteht dem echten Mann des Weibes Würde.“ „Des Weibes Würde!“ Louiſon blickte mit ſchmerz⸗ lichem Nachdenken zu Boden und ihre Finger löſten ſich langſam von der Schulter des Gatten.„Des Weibes Würde— alſo iſt ihre Liebe nicht ihre höchſte Würde? Es iſt verächtlich, daß ich mir den Kopf an der Wand zerſchmettere, wenn Du ſtirbſt?“ „Jar 8d „René!“ René Mondélion hatte ſein Ja ernſt und traurig, aber feſt geſprochen. Louiſon antwortete ihm mit einem wilden, zornigen Schrei, wie ihn nur die tiefſte Be⸗ leidigung einem gequälten Weiberherzen abzupreſſen vermag. „Was geht hier vor?“ fragte die alte Baronin. René Mondélion näherte ſich ihrem Bett und lies ſich daneben nieder. 100 „Louiſon verzweifelt, Mutter, weil ich morgen den Ausfall gegen Clamart befehlige.“ „Sie hat Unrecht. Denke an nichts als daran, wie Du Deine Pflicht gegen Dein unglückliches Vater⸗ land erfüllſt, René. Und wenn Dich der Herr uns nimmt, dort drüben ſehen wir uns wieder— auf ewig!“ 4 „Auf ewig!“ wiederholte René und preßte die welke Hand der Mutter an die Lippen. Louiſon ſah finſter und verzweifelt vor ſich nieder. der Wahl ſeiner Ausfallsreſerve auch von der Ueber⸗ Sechstes Kapitel. Der Ausfall. Das Bataillon Nationalgarde, welches Jean Jac⸗ card befehligte, war unſtreitig eins der disciplinirteſten und ſchlagfertigſten von ganz Paris. Bereits wenige Tage nach der Bildung war faſt jeder Mann zum Theil auf eigene Koſten, zum Theil aus unbekannten Fonds eingekleidet. Selbſt ältere Gewehrmuſter wurden von dem Commandanten an die Magazine zurückgeliefert, weil man aus Privatmitteln ſich mit den neueſten Modellen verſehen hatte. Das Bataillon exercirte wie keins von der Mobilgarde, und ſelbſt wenige Linien⸗ regimenter thaten es ihm an ernſter Haltung und Prä⸗ ceiſion der Exercitien gleich. René Mondélion hatte das Bataillon mehrmals exerciren ſehen und war bei 102 zeugung geleitet worden, daß das Bataillon Jean Jac⸗ card's die feldtüchtigſte Abtheilung der ganzen National⸗ garde ſei. Die ſämmtlichen Offiziere ſeines Regiments billigten ſeine Wahl. Wenige Monate hatten genügt, um aus René Mondelion auch äußerlich wieder den Soldaten zu machen, der er im Grunde ja immer geblieben war. Als er daher nach Mitternacht die Kaſerne Prince Eugene an der Spitze ſeines Regiments verließ, lagen weit hinter ihm alle trüben Ahnungen und der Tren⸗ nungsſchmerz Louiſon's, und ſein Blick richtete ſich nur noch auf das Nächſte, Nothwendigſte, auf den millitä⸗ riſchen Zweck, den er zu erfüllen hatte. Alles, was ihn perſönlich berührte, trat weit in den Hintergrund, er hatte die Feinde im Morgengrauen zu überraſchen, ihnen das Dorf Clamart zu nehmen und ſich dort zu halten, koſte es, was es wolle. Jene Schauer, welche auch den Ruhigſten überrieſeln, der vor einer Entſchei⸗ dung ſteht, fühlte auch er, aber die Obliegenheiten des Dienſtes, die hundertfältige Pflicht des Befehlshabers ließ dieſe Empfindungen nicht zur Herrſchaft gelangen. Sie ſchwanden ganz, als er an der Spitze der Co⸗ lonne durch die ſtillen Straßen von Paris ritt. Es war noch ſo dunkel, daß er gleich nach dem Abmarſch, die Vorhut aus dem Geſicht verlor, obgleich ſich die Straße Hunderte von Schritten gerade vor ihnen aus⸗ dehnte. Die ſechsſtöckigen Häuſer von Paris ſahen grau und geſpenſtiſch herunter mit ihren lichtloſen Fenſtern, die Zeitungskioske waren verloſchen, nur an jeder Ecke brannte in einer Laterne ein Lämpchen von Erdöl, da die Gasfabriken ſchon vor Wochen ihre Thätigkeit eingeſtellt hatten. Beim matten Schimmer eines ſolchen Lämpchens ſah Mondélion ſeine Vorhut um die Ecke des Baſtillenplatzes verſchwinden. Hinter ihm ritten ſein Adjutant und mehrere Stabsoffiziere. Das dumpfe Getrappel ihrer Pferde wurde übertönt durch den ſchweren, ſchwankenden Taktſchritt der Colonne. Unter der mit dem Genius der Freiheit geſchmückten Säule, welché an der Stelle des verrufenſten Kerkers der Welt ſteht, war ein langgeſtreckter dunkler Schatten ſichtbar. Von Zeit zu Zeit löſten ſich einzelne Theile davon los und vereinigten ſich wieder damit. „Wer da?“ tönte es plötzlich über den Platz. Die Vorhut der Mondélion'ſchen Colonne ſtand. Wenige Minuten nachher bog zuerſt Mondélion mit ſeinem Stabe, dann das Gros ſeiner Truppen um die Ecke des Platzes. Zwei Berittene löſten ſich von dem dunklen Schatten los und galoppirten auf die aufmarſchirende Colonne zu. 4 „Es lebe die Republik!“ „Es lebe Frankreich!“ gab Mondélion zur Ant⸗ wort und beugte ſich vor, um ſeinen Schwager zu erkennen. „Jean Jaccard?“ „Zu Befehl, Bürger General!“ gab der ſchlankere der beiden Reiter zur Antwort. Dann fügte er auf ſeinen Be⸗ gleiter weiſend, hinzu:„Bürger Commandant Bandeau!“ „Er ſei mir willkommen! Sind die Herren bereit, ſofort abzumarſchiren?“ „Sofort, Bürger General!“ gab Jules Bandeau mit ſeiner rauhen Stimme zur Antwort.„Nur eine Frage! Wir ſind durch Befehl des Gouverneurs hierher beordert, um hier uns der Colonne des Generals Mon⸗ délion als Reſerve anzuſchließen. Weiter wiſſen wir nichts. Was iſt unſere Beſtimmung?“ Jean Jaccard ſah ſelbſt durch die Dunkelheit, wie ſein Schwager größer wurde auf ſeinem Pferde. Das Thier bewegte ſich unruhig unter dem nervöſen Druck der Schenkel ſeines Reiters. „Ihre Beſtimmung werden Sie durch meine Be⸗ fehle erfahren, wenn es an der Zeit iſt, Herr Comman⸗ dant!“ ſagte Mondélion ſtreng. Dann wendete er ſich wieder an ſeinen Schwager. „Ich glaubte Dir eine Ehre anzuthun, als ich Dein Bataillon zur Unterſtützung verlangte. Ich hoffe, Du biſt Soldat genug, um dies zu würdigen.“ — 105 „SIch danke Dir, René!“ ſagte Jean Jaccard leiſe. „Meine Befehle lauten, daß ich und mein Bataillon Dir unbedingten Gehouſean zu leiſten haben. Ich werde gehorchen!“ NRené ſtreckte die Hand aus. Jean Jaccard ergriff ſie mit der entſchloſſenen Ruhe, die ihm in letzter Zeit eigen war. Jules Bandeau lachte heiſer vor ſich hin. „Laſſen Sie das Bataillon am linken Flügel des Regiments Stellung nehmen und zugleich mit uns abmarſchiren, Herr Commandant!“ ſagte Mondelion mit militäriſcher Kürze. Jules Bandeau auf ſeinem Pferde regte ſich nicht. „Haben Sie gehört, Herr Commandant?“ René's Stimme bebte vor Zorn. „Ja!“ antwortete Jules Bandeau trocken.„Aber vor allem möchten meine Truppen wiſſen, wohin der Marſch geht.“ „Dahin, wohin ich es befehle.“ „Ich mache den Bürger General darauf aufmerk⸗ ſam, daß die Nationalgarde blos zum Dienſte inner⸗ halb der Wälle verwendet werden darf.“ „In jetziger Zeit gibt es eine Vorſchrift, die alle andern aufhebt. Dieſe Vorſchrift heißt: das Vaterland zu vertheidigen, Paris zu entſetzen. Wollen Sie das Commando geben, Herr Commandant?“ 106 „Nein.“ „Dann haben Sie das Commando abzugeben und nach Hauſe zu reiten!“ Der Commandant Bandeau wendete ziemlich unbe⸗ holfen ſein Pferd, augenſcheinlich in der Abſicht, zu ſeinem Bataillon zurückzureiten und es zum Ungehor⸗ ſam aufzufordern. Aber mit ein paar Sprüngen ſeines Pferdes war ihm Mondélion zuvorgekommen und hielt ſeinem Untergebenen den Revolver vor die Bruſt. In demſelben Moment auch waren die Beiden von den Offizieren Mondélion's umgeben. Jules Bandeau, welcher den Weg zum Bataillon verlegt ſah, lachte brutal auf, riß den ſchweren Reiter⸗ ſäbel aus der Scheide, und ehe ſich ihm Mondélion aufs neue entgegenwerfen konnte, hatte er den Kreis durchbrochen und jagte über den Platz, daß einzelne Funken unter den Hufen ſeines Pferdes aufblitzten. Bald war er in der Dunkelheit verſchwunden. Unter der Nationalgarde bemerkte man Bewegung. Einzelne Rufe wurden laut. „Und Du?“ wandte ſich Mondeélion leiſe an ſeinen Schwager.„Du wirſt mir folgen und kämpfen?“ „Ich werde es“, ſagte dieſer haſtig.„Ich begreife Bandeau nicht.“ Er muß Inſtructionen haben, die ich nicht kenne.“ —— 107 „Er ſchien eher Dein Befehlshaber als Dein Un⸗ tergebener“, fiel René ein. Jean Jaccard ſchwieg wie tief betroffen. Dann ſchien er ſich gewaltſam aufzuraffen. „Gleichviel“, rief er,„ich habe keine andern Be⸗ fehle als die Deinen. Ich werde ihnen folgen.“ „Gut, ich zähle auf Dich. Cs ſcheint, unter Deiner Abtheilung herrſcht kein guter Geiſt. Die Unruhe wird größer— laß ſie abmarſchiren— ſogleich! Kapitän Beau⸗ regard, bilden Sie mit Ihrer Compagnie die Spitze, Commandant Lieuville, Sie marſchiren mit den andern Compagnien erſt nach der Nationalgarde ab. So haben wir ſie in der Mitte, und iſt ſie erſt im freien Feld unnd vor dem Feinde, ſo wird ſich das Uebrige machen. Alſo meine Herren, an Ihre Poſten!“ Jean Jaccard und die andern Offiziere galoppirten zu ihren Abtheilungen und bald tönten die mit halb⸗ lauter Stimme gegebenen Befehle über den Platz. Dann ſetzte ſich eine der ſchwarzen Colonnen, die ſich gebildet hatten, in Bewegung. Unter der National⸗ garde ſchien einige Unruhe zu herrſchen; ernſt und be⸗ fehlend hörte man die Stimme Jean Jaccard's. End⸗ lich— René Mondelion war bereits ungeduldig gewor⸗ den und im Begriff hinzuſprengen— ſetzte ſich auch dieſe Abtheilung in Bewegung und folgte anfangs wie 108 unſicher ſchwankend, dann immer feſter und militäriſcher der Avantgarde des Kapitäns Beauregard, welche be⸗ reits in einer der Straßen verſchwunden war, deren Oeffnungen dunkel die Dämmerung des Platzes um⸗ gaben. Und als das Commando René Mondelion's jetzt über den Platz ertönte, klang es laut und ſchlachten⸗ freudig, raſch und ſicher griffen die Bewegungen der Abtheilungen in einander und wieder tönte der Takt⸗ ſchritt der Colonnen durch die verödeten Straßen. ◻ Erſt an der Umwallung wurde es lebhafter. Die Anrufe der Poſten waren häufiger und raſſelnd theilten ſich die Gitter des Thores, wo ſonſt allein die Be⸗ amten des Octroi den friedlichen Kampf gegen die in die Stadt ziehenden Landleute geführt hatten. Eingezwängt zwiſchen der Avantgarde Beauregard's und dem Gros des Linienregiments, zu beiden Seiten eingedämmt durch die Thorwache, welche unters Ge⸗ wehr getreten war, hatte die Nationalgarde keine Zeit zum Zaudern. Nach wenigen Minuten befand ſie ſich außerhalb der Wälle. Eben rollten die erſten Morgen⸗ ſchüſſe der deutſchen Batterien über die unglückliche Stadt, und von einem nahen Fort, das grau und ge⸗ ſpenſtiſch in die Morgennebel emporſtieg, flammte ein dunkelrother Blitz und bald darauf hörte man den 109 dröhnenden Schall des gewaltigen Marinegeſchützes, welches den feindlichen Gruß erwiderte. Und am unſichtbaren Horizonte blitzte es wieder und ein anderes Fort gab Antwort, und je klarer die Umriſſe der Gegenſtände aus den ſchweren, auf der Erde hin und her rollenden Dünſten ſich loslöſten, deſto raſcher folgten ſich die rothen Blitze. An den gewaltigen Mauern der benachbarten Forts hingen die Nebelfetzen wie im Sturm erſtarrte Bran⸗ Dung und die Spitze der am höchſten liegenden Baſtion röthete ſich vom erſten Strahl des Tages, aber ge⸗ ſpenſtiſchgrau ſtreckten die Pappeln der Chauſſee ihre kahlen Aeſte in die Luft. Die Vorhut Beauregard's war an einem Punkte angekommen, wo die Straßen ſich theilten. Dazwiſchen lag ein entlaubtes Gehölz, über deſſen niedere Bäume der Kirchthurm einer nahen Ortſchaft herüberſchaute. Langgezogene Hörnertöne von der Mitte der Colonne 1 geboten Halt. Die Kanonade der deutſchen Batterien war ſtärker geworden und ward von den Forts leb⸗ haft erwidert. In der Ferne war das Feuer ſtärker, wahrſcheinlich weil die dort liegenden Forts Befehl hatten, die Aufmerkſamkeit der Belagerer von dem Putſch auf Clamart abzulenken. 3 Die Colonne Mondélion's ſtand. Unter den ent⸗ 4110 laubten Bäumen regte es ſich. Man konnte Kanonen und Munitionswagen deutlich unterſcheiden. In ge⸗ ſtrecktem Galopp jagte ein Offizier über die zerſtampften Felder, die ihn von der Colonne Mondélion's trennten, gegen die Vorhut und dann dieſe entlang gegen Mon⸗ délion. Hier erſtattete er ſeinen Rapport. Es blies nochmals. Von allen Abtheilungen der Colonne jagten die Offiziere nach dem Felde, auf dem der General und ſeine Suite ſtand. Es war Tag geworden. Die Batterien der Forts feuerten unausgeſetzt, die Deutſchen antworteten mit betäubender Regelmäßigkeit. René Mondelion's Geſicht ſchien wie aus Erz ge⸗ goſſen. Mit ſcharfem Auge muſterte er der Reihe nach die Geſichter der Offiziere, die ihn umgaben. Ein freudiger Schimmer glänzte über ſein Antlitz, als ſein Blick die ruhigen, entſchloſſenen Züge ſeines Schwagers ſtreifte. 4 „Wir haben den Auftrag“, ſagte Mondélion ernſt und ſeine klare Stimme drang zu Jedem in dem Kreiſe, „wir haben den Auftrag, dem Feinde das Dorf Cla⸗ mart, worin er ſich vor einigen Tagen feſtgeſetzt hat, um jeden Preis wieder zu entreißen. Beſagtes Dorf liegt hinter jenem Walde und in einer Viertelſtunde können wir es erreicht haben. Der Kampf wird ernſt ————— 111 ſein, denn der Feind iſt tapfer und mehrere ſeiner Batterien beherrſchen den Platz, gefährden unſern Rückzug. Es liegt alſo Alles an einem raſchen und ge⸗ nauen Zuſammengreifen der einzelnen Theile. Kapitän Lamotte!“ Der Artilleriekapitän trieb ſeinen Braunen in den Kreis und erhob grüßend die Hand ans Käppi. „Kapitän Lamotte“, fuhr Mondélion fort,„haben Sie die Schneuſe in den Wald gehauen und die halbe Batterie ſo poſtirt, daß ſie das Dorf erfolgreich im Centrum beſchießen kann?“ „Ich habe ganz nach Befehl gehandelt“, antwor⸗ tete Kapitän Lamotte, ein eckiges, wettergebräuntes Soldatengeſicht mit mächtigem Schnurr⸗ und Knebel⸗ bart.„Die Geſchütze ſind auf zwölfhundert Meter der Kirche gegenüber in Poſition, die Bäume, welche ſie maskiren, ſind angeſägt und können jeden Augenblick zum Sturz gebracht werden.“ „Und der Feind hat nichts bemerkt?“ „Nichts, der Nebel heute Nacht war dicht. Wir ſelber ſahen keine zwölf Schritte weit.“ „Gut! Sie werden die Reſervebatterie hier zu beiden Seiten der Straße aufſtellen, um unſern Rückzug zu decken, im Fall wir uns zurückziehen müßten. Sie ſelbſt begeben ſich in die Front und beginnen mit Ihren 112 Geſchützen den Angriff, ſobald Sie eine der Angriffs⸗ colonnen neben dem Walde ſich entwickeln ſehen. So⸗ bald wir in das Dorf eingedrungen ſind, ſtellen Sie Ihr Feuer ein.“— Kapitän Lamotte wartete eine Weile, die Hand am Schirm des Käppis, dann wendete er ſein Pferd und ſprengte ebenſo eilig, wie er gekommen, über das Ackerfeld. Die Blicke des Generals wendeten ſich auf ſeinen Schwager, der mit apathiſcher Ruhe dem Enteilenden nachſchaute. „Herr Oberſt Jaccard!“ begann René wieder, und in ſeiner Stimme zitterte etwas vom Bewußtſein, daß dieſer Tag auch über ihr Schickſal entſcheiden müſſe. „Herr Oberſt Jaccard! Sie werden ſich mit mir und Kapitän Lamotte in die Ehre dieſes Tages theilen. Wenn ich blos den Rückſichten der militäriſchen Klug⸗ heit folgen wollte, ſo müßte ich nach all dem, was heute Morgen vorgegangen, das unter Ihren Befehlen ſtehende Bataillon theilen und eingeſchloſſen, wie bis⸗ her, zum Kampfe führen. Ich will das nicht. Ich will nicht glauben, daß für Franzoſen dieſelbe Vorſicht nöthig ſei wie für fremde Söldlinge. Wie auch der Geiſt Ihrer Abtheilung ſein mag, angeſichts des Fein⸗ des wird ſie ihre Pflicht thun, ebenſo aufopfernd 4 8 —— 113 wie ihr Commandant. Ich gebe Ihnen daher die ehrenvolle Aufgabe, mit Ihrem Bataillon den rechten Flügel des Feindes anzugreifen. Sie werden nicht eher hinter dem Walde hervorkommen, als bis Sie die erſten Schüſſe des Kapitäns Lamotte vernehmen. Ich ſelbſt werde, gegen den linken Flügel des Feindes vorbrechend, bis dahin bereits ſeine ganze Aufmerkſam⸗ keit gefeſſelt haben, und eine raſche Bewegung gegen den Rücken der feindlichen Aufſtellung muß dieſelbe brechen. In Ihren Händen liegt das Schickſal des Tages, Herr Oberſt. Ich hoffe zu Gott, daß wir uns, ehe eine Stunde verfloſſen iſt, in der Mitte des er⸗ ſtürmten Dorfes die Hand reichen wie hier.“ Mondélion ſtreckte die Hand aus. Jean Jaccard ergriff ſie feurig und auf ſeinen blaſſen Wangen lohte für einige Augenblicke eine Glut, die ihnen ſonſt fremd war. Einer unwiderſtehlichen Regung folgend, trieb Mondelion ſein Pferd vorwärts und drückte den Schwa⸗ ger an die Bruſt. Dann warf er das energiſche Haupt zurück und riß den Säbel aus der Scheide. „Zu Ihren Abtheilungen, meine Herren! Es lebe Frankreich!“ „Es lebe Frankreich! Es lebe die Republik!“ hieß es und die Offiziere jagten auseinander. v. Schlägel, Der rothe Faſching I. 8 114 Auch Jean Jaccard ſprengte in geſtrecktem Galopp zu ſeinem Bataillon, welches überraſcht und ſtumm dem ſeltſamen Schauſpiele zugeſehen hatte. „Bürger von Paris“, rief er mit weithinſchal⸗ lender Stimme,„wollt Ihr Euch von den conſcri⸗ birten Bauerjungen der Provinz Feiglinge ſchelten laſſen?“ 1 „Nein! Nein! Nieder mit den Conſcribirten!“ hieß es wild durcheinander von allen Seiten. „Dann zeigen wir, daß wir tapferer ſind als ſie, wenn es gilt, unſere Vaterſtadt zu vertheidigen! Zeigen wir den Söldlingen der Tyrannei an unſern Feinden, was ſie zu erwarten haben, wenn ſie die Waffen ge⸗ gen das Volk kehren! Es lebe die Republik!“ „Es lebe die Republik!“ Mit düſterfreudigem Lächeln hatte Réné Mon⸗ délion der kurzen feurigen Anſprache und der energi⸗ ſchen hundertſtimmigen Antwort gelauſcht, dann ritt er langſam nach dem Platze, wo ſich ſein Regiment in Angriffscolonne aufſtellte und compagnieweiſe ab⸗ marſchirte. Er ließ ſein Pferd ausgreifen und befand ſich bald an der Spitze der Colonne. Eine breite Kette von Plänklern hatte ſich bereits in den Wald geworfen und über die Felder ausgedehnt und ſchlich kaum noch —————— 115 ſichtbar von Baum zu Baum, von Graben zu Graben, von Furche zu Furche vorwärts. Es begann nun einer jener ſtummen, bangen Märſche der Entſcheidung entgegen, welche auch dem Ruhigſten die Pulſe raſcher ſchlagen laſſen, ſich bleiern auch auf den Enthuſiasmus des Kühnſten legen. Kein Windhauch bewegte die kahlen Aeſte der entlaubten Bäume, von denen hier und da ein letz⸗ tes vergilbtes Laub lautlos niederfiel. Die Ackerfur⸗ chen, die Gleiſe der Straßen waren gefroren, aber ohne Schnee. Dumpf tönte der ſchwankende Schritt der Colonne auf dem bröckelnden Erdreich. Die Bäume des Waldes, an dem entlang die Straße führte, wurden lichter, da und dort ſah man die ſchwarzgrauen Winterfelder mit ihrem Reſt von Grün durchſchimmern, da und dort zeigten ſich die Con⸗ touren eines weißglänzenden Landhauſes, und über eine Ecke niedern Geſtrüpps ſchaute ſtill und ernſt, als herrſche ewiger Frieden in der Welt, der Kirchthurm. Ein Eichhörnchen ſprang über den Weg und lief blitzſchnell an dem glatten Stamm einer Tanne em⸗ por; ſeitab im Felde neben einem zerbrochenen Karren vermoderte ein Pferd, deſſen aufgelöſte Formen nicht mehr erkennen ließen, ob es der Anſtrengung oder den Granaten eines der Forts erlegen war. Ein im Erd⸗ —. 8* reich halbvergrabener Helm war daneben ſichtbar und ein zerſplitterter Holzſchuh leiſtete ihm Geſellſchaft. „La casque à chenilles! Der Helm mit der Raupe!“ rief halblaut einer der Soldaten.„Es ſind Baiern!“ „Es ſind Baiern!“ pflanzte es ſich die Colonne entlang fort, und der düſtere Ton, mit dem es geſagt wurde, bewies, daß der Name der derben Söhne des deutſchen Südens bereits mit blutigen Charakteren verzeichnet war in den Tagebüchern der Belagerung von Paris. „Halt!“ Das Commando war nicht mehr laut gegeben, ſondern nur an die vorderſten Reihen gerichtet wor⸗ den. Jede Abtheilung machte Halt, ſowie ſie an der vorhergehenden angelangt war, und ſchloß langſam auf. Zwiſchen den Bäumen hindurch ſah man jetzt deutlich die ganze Häuſerreihe des Dorfes, das es an⸗ zugreifen galt. Ueber weiße Gartenmauern und zier⸗ liche Gitter ſchauten ein paar hübſche reinliche Land⸗ häuſer hervor, welche ohne Zweifel reichen Beſitzern in der Stadt gehörten. Das Schulhaus und einige an⸗ dere öffentliche Gebäude ragten beſonders heraus. Die Kirche bot einen ſeltſamen Anblick. Das Dach war abgedeckt und der obere Rand der Umfaſſungsmauer ſchießſchartenförmig ausgeſchnitten. Daneben waren 417 hohe Traverſen aus Sandſäcken aufgeführt. Es war eine bange Pauſe, dieſe kurze Raſt vor dem Angriff, kaum tauſend Meter von den feindlichen Geſchützen. Weiter im Walde ſah man einzelne Plänkler, platt am Boden liegend oder regungslos hinter einem dickern Baum ſtehend, wie mit ihm verwachſen. Auf dem freien Felde waren die Plänkler etwas zurückgeblieben, da die Bodengeſtaltung wenig Deckung gewährte und René den Gegner nicht vorzeitig auf die ihm zuge⸗ dachte Ueberraſchung aufmerkſam machen wollte. „Sie haben Geſchütze!“ murmelten einzelne von der Mannſchaft.„Eins, zwei, drei, ſechs.“ René war überraſcht, nicht minder Kapitän La⸗ motte, als er wieder in die Front gelangt war. Dem General hatten ſeine Späher nicht ein Wort von den Geſchützen und dem veränderten Ausſehen der Kirche geſagt. Kapitän Lamotte traute ſeinen Augen kaum, denn vor einer Stunde noch, als er mit ſeinen Batterien fertig geworden war, der letzte der dieſelben maskirenden Bäume bis auf eine dünne Rindenwand abgeſägt und mit Stricken zum Umreißen verſehen war, hatte er noch einmal einen Blick über das ganze vom Feinde beſetzte Dorf geworfen und daſſelbe ganz in der Ordnung gefunden, das heißt dann und wann hinter einem Gartenzaun einen Rautenhelm hervorragen oder ein —— —— Bajonett blitzen ſehen, aber alle Häuſer und auch die Kirche hatten ihre Dächer. Und jetzt ſah er auf tau⸗ ſend Meter gegenüber eine Batterie, welche die ſeinige nicht blos dominirte und im Fall eines Artillerie⸗ kampfes in kurzer Zeit zum Schweigen bringen mußte, ſondern auch bewies, daß man von dem Batteriebau im Walde Kunde hatte und vor dem beabſichtigten Ueber⸗ fall auf der Hut war. Dieſer ſelbſt war nun, wenn auch nicht verzweifelt, ſo doch mit den größten Opfern verbunden, und Lamotte verhehlte ſich nicht, daß, im Falle der General den Angriff trotz alledem wagen ſollte, ihm ſelbſt nichts Anderes übrig bleibe, als zu feuern, bis die letzte ſeiner Kanonen demontirt, zu blei⸗ ben, bis der letzte Mann gefallen ſi. Dieſe Ueberzeugung malte ſich auch auf den Ge⸗ ſichtern der Leute, welche finſter an der Hürdenböſchung der waldumgebenen Batterie lehnten und dem Kapitän erzählten, wie plötzlich das Dach der Kirche an⸗ gefangen lebendig zu werden, eine Menge Men⸗ ſchen ſeien darauf herumgeklettert und hätten es ſeiner Ziegel entkleidet, und dann ſei krachend Balken um Balken an den Wänden hinabgeſunken, und in Zeit von einer Viertelſtunde ſei die kleine Feſtung in ihrer jetzi⸗ gen Geſtalt erſchienen. Der Feind habe nun die Ge⸗ ſchütze in die Scharten vorgeſchoben, die Traverſen er⸗ —-—— 119 höht und überhaupt die letzte Hand angelegt, aber der Haupttheil der Arbeit ſelbſt, das Durchſägen der Dach⸗ balken, ſei wahrſcheinlich zugleich mit dem Bau ihrer Batterie erfolgt. Auch René hatte mit finſterem Staunen das ſelt⸗ ſame Fort betrachtet, zu welchem die Kirche umgewan⸗ delt worden war. Mit Hülfe ſeines Fernrohrs un⸗ terſchied er die Scharten für die Infanterie, welche in die Mauer des Kirchhofs gebrochen waren, ſah er die Helme der Schildwachen, wie ſie hier und da ſchwarz zwiſchen den kleinen Pyramiden von Sandſäcken er⸗ ſchienen, mit denen auch dieſe Vertheidigungslinie ver⸗ ſtärkt war. Und alle Fenſter des Dorfes, welche gegen den Wald hinausgingen, waren bis in Bruſthöhe verſtopft mit Mehlſäcken und Matratzen und Hausge⸗ räthen, und über denſelben erſchien hier und da ein dunkler Körper, eine Waffe, blitzend in dem matten Glanz der Sonne, welche rothglühend über der grauen Kuppel des Pantheons emporſtieg. Ueber Mondélion's gebräuntes Geſicht verbreitete ſich Leichenbläſſe. Er hatte Alles mit einem Blick über⸗ ſehen, die kurzgreifende, entſchiedene Phantaſie des Soldaten ſchaute über die Häuſer hinweg in die Straßen, wo ſich vom Eingang des Dorfes bis zu dem befeſtigten Kirchhof Barrikade an Barrikade er⸗ ob, nach all dem, was man von außen ſah, erheben mußte. Es galt nicht mehr den kurzen Kampf mit einem überraſchten Feind, den Sturmſchritt der Er⸗ oberung durch ein aus dem Schlafe emporgeſchrecktes Dorf, es galt jetzt einen Marſch von einer Viertelſtunde unter den Augen, unter dem mörderiſchen Feuer eines wachſamen und tapfern Feindes, der auf den Angriff vorbereitet war. Es galt mit einer decimirten und vielleicht demoraliſirten Mannſchaft unter den Kolben⸗ ſchlägen erbitterter Vertheidiger Mann für Mann die Mauern zu erklettern— es galt den ſchrecklichſten aller Kämpfe, den Straßenkampf von Haus zu Haus, von Barrikade zu Barrikade. Und dann war der Sieg nicht gewiß. Lamotte, das wußte René, ſchoß bis zur letzten Patrone, ſolange noch zwei Speichen eine Laf⸗ fette aufrecht hielten. Wie eine kalte ſcharfe Waffe fuhr ihm der entſetzlichſte Zweifel durch die Bruſt. Es gab nur eine Möglich⸗ keit, daß der Angriff gelang, wenn die Colonne Jean Jaccard's den Feind rechtzeitig im Rücken angriff. Wenn aber die Nationalgarde nicht kam, wenn Jean Jaccard's momentaner Patriotismus verrauchte, dann waren alle Anſtrengungen umſonſt, dann hatte er viel⸗ leicht die Hälfte ſeines Regiments geopfert für nichts, für weniger als nichts, für eine Niederlage, doppelt 121 unheilvoll, da ſich bereits die Bevölkerung von Paris ſchrankenlos ihrem Groll gegen ihre Regierer und Vertheidiger zu überlaſſen drohte. In dieſem Augenblick ſtieg von der Kirchhofsmauer ein weißer Rauchknäuel auf, ein dumpfer Knall folgte. Zuerſt leiſe ziſchend, dann mit immer mehranſchwellendem Sauſen kam es durch die Luft, die Tirailleure drückten ſich hinter ihre Bäume, diejenigen, welche lagen, bar⸗ gen ſelbſt das Geſicht an der Erde, das Regiment bückte ſich wie ein Mann, nur Mondeélion blieb aufrecht auf ſeinem Pferde. Es heulte, es knickte zwiſchen den Bäumen, ein betäubender Knall folgte über den Köpfen der Soldaten und wie Hagel praſſelte es nieder auf die Colonne. Vom Ende derſelben ertönte ein markdurchdringendes Geſchrei, welches bewies, daß die Granatkartätſche mit deutſcher Gewiſſenhaftigkeit tempirt geweſen war. René Mondelion's Pferd, ein Schecke, der für den Zwillingsbruder desjenigen hätte gelten können, welcher die Koſten der Flucht von Sedan trug, hatte einen großen Sprung ſeitwärts gemacht und ſtand jetzt, von der ſichern Fauſt des Reiters angehalten, zitternd und ſchnaubend, mit weit vorgeſtemmten Vorder⸗ beinen und hocherhobenem Schweife, als höre es ſchaudernd die Rufe der Verwundeten, die da hinten jammerten. — ſyü-————————— * 122 Und wieder tönte der Knall eines Schuſſes her⸗ über. Das Geſchoß flog zu weit rechts und fiel praſ⸗ ſelnd zwiſchen den Bäumen nieder, ohne zu explodiren. Schuß auf Schuß folgte nun, aber ſie richteten ſich alle gegen den Wald, alſo wohl gegen die Bat⸗ terie Lamotte's. Ein eigenthümliches Krachen und Aechzen bewies, daß der Kapitän durch Umziehen der Bäume ſeine Geſchütze demaskirte. 3 Der eine Schuß, welcher in die letzten Glieder der Colonne einſchlug, hatte jedenfalls nur den Zweck gehabt, dem Angreifer zu zeigen, daß man wußte, wo er ſtand, und ihn durch das Bewußtſein zu lähmen, daß er ſofort nach ſeinem Heraustreten aus dem Walde von einem verheerenden Feuer empfangen werden könne. René Mondélion ſah das Verzweifelte eines An⸗ griffs, aber auch das Mißliche des Wartens ein. Er⸗ ſterer decimirte ſeine Mannſchaft, letzteres demoraliſirte und löſte ſie auf. Einen Augenblick dachte er daran, zurückzugehen. Er brach ſich dadurch als Offizier ſelber den Stab vor der eitlen und urtheilsloſen Bevölkerung von Paris, wurde vielleicht vor ein Kriegsgericht geſtellt. Er hätte das ertragen, denn militäriſche Grundſätze forderten dringend vom Angriff abzuſtehen. 123 Aber dann waren Lamotte's Kanonen geopfert. Der Kapitän hatte zwei Tage und zwei Nächte ge⸗ braucht, um die Kanonen in Poſition zu bringen, ein Zurückziehen derſelben in dem weichen Grunde des Waldes unter den feindlichen Shrapnels war unmög⸗ lich. Mehr noch, auf den Geiſt der Nationalgarde mußte es vom allerſchlimmſten Einfluß ſein, wenn ſie, auf der andern Seite aus dem Walde hervorbrechend, ſich allein und ohne Unterſtützung dem feindlichen Artilleriefeuer gegenüber befand. Alles dies flog mit Wirbelwindseile an René Mondélion's Geiſt vorüber, ſein Antlitz röthete ſich wieder, ſein Auge blitzte, er ſah ein, daß der Augen⸗ blick gekommen war, da er ſich mit blutendem Herzen ſagen mußte: Es koſte, was es wolle, das Opfer muß gebracht werden. Es muß ſein. Es muß gelingen! Blitzend in der Morgenſonne, die nun von allen Nebeln frei immer höher heraufgeſtiegen war, ſchwang der General ſeinen Säbel und jede Vorſicht beiſeite werfend, antwortete hell und ſchmetternd der Hörner⸗ ruf der Plänkler, der Angriffswirbel der Tamboure auf das immer heftigere Feuer des Feindes. Und auch von Lamotte's Batterie ertönten die erſten Schüſſe und man ſah die Spitzgranaten ihr Ziel ſuchend am Fuß der Kirchhofsmauer crepiren, weit L “ um ſich Mauerwerk und Erdreich ſchleudernd. Der nächſte Schuß ſaß ſchon höher, man hörte die Explo⸗ ſion des Geſchoſſes, ſah den Rauch an der Mauer emporſteigen, und die Form eines der hohen, mit Säcken verſtopften Kirchenfenſter hatte etwas von ihrer Re⸗ gelmäßigkeit verloren. Aber ſchon krachte es da und dort auf den dunk⸗ len Feldern rechts und links der Straße, kleine weiße Rauchwolken erſchienen hin und wieder und verzogen ſich mit dem Morgenwinde; die ſchwarzen Geſtalten dahinter, welche nach jedem Schuß mit wilden Sätzen noch zu einem andern Graben, einer andern Furche vorwärts ſprangen, waren Tirailleure. Einige hundert Schritt nur hinter ihnen erblickte man den General hoch auf ſeinem ſonderbar gezeichneten Pferde und hin⸗ ter ihm im raſchen Feldſchritt folgte in Compagnie⸗ breite die Colonne. Der Tambour ſchlug mit betäu⸗ bender Eintönigkeit zum Angriff; hinten am Walde erblickte man die als Reſerve zurückgelaſſenen Com⸗ pagnien, bereit, nachzurücken, wenn das feindliche Feuer die erſte Colonne zum Wanken brachte. Aus den Fenſtern des Dorfes, auf den Mauern der Gärten erſchien dann und wann eine weiße Rauch⸗ wolke, und deutlich war der dumpfe ſchwere Knall der bairiſchen Gewehre von⸗ dem hellern Klang der Chaſ⸗ 125 ſepots zu unterſcheiden. Ueber den Köpfen der Co⸗ lonne ertönte jenes kurze durchdringende Pfeifen, wel⸗ ches den ſtärkſten Nerven für die Dauer faſt unerträg⸗ lich wird. Manchmal hörte man auch ein längeres Geräuſch, ähnlich dem Schwirren eines großen Käfers. Das waren die Geſchoſſe, die auf dem Boden aufge⸗ ſchlagen und wieder abgeprallt waren oder durch Ue⸗ berſchlagen in der Luft ihre bohrende Bewegung ver⸗ loren hatten. Und hartnäckig Schlag auf Schlag befehdeten ſich die beiden Batterien, mit wilder Eintönigkeit klang das Tam! Tam! der franzöſiſchen Tamboure. Blos die Infanterie an den Fenſtern und Mauern ſchien ſich um die Colonne zu kümmern, die Batterie auf der Kirche ſchoß nur auf die franzöſiſchen Kanonen im Walde. Und doch hatten die Compagnien die Hälfte des Raums durchſchritten, die Plänkler ſchoſſen bereits auf drei⸗ bis vierhundert Schritt auf die ein⸗ zelnen Fenſter. Schon hatten die bairiſchen Schützen „ mit Erfolg auf einzelne Offtziere gezielt. Und noch immer kein Schuß auf die Colonne von ſeiten der Batterie. Ein raſches Feuer auf die Linie mußte jetzt verheerend wirken, und man ſchonte ihrer und neckte ſie blos mit dem Kleingewehrfeuer der Infanterie * — ͦ— — ͦ— 3 — Dieſe Schonung hatte etwas ungemein Drückendes. Unwillkürlich wurde der Schritt der Colonne kürzer. Man kam jetzt an eine Stelle, wo die Straße einen Bogen beſchrieb, an deſſen Ende man die Hauptſtraße des Dorfes, die Batterie Lamotte's und das andere Waldende ſehen mußte, hinter dem die Colonne Jean Jaccard's hervorbrechen ſollte. Ein Dutzend mal hatte René Mondelion bereits die feindlichen Kugeln in bedenklicher Nähe an ſeinem Ohre vorüber pfeifen gehört und war im ruhigen Schritt an der Spitze der Colonne weitergeritten, den Galopp ſeines Pferdes und den Laufſchritt der Sol⸗ daten auf den letzten entſcheidenden Theil des Weges ſparend. Jetzt aber, indem ſein Blick am Saume des Waldes hinflog, pochte ſein Herz zum Zerſpringen. Er ſtreckte ſich, das mahnende Ziſchen der Kugeln nicht beachtend, hoch im Sattel auf; ſchon war es ihm auf⸗ gefallen, daß das Feuer von Lamotte's Batterie ſchwä⸗ cher geworden war, als es die Umſtände erklärlich machten. Die Schanze im Wald war nur noch ein unregelmäßiger Haufen Erde und nur noch ein einziges Geſchütz feuerte, die andern waren alle verſtummt. René glaubte den tapfern Kapitän zu erkennen an den blitzenden Epauletten, wie er ſel⸗ 127 ber die einzige ihm gebliebene Kanone richtete, neben ihm waren nur noch zwei oder drei Köpfe ſichtbar, die Unteroffiziere und der größte Theil der Bedienungs⸗ mannſchaft alſo augenſcheinlich gefallen. René Mon⸗ délion zweifelte um ſo weniger daran, als er ja von hier aus die verzweifelte Lage der Waldbatterie gegen die ſie von oben beſchießenden Kanonen der Kirche in einem Augenblick überſah. Und immer heftiger wurde das Feuer von der Plattform der Kirche, jedes Geſchoß ſchlug in die franzöſiſche Schanze und nach einigen Augenblicken war der tapfere Kapitän in einer dichten Rauchwolke verſchwunden, die immer größer wurde und immer höher emporſtieg. Die bairiſchen Hinterladungskanonen hatten offenbar ihr Ziel gefun⸗ den, und auf die Batterie Lamotte's war nicht mehr zu zählen. René Mondelion's Bruſt zog ſich ſchmerzlich zu⸗ ſammen, als er an dieſe tapfern Männer dachte, welche an der überlegenen Liſt der Feinde zu Grunde gingen, und richtete ſein Glas nach der äußerſten Waldſpitze, wo die Nationalgarden, die jedenfalls ſchon ſeit einer Viertelſtunde dort angelangt waren, jetzt beim Anblick der Hauptcolonne hervorbrechen mußten. ie Waldſpitze war durch Nadelholz gebildet und ſtreckte ſich weit in die ſchwarzen Felder vor, eine 128 friedliche, tief dunkle Oaſe, in deren Schatten mancher ermüdete Landmann geſchlummert, manches verliebte Pärchen des nahen Dorfes ſich geküßt hatte. Still und friedlich lag ſie auch heute da. Mon⸗ délion konnte durch ſein Glas jeden einzelnen der ſchlanken Stämme ſehen, jeden Augenblick glaubte er die dunklen Uniformen der Nationalgarden dazwiſchen zu erblicken, wie ſie mit todesmuthigem Ruf die kurze Strecke bis zum Dorf durcheilten, weit voraus ihrem jungen Oberſten, der ſie zu immer raſcherem Laufe ſpornte. Jean Jaccard und ſeine Colonne kamen nicht. René Mondélion's Hand, welche das Glas hielt, zitterte. Heftiger wurde das Kleingewehrfeuer der Feinde. Immer mehr Leute der Colonne fielen. Immer ra⸗ ſcher wurde das Feuer von der Kirche, in immer größern Zwiſchenräumen folgten ſich die Schüſſe La⸗ motte's, ein Zeichen, daß wieder einer oder mehrere Leute von der Bedienungsmannſchyft kampfuntüchtig geworden waren. Unwillkürlich mäßigte René Mondélion den ra⸗ ſchen, aufgeregten Schritt ſeines Thieres. Der Ab⸗ ſtand zwiſchen ihm und der Colonne war größer ge⸗ worden. Die Nationalgarde kam nicht. René richtete das Glas auf den Eingang des 129 29. Dorfes, der jetzt eben ſichtbar wurde. Eine Barrikade, erbaut aus dem Mauerwerk eingeriſſener Häuſer, ſtarrte ihm entgegen, und eine betäubende Salve krachte, der das Geheul einzelner Verwundeter antwortete. Lamotte's Batterie ſchwieg ſchon einige Sekunden. Auch die Batterie auf der Kirche hatte eine kurze Pauſe gemacht, jetzt aber löſte ſie alle Geſchütze, als wären ſie mit einem Schlag entzündet, und in den Lüften heulte und ziſchte und krachte es wie das wilde Heer und praſſelnd fiel es nieder Die Colonne, welche noch eben, wenn auch langſam, ſo doch feſtgeſchloſſen vorwärts marſchirt war, drängte auseinander und hundertſtimmig erſcholl das Geſchrei der Getroffenen. Die Nationalgarde kam nicht. Noch immer ſchwebten die weißen Rauchwolken, welche das Platzen der Shrapnels zurückgelaſſen hatte, über der Colonne, da hüllte ſich die Kirche aber⸗ mals in einen Gürtel von Dampf, und wieder kam es angeſtürmt durch die Lüfte und herunterpraſſelte der bleierne Tod. Alle Ordnung der Colonne war gelöſt und verzweifelnd ertönte bereits das Geſchrei: „Wir ſind verrathen! Rette ſich, wer kann!“ Vergeblich ſuchte ein Theil der Offiziere die Ord⸗ nung wiederherzuſtellen. René Mondelion jagte bis zurück zur Arrièregarde und trieb die Compagnien, v. Schlägel, Der rothe Faſching. I. 9 130 welche ſchon Kehrt gemacht hatten, mit geſchwungenem Säbel vorwärts. Es galt nur noch wenige Minuten auszuhalten. Jean Jaccard konnte kein Feigling ſein, die National⸗ garde mußte ja kommen. In tiefem Schweigen lag I die Batterie Lamotte's, nun ein unförmlicher Schutt⸗ haufe, immer aufs neue ziſchten und krachten die Shrapnels über den Köpfen der Franzoſen, und lautes Geheul zeigte den Ort an, wo die Saat des Todes ausgeſtreut worden war. Immer lauter ertönte der Ruf:„Verrath!“ René ſtarrte mit glühenden Augen auf das Waldende, bis die Bäume ſich vor ſeinen Augen zu bewegen begannen, und murmelte vor ſich hin:„Sie müſſen ja kommen!“ Die Nationalgarde kam nicht. Aber das Feuer auf die ſchutzlos im offenen Felde harrende Colonne nahm zu und hinter dem Dorfe herum ſchwenkte im Laufſchritt mit lautem Hurrah eine feſtgeſchloſſene Colonne der Feinde zum Bajonett⸗ angriff.„ „Verrath! Verrath! Rette ſich, wer kann!“ In regelloſer Flucht ergoß ſich das Regiment über die Felder, ihm nach ziſchten die Kugeln, über ihm zerplatzten die Shrapnels. 7 131 René ſaß bewegungslos auf ſeinem zitternden Schecken und ſtarrte nach dem Waldende— ſein Schwa⸗ ger kam nicht. Zu ihm herauf ſtierten, die erloſchenen Augen weit offen und gläſern, die wachsgelben Geſichter der Todten, neben ihm wälzten ſich die Verwundeten unter den gräßlichſten Verwünſchungen, immer näher ertönte das ſiegesgewiſſe Hurrah der Feinde. Die Na⸗ tionalgarde kam nicht! Immer dichter pfiffen um den General die Kugeln, der Schecke ſchüttelte fortwährend den Kopf vor dem unerträglichen Ziſchen. Der General hielt regungslos das Glas am Auge und ſchaute nach der Waldſpitze. Wenn Jean Jaccard jetzt kam, er konnte nicht mehr helfen, er konnte nur umkehren. Dennoch hoffte Mon⸗ délion noch immer, daß er kommen werde. Das Feuer aus dem Dorfe ſchwieg, weil es nun⸗ mehr den eigenen Leuten gefährlich werden konnte. Die bairiſche Colonne war auf wenige hundert Schritte herangekommen, Mondélion hörte die Stimme des feindlichen Offiziers, der ihm zurief, ſich zu ergeben. Da lachte Mondélion laut und zornig, warf das Glas weit von ſich, und in gewaltigen Sätzen raſte der Schecke quer über das Feld nach der Waldſpitze, wo die Nationalgarde hätte hervorbrechen ſollen. René 9* — ————— 132 hatte die ganze feindliche Front entlang zu reiten, und knatternd begrüßte ihn aus jedem Fenſter das Musketenfeuer der Feinde. Er kam dicht an der Bat⸗ terie Lamotte’s vorüber. Ein Geſchütz ſtand noch auf⸗ recht in der unförmlich erweiterten Scharte. Ein todter Mann in Kapitänsuniform lag halb in der Oeff⸗ nung, unter ihm ein zerſplitterter Ladeſtock. Dem Mann war der Unterkiefer vom Geſicht geriſſen. Rings la⸗ gen in den ſeltſamſten Stellungen die Leichen der Ka⸗ noniere. Mondélion jagte weiter und um die Wald⸗ ſpitze biegend, entſchwand er den Blicken der Schützen. Weithin war die Ebene verlaſſen. Nur ganz hinten gegen die Stadt zu bewegte ſich ein dunkler Körper, der eben in die mit Pappeln beſäumte Land⸗ ſtraße einzog. Jetzt wirbelte eine Staubwolke auf dem Feldweg empor und in Carrière kam ein Reiter herangeſprengt. Mondeélion blickte auf, ohne den Gang ſeines Pferdes zu mäßigen. Etwas wie ein Strahl von Hoffnung irrte über ſein Geſicht. Ohne Zweifel, es war Jean Jaccard, welcher ſich aus den Händen ſeiner meuteriſchen Untergebenen befreit hatte und nun allein herankam, um ſein Wort einzulöſen. Gewiß, ſo war es. Der Bruder Louiſon's konnte kein Feigling ſein. 133 Aber als der Reiter näher kam, kehrte die vorige Düſterkeit auf Mondélion's Geſicht zurück. Das war nicht Jean's Pferd, der Reiter trug auch nicht die dunkelblauen Pantalons der Nationalgarde, ſondern rothe Hoſen. Jetzt erhob er den Kopf— es war der Kapitän Beauregard. Sein Geſicht war bleich vor Zorn und Schmerz und ſeine Uniform beſchmuzt und zerriſſen. An derſelben Stelle parirten die beiden Reiter ihre Pferde. Der Kapitän griff mit der blutenden Hand mili⸗ täriſch grüßend an die Kopfbedeckung. „Und die Compagnie? Und die Nationalgarde?“ fragte Mondélion athemlos. „Die Nationalgarde iſt auf dem Weg nach Paris, die Hälfte meiner Compagnie, die nicht mit ihr fra⸗ terniſirte, mit dem Bajonett vor ſich hertreibend. Wir waren im Begriff abzumarſchiren“, fuhr der Kapitän Athem holend fort,„als eine kleine berittene Geſellſchaft uns einholte. Sie beſtand aus einem Offizier der Na⸗ tionalgarde mit vielen Galons, einem Mann in Civil, der eine rothe Schärpe trug, und einer jungen Dame, welche ausgezeichnet ritt und die Genfer Binde am Arme trug. Der Mann in Civil nannte ſich Secretär des Centralcomités der Nationalgarde von 134 Paris und der Offizier ſagte, er ſei Militärbevoll⸗ mächtigter derſelben Behörde, von der ich bis jetzt noch nicht das Geringſte vernommen hatte. Der Mann in Civil gebot Halt und hielt eine kurze Anſprache an die Nationalgarde, worin er ihr den Befehl jenes Co⸗ mités mittheilte, ſogleich nach der Stadt zurückzumar⸗ ſchiren, da die Nationalgarde nicht außerhalb der Wälle verwendet werden dürfe. Er fügte bei, daß es bald Arbeit genug für die Nationalgarde geben werde und daß man dann jeden Mann zu nothwendig brauche, um ihn durch nutzloſe Ausfälle vor den Wäl⸗ len hinopfern zu laſſen.“ Kapitän Beauregard hielt einen Moment erſchöpft inne, dann fuhr er mit ſchwacher Stimme fort: „Man muß gerecht ſein. Die Nationalgarde hörte lange ſtumm auf dieſe ſeltſamen Reden und ſchien halb entſchloſſen, ihrer Ehrenpflicht nachzukommen. Da ſagte ihr der Mann mit der rothen Schärpe und der Offizier mit den vielen Galons beſtätigte es, daß dieſe Ausfälle überhaupt blos zu dem Zwecke ſtattfänden, um die Nationalgarde, welche der gegenwärtigen Re⸗ gierung unbequem ſei, möglichſt zu ſchwächen. Sie würden ſehen, wie die Linie ſie im entſcheidenden Mo⸗ ment im Stich laſſe. Das Alles ſei mit den Feinden abgekartet, um recht bald capituliren und den Sünden⸗ 135 lohn einſtreichen zu können. Bei dieſer Mittheilung brach der Tumult los.“ „Und Jean? Und ihr Oberſt?“ fragte Mondélion mit blutloſen Lippen und weitvorſtehenden Augen. Der junge Offizier ſenkte wie verlegen das Haupt. „In der That, ich muß geſtehen, der Herr Oberſt ſchien anfangs widerſprechen zu wollen, aber der Mann mit der rothen Schärpe erhob die flache Hand gegen ihn, und auf dieſes ſeltſame Zeichen wohnte jener dem unwürdigen Schauſpiele bei, als ob es ihn nichts weiter angehe. Ich ſelbſt war anfangs ſprachlos vor Ueberraſchung, als ſich aber die Meuterei auch auf meine Compagnie überpflanzte, als die Hälfte derſelben mit den Nationalgarden fraterniſirte, ſuchte ich mir Gehör zu verſchaffen. Der Reſt meiner Compagnie nahm mich in die Mitte, ſonſt hätten mich die Natio⸗ nalgarden niedergeſchoſſen.“ „Und Jean? Und mein Schwager?“ fragte Mon⸗ délion wieder mit einer Monotonie der Stimme, als ob das Unbegreifliche keine Macht mehr über ihn habe. Kapitän Beauregard zuckte kühl die Achſeln. „Als die erſten Schüſſe von der Front her ertönten, ſchien ihn das etwas aus ſeiner Gleichgültigkeit auf⸗ zurütteln. Er ritt vor die Front und rief dem Mann mit der rothen Schärpe drohend zu, er ſei mit ſeiner Ehre dafür eingetreten, daß die Nationalgarde kämpfen werde. Sie werde kämpfen, antwortete ihm der Mann mit der rothen Binde, aber am rechten Ort und zur rechten Zeit. Der Oberſt habe nicht das Recht, das Leben ſeiner Leute nutzlos hinzuopfern für den Popanz, den die Unterdrücker Ehre nennen, der aber nichts Anderes ſei als das Brandmal der Knechtſchaft, dem Gehirn der Völker aufgedrückt ſeit Jahrtauſenden. Dann winkte der Mann mit der rothen Schärpe dem Oberſten gebieteriſch, zu ſchweigen.“ „Und Jean?“ „Der Oberſt ſchwieg. Aber ich ſah, daß er bei jedem Schuß, deſſen Echo über den Wald herüberdrang, zuſammenzuckte. Ich kann nicht leugnen, er hat ſich ohne einen Verſuch des Widerſtandes von dem fremden Mann in bürgerlicher Kleidung das Commando aus der Hand nehmen laſſen; entweder iſt er ein Verräther oder—“ „Ein, Feigling!“ ergänzte der General und ſein Antlitz zeigte nur noch die eherne Strenge, mit wel⸗ cher er heute Morgen den Keim des Aufruhrs unter⸗ drückt hatte, mit dem er vor einer Stunde in die Schlacht geritten war. Er hatte bereits ſein Pferd gewendet und mit langen Sprüngen jagten die Reiter 137 querfeldein nach dem andern Ende des Waldes, wo eben die Nachhut der zurückweichenden Colonne erſchien, von den Baiern hart bedrängt. Bereits nahm das nahe gelegene Fort an dem Kampfe Theil und ſeine Granaten crepirten im Walde. „Wohin, mein General?“ fragte Beauregard. „Dorthin!“ ſagte Mondélion, auf den Waldrand deutend, wo das Gefecht unter den Kanonen des Forts zum Stehen kam.„Wenn Sie nicht den Muth haben mir zu folgen, ſo bleiben Sie!“ „Ich habe mich durch das ganze meuteriſche Ba⸗ taillon nicht aufhalten laſſen, Ihnen meinen Rapport zu machen, General!“ gab Beauregard zur Antwort. „Ich werde auch an Ihrer Seite fallen, wenn es nö⸗ thig iſt.“ Siebentes Kapitel. Alte Freunde. Die Nationalgarde war nicht auf demſelben Weg zurückgegangen, auf dem ſie Paris verlaſſen hatte. Die nunmehrigen Commandeure hatten ſie gegen ei⸗ nen Theil der Stadt dirigirt, wo ſie auf Sympathien zählen konnten, im Falle die Sache zu weitern Ver⸗ wicklungen führen ſollte. Das Bataillon hatte ſich daher nach der Barrière de l'Enfer gewandt, welche von den geheimen Leitern des revolutionären Paris als einer der Hauptſtütz⸗ punkte des beabſichtigten Aufſtandes angeſehen wurde. Nicht aus militäriſcher Wachſamkeit, ſondern le⸗ diglich aus Neugier und Langweile trieben ſich immer zahlreiche Soldaten auf den Wällen umher. Dies war beſonders heute der Fall, da man den ganzen Vor⸗ 139 mittag eine heftige Kanonade vernommen. Die Ankunft des Bataillons war daher ſchon lange vor ſeiner An⸗ kunft ſignaliſirt worden. Als nun der ſeltſamſte Stab, der jemals einer Truppe vorausgeritten, durch das Thor paſſirte„war Reymond bereits mit unter⸗ ſchiedlichen Scherzen bemüht, einige Ordnung in ſeine aufgeregte Compagnie zu bringen, in der jeder Einzelne es für bedeutend zweckmäßiger zu halten ſchien, ſich privatim mit den Ankömmlingen zu unterhalten, als dieſelben in Front und Richtung militäriſch zu bewill⸗ kommnen. Perè Androlet, die Front auf und nieder taumelnd und hier und da ein heiſeres Bellen ausſtoßend, glaubte ſeinen Kapitän darin zu unterſtützen; da je⸗ doch die Schimpfwörter, mit denen er ſeine Unter⸗ gebenen regalirte, nicht ſo ohne weiteres hingenommen wurden, ſondern zahlreiche Entgegnungen hervorriefen, ſo erreichte er ziemlich das Gegentheil von dem, was er anſtrebte, und der Tumult wurde von Minute zu Minute größer. Mit der herrſchenden Verwirrung am zufriedenſten war unſtreitig Charles Bertholet. Er ließ ſeine beiden Trommelſchlägel ſo wahnſinnig auf ſeine Trommel niederraſſeln, daß er jeden Verſuch Reymond's, ſich weiterhin als für die nächſten Rotten verſtändlich zu machen, gründlich vereitelte. Dazu ſtieß ———— 2 140 er dann und wann einen greulichen Pfiff zwiſchen den aufgezogenen Mundwinkeln hervor, gellend genug, um die Gaunerbevölkerung eines ganzen Viertels zuſammen⸗ zurufen, luſtig blinkten ſeine ſchlauen Aeuglein und vor Vergnügen hob er bald den einen, bald den andern ſeiner Füße in die Höhe. Am andern Flügel der Compagnie ſtand, das Zeichen ihrer Würde, das Fäßchen, an der Seite, den üppigen Körper auf eins der kamaſchenbekleideten Beine zurückgelegt und hin und wieder zu den Scherzen ihres Geliebten lächelnd, Jeanne Duterey. Man ſah es ihren vor Uebermuth blitzenden Au⸗ gen an, daß ſie in dieſem halbwilden Leben, unter dieſen aus den Fugen gerathenen Exiſtenzen ganz an ihrem Platze, daß ſie ſogar glücklich war an der Seite ihres liederlichen Geliebten, ſeit der Spiegel der ge⸗ ſellſchaftlichen Ordnung ihr nicht mehr ſein verzerrtes Bild entgegenhielt. An ihrer Seite ſtand Fritz Navet. Seit jenem Tage, da er ſeine Kriegsbeute nicht behalten durfte und mit abgeſengten Brauen und verbrannten Fingern hervorging aus dem brennenden Branntweinbade, in das ihn Reymond's Fauſt geſchleudert, war er der heftigſte Gegner des Kapitäns geworden, der Führer der Oppoſition, der nie müde Hetzer. 141 Der Autorität Reymond's, ſoweit ſie beſtand, brachte das allerdings keine ernſtliche Gefahr, da Fritz Navet die luſtige Figur der Compagnie und die ſtete Zielſcheibe von Charles Bertholet's ſchlechten Witzen war. Das hinderte aber nicht, daß er heute am lau⸗ teſten ſchrie und geſticulirte und, da ſeinem langen Halſe auch eine ſehr dünne und kreiſchende Stimme eigen war, die Anſtrengungen ſeines Freundes Char⸗ les Bertholet in der wirkſamſten Weiſe unterſtützte. Vergeblich hatte ihm Jeanne Duterey mehrmals ihre kleinen Fäuſte drohend unter die Naſe ge⸗ halten, Fritz Navet brüllte, ſo laut er konnte, ſeine Hochs auf das ſiegreich aus der Schlacht zurückkehrende Bruderbataillon weiter. Endlich, als Jeanne Duterey wahrnahm, daß Reymond glücklich alle Schreier zum Schweigen gebracht hatte, mit Ausnahme des langen Navet, ergriff ſie raſch entſchloſſen ein kleines Zinn⸗ gefäß, das ſie neben ihrem Fäßchen am Gürtel hän⸗ gen hatte und welches als Maß zur Vertheilung von Getränken diente, und ſchob es dem langen Schreier in den aufgeſperrten Rachen. Halb erſtickt und gurgelnd ſuchte ſich der beuteſüchtige National⸗ gardiſt des unerwarteten Knebels zu entledigen, aber auf einen Wink Jeanneton's hatten bereits ein paar Leute aus dem zweiten Glied ein Tuch um ſeine — Handgelenke geſchlungen, und mit blauem Geſicht und hervorgequollenen Augen ſtand er da und ſtarrte auf die Frau mit dem wehenden Federbarett, den ſchwar⸗ zen Locken und dem bleichen Geſicht, welche inmitten der Offiziere über den Platz galoppirte, daß die Funken aufblitzten unter den Hufen ihres ſchäumenden Rappen. Fritz Navet wußte Beſcheid im Punkte der Weiber, aber ſelbſt er mußte ſich geſtehen daß er noch nie eine ſolche eigenthümliche, faſt unheimliche Schönheit geſchaut habe. Er vergaß den Knebel im Munde, er vergaß die ge⸗ bundenen Hände, immer weiter in die Ferne rückte das Antlitz der Britin, immer undeutlicher wurden ihre Züge, endlich verloren ſelbſt ihr großer Mund und ihre Locken Form und Geſtalt vor der Phantaſie Fritz Navet's und ſchwanden ins Leere. Es ſchien ihm plötzlich, als ob auch ein kürzerer Hals ſchön ſein könne, vorzüglich wenn er von rabenſchwarzen Locken um⸗ geben ſei, und unwillkürlich ſuchte er die Länge des eigenen Kragens dadurch zu verbergen, daß er die Hälfte davon in die Tiefen ſeiner Blouſe verſenkte. Jeanne Duterey ſah das für ein Zeichen an, daß Fritz Navet ſeinem Ende nahe ſei, und befahl eiligſt, ihn von dem Knebel zu erlöſen. „Wenn Ihr verſprecht Frieden zu halten, laß ich Euch auch die Hände losbinden“, ſagte ſie. 143 Fritz Navet antwortete nicht, ſondern ſtarrte wie verzückt auf die Reiterin, welche mit raſchem Blick den Ort überſchaut hatte und ſich dann zu dem National⸗ gardenoffizier wandte, der in einer mit Silber⸗ treſſen überladenen Uniform neben ihr ritt. „Hier gefällt es mir, Etienne! Unter dieſen halb⸗ zerſtörten Häuſern, die ihren Inhalt auf die Gaſſe ent⸗ leert haben, unter dieſen Soldaten, die wie Banditen ausſehen, iſt mir wohl. Auch hört man hier die Kanonen beſſer als in andern Theilen der Stadt.“ „Dein Geſchmack iſt ſeltſam, Leopolda!“ gab Stanowsky zur Antwort.„Ich meinerſeits geſtehe, daß ich des wüſten Treibens bereits überdrüſſig bin. Es iſt mir unbegreiflich, daß Du keinen Verſuch ma⸗ chen willſt, durch die Belagerer zu gelangen. Wir wagen dabei jedenfalls nicht mehr, als wenn wir blei⸗ ben. Du biſt Ausländerin und von hohem Rang. Man wird es nicht wagen uns anzutaſten.“ Leopolda ſah ihren Geliebten mit eigenthümlich ſtarrem Auge an. „Und wenn man es doch wagte? Wenn man Dich von meiner Seite riſſe? Schon der Gedanke bringt mich zur Raſerei.“ Die Fürſtin legte ihre vor Aufregung zitternde Hand auf den Arm ihres Geliebten und fuhr fort:. 144 „Nein, hier iſt es ſchön, hier können wir des Elends lachend mit einander koſen, und während draußen die Hunderttauſende ſich zerreißen, küſſen wir beide uns die Lippen wund. Ich bin müde. Ich möchte hier ein wenig raſten. Hilf mir aus dem Sattel, Etienne.“ Etienne Stanowsky war nicht mehr der Mann von ehedem. Er hatte keinen Willen mehr. War es blos das Bewußtſein ſeines Verbrechens an ihr, was ihn zum willenloſen Sklaven dieſer Frau machte? Trugen ſeine Sinne die Schuld, daß er dem Zauber⸗ kreis nicht mehr zu entfliehen vermochte, den die Reize dieſes Weibes um ihn gezogen? Liebte er das ſchöne, Weib mit dem ſeltſamen Blick, der ihn oft bis in die Tiefen ſeiner Seele kalt durchſchauerte? Waren die Gluten ihrer wilden Leidenſchaft, die ſie immer ge⸗ waltiger über ihn ausgoß, bis ſie faſt über ſeiner Ver⸗ nunft zuſammenſchlugen, der Theil des eigenen Weſens, den er geſucht durch Nacht und Verbrechen ein halbes Leben lang? Liebte er dieſes Weib? Er wußte es nicht, er wußte nur, daß er es nicht mehr entbehren konnte. Gehorſam ſtieg er vom Pferd, das ein heran⸗ tretender Nationalgardiſt hielt, faßte mit der einen Hand die Zügel von Leopolda's Rappen und ſtreckte in der Höhe ihres Fußes die flache Rechte aus, damit ſie darauf trete. v ——— 145 Stanowsky's Hand ſenkte ſich nicht, ſo leicht ſprang Leopolda aus dem Sattel, und die Schleppe ihres Reitkleids über den Arm geſchlagen, ſchritt ſie an der Seite ihres Geliebten dahin. Fritz Navet's Hals verſchwand immer mehr und ſein rundes Geſicht wurde immer runder vor Ver⸗ wunderung, als die Dame vorüberkam, dann ſtieß er Jeanne Duterey mit dem Ellbogen an und flüſterte erregt:. „Kennt Ihr dies Weib?“ „Nein, aber den Mann!“ gab Jeanne zur Antwort. „Hört, Jeanne!“ fuhr Fritz Navet fort.„Ihr wißt, warum ich den Kapitän haſſe, Ihr wißt, daß Niemand gut ſchläft, den Fritz Navet haßt. Fritz Navet vergibt nie eine Beleidigung und iſt ein Mann. Nun gut, Jeanne, ich will dem Kapitän verzeihen.“ „Wie gütig!“ lachte Jeanne. „Jedoch unter einer Bedingung.“ „Laßt hören, tapferer Navet.“ „Ihr wißt, daß ich die Engländerin, die ich durch meine Tapferkeit erobert hatte, behalten wollte.“ Jeanne nickte lachend. „Nun gut“, fuhr Navet immer erregter fort,„ich will ſie nicht mehr!“ „Ei, Fritz Navet, Ihr ſeid ja die Enthaltſamteit v. Schlägel, Der rothe Faſching. I. 10 in Perſon. Reymond wird durch Euren Verzicht un⸗ gemein gerührt ſein.“ „Wird er das? Deſto beſſer! Dann ſagt ihm, Fritz Navet wolle künftig in Frieden mit ihm leben und ſeinen ganzen Einfluß aufbieten, daß die Compag⸗ nie ihrem Kapitän gehorche, wenn—“ Fritz Navet ſtockte. „Nun, wenn?“. „Wenn er mir die Andere gibt. Die gefällt mir noch beſſer.“ „Welche Andere?“ „Die da!“ Fritz Navet hatte ſehr bezeichnend ſein Kinn in der Richtung nach der vorüberwandelnden Fürſtin Leopolda vorgeſchoben, dabei war ihm auch ein Stück Hals mit vorgerutſcht, das er aber ſofort wieder in die Tiefen ſeiner Blouſe zurückſchob. „Die da?“ wiederholte Jeanne ſcherzend.„Euer Geſchmack iſt nicht ſchlecht, Navet, aber das iſt ja keine Gefangene.“ Fritz Navet lächelte ſchlau. „Ich behaupte, daß ſie eine Preußin ſei, und nehme ſie gefangen.“ „Das iſt höchſt einfach. Aber Ihr Begleiter?“ „Der iſt auch ein Preuße. Ihr habt es ſel⸗ 147 ber gehört, wie ſie eben preußiſch mit einander ſprachen.“ „Das war ja Ungariſch.“ „Thut nichts, es war Preußiſch. In Paris hat gegenwärtig Niemand das Recht, eine andere Sprache als die franzöſiſche zu reden. Und noch etwas, Jeanne!“ Fritz Navet beugte ſich nieder zu dem Ohr der Marketenderin und flüſterte: „Jeanne, wenn Ihr mir helft, daß ich die Preußin bekomme und daß mir der Kerl da baumelt, ſo habt Ihr es nicht umſonſt gethan. Ich habe ausfindig ge⸗ macht, wohin Charles Bertholet die Koſtbarkeiten ge⸗ bracht hat, die in den Koffern waren, die er den Preußen von neulich vom Wagen geſchnitten. Wenn Ihr mir helft, Jeanne—“ Jeanne Duterey ſah ihren Nebenmann einen Moment erſtaunt an. Dann ſagte ſie: „Fritz Navet, Ihr ſeid ein noch größerer Schurke als Narr!“ Dann folgte ſie Stanowsky und der Fürſtin Leopolda, welche ſich in der Richtung nach der Can⸗ tine begeben hatten. Als die militäriſche Begrüßung der beiden Trup⸗ pen vorüber war, ging Reymond auf ſeinen ehemaligen Freund zu, welcher abgeſtiegen war und etwas ſeit⸗ 10* wärts auf dem Platze ſtehend ſtumpf auf das mili⸗ täriſche Schauſpiel vor ihm blickte. Reymond ſtreckte ihm die Hand entgegen. „Willkommen an der Höllenbarrière, Freund! Hoffentlich haſt Du den alten Groll indeß begraben. Es geht jetzt in der Welt noch Tolleres vor als die Streiche, die Du einſt nicht leiden mochteſt. Es iſt ſo Vieles weggeblaſen worden durch den Sturm, der über die Welt fährt, und noch immer fallen die welken Blätter.“ Jean reichte dem einſtigen Freunde die Hand und wandte ein Geſicht nach ihm, in dem nur noch die großen ſchwarzen Augen lebten. „Noch immer fallen die welken Blätter!“ wieder⸗ holte er träumeriſch und fuhr ſich mit der Linken über die bleiche und doch fieberhaft glühende Stirn.„Ich bin in einer Stunde erbärmlicher geworden, als aller Schmuz des Lebens Dich jemals machen konnte. Ich habe einen Freund verrathen, der ſeine eigene Ehre auf meine Treue ſetzte. Wenn ich ihm auch nicht helfen konnte, ſo hätte ich an ſeiner Seite ſterben ſollen, ihn mit meiner eigenen Bruſt vor den feindlichen Kugeln deckend, denen er ſich auf mich vertrauend entgegen⸗ warf. Ich habe vielleicht das Lebensglück meiner Schweſter geopfert um nichts. Um weniger als nichts, 149 um der Lehren und Befehle jenes Mannes willen, der nur leben kann in dem Sumpf von Blut und Schande, den er um ſich verbreitet. Ich habe die heiligſte Pflicht unter die Füße getreten um Schwüre, auf deren Nichterfüllung nichts ſtand als der Tod.“ Reymond ſah dem Freunde ſpöttiſch ins Geſicht. „Immer der Alte“, ſagte er kopfſchüttelnd.„Du biſt von der Geſellſchaft malträtirt worden ſo gut wie einer und haſt es weniger verdient als alle; wie wir alle haſt Du die Stunde der Rache und Erlöſung her⸗ beigeſehnt, und jetzt, da ſie immer näher kommt, dieſe herrliche Zeit, wo man Alles auf den Kopf ſtellen und im Blute ſeiner Feinde waten kann bis an die Kniee, jetzt ſchielſt Du wieder rückwärts nach Pflicht und Ehre und zitterſt für die Reputation Deiner Schweſter, weil ein Ariſtokrat Dich für den Henkersdienſt am Volk gekauft zu haben glaubte, als er das friſche junge Blut ins Chebett ſchleppte. Für unſereinen taugt das Rückwärtsſchielen nichts, Jean Jaccard. Friſch hinein in den Sumpf und tüchtig um ſich ge⸗ ſchlagen, bis der Koth über die ſchönen Sonntags⸗ kleider der ganzen Welt ſpritzt und alle die ſcheinhei⸗ ligen Larven ausſehen wie die unſern. Komm, Jean! Jeanne hat letzthin unſere Cantine mit einem Stoff bereichert, den der ehrenwerthe Kerl, der Weinhändler, 150 bei dem ſie ihn requirirte, in dem hinterſten Winkel ſeines Gartens eigens für uns aufbewahrt zu haben ſchien. Ein wahrer Sorgenbrecher! Wenn ich einmal im Parlament der ſocialen Republik ſitze, werde ich die Weinberge, wo er wächſt, zu Staatszwecken reſerviren laſſen. Die Canaille verſteht ja doch nichts von einem ſo feinen Gewächs. Komm, Jean!— Ihr Leute! Der Schwindel hat ein Ende, geht aus einander! Jeanne wird Euch ein Faß Branntwein geben, theilt redlich mit Euren Kameraden da drüben und ſuche jeder das Meiſte zu bekommen. Aber ſtecht einander nicht todt dabei; wenn die Preußen kommen, wollen ſie auch noch etwas übrig behalten.“ Ein lautes Jubelgeſchrei antwortete der jovialen Anrede des Kapitäns, nur zwei ſchrieen nicht mit, Charles Bertholet der Trommler und Fritz Rübe, der den Schnaps liebte. Beide ſtarrten, wenn auch mit ganz verſchiedenen Gefühlen, dem Paare nach, welches eben, gefolgt von Jeanne, in der Cantine des Platzes verſchwand. Char⸗ les Bertholet's Trommelſchlägel und Hände ruhten regungslos auf dem Kalbfell, aber ſeine Aeuglein platz⸗ ten faſt vor Munterkeit und ſeine Mundwinkel zuckten ein paarmal blitzähnlich gegen die Ohren— er hatte Stanowsky wiedererkannt. Endlich ſchien er — aus ſeinem Erſtaunen zu ſich und zu einem Entſchluß zu kommen; er ſtieß einen gellenden Pfiff aus, bei dem ſelbſt Frédéric Naret's unheilverkündendes Antlitz erſchreckt zwiſchen den Schultern emporfuhr. Dann folgte Charles Bertholet ſeinem Kapitän, der Jean Jaccard halb mit Gewalt in ſeine Wohnung zog, und auf Charles Bertholet's ſchlenkernde Grazie hinwieder⸗ um folgte Fritz Navet mit düſterem Antlitz und ent⸗ ſchloſſenen Schritten. Auf dem Platze unter den trinkenden und kra⸗ kehlenden Nationalgarden blieb nur der Mann von London. Er trug noch immer die rothe Schärpe und winkte einzelne Unteroffiziere, welche ſich durch ihr nüchternes, ernſtes Benehmen vor den übrigen auszeichneten, näher. Dieſelben traten militäriſch an und lauſchten den Worten des Mannes in bürgerlicher Kleidung, als ſei er ihr eigentlicher Vorgeſetzter. Der Mann von London bezeichnete jedem derſelben einen Punkt in der Nachbarſchaft, wo er ſich aufzuhalten und von wo er ſofort zu melden habe, wenn ir⸗ gend eine Militärabtheilung aus der Stadt ſich der Barrière nähere. Der Mann von London ſchien nicht ganz ruhig, und wie er ſo daſtand und ſorgen⸗ voll den enteilenden Unteroffizieren nachſchaute, hätte 152 es faſt ſcheinen können, als ob ihm die Ereigniſſe von heute etwas zu raſch gekommen wären. In der That hatte Niemand im revolutionären Haupt⸗ quartier ahnen können, daß es gerade General Mon⸗ délion ſein werde, der den Ausfall gegen Clamart commandiren und daß Mondeélion wieder gerade ein Bataillon Nationalgarde als Unterſtützung verlangen werde. Durch das Zuſammentreffen dieſer Umſtände war die junge revolutionäre Organiſation und ſogar ihre Seele, der Mann von London ſelbſt, gezwungen, zum erſten Mal an der Oberfläche zu erſcheinen. Viel⸗ leicht zu früh. Anderſeits aber mußte man den Riß zwiſchen der Nationalgarde und der Linie offen halten, man durfte ſie nicht Seite an Seite kämpfen, ihr Blut nicht zuſammenfließen laſſen im Kampfe gegen den äußern Feind. Auch bot die Verwandtſchaft Mondélion's und Jean Jaccard's Grund zu der Hoffnung, daß erſterer die Sache nicht zum Aeußerſten treiben werde, wenn er den Ausfall überlebte. Trotzdem war der Mann von London nicht ruhig. Er war von den Ereigniſſen gezwungen worden, raſcher zu handeln, als es in ſeiner Abſicht gelegen hatte, er fühlte, daß er nicht mehr alle Fäden in der Hand hielt, auch die Flucht des Kapitäns Beauregard machte ihm Sorge. Die Linientruppen, welche er befehligt hatte, waren ſchon vor den Thoren von Paris unter einem Lieutenant abgeſandt worden, um ſich wieder it ihrem Regimente zu vereinigen. Selbſt die Leute, welche mit der Nationalgarde fraterniſirt hatten, waren rück⸗ ſichtslos mit ihrer Compagnie ihrem geſchlagenen Regimente und den Kriegsgerichten entgegengeſchickt worden. Tief entrüſtet hatte Jean Jaccard Einſprache erhoben— der Mann von London hatte ihn an ſein Gelübde unbedingten Gehorſams erinnert. Man durfte die Situation nicht verwickelter machen, als ſie es ſchon war. Jean Jaccard hatte düſter geſchwiegen, bei jeder Salve, die aus der Gegend von Clamart herüber⸗ tönte, zuckte er zuſammen, als ſei ſie auf ihn gerichtet. Erſt als das Fort ſeinen dumpfen Schlachtenbaß in die Salven des Kleingewehrs und der Feldgeſchütze miſchte, athmete er auf. Dem Mann von London gab auch die düſtere Stimmung Jean Jaccard's zu denken. Er beſchloß ihn aufs ſorgfältigſte zu überwachen. Er wandte ſich von den halbtrunkenen Soldaten ab und näherte ſich der Cantine. Ungeſehen beobachtete er durch die nicht ganz ge⸗ ſchloſſene Thür, was innen vorging. In einer Ecke abſeits von den Andern ſaßen 154 Reymond, Jean Jaccard, Jeanne Duterey und Père Androlet, der einen Theil der Anhänglichkeit, die er der Schweſter zollte, auf den Bruder übertragen zu haben ſchien und zärtlich zu ihm aufſah. Jean Jac⸗ card hatte das Haupt in die Hand geſtützt und er⸗ widerte nichts auf die eyniſchen Scherze Reymond's, auf die Verſuche Jeanneton's, ihn zu erheitern. Nur manchmal, wenn ſie oder ihr Geliebter mit ihm an⸗ ſtießen, erhob er mechaniſch ſein Glas und führte es an den Mund, und dann ſetzte er es nieder, ohne zu trinken. Das Auge des Mannes von London wanderte weiter und begegnete einer ſeltſamen Scene. Staroſch, der ſtumme Begleiter Leopolda's und Stanowsky's auf all ihren abenteuerlichen Wegen, hatte die Küche der Cantine dazu benutzt, ſeiner Herrin ein raſches Frühſtück zu bereiten. Jetzt eben erſchien er mit einer großen Platte in der Hand, auf welcher ver⸗ ſchiedene dampfende Schüſſeln ſtanden, und beugte ein Knie vor ſeiner Herrin. Leopolda ſtreckte eben die Hand nach einem der Gläſer aus, als das Tablett dem Diener rauh aus der Hand geriſſen wurde und Fritz Navet, genau die Geberde des Walachen nachahmend, mit ei⸗ nem ſeiner verliebteſten Blicke vor dem Gegenſtande ſeiner Verehrung niederſank. 155 Noch ehe Stanowsky Zeit hatte, den Unverſchäm⸗ ten zurückzuweiſen, erſchien neben dem runden Ge⸗ ſicht Fritz Navet's ein anderes Antlitz, das ihn ſo luſtig angrinſte, als nur je die hölzerne Fratze eines Polichinells aus ſeinem kattunüberzogenen Kaſten auf⸗ getaucht war. Etienne Stanowsky erbleichte bei dem Anblick des jovialen Diebes bis unter den ſchwarzen lockigen Bart, der ſeit einigen Monaten ſein Geſicht umgab und die Magerkeit deſſelben ſehr vortheilhaft verbarg. Nach ihrer erſten Unterhaltung war zwiſchen Leopolda und ihm nie mehr von dem die Rede ge⸗ weſen, was hinter ihnen lag. Selbſt der Name der todten Schweſter ſchien aus ihrer Unterhaltung ver⸗ bannt; ihr Andenken ſollte keinen Schatten werfen auf die Wiedervereinigung der beiden Liebenden, dachte Stanowsky, die Gedanken Leopolda's über⸗ ſetzend. Letztere hatte ihn mit Hülfe ihrer Reich⸗ thümer inmitten der belagerten Stadt mit einem Lurus umgeben, wie ihn der prunkſüchtige Abenteurer nie geträumt hatte; Leopolda's unerſchöpfliche Phantaſie umgab ſich ſelber täglich mit neuen Reizen, und wenn er vom Glück ermattet einſchlummern wollte in ihren Armen, rüttelte ihn ihr melodiſchob⸗ Lachen auf zu neuem Taumel. 8 Sie hatte die nie raſtende, von einer Begierde zur 1— 156 andern taumelnde Phantaſie des Abenteurers unter⸗ jocht durch eine noch unbändigere Leidenſchaft, eine noch ſchrankenloſere Sinnlichkeit. Ehe der eine Wunſch in Etienne's Seele in der Befriedigung ermattend die Flügel ſenkte, hatte ſie mit einem Blick, der ſich glühend ins Mark ſeiner Knochen ſenkte, einem Lächeln, das die Dämonen der Hölle gebändigt hätte, ein neues Ge⸗ bilde von Pracht, Luſt und Freude vor ihm emporge⸗ zaubert, nach dem er mit glänzenden Augen und zit⸗ ternden Händen griff. Und wenn er es erreichte, ſo ſtand vor dem matten Blick bereits die Houri, die eine neue Pforte des irdiſchen Paradieſes öffnete, das die Liebe für ihn geſchaffen. Die Liebe, ſo glaubte er. Leopolda nannte es Haß, wenn manchmal der Schat⸗ ten der Schweſter bleich und vorwurfsvoll vor ihr auf⸗ ſtieg. Sie wollte ihn emporheben auf die höchſte Stufe der Glückſeligkeit, wie ſie dieſelbe verſtand, mit be⸗ täubenden Wohlgerüchen wollte ſie jeden kräftigen reinen Hauch erſticken, der noch aus ſeiner Seele em⸗ porſtieg, Alles ſollte in ihm untergehen, was das Weib im Manne ehrt und liebt, ſchwach und abhängig wie ein blödes Kind ſollte er vor ihr knieen, ſich ſelbſt verachten und ſich anklammern mit der letzten Kraft der entnervten Seele an die Hand, die ihn erniedrigt und die er nicht mehr laſſen konnte, dann wollte ſie erbarmungslos und frohlockend. So glaubte ſie. Etienne Stanowsky war faſt vollkommen in ihrer⸗ 1 Gewalt. Nur eins fehlte, um ihr den vollkommerleh Triumph zu ſichern: ſie hatte die Verbindung mit dem. geheimnißvollen Mann, in deſſen Macht Stanowsky 6— ſich befand, wohl gelockert, aber nicht gelöſt. Es war dies der einzige Punkt, in dem ſie den Geliebten nicht— beherrſchte. Die Furcht war mächtiger als die Liebe. Aber ſie hatte es wenigſtens erreicht, daß ſie Sta⸗ 8 nowsky auf faſt allen ſeinen Wegen begleitete. Der Mann von London machte keine Einwendung. Er beobachtete Leopolda ſchweigend und ſchien zu prüfen, inwieweit ſie ſelber ſich als Werkzeug der ſocialiſtiſchen Propaganda eigne. In wenig Tagen wußte er genau, was ſie that, wie ſie lebte. Nur was zwiſchen ihr und Stanowsky vorgegangen war, wußte er nicht. Das war auch einer der wenigen Punkte, worüber Stanowsky hartnäckig ſchwieg. Vorläufig mußte er damit zufrieden ſein, daß ſie ihm nicht ent⸗ gegenarbeitete. Ihr Weſen bot etwas zu Unbe⸗ rechenbares, ihr Blick, der ihn manchmal faſt ſpöttiſch traf, hatte einen zu düſtern Hintergrund, als daß es gerathen ſchien, ſie ſo raſch und leicht zu gewinnen. ihn hohnlachelid in die Tiefe ſtoßen und ſich an den letzten Zuckungen ſeines erlöſchenden Lebens weiden, 158 Sie war reich, er konnte ihr nichts bieten. Er ſelbſt war weder jung noch liebenswürdig genug, um gegen den hübſchen Ungar in die Schranken treten zu können. Es war ungereimt, zu hoffen, daß ſich die despotiſche Walachin, die ihre Diener wie Sklaven behandelte, für die allgemeine Republik begeiſtern werde. Was alſo geſchah, mußte durch Stanowsky und ſeinetwegen geſchehen. Selbſt von dieſer Seite alſo war Sta⸗ nowsky in ſeiner Neigung nicht behindert worden, der Mann von London hatte die ſchöne Frau mit der ihr gebührenden Achtung behandelt, und wenn Stanowsky je ſeinen eingegangenen Verpflichtungen untreu werden wollte, ſo brauchte ihn der Mann von London blos lächelnd daran zu erinnern, daß die nächſte Zukunft ihm und ſeiner Partei gehöre und daß es daher nur eine Wahl gebe, zu den Vernichtern zu gehören oder zu denen, über welche das Rad der Zeitgeſchichte er⸗ barmungslos hinweggehen werde. Stanowsky, ſeit er wieder reich und glücklich geworden, hatte nicht mehr den Verbrechermuth von ehemals. Er zitterte vor dem Tode, ſeit ihm Ueppigkeit und Wohlleben, mühelos errungen und von keinem Geſetz in Frage geſtellt, von ſeidenen Pfühlen entgegenrauſchte, entgegenſchäumte aus kryſtall⸗ nen Pokalen. Stanowsky wollte nicht zu denen ge⸗ hören, die unterlagen, er wollte ewig leben, ewig ge⸗ 159 nießen. Stanowsky war auch ehrgeizig geworden, um Leopolda's willen. Der Mann von London ließ ſich dieſe bequeme Handhabe für ſeine Zwecke nicht ent⸗ gehen. Er hatte ihm eine glänzende Uniform ver⸗ ſchafft, um damit vor ſeiner Geliebten zu glänzen, er verſprach ihm Ehre und Einfluß für die Zukunft. Kein Wunder, daß der einſtige Pferdehirt, der untreue Verwalter, der kaum der Gerechtigkeit entgangene Be⸗ trüger faſt vergeſſen hatte, was er geweſen, das, was er beſaß, als ſein rechtmäßiges Gut betrachtete und das, was er wünſchte und begehrte, als den natürlichen Zoll, welchen die Welt dem angeborenen Talente und der Vorzüglichkeit darbringt. Und jetzt plötzlich ſtanden mit der grinſenden Fratze Charles Bertholet's des Trommlers, die hinter dem Theebret des walachiſchen Dieners emportauchte, wieder die dunkelſten Halte⸗ punkte ſeines wilden Lebens ihm vor Augen und es war ihm, als ob vor dieſem luſtigen Spitz⸗ bubenauge alle Schleier ſänken, in die er ſich ſorgſam gehüllt, und als ſtehe er vor Leopolda in der ganzen Nacktheit des entlarvten Diebes. Charles Bertholet mochte ungefähr ahnen, was in der Seele ſeines Gegenübers vorging, und nachdem er raſch einen Blick auf Leopolda ggeworfen, dann wieder einen zweiten auf das bleiche Geſicht ihres Ritters, überſah er die Situation ſo voll⸗ 160 ſtändig, daß er es nicht für nöthig hielt, auf das Theoretiſche derſelben eigens zurückzukommen, ſon⸗ dern Stanowsky mit der größten Liebenswürdigkeit, welche ſeine Gaunerphyſiognomie auszudrücken ver⸗ mochte, fragte, wie viel Uhr es ſei. Stanowsky, überraſcht und ohne zu ahnen, was kommen ſollte, hatte nicht den Muth, die Frechheit des jungen Menſchen zurückzuweiſen, er zog ſeine prächtige diamantenbeſetzte Uhr und hielt ſie dem Trommler mit verlegener Herablaſſung vors Geſicht. Charles Bertholet ergriff ſie, hielt ſie feſt und drehte ſie einigemal herum, um ſie genau zu betrach⸗ ten. Dann ſchnalzte er mit der Zunge vor Vergnügen und ſagte: „Ihr habt da eine prächtige Uhr, Bürger Offizier! Ich habe nie eine ſo prächtige Uhr geſehen, beim hei⸗ ligen Crispin! Ihr wißt, der das Leder ſtahl, um armen Leuten Schuhe daraus zu machen. Nie, bei meiner— bei den Prügeln, wollt' ich ſagen, die ich in Mazas bekam. Es iſt verboten, aber die Aufſeher prügeln doch flott drauf los, nicht wahr, Bürger? Doch verzeiht, was weiß ſo ein hübſcher nobler Offizier da⸗ von! Sehr ſchöne Uhr das— beim Stock des Wär⸗ ters Dinton, der am ſtärkſten hieb, eine ausgezeichnete Uhr!“ „Betrachtet ſie Euch genauer, Bürger!“ ſagte Stanowsky mit einem Lächeln um die bleichen Lippen, indem er die Kette von den Knöpfen der Uniform löſte und ſie ſammt der Uhr ihrem Bewunderer dar⸗ reichte. „In der That, Bürger, ein ausgezeichnetes Werk!“ ſagte Charles Bertholet, indem er die Uhr ans Ohr hielt. Fritz Navet ſchrie wüthend auf und ließ das Theebret zu Boden fallen. Charles Bertholet hatte, während er mit der ei⸗ nen Hand die Uhr ans Ohr hielt, mit der andern ſeinen Nachbar ſo kräftig zwiſchen die Rippen geſtoßen, daß ihm ſeine Anrede an die ſchöne Frau, die vor ihm ſtand, in einen unartikulirten Schrei des Schmerzes ausartete. Wüthend wendete ſich Fritz Navet um und fiel, ſeinen langen Hals zu fürchterlicher Länge reckend, über Charles Bertholet her. Aber dieſer ſtand bereits in Poſition und führte in einer halben Wendung zur Seite mit dem einen Bein einen gutgezielten Stoß nach Fritz Navet's Zwerchfell. Doch auch Fritz Rübe, der den Schnaps liebte, ließ ſich nicht überraſchen. Er wußte, daß die Augen der Dame ſeines Herzens auf ihn gerichtet waren, und kannte ſelber die Sabatte gut genug. Mit einer mehr künſtlichen als graziöſen Beu⸗ v. Schlägel, Der rothe Faſching. I. 11 162 gung den Körper zur Seite wendend, daß er einen langen Bogen beſchrieb, faßte er mit den Händen Charles Bertholet's Bein. Aber der Tambour hatte nur das erreichen wollen. Er ließ ſich fallen, zog die Beine ſo ſchnell an ſich, daß Navet nachgeriſſen wurde, und verſetzte ihm dann mit dem Abſatz des noch freien Fußes einen Stoß in die Magengegend, daß Fritz Navet's langer Hals ohnmächtig vornüber klappte. Jetzt erſt, da man hätte denken ſollen, daß Alles vorüber ſei, erhob Charles Bertholet ein furchtbares Ge⸗ ſchrei und floh zwiſchen die Reihen ſeiner Kameraden, die bereits auf ſein Geſchrei herbeigeeilt kamen. Lächelnd ſtand Stanowsky, mit blitzenden Augen Leopolda da. Die Nationalgarden ergriffen Partei für und wieder Navet und Bertholet und eine allgemeine Schlägerei drohte loszubrechen. Da ſtürzte einer der Unteroffiziere, die er als Wachen aufgeſtellt, athemlos herein und flüſterte dem Mann von London zu: „Eine Abtheilung Linie nähert ſich durch die Straße Rambertin. Soll ich zu den Waffen rufen?“ . Der Mann von London erbleichte. Das kam zu früh. Der Mann von London ſchüttelte den Kopf und flüſterte zurück: „Wie viel?“ 163 „Eine Compagnie, wenigſtens führt ſie ein Kapitän.“ Der Mann von London lächelte wieder. „Seid ruhig— wir wollen uns überraſchen laſſen.“ Staunend hörte der Unteroffizier den ſeltſamen Befehl. Es dauerte auch nicht lange, ſo dröhnte vom 3 Platz herein der Taktſchritt der Bewaffneten und hin⸗ ter ſich überſtürzenden Nationalgarden trat Kapitän Beauregard ein. Ihm folgten ſechs Mann unter dem Gewehr, welche unter der Thür hielten. Der Kapitän ſah ſich im Raume um und trat auf Jean Jaccard zu, der ſein bleiches Geſicht erſtaunt der Thür zugewandt hatte. „Oberſt Jaccard, im Namen des Gouverneurs von Paris verhafte ich Sie. Ich bitte um Ihren Degen!“ Jean Jaccard war aufgeſprungen und hielt ſich wankend am Tiſch. Knurrend trat Peère Androlet vor ihn. Die Nationalgarden drängten ſich drohend an die Linienſoldaten. Der Zuſammenſtoß ſchien un⸗ vermeidlich. Da trat der Mann von London vor. Sein Geſicht war freundlich und ſeine Stimme mild und klangvoll. „Und weſſen klagt man den Oberſten an?“ 11* „Der Feigheit vor dem Feinde.“ Ein wilder Sturm brach los. Mit Mühe ver⸗ mochte die Stimme des Mannes von London ſich Bahn zu brechen. „Ruhe und Eintracht, Bürger! Dieſe Verhaftung kann nur auf einem Mißverſtändniß beruhen. Ich glaube, meine Kinder, Ihr könnt Euren Oberſt ohne jede Unruhe ziehen laſſen. Ich bin ſicher, daß ſich das Mißverſtändniß ſofort aufklären, daß wir ihn in we⸗ nigen Stunden wieder in unſerer Mitte ſehen werden. „Meinen Sie nicht auch, Kapitän?“ wendete ſich der Mann von London an Kapitän Beauregard, der ruhig und unerſchütterlich den Sturm erwartete, welcher jeden Augenblick gegen ihn heranzubrauſen drohte.. Der Kapitän zuckte die Achſeln. Ich habe einfach den Befehl erhalten, den Oberſten Jean Jaccard unter Abnahme ſeines Degens zu ver⸗ haften und den ſtändigen Kriegsgerichten im Hotel de Ville vorzuführen. Ich bitte alſo den Herrn Oberſten, mir die Erfüllung meiner Pflicht nicht zu erſchweren, ſondern mir zu folgen.“ Jean Jaccard war bei dem Worte Feigheit wie körperlich verwundet zuſammengezuckt. Rathlos blickte er auf den Mann von London. 165 Dieſer näherte ſich ihm und flüſterte: „Geht! Es iſt noch nicht an der Zeit, die letzte Karte auszuſpielen. Opfert Eure Freiheit kurze Zeit der guten Sache. Wir werden dafür ſorgen, daß das Kriegsgericht, das über Euch entſcheidet, hinausge⸗ ſchoben wird, bis wir Euch befreit haben. Lebt wohl!“ Jean Jaccard lächelte bitter. Seine Augen ruh⸗ ten einen Augenblick mit ſchmerzlichem Vorwurf auf ſeinem Meiſter. Dann wendete er ſich nach Perè An⸗ drolet um und legte ihm freundlich die Hand auf die Schulter. „In Eurem Hauſe in der Manſarde liegt Nini Berton. Sie iſt krank und hülflos. Sorgt für ſie!“ Mit Thränen in den Augen umarmte Poͤre An⸗ drolet den Studenten. Jean Jaccard machte ſich raſch los, winkte Rey⸗ mond freundlich mit der Hand und ſchritt dem Kapi⸗ tän Beauregard voran zur Thür. Reymond ſprang wüthend auf und ſtürzte auf den Mann von London zu. „Der, den wir jetzt wegen Feigheit anklagen, das ſeid Ihr!“ „Ihr ſeid der Feigling“, ſchrieen die National⸗ gardiſten.„Ihr!⸗ 166 Der Mann von London richtete ſich hoch auf, ſeine Augen erhielten einen merkwürdigen Glanz und ſeine Stimme klang hell und mächtig bis in den kleinſten Winkel des Raums. „Thoren!“ rief er.„Um einem einzelnen Menſchen ein paar Tage Haft zu erſparen, ſollen wir alſo zu früh losſchlagen und den ganzen Erfolg der Bewegung aufs Spiel ſetzen! Um einem Einzigen die Unbequem⸗ lichkeiten einer Unterſuchungshaft zu erſparen, ſollen wir nutzlos Tauſende von Leben opfern, Paris und die Menſchheit für Jahrzehnte wieder zu dem Grabe verdammen, worin ſie Tyrannei und Vorurtheil ge⸗ fangen halten und aus dem wir ſie in wenigen Tagen auferweckt hätten für immer! Geht, Ihr Thoren! Wenn ich einen Tadel verdiene, ſo iſt es der, daß ich glaubte, mit einer Schaar von flennenden Paſtetenbäckern die beſtehende Ordnung umſtürzen zu wollen.“ Mit gut geſpielter Verachtung wendete der Mann von London ſeinen Zuhörern den Rücken und wandte ſich zu Leopolda und Stanowsky. Je mehr die Gei⸗ ſter um ſie her ſich erhitzten, je größer der Lärm und die Unruhe wurden, deſto raſcher ſchien das Blut durch Leopolda's Adern zu eilen; ihre bleichen Wangen rötheten ſich etwas und ihre halboffenen Lippen, zwiſchen denen die weißen Zähne glänzend hervorſahen, ſchienen mit “ 167 Wolluſt die trübe Atmoſphäre des Zorns und des Haſſes einzuathmen, die ſie umwogte. Auch Stanowsky lächelte. Der Dieb und Tromm⸗ ler war in der allgemeinen Verwirrung mit der Uhr glücklich verſchwunden. Stanowsky war ihm nicht gram. Eine wilde Freude zuckte über ſein Geſicht, als Jean Jaccard verhaftet wurde, Jean Jaccard, der, unfähig jeder Heuchelei, ihn ſtets mit der kalten Verachtung behandelt hatte, die er für ihn fühlte. „Die Gefahr iſt⸗vorüber!“ ſagte der Mann von London.„Ich glaube, der ohnmächtige Zorn der Schwätzer, die uns regieren, wird ſich mit dem einen Opfer begnügen. Sammeln Sie das Bataillon, Bür⸗ ger Etienne! Wenn Sie es erlauben, will ich der ſchönen Bürgerin einſtweilen meinen Arm bieten.“ Stanowsky ſah Leopolda fragend an. „Geh!“ ſagte ſie. Stanowsky ging und bald riefen laute Trommel⸗ wirbel das zerſtreute Bataillon zuſammen. Es war zum erſten Mal, daß Leopolda und der Mann von London allein, Aug' in Aug' ſich gegenüber ſtanden. Der Mann von London blieb einen Augenblick ruhig und beobachtend vor der Fürſtin ſtehen und ſagte: „Sie können kein Intereſſe an unſern Beſtrebungen haben, aber Sie lieben den Kampf!“ 168 Leopolda nickte lächelnd mit dem Kopfe. „Sie haſſen und verachten Etienne.“ Leopolda blickte erſtaunt auf. „Gewiß!“ fuhr der Mann von London ruhig und ſicher fort, als habe er ihr nur das Reſultat eines leichten Rechenexempels mitzutheilen.„Man ſieht einem Mann, den man verehrt, nicht mit Blicken nach, wie Sie es eben thaten. Der Grund dieſes Haſſes iſt mir unbekannt.“ Leopolda ſchaute mit halbgeſchloſſenen Augen⸗ lidern hochmüthig auf den Mann, der ſie ſo eingehend befragte. „Das Letztere iſt nicht Ihre Schuld!“ lächelte ſie. „Meine Diener ſind gut erzogen und plaudern nicht.“ Der Mann von London erröthete ein wenig. „Alſo Sie geben zu, daß Sie Etienne haſſen?“ „Ich gebe nichts zu. Ich antworte nur.“ Eine Pauſe entſtand. Dann begann der Mann von London wieder in verändertem Tone: „Hören Sie, ich habe Etienne nöthig— haben Sie ein Intereſſe daran, meinen Einfluß auf ihn zu lähmen?“ „Nein, ſolange Etienne keiner ernſtlichen Gefahr ausgeſetzt wird.“ „Sie verabſcheuen ihn und fürchten für ihn?“ e 169 „Habe ich Ihnen geſagt, daß ich ihn verabſcheue? Ich will ihn einfach behalten. Wie lange brauchen Sie ihn noch?“ „Bis wir unſern Schlag geführt haben, vielleicht nur noch wenige Wochen.“ „Und weiter haben Sie kein Intereſſe an ihm?“ „Nein!“ „Nun, dann wollen wir uns vertragen.“ Achtes Kapitel. Die Ehre, welche tödtet. „Auf der zerſtörten Barrikade Lag ſterbend ein junger Held.“ Die alte Baronin richtete ſich von ihrem Kranken⸗ lager auf und lauſchte. Ihr Auge hatte einen ſelt⸗ ſamen Glanz, ihre abgezehrten Wangen glühten. Die Hände, auf welche ſie ſich ſtützte, zitterten. „Was iſt das für eine ſeltſame wilde Melodie, die ich immer höre, Louiſon?“ Louiſon ſchrak auf aus ihrer träumeriſchen Hal⸗ tung, als ſei ſie auf einem ſchweren Unrecht ertappt worden. „Es iſt ein neues Lied, Mutter, das die National⸗ garden ſingen, wenn ſie vorübermarſchiren.“ „Es iſt ein ſeltſames Lied, es klingt wie das 171 Kniſtern der Flamme, wenn ſie das trockene Ge⸗ bälke der Paläſte verzehrt, wie das Fallbeil der Guillotine.“ „Sie ſingen es immer“, ſagte Louiſon ſcheu, „wenn ſie vorüberziehen. Es klingt laut durch das offene Thor. Ich will befehlen, daß man das Thor ſchließe.“ Louiſon ſtand auf. „Laßt euer vieles Reden Von Gott und Himmelreich Ich laſſe hier mein Eden.“ „Bleib'!“ ſagte die Matrone. Louiſon regte ſich nicht. Nur als von unten aufs neue wilde Rufe herauftönten, zuckte ſie zuſam⸗ men und ihre Augen öffneten ſich weit, als wie aus tiefem Schlaf erwacht.. „Tritt näher, Louiſon! Du kennſt das Lied.“ Louiſon trat langſam und zögernd an das Bett der Kranken. Ihr Auge fllchte den Boden. „Du kennſt das Lied!“ „Ich hör' es alle Tage, Mutter!“ „Vorhin haſt Du es leiſe geſungen.“ „Nein, Mutter, Sie haben geträumt.“ „Geträumt? Träume ſind zuweilen wahrer als Menſchen und Worte. Du liebſt das Lied.“ 172 „Ich weiß es nicht. Mir iſt, als hätt' ich es ſchon irgendwo gehört.“ Läutet an der Glocke, 7 Sagt, daß ich gefallen bin.“ „Was erſchrickſt Du Louiſon? Dein Gatte lebt ja.” „Ja, ja, er lebt“, wiederholte Louiſon leiſe und ging halb ſchüchtern, halb traurig ihrem Gatten ent⸗ gegen. Auch René Mondélion war ernſt. Aber inniger als je küßte er ſein Weib. „Nun?“ „Der Gouverneur iſt unerbittlich. Es ſoll einmal ein Beiſpiel ſtatuirt werden, um die gelockerte Disciplin wiederherzuſtellen. Die Lebensmittel gehen immer mehr auf die Neige, das Plateau des Mont Avron iſt vom Feinde genommen. Man befürchtet täglich das Ausbrechen von Unruhen. Nur die äußerſte Strenge kann uns gegen den Feind von innen retten, ſagt man. Ich habe gefleht, mit meinem Abſchied gedroht, man blieb unerbittlich.“ — Mondelion hatte das Alles ſehr raſch geſprochen, als ſuche er durch die Menge der Gründe, die er vor⸗ brachte, die vorwurfsvolle Stimme des eigenen Herzens zu übertäuben. 173 „Und— und—“ Louiſon ſtockte einigemal, als ob die Stimmwerkzeuge ihr den Dienſt verſagten.„Was wird ſeine Strafe ſein?“ Ihre Augen lagen weit offen auf dem Geſicht ihres Mannes und nur ihre bleichen Wangen zuckten hin und wieder. Mondélion ſah nicht zu ſeiner Gattin auf. Sein Geſicht war aſchfahl und ſeine Finger ſuchten zerſtreut einen Gegenſtand, um ſich daran zu klammern. „Seine Strafe wird ſein— es gibt blos eine Strafe für das Verbrechen der Feigheit vor dem Feinde— die Zeiten ſind ernſt, die Kriegsgeſetze ſind ſtreng. Er büßt für Andere—⸗ Mondélion athmete tief auf: „Seine Strafe wird ſein der Tod durch Erſchießen.“ Das Antlitz Louiſon's hatte ſich nicht verändert, blos das Zucken deſſelben hatte aufgehört und die Farbe ihrer Lippen war von der ihrer Wangen nicht mehr zu unterſcheiden. „Der Tod durch Erſchießen“, wiederholte ſie langſam. Dann blitzten ihre Augen wie Dolche und mit geballten Fäuſten trat ſie vor ihren Gatten hin. „Und Niemand hat ihn gemordet als Du, Du!“ „Louiſon! Beruhige Dich! Bei Gott, mir geht 174 das Schickſal des Armen, Verführten ſo nahe als Dir. Aber meine Pflicht, meine Ehre!“ Louiſon ſchaute verwirrt durch die widerſtreitenden Gefühle, die ihr Hirn und Herz durchtobten, zu Boden. „Ja, ja“, flüſterte ſie,„ſie hatten Recht damals, wir haben nicht dieſelbe CEhre. Eure Ehre tödtet!“ Und ein krampfhaftes Schluchzen erſchütterte ihren Körper. „Louiſon, um unſerer Liebe willen komm zu Dir!“ rief Mondelion und ſuchte ſein Weib zu umfaſſen. Sie ſtieß ihn heftig von ſich. „Mir ſchaudert vor Euch!“ Mondelion faßte ihre Hand. „Louiſon!“ Sie riß ſich los und eilte aus dem Zimmer. Hochaufgerichtet in ihrem Bette ſaß die Matrone. Ihre Wangen glühten in Fieberhitze und die Hand, die ſie ausſtreckte, zitterte. 3 „René! Es war nicht gut, was ich damals ge⸗ than habe, um Dein Glück zu gründen. Was Gott geſchieden hat, ſoll der Menſch nicht vereinigen. Heute Nacht kam mein Vater dort von der Wand herunter, beugte ſich über mich und ſagte: Es war nicht gut! Und in der Hand trug er das Wappen unſerer Familie und mittendurch ging ein blutiger Balken, und während — 175 ich hinſah, wurde der Balken immer größer und end⸗ lich war das ganze Wappen nichts als Blut, Blut.“ „Mutter!“ rief René und barg ſein Haupt in den Kiſſen. Das Feuer des Fiebers in den Augen der alten Frau erloſch. Matt ſank ſie zurück. Ueber Paris rollte wie Donnerſchläge das Bom⸗ bardement auf Iſſy. Neuntes Kapitel. Das Kriegsgericht. „Ich ſchwöre die Wahrheit zu ſagen, die krim Wahrheit, nichts als die Wahrheit.“ René Mondelion ſprach mit leiſer, tonloſer Stimme den kurzen franzöſiſchen Zeugeneid nach und ſchaute vor ſich hin auf den greiſen General, der die Mitte des Tiſches einnahm, dann wanderte ſein Blick abwärts an den Geſichtern der Beiſitzer des Gerichts, der Stabs⸗ und Oberoffiziere, welche in voller Uni⸗ form rechts und links den Vorſitzenden umgaben. Dann ſah er weiter, rechts den Staatsan⸗ walt, einen Kapitän mit weinrothem Geſichte und borſtigem Barte, der ſein Material ordnete, dann links am Tiſch des Vertheidigers die Züge eines jugend⸗ lichen Kapitäns der Nationalgarde, der trotz der Er⸗ 64 4⁷ mahnungen des Präſidenten das rothe Tuch nicht ab⸗ gelegt hatte, das phantaſtiſch über ſeine Schulter hing. Der junge Vertheidiger war der Commandant der Höllenbarrière, der ehemalige Student der Rechte, Reymond. All das erſchien Mondélion wie weit weggerückt und als ſeien die Menſchen, die er erblickte, Automaten und ihre Bewegungen nur mechaniſch und ihre Stimme nicht die von Lebenden. Sie neigten und nickten mit den Köpfen und fremd klang ihm die eigene Stimme ins Ohr, als er jetzt den Angriff auf Clamart erzählte und ſeinen Schwager anklagte, damit dieſer erſchoſſen werden ſolle. Ja, ja, Schwager Jean mußte erſchoſſen werden, daran war nichts zu ändern; es that ihm eigent⸗ lich recht leid, daß es nicht zu ändern war, und Louiſon brach es wohl das Herz, wenn ſie ihren geliebten Bruder hinausführten auf die Wälle, mit einer ſchwarzen Tafel auf Bruſt und Rücken, worauf„Elender Feigling“ geſchrieben ſtand, und ihn niederknieen ließen an einem friſch gegrabenen Loch mit verbundenen Augen und mit zehn Gewehren auf ihn ſchoſſen. Es war eben nicht zu ändern, obwohl es Mondelion eigentlich recht ſehr leid that. Nicht er verlangte den Tod des Schwa⸗ gers, ſondern das Ding, das für ihn ſprach und dachte, das ihm die eigene Stimme fremd erklingen und ibn v. Schlägel, Oer rothe Faſching. I. 12 178 Worte ſprechen ließ, vor denen ſein Herz erſchrak. Das Ding, das für ihn ſprach und dachte, war die Ehre. Mondélion ſtockte und ſah dem alten General verſtört ins Geſicht, der, zu nichts Anderem mehr verwendbar, mit ſchlotternden Knieen und ſelber dem Grabe nahe, Tag für Tag ein Dutzend junger Leben zu Pulver und Blei verdammen half, weil ſie das Leben zu ſehr ge⸗ liebt hatten. Es war die CEhre, welche tödtet, wie Louiſon geſagt hatte. Dann ſetzte ſich Mondélion's Mund wie⸗ der in Bewegung und in ſeinem Gehirn begann wieder jenes ſeltſame Nebeneinanderherlaufen der Vorſtellungen, auf welches ein großer Denker eines ſeiner vernichtend⸗ ſten Argumente begründet hat. Mondélion wußte auch ganz genau, wer hinter ihm ſtand mit bleichem, gefaßtem Geſicht, mit den dunklen, ſchwermüthigen Augen, die reiche Stuccatur der Wände anſtarrend und manchmal der Erzählung Mondélion's lauſchend. Es war ſein Schwager, der Feigling, der Bruder Louiſon's, der todtgeſchoſſen werden ſollte, weil es die Ehre ſo verlangt, die Ehre, welche tödtet. Mondélion war zu Ende. Der General fragte den Angeklagten, ob er auf die Angaben des Zeugen etwas zu erwidern habe. Es war ganz natürlich, daß Jean Jaccard, der Mann, der todtgeſchoſſen werden ſollte, etwas er⸗ widerte. Dennoch erſchrak Mondelion, als er hinter ſich eine menſchliche Stimme hörte, die leiſe ſprach: „Nichts!“ Mondelion trat zur Seite und dabei war ihm, als ſei ihm ſelber bei Todesſtrafe verboten, den Mann, der todtgeſchoſſen werden ſollte, anzuſehen. Der Kapitän mit dem dicken rothen Geſichte ſtand auf und verlas die Anklage. Er erzählte mit mehr⸗ maligen Unterbrechungen und wurde immer röther im Geſicht dabei und huſtete jedesmal, wenn er„Meine Herren Generale und Offiziere“ geſagt hatte, ſehr lange; er erzählte, daß er den Muth für die unentbehrlichſte Eigenſchaft des Soldaten halte, faſt ſo unentbehrlich als, als— der Kapitän ſuchte lange nach einem paſ⸗ ſenden Gleichniß, und da ihm keins einfiel, ſo unter⸗ brach ihn der Nationalgardenoffizier gegenüber:„Als Mantelſack und Schuhbürſte!“ Darob entſtand allgemeine Entrüſtung, der Verthei⸗ diger wurde vom Präſidenten wegen ſeiner unwürdigen Aeußerung in ſo ernſter Stunde zurecht gewieſen, ſchien das aber nicht beſonders ernſt zu nehmen, und der rothe Kapitän fuhr fort, zu beweiſen, daß ein Soldat, ganz be⸗ ſonders ein Offizier, der ſich weigere, ſich vom Feinde todt⸗ 12* 180 ſchießen zu laſſen, natürlich vor ein Kriegsgericht geſtellt und von ſeinen eigenen Landsleuten todtgeſchoſſen werden müſſe. Hierauf lud er die Herren Richter ein, darüber nachzudenken, was ſie für eine Gefahr über das Vater⸗ land brächten, wenn der Angeklagte nicht todtgeſchoſſen würde. Er ſprach auch noch etwas von künftigen Generationen, die gegenwärtig auf die kleine Verſamm⸗ lung in einem Zimmer des Hotel de Ville herabblickten, aber ein neuer Huſtenanfall, der dem rothen Kapitän ein ganz ſchlagflußähnliches Ausſehen gab, machte, daß der Schluß der ſchwungvollen Rede für künftige Gene⸗ rationen verloren ging. So war's. Wenn nicht ganz ſo, ſo war's doch der Sinn. Der Gerichtshof räusperte ſich und währenddeſſen erhob ſich der alte General und ſagte, daß man aus Rück⸗ ſicht auf die Disciplin von der Vernehmung weiterer Zeugen Umgang genommen habe, daß jedoch ſchon die Ausſage des Generals Mondélion ein erdrückendes Anklagematerial gegen den Angeklagten ergeben habe Wenn der Angeklagte daher nichts gegen die Rede des Staatsanwaltes einzuwenden habe, wolle man den Herrn Vertheidiger hören. Der Mann, der todtgeſchoſſen werden ſollte, hatte nichts einzuwenden und der Vertheidiger ſtand auf. 181 Auch jetzt war ſein Geſicht durchaus nicht dem Ernſt der Lage angemeſſen. Er nahm lächelnd ein Papier auf, das vor ihm lag, und las mit ruhiger, langſamer Stimme und dann und wann innehaltend, als erwarte er eine Unterbrechung, eine Proclamation, welche die Regierung am Tage des Ausfalls erlaſſen hatte und worin die Nationalgarde wegen ihrer tapfern Haltung belobt worden war. Eine ſichtbare Verlegenheit verbreitete ſich über die Geſichter der Offiziere, der alte General ſchnappte mit dem zahnloſen Munde mehrmals nach Luft vor Auf⸗ regung. Reymond las jene Proclamation zu Ende. „Meine Herren“, begann er dann wieder,„die Echtheit dieſes Actenſtückes wird von Niemand in Zweifel gezogen werden.“ „Was ſoll das?“ quirlte es aus dem Munde des aufgeregten Präſidenten. „Das ſoll beweiſen“, fuhr Reymond lächelnd fort, „daß ſich die Nationalgarde damals ausgezeichnet ge⸗ ſchlagen hat. Sie ſind alle Militärs und wiſſen, daß eine Truppe ſich in den ſeltenſten Fällen gut ſchlägt, wenn derjenige, der ſie commandirt, mit dem Beiſpiel der Feigheit vorangeht. Der Zeuge General Mondélion behauptet, daß durch das Verbrechen des Oberſten 182 Jaccard die Nationalgarde veranlaßt worden ſei, nicht einzugreifen, und gibt dieſem Nichteingreifen die Schuld an ſeiner Niederlage, an der Vernichtung der Batterie des Kapitäns Lamotte, an dem Tode dieſes tapfern Mannes, an dem Verluſte eines Drittels ſeines Regi⸗ ments durch das feindliche Feuer. General Mondélion nennt dieſen Tag einen Tag der Trauer für die fran⸗ zöſiſchen Waffen. Meine Herren! Alle dieſe Behaup⸗ tungen des Zeugen ſind nicht wahr!“ Ein großer Tumult entſtand. Mondélion ſah den Sprecher an, als ſuche er zu unterſcheiden, an weſſen Vernunft er zu zweifeln habe, an der eigenen oder der des Mannes, der all das tolle Zeug redete. „Ja, meine Herren, alle dieſe Behauptungen ſind unwahr. Hier ſteht's gedruckt und unterzeichnet von ſämmtlichen Mitgliedern der Regierung: die National⸗ garde hat ſich ausgezeichnet geſchlagen, die Batterie Lamotte hat nicht nur die feindlichen Kanonen zum Schweigen gebracht, ſondern auch den Feinden, welche tollkühn genug waren, ſich hinter ihren Mauern her⸗ vorzuwagen, die erheblichſten Verluſte beigebracht. Von dem Tode des Kapitäns Lamotte ſteht hier kein Wort, alſo lebt er! Der Zweck der Recognoscirung wurde vollkommen erreicht, heißt es. Nachdem ſie den Feind zur Entwicklung ſeiner Streitkraft gezwungen und ihm die erheblichſten Verluſte beigebracht, haben ſich unſere Truppen in beſter Ordnung zurückgezogen. Unſer Ver⸗ luſt kaum nennenswerth. Zum Schluß wird die Ueber⸗ zeugung ausgeſprochen, daß der Feind, entmuthigt und decimirt durch die Verluſte, die ihm täglich durch unſere Ausfälle beigebracht werden, die Belagerung von Paris in kürzeſter Zeit aufheben werde. Meine Herren! Das verkündet der Gouverneur von Paris im amtlichen Journal, das iſt unterzeichnet von den ehrenwerthen Männern, die uns regieren, das Alles ſteht im grellſten Widerſpruch mit Dem, was uns der Herr General Mondelion ſo eben erzählt hat. Ich bin ein zu loyaler Bürger, um nicht den Ausſagen der Regierung vor den Worten irgend eines andern Sterblichen den Vor⸗ zug zu geben, alſo behaupte ich, Alles, was der Zeuge Mondélion vorgebracht hat, iſt nicht wahr, und ſtelle es dem Ermeſſen des Gerichtshofs anheim, ob er den Zeugen wegen Meineid in Unterſuchung ziehen oder einer ärztlichen Commiſſion, welche ſeinen Geiſteszuſtand zu prüfen hat, überweiſen will.“ Sprachlos und verblüfft ſaß einige Augenblicke der Gerichtshof. Dann ſprang der Präſident auf. „Die Erlaſſe der Regierung entziehen ſich jeder Discuſſion. Eine Regierung in ſo ſchwierigen Zeiten hat oft politiſche Gründe—“ 184 „Die Regierung eines Volkes in den allerſchwie⸗ rigſten Zeiten kann nur die Vertreterin der Wahrheit ſein. Wenn Sie die Ausſagen des Zeugen aufrecht halten wollen, müſſen Sie die Regierung der Lüge anklagen.“ „Die Handlungen der Regierung ſind hier nicht zu beurtheilen, der Gerichtshof erkennt jedoch die Glaub⸗ würdigkeit des Zeugen im vollen Umfang ſeiner Aus⸗ ſagen an.“ Schon ſeit einer Viertelſtunde war ein Geräuſch vom Platze vor dem Stadthauſe heraufgedrungen, als ob ſich große Menſchenmaſſen dort hin und her bewegten. Die Offiziere erhoben dann und wann unruhig die Köpfe. Die Etikette des Kriegsgerichts geſtattete jedoch nicht aufzuſtehen und ſich dem Fenſter zu nähern. Auch Reymond hatte das dumpfe Murmeln von unten herauf gehört und wie Wetterleuchten zuckte dann und wann ein wildes Lächeln über ſein Geſicht. Da fuhr Alles auf. Ein wildes Geſchrei ertönte unten. Gewehrſalven wurden gelöſt, klirrend ſprang eine Scheibe des hohen Bogenfenſters, die Kugel ſchlug in die Decke und die Uniformen der Offiziere wurden von dem bröckelnden Mauerwerk wie mit Aſche überdeckt. „Memento mori!“ rief Reymond wild auflachend und ſprang ans Fenſter, das rothe Tuch ſchwingend, das er noch eben am Halſe getragen. 485 Eine feſtgeſchloſſene Colonne von Nationalgardiſten und Blouſenmännern drang durch die Menge gegen das Thor des Stadthauſes. Lawinenartig ſchwoll ſie an. Ihr voran trug ein rieſiger Greis mit weißem Barte eine blutrothe Fahne. „Es lebe die Commune! Nieder mit Trochu! Tod den Advocaten!“ brüllten Tauſende von Stimmen. Mit teufliſchem Hohn im Geſicht trat Reymond zurück vor die verſtörte Verſammlung. Der Staats⸗ anwalt war blau geworden im Geſicht. Die alters⸗ ſchwache Kinnlade im Geſichte des alten Generals klappte auf und zu, ohne daß er ein Wort ſagte. Nur René Mondeélion's Geſicht hatte einen energiſchen, faſt feurigen Ausdruck. Er wollte mit gezogenem Degen zur Thür. Aber unter derſelben erſchienen bereits wilde, aufgeregte Geſichter. „Es lebe die Commune! Nieder mit den Or⸗ leaniſten!“ „Tretet ein, meine Freunde“, rief Reymond jubelnd und winkte mit dem Tuche. Dann wandte er ſich an den Gerichtshof. „Jetzt, meine Herren, wollen wir die Verhandlung fortſetzen, nur mit etwas veränderten Rollen. Der Grau⸗ kopf dort hat ſelber geſagt, daß ſeine Regierung eine Regierung der Lüge und Hinterliſt ſei, jetzt wollen wir “ 186 ihm und ſeiner Regierung den Proceß machen wegen Verrath am Volke. Packt ihn, den alten Hanswurſt, deſſen zahnloſer Mund ſchon ſo vielen braven Repu⸗ blikanern, die ſich für den großen Tag aufbewahren wollten, ihr letztes Stündlein verkündet hat. Seht, wie ſeine Zähnen an einander klappern. Ich glaube, der Racker will ſo lange leben, bis er Alles hat füſiliren laſſen, was jünger iſt als er. Fort! Und kurze Juſtiz!“ Zwölf Fäuſte zugleich griffen nach dem geſtickten Kragen des Alten und ſchleppten ihn fort. Von dem Schuß, der auch ihn mit Mauerwerk bedeckte, war Jean Jaccard aus ſeiner Stumpfheit aufgerüttelt wor⸗ den. Mit leuchtenden Augen ſtand er da und ſchaute auf die Proletarier, die einen ſeiner Richter nach dem andern ins Freie ſchleppten. Reymond wendete ſich nach ihm um und deutete auf Mondélion, der noch immer mit gezogenem Degen daſtand, bereit, den niederzuſchlagen, der ſich ihm nähere. „Es iſt Louiſon's Mann!“ flüſterte Jean Jaccard faſt flehend. Reymond zuckte mißmuthig die Achſeln. „Hat er ſich darum bekümmert, daß Du Louiſon's Bruder biſt? Doch meinetwegen! Dir iſt die glänzende Natter gefährlicher als mir.“ 187 Jean Jaccard näherte ſich Mondélion. Die⸗ ſer blickte ihn wild und höhniſch an und erhob die Waffe. „Laß das!“ ſagte Jean Jaccard.„Ich werde den Mann, den meine Schweſter liebt, nicht unter Kolbenſchlägen enden laſſen. Geh! Wir ſind quitt! Es iſt gut, daß es ſo gekommen iſt. So haben wir uns beide nichts vorzuwerfen und nichts zu danken. Aber auch das unnatürliche Band iſt zerſchnitten, das uns bisher an einander feſſelte und lähmte und einen faſt zum Mörder des andern werden ließ. Thue jeder das, was er muß, und wenn wir uns wieder begegnen, geſchehe es als ehrliche Feinde.“ Dann begleitete Jean Jaccrad ſeinen Schwager ſelbſt zur Thür und über die Treppen hinab. Mondé⸗ lion folgte finſter, geſenkten Hauptes. Verſchiedene Male wurden ſie von wild ausſehen⸗ den bewaffneten Leuten angehalten, aber Jean Jaccard's Nationalgardenuniform und die Verſicherung, daß der Bürger mit den reichen Treſſen der Mann ſeiner Schwe⸗ ſter ſei, verſchafften ihnen Durchlaß. Durch eine Nebenpforte gelangte der General un⸗ gehindert ins Freie. Jean Jaccard hatte keine Luſt, ſich an den Orgien zu betheiligen, die durch die Hallen des Stadthauſes 188 tobten. Auch überkam ihn nach all der Aufregung und Todesgewißheit eine Mattigkeit, die er nicht mehr über⸗ winden konnte. Eine furchtbare Angſt geſellte ſich dazu. Lange Wochen hatte er nichts mehr von dem Schickſale Nini's erfahren. Unter der Thür ſeines Hauſes traf er Poère An⸗ drolet. Derſelbe fiel ihm weinend um den Hals. „Sie lebt noch“, flüſterte er,„aber nicht mehr lange.“ Jean Jaccard nickte. Er wußte das ja ſchon ſeit geraumer Zeit. Und dennoch erſchien es ihm wie ein großes Glück, daß ſie noch lebte. „Und Paul Mervin?“ fragte Jean Jaccard. „Der macht gegenwärtig ein griechiſches Feuer, um die Preußen in einer Nacht mit Stumpf und Stiel auszurotten. Sein Weib iſt inzwiſchen geſtorben, die Arme. Ich glaube, ſie iſt bei dem Verſuche erſtickt, bei dem ſich auch Paul Mervin die Haare und das Geſicht verbrannte, daß er ausſieht wie ein Wilder. Tolle Leute!“ Pere Androlet ſprach verhältnißmäßig vernünftig. Er hatte dem Wein entſagt, um dieſelbe Nini Berton zu pflegen, die ihn einſt ſo ſchnöde behandelt. Vielleicht hatten auch die täglichen Gänge von der Höllenbarridre bis zum lateiniſchen Viertel günſtig auf den Zuſtand ““ 189 ſeines Gehirns gewirkt, vielleicht auch das Bewußt⸗ ſein, daß er nun eine Pflicht habe. Jean Jaccard wollte emporſteigen, Poère An⸗ drolet hielt ihn noch immer bei der Hand. Endlich ſtotterte er und erröthete dabei wie ein verliebter Schulknabe: „Und Louiſon? Iſt ſie glücklich?“ „Ich glaube, guter Androlet, ſo glücklich, daß ſie uns für immer verloren iſt.“ Pore Androlet ſtieß einen Seufzer aus, der dem Schnauben eines Pferdes glich, und ſchüttelte ſtumm die Hand des Studenten. „Am Stadthauſe wollten ſie heute um zwölf Uhr die Regierung abſetzen. Ich will hingehen, vielleicht ſchießen mich die Moblots todt.“ „Geht, Vater Androlet!“ ſagte Jean Jaccard und ſtieg aufwärts nach der Manſarde Nini Berton'’s. Als Vater Androlet auf dem Platze vor dem Stadthauſe ankam, hatte ſich die Scene verändert. Einige Linienregimenter waren dort aufmarſchirt und immer neue kamen an. Die Leichen einiger Blou⸗ ſenmänner lagen auf dem Platze und eben wurden von den Ambulancen die letzten Verwundeten weggefahren. Dort, neben einem der Todten, lag eine Trommel. Pore Androlet ging darauf zu. Es lag ihm ja nichts 190 daran, wenn ihn die Moblots auch todtſchoſſen. Aber man ſchoß nicht und ließ ihn gewähren.— Er ſchaute dem Todten ins Geſicht. Es war ſehr bleich und die halboffenen Augen ſchauten gläſern zum Himmel. Die Mundwinkel waren aufgezogen bis zu den Ohren, als ſei es etwas furchtbar Komiſches, zu ſterben. Dann kamen die Träger und trugen ihn zu ſeiner letzten Ruheſtatt, Charles Bertholet, den luſtigen Dieb. Pore Androlet ſchaute ihm ſinnend nach, murmelte vor ſich hin und ſchüttelte den Kopf. Ein Unteroffizier kam auf ihn zu und fragte, was er hier wolle. „Daß Ihr mich todtſchießt wie den da“, ſagte Androlet, auf die Leiche deutend, die man eben forttrug. Der Unteroffizier antwortete, er ſei ein Narr, und hieß ihn gehen. Pore Androlet entfernte ſich, knurrend, daß man ihn nicht todtſchoß. Zehntes Kapitel. Ungebetene Gäſte. Vingris ſtand ſtaunend vor ſeinem Bett und be⸗ trachtete ſich den ſeltſamen Schlafgenoſſen, der ſich plötz⸗ lich früh neun Uhr darin breit machte. Vingris hatte ſich draußen im Hofe aufgehalten und mit den Soldaten geplaudert, die ſeit der Rückkunft des Barons ſeine beſten Freunde geworden waren. Das furchtbare Geknalle vor der Stadt berührte ihn ſchon lange nicht mehr; man erzählte ſich, daß die Bomben hageldicht in den Vorſtädten und ſogar am Triumphbogen nieder⸗ fielen. Von da bis zur Rue du Faubourg St.⸗Honoré war allerdings nicht weit, dennoch dachte er nie auch nur entfernt an die Möglichkeit, daß ſich die unge⸗ betenen Gäſte auch in die Viertel der Ariſtokratie wagen, 192 unter den Augen ehrenfeſter wohlbeſtallter Portiers Dächer einſchlagen und die Menſchen in ihren Wohn⸗ zimmern beläſtigen könnten. Wohl hörte Vingris den ganzen Tag das verdächtige Sauſen in der Luft, aber er kümmerte ſich als Portier, der ſeiner Würde ſich bewußt war, ſo wenig darum, wie etwa um eine Straßenprügelei in der Nachbarſchaft, vor der er ein⸗ fach ſein Thor zuſchloß und hinter dem Wasiſtas ſeiner Loge über die Unbildung der niedern Volksklaſſen nachdachte. Da— er ſprach eben mit dem Sergent des achtundachtzigſten, der ſeinem Herrn den Rapport brachte und der früher einmal Kammerdiener in einem hochherrſchaftlichen Hauſe geweſen war, über die ganz troſtloſe Verwilderung, welche durch die Kriegszeiten herbeigeführt werde— da ſauſte es wieder durch die Lüfte, viel näher und vernehmlicher als jemals, daß der Sergent, der den Ton ſehr genau kannte, den Kopf zur Seite bog und Vingris vor Ueberraſchung den Mund weiter öffnete, als es die für einen herrſchaftlichen Portier ſo nöthige Selbſtbeherrſchung eigentlich zuließ. Tſch, Tſch, Tſch— dann krachte es von brechen⸗ den Ziegeln und berſtenden Mauern und Balken und dann war es ganz ſtill. „Gleich wird ſie explodiren“, flüſterte der Sergent, indem er ſich ſo klein als möglich machte. Aber ſie explodirte nicht. Zwei Minuten waren ungefähr vorübergegangen, da athmete der Sergent auf und warf ſich ob des bewieſenen Heldenmuthes in die Bruſt. „Sie crepirt nicht!“ ſagte er. „Alſo lebt ſie noch immer?“ fragte Vingris athem⸗ los und blickte ſcheu um ſich, als erwarte er, daß das Tſch, Tſch, Tſch wieder beginnen ſollte. „Nein“, ſagte der Sergent⸗Kammerdiener belehrend. „Es war eine von der ſchwerſten Gattung. Wenn ſie auch nicht geplatzt iſt, ſo bleibt ſie doch liegen, wo ſie gefallen iſt. Es muß dort in der Nähe des Thores ge⸗ weſen ſein— ja, dort ſteigt Staub auf.“„ „Da iſt ja meine Loge!“ ſchrie Vingris entrüſtet, als ſei es eine nicht näher zu bezeichnende Frechheit, auch nur zu vermuthen, daß die Bombe in ſeine Loge könne eingeſchlagen haben. „So ſehen Sie nach, ich will inzwiſchen meinen Rapport machen.“ Kopfſchüttelnd ging Vingris nach ſeiner Loge, bleich und perplex ſtand er vor ſeinem Bette. Die Loge war mit Staub und Kalkgeruch gefüllt, die Decke hatte ein großes Loch, zu welchem die Lattenverkleidung zer⸗ brochen hereinſchaute. Die Bettſtelle war auseinander gefallen und auf den weichen Kiſſen und Matratzen, v. Schlägel, Der rothe Faſching. I. 13 194 auf denen Vingris ſo oft weinſelig die müden Glieder gereckt, lag in der ganzen Häßlichkeit ihrer dickleibigen Geſtalt eine Achtzigpfünder⸗Bombe. Vingris ſtand ſtumm vor dem ſeltſamen Fremd⸗ ling. Er hatte viel erlebt während ſeiner an Wechſeln reichen Thürhüterlaufbahn, ſo etwas war ihm aber doch noch nicht vorgekommen. Einige Minuten beſchaute er die Beſcherung, dann begab er ſich zu ſeinem Herrn, um den Vorfall zu mel⸗ den und zu fragen, was da zu machen ſei. Im Vorzimmer des Barons fand Vingris bereits den Koch in höchſter Aufregung. Zum erſten Mal in ſeinem langen, thatenreichen Leben, dem Tauſende von Poulards zum Opfer gefallen waren, deſſen Meilen⸗ ſteine aus Pyramiden von entfleiſchten Wildpret⸗ knochen aufgerichtet werden konnten, hatte derſelbe nicht das winzigſte Stückchen Fleiſch mehr bekommen können. Er hatte bisher Alles mit der Geduld eines deutſchen Poeten ertragen. Er, der einen Ruf weithin über Paris beſaß wegen genialer Zubereitung von Gemüſen, um deſſen Gunſt die Köche von Vachette und Frères Provençaux buhlten, der oftmals, wenn beſonders alte Weinreſte die Tafel ſeiner Herrſchaft verließen, die ganze Welt in einen ungeheuren Gemüſegarten ver⸗ . ———— 195 wandelt ſah, der ſeiner Braut, die dann den Korporal im Kriegsminiſterium heirathete, einmal mitten im Winter ein aus den ſeltenſten algieriſchen Gemüſen gebundenes Bouquet überreicht hatte, ſah ſich gezwungen, ſchon in den erſten Tagen der Belagerung auf die friſchen Bohnen, den Blumenkohl und den Spargel aus Afrika zu verzichten. Mit den Kindern der afrikaniſchen Sonne zugleich blieben aus die Sendlinge der ſalzigen Tiefe, die Legion wohlſchmeckender Seeſiſche, die Hum⸗ mern und Seeſpinnen und wehe, die Auſtern von Col⸗ cheſter und Oſtende. Der Mann im Gewande der Un⸗ ſchuld ertrug das mit lobenswerther Stärke. Der Herr Baron machte ſich nicht viel aus Hummernſalat und anſtatt der Auſtern, die allerdings ein ſchwerer Verluſt waren, hatte man noch für längere Zeit echten ruſſiſchen Caviar. Der Herr Baron hatte ja auch ſchon öfter Caviar ſtatt der Auſtern gegeſſen und die Frau Baro⸗ nin— der Koch zuckte bei dem Gedanken an ſie die Achſeln— ſie wußte ja ohnedies die edle Kochkunſt nicht zu würdigen und begnügte ſich mit den einfachſten Ge⸗ richten. Auf Wildpret verzichtete der edle Mann, ehe es zu Ende war. Die Händler hatten es ſo lange als möglich gehalten, um höhere Preiſe zu erzielen, und es hatte allmälig einen Hautgout angenommen, der nicht blos die Küche, ſondern das ganze Haus zu parfümiren 13* 196 drohte. Der Erfindungsreiche warf ſein ganzes reiches Talent auf die ergiebigſte Verwerthung der vorhan⸗ denen Säugethiere; das Beefſteak, Rumſteak, der Roſt⸗ braten und das Filet erreichten unter ſeinen Augen eine nie geahnte Vollendung Aus Theilen, welche er früher achtlos beiſeite warf, bereitete er jetzt die merkwürdigſten und feinſten Muſchelragouts, die ge⸗ trockneten und in Eſſig conſervirten Gemüſe lebten wieder auf unter ſeinem ſchöpferiſchen Hauch und grünten ſchöner als je zuvor auf dem Miſtbeet ihrer Geburt. Aber Woche um Woche ſchwand, immer enger wurden die Grenzen ſeiner Kunſt. Blatt um Blatt, Blume um Blume ging den Weg alles Sterblichen, die letzten in Kalk aufbewahrten Eier kamen daran, die letzten Hühner und Kapauner, die letzten Hammel verbluteten, die letzten Käl⸗ ber ſtießen den Todesſchrei aus, nur das Rind blieb übrig, das herrliche breitſtirnige Rind mit den klugen, gutmüthi⸗ gen Augen, von denen ſchon Homer ſingt, und die kräfti⸗ gen, ſaftigen Beefſteaks, die er, als er die Hexameter ab⸗ zählte, wohl nur vergeſſen hat. Denn daß man ſchon im graueſten Alterthum Beefſteaks gegeſſen habe, daran zwei⸗ felte der edle Koch nicht im geringſten, ebenſo wenig als daran, daß ihre Zubereitung Jahrtauſende hindurch auf einer ganz unbegreiflich niedrigen Stufe ſtehen ge⸗ blieben war, bis er dieſem an und für ſich rohen und 197 barbariſchen Gericht durch ſeine„Sauce Mondélion“ die Weihe der Vollendung gab. Manchmal in dieſer troſt⸗ loſen Zeit trat die Verſuchung an ihn heran in Ge⸗ ſtalt von Katzen, welche durch unternehmungsluſtige Händler feilgeboten wurden. Er widerſtand. Mit tiefem Abſcheu wandte er ſich ab von den langen Reihen von Ratten, welche einige entwürdigte Fleiſcherläden ſchmückten, fühlte aber darum nicht minder den tiefen Fall einer Menſchheit, welche Ratten fraß. Schwer hatte er ſich entſchloſſen, als man die Thiere des Jardin des Plantes ſchlachtete, einen koloſſalen Bärenſchinken ſeiner Küche einzuverleiben. Er hatte ſchon öfter Bärenſchinken zubereitet, aber es waren einfache Schinken von wilden Bären, geſchoſſen auf der Jagd in den Pyrenäen oder anderswo, aber nicht von Bären, welche, in einer Menagerie geboren, ihr Lebelang in einem Käſig zwiſchen bemalten Palmen umherkrochen und von wohlgekleideten Gamins geneckt und von den Kinder⸗ mädchen mit Zuckerwerk gefüttert werden. Der Bären⸗ ſchinken indeß, ſo ſchlecht er ſchmeckte, ward gegeſſen 5 und ſogar überraſchend ſchnell, dann kamen wieder die Beefſteaks aus allen Theilen des Ochſen an die Reihe. Tief unten im Souterrain zermarterte der Märtyrer des menſchlichen Magens ſein Gehirn, um demſelben Stück Fleiſch eine von der geſtrigen Sauce verſchie⸗ 198 dene pikante Abweichung zu geben, nur undeutlich hörte er das Sauſen der Granaten, das Einſchlagen der Bomben. „Heute zum erſten Mal haben wir kein Ochſen⸗ fleiſch mehr bekommen!“ ſagte er zu dem eintretenden Vingris, mit einer Miene, als ob das Ende der Welt nun gekommen ſei.„Ich habe bis jetzt Alles geleiſtet“, fügte er hinzu und die Faſſung verließ ihn und ſeine Stimme ſchnappte etwas über,„ich habe ein gewöhn⸗ liches Stück ſchlechten Rindfleiſches als Hammelcotelette, als Wildſchwein, als Hirſchbraten, ſogar als Wildente ſervirt, heute zum erſten Mal habe ich gar keins. Nun iſt auch meine Kunſt am Ende; ich bin gekommen, um das dem Herrn Baron zu melden.“ „Und mir iſt eine ungeheure lebendige Bombe in meine Loge gefallen, durch die Decke, gerade auf mein Bett!“ ſagte Vingris und drückte dem Biedermann die Hand, der ihm ſo manches Liebeszeichen aus der Unter⸗ welt in ſeine Loge geſchickt hatte, damit er es nicht allzu genau nahm, wenn der Koch bei ſeinen abend⸗ lichen Spaziergängen nicht immer das Hausreglement einhielt. Da öffnete ſich die Thür und der Sergent trat heraus. Die Thür blieb offen und ſie ſahen den Baron, der neben dem Bette ſeiner Mutter ſtand und ein Schreiben mit großem Siegel in der Hand hielt. Der Baron war ſehr bleich, ſo bleich, wie weder Vingris noch der Koch ihn je geſehen, und über ſeine Wangen liefen ein paar große Thränen herab. Die alte Baronin regte ſich nicht. Sie ſchlum⸗ merte ohne Zweifel. Louiſon ſtand am Fenſter und ſchaute auf das Treiben der Soldaten im Hof. Nie⸗ mand ſchien ſich darum zu kümmern, daß eine Bombe ins Haus eingeſchlagen war, Niemand be⸗ merkte die gaffenden Geſichter der Dienerſchaft in der Thür. „Mutter!“ ſagte Baron Mondélion leiſe.„Sei ſtark, Du ſollſt das Schwerſte hören. Die letzten Lebens⸗ mittel ſind aufgezehrt, die Forts ſind nicht ſtark genug für das feindliche Feuer, ein Theil der Nationalgarde verweigert offen den Gehorſam— Mutter, faſſe Dich, Paris hat capitulirt.“ Niemand antwortete. Regungslos lag die Kranke, nur die bleiche Frau mit den ſcharfen, finſtern Zügen und den tiefliegenden glühenden Augen, die am Fenſter ſtand, wendete das Geſicht. „Mutter!“ rief René Mondeélion lauter. Niemand antwortete. René ſchlug den Vorhang des Betthimmels zurück, der die müden Augen der Greiſin vor dem zu grellen Licht des Tages ſchützte. Der Mund der Greiſin ſtand etwas offen. Ihre Wangen waren ſtarr und gelb. Renô legte ſein Haupt an die Bruſt der Mutter— ſie athmete nicht mehr. René Mondelion richtete ſich auf. Eine unendliche Trauer lag auf ſeinem Antlitz, aber es war nicht mehr der wilde Schmerz der Verzweiflung von vorhin. „Sie hat die Kunde nicht mehr gehört, an der ſie ja doch geſtorben wäre“, ſagte er zu Louiſon und ergriff ſie bei der Hand und führte ſie an das Bett der Mutter.„Wir ſind allein.“ „Allein!“ ſagte Louiſon und kein Muskel ihres bleichen Antlitzes zuckte, als ſie auf die Todte nieder⸗ ſah. Sie ſchien ſelber todt, geſtorben für Schmerz und Freude. Ende des erſten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Neue Romane a. d. Verlag v. Ernſt Julius Günther in Leipzig Höfer, Edmund, Der große Baron. 2 Bde. Thlr. 1 10 3 do. do. do. do. do. do. Eine Geſchichte von da⸗ mals. 1 Bd. 71 In Sünden. 2 Bde.„ Scherr, Johannes, Roſi Zuflüh. 1 Bd.„— 20 Schiller. Culturhiſto⸗ riſcher Roman. 4 Bde.„ Schücking, Levin, Aus der Franzoſenzeit. do. do. do. do. do. do. do. do. do. do. 1 Band.„ Eines Kriegsknechts Abenteuer. 2 Bde.„ Die Rheider Burg. 2 Bde. Aus alter und neuer Zeit. 2 Bde.„ J. J. Rouſſeau. 1 Bd.„ Deutſche Kämpfe. 2 Bde. — 20 1 15 2 20 — 20 1 10 1 10 1 10 — 20 1 15 Neue Romane a. d. Verlag v. Ernſt Julius Günther in Leipzig. Armand, Saat und Ernte. 5 Bde. Thlr. 5— Völte, Amely, Frau von Staël 3 Bde.„ do. do. Die Mantelkinder. 2 Bde.„ do. do. Maria Antonia. 2 Bde.„ Burow, Julie, Ein Bürgermeiſter. 3 Bde., do. do. Erinnerungen einer Groß⸗ mutter. 2 Bde.„ do. do. Johannes Keppler. 2 Ab⸗ theilungen, à 3 Bde.„ do. do. Künſtlerliebe. 1 Band.„ do. do. Lebensbilder. 2 Bde.„ do. do. Ein Lebenstraum. 3 Bde.„ Becher, Das Thurmkätherlein. 4 Bde.„ Byr, Robert, Nomaden. 5 Bde.„ Hilarius, Non possumus. 3 Bde.„ Häcker, Guſtav, Ein ſchöner Dämon 4 Bde.„ Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Nomaden. Roman von Robert Zyr. 5 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr.— Verfloſſene Stunden. Novelle von S. Junghans. 1 Band. 80. Elegant geheftet. Preis 22 ½ Ngr. Ver neur Abäluxil. Noman von Julius Groſſe. 2 Bände. 80. Elegant geheftet. Einzelpreis 1 Thlr. 22 ½ Ngr. Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Inlius Günther in Leipzig. Gebeimni ſſe⸗ Novellen von Kark Irenzel. 2 Bände. 8 Eleg. geheftet. Preis 2 Thlr.— El paso de las animas. . Roman von E. von Bibra. E 2 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Alles um ein Nichts. Roman von Georg Köberle. 3 Bände. 8o. Eleg. geh. Preis Thlr. 2 15 — — — ſſſſſiſſiſſſſiſſiſſſſſſſſiſſſiſſſſſinniſſſnſnnenſſſnneſinnnhſſtt 6 7 8 3 10 11 12 13 14 15 16 17 18