—— 2 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ e pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Vin erlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nk.— Pf. 1 Nl. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 4 u u1 u—„ 11— u 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Auslieihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Leihbibliothek ——— ö“ Roman in 2 Ahtheilungen von Nax von Schlägel. II. Abtheilung: Der rothe Faſching. Zweiter Band. 0 Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1872. —— Ner rothe Faſching. S Roman aus Frankreichs jüngſter Vergangenheit von Max von Schlägel. Zweiter Band. Teipzig, Ernſt Julius Günther. 1872. ——,———ññ—yöÿm Baronin von der Jarrikade. v. Schlägel, Der rothe Faſching. II. — — = Erſtes Kapitel. Die Kanonen des Montmartre. Es war in der Morgendämmerung des achtzehnten März 1871, als eine feſtgeſchloſſene Infanteriecolonne in ſehr raſchem Tempo die ſteile, ſchlechtgepflaſterte Straße emporſchritt, welche von den äußern Boule⸗ vards zu der Höhe von Montmartre führt. Die Colonne drang faſt lautlos aufwärts, als ſei ſie ſchüchtern, die bleiſchwere Ruhe zu ſtören, welche ſich, wie nach einem wilden, düſtern Traum der Schlaf, auf die Bevölkerung der Hauptſtadt gelegt hatte. Mit ſtumpfer Gleichgül⸗ tigkeit ſchauten die bis aufs äußerſte abgeſpannten Be⸗ wohner dieſes Proletarierviertels den ſeltſamen Gäſten in rother Hoſe und Capote nach. Die Käppis der Soldaten trugen die Nummer achtundachtzig. Die Art, wie die Truppe marſchirte, war ſehr auffallend. Sie 4* 4 hatte Vor⸗ und Nachhut und die Blicke, welche die Leute rechts und links nach den Häuſern warfen, ſchie⸗ nen anzudeuten, daß ſie einen plötzlichen Ueberfall nicht zu den Unmöglichkeiten rechneten. Und dennoch war der Friede bereits geſchloſſen und die Deutſchen hatten ſich hinter die in den Präliminarien feſtgeſtellte Demar⸗ cationslinie zurückgezogen. Man hatte ungefähr die Hälfte der Höhe erreicht, wo vor einem halben Jahrhundert den ſiegreich in Paris eindringenden Verbündeten die letzte Schlacht geliefert worden war. Da hielt die Vorhut und ent⸗ ſendete einen Mann an den Commandanten, daß die Straße durch eine Barrikade geſperrt ſei, die Barrikade ſei verlaſſen. Der Commandant— er ritt ein geflecktes Pferd und hatte das Käppi tief in das hagere Geſicht gezogen— ließ die Truppe halten und ſendete eine Abtheilung voraus, um das Hinderniß wegzuräumen. Es wurde immer heller. Man hielt vor Montrouge, einem berüchtigten Tanzplatze des Viertels. Das Thor war ausgehoben worden zum Barrikadenbau, Stühle und Tiſche, Alles, was nicht niet⸗ und nagelſeſt war, hatte zu demſelben Zwecke gedient. Man ſah hinein in die buntbemalten Hallen, welche einſt er⸗ dröhnt von den liederlichſten Melodien Offenbach's, durchtobt waren von der bacchantiſchen Wildheit der ——— — * ——.. — Griſetten; grau und unheimlich ſchaute der Wirrwarr der Säulen und gemalten Bäume heraus, geſpenſtiſch ragten weit über das Portal noch die Trümmer der bunten Laternen, welche einſt den Eingang beleuchtet hatten. Die Pioniere vom achtundachtzigſten meldeten, daß der Weg für die Truppen oſſen ſei. Vorſichtig mar⸗ ſchirte die Colonne weiter, höher. Unvergeßlich wird der Anblick Jedem ſein, der des Abends von der Höhe des Montmartre hinabgeſchaut hat auf die Weltſtadt, durch deren tauſend Adern neues phosphoriſches Leben zu ſprudeln ſcheint mit dem Schimmer der erſten Laterne, den der Asphalt der Boulevards matt zurückſtrahlt. Geblendet, überwältigt ſieht man hinunter auf das Meer von Licht, ſoweit das Auge reicht, bis dort am fernen dunklen Horizont der Glanz der Erde ſich mit dem des Himmels miſcht. In feurigen Zügen liegt ſie da, die Hieroglyphe der modernen Welt. Dort jener breite majeſtätiſche Lichter⸗ ſtreif, der im Halbkreis das Strahlenmeer durchzieht, ſind die Boulevards, jener gewundene dunkle Doppel⸗ ſtreif, von Lichtern eingeſäumt und von glühenden Quer⸗ linien unterbrochen, iſt die Seine mit ihren Brücken, der beilige Strom, der einſt in ſeinen dunklen Armen ſie großgeſäugt, die Stadt, die bis vor kurzem noch 6 ſich Königin der Erde genannt. Heute iſt da unten Alles grau und finſter, nur hier und da ragt ein Bauwerk empor über die wallenden Nebel. Dort iſt die Kuppel des Pantheons, das iſt Notre Dame, das der Obelisk von Luxor, auf jener Säule ſteht das lorbeerbekränzte Cäſarenſtandbild des großen Würgers, dort ſchimmern matt die goldenen Flügel des Engels der Freiheit, dort am Horizont der hellere Rauch, der durch den grauen Nebel dringt, iſt der Dampf der Locomotive, die täglich Tauſende der Heimat entführt, die zum Gefängniß ge⸗ worden, Tauſende von Flüchtlingen zurückbringt. Die Spitze der Colonne erſchien auf der Höhe und hob ſich ſcharf gegen den grauen lichtloſen Mor⸗ genhimmel ab. Das kleine Plateau von Montmartre war ſcheinbar verlaſſen von allen lebenden Weſen. Nur ein Artilleriepark, unregelmäßig aufgefahren, ſtreckte ſeine mattſchimmernden Rohre, ſeine dunklen Mündungen die Deichſeln der Laffetten den Ankömmlingen in bun⸗ tem Wirrwarr entgegen. Es war ein Theil jener Kanonen, welche von den Nationalgarden vom Mars⸗ felde weggeholt worden waren in dem Momente, da die Preußen in die Stadt marſchirten. Die Regierung der nationalen Vertheidigung hatte die Geſchütze einen ganzen Monat lang in den Händen der National⸗ garde gelaſſen. Endlich wurden die Bewegungen der 9 ſeine Seite, das ihn einſt geliebt hatte bis zur Ver⸗ zweiflung. Ja, ja, ſie hatte ihn geliebt, ſeine nun todte Mutter hatte ihm ja oft erzählt, in welch troſtloſem Zuſtande ſie ſeine Braut gefunden. Unzweifelhaft, ſie hatte ihn geliebt, aber ebenſo gewiß liebte ſie ihn nicht mehr. Am zweiundzwanzigſten Januar war René Mondélion nach Hauſe gekommen und hatte ſeiner Frau erzählt, daß das Volk ihren Bruder aus den Händen des Militärgerichts befreit habe in dem Augenblick, da dieſes ſich anſchickte, ihn zum Tode zu verurtheilen. Auch René Mondélion mochte fühlen, daß er und Jean Jaccard nun quitt ſeien, denn er erzählte das ohne Zorn, faſt mit einer gewiſſen Erleichterung. Louiſon war bei dieſer Nachricht zuerſt emporgeſchnellt mit der ganzen Kraft ihres leidenſchaftlichen Naturells und ihr Mund hatte ſich halb geöffnet, wie um einen Jubel⸗ ſchrei auszuſtoßen. Doch gleich darauf ſchwand dieſer Ausdruck des Jubels von ihrem Geſicht. „Und Du hätteſt ihn nicht gerettet, wenn Du ge⸗ konnt hätteſt, René?“ Mondélion ſah die Angſt, unter der ihre Lippen bebten, er fühlte, daß dieſe Frage der letzte Anker war, an den ſich ihre Liebe klammerte. Er konnte lange nicht antworten, und als er es that, geſchah es leiſe 10 und mit geſenkten Blicken, aber dennoch klang es mit einer gewiſſen Feierlichkeit durch alle Räume des Zim⸗ mers, das Wort, das zwei Herzen für immer trennte: „Nein, Louiſon, ich hätte es nicht gethan!“ Louiſon ſchrie nicht, antwortete nicht, ſtieß keinen lauten Seufzer aus und fiel nicht in Ohnmacht. Sie ſchwieg nur. Und als René Mondélion aufblickte, ſah er, daß ſie ſehr bleich war und faſt unmerklich mit den Zähnen an der Unterlippe nagte. Es war nichts Auffallendes, Abſtoßendes in ihrem Benehmen und den: noch war es Mondélion, als habe er ſein Weib nie ſo geſehen, als hätte er es vorgezogen, ſie mit dem Meſſer auf ſich zuſtürzen zu ſehen, ſtatt dieſes bleichen träu⸗ meriſchen Nachdenkens. Es war ihm, als habe er der Liebe ſeines Weibes das Todesurtheil geſprochen. Auch die nun folgende Zeit war Louiſon ruhig und faſt wie immer. Sie war ſogar ſehr freundlich gegen René, wenn ſeine gefahrvolle Stellung ihn vor ddie Wälle rief, ſie duldete ſeine Umarmung, wenn er kam. Nur als er beim Tod ſeiner Mutter, nach der Ueebergabe von Paris, ihr einmal mit Thränen in den Augen zurief:„Sieh, Louiſon! Ich bin allein, unglück⸗ lich und erdrückt von all der Schmach!“ und als er ihre Hand erfaßte und ſie unzähligemal küßte, erwiderte ſie weder ſeine Worte noch ſeine Liebkoſungen. Es —ſ 8 „ 5 4 war ihm ſogar, als ob ſie ſorgfältig ſeinen Blick vermeide. Jetzt wußte er gewiß, daß ſie ihn nicht mehr liebte. Er ließ ihre Hand los und ſchwieg. Er blieb aufmerk⸗ ſam gegen ſein Weib, wie immer, aber er küßte ſie nicht mehr. Louiſon ſchien mit dieſem Zuſtande zu⸗ frieden. So kam der Morgen jenes achtzehnten März, bei deſſen erſtem Erwachen wir den General an der Spitze des achtundachtzigſten Regiments der Linie auf der Höhe von Montmartre wiederfinden, auf die Train⸗ pferde wartend, welche die mühe und kampflos eroberten Geſchütze zurückbringen ſollten. Baron Mondeélion hüllte ſich feſter in ſeinen Mantel. Der Morgenwind, der gewöhnlich dem Aufgang der Sonne vorausgeht, ſtreifte die Höhe mit ſeinen bereiften Fittigen und den General Mondélion fror es bis in die Seele. Auch der Schecke ſchüttelte ſich fröſtelnd. Die Soldaten, welche halb ſchlummernd an den Kanonen lehnten, rieben ſich die Hände über dem kalten Lauf ihrer Gewehre und ſtampften dann und wann leiſe mit den Füßen auf den hartgefrorenen Boden. Da wälzte ſich aus einem der ruinenähnlichen Häuſer, welche nach einer Seite hin das Plateau ab⸗ grenzten, fluchend und tobend eine dicke, ſchwammige 12 Geſtalt. Das waſſerſüchtige Geſicht mit den hängenden Backen überragte ein dunkelblaues Käppi mit der Borte des Lieutenants, eine ungeheure ſilberne Epaulette zierte die eine Schulter und ein breiter ſilberner Säbelgurt umſchnürte den Hängebauch des Mannes, deſſen Geſtalt im Uebrigen in einen an verſchiedenen Stellen zerriſſenen kaffeebraunen Anzug gekleidet war. „Heiliger Donner! Was iſt das für ein Getrampel hier draußen, als wenn eine Heerde Ochſen auf einen Tanzboden gerathen wäre! Wollt Ihr ruhig ſein, bis man Euch ablöſt, Ihr Hundeſöhne, ſonſt ſoll Euch ein heiliger Teufel die Gedärme zerreißen!“ Pore Androlet, der ſeit den letzten Monaten ſehr an Schwindel und Schlafloſigkeit litt, hatte die erſten Sekunden ſeine rothränderigen, thränenden Augen gegen das einſtrömende Licht halb geſchloſſen und war ſo vorwärts getaumelt. Jetzt öffnete er ſie weit und ſtarrte mit grenzen⸗ loſem Erſtaunen auf die Soldaten, in deren Mitte er ſich befand. Zwei Unteroffiziere traten rechts und links auf ihn zu und legten ihm die Hände auf die Schultern. „Sacré bougre! Was wollt Ihr?“ ſchrie Pere Androlet, noch immer in der Meinung, er habe es mit Nationalgarden zu thun.„Und was will der lange 1 4 5. grinſte Androlet und ſchwang den Kolben über ſeinem Schlingel dort auf der ſcheckigen Kuh? Platz da, damit ich mir das Kameel näher beſehe.“ Und Pere Androlet riß ſich los und ging vor⸗ wärts. Dann blieb er wie zu Stein erſtarrt ſtehen, als erblicke er ein Geſpenſt. Mondélion hatte eben daran gedacht, daß ihm ja noch eine Stütze bleibe, Ehre und Pflicht. Er hatte bitter in ſich hineingelacht, dann hatte er ſich auf ſeinem Pferde aufgerichtet; mit der ganzen Kraft ſeiner männ⸗ lichen Seele ſträubte er ſich gegen die letzte Verneinung. Da ſah er dicht vor und unter ſich ein aufgedunſenes, vor Zorn bis zum Wahnwitz entſtelltes Geſicht unter einer Nationalgardenmütze, welches ihm zuſchrie: „Hund von einem Ariſtokraten! Schurke! Dieb! Meuchelmörder! Du haſt uns unſere Louiſon geſtohlen und haſt dafür ihren Bruder umbringen wollen, unſern tapfern Jean, und jetzt kommſt Du um, uns allen die Hälſe abzuſchneiden, Du Schurke, Du Dieb! Aber jetzt ſchneidet man Dir den Hals ab, Du Viper Du!“ Und ehe ſich Mondélion und die ihm zunächſt ſtanden, von ihrem Erſtaunen erholten, hatte Père An⸗ drolet einem der Soldaten die Flinte aus der Hand geriſſen und in die Luft gefeuert. „Ich hätte Dich niederſchießen können, Du Hund“, —— Haupte,„aber das iſt zu gut für Dich, ſie ſollen Dir den Hals abſchneiden, wie Du ihn meinem armen Jean abſchneiden wollteſt, dem Bruder un ſner Louiſon. Uns gehört ſie.“ Der Schuß Pore Androlet's hatte ſeine Wirkung gethan. Ein halb Dutzend Flinten krachten in der Nachbarſchaft, da und dort raſſelte eine Trommel, ent⸗ fernte Rufe drangen wild aus dem elenden Häuſer⸗ wirrwarr herauf, deren enge, winklige Gaſſen an den Seiten des Hügels durcheinander liefen. Androlet war feſtgenommen und vom Boden aus, wo er gefeſſelt lag, ſchimpfte und wüthete er noch immer gegen den Mörder Jean's, den Verderber Louiſon's. Immer größer wurde der Lärm, immer lauter das Raſſeln der Trommeln, welche die Nationalgarde zu den Waffen riefen, immer näher drang es herauf, das tauſendſtimmige Geheul der Leute, welchen geſagt wor⸗ den war, daß nun ihre Stunde gekommen ſei, daß das in den Schauern der Agonie liegende Paris nun das ihre ſei. An den Straßen, welche auf der Höhe aus⸗ mündeten, erſchienen bereits vereinzelte Pöbelgruppen, Blouſenleute und Weiber, kaum bekleidet und zu Skeletten abgemagert. Die Männer ſchüttelten die Fäuſte und die Weiber erhoben ein ſchreckliches Geſchimpfe gegen die Störer ihrer Morgenruhe. —— René Mondélion ſah und hörte ſie nicht. Er ſchaute wie geiſtesabweſend auf Pore Androlet, der ſich ſchäumend am Boden wälzte und die greulichſten Ver⸗ wünſchungen gegen den Räuber Louiſon's ausſtieß. „Sie gehört uns, Du Dieb, Du Heuchler! Sie hat es mir ſelber geſagt, daß ich unter die Demokraten gehen ſolle. Sie gehört zum Volk, ſie haßt die Ariſto⸗ kraten, Dich, alle. Du hältſt ſie mit Gewalt zurück, ſonſt wäre ſie ſchon längſt bei uns, aber wir werden ſie holen und Dir das Ariſtokratenneſt über dem Kopf anzünden und Dir ſelber den Kopf abſchlagen. Du Dieb!“ René Mondelion lauſchte mit vorgeſtrecktem Halſe den ſeltſamen Drohungen, über ſein Geſicht zuckte es, als ziehe ſich ſein Herz in den heftigſten Krämpfen zuſammen, und mit grauſamer ſelbſtmörderiſcher Wolluſt ſchien er jedes Wort einzuſchlürfen, das von den ſchäu⸗ menden Lippen des wüthenden Krämers ihm entgegen⸗ ziſchte. „Sie hat es mir ſelber geſagt, daß ich unter die Demokraten gehen ſolle. Sie gehört zum Volk. Du hältſt ſie mit Gewalt—“ Da ſchrak Mondélion auf. In Unordnung kam die Abtheilung, welche er am Chateau Rouge zurück⸗ gelaſſen, heraufgeſtürzt, zum Theil ohne Waffen. — ☛ ———— „Die Nationalgarde! Die ganze Nationalgarde!“ ſchrieen die Soldaten. René Mondélion zog den Säbel, um die Flüch⸗ tigen auf ihren Poſten zurückzujagen. Der Galopp mehrerer Pferde ertönte auf dem holperigen Pflaſter und an der Straßenmündung erſchienen ungeſchützt und wie zu einer Parade vorſprengend Jean Jaccard und Jules Bandeau. Und hinter ihnen drang es herauf, Bajonett an Bajonett, Volk, Weiber und Nationalgarde bunt durcheinander. Poère Roberto ſchwang hoch über ſeinem Kopf eine rothe Fahne, auf der mit ſchwarzen Buchſtaben das Wort geſchrieben ſtand, deſſen furcht⸗ baren Inhalt die Pariſer in wenigen Tagen kennen lernen ſollten: Die Commune. Ein ſeltſames Lächeln glitt über die marmorkalten Züge Jean Jaccard's, als er ſeinen Schwager mit feſter Stimme ſeine Befehle geben hörte; die Soldaten des achtundachtzigſten Regiments formirten zögernd ihre Gefechtsſtellung. Immer näher drang der Haufe, immer betäubender wurde das Schreien, Fritz Navet, der Flügelmann, ſchrie am lauteſten von allen. Pore Androlet war ſo heiſer, daß er nur noch ein kurzes heiſeres Bellen hören ließ. Da wandte ſich Jean Jaccard um und hielt an die Menge eine kurze Anſprache. Die Menge gehorchte 14 mürriſch und blieb ſtehen. Jean Jaccard band ein weißes Tuch an die Spitze ſeines Säbels und ſchwenkte es. René Mondélion erwiderte das nicht, aber er ritt ſeinem Schwager einige Schritte entgegen. „Seit wann nähern ſich Franzoſen einander wie Feinde mit der Parlamentärflagge?“ Jean Jaccard hielt den finſtern, ſtrengen Blick des Offiziers ruhig aus. „Seit die Franzoſen einander durch Kriegsgerichte verurtheilen und todtſchießen laſſen, weil nicht alle der gleichen Anſicht über das Wohl des Vaterlandes ſind, wie die Leute, welche ſich durch einen Handſtreich ohne den Willen des Volkes der Regierung bemächtigt haben. Doch darum handelt es ſich nicht. Sie haben unter dem Schutze der Nacht eine der Nationalgarde ange⸗ hörige Poſition beſetzt. Ich fordere Sie auf, dieſe Poſition zu verlaſſen.“ „In weſſen Namen?“ „Im Namen des Centralcomités der National⸗ garde, welches allein die berechtigte Regierung des be⸗ waffneten Paris iſt, im Namen des Volkes.“ „Des Volkes! Dieſe zerſtörungsluſtige, meute⸗ riſche Bande nennen Sie das Volk? Ich kenne kein Centralcomité, ich reſpectire blos die Befehle der v. Schlägel, Der rothe Faſching II 2 “ 18 Männer, die an der Spitze der gegenwärtigen Ord⸗ nung ſtehen.“ „Mit welchem Recht?“ „Das habe ich nicht zu unterſuchen. Ich bin Soldat.“ „Sie ſcheuen ſich zu ſagen: mit dem Recht der Macht. Dieſe Macht hat aufgehört.“ „Das wäre zu beweiſen. Ich bin hier, um ihr Geltung zu verſchaffen.“ „Sie haben die Abſicht, uns die Kanonen wegzu⸗ nehmen, welche von den Hellern der Nationalgarde für die Vertheidigung des heimatlichen Herdes gekauft, welche unſer Eigenthum ſind.“ „Waffen zu beſjtzen hat Niemand das Recht als der Staat. Ich werde dieſe Kanonen von hier fortführen.“ „Es gibt für uns keinen Staat mehr, blos die Commune von Paris.“ „Und ich kenne dieſe Behörde nicht und bin ent⸗ ſchloſſen, die Befehle der Regierung auszuführen.“ „Ich mache Sie darauf aufmerkſam, Herr Gene⸗ ral, daß die ganze noch exiſtirende Nationalgarde hinter mir ſteht. Sie hören da unten die Trommeln und Signale. Der Alarmruf geht von Straße zu Straße, von Quartier zu Quartier. Wir können Sie erdrücken, wenn es nöthig wird.“ „Es wird nöthig. Ziehen Sie ſich zurück, mein Herr!“ „Ich will Ihnen ein Zugeſtändniß machen. Es liegt uns nichts daran, ſchon heute loszuſchlagen. Sie ſelber erweiſen den Leuten, denen Sie gehorchen, keinen Gefallen, wenn Sie ein Regiment nutzlos opfern. Der Straßenkampf iſt ſchrecklich.“ „Wir werden ihn kämpfen.“ „Auch dann, wenn Sie ſiegen, haben Sie keine Ausſicht, Ihren Befehl auszuführen. Die Pferde, welche die Herren im Hotel de Ville Ihnen ſandten, ſind in unſern Händen.“ „Dann werden wir hier Fleiben und die Kanonen bewachen.“. „Bedenken Sie das nutzloſe Blutbad.“ „Ich habe ſchon einmal ein halbes Regiment ge⸗ opfert für die Feigheit, ich werde es auch heute opfern für die Ehre. Ziehen Sie ſich zurück, mein Herr!“ Jean Jaccard war dunkelroth im Geſicht gewor⸗ den. René Mondélion hatte ſeinen Revolver gezogen und wiederholte leiſe und zornig: „Ziehen Sie ſich zurück!“ Da ſchleuderte Jean Jaccard das weiße Tuch von ſich, das ihm bis jetzt als Parlamentärflagge gedient, richtete ſich hoch im Sattel auf und rief: 2*½ 20 „Soldaten des achtundachtzigſten Regiments! Mir wurde geſagt, daß ein guter Geiſt unter Euch herrſche, Ihr habt—“ René Mondelion ſprengte vorwärts und erhob den Revolver. „Zurück!“ ſchrie er mit einer heiſern Stimme, die nicht mehr der ſeinigen glich.„Ich dulde nicht, daß man aufrühreriſche Reden hält an meine Untergebenen!“ Jean Jaccard ſchaute dem General ruhig in die Augen, die funkelnd, wie die eines Raubthieres, auf ihn gerichtet waren. Dann fuhr er mit lauterer Stimme fort: „Freunden, die wir an Euch abſandten, habt Ihr verſprochen, nicht auf das Volk, nicht auf Eure Brüder zu ſchießen. Ihr alle faſt ſeid Pariſer— wenn Ihr gegen uns ſeid, ſo ſeid Ihr gegen die Stadt Eurer Geburt, gegen Eure Aeltern, gegen Eure Brüder und Schulge⸗ noſſen. Wir wollen nichts als Paris ſeine Selbſtſtän⸗ digkeit geben, damit es nicht wieder durch fremde Hor⸗ den überſchwemmt und verwüſtet werde, wenn ein eid⸗ brüchiger Präſident und ſeine Plebiscitbauern den Krieg wollen. Ihr werdet nicht gegen Eure Brüder fechten, die nur das Rechte wollen.“ Jean Jaccard ſprach laut und energiſch und ſein Auge ſchaute ruhig und ohne mit der Wimper zu zucken, 21 auf die Waffe, die René Mondélion ihm auf fünf Schritt Entfernung vor die Bruſt hielt. René's Hand zitterte. Vor ſeinen Augen lag es wie ein Nebelſchleier, der ihn die Gegenſtände kaum erkennen ließ. Da hörte er hinter ſich einzelne Rufe ſeiner Leute: „Nein! Nein!“ Jubelnd ſchwenkte der Greis mit dem weißen Barte ſeine rothe Fahne und Jean Jaccard hielt hoch über ſeinem Haupte das Käppi, um die neuen Freunde und Verbündeten zu begrüßen. Da krachte es, kaum lauter als ein explodirendes Zündhütchen. Der Revolver Mondeélion's war ſehr klein und von zierlichſter Arbeit. Jean Jaccard zuckte leicht zuſammen, als habe er einen Stoß erhalten, und das Käppi entfiel der ausgeſtreckten Hand. Dann öffnete er den Mund, als fühle er das Bedürfniß, ſehr tief Athem zu holen, ſeine Augen öffneten ſich weit und richteten ſich mit ſtarrem Ausdruck auf ſeinen Schwa⸗ ger, dann ſank er langſam an der Seite ſeines Pferdes herunter. „Faßt ihn! Nieder mit dem Mörder!“ Noch fünf Revolverſchüſſe knallten, dann warf René Mondelion die zierliche Waffe weg und ſprengte mit geſchwungenem Säbel unter die Haufen der Auf⸗ 22 rührer. Unter betäubendem Geſchrei hob das achtund⸗ achtzigſte Regiment die Kolben in die Luft, Hunderte von Schüſſen knallten dem tollkühnen Reiter nach, der die menſchliche Mauer durchbrochen hatte und die ſteile Straße hinabſprengte. Immer neue und entferntere Schüſſe zeigten an, daß die vorhergehenden den Reiter 3 nicht zu Falle gebracht. Vingris prallte entſetzt zurück, als er in dem todtenblaſſen Reiter, der vor dem Thore hielt, ſeinen Herrn erkannte. In großen Wolken ſtieg der Dampf von dem ſchwitzenden Schecken. Vingris wollte die Stallglocke ziehen, der Baron winkte abwehrend mit der Hand.* So hielt denn Vingris den Schecken, während der Baron abſtieg. „Papier! Feder! Schnell!“ Vingris, deſſen Ideengang durch das Benehmen des Barons zu längſt vergeſſenen Befürchtungen zurück⸗ kehrte, deutete mit der zitternden Hand nach ſeiner Loge. Vingris erinnerte ſich nicht, daß der Baron ſie ſchon einmal betreten habe, jetzt ſah er denſelben haſtig und unſicher die wenigen Stufen emporſteigen. Der Baron ließ die Thür offen und Vingris hörte ihn einige Sekunden dort herumkramen, bis er das Geſuchte gefunden hatte. Dann war es einige Augenblicke ſtill 2 und dann wankte Mondélion wieder die Treppe herab, in der Hand ein zuſammengefaltetes Papier haltend. „Da!“ ſagte der Baron und reichte das Papier dem Diener, als müſſe dieſer ohne alles Weitere ahnen, was er damit zu beginnen habe, und machte Miene wieder aufzuſteigen. Vingris drehte das Billet von einer Seite zur andern— es war ohne Aufſchrift. „An wen, gnädiger Herr?“ fragte Vingris und ſein Mund blieb nach der Frage in ſeiner ganzen Aus⸗ dehnung offen ſtehen. „An ſie, an Louiſon, an die Baronin“, keuchte René, den Portier mit blutunterlaufenen Augen an⸗ ſtarrend. Dann ſchwang er ſich mit einer Wucht aufs Pferd, daß der ermüdete Schecke etwas in die Kniee ſank, und ritt im ſcharfen Trab davon. Vingris ſtand noch lange an derſelben Stelle und betrachtete das ſeltſame Papier. Die Baronin war zu Hauſe, er als Portier mußte das wiſſen, und der Baron ſchrieb ihr einen Brief, während er doch nur die paar Treppen hinaufzuſteigen brauchte, um ihr mündlich zu ſagen, was er ihr mitzutheilen hatte. Das war mehr, als Vingris, der vor der Beſchäftigung des Schreibens, die ihm ſelber immer ſehr erhebliche Schwierigkeiten verurſacht hatte, eine verehrungsvolle Scheu empfand, im Augenblick zu faſſen vermochte. Kopfſchüttelnd ſchloß er ſein Thor und trug dann das Billet zu ſeiner Herrin.— Louiſon ſaß an ihrem Platz am Fenſter, in dem⸗ ſelben Zimmer, wo ſie René das erſte Mal in ſeinem Hauſe willkommen geheißen, wo ihr der Brautkranz ins Haar gedrückt worden war. Es war auch daſſelbe Gemach, wo René von ihr Abſchied genommen, daſ⸗ ſelbe, in welchem er ſie wiedergefunden hatte. In dieſem Zimmer hatte Louiſon ihre Schwiegermutter gepflegt bis zu ihrem Tode, in dieſem Zimmer war jene ge⸗ ſtorben. Mehr noch, es war derſelbe Ort, an dem ihr Mondeélion jene furchtbare Nachricht gebracht, daß er das Blutgericht aufgeboten habe gegen Jean. Damals war es ihr einen Augenblick, als ob ſie René oder ſich ſelber tödten müſſe, und ſie war nach dem finſterſten Winkel des Hauſes geflohen. Als ſie René dann wie⸗ derſah, erſchien er ihr plötzlich wie ein Fremder, der nur deshalb Intereſſe für ſie habe, weil er ihren Bru⸗ der tödten wolle. Es erſchien ihr als etwas ganz Wunderbares, wenn ſie daran dachte, daß es bisher anders geweſen ſei zwiſchen ihnen. Als ihr René die Befreiung Jean Jaccard's mittheilte, durchzuckte es ſie anfangs mit wildeſter Freude, aber als ſie in René's —— — —* — — 25 kaltes, düſteres Geſicht ſah, war es ihr, als wenn den⸗ noch ein Mord geſchehen ſei, ob nun der, dem er galt, todt war oder nicht. Daß René ſie verſtand, ohne daß ſie ſprach, ſie ſah und fühlte es nicht mehr; daß er ſich immer mehr von ihr entfernte, machte nur, daß ſie erleichtert auf⸗ athmete, als ob ein ihr fremdartiges Weſen, an das ſie wider ihren Willen bisher gefeſſelt war, ſie aus der unheimlichen Umarmung laſſe. Und ſo ſaß ſie Tage, Wochen dumpf vor ſich hin⸗ brütend an derſelben Stelle und manchmal überlief ein Fröſteln ihren Körper, deſſen Formen immer ſchlanker und ſchärfer wurden. Immer lauter ſchallten die Geſänge der Revolution zu ihr herauf, dann horchte ſie auf und eine wilde Be⸗ geiſterung breitete ihre dunklen Schwingen über ihr geiſterhaft bleiches Antlitz. Sie hatte die neuen Weiſen und Melodien nie gehört, ſie kannte die wilden Worte nicht, die gedämpft über die Mauer drangen, aber ſie wußte, was ſie ſagen wollten, kannte den alten Ruf des Zorns und der Verzweiflung und unwillkürlich öffneten ſich ihre feſtgeſchloſſenen Lippen, um mit einzu⸗ ſtimmen in die wilden Dithyramben der Freiheit, mit denen auf den Lippen ihr Vater geſtorben war. Vingris trat mit geheimnißvoller und wichtig⸗ thuender Miene ein. Louiſon hörte ihn nicht, bis er dicht bei ihr ſtand. Da fuhr ſie auf und ſchaute dem Diener erſchreckt ins Geſicht. Einen Augenblick war ihr geweſen, als ſei ſie eine Gefangene und von ihrem Kerkermeiſter belauſcht beim Singen eines Liedes, für das man ſie nun zum Tode bringen werde. Mit ſeiner ungeſchickteſten Verbeugung übergab Vingris den Brief ſeines Herrn. Er fühlte ſich ge⸗ drungen, dem Briefe eine Erläuterung beizufügen.„Der Herr Baron hatten große Eile und waren ſehr ſelt⸗ ſam. Der Herr Baron haben den Brief ſelber geſchrie⸗ ben in meiner Loge. Es iſt ſehr ſeltſam, daß der Herr Baron nicht Zeit gehabt haben, der gnädigen Frau Baronin den Brief ſelber zu übergeben. Sehr ſeltſam!“ Louiſon ſah zerſtreut auf den plaudernden Diener. Es ſchien ihr durchaus nicht ſeltſam, daß ihr Mann nicht ſelbſt gekommen war. Langſam und als könne es wenig enthalten, was ſie intereſſire, öffnete Louiſon das Blatt. Plötzlich wurde ihr bleiches Geſicht ſehr roth, ſie griff zum Herzen und ſchwankte einen Moment hin und her. Dann wurde ſie bleich, entſetzlich bleich und wie von elektri⸗ ſchen Stößen bewegt zuckten ihre Hände, welche den Brief des Gatten hielten. 276 „Louiſon, Dein Bruder ſtellte ſich zwiſchen mich und meine Ehre. Meine Ehre iſt das Einzige, was ich beſitze, ſeit ich Deine Liebe verloren habe. Ich habe Deinen Bruder getödtet. Ich wollte ihn tödten und kann es nicht einmal bereuen, denn ich that meine Pflicht. Ich weiß aber auch, daß alle Gebote der Natur uns von nun an trennen. Schon ſteigt die gräßlichſte und verruchteſte Revolution, die jemals war, von den Faubourgs herunter und ſchwingt mit den nackten Armen die bluttriefende Keule nach allem Beſſern, Höhern. Ich weiß nicht, was die nächſte Stunde bringt, aber ich werde meine Pflicht thun bis ans Ende. Leb' wohl! Die Schweſter Jean Jaccard's hat von ſeinen Freunden nichts zu fürchten, bei den Ver⸗ theidigern der Ordnung iſt mein Name Dein Freibrief. Leb' wohl! Es gab eine Zeit, da ich Dich unendlich liebte.“ Louiſon ſah nicht mehr auf den Brief, mit vorge⸗ beugtem Leibe lauſchte ſie den ſeltſamen wilden Rufen, die von der Straße heraufdrangen, ihre Augen er⸗ glänzten in unheimlichem Lichte, ihre Zähne blitzten zwiſchen den blauen blutloſen Lippen. Wie das Ge⸗ wühl einer ungeheuren Menſchenmenge drang es herauf, und wie ein tauſendſtimmiger Racheſchrei tönte das Lied: 28 Da läutet an der Glocke, Sagt, daß ich gefallen bin, Und bringet eine Locke Marie der Tänzerin. Schritt für Schritt trat Vingris zurück, als ſeine Herrin langſam auf die Thür zuſchritt. Immer vor ihr zurückweichend, kam er über die Treppe hinunter, auf den Hof, an das Portal; dort blieb er ſtehen, während die Baronin an ihm vorüber auf die Straße ging und mit der bewaffneten Menge, die vorüberzog, weiterſchritt. Mit offenem Munde ſtand Vingris noch am Thor des verwaiſten Hotels, als der wilde Geſang der Bande ſchon längſt in der Ferne erſtorben war Zweites Kapitel. Die Beichte. Und von den Faubourgs herunter ſtrömten die Arbeiter mit den nackten Armen, aus den Kellern herauf⸗ ſtiegen die zu Elend und Verbrechen Verdammten 4 durch ſich ſelbſt und die Ordnung deſſen, was da iſt, wie vom Grunde eines vom Sturme aufgewühlten Sumpfes tauchte es empor, hundertköpfig, tauſendarmig, eine ſcheußliche Larve neben der andern, Mißgeſtalt auf Mißgeſtalt, das bizarre Elend und die Armuth, die Keinen rührt, die Schande in Gold und Seide und der Wahnſinn im Rauſchgold geträumter Hoheit; dazwi⸗ ſchen drängte ſich die Nationalgarde, während der ganzen langen Belagerung von der bisherigen Regie⸗ rung bewaffnet und für das müßiggängeriſche Leben hinter den Wällen ohne Mühſal und Gefahr rei cchlich bezahlt, zu feig zu der Anſtrengung, die es gekoſtet hätte, um die aus der Bahn gerathene Exiſtenz wieder in die geſellſchaftliche Ordnung einzufügen, und nichts wünſchend, als das bisherige Leben ſo ſehr als mög⸗ lich zu verlängern. Da und dort ſah man auch Sol⸗ daten der Linie vom achtundachtzigſten und andern abtrünnigen Regimentern, mit verſtörten Geſichtern, taumelnd vom demokratiſchen Alkohol und dem blauen Wein der Barridèren, ſchwankend zwiſchen den neuen Doctrinen und den Vorurtheilen, in deren Bann ſie noch zur Hälfte lagen, ohne Waffen, die Uniform zer⸗ riſſen, wie den Tag nach einer Niederlage. Und alles das ſtürzte ſich gegen die beſtehende Ordnung, ſoweit ſie noch beſtand, Haß in den Augen, Furcht auf den Wangen, Hohn um die Lippen. Die Läden, aus denen Handel und Induſtrie der großen Stadt millionenäugig in die Welt blicken, hatten ſich, kaum geöffnet, wieder geſchloſſen vor dem heran⸗ brauſenden Sturm, wer fliehen konnte, floh, die Regie⸗ rung mit ihren Truppen hatte ſich in guter Ordnung, wie die amtlichen Nachrichten ſagten, auf Warſailds zurückgezogen. Eine neue Gewalt war auf der politiſchen und militäriſchen Bühne erſchienen, welche nur wenige Men⸗ 31 ſchen vorher gekannt hatten, das Centralcomité der Föderation, welches im Namen von zweihundertund⸗ rung feig in den brodelnden Giſcht der Revolution geſchleudert hatte. Die Gefängniſſe öffneten ſich, von Minute zu Mi⸗ nute wurde die Menge größer, immer neue Kanonen rollten nach dem Stadthauſe, wo die neue Gewalt ihre erſte ſtürmiſche Sitzung hielt. Ganze Bataillone der Nationalgarde mit brennenden Fackeln und bunt⸗ gekleideten Marketenderinnen zogen die Rue Rivoli auf und ab. Da und dort erhoben ſich Anfänge von Barrikaden und Redner mit fanatiſchen Geberden ſtan⸗ den inmitten von Volksgruppen, und je wilder ihre Worte, deſto größer war der Jubel ihrer Zuhörer. Kanonenſalven rollten über die Stadt, daß ihre Grundfeſten erbebten, und von einer mit rothen Fahnen geſchmückten Tribüne, vor dem Hotel de Ville aufge⸗ richtet, verkündete man dem Volk von Paris ſeine ge⸗ wählten Beglücker. Machtlos brachen ſich die Schallwogen der gewal⸗ tigen Brandung an den Mauern von Notre Dame des Victoires, kein Ton drang in die Sakriſtei, wohin ſelbſt der helle Tag nur dämmernd durch gemalte Fenſter fiel. — Aus der Kirche tönte dann und wann der Ge⸗ ſang des Prieſters, der die Meſſe celebrirte, die Schelle der Miniſtranten, das Dröhnen der Orgel, und betäu⸗ bender Weihrauchdunſt füllte den Raum. In dem einzigen Beichtſtuhl der Sakriſtei ſaß auf⸗ recht und mit dem Tuch vor dem Antlitz, gegen das Gitter geneigt, ein Prieſter; mit gebeugtem Haupte und gefalteten Händen, kaum zu unterſcheiden von der dunk⸗ len Schnitzerei des Beichtſtuhls, kniete eine nonnenhaft gekleidete Frauengeſtalt. Das Murmeln einer tiefen männlichen Stimme wechſelte ab mit den herzbrechen⸗ den Seufzern der Frau. „Deine Sünden ſind ſchwer, mein Kind!“ „Ich weiß es, frommer Vater!“ „Gott gibt ſeine Gnade nur denen, die ihn über Alles lieben. Wie willſt Du Verzeihung Deiner Sün⸗ den hoffen, wenn Du ſie nicht ablegſt, wie willſt Du Gnade erlangen, ſolange Dir höher als der Himmel die Erde ſteht?“ „Das Grab, frommer Vater.“ „Auch das iſt ſündhaft. Gott will über Alles ge⸗ liebt ſein. Er duldet neben ſich keine Trauer um ſünd⸗ hafte Freuden.“ „Ich traure nicht um das, was ich mit ihm ver⸗ lor, nur um ihn. Könnte ich ihn wieder zum Leben 29 50 erwecken, ich würde mich gern für immer in die ein⸗ ſamſte Kloſterzelle vergraben. Nur wiſſen, daß er lebt, dann wäre ich nicht mehr allein. Einſamkeit und Tod ſind ſchrecklich.“ „Nur für den, dem die Welt mehr gilt als Gott. Meine Tochter, Du beleidigſt den Allmächtigen in dem Augenblick, da Du ihn um Verzeihung anflehſt. Im Namen deſſen, der mir die Macht gegeben hat, zu bin— den und zu löſen, kann ich Dich Deiner Sünden nicht ledig ſprechen.“ Die Stimme des Prieſters klang leiſe und traurig, als ſei er tief betrübt. Ein leichtes Stöhnen ſeines Beichtkindes antwortete ihm. „Aber Ihr, frommer Vater, Ihr ſteht meiner armen Seele bei in ihrer Noth, Ihr verlaßt mich nicht, wenn mir auch Gott nicht vergeben will. Ihr laßt mich nicht allein mit meiner Qual und meinen Sünden.“ Die Stimme der Sünderin klang gepreßt und wie in höchſter Seelenangſt. Der Prieſter wendete ſich ab. „Ich und mein heiliger Beruf haben nichts ge⸗ mein mit denen, die hartnäckig im Stande der Ungnade verharren.“ „Ich will Euch gehorchen, frommer Vater, ich will ihn vergeſſen, nur ſagt mir, daß mir Gott vergeben wird.“ v. Schlägel, Der rothe Faſching II 3 „Er wird Dir vergeben, wenn Du ihn über Alles liebſt.“ „Ich will ſuchen, Alfred's Bild aus dem Herzen zu reißen, ich will um Gottes Beiſtand beten, wie gegen die Verſuchung zu der ſchwerſten Sünde, wenn ſein Andenken mir nahe tritt. Ich will Alles thun, was Ihr wollt, nur laßt mich nicht allein, nur nicht allein.“ Léonie Lebrun hatte ihr Geſicht von dem Gitter entfernt, als ſei das durchlötherte Eiſen eine Scheide⸗ wand zwiſchen ihren verzweifelten Bitten und dem Herzen des Prieſters, ſie hatte ſogar den Beichtſtuhl verlaſſen und ihre in tiefes Schwarz gekleidete Geſtalt kniete mit gefalteten Händen auf dem Steinboden der Sakriſtei. Auf ihrem Antlitz lag die Glut des rothen gläſernen Mantels einer Madonna, durch deren und ihrer Engel Vermittlung das Licht des Tages in den Raum fiel, ernſt und feierlich drangen die Accorde der Orgel herein und die Weihrauchfäſſer hauchten betäu⸗ bende Wohlgerüche aus. Ohne zu antworten, ſchaute der Prieſter auf die knieende Frauengeſtalt, das Tuch war ſeiner Hand ent⸗ ſunken und dieſe Hand zitterte. Ueber ſein Geſicht zuckte es und ſeine mächtigen Augen ſchienen das Frauen⸗ bild aufſaugen zu wollen, das verzweiflungsvoll zu ihm emporſchaute. ———— Worten faſt unmerklich gezittert. Seine Hände hatten 35 „Ihr verlaßt mich nicht“, jammerte Léonie. Der Prieſter war aufgeſtanden und hatte ſeine leiſe bebenden Hände auf das Haupt ſeines Beichtkin⸗ des gelegt, das mit den glattanliegenden ſchlichtgeſchei⸗ telten Haaren und der Angſt des noch immer bezau⸗ bernden Antlitzes einen unendlich rührenden Anblick bot. „Wenn es Dein ernſter Wille iſt, dem Andenken an den Mann zu entſagen, der einſt mit Dir ſündigte, ſo will ich Dir im Namen des allmächtigen Gottes, an deſſen Stelle ich hier ſtehe, Deine Sünden vergeben. Als Buße bete täglich die lauretaniſche Litanei.“ „Ja, frommer Vater!“ „Suche Deine Seele immer mehr zu Gott zu er⸗ heben, damit er Dir nahe ſei und Dir beiſtehe in der Stunde der Verſuchung.“ „Ja, frommer Vater!“ „Und ſo oft der Verſucher Dir naht, ſei es in Geſtalt der Todten oder Lebenden, ſo flüchte zum Ge⸗ bet und zu mir.“. „Ja, frommer Vater.“ Die Stimme des Prieſters hatte bei den letzten Léonie's Haupt verlaſſen, um ſie Stellung emporzuheben. Wie verklärt ſchaute ihm Léonie ins Geſicht. Die aus ihrer knieenden 36 Augen des Prieſters lagen mit faſt wildem, zornigem Ausdruck auf ihr. Die Berührung ſeiner zitternden Hände durchſchauerte ſie ganz ſeltſam. Draußen klangen die Glöcklein der Miniſtranten zur Communion, die Töne der Orgel erſtarben zu leiſe zitternder Wehmuth. Und der Prieſter ſprach ſeinem ſchönen Beichtkinde mit leiſer, ſtockender Stimme von der unendlichen Liebe Gottes, die ſich von Ewigkeit zu Ewigkeit um alle Geſchöpfe ſchlinge, Alles verſöhne, Alles vereinige. Wie ſüße Betäubung legte es ſich auf Léonie's Gehirn und ſie ſchloß die Augen, um die ſanften Worte des Troſtes leiſe in ſich ausklingen zu laſſen. Da plötzlich fuhr ſie empor und ſtarrte, wildes Entſetzen im Blick, auf den Prieſter. Sie hatte ſich plötzlich umarmt und einen glühenden Kuß auf ihrem Munde gefühlt. Noch zweifelte ſie an dem Zeugniß ihrer Sinne, aber mit bebenden Lippen, wogender Bruſt ſtand der Prieſter vor ihr, in ſeinen Augen lohten alle Flammen der Leidenſchaft und ſtöhnend ſprach er ihren Namen. Er faßte eine der bleichen Hände, welche Léonie gegen ihn ausſtreckte, da prallte er ſelber entſetzt zu⸗ rück vor dem gräßlichen Lachen, das den heiligen weih⸗ rauchduftenden Raum erſchütterte. — 36 Es war ein markerſchütterndes Gelächter, wie es nur die ſelbſtmörderiſchen Zuckungen einer verzweifeln⸗ den Seele hervorzubringen vermögen. „Nicht das Grab, Du biſt die Sünde, Prieſter!“ ſchrie Léonie, und losgegangen durch die wilden Stöße ihres Lachens flatterten die langen rothen Haare wild um den züchtig verhüllten Buſen.„Du biſt die Sünde, und die Angſt und das Gebet meines Herzens ſind ein toller Maskenſcherz der Sinne. Alles lügt, Gott und der Himmel lügt, nur bei den Todten iſt Wahrheit.“ Fahle Angſt in dem entſtellten Antlitz wollte der Prieſter die Fliehende umklammern, ſie riß ſich los und ſtürzte lachend in die Kirche, wo der die Meſſe celebri⸗ rende Prieſter eben den wenigen Betern, welche vor dem draußen tobenden Sturm der Revolution hierher geflüchtet waren, den Segen ertheilte. „Er lügt!“ ſchrie Léonie, und ihr Lachen drang grell in die letzten Räume der Kirche und von den Kuppeln und Bogen klang es wieder und aus allen Niſchen und Ecken lachte es, als wenn die Teufel lachten. Der Prieſter machte das Zeichen des Kreuzes gegen das raſende Weib. „Er lügt!“ ſchrie Léonie.„Der Gott, dem er dient, lügt— Wahrheit iſt nur bei den Todten!“ Und die vereinzelten Beter in den Stühlen flüch⸗ teten entſetzt vor den gottesläſteriſchen Worten. Aber ſie prallten zurück ins Innere der Kirche. Die Ausgänge waren beſetzt und durch den mittelſten drang ſingend und brüllend eine Abtheilung von Nationalgardiſten. Ein Kapitän mit einem grellrothen Tuch über den Schultern ging voraus, hinter ihm betrat die Marke⸗ tenderin die Kirche, und aus der erſten Reihe ſtreckte Fritz Navet lüſtern den Hals aus, da er bereits das Weib an den Stufen des Altars entdeckt hatte. Ein rieſiger Greis mit weißem Barte und einer rothen Fahne folgte. Mit Kolbenſtößen wurden die erſchreckten Beter aus der Kirche getrieben und taumelnd erklomm Ka⸗ pitän Reymond die Stufen des Altars und ſtellte ſich neben den Prieſter. Fritz Navet, der von ſeinem Freunde Charles Bertholet die Trommel geerbt, ließ einen raſſelnden Wirbel ertönen. „Bürger! Helden!“ rief Reymond.„Die Com⸗ mune hat beſchloſſen, daß es keinen Gott gibt. Wenn es keinen Gott gibt, ſo ſind Kirchen, worin man zu ihm betet, ein Blödſinn. Die Commune möchte, wie Ihr wißt, gern ihre treuen Anhänger belohnen, wie ſie es verdienen, ſie hat aber kein Geld. Sie iſt uns ſchon wochenlang den Sold ſchuldig. In den Kirchen, wo man zu Gott betet, den es nicht gibt, iſt aber ſehr viel Gold und Silber, das einem Gott, der nicht exiſtirt, auch nichts nützen kann. Im Namen der Commune werden wir uns nach dieſen Reichthümern umſehen und ſie mit uns nehmen. Holt den Pfaffen der davongelaufen iſt, und ſchlagt ihm den Schädel ein, wenn er die Kaſſe nicht herausgibt!“ Reymond wendete ſich um und ergriff einen der großen ſilbernen Leuchter, die auf dem Altar ſtanden. „Der ſcheint echt. Hoffentlich verehren die Strolche von Pfaffen ihren Gott nicht mit engliſchem Silber, das der Teufel hole. Unſere Freunde, welche geſtern das Haus des Verräthers Thiers ſequeſtrirten, trugen lauter Chinaſilber in die Münze. Paul Mervin— wo iſt Paul Mervin?“. Der Erfinder in der Uniform eines Unteroffiziers trat vor und ſchaute ſich mit ſeinen unſtäten Augen um. „Ihr habt das Scheidewaſſer mitgenommen?“ „Eine ganze Feldflaſche voll!“ grinſte Mervin, deſſen Hände ſchon die gelben Spuren der ätzenden Flüſſigkeit zeigten. „Gut!“ ſagte Reymond.„Ihr ſeid weniger ver⸗ rückt, als ich glaubte. Ihr probirt mir alles Gold 40 und Silber, ehe es eingepackt wird, hört Ihr? Und nun, Kinder, an die Arbeit! Und macht ſie gut!“ X ional f Hockh⸗ Jauchzend drang die Nationalgarde auf den Hoch⸗ altar ein und krachend ſtürzte das Tabernakel von zwanzig Fäuſten angefaßt zu Boden. Ein ſeltſamer Anblick bot ſich, vor dem ſelbſt Rey⸗ mond einen Augenblick ſtutzte. In der Oeffnung, welche durch den Sturz des Heiligthum's frei geworden war, lag in brokatenen Gewändern, das Haupt geſchmückt mit einer Krone von Gold und Cdelſtein, die Geſtalt einer Jungfrau. Es waren die Gebeine der heiligen Aurelie, welche unter dem Hochaltar aufbewahrt wurden. Das Haupt, das die Figur trug, war ein Meiſterſtück jener Bild⸗ nerei in Wachs, worin ſich am Anfange dieſes Jahr⸗ hunderts manche Klöſter auszeichneten. Mit rothen ſchwel⸗ lenden Lippen und Wangen, auf welchen die zarteſte Pfirſichfarbe jungfräulichen Lebens ſchimmerte, lag die Heilige da, lange Wimpern fielen herab auf die halb⸗ geſchloſſenen Augen von Glas. Dieſe Augen ſahen in dem Halbdunkel der Kirche, umgeben vom Glanze zahl⸗ loſer Edelſteine, aus, als wenn ſie ſich zuweilen öffne⸗ und wieder ſchlöſſen. Manchmal irrte ein Schatten über die Geſtalt, als ob ſie ſich bewege unter den frechen Blicken der Kirchenſchänder, welche ſie umgaben. — — Ohr trafen, ſchüttelte es wie Fieberfroſt dann ſchrie 41 Auch Léonie hatte ſich, als übe die ruhende Ge⸗ ſtalt eine unüberwindliche Anziehungskraft auf ſie, dem Altar genähert. „Nur im Grabe iſt Wahrheit!“ murmelte ſie, in⸗ dem ſie mit ſchleypenden Schritten und dem Blick einer Nachtwandlerin an Reymond vorüberſchritt. „Wir wollen ſie ſuchen!“ lachte der Kapitän, wie zornig über die eigene Schwäche, und trat vor Léonie Lebrun hin und riß den wächſernen Kopf herunter von den koſtbaren Gewändern und ſchleuderte ihn weithin auf die ſteinerne Treppe, die den Hochaltar rund um⸗ gab. Die Edelſteinkrone löſte ſich und blieb vor Paul Mervin liegen, der eben ſtill vor ſich hinlachend die ſilbernen Leuchter einer eingehenden Prüfung unterzog. Der Kopf der Heiligen rollte weiter, Stufe um Stufe, und unten angelangt zerſprang er. „Hohl!“ ſagte Reymond.„Die Wahrheit iſt das Nichts.“ Léonie Lebrun hatte dem Kopf nachgeſchaut, bis er zerſprungen war. Als die Worte Reymond's ihr ſie laut und gellend auf und brach zuſammen. Und aus der Sakriſtei hervor kam ein langer Zug in Talar und Stola, in Chorhemden und qualmende Rauchfäſſer ſchwingend, aber von den geſtickten Meß⸗ 2 gewändern grinſten die bärtigen Geſichter der National⸗ garden von Belleville, und der Oberprieſter, dem ſie die Schleppe trugen, hatte das luſtige Geſicht von Jeanne Duterey. Und ſie ſangen langſam und feierlich wie einen Choral den Text luſtiger Schelmenlieder und die Me⸗ lodie wurde immer raſcher und ihr Schritt immer lebhafter, und als Jeanne Duterey bei ihrem Geliebten angelangt war, faßte ſie ihn um die Hüfte und drehte ſich mit ihm lachend im Kreiſe. Und ſie tanzten, der bärtige Père Roberto mit einer Hand das Rauchfaß ſchwingend und mit der andern den Takt des wilden Tanzes ſchlagend, der nun durch die Kirche tobte. Nur zwei tanzten nicht. Mit wahrhaft fanatiſcher Gier prüfte Paul Mervin die vor ihm aufgehäuften Kirchengeräthſchaften, und Frederik Navet kniete mit ſtieren Blicken neben Léonie, welche dann und wann unverſtändliche Worte murmelte, während ihren Körper epileptiſche Zuckungen erſchütterten. Auf das Chor der Kirche ſtieg wie in die Loge eines Theaters eine kleine, aber e elegante Geſellſchaft; ſie beſtand aus Leopolda, Stanowsky und dem Mann von London. Der Mann von London lächelte, Leopolda's Naſen⸗ ———— 1 4 * 43 flügel zitterten leiſe in dieſer Atmoſphäre von Wild⸗ heit und Verbrechen und Stanowsky betrachtete zuerſt im Spiegel des Organiſten ſeine neue glänzende Gene⸗ ralsuniform. Als Leopolda ſich nach ihm umwandte, lächelte auch ſie, faſt mit demſelben Lächeln ſiegreicher Befriedigung wie ihr ſeltſamer Nachbar. Stanowsky hatte eine nach der andern alle Eigenſchaften einge⸗ büßt, welche allein den Mann machen. Er war ab⸗ hängig wie ein Kind, eitel wie ein Mädchen geworden. Der Mann von London und Leopolda bekriegten ſich nicht mehr. Stanowsky war, wie ihn der Mann von London brauchte, doppelt brauchte nach dem Tode Jean Jaccard's, eine glänzende Repräſentationspuppe für die Augen des Volks. Bald waren die abenteuerlichſten Gerüchte über den tapfern General der Commune in Umlauf. Man erzählte ſich mit Genugthuung ſeine frühern Heldenthaten in ruſſiſchen Dienſten und erwar⸗ tete Großes von ihm gegen die Verſailler. Ohne daß er auch nur eine einzige Waffenthat vollbracht hatte, war Stanowsky der magiſche Name geworden, an den ſich die Gewißheit des Erfolgs knüpfte, an dem ſich die Tapfern neuen Muth, die Zaghaften neue Hoffnung holten. „Stanowsky hoch! Der Sieg mit Stanowsky!“ tönte es auch jetzt aus der Kirche herauf, als man 44 des Generals anſichtig wurde. Stanowsky nahm das hin wie einen Tribut, der ihm gebühre und ihm bisher im Leben nur ſchnöde vorenthalten wor⸗ den war. Er dankte huldvoll, und als ihn der Mann von London darauf aufmerkſam machte, daß es ſeine Po⸗ pularität nur erhöhen könne, wenn er ſich etwas unter die plündernden Kinder von Belleville miſche, nickte er herablaſſend mit dem Kopfe und ſah nach Leopolda mit einem vielſagenden Lächeln, als wolle er fragen: Fühlſt Du Dich nicht unendlich gehoben durch das Be⸗ wußtſein, einen ſolchen Geliebten zu beſitzen? Und ſie ſtiegen hinunter auf den Platz vor der geplünderten Kirche, und mit der behandſchuhten Rechten nahm Stanowsky die Vertheilung der geraubten Klei⸗ nodien vor. 3 Da trugen ein paar Leute auf einer Trag⸗ bahre, von vier Gewehren gebunden, eine weibliche Geſtalt vorbei.. „Sie hat unſerm Trommler Navet, welcher zärt⸗ lich werden wollte, mit einem ſilbernen Altarleuchter den Schädel zerſchmettert“, erklärte Reymond.„Jeanne Duterey ſagt, es ſei die Geliebte des bekannten Grafen Entretout geweſen, der bei Sedan fiel, und durch die Pfaffen zum religiöſen Wahnſinn gebracht worden.“ ———— Léonie lag ſtumm und bleich und ihre goldenen Haare floſſen rechts und links von ihr herunter. „Léonie Lebrun“, murmelte Stanowsky und ihm war, als fühle er am goldbordirten Kragen ſeiner Uni⸗ form die Fauſt des Verhängniſſes. Drittes Kapitel. Die Proſcribirten. Vor einem der eleganteſten Hotels der Rue du Bac hielt ein kleiner Trupp Föderirter und beobach⸗ tete den dicken Lieutenant Androlet, welcher mit dem Gefäß ſeines Säbels wüthend gegen das Portal don⸗ nerte und dabei eine Blumenleſe ſeiner ſchönſten Flüche zum Beſten gab. Der Commandant der Abtheilung, der rothköpfige Jules Bandeau, ſchien ſehr ungeduldig zu ſein und beorderte eben ein paar Mann, um mit dem Kolben die Thür einzuſchlagen, als dieſe ſich öffnete und das angſtbleiche Geſicht des Portiers nach dem Begehren der Herren fragte. Es war derſelbe, den Louiſon und Jean Jaccard einſt nach ihrer Mut⸗ ter gefragt hatten. Er hatte in den letzten Jahren tröſtliche Verſicherung, daß er dafür, daß er die ——;— 47 etwas an Leibesfülle verloren und ſein Haar war völlig ergraut. „Die Herren werden wohl die Flagge mit dem Genfer Kreuz nicht geſehen haben, welche über dem Hotel weht und uns vor Einquartierung ſicher ſtellt.“ „Wir wollen uns bei Euch nicht einquartieren, wir kommen, um Euren Herrn zu ſprechen.“ „Meinen Herrn? Ach, der gute Herr! Er iſt heute nicht ſichtbar. Er opfert ſich auf für die Pflege der Verwundeten, für die leidende Menſchheit. Eben ruht er aufs äußerſte erſchöpft ein wenig aus von ſeinen Mühſeligkeiten als Vorſtand des Comités des Faubourg St.⸗Germain für die freiwillige Pflege der Verwun⸗ deten, der gute Herr!“ 8 Lieutenant Androlet gab dem Portier die wenig heldenmüthigen Vertheidiger von Paris ſo lange an der Thür warten laſſen, eigentlich verdiene, daß man ihm einige Bajonette in den Wanſt renne. Man wolle jedoch Gnade für Recht ergehen laſſen, fügte er hinzu, wenn er die anweſenden Bürger und Helden ſofort zu ſeinem Herrn führe. Der Diener erſchrak ſichtlich, denn ſeit mehreren Tagen ſchon waren die beunruhigendſten Nachrichten über die Verhaftung mehrerer bekannter Bewohner des Viertels in Umlauf. Aber ſchon drängte ſich Jules Bandeau mit einer großen Anzahl von Bewaffneten durch die Thür. Der Portier wurde vorwärts geſtoßen und die Eindringlinge gelangten in einen großen Saal, deſſen Zweck der an der Wand angebrachte Altar und die vielen Betſtühle hinlänglich verriethen. Die Hauskapelle war leer. Jules Bandeau und Androlet wandten ſich zur nächſten Thür. Der Diener warf ſich vor ſie und verwehrte den Eingang. Er wurde beiſeite geſchoben. Erſchrecktes Geſchrei von weiblichen Stimmen drang durch die geöffnete Thür und dem Auge der National⸗ garden von Belleville bot ſich ein überraſchendes Schau⸗ ſpiel. Sie waren vom Betſaal in das Serail getreten. Schöne Frauen verbargen die unverhüllten Reize hinter Stühlen und Vorhängen, während ein hinfälliger zit⸗ ternder Greis, vor Schreck unfähig, ſich zu erheben, den Eindringlingen entgegenſtarrte. Zu ſeinen Füßen kniete ein ſchönes Mädchen in der Tracht, wie ſie die 3 von der Ariſtokratie begünſtigten Frauenvereine zur Pflege der Verwundeten ſich beigelegt hatten, aber wirr drangen die blonden Haare hervor unter der nonnenhaften Haube und die kleinen weißen Hände kreuzten ſich über den geöffneten Neſteln des grauen klöſterlichen Kleides. — „Hui!“ lachte Père Androlet, der Energie und Verſtand von ehemals wiedergewonnen zu haben ſchien, ſeit Louiſon vor wenigen Wochen plötzlich und uner⸗ wartet in die Manſarde der Rue Jacob zurückge⸗ kehrt war. Jules Bandeau blieb ernſt. „Camille von Agenoux, wenn wir nicht zu dem Zwecke hierher gekommen wären, Euch zu verhaften, wir müßten es jetzt thun. Wir ſind gekommen, Cuch als der Verbindung mit Verſailles verdächtig und als Geißel für die Grauſamkeiten, welche unſere Feinde an den Gefangenen verüben, in ſichern Gewahrſam zu bringen. Jetzt klagen wir Euch noch überdies des ſchändlichſten Mißbrauchs an mit dem heiligſten Ge⸗ fühle, das alle Kriege und Revolutionen in der Bruſt der Menſchen zurücklaſſen mußten. Marſch!“ Zehn Gewehrkolben erhoben ſich, um den grauen Sünder von ſeinen ſybaritiſchen Polſtern aufzujagen. Graf Agenoux fiel vor Jules Bandeau auf die Kniee. „Aber es gibt ſo viele Andere, warum denn gerade mich? Warum gerade mich?“ Jules Bandeau blickte verächtlich herab auf den wimmernden Greis und machte eine ungeduldige Be⸗ wegung, als dieſer ſeine Kniee umfaſſen wollte. v. Schlägel, Der rothe Faſching. II 4 „Nun ja, ſo magſt Du es denn wiſſen, grauer Sünder, und damit die Ueberzeugung gewinnen, daß Dein letztes Stündlein herannaht! Es iſt mir blos die Zahl der Geißeln genannt, die ich zu liefern habe, die Auswahl blieb mir überlaſſen. Ich habe Dich ge⸗ wählt, weil ich am Grabe des Oberſten Jaccard geſchworen habe, ihn an allen ſeinen Feinden, die mir 3 bekannt geworden ſind, zu rächen. Der arme Jean fiel von der Hand eines Ariſtokraten, die ſein Fluch waren ſein ganzes Leben lang. Jean Jaccard! Du erinnerſt Dich doch an die hübſche Doctorswittwe aus dem lateiniſchen Viertel? Ich ſehe es an Deinen ſchlot⸗ ternden Beinen und höre es an Deinen klappernden Zähnen, daß Du Dich erinnerſt. Du fühlſt wohl jetzt, daß die Komödie vorbei iſt, die Du Dein Leben lang geſpielt. Vorwärts! Zehn Mann Bedeckung! Nach La Roquette!“ Der Graf Camille von Agenoux, bekannt wegen ſeiner Frömmigkeit, ſeiner feinen Manſchetten und ſei⸗ ner zarten Sorge für das Seelenheil junger hübſcher Mädchen, wurde, wie er war, fortgeſchleift; verzweifelt ſchauten die zerzauſten Jabots an den Bruſt⸗ und Aermelöffnungen ſeines ſeidenen Schlafrocks hervor. Ohne die ſchluchzenden Weiber eines Blickes zu würdigen, verließ Jules Bandeau das Haus. Ihm folgte Poère Androlet. — „Wie ſchade“, bemerkte er mit einem Blick auf die Mädchen,„daß Fritz Navet nicht mehr am Leben iſt! Wir hätten keinen beſſern Hüter für das Hotel und ſeine Schätze finden können.“ Einige Nationalgarden machten Miene zurückzu⸗ bleiben. Jules Bandeau jedoch gehörte zu jener Gat⸗ tung ſtarrer Revolutionäre, die für nichts mehr Sinn oder Duldung beſitzen als den Zweck, den ſie zu erfüllen haben, und dieſem Zweck alle übrigen Regun⸗ gen des Lebens unterordnen. Mit rauher Stimme ſcheuchte er die Zurückbleiben⸗ den aus dem Gemach der Sünde, und während zehn Mann den Grafen nach dem Gefängniß von La Ro⸗ quette führten, ſetzte ſich die Colonne in Bewegung nach dem Palaſte, den ſich Doctor Herbiot von den Napo⸗ leons auf ſeinem Schreibtiſch und von dem Erlös der Pharmacie Avrot in wenig Jahren erbaut hatte. Der Profeſſor jedoch hatte nicht umſonſt in der Geſellſchaft der erſten Diplomaten verkehrt. Er war mit der Regierung nach Verſailles geflohen. Nur Flo⸗ rentin war anweſend. Pore Androlet hatte den Doctor einigemal in der Entfernung geſehen. Die Aehnlichkeit der äußern Erſcheinung zwiſchen Diener und Herrn täuſchte ihn, und trotz ſeiner Schwüre und Betheuerun⸗ gen, daß er blos der unwürdige Diener eines berühmten 52 Mannes ſei, wurde Florentin von einem Peloton mit Kolbenſtößen vorwärts getrieben nach La Roquette. Die Colonne ſetzte ihren Rachezug fort. Sie über⸗ ſchritt die Seine und den Eintrachtsplatz, marſchirte an der umgeſtürzten Vendômeſäule entlang. Das rieſige Haupt des Cäſars, den ſie getragen, war weit wegge⸗ rollt und ſtreckte unbeweglich wie eine Sphinx im Sande der Wüſte, die er einſt beſiegt, die todten metallenen Augen empor zum ſtürmiſchen Märzhimmel, wo die Wolken zerfetzt und raſtlos dahinjagten, wie hier unten die Geſchicke der Völker. Die Truppe Jules Bandeau's marſchirte nach der Rue des Martyrs. Pere Androlet ſchien eine Nummer zu ſuchen und die Truppe hielt vor demſelben Hauſe, wo einſt der Wagen Nini Berton's gehalten hatte, der ſchönen, übermüthigen Nini, die jetzt in der Man⸗ ſarde der Rue Jacob langſam der Auflöſung entgegen⸗ ſiechte. „Hier iſt's!“ ſagte Père Androlet.„Die arme Nini hat ſie mir oft beſchrieben, die hübſche Dicke mit dem maskenähnlichen Geſicht und den Hunden. Die Hunde wird ſie während der Belagerung wohl verzehrt haben.“ „Aber ich habe eigentlich nicht den Auftrag, weib⸗ liche Geißeln zu nehmen.“ Pore Androlet lachte. 53 „Nun ja, dann ſchicken wir die Dicke nicht nach La Roquette. Unſere Jungen da ſind ohnehin im Hauſe des frommen Grafen um ihr Recht gekommen. Wir wollen ſie mit der Dicken entſchädigen. Hollah! Da iſt ſie ſchon!“ In der That trat eben Madame Chavandrier auf die Straße. An ihrem Arme hing eine magere, ziemlich große Dame mit einem Schleier vor dem Ge⸗ ſicht, welche ſich ängſtlich umblickte und beim Anblick der vor dem Hauſe haltenden Truppe wieder ins Haus flüchten wollte. Pore Androlet ergriff ſie am Arme. „Hollah! Nur da geblieben, Mamſellchen! Zwei ſind meinen Jungen da lieber als eine. Madame Cha⸗ vandrier, Sie ſehen, daß wir Sie genau kennen, die arme Nini Berton, welche eben im Benn iſt, an Ihrer Liebenswürdigkeit zu crepiren, hat uns eine ganz genaue Beſchreibung gegeben. Die letzte Section da hinten, zwanzig Mann, lauter ehrliche Jungen aus La Villete und St.⸗Antoine, wird ſich ein Vergnügen daraus machen, ebenfalls Ihre Gaſtfreundſchaft für einige Tage zu genießen. Der anſtrengende Dienſt des Vater⸗ landes hat ihnen zwar die letzten acht Tage nicht er⸗ laubt, ſorgfältige Toilette zu machen, aber ſie ſind gute Jungen und haben eine beſondere Schwachheit für 54 hübſche Frauen. Als ſie neulich bei St.⸗Mandé ein⸗ quartiert waren in einem Hauſe, wo es eine Menge hübſcher Mädchen gab, ſchlugen ſie Alles todt, ehe ſie fortzogen— aus purer Eiferſucht. Ich zweifle nicht, daß Ihre Liebenswürdigkeit, Madame, ihnen dieſelbe Be⸗ wunderung abzwingt. Alſo vorwärts, Jungen, Ma⸗ dame macht Euch ihre Complimente.“ Lachend und ſchreiend kamen die zwanzig Mann vom Ende der Colonne herbei, wild ausſehende, vom Leben hinter den Wällen und den blutigen Orgien der letzten Tage bis zum Wahnwitz überreizte Kerle. Sie umgaben jubelnd die dicke Dame mit dem larvenähn⸗ lichen Geſicht und einer umfaßte den Hals ihrer fliehen⸗ den Begleiterin und küßte ſie auf den Mund. Erſtaunt fuhr der bärtige Arbeiter zurück. „Parbleu!“ rief er,„wenn das ein Frauenzimmer iſt, ſo bin ich auch eins. Ich habe mir die Lippen wund geriſſen an den Stoppeln eines friſch raſirten Bartes. Madame Chavandrier fiel auf die Kniee. „Gnade! Gnade!“ rief ſie.„Wenn Ihr mein Leben ſchont, will ich Euch ſagen, wer es iſt. Es iſt der ehemalige kaiſerliche Unterſuchungsrichter von La⸗ zire, der ſo viele Kinder des Volks ins Bagno und nach den Colonien brachte. Er hatte ſich bei mir ver⸗ borgen und flehte mich an, ihn zu retten, aber ich hätte ihn doch an das Volk abgeliefert, ich war eben im Begriff, gewiß, eben wollte ich es thun.“ „Unterſuchungsrichter Lazire!“ ſagte Jules Ban⸗ deau.„Wir hatten nicht mehr gehofft, Euch hier zu finden, noch weniger in dieſer unmännlichen Kleidung. Zehn Mann und ein Unteroffizier vor! Dieſer Herr begibt ſich vorläufig als Geißel nach La Roquette.“ „Zwanzig Mann bleiben hier zur Bewachung der gaſtfreundlichen Madame Chavandrier“, commandirte Poère Androlet.„Ihr Andern vorwärts! Jetzt geht's zu ihml⸗ Pore Androlet ſagte das mit dem Ausdruck des fürchterlichſten Haſſes. Von der Rue des Martyrs bis zur Straße des Faubourg St.⸗Honoré iſt nicht weit. Das Quartier Breda grenzt dicht an das Viertel der modernen Ari⸗ ſtokratie. Vingris bewohnte noch allein das ausgedehnte Hotel der Mondélions. Nachdem der Baron und die Baronin auf die räthſelhafteſte Weiſe verſchwunden waren, warteten die Diener einige Zeit, dann machte ſich einer nach dem andern für ſeine Mühewaltung bezahlt, ſo gut es ging, und ſchlich davon. Zuletzt war Vingris allein auf dem ihm anvertrauten Poſten. Es 56 hatte nicht an Aufforderungen und Lockungen gefehlt, dem Beiſpiel der Andern zu folgen, vorzüglich war der Kammerdiener bemüht, den Portier zur Heraus⸗ gabe mancher Schlüſſel zu bewegen, die dieſer in Ge⸗ wahrſam genommen hatte. Aber Vingris war uner⸗ ſchütterlich. Er hielt wacker in ſeiner Loge aus und wartete auf die Rückkunft ſeines Herrn, und als auch ſein Freund, der Koch, verſchwunden war, lebte Vingris von dem Käſe und den Würſten, die er vorfand, wie einſtmals auf der Braunalm. Schon einigemal hatten die Pöbelhorden, die das Quartier durchſtreiften, an das mächtige Portal ge⸗ pocht und Drohungen gegen die Unverſchämtheit, ein ſolches Haus zu beſitzen, ausgeſtoßen, aber ſie waren vor der Stärke der Thors und der furchtloſen Haltung des pflichtgetreuen Vingris noch jedesmal zurückgewichen. Vingris, der in kurzer Zeit ſo Vieles erlebt hatte, glaubte ſo feſt an die Würde ſeines Amtes, daß er auch nicht im entfernteſten daran dachte, daß dieſelbe einmal ernſtlich in Frage gezogen werden könne. Nuhig trat er daher an die kleine Pforte und öff⸗ nete ſie, als die Kolbenſtöße der Nationalgarde gegen das Thor vonnerten. Er hatte von ſeinem Wasiſtas aus die Soldaten geſehen und ſich zur Erhöhung ſeines Anſehens mit dem großen Portierſtock bewaffnet, der, —— obwohl ſelten mehr benutzt, doch mit der blankgeputzten vergoldeten Kugel glänzend in der Ecke ſtand. „Führt uns zu Eurem Herrn!“ ſagte Jules Ban⸗ deau barſch. „Der Herr Baron ſind nicht zu Hauſe!“ gab Vin⸗ gris ebenſo kurz zur Antwort, indem er mit ſeinem Körper die Thür deckte und ſeinen Stab vorſchrifts⸗ mäßig mit ausgeſtrecktem Arm auf die Erde ſtützte. „Wo iſt er?“ „Die Dienerſchaft des Herrn Baron iſt nicht ge⸗ wohnt, wenn der Herr Baron verreiſt, zu fragen, wohin, um Neugierigen Antwort zu geben.“ „So! Dein Herr iſt aber nicht verreiſt, vorwitziger Schlingel, ſondern noch im Hotel verborgen. Geh bei⸗ ſeite, wir werden ihn ſuchen.“ Vingris brachte ſeinen Portierſtab wagerecht vor den Leib. „In der Abweſenheit meiner gnädigen Herrſchaft tritt hier Niemand ein.“ „Weg, Schurke!“ brüllte Jules Bandeau.„Wir ſind hier im Namen der Regierung von Paris.“ Vingris lachte. „Straßenjungen, wie ich ſie ſonſt mit der Peitſche vom Hof gejagt habe, waren in den letzten Tagen zu Dutzenden da und alle im Namen der Regierung.“ Die Truppe wurde bereits ungeduldig. Pore Androlet drängte ſich wuthſchäumend vor. „Nieder mit den Hunden! Nieder mit dem Mörder Jean Jaccard's!“ Jean Jaccard! Mörder! Vingris hatte blos die Worte gehört, ohne den Zuſammenhang zu begreifen. Der Name des Studenten aber, den er ſtets mit allem Unheilvollen in Verbindung gebracht hatte, was im Hotel vorgegangen war, erweckte in ihm plötzlich eine Art dunklen Bewußtſeins, daß er ſich diesmal in einer ernſten, entſcheidenden Lage befinde. Die National⸗ garden hatten ſich immer näher herangedrängt und Poére Androlet faßte nach dem vergoldeten Stock, den der Portier noch immer wie eine Barridre vor ſich hinſtreckte. Das war für die Geduld des Schweizers zu viel. Noch nie, ſeit er den Stab ſeiner Würde führte, war dieſer von profanen Händen berührt worden. Er riß ihn los und ſprang vor und ſchwang ihn wirbelnd um den Kopf, als habe er ſich auf ſeinen heimatlichen Alpen mit dem Bergſtock gegen einen wüthenden Stier zu vertheidigen. Ueberraſcht prallten die Nationalgarden zurück, Pore Androlet ſtrauchelte über den Rand des Trottoirs und ſeine dicke Geſtalt fiel rückwärts in den Schmuz ———— 4 4 1 8 59 der Straße. Einige Nationalgarden lachten. Pere Androlet ſprang über und über beſudelt auf, riß einem der Soldaten das Gewehr aus der Hand und drang mit geſchwungenem Kolben auf den Portier ein. Vingris' glänzender Stock zerſplitterte in ſeiner Hand, ein Verſuch, das Gewehr Androlet's zu faſſen, mißlang, und mit krachendem Schädel ſank der Un⸗ glückliche zuſammen. Ueber ihn ſtürzten die National⸗ garden, wie berauſcht vom Anblick des Blutes, das dem Schweizer aus Mund und Ohren floß, in das Hotel, alle Winkel durchſuchend, plündernd, was ihnen unter die Hände fiel. So gelangte die wilde Horde in den Keller und ſtand ſtaunend vor den gewaltigen Stückfäſſern, vor den unabſehbaren Flaſchenreihen, die ihre Käppis von allen Farben aus dem Bett von weichem Sande ſtreck⸗ ten, in das man ſie ſorgſam eingehüllt. Dann ging es über den edlen Saft von Bordeaux und Burgund her, immer lauter wurde der bacchan⸗ tiſche Jubel, und als der Tambour im Hofe die tau⸗ melnden Zecher emporrief, zerſchmetterten ſie die Flaſchen, die ſie nicht tragen konnten, und bohrten die gewaltigen Fäſſer an, die ſie in Monden nicht leer zu trinken ver⸗ mocht hätten. Und heraus auf den Boden floſſen die edelſten ſpaniſchen Weine, goldgelb wie flüſſiger Bern⸗ ſtein, und das dunkle Blut der edlen Traube von Laroſe und Lafitte miſchte ſich in rothen Strömen darein und der begeiſternde Schaum der Champagne goß wie ſturmgepeitſchte Wellen ſeine milchweißen Perlen darüber hin. Pere Androlet war allein oben geblieben. Mit fanatiſcher Genauigkeit durchſuchte er alle Räume, ſchaute hinter jedes Möbel, durchſtach jedes Polſter, da ſein Feind darunter verborgen ſein konnte. So war er an ein Zimmer gelangt, hell, freundlich, prächtig zugleich, weiß und Gold die Möbel, Seide und ſpinnenzarte Spitzen die Gardinen, ein Raum wie geſchaffen, um zum Aufenthalte zu dienen einem Bewohner jener reinen Lüfte über uns, den ſeine mattern Schwingen herab⸗ geführt zur dunklen Erde. Poere Androlet ſah ſich betroffen in dem Raume um. Ein Toilettenkaſten aus Perlmutter, Gold und Kryſtall war noch halb aufgezogen, als ſei er eben erſt benutzt worden, ein Morgenhäubchen mit Roſa⸗ Bändern durchzogen lag daneben, auf dem runden Tiſch⸗ chen aus weißem Marmor lagen elfenbeinerne Kämme mit einem Rücken von Gold, dort in der Mitte des Bodens ein weißes Nachtkleid, als ſei es eben von herrlichen Schultern geſunken. Pere Androlet's ungefüge Geſtalt trat mit den 64 Fußſpitzen auf, als fürchte er den Geiſt weiblichen Liebreizes zu verſcheuchen, der hier zurückgeblieben war, und näherte ſich ſchüchtern dem halbdunklen Gemach zur Seite, aus deſſen Dämmerung es ſo eigenthümlich ſchimmerte. Pore Androlet fuhr zurück und hielt ſich ſtöhnend an den ſeidenen Vorhängen— dort unter dem Himmel von grünem Damaſt, von einer goldenen Krone zuſam⸗ mengehalten, auf einer Lade von ſeltenem Holz, auf der in wundervoller Schnitzerei ſich Amoretten gaukelnd haſchten, lag in weißen Spitzen wie in ciſelirtem Schnee Louiſon's Brautbett. Pore Androlet weinte. Leiſe, wie er gekommen, ſchlich er weg. Da traf ſein Blick auf ein Bild, das ernſt und ſtreng auf ihn herunterſchaute. In der Hand hielt der alte Mann auf dem Bilde eine Urkunde mit großem Siegel und um ſeinen Hals lag eine große goldene Kette. Und das Geſicht des alten Mannes war das des Barons, das ſtrenge, kalte Auge war ſeines, der hochmüthige, verächtliche Zug um den Mund ſein Lächeln, mit dem er Louiſon in den Wagen hob, mit dem er ihr das Glück ſtahl und das Elend ins junge Herz ſenkte. Das war daſſelbe ſtarre Antlitz, mit dem er auf den Bruder ſchoß. 62 „Mörder!“ ſchrie Père Androlet und ſtieß das Bajonett nach dem Bilde und ſtieß immer zu, immer raſender, bis die Leinwand zerfetzt zu Boden hing. Dann ging er träumend fort vor das Thor. Seine Leute waren längſt abmarſchirt. Im Keller rauſchten, kleinen Waſſerfällen gleich, die aufgeſchlagenen Fäſſer, und in der Goſſe lag Vingris neben dem zer⸗ brochenen Zeichen ſeiner Würde, den wachsgelben Tod auf den blatternarbigen Wangen. Viertes Kapitel. Die Schlange im Paradieſe. Im Paradieſe! Für Etienne Stanowsky war das Hotel Kragoratſch ein Paradies geworden. Er war auf einer Höhe des Glücks und der Zufriedenheit an⸗ gelangt, wie er ſie nie geträumt. Ein Weib, welches er anbetete, umgab ihn mit den leidenſchaftlichſten und zarteſten Beweiſen ihrer Liebe, wo er ſich auf der Straße zeigte, wurde er umdrängt, umjubelt vom Volk und von den Soldaten, die in ihm ihren Helden, ihren Retter prieſen. Etienne Stanowsky war nachgerade in eine Götterſtimmung gekommen, die ihn geneigt machte, ſeine Vergangenheit vergeſſend, ſich für eine Art prädeſtinirten Weſens anzuſehen, und kam ihm je ein düſterer Zweifel an die Dauer ſeines Glücks, 64 Haupt und küßte die Schatten weg. Stanowsky hatte wirklich ein paar kleine Be⸗ wegungen gegen die Regierungstruppen commandirt, Leopolda war nicht von ſeiner Seite gewichen und der Mann von London als eine Art von Civilcommiſſar der Commune hatte ihm ſoufflirt. Man hatte eine leine Niederlage erlitten und den Pariſern einen großen Sieg verkündet. Seit dieſer Zeit hatte Sta⸗ nowsky nichts mehr unternommen, und ſein Leben im Hotel Kragoratſch und die Hochrufe in den Straßen von Paris waren zu angenehm, als daß er ſich ſehr nach der tobenden Feldſchlacht geſehnt hätte. In den letzten Tagen jedoch glaubte er öfter einen Schatten von Unruhe auf Leopolda's Antlitz zu bemerken. Derſelbe war verſchwunden, ehe Stanowsky gewiß war, ob er ſich nicht täuſche. Heute aber— er war eben von einer der großartigen Revunen zurückgekehrt, mit welchen die Commune vor Paris ihre innere Ohnmacht zu verbergen ſuchte, er trug noch das rothe Käppi mit den ſieben Streifen und die Sterne, er war von den Truppen fanatiſch applaudirt worden, ohne eigentlich recht zu wiſſen, warum, ein Mitglied der Commune hatte ihm im Na⸗ men der Nationalgarde gedankt für ſeine ſtrategiſchen Leopolda ſchüttelte mit blitzenden Zähnen das herrliche Maßnahmen, ſeine Aufopferung, hatte ihn das Heil der Commune und den Schrecken der Feinde genannt— Stanowsky wußte eigentlich nicht recht, worin ſeine Maßnahmen und ſeine Aufopferung beſtanden, deſſen⸗ ungeachtet ließ er ſich den Dank dafür recht gern ge⸗ fallen— überraſchte und beunruhigte es ſein verweich⸗ lichtes Gemüth, Leopolda zum erſten Mal ernſt, ja trüb zu finden. Sie umarmte ihn und barg ihr Haupt an ſeiner Bruſt, als gelte es nahende Thränen zu verbergen. Stanowsky fragte beſorgt nach dem Grunde ihres Kummers. Leopolda erhob ihr Geſicht matt lächelnd zu ihm. „Ich ſchwöre, es iſt nicht Sorge für mich, was mich ſo bange macht, nur für Dich zittere ich, für Dich.“ Keiner Sache entwöhnt man ſich ſo leicht als des Unglücks. Stanowsky, der dem Richter keck ins An⸗ geſicht geſchaut hatte, welcher ihn für ein halbes Leben in den Kerker bannen konnte, wurde blaß, weil ein liebendes Weib für ihn fürchtete. „Es geht zu Ende, Etienne.“ „Zu Ende?“ Etienne's Athem ſtockte. „Ja, zu Ende“, wiederholte Leopolda langſam, „mit unſerer Sache, mit Paris.“ v. Schlägel, Der rothe Faſching. II. 5 Stanowsky ſeufzte erleichtert auf. „Aber wir ſiegen auf allen Punkten, das Volk jubelt mir zu, wo ich mich zeige.“ „Man treibt ein falſches Spiel, Etienne, mit Dir und ihm. Glaube mir, jedes Wort brennt mir auf der Seele, mit dem ich Dir ein Stück des ſchönen Wahns vom Herzen reiße. Aber es muß ſein. Täglich verkündet man dem Volke neue Heldenthaten, die Du vollbracht haſt, während Deine einzige That war, mich zu küſſen.“ Stanowsky ſenkte das Haupt. Er konnte das nicht beſtreiten. „Indeſſen nehmen die Verſailler eine Poſition nach der andern und ſtehen bereits dicht an den Wällen. Haben ſie dieſe überſchritten, ſo ſind wir in ihrer Ge⸗ walt und das ſchrecklichſte Blutgericht, das je einer Revolution gefolgt, beginnt.“ Ein leiſes Fröſteln ſchüttelte Stanowsky's ent⸗ nervte Glieder. Leopolda ſchwieg. Stanowsky's Augen waren weit offen auf ſie gerichtet. „Was zu unſerer Rettung geſchehen ſoll, muß bald geſchehen“, fuhr Leopolda wie ſinnend fort. Stanowsky athmete auf. „Alſo kann etwas geſchehen?“ „Gewiß!“ Sie blickte ihn forſchend an.„Es iſt vielleicht ſchon geſchehen, im Falle Du es gutheißeſt.“ „Alles, Alles!“ „Aber das Mittel! Manche ſagen, daß es ehrlos ſei.“ Leopolda blickte ihren Geliebten forſchend an. Stanowsky zuckte die Achſeln und antwortete mit einem Anflug verlegener Galanterie: Mm ein Leben an Deiner Seite zu verlängern, iſt die Ehre kein zu hoher Kaufpreis.“ „Aber Deine Freunde, die Dich erhoben haben, werden dadurch einem ſchmählichen Tode in die Arme geliefert.“ Faſt zornig rief Stanowsky: „Aber ſagſt Du nicht ſelbſt, daß ſie mich und das Volk betrogen? Sagſt Du nicht ſelbſt, daß das Ende nahe ſei? Jetzt gilt es ſich zu retten, wie man kann Wenn Du ein Mittel zur Rettung weißt, ſo laß uns handeln.“ Leopolda lächelte ſeltſam. Sie hatte dennoch ge⸗ glaubt, gefürchtet, vielleicht auch gehofft, daß Sta⸗ nowsky's letzter Reſt von Männlichkeit ſich empören werde bei den entehrenden Zumuthungen, daß er die Verſucherin weit von ſich ſchleudern werde, welche ihm rieth, ſeine Genoſſen zu verderben, um ſich zu retten. 5*¾ Sie hatte es gehofft, vielleicht! Wer durchforſcht die Tiefen eines Weiberherzens, das den Mann zu Grunde richten will, den es einſt geliebt! Lesopolda konnte den bittern Hohn faſt nicht ver⸗ bergen, von dem ihre Seele überquoll.. „Ich habe gehandelt“, ſagte ſie langſam und ihr Blick lag wie fascinirend auf dem unruhig zuckenden Antlitz ihres Geliebten.„Die Regierung von Ver⸗ ſailles bietet Dir eine halbe Million und einen Paß aus Frankreich, wenn Du ihr in der dritten Nacht nach der heutigen das Thor an der Höllenbarrière in die Hände lieferſt. Wie Du weißt, iſt Kapitän Reymond infolge ſeiner juriſtiſchen Kenntniſſe zum Polizeiprä⸗ fecten ernannt worden. Seitdem hat ſich die Com⸗ pagnie aufgelöſt und theilweiſe andern Compagnien angeſchloſſen, zum Theil iſt ſie noch immer an der Barrière und marodirt in der Umgegend. Es iſt alſo keine Wachſamkeit, noch weniger ein ernſtlicher Wider⸗ ſtand zu beſorgen.“ Mit einer Miſchung von Staunen und Furcht ſah Stanowsky auf ſeine Geliebte. Wieder ſpürte er jene ängſtlichen Schauer, die ihn ſchon oft bei ihren glühendſten Küſſen überrieſelt hatten. Leopolda war ihm einen Augenblick lang ſehr unheimlich. „Und wie iſt es Dir möglich geweſen, mit Ver⸗ — ſailles zu verkehren, während Jeder, der unſern Cordon überſchreiten will, niedergeſchoſſen wird?“ „Das Mittel war einfach. Staroſch iſt treu und tapfer. Er iſt auf meinen Befehl ſchon ſeit längerer Zeit freiwillig bei der Nationalgarde eingetreten. Bei einem der letzten Gefechte ging er mit vor, warf ſich aber bei der erſten Salve der Verſailler nieder, als ſei er verwundet, und als die Helden der Commune davonliefen, blieb er liegen, bis die Feinde herange⸗ kommen waren, dann verlangte er zum General geführt zu werden. Heute kam er wieder mit der Antwort auf meine Frage. Er hatte ſich eine unbedeutende Wunde beigebracht und erzählte bei ſeiner Rückkunft ſo viel angenehme Nachrichten von der Muthloſigkeit unſerer Feinde und der baldigen Aufhebung der Be⸗ lagerung, von den Abenteuern ſeiner Flucht, nachdem er verwundet Gefangener der Verſailler geworden, daß man ihn als den Tapferſten der Tapfern empfing und pries.“ Stanowsky ſchaute düſter vor ſich nieder. Eine neue Angſt durchzuckte ſeine Seele. Wenn man ihm das Verſprochene nicht hielt, wenn man den Verräther einfach benutzte und dann hohnlachend auf das Schaf⸗ fot ſtieß? Leopolda ſah die zuckende Angſt auf ſeinem Geſicht 70 und deutete ſie richtig. Aber ſie beruhigte ſeine Zwei⸗ fel nicht, ſie zuckte blos die ſchönen Schultern. „Es iſt das einzige Mittel, das Dir bleibt, um Dich zu retten.“ Stanowsky's Augen öffneten ſich weit. „Um mich zu retten?“ fragte er erſtaunt, erſchrocken. „Sind wir nicht eins, ſterben wir nicht zuſammen?“ „Die Verſailler würden ein Weib nicht tödten wollen.“ „Und—“ Etienne Stanowsky war im Begriff, noch eine Frage zu thun, wie ſie nicht die höchſte auf⸗ opfernde Liebe und gerade dieſe am wenigſten wagt. Leopolda ſah dem Geliebten ins Geſicht, als er⸗ warte ſie noch das Geſtändniß:„Ich bin zu feig, allein zu ſterben. Ich brauche das Todesröcheln eines andern Weſens, das mir hinüberhilft.“ Da richtete er ſich mit fieberhafter Glut auf den Wangen in die Höhe. „Wann, ſagſt Du, ſoll das Thor überliefert werden?“ „In der dritten Nacht von heute. Ich werde mit Dir kommen, wenn Du Furcht haſt.“ Furcht— es war die häßliche gemeine Furcht um das eigene Leben, welche gelb auf ſeinem Geſichte lag. Und dennoch zuckte er zuſammen wie verwundet, — als er das Wort hörte, und etwas wie Zorn ſtieg in ſein Geſicht. Doch die Furcht, die gelbe lähmende Furcht war ſtärker und mit unſicherer Stimme ſtotterte er: „Gut, in der dritten Nacht von heute! Gut, wir werden gehen.“ Fünftes Kapitel. „Der todte Jean.“ Jean Jaccard war geſtorben, ſogar begraben. Er ruhte, in eine blutrothe Fahne eingewickelt, mit einem papiernen Lorbeerkranz auf der Bruſt, vier Fuß unter der Erde an derſelben Stelle, wo er gefallen war und von wo man hinausſchauen kann über die unge⸗ heure Stadt, deren millionenfältiges Leben in keiner Bruſt ein treueres Echo fand. Aber Jean Jaccard war nicht todt, er lebte noch immer in dem engen Köpflein der armen Nini. Nini Berton's einſilbige Natur reichte über dieſe Erde nicht hinaus, jenes unerklärliche Ahnungsvermögen, von dem man ſich ſo viel Rührendes erzählt, beſaß ſie nicht. Als daher Louiſon bei ihr eintrat, fragte ſie eifrig „Und Jean?“ Louiſon kämpfte das wilde Schluchzen nieder, das ſich in ihrem Herzen aufbäumte, und ihr brennendes Auge heftete ſich mit ſeltſamem Glanze auf das Geſicht der Kranken, als ſie ſagte: „Er iſt für einige Tage abweſend, aber bald werden wir wieder bei ihm ſein.“ Und Nini freute ſich. Vor Mattigkeit ſchloß ſie die Augen und Jean beugte ſich flüſternd und verzeihend über das Lager Nini Berton's, daß ein Schimmer aus beſſern Tagen über ihr abgezehrtes Antlitz flog und daß ſie im Schlummer lächelte. Beruhigend legte ſich die kühle Todtenhand auf Louiſon's glühende Stirn, und wenn ſie ging, um für Nini eine lindernde Arznei aus dem Schrank zu holen, blieb ſie mitten auf dem Wege ſtehen und griff zum „Herzen und murmelte unverſtändliche Worte, als ob ſie mit ihrem armen Bruder ſpreche. Dann öffnete ſich wohl leiſe die Thür und ein dicker, borſtiger Kopf ſtreckte ſich herein und Père An⸗ drolet fragte mit vor Bewegung halberſtickter Stimme, ob ſie ihn gerufen habe. Und Louiſon ſah ihn mit großen ſtarren Augen an, als ob ſie erſt darüber nach⸗ denken müſſe, wer der Mann ſei und was er ihr ge⸗ ſagt, und dann verſuchten ihre Lippen ein Lächeln, von dem das Herz nichts wußte, und ſie antwortete: 3 74 „Nein, guter Androlet, wir haben nichts nöthig.“ Und Pore Androlet zog ſich zurück in ſeine Ecke vor dem Zimmer und dachte darüber nach, ob er Loui⸗ ſon vielleicht eine Freude mache, wenn er ihr erzähle, daß er, wenn er auch den ruchloſen Mörder nicht ge⸗ funden, doch ſeinen Portier mauſetodt geſchlagen habe. Dann aber dachte er wieder, daß es viel beſcheidener ſei, ſich ſeiner Verdienſte nicht zu rühmen, und träumte wachend weiter von dem ſchönen weißen Zimmer im Hotel Mondélion, von— er ſchloß die Augen und ein Schauer ſchüttelte ſeinen Körper. Jean Jaccard war nicht todt. Wie Jules Ban⸗ deau und Androlet in ſeinem Namen Greuelthaten be⸗ gangen hatten, vor denen die Seele des Studenten ſich entſetzt hätte, ſo beſchworen auch Andere den Schatten des Ermordeten herauf und der todte Jean war einige Tage nach ſeinem Tode wieder im Verkehr mit allen. Er trat unter die Menge, die mit wilden Geberden die Straßen auf und ab zog und dem fernen Donner der Kanonen lauſchte, er ſprach zu ihr, wie er im Leben nie geſprochen, kalt, überlegt, bösartig, mit einem durch⸗ dachten Cynismus, mit einer entſchloſſenen Grauſam⸗ keit, er erregte ihre niedrigſten und ſchlechteſten Leiden⸗ ſchaften, er hörte nicht auf, den Raub und den Mord zu predigen. Man hörte ſeine Stimme vor jedem 87 5 Verbrechen der Commune, er war ihr Vertrauter, er wußte Alles vorher, er rieth zum Schrecklichſten und pries es, wo es geſchehen, er trat in die Häuſer ans Lager der von Raub und Trunkenheit ermüdeten Käm⸗ pfer der Stadt und trieb ſie mit einem gellenden Schrei der Rache empor und hinaus auf die Straße, und da ſie dort keine Feinde fanden, wütheten ſie gegen die Steine, in denen einſt ihre Unterdrücker gewohnt. Als die Regierung zögerte, Befehl zur Hinrichtung der Geißeln zu geben, welche ſie eingekerkert hatte, war es der todte Jean, welcher mit ſchneidendem Hohn der Regierung von Paris ſagte: „Ihr habt ein Geſetz über die Geißeln gemacht, daß ſie umgebracht werden ſollen, wenn die Verſailler Bauernfürſten fortfahren, die Gefangenen, die ſie machen, zu erſchießen. Das Geſetz ſei gut oder ſchlecht— und der todte Jean behauptet, es ſei gut:— Ihr müßt es an⸗ wenden, da Ihr es nicht aufgehoben habt! Ihr habt es nicht aufgehoben, und beim Donner, Ihr ſeid Dummköpfe oder Feiglinge. Wenn Ihr das Geſetz nicht anwendet, weil Ihr denkt, es ſei ſchlecht, ſo durftet Ihr es nicht geben, und dann ſeid Ihr Dummköpfe. Oder Ihr habt das Geſetz nicht angewendet, weil Ihr Euch davor fürchtet, die Geißeln todtſchießen 76 zu laſſen, wie es der Artikel fünf des Geſetzes wollte, und dann ſeid Ihr elende Memmen.“ Das war die Sprache, die der todte Jean führte. Der lebende hatte nur verzeihen gekonnt, wo Andere ſtraften, nur ſich opfern, wo Andere getödtet hätten. Der todte Jean hatte wenig gemein mit dem leben⸗ digen. Der todte Jean wurde geboren in dem Hauſe Pere Androlei's, wo die äußerſte Partei der Commune⸗ mitglieder ihr Lager aufgeſchlagen hatte, nur ein paar Treppen unter Nini Berton's Krankenlager. Poere Roberto, der Zeitungsmann, hob den neugeborenen todten Jean über das Taufbecken der Revolution und der Mann von London goß über ihn aus den Geiſt des Haſſes und der Zerſtörung. Der todte Jean erſchien alle Tage und war den überreizten Gemüthern bald ein unentbehrliches Reiz⸗ mittel, gerade deshalb, weil er ganz anders ſprach, als der lebende Jean jemals geſprochen hätte. Der todte Jean unterſchied ſich äußerlich nicht viel von den andern Blättern, welche zur Zeit der Commune erſchienen. Er hatte daſſelbe gute Papier— das feinſte war in Maſſen vorhanden und brauchte ja nur mit oder ohne ein Billet der Regierung requtrirt zu werden— dieſelben großen Lettern, denſelben nach⸗ läſſigen Druck und dieſelben komiſchen Druckfehler, 44ʃ die oft ſo wenig zu den weltumſtürzenden Phraſen paßten. Nur durch die Rückſichtsloſigkeit, die ſchnei⸗ dende Energie ſeines Auftretens, die Kühnheit, mit der er ſeine brandrothen Tendenzen entwickelte, den Todten⸗ kopf mit den gekreuzten Knochen unterſchied ſich der todte Jean von ſeinesgleichen. Es war der Mann von London, welcher die Ideen gab; dem Polizeipräfecten Reymond ließ das kurze, ſummariſche Verhör der Geißeln Zeit genug, dieſe Ideen in eine packende Form zu gießen, und der mit dem Zeitungsweſen und dem Volksgeſchmacke genugſam vertraute Père Roberto gab ihnen als Redacteur des todten Jean die wünſchbare volksthümliche Wendung und beſorgte die Correctur. Das Redactionslokal war in denſelben Gemächern aufgeſchlagen worden, wo „Reymond und Jeanne Duterey einſt den Kampf mit den gegen Pore Androlet ausgeſandten Executoren ſieg⸗ reich gefochten hatten. Dieſelben waren zuerſt nach der Höllenbarriére, ſeit wenigen Tagen nach der Po⸗ lizeipräfertur übergeſiedelt. Das Haus Pere Androlet's lag ſehr günſtig, um darin die Redaction des Ver⸗ trauensblattes der Commune aufzuſchlagen. Auch die. Druckerei wurde dahin verlegt, der einſtige Kram⸗ laden Androlet's diente zur Vertheilung und darüber ſchwankte an der Stange der zertrümmerten Laterne 7 ein rieſiges Plakat mit dem Todtenkopf und den ge⸗ kreuzten Knochen. Père Roberto hatte, an einem defecten Pulte ſitzend und während des Leſens corrigirend, eben den Artikel zu Ende geleſen, welcher unverblümt die Er⸗ mordung der Geißeln forderte. Nachdem er geendet, erhob der alte Mann das fanatiſche Geſicht zu ſeinem Herrn und Meiſter. Der Mann von London nickte mit dem Kopfe zum Zeichen der Billigung. Père Roberto legte den langen, nur auf einer Seite bedruckten Correcturſtreifen zur Seite und griff nach einem andern. „Die Leute von Paris theilen ſich in zwei Klaſſen“, begann Poͤre Roberto wieder mit hohler Stimme, und durch die Erregung, die in ihm kochte, hier und da unterbrochen.„Die Leute von Paris theilen ſich in zwei Klaſſen: die, welche ſich ſchlagen, und die, welche ſich nicht ſchlagen, in ſolche, welche die Stadt verthei⸗ digen, und in ſolche, welche ſich aus dem Staube machen, in jene, welche mit Euch, und in die, welche gegen Euch ſind, die einen, welche Alles verlieren wollen mit Ausnahme der Freiheit, und in ſolche, welche nichts verlieren wollen mit Ausnahme der Freiheit. Man ſoll die Güter derjenigen Reichen confiseiren, welche die Stadt im Momente der Gefahr verlaſſen ͤſͤaͤaͤaͤaaäĩi haben, ebenſo während des Kriegs mit Preußen als während des Kriegs mit Verſailles, und dieſe Güter ſollen vertheilt werden unter die guten Kerle, welche ihre Haut zu Markte tragen für die Stadt.“ Pore Roberto ſchwieg und blickte wie mißmuthig auf die Correcturbogen. „Wenn das Ding nicht kalt, nicht warm iſt, meine Schuld iſt's nicht. Warum nicht Gütergemeinſchaft kurz und deutlich?“ „Weil man ſich an nichts ſchwerer gewöhnt als an das Einfache und Wahre. So erſcheint ihnen die Theilung als ein Act der ſtrafenden Gerechtigkeit. Aber ich müßte meine guten Pariſer nicht kennen. Haben ſie ſich erſt ans Theilen gewöhnt, ſo werden ſie bald keinen Unterſchied mehr machen zwiſchen Reichen und Reichen, ſondern einfach dem nehmen, der etwas hat. Der Communismus macht ſich dann praktiſch, ohne daß wir nöthig haben, uns an dem klebrigen Stoff⸗ die Finger zu beſudeln. So, wie Ihr ihn geſchrieben, iſt der Artikel recht. Leſt weiter, Bürger Roberto!“ Und Bürger Roberto las: „Es iſt nicht genug, daß man den verfluchten Pfaffen keinen Gehalt mehr gibt und ihnen den ſilbernen und goldenen Firlefanz wegnimmt, um damit unſere Truppen zu bezahlen. 80 Nein, beim Blitz! Das iſt nicht genug! Das Volk braucht Geld, heiliger Donner! Und da die Kirchen Staatsgebäude ſind, ſo leihe man die geheiligten Boutiquen auf Zins aus für die Meſſen. Und man laſſe ihnen nicht ſo für nichts die Ver⸗ kaufsläden für ihre heiligen Oblaten. Heiliger Donner, wie hätte der todte Jean ein Auge auf all das! Man vermiethe ihnen die Kirchen zur Meſſe, den Kerlen! würde der todte Jean ſagen.“ Pére Roberto ſetzte mißtrauiſch hinzu: „Macht dieſe Stätten des jahrtauſendalten Be⸗ trugs und Aberglaubens dem Erdboden gleich und hängt diejenigen, die Meſſe hören wollen, an die nächſte Laterne, ſo würde der todte Jean ſagen.“ Der Mann von London zuckte die Achſeln. „Vielleicht— er war ſo unpraktiſch als Ihr. Wir haben kein Geld. Sie ſollen zuerſt den Strick zahlen, dann meinetwegen mögen ſie hängen. Ihr ſchreibt beſſer, als Ihr wollt, Bürger Roberto, man kann faſt ſagen, Ihr übertrefft Euch ſelbſt! Doch weiter— unſern Sieg!“ Pere Roberto zögerte. „Ich hab's geſchrieben, aber es iſt nicht wahr! General Stanowsky wollte nicht vor, bis einige Offiziere — 81 auf ihn zu ſchießen drohten, dann führte er die Ba⸗ taillone unter das Feuer des Mont Valerien, wo ſie elend zerſchoſſen wurden und in wilder Flucht zurück⸗ kehrten. Ich kann's verbürgen, ich habe es von den beſten Freunden.“ Der Mann von London ſah mit faſt verächtlichem Lächeln auf den erhitzten Greis. „Sagte ich Euch denn, daß ich ſelber an den Sieg glaube, den Stanowsky uns gemeldet? Ich verlangte blos, daß Ihr ihn verkünden ſollt.“ „Stanowsky verdient vor ein Kriegsgericht geſtellt zu werden!“ knurrte Roberto. „Das wäre die größte Thorheit, die wir begehen könnten, Bürger Roberto, wenn wir die glänzende Puppe ſelber zerſchlagen wollten, die wir dem großen Kinde Volk als Spielzeug hingeworfen. Wir müſſen mit Stanowsky aushalten bis zum Ende, trotz alledem! Leſt Euren Artikel!“ Pere Roberto las: „He? Was hat der todte Jean vor einigen Tagen geſagt? Was ſagte er, der Teufelskerl? Hat er nicht angekündigt, daß alle dieſe Prahlhänſe laufen würden? Hat er nicht geſagt, daß die Patrioten ſich nicht ſo mir nichts dir nichts von einem Haufen Taugenichtſe einwickeln laſſen würden, die ſich ſchlagen in Ver⸗ v. Schlägel, Der rothe Faſching. II. 6 82 zweiflung darüber, daß ſie nicht gefahrlos morden können? Und durch dieſe bretagniſchen Lauſejungen, die nicht leſen und ſchreiben können! Ah! Donner und Blitz! Das iſt trotzdem nicht ſchlecht gegangen geſtern! Ah, die ſchlechten Kerle! Sie ſind ausgeriſſen! Wir gehen nach Verſailles, Patrioten! Ja, wir gehen hin! Wir belagern dieſe ſchändliche Stadt, wo die Cape⸗ tinger ſchon ihre abſcheulichen Poſſen getrieben haben, wo Badinguet mit Pietri ziſchelte, wo die elenden Bauern, noch erbärmlicher als alle Capetinger und Badinguets, den Bürgerkrieg erklärt haben! Wir be⸗ lagern ſie! Wir vernichten ſie! Wir wenden gegen ſie das Syſtem von Moltke an. Und es wird ſich zeigen, beim Teufel!“ Pore Roberto hielt inne. Der Mann von London ſprach: „Gut! Bürger Roberto, Eure Feder iſt vernünf⸗ tiger als Eure Zunge, aber thut mir den Gefallen und ſetzt noch einige Worte bei.“ Pore Roberto legte den Rothſtift beiſeite und griff nach einer Feder. „Schreibt!“ ſagte der Mann von London. Dann fuhr er fort: „Der todte Jean macht alle guten Bürger auf⸗ merkſam, daß die Bauernkönige in Verſailles, unfähig, — ꝗ— — 83 unſere Patrioten im ehrlichen Kampf zu beſiegen, ihre Spione ſchaarenweiſe in die Stadt ſchicken, um die öffentliche Meinung irre zu leiten und die guten Bür⸗ ger zu verwirren. Selbſt in die Uniform unſerer braven Nationalgarde kleiden ſich die Schufte, die dafür bezahlt ſind, uns für geſchlagen und die Banditen des verwachſenen Thiers als die Sieger auszugeben. Patrioten! Wo Ihr von einem Soldaten eine ſolche Rede hört, könnt Ihr ſicher ſein, daß er ein Spion iſt. Ihr erfüllt daher nur eine Pflicht gegen das Vaterland, wenn Ihr ihn der Gerechtigkeit überliefert. Das Volk, das gute Bürger zu ſchätzen weiß, wird es Euch nicht übel nehmen, wenn Ihr den Beamten eine Laſt abnehmt und die Kerle ſofort hängt!“ Pere Roberto hielt unwillkürlich inne und ſah mit einer Anwandlung von Schauder zu ſeinem Herrn empor. Dieſer lächelte auf ſeine ſanfteſte Weiſe. „Glaubt Ihr, Bürger Roberto, daß dies hin⸗ reichen werde, um jede beunruhigende Nachricht nieder⸗ zuſchlagen?“ „Gewiß!“ „So fahrt fort: Und der häßliche Zwerg Louis Philipp's, der von Verſailles aus auf das Pariſer Volk ſchießt, möge es wiſſen, daß, wenn auch Alles wahr wäre, was ſeine Spione ſagen, wenn die Patrioten 4 6* 84 8 überall geſchlagen worden wären, wo ſie geſiegt haben, und wenn wir keine Poſition mehr hätten als die Häuſer von Paris, er würde in Paris nicht einziehen. Wenn Sie Chemiker ſind, Herr Thiers, ſo werden Sie uns verſtehen!“ Der Mann von London hatte die letzten Worte mit fürchterlichem Nachdruck geſprochen. Er ſchien dabei zu wachſen und auf ſeinem Geſicht lag ein ſtummes teufliſches Lachen. Pore Roberto ſchauderte zuſammen. „Wenn Sie Chemiker ſind— was ſoll das heißen?“ Der Mann von London ſah mit eiſigem Lächeln auf Poère Roberto und ſagte: „Das will ſagen, daß die Chemie die wahre Wiſſenſchaft des Jahrhunderts iſt. Sie iſt kaum älter als unſere Ideen, und poſitiv wie dieſe, erkennt ſie blos die Stoffe an, welche ſind, aber in unendlicher Fülle. Auch wir erkennen blos den menſchlichen Stoff an, nicht die eingebildete Scheidewand, welche jahrtauſendaltes Vorurtheil und die Dreſſur eines halben Lebens zwi⸗ ſchen Menſchen und Menſchen aufgerichtet. Wie der Chemiker geht der Socialiſt zu den Urſtoffen zurück, aus denen die Geſellſchaft geworden, und er allein iſt im Stande, ſie aufzulöſen und mit denſelben Elementen neue lebenskräftige und natürlichere Verbindungen an ——— die Stelle von Formen und Bildungen treten zu laſſen, welche ihre natürliche Lebensdauer hinter ſich haben und die wir zerſchlagen, weil wir ihr Morſchwerden und Zerbröckeln im Intereſſe der Menſchheit nicht abwarten wollen. Die Chemie iſt die radicale Wiſſenſchaft, vor der kein Betrug der Sonne Raum hat, ſie iſt die Tod⸗ feindin alles Unbewieſenen und ſie bewaffnet den Men⸗ ſchen mit einer Macht ohne Grenzen. Wir halten ſie in Händen, dieſe Macht, welche gleich uns nicht entſtanden, ſondern ſeit einem Jahrhundert ſich ſelbſt entdeckt hat, gleich uns in ihren Anfängen von der Tyrannei ängſt⸗ lich gehütet. Und kraft dieſer Gewalt, welche ſeit einem Jahrhundert die Grenzen des Möglichen immer weiter zurückſchiebt, welche einſt im Stande ſein wird, den Erdball aus ſich ſelbſt zu zerſtören, ſage ich es dem häßlichen Zwerg in Verſailles: Mögen Deine Schergen hundert Schlachten gewinnen, mögen ſie die Wälle von Paris mit ſtürmender Hand nehmen und den letzten Vertheidiger erſchlagen, ſie werden nie in Paris einziehen, nie!“ Alle Exaltation war aus dem Geſichte Père Ro⸗ berto's verſchwunden bei der ruhigen eiſigen Beredt⸗ ſamkeit ſeines Meiſters. Etwas wie die Ahnung des Gräßlichſten umdunkelte ſein Gehirn und mit bebender Stimme ſagte er: 86 „Ich verſtehe Euch nicht. Wie wollt Ihr's hindern?“ „Kommt“, ſagte der Mann von London,„Ihr ſollt unſere Bundesgenoſſin kennen lernen. Kommt mit herunter in die Werkſtatt Paul Mervin's!“ Pere Roberto horchte auf. „Zu Paul Mervin, dem Narren?“ Der Mann von London blieb ſtehen. „Uns das ſagt Ihr, der Narr vom zweiten De cember? Wer beweiſt Euch, daß Ihr nicht ſelbſt der Narr wart, den Ihr geheuchelt, bis Ihr durch den Umſturz des Beſtehenden an Eure Stelle kamt? Paul Mervin, der die Flugmaſchine erfand, die Jeder ver⸗ lachte und die uns jetzt unſere Befehle aus London bringt, iſt nicht närriſcher als der Colporteur und Straßenſänger, der das Kaiſerreich zu ſtürzen glaubte, wenn er ſich mit den Poliziſten prügelte. Jetzt ſeid Ihr beide an Eurem Platz, Ihr habt Raum für das, was den Kern, den Trieb Eurer Natur ausmachte, die einſt in den Irrgewinden der Geſellſchaft zu den ſeltſamſten Sprüngen gezwungen wurde. Mögt Ihr beide noch dieſelben Narren ſein wie ehedem, gleichviel, ich liebe dieſen Wahnſinn, ſowohl den Euren als den Paul Mervin's, denn Ihr, Bürger Roberto, macht dem Volke das Blut in den Adern zu kochender Galle und Paul Mervin— doch Ihr werdet ſehen!“ — ——— 87 Der Mann von London ging voraus. Bürger Roberto ſetzte die phrygiſche Mütze, die er in neuerer Zeit trug, auf den kahlen Scheitel, nahm ſeine Correctur⸗ bogen und folgte. Aus dem Hintergebäude, wo früher Paul Mervin gewohnt, tönten die gleichmäßigen Stöße mehrerer Druckerpreſſen. Durch die Fenſter ſah man die Setzer an etwa zwanzig Käſten thätig, die blutigen Worte der Wuth und des Haſſes zuſammenzuſtellen, da⸗ mit der todte Jean ſie in wenigen Minuten hinaus⸗ tragen konnte von Straße zu Straße, von Haus zu Haus, in Hunderttauſende erregter Seelen. Der Redacteur in der phrygiſchen Mütze gab ſeine Papierſtreifen ab und folgte dem Mann von London. Das Haus des Krämers Androlet gehörte wie das ganze Viertel zu den ältern von Paris. Es hatte eine ſchmale Front nach der Straße, aber erſtreckte ſich tief hinein in ein gewaltiges, von drei engen und finſtern Straßen gebildetes Delta, eine jener labyrinthiſchen Wildniſſe der Geſellſchaft, in deren kleine, acht Stock hohe Höfe nie ein Sonnenſtrahl fällt, in deren Fenſter nie ein friſcher Lufthauch dringt. Die Bewohner dieſer Wildniß waren erſchreckt wie ein aufgeſcheuchter Amei⸗ ſenhaufen durcheinandergewirbelt, als die erſten preu⸗ ßiſchen Granaten ihre feurigen Striche über das würfel⸗ förmige Stück Himmel zogen, das ſie zu ſehen ver⸗ 88 mochten. Im Verlaufe der Belagerung war es öder ge⸗ worden in den Hintergebäuden, Hunger, Krankheit und die allgemeine Waffenpflicht hatten gründlich aufgeräumt. In dieſe verlaſſenen Räume und Werkſtätten, aus deren Fenſtern kaum da und dort einmal ein ab⸗ gemagertes erſchrecktes Frauenantlitz ſchaute, hatte Paul Mervin ſeine Werkſtatt verlegt, ſeit er durch Annahme ſeiner Flugmaſchine von ſeiten der Commune plötzlich auf den Gipfel ſeines Ehrgeizes und ſeiner Wünſche gehoben worden war. Eine gewiſſe Erhabenheit kann man dieſem tollen Schaukelſpiel der Exiſtenzen nicht beſtreiten. Paul Mervin wachte noch am Morgen auf mit blutunterlaufenen Augen, hohlen Wangen und haſtigen, zuckenden Geberden, eine zerfetzte Uniform am Leibe, am Rande des Wahnſinns, und am Abende deſſelben Tages muſterte ein ernſter, ſtiller Mann in ſchwarzer Kleidung mit ruhiger, würdiger Geberde einige hundert Arbeiter und nur bisweilen zuckte es wie ſelige Schauer über ſein Geſicht, wenn er der plötzlichen Wand⸗ lung der Dinge gedachte, und ſein großes, blaßblaues Auge wurde feucht bei der Erinnerung an das Weib, das dieſe Zeit nicht mehr mit ihm erlebt. Der Mann von London und der Redacteur des „Todten Jean“ hatten die ganze Tiefe des Androlet'ſchen Hauſes durchſchritten und ſtanden vor einer verſchloſ⸗ —jjů—— —— 89 ſenen Thür, welche, wie es ſchien, erſt kürzlich in die Mauer eingefügt worden war. Der Mann von London zog einen Schlüſſel hervor und öffnete die Thür. Sie führte zu einem Häuſercomplex, deſſen Front nach einer andern Straße ging. Aus dem Hof, in den die beiden Männer traten, tönte ihnen das Getöſe einer Dampf⸗ maſchine entgegen, die Räume, die den Hof umgaben, waren eine rieſige Werkſtatt, in der wohl tauſend Ar⸗ beiter die rüſtigen Arme regten. Der Mann von London ſah ſich um. Es mochte ihn wohl einen Augenblick der Gedanke berühren, daß in wenigen Tage alle dieſe kräftigen Geſtalten mit den nackten Armen hinauseilen würden auf die Barrikade, in den nervigen Fäuſten noch die Werkzeuge, mit denen ſie den Errungenſchaften des menſchlichen Geiſtes Leben und Bewegungen eingehaucht. Die beiden Männer traten in eine Thür, über welcher die Worte ange⸗ ſchrieben waren: Direction der mechaniſchen und che⸗ miſchen Fabrik für Kriegszwecke. Sie traten ein. Paul Mervin bewillkommnete ſie mit ernſter Würde. „Wir ſind gekommen“, ſagte der Mann von Lon⸗ don,„um zu ſehen, was Ihr in den letzten Wochen Wochen gemacht habt, Mervin! Die Mitglieder der Regierung laſſen Euch durch mich ihren Dank aus⸗ 9 90 ſprechen für die treffliche Conſtruction der neuen Hand⸗ bomben. Orſini war ein Stümper gegen Euch, guter Mervin! Wir griffen von den zwanzigtauſend Stück, die Ihr geliefert, etwa fünfzig heraus und alle explo⸗ dirten, ſobald man ſie nur von einer Höhe von zwei Fuß hinunterſtieß. Die Wirkung iſt ſchrecklich, die Quadermauern des Kaſernenhofs, wo wir die Proben vornahmen, ſind gänzlich niedergelegt. Wie ſteht's mit unſerm Minenſyſtem?“ „Die Kellerräume und Cloaken, ſoweit wir ſie brauchen, ſind zugängig gemacht; wo keine Hohlräume waren, ſind welche geſchaffen worden.“ „Zeigt den Plan, Bürger Mervin!“ Paul Mervin führte die beiden Männer durch einen großen Saal, wo etwa zwanzig Zeichner mit Zirkel und Winkel beſchäftigt waren. Die jungen Leute trugen zum Theil die Uniform der Nationalgarde, zum Theil Civilkleider, einer befand ſich ſogar noch in der Kleidung der polytechniſchen Schule. Es war das techniſche Perſonal, das dem Leiter der Fabrik von der Regierung beigegeben worden war. Paul Mervin öffnete vermittelſt eines Schlüſſels die Thür eines großen Saales. In der Mitte auf einem Tiſch lag der beſprochene Grundriß, rein und ſauber ausgeführt in verſchiedenen Farben. —ÿÿÿÿÿ— ““ — 91 „Hier dieſe grüne Linie iſt unſere erſte Barri⸗ kadenreihe, wie ſie von dem Kriegsrath angeordet wor⸗ den iſt.“ Der Mann von London nickte mit dem Kopfe. „Hier die zweite, hier die dritte“, fuhr Paul Mervin fort.„Die verſchiedenen gelben Punkte ſind kleine Flatterminen, die ich vor den Barrikaden habe anlegen laſſen und die bereits gefüllt ſind.“ „Aber dieſelben reichen auch unter die Häuſer!“ warf Bürger Roberto ein, dem Finger Paul Mervin's folgend. Paul Mervin nickte. „Um ſo größer iſt die Wirkung; eine Granate, welche in einer Mauer explodirt, hat die dreifache Wirkung. Ich habe dieſen Grundſatz auf das Minen⸗ ſyſtem angewandt. Wer nicht in die Luft fliegt, wird von den ſtürzenden Mauern erſchlagen.— Hier dieſe größern grünen Punkte ſind die Stellen, vo Nitroglycerin und andere Sprengſtoffe eingeführt werden.“ „Das ſind unſere vorzüglichſten Bauwerke“, rief Pere Roberto, nachdem er einen Blick auf die Karte geworfen. Paul Mervin, mit ſeinen Ideen beſchäftigt, ant⸗ wortete nicht auf dieſen Ausruf. Der Mann von Lon⸗ don nickte kalt. 92 „Allerdings, aber auch bloße Straßenkreuzungen ſind dabei. Wenn wir gezwungen ſind, dieſe Punkte aufzugeben, werden wir ſie vorher in die Luft ſpren⸗ gen, das iſt eine einfache militäriſche Maßregel. Eine Poſition, die man aufzugeben gezwungen iſt, zerſtört man, damit ſie dem Feinde keinen Schutz gewährt.“ Pere Roberto wurde bleich. „Und auch die Bibliothek, dieſe Bildungsanſtalt der ganzen Welt!“ ſtotterte er. Der Mann von London antwortete ruhig und belehrend: „Müßte ſchon deshalb vernichtet werden, weil ſie eine der Hauptbrutſtätten menſchlicher Ungleichheit iſt. Die Geſellſchaft, die wir wollen, iſt illuſoriſch, ſolange wir dem einen Theil die geiſtige Dreſſur gewähren, um den andern zu vernichten. Wir verbrennen auch die Gobelins, weil ſie ein Geheimniß beſitzen, welches gegen die Rechte der freien Arbeit verſtößt.“ „Und das nennt Ihr Freiheit? Die Vernichtung des Beſten, Höchſten, an dem die Menſchheit Jahrtau⸗ ſende lang gearbeitet?“ rief Poère Roberto.„Zum Nationaleigenthum ſollt Ihr das Gute machen, was wir von frühern Generationen überkommen haben, aber nicht es zerſtören. Auch ich bin Republikaner, ich habe meine beiden Söhne und mein eigen erbärm⸗ v———————— 93 lich Leben demokratiſchen Ideen geopfert, aber das wollte ich nicht, beim Grabe meiner Söhne, das wollte ich nicht.“ Der Mann von London zuckte verächtlich die Achſeln. „Ich weiß, daß Ihr nach antikem Zuſchnitt ſen⸗ timentaler Schwärmer nie das Ganze wollt, deshalb werdet Ihr nie auch nur das Kleinſte erreichen, wenn Euch nicht kältere Herzen und feſtere Hände zur rechten Zeit die Zügel aus der Hand nehmen. Wir werden diesmal unterliegen—“ „Gut, ſo unterliegen wir, aber hinterlaſſen wir einer künftigen Volkserhebung die Schätze einer Nation.“ „Nein, wir werden ihnen nichts hinterlaſſen. Wir werden einfach zerſtören, was wir nicht behalten können, und den künftigen Generationen die eindringliche Lehre hinterlaſſen, daß nur die Gleichheit aller mit jedem die Menſchheit vorwärts zu bringen vermag. Nur auf einem Boden, von dem die letzten Reſte verjährter Vorurtheile weggetilgt ſind, kann die neue Geſellſchaft des Rechts und der Vernunft erſtehen. Fallend werden wir dieſen Boden ebnen.“ „Indem Ihr die herrlichſte Stadt der Welt zer⸗ ſtört. Ihr habt kein Herz!“ „Kein Herz— mag ſein! Auch die Naturkräfte 94 haben kein Herz. Der Waſſerfall, wenn er brauſend und milliardenmal im Fall zerſpitternd in die Tiefe ſtürzt, kümmert ſich nicht um die zarten Pflänzlein, die er aus dem Sumpfe des Gemüths emporwirbelt. Der, welcher dieſe Kräfte beherrſchen will, darf nicht ſchwächer ſein als ſie.“ „Ihr frevelt!“ ſagte Pere Roberto faſt andächtig. „Der Fall, der in der Tiefe zerſplittert, folgt dem großen, der ganzen Natur innewohnenden Geſetz der Liebe, das ihn zwingt, ſich ſelber aufzulöſen, um das Ganze vor Fäulniß zu bewahren.“ „Ihr träumt! Der Socialismus und die Chemie, beide kennen dieſes Geſetz der Liebe nicht. Sie löſen das, was morſch. und faul iſt, in ſeine Theile auſf, ſcheiden das Schädliche aus und bilden aus den Ur⸗ ſtoffen das Neue. Wenn Paris nicht uns gehört, ſo hört es auf.“ Der Mann von London hatte das mit ſchneidender, befehlender Stimme geſagt. Paul Mervin, der, ohne auf das Geſpräch zu hören, auf den ſchrecklichen Grund⸗ riß geſchaut hatte, als denke er darüber nach, wo ſich 3 noch eine Ladung Nitroglycerin wirkſam anbringen laſſe, ſchrak auf. „Die von mir conſtruirte Petroleumſpritze wirft den Strahl ſechzig Meter hoch. Die größte Schwierig⸗ 95 keit machte der Schlauch. Leder war nicht dicht genug und Kautſchuk hielt den Druck der Pumpe nicht aus, wir ſchloſſen daher den Kautſchukſchlauch in Leder ein. Ich glaube nicht, daß eine Feuerwehr der Welt ein ſolches Inſtrument beſitzt. Dieſe Spritze und ein Zünd⸗ holz und ich zerſtöre das Stadthaus in einer Stunde.“ Pere Roberto faltete vor Schrecken die Hände. „Armes, herrliches Paris! Das wollte ich nicht! Beim Grabe meiner Söhne, das wollte ich nicht!“ Sechstes Kapitel Der verrathene Verräther. Seltſam erſchien die Barrikade der Höllenbarrière bei Nacht. Geſpenſtiſch ſtreckte der umgeſtürzte Omnibus ſeine Räder in das Mondlicht, das dann und wann krank und gelb zwiſchen zerriſſenen Regenwolken herab⸗ ſchaute. In einem ſolchen Augenblick, da das Mond⸗ licht herunterfiel in den glitzernden Schmuz, geſellten ſich zu dem tollen Schattenwirrwarr der Barrikade noch die Silhouetten dreier Reiter, welche im Schritt über den Platz nach der Barrière ritten. Sie begeg⸗ neten Niemand, erſt am Gitterthor tönte ihnen ein halb erſchrecktes, halb ſchlaftrunkenes:„Halt! Werda?“ entgegen. „Paris und Freiheit!“ gab einer der Reiter die Loſung und der Nationalgardiſt ſetzte ſein Gewehr zur Erde und die dunkle, in einen unförmlichen Mantel gehüllte Geſtalt löſte ſich aus dem Schatten des Wal⸗ les los. Zwei der Reiter ſtiegen ab und halfen der dritten Perſon, welche eine Dame war, vom Pferde. Man band die Pferde an die Paliſſaden, die zum eigent⸗ lichen Thor führten. „Wer iſt Dein Commandant?“ fragte die Stimme weiter. „Kapitän Androlet“, antwortete der Nationalgar⸗ diſt,„aber der hat ſich ſchon ſeit Wochen nicht ſehen laſſen.“ „Und die Mannſchaft?“ „Iſt auch auseinandergelaufen, als der Kapitän nicht wiederkam.“ „Es iſt ſo, wie Staroſch gemeldet“, ſagte Sta⸗ nowsky zu Leopolda, dann wendete er ſich wieder an den Soldaten. „Und wie kommt es, daß Du hier bleibſt?“ „Weil man mich nicht abgelöſt hat und weil ich eigentlich nicht weiß, wo ich hinlaufen ſoll. Die Erd⸗ hütte dort im Wall iſt warm und zu eſſen und zu trinken findet ſich in der Nachbarſchaft immer noch etwas.“ „Wer hat den Schlüſſel des Thors?“ v. Schlägel, Der roche Faſching. II. 3 7 98* „Der Kapitän Androlet, aber die Barrieère iſt eigentlich gar nicht verſchloſſen.“ „Deſto beſſer. Eine Abtheilung Nationalgarde hat eine Recognoscirung unternommen und wird möglicher⸗ weiſe auf dieſem Wege zurückkehren. Man muß ihr öffnen, wenn ſie kommt.“ „Das kann ich nicht zugeben.“ „Warum?“ „Weil der Kapitän Androlet mir geſagt hat, es dürfe hier Niemand aus und ein, ohne daß man ihm es melde.“ „Thor! Das war eine Inſtruction für zwei Stun⸗ den, aber nicht für mehrere Wochen. Wie kann man dem Kapitän eine Meldung machen, wenn man nicht weiß, wo er iſt? Er kann ja todt ſein, dann müßteſt Du in Ewigkeit hier ſtehen bleiben und dürfteſt Niemand aus und ein laſſen.“ Der Poſten kratzte ſich voller Zweifel hinter den Ohren. „Zudem bin ich commandirender General und 3 kann die Befehle Deines Kapitäns ohne weiteres caſ⸗ ſiren“, fuhr Stanowsky fort.„Oeffne!“ Zögernd öffnete die gewiſſenhafte Schildwache den ſchweren Balken, der das Thor ſchloß. „Laß die Zugbrücke herunter!— Staroſch, hilf ihm!“ 99 Nach kurzer Friſt drehte ſich der Mechanismus der Zugbrücke ſchnarrend und die Brücke ſenkte ſich langſam. Unruhig ſpähte Stanowsky hinaus auf das Stück Straße, welches zwiſchen der Erhöhung des Glacis eine Strecke weit ſichtbar war. Der beharrliche Na⸗ tionalgardiſt war an das Geländer der Brücke getreten und ſchaute hinunter in den naſſen Graben, wo die melancholiſche Stimme eines einzelnen Froſches den nahenden Frühling verkündete. „Der Mann kann mir gefährlich werden, wenn die Verſailler wieder aus der Stadt geworfen werden“, flüſterte Stanowsky Leopolda zu, welche, auf ſeinen Arm geſtützt, neben ihm ſtand. „So tödte ihn!“ ſagte die Fürſtin gleichgültig. „Es widerſtrebt mir, den Mann von rückwärts zu überraſchen.“ „So tödte ihn von vorn!“ ſagte Leopolda nicht ohne einen Anflug von Spott. Ringsum war Alles ſtill. Alle Geſchütze ſchwiegen. Nur der Froſch begann nach kurzen Unterbrechungen immer aufs neue ſein quakendes Lied. „Staroſch!“ rief Leopolda. Staroſch trat vor. „Dieſer Mann iſt uns gefährlich!“ flüſterte ſie. 7* 100 Ohne Zögern trat Staroſch hinaus auf die Zug⸗ brücke und neben den Soldaten. Es ſchien, als ob ſie eine Zeit lang mit einander plauderten. Dann plötzlich erſchien die eine der beiden Geſtalten einige Schuh über dem Geländer, ein halberſtickter Schrei ertönte und dann hörte man den Ton eines ſchweren Gegenſtandes, der ins Waſſer fiel. Der Froſch war verſtummt. Staroſch blieb auf der Brücke ſtehen und ſchien zu horchen. Die angebundenen Pferde ſchnaubten, als ſpürten ſie die Annäherung von Genoſſen. Stanowsky ſchüttelte dann und wann ein Schauer, daß ſeine Zähne an einander ſchlugen. „Wir verſenken uns immer tiefer in ein Labyrinth voll Nacht nnd Schrecken.“ „Wer den Pfad des Verrathes einmal betreten, weiß nie, wie weit er ihn fuͤhrt“, antwortete Leopolda kalt. „Aber Du haſt es gerathen, Du!“ ſagte Sta⸗ nowsky mit ängſtlichem Vorwurf. „Du biſt ungerecht“, ſagte Leopolda.„Du hatteſt Furcht vor dem Tode. Ich hatte Mitleid mit Dir und ſuchte Dich zu retten.“ „Bin ich— werden wir gerettet?“ fragte Stanowsky mit fieberhafter Haſt. 3„Und das fragſt Du, der Mann, der Befehlshaber, das hülfloſe Weib?“ 101 „Du biſt nicht hülflos“, ſagte Stanowsky.„Manch⸗ mal iſt mir ſogar, als habeſt Du mich blos zu dem gemacht, was ich bin.“ Leopolda antwortete nicht, auf ein Zeichen von Staroſch lauſchte ſie mit vorgebeugtem Leibe. Man unterſchied deutlich den eiligen Taktſchritt einer großen Menſchenmaſſe, der ſich näherte. Plötzlich verſtummte das Geräuſch und ein anderes wurde laut, der Galopp ſich nähernder Pferde. Einige Reiter kamen aus dem Schatten der Glacis⸗ wand hervor. „Heil und Ruhe dem Vaterland!“ rief der erſte der Reiter den dunklen Geſtalten auf der Brücke zu. „Alles für Ordnung und Geſetz!“ rief Stanowsky und die Reiter ritten im Schritt näher und mit vor⸗ gebeugtem Haupte ſuchten ſie durch die Dunkelheit die Geſichter der Leute zu erkennen, welche ihnen gegenüber⸗ ſtanden. „Fürſtin Leopolda Kragoratſch?“ fragte die Stimme des vorderſten Reiters, bei deren Klang Sta⸗ nowsky bis ins Innerſte erſchrak. „Dieſelbe“, antwortete Leopolda vortretend.„Das Thor iſt offen, die nächſten Straßen ſind öde und ver⸗ laſſen.“ „Im Namen der Regierung“, fuhr die Stimme 102 fort, bei deren Klang ſich alle Furien des Haſſes in Stanowsky's Bruſt regten,„habe ich Eurer Excellenz den innigſten Dank auszuſprechen für Ihre Bemühun⸗ gen, die unglückliche Stadt der Ordnung und dem* Frieden wiederzugeben. Ich habe die Ehre, Eurer Excellenz hiermit einen Schutzbrief der Regierung zu überreichen, welcher Eure Excellenz ohne Beläſtigung durch unſere Linie führen oder, im Falle es die Fürſtin vorziehen ſollte, nach Paris zurückzukehren, Ihr Eigen⸗ thum und Ihre Perſon unter den Schutz unſerer Ar⸗ mee ſtellt.“ Mit einer Verbeugung, welcher ſelbſt die Ereig⸗ niſſe, unter denen ſein Haupt zur Hälfte ergraut war, wenig von ihrer Eleganz nehmen hatten können, über⸗ reichte Mondélion Leopolda einen großen verſiegelten Brief. Wäre es Tag geweſen, ſo hätte man ſehen können, wie Stanowsky's Kopf ſich immer weiter vorſtreckte vor Erwartung und wie ſeine Augen immer weiter aus den Höhlen drangen. „Und ich?“ keuchte er endlich. „Mit wem habe ich die Ehre zu ſprechen?“ wen⸗ dete ſich Mondélion an Leopolda. „Mit dem General der Commune Stanowsky, dem Ihr eine halbe Million und Begnadigung ver⸗ 103 ſprochen habt, wenn er Euch die Höllenbarriére über⸗ liefere“, ſchrie Stanowsky außer ſich. „Stanowsky?“ fragte Mondélion mit kalter Ver⸗ wunderung.„Wir ſtehen mit einem General dieſes Namens in keiner Verbindung. Möglich, daß die Com⸗ mune zu ihren übrigen Thorheiten und Greueln auch noch die geſellte, einen notoriſchen Betrüger zum General zu machen, möglich, daß die Fürſtin Kragoratſch ſich noch an⸗ derer Leute zur Erreichung ihres lobenswerthen Zweckes bedient hat, die Regierung von Verſailles hätte mit dem General Stanowsky nie verhandelt und kann daher auch keine Verpflichtungen gegen ihn haben.“ René Mondélion hatte das mit eiſigem Tone ge⸗ ſagt. Außer ſich vor Angſt und Wuth ergriff Sta⸗ nowsky Leopolda am Arm und ſtöhnte: „Du haſt mich verrathen!“ „Sei ruhig“, flüſterte Leopolda.„Ich werde Dich retten!“ Dann wendete ſie ſich an Mondélion. „Ohne Zweifel jedoch werden Sie den General ungehindert nach der Stadt zurückkehren laſſen“, ſagte ſie mit großer Beſtimmtheit. „Wenn Eure Excellenz die Bürgſchaft übernehmen, daß derſelbe binnen der nächſten vierundzwanzig Stun⸗ den nichts gegen uns unternimmt.“ „Ich übernehme die volle Verantwortlichkeit für alle ſeine Handlungen.“ „Dann kann ſich Herr Stanowsky zurückziehen. Von unſerer Seite ſteht ihm nichts im Wege.“ René Mondelion hatte das im Tone der eiſigſten Verachtung geſagt, dann wandte er ſich an einen der ihn begleitenden Offiziere. „Laſſen Sie die Avantgarde vorrücken und fünf Minuten nachher die Colonne folgen!“ Leopolda neigte kurz das Haupt und nahm Sta⸗ nowsky's Arm, der leiſe zitterte. René Mondeélion grüßte förmlich die Dame, trug aber Sorge, daß er und ſeine Offiziere gleichzeitig mit ihr und Stanowsky über die Brücke kamen. Staroſch wartete bereits mit den Pferden. Leo⸗ polda und Stanowsky ſchwangen ſich in den Sattel und ritten im Trab durch die verödeten Straßen der Vorſtadt. Als ſie in der Rue du Bac anlangten, eilte Sta⸗ roſch voraus, um das Thor des Hotels zu öffnen. Der Morgen graute bereits und die Donner des wie⸗ der beginnenden Artilleriekampfs rollten über die Stadt. Als ſie ſich dem Centrum der Stadt genähert hatten, war die Cavalcade mehrmals kleinern Truppenabthei⸗ lungen begegnet, welche eine raſſelnde Feuerſpritze hinter 105 ſich herſchleppend durch die Stadt zogen. Die Leute trugen zum Theil die Uniform der Nationalgarde, zum Theil auch kleine ſchwarze Hüte mit rothen Federn. Vor einzelnen Häuſern, die ihnen uäher bezeichnet ſchie⸗ nen, hielten ſie und beſpritzten mit ihren Löſchinſtru⸗ menten das Haus von oben bis unten. Ein widerwärtiger Geruch erfüllte dann die ganze Straße und brüllend zogen die Leute mit ihrer Spritze weiter.. In der Rue du Bac, gerade vor dem Hotel Kra⸗ goratſch, gruben Leute einen Kanal, der bis unter die Mauern des Hauſes reichte. „Was machen die Leute da?“ fragte Stanowsky. „Einen unterirdiſchen Gang, um Dich zu retten 17 flüſterte Leopolda und ſetzte mit ihrem Pferde über die Köpfe der Arbeiter hinweg, die in der Grube ſtanden. Stanowsky athmete auf. Da— er war eben im Begriff, in den Thorweg des Hotels zu reiten— prallte ſein Pferd ſchnaubend zurück. Eine weibliche Geſtalt, welche zuſammengekauert neben dem Thorweg geſeſſen, hatte das Pferd bei den Zügeln erfaßt. „Rette mich, Etienne! Du biſt reich und mächtig, rette mich!“ „Weg da, ich kenne Dich nicht!“ 106 Stanowsky kannte die zerlumpte Geſtalt und kreiſchende Stimme nicht, die ihn beim Namen nannte. „Habe Barmherzigkeit, Etienne! Ich leide ja Dei⸗ netwegen, nur Deinetwegen verfolgt mich der Teufel in Menſchengeſtalt und will mich ſchon hier die Qua⸗ len der Hölle erdulden laſſen, nur Deinetwegen, Etienne. Dort iſt er ſchon wieder. Rette Deine Eleonore!“ Mit ausgeſtreckten zitternden Armen deutete das Weib nach dem gegenüberliegenden Thorweg, wo eine männliche Geſtalt wahnſinnig lachend aus dem Schatten trat. „Er kennt Dich nicht! Er weiß nichts von Dir! Ich ſagt' es ja immer, daß Du mein treues unſchul⸗ diges Weibchen biſt, mein engelreines Eleonorchen, die geiſtreichſte Frau des Kaiſerreichs, die mit Gräfinnen und Marquiſen verkehrt. Hihihi! Frau Fränkel hat hohe Bekanntſchaften. Hihihi!“ Mit dem Ausdruck ſchrecklichſter Seelenangſt ſtreckte das Weib ihre Hände zu Stanowsky empor. „Rette mich, Etienne Stanowsky! Lange Monate habe ich Dich verzweiflungsvoll geſucht. Ich bin von ihm entdeckt, aber ich laſſe nicht von Dir. Ich habe mich Dir mit Leib und Seele ergeben, Du haſt mir geſchworen, mich nie zu verlaſſen. Rette mich vor ihm!“ „Hihihi!“ lachte der zerlumpte luſtige Mann, indem er näher kam. „Rette mich!“ Das Weib wurde durch die breite Bruſt von Sta⸗ nowsky’s Rappen zur Seite gedrängt, das Thor ſchloß ſich, aber durch das maſſive Holz hörte man die ver⸗ zweiflungsvollen Rufe des Weibes, welches von ihrem kichernden Gatten fortgeſchleift wurde. Stanowsky hörte neben ſich ein leiſes Lachen. Er wandte ſich um. Es war Leopolda, welche ihn beim Schein einer niederhängenden Lampe ſpöttiſch betrachtete. „Es war nicht hübſch von Euch, Etienne, Eurem Liebchen ſo ſchnöde den Rücken zu kehren.“ „Ich kenne ſie nicht“, murrte Stanowsky, aber ſeine Blicke, welche die Marmorſtufen zu zählen ſchienen, welche er emporſtieg, ſtraften ſeine Worte Lügen. „Seid nicht kindiſch, Etienne! Woher wüßte denn das Weib Euren Namen? Wenn Ihr wollt, will ich ſie auch rufen laſſen. Ich bin nicht eiferſüchtig.“ „Du tödteſt mich durch Deinen Spott, Leopolda.“ Leopolda, lächelnd vor ſich hinſchauend, ſchien nur das letzte Wort gehört zu haben. „Tödten? Kann der Hohn tödten? Ja, ja, Anna 108 ſtarb ja auch an dem ſchrecklichſten Hohn, den man einem Weiberherzen anthun kann.“ „Was redeſt Du da?“ „Nichts, nichts. Ich wollte nur ſagen, Du ſtirbſt am Spotte eines Weibes nicht, Etienne, dazu haſt Du das Leben zu lieb.“ Sie waren in dem Zimmer angekommen, welches Leopolda während der beiden auf einander folgenden Belagerungen von Paris für das weitaus ſicherſte er⸗ klärt hatte und vorzugsweiſe bewohnte. Das Zimmer lag ungefähr in der Mitte des Hotels, war doppelt ſo hoch als alle übrigen Zimmer des Hauſes und em⸗ pfing ſein Licht nur von einer in die Decke eingefügten Kuppel aus rothem Glaſe, welche Leopolda mit ſtarken eiſernen Gittern hatte ſchützen laſſen gegen die Bomben. Sonſt hatte das Gemach keine Fenſter und nur eine Thür. Leopolda hatte dieſe Thür durch eine eiſerne erſetzen laſſen, zur größern Sicherheit. Sonderbarer⸗ weiſe waren Schlöſſer und Riegel außen. Stanowsky hatte ſeinerzeit nicht darauf geachtet. Das Gemach war, wie es die Fürſtin liebte, mit weichen Teppichen und Polſtern überreichlich ausgeſtattet. Die Kuppel in der Decke goß ein ſanftes rothglühendes Licht aus über den Raum, der nur geſchaffen ſchien für den Dämmertraum erſchlaffter Wonne. Mauern, durch die 109 kein Ton von außen zu dringen vermochte, ſchloſſen es ein. In dieſes Zimmer, das ihm nicht mehr fremd war, trat Stanowsky an der Seite Leopolda's. Trüb war der Maitag aufgegangen und wie trübrother blu⸗ tiger Nebel ſchwankte ſein Widerſchein durch das Gemach. Müde und gebrochen ſank Stanowsky auf einen Divan. Leopolda ſtand einige Minuten aufrecht vor dem ſchönen Mann in der glänzenden Uniform, auf deſſen bleichem, entſtelltem Geſicht zum erſten Mal etwas zuckte, was ausſah wie Gewiſſensangſt und Reue. Sie ſtand aufrecht vor ihm und erſchien noch höher und ſtolzer durch das lange ſchwarze Reitkleid, deſſen Schleppe lang und ſchwarz über die Blumen des Teppichs rollte. Ihre Hand ſpielte mit einer zier⸗ lichen Reitgerte und ihr Geſicht war bleich, kalt und entſchloſſen, ohne Hohn, aber auch ohne Erbarmen. Leopolda wendete ſich. Sta nowsky ſchaute erſchreckt auf. „Wohin gehſt Du, Leopolda?“ Keine Muskel in Leopolda's Geſicht zuckte, als der Mann, den ſie einſt geliebt, mit der flehenden Abhän⸗ gigkeit eines Kindes zu ihr aufſchaute. „Ich gehe, um Alles vorzubereiten zu Deiner Flucht. Erwarte mich hier.“ 110 Stanowsky verſuchte ein dankbares Lächeln. Es gelang ihm nicht. Leopolda ging. Es war dem Abenteurer ſehr unheimlich, als er allein war. Der Tag ſtieg immer heller über der glä⸗ ſernen Kuppel des Gemachs empor, immer klarer wurde um Stanowsky her der roſenfarbene Tag. Kein Laut der Außenwelt drang bis an dieſe Stätte. So lange dem wilden Sinnestaumel eines un⸗ natürlichen Verhältniſſes geweiht— dieſe Stille erdrückte faſt den Mann, der hier allein ſeine Rettung von der Hand eines Weibes erwartete. Er ſtand auf. „Erwarte mich hier!“ hatte Leopolda geſagt. Er fürchtete ſich, gegen ihre Befehle zu handeln, aber er konnte nicht allein ſein, nur jetzt nicht. Was hatte ſie doch von ihrer Schweſter geſagt? Die Worte klangen furchtbar. Stanowsky erinnerte ſich nicht mehr daran. Aber Leopolda's Antlitz hatte er niemals ſo geſehen, als wie ſie jene Worte ſprach. Sie ſchien auch um Eleonore zu wiſſen, deren Ge⸗ ſpenſt aus Schmuz und Elend aufgetaucht war, um ſich im letzten Augenblick ſeiner Rettung entgegenzu⸗ ſtellen. Wenn Leopolda ihn nun nicht mehr liebte? Wenn 44141 ſie allein floh und ihn ſeinem Schickſale überließ? Sta⸗ nowsky ballte ſeine Fäuſte in ohnmächtiger Wuth gegen Eleonore, gegen die todte Anna. Es wurde immer heller, Leopolda kam nicht. Sta⸗ nowsky's Herz klopfte, daß ihm die Schläge in die Ohren dröhnten, die Minuten wurden Stunden, Leo⸗ polda kam nicht. Mit einem heiſern Schrei ſtürzte Stanowsky zur Thür. Sie war verſchloſſen, von außen verriegelt. Ueberraſcht blieb Stanowsky an der Thür ſtehen. Sie hatte die Thür verſchloſſen, zu ſeiner Sicherheit ohne Zweifel, daß ſeine Haſt nicht ihre Vorſicht ſtöre. Dann aber wieder ſchoß es ihm wie ein Strom glühenden Metalls zum Herzen und prickelte über ſein Gehirn mit tauſend ſtechenden Spitzen. Warum war die Thür nur von außen zu verſchließen wie ein Gefängniß? Eine Weile ſtand Stanowsky geſenkten Hauptes an der Thür, darüber nachdenkend, warum ſie wohl nur von außen zu verſchließen ſei. Dann zuckte er über das tolle Jagen der eigenen Phantaſie die Achſeln. Er war müde, er wollte ſchla⸗ fen, bis Leopolda kam. Sie mußte ja kommen. Sie mußte lommen! Da ſah Stanowsky ein zu⸗ ſammengefaltetes Blatt am Boden. Er hatte es bis jetzt nicht bemerkt. 112 Wenn man ſolche entſetzliche Angſt hat um das eigene Leben, wird der kleinſte Umſtand von Bedeutung. Konnte Leopolda das Blatt verloren haben? Etwas wie Eiferſucht durchzuckte ihn, vielleicht hatte ſie einen Geliebten, mit dem ſie floh, und dann blieb er allein in dieſer entſetzlichen Oede. Er riß das Papier auseinander. Es war die etwas große und doch elegante Schrift Leopolda's. Stanowsky las: Iſtvan Stanowsky! Du biſt gerichtet von der Stunde an, da Anna ſterbend Dich des ſcheußlichſten Verbrechens anklagte, gegen das ſich je die Menſchen⸗ natur empörte. Deine Strafe konnte der Schmach nie gleichkommen, die Du uns angethan, aber ſie iſt ſo groß, als die Phantaſie eines Weibes ſie erfinden konnte, das ſeit jenem fluchwürdigen Tage nur von dem Gedanken lebt, Dich zu verderben. Etienne Stanowsky! Die Stunde, da Dein Urtheil vollſtreckt wird, iſt gekommen. In den Kellern des Hotels erwarten hundert Fäſſer Pulver den elek⸗ triſchen Funken, der Deine zerriſſenen Glieder gegen den Himmel ſchleudern wird. Iſtvan Stanowsky! Ich habe Dich feiger und elender gemacht als das ver⸗ ächtlichſte Weib. Deine Qualen werden entſetzlich ſein, 113 dennoch aber ſind ſie verſchwindend im Vergleich mit dem, was mir ſeit Monaten am Herzen nagte. Elender Mörder, verzweifle!“ Stanowsky taumelte. Dann ſchrie er laut auf: „Leopolda!“ Er rannte nach der Thür und ſtampfte mit den Fäuſten und den Sohlen dagegen.„Leopolda! Es iſt ein furchtbarer Scherz, ende ihn! Was ich an Dir begangen habe, meine Liebe iſt ſo groß, ſo unendlich, um Alles zu verſöhnen.“ Ein ſchallendes Gelächter ſchlug dem Verzweifeln⸗ den ans Ohr. „Leopolda“, ſchrie er,„es iſt nicht wahr! Es iſt nicht wahr!“. Wieder lachte es laut und gellend wie dicht neben ihm, er ſtürzte an das andere Ende, aber das Lachen folgte ihm, in allen Ecken lachte es und endlich lachte Stanowsky mit, laut und gellend, daß die Wände dröhnten, und ſtieß heulende Laute aus wie ein wildes gefangenes Thier. v. Schlägel, Der rothe Faſching. II. 8 Siebentes Kapitel. Der Procurator. Zum erſten Mal in ſeinem Leben hatte Reymond keinen Rauſch bekommen. Achtundzwanzig Stunden ſaß er mit den luſtigſten Burſchen des Quartier latin und ihren Frauen bei Tafel, Alles um ihn her ſchlief oder lallte mit ſchwerer Zunge, ſelbſt Jeanne Duterey's Witz wurde ſchwerfälliger und immer müder ſchaute ſie ihn an aus den verſchleierten Augen. Er allein blieb nüchtern, abſcheulich nüchtern. Und dennoch ver⸗ hehlte es ſich Niemand von der ſchwelgeriſchen Runde, die den neuernannten Procurator der Commune umgab, daß ſein Reich eines Nachts zu Ende ging, wie es entſtand.„Der todte Jean“ hatte bereits den Alarm⸗ ruf ausgeſtoßen:„Alle guten Bürger mögen ſich er⸗ heben zu den Barrikaden! Der Feind iſt in unſern 4115 Mauern! Keine Zögerung! Vorwärts für die Repu⸗ blik, für die Commune, für die Freiheit! Zu den Waffen!“ Nachdem er das geſchrieben, hatte Père Roberto die Feder weggeworfen, das rothe Banner aufgerollt und war auf die Straße geſtiegen. Reymond überkam etwas wie Ekel vor dem Ge⸗ ſchwirre unſicherer Stimmen und ausgelaſſener Reden, das ihn umgab, und er ging in ſein Bureau, um allein zu ſein. Im Bücherregal ſtanden mehrere Bücher, er griff eins heraus und ſchlug es auf. Es war die. Geſchichte des Juſtizpalaſtes, in dem er reſidirte. Der Juſtizpalaſt, las er, von den Pariſern ge⸗ meinhin der Palaſt genannt, iſt mit der Geſchichte der Stadt verknüpft ſeit dem graueſten Alterthum, da die erſten Anfänge Lutetias aus dem Moraſt einer Seine⸗ inſel emporſtiegen. Zur Zeit der Römer war dort eine Citadelle, welche ohne Zweifel dem Statthalter der Provinz zur Reſidenz diente, vielleicht ſogar Cäſar ſel⸗ ber. Später erhob ſich hier ein Palaſt der fränkiſchen Herrſcher. Robert der Fromme, Ludwig der Große, Ludwig der Junge ſtarben hier, Philipp Auguſt feierte hier ſeine Hochzeit mit der Prinzeſſin von Dänemark. Ludwig der Heilige zog dieſen Palaſt allen üb⸗ rigen vor und der Sohn Blanca's von Caſtilien ließ 8* 1ʃ6 ihn faſt gänzlich niederreißen und neu aufbauen. Philipp der Schöne, Ludwig XI. Karl VIII. und Ludwig XII. vergrößerten das Palais und Franz I. war der letzte König, der hier wohnte. Seit Ludwig dem Heiligen hat das Parlament das Palais mit den Königen getheilt, ſeit Heinrich II. blieb das Parlament im alleinigen Beſitz deſ⸗ ſelben. Der Procurator der Commune von Paris ſchleuderte die dickleibige Chronik ins Feuer, das luſtig im Kamin praſſelte, und legte ſich gähnend in dem Fauteuil zurück, auf welchem noch vor wenigen Monaten Unterſuchungsrichter Lazire ſeine Acten durch⸗ blättert und dabei die Billets der Madame Chavandrier geleſen hatte. Der Procurator der Commune hätte in dem Palais noch elegantere Zimmer finden können, aber die Bomben der Verſailler reichten bereits bis in die Mitte der Stadt und das einſtige Bureau des Unter⸗ ſuchungsrichters war dem ehemaligen Commandanten der Höllenbarrière als das ſicherſte erſchienen. Er hatte hier Alles zuſammentragen laſſen, was ihm zu ſeinem Comfort nöthig, und gab ſeine Audienzen meiſt auf einem langen Schlafſopha ausgeſtreckt, ein tür⸗ kiſches Fez auf dem Kopf und aus einer langen Pfeife 44ʃ ſo ſtark rauchend, daß die Eintretenden kaum ein paar Schritte weit zu ſehen vermochten. „Ludwig der Heilige!“ lachte Reymond, während die Blätter der Chronik ſich kniſternd rollten und dann im Kamin emporflackerten.„Ein Schurke, der ſeine Blutsverwandten einen nach dem andern umbringen ließ, aber klug genug war, ſich mit den Pfaffen gut zu ſtellen. Was ſie wohl einſt von mir ſagen wird, die verehrliche Nachwelt? Zuletzt, wird es heißen, reſi⸗ dirte an dieſer Stelle als Procurator der Commune der Student Reymond, ein toller Kerl, der immer ſoff, ohne daß es ihm ſchmeckte, der eine Geliebte hatte, ohne ſie zu lieben, der den Erzbiſchof von Paris und einige hundert Geißeln hinmetzeln ließ, ohne ſie zu haſſen, und der für dieſelbe Canaille füſilirt wurde, die er aufs tiefſte verachtete, vielleicht noch tiefer als ſich ſelbſt. Die Verſailler ſind in Paris, ſagt man; wir werden vorher zwar die Stadt verbrennen, aber dann müſſen wir doch ſelber dran glauben. Sterben! Es iſt etwas Eigenes, an den Tod zu denken bei geſundem Leibe, auf einem weichen Polſter, ausgeſtreckt, eine Pfeife des beſten griechiſchen Tabaks im Munde und nach Herzensluſt gähnend. Das iſt ſehr komiſch!“ 418 Und Reymond gähnte in der That. Nachläſſig griff er an den Seiten des Fauteuils nieder, um die Flaſche zu ſuchen, die gewöhnlich dort ſtand. Er griff ins Leere. „Hollah!“ rief er. Niemand antwortete. „Hollah!“ ſchrie Reymond nochmals und ſchleu⸗ derte das Tintenfaß gegen die Thür, daß es zerplatzte. Einer der alten Diener des Palaſtes, derſelbe, welcher dem Unterſuchungsrichter Lazire einſt den Wagenſchlag geöffnet, erſchien. „Eine Flaſche Wein von der Tafel.“ Der Diener zögerte bleich und zitternd. „Nun? Hörſt Du nicht, grauköpfiger Tölpel? Ich ſoll wohl am Ende nüchtern ſterben? Glaubſt Du etwa, Ludwig der Heilige, der einige Jahrhunderte vor mir hier wohnte, habe keinen Durſt gehabt? Brennen⸗ den Durſt hatte er, ſage ich Dir, nach Blut ſogar, und nachdem er das Blut ſeiner ſämmtlichen Ver⸗ wandten in Strömen geſoffen, wurde ſein Durſt im⸗ mer hölliſcher. Bringe mir zu trinken, alter lebens⸗ müder Cadaver, ich will nicht nüchtern ſterben, hörſt Du? Ich will nicht. Und wenn Du mir den Wein gebracht haſt, dann geh zum Profoß und laß Dir fünfzig Peitſchenhiebe geben, damit Du das Leben 119 wieder lieb gewinnſt und mir ein wenig vorwinſelſt, ehe Du crepirſt.“ Es klopfte. Mit zitternder Hand und ſcheuer Miene öffnete der durch Todesdrohungen zum Dienſt gezwungene Diener. „Es ſind Leute hier, die vorgelaſſen zu werden wünſchen.“ „Laß ſie herein! Drollige Käuze das, dieſe Men⸗ ſchen! Wie der Hund die Hand des Todten, der ihn einſt geprügelt, leckt, ſo ſchweifwedeln ſie noch vor der Auto⸗ rität, die ſich ſelber nicht mehr helfen kann. Da kom⸗ men ſie! Den langen Schlingel mit dem rothen Bart und den glotzigen Augen ſollt' ich kennen. Mir iſt, als habe er dieſen verſchoſſenen carrirten Rock nicht immer getragen. He, die Zeit iſt kurz, ich mag nicht rathen! Sagt, wer Ihr ſeide „Ich heiße Watkins— „Lord Watkins, wollt Ihr ſagen— wir ſehen uns nicht zum erſten Mal.“ „Ich habe meinen Titel abgelegt und möchte eine Anſtellung bei der Commune.“ „Ihr? Der reiche Lord? Ihr ſeid verrückt.“ „Leider iſt mein Verſtand weit ſtärker als mein Magen. Ich habe Hunger!“ „Nach blauen Bohnen, ſcheint mir's, Mann! Ich dachte nicht, daß noch etwas mich neugierig machen könnte. Doch Euch in dieſem Anzug zu ſehen, hungrig und eine Anſtellung bei der Commune nachſuchend, das iſt eine Poſſe, noch des Lachens werth, ſelbſt jetzt. Da⸗ mals, als wir Euch hängen wollten, erzählte mir Jeanne, Ihr wäret reich, ein Nabob.“ „Ich war es! O dies Wueib!“ „Eure ehemalige Maitreſſe, die Ihr zu Eurer Frau machtet.“ „O, ſie hat mich ſehr betrogen! Als die Stadt hat capitulirt vor das verdammte Deutſch, wuo hat geſchoſſen zwei Granaten in mein Hotel, haben wir ge⸗ packt unſere Koffer und wuollten reiſen nach England. Aber Mylady haben immer nicht gewuollt verlaſſen Paris, und iſt ſehr oft zu uns gekommen ein junger Muſikteacher, wuo hat gekannt Mylady als Miß in Lon⸗ don, und ſie haben zuſammen geſungen, ſehr ſchön— damn! Und eines Morgens war Mylady verſchwunden, mit Muſikteacher und das Papier, worin ich ihr ge⸗ ſchenkt mein ganzes Vermögen, wuas ſie hat erklärt für eine Form und für nothwendig, um zu gewuinnen einen Proceß in England, wuo meine Verwandte mir wuoll nehmen Geld, weil ich geheirathet eine Miß aus ſchlechter Familie. Habe geſucht die Miß in ganz Paris, um ihr zu nehmen das Papier. Aber die Miß iſt fort nach England, und als ich es erfahren habe, 121 hab' ich nicht mehr können verlaſſen die Stadt. Und die Mylady hat genommen mit ſich alles Geld und ich bin zurückgeblieben als armer Teufel und mit meiner Ver⸗ zweiflung. O, Mylady iſt ſehr ſchlecht! Und jetzt wuollen ich beitreten der Commune, wuo macht Revo⸗ lution in Paris, und wuollen machen dieſe Revolution über die ganze Erde und England, um Mylady wie⸗ derzunehmen das Vermögen, das ſie mir hat geſtohlen, und umzubringen Muſikteacher, ohne zu werden dafür gehenkt. Goddam!“ Trotz des Gefühls dumpfer Angſt, das bleiſchwer auf ſeinen Gliedern lag, drang ein heiſeres hohles Lachen aus Reymond's Kehle. „Ihr ſeid ein Prachtkerl, Bürger Watkins! Ihr macht die ganze Welt verantwortlich für den Blödſinn, der aus der fauligen Maſſe Eures Gehirns ſickert, und weil ein Tropfen davon auf Eure eigene Zunge fiel und nicht nach Eurem Geſchmack iſt, wollt Ihr die ganze Welt darum zerſchlagen. Das iſt brav von Euch! Ihr ſeid der geborene Revolutionär! Ihr ſollt auch der Befehlshaber meiner Pinſelgarde werden. Habt Ihr nicht, als Ihr kamt, in den Gängen und Treppen Männer und Weiber geſehen, welche mit großen Pin⸗ ſeln die Wände beſtreichen?“ Der Lord nickte. 1 122 „Das iſt meine Pinſelgarde“, fuhr Reymond fort. „Sie beſtreichen die Wände mit Petroleum. Wir wollen Paris anzünden, um der Welt zu leuchten. Und wenn wir uns bei dem Qualm nicht entzündete Augen zu⸗ ziehen, dann gehen wir nach England und machen's mit London ebenſo, und wenn ganz London verbrennt, dann verbrennt jedenfalls auch das Papier, das Ihr Eurer Frau gegeben. Seid Ihr zufrieden?“ Lord Watkins nickte blöde. „Gut, ſo geht! Und ſchickt mir die Andern!“ Die Thür öffnete ſich wieder mit Geräuſch und ein kleiner Mann ſtieß mit wüthenden Geberden ein Weib vor ſich her in das Zimmer. „Gerechtigkeit!“ ſchrie der kleine Mann mit dem häßlichen ſommerſproſſigen Geſicht.„Das iſt mein Weib, das mir vor Monaten davongelaufen iſt. Ich habe ſie wiedergefunden und ſie iſt mir wieder davon⸗ gelaufen.“ Reymond reckte ſich in ſeinem Stuhl und blickte dem Schreier höhniſch ins Geſicht. „Das kann ich ihr nicht übel nehmen. Geht zum Teufel!“ „Gerechtigkeit!“ ſchrie der Kleine.„Ich bin Charles Fränkel, der Pferdehändler, bei dem der Kaiſer ge⸗ kauft hat, bei dem alle hohen Herrſchaften gekauft — 123 haben, dem die erſten Cavaliere ſchuldig ſind, der den Orden pour le mérite beſitzt.“ Verwundert ſchaute Reymond auf den Pferde⸗ händler, der keine Kenntniß zu haben ſchien von all dem, was vorgegangen war, und ſich ſeiner unter dem Kaiſerreich empfangenen Auszeichnungen rühmte, wäh⸗ rend die Commune in ihren letzten Todeszuckungen um ſich ſchlug. „Dann muß ich Euch einſperren“, ſagte Reymond. „Und obwohl wir erſt März haben, wird es bald ſehr heiß ſein in den Gefängniſſen, unſinnig heiß.“ Ein wahnſinniger Jubel glänzte fieberhaft auf in den Augen des rachſüchtigen Gatten. „Ja, thut das! Sperrt mich ein, aber zuſammen mit meiner Frau. Dann kann ſie nicht mehr fort.“ Reymond betrachtete ſich die welke weibliche Ge⸗ ſtalt mit den ſchlaffen Zügen, die wie ein ſtörriſches Thier ſich aus den Händen des Mannes zu befreien ſuchte und ihn mit halb blödſinniger Angſt anglotzte. Dann lachte Reymond laut auf und ſagte: „Mit dem Weibe? Und die iſt Euren Umarmun⸗ gen davongelaufen? Sonderbar! Aber von jetzt an ſoll ſie bei Euch bleiben bis ans Ende Eures Lebens! Was der Kaiſer Euch nicht verſprechen konnte, was Ludwig der Heilige nicht hätte erwirken können, das thut der 124 große Bürger Reymond! Führt mir die Beiden in Eure feſteſte Zelle!“ fuhr Reymond gegen den mit der Flaſche eintretenden Diener gewendet fort. Dann griff er nach der Flaſche und ſchlug ihr am Rand des Tiſches den Hals ab, daß ein Theil des dunklen In⸗ halts weit umherſpritzte. Wie ein wildes Thier ſeine Beute, ſchleifte Charles Fränkel ſeine ſchreiende Gattin fort. Langſam folgte der Diener. „Noch Jemand da?“ fragte ihn Reymond. „Nur noch ein blutjunges bleiches Mädchen. Sie ſagt ihr Anliegen nicht und behauptet, ſie müſſe Euch ſelber ſprechen.“ „Laßt ſie eintreten! Man ſoll nicht ſagen, daß ich mein Amt nicht bis zum letzten Augenblick ver⸗ waltet habe.“ Ein Mädchen, kaum den Kinderjahren entwachſen,⸗ trat ein. Der fanatiſche Ausdruck der großen brau⸗ nen Augen ſtand ſeltſam zu dem feinen Schnitt des Geſichts, zu der zarten Farbe der Haut. Wirr hingen die braunen Flechten um ihren Kopf und ihre Klei⸗ dung, urſprünglich von gutem Stoff, war vernachläſſigt und in Unordnung. Sie blieb dicht vor Reymond ſtehen und ſagte mit einer tiefen, klangloſen Stimme, die bei einem ſo jungen Weſen doppelt unheimlich klang: 125 „Die Verſailler haben meinen Geliebten gefangen und erſchoſſen. Wir wollten uns morgen verheirathen.“ Reymond ſuchte mit einem Scherz über den un⸗ heimlichen Eindruck hinwegzukommen, den ihm der ſtarre Blick und die klangloſe Stimme der ſeltſamen Bittſtellerin machten. „Euren Geliebten haben ſie todtgeſchoſſen? So nehmt einen andern!“ 3 „Ich höre“, fuhr das Mädchen mit demſelben 4 ſtarren Blicke fort,„daß Ihr für jeden Gefangenen, den die Verſailler todtſchießen, eine Eurer Geißeln um⸗ bringt.“ Reymond nickte. Er ſelbſt hatte ja der Sitzung präſidirt, welche der Niedermetzelung der Geißeln vor⸗ ausging. „Um uns die Mühe des Nachzählens zu erſparen, bringen wir ſogar alle Geißeln um, die wir haben. Du haſt wohl nichts dagegen?“ „Ich möchte denjenigen haben, der für meinen Antoine todtgeſchoſſen werden ſoll“, ſagte das Mäd⸗ chen, unbeirrt ihrem Ideengang folgend. „Um ihn zu heirathen, wie es manchmal bei den Indianerinnen vorgekommen ſein ſoll. Habe nichts dagegen, wenn's nicht gerade der Erzbiſchof iſt, meine Tochter. Das wäre unmoraliſch und die Commune — hält auf Moral. Hörſt Du? Geh alſo nach La Roquette oder Mazas und ſuche Dir den Hübſcheſten heraus, ich will Dir ein Billet geben an die Directoren.“ Reymond war aufgeſtanden und ſuchte unter den weinbeſpritzten Papieren das reinlichſte heraus. Seine Geberden waren erregt und haſtig und ſein unruhiger flackernder Blick kehrte hin und wieder zu den ſtarren Augen des Mädchens zurück, als ob dieſe die wenigen Minuten, die ſie auf ihn gerichtet waren, eine ſeltſame Gewalt über ihn erlangt hätten. „Ich möchte ihn ſelber tödten!“ ſagte das Mäd⸗ chen in ihrer eintönigen Weiſe. Reymond's Blicke flammten auf voll wilder Sym⸗ pathie, und mit Bewunderung, ſoweit ſeine zerklüftete Seele dieſes Gefühls mächtig war, ſah er auf das Weib mit dem Antlitz eines Kindes und dem Herzen eines Tigers. „Du ſollſt Opfer haben, ſoviel Du willſt“, rief er,„Du ſollſt ſie alle mit eigener Hand ſchlachten, aber unter einer Bedingung.“ Das Mädchen ſchwieg und ihre großen glasar⸗ tigen Augen lagen erwartungsvoll auf Reymond. „Unter der Bedingung“, fuhr Reymond fort und legte den Arm um die Taille des rachſüchtigen Kindes und ſah ſie mit lüſternen Augen an, während auf ſei⸗ 427 ner Stirn ſchon aſchgrau die Gewißheit ſeines nahen Todes lag,„unter der Bedingung, daß Du eine Vier⸗ telſtunde lang des erſchoſſenen Liebſten vergißt. Wie heißt Du?“ „Angeline— er hieß Henri.“ „So küſſe mich, Angeline, wie Du Henri küſſen würdeſt.“ Reymond zog das Mädchen an ſich und drückte ſeine Lippen auf die ihren. Das Mädchen wehrte ihm nicht, aber Reymond fuhr Wuth und Schmerz im entſtellten Geſichte zurück. Die kleinen weißen Zähne des Mädchens hatten ſich tief in ſeine Unterlippe gebohrt. „So würd' ich Henri küſſen!“ ſagte das Mädchen. Eine Erregung, halb Wuth, halb Begierde, packte den Studenten und mit einem dumpfen Schrei riß er das Mädchen zu ſich nieder. „Reymond!“ Es war der verzweiflungsvolle Schrei eines zum Tode getroffenen Weiberherzens, der Reymond aus den Armen des Mädchens emporſchreckte. Faſt ängſtlich, ſo viel Macht haben ſelbſt an der Pforte des Todes die kleinen Ketten und ſtarken Ge⸗ wohnheiten des Lebens, faſt ängſtlich ſtarrte Reymond nach der offenen Thür, woher der markdurchdringende —— 128 Schrei kam. Jeanne Duterey ſtand dort, in einem rothen Atlaskleide mit ungeheurer Schleppe, in der Hand ein Glas voll ſchäumenden Champagners. Sie war todtenbleich bis über die vollen üppigen Schul⸗ tern und ihre zitternde Hand goß immer mehr von dem ſchäumenden Inhalt des Glaſes auf den Boden. Hinter ihr erſchienen in bacchantiſchem Gedränge ihre Gäſte, verliederte Studenten und bunt aufgeputzte Frauen, in der einen Hand die rothen Gläſer, in der andern Hand die Kerzen ſchwingend, die noch vom Gelage der Nacht brannten. „Sie kommen!“ ſchrie es wild durcheinander. „Sie ſchlagen ſich ſchon in den nächſten Straßen. Der Ausgang nach dem Quai iſt noch frei. Haltet die Lichter an die Wand, wir wollen ihnen leuchten!“ In der That drang der Ton von Gewehrſalven, in nicht allzu großer Entfernung abgefeuert, deutlich durch die meterſtarken Mauern. „Freie Liebe!“ ſtöhnte Reymond, indem er zu der Geliebten emporſtarrte, die bleich und zürnend vor ihm ſtand. „Es gibt keine freie Liebe, Erbärmlicher, ſolange die Treuloſigkeit tödtet!“ Dann lachte ſie wild auf und ſtürzte fort, ihr nach die trunkenen Studenten mit ihren Frauen, und — 129 ihr wilder Jubel, untermiſcht mit dem Geheul der Angſt, dröhnte ſchauerlich durch die gewölbten Gänge. Ein häßlicher Geruch drang zu Reymond herein und benahm ihm den Athem. „Henri!“ flüſterte das Mädchen und ihre Finger umklammerten ihn convulſiviſch. Er riß ſich los und ſtürzte zur Thür. Ein dicker erſtickender Qualm wallte im Corridor und dazwiſchen zuckten gelbe Flammen an den Wänden, die mit ra⸗ ſender Eile näher kamen. Ueberall züngelten die roth⸗ gelben Flämmchen auf. Reymond dachte plötzlich nicht mehr daran, daß er ſterben ſollte. „Der Ausgang nach dem Quai iſt noch frei!“ hatten die fliehenden Weiber und Studenten gerufen. Er ſtürzte nach dieſer Seite den engen, gewunde⸗ nen Corridor entlang. Ihm nach wälzte ſich die grau⸗ gelbe ſtinkende Rauchwolke, hinter ihm ziſchten die Flammen. Da— er war mit verzweifeltem Satz eben eine Treppe hinuntergeſprungen— da drang ihm der Qualm auch von vorn entgegen. Die Wände des Ganges, den er durcheilen mußte, um das Freie zu ge⸗ winnen, brannten. Reymond war im Begriff, ſich niederzuwerfen und v. Schlägel, Der rothe Faſching. II. 9 130 ſich von den heraneilenden Flammen verzehren zu laſſen, aber es jagte ihn wieder auf. „Und ſei's eine Minute auch, nur leben!“ Und er ſtürzte durch Flammen und Rauch nach dem Ausgang, er ſah nichts mehr als Feuer, er ath⸗ mete nur Glut und Rauch. Dann ſah er nichts mehr als eine glühende Finſterniß um ſich her und fühlte die kühlenden Tropfen eines feinen durchdringen⸗ den Regens, der ihm auf ſein ſiedendes Gehirn her⸗ niederrieſelte. Er war im Freien, aber warum ſah er nichts? Es war doch Tag, kaum Mittag. In nicht ſehr wei⸗ ter Entfernung ſchoß man, wilde Stimmen ſangen, fluchten und ſchrieen, jetzt kamen ſie ganz nahe. Die Kugeln ziſchten an ihm vorbei, man heulte, man mor⸗ deete ſich. Reymond wollte fliehen, aber er wußte nicht wohin in dieſer entſetzlichen Dunkelheit. Er griff mit den Händen um ſich, er fiel— es war der naſſe Stra⸗ ßenkoth, in dem er lag. Er richtete ſich wieder auf— nur leben! Um ihn tobte der Kampf, er athmete den Rauch des Pulvers, er hörte die wilden Rufe der Kämpfenden, das Stöhnen der Sterbenden, aber er ſah ſie nicht, um ihn her war Alles dunkel, anſtatt der Strahlen des Lichts drang es wie glühende Pfeile aus ſeinen Augen ins Gehirn— er war blind. 4 Er ſchrie verzweiflungsvoll auf, aber er wollte nicht ſterben. Da hörte er eine helle Commandoſtimme, welche rief: „Weg da, wir kämpfen nicht mit Weibern!“ Dann hörte er das heiſere Gelächter eines Wei⸗ bes und eine Stimme, welche höhniſch rief: „Hoho! Wie galant! Gefall' ich Euch etwa? Ihr müßt mich tödten, ich will nicht leben! Vorwärts, Ihr Feiglinge!“ Und ein Schuß krachte, eine Salve antwortete. Die weibliche Stimme war verſtummt. Es war die Stimme Jeanne Duterey's geweſen. Ohne Zweifel war ſie todt. Ein Schauer prickelte über Reymond's glühendes Gehirn. Er horchte— ja, ohne Zweifel war ſie todt. Er, er wöllte nicht ſterben; er kroch rückwärts, bis er an einer Mauer war, dort kauerte er nieder. Da hörte er wieder die Stimme deſſelben Mannes, der nicht mit Jeanne hatte kämpfen wollen: „Alle, die mit den Waffen in der Hand ergriffen worden ſind, werden auf der Stelle füſilirt. So lau⸗ tet der Befehl. Wir können nichts dran ändern. Be⸗ reitet Euch zum Tode und ſterbt als Männer.“ Reymond lauſchte mit grauſiger Neugier, was die ſagen würden, die ſterben ſollten. Da zuckte er 9* * zuſammen. Es war die Stimme des Vater Roberto, welche ſang; zwanzig andere Stimmen fielen ein: „Auf der zerſtörten Barrikade Lag ſterbend ein junger Held. Der Prieſter ſprach von Gott und Gnade Und von der andern Welt. Reymond's Zähne klapperten an einander. Es war das Lied ſein Lied, das er ſelber ge⸗ dichtet, einſt vor langen Jahren, als er zum erſten Mal verliebt war, und das ſie jetzt ſangen, um ihn zu verrathen. 8 Eine Salve krachte. Einzelne ſtöhnten, nur we⸗ nige ſangen noch: „Laßt Euer vieles Reden Von Gott und Himmelreich.“ Mit den Nägeln kratzte Reymond an der Mauer, als könne er ſich dahinter verbergen. Wieder ſchoſſen ſie. Es waren einzelne Schüſſe; alſo ſchoſſen ſie wohl, die noch lebten, todt. Nur eine Stimme ſang noch. Es war die Pore Roberto's. 3„Wenn wir nur, was uns theuer, Dort drüben wiederſehn. Sei's auch im Höllenfeuer, Im ew'gen—“ Ein letzter Schuß krachte. Père Roberto ſchwieg. „Ohne Zweifel, jetzt kommt die Reihe an mich!“ 133 flüſterte Reymond vor ſich hin. Dann ſchrie er laut auf:„Gnade! Gnade!“ Es näherten ſich Schritte. „Ein halbgeröſteter Communiſt“, ſagte eine Stimme,„er iſt ſchauerlich zugerichtet. Der Auszeich⸗ nung am Aermel nach ſcheint es ein Offizier.“ „Ich will Euch Alles ſagen, nur laßt mich am Leben! „Feiger Tropf!“ ſagte die Stimme.„Ihr ſeht aus, als ob man Euch wahrhaftig einen Gefallen thäte, wenn man Eure Leiden abkürzte.“ „Ihr müßt mich gefangen nehmen.“ „Gefangen? Das, Freundchen, hilft Euch nicht viel. Die Kriegsgerichte arbeiten prompt. Die Friſt iſt nicht lang.“ „Gleichviel, wenn auch nur Tage, Stunden. Nur jetzt nicht, nur nicht gleich.“ „Drolliger Kauz! Verkohlt wie eine Kaſtanie, die vierundzwanzig Stunden auf dem Roſt lag, und hängt noch am Leben!“ „Ihr müßt mich gefangen nehmen. Ich bin der Procurator der Commune, der gefürchtete Reymond!“ „Ihr? Hollah! Das ſagt Keiner, der's nicht wirk⸗ lich iſt. Ihr habt Recht, Ihr müßt etwas Beſonderes haben. Macht eine Tragbahre, Ihr Leute, und ſchleppt das Scheuſal weg!“ Achtes Kapitel. Die Batterie auf dem Kirchhof Pore Lachaiſe. Die Geſchichte, welche den Zeitereigniſſen dicht auf den blutigen Ferſen gefolgt iſt, nennt die Batterie auf dem Poͤre Lachaiſe ſchrecklich. Der hochgelegene Kirchhof beherrſcht den Theil von Paris, in welchem die ein⸗ dringenden Verſailler zuerſt Boden gewannen. Es war Paul Mervin ſelbſt, der ſie commandirte. Nach ſeiner Conſtruction waren die acht rieſigen Hin⸗ terlader gegoſſen worden, deren Mündungen über die zum Theil niedergelegten und mit Erde geſchützten rothen Kirchhofsmauern ragten. Unter ſeiner Aufſicht legten ſie ihre erſte und letzte Probe ab. Arbeiter mit rothen Binden um den Leib, nackten Armen und pulver⸗ und rauchgeſchwärzten Geſichtern bedienten dieſelben mit einer Präciſion und Ruhe, welche 135 bewieſen, daß ſie den Mechanismus genau kannten und ſorgfältig eingeübt waren. In kurzen regelmäßigen Zwiſchenräumen rollte der mächtige Donner eines der Geſchütze über den Kirchhof und die ganze Batterie verſchwand in einer Wolke von weißgrauem Dampfe. Durch den dünner werdenden Rauch wurden die kräftigen Geſtalten der Arbeiter ſichtbar, welche das zurückrollende Geſchütz wieder an ſeine Stelle ſchoben und aufs neue richteten. Aber kaum gerichtet hüllte der Donner der Neben⸗ kanone die eben entladene in ſeinen Dampf. Langſam fegte ein leichter Wind die Rauchmaſſe über den Kirch⸗ hof, daß ſie ſich in phantaſtiſchen Formen zwiſchen den mitunter ſehr merkwürdigen und kunſtſinnigen Denk⸗ mälern feſtſetzte, welche die franzöſiſche Prachtliebe hier den Todten aufgebaut. Als wenn die Geiſter der Verſtorbenen aus ihrem Grabe aufgeſchreckt würden durch den betäubenden Donner, ſo ſchwebten die Rauch⸗ fetzen zwiſchen den Gräbern hin, legten ſich auf die er⸗ grünende Erde, klammerten ſich an die zierlich gehauenen Steine, neigten und beugten ſich wie ſchattenhafte We⸗ ſen mit langen, wehenden Gewändern. Und dann wur⸗ den ſie immer dünner und formloſer, bis ein neuer Schuß ſeine Rauchmaſſen zwiſchen die Gräber ſandte und neue bizarre Geſtalten zwiſchen den Gräbern tanzten. 136 Und fort und fort wurde geladen und geſchoſſen. Manchmal rollte die lockere Erde von den Bettungen, aber zwanzig Hände waren bereit, mit Schaufel und Stampfer den Schaden wieder auszubeſſern, als wenn das Werk der Vernichtung, das ſie von hier oben betrieben, nicht ein Ausnahmezuſtand, ſondern die künftige regelrechte Ordnung der Dinge wäre. Etwas hinter und neben der Batterie befand ſich ein Grabmal von ungewöhnlicher Bauart. Ungefähr dreißig im Gevierte angelegte Marmorſtufen führten zu einer quadratförmigen Plattform, welche von einem vergoldeten Gitter umgeben war. Ein maſſiver, in den Boden eingeſenkter Stein mit ſchwerem Eiſenring zeigte an, daß man auf einer Gruft ſtand. In der Mitte der Plattform erhob ſich eine Säule aus weißem Mar⸗ mor, von einem vergoldeten Kreuz überragt, und ein Genius mit geſenkter Fackel und der Aſchenurne lehnte in weißen Alabaſter gehauen daneben. Die vergoldete Schrift an der Säule nannte wohl die Namen aller derer, hinter deren ſchmerzloſer Hülle ſich ſchon der ſchwere Steindeckel geſchloſſen. Auf dieſem Plateau ſtand Paul Mexrvin in der ſchlichten ſchwarzen Kleidung, die er in der letzten Zeit immer trug. Er hatte einen langen Tubus auf den Kopf des trauernden Alabaſtergenius gelegt und ſah 437 hindurch, manchmal jedoch richtete er ſich auf und fuhr mit der Hand über die Augen, welche ihm den Dienſt verſagen wollten. Paul Mervin war ſehr bleich und mager, über die Backenknochen ſpannte ſich nur noch eine weiße durchſichtige Haut. Die hellen Augen lagen tief in den Höhlen und ihre rothen Ränder bewieſen die raſtloſe Arbeit von hundert Nächten. Aber dennoch war Paul Mervin's Geſicht ruhig, faſt heiter; wenn eins der gewaltigen Geſchütze ſich dröhnend entladen hatte, verlor ſeine abgemagerte Hand ſogar ihr Zittern, feſt und ſicher hielt er das Glas. Längſt war das Sauſen zu Ende, mit dem das mächtige Wurfgeſchoß durch den ſonnenhellen Mai⸗ morgen flog, über die hellern und dunklern Rauch⸗ wolken, welche über Paris lagen und immer größer wurden. Der Knall des explodirenden Geſchoſſes, das ſein Ziel gefunden, reichte nicht bis zu dem ſeltſamen Ob⸗ ſervatorium herauf, aber auf Paul Mervin's Geſicht, als er jetzt das Fernrohr abſetzte, lag ein triumphiren⸗ des Lächeln und ſeine Augen leuchteten. Er hatte die Rieſengranate genau am Ziele ein⸗ ſchlagen und explodiren geſehen. Seine Erfindung war gut. Neben Paul Mervin, welcher als einziges mili⸗ 138 täriſches Abzeichen nur das Käppi eines Genieoberſten trug, ſtand der junge Mann in der Uniform der poly⸗ techniſchen Schule, welcher bereits dem Poère Roberto auffiel, als dieſer von Paul Mervin vor den Plan des unterminirten Paris geführt wurde. Der kaum ſechzehnjährige Jüngling, welcher die Spuren frühzeitiger Leidenſchaften in dem hübſchen Geſichte trug, ſchien bei Paul Mervin Adjutantendienſte zu verrichten und jubelte mit einer Art kindiſcher Wild⸗ heit laut auf, wenn er mit unbewaffnetem Auge eine Granate im Tuileriengarten oder in der Börſe einſ chlagen ſah, wohin die Kanonen vorzüglich gerichtet waren. „Fünfzig Granaten ſind im Tuileriengarten ge⸗ platzt, zwanzig ſind bei der Börſe niedergefallen, und ſie ſollen jetzt auf die Bank, auf die Place Vendome, auf die Place de la Victoire und die Kaſerne Babylon ſchießen! Eilt, mein junger Freund!“ Paul Mervin hatte das ſo ruhig und leidenſchafts⸗ los geſagt, als ob er einer Schießübung in Vincennes oder auf dem Marsfelde beiwohne. Mit katzenartiger Behendigkeit ſprang der junge Mann über die Treppe des Monuments hinab, und Paul Mervin ſah ihn als⸗ bald mit lebhaften Geberden von einem Geſchütz zum andern eilen. In wenigen Minuten war der Knabe wieder neben Paul Mervin. „Der Maréchal des Logis behauptet, die Mündung keines der Geſchütze ſo weit ſenken zu können, um die Bank zu treffen, mein Commandant!“ Paul Mervin blickte einen Augenblick auf die Stadt, dann auf die Geſchütze zu ſeinen Füßen, dann ſagte er: „Der Maréchal des Logis hat Recht. Wir müſſen die Bettung eines Geſchützes erhöhen.“ „Der Maréchal des Logis hat auch daran gedacht“, antwortete der Polytechniker,„aber von dem andauern⸗ den Regen der letzten Zeit iſt das Erdreich zu ſumpfig, als daß eine Erhöhung der Bettungen möglich wäre. Die Erde läuft aus einander wie Brei, kaum daß man ſie aufgeworfen.“ Paul Mervin dachte einen Augenblick nach. „Und auf die Zerſtörung der Bank legt der Be⸗ fehl, den ich erhalten habe, ganz beſonderes Gewicht. Die Bettung muß erhöht werden, und wenn ſie mit menſchlichen Körpern gepflaſtert werden ſollte. Hört Ihr?“ Und Paul Mervin ſtampfte mit dem Fuße auf den Boden, daß die Decke der Gruft dumpf erdröhnte. Der junge Mann ſchrak freudig zuſammen, als ſei bei dieſem Tone eine ganz beſondere Idee in ihm aufgeſtiegen. „Schafft ein Geſchütz hierher, mein Commandant!“ ſagte er mit leuchtenden Augen.„Von hier aus trifft man ſelbſt die Häuſer am Fuße des Kirchhofs.“ Paul Mervin ſchaute dem Polytechniker einen Augenblick überraſcht in das erregte Geſicht. Dann gab er ihm die Hand. „Ihr habt Recht, Knabe mit dem Verſtand eines Nannes! Es iſt ſchwer, ein Geſchütz hier heraufzu⸗ bringen, aber es muß gelingen! Geht hinunter, raſch, es muß gehen! Und da hinunter“— Paul Mervin deu⸗ tete auf den Boden—„da hinunter verlegen wir unſer Munitionsmagazin, denn wir werden nicht immer ſo ungeſchoren bleiben wie bisher; dort auf dem Mont Valerien wird es lebendig, ſie müſſen bereits aufmerk⸗ ſam auf uns geworden ſein. Bald wird es Gra⸗ naten um uns herum regnen. Wenn wir dieſes ſonder⸗ bare Ding hier mit zwei Fuß Erde umgeben, ſo iſt es ſo gut wie bombenfeſt, die Stufen verhindern das Abrutſchen. Vorwärts, raſch ans Werk! Zehn Mann zu mir herauf, um das Loch auszuräumen!“ Der Polytechniker war bereits wieder am Fuß der Treppe angelangt und gab die nöthigen Befehle. Eine ſeltſame Bewegung entſtand. Während zehn kräftige Leute auf die Plattform eilten und den ſchwe⸗ ren Deckel der Gruft hoben, ſchleppten zehn andere die 144 brauchbarſten der ihnen zunächſt ſtehenden Grabſteine herbei, um in dem weichen Grunde das Geſchütz vor dem Einſinken zu bewahren. Sie war unheimlich anzuſehen, dieſe mit Marmor, Granit und Erz in den ſeltſamſten Formen der Ver⸗ arbeitung gepflaſterte Straße, auf welcher das ſchwere Geſchütz nach der Treppengruft gerollt wurde. Die breiten eiſernen Räder zerdrückten ſchonungslos zu ewiger Vergeſſenheit die in den weichen Sandſtein gegrabene Schrift, knirſchend zerbröckelten die in Mar⸗ mor gehauenen Basreliefs, klingend bog ſich das Kreuz der Todten aus dem verwandten Erz unter dem ge⸗ waltigen Werkzeug des Todes. Das Geſchütz war an der Treppe der Gruft an⸗ gekommen. Fünfzig Stricke und Schultern ſpannten ſich davor, nach jeder überwundenen Stufe wurden mächtige Hebel eingeſetzt, um während des Raſtens das Zurückſinken des Koloſſes zu verhüten. Die Gruft der Todten ächzte unter den Anſtren⸗ gungen der Lebendigen, einzelne Steine wichen aus b den Fugen, aber man kam höher. Endlich war man auf der Plattform angelangt. Paul Mervin wies mit 4 vor Freude zitternder Hand dem Geſchütze ſeine neue Stellung an. Einer der Leute, welche in die Gruft geſtiegen waren, erſchien wieder. „Es ſtehen etwa zwanzig Särge da unten, die faſt ven ganzen Raum ausfüllen.“ „Holt ſie heraus“, lautete die kurze Antwort Paul Mervin's, der bereits damit beſchäftigt war, das ſchwere Geſchütz in Poſition bringen zu helfen. Mit einer Luſtigkeit, als mache ihm dieſe Beſchäf⸗ tigung ein beſonderes Vergnügen, überwachte der Poly⸗ techniker die Heraufbeförderung der zum Theil ſehr prächtigen alterthümlichen Särge. „Wohin?“ fragten die Leute, die den erſten in Empfang nahmen. „Werft ihn die Treppe hinunter!“ entſchied der jugendliche Philoſoph.„Wenn man ſelber nicht ſicher iſt, ob man nicht in einigen Stunden zwei Schuh tief eingeſcharrt liegt, kann man vor todten Herrſchaf⸗ ten, denen es vor einigen hundert Jahren in ihrem Bett zu ſterben beliebt hat, keine beſondern Reverenzen machen.“ Und lachend folgten die kräftigen Männer mit den bloßen Armen und den geſchwärzten Geſichtern dem Rath. Sarg um Sarg erſchien auf dem Plateau, wurde über das Geländer gehoben und kollerte dann mit dumpfem Getöſe die Treppe hinunter. Mancher erreichte verſchloſſen die Tiefe, andere aber zerplatzten, blieben halbwegs liegen, ihren bleichen Knocheninhalt entleerend, daß Schädel und Knochen klappernd ab⸗ wärts rollten. Paul Mervin hörte und ſah von alledem nichts. Er war nur damit beſchäftigt, dem Geſchütz die nöthige Senkung zu geben und eine ſchiefe Bettung herſtellen zu laſſen, um das Zurückrollen deſſelben mög⸗ lichſt zu beſchränken. Die Gruft war leer. Man begann die Munition einzuführen. Vorſichtig wurde ſie herbeigeſchleppt auf weichen Unterlagen, ſorgſam eingehüllt in Tücher und Papiere, um jede vorzeitige Reibung zu verhüten. Langſam ging ſie von Hand zu Hand in die Tiefe. Es hätte einem Uneingeweihten erſcheinen müſſen, als ob man einen Schatz von ungeheurem Werthe vor jedem beutegierigen Auge in den Tiefen der Erde barg. Zu gleicher Zeit begann man auch rings um die Treppe Erde aufzuwerfen. Die Stufen des Monu⸗ ments verhinderten das Abrollen der Böſchung, und bald erſchien die Gruft nur noch als ein plumper Erdhaufen, über welchen eine weiße mit einem Kreuz geſchmückte Säule phantaſtiſch emporragte. Es war Paul Mervin ſelber, welcher das Geſchütz für den erſten Schuß richtete. Der hohle Raum, auf dem es ſtand, zitterte unter der Gewalt der Exploſion. Mit ſiegesfreudigem Lächeln ſetzte Paul Mervin das Fernrohr ab, mit welchem er die Wirkung des Schuſſes beobachtet hatte. „Eingeſchlagen mitten durchs Dach! Die Place de la Concorde wimmelt plötzlich von Menſchen, die elyſeiſchen Felder kommt es ganz ſchwarz herunter, dort wird gekämpft, man ſieht den weißen Pulverrauch, und mir iſt, als hörte ich das Geknatter. Alle Geſchütze nach den Champs Elyſées mitten unter das Schwarze gerichtet und ſo raſch als möglich gefeuert! Munter, Ihr Jungen!“ Das Feuer der acht Geſchütze begann jetzt mit be⸗ täubender Schnelligkeit, ſodaß in wenig Minuten der ganze Kirchhof in eine Rauchwolke gehüllt war. Alles⸗ griff zu. Während Paul Mervin mit größter Genauig⸗ keit ſein Geſchütz richtete, ſtand ſein jugendlicher Adju⸗ tant halb in der entvölkerten Gruft und beförderte die Granaten, die ihm von unten gereicht wurden, nach oben. Manchmal hielt er in ſeiner Beſchäftigung inne, ſprang nach oben und blickte mit ſeinen Falkenaugen hinunter nach den Champs Elyſées. Selbſt aus dieſer weiten Entfernung konnte man wahrnehmen, daß die Granaten des Pore Lachaiſe einige Unordnung in die vorrückenden Colonnen brachten. Da blickte er plötzlich in die Luft. Hoch über * A— 5 145 dem Kirchhof hatte ſich ein eigentbümliches Schwirren vernehmen laſſen. Es dauerte nicht lange, ſo kam es wieder, dies⸗ mal näher und mehr nach rechts, anch hörte man in den naheliegenden Straßen einen Knall wie den einer explodirenden Granate. „Sie wollen an uns!“ jubelte der Jüngling.„Der Mont Valerien richtet ſeine Marinegeſchütze nach uns. Mein Commandant, dürfen wir ihm nicht antworten?“ „Nein, mein Sohn, unſere Befehle ſind beſtimmt“, antwortete Paul Mervin,„und dem Mont Valerien könnten wir ja doch mit unſern acht Stücken wenig Schaden thun.“ „Wie ſchade!“ meinte der junge Mann, während eine Granate ſich ziſchend und ohne zu crepiren am Fuße der Kirchhofsmauer einbohrte.„Auf Mont Va⸗ lerien commandirt Artillerieoberſt Dugrange, der mich beim Offiziersexamen durchfallen ließ. Ich hätte ihm ſo gern gezeigt, daß ich ein beſſerer Artilleriſt bin als er. Wieder zu hoch!“ fügte der Jüngling ſpöttiſch hinzu, als das unheimliche Sauſen ſich in ganz be⸗ denklicher Nähe vernehmen ließ.„Oberſt Dugrange iſt ein Stümper! Alle Pedanten ſind Stümper!“ Wieder ſtrich eine Granate über die Batterie, ſchlug nicht weit davon zwiſchen die Grabſteine und v. Schlägel, Der rothe Faſching. II. 10 146 explodirte, Erde und Steintrümmer weit um ſich ſchleu⸗ dernd. Ein Sprengſtück hatte das Kreuz der weißen Säule mitgenommen, ein anderes das Geſicht des Engels, der die Urne hielt, verſtümmelt. Der Polytechniker lachte ganz ausgelaſſen. „Der fromme Oberſt Dugrange guillotinirt Kreuze und ſchießt den Engeln die Naſe weg! Das iſt eine große Sünde, Herr Oberſt! Das ſchickt ſich nicht für einen frommen Soldaten, würdet Ihr an meiner Stelle ſagen; kein Stand hat den Segen Gottes ſo nöthig als der Kriegerſtand! war ja einer Ihrer Wahlſprüche, und vor einer Schlacht drei Roſenkränze beten, ſei ein beſſerer Schutz als der breiteſte Wall und der tiefſte Graben.“ Während der bleiche junge Menſch noch mit ſeinem zwei Stunden von ihm entfernten ehemaligen Lehrer plauderte, zerplatzte eine Granate dicht am Fuße des Grabmonuments und hüllte daſſelbe einen Moment lang in Rauch und Feuer. Als ſich der Rauch ver⸗ zogen, ſaß der muntere Spötter am Boden, einen Arm über den Pulverkaſten des Geſchützes gebeugt und das Haupt vornüber geſunken. Sein Geſicht war noch bleicher als ſonſt, ſeine Augen waren geſchloſſen. „Mutter!“ murmelte der junge Menſ unaufhaltſam ein Strom rothen warmen Blutes über ſeine Schüleruniform hinabfloß. ch, während — — 147 Paul Mervin warf keinen Blick auf ſeinen jugend⸗ lichen Adjutanten. Mit betäubender Regelmäßigkeit feuerten ſeine Kanonen, Schlag auf Schlag kamen die Granaten des Mont⸗Valerien angeſauſt, aber in den kurzen Pauſen, welche das Höllengetöſe ließ, hatte Paul Mervin's nervöſe Empfänglichkeit jenſeits des Kirchhofs den Tambour vernommen, welcher zum Angriff ſchlug. Während der Polytechniker ſein letztes Röcheln ausſtieß, eilte Paul Mervin mit jugendlicher Rüſtigkeit die improviſirte Baſtion hinunter. Seine Leute ſahen lange ſeine magere Geſtalt ſich zwiſchen den dichtſtehen⸗ den Grabmonumenten hindurchwinden, dann war er ihren Augen entſchwunden.. Aber er kam wieder. Mit wilden Sätzen, wie man ſie ſeinen morſchen Gliedern nicht mehr hätte zu⸗ trauen ſollen, ſprang er über die Grabhügel und eilte den Erdhügel herauf. „Sie kommen!“ ſagte er mit dem Ausdruck eines fanatiſchen Haſſes im Geſicht.„Sie kommen, die Maul⸗ würfe, denen jeder Lichtſtrahl in den blöden Augen wehthut! Sie wollen uns von hinten todtſchlagen und mit uns das ſchöpferiſche Genie, das der Welt und dem Leben neue Geſetze und eine neue Bewegung gibt, ſie wollen Alles todtſchlagen, was klüger iſt als ſie.“ 10* 5 448 In der That klang der Angriffswirbel der Tam⸗ bours immer näher. Da Peore Lachaiſe durch eine zehnfache Barrikadenreihe in der Richtung, woher der Hauptangriff der Verſailler erfolgte, geſichert war, ſo hatte man es unterlaſſen, der Batterie Paul Mervin's eine Truppenabtheilung als Bedeckung zu geben. Durch den Verrath Stanowsky's jedoch war der Colonne Mondélion's der Weg quer durch eine der excentriſchen Vorſtädte geöffnet worden, welche man als die ſicherſten und letzten Rückzugspunkte der Com⸗ muniſten betrachtete. Allerdings waren die Stadttheile, durch welche Mondélion vordrang, augenblicklich alar⸗ mirt worden und ein Zurückgehen auf derſelben Linie wäre nur ein fortdauernder und zweifelhafter Kampf ge⸗ worden. Ein ſolches Zurückgehen jedoch lag nicht in der Abſicht des Generals. Er hatte den Befehl, gegen den Rücken der Barrikaden im Centrum der Stadt zu operiren und auf ſeinem Wege Alles wegzuräumen, was dem Vordringen der Hauptmacht ernſtliche Ge⸗ fahren bereiten konnte. Bei anbrechendem Morgen hatte die Batterie auf Pore Lachaiſe ihr furchtbares Feuer eröffnet und Mon⸗ délion hatte ſofort die Richtung ſeines Marſches ver⸗ ändert. Es war überflüſſig, ſich jetzt verbergen zu wollen. Ringsum heulten die Glocken, raſſelte der 149 Generalmarſch, der die Bevölkerung zu den Waffen rief, im Laufſchritt über halbvollendete oder verlaſſene Barrikaden ging es vorwärts, Tambour battant, mit geſchwungener Tricolore. Die Avantgarde war am Fuße des Kirchhofs angekommen und ſtürmte vorwärts, der General auf dem gefleckten Pferde hielt, um die nachrückenden Truppen zu ſammeln. Paul Mervin ſtand einen Augenblick ſinnend. Er dachte nach, ob es möglich ſei, die ſchweren Geſchütze raſch zu wenden— es war ohne eine ſtundenlange Erd⸗ arbeit unmöglich. Nur das Geſchütz auf der Gruft konnte ohne Zeit⸗ verluſt umgedreht werden. Er gab den Befehl dazu und ließ zum Sammeln der Mannſchaft blaſen. Von allen Geſchützen ſtrömten die Arbeiter mit den nackten Armen und den rothen Binden herbei. Paul Mervin richtete ſich auf. „Kinder!“ ſagte er.„Ich bin ein zu guter Rechner, als daß ich mir einbilden könnte, mit Euch paar Leu⸗ ten, ſo tapfer Ihr ſein mögt, faſt ohne Waffen die ſchweren Geſchütze zu vertheidigen, welche in Poſition zu bringen wir faſt zwei Tage gebraucht haben. Der Feind iſt uur wenige Schritte weit von hier, überall findet er bei ſeinem Vorrücken Deckung und das Feuer eines Geſchützes wird ihn nicht aufhalten. Ich ſehe 150 keinen Grund, warum ich Euch hinopfern ſoll zur Vertheidigung eines verlorenen Poſtens. Ich befehle Euch daher, daß Ihr Euch ſo raſch als möglich ent⸗ fernt und Euch nach der nächſten Barrikade begebt, wo Ihr mehr nützen könnt, als wenn Ihr Euch auf den Kanonen todtſchlagen laßt, die ihre Schuldigkeit gethan haben. Geht und macht Euch der großen Sache ſo nützlich, als Ihr könnt.“ Stumm und düſter hörten die Arbeiter ihren Meiſter. „Und Ihr?“ murrten ſie. „Kümmert Euch nicht um mich, Kinder!“ drängte Paul Mervin mit faſt ärgerlicher Eile.„Ihr dürft verſichert ſein, daß keins der Geſchütze, die Ihr hier laßt, gegen Euch gewendet werden wird. Habt Ihr noch nie von dem römiſchen Naturforſcher gehört, wel⸗ cher in den Krater eines feuerſpeienden Berges hinab⸗ ſprang, weil er dem gewaltigen Wiſſensdrang in ſich nicht widerſtehen konnte? Geht und ſtört mich nicht bei dem größten chemiſchen Verſuch, den ich je gemacht habe. Hört Ihr den Tambour? Sie kommen immer näher— geht!“ Paul Mervin ſtampfte vor Ungeduld auf den Boden. Mürriſch zogen ſich die Arbeiter zurück. Eine unheimliche Freude leuchtete über Paul Mervin's Ant⸗ litz, als er ſich allein ſah. 151 Er blickte um ſich. Noch war kein Feind zu ſehen, aber die Trommelwirbel tönten immer näher. Paul Mervin verſchwand einen Augenblick in dem Dunkel der Gruft, dann kam er wieder. Unter dem einen Arm trug er eine ziemlich große Flaſche, welche durch eine Metallhülſe vor dem Zerbrechen geſchützt war, unter dem andern ein kleines, zierlich gearbeitetes Käſtchen. Er ſtellte das Käſtchen auf den Boden, nahm aus der Taſche ein Stück Watte, machte acht verſchie⸗ dene ziemlich große Pfropfen daraus und begoß ſie mit dem durchſichtig⸗ flüſſigen, geruchloſen Inhalt der Flaſche. Dann öffnete er den Verſchluß des rieſigen Hinterladungsgeſchützes, welches verſtummt neben ihm ſtand, und ſchob einen der Pfropfen hinein. Hierauf öffnete er das Käſtchen und nahm daraus einen zier⸗ lichen elekriſchen Apparat und verſchiedene zuſammen⸗ gewickelte Drähte; einen dieſer Drähte brachte er mit dem Verſchluß der Kanonen in Verbindung. Sodann eilte er hinunter und nahm mit den übrigen ſieben Geſchützen die nämliche Verrichtung vor. Zuletzt ver⸗ einigte er die Enden ſämmtlicher acht Drähte in einem, welchen er aufrollte und mit dem Apparat in Verbin⸗ dung brachte. Einen weitern Zweigdraht führte Paul Mervin abwärts zu den Pulverkäſten. 152 Als er wieder heraufſtieg, fiel ſein Blick auf die Leiche des Polytechnikers. Wahrſcheinlich infolge der Erſchütterung des Bodens, welche die haſtigen Schritte Paul Mervin's hervorgerufen hatten, war der Arm des Todten von dem Pulverkaſten heruntergeſunken und konnte auf den erſten Augenblick vermuthen laſſen, daß der Todte ſich während der kurzen Abweſenheit Paul Mervin's bewegt habe. Mit einem Blick jenes ſcheuen Mißtrauens, welches an die Tage ſeiner Dunkelheit und ſeines Elends erin⸗ nerte, ſah Paul Mervin auf den Todten, dann unter⸗ ſuchte er ſorgfältig alle Theile des elektriſchen Appa⸗ rats. Er nickte befriedigt und lächelte dem Todten freundlich zu. „Ich that Dir Unrecht, Knabe. Die Todten ver⸗ rathen uns nicht, die Todten ſind unſere Freunde. Sie lieben die Chemie, ſie zerfallen ſelber in die Stoffe, aus denen ſie geworden ſind.“ Paul Mervin's umherirrendes Auge fiel auf den Marmorſockel, der den Genius trug; zu den Füßen des Engels prangte ein kunſtreich gehauenes Wappen. Paul Mervin lächelte wieder und dabei zog ſich ſein Geſicht in lauter feine grinſende Falten. „Wie werden ſich die ariſtokratiſchen Schädel 153 wundern, wenn ſie gleich dem Gerippe eines todten Käfers, das der Wind entführt, in die Luft geblaſen werden! Die Chemie macht Alles gleich, Alles. Und hoch über Allem ſchwebt nur der Geiſt, den ſie in Banden ſchlugen von jeher, während er doch frei iſt von Anbeginn und ſich immer ſelber befreien kann, indem er aufhört. Geiſt— hm! Was iſt Geiſt? Ein weſenloſer Begriff, der Punkt, wo ſich die beiden Linien Stoff und Bewegung kreuzen.“ Und Paul Mervin entblößte das Haupt, wie zum ehrfurchtsvollen Abſchiedsgruß an den eigenen Geiſt, den er aufzulöſen im Begriff war, indem er den Organis⸗ mus zerſtörte, deſſen Agens jener bildete. Die Sonne ſtand im Zenith und alle die ſteinernen und vergoldeten Grabdenkmäler leuchteten. Zwiſchen ihnen blinkten auch bereits die Bajonette, ſchimmerten die rothen Hoſen der vordringenden Sol⸗ daten. Hinter ihnen erſchien der General auf dem gefleckten Pferde, umgeben von ſeinen Offizieren. Etwa zweihundert Schritte vor der Batterie an⸗ gekommen, ſah er, daß die bretagniſchen Bauerjungen unwillkürlich Halt machten vor dem unerwarteten Anblick. Wo ſie noch eben die Donnerſchläge einer heißen Artillerieſchlacht vernommen, ſtand inmitten nun ver⸗ 154 ſtummter mächtiger Geſchütze auf einem hohen Erd⸗ haufen ein einziger ſchwarzgekleideter Mann. Die warme Maiſonne fiel hell und warm auf ſein entblößtes Haupt mit den dünnen hellen Haaren und auf die lebloſe oder ſchlafende Geſtalt eines Knaben in dunkelblauer Uniform, der neben ihm lag. General Mondeélion ſchien etwas ihm Bekanntes zu ſuchen auf dem Kirchhof, ſein Auge irrte mit ängſt⸗ licher Haſt den weißbeſtreuten Weg entlang. „Vorwärts!“ klang ſeine helle, durchdringende Stimme über die Gräber. Da beugte ſich der ſchwarze Mann auf dem Erd⸗ hügel etwas nieder. Einen Augenblick erſchien es, als. ob eine Menge blaugelber Funken unter ſeiner Hand hervorblitzten. Mondélion's Schecke ſtieg, geblendet von dem Meer voon blauem Licht, das vor ihm die Atmoſphäre erfüllte, betäubt von dem furchtbaren Knall, der darauf folgte, mit den Vorderbeinen hoch in die Luft, ſich nach hinten überſchlagend und den Reiter mit ſeinem Leibe bedeckend. Eine ungeheure ſtinkende Rauchwolke deckte Alles. Und weit und breit praſſelte es nieder von zerriſſenen Metallſtücken, Steinen und menſchlichen Gliedmaßen, und weit hinten von der Colonne, die am Eingang des Kirchhofs hielt, tönte das Geſchrei der Getroffenen. Als ſich der Rauch etwas verzogen hatte, ſtand auch der General wieder aufrecht neben ſeinem zittern⸗ den Thiere. Einige ſchwerverwundete Soldaten krochen wimmernd auf ihn zu, andere lagen für immer ver⸗ ſtummt auf den verwüſteten Gräbern. Weit rückwärts ſammelte ſich der unverwundete Reſt ſeines Stabes und ſuchte die entſetzten Thiere an vie Seite des Generals zu treiben. Dieſer ſtürzte zu Fuß vorwärts. Von der Bat⸗ terie ſah er nur noch einige Stücke zertrümmerter Laf⸗ fetten. Das einſtige Gruftgewölbe war nur noch ein rauchendes Loch mit einigen geſchwärzten Mauerreſten. Ein Stück des Engels mit dem Sockel hatte ſich beim Herabſturz tief in das weiche Erdreich eines fremden Grabes gebohrt. Ein Stück des halbvergrabenen Wap⸗ pens ſah über den rauchenden Boden hervor. Mondeélion ſtand düſter davor. „Alles haben ſie mir geraubt und zerſtört, ſelbſt das Grab meiner Mutter! Es bleibt mir nichts mehr, als noch einmal das Antlitz des Weibes zu ſehen, das nach allen Geſetzen der Natur und Sitte ewig für mich verloren iſt.“ Neuntes Kapitel. Die Barrikade in der Rue Jacob. „Paris, den dritten Prairial des Jahres 79. Der Feind iſt in unſere Mauern eingedrungen, nicht durch Gewalt, ſondern durch Verrath. Der Muth und die Kraft des Volkes werden ihn zurückwerfen. Zur Stunde, wo alle großen Gemeinden von Frankreich ſich erheben zur Wiedereroberung ihrer Freiheiten, um ſich unter ſich ſelber und mit Paris zu verbinden, hat Paris, die heilige Stadt, der Herd der Revolution und der Civi⸗ liſation, nichts zu befürchten. Der Kampf wird hart ſein. Sei es! Aber vergeſſen wir nicht, daß es der letzte iſt, daß wir nur einer äußerſten Anſtrengung unſerer Feinde zu begegnen haben. Dieſen Leuten, welche nichts hat belehren können, die weder die große —— 127 Revolution noch die Erhebung des Jahres dreißig an⸗ erkennen, die vergeſſen haben die Kämpfe von acht⸗ undvierzig, die Schande des zweiten December und von Sedan, welche ſich nicht einmal des vierten September erinnern, der Tage der Belagerung und des acht⸗ zehnten März, wir werden ihnen die große Lehre vom Prairial 79 geben. Oeffnen wir unſere Reihen für die, welche die Verſailler mit Gewalt in ihre Reihen gezwungen haben und die nur auf den Moment warten, um ſich mit uns zu vereinigen, um zu vertheidigen die Commune, die Republik, Frankreich! Aber kein Erbarmen für die Verräther, für die Spieß⸗ geſellen der Bonaparte, der Favre, der Thiers! Alles zu den Barrikaden! Alles ſoll arbeiten, willig oder gezwungen, um ſie zu errichten. Alle, welche ein Ge⸗ wehr tragen, eine Kanone oder Mitrailleuſe richten können, ſollen ſie vertheidigen. Auch die Frauen ſollen ſich erheben und mit ihren Vätern, ihren Brüdern, ih⸗ ren Gatten vereinigen. Diejenigen, welche keine Waf⸗ fen haben, pflegen die Verwundeten und tragen die Steine der Straße in ihre Wohnungen, um von oben herab die Eindringlinge zu zerſchmettern. Läutet Sturm, ſetzt alle Glocken in Bewegung und löſt alle Kanonen, ſolange noch ein einziger Feind in unſern Mauern weilt. Es wird ein ſchrecklicher Kampf, denn der Feind kennt kein Mitleid. Thiers will Paris vertilgen, alle unſere Nationalgarden niederſchießen oder deportiren laſſen; keiner von ihnen wird Gnade finden vor dieſem Verächter der Volksſouveränetät, deſſen ganzes Leben beſudelt iſt mit Angriffen auf die Freiheit und Wohl⸗ fahrt ſeiner Nation. Für ihn und ſeine Spießgeſellen ſind alle Mittel gut. Der volle ganze Sieg iſt die einzige Wahl, welche uns dieſer unverſöhnliche Feind läßt. Dieſen Sieg wollen wir durch Eintracht und Aufopferung erringen. Schon treten die Soldaten, unſere Brüder, in Maſſe zu uns über. Die Armee von Thiers wird zuſammenſchmelzen bis auf ſeine Gen⸗ darmen. Unter ihnen und uns iſt ein Abgrund! Zu den Waffen! Muth, Bürger! Eine letzte Anſtrengung, und der Sieg iſt unſer! Alles für die Republik, Alles für die Commune!“ Auch in die Manſarde Jean Jaccard's war dieſer letzte Aufruf für eine verlorene Sache gedrungen. Loui⸗ ſon hatte die feurigen Worte geleſen und ihre tief ein⸗ geſunkenen, trüben Augen waren aufgeglüht in phos⸗ phoriſchem Glanze. Sie wußte, daß der Kampf ein 5 verzweifelter war, daß es bald zu Ende ſein werde mit Allem, auch mit ihr. In dumpfem Brüten hatte ſie tagelang geſeſſen, ohne Hoffnung, ohne Furcht, dann und wann emporgeſchreckt durch die 159 kindiſchen Fragen Nini Berton's und ſie zerſtreut beant⸗ wortend. Da hatte ihr Poère Androlet, der noch feſt an den Sieg glaubte, das Blatt mit den rothen Buchſtaben gebracht und ſie konnte das Auge nicht mehr von der Stelle wenden, wo es hieß: „Auch die Frauen ſollen ſich erheben.“ Ja, ſie war ihrem Bruder eine Sühne ſchuldig, der geſtorben war durch ſie. Sie wollte ſeiner würdig enden. 1 Pore Androlet erzählte ihr von der rieſigen Barri⸗ kade, welche die Studenten unten vor dem Hauſe auf⸗ gerichtet hatten, und daß der tapfere Jules Bandeau den Befehl übernommen habe. Louiſon konnte jetzt den Na⸗ men Jules Bandeau's hören ohne Erregung, ſie haßte ihn nicht mehr. Er hatte ihr ja nichts gethan, im Vergleich zu dem Elend, das Andere ihr zugefügt. Er hatte geplaudert, Andere hatten mit kalter Hand ge⸗ mordet. Nur bedauerte Poère Androlet, daß man ſchwerlich werde Gebrauch machen können von der ſchönen Barrikade, da über der Seine die National⸗ garde überall ſiegreich ſei und die Verſailler auf allen Punkten zurückwichen. Louiſon ſchwieg, ſie wußte das beſſer. Sie hatte den ganzen Tag faſt unbeweglich am Fenſter geſtanden 160 und auf das Geräuſch des nicht fernen Kampfes ge⸗ lauſcht; derſelbe kam immer näher und erſt bei ein⸗ brechender Dunkelheit wurden die Schüſſe ſpärlicher und verſtummten endlich ganz. Pore Androlet war gegangen. Louiſon hielt noch immer das bedruckte Papier in der Hand und beim ſchwachen Schimmer der ärmlichen Lampe las ſie im⸗ mer wieder den Aufruf an die Frauen, an der Seite von Bruder und Gatten in den Kampf zu ziehen. „Jean iſt todt“, murmelte ſie leiſe. Ein Schauer ſchüttelte ſie, als ſie fortfuhr:„Mein Gatte iſt ein Mörder, aber ich komme allein, ich komme allein.“ Nini bewegte ſich auf ihrem Lager. Louiſon wen⸗ dete die Blicke nach der abgezehrten Geſtalt, als ob ſie ſich plötzlich einer vergeſſenen Pflicht erinnere. „Jean bleibt lange fort!“ ſagte Nini mit ſchwa⸗ cher Stimme.„Iſt der ſchreckliche Krieg noch nicht zu Ende? Kommt er noch nicht bald?“ „Er kommt bald, arme Nini!“ „Am Ende wird er verwundet, er iſt zu kühn!“ ſagte Nini, und durch die Beſorgniß, welche auf ihrem abgezehrten Geſichte lag, ſchimmerte ein Lächeln des Stolzes. „Wir wollen nicht hoffen—“ Unruhig ſtand Louiſon auf und machte einige 16¹ Schritte durch das Zimmer. Sinnend blieb ſie ſtehen. Dann öffnete ſie einen kleinen Schrank, in dem ihr Bruder einige chemiſche Ingredienzien aufzubewahren pflegte. Er hatte ihr und Nini früher manchmal kleinere Ex⸗ perimente gezeigt und ſie mit dem überraſchenden Far⸗ benwechſel beluſtigt. Jean Jaccard hatte ſie damals öfter vor den kleinen Phiolen und den unſchuldig aus⸗ ſehenden Flüſſigkeiten gewarnt, da dieſelben zum Theil ſehr zerſtörende Gifte enthielten. Während Nini da⸗ mals blos mit halbem Ohr zuhörte, da für ſie höchſtens die chemiſchen Reſultate der Seidenfärber Intereſſe hatten, hatte ſich Louiſon Alles genau erklären laſſen und kannte ſehr bald alle Fläſchchen und ihren Inhalt auf das genaueſte. Die Phiolen mit ihrem Inhalt ſtanden noch an dem alten Platz. Louiſon beſah ſie ſich und nahm eine derſelben heraus. Sie wußte zwar den Namen des Inhalts nicht mehr, aber ſie erkannte das Fläſchchen wieder an ſeiner eigenthümlichen Form und erinnerte ſich deutlich, von ihrem Bruder damals gehört zu haben, daß einige Tropfen, von dieſer Flüſſigkeit genoſſen, in wenig Se⸗ kunden eine allgemeine Lähmung und einen ſanften, ſchmerzloſen Tod herbeiführten. Dieſes Fläſchchen nahm Louiſon für alle Fälle. v. Schlägel, Der rothe Faſching. II. 11 162 Da begann Nini, welche nicht einſchlafen konnte, wieder zu ſprechen: „Ich hatte mich ſchon ganz mit dem Tode ver⸗ traut gemacht. Aber manchmal iſt mir dann wieder, als ob ich doch recht gern wieder leben und geſund werden möchte. Glaubſt Du, daß Jean ſich freuen würde, Louiſon, wenn ich wieder geſund würde? Glaubſt Du, daß er alles Vergangene vergeſſen würde?“ Louiſon ſchrak zuſammen, als ſie Nini's Stimme hörte, und verbarg das Fläſchchen raſch. Dann wandte ſie ſich nach Nini um. „Sei ruhig, gute Nini! Er hat Alles vergeſſen!“ Nini's Antlitz röthete ſich vor freudiger Erregung und ſie richtete ſich auf den Armen auf, die gelb und zitternd aus der ärmlichen Jacke ſahen. „Hat er Dir es geſagt, Louiſon? O, ich wußte es ja, daß er gut iſt, unendlich gut. Ich weiß ja, daß ich unwürdig bin, daß er mich wieder lieb hat, ſo wie früher, ich weiß es; nur nicht allzu ſehr verachten ſoll er mich, denn die Verachtung ſchmerzt, auch wenn man ſie verdient hat.“ „Er verachtet Dich nicht, Nini! Suche zu ſchla⸗ fen!“ „Ich will Dir folgen Louiſon, Du biſt ja ſo gut! Aber vorher ſage mir noch, ob Du auch glaubſt, daß 163 Jean morgen kommt; mir iſt immer ſo, als werde er morgen zurückkehren.“ „Morgen werden wir wahrſcheinlich ſein, wo er iſt, Kun lſo gehen wir zu ihm? Das iſt hübſch von Dir, ouon Ich bin zwar ſchwach, aber es wird ſchon gehen. Man muß ſich nur nicht allzuſehr nachgeben. Ich hätte ſchon längſt aufſtehen und das Gehen pro⸗ biren ſollen. Ich komme mit morgen, ganz gewiß, Louiſon.“ „Schlafe, Nini.“ Und Nini ſchloß gehorſam die Augen, aber an ihrem bald traurig, bald hoffnungsvoll lächelnden Mund ſah man, daß ſie nicht ſchlief. Doch ſie war gehorſam und öffnete die Augen ſelbſt nicht, als Peère Androlet leiſe an die Thür klopfte. Pere Androlet trug eine lange Stange und ein Bündel ro⸗ then Zeuges. Auf den Fußſpitzen, um Nini nicht zu wecken, ſchlich er näher. „Wir haben keine Fahne für unſere Barrikade“, flüſterte er.„In eine haben wir Euren Bruder ge⸗ hüllt und die andere hat heute morgen Roberto mit⸗ genommen. Jules Bandeau läßt Euch bitten, aus den Vorhängen, die wir requirirt, eine große ſchöne 14* 164 Fahne zu machen. Von Euren Händen gefertigt, bringe ſie uns Glück, ſagt er, und die Andern ſind derſelben Meinung.“ Pere Androlet hielt inne, als erwarte er, gefragt zu werden:„Und Ihr?“ Aber Louiſon fragte nicht, ſondern nickte blos mit dem Kopfe und Pore Androlet ſchlich wieder auf den Zehen davon. Louiſon blickte ſinnend vor ſich nieder auf das Zeug, das vor ihr lag. Nini hatte die blauen Augen vor Erſtaunen weit aufgeſperrt. „Was ſollſt Du mit dem vielen rothen Zeug, Louiſon?“ Louiſon erſchrak nicht mehr. „Ich ſoll eine Fahne machen und mit der wollen die Studenten unſerm Jean morgen entgegengehen.“ „Das iſt ſchön von ihnen!“ ſagte Nini mit dem Tone ernſteſter Ueberzeugung.„Jetzt will ich aber gewiß ſchlafen, damit ich morgen bei Kräften bin! Strenge auch Du Dich nicht zu ſehr an, Louiſon! Gute Nacht!“ „Gute Nacht!“ Nini ſchloß die Augen und Louiſon machte ſich an die Arbeit. Von der Straße herauf drang matt und undeutlich der Lärm der Männer, welche an der ——— ——— 165 Barrikade arbeiteten, fernher rollte dann und wann der Schall eines Kanonenſchuſſes über die Stadt. Mitternacht war vorbei, und die rothe Fahne für die Barrikade der Rue Jacob war fertig. Auf die Augen Louiſon's ſenkte ſich kein Schlummer nieder. Auch die Kanonade hatte wieder an Heftigkeit zuge⸗ nommen und wuchs von Minute zu Minute und er⸗ reichte eine außerordentliche Heftigkeit. Nini Berton bewegte ſich unruhig im Schlaf, ob⸗ wohl nun ſchon wochenlang der dumpfe dröhnende Kanonenbaß das Schlummerlied an ihrem Kranken⸗ lager ſang. Louiſon trat an das klirrende Fenſter und blickte hinaus. Stärker als jemals während der Belagerung hörte ſie jenes dumpfe anſchwellende und erſterbende Schwirren der Geſchoſſe, welche vielleicht eine Viertel⸗ ſtunde weit von der Rue Jacob entfernt in die Stadt flogen. Hier und da ſah ſie eins der mörderiſchen Geſchoſſe gleich einer Sternſchnuppe eine kurze Strecke am Nachthimmel beſchreiben, eine kleine ſchwarze Wolke hinter ſich zurücklaſſend, welche langſam in dem klaren, goldig durchſchimmerten Aether der Mainacht zerfloß. Dann und wann klang zwiſchen die Donner der Ar⸗ tillerie ein furchtbar unheimliches knatterndes Geräuſch, als ſplitterte ein Wald von Eichen unter der Fauſt ,,···—— 166 eines Giganten, als zerreiße die Luft unter den Kral⸗ len von Millionen Furien, die darin wütheten. Louiſon unterſchied dieſe Töne ſo gut wie die Phiolen ihres Bruders. Sie wußte, daß jenes entſetzliche Geknatter von der grauenhaften Thätigkeit der Mitrailleuſe her⸗ 5 rührte. Zu dieſen Tönen geſellte ſich noch ein ſeltſames Geſumme, als wenn Bienen um ihren Stock ſchwirrten. Dieſes Geräuſch kannte Louiſon noch nicht. Da ſchlug etwas Hartes mit plattem Ton gegen die Ziegel neben ihrem Fenſter und fiel dann zurück in die Dach⸗ rinne. Es war eine matte Chaſſepotkugel, welche den* Weg über ein Dutzend Dächer gefunden hatte. Louiſoen. 5 wußte nun, daß der Kampf in den Straßen wieder aufgenommen war. Manchmal trat ein erhabener Moment des Schwei⸗ gens ein und dann hörte ſie oder glaubte ſie die Glocken einer entfernten Kirche zu vernehmen. 1 Die Nacht war hell und klar. Der Mond war eben aufgegangen und ſeine ſchmale Sichel ſchwamm, ein Bild des ewigen Friedens, im dunklen Azur, die Sterne leuchteten in ihrem reinſten Gold. Louiſon's Blick verſenkte ſich in ſolchen Mo⸗ menten erhabener Stille immer tiefer in die unend⸗ liche Bläue und ein Seufzer der Klage und Sehn⸗ 167 ſucht entſtieg ihrer Bruſt, der weit über ein kurzes Menſchenleben hinausreichte und wortlos um ein Glück jammerte, das ſie einen Augenblick zu erfaſſen geglaubt hatte und das ihr geſchwunden war in Blut und Elend. Da auf einmal verfinſterte ſich der Horizont und die Sterne verſchwanden. Ungeheure ſchwarze Rauch⸗ wolken ſtiegen zum Himmel empor, dann ſenkten ſie ſich wieder herab auf die Stadt, die ſie wie mit einer ungeheuren Kuppel bedeckten. Aber nur einen Augen⸗ blick. Dann glühte die dunkle Kuppel, die den Himmel bedeckte, auf unter den rieſigen Flammenſäulen, die da und dort emporſtiegen. Die Flammen vereinigten ſich, trennten ſich wieder, da, dort erſchienen neue Feuer⸗ ſäulen und beugten ſich unter dem erwachenden Hauch des Morgenwindes, um aufs neue zu fürchterlicher Höhe emporzulodern, in verſchiedenen Farben, je nach dem Material, das der Flamme Nahrung bot, blau, grün, violett, amethyſtfarben, dann wieder brennend roth. Immer heftiger wurde die Kanonade, das Knat⸗ tern der Mitrailleuſen und das Schwirren der Chaſſe⸗ potkugeln, man konnte deutlich die Hurrahs der Trup⸗ pen unterſcheiden, denen die Salven von den Barrika⸗ den antworteten. Paris brannte und in den bren⸗ nenden Straßen kämpfte man. Allmälig wurden die Flammen blaſſer und das 168 Licht, das die dunklen Rauchwolken gelb und matt durchſchimmerte, war die Dämmerung des Morgens. Louiſon trat vom Fenſter zurück. Ihr Antlitz leuch⸗ tete, als läge auf ihrem Geſicht noch der Widerſchein der Glut, deren Farbenpracht vor dem emporſteigenden Morgen erloſch. Die Lampe brannte noch ſchwach. Nini Berton war erwacht. „Was bedeutet dieſer häßliche brandige Geruch, Louiſon, und dieſes Schießen?“ „Es brennt in der Nachbarſchaft ſeit heute Nacht. Was Du für Schießen hältſt, ſind die Balken und Mauern, die man einreiſi um den Flammen Einhalt zu thun.“ „In der Nachbarſchaft? Darum hörte ich immer ein ſo ſonderbares Geräuſch und manchmal im Traum war mir's, als ſähe ich in lauter Feuer. Das Feuer wird doch gelöſcht?“ „Ja, Nini!“ „Das iſt gut“, lächelte die Kranke;„ich wäre nicht gern verbrannt, ehe ich Jean nochmals geſehen. Werden wir bald aufbrechen, um ihm entgegenzu⸗ gehen?“ „Es graut kaum der Tag, Nini, und dann wirſt Du wohl zu ſchwach ſein zum Gehen.“ — 169 Nini's Geſicht erhielt einen ähnlichen Ausdruck wie damals, da Stanowsky ſich weigerte, vierſpännig mit ihr ins Bois zu fahren. „Ich will probiren, ob ich gehen kann, ſogleich!“ Nini machte einen Verſuch, ſich aufzurichten, aber matt und kraftlos fiel ſie wieder in ihre Kiſſen zurück und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. „Ich kann nicht, Louiſon!“ „Dann wird Jean zu Dir kommen, Ninil“ „Wird er das? O gewiß, er iſt ja ſo gut! Sage ihm, daß ich ihm ſo gern entgegengegangen wäre mit Dir und den Andern, aber daß ich zu krank bin dazu. Vergiß es nicht, Louiſon!“ „Gewiß nicht, Nini!“ Und Nini weinte darüber, daß ſie Jean nicht ent⸗ gegengehen konnte. Aber ihr durch das lange Krankenlager geſchwäch⸗ tes Köpflein vergaß ſehr bald die eigenen Thränen und horchte auf das Geräuſch, das immer lauter durch das geſchloſſene Fenſter drang. 8 „Sind ſie denn mit dem brennenden Hauſe noch nicht fertig? Das klingt ja wie Schießen.“ „Ich habe gehört, daß man jetzt manchmal Feuersbrünſte auch durch Pulverexploſionen löſcht. Vielleicht iſt's das.“ 170 „Ja, das wird's ſein!“ lächelte Nini.„Sie machen einen Lärm dabei, als ob ſie ſich gegenſeitig um⸗ brächten.“ Eine neue Beſorgniß kreuzte Nini Berton's Köpf⸗ lein. „Höre, Louiſon, Jean iſt zu waghalſig! Wenn er zurückkommt und das Feuer ſieht, will er ge⸗ wiß helfen. Und dabei könnte ihm ein Leid geſchehen. Daß Du ihn nicht zu dem Feuer läßt, hörſt Du? Sag; ihm nur, ich hätte geſagt, er ſolle gleich zu mir kommen—“ Nini ſtockte und erröthete. Sie hatte in jenem kindiſch⸗herriſchen Ton geſprochen, wie ſie ihn frühens gewohnt war. Aber das war ja vorbei, lange, lange. Und ſie ſchämte ſich, daß ſie ſo geſprochen. Immer höher ſtieg der Tag herauf, immer näher kam das wilde Getöſe. Louiſon zuckte bei ſtärkern Salven zuſammen, aber das, was ſich in ihrem Ge⸗ ſicht dabei malte, war nicht Furcht, ſondern etwas von jenem ſtolzen, bleichen Trotz, mit dem Jean in die Mündung des Revolvers ſchaute, den der Manu ſeiner Schweſter gegen ihn erhob. Nini ſagte nichts mehr. Eine fieberhafte Unruhe lag auf ihrem Geſicht und mit den müden ſchweren Augen folgte ſie allen Bewegungen Louiſon's. 4 171 Da ſtürzte Pere Androlet herein. „Sie kommen! Louiſon, ſie kommen!“ rief er.„Gebt mir die rothe Fahne!“ „Geht zurück und thut Eure Pflicht, Androlet, die Fahne bringe ich Euch ſelbſt.“*½ Pore Androlet ſah ſie verwundert an. „Aber in wenigen Minuten ſind ſie da, die erſten ſind ſchon am Ende der Straße ſichtbar. Bleibt hier, es iſt zu ſpät.“ Louiſon's bleiche Lippen zogen ſich mit ſtolzem Lächeln abwärts. „Sagt unſern Freunden, daß ich ihnen ihre Fahne helber bringen werde, und geht!“ Louiſon hatte das in ſolch beſtimmtem Tone ge⸗ ſagt, daß Pere Androlet mit ſcheuem Blick zu ihr auf⸗ ſah und ſich dann zurückzog. „Wer kommt?“ fragte Nini ängſtlich. „Jean, mein lieber, ſüßer Bruder!“ antwortete Louiſon mit einem wilden Lächeln, und ihre Blicke glühten unheimlich.„Du hörſt es, Nini, daß ich ihm entgegengehen muß.“ Und ſie raffte die rothe Fahne vom Boden auf und wollte fort. „Ich weiß nicht, was das iſt“, ſagte Nini flüſternd und ſich umſchauend.„Ich habe plötzlich eine furchtbare Angſt, als geſchehe etwas Schreckliches. Ich fürchte mich, allein zu ſein.“ Louiſon blieb ſtehen und eine Wolke flog über ihr von einer ſchrecklichen Heiterkeit ſtrahlendes Geſicht. „Ja, ja“, ſprach ſie ſinnend und mehrmals inne⸗ haltend,„ich habe Unrecht, Dich allein zu laſſen, aber ich muß fort, muß Jean entgegengehen. Ich werde Dir Deine Arznei bereiten, die nimmſt Du aber erſt, wenn in einer Stunde weder Poère Androlet noch ich zurück ſind.“ „Die Arznei, die Du mir da bereiteſt, riecht ſon⸗ derbar, gar nicht wie ſonſt.“ „Es iſt etwas Beruhigendes dabei. Du wirſt dan ſchlagen. gute Nini, ſchlafen, bis wir wiederkommen. Aber erſt, wenn in einer Stunde Niemand zurückge⸗ kommen iſt, darfſt Du die Arznei nehmen.“ „Und die Arznei wird mir gut thun?“ „Gewiß!“ „Und ch werde wieder ganz geheilt werden?“ „Von allen Leiden.“ „Ich danke Dir. Auch Du biſt gut, Louiſon.“ Louiſon kehrte an das Bett der Kranken zurück, umfaßte ſie ſtürmiſch. „Was iſt das?“ ſagte Nini.„Du weinſt, Du 173 haſt mich ſonſt nie geküßt. Bleibe bei mir, Louiſon, ich habe furchtbare Angſt..) Ihre zitternden Hände, welche Louiſon zu faſſen ſuchten, griffen ins Leere. Louiſon war langſam die Treppe hinuntergeſtiegen. Ein Stück des zuſammengerollten Fahnentuchs war losgegangen und fegte hinter ihr die ſteile Treppe hin⸗ unter, wie ein Strom dunklen Blutes, der ihr lautlos nachrauſchte. Louiſon trug noch die Trauerkleider, die ſie nach dem Tode der alten Baronin angelegt hatte. Seit lange trug ſie keine Locken mehr, in letzter Zeit hatte ſie es ſogar unterlaſſen, ihr Haar in die einfachen Zöpfe zu flechten, durch die die Locken erſetzt worden waren. Ueberraſcht ſtarrte die Beſatzung der Barrikade, Arbeiter, Studenten und Nationalgarden, auf das ſelt⸗ ſame bleiche Frauenbild, das mit lang herabwallenden Haaren, eine rothe Fahne in der Hand, unter ſie trat, während ihnen ſchon die erſten Chaſſepotkugeln um die Köpfe ſchwirrten. Pere Androlet ſtürzte vor Loui⸗ ſon auf die Kniee, um die Fahne zu empfangen, die ſie ihm brachte. „Steht auf, guter Androlet“, ſagte Louiſon„und kämpft für die Sache, für die ja auch unſer edler Jean gefallen iſt!“ 174 Pere Androlet küßte ſchluchzend Louiſon's Kleid. Dann nahm er die Fahne aus ihrer Hand und ſprang auf die Barrikade, wo er ſie unter dem Jubelgeſchrei der Menge aufpflanzte. Die Andern folgten ihm und bald antwortete ein gut unterhaltenes Feuer den Plänk⸗ lern der Verſailler, die auf beiden Seiten der Straße ſich in den Thorwegen und Mauervorſprüngen einge⸗ niſtet hatten oder in die Häuſer gedrungen waren und von dort aus die Barrikade beſchoſſen. Es fehlte der Commune nicht an Waffen. Auch aus dem Hauſe Androlet's war eine ſo große Anzahl von Gewehren herausgetragen worden, daß ſie für die dreifache Anzahl von Vertheidigern hingereicht hätte. Geöffnete Patronenkäſten ſtanden daneben. Louiſon hatte ſich raſch umgeſehen, wie ſie ſich nützlich machen könne. Da erblickte ſie die Gewehre und ſah, wie die Männer von der Barrikade von Zeit zu Zeit zu den Patronenkäſten zurückkehrten, um ſich Munition zu holen, denn die Verſailler hielten ſich ſorgfältig gedeckt und eine Menge Schüſſe gingen verloren. Das Gros der Abtheilung zeigte ſich noch immer nicht. Da ſah Loui⸗ ſon die Menge von Weibern, Kindern und halbwüchſi⸗ gen Burſchen, welche ſich unruhig in einiger Entfer⸗ nung herumtrieben und bei dem Ziſchen jeder Kugel, die ihnen über die Köpfe flog, ſchreiend auseinander⸗ * „ 4³½ ſtoben. Raſchen Schrittes ging Louiſon zu ihnen. Mit ſcheuen Blicken hörten die von der Angſt von einer brennenden Straße zur andern, von einer ge⸗ nommenen Barrikade zur nächſten Getriebenen die Worte, welche die bleiche Frau mit den flatternden Haaren zu ihnen ſprach, hohe, ſtolze Worte der Be⸗ geiſterung und todesfreudigen Muthes, und die in der Sklaverei des Elends und der Schande ſelbſt die Sehn⸗ ſucht nach Beſſerem verloren, horchten erröthend auf und es war ihnen, als wären ſie weniger elend und ver⸗ worfen, ſeit ihnen die begeiſterte Frau geſagt, daß auch ſie der Freiheit nützen, für ſie ſterben könnten. Haſtig, mit einer Art freudiger Erregung folgten ſie. Louiſon hatte nie einem Straßenkampf beigewohnt, und wenn ihr Réne Mondélion einen ſolchen beſchrie⸗ ben hätte, ſie würde ſich wohl das Wenigſte davon ha⸗ ben vorſtellen können. Jetzt, da die ſchreekliche, ernſte Wirklichkeit an ſie herantrat, wußte ſie Alles, hatte Blicke für Alles, traf überall das Richtige und Zweck⸗ mäßige. Mit wenigen Worten hatte ſie die Frauen im Laden der Gewehre unterrichtet, einer Hantierung, die ſie ſelber eben erſt den Kämpfenden abgelauſcht, und wo ein Schuß von der Barrikade knallte, da ſtand auch bereits ein halbwüchſiger Junge mit zerriſſener 176 Blouſe oder ein frühreifes Dirnchen mit gelbem Geſicht und glühenden Augen, um eine geladene Flinte dar⸗ zureichen. Louiſon hatte geſehen, wie hier und dort einer der Kämpfer erhitzt und ermattet zu den Er⸗ friſchungen zurücktaumelte, die im Hintergrunde ſo, wie man ſie in den Häuſern requirirt hatte, auf die Straße geworfen worden waren. Im Fluge hatte ſie eine andere Abtheilung ge⸗ bildet, welche mit Lebensmitteln von einem Kämpfen⸗ den zum andern eilte, ſodaß die Schützen ſchon wie⸗ der ihren Schuß auf den Feind abgeben konnten, wäß⸗ rend ſie noch an ihrem Biſſen kauten. Eine Kugel der Verſailler hatte getroffen. Ein durch die Bruſt geſchoſſener Blouſenmann wurde zu⸗ rückgetragen. Louiſon war die Schweſter eines Arztes. Nach einem Blick in das bärtige Geſicht des Arbeiters wußte ſie, daß dem ſterbenden Manne nicht mehr zu helfen war. Aber ſie half ihm doch. Sie ſprach feurige Worte zu ihm von der ewigen Freiheit, die nicht eher untergehen werde als mit dem letzten aufopfernden Menſchenherzen und die dann noch fortleben werde im Freiheitsdrange der ewigen Natur, und daß der Tod ja ſelber nichts ſei als die unend⸗ liche Freiheit. 177 Louiſon hatte dies Alles früher nicht gewußt, was ſie da ſprach, die Hand auf dem Herzen und mit leuch⸗ tenden Augen, aber der Mann, der nicht mehr reden konnte, drückte ihre Linke, die er umfaßt hielt, und ſeine Augen waren noch auf ihr Antlitz gerichtet, als ſie ſchon erloſchen waren. Dann ließ Louiſon den Todten in ein Haus tra⸗ gen, um durch ſeinen Anblick die Lebenden nicht zu entmuthigen, und verband die blutende Stirn eines Studenten, den ein Streifſchuß von der Barrikade her⸗ untertrieb. Seinen kurzen, gedrungenen Körper furchtlos den feindlichen Kugeln ausſetzend, an ſeiner breiten rothen Schärpe weithin erkennbar, ſtand Jules Bandeau auf der Barrikade und warf dann und wann einen Blick auf Louiſon. Manchmal, wenn die Kugeln dichter flogen und einer oder der andere von den Kämpfenden verſchüch⸗ tert hinabſprang in die Vertiefung, welche durch die ausgehobenen Pflaſterſteine und das zur Barrikade nöthige Erdreich ſich hinter derſelben gebildet hatte, ſo rief ihm Jules Bandeau zu: „Seht dort das Weib und betragt Euch als Männer!“ Und der ſo Angerufene ſtieg wieder hinter die v. Schlägel, Der rothe Faſching. II.. 12 Bruſtwehr, von der bald da, bald dort die Kugeln der Vorrückenden die Erde emporſpritzten. Die Plänkler kamen nur langſam näher und ſchienen es auch gar nicht eilig zu haben, denn ſie verließen nur ſelten ihre Deckungen, um im raſchen Laufe zu dem nächſten Thorbogen oder hinter einen der Barrikade näher liegenden Mauervorſprung zu ge⸗ langen. Pere Androlet murrte laut über dieſe Feigheit und ſprang ſogar auf die Krone der Bruſtwehr und verhöhnte die Feinde mit herausfordernden Ge⸗ berden. Ein paar Kugeln, die ihm um den Kopf pfiffen, waren die einzige Antwort. Pore Androlet ſah ihnen höhniſch nach. Da wurde ſein rothblaues Geſicht plötzlich gelb vor Zorn und Ueberraſchung. An den Fenſtern hinter der Barrikade erſchienen die Käppis, glänzten die Ge⸗ wehrläufe der Linienſoldaten, und eine Salve krachte nieder, daß ſich der fünfte Theil der Vertheidiger ver⸗ wundet oder ſterbend am Boden wälzte. Ueber Loui⸗ ſon's halbentblößten weißen Arm ſickerte das Blut einer Kugelwunde. Mit einem Satz war Androlet an ihrer Seite. „Ihr ſeid verwundet, Louiſon!“ 179 Louiſon beſah ſinnend das Blut an ihrem Arm und ſagte traurig: „Es iſt nichts! Etwas weiter rechts mußte er treffen, guter Androlet!“ „Ich ſah den, der es war!“ rief Pere Androlet mit wilden Blicken.„Er zielte lange.“ „Und doch traf er ſo ſchlecht!“ ſeufzte Louiſon, indem ſie vom Blutverluſt erſchöpft ſich auf die Stufen einer Hausthür niederließ. Der unerwartete Angriff hatte ſehr entmuthigend auf die Föderirten gewirkt. Schon ertönte der Ver⸗ zweiflungsruf: „Wir ſind verrathen!“ „Ruhe, Bürger!“ erdröhnte da die kurze, rauhe Stimme Jules Bandeau's.„Sie haben die Zwiſchen⸗ mauern durchbrochen und ſind innerhalb der Häuſer vorgerückt. Aber es ſoll ſie gereuen. Schlagt die Thüren der Häuſer ein, an deſſen Fenſtern Ihr einen Flintenlauf ſeht! Ein Faß Pulver in jedes dieſer Häuſer, einen langen Schwefelfaden, und dann mögen ſie die Luftreiſe antreten, die Schlauköpfe!“ Jules Bandeau hatte weithin vernehmbar gerufen. Bereits rollten ein halb Dutzend Pulverfäſſer über die Straße und die Flintenläufe und Käppis verſchwanden von den Fenſtern. 12* 2 180 „So!“ rief Jules Bandeau mit rauhem Lachen. „Laßt das Pulver, wo es iſt, und ihnen nach mit dem Bajonett, meine Jungen, und ſpießt die Maulwürfe in ihren Löchern! Es lebe die Commune!“ Mit wildem Rachegeſchrei ſtürzte ſich ein Theil der Kämpfer in die Häuſer und die Treppen hinauf, dumpf knallten hinter den Mauern die Schüſſe, zu den Fenſtern heraus gellte das Geſchrei der Kämpfen⸗ den. Vater Androlet war allen voran in das nächſte Haus geſtürmt. Drei Stockwerke hoch wurde ein Li⸗ nienſoldat herabgeſchleudert, daß ſein Körper bis zur Formloſigkeit auf dem Straßenpflaſter zerſchellte, und am Fenſter erſchien die dicke Geſtalt des Krämerkapi⸗ täns, mit wildem Lachen nach ſeinem Opfer in die Tiefe blickend. Da krachte es aus zwei, drei Fenſtern, die von der Linie noch beſetzt waren. Pore Androlet, deſſen Geſicht noch eben ob ſeiner Heldenthat in wildem Jubel glänzte, ſank vornüber und lag auf der Fenſter⸗ brüſtung, den Arm matt bewegend. Louiſon hatte mit Entſetzen die Handlung des Wüthenden geſehen. Mit der unverwundeten Hand deutete ſie nach dem Fenſter. „Androlet iſt verwundet— er wollte mich rächen — rettet ihn!“ Die von einem Haus zum andern dringenden Föderirten hatten ihn ſchon aufgefunden und trugen ihn abwärts. Pere Androlet mußte am Kopfe verwundet ſein, denn Blut tropfte aus ſeinen ſtarken buſchigen Haaren. Man legte ihn vor Louiſon zur Erde. Er konnte die Augen nicht mehr öffnen, aber er hörte ihre Stimme und lächelte. Leiſe röchelte er: „Ich ſterbe— aber auch er iſt todt— der Euch todtſchießen wollte. Vergeßt mich nicht!— Ich hätte⸗ auch ihn gern umgebracht— der Euch ſo elend machte— aber er war ſchon fort— und ich fand nur einen när⸗ riſchen Thürhüter— und dem ſchlug ich den Schädel ein.“ Pore Androlet ſchauerte zuſammen und ſagte nichts mehr. Pfeifend entwich die Luft den bewegungsloſen Lungen. Der ſeltſame Menſch, der weich war wie ein Kind und den die Liebe von einer Unmenſchlichkeit zur andern getrieben hatte, war todt. Louiſon hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Was war auch der Tod eines Mannes in dieſem Augenblicke, da er ſie in zwanzig Geſtalten umgab, was war er ihr, die ſelber ſterben wollte! Und den⸗ noch war ihr, als ſei ein treuer Freund gegangen, den ſie gern in Nähe gewußt hätte, wenn ſie ſelber zu ſterben kam. Da zuckte ſie zuſammen. Das, was ſie hörte, war daſſelbe knatternde Geräuſch, das ihr heute morgen ſchon das Blut in den Adern hatte erſtarren laſſen. Die Verſailler hatten am Ende der Straße eine Mitrailleuſe aufgefahren, welche bereits ihre ſchreckliche Thätigkeit begonnen hatte. Schreiend floh der Reſt der Weiber, die bei Loui⸗ ſon ausgehalten hatten, vor dem eiſernen Hagel, ei⸗ nige der Föderirten machten Miene, ihnen zu folgen. Jules Bandeau riß die rothe Fahne, welche Loui⸗ ſon gefertigt hatte, aus den zwei Pflaſterſteinen hervor, zwiſchen denen ſie befeſtigt war, und ſchwang ſie hoch über ſeinem Kopfe. „Vorwärts, Freunde!“ rief er.„Wir wollen uns hier nicht aus der Entfernung niederkartätſchen laſſen. Wenn die Henkersknechte ſich nicht Mann an Mann mit uns zu fechten getrauen, dann wollen wir zu ihnen kommen und ſie dazu zwingen. Wir wollen ihnen ihre alte Kaffeemühle nehmen und auf ſie rich⸗ ten! Muth, Kinder! Ehe ſie zweimal geladen haben, ſind wir über ihnen. Nehme jeder einen Schluck Branntwein und folge mir. Niemand halte ſich mit Schießen auf. Je raſcher wir vorwärts kommen, deſto 183 geringer iſt die Gefahr! Vorwärts für Euer Leben und die Commune!“ Die feurige Anſprache wirkte. Mit dem Arm, an dem das Blut fortwährend herniederlief, theilte Loui⸗ ſon den vorhandenen Branntwein unter die Leute aus. „Auf Ihr Wohl, Frau Baronin!“ ſagte galant ein junger bleicher Mann in Civil, der ſeiner Kleidung nach den höhern Ständen angehörte. „Baronin von der Barrikade!“ ſagte Louiſon mit düſterem Lächeln.„Kommt, meine Freunde! Ich werde mit Euch gehen!“ Längſt waren die Schickſale Louiſon's in hundert Lesarten im Munde des Volkes. Jubelnd wurde ſie von den entflammten Patrioten umgeben und mit lauter Begeiſterung brach die Schaar, Jules Bandeau mit der Fahne an der Spitze, hinter der Barrikade vor und ſtürmte dem raſſelnden Todes⸗ werkzeuge des Feindes entgegen. Auch Louiſon taumelte, durch den Blutverluſt er⸗ ſchöpft, in einem traumhaften Zuſtande vorwärts. Wie durch einen Schleier ſah ſie rings um ſich die vom Branntwein und ihrem eigenen Geſchrei trunkenen Ge⸗ ſtalten durch den Pulverdampf vorwärts eilen, nur noch in ſchattenhaften Umriſſen erblickte ſie die Geſtalt Jules Bandeau's mit der flatternden Fahne. Jetzt blitzte es aus dem Rauche auf und blitzte fort und fort und knatterte furchtbar dabei, und rechts und links vor Louiſon fielen ſie und blieben mit den ſonderbarſten Geberden liegen, aber Jules Bandeau mit der Fahne drang vorwärts, unaufhaltſam vorwärts. Jetzt ſah er ſich um. Nur die Hälfte von den Leuten noch ſolgte ihm, Louiſon war dicht auf ſeinen Ferſen. Er lächelte und nickte freundlich mit dem pulvergeſchwärz⸗ ten Geſicht, als er ſie ſo dicht hinter ſich ſah, und als das gräßliche Blitzen und Knattern wieder begann, ſprang er dicht vor Louiſon, ſie mit ſeinem Leibe deckend. In dieſem Augenblick fiel er. Seine kurze Geſtalt ſchlug nach rückwärts auf die Straße. Die nicht todt waren, flohen unaufhaltſam beim Fall des Führers. Louiſon beugte ſich zu dem Sterbenden nieder. Seine Uniform war an der rechten Bruſtſeite zerriſſen und von Blut getränkt. „Louiſon Jaccard!“ röchelte der Commandant und verſuchte es, den rothen borſtigen Kopf, von dem das Käppi gefallen war, nach ihr zu wenden.„Ich habe Euch einſt viel Böſes gethan. Ich fürchte den Tod nicht, aber ich möchte nicht ſterben, ehe Ihr mir ver⸗ zeiht. Jean ſtarb zu ſchnell und ſchied im Groll.“ * 185 „Ich verzeihe Euch, Jules Bandeau! Ihr ſterbt für mich!“ Jules Bandeau ſuchte zu lächeln, aber die Mus⸗ keln ſeines Geſichts erſtarrten wie im Krampf, ſein Körper ſtreckte ſich zuckend. Das entſetzliche Krachen hatte aufgehört. Aber wüſtes Geſchrei drang an Louiſon's Ohr und durch den Dampf ſah ſie die lebhaften Farben der vordrin⸗ genden Linientruppen. Da war ihr plötzlich, als ſei es ein großes Unglück, wenn ſie in die Gewalt ihrer Feinde fiele, als höre ſie die Stimme ihres Mannes, der über ſie zu Gericht ſaß und ſie zu dem ſchmählichſten Tode verurtheilte, ſie ſah die rothe Fahne am Boden, die der Hand des ſterbenden Jules Bandeau entfallen war, und zwiſchen die grauſamen Worte des Gatten miſchte ſich das Flehen des Bruders, die Fahne nicht dem Feinde zu überlaſſen, die er ihr ſelber anvertraut. Und Louiſon nahm die Fahne und richtete ihre matten Glieder an der Stange auf, und bärtige Sol⸗ datengeſichter erſchienen vor ihr und befahlen ihr ſich zu ergeben. René war nicht darunter, aber ohne Zweifel, ſie kamen von ihm, um ſie vor ſeinen Richterſtuhl zu führen, um ſie zu demüthigen und dann zu tödten wie ihren Bruder. Und mit dem verwundeten Arm um⸗ faßte ſie die Standarte und mit der andern Hand nahm ſie den Säbel Jules Bandeau's vom Boden auf und ſchlug um ſich, wie ſie es von den Andern ge⸗ ſehen, und als ſie ſchon entwaffnet am Boden lag und man ihr die Fahne entreißen wollte, ließ ſie dieſelbe nicht los, ſodaß die Fahne zerriß. Louiſon fühlte, wie die flachen Säbelklingen ihren Leib peitſchten und wie man ſie mit Füßen trat, und hörte entſetzliche Namen, die man zu ihr niederrief. Sie öffnete die Augen nicht, aber ſie wußte, daß er es war, der ſie ſo mißhandelte und all die abſcheulichen Dinge ſagte, dann wurde Alles dunkel um ſie und ſie hörte nichts mehr. s war nur wenige Stunden nachher— die Barri⸗ kade war zum größten Theil von den ſiegreichen Trup⸗ pen weggeräumt und eine Ambulance war mit der Fortſchaffung der Todten beſchäftigt— als drei Reiter mit zwei berittenen Ordonnanzen hinter ſich von der Seine her die Rue Jacob entlang ſprengten. Die Reiter waren der General Mondélion, der dicke Doctor Herbiot und Kapitän Beauregard. General Mondélion ſchien um zwanzig Jahre älter geworden, tief lagen die Augen über den eingefallenen gebräunten Wangen. Auch der Doctor Herbiot hatte etwas von ſeiner Beleibtheit verloren, das Reiten darum aber immer noch nicht beſſer gelernt. „Und Sie wiſſen gewiß, daß es in dieſer Straße war, wo die entſetzliche Scene ſtattfand?“ fragte der General mit bebender Stimme ſeinen Adjutanten. „Die Leute bezeichneten ausdrücklich die Barrikade Rue Jacob.“ „Rue Jacob!“ wiederholte der General mechaniſch und blickte um ſich. Ja, das war die Rue Jacobe. Noch ganz ſo wie früher, nur ſtatt der luſtigen Studenten und Griſetten, die ſich ſonſt hier herumtrieben, verrichteten bis aufs Aeußerſte abgemattete Sanitätsſoldaten mürriſch ihr trauriges Handwerk. Dort vorn lag auch das Haus des Krämers Androlet. General Mondeélion rief einen Unteroffizier zu ſich und blickte ihm ſcharf ins Geſicht. „Ihr habt wohl keine verwundete oder todte Frau hier gefunden?“ „Unter den Verwundeten war keine, mein General! Möglicherweiſe iſt eine unter den Todten; die waren ſchon auf einen Haufen geworfen, als wir kamen. Sie liegen dort bei den Reſten der Barrikade.“ „Es iſt doch kaum wahrſcheinlich“, begann Ge⸗ neral Mondélion wieder, während er ein Lächeln ver⸗ ſuchte und immer die Farbe wechſelte,„es iſt doch kaum glaublich, trotz der Aehnlichkeit, die jener Unter⸗ offizier gefunden haben will, und trotz der theilweiſen Zerſtörung ihres Hotels, daß die Baronin wieder in ihre frühere Umgebung zurückgekehrt ſein und an den abſcheulichen Orgien ſollte Theil genommen haben. Es iſt lächerlich! Ohne Zweifel wird ſie im Kreiſe irgend einer anſtändigen Familie ſchwer geängſtigt die Wiederkehr ruhiger Zuſtände herbeiſehnen, und wir mit unſerer Jagd auf die Todten haben das Vergnügen, uns ſelber aus⸗ zulachen. Meinen Sie nicht, Herbiot? Glauben Sie nicht, Beauregard?“ Der Generalarzt nickte bejahend mit dem Kopfe, Beauregard antwortete nichts. Man war inzwiſchen bei den Todten angekomnen. Es war ein ziemlich großer Haufen. „Unſer Beginnen hat zwar viel Lächerliches“, begann René Mondeélion wieder mit einer unheimlichen erzwungenen Heiterkeit,„aber da wir nun einmal da ſind, können wir die Revue ja abnehmen. Faßt an, Ihr Leute, aber raſch!“ Der Unteroffizier hatte einige Soldaten gerufen, und man begann einen der Todten nach dem andern von dem Haufen herunterzunehmen und auf die bereit⸗ ſtehenden Karren zu laden. Es war eine ſchaurige Parade der Todten, welche die Lebenden hier abhielten. 189 Nichts lag der ernſten Natur Mondélion's ferner, als in ſolchen Augenblicken zu ſcherzen. Die entſetzliche Angſt aber, mit der er auf den immer kleiner werden⸗ den Todtenhaufen ſah, drängte ihn zum Reden, und da er nicht klagen mochte, machte er Bemerkungen über die Gefallenen, daß ihn Beauregard manchmal verwundert anſchaute. Da ſchwieg Mondeélion plötzlich und trieb ſeinen Schecken vor und ſchaute mit vorgeſtrecktem Halſe hin⸗ unter auf das Häuflein menſchlicher Körper, das noch da lag und wo zwiſchen ein paar Holzſchuhen und einer dunkelblauen Nationalgardenuniform etwas Schwarzes ſichtbar wurde. Man nahm noch einen Blouſenmann herunter— der untere Theil eines ſchwarzen Frauen⸗ kleides wurde ſichtbar. Mondeélion ſprang zur Erde; als Beauregard und Herbiot ihm folgen wollten, winkte er lächelnd mit der Hand. „Es iſt nichts! Nur Neugierde! Es ſind viele exal⸗ tirte Frauenzimmer in dieſen Tagen erſchlagen worden. Schwarz trug ja in letzter Zeit Alles.“ Auch der Körper des rothköpfigen Bandeau wurde entfernt. Dadurch ward der Kopf des Weibes, das unter ihm lag, frei. Mondelion ging raſch einige Schritte vor, blieb ſtehen, murmelte etwas vor ſich hin von ſchrecklicher Aehnlichkeit, ſah nochmals hin und ſtürzte dann mit einem dumpfen, heiſern Aufſchrei auf die Leiche und hob ſie mit Rieſenkraft in den Armen empor. Schon war Beauregard an der Seite des Generals. Auch Herbiot, der gewohnheitsmäßig vom Pferde ge⸗ rollt ſtatt geſtiegen war, hinkte herbei. „Sie lebt noch!“ ſchrie Mondélion den Doctor an, noch immer die Leiche aufrecht in den Armen hal⸗ tend und ihre Hände und ihr Geſicht betaſtend.„Sie lebt noch, ſie iſt noch warm, ſie kann nicht todt ſein.“ „Fügen Sie ſich ins Unvermeidliche, Excellenz!“ ſagte der Arzt, einen der Arme der Todten ergreifend und wieder fallen laſſend.„Sie iſt ſchon mehrere Stun⸗ den todt, die Glieder ſind ſchon ſteif.“ „Sie lügen!“ ſchrie Mondélion im wildeſten Zorn. „Sehen Sie dies Geſicht, dieſe Lippen! Das iſt nicht die Starrheit des Todes, das iſt das Leben, das volle trotzige Leben. Sie ſind ein Stümper, Doctor, wenn Sie einen Starrkrampf nicht vom Tode zu unterſcheiden wiſſen.“ Profeſſor Herbiot zuckte die Achſeln. „Ich will der Dame eine Ader öffnen, wenn Sie es wünſchen, aber für meine Ueberzeugung habe ich das nicht nöthig.“ 191 „Ja, ja!“ ſagte Mondélion raſch und legte die Todte ſanft auf den Boden.„Thun Sie das, lieber Doctor! Das iſt gut gegen den Krampf. Sie werden ſehen, wie ſie ſich erholt, gewiß, ſie lebt, und ich werde es Niemand ſagen, daß Sie ſich getäuſcht haben. Nur ſchnell, lieber Doctor, nur ſchnell!“ Doctor Herbiot holte eine Lanzette aus ſeinem Etui und ſtreifte den Arm Louiſon's in die Höhe. „Die Arme hat eine Schußwunde hier am Ober⸗ arm, die aber trotz des ſtarken Blutverluſtes unmöglich den Tod herbeigeführt hat“, fuhr der Arzt fort.„Sie ſehen, ich habe die Ader geöffnet, aber es kommt kein Blut, ſie iſt todt. Sie iſt todt!“ wiederholte er, indem er eins der geſchloſſenen Augenlider öffnete. „Todt!“ wiederholte Mondélion und ihm war, als ſei ſein Körper ausgehöhlt und als dringe das Echo des Wortes ſchaurig durch ſeine Wölbungen. „Wohin befehlen Excellenz, daß wir die Leiche bringen laſſen?“. Mondeélion antwortete nicht. Er hob die Todte auf die Arme und ging mit ihr nach dem Hauſe Androlet's. Profeſſor Herbiot und der Kapitän folgten. Sie kamen an den Trümmern der Barrikade vorbei und traten hinter dem General in ein Haus, über deſſen ‿ Thür ein gemalter Todtenkopf mit der Umſchrift „Der todte Jean“ hing. Dann ſtiegen ſie hinter dem General die endloſen ſteilen Treppen bis zur Manſarde empor. Profeſſor Herbiot blieb weit zurück. Er trat erſt lange hinter den andern in die Manſarde. Im erſten Zimmer war nur Kapitän Beauregard, welcher zum Fenſter hinausſah und vergeblich die Thränen zu unter⸗ drücken ſuchte, die ihm in den Bart liefen. Doctor Herbiot ſah das nicht. Wer konnte auch eine ſolche Sentimentalität vermuthen! Er tippte den Kapitän auf die Schulter. „Wir befinden uns ohne Zweifel an dem Orte, wo das Abenteuer, das bei Longchamps ſeinen Anfang nahm, fortgeſetzt wurde. Die Geſchichte iſt pikant, ſehr pikant!“ Kapitän Beauregard warf dem Schwätzer einen Blick zu, daß er verſtummte. Profeſſor Herbiot zuckte verlegen die Achſeln und näherte ſich auf den Fußſpitzen der halboffenen Thür des Nebenzimmers und blickte hinein. Aber bleich fuhr er zurück— die Leiche Louiſon's und die Geſtalt Mondélion's waren durch die Thür verborgen— gerade gegenüber an der Wand, ange⸗ ſtrahlt vom hellſten Tage, ſah er ein anderes Todten⸗ 193 geſicht mit offenem Munde und gläſernen Augen, Nini Berton. Sie hielt in der Hand noch das Glas, in welchem Louiſon ihr die letzte Arznei bereitet hatte. Und während er zurücktrat, raſchelte es unter ſeinen Füßen, und als er zu Boden ſchaute, erblickte er eine bunte leere Hülſe mit einer ſchönbemalten Etikette: Indianiſche Regenerationspaſtillen, nach den neueſten Errungenſchaften der medieiniſchen Wiſſenſchaft darge⸗ ſtellt von Profeſſor Dr. Herbiot. Leiſe ſchlich ſich der Profeſſor aus der Stube, leiſe ging er die Treppe hinab und ritt nach Hauſe. v. Schlägel, Der rothe Faſching. II. Zehntes Kapitel. Schluß. Um dieſelbe Zeit, als der Kampf um die Barri⸗ kade der Rue Jacob wüthete, traten in den Hof, wel⸗ chen die Fabrikräume Paul Mervins umſchloſſen, zwei Männer. Beide waren in einfacher bürgerlicher Klei⸗ dung und ſchienen ſichtbar befriedigt, als ſich die kleine Thür, durch die ſie getreten waren, hinter ihnen ge⸗ ſchloſſen hatte. Die Fabrikſäle waren entvölkert und in der Mitte des Hofes hing ein rieſiger Ballon. Er war mit Stricken an vier eiſernen Kellerkreuzen befeſtigt, voll⸗ kommen gefüllt und ſchien nur zu warten, daß man ſeine Gondel beſtieg und ihn von ſeinen irdiſchen Feſſeln befreite, um dem Himmel entgegenzufliegen. 195 Der eine der beiden Männer ſtutzte. „Und wir ſind allein?“ fragte er, und an der im Affecte der Furcht vibrirenden Stimme erkennen wir in dem hübſchen bärtigen Manne mit den glühenden Augen den Abbé Guérin. „Wie Sie ſehen“, antwortete der Mann von London.„Und ich wünſche uns Glück dazu. Wem der Tod im Nacken ſitzt, dem ſitzt der Verrath auf der Zunge. Die Arbeiter, die den Ballon hergeſtellt haben, kämpfen auf entfernten Barrikaden und ſind wohl zum großen Theil ſchon füſilirt. Nur einen vermiſſe ich ungern,“ Paul Mervin. Er zog es vor, auf dem Poͤre Lachaiſe ſeine neuen Hinterlader zu probiren und ſie, wenn ſie nicht mehr zu halten ſeien, durch eine ebenfalls ſelbſt⸗ erfundene Sprengſubſtanz zu zerſtören.“ „Dabei wird er wohl ſelber zu Grunde gehen!“ „Vermuthlich! Vielleicht will er das. Es muß hart für ihn ſein, wieder in die Armuth und Dunkelheit zurückzukehren, aus der er einen Augenblick emporge⸗ ſtiegen war. Und dann gehört er zu den Menſchen, bei welchen man nie gewiß iſt über die Grenze von Sinn und Wahnſinn.“ „Und Sie wollen das Ding allein regieren?“ fragte der Prieſter. „Ehe ich mich füſiliren laſſe, gewiß. Ich nahm 13* 196 lange genug Vorleſungen bei Paul Mervin, und auch Sie, denke ich, werden die Luftpartie einer Verurthei⸗ lung wegen Mordes vorziehen.“ Der Prieſter zuckte zuſammen und erbleichte. „Ja, wegen Mordes des Erzbiſchofs von Paris!“ verſetzte der Mann von London mit eiſigem Tone. „Mir lag wenig daran, ob die Geißeln erſchoſſen wür⸗ den oder nicht, für mich hat die Thatſache nur inſofern Werth, als dergleichen Blutſcenen ſich dem Gedächtniß der Menſchen tiefer einprägen als die Lehren, aus denen ſie hervorgegangen ſind. Ohne die Guillotine, die ſie accompagnirte, wären die Ideen von 1789 ſchon halb vergeſſen. Das iſt meine Anſchauung. Ihr aber zeigtet einen ganz perſönlichen hölliſchen Haß, der mir ſympathiſch iſt, wie ich Alles achte, was ſtark genug iſt, um das Andere zu vernichten. Es gefiel mir, ſage ich, wie Ihr im Hofe von Mazas dem ſalbungsvollen Schwätzer in der violetten Soutane ins Geſicht ſchlugt und wie Ihr, als der Prie⸗ ſter nicht ſterben konnte, ihm mit eigener Hand das Meſſer in die Kehle ſtießet, um ihn zu vernichten für immer.“ Die Blicke auf den Boden gerichtet, das Geſicht bleich und verzerrt, wie ein Verdammter, lauſchte Abbé Guérin ſeinem ſeltſamen Lobe. 491 Der Mann von London lächelte und ſagte mit einer Art Gutmüthigkeit: „Fürchtet Euch nicht! Hätte mir Eure Handlung nicht gefallen, ſo wäre es mir nicht beigekommen, Euch zu retten, und Ihr gingt mit den Andern in der allge⸗ meinen Miſère zu Grunde.“ „Glaubt Ihr?“ Es war ein unheimlicher Blick, der den Mann von London traf. Der Mann von London lächelte. „Gleichviel, ob Ihr mir dankt oder nicht. Jetzt müßt Ihr die Luftfahrt mitmachen. Ihr begreift, daß zwei Zuſchauer, welche von der blutigen Komödie von Mazas zurückkehren, ſich innerhalb Paris nicht mehr trennen dürfen.“ Der Abbé Guérin nickte. „Und ich darf nicht einmal wiſſen, wer mein Retter iſt?“ fragte er mild, während der Mann von London bereits den Knoten eines Stricks löſte, der den Ballon noch zurückhielt. Der Mann von London blickte ſpöttiſch auf. „Wer fragt nach Namen? Will ich den Euren wiſſen? Eure Handlung hat mir genügt, um Euch die Hand zu reichen, ſei's auch nur für wenige Stunden.“ 198 „Die wildeſten Revolutionäre begegnen Euch mit Achtung.“ „Die wildeſten Revolutionäre! Seid Ihr nicht ſelbſt einer? Erſchlägt man einen Erzbiſchof zum Spaß?“ 3 „Er hatte mich beleidigt, verfolgt— ich rächte mich.“ „Ganz gut; das iſt Revolution im Kleinen, wenn Ihr wollt.“ „Ihr ſeid kein Franzoſe, wie Eure Ausſprache beweiſt.“ „Nun gut!“ ſagte der Mann von London faſt ärgerlich, einen zweiten Strick löſend.„Man nennt mich ja den Mann von London!“ „Ihr ſeid auch nicht aus London, Eure Ausſprache iſt deutſch!“ „Tod und Teufel!“ lachte der Mann von London auf.„Riecht Ihr am Ende auch das Schwäbiſche in meinem Dialekt? Nun ja, ich bin in Deutſchland ge⸗ boren, am ſchönen Neckar ſtand das Pfarrhaus mei⸗ nes Erzeugers; die Revolution von achtundvierzig ver⸗ trieb mich aus meiner Heimat und ſie begingen die Lächerlichkeit, mich zum Tode zu verurtheilen. Mein Vater ſtarb an dieſem Urtheil und ich lebe ſeit der Zeit in London, kleine Reiſen ausgenommen. Ich ſollte Sprachgelehrter werden, und das einzige Geheim⸗ — — Aℳ — — 5 199 niß meiner Geſchichte iſt, daß ich nicht davon ſpreche und es dem Geſchick Anderer überlaſſe, mich mit einem Nimbus zu umgeben, auf den ich nicht ehrgeizig bin. Doch wie dem ſei— jetzt vorwärts! Steigt ein! Die letzten Stricke ſchneiden wir entzwei. Ihr habt doch noch Euer Meſſer, hochwürdiger Herr?“ „Ihr kennt mich?“ „Hätt' ich Euch ſonſt mit mir genommen?“ „Ich habe Furcht.“ „Das thut mir leid, die Furcht wird Euch ver⸗ derben. Das Schießen iſt verſtummt, gleich werden ſie hier ſein.“ Der Prieſter hatte einen Fuß in der Gondel. „Vorwärts!“ ſagte der Mann von London, ihn vollends hereinziehend. Pfeilſchnell ſtieg der befreite Ballon in dem engen, von kernemn Lufthauch berührten Hofraum empor. Ueber den Dächern angelangt, wendete er ſich, der Strömung des Windes folgend, nach Nordoſten. Dicke Rauchwolken lagen auf der Stadt, über ihnen ein herrlicher Maimorgen. Da und dort hörte man ſchießen. „Welche Abſicht habt Ihr mit mir?“ fragte bebenb der Prieſter. „Euch zu retten.“ Der Prieſter, ſich ängſtlich an den Seiten des ſchwankenden Kahns haltend, ſchaute ſeinen Retter ungläubig an. „Ihr?“ „Für die Zukunft, für uns! Die brennende Stadt unter uns iſt die Flammentaufe einer neuen Zeit!“ Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Geurg Taukerburg'n Trſtamenk. Roman von Frau Henry Wood. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 80. Geheftet. Preis 3 Thlr. Am Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. Mann und und Weib. Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Dr. Lehmann. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bde. 8 Eleg. geh. Preis 4 Thlr. 20 Ngr. Neue Romane aus dem Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig: Die Ehefabrikanten. Komiſch⸗ſocialer Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Modelle. Humoriſtiſcher Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Das Thurmkätherlein. Roman aus dem Elſaß von Auguſt Becker. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis Thlr. 4— “ * 8 3 8 4 3— mm