— —— —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher iteratur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. Lit. A. Nr. 256. Leih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 3 yfangrahen und Rückgabe per Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. ei cgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 3 Monat: 2 1 Nk. Pf. 1 Mk. 50 Ff. 2 Mk. Pf. 55. Auavärtie, Abonnenten„zalen für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Buͤcher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 8 lorene oder defecte Buch ein Theil Eüe größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8S auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 3 der Bücher nicht ſtattfinden wadf, indem Diejenigen, welche die⸗ ebei von mir eliehene auch dafür zu ſtehen Haben. Bhanlom Volen⸗ oder: Die Trauerſpiele in Warſchau. Hiſtoriſcher Roman. Mit vielen in den Texrt gedruckten Illuſtrationen. ₰ —— Zweiter Theil. ———— . Berlin. Selbſtverlag von Friedrich Scherl. 259 Unſere Feder ſträubt ſich, den Schmerz zu ſchildern, der auf jedem Antlitz ausgeprägt war und das krampfhafte Schluchzen zu beſchreiben, das ſich jeder Bruſt entrang. Die zwiſchen zwei Koſakenreihen zuſammengepreßten Conſeribirten wag⸗ ten es kaum, den Kopf zu erheben, um einen Liebesblick ihrer Angehörigen erhaſchen zu können; ihre ſchüchternen Augen ſchielten verſtohlen nach den ſchmerzerfüllten Gruppen hin, während ihre vor Furcht regungsloſen Hände nicht einmal einen Abſchiedsgruß zu winken vermochten. Mittlerweile war der Sergeant Vingertow an der Spitze ſeiner zehn Mann nach Warſchau zurückgekehrt und durchſuchte die Stadt in allen Rich⸗ tungen. Er begab ſich nach dem Hauſe hin, in welchem die Mutter des Flüchtlings wohnte, denn der Entflohene war kein Anderer, als Chriſtian, der Verlobte der Beatrix. Ein furchtbarer Kolbenſchlag erſchütterte die Hausthür. Keine Antwort erfolgte. „Aufgemacht!“ rief der Sergeant mit gebieteriſcher Stimme. Noch immer daſſelbe Schweigen. Ein zweiter Kolbenſchlag folgte dem erſten, ohne jedoch einen beſſeren Erfolg herbeizuführen. „Hurtig, Kameraden, ſchlagt die Thür ein, man muß ſich gewaltſam in die Höhle drängen, um den Fuchs außzufinden; ich denke, daß er nicht verſchmitzter ſein wird, als wir.“ Die Untergebenen des Sergeanten folgten dem erhaltenen Befehle und die kleine Abtheilung drang in das der Hausflur zunächſt gelegene Zimmer. Kein Licht erhellte daſſelbe; in dem Kamin war kein Feuerfunke zu erblicken; der Sergeant ließ eine Fackel anzünden. Das Zimmer war gänzlich verlaſſen, es enthielt nur einige alte Meu⸗ bles, einen wurmſtichigen Tiſch und mehrere Lithographieen. „Hört einmal!“ rief der Sergeant,„zwei von Euch bleiben hier und da⸗ mit Keiner aus dem Hauſe entwiſche, bewacht ſorgfältig die Thür. Ihr Andern folgt mir, denn ich wette, daß der Schurke ſich nirgends anders, als hier, bei ſeiner Mama, verborgen hält; heutzutage kann er auf Gaſtfreundſchaft in fremden Häuſern nicht rechnen, denn ſie iſt gar zu koſtſpielig.“ Mit einem Fußtritt zerſprengte er die Verbindungsthür zwiſchen dieſem und dem angrenzenden Zimmer; aber auch in dem letzteren begegneten ſie Niemand. Der Sergeant ging zu den Fenſtern und fand dieſelben herme⸗ tiſch verſchloſſen. „Nach dieſer Seite hin hat er nicht entfliehen können,“ bemerkte der Sergeant,„laßt uns hinaufgehen!“ Das erſte Stockwerk wurde mit der gewiſſenhafteſten Sorgfalt durch⸗ ſucht, alle Schränke wurden geöffnet, jeder Winkel durchſpäht, mit der Spitze 171* „ 260 des Säbels ſondirte man die Wandverſchläge; diejenigen, welche hohl tönten und demnach verdächtig erſchienen, wurden mit Kolbenſchlägen zerſchmettert. Nach einer erfolgloſen Durchſuchung der erſten Etage gelangte man zum Dachboden. Der Sergeant that gewiſſenhaft ſeine Schuldigkeit; aber auch in den Bodenkammern wurde Niemand gefunden. „Wahrhaftig,“ ſagte der Sergeant verzweifelnd,„der Vogel iſt davon⸗ geflogen!“ Während er dieſe Worte ſprach, richtete er den Blick auf eine Luke des Daches; hier machte er die Wahrnehmung, daß der das Dach bedeckende Schnee die Eindrücke menſchlicher Füße trug. „Was iſt das?“ rief er.„Beim Kuckuk, der Schelm iſt ſchlau! Er hat ſich über die Dachrinnen hinweg ſchleichen wollen, Kameraden, wir wollen ihm auf einem andern Wege nachſpüren, und wir werden ihn finden, folgt mir!“ Und die Soldaten ſtiegen hinunter. Einige Augenblicke ſpäter erſchütterte ein heftiger Schlag die Thür des Nachbarhauſes. Eine alte Frau öffnete in heftiger Beſtürzung. „Mein Gott, was giebt es denn?“ fragte ſie, ſich bekreuzend, als ſie den Sergeanten erblickte, der ſich ohne Umſtände durch die halbgeöffnete Thür in den Hausflur drängte. „Das wird man Dir ſogleich ſagen; zuerſt aber wollen wir Dein Neſt durchſuchen, doch ſei unbeſorgt, man wird nichts beſchädigen.“ Die Soldaten folgten dem Unteroffizier in das Haus. Eine matte, rauchende Lampe erleuchtete ein erbärmliches Zimmer; ein Kohlenfeuer glimmte verlöſchend auf dem Heerde. Der Sergeant ergriff raſch die Hand der vor Furcht halb todten Frau. „Du wirſt uns ſagen, alte Hexe, wo Du den Menſchen, den wir ſuchen, verborgen haſt; wir wiſſen, daß er hier iſt!“ ſprach der Soldat, indem er den Arm der Unglücklichen ſchüttelte, die ſchon den Mund öffnete, um zu antworten.„Wir wiſſen, daß er hier iſt, ſprich!“ „Möge mich Gott ſtrafen,“ ſagte die Alte, auf einen alten Stuhl fal⸗ lend,„wenn ich weiß, was Sie meinen. Ich wohne ganz allein ſeit zwan⸗ zig Jahren in dieſem nämlichen Hauſe; aber ſehen Sie zu, ſuchen Sie, die Hütte iſt nicht groß, Sie werden bald fertig ſein.“ Der Soldat ließ den Arm der Frau los, inſpicirte mit einem Blick das Zimmer und ſetzte, raſch die wackelige Treppe hinaufkletternd, oben ſeine Nachforſchungen fort. Zwei Minuten nachher kam er zurück. „Vorwärts, Ihr Andern!“ ſagte er,„der Lump iſt ein muthiger Teu⸗ fel. Dies Haus hat keine Nachbarn, die Fenſter oben gehen nach dem Fluß hinaus. Wenn er den Sprung da hinein gewagt hat, wird es ihm jetzt wohl nicht warm um den Kopf ſein.“ Der Trupp verließ das Haus. Die Ungeduld des Sergeanten war furchtbar; ſeine ſchlechte Laune zeigte ſich daran, daß er jeden Vorübergehenden brutal anhielt. „Du biſt nicht Chriſtian?“ ſagte er. „Nein!“ „Geh zum Teufel!“ Die kleine Schaar kam bei einem nahe am Thore am andern Ende der Stadt gelegenen Wirthshauſe an. „Hier wollen wir eintreten,“ ſagte der Unteroffizier,„oielleicht können wir Jemand betrunken machen, der uns dann irgend eine Auskunft über die Umgegend giebt.“ Die Soldaten lachten. „Gläſer und Branntwein!“ ſchrie er mit Donnerſtimme, indem er mit der Fauſt auf einen Tiſch ſchlug. Das Wirthshaus war leer; ein mattes Licht erleuchtete den Saal. Bei dem Ruf des Soldaten erſchien ein junges Mädchen. Als die Soldaten ihrer anſichtig wurden, ſtimmten ſie ein wildes, gel⸗ lendes Gelächter an. „Beim Teufel, ein hübſches Mädchen! ich würde tauſendmal lieber auf ſolche Beute Jagd machen, als auf dieſen verdammten Deſerteur!“ ſagte der Sergeant, ſeinen Schnurrbart ſtreichend und ſich eine Eroberermiene gebend. Der Unteroffizier Vingertow war unglücklicher Weiſe abſtoßend häßlich, das Lächeln, zu welchem er ſich zwang, machte ihn widerlich. „Schönes Kind, bringe uns Branntwein und Gläſer, wir haben Durſt, die Kälte iſt trocken, ich habe Feuer im Halſe!“ Das junge Mädchen ging eilig, den Befehlen ihrer gebieteriſchen Gäſte zu gehorchen. Nach einigen Minuten kam ſie zurück. „Hier!“ ſagte ſie furchtſam und zitternd. „Ei, zum Teufel, ſchönes Kind, Du haſt ſo ſchöne weiße Hände, Du ſollteſt mir ein wenig den Schnurrbart ſtreichen, mein Täubchen, der alte Graubart hätte ein ähnliches Feſt noch nicht gehabt.“ „Und dieſe Taille,“ fügte der Sergeant hinzu,„wie ſie gebaut iſt! Zum Henker, Du haſt Augen, ſo ſchwarz wie mein Kater; ich liebe die dunkeln Weiber. In dieſem Hundelande trifft man nur Blondinen und immer wieder Blondinen, und die ſind blaß und langweilig wie der Mond.“ Das junge Mädchen beeilte ſich, bleich und zitternd, wie ſie war, den Leuten zu trinken einzuſchenken; dann wollte ſie hinausſchlüpfen. „Halt, ſchöner Vogel!“ rief einer der Soldaten,„Du wirſt uns nicht ſo ſchnell davonfliegen; ſtelle Dich nicht ſo ſpröde— was, zum Teufel, wir ſind luſtige Geſellen!“ 262 Und der Soldat wollte ſie gewaltſam zurückhalten, indem er ihre Taille umſchlang. Tiefe Zornesröthe überflog das Geſicht des ſchönen Kindes und ſie machte faſt übermenſchliche, obgleich vergebliche Anſtrengungen, ſich der Lieb⸗ koſung des entſetzlichen Koſaken zu entreißen. In dieſem Augenblicke wurde die Thür heftig aufgeſtoßen und bevor der rohe Soldat zur Beſinnung kam, hatte eine kräftige Hand ihn beim Kragen erfaßt und zu Boden geſchleudert. Ausrufungen der Wuth und der Entrüſtung ertönten unter den Sol⸗ daten und alle ſprangen empor, als wären ſie von einem einzigen Willen beſeelt. „Zurück!“ rief der eben eingetroffene junge Mann,„zurück, Elende! Ich ſchwöre vor Gott, daß ich den Erſten von Euch, der ſich unterfängt, ein einziges unpaſſendes Wort an dieſes Mädchen zu richten, wie einen Hund tödten will.“„ Beatrix, denn es war daſſelbe junge Mädchen, welches ſich in ſo hef⸗ tiger Bewegung an den Hals des ihr entriſſenen Verlobten geklammert hatte, Beatrix, ſagen wir, warf ſich auf den jungen Mann, umſchlang ihn mit ihren Armen und ihre ſchönen, ſchwarzen Augen hefteten ſich auf das Antlitz ihres muthigen Vertheidigers. „Chriſtian,“ ſtammelte ſie,„was thuſt Du, Unglücklicher? Du ſtürzeſt Dich in's Verderben!“ Heftiger Zorn funkelte in den Augen des Jünglings. Mehrere bereits halb betrunkene Koſaken hatten mittlerweile eine drohende Haltung eingenommen. 4 Doch war der Name, welchen Beatrix in ihrer Aufregung ſich hatte mmtſchlüpfen laſſen, von dem Sergeanten gehört worden und dieſer zitterte vor freudiger Aufregung. „Chriſtian!“ rief er überraſcht,„Chriſtian? Beim Kuckuk, ſo biſt Du oielleicht der ſchlaue Schelm, den wir ſeit drei Stunden ſuchen. Alle Wetter, Du biſt mir eine niedliche Pflanze. Ergreift den Deſerteur, Burſchen, bindet ihn ſo, daß ihm die Luſt zu einem neuen Fluchtverſuch vergehen ſoll!“ Von Schrecken gelähmt, vermochte Chriſtian nur ſchwachen Widerſtand zu leiſten, überdies ſtand er allein gegen zehn erbitterte Feinde. Nach wenigen Augenblicken hatten ſie ihn ergriffen und geknebelt. In heftiger Verzweiflung warf Beatrix ſich zu ſeinen Füßen und um⸗ klammerte ſeine Kniee, ohne ein Wort ſprechen zu können, endlich brach ſie in ungeſtümes krampfhaftes Schluchzen aus. „Chriſtian, mein Geliebter!“ rief ſie in bitterer Verzweiflung;„doch nein, es iſt nicht möglich, Ihr werdet ihn nicht wegführen, nicht wahr, Ihr werdet ihm nichts zu Leide thun?“ — 263 Die Koſaken brachen in lautes Lachen aus. „Bei Gott!“ rief der Sergeant,„ich habe eine köſtliche Idee. Wie wär's, wenn wir die Taube mit dem Täuberich zuſammen einfingen? es würde wahrhaftig grauſam ſein, ein ſo zärtliches Pärchen zu trennen.“ Dieſe Worte wurden mit rohem Lachen begrüßt. . Schon machte der Sergeant Miene, ſich des Mädchens zu bemächtigen. Angeln geſprengt hatte. Plötzlich trat ein Mann herein, nachdem er die Thür faſt aus den Sein Geſicht verrieth ſtolze Entſchloſſenheit, ſeine Haltung war energiſch und feſt. „Was giebt es hier?“ fragte er in gebieteriſchem Tone. 1 Doch bedurfte es keiner Antwort, ein einziger Blick genügte, ihm die Situation zu erklären. Mit eiſerner Fauſt faßte er den Sergeanten bei der Kehle und drückte g 9 ihn gegen die Wand, als hätte er ihn an dieſelbe genagelt. 4 Die betäubten Koſaken ſtanden ſtumm und unentſchloſſen da. Der neue Ankömmling zog ein Meſſer hervor und zerſchnitt mit Blitzesſchnelle die Seile, mit denen Chriſtian's Hände zuſammengebunden 8 waren. 4„Tadeus, mein Bruder!“ rief Beatrix,„rette ihn, rette meinen Ver⸗ lobten! Nicht wahr, Dn wirſt ihn nicht hinwegſchleppen laſſen?“ Tadeus öffnete die Verbindungsthür. „Schweſter,“ ſagte er mit ſanfter Stimme,„gehe hinein, mein Kind, dies iſt kein paſſender Ort für Dich.“ Und mit zärtlicher Gewalt ſchob er ſie in das angrenzende Zimmer. „Ihr ſeid elende Memmen,“ fuhr er fort, indem er die Soldaten an⸗ redete,„Ihr beſchimpft ein Mädchen, und damit Ihr Eure feige Handlung un⸗ geſtraft ausüben könntet, knebelt Ihr ihren einzigen Vertheidiger; doch kennt Ihr Tadeus nicht,“ fügte er, ſeine Aermel zurückſchiebend, hinzu,„Ihr dem Sergeanten. Welt daſtehen wird.“ ſeid Euer zehn gegen unſer zwei, doch gleichviel, ich fürchte Euch nicht.“ Und mit wuthblitzenden Augen näherte ſich der muthige junge Mann „Tadeus,“ ſagte Chriſtian,„was willſt Du thun? Dieſe Meuſchen ſind uns an Zahl weit überlegen, ſie werden uns wehrlos machen und Beatrix wird dann keinen Vertheidiger haben. Ich bin deſertirt und ſie haben mich wieder eingefangen; beſſer, daß mein Schickſal ſich erfülle. Compromittire Du Dich nicht, bedenke vielmehr, daß Beatrix unbeſchützt und allein in der „Du haſt Recht, Chriſtian!“ antwortete der junge Mann, deſſen Zorn und Aufregung einer beſonnelleren Stimmung gewichen ſchien. 4 Er ſenkte den Kopf und kreuzte die Arme über ſeine Bruſt. 264 „Nur zu, Ihr Schergen!“ ſagte er,„erfuͤllt Eure Aufgabe und knebelt Euren Gefangenen!“ „Wir werden Euch Beide knebeln!“ rief der Sergeant, der ſich nun erſt von der Erregung zu erholen begann, in welche er durch den von Ta⸗ deus auf ihn gemachten Angriff gerathen war. „Wir erwarten Dich!“ ſagte der Letztere. „Um Gotteswillen, ſchweige, Tadeus!“ rief Chriſtian,„denke an Beatrix und laß mich ruhig hinwegführen.“ „Ich denke an ſie!“ murmelte Tadeus düſter vor ſich hin. „Hier,“ ſagte Chriſtian,„bindet mich und führt mich fort, ich bin Euer Gefangener und meine Verhaftung wird Euch reichen Nutzen bringen.“ „Sei unbeſorgt,“ verſetzte der Sergeant,„wir werden Dich nicht wieder entwiſchen laſſen.“ Er ertheilte ſeine Befehle und alsbald ſtürzten die Koſen auf den Deſerteur und banden ihn. „Und jetzt bindet auch den Andern!“ rief der Gergennt. Die Soldaten wendeten ſich um und blickten beſtürzt umher. „Nun, hört Ihr denn nicht?“ ſagte der Sergeant. „Er iſt fort!“ rief einer der Koſaken. „Verſchwunden!“ ſagte ein Anderer. „Verſchwunden? Donnerwetter!“ ſchrie der Sergeant,„wahrhaftig, er iſt fort! Jammerſchade; auf alle Fälle haben wir aber den Rechten er⸗ wiſcht und das genügt. Vorwärts, Burſchen!“ Sie wendeten ſich der Ausgangsthür zu und fanden dieſelbe verſchloſſen. „Alle Teufel!“ rief der Sergeant,„ſchlagt die Thür ein!“ Dies wurde in der That verſucht, doch widerſtand die Thür allen Angriffen. „Gebt Euch nicht ſo viele Mühe,“ ſagte Chriſtian,„zu Eurer Rechten findet Ihr eine kleine Ahir die in den Hof führt und von dort aus könnt Ihr in die Straße gelangen.“ Der Sergeant überzeugte ſich von der Richtigkeit dieſer Thatſache und wendete ſich zu ſeinen Leuten. „Das iſt wahrhaftig wahr!“ ſagte er,„laßt uns ſchnell aufbrechen.“ Alle ſtürzten zu der bezeichneten Thüre hin, doch bot ſich hier ein Hinderniß dar. Die Kleinheit der Thür geſtattete nur einem Manne nach dem andern den Durchgang. „Geht einzeln hinaus!“ rief der Sergeant. Ein Koſak ging hinaus, dann ein Zweiter und nach dieſem ein Dritter. Plötzlich ertönten drei Piſtolenſchüſſe und die drei Soldaten wälzten ſich auf dem Erdboden umher. ——— — 265 Der beſtürzte Sergeant befahl zwei Anderen, hinauszugehen, um zu ermitteln, was geſchehen war. Zwei Koſaken ſchickten ſich an, einzeln hinauszutreten. Kaum hatte der erſte dieſer Beiden einen Fuß in den Hof geſetzt, als eine Kugel ihm die Stirn zerſchmetterte. Sein brechendes Auge wendete ſich inſtinctiv zu⸗ rück und fiel auf ſeinen Kameraden, der, von einer zweiten Kugel in die Bruſt getroffen, lautlos zuſammenſtürzte. „Wir müſſen Alle hinaus!“ rief der Sergeant entſchloſſen. Sie drängten ſich durch den ſchmalen Ausgang und befanden ſich nach wenigen Augenblicken in dem kleinen Hofraum. Abermals ertönte ein Schuß, der einen Ruſſen niederſtreckte. „Gebt Feuer!“ rief wüthend der Sergeant. Die Kugeln der Koſaken pfiffen und prallten gegen die Mauern. Auf's Neue fiel ein Schuß und wieder ſtürzte einer der Ruſſen zu Boden. „Hinaus von hier!“ rief der Sergeant. Die nach der Straße führende Thür ſtand halb geöffnet, ein Koſak verſuchte durch dieſelbe in's Freie zu gelangen, die andern folgten ihm, doch wurde bei dieſem Fluchtverſuch noch einer von ihnen von einer Kugel ge⸗ troffen. Die halb offen ſtehende Thür war mittlerweile, wie von unſichtbarer Hand, vor den Koſaken geſchloſſen worden. Es war nöthig, dieſelbe wieder zu öffnen; dies war jedoch zeitraubend und einer der noch übrigen Soldaten wurde tödtlich verwundet. „Es müſſen mindeſtens Funfzehn in dieſem verwünſchten Hauſe ſein!“ ſagte der Sergeant, nicht weniger bleich, als ſeine getödteten Leute. „Und wir ſind unſerer Drei!“ bemerkte ein Koſak. Die Thür wurde durch Kolbenſchläge zertrümmert und ein Ruſſe, der ſich hindurchſtürzen wollte, wurde durch eine auf ſeine Bruſt gezückte Degen⸗ klinge durchbohrt, ſein Blut entſtürzte der Wunde. Der Sergeant jedoch, eine neue Gefahr ahnend, ſtieß den letzten ihm noch übrig gebliebenen Soldaten vor ſich hin. Dieſer wollte hinaus ſchreiten, kaum aber war er mit einem Fuße in der Straße, als er ent⸗ ſetzt zurückfuhr. „Vorwärts, hinaus!“ rief der Sergeant, ihn vor ſich her ſtoßend. Der Koſak ſtieß ein klägliches Aechzen aus, er war gegen die Klinge eines blutigen Degens angerannt, der ihm entgegengehalten wurde. Der Sergeant gab ſich verloren; unentſchloſſen, ob er vorwärts ſchreiten oder zurückgehen ſollte, blieb er vor der Thür ſtehen. Ein Piſtolenſchuß knallte, ohne ihn jedoch zu treffen. „Beſſer, daß ich vorwärts gehe!“ ſagte er ſich. ——————Z—: Doch blieb ihm zur Ausführung dieſes Entſchluſſes keine Zeit übrig. Tadeus zeigte ſich in der Oeffnung der zertrümmerten kleinen Pforte und ſtürzte ſich auf den Sergeanten. „Jetzt ſtehen wir, Mann gegen Mann, einander gegenüber.“ Chriſtian, dem es gelungen war, ſeine Feſſeln zu zerreißen, erſchien von der andern Seite. „Gnade, Gnade!“ rief der Sergeant,„Ihr müßt mindeſtens Vierzig ſein. „Vierzig?“ rief Tadeus,„ſieh dorthin!“ Ein kleines, auf den Hof blickendes Fenſter ſtand geöffnet und das ſtrahlende Geſicht Beatrixs erſchien. Auf ihrer Stirn thronte Freude und ihre Augen glänzten in ungewöhnlichem Feuer. 4 „Seht dorthin!“ wiederholte Tadeus. Neben dem jungen Mädchen lagen ſieben entladene Piſtolen; von ſieben hatten ſechs getroffen. „Was wollt Ihr mit mir machen?“ rief der Sergeant, deſſen verzerrtes Geſicht die heftigſte Furcht ausdrückte. „Das wird ſich finden!“ erwiderte Tadeus. 2. Die Inſurrertion. Der zwanzigſte Januar erſchien.. Vor fünf Tagen hatte die Rekrutirung ſtattgefunden; ſeit fünf Tagen waren Tauſende junger Leute in die Citadelle von Warſchau und in alle Feſtungen Rußlands eingeſperrt; ſeit fünf Tagen zog man ſie, die Hände auf den Rücken gebunden, den Körper von Knutenhieben zerfleiſcht, durch die Steppen umher, welche ſich nach Oſten hin in unermeßliche Ferne ver⸗ lieren. Die Einen waren Regimentern einverleibt worden, die Andern hatte man nach Sibirien geſchickt; Rußland triumphirte. Es war kaum ein ſchwacher Widerſtand verſucht worden, dieſes muthige, wachſame Volk hatte ſich ohne Gegewehr feſſeln, fortſchleppen, mißhandeln laſſen. Es war den Stimmen der Greiſe gefolgt, welche geſagt hatten: „Man hat euch in die Armee eingereiht, nicht unter euer wahres Banner, ſondern unter dasjenige Rußlands; wir hatten gehofft, daß die Befreiung des Landes vorhergehen und dieſe neue Rekrutirung verhindern würde. Gott hat dies nicht gewollt, an uns iſt es nicht, zu klagen, ſondern daran zu arbeiten, daß dieſe Conſcription die letzte ſei. e 267 „Ihr, die ihr die Opfer dieſer Aushebung ſeid, das Land begleitet euch mit ſeinen Gebeten und ſeinen Wünſchen, ihr werdet euer Vaterland nicht verleugnen, ihr werdet im Gegentheil das Gefühl eurer Nationalität tief in eurem Herzen bewahren, und wo ihr auch hingehen mögt, werdet ihr der Sache Polens zu dienen wiſſen. „Das Land fordert dieſes Opfer von euch, das größte, welches ihr ihm bringen könntet. 8 „Allerdings iſt es ſchön, durch eine glänzende That der Kühnheit und Hingebung die Märtyrerpalme zu erringen, doch ſchwerer und ruhmvoller iſt es, fern vom Vaterlande ein Leben beſtändig ſich erneuernder Opfer zu führen, ohne die Vaterlandsliebe erſchlaffen zu laſſen; dies iſt es, was das Land von euch verlangt. „Ihr laſſet Mütter, Schweſtern, Gattinnen, die zu frühzeitiger Wittwen⸗ ſchaft verdammt ſind, Kinder, welche durch eure Entfernung zu Waiſen geworden, hinter euch zurück! Sorget nicht um dieſe Theuern, das Land nimmt ſie unter ſeinen Schutz! Eure Kinder werden fortan die der Nation ſein und von ihr erzogen werden, wie ihr ſelbſt ſie erzogen haben würdet: in der Liebe zum Vaterlande und zur Freiheit! „Es gilt, Blut zu vergießen, das Dach ſeines Hauſes der Flamme dar⸗ zubieten, mit dem Leben Aller, die uns theuer ſind, zu ſpielen und die eigne Bruſt den Kugeln des Feindes entgegenzuſtellen.“ Was war zu thun? Man hatte nicht Zeit gehabt, ſich zu zählen, die eigene Stärke kennen zu lernen, man beugte das Haupt und wartete. 4 Aber am 19. Januar erhob ſich ein Schrei der Entrüſtung, r wie ein verworrener Lärm, und erfüllte ganz Polen. Jetzt war das Land am Herzen verwundet. Ein ruſſiſches Organ ſagte: „Die Rekrutirung iſt in Warſchau mit vollkommenſter Ruye und Ord⸗ nung vor ſich gegangen, man iſt nicht dem geringſten Widerſtand begegnet und ſeit dreißig Jahren haben noch nie die Rekruten ſo viel Eifer und guten Willen bewieſen. „Jetzt zeigen die Rekruten, welche einſtweilen in dem Rathhauſe und in der Citadelle von Warſchau untergebracht ſind, die größte Ordnung und ſelbſt Heiterkeit. „Viele unter ihnen haben ſich über die Machinationen der Revolutions⸗ partei und die Häupter dieſer Partei beklagt, welche ſie von einer rechtlichen Arbeit in den Müßiggang, in chimäriſche Hoffnungen geworfen und ſie da⸗ mit des einzigen Mittels, ſich redlich ernähren zu können, beraubt haben. „Viele haben ihre Freude über den Geiſt der Ordnung, welcher im Militairdienſt herrſcht, ausgedrückt; ſie ſind froh über das vergnügte, unbe⸗ 268 ſchäftigte Leben; namentlich die Verringerung der Dienſtzeit, von 25 auf 15 Jahre, und die Veränderung in der Behandlung der Soldaten machen alle andern Bedingungen Denen, welche in das Heer treten, unbeſchwerlich. „Eine große Anzahl zum Militairdienſt deſignirter Perſonen, welche augenblicklich abweſend waren, den Tag der Rekrutirung nicht kannten, oder aus anderen Gründen nicht in ihren Wohnungen angetroffen wurden, haben ſich freiwillig der Behörde geſtellt. „Am Morgen nach der Aushebung meldeten ſich allein neunundvierzig Individuen. „Auch an Freiwilligen fehlte es nicht. „Repreſſiv⸗Maßregeln, welche in Warſchau durch die Civil⸗ und Militair⸗ Behörden, für den Fall einer Unordnung, vorbereitet waren, ſind nirgends zur Anwendung gekommen. „Die Haltung der Polizeimannſchaften war vortrefflich, und das ſo befriedigende Reſultat dieſer wichtigen Operation in der Hauptſtadt läßt hoffen, daß die Rekrutirung auch in derſelben Weiſe in den Provinzen aus⸗ geführt werden wird, und daß auch dort die Bemühungen der Anarchiſten, Aufſtände hervorzurufen, ohne Erfolg bleiben werden.“ Ganz Warſchau war auf den Beinen, als man dieſes Blatt las— Thränen der Wuth floſſen und ein einziger Schrei der Verzweiflung ging durch die ganze Stadt. Man ſah, daß es noch nicht genug der Gemeinheit war. Ganz Europa ſollte noch hören, daß das polniſche Volk freiwillig die Sclavenketten ver⸗ langte! Es habe ſich nicht allein feſſeln laſſen, ohne Widerſtand zu leiſten, es habe ſich nicht nur die ruſſiſche Livree anziehen laſſen, nein, es ſegne ſogar noch die Größe und Herrlichkeit des Czaaren, es wünſchte ſich Glück zu der Knechtſchaft, in die man es ſchlug! Einige eifrige und hingebende Patrioten hätten ſich beklagt; dies wäre jedoch nicht die Meinung der Mehrheit der Nation, die Anſicht der Maſſe des Volkes. Warſchau erhob ſich beſtürzt, im innerſten Herzen verwundet und ſchwor, den Tod der Schande vorzuziehen. Das überfüllte Maß war übergelaufen. Seit der Nacht des zwanzigſten Januar verſchwanden eine Anzahl jun⸗ ger Leute und bildeten Banden;— in den Kirchen— merkwürdiges Schau⸗ ſpiel!— beteten knieende Frauen, dann traten junge Männer ein, und gin⸗ gen auf die Altäre zu;— dort knieten auch ſie nieder und baten den Prie⸗ ſter um ſeinen Segen;— dann gingen ſie hinaus und verließen Warſchau. In den Schlöſſern, in den Hütten, umarmten junge Männer ihre Müt⸗ ter und Väter und entfernten ſich. Wo gingen ſie hin? —————————————— Sie wußten es vielleicht ſelbſt noch nicht. Es kam vorläufig nur dar⸗ auf an, die Stadt zu verlaſſen, wo man ſie am andern Tage hätte ergrei⸗ fen können; es kam darauf an, dem geſpannten Europa zu beweiſen, daß der Pole tauſend Tode der Knechtſchaft Rußlands vorzieht. Dann hoffte man, ſich gegenſeitig zu finden, bewaffnete Banden zu orga⸗ niſiren und das Land zum Aufſtand zu veranlaſſen. Am zweiundzwanzigſten Januar waren ſchon am Zuſammenfluß des Bug und der Narew, in der Umgebung der kleinen Stadt Serock, über ſiebenhundert junge Männer verſammelt, unter die ſich auch Familienväter und bejahrte Perſonen miſchten. Dieſe Truppe beſtand ſchon nicht mehr aus Arbeitern und Schülern, ſondern aus Rekruten, welche den Koſaken entwichen waren, Offizieren, Ele⸗ ven der Bergſchule, Studenten, Landwirthen, Kaufleuten und Eigenthü⸗ mern. Adlige und Bauern, Juden, Katholiken und Proteſtanten, Arme und Reiche— es gab nur noch ein Volk, das zu den Waffen griff und ſich die Hand zum enthuſiaſtiſchen Eidſchwur reichte. Es war nicht die Rede davon, von Rußland abzufallen, aber man wollte ihm Widerſtand leiſten. Polen konnte nicht ſeine Ketten brechen und ſich wieder als Nation auf⸗ richten, aber es wollte den Coloß Rußland erſchüttern in einer letzten, ge⸗ waltſamen Bewegung und dann verbluten unter den Augen des erſchreckten Europa. Eine andere Abtheilung hatte ſich bei Kazmiecz an der Weichſel gebil⸗ det und eine dritte rief die beiden andern nach den Wäldern von Blonie, im Oſten der Weichſel. Die erſte dieſer Banden wurde vom Grafen Batory, die zweite von Conrad von Waſa, die dritte von van Eldorf befehligt. Am dreiundzwanzigſten Januar wurden dieſe drei Truppen durch eine vierte vermehrt, an deren Spitze ein einfacher Bauer, den man Demko nannte, ſich befand. Es war derſelbe Landmann, der ſein Haus in einer Märznacht des Jahres 1862 hatte brennen ſehen, und lange auf dieſen Trümmern ſitzend, ſich von dem Anblick nicht trennen konnte. Die Nacht brach langſam herein. Der Mond verfilberte die Spitzen der Bäume dieſes Waldes und die vorderſten Wege. Die Anführer hatten ſich hier verſammelt und berathſchlagten den zu verfolgenden Plan. „Wie viel ſind wir hier?“ fragte einer. „Ungefähr Siebenhundert!“ „Es iſt wunderbar, daß wir ſchon zu einer ſolchen Zahl herangewach⸗ ſen ſind.“ „Sie wundern ſich,“ ſagte ein Anderer,„daß Warſchau ſiebenhundert Patrioten zählt?“ „In acht Tagen,“ verſetzte Graf Batory,„werden wir Fünfzigtauſend ſein!“ „Und in einem Monate Zweihunderttauſend!“ fügte Demko hinzu. „Nein,“ erwiderte der, welcher ſein Erſtaunen ausgedrückt hatte,„es iſt nicht die Zahl ſiebenhundert, die mich überraſcht, ſondern daß die ruſſi⸗ ſchen Behörden nichts dagegen gethan und nicht Jagd auf die Patrioten, welche die Stadt verließen, gemacht haben.“ Der Prinz von Waſa entfaltete eine ruſſiſche Zeitung und las mit er⸗ hobener Stimme: „Die Inſurrection hat begonnen, wie Rußland vorhergeſehen hatte; ſie hat angefangen als Mittel, der Rekrutirung ein Ende zu machen. Es iſt ein Ausſchlag; geſchickte Aerzte halten einen Ausſchlag nicht auf—“ „Hört,“ ſagte man von allen Seiten;„hört die Antwort der Ruſſen, deutlicher konnte ſie nicht ſein!“ Der Prinz von Waſa fuhr fort: „Das Gouvernement wußte ſehr wohl, daß die Durchführung der Rekrutirung das Signal zu einem Aufſtande ſein würde. Beſtimmte Berichte hatten ihm die Gewißheit gegeben, daß eine Inſurrection im Frühjahr ausbrechen werde; es hat beſchloſſen, ihr zuvorzukommen und das Feuer in der Aſche zu erſticken. Da die Regierung nicht im Stande iſt, die Häupter, welche, außerhalb ihrer Macht, im Auslande leben, zu erreichen, ſo hat ſie beſchloſſen, diejenigen zu ſtrafen, welche ſich her⸗ beiließen, ſich zu Werkzeugen des Complots herzugeben.“ „Alſo, wohlverſtanden!“ ſagte der Bauer Demko,„indem man an eine Verſchwörung glaubt, würde es ſich darum handeln, die Häupter zu erreichen, welche im Auslande leben; die Nothwendigkeit will, daß man ſie in Ruhe läßt, aber Rußland läßt ſich ſeine Opfer nicht entgehen; weil es nicht Funf⸗ zig ſtrafen kann, ſtraft es Zehntauſend; weil es der Anführer nicht habhaft werden kann, ſchleppt es die Soldaten fort; wo ein Menſch gefallen wäre, da fallen zwanzig— ein ſchönes Verhältniß!“ „Laßt uns ſchwören,“ ſagten Alle,„lieber zu ſterben, als uns zu erge⸗ ben; laßt uns ſchwören, daß wir Europa ein Beiſpiel von Vaterlandsliebe, Eifer, Hingebung und Opferfreudigkeit geben wollen!“ „Wir ſind jetzt Siebenhundert, morgen werden wir Zweitauſend ſein; wir wollen warten, bis wir von überlegenen Kräften angegriffen werden. Vermeiden wir die erſten Kämpfe, welche unſere Kräfte ohne Erfolg ſchwächen würden; aber wie groß auch die Zahl ſei, laßt uns niemals weichen!“ „Niemals!“ wiederholten Alle einſtimmig. 4 — * Sie waren mitten in ihrer Berathung, als ſich von der andern Seite der Weichſel her ein Lärm erhob, der die Aufmerkſamkeit der Parteigänger erreichte. Man ſpannte das Ohr. Der Lärm kam vom Blonier Walde her und bald konnte man unter⸗ ſcheiden, daß er von einer ruſſiſchen Cavallerie⸗Abtheilung herrührte. Das Wetter war dunkel und der dichte Wald erſchwerte es, zu un⸗ terſcheiden, was am Fluſſe geſchah. Die Flinten wurden geladen und man machte ſich bereit, allen Ereig⸗ niſſen zu begegnen. Man hörte bald darauf das Geräuſch eines in das Waſſer fallenden Körpers und durch die Stille der Nacht drangen die Bewegungen, welche ein Schwimmer macht, indem er die Wellen durchſchneidet. Eine Abtheilung Koſaken hielt das Ufer beſetzt und mehrere Schüſſe fielen. „Gebt Acht!“ rief Graf Batory,„dort iſt einer der Unſrigen, welcher aus den Händen der Banditen flieht, wir wollen uns bereit halten, ihm beizuſtehen und der Jagd auf ihn ein Ende zu machen.“ Mehr als zwanzig Flintenſchüſſe zerriſſen die Luft, die Kugeln ziſchten in den Wellen der Weichſel, aber noch immer hörte man die Bewegungen des Schwimmers. Der ruſſiſche Offizier vereinigte alle ſeine Leute und ließ auf der gan⸗ zen Linie Feuer geben. Der Schwimmer verſchwand unter dem Waſſer und die Kugeln ſchlu⸗ gen hinein, ohne ihn zu treffen. „Vier Freiwillige!“ rief der Offizier. Niemand meldete ſich. „Ihr ſeid feige Hunde!“ ſchrie der Offizier;„Ihr ſeht, daß dieſer Unglückliche mit dem Waſſer kämpft und Keiner von Euch hat den Muth, ihn der Gefahr zu entreißen!“ Nicht einmal ein Lächeln trat auf die Lippen der Koſaken. Die Ruſſen verſtanden den Witz nicht. Sieben Stunden waren bereits vergangen, ſeitdem man den Flüchtling mit Büchſenſchüſſen verfolgt hatte und der Offizier ſprach von Mitleid über die Gefahr, in der er ſchwebte! Endlich bezeichnete er vier Reiter aus der Truppe. „Hierher!“ ſagte er. Die Bezeichneten folgten dem Commando. „Steigt von den Pferden und werft Euch in die Weichſel!“ Keiner von ihnen zeigte den geringſten Eifer. „Augenblicklich!“ rief er;„und bringt mir den Gefangenen todt oder lebendig!“ 272 Sie ſchickten ſich an, ihm zu gehorchen. „Ihr braucht,“ ſagte der commandirende Offizier,„Euch nicht zu bemühen, hier wieder her zu kommen, wenn Ihr Euren Gefangenen nicht mitbringt; ich gebe Euch mein Wort, Ihr werdet mit Flintenſchüſſen empfangen!“ Sie warfen ſich in den Fluß und machten verzweifelte Anſtrengungen, den Flüchtling einzuholen. „Meine Freunde,“ ſagte Graf Batory,„wir müſſen einen Bruder ret⸗ ten; vier Freiwillige vor!“ Es traten zehn aus den Reihen.. „Geht mit Gott,“ ſagte der Graf„und ſchwimmt zu den Ruſſen!“ Die zehn Männer glitten in den Strom und ſchwammen ſchweigend an die Seite der Ruſſen. Dieſe, Geräuſch hörend, ſahen ein, daß ſie umzingelt ſeien und beab⸗ ſichtigten erſt, umzukehren; aber es war zu ſpät, und von beiden Seiten lebhaft angegriffen, konnten ſie nur einen ſchwachen Widerſtand entgegenſetzen. Zwei Polen waren bei dem Flüchtling und halfen ihm, das Ufer zu erreichen. Der ruſſiſche Offizier hatte keine Ahnung, was, funfzig Schritt von ihm entfernt, vorging; er befahl, als ſeine Leute nicht zurückkamen, ſechs An⸗ dern, den vier Erſten zu folgen. Sie ſchwammen in aller Sicherheit bis zur Mitte der Weichſel. Ein rauher Wind heulte im Walde von Blonie, beugte die alten Eichen und ſchüttelte die Gipfel der Tannen und Fichten. Ein dichter Nebel ſtieg aus dem Fluſſe und warf einen undurchdringlichen Schleier zwiſchen die bei⸗ den Ufer. Die Ruſſen ſchwammen unter tiefem Schweigen. Plötzlich hörten ſie wenige Schritte vor ſich ein Geräuſch; ſie glaubten, es ſeien ihre Kameraden, welche ſie bemerkt hätten und trafen gar keine Vorſichtsmaßregel. Sechs Polen ſtürzten ſich auf ſie; ſie wollten fliehen aber auch hierzu war es ſpät, ihre einzige Reitung war der Kampf. Auch dieſer war weder lang noch blutig.— Die Wellen der Weichſel trugen abermals ſechs ruſ⸗ ſiſche Leichname mit ſich fort. Der Flüchtling ſetzte den Fuß auf das Land. Sofort feuerten die Polen ihre Flinten in die Luft ab und der ruſ⸗ ſiſche Offizier bemerkte nun, daß er hintergangen war; da er nicht wußte, bis wohin er verfolgt werden könnte, gab er Befehl zum Rückzuge nach der Stadt. Der Flüchtling wurde im Triumph zu den Bewaffneten geführt, und ein großes Feuer wurde für ihn und die kühnen Polen angezündet, welche die Ruſſen beſiegt hatten. 55 K 274.) (S. tunde, einen Hauptſchlag auszuführen, iſt gekomn S „Meine Frennde, die Phantom Polens. I. Bd. 274 Es war ein ſchöner, großer junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, oder auch etwas älter, und er hielt ſich aufrecht und ſtolz, trotz der großen Müdigkeit, welche er zu empfinden ſchien. Bei ſeinem Anblick ging ein Ausruf des Enthuſiasmus durch die Rei⸗ hen; Aller Herzen hatten mitgerufen: „Es iſt Stanislas Tarnow!“ Conrad von Waſa war ihm in die Arme geſtürzt. Aller Hände ſtreck⸗ ten ſich nach ihm aus. „Das iſt ein Wunder!“ ſagten die Einen. „Uebernatürlich!“ die Andern. „Nein, meine Freunde,“ verſetzte Tarnow,„meine Gegenwart mitten unter Euch iſt kein Wunder und nichts Uebernatürliches, ſondern es iſt das Freundſchaftsband, das uns vereint und die Hingebung, welche uns auszeichnet. Während unſere Tyrannen ſich zu meinem Tod verſchworen und meine Hinrichtung vorbereiteten, wachten Brüder über mich und trafen alle Anordnungen zu meiner Flucht.“ „Meine Brüder, gelobt ſei Gott!“ ſagte die Stimme eines Prieſters, welcher einen Degen an der Seite und ein Crueifix in der Hand, an der Spitze eines Trupps Inſurgenten erſchien. 3 „Gelobt ſei Gott!“ wiederholten hundert Stimmen. Alle Kniee beug⸗ ten ſich, alle Köpfe ſenkten ſich und ein würdevolles und frommes Gebet ſtieg zum Himmel hinauf. Nach dem Gebet ſang eine feurige Stimme das Volkslied:„Der Abgang zur Armee.“— Nach Beendigung des Geſanges ſagte Taruow: „Meine Freunde, die Stunde, einen Hauptſchlag auszuführen, iſt ge⸗ kommen.“ Einen Augenblick nachher war er unter andere Gruppen getreten und äberall zeigte er ſeine uneigennützige Vaterlandsliebe und ſein Vertrauen zu der guten Sache. Gegen zwei Uhr Nachts kam eine neue Bande an und wurde durch erneuete, brüderliche Grüße bewillkommt. Dieſe jungen Leute, vom glühendſten Eifer für das Vaterland begeiſtert, kamen ſingendz herbeigezogen, als ob ſie zu einem Feſte gingen und mehrere hatten ſchon Zeit dazu gefunden, ſich mit der Uniform zu bekleiden, welche als die der polniſchen Inſurgenten feſtgeſetzt war. Die nationalen Waffen, welche ſeit 1831 verſchwunden waren, wurden aufs Neue durch die Inſurgenten erhoben. Die Fahnen trugen auf einer Seite den weißen polniſchen Adler und den weißen litthauiſchen Ritter, und auf der andern Seite das Bild von „Unſerer Frau von Czentochowa“, mit der Umſchrift: — ——y 7 275 „Für unſere und Eure Freiheit.“ Wunderbarer Weiſe wurde dieſe Schaar durch eine Frau commandirt, ein Mädchen, welches ſtolz ihre Büchſe auf dem Rücken, den Revolver im Sat⸗ telgurt und den Degen in der Hand trug. Eine Lanze mit den National⸗ Farben war an ihren Steigbügel befeſtigt. Der Graf Batory erkannte dies Mädchen und warf ſich in ihre Arme. Ein junger Mann ſah ſie und fühlte, daß ſich ſeine Knie beugten— das Mädchen war Julia Batory. Sie war an der Spitze einer Escadron polniſcher Lanciers und brachte eine wunderbare Wirkung in ihrer kriegeriſchen Ausſtattung hervor. Das Kleid hob ihren feinen und eleganten Wuchs und unter der amarantfarbigen Mütze drängte ſich eine Fülle blonder Locken hervor, welche auf ihre Schul⸗ tern herabfielen.. Sie ſtieg vom Pferde und ging, nachdem ſie das Thier einem ihrer Kampfgenoſſen übergeben hatte, auf Conrad zu und zog ihn bei Seite. Die beiden jungen Leute hatten ſich ſehr viel zu ſagen; es ſchien ihnen ein Jahrhundert vergangen zu ſein, während ſie einander nicht geſehen hatten. Beide fanden ſich am Tage der Gefahr, mit den Waffen in der Hand, wieder zuſammen. „Wie,“ ſagte Conrad zu ihr,„wollen Sie kämpfen?“ „O,“ erwiderte ſie,„werde ich zum Kämpfen kommen? Setzen Sie ſich einen Augenblick in unſere Lage und denken Sie an das Schick⸗ ſal, das uns vorbehalten iſt. Polen kann nur frei werden, wenn Europa ihm zu Hüffe eilt. Europa wird nur für uns Partei nehmen, wenn wir uns wie ein Mann erheben und wenn wir Ausdauer beſitzen; ganz Polen aber wird ſich erſt erheben, wenn es durch Ströme von Blut zum Aeußer⸗ ſten gereizt iſt.“ „Was denken Sie, Julia?“ „Daß die Erſten von uns, welche in den Kampf kommen, hingeſchlach⸗ tet werden, und daß Polen über die Leichname dieſer Tauſende von Opfern das Banner ſeiner Unabhängigkeit aufpflanzen wird!“ „Und Sie, ein Weib, Sie wollen ſich opfern?“ „Ich führe einen Namen, welcher dazu verpflichtet.“ „Julia, laſſen Sie den Männern die Ehre, ſich für das Vaterland tödten zu laſſen und bewahren Sie die Stellung, welche die Natur Ihnen angewieſen hat.“ „Conrad,“ ſagte Julia,„wenn meine Vaterlandsliebe mich nicht verpflich⸗ tete, mich mit Euch zu vereinigen, wenn die Gefahren, welchen das Land entgegengeht, nicht mahnend an Alle heranträten, welche den Muth. in ſich fühlen, ſich den moskowitiſchen Kugeln entgegenzuſtellen und ſich zuerſt zu opfern,— dennnoch würde ich gezwungen ſein, in Eurer Mitte zu kämpfen.“ 18* 276 „Gezwungen, ſagen Sie?“ „Ich gehöre nicht mir an, Conrad!“ „Was wollen Sie damit ſagen, Julia?“ „Conrad, in meiner Vergangenheit iſt ein Geheimniß verborgen, wel⸗ ches meine Zukunft beherrſcht.“ „Sie erſchrecken mich!“ „Ueberall, wo die Gefahr am größten ſein wird, werden Sie mich ſehen; überall, wo es Kugeln regnen wird, werde ich kämpfen; überall, wo der Tod ſeine Ernte halten wird, werde ich ſein.“ „Julia, Sie machen mich ſchaudern!“ „Ich habe eine ſchreckliche Schuld zu zahlen.“ „Sie?“ „Eine Schuld, welche nie getilgt wird.“ „Ich begreife Sie nicht.“ „Eine Schuld an den Tod.“ „Aber dann, Julia, giebt es keine Zukunft, kein mögliches Glück für uns; unſer Horizont iſt für immer verdunkelt, der Zufluchtsort, den Sie für unſere Liebe ſuchen, iſt das Grab.“ „Das Grab, ſagen Sie, Conrad? Nein, es iſt der⸗ Himmel!“ Der Graf Batory näherte ſich den Beiden. „Schweigen Sie,“ ſagte ſie, indem ſie die Hand des Prinzen von Waſa ergriff,„dort kommt mein Vater, er darf nicht wiſſen, warum ich hier bin.“ „Sie haben ſelbſt Geheimniſſe für Ihren Vater, Julia?“ „Für meinen Vater,“ ſagte das junge Mädchen, indem ſie eine große Thräne trocknete, welche über ihre Wange rollte,„o, für ihn mehr, als für jeden Andern.“ „Für ihn, und er iſt ſo gut gegen Sie?“ „O ja, er iſt ſo gut gegen mich geweſen, und weil ich ihn liebe, darum—“ „Was wollten Sie ſagen?“ „Ich darf nicht weiter ſprechen.“ „So lieben Sie ihn alſo, Ihren Vater?“ Das Mädchen hatte die Augen voll Thränen. „Sie weinen?“ „O, fürchten Sie nichts! gehen Sie;— morgen, vielleicht ſchon in dieſer Nacht wird die Stunde zur Schlacht ſchlagen und Sie werden mich vor den Ruſſen ſehen.“ „Ich werde bei Ihnen ſein, Sie zu vertheidigen.“ Die Tochter des Grafen Batory legte ihre Hand in die des Prinzen von Waſa. 277 „Möge Gott unſere Sache beſchützen!“ flüſterte ſie mit einem Lächeln der Verzweiflung. Conrad hatte eine Frage auf ſeinen Lippen, welche er nicht auszu⸗ ſprechen wagte. Julia ahnte es. „Sprechen Sie!“ ſagte ſie. „Werden Sie mir nicht böſe ſein?“ fragte er. „Was können Sie fragen, was Sie mir weniger theuer machen könnte?“ „Was iſt aus Ihrer Schweſter geworden?“ Das junge Mädchen erbleichte. „Aus meiner Schweſter?“ ſagte ſie. „Eleonore Batory.“ „Und warum fragen Sie nicht auch, was aus meiner Mutter gewor⸗ den iſt?“ „Ich wagte es nicht.“ „Nun wohl—“ „Sprechen Sie!“ Julia neigte ſich zum Ohr des Prinzen. „Mein Vater weiß es nicht,“ ſagte ſie,„er weiß's noch nicht, Sie ſind der Erſte, der Einzige, dem ich meine Schande anvertraue.“ „Ihre Schande, ſagen Sie?“ „Meine Mutter dient der Sache der Ruſſen gegen ihr Vaterland.“ „Was ſagen Sie mir da?“ „Die Wahrheit.“ „Wo iſt ſie?“ „In Warſchau.“ „Und Ihre Schweſter?“ „Meine Schweſter?— ſprechen wir niem als von ihr.“ Der Graf Batory kam heran und das Geſpräch wendete ſich zu all⸗ gemeinen Dingen. Einige Augenblicke nachher war der Prinz von Waſa allein mit dem Grafen Batory und der Erſtere ſagte: „Sie ſcheinen betrübt, Graf!“ Der Angeredete antwortete: „Sie werden bald erfahren, warum. Wenn ich binnen vier Tagen nicht getödtet bin, wird ſich in Warſchau ein ſchreckliches Drama entwickeln, ein Drama, das die Gemüther in Aufregung bringen und deſſen die Welt ſich erinnern wird.“. Der Prinz von Waſa verließ den Arm des Grafen von Batory und trat in das Bivouac. 278 Alle lagen an der Erde und ſchliefen feſt, ſie hatten ſich auf dem Schlachtfelde zur Ruhe gelegt. Von zehn zu zehn Schritt waren Wachen ausgeſtellt und große Feuer, r brannten, erwärmten die ſehr welche in gewiſſen Entfernungen von einande bewegt gewordene Luft. Conrad und Tarnow begegneten einander. Sie gaben ſich den Arm und nachdem ſie einige Augenblicke im Bivouac 4 auf⸗ und abgegangen waren, ſetzten ſie ſich in die Nähe eines Feuers. „Sage mir,“ fragte Conrad,„wie biſt Du eigentlich zu uns ge⸗ kommen?“ „Mein Theuerſter,“ antwortete Tarnow lachend,„das iſt ein Problem.“ „Ein Problem?“ „Mein Gott, ja!“ „Du haſt den Tod wohl nahe bei Dir geſehen?“ „Sehr nahe.“ „O, ich erinnere mich der Reden, Feſte, wo wir uns trafen.“ „Ja, ja, ich weiß.“ „Ich auch, ich war traurig.“ „Und Du biſt es immer?“ „Immer.“ „Dir Alles zu erzählen, unmöglich.“ „Fange an.“. „Und in jedem Fall weiß „Wie, Du ſelbſt?“ „Der Graf Batory weiß mehr als ich. von Wielun, mein Todfeind—“ „Der Graf von Wielun?— „Ich weiß nicht, warum.“ „Fahre fort.“ „Er hat mich in bewußtloſ meine Freunde glaubten, mich der Ge etwas Unerwartetes ein. Ein Leichnam war „Ein Leichnam?“ Tarnow lachte. „Ich komme aus der andern Welt,“ ſagte er;„nur der untergeſchobene Leichnam war wirklich todt, und der unglückliche Körper hatte zur größeren Sicherheit noch einen Dolchſtoß bekommen, der für mich beſtimmt war.“ .„Du waäxreeſt ſicher getödtet worden.“ „In der folgenden Nacht wurde ich in den Strom geworfen.“ welche Du führteſt bei dem glänzenden —-——:ꝛ— was mir begegnet iſt,“ ſagte Tarnow,„wäre geg ich nicht, was man mit mir gewollt hat.“ Jedenfalls war es der Graf 74 em Zuſtande fortſchaffen laſſen, und wenn walt meiner Feinde entriſſen zu haben, trat ſtatt des meinigen untergeſchoben.“ 1 —-——:::— 8 „Und Du biſt hier?“ „Wie Du ſiehſt.“ „Aber wie haſt Du das gemacht?“ „D, das iſt eine ganze Geſchichte.“ „Erzähle ſie mir.“ „Gern.“ In dieſem Augenblicke erſchien ein junges Mädchen und verlangte einen Soldaten zu ſprechen, welcher ſich in der Abtheilung von van Eldorf befand. Dieſes Mädchen war ſehr ſchön und ihr ganzes Geſicht von Thränen überſchwemmt. „Wie heißt der, den Sie zu ſprechen wünſchen?“ fragte ſie Conrad, erſtaunt über ihr Alleinſein. „Tadeus!“ antwortete ſie. „Und welchen Namen ſoll ich ihm nennen?“ „Beatrix.“ „Ich glaube nicht,“ ſagte der junge Mann,„daß Sie dieſe Nacht werden zu ihm gelangen können.“ „O, ſagen Sie ihm, daß es ſein muß!“ rief das junge Mädchen, „ſagen Sie ihm, daß Chriſtian gefangen genommen worden iſt, daß ſie ihm das Leben nehmen werden und daß ich ſterben muß, wenn er mir getödtet wird!“ „Beatrix!“ wiederholte Tarnow, ſich zu dem jungen Mädchen wendend und ihr ſeine Hand reichend;„Beatrix, kennſt Du mich?“ „Tarnow,“ rief dieſe,„o retten Sie ihn, retten Sie ihn!“ 3. Die polniſchen Kenſenmänner. Beatrix warf ſich in Stanislas Tarnow's Arme. „Mein Kind,“ ſagte er,„was iſt denn vorgefallen?“ „Sie haben ihn mir genommen.“ „Chriſtian?“ „Meinen armen Chriſtian, und wer weiß, ob ſie ihn nicht jetzt ſchon gehangen oder erſchoſſen haben.“ „Wie kommt es, daß er nicht bei uns iſt?“ „Nach Ihrer Abreiſe hat er ſich ein wenig ausgeruht und einige Ge⸗ ſchäfte beſorgt, die ihm mein Bruder zurückgelaſſen hatte; am andern Morgen war er bereit, zu Ihnen zu kommen, als unſer Haus umzingelt wurde.“ 280 „Hat er ſich nicht verbergen können?“ „Er hätte es thun können, er hat es auch gethan; Gott weiß, ob ihn die Elenden da, wo er war, gefunden hätten, aber aus Wuth, daß ſie ſeiner nicht habhaft werden konnten, ſtürzten ſie ſich auf mich und banden mich. Darauf trat Chriſtian heraus und ſagte zu ihnen:„Nehmt mich, ich bin der, den Ihr ſuchet.“ „Wir werden ihn retten!“ ſagte Tarnow. „O, möge Sie der Himmel erhören!“ „Wiſſen Sie, wohin ſie ihn geſchleppt haben?“ „Nach dem Stadtgefängniß.“ In dieſem Augenblicke erſchienen vier Mann mit einem Unterofftzier, welche Conrad von Waſa herbeigerufen hatte; ſie erhielten den Befehl, Beatrix zu van Eldorf zu führen, welchem ein von Tarnow und Conrad unterzeichnetes Billet ſagte, er möchte dem jungen Mädchen erlauben, einen Soldaten ſeiner Compagnie, Namens Tadeus, zu ſehen und dieſem Letzteren zu geſtatten, ſie zu begleiten. „Es gilt das Leben eines der Unſrigen!“ war der Schlaß der Bitte. Beatrix wollte ſich entfernen. „Fürchten Sie ſich nicht?“ fragte Conrad. „Fürchten?“ wiederholte ſie, indem ſie Tarnow anſah. „Nein, Conrad,“ ſagte dieſer,„glaube das nicht, ſie iſt eine echte Tochter Polens; ſchön wie unſere ſchönſten Mädchen Ken ens iſt ſie noch muthiger.“ „Hat ſie vielleicht ſchon irgend etwas von Bedeutung gethan?“ fragte Conrad lachend. „Sie hat mit eigener Hand ſechs Ruſſen getödtet!“ ſagte Tarnow. „Dieſes Kind?“ „Sie ſchießt mit ihrer Piſtole wie ein Scharfſchütze und geht mit dem Degen um, wie ein alter Soldat.“ „Warum ſoll man nicht an die Befreiung eines Landes glauben, das ſolche Kinder erzeugt?“ ſagte Conrad. „Höre,“ ſagte Tarnow,„Du fragteſt mich danach, wie ich gerettet worden—“ „In der That!“ „Das junge Mädchen könnte es Dir beſſer ſagen, als ich. 3 „Kennt ſie Dich ſchon lange?“ „Seit vier Tagen.“ „Sie hat Deiner Flucht zugeſehen?“ „Sie hat mehr gethan, ſie hat mir dabei geholfen—“ „Aber, wie alt iſt ſie?“ „Sechszehn Jahre!“ — 1 ——— 281 „Armes Kind!“ Inzwiſchen war Beatrix bei ihrem Bruder angekommen und ſagte ihm: „Tadeus, Chriſtian iſt gefangen. Du weißt, ob ich ihn liebe, und ob ich ohne ihn leben kann; was wirſt Du thun?“ „Verſuchen, ihn zu befreien.“ „Wie?“ „Mich als Deſerteur erklären.“ „An ſeiner Stelle?“ „Ja.“ „Aber dann werden ſie Dich tödten?“ „Liebſt Du nicht Chriſtian?“ „O, aber ich liebe Dich auch!“ rief Beatrix, ſich an den Hals des „Bruders werfend und ihr Köpfchen an ſeine Bruſt legend. „Muß er nicht gerettet werden?“ „Ja wohl, er muß gerettet werden, er muß, hörſt Du?“ „Siehſt Du wohl—“ „Aber Du darfſt nicht dafür gefangen werden?“ 8„Wie ſoll ich das machen?“ 4„Suche!“— „Ohne mich zu opfern, habe ich keine Ausſicht für ihn.“ „O mein Gott, o mein Gott!“ jammerte des arme Mädchen, weinend die Hände ringend. „Höre,“ ſagte Tadeus, nes giebt vielleicht noch ein Mittel.“ „O ſprich, ſprich!“ „Iſt er im Stadtgefängniß?“ „Ja!“ 4„Nein,“ ſagte Tadeus,„das hieße das Leben Vieler für nichts auf's Spiel ſetzen.“ „Was wollteſt Du thun?“. „Die Thore des Gefängniſſes erbrechen und ihn dem Arm des Henkers entreißen.“ Beatrix ließ ihren Kopf, als Zeichen des Unglaubens und der Verzweif⸗ lung, auf ihre Schulter ſinken. 4„Darauf iſt nicht zu rechnen!“ ſagte ſie. „Warum nicht?“ „Es iſt unmöglich!“ „Wir marſchiren unſer hundert, zweihundert Mann!“ .„Sie haben Tauſende!“ „Wir find jung, wachſam, muthig!“ „Die Mauern find hoch, die Gräben voll Waſſer und die Kanonen in Bereitſchaft.“” ⸗ 4 —— — 282 „Wohl, man muß ſie überrumpeln!“ „Ich will mich zu den Füßen des Gouverneurs werfen.“ „Daran darfſt Du nicht denken.“ „Nein, daran darf man nicht denken,“ wiederholte ein junger Soldat, der Tadeus Worte gehört hatte,„denn der eben ernannte neue Gouverneur iſt ein Elender, der Polen den Untergang geſchworen hat.“ „Sein Name?“ „Man ſpricht ſchon davon, ihn von dieſem Poſten zu verſetzen, weil derſelbe ſeiner unwürdig iſt und ihn nach Wilna zu ſchicken.“ „Was hat er denn ſchon gethan?“ 1 „Tauſend Willkürlichkeiten, welche als vom General Berg ausge⸗ gangen gelten. Wenn die Verhaftungen und Verfolgungen in Warſchau und allen umliegenden Provinzen fortdauern, ſo verdanken wir es dieſem Men⸗ ſchen. Er hat geſtern befohlen, alle junge Leute, welche dabei ergriffen wer⸗ den, daß ſie ſich anſchicken, zu uns überzugehen, mit Gewalt in die ruſſiſche Armee eingeſtellt und nach Sibirien zu ſchicken.“ „Er iſt es,“ ſagte ein Anderer,„der an die Mauern von Warſchau folgende neue Polizeiverordnung heften ließ: 1) Das Zuſammenſtehen von mehr als drei Perſonen iſt verboten. 2) Die Hausthüren müſſen um neun Uhr Abends verſchloſſen werden. 3) Zuſammenläufe bei Feuersbrünſten ſind verboten. 4) Von heute an darf Niemand des Abends nach neun Uhr ausgehen, ohne mit einer Laterne verſehen zu ſein. Von ein Uhr des Mor⸗ gens an bis nach Anbruch des Tages darf ſich Niemand auf der Straße zeigen. 5) Die Cafe's, Reſtaurationen, Schankwirthſchaften müſſen um ſechs Uhr Abends geſchloſſen werden.“ „Um ſechs Uhr?“ ſagte Jemand. Warum werden ſie dann überhaupt geöffnet?“ „Nicht Murawiew ließ dieſe Verordnung anheften,“ verſetzte ein junger Offizier,„ſondern der Lieutenant Muchanow. Sie kennen Murawiew nicht, wenn Sie glauben, er verliere ſeine Zeit mit Verordnungen. Er iſt der Mann des Handelns und großer Thaten, ihn werden Sie in Beſchäftigung ſehen, wenn das Blut in Strömen fließt.“ „Dem Großfürſten auch gebührt die Ehre der an die Garde⸗Grena⸗ diere gerichteten Anſprache: „Ihr werdet zum zweiten Male den polniſchen Aufſtand niederwerfen, Ihr habt es ſchon einmal im Jahre 1831 gethan. Ich hoffe, daß es jetzt das letzte Mal iſt, wo wir zur Bekämpfung einer polniſchen Revolution gerufen worden ſind, Ihr ſeid es, Kinder, denen der Kaiſer dieſe rühmliche Aufgabe anvertraut hat!“ * —— — —— b X 42 283 „Meine Freunde,“ ſagte ein junger Mann, der von der glühendſten Vaterlandsliebe begeiſtert ſchien, hört an, womit die Ruſſen Europa täu⸗ ſchen! „Die größte Ordnung herrſcht noch immer in Litthauen; dieſe Pro⸗ vinz, ſowie Wolhynien, Podolien und die Ukraine ſind ganz ruſſiſch und theilen nicht Hoffnungen und Wünſche nationaler Unabhängigkeit ihrer Brüder im Königreich; in dem gegenwärtigen Kampfe machen ſie mit den Ruſſen gemeinſchaftliche Sache, ſo innig und feſt iſt ihre Ver⸗ einigung mit Rußland.“ „O wie nichtswürdig!“ riefen Alle. „Sie haben noch nicht genug daran, uns zu tödten, uns hinzuſchlach⸗ ten, ſie müſſen uns auch noch in den Augen Europa's ehrlos machen!“ „Wir ſind die Stärkeren!“ rief ein Greis;„die Bevölkernng des alten Polens beträgt zwei Fünftheile der ganzen Bevölkerung auf dem achten Theile des Bodens, die moskowitiſche Race den dritten Theil der Geſammt⸗Bevöl⸗ kerung auf dem zehnten Theile des Landes, alſo befindet ſich ſelbſt heute noch das polniſche Element in ſehr großer Majorität dem anderen gegenüber. Dieſe Zahlen ſind von ergreifender Beredtſamkeit. Die Polen zählen ſich wie die Sclaven des Alterthums, und aus der Kenntniß ihrer Anzahl ſchöpfen ſie die Gewißheit des Erfolges. Dreiundzwanzig Millionen Einwohner, Männer, Frauen, Kinder, Greiſe, werden zehn Armeen in's Feld ſtellen, die der ruſſiſchen gleich ſind.“ „Meine Freunde,“ ſagte ein Soldat der Compagnie von Stanislas Tarnow,„ich habe erfahren, daß Nazinoff zum Gouverneur von Wilna ernannt worden iſt.“ „Es iſt fürchterlich!“ „Bittet Gott,“ unterbrach eine Stimme,„daß Ihr Euch nicht nach dem General Nazinoff zurückſehnen müßt!“ 4 „Es iſt wahr,“ verſetzte ein Anderer,„kaum ernannt, ſpricht man ſchon davon, ihm einen Nachfolger zu geben.“ „Einen Nachfolger? Alſo, Murawiew? wir ſind verloren!“ „Verloren?“ rief ein junger Mann, der eben hinzutrat,„verloren, ſagt Ihr? niemals! Je mehr Henker Polen hat, die ſich zu ſeinem Untergange verſchworen haben, deſto mehr Vertheidiger wird es haben, die zu ſeiner Befreiung verbunden ſind.“ Aller Hände legten ſich an die Mütze zum militairiſchen Gruß. „Oberſt,“ ſagte ein junger Offizier,„bringen Sie uns gute Nach⸗ richten?“ „Ja, meine Freunde,“ erwiderte der Angekommene,„die Syupathieen Frankreichs, meines Vaterlandes und des ganzen Europa!“ Dieſer junge Mann war Francois Rochebrun, Oberſt der polniſchen 1 —— —— — 284 Zuaven. Er ſpielt eine ſo große Rolle in der polniſchen Zeitgeſchichte, daß wir uns nicht enthalten dürfen, hier einige Worte über ihn zu ſagen. Geboren in Vienne am 1. Januar 1830, trat er im Jahre 1844 in eine Buchdruckerei ein und verſchwand kurze Zeit darauf. Beherrſcht von ſeiner Liebe zu Abenteuern, bot Polen dem jungen Enthuſiaſten eine ſeiner würdige Sache; er warf ſich in die Bewegung und zeichnete ſich ſo aus, daß er erſt zum Offizier, dann zum Oberoffizier und endlich zum General⸗ Major ernannt wurde. Sein Vater, ſiebenundſechszig Jahre alt, iſt blind. Er läßt ſich aus den Journalen die Ereigniſſe der polniſchen Inſurrection vorleſen. Er hört mit zitternder Freude den Bericht über die Thaten ſeines Sohnes, auf den er ſtolz iſt. Er kennt alle Einzelnheiten ſeiner Kleidung als Chef der Zua⸗ ven des Todes, das weiße Kreuz an ſeiner Uniform bildet ſein Glück. In einem an ſeinen Vater geſchickten Briefe, datirt von Krakau, ſchreibt Francois Rochebrun unter Anderm: „Ich gehe dieſen Abend ab, um mein Regiment im Lager des Ge⸗ neral Langiewicz zu erreichen.— Ich befinde mich ziemlich wohl und leide nur ein wenig an den Füßen, welche durch den Froſt etwas an⸗ gegriffen ſind; ich habe das Unglück gehabt, unter mein Pferd zu fallen, als das arme Thier bei Mickow von einer Kugel getroffen wurde.“ Einen andern Brief, im Lager auf ruſſiſchem Boden geſchrieben, en⸗ digt er: „Was mich betrifft, ſo bin ich entſchloſſen, der heiligen Sache Polens meinen Degen und mein Leben zu weihen.“ Dieſe beiden Briefe ſind unterzeichnet: „Dein Sohn, Oberſt der Zuaven des Todes, Rochebrun.“ Francois Rochebrun iſt ein Kind aus dem Volke, ein Kind Vienne's. Mögen die Sympathieen ſeiner Landsleute ihn begleiten und beſchützen! Als er ſpäter nach Vienne reiſte, war dies ein Feſt; das Localblatt brachte einen Bericht über ſeine Reiſe, als ob er ein legitimer Würdenträ⸗ ger wäre. So finden große Ideen immer ihre Würdigung in Fankreich: „Der General⸗Major Rochebrun(Francois Rochebrun, unſer Mit⸗ bürger), iſt am Sonnabend in Vienne angekommen. Rochebrun trägt die polniſche Generals⸗Uniform, zu welchem Grade er allmälig geſtiegen iſt. Der berühmte Vertheidiger der gerechten Sache Polens wurde mit aller Zärtlichkeit von ſeinen alten Eltern empfangen; von ſeiner Mut⸗ ter, welche weinend ihren Sohn umarmte; von ſeinem alten, blinden Vater, welcher täglich, mit Thränen in den Augen, die Berichte über die Thaten ſeines Sohnes hörte. 2* — — K 28⁵ Seine Freunde und Mitbürger haben ihn mit der größten Zuvor⸗ kommenheit begrüßt. Ein Feſt wurde ihm angeboten von dem Verein Jeu de Paume, wo die Elite der Vienner Geſellſchaft ſich beeiferte, ihm ihre Bewunderung und Sympathie zu bezeugen. Die Menge umſtand während eines großen Theiles des Tages die Wohnung ſeines Vaters und machte mehrere Male ihrem Enthuſias⸗ mus Luft. Der Oberſt bedankte ſich unter endloſem Beifallsrufen. Rochebrun wurde in viele Häuſer unſerer Stadt eingeladen, überall riß man ſich um ſeinen Beſuch, Jeder wollte ihn ſehen und bewundern. Unſer Mitbürger begiebt ſich in einer Miſſion nach Paris und wird dann ſofort nach Polen zurückkehren.“— Im polniſchen Inſurgentenlager war er nicht weniger beliebt, als in ſeinem Vaterlande. Man liebte ihn, weil er tapfer war, aber man liebte ihn auch, weil er Franzoſe und heimlich von der großen Nation geſchickt war, die bei die⸗ ſer Inſurrection durch eine große Anzahl ihrer Söhne vertreten iſt. Unterdeß ſprach man ſchon von einem Treffen mit den Ruſſen. Seit dem zweiundzwanzigſten Januar hatten mehrere Gefechte zwiſchen den Inſurgenten und den neuen, von Petersburg eingetroffenen Truppen ſtattgefunden. In der Nacht vom dreiundzwanzigſten zum vierundzwanzigſten Januar war ein ſchreckliches Gefecht zwiſchen Lowicz und Piotrkow geliefert worden, in welchem der Oberſt von Murow getödtet wurde. In der Stadt Zodons hatte ein Corps von zwanzig bis dreißig mit Carabinern bewaffneten jungen Leuten das Hauptcorps der Garde ange⸗ griffen und hatte ſich erſt, nachdem es der größten Uebermacht gegenüber⸗ ſtand, zerſtreut. Im Gouvernement Plock und in der Stadt ſelbſt fanden am achtund⸗ zwanzigſten Januar mehrere blutige Zuſammenſtöße ſtatt. Die polniſchen Berichte ſagen, daß unter andern bei Ciolkian der Kampf die ganze Nacht gedauert habe und daß man auf beiden Seiten eine große Zahl Todter und Verwundeter zähle. Bei Suraz, unweit Byaliſtock, war der Kampf noch lebhafter und die Polen blieben für einige Zeit die Herren der Stadt. Bei Zadzgin, Siedler, Lomza ſchlug man ſich ebenfalls. Eine im Gouvernement Auguſtow gebildete Abtheilung drang in Litthauen ein und die Bewegung erſtreckte ſich bis zum Palatinat Sandomir, wo ſie bald die Proportionen eines großen National⸗Krieges annehmen mußte. In mehreren dieſer Gefechte war der Sieg auf Seiten der Polen ge⸗ blieben, überall hatten ſie eine Bravour bewieſen, die ihre Feinde zur Be⸗ wunderung zwang, ſie aber auch zur größten Wuth reizte. 286 Im Verlauf eines dieſer Gefechte, deſſen Schauplatz die Stadt Plock geweſen war, fiel der Chef der Inſurgenten, der Advocat Zegrzda, in die Hände der Ruſſen; er ſchoß ſich eine Kugel durch den Kopf, um nicht ihr Gefangener zu bleiben. Die Banden bildeten ſich zufällig, ohne Befehlshaber, ohne Organi⸗ ſation, ohne Waffen, und hatten gegen regulaire, ihnen an Zahl überlegene Truppen zu kämpfen. Ihre Zahl vergrößerte ſich fortwährend. Die Arbeiter verließen die Werkſtätten und Fabriken, um neue Ab⸗ theilungen zu bilden, oder ſich den ſchon beſtehenden anzuſchließen. Die kleinen Eigenthümer, die Landwirthe, die nichts von der Ausnahme wiſſen wollten, welche das Rekrutirungsgeſetz mit ihnen machte, bewaffneten ſich mit der herkömmlichen Senſe. Wie zur Zeit des Kosciusko, verwandelte ſich in ihren Händen dieſes friedliche Inſtrument zur Todeswaffe. Auf mehr als hundert verſchiedenen Stellen brach die Inſurrection zu⸗ gleich aus. Die Rekrutirung wurde in den Provinzen fortgeſetzt; aber die Zahl der Inſurgenten wurde immer größer und das National⸗Comité ward errichtet. Jetzt begannen die ruſſiſchen Colonnen, welche zur Verfolgung der „Briganten“, wie man die Inſurgenten nannte, beſtimmt waren, ihren Weg durch Plünderung, Mord und Verwüſtung zu bezeichnen. Am achtundzwanzigſten Januar fand zu Szydlowice im Gouvernement Sandomir ein Gefecht ſtatt. Die Inſurgenten wurden, nachdem ſie vierzig Mann verloren hatten, zurückgeworfen, und nun ſtürzten ſich die durch den Widerſtand wüthend gemachten Soldaten in die unglückliche Stadt, welche ſie mordend, raubend, brennend, buchſtäblich in Feuer und Blut begruben. Am andern Tage erneuerten ſich dieſelben Thaten in Bodzentyn. Dieſe Härte, dieſe Exceſſe hatten keine andere Wirkung, als den Haß der Polen gegen die Ruſſen zu vermehren und reißend ſchnell die Stärke der Inſurrection zu vergrößern. 3 Ungeachtet des Schauſpiels, daß man die gefangenen und gefeſſelten Patrioten durch die Straßen führte, verbanden ſich doch Alle, die irgend entſchlüpfen konnten, mit den Inſurgenten. Die, welche zurückblieben, weil ſie ſich unter zu ſtrenger Beaufſichtigung befanden, ließen keine Gelegenheit vorbeigehen, ihre Sympathieen für die held enmüthigen Vertheidiger der Na⸗ tional⸗Sache zu erkennen zu geben und ihre Familien zu unterſtützen. Man benutzte jedes Mittel, ihnen Nahrung und Kleidung zu ſchicken. In allen Häuſern zupften die Frauen Charpie. Die Inſurgenten theilten ſich in kleine Abtheilungen und beunruhigten die ruſſiſchen Truppen. *½—— 287 In den Städten, in welche ſie eindrangen, oder in deren Beſitz ſie ſich augenblicklich befanden, bemächtigten ſie ſich der öffentlichen Kaſſen, aber ſie verabſäumten nie, darüber Quittung zu geben und ſich für das genommene Geld verantwortlich zu erklären. In einer kleinen Stadt in der Nähe von Plock war auf dieſe Weiſe eine Summe vou mehreren Tauſend Rubel in die Hände eines Inſurgenten⸗Offiziers gefallen, der augenblicklich keine Verwendung dafür hatte, er vertheilte ſie daher unter die ſteuerpflichtigen Bewohner. Auf der Straße von Warſchau nach Modlin wurde durch eine Polen⸗ Abtheilung ein von Koſaken escortirter Trupp Rekruten befreit. Man begnügte ſich damit, den Koſaken die Waffen abzunehmen, während man ſie ſelbſt nicht gefangen nahm.. In Kozienice, einer kleinen Stadt des Gouvernements Sandomir, entwaffnete die inſurgirte Bevölkerung die Ganiſon, tödtete aber keinen Soldaten. Und wie vergalten dieſe Koſaken eine ſolche Schonung? Ein junger Arzt, welcher von Konin zu den Inſurgenten gekommen war, um für die Verwundeten zu ſorgen, hatte in dem Hauſe, welches als Lazareth gebraucht wurde, ſeine Wohnung genommen. Er fiel in die Ge⸗ fangenſchaft der Ruſſen und wurde, ohne Rückſicht auf ſein Alter, ſeine Hingebung für ſeinen Stand, nicht allein von zehn Bajonetſtichen durchbohrt, ſondern auch noch erſchoſſen, weil er nicht ſchnell genug ſterben konnte. Auf dem Schlachtfelde hatten die Ruſſen den Körper des jüngſten Sprößlings einer alten, polniſchen Adelsfamilie bemerkt und zerſchlugen ihm mit Kolbenſchlägen den Schädel, indem ſie dabei rohe Scherze machten und ſagten, ſie wollten ſehen, ob er einen harten Kopf habe. Ein Unglücklicher, Namens Stephanowitſch, welcher mitten unter Todten und Sterbenden lag, wagte es, um einen Trunk Waſſer und einen Arzt zu bitten; er wurde todtgeſchlagen. Die Bauern, welche ſich in ihre Scheunen und Ställe geflüchtet hatten, band man zwei und zwei zuſammen, um ſie zu erſchießen. Das nennen die Ruſſen„ein Exempel ſtatuiren und von der Inſurrection abſchrecken.“ Freilich iſt es wahr, der Schrecken geht ihnen voraus und der Schrecken folgt ihnen; das iſt die letzte und grauſamſte Hülfe, und dieſe wird ihnen eben ſo nutzlos ſein, wie jede andere. Man kann beſtimmt glauben, und hierüber ſind alle Berichte einig, daß die Zahl der Todten im Gefecht von Dobroslaw nicht mehr als vier Mann betragen hat, der natürlichen Vertheidigungsmittel wegen. Und den⸗ noch wurden mehr als vierzig Opfer in dieſen blutigen Gefecht niederge⸗ metzelt; dies muß alſo nach dem Treffen geſchehen ſein, als die Freiwilligen ſich zurückziehen mußten; nach dem Ende des Kampfes mordeten die Ruſſen ——O 288 ohne Mitleid Verwundete, Bauern, Gefangene, Greiſe, mit einem Worte, Alle, die das Unglück hatten, in ihre Hände zu fallen. Weit entfernt, die Bevölkerung zu entmuthigen, ſtärkten dieſe uner⸗ hörten Grauſamkeiten der Ruſſen die Geiſter, machten die Herzen hart, be⸗ waffneten die Arme. Das Land, im Anfang ungewiß, erwartet heute nur den Ruf ſeines Befehlshabers. Mielenski hat kluger Weiſe ſeine Mann⸗ ſchaften in kleine, bewegliche Abtheilungen getheilt, welche leicht zu verpflegen, bequem im Gefecht zu leiten ſind, und hat ihnen am Thore von Dobros⸗ law einen Vereinigunspunkt gegeben; bald wird man ihn an der Spitze ſeiner ſiegreichen Schaaren ſehen, bald hier, bald da, denn die Regierung und die ruſſiſche Armee haben um das ganze Land ein eiſernes Netz ge⸗ zogen, von dem man immer nur eine Maſche zerreißen kann. Der Kaiſer, die Treue der Bauern belohnend, ermuthigt ſie, ſich immer auf der Seite der Truppen zu halten, und um ihnen dies zu erleichtern, „befiehlt“ er die Befolgung nachſtehender Vorſchriften: 1) Die Communalbehörden ſollen eine eigene Polizeiwache bilden, um die„treuen“ Bewohner und die Reiſenden zu überwachen. 2) Die genannten Communalbehörden ſollen auch die„Verdächtigen“ verhaften, das heißt Leute, welche Waffen beſitzen, oder ſolche, die im Verdacht ſtehen, zu den Inſurgenten gehört zu haben, und hierzu ſollen ſie, wenn es nöthig iſt, die Hülfe der Bauern requiriren. 3) Endlich ſollen dieſe Behörden darüber wachen, daß„die treuen Bauern“ ſich an nichts betheiligen, was die öffentliche Sicherheit gefährdet und alſo einen falſchen Begriff von ihrer„Treue“ geben würde. Unſere Leſer wollen verzeihen, wenn wir, hingeriſſen von dem Gang der Ereigniſſe, unſere Helden vergeſſen zu haben ſcheinen, aber in einer Inſu rrection von ſolcher Wichtigkeit iſt der Größte klein; wer fällt, wird durch einen Andern erſetzt; der heute Unbekannte iſt morgen der Sieger. Jeder hat eine Rolle in der gewaltigen Revolution zu ſpielen und Jeden wird unſere Feder dem Auge des Leſers vorüberführen. In der Nacht, in welcher Chriſtian Tadeus wiederfand, zerſtörte ein plötzliches Ereigniß ihre Pläne. Die Inſurgentenhaufen, befehligt wie die uns bereits bekannten, waren von den Ruſſen eingeſchloſſen und wurden von allen vier Seiten zu gleicher Zeit angegriffen. Es war eine ſchreckliche Nacht. Ungefähr tauſend Polen ſtanden dreitauſend Ruſſen gegenüber, alſo drei Mann der bis an die Zähne bewaffneten Soldaten gegen einen in der Kriegskunſt unerfahrenen und ſchlecht bewaffneten Inſurgenten. Rochebrun hatte hinter ſich zweihundert Zuaven des Todes. Stanislas Tarnow einhundert und funfzig Mann. 5 — 5 23 3 22* 3 * —— — 290 Graf Batory einhundertundſechszig. Von Elldorf achtzig. Conrad von Waſa einhundertundzehn. Julia Batory commandirte einhundertundvierzig polniſche Lanciers. Demko befand ſich an der Spitze von einhundertundſechszig Senſen⸗ männern. Der Senſenmann iſt ein Polen eigenthümlicher Typus; halb Soldat, halb Bauer, repräſentirt er in den polniſchen Unabhängigkeitskämpfen das demokratiſche Element, das Volk. Dank ſeiner Senſe, wird das Land niemals unbewaffnet ſein. Es iſt die einzige Waffe, welche die ruſſiſche Polizei bei Verhängung des Bela⸗ gerungszuſtandes ihm gelaſſen hatte. Die Land⸗Eigenthümer hatten nicht einmal die Erlaubniß erhalten können, eine einzige Büchſe zu behalten, um ſich und ihr Vieh gegen die wilden Thiere zu vertheidigen. Man ſah in den erſten Tagen des Aufſtandes Arbeiter, Bewohner der Städte, Adelige und Studenten ſich wie die Bauern mit der Senſe bewaffnen. Hier hatten indeſſen die Inſurgenten zum Theil Waffen, ſie verdankten ſie dem Grafen Batory, der ſie von der Fürſtin Orlanoff erhielt. Sie hatten Waffen, wußten aber nicht damit umzugehen. Als die Ruſſen vorrückten, verſammelte Graf Batory ſeine Mann⸗ ſchaften um ſich und redete zu ihnen in der feſten und energiſchen Sprache des Mannes, welcher ſich opfert und der im Namen ſeiner Neberzeugung ſpricht; ſie hörten lautlos zu. Nachdem er ſeine Rede beendet hatte, las er ihnen mehrere Mitthei⸗ lungen vor, die er in derſelben Nacht aus verſchiedenen Theilen des König⸗ reeiichs erhalten hatte. „Der General Berg, verſichert man, hat den Befehl erhalten, das ganze Land unter Feuer und Blut zu ſetzen, und mit Warſchau anzufangen, wenn es nicht gelingt, den Aufſtand zu erdrücken. Wie die Ruſſen Moskau ver⸗ rannt haben, ſo werden ſie ſich auch keine Gewiſſensbiſſe machen, Warſchau anzuſtecken und zu plündern. „Wir erhalten von allen Seiten Neuigkeiten vom Schlachtfelde und von den Exceſſen, welche die Ruſſen begangen haben. In Cujavien, wo die Bauern zuerſt gegen die Inſurrection waren, kommen ſie jetzt zugeſtrömt und bitten um Waffen, die leider in vielen Gegenden fehlen. Die Hälfte des Corps von Seyfried, alſo achthundert Mann, beſteht aus Bauern. Seyfried hat, wie Ihr wißt, am 10. April einen entf ſcheidenden Sieg über den Fürſten Wittgenſtein, der tauſend Mann und zwei Kanonen befehligte, davongetragen. „Eine Abtheilung von ungefähr zweihundertundfünfzig Mann, unter —— ——,——, dem Kommando von Urbanowicz, hat bei Sieradz den Ruſſen mehrere glückliche Gefechte geliefert. „Im Palatinat Sandomir ſtehen die fünf großen Corps von Czechowski, Grylinski, Konowicz, Lopacki, Wierzbinski und außerdem drei kleinere Schaaren..— „Im Palatinat Augnſtow befinden ſich zwiſchen den beiden großen Abtheilungen des Oberſt Ramotowski und des Oberſt Andruszkiewicz mehrere kleine Corps. „Wir haben außerdem noch mehrere Truppen⸗Abtheilungen in der Um⸗ gegend von Warſchau, im Palatinat Plock, in Podlachien und im Gou⸗ vernement Lublin. „In Litthauen, im Departement Kowno, hat zwiſchen Leneze und Szuszwa ein Corps von achthundert Inſurgenten mit den Ruſſen gekämpft, die Ruſſen haben dreißig Mann verloren, die Unſrigen drei. In Samogitien haben vierhundert Inſurgenten gegen drei ruſſiſche Colonnen gekämpft, beide Theile haben vierzig Mann verloren. Die Bauern kommen in großen Haufen in das Lager der Inſurgenten. Ein einziges Dorf von hundert Häuſern ſtellte zweihundertundfünfzig Freiwillige.“ „Ihr ſeht, daß Ihr nicht die einzigen ſeid, die ſich ſchlagen,“ ſagte der Graf,„und daß wir uns nicht in ein thörichtes Unternehmen ſtürzen; ungeachtet der Stärke und der Grauſamkeiten unſerer Feinde, gelingt es uns, uns zu vertheidigen, und mehr Terrain zu gewinnen.“ Der Tambour ſchlug an. Die Ruſſen waren noch zweihundert Schritt entfernt. Die Stimmen der Anführer ertönten und man hörte nur noch die Vorbereitungen zur Schlacht. Der von Van Eldorf commandirte Theil, zu welchem Tadeus gehörte, der im Angeſicht der Gefahr, nicht von ſeinem Poſten gewichen war, war in eine Tirailleurlinie aufgelöſt. Nach einigen Minuten tönten Büchſenſchüſſe durch die Luft. Es waren Tirailleurs, welche in Gräben verborgen, in Sträuchern, hinter Bäumen, an beiden Seiten die Avantgarde angegriffen und ſie hin⸗ derten, zur Lichtung des Waldes vorzurücken, wo die Hauptmacht der In⸗ ſurgenten ſtand. Sie kamen indeß an, ohne großen Verluſt und der furchtbar mör⸗ deriſche Kampf begann. „Tod den Moscowiten!“ war das Feldgeſchrei.— Die Ruſſen wurden durch Tarnow's Corps zurückgeworfen, aber bald rückten ſie vor und ließen die Geſchütze anfahren, welche den Tod in die Reihen der Polen ſchleuderten. 88 Die Trompeten blieſen zum Rückzug und die Inſurgenten zogen ſich in den Wald. 40 19 292 Die Ruſſen meinten geſiegt zu haben und verfolgten ſie mit dem Ba⸗ jonnet; aber durch ein geſchickt ausgeführtes Manöver hatten die Polen eine Schwenkung gemacht und hielten die Feinde zwiſchen zwei Feuern. Jetzt entſtand ein wahres Schlachten, und jede Compagnie zeichnete ſich durch unerhörte Tapferkeit aus. Die Polen waren nicht Sieger; doch in Folge der Schwenkung, welche Graf Batory commandirt, waren ſie im Stande, den Angriff auszuhalten. Tadeus kämpfte wacker und ein junger Mann, der neben ihm focht, that Wunder der Tapferkeit. Er fiel, getroffen durch eine Kugel, in dem Augenblicke, wo das Gehölz offen lag und das Corps geworfen wurde. Der Weg iſt offen und die Ruſſen ſtürzen hinein. Der junge Mann ruft:„Zu uns!“ und plötzlich mit ſeinem blutenden Körper eine zuckende Bewegung machend, rollt er nach der entgegengeſetzten Seite und verſperrt der Cavallerie den Weg. Die Pferde treten ihn unter ihre Füße, aber ſeine Hingebung und ſein kaltes Blut haben den Polen Zeit gegeben, ſich zu erkennen, und Julia Batory ſchließt, an der Spitze ihrer Lanciers herbeieilend, die Oeffnung und verhindert die Ruſſen am Vorrücken. In dieſem Augenblicke gerathen die ruſſiſchen Reihen in Unordnung, ſie fliehen in das offene Feld und werden von allen Seiten von den Polen angegriffen. Eine einzige Abtheilung war nicht im Gefecht geweſen, die des Bauers Demko. Plötzlich ſieht man ſie von der Höhe hernöſteigen. Es ſind die pol⸗ niſchen Senſenmänner! Sie ſtürzen wie eine Lawine unter die Füße der Pferde und mähen die Reiter herab, welche jetzt von allen Seiten ange⸗ griffen werden. Die Pferde, raſend gemacht durch die fürchterlichen Senſen, ſtürzen und reißen ihre Reiter mit zu Boden. Demko, das Auge mit Blut unterlaufen, ſchwingt ſeine Senſe, die in ſeinen Händen zur furchtbaren Waffe geworden war. Er hatte ſich die ruſſiſchen Offiziere auserſehen und wüthet unter ihnen; ein Ruſſe ſtellt ſich ihm entgegen, er wirft ſich auf ihn und ſeine Senſe durchbohrt die Bruſt des Soldaten. Bei Tagesanbruch ergriffen die Ruſſen die Flucht, vierhundert der Ihri⸗ gen auf dem Schlachtfelde zurücklaſſend und mehrere Wagen Verwundete mit ſich führend. Die Inſurgenten ſchätzten ihren Verluſt auf nur ſechszig Mann; frei⸗ lich waren unter dieſen ſechszig mehrere Anführer und ein braves Hetz— Tadeus war todt. Beatrix weinte auf dem Körper ihres armen Bruders und bat um einen Vertheidiger für ihren Verlobten. 7 —————,· 8 293 Stanislas Tarnow bot ſich an. „Nein, nein!“ rief man von allen Seiten;„Tarnow, den die ruſſiſche Polizei überall ſucht; dieſer Fang würde zu koſtbar ſein!“ „Van Eldorf erbot ſich. „Nein, nein!“ ſagte die Stimme einer Frau, welche erſchien und Alle entfernte, die Beatrix umgaben. Sie nahm ſie in ihre Arme und ſagte: „Ich werde Chriſtian retten, folge mir, mein Kind.“— Aller Häupter entblößten ſich. „Die Fürſtin Orlanoff!“ rief man. „Nein, meine Freunde,“ ſagte ſie,„Ihr irrt Euch, ich bin Biruta, die Tochter des Patrioten Kraſinski.“ Mehrere junge Leute warfen ſich zur Erde und wollten den Saum ihres Kleides küſſen. 8 „Haltet ein,“ ſagte ſie,„haltet ein mit dieſen Eurer unwürdigen Freudenbezeugungen, ich bin nur eine arme Frau, welche viel gelitten, viel geweint hat. Wenn Ihr Eure Häupter vor einem menſchlichen Weſen ent⸗ blößen wollt, wählet Helden, welche dieſe Ehre verdienen.“ Ihre Augen wendeten ſich auf den Weg, vom freien Felde her tönte lautes Geſchrei zum Himmel. Ein junger Mann zu Pferde, in der Uniform der höheren Offtziere und von mehreren Reitern umgeben, zeigte ſich am Ende des nach dem Walde führenden Pfades. Ein Jubelgeſchrei begrüßte ihn. „Langiewicz!“ rief man. 3 4. Langiewicz. Die Ankunft Langiewicz's hatte bei den Inſurgenten den allgemeinſten Jubel hervorgerufen. Er war einer der Männer, auf den der polniſche Unabhängigkeitskampf rechnete. Langiewicz war nicht der Einzige, der die Freiheit repräſentirte und auf deſſen Arm man hoffte. Seine immer thätige, berechnende Klugheit, ſeine ſchon bewieſene Bravour, waren nicht eine unentbehrliche Hülfe für Polen, das reich war an Bürgern, wie an Soldaten, und gebietend über muthige Kämpfer, welche vor ihm ihr Vermögen, ihre Carriere, ihre Zukunft und ihr Blut geopfert hatten; aber er war einer der Männer, auf die man ſich ſtützte, und dies reichte hin, um ihn wie einen Retter des Vaterlandes erſcheinen zu laſſen. Geboren den 5. Auguſt 1827 zu Krotoſchin, im Großherzogthum Poſen, ſtudirte Maryan Langiewicz auf dem Gymnaſium und dann auf EE 294 auf der Univerſität zu Breslau, wo er ſich namentlich mit Mathematik be⸗ ſchäftigte. Zum Militairdienſt, wie alle preußiſchen Unterthanen, verpflich⸗ tet, brachte er ein Jahr bei der Garde⸗Artillerie zu. Nach Ablauf dieſes Jahres machte er zahlreiche Reiſen nach Italien und war eine Zeit lang Profeſſor an der polniſchen Militairſchule zu Genua. In Paris überraſchte ihn die Nachricht von dem Anfange der Rekru⸗ tirung und er eilte, das Reſultat und die Conſequenzen dieſes Schrittes vorausſehend, ſofort nach Polen. Er war bereits vor einigen Tagen hier angekommen, hatte ſich an die Spitze eines Inſurgentenhaufens geſtellt und ſchon ſeine Tapferkeit gegen die Ruſſen bewieſen. „Meine Freunde,“ ſagte er, als er von allen Inſurgenten⸗Chefs um⸗ geben war,„ich danke Ihnen, daß Sie mich in Ihre Mitte gerufen, daß Sie Vertrauen zu mir haben; ich werde nicht die Erwartungen täuſchen, die Sie von mir hegen, Sie werden Ptichſ ſtets an der Spitze der Tapfer⸗ ſten, der Kühnſten ſehen.“ „Unſere Sache iſt gerecht!“ ließ ſich eine Stimme vernehmen. „Sie iſt heilig!“ folgte eine andere. „Sagen Sie auch, meine Herren, ſie iſt gut, ſie iſt ſicher!“ verſetzte 2 Langiewicz.„Aber in der Zeit, in welcher wir leben, genügt es nicht, die Gerechtigkeit einer Sache zu proklamiren, um zu ſiegen; es genügt nicht, ſich auf die Seite der gerechten Sache zu ſtellen und eine grenzenloſe Hinge⸗ bung zu zeigen; man muß auch ſtark genug ſein, dem Feinde zu wider⸗ ſtehen, man muß gerüſtet ſein, um nicht dem erſten Anprall zu erliegen, im erſten Wirbel zu verſchwinden. Wenn wir unterliegen, wird man mor⸗ gen ſagen: Es waren einige Ehrgeizige, welche es wagten, das große ruſſiſche Kaiſerreich anzugreifen, einige Aufrührer; man wird uns Rebellen und Empörer nennen.— Siegen wir dagegen, dann wird es von einem Ende der Welt zum andern ſchallen: Es iſt ein großes, geknechtetes Volk, es erhob ſich und brach ſeine Ketten; es iſt eine große Nation, ſie erklärte dem moscowitiſchen Geiſte den Krieg, Polan wird den tyranniſchen Koloß vernichten, es lebe Polen!“ „Werden wir ſiegen oder unterliegen?“ fragte eine Stimme. „Beides;“ entgegnete Langiewicz,„wir werden unterliegen, aber wir werden Sieger ſein; wir werden unterliegen, weil wir an Zahl geringer, weil wir ſchwächer ſind, weil Rußland ſeine großen und durch die Knute in allen Theilen des Kaiſerreichs unerſchöpflich rekrutirten Armeen in's Feld ſchicken wird, weil es uns an allem Nöthigen, an Geld, an Kleidung, viel⸗ leicht an Brod fehlt; wir werden unſere Reihen gelichtet, wir werden täglich die Unfrigen fallen ſehen.“ —— 295 Man wollte widerſprechen. „Widerſprechen Sie nicht!“ rief der General,„es wird um ſo ruhm⸗ voller für uns ſein, wenn wir feſt zu unſerer Sache halten; man wird uns erſchießen, man wird uns hängen; wir werden die Zahl der Opfer vergrö⸗ ßern, welche ihre Ketten in den Einöden Sibiriens ſchleppen; aber wir wer⸗ den nicht fliehen, wir werden nicht um Gnade bitten, ſondern immer kämpfen... „Habe ich es nicht geſagt, daß, wenn wir unterliegen, wir die Sieger ſein werden? „Ja, aufgeregt endlich von unſerm Widerſtand, und betroffen, uns un⸗ beweglich unter ihren Streichen fallen und wieder aufſtehen zu ſehen, werden dieſe herzloſen Menſchen Furcht bekommen und in dieſer übernatürlichen Furcht, welche ſich ihrer endlich bemächtigen wird, werden ſie unſere Fahnen, ge⸗ färbt mit dem Blute, welches auf allen Schlachtfeldern Polens vergoſſen iſt, ungehindert fliegen laſſen. 4 „Hören Sie, was man überall von uns ſpricht und Sie werden ab⸗ meſſen können, was wir zu erwarten haben. Die öffentliche Meinung hat auf die Nachricht von der polniſchen Inſurrection mit einem Schmerzens⸗ ſchrei geantwortet. „Was wird es nützen, was wird es helfen, ſagt man, und welches wird das Schickſal aller dieſer braven Männer ſein, welche ihren Tod ſuchen, den Enthuſiasmus im Herzen und Freiheitslieder auf den Lippen? „Das Bild der Vergangenheit erſcheint wieder vor Aller Augen, Nie⸗ mand mag glauben, daß dieſe neue Armee ohne Disciplin, ohne Anführer dem Koloß Rußland widerſtehen kann.“ „Während dieſe Armee eben entſtanden iſt, vergrößert ſie ſich von Tag zu Tag, breitet ſich immer mehr aus, überall werden die Ruſſen zurück⸗ geworfen. „Was ſoll man aus dieſen erſten Siegen folgern? Die Vergangenheit lehrt es uns leider, daß Heroismus und Muth ſelbſt mitten im Siege un⸗ terliegen können; die polniſche Revolution hat ihre großartigen, ruhmvollen Seiten, aber unglücklicher Weiſe hat die Geſchichte daneben oft den Bericht blutiger Wiedervergeltung aufbewahrt. „Es giebt Dinge, welchen man gewiß, Angeſichts der militairiſchen Ereigniſſe, welche in Polen vorgehen, eine große Wichtigkeit beilegen muß; es ſind die oft wunderbaren Beweiſe der Polen, von ihrer unauslöſchlichen Liebe zu ihrem Vaterlande, zu ihrer Fahne. Weder Verurtheilungen, noch Hinrichtungen, weder Grauſamkeiten, noch Verwüſtungen verhindern die Hin⸗ gebung der Männer, welche geſchworen haben, ihr Vaterland dem ruſſiſchen Despotismus zu entreißen. So ſieht man, trotz aller Anſtrengungen der moskowitiſchen Polizei, das Central⸗Comité zu Warſchau undgehindert ſeine 296 — Gewalt ausüben; die Verzweigungen dieſes Comité's ſind unfaßbar; der Gehorſam gegen ſeine Befehle iſt vollſtändig und täglich ſtellt ſich die Na⸗ tional⸗Behörde mehr der ungeheuren Gewalt Rußlands gegenüber. „Einen neuen, ſchlagenden Beweis von der glühenden Vaterlandsliebe der Polen giebt uns eine, geſtern uns zugegangene Depeſche aus Warſchau, welche uns die Abreiſe von vier Offizieren, welche bedeutende Stellungen in der ruſſiſchen Armee einnahmen, und jetzt in unſeren Reihen kämpfen. Unter dieſen Offizieren befindet ſich der Adjutant und Neffe des General Berg. Zeigen ſolche Thaten, wie die Flucht der Beamten der Bank von Warſchau, nicht deutlich den Wahnſinn aller durch die Ruſſen ſeit einem Jahrhundert gemachten Anſtrengungen, das polniſche Nationalgefühl zu beſiegen und dieſes Volk, welches der Despotismus nie hat beugen können, zu knechten? „Dieſe einzelnen Thaten werden mehr als die ſiegreichen Kriegsthaten, mehr als die blutigen Schlachten, deren Schauplatz Polen iſt, die ſchmach⸗ vollen Anklagen Rußlands Lügen ſtrafen. „Sie hören es, meine Herren, überall iſt man auf unſerer Seite, überall ſpendet man uns Beifall; iſt es nicht groß und ſchön, unter dem Beifall des ganzen Europa zu ſterben?“ Langiewicz ſah alle Hände nach ſich ausgeſtreckt, er ſah nur noch Köpfe, welche ſich um ihn drängten, Hände, die die ſeinigen drückten und ſchwörend erhobene Arme. Stanislas Tarnow trat aus den Reihen und ging zu Beatrix, welche allein auf der Erde ſaß und, das Haupt auf ihre Hände geſtützt, ſich ihren traurigen Gedanken überließ. Das arme Kind dachte an Tadeus, ihren todten Bruder, ihre Stütze, ihren Ernährer, der ihr den Vater erſetzte, wel⸗ cher vor langen⸗Jahren von den Ruſſen getödtet war. Dann dachte ſie an den gefangenen Chriſtian, der vielleicht auch ſchon todt war;— heiße Thrä⸗ nen rannen über ihre blaſſen Wangen. „Armer Chriſtian!“ ſeufzte ſie. Tarnow näherte ſich und wollte ſie anreden, aber ſie ſtand auf und be⸗ wegte ſich nach einer Gruppe, deren Geſpräch ſie unbeweglich und athemlos lauſchte. Er hörte bei der Stille der Nacht die Unterhaltung und begriff das Intereſſe, welches das Mädchen daran nahm. Ein junger Offizier war von Warſchau angekommen und erzählte den Tod von zwei Männern, mit welchen er befreundet geweſen und welche von den Ruſſen gehangen worden waren. „Große Truppenmaſſen umſtanden den Platz,“ ſagte er,„es waren vielleicht hundert Zuſchauer zugegen. Die Thore der Citadelle öffneten ſich und man ſah auf einem Karren die beiden weißgekleideten Männer; der erſte war ein junger Mann von ungefähr zwanzig Jahren, in dem andern, der vielleicht vierzig Jahr alt iſt, erkannte man ſofort einen Prieſter. Der Kar⸗ ——— 4 3 4 1 — 4 3 4 ren bewegte ſich langſam bis zum Galgen. Der junge Mann war bleich, aber ſeine Haltung feſt; er beſtieg mit ſicherm, raſchem Schritte das Schaffot, der Strick wurde ihm um den Hals geſchlungen und bald hing ſein Körper in der Luft. Dann beſtieg der Prieſter das Schaffot, er blickte muthig um ſich und ſeine Lippen ſchienen ein Gebet zu murmeln. Er folgte ſeinem Gefährten in die Ewigkeit. Während dieſes traurigen Actes ließeu alle katholiſchen Kirchen ihr Trauergeläut, erſchallen. Die beiden Männer waren die Kapuziner Komerski und Eduard Abicht, deren Verbrechen es war, daß ſie der Sache des Vaterlandes gedient hatten.“ Das Mädchen weinte. „O,“ ſchluchzte ſie,„warum iſt Chriſtian nicht auf dem Schlachtfelde gefallen, wie Tadeus, jetzt wird er eines ſchimpflichen Todes ſterben!“ Tarnow trat jetzt an das junge Mädchen heran. „Beatrix,“ ſagte er,„verzweifeln Sie nicht, ich bin bei Ihnen.“ „Ach, Sie ſind es, Tarnow?“ „Haben Sie kein Vertrauen zu mir?“. „Zu wem ſollte ich Vertrauen haben, wenn nicht zu Stanislas Tarnow?“ „Beatrix, Sie haben mir das Leben gerettet.“ „Sprechen Sie davon niemals!“ „Im Gegentheil, ich will davon ſprechen, die Stunde iſt gekommen, wo ich meine Schuld zurückzahlen will.“ „Ihre Schuld?“ „Meine Pflicht werde ich erfüllen.“ „Tarnow, glauben Sie nicht, daß ich reichlich dafür bezahlt bin, indem ich Polen einen ſeiner tapferſten Vertheidiger erhielt?“ „O,“ ſagte Tarnow,„ich werde ewig daran denken; ich lag auf dem Grunde der Weichſel. Mein Körper, von der Höhe von Smolenko in das Waſſer geſchleudert, ſchwamm einige Zeit oben, verſchwand in einem Stru⸗ del des Fluſſes und fiel, durch den Strom zurückgeworfen, wieder auf den Grund. Plötzlich fühlte ich, daß ich wieder zu mir ſelbſt kam. Die Kälte des Waſſers, das Hin⸗ und Herwerfen hatte meinen Geiſt wieder belebt. Ich öffnete die Augen, breitete meine Arme aus, und das Bewußtſein der Gefahr, in welcher ich mich befand, gab mir den Muth zum Kampf mit derſelben.“ „Sie ſchwammen, als ich Sie ſah.“ „Ja, kaum im Klaren über meine Lage, bekam ich meine Kräfte wie⸗ der; ich erhob den Kopf ans dem Waſſer, legte mich auf die Wogen und ſchwamm.“ „Ich ſah Sie und machte Tadeus Barke los.“ „Sie waren allein?“ „Allein; Tadeus und Chriſtian waren, in einer Comité⸗Sitzung.“ 4 —õõmöm —— 298 „Meine Kräfte waren kaum zurückgekommen, als ſie mich auch ſchon wieder verließen. Ich fühlte, daß ich ſank, meine Geſchicklichkeit verließ mich, meine ſteifen Glieder verſagten mir den Dienſt, es war um mich ge⸗ ſchehen. Ich unterſchied noch die Umriſſe der Barke, in welcher Sie fuhren, ich ahnte eine Hülfe. Ich verdoppelte meine Anſtrengungen und wenige Minuten nachher war ich ſo glücklich, mich meinem rettenden Engel zu übergeben.“ „Jedermann hätte daſſelbe gethan. Die Nacht war dunkel, noch hatte das erſte Tageslicht den dichten Nebel nicht zerſtreut, der auf der Weichſel lag. Ich war aufgeſtanden, um meinem Bruder und Chriſtian, welche zur Verſammlung gingen, Adieu zu ſagen. Kaum waren ſie fort, als tauſend Gedanken ſich meiner bemächtigten und mir die Luſt nahmen, mich wieder zu Bett zu legen.“ „ Dann gingen Sie fort?“— „Ja, ich ſetzte mir eine Mütze auf, hüllte mich in ein Tuch und machte mich auf den Weg.“ „Ohne Furcht?“ „Der Weg war einſam; allein, als ich horchte, hörte ich ein verwor⸗ renes Gemurmel; es war das der Mitglieder der Verſammlung— die Zu⸗ ſammenkunft der erſten Bürger, welche das National⸗Comité gebildet haben— dieſes Comité, welches jetzt in Thätigkeit iſt und dem ganz Polen gehorcht.“ „War es weit ab von Ihrer Wohnung?“ „Ungefähr fünfzig Schritt, in der Lichtung des Waldes von Mudon, deren einzelne Bäume man von dem Orte aus, an welchem ich ſtand, ſehen konnte. Es war ſehr kalt, aber ich achtete nicht darauf; ich beſchloß, mei⸗ nen Bruder und Chriſtian zu ſuchen. Es war ungefähr ein Uhr Morgens, das Comité trennte ſich vor fünf Uhr. Ich ging langſam am Ufer der Weichſel entlang und ſetzte mich dort hin. Da erblickte ich Sie, wie Sie gegen den Strom kämpften, der Sie hin und her warf.“ „Ich fürchtete ein Verbrechen— ich ahnte einen Mord— erreichte die Barke mit zwei Schritten, in einem Augenblicke war ich darin und ich ruderte auf Sie zu.— Gott hat mir beigeſtanden und hat gewollt, daß mein Arm der Sache nützlich ſei, der wir dienen.“ „Ich wundere mich am meiſten darüber,“ ſagte Tarnow,„daß die, welche mir bis dahin beigeſtanden hatten, mich im letzten Augenblick ver⸗ ließen.“. „Verließen? Denken Sie das wirklich?“ „Nein, nicht—“ 3 „Iſt Ihnen der Graf Batory nicht ergeben?“ „Ja, der iſt mir ganz ergeben.“ „Wachten nicht noch Andere über Ihnen?“ 299 „Ja, auch Andere— aber es iſt ein Name, der mir auf den Lippen ſchwebt, den ich nicht auszuſprechen wage.“ Beatrix zitterte. „Sie kennen ihn vielleicht?“ ſagte Tarnow. „Vielleicht.“ „Nennen Sie ihn—“ 6„Wozu?“ „Ich bitte Sie darum.“ „Warum ſiedendes Oel in die friſche Wunde gießen?“ „Sagen Sie mir, ob Sie ihn kennen?“ „Der Name iſt Ihnen in den beiden Nächten, während ich an Ihrem Lager wachte, zwanzig Mal entſchlüpft.“ „Dieſer Name?“ 8A„Ja,“ ſagte Beatrix, mit traurigem Lächeln,„die Liebe, welche uns das Herz füllt, iſt immer ein Geheimniß, das Jeder kennt.“ „Und wie heißt der Name, den ich ſo oft ausgeſprochen habe?“ „Wozu ſoll ich ihn nennen?“ „Es wird mir Vergnügen bereiten.“ „Hedwig!“ ſagte Beatrix, den Kopf ſenkend. Beide erhoben ſich und gingen langſam vorwärts. Tarnow hielt beide Hände des Mädchens feſt und ſie legte-den Kopf an ſeine Schulter. Er dachte an Hedwig, ſie an Chriſtian. Sie waren Bruder und Schweſter; kein profaner Gedanke miſchte ſich in ihre Unterhaltung. „Wiſſen Sie, was aus ihr geworden iſt?“ fragte Tarnow, mit kaum hörbarer Stimme.. „Nein!“ antwortete Beatrix entſchloſſen. „Aber, warum war ſie nicht am Ufer, als mein Körper in den Fluß geſtürzt wurde?“ 3 „Ich weiß es nicht.“ „Dahinter ſteckt ein Geheimniß, das ich entdecken muß.“ „Alles kommt einmal au's Licht der Sonne.“ „Beatrix,“ ſagte Tarnow,„van Elldorf, einer der bravſten jungen 4 Leute, welcher der Sache Polens mit glühender Begeiſterung ergeben iſt, iſt heut nach Warſchau gegangen.“ „Wozu?“ „In der Abſicht, Chriſtian dem Tode zu entreißen.“ „O mein Gott! Der arme junge Maun iſt verloren!“ „Nein, er wird es vollbringen und wenn Sie es wollen, werden wir 2 3 300 Beide hingehen und noch zeitig genug ankommen, ſie Beide zu retten, wenn er entdeckt wird, ohne zum Ziel zu gelangen.“ „Ja, wir wollen gehen.“ „Augenblicklich!“ Sie hielt inne.. „Aber Sie,“ ſagte Beatrix,„wenn Sie geſehen werden, ſind Sie 4 verloren.“ Tarnow lächelte. „Sie werden mich nicht ſehen,“ erwiderte er,„oder wenn ſie mich ſehen, dann iſt Alles verloren.“ „Würde es nicht klüger ſein— 2“ Tarnow unterbrach ſie. „ Sprechen wir nicht von Klugheit, jetzt, wo unſer Leben an einem Faden hängt, wo jeder Schritt zum Tode führen kann.“ „Ich möchte, Sie gingen nicht nach Warſchau.“ „Laſſen Sie mich,“ ſagte Tarnow,„ich muß, glauben Sie, daß— Und Hedwig, was iſt aus ihr geworden? Muß ich dies nicht wiſſen?“ „Gehen wir denn.“ „Morgen werden wir unſer Schickſal kennen, ich habe große Hoffnung.“ „Worauf verlaſſen Sie ſich?“ 1 „Auf die Abreiſe der Fürſtin Orlanoff.“ „Ihr Sohn iſt nicht Gouverneur der Citadelle?“ „Nein, aber ſie kennt, wie man mir ſagt, den Gouverneur und hat großen Einfluß auf ihn.“ „Nun gehen wir denn,“ verſetzte Beatrix;„hoffen wir das Beſte.“ In dieſem Augenblick ſchlug der Tambour an und eine neue Gewehr⸗ ſalve tönte durch die Luft. „Noch ein Angriff!“ ſagte Tarnow. Beatrix erbleichte. „Armer Chriſtian!“ ſeufzte ſie. „Was thun wir?“ fragte Tarnow. Beatrix warf ſich an die Bruſt des jungen Mannes und legte ihre Arme um ſeinen Hals. „Wir bleiben!“ ſagte ſie.—. 1 „O, ich wußte es wohl,“ rief Tarnow,„daß Sie eine gute Patrio⸗ 3 tin ſind!“ „Mein Bruder iſt hier gefallen, ich muß ihn rächen.“ „Sie wollen kämpfen?“ Sie ſah Tarnow mit leuchtenden Blicken an. „Ich werde wohl ſehen müſſen,“ ſagte ſie,„daß Alle, die mir theuer ſind, ſterben.“ 6 —— 301 Drei Truppen⸗Colonnen marſchirten auf das Gehölz, welches die Po⸗ len beſetzt hielten. Dieſe löſten ſich ſofort den ganzen Saum des Waldes entlang in eine Tirailleurlinie auf, die Hauptmacht zog ſich in das Innere des Waldes zurück. Die drei ruſſiſchen Colonnen kamen von drei Seiten her; die Erſte von Demblina, die zweite von Radon und die dritte von Zwoleine. Die erſte beſtand aus zwei Bataillonen, die zweite aus einer Schwa⸗ dron Dragoner und fünfzig Koſaken, die dritte aus zwei Schwadronen Jäger und zwei Schwadronen Dragoner. Außerdem führten dieſe Colonnen zwei Bataillone Artillerie und fünf Kanonen mit ſich. Die Polen hatten keine Geſchütze und wenig Cavallerie; ſie durften indeß nicht fliehen, ſondern mußten, noch ermüdet vom letzten Gefecht, aber⸗ mals ein Treffen liefern, um die Ruſſen zurückzuwerfen. Das Tirailleurfeuer begann. Drei Kanoniere wurden bei ihren Kanonen getödtet, der ruſſiſche Vor⸗ trab kam in Unordnung, doch zog ſich derſelbe auf beide Flügel zurück und dieſe ſchloſſen den Wald ein. Eine große Oeffnung entſtand im Centrum. Langiewicz commandirte „Vorwärts!“ und die polniſchen Senſenmänner ſtürzten ſich in die Oeffnung, Alles niederſchlagend, was ſich ihnen in den Weg ſtellte; nach wenigen Mi⸗ nuten bedeckten mehr als fünfzig Ruſſen den Boden.. Die beiden Flügel ſammelten ſich und umzingelten die Senſenmänner, die Infanterie bildete Carré und unterſtützte die Flügel. Tarnow und Julia Batory, an der Spitze der polniſchen Lanciers und das Corps von Conrad von Waſa, griffen das Carré, an und wurden von den moskowitiſchen Bajonnetten empfangen. 1 In demſelben Augenblicke donnerten von den Höhen herab die ruſſiſchen Geſchütze in das Gros der Polen und hinderten dieſe, ihre Verbindung mit den Senſenmännern herzuſtellen, welche von beiden Flügeln der ruſſi⸗ ſchen Armee eingeſchloſſen waren, während die Lanciers durch die furchtba⸗ ren Infanterie⸗Carré's im Schach gehalten wurden. Langiewicz ſah ein, daß er einen Hauptcoup verſuchen mußte, ſonſt war Alles verloren. Er vereinigte alle ihm noch übrigen Streitkräfte und kommandirte zum Angriff. Graf Batory nahm fünfhundert Mann und griff ungeſtüm den linken Flügel an, während Demko mit fünfzig Senſenmännern und hundert Mann Infanterie ſich auf den rechten Flügel ſtürzte. Langiewicz war mitten im ärgſten Schlachtgewühl. Den Degen in der Hand rief er:„Feuer auf der ganzen Linie!“ b 302 Plötzlich ſah man beide ruſſiſche Flügel wanken und zurückweichen. Die Infanterie⸗Carré's, bedrängt von zwanzig Seiten, wurden zu derſelben Zeit von der polniſchen Cavallerie geſprengt. Julia Batory, an ihrer Seite Beatrix, ſäete Tod und Verderben um ſich. Man konnte auf ſie anwenden, was Ambroſius von Lore über die Helden⸗Jungfrau von Orleans ſagt: Sie war gleich ausgezeichnet in der Handhabung ihrer Lanze, im Formiren von Angriffs⸗Colonnen, in der Ver⸗ theilung der Artillerie, aber ſie hatte eine noch koſtbarere Gabe: Sie er⸗ ſpähete ſchnell jeden Vortheil, und benutzte ihn ſofort; ſie wußte ſtets die Soldaten zu ermuthigen. Julia Batory war zugleich ein ausgezeichneter Soldat. Wo hatte ſie die Kriegskunſt und wo hatte ſie die heldenmüthige Todesverachtung gelernt? Ihr fehlte nichts, eine Truppe zu begeiſtern. Wenn ſich ihr ſonſt durch düſtere Gedanken verfinſtertes Antlitz wäh⸗ rend des Gefechts aufgeheitert hatte und das Mädchen ſich in ihrer ganzen hinreißenden Schönheit zeigte, war ſie wunderbar anzuſehen, ihre Lippen lächelten begeiſtert, in ihren Augen leuchteten die Reinheit der Engel und die Sanftmuth der Jungfrau. Dies war das Bild dieſes tapfern Kindes, welches den Tod ſuchte, ohne ihn finden zu können, das Verderben um ſich her ſäete mit der Be⸗ geiſterung der erſten Chriſten im Kampf für die Begründung des Evan⸗ geliums. Als die Carré's geſprengt waren, die Flügel wankten, verdoppelte ſich der Muth der Polen. Die Kugeln lichteten zwar ihre Reihen und warfen ſie auf Augenblicke zurück; aber ſie drangen eben ſo ſchnell wieder vor und achteten uicht des Kugelregens. Julia ſah bekümmert um ſich, Beatrix war nicht mehr an ihrer Seite, das arme Kind mußte unzweifelhaft gefallen ſein und ihr ſchöner Körper von den Hufen der Roſſe zerſtampft werden. Dem war nicht ſo. Beatrix, unbekannt mit dem Kampf mit der blan⸗ ken Waffe, hatte ſich klüglicher Weiſe zurückgezogen und, gefolgt von zwei Tirailleurs, an den Rand eines Grabens gelegt; von da konnte ſie auf die Kanoniere zielen, ohne von ihnen bemerkt zu werden. Beatrix hatte eingeſehen, daß nur die Artillerie die vollſtändige Nie⸗ derlage der Ruſſen verhinderte, ſie ſenkte ihren Karabiner und ſchoß einen Kanonier nieder; die beiden Tirailleurs thaten daſſelbe und nach einer guten Viertelſtunde waren die Polen von der Kanonade befreit. Stets waren die Geſchütze zum Feuern bereit und jedes Mal fiel der Kanonier, von einer Kugel getroffen. Im Verlauf einer Stunde konnten die Ruſſen aus fünf Feldſtücken nicht zehn Schüſſe abfeuern. Bald ſah man die beiden Flügel ſich trennen und zurichweiche ſie 303 2* konnten den wüthenden Angriffen des Grafen Batory und des Bauern Demko nicht länger widerſtehen. Die Senſenmänner, erſt gedrängt, zuſammengedrückt und ermattet, durchbrachen, als ſie die Sprengung der Curré's gewahrten, den ſie ein⸗ ſchließenden Kreis, wie der Löwe, der aus ſeinem Eiſenkäfig bricht und ſich auf ſeine Peiniger ſtürzt.. Die Carré's waren geöffnet, die Flügel blieſen zum Rückzuge und die Verbindung der Schaaren von Demko, Batory und Tarnow, mit den auf die Hälfte ihrer Zahl zuſammengeſchmolzenen Senſenmännern wurde unter dem Geſchrei der Letzteren:„Hoch Rochebrun!“ bewerkſtelligt. Nach einer Viertelſtunde traten die Ruſſen den Rückzug an. Die Polen hatten ungefähr hundert Mann verloren und zählten gegen hundertundfünfzig Verwundete. Die Verluſte der Ruſſen waren un⸗ berechenbar. 8 „Jetzt,“ ſagte Tarnow zu Beatrix, welche er wiederfand, das Geſicht von Pulver geſchwärzt und den Arm in einer Binde,„nach Warſchau! Hier haben wir unſere Pflicht gethan, jetzt ruft uns eine andere.“ Die Trommeln wirbelten, die Trompeten ſchmetterten, Freude herrſchte in Langiewicz's Lager. „Dieſe Feſttage ſind düſtere Vorbedeutungen,“ ſagte ein verwundeter ruſſiſcher Offizier, dem ein Pole auf dem Schlachtfelde die erſte Hülfe lei⸗ ſtete,„Ihr werdet bald Eure Trauertage haben.“ „Schweige, Unglücksprophet!“ antwortete der Pole. „Langiewicz wird gefangen werden.“ „Wer biſt Du, daß Du dergleichen ſprichſt?“ Tarnow, begleitet von Beatrix, erſchien, wendete das Haupt um und gewahrte den Verwundeten. „Kommen Sie, kommen Sie ſchnell,“ ſagte er, indem er Beatrix nach ſich zog,„ich bemerke einen Feind und die Rache würde mich reuen—“ K Beatrix wendete ſich um und ſah den Verwundeten an. „Jammervolles Geſchöpf!“ rief ſie ſchaudernd,„wie heißt dieſer Menſch?“ „Der Graf von Wielun,“ antwortete Stanislaus Tarnow bebend und keinen Blick mehr hinter ſich werfend;„kommen Sie, Beatrix, kommen Sie! retten wir erſt Chriſtian!“ . 5. Das Zuch der Verurtheilten. In der Nacht, welche auf die Ereigniſſe folgte, die wir eben beſchrieben haben, wagte ſich ein junges Mädchen in Warſchau durch das Linden⸗Viertel, genannt Howolipié. Dieſes Mädchen, eben ſo blaß als ſchön, ſchien von einem langen Marſch erſchöpft. Ihre müden Beine verſagten 3 den Dienſt. Ein kalter Schweiß perlte auf ihrer Stirn und ihr unbedecktes, durch den heftigen Wind aufgelöſtes Haar hing auf ihre Schultern herab. Sie paſſirte Howolipié, ſodann Howyswiat, das Viertel der neuen Welt, und erreichte dann die Alleen von Uzazdow. Hier blieb ſie vor einem kleinen, einförmigen, dunkeln Hauſe ſtehen. Sie zitterte heftig, indem ſie leiſe für ſich ſagte: „Hier iſt es!“ Sie näherte ſich dem Haupteingange. Eime Schildwuche betrachtete ſie mit wildem Blick. „Findet man hier den Gouverneur der Citadelle von Warſchau?“ fragte ſie mit ſanfter Stimme. „Nein!“ antwortete der Soldat rauh. „Schön!“ ſagte das arme Kind leiſe für ſich,„ich will weiter ver⸗ ſuchen.“ Sie ging nach einer andern Thür und trat in den erſten Hof. Eine Wache hielt ſie an. „Wen ſuchſt Du, mein Kind?“ ſagte dieſer Soldat mit weniger Rauhheit. „Den Gouverneur der Citadelle von Warſchau.“ „Wie nennſt Du ihn?“ „Ich wage den Namen nicht auszuſprechen.“ „Wolmoſy?“ fragte der Gardiſt. 8 „Nein,“ ſagte ſie, allen Muth zuſammenraffend,„Se. Excellenz den General Mouravieff!“ „Ah, den General Mouravieff! Aber der iſt ja niemals Gouverneur von Warſchau geweſen.“ „Man hat es mir geſagt.“ 3 „Man hat Dir falſch geſagt. Er war damit beauftragt, die Gefan⸗ genen zu verhören und zu verurtheilen, weiter nichis; übrigens iſt er jetzt zu anderen Verrichtungen berufen.“ „Die Gefangenen zu verurtheilen, ſagten Sie?“ „Ja, dazu ſind energiſche Männer nöthig.“ —— —— — 2——— ————— 1 — —— ——.——— — —— ——— 1—— — 3——*8——————— 2 1————. 5 299.) S. 2 ( chweſter; kein profaner Gedanke miſchte ſich in ihre Unterhaltung.“ Sc n Phantom Polens. II. Bd. 20 V ——— ———— ſe * 8 1 af 1 1 H 1 1 1 1 4 4 3 — —————xiÍ; 306 „Gewiß. Kann man die Namen der Gefangenen erfahren, die der General verurtheilt hat?“ „Zum Tode?“ „Oder zum Exil.“ „Man kann— man kann uch nicht.“ „Wie?“ „Begreife doch, Kleine, man kann, aber man darf nicht.“ „Iſt der General noch in Warſchau?“ „Gott ſei Dank, nein. Aber er hat hier Spione zurückgelaſſen.“ „Suchen Sie ein Mittel,“ ſagte das junge Mädchen bittend und ſchmeichelnd. „Ein Mittel, ein Mittel! ſagt dieſe liebe Kleine; das geht nicht ſo; ein Mittel!“ „Suchen Sie doch eins.“ Sie lächelte. „Eva’stochter!“ ſagte der Gardiſt. „Sie ſind ſo gut!“ „Ja rede Du nur gut zu.“ „Und ſo nett.“ „Schmeichle nur.“ „Ich weiß gewiß, wenn Sie wollen—“ Höre, ich will Dir etwas ſagen: Die Liſte iſt in dem Zimmer, in welchem der General wohnte, als er in Warſchau war. In dies Zimmer kann Niemand hinein.“ „Sind Sie denn nicht ein Wachtpoſten?“ „Ja, einer der Wachtpoſten.“ „Sehen Sie wohl? zeigen Sie mir doch die Liſte. Ich ſuche Jemand, der vielleicht längſt todt iſt.“ „Warum willſt Du alſo ſuchen, wenn Du das denkſt?“ „„Wenn er es vielleicht doch nicht wäre?“ „Nun?“ „Ich könnte ihn retten.“ „Bah, man rettet Niemand.“ „Laſſen Sie mich die Liſte ſehen.“ „Beſteh'ſt Du darauf?“ „Ja. 49 „Und wie heißt Der, den Du ſuchſt?“ „Chriſtian.“ „Das war Dein—“ „Mein Verlobter!“ antwortete das Mädchen erröthend. „Nun meinetwegen,“ ſagte der Soldat,„wir wollen'mal zuſehen, und 4 wenn ich arretirt werde, kann ich ſagen, ich bin wegen der Augen eines hübſchen Mädchens arretirt worden.“ „Gehen wir!“ ſagte Beatrix, welche an nichts mehr dachte, als an das Schickſal hriſiauße Sie durchſchritten mehrere Corridors und kamen endlich in ein langes, ſchmales Zimmer, welches auf das Feld hinausging. „Hier,“ ſagte der Gardiſt, nentſchied der General ſehr wichtige Fragen.“ Beatrix ſchauderte. „Da ſaß er,“ fuhr der Soldat fort,„auf jenem alten ledernen Stuhl, er ließ die Gefangenen durch dieſe Thür herbeiführen und hier ſtanden ſie vor ihm.“ Beatrix konnte kaum athmen. „Einmal vor ſeinem Richterſtuhl, vertheidigten ſich die Unglücklichen gar nicht. Sie wußten aus Erfahrung, daß ſie den Tod erleiden mußten.“ „Verurtheilte er ſie Alle?“ 3 „Nicht Alle— aber faſt Alle— Die, welche er zu andern Dingen gebrauchen konnte, verſchonte er.“ G „Wozu gebrauchen?“ „Zu Soldaten, zu Spionen und zu Henkern.“ Beatrix verbarg ihr Geſicht in den Händen. „Der Schurke!“ ſagte ſie.. „Schweig, mein Kind, Du weißt wahrſcheinlich nicht, daß man uns hören könnte, alle dieſe Mauern haben Ohren und ein Galgen iſt bald auf⸗ gerichtet.“ „Aber die Liſte, die Liſte, von der Sie mit mir geſprochen haben!“ „Kein Wort mehr.“ „Ich höre.“ „Stumm wie das Grab?“ „Gewiß.“ Der Gardiſt ging mit leiſen Schritten nach dem Ende des Zimmers, zog einen kleinen Schlüſſel aus der Taſche und öffnete einen eiſernen Schrank. —— In dieſem Schranke befanden ſich Papierſtöße, welche mit großer Sorg⸗ falt geordnet waren.. „Die Acten dieſer Herren!“ ſagte er. „Aber wie kommt es,“ fragte Beatrix,„daß Sie den Schlüſſel zu dieſem Schranke haben?“ „Wie?“ „Nun ja, einen Schlüſſel von ſolcher Wichtigkeit giebt man doch nicht dem Erſten Beſten.“ „Ich bin auch nicht der Erſte Beſte,“ verſetzte der Soldat,„ſondern 20* ————— 5—— 308 der Vertraute des General Mouravieff, gegen den er keine Geheim⸗ niſſe hat.“ „Ein gut gewählter Vertrauter,“ flüſterte Beatrix lächelnd. „Ein Vertrauter, der ihn glühend haßt,“ erwiderte der Gardiſt. „Und Sie ſind hier?“ 6 1 „Wohl, Kleine, Du willſt wiſſen, wie es kommt, daß ich hier bin und warum ich Mouravieff haſſe; ich will es Dir ſagen.“ „Ich möchte gern das Verzeichniß Derer ſehen, die dem Tode ent⸗ gangen ſind.“ „Ich werde es Dir zeigen— aber höre zu.— Vor ungefähr ſechs Monaten brach in der Vorſtadt Praga eine Emeute aus, wegen einer un⸗ rechtmäßigen und eigenmächtigen Steuer, die man uns zu bezahlen zwingen wollte. Wir leiſteten Widerſtand. Die ruſſiſche Gensd'armerie wurde her⸗ beigerufen und fünfundzwanzig von uns wurden gefangen genommen. Unter dieſen befand ſich mein Vater, mein Bruder und ich. Ich war bereits ſeit mehreren Tagen im Gefängniß und hörte von ihnen nichts. „Endlich erſchien die Stunde, wo ich vor Mouravieff geführt wurde. „Du heißt⸗ Wilenski?“ ſagte er. „Ja, General.“ „Du biſt der Sohn von Drine Wilenski?“ „Ja, General.“ „Und der Bruder von Johann Wilenski?“ „Ja, General.“ „Woh, tritt an dieſes Fenſter.“ Er bezeichnete mir ein kleines Fenſter, das auf einen Hof hinausging, in deſſen Mitte drei Galgen aufgerichtet waren. Ich trat heran und ſah hinaus. „Was ſiehſt Du, Wilenski?“ ſagte er. „Drei Galgen.“ „Höre! Ich habe über Dich Erkundigungen eingezogen, es ſcheint mir, als ob Du keinen ſo unruhigen, aufbrauſenden Charakter haſt. Du liebſt Ordnung und Ruhe, und wenn es auf Dich angekommen wäre, würde nie eine Emeute in Praga geweſen ſein.“ „General—9) „Schweige, ich weiß Alles.“ Ich antwortete nichts mehr. „Sieh,“ fuhr Mouravieff fort, ‚wie ich die Anſtifter der Unord⸗ nung beſtrafe.“ Ich ſchauderte und wagte nicht, den Kopf zu erheben. „Nun, ſieh' nur!“ ſagte er. 09 M Ich erhob die Augen und ſah einen jungen Mann, der zu einem der Galgen geführt wurde. „Wie heißt dieſer Menſch?“ „Petrowski.“”“ Du kennſt ihn?“ 4„Er iſt mein beſter Freund.“ „Künftig ſei vorſichtiger in der Wahl Deiner Freunde.“ Mein Kamerad hatte den Strick um den Hals und hing am Galgen. „O, das iſt ja entſetzlich!“ rief Beatrix. 1 „Das iſt noch nicht Alles,“ verſetzte Wilenski,„bald hatten mein Vater und mein Bruder daſſelbe Schickſal. Ich war ſtumm, unbeweglich— meine Augen richteten ſich von Mouravieff auf meine Lieben, auf die Opfer des Henkers. Während eines Augenblicks dachte ich daran, mich auf den Urheber aller dieſer Mordthaten zu ſtürzen und meinen Vater zu rächen, doch wich dieſer Gedanke bald einer ruhigeren Beſfinnung. Der General brauchte nur ein Zeichen zu geben, eine Klingel zu bewegen und es war um mich geſchehen, ohne daß ich meine Rache befriedigen konnte. Ich wartete. „Sie ſind grauſam, General!“ ſagte ich kalt. „Nein,“ antwortete er, mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln auf den Lippen, „ich bin nur gerecht. Als Beweis, daß ich gerecht bin, habe ich Dich nicht hängen laſſen, obgleich Du an der Emeute Theil genommen haſt.“ „Dann ſind Sie nicht gerecht, General.“ „Biſt Du nicht verlockt worden durch Deinen Vater und Bruder? Schwaches Geſchöpf, Du biſt ihnen gefolgt. Dir ſelbſt überlaſſen, wäreſt Du ein guter Menſch geworden, ein Freund der gerechten Sache und ein treuer Diener.“ „Ich, gnädiger Herr?“ „Du— und von heute ab nehme ich Dich in meinen Dienſt.“ „Als Kammerdiener?“ „Pfui, als Günſtling, als Vertrauter.“ 8 Ich zuckte die Achſeln. „Du hörſt wohl,“ ſagte er,„als Vertrauter— aber, wenn Du mein. Vertrauen verräth'ſt, wehe Dir.“ „Ich verſtehe!“ antwortete ich. „Und ſo bin ich, ein geborener Pole, Sohn und Bruder von Schlacht⸗ opfern Mouravieff's, bei ihm und in ſeinem Dienſt; aber nur Geduld und, wenn Du lebſt, Mädchen, wirſt Du von Wilenski ſprechen hören.“ Wilenski hatte ein dickes Verzeichniß geöffnet und blätterte aufmerk⸗ ſam darin. „Chriſtian?“ fragte er. ———— „Ja, Chriſtian Bielany.“ „Ah, das ſagteſt Du nicht; ich ſuchte nach Chriſtian, er muß als Bie⸗ lany vermerkt ſtehen.“ „Was für Namen enthält dies Regiſter?“ „Alle Namen der in den erſten vierzehn Tagen dieſes Monats verhaf⸗ teten Warſchauer Bürger.“ Er las: „Kieyſtut, Windchon, Woydan, Patrick, Stanislawow— da iſt er noch nicht.— Ah, hier— Batory, nein; der iſt entſchlüpft; man dachte, man hatte ihn ſchon, dieſen famoſen Grafen Batory und man hat ihn doch nicht. Seine Frau iſt in Wilna und läßt ſich den Hof machen von— Bah— Bielany, Bielany, ſagſt Du.— Ich finde ihn nicht— Briewlawy, Bra⸗ well, Bielany— da iſt er.“ Beatrix athmete nicht mehr. „Sieh her!“ ſagte Wilenski und legte den Finger auf die Stelle. „Nun?“ ſagte ſie geſpanut. „Was?“ „Was iſt aus ihm geworden?“ „Aus dieſem Chriſtian Bielany?“ „Ach, ich ſterbe vor Ungeduld.“ „Das iſt ganz gut, es iſt nur ſchwer, Alles hier zu entziffern.“ „Sein Name ſteht da in dem Buche?“ „Gewiß, denn es iſt das Verzeichniß aller Gefangenen, welche ſeit vier⸗ zehn Tagen in die Citadelle gebracht ſind.“ „Nun, und?“ „Ja ſo, was aus ihm geworden iſt?“ „Mein Gott, ich ſterbe vor Angſt.“ 4 „Alle, die aus der Citadelle entlaſſen werden— begreifſt Du?“ „Ja, ja, ich begreife.“. „Haben eine Null hinter ihrem Namen.“ „Ich ſehe nirgends eine Null.“ „Das glaub' ich wohl, hier wird ja Niemand wieder entlaſſen. Allee die in die Regimenter eingeſtellt worden ſind, haben ein blaues Kreuz.“ „Ein blaues Kreuz— und Chriſtian?“ „Alle, die hier ein grünes Kreuz haben, ſind nach Sibirien geſchickt worden.“ „Und Chriſtian?“ „Er hat weder ein blaues, noch ein grünes Kreuz hinter ſeinem Namen.“ „Sondern?“— „Er hat ein rothes Kreuz.“ & 311 „Ein rothes Krenz!— Gerechter Gott!— das heißt— nicht wahr? — Tod— Tod.— Iſt es möglich?“ „„Warte. „Auf was ſoll ich warten, jetzt?“ „Das rothe Kreuz heißt allerdings„Tod“; aber wir wiſſen ja noch nicht, ob er die Hinrichtung ſchon hinter ſich hat?“ Beatrix war wie vom Schlage getroffen. „Können wir es erfahren?“ fragte ſie muthlos. „Gleich.“. Wilenski ſtand auf, ging wieder zum eiſernen Schrank, ſtellte ſich auf ſeine Fußſpitzen und nahm ein noch größeres und umfangreicheres Regiſter, als daß erſtere.“ „Hier iſt noch ein Buch,“ ſagte er,„wollen einmal ſehen.“ Er öffnete das Verzeichniß, blätterte und ſtieß einen freudigen Aus⸗ ruf aus. Ein Hoffnungsſtrahl glänzte in den Augen Beatrix's. Wilenski las. „Chriſtian Bielany, zum Galgen verurtheilt, die Exekution aufgeſchoben, um ihn durch Todesfurcht zu Enthüllungen zu bringen. Mit dem letzten Transport nach Wilna abgegangen.“ „Er lebt!“ rief Beatrix. „Vielleicht.“ „Sagt es dieſe Bemerkung nicht?“ „Sie ſagt nur, daß die Hinrichtung nicht unmittelbar ſtattgefunden hat, doch kann es nachher doch noch geſchehen ſein.“ „Dann müßte im Verzeichniß etwas darüber enthalten ſein.“ „Wenn es in Warſchau geſchehen wäre, ja; aber nicht, wenn in Wilna.“ „Und wie erfährt man dies?“ „Armes Kind—“ „Sprechen Sie, wenn ich Polen durchwandern müßie, ich will es durch⸗ irren, mein Brod betteln und auf dem Wege ſchlafen.“ „Es iſt ſehr weit, wohin Du gehen mußt.“ „Nach Krakau?“ „Nein,“ ſagte Wilenski lächelnd,„nach der entgegengeſetzten Seite, nach Wilna.“ „Werde ich dort Mouravieff treffen?“ „Du wirſt ihn treffen— Nazimow iſt nicht mehr dort, Mouravieff iſt an ſeiner Stelle.“ „Ich gehe!“ ſagte Beatriyx. „Wohin, mein Kind?“ „Sie fragen noch? Nach Wilna. — — A „ 6 * 1 1 1 1 312 „Woran denkſt Du? „Ich werde Chriſtian retten oder mit ihm ſterben.“ „Gehe denn,“ ſagte Wilenski;„möge Gott Dich begleiten und nimm dies,“ fügte er hinzu, indem er ihr ein an Mouravieff adreſſirtes Billet gab,„nimm dies fluchwürdige Papier, ich zweifle ſehr, daß Du ohne daſ⸗ ſelbe bis zu dem grauſamen Statthalter gelangſt.“ 8 6. . In Wilna.* Es war ungefähr acht Uhr Abends. Am rechten Ufer der Wilia entlang gingen nebeneinader ein junger 3 Mann und ein junges Mädchen. Man ſah ſofort, daß ſie von einem weiten Wege ermüdet waren und 3 daß ſie ſich ſeit mehreren Tagen keine Ruhe gegönnt hatten. Namentlich 9 das Mädchen konnte ſich kaum noch aufrecht erhalten. Es war Beatrix, oder vielmehr der Schatten von Beatrix; ihr Reiſe⸗* gefährte war Van Elldorf. Es war kein Tag zu verlieren, wenn ſie nicht 8 zur Rettung des unglücklichen Chriſtian zu ſpät kommen ſollten und Van Elldorf hatte Beatrix den Weg nach Wilna nicht allein machen laſſen wollen. Das rechte Uſer der Wilia bietet im Nord⸗Oſten einen eigenthüm⸗ lichen Anblick dar. Im Hintergrunde einer weiten Ebene, wo man die Ueberbleibſel der Vorſtadt Snipiski ſieht, erhebt ſich eine Bergkette, welche im Halbkreiſe das Thal umſchließt, in welchem Wilna liegt. Die mit Tan⸗ nen bedeckten Berge haben nicht das freundliche Ausſehen von Poplowy, auch nicht die melancholiſche Einförmigkeit von Zakret, aber ſie ſind belebt durch das ſchöne Palais von Werki und die Kirchen von Calvaria und Trinapol. Wilna blendet durch ſeine Thürme, ſeine prächtigen Kirchen, ſeine bunten Häuſer und ſeine freundlichen rothen Dächer. Die Berge, welche inmitten der Stadt ſich erheben, und die Ruinen, welche ihre Gipfel krönen, gleichen den bunten Bildern eines Panorama's. Eine dunſtige Atmoſphäre hüllt die ganze Stadt ein, dichte Wolken ſteigen aus dem Judenviertel auf und legen ſich wie ein ſchwarzer Mantel auf die Stadt.. Durch dieſe ſchwärzlichen Dünſte hindurch erhebt ſich ein Thurm, oder vielmehr ein Kloſter, welches alle Gebände überragt, obgleich es im tiefſten. Theile der Stadt liegt: es iſt das Kloſter des heiligen Johannes; dieſer 9. ——— Thurm beſchattet die Mauern der Unioerſität, die einſt das moraliſche, das geiſtige Leben der alten Hauptſtadt Lieflands war. Die Univerſität Wilna hat den Polen große Männer, dem Himmel Märtyrer gegeben. Im Jahre 1831 bewieſen die Studenten von Wilna, daß die Vater⸗ landsliebe Muth und Hingebung einflößen kann. Die Rache, welche dieſe heroiſchen Jünglinge, die jetzt in den Gräbern ruhen, oder denen die Sym⸗ pathie des Auslandes ein Aſyl gewährte, nicht mehr erreichen konnte, wen⸗ dete ſich gegen die heiligen Mauern, in welchen ihnen der Haß gegen die 33 Tyrannei eingeprägt war. Die Univerſität von Wilna iſt nicht mehr. Ihre Granitmauern ſind zerſtört, ihre Bibliothek wird früher oder ſpäter zur Kaſerne werden. Früher oder ſpäter!— heute ſchon iſt ſie eine Kaſerne. An der Stelle, wo einſt die Schlöſſer der Könige von Polen ſtanden, erhebt ſich heute die Feſtung. Bald werden Kaſernen und Feſtungen die einzigen Denkmäler ſein welche die Moskowiter auf dem Boden Polens bauen und reſpectiren. Seit einer Reihe von Jahren ſind die Wälle von Wilna verfallen, die Vorſtädte ſind mit der Stadt vereinigt. Heute ſchließen Wilna fünf Thore; die Stadt felbſt beſteht aus zweiundzwanzig Straßen und neunzehn Gaſſen. Van Elldorf und Beatrix traten durch das Thor Ortra⸗Brama in die Stadt. Sie wendeten ſich nach der Vorſtadt Poſulanka und blieben vor einem Palais ſtehen, das mehr einer kleinen Feſtung, als einem Palaſt glich. Eine ruſſiſche Schildwache ſtand vor der Thür, die Büchſe auf der Schulter. Van Elldorff bemerkte eine kleine Hinterthür, er ſchlüpfte hindurch und zog Beatrix hinter ſich her. Sie befanden ſich in dem erſten Hofe und ſahen ſich hier unter einer großen Zahl ruſſiſcher Truppen; aber die Soldaten ſchienen nicht auf ſie zu achten, und ſie gelangten ungehindert bis zum Fuße einer großen Treppe. Hier wurden ſie von einem Gardiſten in Uniform aufgehalten. Van Elldorff zeigte das Billet an Mouravieff, worauf der Soldat ſie hinaufſteigen hieß.— Oben angelangt, zeigte ſich eine zweite Schil dwache, machte er auch keine Umſtände. Sie befanden ſich jetzt in einem großen grünen, verſchloſſenen Zimmer, in welchem nur eine einzige Thür war. Ein Ruſſe trat ein und ſagte: „Der General iſt nicht zu ſprechen.“ Van Elldorff zeigte abermals ſein Billet. „Es iſt gut,“ ſagte der Soldat,„warten Sie.“ Sie ſetzten ſich und konnten kaum athmen. Van Elldorf war voll guter Hoffnung, aber Beatrix wagte es nicht, ſich in thörichten Illuſionen zu wiegen. „Er iſt vielleicht todt!“ ſagte ſie. „Nein, ich weiß es gewiß, daß er noch lebt.“ „Und was giebt uns die Hoffnung, daß, wenn er noch lebt, wir ihn dem Tode entreißen können?“ „Wer weiß!“ antwortete der junge Mann,„der Anblick eines jungen vom Unglück niedergebeugten, ſeinen Verlobten beweinenden Mädchens rührt vielleicht das Herz dieſes Mannes.“. „Wifſen Sie nicht, was man ſich ſchon von ihm erzählt?“ „Ich mag es gar nicht hören.“ „Und dennoch— 8 „Es iſt vielleicht eine erfundene Schaudergeſchichte.“ „Erfunden?— Vor acht Tagen kam eine Frau, ſie flehete die⸗ ſen Menſchen um die Freilaſſung ihres Ehemannes an, der durch den frühe⸗ ren Gouverneur Nazimow wegen eines politiſchen Vergehens eingeſperrt und ungerechter Weiſe zu ſechs Jahren Verbannung verurtheilt worden 5 3 war—“ 4 „Wohl,“ unterbrach ſie Van Elldorff,„es kam dem neuen Gouverneur t nicht zu, ein Urtheil aufzuheben, das von ſeinem Vorgänger ausgeſpro⸗ chen war.“. „Hören Sie mir zu. Mouravieff behandelte die Frau ſehr artig und verſprach ihr, daß der Prozeß ihres Mannes unterſucht werden und ihm Gerechtigkeit geſchehen ſollte. Wiſſen Sie, mein Freund, was die Frau vor zwei Tagen erhielt? „Nein.“ „Die Nachricht einer neuen Verurtheilung, die ihren Mann traf, eine 4 Verurtheilung zum Tode.“ „Zum Tode?“ „Ja, zum Tode; die Bitten der Frau dieſes Unglücklichen hatten alſo nur dazu gedient, ſechs Jahre Verbannung in einen ſchmachvollen Tod zu. verwandeln.“ „Gott, das iſt ja entſetzlich!“ 3 „Geſtern iſt dieſer unglückliche Mann erſchoſſen worden.“ Van Elldorff fühlte einen kalten Schauder durch ſeine Adern rieſeln. Wäre er allein geweſen, ſo würde er hundert Mal entflohen ſein, aber er war nicht ſeinetwegen hier; er blieb. „Van Elldorff,“ ſagte Beatrix;„wollen wir fortgehen?“ „Sind wir darum ſo weit hergekommen, mein Kind,“ erwiderte er, „um jetzt zurückzuweichen?“ 4 — „Jetzt zurückweichen? Nein, gewiß nicht.“ „Was willſt Du denn thun?“ „Wir wollen ein anderes Mal wiederkommen.“ „Nein,“ ſagte Van Elldorff,„wir wollen nicht im letzten Moment ſchwach werden; eine Stunde ſpäter iſt er vielleicht todt— wir warten.“ „Sie haben Recht,“ ſagte die vor Angſt zitternde Beatrix. Ein mehrere Minuten währendes Stillſchweigen folgte, das jedoch bald durch die Stimmen eines Offiziers und des Generals, welche in einem an⸗ ſtoßenden Zimmer zuſammen ſprachen, unterbrochen wurde. „Der„Czas“ meldet zwei neue Siege der Polen!“ ſagte der Offtzier. „Laſſen Sie ſehen,“ entgegnete Mouravieff,„man muß Alles wiſſen, ſelbſt die ſchlechten Nachrichten.“ Der Offizier las: „Krakau— Die Polen haben faſt gleichzeitig zwei neue Siege errun⸗ gen, den einen am 2. d. M. bei Olkieniki, in Litthauen, im Gouvernement Kowno; den andern am 3. d. M. bei Nagozewo, im Palatinat Plock. Ferner waren die Polen in einem Scharmützel in der Nähe von Wilna im Vortheile. Große Maſſen verwundeter Ruſſen ſind auf der Eiſenbahn von Wilna nach Dünaburg befördert worden. Das Treffen bei Nagozewo war ſehr blutig. Die Ruſſen zogen ſich, nachdem ſie völlig geſchlagen waren, zurück und die Polen, commandirt von Broniewski, blieben Herren des Schlachtfeldes. Es iſt alſo falſch, daß die offizielle Zeitung in Warſchau, in ihren Bulletins den Ruſſen den Sieg zuſchreibt. Die Ruſſen haben vierhundert Mann und zweihundertſiebzig Gewehre verloren. Von den Polen waren hundert Mann kampfunfähig. Die Niederlage der Ruſſen bei Olkienski war noch entſcheidender; ſie verloren einhundertundſechszig Todte. Wislouch commandirte die Polen.“ „Ein anderes Treffen bei Ignacewo,“ ſagte der Offizier. „Leſen Sie!“ verſetzte Mouravieff.— „Kaliſch.— Am 10. d. M. haben die Polen einen Sieg bei Ignacew errungen. Die Verluſte der Inſurgenten ſind, obgleich bedeutend, im Ver⸗ gleich zu denen der Ruſſen ſehr gering. Ueber hundert getödtete und ver⸗ wundete Ruſſen ſind nach Konin gebracht worden. Die ruſſiſche Cavallerie hat am meiſten gelitten, ſie iſt faſt gänzlich vernichtet worden. Der Kampf währte den ganzen Tag, von Morgens drei Uhr bis zum ſpäten Abend, die Polen waren entſchieden im Vortheil. Artillerie hatten die Ruſſen nicht.“ „Halten Sie ein,“ ſagte Mouravieff,„jetzt ſchreiben Sie.“ Deer Offizier gehorchte und Mouravieff dictirte: „Der Abbé Raimund Zemacki, Prediger an der Kirche zu Wiewiorsk, Kreis Lida, und der Eigenthümer M. Albert Liaskewicz, aus demſelben Kreiſe, ſind vor das Kriegsgericht geſtellt und ſchuldig befunden worden: der Erſtere, in ſeiner Kirche ein revolutionaires, polniſches Manifeſt ver⸗ leſen zu haben, welches zur Inſurrection aufreizte; und der Andere, die Bevölkerung überredet zu haben, die rechtmäßigen Behörden zu verjagen. Beide ſind zum Tode verurtheilt und auf dem großen Markte zu Wilna erſchoſſen worden. „Das ruſſiſche Gouvernement befiehlt, daß alle der Sache der Auf⸗ ſtändiſchen ergebenen katholiſchen Prieſter der weſtlichen, ehemals polniſchen Provinzen, binnen vierzehn Tagen in das Innere Rußlands transportirt werden. 4 „Der Graf Caſimir Czarswski, Bewohner der Stadt Antopol, wird mit Frau und Kindern nach Penza im Uralgebirge verbannt. „Der General Zabolecki wird zum Gouverneur und Commandanten der ruſſiſchen Streitkräfte im Gouvernement Minsk ernannt. Der General Mouravieff, Gouverneur von Wilna, hat ihm den Befehl gegeben, die Polen buchſtäblich auszurotten(chtob istrebit Poliakow). General Zabolecki hat denen Belohnungen verſprochen, welche ihm Inſurgenten todt oder lebendig überliefern werden.“ „Warum wollen Sie ſich bloßſtellen?“ fragte der Offizier. „Nun, habe ich nicht dieſe Befehle gegeben?“ „Ja, aber— 7“ „Aber?“ „Aber Europa, welches ſein Augenmerk auf uns richtet?“ Mouravieff lächelte, indem er ſagte: „Ich habe das volle Bewußtiſein meiner Thaten, ich fürchte weder Gott noch Menſchen. Ich ſoll die Revolution in Polen niederwerfen, der Czar hat mich dazu ausgewählt, und ich werde ſie niederwerfen.— Schreiben Sie: „Ich beſtimme, daß wenn die durch die Inſurgenten aus den Staats⸗ oder Gemeindekaſſen geraubten Summen von den großen Grundbeſitzern nicht binnen zehn Tagen erſtattet werden, ihre Beſitzungen confiscirt und zum Beſten des Staats verkauft werden. Mouravieff, Gouverneur von Wilna.“ Der Offizier des Generals ſchrieb weiter. Oft drangen Bruchſtücke zu Beatrix Ohren, welche, näher an der Thür, ſie dann Van Elldorff erzählte. G Sie hörte:„Form eines an die Bauern zu erlaſſenden Aufrufs: „Brüder— Ihr verdankt die heilige Freiheit Euerm Vater— es giebt ein Mittel, ſich ihm dankbar zu erweiſen— er iſt Euer Wohlthäter. Seine Seele iſt ſchmerzlich berührt von der durch Eure früheren polniſchen Herren erregten Revolte. Sie wollen Euer Land von Eurem Bruder und Religions⸗ Genoſſen Rußland trennen, es dem Schutz des frommen ruſſiſchen Kaiſers entreißen und Euch wieder unter die harte Selavenkette beugen, von welcher « —;; 3¹ʃ7 er Euch befreit hat. Sie haben dies Verlangen auch ſchon an den Czar geſtellt, haben in ihrer Verblendung ſogar zu ſagen gewagt, Ihr ſelbſt wünſchet es, Euch von ihm und von Rußland loszuſagen und Euch mit Polen zu vereinigen. „Ich ſehe Eure Entrüſtung, wenn Ihr die ſchändliche Verleumdung hört, die man gegen Euch vor Euren Befreier gebracht hat. Ich weiß es, daß man Euch vor Eurem gütigen Fürſten verleumdet hat, aber woher ſoll er, unſer Vater, es wiſſen, daß es eine Verleumdung war? wie kann er den Verleumdern ſagen, daß ſie lügen, wenn wir es ihm nicht ſelbſt beſtätigen, daß es wirklich eine Verleumdung iſt? Ihr fragt mich: Was ſollen wir thun?— Ich will es Euch ſagen: Wir wollen es dem Czar ſchreiben, daß man uns vor ihm verleumdet hat, daß wir in unſerm eigenen und in Namen unſerer Nachkommen ſchwören, leben und ſterben zu wollen unter der Herrſchaft unſers Befreiers und ſeiner legitimen Nachfolger, daß wir, verbunden mit Rußland, unſerm Blutsverwandten und Religionsgenoſſen, von unſeren adligen, polniſchen Herren nichts wiſſen wollen. Dieſes Schrei⸗ ſchickt dem Czar.“ „Hören Sie?“ fragte Beatrix. „Ja,“ ſagte Van Elldorff,„wenn wir jetzt noch einen Augenblick hier bleiben, ſind wir verloren; kommen Sie, morgen ganz früh wollen wir wiederkommen, heute würden wir nicht lebendig aus dieſer Höhle gehen.“ Sie entfernten ſich aus dem Schloſſe und gingen nach der Stadt zurück. „Wo wollen wir ein Unterkommen ſuchen?“ fragte Van Elldorff. „Das iſt gleichgültig,“ erwiderte Beatrix,„auf dem freien Felde.“ „Nein,“ ſagte der junge Mann,„für dieſe Nacht müſſen wir ein Ob⸗ dach haben, wir werden morgen alle unſere Kräfte brauchen.“ Sie verließen dieſe Stadtgegend und begaben ſich nach dem Juden⸗ viertel. Die Juden erfreuen ſich in Polen beſonderer Vorzüge; ſie haben ihre Geſetze, Sitten und Gewohnheiten beibehalten und ſcheinen ſich dort für die vielen, ihnen zugefügten Bedrückungen zu entſchädigen. Als das neue Handels⸗ ſyſtem die mit Rußland verbundenen Provinzen ruinirte, bemächtigten ſich die Juden des ganzen polniſchen Handels und mehr oder weniger aller Induſtriezweige. 1 Wenn man bei den Thoren von Wilna anlangt, trifft man eine Menge Iſraeliten, welche Wohnungen und perſönliche Dienſtleiſtungen anbieten; es iſt unmöglich, eine Wohnung zu bekommen, oder irgend etwas zu voll⸗ bringen, ohne Vermittlung der Ciceronen im ſchwarzen Mantel. Beim erſten Anblick ſcheint die ganze Stadt nur von ihnen bewohnt zu werden. Die Polizei verbietet ihnen, ſich in den Hauptſtraßen ſehen zu laſſen, dennoch ſind ſie immer in denſelben. Ein Viertel gehört ihnen ausſchließ⸗ 318 lich; drei Straßen bilden eine rein iſraelitiſche Stadt; die„Große“ oder „Schloßſtraße“, die„Deutſche Straße“ und die„Dominicaner⸗Straße“. Hier, um eine durch ihre Größe und Bauart wirklich bewunderungswürdige Synagoge, in einem Labyrinth von Gaſſen und zahlloſen Durchgängen, in einem Schmutz, der nie austrocknet, in einer verpeſteten Atmoſphäre, ſchwärmen Tauſende immer thätiger Individuen, ſtets und einzig mit dem einen Gedanken an Gewinn beſchäftigt und immer kenntlich an dem Schmutz, der die Armen wie die Reichen bedeckt, denn alle haben daſſelbe elende Ausſehen. In dieſem unſaubern Stadttheile wohnen die Juden. Die Männer find ſchwarz, die Frauen weiß gekleidet. Die Erſteren tragen ſchwarze Mäntel und Hüte mit breiten Rändern, oder ſpitze Mützen. Die Letzteren ſind in eine Art weißer Leinwand gehüllt; ſie tragen Pantoffeln mit hohen Abſätzen, der Lärm, den ſie beim Gehen machen und dazu der jüdiſche Dialekt, contraſtiren mit der Stille von Wilna in ſeltſamer Weiſe. Van Elldorff und Beatrix gingen die belebteſten Straßen entlang, aber bei der ſpäten Abendſtunde war die jüdiſche Bevölkerung bereits aus den⸗ ſelben verſchwund und hatte ſie den in Heerden herumirrenden Hunden überlaſeen. „Gehen wir nach einem andern Viertel!“ ſagte Beatrix. Sie erreichten einen chriſtlichen Stadttheil und plötzlich änderte ſich die Umgebung. Hier wohnte nicht das Elend, ſondern die Traurigkeit, nicht die Ge⸗ ſchäftigkeit, ſondern der Schmerz; kein Menſch war in den todten Straßen zu ſehen, die Hausthüren waren verſchloſſen und man hörte nur einzelne Klagelieder. Plötzlich berührte ein trauriges Schauſpiel die Augen der beiden Wanderer— es war der Abſchied eines jungen Polen von ſeiner weinenden Familie, die halb geöffnete Thür zeigte einen Jüngling und eine in Thränen aufgelöſte Familie. Wie viele unglückliche junge Männer verließen jede Nacht das Dach ihrer Kindheit, die Arme ihrer Mutter, um nie wieder⸗ zukehren! Van Elldorff erblickte einen Zug junger Leute, welche die Stadt ver⸗ ließen. „Wo mögen ſie hingehen?“ ſagte er leiſe vor ſich hin. „Zum Tode,“ antwortete ihm Beatrix,„oder zur Freiheit!“ Sie fanden in einer chriſtlichen Familie ein Unterkommen. Am frühen Morgen wurden ſie plötzlich durch Flintenſchüſſe erweckt, welche durch die Luft ſchallten. „Schlägt man ſich ſchon in Wilna ſelbſt?“ fragte Van Elldorff. „Nein,“ war die Antwort;„man erſchießt.“— —— 319 „Wiſſen Sie etwas darüber?“. „Jeden Morgen läßt der Gouverneur ſich von ſeinen Truppen wecken. Um vier Uhr werden zwei Menſchen erſchoſſen, um fünf Uhr vier und um acht Uhr iſt die große Hinrichtung.“ „Weiß man die Namen der Opfer?“ fragte Beatrix leichenblaß. „Manchmal; für heute war die Rede vom Abbé Izſora und einem ge⸗ wiſſen Chriſtian Bielany.“ „D eilen wir, eilen wir!“ rief Beatrix;„o, wir kommen zu ſpät!“ Eine neue Gewehrſalve begleitete die letzteren Worte. 2 Die Rinrichtungen in Wilna. Die Inſurrection machte große—Fortſchritte und breitete ſich über Litthauen, Volhynien, über die Kreiſe Kowno, Grodno und in Samo⸗ gitien aus. 3 Jetzt nach einigen Monaten ſind alle dieſe unglücklichen Provinzen die Schauplätze verzweifelter Gefechte. Wir werden Schritt vor Schritt den Polen in ihren heroiſchen Kämpfen, den Ruſſen in ihren ſcheußlichen Thaten und grauſamen Verbrechen folgen. Jedem ſein Theil: den Opfern unſer Mitleid, den Henkern unſern Abſcheu. Polen wird ſiegen, oder es wird eine weite Einöde, ein großes Grab werden, angefüllt mit Märtyrern, zu denen die ganze Welt wallfahrten wird. Wir brauchen nicht in der Geſchichte der alten Römer und Griechen zu ſuchen, um Thaten und Beweiſe eines übermenſchlichen Muthes zu finden. Polen, getränkt mit dem Blute ſeiner Söhne, hat uns das Beiſpiel gegeben, daß aus den abgeſchlagenen Köpfen neue Vertheidiger hervorwuchſen. Ein blutiger Kampf fand bei Wonchock ſtatt und die Ruſſen, diesmal Herren des Schlachtfeldes, gaben einen neuen Beweis ihrer Brutalität. Die Bewohner Wonchock's hatten am Gefecht keinen Antheil genommen, und dennoch wurden Alle bis auf den letzten Mann hingeſchlachtet. Niemand wurde verſchont, weder Greiſe, Frauen noch Kinder. Als die Ruſſen ſich ſatt geplün. dert und gewürgt hatten, ſteckten ſie die ganze Stadt in Brand. Wonchock war nach dem Blutbade nur noch ein Trümmerhaufen. Die Schule, das Kloſter wurden gänzlich zerſtört, und von der ganzen Stadt waren eine Kirche und das Haus eines Apothekers die einzigen Gebäude, welche der Vernichtung entgingen.. An demſelben Tage wurden, auf beſonderen Befehl des Großfürſten, 5 1 vier Inſurgenten, welche in verſchiedenen Treffen gefangen genommen waren, bei Piotokum erſchoſſen. Zwei andere wurden in Plock hingerichtet und das National⸗Comité, welches ſchon die Leitung der Bewegung übernommen hatte, ließ dem Groß⸗ fürſten ſagen, wenn man fortführe, die gefangenen Polen ſo zu behandeln, ſo würden die Letzteren ſich genöthigt fehen, alle höheren ruſſiſchen Offiziere, welche in ihre Hände fielen, zu erſchießen. Bisher hatte ſich der menſchliche und großmüthige Charakter der In⸗ ſurgenten gegen ihre Gefangenen noch nicht verleugnet. In dem Dorfe Miclica, welches von den Ruſſen ſo furchtbar mitgenommen worden war, hatten ihre Verwundeten, welche von den Polen während des Gefechts auf⸗ gehoben waren, ſich der größten Sorgfalt und Humanität zu erfreuen. Eben ſo war es in Wonchock, wenige Stunden vor dem Blutbade. In Sotvowice, einer kleinen Stadt, der erſten polniſchen Station der Krakauer Eiſenbahn, wurden die Frauen der Offiziere und die ruſſiſchen Zollbeamten mit der größten Schonung behandelt, obgleich die Letzteren aus den Fenſtern des Gebäudes, in das ſie zurückgewichen waren, auf die In⸗ ſurgenten geſchoſſen und mehrere von ihnen getödtet hatten. In Wilna erzählte man ſich eine Gräuelſcene, welche von den Ruſſen bei Tomaszow begangen war. Der von uns bereits genannte Inſurgenten⸗ führer Damkow hatte ſich an der Spitze von hundert Polen bis in die Stadt gewagt, und ſofort rückte ihm eine Colonne Ruſſen von tauſend Mann entgegen. Es kam, wie man erzählt, zu einem ſchrecklichen Gefecht. Damkow unterlag, nachdem zwanzig Ruſſen gefallen waren, während er ſelbſt nur fünf Todte und zwei Gefangene verlor. Die Polen zogen ſich zurück, die Ruſſen drangen in die Stadt ein und die Offtziere erlaubten den Sol⸗ daten, zwei Stunden lang zu plündern. Dieſe ſtürzten ſich ſofort auf die Häuſer, erbrachen die Thüren, zerſtörten Alles, was ſie nicht fortſchleppen konnten, zündeten endlich die Stadt ac, um das Werk der Zerſtörung und Verwüſtung zu vollenden, und ermordeten eine große Zahl wehrloſer Be⸗ wohner. Die Namen der angeſehenſten Perſonen, welche in dieſem Blutbade umkamen, ſind aufgezeichnet worden. Es ſind ehemalige und active Offiziere, ruſſiſche und Communalbeamte, Richter und Aerzte, welche von der blinden Wuth ihrer eigenen Landsleute und Parteigenoſſen hingeſchlachtet wurden. Ein Augenzeuge erzählte den Bürgern von Wilna dieſe fürchterlichen Ereigniſſe in ihrer ganzen Scheußlichkeit.„Dem Feuer“, ſagte er,„konnte nach mehreren Stunden Einhalt gethan werden, aber ſchon bot die Stadt ein vollkommenes Bild der Verwüſtung. Alle von den wohlhabendſten Bürgern und von den Juſtiz⸗ und Zoll⸗ beamten bewohnten Gebäude ſind in Ruinen verwandelt. Die Beamten . Phantom Polens. II. Bd. 322 ſowohl, wie die Bürger, welche ſich einer gewiſſen Wohlhabenheit erfreuten, haben durch die Plünderung Alles verloren; die Verluſte ſind gar nicht ab⸗ zuſchätzen, denn der größte Theil der Opfer iſt, um das nackte Leben wenig⸗ ſtens zu retten, nach Galizien und anderen Nachbarprovinzen entflohen. Unter dieſen befinden ſich die Wittwen des Arztes Dembrowski und des Zollkaſſen⸗Rendanten Leukowicz, deren Männer unter den Schlachtopfern ſich befanden; beide Frauen ſind wahnſinnig geworden. Ein einziger Prieſter, Namens Kwiatkowski, ein ſchwacher Greis, iſt, obgleich beraubt und zu Grunde gerichtet wie die Anderen, dort zurückgeblieben. Unterdeß hatte ſich Demko, verſtärkt durch den Grafen Batory, eine Achtelmeile weit zurückgezogen. Während der Nacht erhielt eine Koſaken⸗ Patrouille Kenntniß hiervon und meldete, daß die Polen in der Nähe ſtän⸗ den, über fünfhundert Mann ſtark. Am frühen Morgen rückten die Ruſſen vor, nachdem fie von Warſchau ſechshundert Mann Verſtärkung erhalten hatten. Die Inſurgenten, welche über höchſtens dreihundert Mann zu verfügen hatten, hielten durch die Bravour des Grafen Batory den Angriff aus und warfen die Ruſſen zurück. Wenige Minuten ſpäter hatten dreihundert Po⸗ len die doppelte Anzahl Feinde überwunden. In dieſem Augenblick kamen von Lowicz her noch vierhundert Ruſſen, und ſie rückten von To⸗ maszow in der Stärke von achthundert Mann an. Die Inſurgenten ſahen, daß ſie verloren waren, aber ſie wollten wenig⸗ ſtens ihr Leben ſo theuer wie möglich verkaufen. Demko, der kühne Bauer und ſeine treuen Senſenmänner bis fielen auf den letzten Mann. Graf Batory, der Wunder der Tapferkeit gethan und den Tod in die feindlichen Reihen geſchleudert hatte, zog ſich, als er nur noch funfzig Mann gegen funfzehnhundert, hatte, zurück und vereinigte ſich mit Stanislas Tarnow's Schaar. Die Polen hatten ungefähr hundertundfunfzig Mann, darunter vierzig Gefangene und funfzig Verwundete, verloren. „Nachdem ſich der Feind zurückgezogen hatte“, erzählt ein Verwundeter, den man nach dem Gefecht auf dem Schlachtfelde hatte liegen laſſen,„hörte man nur noch das Schmerzensgeſchrei der Verwundeten und Sterbenden, und die Körper der Inſurgenten waren ſo mit Wunden bedeckt, daß man ſie nicht erkennen konnte.“ Am Wege fand man ſechs Leichname, welche man zuſammengebunden hatte; die Köpfe waren vollſtändig zerſchmettert, die Kleider waren in Fetzen geriſſen, ſchwimmend in einer Blutlache. Dies waren Inſurgenten, welche weiter zu transportiren den Ruſſen zu unbequem geweſen war; ſie wurden daher auf der Stelle ermordet. Ddemko war gefallen und Polen verlor einen ſeiner tapferſten Streiter einen ſeiner würdigſten Repräſentanten. 323 Wenige Tage vorher hatte er die Fürſtin Orlanoff beſucht und war von ihr mit tiefbetrübtem Autlitz weggegangen. Dann war er Tarnow begegnet; die beiden Männer begrüßten ſich emko trug an dieſem Tage die Bauernkleidung dieſer Gegend; anſtatt einer glänzenden Uniform beſtand ſeine Kleidung aus einer langen, weiten, ſchwarzen Blouſe, weiten, bauſchi⸗ gen Beinkleidern, welche an den Knieen durch ein Band zuſammengehalten wurden, und einer Mütze, aus demſelben ſchwarzen Stoffe, wie ſeine übri⸗ gen Kleidungsſtücke. Das Geſicht des Bauern, ſein nackter, brauner Hals, ſein rabenſchwarzes, glänzendes Haar, zeigten eine kernige, feſte Natur an. Ungeachtet der Einfachheit ſeiner Kleidung hatte er elegante Formen; er trug den Kopf hoch, hatte einen ſtolzen Gang und Alles deutete auf den Mann hin, der leider nur ſo kurze Zeit der Stolz Polens war. Demko wußte, daß von dem Beſuche, den er gemacht hatte, ſein ganzes Lebensglück abhing, aber der unglückliche Bauer ahnte nicht, daß ſein Leben ſo kurz ſein ſollte. Bei den erſten Worten von Stanislas Tarnow ließ er das Haupt ſinken. 8 „Denkſt Du daran?“ fragte Tarnow. „Ja“, antwortete Demko. 1„Es war ein kalter Märztag. Heute iſt es ein Jahr— auf dem Wege von Wieliczka.“ „Es iſt wahr.“ „Wo iſt Hedwig? fragte ich Dich.“ „Ich erinnere mich.“ 8„Sie haben ſie gefange „antworteteſt Du. Dann geſtand ich Dir meine Liebe für ſie und wir ſchwuren beide, Hand in Hand, uns zu rächen.“ „Und haſt Du Wort gehalten?“ „Ich bin nicht glücklich geweſen.“„ „Was willſt Du heute?“ „Ich fordere von Dir das Mädchen meiner Liebe.“ „Hedwig?“ 4 5 „Weißt Du, wo ſie iſt?“ „MNein, ſie iſt verſchwunden.“ „Wenn Du es nicht weißt, in welchem Verſteck ſie ihr Leben zubringt, warum verlangſt Du, daß ich es wiſſen ſoll?“ „Biſt Du nicht ihr Vater?“ 5 Demko ſetzte ſich auf die Erde und ſtützte ſeinen Kopf in beide Hände. „Ihr Vater?“ fragte er. „Gewiß.“ 3 Demko lächelte bitter. „Meinſt Du, daß ich ſie je vergeſſen und eine Andere lieben könnte?“ — 324 „Auf dem Schloſſe meines Vaters“, verſetzte Tarnow,„lebte, wie ich Dir an dem Tage, an welchem wir uns zum erſten Male trafen, ſagte, ein junges Mädchen, welches ihn auf ſeinen Reiſen begleitete und ihn nie ver⸗ ließ. Hedwig iſt Deiner Liebe würdig, junger Mann, ſagteſt Du zu mir. Du kennſt ſiel! rief ich. Ob ich ſie kenne! erwiderteſt Du, ſie iſt meine Tochter.“ „Das iſt wahr.“ „Wohlan, heute fordere ich ſie von Dir. Sie iſt verſchwunden, ich ſuche ſie überall, ich kann nicht leben ohne ſie.“ „Höre mir zu“, ſagte der Bauer und zog Tarnow mit ſich in den Wald.„Vor ſechszehn Jahren ſaß ich auf der Schwelle vor meiner Hütte, wie vor einem Jahre an dem Tage, wo Du mich dort trafſt. Es war im Winter und der Wind blies kalt und rauh. „Ich dachte nach über meine ſchlechten Ausſichten für die Zukunft, an das Unwetter, welches meine Arbeit von mehreren Monaten vernichtet hatte, an die unaufhörliche Kälte, an ein ſchlechtes Erntejahr, und ich verzweifelte faſt. Die Nacht kam und überraſchte mich in meinen trüben Gedanken. „Demko, rief meine Frau, komm doch herein.“ „Ich ging hinein und ſchloß die Thür. „Ich war kaum im Hauſe, als meine Frau ein Geräuſch von heran⸗ nahenden Schritten hörte. „ Was kann das ſein?“ fragte ſie. 4 „Ich wollte zuſehen, doch ſie hielt mich zurück; nach einigen Minuten kam ſie wieder. „Rathe, was ich geſehen habe, ſagte ſi „Kofaken, antwortete ich, die um und Brand zu ſtecken verſuchen. „Nein, nein,“ verſetzte ſie,„Gott ſei Dank, ſo weit ſind wir noch nicht.“ „Die arme Frau ſollte niemals ein ſolches Schauſpiel erleben. Gott war ſo gnädig, ſie vor dieſer ſchrecklichen Kataſtrophe zu ſich zu nehmen. „Nun, was iſt denn los?“ fragte ich. „Hier, ſieh.“ Sie öffnete ihre Schürze und wie groß war meine Ueberraſchung, als ich darin ein ſchlafendes Kind erblickte. „Ein Kind?“ rief Tarnow. „Es war drei, höchſtens vier Monate alt und ſchlief ſo ſüß, als wenn es in ſeiner Wiege gelegen hätte. „Wie hübſch!“ rief ich. „Nicht wahr?“ verſetzte meine Frau. „Sieh nur dieſe offene Stirn an, dieſe feine Naſe, die roſigen Lippen, die ſchneeweiße Haut. ütte ſchwärmen und ſie in — — — 2 325 „Und dieſe reizenden kleinen Händchen. „Und die feinen ſeidenen Haare. „Kurz, meine Frau und ich, wir waren ganz entzückt über die Schön⸗ heit und Zartheit des Kindes. „Aber Frau,“ nahm ich das Wort,„Du haſt mir nicht geſagt, wie dies Kind in Deine Schürze gekommen iſt?“ „Das iſt ſehr einfach; wie Du weißt, hörten wir ein Geräuſch und als ich hinausging, hörte ich nichts, ſondern bemerkte nur, als ich mich wieder zurückwandte, dies kleine Mädchen.“ „Wie, ſollte es ausgeſetzt ſein— 2“ 4„Ic.“ „Das iſt nicht möglich.“ „Sieh einmal.“ 3 „Iſt es in Leinwand eingewickelt?“ „Weiter nichts.“ „Haſt Du Niemand geſehen, der fortlief?“ „Niemand.“ „Das iſt merkwürdig.“ „Die Nacht iſt dunkel.“ „Freilich.“ „Sage mir, Frau, was denkſt Du von dieſem Abenteuer?“ fragte ich. „Mein Gott, das Kind gehört einer armen Frau, die es nicht ernähren kann und es darum verläßt.“ „Meinſt Du?“ „Es muß doch die größte Noth ſein, welche eine Mutter zwingt, ihr Kind zu verlaſſen.“ „Gewiß; aber glaubſt Du nicht, Frau, daß auch dieſe Nothwendigkeit * nicht durch andere Motive herbeigeführt werden kann, als durch das Elend?“ „Das kann ich mir nicht denken!“ ſagte ſie. „Meine Frau war die Tugend ſelbſt. Auf dem Lande erzogen, hatte ſie kaum jemals die Stadt geſehen. Sie hatte die einfachen reinen Sitten unſerer Urväter noch bewahrt. Sie glaubte nicht an die Bosheit und Schlechtigkeit der Menſchen. Sie wußte nichts von unehelichen Kindern und konnte den Gedanken nicht faſſen, daß eine Mutter vor ihrem Kinde erröthen und dazu gezwungen ſein könnte, es zu verbergen. „Frau,“ entgegnete ich,„meine Meinung iſt, daß dies Kind nicht im Elend geboren iſt. Der beſte Beweis iſt die feine Leinwand, in die es ge⸗ hüllt iſt und ich bemerke am Halſe der Kleinen ein goldenes Kreuz mit einem Diamanten, der wohl tauſend Gulden werth iſt. „Meine Frau ſtieß einen Ausruf der Ueberraſchung aus. „Tauſend Gulden?“ ſagte ſie,„ein Vermögen!“ 1 „Ja.“ „Wie ſchade!“ Das arme Weib fing an zu weinen. „Warum weinſt Du?“ fragte ich. „Weil ich meine Pläne zerſtört ſehe.“ „Welche Pläne?“ „Wir haben keine Kinder.“ „Nun?“ „Und weil wir täglich Gott darum bitten—“ „Es iſt wahr.“ „Ich glaubte, daß er uns das Kind ſchickte und ich freute mich, es zu erziehen und es als das meinige zu betrachten.“ „Und warum wird es nicht ſo ſein?“ „Es iſt das Kind reicher Eltern.“ „Das thut nichts.“ „Man wird es uns nicht laſſen.“ „Höre, liebe Gertrud,“ ſagte ich,„die Reichen ſind oft unglücklicher als die Armen und ſind öfter als wir gezwungen, ſich zu verbergen. Ich weiß nicht, wo dieſes Kind herkommt, aber das iſt gewiß, daß es ein zaͤrtlich geliebtes Kind iſt. Die Nothwendigkeit hat geboten, ſich davon zu trennen, weil ſeine Geburt die Folge eines Fehltritts, oder weil ſein Leben in Gefahr war.“ „Kann das, was du ſagſt, wohl wahr ſein?“ „Ich glaube es— und ich ſage noch mehr, wenn man unſerer arm⸗ ſeligen Thür den Vorzug gegeben hat, ſo iſt dies darum geſchehen, weil man uns kennt und weil man hofft, daß wir uns des Kindchens annehmen werden.“ „Es war völlig Nacht geworden. Ich ging ſelbſt hinaus, um zuzu⸗ ſehen, ob nicht Jemand ſich in der Nähe unſerer Hütte zeigte; aber ich bemerkte nichts und ich trat wieder hinein. „Schließen wir die Thür, Frau, das Kind iſt bei uns gut aufgehoben.“ „Meine Frau zündete das indeſſen ausgegangene Feuer wieder an und bald flackerte es luſtig empor. „Ich nahm das Kind und wiegte es auf meinen Knieen, während meine Frau ein Unterbett aus unſerem Lager nahm, es auf vier Stühlen ausbreitete, Tücher, ein Deckbett und ein Kopfkiſſen darauf legte. „Der Engel wird hier ſchlafen, wie zu Hauſe,“ ſagte das brave Weib. „Als das Bett fertig war, mußte ſie die Windeln wechſeln. „Wirklich,“ ſagte meine Frau,„es iſt die Tochter eines Fürſten.“ „Sieh zu,“ verſetzte ich,„ob du nirgends ein Papier findeſt, das uns 3 einigen Aufſchluß geben kann.“ 327 Das Kind war ganz nackt. „Nichts!“ ſagte meine Frau. .„Auch gut, beſcheiden wir uns; Gott ſei gelobt!“ „Von dieſem Tage an war dieſes Kind das unſrige und wir erzogen„ es mit derſelben Liebe und Zärtlichkeit. „Meine Frau war wirklich eine zweite Mutter für das Mädchen und als ſie ſtarb, war dies Kind ihr letzter Gedanke. „Denke daran,“ ſagte ſie ſterbend,„daß wir dies liebe Mädchen von Gott „ haben. Liebe es, wie ich Dich geliebt habe und danke ihm für meine Liebe. * Ich vertraue auf Dein Herz und auf Deine Zuneigung gegen die arme Kleine.“ „Alſo dieſes Kind, welches unter ſo befremdenden Umſtänden an Deine Thür gelegt wurde, war Hedwig?“ rief Tarnow. „Sie war's.“ „Sie iſt nicht Deine Tochter?“ „Nein.“ „Aber Du haſt einige Aufſchlüſſe über ſie erhalten?“ „So iſt's.“ „Sprich.“ „Einmal wurde ich nach Lublin gerufen und in ein mir unbekanntes Haus geführt.“ „ Nach Lublin?“ „Jd.¹ 3 „Welcher Stadttheil?“ 3„Das weiß ich nicht!“ „Wie ſo?“ „Am Thore von Lublin wurde ich in einen Wagen eingeſchloſſen und die Nacht überraſchte mich unterwegs. Das Einzige, deſſen ich mich erinnere, iſt, daß ich aus der Stadt hinaus, wenigſtens eine Stunde Wegs, fuhr.“ „Fahre fort, Demko!“ ſagte Tarnow, den dieſe Erzählnng intereſſirte 4 und der Demko's Worten mit der größten Aufregung folgte.— „Am Fuße einer großen Treppe, welche vor mir lag, verband man mir 3 die Augen. Ich wollte Widerſtand leiſten. Schön, ſagte man, kehren Sie 5 zurück nach Warſchau, Sie werden nichts erfahren. Ich ließ ſie gewähren. 3 Mit verbundenen Augen ſtieg ich drei Etagen hinauf. Bei der dritten hielt man mich an und führte mich über mehrere Corridors und durch mehrere 6 Zimmer.“ 4„Dann?“ —„Dann hieß man mich ſitzen und nach mehreren Minuten wurden meine — 2 Augen von der Binde befreit.“ „Und Du ſah'ſt?“ 328 „Eine Frau.“ „Jung? Schön?“ „Schön und noch jung, vermuthe ich, aber ich kann auch nur ver⸗ muthen, denn die Frau war maskirt. Demko, ſagte ſie, das Kind, das Du erziehſt und Hedwig nennſt, iſt zu hohen Beſtimmungen berufen, Dank Deiner Erziehung. Der Tag, an welchem es von Dir genommen wird, iſt nicht fern, an dieſem Tage wirſt Du erfahren, wer es iſt; frage Niemand vorher danach, Deine Fragen würden ohne Antwort bleiben.“ „Wo iſt ſeine Mutter?“ fragte ich. „Sie ſteht vor Dir.“ „Alſo Sie ſind Hedwig's Mutter?“ „Jg. 44 „Und Sie wollen ſie nicht ſehen?“ „Ich habe einen Eid geleiſtet, ſie vor einem beſtimmten Augenblick nicht zu umarmen.“ „Ich ehre Ihre Geheimniſſe, Madame!“ ſe 8 ich. L „ Demko,“ fuhr dieſe Frau fort,„ich bin Dir eine große Summe Geldes. ſchuldig geworden.“ 3 —„Madame,“ erwiderte ich,„ſprechen Sie nicht von Geld, ich habe auch einen Eid geleiſtet, nie einen Pfennig Geld für die Erziehung des Mäͤpchens anzunehmen.“ 3 „Gehe denn,“ verſetzte die Dame,„Gott möge Dich begleiten, 199 werde wohl ein Mittel finden, Dich zu belohnen.“ „Und eines Tages wurde Hedwig Dir entriſſen?“ fragte Tarnom⸗ „Ja und ich fluchte dem Räuber!“ „Du glaubteſt, daß der Raub vom Fürſten Ort euof ausging?“ „Das war nicht richtig.“ „Ich weiß das auch.“ „Ich habe überzeugende Beweiſe in Händen gehabt, daß der Fürſt Selanoßf nicht dabei betheiligt war, mehr habe ich nicht erfahren können. 4 „Du haſt Dir keine Mühe gegeben.“ „Im Gegentheil, und ich glaube, dem Räuber auf der Spur zu ſein.“ In dieſem Augenblicke ertönte ein Signal und Demko wurde beauftragt, beim Gefecht bei Tomaszom den Oberbefehl zu führen, das, wie wir wiſſen, einen ſo traurigen Ausgang für die Polen und für Demko hatte. Am folgenden Morgen erhielt Tarnow, der mit Demko's Tod alle Hoffnung verloren hatte, Hedwig wiederzuſehen, ein Billet, welches mit zit⸗ ternder Hand geſchrieben und zu Tarnow's grüßtem Weſtannen mit dem Namen„Demko“ unterzeichnet war.““ Er entfaltete haſtig das Papier und las: „Ich bin tödtlich verwundet und ich fühle, daß ich ſterben werde. Ich 329 übergebe Dir, der noch lebt, die Erfüllung der Pflichten, welche uns, denen der Tod ein Ziel ſetzte, oblagen. Ich hörte ſchreckliche Dinge über meine arme Hedwig. Wie ich Dir ſagte, war der junge Fürſt Orlanoff bei ihrer Entfül hrung nicht betheiligt. Dieſe That iſt vielmehr im Einverſtänd⸗ niß mit Hedwig geſchehen und zur Verfolgung derſelben Ziele, die wir uns vorgeſteckt haben. Inzwiſchen ereigneten ſich furchtbare Dinge. Hedwig traf zufällig mit dem jungen Fürſten zuſammen und es ſcheint, als ob derſelbe ſich in das Mädchen heftig verliebt hat. Als er ſah, daß ſeine Bewerbungen vergebens waren, bemächtigte er ſich ihrer Perſon und hält ſie gefangen. An Dich, Tarnow, richte ich die Bitte, ſie zu vertheidigen und zu befreien.“ Nachdem Stanislas Tarnow dies geleſen hatte, wählte er ſich einige Polen aus und begab ſich auf den Weg nach Wilna, wo, wie man ihm erſicherte, der Fürſt Orlanoff ſich befand. „„Orlanoff und Monnavieff,“ ſagte man ihm,„ſind die beiden Finger der Hand.“ „Ich werde Hedwig retten, wie Beatrix Chriſtian retten wird!“ war 5 Tarnow's Gedanke. Als er in Wilna ankam, war die ganze Beoöl kerung in der größten Aufregung. Von allen. Seiten waxen Nachrichten eingetroffen, und 1 waren im Allgemeinen ſchlecht. „Geſtern Morgen,“ ſchrieb Cairoli,„um acht Uhr, ſtarb in meinen Armen einer unſerer unermüdlichſten V Vertheidiger, der tapfere General Nullo. Er hat als Held geendet, ein rühmlicherer Tod iſt nicht denkbar. Unter einem Feuer, welches länger als eine Stunde währte, unter dem entſetz⸗ lichſten Kugelregen ritt er in den Reihen der Inſurgenten auf und nieder und begrüßte die ruſſiſchen Kugeln, ſpottend, mit der Hand. Sein Pferd wurde verwundet und ſtürzte, er erhob ſich ſofort und zeigte den Soldaten ſeine ſtolze, maieſtätiſche Figur. Plötzlich ſahen wir ihn erbleichen und wanken. Ich lief herbei, nahm ihn in meine Arme und rief: Was haſt Du? Er antwortete mir mit, der größten Gleichgültigkeit: Es iſt um mich geſchehen! So lange ich lebe, werden dieſe Worte in meinen Ohren wiederhallen. Wenige Augenblicke ſpäter hauchte er ſeine Heldenſeele aus. „Wir mußten uns zurückziehen, konnten jedoch unſere Verwundeten mitnehmen. „Alle weinten, ſelbſt die unter uns, welche ihn erſt ſeit wenigen Tagen gekannt hatten. „Heute Morgen habe ich den letzten Kuß anf die todte Stirn meines armen Freundes gedrückt. Geſtern bat ich den General, den Heldenleich⸗ nam aufſuchen zu laſſen; er erfüllte meine Bitte und Nullo wurde mit den militairiſchen Ehrenbezeugungen beſtattet.“ In Wilna war auch die Rede davon, daß eine kleine Inſurgenten⸗ Abtheilung bei Oſtroga, in Volhynien, von den Ruſſen niedergemacht ſei. Nur zwei Polen waren entkommen, welche der Kern einer neuen Schaar waren, die ſich ſofort bildete und zwar unter dem Befehl eines jungen Juden, Namens Leo Grünbaum. Durch ſein militairiſches Talent und ſeinen Muth, hatte er ſich einer ſehr ſtarken Stellung auf den Höfen bemächtig Drei Mal aufgefordert, ſich zu ergeben, antwortete er mit einer Salve, welche viele Ruſſen tödtete. Dieſe ſchritten nun zum Angriff, unterſtützt von einem Kugelhagel. Sie waren über fünfhundert Mann ſtark, gegen fünfzig fielen. Von den achtundzwanzig Mann, aus welchen das Inſurgenten⸗Corps beſtand, entſchlüpften zwei; ein dritter wurde gefangen genommen, die Uebrigen fielen, getroffen von den ruſſiſchen Kugeln. Von Hand zu Hand ging ein, von Rosſienic, der Hauptſtadt von Samo⸗ gitien angekommener Brief von einem bewährten Patrioten, der, plötzlich⸗ verſchwunden, ſchon im Verdacht der Deſertion und Verrätherei ſtand. „Ich weiß nicht, ob dieſes Schreiben, glücklicher als das vorige, Euch erreichen wird, noch weniger weiß ich, ob, wenn Ihr daſſelbe empfangt, der Abſender noch am Leben ſein wird. Der Nero⸗ Litthauens ſcheint ſich das Ziel geſteckt zu haben, ſelbſt den pol mniſchen Namen von der Erde zu vertilgen; ich gehöre zu denen, die der grauſame Statthalter ſich aufbewahrt hat, bis zu der günſtigen Gelegenheit, ſie ſeinen Henkersknechten zu über⸗ geben. Doch ich bin bereit und mein letzter Gedanke wird unſerm unglück⸗ lichen Polen geweiht ſein. So lange mir ein Lebenshauch bleibt, ſo lange als dieſe Hand noch eine Feder halten kann, werde ich Europa die Grau⸗ ſamkeiten der moskowitiſchen Tyrannen erzählen. Als einziger Sprößling einer Familie, deren Glieder alle für die Unabhängigkeit des Vaterlandes gefallen ſind, will ich nicht, daß Wilna mein Grab werde, und wenn meine Altersſchwäche mir verbietet, unſere heilige Sache mit den Waffen zu ver⸗ theidigen, ſo werdet Ihr doch nicht daran zweifeln, daß ich ihr diene. Monuravieff weiß dies und hat mich vor einigen Tagen zu ſich rufen laſſen; er traut mir einigen Einfluß auf meine Mitbürger zu, ja er wagt es, mir eine Freundſchaft und die Gnade des Czaren anzubieten, wenn ich mich dazu hergeben will, meinen Namen auf einen Aufta zu ſetzen, und mich zum verantworklichen Verfaſſer deſſelben zu machen. „Ich müßte, ſagte Mouravieff zu mir, ſeinen Wunſch erfüllen, oder er betrachte meine Weigerung als einen Act der Feindſeligkeit gegen„unſern großmüthigen Kaiſer“. Wenn ich ſofort den ganzen Abſcheu gezeigt hätte, den mir ſein ſchmachvoller Antrag einflößte, ſo würde ich mich einem augen⸗ blicklichen Tode, der dem Vaterland völlig nutzlos geweſen wäre, ausgeſetzt haben. Ich zauderte, ich forderte für meine Dienſte ungeheure Belohnungen, aber vergeblich! Mouravieff ging auf alle meine Forderungen ein und gab mir vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, indem er bemerkte, wenn ich meine Freiheit behalten wollte, müßte ich einen Beweis der Treue und Loyalität gegen unſern Vater geben und den eifrigen Dienern deſſelben beiſtehen, die Feinde Rußlands niederzuwerfen. Die Atmoſphäre um mich her ſchien nach Blut zu riechen, die Wuth und die Schande übermannten mich, „ noch wenige Secunden, und ich wäre in Ohnmacht gefallen. Ich zog mich zitternd in dem Augenblick zurück, als ein Oberſt dem Gouver⸗ neur die Liſte von den Hinrichtungen dieſes Marquis überbrachte. Ich hörte elf Namen unſerer ehrenwertheſten Freunde.— Ein ſchallendes Ge⸗ lächter ſchlug an mein Ohr und bald trennten mich die eiſernen Thüren von den dienſtwilligen Schurken, „Ich kann uur langſam gehen, wie Ihr wißt; es dauerte lange, ehe ich meine Wohnung wieder erreichen konnte, mein Weg wurde oft durch Koſakenzüge gehemmt, welche Fraſen und Kinder, die Hände auf den Rücken gebunden, mit ſich ſchleppten. Mitten in einem Zuge ſolcher Opfer, hinter denen der Kerker ſich bis zur nächſten Hinrichtung ſchloß, erkannte ich die Frau meines beſten Freundes. Ich verſuchte, mich ihr zu nähern, mein Alter erregte keine Furcht. „Seit dem Morgen war Frau Werſte Wittwe, der Name ihres Gatten war einer von den ⸗Elf geweſen, welche auf der Liſte geſtanden hatten. Die ungkückliche Frau hatte Trauer angelegt, dies war in den Augen der Bar⸗ baren ein todeswürdiges Verbrechen, und zur Beſchönigung dieſer Hinrich⸗ tungen, der Plünderung und des Meuchelmordes ſollte ich meinen Namen hergeben! Mein Entſchluß war gefaßt. Zu Hauſe angekommen, verſah ich mich mit einigem Gelde, und mit Hülfe einer Paßkarte hatte mich ein Wagen eine Stunde ſpäter fern von Wilna, der befleckten Stadt, gebracht. Nach drei Tagen kam ich in Krojo,„der Stadt der Studenten“, an. Die Jugend von 1812, welche in der Verkleidung der polniſchen Lanciers die Ruſſen in die Flucht geſchlagen hatte, iſt noch immer dieſelbe; zwei Gene⸗ rationen haben ſeitdem gelebt, aber noch immer iſt es daſſelbe polniſche Blut, und vor Kurzem werdet Ihr die Erzählungen von dieſen kleinen Hel⸗ den gehönt haben, welche die ganze, dreihundert Mann ſtarke, ruſſiſche Gar⸗ niſon inſſpect halten. 3 *„Ich hörte, daß im Kownoer Kreiſe die Inſurrection ſiegreich, aber daß die Anführer nicht einig ſeien. Dorthin rief mich meine Pflicht, ich begab mich ſofort auf den Weg, ich reiſte durch Städte, welche noch von den Tigern Litthauens beſetzt waren. Bei Roſſienic hatte ich das Glück, eine Schaar von hundert Inſurgenten zu retten, welche auf's Gerathewohl umherirrten und in die Hände der Ruſſen hätten fallen müſſen, deren Vor⸗ poſten ich eben begegnet war. An der Spitze dieſer hundert Mann zog 4—— 332 ich mich in die Moräſte zurück. Allmälig verſtärkte ſich mein Corps durch die Bewohner der geplünderten Ortſchaften und ſo ſtehen denn jetzt unter meinen Befehlen dreihundert Mann, unter den Befehlen eines alten, körper⸗ ſchwachen Mannes, deſſen Geiſt aber glücklicherweiſe noch ſtark genug iſt, um ſein Vaterland rächen zu können. Ich werde nicht nach Wilna zurück⸗ kehren, aber, wenn Gott uns das Leben ſchenkt, haben wir geſchworen, Lit⸗ thauen von einem Ungeheuer zu befreien und bis auf den letzten Mann wird Jeder ſeinen Eidſchwur halten. Die Ausführung iſt ſchwierig, aber die Feinde Mouravieff's haben es ſich zur Lebens⸗Aufgabe geſtellt. „Geſtern noch habe ich Nachrichten aus der Hauptſtadt Litthauens er⸗ halten; meine Flucht hat unſern Henker in die größte Wuth verſetzt, er hat geſchworen, meinen Verrath, wie er mein Benehmen nennt, zu ſtrafen und hat eine allgemeine Jagd, zehn Meilen in der Umgebung von Wilna, an⸗ befohlen. Kiernow, Olkieniki, Oiszany, Zaleſie, wo noch vor Kurzem Schlöſſer ſtanden, welche den Jahrhunderten und den Umwälzungen Euro⸗ pa's getrotzt hatten, ſind nur noch Trümmerhaufen, unter denen die Mos⸗ kowiten die zahlreichen Opfer begraben, welche Nachts von Wilna dorthin gebracht werden. „Etwas Aehnliches iſt in der Menſchengeſchichte noch nicht vorgegangen; wird meine ſchon ſo ſchwache Geſundheit widerſtehen?— Möchte ich einen Tag, nur einen einzigen Tag der Wiedervergeltung in Polen erleben!— dann will ich ruhig einſchlafen. „Adieu, meine Freunde; wenn Ihr keinen Brief mehr von mir erhal⸗ tet, dann bin ich mit den Märtyrern unſerer heiligen Sache vereinigt, aber Audere werden die Verpflichtung übernehmen, die Welt kennen zu lehren, was die Ruſſen Menſchlichkeit nennen.“ Beatrix und Van Elldorf hörten und ſahen nichts. Es war elf Uhr Vormittags und ſeit fünf Uhr warteten ſie im Palaſt des Gouverneurs von Wilna. An dieſem Morgen hatten fünfunddreißig Hinrichtungen ſtattgefunden. Den Tod des Abbé Jszora erzählte man folgendermaßen: „Heut Morgen um neun Uhr wurde der Abbé Stanislas Iszora in Wilna auf dem Markte der Vorſtadt Snipiszki erſchoſſen. Das Verbrechen, welches ihm das Leben koſtete, war an einem ſeiner College Abbé Korzeniowski, vor einigen Tagen nur mit zwölf Jahren Verbannung be⸗ ſtraft worden. Die Ruſſen kümmern ſich wenig um dieſe Ungleichheit der Beſtrafungen, Alles geſchieht bei ihnen nach dem Gutdünken des oberſten Richters. Abbé Iszora hat den Tod mit Faſſung und dem, eines Prieſters würdigen Gottvertrauen erlitten, unter den Thränen der weinenden Menge, welche er ſegnete, ehe er unter den moskowitiſchen Kugeln hinſank. „Er war erſt fünfundzwanzig Jahre alt. Vicar der Kirche zu Zolucko, — — 1 5 333 im Kreiſe Lida, wurde er verfolgt, weil er von der Kanzel herab eine Pro⸗ clamation der National⸗Regierung verleſen hatte, welche alle Polen unter ruſſiſcher Herrſchaſt zu den Waffen rief und die Gleichheit aller Bürger vor dem Geſetz, die Religionsfreiheit und die Emancipation der Bauern ver⸗ kündete. Er war bereits den Ruſſen entflohen und befand ſich in Sicher⸗ heit, als er erfuhr, daß der Abbé Joſeph Jaſinski, ein würdiger Greis und Curator der Kirche zu Zolucko, anſtatt ſeiner, verhaftet worden war. Iszora ſäumte nicht, ſich ſofort zu ſtellen, um den unſchuldigen Greis zu retten. Vor ein Kriegsgericht geſtellt, wurde Iszora zum Tode verurtheilt; der General Nazimow, damals Gouverneur von Litthauen, verwandelte dieſes urtheil in fünfundzwanzigjährige Strafarbeit in Sibirien. „Nach dieſen Vorfällen folgte Mouravieff dem General Nazimow als Gouverneur; er vernichtete die Entſcheidung ſeines Vorgängers, hielt das Urtheil des Kriegsgerichtes aufrecht und ließ Iszora erſchießen. „Der Verurtheilte, escortirt von Truppen, ging zum Hinrichtungsplatz mit vollkommener Reſignation und Ruhe. Die Menge der trauernden Zuſchauer war ſo groß, daß die Trommeln das Schluchzen der Umſtehenden nicht übertönen konnten. Der Vater des unglücklichen Iszora wohnte der Hin⸗ richtung bei, ſeiner Mutter hatte es hierzu an Kraft gefehlt. Um neun Uhr wurde das Urtheil vollſtreckt und der Abbé hatte aufgehört, zu leben.“ Van Elldorf hatte in Erfahrung gebracht, daß Chriſtian noch am Leben war. Wie kam es, daß ihn der Gouverneur verſchonte? Beatrix fing an, Hoffnung zu ſchöpfen. Gleich nach elf Uhr ſagte ein Diener in ſchwarzer Uniform, daß der Gouverneur bereit ſei, ſie zu empfangen. „Endlich!“ murmelte ſie. Sie zitterte nicht, ſondern erhob ſich entſchloſſen und ging nach der ihr angedeuteten Seite. Van Elldorf wollte ſie begleiten. „Bemühen Sie ſich nicht,“ ſagte der Diener,„Se. Excellenz empfängt immer nur eine Perſon.“ „Wir gehören zuſammen.“ „Das kümmert mich nicht. Die Befehle ſind in dieſer Hinſicht ſehr ſtreng und ich habe nicht Luſt, meinen Kopf auf's Spiel zu ſetzen, um Ihnen einen Gefallen zu erweiſen.“ „Gut,“ verſetzte Beatrix,„ich gehe allein.“ „Gehen Sie,“ flüſterte Van Elldorf;„ich wache über Sie.“ Eine einfache Thür trennte das Zimmer, in welchem Van Elldorf war⸗ tete, von demjenigen, in das Beatrix ſich begab. Die Thür war offen, der Vorhang emporgezogen und Beatrix ſah ſich, 0 334 als Thür und Vorhang ſich ſchloſſen, allein in einem großen, viereckigen Zimmer, das mit dunkeln Tapeten bedeckt war und einen düſtern Eindruck machte. Ein geflochtener Stuhl wurde ihr angewieſen; ſie ſetzte ſich. In der Mitte des Zimmers befand ſich ein ſchwarzer Schreibtiſch und ein eichener Stuhl. Beatrix, deren Herz heftig pochte, wartete wohl eine halbe Stunde. Endlich öffnete ſich eine Thür und ein Mann erſchien. Dieſer Mann, in der ruſſiſchen Generalsuniform, mit rauhen, einen argwöhniſchen Blick um ſich. Es war Mouravieff.—— Eine Weile ſpäter ereignete ſich in dieſem Zimmer eine ſchreckliche Seene. Ein Schmerzensſchrei ertönte und Van Elldorf ſtürzte hinein und wollte ſich auf den Gouverneur werfen. Plötzlich trat eine Frau dazwiſchen und rettete den Unglücklichen. „Tödte ihn nicht!“ rief ſie,„tödte ihn nicht! Du haſt nicht das Recht, wilden Geſichtszügen warf die Hand gegen dieſen Mann zu erheben!“ 8. Die Großmuth Mouravieff's. Hören wir, was vorgegangen war. Bei dem Anblick des Statthalters von Wilna war Beatrix erbleicht und ihre Kräfte hatten ſie einen Augen⸗ blick verlaſſen. Seit langer Zeit hatte ſie ſich nach der Stunde geſehnt, mit ihm zu⸗ ſammenzutreffen; ſie hatte ſo viele Anſtrengungen überwunden, ſo viele Schmerzen ertragen und im letzten Augenblick wurde ſie ſchwach, ihr Muth verließ ſie, ſie fürchtete ſich; ſie wünſchte, fern von dieſem Menſchen zu ſein, deſſen Namen ſie mit Schrecken ausſprach, und ihre zuſammengepreßten Lippen konnten nicht die Worte hervorbringen, welche ihrem Verlobten die Freiheit verſchaffen ſollten. Mouravieff hatte ſich ruhig hingeſetzt, dann wendete er ſich brutal gegen Beatrix und fragte rauh: „Was wollen Sie?“ Sie erhob ſich und konnte kein Wort hervorbringen. „Was wollen Sie?“ wiederholte der General. Sie ſchwieg, der Schweiß rann von ihrer Stirn, ſie fühlte, daß ihre Knieen unter ihr zuſammenbrachen. „Verzeihen Sie!“ ſagte ſie. Sie war bleich wie der Tod und mußte ſich an dem Stuhle feſthalten. Mouravieff blickte das junge Mädchen aufmerkſamer an und ſei es, daß ſein Herz bewegt wurde, ſei es, daß er ſie hübſch fand, er ſah ſie weniger wild an und ſagte mit ſanfterer Stimme: „Fürchten Sie ſich nicht, mein Kind, fürchten Sie ſich nicht.“ „Ich habe Sie noch nie geſehen, gnädiger Herr, und deshalb—“ „Ich glaube Ihnen.“ „Sind Sie beſſer, als man mir geſagt hat?“ Mouravieff runzelte die Stirn. „Verzeihung!“ ſagte das arme Kind. Der General fand ſie ſo hübſch und ſo traurig, daß er nicht rauh gegen ſie ſein konnte. In dieſem Augenblick trat ein Diener ein und brachte dem General auf einem ſilbernen Teller mehrere Briefe und Depeſchen. „Gieb her!“ ſagte Mouravieff.. Er entfaltete einen Brief, datirt von Warſchau und adreſſirt an die Breslauer Zeitung. Mouravieff las mit halblauter Stimme: „Nach dem Gefecht von Labne wurde ein junger Mann, Namens Lupinski, auf dem Schlachtfelde mitten unter Leichnamen gefunden. Seine Wunden waren ſehr ſchwer; dennoch hofften ſeine Eltern, ihn zu retten, und brachten ihn nach Warſchau in ihre Wohnung, wo ſie ihn heimlich pflegten. Dieſe Sorgen waren unnütz, am Neunzehnten unterlag der Unglückliche ſei⸗ nen Leiden. „Sein Begräbniß war auf den Einundzwanzigſten feſtgeſetzt. „Jedermann wußte es, nur nicht die Polizei, welche die Anweſenheit eines verwundeten Rebellen ignoriren mußte, ſonſt hätte man ihn nicht der Pflege ſeiner Eltern überlaſſen dürfen. „Die Ueberraſchung war daher groß, ³ man geſtern Tauſende von Menſchen das Haus umgeben ſah, in welchem der Verſtorbene gelebt hatte, um Theil an den Beerdigungs⸗Feierlichkeiten zu nehmen. „Männer aus allen Ständen drängten ſich hinzu, die Bahre zu tragen. „Das Wunderbarſte hierbei war, daß zwei Begräbniſſe zu derſelben Zeit und unter denſelben Verhältniſſen ſtattfanden. „Tadeus, dieſer erprobte Patriot—“ „Mouravieff runzelte die Stirn und blickte zornig um ſich. Er fuhr fort: „Welcher ſo oft ſich der Vertheidigung ſeines Landes geweiht hatte, war in einem der letzten blutigen Gefechte zwiſchen den Ruſſen und Polen gefallen. „Von den Anführern der Inſurgenten befanden ſich hier der Graf Batory, Stanislas Tarnow, dieſer junge Patriot, der wie durch ein Wun⸗ ₰ —.—;——:—— 336 der dem Mörderbeil des Fürſten Orlanoff entgangen war, Van Elldorff und ein junges Mädchen, von dem wir noch ſprechen werden. „Tadeus hatte ſeinen Tod auf dem Schlachtfelde gefunden. Seine Freunde ſuchten, bei der Nachricht von ſeinem Tode, ſeinen Körper auf und beſchloſſen, ihn auf dem Kirchhofe zu Warſchau zu begraben. „Dieſes Begräbniß fand ebenfalls am Einundzwanzigſten ſtatt und be⸗ gegnete unterwegs dem von Lupinski. Die Patrioten erkannten ſich an ge⸗ wiſſen Zeichen. Sogleich wurden die beiden Särge nebeneinander getragen und ſieben⸗ bis achthundert Menſchen des einen Leichenzuges vereinigten ſich mit den Tauſenden des andern. „Man ging langſam und geräuſchlos durch die Straßen. An dem Thore weigerte ſich eine Schildwache, dieſe Menſchenmenge hindurchzulaſſen. Man wollte den Weg erzwingen. Der Poſten rief um Hülfe. Ungefähr zwölf Mann bewachten das Thor, ſie feuerten ihre Flinten in die Luft ab und gaben hiermit den ruſſiſchen Truppen das Allarmſignal. „In einem Augenblick war der Platz mit Soldaten bedeckt. „Jetzt drängten ſich die Patrioten neben die beiden Särge, zogen Pi⸗ ſtolen unter ihren Kleidern hervor und öffneten ſich einen Weg mitten durch die Soldaten. „Dieſe gaben eine Gewehrſalve, da ſie die Polen aber bereits auf dem Kirchhofe ſahen, ſich ſelbſt aber für zu ſchwach hielten, ſie zurückzutreiben, ſetzten ſie keinen weiteren Widerſtand entgegen, ſondern wohnten unthätig den Beerdigungen bei.“ „Die Elenden!“ rief Mouravieff. Beatrix hatte, als ſie den Namen Tadeus vernahm, aufmerkſam zuge⸗ hört und ihr Herz pochte hoörbar bei dem Bericht über die Begräbnißfeier⸗ lichkeiten zu Ehren ihres Bruders. Aber ſchon blätterte der General wüthend unter den Depeſchen von Warſchau, welche dieſen Morgen angekommen waren, und die zu leſen er noch nicht Zeit gehabt hatte. 3 ¹ Er las: „Oksniski hat am Fünfundzwanzigſten einen Sieg über die Ruſſen bei Koniupel an der Silica davongetragen. Die Ruſſen hatten fünf Com⸗ pagnien Infanterie im Gefecht, die Polen waren fünfhundert Mann ſtark. „Die Ruſſen hatten einhundertundfünfzig Todte, von denen hundert in einer Grube begraben wurden; nicht ein Mann wäre entkommen, wenn die Abtheilung von Boucza zur rechten Zeit herbeigeeilt wäre.“ „O, wir wollen dieſen Dingen ſchon ein Ende machen!“ rief der Ge⸗ neral und befahl, einen Secretair zu ihm zu ſchicken. Derſelbe trat ein. Es war ein junger Mann von höchſtens vierund⸗ zwanzig Jahren, ein Pole von Geburt; bei ſeinem Erſcheinen erbleichte Beatrix. —— 8 Phantom Poleus. II. Bd. Jhhn Wi, 11 22 (S. 348.) „Tödte ihn nicht!“ „Olganoff,“ ſagte Mouravieff,„ſetzen Sie ſich und ſchreiben Sie.“ „Olganoff,“ wiederholte Beatrix für ſich,„das iſt nicht möglich, ich kenne dieſes Geſicht, es iſt ein Freund meines armen Bruders.“ Sie forſchte in ihrem Gedächtniß. „Malweny!“ flüſterte ſie mit leiſer Stimme. Dieſer wendete ſich unwillkürlich um. „Wirklich, er iſt es!“ murmelte das junge Mädchen;„ein Verräther, möge Gott ihm verzeihen.“ „Schreiben Sie!“ wiederholte Mouravieff, der ſchon dictirte: „Der General Mouravieff, Gouverneur von Wilna, hat in Erfahrung gebracht, daß noch immer Beamte ſich erlauben, polniſch zu ſprechen, nicht allein unter ſich, ſondern auch mit anderen Beamten und daß dieſe Ge⸗ wohnheit, indem ſie immer allgemeiner wird, die polniſchen Prätenſionen zu verſtärken, Veranlaſſung giebt. „Se. Excellenz findet keinen Nutzen in der Anwendung einer andern Sprache, als der ruſſiſchen, in den offiziellen Berichten und bei den Ge⸗ richtshöfen und verbietet hiermit dieſe Eigenthümlichkeit; die Beamten, welche fortfahren, ſich der polniſchen Sprache bei ihren Amtshandlungen zu bedie⸗ nen, werden mit ſofortiger Entlaſſung beſtraft. „Dieſe Verordnung tritt mit dem heutigen Tage in Kraft.“ Wie man ſieht, machte der Gouverneur nicht viele Umwege. Er ſprach und ſchrieb ſchnell und war noch ſchneller in der Ausführung. Jetzt wendete er ſich zu Beatrix. „Nun, mein Kind,“ ſagte er,„was wollen Sie? Sie ſehen, ich bin ſehr beſchäftigt, ich habe höchſtens noch einige Minuten für Sie übrig.“ „Gnädiger Herr,“ antwortete das Mädchen, welches indeſſen Zeit ge⸗ habt hatte, ſich zu ſammeln,„ich hoffe, Sie werden mir die Gnade er⸗ weiſen, mich anzuhören.“ „Sprechen Sie.“ „Ich komme weit her, gnädiger Herr, von Warſchau.“ „Wie, von Warſchau?“ „Ja, gnädiger Herr.“ „Gewiß wegen einer ſehr ſchlimmen Sache, nicht wahr?“ „Ja, gnädiger Herr.“. „Wenn ich Ihnen irgend dienen kann, werde ich es thun.“ „Gnädiger Herr, ich bin Polin.“ „Um ſo ſchlimmer für Sie; aber nach meiner Anſicht haben hübſche Mädchen kein Vaterland oder ſie haben es vielmehr überall.“ „Mein Bruder fiel auf dem Schlachtfelde.“ „Auf welcher Seite?“ „Ich ſagte Ihnen bereits, gnädiger Herr, daß ich Polin bin.“ ſſſſſſſ 1 8——, d—, 339 „Das beweiſt noch nichts. Es giebt Polen, die ihrem Kaiſer treu find und ſich für ihn tödten laſſen; freilich giebt es auch welche, die gegen ihn kämpfen; aber das find Rebellen, und das Schickſal, das dieſe er wartet, kennen Sie?“ „Der Tod?“ „Immer.“ „Oder die Freiheit.“ „Ich verzeihe Ihnen,“ ſagte Mouravieff,„weil Sie ein Weib ſind; was wollen Sie?“ „Mein Bruder fiel bei Lublin, in einem Kampfe gegen die Ruſſen.“ „Er hätte ſich vertheidigen ſollen.“ „Sie ſehen, gnädiger Herr, daß ich Urſache habe, traurig zu ſein.“ „Was kann ich dazu thun?“ „Nichts, gnädiger Herr; ich habe Sie auch nicht meines Bruders wegen aufgeſucht.“. „Warum denn?“ „Meinetwegen.“ „Soll ich Ihnen dafür eine Belohnung geben, daß Ihr Bruder im Kampfe gegen unſere Soldaten fiel?“. „Scherzen Sie nicht, gnädiger Herr! Mein Bruder iſt todt, Gott hat ſeine Seele zu ſich genommen und wird ihr einen Platz im Himmel geben.“ „Das glaube ich.“ „Aber mir blieb ein Troſt, gnädiger Herr, ein einziger; ich habe Vater, Mutter und Bruder verloren, er allein blieb mir.“ „Wer?“ „Mein Verlobter.“ „Er heißt?“ „Chriſtian Bielany.“ „Ich weiß, von wem Sie ſprechen wollen.“ „Iſt er noch nicht todt?“ „Noch nicht.“. Beatrix athmete auf. „Er allein blieb mir, gnädiger Herr,“ wiederholte ſie;„er allein. Wenn er ſtirbt, bleibt mir nichts übrig, als auch zu ſterben.“ „Das wäre ſchade!“ „Gnädiger Herr, werden Sie mir meinen Bräutigam wiedergeben?“ Mouravieff nahm einen weniger rauhen Ton an. „Mein Kind,“ ſagte er,„Ihr Bräutigam war dazu beſtimmt, Soldat Sr. Majeſtät zu werden; als ſolcher war er nicht berechtigt, die Ehre, in den ruſſiſchen Armeen zu dienen, zurückzuweiſen.“ 22* —— ůᷓůõ—— 340 „Gnädiger Herr, ich will ſeinen Fehler auch nicht entſchuldigen, ich will um Gnade für ihn bitten.“ „Er hat mehr gethan, er iſt deſertirt!“ „Werden Sie ihn nicht tödten?“ „Man wird Ihnen ſagen, daß wir Ruſſen Barbaren ſind, ich aber ſage Ihnen, daß man Deſerteure in allen Ländern der Welt beſtraft.“ „Das iſt wahr, gnädiger Herr.“ „Man beſtraft ſie mit dem Tode.“ „Ich flehe Sie an!“ Beatrix war auf die Knie geſunken. Die Thränen ſtürzten ihr aus den Augen und rannen über ihre magern Wangen. Ihre Haare hingen über die Schultern herab und ihr Buſen wogte krampfhaft. Sie kniete vor dem Manne, der das Schickſal ihres Verlobten in den Händen hielt und ſie zitterte vor ihm. In ihrem Herzen wohnte jetzt kein Haß, keine Wuth, kein Rachegefühl, nur Schmerz und Furcht zuckten auf ihren blei⸗ chen Lippen. Sie zitterte, rang die Hände und wagte nicht, die Augen aufzu⸗ ſchlagen. „„Was verlangen Sie für ihn?“ fragte er. „Seine Freiheit.“ „O, das iſt ſehr viel.“ „Schenken Sie ihm wenigſtens das Leben.“ „Und dann?“ 1 „Gnädiger Herr, Sie wiſſen, daß ich ihn liebe und daß ich nicht ohne ihn leben kann.“ „Ich habe noch niemals verziehen!“ ſagte Mouravieff kalt. „Niemals? Auch nicht einer Frau?“ fragte Beatrix, welche zu lächeln verſuchte. „Das kommt darauf an!“ verſetzte Mouravieff, welcher die Abſichten der Verlobten Chriſtian's falſch deutete. „Gnädiger Herr!“ „Höre, wenn dieſer Unglückliche nicht ſtirbt, verdankt er es mir.“ „Gewiß, gnädiger Herr.“ „Er war verurtheilt und er ſollte gehangen werden; als ich die Ge⸗ fangenen beſuchte, bemerkte ich ſeine intelligente Phyſiognomie und ſeine gute Haltung. Es iſt wirklich ein Unglück, ſagte ich bei mir ſelbſt, daß ein Menſch, wie dieſer, gehangen werden ſoll; wer weiß, ob es nicht ein Mittel giebt, ihn dem Galgen zu entreißen.“ „O, das war edel gedacht, gnädiger Herr!“ „An demſelben Abend ließ ich ihn in ein anderes Gefängniß bringen und nahm ihn mit hierher.“ „Dank, tauſend Dank!“ „Er iſt in einer beſonderen Abtheilung, welche aus ungefähr zwanzig jungen Leuten beſteht. Nun muß ich Ihnen etwas ſagen, was Ihnen unan⸗ genehm ſein wird.“ „Was wollen Sie ſagen, gnädiger Herr?“ „Dieſe zwanzig Gefangenen werden heute gefeſſelt und nach der Feſtung im Süden gebracht.“ „Und Chriſtian?“ „Iſt unter dieſen.“ „O mein Gott!“ „Um dort gerichtet und verurtheilt zu werden—“ „Zur Verbannung?“ „Oder zum Tode.“ „Aber, gnädiger Herr, weil ich für ihn bitte, werden Sie ihn nicht in den Tod ſchicken.“ „Warten Sie,“ ſagte Mouravieff, indem er ſich erhob;„ſehen Sie dort⸗ hin, ich werde ſehr eifrig bedient, der Transport iſt ſchon bereit vor der Zeit, welche ich befohlen habe.“ Der General öffnete ein kleines Fenſter, welches auf einen engen, kalten und finſtern Hof hinausging. „Kommen Sie hierher,“ ſagte er,„und Sie werden ohne Zweifel den⸗ jenigen erkennen, für den Sie eine Gnade erbitten, die ich nicht verſprechen kann.“ Beatrix, leichenblaß, ging zum Fenſter und wagte, indem ſie ſich gegen die Mauer lehnte, um nicht zu fallen, hinauszuſehen. Sie hörte ein verworrenes Geräuſch, Schimpfwörter, Schläge und Kettengeraſſel, dann ſah ſie zwanzig junge Männer, mit gebundenen Händen und Ketten an den Füßen, bewacht durch eine bis an die Zähne bewaffnete Koſaken⸗Abtheilung. „Das iſt der Vorrath zu morgen!“ ſagte der General. Sie ſtieß einen Schrei aus. Sie hatte Chriſtian an der Spitze dieſer Unglücklichen erkannt. Das arme, gequälte Mädchen wendete ſich um, ſie wollte ſich Mouravieff zu Füßen werfen und noch einmal die Gnade des Henkers von Wilna anflehen. Sie ſah ihn nicht mehr. Ein Diener trat ein. „Der General bittet, das Fräulein möge ihn hier erwarten, ſchlennige Anordnungen haben ihn einen Augenblick entfernt, jedoch wird er bald zurückkehren.“ Beatrix ſchöpfte Hoffnung. 342 „Wenn er wiederkommt,“ ſagte ſie ſich,„wenn er wiederkommt, hat er die Abſicht, mich zu erhören!“ Sie ſetzte ſich und wartete. Die Zeit erſchien ihr ſehr lang, Alles war einſam um ſie her, ſie träumte. Die Gefangenen waren nach einem andern Hof geführt worden, um vier Uhr ſollte der Transport abgehen, es war erſt zwei Uhr. Beatrix hatte ſich geſchworen, die Feſtung nicht eher zu verlaſſen, ehe ſie nicht Chriſtian wiedergeſehen hätte. Es war nicht wahrſcheinlich, daß der Gouverneur ihr ihren Bräutigam zurückgeben würde. Das arme Kind täuſchte ſich noch immer über die Geſinnung Mouravieff's. Der Augenblick war ſchlecht gewählt. Die Inſurrection ge⸗ wann überall und nahm immer bedeutendere Proportionen an. Die National⸗ Regierung hatte Ladislaus Czartoriski zu ihrem diplomatiſchen Agenten in London und Paris ernannt, und dies ließ vermuthen, daß dieſe Regierung ſchon Unterſtützung im Auslande fand. Alle Adelsmarſchälle von Litthauen hatten, wie man ſagte, ihre Demiſſion eingereicht, viele andere öffentliche Beamte waren ihrem Beiſpiel gefolgt. Nie⸗ mand durfte einſtweilen ein Amt annehmen, ohne für ehrlos erklärt zu werden. Zwei Prieſter, Jaſiewicz und Szreders, wurden zu ſechs Jahren Zwangs⸗ Arbeit in den Ural⸗Bergwerken verurtheilt. Ein blutiger Kampf fand bei Krakinow ſtatt, die Ruſſen verloren dabei eine Kanone. Im Gouvernement Kowno bildeten ſich zwei Cavallerie⸗Corps, welche das Land durchſtreiften und den Ruſſen vielen Schaden thaten. Auch von Langiewicz war in den Kriegs⸗Bulletins die Rede. Bei ſeinem Einrücken in das Marquiſat Linczow trug er dafür Sorge, daß Schloß und Domaine Chrobrze, Eigenthum des Marquis Wielopolski, in keiner Weiſe beſchädigt wurden. Man ſagte, daß Langiewicz Geſandte im Auslande ernannt und be⸗ glaubigt hätte, doch war dies ein ganz grundloſes Gerücht. Oeſterreich concentrirte, hieß es, ſeine Truppen in Galizien. Am Siebzehnten lieferte Langiewicz den Ruſſen eine Schlacht bei Zagorz, am linken Ufer des Nida. Zehn tauſend Mann waren von beiden Seiten im Feuer; nach mehrſtündigem, erbittertem Kampfe zogen ſich die Ruſſen nach Busk zurück; Rochebrune's Zouaven thaten Wunder der Tapferkeit, nähere Umſtände waren noch nicht bekannt. Der Name Tarnow's war, wie der von Langiewicz und Rochebrune, in Aller Munde und die Affaire bei Wengrow gab ſeinem, unſern Leſern ſchon ſo bekannten Namen, eine neue Berühmtheit. Wengrow, eine Stadt im Palatinat Lublin, war der Vereinigungs⸗ punkt mehrerer, aus den verſchiedenſten Elementen zuſammengeſetzten Inſur⸗ 343 gentenſchaaren. Dieſe verſtärkten ſich durch fortwährend hinzukommende Freiwillige bedeutend und löſten ſich in eine Menge kleiner Abtheilungen auf, welche dazu beſtimmt waren, den Feind nach allen Seiten hin zu be⸗ unruhigen. Bei Wengrow wurden dieſe Inſurgenten⸗Corps, am Sechsten, von einer ruſſiſcheun Truppen⸗Abtheilung, welche mehrere tauſend Mann ſtark und im Beſitz von ſechs Kanonen war, angegriffen. Die Ruſſen wur⸗ den vom General Popſeſopulo befehligt. Die Stadt bot keine Verthei⸗ digungsmittel dar und die Inſurgenten konnten nicht daran denken, ſo über⸗ legenen Streitkräften mit Erfolg Widerſtand zu leiſten; ſie beſchloſſen da⸗ her den Rückzug. Während der größte Theil der polniſchen Soldaten ſich auf dem Wege nach Sokolow zurückzog, beſetzte ein aus den Entſchloſſen⸗ ſten gewähltes Corps den Eingang zur Stadt, um die Ruſſen aufzuhal⸗ ten und den Rückzug zu decken. Dieſe muthige Schaar hielt, ohne ſich zu bewegen, das Feuer der Ruſſen aus, es antwortete dem feindlichen Kugel⸗ regen mit einigen Büchſenſchüſſen, vertheidigte das Terrain Schritt für Schritt und beunruhigte den Feind durch fortwährende, mit der größten Kaltblütigkeit und Todesverachtung ausgeführte Angriffe. Lange konnte natürlich dieſer ungleiche Kampf nicht dauern. Gegen dieſe dreihundert Helden kämpften auf einer großen Straße, vor einer offenen Stadt, drei Bataillone Infanterie, drei Schwadronen Cavallerie und mehrere Abtheilun⸗ gen Koſaken. Der Feind machte immer größere Fortſchritte und dennoch mußte man ihn noch eine Weile aufhalten, bis der Rückzug völlig geordnet war, wenn nicht alle Anſtrengungen und alles ſchon vergoſſene Blut ver⸗ geblich ſein ſollten.. Zweihundert junge Männer, faſt nur Adlige, viele unter ihnen höch⸗ ſtens zwanzig Jahre alt, erboten ſich, den Feind durch einen letzten, ver⸗ zweifelten Angriff aufzuhalten. Stanislas Tarnow commandirte dieſes kühne Häuflein. Sie wußten, daß ſie ſich Alle dem Tode geweiht hatten, aber das Hauptcorps, eine bedeutende Stütze der Inſurrection, mußte gerettet werden. Es war die Hauptſache, die Feuerſchlünde, welche einen Kartätſchen⸗ hagel ausſpieen, zurückzuwerfen, oder ſie momentan zum Schweigen zu brin⸗ gen; auf dieſe ſtürzte ſich daher dieſe entſchloſſene Schaar. Das vorher⸗ geſehene Reſultat erfüllte ſich, Alle ſtarben den Tod für's Vaterland, außer zwei oder drei. Tarnow wurde verwundet nach Lublin gebracht. Dieſer furchtbare Kampf dauerte eine volle Stunde. Die Artilleriſten wurden von ihren Kanonen vertrieben, dann ſuchte man die Offiziere auf und dieſe waren gezwungen, ihr Leben mit ihren Revolvern zu vertheidigen. Das Häuflein fügte den Ruſſen ſo beträchtliche Verluſte zu, daß, als die Letzten gefallen waren, der Rückzug ihrer Kameraden gedeckt und das Gros der Inſurgen⸗ ten gerettet war. „Wenn,“ ſagte ein ruſſiſcher Offizier, nach dem Ende dieſes mör⸗ 344 deriſchen Kampfes,„dieſe Männer gut bewaffnet und in reguläre Colonnen geordnet wären, würde keine europäiſche Armee im Stande ſein, ihrem wilden Enthuſiasmus zu widerſtehen.“ Das Schauſpiel dieſes Heroismus hatte die Ruſſen jedoch nicht etwar zur Großmuth geſtimmt. Sobald der Weg frei war, ſtürzten ſie ſich in die Stadt und behandelten dieſe gerade ſo, wie ſie es mit Wonchock gemacht hatten. Ihre Artillerie hatte einige Häuſer in der Vorſtadt in Brand geſchoſſen. Weit entfernt, dem Feuer Einhalt zu thun, thaten ſie alles Mögliche, demſelben die größte Ausdehnung zu geben und bald verbreitete es ſich über die ganze Stadt. Die Häuſer, welche noch nicht vom Feuer ergriffen waren, wurden ge⸗ plündert; die Bewohner, deren man noch habhaft werden konnte, wurden ermordet oder ſchwer verwundet. Als die Ruſſen ſich in ihre Garniſonen zurückzogen, war Wengrow nur noch ein rauchender, blutiger Trümmerhaufen. Zu derſelben Zeit, als Beatrix die Freiheit ihres Verlobten erwartete, erfuhr Wilna den Tod des Grafen Leo Plater, welcher, obgleich noch jung, ſchon ſeine reine, glühende Vaterlandsliebe bewieſen hatte. Er wurde Vor⸗ mittags um elf Uhr auf dem Markte der Feſtung Dünaburg erſchoſſen. Das Blut dieſes jungen Patrioten wurde auf demſelben Platze vergoſſen, auf welchem ſein Großvater, der Graf Heinrich, als Geſandter der liefländi⸗ ſchen Staaten bei König Sigismund Auguſt von Polen, Abſchied von ſei⸗ nen Wählern der Staroſtie Dünaburg nahm, welche ſeit Jahrhunderten, bis⸗ zur Theilung Polens, das Eigenthum ſeiner Familie geweſen war. Leon Plater war erſt ſechsundzwanzig Jahr alt; er ſtarb begeiſtert und hingebend für die Freiheit ſeines Vaterlandes, feſt und muthig ſah er dem Tode ent⸗ gegen, aufmerkſam und unbeweglich hörte er ſein Verdammungsurtheil, dann befahl er ſeine Seele Gott und verabſchiedete ſich von ſeinem Beichtvater. Nichts in ſeiner Haltung verrieth die geringſte Todesfurcht. Die Schüſſe knallten und die Luft wurde von dem Wehklagen der erſchütterten Menge über dieſes edle Opfer der moskowitiſchen Tyrannei erfüllt. Die Barbaren warfen den Leichnam des unglücklichen jungen Mannes in eine Grube, ſchütteten dieſe zu und ſtellten eine Schildwache vor dieſelbe. Gerade ſo ver⸗ fuhr man mit den erſten Märtyrern des Chriſtenthums. Die troſtloſen Schweſtern, die Mutter und die Freunde des Ermordeten hatten ſich in einer Kirche vereinigt und legten am Altare des Allbarmherzigen ihren unermeßlichen Schmerz nieder. Die Mutter von Leo Plater ſagte, als ſie ihre Umgebung in Thränen aufgelöſt ſah:„Weinet nicht, theure Freunde, ich weine auch nicht. Ich hätte Thränen vergoſſen, wenn mein theurer Sohn Furcht vor den moskowitiſchen Henkern gezeigt hätte; ich habe ihm heute meinen Segen gegeben und mit ihm zu Gott gebetet.“ 345 Nur der Glaube an die Heiligkeit der polniſchen Sache kann ſolche Zuverſicht und ſolchen Muth einhauchen; eine Nation, welche ſolche Charak⸗ tere hervorbringt, kann nicht dazu beſtimmt ſein, in den moskowitiſchen Sclavenketten unterzugehen.— Beatrix wartete noch immer; ſchon fing ſie an zu verzweifeln, als die Thür ſich endlich öffnete. Sie ſtand auf, in der Meinung, Monravieff vor ſich zu ſehen und ſtieß einen furchtbaren Schrei aus. Nicht Mouravieff trat ein, ſondern ein Mann mit Ketten beladen, mit ge⸗ 3 bundenen Händen und zu Boden geſenktem Geſicht. Es war Chriſtian; als er Beatrix erblickte, rieſelte ein Schauer durch ſeine Adern. Beatrix ſtürzte auf ihn zu. „Du!“ murmelte der Gefangene. „O, Du biſt mir wiedergegeben!“ rief Beatrix. Chriſtian zeigte ſeine wunden gefeſſelten Hände und ſchüttelte ſeine Ketten. „Dieſe Ketten werden fallen!“ Der junge Mann ſah ſ ſeine Verlobte an und ülanbie der Schmerz habe ſie wahnfinnig gemacht. „Du biſt frei!“ Chriſtian ſenkte traurig das Haupt. „Aber Du empfängſt mich nicht einmal freudig,“ fuhr ſie fort;„Du ſiehſt mich kaum an; ich bringe Dir das Leben und Du freueſt Dich nicht?“ „Was für ein Leben?“ fragte der Unalückliche: „Mit mir.“ „Wozu biſt Du hierher gekommenz⸗ „Um Dich zu retten.“ „Mich zu retten?“ „Dich dem Tode zu entreißen.“ „Du?“ „Ich habe Dir die Freiheit wiedergeben wollen. Wenn er Dich ge⸗ tödtet hätte, Chriſtian, wäre auch ich geſtorben.“ „Meine theure Beatrix!“ „Ich bin von Warſchau nach Wilna gekommen und jetzt bin ich— „Bei Mouravieff.“ „Ja, ich habe ihn geſehen, geſprochen, er hat mich erhört und mir geſagt—“ 4 „Was?“ „Ich ſoll warten.“ „Ach, warten— auf meinen Tod, nicht wahr?“ „Nein, auf Deine Freiheit!“ „Beatrix!“ Zuſa Ein mals.“ „Mein theurer Freund!“ „Du wirſt mich immer lieben, nicht wahr?“ „O, mein geliebter Chriſtian, im Schmerz findet die Liebe Stärke und Feſtigkeit 4 „Wohl; wenn Du mich liebſt, verlaſſe dieſe Feſtung, fliehe dieſe Stadt!“ „Und Du?“ „Mein Schickſal iſt entſchieden.“ „Aber ich hoffe—“ „Nichts.“ „Wie biſt Du hierher gekommen?“ „Ein Soldat hat mich nach dieſem Zimmer gebracht.“ „Hat er Dir nichts geſagt?“ „Nicht ein Wort.“ „Siehſt Du wohl? Iſt das nicht ſchon ein Hoffnungsſtrahl? Warum hätte Dich Mouravieff in ſein Cabinet beſchieden? Warum hätte er unſer mmentreffen erlaubt?“ „Nein, es iſt unmöglich⸗ ich kenne dieſen Menſchen, er verzeiht nie⸗ „Aber wozu?“ „Wozu, wozu— ich will es Dir ſagen. „Sprich.“ 1 ſchauderte. „O, ich wage es nicht— on— 9ehe— eile, fliehe ſchnel „Biſt Du toll?“ „Nein, ich weiß Alles.“ Ein Vorhang erhob ſich und ihre Unterhaltung wurde unterbrochen. dunkler Schatten machte ſie Beide erzittern. Mouravieff trat zu ihnen. „Chriſtian“, ſagte er,„ich gebe Dir die Freiheit.“ Dieſer nahm ſeine ganze Kraft zuſammen. „Die Freiheit?“ ſagte er,„ich danke.“ Beatrir ſtieß einen Freudenſchrei aus und fiel auf ihre Kniee. „O Dank, gnädiger Herr,“ rief ſie,„tauſend Dank!“ „Warte einen Augenblick!“ verſetzte Mouravieff. „Jetzt!“ murmelte Chriſtian. „Einen Augenblick!“ wiederholte Mouravieff. „Merke auf,“ ſagte Chriſtian zu Beatrix, welche mit ihrer Hand die ſeinige ſuchte und ſie fieberhaft drückte. „Was giebſt Du mir dagegen?“ fragte Mouravieff. „Für meine Freiheit?“ „Ja, für Deine Freiheit und Dein Leben.“ „Ich vergeſſe.“ „Das iſt nicht genug!“ ſagte Mouravieff lachend. „Was willſt Du noch?“ „Ich werde Dir ſagen, was ich will.“ „O, gnädiger Herr!“ ſchluchzte Beatrix. „Laß, Beatrix!“ verſetzte Chriftian;„Du haſt an meine Freiheit ge⸗ glaubt, höre jetzt mein Todesurtheil.“ „Ich will“, fuhr Mouravieff fort,„ich will, daß ſogleich, wenn Deine ) Ketten fallen, Du auf ein Pferd ſteigſt und nach Warſchau reiteſt.“ *„Ja!“ jauchzte Beatrix. „Das ſoll geſchehen!“ ſagte Chriſtian. „Dort wirſt Du Dich nach meinem Hotel wenden, wo Du einen mir . ergebenen Menſchen treffen wirſt; Du wirſt ihm ſagen: Ich komme von. Mouravieff.“ „Ja, mein General.“ „Du wirſt ihm ein Billet geben, von dem er Kenntniß nehmen wird.“ „Und nachdem er es geleſen hat?“ 4 .„Wird er eine Feder nehmen.“ „Eine Feder?“ „Ja und ein Buch— das rothe Buch.“ „Das Buch der Märtyrer Polens.“ „Das Buch der Rebellen und Hochverräther.“ „Und nachdem er das Buch genommen hat— 2“ „Wird er ſchreiben.“ „Ach, ſchreiben— und was?“ „Die Namen, welche Du ihm ſagen wirſt.“ „Ha, ich wußte wohl, was Sie von mir wollten!“ „Nimm Dich in Acht!“ bat Beatrix, welche mit ſteigender Aufregung das Geſicht ihres Bräutigams betrachtet hatte. „Herr!“ rief dieſer,„Sie laſſen mir die Wahl zwiſchen Tod oder Verrath!“ „Nein, ich gebe Dir ein Mittel, mir zu danken.“ „Tod oder Verrath! Ich wähle den Tod!“ „Unglücklicher!“ 1 „Chriſtian!“ ſagte Beatrix,„Du tödteſt Dich und mich mit Dir, aber ich liebe Dich!“ Mouravieff ging zur Thür. „Führt dieſen Menſchen in den Kerker!“ rief er, und ſetzte dann hinzu: „Den Tod, welchen er fordert, ſoll er noch heute, unter meinen Augen, erleiden.“ Chriſtian lag in Beatrix's Armen. Er wurde von dem armen Mädchen hinweggeriſſen und aus dem Zim⸗ mer geſchleppt. 4 2 348 Beatrix war allein mit dem General. Derſelbe wendete ſich zu ihr und ſagte: „Jetzt zu uns Beiden.“ „Was wollen Sie ſagen, gnädiger Herr?“ „Ich habe Deinem Geliebten das Leben ſchenken wollen.“ „Gnädiger Herr—“ „Du ſiehſt, er will es nicht.“ „Er hat recht gethan, gnädiger Herr.“ „Gut. Jetzt biete ich Dir den Handel an.“ „Denſelben?“ „Nein.“ „Da thun Sie recht, gnädiger Herr, denn ich würde ihn auch zurück⸗ weiſen.“ „Einen andern.“ „Ich höre, gnädiger Herr.“ „Du weißt, daß Dein Verlobter verloren iſt.“ „Ich weiß es.“ „Willſt Du ihn retten?“ „Mit meinem Blute.“ „Heut Abend wird er gehangen.“ „Nehmen Sie mein Leben!“ „Nicht Dein Leben— ich will nur einen kleinen Theil der Liebe, welche Du zu jenem Unglücklichen hegſt.“. Der General trat an Beatrix heran. Dieſe ahnte die Gedanken Mou⸗ ravieff's und ſtieß einen Schrei aus. „Wahrhaftig,“ ſagte er,„Kleine, Du biſt ſpröde.“ „Zu Hülfe! Zu Hülfe!“ ſchrie Beatrix. Ihr Ruf war kaum verhallt, als ein junger Mann, einen Dolch in der Hand, in's Zimmer ſtürzte. Dieſer junge Mann war Van Elldorff, der ſeit drei Stunden auf Beatrix wartete. Als er ſie nicht zurückkommen ſah, war er ganz nahe an⸗ das Zimmer des Gouoerneurs herangetreten und hatte ſich in einem Winkel, dicht an der Thür, zuſammengekauert. Sein Dolch war zum Stoß erhoben; es ſchien um den genſumen Statthalter geſchehen— Plötzlich war eine Frau erſchienen und hatte dem Van Elldorff zuge⸗ rufen: Tödte ihn nicht, tödte ihn nicht! Van Elldorff wendete ſich um und erkannte die Fürſtin Orlanoff. Aber ſchon war das Zimmer mit Soldaten angefüllt, welche von dem Lärm herbeigerufen waren und alle Thüren beſetzt hatten. „Verhaftet Alle!“ rief Mouravieff. 349 „Alle?“ ſagte der Offizier. „Alle, hängt ſie ſofort unter dieſem Fenſter!“ Van Elldorff, Beatrix und die Fürſtin Orlanoff wurden ſofort feſtge⸗ nommen und ſchon ſuchte man ſie hinauszuſchleppen, als die Letztere, ſich aus den Händen der Soldaten losmachend, vor Mouravieff hintrat und fragte: „Mich läßt Du verhaſten?“ „Biruta—“ murmelte er, bleich, zitternd und wie vom Schlage ge⸗ troffen,„nein— nein— dieſe nicht.“— 9. Das Blutfſieber. Während dieſe Ereigniſſe in Wilna vorgingen, geſchahen andere, nicht weniger bemerkenswerthe Dinge in Warſchau. Der Fürſt Orlanoff, welcher von ſeinem früheren Poſten hatte zurücktreten müſſen, war zum Gouverneur von Warſchan ernannt worden. Es war dies ein ſehr ſchwieriger Poſten in einer ſo tumultuariſchen Zeit, und der, welchen man dazu berief, war ein Narr, der ſelbſt einen Führer nöthig gehabt hätte. Der Grund, aus welchem dieſer Menſch dazu auserſehen wurde, war unbekannt. Der Fürſt Orlanoff war nicht ganz von der Verwundung geneſen, welche er von Stanislas Tarnow erhalten hatte. Die Wunde war war vernarbt, aber ſein Kopf litt. Für Jeden, der ihn genauer kannte, war er wahnſinnig. Deſſenungeachtet hatte das Volk bei der Nachricht von ſeiner Ernen⸗ nung ſeine Freude zu erkennen gegeben. Man hoffte, daß dieſelbe in einer Beziehung ein Gewinn für die Nation ſein würde. Orlanoff, unfähig, etwas aus eigenem Antriebe zu thun, mußte un⸗ fehlbar Jemand zur Seite haben, und wer ſollte ihm näher hierbei ſtehen, als ſeine Mutter?. Und die Fürſtin Orlanoff hieß Biruta und nannte ſich Fräulein Kraſinska; ſie war die Tochter eines der edelſten Patrioten Polens, der als Opfer ſeiner Ergebenheit für die gerechte Sache gefallen war. Die Heirath Biruta's war noch ein Räthſel für Jedermann, ein unergründliches Räthſel, welches in ſeinen Falten ein ganzes Trauerſpiel und eine ganze Reihe von Verbrechen verbarg. Das Volk war der Fürſtin Orlanoff ſicher. Orlanoff würde Gouver⸗ neur ſein, meinte man, und ſeine Mutter würde regieren. Und wer weiß, ob 350 „ dieſe nene Lage der Dinge nicht den Frieden herbeiführen und die Ruhe wiederherſtellen würde? In der That trat Orlanoff mit der Erklärung auf, daß keine Verfol⸗ gung in Warſchau ſtattfinden würde, und daß das, was außerhalb vorginge, im Innern der Stadt nicht geſchehen würde. Der Tag der Amtseinſetzung Orlanoff's war ein Feſttag. Jedermann ſchmückte ſich, Männer wie Frauen ſuchten den ſchon faſt vergeſſenen Sonntagsſtaat hervor, Warſchau erhielt plötzlich ein ganz anderes Ausſehen. Zahlloſe Barken jeder Art bedeckten die Weichſel, beladen mit fröhlichen Sängern, mit kräftigen Ruderern. In den niedrigſten Volksſchichten herrſchte eine ausgelaſſené Luſtigkeit; unter den Studenten, den jungen Adligen, begrüßte man ſich mit fröhlichen, brüderlichen Handſchlägen. Die Läden wurden geſchloſſen, wie an den größten Feſttagen. Die ganze Bevölkerung wogte in den Straßen. Wenn ſich einige Proſcribirte zeigten, wurden ſie umringt und überhäuft mit Fragen und Beglückwünſchungen. Thränen ſtanden den Müttern in den Augen und mancher alte Vater fühlte ſeine Wangen feucht werden, wenn er einen verloren geglaubten Sohn plötzlich, wie aus der Erde hervorgekommen, wiederſah. Bald rollten die Equipagen; man jauchzte den ruſſiſchen Uniformen zu, man bot den Koſaken in den Trinkhäuſern freie Zeche an. Plötzlich ſollte die allgemeine Freude ihren Gipfelpunkt erreichen. Am Eingange des großen Marktes erſchien ein offener Wagen, von den viel⸗ tauſendſtimmigen Rufen; Hoch der Gouverneur! Hoch Orlanoff! begleitet. . Die Menge geht aus dem Wege und die koſtbare Equipage fährt im kürzen Trabe weiter, alle Häͤupter entblößen ſich, die Freudenrufe dauern fort. Orlanoff, auf den Rückſitz des Wagens gelehnt, iſt nicht mehr der von Jugend und Geſundheit ſtrotzende Mann, wie wir ihn früher gekannt haben. Seine Geſichtsfarbe iſt fieberhaft blaß geworden, die Augen liegen tief in den Höhlen, auf ſeinen bleichen Lippen ſieht man kein Lächeln, ſeine Stirn iſt gefaltet und zahlreiche kahle Stellen glänzen bereits auf ſeinem ſchon grauen Haar. Eine breite Decke i*ſt über ſeine Kniee geworfen. Eine Frau ſitzt an ſeiner Seite; von Neuem ſchreit die Menge:„Es lebe die Fürſtin!“ Sie allein antwortet mit dankendem Lächeln dem jauch⸗ zenden Rufen der Bevölkerung.— Die Fürſtin beſaß noch immer den ganzen Glanz ihrer hinreißenden Schönheit. Ihr Blick iſt ſtolz und feſt, ihr Mund zeigt einen Ausdruck, der die Leiden verräth, welche ſie erduldet hat; er hat eine verächtliche Bit⸗ terkeit angenommen, welche mit dem tiefen Ausdruck ihrer Augen harmonirt. Auch ihre Geſichtsfarbe iſt blaß geworden, weißer als Alabaſter, und ihre Geſichtszüge ſind feſter, ſchärfer. Biruta hat gealtert, aber ſie iſt noch 3514. immer ſchön, vielleicht ſchöner als in ihrer Jugend, durch den ſchmerzlichen, leidenden Zug, der in ihrem Geſicht ausgeprägt iſt. Die Hand der Fürſtin, mit Handſchuhen verhüllt, ruht nachläſſig auf dem Wagenſchlage, und aus ihrem ſchwarzen Mantel ſieht ein ſo plaſtiſch ſchöner und weißer Arm hervor, wie ihn nur Frauen ihres Alters beſitzen. Ein an den Wagen heranſprengender Offizier neigt ſich von Zeit zu Zeit zu der Fürſtin und wechſelt mit ihr einige halblaute Worte. Dieſe, unbeweglich, ſtarrt ihn düſter an, ſcheint unempfindlich gegen Alles, was ſie umgiebt; ſelbſt nicht das Zujauchzen der Menge kann ſie den trüben Ge⸗ danken entreißen, welche ſie beherrſchen. Man kommt bei dem Palaſt des Gouverneurs an. Die Fürſtin war noch immer nachdenkend, eine tiefe Traurigkeit malte ſich in ihren Zügen. Sie ſtieg aus dem Wagen; der Offizier, welcher neben demſelben ritt, hatte ſchon die Zügel auf den Hals ſeines Pferdes geworfen, die Fürſtin reichte ihm ihr Bouquet, welches er in der einen Hand hielt, während er mit der andern ihr beim Ausſteigen behülflich war. Orlanoff hatte, in Gedanken vertieft, die Schwelle überſchritten. In einem prächtigen Salon angelangt, warf er ſich in einen Lehnſtuhl und ſtarrte in die Flammen des Kamins. Der Offizier hielt noch immer das Bouquet der Fürſtin, Weich ſich mit ihrem Hut und Kleide zu thun machte. Ein peinliches Stillſchweigen herrſchte. Orlanoff brach es zuerſt. „Dieſe Freudenbezeugungen ſind mir widerlich,“ ſagte er mit Bitter⸗ keit,„ſie ermüden mich. Dies Volk ſchreit bei jeder Gelegenheit.“ „Du ſollteſt Dich eher darüber freuen, als ärgern: Du haſt noch nie⸗ mals einen ähnlichen Empfang gehabt.“ Die Thür ging auf, ein Diener trat ein. „Eine Depeſche von St. Petersburg!“ ſagte er. „Ich komme!“ antwortete der Fürſt, indem er aufſtand und hin⸗ ausging. Die Fürſtin blieb allein mit dem Offtzier. Dieſer betrachtete ſie mit Bewunderung. Die Fürſtin war jetzt hin⸗ reißend ſchön; die große Wärme hatte ihren Wangen eine ungewöhnliche Röthe verliehen, ihr gedankenvolles Haupt ſtützte ſich auf ihre kleine Hand und ihr bloßer Arm glänzte in ſeiner ganzen Schönheit. „Kennen Sie Paris?“ fragte ſie. „Nein, Madame!“. 35² „Wie, Sie ſind ein junger Edelmann und haben nicht Ihre erſten Studien in den großen Salons gemacht?“ „Nein, Madame!“ Beide ſchwiegen, während Beide ſich ſichtlich genirt fühlten und Jeder erwartete, daß der Andere den Anfang mit dem Geſpräch machen ſollte, welches ſie Beide lebhaft herbeizuführen wünſchten. Der Offizier wagte das erſte Wort. „Sie ſcheinen weniger unempfindlich zu ſein, als der Gouverneur bei den Zeichen von Sympathie, welche die Menge Ihnen eben entgegenbrachte.“ Die Fürſtin ſeufzte. „Sie ſind ſo ſelten!“ ſagte ſie. „Die Leute müſſen ſich glücklich preiſen, eine ſo edle, ſo gute und mitleidige Dame zur Herrin zu haben, wie Sie es ſind.“ „Um ſo ſchlimmer!“ ſeufzte die Fürſtin. „Warum, wenn Ihre mütterliche Autorität die Macht hat, ſo vieles Unglück gutzumachen?“ „Dieſe mütterliche Autorität, wie Sie es nennen,“ verſetzte ſie,„wird nicht lange dauern. Die Ernennung zum Gouverneur von Warſchau hat mein Sohn nur dem Umſtande zu verdanken, daß man ſeinen krankhaften Zu⸗ ſtand nicht kennt. Sowie der Kaiſer oder der Großfürſt Conſtantin, der doch der eigentliche Gouverneur iſt, denſelben erfahren, wird mein Sohn zum Rücktritt gezwungen werden; und was für einen Mann wird man dann hierher bringen? Welche Verbrechen werden hier wieder begangen werden?“ „Es iſt wahr!“ ſagte der Offizier, der Niemand anders war, als Con⸗ rad von Waſa. 3 „Gehen Sie in den Kampf, Conrad?“ „Ich muß.“ „O,“ ſagte ſte,„in acht Tagen wird mein Sohn nicht mehr hier ſein; dann bin auch ich frei.“ „Was werden Sie dann thun?“ „Daſſelbe, was Ihr Alle thut.“ „Sie ſind hier von großem Nutzen.“. „Es iſt wahr. Wenn jedoch meine Rolle hier in Warſchau zu Ende iſt, werde ich eine andere beginnen.“. „Julia Batory hat als Heldin gekämpft.“ „Sie lieben ſie?“ „Ich kann ſie nicht heirathen ohne Ihre Einwilligung.“ „Von wem erhielten Sie dieſen Beſcheid?“ fragte die Fürſtin er⸗ ſchreckt. 6 „Von ihrem Vater.“ d. II. B Phantom Polens. 3— 354 „Vom Grafen Batory?“ „Von ihm ſelbſt.“ „Es war Unrecht von ihm, Ihnen dies zu ſagen. 1 „Iſt es denn nicht wahr?“ „Ja.”. „Nun, wenn er wahr geſprochen hat—“ „Er hat wahr geſprochen, aber es giebt Geheimniſſe, welche Niemand ergründen darf.“ „Ein Geheimniß?“ „Fragen Sie mich niemals und ſuchen Sie nie, es zu erfahren. Der Tag, an welchem Sie es kennen lernen, wird Ihr Todestag ſein.“ „Iſt Julia die Tochter des Grafen Batory?“ „Gewiß.“ „Und der Gräfin Batory?“ Die Fürſtin antwortete nicht. „Die Schweſter von Leonore Batory, der andern Tochter des Grafen?“ „Suchen Sie es nicht zu erfahren, Conrad!“ ſagte die Fuͤrſtin. „Aber ich liebe Julia.“ „Wenn Sie ſie lieben, verſpreche ich, ſie Ihnen, ehe acht Tage ver⸗ gehen, zu geben.“ „Sie?“ „Sch „O Fürſtin, wenn Sie das thun, machen Sie mich zum Glücklichſten der Sterblichen!“— Während die Fürſtin Orlanoff ſich mit Conrad von Waſa unterhielt, fand ein anderes Ereigniß in demſelben Palaſte ſtatt. Orlanoff, anfangs allein, las die neueſten Depeſchen. Sie lauteten: „Die Inſurgenten ſind im Vortheil geweſen bei einem Treff en, welches am 2. Juni bei Olkſensky, in Litthauen, ſtattfand. „In einem blutigen Kampfe am 3. Juni bei Magoszew, im Gou⸗ vernement Plock, ſind die Inſurgenten Herren des Schlachtfeldes ge⸗ blieben. „Der neue Gouverneur von Litthauen, General Mouravieff, fährt fort, ſich durch ſeine grauſamen Maßregeln auszuzeichnen. Seit der Hinrichtung des Abbé Iszora ließ er auf dem Markte zu Wilna noch den Abbé Zie⸗ machi und den Gutsbeſitzer von Laskowicz erſchießen; ferner wurde der In⸗ ſurgentenführer von Kolysko gehangen. „Man erzählt ſich ſchreckliche Dinge, ſcheußliche, unerhörte Grauſamkeiten. Am 7. Juni ermordete ohne allen Vorwand eine ruſſiſche Colon ne, welche in das Dorf Modlibory einrückte, einen jungen Mann, Namens Wojocki, der friedlich aus dem Schloſſe des Herrn von Horzkowski herauskam. Dann —— eröffneten ſie ohne alle Veranlaſſung gegen das Gebänude ein Flintenfeuer und erbrachen die Thüren. „Ladislas Horzkowsky, der junge Eigenthümer, wurde durch Kolben⸗ ſchläge zu Boden geworfen und blieb, von mehreren Säbelhieben getroffen, für todt liegen; dann wurde das Schloß geplündert. „Während ein Theil der Soldaten hiermit beſchäftigt war, verließ eine Koſakenhorde, befehligt vom Capitain Zowadiky und vom Lieutenant Wa⸗ ſilocki, das Schloß, um das in einiger Entfernung gelegene Schloß Wa⸗ litya, welches einem gewiſſen Solman gehörte, anzugreifen. „Dieſer und ſein Verwalter Lipinski wurden unter der ſchlechteſten Behandlung nach Modlibory gebracht, wo Solman mit Kolbenſchlägen tractirt und ſchließlich durch einen Dolchſtich getödtet wurde. „Bei der Unterſuchung der Wunden fand man an Wojocki's Körper acht⸗ undzwanzig, am Leichnam Solmauss ſechszehn. „Horzkowski und Lipinski wurden nach Janow zum Oberſt Biedrage als Trophäen dieſes ruhmvollen Sieges geſchleppt.“ Die Secretaire, welche dieſe Depeſchen vorlaſen, waren Polen, welche man für Ruſſen hielt. Die Fürſtin hatte dieſelben ihrem Sohne beigege⸗ ben, um ihn zu verhindern, in einem wüthenden Augenblicke irgend welche Ausſchreitung zu begehen. Früher einmal fand ſie ein Pergament mit dem Todesurtheil von fünf angeſehenen Polen in Warſchau; daſſelbe war unter⸗ zeichnet: Orlanoff. Damals war der Unglückliche noch nicht einmal Gou⸗ verneur, hatte weder Macht, noch Titel, und wenn die Fürſtin hieran dachte, zitterte ſie vor dem Gedanken, daß jetzt in den Händen dieſes Men⸗ ſchen ſich die höchſte Gewalt befand. Seine Secretaire ſprachen mit ihm, als ob er ſelbſt Pole wäre. Er hörte und antwortete nicht.— „Fürſt,“ ſagte einer von ihnen,„man ſpricht augenblicklich nur von dem Blutbade von Siemiatycze.“ „So!“ ſagte der Fürſt,„was iſt denn dort geſchehen?“ „Ein Augenzeuge beſtätigt, daß die Metzeleien in Syrien nichts da⸗ gegen ſind. Heute iſt die Stadt nur noch ein Leichen⸗ und Trümmerhaufen.“ „Was hat ſich zugetragen?“ „Ein furchtbares Gefecht iſt geliefert worden. Man hat ſich mit einer beiſpielloſen Erbitterung geſchlagen. Wir hatten—“ „Wir?“ „Die Ruſſen.“ „Gut.“. „Wir hatten vier Kanonen. Die polniſchen Senſenmänner und Tirail⸗ leurs wieſen indeß den Angriff zurück und blieben im Beſitz des Schlacht⸗ 23* feldes; jedoch am folgenden Tage erhielten wir Verſtärkung und die Stadt wurde zur Uebergabe aufgefordert. „Die Inſurgenten wieſen dies verächtlich zurück, obgleich ſie an Zahl bedeutend ſchwächer waren und ihnen die Munition bereits fehlte.“ „Das iſt ſchön; fahren Sie fort!“ ſagte der Fürſt. „Wir warfen einige Brandraketen in die Stadt und zugleich befahl 3 der General den Sturm, die Inſurgenten kämpften wie Löwen und fanden den Heldentod. „Nochmals forderte General Manioukine die Stadt Siemiatycze auf, ſich zu ergeben und machte den Frauen das Anerbieten, ſich mit ihren Kindern aus der Stadt zu entfernen, um den traurigen Folgen des Angriffs zu entgehen.“ „Das iſt ſehr ſchön!“ ſagte Orlanoff. „Ja, aber die Polen wieſen auch dieſen Vorſchlag zurück.“ „Ah!“ „Und ſie antworteten—“ „Was antworteten ſie?“— „Daß die Frauen Polens ihre Männer nie verließen, ſondern mit ihren Kindern an der Seite ihrer uatürlichen Beſchützer ſtürben.“ „Die Thörichten!“ „Ja, es iſt wahr, gnädiger Herr, dieſe Polen ſind nicht um ihr Leben beſorgt.“ „Was geſchah nun?“ „Nun, gnädiger Herr, fing die Zerſtörung und die Metzelei in der Stadt an. Die Hälfte der Bevölkerung wurde ermordet oder verwundet.“ „Das iſt gerecht.“ „Ja wohl; an demſelben Tage wurde eine ruſſiſche Colonne von Siemiatycze zur Verfolgung eines Inſurgententrupps abgeſchickt, ſie konnte die Polen nicht einholen und rückte in Biala ein.“ „Und dann?“ „Dort zogen am Abend die Soldaten durch die Straßen, hieben Alle, die ihnen begegneten, nieder und vertrieben ſich die Langeweile damit, nach den Fenſtern zu zielen; auf dieſe Weiſe wurden in Biala viele⸗Menſchen getödtet.“ 5 „O, das muß ſehr unterhaltend geweſen ſein!“ verſetzte der Fürſt. „Das läßt ſich denken, gnädiger Herr.“ „Iſt das Alles?“ „Gnädiger Herr, es iſt jetzt eine ereignißreiche Zeit.“ „Iſt nicht ein neuer kaiſerlicher Ukas erſchienen?“ „Ja, mein Fürſt.“ „Was enthält er?“ — 4 357 „Er giebt den Militair⸗Gouverneurs die Gewalt über Leben und Tod der Einwohner. Dieſer Ukas beſtimmt, daß nicht allein die Perſonen, welche mit den Waffen in der Hand ergriffen werden, ſondern Alle, welche den Inſurgenten Obdach gegeben, oder ſie mit Lebensmitteln und Geld unter⸗ ſtützt haben, vor ein Kriegsgericht geſtellt werden.“ „Das iſt ſehr gut,“ ſagte Fürſt Orlanoff gleichgültig;„verlaſſen Sie mich jetzt, ich bin müde und habe Ruhe nöthig.“ Die Secretaire gehorchten. Sie waren jedoch kaum aus der Thür, als plötzlich die Geſichtszüge des jungen Fürſten einen andern Ausdruck annahmen, ſtatt der Gleichgültigkeit zeigten ſie jetzt Brutalität und Wuth. „Ha,“ ſagte er,„meine Frau Mutter hat mich mit Spionen und In. ſurgenten umgeben; ich werde Gerechtigkeit üben!“ Sein Geſicht war ſchrecklich anzuſehen; ſeine mit Blut unkerlaufenen Augen ſprüheten Flammen, ein ſchreckliches Lächeln weilte auf ſeinen Lippen. „Sie ſagen, ich ſei ein Narr,“ murmelte er,„aber ſie ſollen wohl ſ ſehen.“ Er blätterte unter den Papieren, zog eines hervor und las es: „Ueberall organiſirt man Bauernbanden, um die Häuſer der Polen zu plündern und zu verbrennen; dieſe Bauern werfen ſich mit ihrer bekannten Wildheit auf die adeligen Gutsbeſitzer und tödten ſie, oder führen ſie ge⸗ bunden zu Mouravieff.“ „Haha!“ lachte Fürſt Orlanoff in einem Anfalle von Tollwuth.„Es geht gut— es geht gut— ich werde meinen Vater rächen— immerzu— immerzu—.“ „General Dlotowski bereitet ein allgemeines Blutbad vor, nach An⸗ leitung der vom General Mouravieff am 21. Mai veröffentlichten In⸗ ſtruction über Anwendung der Kriegsgeſetze; er befolgt ſie mit der größten Genauigkeit und läßt zugleich die polniſchen Güter verkaufen. Die Namen: Edelmann, Katholik, ſind hinreichend, nach Sibirien trans⸗ vortirt, in das Regiment von Orenburg geſtellt, oder in die Bergwerke ge⸗ ſteckt zu werden. Der Adelsmarſchall von Witesbk, Drozdowski, die Diſtricts⸗ Marſchälle, die Friedensrichter, die zur Regulirung der Selaven⸗Emanci⸗ pationsfrage erwählten Abgeordneten, ſind in den Kerker geworfen, weil ſie eine Adreſſe an den Kaiſer, deren Unterzeichnung ihnen General Dlotowski bei Todesſtrafe befohlen hatte, nicht unterſchrieben haben. „Eine Menge Einwohner von Witesbk und Mochilew ſind gebunden nach Dünaburg geſchleppt worden; dort, vor ein Kriegsgericht geſtellt, wer⸗ den ſie ihrer Aemter und des Adels für verluſtig erklärt, weil ſie Sympa⸗ thieen für den Aufſtand gezeigt haben, man verurtheilt ſie zur Deportation, Zwangsarbeit u. ſ. w. Kein Tag vergeht, ohne daß man neue Opfer ein⸗ bringt und ohne daß eine Anzahl über St. Petersburg nach Sibirien beför⸗ dert werden.“ 2 „Was bleibt mir übrig?“ fragte ſich der Fürſt, der, den Kopf in die Hand geſtützt, ſich durch die Gräuelthaten der Ruſſen immer mehr aufregte; „was bleibt mir noch zu thun übrig?— Nun, wir werden ja ſehen, etwas wird ſich für mich auch noch finden!“ Er ſetzte ſeine Lectüre fort. „Man verfolgt die Polen bis in die Wälder und tödtet ſie; man mißhandelt ihre Frauen und Töchter, wenn ſie Trauerkleidung tragen, man mißhandelt ſie ſelbſt, wenn ſie in farbigen Kleidern und einem ſchwarzen Mantel, mit ſchwarzen Ohrringen, oder einer ſchwarzen Broche geſehen werden. „Ein Taugenichts denuncirt einen ſiebzigjährigen Mann, Chlewinski, aus Bosheit; ſofort wird der Greis in das Gefängniß geworfen, alle Bewohner der Umgebung von Kowno kommen nach Kowno, um ſeine Unſchuld zu beweiſen; er wird deſſenungeachtet nicht in Freiheit geſetzt. Ein anderer Gutsbeſitzer, Ako, achtzig Jahr alt, iſt nach Sibirien depor⸗ tirt und ſeine Güter ſind confiscirt worden, weil die Inſurgenten, vom Hunger getrieben, zu ihm gekommen ſind und ſich mit Lebensmitteln ver⸗ ſorgt haben, ohne ihn um Erlaubniß zu fragen. Sein Sohn wurde in den Kerker geworfen, weil man bei ihm ſieben Paar Stiefel fand. Das war ein Verbrechen, denn die Stiefel, welche in Wirklichkeit für die Dienſt⸗ leute des Mannes beſtimmt waren, hätten ja den Inſurgenten gegeben werden können!“ „Welch ein Mann iſt dieſer Mouravieff!“ rief der Narr;„o, wenn ich ein Mouravieff wäre! Wenn ich ſein Genie beſäße!“ „Geſtern brachte man vierundſechszig Männer aus Polock zu Fuß, welche von Hunger und Uebermattung furchtbar litten; achtzehn Damen wurden mit gemeinen Verbrechern in einen Raum eingekerkert. Man könnte unzählige derartige Dinge berichten, denn ſie erneuern ſich an jedem Tage. Die Regierung bereichert ſich mit dem Raube und will, indem ſie die katho⸗ liſchen Kirchen ſchließen läßt, den Reſt der Bevölkerung zum griechiſchen Ritus bekehren. „General Dlotewski hat den Bürgermeiſter Johann Rudrewick abge⸗ ſetzt und eine Neuwahl befohlen, indem er natürlich forderte, daß ein Ruſſe gewählt würde. Ungeachtet ſeiner ſtrengſten Befehle, iſt kein Katholik er⸗ ſchienen und zwanzig betrunkene Bauern haben aus ihrer Mitte einen neuen Bürgermeiſter gewählt. Jetzt wird unzweifelhaft eine Loyalitäts⸗Adreſſe zu Stande kommen. „Soeben erfahre ich, daß Gefängniſſe eingerichtet werden für hundert⸗ undfünfzig Gefangene, welche von Witesbk hierher kommen ſollen; ſie ſind von Dlotowski zum lebenslänglichem Dienſte in den Orenburgiſchen Regi⸗ mentern verurtheilt worden, unter ihnen Boleslaw Downarowiez und A½ Aͤ Caſimir Gievdwoin, welche, faſt noch Kinder, im Verdacht ſtehen, daß ſie zu den Inſurgenten gehen wollten. Ungeachtet der Thränen und der Ver⸗ zweiflung ihrer Eltern, reicher Grundbeſitzer, ſind ſie fortgeſchleppt worden. „Die friedlichſten Einwohner ſind in dieſem Vertilgungskriege am Schlimmſten daran; denn die Bewohner der Wälder, die Inſurgenten, ſchlagen die Ruſſen faſt überall, wo ſie ſich blicken laſſen. „Heute wurden mehrere Damen, Madame Siemaczko, Madame Zar⸗ zecko und ein junges Mädchen mit ihrer Großmntter in das Gefängniß geſteckt. „Ein alter General der ruſſiſchen Kaiſergarde, deſſen Zeugniß nicht unbeachtet geblieben wäre, wollte, entrüſtet über die von den Ruſſen began⸗ genen Unthaten, nach Petersburg ſchreiben, um die Scenen anzuzeigen, von denen er Augenzeuge geweſen iſt. Aber man beeilte ſich, ihm zu erklären, daß von St. Petersburg, wo Fürſt Gortſchakoff und Kaiſer Alexander II. reſidiren, die Befehle kämen, deren Ausführung die Scham⸗ röthe auf das Antlitz des alten Generals rief. „Im Diſtrict Waleika, wo ſich die Inſurgenten kurze Zeit gezeigt hatten, ließ Mouravieff das Schloß des Grafen Severin Morez abbrennen und ſeine Beſitzungen verwüſten, obgleich dieſer ruhig unter ſeinen Augen in Wilna lebte. „Ein Offizier der ſechsten Abtheilung des zweiundvierzigſten Koſaken⸗ Regiments, ſprengt vor das Haus eines Gutsbeſitzers; er läßt den alten Edelmann rufen und fragt ihn, wo die Inſurgenten ſind; als dieſer ihm antwortet, daß er es nicht wiſſe giebt ihm der Offizier eine Ohrfeige, läßt ihn ergreifen, binden und— man weiß nicht, wohin— führen. „Ein anderes Mal kommt der Militair⸗Befehlshaber des Kreiſes Wi⸗ leika, Borenjo, nach dem Schloſſe von Oskierko, einem nahen Verwandten des berühmten Kosciusko; er läßt ihn rufen und fragt, wo ſich die Inſur⸗ genten befänden. „In dieſem Augenblicke geht Oskierko's Schweſter in Trauerkleidung vorüber; der Offizier wendeet jetzt ſeine ganze Wuth auf die Dame, welche er, nachdem er ſie mit den gröbſten Beleidigungen überſchüttet, ergreifen und nach Kowno führen läßt.“ „Jetzt weiß ich, was ich thun werde!“ ſagte Orlanoff; er erhob ſich ſchnell, zog einige Actenſtücke hervor und ſchrieb: „Todesurtheil. „In Folge des kaiſerlichen Ukas vom 7. Februar, nnterzeichnet von Sr. Majeſtät dem Kaiſer aller Reuſſen, welcher dem Gouverneur das Recht über Leben und Tod aller derjenigen giebt, welche mit den Waffen in der Hand ergriffen werden, oder im Verdacht der Mafeſtäts⸗Beleidigung und der Theilnahme an der Inſurrection ſtehen, werden hiermit: Thomas Kry⸗ —— 360 ſinsky, Johann Schlinder, Boleslas Raberski, Ledislas Majak, Michel Gin⸗ tows, Nikolaus Bajaukiewicz und J. Sagrodzeniz zum Tode verurtheilt. Ich befehle, daß dieſelben in der Nacht vom fünfzehnten zum ſechszehnten dieſes Monats gehangen werden, ohne vor ein Kriegsgericht geſtellt zu J werden. Fürſt Orlanoff, 8 Gouverneur von Warſchau.“ Er klingelte. Die Thür öffnete ſich.— „Man bringe ſofort dieſes Papier den Offizieren der Feſtung, es iſt ein Todesurtheil.“ 4 Als ihm Niemand das Papier abnahm, erhob er den Kopf, ſtieß einen 4 Schrei aus und ſank zurück, wie vom Schlage getroffen. Es ſtand keiner ſeiner Secretaire vor ihm, ſondern ein Weib, ein jun⸗ ges Mädchen, deſſen Antlitz eben ſo weiß war, wie ihre Kleidung. Man 8 hätte ſagen mögen, ſie wäre aus dem Grabe geſtiegen und ſei in ihr Sterbe⸗ gewand gehüllt. Sie erhob die Hand, nahm das Papier und zerriß es. 6 „Hedwig!“ rief Orlanoff,„was thun Sie?“ 1 „Ich rette Sie!“ ſagte dieſe, indem ſie nach dem Kamin ging und die 4 Papierſtücke verbrannte.— 4 „Was unterſtehen Sie ſich?“ 4 „Sie gegen ſich ſelbſt zu beſchützen.“* „Aber ich will, daß dieſe Elenden ſterben!“ 3 „Was haben ſie gethan?“ „Sie haben conſpirirt.“ „Gegen wen?“ „Gegen ihren Herren.“ „Die Behörden werden ihr Urtheil ſprechen.“ „Ich habe das Recht über Leben und Tod.“ Hedwig ſah ihn feſt an und er wagte es nicht, ein Wort zu ſprechen. Sie trat nahe an ihn heran und legte ſeine beiden Hände in die ihrigen. „Warum ſind Sie ein böſer Menſch?“ fragte ſie ihn mit einer Stimme, die ihn zittern machte. „Böſe?“ erwiderte er,„ich thue meine Pflicht.“ „Ueberlaſſen Sie Anderen dieſes unwürdige Geſchäft.“* „Die Polen ſind meine Feinde.“. „Ich bin Polin!“. „O, Sie, das iſt etwas Anderes.“ „Beſſern Sie ſich!“ 3 „Wenn Sie mich wenigſtens liebten.“ 3 4 * 361 „Wer weiß!“ „Sie lieben mich?“ „Erſt werden Sie beſſer.“ „O, wenn Sie mich liebten, Hedwig, ich würde nur noch Worte der Verzeihung und des Friedens auf den Lippen haben!“. Dieſer harte, ſchreckliche, im Böſen ſo vorgeſchrittene Menſch war bei den erſten Worten des jungen Mädchens plötzlich wie umgewandelt. Man erinnert ſich, wo Fürſt Orlanoff Hedwig begegnet war. Seitdem hatte ihn das Geſicht des ſchönen Mädchens nicht verlaſſen, es verfolgte ihn überall. — Wenn er, in ſeinen gequälten und unruhigen Gedanken, eine Hinrich⸗ tung befahl, erſchien ſie ihm immer als Phantom ſeines Gewiſſens und ſagte: Was thuſt Du? Es wurde dies ein Geſpenſt, das ſich an ſeinen kranken Geiſt heftete, das ihm ſeine Verbrechen und ſeinen kalten, böſen Charakter vorwarf. Zuweilen erſchien ihm das ſchöne Bild und lächelte ihm zu, rief ihm Muth zu, wenn er einen guten Gedanken faßte. Aber, da bei Orlanoff die guten Gedanken ſelten waren, erſchien ihm das ſanfte, ſchöne Antlitz Hedwigs öfter drohend, als lächelnd. Orlanoff, ſei es, daß er dieſe aufkeimende Liebe erſticken wollte, oder ſei es, daß er ſich vor dem Gedan⸗ ken empörte, daß ihn dieſe Liebe zum Verräther machen könnte, faßte gegen Hedwig einen tiefen Haß. Er befahl, ſie zu verhaften und zu ihm zu führen. Die Verhaftung fand ſtatt, hatte aber nicht das von Orlanoff erwar⸗ tete Reſultat. 3 Hedwig wurde kaum vor den Unglücklichen geführt, als er ihr ſchon zu Füßen fiel und ihr dankte, daß ſie ſich hatte verhaften laſſen. „Dank,“ erwiderte ſie,„ich will von Ihnen keinen Dank, Sie find nur Ihrer Schlechtigkeit gefolgt.“. „Es iſt wahr!“ ſagte er. „Ich verzeihe Ihnen.“ „Ich bin wohl ſehr ſchlecht?“ fragte er traurig. „1SSa, J, antwortete Hedwig,„aber ich verzweifle noch nicht an Ihnen.“ „Und Sie thun Recht daran,“ verſetzte der Fürſt,„Sie thun Recht daran, denn oft ſcheint es mir, als ob ich ſo gut wie jeder Andere ſein könnte; ich weiß nicht, was mir fehlt, um beſſer zu denken und zu handeln, vielleicht fehlt mir eine Gemüthsbewegung. Ich habe meinen Vater ſehr jung verloren, meine Mutter hat mich nie geliebt. Glauben Sie es, in mir wohnen zwei Naturen; die eine iſt verächtlich, böſe, wild; die andere gut, ſanft, mitleidig und zugleich ſtolz und wahr!“ „Ich glaube es!“ ſagte Hedwig. „Aber wie erklären Sie dieſes Mißverhältniß in den beiden Den⸗ kungsarten?“ — — — — „Auf ſehr einfache Weiſe; Sie ſind der Sohn des Fürſten Orlanoff und Biruta's, der Tochter des Grafen von Kraſinski.“ „Hedwig,“ ſagte der Fürſt, nich habe Sie verhaften laſſen, das iſt eines meiner Verbrechen. Sie ſind frei, aber wenn Sie gut und mitleidig ſind, werden Sie mich nicht verlaſſen und ich bin überzeugt, daß ich, nach Ihrem Vorbild, beſſer werde.“ „Was Sie fordern, iſt unmöglich.“ „Ich bitte Sie darum; denken Sie, Sie ſeien meine Gefangene.“ „Ich bin es aber nicht.“ „Fragen Sie meine Mutter, ſie wird es Ihnen erlauben, hier zu blei⸗ ben; wenn noch ein Funken von Mutterliebe gegen mich in ihr iſt, wird ſie Sie darum bitten.“ „Wohl,“ ſagte Hedwig,„ich werde ſie fragen.“ Seitdem wohnte das junge Mädchen heimlich im Palais des Fürſten Orlanoff. Auf ſie zählte die Fürſtin, ſie ſollte ihren Sohn verhindern, Exceſſe zu begehen. Hedwig hoffte daſſelbe, denn ſie verkannte nicht den Einfluß, den ſie auf den Fürſten übte. Und dennoch hatte es nur einer kurzen Abweſenheit bedurft, um ſeinen Geiſt wieder böſe und blutdürſtig zu machen. Jetzt ſtand ſie vor ihm, ſie hatte das Todesurtheil verbrannt und der Henker lag zu ihren Füßen. Es war ein ſeltſamer Anblick, dieſen Elen⸗ den auf den Knieen vor dem ſchönen, engelreinen Mädchen zu ſehen! „Lieben Sie mich!“ bat er. „Sie verdienen meine Liebe nicht!“ erwiderte ſie. „Ich ſchwöre Ihnen, daß ich ein anderer Menſch werden will.“ „Sie haben mir dies ſchon ſo oft geſchworen.“ „Welchen Beweis meiner Reue fordern Sie?“ „Dieſen— aber nein, Sie würden davor zurückweichen und ich will Ihnen ſolche Schande erſparen.“ „Verſuchen Sie es!“ „Nun wohl; weichen Sie zurück, um ſo ſchlimmer für Sie.“ Sie nahm ein Blatt Papier und legte es vor ihn hin. „Schreiben Sie!“ ſagte ſie. „Was?“ „Die Namen der Unglücklichen, welche Ihre Mörderhand ſchon vorhin geſchrieben hat.“ „Es ſei.“. Er ließ ſich nicht bitten und ſchrieb nach dem Dictat des Mädchens. Als ſie aber zu folgender Stelle kamen:„In Erwägung der Macht, welche mir nach dem kaiſerlichen Ukas vom ſiebenten dieſes Monats zuſtehet, be⸗ ſtimme ich, daß ſie in Freiheit geſetzt werden,“ hielt er inne. „Nun?“ ſagte ſie. „— 2— Dich nicht!“ 363 „Dies werde ich niemals unterzeichnen.“ „Schreiben Sie es dennoch.“ „Wozu?“ „Sie werden es unterzeichnen.“ „Niemals.“ „Sie ſehen, daß Sis ein herzloſer Böſewicht und jeder Liebe unwürdig ſind; ich beſtätige es— „Was beſtätigen Sie?“ „Daß Sie ein verächtlicher Menſch ſind.“ „Hedwig!“ „Mein Herr!“ „Sie ſind hart gegen mich!“ „Sie haben kein Mitleid für die, welche ich liebe.“ „Warum lieben Sie mich nicht auch?“ „Weil Sie nichts thun wollen, um wenigſtens zu Perdienen, daß man Sie achten kann.“ „Ich werde thun, was Sie wollen.“ „Werden Sie den Muth dazu haben?“ „Ja. Er nahm die Feder und ſchrieb den unvollendet gelaſſenen Satz. „Unterzeichnen Sie!“ ſagte Hedwig. Der Fuürſt unterzeichnete und blieb einen Augenblick unbeweglich. Er ſtarrte mit ſtieren Blicken das Schriftſtück an, Hedwig fürchtete, daß er ſchon bereuen möchte, was er gethan und bemäͤchtigts ſich deſſelben. In dieſem Augenblick trat ein Diener in das Zimmer und meldete, daß ein Mann den Fürſten Orlanoff zu ſprechen wünſchte. „Sein Name?“ fragte dieſer. „Graf Wilinski.“ 3 „Er mag eintreten.“ Der Graf befand ſich ſchon auf der Schwelle. Er trat herein. Als Hedwig ihn erblickte, ſtieß ſie einen Schrei aus und taumelte zurück, wie vom Blitz getroffen. Orlanoff fiel in ſeinen Lehnſtuhl. „Stanislas Tarnow?“ rief er,„mein Mörder!“ „Ja, ich bin es!“ verſetzte dieſer und fügte, zu Hedwig gewendet, hinzu: „Man hat mich alſo nicht getäuſcht, Sie ſind die Maitreſſe eines Todfeindes unſerer Nation.“ „Tarnow!“ rief dieſe,„ſchweig'! ſchweige, ſage ich Dir! verſündige Orlanoff glaubte, daß Tarnow ein Verbrechen beabſichtigte, er zitterte vor Schrecken und flüchtete ſich in den Hintergrund des Zimmers. „Dieſer Menſch will mich ermorden,“ ſagte er,„o, diesmal wird er mich nicht verfehlen!“ „Nein,“ verſetzte Tarnow,„ich bin es, der hier den Tod ſucht, den ich auf dem Schlachtfelde nicht finden kang.“ 5 Orlanoff ſah im Geiſte Blut aus einer tiefen Wunde ſeiner Bruſt fließen. Der Unglückliche konnte ſich kaum aufrecht erhalten. „Nein,“ ſagte Hedwig,„er kommt nicht, Dich zu ermorden, ſondern mich zu beſchuldigen und zu entehren.“ Plötzlich trat die Fürſtin Orlanoff ein. Tarnow erbleichte. Die Fürſtin trat an ihn heran und befahl ihm, vor Hedwig niederzuknieen. „Bitte ſie um Verzeihung,“ ſagte ſie zu ihm,„ſie iſt eine Heilige.“ Und ſie reichte Tarnow das Papier, welches Orlanoff eben unterzeich⸗ net hatte. Tarnow ſenkte den Kopf und faltete die Hände. „Hedwig, vergieb mir! vergieb mir!“ „Meine Kinder,“ verſetzte die Fürſtin,„kaum vereint, ſchlägt ſchon wieder die Trennungsſtunde. Van Elldorf iſt gefangen und Beatrix erliegt der Knute als neues Opfer der Tyrannei. Nehmen Sie dies Billet, Tar⸗ now und bringen Sie es Mouravieff. Ein geheimnißvolles Verhältniß waltet über uns Allen; wenn Mouravieff dieſe Zeilen geleſen haben wird, werden Van Elldorf und Beatrix frei ſein.“. 5—— 10. Tod und Antergang. Wir wenden uns nun wieder zu Mouravieff, den wir nach dem Erſchei⸗ nen der Fürſtin Orlanoff verlaſſen haben. „Biruta!“ hatte er ausgerufen. Es exiſtirte zwiſchen dieſen beiden von einander ſo verſchiedenen Weſen ein ſchreckliches Geheimniß. Er hatte ſie als junges Mädchen gekannt, als ſie noch bei ihrem Va⸗ ter war, er hatte ſie ein Jahr ſpäter unter merkwürdigen und ſchrecklichen Verhältniſſen wiedergeſehen; ſeitdem waren ſie einander nicht wieder be⸗ gegnet. Mouravieff hatte unterdeſſen Carrière gemacht. Er war Offizier ge⸗ worden, General, Miniſter, Gouverneur großer Provinzen. Er hatte die Füße des Herrn geküßt, der Herr hatte auf ihn einige Strahlen ſeiner Größe niederfallen laſſen, der Höfling hatte ſich in den Staub gebückt und ſie geſammelt. 8 36⁵ Man mußte lachen— der treue Diener lachte. Man mußte morden— der treue Diener mordete. Die Rolle war entſetzlich, welche der große General während ſeines ganzen Lebens geſpielt hatte, aber— ſeine Carrière war gemacht. Jetzt, nach zwanzig Jahren, war er weit entfernt davon, noch an Fräu⸗ lein Kraſinski zu denken. Lange Zeit hindurch hatte er ſie für todt gehal⸗ ten, ſpäter erfuhr er, daß ſie noch lebte, daß ſie im Wohlſtande lebte, er hatte ſich deshalb nicht beunruhigt. Es war zwanzig Jahre her— zwanzig Jahre— eine lange Zeit, man ſprach nicht mehr davon; ſie hatte ſich ver⸗ heirathet und war durch eine Verkettung der merkwürdigſten Umſtände, welche wir im Laufe unſerer Erzählung enthüllen werden, Fürſtin Orlanoff geworden. 6 Sie war alſo Ruſſin; ihr Gemahl nahm hohe diplomatiſche Stellun⸗ gen ein. Mouravieff ſtand damals weit hinter ihm zurück, aber er hatte Thatkraft und Beharrlichkeit vor ihm voraus. Er wußte die rechte Zeit zu benutzen, er verſtand es, im rechten Augenblick zu warten, Eigenſchaften, die ihn ſicher zum Ziele führen mußten. Jetzt fand er ſich plötzlich dieſer Frau gegenüber, die er tödtlich haßte, weil er ſie fürchtete. Er ließ Alle hinausgehen. Van Elldorf und Beatrix wurden ſofort in den ſtärkſten Kerker geworfen. Biruta und Mouravieff waren allein. „Kennſt Du mich?“ fragte ſie. „Ja.“ „Erwarteteſt Du mich?“ „Nein, ich dachte nicht mehr an Dich.“ „Ha, Du dachteſt nicht mehr an mich?“ „Nein.“ „Ich denke immer an Dich, jeden Tag, jede Stunde, bei Tag und bei Nacht— immer.“ „Sehr ſchmeichelhaft für mich.“ „Ich dachte an Dich, weil mir immer die Scene von Zakolopy vor Augen ſteht. Dieſe Scene, Mouravieff, iſt mir unvergeßlich.“ „Seitdem ſind mehr als zwanzig Jahre vergangen.“ „O, es giebt Dinge, welche die Zeit nicht verwiſcht.“ „Die Zeit zerſtört Alles.“ „Sie befeſtigt das, was ſie nicht zerſtören kann.“ „Es mag ſein; was willſt Du?“ „Mich rächen.“ „Wieder Narrheiten.“ „Ja, Narrheiten! Es iſt eine Narrheit, zwanzig Jahre lang daſſelbe Ziel zu verfolgen, ſeinem Geiſte weder Frieden noch Ruhe zu laſſen; es iſt —-——Q— 366 eine Narrheit, nur in der Hoffnung zu leben, einſt gereinigt zu ſterben; eine Narrheit, mit einem ganzen Leben die Verbrechen Anderer zu ſühnen; es iſt eine Narrheit, geſchworen zu haben, daß die Verbrecher ihr Opfer nicht überleben ſollten!“ Mouravieff verſuchte zu lächeln. „Bedenkſt Du,“ ſagte er,„daß es mich nur ein Wort koſtet, Dich hängen zu laſſen?“ „So ſage doch dies Wort, wenn Du es wagſt.“ „Ich habe es nicht nöthig.“ „Du biſt zu feig dazu.. „Ich fürchte Dich nicht genug, um mich mit Dir zu befaſſen.“ „Ich bin die Wittwe des Fürſten Orlanoff und die Mutter des Gou⸗ verneurs von Warſchau.“ „Was kümmert das mich!“ „In Deinen Adern fließt polniſches Blut, das iſt himreichend. 44 „Verſuche es.“ „Nein, ich werde mein Ziel verfolgen, Du ſteheſt demſelben fern. Gehe Deinen Weg, aber kreuze den meinigen nicht, das iſt Alles, was ich von Dir verlange.“ „Du verfolgſt alſo Dein Ziel?“ „Gewiß!“ ſagte die Fürſtin Orlanoff. „Du ſchämſt Dich nicht, es auszuſprechen?“ „Es iſt keine Schande, ein guter Diener und Armee⸗Chef zu ſein, ſeinem Kaiſer und ſeinem Lande treu zu dienen.“ „Deinem Lande! Du meinſt Deinem Lande zu dienen? Du entehrſt es.“ „Biruta!“ „Du meinſt Deinem Kaiſer zu dienen, Du führſt ſeine Herrſchaft dem Untergange entgegen. Man hielt Alexander für einen guten, freiſinnigen Fürſten. Er brachte zum Thron ſeiner Väter einen erfahrenen Geiſt und ein edles Herz. Kaum hatte er das Scepter in der Hand, da reizte er den Adel durch ſeine Großherzigkeit gegen ſich auf. Er ſprach von Freiheit, von Aufhebung der Sclaverei, er träumte davon, aus Rußland eine der franzöſiſchen ähnliche Nation zu machen, denn das ruſſiſche Volk empfindet, wie alle andern Nationen, den Drang nach Freiheit.“ „Das iſt nicht wahr!“ „Armer Narr! Du glaubſt, alle Menſchen ſind mit gleich niedrigen Ge⸗ fühlen und mit derſelben knechtiſchen Natur geboren, wie Du!“ „Mäßige Dich!“ „Alle Tage erzählt man über Deine Verwaltung himmelſchreiende Dinge, und Du ſagſt, Du dieneſt Deinem Lande?“ „Jeder thut es nach ſeiner Weiſe.“ — —— 367 „Eine traurige Weiſe, wenn ſie daraus beſteht, Menſchenblut zü ver⸗ gießen. Was ſagſt Du dazu? Die Feſtung Dünaburg beherbergt in die⸗ ſem Augenblicke achthundertundneunundſechszig Gefangene.— In Mohilew find ſechshundert Beamte und Gutsbeſitzer eingekerkert. Greiſe und Frauen ſind, mit Ketten beladen, nach Mohilew geſchleppt worden.“ „Schön, und was nun?“ „Iſt es nicht wahr?“ „Was weiß ich es—“ „Haſt Du nicht dieſe Einkerkerungen befohlen, ſind nicht auf Dein Geheiß dieſe Deportationen und Mordthaten geſchehen?“ „Ich habe dem Czar verſprochen, den Aufſtand niederzudrücken; ich werde Wort halten.“ „Hat man nicht neulich die edle Auffüh rung eines Generals erlebt, der dafür von ſeinem Vorgeſetzten getödtet wurde?“ „Es war ein Schurke.“ „Ein braver Mann— ſein Vorgeſetzter iſt der Schurke. Die Ruſſen ermordeten die Verwundeten, General Egger mußte ſich dieſen Blutthaten mit dem Degen widerſetzen, und rettete ſo fünf Perſonen, adelige Gutsbe⸗ ſitzer, zwei erlagen ſpäter ihren Wunden. General Beſtaden, welcher die edle Aufführung des General Egger erfuhr, hat ihm darüber Vorwürfe gemacht. Die geheimen Befehle, welche die Ober⸗Generale an alle Offiziere erlaſſen haben, unterſagen jede Schonung gegen Aerzte und Geiſtliche, welche ſich in den Reihen der Inſurgenten befinden.“ d33 iſt wahr, keine Schonung—“ O, ich werde Polen rächen.“ Mourasſeff lächelte. „Warum haſt Du den jungen Mann verhindert, nich zu tödten, der ſich eben auf mich ſtürzte?“ „Warum?“ „Ja, Deine Rache wäre ja vollendet geweſen.“ „O, wenn Du wüßteſt, armer Thorl „Was?“ „Du wirſt nichts erfahren.“ „Daraus erſehe ich noch nicht, warum ich Dir das Leben verdanke.“ „Mir?“ 3„Oßn⸗ Zweifel, Dir, die Du mir den Tod geſchworen haſt.“ „Weil dann dieſer junge Mann gehängt worden wäre.“ „Du intereſ ffirſt Dich alſo für dieſen jungen Mann?“ „Sehr.“ „Das thut mir leid.“ „Warum?“ „Er hat einen Mordverſuch gemacht.“ „Weiter.“ „Er hat den Stahl gegen mich erhoben, er wird mit dem Stahl be⸗ ſtraft werden.“ „Du willſt ihn ermorden laſſen?,“ rief die Fürſtin Orlanoff verzweifelt. „Ich werde ihn hinrichten laſſen.“ „Schön, wir wollen ſehen.“ In dieſem Augenblick war eine Stafette, in der größten Eile, aus dem Innern Litthauens angekommen, ein Offtzier trat, mit Staub bedeckt, in das Zimmer des Gouverneurs. „Eilig!“ meldete er. „Gleich!“ ſagte Mouravieff. „Ich gehe fort von hier,“ verſetzte die Fürſtin,„aber ſchwöre mir, daß Du dieſem jungen Manne nicht ein Haar krümmen willſt“. „Das kann ich nicht ſchwören.“ „Ohne dieſen Schwur gehe ich nicht fart.“ „Es ſoll ihm vor Morgen nichts geſchehen.“ „Und morgen?“ „Wird er hingerichtet.“ „Du biſt ohne Mitleid.“ „Du biſt es gegen mich.“ „Wenn Du wüßteſt—“ „Rede doch.“ „ IIn zwei Tagen werde ich reden.“ „Ich werde zwei Tage warten.“ Mouravieff ging zu ſeinem Schreibtiſch und wendete ſich zu der Stafette. „Wo kommen Sie her?“ fragte er. „General, ich komme von Lublin, mit einer Proclamation über die Amneſtie.“ „Was ſagt ſie?“ „Sie werden es hören.“ „Wer ſchickt Sie?“ „General Berg.— Dieſe Proclamation iſt ein Wehruf, der in allen Winkeln Polens wiederhallt und Europa in Brand ſtecken wird.“ „Glauben Sie das nicht,“ ſagte Murawiew,„leſen Sie.“. Der Offizier las: „Zu den Waffen! Polen, zu den Waffen! „Möge die Amneſtie, dieſer letzte Schimpf, womit man unſere heilige Sache beflecken wollte, alle Herzen erheben, alle Arme waffnen und uns unter demſelben Banner: Ein einiges und freies Polen, vereint finden. „Man ſoll es endlich erfahren und niemals vergeſſen, daß wir Sibirien, d 1- f d 1 4 Hʒ N W Die Knute pfiff durch die Luft und fiel auf den weißen, zarten Nacken Beatrix's herab.(S. 381.) Phantom Polens. II. Bd. den Scheiterhaufen, den Galgen, hundert tauſend Mal der unendlichen Schmach der Amneſtie vorziehen. 8 „Lächerlichſte aller Lächerlichkeiten, Verdrehung aller Prinzipien, Erfin⸗ dung der Feigheit und der Barbarei: Das Verbrechen amneſtirt die Tugend, der Henker verzeihet dem Opfer! „Es geziemet den chriſtlichen Regierungen nicht, daß ſie dem gekreuzig⸗ ten Polen den letzten Kelch der Bitterkeit anbieten! Mögen Sie uns ver⸗ laſſen! Sie müſſen uns wenigſtens unſere Selbſtachtung, unſere Ehre, unſern Glauben, unſere Hoffnung laſſen! „Was dieſe ehrloſen Verleumder unſerer Sache bezwecken, iſt leicht zu begreifen! Sie wollen dem ganzen Erdball zurufen: Sehet dieſe feigen Skla⸗ ven! Geſtern Märtyrer, beeilen ſie ſich heute eine, noch vom Blute ihrer Väter, ihrer Mütter, ihrer Gattinnen, ihrer Brüder und Schweſtern, ihrer eigenen Kinder rauchende Hand zu küſſen. Sind ſie Eurer Achtung, Eurer Sympathieen, Eurer Einmiſchung werth? „Lieben Brüder, Söhne Polens, Ihr werdet dieſe Schmach entrüſtet zu⸗ rückweiſen, ſie auf die zurückwerfen, die ſie Euch anbieten. „Laſſet ſie ihr Amneſtiegeſchrei nur überall anbringen, um das Inland und Ausland zufrieden zu ſtellen. Sie müſſen es thun, um in ihrer ent⸗ nervenden Ruhe, in ihrem unbegrenzten Egoismus nicht geſtört zu werden. „Bleibet taub bei ihren Verſprechungen! verdoppelt Euren Muth, Eure Hingebung und Energie! Keinen Aufenthalt in Eurem Heldenkampfe! Möge im Gegentheil die Beleidigung, welche man gewagt hat, Euch zum hun⸗ dertſten Male in's Geſicht zu werfen, in Euch die Liebe zum Vaterlande und den Haß gegen die Tyrannen vermehren! Möge Euch dieſe Beleidigung entrüſtet, entſchloſſen, unerſchüttert treffen! Möge ſie endlich die Augen den noch Zurückgebliebenen öffnen, und möge ſie der Welt zeigen, daß Polen von ſeinen Söhnen jedes Opfer fordern darf! 3 „Möge Niemand zurückbleiben, keine Seele für das Schickſal Polens unempfindlich ſein! Mögen alle Arme ſich waffnen, um uns zum Kampf bereit zu finden. Antworten wir dieſem Machwerke, mit welchem uns die Diplo⸗ matie niederwerfen wollte, mit dem Opfer unſeres Lebens und der Sieg iſt uns gewiß. Zu den Waffen! Brüder, zu den Waffen! Das Vaterland wird uns ſegnen! Die Völker werden uns endlich kennen lernen! Hoch für immer Polen! Hoch die Völker, welche es verdienen, frei zu ſein!“ Mouravieff war außer ſich. „Sie ſagen, daß dies überall verbreitet iſt?“ fragte er. „Ueberall.“ „Aber wie kommt es, daß dies National⸗Comité, deſſen wir nicht hab⸗ haft werden können, mit voller Regelmäßigkeit beſteht und überall ſeine Ver⸗ pindungen hat?“ 371 „Daſſelbe beſteht ſchon lange, General.“ „Aber wie iſt es entſtanden?“ „Ich werde Ihnen ſagen, was ich ſelbſt weiß.“ „Fangen Sie an.“ „Wenn Sie erlauben, werde ich Ihnen den Bericht ſo wiedergeben, wie ich ihn erhalten habe.“ „Gewiß, dann werden wir am beſten die Wahrheit von den Zuſätzen und Erfindungen unterſcheiden können.“ Der Offizier begann: „Zwölf junge Männer ohne Namen, ohne Stellung, ohne Vermögen, aber voll von Glauben und Vaterlandsliebe, bildeten im Jahre 1861 die erſte Grundlage zu dieſer mächtigen Vereinigung, welche jetzt über ganz Polen die Gewalt der National⸗Regierung ausübt. Zu gleicher Zeit bildete ſich in Warſchau ein geheimes ruſſiſches Comits. In den Augen dieſes Comité war die Gerechtigkeit der polniſchen Sache innig verknüpft mit der Befreiung Rußlands; auch die Offiziere, welche daran Theil nahmen, verbanden ſich einige Zeit nachher mit dem polniſchen Central⸗Comité; bald wurde dieſe Verbindung durch das geheime Comité der Vereinigung„Zem- lia i Wolja“(„Vaterland und Freiheit“) in St. Petersburg geleitet. Dieſe letztere Vereinigung, beſtehend aus Offizieren, Beamten, Gutsbeſitzern, Prieſtern, aus einem großen Theil der untern Volksklaſſe, breitet jetzt ihre Verzweigungen über ganz Rußland aus und hat ein beſtimmtes politiſches und ſociales Programm.“ „Das iſt wahr, aber worin beſteht dies?“ „Die verzweifelten Mittel, welche die Feuersbrunſt, anſtatt dieſelbe aus⸗ zulöſchen, nur anfachen konnten, mußten die Entrüſtung Europa's gegen die Henker und ſeine Sympathieen für die Märtyrer nur vergrößern. Ferner verſchwand die Disciplin aus den Reihen der ruſſiſchen Armee; man ſah gemeine Soldaten die Bayonnette auf ihre eigenen Offiziere richten, nament⸗ lich fand dies bei den jüngſten Soldaten ſtatt und dieſe Letzteren, welche einſahen, daß es ſich weniger um einen Nationalkrieg handelte, als um einen Zweikampf zwiſchen der Tyrannei auf einer Seite, und der Menſch⸗ lichkeit und Freiheit auf der andern, gingen zu den Polen über.“ „Halt, warten Sie einen Augenblick.“ „General, ich erzähle die Sache ſo, wie man ſie mir erzählt hat. Es verſteht ſich, daß dies Alles Lügen ſind.“ „Gewiß, aber das thut nichts; ich will Alles wiſſen.“ Der Offizier fuhr fort: „Bei einem Banket hat Herr von Demontowiez die Namen von mehreren der Offiziere genannt, welche zu den Polen übergegangen ſind bei den Schlachten von Zary, Bialyſtock, Lublin, Konin und Kulno, er hat namentlich Alexander 24* 372 Potebine erwähnt, den Gründer des Comité's Zemlia i Wolja unter den ruſſiſchen Offizieren in Warſchau.“ „Albernheiten!“ ſagte Murawiew. „Ja, mein General.“ „Spricht man nicht auch von einem gewiſſen Waboukski, der ſich ſo tapfer gehalten haben ſoll?“ „Ja, mein General.“ „Dem Räuber?“ „Ja, mein General.“ „Iſt er nicht todt?“ „Ja, mein General, er fiel bei Skola, an der Spitze der polniſchen Senſenmänner. Von den zwölf jungen Leuten, denen die Inſurrection ihren Urſprung verdankt, lebt heute keiner mehr. Sie ſind alle, einer nach dem andern, in die Hände der ruſſiſchen Regierung gefallen, und ſind geſtorben, ohne irgend etwas zu verrathen.“ „Ohne etwas zu verrathen?“ „Ja, mein General.“ „Was dieſe Proclamation betrifft, ſo muß ſie unter allen Umſtänden verſchwinden und Alle, welche ſie verbreiten, müſſen ſterben.“ Der Offizier zog ſich zurück; Mouravieff ſchickte nach dem Gefängniß und ließ das junge Mädchen holen, das er zwei Stunden vorher hatte feſt⸗ nehmen laſſen. Zugleich gab er geheime Befehle und nach einigen Minuten erhob ſich ein Galgen auf dem kleinen, kalten Hofe, auf den die Fenſter hinausgingen. Beatrix ſchickte ſich an, zu gehorchen, ſie war allein in einer Zelle und wußte nicht, was draußen vorging. Van Elldorff war in einem gemein⸗ ſchaftlichen Gefängniß eingeſperrt.. Dort hatte er mehrere Bekannte und einen ſeiner beſten Freunde ge⸗ troffen. Derſelbe war ſeit dem Morgen dort und erzählte, als Van Ell⸗ dorff eintrat, eine Epiſode aus dem letzten Kriege. Als er damit zu Ende war, befragte man ihn über die Metzelei auf dem Schloſſe Woyslawice und bat ihn, eine Beſchreibung dieſes ſchrecklichen, abnormen Drama's zu geben. „Es ſer,“ ſagte der Erzähler,„paßt auf. Das Schloß Woyslawice iſt Eigenthum des Grafen Leopold Poletyllo, eines treuen Patrioten, wie Ihr wißt.“ 3 „Ein wenig laul“ unterbrach ihn ein Gefangener. „Wohl, Ihr hört, der Graf Poletyllo iſt ein wenig lau, es iſt wahr, doch vergrößert dies noch den Schurkenſtreich der Banditen, die ihm ſo furchtbar mitgeſpielt haben. 373 „Am zwölften Abends gab der Graf ein Diner. Daſſelbe war eben beendet, als man hörte, daß eine ruſſiſche Colonne im Anmarſch war. „Man achtete nicht darauf, weil ſich weder im Schloſſe noch im Orte Woyelawice, noch in der Umgegend Spuren von Inſurgenten gezeigt hatten; man ſah in der Annäherung der Ruſſen nur einen gewöhnlichen Truppen⸗ Durchmarſch. Dennoch ließ man die Damen und Kinder nach der erſten Etage gehen, während die Männer im Erdgeſchoß blieben. „Unterdeſſen macht die ruſſiſche Colonne Halt— der Commandeur ſtellt ſie in Schlachtordnung und läßt, ohne vorher noch irgend etwas zu fragen, zwei Kartätſchenſalven geben, das Dorf wird im Sturmſchritt durcheilt. „Wir ſind verloren,“ ſagte der Graf Poletyllo, der von ſeinen Fenſtern aus das Vorrücken der Ruſſen auf ſein Schloß beobachtet hatte,„es iſt um uns geſchehen, wir können dem Tode nicht entgehen. Ich eile zu meinen Kindern, dort iſt mein Platz.“ „Vergeblich verſuchten einige, Hoffnung laut werden zu laſſen. Alle wußten, daß ihre letzte Stunde gekommen war. Man kannte die Ruſſen zu gut. Man wußte zu wohl, weſſen dieſe Barbarenhorde fähig war und nach welchen Befehlen ſie handelten. Seit dem Beginne der Inſurrection waren ähnliche Fälle ſchon zu oft dageweſen und gauze Dörfer waren ohne Widerſtand verſchwunden. Der Graf Poletyllo ging zu ſeiner Familie, während ſeine Freunde ſich durch die Zimmer vertheilten. Ehe ich weiter fortfahre, will ich die Namen der Genoſſen des Grafen nennen, weil Alle. eine Rolle in dem ſchrecklichen Drama ſpielen.“. „Sein Schwager, Herr Titus Woyciechowski und deſſen Sohn Joſeph, ein liebenswürdiger junger Mann von ungefähr vierundzwanzig Jahren; Oberſt Dunin, ehemaliger Offizier der polniſchen Armee und alter Soldat des erſten franzöſiſchen Kaiſerreichs, Run, Nachbar des Grafen und eben⸗ falls ein alter polniſcher Offizier, der Graf Batory und Fürſt Conrad von „Waſa. Ehe dieſe Herren es ſich verſahen, wurde Herr Woyeiechowski von einer Kanonenkugel getroffen, nachdem auch ſein Sohn bereits an ſeiner Seite todt niedergeſtürzt war. „Die Ruſſen hielten das Schloßthor beſetzt und ſchoſſen von draußen in die Zimmer.. „Conrad von Waſa nahm ein Kind in ſeine Arme und ſprang aus einem verdeckten Fenſter in einen Hinterhof. „Graf Batory, in dem letzten, großen Gefechte verwundet, konnte ihm nicht folgen und ſchlüpfte in einen Alkoven. „Oberſt Dunin, von ihm gerufen, wollte ihm folgen. Sie waren ſieben oder acht Männer, die Ruſſen waren tauſend, an Vertheidigung war nicht zu denken. In dem Augenblicke, als Oberſt Dunin eben verſchwinden wollte, ſtürzte er auf ein Sopha, von drei Kugeln getroffen. —— — 1 — „Die Ruſſen drangen ein. Ein Soldat ſieht den Oberſt, wirft ſich auf ihn und durchbohrt ihn mit ſeinem Bayonnet. „Zum Commandeur,“ rief der Oberſt,„ich will den Commandeur ſprechen!“ „Er erhebt ſich, zwei Ruſſen unterſtützen ihn und führen ihn zu ihrem Befehlshaber. „Aber, ſechszig Jahr alt und ſchwer verwundet, geht er ihnen nicht ſchnell genug, die Soldaten ſchlagen und ſtoßen ihn mit den Gewehrkolben. „Er kommt an einem Offizier vorüber. „Schämen Sie ſich nicht,“ ſagt der Oberſt zu ihm,„es mit anzu⸗ ſehen, daß vor Ihren Augen, von Ihren Soldaten, ein Mann von meinen Jahren, mit Blut bedeckt, und Offizier wie Sie—“ „Schweigen Siel“ antwortete der Offizier roh, indem er ſich abwendet. Endlich kommt man beim Commandeur an. „Wer ſind Sie?“ fiagte dieſer. „Valentin Dunin, Oberſt der Garde, ehemals Soldat des erſten fran⸗ zöſiſchen Kaiſerreichs, jetzt Grundbeſitzer dieſes Landes.“ „Mein Herr,“ verſetzte der Commandeur,„wenn dem ſo iſt, bedaure ich es, daß man Sie mißhandelt hat, jedoch verdanken Sie dies nur ſich ſelbſt und Ihren Feunden.“ „Uns— „Sie ſind die allein Schuldigen.“ „Wir, die Opfer—!“ „Man hat auf meine Truppen mehr als hundert Mal gefeuert, Sie werden die Folgen zu tragen haben.“ „Sie wiſſen, wer ich bin,“ ſagte der Oberſt,„und jeder Eid würde nützlos ſein. Ich habe dem Tode nahe geſtanden, meine Bleſſuren beſtä⸗ tigen es und ich habe ſtets die Wahrheit geſprochen; ich erkläre Ihnen, Sie haben gelogen, wenn Sie ſagen, daß aus dieſem Schloſſe Schüſſe ge⸗ fallen ſind; laſſen Sie mich hier bewachen, ſuchen. Sie überall und wenn Sie eine einzige Schußwaffe finden, mögen Sie mich hier erſchießen laſſen.“ „Der Ruſſe hatte die letzten Worte des unglücklichen Greiſes gar nicht mehr gehört. Er antwortete nicht und kehrte ihm den Rücken zu. „Einen Augenblick nachher ſtürzt eine Frau, verfolgt von zwei Ko⸗ ſaken, in die Kammer, in welcher der Graf Batory verborgen war. Er ſieht aus ſeinem Verſteck, daß dieſe Elenden ſich auf die junge Frau werfen und ſich nicht nur anſchicken, ſie zu tödten, ſondern ſie vorher zu entehren. Er ach⸗ tet nicht mehr auf die Gefahr, welche ihm droht, er denkt nicht daran, daß er ſelbſt verloren iſt, wenn er ſich zeigt. Er ſpringt mitten in das Zimmer und, ſeit dem Beginn der Inſurrection ſtets bewaffnet, tödtet er einen der 5 ,— 5 Soldaten, dann wendet er ſich gegen den Andern und ruft der jungen Frau zu: „Retten Sie ſich!“ „Mich retten? Wohin? Ich bin dem Tode nur entgangen, um einige Minuten ſpäter zu ſterben.“ „In dieſem verzweifelten Augenblicke entſtand eine Idee, raſch und kühn, im Kopfe des Grafen Batory. „Er entwaffnet den Koſaken und befiehlt dieſem, nachdem er die Thür verriegelt hat, im Hintergrunde des Zimmers niederzuknieen. Der Ruſſe weigert ſich, der Graf hat zwei Piſtolen in den Händen, von denen eine geladen iſt— der Koſak gehorcht. Ohne ihn aus den Augen zu verlieren, ladet der Graf die andere und giebt ſie der jungen Dame. „Behalten Sie dieſen Kerl im Auge,“ ſagte er in franzöſiſcher Sprache zu ihr,„damit er ſich nicht auf Sie werfen und Sie entwaffnen könne. Wenden Sie Ihre Augen nicht von ihm ab und,“ ſetzte er ruſſiſch hinzu, „wenn er eine einzige Bewegung macht, ſchießen Sie ihn nieder, wie einen Hund.“ „Sie können ſich auf mich verlaſſen!“ erwiderte die junge Dame, welche noch nie in ihrem Leben eine Piſtole in der Hand gehabt hatte. „Der Graf iſt deſſenungeachtet bei Allem, was er jetzt vornimmt, auf ſeiner Hut. „Nach einigen Minuten hat er ſeinen Rock ausgezogen und ſeinen Hut gegen die Mütze des Koſaken vertauſcht, dann zieht er ihm den Mantel aus und hüllt ſich in denſelben— der feine Weltmann iſt plötzlich in einen Koſaken verwandelt. „Jetzt,“ ſagte er zu dem noch immer knieenden Koſaken,„ſtehe auf und höre, was ich Dir ſage. Du gehſt zur Linken von Madame, ich zu ihrer Rechten, wir ſind zwei Koſacken, die eine Gefangene gemacht haben und ſie zum Commandanten führen. Niemand wird daran denken, uns aufzuhalten, oder zu beunruhigen. Wir gehen an der andern Seite des Schloßgrabens nach dem Walde von Woylawicz zu. Wir ſind Beide un⸗ ſchlüſſig, Madame entſchlüpft uns, wir laufen wüthend nach; ich, ſoweit ich kann, Du eine kurze Strecke. Du bleibſt zurück und gehſt wieder zu Dei⸗ nem Regiment. Wenn man Dein Mißgeſchick erfährt, erhältſt Du höchſtens einige Knutenhiebe; erfährt man es nicht, und dieſer Fall iſt wahrſcheinlich, dann geſchieht Dir nichts. Willſt Du?“ „Ich will!“ ſagte der Koſak. „So, Du biſt ein vernünftiger Kerl,“ ſagte der Graf, nahm die Büchſe des Koſaken, ſchoß ſie ab und warf das Bayonnet zur Erde;„ſiehe Deine Flinte an, ſie iſt für uns unſchädlich, für Dich reicht ſie aus, um die Ge⸗ fangene zu führen.“ 3476 „Wir wollen gehen.“ „Warte einen Augenblick; es wird gut ſein, Dich auf Alles vorzu⸗ bereiten. Wenn Du Dich weigerſt, weiter zu gehen, wenn Du Umſtände machſt, ſieh her— Madame hat in einer Hand einen Dolch, in der andern eine geladene Piſtole; ich habe einen Dolch im Gürtel, eine geladene Piſtole in der linken Hand und das Gewehr Deines Freundes in der rechten Hand.Ä“ „Ich verſtehe.“ „Du haſt nur eine unnütze Waffe, beim erſten Verſuch von Verrath ſchlage ich Dir die Hirnſchale ein, Madame erdolcht Dich, oder ſchießt Dich todt. Reißeſt Du aus, ſchieße ich Dich nieder.“ „Ich verſtehe.“ „Du kannſt veranlaſſen, daß wir gefangen werden, aber Dein Tod iſt dann gewiß.“ Der Graf Batory öffnete die Thür und die drei ſonderbaren Gefährten ſtiegen die Treppe herab. „Wirſt Du wohl gehen, Frauenzimmer!“ rief der wirkliche Koſak, als ſie auf dem Hausflur waren und ſchlug mit dem Gewehrkolben gegen die Schwelle. „Die junge Dame erhob, wie entrüſtet, den Kopf. „Sehr gut,“ flüſterte ihr Batory in das Ohr,„er hat mich wirklich verſtanden.“ „Der Major Run, in einem andern Zimmer angegriffen, hatte ſich mit den bloßen Händen gegen die Gewehre und Bayonette vertheidigt. Als man ihn vor den Commandeur führte, hatte er an beiden Händen keine Finger mehr. Ein Offizier, dem er begegnete und den er anſprach, ant⸗ wortete ihm mit einem Säbelhieb. Ein Diener war getödtet, einer durch Bayonnetſtöße tödtlich verwundet, neun Andere hatten mehr oder weniger ſchwere Verwundungen erlitten; die Frauen wurden, außer einer Dienſtfrau und einem jungen Mädchen, verſchont. „Dem Blutbade folgte die Plünderung, ein großer ghei des Schloſſes wurde verwüſtet, was man nicht fortſchleppen konnte, wurde zerbrochen und in Stücke geſchlagen. Geld, Silber und ſonſtige Werthſachen wurden mit⸗ genommen und die Beute der Ruſſen betrug hier nicht weniger als vierzig⸗ tauſend Gulden. „Durch einen Glückszufall wurde der Graf, welcher ſich mit ſeinen Kindern in eine Dachſtube eingeſchloſſen hatte, nicht entdeckt. „Am nächſten Tage ließ er den Commandanten der ruſſiſchen Colonne, welche ſich in der Umgegend gelagert hatte, fragen, ob er ſeine Kinder nach Lublin bringen dürfe. „Wie!“ rief der Offizier,„lebt er denn noch?“ 377 „Er iſt allen Nachforſchungen entgangen—“ „Iſt er verwundet? „Nein, er iſt ganz unverletzt.“ „Das iſt zu ſtark!— Aber jetzt iſt es vorbei, wir können nicht noch einmal anfangen; er ſoll machen, daß er fortkommt, er mag Gott danken.“— „Aber wie kommt es, daß Sie dieſe Affaire in allen ihren Einzeln⸗ heiten kennen?“ fragte einer der Gefangenen den Erzähler. „Das iſt ſehr einfach; ich war dabei.“ „Sie?“ „Gewiß.“ „Wie heißen Sie denn?“ „Conrad von Waſa.“ „Der Fürſt von Waſa!“ wiederholte man. Aller Häupter entblößten ſich, nicht vor dem Fürſten, ſondern vor dem bewährten Patrioten, der ſchon ſo viele Beweiſe von Muth und Aufopfe⸗ rung gegeben hatte. „Wahrhaftig,“ ſagte Einer,„das iſt wunderbar, ich wollte Sie eben fragen, was aus Conrad von Waſa geworden ſei.“ „O, ich habe dabei nicht viel gethan. Nachdem ich das Kind in Sicherheit gebracht hatte, ging ich nach dem Schloſſe zurück und war ſo glücklich, ein junges, ſiebzehnjähriges Mädchen vom Tode zu retten. Bald wurde ich ſelbſt verfolgt, ich floh durch eine Fenſterluke, fiel aber unglück⸗ licherweiſe einer ruſſiſchen Patrouille in die Hände. Man brachte mich nach Lublin und von dort hierher.“ Noch ſtanden die Gefangenen unter dem Eindruck der Erzählung, als man Chriſtian rief. „Armer Junge,“ ſagte man,„er geht zum Tode.“ Man führte ihn in den Hof. Es war ſechs Uhr Abends und die Nacht breitete ihren Schatten über die Feſtung aus. Mouravieff befahl, Beatrix in ein beſonderes Zimmer zu bringen und alle Gefangenen mit gebundenen Händen um den Galgen zu ſtellen. Nach einigen Minuten waren ſeine Befehle befolgt, als plötzlich Van Eldorff, die Stricke zerreißend, vor Mouravieff hintrat und ſagte: „Du magſt uns durch Deine Henker erwürgen laſſen, aber keiner von uns wird der Hinrichtung eines unſerer Mitbürger beiwohnen.“ „Es bleibt bei meinen Befehlen!“ rief der General. „Ich verbiete es Euch!“ ſagte Van Eldorff. Henker, Soldaten und Gefangene blickten mit Erſtaunen auf den toll⸗ kühnen jungen Mann. 378 Bald wurde das Erſtaunen noch größer. Mouravieff ließ ihn nicht vor ihren Augen tödten. 11. Chriſtian'’s Tod. Die Polen wiſſen zu ſterben. Die Kühnheit Van Eldorff' zeigte ihnen, daß es Augenblicke giebt, in denen die Ergebung ein Verbrechen iſt. Alle, mit gebundenen Händen, mit gefeſſelten Füßen, gingen dem Tode enige⸗ gen, ohne zu zittern. Der Muth Van Eldorff's trieb ihnen die Röthe deſ⸗ ſelben Gefühls in die Wangen. Sie waren ſchwächer an Zahl und unbe⸗ waffnet, ſie waren aber ſtärker an Muth und beſchloſſen, nicht zu ſterben, ohne Widerſtand geleiſtet zu haben. „Man halte ihn feſt!“ rief Mouravieff. Doch ſchneller wie ſie Alle, gab er einen Beweis ſeiner Unerſchrocken⸗ heit, warf ſich zurück, entriß einem Gardiſten den Säbel, drängte ſich in die polniſchen Reihen und zerſchnitt ihre Stricke. Man verfolgte ihn, aber die Gefangenen bildeten für ihn einen Wall aus ihren Körpern, während er Andere befreien konnte. In wenigen Secunden hatte er ein Häuflein Männer, welche ſich auf die Soldaten ſtürzten, ſie entwaffneten und ihre Anſtrengungen zur Be⸗ freiung ihrer Brüder vereinigten. Die Wachen entflohen, Mouravieff mit ihnen, die Polen waren frei. Doch, was nun beginnen? Die Feſtung anzugreifen, daran konnte man nicht denken. Hinter ihren Mauern waren Tauſende von Soldaten. Die Polen ſahen ein, daß es das Einfachſte wäre, zu verſuchen, ein Inſur⸗ gentencorps zu erreichen, welches in kurzer Entfernung im Walde von Man⸗ dow campirte. Man durfte keine Zeit verlieren, wenn man Mouravieff ent⸗ fliehen wollte, der noch nicht alle Hoffnung verloren hatte, die Gefangenen wieder einzuholen. Als er nach ſeinem Zimmer kam, beſchied er eine ſeiner ergebenen Creaturen und gab geheime Befehle. Derſelbe ver⸗ ſprach ihm Wachſamkeit und Eifer und ging ſogleich ab. Kaum war eine Viertelſtunde verfloſſen und die ganze ruſſiſche Garniſon war auf den Beinen und hatte Wilna eingeſchloſſen. Es fand ein erbitterter Kampf ſtatt, zwei Polen wurden getödtet, vier entflohen glücklich, die Uebrigen wurden nach der Feſtung zurückgebracht. Unter den Letzteren waren Chriſtian und Van Eldorff. 1 3 Mouravieff ſtand auf ſeinem Balcon, als ſie ankamen; ſie waren mit ſchweren Ketten beladen, an einen Fluchtverſuch war nicht zu denken. Die Polen wurden wieder rings um den Galgen geſtellt. — 5 4 ———= 1 379 Das Wetter war feucht und kalt, die Nacht ſchwarz. Ein rauher Nord⸗ wind wehte durch die düſteren Corridore. Die Polen ſtarrten finſter vor ſich hin, ſie erwarteten jetzt, wo ſie keine Hoffnung mehr hatten, ſich zu retten, den Tod. Mouravieff ging nach einer Thür, welche er öffnete. Beatrix trat ein. Sie zitterte an allen Gliedern, ſie erinnerte ſich der Scene, wo ſie beinahe das Opfer des Wüthrichs geworden wäre, ſie hatte jetzt Niemand zu ihrer Vertheidigung. „Haben Sie mich rufen laſſen?“ ſagte ſie. „Ja. „Ich bin gekommen.“ „Haben Sie keine Furcht mehr vor mir?“ Sie neigte den Kopf. „Ich erſchrecke Sie wohl ſehr?“ fragte der Gouverneur ironiſch. „Ja.“ Man hat Ihnen geſagt, ich ſei ein grauſamer, erbarmungsloſer Mann?“ „Haben Sie nicht Alles gethan, was dieſen Ruf beſtätigen muß?“ „Finden Sie das?“ Beatrix antwortete nicht. „Sie haſſen mich wohl?“ fuhr Mouravieff fort. „Gnädiger Herr,“ erwiderte das arme, unglückliche Mädchen mit feſter Stimme,„ich bin Tag und Nacht gewandert, um zu Ihnen zu kommen, um Sie zu bitten, mir meinen Verlobten wiederzugeben. Ich habe Sie mit gefalteten Händen angefleht, Ihnen mein Leben für das ſeinige ange⸗ boten. Sie haben mir einen Augenblickg Hoffnung gemacht; einen Augen⸗ blick ſchienen Sie mich zu erhören und ich glaubte, daß Sie ſich hätten bewegen laſſen.“ „Fahren Sie fort.“ „Ich hatte mich getäuſcht.“ „Wirklich?“ „Wenigſtens muß ich dies jetzt glauben.“ „Sammeln Sie Ihre Erinnerungen.“ „Chriſtian iſt noch immer in Ketten.“ „Der junge Mann hat vor mir geſtanden, wie hat er auf meine Fra⸗ gen geantwortet?“ „Sie empörten ſein Gewiſſen.“ „Bis zum letzten Augenblick hat er ſich feindſelig benommen.“ „Er iſt Pole geblieben.“ „Er hat den Kaiſer, den Staat, mich ſelbſt beleidigt.“ „Er kann die Seinen nicht verrathen.“ „Er kann eine ſchlechte Sache verlaſſen.“ — 380 „Er hat nicht das Recht, von ſeiner Fahne zu weichen.“ „Es iſt ſeine Pflicht, ſich der Sache deſſen zu weihen, der ihn dem Tode entreißt.“ „Mit welchem Rechte tödten Sie ihn denn?“ „Mit dem Rechte des Herrn über den Seclaven, des Richters über den Rebellen.“ „So tödten Sie ihn denn!“ „Sie ſtehen davon ab, ihn zu retten?“ Beatrix ſtieß einen erſtickten Seufzer aus. „Ich muß wohl!“ ſagte ſie. „Es ſei.“ „Ich ſehe, daß meine Bitten nicht im Stande ſind, ihn zu retten.“ „War er nicht noch unter den neuen Empörern?“ „Ich weiß es nicht.“ „Er wäre mir beinahe entſprungen.“ „Mein Gott!“ „Freuen Sie ſich nicht, er iſt hier, in meiner Macht, der Galgen iſt im Hinterhofe aufgerichtet und erwartet ihn und ſeine Genoſſen.“ „Nun denn, Henker, vollende Dein Werk!“ ſagte Beatrix mit feſter Stimme. Mouravieff trat an Beatrix heran und ſagte ihr einige Worte in's Ohr. Das Antlitz des Mädchens bedeckte ſich plötzlich mit glühender Röthe. Mouravieff wollte weiter ſprechen. Beatrix ſah ihn feſt an und machte eine energiſche Bewegung, welche ihm Stillſchweigen auferlegte. „Schweigen Sie, mein Herr!“”“ „Beatrix—“ „Niemals!“. Sie trat einen Schritt zurück, indem ſie ſagte: „Führen Sie ihn zum Tode, wenn er wüßte, daß ich das Todesurtheil ſpreche, würde er es ſegnen.“ Der Gouverneur ſtand auf, blaß vor Scham und Wuth. „So ſei es denn! er ſoll ſterben, vorher ſoll er aber Dich, welche er liebt, mit zerfleiſchtem Körper ſehen!“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ Er klingelte. Ein Mann gehorchte dem Ruf und empfing ein vom Gouverneur ge⸗ ſchriebenes und unterzeichnetes Papier. Der Diener entfernte ſich und zwei Andere traten ein. „Dieſe hier!“ ſagte der Gouverneur, auf Beatrix zeigend. Die Männer traten heran, um ſie fortzuführen. „Wohin führen Sie mich?“ fragte ſie. 381 „Der Peitſche entgegen.“ „Mich?“ „Leider.“ Kaum waren zwei Minuten verſtrichen und das ſchöne junge Mädchen wurde in die Mitte des Hofes geführt; dort wurde ſie bis an den Leib entkleidet. Sie weinte, ihr ſchönes Haar flatterte im Winde, aber ſie ſprach kein Wort. Plötzlich ſtieß ſie einen Schreckensſchrei aus, aber nicht die Furcht vor der entſetzlichen Qual, die ihr bevorſtand, entriß ihr dieſen, ſondern der Anblick ihres Verlobten, der, von Bewaffneten umgeben, die Stufen des Schaffots emporſtieg. Nachdem ſie auf den Klotz, den Leib nach unten, gelegt war, pfiff die Knute durch die Luft und fiel auf den weißen, zarten Nacken Beatrix's herab. Ein Wuthſchrei entfuhr den Gefangenen, Chriſtian machte vergebliche Anſtrengungen, ſich den Armen derer, die ihn hielten, zu entreißen, Van El⸗ dorff wurde faſt wahnſinnig. Nur ein ſchwaches Stöhnen entſtieg der Bruſt des Opfers. 8 Ein zweiter, ein dritter Schlag folgten, und der Rücken des unglück⸗ lichen Mädchens war nur noch ein blutiger Fetzen. Noch ein Schlag, ſie wurde ohnmächtig. „Genug!“ ſchrie eine nur zu bekannte Stimme vom Balcon herab. Beatrix wurde von dem Klotz losgemacht. Man warf einen Mantel um ihre blutigen Schultern, der Henker ergriff ſie und legte ſie ſo hin, daß ihre Augen nach dem Galgen gerichtet waren. Trotz ihrer entſetzlichen Schmerzen warf ſie Chriſtian einen Blick un⸗ endlicher Liebe und Ergebung zu. Der Strick wurde um den Hals des Unglücklichen gelegt und ſein Körper flog in die Luft. Beatrix ſchrie von Neuem auf, ihr Muth war vorbei, ſie ſank in die Arme ihres Henkers. Chriſtian war todt. Sie ſchloß die Augen, ſie ſah und hörte nichts. Fünfundzwanzig Minuten hatte die Hinrichtung bereits gedauert, fünfzehn Leichname lagen am Boden, als ein neuer Name an ihr Ohr ſchlug und ſie ihrer Erſtar⸗ rung entriß: Van Eldorff. —— 12. Die beiden Henker Polens. Chriſtian war todt und mit ihm der größte Theil der Gefangenen; es bedurfte nur noch weniger Minuten und die Uebrigen, unter dieſen Van Eldorff und Conrad von Waſa, folgten ihnen in die Ewigkeit. Ein Zufall unterbrach die ſchreckliche Schlächterei. Ein Mann, an einem Thore der Citadelle vom Pferde ſteigend, ver⸗ langte ſogleich zum Gouverneur geführt zu werden. „Der General iſt für Niemand zu ſprechen.“ „Ich muß ihn ſehen.“ „In zwei Stunden.“ „Sofort!“ Dieſer Mann, welcher ſeiner Sprache und ſeinen Manieren nach zu den beſten Ständen gehören mußte, war wie ein Mann aus dem Volke gekleidet, aber man konnte ſich nicht in ihm täuſchen. Er war mit ſeinem Wunſche, zum General zu kommen, ſo dringend, daß dieſer betroffen war. „Wer iſt der Mann?“ fragte der Letztere. „Ein Mann aus dem Volke.“ „So!“ „Aber ich glaube, daß es ein ſehr vornehmer Herr iſt.“ „Sein Name?“ „Er hat ihn nicht geſagt.“ „Frage ihn.“ Der Diener ging zu dem Unbekannten zurück, der ſich weigerte, ſeinen Namen anzugeben. Er ließ dem General Mouravieff nur eine Karte von bläulicher Farbe überreichen, auf welche er geſchrieben hatte: Obit jeho. Mouravieff ſah die Karte an und zitterte. „Laß ihn eintreten!“ ſagte er. Die beiden Männer ſtanden ſich gegenüber und⸗ fielen einander in die Arme. Es waren die beiden nordiſchen Ungethüme— der General Mouravieff und der General von Berg. Der Letztere, durh Mouravieff erſetzt, weil dieſer rückſichtsloſer war, hatte inzwiſchen Beweiſe von Rohheit gegeben. Er war es, der folgende Inſtruction zum Gebrauch für die ruſſiſchen Soldaten eingeführt hatte: Es iſt unnütz und umſtändlich, hierher eine ſolche Menge Gefangener zu führen. Die Bauern haben nicht ſo viele Mühe, ſie erſt zu fangen und dann noch bis hierher zu trasportiren; viele ſind außerdem unterwegs wie⸗ der entflohen. Es iſt jedoch nöthig, daß man die Bauern belohnt und er⸗ muthigt, daß ſie ſich als treue Unterthanen ihres Kaiſers aufführen. —4,—4 —— —— — Deshalb autoriſire ich Sie, in Ihrem Quartiere die für die Gefangen⸗ nehmung und Ablieferung der eingefangenen Rebellen verſprochenen Beloh⸗ nungen auszuzahlen. Sie können dieſe Belohnungen ſelbſt, wenn Sie es für nöthig erachten, bis zu folgendem Betrage erhöhen: 30 Rubel für einen Anführer; 10 Rubel für einen Rebellen⸗Offizier; 5 Rubel für einen Adligen; 3 Rubel für Inſurgenten aus den Hauptſtädten und 1 Rubel für einen Juden oder Bauer. Dieſe Inſtruction wurde geheim gehalten und ſie iſt die Veranlaſſung zu den Gräuelſcenen, welche geſchehen. Am Tage nach dem Erlaß dieſer Inſtruction hatten die Ruſſen Schlöſ⸗ ſer und Pachtungen beſetzt und geplündert. Ein Gutsbeſitzer zeigte ihnen einen vom Großfürſten Conſtantin ausgefertigten Befehl, welcher im War⸗ ſchauer„Dziennik“ veröffentlicht war und anordnete, dieſe Beſitzungen un⸗ beläſtigt zu laſſen. Die Ruſſen lachten, der Chef zuckte die Schultern; zuletzt war die Antwort: Das iſt ganz gut für die Oeffentlichkeit, wir haben andere In⸗ ſtructionen!— und anſtatt abzulaſſen, wurde jetzt erſt recht geplündert. Nach der Plünderung wurden der Eigenthümer, ſeine Gäſte, die Die⸗ ner und ein junger Arzt, der von Krosniemece herbeigerufen war, um die Verwundeten zu pflegen, feſtgenommen. An einer Mauer befeſtigt, wurde dem Letzteren die Bruſt mit Bayonnetſtichen zerfleiſcht und dann durch drei Flintenſchüſſe getödtet. An demſelben Tage hüteten bei Kosmin auf den Wieſen drei junge Bauern das Vieh des Herrn Kuniecki. Eine ruſſiſche Abtheilung, welche vorbeimarſchirte, beluſtigte ſich damit, auf ſie zu ſchießen. Der Eine wurde auf der Stelle getödtet, der Zweite verwundet und der Dritte verdankte ſeine Rettung der Geſchwindigkeit ſeiner Füße. Am folgenden Tage hatten ſich achtzehn junge Leute, welche an dem an dieſem Tage ſtattgefundenen Kampfe Theil genommen hatten, in die Pachtung Szydlowin, Eitenthum des Generals Szydlowski, zwiſchen den Dörfern Uakomy und Krynica geflüchtet. Sie glaubten ſich dort in Sicher⸗ heit und beſchloſſen, die Nacht daſelbſt zuzubringen. Sie hatten ſich in einer Scheune niedergelegt, als gegen ſechs Uhr des Morgens die Pachtung von einer halben Schwadron Koſaken umringt wurde, welche, ſeitdem ſie die Gegenwart der Polen entdeckt hatten, die Scheune umzingelten und die Abſicht kundgaben, ſie in Brand zu ſtecken. Die Inſurgenten, welche die Unmöglichkeit, ſich zu vertheidigen, einſahen, öffneten die Thür und ergaben ſich auf Gnade und Ungnade. Die Koſaken ließen ein wildes Freudengeſchrei hören, zogen die Polen aus der Scheune, brachten ſie funfzig Schritte weit in die Ebene, entkleideten ſie gänzlich und gaben auf ſie eine Salve mit ihren Carabinern. Dann tödteten ſie die, 384 welche nur verwundet waren, durch Schläge auf den Kopf, ja ſelbſt dadurch, daß ſie ihnen den Bauch aufſchlitzten. Indem ſie ſie niedermetzelten, mach⸗ ten ſie ſpöttiſch die Commandoworte der Inſurgenten nach:„Die Herren Senſenmänner vor! Die Herren Lanciers vor!“— und wenn dieſe Uuglück⸗ lichen, bedeckt mit Blut, Schmerzensſchreie ausſtießen, lachten die Ruſſen und verhöhnten ſie. Während einer ganzen Stunde trieben ſie mit den Körpern dieſer jun⸗ gen Leute, von denen der Aelteſte noch nicht vierundzwanzig Jahre alt war, Kurzweil. Dann legten ſie Feuer an die Scheunen und Ställe, aus denen ſie vorher das Vieh hinaustrieben. Sie ſchoſſen in die Fenſter des Haupt⸗ gebäudes, befahlen den Bewohnern, ihnen ihre Koſtbarkeiten und ihr Geld auszuliefern und ſchrieen, indem ſie auf die aufgethürmten Leichname zeigten:. „Seht dort Euer Blut, trinket es; ſo werden wir alle Polen er⸗ würgen!“ Die Leichname wurden, völlig entkleidet, auf fünf Bauernkarren mit etwas Stroh bedeckt nach Fiedlce gebracht. Ein Befehlshaber, der den Polen ſo ſchöne Leichenbegängniſſe bereitete, konnte nicht unbekannt bleiben und heute, wo die Inſurrection weit entfernt davon iſt, erſtickt zu werden, theilt der General von Berg mit dem General Mouravieff die Ehren des Henkerthums von Polen.— „Nun,“ fragte Mouravieff ſeinen ebenbürtigen Kameraden,„iſt die In⸗ ſurrection erdrückt?“ „Noch nicht.“ „Hat ſie an Stärke gewonnen?“ „Ich glaube.“ Mouravieff ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch. „Die Elenden!“ ſagte er,„wir werden ihnen doch noch Vernunft bei⸗ bringen.“ „Wir wollen es hoffen!“ verſetzte General von Berg. „Wozu dieſe Verkleidung?“ „Weil ich Sie heute noch ſprechen wollte, aber fürchtete, zu ſpät zu kommen.“ „Was heißt das?“ „Ich würde unterwegs angehalten worden ſein.“ „Von den Inſurgenten?“ „Ja, commandirt von einer Frau.“ Mouravieff lachte. „Lachen Sie nicht,“ ſagte General von Berg,„es iſt ein tapferes Weib, dieſes Fräulein Pouſtowojtoi.“ „Was? dies ſchöne Mädchen, dieſes Kind— ich kenne ſie.“ (118) ualv] baatae aegne ee ane 25 Phantom Polens. Bd. II 386 „Sie ſelbſt; augenblicklich leiſtet ſie Adjutantendienſte beim Oberſt Czachowski.“ „Dieſe Leute ſind alle zuſammen raſend.“ „Sie hat kein Liebesverhältniß etwa, das ſie in den Kampf führt, und die Beſchwerden des Krieges haben ſie ſo verändert, daß man ſie von den anderen Adjutanten nur an ihren ſchönen weißen Händchen unterſcheiden kann. Sie iſt im Dienſte ſehr ſtreng; immer, im Feuer oder auf dem Marſch, ſteht ſie des Morgens ſpäteſtens um vier Uhr auf und ſchreibt Rapporte.“ „Und dieſes junge Mädchen?“ „Hat mich erkannt und an der Spitze ihres Corps verfolgt.“ „Und Sie ſind entkommen?“ „Dank der Schnelligkeit meines Pferdes und einem Bauer, der mir ein Afyl und dieſe Kleidung gab.“ „Dieſe Nation iſt verrückt!“ „Wir werden niemals Stricke genug haben, ſie zu binden.“ „Dann werden wir genug haben, ſie aufzuhängen.“ General Berg unterdrückte ein Lächeln. „Nein,“ verſetzte Mouravieff,„ich ſage Ihnen, wir werden ſie zur Vernunft bringen, ſollten wir ſie auch bis auf den letzten Mann auf⸗ hängen.“ General von Berg lächelte. Mouravieff faßte ihn am Arm und führte ihn nach der Kehrſeite. Berg ſchanderte. „Sie ſind ein treuer Diener,“ ſagte er, ſich verbeugend,„ſo weit habe ich es noch nicht gebracht.“ „Es geſchieht, weil die Inſurrection wächſt, und wir müſſen unſere Energie verdoppeln.“ „Sie haben Recht” „Uebrigens beſitze ich geheime Inſtructionen.“ ⸗ „Herr,“ verſetzte General von Berg,„ich habe Ihnen noch nicht geſagt, was ich von Ihnen will.“ „Sprechen Sie.“ „Die Herausgabe eines Gefangenen.“ Mouravieff runzelte die Stirn. „Meine Gefangenen gehören mir,“ ſagte er,„ich bin über ſie nur Gott und dem Kaiſer Rechenſchaft ſchuldig.“ „O,“ ſagte Berg lächelnd,„ich fordere ihn nicht von Ihnen, um ihn in Freiheit zu ſetzen?“ „Warum denn?“ „Vielleicht, um ihn zu tödten.“ —— —õ— 387 „Iſt meine Juſtiz nicht ſicher genug?“ „Sie iſt zu ſicher.“ „Ich verſtehe Sie nicht, General.“ „Der, den ich reclamire, iſt ſo reich, wie es ein König von Polen ſein würde. Zwanzigfacher Millionair, hat ihm die letzte Revolution unermeß⸗ liche Reichthümer eingebracht; wir confisciren, das iſt wahr, aber die Be⸗ ſitzer dieſer unermeßlichen Schätze haben dieſe, weil ſie die Confiscation vorausſehen, verſteckt.“ „Und darum wollen Sie— 2 „Ihm einen Erben geben, ehe er ſtirbt; er wird ſich leicht finden.“ „Unter den Polen?“— „Ja.“ „Wir wollen keinen Polen.“ „Wir brauchen nur einen Erben, der uns mit Leib und Seele ergeben iſt.“ „General,“ ſagte Mouravieff, ſich verbeugend,„ich beſitze vielleicht mehr Kühnheit als Sie, aber Sie übertreffen mich an Schlauheit.“ „Sie belieben zu ſchmeicheln.“ „Und wer iſt dieſer glückliche Erbe?“ „Eine Erbin!“ „Ah!“¹ „Sie heißt—“ „Nun?“ „Leonora Batory.“ „Die Tochter des Grafen Batory, der uns ſchon ſo viel Böſes zuge⸗ fügt hat?“ „Nein, die Tochter der Gräfin Batory, der polniſchen Spionin, die den Intereſſen Rußlands ergeben iſt.“ „Wahrhaftig, General, Sie ſind ein Diplomat.“ „Geben Sie Befehl, General, daß Conrad von Waſa mir ausgeliefert und nach Warſchau unter ſicherer Bedeckung geführt werde.“ „Sogleich— aber, ſind Sie auch überzeugt, daß der junge Fürſt die ſchöne Leonora lieben und ihr freiwillig ſein Vermögen geben wird?“ „Gewiß! „Schön; dieſe Comödie fängt an, mich zu intereſſiren.“ Nach einigen Minuten befand ſich Conrad von Waſa, mit gebundenen Händen und durch eine Koſaken⸗Abtheilung bewacht, auf dem Wege nach Warſchau; wenige Schritte hinter ihm folgte General von Berg. Mouravieff, welcher ohne Zweifel die Zeit und den Gefangenen, welche er verloren hatte, bedauerte, beſchloß, den Reſt der Nacht würdig zu verleben. Er trat an das Fenſter, die Gefangenen wurden aufgerufen. Sie waren vollzählig. 25* 25 388 Die Nacht war dunkel, ein ſchneidender Nordwind wehete, er hüllte ſich in ſeinen Mantel, er fror. Ein Schreckensſchrei ſtieg zum Himmel auf. Beatrix, bleich und vor Schmerz und Froſt zitternd, erhob ſich mit gefalteten Händen— das Beil des Henkers beſchrieb in der Luft ſeinen ſchrecklichen Bogen— Beatrix ſtieß einen Verzweiflungsſchrei aus— das Haupt Van Elldorff's rollte am Boden zu ihren Füßen!“— Kaum war es gefallen, da ſchrie Mouravieff, bleich und mit verzerrtem Geſicht: „Haltet ein!“ „Mouravieff,“ ſagte eine tiefe, ruhige Stimme;„Mouravieff, Van Elldorf iſt todt, Du haſt Deinen Sohn ermordet!“— Tarnow ſtand vor ihm, das Billet der Fürſtin Orlanoff in der Hand. 13. Bie Damen von Wilna. Mouravieff nahm eine Feder und ſchrieb auf die Rückſeite des Billets der Fürſtin Orlanoff: Er iſt todt, dann gab er es Tarnow zurück. „Gehen Sie,“ ſagte er zu ihm;„geben Sie dies der Fürſtin. Wenn die Nachricht, welche Sie ihr überbringen, ſie betrübt, wird ſie ſte nicht ſo ſehr betrüben, wenn ſie daran denkt, was ich leide.“ „Der Vater iſt der Mörder des Sohnes.“ ¹ „Hier giebt es keine Mörder,“ ſagte er, indem er den Kopf erhob, „ſondern nur einen treuen Diener des Kaiſers, der bis auf den letzten Buch⸗ ſtaben das erfüllt, was er geſchworen hat; ich bin ein Ruſſe, der ſich ſeinem Vaterland mit Gut und Blut geweihet hat und es gegen die Räuber ver⸗ theidigt.“ „Aber er— ²0 „Welcher Menſch begegnet nicht Schwierigkeiten auf ſeinem Wege und wer iſt jetzt nicht Märtyrer. Meine Juſtiz ſtraft, wo ſie glaubt, ſtrafen zu müſſen, die menſchliche Gerechtigkeit irrt ſich manchmal, ſie kann fehlen—“ „Van Elldorf war Pole.“ „Sie wollen ſagen, er hielt ſich für einen Polen.“ „Er war es von ganzem Herzen.“ 5 „Wohl, dann bedaure ich nicht, daß mich die Vorſehung auserkoren hat, ihn von der Welt zu entfernen.“ „Trauriges Beiſpiel des größten Fanatismus!“ murmelte Tarnow. 389 „Gehen Sie,“ ſagte Mouravieff,„und danken Sie Gott, Stanislas Tarnow, daß Sie geſund und lebend hier weggehen.“ „Ich wundere mich, daß Sie mich nicht hängen laſſen.“ „Sie ſind der Geſandte der Fürſtin Orlanoff und überbringen die Nach⸗ richt vom Tode meines Sohnes, ich reſpectire Sie, aber laſſen Sie ſich nie wieder vor mir blicken.“ „Nie, als mit den Waffen in der Hand.“ „Es ſei— es ſtehet geſchrieben, daß Ihr Alle ſterben wollt.“ Nach dem Austritt Tarnow's ſtützte Mouravieff ſeinen Kopf in die Hände und hing ſeinen Gedanken nach. Er öffnete das Fenſter und ſtarrte in die düſtern Wolken, welche den ganzen Horizont bedeckten. Die beiden Thürme der Citadelle ragten düſter und grauſig in die Nacht hinein. Zu ſeinen Füßen ſtand der Galgen, floß noch das Blut der Opfer dieſer Nacht. „Mein Sohn liegt dort unter ihnen!“ murmelte er. Dann, anſtatt zu weinen, zu klagen, ſein Verbrechen zu bereuen, faßte der Wüthrich nur noch einen tödtlicheren Haß gegen die unglückliche Nation, deren Henker er war. Er klingelte und fragte, ob ſeine letzten Befehle ausgeführt worden ſeien; man bejahete dies. „Nun und iſt es gelungen?“ „Ja.“ „Sind Frauen hier?“ „Ja, ſiebzehn.“ „Es iſt gut; morgen ganz früh werden ſie hierher gebracht, dann wollen wir ſehen, was ſich thun läßt.“ „Aber, gnädiger Herr,“ ſagte furchtſam der Diener,„wollen Sie denn nicht ein wenig ruhen?“ „Nein.“ „Aber—“ „Geh' hinaus!“ Worin die letzten Befehle Mouravieff's beſtanden, wollen wir jetzt un⸗ ſern Leſern erzählen. Er hatte vor ungefähr acht Tagen bemerkt, daß alle Damen in Wilna Trauerkleidung trugen. Dies kam daher, weil ſie alle einen Vater, Gatten, Sohn, Bruder, Verwandten oder Freund zu beweinen hatten. Die Opfer fielen zu Tauſenden und die Trauerkleidung nahm unter den Frauen der beſſeren Stände überhand. Mouravieff, über dies Zeugniß von Bedauern aufgebracht, welches man den Todten gab, erließ eine Verordnung, in welcher er verbot, Trauerklei⸗ dung zu tragen. Am folgenden Tage waren alle Damen von Wilna in Trauerkleidern, keine hatte dieſelben abgelegt, und keine zeigte hierzu die geringſte Luſt. 390 Dieſe National⸗Trauer war für den Urheber der Verbrechen eine Be⸗ leidigung. Er ſchwur, wüthete, erließ Verordnungen über Verordnungen, es half ihm nichts. 3 Er ließ eine Anzahl Damen aufgreifen, warf ſie in das Gefängniß, nahm ihnen ihr Eigenthum, ließ mehreren den Körper von der Knute zer⸗ fleiſchen— es half nichts. Man ſah in den Straßen von Wilna nur ſchwarze Kleider und ſchwarze Schleier. Als er gar nicht wußte, was er machen ſollte, faßte er eine teufliſche Idee. Da ſie nicht darauf gehört hatten, daß er die Trauerkleidung verbot, wollte er ſie entehren. Am andern Tage erzählte man ſich in den Straßen von Wilna mit Entrüſtung: Es iſt Befehl gegeben worden, daß alle öffentlichen Dirnen Trauerkleidung tragen müſſen, damit man ſie von ehrenhaften Frauen nicht unterſcheiden kann.. Dies war furchtbar— dennoch behielten die Damen ihre ſchwarze Kleidung bei, er ließ jetzt Alle, die in derſelben angetroffen wurden, feſt⸗ halten. Eine zweite noch teufliſchere Idee war ihm eingefallen. Nachdem er die Nacht mit der Lectüre aller möglichen Schriften zuge⸗ bracht, ließ er, ſobald der Tag grauete, die ſiebzehn Frauen vor ſich führen. Sie waren Alle ſchwarz gekleidet und gehörten theils dem Adel, theils dem bürgerlichen Stande an. „Warum,“ ſagte der General rauh,„gehen Sie Abends ohne Erlaub niß aus?“ Die Damen ſahen ſich erſtaunt an. „Und warum üben Sie Ihr Gewerbe aus, ohne dazu autorifirt zu ſein?“ Sie erklärten, daß ſie ihn nicht verſtänden. „Nun denn,“ ſagte Mouravieff,„ſo wollen wir offen ſprechen, Sie wiſſen doch, warum Sie verhaftet ſind?“ „Keineswegs,“ ſagte die Eine,„ich ging mit jener Dame ſpazieren und wir waren ſchon dicht bei unſerer Wohnung, als uns ein Poliziſt be⸗ fahl, ihm zu folgen.“ Alle dieſe Damen erzählten ihre Verhaftung in ähnlicher Weiſe. „Nun ja!“ verſetzte Mouravieff,„Sie ſind verhaftet worden, weil Sie bei der Ausübung Ihres ſchandbaren Gewerbes betroffen ſind!“ „Erklären Sie ſich deutlicher!“ „Sie ſind Alle Mädchen, die ihre Laſter unter erborgtem Namen zu verbergen ſuchen. Iſt die Kleidung, welche Sie tragen, nicht der beſte Be⸗ weis für meine Anſicht? Ich möchte wohl das ehrbare Mädchen ſehen, die ſich zu ihrem Vergnügen wie eine Hure kleidet.“ Dieſe Gemeinheit war zu übergroß, ſie ſchwiegen und warteten. „Die Knute für alle dieſe Frauenzimmer!“ rief er;„und daß mir keine 391 hier fortgeht, ohne in das polizeiliche Regiſter eingetragen zu ſein und die Karte in der Taſche zu haben!“ Einige Tage nach dieſem ſchmachvollen Verbrechen waren fünf von dieſen Frauen todt, zwei waren wahnſinnig, die Andern verließen⸗Alles, was ſie beſaßen und flüchteten ſich in die Wälder, in der Hoffnung, auf eine 3 Inſurgentenſchaar zu ſtoßen und in ihren Reihen zu kämpfen. Mehrere waren ſo glücklich, Langiewicz zu erreichen, der inzwiſchen nicht unthätig geblieben war. Nachdem er Wonchock verlaſſen hatte, war er mit ſeiner kleinen Armee nach den Heiligen⸗Kreuz⸗Bergen gerückt, wo er ſeit drei Tagen ſein Lager aufgeſchlagen hatte, in der Nachbarſchaft befand ſich ein Kloſter, in welches er ſein beſcheidenes Hauptquartier legte. Am elften wurde er durch eine zweitauſend Mann ſtarke ruſſiſche Colonne, welche meh⸗ rere Koſaken⸗Compagnieen und vier Kanonen bei ſich hatte, angegriffen. Das Lager und das Kloſter wurden von zwei Seiten angegriffen, aber durch die Geſchicklichkeit das Inſurgenten⸗Anführers wurde der Feind mit beträchtlichem Verluſt zurückgeworfen. 4 Langiewicz hatte einen Theil ſeiner beſten Schützen am Saume eines Waldes aufgeſtellt, von wo aus ſie auf die Ruſſen ſchießen konnten, ohne daß ihnen das Feuer der Letzteren ſchadete.. Vom Anfange des Gefechts an darauf bedacht, ſein Lager zu verthei⸗ digen, warf ſich Langiewicz ſelbſt in das Kloſter. Dort hatten ſich unge⸗ fähr dreißig Büchſenſchützen und dreißig Senſenmänner verbarricadirt und vertheigten ſich mit Erfolg. Nach einer Stunde zählten die Ruſſen hier ſchon mehr als achtzig Todte. Die Ruſſen, völlig entmuthigt, zogen ſich in Unordnung zurück, den Inſurgenten ihre Todten, einen Theil ihrer Verwundeten und ihrer Muni⸗ tion überlaſſend. 1 Die feindlichen Offiziere ſchätzen ihre Verluſte auf faſt vierhundert Todte, Verwundete oder Vermißte, darunter zwei Capitains und mehrere Unteroffiziere. Die Inſurgenten hatten nur zwei Todte und fünf Verwundete, von denen am folgenden Tage zwei ſtarben. Auf ihrem Rückzuge überraſchten die Ruſſen einen alleinſtehenden Poſten 1 von ſieben Mann, bei welchem ſich ſieben Inſurgenten befanden, welche die Erſteren als zweifelhaft bewachten. Dieſe vierzehn Männer wurden ohne Mitleid niedergemacht. Langiewicz erfuhr, daß er am andern Tage auf's Neue von noch be⸗ —— ————. trächtlicheren Streitkräften angegriffen werden würde, indem die Colonne, welche im Gefecht geweſen war, ſich durch eine andere, welche von Rudom her kam, verſtärkt hatte. Er hob daher während der Nacht ſein Lager auf und marſchirte auf Slaszom zu. 3 . 24 392 Die Ruſſen kamen in der That am zwölften Tage wieder und bombardirten und plünderten das Kloſter, das die Mönche jedoch vorher verlaſſen hatten.— Wenden wir uns wieder zu Mouravieff. Nachdem er die Schlächtereien der Nacht fortgeſetzt hatte, ließ er Van Elldorff mit den militairiſchen Ehren⸗ bezeugungen im Hofe der Citadelle begraben. „Es war ein Verirrter,“ ſagte er ſeinen Offizieren,„ſein Vater iſt einer der eifrigſten Diener des Kaiſers.“ Dann erinnerte er ſich an die Verlobte Chriſtian's, an Beatrix, die er auf ſo ſchmähliche Art hatte knuten laſſen und fragte nach ihr. Man ſuchte ſie überall, ſie war verſchwunden. Am Abend fand man ſie endlich, blutig, halbtodt, eingeſchlafen auf dem entſeelten Körper Chriſtian's. Man theilte dies Mouravieff mit. „Sie ſoll ihren Willen haben, man tödte ſie auf dem Körper ihres Ge⸗ liebten.“ Bei dem Geräuſch, welches die Schritte der Soldaten verurſachten, er⸗ wachte Beatrix, ſie ahnte, daß ihr Schickſal entſchieden ſei. Sie ſchloß die Augen, ſprach ein kurzes Gebet und indem ſie den Körper des Märtyrers umklammerte, rief ſie:. „Schießt zu! Gott ruft und Chriſtian erwartet mich!“ Die Kugeln pfiffen. Die beiden Leichname hielten ſich umarmt. Verlobt im Leben, wurden ſie im Tode vereint. 14. Mädchenwillen. Während in der Citadelle von Wilna dieſe Ereigniſſe ſpielten, befand ſich Conrad von Waſa, begleitet vom General Berg und umgeben von ruſ⸗ ſiſchen Soldaten, auf dem Wege nach Warſchau. Der junge Fürſt hatte keine Ahnung von dem Complot, das gegen ihn geſchmiedet wurde. Er glaubte dem Tode entgegen zu gehen und der Abſchied vom Leben wurde ihm nicht ſchwer, weit entfernt war er aber von jeder Vermuthung hinſichtlich der auf ihn geſetzten großen Hoffnungen. Der Weg war lang, kalt und finſter. Mit gebundenen Händen und wunden Füßen konnte der Fürſt von Waſa nur mit Mühe marſchiren. —— — —— 393 Es war ſchwer, in dieſem armen Gefangenen, der bei Nacht auf abge⸗ legenen, eisbedeckten Wegen zwiſchen Pferdehufen dahin ſchlich, den jungen, glänzenden Fürſten von Waſa wiederzuerkennen, deſſen Vermögen dem Reich⸗ thum eines Königs gleichkam. Erſchöpft und gebrochen, wie er war, verſagten ihm ſeine Glieder zu⸗ weilen den Dienſt, dann rief ihn aber ein Stoß mit dem Flintenkolben wieder zu dem Bewußtſein ſeiner entſetzlichen Lage zurück. Er mußte marſchiren. Er marſchirte und dachte an Julia Batory die er liebte— ſein Leben wollte er ihr zum Opfer darbringen— weiter wünſchte er keine Entſchä⸗ digung für ſeine Demüthigungen und ſeine Leiden. Ungefähr zwei Meilen vor Warſchau begegneten ſie ruſſiſchen Truppen, die in den Vorſtädten der Hauptſtadt campirt hatten. Sie waren mit Staub bedeckt und führten mehrere Wagen voll Ver⸗ wundeter mit ſich. Es waren die Trümmer einer ganzen moskowitiſchen Armee. Unter dem Commando des General Brunner hatten dieſe Truppen vermöge ihrer großen Anzahl oft mit Erfolg gekämpft, häufig aber auch Niederlagen erlitten. Das Gefecht in der Gegend von Woloelawecz war fürchterlich ge⸗ weſen. Die Brücke von Kolo war von vierzig Polen, die ſich dahinter ver⸗ ſchanzt hatten, angezündet worden, und man hatte es nicht gewagt, ſie zu ſtürmen.— Die zerſtreuten Infurgenten hatten ſich bei Konin wieder gefammelt, hatten hier einige tauſend Mann Verſtärkungen, friſche Kämpfer, die aus dem Herzogthum Poſen kamen, an ſich gezogen, ſodann die Ruſſen bei Izbica angegriffen und ſie total geſchlagen. Inzwiſchen hatte man die Thore von Warſchau erreicht. Conrad von Waſa konnte ſich nicht mehr aufrecht erhalten. Am letzten Tage des Marſches hatte man ihn auf einen Wagen ſetzen müſſen. Seine Füße vermochten ihn nicht mehr zu tragen, man hätte ihn auf der Land⸗ ſtraße liegen laſſen müſſen. Vor Warſchau trennte ſich der General Berg von der Escorte und ritt allein in die Stadt. Die Soldaten kehrten in ein Wirthshaus ein und ließen ſich ein Abend. eſſen geben.. Conrad wurde vom Wagen gehoben und in ein Zimmer des Wirths⸗ hauſes gebracht. Man ließ ihn dort eingeſchloſſen bis zum andern Tage. „Was wollen Sie nur mit mir machen?“ fragte ſich der junge Mann, — 394 voll Erſtaunen, das man ihn noch nicht in irgend einen finſtern, tiefen Kerker geworfen, oder nach Sibirien geſchickt, oder ganz ohne Umſtände ge⸗ hängt hatte. Die Ruſſen pflegen doch ſonſt eine ſchnellere Juſtiz zur Verfügung zu haben. Gegen Abend holte man ihn aus ſeinem Zimmer und führte ihn auf die Straße. Vorher hatte man aber die Vorſicht gebraucht, ihm die Hände zu feſ⸗ ſeln und die Augen zu verbinden. Ein verſchloſſener Wagen erwartete ihn. Er ſtieg in Geſellſchaft zweier bürgerlich gekleideter Polizei⸗Agenten ein, und der Wagen rollte durch die Straßen Warſchaus. Nach längerem Fahren und häufigem Umwenden hielt er in einer ein⸗ ſamen Gaſſe vor einer hohen Mauer an, über welcher die dichtbelaubten Gipfel alter Kaſtanienbäume ſich zeigten. Ein kleines Hinterpförtchen, grün angeſtrichen und unter Epheuranken verſteckt, öffnete ſich geräuſchlos und Conrad Waſa wurde durch dieſes Pfört⸗ chen geführt. Er befand ſich in einem großen Garten, wenigſtens glaubte er dies aus der Friſche des Bodens und der reinen Luft, die er einathmete, abneh⸗ men zu können. Die Augen waren ihm noch immer verbunden und die Hände ge⸗ feſſelt. Er verlangte, daß ihm die Binde abgenommen werde. Er erhielt die Antwort, man müſſe in Folge höherer Befehle ſo handeln, und habe weder das Recht noch die Macht, ſeinem Verlangen zu willfahren. Er erinnerte ſich deſſen. „Uebrigens,“ ſetzte einer der Agenten hinzu,„ſind wir am Ziele und nach wenigen Minuten wird die Binde fallen.“ „Ein wenig Geduld!“ ſagte der andere Agent. „Ich werde warten!“ ſagte Conrad Waſa. Die beiden Leute hatten ſeine Schultern gefaßt und führten ihn ſo; er merkte, daß er durch einen mit Bäumen bewachſenen Garten ging. Bald ſtanden die Agenten ſtill und bedeuteten ihn, daß er einige Stu⸗ fen hinaufſteigen müſſe. Den Alleen des Gartens folgten nun mehrere Zimmer einer ausgedehnten Wohnung. Auf einmal merkte Conrad, daß es leer um ihn her wurde, er machte eine Anſtrengung und ſeine Hände waren frei. Seine erſte Bewegung war, ſich die Binde von den Augen zu reißen, und die Binde fiel. Die Agenten waren verſchwunden. Er war allein und im Dunkeln. Keine Binde, keine Feſſeln mehr, die Hände frei— aber wie ſich zu⸗ recht finden? Er kannte weder den Stadttheil noch das Haus, worin er ſich befand, und ſtand in einem finſteren, hermetiſch verſchloſſenen Zimmer. Conrad war tapfer; er hatte dem Tode nah in's Auge geſehen. „Warten wir!“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Plötzlich öffnete ſich eine Flügelthür, ein reich möblirter, prächtig er⸗ leuchteter Salon zeigte ſich den geblendeten Blicken des Fürſten von Waſa. Seit mehreren Monaten war er nur an den Anblick finſterer Wälder, dürrer Steppen, nebliger Atmoſphäre gewöhnt, mehrere Stunden lang waren ſeine Augen dem Lichte verſchloſſen geweſen und dadurch ſchwach geworden; er konnte den Anblick, der ſich ihm ſo unerwartet darbot, nicht ertragen, und ſeine Augenlider ſenkten ſich. Allmälig erholte er ſich: der Luxus konnte ihn nicht ſcheu machen, noch in Verlegenheit ſetzen. Vor dem polniſchen Kriege hatte er, ſtets um⸗ geben von allen Reichthümern, die die Erde zu bieten vermag, gelebt; er öffnete die Augen wieder und warf einen ſichern Blick in die Tiefen des weiten Gemaches, welches ſich vor ihm aufgethan hatte. Im Hintergrunde deſſelben auf einem Sopha ſaß eine Dame, eine junge Dame, die er nicht erkannte, die ihm aber ſehr ſchön vorkam. Sie trug eine Robe von ſchwarzem Sammet, welche die Schultern frei⸗ ließ. Ein Collier von ſchönen Perlen ſpielte auf dieſen lilienweißen Schul⸗ tern. Die rabenſchwarzen Haare waren über der Stirn in Form eines Dia⸗ dems aufgenommen und eine Agraffe von Rubinen hielt ſie feſt. Sie ließen den weißen, klaſſiſch geformten Hals und das feine Ohr frei, welches von dem Gewichte zweier ſchwerer Diamanten ein wenig heruntergezogen wurde. Bei dieſem Anblick fühlte Conrad ſich verwirrt, das Blut ſtrömte ihm zum Herzen zuruͤck. Er wußte noch nicht, an welchem Orte er war, und welche Dame er vor ſich ſah; aber die Stimme der Ehre ſprach in ihm, ein förmlicher Schwindel ergriff ihn. 1 Die junge Dame erhob ſich, that einige Schritte in dem Zimmer, ſetzte ſich dann an ein Clavier und begann mit melodiſcher Stimme zu ſingen: „Freuet euch, ihr Mädchen, jubelt, Frohe Botſchaft bring' ich euch; Seht im Abendſtrahl vom Walde Unſre tapfren Reiter nah'n.“ Conrad hörte aufmerkſam zu— er erkannte ein Lied ſeines Vater⸗ landes. 3„Ziehen ein in unſer Dörſchen, Nach des Kampfes Müh und Leid, 396 Ihrer Mütter Mund zu küſſen, Auszuruh'n in ihrem Arm. Ihre Decke war der Himmel, Harte Erde war ihr Bett, Wenn ſie matt zu Boden ſanken Nach dem heißen blut'gen Streit.“ Conrad fühlte ſich von Rührung ergriffen, er kniete nieder. Die Stimme klang ſüß und rein, was ſie ſang, war ein polniſches Volkslied und die Söhne der Ukraine pflegten es im Bivouac zu ſingen. „Unfres Landes tapfren Söhnen Bringt das Beſte, was ihr habt, Daß ſie heute froh genießen, Leicht iſt's ja ihr letztes heut! Breitet Heu zum weichen Lager, Mädchen, holet ſüßen Meth, Blumen pflücket mir im Garten, Schmückt die Hütte zum Empfang. Haben oft für uns geſtritten, Laßt uns pflegen ſie zum Lohn, Laßt ſie ſchmauſen, laßt ſie trinken, Spart nichts für die Feinde auf. Uns die Freiheit zu erkämpfen, Ließen Heimath ſie und Heerd, Stritten tapfer, uns zu ſchützen, Uns zu retten unſer Land! Die Töne des Liedes verhallten, aber Conrad von Waſa horchte noch immer. „O fahren Sie fort,“ ſagte er,„weiter, weiter, Sie ſingen ſo ſchön—“ Langſam ſchritt er vorwärts, die junge Dame wandte ſich um und heftete einen magnetiſchen Blick auf ihn. Doch plötzlich wich Conrad von Waſa, wie von Entſetzen ergriſſen, zurück. „Eleonora!“ rief er aus. „Nun ja,“ ſagte dieſe,„ich bin es; ich, die ich Sie liebe und dem Tode entriſſen habe.“ Conrad ſah ſich plötzlich in die jüngſte Vergangenheit zurück verſetzt und fand ſich wieder auf dem Hofe der Citadelle von Wilna, inmitten ſei⸗ ner unglücklichen Leidensgefährten, deren mehrere bereits den Zoll des Todes bezahlt hatten. „Wäͤre es denn wirklich wahr?“ ſagte er vor ſich hin. — 397 „Waren Sie nicht dem Tode verfallen?“ „Ich war es.“ „Und ſind Sie nicht hier in voller Sicherheit?“ „Und Ihnen, Eleonora, verdanke ich mein Leben?“ „Zweifeln Sie an meiner Ergebenheit?“ „O verzeihen Sie mir,“ ſagte Conrad,„wenn ich daran zweifle, ſo ge⸗ ſchieht es, weil ich nie etwas gethan habe, um ſie zu verdienen.“ „Was wollen Sie damit ſagen, Fürſt?“ „Ich habe mich der bereits beſchloſſenen Verbindung mit Ihnen entzogen.“ „Nicht Sie haben das gethan,“ ſagte Eleonora Batory mit großer. Ruhe,„ſondern die Umſtände.“ Conrad ſchlug voll Erſtaunen den Blick zu der jungen Dame auf. „Ich weiß Alles!“ ſetzte ſie mit bedeutſamem Lächeln hinzu. „Alles?“ „Ja, meine Mutter hat mir Alles erzählt.“ „Aber was denn?“ fragte Conrad mit wachſendem Erſtaunen. „Ihre Liebe zu Ihrem Vaterlande.“ „Nun?“ „Und Ihre Mitgliedſchaft in einer geheimen Geſellſchaft.“ „Niemals bin ich—“ „Sie mußten kämpfen, und Sie haben gekämpft; jetzt, wo Sie der Sache, die Sie für die gute hielten, Ihre Schuld abgetragen, haben Sie wohl das Recht, an Ihrem Lebensglücke zu arbeiten.“ „Ich verſtehe Sie nicht!“ ſagte Conrad. „Und es iſt doch ſo einfach, meine Mutter iſt endlich durch Ihre Be⸗ ſtändigkeit gerührt worden und willigt in unſre Verbindung.“ „Unſre Verbindung?“ „Ja— hören Sie— es nahen Schritte, ſie iſt es.— In einer Stunde gehören wir einander an, Fürſt.“ 1 Conrad wußte nicht, was er ſagen ſollte. Er war beſtürzt, über⸗ rumpelt. Als er den Blick erhob, ſtand die Gräfin Batory vor ihm. „Gnädige Frau,“ ſagte er,„wollen Sie mir gütigſt ſowohl meine An⸗ weſenheit an dieſem Orte als auch das, was ich hier ſo eben erfahre, er⸗ klären?“ „Sie ſind hier, Fürſt,“ antwortete die Gräfin,„weil Mouravieff Sie mir geſchenkt hat. Sie waren zum Tode verurtheilt, er hat Sie verkauft, und ich habe Sie gekanft.“ Conrad rief ein bedauerndes Lächeln auf ſeine Lippen. „Fürchten Sie ſich nicht,“ ſagte die Gräfin,„ich laſſe Sie nicht hän⸗ gen, ich verheirathe Sie nur.“ 398 „Niemals!“ „Hören Sie,“ ſagte die Gräfin,„Ihr Leben iſt in meiner Hand— wenn Sie ſich weigern, ſind Sie todt!“ „So werde ich ſterben.“ „Hat der Tod keine Schrecken für Sie?“ „Nein.“ „So hören Sie etwas Andres. Vor zehn Jahren, Fürſt, hat Ihr Bruder, der Herzog Waſa, eine Million Schulden gemacht und iſt zahlungs⸗ unfähig geſtorben.“ „Ich werde für meinen Bruder bezahlen.“ „Ja, aber der Herzog Waſa hat, nachdem er ſich und Andere ruinirt, eine Fälſchung begangen, für die ich, die Gräfin Batory, die Beweiſe in Händen habe. Nachdem Sie von der Welt ſind, beflecke ich ſein Andenken und das Ihrige.“ „Man wird Ihnen nicht glauben.“ „Ich habe den Beweis in Händen.“ „Elende!“ rief der Fürſt von Waſa in der höchſten Erbitterung aus; „wenn Du dieſe Fälſchung in Händen haſt, ſo haſt Du ihn auch dazu ver⸗ anlaßt, ſie zu begehen. Mein Bruder hat ſich ruinirt und einen Fehltritt in ſeinem Leben begangen; aber dieſer Fehltritt entſtand aus einem Ver⸗ brechen, und dies Verbrechen war, daß er Dich liebte.“ „Er?“— „Du warſt ſeine Maitreſſe.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Fürſt!“ „Ahl Sie haben den Beweis für die Schwäche meines Bruders in Händen, wohlan, ich habe Beweiſe für Ihre Schande.“ „Fürſt, Sie kommen nicht mehr aus dieſem Zimmer, Sie müſſen ſter⸗ ben. Sie begreifen, daß Sie nach einem ſolchen Geſtändniß nicht mehr leben können. Meine Ruhe ſteht auf dem Spiele.“ Sie zog an dem Griff eines Klingelzuges, und ſofort erſchienen vier Bewaffnete. „Da ſind Deine Henker!“ ſagte der Fürſt. „Und hier ſteht das Opfer!“ ſagte die Gräfin zu den vier Männern, indem ſie mit dem Finger auf den Fürſten Waſa zeigte. In demſelben Augenblick entſtand aber ein furchtbarer Lärm in dem Schloſſe— in wenigen Minuten war es erſtürmt und beſetzt. Beim Scheine der auflodernden Flammen drückten zwei Männer ſich die Hand: es waren Conrad von Waſa und Stanislas Tarnow. „Ich erfuhr, daß man Dich hierher führte,“ ſagte der Letztere zu ihm, „ich nahm an, daß Du einer Gefahr entgegengingſt, ſammelte daher einige dreißig Mann, und hier ſiehſt Du uns.“ — —= — —— —— 399 „Meinen Dank,“ ſagte Conrad,„ich will's Dir wett machen.“ Am andern Tage theilte Stanislas ſeinem Freunde mit, daß die Gräfin Batory und ihre ältere Tochter auf ſeinen Befehl über die Grenze gebracht worden. Der Graf Batory aber war in einem Gefechte vor we⸗ nigen Tagen gefallen. „Von dieſer ganzen Familie,“ ſagte Stanislas,„bleibt uns alſo nur Julia!“ Conrad bebte zuſammen. 15. Tod und Glück. Es war eine düſtere Nacht. Zwölfhundert junge Leute campirten in einer Entfernung von ungefähr zwei Meilen von Wilna, am Saum eines Waldes. Sie waren ſämmtlich ſchön, ſtark, kräftig und gut bewaffnet. Der Mann, der ſie befehligte, nannte ſich Stanislas Tarnow, und unter ihm commandirte Conrad von Waſa. Ein aus Baumzweigen errichteter Altar, deſſen Baſis der ſtarke Stamm einer Eiche bildete, ſtand im Hintergrunde einer von dichtem Gebüſch um⸗ gebenen Lichtung. Harzfackeln, deren rothe Flammen durch die Nacht flackerten, beleuch⸗ teten die Scene. Hinter dem Altar erhob ſich ein Kreuz von Holz, ein kürzlich ſtattgehabtes Begräbniß bezeichnend. „Wer liegt denn dort begraben?“ fragte ein erſt am geſtrigen Abend angekommener junger Mann einen Offizier. „Wenn Du geleſen hätteſt, Freund,“ antwortete ihm dieſer,„ſo wür⸗ deſt Du geſehen haben, daß auf jenem Kreuz zwei Namen ſtehen: Beatrix und Biruta.“ „Beide Opfer der Erhebung der Nation?“ „Ja, mittelbar. Die Erſte ſtarb an den Folgen einer entſetzlichen Strafe und mit einem Herzen, das der Tod des geliebten Bräutigams ge⸗ brochen; die Zweite ſank bei der Nachricht von einem großen Unglück wie vom Blitz getroffen um und war todt.“ „Wer war denn jene Biruta?“ fragte der junge Mann. Der Offizier warf einen unruhevollen Blick um ſich her. „Jene Biruta,“ ſagte er,„war die Gemablin des Fürſten Orlanoff, der ſich einen Namen in der Regierung gemacht hat, und die Mutter des 400 jungen Fürſten Orlanoff, der vor einem Monat in einem Ierenhauſe Mos⸗ kaus geſtorben iſt.“ „Wie kam es denn, daß ſie unter uns war?“ „Höre, und wenn Du mich zwiſchen heut und ein paar Tagen nicht mehr ſiehſt, ſo erzähle Anderen, was ich Dir jetzt ſagen werde.“ „Zu welchem Zweck?“ „Du wirſt ſchon ſehen.— Biruta war die Tochter des Grafen Kra⸗ ſinski; eines Tages oder vielmehr in einer Nacht wurde ſie von dem Fürſten Orlanoff entführt; er ſchloß ſie in eines ſeiner Schlöſſer ein und liebte ſie zum Sterben.“ „Ich habe dunkel davon reden hören—“ „Biruta verabſcheute den Fürſten, und da ſie nichts ſo ſehr wünſchte, als zu fliehen, ſo gelang es ihr, zwei Männer für ſich zu gewinnen, zwei Ruſſen, die ihr heimlich aus dem Schloſſe forthalfen.“ „Ach!“ „Dieſe beiden Männer jedoch, Rivalen, die Beide um Biruta's Liebe warben, machten vergebliche Anſtrengungen, um das zu erreichen, was der Fürſt Orlanoff nicht erreicht hatte. Es gelang ihnen beiden nicht; da ſperrte ſie eines Tages der Eine in ein dunkles Zimmer ein und beging eine unwürdige Handlung. Als das Verbrechen verübt war, rühmte er ſich deſſen gegen ſeinen Nebenbuhler, und dieſer, da er ſich nicht aus dem Felde ſchlagen laſſen wollte, beging, ſeiner Leidenſchaft ſo ſehr wie ſeiner Eitelkeit gehorchend, dieſelbe Schändlichkeit.“ „O das iſt ja entſetzlich!“ „Nicht wahr?— Die unglückliche Dame hatte ſich hrer Rechtſchaf⸗ fenheit anvertraut. Sie hatte keine Stütze, keinen Schutz; ſie lebte vierzehn Tage bei dieſen beiden Ungeheuern, bis zu einem gewiſſen Abend, wo ſie, Beide trunken, ihr Opfer mit Würfeln ausſpielten und es verloren. „Biruta war jung und ſchön; der Mann, der ſie gewonnen hatte, be⸗ trachtete ſie als ſeine Beute und führte ſie mit ſich, wie jene beiden Ruſſen gethan hatten.“ „Der Abſcheuliche!“ „Auch er war trunken an jenem Abend— verdammen wir ihn nicht. Ein ganzes Leben lang hat er ſein Verbrechen geſühnt. An Händen und Füßen gebunden, hat er ſich der Dame ausgeliefert, die er beſchimpft hatte. Eines Tages legte er auf den Knieen vor ihr den Eid ab, den Tod nur aus ihrer Hand empfangen zu wollen und ihr bis zur letzten Stunde ſeines Lebens mit ſeiner ganzen Familie zur Verfügung zu ſtehen. Vor wenigen Tagen iſt er geſtorben, und erſt in der letzten Stunde hat ihm ſein Opfer verziehen. „Ich erzähle Dir das,“ fuhr der Offizier fort,„weil ich dem Tode ent⸗ 401 gegengehe, und weil ich will, daß man den Namen des letzten jener drei Männer, der noch übrig iſt, des elendeſten von, ihnen, erfahre.“ „Du kennſt ihn?“ „Ja.“ „Er heißt?“ „Mouravieff.“ „Die beiden anderen ſind todt?“ „Ja, und Mouravieff hat ſeinen Sohn tödten laſſen, vor ſeinen eignen Augen hat er ihn umbringen laſſen.“ „Biruta iſt dennoch Fürſtin Orlanoff geworden?“ „Nachdem ſie entehrt worden, hat der Fürſt ſie dennoch verfolgt und ſich ihr zu Füßen geworfen. In einem Moment der Verzweiflung und der Reſignation hat die Unglückliche eingewilligt, die Seinige zu werden. Es war indeſſen unrecht von ihr, denn ſpäter konnte ſie die Liebe ihres ganzen Lebens nicht beſiegen, und ihr Herz ſchlug von Neuem für die Leidenſchaft ihrer Jugend.“ „Wie— 2“ „Still, da kommt Stanislas Tarnow.“ Der junge Mann hatte eine verſchleierte junge Dame am Arm und ſchritt in Begleitung ſämmtlicher Offtziere des kleinen Heeres auf den Altar zu. „Die Dame, die er am Arm hat, iſt Hedwig;— lange Zeit hat ihre Mutter ſie für Geſchwiſter gehalten,“ ſagte der Offtzier;„alle Zweifel ſind aber jetzt gehoben. Van Elldorff's Identität iſt feſtgeſtellt, Gott hat ſie verlobt, die Menſchen werden ſie jetzt verbinden.“ Hinter Stanislas ging Conrad von Waſa und führte Julia Batory am Arme. „Die Tochter eines Büßers,“ ſagte der Offtzier;„er iſt todt; möge Gott ihm verzeihen.“ „Wer biſt Du denn aber?“ fragte der junge Mann. 3 „Ein Verwundeter, ein Sterbender; ich habe hoffnungslos geliebt, habe mich gerächt und meine Rache hat mir nur Gewiſſensbiſſe eingetragen. Ich bin ein Ruſſe und wurde zum Gefangenen gemacht, für das Geſchenk meines Lebens habe ich mich der polniſchen Sache geweiht; aber ich werde gerade nur noch Kraft genug haben, um zu ſterben.“ Er entfernte ſich. „Wie heißt denn jener Offizier?“ fragte der junge Mann einen ſeiner Kameraden. „Der?“ ſagte der Andere,„das iſt ein Patron, auf den wir ein wach⸗ ſames Auge haben; es iſt der Graf von Wielun.“ Jetzt hatten die beiden Paare, umgeben von der ganzen bewaffneten Jugend, den von Fackeln beleuchteten rohen Altar erreicht. Phantom Polens. II. Bd. 1 26 402 Bald erſchien eine Gruppe von Männern, tief in die Falten langer ſchwarzer Mäntel gehüllt; ſämmtliche Anweſende entblößten das Haupt und verneigten ſich. Es war eine Deputation der Nationalregierung, abgeſendet von ihr, um die Hochzeitsfeier eines der populärſten Helden Polens zu beehren. Der Prieſter vollzog die Ceremonie;— kaum aber war das feierliche Ja geſprochen und die Ringe gewechſelt, da wandte Tarnow ſich zu ſeinen Soldaten und zugleich zu einer Menge von Leuten aus den benachbarten Dörfern, die herbeigeeilt waren, um die Trauung mit anzuſehen. „Meine Brüder,“ rief er aus,„erheben wir uns und verlieren wir nicht eine Secunde, denn die Wuth unſerer Feinde hat ihren GWipfel erreicht. Mit den vom Blute unſerer Brüder gerötheten Händen wollen ſie unſere Häupter unter das Joch beugen. Auf die Greiſe, die Weiber, die Kinder ſtürzt ſich der Feind, nichts ſchont, nichts achtet er, alles metzelt er nieder. Deshalb, Brüder, ergreifen wir die Waffen in der feſten Zuverſicht, daß Gott die Nation, wenn ſie einig iſt in dieſem Gefühl, durchdrungen iſt von dieſem Geiſte, mit ſeiner Macht unterſtützen, und ſie von den Todten auferwecken wird vor den Augen der beſtürzten Feinde, wie einſt der Hei⸗ land durch ein Wunder auferſtand aus dem Grabe inmitten der Wächter. „Indem wir die Waffen ergreifen, ſchwören wir vor Gott, und erklä⸗ ren es allen Völkern, ja ſelbſt unſern Feinden, daß wir weder fremdes Land, noch fremdes Gut erobern wollen; wir wollen uns nicht durch Plünderung und Raub bereichern; wir wollen keiner Nation ihre Freiheit entreißen; wir wollen nur, daß man uns zurückgebe, was uns gehört, was uns ſeit Jahren durch Gewalt, durch Zerſtörung und durch den verabſcheuungswürdigſten Verrath entriſſen worden.— Mit einem Wort, wir wollen ein freies Polen, worin Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Gleichheit herrſcht.— Brüder, Söhne unſeres gemeinſamen Vaterlandes, indem wir die heiligen Kämpfe für den Glauben und die Freiheit beginnen, wenden wir uns an euch und fordern euch auf: Reicht uns die Hand, komme ein Jeder uns zu Hülfe, wie er es kann und wie er es verſteht, denn Alle für Einen müſſen wir ſtehen, ſtark durch das Recht und durch unſern Muth; durch ſolche Verbin⸗ dung allein werden wir unſern Boden von den Horden, die ihn überſchwemmt haben, reinigen. Reicht uns die Hand, ihr Brüder Bauern; ergreifet eure Senſen, eure Aexte und eure Flinten, und mit dem Namen der heiligen Jungfrau auf den Lippen und im Herzen, vorwärts mit uns auf den Feind.“ „Reicht uns die Hand, ihr Brüder vom Adel; ſendet eure Söhne in unſere Reihen, und unterſtützet ſelbſt uns mit euren Rathſchlägen und euren Mitteln, die ihr ſo großmüthig zu opfern gewöhnt ſeid für unſre gemein⸗ ſame Mutter, das Vaterland! —— 403 „Ihr iſraelitiſchen Brüder, die ihr mit unſerer Nation verſchmolzen ſeid, ihr edlen, werthen Frauen, ihr endlich, Prieſter, männliche Vertheidiger unſres heiligen Glaubens, helfet uns— und Du“— damit wandte ſich der Red⸗ ner an einen der tief in die ſchwarzen Mäntel gehüllten Männer, dem ein Säbel an der linken Seite klirrte, während von der pelzverbrämten Polen⸗ mütze eine hohe Reiherfeder nickte—„Du, unſer Oberhaupt, führe und leite uns auf dem Schlachtfelde, wie ehemals Kosziusko, dieſer unſterbliche Held Polens unſre Väter führte; führe uns zum Siege, führe uns, daß wir unſere unterdrückte Mutter, Polen, unſer Vaterland, befreien von den Feſſeln der Moskowiter! „Polniſche Brüder, vorwärts im Namen Gottes! Zu den Waffen gegen die Feinde der Wahrheit und Freiheit!“— Kaum hatte Stanislas Tarnow dieſe Worte geſprochen, da ſchaarten ſich alle Anweſenden unter enthufiaſtiſchen Rufen um ihn. Man war electriſirt. Die Aexte, die Senſen wurden geſchwungen. „Wir werden ſiegen!“ rief man. „Wir werden ſterben bis auf den letzten Mann!“ ſagten andere Stimmen. 26* ſſſſſiſſtnnnnnhdhiniim ſſſnſſſſſſſſinſfſſſfffff 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 1 6 7 18 19 20 21 8 2. “ “ 9 * 1 1 4 „