Leihbibliothek eutſcher, engliſcher und franzoöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, b Schloßgaffe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. 1. Oifensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 8 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e eines Buches, eine dem Werthe deſellen entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. beträgt: für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher:* 1 M. Ff. 1 Mr. 50 Ff. 2 M f. en verpflichtet. 4 auf 14 Ta e feſtge etzt und wird KA. Phanlom Polen⸗ Die Trauerſpiele in Warſchau. Hiſtoriſcher Roman. AAAARARRPWDTi Mit vielen in den Tert gedruckten Illuſtrationen. Dritter Theil. 4 ———e— Berlin. Selbſtverlag von Friedrich Scherl. ——BSeS=SSEg —— Kapitel. 1. g 1 F Lo 50 10. 27. 2 Dritter Theil. Rückhlicke....... Das Kloſter der Franziskaner Die Sitzung der geheimen Regierung Der Ruf des Vaterlandes. Sigismund und Henriette. In der großen Oper Eine politiſche Miſſion Herz und Welt Der Opernball Eonſtantia........ Die Salons der Gräfin Batory Der Invalide des Jardin de plantes Ein gebrochenes Frauenherz Der Verführer.... Die Befehle des Phantoms Der Verrath Der Selbſtmord Die Hülfe der Armen Die Krallen des Teufels Auf der Eiſenbahn Ein Sterbender Flucht und Tod Der Brief. Ein Mors. Ein polniſcher Jude Schlimme Nachrichten. Ein Unglückstag. Die Rache. Inhaltsverzeichniß. 421 Seite 40⁵5 410 415 426 432 438 444 449 460 472 485 498 508 519 531 540 551 562 574 586 598 610 618 631 642 651 * ———— „elnen Inſurgentenhaufen centraliſiren, um den Ruſſen wirkſamer entgegen⸗ Rückblicke. Wir ſtehen im März des Jahres 1863. Durch ganz Europa hallte der klagende Ruf Polens:„Der Dictator iſt gefangen! Langiewicz iſt in den Händen der Oeſterreicher!“— Auf ihn hatte man ſeine Hoffnung geſetzt, ſein Organiſationstalent ſollte den Polen eine Armee geben, ſollte die zerſtreute Thätigkeit der ein⸗ treten, um ihnen Schlachten liefern zu können, ſtatt kleiner Gefechte und Scharmützel, in denen ſo viel Blut ohne nennenswerthen Erfolg vergoſſen, ſoviel Heldenmuth unnütz aufgewendet wurde. Der Gedanke war ein vortrefflicher, doch ſtieß er in der Ausführung auf Schwierigkeiten, die faſt unüberwindlich ſchienen. Trotz des Opfermuthes der polniſchen Patrioten, die mit Freudigkeit das Wenige, was ihnen nach allen Confiscationen, Plünderungen und Ver⸗ wüſtungen von Seiten der ruſſiſchen Gewaltherrſchaft noch geblieben, mit Freudigkeit auf den Altar des Vaterlandes niederlegten, fehlte es an bereiten Mitteln, und in Folge deſſen an Waffen, wie an der Möglichkeit, größere Truppenmaſſen zu equipiren und in den ausgeſogenen Landſtrichen lange zuſammen zu halten. Nichtsdeſtoweniger hatte das Genie des Dictators ſchon bedeutende Schritte zur Verwirklichung der Erwartungen gemacht, die man an ſeine Ernennung zum oberſten Befehlshaber der Inſurrection mit unbeſchränkteſter Vollmacht geknüpft. In den Heiligenkreuzbergen begann er die Organiſation ſeiner Armee. Freiwillige ſtrömten von allen Seiten unter ſeine Fahnen. Bald hatte er einige tauſend Mann zu ſeiner Verfügung. Veer es vermochte, equipirte ſich ſelbſt, wem die Mittel dazu fehlten, 6 406 orhandenen kärglichen Fonds und n usgerüſtet. 8 Corps des Dictators das Anſeh t das unter den obwaltenden Umſt nen, Huſaren, Reiterſchwadronen, ompagnieen, doch das Gros ſeiner der wurde aus den 9 zu erlangen waren, a Bald gewann da Truppenkörpers, ſowei gab uniformirte Uhla bataillone und Jägere nit den Wfen, die en eines egulären änden möflich. Es es gab Snfanterie⸗ Mannſchaften bil⸗ deten immer noch die Koſſyniere, die Senſ Senſenmänner, mit jener feindlichen Cavallerie ſo furcht und zum äußerft geſchaffen, mit welcher der Bauer jetzt die Saat der Freihei us einem friedlichen Ackerbau⸗Imſtrument ie ſonſt das Korn zu ſeiner Nalhrung, ſchaft Sandomir, ſo hlug . Ein regelmäßiger Generalſtab bildete ſich um ihn, deſſen Chef bald der edle i de. i preußiſchen Polen; achbarn hatte ihm das ehrenvolle Amt übertragen, ſte auf dem Landtag i zu vertreten; ſein Patriotismus, der zu Thaten drängte, litt ihr icht; er gab ſeinen Sitz in der Kammer auf, eilte ſeinen be⸗ d ſtellte ſich dem Dictator zur Ver⸗ fügung, der entzückt, eine ſolche Kraft gewonne n zu haben, ihm die oben⸗ bezeichnete hohe Charge ertheilte. angiewicz übte ſeine Truppen fleißig. Seinem Dien ßiſchen Artillerie hatte er eine gründlich militairiſche Aus danken, ſeine Theilnahme an dem Feldzuge Garibaldi's zur liens verſchaffte ihm Kriegserfahrung und Gelegenheit, jenem die Kunſt abzuſehen nd unter allen möglichen Be⸗ ſchränkungen Außerordentliches zu leiſten. ſte in der preu⸗ bildung zu ver⸗ Befreiung Ita⸗ ſt wurde eingerichtet. Begeiſterung für die heilige Sache erſetzte bei den Truppen den Mangel an militairiſcher Ausbildung und ordentlicher Bewaffnung. Langiewicz den Ruſſen mit günſtigem Er⸗ folge. Bei Wengrow, bei Wochocz, bei Oiczow und Malogocz unterlagen die Feinde. Inzwiſchen fuhr er fort, ſ ihm wie allen andern polniſche Ruſſen wohlverſehen und ohne die ſie mit dau kämpfen waren, nämlich die Artill begegnen. Er hatte die Kaiſerliche Eiſengießerei zu Such gebracht und ließ hier für Rechn ung der Nationalre triebſamkeit Kanonen und Kugeln gießen. eine Armee zu vervollkommnen; gänzlich fehlte n Führern eine Waffengattung, mit der die erndem Erfolge nicht zu be⸗ erte;— auch dieſem Mangel ſuchte er zu odniow in ſeine Gewalt gierung mit großer Be⸗ ; das Vertrauen ſeir ier e 1 Es war ihm indeſſen nicht vergönnt, einen weſentlichen Erfolg ſeiner mit ſo vieler Umſicht begonnenen Thätigkeit zu ſehen. Das Mißgeſchick, das ſich mit Vorliebe an die Sohlen der bedeutend⸗ ſten und begabteſten Männer heftet, verfolgte auch ihn, und ſchnitt ſeine glorreich betretene, das unglückliche Polen zu den größten Erwartungen be⸗ rechtigende Laufbahn mißgünſtig ab. Durch das Anrücken einer bedeutenden ruſſiſchen Streitmacht ſah er ſich gezwungen, mitten unter ſeinen organiſatoriſchen Vorarbeiten, mit ſeiner wenig zahlreichen, noch lange nicht genug eingeübten Armee dem Feinde entgegenzugehen.— Am Ufer der Nida, einem kleinen Flüßchen, welches die öſterreichiſche Grenze berührt, kam es zum Treffen. Langiewicz hatte ſämmtliche Corps aus den Woiwodſchaften Sandoniir und Krakau an ſich gezogen; unter ihm commandirten, außer dem ſchon ge⸗ nannten Bentkowski, namentlich Sakol und Janowski. An ſeiner Seite ritt die kühne Amazone Henriette Puſtowoitoff, Adjutantendienſte bei ihrem ge⸗ liebten Helden verſehend, und bei Gelegenheit Piſtol und Säbel trotz dem älteſten Krieger handhabend. Henriette Puſtowoitoff iſt, obwohl, wie unſere Leſer bereits geſehen haben, keineswegs die einzige Dame, welche in den Reihen der polniſchen Patrioten kämpft, eine der romantiſchſten Erſcheinungen in ihrem Heere. Ruſſin von Geburt und in dem Bekenntniß der griechiſchen Religion er⸗ zogen, begeiſterte ſie ſich ſowohl für die römiſch⸗katholiſche Lehre wie für die Sache der unglücklichen Polen in dem Grade, daß ſie in den Schooß der alleinſeligmachenden Kirche übertrat und während der Jahre 1861 und 1862 bei allen patriotiſchen Kundgebungen in Lublin, welche Stadt ſie bewohnte, eine hervorragende Rolle ſpielte. In Folge ihres Uebertritts zur katholiſchen Kirche ließen die ruſſiſchen Behörden ſie einſperren, zuerſt in Lublin, ſpäter in der Citadelle von Krzemeniec. Dort ſaß ſie ſeit elf Monaten gefangen, als der Befehl eintraf, ſie zunächſt nach Zamosc und von da nach einem Kloſter in Kiew, worin ſie lebenslänglich detinirt werden ſollte, zu trans⸗ portiren. Auf dem Wege nach Zamose wurde ſie indeſſen am 24. Januar aus den Händen ihrer Escorte durch einen Trupp Inſurgenten befreit und in das Lager des damaligen Generals Langiewicz geführt. Die bedeutende Perſönlichkeit des Polenhelden machte einen ebenſo ſchnellen als gewaltigen Eindruck auf ſie, und auch ihm konnte das kühne, lebhafte, zwar nicht klaſ⸗ ſiſch ſchöne, aber doch ſehr anziehende Mädchen nicht gleichgültig bleiben. Bald ſchlang ein zartes Band ſich um dieſe beiden außerordentlichen Natu⸗ ren. In allen Treffen und Gefechten war Henriette an Langiewicys Seite; die Liebe zu ihrem Helden verlieh ihr eine Kraft und eine Ausdauer, wie ſie ſonſt dem zarteren Geſchlechte nicht eigen ſind. Nach dem Kampfe von ——,— — —— — 408 Malogocz, wo ſie ſich ſehr ausgezeichnet hatte, ernannte der General ſie zu ſeinem Adjutanten, und belieh ſie mit der rothen Schärpe, dem ehrenvollen Abzeichen dieſer Charge. Als Langiewicz zum Dictator ernannt wurde, und ſein Name zuerſt durch ganz Europe ertönte, da theilte auch ſein weiblicher Adjutant ſeinen Ruhm, man nannte nie Langiewicz, ohne auch der Amazone Henriette Puſtowoitoff zu gedenken. Der Leſer wird uns gern dieſe kurze Abſchweifung verzeihen, von der wir jetzt zu der Schlacht an der Nida zurückkehren. Die Ruſſen waren dem kleinen polniſchen Heere an Zahl bedeutend überlegen, überdies waren es gut bewaffnete, gut einexercirte Gardetruppen — aber eins hatten die Polen vor ihnen voraus, die Begeiſterung— denn ſie kämpften für Altar und Heerd, für die höchſten Güter einer Nation, der Zorn befeuerte ſie gegen die maßlos unterdrückende Macht, deren gezwungene Schergen nur die ruſſiſchen Soldaten waren. Einen ganzen Tag lang dauerte der Kampf, nur wenig Vortheile er⸗ rangen die Ruſſen, und als die Dämmerung herabſank, da war der Kampf keineswegs ſo entſchieden, daß ſie ſich als Herren des Schlachtfeldes hätten anſehen können. Vierhundert Todte bedeckten polniſcherſeits das Schlachtfeld, und hun⸗ dertundfünfzig Gefangene hatten die Ruſſen gemacht— doch die Verluſte der letzteren waren keineswegs geringer. Da plötzlich entſteht eine Bewegung in der Aufſtellung der Inſurgen⸗ ten, deren eigentlicher Zweck den ruſſiſchen Befehlshabern bei dem unſicheren Lichte der Abenddämmerung nicht erkennbar iſt. Langiewicz hat verſchiedenen Abtheilungen den Befehl gegeben, ſich zu detachiren und in die nächſten Wälder zurückzuziehen; einige Andere, darun⸗ ter diejenige, deren Commando er perſönlich geführt, erhalten Ordre, den Ruſſen noch, ſo lange es irgend geht, einen Sieg ſtreitig zu machen, den er ihnen nicht mehr entreißen kann. Die Befehle waren die Folge einer ernſtlichen Berathung des Dictators mit den ihm untergebenen Befehlshabern. Zu überwinden waren die gegen⸗ überſtehenden Ruſſen nicht, und überdies mußte die Unmöglichkeit anerkannt werden, ſich mit der ganzen Armee, in den vom Feinde ſo ſchrecklich mitge⸗ nommenen Woiwodſchaften Sandomir und Krakau noch länger zu erhalten. Es wurde daher der Beſchluß gefaßt, das ſeit ſo kurzer Zeit erſt zuſammen⸗ gezogene Heer wieder in kleinere Corps aufzulöſen, die ſich einzeln leichter zu ernähren vermochten, und mit dieſen die Ruſſen bald hier, bald da zu beunruhigen, während Langiewicz mit ſeinem Stabe über die naheliegende öſterreichiſche Grenze ſich zurückzuziehen und von Galizien aus nach der Woiwodſchaft Podolien zu gelangen ſuchen ſollte, wo friſche Truppen in einem weniger mitgenommenen Landſtriche ſeiner warteten. 409 Dieſer Entſchluß wurde ausgeführt. Ein Theil der Polen ſetzte nach 9 dem Abmarſch der detachirten Corps den Kampf noch eine Zeitlang fort und zogen ſich dann in ſchönſter Ordnung zurück, ohne daß die Ruſſen daran dachten, ſie zu verfolgen, denn ſie waren froh, auf ſo gute Manier Herren 4 des Schlachtfeldes geworden zu ſein. Langiewicz, Fräulein Puſtowoitoff und die Offtziere ſeines Stabes, „. unter ihnen Bentkowski, ſetzten über die Nida, glücklich entkamen die letzte⸗ ren den umherſtreifenden Grenzpatrouillen; nicht ſo aber Maryan Langie⸗ wicz und ſein weiblicher Adjutant; ein öſterreichiſches Huſarenpiquet machte Beide zu Gefangenen und führte ſie nach Tarnow, der nächſten Stadt, wo ſich ein Commando befand. Bei der damaligen milden Praxis der öſterreichiſchen Regierung hätte man den Dictator, der ſich einen falſchen Namen beigelegt, vielleicht, wie er es verlangte, freigelaſſen und ſich mit ſeiner Entwaffnung begnügt; ein Beamter in Tarnow erkannte ihn jedoch— und nun war es freilich nicht mehr möglich, ihm freien Abzug zu gewähren. Man beſchloß, ihn und ſeine Begleiterin bis auf weitere Ordre von höherer Stelle in Gewahrſam zu be⸗ halten. 4 Dies geſchah, und bald kam der Befehl, Langiewiez nach der Citadelle 1 von Krakau zu bringen, Fräulein Puſtowoitoff aber frei zu laſſen. Sie mußten ſich trennen. Die Haft des Exdictators in Krakau dauerte nicht lange; in ſo un⸗ mittelbarer Nähe des Schauplatzes der blutigen Kämpfe zwiſchen den Polen und Ruſſen fürchtete man einen Handſtreich zu ſeiner Befreiung. Er wurde daher nach Tiſchnowitz in Mähren geführt, und da man ihn durch ſein Ehrenwort am feſteſten gebunden glaubte, geſtattete man ihm, ſich im Um⸗. kreiſe der Stadt frei zu bewegen. Dies war das traurige Ende der kurzen Dictatur eines Mannes, der, bei weniger widrigen Umſtänden, Großes für ſein Vaterland geleiſtet haben würde, dem Polen vielleicht ſeine Freiheit verdankt hätte, denn er war mehr als ein kühner Inſurgentenführer— er war ein Feldherr! Wie aber wirkte dieſe Cataſtrophe auf den Stand der Inſurrection? 1 Unſere folgenden Kapitel werden beweiſen, daß, ſo ſehr man auch den 6 Verluſt fühlte, man ſich durch ihn jedoch keinesweges entmuthigen ließ, denn — Polen iſt reich an Helden, und außergewöhnliche Umſtände locken Charaktere und Talente hervor, die in friedlichen Zeiten unter unſcheinbarem Aeußeren verborgen geblieben wären! 410 2. ZBas Kloſter der Franziskaner. Es war eine finſtere Märznacht. Düſter wie das Geſchick Polens lagerten dichte Wolkenmaſſen über Warſchau. Der Regen floß in Strömen und ſtörte allein das traurige Schweigen der Nacht. „Warſchau iſt ruhig“, ſo meldete Souwaroff dem Czaren, nach jenem furchtbaren Gemetzel in der Vorſtadt Praga, das einen unvertilgbaren Schandfleck auf dem Andenken dieſes Generals hinterlaſſen hat— Warſchau war auch heut ruhig— aber es war„die Ruhe eines Kirchhofs“. Sechszigtauſend Ruſſen lagerten in der Stadt, einer ſolchen Macht glaubte die ruſſiſche Regierung zu bedürfen, um eine Einwohnerſchaft von 200,000 Seelen im Zaume zu halten, um ihren Anordnungen Reſpect zu verſchaffen. Und worin beſtanden dieſe Anordnungen? In den abſcheulichſten Beſchränkungen des öffentlichen wie des privaten Lebens, in das die Militairdespotie mit roher Hand ſich die übermüthigſten Eingriffe erlaubte. Im Anfange des Jahres 1861 war Warſchau in Belagerungszuſtand erklärt worden, und ſeitdem hatte ſich die Lage der unglücklichen Stadt ſtufenweiſe verſchlimmert, bis endlich jetzt das haſſenswerthe Regiment des General Berg, dem die Lorbeeren ſeines Kameraden Mouravieff keine Ruhe laſſen, ſie wie eine eroberte, feindliche Stadt behandelte, ja ſchlimmer darin hauſte als der ärgſte Feind verantworten könnte. Auf den öffentlichen Plätzen und dem ſächſiſchen Garten lagern die ruſſiſchen Soldaten in Zelten, die Koſaken bivouakiren in den Straßen neben ihren Pferden, Paläſte ſind in Kaſernen verwandelt, ein Wunder, daß man Kirchen und Klöſter noch geſchont. Eine ängſtliche Stille herrſchte in der Nacht, von der wir ſprechen, in der weiten Stadt. Kaum hörte man den gleichmäßigen Schritt der zahl⸗ reichen Schildwachen, denn vor dem Unwetter hatten ſie ſich in ihre Schil⸗ derhäuſer oder unter Thorwege und Thüren zurückgezogen und bewachten von dort aus die leeren Straßen, um zu ſehen, ob ſich irgendwo etwas Verdächtiges regte. Mitternacht ſchlugen in geringen Zwiſchenräumen ſämmtliche Thurm⸗ uhren der Stadt, und das helle Glöcklein des Franziskanerkloſters rief die frommen Väter zur Vigilie. Durch die hohen Hallen des Kloſters— Lampen, die in weiten Zwi⸗ ſchenräumen von der Decke herabhingen, erleuchteten ſie nur ſpärlich— 4*— ſchritten leiſe, eine nach der anderen, dunkle Mönchsgeſtalten, tief in die braunen Kutten gehüllt, die Kapuze über das Geſicht gezogen, der Kloſter⸗ kirche zu. Die Kirche, rings von den Kloſtergebäuden umgeben, und daher der Beobachtung entzogen, war mäßig erleuchtet, ein feierliches Helldunkel ſchwebte über Hochaltar und Chor, während die entfernteren Theile des Schiffes und die Seitencapellen in tiefem Dunkel lagen. In kurzer Zeit waren die Mönche verſammelt und hatten ihre Plätze auf dem Chore eingenommen; die vollen Töne der Orgel drangen mächtig anſchwellend, die Seele mit heiligem Schauer erfüllend, durch den Raum, das nächtliche Amt begann. Doch ſiehe! Da öffnet noch einmal ſich die Kirchenpforte und nach⸗ einander treten noch etwa zwölf Männer in braunen Kutten, die Kapuze über dem Geſichte, einen Strick, woran der Roſenkranz hängt, um den Leib geſchlungen, in das Gotteshaus ein. Mönche ſind es der Tracht nach, aber das iſt nicht der ſchleichende, unentſchiedene Schritt der frommen Brüder, die ihr Leben in ſtiller Beſchau⸗ lichkeit und geiſtlichen Uebungen hinbringen; ſtraff und frei gehen ſie ein⸗ her, Muth und Energie ſpricht ſich in ihrer ganzen Haltung aus;— dieſe Kutten ſind eine Maske, unter ihnen verbergen ſich Männer der Welt, Män⸗ ner der That. Ein verrätheriſches Klirren läßt ſich vernehmen, während ſie durch den Mittelgang der Kirche ſchreiten; die Zwölf ſind bewaffnet. Ununterbrochen tönt die Orgel, tönt der ſummende Geſang der Mönche, welche die Ankunft der zwölf geheimnißvollen Männer, dem Anſchein nach, gar nicht bemerken. 2 Die Letzteren lenken ihre Schritte einer Seitencapelle zu, die heute zu einem andern Zwecke, als dem der Anbetung des heiligen Franz, beſtimmt und eingerichtet erſcheint. Ein großer Tiſch, mit einer ſchwarzen Decke behangen, die durch ein breites weißes Kreuz in vier Theile getheilt wird, ſteht in der Mitte der Kapelle und rings um denſelben eine Anzahl Stühle. Papiere, Schreib⸗ materialien bedecken den Tiſch, zu deſſen Erleuchtung zwei Kerzen in ſilber⸗ nen Leuchtern beſtimmt ſind. Die zwölf Männer nehmen Platz um den Tiſch, und ſchlagen die Ka⸗ puzen zurück, die Kerzen werden angezündet und beleuchten eine Gruppe, die jedem Beſchauer, wäre überhaupt ein ſolcher zugelaſſen worden, das höchſte Intereſſe hätte einflößen müſſen. Mit dem Rücken gegen den Altar des Heiligen gewendet, ſaß auf einem höheren Seſſel an der Mitte des Tiſches ein Mann, dem der Beruf zu großen Werken an der Stirn geſchrieben ſtand. 3 ——— — 412 Reiches Haar bedeckte den mächtig entwickelten Schädel und umkränzte die breite, über den Augen weit vorſpringende Stirn, aber dies Haar war ſchneeweiß; ein voller, ſilbergrauer Bart bedeckte Lippe und Kinn. Gleich⸗ wohl war der Mann noch nicht alt, das zeigten ſeine raſchen, energiſchen Bewegungen, das Feuer ſeiner Augen, die feierlich ernſt vor ſich hinblickten, die Haut, die noch ſtraff das zwar magere, aber keineswegs welke Geſicht überſpannte. Man konnte ihn höchſtens für einen Funfziger halten. Dieſer Mann war augenſcheinlich der Präſident der kleinen Verſamm⸗ lung, ſein ausgezeichneter Platz, und die Aufmerkſamkeit, mit der die Uebri⸗ gen auf das erſte Wort von ſeinen Lippen zu warten ſchienen, bewieſen es. So war es allerdings. Die zwölf geheimnißvollen Männer in Mönchs⸗ tracht waren die Spitzen der Nationalregierung des aufgeſtandenen Polens, und der Mann mit dem weißen Haar, den wir ſoeben geſchildert, der Prä⸗ ſident und zugleich Kriegsminiſter derſelben, General Wyſocki. Wir dürfen die Gelegenheit nicht vorüberlaſſen, die genaue Bekannt⸗ ſchaft dieſes außerordentlichen Mannes, eines der thätigſten und vortrefflich⸗ ſten Patrioten des unglücklichen Polens, zu machen. Joſeph Wyſocki wurde im Jahre 1809 in Podolien geboren, zählte alſo zu der Zeit, in welcher unſere Erzählung ſpielt, etwa vierundfunfzig Jahre. Seine Studien machte er auf dem Gymnaſium zu Krzemieniec und trat im Alter von neunzehn Jahren in die damals noch beſtehende polniſche Armee ein. Er erwarb ſich bald den Rang eines Artillerielieutenants und machte den bald darauf ausbrechenden Unabhängigkeitskrieg in dem Corps des berühmten Skrynecki mit; ſeine Tapferkeit trug ihm in dieſem Feldzuge das damals geſtiftete polniſche eiſerne Kreuz mit der Aufſchrift:„virtuti militari“ ein. 3 Nach dem unglücklichen Ende des Krieges wanderte Wyſocki nach Frank⸗ reich aus. Als begabter junger Mann fand er hier bald eine Anſtellung, zuerſt wirkte er an der Kanonengießerei zu Toulouſe und ſpäter an der Ar⸗ tillerieſchule zu Metz, wobei er auch ſeine eigene militairiſche Ausbildung vervollkommnete. Er ſchrieb mehrere kriegswiſſenſchaftliche Werke in pol⸗ niſcher Sprache, und hielt einen Lehreurſus in der Kriegskunſt für die pol⸗ niſchen Emigranten. Seit ihrer Stiftung gehörte er der polniſch⸗demokratiſchen Geſellſchaft an, die daher bei der Wahl ihrer Führer in dem 1846 projectirten Auf⸗ ſtande natürlich ihr Augenmerk auf ihn lenkte und ihm das Commando in Galizien übertrug. Wie man weiß, kam jenes Project indeß nicht zur Aus⸗ führung. Die revolutionären Bewegungen des Jahres 1848 geſtatteten ihm den Aufenthalt in Krakau. Da er ſeinem Vaterlande direct nicht dienen konnte, ſo wollte er ſich wenigſtens an dem Kampfe gegen die Gewaltherr⸗ ſchaft, der in Ungarn ausbrach, betheiligen und organiſirte die polniſch⸗ 413 demokratiſche Legion im Dienſte Ungarns; mit dieſem ausgezeichneten Corps nahm er einen entſcheidenden Antheil am Gefechte bei Hatran, wo der Graf Schlick geſchlagen wurde(2. April 1849). Er that ſich ferner hervor bei Arad, bei Solnok, bei Tapio⸗Bieske; bei Iczaged verhinderte ſeine uner⸗ ſchütterliche Feſtigkeit den Ban Jellachich an einer der ungariſchen Armee verderblichen Schwenkung; nach der Schlacht bei Comorn(26. April 1849) wurde er zum General und Befehlshaber des 9. und 10. Armeecorps(der Armee von Oberungarn) ernannt, und deckte in dieſer Eigenſchaft bis zum letzten Moment den Rückzug der revolutionären Regierung; er ſelbſt ging erſt am 18. Auguſt(1849) bei Orſova über die Grenze. Nachdem er einige Monate in Kutaja internirt geweſen, erhielt er ſeine Freiheit wieder, be⸗ ſuchte England und kehrte 1853 wieder nach Frankreich zurück. Beim Ausbruch des orientaliſchen Krieges ſchöpfte er neue Hoffnung für ſein armes Vaterland, und wollte jedenfalls an dem Kampfe gegen die ruſſiſche Macht, welche es knechtete, Theil nehmen, jedoch ſeine Bemühungen, die Erlaubniß zur Bildung einer polniſchen Legion in türkiſchen Dienſten zu erhalten, führten nicht zum Ziele. Er lebte daher als Privatmann in Paris, bis die neueſten Ereigniſſe in Polen ihn endlich auf den Schauplatz riefen. Das Jahr 1863 ſah ihn wieder auf heimiſcher Erde, und ſein Scharfblick war es, der die Schöpfung einer leitenden Centralbehörde für die Inſurrection erkannte und in's Werk ſetzte. Fürwahr ein kühner Gedanke, inmitten eines großen ruſſiſchen Heeres, deſſen einzige Aufgabe es war, Warſchau im Zaume zu halten, gerade dieſe Stadt zum Sitze des Mittelpunkts des Aufſtandes zu machen und von hier aus ſeine Befehle zu erlaſſen, die ſowohl von den unter den Waffen befind⸗ lichen Polen, wie von dem friedlichen Theile des Volkes pünktlicher befolgt werden, wie die von einer ſo überlegenen Militairmacht unterſtützten Ver⸗ ordnungen der ruſſiſchen Despotie. Ein kühner Gedanke— aber auch ein lautzeugender Beweis, wie all⸗ gemein die Sympathieen für den Verzweiflungskampf gegen Rußland im Volke Polens verbreitet, wie nicht nur Adel und Geiſttlichkeit, ſondern auch Bürger, Arbeiter und Bauern tief von der Erbitterung gegen die mos⸗ kowitiſche Gewaltherrſchaft durchdrungen ſind. Wäre es unders möglich, daß dieſe Nationalregierung in Warſchau ſich bilden, tagen, eine vollſtändige Beamten⸗Organiſation ſchaffen und dabei bis auf den heutigen Tag für die ruſſiſchen Machthaber eine geheime, unfindbare bleiben konnte? Doch zurück zu der Capelle des heiligen Franz.. Gegenüber dem General Wyſocki ſaß ein junger Mann mit ſpärlichem, ſchwarzen Haar über einer hohen gewölbten Stirn, und klugen, aber etwas matt blickenden Augen. Seine Geſichtsfarbe war bleich, und der Bau ſeines Körpers ſchien, ſo weit die umhüllende Kutte es zu beurtheilen geſtattete, — 5——— — —— 414 ſchwächlich und wenig entwickelt zu ſein. Vor ihm ſtand das Schreibzeug und lagen die Papiere, deren wir oben erwähnten. Es war der Mann der Feder der Nationalregierung, mit der Führung der Sitzungsprotokolle in Chiffreſchrift, der Abfaſſung der Erlaſſe und Proclamationen, und zugleich mit der Redaction der offiziellen Zeitung der Nationalregierung, der Prawda (Wahrheit), beauftragt. Er nannte ſich Branicki, hatte auf deutſchen Uni⸗ verſitäten ſtudirt und den Doctorgrad erworben. Sein glühender Patrio⸗ tismus drängte ihn, ſeinem Vaterlande zu dienen, körperliche Schwäche ver⸗ bot ihm den Dienſt im Felde, daher hatte er, ſtatt zum Schwerte, zur Feder, dieſer in unſerer Zeit kaum weniger bedeutenden Waffe, gegriffen, und leiſtete ſeiner Sache die ausgezeichnetſten Dienſte. Der würdige Abt Dombrowski nahm den Stuhl zur Rechten des Ge⸗ nerals Wyſocki ein; ihm lag die Leitung der religiöſen Angelegenheiten des Landes ob, und zugleich war er der Vertreter der Geiſtlichkeit in der Na⸗ tionalregierung, der um ſo weniger fehlen durfte, als ja die Inſurrection eben ſo ſehr der Kampf einer unterdrückten Nationalität gegen den fremden Despoten war, als der Kampf der Bekenner der katholiſchen Religion gegen die griechiſche, zu der man ſie mit allen möglichen Mitteln der Liſt und Gewalt zu bekehren ſuchte. Zur Linken Wyſocki's ſaß Piotrowski, der Finanzminiſter; neben dieſem Prakrewski, der oberſte Verwalter der Juſtiz. Auf der andern Seite befand ſich neben dem Prieſter Dombrowski der Graf Kaminski, dem die Correſpon⸗ denz mit den im Auslande befindlichen Polen und Polenfreunden, ſowie die Leitung der diplomatiſchen Beziehungen der Nationalregierung oblag. Außerdem gruppirten ſich um den Tiſch noch vier berathende Mitglie⸗ der, denen kein beſtimmtes Reſſort angewieſen war, und an den beiden En⸗ den deſſelben ſaßen zwei Männer, die dem Regierungscollegium nur inſo⸗ fern angehörten, als ſie Reiſecommiſſarien deſſelben waren, die zur Bericht⸗ erſtattung nach Warſchau gekommen. Dieſe zwölf Männer gehörten den verſchiedenſten Ständen an, den Ge⸗ neral, den Prieſter, den Gelehrten ſahen wir bereits vertreten; Graf Ka⸗ minski gehörte zu den großen Grundbeſitzern des Landes; Prakrewski war Advocat, Piotrowski der Inhaber einer der bedeutendſten Handelsfirmen Warſchaus. Zum Kaufmannsſtande zählten ferner die beiden Reiſecommiſ⸗ ſarien, und unter den vier Beiräthen der Regierung bemerkte man ſonder⸗ barer Weiſe zwei der ruſſiſchen Civilregierung, das heißt unter dem derzeiti⸗ gen Regimente der Polizei angehörige hohe Beamte, die den ruſſiſchen Ge⸗ walthabern für die loyalſten Unterthanen Sr. Majeſtät des Czaaren galten, und daher bei der allgemeinen Entfernung der polniſchen Beamten aus ihren Stellungen in den ihrigen belaſſen worden waren. Sämmtliche Regierungsmitglieder aber hatten trotz der Standesverſchie⸗ — 415 denheit dreierlei gemein, was ſie zur Ausübung ihrer hohen Functionen be⸗ rief und berechtigte: aufrichtigen, opfermuthigen Patriotismus, hohe geiſtige Begabung, und mächtige, durch nichts zu erſchütternde Energie! 3. Die Sitzung der geheimen Kegierung. Die Orgel klang und die Mönche ſangen— die ruſſiſchen Soldaten, welche vor dem Kloſter bivouakirten, ahnten nicht, daß die Kirche der Fran⸗ ziskaner, worin die frommen Brüder den nächtlichen Gottesdienſt abhielten, in dieſem Augenblick der Regierungspalaſt des polniſchen Reiches war. „Gott mit Polen!“ begann der General Wyſocki mit feierlicher Stimme, und ihm nach ſprachen es die verſammelten Männer:„Gott mit Polen!“ Dies kurze, einfache Gebet, worin alle Wünſche der Patrioten, alle Klagen der Unterdrückten in drei Worte zuſammengedrängt, zum Throne des Höchſten aufſtiegen, eröffnete die Sitzung der polniſchen Regierung. „Hören wir,“ fuhr Wyſocki fort,„zunächſt die Berichte unſrer Freunde aus den Woiwodſchaften! Jan Twandowski,“ wandte er ſich an den einen der beiden Reiſecommiſſare,„was haben Sie uns zu melden?“ „Zunächſt eine ſchlimme Nachricht, General,“ nahm der Angeredete das Wort;„der Dictator iſt gefangen!“ „Wir wiſſen es bereits,“ unterbrach ihn Wyſocki,„die Ruſſen haben nicht geſäumt, dieſen ihren Triumph frohlockend in Warſchau zu ver⸗ kündigen.“ „Eine Zuſammenſtellung der Berichte derjenigen Offiziere, welche an der Schlacht an der Nida theilgenommen und nicht in die Hände der Ruſ⸗ ſen gefallen ſind, finden Sie in dieſem Papier, General!“ ſagte Twardowski, indem er dem Präſidenten ein kleines couvertirtes Packet überreichte. „Es iſt gut!“ erwiderte Wyſocki.„Fahren Sie fort!“ „Ihren Befehlen gemäß, General,“ ſagte Twandowski,„durchzog ich in den verſchiedenſten Verkleidungen, bald als jüdiſcher Hauſirer, bald als ruſ⸗ ſiſcher Beamter und bald als Prieſter, die Woiwodſchaften Podolien, Vol⸗ hynien, Lublin, Sandomir und Krakau. Die ruſſiſchen Päſſe, mit denen Sie mich verſehen, verſchaffen mir überall freien Durchzug, obwohl ich mehr als ein Mal in der Gefahr ſchwebte, erkannt zu werden und meine wirkliche Miſſion entdeckt zu ſehen. Ueberall fand ich die Stimmung dem Aufſtande günſtig, namentlich unter den Bauern, trotz des Wühlens der Ruſſen, welche durch Begünſtigungen aller Art gerade dieſen Stand auf ihre Seite zu ringen ſuchen; in Maſſen ziehen ſie aus und ſchließen ſich unſern Führern 416 an, um für ihr Vaterland, für ihre heilige Religion zu kämpfen. Ich habe das Meinige gethan, um dieſe Stimmung zu fördern und ihren Enthuſias⸗ mus zu erhöhen, indem ich ſowohl unſere Proclamationen vertheilte, als auch mündlich ſie anfeuerte, die Waffen zu ergreifen. Tauſende ſchon ſind in Podolien, vornehmlich in der Umgegend von Bar, verſammelt. Bei Igo⸗ lomia ſtehen zweitauſend Patrioten. Die Führer Milniski, Baczynski, Lele⸗ wel und Lewandowski ſind noch unbeſiegt und fügen den Ruſſen mit ihren tapferen Leuten großen Schaden zu. Ich habe ſie ſämmtlich geſprochen und ſchriftliche Berichte von ihnen an den Kriegsminiſter der Nation mitgebracht. Hier ſind ſie.“ „Jan Twandowski,“ ſagte Wyſock, indem er die überreichten Papiere in Empfang nahm,„ich danke Ihnen im Namen der Regierung und der Nation. Sie kommen aus Litthauen,“ wandte er ſich an den zweiten der Reiſecommiſſare,„wie ſteht es dort, Freund Szumanski?“ „In Wilna wüthet Mouravieff in alter Weiſe fort, aber ringsumher iſt das Land im Aufſtande, Dolenga, Narbutt und der vortreffliche Pad⸗ lenski halten das Feld; die Ruſſen ſengen, brennen, plündern und morden zwar, aber wirkliche Vortheile können ſie nicht erringen; ihre Depeſchen, die von Vernichtung größerer Inſurgentenhaufen ſprechen, ſind lügenhaft; in Samogitien greift die Erhebung immer mehr um ſich, an der Küſte der Oſtſee bei Polangen erwartet man die Landung des Oberſten Lapinski, der mit einem von engliſchen Damen ausgerüſteten Schiffe mit Waffen, Geld und Mannſchaft einen ſchwediſchen Hafen angelaufen ſein ſoll.“ Wyſocki warf einen fragenden Blick auf den Grafen Kaminski. Dieſer nickte ſchweigend.„Es iſt ſo!“ bedeutete dies Zeichen des Mi⸗ niſters des Auswärtigen. „Unſere Prieſter ſind ungemein thätig in jenen Diſtricten, in welchen die Ruſſen die griechiſche Religion den Landleuten aufgezwungen haben, und in Maſſe finden die Rücktritte in den Schooß der alleinſeligmachenden Kirche ſtatt.“ Die Augen des Abtes Dombrowéki belebten ſich bei dieſen Worten; wie zu einem ſtummen Dankgebete blickte er himmelwärts. „Freilich,“ fuhr Szumanski fort,„ſind auch die griechiſ chen Popen nicht unthätig, und die Mittel, die ſie anwenden, um unſerer heiligen Mutter Kirche ihre Anhänger abwendig zu machen, oder um die Andersgläubigen zu Haß und blutiger Rache zu entflammen, ſind nicht die lauterſten. Ge⸗ ſtatten Sie, daß ich aus dieſem Katechismus“— damit nahm er ein gel⸗ bes Blatt Papier, das mit großer Schrift in ruſſiſchen Charakteren bedruckt war, aus ſeinem Portefeuille—„einige Stellen vorleſe, welche das verab⸗ ſcheuenswerthe Verfahren jener abtrünnigen Diener des Worts in das grellſte Licht ſtellen.“ 417 . Szumanski las: „Was befiehlt euch eure Pflicht, wenn ihr einen Katholiken im Walde trefft?“ Antwort:„Ihn zu tödten, wie einen Hund.“ Die um den Tiſch verſammelten Herren tauſchten Blicke des Erſtau⸗ nens und der Entrüſtung aus. G Szumanski las wieder: „Verdient ein Katholik ein chriſtliches Begräbniß?“ Antwort:„Nein, denn ſein Fleiſch iſt unrein.“ „Heilige Jungfrau!“ rief der. Abt Dombrowski in gerechtem Zorne aus,„duldeſt du das? Sind ſie Chriſten, dieſe Henker, ſind ſie Menſchen, dieſe Prieſter?“ p„Hören Sie weiter,“ ſagte der Commiſſarius der Nationalregierung. „Dieſe Kinder des Teufels wiſſen die Bauern noch beſſer zu faſſen.“ Und er las: 3 „Wem gehören alle Felder und Wälder, die ihr rings um euer Dorf ſeht?“ Antwort:„Dem Kaiſer, der ſie uns geben wird, wenn wir ihn von den Rebellen befreien!“ —„Die Schändlichen!“ fuhr hier der General Wyſocki auf, kaum im Stande, ſich ſoweit zu mäßigen, wie es die eigenthümlichen Umſtände, un⸗ ter denen, und der Ort, wo die Verſammlung ſtattfand, verlangten, denn in der Kirche währte der Gottesdienſt fort, die Möünche ſangen, die Orgel klang und am Hochaltare officiirte der Pater Guardian. „Die Schändlichen!“ wiederholte Wyſocki mit gedämpfter Stimme, er die breite Stirn zog ſich furchtbar zuſammen und die dichten Brauen zuckten drohend;„ſie hnen ſich nicht, die niedrigſten, ſcheußlichſten Leiden⸗ ſchaften gegen uns zu Antfeſſeln. Sie predigen Mord dem friedlichen Manne des Pflugs, ſie reizen ſeine Habgier, damit er über uns herfalle, denn er ahnt in der Verblendung ſeiner Leidenſchaft nicht, daß es eitel Lüge iſt, was aus ihrem Munde geht, und daß, wenn er den Lohn ſeiner Blutarbeit heiſcht, man ihn mit Hohnlachen fortweiſen und ärger knechten wird, wie es je geſchehen.“ „General, wir müſſen uns wehren!“ ſagte der Doctor Branicki, der 3 bisher ſchweigend, zuhörend und hin uhd wieder Notizen auf das vor ihm liegende Papier machend, dageſeſſen hatte.„Unſere Proclamationen müſſen die gefährlichen Ierthümer, welche unſere Tyrannen in ſo gottvergeſſener Weiſe verbreiten laſſen, mit der größten Schärfe und Energie bekämpfen; wir müſſen dem Bauer ſagen, daß wir nicht nur dem Lande, daß wir auch ihm perſönlich die Freiheit bringen wollen, daß wir Polen nicht der alten Feudalwirthſchaft, nicht jener Adelsmonarchie, die unſeres armen Landes Phantom Polens. III. Bd. 57 24 4 8 5 418 Unglück geweſen, wiedererobern wollen, ſondern daß wir ein geſundes, den Ideen des Jahrhunderts entſprechendes Staatsleben in dem von fremder Despotie freigewordenen polniſchen Reiche herſtellen wollen. Sollte das dem künſtlich aufgeſtachelten Religionshaſſe nicht die Spitze abbrechen, ſollte das den armen Bauer nicht abhalten, ſeine Befreier zu meuchelmorden?“ „Unſere Preſſen ſtehen Ihnen zur Verfügung, Branicki,“ antwortete ihm Wyſocki,„gebe Gott Ihren Worten Kraft. Hochwürdiger Abt,“ da⸗ mit wandte er ſich an Dombrowski,„ſenden Sie Prieſter aus in alle Woi⸗ wodſchaften, als Reiſeprediger des lebendigen Worts, daß ſie dem unwiſſen⸗ den Volke, das zu leſen nicht verſteht, klar machen mit überzeugender Rede, wo es ſein zeitliches und ewiges Heil zu ſuchen hat, für welche Sache Gut und Blut einzuſetzen ſeine Pflicht iſt.“ Dombrowski verneigte ſich zuſtimmend. „Doch, meine Herren, unſre Zeit iſt gemeſſen,“ begann der General wieder,„und eine Angelegenheit, die tief das Wohl und Wehe der Nation berührt, muß uns noch beſchäftigen. Sie kennen Alle das Schickſal unfres tapferen Langiewicz?“ Die verſammelten Zwölf bejahten es. „Wir haben zu berathen,“ fuhr Wyſocki fort,„ob wir ihm einen Nach⸗ felger geben müſſen oder nicht. Was iſt Ihre Meinung?“ Der Graf Kaminski nahm das Wort. „Es fehlt unſerer Sache nicht an Helden,“ ſagte er,„die ihr Muth, ihre Hingebung an das Vaterland zu der hohen Stellung eines Dictators berechtigen würden, doch zweifle ich, daß unter unſeren Tarnows, Waſa's, Lelewel's, Dolenga's, und wie unſre jugendlichen Führer ſonſt heißen, einer iſt, der Erfahrung, weiten Blick und Organiſationstalent genug beſitzt, um das Werk, das Langiewicz begonnen, fortzuſetzen oder vielmehr von Neuem zu beginnen, da es faſt zerſtört iſt. Auf Sie, General, würde meine Wahl fallen, wenn Sie nicht an dem Platze, wo Sie ſtehen, unentbehrlich wären.“ „Machen wir keine Complimente, Herr Graf!“ bemerkte Wyſocki. Prakewski, der Juſtizminiſter begann: „Sie wiſſen, daß ich von Anfang an gegen die Ernennung eines Dic⸗ tators war. Meine Anſicht iſt, daß wir, ſo lange wir kein geordnetes Staatsweſen haben, keine Stellen ſchaffen dürfen, die die Leidenſchaft des Ehrgeizes herausfordern und dadurch unſrer Sache ſchaden können. Welche Wahl wir auch treffen, immer werden ſich einige der Führer zurückgeſetzt fühlen, und werden, wenn ſie unſrer Sache nicht ganz den Rücken kehren, ihr fortan mit Lauheit dienen, oder wohl gar gegen den Ernannten intri⸗ guiren. Ich erinnere Sie an des ſonſt trefflichen Mieroslawski Verſuche gegen Langiewicz. Meine Herren, ich wurde überſtimmt, als wir des Letz⸗ teren Ernennung beriethen, aber das Schickſal hat ſich für mich erklärt, es hat uns den Dictator genommen, ernennen wir keinen zweiten.“ Die übrigen Mitglieder der Nationalregierung gaben alle nach einan⸗ der ihr Votum dahin ab, daß kein Dictator wieder zu ernennen ſei, indem ſie ſich theils auf den vom Grafen Kaminski, theils auf den von Prakewski angeführten Grund beriefen. Zum Schluſſe ergriff ſodann der Präſident General Wyſocki wieder das Wort und ſagte: „Ich freue mich der gegenwärtig im Schooße uuſres Rathes herrſchen⸗ den Einſtimmigkeit. Auch ich muß mich gegen die Ernennung eines neuen Dictators erklären, und zwar noch aus andern Gründen, als den bereits angeführten. Bisher ſchauten wir nach Weſten und hofften von dorther thätige Hülfe; in dieſer Erwartung gedachten wir ein Heer von regulären Truppen aufzuſtellen, an Stelle der ungeordneten Haufen, die bis ſere Sache verfochten, um mit den uns zur Hülfe geſandten St Kf vortheilhaft zuſammenwirken zu können;— dieſe Hülfe von Weſte her läßt auf ſich warten, man ſcheint dort nur Worte für uns zu haben, nicht Tha⸗ ten. So liegt denn unſer einziges Heil in uns ſelbſt— wir müſſen den Feind zu ermüden, im Einzelnen zu vernichten ſuchen, ihm an tauſend Stel⸗ len zugleich jeden Fußbreit Landes ſtreitig machen, damit er ſich auch nach ſeinen Siegen, die er durch Uebermacht erfochten, nicht als Herr des Lan⸗ des anſehen kann wir müſſen Zeit zu gewinnen ſuchen, daß vielleicht endlich unſere Leiden und unſer Heldenmuth uns die Sympathieen der Mächtigen erweckt und die Regierungen die Pflicht fühlen, die offene Wunde Europa's, denn das iſt unſer armes Polen, zu ſchließen.— Dazu bedürfen wir keiner Armee, dabei iſt uns eine Centraliſation der Kräfte ſogar nachtheilig, dazu brauchen wir jene Heerhaufen von Hunderten, und höchſtens von zwei⸗ tauſend, für die wir ſo wackere, heldenmäßige Organiſatoren und Führer haben. Darum keinen Dictator wieder; ſoviel es nöthig iſt, um alle Streit⸗ kräfte nach einem gemeinſamen Ziele ſtreben zu laſſen, kann eine Oberlei⸗ tung von unſerm Rathe und von mir, dem Kriegsminiſter der Nation, aus⸗ gehen. Sobald wir unſerm Aufſtande ein erkennbares Oberhaupt geben, ſo zeigen wir den Ruſſen den Punkt, wohin ſie zielen müſſen, um uns mit einem Schlage zu vernichten, oder uns wenigſtens in Verwirrung und Auf⸗ löſung zu bringen. Daher keinen Dictator wieder. Die Erfahrung hat uns eine Lehre gegeben. Folgen wir ihr. Jede Woidwodſchaft habe von jetzt ihren militairiſchen Commandanten, der der Regierung verantwortlich iſt. Ich werde das Weitere veranlaſſen.“ Somit war der Hauptgegenſtand dieſer Seſſion der Nationalregierung erledigt. Man hatte beſchloſſen, Langiewicz keinen Nachfolger zu geben. Noch erſtattete Piotrowski, der Finanzminiſter, Bericht über den Stand 27* 420 der Finanzen der Nation, worin er der Opferwilligkeit derſelben das glän⸗ zendſte Zeugniß ausſtellte und auch die Beiſteuer der polniſchen Patrioten in Poſen und Galizien, ſowie der Polenfreunde im Auslande als reichliche bezeichnen konnte. Geld, ſchloß er, zur Fortführung des Aufſtandes, zur Bewaffnung neuer Streiter ſei noch in den Kaſſen der Nation vorhanden, nur verhindere die ſcharfe Bewachung der Grenzen von Seiten der Nachbar⸗ regierungen die Einführung von Waffen und Kriegsmaterial in das Land. Graf Kaminski theilte mit, daß er den Fürſten Ladislaus Czartoryski zum diplomatiſchen Agenten der Nationalregierung bei den Höfen von Pa⸗ ris und London ernannt habe. „Er iſt Ariſtokrat!“ warf ihm Prakrewski ein. „Er iſt Patriot,“ erwiderte der Graf Kaminski,„erwecken wir nicht die ſchlafenden Parteiſtreitigkeiten.“ „Es brauchte einen hohen Namen,“ entſchied Wyſocki,„um unſerm Agenten das Ohr der Würdenträger jener Regierungen, den Zutritt in den Paläſten der Beherrſcher jener Länder zu verſchaffen!“ „Ladislaus Czartoryski iſt ein ſo guter Pole, wie einer von uns,“ ſagte Branicki,„ich kenne ihn genau. Er wird nie die Intereſſen ſeiner Partei oder ſeine eignen den Intereſſen der Nation voranſetzen.“ Inzwiſchen war der nächtliche Gottesdienſt in der Franziskanerkirche zu Ende, die Orgel ſchwieg, einer nach dem andern verließen die Mönche mit gemeſſenen Schritten den Tempel; in der Capelle des heiligen Franz ertheilte Wyſocki den beiden Kommiſſarien ſowie dem Doctor Branicki noch einige Aufträge, ſchloß dann die Sitzung, die Kerzen auf dem ſchwarzbehangenen Tiſche wurden ausgelöſcht, die Männer erhoben ſich„zogen die Kapuzen wieder in's Geſicht und ſchloſſen ſich den herauswandelnden Mönchen an. An der Pforte der Kirche beugte ſich Graf Kaminski zum Ohre Wy⸗ ſocki's und flüſterte ihm zu: „Die Gräfin Batory mit ihrer Tochter Leonora iſt in Paris angekom⸗ men, ſchreibt man mir.“ „Das iſt gefährlich,“ erwiderte Wyſocki ebenfalls leiſe,„man muß ſie überwachen.“. „Ich that bereits Schritte.“ „Gut.“ Die beiden Männer verließen die Kirche; ſie waren die letzten. Hinter ihnen ſchloß der Bruder Sacriſtan die Pforte. 4 421 Der Ruf des Baterlandes. Wir müſſen den Leſer jetzt bitten, uns aus den öden Straßen des mit Säbel und Knute beherrſchten Warſchau, von den mit Blut und Leichen bedeckten Schlachtfeldern des verzweifelt kämpfenden Polens nach der glän⸗ zenden Hauptſtadt des franzöſiſchen Kaiſerreichs, nach Paris zu begleiten. Paris!— Wie verſchiedene Vorſtellungen verknüpfen ſich nicht mit die⸗ ſem Namen!. Frage den heiteren Welt⸗ und Lebemann, was er unter Paris verſteht, ſo wird er dir antworten: Paris iſt ein Paradies, das Eldorado der Luſt und des Vergnügens! Frage den Moraliſten und du bekommſt die ſeufzende Antwort: Paris iſt das moderne Babylon.— Paris iſt der Höllenpfuhl, worin die wildeſten Leidenſchaften ungebändigt brodeln, worin ſein Verderben findet ein Jeder, der ſich hineinſtürzt! Frage die Weltdame, ſie erwidert mit entzücktem Lächeln:„O Paris iſt die Reſidenz des Geſchmacks, der Eleganz, Paris iſt die Alleinherrſcherin aller Toiletten!“— Von Paris erwarteten die Völker einſt die Freiheit— jetzt nur noch die neueſte Mode! Die Stadt der Revolutionen, worin zweimal die Republik, die freieſte Staatsform ihren Sitz aufgeſchlagen, ſeufzt jetzt ſelbſt unter dem eiſernen Scepter des Napoleoniden, und frei iſt nichts mehr in ihr als die Sitten — und die Theater. In dieſen Beziehungen ſteigert ſich freilich die Freiheit oft bis zur Frechheit. Während Louis Napoleon im eigenen Lande jede Regung politiſcher Selbſtſtändigkeit des Volkes, ja ſelbſt jede Aeußerung des Wunſches der Frei⸗ heit unnachſichtlich mit Blut und Eiſen unterdrückte, warf er ſich zum Käm⸗ pen der unterdrückten Nationalitäten, gewiſſermaßen der auswärtigen Freiheit auf und benebelte die Sinne ſeiner Franzoſen mit dem betäubenden Weih⸗ rauch des Ruhms, der„Gloire!“ Die hochklingende Deviſe: eei abion und Unabhängigkeit der Na⸗ tionen!“ ſchrieb er auf ſein Schild un zog aus mit Heeresmacht— vor⸗ geblich um Krieg für eine Idee zu führen— in Wahrheit aber, um ſich einen gehorſamen Vaſallen zu ſchaffen und ſein Gebiet um das ſchöne Nizza und das Herzogthum Savoyen zu erweitern. Das war in Italien! Die Ungarn wollten nationale Selbſtändigkeit und erhoben bittend ihre Arme zu dem mächtigen Schiedsrichter Europa's, zu dem Vorkämpfer der 422 Gerechtigkeit— und er belog ſie mit Verſprechungen, die er nicht zu halten gedachte, die aber geeignet waren, ſie aufzuregen und ſeinen Zwecken dienſt⸗ bar zu machen, wenn die Stunde kam, das mächtige Oeſterreich anzu⸗ greifen. Die Polen ſchrieen zu ihm aus ihrer tiefen Noth— er heuchelte Sympathie, er machte ihnen Hoffnungen, damit ſie nur die Waffen nicht zu früh niederlegten,— aber er ſah ſie niedermetzeln, ſah ſie hängen und zu Tode knuten, ſah nicht nur ihre nationale, nein, auch die perſönliche Freiheit vernichten— und alles, was er für ſie that, war eine armſelige diplomatiſche Note, auf die Rußland, wie vorauszuſehen war, mit Hohn antwortete. Weit über'm Meere aber, in Mexico, führte er wieder, mit ungeheuren Opfern an Menſchen und Geld, Krieg für eine Idee, das heißt, um dort ein von ihm abhängiges Reich unter einem Vaſallenfürſten zu errichten. Und inzwiſchen demolirte er das alte hiſtoriſche Paris und baute ein neues aus Paläſten— und Kaſernen. Auf den Bajonetten ruht ſein Thron.— Die Arbeiterbevölkerung macht er ſich auf Koſten der Staatsfinanzen durch fortwährende Beſchäfti⸗ gung geneigt— und den gebildeten Ständen ſtreut er mit dem Ruhme und der Machtſtellung Frankreichs Sand in die Augen. Nach dieſem Paris führen wir den Leſer, und zwar in eine jener engen Straßen des Univerſitätsviertels, welche von den zerſtörenden Werkzeugen der Einreißer bis jetzt noch verſchont geblieben ſind. Die Straße führte den Namen Rue St. Hyacinthe und verdiente kei⸗ neswegs das Prädicat einer ſchönen oder eleganten Straße. Hoch aufge⸗ ſchoſſene ſchmale Häuſer faßten ſie zu beiden Seiten ein, mit Fagaden, die keinem gelehrten oder kunſtreichen Architecten viel Nachdenken gekoſtet hatten, ſondern von dem Maurer nach ſehr einfachen Geſetzen und ſelbſt in einzelnen Fällen mit Verachtung aller Regeln der Symmetrie errichtet worden waren. So kurz die Rue St. Hyacinthe war, ſo war es doch ſelbſt dem ſchärf⸗ ſten Auge nicht möglich, von einem Ende derſelben das andere zu erblicken, denn einerſeits ſchoben ſich bei dem unbedeutenden Zwiſchenraume, welcher die beiden Häuſerreihen trennte, dieſelben ſchon in geringer Entfernung für das Auge ineinander, wie die Couliſſen eines Theaters, ſo daß ſie einen ſpitzen Winkel zu bilden ſchienen, anderweits waren ſie keineswegs nach der Schnur erbaut, vielmehr ſprang bald das eine um einige Fuß in die Straßen⸗ linie vor, während das andere um ebenſoviel zurücktrat, oder Terrainverhält⸗ niſſe— vielleicht auch andere Unſſtände— hatten eine Ecke nöthig gemacht — kurz der Blick traf auf ſo viele Hinderniſſe, daß er von einer beliebigen 42 3 Stelle der Straße aus immer nur wenige Schritte derſelben überſehen 4 konnte. Alle dieſe Umſtände verliehen der Rue St. Hyacinthe einen düſtern, unfreundlichen Charakter, der durch die gleichmäßig altersgraue Färbung der in früheren Zeiten verſchieden angeſtrichenen Häuſer noch vermehrt wurde. Reiche Leute wohnten wohl nicht in dieſer Straße, das lehrte der Augenſchein; doch ebenſowenig war ſie der Sitz jenes kraſſen Elends, wel⸗ ches in Lumpen ſich kleidet und ſich nicht ſcheut, der Welt in's Geſicht zu ſagen: Ich hungere! Ich friere! Ich leide Mangel am Nothwendigſten! Denn das Pflaſter ſowohl wie die Häuſer waren leidlich reinlich gehalten, die Fenſterſcheiben faſt durchgängig ganz und meiſtentheils mit beſcheidenen Vorhängen verſehen. Sagen wir es daher dem Leſer gleich, woraus ſich die Bewohnerſchaft der Rue St. Hyacinthe hauptſächlich zuſammenſetzte— nämlich aus Arbeitern mit geringem Verdienſte, und armen Studenten, die beſcheidene Bedürfniſſe mit noch beſcheideneren Einkünfte befriedigen mußten, und dieſer Straße ebenſoſehr wegen der Billigkeit der Miethen, wie wegen⸗ der Nähe der Lehranſtalten den Vorzug gaben. Es war an einem trüben Apriltage des Jahres 1863 in früher Abend⸗ ſtunde, etwa gegen ſieben Uhr, als durch die ſo geſchilderte Straße ein junger Mann ſchritt, deſſen. eigenthümliches Ausſehen wohl geeignet war, die Aufmerkſamkeit eines etwaigen Beobachters ſowohl, wie der wenigen Vorüber⸗ gehenden auf ſich zu ziehen. Es war ein ſchlanker junger Mann mit blaſſem, ausdrucksvollem Ge⸗ ſicht, das von ſchwarzem, vollem Haar eingerahmt und durch ein kleines zier⸗ liches Schnurrbärtchen von derſelben Farbe geziert war. Die glänzenden dunklen Augen blickten feurig unter dichten und langen Wimpern hervor, wiewohl augenblicklich ein düſtrer, ſorgenvoller Ausdruck ihre Flammen dämpfte, und die ſchöngezeichneten, hochgeſchwungenen Brauen verliehen dem Geſicht ein ſtolzes Anſehen, das ſelbſt jetzt, wo er ſichtlich niedergedrückt und geſenkten Hauptes einherging, nicht beeinträchtigt ward. Sein Anzug beſtand aus einem kurzen, knappen Rock, der auf der Bruſt mit Schnüren beſetzt war, aus dunklen Beinkleidern von gewöhnlichem Schnitt und einer pelzverbrämten Mütze von jener beſondern, der polniſchen Nationaltracht eigenthümlichen Form, die ihn nebſt dem Schnurenrocke als einen Sohn jenes unglücklichen, unter tyranniſcher Fremdherrſchaft ſenfzen⸗ den Landes, als einen Polen kennzeichnete. Geſenkten Hauptes und mit ſorgenvoller Miene ſchritt er, wie ſchon bemerkt, einher und war eben um einen der in der Rue St. Hyacinthe häufigen Mauervorſprünge gebogen, als er dicht hinter ſich ſprechen hörte. „Sigismund Krotowski!“ ſagte halb flüſternd eine dumpfe Stimme. 424 Der ſo Angeredete ſah ſich überraſcht um, denn er hatte vorher Nie⸗ mand hinter ſich gehen hören. Jetzt indeſſen gewahrte er eine menſchliche Geſtalt, die tief in einen Mantel gehüllt an der Mauer lehnte, und deren Geſicht er um ſo weniger erkennen konnte, als die in der engen Straße ſehr früh eintretende Dunkelheit durch die mangelhafte Beleuchtung wenig gemildert wurde— es gab Stellen, wohin wegen der vorhin erwähnten Vorſprünge und Ecken gar kein Licht von den wenigen in der Rue St. Hyacinthe aufgeſtellten Gaslaternen drang, und diejenige, wo der als Sigis⸗ mund Krotowski angeredete junge Pole ſich mit dem Unbekannten im Mantel augenblicklich befand, gehörte zu dieſen. „Was wollen Sie von mir?“ fragte Sigismund, indem er ſich dem Unbekannten unwillkürlich näherte. Die Frage klang zwar ſtolz und feſt, war aber doch nicht frei von einem gewiſſen Befremden, das nahe an Be⸗ ſorgniß ſtreifte. „Sind Sie Patriot?“ fragte der Unbekannte dagegen. „Mit welchem Rechte ſtellen Sie dieſe Frage?“ ſagte Sigismund bei⸗ nahe zornig. 5 „Hat das Vaterland kein Recht auf Sie?“ lautete die Erwiderung. Sigismund antwortete ohne Zögern. „Das Vaterland wohl, aber wer ſind Sie?“ „Ein Beamter deſſelben.“ Sigismund überlegte einen Augenblick. Könnte man ihm eine Falle ſtellen wollen? Nein, denn er war ſich keiner Privatfeinde bewußt, und der ruſſiſchen Regierung erſchien er wohl zu unbedeutend, um ihn bis nach Paris zu verfolgen. Nach einer kurzen Pauſe ſagte er daher vollkommen ruhig und nur noch erwartungsvoll: „Nun wohl, ich bin Patriot; was verlangt mein Vaterland?“ Doch der Unbekannte ſchien noch nicht Willens, durch die einfache Be⸗ antwortung dieſer Frage ſeine Erwartung zu befriedigen, er fragte vielmehr weiter: „Warum verträumt Sigismund Krotowski in den Armen eines Mäd⸗ chens die Zeit, die dem bedrängten Vaterlande gehört?“ Der junge Pole ſtutzte— woher kannte der Fremde ſeine Verhält⸗ niſſe? Der Letztere ließ ihm keine Zeit zur Erwiderung, er fragte weiter: „Warum ſchwingt er nicht auf den Schlachtfeldern Polens das Schwert ſtatt in den Hospitälern von Paris die Lanzette?“ Jetzt antwortete Sigismund, verletzt durch das Mißtrauen in ſeinem Patriotismus und ſeinen Muth: „Wenn Sie meine Lebensweiſe ſo genau kennen, Fremder, ſo müſſen —V———:——:.,....·ͤ—— V Sie auch wiſſen, daß ſchwere Krankheit mich an mein Lager feſſelte, als die polniſchen Jünglinge von Paris, theils aus eignen Mitteln, theils von Pa⸗ trioten und Polenfreunden ausgerüſtet, ausgezogen, um für die heilige Sache zu kämpfen— und allein zu gehen,“ ſetzte er zögernd und faſt beſchämt hinzu,„fehlen mir die Mittel! Weshalb alſo“— und jetzt klang in ſeinem Tone die Gereiztheit eines edlen Herzens, dem man ungerecht begegnet, an —„weshalb alſo Vorwürfe, wo ich Mitleid mit meinem Gram, Hülfe für meine Ohnmacht erwarten darf!“ Der Unbekannte hatte ſchweigend zugehört— wäre nicht der verhül⸗ lende Mantel und die Finſterniß geweſen, ſo hätte der junge Pole ein Lächeln der Befriedigung und des Beifalls auf ſeinen Lippen bemerken können. „Gut!“ ſagte er dann einfach.„Das Vaterland verlangt jetzt Ihre Dienſte, ſind Sie bereit?“ „Zu jeder Stunde,“ antwortete Sigismund Krotowski. „Alſo auch heut?“ „Auch heut. Aber wie—“ „Keine Frage. Sie haben zu gehorchen!“ „Ich werde gehorchen, obwohl ich nicht begreife—“ „Sie werden begreifen. Nehmen Sie dies“— damit überreichte der Unbekannte dem jungen Polen einen kleinen Gegenſtand, der dem Gefühl nach eine Karte war,—„und finden Sie ſich um neun Uhr an der darauf bezeichneten Stelle ein.“ „Und dann?“ fragte Sigismund. „Das Weitere werden Sie hören. Für jetzt leben Sie wohl!“ Und ehe Sigismund noch Zeit hatte, eine weitere Bemerkung zu machen, war der Fremde im Mantel verſchwunden. Der Vorſprung des Hauſes, bei welchem die eben beſchriebene Scene ſtattgefunden, hatte ihn ſchnell dem Blicke des jungen Mannes entzogen. Wenige Secunden lang hörte er noch die ſchnellen, ſich entfernenden Schritte, bis auch dieſe allmälig verhallten. Verwundert ſtand Sigismund allein und überdachte ſchnell den geheim⸗ nißvollen Vorgang. Jedenfalls hatte ihn der Fremde hier in dieſem Winkel der Straße er⸗ wartet, ſonſt hätte er, bevor er angeredet wurde, Schritte hinter ſich hören müffen. Er kannte alfo ſeine Wohnung, er wußte, wann er nach Haus zu kommen pflegte, er kannte ihn ſogar genauer, denn er hatte von einem Mädchen, in deſſen Armen er die Zeit verträumen ſollte, von der Lanzette geſprochen, die er in den Hospitälern von Paris handhabte. Er wußte, daß er Medizin ſtudirte! Er wußte von ſeiner Henriette! Aber was für eine Karte war es, die ihm der Fremde gegeben, und wo ſollte er um neun Uhr ſich einfinden. — — 426 Sigismund eilte nach der nächſten, etwa zwanzig Schritt entfernten Laterne, das Licht derſelben zeigte ihm, daß er ein Billet zur großen Oper in der Hand hielt— ein Billet zu einer der eleganteſten Logen. Sein Erſtaunen wuchs wo möglich noch. Wie konnte er in der gro⸗ ßen Oper ſeinem Vaterlande dienen? Indeſſen hatte er verſprochen zu gehorchen, und der Fremde hatte ihm ja überdies Erklärungen verheißen. Freilich wäre es dem ehrgeizigen, muthigen Jüngling lieber geweſen, der unbekannte Pole— denn ihr Geſpräch war in polniſcher Sprache ge⸗ führt worden und aus der Leichtigkeit, womit der Fremde dieſe ſprach, ging hervor, daß er ein Landsmann Krotowski's war— dieſer unbekannte Lands⸗ mann alſo hätte ihm ein Schwert in die Hand gedrückt und ihn mit Reiſemit⸗ teln verſehen, damit er für die heilige Sache ſeines unglücklichen Vaterlan⸗ des kämpfen könnte— doch wußte er noch nicht, wozu er auserſehen war, und immerhin ſchmeichelte es ſeinem Ehrgeiz, daß die Autoritäten der In⸗ ſurrection ihr Augenmerk auf ihn gerichtet hatten. Es war inzwiſchen nah an acht Uhr geworden; Sigismund Krotowski hatte daher nicht mehr viel Zeit zu verlieren, wenn er ſich pünktlich auf ſeinem Platze einfinden wollte. Wenige Schritte trennten ihn nur noch von dem Hauſe, worin ſeine Wohnung lag, ſchnell hatte er daſſelbe erreicht, mit derſelben Schnelligkeit erſtieg er die fünf, nicht ſonderlich bequemen Treppen, die zu ſeiner Man⸗ ſarde führten, und öffnete eine kleine Thür, aus welcher ein ſchwacher Licht⸗ ſnen während er ſie aufzog, auf den dunklen Flur ſich ergoß. 5. Sigismund und Henriette. 8 Sigismund bewohnte das Zimmer, in welches er eintrat, offenbar ent⸗ weder gar nicht, oder doch nicht allein. An dem in der Mitte deſſelben ſtehenden Tiſche ſaß ein hübſches junges Mädchen in ſehr einfacher Kleidung und arbeitete bei dem Lichte einer klei⸗ nen Lampe an einer Stickerei. Das Geräuſch, welches das Oeffnen der Thür machte, veranlaßte ſie, ihr Köpfchen in die Höhe zu heben. Mit den klugen braunen Augen durch⸗ drang ſie die Hal bfinſterniß, welche, außer an der Stelle, wo ſie ſaß und arbeitete, in allen übrigen Theilen des Zimmers herrſchte, ſprang dann, ſo⸗ bald ſie ſich überzeugt, wer eingetreten war, auf, warf mit einer anmuthigen —— — — 427 gleichzeitigen Bewegung des Kopfes und der Arme die Stickerei bei Seite und die reichen Flechten ihres blonden Haares zurück, eilte auf den An⸗ kömmling zu und rief, indem ſie ihre feinen, unverhüllten Arme um ſeinen Hals ſchlang: „Sigismund, biſt Du endlich da?“. Ein herzlicher Kuß verſüßte zugleich den in dieſen Worten anklingenden leiſen Vorwurf. „Bin ich zu lange ausgeblieben, ſüße Henriette?“ ſagte der junge Pole, indem er ſich die Liebkoſungen des Mädchens gefallen ließ, und mit einer Zerſtreutheit, welche die Innigkeit der Wärme ſeines Tones nicht wenig beeinträchtigte. „Wollteſt Du nicht um ſieben Uhr hier ſein, und ſieh', bald wird es acht Uhr ſchlagen!“ erwiderte Henriette und zeigte bei den letzten Worten auf eine an der Wand hängende, altmodiſche Stubenuhr. „Ich bin aufgehalten worden!“ ſagte Sigismund, indem er Henriettens Arme ſanft von ſeinen Schultern nahm und ſie auf ihren Platz zurückführte. „So, aufgehalten?“ entgegnete dieſe mit reizendem Schmollen,„einen Freund getroffen, mit dem man nothwendig einen Abſynth trinken mußte, während die arme Henriette zu Haus allein ſich langweilte! Aber nun biſt Du ja hier,“ plauderte ſie weiter, als Sigismund nicht antwortete,„und es ſoll Dir verziehen ſein, wenn Du hübſch artig biſt, und Deiner kleinen Henriette etwas vorlieſ't— ich höre Dich ſo gerne leſen, Du ſprichſt das Franzöſiſche ſo allerliebſt ſchlecht— und nachher ſetzen wir unſern polniſchen Unterricht fort—“— Sigismund antwortete noch immer nicht, vielmehr ſchien er gar nicht auf die hübſche kleine Schwätzerin zu hören, ſondern machte ſich an einem Schranke, der an der Wand des Zimmers ſtand, zu thun. „Was iſt Dir, Sigismund?“ fragte Henriette nun plötzlich beſorgt. „Iſt Dir etwas Unangenehmes begegnet? Biſt Du krank?“ „Nichts von alledem, liebe Henriette!“ ſagte nun endlich der junge Pole, indem er ſich halb zu dem Mädchen umwandte,„aber ich muß fort, und bedaure daher, Deine Wünſche nicht erfüllen zu können!“ „Du mußt fort?“ wiederholte Henriette mit Erſtaunen,„fort am Abend und ohne mich? Verzeihe, das iſt ſo ungewöhnlich— wohin mußt Du denn gehen?“ fragte ſie pikirt; es war der Argwohn keimender Eiferſucht, welcher ihr dieſe Frage eingab. Sigismund mochte ihr die Wahrheit nicht ſagen; einerſeits würde es ſie gekränkt haben, wenn er ihr geantwortet hätte, er gehe allein nach der Oper, denn er pflegte keins der ſeltenen Vergnügen, die ſeine beſchränkten Mittel geſtatteten, ohne ſie zu genießen, und ſie hatte auch gewiſſermaßen ein Recht auf die Theilnahme daran; andrerſeits aber glaubte er ihr die⸗ 428 jenigen Erklärungen nicht geben zu dürfen, die ſeinen Beſuch des Opern⸗ hauſes als eine gebieteriſche Pflicht hätten erſcheinen laſſen, der er ſich nicht entziehen durfte. Er nahm daher zu einer Unwahrheit ſeine Zuflucht. „Es findet heut Abend im Hospital eine bedeutende Operation ſtatt,“ ſagte er, jedoch ohne Henriette anzuſehen, denn er ſtand noch immer vor dem Schranke,„bei der ich dem berühmten Profeſſor Nelaton aſſiſtiren muß.“. Henriette war leichtgläubig und vertrauensvoll genug, um ihm auf's Wort zu glauben. „Die böſen Profeſſoren,“ ſagte ſie ſchmollend,„nicht einmal den Abend laſſen ſie den jungen Leuten frei! Und die garſtige Medizin überhaupt— hätte ich Dich früher kennen gelernt, ſo hätteſt Du das blutige Handwerk gar nicht ergreifen dürfen!“ Henriette ſchmälte oft auf die löbliche Arzneikunſt, und unter andern Umſtänden hätte es Sigismund gewiß nicht unterlaſſen, ihr einen belehren⸗ den Vortrag über die Wichtigkeit der mediziniſchen Wiſſenſchaft im Haus⸗ halte der Menſchheit und über das Ehrenvolle der Beſchäftigung mit der⸗ ſelben und der ärztlichen Thätigkeit zu halten— heute aber hatte er dazu keine Ruhe, er überhörte daher den Angriff Henriettens auf die Medizin und beendigte ſeine Beſchäftigung an dem erwähnten Schranke, deren Zweck geweſen war, einige Verbeſſerungen an ſeiner Toilette anzubringen— ſie zu wechſeln, wäre er nicht im Stande geweſen, da der Anzug, worin wir ihn zuerſt kennen gelernt haben, der einzige war, welchen er beſaß. Sobald er fertig war, trat er zu Henriette, drückte einen Kuß auf ihre Wange und ſagte: „Auf Wiederſehn, mein Liebchen, ſo früh es möglich iſt, kehre ich zurück!“ Damit begab er ſich nach der Thür. „Adieu, mein Sigismund!“ rief ihm Henriette nach.„Sei vorſichtig — wenn Du Blut an Dir haſt, fürchte ich mich immer vor Dir!“ ſetzte ſie halb ernſt, halb ſcherzend hinzu.. Der junge Pole hatte bereits den Thürgriff in der Hand— er er⸗ widerte nichts, ſondern warf nur noch einen freundlichen Blick zurück, nickte zum Abſchied, und verſchwand dann auf dem dunklen Flur. Henriette hörte ihn die Treppe hinunterſteigen, eilte dann an's Fenſter, um ihm nachzuſehen— aber ſie wohnte ja in der fünften Etage, das hatte ſie vergeſſen, nichts konnte ſie ſehen als ein Streifchen Himmel und ein Stück des gegenüberliegenden Hauſes.. Wir ſind dem Leſer einige Aufſchlüſſe über Sigismund Krotowski, ſo⸗ wie über Henriette ſchuldig, die wir ſo unvorbereitet eingeführt haben. — —— 429 Sigismund Krotowski war der Sprößling einer in ruſſiſch Polen reich⸗ begütert geweſenen adligen Familien, und zählte jetzt zweiundzwanzig Jahre. Sein Vater hatte ſich bei den im Jahre 1848 in Polen ansgebro⸗ chenen Unruhen ſtark compromittirt— die Verbannug nach Sibirien und damit verbunden der bürgerliche Tod, ſtand ihm ſicher bevor, wenn nicht gar ſein Leben dem Henker verfallen war— nur mit Mühe und unter Gefahren gelang es ihm jedoch, ſich dieſem Schickſale durch die Flucht nach Paris zu entziehen, wohin er ſeine Familie, d. h. ſeine Gemahlin mit dem kleinen Sigismund, ſeinem einzigen Sohne, bereits längere Zeit vorher, als die Unruhen einen bedenklichen Charakter anzunehmen ſchienen, voraus⸗ geſchickt hatte. Da man ſeiner Perſon nicht habhaft werden konnte, ſo zog die ruſſiſche Regierung, wie ſtets in ſolchen Fällen, Krotowski's Güter ein und machte dieſen dadurch zum armen Manne. Freilich hatte der Flüchtling eine bedeutende Summe in baarem Gelde gerettet; er ſelbſt aber ſowohl wie ſeine Gemahlin waren zu ſehr an das luxuriöſe Leben der polniſchen Magnaten gewöhnt, als daß ſie es verſtanden haben ſollten, durch wirkſame Einſchränkungen es dahin zu bringen, daß dieſes Capital ihren Bedürfniſſen fortdauernd entſprach. Bald gerieth Kro⸗ towski in Verlegenheiten und nicht lange nachher klopfte ſogar die Noth, die ſchlimmſte Gefährtin in der Verbannung, an ſeine Thür. Jetzt raffte er ſich auf. Er ertheilte Unterricht in der polniſchen und ruſſiſchen Sprache — denn er war, wie die meiſten vornehmen Polen, ein Mann von gründ⸗ licher Bildung— er ſcheute keine Arbeit, um Geld zu erwerben, nicht nur zur Beſtreitung ſeines Haushalts, der nun freilich ſehr hatte beſchränkt wer⸗ den müſſen, ſondern auch für die Erziehung ſeines einzigen Sohnes, den er ſehr liebte. Der junge Krotowski, noch ein Knabe, fügte ſich mit der Elaſticität des kindlichen Gemüths in den Umſchwung der Verhältniſſe ſeiner Familie, hatte er doch die Vorzüge des Reichthums und der vornehmen Stellung kaum mit Bewußtſein genoſſen. Er entwickelte ſich vielmehr körperlich wie geiſtig außerordentlich gut, machte auf dem Lyceum, welches er beſuchte, ſchnelle Fortſchritte, und entſchied ſich früh für das Studium der Medizin, dem er ſich ſpäter auch wirklich widmete, obwohl ſein Vater ihn am lieb⸗ ſten zu einem Manne des Degens herangebildet hätte. Die angeſtrengte Thätigkeit und die beſtändigen Sorgen, rieben aber die Kräfte des älteren Krotowski dergeſtalt auf, daß er, obwohl bei ſeiner Ankunft in Paris erſt ein kräftiger Dreißiger, ſchon zehn Jahre ſpäter, als Sigismund ſein ſiebzehntes Jahr erreicht hatte, an der Auszehrung ſtarb— ſeine Gemahlin, die ihm bis zum letzten Augenblick treu zur Seite geſtanden hatte, folgte ihm ein Jahr ſpäter nach. Sigismund ſtand nun, eine Waiſe im fremden Lande, ohne Vermögen, allein; das Einzige, was er beſaß, nach⸗ dem durch den Verkauf des Hausraths ſeiner Eltern die Gläubiger derſelben befriedigt worden waren, beſtand in dem ziemlich bedeutenden Schatze von Kenntniſſen, die er geſammelt, und in ſeinen Talenten. Durch die Verwendung eines Freundes ſeines verſtorbenen Vaters er⸗ hielt er indeſſen ein Stipendium von wenigen hundert Francs aus der Stif⸗ tung eines polniſchen Fürſten für arme polniſche Studenten der Pariſer Univerſität, und unternahm es, mit dieſen geringen Mitteln ſich dem Studium der Arzneiwiſſenſchaft zu widmen. Nachdem man ſo genügend für ihn geſorgt zu haben glaubte, überließ man ihn ſeinem Schickſale, denn einerſeits hatten die meiſten polniſchen Emigranten in Paris genug mit ihren eigenen Sorgen zu thun, und die wenigen, deren Mittel es geſtatteten, ihre unglücklicheren Leidensgefährten zu unterſtützen, hatten ſehr vielen Anſprüchen zu genügen, andererſeits hatten die Freunde ſeines Vaters, deren derſelbe ziemlich viele beſeſſen, ſich mit ſeinem Gelde immer weiter von ihm entfernt, wie es gewöhnlich zu gehen pflegt, ſo daß ſich Niemand um den armen Studenten kümmerte, der zu ſtolz war, ſich Anderen in's Gedächtniß zu rufen. Bei der größten Anſtrengung und mit Hinzunahme einiger gelegent⸗ lichen Verdienſte gelang es Sigismund, ſich durchzuſchlagen. Arm wie er war und auf die fleißigſte Arbeit angewieſen, blieb er auch ſeinen Lands⸗ leuten fern, als dieſe von Paris aus den großartigen Aufſtand vorbereiteten, deſſen Geſchichte der Gegenſtand unſerer Erzählung iſt, obgleich er, wie wir bereits geſehen haben, Vaterlandsliebe genug beſaß, um ſofort bereit zu ſein, wenn man ihn im Namen der heiligen Sache ſeiner Heimath zum Dienſte aufforderte. Wir haben auch erfahren, warum er ſich enen Jünglingen nicht angeſchloſſen, welche das Comité der Emigration als freiwillige Käm⸗ pfer in die Heimath entſandte und wiſſen, warum er nicht allein ſich dort⸗ hin begab, weil ihm ſelbſt die Mittel fehlten, und weil er zu ſtolz war, ſelbſt zu einem ſolchen Zwecke, Jemand um Unterſtützung anzugehen. So wartete er auf einen günſtigen Moment, der ihm geſtatten würde, ſeinen Patritoismus zu bethätigen, und ein ſolcher ſchien jetzt gekommen zu ſein, da der Unbekannte ihn aufgefordert hatte, dem Vaterlande einen Dienſt zu leiſten! Wer aber war das hübſche junge Mädchen mit den braunen Augen und den blonden Flechten, die wir in Sigismunds Wohnung gefunden haben, und die dort ebenfalls zu Hauſe zu ſein ſchien? Henriette war ganz einfach Sigismund's Geliebte. Wir bitten den Leſer, darüber weder zu erſtaunen noch unwillig zu ſein. Wenn Sigismund eine Geliebte hatte ſo konnte das weder auf ſeine Moralität einen beſonders tiefen Schatten werfen, noch ſtand es im Wider⸗ ſpruch mit ſeinen beſchränkten finanziellen Verhältniſſen. —y 431 Erzählen wir zum Beweiſe dieſer etwas ſonderbar erſcheinenden Be⸗ hauptung in wenigen Worten die Geſchichte ihrer Liebe. Eines Tages wurde Sigismund Krotowski von mehreren Stu⸗ diengenoſſen ſeinen Büchern entführt und zu einer Landpartie mitge⸗ nommen. Bei der Geſellſchaft befanden ſich mehrere junge Mädchen, Arbeiterinnen ihres Standes, und darunter auch Henriette. Die andern Mädchen ſtanden in Herzensbeziehungen zu den Genoſſen Sigismund's, Henriette war frei. Der junge, etwas melancholiſch ausſehende Pole intereſſirte ſie, und ſie ſchloß ſich enger an ihn an. Auch Sigismund konnte nicht umhin, an dem blon⸗ den, ewig lachenden Mädchen Gefallen zu finden, wie ſich ja Gegenſätze ſo oft und leicht anziehen. Henriette merkte, was Sigismund fühlte; ſie ſah auch, daß er bei ſei⸗ nem eingezogenen Leben ſchüchtern und unſicher geworden ſein mußte, denn er wagte ſich nicht mit der Sprache heraus. Nichts war natürlicher für die unbefangene, heitere kleine Pariſerin, als daß ſie dem Schüchternen ent⸗ gegenkam und ihm ihrerſeits erklärte, daß ſie ihn liebe. Nun war der Bund geſchloſſen, und die Form, unter der ſie ſich lieben wollten, war auch bald gefunden. Mit wenigen Ausnahmen hat jeder Student in Paris eine Geliebte — und es wäre unrecht, den Einzelnen deswegen zu verdammen, da es eben allgemeine Sitte und es der feurigen Jugend wohl zu verzeihen iſt, wenn ſie über das Rechte oder Unrechte in dieſer Sitte etwas leicht hinweggeht. „Henriette wurde alſo Sigismund's Geliebte. Sie zog mit in ſeine fünf Treppen hoch gelegene Manſarde ein, ſie hielt ihm ſeine kleine Habe in Ordnung, verdiente, was fie brauchte, an ihrem Stickrahmen und führte aus gemeinſchaftlicher Kaſſe, worin ſie ihren Arbeitsverdienſt, Sigismund ſein Stipendium einlegte, einen kleinen Haushalt, wie er in Anbetracht der beſchränkten Mittel nicht angenehmer ſein konnte. 4 Sigismund fühlte ſeine drückende Lage weniger, ſeit Henriette bei ihm war, er arbeitete mit größerer Luſt und ſein Geiſt entfaltete ſich freier.— Als die ſchwere Krankheit, von der wir erfahren haben, ihn auf das Lager warf, pflegte ihn Henriette mit großer Aufopferung und arbeitete dabei mit verdoppelter Anſtrengung, um die durch die Krankheit vermehrten Ausgaben der kleinen Wirthſchaft beſtreiten zu können. Denn ſie beſaß trotz ihres leichten Sinnes und lachenden Weſens ein reiches Herz, ein tiefes Gemüth und liebte ihren Sigismund mit großer Innigkeit. Dieſer war alſo, außer durch das Intereſſe, das er an ihr nahm, auch noch durch Dankbarkeit an ſie gefeſſelt und der Leſer wird deshalb über ein Herzensverhältniß, welches ſo ſchöne Früchte tragen konnte, nicht allzuſtreng aburtheilen, weil es unſeren Begriffen von Sittlichkeit und Wohlanſtändig⸗ 432 keit nicht ganz entſpricht. In dem leichtblütigen Frankreich findet man der⸗ gleichen natürlich. Kehren wir indeſſen zu Sigismund zurück. 6. In der großen Bper. Mit ſchnellen Schritten, denn die geſpannte Erwartung deſſen, was er erfahren ſollte, trieb ihn zur größten Eile an, wanderte der junge Pole ſeinem Beſtimmungsorte zu. Mehrere Minuten vor der von dem Unbekannten feſtgeſetzten Zeit ſtand er vor dem Portale des prächtigen Opernhauſes, das ihn, trotz ſeines Sin⸗ nes für Kunſt und für Muſik insbeſondere, nur ſelten zu ſeinen Gäſten zählte, da der Eintrittspreis ein für ſeine Einkünfte enorm hoher war. Trotzdem beſchäftigte ihn in dieſem Augenblicke wenig der Genuß, der ſeiner wartete, er würdigte ſogar die Affiche, auf welcher die Oper„Hercu⸗ lanum und Pompeji von dem berühmten Felicien David angekündigt war, kaum eines Blickes, vielmehr dachte er an nichts weiter, als an den Dienſt, den der Unbekannte im Namen des Vaterlandes von ihm verlangt hatte, und deſſen Natur er hier kennen lernen ſollte. 4. Bald hatte er die hellerleuchteten Corridore durchſchritten, war die breite, mit Teppichen belegte Treppe hinaufgeſtiegen, welche zu ſeiner Loge führte, und dieſe wurde ihm nach Vorzeigung ſeines Billets ſofort geöffnet. Er trat ein. Der Vorhang war bereits nach dem erſten Acte der Oper gefallen. Das Orcheſter führte eine Zwiſchenactsmuſik aus, der das zahlreich verſam⸗ melte Publikum aufmerkſam lauſchte, aber in ſeiner Loge befand ſich außer ihm Niemand. Bei ſeinem Eintritt richteten ſich verſchiedene Operngläſer und Lorgnons auf ihn, was ihn anfangs in Verlegenheit ſetzte, ebenſo wie die eleganten Toiletten der Damen und Herren in den Logen, rechts und links von ihm, da er ſich bewußt war, daß ſein Anzug auf das Prädikat„elegant“ keinen Anſpruch zu machen habe. Dieſer Umſtand war es indeſſen nicht, der die Lorgnons und Opern⸗ gläſer veranlaßte, ſich auf ihn zu richten, obgleich es dennoch gerade ſein Anzug war, der ihm jene Aufmerkſamkeit zuzog. Der Schnurenrock, den er trug, und die pelzverbrämte Mütze, die er in der Hand hielt, bezeichneten ihn als einen Polen, der Platz, an den er —— 4 1 8 1(Seite 415.) „Gott mit Polen —ᷣ—ᷣ—ᷣ—ͦ—ͦℳℳñ— 434 ſich befand, ließ auf einen vornehmen Polen ſchließen, und daher wurde er das Ziel der bewaffneten Blicke, namentlich von Seiten der Damen. Denn die Polen waren Mode in Paris. Man ſammelte Geld für die im Vaterlandskampfe Verwun deten, man zupfte Charpie, man ließ Meſſen für ſie leſen. Wo ſich ein Pole zeigte, wurde er, wie wir eben ſahen, mit zudringlicher Theilnahme begafft, wie ein ſeltenes Exemplar einer im Ausſterben begriffenen Gattung. Kurz die Sympathieen der Franzoſen, beſonders der Pariſer, für das Schickſal der un lücklichen Freiheitskämpfer gab ſich in jener ihnen eignen g pfer g g koketten, im Grunde aber wenig wirkſamen Weiſe kund, und nur der Uner⸗ fahrene konnte ſich von dieſem ebenſo leicht erregten wie verrauchten Enthu⸗ ſiasmus etwas Erſprießliches für den Gegenſtand deſſelben verſprechen. Arg betrogen war aber gar derjenige, welche von der Macht der öffentlichen Meinung einen Einfluß auf den Lenker der Geſchicke Frankreichs, auf„den Schiedsrichter Europa's“, wie er ſich ſo gerne nennen hört, erwar⸗ tete— und in dieſem Falle waren zum Unglück jene Helden, die auf Po⸗ lens Gefilden ihr edles Blut verſpritzten, um durch ihren Opfertod dem Vaterlande ein Recht auf Europa's thatkräftiges Erbarmen zu erringen. Aber der galliſche Hahn ſah dem Kampfe des weißen Adlers mit dem doppelköpfigen Geier ruhig zu und krähte nur. Dies war etwa der Inhalt von Sigismund Krotowski's bitteren Ge⸗ danken, während der wenigen Secunden, in denen er ſich als den Gegen⸗ ſtand der Aufmerkſamkeit der in den Logen verſammelten ſchönen Welt ſah. Inzwiſchen verklangen die letzten Töne des Entreacts, der Vorhang rauſchte in die Höhe, alle Blicke richteten ſich nach der Bühne, und ein allgemeiner Laut der Ueberraſchung über die prachtvolle Decoration, welche ſich auf derſelben darſtellte, ging durch den Saal. Sigismund fühlte plötzlich eine leiſe Berührung an ſeiner Seite— er ſah ſich um und gewahrte, daß er nicht mehr der alleinige Inſaſſe der Loge war. Ein hochgewachſener Mann in den reiferen Mannesjahren, ſtand neben ihm. Es war ein Landsmann Sigismund's, der Schnitt des Geſichts, wie die Tracht zeigten es. „Sigismund Krotowski!“ flüſterte ihm der Neuangekommene zu. Der Angeredete zuckte zuſammen. Am Klange der Stimme hatte er den verhüllten Unbekannten aus der Rue St. Hyacinthe erkannt. Jetzt mußte er erfahren, zu welchem Dienſte ihn das Vaterland gerufen. „Ich bin bereit!“ gab er ebenſo leiſe und in polniſcher Sprache zurück. „Blicken Sie nach jener Loge hinüber!“ flüſterte der Fremde in der⸗ ſelben Sprache. Dabei gab er mit ſeinem Blicke die Richtung an, welche Sigismund's Auge nehmen ſollte. 435 Sigismund that, wie ihm geheißen. „Was ſehen Sie dort?“ „Zwei Damen in Schwarz. Ein junges ſchönes Mädchen neben einer Dame im Hochſommer ihrer Reize.“ Ein trübes Lächeln ſpielte unter dem ſtarken Schnurrbart des Fremden auf ſeinen Lippen. „ SSie fangen leicht Feuer!“ ſagte er. „Nein, ich mache nur meine Bemerkungen!“ entgegnete Sigismund. „Kennen Sie die Damen?“ fragte der Fremde. „Nein.“ „Es iſt die Gräfin Batory mit ihrer Tochter Eleonore.“ Ueberraſcht blickte Krotowski auf. „Die Gemahlin des Patrioten, deſſen Tod auf dem Felde der Ehre die Zeitungen vor einiger Zeit meldeten?“ fragte er. „Dieſelbe.“ „Und warum—“ begann Sigismund. Der Fremde zrrah den Sinn der Frage, ehe ſie ausgeſprochen war, und ſagte: „Sie ſpinnen Verrath! Krotowski erſtaunte noch mehr. „Und ich— ich ſoll den Verrath ſtrafen?“ fragte er nach einer Pauſe zögernd. „Zunächſt entlarven!“ war die Antwort, nach welcher der Fremde ſich anſcheinend gleichgültig in ſeinen Stuhl zurückwarf und den Blick der Bühne zuwandte. Eine kaum merkbare, für Krotowski nichtsdeſtoweniger verſtändliche Ge⸗ berde forderte dieſen auf, ein Gleiches zu thun. Die beiden Männer hatten nicht nur bemerkt, ſie waren auch bemerkt worden. Der Aeltere hatte geſehen, wie ſich die Augengläſer der beiden Damen, und zuerſt der Jüngeren, von der Bühne, die trotzdem das Intereſſe im Augenblicke ſehr hätte feſſeln können, abwandten und die Loge zum Ziele nahmen, in welcher er mit Krotowski ſaß. Daher das plötzliche Abbrechen des Geſprächs, damit jene nicht merk⸗ ten, daß ſie der Gegenſtand deſſelben wären. Eleonore beugte ſich zu ihrer Mutter hinüber.. „Ein ſchöner Mann— jener junge Pole!“ flüſterte ſie.„Kennſt Du ihn?“—. „Nein— doch ſeinen älteren Geſellſchafter.“ „Wer iſt es?“ „Eine Stütze der polniſchen Actionspartei, der Schriftſteller Joſeph 28- 436 T...ki. Wenn wir unſere Salons öffnen, werden wir wohl die Ehre ſeines Beſuches genießen.“. Die letzten Worte der Gräfin Batory waren im Tone der Ironie geſprochen. „Wenn er nur nicht ohne ſeinen jungen Begleiter kommt—“ ſagte Eleonore. „Der junge Herr ſcheint Dich zu intereſſiren,“ fiel ihr die Mutter in's Wort,„nimm Dich in Acht! wenn man eine politiſche Miſſion hat, darf man ſeinem Herzen keine Freiheit laſſen.“ Eleonore ſchwieg. Sigismund Krotowski verwandte keinen Blick von ihr. „So jung— ſo ſchön— die Tochter eines Patrioten— und eine Verrätherin!“ murmelte er vor ſich hin. Joſeph T. EK— denn die Gräfin hatte ſeine Namen richtig angegeben — verſtand dennoch dieſe Worte. 1. „Leider!“ ſagte er.„Doch kommen Sie, es iſt Zeit!“ ſetzte er, nach⸗ dem er auf ſeine Uhr geſehen, hinzu.„ In demſelben Augenblick fiel der Vorhang, der zweite Act der Oper war zu Ende. 3 Die beiden Polen verließen die Loge. Auf der Straße angelangt, rief T.. ki einen Fiaker, nannte dem Kut⸗ ſcher eine Adreſſe in der Straße Verneuil, und ſtieg ſodann mit Sigismund in den Wagen. 8 „Ich begreife meine Aufgabe noch nicht!“ ſagte der Letztere, als er neben dem Unbekannten im Wagen ſaß. „Haben Sie Geduld!“ lautete die Mahnung, die er als Antwort erhielt. Mit dieſen Worten warf Joſeph T. ki ſich in den Fond des Wagens zurück und verſank in tiefes Nachdenken. Sigismund wagte keine Frage mehr— ſondern begnügte ſich damit, die ſonderbaren Vorgänge des heutigen Abends und ihre möglichen Folgen ſeinem Geiſte vorzuführen und zu überlegen. Nach kurzer Zeit hielt der Fiaker vor dem bezeichneten Hauſe in der Verneuilſtraße, woſelbſt T.. ki ausſtieg und Krotowski aufforderte, ihm zu folgen. Zwei Treppen ging es hinauf, dann öffnete der Beamte des Vater⸗ landes, wie er ſich bezeichnet hatte, eine Thür und lud Sigismund ein, näher zu treten; er ſelbſt folgte und ließ die Thür hinter ſich in's Schloß fallen. Das Zimmer, in welchem ſie ſich nun befanden, war weniger mit Rückſicht auf Eleganz, als vielmehr auf Bequemlichkeit eingerichtet, und nach den zahl⸗ reichen Büchern, die in offenen Schränken aufgeſtellt waren, ſowie nach dem mit Papieren bedeckten Schreibtiſche zu ſchließen, der Aufenthalt eines Ge⸗ lehrten. Eine von der Decke herabhängende, mildes Licht verbreitende Lampe erhellte den Raum. ——— 437 Eine Geberde ſeines Führers forderte Sigismund auf, ſich zu ſetzen. Als dies geſchehen war, trat ver Unbekannte vor ihn hin und ſagte: „Es iſt unnütz, Ihnen noch länger meinen Namen zu verhehlen— ich heiße Joſeph T.. ki.“ Sigismund erhob ſich unwillkürlich— der Name, den er hörte, hatte einen vortrefflichen Kaang und war jedem gebildeten Polen in der rühm⸗ lichſten Weiſe bekannt. T.. ki verneigte ſich. „Bleiben Sie ſitzen,“ ſagte er dann,„ich bin Mitglied des Comités der Emigration,“ fuhr er mit einem an Feierlichkeit ſtreifenden Ernſte fort, „welches mit der Nationalregierung in Warſchau in unmittelbarer Verbin⸗ dung ſteht. Wollen Sie ſich der Autorität dieſer Behörde fügen, das heißt, wollen Sie mich als das Organ derjenigen Regierung, der Sie allein ge⸗ horſam zu ſein haben, anerkennen?“ „Ja!“ antwortete Sigismund Krotowski einfach und ohne Zögern. „Wollen Sie der Regierung der polniſchen Nation, welche den Kampf derſelben um die Freiheit von ruſſiſcher Tyrannei leitet, dienen nach beſten Kräften und mit unwandelbarer Treue?“ Sigismund bejahte auch dieſe in noch feierlicherem Tone geſtellte Frage. „Nun, ſo leiſten Sie in meine Hand und auf das Bild unſeres Erlöſers den Schwur, der Sie zum Dienſt des Vaterlandes bindet, und deſſen Bruch ohne Gnade mit dem Tode geahndet wird!“ Sigismund fühlte ſich in gehobener Stimmung. Ein Schauer durchrieſelte ſeine Glieder, die Feierlichkeit des Momentes riß ihn fort. Hier war kein geheimnißvoller Apparat, kein düſteres unterirdiſches Ge⸗ wölbe, kein Altar mit Todtengebein und blanken Schwertern, womit ſonſt wohl ſolche Eidesleiſtungen in Scene geſetzt zu werden pflegen. Es war vielmehr nur das ſtille Zimmer eines Gelehrten, ohne jede auffallende Decoration. Aber dennoch war dieſer Moment ganz geeignet, auf das junge, jedem Eindruck leicht zugängliche Gemüth des Studenten der Medicin eine mächtige, unvergeßliche Wirkung hervorzubringen. Die hohe imponirende Geſtalt Joſeph T... ki's, der bei ſeinen letzten mit tiefer, eindringlicher Stimme geſprochenen Worten ein elfenbeinernes Crucifix von ſeinem Schreibtiſche genommen hatte, trat jetzt dicht vor ihn hin— mit der linken Hand hielt der bewährte Patriot dem Novizen im Dienſte der Freiheit das Bild des Heilandes vor, während die rechte ſich gebietend ausſtreckte. „Erheben Sie,“ ſagte er,„die Hand zum Schwure und ſprechen Sie nach die Worte des Eides.“ Sigismund folgte der Aufforderung. 438 Die ſchwachen Strahlen der von der Decke herabhängenden Lampe beleuchteten die Scene auf eine eigenthümliche Weiſe, welche die Feierlichkeit, das heilig Schaurige derſelben, noch vermehrte. „Bei dem Bilde des Gekreuzigten, das ich ehrfürchtig küſſe,“ begann T... ki, indem er Sigismund das elfenbeinerne Crucifix zum Kuſſe reichte, „und bei ſeiner hochheiligen Mutter ſchwöre ich blinden Gehorſam, und Treue ſonder Wanken der Regierung, der Nation. Ich ſchwöre, keinerlei Gefahr, ſelbſt den Tod nicht zu ſcheuen, wenn es gilt, ihre Befehle aus⸗ zuführen. An welchen Platz ſie mich auch ſtellen mag, ich ſchwöre, überall meine ganze Kraft einzuſetzen und von meinem Poſten nicht zu weichen, bis entweder ſie ſelbſt oder der Tod mich abruft. Ich gelobe das unverbrüch⸗ lichſte Schweigen über Alles, was mir anvertraut oder bekannt wird von den Mächten, die im Verborgenen wirken, keine Drohung, keine Marter, keine menſchliche Rückſicht ſoll mir ein Geſtändniß entlocken, wenn ich in die Hände der Feinde falle. Breche ich jemals dieſen Schwur, ſo treffe mich ein ſchimpflicher Tod hienieden und ewige Verdammniß in jener Welt— aus⸗ ſpeien ſoll jeder Pole, wenn er hört den Namen des Verräthers.“ Mit tiefer, würdevoll gemeſſener Stimme hatte Joſeph T.. ki dieſen Schwur dem jungen Polen Satz für Satz vorgeſprochen, und tief ergriffen hatte dieſer ihn Satz für Satz wiederholt.. T... ki legte dann das elfenbeinerne Crucifix wieder an ſeinen Ort, ſchüttelte dem Neugeworbenen die Hand, und ſagte, indem ſeine Mienen einen freundlichen, wohlwollenden Ausdruck annahmen: „Jetzt ſind Sie unſer, Sigismund; Ihr Vater war ein würdiger Pa⸗ triot und ich zweifle nicht, daß Sie in ſeine Fußtapfen treten werden. Hören Sie nun Ihre Inſtructionen.“ Welcher Art dieſe Inſtructionen waren, wird die Folge bald lehren— inzwiſchen müſſen wir den Leſer aber erſuchen, uns nach einem anderen Orte zu begleiten, wo wir zwei Perſonen finden werden, die nicht geringeren Anſpruch auf unſer Intereſſe haben. — 7. Eine politiſche Miſſion. Die Oper war zu Ende— die Bänke und Logen leerten ſich ſchnell— auch die beiden Damen in Schwarz, die wir als Gräfin Batory und Com⸗ teſſe Eleonore Batory haben bezeichnen hören, verließen ihre Sitze, und ſchloffen ſich der herausdrängenden Menge an. —— — 439 Unten wartete ihrer ein eleganter Wagen, deſſen ſchnelle Pferde ſie in kurzer Zeit nach der Chauſſee d'Antin brachten, wo die beiden Damen ihren Wohnſitz aufgeſchlagen hatten. Der Leſer erinnert ſich der Gräfin und ihrer Tochter und ohne Zweifel auch jenes mißlungenen Verſuches, den Fürſten Conrad Waſa nicht nur der hei⸗ ligen Sache, welcher er mit dem ganzen Feuer ſeiner Vaterlandsliebe ſich geweiht, ſondern auch ſeiner heißgeliebten Julia zu entfremden. Wir haben geſehen, zu welchen ſchnöden Mitteln die Mutter Eleon orens griff, um dieſen Zweck zu erreichen, und haben auch geſehen, wie Stanis⸗ laus Tarnow im rechten Augenblick erſchien und ſeinen Freund Conrad aus ſeiner gefahrdrohenden Lage befreite. Es bleibt uns nun übrig, die Erlebniſſe der Gräfin und ihrer älteren Tochter von dem Augenblicke an, wo ſie von Tarnow's Getreuen an der ruſſiſchen Grenze allein gelaſſen wurden, bis zu jenem Momente, wo wir ihnen in Paris wieder begegnet ſind, nachzuholen. Eleonore hatte Conrad von Waſa nie geliebt; es war überhaupt zweifelhaft, ob ſie jemals aufrichtig lieben konnte. So ſchön ſie war— und ſie zählte zu den reizendſten Sch theiten des in dieſer Beziehung ſo reichen Polens— ſo beſaß ſie doch ein kaltes Herz. Eine ungemeſſene Citelkeit war der Grundzug ihres Charakters. Der enorme Reichthum Conrad von Waſa's, der Fürſtentitel, den er trug, und auch ſeine großen perſönlichen Vorzüge waren es, welche Eleonoren den lebhaften Wunſch einflößten, ihn zu beſitzen, ihn ihrer Schweſter Julia, die er liebte und von der er geliebt wurde, zu entreißen. Und ihre Stiefmutter, welche ſich an Eleonoren wegen der Aehnlichkeit des Charakters eng anſchloß, während ſie der mit einem tiefen, aufrichtigen Gemüth und einem ſchönen Herzen begabten Julia nicht nur ſtets fremd blieb, ſondern ſogar eine feindliche Stellung gegen ſie ein⸗ nahm, hatte ſich, wie wir ſahen, mit Eleonore verbündet, um ihr zur Er⸗ reichung ihres Wunſches behülflich zu ſein. Nicht Trauer war daher das Gefühl, welches die Seele der Letzteren erfüllte, nicht das Leid verſchmähter Liebe, ſondern nur verletzte Eitelkeit, Aerger über das Mißlingen eines Unternehmens, deſſen Erfolg ſie für un⸗ zweifelhaft gehalten, Aerger darüber, daß ſie den reichen, hochgeſtellten glän⸗ zenden Gemahl, der ihrer Anſicht nach von der Natur weniger bevorzugten Julia überlaſſen mußte. 4 Sie haßte jetzt Conrad von Waſa, und es bedurfte nur einer Anre⸗ gung, um dieſen Haß zur leidenſchaftlichſten Rachſucht aufflammen zu laſſen. Ihre Stiefmutter theilte nicht nur Eleonorens Gefühle— ſie empfand ſie in noch weit höherem Maße. In dieſer Stimmung langten Beide in St. Petersburg an— denn Mittel zur Reiſe hatte man ihnen mitzunehmen geſtattet. un 8—— ——.——. ———— Ein Brief vom General Berg, deſſen beſonderer Protection ſich die verwittwete Gräſin Batory erfreute, war ſchon vor ihnen unter der Adreſſe des kaiſerlichen Cabinets dort angekommen. Sobald nämlich dieſer General, der als Gouverneur von Warſchau dem Beiſpiele des Wütherichs Mouravieff in Wilna würdig nacheiferte, von der gewaltſamen Entführung ſeiner Freundin und ihrer Tochter gehört und durch Nachforſchungen in Erfahrung gebracht hatte, daß die ruſſiſche Grenze das Ziel ihrer unfreiwilligen Reiſe geweſen, ſandte er unverzüglich einen Bericht über den Vorfall an das kaiſerliche Cabinet und empfahl darin zu⸗ gleich die Gräfin Batory wie die Comteſſe Eleonore als die geeignetſten Perſonen für eine Spionage im Auslande, namentlich in Paris, dem Heerde der Conſpirationen und dem eigentlichen Ausgangspunkte des Aufſtandes, von wo derſelbe ſtets neue Nahrung erhielt. Noch an dem Tage ihrer Ankunft in der Hauptſtadt nach einer höchſt beſchwerlichen Reiſe, fand ſich daher der Staatsrath Baranoff— eines jener Cabinetsgeſchöpfe, die ſich, weil ſie zu Allem zu gebrauchen und beſonders „zu Allem fähig“ ſind, zu hohen Stellungen hinaufſchwindeln— ein Mann, der wegen ſeiner Schlauheit und Unbedenkiichkeit ſtets zu ſogenannten ver⸗ traulichen Miſſionen verwendet wurde— dieſer Herr, ſagen wir, fand ſich bei ihnen ein, um im höheren Auftrage mit ihnen zu verhandeln. Eleonore hatte ſo wenig wie ihre Stiefmutter ein Herz für's Vaterland, wie der Leſer ſchon zu bemerken Gelegenheit gehabt hat. Die Leidenſchaft des Patriotismus, welche die polniſche Nation im Allgemeinen und nament⸗ lich die polniſchen Damen in beſonders hohem Grade beſeelt, war ihnen fremd. 4 Gleichgültig gegen die nationale Sache, wie ſie waren, hielt es daher nicht ſchwer, durch glänzende Vorſpiegelungen— allerhöchſte kaiſerliche Gnade— eine ausgezeichnete Stellung am Hofe des Selbſtherrſchers aller Reußen— großartige Belohnungen und dergleichen— ſie zum Verrathe an derſelben zu beſtimmen. Die glatte Beredtſamkeit des Staatsraths Baranoff löſte denn auch dieſe Aufgabe, ſo daß man ſich ſchließlich über folgenden Plan verſtändigte. Gräfin Batory und Eleonore ſollten ſich nach Paris begeben, unter der Maske von glühenden Patriotinnen, und Opfern der Tyrannei des Czaren. Graf Batory war im Vaterlandskampfe gefallen und die ruſſiſche Re⸗ gierung hatte ſeine Güter unter Sequeſter gelegt— freilich nur zum Schein, denn die Gräfin Wittwe bezog die Einkünfte derſelben fort;— was war alſo wahrſcheinlicher, als daß ſeine Wittwe und ihre Tochter als nun⸗ mehr ſchutzloſe Frauen ſich in's Ausland retteten? Wenn ſie ferner in Pa⸗ ris ein Haus machten— und das konnten fie, trotz der Sequeſtration ihrer Güter in Ruſſiſch⸗Polen, da ſie ja noch Güter in Galizien beſaßen und —— —— — 441 deren Einkünfte ungehindert bezogen— ſo war wiederum nichts natürlicher, als daß die Salons, worin zwei patriotiſche Damen, die durch Schönheit, Bildung und Geiſt ſich auszeichneten, die Honneurs machten, der Sammel⸗ platz ſäm ntlicher in Paris weilender, emigrirten Polen wurden. Die Con⸗ verſätion im Salon ſchon mußte Stoff genug zu werthvollen Berichten an die kaiſerliche Regierung geben, und zwei gewandten Damen, wie die Gräfin und ihre Tochter, mußte es überdies leicht werden, das Vertrauen hervor⸗ ragender Perſönlichkeiten der Emigration zu gewinnen, und auf dieſem Wege Einſicht in die Pläne und Handlungen derſelben zu verlangen. Schlau genug war, wie man zugeben wird, dieſe Intrigue angelegt, und weder Baranoff, noch die beiden Verrätherinnen zweifelten an ihrem Gelingen. Unverzüglich war die Gräfin Batory mit Eleonoren nach Paris abge⸗ reiſt, und dort angekommen, hatte ſie ſofort ihre Operationen begonnen. Wir kennen alſo jetzt die„politiſche Miſſion“, an welche die Mutter ihre Tochter in der Opernloge gemahnt hatte. Der Tag, an welchem Sigismund Krotowski ſie in der Oper ſah, war bereits der dritte ihrer Anweſenheit in Paris— der erſte jedoch, an welchem ſie ſich an einem öffentlichen Orte zeigten. Die Einrichtung einer eleganten Wohnung in der Chauſſee d Antin und andere Vorbereitungen hatte ſie während der beiden andern in Anſpruch genommen. In tiefes Schwarz gekleidet, denn dies erſordente ſowohl ihre Rolle als Patriotinnen, die um das blutende Vatenand trauerten, als auch der erſt vor wenigen Wochen erfolgte Tod des Gatten und Vaters— waren ſie in die Oper gefahren, weniger um zu ſehen, als um an dieſen Rendezvous der ſchönen Welt geſehen zu werden, damit von ihnen geſprochen und ſo ihre Ankunft bekannt würde. Wir haben ſie auf dem Heimwege bis zu ihrem Hauſe begleitet und ſehen ſie jetzt in einem ebenſo kokett wie reich und anmuthig ausgeſtatteten Bondoir einander gegenüberſitzen. Die Ormolu⸗Uhr zwiſchen zwei mit herrlichen Frühjahrsblumen ge⸗ füllten antiken Vaſen auf dem Kamin zeigt etwa auf Zwölf. Auf einer, mit dunkelblauem Damaſt überzogenen Cauſeuſe ſitzt in be⸗ quemer Stellung, halb ausgeſtreckt, die ſchöne Eleonore, und das hellblonde Haar, welches ihre feingewölbte Stirn einfaßte, contraſtirte angenehm mit dem Blau der Polſter, während das ſchwarze Seidenkleid den blendend weißen Teint ihrer jetzt unverhüllten Schultern wundervoll hervorhob. Das Licht der prachtvollen Lampe, welche das kleine Zimmer erhellte, wurde durch eine ſchön geſchliffene Glaskugel gemildert und verbreitete einen ungemein behaglich warmen Ton über die ganze Scene. 442 „Nun, Mutter,“ begann Eleonore, in dem ſie den Kopf ein wenig er⸗ hob, um den Blick auf die in einem Fauteuil der Cauſeuſe gegenuͤberliegende Gräfin zu richten,„wie biſt Du mit unſerm Debüt in Paris zufrieden?“ „Sehr, liebe Eleonore,“ war die Antwort,„es entſprach durchaus mei⸗ nen Erwartungen. Bemerkteſt Du nicht die Senſation, die unſer Eintreten in die Loge erregte? Ich glaubte auf den Geſichtern, die uns durch ihre Gläſer anſtarrten, leſen zu können:„Siehe da: Zwei unglückliche Polinnen! Wie intereſſant in ihren Trauerkleidern!“ Morgen wirſt Du in jenen kleinen Journalen, die ihre Leſer mit dem Salonklatſch zu unterhalten pflegen, leſen können, daß wir angekommen ſind und uns in der Oper gezeigt haben. Man wird unſere Namen ſogar angeben, denn dieſe Zeitungsſchreiber ſpio⸗ niren Alles aus.“ Die Gräfin Batory kannte Paris— ſte hatte als Fräulein von Holſcha dort bereits eine Saiſon verlebt, und durch ihre Schönheit Aufſehen erregt. Jetzt war ſie freilich etwa ſieben Jahre älter geworden, doch ihre Reize hat⸗ ten ſich ſo wohl conſervirt, daß ſie, wenn auch nicht mit ihrer Stieftochter in die Schranken treten, dennoch neben ihr auf einige Beachtung Anſpruch machen konnte. „Ich muß Dir geſtehen,“ ſagte Eleonore,„daß mir unſere politiſche Miſſion, wie Du es nennſt, ſehr langweilig zu werden anfängt; weit lieber würde ich mich rückhaltslos dem Vergnügen hingeben.“ „Unſere Miſſion wird Dich daran nicht hindern!“ erwiderte die Gräfin. „Ich brauche Zerſtreuung, um den Verdruß über den verblendeten Con⸗ rad, der Julia mir und dem Leben vorzuziehen im Stande war, zu ver⸗ ſcheuchen.“ „Es wird Dir an Zerſtreuung nicht fehlen. Bedenke übrigens, daß unſer Auftrag uns die beſte Gelegenheit giebt, indem wir ſeine Partei ver⸗ nichten helfen, an ihm uns zu rächen. Trifft ihn— und Julia,“ ſetzte die Mutter zögernd hinzu, nnicht früher eine ruſſiſche Kugel, ſo haben wir die Genugthuung, den ſtolzen Fürſten von Waſa auf dem Schaffote ſterben zu ſehen, oder ihn uns in den Bleiwerken Sibiriens mit Ketten belaſtet arbei⸗ tend zu denken.“ Eleonore lächelte trübe. „In meinen Ketten hätte ich ihn lieber geſehen!“ ſagte ſie. „Aber Du haſt Recht,“ ſetzte ſie gleich darauf in heftiger Aufwallung hinzu,„rächen wir uns! Man verſchmäht mich nicht ungeſtraft.“ „Ein günſtiger Zufall war es,“ nahm die Gräfin⸗Wittwe wieder das Wort,„daß Joſeph T..ki in der Oper war. Er kennt mich von meinem früheren Aufenthalte in Paris her und war mit meinem Vater befreundet. Jedenfalls wird er mir ſeine Aufwartung machen— und das iſt der beſte Anfang zur Erreichung unſres Zweckes, den wir haben können.“ — 443 „Inwiefern?“. „Der gelehrte, geiſtreiche T...ki nimmt eine hervorragende Stellung in der Emigration ein; es würde mich Wunder nehmen, wenn er nicht einem der leitenden Comités angehörte— Du begreifſt, wie es uns fördern muß, einen ſolchen Mann vor der Welt unſern Freund nennen zu dürfen! Ein gaſtfreies Haus, das er beſucht, wird auch ſeine Parteigenoſſen anziehen.“ „Ich verſtehe. Und unter dieſen iſt hoffentlich jener junge Mann, der mit T..ki in der Loge war— ohne Zweifel ein uns ebenbürtiger Lands⸗ mann von uns.“ „Ich zweifle nicht daran!“ war die Antwort.„Haſt Du Luſt, ihn dem Fürſten Waſa zum Nachfolger zu geben?“ „Die Zeit mag es lehren!“ ſagte Eleonore etwas pikirt, denn ſie merkte wohl den verſteckten Spott, der in den Worten ihrer Mutter lag. „Da er mit T..ki befreundet iſt,“ lenkte dieſe ein,„ſo kann er für unſere Zwecke wichtig werden— vielleicht iſt es für unſere politiſche Miſſion wünſchenswerth, daß er ſich in Dich verliebe.“ Man ſieht, das Verhältniß zwiſchen Mutter und Tochter war ein eigen⸗ thümliches, worin der Reſpect die unbedeutendſte Rolle ſpielte. Bei dem geringen Unterſchiede des Alters— die verwittwete Gräfin war etwa um zehn Jahre älter als Comteſſe Eleonore— war dies auch nicht zu verwundern. Sie gingen mit einander um, wie zwei durch gemeinſame Intereſſen verbun⸗ dene Freundinnen— oder Verbündete— von denen die eine, vermöge ihres höheren Alters, den Vorzug größerer Erfahrung für ſich hat. Eleonora hatte nach den letzten Worten ihrer Stiefmutter geſchwiegen, ſie mochten ihr wohl Anlaß zum Nachdenken gegeben haben. Sie hatte ſich wieder in ihre anfängliche, bequem nachläſſige Stellung auf der ſchwellenden Cauſeuſe zurückbegeben und ſchien in tiefes Sinnen ver⸗ ſunken— ihre Gedanken mußten jedoch angenehmer Natur ſein, denn die Spur eines Lächelns ſchwebte um ihre Lippen, dem klaſſiſch ſchönen Geſichte erhöhten Reiz verleihend. Die Gräfin Batory brach nach einigen Secunden das eingetretene Schweigen mit den Worten: „Wir wollen uns zur Ruhe begeben, Eleonora; morgen werden wir wahrſcheinlich bereits Beſuche zu empfangen haben, da ich bei einigen mei⸗ ner Bekannten aus meinem früheren Aufenthalte in dieſer Hauptſtadt unſere Karten habe abgeben laſſen.“ Damit erhob ſie ſich von ihrem Fauteuil und ſchickte ſich an, das Zim⸗ mer zu verlaſſen;— Eleonora folgte ihrem Beiſpiel. 444 8. Berz und Melt. Wir kehren jetzt wieder in den fünften Stock des Hauſes in der Rue St. Hyacinthe zurück, wo der junge polniſche Student der Mediein, Sigis⸗ mund Krotowski, dem ſo unerwartet eine wichtige Rolle im Dienſte ſeines Vaterlandes zuertheilt ſchien, eine mehr als ſchlicht eingerichtete Manſarde bewohnte, welche ſich die kleine Henriette ihm zum Eden umzuſchaffen bemühte. Ziemlich ſpät kehrte Sigismund von T.. ki nach Hauſe zurück. ber was war mit ihm vorgegangen? War er umgewandelt? Oder hatten ſich die Dinge außer ihm ver⸗ wandelt? 5 Als er in die ſchmale, winklige Straße, die ſeine Wohnung enthielt, eintrat, kam ſie ihm ſo fremd vor, als gehörte er nicht in ſie hinein. Auch das alte Haus ſelbſt ſchaute ihn mit ganz ſonderbaren Augen an. Er zog indeß die Klingel— der alte Portier erſchien nach mehreren Minuten und öffnete mürriſch. Auch der Blick des Alten ſchien zu fragen:„Was wollen Sie denn hier?“ Die Treppenſtufen, deren er fünfmal achtzehn hinauf zu ſteigen hatte, knarrten und ächzten, er glaubte aus dieſen Lauten die Worte herauszuhören: „Warum betrittſt Du uns?“. Die Stufen knarrten zwar auch ſonſt, denn das Haus war alt und das Holz der Treppe ausgetrocknet und die Fugen gelockert;— aber Sigismund hatte ihr Knarren nie ſo verſtanden, wie heute.— Wenn er ſonſt auf der oberſten Treppenſtufe angelangt war, hatte er freudig aufgeathmet, war mit beflügeltem Schritte der Thüre ſeiner Man⸗ ſarde zugeeilt, denn da drinnen erwartete ihn ja Henriette, das liebe kleine, muntere Mädchen, aus deren treuen, braunen Augen er Troſt ſchöpfen konnte für ſo manche Widrigkeiten des Lebens. Warum war das heute anders? Warum näherte er ſich der Thür ſo langſam und faſt beklommen, wie Jemand, der an eine fremde Thür klopfen will und des Empfanges, der ihm werden wird, nicht ſicher iſt? War er nicht mehr hier zu Hauſe? Beinahe nicht mehr! Seine Gedanken wenigſtens weilten anderswo— in wachen Träumen verſetzte er ſich in andere Räume, in ganz andere Umgebungen. Der Ehrgeiz war in ſeiner Bruſt entbrannt. Inzwiſchen öffnete er langſam die Thür ſeines beſcheidenen— ja dürf⸗ tigen Zimmers. — 445 Henriette war noch auf; ſie ſaß auf ihrem gewöhnlichen Platze am Tiſche und arbeitete. Als ſie Sigismund eintreten hörte, ſprang ſie auf, ihn zu empfangen. Plötzlich blieb ſie aber ſtehen und hielt ſich am Tiſche feſt. Sie hatte ihm in's Geſicht geſehen— und der Anblick deſſelben ſchien ſie verſteinert zu haben. Die gerunzelte Stirn, die düſter flammenden Augen, die unſtät ſchweif⸗ ten und abſichtlich Henriettens Blick zu meiden ſchienen, der unſchlüſſige Schritt, das war es, was ihr an Sigismund auffiel— was ſie erſchreckte. Denn mit dem feinen Gefühl des liebenden Weibes ahnte he Unheil aus dieſen Anzeichen. „Guten Abend!“ ſagte Sigismund, und bemühte ſich, ſeinen Ton ſo freundlich wie möglich zu machen. Henriette vermißte dennoch die gewöhnliche Herzlichkeit in ſeinem Gruße. „Guten Abend, Sigismund!“ erwiderte ſie, indem ſie langſam auf ihn zuging; ihn bei der Hand nahm und ſanft an ſich zog.„Fehlt Dir etwas?“ ſetzte ſie hinzu.„Du ſiehſt ſo angegriffen aus; iſt etwa die Operation Schuld daran?“ „Ja, ja, die Operation!“ erwiderte Sigismund zerſtreut, machte ſeine Hand aus der Henriettens los und warf ſich in den großen Lehnſtuhl, den einzigen im Zimmer, der die Stelle eines Sopha oder Canapee vertrat. Betrübt über das Benehmen ihres Herzensfreundes ſetzte Henriette ſich wieder auf ihren Platz, nahm Stickerei und Nadel wieder auf und wollte ihre Arl eit fortſetzen— aber es ging nicht. Ihre Blicke ſchweiften, obwohl ſie es ihnen hätte verbieten mögen, zu Sigismund hinüber, der finſter vor ſich hinbrütend in dem ahnſinble ſaß und ſie nicht beachtete. Was mußte nur vorgegangen ſein? Seine Züge waren in fortwährender Bewegung; bald runzelte er die Stirn, bald ſeufzte er tief auf, bald wieder ſpielte ein unheimliches bitteres Lächeln um ſeine Lippen. Endlich richtete er mit einer heftigen Bewegung den Kopf in die Höhe, ſein Fuß trat unſanft auf den Boden— er ſchien einen Entſchluß gefaßt zu haben. „Es muß ſein,“ ſagte er vor ſih hin, jedoch ziemlich laut,„und beſſer heut, wie morgen!“ „Mein Gott!“ ſchrie Henriette auf,„was muß denn ſein? Du haſt doch nichts Schlimmes vor?“ In ihrer Angſt war das arme Mädchen wieder aufgeſprungen und zu Sigismund hinübergeeilt; ſie faßte ſeine Hand, ließ ſich vor ihm auf den 446 Boden gleiten, indem ſie ſich mit den Armen auf ſeine Knie ſtützte; ſo lag ſie ihm gewiſſermaſſen zu Füßen und blickte mit ſo inniger Beſorgniß, ſo liebend ängſtlich zu ihm hinauf, daß Sigismund nicht ungerührt bleiben konnte. „Habe ich Dich erſchreckt?“ fragte er mit viel ſanfterem Tone, als vorher.„Verzeihe mir, liebe Henriette,“ fuhr er fort,„wenn Du wüßteſt, was mir begegnet iſt, Du würdeſt es erklärlich finden—“ Er brach ab.. „So laß mich doch meinen Theil an Deiner Sorge haben; vertraue mir, was Dich bekümmert, wie Du es ſonſt gethan! Oder verdiene ich das heut nicht mehr?“ ſagte Henriette, ohne ihre flehende und zugleich reizende Stellung zu verlaſſen. „Was mich bekümmert, mußt Du allerdings erfahren,“ erwiderte Sigis⸗ mund,„und mußt es auch mit mir tragen,— und doch kann ich Dir— darf ich Dir bei dieſer Gelegenheit nicht das volle, rückhaltsloſe Vertrauen ſchenken, das ich Dir ſonſt nie vorenthalten habe, und worauf Du, ich ge⸗ ſtehe es gern, ein wohlbegründetes Recht haſt.“ klagen wollteſt.“ Sigismund zog das hübſche Mädchen zu ſich herauf und drückte einen innigen Kuß auf ihr Auge— er küßte eine Thräne fort. Sie ſchlang ihre weichen Arme um ſeinen Hals und ſchmiegte ſich feſt an ihn, als wollte ſie damit ſagen:„Was auch kommen mag, ich laſſe Dich nicht!“ „Henriette,“ begann Sigismund,„in meinem Leben muß eine Verän⸗ derung eintreten— ich muß dieſe Wohnung verlaſſen— „Verlaſſen?“ wiederholte Henriette bebend und nahm ihre Arme von Sigismund's Schultern, zugleich brach ſie in Thränen aus. „So höre doch, liebes ſüßes Kind,“ ſagte Sigismund, indem er ſie wieder an ſich zu ziehen ſuchte,„nicht Dich muß ich verlaſſen, nur dieſe Wohnung— Du bleibſt hier und ich beſuche Dich häufig— ſo oft ich kann.“ „O— er iſt auch wie die Andern!“ ſchluchzte Henriette, als wenn ſie Sigismund's Worte gar nicht gehört hätte.„Dieſe harten grauſamen Män⸗ ner! Wehe dem armen Mädchen, das ein Herz hat! Ich habe ein Herz, Sigismund, und mit dieſem Herzen liebe ich Dich ſo innig, ſo treu, ſo lei⸗ denſchaftlich!— wie der Epheu in der harten ſteinernen Mauer Wurzeln ſchlägt, ſo habe ich Wurzeln geſchlagen in Deinem harten, ſteinernen Her⸗ zen— reiße den Epheu gewaltſam ab— er ſtirbt, aber die Mauer bleibt ungerührt.“ 447 Unter fortwährendem lauten Weinen hatte Henriette dieſe wehklagenden, bittern Worte ſchnell hintereinander geſprochen, und Sigismund hatte meh⸗ rere Male verſucht, ſie zu unterbrechen, ohne daß er hatte zu Worte kommen können. „Geliebte,“ begann er jetzt,„biſt Du nicht wie ein Kind? An ein eingebildetes Leid klammerſt Du Dich an, einem Schmerze machſt Du Luft, der nur in Deiner Phantaſie ſeine Urſache hat. Willſt Du mich nicht erſt anhören—“ „Was ſoll ich noch hören?“ unterbrach ihn Henriette, vergeblich die unaufhaltſam rollenden Thränen zurückzudrängen ſuchend.„Ich hörte das ſchreckliche Wort: Verlaſſen! O ich ahnte es wohl, daß einmal ein ſolcher Moment kommen müßte— was haben wir denn anders zu erwarten— wir Griſetten!“— Das letzte Wort betonte Henriette mit einer Bitter⸗ keit, die Sigismund einen Stich in's Herz gab.„Verlaſſen und vergeſſen werden, ſobald ihr das Quartier Latin mit der großen Welt vertauſcht, das iſt unſer Loos. Die andern Mädchen tröſten ſich und ſuchen Erſatz, aber ich bin— ach zu meinem Unglück bin ich nicht wie jene— ich werde daran ſterben!“ „Willſt Du mich nicht anhören, Henriette?“ bat Sigesmund wieder, „Du biſt, mein ſüßes Kind, wie ein Verwundeter im Fieber, der den lin⸗ dernden Verband zurückſtößt, den man ihm auflegen will—“ „Den lindernden Verband— ja, das Gleichniß trifft,“ fiel ihm Hen⸗ riette in's Wort,„es iſt liebenswürdig von Dir, daß Du die Wunde küh⸗ len willſt, die Du ſchlägſt. Nun gut, ſo ſprich,“ ſagte ſie, indem ſie ſich mit einer gewaltſamen inneren Anſtrengung zu faſſen ſuchte und die ſtrömenden Thränen mit ihrem Taſchentuche trocknete,„freilich, was Du auch ſagen magſt, mir wird immer nur das furchtbare Wort: Verlaſſen! in die Ohren klingen.“ Mit dieſen Worten ließ ſie ſich auf einen Stuhl ſinken und verhüllte ihr Geſicht mit beiden Händen. „Liebe Henriette,“ begann Sigismund nun, und bemühte ſich, ſo viel Innigkeit in ſeinen Ton zu legen, als ihm nur möglich war,„Du thuſt mir Unrecht, wenn Du glaubſt, ich könne Dich ſo leichtſinnig verlaſſen, wie meine Comilitonen die Mädchen, mit denen ſie ſich zum Scherz verbinden. Du weißt, daß ich Dich liebe, innig liebe, und überdies feſſelt mich ja die Dankbarkeit—“ „O dieſe kalte Dankbarkeit,“ unterbrach ihn hier wieder Henriette,„ich will ſie nicht, wenn nicht die Liebe ſie erwärmt.“ „Freilich muß ich dieſe Wohnung verlaſſen— doch hoffe ich, nur auf einige Zeit, die ich dem Dienſte meines Vaterlandes widmen muß,“ fuhr Sigismund fort;„ich darf Dir nicht Alles ſagen— ein Schwur legt mir = ———— 448 Schweigen auf— doch, was Du erfahren kannft, wird ⸗genügen, mich vor Dir zu rechtfertigen. Hier in Paris ſpinnt man Verrath gegen die heilige Sache meines Landes, und ich bin berufen worden, dieſen Verrath zu ent⸗ larven. Die Aufgabe, die mir geſtellt iſt, nöthigt mich, eine andere Lebens⸗ weiſe zu führen, in einem beſſeren Quartier zu wohnen— man hat mir die Mittel dazu angewieſen— um frei zu ſcheinen von Banden des Her⸗ zens. Fürchte nicht, daß ich in anderer Umgebung Dich vergeſſe; ſo oft es möglich iſt, wirſt Du mich bei Dir ſehen, und habe ich meine Aufgabe ge⸗ löſt, habe ich dem Vaterlande den Dienſt geleiſtet, den es von ſeinem Sohne zu verlangen das Recht hat, dann kehre ich zu Dir zurück, und nichts ſoll uns dann wieder trennen. Vertraue mir, Henriette, und es wird Alles gut werden.“ Henriette ſchien nicht überzeugt zu ſein. Sie ließ die Hände finken, die bis jetzt ihr Geſicht bedeckt hatten, und ſagte tonlos: „Dein Vaterland ruft Dich? Ich bin eiferſüchtig auf Dein Vaterland,“ ſetzte ſie mit einem blaſſen Lächeln hinzu,„ich habe Gott gedankt für Deine Krankheit, die Dich damals hinderte, mit auszuziehen in den Kampf, jetzt werde ich geſtraft für dieſe Sünde; ich muß Dich dennoch an Dein Vater⸗ land verlieren!“ „Aber Du wirſt mich nicht verlieren!“ rief Sigismund faſt ungedul⸗ dig aus. „Frei willſt Du ſcheinen von Banden des Herzens!“ fuhr Henriette mit derſelben tonlos trüben Stimme fort, in der ſie eben begonnen hatte, „bald wirſt Du frei ſein, denn in der Welt wirſt Du mich vergeſſen und ich werde ſterben!“ Sigismund erhob ſich von ſeinem Sitze. „Geh zur Ruhe,“ ſagte er zu dem in tiefe Schwermuth verſinkenden Mädchen,„morgen biſt Du vielleicht geneigt einzuſehen, daß auch die Welt Rechte auf den Mann hat, und daß nur Schwächlinge dem Herzen die unumſchränkte Herrſchaft einräumen können.“ Der Ton, in dem er dieſe Worte ſprach, war nicht ganz frei von Härte. Henriette fühlte es— die kaum verſiegten Thränen ſtürzten auf's Neue aus ihren ſonſt ſo hellen, lachenden braunen Augen; ſie ſprang auf, warf ſich an Sigismund's Bruſt. „Ich habe Unrecht,“ ſagte ſie,„aber mache mir meine Liebe nicht zum Vorwurf, habe Mitleid mit meiner Schwäche. Sieh', Du biſt mein Alles, mein ſchöner, mein großer, mein gelehrter Sigismund— in Dir nur lebe ich, darum ſchwebe ich in ſteter Furcht, Du möchteſt mir entriſſen werden— und dann wäre es aus mit der armen Henriette! Darum, als Du das ſchreckliche Wort„Verlaſſen“ ausſprachſt—“ 2 465 „Man drohte ihm mit der Knute, wenn noch ein Laut über ſeine Lip⸗ pen käme. „Nun bereiteten die Brüder ſich gegenſeitig zum Tode vor. „Michael legte ſeine heiße, trockene Zunge an die feuchten Mauern des Kerkers, Godefroi hielt das Haupt des unglücklichen Knaben in ſeinem Schooße und kühlte ſeine Stirn mit ſeinem Athem, ſeinen halberſtarrten Händen. „Tödtet mich,“ bat der Kranke,„und nehmt mein Blut zu Eurer Nah⸗ rung; vielleicht ſchützt Gott Euer Leben, das meinige iſt ja doch dem Grabe verfallen.“ „Keiner der drei Anderen wollte von dieſem entfetzlichen Vorſchlag hören; ſie umarmten ſich und ſuchten zu ſchlafen, doch Niemand vermochte es, ein Auge zu ſchließen, zu heftig wütheten Haß, Rachegier und der nagende Hunger. „Am dritten Morgen erſchien der Kerkermeiſter, ihnen den Tod auf den folgenden Tag zu verkünden.“ „Warum laßt Ihr uns im Voraus ſterben?“ rief Robert aus. „Giebt man doch jedem Verdammten ein Henkersmahl.“ „In dieſem Augenblicke lief eine Ratte mit rothglühenden Augen über den an der Erde ausgeſtreckten Michael dahin. „Der Kerkermeiſter lachte laut auf. „Da habt Ihr ja Braten genug!“ rief er, auf das häßliche Thier deutend. „So erbarmt Euch wenigſtens des armen Kranken dort!“ flehte Wla⸗ dimir. „Warum?“ höhnte der Ruſſe,„Ihr habt uns Nichts zu Gefallen ge⸗ than, als man Euch aufforderte, die Schlupfwinkel Eurer Nationalregierung zu nennen; ſo könnt Ihr nicht verlangen, daß wir unſer Eſſen mit Euch theilen.“ „Als ſich die Brüder allein ſahen, wurde ihnen leichter zu Muthe; ſie wußten, daß ihre Qualen nur noch bis zum anderen Tage dauern konnten. „Doch Wladimir errieth den tückiſchen Plan, der nicht ſowohl ihrem Leben als ihrer Ehre drohte. „Wenn wir bis morgen ohne Nahrung bleiben,“ ſagte er,„ſo wird keiner von uns im Stande ſein, mit feſtem Schritte dem Tode ent⸗ gegen zu treten; wir werden taumeln, ſchwanken, und das wird man uns als Feigheit auslegen.“ „Du haſt Recht,“ verſetzte Robert,„wir müſſen dem Rathe des Schändlichen Folge leiſten.“ „Es würde nicht ſchwer geweſen ſein, Ratten genug zu fangen, da es deren in ganzen Schaaren im Kerker gab, doch machte die Entkräftung der Phantom Polens. III. Band. 30 466 Unglücklichen die Jagd zu einer höchſt beſchwerlichen. Godefroi ergriff die erſte und nachdem er ſie erwürgt, öffnete er ihre glatte Haut mit ſeinen Zähnen, da jedes andere Inſtrument ihm fehlte und ließ das warme Blut auf Michael's verſchmachtende Lippen träufeln. „Der Kranke fühlte ſich angenehm davon belebt, und da der Ekel ein⸗ mal überwunden war, ſogen die Verurtheilten mit Genuß den ungewohnten Trank. Dann ſchliefen alle Vier von Dankbarkeit gegen Gott, der ſie vor Schande rettete, erfüllt, bis das Morgenlicht ſie zum Tode rief. „Mit feſtem Schritte gingen ſie dem Schaffotte zu, nur Michael mußte getragen werden; doch ließen ſeine beiden älteſten Brüder ſich die Ehre nicht nehmen, ihren Liebling ſelber dem Henkerbeil entgegen zu bringen. „Godefroi, mein unglücklicher Gatte, beſtieg zuerſt das Schaffot. „Ihm ſollte Wladimir folgen. „Doch da— ſchon hatte er ſein Haupt gebeugt— da tönte der laute Ausruf: Gnade! Gnade!l an ſein Ohr. „Von Warſchau her erſchien ein Courier mit wehender weißer Fahne — die ruſſiſche Regierung hatte Gnade geübt.— „Die ruſſiſche Regierung?“ rief Graf Roger.„Iſt das möglich?“ „Es iſt gewiß— allein vernehmen Sie, wie das geſchah. „Der Vater der vier Verurtheilten hat, wie Sie wiſſen, mächtige und reiche Verwandte in Petersburg und Moskau. Ihnen ſtellte er vor, wie ſein Geſchlecht, eines der edelſten in Polen, ausſterben müſſe, wenn man ihn aller ſeiner Söhne beraube, denn ich, ſeine Schwiegertochter beſitze nur zwei Mädchen. Die Bitte drang von ſo vielen und von ſo hochgeſtellten Per⸗ ſonen zu den Ohren des Kaiſers, daß dieſer Milde fühlen mußte und dem — Mörder befahl, dem Grafen Branow wenigſtens einen Sohn zu er⸗ halten. „Es verſtand ſich von ſelbſt, daß dies der älteſte, mein Gatte, ſein mußte. „Allein die Gnade des Czaren verwandelte ſich in dem tückiſchen Her⸗ zen ſeines Dieners in die ſchauderhafteſte Grauſamkeit. „Der Courier, der athemlos herbei ſprengte, verkündete den noch leben⸗ den Brüdern Wladimir und Robert den Tod, dem bis in's Innerſte verwun⸗ deten Michael Freiheit und Leben. 4 „Freiheit und Leben einem Sterbenden!— „Vergeblich bat der arme Jüngling, ihn ſtatt Wladimir's ſterben zu laſſen, vergeblich flehte alles Volk um Gnade— die Befehle des Mörders ſind unwiderruflich, und Michael ſah die Häupter ſeiner Brüder fallen; ehe man ihn ſeinem unglücklichen Vater zurückbrachte. „Noch vierzehn Tage lebte der zum Tode Verwundete unter der zärt⸗ lichſten Pflege der Seinigen, dann hauchte er ſeinen reinen Geiſt im Arme ſeines Vaters aus.“— 5 * 4 467 * Er„Entſetzlich— oh, über alle Maßen entſetzlich!“ rief Anatole. „Und racheſchreiend!“ ſetzte Roger hinzu. „Was aber veranlaßte den Wütherich dazu, ſeinen Namen mit ſo ver⸗ haßten Lettern in das Buch der Geſchichte zu ſchreiben?“ fragte Adrian. „Was?“ rief Conſtantia,„was anders, als die gemeinſte Geldgier? Die Güter der für die Freiheit kämpfenden Polen verfallen der Confisca⸗ tion, und ſomit trifft das ſchlimmſte Loos den Reichſten.“ „So werden die Ruſſen auch unſerem Vater ſein Vermögen nehmen!“ klagte Adrian. „Dafür ſorgt Abraham, deſſen unübertreffliche Schlauheit ch meine Güter rettete!“ verſetzte die Gräfin. „Und Ihre Kinder?“ fragte Anatole,„find auch dieſe hier?“ „Sie ſollen die beſten Schätze ſehen, die ich aus dem Vaterlande mit mir nahm,“ ſagte Conſtantia, ſich erhebend, und ein Strahl der wärmſten Mutterliebe flog über ihr Geſicht. Dann eine Flügelthür aufſtoßend, zeigte ſie den jungen Männern den lieblichſten Anblick, den man ſich denken kann. 3 Auf einem Teppich ſaß ein noch ſehr junges Mädchen von wunderbarer Anmuth und Schönheit und ſpielte mit zwei kleinen Kindern, die bald ihre Locken zauſten, bald auf ihren Schooß kletterten und allerlei buntes Spiel⸗ zeug rings umher zerſtreuten. „Anita!“ rief Adrian,„wie gut iſt es, daß Du hier biſt!“ Das junge Mädchen erhob ſich halb erſchrocken, und wie ſie erröthend vor die Grafen trat, erſchien, die eben noch ein ſpielendes, lachendes Kind geweſen war, urplötzlich wie eine Jungfrau, der man nur mit ritterlicher Sitte nahen dürfte. Die jungen Männer betrachteten ſie mit dem innigſten Wohlgefallen, ſie aber reichte ihnen anmuthig lächelnd ihre Hand und fragte ſchelmiſch ihren Jugendgeſpielen Adrian, ob die wilden Knabenſtreiche nun vorüber ſeien. „Man könnte,“ lachte dieſer,„noch zu hundert tollen Streichen verlei⸗ tet werden durch Sie, Anita, und für Sie.“ Conſtantia hob ihre Kinder empor und zeigte ſie mit mütterlichem Stolze den Oheimen, und ein Gefühl von Häuslichkeit und behaglichem Fa⸗ milienglück verbreitete ſich über die kleine Geſellſchaft. Wie iſt doch die Verbannung bitter, in denen ſolche Augenblicke zu den ſeltenen Lichtſtrahlen des Glückes gehören! Graf Roger empfand es tief, doch mußte er dem angenehmen Beiſam⸗ menſein ein Ende machen. Die Befehle des Phantoms durften weder vergeſſen noch verſchoben werden und der ſtelzfüßige Invalide pflegte nur bis um vier Uhr im Jardin des plantes zu ſein. 30* 468 „Wann werde ich Sie wiederſehen?“ fragte er Conſtantia, ihr die Hand küſſend. „Vielleicht ſchon heute!“ verſetzte ſie lächelnd.„Ich bin der Gräfin Batory Aufmerkſamkeit ſchuldig für den Dienſt, welchen ihr verſtorbener Gatte mir erwies, und da ſie, wie ich höre, heute ihre Salons öffnet, ſo gedenke ich mit Anita hinzugehen. Werden Sie nicht auch dort ſein, mein Couſin?“ „Die Gräfin hat uns dazu eingeladen,“ verſetzte Roger,„doch machten wir ihr bisher nur einen Morgenbeſuch, bei welchem wir das Unglück hat⸗ ten, ſie nicht zu treffen.“. „So holen Sie das Verſäumte an dieſem Abend nach.“ „Um Sie zu finden, Conſtantia, werde ich nicht verfehlen, mich bei jenen Damen einzuſtellen, doch laſſen Sie mich geſtehen, daß die Vergan⸗ genheit derſelben und ihr inniges Verhältniß zu Mouravieff mich bisher von ihrem Kreiſe fern hielt.“ „Vielleicht thut mau der Gräfin Unrecht, vielleicht verkehrte ſie mit dem Ruſſen nur in der Hoffnung, ihn für unſer Vaterland weicher zu ſtimmen.“.. „Vielleicht;— jedoch wir wiſſen, daß ſie ihren Gatten unglücklich machte und daß Julia in Verzweiflung über ihre Mutter das elterliche Haus verließ.“. „Sie haben Recht, mein Couſin, man muß mit Vorſicht einer Dame entgegen treten, welche ſich Mouravieffs Freundin nennt— und dann iſt noch ein zweiter Grund verhanden, der mich mißtrauiſch gegen dieſelbe macht.“ „Und welcher wäre das?“. „Graf Batory ſtarb auf dem Schlachtfelde, auf welchem ſeine Tochter und ſein Schwiegerſohn noch kämpfen; ſeine Güter waren demnach der ruſ⸗ ſiſchen Regierung verfallen.— Wie kommt es nun, daß ſeine Wittwe und Eleonore einen ſo großen Aufwand machen, daß ſie, wie man mir ſagte, mit faſt königlicher Pracht in Paris leben?“ „Gewiß, Sie haben alle Urſache, ſo zu denken. Die Stellung dieſer Damen iſt eine räthſelhafte und erfordert unſere ganze Aufmerkſamkeit, damit der Verrath, der möglicherweiſe dahinter lauert, auf das Haupt der Ver⸗ rätherinnen zurückfalle.“ „Wohl!, mein Couſin, wir werden auf unſerer Hut ſein; indeſſen ſchließt dieſe Vorſicht doch nicht aus, daß wir die Geſellſchaften der Gräfin be⸗ ſuchen.“ 4 „Durchaus nicht. Laſſen Sie uns vielmehr eine äußere Verbindung aufrecht erhalten, durch die es uns möglich wird, in das Innere ihrer Pläne zu dringen.“ 469 „Alſo werden Sie heut Abend dort ſein?“ „Ich werde dort ſein, Conſtantia, wenn nicht ein höherer Befehl mich daran hindert.“. Sie reichte ihm die Hand, die er voll Ehrfurcht an ſeine Lippen zog. Auch Anatole und Adrian, die unterdeſſen mit Anita und den Kindern ge⸗ plaudert hatten, empfahlen ſich den Damen und die Brüder verließen das Hotel und warfen ſich in ihre harrende Equipage. „Nach dem Jardin des plantes!“ rief Roger dem Kutſcher zu, und mit eiligen Füßen durchtrabten die ſchönen Pferde die Straßen von Paris. „Wir werden zu ſpät kommen,“ bemerkte Anatole, indem er ſeine Uhr zog,„es iſt beinahe drei Uhr.“ „Das wäre mir ſehr ſchmerzlich,“ verſetzte Roger,„das Phantom Po⸗ lens ſollte uns bei ſeinem erſten Befehle nicht unpünktlich finden.“ „Was mich betrifft,“ lächelte Adrian,„ich würde recht zufrieden ſein, dem ſtelzfüßigen Invaliden heut nicht zu begegnen; wir haben durch Con⸗ ſtantia ſo viel des Grauenvollen vernommen, daß mir bei dem Gedanken daran noch kalte Schauer über den Rücken laufen; wer weiß, ob nicht der Mann mit dem hölzernen Beine uns Aehnliches berichten und unſere Heiter⸗ keit für lange trüben wird.“ „Gleichviel,“ antwortete Roger,„wir haben zu gehorchen.“ „Wohl,“ ſagte Adrian,„aber auch uns unſeres Lebens zu erfreuen— und ich bin ſo glücklich, daß die kleine Anita hier iſt.“ „Und Conſtantia,“ fügte Anatole hinzu,„deren edles Weſen mir heute in einem neuen Lichte erſchien.“ NRoger gab keine Silbe zu dem Geſpräch der Brüder, die ſich in Lob⸗ preiſungen der beiden ſchönen Schweſtern ergingen; ſein dunkles Auge hing mit trübem Blicke an den grauſen Bildern, welche die Gräfin vor ihnen aufgerollt; er ſah die unglücklichen Brüder, die er ſo wohl gekannt und ſo innig geliebt hatte, im feuchten Kerker allen Qualen des Hungers und des Durſtes anheimgegeben, er fühlte den Schmerz des Vaters, der mit ſeinen Söhnen all ſein Lebensglück verloren hatte und ſeine Hände ballten ſich zu ſammen in Kampfesluſt und heißem Thatendrang. So kamen ſie an den Jardin des plantes. Es iſt dies einer der lieblichſten Erholungsörter für die Pariſer. Nebſt einer reichen Sammlung ausländiſcher Thiere enthält er ausländiſche Pflan⸗ zen aller Arten und das ganze Arrangement iſt mit jenem feinen, exquiſiten Geſchmack getroffen, der die Franzoſen und die Bewohner ihrer Hauptſtadt vor Allen auszeichnet. Die drei Grafen Woyslawice durchſchritten in Eile den Garten. Die Affen ſchnitten ihnen Geſichter— ſie merkten es nicht; die Giraffe reckte ihren langen Hals empor— ſie würdigten ſie keines Blickes; die Bären 470 brüllten in ihrer Höhle, die Pelikane plätſcherten im kühlen Waſſer; der Elephant erhob ſeinen mächtigen Rüſſel und die Papageien ſchrieen von den Bäumen herab,— die Brüder beachteten dies Alles nicht; ſchnell ſchritten ſie auf wohlbekannten Wegen dem Löwenzwinger zu, wo der Invalide oft halbe Tage hindurch auf einer Bank ſaß und das Treiben der königlichen Thiere beobachtete. Diesmal war ſeine Stelle leer— der Stelzfuß war nicht zu finden. Die Brüder durchwandelten auch noch die übrigen Theile des Gartens, ſie kamen an den Edelhirſchen vorbei, die behaglich ihr Futter verzehrten, ſie ſahen die ſeltenſten Vögel, giftige Schlangen, das Crocodil in ſeiner Waſſerwohnung, die Eulen, die ihre Augen dem Lichte nicht öffnen mochten, das geſtreifte Zebra, den gefleckten Tiger, Schakal und Hyäne, die gräßlichen Leichenräuber und den Geyer, deſſen Liablinasſtätte das Schlachtfeld iſt,— doch den ſie ſuchten, fanden ſie nicht. Nach ſtundenlangem Umherſtreifen kehrten ſie endlich wieder zu dem Käficht der Löwen zurück, als gerade der Wärter ihnen ihr Futter reichte. Mit fürchterlichem Gebrüll ſtürzten ſich die wilden Beſtien auf das noch blutende Fleiſch, zerriſſen es mit Zähnen und Klauen und verzehrten das große Stück in wenig Augenblicken. Befriedigt blickte der Aufſeher ihnen zu; er ſchlug mit einem Stecken auf die Tatzen, die, mehr verlangend, ſich durch das Gitter ſtreckten und die Löwen ſchienen ſeine Worte zu verſtehen, denn ſie folgten ihm, ſoweit der Kerker es geſtattete, legten ſich auf ſeinen Befehl auf Bauch und Rücken und rieben ihr zottiges Haar an dem Eiſengitter. Als die Fütterung beendet war, näherte ſich Graf Roger Woyslawice dem Wächter und fragte ihn, ob er den Invaliden mit dem Stelzfuße kenne, der häufig auf jener Bank, von welcher aus man die Käfige der Löwen überſehen könne, zu finden ſei. „Wohl kenne ich ihn,“ verſetzte der Mann,„eer ſitzt bei zuten Wetter oft vom Morgen bis zum Abend da.“ „Doch heute, warum iſt er heute nicht hier?“ „Er war hier, ich habe ihn ſelbſt geſehen; doch ging er ſchon vor zwei Stunden.“ 3 „Es iſt doch noch nicht ſpät.“ „Freilich nicht; aber er mag krank ſein, wenigſtens ſah er bleich aus und ſein hölzernes Bein ſtampfte weniger geräuſchvoll den Boden, als ge⸗ wöhnlich.“ „Kennen Sie vielleicht ſeine Wohnung?“ „Nein.“ „Aber ſeinen Namen?“ „Auch nicht. Bei uns genügt es, daß wir ihn nden Polen“ nennen; wir kennen ihn alle.“ 3 471 „Und Niemand weiß Näheres über ihn?“ „Niemand.“ „So wohnt er auch nicht im Hotel der Invaliden?“ „O nein, denn ſonſt trüge er ja Uniform und nicht ſeinen grünen Rock mit Pelz und Schnüren.“ „Ich bedauere ſehr, ihn ejehlt zu haben, doch morgen hoffe ich ihn zu finden.“ „Wenn das Wetter gut iſt, kommt er gewiß.“ „Auf morgen denn.“ Der Graf drückte dem Wächter ein Geldſtück in die Hand und berlicß mit ſeinen Brüdern den Garten. 8 Es drückte ihn ſehr, daß ſie ſich gegen die Befehle des Phuntoms un⸗ gehorſam gezeigt hatten. Graf Roger glaubte nicht an Geſpenſter: er war dazu ein viel zu guter Katholik und ein viel zu aufgeklärter Mann; doch wußte er, daß die geheime National⸗Regierung ſich oft der ſeltſamſten Mittel bediene, um ihre Macht zu vergrößern und zu befeſtigen. Es diente dazu ſehr häufig der Einfluß der Frauen, gegen deren Reize kein Polenherz unempfindlich iſt; es dienen dazu die Prieſter, welche meiſt der Sache des Vaterlandes ganz ergeben ſind, und dieſen beiden Mächten ſchrieb Roger die ſeltſame Erſcheinung des Opernballes zu, wenngleich er es ſich nicht zu erklären vermochte, auf welche Weiſe ſie ihm und Anatole zu gleicher Zeit entgegen treten konnte. Ganz anders dachte Anatole. Seine dichteriſche Phantaſie gefiel ſich in dem Glauben an das Uebernatürliche; was er geſehen, war zu ſonderbar, zu außergewöhnlich, um der gemeinen Erde, der gemeinen Wirklichkeit ange⸗ hören zu können. Inmitten eines Sinnenrauſches, den der edle Jüngling zum erſten Male in ſeinem Leben empfunden hatte, erſchien ihm die geiſter⸗ hafte Stimme wie eine mahnende Offenbarung von Oben, und er beſchloß ihr zu folgen und fortan die Tugend allein zu ſeinem Leitſtern zu machen. Anatole war zweiundzwanzig Jahr alt; ſein dunkles Haar wallte in reichen Locken um eine freie, offene Stirn, ſein blaues Auge blickte voller Melancholie unter den feinen Brauen hervor und ſeine griechiſch geformte Naſe gab ſeinem Geſichte einen Ausdruck von Würde. Blendend weiße Zähne blitzten, wenn er lächelte, unter ſeinem ſchwarzen Schnurrbart hervor; ſeine Hände waren zart und klein, wie die eines Mädchens, und ſeine hohe Geſtalt war ſchlank, kräftig und graziſd. Mit ſolch einem Aeußeren konnte Anatole nicht verfehlen, den Damen zu gefallen, und zwar nur um ſo mehr, da er ein Dichter war und da der poetiſche Reiz eines männlichen Gemüthes nie verfehlen wird, ſeinen Wieder⸗ klang in gefühlvollen Frauenherzen zu finden. Nicht weniger intereſſant war ſein um zwei Jahre älterer Bruder Ro⸗ 472 ger. Sein bläulich ſchwarzes Haar, ſein dunkel flammendes Auge, ſeine bräunliche Geſichtsfarbe, unter der man die feinen Aederchen der Schläfen be⸗ merkte, ſeine männliche ſchöne, kräftige Geſtalt und der tiefe Ernſt ſeines vornehmen Weſens zogen, wo er ſich auch zeigen mochte, die Blicke der Frauen wie der Männer auf ſich; aber dieſe Blicke ruhten mit Achtung auf ſeiner hohen Stirne, über die das Schickſal Polens ſeinen Schatten warf und ſeine tiefe, klangvolle Stimme erhöhte noch den Eindruck, den er über⸗ all hervorbrachte. Reden wir noch von Adrian, von ſeinem blondgelockten Jünglingshaupte, von ſeinen geiſtreich und munter blickenden blauen Augen, von ſeinen fri⸗ ſchen Lippen, die der erſte zarte Flaum umgab. Adrian war neunzehn Jahre Leidenſchaftlichkeit beginnt, die noch kein feſter Wille niederzudrücken vermag. Doch folgte er mit kindlicher Ergebung ſeinen älteren Brüdern, vertraute ihnen jede Regung ſeines reinen Herzens und wußte noch nicht, mit wie ſchrecklichen Qualen Haß, Eiferſucht und Liebe ein Menſchenherz zerreißen können. 11. Die Falons der Gräſin Batory. Die Gräfin Batory öffnete ihr Hotel an einem beſtimmten Abend jeder Woche dem Kreiſe ihrer Bekannten, und dieſer Kreis war ſehr groß, denn wer mit einem vornehmen Namen und mit bedeutenden Geldmitteln nach Paris kommt, hat es nicht ſchwer, zahlreiche Freunde zu finden. Die Gräfin Batory beſaß einen vornehmen Namen und bedeutende Geldmittel, und außerdem eine ſchöne Tochter. 1 Was Wunder, daß ihr Haus ſehr bald der Mittelpunkt der feinen Pa⸗ riſer Welt werden mußte. Herzoge und Marquis, Offiziere des neuen Kaiſerreiches und Legitimi⸗ ſten, Künſtler und Parlamentsmitglieder, emigrirte Italiener und reiſeluſtige Engländer, Ungarn, die mit Koſſuth zugleich aus ihrem Vaterland geflohen waren und afrikaniſche Prinzen, die ſich der Herrſchaft Louis Napoleon's unterwarfen— Alles verſammelte ſich in den Salons der Gräfin Batory, die mit einem ſeltenen Anſtande und echt polniſcher Grazie die Wirthin zu machen wußte. Da miſchten ſich die dunklen Fracks mit den glänzenden Uniformen, das rothe Band der Ehrenlegion zeigte ſich beſcheiden neben ſpaniſchen, bra⸗ alt, eine gefährliche Zeit für die männliche Jugend, weil gerade da eine — — 1473 ſilianiſchen und türkiſchen Orden, und die ſchwarze, weißumſäumte Trauer⸗ kleidung der polniſchen Damen ſtach ſeltſam ab von den bauſchigen und farbigen Gewändern, in welchen die eleganten Pariſerinnen dem Geſchmack der Kaiſerin Eugenie huldigten. Man hat in Paris keine großen Geſellſchaftsſäle; in kleineren mit Di⸗ vans, Fauteuils und koſtbarem Allerlei gefüllten Zimmern bewegt ſich die Menge der Gäſte, plaudernd, zuweilen tanzend, lauſcht bald dem Spiele irgend eines berühmten Virtuoſen, bald dem Geſange einer Schönen, deren Rang allein ihr das Glück entzieht, auf dem Theater glänzende Lorbeern zu erwerben, und in dem einen dieſer Räume befinden ſich Spieltiſche für die älteren Herren, die es lieben, ihre politiſchen Geſpräche mit den Karten in der Hand zu führen. Die Salons der Gräfin Batory waren auf das Eleganteſte und Koſt⸗ barſte geſchmückt. Die Gemälde der neueſten Schule glänzten aus breiten Goldrahmen von den Wänden herab, Statuen von carariſchem Marmor ſchmückten die Ecken und Niſchen; die Fenſter waren zu Blumenlauben um⸗ gebaut, koſtbare Teppiche bedeckten den Fußboden, Vorhänge von ſchwerem Sammet hingen vor den Thüren und ſtrahlende Kronleuchter von den goldverzierten Plafonds herab; die reichgekleideten Diener präſentirten Spei⸗ ſen und allerlei Getränke auf goldenen Tellern und in kryſtallenen Schalen und die ſüßeſten Wohlgerüche erfüllten rings die Luft. Es war acht Uhr vorbei, als ſich die Gäſte einzufinden begannen. Equipage auf Equipage rollte vor und der an der Thür ſteheude Diener rief einen vornehmen Namen nach dem anderen hinein. Es war auch ein ſehr beſcheiden klingender darunter und ſein Träger ſuchte bald eine der ſtillſten Ecken, um von dort aus ungeſehen lauſchen zu können; für ihn gab es in dieſer ganzen Menge nur ein Weſen, dem er ſeine ganze Aufmerkſamkeit widmete, in hoffnungsvoller Ergebung den Augen⸗ blick erwartend, wo ein Strahl ſeiner Sonne auf ihn fallen würde. Die Gräfin Batory machte die Honneurs mit dem Anſtande einer Welt⸗ dame und dem Lächeln voller Anmuth, das auch ein nicht mehr junges Ge⸗ ſicht verſchönt und Eleonore war hinreißend ſchön in ihrem weißen Kleide, das nur ein um den zarten Hals gelegtes, ſchwarzes, mit Diamanten beſetz⸗ tes Band verzierte. Was dedurfte ſie noch anderen Schmuckes? Reicher und üppiger ſchmückten ihre hellen Locken dieſes hoch erhobene Haupt, als Blumen und Juwelen es vermocht hätten; glänzender leuchteten ihre Augen, Lippen und Wangen, als buntfarbige Stoffe es jemals können und kein Gewebe iſt ſo koſtbar und ſo zart, daß man damit ohne Bedauern dieſe wundervoll geformten Schultern, dieſe blendend weißen Arme verhüllt geſehen hätte. 474 Und auf dieſen Lippen, dieſen Augen, dieſen Wangen, Schultern und Armen ruhten Sigismund Krotowski's Blicke mit einem Entzücken, deſſen er nicht Meiſter zu werden vermochte. Der arme Student der Medicin, dem die dürftige Manſardenſtube bis⸗ her vollkommen genügt hatte, ſah ſich nicht ohne Verwunderung inmitten dieſes berauſchenden Luxus. Ein enger Raum mit trüben Fenſterſcheiben, ein Tiſch, den er gelegent⸗ lich ſelbſt wieder zuſammenleimte, wenn ſeine Beine vor Alterſchwäche die wurmſtichige Platte nicht mehr tragen wollten, ein Schrank, in welchem nur die nothwendigſten Sachen hingen— denn was die Jahreszeit nicht erforderte, ruhte ſich indeſſen im Pfandhauſe aus,— ein Schreibtiſch, dicht mit Büchern, Knochen und chirurgiſchen Inſtrumenten belegt, zwei Stühle und ein Bett — das war die Welt geweſen, in welcher Sigismund Krotowski ſtill und zufrieden gelebt hatte, als noch ſein Studium und Henriettens Liebe ſeine ganze Seele erfüllten. Wie anders war es nun! Seitdem Joſeph T.. ki ihn für die Sache Polens in Eid und Pflicht genommen hatte, bewohnte Sigismund zwei wohlmöblirte Zimmer im zwei⸗ ten Stockwerk eines anſtändigen Hauſes, kleidete ſich mit Geſchmack und Eleganz, aß in einem feinen Gaſthauſe und beſuchte die beſte Geſellſchaft in Paris. 4 Wir müſſen erklären, wie das zuſammenhing. Die polniſche National⸗Regierung, welche heimlich und von den Ruſſen unentdeckt ihren Sitz bald in einem Städtchen nahe bei Warſchau, bald in Krakau hatte und ſich, wie wir geſehen haben, bald in einem Kloſter, bald in den Trümmern eines zerſtörten Schloſſes, inmitten eines dunklen Wal⸗ des oder in dem Palais eines ihrer Mitglieder verſammelte und bisher den Nachforſchungen der Ruſſen glücklich entgangen war, ſtand mit den in Paris befindlichen Emigranten in enger Verbindung und wurde durch den Fürſten Cz— iski von dorther geleitet. Der Partei des Fürſten wirkte jedoch eine andere entgegen, an deren Spitze der General M..awski ſtand. Dieſer, durch viele und traurige Schickſale bekannt und berühmt gewordene Mann, der ſein Leben theils in preußiſcher Gefangenſchaft und theils auf Schlachtfeldern zugebracht hatte, ſchien nicht undeutlich nach einer hervorragenden Stellung in ſeinem Vater⸗ lande zu ſtreben und erfreute ſich namentlich unter der bäuerlichen Bevölkerung einer gewiſſen Popularität. Schon Langiewicz hatte ſeinen Intriguen und ſeinem berühmten Namen, auf den die Polen die kühnſten Hoffnungen bau⸗ ten, weichen müſſen, bis dieſer Name ſelber vor der ruſſiſchen Uebermacht erblaßte und ein Theil ſeines Ruhmes zugleich mit ſeinen Kriegern dahin ſank.— 475 Seit jener Zeit befand ſich der General wiederum in Paris.. Der National⸗Regierung mußte nun Alles daran liegen, die Geſinnung des General M..awski zu erforſchen und ſeine Handlungen, inſofern ſie nicht mit den Plänen des Fürſten Cz.. ski übereinſtimmten, im Entſtehen zu vereiteln. Zu dieſem Zwecke mußte man ihm einen dem Fürſten ganz ergebenen Mann beigeſellen. Dies war jedoch nicht leicht. Die polniſchen Emigranten kannten ſich meiſt alle, jedenfalls war es ein Leichtes, über einen Jeden Erkundigungen einzuziehen. Hier kam es darauf an, einen vollkommen unbekannten Menſchen zu finden, auf welchem kein Verdacht eines Zuſammenhanges mit der National⸗Regierung ruhen konnte, einen Menſchen, der zugleich geſchickt, verſchwiegen und ergeben ſein mußte. Joſeph T.. ki glaubte, einen ſolchen in dem armen Studenten der Medicin zu ſinden. Sigismund Krotowski wurde Secretair des General M..awski. Aber noch einen andern Zweck hatte Joſeph T.. ki im Auge. Der General verkehrte viel in dem Hauſe der Gräfin Batory, und die Gräfin Batory war verdächtig. Hier galt es zu beobachten. Dies aber war der Punkt, an welchem Sigismund Krotowski's Kraft zerſchellen ſollte. Die Gräfin Eleonore war ſehr ſchön und Sigismund kannte von allen Frauen nur Henriette und ihresgleichen. Zum erſten Male berührte ihn der volle Zauber weiblicher Anmuth, die nicht nur von Schönheit, ſondern auch von Sammet und Seide und Ju⸗ welen ſtrahlt. Die ſüßen Düfte, welche Eleonoren's Gemach durchwallten, benebelten ſeine Sinne, ſeine Pulſe klopften, ſobald er ſie ſah, ſeine Gedanken verwirr⸗ ten ſich, ſobald er ihrer gedachte; eine leidenſchaftliche Gluth, deren er nicht Herr zu werden vermochte, brachte ſein ganzes Weſen in Aufruhr; wenn er nur mit ihr redete, wenn er ſie im Tanze in ſeinen Arm ſchließen durfte, wenn ihre Kleider ihn ſtreiften— immer empfand er es, als berühre ihn ein electriſcher Schlag, als ginge ein Zittern durch alle ſeine Nerven, das ihm faſt Thränen auspreßte und das er doch immer und immer wieder ſuchen mußte. Und Eleonore?— Eleonore hatte ſeine Liebe ſeit ihrem Entſtehen entdeckt, denn Weiber wiſſen es allemal, wie ein Mann gegen ſie empfindet, und ſie entzog ſich ihr nicht, ſie wies ſie nicht mit Stolz zurück. 476 3 Wenn ſie im Wagen an ihm vorüber fuhr, war ſie es, die ihn zuerſt bemerkte und grüßte.. Wenn ſie ſich im Theater trafen, ſo zeigte ihm ihr Blick, daß ſie von ſeiner Anweſenheit wußte und lud ihn ein, in ihre Loge zu kommen. Wenn ſie die Muſeen, die Sehenswürdigkeiten von Paris beſuchte, ſo bat ſie ungenirt um ſeine Begleitung. Sie reichte ihm vor Anderen die Hand, wenn ſie aus dem Wagen ſtieg, oder die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufging. Sie empfing ihn häufig in ihrem eigenen Zimmer, ohne ihre Mutter zu rufen. Sie nahm die kleinen Aufmerkſamkeiten, die Bücher, die Blumen, di Noten die er ihr brachte, dankbar lächelnd entgegen. Und doch— Und doch glaubte Sigismund Krotowski ſich nicht geliebt. War das allein Beſcheidenheit des jungen Mannes, war es ein unge⸗ mein zartes Gefühl, das ihn Coquetterie von Liebe unterſcheiden lehrte? Die Männer ſind gewöhnlich wenig ſcharfſichtig in dieſem Punkte. Aber Sigismund kannte die Liebe, wie Henriette ſie ihm widmete, die demüthige, ganz hingebungsvolle Liebe eines vollen Frauenherzens. Wie ſie in ſeinen Blicken las, wie jedes ſeiner Worte in ihrem Herzen aufbewahrt wurde, wie all ihr Weſen nur dazu geſchaffen ſchien, ſich ihm zu weihen, ihm allein zu dienen. Sigismund ſehnte ſich nicht danach zurück, er hatte Höheres, Erhabeneres kennen gelernt, als dieſe unterwürfige Hingabe, und doch empfand er, daß die wahre Frauenliebe keinen anderen Charakter haben ſoll. Eleonore hörte oft zerſtreut, oft gar nicht zu, wenn Sigismund mit ihr redete. Inmitten eines Geſpräches wandte ſie ſich plötzlich von ihm fort, um einem anderen, vielleicht vornehmeren oder berühmteren Herren ihr ſtrah⸗ lendes Geſicht zu zeigen; ſie bemerkte es nicht, wenn er blaß und leidend ausſah— und doch litt er durch ſie; ſie fragte ihn um ſeine Meinung und befolgte die eines Anderen, ohne Gründe dafür anzugeben; ſie tadelte ſein Clavierſpiel, ſeinen Tanz, ſeine zurückhaltenden Manieren, ſie ſpottete gar über ihn, wenn ſie ihn ernſter fand, als ſonſt. Für Henriette war er Alles geweſen, für Eleonore war er nur ein Statiſt mehr in dem Chore ihrer Anbeter, vielleicht der bequemſten einer, mit dem ſie ſich wenig zu geniren brauchte, doch jedenfalls nichts mehr, nichts, wozu das Herz ſeine entſcheidende Stimme zu geben hätte. So wenigſtens dachte und fühlte Sigismund.. Und darum ſuchte er die ſchattigſte Ecke in dieſem Raum voll ſtrah⸗ lender Helle, voll lächelnder Menſchen, die keine Schmerzen zu kennen ſchie⸗ nen, voll Freude, voll Muſik und Blumenduft. 3 . Die Soirée war hent beſonders brillant; die Gräfin Branow, eine junge ſchöne Polin mit ihrer jüngeren doch ebenſo ſchönen Schweſter war ſo eben in Paris angekommen und beeilte ſich, ihre Landsmänninnen aufzu⸗ ſuchen. Auch die Grafen Woyslawice waren da und zwar zum erſten Male. Conſtantia's blühende Schönheit drohte faſt den Glanz Eleonorens zu verdunkeln. Strahlte in dem Geſicht der Einen Stolz und das freudige Bewußt⸗ ſein ihres Werthes, ſo leuchtete das der Anderen im milden Glanze weib⸗ licher Anmuth.. Hatte die Eine auf ihren rothen Lippen ein Lächeln heiteren Triumphes, ſo blickte das Auge der Anderen tief und ſeelenvoll. 1* Schien die Eine nur von Glück und Freude zu wiſſen, ſo klang aus der weichen Stimme der Anderen ein leiſes Nachbeben vergangener Schmerzen. Die Eine hatte immer nur gelächelt und geſcherzt, der Anderen merkte man es an, daß dieſe blauen Augen oft in Thränen geſchwommen hatten. Eleonore blickte nicht ohne geheime Furcht auf eine ſo gefährliche Ne⸗ benbuhlerin, wenn auch die heitere Unſchuld Anita's ihr weniger gefährlich ſchien. 1 Die jungen Grafen Woyslawice bemühten ſich mit der den Polen eige⸗ nen Galanterie um die ſchöne Eleonore und dieſe nahm ihre Huldigungen mit fühlbarem Wohlgefallen entgegen. Sigismund ſah es von ſeinem Verſtecke aus und ſein Herz blutete. Graf Roger tanzte mit der jungen Gräfin Batory, mit Anita und wie⸗ der mit Eleonoren. Anatole ſtand hinter Conſtantia's Stuhl und da ſie nicht tanzte, und er das mühſame nur den Franzoſen angenehme Drehen in den verhältniß⸗ mäßig kleinen Räumen nicht liebte, leiſtete er ihr Geſellſchaft. Mehrere Herren, von der Schönheit der Gräfin Branow angezogen und von ihrem feinen Geiſt gefeſſelt, geſellten ſich zu ihnen und es bildete ſich ein kleiner Kreis um die Dame, in welchem die nationalen Intereſſen mit Wärme beſprochen wurden. Indeſſen walzte Roger mit Eleonoren. „Sie kennen die Gräfin Branow?“ fragte ſie in einer Pauſe des Tanzes. „Wir ſind verwandt!“ verſetzte Roger. „Sie wird Aufſehen in Paris machen, denn ſie iſt ſehr ſchön.“ „Ich glaube nicht, daß ſie darauf ausgeht.“ „Meinen Sie? Und doch redet man bereits von ihr.“ „Unmöglich!“ „Warum unmöglich?“ „Weil ſie erſt ſeit geſtern Abend hier iſt.“ „Sie verzeihen meinen Widerſpruch, die Gräfin Branow befindet ſich ſeit fünf Tagen in dieſer Stadt. „Das kann nur ein Irrthum ſein, denn in einem Billet, das ich heut Morgen von ihr empfiug, ſagt ſie ausdrücklich, daß ſie ſeit geſtern hier an⸗ gelangt ſei.“— „Sehr wohl, ſo war ſie incognito hier anweſend.“ „Aus welchem Grunde?“ „Weiß ich, welch einen Grund eine junge, ſchöne, reiche Wittwe haben mag, ihrem Verwandten zu verſchweigen, wann ſie hier ankam?“ „Was auch Conſtantia's Gründe ſein mögen, ich ehre ſie.“ „Das iſt ſehr liebenswürdig von Ihnen.“ „Und ſehr natürlich, denn ich kenne die Gräfin lange und genau.“ „Welcher Mann darf ſich rühmen, eine Frau genau zu kennen?“ „Der, welcher in keinem Liebesverhältniß zu ihr ſteht.“ „Noch ſtehen wird?“ „Comteſſe, laſſen Sie Ihre ſchönen Augen auf der Gegenwart verwei⸗ len, ohne in die Zukunft blicken zu wollen.— Wer ſagte Ihnen, daß meine Couſine ſchon ſeit fünf Tagen hier iſt?“ „Das Factum ſcheint Sie beſonders zu intereſſiren?“ „In der That.“ „Nun, ſo will ich Ihre Neugierde auf die Probe ſtellen.“ „Das iſt grauſam.“ „Das iſt gerecht.“ „Wie ſo?“ „Sagten Sie nicht ſoeben, Sie ſchenkten der Gräfin das vollſte Ver⸗ trauen? Und im nächſten Augenblicke forſchen Sie ihren Schritten nach?“ „Nur dem, der ihre Schritte beobachtet.“ „Und Sie glauben, ich werde Ihnen meinen Gewährsmann nennen?“ „Ich hoffe es.“ „Sie hoffen vergeblich. Unſere Spione dienen uns nur dann mit Of⸗ fenheit, wenn wir ihnen das Geheimniß wahren.“ „Ihre Spione?“ „Nun ja. Oder glauben Sie, daß ich deren entbehren kann? Ich habe deren im Toilettenzimmer der Kaiſerin, um die neueſten Moden zu erfor⸗ ſchen, bei den Kaufleuten, um benachrichtigt zu ſein, wann perſiſche Shawls und italieniſche Seidenſtoffe ankommen, im Theater, um über unſere Loge im Voraus zu verfügen— da erfährt man gelegentlich mehr, als man zu wiſſen verlangt.“ „Und ſo erfuhren Sie—“ 479 „Auch die Ankunft Ihrer Coufine.“ „Die ich heut früh zum erſten Male ſeit zwei Jahren ſah.“ „Und der wir das Glück verdanken, Sie heut Abend bei uns zu ſehen.“ „Wie meinen Sie— 20 „Ich meine, daß die Gräfin Branow Ihnen ſagte, ſie würde heute hier ſein und daß Sie ſich entſannen, als ſtände unſer Haus auch Ihnen offen.“. „Comteſſe, ich habe, ſeitdem ich hier bin, kaum ſechs Worte mit meiner Couſine geſprochen— verdiene ich den Vorwurf?“ „Ihr Bruder wahrt Ihnen den Platz an ihrer Seite.“ „Mein Bruder liebt den Tanz nicht.“ „Ich aber liebe ihn— o Graf, warum tanzen wir nicht?“ Sie flogen dahin und Eleonorens hohe Geſtalt ſchien wie getragen von des Grafen ſtarkem Arm, ihr Buſen wogte, ihre halbgeöffneten Lippen lächelten; es lag etwas Weiches, Wollüſtiges in dieſem Lächeln, das ihr ſonſt fremd war. Im Vorüberwalzen ſtreifte ihr Blick das Auge Sigismund Krotowski's. Schelmiſch drohte ſie ihm mit dem Finger. „Galt das Ihnen?“ fragte eine Stimme neben ihm. Er ſah ſich um; jetzt erſt bemerkte er einen ſchönen Jüngling mit lockigem blonden Haar, der neben ihm in der Epheulaube ſaß. Er hatte Nichts geſehen, als Eleonoren. „Ich glaubte,“ ſagte er,„die Gräfin drohe mir, weil ich ſie heut Abend noch nicht begrüßt habe— doch vielleicht war es ein Irrthum.“ „Schwerlich, denn mich kennt ſie nicht.“ „Sind Sie ihr nicht vorgeſtellt?“ „Wohl, aber ihr Blick ſchweifte über mich hinweg— und ich, ich ſah nur ſie.“ „Die Gräfin?“ „Wie ſchön ſie iſt! Nie ſah ich ſolch ein Weib!“ „Sie iſt ſehr ſchön.“— „Und welch ein Geiſt aus dieſen Zügen ſpricht!“ „Sie haben noch nicht mit ihr geredet?“ „Nein— aber iſt es nöthig? ich ſehe ſie, ich athme den Zauber ihres Weſens ein, ich fühle zum erſten Malé— ach, was fühle ich— Er preßte die Hand an die erhitzte Stirn. Mit ſteigendem Intereſſe ſah Sigismund auf den Jüngling, der das empfand, was er fühlte und es in der offenſten Weiſe ausſprach. „Sie kennen den Herrn, der ſie ſo eifrig unterhält?“ fragte er. „Es iſt mein Bruder.“ 480 „So ſind Sie— 2“ „Adrian Woyslawice— doch das war ich bisher— wer bin ich denn, ſeitdem ich Eleonoren ſah? Mir ſcheint, als beginne ein neues Leben für mich.“. „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Graf, die Liebe kann Unheil bringen!“ „Unheil?— niemals, wo ich ſo glücklich!“ „Und ich niemals ſo elend.“ „Sie?“ „Ich, denn auch ich liebe Eleonoren.“ Adrian drückte ſeine Hand. „So find wir Gefährten deſſelben Gefühls.“ „Und derſelben Leiden?“ „Leiden?— warum? Iſt es nicht himmliſche Wonne, ein ſolches We⸗ ſen zu lieben?“ „Und Höllenqual, nicht wieder geliebt zu ſein.“ „Ei, meine jungen Herren, Sie tanzen nicht? Es ſind ſchlimme Zeiten, wenn die Jugend lieber in verborgenen Winkeln plaudert, als ſich tanzend amüſirt.“ Es war ein Mann von etwa funfzig Jahren, der dieſe Worte ſprach, das rothe Band der Ehrenlegion ſchmückte den Aufſchlag ſeines Leibrocks und der Schnitt ſeines ſchwarzen, von weißen Haaren durchzogenen Bartes deutete auf den ehemaligen Offizier. Den beiden Angeredeten war er gleich fremd, doch nahm er den noch leeren Seſſel ein und redete, wie es ſchien, mit Behaglichkeit weiter, indeſſen ſeine ſcharfen Augen unter den buſchigen Brauen hervor beobachtende Blicke auf die beiden Jünglinge ſchoſſen. heit fort,„Vergebung, wenn ich ein vielleicht ſehr intereſſantes Geſpräch unterbreche; es war nur drinnen am Spieltiſch zu langweilig. Die Herren ſitzen ſtundenlang, halten die Karten in der Hand und nicht eine wird aus⸗ geworfen, nicht ein Trumpf wird gemacht— ſie ſchwatzen, ſchwatzen Politik — ich weiß nicht, was mir unleidlicher wäre, als dieſes Politiſiren am Spieltiſche. Die Sache fordert unſere ganze Aufmerkſamkeit, wir haben einen Gegner vor uns, den wir überliſten müſſen, ſo gut wie auf dem Schlachtfelde; wir müſſen beobachten, kleine Schwächen ablauern, berechnen — iſt das wohl möglich, wenn man dabei von Garibaldi und Juarez, von Langiewicz und Lincoln redet?— nein, nein, meine Herren, das entweiht das Spiel, das nimmt ihm jeden Reiz, das zieht von ſeinem Intereſſe ab, das macht zerſtreut und bringt auf allerlei Gedanken.— Aber ich vergaß, daß ich nicht die Ehre habe, Ihnen vorgeſtellt zu ſein, meine Herren— „Aber Vergebung,“ fuhr er mit der allen Franzoſen eigenen Ungenirt⸗ 449 „Beruhige Dich, liebes Kind, beruhige Dich,“ tröſtete Sigismund, „nichts ſoll mich Dir abwendig machen— wenn auch räumlich von Dir getrennt, bin ich doch mit dem Herzen ſtets bei Dir und werde Dich nie vergeſſen!“ Henriette, die bis jetzt ihr Antlitz an Sigismund's Bruſt verborgen hatte, hob bei den letzten Worten deſſelben den Kopf in die Höhe, ſah ihm feſt in's Auge und fragte in faſt feierlichem Tone: „Schwörſt Du mir das?“ „Ja,“ antwortete Sigismund,„wenn es zu Deiner Ruhe nothwendig iſt, ich ſchwöre es Dir!“ „Ich vertraue Dir!“ ſagte Henriette. Dies war der zweite Schwur, den Sigismund Krotowski in der heu⸗ tigen Nacht geleiſtet hatte. Dem Vaterlande und der Geliebten hatte er Treue geſchworen; die Folge wird lehren, wie er dieſe Eide zu halten verſtand. 9. Der Bpernball. Süße berauſchende Düfte erfüllten rings die Luft. In brauſenden Paſſagen umtönten die Klänge des großen Orcheſters ein jedes Ohr, das ſich mit Wolluſt dem ſüßen Zauber lieh. An den Wänden der goldgeſchmückten Säle glühten tropiſche Blumen; Lianen ſchlangen ſich um hohe Marmorſäulen und Tauſende von Gasflam⸗ men ſtrahlten und flimmerten in den Cryſtalltropfen der Springbrunnen, im farbigen Glanze der Draperien, in den ſilbernen und goldenen Umfaſ⸗ ſungen unzähliger Spiegel. Und in dem Lichtermeere, dem Duft, den Harmonieen und der ganzen Fülle einer Pracht, wie nur die Stadt des höchſten Luxus, wie nur Paris ſie darzuſtellen vermag, bewegte ſich plaudernd, tanzend und wohlverſtan⸗ dene Blicke austauſchend eine maskikte Menge, ein heiteres Gewühl von Menſchen, die theils glücklich waren, theils ihr Unglück inmitten der allge⸗ meinen Freude wenigſtens auf Augenblicke vergeſſen wollten.. Es waren Nonnen und Harlequins, Frauen in Männertrachten und Männer, die ſich nicht ihrer Würde zu entkleiden glaubten, wenn ſie ſich für einige Zeit in Weiberröcke hüllten, es war der höchſte Adel aller Natio⸗ nen und die reizendſte Blüthe der Mädchen aller Stände. Phantom Polens. III. Band. 29 450 Ehrbare Matronen wandelten tief verhüllt am Arme ihres Gatten, leichtfüßige Dirnen flatterten tanzend mit irgend einem jungen Roué dahin. Auch Polen waren da. Möge man ſie deswegen nicht tadeln. Das Elend des Landes iſt ſo groß, daß ſeine Söhne ihm erliegen müßten, wenn nicht der Rauſch des Vergnügens ihnen auf kurze Augen⸗ blicke jenes ſüße Glück vorzauberte, deſſen die Jugend nicht zu entbehren vermag. Auch Polen tanzten auf dem Opernball. Doch betrachtet ſie genauer, dieſe ſchlanken Söhne des Nordens. Es iſt nicht der leichtfertige Genuß, der alle ihre Sinne benebelt— auf ihren hohen Stirnen liegt eine nicht zu verſcheuchende Wolke, durch welche die Freude hindurch ſcheint, wie Sonnenſtrahlen durch ein von Gewitterwolken umhülltes Firmament. Seht dieſe melancholiſchen Augen— mögen ſie in Liebe, in Entzücken leuchten, mag der Geſang einer Gargia, das Spiel eines Liſzt ihnen Thränen des Enthuſiasmus entlocken— immer iſt es, als blick⸗ ten wir in ein tiefes Meer, deſſen ſpiegelglatte Oberfläche von Friede und Freude ſpricht, indeſſen unten die Wirbel toſen und nahe Stürme furchtbare Gefahren drohen.— Unter den Polen, welche den Ball der großen Oper mitmachten, waren drei, die wenigſtens dem Namen nach unſeren Leſern bekannt find. Wir entfinnen uns, daß die Fürſtin Olanoff ihre Pflegetochter Hedwig in den Diſtrict Krasny⸗Slaw ſchickte, damit ſie den Grafen von Woysla⸗ wice von den ihm drohenden Gefahren benachrichtigte. Der Graf war dieſer Warnung gefolgt. Er ſandte ſeine drei Söhne, Roger, Anatole und Adrian nach Paris. Wir wiſſen, durch die Erzählung Conrad von Waſa's, welch gräßliche Grauſamkeiten die Ruſſen ſpäter auf dem Schloſſe Woyslawice verübten und wie allein die Klugheit und Geiſtesgegenwart des Grafen Batory im Stande war, die Frau von Branow, die Nichte des Grafen nebſt ihren bei⸗ den Kindern zu retten, während Conrad die faſt noch im Kindesalter ſtehende Schweſter der jungen Frau durch einen kühnen Sprung in's Freie brachte. So heldenmüthig wagten Polen ihr Leben für ihre Landsleute, ſo ritter⸗ lich kämpften ſie für die Ehre und die Sicherheit des zarten Geſchlechtes. Als die drei Söhne des Grafen Woyslawice vernahmen, wie entſetz⸗ liche Dinge ſich auf ihrem Stammſchloſſe zugetragen, und daß dieſes ſelbſt nur noch ein Trümmerhaufen war, da faßte tiefer Schmerz die jungen Her⸗ zen an. 3 Der glühende Wunſch nach Rache tobte in ihrer Bruſt— doch ohn⸗ mächtig ſank die Hand hernieder, die ſchon nach dem Schwerte griff. 45¹1 Sie waren aus dem Vaterlande verbannt. Indeſſen man in Polen kämpfte, indeſſen das edelſte Blut aus ſo viel offnen Wunden floß, mußten ſie ferne dem Schauplatz großer Thaten ihre * Wuth in Unthätigkeit verknirſchen. 1 Indeſſen man in Polen kämpfte, vermochten ſie es allein, die jugend⸗ liche Kraft in diplomatiſchen Unterhandlungen mit einer Regierung zu ver⸗ geuden, die ſtatt der Thaten Worte hatte. Eine Rückkehr nach Polen war zur Unmöglichkeit geworden, ſeitdem die angrenzenden Mächte ſich für den Kaiſer erklärt hatten, ſie war es um ſo mehr für die drei Grafen, da der ſtrenge Wille ihres Vaters ſie im Aus⸗ lande feſſelte. Sie blieben und duldeten, und wenn der Schmerz zu heftig an ihnen nagte, wenn das Gefühl der Verbannung ſie zu ſchmerzlich drückte, ſo er⸗ ſtickten ſie ihr Leid in jenen rauſchenden Vergnügungen, an denen die Haupt⸗ ſtadt Frankreichs ſo reich iſt. Und darum waren ſie heute auf den Maskenball gekommen. Roger trug den glänzenden Anzug eines Ritters aus dem Mittelalter. Anatole das reichgeſtückte Coſtüm Louis XIV. Adrian, der jugendliche, faſt knabenhafte Adrian entzückte die Blicke der Damen als Troubadour, die Bruſt in blauen Sammet gehüllt, die wallende Straußenfeder auf dem Hute und die Guitarre am zierlichen Bande um die Schulter gehängt. Alle Drei gaben ſich aus vollem Herzen dem Vergnügen hin, es wird ja der Jugend ſo leicht, den Gram zu vergeſſen. Die Lichter flammten, die Düfte wogten, immer rauſchender tönten die Klänge der Muſik, immer lärmender bewegten ſich die Masken und wirbelnd drehte ſich der Tanz. Mitternacht war längſt vorüber. Im Kreiſe lachender Genoſſen ſaßen die drei Grafen Woyslawice, ganz dem Genuſſe hingegeben. In vollen Bechern ſchäumte der Champagner, die Pfropfen knallten zum Tacte der Muſtk, die goldgeſtickten Kleider rauſch⸗ ten, die Damen kühlten ſich mit dem wehenden Fächer, die Herren mit dem in Eis geſtellten Sekt. Von Zeit zu Zeit hüpfte eine der maskirten Schönen herbei, die jungen Grafen in den Strudel des Tanzes zu ziehen und willig folgten ſie der ſüßen Lockung.. Ganz hingeriſſen von dem Rauſche des Vergnügens drang Roger Woyslawice, eine junge Sylphide im Arme haltend, in die Reihe der Tanzenden.. Welch Leben, welche Bewegung!— Die Deutſchen tanzen mit den Füßen allein, die Franzoſen und Polen 29* 452 mit dem vollen Feuer ihrer Nationalität. Wie elaſtiſch tritt nicht der Fuß den Boden zum Tacte der Mazurka, wie wild umſchlingt der Jüngling ſeine Schöne, und ſcheint ſie zu fliehen, um ſie wieder zu erhaſchen, dreht ſich bald ſchnell, bald ſchmachtend langſam, bis der Athem vergeht und die er⸗ hitzten Sinne nach Ruhe verlangen. Die Sylphide war dem Grafen Roger entſchwebt, doch andere Masken ſchwärmten um ihn her, ein Chor phantaſtiſcher, neckender Geſtalten. Schon will er ſich von ihnen mit hinein ziehen laſſen in den wirbelnden Kreis der Quadrille, als eine Hand leicht ſeine Schulter berührt und eine Stimme in der geliebten Sprache ſeines Vaterlandes an ſeinem Ohre flüſtert: „Polen iſt verloren, wenn ſeine Söhne tanzen, ſtatt zu kämpfen!“ Wie ein Donnerſchlag berührten dieſe Worte das Herz des edlen Jüng⸗ lings. Er wandte ſich um und erblickte eine weiße, verhüllte Geſtalt, die ſich dem Ausgange des Saales näherte. War ſie es, von der die räthſelhafte Mahnung kam? Mit einer ſchnellen Bewegung entfernte er die ihn umdrängenden Mas⸗ ken und folgte raſchen Schrittes der ſeltſamen Erſcheinung. Ein weißes, faltenreiches Gewand fiel bis zu ihren Füßen herab, ein langer, weißer Schleier bedeckte ihren Kopf und wogte um die dahin eilende gleich einer vom Winde gejagten Wolke. Lautlos glitt ſie dahin; es ſchien, als berühre ſie nicht den Marmorboden und doch vermochte Roger dieſem eiligen Schweben kaum zu folgen. Ein Corridor öffnete ſich vor ihnen, reich von Gasflammen erleuchtet, angefüllt mit Herren und Damen, die hier Kühlung ſuchten. Niemand ſchien die weiße Geſtalt zu ſehen, die durch die dichteſten Gruppen dahin ſchritt, Niemand wagte es, den jungen Polen aufzuhalten, deſſen bleiche Züge von innerer Erregung ſprachen. Am Ende des Corridors eröffnete ſich ein zweiter, hier war es ſtill und halb dunkel; doch hielt die ſchwebende Erſcheinung nicht an. Thüren er⸗ ſchloſſen ſich ihnen wie von ſelbſt; ſie eilten Treppen auf und ab— dem Grafen wollte der Athem vergehen bei dem raſchen Laufe. Endlich— es war in einem anſcheinend weiten Raume, den nur ein einziges Lämpchen ſpärlich erhellte— endlich hielt die Verſchleierte an und ſich nach dem Grafen umwendend, zeigte ſie ihm ein Antlitz, das eine weiße Maske geiſterhaft erſcheinen ließ. „Graf Roger Woyslawice!“ ſagte ſie mit tiefer, wohlklingender Stimme.. „Ich höre Dich!“ verſetzte er, nicht ohne Beben. „Graf Roger Woyslawice,“ fuhr die Erſcheinung fort,„ſind Sie ein Pole?“ „Mit Leib und Seele!“ 453 „Weshalb vergeuden Sie Ihre Kraft in rauſchenden Zerſtreuungen, in⸗ deſſen Ihr Vaterland blutet?“ „Ich bin aus meinem Vaterlande verbannt und die Rückkehr dahin verbietet mir ein höherer Wille.“ 1 „Weſſen?“ „Des Grafen Arthur Woyslawice, meines Vaters.“ „Er befiehlt Ihnen durch mich, ſich mit der ganzen Kraft Ihres Geiſtes der Sache Polens zu widmen.“ „Soll ich dahin zurückgehen?“ „Nein, Polen iſt überall, wo ſeine Söhne ſich ihm kämpfend widmen, ſei es mit den Waffen der Diplomatie, ſei es mit dem Schwerte.“ „Was aber ſoll ich thun?“ „Gehorchen!“ „Wem?“ „Der Stimme, welche Dir drei Worte: Nacht, Grab und Meer zu⸗ flüſtern wird!“ „Es ſind grauenvolle Worte, die Du nennſt!“ „Grab, Nacht und Meer— ſind ſie nicht alle drei ſo tief, wie unſer Schmerz?“ „Wer aber biſt Du, räthſelhaftes Weſen?“ „Ich bin— das Phantom Polens.“ „Und wo werde ich Dich wiederſehen?“ Er erhielt keine Antwort— die Lampe erloſch— die Erſcheinung war verſchwunden. Er rief nach ihr, er tappte dem Orte zu, wo er ſie ſah— doch ſeine ausgeſtreckten Arme griffen in leere Luft. Halb betäubt ſuchte er nach dem Ausgange, doch lange mußte er ſich an den Wänden herum fühlen, bis ein ſchwacher Lichtſchein, der durch eine Ritze drang, ihm endlich eine Thür verrieth. Hoch athmete er auf, als er ſich wieder in dem matt erhellten Gange ſah, durch welchen das Phantom ihn in ſo unerklärlicher Weiſe geführt hatte. Er ſtrich die dunklen Haare von der Stirn, auf welcher Schweißtropfen perlten und zog die Uhr hervor. Es war drei Viertel auf Vier. Um halb vier Uhr hatte die Erſcheinung vor ihm geſtanden, er bemühte ſich, ſeinen Geiſt auf dieſe Thatſache zu feſſeln;— war es kein wirkliches Geſpenſt geweſen, ſo konnte dieſe Feſtſetzung der Zeit vielleicht zu einer Ent⸗ deckung führen. Doch nein— es gab noch etwas Anderes, was Roger glauben ließ, daß er es mit einem lebendigen Weſen zu thun gehabt. An der kleinen, zarten Hand der weißen Dame glänzte ein Diamantring. 454 „Geſpenſter tragen keine Diamantringe.“ Roger ſagte es ſich mit einem halben Lächeln, indeſſen er den Weg in den Ballſaal zurück zu finden ſuchte. Dies gelang ihm mit Hülfe eines Dieners, der ſehr erſtaunt war, einen der vornehmen Herren da zu ſinden, wohin ſonſt nur die Arbeiter und Ma⸗ ſchiniſten der großen Oper kamen. Roger befand ſich in den Räumen, in welchen man zerſchmetternde Blitze, Wolkenwogen und Theaterdonner ver⸗ fertigt. Einmal wieder auf dem rechten Wege, war es dem jungen Grafen ein Leichtes, ſich dem Schalle der Muſik nach wieder in den Ballſaal zurück zu finden.. 3 Noch war dieſer von keinem ſeiner tanzluſtigen Beſucher verlaſſen, die Paare drehten ſich in unermüdlichem Vergnügen, die Tänzer jauchzten, die Damen lachten, der Champagner floß in Strömen und immer lauter tönte das Gewirr der Stimmen und hier und da zog manch ein Liebender ſein Mädchen in die Blumenlaube zu ſtillem, traulichem Gekoſe. Roger ſuchte ſeinen Bruder Anatole, mit welchem die Bande der Bruder⸗ liebe und der innigſten Freundſchaft ihn verknüpften; ihm wollte er die Aben⸗ teuer dieſer wunderbaren Nacht mittheilen und dann den Ballſaal fliehen, der ihm nach der ſo eben erlebten Aufregung keine Reize mehr zu bieten vermochte. Lange ſuchte er unter den Masken umher, ohne Anatole zu finden, Matroſen und Debardeurs, Mönche und Nonnen, Mohren und Indianer, Türken und Chineſen wogten um ihn her, nur das reichgeſtickte Sammetge⸗ wand, das ſeinen Bruder ſo herrlich kleidete, konnte er nicht entdecken. Sollte Anatole den Ball der Oper ohne ihn verlaſſen haben? Roger war müde vom Suchen; ihn preßte der goldene Harniſch, ihn drückte der mit Federn geſchmückte Helm, er nahm die Schärpe von der Schulter und preßte ſie an ſeine Lippen— ſie trug die Farben ſeines Vaterlandes.— Wie betäubend war dieſer Lärm, wie beläſtigend die Aufforderungen zum Tanze, die ihn von allen Seiten umtönten. „Laßt den Ritter, er iſt kampfesmüde!“ rief eine muntere Türkin, die längſt den ſchweren Turban von dem Kopfe genommen hatte und ihre Locken frei im Wirbel des Tanzes fliegen ließ. „Gewiß,“ verſetzte eine Andre, die ihre ſchlanke Geſtalt mit der Uni⸗ form eines kaiſerlichen Zuaven umgeben hatte,„gewiß, man muß ihn laufen laſſen, damit er auf ſeinem Kreuzzug in's gelobte Land für unſere Sünden betet.“. „Es iſt der Ritter Toggenburg,“ lachte ein junger Harlequin,„der ſich den Raum ausſucht, wo er ſich eine Hütte bauen wird.“ 45⁵ „Nein, nein,“ ſchrie Pierrot,„es iſt Roland, nehmt Euch in Acht, daß er nicht raſend wird.“ Graf Roger hörte Nichts von Alledem. Er gab es auf, den Bruder zu finden und ſchickte ſich zum Heimwege an, denn da auch Adrian nirgends zu ſehen war, ſo mußte er wohl glauben, daß er mit Anatole, des Feſtes müde, längſt ſein Lager aufgeſucht. So war er eben dem Ausgange zugeſchritten, als er ſeinen Arm mit Heftigkeit ergriffen fühlte.. Er wandte ſich um und blickte in Anatoles Geſicht, der bleich, mit halb⸗ geöffneten Lippen und bebend vor ihm ſtand. „Alle Heiligen ſeien gelobt, daß ich Dich finde,“ ſagte der Jüngling mit zitternden Lippen,„ich ſuchte Dich überall.“ „So hat uns ein böſes Geſchick nach verſchiedenen Richtungen geführt,“ verſetzte Roger,„denn auch mich verlangte danach, mit Dir zu ſprechen.“ „Komm in jene Muſchelgrotte,“ fuhr Anatole fort, den Bruder mit ſich ziehend,„ich habe Dir Entſetzliches zu ſagen.“ „Wo aber iſt Adrian?“ „Unter den Tanzenden; er amüfirt ſich, wie es ſeiner Jugend zukommt.“ „So ſtören wir ihn nicht!“ Die Brüder ſetzten ſich nebeneinander, nachdem ſie ſich wohl vorgeſehen, daß kein Lauſcher in der Nähe ſei. Roger entledigte ſich ſeines Helms und Panzers, Anatole ſtrich ſich die Haare zurück und trocknete den Schweiß, der auf ſeiner hohen Stirne perlte. Ein Springbrunnen, deſſen klares Waſſer über Muſcheln rieſelte, wehte ihnen angenehme Kühlung zu, weiße Waſſerblumen rankten ſich daran em⸗ por und kleine, goldene Fiſche plätſcherten auf und nieder. Es war ein Ort, der nur beſtimmt ſchien, ſüßes Liebesgeflüſter zu hören, traulichem Gekoſe zum Verſteck zu dienen;— Anatole's Erzählung ſollte ihn mit Grauſen füllen. „Ich ſaß,“ begann er, nachdem er ſich geſammelt,„inmitten jener leicht⸗ fertigen Franzoſen, die, wenn es ihrem Vergnügen gilt, keine Rückſichten auf Anſtand und auf gute Sitte kennen und, laß es mich geſtehen, daß mich der Strudel des Sinnenlebens faßte. Es ſchien mir Poeſie in dieſem gol⸗ denen Champagnerſchaum zu liegen, der ſo ſüß durch unſer Inneres dringt und wie die holden Mädchen lachend ihre Lippen auf den Rand des Bechers drückten, da drang ein nie gekannter Rauſch durch meine Adern. Der Arm, der mich ſo weich umſchlang, das duftende Köpfchen, das ſich auf meine Schulter lehnte, der ſprudelnde Witz, das melodiſche, tolle Lachen— tadle mich Roger, tadle mich, daß meine Sinne ſich darin verwirrten, daß Ge⸗ danken der Liebe, der Wolluſt und des Glückes in meine Seele drangen— in die Seele eines Polen!— 456 „Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich mich plötzlich in einer jener Ro⸗ ſenlauben befand. Leicht wie ein Schmetterling ſchaukelte ſich Hermame auf meinem Knie und wiegte halb ſchlafend ihr Haupt auf meiner Bruſt, indeſ⸗ ſen meine Finger mit Adelinens Locken ſpielten, die auf einem Kiſſen zu meinen Füßen lag und Beranger's Lieder trillerte. „Ich war ſo glücklich, war ſo froh— vergeſſen war die Knechtſchaft, war der Kampf des Vaterlandes— es zog ein Frieden durch meine Bruſt, als gäbe es auf Erden keine Feinde, keine—— Ruſſen. „Wie kann ich wiſſen, wie lange wir ſo in ſüßen Träumen ruhten? Mein Name dicht hinter mir mit dem vollen Klange einer ſonoren Frauen⸗ ſtimme gerufen, ſchreckte mich empor; ich ſah in das Gebüſch hinein, das ringsumher den Divan einſchloß, auf dem ich ſaß, und, Roger, ich er⸗ blickte—“ „Um Jeſu willen, was erblickteſt Du?“ „Aus jener Wand hervor, die ganz mit Blumen überkleidet war, ſtreckt langſam ſich ein wundervoll geformter nackter Frauenarm hervor und in den zarten Fingern blitzt ein Dolch, ein Dolch, der blutige Spuren trägt= „Das iſt entſetzlich!“ „Entſetzlich, ja, doch höre, was nun weiter geſchah. „Anatole von Woyslawice,“ ſagte die Stimme in polniſcher Sprache, „Du ſchwelgſt im Sinnenrauſche und Dein Vaterland verblutet unter den Knutenhieben der Ruſſen. Du erfreueſt Dich Deines Lebens, während Deine Brüder ihres der Freiheit zum Opfer bringen—“ „Wer biſt Du, räthſelhafte Mahnerin!“ rief ich mit Grauſen aus, denn alle meine Glieder zitterten unter dem kalten Luftzuge, der von der unge⸗ ſehenen Geſtalt zu mir zu dringen ſchien. „Ich bin,“ verſetzte ſie mit tiefer Stimme,„das Phantom Polens. Nacht, Grab und Meer, das iſt die Loſung, unter welcher wir uns wiederſehen. „Nacht, Grab und Meer— mir ſchauderte bei dieſen dunklen Worten, doch raffte ich meine ganze Kraft zuſammen, ich wollte den weißen Arm er⸗ greifen, wollte ihm den Dolch entwinden— vergeblich— er verſchwand vor meinen Augen, als hätten Nacht, Grab und Meer das, was aus ihnen hervorgegangen ſchien, auf's Neue verſchlungen. „Ich ſprang empor; ich ſchüttelte die Nädchen von mir ab, die ſich an meine Arme hingen und Nichts geſehen und Nichts verſtanden hatten, und begann, ſobald ich mich allein befand, eine ſorgfältige Unterſuchung der von den Blumen umrankten Wand. „Nirgends entdeckte ich eine Thür, nirgends einen Spalt, durch welchen der Arm ſich bis zu mir vorſtrecken konnte; es iſt ein maſſives marmornes Getäfel, wie es ſich rings um den ganzen Saal hinzieht. 4⁵57 „Mir grauſte. Hatte ich wirklich eine Geiſtererſcheinung gehabt? Ich ſuchte Dich, ich wollte Dir ſagen, was geſchehen, eine Stunde iſt darüber hingegangen— und jetzt erſt finde ich Dich!“ „Eine Stunde?“ fragte Roger,„weißt Du, um welche Zeit Dir jener Arm erſchien?“. „Es war halb vier Uhr.“ „Laß uns unſere Uhren vergleichen.“ „Wozu?— es iſt jetzt zehn Minuten vor Fünf.“ „So zeigt auch die meinige.“ „Und was weiter?. „Nichts, als daß in demſelben Augenblicke, wo Du den Arm ſahſt, die ganze Geſtalt des Phantoms von Polen duch vor mir ſtand.“ „Roger— ſo war es wirklich ein Geiſt— „Das aufzuklären müſſen wir der Zeit überlaſſen. „Du ſagſt das ſo ruhig—“ „Anatole, ich bin ein Mann, zu früh gereift in den Kämpfen meines Vaterlandes. Du biſt ein Dichter, dem die Phantaſie goldene Träume vor⸗ gaukelt. Mögen ſie ſich erfüllen!“ „Nein, Bruder, nein, ich will kein Glück, ſo lange Polen in Feſſeln liegt. Aus freiem Boden allein vermag die zarte Pflanze der Liebe zu er⸗ blühen, die allein das Leben ſüß und ſelig macht— und ich entſage ihr, bis dieſer Boden gedüngt iſt mit meinem Blute.“ Roger drückte mit Wärme ſeine Hand. „Grab, Nacht und Meer,“ fuhr Anatole begeiſtert fort,„ſo ſchauerlich die Worte klingen, mich ſollen ſie nicht ſchrecken— ich reiſe heute noch zurück.“ „Das wirſt Du nicht thun.“ „Nicht? warum nicht?“ „Weil wir hier die Befehle zu erwarten haben, die das Phantom uns giebt.“ „Du ſprichſt in Räthſeln.“ „Sie werden ſich löſen, wenn Du Alles weißt. 44 „So rede!“ „Sogleich; nur ſage mir zuerſt—“ „Was noch?“ „Bemerkteſt Du am Zeigefinger feuer Hand nicht einen Ring?“ „Mit einem funkelnden Diamanten— ganz recht— es war mir, als ginge von ihm ein Glanz aus, der in meine Seele brannte.“ „So komm und laß uns Adrian aufſuchen; der Saal beginnt ſich zu leeren, und beim Nachhauſegehen erzähle ich Dir und ihm, was ich er⸗ lebte.“ ⸗ 458 Sie reichten ſich noch einmal die Hände, dann trennten ſie ſich nach verſchiedenen Seiten, um den jungen Bruder zu entdecken. Adrian war bald gefunden; übermüdet von Wein, Tanz und Genuß lag der bildſchöne, kaum dem Knabenalter entwachſene Jüngling auf einer Ottomane in tiefem Schlafe; ſe ine rothen Lippen waren halb geöffnet, ſeine goldenen Locken ſpielten um die heiße Stirne, auf ſeinem Antlitz ruhte ein Lächeln der Unſchuld und der jugendlichen Heiterkeit. Es ſchien dem älteren Bruder faſt eine Grauſamkeit, ſo holde Ruhe zu ſtören. „Auch Du,“ ſagte er leiſe,„auch Du, mein ſchöner Adrian, ſollſt jenem Kampfe zum Opfer fallen, der alle Söhne Polens in ſeinen unerbittlichen Strudel hineinreißt— o es iſt hart, ſehr hart!“ Und leiſe, wie eine liebende Mutter, legte er ſeine Hand auf die erhitzte Wange des Knaben, der ſeine Augen mit einem frohen Kindesblicke zu ihm aufſchlug. „Komm nach Hauſe und zu Bette, Adrian,“ ſagte Roger,„es iſt ſpät und wir Alle bedürfen der Ruhe.“ Adrian ſprang empor und reckte ſchlaftrunken ſeine Glieder; dann ver⸗ ließen die drei Grafen Woyslawice den Ball der großen Oper, der ihnen ſo verhängnißvoll werden ſollte. Unten wartete ihrer der Wagen und von ſeinen weichen Polſtern ge⸗ wiegt, begann Roger die Erzählung deſſen, was er erlebt hatte, und während Anatole die Hand vor ſeine Augen preßte und mit dem prophetiſchen Blicke des Dichters in eine Zukunft voller Grauſen ſah, vergaß Adrian die Mü⸗ digkeit und lauſchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit den Worten ſeines Bruders. Zu Hauſe angelangt, trieb Roger die Beiden zur Ruhe. „Wir wiſſen nicht,“ ſagte er,„was morgen unſere Kräfte in Anſpruch nehmen wird; ſo laßt ſie uns denn heute ſchonen.“ Und die drei Brüder umarmten ſich zur guten Nacht. „Grab, Nacht und Meer,“ ſagte Anatole,—„es kann Nichts tiefer ſein, als meine Liebe zur Freiheit.“ „Grab, Nacht und Meer,“ rief Roger und preßte beide Hände an ſeine Bruſt,„es iſt Nichts ewiger, als Polens Haß gegen ſeine Feinde.“ „Grab, Nacht und Meer,“ lispelte Adrian in ſich hinein,„es wachſen Blumen auf dem einen, Sterne durchleuchten die andere und o, das Meer, wie ſanft wiegt ſich's auf ſeinem hellen Spiegel!“— Mit wiedergewonnener Heiterkeit nahm er die Mandoline von ſeiner Schulter, warf die ſammetne Mütze auf den Tiſch und öffnete die himmel⸗ blaue Weſte des jungen Tro ubadours, um ſich zu Bett zu legen. Was fiel dicht vor ihm auf die Erde? 45⁵9 Ein Briefchen war es, zierlich gefaltet und an ihn, an den Grafen Adrian von Woyslawice adreſſirt. War es ein Liebeszeichen irgend einer Schönen, eine Aufforderung zum ſüßen Stelldichein? Adrian hatte bisher mit allen Damen in Paris ſe un⸗ befangen geſcherzt und getanzt, wie mit den Bauerndirnen auf ſeines Va⸗ ters Gut; es war alſo nur ein Gefühl des Erſtaunens, das ſich in ſeinen Blicken malte, als er das duftende, roſenrothe Papier entfaltete, welches von einem Siegel verſchloſſen war. Neugierig betrachtete er die Deviſe: ſie zeigte ein Herz, das durch einen Dolch verwundet wor und rings umher ſtanden in polniſcher Sprache die Worte:„Unheilbarer Schmerz.“ Unheilbarer Schmerz!— für die Jugend giebt es keinen ſolchen; ſie kächelt mit immer neuer Hoffnung dem Morgenroth entgegen, ob auch die Sonne des vorigen Abends blutig und thränenregenſchwer verſank. Unheilbarer Schmerz!— iſt nicht das Leben ſchön, iſt nicht der Herr im Himmel gerecht, erweckt der Frühling nicht ſtets auf's Neue Blumen und fruchtbringende Keime? „Es giebt keine unheilbaren Schmerzen!“ So wenigſtens dachte Adrian, indeſſen er das Siegel zerknickte, das, wie es ihm erſchien, eine traurige Lüge zeigte; er rückte ſich die Lampe näher, warf ſich behaglich in den Lehnſtuhl und las— nichts als die we⸗ wenigen Worte: „Graf Adrian! „Ihre Jugend bedarf einer großen Lehre. Die ſtelzfüßige Invalide im Jardin des plantes wird ſie Ihnen geben. Das Phantom Polens.“ Was ſollte das bedeuten? Die wunderbare Erſcheinung, die ſich ſeinen beiden Brüdern offenbart hatte, würdigte ihn nicht ihres Anblicks, ſie redete zu ihm in Worten, welche Räthſel waren!— Adrian rieb ſich gedankenvoll die Stirn, dann ſprang er auf und eilte zu Roger, ihm mitzutheilen, was ihm widerfahren war, denn zwiſchen den Söhnen des Grafen Arthur Woyslawice gab es damals noch keine Ge⸗ heimniſſe. Roger war nicht nur verwundert, ſondern auch betrübt. Er liebte ſeinen jüngſten Bruder mit der ganzen Zärtlichkeit, deren nur eine ſtarke, von Sittlichkeit erfüllte Männerſeele fähig iſt. Aus den Kämpfen, in wel⸗ chen Polen zuckte, aus den Leiden, die ihm ſelber bevorſtanden, hätte er dies junge Leben retten mögen. Warum ſollten dieſe offenen blauen Kinderaugen all den Jammer ſehen, der das Vaterland zerriß, warum ſollten dieſe glän⸗ zenden blonden Locken mit blutigem Schweiße auf dieſer reinen Stirne kle⸗ ben, warum ſollte— Roger ſchauderte, es zu denken— dieſer weiße Nacken ſich dem Henkerbeil entblößen?—— 460 Und doch— das Vaterland verlangt die Kraft aller ſeiner Söhne und keiner darf ſich ſeiner Pflicht entziehen. Wir haben es geſehen, daß jeder Pole ein Patriot, daß jeder Pole bereit iſt, ſelbſt ſein Liebſtes dahin zu opfern für die Freiheit— und darum durfte Graf Roger die Mahnung nicht unbeachtet laſſen, die jetzt auch an den jüngſten Bruder ergangen war; er hieß ihn, ſich zu Bette legen, um wenigſtens noch einige Stunden des Schlafes zu pflegen; er ſelber ſchlummerte nicht; trübe Gedanken wogten in ſeiner Seele und ließen ihn keine Ruhe finden, und während er auf ſei⸗ nem Lager lag, ſchienen ſeine offenen Augen in eine Zukunft voller Grauen zu blicken. 10. Conſtantia. Der andere Morgen verſammelte die drei Brüder beim Frühſtück; ſie ſandten die Diener fort, um ungeſtört zuſammen reden zu können. Jetzt erfuhr auch Anatole von dem räthſelhaften Schreiben des Phan⸗ toms.— Sein Erſtaunen war unbeſchreiblich. Das Siegel, das Papier, die feinen zierlichen Schriftzüge einer Damen⸗ hand, Alles wurde einer ſorgfältigen Unterſuchung unterworfen, deren Re⸗ ſultat jedoch ſtets neue Räthſel waren. „Ich würde,“ ſagte Roger,„ich würde all das Wunderbare, was uns ſeit geſtern begegnet iſt, gern einer ganz natürlichen Urſache zuſchreiben, wenn nicht die ſeltſame Uebereinſtimmung der Zeit, in welcher Anatole und ich die Geſtalt erblickten, meine Seele mit Verwunderung erfüllte.“ „Und wie ich auch die Nacht über durch alle Säle ſchweifte,“ bemerkte Adrian,„nirgends ſah ich eine Maske, die auch nur entfernt der Beſchrei⸗ bung ähnlich geweſen wäre, die Du uns von dem Phantom machſt.“ Am aufgeregteſten war Anatole. Seinem Dichtergeiſte entſprach das Phantaſtiſche des ſeltſamen Erlebniſſes; in ſeine Träume hatte es ſich ver⸗ flochten; er glaubte den weißen Arm zu ſehen, der ihm winkte, nur um zu⸗ letzt, als er durch meilenweite Strecken ihm gefolgt, den blitzenden Dolch ihm in das Herz zu ſtoßen.— In kaltem Schweiß war er erwacht und jetzt noch— war es die Er⸗ müdung der letzten Nacht, war es eine Vorahnung der kommenden Schrecken — jetzt noch vermochte Anatole nicht jene Ruhe zu finden, die ſeinem poe⸗ tiſchen Gemüthe eigenthümlich war; er legte die feine, weiße Hand auf ſeine * — 461 tiefblauen Augen und betheiligte ſich nur wenig au dem Geſpräche ſeiner Brüder. Dieſes Geſpräch wurde durch einen Diener unterbrochen, welcher auf ſilbernem Teller dem Grafen Roger einen Brief überreichte. „Schon gut!“ ſagte ſein Gebieter und winkte ihn hinaus „Sollte es abermals von dem Phantome ſein?“ begann er, als die drei Grafen ſich allein befanden.„Doch nein, dies iſt nicht dieſelbe Handſchrift; dieſes Blatt duftet nicht nach Roſen, ſondern nach Patſchouli— laßt ſehen, was es für uns enthält.“ Ohne Zögern öffnete er das Couvert und ſeine ſchönen Züge belebten ſich, indem er die wenigen Zeilen überflog.. „Von unſerer Couſine, von Conſtantia Branow kommt dies Billet,“ ſagte er, es wieder zuſammenfaltend;„ſie iſt ſeit geſtern Abend hier und erwartet, uns heut im Laufe des Morgens zu ſehen.“ „Sie wird uns Nachricht aus der Heimath bringen!“ rief Anatole ſichtlich erregt. „Ja, Nachricht von dem Vater!“ ſetzte Adrian hinzu. „Von ihrem Gatten und den andern Freunden, die im heiligen Kampfeſtehen und fallen!“ meinte Roger,„wir dürfen es nicht verſäumen, eiligſt hinzugehen.“ „Ja, aber der ſtelzfüßige Invalide— 2“ „Es iſt jetzt Mittag; verbringen wir zwei Stunden bei der Gräfin, ſo treffen wir ihn noch vor unſerer Eſſenszeit an ſeinem Lieblingsorte, wo ich ihn oft bemerkte. Und— wer weiß, ob nicht Conſtantia uns Dinge mit⸗ zutheilen hat, deren Kenntnißnahme uns von Wichtigkeit ſein muß.“ „Ob ſie wohl ihre kleine Schweſter Anita bei ſich haben mag?“ fragte Adrian.„Ich ſpielte ſonſt ſoggerne mit dem kleinen Naſeweiß.“ „Anita iſt kein Kind mehr,“ bemerkte Anatole,„ſie hat ihr ſechzehntes Jahr bereits erreicht.“ 34 „Anita wird ewig ein Kind bleiben,“ behauptete Adrian,„ein wildes, ausgelaſſenes Kind, mit dem ich ſo viel lachen will!“ Roger warf einen Blick voll Trauer auf den ſchönen Jungen, der zu lachen hoffte, indeſſen ſeine Landsleute bluteten; dann drängte er die Brü⸗ der zu dem beabſichtigten Beſuche bei der Gräfin Conſtantia Branow. Bald ſaßen ſie in ihrem eleganten Wagen und rollten durch die vor⸗ nehmſten Stadttheile von Paris. Die Damen blickten nach ihnen, und die Griſetten, welche in weißen Mützen und zierlichen Stiefelchen über die Straßen hüpften, flüſterten ſich zu: „Sieh doch, das ſind die ſchönen Polen!“ Sie aber merkten Nichts von all den ſüßen Blicken, nichts von ſo viel Seufzern die ihnen folgten; waren ſie doch alle Drei von einem und dem⸗ ſelben Intereſſe in Anſpruch genommen. 462 Die Gräfin Conſtantia Branow bewohnte das erſte Stockwerk eines der erſten Hotels von Paris. Ihre Vettern eilten die mit Teppichen be⸗ legte Treppe hinauf und ſandten ihre Karten durch den betreßten Diener hinein. Bald öffnete ſich die Thür des Empfangsſalons und Conſtantia empfing die Grafen mit einem Lächeln warmer Freude. Sie trug die ſchwarze Trauerkleidung, in welche ſich die polniſchen Damen hüllen, bis Polens Befreiung ihnen Heiterkeit und Frohſinn wieder⸗ giebt. In langen Falten wallte das ſeidene Gewand bis zu ihren Füßen bauſchig herab, am unteren Theile wie an den Aermeln mit einem ſchmalen weißen Streifen verziert. Sie war ſehr ſchön; kaum zweiundzwanzig Jahre alt, beſaß ſie noch den vollen Reiz der Jugendfriſche, der den nordiſchen Frauen länger ver⸗ bleibt, als denen, welche das Licht der Welt in einem heißeren Clima er⸗ blicken. Ihre hellbraunen Locken, auf denen ein ſchwarzer Kantenſchleier ruhte, fielen in üppiger Fülle auf den blendend weißen Nacken herab; hoch, frei und edel war die Stirn, und über der fein gebogenen Naſe blickten die Augen ſo tief, ſo blau und ſeelenvoll, daß Anatole vermeinte, er ſähe zum erſten Mal in ſeinem Leben dieſen bis in das Innerſte dringenden Blick. Mit einem Lächeln voll der gewinnendſten Freundlichkeit lud ſie die Vettern ein, ſich in die ſammetnen Stühle zu ſetzen; ſie ſelber nahm auf dem Sopha ihnen gegenüber Platz. „Ich lud Sie ein, zu mir zu kommen,“ ſagte ſie,„weil ich Ihnen Nach⸗ richten aus dem Vaterlande zu bringen habe.“ „Wie geht es unſerem Vater?“ fragte Roger. „Seitdem die Ruſſen Schloß Woyslawice zerſtörten, lebt er in tiefer Verborgenheit bei einem Manne, der ihm mit Leib und Seele ergeben iſt.“ „Und dieſer Mann, wer iſt es?“ „Ein Jude, Namens Abraham. Sein Reichthum ſeine Geſchäftskennt⸗ niß, durch welche er ſich den Ruſſen unentbehrlich zu machen wußte, der ſcheinbare Eifer, mit welchem er ihnen dient, indeſſen er ſie haßt und ver⸗ abſcheut, und vorzüglich ſeine Dankbarkeit gegen Ihren Vater, der ihm in früheren Zeiten Gutes that, machen dieſem den Aufenthalt in ſeinem Hauſe zu einer erwünſchten Zufluchtſtätte.“ „Mein Vater auf der Flucht, der Großmuth eines Juden anheim ge⸗ geben— ohl es iſt entſetzlich!“— „In dem Elende unſeres Volkcs iſt das Alles nur gering, denn Nichts, Nichts gleicht der Grauſamkeit des Feindes, der uns bedrückt.“ „Sie waren im Schloſſe Woyslawice, als die Ruſſen es zerſtörten?“”“ „Mich rettete allein die Geiſtesgegenwart des Grafen Batory, der, ſelber in der Tracht eines Koſaken, einen ſolchen zwang, mich, gleich einer Gefangenen, hinaus in's Freie zu escortiren.“ 463 „Der Graf war edel und klug.“ „Ich verdanke ihm mein Leben und— was weit mehr ſagen will— meine Ehre.“ „Er hat in dieſem wie in jedem anderen Falle den Muth eines wahren Patrioten bewieſen.“ „Vorzüglich dem Haſſe der Fürſtin Orlanoff gegenüber.“ „Erfuhr man nach Biruta's Tod, weswegen ſie ihn haßte?“ „Biruta's Leben barg ſchreckliche Geheimniſſe, denen nachzuforſchen nicht gerathen ſcheint.“ „Was aber geſchah mit des Grafen Batory heldenmüthiger Tochter?“ „Die Fürſtin Waſa kämpft noch an der Seite ihres Gatten. Er und Stanislaus Tarnow leiſten Wunderdinge der Tapferkeit, die heilige Jung⸗ frau ſelber ſchützt ihr uns ſo theures Leben.“ „Nun aber eine letzte Frage—“ „Ich errathe ſie.“ „Der Graf Branow—?“ „Ich bin Wittwe.“ „Entſetzlich!“ „Entſetzlich— doch wenn Sie Alles wüßten—“ „So laſſen Sie uns Alles erfahren!“ „In der ganzen Geſchichte unſeres Elendes giebt es kein Kapitel, das grauenvoller wäre, als dieſes.“ „Und eben darum müſſen wir es kennen lernen; die Seele eines jeden Polen muß ſich vollſaugen von Haß gegen ſeine Unterjocher.“ „Aber wenn Sie zu hören vermögen, wie kann ich erzählen, was ich zu denken ſchaudere. „Faſſen Sie Muth, Conſtantia, es ſind Ihre Freunde, die Sie bitten.“ „Wohlan, ſo hören Sie, was Sie erbeben machen wird!“ Sie legte für einen Augenblick die Hand über die Augen; ihr Buſen wallte unter den Schmerzen der Erinnerung, doch mit faſt männlicher Kraft faßte ſie ſich und begann ihre Erzählung.“) „Mein unglücklicher Gatte war unter das Heer der Patrioten getreten, ehe ich noch meinen Wohnſitz auf Schloß Woyslawice nahm. „Ihn begleiteten ſeine drei jüngeren Brüder, Wladimir, Robert und der kaum neunzehnjährige Michael.* „Alle vier wurden mit den Waffen in der Hand ergriffen.. „Godefroi, Wladimir und Robert kämpften bis zum letzten Augenblicke *) Für die Wahrheit derſelben bürgt der Name des Verfaſſers, wenn auch die Bezeichnungen der Betheiligten, beſonderer Umſtände wegen, fingirt ſind.— 464 wie Verzweifelte, Michael brach kraftlos zuſammen; eine Kugel war ihm durch die Lungen gegangen und ſein Blut ergoß ſich in dunklem Strome aus ſeinen Lippen. „Man führte die Gefangenen vor jenen Mann, den Polen nicht anders als mit dem Namen des Mörders bezeichnet. „Ich brauche Ihnen nicht erſt zu ſagen, daß er ſie zum Tode verur⸗ theilte. „An dem Tage, wo dies geſchah, richtete man ſechs edle Polen hin; ihr ganzes Verbrechen beſtand in ihrer Liebe zur Freiheit und zum Vater⸗ lande. „Es iſt unangenehm,“ ſagte ein ruſſiſcher Offizier, welcher der Exe⸗ cution beiwohnte, zu einem anderen,„es iſt unangenehm, daß dieſe Leute immer mit ſo hoch erhobenen. Köpfen zum Schaffot gehen; es iſt, als ob ſie uns noch ſterbend verhöhnten.“ „Hätte ich ſo viel Macht, wie Sie,“ verſetzte Jener,„ich würde den Rebellen das Geſicht etwas bleicher ſchminken.“ „Aber wie?“ fragte der Erſte. „Laßt ſie nur ein paar Tage hungern,“ lachte der Schändliche,„und, was gilt die Wette, die ſtolzen Delinquenten gehen künftig mit demüthigerer Miene dem Galgen entgegen.“ „Dem Offizier ſchien der Rath vortrefflich ausgedacht. Kaum in die Feſtung zurückgekehrt, läßt er den Gefängnißwärter kommen und giebt ihm einen ſchauderhaften Befehl. „Der feile Diener ruſſiſcher Gerechtigkeit empfing mit Freude dieſe Ordre. „Als die Mittagszeit heranrückte, merkten es die Gefangenen, die in einem feuchten, wohlverwahrten Keller lagen, nicht, daß ihnen keine Speiſe gebracht wurde, ſie waren ſatt von Wuth und Leid. „Der Abend kam und neben dem Hunger machte der Durſt ſich gel⸗ tend. Die fieberhaft brennenden Lippen des todtkranken Michael, dem keine ärztliche Hülfe Linderung verſchaffte, lechzten nach einem Tropfen Waſſer. „Die Nacht verging und gleicherweiſe ein Theil des anderen Tages— Niemand erſchien. Sollte man ſie vergeſſen haben? „Die Vorſtellung eines qualvollen Hungerstodes vermehrte ihre Lei⸗ den. Als ſich der zweite Abend nahte, verſuchten ſie es, ſich durch Schläge an die Thür bemerklich zu machen. „Eine rauhe Stimme donnerte ihnen auf Ruſſiſch den Befehl zu, ſich ruhig zu verhalten. „Godefroi, der ruſſiſch ſprach, wandte ſich bittend an das Mitleid des Wachehaltenden, er flehte nicht für ſich, nur Waſſer für ſeinen kranken Bru⸗ der verlangte er. ö Phantom Polens. III. Bd. 31 —. 482 erlauben Sie mir denn, mich Ihnen zu nennen, ich bin der Chevalier de la Guerrie, wie Sie ſehen, Ritter der Ehrenlegion und Oberſt in der Armee Seiner Majeſtät. Die beiden jungen Männer verbeugten ſich, ziemlich unangenehm be⸗ rührt von der Selbſtgefälligkeit des Herrn de la Guerrie und dem wie es ſchien unerſchöpflichen Strome ſeiner Rede. Sie nannten ihm ihren Na⸗ men und die Bekanntſchaft war geſchloſſen. „Aber warum tanzen Sie nicht?“ fragte der Chevalier. „Es macht uns kein Vergnügen!“ verſetzte Sigismund. „Wiel kein Vergnügen, ein hübſches Mädchen im Arm zu halten? denn natürlich— ich rathe Ihnen, nicht mit den Häßlichen zu walzen, die hängen ſich an uns, wie die Kletten, Nichts iſt ſchwerer, als ein häßlich es Weib wieder los werden, wenn man einmal die Unvorſichtigkeit begangen hat, ſich mit ihm einzulaſſen.“ Eleonore ſchwebte heran und überhob die jungen Männer der Antwort auf Reden, die ihnen unziemlich vorkamen.— „Sigismund,“ ſagte ſie mit einem Lächeln, dem Nichts zu widerſtehen . vermochte,„Sigismund, warum tanzen Sie nicht?“ „Verzeihen Sie mir,“ verſetzte er, nich fühle mich nicht in der Stim⸗ mung.“ „Ihrer trüben Laune will ich Sie entreißen— kommen Sie zu der Quadrille.“ „Iſt nicht der Graf Woyslawice Ihr Tänzer?“ „Wir werden ihm gegenüber ſtehen. Aber ſo kommen Sie doch, die Muſik beginnt und ich habe allen, die mich aufforderten, geſagt, daß ich mit Ihnen engagirt ſei.“ Wie hätte er zu widerſtehen vermocht? Wie im Rauſche ergriff er die zarte, kleine Hand, die ſich ihm bot und verließ ſeinen neuen Freund Adrian, der ihm erſtaunt nachblickte. „Er ſpricht von Schmerzen und von Leiden!“ ſagte der Jüngling kopf⸗ ſchüttelnd zu ſich ſelber.„Wie kann es Schmerzen und Leiden für Den geben, dem Eleonore ſo freundlich lächelt!“ Und indem er es dachte, empfand er ſelbſt zum erſten Mal in ſeinem Leben ein Wehe, das ſeine junge Bruſt durchzuckte und für das er keinen Namen wußte. Wir kennen es, es heißt: Eiferſucht. Indeſſen begann der Chevalier de la Guerrie auf's Neue den Strom ſeiner Rede dahin rieſeln zu laſſen.. „Sie iſt ſehr ſchön, die Gräfin Eleonore,“ begann er,„Teint ſuperbe, Zähne perfekt, Schultern, Arme tadellos— aber ſehr ſpröde, wie man ſagt, ſehr ſpröde. Sacrebleu, ich habe mir niie etwas aus Weibern gemacht, vor 483 denen man auf den Knieen liegen und um ein kleines, kleines Küßchen bet⸗ teln muß. Die Welt hat, Gott ſei Dank, noch keinen Mangel an hübſchen Dingern, die gefälliger ſind. Was mich betrifft, ich bin dafür, mich lieben zu laſſen. Wenn ſo ein allerliebſtes kleines Geſchöpf um mich herum tän⸗ delt, ſich ungebeten auf meinen Schooß ſetzt und ihr Mäulchen ſelber hin⸗ reicht, das laſſe ich mir gefallen, das ſchäkert und neckt und courbettirt ſo niedlich, wie ein Hündchen, das ſtreichelt und hätſchelt mit den weichen Händchen, hat keine Launen, keine Malicen und erſpart uns jede unange⸗ nehme Verpflichtung. Ich weiß deren, jung und friſch wie Roſenknospen, die einem hübſchen Jungen den Himmel mit all ſeinen Houris auf die Erde zaubern könnten— und nebenbei kommt es ja nur auf's Anſehen an, der Rückweg iſt nicht weiter als der Hinweg.“ Es war die Stimme der Verſuchung, die an Adrian's Ohre flüſterte; er aber hörte ſie nicht; ſeine Seele lag in ſeinen Augen, und ſeine Augen hafteten auf Eleonoren, die im Tanze vor ihm auf⸗ und niederſchwebte. Der Chevalier ſtrich ſich den Schnurrbart und warf einen heimlich lauernden Blick auf den jungen Grafen; es war der Blick der Katze, die die Maus belauert und heimlich denkt: Gelt, ich fange dich doch!— Der Tanz war zu Ende; athemlos und aufgeregt kehrte Sigismund zu Adrian zurück; aber auch Roger trat zu dem Bruder. „Wer iſt der Menſch, den Du da bei Dir haſt?“ fragte er. „Welcher? der junge?“ „Nein, der mit dem Bande der Ehrenlegion.“ „Er nennt ſich Chevalier de la Guerrie und iſt Oberſt.“ „Nimm Dich vor ihm in Acht, die Phyſiognomie iſt unheimlich.“ „Mißfällt Dir ſein Geſicht?— mir mißfällt der ganze Menſch.“ „Wohl, ſo iſt meine Warnung überflüſſig.“ „Nein, ich danke Dir.“ Die Gäſte fingen an, ſich zu entfernen; Conſtantia und ihre Schweſter hatten bereits das Hotel verlaſſen. Auch die drei Grafen Woyslawice empfahlen ſich den Damen. „Wir ſehen Sie über acht Tage wieder?“ fragte Eleonore, Roger mit einem freundlichen Blicke ihre Hand reichend. „Die Frage ſchon iſt mir Befehl!“ verſetzte der junge Mann. „Und ich nehme Ihre Antwort für ein Verſprechen; hüten Sie ſich vor Wortbrüchigkeit.“ „‚Die Strafe würde mich am ſchwerſten treffen.“ „Auf Wiederſehen alſo!“—— „Es ſcheint,“ begann Anatole, als ſich die Brüder in dem Wagen be⸗ fanden, der ſie nach Hauſe führte,„es ſcheint, daß Dir die Gräfin Eleonore gefällt, Roger?“ 31* 8 484 „Das iſt ein Irrthum.“ „Wie, Du ſprachſt und tanzteſt den ganzen Abend nur mit ihr!“ „Ich habe ſie beim Sprechen und beim Tanzen den ganzen Abend über beobachtet.“ „Und was fandeſt Du?“ „Einen ſcharfen Verſtand, einen ſchnellen Witz und ein kaltes Herz.“ „Ich bewundere Dich.“ „Warum?“. „Weil Du ein ſchönes Mädchen ſo kühl beurtheilen kannſt. Was mich betrifft, ich blieb ihr fern, um mich nicht von dem Zauber einer Perſönlich⸗ keit beſtricken zu laſſen, vor welcher wir gewarnt ſind.“ Adrian gab kein Wort zu dem Geſpräche ſeiner Brüder; dieſe glaub⸗ ten ihn ermüdet von zwei durchwachten Nächten und ſuchten ſelber bald ihr Lager auf.— Sie ſanken bald in feſten Schlaf; nur Adrian vermochte es nicht, die Augen zu ſchließen, vor denen Eleonorens Bild ſich in wunderbarem Zau⸗ ber bewegte. Ungeahnte Empfindungen durchwogten ſeine Bruſt. Hatte Roger, der ihn vor dem⸗ Chevalier de la Guerrie gewarnt, auch Urſache, mißtrauiſch gegen die Comteſſe zu ſein? Konnte ſo hohe Schönheit Schlimmeres bergen? Unmöglich! Die Jugend glaubt ſo gerne, wo ſie liebt, giebt ſich ſo willig jeder ſüßen Täuſchung hin und ſchließt die Augen ſelber vor dem Abgrund, der ihr droht.—— In dem von Gäſten entleerten Boudoir ſaß Eleonore in einem Lehn⸗ ſtuhl, das ſchöne Haupt in die Hand geſtützt, über welche die blonden Locken herabwallten. „Willſt Du nicht ſchlafen gehen?“ fragte die Mutter. „Noch nicht!“ „So wirſt Du morgen weniger friſch und blühend ſein.“ „Morgen— wer denkt an morgen? laß mich beim Heut verweilen!“ „Eleonore, Du biſt erregt, vergiß nicht, was Du mir verſprochen haſt!“— „Ich verſprach, es Dir zu ſagen, ſobald die Liebe ſich meines Herzens bemächtigt.“ „Und nun— 2“. „Ich verſtehe mich ſelber nicht—“ „Du forderteſt Sigismund Krutowski ſelbſt zum Tanze auf— ich hoffe, daß Du nicht an dieſen unbedeutenden, namenloſen Menſchen denkſt.“ „Eben weil er unbedeutend und namenlos iſt, wollte ich mit ihm tan⸗ — zen, denn, um mich ganz mit meinem Vis à vis zu beſchäftigen, bedurfte ich Seinesgleichen.“ „Und dieſes Vis à vis— „War Roger Woyslawice.“ „Ich wuͤrde Deinem Geſchmack das Wort reden, wenn Schönheit, Geiſt und Reichthum ihn nicht ebenſo liebenswürdig wie— gefährlich machten.“ „Ich weiß es.“ „Meine Tochter wird bedenken, was ſie thut. Wir leben von der Gnade Mourawieff's. Sobald er uns nachläſſig findet in der Erfüllung unſeres Verſprechens, ſind wir der Armuth preisgegeben, zu welcher uns die tolle Vaterlandsliebe des Grafen Batory gebracht hat.“ „Ich weiß das Alles!“ ſagte Eleonore ſich erhebend.„Wozu wieder⸗ holſt Du es mir? Ich weiß, daß ich verkauft bin, daß ſelbſt die Regungen meines Herzens mir nicht mehr gehören. Ich werde dieſen Zauber, der mich zu Roger Woyslawice zieht, bekämpfen, weil ich muß und will. Und da⸗ mit gute Nacht.“ 12. Ber Indalidt des Jardin de plantes Am andern Morgen beſtiegen die Grafen Woyslawice gleich nach dem Frühſtück ihre Pferde und ritten dem Orte zu, den ſie am geſtrigen Tage vergeblich beſucht. Der Tag war köſtlich; die Luft ſo klar und rein, wie nur der im Er⸗ wachen begriffene Frühling ſich zeigt, kein Windhauch ſtörte ihre Stille. Schaaren von weißen Tauben flogen durch den blauen Himmel und ihre Flügel blitzten im Sonnenſchein. Kleine Kinder boten Veilchenſträußchen zum Verkaufe; junge Miüdchen breiteten ganze Haufen von Apfelſinen aus. Die feine Welt von Paris war noch nicht auf den Straßen zu ſehen, dafür gab es ſchreiende Waſſerverkäufer, rüſtige Savoyardenknaben, Fiſch⸗ und Kaninchenhändler und Griſetten, die ihre Arbeit forttrugen und holten. Die Straßen von Paris ſind zu allen Tageszeiten der Schauplatz einer bunten, geſchäftigen Menge, am meiſten aber des Morgens, wo die Einkäufe und Beſorgungen für den ganzen Tag zu machen ſind; denn man ſage es ſeinen Bewohnern nicht nach, daß ſie nicht fleißig wären. Sie arbeiten fünfzehn Stunden, aber ſie widmen die übrigen dem Ver⸗ gnügen, die wenigſten der Ruhe.— Im Jardin des plantes waren erſt wenig Beſucher, als die Grafen Woyslawice dort ankamen; ſie ſtiegen von ihren Pferden, warfen die Zügel einem der Thürſteher zu und näherten ſich dem Löwenzwinger. Vor demſelben ſahen ſie ſchon von ferne den Invaliden ſitzen. Er hatte ſein hölzernes Bein gerad vor ſich hingeſtreckt; ſeine Hände ſtützten ſich auf einen ſchweren Knotenſtock und ſein Kinn ruhte auf ſeinen Händen. So ſaß er regungslos, die wilden Thiere beobachtend, die in ihrem Käfigt bald hin und hergingen, bald ausgeſtreckt lagen, bald brüllend ſich erhoben und bald ihre Kraft vergeblich an den eiſernen Stangen des Gitters prüften. 1 Wer mochte es den verwitterten Zügen des Invaliden anſehen, wie alt ihr Träger war?— Eine breite Narbe ging quer über ſeine Stirn und ſchien ſein rechtes Augenbraun zerſtört zu haben, denn nur ein einzelner Buſch grauer Haare zeigte ſich neben der Naſenwurzel, indeſſen auf der anderen Seite eine dichte Reihe faſt borſtenartig hervorſtehender Haare ſeine Stirn begrenzte. Dies gab ſeinem Geſicht etwas Seltſames, faſt Abſchreckendes. Eine zweite Narbe zeigte ſich auf ſeiner linken Wange, doch verlief ſich dieſe in ſeinem ſtarken Schnurrbart. Der Anzug war ſauber, faſt ſorgfältig gehalten, wenngleich ſein dunkel⸗ grüner, mit Schnüren beſetzter Rock ſchon abgetragen und fadenſcheinig aus⸗ fah und der Fuchskragen an manchen Stellen keine Haare mehr hatte. 3 Die drei Brüder näherten ſich ihm faſt mit Ehrfurcht; flößen uns doch Alter und Narben, die auf dem Schlachtfelde erworben ſind, immer Achtung ein. „Es ſind königliche Thiere!“ ſagte Roger, auf die Löwen deutend. „Königlich, verſetzte der Invalide,“ leicht an ſeine Mütze faſſend,„ja, man ſagt gewöhnlich ſo von ihnen.“ „Und Sie, was ſagen Sie von dieſen Thieren, die Sie ſo gerne zu beobachten ſcheinen?“ „Ich ſage, daß es arme Gefangene ſind, Verbannte, Unterdrückte, ihrer Würde beraubte Geſchöpfe, denen ich meine Sympathieen widme.“ „Sie ſind Pole?“ fragte Anatole, dem die franzöſiſche Ausſprache des Alten auffallend war. „Ich bin es“, verſetzte er auf polniſch,„und darum erkenne ich in den⸗ Löwen die Genoſſen meiner Leiden.“ „Sie haben ein ſo thatenreiches Leben hinter ſich, man ſieht es an dieſen Narben.“ „Thatenreich— viel eher leidenvoll.“ „Wollen Sie uns davon erzählen?“ „Ich habe weder Weib noch Kind, weder Haus noch Hof, nicht Gut 487 noch Geld, nicht Heimath— und oft mußte ich zweifeln, ob ich noch einen Gott habe.“ „So nehmen Sie nun die Verſicherung, daß Sie Landsleute beſitzen, die herzlichen Antheil an Ihrem Schickſal nehmen.“ „Ich danke Ihnen.“ „Das Leben eines Patrioten, eines Helden, wie Sie, iſt ein lehrreiches, wenn auch trauriges Beiſpiel für unſere Jugend; wenn Sie uns Einzelnes daraus mittheilen wollten, würden wir Ihnen ſehr verbunden ſein.“ „Einzelnes? warum Einzelnes aus einer ganzen Kette von Leiden?“ „So laſſen Sie uns Alles hören.“ „Gut, doch nicht hier. „Wo denn?“ „Heut Abend in meiner Behauſung, nicht weit von hier.“ „Wir werden kommen.“ „Sie ſollen das Leben eines Polen kennen lernen, deſſen Fluch ſein Stamm, deſſen Adel ſeine Freiheitsliebe, deſſen einziger Reichthum ſein Haß gegen unſere Unterjochung iſt.“ „Auf Wiederſehen heut Abend.“ „Auf Wiederſehen, meine Herren.“— Der Abend kam und die drei jungen Männer verfehlten nicht, ſich bei dem Invaliden einzufinden. Roger hatte einen Diener vorausgeſchickt, der einen Korb mit Wein, mit kalten Speiſen und Cigarren trug. Der Alte hatte Alles zierlich auf dem Tiſche geordnet, als die Grafen zu ihm kamen. Die Fenſter des kleinen Zimmers waren weit geöffnet und ein friſcher Luftzug wehte durch den Raum. Rings herrſchte Armuth, aber auch Reinlichkeit. An den Wänden des mit einem einfachen grauen Papier bekleideten Gemache (in Paris giebt es keine untapezierten Zimmer) hingen die Bilder Kosciusko's, Garibaldi's und Bolivar's. Ein ſchmales Lager ſchien wenig lockend und weich, einige Stühle, von denen einem die Lehne mangelte, ein wurnſttichiger Schrank, ein Lehnſtuhl, mit zerfetztem, von ungeſchickter Hand geflicktem Ueberzug, ein Crucifix und ein paar Bücher— das war Alles, was man in jenem Raume ſah. Der Alte ſchien weit aufgeräumter⸗ und geſprächiger, als am Morgen. Belebte ihn die Ausſicht auf einen langentbehrten Becher edlen Weines? Er hatte drei kleine, halbzerſprungene Gläſer und eine Taſſe neben die Flaſchen geſetzt; Teller, Meſſer und Gabel waren gleich unvollſtändig. „Nun, meine Herren Grafen!“ rief er ſeinen Gäſten entgegen, denn er wußte durch den Diener, wer die drei jungen Männer waren.„Sehen Sie, ſo wohnt ein polniſcher Soldat, der ſeinem Vaterlande nicht unbedeu⸗ 488 tende Dienſte geleiſtet hat. Doch— verſtehen Sie mich nicht falſch— ich klage Polen nicht an— wollte es allen ſeinen verbannten Söhnen bei⸗ ſtehen, es bliebe kein Pfennig im Lande. Aber laſſen Sie uns eſſen und trinken.“ Und mit einem Eifer, als ſei er ſelbſt der Gaſtgeber, legte er die kal⸗ ten Fleiſchwaaren vor, ſchnitt das weiße Brod, das die Franzoſen unſerem kräftigen ſchwarzen bei weitem vorziehen, und entkorkte die Flaſchen. „Das erſte Glas dem Vaterlande,“ ſagte er, nachdem er die Gläſer gefüllt und ſich ſelbſt den Taſſenkopf genommen hatte. Die Brüder thaten ihm Beſcheid; ſie aßen und tranken, um ihren Wirth zum Eſſen und Trinken anzuregen und bald empfand dieſer in angenehmer Weiſe die belebende Wirkung des Weines. 1„Ja ja,“ ſagte er,„es iſt gut, daß die Franzoſen uns ihren Wein nicht vorenthalten, da wir auf ihre ſonſtige Hülfe und Unterſtützung vergeb⸗ lich warteten. Ein Napoleon iſt wie der andere. Und Polen, das leicht⸗ gläubige Polen läßt ſich von einem jeden an der Naſe herumführen.“ „Sie haben den erſten Kaiſer der Franzoſen noch gekannt?“ fragte Roger. „Ich kannte ihn, obgleich ich ein kleiner Junge war, als er durch Warſchau kam. Damals ſchmeichelte er den Polen, denn er bedurfte unſerer Hülfe und in Begeiſterung liefen ganze Schaaren zu ihm hin. Auch ich hätte wahrſcheinlich ſchon damals meinen Tod unter ſeinen Fahnen gefun⸗ den— und mir wäre beſſer geweſen— wenn ich nicht als allzu jung zurückgewieſen worden wäre. Es war ein Schmerz und eine Schande, nicht bei dem Heere ſein, dem großen Kaiſer nicht ſein Blut und Leben opfern zu können— lag doch in dieſem Opfer alle Hoffnung für künftige Befreiung, und wer nur als Trommelſchläger mitzog, war ſchon beglückt und ſtolz.“ „Das war im Jahre 1812 2˙ „Das war, als der Kaiſer gegen die Ruſſen zog. Da konnte er auch unſere Hülfe nicht entbehren; und deswegen ſchmeichelte er uns, er nannte uns die Franzoſen des Nordens und erſchöpfte ſich in Artigkeiten gegen die Damen, die ihn wie einen Halbgott empfingen. Dann aber, als er auf den ſchlechten Wegen, denn freilich waren ſie ſchlecht, die Ruſſen ſorgten dafür, daß nichts Gutes bei uns zu finden war, als was wir in uns trugen— als er mit ſeinem Wagen ſtecken blieb und ſtundenlang im Kothe ſtehen mußte, bis man das Fuhrwerk wieder auf das Trockne brachte, da ſtampfte er ſich die lehmige Erde von den Füßen und ſagte: Dieſen Schmutz nennen ſie ihr Vaterland!*) 4 Er hatte keinen Begriff davon, was echte Vaterlandsliebe iſt, der Corſe, der über Franzoſen herrſchte. *) Hiſtoriſch. 489 Die Armee kam im Elend zurück. Ich habe viel des Leides geſehen, keines, das mich ſchmerzlicher berührt hätte. 4 Meine Seele war damals noch reich und hoffnungsvoll. Es kamen Jahre, die ich den ernſteſten Studien widmete. Meine Eltern waren ſehr reich und wandten Alles an meine Erziehung; dazu lebten wir im preußiſchen Polen, wo es beſſere Bildungsanſtalten giebt, als die Ruſſen ſie uns geſtatten. Aber alle Studien warf ich über den Haufen, als unſer Vaterland ſich erhob. Ich war damals zwanzig Jahre alt. Die Gymnaſien, die Univerſitäten leerten ſich, den Gerichtsſälen man⸗ gelte es an Schreibern, den Läden an Verkäufern, in den Kirchen ſelbſt gab es nur alte und gebrechliche Prieſter. Alles, was eine Waffe zu tragen vermochte, eilte in den heiligen Kampf. In Warſchau ſammelte ſich eine Schaar von jungen Männern aus den angeſehenſten Familien, die Blüthe des polniſchen Volkes, meiſt Studen⸗ ten, Künſtler, Gelehrte. Auch ich geſellte mich zu ihnen. Es war ein feierlicher Augenblick— nie werde ich es vergeſſen— wir zogen in die Kirche. Die Frauen und Mädchen ſtanden rings umher und weinten bei unſerem Anblick; ſie weinten aus Mitleid und aus Hoffnung. Ein ehrwürdiger Prieſter weihte uns ein und vor dem Altar und An⸗ geſichte Gottes ſchwuren wir, den Ruſſen gegenüber keinen Schuß zu thun; Mann an Mann mit dem Bajonette und dem Degen wollten wir kämpfen. Nicht Einer, der ſeinen Schwur gebrochen hätte. Wir nahmen die Sterbeſacramente und gingen muthig in den Streit. Praga, Oſtrolenka— das ſind Namen, die in den Herzen eines jeden Polen wiederhallen. Ueberall war das vierte Regiment voran, überall entſchied das vierte Regiment den Sieg und überall ließ es die meiſten Todten. Wir waren zuſammengeſchmolzen bis auf zehn Mann, als die Ueber⸗ macht der Ruſſen dem Kampfe ein Ende machte. Die noch bei einander waren, ſchieden ſich, um vereinzelt zu entfliehen. Ich war verwundet, ein Schuß in die Muskeln des Beines machte mir unſägliche Schmerzen, ohne mir gerade gefährlich zu ſein. Ich konnte nicht fliehen. In einer zerſtörten Bauernhütte lag ich; einige übereinandergefallene halbverbrannte Bretter bildeten ein Schutzdach gegen Feuchtigkeit, Aſche und Moos waren meine Lagerſtatt. Mitleidige Bauerfrauen brachten mir Nah⸗ rung. Plötzlich blieben dieſe hülfeſpendenden Weſen fort. Der Hunger trieb mich aus meinem Verſteck;— ich wagte mich in das Dorf— es war ein Trümmerhaufen. Die Noth jagte mich weiter, ich aß Blätter von den Bäumen und Dinge, die, wenn ich ſie nennte, Euch Ekel machen würden— nach drei Tagen war ich ſo elend, daß es mir gleichgültig war, als Koſaken mich fanden. Sie banden mich zwiſchen ihre Pferde und fort ging es. Fortgeſchleift, blutete ich am ganzen Körper, ich hoffte zu ſterben. Allein der Weg war nicht weit; man brachte mich in ein Gefängniß, das aus einem Krämer⸗ laden improviſirt war. Die eiſenbeſchlagene Thür, die dem Juden zur Sicherheit gegen Diebe gedient hatte, wäre kein Schutz gegen meine Liebe zur Freiheit geweſen, wenn der Blutverluſt mich nicht ſo matt gemacht hätte, daß ſelbſt der Gedanke der Flucht mir ferne blieb. Von einem regelrechten Verhör war keine Rede, obſchon man mich nach Warſchau ſchleppte. Ich war Inſurgent, ich gehörte, was noch viel mehr ſagen wollte, dem vierten Regiment an— wie konnte ein Zweifel an mei⸗ ner Verurtheilung herrſchen? Eines Tages wurde ich in den Hof geführt und mit noch drei gleich Schuldigen an dieſelbe Kette geſchmiedet, die mit derjenigen verbunden war, die etwa fünfzig Verſchickte aneinander feſſelte. So ging es nach Sibirien. Die Kugel ſteckte noch in meinem Bein, die Fleiſchwunden, die der eilige Lauf zwiſchen den Koſakenpferden mir geriſſen, waren kaum verharſcht und der Weg ein überaus beſchwerlicher. Mit Gepäck hatten wir uns freilich nicht zu ſchleppen, die Koſaken ſorgten dafür, daß uns nichts blieb; dagegen war die Kette um ſo peinlicher zu tragen. Sie feſſelte Arm und Fuß und da es bei dem ungleichen und ſteinigen Boden den vier Aneinandergeſchmiedeten nicht möglich war, ſtets gleichen Schritt zu halten, ſo riſſen ſie ſich gegenſeitig das rauhe Eiſen immer tiefer in das Fleiſch und eine Blutſpur wäre der ſicherſte Wegweiſer nach Sibirien geweſen, wenn die Wölfe nicht das noch warme Blut hinter uns aufgeleckt hätten. Gegen dieſe half nur unſere Menge, die ihnen imponirte. Ehe wir die ruſſiſche Grenze erreichten, waren noch etwa fünfundzwanzig Verſchickte— ſo nennt man, wie Ihr wißt, die nach Sibirien Verurtheilten— zu uns geſtoßen und ebenſoviel Soldaten, für jeden Mann einer, begletteten uns mit geladenen Flinten. Vergeblich ſuchte ich unter meinen Leidensgefährten nach einem befreun⸗ deten Geſichte. Es waren Verbrecherphyſiognomieen darunter, mit denen es mich ſchauderte, auf demſelben Stroh zu liegen. Doch gewährte der Weg die erſte Zeit hindurch dem Zuge weniger Schwierigkeiten, wenn gleich ich ſelber an meiner Wunde furchtbar litt. 7 491 Wir fanden Städte, Quartiere, ja von Zeit zu Zeit mitleidige Herzen, die ſich unſerer annahmen und uns ein wenig Speiſe oder Trank, oder was mir werth war, ein Stückchen Leinenzeug verabreichten, die ſchmerzenden blutigen Füße zu umwickeln. Denn bald hatten wir nichts als Lumpen auf dem Leibe und die Kälte wurde immer empfindlicher. Schon mußte Einer und der Andere von der Kette losgemacht werden, weil er ſich nicht weiterſchleppen ließ; doch geſchah das immer nur im letzten Augenblick und ich ſah halbentſeelte Geſtalten mit brechenden Augen dahinwanken, bis ſie zuſammenſanken, ſtarr und kalt, wie die Erde, auf der ſie lagen. Die Knute iſt ein mächtiges Ding, ſelbſt noch auf dem Rücken eines Sterbenden. Indeſſen war es mir gelungen, mir Freunde unter unſeren Begleitern zu verſchaffen. 4 Die Leute machten ſelbſt den Weg faſt ſo ungern, wie wir, und litten beinahe ebenſo. Die Reiſe dauert im beſten Falle ein Jahr und dieſe Ab⸗ weſenheit von der Heimath war Manchem ſchmerzlich. Nun hatten ſie ge⸗ ſehen, daß ich mitunter mit meinem Stocke in den Sand ſchrieb oder zeich⸗ nete, und da ſolche Künſte ihnen fremd waren, ſo benutzten ſie meine Fer⸗ tigkeit, um Briefe in die Heimath zu ſenden. So erreichten wir nach, ich weiß nicht mehr wie langer Zeit, das Ural⸗ gebirge und für noch längere den letzten bewohnten Ort.. Unſer Haufen war ſehr zuſammengeſchmolzen, kaum noch die Hälfte der Verſchickten ſchleppte ſich mühſam dahin, Jammergeſtalten, denen jede Hoffnung geſchwunden war. Der Jämmerlichſte von Allen aber war ich ſelbſt. Meine Wunde, die ſich nicht ſchließen konnte, weil die Kugel noch darin ſteckte, war durch die Kälte und dem Mangel an Pflege brandig ge⸗ worden und gewährte einen entſetzlichen Anblick. Aus Mitleid hatte man mir bereits die Kette vom Fuß genommen, doch half auch das nichts, und mein langſamer hinkender Gang, den ſelbſt die Hiebe der Soldaten nicht zu beſchleunigen vermochten, verhinderte die Anderen an der Schnelligkeit der Bewegung, die bei einer Kälte von etwa dreißig Grad das einzige Rettungsmittel iſt. Unſer Anführer beſchloß daher, mich zurückzulaſſen und geſellte mir eine Schildwacht bei, die mich, wenn ja noch Leben in mir ſei, nach vierzehn Tagen den Uebrigen nachbringen ſollte. Der Koſake erhielt Befehl, mich mit der Flinte in der Hand nicht aus den Augen zu verlieren und ſich, falls ich ſtürbe, vom Popen eine Beglau⸗ bigung meines Todes ausſtellen zu laſſen. 492 So blieben wir in dem kleinen, erbärmlichen Orte, von dem ich es nicht begriff, warum Menſchen dort lebten. 1 Das Erſte, was ich that, als wir allein waren, war, daß ich mir ein Meſſer geben ließ und damit ſo lange in mein Bein ſchnitt, bis es mir gelang, die Kugel herauszunehmen. Unſere Wirthe waren gutmüthige, wenn auch vollkommen rohe Men⸗ ſchen; ich erhielt die Mittel, meine Wunde zu reinigen und zu verbinden, und friſche Milch und ſchwarzes Brod gaben mir bald ſo viel Kraft, daß ich im Stande geweſen wäre, die Reiſe fortzuſetzen. Dazu beſaß ich jedoch wenig Luſt. Mein Wächter war ein Koſak aus den Steppen des Don, einer von jenen Halbwilden, deren Wiege der Rücken eines wilden Pferdes iſt. Was dem Lappländer ſein Rennthier, dem Schweizer ſeine Kuh, dem Araber ſein Kameel, das iſt dem Donſchen Koſaken ſein Roß, deſſen Milch er trinkt, auf dem er ſich ſein Fleiſch mürbe reitet, und durch das er ſogar ſeinen Branntwein, den Rumiſt gewinnt. Pfeilſchnell durch die Steppen dahin jagend, kennt er kein anderes Vergnügen; je wilder das Pferd, je ſchöner der Lauf; die Jagd, die Liebe und das Lied— das iſt ſein Glück, ſein Alles. Wie mag einem ſolchen Halbrohen in ruſſiſcher Uniform zu Muthe ſein? Aus dem beſchwerlichen und durch die Knutenherrſchaft noch beſchwer⸗ licher gemachten Dienſte ſehnte mein Wächter ſich hinweg zu ſeiner Matinka, von der er Treue hoffte, zu ſeinem kleinen Sohne und der alten Mutter, und nicht ſchwer wurde es mir, ihm begreiflich zu machen, daß der Weg nach Süden bequemer ſei, als der nach Norden. Wir verließen unſeren Aufenthalt, ſcheinbar, um nach Sibirien zu gehen; dann, ohne Weg und Steg zu wiſſen, einzig der Sonne folgend, gingen wir dem Süden zu.. Wir hatten Lebensmittel für einige Tage mitgenommen, ſpäter half meines Freundes Flinte manch ſchmackhaften Braten erlegen. Ein paar Pferde, die wir, freilich ohne Zaum und Zügel von der Weide holten, halfen uns noch ſchneller vorwärts, und die Reiſe ging ſo gut von Statten, wie es unter ſolchen Umſtänden nur möglich war. In wenig Monaten hatten wir den Don erreicht, die weiten Gras⸗ ſteppen leuchteten uns mit ſmaragdenem Glanze entgegen; die Hütte meines Begleiters blickte freundlich aus dem Grün hervor und Freude und Jubel erſcholl, als der ſo lang vermißte Sohn der Steppe wieder zu den Sei⸗ nen kam.— Es waren friedliche, glückliche Tage, die ich bei den guten Leuten ver⸗ lebte; ich wollte, ich wäre immer dort geblieben! 4 ———— 493 Wir hatten keinen Verräther zu fürchten, der Arm des Kaiſers reicht kaum bis in dieſes Aſyl der Freiheit. Auf ſeinem Pferde fühlt ſich der Donſche Koſak als Mann und trotzt jedem Verſuche, ihn zu knechten, in⸗ deſſen ſeine vom Norden kommenden Brüder die beſten Werkzeuge der Ty⸗ rannei geworden find. Hätte ich der Unruhe zu widerſtehen vermocht, die mich zu Kämpfen und Thaten trieb, mein Leben wäre unter dieſem milden Himmelsſtriche fried⸗ lich dahin gefloſſen. Mich aber trieb es fort, ich ging nach Griechenland und kämpfte gegen die Türken— es war der Kampf einer Unterdrückung gegen die andere. Ich begab mich zu den Tſcherkeſſen und diente unter Schamyl gegen die Ruſſen— das mußte mit Verrath enden, und es en⸗ dete ſo. Ein Schiff nahm mich mit ſich nach Süd⸗Amerika, wo die La Plata⸗ Staaten ihre republikaniſche Regierung wahren wollten. Ich nahm Dienſte in Uruguay und ſtellte mich dem Manne zur Seite, der der Heros des Jahrhunderts geworden iſt. Die revolutionairen Beweguugen begannen in Europa; Garibaldi gründete die römiſche Republik und ich war bei ihm. Der Kampf der Ungarn gegen die Ruſſen rief mich dorthin; ich hatte die Ehre, vom General Bem ausgezeichnet zu werden. Als aber die Ungarn verrathen und aufs Neue unterdrückt waren, ſtellte ich mich dem König Victor Emanuel zur Verfügung. Ich nahm franzöſiſche Dienſte und focht bei Sebaſtopol, bei Magenta und Solferino. 4 Zuletzt ſtand ich in der italieniſchen Armee, als mir vor Gaeta eine Granate das Bein wegriß. Ich bin ungariſcher Obriſt, griechiſcher Lieutenant, tſcherkeſſiſcher General, italieniſcher Capitano, franzöſiſcher Colonel. Ich habe Orden aus allen Ländern, in denen ich gedient. Seht dieſe Wunden“— und er riß das Hemd auf und zeigte ſeine von Hieben und Schüſſen zerfleiſchte Bruſt—„ſie ſitzen alle vorn; ſeht die Arme“ — und er ſtreifte die Aermel in die Höhe—„hier gingen Kugeln durch, hier zerriſſen Granatſplitter mein Fleiſch— doch von allen dieſen Narben ſchmerzen mich nur die von ruſſiſchen Ketten geriebenen, von Ketten, die ſich ebenſo unauslöſchlich in mein Gedächtniß, wie in mein Fleiſch gegraben haben.— Man hat die letzten Zehn vom vierten Regiment in unzähligen Liedern gefeiert und beſungen— Niemand ahnt, daß ich zu ihnen gehörte. Ich habe mit Ehren in unzähligen Schlachten gekämpft und habe kaum genug, das armſeligſte Leben zu führen. Ueberall, wo ich für Freiheit focht, fand ich Landsleute, die, gleich mir 494 aus dem Vaterlande verbannt, der Sache Polens zu dienen hofften, indem ſie der gerechten Sache dienten. Ueberall waren ſie arm, elend, voller Schmerz und Heimweh nach dem verlornen Vaterlande. Der Kampf iſt auf's Neue losgebrochen; auf's Neue düngt Heldenblut den Boden— für ruſſiſche Ernte. Hätte ich nicht dies hölzerne Bein, ſo wahr mir Gott helfe, ich wäre dabei! 3 Aber das Ende wird daſſelbe ſein. 1t Das Ende iſt für Polen immer daſſelbe: Unterjochung, Verbannung— wer hat uns je geholfen, da wir doch Allen halfen? Unſer Blut fließt auf allen Schlachtfeldern— für uns regt ſich keine Sympathie. Wir haben uns an alle Völker gewandt, und nicht von einer einzigen Seite iſt uns Beiſtand gekommen. Was iſt die Lehre davon? Der Löwe im Kerker hört nicht auf, an ſeinem Gitter zu rütteln, und Polen hört nicht auf zu kämpfen. Mag man die Glieder des unglücklichen Volkes ſtückweis zerreißen, ein jedes wird noch zuckend nach Freiheit ſtreben. Das Vaterland verlangt große Opfer— geht hin, meine Söhne, Euch ihm darzubringen!“— Er ſtürzte ſein Glas hinunter, dann reichte er den Brüdern ſeine beiden Hände. 4 „Ich danke Ihnen,“ ſagte Anatole mit Wärme,„Ihre Worte ſollen nicht unbeachtet an unſeren Ohren vorüberklingen.“ „Und ſo lange wir in Paris ſind,“ fügte Roger hinzu,„ſoll es Ihnen an freundſchaftlicher Hülfe nicht fehlen.“ Adrian ſagte nichts.. 3 Von dem, was der Invalide erzählt, hatte er wenig gehört, noch we⸗ niger verſtanden. Eine ungewohnte Leidenſchaft hatte ſich ſeiner jungen Bruſt bemächtigt; alle ſeine Sinne und Gedanken waren gefeſſelt und eingenommen von dem ſchönen Bilde, das ihm nur verderblich werden konnte. Für ihn gab es auf Erden nichts mehr als Eleonoren. Wie war eine ſolche Veränderung möglich? Wir haben Adrian als den jugendlich heiter in's Leben blickenden, von tauſend ſüßen Hoffnungen belebten Knaben kennen gelernt; wir ahnten ebenſo wenig, wie er ſelbſt, die Tiefe der Leidenſchaftlichkeit, die in dieſer jungen Seele ſchlummerte. Eleonorens Augen hatten den Funken in einen Pulverthurm geworfen. 495⁵ Dieſelbe Liebe, die bei Sigismund Krotowski zu einer ſtillen, verzeh⸗ renden Gluth geworden war, ſie wurde bei Adrian zur lodernden Flamme. Wie Romeo in einem Augenblick von Julia begeiſtert und bis in den Tod gefeſſelt wurde, ſo hatte ſich die Liebe plötzlich der Seele des jungen Grafen bemächtigt. Es gab dagegen keinen Widerſtand, und er wollte nicht widerſtehen. Er zürnte ſeinem Bruder, der Eleonoren kalt und herzlos gefunden hatte und beſchloß, ſeine Verehrung für ſie als ein tiefes Geheimniß in ſeiner Bruſt zu verſchließen. Zum erſten Male verbarg er Etwas vor Roger und Anatole, und dieſe ſahen ſein ſeltſam zerſtreutes Weſen und lächelten ſich an und flüſterten leiſe hinter ſeinem Rücken den Namen Anita. Das ſchöne, ſoeben zur Jungfrau erblühte Mädchen war es wohl werth, die Blicke eines den zu feſſeln, ihr zartes Erröthen, ihr halb ſchelmiſcher, halb finniger Blick, die blumengleiche Reinheit ihres Weſens und die feine Bildung, die aus jedem Worte ſprach, umgaben ſie wie mit einem Zauber poeſievoller Weiblichkeit. Und auch Adrian hatte das bemerkt, aber der ſtille Glanz, der aus Anitas Augen leuchtete, war erloſchen vor Eleonorens glühendem Blick, wie Sterne vor dem Sonnenlicht erbleichen. Die Brüder hatten den Invaliden verlaſſ en und gingen zu Conſtantin. Doch auch hier vermochte Adrian ſich nicht wieder zu finden; er ſchaute träumeriſch vor ſich hin und nicht das Geſchwätz der Kinder, nicht die Hei⸗ mathslieder, welche die ſchöne Gräfin theils mit Anita, theils mit Anatole ſang, und nicht die Neckereien ſeiner Brüder durchbrachen den Zauberbann, der ihn gefangen hielt, er blieb zerſtreut und einſilbig. Was er nicht bei den Seinen fand, die Erleichterung für Seelenſchmer⸗ zen, die darin beſteht, ſie ausſprechen zu können: er ſuchte ſie bei Sigis⸗ mund. In gleichem Gefühle vereint, von gleichen Leiden durchwühlt, ſchloſſen dieſe beiden Jünglinge ſich mit einer Gluth aneinander, die ſie Freundſchaft nannten. Der Mann verbirgt ſeine Empfindungen tief in der Bruſt; das Weib und der Jüngling fühlen das Bedürfniß der Mittheilung. Ueber ſeine Jugendliebe ſchrieb Goethe einen Roman; von ſeinem innigen Verhältniß zu Charlotte von Stein und Fräulein Herzblieb redet er nur in Andeutungen. Adrian und Sigismund redeten von Eleonoren, von ihren Reizen, ihren Vorzügen. Es gab tauſend kleine Züge, die Krotowski von ihr wußte, und die Adrian mit dem vollſten Intereſſe anhörte; wie er ſie zuerſt in der Oper 496 geſehen, wie er bei ihr eingeführt wurde, welch ſchlagende Urtheile ſie beim Beſuch des Louvre über dieſes und jenes Bild, dieſe und jene Statue gefällt, welche reizende Briefchen ſie ihm geſchrieben, ihn zu einer Ausfahrt, einer Muſeumstour einzuladen. Alles berichtete er mit dem Intereſſe, das für das Kleinſte ebenſo rege iſt, wie für das Größte. „Und ſind auch Sie der Meinung, daß ſie herzlos iſt?“ fragte Adrian. „Herzlos?“ rief Sigismund.„Nein, herzlos iſt ſie nicht. Aber die erwärmende Leidenſchaft iſt noch nicht in ihr erweckt; ſie ſelber bildet ſich ein, kein anderes Gefühl zu haben, als den Ehrgeiz, und ahnt noch nicht, wie viel gewaltiger und beglückender die Liebe iſt.“ „Von ihr geliebt zu werden—“ „Verzichten Sie darauf, mein lieber Freund, wie ich es thue. Der Mann, der Eleonorens Herz zu feſſeln vermöchte, müßte ein Halbgott ſein, ein Heros, vor dem wir Alle uns beugen.“ „Was aber bleibt uns?“ „Knieend die Sonne anzubeten, der wir uns nicht nahen dürfen.“ „Das heißt entſagen.“ „Das heißt lieben und leiden.“ „Leiden— ich war ſo glücklich, als ich ſie ſah, heute ſchon empfinde ich den namenloſen Schmerz, ſie nicht zu ſehen, doch ſie im Arme eines An⸗ dern zu wiſſen, das trüge ich nicht. Ja, Sigismund, ſo lieb Sie mir ſind — wenn Eleonore Sie mir vorzieht— ich müßte Sie morden!“ Sigismund lächelte ſchmerzlich:„Sie werden keine Urſache dazu haben.“ „Sie tanzte ſoviel mit meinem Bruder Roger— ich liebte ihn, wie meinen Vater, meinen Freund— doch jetzt— wenn ich es denke— „Beruhigen Sie ſich— Ihre Leidenſchaftlichkeit flößt mir Schrecken ein!“— „Sie haben Recht— ich will hinaus in's Freie— die Luft wird meiner heißen Stirne gut thun. Und dann— wer weiß, ob ſie nicht heute im Gehölz von Boulogne ſpazieren reitet?“ Und er eilte hinaus und fand ſie und berauſchte ſich auf's Neue an ihrem Anblick, wie ſie im knappen ſchwarzen Amazonenkleide, die weiße Feder auf dem Hut mit einer Brillant⸗Agraffe befeſtigt, kühn und leicht auf dem Pferde ſaß. Sie grüßte ihn und winkte ihn lächelnd an ſich heran, fragte nach ſei⸗ nen Brüdern, nach der Gräfin Branow und war ſo freundlich, mild und hold, daß Adrian's Herz vor Freude jauchzte. „Wir ſind heut Abend in der Oper!“ ſagte ſie. „So werde ich auch da ſein.“ „In unſrer Loge?“ „Wenn Sie es mir geſtatten.“ —— 497 „Wir haben Platz für Sie und Ihre Brüder, ſagen Sie ihnen das.“ Sie neigte ſich mit Anmuth und ein leichter Schlag trieb ihr Pferd zu dem ihrer Mutter, die das ihrige mit dem Anſtand einer Königin führte. Roger wies es ſehr kühl zurück, die Oper zu beſuchen und Adrian's, Herz pochte vor Freude. Auch Anatole bezeigte keine Luſt, hinzugehen. „Komm lieber mit zu Conſtantia,“ ſagte er ſeinem jüngſten Bruder, „dort herrſcht Gemüthlichkeit und kein Verrath lauert hinter den Wänden.“ Verletzt wandte Adrian ſich von ihm fort. Verrath bei Eleonoren? Wer dürfte das Wort wagen?— Die ſchöne Comteſſe ließ es ihm entgelten, daß er allein kam. Die Loge, die bei ſeinem Eintreten leer war, füllte ſich auf ihren Wink mit mehreren Herren, zu denen auch der Chevalier de la Guerrie gehörte und Eleonore war für Alle gleich liebenswürdig, witzig, geiſtreich und blendend ſchön, und Alle legten ihr ihre Huldigungen mit gleichem Eifer zu Füßen und beneideten ſich jeden Blick, jedes Lächeln. „So ziehen Ihre Herren Brüder die Geſellſchaft ihrer ſchönen Couſine der meinigen vor?“ ſagte ſie lachend zu Adrian. „Ich bitte für meine Brüder um Verzeihung,“ verſetzte er,„ein Ver⸗ ſprechen band ſie.“ „Ja, man ſagt, daß ſie Beide verſprochen ſind.“ „Wer?“ „Der älteſte mit der Gräfin Branow, Graf Anatole mit Anita.“ „Wer das ſagte, war im Irrthum.“ „Wirklich?“ „Auf mein Wort. Conſtantia iſt erſt ſeit drei Monaten Wittwe. Es iſt auch nichts an dem Gerüchte.“ Sie athmete erleichtert auf und wandte ſich den andern Herren zu. Beim Heimwege wollte ſich der Chevalier de la Guerrie an ſeinen Arm hängen, Adrian aber gab vor, ſeine Brüder noch bei der Gräfin treffen zu wollen und entfernte ſich ſchnell. Das unziemliche Geſchwätz des Chevalier, ſeine Zudringlichkeit, ſeine vornehmen Manieren, die nur ſchlecht eine gemeine Geſinnung verdeckten, widerten den jungen Grafen im höchſten Grade an. Faſt unhöflich wies er ſeine Begleitung zurück und war froh, gallein zu ſein und ſich ſeinen Gedan⸗ ken und Empfindungen überlaſſen zu können. 1 Dieſe Gedanken, dieſe Empfindungen wandten ſich immer wieder Eleo⸗ noren zu. Mit dem Zartgefühle, das die Liebe verleiht, hatte Adrian es bemerkt, daß die ſchöne Comteß bei ſeinem Anblicke einen Anflug des Unmuths nicht zu verbergen vermochte. Phantom Polens. III. Band 32 498 Vermißte ſie den älteren Bruder und hatte die Einladung des Jüngſten nur jenem gegolten? Eine brennende Eiferſucht bemächtigte ſich Adrian's. Eine Empfindung, als müſſe er ſeinen Bruder haſſen, durchzuckte ſeine Seele. Um ihn wenigſtens an dieſem Abend nicht mehr zu ſehen, ſtrich er noch lange durch dfe Straßen von Paris. Die Nacht war trübe, wie ſein Gemüth. Dunkle, unheimliche Geſtal⸗ ten ſchlichen an ihm vorüber, die Einen vielleicht zu heimlichen Stelldichein, die Anderen zu Thaten, die das Licht des Tages meiden. Des Jünglings trüber Blick bemerkte ſie nicht. Erſt ſpät fand er ſein Lager, ſpäter noch den Schlaf und ſelbſt in ſeine Träume hinein leuchteten Eleonorens Augen gleich dem Irrwiſch, der den einſamen Wanderer in's Verderben lockt. 13. Ein gebrochenes Frauenherz. Sigismund Krotowski ſaß in ſeinem Wohnzimmer und dichtete Verſe für Eleonoren. Seine Stellung bei dem General M..„awskt nahm nur wenige Stun⸗ den ſeines Tages in Anſpruch, die übrigen erfüllte er ganz mit den Gedan⸗ ken an Eleonore, mit den kleinen Geſchäften, die ſie ihm auftrug, mit Auf⸗ merkſamkeiten, die er ihr zu erweiſen ſuchte. Vergeſſen waren die mediciniſchen Studien, denen er ſonſt ſo eifrig ob⸗ gelegen. Die alten, viel benutzten und abgegriffenen Bücher paßten ſchlecht zu dem eleganten Schreibtiſch von Acajon; die Knochen und Präparate wa⸗ 4 ren bei Seite geſchafft oder fortgeworfen, die chirurgiſchen Inſtrumente in irgend einem verborgenen Fache begraben, das Gerippe, vor welchem Hen⸗ riette nur mit Mühe ihre Furcht zu verwinden vermochte, auf den Boden gebracht. Nothwendigere Dinge nahmen ſeine Seele ein. Eleonore wünſchte einem polniſchen Liede einen neuen Text untergelegt zu haben, weil ihr der urſprüngliche zu traurig ſchien, und Sigismund war glücklich, einen Auftrag von ihr zu erhalten, der zugleich ſchmeichelhaft war und ihm Gelegenheit bot, zu ihr von Liebe reden zu dürfen. Die Noten lagen vor ihm, die Feder hielt er zwiſchen den Zähnen und ſeine Stirn zog ſich in ernſte nachdenkliche Falten. 499 Es war eins jener ſchwermüthigen Lieder, wie das Volk ſie aus ſeinem Schmerz heraus ſingt, voll tiefer, inniger Klage, voll Jammer und Weh. Und wie das Lied, ſo war die Melodie; ſie machte das Herz ſchwer und das Auge feucht, wenn man ſie hörte. Kein Pole ſingt ſich ein Volkslied, ohne bis in das Innerſte ergriffen zu ſein, von jenen tief melancholiſchen Klängen. 3 Wir geben es wieder, wie ein verſtorbener edler Freund der Freiheit es mit feinem Verſtändniß in die deutſche Sprache übertrug: Man trieb mich von hinnen, Man ſtieß mich hinaus, Mein Glück mir zu ſuchen Im Wellengebraus. Welch Wirren und Toben! Mir wird, ach, ſo bang! Gehöhnt und geſtoßen Im rohen Gedrang! Ach, all meine Blüthen Verwelkt und geknickt, Ach, all meine Freuden So grauſam zerpflückt! So ſplittert am Stoße Zerklirrend ein Glas, So welket am Hufſchlag Ein bebendes Gras. So wirbelt ein Sturmwind Die Blätter vom Baum, So ſcheuchet ein Schreckbild Den lieblichſten Traum! Nun wanket mein Schifflein Auf pfadloſem Meer, 2 Auf treuloſen Wogen * So unſtät umher. . Mein Ziel iſt verloren, Mein Muth iſt verzagt, 3 Erloſchen die Leuchte 3 In troſtloſer Nacht! Noch ſchlagen die Wellen Und gönnen nicht Ruh— Ach, deckte die letzte Mitleidig mich zu! 32* Dann fände wohl Ruhe Mein bebendes Herz, Dann kühlte das Grab wohl Den brennenden Schmerz. Zu ſpät, ach, noch grüßt mich Ein freundlich Gebild Zu tröſten, zu heilen, Zu helfen gewillt— Vergebens, vergebens! Mein Hoffen iſt todt, Mein Herz iſt gebrochen f Im Sturme der Noth.—— Selbſt Sigismund, ſo ſehr er auch in der letzten Zeit von der Sache des Vaterlandes ſich abgewandt, vermochte es nicht, dem Eindruck zu wider⸗ ſtehen, den dieſe Verſe ihm machten. Doch Eleonore hatte ihm befohlen, andere an ihre Stelle zu ſetzen und Eleonoren's Wille war der Angelpunkt, um welchen Sigismund's ganzes Weſen ſich drehte. Jetzt hatte er den Gedanken gefaßt, jetzt ſetzte er die Feder an, und die Verſe begannen zu fließen— Da ſtörte ihn ein ſchüchternes Pochen an der Thür. „Herein!“ rief er ärgerlich, vermeinend, es ſei die Wirthin, die ihm die Zeitungen und Modenjournale für Eleonore bringe. Auch wandte er nicht den Kopf, da ſich die Angeln leiſe knarrend be⸗ wegten; waren doch all ſeine Empfindungen bei dem Strome ſeiner Poeſie, der leicht und ſchön dahin floß. „Sigismund!“ ſagte eine weiche Stimme.. Erſchrocken fuhr er empor— der Klang war ihm nur zu bekannt! „Sigismund, ich ſtöre Dich!“ ſagte ſchüchtern das Mädchen, das auf der Schwelle ſtand. „D nein, nein!“ verſetzte er, mit der Hand über die Stirne ſtreichend und ſich gewaltſam zuſammennehmend. Durfte er es Henrietten merken laſſen, wie unangenehm ihm ihr Be⸗ ſuch, wie ſtörend er ihr gerade in dieſem Augenblicke war?— Sie hatte viel für ihn gethan, als er krank und hülflos daniederlag; ſie hatte am Tage für ihn gearbeitet und ganze Nächte lang ſeine fieber⸗ glühende Stirn mit kaltem Waſſer gekühlt— er konnte das nicht vergeſſen, wollte nicht undankbar ſcheinen— und doch! wie ſchmerzlich war ihm die Erinnerung daran, wie gerne hätte er damit auf ewig gebrochen.. Er wies ihr einen Polſterſtuhl und fragte, ſo ſanft und ruhig es ihm im Augenblick möglich war: „Was wünſcheſt Du von mir, Henriette?“ — —— 50¹ Sie ſah ihn an mit einem Blicke, in deſſen feuchtem Glanz der Vor⸗ wurf unterging im unermeßlichen Meere der Liebe. „Sigismund,“ ſagte ſie,„ich bin ſehr unglücklich!“ Es zuckte ungeduldig um ſeinen Mund. War ſie nur gekommen, um zu klagen und zu jammern? Männer werden oft von Frauenthränen gerührt, doch ihre Klagen und gar ihre Vorwürfe ſind ihnen immer unausſtehlich. „Biſt Du krank?“ fragte er kurz. „Ja, Sigismund, ſehr krank, ſehr leidend wenigſtens— und das macht mich unfähig, mir mein Brod zu verdienen.“ Er athmete erleichtert auf: Alſo nur eine Bettelei! „Warum ſagteſt Du das nicht eher? Ich bin durchaus nicht reich, aber ich theile gern mit Denen, die meiner Hülfe bedürfen.“ Er öffnete ein Fach ſeines Schreibtiſches und nahm einige Fünffrancs⸗ ſtücke heraus, die er in ein Papier wickelte. „Gott ſei Dank,“ dachte er,„ſo kaufe ich mich los.“ „Sigismund,“ ſagte ſie, das Geld nehmend, das er ihr mit dem be⸗ friedigten Gefühle gab, nun keine Pflicht der Dankbarkeit mehr zu haben, „Sigismund, ich bitte Dich nicht für mich, ich wäre tauſend Mal lieber in das Waſſer gegangen, als daß ich Dich mit meinem Anblick beläſtigte, nach⸗ dem Du ſeit drei Monaten nicht bei der armen Henriette warſt.“ Er drehte ungeduldig ſeinen Schnurrbart. „Ich habe ſo viel zu thun, meine ganze Zeit iſt in Anſpruch genom⸗ men—“. „Ich glaube es, und werde Dir nicht ſo viel davon rauben— aber ſagen muß ich Dir, warum ich dieſes Geld ohne Erröthen von Dir nehme. Nicht für mich werde ich es gebrauchen, ſondern um Leinenzeug für unſer Kind zu kaufen—“ Das fehlte noch! Er warf ſich auf einen Stuhl und ſtarrte auf das Mädchen hin, das ſo ſchüchtern vor ihm ſtand. Es war ein Glück, daß ſie die Augen erröthend niederſchlug, ſie hätte ſonſt geſehen, daß Haß und Wuth ſich in ſeinen Blick miſchten. „Ich hätte Dir das ſchon früher ſagen ſollen,“ fuhr ſie fort,„aber damals hätte es Dir den Abſchied von mir erſchwert oder vielleicht gar un⸗ möglich gemacht, denn damals liebteſt Du mich, Sigismund!“ Er drückte die Hände feſt auf die Lehnen ſeines Stuhls, um ſich ſelber Feſtigkeit zu geben. 8 „Henriette, ich kann nichts für den Wechſel in meinen Verhältniſſen, eine höhere Gewalt zwang mich, Dich zu verlaſſen— Du würdeſt mich nicht verſtehen, wenn ich es Dir erklären wollte!“ „Das glaube ich ſelbſt, denn was mich betrifft, ich kenne keine höhere Macht, als Gott und mein Gewiſſen.“ 502 „Nun, alſo darf es Dich nicht wundern, wenn mein Leben ein anderes geworden iſt, wenn mein Vergangenheit hinter mir liegt, wenn neue Men⸗ ſchen mich in Anſpruch nehmen.—“ „Du meinſt die ſchöne Dame mit den hellen Locken.“— Hier gab es eine Gelegenheit, in Zorn zu gerathen und Sigismund ergriff ſie mit Freuden. „Henriette,“ ſagte er heftig,„ich will nicht, daß man meine Schritte ausſpionirt!“ Sie blickte ihn ruhig an. „Kann ich dafür, wenn Du in glänzender Equipage an mir vorüber⸗ rollſt, indeſſen ich die Dämmerſtunde dazu benutze, meine Beſorgungen zu machen, damit das theure Oel nicht zu lange brennen muß? Soll ich mich abwenden, wenn die vorübereilenden Pferde mich zum Stillſtehen zwingen? O nein, ich ſehe Dir nach und denke, denke, Sigismund, daß jene ſchöne Dame, die in Sammet und Seide ſtrahlt, doch nicht ſo glücklich ſein kann, wie die arme Henriette war; denn ich beſaß Dich ganz, und Du warſt meine Freude, meine Sorge, meine Welt, in der ich ſelig lebte zwei ſchöne volle Jahre hindurch— glaubſt Du, daß jene Dame Dich liebt, wie ich Dich liebe— und doch kann Liebe nur allein uns glücklich machen!“ „Henriette, ſchweig von ihr!“ „Warum? Wenn erſt mein Engel auf meinem Schooße ruht, dies Weſen, deſſen ich mich nicht ſchämen werde, weil die heiligſte, die reinſte Liebe ihm das Leben gab, wenn ich mein Kind, das Deine Züge tragen wird, in meinen Armen wiege— glaubſt Du, daß ich daran und an der Erinnerung vergangenen Glückes nicht reich genug bin, um neidlos ſehen zu können, wie Andere im Luxus ſchwelgen?“. „Genug, genug!“ „Jetzt bin ich krank und trübe Gedanken ziehen oft durch meine Seele; ich kann nicht gebückt am Stickrahmen ſitzen, ohne dem kleinen Weſen, das Gott mir geben will, zu ſchaden. Aber ich werde wieder ſtark ſein und für mein Kind arbeiten und ſorgen können, wie ich einſt für Dich ſorgte, und wenn auch nie der Blick des Vaters auf ihm ruht, ſo ſoll es doch von dieſem Vater wiſſen und ihn lieben, wie ich ihn liebe.“— Sie war aufgeſtanden und hatte ſich gerade und ſtolz emporgerichtet, indeſſen er gebeugt im Lehnſtuhl ſaß, die ſchwere Stirn in ſeine Hand gelegt. Lange ſah ſie ihn an mit einem Blick, in dem ſich innige Liebe und Mitleid miſchten. „Lebe wohl, Sigismund!“ ſagte ſie alsdann. „Lebe wohl!“ verſetzte er, ohne aufzublicken. Auf der Schwelle wandte ſie ſich noch einmal zurück, noch einen letzten 503 erwartungsvollen Blick warf ſie auf ihn, dann verließ ſie langſam das Zimmer. Aber ihre ſo lange zuſammengehaltene Kraft war gebrochen; ſie drückte die Hände vor die Bruſt und die bleiche Stirn gegen die Mauer. So ſtand ſie lange, lange, bis ſie endlich die Treppe hinunter wankte und zurück zu ihrem kleinen Stübchen, aus dem mit dem Geliebten all ihre Freudigkeit gewichen war. Was half der mühſam dem Treuloſen entgegengeſtellte Stolz einem Herzen, das im Innerſten gebrochen war?—— Kaum hatte Sigismund die Thür ſich hinter Henriette ſchließen hören, als er emporſprang, die Fenſter aufriß und wild durch das Zimmer ſtürmte. Das alſo waren die Folgen deſſen, was er noch vor Kurzem ſeinen Irrthum, jetzt ſeine Dummheit nannte! Nicht umſonſt hatte er ſo oft ge⸗ ſchworen, für ewig an Henriette gefeſſelt zu ſein, er war es durch das Ge⸗ fühl der Reue, das ihm ein Glück verhaßt machte, welches er ſonſt mit ſo reiner Freude genoſſen hatte. Beſaß nicht dieſes Mädchen, mit dem er gebrochen zu haben wähnte, ein unvertilgbares Recht auf ihn; konnte nicht ihre Geſtalt ihm geſpenſter⸗ gleich in je dem glücklichen Augenblicke ſtörend wie heut entgegen treten und Forderungen ſtellen, denen er ſich weder in moraliſcher noch in irgend einer andern Beziehung zu entziehen vermochte?— Dieſes Geld, das er ihr gegeben— Das Gehalt, welches Sigismund als Secretair des Generals M—awski bezog und welches Joſeph T.. ki verdoppelte, war kein bedeutendes. Er wohnte comfortable, aß ſeinen jetzigen Verhältniſſen gemäß in einem feinen Hotel, kleidete ſich mit der Eleganz, die in den Kreiſen, in welchen er jetzt heimiſch war, nothwendig iſt, und wenn er in das Theater ging, um Eleonoren dort zu finden, wenn er ihr Noten, Blumen, Bücher brachte und ihren Spazierritt auf einem freilich nur gemietheten Gaul begleitete, deſſen unſchöne Geſtalt ihren Spott erregte, ſo blieben ihm am Ende des Monats kaum einige Sous. Als Student hatte er von einem Stipendium gelebt, das noch nicht den dritten Theil ſeiner jetzigen Einnahmen erreichte, und doch kaufte Henriette vom erſparten Gelde manch ein Stück in die Wirthſchaft, bezahlte heimlich ſeinen Schuſter oder löſte irgend ein verſetztes Buch wieder ein. Dieſes Stipendium hatte er aufgegeben, als er aufhörte, Student zu ſein, und doch hatte ihn dies Geld gefreut, denn er verdankte es ſeinem eigenen Fleiße, einer Arbeit, die den erſten Preis erhalten hatte. Das Geld, welches er jetzt verdiente, drückte ihn wie eine Schuld. Denn wenn er am Abend Joſeph T..ki mittheilte, was ihm am Mor⸗ gen der General dictirte— war das nicht Verrath an dem Manne, der ihm 504 Vertrauen ſchenkte und ihn um dieſes Vertrauens willen beſoldete, war es nicht Spionage, wenngleich im Dienſt für das Vaterland geübt?— Oft ſchon in einſamen, unglücklichen Momenten war ihm der Gedanke gekommen, Eleonoren auf immer zu fliehen, ſeiner Stellung, die ihn drückte, zu entſagen und zurückzukehren— nicht zu Henrietten, aber zu der Wiſſen⸗ ſchaft, die er liebte, oder auf ewig alle Bande zu zerreißen, die ihn an Hoffnung und Leben knüpften und hinweg zu ziehen in den Kampf für die Freiheit. Ein einziger Blick ſeiner Geliebten hatte ſolche Entſchlüſſe immer wie⸗ der zum Wanken gebracht. Aber dieſer Blick konnte einen Mannescharakter nicht heilen, der ſich mit ſeiner Ehre in Zwieſpalt ſah. Vergeblich ſuchte Sigismund die Ruhe wieder zu gewinnen, ſeine Pulſe klepften in der dunklen Ader, die ſeine Stirne ſchwellte, ſeine Hände ballten ſich, wie ein Löwe im Kerker ging er im Zimmer auf und ab. Das bleiche Weib, das ſo ruhig und ſicher ſprach, das ſeine Liebe eben ſo wenig zu verbergen ſtrebte, wie ſeine Schande, ſchwebte beſtändig vor ſeinen Blicken. Henriette war ſauber wie immer, doch ärmlicher gekleidet geweſen, als ſonſt, das konnte ihm nicht entgehen. Ihr einfaches weißes Mützchen— die Griſetten tragen an Wochentagen niemals einen Hut— umſchloß das abge⸗ magerte, zarte Geſicht, an dem die ſchwarzen Locken matt wie Trauerweiden herniederfielen; ihre Figur verhüllte ein weiter Shawl, ein Geſchenk, das er ihr einſt gemacht, der einzige Luxusgegenſtand, den ſie hoch in Ehren hielt. Wo war die Friſche ihrer Wangen geblieben, wo ihr hüpfender Gang, die heitere lachende Stimme, das fröhlich blitzende Auge? 3 Ja, Henriette mußte viel gelitten haben— aber er, war er denn glücklich? Er nahm Eleonorens Photographie aus ſeinem Taſchenbuche, wo er ſie beſtändig auf ſeinem Herzen trug und verglich dieſe ſtolze, elaſtiſche Geſtalt mit jenem bleichen Bilde. 1 Das goldene Haar, den ſtrahlenden Blick, die Purpurlippen, den leichten Hohn, der ihren Mund umſpielte— Alles das vermochte das kleine Por⸗ trait nur unvollkommen wieder zugeben. Und doch, wie viel Zauber lag für ihn in dieſem Anſchauen! Er vergaß, daß es noch eine Welt giebt, außer ihr, vergaß, daß eine Henriette exiſtire, daß ein Kind dereinſt das Recht beſitzen werde, ihn Vater zu nennen und vor Gott die Bedingniſſe eines Lebens von ihm zu fordern, das er ihm gab, vergaß, daß ſein Gehorſam gegen die Befehle des National⸗Comités ihn um die Achtung gegen ſich ſelbſt gebracht und dachte nur an ſie!— —— —— ——y—— 2 ——— 505 Die Verſe nahm er auf, die er für ſie begonnen hatte und las die erſten flüchtig hingeworfenen Strophen aufs Neue. Eleonore wollte dieſe Worte heut Abend ſingen; denn der Tag war da, zu welchem Roger ihr ſein Erſcheinen verſprochen hatte und ſie wußte, daß es mächtiger Waffen bedürfe, ein Herz, wie das des Grafen Woyslawice, zu erobern. Indeſſen Sigismund für ſie dichtete und Adrian für ſie ſchwärmte, gedachte ſie mit gekränktem Stolze an den, der ſich ihrem ſüßen Joche nicht beugte, der nicht herbeieilte, wenn ſie ihm winkte. Oder hatte Adrian, der ſichtlich verliebt war, vielleicht aus Eiferſucht ſeinem Bruder verſchwiegen, daß ſie ihn in der Oper erwartete? Es lag ein Troſt in dieſer Möglichkeit. Eleonore empfand zum erſten Male, daß ihre ſtolze Seele Inderer Regungen fähig war, als Eitelkeit und Herrſchſucht, Ehrgeiz und die Sucht zu glänzen hervorzubringen vermögen. Ihre Gedanken, die ſonſt ſtets nur bei ihr ſelber weilten, flohen gegen ihren Willen einem Manne zu, deſſen ganze Stellung ihn ihr fremd und ferne halten ſollte. Roger war Patriot— ſie eine Freundin Mouravieff's. Roger war ernſt und feſt und ſtreng— ſie leichtfertig und eitel. Er war durch Bande der Freundſchaft an Perſonen geknüpft⸗ denen ſie zu ſchaden übernommen hatte. Er verehrte Julia Waſa, ihre Schweſter, die ſie verabſcheute und haßte. Er war der innigſte Freund des Fürſten Conrad, der ihr den größten Schimpf gethan, den je ein Weib erduldet, der ſie ausgeſchlagen, ihr die Schweſter vorgezogen hatte. Sie wußte, daß ihre Stellung ihm Mißtrauen erregen mußte; ſie fürch⸗ tete den Einfluß, den Conſtantia auf ihn übte und wie gering ihre Macht ſeiner Feſtigkeit gegenüber ſei. Und dennoch—— Dennoch hatte niemals ein Mann ihr einen ſolchen Eindruck gemacht. Seine hohe, gebietende Geſtalt, der tiefe Ernſt ſeines Weſens, die Bedeutſamkeit, die in jedem ſeiner Worte lag— Alles imponirte ihr in mächtiger Weiſe. Es gab Augenblicke, in denen ſie fühlte, daß ſie ſterben müſſe; wenn er ſie nicht liebte. Augenblicke, in welchen es ihr klar wurde, daß ſie gut werden könnte, um ſeinetwillen. 1 Ihre Mutter ſah nicht ohne Furcht, welchen Empſindungen Eleonore ſich hingab. Was follte aus ihren Plänen, ihren Schwüren werden, wenn ihre mächtigſte Bundesgenoſſin erſchlaffte? Sie hatte ſich dem Willen des Mannes zu eigen gegeben, der einſt zu ihren Füßen lag; von ſeiner Gnade hing ihre Exiſtenz ab, von ihrem Gehorſam ſeine Gnade. 506 Wenn Eleonore ſich anderen Empfindungen hinneigte, wie ſollte ſie, die Alternde, Männer an ſich feſſeln, wie ihnen Geheimniſſe entlocken, die den Ruſſen wichtig waren? Schon hatte manch verliebtes Herz Eleonoren mehr verrathen, als der Verſtand zu billigen vermochte, noch mehr erwartete ſie von Sigismund, von Adrian. Der Eine wußte viel, da er die Geheimniſſe des Generals in Händen hielt, der Andere war ſchwatzhaft, wie die Jugend iſt. Und dieſe Hoffnungen ſollten verloren gehen, weil ihre Tochter ſich zum erſten Male in ihrem Leben einem Manne gegenüber ſchwach bewies— unmöglich! Sie ging zu ihr. Eleonore ſaß vor ihrem Toilettenſpiegel und probirte zum zwanzigſten Male den weißen Blumenkranz auf, den ſie heut Abend tragen wollte. „Für wen ſchmückſt Du Dich?“ fragte die Mutter. „Iſt es nicht abſcheulich,“ rief die Comteſſe,„daß ich mich nicht ſchöner ſchmücken kann? Dieſe dumme Trauer um ein Vaterland, das uns nichts angeht, verdirbt mir meine ganze Laune!“ „Man fand Dich bisher nicht weniger ſchön, weil Du Dich weiß und ſchwarz kleideteſt.“ „Wirklich? ich aber ſage Dir, es nimmt mir allen meinen Reiz. Sieh nur, wie matt dieſen bleichen Blumen zu meinen Haaren ſtehen, wie ſchön würden Vergißmeinnicht oder Roſen mich kleiden—8„) „Was aber zwingt Dich, weiße Blumen zu tragen? Es iſt ja allge⸗ mein bekannt, daß Du Dich wenig an Geſetz und Moden kehrſt. Nimm dieſe Korallen— ſieh, das Roth macht ſich gut zu Deinem zarten Teint.“ „Unſinn— wie könnte ich heute bunt gehen—“ „Warum heute nicht?“ „Die Grafen Woyslawice kommen, die eifrigſten Patrioten.“ „Du ſprichſt von Dreien und meinſt nur Einen.“ „Und wenn ich nur Einen meinte?“ „So wäre es eine Thorheit, vor der ich Dich warnen will.“ „Glaubſt Du, er werde mich nicht lieben?“ „Und wenn er Dich liebte—“ „Könnte ich nicht elender ſein, als ich es heut ſchon bin!“ Sie warf den Kranz auf die, Erde und trat mit dem Fuß darauf. „Heut biſt Du es um eines verfehlten Schmuckes willen, dann würde es um eines gebrochenen Herzens willen ſein.“ „Ich und ein gebrochenes Herz— es iſt zum Lachen!“. „Er wird Dich verſchmähen, wie Conrad Waſa Dich verſchmähte, der auch ein Patriot war.“ „Aber ich liebte Conrad nicht.“ — ——— — 507 „Du liebſt alſo Roger?“— „Ich liebe mich ſelbſt und die Ehre. Wenn ich Mouravieff den Becher kredenzte und er die Stelle ſuchte, die meine Lippen berührten, wenn er ſchwur, ich ſei das köſtlichſte Weib der Erde, ſo freute es mich, weil es ein Mann iſt, vor dem Tauſende zittern, deſſen Wort Leben verleiht„und Hen⸗ kertod— was kümmern mich die Huldigungen der Narren?“ „Es iſt mir lieb, daß Du Mouravieff' gedenkſt, vergiß es niemals, daß wir ihm dienen.“ „Ich weiß es, daß ich Sclavin bin— und darum will ich das Recht haben, im ſchlimmſten Falle mein Herz verbluten zu laſſen; denn dieſes Herz iſt mein.“ „Kind, Du ſprichſt Unſinn!“ „Es giebt Leute, die behaupten, daß alles Unrecht vergolten wird— iſt das auch Unſinn, Mutter?“ „Meinen Erfahrungen nach, gewiß.“ „Gut denn; Sigismund Krotowski und Adrian Woyslawice und noch manche Andere werden ſterben um meinetwillen, und ich habe gewollt, daß ſie mich liebten.“ „Was kannſt Du dafür, wenn ſie Feuer fangen?“ „Und was kann ich dafür, wenn Roger mir anders erſcheint, als ſie?“ „Eleonore, ich warne Dich, es ſteht ſehr ſchlimm mit Dir!“ „Nein, gut, ſehr gut, wenn er mich liebt.“ „Das wird niemals geſchehen.“ „Bin ich nicht ſchön?“ „Nicht allen Männern geht Frauenſchönheit über Alles.“ „Und klug?“ „Das iſt er ſelbſt genug, um unſere Pläne zu durchſchauen, fürchte ich!“ „Und habe ich nicht Talente, Fertigkeiten— heute Abend werde ich ſingen, Mutter.“ „Heut Abend wirſt Du ſehen, wie Recht ich habe.“ Eleonore lachte:„Unkengeſchrei!“ „Das Unheil verkündet.“ „Hier dieſe Perlen will ich in die Haare flechten; komm⸗ doch und hilf; die Kammermädchen ſind ſo ungeſchickt. Sieh, dieſe Locken müſſen leichter fallen, nur keine Nadeln, die das natürliche Geringel feſſeln. Siehſt Du, Mama, das verſtehſt Du perfect; ich finde mich niemals ſchöner, als wenn Du Hand an meine Toilette legteſt, denn Du weißt, wozu Du mich heraus⸗ putzeſt.“ „Nimm nicht nur meine Hülfe, ſondern meine Warnungen!“ „Bin ich nicht eine gehorſame Tochter? Heut Abend liegt Graf Roger zu meinen Füßen— oder—“ 508 „Du zu den ſeinigen!“ „Errathen, Mutter! Mich reizt Widerſtand; wenn ich in Liebe komme, iſt es, wo ich ein Herz zu erobern habe; aber wehe, wenn es zu lange wi⸗ derſtrebt, die Liebe könnte ſich verwandeln—, Und ſie klingelte nach ihrem Mädchen, das ihr die weiße mit ſchwar⸗ zen Spitzen beſetzte Robe brachte; dann, nachdem ſie Perlen um Hals und Arme gelegt, trat ſie lächelnd von dem Spiegel zurück und fragte ihre Mutter: 33 „Bin ich nicht ſchön?“ „Du biſt es, aber ſei auch klug!“ „O fürchte nichts— nach Mitternacht werden wir weiter davon ſprechen.“ Jetzt meldete der Diener die Ankunft der erſten Gäſte. 14. Der Verführer. In der That war ſie ſchön und Graf Roger fühlte ſich einen Augen⸗ blick hindurch wie geblendet, als ſie ihm freundlich entgegentrat. Ein Lächeln des Triumphes glitt über ihre Züge. „So halten Sie mir heute wenigſtens Wort,“ redete ſie ihn an ich Sie neulich in der Oper auch vergeblich erwarten mußte.“ „Verzeihung, Comteſſe, nicht immer ſind unſere Füße im Stande, unſe⸗ rem Herzen zu folgen.“ „Und das Ihrige weilte nebſt allem Zubehör bei Ihrer ſchönen Cou⸗ ſine— die ich heut vergebens unter unſeren Gäſten ſuche.“ „Die Gräfin Branow ſendet ihre Entſchuldigungen durch mich.“ 1 „Wie lauten dieſe Entſchuldigungen?“ „Conſtantia hat Briefe aus der Heimath erhalten, die eine ſchleunige Beantwortung nöthig machen.“ „Giebt es Neues?“ „Unſere Armee hat zwei Mal die Ruſſen geſchlagen.“ „Sonſt nichts, keine Verlobung, keine intereſſante Mordgeſchichte?“ „An letzteren iſt Polen nicht arm, ſo lange Mouravieff dort herrſcht.“ „Ich bin keine Politikerin, wie ſo viele unſerer Frauen; ich lebe in der weiblichen Sphäre, wo man lieber mit Blicken, als mit Piſtolen ſpricht; es kommt mir unnatürlich vor, wenn die Hand, die nur den Fächer zu füh⸗ ren verſtand, plötzlich zum Degen greift; die Staatskunſt überlaſſe ich den „„wenn 5 — —— — ——— Männern— aber Ihnen würde ich dankbar dafür ſein, wenn Sie mir ſag⸗ ten, ob ſolch grauſes Blutvergießen, ſolch ein Zerreißen der liebſten Bande, ſolch ein Mitfüßentreten jeder hergebrachten Ordnung nothwendig iſt.“ „Wenn das ein Ruſſe fragte, ſo würde ich unbedingt antworten: Nein.“ „So antworten Sie es auch mir, obgleich ich eine Polin bin. Ich habe den Vater verloren— die Schweſter, nahe und liebe Verwandte— ſoll ich dem Kampfe meine Sympathieen ſchenken, der mich ſo vieler Güter beraubte?“ „Uns gilt der Kampf allein um ſeiner Reſultate willen.“ „So hoffen Sie auf Sieg?“ „Ich hoffe, daß ſchlimmſten Falls unſer Vaterland den Beweis liefert, daß ſeine Freiheitsliebe kein Opfer ſcheut.“ „Sie ſind zu groß, dieſe Opfer, ſie berauben uns jedes Lebensgenuſſes und geben uns dafür ein Phantom.“ „Wohl recht! das Phantom Polens iſt die Freiheit; geiſterhaft ſteigt es aus tauſend Heldengräbern empor und ſchwebt als ernſte Mahnung vor dem Auge eines jeden Patrioten.“ „Sie machen mir Angſt— o kommen Sie zum Flügel, ich ſinge Ihnen ein Lied und ſinge es nur für Sie.“ Er folgte ihr willig an den Platz, den Sigismund Krotowski bereits harrend einnahm. Der ehemalige Student ſah bleich aus, von der Aufregung, die dieſer Tag ihm gebracht hatte. Sein Gedicht, das ihm anfangs ſo gut geſchienen und das er endlich nur mit der größten Mühe vollendet, hatte ihm kaum einen flüchtigen Dank von Eleonorens Lippen eingetragen. Jetzt wartete er als ein geduldiger Selave ihrer Launen, um ſie bei dem Geſange zu begleiten. Es konnte ihm nicht entgehen, daß ſie, indeſſen ihre weißen Hände in den Noten blätterten, nur Aufmerkſamkeit für Roger Woyslawice⸗ bewies und ſein ohnedies gequältes Herz zog ſich krampfhaft zuſammen. Nicht weit von ihm ſtand Adrian, verwandte kein Auge von Eleonoren und litt wie er. „Ich finge Ihnen ein polniſches Lied,“ ſagte die ſchöne Gräfin zu Ro⸗ ger,„aber Sie ſollen ſehen, wie jede Klage ſich in meinem leichtſinnigen Ge⸗ müthe zur Freude umwandelt.“ 8 Und wie mit Lerchenjubel begann ſie Krotowski's Verſe zu ſingen, deren heiterem Klange ſich die ſchwermüthige Melodie nur gezwungen fügte.— Eleonorens Augen ſuchten Roger's.* „Sie ſind mit meiner Veränderung unzufrieden!“ ſagte ſie faſt betrübt, als ſie geendet und den dunklen Glanz in ſeinem Blicke ſah. 510 „Wer auch jene Worte gedichtet haben mag,“ verſetzte er,„ein Pole war es nicht!“. Es zuckte Sigismund durch Mark und Bein. „Das muß ich beſtreiten!“ lächelte Eleonore. „So war es wenigſtens kein polniſcher Patriot, denn einem ſolchen wäͤre der Schmerz und die tiefe Poeſte ſeines Volkes zu heilig geweſen, um ſie in triviale Heiterkeit zu verwandeln. „Sie ſind hart— aber vielleicht ändert ſich Ihr Urtheil, wenn ich Ihnen beichte, daß dieſe Worte auf meinen Wunſch gedichtet wurden.“ „Selbſt Ihr Wunſch, Comteſſe, ſollte niemals einen Polen dazu ver⸗ leiten, das Heiligſte zu profaniren.“ Sigismund erhob ſich von dem Stuhl, wo er, das Haupt in die Hand geſtützt, noch vor dem Flügel geſeſſen hatte und machte einen ſchnellen Schritt auf den Grafen zu. „O, um Gotteswillen nicht weiter!“ rief Eleonore und ſchlug ſchnell einige muntere Accorde an,„das wird zu ernſthaft—“ Und lächelnd begann ſie eines jener übermüthigen franzöſiſchen Lieder, zu denen Beranger den Text geliefert hat, ließ dann, als ſie bemerkte, daß die ganze Geſellſchaft und ſelbſt Roger geſpannt an ihren Lippen hing, ſo⸗ gleich eine italieniſche Weiſe folgen und trat, als ſie geendet, mit einem faſt bittenden Blick zu dem Grafen hin. „Sie finden mich recht leichtſinnig, nicht wahr?“ „Ich finde Sie ſchön und liebenswürdig.“ „Schön? ich glaube es zu ſein, denn man ſagt es mir oft. Liebens⸗ würdig— ich könnte es werden, wenn eine freundliche Hand mich leitete.“ „Ihre Frau Mutter—“ „Iſt eine kluge Frau, die ſich mit Sicherheit auf dem politiſchen Felde bewegt, das ich verabſcheue, denn, ehrlich geſprochen, ich habe noch keine Dame gefunden, der ſolche Geſpräche und Reflexionen nicht allen weiblichen Reiz genommen hätten. Liebt man uns denn jetzt wirklich nur um unſeres Patriotismus willen? Müſſen wir mit Gewalt Zeitungen leſen, anſtatt Romane, Armee⸗Bülletins ſtatt Poeſie?“ „Was Sie auch leſen werden, der Strahl Ihrer Augen wird Alles verſchönen!“ Sie blickte ihn mit einem Lächeln an, das ihrem Angeſicht den Aus⸗. druck liebvollſter Hingebung verlieh; ſie fühlte ganz den Einfluß, den ſeine Worte auf ſie hatten und daß ſein Wille ſie zu dem höchſten Gipfel der Tugend hinauf führen, ſeine Verachtung eine Furie aus ihr machen könnte. Ein Wort aus ſeinem Munde, ein einzig Wort der Liebe, dachte ſie, und ich breche mit Mouravieff, entfliehe meiner Stiefmutter, und lebe fort⸗ an nur ihm und ſeinen Wünſchen. — und hielt ſich in den ſtrengſten Grenzen der Höflichkeit. 2 — 511 Vergeſſen war aller Ehrgeiz, alle Selbſtſucht, aller Stolß Die trium⸗ phirende Schönheit war zum demüthigen Weibe geworden, denn der Liebe Allgewalt hatte ſie berührt.— 3 Graf Roger, zurückhaltend und ernſt, wie es in ſeiner Weiſe lag, hütete ſich wohl, ihr eine Leidenſchaft zu heucheln, die er nicht für ſte empfand Er war vor ihr gewarnt, er kannte ihr Verhältniß zu Julia das war genug, um ihre Künſte ungefährlich für ſein Herz zu Shen N doch war er voreilig genug, ſich angenehm von ihrer ſichtbaren Vorliebe geſchmeichelt zu fühlen. Er bemerkte es nicht, daß Adrian's Blicke mit einem Ausdruck der Wuth auf ihm hafteten, er ſah nicht den tiefen Schmerz, der Sigismund's Geſicht erbleichen machte. Von dem Zauber, welchen Eleonore um ihn zu verbreiten wußte, an⸗ genehm geſchaukelt, lauſchte er ihrem Geſange, flog im Tanze mit ihr dahin, ſaß plaudernd, ſcherzend neben ihr und ahnte nicht, welch ihm ſo werthes Herz dadurch gebrochen wurde. Die Stunden rauſchten leiſe und lieblich an ihm vorüber, und drückten ſich tief in Adrian's Bruſt, als ob jede Secunde ein Stachel geweſen wäre, der ſein Inneres zerriß. Die Töne drangen lockend und ſchmeichelnd an ſein Ohr, während ſein Bruder, von ihrem Syrenenklange betäubt, ſein krankes Herz erbeben fühlte. Ihn wiegte der Tanz auf heiteren Wellen; Adrian ſtürzte ſich in ſeine Reihen, um Betäubung zu ſuchen. Von dem feurigen Wein, den die Diener auf ſilbernen Plateaus herum⸗ reichten, trank der junge Graf mit Haſt ein Glas nach dem andern aus, bis ſein Kopf brannte, bis ſein Blut in allen Adern ſiedend heiß klopfte und ſeine Sinne ſich verwirrten. Da geſellte ſich der Oberſt de la Guerrie zu ihm und ſich dicht neben den Jüngling ſetzend, raunte er in ſein Ohr Worte der Verführung, denen Adrian's Herz nur allzu offen ſtand. Waxum war Sigismund nicht bei ihm, ihn vor dem Verſucher zu ſchützen, warum blieb Anatole ihm fern? Sigismund, von Rogers ſtrengen Worten bis in das Innerſte getroffen, knirſchte an ſeinem Schmerze, ſeiner Schande und— ſeiner Eiferſucht. Anatole, dem erhabenere Gefühle die Bruſt ſchwellten, achtete nicht auf den Bruder, deſſen ſeltſames Weſen ihn in der letzten Zeit häufig mit Verwunderung erfüllt hatte, ohne ihn gerade zu beängſtigen. Anatole war Dichter. Als ſolcher lebte er in höheren Regionen, als die übrigen Sterblichen. Seine Ideale ſchwebten beſtändig ver ſeinen Augen und verhüllten ihm die Außenwelt mit ihrem zauberhaften Schleier. 2 512 Vielleicht wäre Eleonorens ſchöne Geſtalt auch ſeiner Ruhe gefährlich geworden, wenn nicht ein reineres Bild in dieſem Augenblicke ſeine Seele eingenommen hätte. Anatole war ein Schwärmer. Aber er ſchwärmte für das Erhabenſte, das Edelſte, Frauenwürde und Freiheit, das waren die Angelpunkte, um welche ſeine Gedanken ſich in dich⸗ teriſchem Rhythmus drehten, er beſang ſie in tauſend reizenden Gedichten, er ſchilderte ſie in unendlichen Reimen und verkündete ihr Lob bald in leich⸗ tem Scherze, bald in tiefem Beben ſeiner ſchönen Seele. Und was er dichtete, das ſprach aus ſeinen dunkelblauen Augen und drang mit wunderbarer Macht in jede Bruſt. Nur die Barbaren vermögen es, dem Zauber der Poeſie zu widerſtehen, dem Zauber eines poetiſchen Weſens widerſteht Niemand; es iſt, als habe Gott einem ſeiner Abgeſandten vom Himmel auf die Erde niederzuſteigen befohlen, damit er den Menſchen eine Ahnung des ewigen Lichtes bringe, die alles dem Staube Verfallene mit ſanftem Mahnen empor zu göttlichen Freuden ziehe.—— Mitternacht war vorüber und mit einem Lächeln voller Glück und Freund⸗ lichkeit reichte Eleonore dem Grafen Roger ihre Hand. „Auf Wiederſehen!“ ſagte ſie. „Auf Wiederſehen,“ verſetzte er,„deſſen Genuß ich in nicht zu weite Ferne ſetzen werde.“. Als ſich die Gräfinnen Batory allein ſahen, warf ſich Eleonore mit ſeltener Zärtlichkeit in die Arme ihrer Stiefmutter, die ſich ihr gern öffneten. „Ich triumphire“, rief ſie,„denn er liebt mich!“ „Biſt Du deſſen ganz gewiß?“ „Ganz, ganz! und damit Du mich mit keinem Worte der Widerrede ärgerſt, ſo gehe ich ſogleich zu Bette.“ Und ſie warf ſich auf die ſchwellenden Kiſſen und drückte mit ungeahn⸗ ter Wonne die Hand auf ihren klopfenden Buſen. „Wenn er erſt mein iſt“, dachte ſie„o dann fort mit aller Täuſchung, aller Koketterie. Ich bin ſchön— und meine Schönheit gebe ich ihm. Ich bin klug— und meinen Mu unterwerfe ich dem ſeinigen. Ich war eine Verrätherin an der Soche, die er liebt— aber von nun an ſoll nur er die Herrſchaft in meinem Herzen führen. Er iſt gelehrt und geachtet— wenn Polen frei wird, ſo mag ihm eine hohe Stelle offen ſtehen— und mir mit ihm. Ach, ich könnte das Land lieb gewinnen, nur weil er es liebt. Ich ſetze alle meine Hoffnungen auf ihn, denn er kann keine täuſchen und die Gräfin Woyslawice wird das ſtolzeſte, das glücklichſte Weib der Erde ſein!“—— Die drei Brüder hatten in der Geſellſchaft Sigismund's das Haus der Gräfin Batory verlaſſen. Draußen wehte die Luft ſo milde, die Sterne ſtanden ſo klar am tief⸗ —— 513 blauen Himmel, der Mond leuchtete in ſo hehrer Reinheit, daß die Grafen beſchloſſen, ihren Wagen leer hinwegzuſenden und den Weg zu Fuß zurück⸗ zulegen. Adrian ging mit Sigismund voran und ſprach in abgeriſſenen, wilden Worten von ſeiner Liebe, von Eleonorens Reizen, von Eiferſucht und Qual des Todes, von Selbſtmord und Grabesnacht, und üppige Bilder, wie ſie ihm der Chevalier mit glühenden Farben in die Seele geworfen, tauchten dazwiſchen auf, wie verlockende Nixen, die den verirrten Schiffer hinabziehen möchten in ihren wirren Strudel. „Sie einmal nur umfangen,“ ſagte er,„ſite an mein Herz preſſen in ſeligem Kuſſe und ihr dabei den Dolch in den ſchönen falſchen Buſen drücken— oder meinen Kopf in ihrem Schooß verbergen und weinen, weinen, wei⸗ nen—!— Ich weiß, es nimmt kein gutes Ende mit mir. Meine Sinne gehen irre dieſe ganzen acht Tage, daß ich ſie kenne; ich weiß, ſie iſt eine Hexe— Gott hat nichts ſo Schönes geſchaffen— es iſt Alles Teufelswerk! Kann es mit natürlichen Dingen zugehen, daß ich wie umgewandelt bin? Ich haſſe meinen Bruder, der ſo gut, ſo klug, ſo edel iſt; ich muß ihn morden— oh, ich kann nicht nach Hauſe— es liegt ein Dolch auf mei⸗ nem Tiſche und Roger verſchließt ſein Zimmer nicht—— Sigismund, Sigismund! rette mich vor mir ſelber. Sieh, was leuchtet dort? Iſt das der Mondſchein auf dem Waſſer?— Nein, es iſt Eleonore, die da ſchwebt — ſie winkt!— Komm, Bruder, laß uns gemeinſam den Sprung thun, der uns befreit—!“ 4 Der arme, gleich leidende Krotowski hatte Mühe, den Taumelnden zurückzuhalten. War es der Wein, war es die Leidenſchaft, was ſeine Adern durchpeitſchte? Erſt mit der Zeit wurde er ruhiger und Sigismund, der ſich nach Hauſe ſehnte, um einen Tag voller Schmerzen in ſtiller Selbſtbeſchauung zu endi⸗ gen, Sigismund vertraute dem ſcheinbar gefaßteren Weſen des jungen Freun⸗ des; er glaubte den Rauſch, den ungewohnter Genuß zu vielen Weines ihm verurſacht hatte, verflogen und trennte ſich von ihm, als ſie ſich unweit des Hauſes ſahen, in welchem die drei Grafen das erſte Stockwerk bewohnten. „Ich ſehe Ihre Brüder nicht mehr!“ ſagte er, ſich nach dieſen zurück⸗ wendend. „Deſto beſſer, ſo entgehe ich wenigſtens für heute einem Anblick, der mir verhaßt iſt!“ verſetzte Adrian. 1 „Ihren Bruder Anatole dürfen Sie nicht haſſen.“ „Warum nicht, da er Roger über Alles liebt! O, dieſer Roger! Alles liebt, Alles verehrt ihn— indeſſen ich— ſie nennen mich ein Kind— ſie achten mich nicht für voll— aber ich will es ihnen beweiſen, daß ich ein Mann bin!“ Phantom Polens. III. Band. 33 3 „ 514 „Sein Sie ruhig, Adrian, morgen früh ſpreche ich bei Ihnen vor und ſehe, wie es mit Ihnen ſteht. Trinken Sie Sodawaſſer, Ihre Pulſe fliegen.“ „Da ſehe man den gelehrten Arzt,“ lachte der Jüngling bitter,„ich habe Liebesſchmerzen und er will mich mit Sodawaſſer curiren!“ „Sie haben Wein getrunken, und ich möchte Ihr Blut kühlen.“ „Nun gut, ich verſpreche Ihnen, fromm zu ſein, wie das Kind, wofür man mich ſo gerne hält, und mit gefalteten Händen einzuſchlafen— ach, Sigismund, iſt es mir doch ſelber, als bedürfe ich des Gebetes und der Hülfe der Heiligen!“ „Gute Nacht, Adrian, ſchlafen Sie ruhig!“ „Ja, ich will ſchlafen— nur jetzt noch nicht.“ „Sie gehen doch hinauf?“ 3 „Meine Brüder ſind noch nicht zu Hauſe, es iſt einſam und leer da oben und ich fürchte mich.“ „Soll ich mit Ihnen gehen?“ „Nein, nein, auch Sie bedürfen der Ruhe. Gute Nacht, ich will ein Mann ſein!“ 1 So trennten ſich die beiden Freunde. War es aber wirklich Angſt vor ihm ſelber, vor dem Dolche auf ſeinem Tiſche, war es die Aufregung, in der ſein Blut ſich immer noch befand— Adrian betrat nicht ſein Haus. Um den Brüdern, welche, wie er meinte, ihm nachkommen mußten, nicht zu begegnen, ſchritt er die Straße entlang weiter, durchkreuzte den Boulevard und lehnte ſich endlich todtmüde und an Seele und Leib erſchöpft, auf eine der Bänke. „Iſt es möglich!“ rief plötzlich eine Stimme,„Graf Woyslawice hier in kalter, öder Nacht?“ Er blickte empor. Es war der Chevalier de la Guerrie, der hinter der Bank ſtand, ſich über die Rückenlehne derſelben beugte und auf ihn nieder⸗ blickte mit einem Geſichte, das im Mondenſcheine leuchtete, als beſpiegle ſich Satanas im hölliſchen Feuer. „Biſt Du da, Verführer?“ ſtammelte Adrian mit Entſetzen. „Ich danke für den Titell“ lachte der Oberſt.„Doch wenn ich da bin, ſo iſt es nicht zu verführen, ſondern zu warnen. Bald wird der Hahn krähen. Meinen Sie, es ſei geſund, mit erhitzten Blute im Morgenthau zu liegen?“ „Ich mochte noch nicht nach Haus.“ „Iſt auch nicht nöthig; aber unter ein trockenes Dach ſollen Sie. Nur ſchnell, mein Graf, der Zufall hat mich zu Ihrer Rettung herbeigeführt, ſo kommen Sie denn!“ „Wohin?“ 51⁵ „Gleichviel, vielleicht in das Gaſthaus hier nebenbei, ich ſehe da we⸗ nigſtens noch Licht.“ „Gut, gehen wir.“ „Nein, gehen wir nicht. Soeben fällt mir ein, daß es Ihren Brüdern unangenehm ſein möchte, wenn Sie zu lange fortblieben; Ihre Brüder ſind ſehr beſorgt um Sie, der als ein jüngſtes Kind der Obhut der Aelteren an⸗ vertraut ſcheint—“ „Was kümmern Sie meine Brüder?“ „Mich— Gott ſei Dank, nichts! ich werde nicht ausgeſcholten, mir kann man an meinem Taſchengelde keine Verkürzung machen—“ „Nun alſo, warum gehen wir nicht?“ rief Adrian, mit dem Fuße ſtampfend.. „Wie Sie meinen!“ lachte der Andere.„Der Ort iſt einer von denen, in welchen man noch ſpät oder früh Geſellſchaft findet, und es iſt gut, daß ich Sie begleite, damit Sie nicht als ein Neuling angeſehen werden.“— Ein Neuling, ein Kind— immer daſſelbe Wort ihm, der die Leiden⸗ ſchaften eines Mannes in ſich toben fühlte!— Sie traten in das Gaſthaus. Der Chevalier ſagte dem Wirthe einige leiſe Worte, worauf dieſer ihnen voran in das hell erleuchtete Zimmer ſchritt, und Adrian glaubte, ein paar weibliche Geſtalten durch die andere Thür eiligſt entſchlüpfen zu ſehen..— Es waren nur wenige Gäſte da. In einer Ecke ſaß ein junger Mann, die Hände in den Taſchen ſeiner Beinkleider, den Kopf hintenüber gegen die Wand gelehnt und ſchlief ganz feſt. Zwei Andere ſprachen ſehr heimlich und eifrig in einem anderen Win⸗ kel des Zimmers; ſie ſchienen ſich ſo fern als möglich von fünf bärtigen Männern zu halten, die in der Mitte des Raumes Bank hielten. „Rouge gagne, noir perd,“ ſo klang es eintönig von den Lippen des Banquiers.. „Zwei Flaſchen Wein, aber vom beſten!“ rief der Chevalier dem Wirthe zu; dann ſich an die Spieler wendend:„Ei, ſieh da, Fortuna öffnet ihren Schooß,“ rief er lachend,„da muß man der ſchönen Dame doch nicht kalt vorübergehen!“’. Und er warf ein paar Napoleonsd'ors auf den Tiſch, auf dem ſie klir⸗ rend niederfielen. 4 „Rouge gagne, noir perd!“ „Sehr wohl!“— der Chevalier ſagte es mit einem ſcharfen Augen⸗ blinzeln und einem Winke des Fingers, den ſeine Mitſpieler wohl zu ver⸗ ſtehen ſchienen.„Sehr wohl, das iſt leichtverdientes Geld! Sie ſollten es auch einmal probiren, lieber Graf, man muß dem Glücke in der Jugend 33. 1 . 516 die Cour machen, damit man im Alter ſeiner ſicher iſt. Sehen Sie, dies Häuflein Gold auf einen Wurf gewonnen— jetzt noch einmal— was wird Fortuna ſagen?“ „Rouge gagne, noir perd!“ „Superb, ſo habe ich es gewünſcht! Ein goldenes Vöglein lockt das andere herbei, und ich denke, ich bin ein guter Vogelſteller. Ein paar Na⸗ poleons heraus, Graf Adrian, ich bin neugierig zu ſehen, wie es die ſchöne Gättin mit Ihnen meint, oder—“ er ſagte es leiſer und doch laut genug, daß Alle es verſtanden—„oder halten die Herren Brüder Sie gar zu knapp?“ 3 Es bedurfte nur dieſes Wortes noch. Adrian zog ſeine Börſe und ſchüttete ihren ganzen Inhalt auf den grünen Tiſch. „So iſt es recht!“ lachte der Chevalier, ihn auf die Schulter klopfend. „Alles auf einen Wurf!“ „Rouge gagne, noir perd!“ Der Graf hatte gewonnen. Ein Haufen ſchwimmenden Goldes lag vor ihm, glitzernd, verlockend. Adrian war reich— und doch— ſein monatliches Taſchengeld erhielt er allerdings— der Oberſt hatte es ganz richtig errathen, durch Roger aus⸗ gezahlt, der in jeder Beziehung als das Haupt der Brüder angeſehen wurde. Bis jetzt hatte Adrian ſich nicht dadurch verletzt gefühlt; reichte doch auch ſeine Einnahme vollkommen hin, ſeine Ausgaben zu decken, denn alle ſeine Wünſche beliefen ſich bisher auf Billets zu allen erſten Theatervorſtellungen, auf den Ankauf ſchöner Bilder, wofür er ſchwärmte, auf eine Sammlung elaſſiſcher Bücher. Jetzt aber, da er ſich in jeder Beziehung abhängig und unterjocht ſah, was auffallend genug ſein mußte, da ſelbſt der Chevalier es bemerkt hatte, jetzt kränkte ihn auch das Geld, auf das er von einem Monat zum anderen rechnen mußte. Ein ſelbſtſtändiger Reichthum hätte ihn auch ſeinen Brü⸗ dern gegenüber ſelbſtſtändig gemacht, und dieſer Reichthum winkte jetzt. Noch zwei Mal, drei Mal warf er ungezähltes Gold aus vollen Hän⸗ den hin und ſtrich weit größere Haufen dafür ein. Der Chevalier lachte:„Das nenne ich Glück! nehmen Sie ſich in Acht, Graf, daß es auch in der Liebe Stand hält!“ Mit athemloſer Spannung ſah Adrian die Karten fallen— ſie brach⸗ ten Gold auf Gold. Der Chevalier ſpielte nicht mehr mit.„Ich wage nicht, mich mit Ihnen zu meſſen!“ ſagte er. Dafür ſchenkte er fleißig ein und Adrian trank, ohne zu wiſſen, was er that. „Rouge gagne, noir perd!“ Er hatte verloren. 517 „Verdammte Weiberlaune!“ rief de la Guerrie.„Laſſen Sie ſich davon nicht abſchrecken! Nur friſch drauf los, man muß einer jeden Dame, und wäre es eine Göttin, keck entgegengehen.“ Von jetzt an wechſelten Verluſt und Gewinn in raſcher Folge. Adrian knirſchte mit den Zähnen, ſo oft er ſein Geld zu dem Banquier hinübereilen ſah und ſeine Blicke hingen mit furchtbarer Erregung an den Händen, die ſo langſam, ſo gleichmäßig die Karten abzogen. Bei jedem Verluſte ſchenkte der Chevalier ſein Glas auf's Neue voll. „Rouge gagne, noir perd—“ Er hörte nur dies, er hörte Nichts weiter. Seine Augen wurden roth und brannten wie Feuerklumpen in ſeinem Kopfe, ſeine Zunge lechzte und trank mit Gier den kühlen Wein. Vor ſeinen Blicken verloren die Männer an dem Tiſche ihre Geſtalt, das ungewiſſe Licht, die Hitze des Raumes machten ihn fiebern; er glaubte Teufelsgeſtalten zu ſehen, die in ſeinem Hirne wühlten— davon ſchmerzte auch ſein armer Kopf ſo furchtbar. Gold floß in glühenden Strömen durch ſeinen Hals, Gold brannte ihm das Herz entzwei und aus den Flammen, die ihn rings umzingelten, lachte mit lieb⸗ lichem Spotte Eleonoren's Geſicht—— Mit Gewalt entriß er ſich den quälenden Bildern. Wo aber war er denn? Sein Kopf hatte auf den gekreuzten Armen gelegen und dieſe ruhten auf dem grünen Tiſche, der noch die Karten, noch die Aſche verrauchter Ci⸗ garren, noch die Spuren vergoſſenen Weines trug. So war denn wirklich nicht Alles ein Traum? Verſtört blickte er um ſich. Da ſaß der Chevalier de la Guerrie ihm gegenüber ſo kalt, ſo unheim⸗ lich, wie er ihn noch geſtern Abend in der Soiree der Gräfin Batory ge⸗ ſehen hatte. Auf dieſen Menſchen machten Nachtwachen und Spiel keinen Eindruck; daſſelbe bleiche, magere Geſicht, deſelbe rothe Band im Knopf⸗ loch, daſſelbe faſt teufliſche Lachen.— „Wahrhaftig, Graf Woyslawice, Sie lennen bis heut nur wenig ver⸗ tragen! da wirft eine einzige Flaſche Burgunder Sie auf den Tiſch— und ich ſitze hier ſchon ſeit drei Stunden als ein getreuer Wächter Ihrer Sicher⸗ heit und langweile mich, Ihnen zu Gefallen, unmenſchlich!“ Adrian fuhr mit der Hand über ſeine Stirn, die furchtbar ſchmerzte. „Was iſt geſchehen?“ „Was geſchehen iſt? wenig genug. Sie haben geſpielt und getrunken — das paſſirt der Jugend wohl einmal. Aber Sie haben auch verloren— und wenn das die Herren Brüder erfahren—“ „Nein, ich habe gewonnen, viel gewonnen— ganze Haufen Goldes lagen vor mir!“ „ 518 „Anfangs, doch das ändert ſich mit der Zeit. Sie waren unvorſichtig, Sie wagten zuviel, obſchon ich Sie warnte— der ungewohnte Wein mag daran Schuld ſein, aber jedenfalls, ich rathe es Ihnen dringend, junger Freund, jedenfalls ſeien Sie künftig vorſichtiger.“ „Wie viel habe ich verloren?“ „Es werden nicht viel mehr als anderthalb tauſend Francs ſein. Sie müſſen das heute noch abmachen, denn, wie Sie wiſſen, iſt es eine Ehren⸗ ſchuld. Und nun ſoll der Wirth Ihnen kaltes Waſſer geben, Ihr Geſicht zu waſchen, und dann ziehen Sie es in muthvolle Falten und treten Sie den Herren Brüdern keck entgegen, die zwiſchen Abend und Morgen auch nicht immer Tugendhelden und Heilige ſein werden.“ Adrian befolgte den Rath. Das kalte Waſſer that ſeinen erhitzten Schläfen, ſeinen brennenden Augen gut; er badete ſein Geſicht zu wiederhol⸗ ten Malen darin— hätte er auch ſein Gewiſſen darin kühlen können!— Dennoch taumelte er, als er die Straße betrat und die freie Luft ihn berührte. Der Chevalier nahm ſeinen Arm und führte ihn eine Strecke weit.— „Jetzt iſt Ihnen ſchlecht,“ ſagte er lachend,„doch das giebt ſich mit der Uebung und dieſe müſſen Sie erlangen, wenn Sie ein Mann ſein wollen und nicht ein Mädchen, dem der Schnurrbart wächſt. Die fünfzehnhundert Francs ärgern mich um Ihretwillen und weil ich vielleicht mit daran Schuld bin, daß Sie das Geld verloren— aber heute Abend oder morgen, wenn Sie heut zu müde ſind, will ich Ihnen Revanche verſchaffen und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn Sie nicht diesmal bis zum Ende glücklich wären. Auf Chancen muß man freilich gefaßt ſein, denn darin beſteht der Reiz des Spiels und Sie ſind zum Glück gut genug geſtellt, um Verluſte tragen zu können, die doppelten Gewinn verheißen. Darum nur Muth! Heut Abend am ſelben Orte und Fortuna mit beiden Händen gepackt.— Dort aber iſt das Haus, in dem Sie wohnen, und Sie verzeihen, wenn ich es vorziehe, den beiden Herren Grafen, Ihren geſtrengen Brüdern, vor denen ich allen Reſpect habe, nicht zu begegnen. Auf Wiederſehen denn, mein junger, liebenswürdiger Freund, ſchlafen Sie ein paar Stunden, trinken Sie eine Flaſche Sodawafſer, und werden Sie wieder friſch und munter!“ Er warf dem Jüngling einen Kußfinger zu und entfernte ſich raſchen Schrittes, ein Liedchen vor ſich hin pfeifend. „Wer doch auch ſo friſch wäre nach einer durchſchwärmten Nacht!“ dachte Adrian, als er ſeine Wohnung betrat. 519 5. Die Befehle des Phantoms. „Wo ſind meine Brüder?“ fragte er den ihm öffnenden Diener. „Schon vor einer Stunde ausgefahren!“ antwortete er. „Was iſt die Uhr?“ „Mittag vorbei.“ „Haben die Grafen nach mir gefragt?“ „Ja, Jaques ſagte, Sie ſchliefen noch, wenigſtens hätten der Herr Graf noch nicht geklingelt.“ „Wenn meine Brüder zurückkommen, ſo ſage ihnen, daß ich mich un⸗ wohl fühle und das Bett noch nicht verlaſſen habe. Hörſt Du? ſage das.“ „Zu Befehl, Herr Graf!“ Und er ging in ſein Zimmer, ſchloß die Thür hinter ſich zu und riß die Kleider herunter. Dann ſchloß er ein Käſtchen auf und nahm Tuchnadeln, Ringe, Ketten heraus. Es waren Geſchenke ſeiner Eltern, ſeiner Brüder, er hatte gedacht, ſich niemals von Dingen zu trennen, die ihm um der Geber willen ſo theuer waren. Dieſen Ring hatte ſeine Mutter getragen. Dieſes Medaillon war ihm als Andenken an den liebſten Jugendfreund geblieben; der hatte es nebſt dem feinen Schnürchen, woran es hing, vom Halſe genommen, ehe er dieſen dem Henkerbeile hinreichte. Adrian hatte ihn beweint und das Medaillon zu tauſend Malen ge⸗ küßt. Jetzt löſte er es von der Schnur, nahm das Portrait heraus, das es enthielt— ſein eigenes— und legte es zu dem Uebrigen. „Wohl,“ ſagte er, das Häuflein glitzernder Dinge betrachtend,„das wird genug ſein, meinen Verluſt zu decken, ohne daß ich die Barmherzigkeit meiner Brüder in Anſpruch zu nehmen brauchte. Und, ſo Gott will, erſetze ich heute Nacht den Schaden doppelt und dreifach.“ Somit warf er ſich auf ſein Bett und ſchlief bald feſt und traumlos, bis ihn der Diener durch lautes Pochen weckte. „Roger und Anatole“— dachte der ſchuldvolle Jüngling—„was werde ich ihnen ſagen?“ Die Grafen waren jedoch noch nicht zurückgekehrt, vielmehr ſtand einer der Spieler vom geſtrigen Abend vor ihm und präſentirte einen Söhuld ſchein, von deſſen Unterſchrift Adrian nichts wußte.“ Das Geſicht des Mannes ſelbſt war ihm nicht mehr erinnerlich— Alles erſchien ihm wie eine Fieberphantaſie. Er befriedigte den Fremden mit den Juwelen, die vielleicht den dop⸗ 520 pelten Werth beſaßen, und athmete erleichtert auf, als dieſer, ihm die Ver⸗ ſchreibung zurücklaſſend, mit einer tiefen Verbeugung das Zimmer verließ. Abermals warf ſich Adrian auf das Bett, doch konnte er den geſtörten Schlaf nicht wiederfinden. Er erhob ſich mit verdrießlichem Gefühle. Was ſollte er unternehmen, womit die langweiligen Stunden bis zur Nacht verbringen? Seine Brüder waren noch immer nicht zurückgekehrt— wo mochten ſie ſein? Sollte er zu Conſtantia gehen? Nein, denn wahrſcheinlich befanden ſich Roger oder Anatole oder Beide bei ihr, und dann— er ſah es in ſeinem Spiegel— dann war ſein Antlitz ſo bleich, ſo entſtellt, daß er den Fragen, die er nicht beantworten mochte, lieber zu entgehen ſuchte. Weit beſſer war es, zu Sigismund zu gehen. Aber konnte er dieſem ſagen, wo er die Nacht verlebt? würde er ſich nicht warnend an ſeine Ferſen hängen, ihn von dem Chevalier zurückzuhal⸗ ten, vor dem auch er ein inneres Grauen hegte? Und vielleicht war es am beſten, ſolcher Warnung zu folgen.— Ja, wenn es nicht um des Geldeswillen geweſen wäre, das zurückge⸗ wonnen werden mußte um jeden Preis. Die Juwelen durften nicht in fremden Händen bleiben, die Angedenken an ſeine Lieben nicht vertrödelt werden; er mußte ſie einlöſen. Dazu gab es nur zwei Mittel. Entweder ſich Roger entdecken und ſich von dieſem ausſchelten und auf ewig wie ein Kind am Gängelbande führen laſſen. Oder ſpielen! Adrian wählte das letztere. Er ſehnte ſich nach der Aufregung des grünen Tiſches; war es doch gar zu einſam, gar zu langweilig in dem leeren Zimmer. Er wollte an Eleonore denken, aber ſeine Ideen verwirrten ſich und miſchten ihr Bild unter Karten und rollende Geldſtücke. Er wollte leſen und die Buchſtaben verſchwammen vor ſeinen Augen. Er öffnete ſein Piano und die Töne machten ſeine Nerven beben.— Er war ſehr elend. „Es iſt nur der ungewohnte Genuß des Weines,“ ſagte er ſich;„wenn. ich erſt ſo weit ſein werde, wie der Chevalier, wird eine Flaſche mehr mir nicht ſchaden.“ So weit wie der Chevalier— ihm ſelber ſchauderte bei dieſem Ge⸗ danken. Bleiern lagen die Stunden auf ihm, er ſehnte ſich nach der Rückkehr ſeiner Brüder, als nach einer wohlthuenden Abwechslung. Wenn ſie nach 521 ſeinen bleichen Mienen fragten, wenn ſie beſorgt zum Arzte ſchickten, wenn ſie ihn ausforſchten oder gar durch die Schwatzhaftigkeit des Dieners die Stunde ſeiner Rückkehr erfuhren— gleichviel, es lag wenigſtens eine Ver⸗ änderung ſeines gegenwärtigen Zuſtandes darin und dieſer wurde ihm von Minute zu Minute unerträglicher. Sein Kopf ſchmerzte, ſeine Glieder waren wie Blei und ſchienen ihm nicht mehr zu gehorchen. Wäre der Tod gekommen, er hätte ihn mit Freu⸗ den begrüßt. Endlich— eine Ewigkeit ſchien bereits mit ſchwerem Schritte erdrückend über ihn dahin gezogen zu ſein, endlich hörte er die Thüre gehen und der Diener brachte ihm einen Brief auf ſilbernem Teller herein. Mit matter Hand öffnete Adrian das Blatt und las: „Mein lieber Bruder! Um Deinen Schlummer nicht zu ſtören, verließen wir heute früh das Haus, ohne Dich zu ſehen; nun wird es uns nicht möglich ſein, zu Tiſch zurückzukehren und deshalb wünſche ich Dir guten Appetit, den Du für uns Drei ſtillen kannſt. Dein Dich liebender Roger.“ Wo waren ſie? warum deutete kein Wort in dieſen räthſelhaften Zei⸗ len es an? was bargen ſie für Geheimniſſe vor iha) Vielleicht— es lag Verzweiflung in dieſem Gedanken— vielleicht ſaß Roger in dieſem Augenblicke neben Eleonoren, ſah ihr in das Auge, wie geſtern, ſog ihren ſüßen Athem ein und ſchwelgte in Himmelswonnen, in⸗ deſſen er, ſo krank, ſo elend verſchmachtete! So ſehnte ſich der Reiche aus dem Evangelium nicht nach dem kühlen Tropfen an dem Finger des armen Lazarus, der ſeine Höllenqualen wenig⸗ ſtens für einen Augenblick löſchen ſollte, wie ſich Adrian nach einem Freun⸗ desworte ſehnte, das ihn vor Verzweiflung retten möchte. Er wollte weinen, aber ſeine glühenden Augen brannten die Thränen auf; er wollte ſich erheben und in freier Luft Kühlung ſuchen, aber ſeine Glieder verſagten ihm den Dienſt. Zuletzt verfiel er in eine Lethargie, die nichts lebendig in ihm ließ, als einen drückenden Schmerz in ſeinem Hirne, und endlich ſchwand auch dieſer vor einer lindernden Kühle, die ihm kam, er wußte nicht woher, und Adrian verſank in einen tiefen, tiefen Schlaf.— Wo aber weilten ſeine Brüder unterdeſſen, ſie, die ſonſt ſo zärtlich be⸗ ſorgt um ihn waren? Um dies darzulegen, kehren wir zu dem Augenblick zurück, wo die drei Grafen mit Sigismund Krotowski das Hotel des Grafen Batory ver⸗ ließen. 8 9 5²² Roger und Anatole, welche die Freundſchaft der beiden jungen Männer nicht ungern ſahen, reichten ſich den Arm und ließen Jene zu anſcheinend traulichen Mittheilungen vorausſchreiten. „Du haſt eine glänzende Eroberung gemacht!“ begann Anatole mit Lächeln. „Faſt fürchte ich es!“ antwortete Roger. „Was fürchteſt Du?“ „Die Hingabe eines Herzens, das ich unter allen Umſtänden zurück⸗ weiſen muß.“ „Wenn Eleonore nicht ſo ſchuldig wäre, wie man glaubt—“ „Würde ich ſie ſchon um Julia's und Waſa's willen nicht lieben dürfen.“ „Die Beide ſchlimmer von der alten Gräfin dachten, als von ihr.“ „Eleonore ſpricht es offen aus, daß ſie keine Patriotin iſt.“ „Damit giebt ſie ihrer Wahrheitsliebe und Offenheit ein gutes Zeugniß.“ „Ich aber werde meine Hand nur einem Weibe reichen, das dem Va⸗ terlande angehört, wie ich.“ „Du kannſt ſie dazu machen.. „Niemals, Eleonore iſt ſelbſtſüchtig, ſie würde die Opfer nicht begrei⸗ fen, die man einem anderen Gegenſtande widmete, als ihr.“ „Dann, Roger, dann entziehe Dich ihr gleich und tödte eine Leiden⸗ ſchaft im Entſtehen, deren Wachſen einen verderbenbringenden Brand ent⸗ flammen kann.“ „Du weißt, daß ich ſchon neulich ihrer Einladung nicht Folge leiſtete und auch heute würde ich ſchwören, ſie nicht wieder zu ſehen, wenn ich nicht hoffen dürfte, einen Einfluß auf ihr Herz zu gewinnen, der manches Böſe zu verhindern vermag.“ „Doch dieſes Herz iſt ſchwierig zu ergründen, denn was iſt wohl tiefer als ein Frauenbuſen?“ „Grab, Nacht und Meer!“ ſprach in dieſem Augenblicke eine tiefe Stimme dicht hinter ihnen und ſich umwendend, ſahen ſie eine in die Fal⸗ ten eines dunklen Mantels gehüllte Geſtalt langſam den Weg zurück ſchrei⸗ ten, den ſie ſoeben gekommen waren. Sogleich kehrten ſie um und gingen dem Verhüllten nach. Er führte ſie durch die belebteſten Straßen bis zu einem Hauſe, vor deſſen hoher Pforte ſie ſchon oft einen reich gallonirten Portier bemerkt hat⸗ ten; ſie wußten, daß hier der Geſandte einer der Hauptmächte Europa's wohnte. Eine kleine Thür, die in einen Garten zu führen ſchien, öffnete ſich und die Grafen traten ihrem Führer nach hinein, während ſich mit leiſem Knarren das Gitter hinter ihnen verſchloß. 523 Durch einen Baumgang ſchritten ſie; abermals durch eine Thür, die wie durch einen Zauber ihre Dienſte von ſelber that, durch einen langen, dunklen Gang, eine Treppe hinab, eine andere hinauf, abermals ins Freie und wieder in ein anderes Haus, wo plötzliche Dunkelheit ſie umfing, bis ſich mit Eins ein elegant meublirtes Zimmer vor ihnen öffnete. Verwundert ſahen ſie ſich um, verwundert einander an, doch kein Laut entfuhr ihren Lippen, obſchon ſie ſich allein befanden. „Sehr willkommen, meine Herren!“ ſagte ein hoher ſtattlicher Mann, der mit den feinen Manieren eines Weltmannes auf ſie zutrat. Sie wußten nicht, woher er gekommen, ſo plötzlich ſtand er vor ihnen. „Ich freue mich, Ihre Bekanntſchaft zu machen, denn Sie ſind uns warm empfohlen, nehmen Sie gefälligſt Platz.“ Es lag etwas ſo Offenes, Freundliches in der Weiſe des Mannes, daß die Brüder nicht begriffen, wozu das geheimnißvolle Durchſchreiten unbe⸗ kannter Räume nöthig geweſen war; doch als ſie ihren zuvorkommenden Wirth miher betrachteten, bemerkten ihre ſcharfen Augen, daß er eine Perruͤcke trug und daß ein kurz geſchnittener falſcher Bart den größten Theil ſeines Geſichts verhüllte, indeſſen ſeine Blicke glänzend und klug durch eine Brille leuchteten, deren breiter goldener Rand die Form feiner Augen verdeckte. Sie würden ihn ſchwerlich erkannt haben, wenn ſie ihn ohnedies wieder ge⸗ ſehen hätten. „Welcher von Ihnen iſt Graf Roger Woyslawice?“ fragte er, ſich ſetzend. Roger verbeugte ſich. „Sie alſo Herr Anatole.— Wie geſagt, ich freue mich, junge Leute kennen zu lernen, für die ihre Abſtammung, ihre Sitten, ihre Bekanntſchaf⸗ ten gleich günſtiges Zeugniß ablegen.“ Abermals verbeugten ſich die Brüder. „Darf ich annehmen, daß Sie der Sache Polens ganz und vollkommen ergeben ſind?“ „Wir ſind es ganz, das iſt mit Leib und Seele!“ verſetzte Roger. „So bedarf es keines weiteren Schwures; die Ehrenhaftigkeit Ihres Charakters genügt.— Sie haben ſtudirt, Graf Roger?“ „In Berlin und Heidelberg.“ „Und was ſtudirten Sie?“ „Die Rechte.“ 1 „Um deſto tiefer von dem Unrecht durchdrungen zu ſein, das man Ihrem Lande thut.“ „Ich bin es.“ „Was thaten Sie, Graf Anatole?“ „Ich ſtudirte mit meinem Bruder zur gleichen Zeit und am gleichen Orte.“ 524 „Auch Rechtswiſſenſchaften?“ „Nein, Aeſthetik, Philoſophie—“ „Sehr wohl. Was Sie gelernt, wollen Sie es im m Dienſte des Vater⸗ landes verwenden?“ „Wir wollen es!“ „Werden Sie mit jeder Stellung zufrieden ſein, die wir Ihnen geben?“ „Vorbehaltlich unſerer Ehre und unſeres Gewiſſens.“ „Beide werden durchaus nicht zu leiden haben.“ „Wir wiſſen es.“ „Sie, Graf Roger, melden ſich morgen früh um elf Uhr bei dem Für⸗ ſten Cz.. iski, der Ihnen Aufträge diplomatiſcher Natur ertheilen wird; es werden zunchſt ſchriftliche Auseinanderſetzungen ſein, in denen Sie den Zuſtand Polens in das rechte Licht zu ſetzen haben.— Sie ſehen, daß da⸗ mit weder Ihrer Ehre noch Ihrem Gewiſſen zu nahe getreten wird.“ „Ich zweifelte nicht daran.“ „Ich verzeihe Ihnen den Vorbehalt, der Ihrer Vorſicht Ehre macht, denn Sie kennen uns nicht; wir aber kennen Sie und werden Ihr Zart⸗ gefühl zu ſchonen wiſſen.“ Roger verbeugte ſich. „Nun zu Ihnen, Graf Anatole,“ fuhr Jener fort;„der Auftrag, den ich Ihnen zu vermitteln habe, iſt zarter Natur; doch hoffe ich, daß Sie nicht davor zurückſchrecken werden, als wünſchten wir etwas Unpaſſendes—“ „Ich höre und werde gehorchen.“ „Sie ſind Dichter, wie man uns verſichert, Sie ſingen mit wohlklin⸗ gender Stimme und Sie ſind ſchön und liebenswürdig. Sie werden dieſe Gaben in den Salons der Kaiſerin leuchten laſſen; Frauenherzen ſind der Sache der Unterdrückten leicht geöffnet, wenn man ſie ihnen in der rechten Weiſe vorzutragen verſteht, und Sie begreifen, daß wenn die Gattin ge⸗ wonnen iſt, der Gatte uns nicht länger zu widerſtehen vermag.“ „Ich begreife das.“ „Sie werden Polens Schickſal in Verſe bringen—“ „Ich dichte nur in polniſcher Sprache. „Von jetzt an werden Sie franzöſiſch dichten. Sie werden Volkslieder ſingen, Sie werden Alles thun, um in Ihrer Perſon die Polen intereſſant zu machen.“ „Man traut mir zu viel zu—“ „Wir ſind des Erfolges gewiß, wenn wir dieſe zarte Angelegenheit in Ihre Hände legen.— Uebrigens, meine Herren, ſind Sie vollkommen frei, Ihre Stellung, wenn ſie Ihnen nach acht oder vierzehn Tage nicht mehr gefallen ſollte, wieder aufzugeben. Sie brauchen nur einen Brief mit der —— 52⁵ Aufſchrift: Herrn Polydore Levin, Coiffeur de Lyon, poste restante, in den nächſten Briefkaſten zu werfen und die Antwort wird nicht ausbleiben.“ Der Herr ſtand auf und gleichzeitig erhoben ſich die beiden Grafen. „Ich hoffe jedoch,“ ſetzte er hinzu, indem er klingelte, daß Jeder von Ihnen Gelegenheit finden wird, dem Vaterlande weſentliche Dienſte zu leiſten.“ „Jean,“ wandte er ſich an den eintretenden Diener, der weder Livree noch Abzeichen trug,„Jean, führen Sie dieſe Herren auf dem kürzeſten Wege zurück.“ Die jungen Männer verbeugten ſich und wollten das Zimmer Heilaſſen, als der Unbekannte ſie noch einmal rief: „Ein Wort noch, ehe wir uns trennen, meine Herren, es möchte von Wichtigkeit ſein.“ Die Grafen wandten ſich zurück. „Die Dame, bei welcher Sie ſich heut Abend befanden,“ ſagte er, Ro⸗ ger ſcharf und lange durch ſeine Brillengläſer anſehend,„iſt eine Ver⸗ rätherin.“ „Wir ſind bereits vor ihr gewarnt!“ verſetzte Roger mit feſter Stimme. „Und werden auf Ihrer Hut ſein?“ „Ich werde.“ „Sie verſichern, daß Ihr Herz unbetheiligt iſt— die Dame iſt eine Syrene!“ „Mein Herz iſt frei.“ „Sehr wohl.— Ich brauche Ihnen in keiner Beziehung Verſchwiegen⸗ heit anzuempfehlen, meine Herren, wir verlaſſen uns vollkommen auf Ihren Takt. Und ſomit wünſche ich Ihnen eine gute Nacht!“ Die Grafen verbeugten ſich und folgten dem Diener, der jedem von ihnen einen verſiegelten Brief übergab. Eine einzige Pforte erſchloß er vor ihnen, und ſie befanden ſich in freier Luft. An der nächſten Straßenecke laſen ſie, in welchen entfernten Theil von Paris ſie gerathen waren; an der nächſten Laterne die Aufſchriften ihrer Briefe. Der eine war an den Fürſten Cz..iski ſelbſt, der andere an eine der Hofdamen und Vertrauten der Kaiſerin Eugenia. Arm in Arm den weiten Weg zu ihrer Wohnung zurücklegend, beſpra⸗ chen die Brüder eifrig das ſoeben Erlebte. Roger war mit ſeiner Sendung ſehr zufrieden, die ihm eine nützliche Beſchäftigung und das Gefühl, dem Vaterland zu dienen, ſchaffen ſollte. Er ſehnte ſich ſchon lange nach Anwendung der Fähigkeiten und Kenntniſſe, mit welchen er in ſo reichem Maße verſehen war. Der Charakter des Für⸗ 526 ſten flößte ihm Zutrauen ein, und neue Lebenshoffnungen erwuchien in ſei⸗ ner Bruſt. Ganz anders empfand Anatole. Sein träumeriſches Dichtergemüth gefiel ſich am beſten im ſüßen Nichts⸗ thun. Wenn ſeine Gedanken ſich im weiten Reich der Phantaſie ergingen, wenn Verſe aus ſeinem Herzen ſtrömten, wie friſche Quellen aus dem Ge⸗ birge, dann war iißm wohl und er beneidete keinen der Herrſcher dieſer Welt. Nun aber ſollte er ſeine ſüße Einſamkeit vertauſchen mit den glänzen⸗ den Zerſtreuungen des Hoflebens, ſollte ſeine Muße dazu zwingen, eine fremde Sprache zu lernen und ſich in den Dienſt einer ſchönen Frau zu ſtellen.— Er ſchwur es ſich und ſchwur es ſeinem Bruder, daß er das Schöne nur durch ſich ſelbſt wolle wirken laſſen, daß keine Macht der Erde ihn dazu verlocken ſolle, das Intereſſe, welches er für ſein unglückliches Vater⸗ land zu erwecken ſtrebte, auf ſeine Perſon zu lenken, daß keine Verführung, weder der reizvollſten Weiblichkeit, noch des Goldes oder der äußeren Ehre ſeinen Charakter beugen ſolle. Er ſchwur es mit einem heiligen Eide und hielt ſeinen Schwur. 3 Oben fragten ſie, ob Adrian ſchon ſchliefe. „Wahrſcheinlich!“ antwortete der Diener.„Der Herr Graf haben nicht nach uns geklingelt.“— Und als ſie nach wenig Stunden der Raſt am Morgen bei dem Früh⸗ ſtück ſaßen, das ſie ſonſt immer gemeinſchaftlich nahmen und vergeblich auf Adrian warteten, da fragten ſie ſeinen Jaques abermals nach ihm. „Der Herr Graf haben noch nicht geklingelt!“ lautete abermals die Antwort. S ie mochten den Schlaf des armen Knaben nicht ſtören, der in der letzten Zeit ſo bleich und ſo verändert war. „Adrian iſt verliebt,“ ſagte Anatole,„er iſt es zum erſten Male, man muß ihn ſchonen und nicht mit plumpen Fragen in ſeine Geheimniſſe⸗ greifen.“ „Aber in wen iſt er verliebt?“ fragte Roger.„Bei Conſtantia läßt⸗ er ſich wenig ſehen—“ „Ich habe eine Ahnung, doch, Gott gebe, daß ſie irrig ſei!“ „Und was ahneſt Du?“ „Laß mich ihn beobachten, ſo weit es mir von nun an möglich ſein wird. Adrian fängt an, verſchloſſen gegen uns zu werden, laß uns um deſte⸗ freundlicher, deſto offener gegen ihn ſein.“ „Durchaus nicht, Anatole!“ „Was meinſt Du?“ 527 „Was wir heute Nacht erlebt, es muß ein tiefes Geheimniß bleiben auch vor Adrian. Ihm iſt der Befehl des Phantoms nicht erklungen, ihm iſt kein Auftrag geworden, er muß der Sache für jetzt fremd bleiben.“ „Das eben ſchmerzt mich. Adrian iſt müßig, und ſobald wir ihm nicht mehr unſere volle Zeit widmen können, wird er keinen nützlichen Ge⸗ brauch für ſeine wiſſen.“ „Man müßte ihm eine Arbeit ſuchen.“ „Ja, aber welche? Seine Staffelei ſteht unberührt, ſein Piano öffnet er nicht mehr. Zum Studiren hat er niemals Luſt empfunden.—“ „Wie, wenn wir ihn Soldat werden ließen.“ „Eine vortreffliche Idee! Die politiſche Schule, die einen Napoleon Bonaparte bildete, wäre der Ort für Adrian.“ „Aber wird er es wollen?“ „Er wird unſerem Rathe folgen.“ „So müſſen wir heut noch mit ihm reden.“ Und ſie beſtiegen ihren Wagen und fuhren, der Eine zum Fürſten Cz. iski, der Andere zur Marquiſe L... Beide fanden gleich günſtige Aufnahme. Der Fürſt beſprach die Angelegenheiten des gemeinſamen Vaterlandes ausführlich mit dem Grafen Roger und ließ ihn Briefe und Papiere durch⸗ ſehen, die dem jungen Manne neue Geſichtspunkte eröffneten. Bald ver⸗ ſtanden ſie ſich vollkommen und der gewiegte Hof⸗ und Staatsmann war hocherfreut, in Roger eine Stütze, eine Hülfe in ſeinen mannigfachen Ge⸗ ſchäften zu finden, auf welche er ſich ganz verlaſſen konnte. Die Sache der Polen, welche die Sympathieen aller Völker, aller Men⸗ ſchen erwecken ſollte, iſt dennoch eine verlorene Sache. Ruſſiſche Diplomatie, ruſſiſches Geld, ruſſiſcher Einfluß verdrängen überall die Hand, die ſich Hülfe bringend den Unterdrückten entgegenſtrecken möchte. Erkaufter Verrath lauert an allen Orten unß oft fühlten ſich die in Paris lebenden Mitglieder der National⸗Regierung gleich dem von Jägern und Hunden verfolgten Wilde, das nach den geheimſten Schlupfwinkeln ſucht, um ſich vor den ringsumſpähenden Blicken zu verbergen. In ſolchen Zeiten iſt es viel werth, einen Charakter kennen zu lernen, auf deſſen Ehrenhaftigkeit man ſich in allen Fällen des Lebens verlaſſen kann. Und einen ſolchen fand der Fürſt in Roger Woyslawice. Sie arbeiteten lange zuſammen und als die Mittagszeit herangekommen war, forderte der Fürſt den Grafen auf, bei ihm zu bleiben, damit er ihn ſeiner Gemahlin vorſtelle. Einer ſolchen Ehre vermochte Roger ſich nicht zu entziehen. Das alſo war der Grund, weswegen Adrian allein blieb und umſonſt vor den ernſten Blicken ſeines Bruders zitterte. 528 Anatole hatte indeſſen ſeine Aufwartung der Marquiſe gemacht und ihr durch den Diener den Brief hineingeſandt, den er in dieſer Nacht für ſie erhalten. Nicht lange brauchte er auf Antwort zu warten, denn durch die ſammetne Portidre rauſchte die Marquiſe herein, eine nicht mehr junge, doch mit allen Künſten der Pariſer Toilette gekleidete Dame, der ſich die zarteſten Roſen und Lilien auf die bereits gefurchten Wangen malten. Man trotzt am Hofe der Kaiſerin dem Alter und ſeinen Verheerungen. Goldener Puder birgt das ergrauende Haar, zarte Schminke die vergehende Jugendfriſche; der minder elaſtiſche Gang verſteckt ſich in den wogenden Falten der Crinoline und Hals und Arme erſcheinen in blendender Weiße, die ſich an jedem Tage künſtlich erneut. Dazu das Blenden der farbigen Seide, des Goldes, der glitzernden Juwelen; die reichen Garnituren koſtbarer Spitzen, die Blumen, Federn, Bänder, das Strahlen von tauſend Lichtern, die Lebendigkeit der Geſichts⸗ züge, die allen Franzöſinnen eigen iſt— was Wunder, wenn ihnen die Jahre nichts zu nehmen ſcheinen, was eine vollendete Toilettenkunſt nicht vollſtändig zu erſetzen vermöchte— nur ſehe man die Schönen des Abends, nicht am frühen Morgen, nur ſtreife man nicht zu nahe an dieſen Schmetter⸗ lingen vorbei, die ſo leicht ihren Farbenſchmelz verlieren. Die Marquiſe hatte bereits ihren Anzug vollendet, um zum Lever der Kaiſerin zu fahren. Sie empfing den Grafen mit jener Anmuth, die der Hof⸗ und Weltton verleihen. „Sie werden es nicht wiſſen,“ ſagte ſie,„daß wir Landsleute ſind. Ich ſtamme aus einer der edelſten Familien Galiziens, und eine Polin kann niemals ihr Vaterland vergeſſen.“ „So darf ich von der Patriotin hoffen, was ich zu erbitten kam— die Vorſtellung bei Hofe.“ „Ich führe Sie noch heute dahin; die Kaiſerin iſt von Ihrem Namen unterrichtet und hat mit ihrer gewöhnlichen Liebenswürdigkeit geruht, Sie für dieſe Cour auf die Liſte ſetzen zu laſſen. Es iſt zwölf Uhr, um halb Eins werden Sie die Ehre haben, die Hand zu küſſen, die durch ſanftes Streicheln manche drohende Falte von der Stirn des allgebietenden Gatten zu entfernen weiß, und ich werde dafür Sorge tragen, daß Sie auch zu den kleinen Cirkeln der kaiſerlichen Majeſtäten die Einladung erhalten.“ Anatole bedankte ſich und bald rollte er in dem glänzenden Wagen der Marquiſe mit dieſer dem Louvre zu. „Der Glanz des kaiſerlichen Schloſſes, die Pracht der Uniformen und Orden, die glänzende Schönheit der Damen, an deren Spitze die erlauchte Gemahlin Louis Napoleon's erſchien, die Huld, mit der ſie zu ihm redete und ihn durch zweimalige Anſprache auszeichnete— Alles dies hatte nichts 530 Blendendes für Anatole; ihn ermüdete der Schimmer, ihn bedrückte der Luxus, er ſehnte ſich fort zu dem ſtillen Kreiſe, den Conſtantia um ſich zu ſammeln pflegte.. Dennoch konnte er der Marquiſe nicht entgehen, die ihn einlud, bei ihr zu ſpeiſen. Eine Menge vornehmer Franzoſen und Franzöſinnen ver⸗ ſammelte ſich an ihrer Tafel, die Unterhaltung war voller Witz und An⸗ muth, die Gäſte heiter und lebendig und dennoch vermochte es Anatole nicht, mit einzuſtimmen in den leichten, faſt frivolen Ton, der ihn umklang; es war ihm, als klinge von Polen herüber der Schmerzenslaut der gefallenen Freiheitskämpfer bis an ſein Ohr, und an ihm lag es nicht, wenn ſein trüber, melancholiſcher Blick ihn den Damen nur um ſo intereſſanter machte. Es war ſchon ſpät, als er, nach Hauſe zurückkehrend, ſeinem älleſten Bruder auf der Treppe begegnete. „Verzeih,“ rief er ihm zu,„ich konnte Dir und Adrian nicht mit⸗ theilen, daß ich ſo lange ausblieb.“ „Es war auch nicht nöthig, verſetzte Roger,„ich dachte es mir und benachrichtigte Adrian, der freilich heut. einen recht einſamen Tag verlebt hat, wenn er nicht geſcheidt genug war, zu Conſtantia und Anita zu gehen.“ „Der junge Herr Graf ſchlafen noch!“ ſagte der Diener, der den Herren die Mäntel abnahm. „Noch?“ fragte Roger verwundert.„Es iſt zum dritten Male, daß ich das von ihm höre. Laß uns ſehen, Anatole, wie es mit ihm ſteht!“ Adrian lag auf dem Sopha in unruhigem Schlummer, ſein erhitztes Haupt warf ſich von einer Seite zur anderen, ſeine brennenden Hände zuckten und feucht lagen die Locken auf ſeiner Stirn. „Armer Junge,“ ſagte Anatole,„er war krank, indeſſen ich in Glanz und Luxus ſchwelgte. Um wie viel lieber wäre ich nicht an ſeiner Seite geblieben!“ Sie ſandten nach dem Arzte, der ein beginnendes Nervenfieber befürch⸗ tete und Umſchläge von Eis auf die heiße Stirn des Leidenden verordnete. So ſaßen denn die Brüder an ſeinem Bette, kühlten ſein glühendes Haupt und wachten, leiſe von den Erlebniſſen des Tages ſprechend, bis zum Morgengrauen, bis leichterer Schlummer den Kranken in ſeine milden Arme nahm, ſein Athem ruhiger geworden war und ein gleichmäßigerer Pulsſchlag Geneſung hoffen ließ. — 16. Der Verrath. Mit ungeahnten Schmerzen ſah Eleonore, daß Graf Roger's Eroberung nur eine ſüße Täuſchung war. Ihr Stolz empörte ſich, ihr Ehrgeiz flammte auf, ihre Eieelkeit litt fürchterlich. Was war dagegen die Schmach, die ihr durch Conrad Waſa wider⸗ fahren war? Sie hatte Conrad nie geliebt, ſie folgte dem Willen ihrer Stiefmutter, als ſie ſich mit ihm verlobte, ſie wäre ſeine Gemahlin geworden, um einen Fürſtentitel zu tragen und ein unermeßliches Vermögen verſchwenden zu können. Aber ihr Herz litt nicht, als er ſie aufgab, ihr Herz, das damals noch die Macht der Liebe verhöhnte! Jetzt war es anders. Sie liebte Roger Woyslawice, weil er ihr im⸗ ponirte, ſie liebte ihn doppelt, weil er ihr widerſtand. An Eroberungen gewöhnt, konnte ihr an einem Anbeter mehr oder weniger nicht gelegen ſein. Doch an dem Manne lag ihr, der höher und ſtolzer als alle anderen emporragte, deſſen überlegener Geiſt ihr Achtung einflößte, deſſen Schönheit ſie entzückte, deſſen Kraft ſie beherrſchte. Dieſen Einen, und ſie hätte für ihn alle Uebrigen aufgegeben! Jetzt aber, verſchmäht und verachtet, was ſollte ſie beginnen? Freilich war noch nicht alle Hoffnung verloren, weil Roger ſeit vier⸗ zehn Tagen nicht ihr Hötel betreten hatte. Sie wußte, daß Adrian einige Zeit hindurch leidend war und von den Brüdern auf das Zärtlichſte ge⸗ pflegt wurde. Sie wußte auch, denn die Spione der älteren Gräfin Batory brachten ihr ſichere Nachrichten, daß Roger beim Fürſten Cz— sky beſchäftigt ſei. Hierin lag Beruhigung. Allein die Liebe hätte ihn zu ihr getrieben, was immer ſeine Abhal⸗ tungen geweſen ſein mochten, und folglich liebte er ſie nicht. Und folglich mußte er ſie lieben lernen. Sie machte tauſend Pläne, dies ſtolze Herz zu erobern und verwarf ſie eben ſo ſchnell. Die Leidenſchaft, die in ihrem eigenen tobte, verwirrte ihr die Sinne und Gedanken. Wenn ſie am Morgen ihr Pferd nüde geritten, am Mittag unzählige Vifiten gemacht und empfangen hatte und den Abend in der Zerſtreuung des Theaters und der Concerte oder im Tanze verbrachte, ſo warf ſie ſich in der Nacht halb betäubt auf ihr Lager, ſuchte den Schlaf und konnte ihn nicht finden und träumte mit weit offenen Augen von einem Glücke, das ſie ſo ſchmerzlich entbehren mußte. 34* 532 Die Mutter ſah mit tiefer Beſorgniß dieſen Zuſtand ihres Kindes, ihrer Bundesgenoſſin. Sie redete zu ihr, allein Eleonore wollte ſie nicht hören. Sie ſchlug ihr vor zu reiſen, nach London zu gehen, wo ſich gleichfalls für ihre Spionage ein weites Feld eröffnete. Eleonore mochte Paris nicht verlaſſen, weil Roger da verweilte. Sie brachte ihr Heirathsanträge hochgeſtellter Perſonen, die von ihrem Geiſte, ihrer Schönheit bezaubert waren, aber das Mädchen lachte ihr in das Geſicht. „Mich wollen ſie heirathen,“ rief ſie,„mich, die Verſchmähte, mich, die Verkaufte, die Verrätherin? Und wiſſen ſie es denn nicht, daß ich ſchlecht bin, ſchlecht durch und durch! Oh, Roger weiß es und darum verachtet er mich. Aber von Allen hat er allein Unrecht, es zu thun, denn um ſeinet⸗ willen wäre ich gut geworden und edel, um ſeinetwillen hätte ich Polen lieben gelernt und mich mit Julia verſöhnt, um ſeinetwillen hätte ich mich der heiligen Jungfrau auf's Neue genaht und wieder gebetet. Er aber will es nicht, und ſo muß ich denn bleiben, wie Du mich gemacht haſt, Mutter, denn Dein iſt das Werk und darum leideſt Du am meiſten unter meiner Verzweiflung.“. „Ich warnte Dich.“ „Was half es— Niemand entgeht ſeinem Schickſale. Aber fürchte nichts, ich gehe nicht unter an dieſer thörichten Leidenſchaft, ich werde nur noch kälter, nur noch ſchlechter, als ich es ahnedies ſchon bin.“ „Es fehlt Dir an einer Aufregung, die Deine ganze Seele in An⸗ ſpruch nimmt.“ „Ganz recht, es müßte etwas Schreckliches geſchehen, wie damals in Warſchau—“ „Kind, willſt Du Deiner Mutter einen Gefallen erzeigen und zugleich Dir eine Zerſtreuung verſchaffen?“ „Mouravieff iſt ja nicht hier, um Hunderte hinrichten zu laſſen.“ „Eben von Mouravieff wollte ich zu Dir reden.“ „Rede denn, ich höre!“ „,„Er macht mir Vorwürfe darüber, daß wir von den Plänen des General M—awski ſo ſchlecht unterrichtet ſind— Du verſäumteſt es, den General an Dich zu feſſeln.“ 3gildus Was kümmert mich der General?“ hnuns Man wünſcht zu wiſſen, wie man mit ihm daran iſt, welche Pläne er verbirgt, welche Streitkräfte ihm zu Gebote ſtehen.“ g 3z⸗Wir kann ich das errathen?“ 296„Eleonore, welch eine Frage! Weiß Mouravieff es etwa nicht, daß Sigismund Krotowski, des Generals Secretair, Dir ganz ergeben iſt?“ 8 — 52 533 „Wenn er es weiß, ſo weiß er es durch Dich.“ „Gewiß, ich ſchrieb es ihm, weil ich hoffte, Du werdeſt Sigismund Geheimniſſe entlocken, die nur die Leidenſchaft ihm zu entreißen vermag.“ „Der Auftrag iſt niedrig genug, um mir übertragen zu werden.“ „Der Auftrag ſtützt ſich auf Deine Klugheit, Deine Reize.“ „Ich ſoll den armen Sigismund zum Verräther des Generals machen und dann den Verrath ſelber verrathen—“ „Du ſollſt eine unkluge Leidenſchaft, die ſich bis zu Dir erhebt, dazu benutzen, Deinem Freunde Mouravieff und mir einen weſentlichen Dienſt zu thun, wofür der Lohn nicht ausbleiben wird.“ „Ich will es mir überlegen, Mutter.“ „Was iſt daran zu überlegen? Sigismund iſt verliebt— „Doch ehrenwerth.“ „Ein Blick von Dir macht ihn lachen und weinen.“ „Doch nicht zum Verräther!“ „So füge dem Blick ein Lächeln hinzu—“ „Einen Händedruck, einen Kuß— o ich weiß, daß Alles an mir feil iſt—“ „Du biſt bitter und ungerecht; ich glaubte Dir einen Vorſchlag zu machen, der Dich ſeiner Luſtigkeit wegen reizte. Ein jedes Mädchen findet Vergnügen daran, einen glühenden Verkhrer ſchmachten zu laſſen, mehr noch liegt darin, ihn zu beglücken.“ „Wenn man ihn liebt.“ „Wozu gab Natur Dir dieſe Gaben, als um ſie vortheilhaft anzuwenden? Und wenn Du zugleich Sigismund zum glücklichſten der Sterblichen machſt und uns Mouravieff's Dank erwirbſt, ſo denke ich, der Zweck iſt kein ſo abſcheulicher, wie Deine durch Roger's Edelmuthsphraſen erregte Phantaſie ihn Dir vorſpiegeln möchte.“ „Laß Roger aus dem Spiele, wenn Du von ſolchen Dingen ſprichſt!“ „Meinſt Du, er küſſe Conſtantia Branow's Hand weniger feurig, als Sigismund Deine küſſen wird?“ „Mutter, Mutter, Du biſt die Schlange, die das Paradies meiner Unſchuld zerſtörte!“ „Um Dir dafür die Klugheit zu geben, die uns Frauen noth thut. Und es iſt klug, ſich einen Reichthum zu ſichern, ohne den unſere Stellung eine ſehr jammervolle ſein würde.“ „So giebſt Du es zu, daß allein das Geld uns zu dem erhebt, was wir ſind?“. „Manche erwerben es durch ihrer Hände Arbeit und bleiben ewig arm, andere durch ihren Geiſt, und der bringt mehr ein, das lehrt unſer Beiſpiel.“ 534 „Wahrhaftig, Du biſt klug, Mutter, und meine Schönheit iſt eine ge⸗ fährliche Waffe in Deinen Händen.“ „Du haſt Dich nicht zu beklagen, ich forderte niemals von Dir, was nicht zugleich zu Deinem Vergnügen diente.“ „Und zu meinem Vergnügen ſoll ich Sigismund opfern?“ „Er iſt geopfert, weil er unglücklich liebt.“ „Wohl, und wovor bebe ich zurück? Kommt es auf eine Verrätherei mehr oder weniger noch an, wenn Roger mich doch verſchmäht? Hier meine Hand, Mutter, wenn Sigismund kommt, ſollſt Du alles wiſſen, was Du wünſcheſt. „Du biſt mein gutes Kind, und irre ich nicht, ſo höre ich ſeinen Tritt. Ich laſſe Dich allein, Eleonore und vertraue ganz auf Dich! Doch wenn Du klingelſt, komme ich gleich zu Deiner Hülfe.“ Wirklich trat Sigismund herein, nicht ahnend, was ihm drohte. Sie ſaß in einem Lehnſtuhl, die kleinen Füße auf ein Kiſſen gelegt, das bleiche Haupt, an dem die Locken matt hernieder hingen, auf dem dun⸗ kelrothen Sammetpolſter ruhend; die weißen Arme, von denen die Kanten⸗ ärmel zurückgeſtreift waren, lagen matt in ihrem Schooße und das ſchwarze Gewand floß faltenreich an ihr hernieder. Krotowski glaubte, ſie niemals ſo ſchön geſehen zu haben. „Ich bringe Ihnen die gewünſchten Noten!“ ſagte er. „O, Sie ſind liebenswürdig, wie immer“, antwortete ſie mit weicher Stimme und reichte ihm ihre kleine, warme Hand,„aber ich kann heut nicht ſingen, ich bin ſo leidend.“.. „Um Gott, Comteß, was fehlt Ihnen? Sie ſehen bleich aus!“ „Was mir fehlt? O Sigismund, haben Sie es noch immer nicht errathen?“ 3 „Wie dürfte ich es wagen, zu erforſchen, was Sie mir verbergen?“ „Mir fehlt ein Herz, Sigismund, in das ich meines ergießen kann, eine Bruſt, mein müdes Haupt daran zu lehnen— o, ich bin ſehr un⸗ glücklich!“— „Eleonore, Sie leiden— und ich kann nichts für Sie thun!“ „Nichts oder Alles. Geben Sie mir Ihre Hand, mein Freund, ich bedarf einer Stütze. Sehen Sie, meine Mutter iſt gut, ſie liebt mich; aber was ein warmes Herz empfindet, was mir Thränen erpreßt, das fühlt ſie nicht.“. „Ich aber fühle es, Eleonore, ich leide mit Ihnen, wenn Sie traurig ſind und meine Seele jauchzt bei Ihrem Lachen; ich habe keinen Gedanken, der ſich nicht, wie die Magnetnadel nach dem Pol, beſtändig nach Ihnen wendete. Denn ich, Eleonore, ich liebe Sie! Niemand hätte mir dies Geſtändniß entriſſen, in mein Grab wollte ich es mit mir nehmen— nun 8 — 35 —— 535 aber, nun, da ich Sie leiden ſehe, da ich Ihre Klagen höre, nun muß ich es Ihnen ſagen, daß all mein Herzblut nur für Dich klopft, Du wunder⸗ bares, himmliſches Weib!“ Er kniete auf dem Kiſſen vor ihr und drückte ſein Geſicht in die Falten ihres Kleides; ſie neigte ſich zu ihm nieder und legte ihre Hände um ſein Haupt. „Sigismund,“ ſagte ſie,„man verleumdet mich ſchrecklich. Sie nennen mich eine Verrätherin an der Sache des Vaterlandes— glaubſt Du, daß ich es bin?“ Er hob das Haupt empor und blickte zu ihr auf wie zu einer Heiligen. „Und wenn Alles Dich haßte und verabſcheute, ich weiß, daß Du gut biſt.“— „Glaubſt Du, daß ich Dich liebe?“ „Wie kann ich glauben, was mich wahnſinnig machen würde vor Glück und Seligkeit?“ „Willſt Du Beweiſe?“ „Eleonore, ſchone meiner, mein Kopf wirbelt bei dem bloßen Gedanken.“ Sie ſah ihn lange an, mit einem Blicke, den er ſich nicht zu deuten wußte, dann neigte ihr ſchönes Haupt ſich zu ihm nieder und ihre Lippen drückten ſich auf die ſeinigen, warm, ſüß, berauſchend.— So mag dem Geſtorbenen ſein, der, aus Grabesnacht erſtanden, im Paradies erwacht, wie Sigismund ſich fühlte, als er beide Arme um das geliebte Weib geſchlungen, ihren Kuß aufſog. Sie wehrte es ihm nicht, daß er, emporſpringend, als wachſe ihm eine neue Kraft, ſich neben ſie ſetzte, ihren ſchlanken Leib feſt an ſich zog, ihre Locken küßte, ihre bleiche Wange ſtreichelte, ihr tauſend, tauſend ſüße Na⸗ men gab. Mit geſchloſſenen Augen ruhte ihr ſchönes Haupt an ſeiner Schulter; ſie ſprach nicht, ſie öffnete nicht die Lippen, die er mit den ſeinigen verſchloß, fie duldete die unzähligen Küſſe, die er auf ihre Lider, ihre Stirne, ihre Wangen drückte und ihre Hände lagen gefaltet in ihrem Schooße. „Jetzt weiß ich, daß Du mich liebſt, Eleonore, daß Du mein ſein willſt, mein ganz und gar. Warum Du mich vor ſo vielen erwählt, warum ich gerade ſo überſelig bin, ich darf es nicht fragen. Hat Gott mein Gebet erhört, hat meine heiße, ſtille Liebe Dich gerührt?— Sieh, ich war ſehr unglücklich, ſehr elend, mein Leben rann hoffnungslos dahin— aber jetzt, jetzt iſt es, als ob Seligkeit durch alle meine Adern ſtrömte, und das ver⸗ danke ich Dir, Eleonore, denn Du biſt ein Engel, eine Heilige, und darum will ich Dich nicht nur lieben, ſondern auch verehren, anbeten, o Du mein Lebenslicht!“ Sie öffnete langſam die ſchönen Augen. „ 536 „Sigismund, was wird meine Mutter dazu ſagen?“ „Weiß ich es? das nur weiß ich, daß Liebe jeden Widerſtand beſiegt, und unſere Liebe iſt echt, Eleonore, denn, nicht wahr, Du kannſt nicht lügen?“ Sie lächelte. „Alſo doch ein Zweifel?“ „O nein, verzeih, es iſt nur, weil ich gar zu ſelig bin, daß ich ſo un⸗ klug frage.“. „Aber Deine Stellung—“ „Wird ſich verbeſſern. Zieht doch ein Glück das andere nach ſich.“ „Der General—“ „Was kümmert uns der General, laß uns von unſrer Liebe reden.“ „Nein, ſage mir, Sigismund, geht der General nach Polen?“ „Kind, laß den General.“ „Ich bitte Dich, ſage mir das; ſoll ich nicht wiſſen, ob Du bald des Dienſtes frei ſein wirſt, der Deiner unwürdig iſt?“. „Auch ohne dies kann ich mich frei machen.“ „Du willſt es mir nicht ſagen, Du haſt kein Vertrauen zu mir?“ „Alles will ich Dir ſagen, Alles, was ich ſagen darf.“ „Oh, ich weiß, auch Du hältſt mich für eine Verrätherin und darum verſchweigſt Du mir, was ich um Deinetwillen zu wiſſen wünſche.“ „Eleonore!“ „O es iſt hart, es iſt entſetzlich, es iſt der Fluch, der all mein Glück zerſtört!“ „Eleonore, ich beſchwöre Dich!“ „Nein, laß mich, laß mich aus Deinen Armen! Bei Dir hoffte ich wahre, hingebende Liebe zu finden, und auch in Deiner Bruſt treffe ich jenen furchtbaren Verdacht!“ „Bei Gott, ich glaube an Dich, wie an mich ſelbſt!“ „Wäre das der Fall, Du würdeſt mir nichts verſchweigen.“ „Meine Pflicht—“ „Geht nicht die Liebe Allem vor? Oh, ich träumte von einer Zärtlich⸗ keit, die zwei Menſchen wie Einen erſcheinen ließe, daß kein Unterſchied, kein Geheimniß herrſchen kann! Ich habe mich getäuſcht, geh, Sigismund, wir ſehen uns niemals wieder!“ „Eleonore, Geliebte, angebetete Eleonore! Nein, wende Dich nicht von mir—!“ „Geh, Sigismund!“ „Ich kann Dich nicht verlieren, da ich Dich einmal beſeſſen, es würde mich tödten! es war zu ſüß, zu ſüß, Dich in meinem Arm zu halten.“ „Du haſt kein Vertrauen zu mir, und wo das fehlt, fehlt die Liebe, fehlt das Glück!“ — — „Eleonore, höre mich, ich will Dir Alles ſagen, Alles, was ich weiß; nur glaube, daß ich ganz Dein bin, daß Nichts mehr mich von Dir zu tren⸗ nen vermag!“ „Nichts mehr?“ „Nichts, meine Geliebte, meine Seele ſteht Dir offen, weil ſie ſterben müßte ohne Dich.“ „So gieb mir den Beweis, ſo rede!“ „Frage mich, ich will Dir Alles ſagen, denn mein Herz, mein Gewiſſen, meine Ehre ſind Dein.“ „Geht der General M—awski nach Polen?“ „Er denkt ſehr bald dorthin zu gehen.“ „Findet er Streitkräfte dort?“ „Fünftauſend Mann ſammelten ſich für ihn in Auguſtewo, faſt neun⸗ tauſend in Konin.“ „Iſt das wahr, Sigismund, täuſcheſt Du mich nicht?“ „Wie könnte ich Dich täuſchen?“ „Du giebſt mir falſche Dinge an und meinſt, meinem heißen Sehnen nach Vertrauen durch eine Lüge zu genügen.“ „Eleonore, dieſer Verdacht iſt Deiner unwürdig und trifft mich nicht. Doch, daß Du es wiſſeſt, wie ich ganz Dein eigen bin, wie mich die tiefſte Dankbarkeit durchglüht, für dieſes hohe Glück, das ich in Deinen Armen, Deiner Liebe finde, ſo ſieh, Ekeonore, dieſen Brief,— er birgt ein tiefes, ernſtes Geheimniß.“ Sie nahm den Brief mit einer Hand, indeſſen die andere auf eine Glocke drückte, die auf dem Tiſchchen neben ihr ſtand. „Eleonore, was thuſt Du?“ „Was ich zu thun verſprochen habe.“ Die Gräfin Batory trat auf das gegebene Zeichen in das Zimmer; ihre, Miene war ſtreng, ihre Haltung aufrecht und ſtolz. „Mutter“, ſagte Eleonore, ſich erhebend und der Gräfin den Brief hinreichend, den dieſe ſchnell in ihrem Buſen verbarg,„iſt es Dir recht, wenn ich Sigismund Krotowski meine Hand reiche?“ „Durchaus nicht,“ verſetzte Jene mit Entſchiedenheit,„ich werde nie⸗ mals meine Einwilligung zu einer Mesalliance geben.“ „Dann bedaure ich, nicht die Ihre ſein zu können.“ Es lag etwas ſo Verändertes, ſo Kaltes in ihrem Tone, als ſie dieſe Worte ſprach, es ſtreifte ihn ein Blick, in dem ſo viel Verachtung lag, daß Sigismund ſie wie betäubt anſtarrte und nichts von der Scene verſtand, die man ſo grauſam mit ihm ſpielte. „Ich denke, meine Tochter wird die Ehre ihres Namens zu wahren — 38 wiſſen,“ ſagte die Gräfin mit ſchneidendem Tone,„mir aber ziemt es nicht, noch ein Wort in dieſer Angelegenheit zu reden.“ Und voller Stolz verließ ſie das Gemach. „Der Brief, der Brief!“ rief Sigismund, wie aus einer Betäubung erwachend,„ich muß den Brief wieder haben.“ Mit einem Blicke voller Hohn wandte ſich die Dame nach ihm zurück; er wollte die Hand erfaſſen, die ſie gebieteriſch nach ihm ausſtreckte, ſie aber ſtieß ihn kraftvoll zurück, daß er, wie ſeiner Sinne beraubt, auf einen Seſſel taumelte. Die Thür fiel hinter ihr in das Schloß und dieſes wurde von innen doppelt verriegelt.. Sigismund ſchlug beide Hände vor ſeine Augen. „Sie ſehen,“ ſprach Eleonore mit klarer, ruhiger Stimme,„Sie ſehen, daß ich, dem Willen meiner Mutter gemäß, Ihnen Lebewohl zu ſagen habe. Es wird am beſten ſein, wenn Sie dies Haus nie wieder betreten und— nicht wahr— ich brauche den Dienern deswegen nicht erſt beſondere Be⸗ fehle zu geben?“ Er ſprang empor: „Eleonore—!“ „Kein Wort mehr! es wäre wahrhaftig überflüſſig.“ Sie klingelte zum zweiten Male und ein Diener erſchien. „Oeffnen Sie dem Herrn die Thür! Adieu, Herr Krotowski.“ Mit einer Verbeugung verſchwand ſie in einem anſtoßenden Gemache, das ebenſo wie das ihrer Mutter von innen feſtverſchloſſen wurde. „Iſt es Ihnen gefällig?“ fragte der Diener, die Portiere zurückſchla⸗ gend und Sigismund ſeinen Hut hinhaltend. Einen Augenblick darauf befand er ſich im Freien. Aber wie der von ſüßem Wein Berauſchte erſt dann die Verwirrung ſeiner Sinne fühlt, wenn friſche, kühle Luft den Gegenſatz mit ſeiner innern Gluth bemerkbar macht, ſo taumelte der unglückliche verrathene Jüngling durch die Straßen von Paris, anfangs gedankenlos und nur unter dem Drucke eines verzehrenden Schmerzes, dann nach und nach zu immer größe⸗ rer Klarheit, zu immer tieferem Einblick in ſeine verzweifelte Lage erwachend. Betrogen, betrogen, mit Syrenenkünſten bis an den Abgrund verlockt, in welchem ſeine Ehre unrettbar untergehen mußte, in einen Himmel voller Wonne erhoben, um dann urplötzlich niederzuſtürzen, gleich dem Ikarus, der ſich zu hoch zur Sonne wagte.— Wenn ſie ihn zum Verrathe zwingen wollte, gab es kein anderes Mittel dazu, als dieſes? Aber nein, ein Dolch auf ſeiner Bruſt hätte ihm keine Silbe entlockt, dem ſchwerſten Tode wäre er mit Lächeln entgegengetreten — nur ihr vermochte er nicht zu widerſtehen, nur ihr nicht! — — 539 Wie war ſie ſchön, wie war ſie lieb und weich, wie wonnig ſchmiegten ihre Lippen ſich an ſeine, wie klopfte nicht ihr falſches Herz unter ſeiner bebenden Hand, wie ſchien ihr Buſen von Liebe zu ſchnellen, wie neigte ſich ihr duftendes Haupt ihm zu!— Und Alles, Alles nur ein Schein, ein Trug, eine grauſame Täuſchung, ſeine Sinne zu verwirren, ſeinen Verſtand gefangen zu nehmen, ſein Ge⸗ wiſſen einzuſchläfern! Der Brief in ihrer Hand— dieſer Brief, in dem ein tiefes Geheimniß verborgen war, an dem vielleicht des Vaterlandes Schickſal hing.— Nie⸗ mand hatte ihn ſehen ſollen, als Joſeph T— ski, Niemand davon erfahren, als der Fürſt Cz— iski.— Nun ſolle er in fremde, in feindliche Hände ge⸗ langen, das Loos von vierzehntauſend Polen hing an dieſen Zeilen und er, er hatte ſie geopfert, geopfert um eines Weibes willen! Wie recht hatte Henriette gehabt, als ſie ihm ſagte, daß jene ſchöne Dame ihn niemals ſo lieben würde, wie ſie ſelbſt ihn liebte. O, um Hen⸗ riettens willen hatte er dies Schickſal verdient. Das arme Mädchen, das mit ſo viel Treue an ihm hing, er hatte es geopfert, der Verzweiflung preisgegeben.—. Aber das mußte anders werden. Es kochte und tobte in ſeiner Bruſt von Racheplänen. Sollte er T— ski Alles ſagen, mit Gewalt den Brief zurückverlangen und die Vaterlandsverrätherinnen der gerechten Schmach anheim liefern? Aber dann mußte er von ſeiner eigenen Schwäche reden, und wie hätte er das vermocht? Er dürſtete nach Rache. Den ſchönen Nacken, von dem er die blonden Locken hinweggeſtrichen, unter dem Henkerbeile fallen zu ſehen, die ſüßen, verrätheriſchen Augen zu Thränen wirklichen Schmerzes zwingen, mit eigener Hand den Buſen durchbohren— der an ſeinem ruhte— Wie brannte ſeine Stirn, wie fieberhaft erregt klopften ſeine Pulſe. So bebt ein Vulkan, ehe die in ihm tobende Gluth zum Ausbruch kommt. „Ich oder ſie!“ ſo rief er wild in ſich hinein,„ich muß mich rächen, oder an dieſer Schmach zu Grunde gehen! Ja, ſchrecklich iſt die Liebe, die ſich in Haß verwandelt, ſchrecklich der unauslöſchliche Durſt nach dem Blute eines Herzens, das uns einſt ſo theuer war. Ich kann nicht leben, kann die Sonne nicht mehr ſehen, die meine Schmach beleuchtet, dieſes durchboh⸗ rende Gefühl der Verachtung, das alle ſeine Dolche gegen mich ſelber kehrt. Doch unnütz will ich nicht dahingehen; ein verrätheriſches Haupt will ich mit hinabreißen in die Nacht des Todes, ein himmliſch ſchönes Auge brechen ſehen, ehe ſich meines auf ewig ſchließt. Noch ſehe ich klar, noch hat der „Wahnſinn keine Gewalt über mich, doch mag in jedem Augenblicke ſeine ausgeſtreckte Fauſt in mein Gehirn krallen— dann wäre es vorbei, dann 540 ſchliefe die Rache ein— die Rache! Oh, ich kenne Eiferſucht, und weiß, wie gräßlich ſie nagt, aber gräßlicher tobt es in meiner Bruſt, dieſes Gefühl der Schande, das nur mit Blut zu löſchen iſt.“— Er ſank auf eine Bank, ſeine Hand zerfleiſchte ſeine Bruſt, er merkte es nicht; er ſah es nicht, daß Vorübergehende verwundert vor ihm ſtehen blieben und kopfſchüttelnd, achſelzuckend auf die abgeriſſenen Worte lauſchten, die ſeinen bebenden Lippen unbewußt entſchlüpften. Er dachte an Eleonore, aber nicht mehr in Liebe; er dachte, wie er heut Abend auf bekanntem Wege ſich in ihr Haus einſchleichen wollte; es war Geſellſchaft dort und ſie wollte die Lieder ſingen, die er ihr geborgt, und ſie ſang ſie, lächelnd, heiter, ohne ſeiner Qualen, ſeiner Beſchimpfung zu gedenken, und dann, dann trat er hinein, Niemand konnte ihn daran hindern, die Diener, wenn ſie auch beſondere Befehle hatten, merkten es nicht in der Beſchäftigung des Feſtes, und dann nahte er ihr mit dem ver⸗ derbendrohenden, mitleidsloſen Blick und ſtieß den Dolch in ihre Bruſt und ſah ihr Herzblut fließen, und ehe noch ſein Arm gefeſſelt war, wollte er es aller Welt verkünden, was ſie an ihm gethan.— O, es lag Wolluſt in dem Gedanken, und die Furien in ſeiner Bruſt lachten grell auf und peitſchten mit ihren Schlangengeißeln ſeinen Rache⸗ durſt empor, daß er, hell auflodernd wie ein Kirchenbrand, alle Ruhe, allen Frieden ſeiner Seele auf ewig vernichtete. 17. Der Gelbſtmord. „Ei guten Tag, Herr Sigismund!“ ſagte eine näſelnde Stimme.„Nun wir dachten ſchon, Sie hätten Paris ganz und für immer verlaſſen, da Sie ſich gar nicht mehr ſehen ließen.“ Er blickte auf; es war die alte Frau des Portier, die, als er noch mit Henrietten zuſammen wohnte, ihnen manche Freundlichkeit erwieſen hatte, denn die Armen ſtehen ſich gerne gegenſeitig bei und unterſtützen ſich mit ihren ſchwachen Mitteln, mit Rath und kleinen Dienſtleiſtungen, wo es nur immer geht.— „Ja, ja,“ ſagte die Alte,„ſo mußte ſich Alles verändern, ſeitdem Sie fort ſind, aber nichts zum Guten. Ich ſelber werde alle Tage älter und ſchwächer und meine armen Beine wollen nicht mehr ſo von der Stelle, wie damals, wo ich noch Nächte lang tanzen konnte, ohne es am andern Mor⸗ gen zu merken. Und noch voriges Jahr, als Sie noch bei der armen Hen⸗ riette waren, da konnte ich flink genug die ſechs Treppen hinauf kommen — nun iſt es ja nicht mehr nöthig, ſie wohnt jetzt Bäſer, das unglückliche Mädchen!“ Sie ſetzte den ſchwer beladenen Korb auf die Bank und wiſchte ſich die Augen an der Schürze, dann nahm ſie ſelber neben dem jungen Manne Platz und ohne zu merken, daß er ihr nicht antwortete, fuhr ſie mit der Geſchwätzigkeit des Alters fort: „Wir machen Ihnen keine Vorwürfe, ich und mein Mann, nein, gewiß nicht, Herr Sigismund, Jugend hat nun einmal keine Tugend, vorzüglich bei den Mannsleuten, und die arme kleine Henriette warf ſich Ihnen ja auch vollkommen an den Hals, ſo verliebt war ſie. Ich habe oft geſagt, das nimmt kein gutes Ende, zu viel Liebe iſt ſchädlich, wie alles Zuviel, und ſo iſt es denn auch gekommen. „Wie Sie fort waren, wurde das unglückliche Ding immer bleicher, immer ſchwächer. Ich ſagte, Henriette, ſagte ich, Sie müſſen ſich das aus dem Kopf ſchlagen. Es hat ſchon manches Mädchen eine Liebſchaft gehabt und doch nachher noch einen ordentlichen Mann gekriegt. „Aber da kam ich an! von keinem Menſchen wollte ſie wiſſen, als von Ihnen. Sein bin ich, ſagte ſie, und ſein bleibe ich; man liebt nur einmal und dann für immer, und daran will ich halten bis zu meinem Tode. „Und ſie hat es durchgeſetzt. Aber ſchlecht genug iſt es ihr gegangen in der letzten Zeit und die Verzweiflung konnte nicht ausbleiben. Ein Kind unter dem Herzen und keinen nahrhaften Biſſen im Magen, das iſt ſchreck⸗ lich. Wenn ſo eine arme Griſette eine Woche lang nicht arbeiten kann, dann iſt gleich die Noth vor der Thüre und Henriette konnte nicht arbeiten, ich ſelber ſagte es ihr oft genug, Henriette, ſagte ich, wenn Sie ſo krumm am Stickrahmen hocken, bringen Sie einen Krüppel zur Welt. Anfangs wollte ſie nicht darauf hören, aber endlich ſah ſie es ſelber ein, und wie die letzten Kräfte alle waren, da war es auch aus mit ihr, ſo tapfer ſie ſich ſonſt gehalten hat. „Erſt gingen die Sachen fort, eins nach dem andern; die paar Kleider, die Uhr, die damals Ihnen beiden ſo viel Freude gemmcht hat, zuletzt noch Ihr Schreibtiſch. Da hat das kleine blaſſe Ding am meiſten geweint, wie der Trödler den abholte, er war ihr wohl ein Angedenken an Sie.“ Sigismund ſtand auf. „Nehmen Sie das für Henriette,“ ſagte er, der Alten einen Napoleons⸗ d'or hinhaltend,„ich habe jetzt nicht länger Zeit!“ „Aber wiſſen Sie denn nicht—“ fragte die Frau voller Verwunderung und drängte die Hand zurück, die ihr das Goldſtück in die ihre drücken wollte. 542 „Was ſoll ich wiſſen?“ fragte er ungeduldig. „Nun das Unglück!“ verſetzte ſie. „Welches Unglück?“ Und er ſtampfte mit dem Fuße. „Sie wiſſen nicht, daß die arme Henriette und ihr noch ungeborenes Kind— aber ich dachte, Sie ſähen darum ſo bleich und elend aus?“ Er ſank auf die Bank zurück. Was war geſchehen, was war mit Hen⸗ riette, dem einzigen Weſen, von dem er ſich geliebt wußte, das Antheil an ſeinem Schickſal nahm und deſſen Thränen auf ſein Grab herniederfließen ſollten, wenn er verachtet und gerichtet ſeine Schmach in kühler Erde barg?— „Ja ſehen Sie,“ ſagte die geſchwätzige Alte,„wenn Sie es noch nicht wiſſen, ſo muß ich es Ihnen wohl erzählen, obſchon es Ihnen ſchrecklich ſein wird, denn Niemand möchte an dem Tode eines andern Menſchen ſchuld ſein, wenn es gegen unſern Willen iſt. „Es war alſo geſtern Morgen. Ich hatte eben den Flur gefegt und ſtand noch mit dem Beſen in der Hand, da kommt die kleine Henriette die Treppe herunter. 3 „Sie ſah ſo bleich aus, es war ein Jammer. Und das alte faden⸗ ſcheinige Tuch hatte ſie um, was ſie ſonſt ſo ungern trug, denn es iſt klein und verdeckt nicht die Figur, und Henriette war ſo ſchamhaft und ſo ſchüch⸗ tern wie ein Reh und huſchte nur ſo über die Straße, daß Niemand ſie ſehen ſollte, aber ihr Mützchen und ihr Kleid waren ſauber wie immer, denn das muß man ihr laſſen, ein ordentlicheres Mädchen hat es niemals gegeben, als die, und nett ſah ſie aus, wenn auch ihr Beſtes längſt auf die Pfandleihe getragen war. „Wie ſie nun ſo die Treppe herunter kommt, und man ſah es ihr or⸗ dentlich an, wie ſchwer ihr jeder Schritt wurde, da ſagte ich, Mademoiſelle Henriette, ſagte ich, Sie gehen ſchon ſo früh aus, gewiß haben Sie wie⸗ der die Nacht durch geſtickt und wollen nun Arbeit wegtragen und ich habe Ihnen doch ſchon ſo oft geſagt, daß Sie jetzt nichts thun dürfen. Wenn Sie eine vornehme Dame wären, müßten Sie auf dem Sopha liegen, die ganze Zeit über, und das Kammermädchen brächte Ihnen Bouillon und Chocolade. Ja, ja, ſo ſagte ich, denn ich dachte an nichts Böſes und ein Scherz iſt ja erlaubt. „Sie lächelte auch. Ich habe nicht gearbeitet, ſagte ſie, denn man hat mir nichts zu thun gegeben, weil ich in letzter Zeit zu langſam war. „Nun alſo, wollen Sie hin, Einkäufe machen? fragte ich, „Nein, ſagte ſie, man macht keine Einkäufe ohne Geld. Ich will zu Sigismund und für unſer Kind zu ihm bitten, denn ich kann es nicht ver⸗ hungern laſſen. „Man ſah es ihr an, daß es ſoweit mit ihr war, und darum nahm — v — — 543 ich ſie hinein und gab ihr eine Taſſe Kaffee und ein weißes Brödchen, und wie wir tranken und plauderten, da mag wohl die Zeit vergangen ſein, denn plötzlich ſtand ſie auf und ſagte, ſie müſſe fort, denn wenn Sie nicht mehr zu Hauſe zu finden ſeien, das wäre ſchrecklich, denn ſolchen Weg, ſagte ſie, macht man nicht gern zwei Mal, wenn auch eine Mutter wohl für ihr Kind betteln kann. So ſagte ſie, und dicke Thränen floſſen über ihr Geſicht.. „Wie ſie nun wegging, langſam genug, da ſah ich ihr die Straße hin⸗ unter nach, denn ich habe ſie immer lieb gehabt, die Mademoiſelle Henriette, vorzüglich als ſie noch ſo munter war, wie ein Vöglein und ſo fleißig, wie eine Biene im Sommer. Es war ein liebes gutes Kind, das habe ich oft zu meinem Manne geſagt, wenn er ungeduldig wurde mit der Miethe, denn damit ſah es ſchlecht aus in den letzten Monaten, wie's auch kein Wun⸗ der iſt. „Es dauerte aber nicht ſo lange, ſo war Henriette ſchon wieder da und hatte ſie ſchon vorher bleich ausgeſehen, ſo war ſie jetzt wie eine Leiche und ſetzte ſich auf meinen Stuhl, denn ſie war ſo matt, ſo matt, ich dachte, ſie müßte ohnmächtig dahin ſinken. „Henriette, ſagte ich, was iſt geſchehen? Hat er Sie angefahren, iſt er ſchlecht gegen Sie geweſen? Die Männer taugen ja meiſt Alle nichts. „O nein, ſagte ſie, mein Sigismund iſt gut, und wenn ich ihn ge⸗ ſprochen hätte, ſo hätte er mir auch geholfen, das weiß ich gewiß. „Alſo haben Sie ihn nicht geſehen? fragte ich. „Doch, ſagte ſie, ich habe ihn geſehen, aber er fuhr mit einer ſchönen Dame in einer ſehr glänzenden Equipage, und ihre Mutter war auch da⸗ bei. Und die ſchöne Dame ließ ihr Bouquet fallen und er nahm es auf und küßte es, ehe er es ihr zurückgab. „Und die ſchöne Dame, fragte ich, was that denn die? „Die ſchöne Dame lächelte, ſagte ſie, aber nicht ſo, wie man Jemand zulächelt, den man liebt, nein, ſo wie vielleicht die Schlange im Paradieſe zugelächelt hat. Ich aber wußte, daß ich meinen Sigismund heute doch nicht träfe und kehrte um. „So gehen Sie morgen zu ihm, ſagte ich. „Nein, ſagte ſie, morgen wird es zu ſpät ſein, und am Ende iſt es auch am beſten, man macht der Sache ein Ende. „Das verſtand ich nun nicht, aber Henriette redete oft ſo, daß man dachte, ſie iſt höher und klüger als unſer Einer, ſie mußte das wohl von Ihnen haben, Herr Sigismund. Und ſo ließ ich ſie ruhig wieder hinauf⸗ gehen und dachte nichts Böſes. Wie aber der Abend kam und nichts von Henriette zu ſehen noch zu ——— 544 hören war, da fiel mir ein, daß ſie da oben ganz allein war, ohne Holz, ohne Eſſen und, was das ſchlimmſte iſt, ohne Arbeit, denn die Arbeit iſt für den Armen ein Troſt und eine Zerldehng „Nun wird es mir jetzt ſchon ſehr ſchwer, die ſechs Treppen zu ſtei⸗ gen, aber wie es ſieben Uhr geworden war und ſchon anfing zu dämmern, da wurde mir ſo angſt um Henriette und ich machte mich auf und kletterte hinauf, langſam, wie's eben mit einem alten Weibe geht, und wie ich end⸗ lich vor ihrer Thüre ſtehe und Athem hole, da höre ich ſie drinnen ſprechen und laut beten, und ſie rief die heilige Jungfrau um Verzeihung an, ſie, die doch nichts Böſes gethan hat ihr Leben lang, und wenn ſie gefehlt hat, ſo war es aus purer Liebe und das vergiebt unſer Herrgott ſchon von ſa bſt. „Es war aber ſo rührend, ſie beten zu hören, daß ich lange daſtand, und meine Ohren an die Ritze legte. Aber endlich klopfte ich leiſe an. Mademoiſelle Henriette, ſagte ich, kommen Sie doch herunter, ich habe Kartoffeln auf dem Feuer und Brod und friſche Butter und Sie haben heut noch Nichts gegeſſen, kommen Sie geſchwind, mein Mann wartet nicht gerne lange. „Viel Dank, rief ſie von drinnen und ihre Stimme klang ſo klar und hell, als ob ein Engel ſpräche, und ich komme gleich hinunter, ſagte ſie.. „So ging ich denn zu meinem Alten und zu meinen Kartoffeln und es dauerte nicht lange, ſo kommt die Mademoiſelle Henriette, aber wieder mit der Haube und dem Tuch. „Henriette, fragte ich, wollen Sie noch ausgehen? und es iſt ſchon dunkel! Kommen Sie erſt eſſen. „Nein, ſagte ſie, ich habe einen nothwendigen Gang vor, den ich nicht verſchieben will, und ich muß fort, ehe mir der Muth dazu ver⸗ geht. „Jetzt klang ihre Stimme gar nicht mehr hell und man ſah wohl, daß ſie ſehr geweint hatte, denn ihre Augen waren das einzige Rothe an dem ganzen Geſichte. „Nun, ſagte ich, ſo will ich Ihnen die Kartoffeln warm ſetzen, aber kommen Sie bald wieder, denn kalte Kartoffeln ſind ungeſund und i keine Nahrung. „Drauf ging ſie fort und ich aß mit meinem Mann und ſtellte das Uebrige für Henriette bei Seite, und glaubte, ſte wäre zu Ihnen gegangen, Geld zu holen, obſchon kein Gericht Sie zwingen konnte, ihr welches zu geben. „Es wurde aber Neun und meine Kartoffeln waren ganz verbrodelt, und wie es halb Zehn war, legte ſich mein Mann ſchlafen und ich ſaß in 1 54⁵ der Loge und meine alten Augen mögen mir wohl mehr als einmal zuge⸗ fallen ſein, denn endlich dachte ich, Henriette möchte wohl Geld von Ihnen bekommen und ſich ſelber Eſſen gekauft haben und wäre hinauf gegangen, ohne mich wecken zu wollen. „Und ſomit legte ich mich zu Bette und ſprach ein Gebetlein auch für das arme Mädchen. „Wie es nun Morgen wird und der Lärm auf der Straße beginnt und die Milchleute, der Waſſerverkäufer, die Kaminfeger Einen nicht länger ſchlafen laſſen, ſo gerne man auch ſeine alten Knochen ruhen möchte, da ſtehe ich auf und mache meine Wirthſchaft zurecht, und wie ich die Kartof⸗ feln noch in dem Topfe finde, fällt mir die arme Henriette ein und wie ſie wohl nach Hauſe gekommen ſein mag. Und darüber war es ſieben Uhr geworden und ich gehe hinaus, um meine Einkäufe zu machen und wie ich um die Ecke komme, ſteht gerade ein Mann vor mir, den ich kenne, denn ſeine Mutter hat neben uns gewohnt, als mein Mann noch den Lumpen⸗ verkauf hatte. Und jetzt iſt er ſchon lange erwachſen und war doch damals noch ein kleiner Junge, und hat einen großen Bart und eine Anſtellung bei der Polizei. „Guten Morgen, Mutter la Picardière, ſagte der Mann und ſtreicht ſich ſeinen großen Schnurrbart, nun ſehen Sie, da iſt es ſo gekommen, wie ich es Ihnen ſagte. „Was denn, fragte ich, und wollte gerne weiter, denn ich kann den Menſchen nicht leiden, weil er einen Jeden anſieht, als ob er ein Verbrecher wäre und es giebt doch noch gute Menſchen genug, Gott ſei Dank! „Nun mit der Mademoiſelle Henriette, ſagte er und lacht noch dazu, ich wußte es ja voraus, daß es ein ſchlechtes Ende nehmen würde. „Nun ſtand ich aber ſtarr wie Lots Weib. Um Gottes willen, rief ich, ſie wird doch nicht geſtohlen haben, das arme verzweifelte Ding. „O nein, ſagte er, geſtohlen hat ſie nicht, aber Schlimmeres hat ſie ge⸗ than. „Und der Unmenſch hörte nicht auf, ſich ſeinen Bart zu iceichen. als machte es ihm rechtes Vergnügen, mich ſo in der Angſt zu laſſen „Wie ich denn nun um aller Heiligen willen bitte, daß er mir ſagt, was geſchehen iſt, da kommt es denn endlich heraus. „In's Waſſer iſt das unglückliche Mädchen gegangen und die Fiſcher haben ſie in der Nacht aus der Seine gezogen und der Mann hatte ſie ſelber recognoscirt, denn er kannte ſie gut und hat ihr den Hof gemacht, ehe Sie kamen. Aber Henriette wollte niemals etwas von ihm wiſſen. „Nun iſt ſie todt, das arme, arme Kind und die Stube ſteht leer und ſind kaum noch Sachen darin, außer den Hemdchen und Windeln für Phantom Polens. III. Bd. 35 2 8 546 das Kind, die ſie gekauft und genäht hat für das Geld, was Sie ihr neu⸗ lich ſchenkten.. „Und nicht einmal ein ordentliches Begräbniß kriegt ſie, denn die Selbſt⸗ mörder— nun Sie wiſſen ja als Student beſſer, was mit denen geſchieht.“ Sie wiſchte ſich die Augen mit der Schürze, dann nahm ſie ihren Korb an den Arm und erhob ſich langſam und ſchwerfällig. „Ja ja, Herr Sigismund, das iſt nun das Ende von ſo viel Luſt und Fröhlichkeit. Aber, wie ich ſchon ſagte, wir machen Ihnen keine Vorwürfe, mein Mann und ich, denn ſo geht es alle Tage und wird noch oft ſo gehen, ſo lange es leichtſinnige junge Männer und verliebte junge Mädchen auf Erden giebt.“ Fort ſchlich die alte Frau, noch manche Thräne trocknend, manchen Seufzer ausſtoßend. Er aber ſaß auf der Bank, die Hände zwiſchen den Knieen gefaltet, daß ſeine Nägel ſich tief in das Fleiſch eindrückten, und ſah nicht auf und ſagte ihr nicht Lebewohl. „Mörder, Mörder!“ hallte es in ſeinen Ohren. Das einzige Weſen, das nach dem frühen Tode ſeiner Eltern ihn wahr⸗ haft geliebt, er hatte es der Verzweiflung, dem Tode überliefert. Gab es ein Schickſal, das dem ſeinen glich?.— O, wenn Henriette noch lebte, wenn er ſein ſchmerzendes Haupt an ihren Buſen lehnen könnte! Wie oft in ſeinen früheren Leiden hatte ſie mit freundlichem Zuſpruch die Falten von ſeiner Stirn geſtrichen, hoffnungsvolle Bilder vor ſeine Seele gezaubert, oder mit ihm geklagt, mit ihm geweint. Wie eine Mutter ihr ſchreiendes Kind hatte ſie ihn in ihre Arme ge⸗ nommen, und in ihrer Liebe fand er Ruhe, Freudigkeit und neuen Lebens⸗ muth. Wenn ſie noch lebte, wenn er ſich ihr zu Füßen ſtürzen, ihr ſein ſchweres Unxecht eingeſtehen könnte! Sie hätte ihn nicht geſcholten, ihn nicht mit Vorwürfen empfangen; klagte ſie doch nicht ihre ſchweren Qualen, als ſie zuletzt ſo ſtille, ſo ergeben vor ihm ſaß. Und dieſer tiefe Schmerz vermochte nicht, ihn zu rühren, er ſah ihr bleiches An geſicht und fühlte keine Reue— O, er hatte tauſend Mal die Strafe verdient, die ihn ſo furchtbar traf. „Henriette!“ Mit der Gewalt des entſetzlichſten Schmerzes riß ſich dieſer Ausruf aus ſeinem Buſen los. Er mußte ſie ſehen, mußte wenigſtens an ihrer Leiche weinen, klagen, mußte es der Todten ſagen, wie tief er ſie gekränkt, wie gräßlich ihm die Reue am Herzen nagte. 547 Die Reue— er hatte Eiferſucht gekannt und ihren ganzen Stachel gefühlt; er brannte noch ſoeben in verzehrendem Rachedurſt und glaubte jetzt, keinen andern Schmerz erlebt zu haben, als den Wurm, der niemals ſtirbt, das Feuer, das niemals verliſcht, die Qual der Hölle, die der Teufel ſelbſt anſchürt. Eiferſucht und Rachedurſt und Reue— in Luzifers Reiche giebt es keine ſchlimmeren Strafen, keine brennendere Marter, aber die Reue frißt am ſchrecklichſten. Wie war er glücklich geweſen, als noch Henriette ſein Alles war! Jede unſchuldige Freude hatte er allein durch ſie empfangen; ſeine Jugend, ſeine Heiterkeit, Alles blühte ihm allein durch ſie. Und er hatte ſie gemordet. 1 Nicht ſchnell mit erwürgenden Händen, nein, langſam dahingemartert unter unſäglichen Qualen der Seele und des Körpers. Das arme, kranke Weib, das ſich über den Stickrahmen beugte, um Brod zu verdienen, ſich und ſein Kind zu nähren; Das hungernde, frierende Geſchöpf, dem Alles fehlte, dem höchſtens von Zeit zu Zeit eine mitleidige Hand ein Schälchen Kaffee, einen Biſſen Brod darreichte; 4 Die wankende, in ſich zuſammenbrechende Geſtalt, die in den Fluthen Ruhe ſucht nach ſo viel Leiden, die jetzt, ihr Kindlein in den Armen, vor Gott hintritt und ſpricht: „Herr, der Du mir ſo viele Schmerzen gabſt, Du zeigteſt der Ge⸗ ängſtigten nur einen Ausweg aus dem Labyrinthe ihrer Qualen— kannſt Du ihr zürnen, daß ſie ihn erwählte?“ Nein, nein, Gott zürnte ihm, nur ihm, der Schuld war an dem Tode zweier Weſen, die beide gleich unſchuldig dahinſanken. Für ihn war kein Erbarmen möglich. Hätte er Eleonore ermordet— aber er dachte nicht mehr an ſie— mit feſter Stirne wäre er dem ewigen wie dem irdiſchen Richter entgegen⸗ getreten. Doch Henriette— das brannte auf ſeinem Gewiſſen, das machte ihn erbeben, das flößte ihm Todesſchauer ein. Denn an der Einen hatte er die ſchmählichſte Beleidigung zu rächen, die einer männlich edlen Seele widerfahren konnte, und an der Andern ver⸗ galt er die treueſte Liebe mit dem Tode.— Allein er mußte ſie ſehen, mußte ihre ſtarren Hände küſſen, die ihm ſo viel Liebes gethan, mußte noch einmal ſeine Stirn an ihren Buſen legen, der ſo innig für ihn geſchlagen hatte. Mühſam erhob er ſich, mit wankenden Schritten ſachte er ſeinen Weg durch das Menſchengewühl der Pariſer Straßen. 35* 548 Arme, Krüppel, Bettler gingen an ihm vorbei— er war der Elendeſte von Allen. Es drängte Alles ſeinen Zielen zu, die Einen nach dem Vergnügen, Andere nach dem Erwerbe, Jeder trug ſein eigenes Intereſſe mit ſich dahin — doch ſeines wog am ſchwerſten.. Er kannte den Weg und kannte das Haus; der Student der Medicin hatte oft ſeine Schritte dahin gelenkt, um Stoff für ſeine Studien zu ſuchen. 3 Es war die Morgue. Die Morgue iſt ein häßliches Gebäude, abſchreckend, wie ſeine Beſtim⸗ mung. Man ſtellt dort die Leichen der Selbſtmörder, der Gemordeten, der Verunglückten auf, damit die Angehörigen kommen, ſie zu recognosciren und zum Begräbniß abzuholen. Die Unglücklichen, deren Leichnam nicht reclamirt wird, liefert man“ in die Säle der Anatomie, wo die Studenten ſich im Seciren und Ope⸗ riren üben. Dies Loos erwartete Henriettens reinen Leib und Sigismund wollte ihn vor ſolcher Entweihung retten. Allein man ſagt, daß die Leiche des Gemordeten zu bluten beginnt, wenn ihr der Mörder naht, und kalte Schauder überliefen den Unglücklichen, als er die dunkle Schwelle überſchritt. Wie oft hatte er ſonſt lachend und mit ſeinen Freunden ſcherzend dieſes Haus betreten. Damals lag ſeine Zukunft blühend und fröhlich vor ſeinem Blick, denn damals lebte Henriette noch, ſie, die ihn liebte, und die er jetzt unter den Leichen der Selbſtmörder ſuchte. Es fehlt daran nicht in Paris. Es lagen Männer da aus allen Stän⸗ den, auch Frauen, und mit Entſetzen ging Sigismund an den Bahren ent⸗ lang und prüfte jedes Angeſicht.— 4 Manch eines war furchtbar entſtellt und die verzerrten, zerriſſenen Züge ſprachen noch im Tode von gräßlichen Mordthaten und klagten ihre Mörder an, die Mörder, von denen keiner ſich ſo ſchuldbeladen fühlte, wie Sigismund. Der Aufſeher, der ihn von früher kannte, trat auf ihn zu und ſagte, lachend auf die Leichen deutend: „Eine hübſche Auswahl, und Manches davon ſteht zu Befehl, wenn Sie etwas gebrauchen, denn morgen machen wir Platz für das, was heute Nacht einkommt.“ Er antwortete nicht. Langſam und zögernd trat er zu der letzten Bahre, auf der ein Weib mit langen, aufgelöſten ſchwarzen Haaren ruhte. Der Tod entſtellt die Züge gewaltſam, vorzüglich der Tod in dem Waſſer. Er mußte lange prüfen, ob er die Rechte gefunden— doch nein, 549 4 ſo vieler Liebreiz ließ ſich nicht ganz verwiſchen— auch dieſe Leiche war nicht Henriette. Sollte ſie bereits an die Anatomie geliefert ſein? Der Gedanke füllte ihn mit Entſetzen. Er kannte das rohe Treiben der Pariſer Studenten, kannte die brutalen Scherze, die ſelbſt das Reinſte nicht unbefleckt lie⸗ ßen— Er winkte den Aufſeher herbei. „Ich ſuche,“ ſagte er mit leiſer, bebender Stimme,„ich ſuche ein junges Weib, das ſich ertränkte— es iſt nicht unter dieſen Leichen.“ „Nummer dreißig und einunddreißig waren junge Weiber und wurden aus dem Waſſer gezogen, die eine geſtern Nacht, die andere heute früh.“ „Und wo ſind ſie geblieben?“. „Recognoscirt und abgeholt, aber wahrſcheinlich unter der Hand ver⸗ kauft.“ „Wiſſen Sie die Namen?“ „Nein, aber oben im Büreau liegt die Liſte und der Secretair iſt wahrſcheinlich noch da, obſchon es ſpät iſt.“ Was ſollte er noch aufgeſchrieben und in ſtatiſtiſche Bücher eingetragen ſehen, was ſchon mit Flammenzügen in ſeiner Seele eingegraben ſtand? Er verließ das Haus des Entſetzens und ging mit feſteren Schritten einem anderen Stadttheile zu. Sein Entſchluß war gefaßt. Er hatte den Tod verdient und wollte nicht lehen. Was er an Hen⸗ riette verbrochen, er vermochte nicht, es zu verſöhnen, was Eleonore an ihm geſündigt, er achtete es in dieſen Augenblicken der höchſten Qual für nichts. Aber es gab noch etwas Anderes. Er war⸗ zum Verräther an ſeinem Vaterlande geworden und das ver⸗ langte Sühne. Darum ging er zu Joſeph T.. gki. „Ich bitte um meinen Abſchied,“ ſagte er. „Er iſt Ihnen gern bewilligt!“ verſetzte das Mitglied der National⸗ Regierung,„denn da, wie Sie uns meldeten, der General M... awski nach Polen geht, ſo bedürfen wir Ihrer Dienſte bei ihm nicht länger.“ „Auch ich möchte dahin gehen und für das Vaterland kämpfen.“ „Thun Sie das, junger Mann, und Gott ſegne Ihre Waffen.“ „Ich bedarf eines franzöſiſchen Paſſes—“ „Den will ich Ihnen beſorgen.“ „Ich möchte noch heute Nacht abreiſen.“ „In einer Stunde ſollen Sie die nöthigen Papiere hier findene „Dank Ihnen, mein Herr!“ 1 4 8 550 „Sie werden ſich Stanislaus Tarnow und dem Fürſten von Waſa zugeſellen?“ „Wie Sie befehlen.“ „Bis nach Polen bezahlen wir redem Streiter für die gute Sache ſeine Reiſe. Sie werden das Geld mit dem Paſſe zugleich abholen. Adieu und viel Glück auf den Weg.“ Das war der Abſchied, ſo entließ man einen Spion, den man ver⸗ achtete, während man ihn brauchte. Doch war das nur ein Stachel mehr in der Kette von Leiden, die ſich um Krotowski's, Seele wand. Er ging nach Haus und packte ſeine Sachen, ſeine mediciniſchen In⸗ ſtrumente. Eine Stunde darauf holte er Paß und Reiſegeld von Joſeph T.. ski ab und um Mitternacht ſauſte der Zug mit ihm davon, der ihn nach Oſten führte. Die Nacht war ſchwarz und ſternenleer, doch ſchwärzer war es in Si⸗ gismund's Gemüth und keine Hoffnungsſterne leuchteten dem Unglücklichen. Seine gemarterte Seele fand keinen Schlaf, keinen Augenblick der Ruhe, ſo nagend, ſo verzehrend ſaß der Gram in ſeinem Herzen. Was ließ er hinter ſich, als Hohngelächter und Verachtung, was ſah er vor ſich, als ein frühes Grab, dem er mit grenzenloſer Sehnſucht entgegenſtrebte. Und was dahin⸗ ter kam— das Gericht, die Vergeltung— ein Opfertod für das Vater⸗ land ſollte ſeine Seele ſühnen, das Blut von tauſend Feinden den Flecken von ihm waſchen, der an ſeiner Ehre haftete.— Gott würde ſeine Reue, ſein Opfer gnädig annehmen, das Opfer eines Mörders, der das Grab des Gemordeten mit neuen Leichen bedeckt?— o nein, für ihn gab es kein Er⸗ barmen, keine Gnade. Aber hinüber wollte er in ein Leben, das allein ihn mit Henrietten zu vereinigen vermochte. Vor ihrem ſeligen Geiſte wollte er, der Verdammte, ſich niederwerfen, ihr weinend ſeine Schmerzen klagen und ach, die Höllenqualen mußten ſich lindern, wenn ihre Augen mitleids⸗ voll auf ſeine Reue blickten. Es waren wirre Bilder, die an ſeiner Seele vorüberzogen; Bilder voller Ueppigkeit, mit denen Eleonore ſeine Seele erfüllt hatte, Bilder voller Ent⸗ ſagung und Kummer und wiederum voller Schrecken und Gewiſſensangſt. Wie eine Heilige erblickte er Henriettens reine Geſtalt, ihre ſtille hin⸗ gebende Liebe den wollüſtigen Reizen der ſchönen Gräfin gegenüber. Was hatte ihn zu feſſeln vermocht an dieſe verführeriſche Syrene, was hatte ſeine Sinne umnebelt, daß er das ſanfte, bleiche Frauenbild verächtlich von ſich ſtieß, das ſeine Hände hülfeflehend nach ihm ausſtreckte. Ja, Eleonore war die Mörderin ſeiner Ruhe, ſeiner Ehre, war die Mörderin Henriettens! Er haßte ſie glühend, dieſe Schlange, die ihn um feine Unſchuld, ſeinen Frieden betrogen hatte. Und nicht ihn allein.— Wäre er im Stande ge⸗ 551 weſen, den armen Adrian Woyslawice zu warnen! doch dieſer zog ſich in den letzten Wochen in auffallender Weiſe von ihm zurück, und ſuchte ihn zu meiden, wenn ſie ſich zufällig trafen, während doch Sigismund ſchon damal Urſache zu haben glaubte, dem bleichen und entſtellten Jünglinge Gefahren zu zeigen, die dieſer noch nicht kannte.— Was aber war ihm Adrian in dieſen Augenblicken der Leiden?— Der Sturm ſauſte um das Coupee, das pfeilſchnell den Unſeligen dahin trug. Durch das Dunkel der Nacht leuchteten die Signallichter trübe, wie die Erinnerung an ſein entſchwundenes Jugendglück. Rings um ihn her ſchlummerten die Reiſegefährten, kaum einmal von dem gellenden Pfeifen der Locomotive erweckt, indeſſen keine Ruhe, nicht einmal Betäubung in ſeine Seele kam. Im Nebel, den der herannahende Morgen vor ſich her⸗ jagte, im Dampf des Keſſels, den die trübe Luft herniederdrückte, glaubte er Henriettens Geſpenſt zu erblicken, das racheſchreiend ſeine Arme nach ihm ausſtreckte, in denen das noch ungeborne Kindlein wimmerte. Dann ſah er wieder ihren Leichnam zerfleiſcht von anatomiſchen Meſſern, ſah ihr ſüßes Herz herausgeriſſen, zuckend auf dem Secirtiſch liegen, dies Herz, das ihn ſo heiß, ſo innig liebte!— Er ſah, wie ſich die Studenten um die einzelnen Glieder ſtritten, wie der Profeſſor ſeine ganze Weisheit über die zerfleiſchte Leiche ergoß und wie ihr Blut von den großen Hunden der jungen Leute gierig geleckt wurde—— Und der Morgen kam und beleuchtete neue Bilder, neue Erſcheinungen, doch vor ſeinen Augen ſtand unveränderlich das quälende Geſpenſt der Reue und an ſeiner Seele nagte fort und fort die niemals ſterbende Gewiſſens⸗ qual———— 18. Bie Hülfe der Armen. „Mutter!“ hatte Eleonore geſagt, als Sigismund in Verzweiflung ihr Haus verlaſſen,„Mutter, bin ich Dir nun ſchlecht genug geweſen?“ Die Gräfin hatte gelächelt. „Krotowski iſt nicht häßlich und wenn Du bei ſeinen Küſſen an Ro⸗ ger dachteſt, war das Opfer nicht ſo groß, mit dem wir dieſen unſchätzbaren Brief erkauften.“. Und Eleonore hatte ſich die Locken zurecht geſtrichen, in denen Sigis⸗ mund's Hand mit ſo viel Wonne wühlte, hatte die Falten ihres Kleides ge⸗ . 5⁵² glättet, das unter ſeiner glühenden Umarmung gelitten und dann einen Ro⸗ man vorgenommen, um die langweiligen Stunden bis zur Soiree dieſes Abends zu verbringen. Dennoch war die Erinnerung an ſoviel Liebesgluth nicht alſo ſchnell aus ihrer Seele zu verwiſchen geweſen, noch fühlte ſie den Arm, der ihren ſchlanken Leib umſchloß, den glühenden Athem, der um ihre Wange fächelte, die Hand, die feſt auf ihrem Herzen ruhte. Sie dachte an Roger und eine brennende Sehnſucht bemächtigte ſich ihrer Seele. Daß ſie ſeiner nicht würdig ſei, das empfand ſie tief und ſchmerzlich.. Doch welcher Mann hätte ſich uicht täuſchen laſſen von den feinen Künſten einer ſchönen Kokette, und einmal im Beſitze des Geliebten vermochte ſie es, Allem zu entſagen, was ſeinen Wünſchen widerſtrebte. Wie aber, wenn ihre Reize ohnmächtig abprallten an dem Panzer ſei⸗ ner Ehrenhaftigkeit?— 3 Sie trat vor den Spiegel und betrachtete ſich lange, prüfend und ernſt. Konnte Roger ſie lieben, obſchon ſie eine Verrätherin am Vaterlande war? mußtez der Einfluß ihrer Schönheit nicht gewaltig ſein, um den Wi⸗ derwillen zu beſiegen, mit dem ein Patriot der Freundin Mouravieff's, der Feindin Julia Waſa's entgegentrat? Das war die Frage, deren Schwere auf ihrer Seele laſtete. Denn nicht von ihm geliebt ſein, nicht dies Herz erobern, an dem ihr einzig lag, unter der Menge ihrer Anbeter den Mann allein entbehren, dem ſie ſich willenlos ergeben hätte— ſie vermochte nicht, den Gedanken daran zu ertragen! Sie liebte ihn, liebte ihn leidenſchaftlich und um ſo leidenſchaftlicher als ſein gemeſſenes, rückſichtsvolles Weſen ihr keine Hoffnung nahm und keine Hoffnung gab. Sie ſchwankte in Ungewißheit und verlor die Gleich⸗ mäßigkeit ihres Weſens, das ihr ſonſt immer die Sicherheit des Sieges ver⸗ ſchaffte. 1 Je öfter ſie den Grafen Roger ſah, um ſo glühender ſtrebte ſie nach ſeinem Beſitze. Seine männliche Schönheit reizte ihre Sinne, wie ſeine Kälte ihre Eitelkeit. Sie träumte ſich ſelig in ſeinen Armen und ſchauderte bei dem Gedanken, von ihm verworfen zu ſein. Es kämpften Furcht und Begierde, Hoffnung und Aungſt in ihrer Seele und beraubten ſie der Ruhe, des Schlafes, ja, wie die Mutter nicht mit Unrecht beſorgte, ſelbſt der Friſche ihrer Schönheit. Daß ſie Krotowski geopfert, es machte ihr keine Gewiſſensqualen; was war er ihr? Sie hatte es frühe gelernt, die Menſchen als Mittel zu ihren Zwecken zu gebrauchen und hatte Vergnügen darin gefunden, ihre Macht über ein Herz, das ganz ihr hingegeben war, zur Geltung zu bringen. 553 Darum auch ſang ſie an dieſem Abend mit Lächeln die Noten, die er ihr gebracht und ſcherzte mit Roger und ihren anderen Gäſten, während der arme Sig ismund in dunkler Nacht dem Tode entgegenfuhr—— Doch weg von dieſem Bilde eines ſtolzen Weibes, das nicht mit dem Herzen, nur mit den Sinnen liebt, zu dem der armen, kranken, hungernden Henriette, die es verſchmähte, die Nahrung anzunehmen, die ihr das Mitleid bot und ſchweigend hinauswankte, dem frühen Tode zu. Sie hatte der heiligen Jungfrau ihre Leiden geklagt, da Niemand ſonſt die Qualen ihres Herzens zu verſtehen vermochte. Im Gebete hatte ſie ge⸗ rungen und Vergebung erfleht für das Verbrechen, zu früh und freiwillig vor Gottes Thron zu treten. Monate der Krankheit hatten ihren ſonſt ſo friſchen Körper geſchwächt, der bittere Mangel ihre Kraft gebrochen, der Hunger nagte an ihr, ſollte ſie ihr Kind dahin ſterben fühlen, ehe noch ihre eigenen Augen ſich im Tode ſchloſſen?— Oder hätte ſie mit Hülfe mitleidiger Menſchen die Zeit bis zu ihrer Entbindung überdauert— was dann? Wie konnte die arme Kranke ihr Kind ſelbſt nähren, wie ihm Nahrung erwerben? Auch hier ſah ſie das lang⸗ ſame Dahinſterben des Weſens vor Augen, das ihr unendlich theuer war, weil es als letztes Liebespfand des verlorenen Freundes ihr zurückgeblieben war.— Und gerade darum wollte ſie es vor dem Elend des Lebens ſchützen. War es ein Knabe, er mußte ſchwächlich werden vor Mangel und un⸗ fähig, ſich ſein Brod mit harter Arbeit zu verdienen; war es ein Mädchen, was konnte ſein Loos ſein, als das ſeiner unglücklichen Mutter? Nein, Gott iſt milde, daß er den Hoffnungsloſen einen Ausweg zeigt aus der Verzweiflung. Dieſer Ausweg ſollte Henriette nicht umſonſt offen ſtehen. Sie hatte ſo viel gebetet, daß ſie beſtimmt glaubte, Gott könne ihr nicht zürnen; ſie hatte mit ſo reinem Herzen ihrem Geliebten vergeben und dachte mit Befriedigung, daß ſie fortan kein Aergerniß in ſeinem Wege ſein würde, und als ſie abgeſchloſſen mit jeder Möglichkeit, ihr Leben zu erhal⸗ ten, da ging ſie tief betrübt, doch ruhig ihrem Tode entgegen. Es ſollte der kühle, ſanfte Tod ſein, der auf leichten Wellen hinüber⸗ ſchaukelt in ein fernes, ſchöneres Land, in dem es keine Leiden, keinen Hun⸗ ger giebt, indem ihr Kindlein ihr als lichter Engel voranflattern ſollte und an dem Throne Gottes um Verzeihung bitten für ſeine unglückliche Mutter. Die Menge auf der Straße achtete nicht auf ſie, als ſie zum Thore hinaus ging, in die warme Abendluft hinein. Es war weit ſtiller draußen als in den dumpfigen von Menſchen erfüll⸗ ten Straßen. Der Frühling hatte überall in den Gärten der Vorſtadt 4 554 grüne Blätter und Blumen hervorgerufen und es duftete von blauem Flie⸗ der, in deſſen Geſträuch die Finken ihre Neſter bauten. Sie zwitſcherten leiſe im Traume, die ſorgloſen Thierchen, die nicht ſäen und nicht ernten. Henrietten wurde weich bei dem Gedanken an ihr trauliches Glück in warmem Neſte und neue Thränen drangen in ihre Augen; doch ſie faßte ſich muthvoll und beſchleunigte ihren Schritt, ſo weit es die dahin ſinkenden Kräfte zuließen. Endlich war das freie Waſſer erreicht, der mächtige Strom, der zu dem Meere eilt. Oben leuchteten die Sterne mit goldenem Glanze, wie milde Engelsaugen, die ihr freundlich winkten, und der Mond warf ſeinen zittern⸗ den Schein auf die Gluth und ſchmückte ſie mit ſeinen Strahlen, daß ſie heller leuchtete, als er ſelber und ihre gekräuſelten Wellen leiſe flüſternd da⸗ hinfloſſen, als erzählten ſie dem Ufer liebe Dinge von der frohen Weiſe und dem weiten, ewigen Meere. Henriette kniete nieder und betete noch einmal, innig und lange; dann ging ſie ruhigen Schrittes das mit Raſen belegte Geſtade hinab. Die kühle Fluth benetzte ihre Füße, hob ihr leichtes Kleid, ſtieg höher bis zu ihrem Herzen und nun, die Arme zum Himmel emporgehoben, tauchte ſie ſich ganz unter in den kalten Tod———— „Was ſchwimmt dort Weißes auf dem Waſſer, was treibt im Monden⸗ glauz dahin?“ Es iſt ein Weib, das milde Wellen fort zum Meere tragen wollen, und die Sterne geben ihm das Geleite und der Mond erhellt ſeinen Weg in die Ewigkeit.— „Was iſt das? Seht! den Kahn her, Pierre, ſchnell, faſſ' an, Jaques, da giebt es ein Leben zu retten, oder Geld zu verdienen. Auf, meine Jun⸗ gen, nehmt den Haken, ſo recht, Pierre, mach' es ſanft, es iſt ein Weib und mit Damen muß man höflich umgehen. Halloh! das iſt nicht leicht, faſſ an, Jaques, ſo, jetzt haben wir ſie, nun herein in den Kahn, das trieft! nimm Dich in Acht, Jaques, laß ſie nicht wieder hinunterrutſchen; es iſt ein Glück, daß die weiten Röcke ſie getragen haben, iſt doch die Mode zu etwas gut. Aber, was meinſt Du, Pierre, ſollte noch Leben drin ſein?“— Sie brachten die Ertrunkene an das Land und ſtellten Belebungsver⸗ ſuche an, die fruchtlos blieben. Leute ſammelten ſich ringsum und gaben Rathſchläge aller Arten. Man ſolle ſie auf den Kopf ſtellen, daß das Waſſer aus dem Halſe liefe, ſagten die Einen, während die Anderen gleich nach Aerzten liefen, denn das Mit⸗ leid iſt überall rege, wo der Egoismus ſchweigt, vor Allem bei den Armen, die das junge ertrunkene Weib als ihresgleichen erkannten. 5⁵⁵ Der herbeigeholte Arzt kam, ſah die Leiche durch ſeine Lorgnette an, fühlte nach dem Puls und gab ſeinen Ausſpruch: Tod durch Ertrinken. Die Polizei kam ungerufen, ſtellte feſt, daß die Selbſtmörderin die Arbeiterin Henriette Gerard ſei, wohnhaft da und da, abzuliefern an die Morgue, der die Leiche gehörte. Die Fiſcher brachten eine Tragbahre, legten den noch waſſertriefenden Körper darauf und bedeckten ihn mit einem alten Sack, um ihn, ohne Auf⸗ ſehn zu machen, in die Stadt zu tragen. Ein alter Mann ſtand unter der zuſammengelaufenen Menſchenmenge und ſah mit Blicken voller Mitleid auf die Entſeelte hin. Sein narben⸗ volles Geſicht hatte ſich mehr als einmal über ſie geneigt, als wollte er auf Athemzüge lauſchen, die nicht mehr zu hören waren und leiſe, leiſe ſchlich ihm eine Thräne in den grauen Schnurbart hinab. Die Leute, die ſich drängten, die Leiche zu ſehen, machten ihm ehrfurchts⸗ voll Platz.„Ein Invalide,“ murmelten ſie, auf ſeinen Stelzfuß deutend,„ein Tapferer, der wohl manche Schlacht geſehen hat und manchen verſtümmelten Leichnam, und doch, er weint, ja, ſeht, er weint!“ „Vielleicht hat er ſie gekannt?“ meinten Einige. „Oder er hatte eine Schweſter, eine Liebſte, die ihr ähnlich ſah!“ be⸗ merkten Andere. Endlich verlief ſich der ganze Schwarm, als ſich die beiden Söhne des Fiſchers mit der Leiche, die ſie aus dem Waſſer gezogen hatten, in Bewegung ſetzten; Manche gingen zu Bette, denn es war ſpät geworden, Manche in das Wirthshaus, um das Erlebte bei einem Glaſe Bier ſo weitläufig als möglich zu erzählen, ſelbſt die Poliziſten entfernten ſich, nachdem ſie die nöthigen Notizen gemacht hatten, um einigen Dieben nachzujagen, denen man auf der Spur zu ſein glaubte. Niemand blieb bei der Ertrunkenen, als die beiden Fiſcherjungen, die ſie trugen und der alte Stelzfuß, der neben ihr ging.— Seitdem Graf Roger Woyslawice in dem Cabinet des Fürſten Cz— iski arbeitete, bezog der alte Invalide des jardin des plantes eine Penſion, die das dankbare Vaterland ihm ſchuldete. Daher kam es, daß er ſein Leben luxuriös einrichtete, daß er ein Kämmerchen mehr miethete, ſein einfaches Bett hinein zu ſtellen und daß er bisweilen in dem Wirthshaus einen Schoppen Wein trank und ſich vor einem Kreiſe aufmerkſamer Zuhörer in Erinnerungen an ſeine Kriegsabenteuer erging, bis ihn die Kühle der Nacht und das mahnende Schmerzen ſeiner Wunden in das warme Stübchen und zu Bette trieb. So hatte er auch heute den Abend verplaudert, denn das Alter liebt es, von dem zu reden, was weit hinter ihm liegt und das Bild der Tage zurückzurufen, die für immer entſchwunden ſind, und ſpäter, als gewöhnlich 4 556 trat er den Heimweg an, als die herbeieilenden Menſchen auch ſeine Neu⸗ gierde erregten und er hinzutrat, die aus dem Waſſer gezogene Frauen⸗ geſtalt zu betrachten. Was war es denn, was ihn in dieſen erſtarrten Zügen ſo innig rührte, daß er die Blicke nicht mehr von ihnen wegwenden mochte? Er wußte es ſelber nicht. Der geheime Zauber, der einen Menſchen ſympathetiſch zu dem andern zieht, berührte auch den polniſchen Invaliden, ohne daß er ſich darüber Rechenſchaft zu geben vermocht hätte. War es eine Aehnlichkeit, war es nur Mitleid? Er hatte Tauſende von Männern fallen ſehen, verſtümmelt, zerriſſen, bettelnd um den letzten Todes⸗ ſtoß— es hatte ihn nicht gerührt, wie dieſes bleiche, ſanfte Frauenangeſicht. Empfand er es, wie freundlich eine ſolche Tochter ihn gepflegt, ſein tümmerliches Leben aufgeheitert, ſeinem Alter eine liebevolle Stütze gegeben haben würde? Es war ein Gefühl von Milde und Mitleid über ihn gekommen, das er nicht unterdrücken konnte noch wollte. Was er der Lebenden nicht geweſen war, ein helfender Vater und Freund, der Todten wollte er es ſein, den Leichnam wollte er nicht der Morgue laſſen, ein anſtändiges Begräbniß wollte er ihm geben und müßte es den ganzen Reſt der kleinen Penſion koſten, die Roger's Edelmuth ihn zu ver⸗ ſchaffen gewußt hatte. Es lag ein Troſt für ihn in dem Gedanken und darum begleitete er, der einzige Leidtragende, die Bahre, auf welcher Henriette lag. Und wie der zarte Körper unter ſeiner groben Hülle ſchwankte, während ihn die Fiſcher trugen, da bildete er ſich ein, ſie lebe auf und bewege ſich und werde erwachen, um ihn zu lieben und zu pflegen. Und wie die Jungen dann die Bahre niederſtellten, um ſich auszuruhen, da ſah er wohl, daß Alles ſtille blieb unter dem grauen Sack und nur das Waſſer leiſe niederſickerte.— Doch wollte er ſie noch ſehen, ſo lange es möglich war und, ſich auf die Bahre neben ſie ſetzend, hob er leiſe, leiſe den Sack von ihrem Angeſicht. Ihr Kopf war auf die Seite geſunken von der Erſchütterung des Tra⸗ gens, Waſſer und Blut floſſen aus ihren halbgeöffneten Lippen. Er ſah ſie lange an, bis ſeine Augen ſich mit Thränen füllten. Die Fiſcher waren in ein Wirthshaus gegangen, um einen Trunk zu nehmen und ließen ihm Muße, die Unglückſelige zu betrachten, die Ver⸗ zweiflung in das Waſſer trieb.— Wie hätte er ſie geliebt, wenn ſie noch lebte! Niemals hatte ſich ein Weib mit reiner Hingebung an ſeine Bruſt geſchmiegt, niemals das wonnige Gefühl des Heimathheerdes ſein Gemüth erwärmt. Unſtätt war er umher⸗ 5⁵⁷ geirrt und hatte nie ſo tief empfunden, was ihm fehlte, als in dieſem Augenblick, da er es einer Leiche gegenüber fühlte, was ihm ihr Leben an Glück und Freude hätte bringen können. An ſeiner Bruſt hätte er ſie getragen und erwärmt, und Alles mit ihr getheilt, was ihm das Schickſal ließ, er wäre nicht mehr einſam geblieben in dem kleinen Stübchen, und wenn er ſtarb, ſo ſcharrte man ihn nicht ohne Thränen, ohne Klage ein. Er dachte es mit tiefem Schmerz, als hätte er für immer verloren, was er niemals beſeſſen, das Glück, geliebt zu werden, und darum nahm er die Leiche in ſeine Arme, hob ſie an ſeinen Buſen, und ließ ihr Haupt an ſeiner Schulter ruhen; er ſtreichelte ihre bleiche, kalte Wange, ſtrich ihr das naſſe Haar von den Schläfen und redete leiſe Liebesworte, wie wohl einſt ſeine Mutter ſie ihm zugeflüſtert, da er, ein kleiner Knabe, auf ihrem Schooße ſaß. Und ſiehe, ſie ſchlug die Augen auf und ſchloß ſie wieder und der Alte drückte ſie inniger an ſein Herz und küßte ihre Stirne, ihre Wangen und wärmte ſie mit ſeinem Athem, da flog ein leiſes Beben durch die ſtarren Glieder, es zuckte in den kalten, kleinen Händen, und ihre Wimpern zit⸗ terten—— War es der flackernde Schein der Gaslaterne, die ihn das glaubeu ließ, war es wohl wirklich Leben, was durch ihren Körper rann?— Sie ſchmiegte ſich feſter an die warme Bruſt, an der ſie ruhte, ſie ath⸗ mete, ja, ſie athmete und ſeine Freudenthränen rannen über ihre bleiche Stirn. Die Fiſcherjungen kamen, um die Leiche weiter zu tragen und unter Lachen und Pne aef er es ihnen, daß ſie lebte, daß der Tod ſein Opfer zurückgegeben. Starr ſtanden die beiden vor Entſetzen; ſie glaubten einen Wahnſinnigen oder ein Geſpenſt zu ſehen und empfanden nicht übel Luſt, davon zu laufen. Der Alte aber gab ſhnen Geld, und das war ein beruhigendes Mittel für ihre Nerven, und bat ſie, ſo ſchnell als irgend möglich, einen Fiacre zu holen, er ſelber hielt noch immer das fröſtelnde, ſchaudernde Mädchen umſchloſſen, drückte das Waſſer aus ihren Haaren, ihren Kleidern, bedeckte ihre Hände mit den Schößen ſeines Rockes und hauchte auf ihre kalte Stirne, um ſie zu erwärmen, zu beleben. Pierre war nach dem Wagen gelaufen, Jaques mußte in das Wirths⸗ haus zurück, um ein heißes Getränk zu holen, doch mochte er das verun⸗ glückte Mädchen nicht da hineinbringen, denn ſo ſtark iſt der Egoismus der Liebe, daß er fürchtete, Henriette zu verlieren, wenn er ſie nicht ſchnell ge⸗ nug in ſeine Wohnung führte. Einige Tropfen des heißen Getränkes genügten, des Mädchens Lebens⸗ geiſter wieder zu erwecken. — . 558 „O Gott,“ rief ſie, verſtört um ſich blickend,„bin ich denn noch auf dieſer Erde, haſt Du mich denn nicht gewollt!“— Ein Thränenſtrom ergoß ſich aus ihren Augen und ihre Hände ſchloſſen . ſich zuſammen in troſtloſem Ringen. Der Invalide wußte nicht, wie er ſie tröſten ſollte, er küßte und ſtrei⸗ chelte ſie, als ob es ein kleines Kind geweſen wäre und ſuchte in ſeinem Gedächtniß, das nur an Schlachtausrufungen reich war, nach freundlichen Liebesworten, aber keines fiel ihm ein. „Gleichviel,“ dachte er,„die Liebe redet eine Sprache, die man in allen Ländern verſteht.“ Und ſomit drückte er ihre Hände an ſeine Bruſt und ſagte auf polniſch: „Mein Liebling, mein Mädchen, Du Augentroſt, Du ſüßes Herz!“ Das waren Worte, die ſie in früheren glücklichen Zeiten von Sigismund gehört, wenn ſie auf ſeinen Knieen ſaß und er mit ihren Fingern, ihren Locken tändelte. Verwundert blickte ſie empor in das Geſicht voll Runzeln und Narben, das ſich über ſie neigte, mild wie ein Vater auf ſein krankes Kind. „Willſt Du mit mir gehen und bei mir bleiben, willſt Du mein Töch⸗ terchen ſein und mein Alter pflegen?“ fragte er, indeſſen Thränen über ſeine gefurchten Wangen liefen. „Ich will, weil Gott es ſo befiehlt!“ ſagte ſie und ſchlang die Arme um ſeinen Nacken. „Der Wagen kam und Henriette wurde von ihrem neuen Freunde hin⸗ eingehoben, der dem Kutſcher befahl, ſo ſchnell als möglich ſeiner Wohnung zuzufahren. Das zitternde Mädchen ſchloß ſich innig an den liebevollen Alten, der die Sprache ihres Sigismund redete und ſeine Arme umſchloſſen und wärm⸗ ten ſie und ſeine Lippen drückten ſich zu unzähligen Malen auf ihre Stirne. Es war eine ärmliche Häuslichkeit, in die er ſie führte, aber Henrietten ſchien es ein Paradies zu ſein, ſo innig freute ſie die Liebe des Alten. Er half ihr, ſich auskleiden, trieb ſie mit freundlichem Schelten in ſein eigenes Bett und kam ſelber, ſie zuzudecken. Dann lief er geſchäftig hin und her und bald ſiedete der Thee in der kleinen Blechkanne und er brachte ihn ihr in derſelben Taſſe, aus der er mit den Grafen Woyslawice Wein getrunken hatte, und holte Weißbrod und Butter aus dem Schranke, ſein eigenes Abendbrod, an das er nicht mehr dachte, und als ſie gegeſſen und getrunken und als ihre Augen müde wurden und der Schlaf ſie überkam, da wickelte er ſich in ſeinen alten Soldatenmantel und legte ſich im anderen Zimmer quer vor die halb offene Thür, um ſogleich bei der Hand zu ſein, wenn ſie ſeiner bedürfte. Die Sonne zeigte ſich kaum am Himmelsbogen und ſchon war er mun⸗ 559 ter, räumte das kleine Stübchen auf und machte Feuer im Kamin, und wagte nicht, das knarrende Rad zu drehen, aus Furcht, die Schlummernde zu wecken, bis er endlich mit ſeiner Arbeit hinauslief und, auf der Treppen⸗ ſtufe ſitzend, mit ſchnellen Händen ſeine Arbeit that. Wie lauſchte er auf ihre Athemzüge, wie ängſtlich erwartete er den Aufſchlag ihrer Augen. Was würde ſie ſagen, wie ſeinem guten Morgen begegnen? „Vielleicht hat ſie Verwandte oder Freunde,“ dachte er,„und es fällt ihr nicht ein, bei dem alten, armen Rattlafski zu bleiben; vielleicht bin ich ihr zu häßlich, zu rauh, denn ſie iſt ſchön und zart wie eine Elfe. Und wenn ſie fort will, welches Recht hätte ich, ſie hier zurückzuhalten und was kann ich ihr bieten, womit ihr die Freude vergelten, die mir ihr Anblick macht? Ja, ja, ich werde arm ſein, ſehr arm, wenn ſie geht, es wird ſehr einſam um mich werden und beſtändig muß ich die Arme vermiſſen, die ſich um meinen Nacken ſchlangen, das Haupt, das ſich an meine Schulter lehnte, den Blick voll Schmerz und Dankbarkeit, der mich im Innerſten rührt. Das iſt es eben, was mich an ſie feſſelt, daß der Tod ſelber ſie mir geſchenkt hat, weil ich ſo ſehr um ihr Leben bat, daß ſie für mich aufs Neue geboren wurde. Es wäre grauſam, ſollte ich ſie wieder verlieren, ich gäbe lieber mein zweites Bein dahin! Doch ſtill, du alter Schwätzer, ſie regt ſich, ſie bewegt die Hände, oh, da ſind ja die lieben Augen offen, und— guten Morgen, guten Morgen, Kind!“ Sie blickte erſtaunt, verwundert um ſich, die Bilder des vergangenen Tages traten nur langſam vor ihre Seele, dann ſich der Freundlichkeit ent⸗ ſinnend, die der narbenvolle Alte ihr erwieſen, ſtreckte ſie die Hand nach ſeiner aus und zog ſie an ihre Lippen. „Nein, nicht weinen, Töchterchen,“ ſagte er und ſeine eigenen Blicke verdunkelten ſich unter Thränen,„man muß dem neuen Tage freundlich ent⸗ gegenſehen, damit er heiter bleibt. Es war aber ein ſchöner, ſtärkender Schlaf, nicht wahr? und nun iſt das Frühſtück bereit und die Kleider hängen am Kamine und ſind trocken und warm, und der alte Rattlafski wird ſich freuen, wenn ſein Töchterchen recht munter vor ihm ſteht. Oder ſind die zarten Glieder noch müde und iſt es behaglicher im Bette, wenn es auch nur das harte Lager eines alten Invaliden iſt?“— „Ich werde aufſtehen,“ ſagte ſie,„ich fühle mich kräftig genug und bin an langes Schlafen nicht gewöhnt.“ Er brachte ihr ihre Kleider und ſie erhob ſich, ordnete ihr langes im Waſſer aufgelöſtes Haar und trat dann zu dem alten Rattlafski hinaus, zwar bleich, doch lächelnd und mit einem Blick, der ihn entzückte. „So iſt es recht, mein liebes Kind,“ ſagte er vergnügt,„nun ſehe ich, daß mein kleiner Pflegling den Tod nicht mehr bedauert. Und jetzt zum 3 560 Frühſtück, ſo gut ein alter Soldat es bieten kann. Hier iſt Caffee, hier Milch, hier Weißbrod— freilich von geſtern—, Zucker und Butter. Jetzt wollen wir eſſen und trinken und uns freuen, daß Gott es uns giebt.“ Henriette nahm Alles mit der innigſten Dankbarkeit entgegen; ſie ſchenkte dem Alten ſelbſt den Caffee ein, der ihm niemals ſo gut geſchmeckt hatte und es ſchien, als verbreite ihr ſtilles, anmuthiges Weſen einen zauber⸗ haften Reiz um Alles, was ſie umgab. „Ich bin Ihnen ſo ſehr verbunden, lieber Herr,“ ſagte ſie,„und weiß noch nicht einmal, wie ich meinen Retter, meinen Wohlthäter nennen ſoll.“ „Nenne mich Vater, mein liebes Kind,“ verſetzte er, ihre Hände ſtreichelnd,„denn das möchte ich Dir ſein. Ich heiße Theodor Rattlafski und bin Offizier geweſen und weil die Könige nicht immer die Dienſte lohnen, die man ihnen leiſtet, ſo war ich arm genug, bis mir mein Volk, das polniſche, das Gott ſegnen möge, ein Jahrgeld ausſetzte, das groß genug iſt, um Dich und mich zu nähren. Denn nicht wahr, mein Töch⸗ terchen bleibt bei mir und pflegt den alten ſchwachen Mann, der ſehr der Hülfe bedarf?“ „Das iſt ein Glück und eine Ehre, deren ich mich unwürdig fühle!“ flüſterte ſie mit geſenkten Augen. „Unwürdig? warum? weil Du unglücklich warſt, weil Deine Liebſchaft Dich elend machte und Dein Liebhaber nichts taugte? Iſt es nicht ſo? wie?“ „Ich bin ein Findelkind; meine Mutter ſetzte mich aus, als ich kaum einen Tag alt war. Barmherzige Schweſtern pflegten mich und viele gleich unglückliche kleine Weſen, bis man mich groß genug fand, mir mein Brod ſelbſt zu verdienen. Da öffneten ſich mir die Pforten des Findelhauſes und ich trat in eine fremde Welt, die in ihrem ganzen Umfange kein Weſen hatte, das mich liebte, das ſich meiner angenommen hätte. Ich war allein — wiſſen Sie, was es heißt, wenn ein junges Mädchen ganz allein iſt? Ich lernte viele Meinesgleichen kennen, mit Manchen war ich zuſammen herangewachſen— ſie alle liefen dem Vergnügen nach, der Zerſtreuung nach harter Arbeit, dem Genuſſe. Ich nur, ich lebte ſtill für mich; mir war es, als habe ich mich aufzuſparen für ein höheres Glück, und es kam und war ſo ſüß, ſo rein, ſo ſchön, es hob mich ſo hoch über mein ganzes früheres Leben; es machte mich klüger, beſſer— und eben weil es ſo entzückend war, ſo konnte es nicht ewig dauern.“— „Armes Kind!“ ſagte der Alte und rückte ſeinen Stuhl neben ihren, um ſeinen Arm um ihren Leib und ihren Kopf an ſeine Schulter legen zu können. „Ich mache ihm keine Vorwürfe, weil er mich verließ,“ fuhr ſie ſanft fort,„es war mein Schickſal ſo. Allein mit ihm war alles Glück ge⸗ ſchwunden und es iſt ſo traurig, ohne Liebe leben zu müſſen, wenn man 561 ſie einmal in ſolcher Seligkeit genoſſen hat—— und dann— der Hunger!“— „Ja wohl, ja wohl, das denke ich muß ſchrecklich ſein!“ verſicherte Rattlafski, ihr die bleichen Wangen ſtreichelnd. „Nun kamen ſie wieder, die Verſucherinnen,“ ſagte Henriette,„ſie kamen und konnten es nicht begreifen, warum ich meine neue Freiheit nicht zu neuen Genüſſen anwendete. Ich wußte es aber, daß ich nicht mir ſelber, daß ich für ewig ihm angehörte, und dann—“ „Und dann, mein Kind?“ „Ich bin Mutter,“ flüſterte ſie mit geſenkten Augen und ſich von ſeiner Bruſt emporrichtend,„und darum kann ich nicht bei Ihnen bleiben, Sie lieber, gütiger Freund!“ „Nicht?“ ſagte er und ſeine Hände griffen nach den ihrigen, als wolle er ſie nimmer laſſen. da denn Dein Kind einen Vater, der ſich ſeiner annehmen wird?“ Sie ſchüttelte traurig den Kopf. „Nun denn, ich ſagte es Dir ja, daß ich Dein Vater ſein will, Du armes, liebes Kind, und wenn ich bald auch Großpapa werde, ei, das muß mir ja doppelte Freude ſein. Und wenn Du Niemand haſt, der für Dich ſorgt und wenn ich alt und einſam bin, ſo denk' ich wohl, Gott hat es gut gemacht, daß er zuſammen führte, was ſich gegenſeitig hilft und unter⸗ ſtützt und darum biete ich Dir noch einmal und mit dem vollſten Vertrauen dieſe Heimath, dieſen Heerd und dieſes treue Herz.“ An die Bruſt warf ſie ſich ihm, umſchloß ihn mit beiden Armen und weinte heiße Dankeszähren, daß es dem Alten warm und wohl um's Herz wurde und er meinte, jetzt zum erſten Mal in ſeinem langen, vielbewegten Leben zu empfinden, was Freude iſt und Friede. Nicht lange dauerte es, ſo waren die beiden edlen Naturen feſt anein⸗ ander geſchloſſen, als beſtände in Wahrheit zwiſchen ihnen das Band der väterlichen und Kindesliebe, das ſie ſo hoch beglückte. In ihrer gewohnten ſchnellen und doch lautloſen Weiſe ordnete Hen⸗ riette den kleinen Hausſtand, daß Rattlafski glaubte, es ſei eine freundliche Fee herabgeſtiegen, um ſeine ärmliche Wohnung zu einem behaglichen und geſchmackvollen Aufenthalt zu machen. tit Hülfe der Wirthin wurde ein Bett herbeigeſchafft und Henriette richtete ſich in dem Kämmerchen häuslich ein, während das größere Zimmer dem Alten als Schlafzimmer und Beiden als Salon, Eßſaal und Wohn⸗ ſtube diente. Wie ſchnell verſchwanden die Spinnweben von den Wänden, die abge⸗ brannten Fidibus aus den Ecken, wie glänzten die Scheiben der kleinen Fenſter, die Rahmen an Garibaldi's, Kosciusko's und Koſſuth's Portraits, Phantom Polens. III. Band. 36 562 und wenn das geſchäftige Mädchen ſich niederſetzte, um ein wenig zu ruhen, ſo lachte ihr der Alte zu und bat ſie, ſich nicht zu ſehr anzuſtrengen, und half ihr mit ſo frohem Sinne, als ſei er um zwanzig Jahre jünger gewor⸗ den und diene voller Liebesgluth einer angebeteten Prinzeſſin. Als aber gar das einfache Mittagsmahl in dem Kamine kochte und Henriette ein weißes Tuch fand und den Tiſch deckte mit einem Blumen⸗ ſtrauß darauf, den ein vorübergehender Knabe ihr für einige Pfennige ver⸗ kaufte, als der Alte nicht in ſein gewöhnliches Wirthshaus zu gehen brauchte, ſondern ſeinem Pflegekinde gegenüber ſaß und mit Entzücken die erſte Suppe aß, die ſie für ihn gekocht, da gab es auf Erden keinen glücklicheren Men⸗ ſchen, als den Colonel Rattlafski und auch Henriette faltete ihre Hände und dankte Gott, der ihrem Kinde das Leben erhielt. Und dann ſaßen ſie am Nachmittage am Fenſter, wo bereits Platz ge⸗ macht war für ein paar Blumentöpfe, ohne die Henriette nicht gerne blieb; als nun der greiſe Krieger von ſeinen Abenteuern zu erzählen begann und ſie an ſeinen wenigen Hemden flickte, als dann bei einbrechender Dunkelheit die Beiden längſam Arm in Arm mit einander ſpazieren gingen und dann ſo froh beim Abendbrode ſaßen, da leuchtete der Abglanz ihrer dankerfüllten Stimmung bis in ihre Träume und machte ihnen den Schlummer ſüß und das Erwachen froh. 19. Zie Krallen des Teufels. Wie liebevoll Roger und Anatole den kranken Bruder gepflegt hatten, er empfand es erſt, als er am anderen Morgen mit neuen Kräften erwachte. Was er erlebt, was er verbrochen, erſchien ihm wie ein Traum, aus dem er ſich mit Freuden geweckt ſah. Die theilnehmenden Blicke der beiden jungen Männer, ihr mitleidvolles Zuſprechen, die Beſorgniß, die ſich in ihren Zügen malte, rührten ihn tief und weckten ſeine Reue. Er hatte unrecht gethan, ihnen irgend was zu verheimlichen; war er es ſich doch lebhaft bewußt, daß kein edleres Gemüth, kein reinerer Geiſt zu ſinden ſei, als in Denen, die die Natur ihm ſo nahe geſtellt, denen ſein Vater die Sorge für ſein geiſtiges und leibliches Wohl übertragen hatte! Und dennoch— 563 Dennoch vermochte er es auch heute nicht, von ſeiner Liebe, ſeiner Leidenſchaft zu reden, ihnen Alles zu ſagen, was in den letzten Wochen ſeine ſchmerzzerriſſene Seele durchlebte. Konnte er es ſeinem Bruder Roger, den er in Liebe zu Eleonoren glaubte, ſagen, daß Eiferſucht auf ihn ihren Stachel tief in ſein Herz ge⸗ bohrt hatte? Durfte er ihm bekennen, daß er, trotz ſeiner Warnung, die Geſellſchaft des Chevalier de la Guerrie nicht gemieden, daß er mit ihm ſein Geld, ſeine Geſundheit, ſein reines Gewiſſen verſpielte? Es war ihm unmöglich. Er hielt ſich für krank, er wollte krank ſein, um ſeine Schwäche vor ſich ſelbſt entſchuldigen zu können und ſein bleiches Geſicht, ſeine noch immer fieberhaft klopfenden Pulſe ſtraften ihn nicht Lügen. Seine Brüder glaubten ihm, daß er litt und entſchloſſen ſich mit Auf⸗ gabe jeder anderen Verpflichtung, an ſeinem Lager zu bleiben; ſie laſen ihm vor, ſie erzählten ihm heitere Geſchichten und vertrieben ihm die Zeit, wie einem leidenden Kinde, und Adrian ließ ſich ihre Sorgen gerne gefallen und je länger ſie dauerten, um ſo mehr nahm er ſie als einen ihm zukommenden Tribut der Pflichten auf, die Anatole und Roger in Betreff ſeiner über⸗ nommen hatten. Die Gräfin Conſtantia Branow, die am Morgen von ſeinem Unwohl⸗ ſein gehört, ſandte am Mittag eingemachte Früchte und ſtärkende, wohl⸗ ſchmeckende Getränke und Adrian ſah ſich mit Vergnügen zum Mittelpunkt ſo vieler Liebenswürdigkeit gemacht und weil ſie ihm ganz ungerufen kam, ſo glaubte er ſie zu verdienen und ſeine Reue machte einer frohen Selbſt⸗ genügſamkeit Platz. So verging der Tag, und als am anderen Morgen ſeine friſchere Ge⸗ ſichtsfarbe auf vollſtändige Geneſung ſchließen ließ, meinten die Brüder, es habe ein in ihm ſchlummernder Krankheitsſtoff ſeine frühere Miß⸗ ſtimmung bewirkt und es werde nun, da eine Kriſis ihn beſeitigt, neue Freudigkeit und neuer Lebensmuth in ihm erwachen und erblühen. Darum beſchloſſen ſie, noch heute mit ihm von den Plänen zu ſprechen, die ſie in Betreff ſeiner geformt; ſie ſtellten ihm die militairiſche Laufbahn als die ehrenvollſte und glänzendſte dar und ſchilderten ihm die polytech⸗ niſche Schule als die Pflanzſtätte für alle Bildung, vorzüglich ſoweit ſie das Kriegsweſen betrifft. Adrian wollte jedoch davon nichts hören.. „Warum,“ fragte er,„ſoll ich mich zum Schüler machen, da unſer Name, wie unſer Vermögen uns geſtatten, unabhängig und nach unſeren Wünſchen zu leben?“ „Auch wir haben ſtudirt!“ verſetzte Anatole. 36* 564 „Friedliche Wiſſenſchaften, die höchſtens Ehre brachten, ſchwerlich einen frühen Tod.“ „Ein Tod für's Vaterland iſt ehrenvoller als Alles!“ ſagte Roger. „Warum ſuchtet Ihr ihn nicht, wenn er Euch ſo ſcheint?“ „Unſer Vater wollte nicht, daß wir in Polen kämpften.“ „Darum ſoll ich fremde Dienſte nehmen, und vielleicht wie der Inva⸗ lide im jardin des plantes in drei Welttheilen Wunden und Narben er⸗ ringen?“ „Nun wohl, wenn dieſe Laufbahn Dich nicht lockt, ſo wähle eine andere. „Wozu? Was thut Ihr denn?“ „Wir gehorchen dem Willen des Vaterlandes und unſere Schuld wird es nicht ſein, wenn wir uns in der nächſten Zeit weniger nahe ſind, als bisher.“ „Was habt Ihr vor?“ „Es iſt uns nicht erlaubt, davon zu reden.“ „Ihr habt Geheimniſſe vor mir, und ich ſoll ewig das Kind bleiben, dem man nur ſagt, was man für dienlich ſindet.“ „Adrian, ich bitte Dich—!“ „Ihr möchtet mich los ſein und betrachtet die polytechniſche Schule als eine Art von Penſionat für den Knaben, deſſen Gegenwart Euch unbe⸗ haglich iſt?“ „Haben wir das um Dich verdient?“ „Ich aber bin zu ſtolz, mich Euren Wünſchen unbedingt zu unterwer⸗ fen. Reine Freiheit will ich, ich will ſie im vollſten Umfange!“ „Haſt Du ſie nicht immer gehabt?“ „O ja, an Eurem Gängelbande.— Doch nun kann ich auf eignen Füßen ſtehen und will nicht mehr von Eurer Gnade leben und mein ſpär⸗ liches Taſchengeld durch Euch empfangen!“ „ Adrian, das iſt ungerecht und unklug—“ „Glaubſt Du?— ich aber meine, ſehr klug geworden zu ſein, ſeitdem ich weiß, was meinem Alter gebührt.“ „Du ſollſt es haben. Von heute ab ſollſt Du Dein Geld von dem⸗ ſelben Banquier beziehen, wie wir das unſrige, ebenſoviel, doch nicht mehr, das merke. Ob Du die Wohnung ferner mit uns theilen willſt, bleibt Dir überlaſſen, wie Dein ganzes ferneres Leben. Ich aber werde es noch heute unſerem Vater ſchreiben, daß unſere Obhut über Dich ein Ende hat.“ Adrian's Blicke leuchteten freudig. Frei war er, frei! Es lag ein Ge⸗ fühl von Seligkeit in dieſem Gedanken. Ganz anders empfanden Roger und Anatole. Letzterer vorzüglich nachte ſeinem älteren Bruder Vorwürfe über deſſen zu ſchnelles Nachgeben. „Adrian mag in böſe Geſellſchaft gerathen,“ ſagte er,„mag ſein Geld verbringen, ſeine Geſundheit auf's Spiel ſetzen, die Reinheit ſeines Ge⸗ müthes für ewig beflecken— und wir find daran Schuld, denn wir geben die Mittel, ihn zu beaufſichtigen, aus den Händen.“ „Welche Mittel blieben uns,“ gegenredete Roger,„als eine Controlle ſeiner Handlungen, die ihn mißtrauiſch machen würde und ein Entziehen pecuniärer Mittel, das ſeinen Zorn erregen muß. Nein, Anatole, wenn ich anders handelte, ſo würde ich den ſchweren Vorwurf verdienen, den Adrian mir machte, ich würde den wie ein Kind gängeln wollen, den die Jahre zum Manne machten. Adrian hat zwanzig Sommer erlebt, an ihm iſt es, ſeine Thaten zu regeln und für ſeine Sittlichkeit einzuſtehen. Jetzt macht die Sehnſucht nach äußerer Freiheit ihn wie einen Nachtwandler, den man auf ſeinem ſchwindligen Pfade nicht anrufen darf— und wir müſſen ihn gehen laſſen, ſo angſt es uns auch um ihn ſein mag. Genug, daß wir da ſind, ihn mit liebenden Armen aufzufaſſen, ſobald er ſtrauchelt oder fällt.“— Somit erhielt Adrian im weiteſten Maße das, was er ſeine Freiheit nannte, das heißt, Geld die Fülle und deſſen erſter Gebrauch ſollte darin beſtehen, die verpfändeten Kleinodien wieder einzulöſen. Aber dazu mußte er den Chevalier de la Guerrie ſprechen, und er kannte ſeine Wohnung nicht. Es blieb ihm alſo kein anderes Mittel, als in das Gaſthaus zu gehen, in welchem er jene wilde Nacht verlebte und er that es, ſobald die Dunkel⸗ heit einbrach. Er hatte das zur Auslöſung der Werthſachen beſtimmte Geld zu ſich geſteckt, die Börſe jedoch zu Haus gelaſſen, denn er fürchtete ſich vor der Verſuchung des grünen Tiſches. Wenn er mit Ehren vor ſeinen Brüdern beſtehen wollte, das fühlte er tief, ſo hatte er die Geſellſchaft des Chevalier de la Guerrie zu meiden, hatte Aufregungen zu fliehen, die ihm ſchon einmal ſo verderblich geworden waren. Er durfte nicht wieder ſpielen, durfte ſein Geld, das ihm als ein Pfand ſeiner geiſtigen Reife anvertraut war, nicht leichtfertig vergeuden und er glaubte ſich ſtark genug, der Verführung zu widerſtehen und nach vollen⸗ detem Geſchäfte den Chevalier und ſeine Freunde für immer zu meiden. Darum ließ er die Börſe daheim; auch der Verlockung, ein Goldſtück als Köder für andere auswerfen zu können, wollte er entgehen und glaubte ſich ſtark zu machen, indem er üch ſelber die Mittel nahm, ſchwach zu werden. WViee er dann ferner ſein Leben einrichten wollte, um ſeiner Leidenſchaft für das Vergnügen wie ſeiner Liebe zu Eleonoren zu genügen und ſeinen Brüdern zu beweiſen, daß er ein Mann und jedes Vertrauens werth ſei, 566 darüber wollte er mit Sigismund berathen. Er hatte ſich ſchon früher viel mit Muſik beſchäftigt, und ſeine ganze Natur wies ihn auf künſtleriſche Beſchäf⸗ tigungen hin; ſo war es denn ſein Lieblingsplan, zu ſpielen und Lieder zu Eleonorens Ehre zu dichten. Wenn ſie dann mit einander ſangen, wenn er ihrer ſüßen Stimme accompagnirte, ſo hoffte er auf den Schwingen der Töne in ihr Herz zu dringen, war ihm doch ſelbſt Muſtk nur um ſo theu⸗ rer geworden, da er ſie gehört und die Verklärung der Harmonie in ihren Zügen geleſen hatte. So kam er in das Gaſthaus, als erſt wenig Leute ſich darin be⸗ fanden. Er ließ ſich Wein und Zeitungen bringen und wartete in Geduld des Mannes, mit welchem er zu reden hatte. Wie aber, wenn er nicht kam, wenn die Juwelen, jene theuren Ange⸗ denken ſeiner Lieben vielleicht bereits verkauft, das Gold zerbrochen, einge⸗ ſchmolzen wäre?— Es war ihm höchſt unbehaglich in der drückenden Luft des Zimmers, das von Gaslichtern bis zum Ueberfluß erhellt war. Der Tiſch mit dem grünen Bezuge war verſchwunden, keine Karte im ganzen Raum zu ſehen, es ſah ſo friedlich aus, als habe der Dämon des Spiels hier niemals ſei⸗ nen dunklen Fittich ausgebreitet. Lange dauerte es, bis mehr Gäſte kamen und auch dieſe waren ihm fremd und laſen, tranken oder plauderten, ohne ſich um ihn zu bekümmern. Die Theaterzeit war vorbei, Adrian begann müde und ungeduldig zu wer⸗ den; er ſehnte ſich hinweg, ſehnte ſich nach Zerſtreuung von ernſten Gedan⸗ ken, zu denen ſein geſtörtes Verhältniß zu Roger und Anatole ihm nur zu viel Veranlaſſung gab. Endlich, es mochte nahe an Mitternacht ſein, erhob er ſich und trat an die ältliche Frau heran, die hinter dem Comptoirtiſche ſaß. „Um Vergebung, Madame,“ ſagte er,„ich erwartete vergeblich den Che⸗ valier de la Guerrie. Können Sie mir ſeine Adreſſe ſagen?“ „Ich nicht, aber mein Mann!“ verſetzte ſie und rief den behäbig aus⸗ ſehenden Wirth herbei, dem die ſie Frage vorlegte. Auch dieſer entſchuldigte ſich, es ſeien jedoch im Hinterzimmer Herren, ſagte er, die den Chevalier kannten und die wolle er fragen, bat jedoch zu⸗ vor um die Karte des jungen Grafen, die dieſer ihm gab. Der Wirth verſchwand und kehrte bald zurück, um Adrian zu bitten, ihm hinaus zu folgen, wo die Herren ihn mit Vergnügen erwarteten. Adrian folgte ihm durch einen ziemlich finſteren Gang, und hatte kaum das hintere Gaſtzimmer betreten, als er bemerkte, daß dies der Raum ſei, in welchem er ſich neulich ſchon befunden. Hier ſtand der grüne Tiſch, hier hing die Lampe von der Decke herab, hier fielen die Karten, rollten 24 567 die Goldſtücke, klang das eintönige rouge gagne, noir perd, und wieder glaubte er, zwei weibliche Geſtalten ſo eilig hinaus ſchlüpfen zu ſehen, daß ihre bunten Kleider noch in der ſchon halb geſchloſſenen Thüre flatterten. Der Chevalier ging ihm mit offnen Armen entgegen. „Welche Freude, welche Ehre, Sie zu ſehen!“ rief er laut und ſetzte leiſe hinzu:„Sind die brüderlichen Wächter Ihrer kindlichen Unſchuld gnädig geweſen, ging der Sturm milde an Ihrem Haupte vorüber, Sie liebenswürdiger Novize in der Kunſt zu leben?“— 3 Adrian zog ihn bei Seite. „Meine Brüder,“ ſagte er,„wiſſen nichts, denn ich bezahlte jenen Herrn mit Juwelen, die ich einzulöſen gekommen bin.“ „Mit neuen Napoleonsd'ors auf jenen Karten da?“ „Nein, ohne zu ſpielen, denn ich will es nie wieder thun.“ „Darin haben Sie Recht, man muß ſich mit dem Glücke nichts zu thun machen, ehe man kräftig und mannhaft genug iſt, allen ſeinen Launen die Stirne bieten zu können, und dazu ſoll bei Ihnen die Zeit erſt kom⸗ men. Doch hindert das nicht, daß Sie nicht ein wenig bei uns bleiben und dem Spiele zuſehen ſollten. Der Baron hält eben Bank, und ich kann ihn von Ihren Wünſchen nicht benachrichtigen, ehe er damit zu Ende iſt.“ Es ſaßen diesmal mehr Leute an dem grünen Tiſch, als neulich. Ein junger, bleicher Mann ſah mit entſtellten Zügen auf die Karten, an denen ihm Tod und Leben zu hängen ſchien; ein anderer lag halbbetrunken und lallend über einem großen Haufen Goldſtücke, ſpielte mit jedem einzelnen, wie ein Kind mit bunten Steinchen, warf ſie in die Höhe, ließ ſie durch die Finger gleiten und lachte in kindiſcher Weiſe. Ein dritter ſaß bleich und ernſt wie eine Leiche, ſetzte ſehr langſam und vorſichtig und ſteckte je⸗ des gewonnene Geldſtück ſogleich in ſeine Taſche; ein Vierter fluchte in den entſetzlichen Ausdrücken, an denen die franzöſiſche Sprache ſo reich iſt, auf Gott und ſein Geſchick, während zwei oder drei Andere Arm in Arm herum ſaßen oder ſtanden, lachten, plauderten und von Zeit zu Zeit einen Louisd'or auf den Tiſch warfen. Es lagen hohe Haufen Goldes da, es rannen bedeutende Summen bald dieſem, bald jenem zu; der Halbbetrunkene begrub ſeine beiden Hände in einer Menge Goldes, die genügt haben würde, einen armen Mann reich zu machen. „Ein einziger ſolcher Wurf,“ dachte Adrian,„und ich kann meine Ju⸗ welen zurückkaufen, ohne das Geld aus meiner Taſche zu nehmen.“ Aber er hatte keine Börſe bei ſich und das Wenige, was er in der Weſtentaſche getragen, genügte nur, ſeine Zeche und eine Flaſche Wein zu bezahlen, die der Kellner ihm ſo eben brachte. — 3 568 Das Getränk war feurig und ſtark, und floß wie Gluth durch ſeine Adern. Der Chevalier hatte ſich entfernt und ließ ihn allein, ohne andere Unterhaltung als die, Goldſtücke rollen zu ſehen. Es liegt eine magnetiſche Kraft in dieſem Glanze; wie Windmühlen⸗ flügel, die ſich in Eile drehen, und anzuziehen ſcheinen, obſchon ihre Be⸗ rührung der Tod iſt, ſo zieht das Leuchten des Goldes die Blicke des Spie⸗ lers mit magiſcher Gewalt, unwiderſtehlich zu ſich hin, und hier, wie dort, iſt das Verderben gewiß. Adrian's Hand ſteckte in ſeiner Taſche und hielt die Bankſcheine, die ihm ſein Banquier gegeben, feſt, krampfhaft feſt umſchloſſen. Sollte er einen von ihnen daran wagen?— nur einen einzigen?— das konnte den Handel nicht ſtören, denn der Chevalier war da, für ihn zu bürgen— aber nein— er hatte ſich Anderes geſchworen. Und doch— wenn er gewann?— Nein, nein, er wollte nicht, er durfte nicht ſpielen. Seine Ehre lag in ſeinen Händen und er hatte ſie ſeinen Brüdern gegenüber zu wahren. Die neue Freiheit, deren er ſich ſo innig gefreut hatte, legte ihm einen Zwang auf, den er in dieſem Augenblick mit großem Widerwillen fühlte, den Zwang, ganz ihrer werth zu ſein. Und die Goldſtücke klirrten und flimmerten vor ſeinen Augen, und der Betrunkene lachte laut auf bei jedem neuen Zuwachs ſeines glänzenden Hau⸗ fens, den er liebkoſ'te, küßte, indem er ſein faſt unnatürlich erhitztes Geſicht abkühlte. So müßig dabei zu ſitzen, während Andere ſich in der höchſten Auf⸗ regung befanden, es war für Adrian faſt unerträglich. Haſtig trank er den Wein, der ſo erhitzend war, wie er noch niemals welchen genoſſen und ſeine Hand drückte noch immer das Notizbuch, das ſeinen Geldvorrath enthielt. Jetzt endlich trat der Chevalier wieder herein und ſtellte ſich hinter den Stuhl des bankhaltenden Barons, dem er einige leiſe Worte in das Ohr flüſterte, zu denen dieſer mit der ihm eigenen unbeweglichen Miene mit dem Kopfe nickte. „Ihr junger Graf ſpielt nicht!“ ſagte er leiſe, ohne ſich umzuſehen. „Wird ſchon kommen,“ verſetzte der Chevalier lächelnd,„die Leimruthe iſt ausgeſteckt und das Vöglein rückt immer näher.“ „Warum ſchickten Sie die Mädchen fort?“ „Es iſt noch zu früh dazu.“ „Gehen Sie zu ihm, mein Spiel ſteht ſchlecht; ich brauche Hülfe.“ Abermals ſchob der Croupier dem Betrunkenen eine Menge Goldſtücke zu, die dieſer mit kreiſchendem Gelächter unter ſeinen Haufen miſchte. „Sie bleiben alſo wirklich feſt, mein junger Freund?“ ſagte der Chevalier, zu Adrian hintretend.„Ich muß Sie loben und werde Ihnen, wenn Sie ————:xx— 569 es wünſchen, ein Zeugniß erſter Klaſſe für Ihre Herren Brüder aus⸗ ſtellen.“ „Meine Brüder haben keine Vormundſchaft mehr über mich; ich bin jetzt majorenn erklärt und Herr meines Vermögens und meiner Thaten.“ Adrian ſprach es mit dem Stolz der Jugend, die ſich zum Manne gereift fühlt und über das Geſicht des Chevaliers flog ein zufriedenes Lächeln.. „Aber dann,“ rief er,„dann begreife ich Sie nicht! Sie ſind Herr Ihres Geldes und ſuchen nicht, es zu vermehren? Iſt es denn nicht das Geld allein, das alle Freuden, alle Herzen öffnet? Kein Gut des Lebens, das wir nicht dadurch erreichten. Sind wir jung, ſo kaufen wir uns Ver⸗ gnügen aller Arten, werden wir alt, ſo vergeſſen wir es im behaglichſten Leben; erfaßt uns Krankheit, an der die Armen dahin ſiechen, wir helfen uns in den amüſanteſten Badeörtern; giebt's einen Aerger, ſo ſchafft man ſchnell eine Zerſtreuung herbei. Uns fehlt es nicht an Freunden, nicht an Gefährten unſeres vergänglichen Daſeins und ſelbſt das ſtolzeſte Weib kann niemals widerſtehen, wenn wir ihr den Schooß, wie Jupiter der Dange, mit goldnem Regen füllen. Und ſehen Sie dort den häßlichen Menſchen mit dem rothen Geſichte. Er iſt von der gemeinſten Herkunft, ohne Bildung, ohne Verſtand, aber morgen wird der Schmutz, den ſeine Equipage auf⸗ ſpritzen macht, Sie beflecken, die ſchönſten Mädchen werden ſchwören, er ſei ein Adonis und eine Gräfin fühlt ſich durch ſeine Hand beglückt.“ „Ja, wer gewinnen könnte, wie der—“ „Man muß es verſuchen. Neulich hatten Sie Unglück— doch damals ſpielten Sie mit Aengſtlichkeit, denn das Geſpenſt Ihrer Brüder ſtand hin⸗ ter Ihnen. Heut ſind Sie frei und können jeden beliebigen Gebrauch von Ihrer Zeit und Ihrem Gelde machen. Ein Narr, wer beides nicht zu ſeinem Vergnügen anwendete. Der Rothe da wird bald ſein Gold zu nutzen wiſſen. Er hat Eleonore Batory geſehen und dringt in mich, ihn bei ihr einzufüh⸗ ren. Was gilt die Wette, daß ſie ihn nicht ganz ſo häßlich und durchaus nicht ſo gemein findet, wie er iſt, wenn er mit einem Diamantſchmuck zu ihr kommt?“ Der Teufel iſt ſchlau, und neben dem erhitzenden Wein bedurfte es nur dieſer Worte, um Adrians Vorſätze wankend zu machen. Schnell, um ſeinem Gewiſſen keine Zeit zur Einſprache zu laſſen, nahm er eine der Banknoten aus ſeinem Notizbuche und legte ſie auf eine der ausgeſtreuten Karten. Das Glück war ihm diesmal nicht ungünſtig. Er gewann, verlor, gewann wieder und ſah mit einem Beben, das alle ſeine Glieder durchlief, auf den Baron, der mit Zügen, die aus Stein gehauen ſchienen, ſeine Kar⸗ ten zog. —— 2————— 570 „Noch mehr, noch mehr!“ lallte der Betrunkene, ich brauche noch mehr Geld!“ Und wirklich floſſen noch immer reiche Ströme Goldes ſeinem Hau⸗ fen zu. Der bleiche Jüngling ihm gegenüber drückte die Nägel ſeiner Finger in ſeine Stirn, daß das Blut an ihnen niederrann— er merkte es nicht. Der andere Spieler ſtieß einen entſetzlichen Fluch aus, als abermals der Rothe ſeinen Gewinn zuſammenſcharrte und die jungen, plaudernden Männer ſtrichen ihre gewichsten Schnurbärte in die Höhe und machten Witze, für die Niemand ein Lachen hatte, als ſie ſelber. Von Zeit zu Zeit ſteckte der dicke Wirth ſeinen Kopf zur Thür herein, um zu ſehen, ob Alles in Ordnung ſei, nur er und ein vertrauter Kellner bedienten die auserleſenen Gäſte in dem hinteren Zimmer, das von den vorderen Sälen vollkommen getrennt war, und beide wechſelten mit dem Chevalier geheimnißvolle Blicke und ſchienen jeden ſeiner Winke zu verſtehen. Zwei Uhr ſchlug es vom Kirchthurm zu Notre⸗Dame. Adrian gewann, verlor, gewann wieder und beneidete den Spieler neben ihm, der, ohne eine Silbe zu reden, immer nur ein einziges Geldſtück ſetzte und das gewonnene ſogleich in ſeiner Taſche verſchwinden ließ, denn der war ruhig und ihm bebten alle Pulſe, ſein Inneres war in der furchtbar⸗ ſten Aufregung und der Wein löſchte nicht die Gluth, die in ihm kochte. „Platz für mein Gold, Platz für mein Gold!“ ſchrie der Betrunkene und ſcharrte das Neugewonnene zu ſeinem Haufen heran, den er mit beiden Armen umfing, indeſſen ſein Geſicht auf den Goldſtücken ruhte. Das war der Reichthum, mit welchem er Eleonorens ſüßes Lächeln erkaufen wollte! Adrian hätte ihn morden können, ſo gründlich haßte er den ſchmutzigen Nebenbuhler.— Und er gewann, verlor und gewann wieder und ſein Reichthum, den er in einem Augenblick vermehrte, ſchmolz im anderen dahin. Es wurde ſpät; die Spieler merkten es nicht. Der Kellner meldete, es ſei ein Feuer in der Nähe; man hörte die Spritzen vorbeiraſſeln, die Pompiers ihre kurzen Befehle austheilen— Niemand rührte ſich vom Platze; nur die plaudernden jungen Männer gingen ab und zu und berichteten lächelnd, es ſeien nur Wohnungen für arme Leute, die in Flammen ſtänden. Das Feuer wurde gedämpft, und noch immer ſpielten die Männer in namenloſer Aufregung. Grauſig klangen die Flüche des Einen zu dem grellen Lachen des Anderen, grauſig war die eiſerne Ruhe des Bankhalters neben der ſtummen Verzweiflung des bleichen Jünglings, deſſen Hand in der Taſche an dem Hahne eines Terzerols knackte. —äöä 571 „Va banque!“ kreiſchte der Rothe und warf ſich lachend in den Lehn⸗ ſtuhl zurück. 3 Der Baron zog ſeine Karten— er hatte verloren. „Meine Herren, die Bank iſt geſprengt!“ ſagte er, ſich erhebend und ſeine unbeweglichen Züge verriethen nicht die mindeſte Aufregung. „Hi hi hi!“ lachte der Rothe und wälzte ſich auf ſeinem Golde. „Meine Herren!“ rief der Chevalier,„morgen Abend werde ich die Bank halten und lade Sie Alle ein, mir ein Gleiches zu thun, wie unſerem lie⸗ ben Baron.“. Der junge, bleiche Mann ſtürzte hinaus, ohne ſeinen Hut mitzunehmen. Unheimlich klang der knackende Ton in ſeiner Taſche. „Einen Sack, Herr Wirth!“ rief der Rothe,„und einen Wagen! daß ich mein Geld, mein hübſches rundes Geld nach Hauſe bringe! Hi hi hi, ein artig Sümmchen! Es verlohnte ſich der Mühe, mir heut Nacht den Hals abzuſchneiden, wenn ich es nur erlaubte; aber ich lege meinen Hund vor mein Bett und mein Geld mit mir hinein, und Nero geht auf Men⸗ ſchen, wenn ich pfeife. Hi hi hi!“⸗ Das Zimmer leerte ſich, die plaudernden jungen Leute, die auf und gegen den Bankhalter gewettet hatten, zahlten ſich den Gewinn aus und trollten davon. Der Schweigſame knöpfte ſeinen fadenſcheinigen Rock zu und entfernte ſich, ohne ein Wort zu ſagen; der Chevalier zog den Baron in das andere Zimmer, um Adrian's Angelegenheit mit ihm zu verhandeln und dieſer befand ſich plötzlich allein mit ſchwerem Kopfe und dem Gewinn von höchſtens hundert Francs. Er lehnte ſich im Stuhle zurück und tief und nagend war der Schmerz, den er mit einem Mal in ſeiner Bruſt fühlte. War es die Eiferſucht auf den widrigen Menſchen, die ihn tiefer fraß, oder die Reue um dieſen Bruch des Wortes, das er ſelbſt ſich gab, war's die Empfindung, daß er ſeine Ehre verletzt habe, daß er es nicht vermochte, ſeinen Brüdern frei und feſt entgegen zu treten und daß ſelbſt der Trotz, der ſich auf feſte Entſchlüſſe ſtützen durfte, dieſer Trotz, der ihn mit ſeinen liebſten, natürlichſten Freunden entzweite, ihm nicht mehr geſtattet ſei— 2 er fühlte ſich ſehr elend.— Plötzlich wehte ein warmer duftiger Athem über ſeine Stirn und blonde Locken rieſelten in ſein Geſicht. „Eleonore!“ rief Adrian und ſah verwundert in das liebliche Antlitz, das ſich über ihn beugte. „Nein, nicht Eleonore,“ verſetzte ſie lächelnd,„ſondern Fanchonette, die es nicht ſehen mag, daß ein ſo hübſcher Knabe trüben Gedanken nachhängt.“ Sie ſetzte ſich zu ſeinen Füßen, legte beide Arme über ſein Knie und blickte ſchelmiſch zu ihm empor. 572 „Der Chevalier wies mich hinaus, als Sie kamen,“ plauderte ſie,„und ich ſaß in der kalten, dunklen Kammer und hatte Langeweile. O, es iſt entſetzlich, Langeweile zu haben!“ Er konnte nicht ohne Lächeln das ſchöne Mädchen ſehen, das ſo reizend ihre blonden Locken ſchüttelte, dieſe Locken, die Eleonorens ſo ähnlich ſahen. „Ich werde Dir ein ſchlechter Geſellſchafter ſein, armes Kind,“ ſagte er,„denn heut iſt meine Stimmung trüb.“ „Heut, aber morgen werden wir mit einander lachen, nicht wahr? Ich lache ſo gerne.“ „Morgen— vielleicht?“ „Und warum nicht heut, nicht jetzt ſchon? Man muß nicht ernſthaft ſein, wenn man jung iſt. Es lebe das Vergnügen! So lange der liebe Herr Gott den armen Knaben und Mädchen erlaubt, ſich lieb zu haben, ſo lange iſt noch Urſache zu Freude und Lachen genug in der Welt, und wer liebt und lacht, ſagt unſer Herr Pfarrer, der ein ſehr heiliger Mann iſt, der ſündigt nicht.“ „Allen Reſpect vor Deinem Herren Pfarrer!“ rief Adrian und ſeine trübe Stirne erheiterte ſich wirklich bei dem Geplauder des reizenden Mädchens. „Ja, und darum müſſen wir ihm gehorchen!“ rief ſie und ſprang em⸗ por und jetzt erſt bemerkte der Graf, daß ſie ein leichtes Ballkleid trug und bunte Schleifen um den Leib und auf den Schultern. „Im Lehnſtuhl hocken hat noch Keinem was geholfen,“ fuhr ſie mun⸗ ter fort;„aber ein friſcher Tanz, der bringt das ſtockende Blut in den rechten Fluß. So tralala, ſo tralala!“ Und ſie drehte ſich und ſchwebte ſo lieblich und leicht um ihn herum, daß er nicht zu widerſtehen vermochte, als ſie, ſeine Hand ergreifend, ihn mit hineinzog in ihren Tanz, den ſie ſich trällernd ſelbſt begleitete. „Oh pfui, das geht ſehr ſchlecht, Sie ſind ein miſerabler Tänzer, mein Herr Graf, Sie ſollten Unterricht bei mir nehmen.“ „Gerne, Du allerliebſte Fanchonette.“ „Wollen Sie mit mir kommen? Man tanzt hier neben an und die Muſik hat mich faſt toll gemacht, als ich da drinnen ganz allein ſaß und der Chevalier mir verbot, Sie anders als durch das Schlüſſelloch zu ſehen. Wirklich, für dieſe ſchrecklichen Stunden ſind Sie mir eine Entſchädigung ſchuldig.“ „Aber, Kind, es iſt ſchon ſehr ſpät.“ „Was thut das? man tanzt bis in den hellen Tag und länger noch, wenn das Vergnügen nicht mit den Lichtern ausgeht. Schnell nehmen Sie Ihren Mantel um!“ Sie reichte ihm den Mantel hin und hob ſich zierlich auf die Fuß⸗ ſpitzen, ihm den Hut auf den Kopf zu ſetzen. „* 573 „Nun fort!“ „Aber Du, Fanchonette, Du kannſt doch nicht ſo leicht gekleidet durch die Nachtluft gehen?“ „Ich rechne auf Ihre Barmherzigkeit, die mich nicht erfrieren laſſen wird!“ Und mit einer ſchnellen Bewegung ſchlüpfte ſie unter die Falten ſeines Mantels, ſchlang den Arm um ſeinen Leib und drängte ihn hinaus. Draußen war es finſter und viele Menſchen ſtanden um die noch qual⸗ mende Brandſtätte. Lachend und plaudernd ſchob Fanchonette den jungen Grafen weiter, einem hellen Hauſe zu, aus welchem eine luſtige Muſik erſcholl. Es drehten ſich viele Paare im Saal herum, Studenten, Griſetten, Handwerker. Die Einen tranken, die Anderen ſaßen in zärtlicher Umarmung, Alle waren heiter, wie vom Dämon des Uebermuths geſtachelt, ſie tanzten wild, ſie küßten glühend und ſtürzten den rothen Wein hinab und Adrian that bald desgleichen. Von Fanchonettens glänzenden Augen hingeriſſen, vergaß er ſeine Schmerzen, ſeine Reue, vergaß er ſelbſt Eleonoren. Er tanzte, ſcherzte, lachte mit ihr und ihren Freundinnen und Freunden und glaubte jetzt zum erſten Mal zu fühlen, was Vergnügen ſei.—— Spät war es ſchon, ſehr ſpät am anderen Morgen und Adrian lag noch in tiefem Schlafe, als ihn der Diener weckte, um ihm einen Herrn zu melden, der ihn nothwendig zu ſprechen habe. Unwillig erhob er ſich und begrüßte mit gezwungener Höflichkeit den Chevalier de la Guerrie. „Wo ſind Sie geſtern hingekommen?“ fragte dieſer, ſich ungenirt in das Sopha werfend.„Ich wollte Ihnen das Refultat meiner Verhand⸗ lungen mit dem Baron mittheilen und als ich in das Zimmer trete, hat mich mein junger Freund ohne Abſchied verlaſſen.“ „Ich ging zum Tanze—“ „Ah, mit Fanchonette, dem armen Mädchen!“ „Warum bedauern Sie die hübſche Kleine?“ „Ihr Vater hat ſie dem gemeinen Menſchen verkauft, der geſtern die Bank ſprengte und wahrlich, ich gönnte ihr einen liebenswürdigeren Freund.“ Alſo auch hier trat ihm jener Verhaßte entgegen? Adrian biß ſich die Lippen. „Ich werde mit dem Manne reden.“ „Thun Sie das. Fanchonette iſt allerliebſt und viel zu gut für ſolch ein Ungeheuer.— Doch, um von unſeren Geſchäften zu reden— hier ſind Ihre Juwelen.“ „Ich danke Ihnen.“ „Nur daß der Baron, der, wie Sie wiſſen, geſtern bedeutende Verluſte 574 erlitten hat, ſie nicht ohne einen kleinen Profit herausgeben mag— zwei⸗ hundert Francs etwa— Sie werden das nicht unbillig finden.“ „Keineswegs. Hier iſt das Geld.“ „Und heute Abend?“ „Erwartet mich Fanchonette.“ „Dann viel Vergnügen, und auf ein anderes Mal bei Frau Fortuna's grünem Tiſche! Adieu mein lieber Graf, ich mache mich fort, um Ihren Herren Brüdern nicht zu begegnen.“ Das war nicht zu fürchten. Roger und Anatole waren von den Ge⸗ ſchäften, die das Phantom Polens ihnen aufgetragen, ſo vollkommen in An⸗ ſpruch genommen, daß ſie nicht Zeit fanden, den Wegen Adrian's nachzu⸗ ſpüren; und dieſer folgte dem Irrwiſch ſinnlichen Vergnügens, bis er im Meere der Wolluſt verſank und die Wellen über ſeinem Kopfe zuſammen⸗ ſchlugen.——— .—— 20. Auf der Eiſenbahn. Sigismund Krotowski hatte ſeine Reiſe ſo ſchnell gemacht, daß er in wenigen Tagen ſchon die Grenze des ruſſiſch⸗polniſchen Reiches betrat. Sein Paß ließ ihn als einen franzöſiſchen Chirurgus erſcheinen, der in Warſchau eine Niederlaſſung ſuchte und vermittelſt dieſes Papieres gelang es ihm, die Wachſamkeit der ruſſiſchen Grenzbeamten zu täuſchen und ſich dem Orte zu nähern, wo er ſein Leben für das Vaterland zum Opfer bringen wollte. Sein ſchmerzzerriſſenes Gemüth blutete noch heftiger, als er den Boden betrat, der ſo viel Heldenleichen in ſich begraben hatte. Die Spuren des 3 zerſtörenden Krieges waren überall zu ſehen. Trümmerhaufen, ſtatt der 4 Dörfer, Ruinen ſtatt glänzender Schlöſſer erblickte er, wohin ſein Auge fiel, und Lachen und Heiterkeit ſchienen auf ewig aus dieſem Lande verbannt. War dies die ſchöne, theure Heimath, von der ihm ſeine Eltern erzählt hatten, da er als kleiner Knabe auf ihrem Schooße ſpielte? War dies die Pflanzſtätte großer Männer, erhabener Dichter, glänzen⸗ der Helden?— In allen Ländern, durch die er kam, beſtellte man den Boden, beackerte man das Feld, um reiche Ernte zu erlangen; in Polen pflügte kein Ackers⸗ 1 4 mann die blutgedüngte Erde. 575 Handel und Gewerbe blühten überall, die Märkte ſtrotzten, die Läden glänzten von Producten der Induſtrie. In Polen ruhten Handwerke und Künſte, in Polen trieb man keinen Handel. Ueber alle Ströme zogen mit Dampf und Segel die Schiffe dahin, die Erzeugniſſe aller Länder allen Völkern zugänglich zu machen. In Polen rührte kein Schiffer das Ruder. Warum das? Landleute, Handwerker, Künſtler, Handlungsbefliſſene und Schiffer— 3 Alle hatten ihren Erwerbszweig im Stiche gelaſſen, Alle hatten die Waffen ergriffen, Alle ſtanden kämpfend in den Reihen der Vaterlandsvertheidiger. Kaum hatte Sigismund Krotowski die polniſche Grenze erreicht, als er auch ſchon von dem Ruhme vernahm, den ſeine tapferen Landsleute ſich erworben.. 1 Zwar kämpften ſie mit wechſelndem Glücke, doch beſiegten ſie, die Wenigen, häufig genug die gewaltigen Schaaren der Ruſſen, um es der Welt beweiſen zu können, daß polniſcher Heldenmuth vor keiner Uebermacht zurückbebt, vor keiner Gewalt erſchrickt. Mit unendlicher Liebe, mit allgemeinſter Verehrung erwähnten die Freunde des Vaterlandes der Namen Stanislaus Tarnow und Conrad Waſa und das Lob ihrer heldenmüthigen Gattinnen erſcholl von aller Munde. Noch kämpfte die edle Julia an der Spitze eines Häufleins begeiſterter Jünglinge, von denen ein Jeder freudig ſein Leben für ſie in die Schanze geſchlagen hätte. Noch war Hedwig der rettende Engel der Verwundeten, die helfende Freundin der Armen und Kranken. Ihren milden Händen, ihrem liebevoll tröſtenden Worte verdankten Unzählige Leben, Geſundheit und neuen friſchen Kampfesmuth; ihre Börſe ſtand jedem Vaterlandsvertheidiger offen, ihr Herz fühlte für Alle die gleiche Theilnahme, doch ihre hingebende Liebe ge⸗ hörte vor Allen ihrem Gatten. In Erzählungen und Liedern pries man Hedwig und Julia; ihre photographiſchen Portraits dienten gleichſam als Amulet im Kampfe und wurden neben den Bildern der Heiligen verehrt. Gar Viele rühmten ſich ihrer Wohlthaten und freuten ſich, mit ihnen in Berührung gekommen zu ſein und vor ihren Namen ſchwiegen Mißgunſt und Neid und die ſtechende Zunge übler Nachrede mußte verſtummen. Demnach war es natürlich, daß Sigismund Krotowski den heißen Wunſch empfand, ſich dem Corps des Prinzen Conrad Waſa anſchließen und unter die Compagnie ſeiner edlen Gattin treten zu können. Er war durch Oeſterreich und Ungarn gereiſt, um von Galizien her nach Polen zu gelangen, ein Umweg, der ihm nothwendig ſchien, um dem wachſamen Dienſteifer der preußiſchen Grenzwächter zu entgehen. Nun nahte 576— ſich der Frühling auch den nordiſchen Fluren, als er das Ziel ſeiner Sehn⸗ ſucht— das Ende ſeiner Gewiſſensqualen— endlich vor Augen ſah. Von trüben Gedanken umfangen, von Bildern, die er nicht zurückzu⸗ drängen vermochte, die kaum ein kurzer, unruhiger Schlummer auf Augen⸗ blicke verſcheuchte, hatte er während der ganzen weiten Reiſe keine Bekannt⸗ ſchaft gemacht, kein überflüſſiges Wort geſprochen und nur düſter in das Freie geſtarrt. Jetzt, da heimiſche Laute ihn umklangen, jetzt war es ihm, als begrüße ihn mit jedem polniſchen Worte ein Bruder, eine Schweſter und doppelt elend fühlte er ſich, da er die Rede nicht erwidern, die Hand nicht ergreifen, den Gedanken ſeiner Seele nicht austauſchen durfte. Er, der Verbrecher, auf heiligem Boden— er fühlte wie Oreſt, den die Furien des Muttermordes verfolgten. Er, der Verräther in dem verrathenen Vaterlande— es war ihm, als müſſe ein jeder Patriot das Kainszeichen auf ſeiner Stirn erkennen! Jetzt ſaß er im Eiſenbahnwagen, tief in die Ecke gedrückt, als wünſche er, von der Sonne nicht geſehen zu werden, die über ſo viel Helden leuchtet. Rings um ihn her ertönte muntere Unterhaltung. Man erzählte von neuen Siegen der National⸗Armee und wie die ruſſiſchen Spione ſicher geglaubt hatten, die Druckerei der Regierung entdeckt zu haben und wie ſie abermals getäuſcht worden ſeien. Auch von neuen Gräuelthaten war die Rede, von Hinrichtungen auf dem Marktplatze zu Warſchau, von Unzähligen, die man nach Sibirien verſchickte. Man ſprach von vornehmen und geachteten Frauen, die man gefänglich eingezogen, weil ſie Trauerkleider getragen, von Läden, die geſchloſſen worden, weil die im Schaufenſter ausgelegten Stoffe in ihrer Zuſammenſtellung die Nationalfarben zeigten; von jungen Männern, die man einſperrte und prü⸗ gelte, weil ſie polniſche Kleidung getragen, von unendlichen Erpreſſungen, Bedrückungen, Entweihungen der Freiheit. 1 Kein Gottesdienſt, den nicht ruſſiſche Beamte überwachten. Kein Begräbniß, das nicht unter Aufſicht ſtattfand. Niemand durfte beim Dunkelwerden ohne Licht über die Straße gehen; nach zehn Uhr ſchützte ſelbſt dieſes nicht und Aerzte, Hebeammen konnten nicht zu den ſie erwartenden Leidenden gelangen. 3 Um einen angeblichen Verbrecher zu verfolgen, drang man durch alle Wohnungen, ſchlug Wände ein und ging von einem Hauſe in das andere, unbekümmert, ob Kranke, Sterbende den letzten Todesſtoß dadurch erhielten. Die Bürger waren zu furchtbar hohen Abgaben gezwungen, die exe⸗ cutoriſch eingetrieben wurden und wehe dem, der unfähig war, zu zahlen oder gar ſein Gold, ſeine Werthſachen zu verbergen ſuchte. (o9 ν ) 1 102aes ulozg in enn 456 and. B lens. IV. Po Phantom 578 Solches und noch viel Schlimmeres erzählten die Reiſenden im Eiſen⸗ bahnwagen, als Sigismund zum erſten Male über polniſchen Boden dahin fuhr und ſie ſprachen es in dem vorſichtigen Tone von Leuten, die es ge⸗ wohnt ſind, ſich von Spionen umgeben zu wiſſen.— Ein junges, blühendes Weib achtete nicht auf dieſe traurigen Berichte; es plauderte und tändelte mit ihrem ſchönen Knaben und Beide lachten voller Lebensluſt und Freude, wenn ſeine kleinen Arme ſich nach dem Apfel aus⸗ ſtreckten, den die Hand der Mutter hoch über ihm erglänzen ließ. „Das iſt ein lieber munterer Junge!“ ſagte ein Geiſtlicher, der neben ihr ſaß. „Ja, das iſt meine Freude, mein Augentroſt!“ lächelte die junge Frau. „Mich wundert, daß er ſich die lange Fahrt ſo geduldig gefallen läßt?“ bemerkte der Prieſter. „O,“ ſagte ſie,„wir ſind ſchon zwanzig Meilen zu meinem Vater ge⸗ reiſt, dem ich meinen Schatz doch zeigen mußte. Und nun geht es heim zu ſeinem Papa und da iſt die Freude groß, denn ich war volle vier Wochen fort.“ — Damit drückte ſie ihr Kind an die Bruſt und küßte es und freudige Hoffnung leuchtete aus ihren frohen Blicken und der Knabe lallte:„Papa, Papa!“ und klaſchte in die kleinen Händchen. Der Abend nahte, und obſchon der Frühling ſchon bis zu den nordiſchen Fluren gedrungen war, wehte der Wind doch ſcharf und kalt und die ſchlecht ſchließenden Fenſter des Coupees wehrten ihm nicht das Eindringen. Die junge Frau hüllte ihr Kind in einen großen Shawl und erzählte ihm leiſe luſtige Geſchi chlen. „Unſere Fahrt iſt nicht ohne die Möglichkeit eines Unfalls!“ ſagte ein behäbig ausſehender Herr, dem eine dicke goldne Kette an der Weſte und blitzende Ringe an den Fingern glänzten. „Wie ſo?“ fragte eine kränklich ſcheinende Dame mit ängſtlichem Tone. „Die Eiſenbahnbeamten,“ meinte der Mann,„ſind meiſt in die Wälder gegangen, um zu kämpfen; was jetzt den Dienſt verſieht, ſind Menſchen, die Nichts davon verſtehen, alte Leute oder ſolche, die man hernahm, wo man ſie fand.“ „Und dann,“ bemerkte der Geiſtliche,„iſt es auch vorgekommen, daß die Ruſſen in die Wagen ſchoſſen, in denen ſie Zuzügler vermutheten, daß ſie den Locomotivführer tödteten und der Zug aus den Schienen lief.“ „Es wäre entſetzlich!“ ſtöhnte die bleiche Dame. Die junge Frau lachte. „Gott iſt ja gut!“ ſagte ſie leiſe und drückte ihren Knaben, der ſein Köpfchen müde an ihren Buſen lehnte, feſter an ſich. Wie ſehr Sigismund ihr Glück beneidete, dieſen Seelenfrieden, der ihm auf immer entſchwunden war! 579 Und dann! Solch einen ſchönen, lieben Jungen hätte ihm vielleicht Henriette zum Kuſſe hingereicht, ſolch ſüßer, rother Mund hätte ihm den Namen Vater entgegengeſtammelt und ſolche Liebe hätte ihn begrüßt, wenn er nach längerer Trennung Kind und Mutter wieder an ſein Herz geſchloſſen hätte!— Mit inniger, ſtummer Theilnahme betrachtete er die junge Frau, die ſo ſorgenlos, ſo in ſich befriedigt einer ſicheren ſchönen Zukunft entgegen ging, für die ſie keine beſſere Bürgſchaft verlangte, als das feſte Vertrauen auf Gottes Güte.. Was er verloren, Liebesglück und Seelenkuße, ein gläubiges Herz und einen hoffnungsvollen Blick— das Alles ſah er in ihr, die leiſe fingend ihren Knaben in den Armen ſchaukelte.— Draußen aber ſtöhnte und ächzte der Wind, als wolle er es klagen, daß er über ſo viel Leichen und Blut dahin fahren mußte; unſicher flacker⸗ ten die Signallichter, in grauem Nebel lagen die fernen Dörfer, die zer⸗ ſtreuten Städte und der Pfiff der Locomotive gellte ſchrillend durch die ſternenloſe, feuchte Nacht. Wie Sigismund hinausblickte, ſchien es ihm, als folgten die Lichter der Bahnwärter nicht mehr in abgemeſſenen Entfernungen. Ueber die Haide flogen Reiter auf wunderbar ſchnellen Roſſen, und Waffen ſah er blitzen.— Es lag etwas Unheimliches in dieſer Fahrt und der von Gold ſtrah⸗ lende Herr vermehrte es, indem er allerlei Eiſenbahnunglücksfälle mit uner⸗ quicklicher Breite vortrug, ſo daß die kränkliche Dame ſich die Ohren zuhielt und um Gotteswillen bat, ihrer Nerven zu ſchonen. Weiter nnd weiter brauſte der Zug, finſtrer und finſtrer wurde die Nacht. „Morgen um dieſe Zeit,“ plauderte die Frau ihrem wieder erwachten Kinde vor,„ſind wir beim lieben Papa in unſerem hübſchen Stübchen und das helle Feuer brennt im Ofen und wir erzählen vom Großvater und von den vielen Kühen, die er auf ſeinem Gute hat. O, das wird einmal eine Freude ſein!“ „Morgen um dieſe Zeit,“ dachte Sigismund,„bin ich bei Conrad Waſa, und vielleicht endet eine ruſſiſche Kugel ſchneller, als ich es denke, mein elendes Leben, und das durch mein Blut verſöhnte Vaterland gönnt mir ein Grab bei ſeinen Helden.“— „Mir däucht, der Zug geht langſamer,“ ſagte der goldumſtrahlte Herr, „und ich muß nothwendig bis morgen Mittag in Warſchau ſein, wo wich⸗ tige Geldgeſchäfte meiner warten.“ „Nach mir,“ ſprach der Geiſtliche,„verlangt ein Sterbender, der mir ſeinen letzten Willen anvertrauen möchte.“ „Ich reiſe zur Hochzeit meiner Schweſter!“ erzählte die bleiche Dame. „Und ich,“ dachte Sigismund,„darf es Niemand ſagen, wohin ich 37 580 gehe und was mein Zweck und Ziel iſt. Sie Alle hoffen zu leben— ich zu ſterben!“— Was ſoll das Rufen draußen, das plötzlich aufflackernde und wieder verſchwindende Licht?—— Warum bremſt der Führer, daß die Räder häßlich auf den Schienen knarren?— Herrgott, ein Stoß, ein Schrei aus hundert Kehlen, wie aus einer ein⸗ zigen, ein Krachen, Berſten, Splittern, ein herzzerreißendes Wimmern: Herr⸗ gott, Herrgott!„. Es ging mit Blitzesſchnelle. Die ihrer Schienen beraubte Locomotive dampft und wühlt ſich in die aufgeriſſene Erde, die Wagen eilen ihr nach, zerſchmettern an ihr und aneinander, ſtürzen um und begraben unter ihren Trümmern ſo viele Leben.— 3 Der Führer, die Feuerleute, ſie liegen zerriſſen und todt; die Paſſagiere ächzen unter den Wagentrümmern, die ihre Glieder zerquetſchten; ein Jam⸗ mern tönt rings durch die Luft und miſcht ſich mit dem Heulen des Win⸗ des. Hier Beten, Fluchen, Verzweiflung, dort ſchreiendes Suchen nach ver⸗ mißten Lieben, tief ſchmerzliche Klage über entſtellten Leichen. 1 Und er allein, der heiß den Tod geſucht, verſchont, gerettet, wundenlos! Er rafft ſich auf und blickt um ſich. Rings Noth und Tod und nir⸗ gends Hülfe! Kein Tropfen Waſſer, brennende Munde zu kühlen, keine Kraft, laſtende Wagentrümmer zu entfernen. Der Geiſtliche geſellt ſich zu ihm, zwar verwundet, doch im Stande, den ſchlimmen Leidenden ein Troſt zu ſein. Ein kurze Berathung erfolgt, dann ruft Sigismund mit lauter Stimme: „Hierher zu mir, wer noch geſunde Glieder hat!“ Zwei Männer finden ſich, die weniger beſchädigt ſind. Ein Jeder wird in eins der nächſten Dörfer geſandt, um Hülfe zu erbitten. Sigismund nimmt ſein Verbandzeug vor und übt ſeine mediziniſche Fertigkeit. Die Kleider der Todten müſſen dazu dienen, das Blut der Ver⸗ wundeten zu ſtillen. Der Geiſtliche geht zu den Winſelnden und betet laut mit ihnen und ertheilt den Sterbenden die heilige Abſolution. Von einem Leidenden zum anderen ſchreitet Sigismund in ſeinem ſchweren Berufe; bei vielen findet er ſeine Hülfe überflüſſig und winkt den Prieſter herbei. Hieer liegt der dicke Herr, der Geld zu verdienen hoffte, mit zerſchmet⸗ tertem Schädel, nur noch an ſeiner Kette, ſeinen Ringen kenntlich. Hier haucht das kränkliche Fräulein ihren Geiſt aus. „Hier, und das berührt den jungen Arzt am ſchmerzlichſten— hier liegt die Mutter, noch den Knaben an die Bruſt gedrückt, und Beide, Beide todt— 581 Wie wird der Vater ihrer warten, wie die Hochzeitsgäſte auf die Schweſter der Braut, die Börſenſpeculanten auf ihren reichen Aſſocié! Jammer, Jammer, ſoweit das Auge reicht, ſoweit das Ohr vernimmt, Geſchrei, Geheul und Klagen. Die ausgeſchickten Männer kehren endlich zurück, da ſchon der Morgen zu dämmern beginnt; ſie bringen polniſche Bauern mit ſich und Waſſer in Krügen, ein willkommenes Labſal, und Bahren, die Verwundeten zu tragen. Es ordnet ſich ein trauriger Zug. Die, denen noch Leben in der Bruſt wohnt, klagen um ihre todt Zurückgebliebenen⸗ Andere wollen nicht warten, wollen mit den Erſten unter Obdach kommen, und die Tragemittel genügen nur für Wenige. Dieſe bitten, ſie nicht anzurühren, ſie ruhig ſterben zu laſſen, Jene verlangen leidenſchaftlich und unter Vorwürfen nach Hülfe. Manche bieten Geld und Andere jammern, daß ſie nun unfähig ſeien, welches zu verdienen., Sigismund begleitete den Trauerzug in das Dorf, das etwa eine halbe Stunde von dem Schauplatz des Schreckens entfernt war und ließ den Geiſt⸗ lichen bei den Zurückbleibenden, um ihnen Troſt und Geduld zuzuſprechen, bis auch dieſe nach und nach herein geholt und ſo gut es ging, in den ärmlichen Hütten untergebracht werden konnten. Der anbrechende Tag erhellte ſo viel der Leiden, ſo viel des Elends, daß Worte nicht genügten, es auszuſprechen. Unter Jammer und Wehklagen hielt Sigismund ſeinen Einzug in das Land ſeiner Väter, ohne Jammer und Wehklagen gedachte er hier ſeinen Leib zu betten. Warum hatte ihn der Tod nicht jetzt ſchon ereilt? warum hatte Gott nicht ſein Leben genommen und dafür des jungen Weibes, des lächelnden Kindes geſchont?. Wie durch ein Wunder war er errettet worden, war er allein unver⸗ ſehrt geblieben, er, der Sündigſte von Allen, er, der den Tod millionenfach verdiente!—— Mit dem Aufopferungsmuthe, der dem Verzweifelten leicht wird, wid⸗ mete er ſich der Pflege der Verſtümmelten. Unterſtützt von dem redlichen Prieſter, legte er nun einen beſſeren Verband um die Wunden, amputirte zerſchmetterte Gliedmaßen und hatte die Freude, wenigſtens einige der Ver⸗ unglückten ihre Weiterreiſe auf gemiethetem Fuhrwerk und mit verbundenen Köpfen und lahmen Beinen, doch dankerfüllten Herzen antreten zu ſehen. Die Kunde von dem Unglücksfall verbreitete ſich ſchnell, und der Geiſt⸗ liche, der ſie durch einen Bauernknaben in das nahe gelegene Kloſter ſandte, konnte bald einen Theil der Leidenden zu beſſerer Pflege der chriſtlichen Barmherzigkeit frommer Schweſtern übergeben, indeſſen die reicheren und bequemer wohnenden Dorfleute die Uebrigen gern nnter ihrem Dache behielten. Zeigt ſich doch das rein menſchliche Gefühl am wahrſten und ſchönſten in ſolchen Zeiten der Noth, wie das Nordlicht, in unſerem Clima ſelten gerade denen leuchtet, die aus tiefſter Finſterniß am inbrünſtigſten danach verlangen. Woher war das Unglück entſtanden, was brachte die Locomotive aus ihrem richtigen Geleiſe, was gab ſo viele Menſchenleben dem Tode, der Ver⸗ ſtümmelung, die ſchlimmer iſt als Sterben, preis? Es war, was man im Kriege ſtrategiſche Nothwendigkeit benennt. Die Schienen waren gewaltſam aufgeriſſen worden. Steine und Erd⸗ haufen verſperrten dem Dampfwagen ſeinen Weg. Die Bahnwärter waren getödtet oder gefangen fortgeſchleppt. Und das zu thun, hatte man die Nacht gewählt, damit keine Warnung von Seiten der Anwohner ergehe, hatte die öde Haide, durch die nur hin und wieder das Licht eines entfernten Dorfes ſchimmerte, zum grauſen Schau⸗ platz des Entſetzlichen erſehen— und der Plan war herrlich geglückt. Die Verbindung zwiſchen zwei feſten, von den Patrioten wohlbeſetz⸗ ten Punkten war abgeſchnitten, vier eifrige Kämpfer für die Freiheit des Vaterlandes lagen zerſchmettert, zerriſſen unter den Trümmern des Zuges, und daß auf dieſem Wege keine neuen Streiter der guten Sache nahen konnten, dafür bürgte die gründliche Zerſtörung der Bahnſtrecke. Entſetzliche Gewalt, der alle Mittel zum Zwecke dienen müſſen!— Kaum waren die Verwundeten einigermaßen verſorgt, ſo eilte Sigis⸗ mund mit Wagen und Bauern zu dem Unglücksorte, um die Leichen und die im Gepäckwagen befindlichen Güter in Sicherheit zu bringen. Indeſſen waren ihm die Koſaken zuvorgekommen. . Die Leichen fand er entkleidet und geplündert, die Güter, ſo weit ſie transportabel waren, geraubt. Die Unglücklichen, denen mit einzelnen Gliedern die Möglichkeit eines Broderwerbs genommen war, vermißten unter ſchmerzlicher Klage ihre weni⸗ gen Habſeligkeiten. Die, deren Angehörige nackt und todt herbeigefahren wurden, jammerten laut über dieſe Entweihung der heiligen Scheu, die ein jedes Menſchenherz vor dem Tode empfinden muß, ſo lange es nicht verihiert iſt in niedrigen Leidenſchaften. Aus den umliegenden Städten kamen Verwandte und Freunde, die ihre Lieben erwartet hatten und nun von dem Unglück hörten. Sie kamen mit Angſt. Was ſollten ſie wünſchen: ein Leben mit ver⸗ ſtümmelten Gliedern, oder einen frühen, ſchnellen Tod?“ Auch der Gatte des jungen Weibes kam. Sigismund hatte die Leichen waſchen und, ſo gut es ging, reinlich ein⸗ 4 8. 583 hüllen laſſen und der verzweifelte Mann warf ſich über Weib und Kind und jammerte laut zu Gott empor. Was noch am dritten Tage an Leichen vorhanden war, wurde auf dem Kirchhofe des Dorfes begraben und der Geiſtliche ſprach an der gemeinſa⸗ men Gruft ein tiefernſtes Gebet.— In der Nacht, die dieſem Tage folgte, zogen die letzten Männer aus dem Orte wohlbewaffnet mit Senſen und Büchſen in den Wald, und Sigismund, deſſen Hülfe bei den Verwundeten durch den Arzt des Kloſters erſetzt wurde, ſchloß ſich ihnen an. 5 Sie hatten ſeine Umſicht kennen gelernt und wählten ihn einſtimmig zu ihrem Führer. Der Geiſtliche ſegnete den kleinen Trupp, die Weiber nahmen einen Abſchied ohne Thränen, denn ſie alle wußten, daß der Kampf nothwendig ſei, und fort ging es auf Wegen, die den Bewohnern des Landes wohlbe⸗ kannt, den Feinden verborgen waren. So befand ſich der ehemalige Student der Medizin, der ſein Leben dem Vaterlande darbringen wollte, mit einem Male und unerwartet an der Spitze einer Schaar von zwanzig wohlbewaffneten und kampfglühenden Männern und durfte hoffen, dem Fürſten Waſa eine nicht unwillkommene Hülfe zu ſein. Der Marſch war ein überaus beſchwerlicher und oft mußte man weite Umwege machen, um den ringsumherſtreifenden Koſakenhorden zu entgehen. Der Frühling hatte kaum das Eis von den Bächen und zahlreichen Sümpfen gethaut, die, dem Wanderer eine gefährliche Verlockung, mit ihrer friſchen grünen Raſendecke im Sonnenſcheine ſchimmerten. Dennoch war es kalt und der Wind pfiff unheimlich durch die Wipfel der Bäume, die ihre Jahrhunderte alten Stämme wie zu gegenſeitigem Schutze aneinander drängten. Wohl begriff es Sigismund, wie dieſer noch von keiner Axt gelichtete Urwald den Polen eine ſichere Zufluchtsſtätte, ja, mehr als das, ein Boll⸗ werk gegen feindliche Angriffe werden konnte. Schon mehr als ein Koſakentrupp war, von patriotiſchen Landleuten geführt, in die Sümpfe gerathen und mit Roß und Mann verſunken. An wilden Thieren gab es freilich keinen Ueberfluß mehr, ſeitdem die Kugeln, die den Feinden galten, auch manchem Wolf das Fell gebrannt hatten; dennoch mußte der Winteraufenthalt in dieſer kalten, feuchten Baum⸗ wildniß ein furchtbarer geweſen ſein und Sigismund erkannte tief, wie be⸗ geiſterungsvoll die Vaterlandsliebe ſein muß, die ſo Viele zwingen konnte, Obdach und Heimathsheerd und Weib und Kind zu laſſen, um unter ſolchen Beſchwerden der Freiheit zum Opfer zu fallen. Hier gab es keine Hütten, keine Zelte, mit denen doch jedes Kriegsheer 584 verſehen iſt. In den Mantel gewickelt, den manche Kugel durchlöchert hatte, ſtreckten ſich die Tapferen auf der naſſen Erde aus, froh, wenn ihr Bivuac⸗ feuer nicht einen Schwarm feindlicher Reiter herbeilockte. Ihre Nahrung war, was freundlich geſinnte Landleute ihnen brachten und glücklich, wer auf ein paar Nächte in einer Bauernhütte Unterkommen fand. Die Leiden, welche Sigismund mit ſeiner kleinen Schaar zu dulden hatte, waren nur ein Bruchtheil von dem, was Waſa's Soldaten ausgeſtan⸗ den; dennoch dünkten ſie ihn ſchwer. Hatte auch der arme Student ſo mancherlei zu entbehren gehabt, ſo fehlte es ihm doch nie an einem Dache über ſeinem Haupte, einem Bette zur Nacht und einem Stücke nahrhaften Brodes. Jetzt, als er zum erſten Male ſein Kopfkiſſen aus einer Baumwurzel machte, mußte er mit Schmerzen zurück denken an das, was er verloren und was ihm jetzt gleich einem Paradies erſchien. Doch das durfte Den nicht weich machen, deſſen einziger Zweck es war, durch ſeinen Tod dem Vaterlande zu nützen. Oft mußte das kleine Häuflein weite Umwege machen, wenn durch Nachtſtille das wilde Singen und Schreien der Feinde ertönte. Dann erhob man ſich leiſe von der Erde und ſchlich vorſichtig und ohne ein Geräuſch zu machen, durch die Stämme dahin. Wehe, wenn ſie erblickt und gefangen worden wären, die Knute, die Verſchickung nach Sibirien, der Tod wären ihr ſicheres Loos geworden! Einmal, als ein Trupp Koſaken, ihnen drei Mal an Zahl überlegen, daherſprengte, blieb ihnen kein anderes Rettungsmittel, als ſich platt auf die Erde zu werfen, während die ſchnellen Reiter kaum zehn Schritt an ihnen vorüberjagten. Es waren Dornengeſtrüppe, in die ſie ſich warfen; ihre Kleider, ihr Fleiſch waren zerriſſen— allein die Freiheit war gerettet, und wer fragte nach dem Uebrigen?— Ein anderes Mal hatten ſie das Unglück, daß einem der Bauern die Flinte losging, als ſie ſich in das Schilf eines Sumpfes verſteckten, um den Verfolgungen einer Abtheilung der Feinde, die ihre Fußſpuren entdeckt hatten, zu entgehen. Sogleich machten die Ruſſen, die bereits vorübergeritten waren, Kehrt und eilten dem Orte zu, wo in zitternder Angſt die Bauern ſteckten und nur mit der größten Noth ſich ſelber vor dem Verſinken, ihre Gewehre vor dem Naßwerden zu ſchützen vermochten. Sigismund gab ihnen ein Zeichen, die Feinde ganz nahe herankommen zu laſſen; dann ſchickte man ihnen einen plötzlichen Gruß entgegen, der, da keine Büchſe, außer der ſo unglücklich von ſelbſt losgegangenen, ihr Ziel verfehlte, die Hälfte der Ruſſen kampfunfähig machte. „Hurrah!“ rief Sigismund.„Noch iſt Polen nicht verloren! Vorwärts, meine Brüder!“ 585 Und plötzlich aus dem bergenden Schilfrohr herausſpringend, fielen ſie mit furchtbarer Gewalt über die erſchrockenen Feinde. Was half es dieſen, daß ſie beritten waren? Die Senſe iſt eine mäch⸗ tige Waffe in der Hand eines polniſchen Bauern; ſie ſchneidet zuerſt dem Pferde die Beine durch, macht den mit ſeinem Roſſe zuſammen niederſtür⸗ zenden Reiter für den Augenblick kampfunfähig und ſenkt ſich dann in ſeine Bruſt oder ſchneidet ihm den Kopf vom Rumpfe. So plötzlich war Sigismund mit ſeinen Bauern den Ruſſen nahe ge⸗ rückt, daß dieſe nicht Zeit fanden, ihre Pferde eilig genug zu wenden und die Landleute, die auf ihrem blutgedüngten Acker keiner Ernte entgegenſehen durften, mähten hier mit der vollen Kraft ihrer ſtarken Arme, bis nach we⸗ nigen Minuten von vierzig Reitern kein einziger am Leben war. Das ſollte ihnen eine gute Vorbedeutung für ihre ferneren Kriegs⸗ thaten ſein. 3 Sie tauſchten ihre alten roſtigen Flinten mit den beſſer ſchießenden Büchſen der Soldaten, nahmen Pulver und Kugeln zu ſich, auch Börſen und Uhren, denn der Sieger iſt der natürliche Erbe des Beſiegten, und war⸗ fen auf Sigismund's Befehl die Leichen in den Sumpf. Denn wie auch unzählige Raubvögel für die Vertilgung des verweſen⸗ den Fleiſches ſorgen mochten, ſo fürchtete der ehemalige Mediziner doch die der Geſundheit ſo verderblichen Gaſe, die aus der Fäulniß emporſteigen und ſuchte den Aufenthalt ſeiner Landsleute davor zu wahren. Am folgenden Tage, es war der fünfte ihrer Reiſe, erfuhren ſie von einem Nachzügler, daß die Armee ſich in Konin aufhielt, wie ſie es auch vermuthet hatten. Es war die höchſte Zeit, daß ſie das Heer erreichten. Die mitgenom⸗ menen Lehensmittel waren ganz aufgezehrt, der Wald bot bis jetzt weder Wurzeln noch Beeren, und ſie wagten es nicht, die zahlreichen Vögel zu ſchießen, die in den Zweigen ſangen und mitten im Kriegsgetümmel an das Neſterbauen dachten, weil ihrer Büchſen Knall zu viele Gäſte herbeigelockt haben würden, mit deren Anblick ihnen leicht der Appetit vergangen wäre. Doch kamen ſie ziemlich ausgehungert bei dem Hauptquartiere an, wo⸗ hin ein alter Landmann ihnen den Weg zeigte. Es war in einem Dorfe aufgeſchlagen, das ganz vom Wald umgeben und deſſen Bewohner ſich in friedlichen Zeiten davon nährten, daß ſie die gefällten Baumſtämme, zu Flöſſen vereinigt, auf einem munteren Waldwaſſer bis zur Weichſel und häufig bis zum Meere trieben. Sie mochten ein friedliches, faſt idilliſches Leben geführt haben, ehe der Krieg alle Ruhe ertödtete, und ſeine furchtbare Fackel in dieſe abgele⸗ gene Gegend trug, in der ſonſt nur der Kohlenbrenner frei ſeine Feuer entzündete. — — 586 Der Fluß lieferte ihnen Fiſche, der Wald das Fleiſch, den Torf, das Holz. Ein Jude, der mit ſeinem Packen alle Jahre zwei Mal die Gegend beſuchte, war den Frauen, die Band und Stoffe von ihm kauften, die in⸗ tereſſanteſte Erſcheinung, auf deren erſehnte Ankunft man lange wartete; ſonſt kamen außer den ruſſiſchen Steuerbeamten nur in den ſeltenſten Fällen Fremde in das Dorf. Wie anders war das jetzt! Das Gemeindehaus iſt zum Lazareth geworden, die Scheune zum Stall, der Stall zum Montirungs⸗Depot. Auf der Wieſe weideten Pferde, ſtatt der Kühe; Kanonen ſtanden vor der Kirche; Flintenläufe blitzten hinter den kleinen Fenſtern der Bauer⸗ häuſer hoͤrvor. Die alten Frauen ſpannen nicht mehr, ſondern zupften Charpie für die Verwundeten; die Köhler brannten nicht mehr Kohlen, ſeitdem das wilde Kriegesfeuer entzündet war; die Schiffer ließen das Holz nach eigenem Be⸗ lieben treiben und griffen zu den Waffen. Denn wie ſtill und friedlich, wie abgelegen und von aller Welt ge⸗ ſchieden ein polniſches Dorf auch liegen mag, die Idee der Freiheit dringt doch hinein und ruft alle ſeine Söhne, ja, ſelbſt ſeine begeiſterten Töchter zum heiligen Kampfe auf. 21. Ein Sterbender. Ueber dem beſten der ärmlichen Häuſer wehte die polniſche Flagge, denn hier wohnte der Prinz Conrad Waſa, der jetzt als General eine ziemlich bedeutende Abtheilung des polniſchen Heeres commandirte. Drei Meilen davon lag Stanislas Tarnow im Quartier. Seine Gemahlin hattg ein altes, halb verfallenes Schloß zu einem Hauptlazareth eingerichtet und mit allen Bequemlichkeiten verſehen, die ſich unter ſolchen Umſtänden herbeiſchaffen ließen. Es fehlte nicht an weichen Matratzen, wenn ſie auch nur mit Wald⸗ moos gefüllt waren; geſchickte Aerzte bedienten die Verwundeten, Speiſe und Trank wurden oft unter bedeutenden Lebensgefahren herbeigeſchafft und die Heilmittel heimlich über die galiziſche Grenze hereingeſchmuggelt. Ueberhaupt bildete der Schmuggelhandel ein anerkennenswerthes Mo⸗ ment in dem polniſchen Freiheitskriege, denn wie wäre es möglich geweſen, ohne ihn Pulver und Blei, Büchſen und Degen zu erlangen? 587 Die Juden, in deren Händen der Schmuggel hauptſächlich lag, verſorg⸗ ten die Armee mit Allem, was ihr nothwendig war. Das koſtete freilich viel und baares Geld, allein wie ließen ſich im Kriege Wein und Taback, wollene Decken und dergleichen Dinge mehr entbehren? Es war daher dem Patrioten immerfort von Wichtigkeit, die Communication mit der Grenze aufrecht zu erhalten und die Bauern, die ſolche Waaren weiter beförderten, auf das Beſte zu ſchützen. Deswegen, als man dem Prinzen die Ankunft eines Zuges von Land⸗ leuten meldete, glaubte er, ſie würden ihm anzuzeigen haben, daß einige Wagen voll Munition oder Lebensmittel vor dem Dorfe ſtänden und ver⸗ wies ſie ſogleich an ſeinen Proviantmeiſter. Sigismund ſtand mit ſeinem Trupp harrend vor der Thür, als ein ſehr junger, ſehr ſchöner Offizier an ihm vorüberging und einen forſchenden Blick über ihn dahinſtreifen ließ. „Um Vergebung, mein Herr,“ ſagte er, an ihn herantretend, als der junge Cavalier ſoeben die Schwelle ungemeldet überſchreiten wollte,„um Vergebung, wir ſind, ſo viel ich weiß, dem General gemeldet und warten doch ſchon lange hier. Meine Leute ſind hungrig und müde und ich bitte für ſie um Audienz.“ „Wer ſind Sie und was wollen Sie?“ fragte der Offizier, den Spre⸗ chenden und ſeine Bauern aufmerkſam betrachtend. „Ich heiße Sigismund Krotowski und bin Student der Medizin. Mit dieſen Bauern, die mich an ihre Spitze geſtellt haben, erbitte ich die Ehre, in den Reihen der Vaterlandsvertheidiger kämpfen zu dürfen.“ „Gut, ich werde es dem General melden.“ Mit dieſen Worten verſchwand der junge Mann und gleich darauf wurde Sigismund vor den Prinzen Waſa geführt. Er ſaß auf einem Schemel vor einem rohen, hölzernen Tiſche, der ihm als Büreau diente. Von den Krumen, die von einem groben ſchwarzen Brode niedergefallen waren, das neben den Papieren des Generals lag und ſein Mittagsmahl geliefert haben mochte, pickten friedlich ein paar bunte Hühner. Ein auf die Erde geworfener Strohſack, auf dem ein alter Mantel lag, diente dem Prinzen zur Ruheſtätte, ein geſprungenes, halb mit Wein gefülltes Glas gab ihm die nothwendige Stärkung für ſeine beſchwerliche Arbeit. 3 Ordonnanzen gingen ab und zu und brachten ſchriftliche und mündliche Rapporte. Dorfbewohner kamen, ihre Klagen vorzubringen, Frauen verlang⸗ ten zu wiſſen, ob ihre Männer bald wieder heimkämen; Offiziere forderten ihre Ordres; Aerzte reichten Todtenliſten ein; Prieſter baten um Schutz der Kirche; junge Knaben wollten der Ehre theilhaftig werden, für die Freiheit zu kämpfen und zu ſterben.. 1* . 588 Es war ein unruhiges, bewegtes Leben, in welchem ſich der Prinz mit Sicherheit, ja, mit Frohſinn bewegte. Seitdem er die geliebte Julia ſein eigen nennen konnte, war eine Hei⸗ terkeit über ihn gekommen, wie er ſie nur in ſeinen ſorgloſen Jugendjahren gekannt hatte. Alle Enibehrungen, alle Strapazen ertrug er mit einer Leich⸗ tigkeit, die Alles in Erſtaunen ſetzte. Er war der genügſamſte unter allen Offizieren; ein Stückchen Brod, ein gut Glas Wein und eine Stunde Schlaf waren vollkommen genug, ihn nach dem härteſten Kampfe wieder friſch zu machen. Und wie er, empfand auch ſeine Gattin. Blühend in Schönheit und weiblicher Anmuth, hatte ſie mit der Uni⸗ form eines Offiziers und Adjutanten ihres Gemahls, alle Beſchwerden des Lagerlebens freudig auf ſich genommen. Unermüdet jagte ſie auf ihrem ſchnellen Pferde dahin, die Befehle des Prinzen an Ort und Stelle zu tragen, und wenn ſie herbeigeſprengt kam und ihre ſchönen Augen leuchteten, ihre Locken im Winde flatterten, ſo war es, als bringe ſie den Truppen neuen 1 Muth und neue Kraft, als müſſe der Funke der Begeiſterung für Freiheit und Vaterland von ihr auch auf⸗den letzten der Kämpfenden mit zündender Kraft herniederfallen. Sigismund erkannte ſie erſt, als er ſie in dem Zimmer ihres Gatten ſah. Sie hatte die Feldmütze abgenommen, den ſchönen Hals des Tuches entledigt und lehnte neben dem Tiſche, an welchem der Prinz arbeitete, von Zeit zu Zeit aus ſeinem Glaſe einen Tropfen des rothen Weines nippend. Wie anders erſchien ſie ihm, als ihre freilich ſchönere Schweſter. Hier war kein Zug von jenem Stolz, mit welchem Eleonore ſiegesgewiß die Blicke um ſich warf. Um dieſe Lippen ſchwebte nicht jener leichte Spott, der ihn entzückte, ſelbſt wenn er ihn nicht zu billigen vermochte, und dieſe Augen feſſelten unbewußt und dieſes Lächeln konnte nur erheitern, nie ver⸗ letzen.—. Es lag etwas Entzückendes in ihrem munteren Weſen, in ihrem friſchen natürlichen Lachen. Das Lagerleben hatte ihr die Prüderie und Ziererei genommen, dulrch welche ſelbſt ſchöne Frauen ſich uns unerträglich und lang⸗ weilig machen und ihr jeden echt weiblichen Reiz gelaſſen. Sigismund erkannte das und verſtand ſehr gut, mit welcher Eiferſucht Eleonore eine ſolche Schweſter betrachtet haben mußte, die in der natürlich⸗ ſten, einfachſten Weiſe alle Herzen gewann, die ſie durch Künſte der Toilette und der Koketterie zu erobern ſtrebte.— Der General freute ſich der Zuzügler, die Sigismund ihm brachte; e er ließ ihnen Quartier anweiſen und Nahrung geben und kam ſelber, ſie zu ſehen und ihnen zu ſagen, daß ſie bald ſchon ihre Tapferkeit beweiſen müßten. Die Leute waren entzückt von dem cordialen Ton, in welchem Conrad 589 redete und hatten nur eine Bitte, zu deren Ausſprechen die Leutſeligkeit des Prinzen ihnen Muth gab. „Wenn wir bitten dürften,“ ſagte der Aelteſte, ſeine Mütze in den Hän⸗ den drehend,„ſo behalten wir unſeren Führer. Wir haben Vertrauen zu ihm und weil wir ſchon einmal mit Glück gekämpft haben, ſo denken wir, er wird uns auch künftig ſo ſtellen, daß recht viele Feinde drauf gehen.“ „Wie, Ihr habt ſchon gekämpft?“ fragte der Prinz. „Ja, als wir herkamen— und davon ſind auch die guten Büchſen und das viele Pulver. Auf jeden kamen zwei Gewehre, denn es waren vierzig Ruſſen gegen uns zwanzig, und wir können noch abgeben, wenn Andere hier weniger gut bewaffnet ſind.“ Der General ließ ſich die kühne Heldenthat erzählen und ernannte Sigis⸗ mund Krotowski in Folge ſeiner guten Anführung zum Lieutenant. So hatte denn dieſer erreicht, was das Ziel ſeines Strebens war; er ſtand in den Reihen ſeiner Landsleute, dem Feinde gegenüber und konnte nun mit der Hoffnung auf ein Ende ſeiner Gewiſſensqualen dem Tode ent⸗ gegenblicken. Der General, einmal aufmerkſam auf ihn geworden, zog ihn näher an ſich heran, und da er von Paris zu reden wußte und die Verhältniſſe der dortigen Abtheilung der National⸗Regierung nur zu gut kannte, auch von dem General M—awski rückſichtslos und jetzt mit gutem Gewiſſen Alles ſagte, was er wußte, ſo gewann der Prinz Waſa bald Vertrauen zu ihm und ließ ihn Theil nehmen an den Berathungen, welche ſämmtliche Offiziere mit einander hielten und bei denen auch Julia mitſtimmte. Erſt am dritten Tage kam es zu einem Scharmützel mit den Ruſſen, in welchem die Polen Sieger blieben. 4 Sigismund hatte ſeine Leute ſo trefflich poſtirt, daß keiner von ihnen einen bedeutenden Schaden davon trug und Jeder aus einem ſicheren Verſteck mehreren Feinden den Garaus machen konnte und da er nach vollendetem Kampfe, ohne der Ruhe zu bedürfen, ſich ganz der Pflege der Verwundeten widmete, ſo wurde ſein Name bald im ganzen Corps bekannt und beliebt, und er durfte hoffen, nicht ohne vorherigen Nutzen von dieſer Welt zu ſcheiden.— Bald nach dieſer Affaire brachte ihm Julia den Befehl, einen Streif⸗ zug in den Wald zu unternehmen, um zu ſehen, ob in den nächſten Dörfern Ruſſen ſeien und ob die Verbindung mit Stanislas Tarnow ſchnell her⸗ zuſtellen wäre. 3 Er fühlte ſich dem herrlichen Weibe gegenüber ſchuldig, denn, als ſie ihn gefragt, ob er Eleonore kenne, hatte er mit Nein geantwortet. War er es doch nicht im Stande, kalten Blutes und mit ruhigem Tone von der Falſchen zu reden, die ihn um all ſein Lebensglück betrogen hatte. . 590 Nun machte er ſich am frühen Morgen auf, als kaum die Sonne ihre erſten Strahlen über die Erde ſandte und vertheilte ſeine Leute auf ver⸗ ſchiedene Waldwege, denen entlang ſie bis zu einer beſtimmten Stelle vor⸗ dringen ſollten, wo er ſich wieder mit ihnen zu vereinigen dachte. Es wäre gefährlich geweſen, ſie alle zuſammen zu führen. Der Ein⸗ zelne deckt ſich leichter in Gräben oder Gebüſch. Deshalb nahm Sigismund nur einen des Waldes kundigen Landmann mit ſich und ließ ihn Lebens⸗ mittel für den Tag einſtecken, lud ſeine Piſtolen und machte ſich auf den Weg, während die Uebrigen zu Zweien und Dreien lautlos und mit gleich⸗ falls bereiten Waffen auf anderen Pfaden dahinzogen. Das erſte Grün brach aus den Zweigen der Bäume, die erſten Wald⸗ blumen richteten ihre lieben bunten Köpfchen in die Höhe, nicht ahnend, daß bald vielleicht Roſſeshufe ſie vernichten, Leichen ihren Duft erſticken, Blut ihnen Nahrung werden ſollte.— Die Vöglein ſangen in den Zweigen und meinten, wo Frühling iſt, da müſſe es doch gut ſein und nichts für ſie zu fürchten, und darum ſam⸗ melten ſie, was ſie fanden, Zweig und Moos und Haare halb verweſter Leichen, an denen ihre großen Brüder, die Geier, fraßen unb bauten ſich ein Neſt ſo hoch, daß das Blut nicht hinein ſpritzen konnte, ihre unſchuldigen nackten Zungen zu beflecken. Und Käfer und Schmetterlinge erwachten und hoben ihre Flügel dem Lichte entgegen und freuten ſich ihres kurzen Daſeins im Schein der warmen Sonne, bunte Libellen ſchwebten auf dem Waſſer, aus welchem muſicirende Fröſche ihre Köpfe emporreckten und gelbgrüne Eidechſen huſchten über das Geſtein und blickten mit ihren klugen Augen auf die Vorüberſchreitenden. Alles freute ſich, Alles ſuchte das Leben, den Genuß— nur Einer blickte trüb in all die Frühlingspracht und dachte nichts als Tod!—— Wie mahnte ihn dies junge Gras an den Raſen des Gehölzes von Boulogne, wo er ſo oft mit Henrietten geſeſſen hatte; wie freundlich deckte ſie dann ein weißes Tuch über einen flachen Stein, der zum Tiſche dienen mußte und holte, ſtolz auf die Ueberraſchung und den Luxus, Brod und Schinken und ein Fläſchchen Wein aus der Taſche, und ſie aßen und plau⸗ derten und lachten— oh, es waren ſelige Tage!—— Er mochte es nicht ausdenken. Verlorenes Liebesglück, verloren durch die eigene Schuld, verfolgte ihn, ein mahnender Schatten, Schritt für Schritt und ließ ihm keine Ruhe, keine Raſt.— Müde nach langem Umherſtreifen, ohne einen Feind geſehen, ohne einen Signalſchuß ſeiner Leute gehört zu haben, ſetzte ſich Sigismund auf eine Baumwurzel und blickte träumeriſch auf das Gewürm, das zu ſeinen Füßen kroch, eifrig bemüht, einen todten Käfer zu begraben. 591 Sein Gefährte holte Brod und Käſe aus der Taſche und bot es ihm an; er mochte nicht eſſen, war es ihm doch zuwider, ein Leben zu friſten, das er nur als eine Laſt empfand. „Wie weit noch bis zu Stanislas Tarnow?“ fragte er. „Noch mehr als drei Viertelmeilen!“ antwortete der Landmann, eifrig kauend.„Von dem Waſſer da, was durch die Bäume glitzert, führen zwei Wege hin, der eine rechts, der andere links um den Teich. Eine Köhler⸗ hütte ſtand ſonſt auf dem linken Ufer, mag aber nun ſchon lange nieder⸗ gebrannt ſein.“ „So werden wir uns hier trennen,“ ſagte Sigismund,„ich gehe links, Du nimmſt den Weg zur rechten Hand. Wir brauchen uns kein Signal zu geben, wenn uns etwas zuſtößt, denn über den Teich führt doch kein Weg. Achte Du nur auf den Signalſchuß unſerer Leute und ſei bei ihnen, wenn es noth thut.“ „Aber dann ſind Sie ganz allein, Lieutenant?“ „Das thut nichts. Bin ich am Abend nicht bei Tarnow oder im Quartier, ſo weißt Du, daß auf jener Seite des Teiches Gefahr iſt und der General mag Leute ſchicken, meinen Tod zu rächen. Ebenſo, wenn ich Dich nicht wiederfinde, werden wir die Gegend unterſuchen. Und nun, auf Wiederſehen!’“ Er ſtand auf und ging mit feſten Schritten ſeinen einſamen, gefahr⸗ vollen Weg. 3 Die Uferſeite war wunderſchön. Blau lächelte der Himmel in die blaue Fluth hinein, in die ſich Waſſerreiher tauchten; wilde Enten flatterten vor ihm auf und Rebhühner ſchwirrten aus dem Gebüſche; ein Häschen reckte ſeine langen Ohren und ſprang dann eiligſt in das Geſträuch, und aus dem Steingerölle blickte der Marder, verdrießlich, daß ein menſchlicher Schritt ihm ſeine Beute verjagte. Der ganze Zauber der Waldeinſamkeit umfing ihn mit namenloſer Schöne und klopfte an ſein tief trauriges Herz, um es zu neuer Lebensluſt zu wecken— vergeblich! Das Verlorene bringt kein Gott zurück und nie erliſcht die Reue um verſcherzte Frende. Auch hier war keine Spur von dem Feinde zu ſehen, der dem Lebens⸗ müden als ein willkommener Erlöſer von ſchweren Leiden erſchienen wäre. Friedlich ſproßten Bäume und Pflanzen, friedlich lebten und liebten die Thiere im Waſſer wie auf dem Lande.. Es ſchien, als habe die Furie des Krieges dieſe ſtille Stelle geſchont, als ſei ihr Fuß leiſe vorübergegangen, um dieſe Ruhe der Natur durch keinen rohen Lärm zu ſtören. 592 Langſamer wurden die Schritte des jungen Mannes, trüber ſeine Augen, in die ſich Thränen drängten, Thränen der Erinnerung!—— Was war das?— Ein Aechzen, ein Stöhnen!— Nein, wohl eine Unke nur, im Schilf des Teiches ſitzend, die ihr trau⸗ rig eintöniges Lied erſchallen ließ, das Lied, das Tod bedeuten ſoll. Jetzt abermals!— Oh, das war keine Unke, das war eine menſchliche Stimme!. Doch von woher erſchallte dieſer Laut?— Rings tiefe Ruhe, kaum unterbrochen durch den Geſang einer Wachtel, den Flügelſchlag eines Auerhahns— Und dennoch— immer wieder dringt der klagende Laut an ſein Ohr und macht ihn beben. War es wohl Henriettens Geiſt, der ihn verfolgte? O, wenn er ihm erſchiene, dieſer Geiſt, wie wollte er niederſtürzen, ſeine Schuld bekennen, ſeine Verzeihung erflehen—— „Nein, das ſind keine Geiſterlaute, das iſt Geächze eines Leidenden, und wer immer es ſei, ich muß zu ihm, um ihm zu helfen, wenn ich kann!“ Er ſagte es laut, und muthvoll durch die Büſche dringend, die ihn mit ihren dornigen Fingern feſtzuhalten ſtrebten, folgte er der klagenden Stimme, die ihn zu rufen ſchien. Ein Haufen verbrannter Balken zeigte ſich vor ſeinen Augen. Das war wohl ehemals die Köhlerhütte, von der ſein Gefährte ihm geſprochen hatte, jetzt ſelbſt zu Kohle und Aſche geworden, aber aus den Trümmern erklang es wie ein leiſes Beten, ein lautes Stöhnen, daß Kro⸗ towski's Herz von Mitleid bewegt wurde. Wo aber den Eingang finden in dieſen Haufen ſchwarzen Holzes, rußiger Steine? Sigismund ging rings um die Hütte herum und entdeckte endlich eine Oeffnung, von innen mit einem Brett verſtellt, das ſich leicht hineinſtoßen und in eine aus den umgefallenen Balken zufällig gebildete Kammer blicken ließ. 8 Es war ein halb finſterer Raum, den einzelne durch Ritzen fallende Sonnenſtrahlen nur matt erhellten. Welkes Moos, wohl ſchon vom Winter her zuſammengetragen, bedeckte den Boden; ein Crucifix, ein Krug und eine wollene Decke, das war Alles, was Sigismund zu erſpähen vermochte, bis es unter der Decke ſich zu regen begann und zwei magere Hände ſich daraus hervorſtreckten; bald hob ſich auch ein kahler Kopf, ein bleiches, durch Krankheit und Elend bis zur Scheußlichkeit entſtelltes Geſicht ward ſichtbar und eine von Alter und Thränen gebrochene Stimme rief flehend: 593— „O Du ewige Barmherzigkeit! Muß ich denn wirklich elend hier ver⸗ ſchmachten, ohne auch nur ein Menſchenantlitz zu meinem Troſte zu ſehen! Haſt Du denn kein Mitleid mit meinen Leiden, Du geſtrenger Richter dort oben? O, o! und wenn es nur die Schmerzen wären, dieſer nagende Hunger, dieſer Todeskampf in meinen Eingeweiden— aber ſterben müſſen, ach, ſterben müſſen mit dieſem entſetzlichen Geheimniß auf der Seele— Oh, oh— womit habe ich es denn verdient, daß Du ſo erbarmungslos auf mich herabſiehſt, Du, aller Menſchen Vater! War nicht mein ganzes Leben eine Kette von Leiden, muß noch mein Ende ſo entſetzlich ſein? O, all ihr Heiligen! iſt keiner, der für mich bittet, keiner, der ſich meiner Noth erbarmte, oh— oh!“— Sigismund, auf das Schmerzlichſte von dieſen Klagen gerührt, nahte ſich dem Lager und fragte in mildem Tone: „Wer biſt Du, armes, leidendes Weſen, und wie kann ich Dir helfen?“ Der Greis blickte empor, fuhr mit der dürren Hand über ſeine kahle Stirn und ſagte leiſe: „Ja, ja, Gott iſt doch gut— ich hatte Unrecht, zu verzweifeln— aber meine Leiden ſind auch zu groß, zu groß!— „Nimm dieſes Brod,“ ſagte Sigismund,„Deinen Hunger zu ſtillen, ich hole Dir unterdeſſen Waſſer im Kruge.“ „Thu das, mein Sohn, und der Himmel ſegne Dich und ſchenke Dir ein glücklicheres Alter, als das meine war!“ Sigismund ſagte nicht Amen zu dieſem Segensſpruche. Er nahm den Krug und lief zum Teich, an dem er ihn mit Waſſer füllte, dann brachte er dem Alten das erſehnte Labſal, richtete ihn liebevoll empor, ſchichtete Moos zuſammen zu einem Kiſſen, das ſein Haupt ſtützen ſollte, und reichte ihm das Brod, den Schinken und endlich auch die Feldflaſche mit Wein, die ſeine Nahrung für die Reiſe des Tages ſein ſollte. Der abgehärmte Alte dankte ihm mit innigſter Freude. „Du verſöhnſt mich wieder mit meinem Gotte, an dem ich verzwei⸗ felte!“ ſagte er, die Hände des jungen Mannes an ſeine dürren Lippen ziehend. „Könnte ich nur mehr für Euch thun!“ ſeufzte Sigismund. „Du kannſt es, wenn Du mich anhören willſt!“ „So redet!“ „Gott hat Dich mir geſandt, damit ein gräßliches Geheimniß nicht mit mir in das Grab ſinke.“ 3 „Welch ein Geheimniß?“ „Vernimm es.“ „Ich höre. Phantom Polens. III. Band. 38 . 594 „Mein Name iſt Erkmann; meine Familie ſtammt aus Deutſchland, doch da meine Eltern ſchon in Polen geboren waren, ſo lebte in mir von jeher die glühendſte Vaterlandsliebe. „Wir wohnten auf einem der Schlöſſer des Grafen Batory, deſſen Ver⸗ walter mein Vater war. „Ich ſtudirte die Forſtwiſſenſchaft, aber als die Revolution ausbrach, kämpfte ich für die Freiheit. „Der Schutz des Grafen rettete mein Leben vor den Verfolgungen der Ruſſen. Als der Kampf vorüber war, begleitete ich meinen Herrn überall als ſein Vertrauter, ſein Secretair, ſein Freund. „Dennoch vermochte ich es nicht, ſeine Leidenſchaften zu zähmen, ſeinen wilden Charakter zu bändizen. „Er that Vieles, was er vor Gott zu verantworten hat, das Schlimmſte an der Fürſtin Biruta Orlanoff, die damals noch das Fräulein Kraſinska hieß. „Ich warnte ihn, allein er wollte meine Stimme nicht hören, die Leiden⸗ ſchaft umnebelte ſeine Sinne und führte ihn zu einer ſcheußlichen That— er hat ſie gräßlich büßen müſſen!— „Biruta liebte damals Stanislas Tarnow, den Vater des jetzt lebenden Obriſten in der polniſchen Armee. „Stanislas war edel und hochherzig, doch Biruta hätte es niemals über ſich vermocht, ihr entehrtes und in ſeiner ſchönſten Blüthe geknicktes Daſein dem Manne aufzudringen, der ihr von allen Lebenden der liebſte war. „Sie widmete ſich ganz dem Vaterlande und ihrer Rache— darum heirathete ſie den Fürſten Orlanoff, den eine unerklärliche Leidenſchaft an ſie feſſelte, und errang dadurch die Macht, ihren Landsleuten unendlich viele und große Dienſte zu leiſten.“ „Ich kenne das Schickſal der Frau mit der goldenen Maske!“ ſagte Sigismund, als der Alte erſchöpft innehielt. „Der Graf Batory,“ fuhr Erkmann fort, nachdem er ſich durch einige Tropfen Wein auf's Neue geſtärkt hatte,„der Graf Batory konnte den Verluſt des Weibes nicht verſchmerzen, an das die Erinnerung einer Schand⸗ that ihn knüpfte. Seine Eiferſucht wandte ſich auf Alles, was ihr nahe ſtand, was ihre Zuneigung zu feſſeln ſchien— ſeine Leiden waren furchtbar und nie wohl iſt eine Sünde ſchon hienieden härter geſtraft worden, als die ſeinige. „Er reiſte, ohne Ruhe zu finden, und ich war ſein ſteter Begleiter durch Italien, England, Frankreich, durch Deutſchland und Spanien. „Endlich ſchickte er mich von Liſſabon aus heim, weil eine Erbſchafts⸗ regulirung die Geganmat eines vertrauten Geſchäftsmannes nothwendig machte. 7 — 7 59⁵ „Die Stammgüter der Familie lagen in dem ſchönſten und roman⸗ tiſchſten Theile unſeres Vaterlandes, da, wo der Dnieſter Podolien von Beſſarabien trennt. „Hier wuchs die junge Schweſter des Grafen, Fräulein Editha, unter der ſorgfältigen Erziehung ihres Vaters auf, der, von der Welt zurückgezo⸗ gen, keine andere Freude kannte, als die ihm aus den Augen ſeines Kindes ſtrahlte. „Nun war der alte Graf geſtorben und das junge, ſchöne Mädchen fühlte ſich ſehr einſam unter dem Schutze einer ältlichen Verwandten, die weder durch Verſtand noch Bildung die Lücke zu erſetzen vermochte, die der Tod geriſſen hatte.— Armes, armes Kind!— „Stanislas Tarnow hatte ſich, ein Jahr nach Biruta's Vermählung mit dem Fürſten Orlanoff, mit einer jungen Deutſchruſſin verheirathet, de⸗ ren ſanftes, liebevolles Weſen wohl im Stande geweſen wäre, Balſam auf ſeine noch immer ſchmerzenden Seelenwunden zu gießen, doch rief ſie Gott ſchon frühe zu ſich empor, nachdem ſie einen Knaben, den jetzigen Obriſten, geboren hatte. „Der unglückliche Wittwer, dem zum zweiten Male ſein Liebſtes ent⸗ riſſen war, ſuchte Zerſtreuung und Seelenfrieden auf einer Reiſe durch ſein Vaterland, deſſen Verhälniſſe er genau kennen lernen wollte, um auch mit den Waffen des Rechtes für die Freiheit Polens ſtreiten zu können. „Unglückſeliger Weiſe führte ihn ſein Weg auch nach Podolien, und die junge Gräfin Editha Batory verſagte ihm nicht die Gaſtfreundſchaft, um die er bat. 3 „Damals langte ich auf dem Gute an, und wenige Tage genügten, mir den Abgrund zu zeigen, dem zwei Herzen, die mir theuer waren, ret⸗ tungslos zutaumelten. „Ich kannte den Haß, den mein Gebieter gegen den ehemaligen Ge⸗ liebten Biruta's hegte, ich wußte, daß er niemals ſeine Schweſter einem Manne geben würde, den er nicht fähig geweſen war, aus dem Herzen eines Weibes zu verdrängen, um deſſentwillen er ſeine Ehre, ſein gutes Gewiſſen dahingegeben hatte— „Und doch war es ſo rührend, dieſe bis dahin reine, unſchuldsvolle Liebe zu ſehen! „Editha, deren junges Herz ſich zum erſten Male erſchloß, fühlte ſich wie von einem lieblichen Zauber über das irdiſche Daſein hinweggehoben; ſie ſah, ſie fühlte nur, was ſie noch nie gefühlt, ſie gab ſich ganz dem Entzücken hin, ihr eigenes Weſen in dem eines Anderen verklärt zu fin⸗ den, und was ſie tief empfand, das ſprach aus ihren ſeelenvollen Augen, aus ihrem glücklichen Lächeln, aus der weichen Grazie jeder Bewegung. „Stanislas, der reife, durch unendliche Seelenleiden geprüfte Mann, 38* . 596 konute ſolchem Liebreiz nicht widerſtehen. Sein Herz erſchloß ſich, wie eine von Winterſtürmen gebeugte Pflanze ſich im Frühlingshauch auf's Neue emporrichtet, und mit der innigſten Liebesgluth hing er an den Blicken des ſchönen, holden Kindes. „Sie ſchweiften mit einander über Berg und Thal, ſie plauderten und muſizirten, ſie tanzten, wenn die Bauern ländliche Feſte feierten und blickten vertrauensvoll einer ſchönen Zukunft entgegen. 4. „Denn Stanislas ahnte nichts von dem Verhältniß, in welches der Graf Batory zu Biruta getreten war. „So vergingen glückliche Wochen. „Sollte ich die beiden Liebenden warnen?— es hätte nichts geholfen, zu tief ſchon hatte die Liebe ihre Wurzeln geſchlagen, um ohne ſchlimme Verwundung ihrer Herzen herausgeriſſen werden zu können. „Da kam der Graf Batory auf dem Gute an. „Ein einziger Blick, den er auf Tarnow warf, genügte, es mich er⸗ kennen zu laſſen, daß für dieſen keine Hoffnung ſei;— wußte ich doch nur zu gut, wie unbeugſam des Grafen Charakter war. „Wenige Monate vorher hatte er ſich in Warſchau, wohin er ei⸗ liger als ich dachte, zurückgekehrt, mit einer edlen jungen Dame vechei⸗ rathet. „Wäre ſie jetzt bei ihm geweſen, das Entſetzliche wäre nicht geſchehen, ihr ſanftes Wort, ihr heller Verſtand hätte den ſtolzen Gatten vielleicht zur Milde umgeſtimmt.— „Stanislas Tarnow trat dem Grafen mit einer offenen Werbung entgegen, die ſich auf einen edlen Namen und bedeutendes Vermögen ſtützte. „Der Graf erwiderte mit Hohn, daß niemals ſeine Schweſter die Gattin eines Mannes werden dürfe, den er nicht für ehrenwerth hielt. „Stanislas forderte Erklärung und der Graf antwortete ihm, daß er bereit ſei, ſie mit der Spitze ſeines Degens in blutigen Lettern in das Herz dieſes Mannes zu ſchreiben, den er haßte und verabſcheute. „Was blieb dem unglücklichen Liebenden übrig, als eine Forderung anzunehmen, die in ſo gehäſſiger Weiſe ihm in das Angeſicht geſchleudert wurde?— „Editha, die in ängſtlicher Spannung der Antwort ihres Bruders harrte, wurde durch ein Märchen getäuſcht, das ich ſelber ihr erzählte; die beiden Herren ritten in den Wald und als zu Mittag der Graf allein zu⸗ rückkehrte, erklärte er ſeiner Schweſter in dürren ſtolzen Worten, ſie habe ihm binnen acht Tagen nach Warſchau zu folgen, wo er ſie nach ſeiner Wahl vermählen werde. „Das bejammernswerthe Mädchen warf ſich mir an die Bruſt und bat 597 um Rettung, um Nachricht, wenigſtens von dem Geliebten, der ihr ſo As⸗ lich geraubt war. „Was konnte ich thun, als ihr die Wahrheit ſagen: Stanislas Tar⸗ now war in die Bruſt verwundet und lag in dem Hauſe eines Erbbauern zwei Meilen von dem Gute. „Sie hörte mich ruhiger an, als ich es erwartet hatte, ſie fügte ſich ſcheinbar in den Willen ihres ſtrengen Bruders— aber als man ſie am andern Morgen zum Frühſtück erwartete, kam ſtatt Editha's die Nachricht, daß ſie verſchwunden ſei. „Der Graf ließ ſatteln und ſprengte in das Haus, in welchem Stanis⸗ las Tarnow lag— auch er war nicht mehr zu ſehen. „Die Bauern ſollten ausſagen, wohin er mit der Comteſſe geflohen ſei, doch gehorchten ſie erſt dann, als zahlloſe Hiebe ihren Rücken zerfleiſch⸗ ten, denn zu innig liebten ſie die junge, ſanfte Herrin, um ſie freiwillig zu verrathen. „Dennoch mag ihre Auskunft eine trügeriſche geweſen ſein; der Graf und ich, wir verfolgten die Flüchtigen auf den angegebenen Wegen, fanden ſie jedoch erſt in Kiew wieder. „Batory nahm den Beiſtand der ruſſiſchen Behörden in Anſpruch, um die junge Gattin von der Bruſt ihres Geliebten zu reißen. Eine Scene herzzerreißenderen Jammers ſahen meine Augen nie, als da die Bande der heißeſten Zuneigung durch rohe Koſakenhände getrennt wurden. „Editha erwachte aus ſchwerer Ohnmacht, die wohlthuend das Entſetz⸗ liche verbarg, hinter den Eiſengittern des Frauenkloſters in Kiew. „Stanislas Tarnow wurde unter ruſſiſcher Eskorte nach Moskau, dann über die Grenze gebracht. Der Graf ſchäumte vor Wuth über die Entehrung ſeiner Schweſter, gegen die all ſeine frühere Liebe erſtickt ſchien. Er ließ mich in Kiew, ſie zu beobachten und zu beaufſichtigen und reiſte zu ſeiner Gattin zurück, indem er mir befahl, ihm Editha nachzubringen, ſobald ihr Geſundheitszu⸗ ſtand es erlaubte. „Nach einiger Zeit mußte ich ihm melden, daß es beſſer ſein würde, die Comteſſe in ihrem jetzigen Aufenthalt zu laſſen, da ihr Eintritt in die Welt nur Schmach und Schande über ſie und ihn zu bringen ver⸗ möchte. „Editha ſchien ſich in ihr Schickſal zu finden und, wenn ich ſie be⸗ ſuchte, redete ſie ruhig über ihren Zuſtand und ſprach nur den Wunſch aus, das Kloſter nicht verlaſſen zu müſſen. Doch Geld verlangte ſie von mir zu wohlthätigen und frommen Zwecken, wie ſie ſagte, und ich mochte ihr nichts vorenthalten, was zu ihrem Frieden diente— liebte ich doch das ſchöne, blaſſe Kind, als ob es mein eigenes geweſen wäre. 598 „Eines Tages ſtürzte eine der älteren Schweſtern, denen es ge⸗ ſtattet iſt, auszugehen, in mein Zimmer und meldete mir, Editha ſei ent⸗ flohen. „Entflohen, inmitten des Winters bei einer Kälte von mehr als dreißig Grad!— „Sie harte mit dem Gelde, daß ich ihr gebracht, die Wächterinnen be⸗ ſtochen, hatte ſich einen Schlitten zu verſchaffen gewußt, den ein ihr treu ergebener Bauer von den Gütern ihres Vaters führte, und war mitten in der Nacht davongefahren, durch eine Schnee⸗Ebene, die Thal und Hügel gleichmacht, durch Wälder von der Ausdehnung vieler hundert Meilen, er⸗ wärmt, geleitet nur allein von jenem Liebesſtrahl, der mit der glühendſten Gewalt ihr Herz ergriffen hatte.“— Der Alte wurde ſehr ſchwach, die Erinnerung an Leiden, deren unfrei⸗ williger Zeuge er geweſen war, verzehrte ſichtlich ſeine wenigen Kräfte und führte ihn ſchnell dem Tode zu. Sigismund, der ſeiner Erzählung mit der geſpannteſten Aufmerkſam⸗ keit gefolgt war, und vor Begierde brannte, das Ende zu vernehmen, rieb ihm die Stirne mit Wein, flößte ihm einige Tropfen des ſtärkenden Ge⸗ tränkes ein und ſah mit Vergnügen, daß der ſeinem Tode Naheſtehende noch einmal Kraft genug gewann, um weiter ſprechen zu können. 22. Flucht und Tod. „Höre weiter, mein Sohn,“ ſagte Erkmann, nachdem er tief Athem geſchöpft hatte,„ich werde verſuchen, mich kurz zu faſſen. 3„Nachdem ich mich davon überzeugt hatte, daß Editha der polniſchen Grenze zugeflohen ſei, um ihren Geliebten auf ſeinen Beſitzungen in Lit⸗ thauen aufzuſuchen, nahm auch ich einen Schlitten und einen treuen Knecht und fuhr ihr nach. „Ich hatte mich mit Lebensmitteln reichlicher verſehen, um allenfalls, wenn ein Schneeſturm unſere Reiſe verzögern ſollte, für die Comteſſe und mich genug zu haben. Mein Knecht und ich führten ſcharf zielende Büch⸗ ſen bei uns und Pulver und Blei genug, auch warme Decken nahm ich mit, um das unglückliche Mädchen zu ſchützen. „Und während meiner ganzen Reiſe kämpfte ich mit meinem Gewiſſen und mit meiner Ehre. 599 „Mein Gewiſſen rieth mir, Editha's Glück nicht hindernd in den Weg zu treten, ihr zu der Vereinigung mit dem Geliebten zu verhelfen. „Meine Ehre befahl mir, meinem Gebieter treu zu ſein und ſeinen Willen ohne jede Gegenrede, ohne jede Prüfung zu erfüllen. „Schwer wurde mir der Kampf, denn ich liebte Editha und konnte den Grafen kaum noch achten— dennoch folgte ich dem Rufe der Ehre. „O, warum redete nicht die freundliche Stimme des Mitleids lauter zu meinem Herzen— wie viel Unglück wäre verhindert worden, wie viel Unglück wäre jetzt nicht zu fürchten!— „Wir folgten in raſender Eile den Spuren des Schlittens, die noch deutlich im friſchgefallenen Schnee zu ſehen waren.— Hätte doch ein Sturm⸗ wind ſie verweht! „Wir fuhren den ganzen Tag, die ganze Nacht— da fanden wir das geſuchte Fuhrwerk vor einer elenden Dorfſchenke, und die Wirthin, die ich mit der Piſtole auf der Bruſt befragte, geſtand mir, eine junge, blaſſe Dame läge drinnen auf ihrem eigenen Bette. „Editha faßte ſich mit gewaltiger Kraftanſtrengung, als ich vor ſie hintrat. „Erkmann,“ ſagte ſie anſcheinend ruhig,„es thut mir leid, daß Du mein Mörder ſein mußtv; denn ich kann nicht leben ohne Stanislas.“ „Comteſſe,“ antwortete ich, und meine Thränen verdunkelten mir ihr liebes Bild,„Comteſſe, ich folge meiner Pflicht, die mich an Ihren Bruder bindet.“ „Iſt's nicht auch meine Pflicht,“ fragte ſie,„dem Vater ſein Kind zu bringen? Was ſoll aus dem armen, ſchon im Mutterſchooß verdammten Weſen werden, wenn die Verzweiflung mich hinrafft?— „Sie werden leben—“ „Und wenn ich ſterbe— Erkmann, ſchwöre mir, daß Stanislas Tar⸗ now ſein Kind erhält!“ „Ich ſchwur es mit einem theuren Eide, ich ſchwur es bei den Gebei⸗ nen meiner Eltern, bei meiner Seelen Seligkeit.—— „Sie ſchickte mich hinaus und nach einer Viertelſtunde war ſie ange⸗ kleidet und erklärte ſich bereit, zu gehen, wohin ich ſie führe. „Auch jetzt noch fragte ich mich, ob ich nicht recht thäte, mit ihr nach Litthauen zu reiſen, und auch jetzt noch wandte ein böſer Dämon meine Blicke auf das Schreckgeſpenſt der Ehre, die ich nicht verletzen wollte. „Ich bildete mir ein, genug gethan zu haben, indem ich verſprach, dem unglücklichen Tarnow ſein Kind zu bringen, ſobald es keine Mutter mehr hätte. „Es war am Morgen, als eben die Sonne aufging, da wir unſere Rückreiſe antraten.. 600 „Die Schlitten faſſen nur zwei Perſonen, eine, die fährt und einen Paſſagier. Ich ſetzte mich zu Editha und ließ die Knechte das andere Fuhr⸗ werk einnehmen. „Sie hüllte ſich tief in die von mir mitgebrachten Decken, denn, wie ich es vorausgeſehen, war ſie mit nichts verſorgt, was zu einer ſo weiten und beſchwerlichen Reiſe nothwendig iſt. „Unter der dichten Hülle konnte ich nur wenig von ihrem Geſichte ſehen, doch was ich ſah, war todtenbleich und ſtarr, ſo daß mir angſt wurde. Ich redete ſie bisweilen an, fragte nach ihrem Befſinden oder bot ihr eine Erquickung— ſie antwortete nicht und endlich glaubte ich beſſer zu thun, wenn ich ſie ihren ſchwermüthigen Gedanken überließ, ohne die Worte eines Mannes einzumiſchen, den ſie haſſen mußte, weil er zum zweiten Male zwi⸗ ſchen ſie und ihren Geliebten getreten war. „So fuhren wir ſchweigend und mit großer Schnelle weiter. „Doch gegen Mittag verdunkelte ſich der Himmel, der Wind pfiff ſchneidender und ein dichtes Schneegeſtöber, man konnte nicht unterſcheiden, ob es von Oben kam oder ob der Sturm es von der Erde empor wirbelte, machte uns die geringen Anzeichen der Fahrſtraße mit jedem Auarnilice unkenntlicher. „Ich rief den Knechten in dem anderen Schlitten zu, ſich dicht an meine Fährte zu halten, damit wir nicht etwa getrennt würden und ſpähte mit aller meiner Macht nach Rauch, nach Licht, nach irgend einem Zeichen menſch⸗ licher Wohnungen. „Denn ich konnte mir die Gefahr nicht verhehlen, in welcher wir uns befanden. Der Schnee hatte längſt Gräben und Hecken geebnet, der Sturm die Spuren der Geleiſe verweht— es unterlag keinem Zweifel— wir wa⸗ ren verirrt. „Verirrt bei dreißig Grad Kälte, bei Schneeſturm in einem Walde von faſt unermeßlicher Ausdehnung, mit einem zarten, leidenden Weibe— „Es war ein Gedanke, dem ich nur mit Aufbietung aller meiner See⸗ lenſtärke entgegen ſehen konnte. „Unſere Pferde waren von acht Uhr an gelaufen, und jetzt war es zwei Uhr. Wenn ihre Kraft erlag, ſo waren wir verloren. „Ich ließ halten und die Thiere füttern, dann ging es vorwärts mit erneuter Anſtrengung. „Wir hatten nur noch anderthalb Tagesſtunden vor uns. Geſtern um dieſe Zeit beleuchtete der Mond ein ſicher führendes Geleiſe— heute ſollte dieſes tröſtliche Licht uns fehlen— der Himmel war in einen dichten Nebel⸗ ſchleier gehüllt und der Schnee wirbelte in großen Flocken um uns her. „Editha redete kein Wort, doch daß ſie fror erkannte ich daraus, daß ſie ſich feſter in die Decken hüllte und ihre Füßchen heraufzog. 601 „Wie gerne hätte ich zu ihr geredet, wie gerne in dieſer Gefahr ihre liebe, ſüße Stimme gehört— allein ich fühlte mich ihr gegenüber zu ſchul⸗ dig, als daß ich es hätte wagen dürfen, zu ihr zu ſprechen. Den Gelieb⸗ ten hatte ich ihr geraubt, jetzt machte mich ein grauſames Geſchick vielleicht noch zum Zeugen ihres qualvollen Todes.—— „Die Sonne ſank und wir fuhren noch immer raſtlos dahin. Nichts tönte durch die weiße Ebene, als das Klingeln der Glöcklein an unſeren Schlitten und von Zeit zu Zeit das heiſere Geſchrei eines Raben. „Wenn ſie nur zu mir geſprochen hätte, wenn ich ihr nur hätte ſagen dürfen, wie ſehr ich um ihretwegen litt!— „Wenn ich den Weg gewußt hätte, mit Freuden wäre ich jetzt umge⸗ kehrt und hätte ſie zu ihrem Gatten gebracht und wäre ſelig geweſen, ſie wieder lächeln zu ſehen!— „Doch ſie redete nicht und ſtumm fuhren wir weiter, immer gerade aus — wohin?— das wußte Niemand unter uns. „Ich ließ abermals halten und die Pferde füttern. Auch den Knechten gab ich Wein und Speiſe und bot Editha davon an— doch mit einer kurzen Handbewegung wies ſie mich zurück. „Und weiter ging es, weiter. Unſere Pferde waren matt und wollten nicht mehr recht von der Stelle. Der Schnee hatte nachgelaſſen, doch der Sturm heulte noch kalt und pfeifend um die unheimlich knarrenden Baum⸗ ſtämme und die Nachtvögel erhoben ihr häßliches Geſchrei. „Von Zeit zu Zeit blickte der Mond aus den Wolken und beleuchtete die weiße Fläche, die an ſich ſelbſt Helligkeit genug ausſtrahlte, um uns vor dem Anfahren an Baumſtämme zu ſchützen. „Ich überlegte, was zu thun ſei. Den Pferden mußte Raſt gegönnt werden, das ſtand feſt. Dazu wollte ich die nächſte dichtere Waldſtelle wählen, um ihnen wenigſtens einigermaßen den Wind vom Leibe zu hal⸗ ten. Dann ſollte die Comteſſe Nahrung zu ſich nehmen und wo möglich ſchlafen und von uns drei Männern ſollte abwechſelnd einer Wache halten. „Soweit mein Plan. Doch plötzlich faßte Editha meinen Arm und zeigte mit der anderen Hand ſprachlos hinaus auf eine dunkle Stelle auf dem weißen Schnee. „Herrgott im Himmel! rief ich laut und machte ein Kreuz über das unglückliche junge Weib— „Wölfe, Wölfe, ein ganzes Rudel, und unſere Pferde kraftlos und matt und unſere Büchſen vielleicht naß geworden— Herr Gott, was ſollte daraus werden!— „Ich rief den Knechten zu und wir peitſchten die ſechs Roſſe, daß ſie mit Anſtrengung ihrer letzten Kraft dahin flogen, wie der Blitz. 3 . 602 „Editha hatte ſich wieder in ihre Decken gehüllt und ſchien nichts mehr zu hören, nichts zu ſehen. „So ging es fort, fünf, zehn Minuten lang und die Wölfe blieben hinter uns. „Doch länger dauerte nicht die Kraft der gepeitſchten Thiere. Das Handpferd des hinteren Schlittens ſtürzte.„Abhauen!“ rief ich, und es ge⸗ ſchah ſogleich. Doch das gab Aufenthalt, denn unmöglich konnte ich die Leute zurücklaſſen, und da waren ſchon wieder die entſetzlichen Thiere und warfen ſich mit Geheul über das noch lebendige Roß, indeſſen wir die übrigen zu noch wilderem Laufe ermunterten. „Die Peitſche war nicht mehr nöthig, die Pferde kannten ſelber die Gefahr und griffen aus, ſo ſchnell es ihnen möglich war, ein Pfiff genügte und mit angelegten Ohren ſtrebten die braven Thiere vorwärts. „Vergeblich! die ſchwarze Rotte hinter uns, nur dann und wann vom Mondlicht erleuchtet, folgte uns wie der Schatten des Todes, die muthig⸗ ſten und ſtärkſten voran, heulend, zähnefletſchend— ich ſchoß meine Flinte unter ſie und brachte ſie auf einen Augenblick zum Stehen, doch nur auf einen Augenblick, dann waren ſie auf's Neue da, nur gieriger und wilder— „Und Editha regte ſich nicht und redete kein Wort, indeſſen ich in namenloſer Angſt die Zeit berechnete, in welcher unſere Pferde fallen muß⸗ ten, in welcher uns die Wölfe— gräßlich, gräßlich!—— „Jetzt ſtrauchelte auch mir ein Roß und mußte losgeſchnitten werden, indeſſen die Knechte unter die Wölfe ſchoſſen, um mir Zeit zu verſchaffen. „Doch Editha regte ſich nicht! „Wir fuhren weiter, arg behindert durch das Fehlen zweier Roſſe, wäh⸗ rend die übrigen nur keuchend, ſchwitzend, mühſam aus der Stelle kamen. „Jetzt waren uns die Wölfe ſo nahe, daß wenigſtens unſere Kugeln ſie nicht mehr verfehlten, wenn ſie uns nur Zeit gelaſſen hätten, die Ge⸗ wehre zu laden. „Ich ſchoß nach rechts und links. Auf Editha's Seite, wie auf meiner gähnten gierige, weit aufgeſperrte Rachen. Jetzt fünf, jetzt zehn, jetzt zwan⸗ zig auf ein Mal— 1 „Die Büchſe drehte ich um und ſchlug mit dem Kolben auf die wüthen⸗ den Verfolger— da ſchreckte mich ein Schrei empor— „Auf Editha's Schooß ſaß eine der Beſtien und krallte ſeine Tatzen in die Decken, die ſie umhüllten—— „Ich fuhr ihm an die Kehle, ich würgte ihn mit meiner linken Hand, indeſſen die rechte mit dem Gewehre um ſich ſchlug. Vor meinen Ohren brauſte es, ich wußte nicht, war es der Wind, der in den dürren Bäu⸗ men tobte, war es das Angſtgeſchrei der Männer hinter mir, waren es Schüſſe!— 603 „Ja, Schüſſe, einer nach dem anderen, und die Wölfe zerſtoben und meine Pferde ſtanden, zitterten und fielen todt zur Erde. Hatte doch ein jedes, ohne daß ich es beachtet, die Biſſe grimmiger Zähne in ſeinen Flanken. „Jetzt Männerſtimmen, Fragen, Hurrah und Geſchrei. Es waren Bauern aus dem nahen Dorfe, die den Wölfen nachjagten und zu unſerer Rettung herbeigekommen waren. Den Klingeln an unſeren Schlitten ver⸗ dankten wir dieſe unerwartete Hülfe, denn unſere Büchſen waren verſtummt. „Ich bat ſie um Obdach und Herberge und erhielt freundliche Gewäh⸗ rung. Die guten Leute ſaßen von ihren Pferden ab und ſpannten ſie vor unſere Schlitten, ſie ſelber hockten, ſo gut es ging, hinter uns auf und ſo fuhren wir dem Dorfe zu, den nach rechts und links zerſtiebten Wölfen unſere gefallenen Thiere hinterlaſſend. „Als wir, vor der Hütte angelangt, die Comteſſe vom Fuhrwerk her⸗ abhoben, ſank uns ein lebloſer Körper in die Arme. Editha war ohn⸗ mächtig und erholte ſich ſehr langſam, während ich in namenloſer Angſt an ihrem Lager ſaß und allen ihren Athemzügen lauſchte. „Jetzt ſtand es in mir feſt, daß ich ſie ihrem Gatten brachte, zu viel hatte ſie, zu viel hatte ich ſelbſt gelitten.— Doch ach! es war zu ſpät! „Als Editha am anderen Morgen erwachte, redete ſie irre. Ich glaubte, ein Fieber habe ſie erfaßt, doch widerſprach dem der gleichmäßig gehende Pulsſchlag. Sie ſprach von ihrem Geliebten, ſie glaubte ſich bei ihm— dann wieder traten ſchreckliche Bilder vor ihre Seele— ſie bebte vor den Wölffen, ſie wollte aus dem Bette ſpringen, um ihr Kind, ihr liebes Kind zu retten— und dazwiſchen ließ ſie mich zu hundert Malen den Schwur erneuen, es dem Vater hinzubringen, wenn ſie nicht mehr am Leben ſei. „Es waren Tage namenloſer Qual, die ich an ihrem Lager verbrachte, und draußen wirbelte der Schnee und ließ jede Weiterreiſe als eine Un⸗ möglichkeit erſcheinen. „Der Schmerz, die Anſtrengung beſchleunigten Editha's Stunde und ſie gebar ein Töchterchen. „Ich hoffte, daß nun ihre Verſtandeskräfte wieder kommen würden und wirklich hatte ich mich nicht getäuſcht. Als die gute Bauernfrau das Kind in die Arme der jungen Mutter legte, lächelte ſie zum erſten Male nach ſo langer Zeit und winkte mich herbei, daß ich es küßte. „Ich that es mit inbrünſtiger Liebe, waren doch alle meine guten Wünſche bei dem kleinen, unſchuldigen Weſen, dem ich Heimath und Vater⸗ liebe ſichern wollte. „Mit Ungeduld blickte ich dem nahenden Frühling entgegen, denn nicht eher konnte ich daran denken, die Reiſe fortzuſetzen, als wenn ich ſie gefahr⸗ los machen könnte für Mutter und Kind. . 604 „Dem Grafen Batory ſchrieb ich Alles, was geſchehen war, natürlich mit Ausnahme meiner Abſicht, die beiden mir anvertrauten Weſen nach Litthauen zu bringen. Meine Schilderung des erlebten Schreckens war darauf berechnet, ſein Herz zu erweichen und ich hoffte im Stillen, er ſelber werde mir die Erlaubniß geben, Editha mit ſeinem Feinde zu vermählen. „Wir blieben drei Monate lang bei den guten Bauern, die wir reich⸗ lich bezahlten. Editha war ruhig und vollkommen klaren Verſtandes; doch ſo oft ich ihr auch von einer Wiedervereinigung mit Stanislas redete, ſo ſchüttelte ſie doch immer traurig den Kopf.“ „Bring ihm mein Kind,“ ſagte ſie,„mich ſelber ſieht er niemals wieder!“— „Sie hatte Recht. Der Frühling kam und ſchöne, ſonnige Tage leuch⸗ teten über uns herab. Jetzt hätten wir reiſen können— aber die Comteſſe wurde von Tag zu Tag ſchwächer und konnte das Bett nicht mehr verlaſſen; ein quälender Huſten, ein zehrendes Fieber nagten an ihrem Leben, und als die erſten Veilchen blühten, ſetzte ich ſie auf Editha's Grab!——— „Das war das Ende eines Lebens, das in ſo viel Freudigkeit begonnen hatte— mir blieb jetzt nur noch übrig, das zu ſchützen, welches in Noth und Elend ſich dem Licht erſchloß. „Ich nahm das Kind und ſeine Amme und reiſte nach Litthauen. „Unſere Fahrt ging ſo gut von ſtatten, als es unter ſolchen Umſtän⸗ den nur möglich iſt und in verhältnißmäßig kurzer Zeit näherten wir uns dem Orte unſerer Beſtimmung. „Eines Tages ſtiegen wir in einem Gaſthauſe ab. Ich überzeugte mich davon, daß meine Pflegebefohlenen gut untergebracht waren und begab mich dann in den Speiſeſaal, um Zeitungen zu leſen und war bald ganz in die politiſchen Welthändel vertieft, als mich der Wirth mit ſonderbar verlegener Miene bat, einmal zu ihm hinaus zu kommen. „Ich folgte ihm in ein abgelegenes Zimmer und befand mich zu mei⸗ ner großen Ueberraſchung einem Manne gegenüber, den ich von früher her kannte. Aber wie entſtellt, wie elend ſah der Unglückliche aus! „Er ſtürzte mir zu Füßen. Ich ſah Dich hier eintreten, ſagte er, und Gott ſchickt Dich her zu meiner Rettung. Hilf mir, denn ohne Dich bin ich verloren! „Nun erzählte er mir, daß die Regierung ihn politiſcher Verhältniſſe wegen verfolge, daß er auf der Flucht ſei und noch heute die Grenze er⸗ reichen müſſe, ſonſt ſei Alles verloren. „Was kann ich für Dich thun?“ fragte ich von Mitleid bewegt. „Gieb mir Geld,“ ſagte er,„damit ich fort kann und Weib und Kinder nicht verhungern.“ „Ich gab ihm, was ich zu entbehren vermochte und der Mann dankte mir mit Freudenthränen. 605⁵ —„Darauf kehrte ich wieder in das Gaſtzimmer zurück und ſetzte mich abermals an die Zeitung, die nach ruſſiſcher Sitte mit ſchwarzer Farbe un⸗ leſerlich gemacht war. Vielleicht gab ich mir Mühe, die Worte trotz der Cenſur zu leſen, jedenfalls bemerkte ich, daß die Blicke eines Herren auf mir hafteten und legte ſchnell das Blatt bei Seite, denn ich kannte die Spionage und wußte, daß mich eine zu eifrige Beſchäftigung mit auswär⸗ tigen Journalen verdächtig machen könnte. „So weit war es mit unſerem Vaterlande gekommen!— „War es die Begegnung mit jenem Flüchtlinge, war es der forſchende Blick dieſes Herrn— mich faßte eine trübe Ahnung und ehe ich mich zu Bette legte, ließ ich meinen Diener kommen und befahl ihm, wenn mir irgend Etwas zuſtoßen ſollte, das Kind zu ſeinem Vater zu bringen und erſt, als ich den Schwur des Mannes empfangen hatte, ſchlief ich beruhigt ein.— „Doch nicht lange dauerte mein Schlummer. Ruſſiſche Polizeibeamte weckten mich auf und befahlen mir, ihnen in das Criminalgericht zu folgen. „Widerſtand wäre Unſinn geweſen; ich erhob mich, kleidete mich an und verließ das Haus, ohne das ſüße Kind geküßt zu haben, das ich um ſeiner Mutter willen ſo innig liebte. „Natürlich glaubte ich, das Verhör werde ſich auf meine Zeitungs⸗ Lectüre beziehen und blickte ihm furchtlos entgegen, doch ſank mein Muth, als ich mich dem Flüchtlinge gegenüber ſah. „Der Erbärmliche war gefaßt worden und hatte eingeſtanden, daß ich ihm Geld gegeben. Ein Ruſſe nimmt nicht an, daß Jemand aus reinem Mitleid ſeine Börſe öffnet, folglich mußte ich ein Intereſſe an der Flucht des Man⸗ nes haben, folglich mußte ich ſchuldig ſein. Ich ſage nichts von einer Unterſuchung, die ſich durch ſechs Monate hinzog; daß ich noch einen der Mitverſchworenen eines Complots kannte, von deſſen Entſtehung ich keine Ahnung beſaß, war für meine Mitſchuld Beweis genug und ſomit wurden wir Alle, ſechszehn an der Zahl, nach Sibirien verſchickt. „Was aus dem Kinde geworden— ich durfte es nicht fragen; ich habe es ſpäter erſt erfahren— und eine gräßliche Ahnung quält mich— o Gott, mein Gott! gieb, daß ſie irrig ſei!“—— Sigismund verſuchte es, den klagenden Alten zu beruhigen und bat ihn, weiter zu erzählen, doch dieſer rang die Hände und wimmerte laut: „Das Kind, das Kind, das ich ſo innig liebte, um ſeiner ſelbſt, um Editha's willen—“ „Iſt es geſtorben?“ fragte Sigismund. „Nein, es ſtarb nicht— der Diener erfüllte ſeine Pflicht— doch mit dem Kinde auf dem Arme und ganz in der Nähe des Schloſſes, das ſein ——õÿÿÿſq· — —— . 606 Vater damals leider nicht bewohnte, begegnete ihm ein Wagen und da er vermuthete, der Graf Tarnow möge darin ſein, winkte er dem Kutſcher zu halten.. „Eine Dame beugt ſich aus dem Schlage und fragt nach dem Begehr des Mannes. Dieſer, ſeinen Irrthum erkennend, will nicht mit der Sprache heraus, doch die Dame läßt ihn von ihren Leuten greifen, binden und mit fortſchleppen.“ 3„Entſetzlich!“ rief Sigismund. „Entſetzlich— denn das Kind ſollte ein Werkzeug ihrer Rache werden. Die Fürſtin Orlanoff freute ſich des glücklichen Fundes. Voller Wuth gegen den Grafen Batory hatte ſie geſchworen, ihm zu ſchaden, wo ſie es ver⸗ möchte, und ſie hielt ihr Wort in grauenvoller Weiſe, „Die Töchter des Grafen ſind Zwillinge, doch gilt Eleonore für die aäͤltere, weil die jetzt lebende Gräfin Wittwe ihr den Haupttheil des Ver⸗ mögens zuwenden wollte, denn ſie haßte Julia von jeher und zwar aus guten Gründen. „Biruta, die entſetzliche Biruta glaubte den Vater am beſten in ſeinen Kindern zu kränken und ſandte Leute aus, ſie ihm zu rauben. Das gelang jedoch nur mit dem jüngeren; die Wärterin Eleonorens entfloh ſchreiend dem Garten, über deſſen Gitter die Diener der Fürſtin mit der kleinen Julia entflohen. „Kaum erfuhr der Graf von dieſer Schandthat, als er ſeine Leute be⸗ waffnete und ihnen befahl, um jeden Preis das Kind zurück zu bringen und es entſpann ſich ein gräßlicher Kampf, in welchem beide Theile ſich be⸗ ſtrebten, des armen Weſens habhaft zu werden. „Wohl mußte die grauſame Fürſtin die Hoffnung aufgegeben haben, ſich Julias zu bemächtigen, als ſie meinen Diener fand. Von Allem, was er ihr erzählte, glaubte ſie ihm kein Wort, ſie hielt das Kind, das er in ſeinen Armen trug, für Julia und nahm es ihm ab, ihn ſelber ſeinem Schick⸗ ſale überlaſſend. „Indeſſen waren ihr die Leute des Grafen auf der Fährte, und darum brachte ſie das kleine Weſen eiligſt zu dem Bauern Demko, bei dem es ſo lunge blieb, bis ſie es wieder zu ſich rief, um es zum Werkzeug ihrer Pläne zu machen. „Soweit die Nachrichten, wie mein Diener mir ſie gab. „Der Graf, der glücklich genug ſein Kind der Mutter wiederbringen konnte, zweifelte ſelber lange Zeit an ſeiner Identität, bis ihn ein kleines Maal dicht unterhalb der rechten Bruſt feſt überzeugte, daß er ſeine geliebte Julia wieder erlangt habe, denn ein ganz gleiches Maal trug er an gleicher Stelle. „Warum die Fürſtin ein ſo reges Intereſſe an Hedwig nahm, daß ſie 607 ſich ſelbſt vor dem Verdacht nicht ſcheute, ihre Mutter zu ſein, iſt räthſelhaft geblieben— räthſelhafter noch iſt es, daß ſie die Liebe des jungen Mäd⸗ chens zu Stanislas Tarnow nicht hinderte— dem Stanislas—“ „Um Gotteswillen, was iſt mit Stanislas?“ fragte Sigismund, als der Alte ſtockte. „Stanislas,“ ſeufzte dieſer mit gerungenen Händen,„Stanislas iſt Hedwig's Bruder und Hedwig iſt ſein Weib.“——— Sigismund ſchauderte. „Aber das iſt unmöglich!“— „Es iſt gewiß.— O, Biruta war furchtbar in ihrem Zorne!“ „Und konnte dieſer Zorn ſie zu dem ſcheußlichen Verbrechen verleiten, dem Verbrechen, Geſchwiſter mit einander zu verbinden?“ „Das Weib, das aus Rache ein Damoclesſchwert über dem Haupte des Grafen Batory aufhangen konnte, war jeder fürchterlichen Handlung fähig.“ „Soll aber Hedwig erfahren, wer ſie iſt?“ „Beſſer ſie erfährt es, als daß ſie ein Leben in Sünden führt.“ „Aber dieſes Leben iſt rein und unſchuldsvoll und Hedwig iſt ein En⸗ gel, den Alle anbeten, die ſie kennen.“ „Ihrer Ehe widerſprechen göttliche und menſchliche Geſetze!“ „Das iſt fürchterlich!“ „Ich weiß, ich breche ihr das Herz, wie ich das ihrer unglücklichen Mutter gebrochen habe— und doch, ich kann nicht ſterben, wenn die Sünde auf mir liegt, ein ſolch unnatürliches Verbrechen zu dulden, ohne die Wahr⸗ heit an das Tageslicht zu bringen.“ „Warum jedoch verhinderten Sie nicht Hedwig's Verhältniß zu Tarnow, als es noch zu verhindern war?“ „Um das zu erklären, muß ich Dir, mein Sohn, mein ferneres Leben ſchildern.“ „Reden Sie, ich höre.“ „Ich wurde nach Sibirien geſchleppt, und es wäre ſehr überflüſſig, wenn ich Dir beſchreiben wollte, was ich während fünfzehn Jahren dort ge⸗ litten habe. „Der heiße Drang nach Freiheit, die Sehnſucht nach dem Kinde, wel⸗ ches ſeinem Vater nicht zurückgegeben worden war, erzeugten in mir die kühnſten Hoffnungen, die, nachdem ſie zweimal vereitelt worden, endlich zu dem erwünſchten Ziele führten. „Zum Glück ſind die Zeiten vorüber, in denen man dem lebenslang Verbannten die Naſe aufſchlitzte, um ihn unfähig zu machen, je wieder in die menſchliche Geſellſchaft zurückzukehren. 4 „Dennoch befand ich mich bei meiner Ankunft in Polen in der äußer⸗ ſten Gefahr und aller Hülfsmittel beraubt, und darum blieb mir kein an⸗ 608 derer Ausweg, als der, den Grafen Batory, meinen ehemaligen Herrn, aufzuſuchen und ſeine Barmherzigkeit anzuflehen. „Die Zeit hatte mächtig auf den ſonſt ſo wilden, ſtarren Mann ge⸗ wirkt; ſein grauſames Schickſal hatte ihn ſehr ernſt gemacht, die Liebe einer edlen Gattin ihn gemildert und weich geſtimmt und alle ſeine edlen Eigen⸗ ſchaften waren jetzt erſt zum Vorſchein gekommen, da die Leidenſchaften der Jugend verſtummten. „Und dieſe edlen Eigenſchaften behielten die Oberherrſchaft ſelbſt da noch, als in ſeiner zweiten Gemahlin ein Teufel ihm zur Seite trat. „Dieſe ſtolze und ſittenloſe Frau beherrſchte das ganze Haus in ſo ausgedehntem Maße, daß der Graf befürchten mußte, mich ihrem Zorn zu überliefern, indem er mich bei ſich aufnahm, denn eine jede mich betreffende Erfindung würde ihr Scharfſinn ſchnell genug entdeckt haben. „So blieb mir kein anderes Mittel, als den Vorſchlag anzunehmen, den der Graf mir machte. „In einem Thurme des Schloſſes lag ein einſamnes Zimmerchen, welches Niemand kam, als ein vertrauter, zuverläſſiger Diener des Gmfen, der mich ſchon lange kannte und um keinen Preis verrathen haben würde. „Ein Bett, ein Tiſch und viele Bücher, das war Alles, was den kahlen Raum erfüllte— ich hatte Sibirien mit einem Gefängniß vertauſcht. „Und dennoch— dieſes Gefängniß war mir lieb, weil ich darin von Zeit zu Zeit den Grafen ſah, an den mich auf's Neue eine tiefe Anhäng⸗ lichkeit feſſelte. „Ich hatte Niemand auf der Welt, der mir gehörte— was wäre aus mir geworden ohne die Freundſchaft eines Mannes, den Leiden gereinigt und gebeſſert hatten?— „Wir redeten von Editha, von ihrem Kinde, das wir in Hedwig nicht vermuthen durften, denn keinem von uns fiel es ein, die Tochter des Bauern Demko könne die Nichte des Grafen Batory ſein— und hätten wir es geahnt, wie durfte der Graf der Fürſtin Orlanoff dies Kind entreißen, dieſer Fürſtin, die es vielleicht um Stanislas Tarnow's willen liebte— und dennoch in das Verderben ſtürzte!— „Der Kampf brach aus und ich blieb ruhig in meinem Thurmſtübchen, denn meine von den furchtbaren Anſtrengungen meines Aufenthaltes in Si⸗ birien und den noch furchtbarerern meiner Flucht aus dieſem entſetzlichen Lande vernichtete Geſundheit geſtattete mir nicht, an dem Kampfe für die Freiheit Theil zu nehmen. „Der Graf ſiel und Julia heirathete den Fürſten Waſa. Die Gräfin verließ mit Eleonore das Schloß, die Dienerſchaft zog in den Krieg oder zerſtob hierhin und dorthin— ich allein blieb in den öden Mauern zurück. 609 „Endlich beſetzten die Ruſſen das Schloß und ſchlugen ihr Haupt⸗ quartier daſelbſt auf, und jetzt glaubte ich mich nicht länger ſicher. „Heimlich entfloh ich während der Nacht, die der Einäſcherung des ſtolzen Gebäudes vorherging, denn ein gewaltiger Kampf tobte um ſeine Mauern. „Ich irrte lange umher, um Stanislas Tarnow aufzufinden und ihm das entſetzliche Geheimniß mitzutheilen. „In einer Nacht, verfolgt von den ruſſiſchen Streifzüglern, gequält von Krankheit und Hunger, entdeckte ich dieſen Aufenthaltsort. „Ich weiß nicht, welcher Einſiedler vor mir hier gehauſt haben mag. Ich fand den Krug, das Moos, ja ſelbſt ein Brod, das mein elendes Leben friſtete— das Cruecifix allein iſt mein Eigenthum. „Seit zwei Tagen ſind Waſſer und Brod zu Ende und ich beſaß nicht die Kraft, mich weiter zu ſchleppen; laut rief ich zu Gott um Hülfe, um eine Menſchenſeele, der ich mittheilen könnte, was mein Gewiſſen drückt, und der allgnädige Vater erbarmte ſich meiner und ſandte Dich, mein Sohn, und nun ſterbe ich in Frieden, da ich dieſe Papiere in Deine Hände lege.“— „Laſſen Sie dies Geheimniß auch ſterben!“ bat Sigismund.„Es iſt nicht recht, den Bund zweier Herzen zu trennen, die Gott ſelbſt vereinigte.“ „Das iſt unmöglich, es giebt eine ewige Gerechtigkeit.“ „Und eine ewige Milde.“ „Glaubſt Du, die Rache des Himmels würde nicht früh oder ſpät die Schuldigen treffen?“ „So haben wir es nicht nöthig, ihm vorzugreifen.“ „Schon ſagt mir mein ahnendes Gewiſſen, Biruta Orlanoff ſei in Verzweiflung geſtorben, weil ſie Hedwig mit Stanislas Tarnow vermählte.“ „Biruta Orlanoff hat ſich mit gräßlicherer Schuld beladen.“ „Sie diente ihrer Rache und das vergiebt Gott, denn es iſt natürlich— was aber hier geſchieht, das widerſtrebt der Natur.“ „Machen Editha's Leiden Sie nicht milde gegen die ſchlimmeren Qualen, die ihre Tochter dulden wird?“ „Damals folgte ich dem Rufe meiner Ehre und that vielleicht Unrecht, jetzt gehorche ich der Stimme meines Gewiſſens, und die kann nimmer fehlen.“ „Wohl,“ ſagte Sigismund,„ich gehe zu dem Oberſten. In einer Stunde werde ich mit ihm hier ſein und Sie zu einem beſſeren Aufenthalts⸗ orte abholen.“ „In einer Stunde bin ich todt.“ „Nein, nein, Sie werden leben, um ein Liebesglück zu ſehen, das zu ſtören Ihnen unmöglich werden wird.“ Phantom Polens. III. Band. N 39 — . 610 „Geh zu Tarnow, und gieb ihm dieſen Brief.“ „Er wird ihn nie aus meiner Hand erhalten.“ „Wie, Du wollteſt Dich dem Willen eines Sterbenden widerſetzen?“ „Ich ehre dieſen Willen, doch auch das Glück der Lebenden.“ „O Gott, ſo waren alle meine Worte vergeblich?“ „Ich gehe, Tarnow zu holen. Aus Ihrer Hand, und ſollte ſie bereits erſtarrt ſein, wird er den Brief empfangen.“ „Und die weiteren Mittheilungen, die ich Dir machte?“ „Werde ich ihm geben, ſobald er ſie von mir fordert. Und nun ver⸗ bleiben Sie in Ruhe, denn das verſpreche ich, Ihr Wille wird geſchehen.“ Damit verließ Krotowski die Köhlerhütte und ging ſchnell und in tiefe Gedanken verſenkt dem Lager zu, das er nach einer Stunde ſchon erreichte. 23. Der Brief. Der Mittag war herangekommen und lag in ſonnigem Scheine auf dem grünenden Raſen, auf den knospenden Zweigen.. Es ſchien ſo friedlich in der Natur, es ſproßte, keimte Alles in ſo heiterer Stille, daß Sigismund lebhaft den Gegenſatz zwiſchen ſeinem trüben Gemüthe und der Ruhe fühlte, die ihn rings umgab. Er ging zu einem Manne, deſſen Charakter er kannte und im höchſten Maße achtete— um ihm die Nachricht zu bringen, die Verzweiflung in ſeine Seele werfen mußte. Er wußte, was Tarnow in langer Gefangenſchaft, in Folterqualen ſelbſt geduldet und wie hülfreich Hedwig ihm gleich einem Engel erſchienen war— und dieſen Engel ſollte er von ſeiner Seite reißen!— War es vernünftig, dem Fanatismus nachzugeben, mit welchem Erkmann in den Bund zweier Herzen greifen wollte? Sigismund war in der freiſinnigen, faſt frivolen Auffaſſungsweiſe des franzöſiſchen Kaiſerreichs herangewachſen und konnte es nicht verſtehen, wie das Gewiſſen eines Sterbenden ſich quälte, eine Gerechtigkeit auszuüben, die Gott allein überlaſſen bleiben ſollte. Er ſagte ſich, daß bei den gebildetſten Nationen des Alterthums die Ehe zwiſchen Geſchwiſtern nicht nur erlaubt, ſondern unter gewiſſen Um⸗ ſtänden ſogar geboten war; er dachte an das heilige Wort: Was Gott zuſammengefügt hat, ſoll der Menſch nicht ſcheiden, und gab ſich das Ver⸗ 611 ſprechen, ſeine Hände nicht zum Zerreißen einer Ehe herzugeben, die, unter ſchrecklichen Umſtänden geſchloſſen, ihr ideales Glück gleich einer friedlichen Oaſe in einer Wüſte voll Kampfgeſchrei und Noth und Tod erſcheinen ließ. Nur das, was er dem Sterbenden geſchworen, wollte er halten, nur aus den im Tode erkalteten Händen ſollte Stanislas ſein Unglück erfah⸗ ren.— Mochte er dann ſelber über ſein Geſchick entſcheiden, ſich von Hedwig trennen, oder ihr für ewig verſchweigen, was, nach Sigismund's Anſicht, am beſten das Grab umſchloß und für ewig vor den Augen der Lebenden verbarg.—— Als er zum Lager kam, fand er die äußerſte Aufregung. Seine Leute, die ihn mit Angſt und Beſorgniß dort erwarteten, hatten den Wald voll Ruſſen gefunden und nur mit Mühe und durch geheime Schleichwege das Quartier des Obriſten Tarnow erreichen können. Jetzt ließ dieſer ſogleich ſeine Mannſchaften zuſammentreten und gab Ordres, wie ſie ſich auf verſchiedenen Waldpfaden vertheilen ſollten, um, wenn das Glück ſie begünſtigte, die Feinde zu umzingeln und niederzu⸗ machen. Für Sigismund blieb unter dieſen Umſtänden keine andere Wahl, als ſich dem Corps des Obriſten anzuſchließen und nach vollendetem Kampfe erſt zu Conrad Waſa zurückzukehren. Die Soldaten der polniſchen Armee ſtanden ſchlachtbereit und kampf⸗ gerüſtet. Es war kein wohluniformirtes Heer, wie man es in Friedenszeiten auf der Parade ſieht. Hier glänzten keine blankgeputzten Knöpfe, keine Treſſen und Epauletten, hier flatterten keine goldgeſtickten Fahnen; in ein⸗ fachem Schnürrock, den Kragen mit Pelz beſetzt oder in dem langen Kaftan der Bauern, in grüner Blouſe oder umgeknöpftem Mantel ſtanden die tapferen Schaaren. Was ſie an militairiſcher Gleichmäßigkeit und Accurateſſe beſeſſen hatten, das war in einem beſchwerlichen Winterfeldzuge, im Bivouac inmitten eines unwirthlichen Waldes längſt ſchon verloren gegangen. ¹ Nur ihre Waffen waren inſofern geordnet, daß alle Senſenmänner zu⸗ ſammentraten, die mit Büchſen bewaffneten ſich hinter ſie poſtirten und die Artilleriſten bei den wenigen Kanonen blieben. Immer hatten die mit Senſen armirten Leute den gefahrvollſten Poſten. Inmitten des heftigſten Kugelregens mußten ſie ſich den Feinden un⸗ erſchrocken ſo weit nähern, daß ihre Waffen ihn zu erreichen vermochten; dann freilich erlangten ſie in den meiſten Fällen die Oberhand und mähten Mannſchaft und Pferde nieder, wie ehemals ihre Senſen dürres Gras ge⸗ ſchnitten hatten. Die Büchſen waren in vortrefflichem Stande und meiſt franzöſiſche und 397 612 belgiſche Arbeit; ſie ſchoſſen weit und trafen ſicher, und jeder Baumſtamm des dichten Waldes gab dem geübten Schützen eine Deckung, von welcher aus er ſeinen Feind in's Auge faßte und erlegte. Die Kämpfe, meiſtens Tirailleurgefechte, waren deswegen faſt immer ſehr blutig. In dem coupirten Terrain, in welchem die Polen heimiſch waren, konnten die Ruſſen mit ihrem ſchweren Geſchütze nicht gut vorwärts, anderer⸗ ſeits, ſowie ſich beide Theile auf freierem Felde trafen, vernichteten die kaiſerlichen Kanonen ganze Schaaren der tapferen Vaterlandsvertheidiger. Darum liebten die Polen ihre Wälder, die ihnen Obdach und Feſtung, Verſteck und Angriffspunkt zu gleicher Zeit waren; in denen ſie im Winter Holz zu erwärmendem Nachtfeuer, im Sommer Wild und Beeren fanden, und jedes noch ſo erbärmliche Dorf, jedes halb zerſtörte Schloß wurde zu einer Citadelle, auf welche die Freiheit ihre wehende Fahne pflanzte. Stanislas Tarnow, der zwiſchen ſeinen Regimentern auf und ab ging, hier Befehle gab, dort zum Kampf ermunterte, auf Dies und Jenes auf⸗ merkſam machte und Auge und Sinn für Alles zu haben ſchien, war kaum von der Ankunft Krotowski's benachrichtigt, als er freundlich auf den jungen Mann zutrat, von deſſen Umſicht und Bravour er bereits vernommen, und ihm herzlich die Hand zum Gruße darbot. Niemals hatte Sigismund eine Heldengeſtalt geſehen, die ihn inniger zu ſich hingezogen hätte, ſelbſt Conrad Waſa's lebensvolle Züge erregten nicht in ſo hohem Maße ſein Intereſſe, als dieſe tiefdunklen Augen mit den herrlich geſchwungenen Augenbrauen, dieſe hohe, gedankenvolle Stirn, dieſes Lächeln, in dem ſich Anmuth mit Melancholie verband. Nur wenig Worte konnte Sigismund mit dem Obriſten wechſeln und dieſe bezogen ſich nur auf die Stellung, die der Lieutenant in dem bevor⸗ ſtehenden Kampfe einzunehmen hatte. „Vielleicht,“ ſo dachte Sigismund, als ſich Stanislas bereits zu neuen Anordnungen von ihm entfernt hatte,„vielleicht iſt es gut ſo. Eine Kugel mag mich dahinraffen— dann nehme ich das Geheimniß jenes Briefes mit mir in das Jenſeits— oder Tarnow ſtirbt und der Tod löſt mit milder Hand eine Ehe, die ſonſt nur in Verzweiflung getrennt werden könnte. Jedenfalls habe ich heute einen triftigen Grund mehr, das Ende eines Le⸗ bens zu ſuchen, das mich bedrückt und peinigt.“ Das Signal erſcholl und ſchweigend und, ſo viel es anging, lautlos ſchlichen die verſchiedenen Abtheilungen der kleinen Armee in den Wald, um die ihnen zugewieſenen Poſten einzunehmen. Es galt, die Feinde heimlich immer enger zu umzingeln und dann mit einem Male von den verſchiedenſten Seiten auf ſie zu fallen. Wer vereinzelten ruſſiſchen Patrouillen begegnete, hatte ſie niederzu⸗ 613 machen, ohne zu ſchießen und ihr Geſchrei ſoviel als möglich zu erſticken, um die übrigen Ruſſen nicht aufmerkſam zu machen. Ueberhaupt ſollte kein Schuß gethan werden, bevor Tarnow das Zeichen zum allgemeinen Kampfe gab. Dieſe Befehle wurden treulich befolgt. Sigismund führte ſeine kleine Schaar an dem Teiche entlang, auf deſſen anderem Ufer der Sterbende vielleicht gerade in dieſem Augenblicke ſeinen Geiſt aushauchte. Doch, wenn Andere ſeinen Aufenthalt entdeckten, wenn jener Brief in fremde, vielleicht in ruchloſe Hände fiel!— Jetzt bereute er es, das Blatt nicht ſogleich an ſich genommen zu haben. Doch es galt kein Beſinnen. Lautlos durch die Geſträuche ſchlüpfend eilte er mit ſeinen Leuten dahin, dem ihm beſtimmten Poſten zu. Jetzt kündigten ihnen abgehauene Zweige, Kohlenreſte und Tabacksaſche, daß hier ein Lagerplatz geweſen war. Vielleicht befanden ſich noch Ruſſen in der Nähe— man mußte ſehr vorſichtig ſein. Weniger Geräuſch macht keine Schlange, wenn ſie ſich leiſe durch das Gras windet, um ihre Beute zu erfaſſen, als die Soldaten Krotowski's, da ſie durch das Ginſtergebüſch fünf Ruſſen entdeckten, die theils ſchliefen, theils Karten ſpielten. Von der Erde nahm Sigismund einen Strick, den irgend ein Freund oder Feind dort verloren haben mochte und ſich lächelnd mancher Reiſebe⸗ ſchreibung entſinnend, die er an langen Winterabenden der arbeitenden Hen⸗ riette vorgeleſen, machte er eine Schlinge in das untere Ende des Seils, ganz in der Art, wie es die Mexikaner thun, wenn ſie hinausziehen, um wilde Pferde einzufangen. Ein Wink, eine bezeichnende Geberde— und der Gewandteſte ſeiner Untergebenen empfing den Laſſo aus ſeiner Hand, indeſſen er vier anderen Soldaten die vier Ruſſen bezeichnete, auf die ein Jeder von ihnen ſich zu werfen hatte.. Ein Augenblick— und das Blut floß aus vier Todeswunden und der fünfte der Feinde zappelte halb erwürgt in dem über ſeinen Hals gewor⸗ fenen Strick. „Wo find Eure Leute?“ fragte Sigismund, indem er das Ende des Seiles faßte und den Soldaten bedeutete, die Hände des Gefangenen zu binden. „Dort drüben!“ rschelte der Unglückliche. „Führe uns!“ „O nein!“ Ein Ruck am Strick, der ihn blau im Geſichte machte, zwang ihn zur Nachgiebigkeit. 614 7 „Kein Laut und kein Verrath, oder Du biſt des Todes!— Nun vorwärts!“. 1 Weiter gingen ſie, geleitet von dem Ruſſen, dem nur eben Luft genug gelaſſen wurde, um nicht zu erſticken. Endlich waren ſie den Feinden ganz nahe. Sie ſahen die Lagerfeuer, hörten das rohe Geſchrei und Gelächter, das Rollen der Würfel, das Singen und Johlen. Niemand ſchien die Nähe der Gefahr zu ahnen. Leiſe legte Sigismund ſich mit ſeinen Gefährten in das Gras, den Gefangenen noch immer am Stricke haltend. So lagen ſie wohl eine Stunde lang auf der Lauer. Da tönte das Signal. „Lauf!“ ſagte Sigismund zu dem Ruſſen, der mit zwei Sätzen, den Strick hinter ſich herſchleifend bei den Seinen war. Zugleich tönten Schüſſe von den verſchiedenſten Seiten her. Die über⸗ raſcht emporſpringenden Feinde griffen zu den Waffen, doch ehe ſie ſich zu ſammeln vermochten, ehe die nothwendigſten Befehle ausgetheilt waren, drangen die Senſenmänner mit ihren ſcharfen Waffen vor und es begann ein furchtbarer Kampf Mann gegen Mann. Hier ſpießte ein kühner Ruſſe ſeinen Gegner mit dem Degen an einen Baum, dort wälzten ſich zwei Ringende in die noch lodernde Kohlengluth. So manche Hoffnung liebender Eltern ſank vor einer Kugel dahin, ſo manchen freudig emporſtrebenden Lebenslauf ſchnitt eine ſcharfe Senſe ab! Rings Toben und Geſchrei, Hurrah und Wehklagen; Gewimmer von Sterbenden und Schüſſe, von denen rings der Wald erſchallte. Was dachten die Vögel, als ihnen das Blut in das Neſt ſpritzte? was trank die Erde ſo gierig den warmen rothen Saft? Es war ein mörderiſcher Kampf. Keine Hand, die nicht Wunden aus⸗ getheilt hätte, ehe ſie im Tode erſtarrte, kein Herz, das nicht mit einem heißen Wunſche nach Rache brach. Vier Stunden lang wütheten Menſchen gegen Menſchen, Chriſten gegen Chriſten. Dann zogen ſich die Ruſſen langſam zurück; die Polen folgten jubelnd. Ein Graben hinderte den Feind. Unzählige verſuchten es, hinüber zu kommen und fanden in dem ſchlammigen Waſſer einen grauſameren Tod, als die Senſe ihn gegeben hätte; Unzählige fielen bei dem Verſuche, ſich uoch einmal zu ſtellen und zu ordnen. Endlich gab Tarnow die Verfolgung auf; waren doch ſeine Leute von der blutigen Arbeit ſo erſchöpft, daß es unklug geweſen wäre, ſie noch ferner anzuſtrengen! Er ließ zum Rückzug blaſen und ſammelte ſeine Leute auf einem freien Platze. 615 Wie war ſein Haufen zuſammengeſchmolzen, wie theuer hatte man dieſen Sieg erkauft! Es wurden Tragbahren geflochten und man trug die Verwundeten und Todten hinweg, die erſteren, um ſie zu pflegen, die anderen, um die Ruſſen nicht die Größe des Verluſtes merken zu laſſen. „Seid ruhig,“ ſagte Stanislas zu den wimmernden Kranken,„ſeid ruhig, Hedwig wird für Euch Sorue tragen und das Vaterland Euch danken!“ Am anderen Tage ſtand ia ruſſiſchen Zeitungen der Bericht eines glän⸗ zenden Sieges, den die Pnſſerlichen Truppen über die Inſurgenten davon getragen hätten. Wehe dem Redacteur, der etwas Anderes hätte drucken laſſen! Und ſomit war der Abend herangekommen und die untergehende Sonne warf ihre röthlichen Strahlen über Blutlachen und Leichen. Geier und andere Raubvögel ſammelten ſich in ganzen Schaaren auf den Zweigen der noch blattloſen Bäume und warteten des Augenblicks, der es ihnen ver⸗ gönnte, auf ihre Beute herabzuſtürzen. Am nächſten Morgen ſollte von dieſen erſtarrten Leichengeſichtern keines mehr kenntlich ſein; die Geyer ſind hungrig und haben ſcharfe Schnabel und Klauen.—— Schweigend, wie ſie gekommen, zogen die polniſchen Soldaten in ihr Quartier zurück; nur noch das Jammern der Verwundeten klang durch die tiefe Waldesſtille. Sigismund führte ſeinen Trupp dahin, von woher ſie am frühen Mor⸗ gen ausgezogen waren. Auch ſie trugen zwei Todte und drei Verwundete, denen Krotowski einen eiligen Verband angelegt hatte. An einer Lichtung des Waldes trennte er ſich von ihnen, gerad an der⸗ ſelben Stelle, wo er am Vormittage mit ſeinem Führer geſtanden hatte. Er ſelbſt und ſeine Leute waren todtmüde von den Anſtrengungen des weiten Weges und den unoch weit größeren des Kampfes, denn Niemand hatte ſich geſchont, Jeder ſein Aeußerſtes gethan, dem Vaterlande zu dienen. Jetzt durfte doch Sigismund den weiten Umweg nicht ſcheuen, der um das Ufer des Teiches bis zu der verfallenen Köhlerhütte führte. Die Sonne ſank und ihre letzten Strahlen leuchteten mit wunderbarer Klarheit über das helle Waſſer. Unken ächzten im Schilfe und von Zeit zu Zeit fuhr noch ein Waſſervogel empor. Dann löſchte allmälig das rothe Licht ſich in den Fluthen aus und drüben ſtieg der Mond empor ſo glänzend klar, ſo friedlich ſtill, daß er die ganze Gegend rings faſt tageshell erleuchtete. Im dunkelnden Waſſer ſegelte ein Schwan, ein ſchönes Bild der uUn⸗ ſchuld, über verrätheriſcher Fluth. 616 7 So ſchwamm wohl Henriettens Leiche auf dem Strome dahin!—— Er wurde nicht müde, es zu denken. Sein Geiſt, der eben erſt vom Schlachtgewühl umtoſt war, wandte ſich in jedem Augenblick der Reue zu; er öffnete ihr ſelbſt das Herz, es zu zerfleiſchen, er drückte ſelbſt den Stachel immer tiefer in ſein Gemüth. Abermals hatte ihn der Tod verſchont— wozu? hatte er ihn doch ge⸗ ſucht, war er doch mit einem Heldenmuth, den Todesſehnſucht leicht machte, ihm in die Arme gelaufen; doch ſie hatten ihn zurückgeſtoßen in das Leben, das ihm eine Qual war— wozu?— Vielleicht um Tarnow und Hedwig zu retten. Er empfand das tiefſte Intereſſe an Stanislas; er dachte, wie beglückend die Freundſchaft eines ſolchen Mannes, wie entzückend ſeine Liebe ſein müßte. Er hatte auch Hedwig's Namen von ſo vielen Lippen nennen hören, bald als eine Begeiſterung im Kampfe, bald als einen Troſt in Schmerzen und Qualen. Nein, ſo edle Menſchen dürften nicht getrennt werden, dazu hatte Gott ihn aufgeſpart, den Brief zu holen, zu vernichten. Was er dem Sterbenden geſchworen, es hatte den Lebenden gegenüber kein Recht. Die Vernunft mußte über den Fanatismus ſiegen.— Er kam zu der Stelle, wo er die Klagelaute des unglücklichen Erkmann vernommen hatte. Hier war die von Epheu umgebene Buche, rechts das einzeln ſtehende Schilfrohr, an dem er ſich niedergebückt hatte, Waſſer für ihn zu ſchöpfen, links lagen Balken, geſchwärzte Steine, Kohlenhaufen. Wo aber war die Hütte? Verſchwunden, wie vom Erdboden verweht. Die Bäume neigten ihre dürren Zweige im Winde, als wollten ſie ſagen, daß ſie nichts davon wüßten, das Schilfrohr fluͤſterte leiſe, unver⸗ ſtändlich, der Mondſchein lieh ſein Licht, doch ſelbſt bei ſeiner Helle ließ ſich die Hütte nicht entdecken. Sigismund ſuchte ringsum und fand nur Trümmer, unordentlich über einander geworfen, Balken, Bretter, bedeckt mit Zweigen, Moos und Steinen. War denn Alles nur ein Traum geweſen? O, am beſten, es wäre ſo, am beſten, Tarnow's Leben blieb von dem Jammer fern, den jener Brief für ihn enthielt!— Dennoch forſchte er rings um ſich her und entdeckte bald, daß die vor⸗ her ſchon unordentlich über einander gethürmten Balken zuſammengeſtürzt waren, und während ſie ſonſt gegen einzelne Stützen lehnten und ſomit je⸗ nes zufällig gebildete Aſyl des Sterbenden darboten, lagen ſie jetzt dieſer Stützen beraubt flach auf der Erde. War der unglückliche Erkmann unter ihnen begraben? Hatten Feinde, hatte ein Windſtoß dieſes Gebälke niedergeworfen? 617 Was ſollte Sigismund thun? Erſchöpft, wie er ſich fühlte, nachdem er unſägliche Anſtrengungen er⸗ duldet, ohne den Tag über Speiſe und Trank zu ſich zu nehmen, dachte er daran, Alles zu laſſen, wie er es fand und am anderen Morgrn mit helfen⸗ den Händen wiederzukommen, um unter den Trümmern nach der Leiche zu ſuchen und ſie im Waldesſchatten zu beerdigen. Doch das hätte das Geheimniß des Briefes verrathen, und darum ſprang Sigismund von dem Raſenſitz, auf welchem er überlegend ruhte, empor und begann unter dem Gebälke aufzuräumen.— Er warf Steine, Erde, Bretter bei Seite und ſchaffte hinweg, was ſeine Arme zu bewegen vermochten. Zum Glück waren die Bohlen nicht allzuſchwer, es gelang ihm wenig⸗ ſtens, ſie zu heben und durch untergeſchobene Steine zu ſtützen, doch hatte er bereits länger als eine Stunde gearbeitet, als er unter einem Haufen Schutt die Füße des Erſchlagenen entdeckte.. Nun ging es rüſtig vorwärts. Noch waren einige Holzſtücke fortzuhe⸗ ben, noch nachgefallene Erde zu beſeitigen und endlich lag die Leiche vor ihm, unheimlich vom Mondenlichte erleuchtet. Das einſtürzende Balkenwerk hatte ihr den Schädel zerſchlagen und das Geſicht wäre unkenntlich geworden ohne den langen, weißen Bart, der ſeinen unteren Theil bedeckte; die Bruſt war eingedrückt, die Beine zer⸗ quetſcht, das Ganze bot einen Anblick dar, vor welchem Sigismund, der doch ſo eben Verwundungen und Todte genug geſehen hatte, im Innerſten erſchauderre.— Lebte vielleicht der Unglückſelige noch, als dieſer Einſturz erfolgte?— Ein Zufall mochte ihn hervorgebracht haben, waren doch alle dieſe Trümmer morſch und faul; es war, als ſollte dieſer Zufall das Geheim⸗ niß begraben, das vielleicht am ſicherſten und für immer hier eingebet⸗ tet lag. Die Hände des Todten waren zuſammengelegt, als hätten ſie etwas gehalten— doch dieſes Etwas war nicht mehr darin. Sigismund begann ein emſiges Suchen; er durchforſchte die Kleider der Leiche, das Moos, die Steine, er grub die Erde auf und konnte kein Papier entdecken. Er glaubte, daß der Brief vielleicht auf der Bruſt des Todten ruhe, und entkleidete den zerſchmetterten Leichnam, doch ohne ein beſſeres Reſultat zu erzielen.— Wo war der Brief hingerathen? War er vielleicht in fremde Hände gefallen? Er ſuchte mit Sorgfalt, mit einer ſteigenden Angſt. Der Mondſchein leuchtete hell auf den ekelhaft entſtellten Todten, auf die emporgewühlte . 618 Erde, auf den bleichen Jüngling, der emſig, als gälte es einen Schatz zu heben, in den Trümmern grub. Er fand die Scherben des Kruges, den Ueberreſt des Brodes ſelbſt— den Brief allein entdeckten ſeine Augen nicht.. Erſchöpft ſetzte er ſich nieder und verſuchte neue Kräfte zu ſammeln. Mitternacht war herangekommen und er mußte befürchten, ſeinen Rück⸗ weg im Dunkeln zu verfehlen. So raffte er ſich wieder empor, höhlte, ohne andere Werkzeuge als halbverbrannte Bretter und ſeine Hände zu haben, ein Loch in der Erde aus und ſenkte den Leichnam hinein. 3 Erde, Schutt und Geſtein bildeten einen Grabhügel und zwei darüber gelegte Balken ein einfaches Kreuz.— 3 Bei den letzten Strahlen des ſinkenden Mondes trat Sigismund ſeinen Heimweg an und fand erſt in der Frühe des Morgens ſein hartes Lager, auf das er vollkommen erſchöpft und in tiefſter Seele beängſtigt nie⸗ derſank, um eines kurzen Schlummers zu genießen.—— 24. Ein Mord. Adrian von Woyslawice genoß der ihm geſchenkten Freiheit in vollem Maße. Paris iſt die Stadt des Vergnügens. Hier ſtrebt Alles nach Genuß, nach Freude und Heiterkeit, und Adrian ſah ſich bald mit fortgeriſſen in einen Taumel von Zerſtreuungen aller Arten. Hier tanzte er in lauen Frühlingsnächten im Freien mit den reizend⸗ ſten Repräſentantinnen franzöſiſcher Grazie. Hier ließ er ſich hinter die Couliſſen der großen Oper, des Ballets führen, und plauderte mit den jungen Künſtlerinnen, die im nächſten Augen⸗ blick die Herzen des Publikums entzückten, und tauſend Hände zu lautem Beifall erregten. Hier beſuchte er die amüſanteſten Abendgeſellſchaften in aparten Zim⸗ mern der feinſten Reſtaurants.. Hier trank er Champagner mit der Blüthe des Pariſer Adels. Und immer, wenn ſeine Lebensluſt matt wurde, war der Chevalier de la Guerrie gleich bei der Hand, ihm neue Zerſtreuungen, neue Anregung zu bieten. Doch Eleonore?— 619 Man glaube nicht, daß er ſie vergeſſen habe. Ihr ſchönes Bild leuch⸗ tete beſtändig vor ſeinen Augen und wenn er in einer wilden Nacht auf Augenblicke zu ſich ſelber kam, ſo geſtand er es ſich, daß all dieſer Taumel nur ein ſchlechtes Mittel ſei, ſie zu vergeſſen. Er ging zu ihr, ſo oft der Anſtand es erlaubte, und ſie machte aus ihm, was Sigismund ihr geweſen war, einen dienſtthuenden Pagen. Er begleitete ſie, wenn ſie ausfuhr oder ausritt, denn ſeine Jugend konnte ihrem Rufe ebenſo wenig ſchaden, als ehemals Sigismund's untergeord⸗ nete Lebensſtellung ſie in das Gerede der Welt zu bringen vermochte. Und Adrian hing an ihren Blicken, lachte, wenn ſie lächelte und hätte weinen mögen, wenn ſie traurig war. Daß ſie ihn nicht liebte, das wußte er, wie ehemals Krotowsky wußte, denn ſie verhehlte es kaum, daß ihr ſtolzes Herz gefeſſelt ſei. Es war eine große Veränderung mit Eleonoren vor ſich gegangen. Sie liebte mit glühender Leidenſchaft und wurde nicht wieder geliebt. Das reizte ihr an kein Widerſtreben gewöhntes Herz zu ſolchem Zorne, daß ſie mitunter glaubte, wahnſinnig zu werden. Mit Schmerz ſah die alte Gräfin, wie Gloonprens Reize unter dieſen beſtändigen Qualen eines liebeglühenden Herzens dahin welkten, wie ihr ſonſt ſo friſcher Geiſt müde ward, an den Intriguen Theil zu nehmen, die das Leben ihrer Stiefmutter ausmachten. Sie verwünſchte zu tauſend Malen den ſtolzen Grafen, der ſolche Ver⸗ änderung in ihr hervorgebracht, der allen ihren Muth, ihr Selbſtvertrauen gebrochen hatte. Schlug die Gräfin ihrer Tochter vor, ſich zu einem Feſte zu ſchmücken, ſo folgte dieſe nur mit Widerſtreben, denn Roger war nicht da, um deſſen⸗ willen es ſich allein der Mühe verlohnte, ſchön zu ſein. Galt es eine Gelegenheit, wo ſie mit ihrem muſikaliſchen Talente hätte glänzen können, ſo übte ſie wohl einige Arien mit Adrian und erklärte ſich endlich für heiſer, um zu Haus bleiben und an den Geliebten denken zu können.. Dazwiſchen kamen Momente, wo ihre Echwermuth in raſende Luſtigkeit umſchlug; dann ritt ſie ihr Pferd müde oder beſuchte maskirt einen der Bälle, von denen ſonſt die Damen der ſogenannten feinen Welt ſich aus⸗ ſchließen; dann machte es ihr Vergnügen, durch ihren Witz, durch ihre Reize irgend ein Herz ſchnell zu ihren Füßen niederzuwerfen, eine Nebenbuhlerin auszuſtechen, einer Liebenden den Geliebten zu rauben. Deswegen nahm die Schaar ihrer Anbeter eher zu als ab. Man fand ihre Launen reizend und huldigte jeder ihrer Capricen. Glücklich, wer we⸗ nigſtens auf einen Abend von ihr bevorzugt wurde, glücklich, wen ſie zum Gefährten ihrer tollen Streiche machte.. 620 Die Mutter hinderte ſie nicht, wenn es ihr einfiel, in Männerkleidern, begleitet von einigen Getreuen, durch die Nacht zu laufen. Sie ſpielte Co⸗ mödie und ließ ſich in den verſchiedenſten Coſtümen malen und photographi⸗ ren; ſie trotzte den Moden, die die Kaiſerin Eugenie erfand und hüllte ſich in phantaſtiſche Gewänder; ſie jagte Tage lang in den Gehölzen und warf ſich dazwiſchen in ein Sopha, drückte den Kopf in die Kiſſen, ſchickte alle ihre Freunde fort und überließ ſich einem tobenden, raſenden Schmerz. Graf Roger Woyslawice ſchien den Eindruck nicht zu merken, den er hervorbrachte. Selten nur beſuchte er Eleonoren, wenn ſie ſich allein be⸗ fand und endlich reiſte er in einer geheimen Miſſion des Fürſten Cz—iski nach London, um die engliſchen Freunde der Polen zum Handeln, zum Hel⸗ fen aufzufordern. Adrian betrachtete ſeinen Bruder mit einer Eiferſucht, die nach und nach den Charakter tiefen Haſſes annahm. Von Eleonoren geliebt zu ſein, das war ein Glück, welches er Niemand gönnte; doch ſie zu verſchmähen, das konnte nicht vergeben werden. Wenn er an Roger's Stelle geweſen wäre— o, mit welcher Wonne hätte er ſich zu den Füßen des herrlichen Weibes niedergeworfen! Wenn nur ein Blick aus ihrem ſchönen Auge ihn traf, ſo erbebte ſein Herz; wenn ſie die Hand auf ſeinen Arm, auf ſeine Schulter legte, ſo em⸗ pfand er es den Tag hindurch— und Roger konnte ſie vernachläſſigen?—— Aber es gab noch einen zweiten Mann, der ſeine Eiferſucht erregte, wenngleich in ganz anderer Weiſe. Dieſer Mann liebte Eleonoren, ſo weit er im Stande war zu lieben, und Eleonore nahm ſeine Huldigungen lächelnd entgegen. Dieſer Mann war von dem erſten Augenblicke ihrer Bekanntſchaft an für Adrian ein Gegenſtand der Verachtung geweſen, jetzt war er ihm zu⸗ wider, wie Kröten und Molche. Er war ſehr reich. Er hatte ſein Geld am grünen Tiſche gewonnen und durch glücklichen Häuſerkauf bis in's Enorme vermehrt. Im Allgemei⸗ nen geizig, machte ihn ſeine tolle Leidenſchaft für Eleonore doch in jedem Augenblicke bereit, ſeine Börſe für ſie zu öffnen. Ein Leben, wie die ſchöne Comteſſe es führte, koſtet viel Geld, und ſo reichlich Mouravieff auch ſeine Freundinnen damit verſehen mochte, ſo wa⸗ ren doch Eleonorens Launen oft ſo ſeltſamer Art, daß große Opfer dazu gehörten, ſie ihr zu erfüllen. Sie wünſchte die koſtbarſten Blumen und hätte vielleicht geſchmollt, wenn ſie nicht am anderen Morgen auf ihrem Tiſche geduftet hätten. Sie fand ihren Flügel ſchlecht und redete davon, ihn zu verkaufen— was war natürlicher, als daß Herr Trebouillon ihr einen neuen, koſtbare⸗ ren als Tauſchmittel bot. 621 Sie dachte, wie ihr perſiſche Seide und türkiſche Shawls ſtehen wür⸗ den— und ſogleich ſchrieb der getreue Freund nach Conſtantinopel und nach Schiras. 1 Sie warf ihre Juwelen auf den Tiſch und nannte ſie häßlich, geſchmack⸗ los, und am anderen Tage prangte ihr Schmuckkäſtchen von den koſtbarſten Steinen. War ſolch ein Anbeter zu verachten? Gewiß nicht; man mußte liebenswürdig ſein, ihm von Zeit zu Zeit eine leichte Gunſtbezeugung zuwerfen, wie man einem Hündchen, das nied⸗ lich zu apportiren verſteht, ein Stͤckchen Zuckerbrod hinreicht. Herr Trebouillon, der ſehr wohl wußte, daß Geld, viel Geld, den Man⸗ gel an Adel, Schönheit und Geiſt vergeſſen zu machen vermag, dachte ernſtlich daran, Eleonoren zu heirathen. Freilich war er von der niedrigſten Abſtammung. Sein Vater hatte zuerſt durch ein Geſchäft mit Lumpen, ſpäter durch Wucher, ein nicht unbe⸗ deutendes Vermögen erworben, das der Sohn in nicht eben ehrenvollerer Weiſe vermehrte. Auch ſchmückten ihn keine äußeren Reize; ſeine röthlichen Haare ge⸗ horchten ſelbſt den zauberiſchen Händen des erſten Pariſer Friſeurs nur mit hartnäckigem Widerſtreben; ſein rothes Geſicht mit dem breiten Munde, den abſtehenden Ohren, den kleinen, ſchlauen Augen, der dicken Naſe, konnte unmöglich Weiberherzen erobern; ſeine plumpen Hände verſteckten wohl ihre harte Haut, doch nicht ihre enorme Größe in den feinſten Handſchuhen und ſeine breitſchultrige, unterſetzte Geſtalt ſchien Allem, was man franzöſiſche Leichtigkeit und Tournüre nennt, vollkommen zu widerſprechen. Dooch alles dieſes bedeckte ſein Geld, das er liebte, auf das er ſtolz war und das er nur für ſich ſelber und für Eleonoren ausgab, wenn er es ſich auch heimlich verſprach, ſie etwas kürzer zu halten, ſobald ſie Madame Trebouillon geworden ſei. Denn daß ſie es werden würde, daran zweifelte er nicht; war er doch reich! Im ſchlimmſten, Falle kaufte er einen Adelstitel, einen Landſitz— das und zehn Millionen Francs mußte ſelbſt den hochfahrendſten Anſprüchen genügen.— Mit innerer Wuth ſah Adrian, in welche Gunſt Herr Trebouillon ſich bei Eleonoren ſetzte; beſaß er doch Nichts, ihn daraus zu verdrängen! Sie behandelte ihn wie ein Kind, ihn, der Alles that, was ihm der Chevalier anrieth, um als ein Mann aufzutreten! Warum begünſtigte Fortuna nicht ſeine Karten, wie die des verhaßten Mannes? So oft Trebouillon am grünen Tiſch erſchien, rollten die Goldſtücke ihm zu, als zöge er ſie magnetiſch an ſich— und Adrian verlor und mußte 622 7 das Geld in die Taſche ſeines Nebenbuhlers fließen ſehen, der dafür am nächſten Morgen Eleonoren ein Album, ein Juwel, einen Shawl über⸗ elchte.— Und doch genügten Adrian's Einkünfte lange nicht, ein ſo koſtſpieligs Leben zu führen, wie das ſeinige war und der Gewinn am Rouge et noir oder Roulette wurde oft mit der ängſtlichſten Spannung von ihm erwartet. Auch Fanchonette hatte allerlei Wünſche, wenn ſie auch beſcheidener waren, als die Eleonorens. Auch ſie verlangte Kleider, eine Loge in der Oper, ein neues Bracelet und die tauſenderlei Kleinigkeiten, mit denen hübſche junge Frauen ſich zu umgeben lieben. An ihr hing Adrian mit Zärtlichkeit, denn nur allein in ihren Armen konnte er ein Glück erträumen, das Eleonore ihm niemals gewähren würde.— Sie war noch immer allerliebſt und keiner ſeiner Freunde konnte ſich rühmen, ein gleich anmuthiges Mädchen zum Tanze zu führen. Das ſchmeichelte ſeiner Eitelkeit. Auch durfte er ſich wahrhaft von ihr geliebt glauben; empfing ſie ihn doch täglich mit den heißeſten Küſſen, mit ihrem hellen, fröhlichen Lachen, mit immer neuen Plänen zu den tollſten Feſten. Da ritt man zu Eſel über Land, fuhr im buntbewimpelten Kahne auf dem Waſſer und beſchloß die ländlichen Freuden mit einem feinen Souper, mit Auſtern und ſprudelndem Champagner. Für Fanchonette gab es keine Betrübniß, keinen Mißmuth. Wenn Adrian erklären mußte, daß er kein Geld habe, ihre Launen zu befriedigen, ſo ſchmollte ſie wohl, doch nur für einen Augenblick, im nächſten ſchon erwachte ihre Heiterkeit auf's Neue, denn da waren ohnedies altmodiſche Schmuckſachen, die man auf's Leihhaus ſchickte— und eine halbe Stunde darauf war Geld genug vorhanden, um mehr als eine Nacht in tollſter Laune zu verjubeln.— Für ſolch ein Leben fehlt es nicht an Genoſſen und darum ſammelte ſich eine ganze Schaar vornehmer Jünglinge und hübſcher Mädchen um Fanchonette, die allgemein für die Königin der Luſtigkeit erklärt wurde. Zu dieſem fröhlichen, leichtſinnigen Kreiſe geſellte ſich auch bisweilen Herr Trebouillon, doch ſchon ſein Anblick genügte, Adrian's Stimmung zu verderben, wußte er doch, wieviel er bei Eleonoren von ihm zu fürchten hatte. Roger von Woyslawice befand ſich in London und Anatole hatte von der Kaiſerin eine Einladung nach Compiegne erhalten. Adrian war alſo nach dieſer Seite hin ganz frei. Aber die Befehle, die Roger ſeinem Banquier gegeben hatte, waren unwiderruflich, und ſo ſehr es Adrian auch wünſchte, ſo gab ihm der recht⸗ ———— ſchaffene Mann doch nicht einen Pfennig mehr, als ſeine Jahresrente be⸗ trug, und ſchlug es ihm rundweg ab, als er um Vorſchuß bat. Adrian war reich, doch ſelbſt Trebouillon's Vermögen hätte ſich endlich in ſolch einem Leben erſchöpft; das wußte der ſchlaue Wucherer ſehr gut und beſchloß deswegen, ſchnell zu einer Ehe zu ſchreiten, die billiger ſein ſollte, als das koſtſpielige Freierthum. Einmal jedoch in den Strudel hineingeriſſen, iſt es ſchwer, den Rück⸗ weg zu ſinden.— Adrian brauchte Geld und hatte keines, er ſpielte, gewann mitunter und verlor meiſtens. Was thun? Er redete mit dem Chevalier de la Guerrie und dieſer zuckte bedenklich die Achſeln. „Das ſteht nicht gut,“ ſagte er,„denn den minorennen Söhnen borgt Niemand gerne ohne hohe Zinſen, und das kann man den Capitaliſten nicht verdenken, haben ſie doch bei den jungen Herren immer zu riskiren, daß das lockre Vöglein ihnen mit ſammt dem goldnen Ei entwiſcht.“ „Aber, Chevalier, ich muß Geld haben!“ „Ich ſehe dieſe Nothwendigkeit leider deutlicher als das Mittel, ihr zu genügen.“ „Sehen Sie, hier iſt eine Champagnerrechnung; hier ſind Fanchonettens Leihamtsſcheine, die verfallen; hier mahnt mein Schneider, dieſer Brief iſt von der Putzhändlerin, wegen des Strohhutes mit dem blauen Bande, in dem das Mädchen wirklich entzückend iſt, dann der Seidenwaarenhändler, der Juwelier, der Fuhrherr, der Conditor— Sie glauben nicht, wieviel Kuchen Fanchonette verzehrt— enfin, ich ſtehe keinen Morgen auf, ohne ein Dutzend ſolcher Briefe auf meinem Toilettentiſch zu finden.“ „Das iſt unangenehm.“ „Nein, es iſt unerträglich— und was ſoll ich chun?" „Sich einſchränken, ſparſam leben und dieſe Schulden nach und nach abbezahlen.“ „Unſinn.— Wir haben ja heut Nachmittag einen Ponyritt verabredet — Fanchonettens Reitkleid wird eine Unſu mme koſten— und ich habe nichts mehr.— Sie verlangt eine Reitpeitſche mit Korallengriff— ich weiß nicht, was ich für das Ding zahlen muß— jedenfalls mehr, als ich beſitze, denn ich beſitze nichts mehr.“—. „So müſſen Sie Schulden machen.“ „Schulden— und Sie ſelber ſagen, daß Niemand einem Minorennen borgen mag.“ „Es kommt auf die Zinſen an.“ 6. 624 „Durchaus nicht. Schaffen Sie mir Geld, liebſter Chevalier, ganz gleich, um welchen Preis.“ „Aber wäre es nicht wirklich beſſer, ſolid zu werden?“ „Das heißt, ſich zu Tode langweilen, Fanchonetten in's Kloſter ſchicken, Waſſer ſtatt Champagner trinken, Brod ſtatt Auſtern eſſen und endlich, womöglich, arbeiten— das fehlte mir!“ „Sie ſind allerdings in gutem Zuge und die Jugend verlangt ihr Recht.“ „Ihr Recht, das recht viel Geld verzehrt.— Alſo, Chevalier, wann bekomme ich welches?“. „Adrian, wenn ich Sie nicht ſo lieb hätte, Sie kleiner, charmanter Taugenichts!“ „Chevalier, lieben Sie mich, ſo viel Sie wollen, nur ſchaffen Sie Geld.“. „Nun gut, in zwei Stunden ſollen Sie tauſend Francs haben.“ Adrian umarmte ihn voller Freude, und der Chevalier hielt Wort. Nach zwei Stunden ſteckte der junge Bonvivant tauſend Francs in ſeine Taſche, für die er nach drei Monaten das Doppelte zu zahlen hatte. Und wenn dieſes Geld nur nicht ſo ſchnell zerronnen wäre! Ein ein⸗ ziger Ponyritt, und die Taſche war um die Hälfte leichter— zwei Tage darauf war Adrian abermals genöthigt, die Hülfe des Chevalier zu erflehen. Das war zuletzt zum Verzweifeln. Von Gläubigern umlagert, von Fanchonettens Wünſchen gepeinigt, von den tollſten Feſten kaum noch zerſtreut, verliebt und eiferſüchtig— ſo be⸗ fand der junge Graf ſich in einer Lage, die einen ſtärkeren Geiſt hätte niederbeugen können. Er ſpielte, um auf andere Gedanken zu kommen und verlor eine be⸗ deutende Summe, verlor ſie an Trebouillon. Das war es, was ihn beſonders verdroß, denn bereits redete ganz Paris davon, die ſchöne Gräfin Batory werde den Millionair heirathen. Als Adrian nach Hauſe zurückkehrte, hatte er nicht übel Luſt, ſich eine Kugel vor den Kopf zu ſchießen, doch hoffte er auf die Hülfe de la Guerrie's und ſchrieb ihm ſogleich. Der nächſte Morgen brachte ihm zuerſt die Trauerbotſchaft, der Che⸗ valier ſei auf acht Tage verreiſt, dann die Viſite ſeines Nebenbuhlers und, wie er fühlte, ärgſten Feindes. Herr Trebouillon erſchien mit höflichem Lächeln, das ſeine häßlichen Züge noch mehr entſtellte. Adrian mußte ihn um Entſchuldigung bitten und hätte ihn morden mögen. „Meine Brüder ſind verreiſt,“ ſagte er, froh, eine Ausrede zu haben, (829 216)„ us ge ploß z8el Nol gvar up c“ III. Band. Phantom Polens. 626 „ und da ich noch nicht volljährig bin, ſo bedarf ich einer Anweiſung an unſeren Banquier, um die ich ſogleich hreiben will.“ „Spielſchulden,“ lächelte Herr Trebouillon, indem er mit ſeiner glänzenden Uhrkette ſpielte,„ſind Ehrenſchulden, die man gewöhnlich ſogleich bezahlt.“ „Gewöhnlich— mich aber würden Sie ſehr verinden, wenn Sie ge⸗ fälligſt warten wollen.“ „Wie lange?“ „Bis über acht Tage.“ „Ihr Herr Bruder iſt in London?“ „ Il. „Dann braucht ein Brief nicht ſo lange Zeit.“ „Freilich nicht, indeſſen könnten Verzögerungen eintreten—“ „Die ich bedauern müßte.“ „Sie ſcherzen— bei Ihrem Reichthum!“ „Wenn man ſich verheirathen will, hat man gern ſein Geld beiſammen.“ Adrian ballte die Fauſt in Wuth und Haß; dennoch ſagte er, ſo höflich er es vermochte: „Ich gratultre.“ „Wenn Sie übrigens um die bewußte Summe ſchreiben,“ fuhr Tre⸗ bouillon fort, ſich hehaglich im Lehnſtuhl ſtreckend,„ſo möchte ich Sie gleich daran erinnern, daß ich Wechſel über fünfzehntauſend Franes von ⸗Ihnen beſitze, die in den nächſten Tagen fällig ſind.“ „Wechſel! von mir?“— Er ſagte es erbleichend, denn ſeine Lage war in der That ſchrecklich. Trebouillon fuhr ruhig fort: „Der Chevalier de la Guerrie, Ihr Freund, bat mich um Geld für Sie, und da ich Sie damals noch für ziemlich ſicher hielt, ſo lieh ich ihm nach und nach dieſe Summe. Zwei andere Wechſel, ein jeder von funfzehn⸗ hundert Francs, haben noch bis zum Ende dieſes Monats Zeit.“ „Sie ſollen befriedigt werden, mein Herr.“ —„Ich wünſche es ſehr.“ „Verlaſſen Sie ſich darauf.“ „Guten Morgen, Herr Graf; alſo über acht Tage?“ „Ueber acht Tage, Herr Trebouillon.“ „Sehen wir uns heute bei der Gräfin Batory? ich habe ihr einen prachtvollen Landauer gekauft und wir werden ſpazieren fahren, aber am Abend ſind wir wieder zu Haus.“ „Wenn es mir möglich iſt, ſo werde ich meine Aufwartung machen.“ „Auf Wiederſehen alſo und— über acht Tage!“— Die Thür ſchloß ſich hinter ihm und Adrian warf ſich in einen Stuhl. Was war zu machen?— Von ſeinen Brüdern durfte Adrian kein Geld verlangen, er kannte Rogers Ernſt und fürchtete ihn. Er hätte vielleicht ſeine Schulden bezahlt und ihm die Möglichkeit genommen, jemals wieder welche zu machen. Und doch bedurfte er der Zerſtreuung mehr als je. Eleonore heirathete Trebouillon— es lag Verzweiflung in dieſem Ge⸗ danken! Sein Kopf wirbelte. Wenn er in acht Tagen nicht zu zahlen vermochte— und er ſah auch nicht die entfernteſte Möglichkeit dazu— ſo war er den Händen eines Mannes überliefert, deſſen Gemeinheit vor keinem gewaltthätigen Mittel zurückſchreckte. Dieſer Mann war ſein beglückter Nebenbuhler!— Er dachte Eleonoren in ſeinen Armen, ihr ſüßes Geſicht von ſeinen ekelhaften Küſſen, ihre zarte Geſtalt von ſeinen plumpen Umarmungen ent⸗ weiht; er folterte ſeine Seele mit den Bildern eines Glückes, das er ſeinem Bruder nicht gegönnt und das jetzt dieſem Menſchen zufiel, dieſem Menſchen, den er verabſcheute.— Er hatte die Wechſel unterſchrieben, die ihm der Chevalier gebracht hatte, ohne ſie zu leſen; jetzt klagte er ſich bitter dieſes Leichtſinns an. Und de la Guerrie war fort, der Einzige, der vielleicht hätte helfen können.— O, all ihr Mächte der Verdammniß! giebt es auf Erden einen qual⸗ volleren Zuſtand?— Adrian dachte daran, ſeine Bijouterieen, ſein Reitpferd, allen Luxus, den er beſaß, zu verkaufen; Fanchonette, ſo hoffte er, würde von ihrem Schmuck dazu thun.— Aber das Alles reichte lange nicht hin, und wenn auch, ſo waren da die übrigen Gläubiger und Scenen, wie die heutige, mußten ſich wiederholen.— Dabei war an keine Einſchränkung zu denken. Was ſollte er denn entbehren? Hatten nicht alle ſeine Freunde Pferde, Diener und Maitreſſen? war etwa Fanchonette anſpruchsvoller, als Andere ihresgleichen? O nein, Fanchonette liebte ihn wahr, innig und aufrichtig— das war ein Troſt. Er hatte noch ein Herz, das mit ihm fühlte, mit ihm litt, er hatte Fanchonette! Seine Genoſſen, ſo weit er ſie in Gedanken die Revue paſſiren ließ, waren alle eigennützig, kein einziger hätte ſeine Börſe für ihn geöffnet. Fanchonette nur war gut, ſie liebte ihn um ſeiner ſelbſt willen, ſie mußte bereit ſein, Putz und Vergnügen um ſeinetwillen zu opfern. Er wollte zu ihr. Es war nicht die gewohnte Stunde. Fanchonette ſchlief gern lange 40* 628 und badete dann; ſie hatte ihn mehr als einmal gebeten, nicht vor Mittag zu kommen, und er hatte ihr getreulich Wort gehalten. Heute nur war eine Ausnahme nothwendig; ſein Herz fühlte ſich zu einſam, zu elend, er mußte es an das getreue Herz ſeiner Geliebten legen, den einzigen Troſt ſich ſuchen, der für ihn auf dieſer Welt zu finden war. Darum ging er zu ihr. Den Schlüſſel zu ihrer Wohnung trug er in der Taſche; er konnte ſie alſo erwarten, wenn ſie noch nicht aus dem Bade zurückgekehrt war. Wie wohl es ihm wurde, als er die Treppe hinaufſtieg und das Zimmer aufſchloß, das er mit feinem Geſchmack für ſie meubliren ließ. Es war Niemand im Entree, Niemand im Salon, doch im Boudoir glaubte er Stimmen zu vernehmen. Es mochte das Kammermädchen ſein, das mit ihr ſprach. Doch nein, dieſe Stimme klang tief, männlich— und Fanchonette lachte mit ihrer gewöhnlichen tollen Luſtigkeit. Ein Schauder rieſelte über Adrian's Leib, als er, das Ohr an die Thür gelegt, in angſtvoller Spannung horchte. Sollte er verrathen ſein, verrathen von ihr, deren Liebe ſeinen einzigen Troſt ausmachte?— Wild blickte er um ſich. Da ſtand ſein Degen in der Ecke, eine koſtbare Waffe, die bisher nur zum Spiele gedient hatte und raſend vor Wuth und Eiferſucht griff er danach. Ein Fußtritt öffnete ihm die Thür. Da ſaß Fanchonette auf Trebouillon's Knieen, hatte einen Arm um ſeine breiten Schultern gelegt und ſpielte mit ſeiner Uhrkette. Erſchreckt ſprang das Mädchen empor, als der wuthſchnaubende Jüng⸗ ling vor ihr ſtand. „Niederträchtiger!“ knirſchte er,„Du forderteſt Geld— hier die Be⸗ zahlung für das, was ich Dir ſchuldig bin!“— Und ehe Trebouillon nach einer Waffe ſuchen konnte, hatte Adrian ihm den Degen durch den Leib geſtoßen. Röchelnd ſtürzte der Gemordete auf das Sopha zurück— dann wurde es ſehr ſtill.——— Entſetzt blickte Fanchonette auf Adrian, der todtenbleich, die Blicke ſtarr auf Trebouillon gerichtet, an einem Tiſche lehnte. „Adrian, was haſt Du gethan?“— Er ließ den Degen fallen und ſank auf einen Stuhl; die Hände ſchlug er vor das Geſicht und dumpfes Stöhnen drang aus ſeiner Bruſt. „Adrian, was ſoll jetzt geſchehen?“— Er ließ die Hände ſinken und blickte um ſich, wild, ohne zu ſehen— dann ſtrich er von der bleichen Stirn das Haar zurück und athmete tief auf. „Behalte Deinen giebhnber.— mich ſiehſt Du niemals wieder.“ „Adrian, laß mich nicht allein bei der Leiche.“ „Nicht zum zweiten Male will ich Euer téte à téte unterbrechen.“ „O, Du biſt fürchterlich!— Hätte ich doch nur das Mädchen hier, nach dem Arzt zu ſchicken.“ „Es möchte unnütz ſein.“ „Und Du, wenn das bekannt wird— Adrian, wie entgehſt Du den Gerichten?“ „Wie Jener da ſeinem Glücke.“ „O nur nicht hier!“ „Sind zwei todte Liebhaber Dir unbequemer, als zwei lebendige?“ „O, das iſt ſchrecklich, Adrian, o denke, denke, daß Du mich liebteſt—“ „Und daß ich Dich verabſcheue.— Doch wozu die Worte? verlaß dies Zimmer— ſo; den Schlüſſel nehme ich mit mir. In drei Stunden, doch nicht eher, wirſt Du von dem, was hier geſchehen, reden; dann magſt Du meinen Namen als den eines Mörders nennen— doch nicht eher, Mädchen, merke das!“ „Adrian, was haſt Du vor?“ „Dann wird man ſagen, ich habe mir ſelber die Quittung für geborgtes Geld mit dem Blute meines Gläubigers geſchrieben— und— gehe zu Eleonoren und theile ihr mit, daß ich es war, der ihr den Bräutigam ge⸗ raubt—.“ „Gräßlich, gräßlich!“ „Nein, luſtig, luſtig! Adieu, Fanchonette— und mögeſt Du bald einen Erſatz für die beiden heut Verlorenen finden—“ „Adrian, Adrian!“ Er hörte Nichts; er eilte nach Haus, warf einige Kleidungsſtücke in einen Koffer und befahl dem Diener, ihm einen Paß zu beſorgen. „Wohin befehlen Sie?“ fragte der treue Menſch, der ihn ſeit ſeiner erſten Kindheit kannte und mit Schrecken ſein bleiches, ſchmerzentſtelltes Antlitz ſah. „Nach Warſchau!“ antwortete Adrian auf's Gerathewohl. „Ach, heilige Jungfrau, ſollte Ihr Herr Vater—“ „Freilich, freilich— darum ſchaffe mir den Paß!“ Der Diener lief zum Fürſten Cz—iski und nach einer qualvoll ver⸗ brachten Stunde erhielt Adrian einen Paß, der ihn ſicher über die polniſche Grenze führen ſollte, denn der Fürſt glaubte, was ihm der Diener ſagte, daß der alte Graf Woyslawice ſterbend nach ſeinem Sohne verlange, und er war mächtig genug, einen von ihm ausgeſtegzen⸗ Paß ſogleich von den franzöſiſchen Behörden unterſchrieben zu ſehen. Lange, ehe die drei Stunden verfloſſen waren, pefand ſich Adrian auf 630 der Eiſenbahn und fuhr mit Dampfesſchnelle gegen Oſten hin, anfangs auf demſelben Wege, den Sigismund gemacht, ſpäter ohne die weite Tour durch Oeſterreich und Galizien, die Jener genommen, für nöthig zu halten, durch Preußen und Poſen. Wenig Tage genügten, ihn in das Vaterland zurückzubringen. Was wollte er da? Wußte er es ſelbſt? Er entfloh dem Richtſchwerte, vielleicht um unter ruſſiſchen Bayonetten zu fallen. Es war nicht Reue, was ihn von hinnen trieb, ſondern Furcht. Unmöglich konnte er bereuen, daß er den Menſchen tödtete, der ihn zum Bettler machte an Geld und Liebe, der ihm Eleonoren und Fanchonette zugleich entriß.— Seine Rache war eine gerechte geweſen— ſo wenigſtens ſagte er ſich— und doch! Ein Leben voller Leidenſchaften und Aufregungen lag hinter ihm; er fühlte ſich an Leib und Seele zerrüttet— er hatte mehr verloren, als nur ſein gutes Gewiſſen— die Achtung vor ihm ſelbſt war ihm entſchwunden — das empfand er mit Grauſen. Er war ein Greis mit blonden Locken. Was das Leben zu bieten ver⸗ mag, Liebe und Genuß, er hatte es bis auf die Hefe getrunken— was konnte noch folgen?. Die Friſche ſeiner Empfindungen war gebrochen, er hatte keine Energie, kein Selbſtvertrauen mehr; der Mannesmuth, die Thatkraft waren ihm ge⸗ lähmt. Warum er nach Polen ging, er wußte es ſelbſt nicht, wäre er doch eben ſo gern nach Amerika gereiſt— nur vor den franzöſiſchen Gefäng⸗ niſſen, vor der Guillotine wollte er entfliehen. Seinem edlen Vater konnte er ebenſo wenig ruhig vor die Augen treten, wie ſeinen Brüdern, und doch mußte es ſein, denn ſchon unterwegs ſah er ſich genöthigt, Ringe und Uhr zu verkaufen, um die Koſten der Reiſe beſtreiten zu können. Wie würde der Vater ihn empfangen, was ſollte er ihm ſagen?—— Wenn er die Augen ſchloß, ſo tönte es vor ſeinen Ohren wie Tanz⸗ muſik; er glaubte Fanchonettens helles Lachen zu vernehmen, er wollte ſich mit hineinſtürzen in den wilden Wirbel. Dann wieder ſchien es ihm, als ſei er müde, krank von all der Luſt und werde ſterben, und er freute ſich darauf. Und dann dachte er an Eleonore mit aller Sehnſucht eines unglücklich Liebenden und war froh, daß Trebouillon nicht mehr vorhanden ſei, ſie in ſeine plumpen Arme zu ſchließen.——— Drei Stunden, nachdem Adrian ſie verlaſſen, ſchickte Fanchonette nach dem Arzte, öffnete die Thür des Boudoirs mit einem zweiten Schlüſſel und jammerte laut, Herr Trebouillon habe ſich mit dieſem Degen vor jhren eigenen Augen entleibt. Der Arzt fand noch Spuren von Leben in dem Ermordeten und ver⸗ ſuchte es, ihm einen Verband anzulegen, doch hauchte Trebouillon ſeinen Geiſt unter den helfenden Händen aus. Was einen ſo reichen Mann veranlaßt haben konnte, ſich zu entleiben, das begriff Niemand in ganz Paris. Der Gräfin Batory, welche durch Eleonorens Launen ihre Einkünfte auf's Spiel geſetzt ſah und die ernſtlich an eine Verbindung ihrer Tochter mit dem Millionair gedacht hatte, kam ſein Tod ſehr ungelegen, und Eleonore ſchmückte ſich deſſelben Abends ſchöner als je mit den Juwelen, die er ihr geſchenkt, und erſchien in der Oper, um es aller Welt zu zeigen, daß ſie nicht die Braut eines gemeinen Geldmenſchen geweſen ſei. Das war das Ende des Herrn Trebouillon. 25. Ein polniſcher Jude. Zwei Tage nach jenem von uns geſchilderten Gefecht im Walde ſchritt ein müder Wanderer der Vorſtadt Warſchau's zu. Seine Kleider waren beſtaubt und man merkte ihnen eine weite Reiſe an, die wenigen Sachen, die er in einem Reiſeſacke bei ſich trug, ſchienen ihn zu beläſtigen; er ſchleppte ſie bald mit der rechten, bald mit der linken Hand, verſuchte es, ſie auf die Schultern zu nehmen, oder ſchloß ſie unter den Arm, ganz wie Einer, der an ſolche Laſten nicht gewöhnt iſt. Sein Angeſicht war bleich und müde, als ſehne er ſich geiſtig wie körperlich nach Ruhe; die blonden Locken hingen unordentlich unter der Mütze hervor und ſein noch jugendlich keimender Bart ſchien ſchon ſeit lange des hülfreichen Meſſers zu entbehren. Es war Adrian von Woyslawice, den wir vor uns ſehen. So ſchnell er nach Polen gelangt war, ſo vielen Aufenthalt fand ſeine Reiſe in dieſem von der Kriegsfurie durchtobten Lande. Ueberall Ruſſen, denen ſein franzöſiſcher Paß nicht genügen wollte, überall die Gefahr, zu peinlichen Verhören geſchleppt zu werden. Denn Adrian durfte nicht ſagen, zu wem er wollte; lebte doch ſein Vater als Proſcribirter in dem Hauſe des Juden Abraham. 632 Wenn er ſich den inquiſitoriſchen Fragen der ruſſiſchen Beamten nicht zu entziehen vermochte, ſo war nicht nur ſein Leben, ſo war auch das ſeines Vaters gefährdet— und mehr noch— der wackere Jude, deſſen Redlichkeit die Erhaltung ſeines Vermögens allein zu danken war, verfiel, weil er einen Verfolgten beherbergt und verborgen, in eine entſetzliche Strafe.— Und doch war es gerade der Mangel dieſes in ſo edler Weiſe geretteten Geldes, was den jungen Grafen am meiſten verdroß. Mit einer reichgefüllten Börſe hätte er den ruſſiſchen Vigilanten getrotzt, wußte er doch, welch eine mächtige Waffe ihnen gegenüber das Gold iſt. Ein leichtes Fuhrwerk, ein ſchnelles Pferd hätten ihn in einer kurzen Tage⸗ reiſe nach Warſchau gebracht— und die Erfindung war fertig, mit welcher er ſeinem Vater dieſe eilige Flucht aus Paris erklären wollte. War es doch genug, ein Pole ſein, um vor Kampfesmuth zu brennen. Wer glaubte es ihm nicht, wenn er erklärte, nicht mehr in Paris ausdauern zu können, während ſeine Landsleute bluteten? Der junge Graf hatte viel gelernt, ſeitdem der Chevalier de la Guerrie ſich zu ſeinem Mentor machte. Nun aber war er aller pecuniären Hülfsmittel beraubt. An keine leiblichen Entbehrungen gewöhnt, hatte er unterwegs für gutes Quartier und noch beſſeres Eſſen und Trinken zuerſt ſeine Juwelen, dann ſeine Kleidungsſtücke, zuletzt gar den Reiſekoffer verkauft. Die Taſche war nicht ſchwer, die er ſo widerwillig trug. Doch nicht das allein. Eben dieſer Verkauf der nothwendigſten Gegenſtände hatte ihn den ruſ⸗ ſiſchen Behörden verdächtig gemacht. Ehe er es ſich verſah, war er von forſchenden Blicken umgeben, unheimliche Geſtalten drängten ſich an ihn, und um der Gefahr zu entſchlüpfen, beſtieg Adrian eines Abends einen Bauerwagen und fuhr auf großen Umwegen, doch ſchnell genug dem Orte ſeiner Beſtimmung zu. Indeſſen hatte er auf unbequemer Fahrſtraße Warſchau noch lange nicht erreicht, als plötzlich ein Trupp polniſcher Soldaten aus dem Walde ſprengte und dem Bauer erklärte, das Vaterland bedürfe ſeines Fuhrwerks, um einige gefährlich verwundete Offiziere in das Lazareth zu transportiren. Der Bauer ſah das ein, und Adrian war gezwungen, ſeinen Sitz zu verlaſſen, was er mit einem tiefen Seufzer und ſchmerzlicher Erinnerung an vergangenes Wohlleben langſam genug that. Bis zu dem nächſten Dorfe begleitete ihn ſein Führer, dann mußte er nach der Beſchreibung deſſelben ſich ſeinen Weg allein ſuchen. Doch findet ſolch ein Weg ſich eben nicht allzu leicht, wenn man vor nahem Gewehrfeuer bald nach Rechts, bald nach Links ausbiegen muß. Der Abend kam und noch war die Chauſſee, die nach Warſchau führt, nicht erreicht. Zum erſten Male in ſeinem Leben ſah Adrian ſich genöthigt, den weiten Wald zu ſeinem Nachtquartier zu machen, und er that es un⸗ willig genug, legte ſeinen Reiſeſack unter den Kopf und dachte traurig an vergangene Freuden, bis ſeine Jugend und die ungewohnte Ermüdung ihn in Schlaf einwiegten. Ein Schlaf auf kalter, feuchter Erde hat jedoch wenig Erquickendes. Adrian erhob ſich beim Morgengrauen, und da er nichts zu eſſen hatte, ſo ſuchte er ſeinen Hunger im Gehen zu vergeſſen.. In einem mühſam erreichten Dorfe merkte er zum erſten Male, welch Labſal ſchwarzes Brod und weiße Milch zu bieten vermögen. Er zahlte es großmüthig mit ſeinem letzten Gelde und wanderte wei⸗ ter, doch ſeine Füße waren müde und wund, er mußte häufig ruhen und erſt zur Abenddämmerung betrat er die Vorſtadt Warſchau's. Endlich, endlich ſollte die Noth ein Ende haben; aber es war auch Zeit. Seine Kräfte waren auf das Aeußerſte erſchöpft und ein finſterer Groll bemächtigte ſich ſeiner Seele. Charaktere wie der Adrian's ſehen leicht ein ſelbſt verſchuldetes Unglück als ein ihnen zuſtoßendes Unrecht an. Adrian empfand keine Spur von Reue mehr, nur Kränkung und Mißmuth über ſo viel Aerger und Miß⸗ geſchick.. So ſchritt er an einem hohen Eiſengitter dahin, das ſtattlicher aus⸗ ſah, als man es in dieſem ärmlichen und düſteren Theile Warſchau's ver⸗ muthet hätte. 8 Ueber die ſchwarzen Stäbe blickten hohe, alte Bäume zu ihm hin, grünender Raſen ſchimmerte im Strahl der untergehenden Sonne und leiſer Blumenduft drang dem Wandernden entgegen. Da plötzlich hört er einen Schrei; ein weibliches Weſen ſtürzt in athem⸗ loſen Laufe dem Gitter zu, verfolgt von einem Manne—— Adrian ſtieß die Pforte, an welcher er ſich ſoeben befand, mit einem Fußtritt auf und drang in den Garten.—. Wie ein gejagtes Reh floh die weiße Geſtalt in ſeine Arme und lag, ſchwer athmend und faſt beſinnungslos, an ſeiner Bruſt, indeſſen ihr Ver⸗ folger Kehrt machte und bald in den Gebüſchen ſpurlos verſchwand. „Um Gotteswillen, was iſt geſchehen?“ fragte Adrian, als das junge Weib ſich langſam emporrichtete und die dunklen, halb aufgelöſten Flechten von der Stirn zurückſtrich. „Iſt er fort?“ fragte ſie, noch immer in der höchſten Angft. „Er iſt fort, und wäre er da, ſo würde ich ihm zu begegnen wiſſen!“ verſetzte er. „O, wie danke ich Ihnen!“ „Geſtatten Sie mir, Sie in Sicherheit zu bringen.“ 634 „Dort iſt das Haus— wollen Sie mich dahin begleiten?“ Er reichte ihr den Arm und führte die noch Zitternde durch reinliche Wege einem düſteren, doch ſtattlichen Hauſe zu. „Ich danke Ihnen,“ ſagte ſie,„ich ſehe meine Leute und weiß mich nun geborgen.“ Wirklich nahte ſich ihr ein Livreediener, und Adrian hatte keine Ur⸗ ſache, länger bei ihr zu verweilen; er nahm die nochmalige Verſicherung ihrer Dankbarkeit mit, Wohlgefallen entgegen und ließ ſeine entzückten Blicke auf den ſchönſten ſchwarzen Augen ruhen, die er jemals geſehen. Dann verließ er langſam und auf demſelben Wege, auf welchem er gekommen, den Garten, indeſſen ſein Herz leiſe fragte: werde ich ſie jemals wiederſehen?— Als er an dem Hauſe vorüberkam, bemerkte er davor einen Wagen ohne Wappen oder ſonſtiges Abzeichen, doch elegant und mit zwei herrlichen Pferden beſpannt. Auch der Kutſcher trug eine einfache Livree, die weder an dem Hut noch an den Knöpfen errathen ließ, wem ſie angehören mochte. Der Weg wurde ihm weniger beſchwerlich, ſeitdem das ſchöne Bild der ſoeben Geſehenen ihn begleitete. Ihr weißes, faltiges Kleid, ihre leichte, graziöſe Geſtalt ſchien vor ihm her zu flattern und er meinte ihre kohl⸗ ſchwarzen Flechten im Winde fliegen zu ſehen. Ehe er es gedacht, befand er ſich in der Judenſtadt und durchwanderte ſuchend die engen, ſchmutzigen Gaſſen. Das Haus des reichen Abraham war eines der ſtattlichſten im ganzen OQuartier, doch düſter und unfreundlich genug. Das unterſte Stockwerk, in welchem ſich die Comptoir⸗ und Kaſſen⸗ zimmer befanden, war an ſeinen kleinen Fenſtern mit dicken Eiſenſtangen verwahrt, ein ſicheres Zeichen, daß keine zuverläſſige Polizei für die Sicher⸗ heit der Bewohner dieſes Viertels einſtand, und daß es jedem Einzelnen überlaſſen blieb, ſich ſelbſt zu ſchützen, während er kaum das Recht beſaß, ſich ſelbſt zu wehren, wenn ein Angriff erfolgte. Im erſten Stockwerk ſah es dagegen heiterer aus. Helle Spiegel⸗ ſcheiben ſchmückten die freilich auch hier nicht hohen Fenſter, die in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne in zauberiſchem Glanze ſchimmerten. Adrian klopfte an eine Thür, die von Eichenholz und ſo ſtark mit Eiſen beſchlagen war, als ſolle ſie eine Feſtung gegen Feindeswaffen ſchützen. Ein bärtiger alter Judenkopf blickte zu einem geräuſchvoll geüſſutten Fenſterchen heraus und fragte: „Zu wem?“ „Ich wünſche Herrn Abraham zu ſprechen.“ „Was? am Schabbes?— und wozu?“— „Das werde ich ihm ſelber ſagen, jedenfalls muß ich ihn ſprechen.“„ „Wollen ſehen.“ Und das Fenſterchen ſchloß ſich, den Harrenden draußen in der unan⸗ genehmen Möglichkeit laſſend, des Sabbaths wegen abgewieſen zu werden. Doch nicht lange dauerte dieſe Ungewißheit, ein chriſtlicher Diener öffnete die Thür und ließ den jungen Grafen in ein Zimmer eintreten, das zu ebener Erde gelegen und, von den Comptoirſtuben getrennt, dem Herrn des Handlungshauſes zum Empfangzimmer in Geſchäftsangelegenheiten diente. Hier hatten Mouravieff und Berg nothwendige Anleihen gemacht, dieſe Räume kannten den Markgrafen Wielopolski und ſelbſt Großfürſten durften es nicht verſchmähen, die Kaſſe des Juden Abraham gegen gute Zinſen in Anſpruch zu nehmen. Freilich war er ebenſo wegen ſeiner Gefälligkeit, wie wegen ſeiner Strenge bekannt. Er lieh Juden und Chriſten, Ruſſen und Polen mit gleicher Bereitwilligkeit, doch Niemand konnte ſich rühmen, ihn durch zö⸗ gernde Bezahlung hingehalten zu haben. War doch die Drohung, den Credit bei ihm zu verlieren, ſchlimm genug, um ihr ſo gut als thunlich zu entgehen. Abraham nahm immer nur denſelben beſtimmten, doch nicht allzu hohen Prozentſatz, und Niemand durfte ihn des Wuchers beſchuldigen. Vertraute man ihm Gelder an, ſo verwaltete er ſie mit einer Recht⸗ ſchaffenheit und Umſicht, die ihm die Achtung ſelbſt der Feinde ſeines Glau⸗ bens verſchafften. Er war überaus wohlthätig gegen die Armen, ohne nach ihrer Re⸗ ligion oder Nationalität zu fragen und bewahrte ſich in politiſcher Hin⸗ ſicht eine vollſtändige Parteiloſigkeit, die ſo weit ging, daß außer dem Courszettel kein Tagesblatt über ſeine Schwelle gebracht werden durfte. Deswegen floß ſein Leben unangefochten dahin; die Ruſſen ſchonten ihn in jeder Weiſe, be ſie ihn gebrauchten, die Armen liebten ihn wie einen helfenden Freund und ſeine Glaubensgenoſſen betrachteten ihn wie ei⸗ nen zweiten Nathan. Es war ein ſchöner, alter Mann, trotz der mächtig gekrümmten Naſe und der etwas hängenden Schultern, und wie er vor Adrian trat, den langen Talar von ſchwarzer Seide in weiten Falten um ſich ſchla⸗ gend, ward dieſer mächtig von der ehrfurchtgebietenden Geſtalt ergriffen. Seine Stirn war hoch, und höher noch, weil nur an den Schläfen zwei künſtlich gedrehte Locken hernieder fielen. Sein weißer Bart bedeckte einen Theil ſeiner Bruſt und unter den gebleichten buſchigen Brauen blitz⸗ ten ſeine dunklen Augen mit freundlicher Klugheit hervor. Er war klein und trug ſich überdies ein wenig gebückt, doch ſo impoſant war ſeine ganze 636 7 Erſcheinung, daß man ihn für weit größer hielt und zu ihm empor zu blicken meinte. Mit freundlichem Lächeln trat er in das Zimmer, das ſchon halb in Dämmerung lag und den jungen beſtaubten Reiſenden auf einen Stuhl ein⸗ ladend, ſagte er in mildem Tone, doch mit der ſcharf ausgeprägten Sprech⸗ weiſe ſeines Stammes: „Womit kann ich dienen, junger Herr?“ „Sie kennen mich nicht,“ ſagte Adrian, ihn aufmerkſam betrachtend, „denn ich war ein kleiner Knabe, als ich einſt mit meinem Vater bei Ihnen war; ich aber kenne Sie, denn Ihr Bild vergißt man nicht leicht.“ „Sagen Sie das meiner Rebecca, die glaubt es Ihnen.“ „Auch Sie müſſen es mir glauben. Ich weiß nicht, was mein Vater damals mit Ihnen verhandelte, das aber weiß ich, daß ich Ihnen heute ſein Leben und mein Glück zu danken habe.“ „Ihr Glück“— und der Blick des Alten ſtreifte über die verbrauchte Kleidung Adrian's—„aber wer iſt Ihr Vater?“ „Der Mann, der in Ihrem Schutze lebt, Graf Eduard Woysla⸗ wice.“. „Lebt, ſagen Sie?— wenn das Ihr Vater war, ſo lebt er nicht mehr!“ „Mein Vater—— aber das wäre ſchrecklich—!“ „Ja, junger Mann, der Herr Graf iſt geſtorben, es iſt grad vier⸗ zehn Tage her und hat gelebt in meinem Garten vor der Stadt, und ich habe es gemeldet ſeinen Söhnen nach Paris, den Herren Roger, Anatole und Adrian.“ „Das bin ich— ich heiße Adrian Woyslawice— aber Ihr Brief iſt nicht zu uns gekommen.“ „Erklärlich in ſolchen Zeiten.“ „Und mein Vater—?“ „Starb, wie ich Ihnen ſagte, und Sie können ruhig ſein, denn ich habe es ihm an nichts fehlen laſſen und meine Rebecca hat ihn gepflegt, wie ſie einſt mich pflegen ſoll, das brave Kind.“ Adrian ſchlug die Hände vor das Geſicht. „O, dann bin ich ganz hülflos, ganz verlaſſen!“— „Wie ſo? Hät mein Geſchäftsfreund in Paris nicht meine Anweiſun⸗ gen honorirt? „Gewiß, er that es.“ „Nun alſo, wie kommen Sie hierher in ſolchen Kleidern und gegen den Willen Ihres Herrn Vaters ſelig, der es mir tauſend Mal geſagt hat, Abraham, hat er geſagt, es iſt beſſer, meine Söhne bleiben drau⸗ ßen, denn hier fließt viel vergeblich Blut, die Ruſſen ſind uns doch zu ſtark.“ „Ich weiß, daß mein Vater ſo dachte,“ redete Adrian, ſich ſchnell auf das ſchon lange bereite Märchen beſinnend,„und auch meine Brüder denken ſo und hätten mich nicht fortgelaſſen, den heiligen Kampf mitzukämpfen, darum entfloh ich heimlich aus Paris und mittellos und arm komme ich hier an— und muß jetzt hören, daß der Vater, deſſen Verzeihung und Beiſtand ich erhoffte, nicht mehr am Leben iſt.“ „Es thut mir leid, junger Herr Adrian, aber was ſoll ich ſagen? ich habe Ihren Herrn Bater ſehr lieb gehabt und er hat Vertrauen bewahrt zu dem alten Abraham bis zu ſeiner letzten Stunde, ich will auch für ſei⸗ nen Sohn thun, was ich kann; bleiben Sie hier, Herr Graf, heute und morgen, und ruhen Sie ſich aus, und übermorgen will ich Ihnen ſchreiben einen Brief an den Prinzen Waſa und wenn Sie wollen kämpfen, ſoll er Sie aufnehmen in ſein Corps.“ Adrian dankte ihm, und da der Diener eben mit zwei ſchweren filber⸗ nen Armleuchtern hereintrat, hieß der Alte ihm voranleuchten und ſtieg mit Adrian die teppichbelegte Treppe hinauf, zu dem oberen Stockwerke, wo be⸗ reits Alles in hellem Feiertagsſchmucke prangte. 4 Hier wurde dem jungen Grafen ein Zimmer angewieſen und nachdem er mit Behaglichkeit den weiten und bequemen Raum durchmeſſen hatte, nahm er ſchnell aus dem Reiſeſack hervor, was ſeinem Aeußeren einen erhöh⸗ ten Anſchein von Eleganz zu geben vermochte. Von dem ihn abholenden Diener geführt, betrat er alsdann das Ge⸗ ſellſchafts⸗ und Familienzimmer des reichen Kaufmanns. Es war mit der äußerſten Pracht eingerichtet; türkiſche Teppiche be⸗ deckten den Fußboden, franzöſiſche Gobelintapeten die Wände. Sophas und Stühle waren mit golddurchwirktem Sammet überzogen und von gleichem Stoffe hingen an den Thüren faltige Vorhänge herab. Von glänzenden Kronleuchtern ſtrahlten unzählige Lichter und ſchienen aus den hohen Spie⸗ geln und den glänzenden Marmortiſchen wieder. Vaſen aus China und Statuen aus carrariſchem Marmor ſchmückten den Kaminſims und unter ge⸗ fiederten Palmenblättern ſchaukelte ſich ein bunter Papagei. Eine fürſtliche Pracht lag in dieſen hohen ſilbernen Kandelabern, dieſen prachtvollen Goldgefäßen auf der Conſole, es athmete ein orien⸗ taliſcher Luxus aus dieſen niedrigen ſchwellenden Polſtern, aus dieſen feinen Wohlgerüchen. Auf dem Ehrenplatz im Sopha ſaß die Frau des Hauſes, eine Dame von ſtattlicher Würde, deren ehemalige Schönheit noch aus einer jetzt faſt zu großen Korpulenz hervorleuchtete. Sie trug ein grünes Sammet⸗ kleid und Diamanten um Hals und Arme, in den Ohren und in den Haaren. . 638 Auch ihre drei verheiratheten Töchter prangten im reichſten Schmuck und wetteiferten an üppigen Reizen mit den beiden Schwiegertöchtern. Sie alle ſaßen plaudernd um die Mutter, indeſſen die Söhne und Schwie⸗ gerſöhne ſtehend einen Kreis um den alten Abraham bildeten, der mit be⸗ haglichem Lächeln von den ſo glücklich zu Ende geführten Geſchäften der letzten Meſſe ſprach.. Als Adrian ſich vor den Anweſenden faſt ſchüchtern verbeugte, trat Abraham ihm freundlich entgegen und ſtellte den jungen Grafen zuerſt ſeiner Gattin, dann den anderen Damen, zuletzt den jungen Män⸗ nern vor. „Aber wo iſt Rebecca?“ fragte er, ſich erſtaunt umſehend. „Noch angegriffen von heute Nachmittag,“ verſetzte die Mutter,„das arme Kind hat auch zu viel zu leiden!“ „Soll mir nicht mehr allein hinaus,“ eiferte der Alte,„es iſt kein Verlaß auf all das Geſindel von Dienern, die denken, ſie thun einem Ju⸗ den die höchſte Ehre an, wenn ſie ſeinen Lohn nehmen und ihn beſtehlen, wo ſie können. Giebt ihnen der Ruſſe, verdammt ſoll er ſein, einen Sil⸗ berrubel, ſo verrathen ſie mich und mein ganzes Haus und denken noch, ſie thun Goitt einen Dienſt damit.“ Die Flügelthüren wurden geöffnet und eine reichbeſetzte Tafel zeigte ſich im anſtoßenden Saale. Adrian war erſtaunt über die Pracht der Geſchirre, die goldenen Tel⸗ ler, das herrliche Porzellan. Man wies ihm einen Platz am unteren Ende der Tafel neben einem noch leeren Seſſel; der Hausherr dagegen präſidirte neben ſeiner Gemahlin auf rothen Sammetfauteuils, ringsum nach dem Alter von ſeinen Töchtern und Söhnen nebſt deren Gatten und Gattinnen umgeben. Alle ſchienen in großer Heiterkeit bei dieſem, jede Woche wieder⸗ holten Familienfeſte zu verweilen und unter Scherzen und Lachen nahm ein Jeder ſeinen Stuhl ein, indeſſen ein junges Mädchen ſchweigend in das Zimmer trat und ſich neben Adrian ſetzte. „Der Alte ſetzte ſein Sammetkäppchen auf und plötzlich endete je⸗ des Geſpräch und Todtenſtille herrſchte in dem Saale, den die Dirmner lautlos verließen. Ueber das auf einem goldenen Teller liegende Brod breitete Abraham ein weißes, reich mit Goldſchrift durchwobenes Tuch und während Alles ſchwieg und mit gefalteten Händen die Augen ſenkte, ſprach er das üb⸗ liche Sabbathstiſchgebet, als läſe er es von dem Tuche ab. Dann brach er das Brod, aß ſelbſt davon und reichte einem jeden ſeiner Kinder ein Stück davon hin. Es lag etwas höchſt Feierliches in dieſer einfachen Ceremonie, das aber der junge Graf Woyslawice nicht begriff. 1 1 3 * 1 Von dem Gebete verſtand er kein Wort, da es in hebräiſcher Sprache gehalten wurde und ſeine Augen verweilten, wie von einem Zaubet gefeſſelt, auf ſeiner Nachbarin. Es war daſſelbe Mädchen, welches er vor etwa zwei Stunden vor ih⸗ rem Verfolger geſchützt hatte. Sie war weit weniger reich gekleidet, als die anderen Damen, auch barg ſie ihre dunklen Haare nicht wie jene unter einem turbanartigen Schleier. Sie trug ein einfaches Kleid von weißer Seide und Perlen waren ihr ein⸗ ziger Schmuck, doch in ſolch üppiger Fülle fielen die ſchwarzen Flechten auf ihren blendenden Nacken und in ſo reicher Farbenpracht erglänzten Wan⸗ gen, Lippen und Augen, daß man wähnte, das Herrlichſte zu ſehen, was je Natur erſchuf. Die Marmorbläſſe, mit welcher ſie heute in Adrian's Arme geflogen, war verſchwunden und die den Frauen aus orſentaliſchem Stamme eigene Wärme des Colorits verſchönte ihre reinen Züge mit wunderbarem Reize; die langen ſchwarzen Wimpern deckten ſo ſüß das tiefblaue Auge, die weißen Zähne leuchteten ſo blendend aus den Purpurlippen hervor und der ſchlanke und doch üppige Wuchs erinnerte an die hochaufſtrebenden Palmen ihres Heimathslandes. Erſt nachdem das Gebet vollendet, ſchlug ſie den Blick zu Adrian em⸗ por uud leicht erröthend zeigte ſie ihm, daß ſie ihn erkannte. „Wie freut es mich, daß ich Ihnen danken kann!“ ſagte ſie leiſe und mit geſenkten Augen. „Dankt man auch dem, den man beglückt?“ fragte er. „Sie haben mich gerettet.— Jener entſetzliche Menſch verfolgt mich überall— und er iſt Mouravieff's Adjudant und Liebling.“ ,,8O, wie bedaure ich es, nicht immer zu Ihrem Schutze hier ſein zu können.“ „Sie wollen uns ſo bald verlaſſen?“ „Ich gehe zum Prinzen Waſa.“ „O, dieſer entſetzliche Krieg!“ „So zweifeln Sie, daß er zur Freiheit führt?“ „Wer kennt des Höchſten Wege?— nur die Opfer kennen wir— ſie ſind entſetzlich.“ „Ich ſelber bringe eines, denn ich komme aus Paris, der Stadt des Vergnügens.“ „Und Sie verließen ein Glück, das mir beneidenswerth erſcheint, um hier den Tod zu ſuchen?“ 3 „Man wird zuletzt dieſer Feſte überdrüſſig. Das dreht ſich in immer gleichem Wirbel, da bringt der Winter ſtets den wechſelnden und immer gleichen Reiz der Oper, des Ballets, der Maskenbälle, der Sommer eben 2. ——· 640 ſo ſicher den Spazierritt in das Gehölz von Boulogne, den Tanz im Freien, endlich, wenn Alles müde wird, die Reiſe nach Baden⸗Baden.“— Sie hörte ihm mit leuchtenden Augen zu, ſie konnte nicht müde wer⸗ den zu fragen und ſich erzählen zu laſſen. Die Anderen ſchwatzten und lachten laut genug; Adrian und Rebecca redeten leiſe. Wohl warf der alte Abraham manchen verwunderten Blick auf das ſchöne Paar, denn herrlich leuchteten des jungen Grafen goldene Locken neben des Mädchens rabenſchwarzen Flechten und ſeltſam contraſtirte ſein bleiches, müdes Geſicht mit ihren lebensvollen, beweglichen Zügen. 3 Der Alte ſprach das Schlußgebet und ſegnete die Seinen; dann ſtand man geräuſchvoll von der reichen Tafel auf und begab ſich wieder in den Geſellſchaftsſaal. „Sie ſingen?“ fragte Adrian Rebecca, auf den koſtbaren Flügel deutend. „O, nur ſehr ſchlecht!“ antwortete ſie. „Iſt es erlaubt, die Wahrheit dieſer Worte zu erproben?“ „Mein Vater liebt Muſik.“ Sie winkte dem Diener, der den Flügel öffnete und Adrian nahm daran Platz und ließ die Finger über die Taſten gleiten, indeſſen Rebecca unter den Noten ſuchte. „Nein, ich bitte, ſingen Sie zuerſt!“ bat ſie dann, die Blätter zurück⸗ legend.„Mir klopft das Herz und ich vermöchte keinen Ton hervorzu⸗ bringen.“. Er ſang ein franzöſiſches Liebeslied und weil er keine⸗Noten dazu ge⸗ brauchte, ſo ſah er Rebecca dabei an und Rebecca ſchlug die Augen nieder und horchte heißathmend und mit halbgeöffneten Lippen. Dann fanden ſie eines jener Duette, in denen die Stimmen zu der reichſten Harmonie in einander ſchmelzen, eine Vereinigung in das Reich des Schönen, wie ſie idealer nicht gedacht zu werden vermag. Die Zuhörer ſpendeten reichlichen Beifall und forderten zu neuen Lie⸗ dern auf und Mitternacht war längſt vergangen, ehe der letzte Ton verklang, wie wenn ein Steinchen in das Waſſer fällt und ſeine Wellenringe leiſe verſchweben— man glaubt, es ſei vorbei— aber dem iſt nicht ſo: in der Tiefe bleibt etwas zurück, das eben da hinunterſank, ein Steinchen, ein Wort, ein Glück— wer weiß es?— Die außerhalb des Hauſes wohnenden Kinder gingen mit ihren Gat⸗ ten heim. Adrian zog ſich auf ſein Zimmer zurück, um nach den Leiden der letzten Nacht auf weichen Kiſſen auszuruhen; die Mutter ging hinaus, ſich ihres Schmuckes zu entledigen und der alte Abraham zog ſeine jüngſte Tochter auf ſein Knie, ſtreichelte ihre weiche Wange und fragte ſcherzend: „Ein hübſcher junger Mann, der Herr Graf, wie, Beckchen?“ „Hübſch?— ich weiß nicht.“ „Wie? hat er Dir nicht gefallen?“ „O doch— aber nicht, weil er hübſch iſt— Du weißt nicht, Vater — es iſt derſelbe, der mich heute vor Waſſilowitſch rettete.“ „In der That!“ „Ich erkannte ihn ſogleich.“ „Und dankteſt ihm?“ „Natürlich.“„ „Aber er hat auch Dir zu danken?“ „Mir? aber weswegen?“ „Weil ich ihm habe geſagt, daß Du gepflegt haſt ſeinen Vater. 43 „War der Graf Woyslawice ſein Vater?“ „Hat er es Dir nicht geſagt?“ „Nein.“ „Sonderbar! hört ſeines Vaters Tod vor einer Stunde und denkt nicht mehr daran und muſtcirt, wie die Lerchen, die ſich auch nicht mehr um die Alten bekümmern, wenn ſie flügge ſind.“ „Aber ſollte er unſer Feſt mit Weinen und Wehklagen ſtören?“ „Nein, Beckchen, aber auch nicht ſeines Vaters Ruhe mit franzöſiſchen Liedern. Weiß nicht, was ſie bedeuten, aber ich wollte nicht, daß meine Kinder ſo ſingen, wenn ich todt bin.“ „Du thuſt ihm Unrecht, Vater.“ „Kann ſein. Uebrigens will er in den Wald, obgleich er nicht aus⸗ ſieht, wie ein Held.“ „Er iſt doch gebildet und edel.“ „So? haſt das ſchon gemerkt? wovon hat er geredet bei Tiſch? he? „Von Paris, von der Oper, dem Hofe, den Bällen—“ „Dacht ich es nicht. Nun, Du wirſt mich verſtehen, Kind, wenn ich Dir ſage, Du biſt Jacob Levy's Braut, und wenn er Dich wird führen nach Paris, wirſt Du ſehen die Oper, die Bälle, die Kaiſerin; bis dahin geht es Dich nichts an, und was der junge Graf Dir vorſchwatzt, iſt eben geſchwatzt und geht zu dieſem Ohr ein und zu jenem aus.“ Er küßte ihre weiße Stirn und legte ſeine Hände ſegnend auf ihr Haupt, dann ſah er der langſam Hinausgehenden nach, bis die Portiere hinter ihr zuſammen fiel. Aber Rebecca hatte Nichts von ſeinen Worten begriffen, tönte doch Adrian's Rede, ſein Geſang noch zu deutlich in ihrem Herzen nach und drang in ihre Träume und zeigte ihr ein Leben voller Glanz und Heiterkeit und Liebesgluth.——— Phantom Polens. I1I. Band. 26. Schlimme Nachrichten. Der andere Morgen vereinte Adrian wieder mit Rebecca. Der geſtrige Feiertagsglanz leuchtete noch in den Morgen hinein, als das Mädchen nach einer ſüßen Plauderſtunde auf's Neue zu ihm trat. Sie war in einen weiten ſchleierartigen Ueberwurf gehüllt, aus deſſen weißen Falten ihre Augen in wunderbarem Feuer ſtrahlten; ein goldver⸗ ziertes Buch hielt ſie in den Händen und mit einem Lächeln voller Milde bat ſie ihn, ſich während ihrer Abweſenheit die Langeweile mit Muſik und Lectüre zu vertreiben. Er ſah ihr lange nach, als ſie, zwiſchen den Eltern dahinſchreitend und nach rechts und links ihre Bekannten freundlich grüßend, zur Synagoge ging. Es lag etwas ſo Weiches, Hingebendes in ihren Bewegungen, in ihrem langſamen, ſchwebenden Gange; ihm war es, als hätte er der Baumſtamm ſein mögen, um welchen dieſe ſchöne Liane ſich rankte. Den Flügel rührte er nicht an und nahm keines der elegant gebunde⸗ nen Bücher von ſeinem Platze. Im ſammetnen Lehnſtuhl ausgeſtreckt, träumte er mit halbgeſchloſſenen Augen. Er ſah Eleonoren neben Rebecca, er verglich die ſtolze, ſelbſtbe⸗ wußte Schönheit der Gräfin mit dieſer poeſievollen Zartheit. Rebecca war die Palme, deren glänzende Zweige in Himmelslüften ſchweben und die vergißt, daß ihre Wurzeln in der Erde weilen; Eleonore dagegen die volle Purpurroſe, die kokett den Wanderer herbeilockt, daß er ſie bewundere und, wenn ihr Stachel ihn nicht ſchreckt, ſie pflücke. Er wußte nicht, welche von Beiden den Vorzug verdiente. Vielleicht konnte Rebecca's glühende, ſchmachtende Liebe ſüßer ſein, jedenfalls erſchien Eleonore reizender, piquanter. Selbſt fern von ihr beherrſchte ihn ihr ſchönes Bild, gleich einem Stern, von deſſen Bahnen ſein Leben abhängig war. Die gaſtliche Familie kehrte heim, begleitet von einem jungen Manne, den man Jacob nannte und gleich einem Gliede des kleinen Kreiſes mit ungenirter Freundlichkeit behandelte. Bald ſahen Adrian's ſcharfe Augen, daß die Blicke des jungen Juden an Rebecca hingen, daß er ihre Nähe ſuchte, ihren Worten lauſchte. Jacob war nicht eben ſchön zu nennen und das ſeinem Stamme eigen⸗ thümliche Coſtüm entſtellte ihn. Ein ungraziös geſchnittener kaftanähnlicher Rock von glänzendem ſchwarzen Stoffe ging bis zu ſeinen Füßen herab; an ſeinen Schläfen hingen einige dünne, wohlgekräuſelte Locken und um Mund und Kinn zog ſich der blauſchwarze, dünne Bart. Nur ſeine Augen 643 waren anziehend und blickten unter der hohen Stirne mit Klugheit und Feuer hervor und ſeine Zähne leuchteten in untadelhafter Weiße aus den etwas breiten Lippen. Konnte ein ſolcher Menſch es wagen, ſeine Blicke zu Rebecca zu er⸗ heben? Der junge, elegante Graf fragte es ſich mit Erſtaunen, ja, mit einem Gefühle, das an Ekel grenzte. Für ihn war die Erſcheinung des Juden Jacob nur die eines tief unter ihm ſtehenden Weſens, über welches ihn ſein Glaube, ſein Adel und ſeine Bildung weit erhoben. Doch lag ihm ein gewiſſer Reiz darin, ſein Uebergewicht geltend zu machen. Mehr noch als am vergangenen Abend beſchäftigte er ſich mit Rebecca; er ſaß bei Tiſche neben ihr und unterhielt ſie und die Eltern mit Schilde⸗ rungen der Pariſer Herrlichkeiten. Abraham fragte nach ſeinen Brüdern, nach der Gräfin Branow, auch nach Eleonoren und ihrer Mutter, und immer wußte Adrian in lebhafteſter Weiſe zu antworten und zugleich etwas für Rebecca Intereſſantes daran zu knüpfen, ſo daß ſelbſt der Alte es ſich geſtehen mußte, daß der Graf ein heiterer Geſellſchafter ſei.— Nach Tiſche ging es wieder an den Flügel und jetzt nahm Adrian Rebecca ſo vollſtändig in. Anſpruch, daß dem armen Jacob nichts übrig blieb, als ſeinen Kaffee ſchweigend mit den Eltern zu trinken. Sie ſangen einzeln und mit einander, ſie ſpielten und tauſchten ihr Urtheil über verſchiedene Compoſitionen aus, ſie vertieften ſich ſo vollſtändig in einander, daß Rebecca glaubte, niemals einen ſchöneren, Jacob niemals einen traurigeren Tag verlebt zu haben. Auch ſah es Adrian mit Befriedigung, daß des jungen Mannes Augen trübe blickten, daß er zuſammenſchauderte, als jetzt der Graf des Mädchens Hand an ſeine Lippen zog.— Pfeilſchnell entflohen die Stunden dem Einen, bleiern ſchlichen ſie dem Anderen dahin. Als Licht gebracht wurde und ſich der kleine Kreis näher um die Alten ſchloß, da lag auf Adrian's Zügen ein heiterer Triumph, auf Rebecca's die Gluth der erſten Liebe, auf Jacob's ein tiefer, tiefer Schmerz. Ein Diener erſchien und reichte dem Hausherrn mehrere Briefe, die dieſer langſam öffnete und las, von Zeit zu Zeit ſeinem künftigen Schwieger⸗ ſohne einen davon hinſchiebend. „Die Polen ſind geſtern unter Tarnow geſchlagen worden, wußteſt Du das?“ fragte er. „Ich wollt's nicht ſagen,“ verſetzte Jacob,„denn ich weiß, Ihr hört's nicht gern; es ſteht ſchlecht mit den Leuten im Walde.“ „Schlecht? nach dem Siege von vorgeſtern?“ . 644 „Darum eben. Sie waren müde, und die Ruſſen zogen friſche Trup⸗ pen herbei. Das Blut hat's ihnen verrathen, wo ſie lagern, wie es aus den Wunden auf die Erde floß, folgten ſie wie die Wölfe der friſchen Spur.“ „Wer ſagt's?“ „Ein Bauer, der von dort kam. Sie hatten ihm das Fuhrwerk abge⸗ nommen, denn es fehlt an Pferden, an Allem.“ Abraham heftete ſeine Augen ſcharf auf Adrian. „Sie wollen noch immer in den Wald?“ „Was ſoll ich thun?“ „Ich möcht wohl ſagen: hier bleiben, aber die ruſſiſche Regierung weiß ſchon, daß ich einen Fremden beherberge.“ „Die Polizei?“ „Ja, die iſt allwiſſend, wo ſie gute Spione hat und ſie hat überall Spione, wo ſie zahlt.“ „So darf ich hier nicht länger bleiben.“ „Wiſſen Sie, was ich werde thun? Wir werden laſſen anſpannen den Wagen und machen eine Spazierfahrt nach meinem Garten draußen, den Sie kennen, dann bleiben Sie die Nacht über da und morgen bringt Ihnen Jacob meinen Brief an Conrad Waſa, führt Sie ſo, daß Sie ſicher hin⸗ kommen.“ In Rebecca's Augen kämpfte ein tiefer Schmerz mit kaum zu verhal⸗ tenden Thränen; doch waren des Vaters Worte viel zu vernünftig, als daß man ihnen hätte widerſprechen können. Auch Adrian fühlte ſich ſchmerzlich bewegt. Die Nähe des ſchönen Mädchens, der Comfort des reichen Hauſes hätten ihn gerne noch länger gefeſſelt; wie es aber jetzt ſtand, war mehr Sicherheit für ihn in der Schuß⸗ weite ruſſiſcher Flinten, als unter dem Verdachte der ruſſiſchen Polizei. Man rüſtete ſich wie zu einer Luſtfahrt in die warme Frühlingsluft hinein, und Adrian betrachtete es als eine heitere Maskerade, als ſein edler Gaſtfreund ihn faſt verlegen und wie beſchämt bat, jüdiſche Kleidung an⸗ zulegen. Doch ſelbſt im ſeidenen Talar und mit der niedrigen Mütze ließ er noch ſeine glänzenden Blicke über Jacob dahin ſtreifen, wohl wiſſend, daß wirkliche Eleganz nicht von der Kleidung abhängig iſt. 3 Rebecca war erregt und bis in's Innerſte von Schmerz ergriffen. Das Glück zu lieben war ihr wie ein ſüßer Traum vorüber gerauſcht— ſollte er nur thränenreiche Erinnerungen hinterlaſſen?—— Abraham bat den Grafen, ſein weniges Gepäck für jetzt noch dort zu laſſen, morgen ſollte er durch Jacob Alles erhalten, was hente nur Aufſehen zu erregen vermöchte. „Und wenn die Polizei nach Ihnen fragt, ſo ſind Cie mein Vetter Schmuel Iſrael aus Lemberg, der iſt gekommen, Häute kaufen, und ich habe ihm gegeben für eine Nacht Quartier, und wenn ich lege eine hundert Ru⸗ belnote bei, wird kein Gerede werden, denn Ihr Herr Vater iſt bei mir geweſen mehr als acht Monat und hat gegolten für einen Gärtner aus Inovraclav und alle Welt hat gedacht, er iſt in meinem Dienſt, der Herr Graf, der er doch war, im Dienſt des Juden!“ Sie langten bei dem Gartenhauſe an und fanden in den heiteren, luf⸗ tigen Gemächern eine ſchnell hergerichtete Mahlzeit, denn Koch und Küchen⸗ junge waren ihnen auf kürzerem Wege vorausgeeilt. „Nun,“ ſagte Abraham zu ſeinem Gaſte,„nun kann Ihnen Rebecca zeigen, wo Ihr Herr Vater ſelig hat gewohnt und iſt geſtorben. Ich hab's ihm nicht beſſer geben können und er hat's nicht beſſer verlangt, als es hier draußen iſt. Geh, zeig's ihm, Beckchen.“ Das Mädchen ſchwebte zur Thür hinaus und Adrian folgte ihr. „Nein, nicht in das Sterbezimmer,“ ſagte er, als ſie die Treppe hinauf gehen wollte,„in den Garten wollen wir, dahin, wo ich das ſüßeſte Glück für einen Augenblick in meinen Armen halten könnte. Was iſt mir die Erinnerung an einen Todten, der ſchon ſeit Jahren nicht mehr für mich lebte!“ Er nahm ſie bei der Hand und ſie ſchritten dem Garten zu. Der Mond lag hell auf den Rabatten und die Hyacinthen, welche in der vollſten Blüthe ſtanden, hauchten ſüße, berauſchende Düfte. Dunkle Schatten warfen die mächtigen Baumſtämme über die reinlichen Kieswege, die leiſe unter dem Tritte der Wandernden knirſchten, und die Nachtigall erhob ihr erſtes Liebeslied. Adrian ſchlang ſeinen Arm um das hochathmende Mädchen, lehnte ſeine Wangen an ihre weiße Stirn und langſam, ſchweigend gingen ſie dahin. Vergeſſen war in Rebecca's Bruſt die warnende Rede des Vaters, der ſtumme, ſchmerzliche Blick des Bräutigams; ſie fühlte nur, daß Adrian ſie an ſein Herz zog, daß ſie ihn liebte, daß ſie ſich ihm nicht verweigern durfte. Mit der vollen Gluth der orientaliſchen Purpurroſe war die Liebe in ihrem Herzen erblüht und erfüllte es ganz mit zauberhaftem Glücke. All ihre Pulſe klopften dem angebeteten Jünglinge zu und— wie hätte ſie zweifeln können, daß ſo viel Leidenſchaft, ſo innige Hingabe Erwiederung fände!— Sie liebte, ſie war ſelig— o ſüßer Traum einer mondhellen Früh⸗ lingsnacht!—— Sie ſaßen auf einer Steinbank; Adrian drückte ihr ſchönes Haupt an ſeine Bruſt und küßte zu unzähligen Malen ihre wie in wollüſtigem Rauſche geſchloſſenen Augen, die Purpurlippen, die ihm entgegenglühten, die heiße Wange, das duftende Haar.— Ruhig ließ ſie den geliebten Mann gewähren, doch als des Vaters Stimme nach ihr rief und plötzlich das Gefühl der Trennung über ſie kam, da ſchlang ſie plötzlich ihre beiden Arme um Adrian, als könne ſie ihn nimmer laſſen und ihn feſt umfangend drückte ſie ihren Mund zu wiederholten Malen leidenſchaftlich auf ſeine Lippen. „Rebecca, Rebecca!“ rief der Vater.„Rebecca!“ tönte auch des Bräu⸗ tigams Stimme. S ie hörte es nicht. Aus dieſem Taumel vermochte keine Erdenmacht ſie zu erwecken.—. Adrian ſelbſt trieb ſie dem Hauſe zu, wo ihre Familie ſich bereits zur Heimkehr rüſtete. „Nun, Herr Graf,“ ſagte Abraham,„es bleibt dabei, daß Sie morgen früh bekommen den Brief an den Prinzen und Geld für die Reiſe, obſchon ich Ihnen ſagen muß, daß ich habe abgerechnet mit Graf Roger Woyslawice in dieſen Tagen und habe ihm geſchickt, was noch geblieben iſt von dem Nachlaß Ihres Herrn Vaters; denn, ſo wie es jetzt iſt, ſteht Ihr Geld beſſer in Paris, als bei mir. Aber für Sie habe ich noch, ſo viel Sie brauchen, und Sie müſſen damit verſehen ſein, falls, was der Herr verhüte, die Sache im Walde noch ſchiefer geht, daß Sie haben einen Zehrpfennig für die Heimkehr und können wieder nach Frankreich zurück.“ Adrian dankte dem freundlichen Alten, der bald darauf mit den Seinen heimkehrte. Dann ging er in das Zimmer, welches eine jüdiſche Magd ihm anwies und warf ſich müde auf das Bett. Auf ſeinen Lippen brannten noch Rebecca's Küſſe, doch ſein Herz war ruhig; ahnte er nicht, daß er des ſchönen Mädchens Frieden auf immer ver⸗ nichtet hatte?— Man hatte ihm in Paris ſo viele Gunſtbezeugungen entgegengetragen, er hatte ſich ſo ſehr daran gewöhnt, das nur als anugenblickliches Vergnügen, als vorübergehenden Reiz der Lebensluſt zu betrachten, daß er auch hier nichts Anderes erblickte und wollte. Ein ſchönes Mädchen naht ſich ihm mit leicht erkennbarer Erregung— ſie entzieht ſich nicht ſeinen verlangenden Blicken, nicht ſeinem Händedruck und ſcheint in ſeinem Kuſſe nie geahnte Wonne zu finden— hat er dabei ein Unrecht begangen?— Freilich, wenn das dumme Köpfchen ſich Gedanken machte, wenn das Herzchen länger brennen ſollte, als die rothe Lippe— freilich, das würde ihm leid thun, denn der Alte war freundlich gegen ihn und dem Mädchen gönnte er alles Gute, was ein Bräutigam wie Jacob zu gewähren im Stande iſt; vielleicht iſt's wenig genug, nun, dann hat ſie die Liebe wenigſtens durch ihn kennen gelernt und er hat ſich zu loben, daß er in ein ſonſt trockenes Daſein einen poetiſchen Funken warf.— 647 Unter ſolchen Gedanken ſchlummerte Adrian in Frieden ein und ruhte traumlos in demſelben Zimmer, in welchem ſein Vater ſtarb, bis eine Hand ſich ihm auf die Schulter legte. — Erſchrocken fuhr er empor und ſtarrte auf die ſchwarze Geſtalt, die von dem entſchwindenden Mondlicht matt beleuchtet vor ihm ſtand. „Der Herr Graf müſſen aufſtehen,“ flüſterte Jacob,„und gleich Ihre Reiſe antreten, ich werde Sie führen.“ „Aber warum?“ fragte Adrian ärgerlich.„Es war auf morgen früh verabredet.“. „Freilich wohl, aber es ſind dazwiſchen gekommen häßliche Dinge, was Alles ich Ihnen werde erzählen, wenn wir unterweges ſind.“ „Haben Sie meinen Reiſeſack mitgebracht? ich brauche andere Kleider.“ „Herr Abraham hat geſagt, Sie ſollen anlegen die Schubitze von geſtern und ſollen reiſen als Jude. Aber um Gotteswillen, machen Sie ſchnell, Herr Graf, daß wir noch vor dem Tagesgrauen an Ort und Stelle ſind, machen Sie ſchnell, Herr Graf!“ Adrian fuhr verdrießlich in die Kleider und folgte ſeinem Führer hinaus. Dieſer führte ihn durch die ganze Länge des Gartens und öffnete dann mit einem Schlüſſel, den er bei ſich trug, ein kaum ſichtbares Mauerpfört⸗ chen, das von Epheu dicht umgeben war. Sie befanden ſich jetzt in einer ſchmalen Gaſſe, die hinter unordentlich ſtehenden Wirthſchaftsgebäuden entlang ging; dann quer über einen der Höfe ſchreitend und bald über Miſthaufen ſtolpernd, bald ſich an Pflügen und Eggen ſtoßend, gelangten ſie auf das freie Feld, das jetzt, da der Mond bereits untergegangen war, in tiefem Schatten lag. „Ich muß Ihnen ſagen,“ begann Jacob jetzt,„daß die Ruſſen haben erfahren von Ihrer Anweſenheit bei meinem Schwiegervater und ſind ge⸗ kommen geſtern Abend, als er kaum zu Hauſe war, und haben durchſucht das ganze Haus, um Sie zu ſinden. „Herr Abraham hat eine Zweihundertrubelnote auf den Tiſch gelegt und hat geſagt, ſein Vetter Schmuel Iſrael aus Lemberg wäre dageweſen. „Darauf haben die Ruſſen das Geld genommen, aber geglaubt hat ihm Niemand, denn der Diener, der hat Alles verrathen, hat getragen Ihren Reiſeſack auf die Polizei und darin war ein Büchelchen mit Viſiten⸗ karten und die Taſchentücher gezeichnet mit Ihrem Wappen. „Wie nun die Ruſſen ſehen, daß Herr Abraham ſie belogen hat, wer⸗ den ſie böſe und haben geriſſen den alten Mann und haben ihn geſchlagen und geſtoßen und die Mutter und Rebecca haben gejammert und geweint und der Alte hat ſich zuſammen genommen, wie ein ſchlauer Kopf, der er iſt, und hat geſagt: „Meine Herren Polizeibeamten, wenn der junge Mann nicht iſt geweſen . 648 mein Vetter, ſo hat er mich ſchändlich belogen, denn ich kenne meine Ver⸗ wandten nicht, weil ich niemals in Lemberg war. Er aber iſt gekommen und hat mir Grüße gebracht von ſeinem Vater und weil gerade Sabbath⸗ Abend war, ſo hat er das Feſt mitgemacht, wie ein echter Jude, und hat gegeſſen und gebetet mit uns, wie dies bezeugen können alle meine Söhne und Schwiegerſöhne. Darum habe ich nicht anders geglaubt, als daß es mein Vetter iſt, und habe ihn draußen gelaſſen auf meinem Gartenhaus, weil er morgen ganz früh abreiſen wollte, Häute zu kaufen in Krim und hatte alle ſeine Sachen bis auf den Mantelſack vorausgeſchickt.“ „Das wäre nun Jedem glaublich geweſen, nur keinem Poliziſten, und ſie fragten, warum der Vetter gekommen ſei in chriſtlichen Kleidern. „Da ſagte Abraham, es ſei wegen der Inſurgenten geweſen, habe der Vetter geſagt, denn wo die einen Juden ſehen, meinen ſie, er habe Geld und laſſen ihn nicht weiter. „Mir aber hat er einen Wink gegeben und ich habe ihn verſtanden und bin gekommen, Sie hinans zu führen, und ich hoffe, die Ruſſen wer⸗ den den Abraham in Ruhe laſſen, denn er ſtand ſich bisher noch immer gut mit der Polizei.“ „Aber der Brief an Waſa?“ fragte Adrian,„wo iſt der?“ „Leider nicht geſchrieben. Dagegen will ich Ihnen alles Geld geben, was ich bei mir habe, und Sie brauchen mir keinen Schuldſchein darüber auszuſtellen, denn ich weiß, Sie ſind ein Ehrenmann.“— Lange gingen ſie ſchweigend neben einander, ein Jeder in ſeinen eigenen Gedanken verſenkt. Für Adrian war es ſchmerzlich, daß gerade durch ihn ſeinem braven Gaſtfreunde eine Unannehmlichkeit entſtehen mußte, doch bedauerte er auch den Verluſt ſeines Mantelſackes, der Papiere enthielt, die ihm von Wichtig⸗ keit waren. Mit Jacob zu reden, dazu fühlte er gar keine Veranlaſſung, nicht, als ob er ſich eines Unrechts gegen Rebecca's Bräutigam bewußt geweſen wäre, ſondern weil er unter dieſer häßlichen Außenſeite nur Gemeinheit, Geiz und Geldgier vermuthete. Der junge Jude ſchien auch zum Reden wenig aufgelegt, er ging mit geſenktem Haupte dahin, wie Einer, der in tiefe Gedanken verſunken iſt, und als die Sonne ſich hob, legte er die Gebetbinde um ſeine Stirn und wandte all ſein Sinnen dem Ewigen zu. Doch nicht laut erklangen die frommen Worte, wie er ſonſt gewohnt war, ſie aus vollem Herzen zu Gott empor zu rufen; mit leiſe bewegten Lippen ſchritt er hinter Adrian dahin, um in frommer Scheu ſeine Andacht vor dem Andersglaubenden zu verbergen. Früh langten ſie in einem Dorfe an, und Jacob trat in eine jüdiſche Schenke und holte Milch und Brod und Eier, die er auf reinlichen Tellern vor den jungen Grafen ſtellte. „Ich kann jetzt nicht länger mit Ihnen gehen,“ ſagte er,„und es iſt auch nicht nöthig, denn der Wirth giebt Ihnen einen Jungen mit, der Sie weiter führt.“ „Iſt es noch ſehr weit?“ „Vor Abend ſind Sie da, wenn nämlich Waſa ſein Quartier noch an demſelben Orte hat. Nehmen Sie nun das Geld, daß Sie ſich können kau⸗ fen andere Kleider. Es geht kein Chriſt gern länger als Jude, als er nö⸗ thig hat.“ „Ich danke Ihnen, Jacph. 14 „Nicht Urſach; es geſchieht um Abraham und um Ihren Vater ſelig, den ich habe gut gekannt.“ „Grüßen Sie Herrn Abraham; es thut mir leid, daß ich ihm Uebles zugezogen habe.“ „Ich werde Alles ausrichten. Und nun Glück auf die Reiſe, Herr Graf!“ „Leben Sie wohl, Jacob!“— So ſchieden die beiden Jünglinge ohne Händedruck, ohne ein herz⸗ liches Wort. Mit ſchnellen Schritten und betrübtem Herzen ging Jacob heim, wie es um Abraham und um Rebecca ſtand; langſam wanderte Adrian ſeinem Ziele zu, nach dem er ſich nicht ſehnte. Unterwegs fand er Gelegenheit, andere Kleider zu kaufen, denn, wie Jacob richtig meinte, verdroß es ihn, ſchlechter zu ſcheinen, als er war; eine Zeit lang fuhr er auch mit einem Bauern, der Heu in das Lager brachte und langte ſo beim Sonnenuntergang im Hauptquartier an. Es herrſchte keine freudige Stimmung daſelbſt. Tarnow hatte ein un⸗ glückliches Treffen mit den Ruſſen gehabt, ſo daß ihm nichts übrig blieb, als ſein geſchwächtes Corps mit Waſa's zu vereinigen. Jetzt wollten beide Anführer einen entſcheidenden Schlag führen, denn bei den Entbehrungen, denen ſie ausgeſetzt waren und bei der Uebermacht der Ruſſen erforderte es einen bedeutenden Sieg, um ſich zu halten oder ein muthiges Durchſchla⸗ gen, um ſich mit anderen Heeresabtheilungen zu vereinigen. War ihnen doch die Verbindung mit Warſchau in letzter Zeit faſt voll⸗ ſtändig abgeſchnitten, ſo daß Adrian bei ſeiner Rückkehr in den Wald einen anderen und viel weiteren Weg zu machen hatte, als da er von dort zu Abraham ging. Hätte er dieſe Reiſe niemals gemacht, wäre er gleich zu dem Heere ge⸗ ſtoßen!— Doch den Menſchen führt ſein Stern und das ewige Schickſal!—— Der einzelne, ſichtlich müde Wanderer, der ohne Waffen kam, machte 1 650 kein Aufſehen in dem Lager der geſchlagenen, doch ſtets auf's Neue kampf⸗ bereiten Vaterlandsvertheidiger. Von den Wachen angehalten, ließ er ſich willig vor den wachthaben⸗ den Lieutenant führen, der in einer erbärmlichen Hütte an einem halbzer⸗ brochenen Tiſche ſaß und eine Karte ſtudirte. Das Licht einer kleinen Lampe fiel hell genug auf das Papier und be⸗ leuchtete von unten auf das mit ſtarkem Bart bewachſene Geſicht des Offi⸗ ziers, indeſſen der ganze übrige Theil des Zimmers in tiefem Schatten blieb. „Herr Lieutenant, ein Zuzügler!“ meldete die Wache. „Wer iſt der Mann?“ fragte der Offizier, vergeblich durch das Dun⸗ kel ſpähend. „Ich heiße Adrian, Graf von Woyslawice.“ „Adrian“— und der Lieutenant ſprang empor—„Adrian, aber das iſt nicht möglich!“ „Sigismund!“ Und ſie lagen einander in den Armen und drückten ſich die Hände in herzlicher Freude des Wiederſehens. „Alſo hier treffe ich Sie,“ rief Adrian,„nachdem ich Sie in Paris ſo lange vergeblich ſuchte?“ „Und was führt Sie her, verwöhntes Kind des Glückes, in dieſes Le⸗ ben voller Aufopferung?“ „Es wurde mir zu heiß in Paris, ich brauchte Abwechslung.“ „Doch Ihre Brüder— 2“ „Was weiß ich von denen?“ „Sie ſollen ſogleich Quartier haben; ich bleibe die Nacht auf Wache und mein Burſche wird Ihnen mein Zimmer zeigen. Ruhen Sie ſich aus, denn ſicherlich ſind Sie müde, wir plaudern morgen.“ „Dank Ihnen, ja, ich bin müde, denn ich komme von Warſchau und bin ſeit geſtern Nacht unterwegs.“ „Sie wollen mit uns kämpfen?“ „Freilich.“ „Ich fürchte, Sie finden dazu nur allzubald Gelegenheit, und gebe Gott, daß Ihr erſter Waffengang ein ſiegreicher ſei. Heute Nacht kann ich Ihnen noch ein Lager geben, wenn es auch hart iſt; wer weiß, wo wir morgen liegen!’“”“ Er begleitete den Freund bis zur Thür, dann führte ihn der Diener in das ärmliche Zimmer, deſſen ganzer Schmuck aus einem Strohſack und einem Schemel beſtand. Doch müde legte Adrian ſich nieder und dachte vor dem ſchnellen Einſchlafen nur noch mit einem leichten Seufzer an die ſeidenen Polſter in Abraham's Hauſe zurück. 27. Ein Unglückstag. Am anderen Morgen wurde Adrian zu dem Fürſten Waſa geführt, der ihn freundlich aufnahm und ſeiner Gattin vorſtellte. „Ihr Bruder Roger iſt mein Freund,“ ſagte Conrad,„und ſchon des⸗ wegen ſind Sie mir willkommen.“ „Mein Bruder denkt Ihrer mit Liebe und Hochachtung!“ verſetzte Adrian. „Sie waren in Paris, Sie kannten meine Schwägerin Eleonore Batory?“ „Ich kannte ſie.“ „Was wiſſen Sie von ihr?“ „Daß ſie ſchön und liebenswürdig iſt.“ „Sonſt nichts?“ „Iſt das nicht Alles, was man von einer Dame ſagen kann?“ „Waren Sie bei Ihrem Vater?“ „Ich empfing die Nachricht von ſeinem Tode durch den Juden Abraham.“ „Ah der! wie fanden Sie den wackern Mann?“ „Ich fand ihn in Heiterkeit und verließ ihn in Beängſtigung.“ „Um Gotteswillen, was iſt mit Abraham?“— Adrian berichtete, was ihm Jacob geſagt und ſah mit Erſtaunen, daß Waſa wie in großer Unruhe im Zimmer auf und ab ging und mit finſte⸗ rer Miene den Schnurrbart biß. Julia, die bis dahin ſchweigend am Fenſter geſeſſen, ſtand jetzt auf, und ihre Hände auf die gekreuzten Arme des Gatten legend, ſagte ſie ſanft: „Du mußt Jemand nach Warſchau ſenden, damit nicht größeres Un⸗ glück geſchehe.“ 3 „Aber wen? wer iſt zuverläſſig genug?“ „Wähle Sigismund Krotowski; der iſt bewährt und klug.“ „Du haſt recht, laß ihn kommen.“ Der weibliche Adjutant eilte hinaus und Conrad Waſa warf ſich in einen Stuhl und ſtrich gedankenvoll mit der Hand über die Stirn. „Was war in dem Reiſeſack, den man confiscirte?“ fragte er nach einer langen Pauſe. „Wenig Wäſche, einige Kleidungsſtücke, jene verrätheriſchen Viſiten⸗ karten.“— 3 „Keine Briefe?“ „Doch, ein Brief an Hedwig Tarnow.“ „Von wem?“ “ . 652 „Das weiß ich nicht; ich habe ihn gefunden und dachte, ihn ſelbſt an ſeine Adreſſe zu bringen.“ „Es war kein Siegel darauf?“ „Das Wappen der Familie Batory, wie ich denke.“ Conrad ſtand auf. „Gehen Sie, junger Mann,“ ſagte er mit gedrückter Stimme,„Sie treten in unſer Heer als Soldat der Freiheit, gebe Gott, daß dieſe Tage uns den Sieg und Ihnen die Epauletten verſchaffen. Uebrigens bleiben Sie in meinem Corps und werden Dienſte als Ordonnanz thun.“ Adrian bedankte ſich und verließ den Fürſten, freilich nicht ſehr erbaut von der niedrigen Stellung, die dieſer ihm angewieſen hatte.— Während Conrad Waſa in finſterem Sinnen auf und nieder ging, trat Julia mit Sigismund herein. Sogleich warf der Fürſt den Kopf empor, als wolle er um keinen Preis die Gattin ſeine tiefen Sorgen merken laſſen und ſeine gewöhnliche Heiterkeit kehrte auf die ſchönen Züge zurück. „Hier iſt ein Auftrag,“ ſagte er, dem Lieutenant die Hand reichend, „der Muth und Klugheit fordert. Wollen Sie nach beſten Kräften ver⸗ ſuchen, ihn auszuführen?“ „Wenn dieſe Kräfte ausreichen?“— „Ich vertraue Ihnen ganz, und wenn Ihnen die Sache mißlingt, ſo werde ich die Schuld nicht Ihnen, ſondern unſerem Schickſal beimeſſen.“ „Um was handelt es ſich?“. „Hören Sie. In Warſchau lebt ein reicher Jude, der durch große Schlauheit bisher alle unſere Geldverhältniſſe zu ordnen verſtand. Die National⸗Regierung ſchenkt ihm das vollſte Vertrauen und zwar mit Recht, denn er hat ſich unter den ſchwierigſten Verhältniſſen klug und treu be⸗ währt. In ſeinem Hauſe fanden lange Zeit die geheimen Sitzungen ſtatt, und ich weiß nicht, ob dies noch der Fall iſt. Die Noten der polniſchen Nation befinden ſich jedenfalls noch immer in ſeiner Verwahruug, nebſt vie⸗ len anderen Werthpapieren. Sie ſehen, der Mann iſt für uns von außer⸗ ordentlicher Wichtigkeit, und da ich ſoeben durch den Grafen Woyslawice erfahre, daß die ruſſiſche Polizei ihm auf der Spur iſt, ſo möchte ich ihm einen Mann ſchicken, der ihm hälfe, Alles bei Seite zu ſchaffen, was ihm und uns verderblich werden kann. „Kleiden Sie ſich als Bauer, als Handwerker, oder wie Sie wollen, und eilen Sie nach Warſchau. Das Haus des reichen Abraham zeigt Ihnen im Judenviertel ein Jeder; bringen Sie ihm meinen Gruß, nennen Sie ſich ihm als einen Soldaten aus dem Bataillon des Todes und ſagen Sie die Worte: Grab, Tod, Meer.“ „Ich denke, heut laſſen uns die Ruſſen in Ruhe. Wenn Sie ſich eilen, ſo ſind Sie morgen zur rechten Zeit wieder hier, um uns Ihre guten 653 Dienſte leiſten zu können. Und ſomit Gott befohlen und auf baldiges Wiederſehen!“ „Gott befohlen, Fürſt!“ Es bedurfte keiner weiteren Worte, Sigismund ging hinaus und über⸗ gab ſein Commando dem zunächſt befehlenden Offizier. Conrad Waſa aber zog ſein Weib an ſeine Bruſt. „Hier, lege Dein Köpfchen an mein Herz, Julia,“ ſagte er ſehr weich, „denn es bedarf der Linderung in dieſen traurigen Stunden.“ „Warum ſo muthlos, mein Conrad? Gab es nicht ſchon Schlimme⸗ res, als was uns jetzt bevorſteht?“ „Wohl, Julia, auch fürchte ich nichts für die gute Sache, denn die ſtirbt nicht mit uns.“ „Und wir, wenn wir ſterben, ſo geſchieht es für das Vaterland.“ „Aber, Kind, wir ſterben ruhmlos, im Walde von der Menge der Feinde eingeengt und erſtickt, ie das Wild, das die Hunde dem Jäger vor die Büchſe jagen.“ „Das gejagte Wild wird den Jägern gefährlich werden.“ „Wie ſie ihm.“ „Conrad, welch trübe Gedanken umdunkeln Deine Stirn!“— „Laß mich's geſtehen, es iſt mir oft, als habe das Glück gerade meine Waffen geflohen, als ſei Tarnow's letzter Sieg nur das Aufblitzen eines Lichtes vor gänzlichem Erlöſchen. Andere, tüchtigere Männer mögen ſtatt meiner in die Schranken treten, und mit beſſerem Verſtändniß oder mit beſſerem Stern die gute Sache weiter führen.“ „Du wollteſt den Schauplatz verlaſſen, mit geſunden Gliedern und in dieſen Gefahren?“ „Nein, Julia, ich will es nicht, denn ich kenne meine Pflicht. Aber morgen, heute ſchon vielleicht, liegen wir gefangen in ruſſiſchen Kerkern, verwundet oder todt auf abermals geknechteter Erde!“ „Woher dieſe entſetzlichen Gedanken?“ „Sie ſtammen nicht aus Muthloſigkeit, nur aus einfacher Berechnung. Mit Tarnow's Corps haben wir jetzt kaum neunzehntauſend Mann, die Ruſſen wenigſtens fünfundzwanzig. Ihnen gehört die Verbindung mit Warſchau, uns—“ 1 „Der Wald.“ „Recht, und wir wollen ihn halten, ſo lange es geht.“ „Kämpfen wollen wir, Conrad, aber dicht neben einander, daß Dein Loos das meinige ſei.“— „Du liebes Weib, ja, ſieh mir ſo in's Auge, das giebt Muth und Geiſtesfriſche. Nimm dieſen Kuß— und wäre es der letzte— Julia— ich ſterbe gern, weil ich das Glück in Deinen Armen fand!“ 654 Sie ſchmiegte ſich mit Innigkeit an ſeine Bruſt und ihre Lippen ruhten an einander. Dann drängte er ſie ſanft zurück, denn vor der Thür erklang es wie Sporengeklirr. Drei Männer traten herein und mit freier Stirn und heiterem, klaren Blick ging ihnen der Fürſt entgegen. „Willkommen, Stanislas, was giebt es Neues?“ „Schlimmes. Die Ruffen rüſten ſich.“ „So laſſen Sie unſere Leute eſſen und ſich kampfbereit machen, Ritt⸗ meiſter Tolbitzki.“ „Wir haben Viele gegen uns!“ fuhr Tarnow fort. „Viele, aber nicht viel Muth. Ich hoffe, Du fürchteſt den Zuſammen⸗ ſtoß nicht.“ „Keineswegs. Wir müſſen doch einmal aus dieſer Lage hinaus.“ „Iſt Hedwig für alle Fälle vorbereitet?“ „Sie bleibt in Wrosno bei den Kranken. Sollte mir Menſchliches begegnen, ſo weiß ich, daß ſie in Dir einen Beiſtand findet.“ „Du kennſt mich, Stanislas.“ Indem kam eine Ordonnanz, welche meldete, die Ruſſen ſeien von der Waldſeite her geſehen worden und auch auf der Dorfſtraße habe man Spuren von ihnen gefunden. „Das fängt früher an, als ich dachte,“ ſagte der General,„komm, Tarnow, laß uns nach den Leuten ſehen.“ Bald begann im Lager ein kriegeriſches Leben der bewegteſten Art. Conrad ließ Speiſe vertheilen und ſah ſelbſt danach, daß Jedem reich⸗ lich davon wurde. Zwiſchen den Eſſenden auf und abgehend, redete er mit heiteren Worten ihnen Muth zu dem bevorſtehenden Kampfe ein. Dann beſichtigte er die Munition, die Waffen, und thätig wie er durchwandelte auch Stanislas Tarnow das Lager, bis Beide ſich davon überzeugt hatten, daß Alles ſo gut wie möglich in Ordnung ſei und nichts fehle, wo nicht das Glück. Die bärtigen Krieger rüſteten ſich nun ſelbſt zum Streit, Senſen wur⸗ den geſchliffen, Büchſen geputzt, Patrontaſchen gefüllt. Alles brannte vor heißer Kampfbegierde und der Haß gegen die Feinde flammte auf allen Geſichtern. Schon in voller Uniform that Adrian ſeinen erſten Dienſt und Conrad Waſa ſchonte nicht die Kraft des jungen Mannes. Als Ordonnanz mußte er hier und da Meldungen machen, den ver⸗ ſchiedenen Offizieren ihre ſchriftliche Inſtruction überbringen, nnd da Waſa raſch und kurz in ſeinen Befehlen war und leicht ungeduldig werden konnte, wenn nicht Alles ſo ausgeführt wurde, wie er es ſich gedacht, ſo hatte der — 65⁵ junge Graf zu eilen und ſah ſich bald in einer ungewohnten Thätigkeit, deren Aufregung ihm zuſagte. Das bewegte Lagerleben, die Spannung, in der ſich ein Jeder befand, belebten Adrian's Geiſt und bald fühlte er ſich heimiſch in dem ſeltſamen Treiben, kannte die Abzeichen aller Regimenter, alle Fahnen, alle Offiziere und brannte vor Begierde, auch die Ruſſen kennen zu lernen. Dennoch kam der Nachmittag heran und ſchon erwartete Conrad einen ſpäten oder gar nächtlichen Ueberfall, als ganz in der Nähe die erſten Büchſen knallten. Hurrah und Huſſah! In einem Augenblicke ſtand Alles auf ſeinen Poſten. Wie vom elektriſchen Draht bewegt, ordnete ſich die ganze Menge zu einem gemeinſamen Anprall gegen die Feinde. Die Senſenmänner voraus, ging es im Laufſchritt gegen die Ruſſen los, die wankten, wichen und ſich erſchrocken zurückzogen. Hurrah und Haſſah! So ſchlugen die Polen in das feindliche Heer, jauchzend und zähneknirſchend, mit dem letzten Todesröcheln auf den Lippen oder im wilden Sprunge, wie der Tiger auf ſeine Beute ſtürzt. Hurrah und Huſſah! Und die Feinde fliehen, hierhin, dorthin, und ohne daß der General es zu verhindern vermag, eilen die Polen verfolgend hinterdrein. „Laßt Sammeln blaſen, ſchnell!“ rief Waſa, und Julia ſprengte davon. Aber die wüthenden Schaaren hörten nicht auf den bekannten Ton. Immer tiefer drangen ſie in den Wald den fliehenden Ruſſen nach, die hierhin und dorthin ſtoben. Das löſte die geſchloſſenen Reihen. Und nun von der anderen Seite dringen Feinde in immer dichteren Schaaren heran, vom Walde, vom Dorfe, von der Landſtraße her wimmelt es von Ruſſen, und die Freiheitskämpfer, die jetzt mit Entſetzen auf den Geſichtern ſich um ihre Führer ſchaaren, ſind umzingelt. Hier gilt es nichts, als einen heldenmüthigen Tod zu ſterben. Conrad Waſa erſpäht mit Stanislas die Stelle, wo die Kaiſerlichen am ſchwächſten ſind, dann ordnet er ſeine Leute nach dieſer Seite hin. Aber das iſt nicht leicht, denn der Kampf tobt furchtbar, Mann an Mann mit der Wuth des Todesmuthes, des Todeshaſſes ſchlagen die Feinde auf einander. Kein Schuß wird mehr gehört, mit dem Bajonette, der Senſe, dem Kolben morden ſich die Erbitterten, und mehr als je galt hier des Dichters Wort:„Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen.“ Endlich war es den Anführern gelungen, eine Schaar um ſich zu ſammeln, doch ach, wie gering war ihre Zahl! Waren die Uebrigen verſprengt, verwundet, gefangen oder todt— ſie hatten keine Zeit, es zu fragen. 22 —— 656 „Brüder, lieber ſterben, als ruſſiſche Gefangenſchaft!“ rief Waſa, und heldenkühn voranſprengend, ſein treues Weib an einer, ſeinen Freund an der anderen Seite, ſtürzte er auf die Fande los, wie Winkelried der Freiheit eine Gaſſe bahnend. Vor ihm ſtürzten ſechs Feinde, von ſechs Piſtolenſchüſſen durchbohrt, und über ihre zuckenden Leichen ging es hinweg, die tapferen Freiheits⸗ kämpfer hinterdrein. Zu beiden Seiten fielen die Feinde wie Aehren auf dem Felde, durch das die Sichel mäht, und furchtbar wüthete hier die Sichel des Todesengels, der ſeine Beute mit kalten Armen umfing. Und jetzt waren ſie durchgebrochen durch die dichten Feindesmaſſen, die erſchrocken ſtanden und ſtarrten und dieſen Heldenmuth nicht faſſen konnten. Doch plötzlich machten beide Parteien wieder Kehrt und ſtanden Antlitz an b Antlitz einander gegenüber. Den Wald als Wall und Schutzwehr benutzend, zog Waſa ſich mit den Seinen in das dichteſte Dunkel zurück, Schritt vor Schritt wichen die Tapferen, immer ſchießend, immer fechtend, eine Flucht, die muthiger war, als der kühnſte Angriff. Hinter jedem Baume hervor knallte ein Schuß und traf ſein Ziel, und der tapfere Schütze ging ladend dem nächſten Stamme zu, um abermals zu ſchießen und zu treffen. So kam die Nacht heran und machte der Flucht und der Verfolgung ein Ende. Ermattet bis zum Tode ſtürzten viele der Polen zur Erde nieder und erſehnten die Kugel, die ſie verſchonte. 3 Fünf Stunden des Kampfes, der gräßlichſten Aufregung— mit lech⸗ zender Lippe trockneten die Tapferen die feuchte Stirn und athmeten trüb und ſchwer. Waſa und Stanislas ſchritten zwiſchen den Ihren auf und ab.„Lebſt Du noch, Taddeus? Was mag aus Bogumil geworden ſein? Weiß Nie⸗ mand mir vom jungen Woyslawice zu ſagen?“ Das waren Fragen, mit denen ſie den kleinen Reſt der Freunde be⸗ grüßten, traurige Fragen, die traurig beantwortet wurden. „Frewwillige vor!“ hieß es jetzt. Nur zehn Mann hatten noch Körper⸗ und Geiſteskraft genug, ſich zu melden. „Wir brauchen Waſſer, Freunde,“ ſagte Stanislas,„denn unſere: Verwundeten leiden furchtbar. Geht, holt uns die Erfriſchung, wo Ihr ſie findet.“ 5 Und indeſſen ſie ſich im Walde Feiſthente traten die Offiziere zu einer Berathung zuſammen. „Was thun?“— 657 Es wußte Niemand eine Antwort auf dieſe Frage. Fliehen oder in die Hände der Ruſſen fallen, das war die ſchreckliche Wahl, die hier, die ſogleich getroffen werden mußte. Aber fliehen, und die Verwundeten den Feinden überlaſſen—— Oder weiter kämpfen und dem Henkerbeil der Ruſſen verfallen, ohne dennoch die Freunde retten zu können— „Ich würde für das Letztere, als für das Ehrenvollere ſtimmen,“ ſagte Conrad Waſa,„aber ſeht, ob ein ſolcher Führer Euch nützen kann.“ Und den Dolman zurückſchlagend zeigte er ſeinen rechten Arm, den eine Kugel zerſchmettert hatte. Seit zwei Stunden focht der heldenmüthige Fürſt unter namenloſen Schmerzen mit der linken Hand. Julia ſtieß einen lauten Schrei bei dieſem Anblick aus. „Wir müſſen nicht uns allein, wir müſſen die Mannſchaft befragen!“ meinte Stanislas. „Gut, zähle ſie und höre ihre Meinung.“ Stanislas ging zu den Lagernden und ſtellte den Verſtändigſten unter ihnen die Lage der Dinge vor. „Oberſt,“ ſagte ein älterer Krieger, der manch einen blutigen Kampf, doch keinen ſo ſchrecklichen wie dieſen geſehen hatte,„Oberſt, heute Nacht iſt Keiner von uns noch fähig, nur einen Schuß zu thun, und wenn wir bis morgen keine Nahrung haben, nehmen uns die Ruſſen ſo ſicher, wie die Katze die Maus. Aus ſolch einer Falle aber rettet ſich der Einzelne leichter als ein Haufen, mag er auch noch ſo klein ſein. Löſen Sie darum das Corps auf; wir finden uns an anderem Orte glücklicher wieder zu⸗ ſammen. „Wie viele ſind wir noch?“ „Wir waren achtzehntauſend; hier mögen etwa elfhundert liegen. Möglich, daß Andere im Walde zerſtreut ſind— jedenfalls ſind es nicht genug, um ſo zahlreichen Feinden noch einmal gegenüber zu treten. „Der Fürſt iſt verwundet und unfähig, das Commando weiter zu führen; ich ſelber habe einen Säbelhieb in der Schulter und einen Streifſchuß am Bein— und doch— wie iſt es ſchwer, die gute Sache aufzugeben, ſo lange noch ein Tropfen Blut im Herzen pulſirt.— „Der Fürſt und Sie, Oberſt, haben viel für Polen gethan, viel und genug. Gehen Sie nach ſolchen Opfern, Geſundheit und neue Kraft zu gewinnen.“ „Doch die Leute, ſollen ſie ohne Führer bleiben?“ „Laſſen Sie je zehn Maun unter einem Gefreiten ihren Weg ſuchen; bei Taczanowski treffen wir uns Alle wieder.“ „Und die Verwundeten?“ „Schleppen ſich zum nächſten Dorf und finden freundliche Aufnahme Phantom Polens. III. Band. 4 2 42 658 und Verpflegung. Glauben Sie es einem alten Soldaten, Oberſt, es iſt am beſten ſo, weil es nicht anders geht.“ „Ich will es den Offizieren berichten.“ „Der Alte hat Recht,“ ſagte Conrad Waſa, als er dieſe Nachricht em⸗ pfing,„es bleibt uns kein anderes Mittel, als das, uns zu zerſtreuen und einzeln den Anſchluß an ein größeres Corps zu ſuchen. Laßt uns den Rath befolgen und zwar ſo lange die Nacht und die Müdigkeit der Ruſſen uns begünſtigen.“ Indem kamen die ausgeſandten Freiwilligen mit Waſſer zurück. Sie berichteten, daß zahlreiche Ruſſen nicht weit von da im Walde lagerten, doch bewieſe die bei ihnen ungewöhnliche Stille, daß ſie ſehr müde ſein mußten. Stanislas ließ die Verwundeten tränken und ſo gut es ging, verbin⸗ den. Hier fehlte es an einer ſchnellen und geſchickten Hülfe, wie Sigismund Krotowski ſie kürzlich zu verſchiedenen Malen geleiſtet, und die Wunden wurden von bereitwilligen, doch mitunter plumpen Händen durch Moos und Erde geſtopft, mit zerriſſenen Montirungen umwickelt, dem Patienten ein Baumzweig als Stab in die Hand gegeben und die Sehnſucht nach Frei⸗ heit erſetzte dem Dahinwankenden die fehlenden Körperkräfte. Es war eine jammervolle Scene, als die Leute zuſammentretend von ihren Führern Abſchied nahmen, um in der Flucht Befreiung vor Knuten⸗ hieben, vor Sibirien und dem Henkerbeil zu ſuchen. Conrad Waſa reichte den Scheidenden ſeine linke noch unverwundete Hand und verſuchte es, ihnen Muth und die Hoffnung auf ein Wiederſehen zuzuſprechen. Julia tröſtete die Verwundeten ſo gut ſie es vermochte— dann gingen die Einen lautlos nach Weſten, die Anderen nach Süden. Man hatte es für gut befunden, daß die Kranken bei einander blieben, damit ihr langſamer Gang nicht die Geſunden an ſchnellerem Fortkommen hinderte, und es war elend, die bleichen Jammergeſtalten mühſam dahin wan⸗ ken zu ſehen, indeſſen die allzu ſchwer Getroffenen mit thränenden Augen den Todesſtoß erflehten, der ſie vor Leiden und Gefahren erretten ſollte. Mitternacht war vorüber und nichts als ein leiſes Kniſtern dürrer Zweige verrieth den Weg der Fliehenden. Einige krochen in Erdhöhlen, um zu ruhen und günſtigere Gelegenheit abzuwarten; andere wateten durch Gräben, ſchwammen durch Waldſeen, verbargen ſich in hohlen Baumſtäm⸗ men, oder waren glücklich genug, ein frei umherirrendes Pferd zu finden, das ſie ſchnell dem rettenden Dorfe zuführte. Am längſten waren Stanislas Tarnow, Conrad Waſa und Julia auf dem Platze geblieben und erſt jetzt geſtattete der Fürſt es ſeiner Gattin, ſei⸗ nen furchtbar ſchmerzenden Arm zu verbinden. Wir haben mancherlei Gefahr gemeinſam beſtanden,“ ſagte er, dem — —— Freunde die Hand bietend,„vielleicht hilft uns die heilige Jungfrau auch aus dieſer.“ „Weiß ich nur meine Hedwig erſt in Sicherheit, ſo fürchte ich nichts mehr!“ verſetzte Tarnow. „Das eben wollte ich ſagen!“ begann Julia.„Da es ganz gleichgül⸗ tig iſt, wohin die Flucht ſich wendet, denn überall umgeben uns gleiche Ge⸗ fahren, ſo laßt uns nach Wrosno gehen und Hedwig beſuchen; wir finden dort, was wir am nöthigſten gebrauchen, Charpie und Medizin.“ „Auch ich bin dafür, zu Hedwig zu gehen,“ bemerkte Conrad,„doch nicht um der Pflege willen. Dieſer Arm heilt, wie ich fürchte, nicht ſo ſchnell, und Hedwig's Zuſtand bedarf der zarten Schonung, wie ſie in den jetzigen traurigen Verhältniſſen nicht möglich iſt. Wrosno liegt nicht allzu⸗ weit von der Grenze und ich achte es nicht für Schmach, wenn wir unſere Wunden auf fremdem Boden heilen.“ „Du haſt recht,“ antwortete Stanislas,„ganz recht um Deinet⸗ wie um Hedwigs willen. So führe denn mein theures Weib nach Deutſchland oder nach der Schweiz und mich laß hier, um die Zerſtreuten zu ſammeln und abermals gegen die Feinde zu führen.“ „Du ſelbſt biſt verwundet, Stanislas,“ ſagte Julia,„und Hedwig wird nicht ohne Dich das Land verlaſſen;— was ſollte ſie auch da, wo die ſich dem Lichte erſchließenden Augen ihres Kindes weder ein Vaterland noch einen Vater ſähen?“— „Julia ſpricht wahr,“ beſtätigte Conrad;„wir Alle müſſen fort von hier und Ruhe und Geneſung finden; aber jetzt von hinnen, meine Lieben, ehe der dämmernde Tag unſere Reiſe allzu gefährlich macht.“— Sie nahmen von ihren Uniformen die Abzeichen, die ſie ſchnell verra⸗ then haben würden und machten ſich auf den Weg. Ein Jeder war mit Dolchen und Piſtolen verſehen, doch erubredete man, daß nur im Falle der äußerſten Noth ein Schuß gethan werden dürfe. Bis zum Sonnenaufgang begegnete ihnen kein Feind, nur todte und verwundete wimmernde Landsleute trafen ſie in Menge und entſetzlich war es ihnen, an ſolchen Leidenden vorüber gehen zu müſſen, ohne ihnen Linde⸗ rung und Hülfe bringen zu können. Mit großen Schwierigkeiten hatten ſie zu kämpfen, denn da Niemand von ihnen genau den Weg kannte, ſo folgten ſie allein der Richtung, die der Stand der aufgehenden Sonne ihnen zeigte. Conrad Waſa, bei dem kaltfeuchten Morgennebel vom Wundfieber ge⸗ ſchüttelt, Stanislas Tarnow, der ſeine Streifwunde am Bein immer ſchmerzlicher empfand, Julia, der nur die geiſtige Kraft und grenzenlofe Liebe zu ihrem Gatten die Ausdauer verlieh— alle Drei ſahen mit tiefer Beſorgniß dem neuen Tage entgegen. 8 660 8 Jetzt jagte ein Trupp Koſaken an ihnen vorbei und ſie warfen ſich platt in das hohe Gras, um nicht bemerkt zu werden. Jetzt hinderte ein Bach ihren Weg, und auf rohe Wanderſtäbe geſtützt ſtiegen ſie hinein und wateten bis an die Hüften in dem kalten Waſſer. Einmal fanden ſie fünf Ruſſen, die bei ihrem Anblick von der Erde empor ſprangen und ſich jubelnd auf ſie ſtürzten.. In einem Augenblicke lagen drei von ihnen erdolcht und ohne einen Todesſeufzer auszuſtoßen auf der Erde. Die beiden Anderen ſanken in die Knie und flehten um Gnade. Sie mußten ausſagen, wo die Feinde ſich aufhielten und thaten es, indeſſen die Dolchſpitzen auf ihrer Bruſt funkelten, dann ließ man ſie in Freiheit ziehen. Jetzt riß Conrad Waſa ſeine Gattin zurück, weil eben ihr Fuß auf eine giftige Natter treten wollte, dann mußte Tarnow den immer ſchwächer werdenden Freund halb ſtützen und halb tragen, und dabei quälte ſie der immer fühlbarer werdende Hunger, und ehe der Mittag kam und ihnen die naſſen Kleider am Leibe trocknete, waren ſie ſo matt geworden, daß ſie raſten und überlegen mußten, was zu thun ſei. Ein Storch, der über ihnen dahinflog, wurde ihre Rettung. „Er trägt eine Schlange im Schnabel,“ ſagte Tarnow,„das heißt, er bringt ſie ſeinen Jungen, denn ſonſt hätte er ſie gleich verſchluckt. Doch wo ein Storchneſt iſt, da iſt auch ein Dorf, drum laßt uns ſehen, wohin der Vogel fliegt.“ Er flog der Richtung zu, in welcher ſie bisher gewandert waren und mit erneuter Hoffnung folgten ſie ſeinem Zuge. Sie pflückten grüne Sproſſen von den Geſträuchen und aßen ſie, ihren Hunger zu bekämpfen, und es gelang ihnen durch häufiges Trinken an küh⸗ len Quellen, ihre Mattigkeit zu befiegen. Endlich lichtete ſich der Wald, als ſchon die Nachmittagsſonne leuchtete, ein freies Feld erſtreckte ſich faſt unüberſehbar vor ihren Blicken und nur Tarnow's ſcharfes Auge vermochte es, am Rande des Horizontes eine kleine weiße Rauchſäule zu entdecken. Aber wie ſchwer ward ihnen der Weg! Die Sonne brannte heiß, ihre Lippen lechzten, ihre Pulſe ſchlugen matt. „Du kannſt nicht mehr weiter, Julia?“ „O doch, doch, denn nun ſehe ich ſelber Rauch.“ Und noch eine lange, peinvolle Stunde, da tritt ein Kirchthurm aus dem Gebüſch hervor und winkt den Wandernden, als wolle er es ihnen zu⸗ rufen, daß Gott noch lebt und ihrer denkt, und nun ſehen ſie Dächer und Hütten und jetzt kommen ihnen Landleute entgegen.— Es war die höchſte Zeit; fieberglühend taumelte Waſa ihnen entgegen, mit ſchwacher Stimme um Hülfe und Obdach bitten. „Wer ſeid Ihr?“ fragten die Bauern verwundert, als ſie die drei Lei⸗ densgefährten ſahen.. „Polen!“ verſetzte Stanislas. „Von welchem Corps?“ „Waſa und Tarnow.“ „O, dann willkommen; wir haben viel Freunde bei denen. Hier, trinkt einmal aus dieſer Flaſche und da iſt noch ein Bischen Brod, ein Reſtchen Speck und kommt nur mit, drüben in Wrosno wird die edle Gräfin Tarnow Euch pflegen.“ Wrosno, das war das Ziel, nach dem ſie ſtrebten und ſie hatten es er⸗ reicht, ohne ſeine Nähe zu ahnen. Im Dorfe angelangt erhielten ſie Speiſe und Trank und einen Wagen, der ſie ſchnell zu Hedwig brachte. Hedwig hatte bereits von dem Unglück ihrer Landsleute gehört und wartete in der peinlichſten Angſt auf Nachrichten von ihrem Gatten, jetzt kam er ſelber und mit welcher Wonne ſchloß ſie den geretteten und ſo heiß geliebten Mann in ihre treuen Arme!— Eine Nacht der ungeſtörten Ruhe gab den Flüchtigen neue Kräfte und neuen Muth, doch da ſie erfuhren, daß die Ruſſen die ganze umliegende Gegend bis über Warſchau hin beſetzt hielten, ſo befeſtigte ſich in ihnen der Gedanke, ein Land zu verlaſſen, dem ſie für den Augenblick nichts nutzen konnten. Ein Bauerwagen und ländliche Tracht waren ſchnell zu beſchaffen, an Gepäck hatten ſie wenig genug bei ſich und Geld fanden ſie im Auslande ſicherer als daheim, denn ein Jeder hatte bei Zeiten in ſichere Hände gelegt, was ſonſt in die der Ruſſen gefallen wäre; für unſere Freunde aber, von denen vorzüglich der Fürſt Waſa ein unermeßliches Vermögen beſaß, hatte Abraham mit großer Schlauheit den Grundbeſitz verkauft und das baare Geld in der Londoner Bank deponirt. 28. RKache. Sigismund Krotowski hatte ſeine Uniform ab⸗ und den Schnurrbart eines polniſchen Studenten angelegt und ritt auf ſchnellem Pferde der Hauptſtadt zu. matten Auges wankte Julia auf ſie zu und ſelbſt Stanislas konnte nur 662 Er fand nicht viele Hinderniſſe auf ſeinem Wege; die Ruſſen, die ſich auf einen entſcheidenden Angriff vorbereiteten, ruhten und tranken und hör⸗ ten nicht auf den Hufſchlag des Roſſes, das nahe genug an ihnen vorüber trabte. Auch wußte er den nächſten Weg als den offenſten; er eilte, aus dem Walde und auf die große Fahrſtraße zu kommen und bald erſchien er nicht anders, als wie ein Sohn reicher Eltern, der, weil die Univerſität geſchloſ⸗ ſen war, ſeine müßige Zeit zu einem Spazierritt benutzte. Seinen Bart hatte er abgeſchnitten, ſeinem Haar einen möglichſt mo⸗ dernen Anſtrich gegeben und Niemand hätte in dem jungen Stutzer, der die Lorgnette in das Auge kniff, den glühenden Freiheitskämpfer entdeckt. Vor der Judengaſſe ließ er ſein Pferd ſtehen und übergab es einem Schankwirthe, daß er es füttere. „Ich bin ein wenig toll geritten,“ ſagte er,„und mein cher pDapa brummt mit mir, wenn ich das Thier ſo heiß nach Hauſe bringe. Geben Sie ihm Hafer, ich gehe indeſſen, mir die hübſchen Mädchen anzuſehen; ſa⸗ gen Sie mir doch, wo ich die ſchönſten finde?“ „Die Schoͤnſte,“ antwortete der geſchmeidige Wirth,„iſt des reichen Abraham's Rebeckchen, kommt aber ſelten an's Fenſter und noch ſeltener auf die Straße, außer im geſchloſſenen Wagen, oder am Sabbath, wo wir nicht fahren dürfen.“ „Wo wohnt das holde Kind?“. „Rechts um die Ecke das dritte Haus, wo die Eiſengitter unten an den Fenſtern ſind.“ „Gut, wollen ſehen, ob ſich das Täubchen locken läßt.“ Ein Liedchen pfeifend ſchlenderte er die ſchmutzige Gaſſe hinab; dann, 4 als er um die Ecke gebogen war, nahm er plötzlich einen ſchnellen, feſten Schritt und klopfte mit ernſter Miene an dem Hauſe des alten Abraham. Ein chriſtlicher Diener öffnete. „Herr Abraham zu ſprechen?“ —— „Wahrſcheinlich.“. „Ich komme von Roſenheim, Sohn und Compagnie in Brody, und bin hier accreditirt.“ 3 en „Treten Sie hier herein, ich werde Sie melden.. 4 Er fand ſich in demſelben Zimmer, in welchem zwei Tage vorher Adrian gon Woyslawice auf den alten Abraham gewartet hatte. 4 4 Dieſer ließ den ihm gemeldeten Fremden auch diesmal nicht lange vergeblich harren und bald ſtand er vor Sigismund mit ſeinen klugen Augen, ſeinem feundlichen Munde, ſeinem weißen Barte und kahlen Schei⸗ tel und betrachtete den Ankömmling, der ſich tief verneigte. „Roſenheim, Sohn und Compagnie,“ ſagt mir mein Diener—„aber ich kenne die Firma nicht.“ 8 3 4 — * „So kennen Sie doch den Fürſten Conrad Waſa?“ fragte Sigismund leiſe und dicht vor den Alten hintretend,„er ſendet mich.“ „Den Fürſten kenne ich wohl, denn ein Geichiſtemann wie ich kennt alle Welt. Aber was iſt es mit ihm?“ „Er ſendet Ihnen ſeine Grüße und die Parole: Grab, Tod, Meer.“ „Ah! Aber wir waüm doch hinaufgehen, meine Frau wird ſich freuen, den Neffen eines alten Geſchäftsfreundes kennen zu lernen.“ Der Alte ſagte es laut, denn ganz leiſe kniſterte es hinter der Tapete, als raſchle dort eine Maus oder— ein Lauſcher. „Geh hinauf, Wilhelm, und melde den Damen, daß ich gleich oben komme mit dem Herrn Neffen von Roſenheim, Sohn und Compagnie aus Brody.“ Doch während er es hinaus rief und der Diener die Treppe hinauf eilte, flüſterte er Sigismund zu: „Sie ſehen doch nicht aus wie ein jüdiſch Kind.“ „So bin ich getauft.“ „Wo logiren Sie?“ „Ich denke in das beſte Hotel zu gehen; ich habe einen franzöſiſchen Paß, der mich im Nothfall ſchützt.“ „Sehr gut, nun kommen Sie hinauf, denn oben ſind wir ſicherer als hier.“ Sigismund folgte dem Alten; doch ließen ſich die Damen entſchuldi⸗ gen, ſie ſeien noch bei der Toilette. Abraham ließ Frühſtück bringen und ſo oft der Diener das Zimmer betrat, redete er von Brody, das er kannte, vom Geſchäfte, von alten Zeiten, die er mit dem Onkel ſeines jungen Gaſt⸗ freundes verlebt, und Sigismund ſtimmte ganz in denſelben Ton mit ein. „Nun, was befiehlt der Fürſt?“ fragte der Alte, als ſie ſich endlich allein ſahen. „Er iſt um Ihretwillen in Sorgen. Der Graf Woyslawice berich⸗ tete von einer Hausſuchung.“ „Ach der! Unglück hat er über mein Haus gebracht.“ „Der Fürſt meint, daß Sie mich benutzen möchten, Gefahren zu be⸗ ſeitigen.“ „Die Druckerei der Banknoten iſt ſchon ſeit voriger Woche fortgeſchafft, die National⸗Regierung iſt benachrichtigt und ich denke, ich kann morgen auch die Papiere in ſichere Hände legen.“ „Morgen erſt?“ „Es geht nicht ſchneller. Ich kann nichts aus dem Hauſe bringen, ſo ſehr bin ich bewacht.“. „So geben Sie mir die Sachen. 44 „Geht nicht, junger Herr, ich hubs geſchworen, fie r nur einem Mitglied der Regierung zu überliefern.“ 1 „Ich darf alſo den Fürſten beruhigen?“ „In ſo weit, ja, und die Schuld liegt nicht an mir, wenn die Ruſſen noch einmal kommen und die Banknoten finden. Wäre der Graf Adrian ſo klug geweſen, wie Sie, ſo wäre Alles gut geblieben.“ „Worin beſtand ſeine Schuld?“ „Daß er iſt gereiſt mit falſchem Paß und echten Viſitenkarten, daß er gekommen iſt in mein Haus am Sabbath, wo ein Jude keinen Gaſt hin⸗ ausweiſt und iſt vor den Leuten aufgetreten als ein Graf und hat ſein Portemonnaie mit ſeinem Wappen im Rock ſtecken laſſen.“ „Das iſt unvorſichtig, allein Adrian kennt die Verhältniſſe nicht.“ „Dann iſt geweſen in ſeinem Reiſeſack ein Brief an Hedwig Tarnow und die Ruſſen haben ſich gefreut und Mouravieff hat laut gelacht, als er ihn las.“ „Ein Brief an Hedwig Tarnow— von wem mag der geweſen ſein?“ „Ich denk von der Gräfin Eleonore in Paris, denn das Batoryſche Wappen war auf dem Siegel.“ „Was ſollte Eleonore Hedwig zu ſchreiben haben?“ „Das weiß ich nicht, aber beſchwören kann ich, daß ſie nicht iſt werth zu fein ihre Schweſter.“ „Sie irren, Julia Waſa iſt Eleonorens Schweſter.“ „Ganz recht, ganz recht; ich bin ein alter Mann und mein Gedächt⸗ niß verirrt ſich. Was aber auch Eleonore Batory oder ihre Mutter geſchrie⸗ ben haben mögen, es kann nur Unheil über Hedwig bringen.“ „Und das droht ihr noch von anderer Seite.“ „Ich habe ſie gekannt, ſeit ſie geweſen iſt ein ganz kleines Kind. Da⸗ mals lebte ſie bei dem Bauern Demko und wuchs auf wie eine Blume auf dem Felde. Da kam die Fürſtin Orlanoff und ſagte mir, Abraham, ſagte ſie, heut Nachmittag habe ich ein Rendezvous in Deinem Hauſe. Mein Haus iſt zu Ihrem Befehl, gnädigſte Frau, ſagte ich und wirklich, am Nachmittag kam der Bauer mit dem Kinde und die Fürſtin trug das kleine Mädchen in ein anderes Zimmer und wie mir nachher meine Frau ſagte, hat ſie es entkleidet und wieder angezogen und geküßt und dann geſagt: Dir, Kind, gilt meine Rache nicht.“ „Seltſam, höchſt ſeltſam.“ „Ja, es war eine große Frau, die Fürſtin Orlanoff, groß in ihrer Lei⸗ denſchaft und groß in ihrer Liebe für das Vaterland. Als ihr Sohn ge⸗ ſtorben war und Julia den Fürſten und Hedwig den Grafen Tarnow hei⸗ rathete, da kam ſie eines Abends zu mir und ſagte, Abraham, um das Ge⸗ heimniß meines Lebens wiſſen nur zwei Menſchen, Du und noch Einer, aber der Eine weiß nur das falſche, und iſt wohl längſt ſchon todt, Du allein kennſt das Richtige. Darauf gab ſie mir ihr Teſtament.“ — 5— 3 „Kennen Sie ſeinen Inhalt?“ „Wie ſollt ich? Die Fürſtin war verſchwiegen wie das Grab, in das ſie bald danach ſtieg. Ich aber habe aufbewahrt das Teſtament wie ein Heiligthum— und wiſſen Sie, junger Freund, weswegen ich Ihnen das Alles ſage?“ „Ich weiß es nicht, aber es erregt meine vollſte Theilnahme.“ „Nun ſehen Sie: Weil Conrad Waſa Sie zu mir ſchickt, ſo weiß ich, Sie ſind ſicher und ich kann mich Ihnen anvertrauen, und weil Sie ſind gekommen als von Roſenheim, Sohn und Compagnie, ſo weiß ich, Sie ſind klug. Die Ruſſen haben mich in Frieden gelaſſen, ſeitdem ſie bei mir Hausſuchung gehalten haben und nichts gefunden, aber wer ſteht mir da⸗ für, daß ſie nicht wieder kommen und binden den alten Abraham und ſchlep⸗ pen ihn nach Sibirien. Ich aber habe Angſt um den Brief an Hedwig Tarnow, als wäre ſie mein leiblich Kind, denn meine Aufpaſſer bei der Polizei haben mir geſagt, daß Mouravieff hat laut gelacht, als er geleſen den Brief, und wenn der lacht, ſo iſt es ein böſes Zeichen und bedeutet Un⸗ glück. Nun habe ich bisher keinem Menſchen nur ein Wort geſagt vom Teſtament der Fürſtin Orlanoff und wo ich es habe verborgen, jetzt aber drängt es mich, daß ich es einem zuverläſſigen Manne mittheile, damit, wenn ich nicht mehr vorhanden bin, das Teſtament in die richtigen Hände kommt.“— „Sie können feſt auf mich bauen; mir ſelber liegt das Schickſal Tar⸗ now's am Herzen und Conrad Waſa hat ſich meine vollſte Bewunderung erworben.“ „Das Teſtament enthält wohl ſchwerlich Beſtimmungen über Geldver⸗ hältniſſe. Biruta Krafinska hatte kein Vermögen, als ſie ſich verheirathete mit dem Fürſten Orlanoff, denn was ihr Vater beſaß, war von den Ruſſen confiscirt; darum fiel Alles, was ſie hinterließ, den Verwandten ihres Man⸗ nes zu. Sie aber ſagte zu mir, Abraham, ſagte ſie, über den Tod hinaus dauert meine Rache nicht, wohl aber meine Liebe. Ich habe nur einen Menſchen glühend heiß geliebt, Du weißt wohl, wen ich meine, und ich wußte es auch, es war Stanislas Tarnow. Nun, ſagte ſie weiter, kann aber aus dem Samen meines Haſſes blutige Frucht entſtehen für die, welche nicht ſchuldig ſind an meinen Leiden und das will ich verhindern. Darum, wenn Julia Waſa oder Hedwig Tarnow, die ich wie meine Töch⸗ ter anſehe, Gefahren drohen, ſo gieb Du ihnen dieſen Brief, er enthält Alles, was ihnen über mich, über den Grafen Batory und über ſie ſelbſt zu wiſſen noth thut. Und ich nahm den Brief und bewahrte ihn wie ein an⸗ vertrautes Pfand; als aber vorgeſtern ſind gekommen die Ruſſen und haben zum guten Glücke und dem Gott unſerer Väter ſei es tauſend Mal ge⸗ dankt, nicht gefunden den Brief, da hab ich zu mir ſelbſt geſprochen: Abra⸗ 666 ham, ſei vorſichtig und klug, denn die Zeiten ſind ſchlimm und die Bosheit der Menſchen iſt groß. Und ich bin hinaus gegangen in meinen Garten vor der Stadt, wo ich habe errichtet meinem Vater ſelig ein Monument ſchon vor zehn Jahren und es iſt an dem Monument ganz unten, wo die Löwenköpfe in Stein gehauen ſind, ein kleiner Stift von Eiſen, wenn man den drückt, ſo hebt ſich die ganze Säule, daß man kann hinein faſſen mit der Hand in einen Kaſten von Eiſen und darin ſteht ein Kaſten von Zink⸗ blech, der iſt verſchloſſen und liegt das Teſtament der Fürſtin Orlanoff darin und zehntauſend Rubel, die ich noch habe in Verwahrung gehabt von ihr, als ſie ſtarb. Den Kaſten werden Sie dem Fürſten Waſa bringen oder dem Grafen Stanislas Tarnow, wenn der alte Abraham vielleicht bald nicht mehr iſt.“— Sigismund reichte dem Alten die Hand und verſprach ihm, treulich ſeiner Weiſung zu folgen. Nun kamen auch die Damen, und Abraham ſtellte ihnen den Neffen von Roſenheim, Sohn und Compagnie vor, und lud ihn ein, zu Mittag bei ihnen zu bleiben. Dies aber lehnte Sigismund dankend ab. Er hatte ſein Pferd ſchon zu lange bei dem Schankwirthe gelaſſen, den Abraham ſelbſt nicht für ganz zuverläſſig erklärte, doch nahm er die Aufforderung, den Abend mit der Fa⸗ milie zu verleben, gern an. Bis in den Hausflur begleitete ihn der Alte. „Adieu, lieber Herr Roſenheim!“ ſagte er laut genug, daß die lauſchen⸗ den Diener es hören konnten.„Sehen Sie ſich Warſchau an und kom⸗ men Sie am Abend hübſch zeitig, denn wenn auch Ihr Vater und Ihr On⸗ kel haben abgeſchworen den Glauben ihrer Väter und Chriſtinnen geheira⸗ thet, ſo ſind ſie doch geblieben meine Freunde und der Neffe wird auch mein Freund ſein und willkommen in meinem Hauſe.“ Damit ſchüttelten ſich die beiden Männer die Hände und Sigismund trat pfeifend bei dem Schankwirthe ein, ſein Pferd zu holen. „Allerliebſte Mädchen,“ ſagte er, indeſſen er es beſtieg,„echt orienta⸗ liſche Race und ſehr gefällig. Ich muß in der That heut Abend wieder kommen und nachſehen, ob ſie auchnbei Licht ſo hübſch ſind, wie bei Tage.“ Seinem Pferde einen leichten Schlag gebend, ritt er davon, ſtieg in dem erſten Gaſthaus Warſchau's ab und ließ ſich ein Mittagseſſen, doch kein Zimmer geben, denn er dachte, am Abend ſchon, wenn ſein Thier ſich genü⸗ gend geruht hätte, ſeinen Rückweg anzutreten, um nicht beim Kampfe zu feh⸗ len, wenn die Ruſſen, was er ſehr wünſchte, ihren Angriff bis morgen ver⸗ zögerten. Den Nachmittag verbrachte er damit, durch die Straßen der Stadt zu ſchlendern, und hier ergriff ihn das Elend ſeines Volkes auf's Tiefſte. ——* da zeigte ein in Trümmern liegendes Haus, daß eine furchtbare Rache an wartenden Diener nichts Gefährliches, ſchicken doch die meiſten reichen 667 Trübſinn lag auf allen Geſichtern, viele Läden waren geſchloſſen, weil die ausgelegten Waaren in ihrer Zuſammenſtellung die polniſchen Farben gezeigt hätten; die Kirchen wurden wenig beſucht, denn die Rohheit der Ruſſen unterbrach ſelbſt den Gottesdienſt; die Handwerker feierten, denn alle Geſchäfte lagen danieder; ruſſiſche Schildwachen ſtanden vor allen öffent⸗ lichen Gebäuden, ruſſiſche Patrouillen durchzogen die Straßen und hier und ſeinem Beſitzer verübt worden war. Auch den Richtplatz beſuchte er, und alle Steine der furchtbaren Blut⸗ ſtätte ſchienen ihm um Rache zum Himmel zu rufen; am Gefängniß ging er vorbei und glaubte drinnen das Sauſen der Knute und das Jammern der Geſchlaͤgenen zu hören. Ein Transport Gefangener wurde durch die Straße geführt, elende bleiche Geſtalten, umgeben von Koſaken, die, ihre kurzen Peitſchen ſchwingend, neben den Gefeſſelten einhergingen. „Es find Verſchickte,“ ſagte ihm ein Mann, den er darum fragte,, aber es kommt wohl Keiner von ihnen wirklich nach Sibirien, kraftlos ſind ſie ſchon jetzt, und den Aufſehern und Soldaten liegt daran, bald wieder um⸗ kehren zu können; da verkürzen ein paar wohlangebrachte Knutenhiebe ihnen den Weg um ein Bedeutendes und Niemand macht ſie für das Leben der ihnen Anvertrauten verantwortlich.“ In ſehr trüber Stimmung langte Sigismund am Abend bei dem alten Abraham an. Er wurde von dem Hausherrn wie von den Damen freundlich empfan⸗ gen, wenngleich die tiefe Gluth, die in Rebecca's Augen lag, ihr fieberiſch unruhi ges Weſen ihm einen faſt unheimlichen Eindruck machte. Der Vater forderte ſie auf, zu ſingen, und auch Sigismund bat ſie darum, doch lehnte ſie es entſchieden ab. Wie hätte ſie es vermocht, den Empfindungen Ausdruck und Ton zu geben, die ſo tief verborgen, ſo geheimnißvoll in ihrem Innern lebten. Was hätte der ſtrenggläubige Vater geſagt, wenn er ihre Liebe zum Grafen Adrian entdeckte, wie würde der ſtreng rechtliche Mann urtheilen, wenn ſie, die Braut eines Anderen, ihr Herz verſchenkte? Sigismund ſprach von Paris, denn das hatte vor den Ohren der auf⸗ Eltern ihre Söhne auf einige Jahre in die Hauptſtädte Europa's. Doch, wie jedes Ding vor wrſchiedenen Augen einen verſchiedenen Eindruck hervor⸗ bringt, ſo geſchah es auch hier, daß Alles, was Adrian ſo kurz vorher mit den luſtigſten Farben geſchildert hatte, in Krotowski's Mund einen ernſteren Anſtrich gewann. A Der junge Graf hatte vom Theater, von Bällen und Feſten ge ſprochen, Sigismund redete von den ſocialen und politiſchen Verhältniſſen des Reiches. Jener hatte die Kaiſerin in ihrem reichen Schmuck, in ihrer glänzenden Umgebung beſchrieben, Dieſer charakteriſirte den Kaiſer und ſeine vertrauten Räthe. Wo der Eine nur die flimmernde Außenſeite bewunderte, bemerkte der Andere den tiefen Abgrund ſittlicher Verderbniß, den ſie verbarg. Dem Vater gefielen Sigismund's verſtändige Worte, wie der Tochter Adrian's muntere Rede gefallen hatte. Solch eine Meinungsverſchiedenheit kommt auch bei den Zunächſtſtehenden nur allzuhäufig vor. Spät wurden dem reichen Kaufmann, wie gewöhnlich, Courszettel und Briefe gebracht. „Wehe,“ ſagte er leiſe, als der Diener hinausgegangen war,„wehe, das iſt ein großes Unglück!“ „Was iſt geſchehen?“ fragten Alle mit Spannung. „Eine vollſtändige Niederlage, Waſa's und Tarnow's ganzes Corps zerſprengt—“ „Und ich bin noch hier!“ rief Sigismund aufſpringend. „Bleiben Sie!“ bat Abraham und legte ſeine Hand auf des jungen Mannes Arm.„Da draußen nützen Sie nichts mehr; Sie müſſen auf Flucht, auf Rettung denken.“ „Niemals—“ „In den Wald können Sie nicht zurück, es wäre Tollheit, wenn Sie ſich den Ruſſen in die Arme würfen. Warten Sie einige Tage ab, wenig⸗ ſtens ſo lange, bis ſichere Nachrichten hier ſind.“ „Es iſt unmöglich— ich habe mein Blut dem Vaterlande geſchworen.“ 1 „Das Vaterland wird es ſpäter beſſer brauchen können, als jetzt.“ „Halten Sie mich nicht, ich kann nicht bleiben, wenn die Pflicht mich ruft!“— Indem hörte man im Vorſaale ſchwere Tritte und Sporengeklirr. „Gott meiner Väter,“ ſagte Abraham leiſe,„das ſind die Ruſſen. Sie waren es. Fünf bärtige, uniformirte, bewaffnete Männer ſchleppten einen ſechsten herein, und dieſer ſechste war gebunden, ſeine Kleider waren zerriſſen und beſtaubt, ſein blondes Haar hing wirr über das bleiche, von Wuth und Schmerz entſtellte Antlitz. „Adrian!“ rief Rebecca, ſprang auf den Gefangenen zu und legte ihre weißen Hände auf ſeine gefeſſelten Arme. 5 „Adrian?“ rief der Anführer der Ruſſen.„Alſo kennſt Du den Herrn Grafen, mein ſprödes Täubchen? Wie kommt es denn nun, daß Dein kluger Vater nicht gewußt hat, wenger beherbergte, da doch ſein Töchterchen es weiß?“ „Wenn das Graf Adrian Woyslawice iſt,“ ſagte Abraham hervortretend, „ſo mag er es meiner Rebecca geſagt haben, ich weiß nichts davon. Zu mir iſt er gekommen als mein Vetter Iſrael Schmuel aus Lemberg.“ „Er hat es mir geſagt,“ hauchte das todtenbleiche Mädchen,„denn ich liebe ihn!“ „Ah ſo!“ rief der Ruſſe,„und liebteſt ihn wohl ſchon, als Du draußen im Garten in ſeine Arme floheſt? Aber der Kuß, den Du mir damals verweigerteſt, ſoll ihm vergolten werden!“ „Wozu bringen Sie den Mann in mein Haus?“ fragte der alte Jude. „Es iſt geſchehen Unheil genug durch ſeine Gegenwart in dieſen friedlichen Räumen.“ „Wir bringen ihn, weil wir erfahren wollten, was wir jetzt wiſſen, daß Du ein ſchlauer Lügner biſt, Freund Abraham. Aber Dein Namens⸗ vetter legte ſeinen Sohn auf den Block und wir werden Dich darauf legen.“ 8 laſſen.“ „Dazu will ich Amen ſagen; aber Gerechtigkeit ſoll Dir werden. Her alſo die Schlüſſel zu Deiner Kaſſe, zu Deinem Büreau, zu Schränken, Boden, Kellern. Die Hausſuchung iſt ſchlecht geleitet worden, heut aber bin ich da, ich, Waſſilowitſch, und ich denke, es wird hier Mancherlei zu finden ſein.“ Abraham reichte dem Ruſſen die Schlüſſel, die er in einem großen Bunde bei ſich trug; dann ſetzte er ſich ruhig in ſeinen Lehnſtuhl zurück. Waſſilowitſch ließ ſich von dieſer ſcheinbaren Sorgloſigkeit jedoch nicht täuſchen; er nahm die Briefe, die Abraham ſo eben erhalten hatte, und ihren Inhalt durchfliegend, lächelte er vergnügt: „Ah, Nachrichten vom Kriegsſchauplatz?— Und das iſt der ehrliche, rechtſchaffene alte Abraham, der ſich niemals um Politik bekümmert!“ „Ein Kaufmann muß Alles wiſſen, um ſeine Speculation danach richten zu können.“ 3 „Haſt doch falſch ſpeculirt, alter Fuchs. Aber ſag— wer iſt der junge Mann da? Auch etwa ein Graf und Anbeter der ſchönen Rebeeca?“ „Das iſt der Neffe von Roſenheim, Sohn und Compagnie aus Brody.“ „Wird doch einen Paß haben, dieſer Neffe von Roſenheim, Sohn und Compagnie?“ „Meine Papiere liegen in dem Hotel, in dem ich abgeſtiegen bin, den Paß habe ich dem Wirth gegeben!“ ſagte Sigismund. „Welchem Wirth, welches Hotel?“ Er nannte eines, das ihm auf ſeinem Wege aufgefallen war, und ſo⸗ gleich beorderte Waſſilowitſch einen ſeiner Leute dahin, den Paß zu holen. „Der Gott meiner Väter wird nichts Ungerechtes mit mir geſchehen 7 „ Jetzt wußte Sigismund, daß auch er verloren war, wenn nicht Schlau⸗ heit ihn rettete. Der Ruſſe ließ die Familie unter Bedeckung zurück und befahl, Adrian in das Gefängniß zu führen. Mit leidenſchaftlicher Angſt ſchlang Rebecca ihre Arme um den Ge⸗ liebten und preßte ihre Lippen auf ſeinen ſtummen Mund. „Rebecca, o mein Kind!“ ſagte Abraham zum erſten Male mit dem Ausdruck tiefen Schmerzes. Sie hörte nicht auf ihn, ſie umklammerte Adrian, als wolle ſie ihn nimmer laſſen, erſt den ſtarken Armen der Ruſſen gelang es, das perzweiſelis Mädchen von ihm loszureißen. Er wurde fortgeführt; Waſſilowitſch ging, die Hausſuchung zu halten und die Familie blieb mit Sigismund und der Wache allein. Kein Wort wurde geſprochen, nur als Rebecca wankend, leichenbleich und bebend an dem Lehnſtuhl ihres Vaters niederſank, rollte dieſer ſeinen Sitz zurück und ſagte mit zitternder, ſchmerzerfüllter Stimme: „Laß mich, Du biſt mein tiefſter Schmerz!“— Auf den Knieen ſchleppte ſich das unglückliche Mädchen zu dem Sopha, auf dem die Mutter ſaß, doch auch dieſe rückte von ihr hinweg und zog ihre bauſchigen Kleider näher an ſich heran, als ſcheue ſie die Berührung des ungehorſamen Kindes. Da ſank Rebecca ohnmächtig zuſammen. Sigismund hob ſie auf und legte ſie auf eine Ruhebank. Kein Blick der Eltern traf die Arme, als ſie unter ſeinen Bemühungen langſam die Augen aufſchlug und zum Bewußtſein ihres Unglücks zurückkehrte. Die beiden Ehegatten rückten ſchweigend an einander, nahmen ſich bei den Händen und ſaßen lange ſo, bis Waſſilowitſch den Alten holte, um bei dem Oeffnen verſchiedener Patentſchlöſſer behülflich zu ſein. Jetzt wandte ſich Sigismund an das Mutterherz und bat um Erbarmen für das furchtbar leidende Mädchen; doch die Frau wies ihn zuerſt mit einer Handbewegung, dann mit Worten zurück, die ſich peinvoll aus ihrer Bruſt hervorrangen. „Sie iſt untreu geworden ihrem Glauben und ihrem Bräutigam, den ſie mit freiem Willen von uns annahm; ſie iſt untreu geworden den Lehren ihrer Eltern, dem guten Beiſpiel ihrer Verwandten— wie kann ſie noch mein Kind ſein?“—— Qualvolle Stunden vergingen und Mitternacht war bereits vorüber, als der alte Abraham gebunden wieder hereingeführt wurde. „Leb wohl, Täubchen!“ ſagte er zu ſeiner Frau.„Mag Dich der Allgerechte ſchützen! Ich glaube, ich habe nichts zu fürchten, und wir ſehen uns, ſo Gott will, bald wieder. Bis dahin tröſte unſere verheiratheten Kinder, wenn ſie ſich um mich grämen, bete und gieb den Armen, und der Herr wird Dich und mich beſchützen!“ Zu ſeiner Tochter redete er kein Wort. Mühſam erhob ſie ſich von ihrem Lager, ſie wollte dem Vater nahen und wagte es nicht, ſie folgte ihm, als er hinausging, und ſank vor der ſich hinter ihm verſchließenden Thür auf den Fußboden nieder, die Stirn hart „ auf die Schwelle ſchlagend.—— „Nun zu Ihnen, mein Herr Neffe von Roſenheim, Sohn und Com⸗ pagnie!“ ſagte Waſſilowitſch, dicht vor Sigismund hintretend.„Wie kommt es, daß der Gaſtwirth zur Kaiſerkrone nichts von Ihrem Paſſe, noch von Ihnen ſelber weiß?“ 3 „Das kommt davon, daß er weder meinen Paß noch mich ſelber jemals ſah.“ „Die Antwort iſt frech.“ 3„Ich bin es jedenfalls nicht, denn hier iſt mein Paß.“ „Ein franzöſiſcher? So hat alſo Abraham abermals gelogen?“ „Nicht er log, ſondern ich. Es fehlte mir an Geld und da ich zu⸗ fällig einen Neffen des Hauſes Roſenheim, Sohn und Compagnie kennen lernte, ſo dachte ich mich unter dieſem Namen bei ihm einzuführen und den Credit jener Firma zu benutzen.“ „Für einen Franzoſen ſprechen Sie das Polniſche vortrefflich.“ „Meine Mutter war eine Polin.“ 4„Das Alles mag wahr ſein oder nicht; eine Nacht im Gefängniß und ein Polizeiverhör werden Ihnen nicht ſchaden.“ „Ich bin bereit, Ihnen zu folgen.“ „Vorwärts denn, es iſt ſchon ſpät und meine Leute müſſen endlich ein⸗ mal ihre Ruhe haben.“ Somit wanderte auch Sigismund Krotowski in das Gefängniß. E=On— nnſnſſſnſfiſſtifiſef ſmnſhnſſnſch TEraraaaaawowmnmmxMmqrnrngaauawmmömm 15 17 1 16 8 19 20 7 8 9 10 11 12 13 14 —