Eine Gf. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Nt. e 4 ¹ „„—„ 3„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Wie die Wellen unter dem Bug anſchwollen und ſich wieder ſenkten, eine die andere verdrängend und mit ihrem weißen Schaum bedeckend, ſo ſtiegen ſie vor ſei⸗ ner Seele auf und nieder, die Träume ſeiner Kindheit, die Sagen von dem kecken Tell, dem Tyrannemörder, die blutigen Schlachten derfreien Bauern gegen die gehar⸗ niſchten Ritter Oeſterreichs und Burgunds.. Ueber dem Bette des Knaben war unter Glas und Rahmen, fein ſau⸗ ber in Elfenbein geſchnitten, die Tellſage aufgehangen geweſen, vom Schwur auf dem Rütli bis zum Tode v. Schlägel, Die Volksbeglücker. 1 Geßlers;— man glaubte, die weißen halb aus dem flacheren Grunde heraustretenden Figürchen müßten zu leben und ſich zu bewegen anfangen, die elfenbeinernen Wogen des Vierwaldſtätterſees ſich aufthürmen und den Nachen des böſen Geßler in den Abgrund ziehen. Damals richtete der Knabe ſich im Bettchen auf und griff nach den bauchigen Gläſern, welche die zarte Arbeit vor ſeinen ungeſchickten Händchen ſchützten... Um⸗ ſonſt, die Filigranhelden der kindlichen Phantaſie blie⸗ ben regungslos und todt, und die Wärterin kam und bewahrte die zarten Bildwerke vor eingehenderen Un⸗ terſuchungen. Es war ſpäter, Jahre ſpäter, da ſaß der Knabe über Zſchokkes Schweizergeſchichten, und da ihn die Mutter mit glühenden Wangen darin leſen ſah und da gerade ſein zwölfter Geburtstag war, ſo nahm ſie ihn mit ins königliche Hof⸗ und Nationaltheater, wo heute Abend Wilhelm Tell von Schiller gegeben wurde. Und mit weitgeöffneten Augen, mit ſtaunendem Munde ſaß der Knabe da und lauſchte den hochtönenden Re⸗ den, und dann, als ſie heimgingen, konnte die Mutter kein Wort aus dem aufgeregten Kinde herausbringen, welches die Fäuſte feſt geſchloſſen hielt und wild vor ſich hinſtarrte und zu Hauſe das Geſicht weinend in die Kiſſen vergrub, weil es keinen Tyrannen in der 6— 3 Nähe gab, ſchlecht genug, um ihn gleich Geßlern umzu⸗ bringen. Und auch die Leute, mit denen der Knabe verkehrte, ſchienen leider ganz zufrieden mit ihrer Skla⸗ verei. Der Knabe wurde Jüngling, er ſang auf Kom⸗ merſen und Kneipen das Lied vom„Struth von Winkelried“, und wieder betrübte ihn tief das gänz⸗ liche Verſchwinden der Geharniſchten aus unſerem nüchternen Jahrhundert; höchſtens hie und da eine Kommentpaukerei auf Binden und Bandagen, wobei die Sekundanten jeden dritten Hieb herausfingen, oder eine Piſtolenmenſur auf fünfzig Schritt mit überla⸗ denen Piſtolen und einem neugebackenen Fähnrich, dem man beim Tanzen auf den Fuß getreten. Man ſchoß mit der dazu gehörigen Aufregung, gab ſich die Hand und ging nach Hauſe,— das war alles. Und der Univerſitätspedell oder die Gendarmen, welche hie und da eine Paukerei aufhoben oder verhinderten, konnten bei allem Heldenmuthe, den man bei ſolchen Gelegen⸗ heiten bewies, doch auch nicht für würdige Gegenſtände des Tyrannenhaſſes gelten. Da kam jener die Gemüther verwirrende Streit von 1866— der Jüngling war Mann geworden, er ſtand allein inmitten des tobenden Pöbels, welcher Krieg! Krieg! heulte. Aber er war Mann geworden. Mit 1* V V V dem Schwert der Rede mahnte er ab von dem nnſeligen Bruderzwiſt, immer höher ſtieg die Brandung der Volkswuth zu ihm herauf, als er ſein Programm ver⸗ las:„Unbedingter Anſchluß an den großen thatkräfti⸗ gen deutſchen Norden, Aufgeben aller kleinlichen Groß⸗ machtsbeſtrebungen, Unterordnung in militäriſcher und diplomatiſcher Beziehung unter Preußen, den Hort und die Stütze Deutſchlands...“ Da kannte die Wuth des Pöbels keine Grenzen mehr ſie hießen ihn einen Verräther, der ſich an die Preu⸗ ßen verkauft habe, und die Polizei führte ihn gefangen hinweg, wie ſie ſagte, um ihn vor den Inſulten des Volkes zu ſchützen. Er wurde des Hochverraths ange⸗ klagt und mußte fliehen. Der Weg nach dem Norden war ihm durch die Heeresbewegungen und die ſtrengere Controle, die der Krieg mit ſich führte, verlegt— er wandte ſich nach der Schweiz— dem Lande der Freiheit; dem Lande, das aus ſeinem Bruderkrieg verjüngt wieder auferſtan⸗ den war, während dort drüben ein großes Volk, wie beſtimmt allen anderen als ſtrahlendes Vorbild vor⸗ anzuleuchten, den häuslichen Zwiſt blutig ausfocht. Sinter ſeinen flüchtigen Schritten ertönten die Donner von Sadowa. Der Träumer am Dampfſſchiffgeländer ſchrak em⸗ 5 por vor ſeinen eigenen Gedanke.¹. Er ſchob den breit⸗ randigen Hut aus der Stirne und ſchaute um ſich. Raſtlos ſchaufelte der Dampfer zwiſchen den immer näher zu einander herantretenden Ufern dahin, die Häuſer der Uferdörfer, die Villen am Geſtade wurden immer deutlicher, die den See umſchließenden Berge immer höher. An dem faſt ſpitzen Ende des Sees, ihn mit ihren glänzenden Häuſern und grünen Cärten um⸗ klammernd, lag eine Stadt, eine große, prächtige Stadt, überragt am Bergabhang von herrlichen Gebäuden an⸗ tiken Stils, Werkſtätten des menſchlichen Geiſtes. Immer zahlreicher wurden die Segel und die Schifflein, die an dem Dampfer neugierig ſich nähernd vorbeiglitten. Es waren eigenthümliche Segelbote, welche in der Mittegblos einen kleinen offenen Raum für we⸗ nige Perſonen hatten; das mächtige Segel war an der Spitze angebracht, der Abendwind blies mächtig hinein, daß ſich die Nußſchale weit vorn überlegte und rau⸗ ſchend dahinfuhr, links und rechts den Silberſchaum neben ſich emporſpritzend. Und die Segler, meiſt junge Leute in eleganten Matroſenkleidern, ſtanden aufrecht drinnen und ſchau⸗ ten mit den luſtgerötheten Wangen in den glühenden Abendhimmel und auf die roſenroth erglänzenden Gletſcher des Oberlands. ““ Weit hinter dieſen raſchen Seemöven zurück blie⸗ ben die Ruderkähne, in welchen größere Geſellſchaften ſaßen. Kunſtloſe Lieder im Chor geſungen drangen herüber, und die aufrechtſtehenden Ruderer mit ihren langen Rudern ſtießen dazu den Takt. Vom Abend⸗ roth beleuchtet fielen die goldenen Tropfen von den Ruderſchaufeln in den ſpiegelglatten See. Die Dampſſchiffglocke läutete, eine bunte reichge⸗ kleidete und glücklich ausſehende Menge drängte ſich am Geſtade, Hotels ſtiegen wie Paläſte vor ihm em⸗ por, alterthümliche Brücken, auf denen ſich das Volk drängte, verbanden die Ufer des Fluſſes, in welchen der See endete. „Im Lande der Freiheit“, murmelte der Mann mit dem breitrandigen Hute noch einmal, als er dies Bild des Glücks und Lebens ſah, nahm ſein Gepäck in die Hand und ging ans Ufer in ein nahegelegenes Gaſthaus. Die Kellner muſterten ihn erſtaunt ob ſeiner we⸗ nigen Habſeligkeiten, er achtete nicht darauf und ließ ſich ein Zimmer geben. Dort reinigte er ſeine beſtaub⸗ ten Kleider, dann klingelte er und fragte den eintre⸗ tenden Kellner, wo der Nationalrath Wenggy wohne. Der Kellner betrachtete ſich erſt den beſcheidenen Tou⸗ riſten, dann wiederholte er den gefeierten Namen, der 1— 7 damals in Haß oder Gunſt wenigſtens einmal des Tages über die Lippen eines jeden Eidgenoſſen ging, und gab die gewünſchte Erklärung: der Herr Gerichts⸗ ſchreiber Wenggy wohne in der Falkenburg; wenn der Herr näher ans Fenſter trete, könne er ihm das Haus zeigen. Das ſchloßähnliche Gebäude lag ziemlich entfernt, doch auf ſolcher Höhe, daß man es nicht blos von weitem ſehen, ſondern auch von dort aus eine herr⸗ liche Ausſicht genießen mußte. Der Fremde dankte, entfernte aus ſeinem Hute ein paar zu romantiſche Beulen, ſuchte ſich unter al⸗ ten Glacéhandſchuhen das am wenigſten defekte Paar heraus und machte ſich auf den Weg nach der Falken⸗ burg. Wir haben im Eingange erwähnt, daß der Mann mit dem breitrandigen Hute ein energiſches Geſicht, braunes, lockiges Haar und klare ſinnende Augen hatte. Das iſt zu wenig, denn mit allen dieſen an und für ſich nicht zu verachtenden Eigenſchaften kann man recht häßlich ſein. Alſo war er ſchön? Das auch wie⸗ der nicht, das wäre zuviel— unſere Damen und Ro⸗ manſchreiber haben da einen Ausdruck erfunden, der ſehr billig über dieſe Kluft zwiſchen ſchön und häßlich hinweg führt— eine„intereſſante Erſcheinung.“ Da⸗ V — mit rücken wir aber einer genauen Bezeichnung von unſeres Ankömmlings Aeußerem nur wenig näher, denn intereſſant iſt eigentlich doch für jeden etwas anderes. Und gewiß wären an des Profeſſors Chri⸗ ſtoph Hermann aufrechter aber beſcheidener Haltung, an ſeinem ruhigen beobachtenden Blick, ſeinem wenig ge⸗ pflegten Vollbart achtlos die Mehrzahl der jungen Da⸗ men vorübergegangen, welche ſich ſonſt auf das In⸗ tereſſante am vollkommenſten verſtehen. Aber Chriſtoph Hermann gehörte zu jenen Men⸗ ſchen, deren Blick uns, mag es in einer heiter plau⸗ dernden Geſellſchaft, mag es auf einſamen Spazier⸗ gange ſein, oft überraſcht, als ſei er in die innerſten Geheimniſſe unſeres Herzens eingedrungen, daß unſere Seele bald zuckt wie ein Glied unter der Lanzette des Arztes, bald überwallend ausrufen möchte: Ja, Du könnteſt alle Luſt und alles Leid dieſer Bruſt verſtehen, — zu dieſen Menſchen gehörte der flüchtige Volksred⸗ ner, der ſuspendirte Profeſſor Chriſtoph Hermann. Nehmen wir dazu eine hohe und breite Geſtalt mit leichten und ruhigen Bewegungen, nehmen wir Manieren, wie ſie in ihrer anſpruchsloſen Eleganz der Habitué; der höchſten Geſellſchaftsreiſe nicht vollkom⸗ mener beſitzen kann, und einen einfachen dunkelgrauen Reiſeanzug, ſo haben wir den Profeſſor fürs erſte ge⸗ 6 — 1 — 9 nugſam beſchrieben. Wir treffen ihn wieder, wie er an der eiſernen Gartenthür der Falkenburg, vor wel⸗ cher er ſteht, anläutet. Es war inzwiſchen leichte Dämmerung eingetreten und die Contouren des Hochlands, ſoweit ſie nicht in weißen Abendnebeln verſchwanden, waren ernſt und dunkel. Hoch über ihnen, während der Horizont ſich ſchon in dunkles Violett kleidete, ſchwebte eine kleine roſige Wolke, wie eine Blume, welche der ſcheidende Helios auf ſeiner Wanderung zur Tiefe verloren. Unten in der Stadt erſchienen die erſten Lichter. Zweites Kapitel. 4.— Ein Vol kstribun. Ein paar kleine Mädchen von ſechs und neun Jahren mit hübſchen Zügen und auffallend großen ſchwar⸗ zen Augen öffneten und ſchauten dem Fremden ohne Scheu neugierig in's Geſicht. „Hier wohnt doch der Herr Nationalrath Wenggy?“ „Der Vater iſt oben, kommen Sie!“ ſagte das ältere Mädchen in ihrem heimatlichen Dialekt und ging, ihre Schweſter an der Hand faſſend, voraus. „Aber es iſt ſchon ſpät“, begann der Profeſſor, zu dem intelligenten Kinde gewendet, wieder.„Wird mein Beſuch den Papa nicht ſtören?“ „O das thut nichts!“ antwortete das Mädchen, die großen Augen freundlich zurückwendend.„Seit⸗ 41 dem der Vater Nationalrath iſt, kommen ſo viele Leute...“ „Und alle läßt der Vater vor?“ „O gewiß!“ meinte das Kind mit wichtiger Miene. „Mein Mütterli freilich iſt nicht zufrieden damit, daß wir den Vater nie für uns haben, aber er ſagt, das ſei eben nicht anders bei einem Volksmann...“ Der Profeſſor hielt es für unzart, das plaudernde Kind, das plötzlich erröthend inne hielt, noch weiter zu befragen. Deſſen Antworten jedoch hatten ſich wie ein leiſer Froſt auf ſeine durch den herrlichen Abend „warm angehauchte Seele gelegt. War es denn zu Hauſe anders— brachte da die Popularität oder das Streben darnach keine Bürde? Hatte er nicht ſelbſt in früherer Zeit oft nur widerwillig den Händedruck der Gemeinheit aushalten und freundlich dazu lächeln, der hohlköpfigen, breitſpurigen Frechheit ſeine Thüre öff⸗ nen müſſen? Ja, das war aber zu Hauſe, in der Heimat geweſen, wo ſo vieles anderes ſein ſollte, aber nicht hier in der Schweiz, im„Lande der Frei⸗ heit.“ Sie durchſchritten den hübſch gepflegten Garten und ſtiegen die Treppe zu der Wohnung des National⸗ raths empor. „Warten Sie ein klein wenig!“ ſagte die neun⸗ jährige Politikerin, indem ſie den Profeſſor in ein ein⸗ faches und hübſches Arbeitszimmer führte.„Ich werde den Vater holen!“ Profeſſor Herman ſah ſich in dem Zimmer um. Es enthielt eine mäßig große Bibliothek, einen Schreib⸗ tiſch, worauf verſchiedene Journale des In⸗ und Aus⸗ lands lagen, in denen einzelne Stellen oder Artikel mit dicken rothen Strichen verſehen waren. In an⸗ deren hatte man ganze Spalten ausgeſchnitten. Aus dem Fenſter mußte man bei Tage einen herrlichen Blick über die Stadt, den See und auf das Hochge⸗ birge haben, jetzt bei der zunehmenden Dunkelheit war die Ausſicht beſchränkt auf die Stadt, wo immer mehr Lichter erwachten, während die Fremdenhotels bereits den vollen Glanz ihrer beleuchteten Räume vom See zurückſtrahlen ließen. Landeinwärts arbeiteten ein paar Fabriken, daß ſie in vollem Brand zu ſtehen ſchienen. Ein Dampfer, ſichtbar durch den rothglühen⸗ den Rauch, der ſeinem Schornſtein entquoll, den be⸗ leuchteten Maſchinenraum und ſeine rothen Kajüten⸗ fenſter, welche wie eine Reihe feuriger Zähne den ſchwarzen Rachen eines Ungeheuers umgaben, ſchau⸗ felte in den nächtlichen See hinaus nach den Städten und Dörfern am Ufer, deren Lage weit dort hinten 13 die kaum ſichtbaren, gleich entfernten Sternen zittern⸗ den Lichter andeuteten. Ein raſcher Tritt neben der Thüre ertönte, dieſe öffnete ſich, und der ins Zimmer fallende Schimmer des Lichtes, das der Nationalrath in der Hand hielt, hüllten in plötzliches Dunkel das Nachtbild vor dem Fenſter. Der Nationalrath war ein mittelgroßer, ſchlanker Mann, an dem gleich im erſten Augenblick die großen ſchwarzen Augen auffielen, die er mit ſeinen Kindern gemein hatte. Das Geſicht mochte in ſeiner Jugend ſchön geweſen ſein, jetzt, und der Mann zählte doch kaum mehr als fünf und vierzig Jahre, hatte es ei⸗ nen krankhaften gelben Teint; die großen Augen ver⸗ loren etwas von ihrer eigenthümlichen Macht durch die flackernde Unruhe, mit der ſie den Fremden muſterten. Die Bewegungen des Nationalrathes, mit denen er jetzt das Licht mitten auf die Zeitungen des Schreib⸗ tiſches ſtellte und auf einen Stuhl wies, waren haſtig und ſogar von einer gewiſſen unweltmänniſchen Eckig⸗ keit nicht freizuſprechen. Der Profeſſor verbeugte ſich und nahm Platz. Das Auge des ſchweizeriſchen Volksmannes hatte wol auf den erſten Blick den Deutſchen erkannt. Der Nationalrath bemühte ſich hochdeutſch zu ſprechen, und dies gelang ihm auch bis auf die rauhen Kehl⸗ und Ziſchlaute, welche ſeine gebildetſten Landsleute nie ganz verleugnen können, und bis auf den ausdrucks⸗ vollen pathetiſchen Ton, welcher ſich von der Gewohn⸗ heit, öffentlich zu reden, auf ſeine Converſation über⸗ tragen haben mochte. „Was verſchafft mir die Ehre?“ fragte der National⸗ rath, der unter dem ruhigen beobachtenden Blick des Fremden unruhig auf ſeinem Seſſel hin⸗ und her⸗ rückte. „Sie werdeu meinen Namen vielleicht durch die Journale kennen. Ich heiße Chriſtoph Her⸗ mann!“ „Ah!“ der Nationalrath blickte auf.„Sind Sie derſelbe Profeſſor Hermann, welcher nach den Zei⸗ tungen Süddeutſchland verlaſſen mußte wegen...“ Der Nationalrath ſtockte. 1 „Wegen ſeiner preußiſchen Sympathien!“ voll⸗ endete der Profeſſor ruhig.„Ich bin derſelbe.“ Der Nationalrath war etwas erregt. Er wech⸗ ſelte mehrfach die Farbe. Endlich wie mit einem ra⸗ ſchen Entſchluß ſtreckte er die Hand hin, in die der Profeſſor zögernd die ſeinige legte. „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich einen ehrlichen Mann, der im Kampfe für ſeine Ueberzeugung alles, — ſelbſt die Heimat, opfert, in meinem Hauſe herzlich willkommen heiße, wenn jene Ueberzeugung auch nicht die meinige wäre.“ Die beiden Männer hielten einige Augenblicke ei⸗ ner des andern Hand und ſahen ſich ernſt in's Ge⸗ ſicht. Dann nahm Profeſſor Hermann die Unterhal⸗ tung wieder auf. „Ich weiß aus Ihrer journaliſtiſchen Thätigkeit, daß Sie kein Freund des deutſchen Einigungswerkes ſind und— ich billige und begreife das nicht,— doch wie dem ſei, auch ich achte jede ehrliche und offene Ueber⸗ zeugung.“ Der Nationalrath ſchwieg. Sein ernſtes Geſicht ſchien anzudeuten, daß er das Geſpräch in dieſer Rich⸗ tung nicht fortzuſetzen wünſche. Der Profeſſor fühlte das, griff in die Taſche, zog einen Brief heraus und reichte ihn dem National⸗ rath. Dieſer ſah flüchtig auf die Adreſſe, die Schrift ſchien ihm unbekannt, ebenſo das Siegel. Er erbrach es mit der ihm eigenthümlichen Haſt und las. Allmählich wurde ſein raſtloſes Auge feſt und klar, das leiſe Zittern in der Hand hörte auf, ſelbſt unter der gelblichen Bläſſe der Wangen erſchien ein Schim⸗ mer von Geſundheit oder Freude. „Von Ratty!“ rief er,„von dem Herrn Miniſter!“ ſetzte er hinzu, als wolle er eine liebgewordene Perſon durch Beifügung ihres vollen Titels ehren. „Von Ihrem Jugendfreunde, der Ihrer ſtets in Dankbarkeit und Treue gedenkt, ſoweit auch in der Politik die Wege des herzoglichen Miniſters und des ſchweizeriſchen Volksmannes ſich getrennt haben.“ Der Nationalrath ſprang auf und fuhr ſich mit voller Hand über den breiten Kinnbart, und ſeine Augen leuchteten. „Ja, er iſt noch immer mein Freund, mein guter treuer Freund— wie damals, als wir, er der Flücht⸗ ling und ſchweizeriſche Schullehrer und ich, der Bettel⸗ ſtudent, Arm in Arm wanderten über die Blütenfelder des Thurgau und von Weltverbeſſerung und allen möglichen Dummheiten redeten. Er iſt alſo auch der wankelmüthigen Volksgunſt zum Opfer gefallen,— ich hab's geleſen— auch er, der gute, ehrliche Ratty— ich weiß es noch wie heute, es war die letzte Zeit ſei⸗ nes Aufenthalts bei uns— er hat ein bischen Heim⸗ weh gehabt und iſt ſehr traurig geweſen— da iſt die Nachricht gekommen, daß er begnadigt ſei und heim dürfte in ſeine frühere Stellung, da hat er mich um⸗ armt und hat mit Thränen in den Augen gerufen: Ich hab' euch alle ſo gern, meine Freunde, meine 17 Schüler und mein Häuschen, und auch die Bauern alle ſind freundlich zu mir geweſen— und doch iſt es mir, als ſtände auf einmal der Himmel offen, daß ich wieder in meine Heimat darf.“ „Ich weiß es“, ſagte Profeſſor Hermann, gerührt durch die Rührung des Nationalraths,„noch jetzt ge⸗ denkt der herrliche Mann nur mit tiefer Bewegung an die Freuden ſeines Exils. Darf ich hoffen, Herr Nationalrath, daß die Empfehlung Ihres Freundes Sie auch etwas für mich und mein Schickſal intereſſi⸗ ren werde? Einem Manne gegenüber, der bei der Er⸗ innerung an einen Jugendfreund Thränen vergießen kann— iſt jede Zurückhaltung überflüſſig. Hilflos wie Ratty zu Ihrem Vater, komme ich zu Ihnen— wie er halte ich mein Vaterland und ſeine Größe üher alles, wie er bin ich im ehrlichen Kampf gegen Zu⸗ ſtände gefallen, denen die edelſten Männer unſerer Zeit unterlagen— ein Kind von dreißig Jahren ſtehe ich auf einem mir völlig fremden Boden— wie er, nur vielleicht weniger werth.“ Wieder ſtreckte der Nationalrath ſeine Hand aus Diesmal war der Händedruck warm und echt und ohne Zurückhaltung. „Sie ſind mein Freund, wie er!“ begann der Nationalrath lächelnd.„Mein Haus iſt das Ihre, 2 v. Schlägel, Die Volksbeglücker 18 meine Familie die Ihrige— die ſchweizeriſche Gaſt⸗ freundſchaft iſt kein hohler Schall für den, der ſie werth iſt. Seien Sie willkommen. Von dem weite⸗ ren wollen wir morgen reden. Wo ſind Sie abgeſtie⸗ gen? Im Schwert? Meine Magd wird Ihre Effekten holen. Sie bleiben bei uns. Keine Widerrede! Glauben Sie, der Schweizer ſchickt ſeine Freunde ins Logirhaus? Und jetzt wollen wir einmal nach den Frauenzimmern ſehen! Kommen Sie!“ Drittes Kapitel. Ein Familienleben. Der Nationalrath ging voraus. Profeſſor Her⸗ mann folgte ihm durch einige einfach möblirte Räume und trat endlich in das Familienzimmer. Es war ein reizendes Familienbild, das er da zu ſehen bekam. Auf einer Ruhebank ſaß eine ſchöne ſtattliche Frau von etwa zweiunddreißig Jahren, die zwei Mädchen, welchen wir ſchon begegnet ſind, drängten ſich zu bei⸗ den Seiten an ſie und erzählten ihr offenbar von dem fremden Manne, der gekommen war, um ihren Vater zu beſuchen und ſo freundlich mit ihnen geredet hatte; denn beim Eintritt des Profeſſors ſchwiegen ſie ſcheu und verlegen. Die Mutter hatte die eine ihrer nicht eben ſehr kleinen, aber ſehr zarten und weißen Hände auf das braune Haar des älteren Mädchens gelegt zu, in welches das kleinere Schweſterchen einigemale, jedoch vergeblich, ſich einzudrängen verſuchte. Nebenan am Fenſter, vom Licht der Lampe auf dem Tiſche kaum erreicht und mit halbabgewendetem Geſicht zur beleuchteten Stadt niederblickend, ſaß eine jüngere, ſchlankere Geſtalt in einfacher Haustoilette. Die Hände mit der Stickerei ruhten in ihrem Schoße, und mit halbem Ohre, ohne jedoch die Blicke von dem reizenden Nachtbilde zu verwenden, lauſchte auch ſie dem Geplauder der Kinder. Der Tiſch war zum Abendbrot gedeckt, ein großer Blumenſtrauß nahm die Mitte ein, alles glänzte von Sauberkeit und Ordnung. Der Eintritt der beiden Männer brachte dies Bild eines ruhigen glücklichen Familienlebens etwas in Unordnung. Die Frau vom Hauſe ſtand auf, drängte die beiden verlegenen Kinder ſanft von ſich und ſchien die Vorſtellung des Fremden zu erwarten. Die jüngere Dame erhob ſich ebenfalls und trat etwas näher, jedoch nicht weit genug, daß das volle Lampen⸗ licht hätte auf ſie fallen können. „Ich ſtelle Euch in dieſem Herrn einen braven deutſchen Mann vor, der für ſeine ehrliche Ueberzeu⸗ gung das Brot der Fremde eſſen muß— der Herr und hörte milde lächelnd dem Geſchwätz des Kindes 21. Miniſter Ratty, mein langjähriger Freund, hat ihn mir beſonders warm empfohlen, und es verſteht ſich von ſelber, daß er von heute an bei uns wohnt und ein Glied unſerer Familie bildet. Herr Profeſſor Her⸗ mann, meine Hausfrau, Frau Bertha,— meine Schwägerin, Jungfrau Hedwig.“ Der Nationalrath hatte das alles mit einer ge⸗ wiſſen Feierlichkeit geſagt und ſich ſeiner heimatlichen Sprachweiſe ſo wenig entziehen können, daß er ſogar auf den Titel Miniſter, den ſein einſtiger Freund führte, einen gewiſſen Nachdruck legte. Frau Bertha, das ſchöne, etwas breite Geſicht man möchte ſagen von ſtrahlendem Wohlwollen über⸗ goſſen, reichte ihm ihre Hand hin:„Willkommen!“ In dem einfachen Wort und der Art, wie es ausgeſprochen ward, lag eine ſo herzgewinnende Freund⸗ lichkeit, daß Profeſſor Herman ſich unwillkürlich nie⸗ derbeugte, um Frau Berthas Hand zu küſſen. Aber ſchon war dieſe zurückgezogen worden, und der Natio⸗ nalrath, der den ganzen Vorgang bemerkt hatte, ſagte, wie um das Erröthen ſeiner Frau zu entſchuldigen, ſcherzend: „An ſolche Höflichkeit ſind unſere einfachen Schwei⸗ zerfrauen nicht gewöhnt— nun Hedwig, was iſt es mit Dir? Bieteſt Du unſerem Freund kein Willkommen?“ Langſam und zögernd kam die ſchlanke Geſtalt hervor aus dem Halbdunkel, das ſie ſehr zu lieben ſchien, und ſtreckte ebenfalls ihre Hand aus:„Willkom⸗ men!“ Aber das„Willkommen“ klang anders, als das, welches aus dem von Güte ſtrahlenden Antlitz und zwiſchen den rothen Lippen der Frau Bertha hervor⸗ gekommen war. Nicht, daß es unfreundlich geweſen wäre, die ſchmale Hand der Schwägerin legte ſich herzlich zwi⸗ ſchen die vor freudiger Rührung leiſe zitternden Fin⸗ ger des Profeſſors und nahm ſeinen Händedruck arg⸗ los und zutraulich entgegen. Aber es lag etwas in dieſer hohen, leiſe vorgebeugten Geſtalt, in dieſen ruhi⸗ gen bleichen Zügen, den großen hellbraunen, nur et⸗ was ſtarren Augen, in den leiſe zuckenden Lippen, als habe ihnen das kleine Wort Mühe gemacht, das ſie eben geſprochen, es war etwas in dieſer ganzen lieb⸗ lich⸗fremdartigen Erſcheinung, zu dem die einfache bür⸗ gerliche Herzlichkeit des Wortes nicht paßte. Es war auch dem Profeſſor, als ob ſich ſein Herz ſchmerzlich zuſammenziehe unter dieſem großen Auge, das leer und theilnahmlos auf ihm ruhte, als ſei alles rings⸗ umher nur eine gemalte Welt von bunten Vorhängen nicht werth, das Auge daran zu ergötzen, und als 23 liege, was des Intereſſes werth, nicht hier, ganz anderswo, vielleicht im eignen Herzen, in den eignen Träumen.— Als er ihm zum zweiten Mal die Hand gegeben, fühlte der Profeſſor, was er in dem Nationalrath für ein warmes erregbares Freundesgemüth gefunden; ob die Stärke des Charakters der Empfänglichkeit des Herzens ganz entſprach, wußte er noch nicht, es mußte aber wol ſo ſein, denn der Nationalrath war ja ein großer und berühmter Mann in ſeinem Volke, wegen ſeiner hervorragenden Eigenſchaften in dem Kreis, wo dieſe zur Entfaltung kommen konnten, angeſtaunt ſelbſt von den politiſchen Feinden. Frau Berthas Natur war ein aufgeſchlagenes Buch mit goldenen Lettern, und darin ſtanden reizende Geſchichten von der liebenden Hingebung und freudigen Aufopferung einer kräftigen Frauenſeele. Ohne viel Phantaſie, ſchlicht und gut, das Gute vollführend, weil es eben gut war, und das Schlechte aus Inſtinkt von ſich weiſend, ohne jedoch darüber zu philoſophiren, einfach klar und für jeden zu ergründen, der gut genug war, um eine nnverfälſchte Natur zu begreifen, auf⸗ recht und ſtolz, weil ſie ſich nicht für weniger werth hielt, als alle andern, aber auch nicht für mehr: das war Frau Bertha, wie ſie der Profeſſor beurtheilte. Aber die Schwägerin mit ihrem ruhigen blaſſen 24 Geſicht, ihren langſamen Bewegungen, ihren großen theilnahmloſen Augen, die keine Thräne zu haben ſchie⸗ nen für das Leid, mit dieſem Mund, deſſen ſanfte Linien gefeit ſchienen gegen Scherz und Lächeln; der Profeſſor ſtand zum erſten Mal vor einem lebendigen Räthſel. Hatte er ein hochmüthiges, ein blaſirtes, ein herzloſes Geſchöpf vor ſich? Oder war dieſe eiſige Ruhe die Folge eines tiefen ausgekämpften Seelen⸗ leids? War Hedwig eine religiöſe Schwärmerin, oder konnte ſich hier eine erkrankte Phantaſie nicht mehr von den ſelbſterzeugten Geſtalten losreißen, daß das Leben um ſie her zu einem unverſtändlichen Gemurmel ſich verwirrte, aus dem nur hie und da vertraute Stimmen halbverſtanden zu ihrer Seele drangen, um den Körper automatengleich im gewohnten Gleiſe zu halten? Von der letzteren Befürchtung wurde der Pro⸗ feſſor bald befreit. Der Nationalrath fuhr in ſeiner Vorſtellung ſcherzend fort: „Endlich habe ich unſerm Freunde noch ein paar junge Damen vorzuſtellen, welche auch ſchon Anſpruch machen auf die ihrem Geſchlechte zukommenden Artig⸗ keiten, nämlich meine Töchter Anna und Klara. Das Anneli fühlt ſich ſchon als große Dame und münſcht mit„Sie“ angeſprochen zu werden, das Kläreli iſt . 3 8 —— 25 beſcheidener und läßt ſich durch einen mitgebrachten Apfel oder etwas Konfekt leicht für einen etwaigen Verſtoß gegen die herkömmlichen Formen tröſten.“ Die beiden Mädchen flüchteten ſich vor den halb⸗ verſtandenen Neckereien des Vaters zu Hedwig und verbargen ihre Geſichter in den Falten ihres Haus⸗ kleids. Hedwig blickte zu ihnen herab und fuhr ihnen mit den Händen über das lange braune Haar. Dabei waren die Bewegungen dieſer weißen Hände ſo ſanft, eine ſolche unendliche Zärtlichkeit lag über der kleinen Gruppe ausgegoſſen, daß es den Profeſſor ganz eigen⸗ thümlich anmuthete. „Und nun wollen wir uns zu Tiſche ſetzen,“ ſagte der Nationalrath.„Ich hatte zwar in meiner ſprichwörtlichen Zerſtreutheit vergeſſen, Sie anzumelden, allein meine brave Hausfrau hat aus unſerer langen Unterhaltung mit ihrem gewohnten Scharfſinn den Schluß gezogen, daß Sie zum Abendbrot bei uns bleiben würden, und bereits für Sie gedeckt. So“, der Nationalrath zog einen Stuhl herbei,„nehmen Sie Platz, Herr Profeſſor.“ Alles ſetzte ſich, die beiden Kleinen rückten ihre Stühle ſo nah als möglich an Hedwig heran und warfen hie und da einen verſchämt ſchalkhaften Blick nach dem Profeſſor herüber. Hedwig ſorgte mit größter Aufmerkſamkeit für die Bedürfniſſe ihrer Nichten, band ihnen die Servietten um, legte ihnen vor und that dies mit ihrem gewöhnlichen Ernſt, aber in ſo ver⸗ ſtändiger Weiſe, daß der Profeſſor auch die religiöſe Schwärmerin und die überſpannte Romanleſerin aus ſeinem Beurtheilungsregiſter fallen laſſen mußte. Das Geſpräch wurde nur von Frau Bertha, ihrem Manne und dem Profeſſor geführt. „Sie werden entſchuldigen müſſen,“ leitete der der Nationalrath daſſelbe ein,„wenn meine Frau mir gegenüber ihren heimatlichen Dialekt ſpricht. Sie be⸗ hauptet, ohnehin nicht ſehr geiſtreich zu ſein und bei den Bemühungen, hochdeutſch zu radebrechen, verliere ſie immer ihre beſten Gedanken.“ „Wahr iſt's,“ lachte Frau Bertha,„daß ich mir immer vorkomme als ob ich Komödie ſpiele, wenn ich mit meinem Mann hochdeutſch rede. Wenn ich mit Fremden allein bin, ſo geht's, iſt aber mein Mann dabei, ſo iſt's mir nit möglich, anders zu reden als wir immer reden.“ „Ich verſtehe den allemanniſchen Dialekt vollkom⸗ men,“ entgegnete der Profeſſor,„habe mir ſogar auf meine Kenntniß deſſelben ſchon oft etwas zu gut ge⸗ than und Hebelſche Gedichte vorgeleſen. Das war jedoch in Deutſchland, wo ich keiner Kritik ausgeſetzt —„ — 27 war; vor Schweizern würde ich mir ſelber ſehr komiſch vorkommen, wollte ich ihre Mundart nachahmen. Aber ich verſtehe, wie geſagt, und liebe den Dialekt.“ Der Profeſſor glaubte wahrzunehmen daß Hedwig ihre Augen von dem Teller Klärelis, wo ſie eben et⸗ was Fleiſch zertheilte, emporhebe und einen Moment auf ſeinem Geſicht ruhen laſſe, doch das war kaum bemerkt, ſo auch vorbei, und auch Frau Bertha be⸗ gann wieder in ihrer Mundart, die wir indes über⸗ ſetzen wollen, und ſchielte dabei ſchalkhaft nach ihrem Mann hinüber: „Sie haben uns unwiſſentlich eine große Freude gemacht, Herr Profeſſor, daß Sie grad heut gekommen ſind, denn heut iſt meinem Mann ſein Geburtstag, und ohne Sie wäre er ſchwerlich bei uns geblieben. Aber jetzt wird er wol nicht ſo unhöflich ſein...“ Ueber das Geſicht des Nationalraths zuckte es wie leichter Unmuth, und ſeine Finger zerbröckelten ein Stückchen Brot, das ſich eben zwiſchen ihnen be⸗ fand. Es gelang ihm jedoch, ſeiner Ungeduld Herr zu werden, und mit gezwungenem Scherze antwortete er, zu dem Profeſſor gewandt, auf die Interpellation der Hausfrau: „Bertha will es noch immer nicht begreifen, daß wir nicht blos auf der Welt ſind, um im Schoße unſerer Familie ſo recht nach Bequemlichkeit zu leben, ſondern daß eben auch die Mitwelt, das Volk An⸗ forderungen an diejenigen hat, die ihm nützen können; daß ich als Nationalrath, als Kantonsrath nicht mehr ſo viel Zeit im Kreiſe meiner Familie zubringe, wie als Gemeindeſchreiber in meinem Heimatſtädtchen, das geht ihr nun und nimmer in den Sinn... Heute z. B. iſt die Monatsverſammlung meiner politiſchen Freunde; ich ſoll einen längſterwarteten Vortrag hal⸗ ten über die Erweiterung der Volksrechte, über Veto und Referendum, und meine Frau findet das un⸗ erträglich mit meinen Pflichten als Jubelgreis.“ Frau Bertha richtete ſich auf, und um ihren vollen rothen Mund zeigte ſich ein Zug von bitterem Ernſt, wie ihn der Profeſſor jetzt zum erſten Mal dort entdeckte. „Ich weiß es nur aus Deinen eigenen Schriften, daß die Familie die wahre Grundlage einer jeden ſtaatlichen Ordnung iſt; daß da, wo das Familien⸗ leben Noth leidet, früher oder ſpäter auch das ganze Gemeinweſen krank wird. Ich weiß es auch ſehr wohl zu unterſcheiden, was die Bedürfniſſe des armen Volks ſind, oder die Privatgelüſte von Deinen ehr⸗ geizigen Freunden, die ſich nur mit Deiner Hilfe auf die grünen Seſſel im Regierungsrath ſetzen möchten 29 und Dich immer wieder treiben und aufſtacheln und keinen Augenblick zur Ruhe kommen laſſen aus ihren eigennützigen Beweggründen, und die Dich unbarmherzig fallen ließen, wenn das Volk ſeinen Nationalrath Wenggy uicht mehr ſo lieb hätte, wie jetzt.“ „Bertha!“ die großen Augen des Nationalraths, mit denen er ſeine Gattin anſah, öffneten ſich weit und ſchmerzlich,„Du kennſt nicht den Werth der Männer, die Du ſo leichtfertig bei unſerm neuen Freunde verdächtigſt. Sie ſind die Seele des Fort⸗ ſchritts in unſerm Kanton, zum Theil in der ganzen Eidgenoſſenſchaft. Dieſe Männer, die Du verleum⸗ deſt, haben durch ihre raſtloſe Agitation dem Volke endlich die Augen geöffnet und Deinen Mann zu der ehrenvollen Stufe emporgehoben, auf welcher er jetzt ſteht und ſeine Pflicht thut.“ Die Augen der Frau Bertha blitzten, die Kinder lauſchten mit ſcheuen Blicken dem Wortſtreit zwiſchen Vater und Mutter, ſelbſt die Schwägerin ſchien etwas von ihrer ſtarren Gleichgültigkeit zu verlieren, und ihr Blick ruhte mit ſympathiſcher Wärme auf dem Geſichte des Nationalraths. „Und dafür glaubſt Du Deinen Freunden zu beſonderem Dank verpflichtet zu ſein? Sie haben Dich zum Nationalrath wählen laſſen, weil ſie es ſelber nicht werden konnten, weil ſie nicht Deinen ehrlichen Namen beſaßen, weil der Bürger, der vor Dir den Hut zieht, ihnen aus dem Wege geht. Sie verſteckten ſich hinter dem braven offenen Wenggy, weil das Volk ſich vor ihren eigenen Namen abwendet, der brave Wenggy mit ſeinem warmen Herzen und ſei⸗ nem argloſen Gemüth muß den ſchlauen Herren die Kaſtanien aus dem Feuer holen, ſie hetzen ihn todt mit lauter Broſchürenmacherei und Verſamm⸗ lungen und ſtacheln ihn auf gegen Gott und die Welt, gegen jeden, der ſie mit der Verachtung behandelt, die ſie verdienen.“ Der Nationalrath wollte, auf das ſchmerzlichſte erregt, ſeiner Frau ins Wort fallen. Das energiſche Weib aber fuhr mit glühenden Wangen fort: „Einmal muß es heraus, Friedrich, frei und feſt; der Herr Profeſſor iſt unſer Freund, ſagſt Du, alſo kann er's hören. Wen von Deiner ganzen poli⸗ tiſchen Geſellſchaft hätten ſie wählen ſollen, wenn nicht Dich? Etwa den Poſtdirektor Kleinert oder den zwei⸗ mal bankerotten Bankdirektor? Weiß Gott, ich bin nit ſtolz darauf, daß Du Nationalrath biſt, ich bin glücklicher geweſen in meinem Dorf mit dem Geweinde⸗ ſchreiber Wenggy, der ſeinem Weib und ſeiner Familie gehört hat, nicht dieſen Menſchen, die ſich ums Volk kümmern und nit um ihre Familien, denen Du doch nichts biſt als die Fahne, unter der ſie vorwärts kommen wollen, die ſie verlaſſen, wenn der Wind einmal nach einer andern Seite weht.“ Der Nationalrath hatte dieſen ganzen leidenſchaft⸗ lichen Erguß ſeiner Frau angehört, ohne ſie mit einem Wort zu unterbrechen, aber ſein Geſicht wurde immer bleicher, ſeine ſchwarzen Augen ſchienen ſich vor Schmerz tief in ihre Höhlen zurückzuziehen. Die Augen der Schwägerin hafteten mit einem an Zärtlichkeit ſtreifenden Ausdruck auf dem Mann der Schweſter. Auch dieſe ſchien einigermaßen ihre Heftig⸗ keit zu bereuen, als ſie den Eindruck bemerkte, den ihre Worte hervorgebracht. Sie ſchien wieder ein⸗ lenken zu wollen und faßte die Hand ihres Mannes, die feſt geſchloſſen neben ihr auf dem weißen Tiſch⸗ tuch ruhte. Der Nationalrath machte ſich ſanft aber entſchieden los und ſagte mit ernſter ja ſtrafender Stimme: „Es ſteht mir nicht zu, nach Weiberart im Pri⸗ vatleben meiner politiſchen Freunde zu wühlen. Wenn einzelne derſelben für die Ihrigen nicht das ſind, was ſie nach Deinem geſtrengen Urtheil ſein ſollten, ſo liegt die Schuld vielleicht auch mit an den letzteren, weil ſie vielleicht zu wenig Verſtändniß und Sympathie ———ÿõ——— 32 zeigen für Beſtrebungen, welche jenen über alles gehen und, ſelbſt des geringſten Opfers unfähig, eine Selbſt⸗ entäußerung, wie ſie der Dienſt des Volks verlangt, auch bei jenen nicht begreifen können. Herr Profeſſor Hermann, wenn er mir die Ehre ſchenken will, mich zu begleiten, kann noch heute Abend die Bekanntſchaft meiner Freunde machen und mag dann ſelber beur⸗ theilen, in wie weit das Bild zutrifft, das Du von ihnen ſo bereitwillig entworfen haſt.“ Eine Zeit lang ſchaute Frau Bertha ihrem Manne ſtarr und überraſcht ins Geſicht, daß man faſt einige Aehnlichkeit mit dem ſteten Geſichtsausdruck ihrer Schweſter hättte entdecken können, dann wurde ihr Geſicht wie mit Blut übergoſſen, ihre Augen füllten ſich langſam mit Thränen, und raſch ſtand ſie vom Tiſche auf und ging ins Nebenzimmer. Ihre Töchter⸗ ſchen drängten ihr ſcheu und befremdet nach. Mit einem gezwungenen Lächeln wandte ſich der Nationalrath an ſeinen Gaſt. „Es thut mir leid, daß Sie gleich am erſten Abend den unerquicklichen Eindruck häuslichen Un⸗ friedens bei uns empfangen. Aber die Frauen haben eben blos Antipathieen und Sympathieen und können, wenn ſie nicht vom Strome einer aufgeregten Zeit urtheilslos mit fortgeriſſen werden, das ſehr ſelten be⸗ 33 5 greifen, was wir Anſichten und Ideen heißen. Ein geſtörtes Geburtstagsfeſt muß eine gute Hausfrau nothwendig gegen die Störer einnehmen, ſollte auch das Intereſſe von Millionen die Störung geboten haben. Ueber das Individuelle und den engen Kreis, den ſie ſieht, kommt das Urtheil der Frau nicht hin⸗ aus, darum ſoll ſie auch da bleiben. Damit Sie uns Schweizer aber nicht für ganz unkultivirte Hausbären halten, muß ich wol den erſten Schritt zur Verſöh⸗ nung thun. Entſchuldigen Sie.!“ Der Nationalrath ging durch die Thüre, in welcher ſeine Frau verſchwunden war. Der Profeſſor und Hedwig waren allein. Das Licht fiel voll auf das bleiche ruhige Geſicht, welches träumeriſch aber nicht ſchüchtern auf den leeren Teller herabſah, während die zarten Hände ſich bemühten, die glänzende Serviette wieder in ihre früheren Falten zu legen. Es war nichts von Schüchternheit in ihrem Benehmen, ſie ſchien wirklich vergeſſen zu haben, daß ſie nicht allein ſei. Eine unbezwingliche Neugierde erfaßte den Pro⸗ feſſor. Jetzt war der Augenblick, dieſe feſtgeſchloſſenen Lippen zum Reden zu bringen, das holde Räthſel zu entziffern, das ſich hinter dieſem theilnahmloſen Ant⸗ litz barg. v. Schlägel, Die Volksbeglücker. 3 8 „Und ſind Sie auch ſo ſehr gegen die öffentliche Thätigkeit des Herrn Nationalraths eingenommen, wie Ihre Frau Schweſter?“ Die Frage war etwas indiscret und wie gewöhnlich derartige Geſprächsanfänge ſtark vom Zaune gebrochen. Die„Schwägerin“ ſah auch überraſcht auf, aber der Profeſſor fühlte ſofort, daß dieſe Ueberraſchung nicht etwa einer geſellſchaftlichen Ungehörigkeit ſeinerſeits galt, ſondern das ernſt⸗naive Staunen eines einfachen Mädchens darüber war, überhaupt um ſeine Anſicht gefragt zu werden. Ihre Antwort klang auch zögernd und abgeriſſen und war ſo leiſe, daß der Profeſſor ſein Gehör aufs äußerſte anſtrengen mußte, um ſie in dem unverfälſchten Dialekte zu verſtehen, in dem ſie geſprochen wurde. „Ich denke, ein jeder thut, was er muß, und es wird nicht viel daran geändert, ob's andere für gut finden oder nicht. Der eine, der dazu geboren iſt, ſich für die andern aufzuopfern, wird nie von denen verſtanden werden, die blos gut leben wollen, und der andere wird's nie begreifen, wie man blos für ſich ſelber leben kann.“ Jetzt war die Reihe an dem Profeſſor, überraſcht dazuſitzen. Die Stimme Hedwigs war feſter und lauter geworden, und noch immer glaubte er die letzten Worte 35 derſelben mit ihrem eigenthümlichen Wohlaut durchs Zimmer zittern zu hören. Er ſah Hedwig an, ihr Geſicht war etwas belebter, und ihre braunen Augen lagen ruhig auf ihm. Auf ihm, er fühlte, daß das nicht die richtige Be⸗ zeichnung für dieſen Blick ſei, ihr Blick ruhte einfach auf dem Manne, der die Frage geſtellt, die ſie aus ihrem innerſten Seelenleben aufgeſchreckt. Der Eintritt des Nationalraths und ſeiner Frau ſchnitt eine weitere Unterhaltung ab. Beim Anblick ihrer wieder verſöhnten Verwand⸗ ten, hinter denen ſich auch Anneli und Kläreli mit freudeſtrahlenden Geſichtern einherdrängten, ſtand Hed⸗ wig auf, ſchritt auf ſie zu und küßte ihre Schweſter auf, den Mund und reichte ihrem Schwager die Hand, der ſie herzlich drückte. Dann ging ſie raſch und ohne Gruß aus dem Zimmer.— Eine Pauſe entſtand. Der Nationalrath glaubte eine Aufklärung ſchul⸗ dig zu ſein. „Hedwig hat ein herrliches Gemüth, aber von Jugend auf bei einer alten reichen Tante in einem der abgeſchloſſenſten Thäler des Berner Oberlandes erzogen, hat ſie ſich eine faſt krankhafte Hinneigung zur Natur und ſolche Eigenthümlichkeiten imn Umgang angewöhnt, daß ſie nicht immer richtig beurtheilt wird. Bei Meinungsverſchiedenheiten zwiſchen meiner Frau und mir iſt es ihre klare Seele zumeiſt, welche dadurch getrübt wird. Man muß ſie verſtehen.“ „Seien Sie ohne Sorge, ich glaube, Ihre Schwä⸗ gerin zu begreifen, ſoweit das für einen Fremden und bei einem ſo ſeltſamen Weſen möglich iſt.“ „Hedwig iſt herzensgut!“ begann Frau Bertha, „wenn ſie nur praktiſcher wäre und nicht immer träumte und mit den Leuten immer in Bildern ſpräche, die ſie nicht verſtehen.“ „Mit den meiſten ſpricht ſie gar nicht!“ lachte der Nationalrath.. „Ich finde dieſe Sonderbarkeiten nichts weniger als luſtig,“ meinte Frau Bertha.„Du weißt, Fried⸗ rich, was man von Hedwig ſchon alles behauptet hat.“ „Daß ſie nicht ganz bei Verſtande ſei? Nun ſie hat noch jeden, der ſie darauf hin unterſuchte, zu ſei⸗ nem Leidweſen eines Beſſeren belehrt. Man findet ſo wenig Wahrheit und Originalität mehr auf der Welt und dafür ſo viel Verlogenheit und Flachheit. Laß uns daher zufrieden ſein mit unſerem einfachen, wahren Naturkind mit dem warmen Herzen und den ſonder⸗ baren Gedankenſprüngen. Nun, wie ſteht's, Herr Pro⸗ 37 feſſor! Wollen Sie mich in unſern Klub begleiten? Sie finden da auf einmal die Radikalſten vom ganzen Kanton zuſammen.“ Der Profeſſor ſchrak wie aus tiefem Sinnen auf, dann dachte er daran, daß nach der Charakteriſtik der Frau Bertha der radikale Klub wenn auch keine gute, doch eine ſehr intereſſante Geſellſchaft ſein müſſe, und erklärte ſich bereit, den Nationalrath zu begleiten. Man kann in fremdem Lande nicht früh genug anfangen zu lernen!“ ſagte der Profeſſor, und die beiden Männer ſchritten im traulichen Geſpräch, als als ob ſie ſich Jahre lang gekannt, Arm in Arm die ſchlechtbeleuchtete Bergſtraße hinab zur funkelnden, flimmernden Stadt. Viertes Kapitel. Der Klub der Urradikaleu. Nebeneinander ſchritten die beiden Männer durch die engen krummen Straßen der Stadt. Der Profeſſor bemerkte erſt jetzt, ſoweit es bei der dürftigen Beleuchtung möglich war, daß die innere ſpeziell ſchweizeriſche Stadt ſich denn doch ſehr merklich von den Quartiren unter⸗ ſchied, welche der Fremdenverkehr an die Ufer des bert hatte. Die Häuſer, an denen das ckwerk zumeiſt einige Fuß vor das tiefer liegende in die Straße hereinragte, ließen nur eine ziemlich ſchmale Ritze des ſternenklaren Himmels zwiſchen ihren hohen, ſonderbar geſtalteten Dächern frei, deren gegenüberliegende Firſte ſich manchmal zu berühren ſchienen. Durch dieſe hohle Gaſſe ging es weiter über eine Brücke, wo Reſte des Gem üſemarktes einen ganz —-= — 39 nnerträglichen Geruch verbreiteten, bis vor ein kleines freiſtehendes und wie die übrigen geſtaltetes Gebäude mit eiſernem Altane. Mochte es die verhältnißmäßig freie Lage des Häuschens gegenüber der Gemüſebrücke ſein, mochte eine mittelgroße Linde davor, welche ihre zur Hälſte verdorrte Krone in die Luft ſtreckte, oder der Mond, der eben hinter den Bergen heraufkam, der Oertlichkeit ein ganz beſonderes Ausſehen verleihen— genug, das Häuschen ſah ſonderbar genug aus und die ſich reibende Kette eines unter der Brücke ange⸗ bundenen Nachens vermehrte ächzend den unheimlichen melancholiſchen Eindruck. Die grobbemalten grellbunten Rouleaux des erſten Stocks waren beleuchtet, und wirre Stimmen hörte man bis herunter. Ein dunkler Schatten zeichnete ſich auf den rieſigen transparenten Blumenſträußen der Vorhänge ab, der Schatten wurde kleiner und größer, be⸗ wegte ſich vor, zurück und zur Seite, erhob den rechten Arm, dann beide zugleich, man hörte hier und da einen Ton wie von einer heftig ſprechenden Stimme, dann laute Beifallsrufe. „Advokat Brey giebt eben einen Auszug aus ſeinem neuen Geſetzentwurf“, erklärte der Nationalrath. „Sind Sie auch Juriſt?“ „Nein.“ — — „Nun deſſenungeachtet werden Sie die Rechtsre⸗ formen unſeres Radikalen intereſſiren. Niemand nimmt ſie ſehr ernſthaft, aber dennoch thäte man Unrecht, wenn man die Bedeutung Breys für das polltiſche Leben des Kantons unterſchätzte. Um das Mögliche zu erreichen, muß man mit ſeinen Anträgen immer weit darüber hinausgehen“ „Ich bin anderer Anſicht“, ſagte der Profeſſor; „ich meine, das kann die öffentliche Meinung nur irre⸗ führen und beim Volk über ſeine eigenen Bedürfniſſe eine große Unklarheit hervorbringen. Von Regierungen wie von Parteien verlangt man vor allem Recht und Wahrheit. Der Aetnah war an der Thüre des Wirths⸗ hauſes, welches einer ſchweizeriſchen Gewohnheit gemäß, wie viele Häuſer, einen Eigennamen„zur Linde“ führte und an deſſen Erdgeſchoß ein paar blanke Raſirbecken funkelten, ſtehen geblieben. Er ſchien es faſt zu bereuen, den Profeſſor mitgenommen zu haben. „Das hört ſich recht hübſch an“, ſagte er,„und mag ja auch im Prinzip richtig ſein; in unſerer lokalen Politik aber, wo ſich die ſtreitenden Prinzipien in ge⸗ wiſſen Perſonen verkörpern, muß man zu praktiſcheren Mitteln greifen, um die Mißregierung zu ſtürzen und..“ 41 „Sich an ihre Stelle zu zu ſetzen!“ ergänzte der Profeſſor unwillkürlich. Der Nationalrath ſchien etwas verletzt. Der Schatten oben geſtikulirte immer weitcr. „Ich hätte nicht geglaubt, daß unſere Anſichten ſo weit auseinandergehen“, ſagte Wenggy haſtig und er⸗ regt,„ich wünſche nur, daß wir deſſenungeachtet Freunde bleiben. Doch treten Sie ein, wäre es auch blos, um ſich in unſerem politiſchen Leben etwas zu orientiren.“ Sie ſtiegen die ächzende Treppe empor und öffneten eine Thüre, aus welcher ihnen dicker Tabaksqualm betäubend entgegendrang. Sie traten ein, der National⸗ rath ſo ſtürmiſch begrüßt von ſeinen Freunden, daß der Redner, ein hünenhafter Greis mit weißem Bart und Haar, ſeinen Vortrag unterbrechen mußte. „Wenggy! Wenggy! Da hinauf! Auf den Präſi⸗ dentenſtuhl! Es lebe Wenggy!“ Der Nationalrath lehnte dieſe Ehre mit der Ent⸗ ſchuldigung ab, daß er einen Freund, einen deutſchen Flüchtling, mitgebracht habe, nnd daß er daher aus Hoöflichkeit heute auf die Leitung der Verſammlung ver⸗ zichten müſſe. Dem geraden offenen Gemüth des Profeſſors widerſtrebte es etwas, ſich hier als deutſchen Flücht⸗ ling vorſtellen zu laſſen, ein Name, mit dem man gewöhnlich eine ganz präciſe politiſche Parteirichtung verband. So ſympatiſch ihm zum Theil das Benehmen des Nationalraths gegenüber ſeiner Frau geweſen war, hier glaubte er ihn auf einem Mangel an Muth, auf einer bedenklichen Charakterſchwäche ertappt zu haben. Es war aber jetzt nicht Zeit, Aufklärungen zu geben, und ſie ſetzten ſich. Allmählich hatte ſich der Redner wieder Gehör zu verſchaffen vermocht, indem er einige Male mit dem Meſſer ans Glas klopfte und:„Mine liebe Herre und Schwizer!“ dazu ſagte. Obwohl der Profeſſor nicht Juriſt war, ſo über⸗ raſchte ihn, wenn auch nicht gerade wohlthuend, doch die Originalität deſſen, was er hier hörte. Der Redner beantragte die Einführung der Civiljury, die Abſchaffung des Eides, die Emanzipation der Richter von allen Zeugenbeweiſen. Gegen dieſe alle Rechtskunde auf den Kopf ſtellenden und alle Advokaten überflüſſig machenden„Appenzeller⸗ theorieen“, wie ſie ſich ausdrückten, traten einige „zünftige“ Advokaten theils heftig, theils ironiſch auf. Herr Fürſprech Brey, meinten ſie, ſolle ſich mit der jüngſt erfolgten Freigebung der Advokatenpraxis, die ihm geſtattet habe, ohne jede wiſſenſchaftliche Vorbil⸗ dung vom Schenkwirth zum Advokaten zu avanciren, 43 zufrieden geben und wenigſtens dem Richterſtand ſeine bisherisige juridiſche Ausbildung nicht mißgönnen. Für⸗ ſprech Kuli, ein ſchlanker und nicht unſchöner, elegant gekleideter Mann, nahm die Sache ernſter und rief, einer Jury, wie ſie Herr Brey etwa zuſammenſetzen würde, möchte er nie die Entſcheidung über ſein Ver⸗ mögen anvertrauen. Fürſprech Schütz, ein Juriſt von zweiuudzwanzig Jahren, welcher jedoch zu den rechtsunkundigen Advokaten hielt, weil er dort trotz ſeiner Jugend und Unreife das große Wort führen konnte, warf boshaft dazwiſchen,„das Vermögen des Herrn Kuli möge bei der einen wie der anderen Ge⸗ richtsform keine große Gefahr laufen, da es ſich ja doch blos um die Vermehrung oder theilweiſe Ableugnung einer nicht unbedeutenden Schuldenlaſt handeln könne.“ Da wurde Fürſprech Kuli noch bleicher, erklärte, daß er in einer Geſellſchaft, wo ſolche Menſchen das Wort führten, nicht mehr verweilen könne, und verließ den Saal. „Laßt ihn laufen, den hektiſchen Einfaltspinſel!“ rief da eine klingende Stimme vom andern Ende des Tiſches, als einige Miene machten, Herrn Kuli zu⸗ rückzuholen. Es war der Fürſprech Sauter, ein kleiner ſchmächtiger Mann von etwa achtundzwanzig Jahren, mit feinen Zügen, der wegen ſeiner cyniſchen Schärfe und der unerbittlichen Ironie, mit der er alles angriff was Pietät hieß, trotz ſeiner Jugend neben Wenggy bei den nächſten Wahlen als Vertreter des Kantons in den eidgenöſſiſchen Nationalrathgewählt werden ſollte. „Laßt ihn laufen!“ wiederholte Sauter,„je eher wir dieſer Halben entledigt ſind, deſto beſſer. Er geht jetzt wahrſcheinlich in die„Sonne“ und erzählt den Regierungsmännern, daß nicht einmal mehr die Schraubſtühle der Advokaten vor unſern Mordbrenner⸗ gelüſten ſicher ſeien. Wer feſt auf ſeinen Beinen ſteht, dem ſchadet's nichts, ob rings um ihn der Wind die Blätter aufwirbelt. Es iſt viel faul in unſerem Rechts⸗ leben, das gebe ich zu, das Protektions⸗ und Formen⸗ weſen hat auch da das wenige Gute ausgemerzt, ob aber gerade die Civiljury das richtige Remedium ſei, muß ein Verſuch zeigen.“ Kantonsrath Meßner, früherer Schullehrer, jetzt Kurzwaarenhändler und Schatten des urradikalen Brey, erhob ſich und meinte, wenn er einmal in einer Civil⸗ jury ſitze, ſo hoffe er zu beweiſen, daß er mehr verſtehe „vom Rechte, das mit uns geboren“, als ein verknöcherter Juriſt. Fürſprech Sauter zweifelte daran nicht im geringſten und ging zu einem anderen Gegenſtande über. Es ſchwebe nämlich ein Konflikt zwiſchen dem Regierungs⸗ cath und der Gemeinde betreffs Abtretung eines Stücks 45 des ſtädtiſchen Kirchhofs, über welches eine neue Straße geführt werden ſolle. Die Gemeinde wolle die Straße aus Pietät für die alten Familiengräber einen Umweg machen laſſen, der Regierungsrath dringe auf die direkte Linie, betreibe aber die Sache mit ſolcher Lauheit, daß man ihm mit einer Volksverſammlung unter die Arme greifen müſſe. Es ſei die erſte An⸗ gelegenheit, in welcher die Kantonsregiernng anſcheinend eine liberale Tendenz verfolgte. Jetzt gerade vor den Wahlen dürfe man das Volk dadurch nicht beirren laſſen und müſſe ihm beweiſen, daß es den Vätern des Kantons gar nicht ernſt ſei mit der Durchführung ihres Projekts. Ihn perſönlich intereſſire zwar die Kirchhofsfrage ganz und gar nicht, ſeinetwegen brauchten die Todten gar nicht begraben zu werden, ſondern wanderten nach ihrem Tode einfach in ein induſtrielles Etabliſſement, wo ſie durch paſſende Verarbeitung ihrer Ueberreſte auch nach ihrem Tode zur Verbeſſerung der menſchlichen Lage beitragen würden; aber man dürfe prinzipiell den Regierungsmännern ihr liberales Augen⸗ verdrehen nicht geſtatten, gerade jetzt nicht, man müſſe ſie in ihre Schranken zurückweiſen, und dazu die Ver⸗ ſammlung Der Profeſſor Hermann hatte indes Zeit gehabt, ſich die Geſellſchaft anzuſehen. Er war erſtaunt da⸗ 3 8 1 rüber, in dieſer Geſellſchaft von etwa zwölf Perſonen zwei körperlich ganz verkommenen kretinartigen Geſtalten zubegegnen. Da war einmal der Fürſprech Schütz, der zu einer wahren Gnomenfigur und einen faunartigen Ge⸗ ſicht noch eine ganz abſcheuliche Balggeſchwulſt auf der Stirn hatte, und der Bankdirektor, welcher jedoch auf einem Höcker und einer zu hohen Bruſt einen hübſchen männlichen Kopf mit melancholiſchem Aus⸗ druck trug. Die auffallendſte Erſcheinung der Geſellſchaft war aber jedenfalls der Poſtdirektor. Eine unheimliche düſtere Energie lag in dem braungelben und etwas feiſten Geſicht, das anf einem fetten aber beweglichen und unruhigen Körper ſaß, die ſchwarzen ſtechenden Augen wanderten lauernd und ironiſch von einem der Anweſenden zum andern, und die eine Hälfte ſeines Schnurrbarts hatte der Agitator beſtändig zwiſchen den Zähnen, während ſeine mit Ringen bedeckten Finger auf dem unſauberen Tiſchtuch trommelten. Manchmal richtete er mit einem ganz eigenthümlich widerwärtigen Geſichtsausdruck halb⸗ laute Scherzworte an die etwas gemein ausſehende Wirthin, welche die Gäſte bediente und die betreffenden Späße vertraulich erwiderte. Im Augenblick beſtand jedoch die Beſchäftigung 47 des Poſtdirektors darin, genau die Wirkung zu ſtudiren, welche die Worte des Nationalrathskandidaten auf Friedrich Wenggy hervorbrachten. Dieſer hatte wieder das abgeſpannte, ſchmerzlich erregte Ausſehen, das Profeſſor Hermann, der ſtumme aufmerkſame Beobachter der Geſellſchaft, heute Abend ſchon einmal an ihm beobachtet. Seine Mundwinkel verzogen ſich hie und da zu einem bittern Lächeln, und als der junge Advokat geendet, ſtand er erregt auf. „Ich bedaure lebhaft, daß ich diesmal ganz und gar nicht der Anſicht meines Freundes und Mitſtrebenden Sauter ſein kann. Die Kirchhofsangelegenheit liegt in den Händen meines Schwagers und Freundes, des Landammann Marxer, den jeder hier als einen braven aufrichtigen Mann kennt, der ſich nicht mit liberalem Schein brüſtet, wenn er die Liberalität nicht im Herzen trägt. Er allein hat den Regierungsrath vermocht, in dieſer Angelegenheit Stellung zu nehmen gegen die Gemeinde, und wenn wir gegen den Regierungs⸗ rath agitiren, ſo wirken wir nur gegen einen Freund, der ſchon halb zu uns gehört und früher oder ſpäter ganz zu uns herüber kommen wird.“ „Und doch läßt er ſich von den„Halben“ für die nächſte Nationalrathswahl als Kandivat nennen, ob⸗ wol unſere Partei neben Wenggy unſern Freund Sauter aufgeſtellt hat!“ rief der„Oberſt“, eine militäriſch ausſehende Geſtalt mit grauem Schnurr⸗ und Spitz⸗ bart. „Das iſt die menſchliche Citelkeit, weiter nichts!“ meinte Wenggy entſchuldigend. „Es war wohl auch die menſchliche Eitelkeit, daß er bei der letzten Regierungsrathswahl jene Schmach⸗ broſchüre gegen mich unter den Kantonsräthen vertheilen ließ, in Folge welcher er und nicht ich in den Regierungs⸗ rath gewählt wurde?“ „Das iſt nicht erwieſen, daß Maxer die Broſchüre geſchrieben hat“— rief Wenggy. „Aber auch nicht widerlegt, und wenn er es wirklich gut meint mit der Partei, warum kommt er nicht offen zu uns herüber?“ „Er iſt Regierungsrath, er hat immerhin Rück⸗ ſichten zu nehmen auf das kollegiale Verhältniß mit ſeinen Amtsgenoſſen, er kann nicht unter ſieben immer mit ſeiner Stimme allein ſtehen.“ „Drum bleib' er dort, wohin er gehört“, rief der Poſtdirektor,„aber wir wollen uns nicht durch ihn zu halben Maßregeln verleiten laſſen. Wer nicht mit uns iſt, der iſt wider uns. Grad' in dieſer An⸗ gelegenheit gilt es, die„Halben“ von den„Ganzen“ zu unterſcheiden. Wenggy, Du, der Du immer unſer 1 erprobter Führer biſt, Du wirſt Dich nicht das erſte Mal von uns trennen, um dieſes ſchwachmüthigen Regierungsraths willen, der's mit keinem verderben möcht. Du wirſt den Aufruf zur Volksverſammlung erlaſſen.“ Profeſſor Hermann ſah den harten Kampf, den dieſe Aufforderung in der Seele des Nationalraths her⸗ vorrief, auf ſeinem Antlitz ſich abſpiegelen. „Bei Gott! Ich gehöre mit Leib und Seel dem Volk und meiner Partei, aber Maxer iſt mein beſter Freund,— ich kann ihn nicht angreifen, er iſt der Bruder meiner Frau!“ Eine lange unheimliche Pauſe entſtand. Wie ein Todtmüder ſaß Wenggy in ſeinem Stuhl. Auf den Geſichtern der meiſten Anweſenden war Unwillen und Enttäuſchung zu leſen. „Nun wohl!“ begann der Poſtdirektor wieder, „ich hab' es für mich behalten wollen, ich hab’ Deine Freundſchaft für Maxer nicht ſtören mögen, ich habe gehofft, daß Du ohnedem mit der Partei gehen würdeſt, wie bisher. Da Du aber den Schwager höher hältſt als uns, Wenggy, ſo muß ich Dir ſagen, daß heute ſein Kollege im Regierungsrath, der Landammann Mur, bei mir war..“ v. Schlägel, Die Volksbeglücker. 4 5 1 3 1 1 4 Dieſe Mittheilung brachte allgemeines Erſtaunen hervor, das auch Wenggy theilte: „Mur, das Haupt der Altkonſervativen und Ultra⸗ montanen bei Dir, bei dem radikalen Maulwurf, wie Dich ihre Blätter heißen?“ „Bei mir!“ lächelte das fette Geſicht des Poſt⸗ direktors mit boshaftem Ausdruck.„Er erzählte mir, daß Maxer ihm für die nächſten Wahlen eine Fuſion der Ultramontanen und der von ihm vertretenen Mittel⸗ partei angeboten habe, um Friedrich Wenggy zu prengen und unſern Sauter unmöglich zu machen.“ Mit weitoffenen ſtarren Augen ſaß Wenggy da. „Ich habe nie an Deinem Wort gezweifelt, Kleinert...⸗ Der Poſtdirektor zuckte die Achſeln: „Und kannſt es auch diesmal nicht, denn Mur wird morgen zu Dir kommen, um mit Dir über ein Projekt zu reden, das ihm profitabler ſcheint, als der Bund mit den„Halben“, die im Volke, welches nichts Halbes mag, noch weniger Fuß haben als die Schwarzen. Mur ſchlägt uns die Fuſion vor gegen die Kandidaten der Mittenpartei und der Altliberalen. Sie laſſen uns Wenggy und Sauter und verlangen nur...“ Einen Moment hatte ſich Wenggy ganz ſeinen ſchmerzlichen Gefühlen über die Treuloſigkeit des 51 Freundes und Schwagers überlaſſen, jetzt ſprang er auf, der Politiker in ihm war empfindlich getroffen: „Eine Fuſion mit den Schwarzen, die den Sonder⸗ bundskrieg heraufgerufen und heute noch unſer Land nach Rom verkaufen würden, wenn nicht alle guten Schweizer wachten. Nie und nimmer werde ich zu einem ſolchen ehrloſen Pakt Ja ſagen...“ Der Poſtdirektor ſchüttelte den Kopf, wie man etwa die Einwürfe eines begabten aber unreifen Kindes anhört: „Wenggy, wir ſind keine Schwärmer, die mit Gefühlen rechnen, ſondern praktiſche Parittter, die Zwecke erreichen wollen.“ Der Poſtdirektor war aufgeſtanden, hat ſeine kurze Geſtalt mit den beiden Fäuſten auf den Tiſch geſtemmt und ſchien mit ſeinen ſtechenden Augen den Nationalrath in die Kreiſe ſeines Willens bannen zu wollen. „Aber wir brauchen die Hilfe jener Unſeligen nicht, die unſer Vaterland ſchon einmal an den Rand des Verderbens gebracht—“ „Du nicht, Wenggy! Deine Wahl iſt geſichert, aber die Wahl Sauters iſt ſchwankend; wenn wir den ultramontanen Kandidaten acceptiren, ſo iſt auch Sauter durch, und die ſtolze und ariſtokratiſche Kantons⸗ regierung hat unter den eidgenöſſiſchen Räthen keine 4* Vertretung. Mögen dann immerhin die Herren Kantons⸗ räthe ihre ſieben trockenen Schleicher wieder in die Regierung wählen, vor der Eidgenoſſenſchaft, vor der Welt ſind wir die Herren und Vertreter des Kantons, denn uns hat das Volk dazu gemacht. Der Ultra⸗ montane zählt nicht, denn wir, wenn wir auch wollten, könnten die Macht einer Partei nicht mehr aufrichten, welche verurtheilt iſt. Und nun entſcheide Dich, Fried⸗ rich Wenggy, willſt Du Deinen Schwager ſchonen, der Dich ſprengen will?“ „Nein!“ Es war faſt unverſtändlich, dieſes Nein, das der Poſtdirektor wiederholte. „Willſt Du die Volksverſammlung gegen den Regierungsrath berufen?“ „Ja.“ „Und— willſt Du Landammann Mur empfangen und mit ihm die weiteren Schritte betreffs gemein⸗ ſchaftlicher Wahlagitation berathen?“ „Wenn ihr ſo meint, ich will es.“ Eine diaboliſche Freude zuckte über das Geſicht des Wühlers. Er ſtand auf und näherte ſich Wenggy⸗ den alles beglückwünſchend umdrängte: „Ich wußte es“, ſagte der Poſtdirektor, indem er ſeine Hand auf die Schulter des Nationalrathes legte, 53 „ich wußte, daß Du im letzten Moment treu zu uns ſtehen würdeſt, daß die Zufälligkeit, die Schweſter eines eitlen Schwachkopfs zur Frau zu haben, uns nicht trennen könne. Und nun, meine Herren, ich glaube, ich ſpreche allen aus der Seele, wenn ich rufe: Unſer Wenggy, mit dem warmem Herzen und dem unerſ chrockenen Muth, unſer tapferer Führer und Vorkämpfer lebe hoch!“ Der unheimliche Mann erhob ſein mit rothem Wein gefülltes Glas und leerte es; die übrigen folgten ſeinem Beiſpiel:„Hoch! Hoch!“ Der alſo Gefeierte ſaß da und ſuchte gefällig und dankbar zu lächeln, aber ſein bleiches Geſicht brachte es nur zu einer ſchmerzlichen Grimaſſe. Als werde es ihm um die Bruſt zu eng, ſo haſtig ſprang er auf und trat ans Fenſter. Er öffnete es und ſchaute hinaus. Von einem nahen Thurme ſchlug es zwölf. Der Nationalrath wandte ſich nach dem Profeſſor um, und fragte ihn, ob er ihn wohl begleiten wolle. Er werde den Heimweg antreten. Der Profeſſor erklärte ſich dazu bereit. Lange gingen die beiden Männer ſchweigend neben einander. Endlich, als ob der Nationalrath die Ver⸗ pflichtung fühlte, ſeinem Gaſte eine Erklärung zu geben, ſeufzte er mit wehmüthigem Scherze: 54 „Es iſt eine harte Arbeit, die fürs Volk.“ „Sie ſcheinen heute Abend allerdings mit theuren Intereſſen in Konflikt gekommen zu ſein.“ „Es iſt wahr, ich hatte meinen Schwager lieb, lieber als alle andern Menſchen außer meiner Frau; aber einmal mußte es ſo kommen, und er hat es ja gewollt.⸗) „Sind Sie deſſen ſicher?“ „Gewiß, Kleinert mag alle Fehler haben, die ihm meine Frau nachrühmt, aber ehrlich mit dem Volke und der Partei meint er's.“ „Und— und Ihre Frau— wird ſie es gleich gültig hinnehmen, wenn Sie ihren Bruder in der Oeffentlichkeit angreifen?“ Der Nationalrath blickte mißtrauiſch auf zu ſeinem größeren Begleiter. Er begegnete nur einem warmen Blick voll echter Theilnahme. „Das nicht; es wird eine aufregende Scene geben“, ſagte er dann.„Vielleicht einen ſehr ernſtlichen an⸗ dauernden Verdruß. Es thut mir das leid. Ich liebe mein Weib aufrichtig, trotzdem ſie kein Verſtändniß hat für das, was mir als das Höchſte gilt; ich habe auch meinen Schwager gern, recht gern, aber wem es ernſt iſt mit der Sache des Volks, der darf nicht immer rückwärts ſchauen, der darf ſich nicht um jedes Stirnrunzeln ſeiner Sippe kümmern...“ „Und ſind Sie ſicher, daß es wirklich die Sache des Volks und nicht blos die Sache jener paar Leute iſt, die ich heute Abend kennen gelernt habe, welcher Sie ein friedliches Familienleben opfern? Sind Sie deſſen gewiß?“ Sie hatten einen Umweg gemacht und ſtanden jetzt am See, welcher in einen leiſen wallenden Duft gehüllt war, der nur ganz in der Nähe des Ufers an Dichtigkeit verlor. Hier konnte darum auch der Mond“ ebenfalls umdunſtet und weniger klar, als zu Anfang der Nacht, durchbrechen, und wie mit matten Silber⸗ funken beſtreut ſchwoll der See ans Geſtade und zog ſich leiſe rauſchend über die glitzernden Steine des Uferrandes zurück. Die Kähne, die am Ufer angebunden waren, ſchaukelten und ächzten dann und rieben ihre Planken aneinander, und die etwas vom Ufer entfernten Bade⸗ anſtalten zeichneten ihre dunkleren Schatten auf die Waſſerfläche. Die beiden Männer gingen auf dem weißen knarrenden Kies, mit dem die Wege der Anlagen be⸗ ſtreut waren. Hie und da fiel von den dunklen Akazien⸗ — bäumen ein zackiges Laub leiſe raſchelnd zu ihren Füßen nieder. Der Nationalrath blieb ſtehen, blickte auf den See und dann zum geſtirnten Himmel hinauf, holte einen tiefen Athemzug und ſagte: „Es iſt ein herrliches Land, unſere Schweiz, wol werth, daß man darum etwas Ungemach erduldet.“ Auch der Profeſſor blieb ſtehen. Auch er lauſchte dem Rauſchen des Sees, ließ die balſamiſchen Lüfte ſeine glühenden Wangen kühlen und ſpürte den Odem der Unendlichkeit der um ſein heimathloſes Haupt wehte. Fünftes Kapitel. Das Kind der Berge. Es war ein herrlich gelegenes Zimmer, welches, wie der Profeſſor früh am andern Morgen ſah, die Gaſtfreundſchaft Frau Berthas ihm eingeräumt hatte. Man genoß die Ausſicht über die Stadt mit all ihren Thürmen und palaſtähnlichen Hotels, ihren engen winkeligen Straßen und den ſonderbaren überragenden Stockwerken bis zu den fernſten Fabriken im weiten offenen Thal, welche aus thurmhohen Kaminen ihren ſchwarzen Rauch zum blauen Himmel emporſandten. Ein Bahnzug vom Norden, von Deutſchland herkom⸗ mend, dampfte an ihnen vorüber und ſeine weißen Rauchwellen verſchwanden hie und da hinter den glänzenden Mauern der Villen oder ihren dunkelgrünen buſchigen Gärten. Der See war bereits beſät mit 8 bunten Dampfern und jenen weißen hohen Segeln auf winzigen Nußſchalen, welche dem Profeſſor ſchon geſtern aufgefallen, und mit Ruderkähnen, welche faſt nur an dem langen trichterförmigen Einſchnitt im Waſſer, den ſie zurückließen, zu bemerken waren. Und die Morgen⸗ ſonne lag ſtrahlend auf den Städtchen, Dörfern, Land⸗ häuſern und Villen am Ufer, und das Oberland mit ſeinen zackigen Spitzen und eingeſenkten Schneeflächen ſchaute mit blauweißem Glanze herunter auf den hell⸗ grünen See. Das Geſicht des Profeſſors verdüſterte ſich, er dachte an den Klub der Radikalen in der„Linde“, und ſein Herz zog ſich ſchmerzlich zuſammen, daß es einigen hämiſchen lichtſcheuen Naturen und einem Verblendeten, der ihnen dienſtbar war, möglich ſein ſollte, über den friedlichen Zauber dieſer Gegend die wilden Wogen politiſcher Leidenſchaft hervorbrechen zu laſſen. Da ertönte unter ihm eine leiſe und unſichere aber ungemein melodiſche Stimme: A Liedli han i g'ſunge Z' Abig am ſchtille See, Es hät ſo ſeltſa klunge, Mir thuet mi's Herz ſo weh— Vun de Bergli lueget abe Der bluetig rothi Schnee, Ich wott, i wär bigrabe Tief in dem ſchtille See... Die Stimme der Sängerin wurde immer leiſer, ſo daß des Profeſſors an Verſe gewohntes Ohr den Schluß mehr ahnte als erfaßte. In der abgeriſſenen träumeriſchen Art, wie ſie das Lied ſang, mehr noch als in dem einfachen Texte lag etwas unendlich Weh⸗. müthiges. Der Profeſſor trat näher ans⸗Fenſter und blickte hinab. Der Garten, der das Haus umgab, ſtieg auf dieſer Seite teraſſenförmig abwärts bis zum nächſten Hauſe, deſſen dunkles Schieferdach da und dort durch die Lücken der Rebengänge blickte. Auf den ſteinernen Stufen der erſten Terraſſe ſaß in einem ſchlichten hellen Kattunkleid, den Rücken gegen das Haus gewendet unbeweglich auf den See hinausſtarrend, Hedwig; die Träger eines ſchwarzen Schürzchens reichten über ihre weißen Schultern, einige braune Ringeln des einfach aufgeſteckten Haares fielen auf den ſchlanken Hals herab und dienten dem leichten Morgenwind zum Spiele. Rechts und links zur Seite Hedwigs knieten Anneli und Kläreli und ſchauten der Tante ins Geſicht, wäh⸗ rend ſie ſang, und ſie ſtrich ihnen wie geſtern mit den ſchmalen Händen über die weichen Haare und drückte 60 hie und da in zerſtreuter Zärtlichkeit die Köpfe der beiden Mädchen an ſich. Das Bild war doch ſo einfach und wol an vielen Orten wieder zu treffen, was war's, was den Profeſſor auf einmal ſo ergriff, daß er raſch vom Fenſter zurücktrat, als ob jemand ihn ob ſeiner Rührung verſpotten könne, und mit dem Rücken der Hand raſch über die Augen fuhr? Oder hielt er es für einen Frevel, dies reine Bild verwandtſchaftlicher Zuneigung ungeſehen zu belauſchen? Der Profeſſor ſtieg die Treppe hinab. Niemand im Hauſe begegnete ihm. So kam er bis zu der Glas⸗ thüre, die in den Garten führte. Er öffnete ſie und trat hinaus. Vun de Bergli lueget abe De bluetig rothi Schnee, Ich wott, i wär bigrabe Tief in dem ſchtille See... Kläreli und Anneli hatten den Tritt des Pro⸗ feſſors im Sand gehört, machten ihre Köpfchen ſanft von der Umſchlingung der Tante frei und wandten ſich gegen den Ankömmling. Auch Hedwig wandte ſich, wie aus einem Traum erwachend, mit dem ihr eigenthümlichen leeren Blick langſam um. 64 „Guten Morgen, Jungfer Hedwig! Guten Morgen, Kinder!“ ſagte der Profeſſor, indem er den Mädchen die beiden Hände hinſtreckte und ſich vor der Schwä⸗ gerin verneigte. Die beiden Kinder ſprangen auf und gaben reſolut die Hand. Hedwig blieb halb nach rückwärts gewendet ſitzen und nickte mit dem zarten blaſſen Geſichtlein: „Willkommen!“ Dann als ob ſie ſich erinnere, daß dieſer Gruß heute doch nicht mehr paſſe und als ob ſie gewaltſam in die Wirklichkeit zurückſuche, fügte ſie hinzu:„Guten Morgen, Herr Profeſſor!“ „Sie haben da eben Ihren Nichten ein hübſches Lied vorgeſungen!“ fuhr der Profeſſor fort, indem er den anſcheinend ſchon weiterſchweifenden Geiſt des Mädchens zu bannen ſuchte. Der Jungfer Hedwig ſchien dieſe Störung nicht angenehm. Im Gegenſatz zu ihrer geſtrigen Apathie wechſelte ſie öfter die Farbe und blickte unruhig nach den beiden Nichten, die der Profeſſor koſend an ſich zog. Es ſchien ſie unſicher zu machen, daß ſie nicht die beiden Kleinen wie gewöhnlich an ihrer Seite hatte. „Die Kinder verſtehen mich!“ ſagte ſie dann haſtig und ließ ihr Auge über den See ſchweifen. 62 „Begegnete Ihnen das ſo ſelten?“ fragte der Profeſſor raſch.„Ihr Schwager, Ihre Schweſter ver⸗ ſtehen Sie nicht?“ Hedwig ſchaute den Profeſſor überraſcht an. Ihre traumhafte Natur ſchien ſich ungern der Feſſel von Frage und Antwort anzubequemen. Auch hatte ſie offenbar mehr einem unbeſtimmten Gefühle Ausdruck geben, als das Geſpräch weiter führen wollen. Sie ſchien ſich jedoch dem einmal angebahnten Ideengang nicht mehr ſo leicht entziehen zu können und ſagte in der ihr eigenen Bilderſprache: „Schauen Sie den hohen Berg dort an; wenn man auf ſeinem Gipfel ſteht, ſo ſieht man viele Städte und Häuſer und Flüſſe und große Waſſer und alle Berge, die kleiner ſind— aber in die kleinen Hütten, die ſich an ſeine Seite drücken, da kann man nicht hineinſehen. Mein Schwager hat ein Herz für die ganze Welt und möcht' alles Volk glücklich machen, aber... „Aber über das Hüttlein an ſeiner Seite blickt er weg“, vollendete der Profeſſor.— Zum erſten Mal ſah ihn Hedwig mit einem vollen ſtrahlenden Blick an. „Und Ihre Schweſter?“ Hedwig wurde nachdenklich. 63 „Meine Schweſter!“... murmelte ſie. Da flat⸗ terte ein Finke mit ſeinem eintönigen aber munteren Pfiff vorbei. Eine raſche Freude verklärte Hedwigs Geſicht, als ſie ihm mit dem Finger nachzeigte, daß auch Kläreli und Anneli, die dem bisherigen Geſpräch mit ziemlich blöden Geſichtlein gelauſcht, ſich raſch um— wandten: „Habt Ihr das Vögelein geſehn? Es hat ein ganz kleines Zweiglein im Schnabel getragen, davon macht es ſein Neſt.— Glaubet Ihr wol, daß das Vögelein uns verſteht?“ Der Profeſſor ſtand gerührt vor der kindlichen Weisheit, die der Mund des einfachen Kindes ihm offenbarte. „Und Kläreli und Anneli ſind alſo klüger als Berg und Vogel?“ Das Auge der Jungfer Hedwig, gewöhnlich ſo blaß und träumeriſch, war dunkelbraun und glänzend ihre weiße Haut ſchimmerte dunkelroſenroth, die Flügel ihres feinen Näschens zitterten vor Erregung. Sie zog die beiden Kinder mit leidenſchaftlicher Inbrunſt an die Bruſt: „Sie haben mich gern, darum verſtehen ſie mich. Sie jubeln mit mir und ſind traurig, wenn ich traurig bin; wenn ich bete, ſchauen ſie mit mir zum Himmel auf, und lauſchen ſtill wie die Mäuslein, wenn ich ſinge. Sie wiſſen vielleicht nicht, was ich ſinge, aber ſie verſtehen mich, ich fühl' es, ſie verſtehen mich...“ Wie zur Beſtätigung drückten ſich die beiden Mäd⸗ chen feſt an die Tante. „Sie ſangen vorhin ein ganz ſeltſames Lied, Jungfer Hedwig.“ Die raſche Erregung der Schwägerin war ver⸗ ſchwunden; zerſtreut ſtarrte ſie hinaus auf den See. „Ich weiß nicht mehr, was ich geſungen habe!“ „Es klang wie Todesſehnſucht: Ich wollt, ich wär begraben tief in dem ſtillen See...“ Hedwig wurde immer bleicher und ſchien ſchwerer zu athmen. „Ich weiß nicht, wie mir das Lied jetzt immer in den Sinn kommt, ich kenn' es erſt, ſeit ich hier bin, ich weiß nicht von wem; aber immer wenn ich auf den See ſchaue und auf meine lieben Berge, da kommt es mir in den Sinn...“ „Sie ſind nicht lange bei Ihrer Schweſter?“ „O, ſchon ſehr lange! Seit meine liebe Baſe⸗ Pathin todt iſt— ſchon lang, ich glaube faſt ein Jahr.. Hedwig ſchaute traurig zu Boden und betonte das letzte Wort, als ſei ein Jahr ein ganz unendlicher Zeit⸗ 65 raum. Dann fuhr ſie fort, als trenne ſie ſich ungern von dem Gegenſtande: „Daß gerad die Baſe hat ſterben müſſen! Sie hat mich auch verſtanden,— das Häuschen hat mein Schwager verkauft, und es war doch ſo hübſch, das Häuschen, ganz am Felſen, und es war ſchon um vier Uhr Nacht in dem engen Thal, aber man hat ſich ruhig und ſicher drin gefühlt, und wenn die ganze Nacht die Lawinen donnerten und die Bauern vom Dorf die einzigen Menſchen waren, die wir geſehen Haben, und die ſind ſo gut geweſen; haben immer „Grüetſi“ geſagt zu mir und der Bäſi, ſind des Abends in unſer Häuschen gekommen und haben ſchaurige Geſchichten erzählt— o, es war herrlich. Manchmal, aber nicht oft, bin ich mit der Baſe auf den Berg ge⸗ ſtiegen, und da hat man ausſchauen können in die Welt und man iſt froh geweſen, wie man wieder daheim war. Und meine Kitzli und mein Kitzeböcklein, die ſo luſtig auf dem grünen Gras geſprungen ſind— o, es war herrlich. Und erſt des Winters, wenn wir zu den Nachbarsleuten uns den Weg durch mannshohen Schnee haben graben müſſen.“ Hedwig ſtockte. „Aber hier iſt es doch ſchöner“, meinte der Pro⸗ v. Schlägel, Die Volksbeglücker. 66 feſſor und ſtreckte die Hand aus, als wollte er ihr die Reize der Gegend zeigen. Hedwig ſchauerte zuſammen. „O, hier iſt alles ſo weit und leer, und das Herz wird mir ſo bedrückt von dem großen See und die Berge ſind ſo weit. „Sie haben alſo Heimweh...“ Der Profeſſor bereute augenblicklich, das Wort ausgeſprochen zu haben. Mtt ſtarren Augen ſah ihn Hedwig an, ihre Pupillen wurden immer größer, ihre Lider füllten ſich mit Thränen, ſie wandte ſich raſch um und ging ins Haus. Der Profeſſor ſtand allein bei den Kindern, die ihn erſtaunt betrachteten. Sechstes Kapitel. Das Heimweh. „Herr Profeſſor! Ja, wo iſt denn der Herr Pro⸗ feſſor? Anneli! Kläreli!“ Wie von einem Bann erlöſt, ſprangen die Kinder auf ihre Mutter zu, welche ihnen friſch wie eine voll⸗ aufgeblühte, vom Nachtthau erquickte Roſe aus dem Hauſe entgegenkam. Sie trug ſich ähnlich wie Hed⸗ wig und lächelte freudig dem Gaſt entgegen. Offen⸗ bar wußte ſie noch nichts von dem neuen Ungewitter, das ihrem häuslichen Frieden drohte. „Ja, Herr Profeſſor, wo ſtecken Sie denn, das Frühmahl ſteht auf dem Tiſch, und wir können unſern Gaſt nicht finden.“ „Ich habe mit Jungfer Hedwig geplaudert.“ „Mit meiner Schweſter? Und geſchwätzet, ſagen 5* 68 Sie? das iſt doch ſonſt nit ihre Gewohnheit. Hedwig iſt froh, wenn ſie kein Wörtlein zu reden braucht. Wir ſind ſchon oft ſehr ärgerlich geweſen wegen ihren Launen, aber ſie kann eigentlich nicht dafür, denn die Baſe hat ſie ſo verzogen, und wir ſelber ſind Schuld dran, daß wir ihr immer nachgeben und ſie ſo lang in dem ſchauerlichen Felſenneſt im Berner Oberland gelaſſen haben... Aber das geht ſchon vorüber, wenn ſie einmal verheirathet iſt und Kinder zu verſorgen hat“, fügte die praktiſche Frau lächelnd hinzu—„in meiner Jugend habe ich auch manche Grille gehabt; das iſt aber alles wie weggeblaſen...“ 6 „Das iſt bei kräftigeren Naturen manchmal der Fall“, ſagte der Profeſſor, ohne auf den ſcherzhaften Ton Frau Berthas einzugehen,„aber ſchwächere Weſen gehen manchmal an Stimmungen zu Grunde, wie ſie Jungfer Hedwig zu beherrſchen ſcheinen. Neue Pflich⸗ ten ſind allerdings ein wirkſames Mittel dagegen, lei⸗ der ſcheint mir Ihrer Schweſter Gemüthszuſtand nicht darnach zu ſein, um ſolche Verhältniſſe ſo raſchweg zu acceptiren.“ 3 Des Profeſſors Herz ſchlug bei dieſer halben Frage etwas ſchneller, daß der Menſchenkenner über ſich ſelber etwas erſtaunt war. Auch Frau Bertha war ernſter geworden: 69 „Da haben Sie recht. Hedwig iſt hübſch, und an Anbetern hat's ihr nicht gefehlt— ganz brave junge Leute mit ſicherem Auskommen haben um ſie angehal⸗ ten, aber wenn man ihr ſo was geſagt hat, da iſt ſie ganz außer ſich geweſen. Wir wollten ſie verkaufen, ſie ſei uns läſtig, ihre arme todte Baſe hätte nie ſo an ihr gehandelt, und ähnliches Zeug hat ſie geſchwätzt, und Nächte lang haben wir ſie weinen hören um die todte Baſe und ihr armſeliges Häuslein im Berner Oberland, das wir verkauft haben, weil wir es ſonſt wieder hätten aufbauen müſſen, in ſolch baugefähr⸗ lichem Zuſtand war es...“ „Wenn Sie mir, dem Fremden, ein Urtheil ge⸗ ſtatten wollen über Hedwigs Gemüthszuſtand, ſo hat ſie ganz einfach Heimweh. Ich habe das Wort ganz zufällig und, ohne ihm eine ernſtere Bedeutung beizu⸗ legen, gegen Ihre Schweſter erwähnt, und ſie gerieth in die heftigſte Aufregung und verließ mich raſch, ein Zeichen, daß ich, wenn auch nur zufällig, den wunden Fleck in ihrem Herzen berührt habe.“ Frau Bertha hatte dem Profeſſor eine Zeitlang mit ſprachloſem Erſtaunen ins Geſicht geſchaut. Dann ſchüttelte ſie den Kopf: „Heimweh? Nach was ſollte das Kind Heimweh haben? Iſt ſie denn nicht zu Hauſe bei ihren einzigen 70 Verwandten? Hat ſie nicht immer die beiden Kinder um ſich, die ſie faſt lieber haben als ihre Mutter? Nach was ſoll ſie Heimweh bekommen?“ „Nach dem engen Thal mit den ſenkrecht ſtehen⸗ den Wänden, wo die Sonne erſt um zehn Uhr auf und um vier Uhr ſchon unter geht, nach dem baufälli⸗ gen„Hüsli“, das Sie verkauft haben, nach der todten „Bäſi“, nach ihrem Kitzböcklein, nach dem tiefen Schnee im Winter und dem ſpärlichen Grün des Sommers, und nach dem fernen Donner der niederrollenden La⸗ wine. Kurz nach allem, Frau Bertha, was ein Jahr⸗ zehnt lang ihre Welt ausgemacht hatte, an was ſich die kindliche Phantaſie angeſchmiegt mit allen ihren Faſern— Hedwig ſagt ſelbſt, die große weite Ausſicht, die Welt hier beengt ſie, ſie kommt ſich ſo allein und winzig vor in dieſer unendlichen Schöpfung und flüch⸗ tet ſich zu Ihren Kindern, die wenigſtens mit ihr wei⸗ nen, wo, wie ſie glaubt, niemand ſie und ihre Trau⸗ rigkeit verſteht.“ Der Profeſſor hatte ſich in einige Wärme geſpro⸗ chen; ſein Ton klang eindringlich an das Ohr der Schwägerin, welche nachdenklich vor ſich niederſah. „Wohl, wohl!“ ſagte ſie endlich leiſe.„Ihr mö⸗ get vielleicht nicht ganz Unrecht haben. Wir haben uns ein bischen zu wenig um das Kind bekümmert; —— — —— 71 mein Mann, ſeit er Nationalrath iſt, hat für nichts anders mehr Auge und Ohr, als für ſeine leidige Po⸗ litik, und ich habe immer ſo viel Aerger deswegen und mein Hausweſen nimmt mich ſo in Anſpruch, daß ich mir keine Zeit gelaſſen habe, den Seelenzuſtand meiner Schweſter zu unterſuchen. Ich habe gedacht, ſo lang’s ißt und trinkt und auf iſt, kann ihr das bischen Traurigkeit nicht ſchaden. Wenn Sie aber das ſo auffaſſen— ich habe gehört, das Heimweh iſt eine böſe Krankheit— Sie haben mich ganz unruhig gemacht— ich will mit meinem Mann darüber reden; jetzt aber kommen Sie zum Frühmall, ſonſt fällt unſer langes Geſchwätz auf.“ Die allgemeine Stimmung beim Frühſtück war eine ſehr ernſte. Der Nationalrath gab ſich alle Mühe, gegen ſeinen Gaſt heiter zu erſcheinen, das Geſpräch kam jedoch bald wieder ins Stocken. Er ſchwankte vielleicht unſchlüſſig hin und her, ob er ſeiner Frau Mittheilung davon machen ſolle, daß er durch ſeine politiſche Stellung gezwungen ſei, ſogar das verwandt⸗ ſchaftliche Band zu zerreißen, das ihn mit ihrem Bru⸗ der verknüpfte, oder ob er ſie durch das unwiderruf⸗ liche Ereigniß überraſchen laſſen ſolle. Für und gegen beides ſprachen triftige Gründe, und der Nationalrath fühlte ſelbſt, daß bei dem entſchiedenen Charakter ſeiner 72 Frau ihre Liebe ſehr groß ſein müſſe, um dieſe herbe Verletzung ihrer Gefühle und Anſchauungen zu er⸗ tragen. Frau Bertha bemerkte davon nichts. Der Pro⸗ feſſor ſah mit einer Freude, die er ſich ſelbſt in ihrem ganzen Umfange nicht geſtehen wollte, daß ſeine Mah⸗ nung an das Herz der Schweſter Früchte getragen hatte.. Frau Bertha verwendete, wann es nur unbemerkt geſchehen konnte, keinen Blick von ihrer jüngern Schwe⸗ ſter und erwies ihr mit einer Zartheit, die man ihrer entſchiedenen Natur gar nicht hätte zutrauen mögen, kleine Aufmerkſamkeiten, daß Hedwig einigemale mit einem unverkennbaren Ausdruck wohlthuender Ueber⸗ raſchung die faſt ſtets geſenkten Augen zu ihr auf⸗ ſchlug. Hedwigs Benehmen gegen den Profeſſor hatte ſich jedoch eher verſchlimmert als gebeſſert. Es war zwar nicht mehr jene ſtarre Gleichgültigkeit, welche ihn geſtern ſo unangenehm berührt, aber ihr Blick ſchien ihn zu vermeiden, wie jemanden, der ſich unberufen in ihre Geheimniſſe gedrängt, der ſie beurtheilte und da⸗ durch eine gewiſſe moraliſche Macht über ſie beſaß, die ihre zarte ſcheue Seele nur ungerne ertrug. Sie war nicht mehr die kalte blaſſe Marmorſchönheit von geſtern, ——— 603 ſie erröthete oft ohne jede äußere Veranlaſſung, war haſtig und unbeſtimmt in ihren Bewegungen, und Kläreli und Anneli erfuhren zum erſten Mal eine Nichtachtung, die ſie vollkommen berechtigte, ihrerſeits ebenfalls die rothen Mäulchen hängen zu laſſen. Siebentes Kapitel. Der Landammann. Als das Frühſtück vorüber war, bat der National⸗ rath den Profeſſor, mit ihm auf ſein Zimmer zu kom⸗ men, da er in des letzteren eigenen Angelegenheiten mit ihm zu reden habe. Einige Zeit ging der Nationalrath unruhig im Zimmer auf und ab, dann blieb er vor dem Profeſſor ſtehen und ſagte mit ſchmerzlichem Lächeln: „Schon heute Nacht habe ich Ihnen geſtanden, daß der Dienſt des Volkes ein harter Dienſt iſt— nie wurde er mir ſo ſchwer, als im gegenwärtigen Augen⸗ 4 blicke, wo ich gegen meinen Schwager auftreten muß. Wir waren nie ganz einig in politiſchen Dingen, er war mir nach der einen großen That, die ſeinen öffentlichen Charakter beſtimmte, immer eine zu kühle 75 ariſtokratiſche Natur, die nie den Muth hatte, den Schatten einer Lächerlichkeit oder eines Fiaskos auf ſich zu nehmen, weshalb, ich bin es überzeugt, ſeine beſten Pläne unausgeführt blieben. Daß nun er, der auf unſere Nachbars⸗ und Gevatterspolitik, wie er unſre beſten Beſtrebungen hieß, immer ſo olympiſch herabblickte, den man ſelbſt bitten mußte, den Regie⸗ rungsrathſtuhl anzunehmen, welcher das ſehnlichſte Ziel von einem Dutzend Männern im Kanton iſt, daß derſelbe Mann, der einſt als katholiſcher Prieſter ſich mitten in ſeiner Predigt unterbrach und von der Kan⸗ zel herunterſtieg und ſeinen Talar in die Hände ſei⸗ nes Biſchofs zurückgab, weil das, was er ſagen ſollte, nicht mehr mit ſeinem Glauben übereinſtimmte, der dann, einſt ein ſelbſt von den Proteſtanten hoch geach⸗ teter Prediger, ſeinem Amt und ſeiner Konfeſſion ent⸗ ſagte und in die Stellung eines niederen Magiſtrats⸗ beamten herabſtieg, um ſich die Achtung vor ſich ſelber zu wahren— daß dieſer lautere Charakter, zu deſſen hei⸗ terem Stolze ich ſtets aufblickte, wo ich auch nicht mit ihm übereinſtimmte— ſich ſo geändert, ſo erniedrigt habe, um mit ſeinen erbittertſten Feinden, die ihn ver⸗ folgt, verleumdet hatten bis in das Heiligthum des Fa⸗ milienlebens, einen Pakt gegen mich zu ſchließen, das ſchiene mir ein Wahnſinn— wäre es nicht ſo gewiß.“ — 16 „Haben Sie denn Beweiſe dafür?“ warf der Pro⸗ feſſor ein.„Der Poſtdirektor erzählte doch auch etwas von einem hinterliſtigen Vorgehen des Herrn Landam⸗ manns bei der Wahl der Kantonsregierung.“ „Darin hatte Kleinert unrecht“, ſagte der National⸗ rath mit Beſtimmtheit.„Bei ſeiner Leidenſchaftlichkeit wäre es jedoch vergeblich, ihn eines Beſſern belehren zu wollen. Selbſt wenn, wie ich glaube, mein Schwa⸗ ger jene Broſchüre verfaßt hat, ſo that er es, ſo voreingenommen ſie ſein mag, nach ſeiner redlichſten Ueberzeugung ohne jene ſelbſtiſche Abſicht. Noch nie⸗ mand hatte den Muth, ihn offen zu fragen, ob er der Verfaſſer ſei oder nicht, ſelbſt der wilde aufbrauſende Kleinert hat eine inſtinktmäßige Scheu vor dieſer un⸗ nahbaren Natur— der einzige Verdachtsgrund, den ich dafür habe, daß er der Verfaſſer der Broſchüre war, iſt der Umſtand, daß es drei Deputationen brauchte, um den Gemeindeſchreiber mit ſpärlichem Gehalt zur Annahme des grünen Seſſels zu bewegen.“ Der Profeſſor ſah ernſt vor ſich nieder: „Ich geſtehe es, des Poſtdirektors catilinariſche Natur und gallichte Energie ſind mir nicht ſympathiſch, ich bin noch optimiſtiſch genug, um in ruhigen Zeiten ein Staatsleben wie eine zarte Pflanze zu betrachten, die ſorgſam gepflegt, aber nicht mit ätzenden Säuren —— 77 begoſſen ſein will— aber Abfaſſung und Verbreitung einer Schrift, welche einen andern von ſeiner Höhe ſtürzt und ſeinen Ruf vernichtet, ſollte nach meinem Gefühl nicht anonym ſein.“ „Das dürfen Sie nicht ſo ſtreng aufnehmen bei uns!“ rief der Nationalrath eifrig, bei dem ſonder⸗ baren Zwieſpalt, in dem er ſich befand, bald den Freund, bald den Verwandten vertheidigend.„Klei⸗ nerts catilinariſche Natur, wie Sie ſich mit Recht aus⸗ drücken, iſt eine Nothwendigkeit in unſerem Staats⸗ leben, er müßte erfunden werden, wenn wir ihn nicht ſchon beſäßen— aber Maxer, der ſich bis dahin von aller Politik freigehalten, konnte nicht auf einmal, vor⸗ züglich in ſo einer perſönlich⸗politiſchen Frage, mit ſeiner Urheberſchaft vor das Volk treten— und nach⸗ dem er gegen ſeine Erwartung zur höchſten Würde im Kanton erwählt war, konnte er ſich nicht mehr der Vermuthung ausſetzen, als habe er durch jene Bro⸗ ſchüre für ſeine eigene Wahl gearbeitet. Ich weiß, daß ihm dieſer Konflikt fortwährend am Herzen nagt.“ „Und dennoch glauben Sie an eine, entſchuldigen Sie den Ausdruck— an eine neue Perfidie Ihres Schwagers?“ Der Nationalrath fuhr zuſammen bei dem unge⸗ 78 ſchminkten Ausdruck, den der Profeſſor gewählt, und ſah ihm überraſcht ins Geſicht. „Nein, das iſt's nicht— dieſen Namen verdient die Sache nicht— er bat jedenfalls einen Zweck da ei, einen zwar irrthümlichen aber nach ſeiner Anſicht guten Zweck, den ich noch nicht zu erkennen vermag, der aber jedenfalls jene harte Bezeichnung nicht verdient. Aber gewiß iſt die Sache, der Führer der Ultramon⸗ tanen war bereits bei mir und hat mir die Andeu⸗ tungen Kleinerts beſtätigt und bewieſen. Es war das eine traurige Viertelſtunde für mich, aber ſie hatte auch ihr Gutes, ich habe das Reſtchen Sentimentalität ab⸗ gelegt, das mich bisher gequält und beängſtigt. Mein Herr Schwager will den Kampf, er ſoll ihn haben; der Kanton ſoll ſehen, daß ſein Nationalrath Wenggy ſich auch gegen ſein eigenes Blut kehrt, wenn es heim⸗ lich oder offen ſich der Freiheit in den Weg ſtellt— das Volk der Eidgenoſſen ſoll wiſſen, daß unſer Kan⸗ ton, den man ſo oft die Avantgarde des Fortſchritts geheißen, noch immer mit der Axt auf der Schulter an der Spitze marſchirt, um der Freiheit eine Gaſſe zu hauen.“ Der Profeſſor ſchwieg. Trotz ſeiner kurzen Be⸗ kanntſchaft mit dem Nationalrath wußte er bereits, daß jetzt keine Zeit zu Einwürfen war, da der Volks⸗ ——— 79 mann ſich ſelbſt in die Hitze geredet und mit einer ſeiner gewohnten Tiraden, mit leuchtenden Augen und mit den Händen heftig geſtikulirend im Zimmer auf und ab ſchritt. Da blieb Wenggy wieder vor ihm ſtehen: „Ich habe Ihnen verſprochen, von Ihren eigenen Angelegenheiten zu reden.— Was ich Ihnen bis jetzt geſagt, gehört eigentlich auch dazu. Geſtern, als Sie mir den Brief des Herrn Miniſters brachten und als ich Sie ſelber als rechtſchaffenen und liebenswürdigen Mann kennen lernte.. Der Profeſſor verbeugte ſich. „Und als ich bedachte, welcher Schatz Sie mit Ihren Kenntniſſen für das Schulweſen des Kantons wären, da habe ich darüber nachgedacht, wer Ihnen wohl am meiſten nützen könne, und da bin ich natür⸗ lich ſogleich auf meinen Schwager, den Landammann verfallen, der die Kirchen⸗ und Schulangelegenheiten unter ſich hat.“ „Wie, der frühere Prieſter?“ Der Nationalrath lächelte. „Das wundert Sie? Das war ein Schachzug der proteſtantiſchen Kantonsräthe der Stadt gegen das katholiſche Landvolk. Sie wiſſen wohl auch nicht, daß es einem Katholiken noch immer unmöglich iſt, das 80 Bürgerrecht der Stadt zu erlangen, obwohl wir von katholiſchen Gemeinden rings umgeben ſind und daß die katholiſche Kirche mitten in der Stadt nicht dieſer, ſondern zu einem benachbarten Dorfe gehört?— So viel ich hin und her dachte, mein Schwager iſt der einzige Menſch, der Ihnen wirklich zu einer Stellung in unſerem Schulweſen verhelfen kann. Ich hatte auch geſtern die Abſicht, heute ſelber mit Ihnen nach dem Regierungsgebäude zu gehen und Sie dem Landam⸗ mann vorzuſtellen— aber die Dinge ſind inzwiſchen anders geworden, wie Sie wiſſen. Nachdem ich den Entſchluß gefaßt, ihn in der Oeffentlichkeit anzugrei⸗ fen— kann ich meinen Schwager um keine Gefällig⸗ keit mehr erſuchen. Sie müſſen daher allein gehen und Ihre Wünſche ſelbſt vertreten. Sie können mir dabei noch einen großen Dienſt erweiſen, denn zu ei⸗ nem Briefe, den ich ſchon dreimal angefangen und wieder zerriſſen, finde ich nicht den rechten Ton. Sie müſſen dem Landammann alles ſagen, was Sie geſtern gehört und wozu ich entſchloſſen bin. Wenn es noch eine Möglichkeit der Erklärung zwiſchen uns gäbe— doch nein, die gibt's nicht— nun gut, ſo will ich ihn wenigſtens nicht hinterrücks überfallen— er weiß dann, was er von mir zu erwarten hat und mag ſich rüſten. Wollen Sie die heikle Miſſion übernehmen?“ 8¹ „Gewiß— Sie ſind ein braver Mann! Nur leid thut mir's, daß der unglückliche Schritt, vor dem Sie ſtehen, die Brücke bilden ſoll.. „Er iſt eher ein Hinderniß für Sie— aber ich verlaſſe mich auf den perſönlichen Eindruck, den Sie auf meinen Schwager machen werden, und auf Ihren Ruf. Sie werden ſehen, daß er Sie trotzdem freund⸗ lich aufnimmt— er hat eine faſt übermenſchliche Ge⸗ walt über ſeine Leidenſchaften. Sie werden eine inte⸗ reſſante Bekanntſchaft machen. Ich überlaſſe alles Ihrem Takt. Jetzt treffen Sie ihn am beſten. Das Regierungsgebäude ſteht dort unten mitten in der Stadt neben der Kirche mit den hohen Kuppeln, der katholiſchen, von der ich Ihnen vorhin erzählte... Wo einſt katholiſche Aebte und Biſchöfe ihre eiſerne Hand über halb Helvetien ausſtreckten bis nach Deutſchland hinein, da leiten jetzt die ſogenannten Väter des Kan⸗ tons die Geſchicke eines kleinen Ländchens, unter der republikaniſchen Maske oft ſchlimmere Tyrannen, als ſich am Krummſtab je emporgereckt...“ Der Nationalrath ſtand am Fenſter und wies hinab auf das rieſige, nach einer Seite offene Dächer⸗ quadrat, welches den impoſanten Dom umſchloß. Da trat Frau Bertha ſehr raſch ein. Ihr Aus⸗ ſehen war ſehr verändert. Bis jetzt hatte in Trauer v. Schlägel, Die Volksbeglücker. 6 82² oder Unwillen ihr Geſichtsausdruck nie eine gewiſſe wohlthuende Ruhe verloren, ſelbſt geſtern, als ſie die Männer ſo raſch verlaſſen hatte, war ſie nur ſehr traurig geweſen. Jetzt aber war ſie heftig erregt, ihre Augen flammten, ihre Lippen zuckten, und ihr Geſicht glühte wie in höchſter Aufregung. Selbſt der National⸗ rath blickte ſeine Frau erſtaunt an; der Profeſſor wollte ſich entfernen, Wenggy gab ihm ein Zeichen zu bleiben und erwartete mit erzwungener Ruhe die Er⸗ öffnungen ſeiner aufgeregten Gattin. Frau Bertha machte die größten Anſtrengungen ſich zu beherrſchen und fragte mit gepreßter Stimme: „Iſt es wahr, was mir das Anneli eben geſagt hat, daß der Landammann Mur bei meinem Mann geweſen iſt?“ „Es iſt wahr, und was weiter?“ „Was weiter?“ rief Frau Bertha in hellauflodern⸗ dem ſchmerzlichem Zorn.„Der Mann, der meinen rechten Bruder, Deinen Schwager, verfolgt hat ſein Leben lang, der ſein ganzes Lebensglück zerſtört hat, der geht bei uns ein und aus wie ein Freund des Hauſes? Friedrich Wenggy, wie weit iſt es mit uns gekommen!“ Offenbar war der Nationalrath mit ſeinen Ent⸗ 83 ſchlüſſen fertig. Ueber ſeine erregbare Phyſiognomie wetterleuchtete es zwar mehr als je, aber ſeine Stimme klang ernſt und entſchloſſen, als er antwortete: „So weit iſt es mit uns gekommen, daß ich zwar mit Schmerz, aber in Anbetracht, daß eine Fortführung des bisherigen Zuſtandes unmöglich iſt, vor unſerm Freunde hier meine liebe und geehrte Hausfrau allen Ernſtes gemahne, ſich in Zukunft aller Eingriffe in meine öffentliche Wirkſamket und alles, was damit zuſammenhängt, ſowie aller Fragen nach Dingen, wie die Gründe zu dem Empfang des Landammann Mur in meiner Stube, ſorgfältig zu enthalten. Ich halte das für nöthig, um den bedrohten Frieden meines Hauſes wieder herzuſtellen, und mein Wunſch und Be⸗ fehl iſt auch kein unbilliger, denn wie mir unſer ge⸗ lehrter Freund beſtätigen wird, ſchon ein altes Sprich⸗ wort ſagt: Mulier taceat in ecclesia! das heißt: in der Verſammlung der Männer ſoll das Weib ſchweigen.“ Alle Farbe war aus Frau Berthas Geſicht ver⸗ ſchwunden; als glaube ſie nicht an das, was ſie höre, ſtarrte ſie dem Manne ins Geſicht, der mit einem Wort das traute Verhältniß einer fünfzehnjährigen Ehe zerſtörte und ſie aus ſeinem innigſten Vertrauen hinwegwies in Kinderſtube und Küche. „Alſo ſo weit iſt es mit uns!“ ſagte ſie mit blut⸗ 6* 84 loſen leiſe zitternden Lippen, und einen Moment glaubte der Profeſſor, daß die mit dem Stolze kämpfende Liebe des Weibes die Oberhand gewinnen, daß Frau Bertha weinend an die Bruſt ihres Mannes ſtürzen werde. Aber es kam nicht ſo. Zu dem beleidigten Stolze des Weibes kam die Liebe zum Bruder. „Und es iſt mir wol auch nicht mehr erlaubt“, ſagte ſie faſt trotzig,„nachdem mein Mann mit ſeinen Feinden Freundſchaft ſchließt, mit meinem leiblichen Bruder zu verkehren?“ „So viel Du willſt“, antwortete der National⸗ rath, dem dieſe Scene zuſehends peinlicher wurde. „Ich halte das ſogar um ſo nothwendiger, als ich ſelbſt meinen Umgang mit einem Schwager abbrechen muß, der ſich durch unſere verwandtſchaftlichen Bande nicht abhalten läßt, mich hinterliſtig in dem auzugreifen, was über alles geht, in meiner politiſchen Thätigkeit. Es ſei mir ferne, Dich darum Deinem Bruder ent⸗ fremden zu wollen.“ Bei dem Vorwurf gegen ihren Bruder hatte Frau Berthas Angeſicht einen Ausdruck angenommen wie Schuldbewußtſein, und auch ihre Antwort war nicht ſo, wie ſie aus ihrem Naturell eigentlich hervorgehen ſollte und wie ſie der Profeſſor erwartet hatte. Auch über die Art, wie der Bruder gegen ihren Gatten ge⸗ —— 1 4 85 fehlt, fragte ſie nicht, ſie ſchien durch die Thatſache nicht einmal überraſcht. Das volle harmoniſche Bild, welches ſich der Profeſſor von Frau Berthas Gemüths⸗ eigenſchaften gemacht, wurde durch einen leiſen Schat⸗ ten getrübt. Die folgende Antwort Frau Berthas ſchien ihm ſogar ausweichend und entſchuldigend: „Mir geht über alles andere die Liebe meines Mannes.“ Auf die Beſchuldigung ihres Bruders ging ſie nicht näher ein, ſondern ſchritt auf ihren Mann zu, ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals und ließ ihren Kopf einen Augenblick an ſeiner Bruſt ruhen „Ich weiß nicht, ob es nöthig war, mich ſo zu demüthigen. Ich weiß aber, daß in der Bibel ſteht: Du ſollſt Vater und Mutter verlaſſen und Deinem Manne folgen. Ich werde es nicht mehr vergeſſen.“ Der Profeſſor ſah noch, wie der Nationalrath ſein Weib heftig an ſich preßte, und wendete ſich be⸗ ſcheiden ab,— ein paar ſchneeweiße Wolken ſchwam⸗ men über dem tiefblauen Himmel. Als er ſich umwandte, war Frau Bertha ver⸗ ſchwunden, und er ſah nur noch in die feuchten Au⸗ gen des Nationalraths. Dieſer gab ihm warm die Hand: „Es iſt Zeit, daß Sie ſich auf den Weg machen, wenn Sie den Landammann vor der Sitzung noch treffen wollen. Alles Glück!“ Der Profeſſor ſtieg langſam und nachdenklich den Weg zur Stadt hinab. Wie er den Charakter Frau Berthas nach ihrem geſtrigen Auftreten und ihrer heu⸗ tigen Unterredung im Garten beurtheilt hatte, mußte er bei der Eröffnung ihres Gemahls eine heftige Scene, vielleicht einen entſcheidenden Bruch erwarten. Und ſtatt deſſen dieſe Schüchternheit, den Bruder zu ver⸗ theidigen, dieſe Unterwerfung unter die Befehle eines Mannes, den ſie in mancher Beziehung ſo ganz über⸗ ſah, dem ſie noch geſtern ſo freimüthig opponirt. Was war mit der Frau vorgegangen? Der Pro⸗ feſſor lächelte über ſeine eigene Neugier. Er war eine Nacht und einen halben Tag hier, und ſchon intereſ⸗ ſirten ihn die Familienangelegenheiten von Leuten, die, ſo gaſtfreundlich ſie ihn auch aufgenommen, noch nicht viel mehr für ihn ſein konnten, als Fremde. Und doch konnte oder glaubte er dieſe Fremden ſchon ſo gut zu kennen, den Nationalrath mit dem Herzen eines Helden und dem Willen eines Kindes, der bei aller Herzensgüte, die er beſaß, ſeine politiſche Eitel⸗ keit für Aufopferung anſah,— Hedwig, die zarte Epheu⸗ ranke, welche am Boden der Erinnerung dahinſiecht, weil ſie keine Stütze findet, an der ſie ſich zum Lichte — — der Gegenwart emporranken kann, die Niemand ver⸗ ſteht, weil ihre ſcheue Natur nur von gleichartigen Ge⸗ ſchöpfen geahnt werden kann, auch ihre Worte waren an ſein Ohr geklungen wie die leiſe vibrirenden Töne längſt bekannter Melodieen, und nun dieſe Frau Ber⸗ tha! Sie war ihm geſtern vorgekommen wie ein rein und klar gedrucktes Buch voll ſchöner Lettern, in dem er nur zu blättern brauchte, um auf jeder Seite ver⸗ ſtändige Worte zu ſeinem Herzen ſprechen zu laſſen. Und heute auf einmal war das Buch zugeklappt ge⸗ weſen und verſchloſſen für ihn mit ſieben Siegeln. Der Profeſſor ſchüttelte lächelnd den Kopf.„Du hätteſt wahrhaftig genug für dich ſelber zu ſorgen, vaterlands⸗ und brotloſer Profeſſor!“ ſagte er ſich. „Lange kannſt du der Gaſtfreundſchaft deiner neuen Freunde nicht zur Laſt fallen, von Stadt zu Stadt biſt du ſchon gewandert und haſt deine Erfahrungen und deine Kenntniſſe feilgeboten, umſonſt. Man hat deine Zeugniſſe beſehen und belobt, aber dir achſel⸗ zuckend geantwortet, daß ſich eben ſchon ſehr viele Schweizer um dieſelben Stellungen beworben hätten und daß ſie eben in ihrer Eigenſchaft als Schweizer bevorzugt werden müßten. Geſchieht mir recht, warum bin ich kein Schweizer!“ hatte der Profeſſor gedacht und war weiter gezogen nach der Hauptſtadt eidgenöſ⸗ ſiſcher Intelligenz, nach dem Vorpoſten des ſchweize⸗ riſchen Fortſchritts, wie ſich die reiche Stadt ſo gerne nennen ließ. Sein Herz war inzwiſchen an Hoff⸗ nungen, ſein Beutel an Geld immer leerer geworden, und von der Heimat, wo er ſelbſt ſeinen letzten Mo⸗ natsgehalt hatte zurücklaſſen müſſen, ſtanden dem ſteck⸗ brieflich verfolgten Flüchtling keine Hilfsmittel mehr zu Gebote. Und wenn die letzten Mittel nun erſchöpft waren, was dann? Der Profeſſor warf den Kopf zurück und ſchaute ſtolz auf die zu ſeinen Füßen aus⸗ geſtreckte Stadt. Er war eine weiche, aber keine weich⸗ liche Natur, kein Mann, der ſo leicht verzweifelt. Wenn man ſeinen Kopf nicht wollte, hatte er ja ſeine kräftigen Arme, um ſie zu vermiethen. Er führte aus⸗ gezeichnet die Waffen, er ſegnete jetzt den Fechtboden, über deſſen allzufleißigen Beſuch er ſich ſo oft Vor⸗ würſe gemacht, er konnte tanzen, reiten, ſchwimmen, ſchlug als echter Süddeutſcher auch die Zither... pah! — es konnte nicht fehlen. Und in der That, er hatte das vielleicht nöthig, denn für die Verwerthung ſeines Kopfes ruhten alle ſeine Hoffnungen jetzt auf einem Manne, deſſen Ge⸗ müths⸗ und Charaktereigenſchaften nach allem, was er jetzt über ihn gehört, ihm ganz unberechenbar er⸗ ſchienen. —— 89 Unter ſolchen Gedanken durchſchritt er das rege Gewühl der Stadt. Der Profeſſor war am Regierungsgebäude ange⸗ langt. Neben ihm ſtiegen ernſt und feierlich die ge⸗ malten Spitzbogenfenſter des hohen Doms empor, kühn geſprengte gothiſche Kuppeln wölbten ſich darüber, und rings herum erſtreckten ſich in langgezogenen impo⸗ ſanten Fronten die Flügel des ehemaligen Kloſters, nunmehrigen Kantonregierungsgebäudes. Wo einſt die biſchöflichen Inſignien geprangt, war jetzt das Wappen des Kantons, ein Bündel Stäbe mit einem Beil in der Mitte, wie es die römiſchen Liktoren trugen, in weiß und grüner Farbe angebracht, an allen Fenſtern hingen grüne Vorhänge und gaben dem Gebäude et⸗ was Nüchternes, Gleichmäßiges, welches ſofort an die „grünen Seſſel“ erinnerte, wie das Volk die Sitze ſei⸗ ner Regierer benannte. Der Profeſſor ſtieg empor durch die weiten küh⸗ len Räume und fragte den„Weibel“ oder Boten nach dem Bureau des Erziehungsdepartements. Das Erziehungsdepartement beſtand aus einem Vorzimmer und einer Arbeitsſtube, und aus letzterer ertönte ein ſonores:„Herein!“, als der Profeſſor an⸗ klopfte. Die grünen, weitherabgelaſſenen Vorhänge warfen 90 ein ſehr angenehmes Halbdunkel in den engen Raum, wo ein Mann von etwa vierzig Jahren an einem großen bequemen Schreibtiſch arbeitete und ſich beim Eintritt des Fremden ſofort erhob, um ihn ſtehend zu empfangen. Der Profeſſor, wohl wiſſend, wie oft ſich ein rei⸗ cher liebenswürdiger Geiſt hinter einem unſcheinbaren Aeußern birgt, und daher im allgemeinen wenig em⸗ pfänglich für die gewöhnlichen Attribute männlicher Schönheit, mußte ſich doch geſtehen, daß er ſich hier einer ganz mächtig einnehmenden Mannesgeſtalt gegen⸗ überbefand, ſo zu ſagen dem idealen Ausdruck alle⸗ manniſcher Stammeseigenthümlichkeiten. Der Bruder der Frau Bertha hatte eine große Aehnlichkeit mit ſeiner Schweſter im Schnitt des brei⸗ ten vollen Geſichts, deſſen antike Plaſtik durch die völlige Bartloſigkeit des Geſichts und die tadelloſe weiße Halsbinde zu ihrer vollen Wirkung kam. Auch die Architektonik der Geſtalten erinnerte an einander, ſo ſehr Frau Bertha auch als ein vollendetes Weib und der Landammann in ſeinem ſchwarzen Rock als das Urbild eines kräftigen Mannes erſchien. Die beiden Männer ſtanden ſich einige Sekunden ſchweigend gegenüber, voll, klar und ruhig ſahen ſie ſich ins Geſicht, wie zwei Gladiatoren auf dem Ge⸗ I 1 91 biete des Geiſtes, welche jeder in dem andern den ebenbürtigen Gegner ahnen. Der Profeſſor machte eine leichte Verbeugung. *„Herr Landammann Maxer?“ „Derſelbe. Wen habe ich die Ehre, zu empfangen?“ Wieder fiel dem Profeſſor das wunderbar klin⸗ gende Organ auf. Dieſer Mann mußte als Kanzel⸗ redner eine große Macht über ſeine Zuhörer ausgeübt haben. „Ich komme zuerſt in einem Auftrage Ihres Schwagers, des Herrn Nationalraths Wenggy, deſſen gebernahme von meiner Seite Ihnen im Verlaufe meiner Mittheilungen entſchuldbar erſcheinen wird, und dann in meinen eigenen Angelegenheiten als Bitt⸗ ſtellender. Ich bin Profeſſor Hermann aus...“ Das Geſicht des Landammanns, welches ſich bei den erſten Worten des Profeſſors mißtrauiſch ver⸗ düſtert, klärte ſich wieder auf, als er den Namen ſei⸗ nes Beſuchers erfuhr. Er bat ihn mit einer achtungs⸗ vollen Bewegung, in einem der mit grünem Leder be⸗ zogenen Fauteuils Platz zu nehmen, deren drei bis vier im Zimmer ſtanden, und ſetzte ſich ihm freundlich erwartungsvoll gegenüber. „Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Profeſſor?“ „Zuerſt meinen Auftrag, und um dieſen einzu⸗ leiten, muß ich wol ſchon jetzt auf meine Schickſale der letzten Monate zurückgreifen und die Verpflichtungen erwähnen, welche mir Ihr Herr Schwager durch ſeine herzliche Aufnahme auferlegt hat...“ „Was Ihre Geſchicke betrifft, ſo kann ich Ihnen mittheilen, daß ich dieſelben ſo genau kenne, als man ſie durch Zeitungen erfahren kann, ich beſchäftige mich viel mit den Vorgängen in Deutſchland...“ „Das iſt mehr, als man von den meiſten Ihrer Landsleute ſagen kann, die ſogar eine gewiſſe Feind⸗ ſeligkeit gegen das deutſche Mutterland für patriotiſche Pflicht halten.“ Der Landammann zuckte die Achſeln.. „Dieſe Herren ſollten erſt unſerem kleinen Länd⸗ chen eine eigene ſociale Entwicklung, eine eigenthüm⸗ liche Literatur und Kinſt geben, und auch dann hätten fie noch nicht das Recht, hochmüthig auf den Kultur⸗ tiſch herabzuſehen, von deſſen Broſamen ſie ſich noch heute nähren. Doch fahren Sie fort, Sie wollten mir in zweiter Linie von meinem Schwager erzählen.“ „Ihre mir unverhoffte Sympathie für mein Va⸗ terland erfüllen mich mit den freudigſten Hoffnungen. Ich wollte Ihnen erzählen von der Herzlichkeit, mit der mich Nationalrath Wenggy auf die einfache Em⸗ pfehlung eines Jugendfreundes hin bei ſich aufgenom⸗ 7 men hat und wie ein Glied ſeiner Familie behan⸗ delt.“ „Auch das kann ich mir denken, Herr Profeſſor!“ lächelte der Landammann.„Friedrich hat das beſte Herz von der Welt und darum hat ihn auch jeder gern, ſelbſt mancher ſeiner Feinde. Darin beſteht auch ein großer Theil ſeiner politiſchen Macht, die Leute wurden überraſcht hingeriſſen durch die herzlichen naiven Worte, die aus dem Munde des Gemeinde⸗ ſchreibers zu ihnen tönten, ſie hoben ihn auf die höch⸗ ſten Stellen, die ſie zu vergeben hatten. Von Wenggys Güte ſagen Sie mir nichts Neues, darin beruht das ganze Geheimniß ſeiner Macht. Doch Sie ſprachen ja von einem Auftrage meines Schwagers— wollen Sie mir ihn gefälligſt mittheilen?“ In der objektiveſten und für alle Betheiligten ſchonendſten Weiſe erzählte der Profeſſor die geſtrigen Vorgänge im radikalen Klub, ſchilderte lebhaft den Seelenkampf, den der Nationalrath ſichtlich zu kämpfen gehabt, bevor er zu einem Entſchluß gelangt ſei, und endlich verkündete der Profeſſor dieſen Entſchluß ſelbſt. Er hatte dies zögernd und mit niedergeſchlagenen Augen gethan; es ſchien ihm unbeſcheiden, die Geſichts⸗ züge des Landammanns zu ſtudiren, während er ihm den Kampf mit dem eigenen Schwager ankündete, er blieb auch einige Zeit in dieſer Stellung, um dem Bruder Frau Berthas Zeit zu einer Antwort zu laſſen. Endlich, als ſein Gegenüber noch immer ſchwieg, erhob der Profeſſor den Kopf. Mit Staunen gewahrte er den ruhigen, faſt heiteren Ausdruck auf dem Ge⸗ ſichte des Landammanns... „Alſo mein Schwager kündigt mir nach altem Brauch und alter Sitte Fehde an, das ſieht ſeiner ritterlichen offenen Natur gleich. Sagen Sie ihm, daß ich es lebhaft bedaure, daß er mir ſeine Freundſchaft entzieht, daß ich es unter den obwaltenden Umſtänden jedoch höchſt natürlich finde und ihn darob nicht ge⸗ ringer achte als bisher. Für die biedere Art, wie er mir den Krieg erklärt, noch meinen beſonderen Dank.“ „Und weiter nichts?“ fragte der Profeſſor er⸗ ſtaunt.„Mir ſchien es, als ob der Nationalrath ſelbſt noch leiſe Zweifel in die Wahrheit des Ganzen hätte, als ob es nur eines Wortes Ihrerſeits bedürfe, viel⸗ leicht der Aufklärung eines Mißverſtändniſſes...“ „Es exiſtirt keines. Alles, was ihm der radikale und der pfäffiſche Wühler mitgetheilt haben, iſt wahr, buchſtäblich wahr.“ Der Profeſſor ſtand erregt auf. V„Sie wollten Ihren Schwager ſtürzen, Herr Land⸗ ammann?“ 95 „Ich wollte es.“ Das Geſicht des Landammanns war wie aus Stein gehauen in dieſem Augenblick, klar, kalt und entſchieden. „Sie billigen meine Handlungsweiſe nicht“, be⸗ gann der Landammann nach einer peinlichen Pauſe. „Wenn Sie eine Antwort verlangen, nein, Herr Landammann!“ „Sie halten mich für einen rückſichtsloſen Egoiſten“, fuhr der Landammann lächelnd fort. „Da ich die antike Römertugend, die den eignen Sohn unter das Beil ſchickt wegen ſeiner Sünden gegen das Gemeinweſen, nie begreifen konnte, ſo muß ich wol, Herr Landammann.“ Der Landammann wurde nachdenklich. „Hm! Es liegt mir an Ihrer guten Meinung. Lei⸗ der bin ich im Moment außer Stande, Ihnen die Gründe meiner Handlungsweiſe auseinanderzuſetzen. Darum bitte ich Sie, mit Ihrem Endurtheil über mich noch einige Monate zu zögern, dann wird ja Klarheit über alles kommen. Bis dahin nur ſo viel: Jene Partei greift in mir den erſten Mann an im Kanton, an deſſen öffent⸗ lichem Charakter kein Makel klebt, deſſen bürgerliche Chre rein iſt von jedem Vorwurf, ich habe das ſchmerzlichſte Opfer meines Lebens gebracht, um auch den Schatten einer Verleumdung von mir fernzuhalten, ein Opfer, das mich von einem für immer mir unendlich theuren Weſen getrennt hat, ich bin, um es kurz zu ſagen, der erſte ehrliche und nicht ganz unbe⸗ deutende Menſch, an den ſich dieſe unlautere Partei mit ihrem verblendeten Schildträger an der Spitze wagt. An mir wird ſie zu Grunde gehen. Ich thue das im Dienſte der geſunden Vernunft, für die Ruhe meiner Mitbürger und für das Glück meiner Schweſter.“ „Ihrer Schweſter, wenn Sie deren Mann ver⸗ derben?“ „Ich werde ihn retten, oder ihn wenigſtens da⸗ vor bewahren, noch mehr Unglück anzuſtiften, als er ſchon angerichtet hat mit dem beſten Willen und dem treueſten Herzen. Weil ihm die Ehrlichen die Bedeu⸗ tung nicht zugeſtanden, die ihm das Volk durch ſeine Wahl zuſchrieb, warf er ſich jenem Geſindel in die Arme, das ihn mit Weihrauch betäuben und zu ihrem willenloſen Werkzeuge machen will. Wenggy muß ſtür⸗ zen, muß von der Höhe herunter, auf die er nicht ge⸗ hört, ſoll er ſich ſelber wiederfinden und der Welt wirklich mit dem nützen, womit er ihr nützen kann, mit ſeinem Herzen.“ Eine tiefe Bewegung malte ſich auf dem ſchönen Geſichte des republikaniſchen Beamten. 97 „Und wie geht es meiner Schweſter?“ fragte er dann.„Kämpft ſie noch immer den fruchtloſen Kampf mit der politiſchen Eitelkeit ihres Mannes?“ „Ich glaube, ſie hat ſich unterworfen, heute in dem Augenblicke, als ihre Hingebung auf die härteſte Probe geſtellt wurde. Sie that es mit den Worten: Du ſollſt Vater und Mutter verlaſſen und dem Manne folgen...“ Traurig ſchaute der Landammann zur Erde. Dann richtete er ſich freudig lächelnd wieder auf „Sie hat Recht, ſie trifft im richtigen Momente immer das Richtige. Um ſo heiterer kann ich den Kampf für ſie aufnehmen.“ Wieder entſtand eine lange Pauſe. Der Pro⸗ feſſor war es, der ſie unterbrach. „Und wie viel von alledem, was Sie mir mitge⸗ theilt haben, ſoll ich Ihrem Schwager melden?“ „So viel und ſo wenig Sie wollen, ich habe ihm gegenüber nie hinter dem Berge gehalten mit meinen Anſichten. Sagen Sie ihm alles. Von Ihnen, einem unſerer Politik Fremden, wird ihm das ganz unge⸗ wohnt klingen und vielleicht auf ihn wirken. Wenn nicht, um ſo beſſer, dann wird die Heilung deſto voll⸗ ſtändiger. Und nun zu Ihren eigenen Angelegenheiten womit kann ich Ihnen dienen?“ v. Schlägel, Die Volksbeglücker. 7 3 1 98 „Es klingt mir faſt zu kleinlich, gerade jetzt von meinen eigenen Angelegenheiten zu reden, ſo dringend ſie ſein mögen...“ „Aber ich würde es für eine große That halten, einem wackeren Manne nützen zu können.“ „Nun denn, ich ſuche eine Anſtellung. Mein Vor⸗ leben kennen Sie, hier ſind meine Zeugniſſe. Ich ge⸗ ſtehe, daß ich nach meinen in der Schweiz gemachten Erfahrungen wenig Hoffnung habe, in dem mir lieb⸗ gewordenen Fach verwendet zu werden, und ſpreche Sie im voraus von jeder Mitſchuld frei, wenn auch⸗ Sie ſich den eingeborenen Anſchauungen fügen müßten.“ Das Auge des Landammanns blitzte ſtolz auf. „Fügen? Eingeborenen Anſchauungen oder Vor⸗ urtheilen, wie Sie ſagen wollten? Ich habe nie um Volksgunſt gebuhlt, füge mich auch keinen Vorurtheilen.“ „Dann allerdings ſteigen meine Hoffnungen. Wenn es anders an wiſſenſchaftlich gebildeten Lehrern fehlt...“ „Es fehlt an ſolchen.“ Der Landammann blätterte in den ihm vorge⸗ legten Schriften. 3 „In einigen Tagen ſollen Sie Antwort haben, Herr Profeſſor! Bis dahin halten Sie gute Kamerad⸗ ſchaft mit meinem Schwager!“ Der Beamte war wieder ruhig und heiter ge⸗ 99 worden, als wäre nicht eben einer der größten Stürme ſeines Lebens über ſeine Seele dahingebrauſt, als ſtünde er nicht vor einer Zeit voll Kampf und Zwie⸗ tracht, und reichte dem Profeſſor lächelnd die Hand: „Grüßen Sie mir meine Schweſtern; iſt Hedwig noch immer ſo... ſo ſonderbar?“ „Sie ſcheint mir allerdings etwas melancholiſch!“ Der Profeſſor war bei der Frage des Land, ammanns halb in Verlegenheit gerathen, und es ſchien ihm Unrecht, Hedwigs Geheimniß zu verrathen, das ſie ſelbſt aller Welt ſo ſorgfältig verbarg. „Das arme Kind, ſie fühlt wohl, daß es im Hauſe ihrer Schweſter nicht ſo ſteht, wie es ſtehen könnte und ſollte.“ „Vielleicht.“ „Grüßen Sie mir auch Hedwig herzlich. Au. Wiederſehen. Sie erhalten bald Nachricht von mir.“ Der Profeſſor verneigte ſich und ging. Er fühlte, daß er hier ſeinen Meiſter gefunden Mit Stolz und Entzücken aber erfüllte ihn die Ent⸗ deckung, daß Hedwigs Gemüthszuſtand auch ihrem ver⸗ ſtändigen Bruder unklar geblieben und daß es ihm vorbehalten war, dieſes reizende Räthſel zu löſen. Auch ſeine Hoffnungen auf eine endliche Anſtel⸗ lung hatten ſich geſteigert. Mit elaſtiſcheren Schritten 7* —— als beim Abwärtsgehen ſtieg er den Weg zur Falken⸗ burg hinan. Er mußte an der Kantonsſchule vor⸗ über, einem prächtigen Gebäude mit grünen Anlagen und ſpringenden Waſſern davor. Er blieb ſtehen und betrachtete lange das Haus. Frohe Ahnungen, in welche ſich auch das bleiche ſanfte Bild Hedwigs miſchte, durchzogen ſeine Seele. Der Profeſſor erröthete über ſich ſelber, als er daran dachte, auf welch lockerem Grunde dieſe Träume aufgebaut waren; auf ein paar freundliche Worte des Landammanns, der ja, wenn auch den Willen, bei ſeiner Sonderſtellung vielleicht nicht die Macht hatte, ſeine Anſtellung zu bewirken. Und Hedwig, welches Recht hatte er, irgend welche Theilnahme von ihrer Seite vorauszuſetzen? Hedwig, die nach der Mitthei⸗ lung ihrer Schweſter ſchon ſo manchen Freier abge⸗ wieſen! Er hatte allerdings zuerſt das Geheimniß ih⸗ rer Stimmung entdeckt, aber was weiter? Konnte bei ihrer ſcheuen Natur die Folge davon nicht ebenſo gut eine gewiſſe mit Furcht gemiſchte Abneigung ſein, wie empfindſame Kranke ſie oft gegen einen ſcharfblicken⸗ den Arzt zeigen? Der Profeſſor blieb wiederholt ſtehen und lächelte über die ſonderbaren Gedankenſprünge ſeines eigenen Gehirns. Er hatte ſich Hedwig einen Augenblick lang 101 als ſeine Frau vorgeſtellt und machte ſich über dieſe Kühnheit Vorwürfe, dieſe Vorwürfe führten ihn jedoch ſtatt zur Vernunft dahin, zu unterſuchen, ob Hedwig ihn wol lieben könne oder nicht. Ja, liebte er ſie ſelber denn? Der Profeſſor hob Kopf und Augenbrauen erſtaunt in die Höhe, als habe ihm eine Stimme von außen dieſe indiskrete Frage geſtellt. Nein, lieben, das wäre nach ſechsunddreißigſtündiger Bekanntſchaft doch zu viel, aber gerührt hatte ſie ihn, recht ſehr gerührt, ja, ſie verdiente einen Mann, der ſie glücklich machte, und da man ſich eigentlich nur auf ſich ſelber ſo recht verlaſſen kann, ſo war ihm immer, als ob er dieſe Aufgabe ſelber übernehmen müſſe.. Auch darüber lachte ſich der Profeſſor aus und kam ſchließlich in ſehr nüchterner Stimmung, wie es ſich für einen ſchweizeriſchen Lehrer oder einen ſolchen, der es werden will, geziemt, auf der Falkenburg an, wo ihm Anneli und Kläreli freundlich entgegenſprangen Da hielten die Kinder mitten auf dem Wege an und auch der Profeſſor ſtockte unwillkürlich. Vom Nationalrath, durch den Garten, kam eben der Poſt⸗ direktor. Ueber ſein gelbes fleiſchiges Geſicht zuckte es wie ein Lächeln der Befriedigung, und in lebhaften Gedanken kaute er an dem einen Ende ſeines Schnurr⸗ barts. Das Lächeln verſchwand von ſeinen Zügen 102 und die Schritte ſeiner kleinen beweglichen Geſtalt wurden etwas langſamer, als der Poſtdirektor des Profeſſors gewahr wurde. Die Blicke der beiden Män⸗ ner begegneten ſich. Ohne je ein Wort mit einander geſprochen zu haben, fühlten ſie, daß ſie Feinde waren, die ſich aus Naturanlage bekämpfen mußten, ohne Waffenſtillſtand, ohne Gnade, wie das Gute und das Böſe. Achtes Kapitel. Die erſten Alpenroſen. Der Profeſſor traf den Nationalrath bereits im Eßzimmer. Die Familie hatte mit dem Eſſen auf ihn gewartet, denn Anneli und Kläreli ſprangen jubelnd in die Küche, um des Profeſſors Ankunft zu ver⸗ künden. Der Nationalrath war unruhiger und kälter, als er ſcheinen wollte, trat jedoch mit dem Profeſſor ſeiner Gewohnheit gemäß in eine Fenſterniſche, um ſeine Mit⸗ theilungen zu hören. Auch ſeine folgende Frage ſchien nicht dasjenige auszudrücken, was der Volksmann zu⸗ nächſt auf dem Herzen hatte. „Nun, was haben Sie für Hoffnungen für Ihre Zukunft, Herr Profeſſor?“ „Eigentlich noch keine einzige berechtigte“, ſagte der Profeſſor achſelzuckend.„Das einzige, was mich mit Hoffnungen verleitet, iſt, daß der Herr Landammann meine bisherige Thätigkeit im Lehrfach und meine poli⸗ tiſche Vergangenheit günſtig zu beurtheilen ſcheint, daß er meine Befähigung, mich um eine Anſtellung zu be⸗ werben, prüfen will, und im allgemeinen nicht das Vorurtheil zu theilen ſcheint, welches in der Schweiz gegen deutſche Eindringlinge herrſcht.“ Der Nationalrath nickte etwas verdrießlich mit dem Kopf: „Ja, ja, er hat auf deutſchen Univerſitäten ſtudirt und hat als katholiſcher Prieſter ſo etwas kosmopoli tiſchen Schliff bekommen... „Davon habe ich nun nichts bemerkt, ich fand bei dem Landammann nur vorurtheilsfreies Entgegen⸗ kommen.“ „Deſto beſſer für Sie! Als Ihr Freund beglück⸗ wünſche ich jetzt eine Eigenſchaft meines Schwagers, welche ich als Schweizer immer beklagt habe. Ich glaube, Sie können Ihre Anſtellung als fertig an⸗ ſehen.“ Dem Profeſſor wurde dieſes Geſpräch, in welchem der Nationalrath den Politiker und Freund ſo ſonder⸗ bar durch einander warf, etwas peinlich, er ſagte des⸗ halb: 105 „Wir ſprechen immer von mir, und doch war ich auch in Ihren Angelegenheiten bei Ihrem Herrn Schwager!“ Der Nationalrath wurde unruhig und ſchien etwas ärgerlich. „Ich kenne ihn lange genug, um mir etwa denken zu können, was er ſagte; ſeine Handlungen ſind im⸗ mer von den edelſten Motiven getragen, er will mich ruiniren, um mich glücklich zu machen; ich bin eigent⸗ lich ein ganz unfähiger Menſch, ein Schwachkopf, welcher blos durch ſein gutes Herz, alias durch ſeine unpraktiſche Schwäche das Volk rührt, daß es den Narren aus lauter Gemüthlichkeit zum Nationalrath wählt, und ſo fort. Ich kenne das! Hat er nicht ſo geſprochen? Hat er nicht geſagt, daß ich mich einer Schaar von Banditen in die Arme geworfen, die mir ſchmeichelt, während die vernünftigen Leute mit dem emporgekommenen Hohlkopfe nichts zu thun haben wollen? Hat er das nicht geſagt?“ Der Nationalrath ging heftig erregt im Zimmer auf und ab. Der Profeſſor ſchaute verwundert auf den Mann, welcher noch vor wenigen Stunden in trauriger Reſignation aber wohlwollend den, wie es ihm ſchien, nothwendigen Kampf mit dem Verwandten ——õõõ;— —— “ 3 1 V 106 beurtheilt hatte, und dieſem jetzt die herzloſeſten Aus⸗ laſſungen unterſchob. „Nein, Herr Nationalrath, das hat Ihr Schwager nicht geſagt. Er beurtheilt Ihre gegenwärtige Spal⸗ tung eben ſo duldſam, wie Sie ſelbſt vor einigen Stunden noch!“ „Ja, ja“, lächelte der Nationalrath bitter,„ich kenne ſie, dieſe ariſtokratiſche Duldſamkeit des Olym⸗ piers, dem das hier unten herumkriechende Gewürm des Echauffements nicht werth erſcheint. Und heute morgen“, ſetzte der Volksmann mit einem Blick leiſen Mißtrauens hinzu,„hatte ich einen Anfall jener gut⸗ müthigen Schwäche, welche meine Umgebung für Ta⸗ lent ausgibt und das thörichte Volk für den Pulsſchlag ſeines eigenen Herzens hält. Der Herr Landammann ſoll ſich aber ja nicht träumen laſſen, daß ihm dieſe Schwäche, die er ſo belächelt, noch einmal zu Gute kommen ſoll— rückſichtslos werde ich gegen ihn auf⸗ freten... Der Eintritt Frau Berthas unterbrach das Ge⸗ ſpräch. Die lebhaften Farben ihres Geſichts waren etwas herabgeſtimmt, der faſt ſtändige Ausdruck freund⸗ licher Ruhe aus ihren Zügen verſchwunden. Statt deſſen lagerte darauf eine traurige Reſignation, welche an das kalte theilnahmloſe Weſen Hedwigs erinnerte. 107 „Die Suppe ſteht auf dem Tiſch, Ihr Herren!“ ſagte ſie mit einem erzwungenen Lächeln, indem ſie dem Profeſſor zunickte und die Serviette ihres Mannes zu⸗ rechtlegte. Kläreli und Anneli, welche heute ausnahmsweis lange hatten hungern müſſen, ſtanden in Eßbereitſchaft neben dem Tiſch. „Wo iſt Hedwig?“ fragte Frau Bertha ſich um⸗ ſehend.„Es iſt doch ſonſt ihre Gewohnheit nicht, auf ſich warten zu laſſen. Kläreli geh und hole ſie.“ Kläreli ſprang wie ein Pfeil zur Thüre hinaus, um das Eſſen nicht noch länger aufzuhalten, und kam bald darauf, Hedwig an der Hand haltend, zurück. Auch Hedwig war verändert, aber zu ihrem Vor⸗ theil. Ihre zarte, gewöhnlich etwas gebeugte Geſtalt war aufgerichtet, und auf ihren bleichen Wangen ſchim⸗ merte etwas wie das Roth der Freude. Ihre ⸗ Augen, welche, als ob ſie etwas ſuchten, von dem Geſichte eines der Anweſenden zu dem des andern wanderten, hatten den matten trüben Ausdruck verloren und er⸗ ſchienen klar und leuchtend. „Wer hat mir das Sträußlein von Alpenroſen aufs Zimmer geſtellt?“ fragte ſie endlich und muſterte nochmals das Geſicht des Nationalraths, der düſter vor ſich niederſah; dann ſtreifte ſie mit einem raſchen — õõ——yü—. ———— — 108 Blick den Profeſſor, der ganz verſunken war in das Anſchauen der Veränderung, welche mit der Jungfrau vorgegangen. Endlich blieben Hedwigs Augen an den Zügen ihrer Schweſter haften, wo durch alle Traurig⸗ keit ein ſchalkhaftes Lächeln ſich Bahn brach. „Du biſt's, Schweſterli“, rief ſie lebhaft und faßte der Schweſter beide Hände.„Du haſt mir die Alpen⸗ roſen gebracht! O wie ich mich g'freut hab' d'rüber — es ſind die erſten Alpenroſen ſeit langer, langer Zeit! Du haſt mir eine große Freude gemacht, Schwe⸗ ſter! Doch, was haſt Du, Bertha? Du weinſt ja? Was gibt's denn? Du biſt ja immer ſo frohmüthig ſonſt?“ „Laß das gut ſein, liebe Hedwig!“ ſagte Frau Bertha und trocknete ihre naſſen Augen und drückte die Schweſter ſanft auf ihren Stuhl nieder. Der Nationalrath ſuchte ſeinem Geſichte einen ärgerlichen Ausdruck zu geben, um die tiefe Melancholie zu verbergen, die ſich darauf gelagert hatte. Nur Jungfer Hedwigs Wangen behielten einen Schimmer von Freude, den Widerſchein des Alpen⸗ roſenſtraußes, während des ganzen Eſſens, und munter flüſterte ſie hie und da mit den beiden braunen Locken⸗ köpfchen an ihrer Seite. „Der Herr Profeſſor war heute bei Eurem Bruder, 109 dem Landammann, wegen ſeiner Anſtellung an hieſiger Kantonsſchule“, ſagte der Nationalrath, der dem Gaſte gegenüber die Verpflichtung fühlen mochte, eine Unter⸗ haltung in Gang zu bringen.„Der Landammann hat ihn ſehr freundlich aufgenommen, und nach dem, wie ich meinen Schwager kenne, wird er alles aufbieten, um dem Herrn Profeſſor eine Anſtellung zu verſchaffen.“ „Deſſen bin ich nun allerdings noch nicht ſo ſehr gewiß“, ſagte der Profeſſor;„die freundliche Aufnahme muß ich jedoch beſtätigen und kann beifügen, daß der Herr Landammann mir auch die herzlichſten Grüße an die beiden Damen aufgetragen hat.“ Das Antlitz Frau Berthas heiterte ſich auf, um ſich ſogleich wieder zu verdüſtern. Jungfer Hedwig machte eine Bewegung des Dankes, ſchien ſich aber aus dem Gruße des Bruders weniger zu machen. Der Profeſſor glaubte das begreifen zu können. Das fer⸗ tige, klare, entſchiedene Weſen des ehemaligen Prieſters mußte dieſe träumeriſche Seele anfröſteln und fernhalten. Mehrere ähnliche Verſuche des Nationalraths, ein Geſpräch in Gang zu bringen, ſchlugen fehl. Endlich verzichtete er auf jeden weiteren Verſuch, und nur das veränderte friſchere Weſen der Jungfer Hedwig gab dem Profeſſor Erſatz für die drückende Schwüle dieſes Familienlebens. — ——ℳ———— 1 e 110 Der Nationalrath ſtand zuerſt auf, entſchuldigte ſich mit dringenden Arbeiten und verließ, nachdem er dem Profeſſor die Hand gedrückt, das Zimmer. Hed⸗ wig folgte ihm, geheimnißvoll mit ihren beiden Nichten plaudernd, nachdem ſie die Schweſter auf die Stirn geküßt und mit reizender Verwirrung vor dem Pro⸗ feſſor geknixt hatte. Neuntes Kapitel. Neue Wolken Frau Bertha und der Profeſſor waren allein. Der Profeſſor merkte, daß ſeine Wirthin ihn ſprechen wollte. Er wäre dieſer Unterredung lieber ausgewichen, denn er fühlte recht gut das Mißliche ſeiner Stellung und daß es großer Vorſicht bedurfte, um nicht durch ein voreiliges Wort, ein vielleicht hart klingendes Ur⸗ theil ſich das Mißfallen eines der beiden Gatten zuzu⸗ ziehen. Sein Urtheil verſchweigen, wenn er darum gefragt wurde, oder ausweichende Antworten zu geben, lag ganz und gar nicht in ſeiner Natur, und daher kam es, daß er der Unterredung mit Frau Bertha mit etwas bänglichen Gefühlen eutgegenſah. „Sie ſind bei meinem Bruder geweſen?“ begann die Frau des Nationalraths. 112 „Ja, Frau Wenggy!“ „Und er hat Ihnen geſagt, daß er den Kampf mit meinem Manne aufnehmen um den Kanton vor ſteter Beunruhigung und unſer Familienleben vor dem Zerfall zu retten.“ „Dem Zerfall? So weit iſt es wohl noch nicht.“ „Es iſt ſo weit, wenn Wenggy nicht zur Einſicht kommt; denn dieſe Menſchen, die ihn gänzlich in ihrer Gewalt haben, begnügen ſich nicht damit, ihn mit allen ehrlichen und achtbaren Leuten zu ver⸗ feinden, ſondern ſie untergraben auch unſeren Wohl⸗ ſtand. Ihre politliſche Wühlerei koſtet Geld— keiner von der ſauberen Geſellſchaft aber hat welches, ſo iſt es eben immer wieder mein Mann, der ein„tuſig Fränkli“ um das andere hergeben darf. Mein Mann und ich haben einiges Vermögen gehabt, etwa zwanzigtauſend Franken, außer dem Haus da, in ſechs Jahren hat ihm ſein Nationalrath ſo viel eingetragen, daß wir gerade noch die Falkenburg ſchuldenfrei beſitzen und von Wenggys Gehalt als Gerichtsſchreiber leben können. Aber auch das iſt vorbei— heute war der Poſtdirektor, den Gott ſtrafe, bei ihm und muthet ihm zu, für die große Arbeiter⸗ und Volks⸗ bewaffnung, die ſie im Kanton hervorrufen wollen, wieder zehntauſend Franken vorzuſchießen. Wenggy 113 hat nach einigem Zögern zugeſagt, ſie auf ſein Haus aufzunehmen, man hat ihm verſprochen, ihn durch eine Subſkription unter den Parteigenoſſen zu entſchädigen; ich kenne das, man verſpricht ihm das ſchon ſeit ſechs Jahren. Herr Profeſſor, Sie waren ſelbſt Zeuge, daß ich mich als gutes Weib in den Willen meines Mannes ergeben wollte, ich habe mir ſogar Vorwürfe darüber gemacht, daß ich mit meinem Bruder mich einverſtanden erklärt habe, der die nächſte Nationalrathswahl hintertreiben will. Er hat mich g'fragt und ich hab' geſagt: Ja, thu's! Ich hab's bitter bereut heut' morgen, es iſt mir vorgekommen wie der abſcheulichſte Verrath an meinem Manne. Jetzt aber iſt es anders. Es gilt das Haus meines Vaters, die Heimath meiner Kinder! Und der zweimal verlumpete Bankpräſident iſt auch da geweſen und will Unterſchrift von meinem Manne als Mitglied des Kommittees zu einer neuen Volksbank mit Darlehns⸗ kaſſe. Mein Mann hat noch nicht zugeſagt, aber er thut's, da bin ich ſicher, und dann iſt ſein ehrlicher Namen in Gefahr, denn der„Kleine“ iſt knapp an der Kriminalbank vorbeigekommen bei ſeinem letzten Falliment und endigt gewiß einmal im Zuchthaus! Helfen Sie mir! Rathen Sie, Herr Profeſſor! Der Poſtdirector kann Sie nicht leiden, und mein Bruder v. Schlägel, Die Volksbeglücker. 8 — ——nnn — 114 behandelt Sie mit Auszeichnung und ich ſelber weiß, 3 daß Sie ein guter und geſcheidter Herr ſind,— Sie müſſen mir helfen! Ich ſelber weiß unſer Haus nicht mehr vom Untergange zu retten.“ Frau Bertha drückte ihre Hände vor's Geſicht, wie um die gewaltſam hervorſtürzenden Thränen zurückzu⸗ halten. Der Profeſſor ſaß tief ergriffen vor dieſem Bilde häuslichen Jammers. „Was ich zur Abwendung des Ihnen drohenden Unglücks thun kann, ſoll geſchehen“, ſagte er warm. „Nur bitte ich zu bedenken, daß ich ſelber ein macht⸗ und hilfloſer Flüchtling bin, der nicht weiß, wo er ſein Haupt hinlegen ſoll, wenn er, und das wird ſchon in den nächſten Tagen der Fall ſein, aus Beſcheiden⸗ heit Ihre Gaſtfreundſchaft nicht länger in Anſpruch nehmen kann.“ Frau Bertha ergriff ſeine Hand. „Nein, Sie dürfen nicht fort— mir iſt, als ob Sie uns helfen müßten, als ob Sie eigens von Gott geſchickt wären, um alles wieder ins Geleiſe zu bringen.“ „Dieſes Gefühl iſt wohl mehr das Reſultat davon, daß Sie eines Helfers bedürfen, als etwas anderes. Doch ich beklage, wie Sie, tief die Ausnützung Ihres Gemahls für die ſelbſtiſchen Zwecke ſeiner Umgebung und werde alles thun, was in meiner Macht liegt, ——— ——— 115 um ihm die Augen zu öffnen. Aber vor allem muß ich klar ſehen. Schon heute morgen überraſchte es mich, daß der Nationalrath einſeitig und entſtellt zwar, aber dennoch die Hauptzüge meiner Unterredung mit Ihrem Herrn Bruder kannte. Sie machten ſo eben ähnliche Bemerkungen, ja noch mehr, Sie kennen ganz genau die Unterredung Ihres Gemahls mit Kleinert und dem Bankdirektor, bei der Sie doch wahrſcheinlich nicht an⸗ weſend waren. Daß Ihr Mann Ihnen alles ſofort mitgetheilt habe, kann ich nach dem Vorgange von heute morgen nicht annehmen. Woher nehmen Sie und Ihr Herr Gemahl Ihre genauen faſt augenblicklichen Informationen?“ Frau Bertha wurde dunkelroth vor Verlegenheit. „Ja, ſehen Sie, durch dieſe elenden Wühler wird man am Ende ſelbſt noch ſchlecht. Ich hätte mich früher geſchämt, meinen Mann nur zu fragen, wo er geweſen iſt, jetzt wo es das Brot meiner Kinder gilt, horche ich an den Thüren, wie eine untreue Magd. Auch mein Mann findet gar nichts dabei, wenn der radikale Weibel des Regierungsraths meinen Bruder im Bureau belauſcht und alles, was er hört, ſofort dem Poſtdirektor ſchreibt.“ „Alſo darum machte ſich jemand im Vorzimmer zu ſchaffen, als der Landammann mir ſeine Anſichten 8* über Herrn Wenggy mittheilte!“ rief der Profeſſor, er⸗ 116 ſtaunt über dieſen Abgrund kleinlicher Intrigue, in den er blickte.„Und Ihr Herr Bruder weiß davon nichts?“ „Er weiß davon. Aber in ſeeiner ariſtokratiſchen Manier, wie es mein Mann nennt, findet er es unter ſeiner Würde, ſich um die Sache zu kümmern. Der Poſtdirektor weiß auch, daß Sie Profeſſor an der Kantonsſchule werden wollen, und zweifelt nicht, daß mein Bruder bei ſeiner Vorliebe für die Deutſchen Ihre Wahl bei dem„lahmen“ Regierungsrath durch⸗ ſetzen werde. Der Poſtdirektor hat meinem Manne bittere Vorwürfe gemacht, daß er einen„reaktionären Schulmeiſter“ bei ſich aufgenommen, den ſie in Deutſch⸗ land davongejagt, weil er ſein Land an die Preußen habe verkaufen wollen. Jetzt ſei er in der Schweiz, um zu ſpioniren. Der Poſtdirektor drohte auch, er werde ſchon dafür ſorgen, daß Sie der Schweizer Jugend nicht zu lange Ihre reaktionären Tenden⸗ zen einbläuen. Jedenfalls würden Sie mit dem Regierungsrath fallen, wenn das Volk ſich das Recht erzwungen haben werde, ſeine Regierung ſelbſt zu wählen.“ „Das ſind ja ganz hübſche Ausſichten!“ lächelte der Profeſſor, und ſein Auge blitzte— er liebte ja den Kampf, und ſeine Bruſt dehnte ſich bereits ſtolz —— ——— 117 in Erwartung der Stürme, die daran zurückprallen ſollten Da fühlte er etwas wie einen Stich im Herzen — er hatte an Hedwig gedacht. „Sie müſſen ſich an meinen Bruder anſchließen. Ihr paßt zu einander, das hab' ich im erſten Augen⸗ blick geſehen“, fuhr Frau Wenggy fort. „Das kann ich nicht, bevor nicht die Frage meiner Anſtellung entſchieden iſt. Es gewänne ſonſt leicht den Anſchein, als ſei eine Ergebenheit, die ich auf⸗ richtig fühle, der Preis für ſeine guten Dienſte.“ „So warten Sie, bis das entſchieden iſt. Es kann nicht lange dauren. Was mein Bruder thun will, thut er ſchnell. Es iſt aber keine Zeit zu ver⸗ lieren. Der Oberſt will morgen ſeinen Aufruf zur Volksbewaffnung ſchon erlaſſen. In acht Tagen ſollen ſchon die erſten Waffenübungen ſtattfinden. Durch den Krieg ſtocken alle Geſchäfte. Viele Fabriken ſind geſchloſſen. Viele arbeitsloſe Leute treiben ſich her⸗ um, die den Aufruf mit Freuden begrüßen wer⸗ den. Der Krieg in Deutſchland iſt nur der Vor⸗ wand— der eigentliche Krieg gilt dem Regierungs⸗ rath, wie der Poſtdirektor gar nicht verhehlt. Zu gleicher Zeit ſoll mein Mann, der bisher immer noch gezögert hatte, ſich mit den Fabrikherren zu über⸗ werfen, offen für die Arbeiter und ihre Forde⸗ 1 —— — ————————— 118 rungen— eintreten— die Volksbank des Bank⸗ präſidenten ſoll die niederen Bürgerklaſſen für die Bewegung gewinnen. Mein Mann ſoll den Kampf gegen den Regierungsrath mit der Kirchhoffrage an⸗ 4 fangen. Sauter will dann die Reviſion der Kantons⸗ verfaſſung aufwerfen— und wenn ſie erſt das be— waffnete Volk hinter ſich haben, ſoll alles drüber und drunter gehen und die Regierung geſtürzt werden.“ „Aber das alles kann ein menſchliches Gehirn nicht 4 in einer Nacht ausbrüten, das müſſen längſt überlegte Pläne ſein“, rief der Profeſſor. „Gewiß, gewiß“, nickte Frau Bertha,„aber nie getraute man ſich, meinen Mann zu ſolchen äußerſten Schritten zu treiben, und immer hielt ihn der Einfluß meines Bruders etwas im Gleichgewicht. Nachdem man ihn aber mit dem Regierungsrath entzweit und ſeit geſtern völlig in den Händen hat, rückt man mit allem heraus— und mein Mann hat ſich zu allem bereit erklärt, nur mit der Volksbank zögerte er noch, er hat vielleicht doch an Kläreli und Anneli gedacht. Aber auch da werden ſie ihn ſchon herumbringen.“ „Sonderbar, daß von all dem geſtern Abend in der Klubſitzung nicht die Rede war.“ „Weil ſie einander ſelber nicht trauen“, rief Frau Bertha mit zorniger Verachtung,„das wird zuerſt 119 zwiſchen dem Herrn Kleinert und ſeinen Intimus Sauter ins Reine gebracht, dann werden der Oberſt und der Bankpräſident ins Schlepptau genommen, und dann gehts mit einem Male über meinen armen Friedrich Wenggy her, daß er nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf ſteht, und zu allem„Ja“ ſagt.“ „Hm! Alſo ſind Sie auch der Anſicht Ihres Herrn Bruders, daß dem Nationalrath bei allen ſonſ⸗ tigen vortrefflichen Eigenſchaften des Geiſtes und Ge⸗ müths der für ſeine Stellung ſo nothwendige Ueber⸗ blick, daß es ihm an Urtheil fehle?“ 3 Frau Bertha ſchaute trübe zu Boden. „Es iſt vielleicht das ſchmerzlichſte Geſtändniß, das man von einer Frau verlangen kann, wenn ſie ſagen ſoll, ihr Mann paſſe nicht zu der Stellung, die er einnimmt. Aber bei meinem Manne iſt es ſo. Ich darf das geſtehen, denn ich weiß, was er werth iſt ohne Politik, ich weiß, was er uns war und was er, ich geb' die Hoffnung nicht auf, wieder werden wird, wenn der Kampf ausgekämpft iſt, der uns bevorſteht.“ „Und wenn er ſiegreich bleibt darin?“ „So wird er doch unterliegen. Sie kennen unſer Volk noch nicht. Undankbarkeit iſt eine republikaniſche Tugend, ſagt man— unſer Volk hat ſie im höchſten Maß. Auch Friedrich Wenggy, der ſeinen Freunden — —— — ñℳ——õÿõÿÿ ÿömöä — 120 alles opfert, Ruhe, Vermögen, Famillie, vielleicht noch mehr— auch er wird das erfahren— auch er! Wenn es dann nur nicht zu ſpät iſt!“ „Der Himmel wolle das nicht!“ ſagte der Profeſſor aufſtehend.„Ich danke Ihnen für Ihre Mittheilungen, Frau Wenggy. Betrachten Sie mich als Ihren treueſten Freund, jeden Augenblick bereit, Ihnen zu helfen, ſo⸗ weit meine ſchwachen Kräfte reichen. Sobald es nur irgend thunlich iſt, ſetze ich mich mit dem Herrn Land⸗ ammann in Verbindung, um ihm beizuſtehen, ſoweit er mich gebrauchen kann, in dem Kampf für das Glück ſeiner Schweſter.“ Frau Berthas Augen leuchteten auf. „Hat er das geſagt? Ich weiß es nämlich ſchon lange und habe es gebilligt, daß er meinen Mann nicht mehr Nationalrath werden laſſen will— das iſt mir heute ſo ſchwer aufs Herz gefallen, wie ich meinen Mann aufgeregt geſehen habe. Ich war auch feſt ent⸗ ſchloſſen, mich nicht mehr in die Angelegenheit zu miſchen und meiner Kinder Schickſal in die Hände Gottes zu legen. Aber wie der Bankdirektor gekommen iſt, und gleich nach ihm der abſcheuliche Poſtdirektor, bei Gott, ich habe nicht horchen wollen— aber ich war zufällig im Nebenzimmer, und die Thür iſt halb offen geweſen, und nach den erſten Worten habe ich mir gedacht— —— 121ʃ nein, es geht nicht. Dazu darfſt Du als Frau und Mutter nicht ſtill ſitzen, es gilt Deinen Mann und Deine Kinder, gar nicht zu reden von Dir ſelber. Und da habe ich mich eben entſchloſſen, als echte Schweizerin zu kämpfen und nicht nachzugeben, bis ich, mir meinen Mann wiedergeholt habe aus den Händen dieſer Menſchen.“ „Glauben Sie, daß Sie ſo viel Heldenmuth nöthig haben werden, Frau Wenggy?“ fragte der Profeſſor. „Die ganze Bewegung in ihrer Kleinheit kommt mir vor, wie der Sturm im Glaſe Waſſer.“ „Sagen Sie das nicht“, meinte Frau Bertha ernſt.„Ich hab' es erfahren beim Sonderbundskrieg, was es um ein aufgehetztes Volk iſt. Mit Spießen und Stangen ſind die katholiſchen Bauern in unſer Städtlein gezogen und haben die Männer niederge⸗ ſchlagen und die Weiber geängſtigt und der Himmel iſt roth von den brennenden Dörfern geweſen...“ In dieſem Augenblick ſprangen jubelnd die beiden Kinder ins Zimmer. Die braunen Locken hingen ihnen aufgelöſt über die Schultern herab, und dazwiſchen hatte eine geſchickte Hand lauter Alpenroſen geflochten, was den jugendlichen Geſtalten etwas ungemein Zartes und Feenhaftes verlieh. Hinter ihnen drein mit faſt ſchelmiſch lächelndem 122 Antlitz kam Hedwig. Beim Anblick des Profeſſors, den ſie wohl nicht mehr hier vermuthete, blieb ſie ver⸗ ſchüchtert ſtehen. Frau Bertha zog ihre beiden Mädchen an ſich und küßte ſie immer wieder. Der Profeſſor und Hedwig ſtanden ſich ſtumm gegenüber, der gelehrte Mann fühlte ſich erregt und befangen wie ein Schüler, der ſein Penſum vergeſſen, auf Hedwigs Wangen lag der helle Schein einer jungen Liebe. Zehntes Kapitel. Die Braut des Prieſters. Es war an einem Morgen der nächſten Woche, als der Profeſſor wieder am Fenſter ſtand und in den Garten hinunter ſah. Die Landſchaft war herr⸗ lich und ſonnenbeſtrahlt wie nur je, die weißen Segel und die qualmenden Dampfboote ſchwammen über den See, nur einige Fabrikſchlote hatte der Krieg in Deutſchland ausgeblaſen, aber mit ihrem Feuer und dem ſchwarzen Rauch, mit dem ſie den blauen Himmel verunzierten, war auch tauſenden von Familien der nährende Boden unter den Füßen weggezogen. Eine große Gährung herrſchte in der Stadt, Volksverſamm⸗ lungen auf Volksverſammlungen wurden abgehalten, bei denen es ſtürmiſch genug herging, alles klagte den Regierungsrath an, daß er das Uebel hätte vorausſehen —— 124 und genügende Vorſichtsmaßregeln dagegen treffen können; dem Regierungsrath, dem daſſelbe Volk als Werkzeug in der Hand der Demagogen jeden ſelbſtſtän⸗ digen Athemzug mißgönte, ſtreckte es jetzt drohend die arbeitsloſen Fäuſte entgegen: Nun hilf! Du biſt unſere Regierung, hilf! Landammann Maxer hatte dem Regierungsrath den Vorſchlag kühner Initiative gemacht, hatte, ohne den Zuſammentritt der Kantonsräthe erſt abzuwarten, öffentliche Bauten dekretiren und zur Aufrechterhaltung der Ordnung den Auszug der Miliz außbieten laſſen wollen. Aber der Regierungsrath war ſcheu vor der Ver⸗ antwortlichkeit einer ſolchen Uſurpation zurückgeſchreckt und hatte, damit die Wogen der Bewegung nicht noch höher ſchlagen ſollten, ſogar die Einberufung des Kantonsraths wieder hinausgeſchoben. Täglich marſchirten die Truppen des Oberſten Freny vom Exerzierplatze her am Regierungsgebäude vorüber, zuſammengelaufenes Volk aus aller Herren Länder, und zwiſchen ihren Berathungen hörten die Väter der Stadt höhniſche Pfiffe uad drohende Rufe, weil ſie dem Verlangen des Oberſten nach Waffen für ſeine Leute nicht ſtattgegeben, ſondern ihn an das eid“ genöſſiſche Militärdepartement verwieſen hatten. Täglich haranguirten Wenggys Freunde die Maſſen in Verſammlungen und Vereinen, täglich rief Wenggy, der ſich offen an die Spitze der Bewegung geſtellt, in den radikalen Blättern den hochmüthigen Herren auf den grünen Seſſeln höhnend zu: Nun helft! Wenggys Name ſtand auch, wie Frau Bertha vorausgeſehen, in erſter Reihe unter dem Programm der Volksbank, durch welche der verkommene Bank⸗ präſident der Noth des Volks mit einem Mal zu ſteuern verſprach. Täglich kam Wenggy, jetzt mehr als je der Ab⸗ gott der Maſſen, mit ſtolzen gehobenem Haupte und tönenderen Phraſen nach Hauſe, täglich wurde Frau Bertha bleicher. Nur Hedwig blieb ſich gleich. Die gllückliche Gattin, die entſchiedene, energiſche und zornige Frau war ihr ferner geſtanden, die zum Tode betrübte faſt gebrochene Schweſter hatte hundert kleine Aufmerkſam⸗ keiten für ſie, unter welchen ihr faſt ſcheues vergräm⸗ tes Gemüth aufblühte, daß es faſt unberührt blieb von all dem, was rings um ſie vorging. Nur manch⸗ mal warf ſie einen überraſchten Blick auf die Schweſter und das ernſte umdüſterte Geſicht des Profeſſors, aber dann ſprach der Nationalrath mit ſolchem En⸗ thuſiasmus von der anbrechenden Morgenröthe der ——————— ͦ—— 126 Freiheit, daß ihre für jede Begeiſterung empfängliche Seele entzückt auflauſchte wie einſt, da der Donner der erſten fallenden Lawine den nahenden Lenz ver⸗ kündete. Und ihr Auge ſchaute auf den Schwager wie damals, als in ihrer Bergheimat der Adler hoch über ihr im blauen Aether kreiſte. So ſtanden die Dinge, als Profeſſor Hermann in den Garten hinausſchaute, wo er manchmal das helle Kleid Hedwigs durch die grünen Büſche leuchten und verſchwinden ſah wie einen ſchönen Traum, den ſeine Phantaſie vergeblich feſtzuhalten ſtrebte. Er hatte noch immer keine Nachricht vom Land⸗ ammann, er war noch immer der arme heimat⸗ und brotloſe Flüchtling, ja er hatte nicht einmal mehr Ausſicht, ſeine geſunden Arme zu verdingen, da wo tauſende feierten. Der Nationalrath und ſeine Familie waren freund⸗ licher als je, aber ihn drückte dieſe Gaſtfreundſchaft eines Hauſes, deſſen Ruin ihm nur mehr eine Frage der Zeit ſchien, er kam ſich Frau Bertha gegen⸗ über, die ihn um ſeinen Beiſtand gebeten, vor wie der feigſte Prahler, weil er ſich ſelber nicht helfen konnte.— Bei der jetzigen Lage des Regierungsraths hoffte er nichts mehr für ſich und dachte oft daran, am an⸗ 42 dern Morgen ſein Bündel zu ſchnüren und weiter zu wandern. Dunkle Gerüchte von der wachſenden Aufregung, die aus der Stadt heraufdrangen, und ein Blick in Frau Berthas kummervolles Antlitz hielten ihn zurück. An Hedwig wagte er ſchon lange nicht mehr zu denken; was wollte er, der heimathloſe Flüchtling, dem zarten Geſchöpf für eine Stütze bieten.? Da klopfte es bei ihm. Hinter dem eintretenden Weibel des Regierungsraths ſchauten neugierig die Köpfe Annelis und Klärelis zur geöffneten Thüre herein. „Ich bringe dem Herrn ein Dekret vom hohem Regierungsrath, der Herr Hermann wird ſchon wiſſen, was darin ſteht,“ ſagte der Mann, den Profeſſor höhniſch muſternd, indem er ein großes Schreiben über⸗ reichte,„und hier,“ er zog ein ziemlich reſpektwidriges Couvert aus der Taſche,„noch einen Brief vom Herrn Landammann Maxer.“ Der Profeſſor nahm den ſeltſam zerknitterten Brief und betrachtete das Siegel. Dann warf er einen ſtrengen Blick auf das ſpitzbübiſche Geſicht, das ihm bei dieſer Beſchäftigung zuſchaute. „Der Brief iſt erbrochen und wieder zugeſchloſſen worden.“ ————; — „Davon weiß ich nichts! Der Brief iſt nicht aus meinen Händen gekommen!“ rief der Weibel brutal. „Dann haben Sie ihn eben erbrochen—“ „Herr!“ rief der Bote, und ſein freches Geſicht wurde blau,„das geht über den Spaß; wenn Sie ſo anfangen im Kanton, werden Sie's nit lang machen.“ „Das wird ſich finden. Machen Sie, daß Sie fortkommen!“ „Vierzehn Franken Tax komm' ich vorher über!“ Der Profeſſor erbleichte, ſoviel betrug ſein ganzes Vermögen nicht. „Ich werde es ſelbſt entrichten.“ Der Bote ging, etwas von hergelaufenem Hunger⸗ leider murmelnd, der ehrliche Leute beſchuldigen wolle. Der Profeſſor hielt eine Weile heide Briefe trau⸗ rig in der Hand. Er öffnete das größere Schreiben und las es zweimal. Ja da ſtand's. Auf den Antrag des Erziehungs⸗ departements war ihm auf Grund ſeiner vorgelegten Zeugniſſe die übliche Prüfung erlaſſen und er mit allen gegen eine Stimme zum Lehrer der Rhetorik an der Kantonsſchule ernannt worden. Sein Gehalt be⸗ trug vorläufig zweitauſend Franken jährlich, bei be⸗ ſonderer Brauchbarkeit wurde Erhöhung verſprochen. 129 Antrittstermin nach den Ferien des kantonalen Ju⸗ gendfeſtes. Zweitauſend Franken— in ſeinem Vaterlande hatte er das dreifache zurückgelaſſen, hier erſchien ſich der Profeſſor wie ein reicher Mann. Der National⸗ rath als Gerichtsſchreiber bezog ja kaum mehr, und die ganze Familie lebte davon. Eben hörte er Hedwigs Stimme unten im Gar⸗ ten:„Anneli, Kläreli!“ Ein freudiges Lächeln zog über das Geſicht des Profeſſors und er öffnete den Brief des Landam⸗ manns. Darin ſtand eine Entſchuldigung, daß der Regierungsrath wegen anderweitiger dringlicher Ge⸗ ſchäfte ſeine Angelegenheit nicht früher habe behandeln gekonnt, und die Bitte, ihn ſofort nach Empfang des Briefes zu beſuchen. Der Landammann werde ihn auf ſeinem Bureau erwarten, und bitte um Entſchul⸗ digung, daß er bei den obwaltenden Umſtänden ihn nicht im Hauſe ſeines Schwagers aufſuchen könne. Der Profeſſor kleidete ſich an und wandte ſich zum Gehen. An der Thüre erinnerte er ſich, daß ſeine Gaſt⸗ freunde, Frau Bertha und der Nationalrath, wol das erſte Anrecht auf die erfreuliche Nachricht hätten. Er ſtieg daher in den Garten hinunter, wo Frau v. Schlägel, Die Volksbeglücker. 9 130 Bertha ſich zu Hedwig geſellt hatte und ihr, wie es ſchien, ſehr intereſſante Mittheilungen machte. „Wir wiiſſen bereits alles!“ rief ſie dem Profeſ⸗ ſor entgegen, und zum erſten Male ſeit Wochen klärte ſich ihr Geſicht zu dem ihr eigenthümlichen Lächeln voller Herzensgüte auf.„Alles im Hauſe ſpionirt jetzt, Mutter und Töchter! Das Anneli hat mir's bereits geſagt, daß Sie Profeſſor an der Kantonsſchule geworden ſind. Wir wünſchen Euch herzlich Glück dazu!“ Hedwig ſtand ſtill daneben und ſchaute vor ſich nieder; nur an der lebhafteren Färbung des Geſichtes und dem Spiel der zarten Hände, welche ſich zerſtreut an ihrem Kleide zu ſchaffen machte, glaubte der Pro⸗ feſſor wahrzunehnen, daß auch ſie bewegt ſei. „Und Sie, Jungfrau Hedwig!“ ſagte der Profeſ⸗ ſor, indem er ſeine Hand ausſtreckte,„Sie freuen ſich gar nicht über mein Glück?“ Hedwig reichte ihm ihre Hand und ſchaute ihm mit einem ganz ſonderbaren Ernſt ins Geſicht. „Glück? Das iſt kein Glück! Sie ſind ja gut und verdienen darum alles Gute.“ Und dabei ſah ſie ihm mit einem ſo vollen klaren Blick ins Geſicht, daß der Profeſſor ſich verwundert fragte, ob das noch daſſelbe traumhaft ſchüchterne 131 Weſen ſei, das er vor wenigen Wochen hier getroffen. Der Profeſſor ging. Die beiden Frauen nickten ihm, als er ſich umwandte, freundlich zu, und die Kinder ſprangen jubelnd voraus, um ihm die Thüre zu öffnen. Die Stadt ſah anders aus, als vor Monaten. Die Straßen waren zwar noch unruhiger als ſonſt, aber es herrſchte darin nicht das drängende Treiben des Erwerbs, ſondern große Menſchenhaufen trieben ſich müßig umher, hier einen Vorübergehenden, der ihnen zu anſtändig ausſah, ankrakehlend, dort an einer Straßenecke vor den Telegrammen ſich anſammelnd, welche in rieſigen Lettern die öſterreichiſchen Siege in Böhmen verkündeten. Die Maſſe jubelte den ver⸗ meintlichen Siegern zu; es fehlte nicht an Ausbrüchen von Haß und Schadenfreude für den unterlegenen Staat, den Niemand näher kannte. Der Profeſſor ging raſch an dieſen Menſchen⸗ haufen vorüber, ſein Herz zog ſich zuſammen unter einem großen Schmerz, und er flüſterte in ſich hinein: „Es iſt nicht möglich, es iſt nicht möglich!“ Auch vor dem Regierungsgebäude trieben ſich Gruppen herum und deuteten höhniſch zu den Fenſtern mit den grünen Vorhängen empor, hinter welchen die Väter des Kantons täglich beiſammen ſaßen, ohne et⸗ —. 9* ————————õÿ—— ——————— 132 was zu beſchließen, was den herrſchenden Zuſtänden energiſch entgegentrat. Ein paar verſtimmte Hörner ertönten, und mit allen möglichen Sorten von Schießgewehren verſehen 4 marſchirte die abenteuerliche Schaar des„Oberſten“ vorüber. Einige ältliche bleiche Geſichter erſchienen zwiſchen zwei grünen Vorhängen, die ſich ängſtlich umſahen. Da zerſprang klirrend eine Fenſterſcheibe, wie es ſchien von einem Steinwurf, die Volkshaufen brachen in ein jubelndes Gewieher aus und die Geſichter der Väter der Stadt waren verſchwunden. Einzelne Stimmen ertönten:„Hoch Wenggy! 8 Unſer Wenggy lebe hoch!“ Und die vorbeimarſchiren⸗ den Truppen der Umſturzpartei ſchwenkten die Hüte und riefen: „Es lebe Wenggy! Nieder mit dem Regierungs⸗ rath!“ Da kam der Weibel des Regierungsraths in voller Amtstracht hernieder. Ein großer Dreimaſter ſaß auf ſeinem Kopfe, ein langer alterthümlicher grüner und ſilberner Frack hing ihm am Leibe, und in der Hand hielt der Exekutivbeamte der Kantonsregierung einen grün und weiß bemalten Stab. „Liebe Männer und Eidgenoſſen!“ ließ er ſich —— 133 vernehmen.„Ich ſoll Euch im Namen des Regie⸗ rungsraths erſuchen, daß ihr Euch etwas ſtiller ver⸗ halten möchtet. Am beſten wär's, meint der Land⸗ ammann und Regierungsrath, wenn Ihr ganz heim⸗ ginget und dort erwarten würdet, was die Kantons⸗ regierung in Weisheit beſchließet.“ Der Weibel ſagte das in ſolch eigenthümlichem Tone, er hatte ſich in letzter Zeit ſo vielfach an der Agitation betheiligt, daß ſich die lieben Männer und Eidgenoſſen vor Luſtigkeit kaum zu faſſen wußten. Der Weibel ging grinſend ab und das Geheul und Gepfeife ging von neuem los. Da öffnete ſich ein Fenſter, das edle Geſicht des Landammanns erſchien und überblickte einige Augen⸗ blicke ruhig die drohenden Gruppen. Der Tummult verſtummte und Todtenſtille herrſchte auf dem Platze. „Bürger!“ ertönte endlich die ſonore Stimme des Beamten.„Ihr ſeid unwürdig, freie Männer zu heißen; wären Eure Väter Euresgleichen geweſen, ſo wäre der Name Schweiz längſt aus der Geſchichte verſchwunden und Ihr fühltet auf Eurem Rücken den Stock des Büttels, wie er Euch gebührt. Geht heim und denkt darüber nach, wie Ihr ernſte und würdige Bürger werdet, ehe Ihr die von Euch ſelber einge⸗ ſetzte Regierung verunglimpft.“ —— —— 3 1 5 134 Eine Zeitlang blieb der Landammann am Fenſter, um die Wirkung ſeiner Worte zu beachten. Einige drohende Rufe ertönten, ſie fanden aber keinen An⸗ klang, und bald herrſchte wieder vollkommene Ruhe.. Die Gruppen wurden lichter und viele Geſtalten ver⸗ ſchwanden in den Seitenſtraßen. Offenbar war das Loſungswort der Partei noch nicht ausgegeben, und ohne beſtimmte Führung ſchwankten die Maſſen hin und her. Der Profeſſor konnte ſich jetzt zum Thore des Regierungsrathes durcharbeiten und ſtieg die breiten Treppen hinauf. Der Weibel, noch immer in Amts⸗ tracht, muſterte ihn herausfordernd von oben bis un⸗ ten und zuckte höhniſch die Achſeln, als wollte er ſagen: Geh Du nur hin, Dich für Deine Ernennung zu bedanken, Dein Glück wird nur von kurzer Dauer ſein. Der Profeſſor traf ſeinen Beſchützer in großer Aufregung im Zimmer auf⸗ und abgehend. Der Land⸗ ammann blieb ſtehen und reichte dem Eintretenden warm die Hand. „Auch ohne Ihre Aufforderung, Herr Landam⸗ mann, begann der Profeſſor. Aber Maxer unter⸗ brach:„Geben Sie ſich keine Mühe; ich habe blos meine Pflicht erfüllt und meines Amtes gewaltet, 135 als ich beantragte, eine tüchtige Kraft unſerm Kanton zu gewinnen. Ich wollte in einer anderen Angelegen⸗ heit um Ihren Rath bitten. Seit wir uns zum letzten Mal geſehen, hat ſich vieles geändert.“ „Gewiß, und leider nicht zum Beſſeren; was ich auf meinem kurzen Wege von der Falkenburg hieher geſehen und gehört, beunruhigt mich vielleicht mehr, als es ſollte, weil ich das politiſche Treiben hier nicht kenne und den Erſcheinungen, die an mich herantreten, eine Bedeutung beimeſſe, die ſie vielleicht in Wirklich⸗ keit nicht beſitzen.“ Der Landammann ſchüttelte den Kopf, ſeine Ge⸗ danken weilten offenbar anderswo: „Das ſouveräne Volk beträgt ſich etwas unge⸗ bärdig,“ erwiderte er mit einem traurigen Lächeln, „aber das iſt's nicht, was ich Sie fragen wollte. Aus Ihren Papieren erſah ich, daß Sie einmal in der Familie des Grafen Wolfsegg vor Jahren Hauslehrer geweſen ſind. Graf Wolfsegg auf Tarn, iſt das ſo?“ Die Augen des Landammanns ruhten mit einer an Angſt grenzenden Spannung auf dem Geſichte des Profeſſors. „Allerdings, ich verlebte im Hauſe des Grafen, im Kreiſe ſeiner Familie die zwei glücklichſten Jahre meines Lebens.“ ——— ⸗õů;— ———— Die Muskeln im Geſicht des Landammanns waren aufs höchſte angeſpannt, ſeine ſonſt ſo energiſch ge⸗ ſchloſſenen Lippen bebten.„Und— und ſtehen Sie noch in Verbindung mit der Familie des Grafen?“ „Gewiß, ich erfreue mich der Freundſchaft des jungen Grafen, meines Zöglings, ein hoffnungsvoller junger Offizier, der gegenwärtig gegen Oeſterreich mar⸗ ſchirt, und korreſpondirte bis zum Ausbruch des Krie⸗ ges ſehr lebhaft mit ihm.“ „Und kennen Sie ſeine Schweſter?“ fragte der Landammann faſt unhörbar, indem er ſich vorbeugte und in athemloſer Angſt die Antwort erwartete. „Ich habe ſie einige Male geſehen,“ antwortete der Profeſſor immer verwunderter,„ſie verweilte jedoch nie lange auf Tarn, ſondern befand ſich mit ihrem bruſtkranken Oheim mütterlicherſeits, der ſie ſehr liebte, faſt immer in Italien oder der Schweiz.“ „Jener Oheim hieß Freiherr von Wangenthal?“ fuhr der Landammann heftig heraus. „Wie Sie ſagen.“ „Sie iſt es.“ Mit dieſem Ausrufe und wie todtmüde ſank der Landammann in einen Stuhl; eine ſchwache Handbe⸗ wegung lud den Profeſſor zum Sitzen ein. Dieſer nahm Platz. 137 „Und dieſe Dame lebt noch,“ ſagte der Landam⸗ mann matt, als frage er nur der Form halber nach etwas, was ihm ſchon bekannt ſei.. „Gewiß, ich hätte es ganz ſicher erfahren, wenn ſie geſtorben wäre. Noch vor wenigen Monaten, als man den Ausbruch des jetzigen Krieges ſchon be⸗ fürchtete, erwähnte Graf Karl ſeiner Schweſter Angelika in einem Briefe an mich. Damals war Gräfin Ange⸗ lika mit ihrem Onkel in Nizza und eilte nach Hauſe, um ſich der Pflege der Verwundeten zu widmen.“ „Sie iſt es. Die Todten ſtehen wieder auf!“ murmelte der Landammann, ſtarr vor ſich hinblickend, während ſeine weiße Hand, die ſich auf die grüne Lederbekleidung des Lehnſtuhls ſtützte, leiſe zitterte. „Ich bin Ihnen eine Erklärung ſchuldig für meine ſonderbaren Fragen und für mein noch eigenthüm⸗ licheres Benehmen,“ ſagte der Regierungsrath nach einer Pauſe mühſam.„Ich habe dieſe Angelika Wolfsegg vor zehn Jahren gekannt und hielt ſie dieſe lange Zeit für todt— es wurde mir geſchrieben, ſie ſei geſtorben, der Brief war von der Hand ihres eigenen Oheims, der mir ihre letzten Grüße ſchickte— ich wollte ſchon ſeit mehreren Wochen, ſeit Ihre Zeugniſſe die Erinnerung an den Namen wieder aufgeweckt, Sie nach Angelikas Grabe und nach den näheren Umſtänden ihres Hingangs —õ————— — ͦ———— fragen, aber ich hatte nicht den Muth, die alten Wunden aufzureißen, die ich für immer vernarbt glaubte. Zehn Jahre der Selbſterziehung und Reſig⸗ nation werden in dieſem Augenblicke über den Haufen geworfen. Sie ſagen es ſelbſt, Angelika lebt— ich wollte es ihrer eigenen lieben Schrift nicht glauben, ich wollte eher glauben, daß der Böſe ſein Spiel treibe mit dem abtrünnigen Prieſter, oder daß meine eigne wankende Vernunft die liebſten Träume meines Her⸗ zens mir zurückzaubere. Ich wollte es nicht glauben. Und hier ſteht es doch mit derſelben lieben Hand, die mich ſo oft in das Paradies des edelſten Herzens blicken ließ. Hier ſteht's.“ Der Landammann zog ein Papier aus der Bruſt⸗ taſche ſeines Rocks und bot es dem Profeſſor mit leuch⸗ tenden Blicken: „Hier ſteht's.“ Der Profeſſor las die zierlichen Zeilen des nicht langen Briefes: „Unvergeßlicher Freund! Können Sie mir die Täuſchung vergeben, die ich einſt für nothwendig hielt, um Ihnen die Ruhe Ihres Herzens wieder zu geben und die Verleumdung von einem Charakter fern zu halten, an deſſen Beiſpiel ich mich aufrichte, wenn je meine Kraft erlahmen will. Ich weiß alles, was Sie 139 inzwiſchen gethan und erreicht, ich habe Ihnen in meinem Herzen eine Kapelle der Erinnerung gebaut und ihrem Kultus gelebt— ich wäre wol auch ſo geſtorben, ohne daß Sie je von meiner Fortexiſtenz Nachricht erhalten hätten.— Im Begriff, im Dienſte meines Vaterlandes und der Menſchheit eine gefahr⸗ volle Sendung anzutreten, kann ich nicht mehr ſchwei⸗ gen. Ich möchte nicht mit einer Lüge aus der Welt gehen, die, ſo reiner Quelle ſie entſprungen war, meinen armen Oheim noch in den letzten Tagen ſeines nun geſchloſſenen Lebenslaufs gepeinigt. In ihrer Erinnerung hatten Sie mich längſt begraben— viel⸗ leicht ſchauen Sie fremd und kalt auf dieſe Zeilen der vom Tode Erſtandenen. Ich will mich darein ergeben — ich werde nicht ſuchen, Sie wiederzuſehen, auch wenn ich glücklich zurückkehre von der Aufgabe, die ich mir ſelbſt geſtellt. Sollten Sie aber auch der Todten dieſelbe Zuneigung bewahrt haben, die Sie einſt der Lebenden geſchenkt, und ſollten die Zungen der Ver⸗ leumdung verſtummt ſein, welche Sie damals verfolg⸗ ten, dann kommen Sie wol einmal nach dem Ende dieſes Krieges und ſehen ſich daſſelbe Schloß Tarn an, das Ihnen Ihre Freundin ſo oft beſchrieben. Angelika.“ ———⅛—————, ——————— 140 Der Profeſſor ließ die Hand mit dem Briefe ſinken. „Dieſe Zeilen rufen auch in mir die Erinnerung an die hohe ſchlanke Dame wieder wach, welche manch⸗ mal ſo freundlich meine Unterrichtsſtunden unterbrach, um ihren jüngeren Bruder zu einem Spaziergange aufzufordern. Der arme Hauslehrer hat das herrliche Frauenbild ſchon damals bewundert, und es freut mich.“. „Sagen Sie nichts von Freude und ähnlichem, während mein Herz von der fürchterlichſten Angſt gefol⸗ tert wird,“ unterbrach der Landamman nund legte ſeine Hand auf den Arm des Profeſſors.„Denken Sie ſich das zarte Weſen allen Unbilden des Krieges ausge⸗ ſetzt, in den giftigen Miasmen der Spitäler unter dem Einfluß all der Schrecken, die eine männliche Seele kaum ertragen kann. Aber ich Thor,“ ſetzte der Land⸗ ammann mit egoiſtiſchem Zorne hinzu,„ich war ſelbſt die Schuld, daß Angelika nicht ſchon ſeit zehn Jahren mein Weib iſt— ein moderner Cato, wollte ich die Verleumdung zum Schweigen bringen, daß ich um eines Weibes willen dem Prieſterſtande entſagt, wäh⸗ rend ich ſie doch erſt Wochenlang nach jenem Schritte kennen gelernt. Ich wollte meinen Verfolgern und dem urtheilsloſen Pöbel, der ihnen das Ohr lieh, be⸗ —— 141 weiſen, daß mich die reinſten, ſelbſtloſeſten Motive veranlaßten, meine Prieſterwürde niederzulegen. Und Angelika, die den Kampf in mir ſah— war eines Tages, als ich ſie wieder wie gewöhnlich beſuchen wollte, um ſie mit meinen wahnſinnigen Zweifeln zu quälen, mit ihrem Onkel abgereiſt. Ich ſchrieb, ich beſchwor ſie, mich nicht zu verlaſſen; ſie antwortete mir, daß unſere Vereinigung mich höchſt unglücklich machen müſſe, da ich darin immer die Urſache der Mißgunſt meiner Mitbürger erblicken würde. Ich wollte meine Vaterſtadt verlaſſen und mit ihr gehen, wohin ſie wollte, ich zeigte den Tag meiner Ankunft in Tarn an, da erhielt ich, am Tage bevor ich ab⸗ reiſen wollte, aus Südfrankreich von ihrem Onkel die Nachricht, Angelika ſei todt.“ Eine Zeitlang ſaß der Landammann in ſeine Erinnerungen verſunken da, das Geſicht mit den Hän⸗ den bedeckend, als wollte er jeden Strahl der Gegen⸗ wart von ſeinen müden Augen wehren. Da bewieſen einzelne Pfiffe und drohendes Gemurmel, daß ſich neue Volkshaufen vor dem Regierungsgebäude ange⸗ ſammelt. Der Landammann ließ die Hände von ſei⸗ nem Antlitz ſinken und ſagte mit einem Lächeln ſchmerz⸗ licher Verachtung: „Begreifen Sie nun, Herr Profeſſor, daß das 142 Geheul dieſes Pöbels, dem ich vor zehn Jahren das Glück meines Lebens geopfert, mir nicht mehr bis ans Herz heranreicht?“ „Verzeihen Sie das Intereſſe, das mir dieſe Epiſode Ihres Lebens abgewinnt,“ begann der Profeſ⸗ ſor nach einer Weile wieder.„Wo haben Sie die Gräfin kennen gelernt?“ 3„In der Kirche,“ ſagte der Landammann, als ſei es ihm angenehm, bei dem theuren Gegenſtande zu verweilen—„in der Kirche, von deren Kanzel und Altar ich eben herabgeſtiegen war, mit dem Entſchluß im Herzen, meinen bisherigen Glauben aufzugeben, deſſen weihrauchduftiger Kultus, deſſen halbdunkle Dome mit ihren glühenden Lichtern, deſſen gewohnte Aeußerlichkeiten mich jedoch immer noch anheimelten, wie den Erwachſenen die bunten Träume ſeiner Kind⸗ heit. Da ſah ich ſie zum erſten Mal. Sie ſtand neben dem Fenſter, worauf der in Glas gemalte Heilige mit dem Schwerte ein Stück ſeines Purpurmantels für den Armen abtrennt; die Sonne ſchien auf dieſen Purpur⸗ mantel und warf ihr dunkelroth gefärbtes Licht auf die hohe fremdartige Frauengeſtalt. Dieſe ſtand da und ſchaute empor zu den in ſchwindelnder Höhe ſich ver⸗ einigenden Bogen, zu der vergoldeten Arbeit der Orgeln, zu den rieſigen Kuppeln. Kein Sakriſtan 143 war in der Nähe, um der Fremden die Merkwürdig⸗ keiten des Ortes zu zeigen, darum trat ich mit klopfen⸗ dem Herzen auf ſie zu und bot ihr meine Dienſte an. Das Anerbieten wurde unbefangen und freundlich angenommen. Ich war damals noch jung, meine Erziehung und ſpätere Eigenſchaft als katholiſcher Prieſter hatte mich von dem Umgang mit Frauen fern gehalten, ich glaubte der Dame, die ſich meiner Führung anvertraut, daher keinen größeren Gefallen thun zu können, als wenn ich ihr meine ganze kunſt⸗ hiſtoriſche und äſthetiſche Kenntniß zur Verfügung ſtellte. „Wir gewannen Intereſſe aneinander, und es ent⸗ ſpann ſich ein Verkehr, den der Freiherr nicht hindern mochte. Ich kämpfte lange, ehe ich mich dem über⸗ mächtigen Gefühl hingab, das auch Angelika erwiderte. Doch ich war frei, hatte meinen prieſterlichen Stand von mir geworfen, mein Gelübde lag hinter mir, da⸗ zu war ich von altpatriziſchem Adel, meine Vorfahren ſind denen des Freiherrn ebenbürtig. Es lag alſo kein Hinderniß von ſeiner Seite vor. „Wir waren glücklich, ſehr glücklich, trotz aller meiner Unruhe, die mein Schritt und meine unſichere Lebensſtellung mit ſich brachten. Aber ſchon ſchlich uns die Verleumdung nach auf den Pfaden, die wir wandelten, und grinſte aus den Furchen empor, die unſer Kahn allabendlich über den ſtillen See zog. Ein Mann, der jetzt neben mir in der Regierung meines Kantons ſitzt, war mein erſter heftigſter Verfolger, wie es jetzt mein eigener Schwager iſt.— Ich habe Beiden verziehen.“ „Noch ehe Sie wiſſen, ob beide Sie nicht in kurzem von Amt und Würden bringen werden?“ „Von Amt und Würden! Die Würde, an der mir allein etwas liegt, iſt Angelikas Liebe— und daraus können die mich nicht vertreiben. Was das übrige betrifft— ich werde meine Pflicht thun und, wenn es ſein muß, auf dem mir anvertrauten Platze fallen— aber alle dieſe Wühler mit ihren aufgeſtachel⸗ ten Banden können mein Herz nicht zu ſchnelleren Schlägen zwingen. Das iſt der Vortheil eines großen Glücks oder Unglücks, vorläufig weiß ich noch nicht, iſt es das eine oder das andere.“ „Wenn ich mich einiger Andeutungen Ihrer Frau Schweſter recht entſinne, ſo iſt Ihr einſtiger Verfolger derſelbe Landammann Mur, mit welchem Sie ſich gegen Ihren Schwager vereinigen wollten und der jetzt mit den Radikalen Hand in Hand geht.“ „Derſelbe.— Einmal in meinem Leben wollte ich den Diplomaten ſpielen. Ich habe bereits halb be⸗ 145 reut. Mur hatte mir die Koalition nahe gelegt, und ich ſah darin ein Mittel, das in Trümmer gehende Hausweſen meiner Schweſter und dieſer ihren Mann zu retten. Der Freund, der Prieſter ſchien das einſt Vorgefallene in Vergeſſenheit bringen zu wollen; ich hielt ihn für ein brauchbares Werkzeug zu einem guten Zweck— und er verrieth mich. Mögen ſie ſiegen, es wird der Sieg eines Tages ſein. Doch ſehen wir, was es wieder gibt.“ Die beiden Männer traten ans Fenſter. Der Tumult ſchien ſich wiederholen zu wollen. Ein widerwärtiges Geheul und Gepfeife tönte hinauf. Reichlich vertheilte Getränke mußten ihre Wirkung gethan haben. „Sehen Sie dahinunter und fühlen Sie den Puls⸗ ſchlag des Volks, von dem mein Schwager ſich in⸗ ſpiriren läßt und den er heilig hält wie ein ewiges Geſetz.“ von Schlägel, Die Volksbeglücker⸗ 10 Elftes Kapitel. Das Jugenhfeſt auf der Roſeninſel. Schon Wochen vorher hatten ſich die angehenden Bürger und Bürgerinnen der Stadt auf ihr Feſt ge⸗ freut und vorbereitet. Anneli und Kläreli befanden ſich in einer leicht erklärlichen Aufregung, die ſich natürlich auch Tante Hedwig mittheilte. Selbſt Frau Berthas trübes Geſicht überflog ein Schimmer einſtiger Zufrie⸗ denheit, als ſie am Vorabende des Feſtes die weißen Kleidchen der Mädchen zurechtmachte. Hedwig hatte mit großer Mühe eine Menge Alpen⸗ roſen, welche ſie zum Schmuck der Kleinen für noth⸗ wendig hielt, friſch erhalten.. Nur der Nationalrath hatte keinen Blick für die ahnungsvolle Glückſeligkeit eines Kinderherzens— ſtumm 147 und brütend ſaß er da, mit einem Gefühl eitlen Stolzes den immer höher ſchwellenden Wogen der Volksbe⸗ wegung nachblickend, die er entfeſſelt hatte, und den⸗ noch mit einem leiſen Grauen ſich bewußt, daß er ſie nicht mehr bannen konnte. Er war immer mehr in den Strudel der Bewegung hineingeriſſen worden. Das Parteigetriebe beherrſchte⸗ ihn fortwährend und der berauſchende Trunk der Popu⸗ larität hielt ihn in dauernder Aufregung. Nur manchmal, zu Hauſe im Kreiſe ſeiner ſtillen und traurigen Angehörigen fühlte ſich der National⸗ rath wol etwas wirr im Kopf und beängſtigt im Her⸗ zen. Aber ſeine Freunde ſorgten dafür, daß er nicht zur Ruhe kam. Auch in den Frieden der Familie ver⸗ folgten ſie ihn, und es war jetzt an der Tagesordnung daß Wenggy drei⸗, viermal vom Eſſen aufgerufen wurde, um Programme zu redigiren, Aufrufe zu un⸗ terſchreiben, Zeitungsartikel zu revidiren oder neu er fundene Zuſatzparagraphen der Volksbank gut zu hei⸗ ßen, welche ihre pomphaften Reklamen bereits über die ganze Eidgenoſſenſchaft verbreitet hatte. Die Lage wurde immer heißer, die Bewegung immer wüſter und die preußiſchen Siege in Böhmen gaben den drohenden Anträgen der waffenluſtigen Maſſenführer neuen Vorwand. 10* — 148 Endlich kam der von ſo vielen, wenn auch aus den verſchiedenſten Gründen, heiß erſehnte Tag; die Sonne zog in ihrer ganzen ſtrahlenden Glorie her⸗ auf über einen der ſchönſten Punkte ſchweizeriſcher Erde. Schon früh am Morgen ſah der Profeſſor vom Fenſter aus weißgekleidete Mädchen und feſtlich her⸗ ausgeputzte Knaben; ſie hatten vor lauter Freude die Verſammlung ihrer Schulen nicht erwarten können, und freundliche Vorboten eines fröhlichen Tages flat⸗ terten ſie an der Falkenburg vorüber. Endlich ſchlug auch für Anneli und Kläreli die Stunde, welche die Wünſche und Hoffnungen eines ganzen Jahres erfüllte, und von Mutter und Tante zur Gartenthüre geleitet, eilten die alpenroſengeſchmückten Kinder auf den Ver⸗ ſammlungsplatz. Nach einiger Zeit ſah man den ganzen Zug durch eine etwas tiefer liegende Straße ziehen— voran die männliche Jugend der Elementarſchulen mit Nachbil⸗ dungen der Hellebarden, Spießen und Morgenſternen von Sempach und Morgarten verſehen. Freilich wa⸗ ren ſie nur von Blech, Holz oder Pappe, mit Gold⸗ und Silberpapier überklebt, dieſe Erinnerungen an die Thaten der Vorfahren, aber an ihren Blumengewinden war manchmal noch die Hand der jungfräulichen 149 Schweſter zu erkennen, die, kaum der Kindheit ent⸗ wachſen, mit ſehnſüchtigem Auge dem liebgewordenen Zuge nachſah. Nach den! Knaben kamen Mädchen in wei⸗ ßen Kleidern, Bouquets, Kränze und Blumenkörbe in der Hand, munter und plaudernd und den Eltern und Geſchwiſtern zujubelnd, welche ſie hie und da an den Fenſtern oder unter den Zuſchauern erblickten. Auch Anneli und Kläreli hoben den mit Alpen⸗ roſen gefüllten Korb, den ſie zwiſchen ſich trugen, ju⸗ belnd in die Höhe, als ſie Mutter und Tante im Garten und den Profeſſor am Fenſter erblickten. Die Elementarſchulen mit ihren Muſikkorps, Helle⸗ barden und Blumenkörben ſind vorbei, Trommelwirbel ertönt, und im friſchen militäriſchen Taktſchritt kom⸗ men die Kadetten an. Mit ihren lichtblauen freund⸗ lichen Uniformen und den ernſten kriegeriſchen Geſich⸗ tern nahmen ſich dieſe jungen Soldaten von zehn bis fünfzehn Jahren recht wacker aus und trugen ganz ſtramm ihre zierlichen Gewehre und Säbel. Die Spitze des Zuges war bereits am See an⸗ gelangt, wo mehrere Dampſboote die heitere Schaar aufnahmen, um ſie an den Feſtort, die Wieſen und Haine der ſeeaufwärts liegenden Roſeninſel, zu brin⸗ gen. Endlich war alles eingeſchifft, auch die Kadetten 150 waren auf Booten untergebracht, und luſtig ſchwamm die kleine Flottille dahin, die Dampfboote von den Feſtkleidern der Kleinen gleich weißen Schwänen ſchim⸗ mernd und die Kähne in der Morgenſonne glitzernd von den Bajonetten der Jugendwehr. Und drüben auf der Landſtraße, welche am Ufer nach der Roſeninſelbrücke führt, wälzte ſich ein unab⸗ ſehbarer ſchwarzer Zug von Menſchen unheimlich vor⸗ wärts— es waren die Volksmaſſen, welche Wenggy und ſeine Freunde gegen die beſtehende Verfaſſung und Regierung des Kantons aufgeboten und zur Roſeninſel beſchieden hatten. Sinnend trat der Profeſſor vom Fenſter zurück und ſtieg die Treppe hinab, um in den Garten zu ge⸗ langen. Auf halbem Wege kam ihm Frau Bertha entgegen. Sie ſchien heiterer als in den letzten Tagen und winkte dem Profeſſor, daß er mit ihr in das Familienzimmer trete. Sie waren allein. Der Nationalrath war bald nach den Kindern fortgegangen, und Hedwig ſtand im Garten und ſah ihrer Gewohnheit gemäß hinab auf die grüne Waſſerfläche. „Mein Mann iſt doch gut, Herr Profeſſor,“ begann Frau Bertha, faſt verlegen. „Ich kann mich nicht erinnern, je das Gegentheil 151 behauptet zu haben, Frau Wenggy!“ antwortete der Profeſſor lächelnd. „Aber ich“, rief Frau Bertha,„ich habe mich manchmal hinreißen laſſen, ihn zu hart zu beurtheilen— wie Sie mir geſagt haben, daß das Kind, die Hedwig, Heimweh habe nach dem alten Häuslein im Berner Oberland, ſo habe ich das meinem Mann geſagt, und der hat, ohne ein Wort zu ſprechen, das Haus wieder gekauft und neu reſtauriren laſſen und hat mich beauf⸗ tragt, es beim heutigen Kinderfeſt dem Kind, der Hedwig, zum Geſchenk zu machen. Das iſt doch ſchön, das iſt doch gut, daß er an das gedacht hat bei all dem Trubel, der jetzt um ihn herum iſt— ich hab ihn auch herzlich lieb gehabt dafür, wenn ich mich auch des Gedankens nicht habe erwehren können, daß wir vielleicht alle zuſammen einmal um das Häuslein froh ſein könnten.“ Frau Bertha wendete ſich einen Moment ab, um ihre Thränen zu bemeiſtern. Der Profeſſor glaubte ſich tröſtend vernehmen laſſen zu müſſen: „Nun, ſo ſchlimm wird es wol nicht werden.“ Frau Bertha nickte ernſt mit dem Kopfe. „Gewiß kommt es ſo weit, erinnern Sie ſich an mich; ich ſeh' kein anderes Ziel, er hat ſich zu weit 152 mit dieſen Menſchen eingelaſſen, als daß er noch zu⸗ rück könnte. Er muß mit ihnen zu Grunde gehen...“ „Aber bis jetzt ſcheint mir doch, ſo ſehr ich das grundſätzlich bedaure, die Agitation Ihres Herrn Ge⸗ mahls und ſeiner Freunde ſiegreich zu ſein. Und dann kommt Ihr Gemahl ans Ruder.“ „Ich glaub's nimmer, es geht mein Lebtag nicht gut“, erwiderte Frau Bertha traurig.„Mein armer guter Wenggy!— Aber ich will Ihnen nicht alleweil vorjammern, Herr Profeſſor— ich wollte Ihnen blos ſagen, daß mein Mann Sie bitten läßt, da er ſelber abgehalten iſt, uns zum Kinderfeſt zu führen— auf der Roſeninſel werd' er ſchon wieder mit uns zuſam⸗ mentreffen.“ „Von Herzen gern!“ rief der Profeſſor freudig.„Ich ſelber wollte Sie bereits bitten, ob Sie mir nicht ge⸗ ſtatten möchten, in Ihrer Geſellſchaft dem ſchönen Feſte beizuwohnen.“ „Sie ſind immer freundlich, Herr Profeſſor! Und dann noch etwas. Sie wiſſen, oder wiſſen vielleicht nicht, daß ich der Hedwig nie etwas geſagt habe von dem, was Sie mir über ihren Gemüthszuſtand mitge⸗ theilt haben...“ „Es waren ja auch nur Vermuthungen.“ „Nein, es iſt mehr geweſen, und wenn Hedwig 153 jetzt froher iſt, ſo dank' ich das nur Ihrem Scharfblick, deshalb und weil ich, wie geſagt, nie mit dem Kind, der Hedwig, von der ſeligen Bäſi und dem Berner Oberland mehr geredet habe, möcht' ich Sie bitten, ihr heut, wenn Sie's am Kinderfeſt allein erwiſchen können, Mittheilung von dem Geſchenke meines Mannes zu machen. Wollen Sie das thun?“ Des Profeſſors Athem ſtockte vor Freude bei die⸗ ſem Auftrag. „Sie wiſſen das auch beſſer vorzubringen und können überhaupt viel geſcheidter reden...“ „Das bezweifle ich in dieſem Fall“, murmelte der Profeſſor. Dann fügte er mit niedergeſchlagenen Au⸗ gen hinzu: „Wenn Sie es vorziehen, Frau Wenggy, daß ich Jungfer Hedwig die ſchöne Botſchaft bringe...“ „Ja, ja, Sie und niemand anders muß ihr das ſagen!“ Der Profeſſor glaubte auf dem Angeſichte der Frau Bertha einen faſt unmerklichen Zug von Schalk⸗ haftigkeit zu entdecken. Er ſah ihr voll und forſchend ins Geſicht. Das ſchalthafte Lächeln machte dem freund⸗ lichen Ausdruck vollen aufrichtigen Verſtändniſſes Platz. Der Profeſſor faßte gerührt die Hand der Frau und wollte ſie an die Lippen führen. Frau Bertha 154 wehrte das ohne Ziererei ab und gab ihm einen herz⸗ lichen Händedruck, und ihre großen milden Augen glänzten, und wenn auch ihre Lippen geſchloſſen blie⸗ ben, der Profeſſor verſtand den Segensſpruch, den das Herz der Schweſter ſprach. Man kleidete ſich an und ging. Die Frauen hat⸗ ten, wie es üblich war, ihren beſten Sonntagsſtaat angezogen, Frau Bertha trotz des etwas heißen Tages ihr altes koſtbares Brautkleid aus ſchwerer Seide, das noch ſehr gut erhalten war, an deſſen Nähten jedoch der Beobachter ſolcher Kleinigkeiten mehrfache Verſuche entdeckt haben würde, mit der nicht mehr zwanzigjäh⸗ rigen Taille der Frau Bertha gleichen Schritt zu hal⸗ ten. Darüber prangte, ebenfalls ein Andenken jenes glücklichen Tages ihrer Verbindung mit Friedrich Wenggy, ein weißer in den Ecken mit weißſeidenen Laubgewinden geſtickter Kaſchmirſhawl, und ein großer gelber Strohhut mit breitem Rande, wie ſie zu jeder Zeit ſich in der Schweiz erhalten haben, vollendete den ſtattlichen Anzug. Auch Hedwigs ſanftes Geſichtchen war von einem dem der Schweſter ähnlichen Strohhute beſchattet, ſie hatte, da ſie über ein Brautkleid nicht verfügen konnte, der Jahreszeit angemeſſener die zarten Glieder in ein helles duftiges Sommerkleid gehüllt, aus deſſen 155 Aermeln, Falbeln und Spitzen ihre Arme wie aus ei⸗ ner weißen Wolke hervortauchten. Das Muſter des Kleides, roth auf weißem Grunde, hatte vielleicht aus Zufall einige Aehnlichkeit mit dem Alpenroſenputz ihrer kleinen Nichten. Der Profeſſor endlich hatte, wie er es beim Na⸗ tionalrath geſehen, eine ſchwarze Kleidung aus dem Koffer geholt, die Falten mit Bürſte und Waſſer noth⸗ dürftig entfernt und mußte ſich vor dem Spiegel ge⸗ ſtehen, daß er ein ziemlich ſtattliches Ausſehen habe, daß vorzüglich der lange in breiten Wellen auf tadel⸗ loſe Bruſtfalten herabfließende Bart ihm ſehr gut laſſe — nebenbei beſaß dieſer Bart die ſchätzenswerthe Ei⸗ genſchaft, eine etwas ſchadhafte Kravatte zu bedecken — nur zwei Dinge waren irreparabel— Handſchuhe und der mangelnde ſchwarze Cylinderhut, den der Profeſſor, wie er geglaubt, als überflüſſig in der Re⸗ publik, ſeinen Häſchern als Beute zurückgelaſſen hatte. Der Profeſſor beſchloß, aus der Noth ein Prinzip zu machen, die häßliche Kopfbedeckung nun auch künftig zu perborresziren, und dafür vielleicht jährlich ſeiner Frau... Des Profeſſors Gedankengang ſtockte. Einmal dachte er daran, daß es mit dem Sturz des Regie⸗ rungsrathes wohl auch mit ſeiner Anſtellung zu Ende 156 ſein werde, und dann ſtand er, eben den letzten Buckel aus ſeinem Kalabreſer entfernend, vor Hedwig, welche er bisher nur in einfachem Hauskleide geſehen hatte und deren durch den duftigen Anzug noch mehr her⸗ vorgehobene Anmuth ihn einen Moment lang geradezu blendete. Die beiden jungen Leute blieben einander einen Augenblick ſtumm gegenüber— da kam Frau Bertha herbei. „Aber, Herr Profeſſor!“ rief ſie lachend,„den wüſten Hut wollen Sie aufſetzen zum Feſt!“ Dieſe Anfrage trieb dem Profeſſor das Blut in die Wangen, wie es noch kein Examen vermocht „Ich bedaure, Frau Wenggy, ich habe keinen an⸗ deren und trage auch nie andere Hüte—“ Der Mann, welcher Amt, Brot und Heimat ver⸗ laſſen, weil er die Wahrheit, die er wußte, nicht hatte verſchweigen können, der die einflußreichſte Stellung zurückgewieſen hätte, wenn ſie nur durch eine Lüge zu erreichen war— er ſagte die Unwahrheit wegen eines alten Hutes. Frau Bertha mochte ſo etwas fühlen, man ſah es ihr an, daß ihr die Bemerkung augenblicklich leid 0 3 —2 157 that und ſie ſetzte hinzu:„Iſt ja gleich! Und ſchwarz iſt iſt er ja auch!“ Aber der Profeſſor hinwiederum machte ſich Vor⸗ würfe über ſeine Charakterloſigkeit, ſeine leicht erreg⸗ bare Phantaſie malte ihm vor, wie die zartfühlende Hedwig ſeine Schwäche bemerkt haben und ihn darum verachten müſſe. Und in der That, Hedwig ſchaute ihn nicht ein einziges Mal mehr an auf dem ganzen Wege zum Landungsplatz, wo die drei ſchweigſamen Menſchen ein Boot beſtiegen, da der Dampfer einige Sekunden vor ihrer Ankunft weggefahren war. Der Profeſſor als Mann von Welt war den Damen beim Einſtei⸗ gen in den Kahn behilflich— auch da glaubte er zu bemerken, daß Hedwig zurückzuckte bei der Berührung ſeiner Hand, und während der Fahrt ſchaute ſie ſtarr am Rande des Bootes nieder, wie die nach vorn ge⸗ krümmten Ruderſchaufeln das grüne Waſſer aufwirbel⸗ ten in regelmäßigen Schlägen. Mit jedem Ruck des Bootes beugte ſich die zarte Geſtalt etwas nach vorn über, und die Locken hingen dann in das blaſſe, von dem großen Strohhut beſchattete Geſicht. Des Profeſſors Haupt war auf die Bruſt geſun⸗ ken, und mürriſch grübelte er dem Räthſel nach, wie ein Weſen mit der tiefſten Naturempfindung und der 158 reinſten Urſprünglichkeit ihn geringer achten könne— wegen eines ſchlechten Hutes. Wie ein ins Waſſer geſenkter dunkelgrüner Blät⸗ terkranz, nur wenig über deſſen Fläche erhaben, erſchien jetzt an einer Biegung des Seegeſtades das buſchige Ufer der Roſeninſel. Hinter ihr ſah man noch einen Streifen See, dann das dunklere Grün des Geſtades und, wol eine halbe Stunde vom Ufer entfernt, Gebäude und Glocken⸗ thurm eines zierlichen Dorfs. Hinter ihm ſchwollen die grünen Vorberge an, und dahinten weit in duftiger Ferne ſtolz in ihrer dunkelblauen Färbung erhoben ſich die Firnhäupter des Oberlandes. Und wenn man rückwärts ſah, breitete ſich die prächtige Stadt an beiden Ufern aus mit ihren rothen freundlichen Ziegeldächern, ihren Anlagen und Spring⸗ brunnen, Kirchen und Schulen, und dann erſtreckte ſich ein weiter blüthenreicher Gau bis an den Horizont, der von einem leichten Nebel eingehüllt war wie vom Pulverdampf. Nach dort lag des Profeſſors Vater⸗ land— lag Deutſchland. Der Kahn fuhr knirrſchend in den Uferſand der Inſel. Und vor den Ankömmlingen auf dem friſchen grünen Plane da flatterte und flog es von weißen Kleidchen und bunten Bändern; hier rief ein Trommel⸗ 159 wirbel die jungen Kadetten zu einem Manöver zuſam⸗ men, dort war ein großes Zelt aufgeſchlagen, Muſik ertönte daraus— dort verſuchten ſich die jungen Schönen der Stadt im Tanze. Der allgemeine Jubel drang auch auf den Pro⸗ feſſor elektriſch ein, und Hedwig und Frau Ber⸗ tha ſahen aus, als ſtänden ſie ſelbſt noch in den glücklichſten Jahren ihrer Kindheit. Eben wurden die Kadetten in Linie aufgeſtellt, die Pioniere räumten den Platz, die Trommler ſchlugen den Wirbel und an der Front hinunter gingen, von dem jugendlichen Kommandanten geleitet, ernſt und mit entblößten Häuptern die Väter der Stadt, an ih⸗ rer Spitze Landammann Maxer. Er ſah ruhig und glücklich aus. Es war ein ſchönes Bild, wie alle dieſe zum Theil ſchon älteren Männer ihre Achtung und ihre Wünſche darbrachten vor der künftigen Streitbarkeit ihres Landes. Hierauf ging's zum Manövriren im Feuer. Mit einem Hoch ſchwenkten die jugendlichen Kolonnen ab, und bald krachte es an allen Ecken und Enden. Die Plänkler feuerten hinter Hecken und Bäumen knieend oder am Boden liegend, manchmal mitten in die Zu⸗ ſchauermenge, und allgemeine Heiterkeit erregten die 160 Bajonettangriffe, welche in Sturmkolonne auf ein Heckendefilé ausgeführt wurden, das ſich immer wieder mit Neugierigen füllte. Noch beluſtigender wirkte es, als die junge Schaar in zwei Hälften getheilt gegen einander manövrirte und durch ihre raſchen Wendungen und Angriffe die Zuſchauer oft zwiſchen zwei Feuer brachte.. Rechts und links flüchtend und ausweichend hatte der Profeſſor mit den beiden Frauen endlich halbtaub die große Reſtaurationshalle erreicht. Das Treiben hier, die aufgeregt in den Gängen hin⸗ und herwogen⸗ den Menſchenmaſſen, die Trinker an den Tiſchen mit den wildeſten politiſchen Leidenſchaften in Miene und Geberden, ſchreiend und geſtikulirend,— ein Redner auf der Tribüne, der mit blaurothem Geſicht und ſtampfenden Füßen ſeinen Worten vergeblich Gehör zu verſchaffen ſuchte— das alles bildete einen düſtern Gegenſatz zu dem harmloſen Treiben auf der andern Seite der Inſel, von welcher das Schießen und die Muſik manchmal ſiegreich herüberdrang. Rathlos ſtand der Profeſſor mit den beiden Frauen am Eingang der Halle. Hier ſollten ſie den National⸗ rath ſuchen und ſinden. Dieſer hatte ſeine Angehöri⸗ gen bereits erblickt und kam, ſich durch die Maſſen drängend, näher. Jeder rief ihn an und wollte mit 161 ihm reden:„Wenggy! Nationalrath! Gerichtsſchreiber! Freund! Friedrich! Kantonsrath!“ mit allen ſeinen Namen und Titeln wurde der gefeierte Mann gerufen, aber er wußte recht wol, daß er vor einer Stunde nicht wegkäme, wenn er nur einem Gehör gebe. Nach rechts und links grüßend und lächelnd, drängte er ſich alſo durch und gelangte zu den Seinigen, denen er herzlich die Hand ſchüttelte. „Jetzt wollen wir einmal nach unſern Kindern ſehen, die Menſchen hier bringen mich um, noch ehe die Verſammlung angefangen hat. In einer Stunde ſoll ich meine Rede halten und bin ſchon vom Ant⸗ worten auf alle Fragen ſo heiſer, daß ich kaum ein lautes Wort ſprechen kann. Kommt, wir wollen die Kinder aufſuchen.“ Bereits hatte ſich ein Menſchenknäuel um die kleine Gruppe gebildet. Der Nationalrath gab ſeiner Frau den Arm und wandte ſich nach dem Profeſſor um. „Der Dienſt der Freiheit iſt ein harter Dienſt“, ſagte er lächelnd;„geben Sie doch meiner ſanften Hedwig den Arm, ſonſt geht ſie ſchutzlos in dieſem Gedränge verloren.“ Raſch gingen die beiden Paare nach dem Tanz⸗ platz, wo man die Kinder vermuthete. v. Schlägel, Die Volksbeglücker.. 11 ————— 162 „Das kleine Volk fängt früh an“, hörte der Pro⸗ feſſor Frau Bertha zu ihrem Manne ſagen.„Ich habe früher ſehr wenig, und Hedwig hat noch nie getanzt“, lachte ſie,„und ich habe doch einen Mann bekommen...“ Sie ſtockte und ſah ſich lächelnd nach Hedwig und dem Profeſſor um, als wollte ſie ſagen: die zwei haben ſich auch nicht auf dem Tanzplatz ge⸗ funden. Der Profeſſor und Hedwig gingen ſtumm neben einander her. Sie hatte ihre ſchmale Hand leicht auf ſeinen Arm gelegt, und es kam ihm manchmal vor, als ob dieſe Hand zittere. Ihr Geſichtchen hielt ſie fortwährend wie ſinnend geſenkt, und der breite Rand des Hutes beſchattete es faſt bis zum Kinn. Im Tanzſalon fanden ſie die beiden jungen Mädchen nicht. Wahrſcheinlich betrachteten ſich die beiden Kleinen das Kadettenmanöver, deſſen Feuer an Lebhaftigkeit immer zunahm. Man ging alſo dorthin und drängte ſich zwiſchen die Zuſchauer. Da ertönte das Hurrah der jugend⸗ lichen Stürmer— mit Gekreiſch, Geſchrei und Geläch⸗ ter trennte ſich die Nenge— Hedwig und der Profeſſor waren weitab von dem Nationalrath und ſeiner Frau gedrängt. 163 Da ertönte hinter Hedwig und dem Proofeſſor aufs neue Trommelwirbel und Schießen. Hedwigs Arm zitterte heftig. Ihr Begleiter konnte nichts an⸗ deres annehmen, als daß ſie das Schießen angreife. Er flüchtete daher raſch mit ihr in einen Seitengang, deſſen dichte Umlaubung ein Nachdringen der jungen Soldaten unmöglich machte. „Ein eigenthümliches Loos für einen Lehrer, wenn er vor ſeinen eigenen Schülern Reißaus nehmen muß, denn die meiſten der jungen Leute, welche eben ſo tapfer auf uns geſchoſſen, werden wol in drei Tagen unter meinem Scepter ſtehen.“ Hedwig antwortete nicht auf dieſen Scherz ihres Begleiters, und wieder eine Weile gingen die beiden ſchweigend auf dem ſchattigen Wege dahin. Da ſtreifte ein kühlerer Luftzug ihre Wangen, und der Weg hatte ein Ende— ſie ſtanden am Ufer, wo an Bäume ge⸗ bunden ein paar buntbemalte Kähne ſchaukelten, deren an der Spitze angebrachte Flaggen in den eidgenöſſi⸗ ſchen und Kantonsfarben hie und da bei einer Bewe⸗ gung der Bote ſich tief in die grünen überhängenden Aeſte vergruben. Der mit dem Pflanzenduft ſich miſchende friſche Geruch des Sees drang wonnig auf ſie ein, einzelne Lichtflecken, welche die Sonne durch das Laub fallen ließ, 11* 164 ſchwankten auf dem hellen Sande, und mit melodiſchem Plätſchern ſpielte der See an dem Kiel der ſchaukelnden Kähne. Der Profeſſor ſtand allein... ganz allein mit Hedwig, abgeſchloſſen von aller Welt und ihrem Ge⸗ räuſch, allein mit Hedwig und ſeiner Liebe. Ja, es war nichts mehr zu deuteln und zu zwei⸗ feln daran, er liebte ſie— er hatte es erkannt an dem jubelnden Pochen ſeines Herzens, als ihm der Auftrag wurde, ihr das Geſchenk der Schweſter zu bringen, an dem brennenden Schmerz in ſeiner Bruſt, als er glaubte, ſich vor ihr lächerlich gemacht zu ha⸗ ben. Und jetzt— es kam ihm vor, als ſtehe er vor einem Tribunal, das über mehr als Leben und Tod zu entſcheiden habe. „Jungfrau Hedwig!“ Hedwig hatte vor ſich niedergeblickt auf die Sonnenlichter, welche zu tanzen begonnen hatten, als ein Windhauch die Bäume bewegte— jetzt blickte ſie ſcheu und zerſtreut, wie aus tiefem Traume geweckt, um ſich. 5 „Wir müſſen den Schwager und die Schweſter ſuchen—“ ſagte ſie faſt unhörbar. „Nur einen Augenblick“, bat der Profeſſor und faßte ihre Hand, die noch immer leiſe fröſtelte. —— 165 „Ich habe mich eines Auftrages Ihrer Schweſter zu entledigen.“ „An mich?“ „An Sie. Das Häuslein im Berner Oberlande, die Stätte Ihrer glücklichen Kinderzeit— Sie wiſſen, daß Sie mir einmal davon erzählten— iſt vom Na⸗ tionalrath wieder gekauft und hergeſtellt worden, und Ihre Schweſter macht es Ihnen hiermit zum Ge⸗ ſchenk.“. Hedwig ſah den Profeſſor an, als verſtehe ſie ihn nicht recht. „Das Häuslein im Rinnbachthal, mit dem Gärt⸗ chen und dem Grabe der Bäſi? Das iſt ja nicht möglich.“ „Es iſt ſo. Ihre Schweſter beauftragt mich, es Ihnen hiemit in aller Form als Eigenthum zu über⸗ geben. Die Kaufsurkunde iſt auf Ihren Namen aus⸗ geſtellt.“ Hedwig ſah kopfſchüttelnd vor ſich nieder. „Und wie kommt denn der Schwager auf einmal dazu, das Häuslein zu kaufen und herrichten zu laſ⸗ ſen, das er doch damals nach der Bäſi Tode verkauft hat?“ „Vielleicht dachte er, daß Sie Sehnſucht darnach hätten, und wollte Ihnen, ſo ungern er Sie entbehrt, 166 die Möglichkeit verſchaffen, ſich, wann es Ihnen be⸗ liebt, dahin zurückzuziehen—“ „O, das iſt gut, das iſt herrlich— aber wie kommt der Schwager, der ſo viel im Kopfe hat, auf ſolche Gedanken? Und die Schweſter, die immer ſo traurig iſt!“ Hedwig hob das von ſtrahlender Röthe über⸗ goſſene Antlitz und faßte die Hand des Profeſſors. „Das ſind Sie— Sie haben's der Schweſter geſagt am andern Tage, nachdem Sie mir ſo ins Herz geſchaut haben wie noch kein Menſch; da ſind die Alpenroſen auf meinem Stübli geſtanden, und ſeit der Zeit ſind alle ganz anders geweſen mit mir, und 5 ich bin auch anders geworden, ich fühl's, und daran ſind nur Sie Schuld— nur Sie, Herr Profeſſor!“ Dieſer ſchaute ſelig herab auf das freudig erregt zu ihm aufblickende Mädchengeſicht. „Ich habe mir ſelber damit wol den übelſten Dienſt erwieſen, denn Sie werden jetzt die meiſte Zeit in dem geliebten Thale zubringen, und mich feſſelt meine Pflicht hier...“— Hedwig ſchüttelte ernſt den Kopf. 8 „Ich habe eine große Freude, daß mein Schwager das Häuslein wieder erworben hat, das er ſchon aus Liebe zur ſeligen Bäſi nie hätte verkaufen ſollen— 167 aber die Sehnſucht darnach hab' ich verloren. Ich bleibe hier.“ Des Profeſſors Herz ſchlug zum Zerſpringen. Noch immer hielt er des Mädchens Hand, die ſie ihm nicht entzog. „Und warum wollen Sie nicht mehr fort, Hed⸗ wig?“ Das Naturkind ſah ihm offen und treuherzig ins Geſicht. „Weil Sie hier ſind— Herr Profeſſor!“ Doch allſogleich, als wenn die Schwere ihres Ge⸗ ſtändniſſes ſie tief erſchrecke, ward ihr Geſicht wie mit Blut übergoſſen, ſie riß ihre Hand los und wollte fliehen. Der Profeſſor verſperrte ihr mit ausgebrei⸗ teten Armen den Weg. Sie blieb verſchüchtert ſtehen. „Wollen Sie mein Weib werden, Hedwig?“ Hedwig weinte. Der Profeſſor küßte ihr die Thränen vom bleichen Geſicht, bis ſie wieder lächelte: „Seit Sie bei uns ſind, lebe ich ja erſt“, ſagte ſie, als ſie Arm in Arm nach dem Feſtplatze zurück⸗ gingen. Die Kadetten waren abmarſchirt; alles umdrängte jetzt die große Halle, wo eben ein Redner die Tribüne beſtieg. 168 „Mein Bruder!“ ſagte Hedwig.„Er hält die Jugendfeſtrede.“ Die beiden jungen Leute blieben ſtehen. Von Frau Bertha und ihrem Mann war ohnedem weit und breit nichts zu ſehen.B Schon die Abſicht des Landammanns, eine Rede zu halten, ſo ſehr er als Vorſtand des Erziehungsde⸗ partements bei dieſer Gelegenheit auch dazu verpflichtet war, brachte ein unruhiges Gemurmel unter der Menge hervor, und der Profeſſor wollte Hedwig weg⸗ führen. 8 „Ich möchte meinen Bruder reden hören!“ ſagte Hedwig; ihr Blick bat den Geliebten, zu bleiben.» Unbeirrt von dem Grollen der Maſſen unter ihm ſtieg der Landammann aufwärts zur Tribüne. Jetzt war er oben angelangt, und ſein edles Geſicht ſchaute ruhig herab auf die unruhige Verſammlung. Die Hände ſtützte er auf die Brüſtung. „Handſchuhe ab! Wenn man zum Volke ſpricht, braucht man keine Handſchuhe!“ rief es. Der Landammann beachtete dieſe Unterbrechung nicht, und ſeine ſonore Stimme ſchwebte mächtig über der Verſammlung. „Schweizer!“ rief er.„Wir feiern heute den Tag des heranwachſenden Geſchlechts! Es iſt ein Ehrentag 169 für uns, denn die Tugend eines Volkes wird immer zuerſt nach der Fürſorge bemeſſen werden, die es für ſeine Jugend trifft...“ So weit hatte der Landammann geſprochen, ſo lange hatte ſein mächtiges Organ die immer wachſende Unruhe zu dämmen vermocht. Jetzt aber, wie auf ein gegebenes Signal, erhob ſich ein tauſendſtimmiger Tumult; zwiſchen dem Ge⸗ ſtampfe der Füße, dem Pfeifen, Heulen und Ziſchen konnte man hie und da die Rufe vernehmen: „Herunter mit ihm! Wenggy! Wenggy! Her⸗ unter mit dem Regierungsrath! Runter, abtrünniger Pfaff!“ Mehrmals ſuchte Maxer ſich verſtändlich zu ma⸗ chen, mit eiſerner Ruhe ſchaute er herab auf die ſtür⸗ miſchen Menſchenwogen da unten, ein ruhiges Lächeln der Verachtung zog über ſeine ernſten Züge. Endlich, nachdem er wohl fünf Minuten lang gewartet, ob nicht wieder Stille einträte, ſtieg er mit erhobenem Haupte langſam Stufe für Stufe von der Tribüne herab. Der Profeſſor, tief erregt, ſchaute auf Hedwig, welche beſtürzt neben ihm ſtand. Aufs neue ertönte von allen Seiten: 170 „Wenggy! Wenggy! Der Nationalrath auf die Tribüne! Wenggy!“ „Jetzt, nach der groben Beleidigung, die der Pö⸗ bel ſeinem Schwager angethan, darf Wenggy die Tri⸗ büne nicht betreten!“ rief der Profeſſor. Hedwig ſchwieg verwirrt, ſie vermochte es nicht über ſich, ſich ſo raſch wieder in die Außenwelt hineinzuleben und ſtarrte auf die Tribüne, und die ſie umbrauſenden Volksmaſſen wie auf ein unverſtandenes Schauſpiel. „Wenggy!“ Wenggy!“ Der Nationalrath mochte ähnliche Zweifel gegen die Thunlichkeit des Verlangens haben, wie ſie der Profeſſor eben ausgedrückt. Aber endlich erſchien ſeine 3 Geſtalt über der Menge auf den Stufen der Bühne. Eifrig in ihn hinein redend, folgten ihm das düſtere Geſicht des Poſtdirektors und der ſpitze Kopf Sauters auf die erſten Treppenabſätze. Dort blieben ſie ſtehen, die Menge überſchauend und ihren Freund und Füh⸗ rer gleichſam ſekundirend. Wenggy ſtieg allein zur Rednerbühne empor. Sein Gang war langſam und ſchleppend, im Gegenſatz zur marmornen Ruhe ſeines Schwagers waren ſeine Züge heftig erregt. Der Profeſſor blickte düſter vor ſich hin. Das durfte der Nationalrath nicht thun, und wenn ihm der Landammann das bitterſte Leid zugefügt hatte. „. 1741 Wenggy fing zu reden an. Seine Stimme klang tonlos und die Sätze waren mit einer gewiſſen erreg⸗ ten Kurzathmigkeit rauh abgeſtoßen. „Mitbürger! Eidgenoſſen! Schwer wird es mir, gerade jetzt Eurem Rufe zu folgen, aber vor dem Wunſche des Volkes müſſen alle andern Rückſichten ſchweigen.“ „Bravo, Wenggy! Hoch, Wenggy!“ ertönte es aus der Menge. „Daß Ihr den Herrn Landammann nicht ange⸗ hört habt, iſt hart, aber es iſt gerecht. Es iſt die Verurtheilung nicht der Perſon, ſondern des Syſtems, nicht nur der lahmen Kantonsregierung, ſondern der ganzen altersſchwachen Bundesverfaſſung. Es klingt wie ein Hohn, wenn man uns jetzt, wo der Feind an die Thore der Republik klopft, wo jede folgende Schlacht unſere Neutralität und Selbſtſtändigkeit mehr in Frage ſtellt, wo wir nicht wiſſen, ob an den Brutſtätten der modernen Gewaltpolitik nicht der Pakt ſchon unter⸗ zeichnet iſt, der unſer freies glückliches Land zerreißt wie das unglückliche Polen, wenn da, ſage ich, die Väter des Kantons nichts Beſſeres zu thun haben, als Kinderfeſte zu veranſtalten und uns von den Grund⸗ ſätzen einer guten Kindererziehung und den Vortheilen einer ſorgfältigen Schulbildung zu unterhalten.“ 172 Neuer Beifallsſturm ertönte. Der Profeſſor knirſchte vor Zorn:„Wie unredlich!“ murmelte er. Hedwig ſah ihm ſchmerzlich bewegt in das glühende Antlitz. „Eidgenoſſen!“ begann der Nationalrath wieder, ſichtlich gehoben durch den Beifall der Menge:„Da die von Euch erwählten Beamten ihre Pflicht verab⸗ ſäumen, ſo muß das Volk ſich ſelber vor der Ueber⸗ rumpelung durch die Pickelhauben ſicher ſtellen. Da⸗ rum laßt uns unſere Angelegenheiten ſelber in die Hand nehmen und nicht müde werden, uns zu rüſten zum Schutze des Vaterlandes.“ Der Redner ging jetzt auf Einzelforderungen ein. Der Beifall der Menge verſchlang faſt den Zuſammen⸗ hang ſeiner Rede. Einzelne Schlagworte des Redners klangen aus dem Lärm hervor:, Verfaſſungsreviſion. Läuterungsprozeß... Fäulniß im Innern... Feind von außen... ſouveränes Volk...,“ jedesmal von einer neuen Beifallsſalve zugedeckt. „Und wenn unſer Kanton“, ſchloß Wenggy end⸗ lich,„friſch am Werk iſt, werden die übrigen folgen, und Ihr, die Ihr hier verſammelt ſeid, werdet den Anſtoß gegeben haben zu neuem Leben im Va⸗ terlande, vielleicht zur Rettung der Eidgenoſſenſchaft.“ Stürmiſcher, anhaltender Beifall belohnte den Redner, der raſch von der Bühne verſchwand. Der „— „— 173 Profeſſor ſah noch, wie ſeine Freunde ihn am Fuße der Treppe empfingen und beglückwünſchten. Der Profeſſor war bleich vor Aufregung. Hedwig betrachtete ihn erſtaunt. „Hedwig!“ ſagte der Profeſſor,„könnten Sie den Mann, der wüßte, daß Ihr Schwager wiſſentlich oder unwiſſentlich ſo eben die Unwahrheit geſprochen, und der dazu feige ſtillſchwiege, könnten Sie den Mann achten und lieben?“ Hedwig ſah ihm faſt erſchreckt in die vom Tau⸗ mel eines plötzlichen Entſchluſſes glänzenden Augen. „Wie ich Wenggy kenne, ſagt er nur das, was er für Wahrheit hält. Jeder, der ein Herz hat, muß für das einſtehen, was er glaubt. Das hat mich auch immer mit ſolcher Bewunderung vor meinem Schwa⸗ ger erfüllt, ſein Muth und ſeine Aufopferung. Und wer ſich aufopfern kann, von dem hat man das Recht zu verlangen, daß er es thut. Es wird das wol ſo ſein müſſen.“ „Und wenn ich nun thäte, was ich muß, und dort hinaufſtiege, wo eben Ihr Schwager geſtanden, und ihm ſagte, daß er ſich geirrt habe, hätteſt Du mich noch lieb, Hedwig?“ Hedwig erwiderte ſanft den heißen Druck ſeiner Finger. 174 „Ich habe Dich immer lieb, und was Du thuſt, muß ſchon recht ſein.“ Sie ſtanden ziemlich geſchützt außerhalb des Ge⸗ dränges; einen Moment darauf war der Profeſſor in der Menge verſchwunden. Hedwig blieb ſtehen in jenem traumhaften Zuſtande, der ihr ſo oft eigen. Da zuckte ſie zuſammen, ein Gemurmel der Ueberraſchung entſtand; der ſchöne bärtige Kopf des Profeſſors erſchien auf der Bühne. „Wer iſt das? Was will der?“ „Das iſt der neue deutſche Profeſſor an der Kan⸗ tonsſchule!“ rief eine dünne Stimme und der Pro⸗ feſſor ſah unter ſich das höhniſche Geſicht des Wei⸗ bels. „Schweizer!“ begann der Profeſſor mit einer Stimme, deren Metall und Ausdruck die Gewohnheit öffentlicher Rede zeigte.„Ich habe ein Recht, zu Euch zu ſprechen an dieſem Tage, denn ich bin von Eurer Regierung zum Lehrer Eurer Jugend aufge⸗ ſtellt.“ „Schweizerdeutſch, nicht Schwabendeutſch!“ ſchallte es aus der Menge. „Ich ſpreche das Deutſch, das ich auch Euren Söhnen lehren werde!“ beantwortete der Profeſſor die Unterbrechung.„Nur wenige Worte will ich ſagen. 175 Ich miſche mich nicht in Eure Angelegenheiten. Wenn Cuch aber jemand einreden will, daß der Schweiz von meinem deutſchen Vaterlande Gefahr drohe, ſo ant⸗ worte ich, daß das der Wahrheit zuwider, daß das ein unlauteres Parteimanöver iſt. Entweder der Mann irrt ſich aus Unkenntniß oder er lügt!“ Der Profeſſor hatte das letzte Wort mit lauter Stimme hinausgeſtoßen. Der Sturm, der darauf folgte, war furchtbar, Das minutenlange Toben und Heulen löſte ſich endlich in den vielſtimmigen Ruf: „Herunter mit dem Preußen! Nieder mit dem Spion!“ Der Profeſſor ſah herab auf die wild ſich umher⸗ wälzende Menge, in dieſe tauſend zornglühenden Ge⸗ ſichter, dieſe hundert nach ihm emporgehobenen Fäuſte, und blieb— jetzt durfte er nicht weichen. Da hörte er auf der Treppe Schritte. Der Poſtdirektor ſtand mit ſeinem häßlichſten Lächeln hin⸗ ter ihm: „Das Kommittee der Volksverſammlung erſucht Sie, die Rednerbühne zu verlaſſen, die überhaupt ohne Meldung des Kommittees nicht beſtiegen werden darf.“ Ein Stein, aus der Zuſchauermenge geſchleudert, prallte an die Brüſtung der Rednerbühne. „Da ſehen Sie den Beifall, den Ihre internati⸗ 176 onalen Vorträge gefunden, Herr Profeſſor!“ höhnte Kleinert. Der Profeſſor ſah verächtlich in das gallichte Ge⸗ ſicht des Wühlers. „Die erbärmlichſten Schmeichler ſind diejenigen, welche dem Volke ſchmeicheln...“ Mit dieſen Worten verließ der Profeſſor die Red⸗ nerbühne. Mit nichts weniger als ſchmeichelhaften Zurufen beehrt, ging er raſch nach dem Platze, wo er vor ei⸗ nigen Minuten die Geliebte verlaſſen. Sie war ver⸗ ſchwunden. Am Landungsplatze glaubte er eben zwei weibliche Geſtalten zu ſehen, welche das Dampfboot beſtiegen, Frau Bertha und Hedwig ſehr ähnlich wa⸗ ren, und zwei weißgekleidete Kinder bei ſich hatten; der ſchwarzgekleidete Mann, der ſie begleitete, blieb am Ufer ſtehen, während der Dampfer abfuhr, ſah ihm lange nach und kehrte dann nachdenklich zurück. Es war der Nationalrath. Als der Profeſſor näher kam, ſah Wenggy auf, machte dann eine Wendungzur Seite und verſchwand in der Menge. Der Profeſſor folgte ihm nicht. Der Nationalrath mußte ihn wol geſehen haben. Der Profeſſor ging nochmals an den Ort, wo er Hedwig in ſeinen Armen gehalten— ihm war ſo öde, ſo todesruhig im Herzen, wie einem Manne, der einen 177 Augenblickeinen unermeßlichen Schatz beſeſſen und wieder verloren hatte. Und doch hatte er Recht gethan! Ja, Recht— aber warum fehlte ihm dann der Enthuſiasmus, die Opferfreudigkeit der That? Als er nach Hauſe fuhr, malte der Abend bereits ſeine purpurnen und violetten Tinten an den Himmel, und der Profeſſor kam ſich vor, als ſei er tauſendmal ärmer als vor wenigen Wochen, da er zum erſten Male der weißglänzenden Stadt entgegengefahren. v. Schlägel, Die Volksbeglücker. 12 Zwölftes Kapitel Verſchmäht. Profeſſor Hermann erwachte nach unruhigem Schlummer mit jenem dumpfen, ſchweren Gefühl in Kopf und Herzen, wie es das halbe Bewußtſein, daß man vor einer unangenehmen Entſcheidung ſtehe, zu erzeugen pflegt. Er trat zum Fenſter, aber auch der Himmel hatte ſich grau umzogen, und ein dichter Nebel, der ſich auf den See geſenkt hatte, geſtattete nicht, das gegenüber⸗ liegende Ufer zu ſehen. Nur undeutlich erkannte man in den dunklen Rauchwolken, die über den See hin⸗ zogen, den Weg, den die Dampfer nahmen, ſie ſelbſt ſah man nicht. Ein gleiches Loos theilte die Stadt, von der nur einzelne beſonders hohe Dächer und Kirch⸗ thürme über den Nebel hervorragten. 179 „Düſter und umwölkt da draußen, wie da drin⸗ nen!“ murmelte der Profeſſor und legte die Hand auf das gepreßte Herz. Doch ſogleich ermannte er ſich wieder und blickte faſt überraſcht ob der eigenen Stim⸗ mung um ſich. Hatte er denn eigentlich Grund, trau⸗ rig zu ſein? Hatte ihm nicht ſein Glück binnen weni⸗ gen Tagen eine ſorgenfreie Stellung gegeben, ſeine kühnſten Träume erfüllt, indem ſie ihm das Weib in die Arme führte, das er liebte? „Aber Wenggy!“ Das Geſicht des Profeſſors wurde ſehr traurig. Er hatte ſeinen Gaſtfreund tief verletzt, er hatte es geſtern bemerkt, als er ihm auf der Wieſe begegnete, er hatte es bemerkt an den halb ſcheuen Blicken Annelis und Klärelis, welche ihn ſchwei⸗ gend in ſein Zimmer geleiteten, als er nach Hauſe kam. Er hatte den Abend keinen Verſuch mehr gemacht die Familie zu ſehen. Am Morgen mußte ſich ja alles erklären. Am Morgen— der Morgen war da— aber di bange Schwere von Kopf und Bruſt wich nicht, ſo wenig wie die Nebel da draußen auf dem See. Wenggy! Er war der Gekränkte! Zu ihm zuerſt und ein offenes Wort! Wenggy, der die eigenen Ueber⸗ zeugungen, oder das, was er dafür hielt, über alles 12* 180 ſtellte, konnte nicht unverſöhnlich ſein, wenn er dieſelbe Offenheit bei andern fand, ſelbſt wenn ſich dieſe gegen ihn kehrte. Der Profeſſor ſtieg die Treppen hinab und pochte an der Thür von Wenggys Arbeitszimmer. „Herein!“ Friedrich Wenggy war offenbar erſtaunt und be⸗ engt durch den frühen Beſuch. Seine Gutmüthigkeit ließ eine geradezu abweiſende Haltung nicht zu und ſeine Bewegungen waren daher gezwungener und eckiger als je. Er reichte dem Profeſſor nicht die Hand, er lud ihn nicht zum Sitzen ein, aber er ſtand auf und er⸗ wartete unruhig und verlegen eine Anrede. „Herr Nationalrath!“ begann der Profeſſor.„Sie legen meinem geſtrigen Auftreten vielleicht andere Be⸗ weggründe unter, als es in Wirklichkeit hatte. Ich komme, um Ihnen dieſen Wahn zu benehmen, ſollten Sie denſelben hegen. Meine Worte entſprangen keines⸗ wegs der Abſicht, Ihr öffentliches Anſehen zu ſchädi⸗ gen, ſondern nur einer augenblicklichen Aufwallung, als ich, gleichviel zu welchem Zweck, über mein Vater⸗ land Anſchauungen verbreiten hörte, die nicht die rich⸗ tigen ſind.“ 181 Der Nationalrath lächelte bitter, zuckte die Achſeln und rieb ſich die Hände ſtärker. „Ich habe kein Recht, Herr Profeſſor, Sie nach den Gründen Ihrer Handlungen zu fragen, ſie gehen mich durchaus nichts an. Sie haben keinerlei Rückſichten für mich zu nehmen und ſind mir daher auch keine Aufklärung ſchuldig.“ „Wol habe ich Rückſichten auf Sie zu nehmen“, rief der Profeſſor warm.„Sie haben den hilfloſen Flüchtling wie ein Glied Ihrer Familie aufgenommen, ihm die Wege gezeigt, auf welchen er zu Brot und Stellung gelangt iſt, mehr noch...“ Ueber das bleiche Geſicht des Nationalraths zuckte es hin und wieder. „Und wenn es ſo wäre“, ſagte er vorwurfsvoll, „wenn ich Ihnen wirklich zu nützen geſucht hätte, Herr Profeſſor, war wirklich Ihr Vaterland durch meine Worte in Gefahr gerathen, und war es Pflicht von Ihnen, mich zu widerlegen?“ Der Profeſſor ſah zu Boden. „Pflicht? das gerade nicht— durchaus nöthig auch nicht, aber ich hielt eben das, was geſagt wurde, für falſch, und das deutſche Lied nennt den einen Wicht,„der die Wahrheit kennet und ſaget ſie nicht.“ „Nützlich war Ihre Rede blos für den Regierungs⸗ 182 rath“, fuhr Friedrich Wenggy bedeutſam lächelnd fort, „und dem ſind Sie ja auch zu ganz beſonderem Danke verpflichtet.“ Profeſſor Hermann erhob den Kopf, ſeine Augen blitzten. 3 „Herr Nationalrath! Sie ſcheinen zu glauben, daß ich mich zu einem Akt der Servilität gegen die Männer erniedrigt habe, die mich angeſtellt...“ Der Nationalrath lächelte wieder und zuckte die Achſeln.„Wie geſagt, in derlei kitzlichen Fragen iſt das eigene Bewußtſein der geeignetſte Richter... Haben Sie mir noch etwas mitzutheilen, Herr Pro⸗ feſſor?“ „Ja“, ſagte Profeſſor Hermann, und ſein Geſicht hatte einen ſehr kalten und ſtolzen Ausdruck, und ſeine Stimme klang froſtig und entſchieden.„Ich habe Ihnen noch für alle Wohlthaten zu danken, die ich in Ihrem Hauſe, das ich heute noch verlaſſen werde, empfangen habe. Vielleicht bietet ſich trotz allem eine Gelegenheit, mich dankbar zu erweiſen; ſodann möchte ich Ihnen eine weitere Mittheiluug machen, die nicht den Nationalrath, ſondern den Schwager und Familien⸗ vater betrifft.“ Friedrich Wenggy wurde immer unruhiger, das Zucken in ſeinem Geſicht nahm an Heftigkeit zu. . 2 183 „Um es kurz zu machen“, fuhr der Profeſſor fort, „ich liebe Ihre Schwägerin Hedwig, und ſie hat er⸗ klärt, mein Weib werden zu wollen. Ich weiß, daß Sie Vaterſtelle an Hedwig vertreten haben, ich weiß, daß Hedwig Sie verehrt. Sie haben daher das erſte Anrecht darauf, daß ich Sie um Hedwigs Hand bitte.“ Lange wartete der Profeſſor auf Antwort, ſein Herz ſchlug fieberhaft. Der Nationalrath ſchwieg noch immer, er hatte ſich halb abgewendet und trommelte mit den Fingern an der Stuhllehne, die er umſchloſſen hielt. Der Profeſſor ſprach, er mußte reden, um ſeinen krampfhaft zuſammengepreßten Herzmuskeln Erleichte⸗ rung zu verſchaffen. „Hoffentlich ſind politiſche Meinungsverſchieden heiten nicht wichtig genug, daß Sie einen ehrlichen Mann zurückweiſen, der Jungfrau Hedwigs Glück zur Aufgabe ſeines Lebens machen will. Reden Sie, Herr Nationalrath! Wollen Sie mir Hedwig geben?“ Der Nationalrath wandte ſich um. „Soweit ich hierin eine Stimme habe, nein, Herr Profeſſor! Ihre politiſchen Anſchauungen wären kein Grund für mich geweſen, Ihnen Hedwig zu verweigern. Aber dadurch, daß Sie öffentlich gegen mich aufgetreten ſind, ich wiederhole es, ohne jeden zwingenden Grund, würde mir es nie vergeben, wollte ich in meinem Privat⸗ leben einer anderen Richtſchnur folgen, als in meinem po⸗ litiſchen Wirken. Die gegenwärtige Zeit braucht ganze Männer, unbeirrt durch alle Nebenrückſichten. Es iſt nicht gut, wenn ſich die Schwäger auf der politiſchen Wahlſtatt feindlich gegenüber ſtehen. Ich habe das geſtern bitter empfunden. Ich werde daher alles thun, um Hedwig von dem unglücklichen Gedanken einer Verbin⸗ dung mit einem meiner politiſchen Feinde abzubringen.“ Der Profeſſor hatte ſchweigend zugehört. „Und glauben Sie wirklich das Recht zu haben, wegen vermeintlicher politiſcher Pflichten, wegen wetter⸗ wendiger Volksgunſt, das Glück, die Zukunft Ihrer Verwandten in Frage zu ſtellen? Iſt das nicht die größte aller Tyranneien?“ Der Nationalrath zuckte zuſammen. „Tyrannei? Ich zwinge Hedwig zu nichts. Das Geſetz gibt mir gar kein Recht dazu. Ich werde ihr nur meine Anſchauungen mittheilen, wie ich ſie Ihnen eben mitgetheilt—“ Der Nationalrath wurde immer aufgeregter und lachte manchmal zornig vor ſich hin. „Es gehört wirklich ein hübſches Quantum deutſcher haben Sie ſelber die Scheidewand zwiſchen ſich und meiner Familie aufgerichtet. Das Volk des Kantons —„— 185 Unbefangenheit dazu, heute die Verwandte deſſelben Mannes von ihm zur Frau zu verlangen, den man geſtern von der Rednerbühne herab einen Lügner ge⸗ heißen.“ „Ich habe mich nicht gegen die Perſon ge⸗ wendet!“ „Ja, ja, ich kenne das von meinem Herrn Schwager her: den Unterſchied zwiſchen Prinzip und Perſon; aber Prinzipien zu bekämpfeu, ohne Perſonen anzutaſten, iſt ein Kampf gegen Schatten, ſagt ein engliſcher Weiſer — die Gegenſätze in der Welt ſchärfen ſich immer mehr und mehr. Da heißt es: Ich oder du— Sie werden begreifen, Herr Profeſſor, daß man ſich da nicht Feinde, energiſche Feinde“, ſetzte der Nationalrath mit einem raſchen Blick hinzu,„ins eigene Neſt holt.“ Der Profeſſor ſtand aufrecht. Seine Augen blick⸗ ten ſtolz, ruhig, und um ſeinen Mund zogen ſich die Linien immer ſchärfer zu feſteſter Entſchloſſenheit. Er ſagte: „Da Sie den Zuſtand des erbitterten Kampfes als den einzig möglichen der gegenwärtigen Welt er⸗ klären, ſo werden Sie auch mir geſtatten, das kaum gewonnene Herz Ihrer Schwägerin nicht auf Ihre Ab⸗ weiſung hin ſofort aufzugeben. Ich geſtehe Ihnen kein Recht zu, Ihre politiſchen Anſchauungen in Ihre Familienangelegenheiten zu mengen und einzelne Ihrer Angehörigen dadurch in ihrer freien Wahl zu beſchrän⸗ ken. So lange Sie mir daher nicht beſſere Gründe für Ihre Abweiſung beibringen, Herr Nationalrath, als verletzte politiſche Eitelkeit und Furcht vor dem Urtheil der Menge, ſo lange werde ich meine Bewerbungen um Jungfer Hedwig ebenſo treu als energiſch fort⸗ ſetzen.“. 3 Der Nationalrath verbeugte ſich halb ironiſch: „Wie Sie es mit Ihrer Würde für vereinbar halten— übrigens habe ich das Vertrauen zu meiner Schwägerin Hedwig, daß ſie meiner nicht bedürfen wird, um läſtige Nachſtellungen zurückzuweiſen...“ Der Profeſſor verneigte ſich ebenfalls. „Herr Nationalrath! Ich bin in Ihrer Schuld und habe daher nicht das Recht, Beleidigung mit Be⸗ leidigung zu vergelten.“ Der Nationalrath wollte noch etwas ſagen— aber der Profeſſor war bereits verſchwunden. Bei allem nach dieſer Unterredung ſo natürlichen Groll regte ſich etwas in der Bruſt beider Männer, als habe jeder einen braven Mann als Freund verloren. Der Profeſſor mußte Hedwig ſprechen, er mußte Gewißheit haben, ob ein Abend und eine Nacht im Hauſe der Verwandten hingereicht, um die kaum auf 187 der Roſeninſel zur vollen Blüte gelangte Knoſpe der Liebe wieder zu entblättern. Er ging hinunter ins Wohnzimmer. Da traf er nur Anneli und Kläreli, welche ihm auf ſeine Frage mit ſcheuen ängſtlichen Blicken mittheilten, Tante Hedwig ſei im Garten. Das Benehmen der Kinder war dem Profeſſor. ſchon geſtern aufgefallen und that ihm jetzt doppelt weh. Er ergriff die ältere der Schweſtern bei der Hand. „Was habt Ihr gegen mich, Kinder? Sind wir nicht mehr ſo gut Freund wie früher?“ Das Mädchen entzog ihm ängſtlich ſeine Hand und ſchüttelte den Lockenkopf. „Ihr ſeid ja unſer Feind— Ihr habt ja zu den Leuten g'ſagt, daß der Vater lüge...“ Das Mädchen hatte das ſehr raſch hervorgebracht, jetzt wurde es aber über und über roth und rannte, das Schweſterlein an die Hand nehmend, eilig aus dem Zimmer. Dem Profeſſor hatten dieſe Worte aus dem Munde des Kindes faſt weher gethan, als die plötzliche Feind⸗ ſeligkeit des Nationalraths. Gebeugten Hauptes ſtieg er die Treppe hinab in den Garten. Ein faſt herbſtlicher Wind wühlte in dem dunkel⸗ 188 grünen Laube. Ueber dem See war der Nebel an einzelnen Stellen zerriſſen, und die hellgrüne bewegte Waſſerfläche ſah herauf. Auch vom Dache des Regie⸗ rungsgebäudes und vom Dome waren die grauen Dünſte hinweggefegt, und einzelne Ziegeldächer ſchanten roth und freundlich nach oben. Hermann fand Hedwig wie das erſte Mal träume⸗ riſch auf den Terraſſenſtufen ſitzend und hinausſtarrend auf die unten wogenden Nebel. Ruhig reichte ſie dem Profeſſor die Hand. Er ſetzte ſich neben ſie auf die kalten Stufen. Hedwig hatte eine Roſe in der Hand, die ſie langſam ent⸗ blätterte. Der Profeſſor ſuchte ihre Augen, ſie waren wie⸗ der ſo leer und unſtät wie je zuvor— der Profeſſor hatte faſt nicht den Muth, ſie an geſtern zu erinnern. Und doch mußte ja alles entſchieden werden.. „Ich hoffte Dich froh und glücklich zu finden, Hedwig.“ Hedwig lächelte zerſtreut. „Glücklich?“ ſagte ſie und riß das letzte Roſenblatt vom Stengel.„Ich hab' mein Glück begraben.“ „So raſch? Dann war es wol nicht das rechte Glück, und ſein Tod geht Dir nicht nahe...“ Hedwig drehte eine Weile den entblätterten Roſen⸗ 189 ſtengel zwiſchen den Fingern, dann ließ ſie auch ihn fallen. „O gewiß!“ verſicherte ſie und nickte bekräftigend mit dem bleichen Geſichte.„Mir iſt's, als ſtänd' ich vor meinem eigenen Grabe und als ſei die ganze Welt ringsum nichts mehr als ein großer Kirchhof, als ſeien die Berg' ringsum nur mehr weite Gräber und die Stadt ein großes Grabmal und der See nur da, um die Blumen zu begießen, die unſer Herrgott auf den Gräbern wachſen läßt. Alles todt und geſtorben, in mir und um mich.“ „Aber ich lebe“, ſagte der Profeſſor ernſt und vor⸗ wurfsvoll,„und geſtern nannteſt Du mich Deine Hei⸗ math... Hedwig ſchwieg eine Weile, und es ſchien, als ob Thränen in ihre Augen ſteigen wollten. „Ich war ſchlecht, ich war undankbar!“ ſagte ſie dann—„ich habe über den eigenen Wünſchen ver⸗ geſſen, daß auch noch andere Leute gut an mir ge⸗ handelt haben lange Jahre, ſeit meiner Kindheit, daß ich ſie zuerſt hätte fragen ſollen...“ „Ob der Herr Nationalrath erlaubt, daß Du mich liebſt? Nimm die Verſicherung, Hedwig, daß ich auf eine ſolche bedingte Liebe ſtets verzichtet hätte...“ Es mußte etwas in der Stimme des Profeſſors liegen, was Hedwig noch mehr erſchreckte als die ſtrengen Worte. Sie ergriff mit beiden Händen ſeine Hand und zog ihn wieder auf den Steinſitz nieder: „O vergib! Du biſt bös! Es iſt wahr, ich allein hab' die Schuld! Ich hab' Dir gſagt, daß ich Dich liebe— ich hätt' geſcheidter ſein ſollen— aber glaub⸗ mir, ich könnt' nicht glücklich ſein, ich könnt, Dich nicht glücklich machen, wenn er uns fluchte— denn er iſt gut, er iſt unendlich gut. „So lange man ihm nicht in den Weg tritt, viel⸗ eicht!“ ſagte der Profeſſor achſelzuckend. Hedwig zitterte vor Schmerz und Aufregung— der Wind ſtrich immer kälter durch den Garten und einzelne große Regentropfen fielen. Immer ſchwärzer wurde der Himmel.. „Gehen Sie ins Haus, Hedwig!“ ſagte der Pro⸗ feſſor aufſtehend.„Ich werde Ihnen die Entſcheidung zwiſchen mir und Ihrem Schwager nicht noch ſchwerer machen.“ Der Profeſſor ſtand aufrecht mit abgezogenem Hute da. Der Wind wühlte in ſeinen dunklen Haaren und legte eine verwirrte Locke über ſeine bleiche Stirn. Um ſeinen Mund ſpielte ein Lächeln der tiefſten Bit⸗ terkeit. „Ich werde den geſtrigen Tag und die Roſeninſel 191 zu vergeſſen ſuchen— auch Ihnen wird das ge⸗ lingen—“ Der Profeſſor verneigte ſich und wollte gehen. Da faßte ihn Hedwig an der Hand und hielt ihn feſt. Ihre Züge waren ſtarr und bleich, ihre glanzloſen Augen weit offen: „Nein“, ſagte ſie beſtimmt,„ſo darfſt Du nicht von mir gehn, ſo laß ich Dich nicht los; ich lieb' Dich über alles in der Welt— aber mein Schwager ſagt, es nehm' ihm das Vertrauen des Volks, und mit allen ſeinen Plänen, mit denen er das Volk beglücken will, ſei's aus. Meine Heirath mit Dir, nachdem Du ihm öffentlich entgegengetreten biſt und das ganze Volk gegen Dich aufgebracht haſt, ſei ſein Sturz. Das hat mich erſchüttert— ich hab' auf mein eigenes Glück verzichtet. Ich hab' nicht gedacht, daß Du mich ver⸗ kennſt. Ich dachte mir, Du begriffeſt meinen Schmerz und achteteſt das Opfer, das ich bringe— es iſt nicht ſo, Du hältſt mich für ein gewiſſenloſes Ding, das kann ich nicht ertragen— ich lieb' Dich über alles, nimm mich hin, ich will Dein Weib ſein, und mag der arme Schwager, der mir ſeit meiner Kindheit Gutes thut, drum verderben! Aber verlang' nie ein fröhliches Geſicht von mir, ich werde mir meine Un⸗ dankbarkeit nie vergeben. Nimm mich— ich bin Dein Weib— wenn Du willſt.“ Lange hielt der Profeſſor das aufgeregte bleiche Mädchen umſchloſſen und ſchaute in ihre fieberiſch glänzenden Augen. Dann drückte er einen langen Kuß auf die brennenden Lippen und ſagte: „Nein— ich will nicht, wenigſtens jetzt nicht. Du ſollſt nicht mit dieſer Laſt auf dem Herzen mit mir zum Altar treten, ſondern mit freudig erhobenem Antlitz und jubelnder Seele. Warten wir. Das Ge⸗ witter wird ja austoben und alles ins gewohnte Ge⸗ leiſe zurückkehren. Was wir jetzt für eine tiefe, unüber⸗ ſteigliche Kluft halten, iſt für den, der aus der Zukunft zurückſehen kann, vielleicht nichts als eine kleine Spalte, die nur das Auge erſchreckt und über die der Schritt der Zeit achtlos hinwegging. Die Vereitelung meiner liebſten Wünſche hat mich einen Augenblick lang über⸗ raſcht— verzeih mir meine Bitterkeit. Hab Vertrauen zu mir, wie ich zu Dir. Und nun ſage ich zu Dir, Hedwig, nicht lebe wohl, ſondern... auf Wieder⸗ ſehen!“ Mit weit offenen Augen ſchaute Hedwig in das begeiſterte Antlitz des Geliebten. Noch einmal um⸗ klammerten ſie ſich, als wollten ſie ſich für ewig ver⸗ binden, dann eilte der Profeſſor mit großen Schritten 193 durch den Garten in ſein Zimmer. Hedwig ſah ihm mit gefalteten Händen und thränenleeren Auges nach. Der Wind ſpielte in ihren Gewändern. Auf der Treppe traf der Profeſſor Frau Bertha. Sie ſchien ihn erwartet zu haben. Die vollen Roſen ihrer Wangen waren etwas bläſſer als gewöhnlich; ihre Hand, die ſie ihm reichte, zitterte ein wenig. Sie ſah forſchend dem Profeſſor ins Geſicht— ſeine ge⸗ hobene, faſt heitere Stimmung ſchien ſie einigermaßen zu beruhigen. „Haben Sie mit Hedwig geredet?“ Der Profeſſor nickte lächelnd: „Zweimal, geſtern und heute.“ „Ich weiß alles“, ſagte Frau Bertha,—„ich hätt' es gern geſehn, wenn meine Hedwig einen Mann geheirathet hätte, den ich hochachte— aber der liebe Gott, ſcheint es, will's anders haben— ich hätt' viel⸗ leicht anders gehandelt wie meine Schweſter, ich bin keine ſo aufopfernde Natur— aber ich kann ihr nicht Unrecht geben, wir haben ohnehin ſchon Unfrieden genug in unſerm Haus, und der arme Wenggy wird in kurzem Trauer genug haben, daß man ihm jetzt nicht noch mehr zu machen braucht. Jetzt bleibt nichts übrig, als zu ver⸗ geſſen.“ Der Profeſſor ſchüttelte den Kopf. v. Schlägel. Die Volksbeglücker. 13 194 „Alles das wird vorübergehen, Frau Wenggy, auch in Ihrer Familie werden Ruhe und Frieden wieder⸗ kehren und vielleicht auch— ich mit ihnen.“ Frau Bertha ſah zu Boden. „Sie haben gute Hoffnungen, Herr Profeſſor— ich kann ſie leider nicht theilen. Ich ſeh' nur Unheil und Elend und Zwietracht überall und daß ſie meinen armen ann allmählich in Schand' und Elend und ins Grab⸗ hetzen...“ „Vielleicht wird er bald die Nichtigkeit des ganzen Getriebes einſehen und ſich geekelt davon ab⸗ wenden.“ 3 Frau Bertha ſchüttelte den Kopf: „Glauben Sie das nicht, Herr Profeſſor— er hat ſich ſchon zu lang und tief in ſeine Ideen verrannt. Dieſe bilden gewiſſermaßen bereits einen Theil von ihm ſelber, es gibt für ihn nur mehr die Aufregung ſeiner politiſchen Thätigkeit oder eine Stumpfheit und geiſtige Erſchlaffung, die mich oft erſchreckt. Die Krankheit ſitzt bei ihm bereits im innerſten Mark, und wenn ſeine Pläne und Hoffnungen zuſammenbrechen, wie's ja nicht anders ſein kann, ſo fürcht' ich, bricht auch er zuſammen...“ Der Profeſſor ſchwieg— es ſchien ihm etwas Wahres in dieſen Worten zu liegen, die ihm wie eine Prophezeiung klangen. Frau Wenggy fuhr ſich über die Augen. Als ſie dem Profeſſor die Hand reichte, war dieſelbe naß. „Was auch kommen möge“, ſagte der Profeſſor, „ſeien Sie verſichert, daß ich nie Ihrer Gaſtfreundſchaft vergeſſen werde und der ſchönen Stunden, die ich in Ihrem Hauſe verlebt. Heute werde ich durch Land⸗ ammann Maxer den Zöglingen der Kantonsſchule vorgeſtellt und in mein neues Amt eingeführt— den Nachmittag werde ich benützen, um mir eine Wohnung zu verſchaffen.— Geſtatteu Sie mir, daß ich jetzt ſchon Abſchied nehme— ich habe die innigſte Ueberzeugung, daß es nicht für immer iſt.“ „Gott gebe es“, ſagte Frau Bertha weich—„und ſeinen Segen auf Sie für heut und immer!“ Dreizehntes Kapitel. Die Schulrevolution. Als der Profeſſor den wohlbekannten Weg zum Regierungsgebäude zurücklegte, traf er zwar wol auch wegen des ſchlechten Wetters weniger müßige Gruppen auf den Straßen, dafür aber ſah er durch die Fenſter hindurch alle Wirthsſtuben gedrückt voll, und alle Straßenecken waren bedeckt mit Aufrufen und Plakaten, wodurch das Volk zur Verfaſſungsreviſion und Auf⸗ löſung des Regierungsraths aufgefordert und ihm Hei⸗ lung aller politiſchen und ſozialen Schäden verſpro⸗ chen wurde. Erweiterung der Volksrechte, gerechtere Vertheilung der allgemeinen Laſten, Regelung der Ar⸗ beiterverhältniſſe durch den Staat, direkte Betheiligung an der Geſetzgebung, dies und vieles andere waren die Glückſeligkeitslehren, welche die neuen Apoſtel pre⸗ 197 digten. Sogar die Stärkung der ſchweizeriſchen Wehr⸗ kraft nach außen hatten die Radikalen auf ihr Pro⸗ gramm geſchrieben. Daneben wurde in rieſigen Let⸗ tern der Segen der neuen Volksbank angeprieſen. Der Profeſſor las mit Intereſſe das Programm und die pomphafte Einladung zur Aktienzeichnung. Er las ſie wieder und wieder, alle die ſchönen Phra⸗ ſen von dem Ineinanderreichen der Intereſſen, der Solidarität der Geſellſchaft, der verderblichen Folgen des Pauperismus für alle Klaſſen der Geſellſchaft— Profeſſor Hermann hatte die allergeringſte Anlage zum Geldmann— aber eines überraſchte ihn doch aufs äußerſte, daß man einerſeits mit dem Kapital der Volksbank dem Unbemitteltſten einen gewiſſen Kredit und anderſeits den Aktionären hohe Dividenden ver⸗ ſprach. Dabei war der Zinsfuß geringer als der übliche. Das war eine Rechnung, die nicht ſtimmte. Als Gründungskomittee fungirten die bekannten Na⸗ men des radikalen Klubs, an der Spitze Wenggy. Dazwiſchen waren einige unbekannte Namen einge⸗ ſtreut, wahrſcheinlich ſolche, die zu den Fonds beige⸗ ſteuert. Das Gründungskapital wurde auf achtmal⸗ hunderttauſend Franken angegeben.. Kopfſchüttelnd ging der Profeſſor weiter und ſtieg die Stufen des Regierungsrathsgebäudes empor. Der 198 Weibel grinſte ihn aus ſeiner Loge geradezu beleidigend an. Der Landammann empfing den Profeſſor freund⸗ lich, aber ſein Geſicht war ſehr ſorgenvoll. Ueber die geſtrigen Vorgänge ſprach man nicht, aber aus dem wärmeren Druck der Hand glaubte der Profeſſor zu entnehmen, daß der Landammann ſeine Handlungsweiſe billigte. Der Profeſſor hielt es jetzt für ſeine Pflicht, den Landammann auf die ſonderbare Haltung ſeines Weibels aufmerkſam zu machen. Der Beamte nickte mit dem Kopfe. „Ich kenne den Schurken ganz genau! Allein was wollen Sie? Wir wählen unſere Weibel nicht ſelbſt, ſondern es iſt ein altes Recht der Gemeindeverſammlung ſie uns zu beſtellen. Um ſie zu entlaſſen, müſſen wir erſt die Anklageſchrift vor die Gemeindeverſammlung, bringen; die Radikalen würden natürlich Partei für ihren Spion ergreifen, ihn als Märtyrer unſerer Tyrannei darſtellen, und heute Abend hätten wir eine neue Katzenmuſik und müßten den Weibel vielleicht behalten. Es wird übrigens vielleicht noch ſchlimmer kommen— wir haben die gegenwärtige Bewegung unterſchätzt und ſie wächſt uns über den Kopf— nach einigen Andeutungen, die ich erhalten, habe ich ſelbſt 199 Beſorgniſſe, daß man unter den Schülern agitirt und Ihren heutigen Amtsantritt zu einer Demonſtration auserſehen hat. So untergräbt man jedes Pflichtge⸗ fühl ſyſtematiſch ſchon bei der Jugend...“ Der Profeſſor war etwas betroffen. „Herr Landamman, Sie haben in dieſer Zeit ernſtere Pflichten, als die meiner Vorſtellung in der Kantonsſchule. Sie dürfen ſich jetzt nicht kompromit⸗ tiren laſſen— ich werde mich mit meinem Dekret al⸗ lein einführen. Ich für meine Perſon harre auf dem Poſten aus, auf den mich Ihr Vertrauen geſtellt. Ich weiche nicht...“ „Ich auch nicht!“ ſagte der Landammann und ſtreckte ſeinem Schützling die Hand hin.„Leiſe treten und ſich verſtecken iſt zu jeder Zeit die ſchlimmſte Po⸗ litik— jetzt heißt es Feſtigkeit. Auch ich verſehe mein Amt bis ans Ende. Wenn ich Ihnen meine Befürch⸗ tung mitgetheilt, ſo geſchah es nur, um Sie auf einen etwaigen Skandal vorzubereiten... Nun, wie ſteht's? Sind Sie bereit?“ fragte der Landamman und be⸗ reitete ſich zum Gehen. Der Profeſſor bejahte lächelnd. Ein freudiger Muth flammte ihm durch die Seele. Er liebte ja den Kampf. Die beiden Männer ſchritten Seite an Seite zur 200 Kantonsſchule. Sie hatten nicht weit vom Regierungs⸗ rathsgebäude zu den Anlagen, mit welchen der große Platz vor der Kantonsſchule geſchmückt war. Der Profeſſor drückte dem Landammann ſeine Bewunderung aus über das prächtige Gebäude und den zum Garten umgewandelten Platz. „Die Schule kann noch nicht lange ſtehen und die Erzfigur dieſes Springbrunnens hier iſt vom neueſten Guß.“ „Die Schule wurde vor fünf Jahren unter meiner Verwaltung und auf meinem Antrag erbaut“, ſagte der Landamman mit einiger Genugthuung.„Zwei Jahre ſpäter ließen Kanton und Stadt auf meinen Antrag den kahlen Platz davor mit dieſen Anlagen bepflanzen. Es war ein hartes Stück Arbeit, vorzüg⸗ lich die, den Kanton zur Mitwirkung zu veranlaſſen — aber es gelang und wird mich mein Lebenlang freuen— komme, was da wolle, das können ſie mir nicht nehmen.“ Sie traten in den Thorweg. Einige Schüler, welche da herumgelungert hatten, ſprangen raſch die breiten ſteinernen Treppen empor. Der Landammann und der Profeſſor folgten. Die beiden Männer traten in den hohen gewölb⸗ ten Feſtſaal der Kantonsſchule. Schon vor der Thüre 201 hatten ſie ein paar Jünglinge bemerkt, welche ohne Gruß ſie vorüberziehen laſſen wollten. Als ſie der Landammann jedoch, wie zufällig, anblickte, zogen ſie zögernd die Mützen. Im Feſtſaale ging es ziemlich unruhig her, ſämmt⸗ liche Klaſſen waren da verſammelt. Ein Drittel des Raumes war durch ein Podium erhöht, welches in der Mitte durch ein ſchöngebautes Katheder überragt wurde. Rings um das Katheder waren die Profeſſoren und Hilfslehrer der Kantonsſchule aufgeſtellt, in ihrer Mitte der Rektor. Der Landammann ſtellte den neuen Profeſſor vor. Der Rektor, ein alter und, wie es ſchien, ſehr ängſt⸗ licher Herr, rieb ſich verlegen die Hände nnd äußerte etwas von der Schwierigkeit der neuen Stellung für einen Ausländer. Die Profeſſoren muſterten den neuen Kollegen ziemlich kühl und ziſchelten mit einander. Die Schüler huſteten und ſcharrten mit den Füßen... Der Landammann runzelte die Stirne. „Meine Herren!“ ſagte er ſcharf,„Herr Profeſſor Hermann genießt als Schulmann einen ſehr bekannten Ruf und eine nicht gewöhnliche Befähigung— ich glaube, es darf ihm unter vernünftigen Männern nicht zum Nachtheil gereichen, daß er in weiteren Verhält⸗ 202 niſſen gelebt hat und der Kenntniß unſeres kantonalen Klatſches entbehrt.“ Der Rektor ſtotterte in ſeiner Verlegenheit etwas Unverſtändliches, die Profeſſoren räuſperten oder be⸗ ſchäftigten ſich auf ähnliche Art, um keine Antwort geben zu müſſen. Auch die Schüler ſchienen das für das Signal zu ähnlicher Zerſtreuung zu halten und bald herrſchte ein ganz abſcheulicher Lärm. Da blitzte es in den Augen des Landammanns: „Ruhe!“ rief er, und ſeine Stimme drang ernſt und mahnend bis in die hinterſte Ecke des großen Saales. Ein kurzes Schweigen entſtand. Alle die dummen oder intelligenten Schuljugendgeſichter ſchauten verblüfft auf den energiſchen Mann, der ſo kurz angebunden mit ihnen war. „Kantonsſchüler!“ begann der Landammann wie⸗ der.„Ich ſtelle Euch hier Euren neuen Lehrer der Rhetorik und deutſchen Sprache, den Herrn Profeſſor Hermann, vor. Erweiſt Euch gehorſam, fleißig und ehrerbietig gegen ihn und gebt Euch ſelber dadurch das Zeugniß, daß Ihr tüchtiger und hervorragender Lehrer werth ſeid.“ Einem der Profeſſoren, welcher ſich vorhin durch ſeine beſonders breite Mundart und böswillige Blicke 203 ausgezeichnet, war das Schnupftuch zu Boden gefallen. Er hob es raſch auf, aber als ob dies das Signal wäre zum furchtbarſten Lärm, ſingen nun die Kantons⸗ ſchüler plötzlich an zu huſten, zu ſchreien, zu pfeifen, mit den Füßen zu ſtampfen. Profeſſor Hermann wurde faſt betäubt durch die Sündflut abſcheulicher Töne, die auf ihn eindrangen; faſt erſchreckt ſchaute er in alle die jungen, von den ſchlimmſten Leidenſchaften entſtellten Geſichter, welche vor ihm auftauchten, auf die hunderte von wild in der Luft herum geſtikuliren⸗ den Arme und Hände. Zwiſchen dem Geheul, Geziſch und Geſtampf vernahm man undeutliche demonſtrative Rufe:„Weg mit dem Deutſchen! Wir ſind Schweizer⸗ ſöhne, wir wollen Schweizerlehrer haben!“ Selbſt der Landammann ſchien im erſten Moment etwas verblüfft durch den Höllenſpektakel, der rings um ihn losgebrochen war. Aber nicht lange, dann donnerte ſeine Stimme laut und vernehmbar über die jugendlichen Tumultanten hin. „Schweizerſöhne wollt Ihr ſein? Gaſſenjungen ſeid Ihr, wie man ſie unter dem verdorbenſten Pöbel ei⸗ ner großen Stadt nicht findet— leider kann ich nicht jeden von Euch über die Bank legen und ihm die Züchti⸗ gung geben laſſen, die ihm gebührt, aber auf die Straße mit Euch, Ihr Buben, wohin Ihr gehört— hinaus!“ 204 Das Geſchrei war verſtummt, nur einzelne Pfiffe hatten die letzten Worte des Landammanns unterbro⸗ chen. Mit drohenden Blicken und ausgeſtreckter Hand trat der gewaltige Mann gegen die Reihen der Schü⸗ ler vor:„Hinaus!“ Die älteren, die in der erſten Reihe ſtanden, Jünglinge von ſechzehn bis achtzehn Jahren, ſuchten dem ſtrafenden Blick des Landammanns zu entgehen und drängten nach rückwärts. Viele der kleineren waren bereits durch die beiden weit offenen Saal⸗ thüren verſchwunden. Immer leerer ward der Saal. Langſam, mit ausgeſtreckter Hand auf die Thüre zeigend, hatte der Landammann den Saal von den letzten der Tumultuanten geſäubert, dann wandte er ſich an die Profeſſoren, welche zum Theil mit verlegenen und unruhigen, zum Theil mit feindſeligen Mienen dem energiſchen Gebahren des Landammanns zuge⸗ ſehen: „Nun ein Wort zu Ihnen, meine Herren! Es dürfte keine ſehr ungerechte Anſchuldigung ſein, wenn ich den Verdacht ausſpreche, daß der oder jener von Ihnen im voraus um den eben ausgebrochenen Skandal wußte, ihn vielleicht ſogar förderte. Meine Herren! Ich unterdrücke für den Moment jede weitere Bemerkung über eine ſolche unmännliche, pflicht⸗ und ehrvergeſſene 205 Haltung und mache nur von dem Rechte Gebrauch, welches dem Vorſtande des Erziehungsdepartements verfaſſungsgemäß bei groben Exzeſſen in einer öffent⸗ lichen Lehranſtalt zuſteht. Die Unterſuchung der Vor⸗ gänge, deren Zeugen wir ſo eben waren, wird ſofort eingeleitet werden, und bis zu ihrer Beendigung bleibt die Kantonsſchule geſchloſſen.“ Wie beſchwörend und mit Thränen in den Augen trat der alte ſchwache Rektor vor. 1 „Herr Landammann!“ ſagte der Rektor flehend, „dieſe Schmach für mich— und in dieſer aufgeregten Zeit. Bedenken Sie, was Sie thun!“ Der Landamman zuckte die Achſeln: „Ich thue meine Pflicht.“ „Die Herrlichkeit wird bald eine Ende haben!“ 1 rief der Schnupftuchprofeſſor mit höhniſchem Geficht. „Mag ſein!“ antwortete der Landammann ruhig —„dann thue ich eben meine Pflicht und walte meines Amtes bis ans Ende.“ Eine Handbewegung des Landammanns lud den Profeſſor Hermann ein, ihm zu folgen. Eine Strecke gingen die beiden Männer ſchweigend durch die Anlagen der Kantonsſchule. Vor dem Regierungsgebäude trennten ſie ſich. „Verlieren Sie den Muth nicht!“ ſagte der Land⸗ 206 ammann und ergriff mit beiden Händen die Hand des Profeſſors.„Selbſtverſtändlich hat der ganze Unfug keine Einwirkung auf Ihre Ernennung und Anſtellung. In wenigen Tagen wird alles entſchieden ſein, ob Thor⸗ heit Leidenſchaft und Unordnung regieren werden im Kanton, oder Ordnung und Vernunft. Wir werden ja ſehen. Was Sie bedürfen, in jeder Angelegenheit kommen Sie zu uns, laſſen Sie ſich nicht einſchüchtern, wir brauchen Sie mehr als Sie uns, wir brauchen gründlich geſchulte und charakterfeſte Männer.— Und wenn Sie fallen, dann fallen Sie nur mit uns!“ Vierzehntes Kapitel. Der Trinmphator. „Zehntauſend Unterſchriften!“ Das Wort hatte eine zauberhafte Gewalt. Berußte Arbeiter drückten ſich mit dieſem Rufe die ſchwieligen Hände, die Nachbarin raunte es der Nachbarin mit klugem Kopfnicken zu beim Krämer und unter der Hausthür, die Bürger bekräftigten es mit der derben Fauſt am Wirthstiſche, die feiernden Kantonsſchüler, welche ſeit ihrer Revolte vielfach die Straßen und Kneipen unſicher machten, ſchrieen es, die Mützen in die Luft werfend, durch die Stadt, die ernſteren Bürger wiederholten es kopfſchüttelnd und ſorgenvoll, denn be⸗ reits erſchienen auch tauſende der Zehntauſend in Ge⸗ ſtalt von Haufen katholiſchen Landvolks, welches in un⸗ heimlicher Erwartung der Dinge durch die Stadt zog. 208 Auch in die Wohnung des Landammanns drang das Wort, wo dieſer mit dem Freunde tiefſinnige Rede tauſchte. Die beiden Männer ſaßen in dem gothiſchen Studir⸗ zimmer des Landammanns. Es war Abend, die Vor⸗ hänge ſchloſſen das alterthümliche Gemach gegen das letzte Zwielicht von draußen ab, und eine ſchöne Lampe von alter Form beleuchtete die nächſte Umgebung, welche in verſtändiger Durchführung ſowol in der Wölbung, der Decke und Fenſter, als in der Pracht ſchwerer geſchnitzter Eichenmöbel und behaglicher Täfelung das Bild eines Partriziergemachs der alten Zeit wie⸗ dergab. Der Landamann ſaß ſinnend da. Der ſanfte Schein der alterthümlichen Lampe fiel voll auf ſein ruhiges heiteres Geſicht. „Ich komme mir vor“, ſagte der Profeſſor nach einer Weile, denn er fühlte die Nothwendigkeit, die ſo eben behandelte leidige Politik fallen zu laſſen—„wie in einem Ritterſchloß zur Zeit der Hohenſtaufen und horchte oft unwillkürlich auf, ob ich nicht den leiſen Tritt der Burgfrau und das Rauſchen ihrer brokatnen Schleppe vernehme.“ Der Landammann lächelte, nahm die Lampe vom Tiſche, und trat auf ein Bild zu, das mit einem 209 ſchwarzen Flor überdeckt an der Wand hing. Er ent⸗ fernte die Umhüllung, hielt die Lampe hoch und zeigte dem Profeſſor ein ſchönes bleiches Frauensangeſicht, deſſen mächtig große dunkelblaue Augen auf die Be⸗ ſchauer hernieder ſahen. „Das iſt die Burgfrau!“ ſagte der Landammann— die einzige, die je in dieſen Gemächern ſchalten wird, — Angelika von Wolfsegg.“ „Und haben Sie keine Nachricht von den Schickſalen der edlen Dame?“ fragte der Profeſſor, als der Land⸗ ammann wieder den Schleier über das Bild gezogen und mit einem ſtillglücklichen Lächeln die Lampe auf den Tiſch geſtellt hatte. Der Landammann nickte mit dem Kopfe und holte auf ſeinem Pult von einer Stelle, wo er es jeden Augenblick faſſen konnte, ein Zeitungsblatt, welches der Profeſſor ſofort als ein heimathliches er⸗ kannte. Rothangeſtrichen ſtand darin folgende Notiz: „Unter den Damen, die dem preußiſchen Heere auf die blutigen Schlachtfelder Böhmens gefolgt ſind, um mit ihren zarten Händen die Wunden heilen zu helfen, welche der Krieg geſchlagen, befindet ſich auch eine Gräfin Angelika von Wolfsegg, welche an Auf⸗ opferung und Hingebung alles übertrifft, was bisher auf dem Gebiete der freiwilligen Pflege der Verwundeten von Schlägel, Die Volksbeglücker⸗ 14 geleiſtet worden iſt. Ihre Majeſtät die Königin hat der edlen Dame in einem Handſchreiben ihren Daunt ausgeſprochen.“ Der Profeſſor gab das Blatt zurück. Der Land⸗ 1 ammann legte es wieder auf dieſelbe Stelle des Schreib⸗ pultes, dann wendete er ſich wieder an ſeinen Gaſt. „Begreifen Sie jetzt, Herr Profeſſor, daß man mit einer ſolch hohen und reinen Liebe im Herzen auch heiteren Blicks auf das Gewühl hinabſehen kann und die Läſterpfeile nicht fühlt, welche der Haß zu uns herauf ſchleudert, denn was auch komme— das können ſie uns ja doch nicht nehmen.“ 1 Der Landammann griff mit leuchtenden Augen f ans Herz. Dann brach er raſch ab, und wie um ſich einem Traume zu entreißen, ſagte er faſt gewaltſam: „Doch kehren wir zur Wirklichkeit zurück.— Zehntau⸗ ſend Unterſchriften! Das Geſicht des Landammanns wurde ſehr be⸗ kümmert. „Alſo habens ſie's erreicht. Unſer Sturz iſt un⸗ abwendbar. Armer Kanton, armes Volk! Wie werden* ſie Dich in der Irre herumführen, dieſe modernen Beglücker mit dem erlöſenden Worte auf den Lippen, die aus Steinen Brot machen wollen. Sie werden Dich gleißneriſch mit Blendwerken locken, und wenn du aus dem 211 Taumel erwachſt, wird die aufgeblaſene hohläugige Phraſe der Du bisher gehorcht, in den Nebel zerfließen, aus dem ſie gekommen... Armes Volk! Bei Gott, ich denke nicht an mich in dieſem Augenblicke“, ſagte der Landammann feierlich, indem er aufſtand und erregt durch das Zimmer ſchritt.„Gern würde ich den Kräftigeren und Einſichtsvolleren als Nachfolger zu meinem Stuhle geleiten, aber welche Leute ſollen uns beerben, welche Leute! Spieler und Lüſtlinge, Wühler und Maulhelden und Karriere⸗ macher voll unlauterer Abſichten, und hinter ihnen die Maſſe mit dem unklaren Kitzel nach einer Ab⸗ wechslung gleichviel welcher, im Einerlei eines glück⸗ lichen Staatsweſens!“ Es ging ſchon gegen Abend, als man in der Stadt die Nachricht erhalten, daß in Folge der ſtarken Betheiligung des Landvolks die Unterſchriften zur Ver⸗ faſſungsreviſion die Zahl zehntauſend erreicht hatten. Die Aufregung war eine gewaltige. Große Menſchen⸗ maſſen durchzogen die Straßen. In aller Eile hatte Nationalrath Wenggy eine Volksverſammlung nach dem Schützenhauſe berufen und das große Ereigniß mit der ihm eigenthümlichen Wärme begrüßt. Er hatte ſeine Zuhörer begeiſtert fortgeriſſen. Der Jubel theilte ſich auch dem Volke auf den Straßen mit, und 14* 212 überall hörte man:„Hoch Wenggy! Nieder mit dem Regierungsrath! Es lebe Wenggy, der Freund des Volkes, der Retter des Kantons!“ „Die Nacht wird unruhig“, ſagte der Regierungs⸗ rath, als der Lärm immer wüſter in das gothiſche Studirzimmer drang.„Ich werde wol nicht umhin können, die nächſten Stunden auf meinem Bureau zu⸗ zubringen. In ſolchen Zeiten gehört jeder Mann auf ſeinen Poſten.“ „Werden Sie auch Ihre Herren Kollegen dort treffen?“ fragte der Poofeſſor. Der Landammann zuckte die Achſeln und ein ſeltſames Lächeln umſpielte ſeine Lippen.„Ich hoffe“, ſagte er,„vielleicht ſind die Herren auch nicht ſo ängſtlich wie ich und bleiben zu Hauſe.“ „Dann erlauben Sie wol, daß ich Sie begleite“, ſagte der Profeſſor. „Von Herzen gerne.“ Die beiden Männer machten ſich auf den Weg. Es war zuweilen ſchwierig, durch die ſich immer mehr und mehr verſtopfenden Straßen zu kommen. Hie und da wurde der Landammann erkannt, und höhnende Zurufe folgten ihm. Er antwortete nicht, er hielt ſich nicht auf. Er eilte die Treppe des Regierungsgebäudes hinan und trat in den Sitzungsſaal. Da ein Weibel nirgends zu ſehen war, ſo zündete der Landammann mit eigener Hand die Lichter an. „Warum gehen wir nicht in Ihr Bureau?“ fragte der Profeſſor, indem er ſich in dem großen hellbeleuchteten Raume umſah. Der Landammann legte dem Profeſſor die Hand auf die Schulter und ſagte lächelnd: „Das Volk braucht nicht zu wiſſen, daß von dem ganzen Regierungsrathe ich allein auf meinem Poſten bin.“ Der Profeſſor kam ſich ſeltſam vor in dieſem großen weiten Saale mit den dunkelgrünen Vorhängen, ſechsmal war ringsum das Wappen des Kantons, ein Bündel Stäbe mit dem Liktorenbeil, angebracht, während in der Mitte das eidgenöſſiſche rothe Kreuz im weißen Felde leuchtete. Rings um den langen grünen Tiſch ſtanden die ſieben grünen Lederfauteuils, ſo begehrt von den Ehrgeizigen. Auch der Landammann ſah träumeriſch den mit grünem Tuch bedeckten Tiſch entlang. „Es iſt ſeltſam“, ſagte er,„wie man ſich nach und nach an die Macht gewöhnt. Mein Verſtand hat kein Bedauern für dieſen Ort, wo ich ſo lange die Geſchicke eines, wenn auch kleinen Stückchens Erde mit⸗ 214 lenkte; aber mein Herz zieht ſich ſchmerzlich zuſammen, wenn ich bedenke, daß ich vielleicht in wenig Tagen ſchon nicht mehr hieher zurückkehren ſoll...“ Eine ferne ſich nähernde Muſik unterbrach die 5 Worte des Landammanns. Er horchte auf:„Was iſt das?“ Die Erklärung ließ nicht lange auf ſich warten. Umgeben von einer jubelnden Menſchenmenge bog die Muſik um die Ecke des Domplatzes, und hinter ihr tauchte Fackel um Fackel aus der dunkeln Straße auf und zog über den dunkeln Platz. Und jetzt wurden die Fackeln noch dichter, in feurigem Wirrwar umgaben ſie ein weißes Pferd, auf dem ein Mann ſaß, den man der Entfernung wegen noch nicht erkennen konnte. Neben und um ihn wurden die Fackeln geſchwungen, und laute Rufe ſchienen ihn zu feiern. Die Muſikbande hatte auf ihrem Wege einen Bogen beſchrieben, um unter den Fenſtern des Regierungsrathes vorüberzu⸗ kommen. Jetzt, je näher der ſeltſame Zug kam, deſto deutlicher wurden auch die Rufe:„Hoch Wenggy! Nieder mit dem Regierungsrath!“ 6 Jetzt war der Reiter ganz nahe, Hermann er⸗ 8 kannte ihn, es war der Nationalrath. Stolz lächelnd ſaß er auf dem Schimmel, der über und über mit Blumen geſchmückt war. 215 Stolz lächelnd, wie ein triumphirender Konſul, ſchaute der Erwählte des Volkes empor zu den leuchten⸗ den Fenſtern des Regierungsraths, wo er in wenig Tagen das entſcheidende Wort zu ſprechen hoffte. Der Profeſſor hatte trotz ihrer Entzweiung keinen Augenblick dem Ernſt und der Aufopferungsfähigkeit des Nationalraths ſeine Anerkennung verſagen können; ein Gefühl wie Widerwillen und Ekel jedoch über⸗ kam ihn, als er den von den Huldigungen der Menge trunkenen Reiter erblickte. „Ohne Zweifel hat man ihn mit dieſer ganzen Maskerade überraſcht“, fuhr der Landammann ent⸗ ſchuldigend fort, da er jenen Eindruck auf dem Geſicht des Profeſſors leſen mochte;„die Leute, die ihn umgeben, beſtehen alle aus Mitgliedern des Tellvereins, welche das Hauptpublikum des Schützen⸗ hauſes ausgemacht haben werden. Man hat ihn über⸗ raſcht und mit in den Strudel hineingezogen, ehe er zur Beſinnung kommen konnte, und jetzt iſt er trunken und geblendet, betäubt von dem Lärm und Licht...“ Längſt waren die Muſikbande und der Fackelzug mit dem triumphirenden Reiter um die Ecke des Domes verſchwunden, aber eine ſchwarze unheimliche Maſſe wälzte ſich unten auf dem Platze herum, aus der hie und da ein Pfiff grell emporſtieg. 216 „Es ſcheint, wir erhalten noch ein Nachſpiel!“ ſagte der Landammann, indem er auf die Anſammlung wies. In dieſem Augenblick zerſprang auch klirrend eine Scheibe des Fenſters, an dem ſie ſtanden, ihre Kleider wurden mit Glasſplittern überdeckt, und weithin rollte ein großer Stein ins Zimmer. Und wie auf ein Signal klirrte und ſchwirrte es längſt des ganzen Gebäudes, auch durch die übrigen Fenſter des Sitzungsſaales flogen die Geſchoſſe des Pöbels, und jedes Klirren wurde unten mit lautem Jubel begrüßt. Da hörten ſie den Galopp eines Pferdes. Sie traten, ſich möglichſt gegen die eindringenden Steine hinter der Mauer haltend, an das Fenſter, um hinabzuſehen. Da erblickten ſie Wenggy auf ſeinem Schimmel, den Reſt einer Fackel in der Hand, mitten unter dem lärmenden Pöbel. Mit Mühe gelang es ihm, ſich Ge hör zu verſchaffen: „Mitbürger!“ rief er mit heiſerer Stimme.„Euer Unwillen gegen unſere Unterdrücker iſt gerecht— aber greift nicht durch ſolche kleinere Strafakte dem Tage des Gerichts, der über ſie hereinbricht, vor. Was kümmern jene Herren ſich um die Zerſtörungen, die iht an einem öffentlichen Gebäude anrichtet, ſie trifft dieſer Schaden nicht! Geht heim und ſpart Zorn und Strafe für die Reviſionsſammlung auf.“ 217 Einige Fackelträger kamen zurück und miſchten ſich beruhigend unter die Menge. Dieſe brachte ein brül⸗ lendes Hoch auf Wenggy aus und zog ſich langſam zurück. Wenggy warf den Fackelſtumpf zur Erde, ſtieg ab und man ſah nur noch die dunklen Geſtalten der ſich entfernenden Menſchen und die Weiße des Pferdes, welches gegen den Dom hin abgeführt wurde. Lange qualmte der Fackelreſt noch am Boden fort. Endlich erloſch er. Sinnend hatte der Landammann den letzten trüben Zuckungen der erlöſchenden Flamme zugeſchaut. Der Profeſſor gab vielleicht den Gedanken des Landammanns Ausdruck, als er faſt feierlich ſagte: „So wird es auch gehen mit all dem, was jene Betrüger und Betrogenen die Flamme der Begeiſterung nennen— ſie wird erlöſchen in Qualm und Rauch.“ Der Landammann ſeufzte tief auf und wandte ſich vom Fenſter ab, wo eben der Mond in ſtrahlender Klarheit hinter dem Dome heraufkam. Fünfzehntes Kapitel. Die Volksbank. Das Agitationscomité ließ die Bevölkerung nicht zur Beſinnung kommen, die Volksverſammlungen jagten ſich und die Wähler bearbeiteten das ihnen blindlings vertrauende Landvolk. Der Religionshaß zwiſchen der katholiſchen Stadtbevölkerung und den proteſtantiſchen Anhängern der alten Ordnung vergif⸗ teten noch mehr den Konflikt. Stets neue Plakate er⸗ ſetzten ſich an den Straßenecken— heute, es war einige Tage nach dem Fackelzuge, ſollte die Eröffnung der Volksbank ſtattfinden. Faſt die ganze Bevölkerung war direkt oder mittelbar an dem Unternehmen betheiligt, die einen hatten Aktien in hohem Betrage gezeichnet und vom Bankpräſidenten die Zuſicherung erhalten, daß ſie bei der nächſten Gemeinde⸗ oder Großraths⸗ 9 219 wahl auf der Liſte der Kandidaten ſtehen würden, eine Menge Kleinbürger hatten ihr ganzes Hab und Gut herbeigebracht, weil man ihnen unter der Hand eine kleine Anſtellung an der Bank ſelber oder bei anderen Unternehmungen verſprochen hatte, welche die neue Re⸗ gierung ins Leben rufen werde. Haufenweiſe ſtrömte das Gold in die Hände der Direktion, als die Nach⸗ richt kam, daß die zehntauſend Unterſchriften vollzäh⸗ lig ſeien. Heute ſollten die gezeichneten und vollbezahlten Aktien an ihre Inhaber verabfolgt werden. 8 Das größte Intereſſe an der Cröffnung der Volks⸗ bank hatte aber jedenfalls die ärmere Klaſſe und die Arbeiterbevölkerung des Kantons. So viele tauſende ſich auch gemeldet hatten mit den abenteuerlichſten Wünſchen, allen hatte der Bankpräſident Hilfe verſpro⸗ chen, dem brotloſen Arbeiter Vorſchuß auf künftigen Lohn, den Bauern die Errichtung einer ländlichen Hy⸗ pothekenbank zu unglaublich niedrigem Zins, dem Ge⸗ werbtreibenden ſollte zu einem Waarenkredit verholfen werden, dem am Rande des Bankerotts ſtehenden Kauf⸗ mann unbeſchränkter Kredit. Kein Wunder alſo, daß ſich ſchon Stunden lang vor der angeſagten Zeit Maſſen von Volk vor der Thüre des Bankgebäudes drängten. Die Stunde kam, aber die Thüre blieb verſchloſſen, 220 man wartete eine Stunde, zwei, der Vormittag ver⸗ ging— das Volk wurde unruhig und die Anſamm⸗ lung immer größer. Die verſchiedenſten Vermuthungen wurden laut, am meiſten fand die Glauben, daß die Regierung mit Gewalt die Macht behalten wolle und die hervorragendſten Volksfreunde, darunter natürlich zuvörderſt das ganze Bankdirektorium, verhaftet und eingeſperrt habe. Nachdem dieſe Vermuthung einige Minuten diskutirt worden war, wurde ſie zum Gerücht, nach einer halben Stunde zur Gewißheit.„Wir müſ⸗ ſen ſie befreien!“ rief einer,„auf zum Regierungsrath!“ —„Auf zum Regierungsrath!“ tönte es aus hundert Stimmen. Da erſchienen unten an der Ecke der Straße etwa ſechs bis ſieben ſchwarzgekleidete Männer eiligen Schrit⸗ tes. Ein paar Landjäger in großer Uniform und der Weibel des Regierungsrathes in Amtstracht folgten ihnen. Als die Herren näher kamen, erkannte man drei Regierungsräthe, darunter den Landammann Maxer, dahinter kam mit bleichem Geſicht und ſtarren Augen der Nationalrath Wenggy. Der Gemeindeam⸗ mann und der Polizeikommiſſar bildeten den Schluß. Im Gefühle, daß etwas Ungewöhnliches vorgehe, verſtummte die Menge und trat vor den Ankommenden links und rechts zur Seite. Nationalrath Wenggy 221 hatte kein Lächeln, keinen Blick für das Volk. Der Weibel öffnete die Thüre des Bankgebäudes, und die Ankömmlinge verſchwanden darin. Neugierig drängte das Volk nach. Die Landjäger faßten an der Thüre Poſto und wieſen die Neugierigen zurück. Wieder wuchs der Tumult, und man war im Begriff, die Thüre mit Gewalt zu öffnen, da erſchienen die Regierungsräthe und ihre Begleiter wieder. Schweigend und ernſt durch⸗ ſchritten ſie die Menge. Der Nationalrath ſchien Mühe zu haben, ſich fortzubewegen. Landammann Maxer ging an ſeiner Seite und ſprach wie beruhigend und tröſtend zu ihm. Einige von den Landjägern trugen rieſige Bücher und Hefte, die anderen mit dem Regierungsrathweibel blieben als Wache vor dem Bankgebäude. Kaum waren die Beamten verſchwunden, als ſich das Volk an den Weibel drängte, der noch verbiſſener als gewöhnlich an der verſchloſſenen Thüre der Bank lehnte. Er zuckte die Achſeln. „Was wollt Ihr von mir? Mir ſagt man nichts mehr, ſeit man weiß, daß ich zum Volke halte. Ich weiß ſoviel wie Ihr. Landammann Maxer hat heute morgen plötzlich einen Brief erhalten und ſogleich den ganzen Regierungsrath zuſammenberufen, dan haben 222 ſie bei verſchloſſenen Thüren eine halbe Stunde lang berathen, dann haben ſie nach dem Nationalrath, dem Gemeindeammann und dem Polizeikommiſſar geſchickt und ſind hieher gegangen. Da drinnen haben ſie alles durchgewühlt und durchſucht, die Kaſſen und die Bü⸗ cher— alles. Dann haben ſie die geſammten Bücher mitgeſchleppt— das iſt alles, was ich weiß. Ich glaube, ſie haben die ganze Volksbank konfiszirt und der Herr Nationalrath ſieht mir auch aus, als ob er morgen ſollte geköpft werden! Vor dem Regierungsgebäude hat ja auch eine Kompagnie Scharfſchützen die Wache, ſeit man ein paar Fenſterſcheiben eingeworfen hat. Daran ſoll wieder der Maxer Schuld ſein, wie faſt an allem. Uebrigens habt Ihr ja wohl ein Recht, zu wiſſen, was vorgeht. Geht hin und fragt— heute hat der dicke Sturzenegger mit ſeiner Kompagnie die Wache. Der wird nicht gleich feuern laſſen.“ So und ähnlich ſprach der Weibel. Von Mund zu Mund gingen ſeine Worte durch die aufgeregte Menge, und bis ſie in den hinterſten Reihen anlang⸗ ten, galt es für ſicher, daß der Regierungsrath durch einen Gewaltſtreich die hervorragendſten Volksfreunde unſchädlich gemacht und die Summen, die auf der Volksbank der Vertheilung harrten, mit Beſchlag be⸗ legt habe. Unter dem Rufe:„Hoch Wenggy! Es lebe die Volksbank. Es lebe die Verfaſſungsreviſion!“ wälzten ſich daher die Maſſen nach dem Regierungsgebäude zu. Die Furcht, ihre eingezahlten Gelder zu verlieren, riß ſelbſt ſonſt beſonnene Bürger mit fort, und andere wieder ſchloſſen ſich dem Zuge an, weil ſie achtbare Freunde und Nachbarn darin ſahen, welche ſich ſonſt an nichts Unrechtem betheiligt hatten. Die in der Stadt herumlungernden Bauern geſellten ſich dazu, und zu allem Ueberfluß kreuzten da, wo die Haupt⸗ ſtraße auf den Domplatz einmündet, die Schaaren des Oberſten Freny den Zug, welche im Begriff waren, zu ihren Uebungen auszurücken. Die nöthigen Aufklä⸗ rungen waren bald gegeben. „Hoch Freny! Hoch Feldſchützen!“ riefen die Hau⸗ fen.„Auf nach der Regierung! Sie haben die Volks⸗ bank konfiszirt und die Reviſionsmänner gefangen! Wir müſſen ſie wieder haben! Vorwärts! Nieder mit dem Regierungsrath!“ Bereits hatten ſich die ſogenannten Feldſchützen, welche durch grüne Käppis ihre militäriſche Organi⸗ ſation andeuteten, unentwirrbar mit den dunklen Volks⸗ maſſen vermiſcht, und der Menſchenſtrom, welcher ſeine Fluten jetzt über den Domplatz ergoß, nahm durch die 224 Gewehrläufe und Bajonnette, die zwiſchen ihm blitzten, ein gefahrdrohendes Ausſehen an. In dieſem Augenblicke kam eine plötzliche Unter⸗ brechung. „Mitbürger!...“ Es war eine laute wohlbekannte Stimme, welche das wie beſchwörend über den Domplatz rief. Ein Fen⸗ ſter des Regierungsrathes hatte ſich geöffnet, und darin war Nationalrath Wenggy erſchienen, mit leichenblaſſem Geſicht, in dem nur noch die großen dunklen Augen zu leben ſchienen! „Mitbürger, Ihr ſeid im Irrthum“, begann der Nationalrath mit lauter aber wie im höchſten Schmerz vibrirender Stimme.„Niemand iſt vom Regierungs⸗ rath verhaftet, nichts mit Beſchlag belegt worden. Aber 4 ein abſcheuliches Verbrechen iſt begangen worden von einem Manne, den wir bisher für einen der treueſten Freunde des Volkes hielten. Heute ſollte die neuge⸗ gründete Volksbank eröffnet werden. Geſtern iſt der Direktor derſelben mit faſt dem ganzen Gründungs⸗ kapital entflohen, nachdem er mein Vertrauen auf das ſchnödeſte mißbraucht und mir den zweiten Kaſſen⸗ ſchlüſſel abgelockt hatte. Mitbürger! An der abſcheu⸗ lichen That iſt nichts zu leugnen, nichts zu beſchönigen Die bis jetzt gepflogene Unterſuchung beweiſt, daß der 225 Diebſtahl ein reiflich überlegter und lange vorbereiteter war. Mitbürger und Freunde! Tragt Euer Schickſal mit Geduld, Ihr alle, die Ihr durch das Verbrechen in Eurem Eigenthum geſchädigt, in Euren Hoffnungen getäuſcht wurdet. Ich ſelber werde durch mein Zu⸗ trauen, das ich nicht verſuchen will zu entſchuldigen, zum Bettler. Ich beklage mich nicht, ich habe es ver⸗ dient— denn auch gute Eigenſchaften können zu Feh⸗ lern werden. Aber, wenn es mir geſtattet iſt, das von dieſem Fenſter Euch zuzurufen— meine politiſchen An⸗ ſchauungen ſind noch unwandelbar dieſelben und auch Euch bitte ich inſtändig, Euch durch dieſen traurigen Zwiſchenfall nicht irre machen zu laſſen an den großen Prinzipien der Freiheit, zu denen Ihr Euch bekennt! Hoch die Verfaſſungsreviſion!“ Lin minutenlanges dumpfes Schweigen entſtand, als der Nationalrath geendet. Mit glühenden Augen und erregtem Geſicht wartete er einige Minuten auf einen antwortenden Zuruf. Mit dumpfem Gemurmel theilten die Verſammelten einander die erſten Eindrücke des eben Gehörten mit. Langſam und ſeine großen Augen ſchmerzlich auf das ſchweigende Volk geheftet, trat er zurück und ſchloß das Fenſter. Freiwillig theilte ſich die Volksmenge und zog ſich in Gruppen langſam zurück. v Schlägel, Die Volksbeglücker. 15 226 Längſt war der Domplatz leer und verlaſſen, als Nationalrath Wenggy aus dem Portal des Regierungs⸗ rathes trat und den Weg zur Falkenburg einſchlug. Er hatte das Ausſehen eines Schlaftrunkenen und Todt⸗ müden, manchmal beim Gehen taumelte er, und dann wieder belebten ſich ſeine großen Augen, er focht mit der Hand in der Luft und ſprach heftige Worte vor ſich hin. Da plötzlich zuckte er zuſammen. Vor ſeinen Füßen lagen die verkohlten Reſte einer Fackel. Wenggys Ge⸗ ſicht zog ſich wie im heftigen Schmerz zuſammen, und raſch, mit geſenktem Haupte und unſicheren Schritten, eilte er die Straße zur Falkenburg empor. Er hatte wol an Frau Bertha und ſeine Kinder gedacht. Sechszehntes Kapitel. Friede. Der Krieg in Deutſchland war zu Ende. Die Eſſe der Fabrik, das Feuer des Heerdes erglimmte von neuem, und tauſend Hände griffen mit friſchem Muth zum Handwerk,... ſelbſt die von ſchwüler Sommer⸗ gluth erdrückten Felder ſchienen aufzuathmen— was noch vor wenig Tagen Begeiſterung oder Zorn von tauſenden erweckt, es war wie weit in die Vergangen⸗ heit gerückt, ohne Werth, ohne Intereſſe— die Sonne ſtrahlte herrlicher als je, und mit Sternenſchrift ſchien es an dem ſchweigenden Nacht himmel zu leuch⸗ ten: Friede. Die Verfolgung des Bankdirektors war ohne Er⸗ folg geblieben, er hatte ſich nach Amerika eingeſchifft, ehe ihn die Gerechtigkeit erreicht hatte; man kümmerte 15* 228 ſich nicht darum— die Verluſte wurden minder ſchwer durch den Frieden, der wieder zu arbeiten und zu er⸗ werben erlaubte; die Fabriken waren in doppelter Thätigkeit, das Verſäumte nachzuholen, der Arbeiter verdiente doppelt und hatte die Volksbank bereits wieder vergeſſen. Selbſt die auf morgen anberaumte Wahl des Reviſionsrathes und die zugleich damit vor⸗ zunehmende Nationalrathswahl ſtörte wenige in dem vollen ruhigen Genuß des Friedens— wer dachte noch an Verfaſſungsreviſion, wer war noch unzufrieden mit dem Regierungsrath? Höchſtens diejenigen, welche die ganze Bewegung hervorgerufen hatten. Die politiſchen Leidenſchaften des Volkes hatten ſich gelegt mit den hochgehenden Wogen der Zeit, von denen ſie getragen worden waren. Wohl ſchleuderten die radikalen Blätter einen ful⸗ minanten Leitartikel nach dem andern hinaus unter das jetzt ſo theilnahmsloſe Volk voll Unmündigkeit und Knechtſinn, wol ſprachen die Herren Kleinert und Ge⸗ noſſen noch immer in ſpärlich beſuchten Volksverſamm⸗ lungen; man ſpendete den kühnen und energiſchen Rede⸗ wendungen Beifall, aber niemand dachte mehr an ſie, wenn er die Verſammlung verlaſſen. Den Nationalrath ſah man wenig mehr in dieſen „— Verſammlungen, ſeine Freunde erklärten das mit den „. 229 Sorgen und Vorkehrungen, die ihm ſeine veränderten Vermögensverhältniſſe auferlegten. „Seht auf Wenggy!“ liebte der Poſtdirektor den Lauen und Halben zuzurufen.„Er hat alles verloren im Dienſte des Volkes und ſeiner Ideen— er iſt vom wohlhabenden und unabhängigen Bürger zum armen und bedrängten Manne geworden— ſeht ihr ihn ſchwanken? Leſet ſeinen heutigen Leitartikel; immer und immer hält er die Fahne der Volksrechte hoch und wird ſie hochhalten bis ans Ende.“ „Ja, Wenggy!“ Es war ſo weit gekommen, daß man das mit halbem Lächeln ausſprach, als wollte man ſagen— was gilt uns der, der gutmüthige Tropf, der Schwärmer! Aber ſeine politiſchen Freunde hatten Wenggy nöthig. Sie wußten wol, daß das Meer der Politik unſtät ſei und denſelben Mann, den es heute auf die Spitze ſeiner Wellen gehoben, morgen hinabſchleuderte in das Bett der Wogen... aber ſie wußten auch, daß man ſich nicht vergeſſen laſſen dürfe. Daher klam⸗ merten ſie ſich an den ſchattenhaften Reſt von Popularität, den ihr Führer genoß; er mußte ſie überm Waſſer halten. Kleinert und Sauter achteten nicht darauf, daß Frau Wenggy ohne Gruß an ihnen vorüberging, wenn ſie auf die Falkenburg kamen, ſie fühlten nicht den Hauch der Trauer und Verödung, der in dem einſt ſo glücklichen Hauſe wehte— täglich kamen ſie anit neuen Plänen und Rathſchlägen, um den Funken wieder zur Flamme anzublaſen, der, wie ſie behaupteten, unter der Aſche fortglimmte. Und Wenggy überließ ſich dem idealen Drange ſeiner uneigennützigen Natur, vergaß des Elends im eigenen Hauſe und der düſteren Zukunft und ſchrieb mit zitternder Hand glühende Worte, auf welche nie⸗ mand hörte. Profeſſor Hermann hatte jetzt eine Wohnung be⸗ kommen, ein paar wunderliche getäfelte Stuben am See mit der Ausſicht aufs Gebirge. Wie die letzten Tage, ſo ſaß er auch wieder heute morgen und ſah hinaus auf die ſtets wechſelnden Farben des Waſſers, des Himmels und der Gletſcher, auf die blanken Segel am See und die weißen Wolken, die da oben zogen... Da pochte es und der Weibel des Regierungs⸗ rathes trat ein. Er brachte mit unſicherer Stimme die Einladung des Regierungsrathes Maxer, ihn bei der um zehn Uhr erfolgenden Wiedereröffnung der Kantons⸗ ſchule zu begleiten. „Gut, ich werde kommen!“ Der Weibel blieb unſchlüſſig ſtehen. „Nun, haben Sie mir noch etwas zu ſagen?“ Erſt jetzt betrachtete Hermann das Geſicht des Mannes genauer. Es war demüthig und bittend, und auch der Ton, in dem er ſich ſeines Auftrages entledigt, war ein anderer als ſonſt. „Herr Profeſſor!“ begann der Weibel mit unſicherer Stimme, ſich bin verſchiedene Male ſehr unartig ge⸗ weſen gegen Sie— es waren aufgeregte Zeiten— ich wurde gehetzt— Sie haben viel Einfluß beim Herrn Landammann.— Ich habe Frau und Kinder und kann ohne meinen Gehalt als Weibel nicht leben... „Und was ſoll ich?“ fragte der Profeſſor. „Sich nicht über mich beim Herrn Landammann beſchweren.“ „Das kann ich Euch um ſo eher verſprechen, als ich ſchon längſt vergeſſen habe, was Ihr mir angethan haben wollt. Seid ohne Sorge— meinetwegen ſollt Ihr nicht von Amt und Brot!“ Der Weibel blickte in das ruhig lächelnde Geſicht des Profeſſors— dann ging er kopfſchüttelnd und er⸗ ſtaunt fort. Er, deſſen kleine Seele nur Raum hatte für die Erinnerung des vermeintlichen Böſen, das man ihm angethan, begriff nicht, wie der Profeſſor eine Unbill vergeſſen haben könne, und hielt ihn für falſch. Erſt die nächſten Tage und das unveränderte Benehmen des Landammannes beruhigten ihn all⸗ mählich. Der Profeſſor kleidete ſich um und ging nach dem Regierungsgebäude, um den Landammann abzuholen. Er traf dieſen ſchon bereit, und es kam ihm vor, als ob ihm Maxer mit einem ganz eigenthümlich freu⸗ digen Ernſt ins Geſicht ſchaue und ihm wärmer und länger als ſonſt die Hand drücke. Schweigend gingen die beiden Männer durch die Anlagen, welche ſich bereits mit einzelnen rothen Blättern ſchmückten. Der Landammann und der Profeſſor trafen den Rektor und die Profeſſoren bereits in dem großen Saale verſammelt, zum Theil mit verlegenen und ängſtlichen, andere mit trotzigen und gefaßten Geſichtern, alle aber mit ſehr erwartungsvollen Mienen. Der alte Rektor zitterte vor Aufregung. Die Schüler waren noch in ihren Klaſſenzimmern. Der Landammann grüßte freundlich und begann: „Meine Herren! Als wir das letzte Mal ſchieden, kündigte ich Ihnen eine Unterſuchung an über die Ur⸗ ſachen, welche die Störung der Vorſtellung eines neuen Lehrers herbeigeführt haben. In der Zwiſchenzeit ſind 233 große Ereigniſſe eingetreten, ſowol draußen in der Welt, als in unſerm kleinen Gemeinweſen. Ich habe bis jetzt noch keine Muße für meinen Vortrag an den Regierungsrath gefunden, meine Kollegen hätten auch keine Zeit gehabt, mich anzuhören. Meine Herren, der Friede iſt wieder eingezogen in die Welt, und wie ich hoffe, auch in unſern Kanton— laſſen Sie uns auch Frieden machen. Sie handelten unter dem Einfluſſe einer bewegten Zeit, vielleicht gaben Ihnen einzelne meiner Handlungen ſogar das Recht zur Kritik. Laſſen Sie uns Frieden machen, meine Herren! Wenn Sie es nicht ausdrücklich verlangen, werde ich jene ange⸗ kündigte Unterſuchung fallen laſſen, und Ihre Vor⸗ leſungen können morgen wieder beginnen!“ Der Landammann ſtreckte mit herzgewinnendem Lächeln die Hand aus. Thränen in den Augen ergriff ſie der alte Rektor mit der zitternden Rechten. Mit unverkennbarer Rührung kamen auch die Profeſſoren einer nach dem andern, um den Händedruck des Land⸗ ammanns zu erwidern. „Und nun noch eins“, begann der Landammann wieder und ergriff die Hand des Profeſſor Hermann: „Zum zweiten Male ſtelle ich Ihnen in dieſem Herrn meinen Freund und Ihren künftigen Kollegen vor. Nehmen Sie ihn freundlicher auf als das erſte Mal. Sie haben nie erfahren, wie herb es iſt, für ſeine beſten Ueberzeugungen das Brot der Verbannung zu eſſen. Doppelt bitter muß es ſein, ſich von denen zurückgewieſen zu ſehen, deren Gaſtfreundſchaft man angeſprochen hat.“ Wie vorhin zum Landammann, drängten ſich die Lehrer jetzt zu ihrem neuen Kollegen. „So, jetzt erlauben Sie, daß die Schüler eintreten, Herr Rektor“, ſagte der Landammann. Einer der Lehrer eilte hinaus, und bald füllte ſich der Saal mit ſämmtlichen Schülern. Auch unter dieſen herrſchten die erwartungsvollen und ängſtlichen Mienen vor; die Kleineren hatten nach langen Ferien ihren Frevel nur noch unklar im Gedächtniß. „Die Jugend hat das Recht“, begann der Land⸗ ammann, während keiner zu huſten wagte,„ſich ſchneller hinreißen zu laſſen durch das Gute wie durch das Schlimme. Ihr habt das Schlimme hinter Euch— man hat es Euch vergeben— ſeid nun eben ſo raſch im Guten, in Zuneigung und Gehorſam gegen dieſen Euren neuen Lehrer.“ Der Landammann verneigte ſich gegen die Pro⸗ feſſoren und ging. Der Profeſſor verſparte ſich ſeine Anrede an die Schüler auf die erſten Vorleſungen und folgte ſeinem Freunde. ———— In den Anlagen trafen ſie zuſammen. „Ich muß zu meinen Schweſtern auf die Falken⸗ burg— wollen Sie mich begleiten?“ Der Landammann ſah ſeinen Begleiter durch⸗ dringend aber freundlich an. Der Profeſſor gerieth in Verlegenheit. „Sie gehen auf die Falkenburg? Sind Sie denn mit Ihrem Schwager ausgeſöhnt?“ „Wie man's ſo nimmt! Die Sorge für die Zu⸗ kunft meiner Schweſtern macht mehrere Arrangements nöthig, zu denen ihm die leidige Politik noch immer keine Zeit läßt. Er iſt nicht thöricht genug, meine ordnende Hand zurückzuweiſen. So haben wir denn eine Art Waffenruhe geſchloſſen bis zum Wahltage. Uebrigens iſt er faſt ſtets in ſeinem Arbeitszimmer einge⸗ ſchloſſen und wir kommen einander wenig zu Geſicht. Doch ich wiederhole meine Frage: Gehen Sie mit? Frau Wenggy fragt immer nach Ihnen...“ „Frau Wenggy kennt recht wol die Gründe, welche mich von der Falkenburg fern halten“, ſtotterte der Profeſſor. Der Landammann legte ihm ſcherzend die Hand auf die Schulter: „Auch ich kenne ſie, wenn Sie Bertha und mir dieſe kleine Indiscretion verzeihen wollen. Ich kenne —;—;⸗———————ᷣ::öy-ö-ꝛʒ— — 5—— 236 Ihr Verhältniß zu Hedwig und freue mich darüber. Ohne Redensart— auf das herzlichſte.“ „Dieſe Verbindung war mein theuerſter Wunſch!“ ſagte der Profeſſor traurig. „War? Ift ſie's denn nicht mehr?“ rief der Land⸗ ammann.„Wir haben ja jetzt Frieden auf Erden! Noch ein Wahltag, und er wird auch für lange Zeit im Kanton herrſchen. Dann wird auch Hedwig mit ihren romantiſchen Einfällen, die übrigens einem Herzen rein wie Gold entſpringen, klein beigeben. Wollen Sie nicht mit mir kommen und einmal nachſehen, wie es um das Mädchen ſteht?“ „Ich will es!“ ſagte der Profeſſor, fortgeriſſen von der Munterkeit des Landammanns, und ſtieg mit dieſem zur Falkenburg hinan. Heller Sonnenglanz lag auf dem See und ſeinen Ufern; auf das Grün des Gartens der Falkenburg hatte der Herbſt ſeine erſten bunten Grüße geſtreut. Im Garten war es auch, wo Frau Bertha ihren Bruder erwartete. Das einſt ſo heitere und lebens⸗ frohe Weib war faſt zur Matrone geworden, ſeit der Profeſſor ſie nicht mehr geſehen. Sie verſuchte ein Lächeln, als ſie den Profeſſor an der Seite des Land⸗ ammanns auf ſie zukommen ſah, aber es mißlang ihr vollſtändig, und die Falten, welche ſich um ihren ab⸗ —— 8 ——————2 —— 237 gehärmten Mund zogen, bildeten einen traurigen Kon⸗ traſt zu dem manchmal ſo heiteren Geſichtsausdruck von ehemals. „Willkommen auf der Falkenburg!“ ſagte Frau Bertha und reichte dem Profeſſor die Hand;„ich werde Sie wol nicht mehr oft begrüßen können hier oben — ſeit Sie Abſchied nahmen, hat ſich vieles ver⸗ ändert.“ „Was ſagſt Du?“ rief der Landammann,„alſo nimmt der Schwager meine wohlgemeinten Vorſchläge nicht an?“ „Er weiſt ſie zurück“, ſagte Frau Bertha,„und mit einer Energie, die ich dem kranken gebrochenen Manne nicht mehr zugetraut hätte. Er läßt Dir viel⸗ mals danken für Dein Anerbieten, unſere Verbindlich⸗ keiten gegen die Aktionäre der Volksbank zu übernehmen und uns ſo den Beſitz der Falkenburg zu ſichern— aber er ſagt, er könne dieſe Hilfe nicht annehmen von einem Manne, der ſein Anſehen im Volke auf das heftigſte angegriffen habe— es müßte ihm das den Reſt der Sympathieen nehmen, die er als charakter⸗ feſter Politiker noch im Volke beſitze. Das ſagt er, nachdem er mit Kleinert und Sauter geſprochen— eine Stunde vorher war er durch das Anerbieten ſehr überraſcht und weich geſtimmt und nannte Dich den 4 238 beſten Menſchen unter der Sonne. Kleinert und Sau⸗ ter müſſen ihm eingeredet haben, das von Dir ange⸗ botene Geld komme von der Reaktionspartei; durch die Annahme werde er ſich beim Volke diskreditiren und 8 nach und nach ſolle er der Rückſchrittspartei dienſtbar gemacht werden.“ Der Landammann runzelte die Stirne und ſtampfte mit dem Fuße leicht auf den Boden. „Dieſe Schurken!“ murmelte er, dann wandte er ſich wieder an ſeine Schweſter.„Und haſt Du ihm nicht erwidert, daß es ſich nicht allein um ihn und ſeine politiſche Eitelkeit, ſondern um Deiner und Deiner Kinder Heimat handle?“ „Gewiß“, ſagte Frau Bertha mit geſenkten Augen —„da wurde er aber furchtbar aufgeregt und ſchul⸗ digte mich an, daß ich aus Furcht vor der Veränderung unſerer Lage ſeinen ehrlichen Namen an ſeine Feinde verkaufen wolle. Furcht iſt's“, rief er,„nicht Mitleid,. was ihnen den Geldſäckel öffnet. So lange der Fried⸗ 4 rich Wenggy nicht todt iſt— werden ſie nicht ruhig 3 auf ihren Stühlen. Er ließ mir die Wah!, nicht mehr von der Angelegenheit zu ſprechen und ruhig mit ihm eine beſcheidene Miethwohnung in der Stadt zu be⸗ ziehen, oder mein Schickſal von ſeinem abwärts rollen⸗ den Lebenswagen zu trennen und durch des Herrn — 239 Landammanns Gnaden allein auf der Falkenburg zu bleiben.“ „Der Verblendete! Und Du— was haſt Du beſchloſſen?“ Frau Bertha ſah dem Bruder erſtaunt ins Geſicht: „Und das kannſt Du mich fragen, Bruder? Mein Platz iſt an der Seite meines Mannes, und jetzt dop⸗ pelt, da er im Unglück iſt. Jetzt, wo das Unheil da iſt, fragt man nicht, wer es verſchuldet hat, man trägt gemeinſam, was einem Gott auferlegt hat. Wenn Du mir einen Gefallen erweiſen willſt, Bruder, in meiner Trauer, ſo laß die Falkenburg, wo wir ſo glücklich geweſen ſind, nicht in fremde Hände übergehen.“ Frau Bertha hatte Mühe, ihre Thränen zurückzu⸗ halten, und ihre Stimme bebte. Auch der Landammann war ſehr niedergeſchlagen. „Auf dieſe Halsſtarrigkeit war ich in der That nicht gefaßt. Ich glaubte alles in Ordnung und habe ſogar unſerm Freunde Hoffnungen gemacht. Wie ſteht's mit Hedwig?“ „Wir ſprechen nie von dem Herrn Profeſſor— gewiß iſt es, daß ſie leidet, nur weiß ich nicht, wie viel von ihrer Traurigkeit durch das Unglück meines Mannes und den Gedanken hervorgerufen iſt, daß wir von der Falkenburg weg müſſen.“ 240 „Es iſt ein Wahnfinn, auch noch ihr junges war⸗ mes Herz an den hohlen Einbildungen dahinſiechen zu laſſen, an denen bereits ſo viel zu Grunde gegangen iſt.“ „Es iſt wahr, das iſt traurig!“ ſagte Frau Bertha ſchwermüthig ſinnend.—„Und doch iſt es mir, als kommen die Gedanken Hedwigs aus guter Quelle — als ſei das, was ſie fühlt, ſchön und groß, als verſtände ſie meinen Mann von Grund der Seele aus, während ich ihn nur lieb hab'.— Und dann kann ich es ihr nicht übel nehmen, wenn ſie auf ihr eigenes Glück verzichtet, um Wenggy nicht zu betrüben!“ Der Profeſſor hatte nachdenklich dem Geſpräch der Geſchwiſter gelauſcht. Der Platz, wo Hedwig gewöhn⸗ lich ſaß und auf den See hinabſchaute, war an der Stelle, wo er ſtand, ſeinem Auge durch Gebüſch ver⸗ borgen. Doch glaubte er hie und da, wenn der Wind ſtrich, einzelne Töne eines leiſen Geſangs zu vernehmen. Er ließ den Landammann und ſeine Schweſter allein und wandte ſich nach der wohlbekannten Stelle. Immer deutlicher wurden die Töne des Liedes. Es war die ſchwermüthige Melodie, die er ſchon ein⸗ mal gehört. Wie damals, ſaß Hedwig auf den Stufen der Treppe, hatte die Köpfe der neben ihr knieenden Nichten an der Bruſt und ſang: — 241 „Ich wollt', ich wär begraben, Tief in dem ſtillen See.“ „Nein, Hedwig, Du ſollſt leben— für mich!“ rief der Profeſſor, durch das Wiederſehen überwältigt, und ließ ſich auf die Stufe nieder, von der Anneli erſchreckt aufgeſprungen war. Mit ſcheuen Zlicken ſchlichen ſich die Kinder fort. Hedwig ſchaute dem Profeſſor mit überraſchtem freundlichen Lächeln ins Geſicht und überließ ihm willig die Hand, die er ergriffen hatte. „Gewiß!“ ſagte ſie und neigte ſich zu ihm. „Alſo biſt Du anderen Sinnes geworden und willſt nun mir gehören?“ Hedwig ſchüttelte den Kopf. „Aber die Verhältniſſe ſind ja ganz andere ge⸗ worden. Dein Schwager iſt geſtürzt, ohne mich. Was kann ihm unſere Heirath ſchaden!“ „Sie thut ihm weh! Und er iſt ohnehin unglück⸗ lich genug. Sieh, ich habe es nie begreifen können, wie in der Natur ſich Tod und Leben drängen, wie auf der Stelle, wo eben ein Blümlein geſtorben iſt, gleich wieder ein anderes wachſen kann. Ich kann mein Glück nicht aufbauen auf dem Elend Weng⸗ gys.“. v. Schlägel, Die Volksbeglücker. 16 242 „Hedwig, Du denkſt blos an ihn— Du liebſt mich nicht!“ „O gewiß, gewiß!“ rief Hedwig und ſchlang ihre Arme um Hermanns Hals und barg ihr Geſicht an ſeiner Bruſt—„mehr als mein Leben. Aber ſieh, ich kann nicht meinen Schwager, der mit dieſem Gram im Herzen nicht lang leben kann, die letzten Tage noch mehr verbittern. Er iſt ſo gut und opfert ſich für die ganze Welt, warum ſoll man ihm nicht einmal ein Opfer bringen?“ „Iſt der Nationalrath krank?“ Hedwig fuhr mit der Hand ans Herz. „Da drinnen iſt er todtkrank. Ich ſehe es an 5 ſeinen Augen, ich hör's an ſeiner Stimme.“ 3 „Und wenn er Dir auf dem Todtbette noch ver⸗ bietet, mir anzugehören...“. „Das thut er nicht, da ſchadet es nichts mehr ſeinem Rufe, und er iſt gu. „Leb wol, Hedwig!“ „Biſt Du mir böſe?“ „Wie kann ich!“ ſagte der Profeſſor weich, und küßte ſie auf die Stirne. „Nun?“ fragte der Landammann, als die beiden Männer Seite an Seite zur Stadt hinabſchritten. „Hedwig hält in Folge der letzten erſchütternden ——— 243 Ereigniſſe die Tage des Nationalraths für gezählt und möchte ihn nicht noch mehr niederdrücken.“ „Sonderbar!“ murmelte der Landammann—„zu allen Zeiten hatten die Schwärmer die größte Macht über die Seelen der Weiber.“ 16* Siebzehntes Kapitel. Die Wahlſſchlacht. Im Gegenſatze zu der ſchweren monumentalen Gothik des Domes war die evangeliſche St. Lauren⸗ tiuskirche eine der eleganteſten Schöpfungen moderner Architektur. Zwar war auch ſie im Spitzbogenſtyl er⸗ baut, aber der zierliche Glockenthurm war durchſichtig wie Filigran, die buntfarbigen Ziegel des Daches hatten bei der Erbauung den Ziegeleien des Kantons Gelegenheit zur Entfaltung ihrer größten Kunſtfertig⸗ 3 keit gegeben, und die ſchön behauenen Spitzen und Ornamente ragten ſo keck zum blauen Herbſthimmel 3 empor, als wollten ſie das heitere Gegenſtück bilden zu der großartigen Kuppel des Domes, die ernſt über die Dächer auf die jüngere Schweſter herabſchaute. Dem Aeußeren der Laurentiuskirche entſprach ihr Inne⸗ res. Die Zeit ſeit der Erbauung hatte noch nicht hin⸗ 245 gereicht, die eichenen Betſtühle mit ihrem hellbraunen Schnitzwerk dunkel zu färben. Durch die unbemalten hohen Fenſter fiel der Tag hell und freundlich in die klaren Räume. Kein Prediger aber ſtand heute am Taufſtein oder auf der Kanzel, ſondern die tauſend und aber tauſend Männer, die in der Kirche verſammelt waren, hörten lautlos dem Vortrage des Landammann Maxer zu, der ihnen, als von der Regierung beauftragter Spre⸗ cher, erklärte, daß das Volk des Kantons durch zehn⸗ tauſend Unterſchriften eine Reviſion der beſtehenden Kantonsverfaſſung als nothwendig erklärt habe, und daß die Bürger hier zuſammengekommen ſeien, um die Männer zu bezeichnen, welchen ſie genug Vertrauen ſchenkten, um von ihnen die erſten Vorſchläge betreffs der zu beginnenden Reviſion entgegen zu nehmen. Die Bürger wurden aufgefordert, nach beſter Ueberzeugung den Reviſionsrath zu wählen. Zu gleicher Zeit habe man wie alljährlich die Wahl der Vertreter des Kan⸗ tons im eidgenöſſiſchen Nationalrath vorzunehmen. Ueber dieſen jährlich wiederkehrenden Wahlakt glaube der Redner nichts weiter bemerken zu ſollen— und fordere hiermit diejenigen, welche vor der Abſtimmung noch zu ihren Mitbürgern ſprechen möchten, auf, vor⸗ zutreten... Ruhig hatten die Bürger den Landammann zu Ende gehört, der ſich ſtreng an die Erfüllung ſeiner Pflicht hielt und jede Abſchweifung ſorgfältig vermied. Unter den Bürgern machte die Sachlichkeit, die Achtung vor dem wenn auch mißleiteten Willen der Bürger, welche der Landammann bewies, indem er die Verfaſſungsreviſion als eine beſchloſſene Sache er⸗ klärte, den beſten Eindruck. Ein beifälliges Gemurmel ließ ſich hören. Da entſtand eine Bewegung. Landammann Maxer hatte die improviſirte Rednerbühne verlaſſen und ſich wieder an ſeinen Sitz unter den Kollegen begeben. Nationalrath Wenggy näherte ſich langſam mit etwas ſchleppendem Gange der Rednerbühne, begleitet von dem Poſtdirektor, deſſen Geſicht und Haltung ſeit den letzten Wochen an Unheimlichkeit noch zugenommen hatte. Der Poſtdirektor ſprach, ſo lange er konnte, eifrig in den Nationalrath hinein. Es galt ja heute die letz⸗ ten Anſtrengungen, die endgiltige Entſcheidung in dem ungleichen Kampfe. Endlich ſtand Wenggy oben. Es war ihm ſauer geworden, die wenigen Stufen zu erſteigen, und als er oben war, die einſt ſo mächtigen Augen trüb und matt über die Verſammlung gleiten ließ, während die — — 247 abgeſpannten fahlen Züge hie und da unwillkkürlich zuckten, da mußten ſich ſeine letzten und eifrigſten An⸗ hänger ſagen, daß ihr einſt vergötterter Führer nur mehr der Schatten von ehemals ſei, ein Name von vollem guten Klang, aber weiter nichts als ein Name. Wenggy ſelbſt ſchien das zu fühlen. Ganz gegen ſeine Gewohnheit begann er langſam und mit faſt leiſer Stimme, der ſonſt ſeine Rede ſtets mit einer überraſchenden feurigen Apoſtrophe eingeleitet. „Mitbürger! Vor wenigen Tagen noch hatte ich andere Hoffnungen, als ſie ſich heute bewahrheiten. Von Eurem Vertrauen geehrt, von Eurem Jubelrufe begrüßt, glaubte ich an dem entſcheidenden Tage, der unſer Werk der Freiheit und Befreiung krönen ſoll, die Rednerbühne zu beſteigen. Mitbürger! Euer Schwei⸗ gen, ein Blick in Euer Antlitz ſagt mir, daß die Zei⸗ ten ſich geändert haben, gewaltig geändert.“ Der Na⸗ tionalrath hielt einen Augenblick inne, wie ermattet; dann fuhr er mit kräftigerer Stimme fort. Auch ſeine Wangen hatten ſich wieder etwas geröthet, ſein Auge belebt, ſeine Geſtalt richtete ſich auf. „Mitbürger! ich verſtehe dieſe Zeit nicht mehr. Ich verſtehe es nicht, wie ein kleines zufälliges Ereig⸗ niß, die Schlechtigkeit eines einzigen Menſchen, wie die Abnahme der äußerſten Noth überzeugungsvolle Men⸗ ſchen, charakterfeſte Bürger ſogleich dahin bringen kann, Prinzipien abzuſchwören, die ſie noch vor Wochen mit flammender Begeiſterung auf ihre Standarte geſchrie⸗ ben. Ja ich komme mir vor wie ein Soldat, der von allen ſeinen Kameraden verlaſſen, auf ſeinem Poſten ausharrt, allein die Fetzen der zerriſſenen Fahne in der Hand, zu der einſt alle geſchworen. Der Feind wälzt ſich in gewaltigen Maſſen heran, der Fahnen⸗ träger ſieht, daß er fallen muß, aber er ſchwingt noch einmal das Banner, daß es hoch durch Lüfte weht— und fällt. Mitbürger! Das Banner der Menſchen⸗ würde und der Volksrechte, Ihr habt es mir anver⸗ traut, Ihr habt es einſt mit mir hochgehalten— Ihr habt mich verlaſſen, Ruhe und Verleumdung haben Euch fahnenflüchtig gemacht und eingeſchläfert.— Mit⸗ bürger, Mitkämpfer— ich habe mich meiner Pflichten nicht ledig erklärt, ich habe das verlaſſene Banner nicht feig von mir geworfen, nicht nur an mich ge⸗ dacht und an mein eigenes Heil! Nein, dieſes Banner, ich halte es noch hoch und werde es immer hoch hal⸗ ten, ſelbſt mit ſterbenden Händen. Das angefangene herrliche Werk der Befreiung von Beamtendruck und Herrenwillkür, wenn Ihr es verlaßt, ich, Euer Wenggy, werde es ſtützen mit den Händen eines einzigen Mannes und mit meinem letzten Athemzuge werde ich —— — ————— — —————. 249 ausrufen: Hoch die Reviſion! Hoch die Volks⸗ rechte!“ Die Stimme Wenggys war zu einer Stärke an⸗ geſchwollen wie in ſeinen beſten Tagen. Schon längſt hatte die Verſammlung mit athemloſer Spannung ge⸗ lauſcht, und als er jetzt inne hielt, brach es wie ein Sturm rings umher los:„Hoch Wenggy! Wenggy für immer!“ Ueber das Geſicht des Nationalraths ſtrahlte ein ſeliges Lächeln. Es liegt ein eigenthümlicher Reiz in der Macht über die Gemüther des Volkes. Trium⸗ phirend ſchaute er nach den Regierungsräthen. Un⸗ ſicher am Geländer der Treppe taſtend, trat er dann von der Bühne, wo ſich die Mitglieder des Tellver⸗ eines, an ihrer Spitze der Polizeikommiſſär, drängten, ihm beglückwünſchend die Hand zu drücken... Ein Lächeln ingrimmiger Freude ſchimmerte über das Geſicht des Poſtdirektors, als er auf die Redner⸗ bühne ſtieg. Er hielt einen offenen Brief in der Hand, den er, auf der Tribüne angelangt, hoch in die Luft hielt. „Eidgenoſſen! Kantonsbürger!“ rief er mit ſeiner ſchneidenden Stimme.„Euer Jubel beweiſt mir, daß Ihr entſchieden habt. Aber, um Euch zu zeigen, welche Mittel von der Reaktion angewendet worden ſind, um ſich am Ruder zu erhalten, diene dieſer Brief des ehe⸗ maligen Direktors der Volksbank aus Amerika, wo er ſich gegenwärtig befindet. Der ehemalige Direktor er⸗ bietet ſich, uns die Beweiſe zu liefern, daß die Idee des Kaſſendiebſtahls von einem der Herren Regierungs⸗ räthe angeregt worden, und daß ihm dieſer ſogar zur Flucht allen möglichen Vorſchub geleiſtet habe. Der Regierungsrath iſt Landammann Maxer.“ Einige Ausrufe der Ueberraſchung, dann folgte ein dumpfes Schweigen. Die Anklage war ſo außer⸗ ordentlich, daß die Bürger einige Minuten ohne jede Urtheilsfähigkeit betroffen daſtanden. Das erſchreckte Geſicht, das Wenggy nach dem Freunde umwendete, bewies, daß ihm derſelbe von dieſem Schritte vorher nichts mitgetheilt. Kleinert beobachtete unruhig die Wirkungen dieſes, wie er geglaubt hatte, letzten Schlages, den er den Gegnern verſetzt hatte. Alles jedoch blieb ſtumm. Der Poſtdirektor wurde dunkelroth im Geſicht, ihm war es, als habe er weit über ſein Ziel hinausgetroffen. Landammann Marxer hatte bei der Beſchuldigung flüchtig aufgeſchaut, dann mit dem ihm zunächſt ſitzen⸗ den Kollegen weiter geplaudert. Jetzt erhob er ſich und ſprach vom Platze aus: „Im Auftrage des Vorſtandes des Juſtizdeparte⸗ & & 251 ments mache ich der Verſammlung die Anzeige, daß gegen den Poſtdirektor Kleinert auf Anklage eines ſei⸗ ner Untergebenen hin Unterſuchung eingeleitet werden muß wegen Amtsmißbrauch. Poſtdirektor Kleinert iſt beſchuldigt, mehrere zur Verfolgung des entflohenen Leiters der Volksbank von den Behörden abgeſandte Telegramme durch Beſtechung ſeiner Untergebenen un⸗ terdrückt zu haben. Da dies ein ſchweres Verbrechen iſt und die Anklage gegen den hochgeſtellten Beamten eine ſehr begründete ſcheint, ſo hat das Juſtizdeparte⸗ ment die ſofortige Verhaftung des Beſchuldigten an⸗ geordnet und fordert den anweſenden Polizeikommiſſär auf, derſelben ſofort Folge zu geben. Die Anweſenden werden nicht verlangen, daß ich hiernach auf die von meinem Vorredner vorgewieſene Korreſpondenz mit dem entflohenen Verbrecher und auf ſeine Behauptungen noch des weiteren eingehe.“ Bei der gegen ihn geſchleuderten Anklage war das Antlitz des Poſtdirektors leichenfahl geworden, und er ſchloß einen Moment die Augen, als ſei ein Blitz vor ihm in die Erde gefahren. Dann blieb er wie bewußt⸗ los ſtehen. Ebenfalls leichenblaß beſtieg der Polizeikommiſſär die Rednerbühne und legte ſeinem Gönner die Hand auf die Schulter. 252 „Im Namen des Geſetzes verhafte ich Sie.“ Der Nationalrath hatte auf das alles wie auf ein wüſtes fremdartiges Schauſpiel geſchaut mit ſtarren Augen und weitoffenem Munde— und als ſich jetzt der Poſtdirektor, mit dem ihm eigenthümlichen raſchen Urtheil fühlend, daß ſeine Zeit vorbei, durch die Menge führen ließ, ſtreckte er die Hände aus, als gelte es, einen böſen Geiſt zu beſchwören. Dann brach er zu⸗ ſammen und wurde von ſeinen Freunden ins Freie ge⸗ bracht. Ernſt und ſchweigſam ging die Wahl des Revi⸗ ſions⸗ und Nationalraths vor ſich. Für den Reviſions⸗ rath wurden ſämmtliche Glieder des Regierungsrathes gewählt— ſtatt des Gerichtsſchreibers Wenggy ging Maxer aus der Urne hervor. Wieder mußte der Schwager Wenggys reden. Auch ſein Geſicht war bleich und es koſtete ihn ſichtbar große Anſtrengung, ſeine Pflichten als Leiter der Ver⸗ ſammlung zu erfüllen. „Weiches auch die Mittel und Umſtände waren, die den Wunſch nach einer Reviſion der beſtehenden Verfaſſung wachgerufen, es liegt nicht in unſerer Ab⸗ ſicht, unſere Wahl in den Reviſionsrath als ein Fallen⸗ laſſen der ganzen Angelegenheit zu betrachten. Im Gegentheil werden wir die uns übertragene Prüfung — — 253 der Verfaſſung mit dem tiefſten Ernſte und alle Er⸗ forderniſſe der Zeit berückſichtigend vornehmen, aber wir werden auch nicht an erprobtem Alten rütteln, ſo lange wir nicht überzeugt ſind, wirklich Beſſeres an deſſen Stelle ſetzen zu können. Indem ich alſo meinen Mitbürgern für das mir bewieſene Vertrauen danke und die Wahl in den Reviſionsrath annehme, muß ich die Er⸗ nennung zum Nationalrath eben ſo entſchieden als dank⸗ bar ablehnen— da es mir ſchwer würde, den Kanton nach innen und nach außen gleich würdig zu vertreten.“ Einige ſchwache Beifallsrufe wurden laut. Ob⸗ wol er ſie verſchwieg, ahnte man die Gründe, welche den Landammann zur Ablehnung des Nationalraths⸗ poſtens veranlaßten. Ein Redner beſtieg die Bühne, der ſich für die Vertagung der Nationalrathswahl ausſprach. Die Verſammlung gab durch lauten Zuruf ihre Billigung des Vorſchlages zu erkennen. Landammann Maxer ſchloß die Verſammlung, und ernſt ſchritten die Regierungsräthe von dannen. Ernſter als alle andern war Maxer ſelbſt. Alles war nun entſchieden— er war Sieger— aber er konnte ſich deſſen nicht freuen. Er kam ſich vor wie der Scharfrichter im Dienſte der Ordnung und des Geſetzes. Achtzehntes Kapitel. Zwei Briefe. Wieder ſaß der Profeſſor Hermann in ſeinem be⸗ haglichen Zimmer und ſchaute hinaus auf den See. Die erſten Herbſtwinde trieben ihr Spiel mit den Wel⸗ len, die Ruderkähne tanzten wie Nußſchalen darauf herum, die Segelboote flogen mit halbgerefften Segeln vor dem Winde und ſelbſt die Dampfer arbeiteten ſich mühſam ſtampfend über den bewegten weiß und dunkel⸗ grün ſchimmernden Plan. Durch die Feuchtigkeit der Luft erſchienen die Berge des Oberlandes ganz nahe herbeigerückt, man unterſchied jede Kluft, jedes Schnee⸗ feld, und die Dörfer und Städtlein am Geſtade des Sees glänzten heller und freundlicher als je. Auch die Roſeninſel ſah man von hier aus, aber ſie ſchim⸗ merte nicht mehr dunkelgrün aus dem helleren See, ſondern ihr Laub hatte ſich gefärbt und wie rieſige 255 gelbe und rothe Roſen leuchteten die herbſtlichen Laub⸗ maſſen herüber. Da brachte der Poſtbote zwei Schreiben. Der Profeſſor betrachtete ſie und wurde blaß vor Erregung. Der größere Brief trug den Poſtſtempel der Stadt, wo er zuletzt als Lehrer gewirkt, das Siegel war das Rektoratsſiegel der Anſtalt, der er noch vor wenigen Monaten angehört. Da fiel ſein Blick auf den klei⸗ neren zierlicheren Brief. Ihn öffnete er zuerſt. Er hatte die Hand des Freundes und Zöglings, des Gra⸗ fen Wolfsegg erkannt. „Theurer Freund, verehrter Lehrer!“ ſchrieb die⸗ ſer.„Der Krieg iſt aus, wir haben, ſo Gott will, mit unſern Schwertern den Weg geebnet für ein kräf⸗ tigeres Leben in Deutſchland. Ich war perſönlich ſehr glücklich, und wenn ich auch den Tod manches lieben. Freundes und wackeren Kameraden betrauere, ſo bin ich ſelbſt doch über Gebühr ausgezeichnet und befördert worden. Auch meine Schweſter hat an dem böhmi⸗ ſchen Feldzuge rühmlichſt Theil genommen als Pfle⸗ gerin der Verwundeten, dem Tode in jeder Geſtalt ins Auge geſehen und beſcheidener als ich jede Belohnung zurückgewieſen. Wir ſitzen jetzt wieder alle fröhlich zuſam⸗ men auf Tarn, ich würde Dich einladen, hieher zu kommen, aber erſtens habe ich in den Zeitungen ge⸗ 256 leſen, daß Du wieder eine Anſtellung angenommen habeſt, die Dir ſchwerlich Zeit laſſen wird, zu uns zu kommen und dann iſt meine Schweſter in ihren alten Tagen, ſie iſt jetzt doch ſchon über dreißig, von ſo wunderlichen Launen und Stimmungen befallen, daß ich nicht weiß, ob ich nicht einen oder den anderen Morgen verreiſen muß, um irgend einen nebelhaften Jugendgeliebten aufzuſuchen, in den ſie ſeit zehn Jahren, (denke dir die Zeit!) ganz erſchrecklich verliebt zu ſein behauptet. Sie erzählte mir da eine ganz rührende Geſchichte von einem jungen ſchweizeriſchen Beamten, den ſie auf ihren Reiſen kennen gelernt, von romanti⸗ ſchen Seefahrten, von Verleumdungen, von herzbre⸗ chendem Abſchied und falſchen Todesnachrichten; mir wirbelt jetzt noch der Kopf davon. Wenn meine Schweſter nicht ſonſt ſo vernünftig wäre, würde ich das Ganze für Einbildung halten, aber gerade weil ſie ſo vernünftig iſt, kann ich dieſe Thorheit um ſo weniger begreifen. Alſo, Freund, um was ich Dich bitten möchte, löſe meine Zweifel über den Seelenzu⸗ ſtand meiner Schweſter, indem Du mir mittheilſt, ob es in... vor zehn Jahren einen jungen Mann Na⸗ mens Maxer gegeben hat, der dem Prieſterſtande ent⸗ ſagte und im Staatsdienſte angeſtellt wurde. Schreibe mir,(wohlgemerkt, meine Schweſter weiß nichts davon,) 1. —,,—““—, ———— 257 was für ein Mann der Herr iſt, Du weißt ſchon, welche Eigenſchaften ich beſonders hochſchätze, und vor allem, ob er noch lebt und unverheirathet iſt. Wenn ich meiner Schweſter die Erinnerung an einen Todten auch geſtatten wollte, die Schwärmerei für einen Fa⸗ milienvater von vielleicht zehn Kindern könnte ich ihr nicht erlauben. Alſo ſei gegrüßt und ſchreibe mir recht bald. Dein getreuer Wolfsegg.“ „Unter überſprudelnder Lebensluſt das wärmſte Herz!“ murmelte der Profeſſor und legte den Brief bei Seite. Dann öffnete er das große Schreiben mit dem Amtsſiegel. Sein einſtiger Rektor theilte ihm eine Regierungs⸗ verordnung mit, gemäß welcher in Ausführung der Beſtimmungen des Friedensvertrages alle während des Krieges eingeleiteten Unterſuchungen wegen politiſcher Vergehen oder Verbrechen niedergeſchlagen und alle aus ihren Aemtern entfernten Beamten in ihre früheren Funktionen und Bezüge wieder eingeſetzt ſeien. Lange ſchaute der Profeſſor auf das Blatt, das ihm im trockenen Kanzleiſtyl verkündete, daß er wieder ein Vaterland habe. Lange ſchaute er darauf, bis ſich ſeine Augen füllten und Thräne um Thräne langſam über ſeine männlichen Wangen herabrollte. v. Schlägel, Die Volksbeglücker. 17 258 Da pochte es wieder. Der Landammann trat ein. Er war ſehr ernſt, ward aber doch überraſcht, als er die Rührung des Profeſſors bemerkte. „Haben Sie ſchon davon gehört?“ „Wovon?“ „Poſtdirektor Kleinert hat ſich heute Nacht im Gefängniß St. Joſeph in ſeiner Zelle erhängt. Damit iſt auch jede Aufklärung, in wie weit er ſich mit dem Bankdirektor eingelaſſen, vielleicht für immer vereitelt. Doch das iſt nicht, was mich am meiſten bedrückt. Mein Schwager Wenggy liegt von den Aerzten aufge⸗ geben hoffnungslos darnieder. Er leidet an einer allge⸗ meinen Nervenermüdung, welche er in letzter Zeit nur durch immer ſich ſteigernde Aufregungen überwunden. Der Rückſchlag nach den letzten Ereigniſſen war um ſo ge⸗ waltiger, und er iſt nun ganz in ſich zuſammengebrochen. Wenn Sie ihn noch einmal ſehen wollen, ſo iſt es Zeit. Das Herz iſt bereits ſehr in Mitleidenſchaft ge⸗ zogen, und eine allgemeine Lähmung kann jeden Augen⸗ blick eintreten.“ „Und— und wie trägt Frau Bertha ihr Unglück?“ „Würdig und gefaßt, wie alles im Leben. Sie fühlt es aber darum nicht minder tief, denn ſie liebt den guten mißbrauchten Wenggy über alles.“ „Und Hedwig?“ fragte der Profeſſor zögernd. 259 „Sie faßt die Sache in ihrer eigenthümlichen Weiſe auf. Sie iſt ruhig und ihre Trauer hat einen faſt verklärten Ausdruck. Sie hatte wie Sie ja ſelbſt wiſſen, ſchon vor einigen Tagen mit einer Art wahl⸗ verwandter Ahnung vorhergeſagt, daß Wenggy nicht lange mehr leben könne— obwol er und ſie eigent⸗ lich nicht viel mitſammen verkehrten, denn Wenggy hatte keine Zeit, ſich um das Kind zu kümmern, ſo ſtehen ihre beiden idealen Naturen ſich doch ſehr nahe Hoffentlich wird Hedwig, wenn die Trauer um den Schwager vorüber iſt, auch dem Leben und der Liebe ihr Recht gönnen... Wollen Sie mich zur Falken⸗ burg begleiten?“ „Gewiß— vorher erlauben Sie mir jedoch, Ihnen dieſen Brief vorzulegen, den ich ſoeben empfange. Er iſt von Angelikas Bruder.“ Mit Haſt griff der Landammann darnach und las ihn. Allmählig verklärte ſich ſein umdüſtertes Geſicht zu milder Freude. „So reichen Glück und Trauer einander die Hände!“ ſagte er.„Ich danke Ihnen. Wenn Sie mir erlauben, werde ich Angelikas Bruder die Aufſchlüſſe über mich geben, welche er zu erhalten wünſcht. Ich traue Ihnen nicht allzuviel Unparteilichkeit zu. Erlauben Sie?“ fragte der Landammann und machte Miene, den Brief einzuſtecken⸗ 17* 260 „Ich wollte Sie darum bitten.“. „Und darf ich nach dem Grunde Ihrer Bewegung fragen, als ich eintrat?“ „Gewiß“, ſagte der Profeſſor, und ſeine Stimme ward von Neuem bewegt, als er dem Freunde das Schreiben ſeines Rektors reichte—„wie Sie ſagen, Trauer und Freude reichen einander die Hände: Ich habe wieder ein Vaterland.“ Der Landammann las die Schrift. Dann reichte er dem Profeſſor die Hand. „An Ihrer Rührung in dieſem Augenblicke erkenne ich, was Sie unter all' den Widerwärtigkeiten gelitten haben müſſen, die wir nicht von Ihnen abwenden konnten. Wir verlieren viel an Ihnen— aber es iſt gut ſo.“ Neunzehntes Kapitel. Als der Landammann und der Profeſſor durch das Gartenthor der Falkenburg traten, waren ſie aufs höchſte überraſcht, daß Anneli und Kläreli ihnen weinend aber mit der Nachricht entgegenkamen, der Vater ſei im Garten. Einige Schritte weiter trafen ſie Frau Bertha, mit ruhigem aber furchtbar bleichem Geſicht, welche ſie dahin aufklärte, daß Wenggy in vollem Bewußtſein, es gehe mit ihm zu Ende, den herrlichen Tag im Freien zubringen wolle. Der Arzt hatte erklärt, daß das dem ganzen Zuſtande des Kranken nicht mehr viel ſchaden, das augenblickliche Befinden des Nationalraths aber an⸗ genehmer machen könne. Man hatte Wenggy daher in einem großen Lehnſtuhl, wohlgeſchützt gegen jeden Zug⸗ wind, in den Garten getragen, dorthin, wo die ſchon 262 ſchwächere Nachmittagſonne am wärmſten ſchien und wo man den freieſten Blick hatte auf die Stadt, den See und das Gebirge. Da ſaß nun der Nationalrath mit blutloſem Angeſicht, die trüben Augen manchmal müh⸗ ſam öffnend und mit verſchleiertem Blick hinausſchau⸗ end auf das herrliche Land zu ſeinen Füßen. Oft fielen ſeine Augen wieder zu und er ſchien in tiefen Schlaf zu ſinken und manches im Traume vor ſich hin⸗ zumurmeln. Dann wieder ſchoß eine jähe Röthe in ſeine Wangen. Er athmete raſch wie in äußerſter Seelenangſt und öffnete groß und ſtarr die Augen, während die zitternden Hände ſich bemühten, empor nach dem Herzen zu gelangen. Hedwig kauerte daneben auf einem niedrigen Gar⸗ tenſchemel, von Zeit zu Zeit aufmerkſam in das Geſicht des Schwerkranken ſchauend, dann wieder hinausblickend auf die bunte grüne ſonnenbeglänzte Welt. Manchmal auch flößte ſie dem Kranken mit der ihr eignen Zart⸗ heit einen Löffel voll Aether ein. Die Augen des Nationalraths blieben dann wol einen Augenblik auf ihr ruhen, und über ſein Geſicht, obwohl es unbeweglich war, glänzte es wie der Schim⸗ mer eines Lächelns. Als der Landammann und der Profeſſor näher kamen, hatte Wenggy die Augen geſchloſſen und ſchien zu 263 ſchlummernz Hedwig blickte auf die Ankömmlinge, als ſeien ſie ſchon lange da, und reichte dem Profeſſor mit traurig⸗freundlicher Unbefangenheit die Hand. Dem Händedruck ihres Bruders erwiderte ſie ſchüchtern und verlegen. Es war zum erſten Male, daß der Profeſſor die beiden Geſchwiſter einander gegenüber ſah. Es war ihm, als werde die ſcheue träumeriſche Seele Hedwigs angefröſtelt von der klaren verſtändigen Ruhe, welche in dem Weſen des Landammanns lag. Frau Bertha, die ihnen gefolgt war, mußte ſich abwenden, um einen gewaltſamen Ausbruch des Schmer⸗ zes zurückzuhalten. Nach einiger Zeit öffnete der Nationalrath die Au⸗ gen. Es ſchien ihm Mühe zu machen, die Umſtehenden zu erkennen. Der Profeſſor ſtand ihm zunächſt, und all mählich ſchien mit den Zügen ſeines einſtigen Schütz⸗ lings auch die Erinnerung an alles in ihm emporzu⸗ dämmern, was ſich an deſſen Perſon knüpfte. Seine Blicke belebten ſich mehr und mehr. Unſicher taſtete er mit der Hand, als ſuche er etwas. Endlich hatte er Hedwigs Finger, welche auf der Lehne des Stuhles lagen, erreicht. Er umfaßte ſie. Dann erhob er gegen den Pro⸗ feſſor ſeine Rechte, als ob er ihm die Hand reichen ſolle. Eine hohe Glut ſtieg in die Wangen Hermanns, 264 als er dem deutlich ausgedrückten Wunſche des Nativ⸗ nalraths Folge leiſtend ſeine Hand in die zitternde des Kranken legte. Die Augen des Nationalraths öffneten ſich immer größer und wurden immer glänzender. Hedwig war aufgeſtanden und ließ es ruhig geſchehen, daß der Nationalrath ihre Hand in die des Profeſſors legte. Ihr Geſicht war feierlich ernſt, und wie auf gemeinſamen An⸗ trieb knieten ſie zu beiden Seiten des Sterbenden nieder. Jetzt begann dieſer auch zu reden, anfangs müh⸗ ſam und unverſtändlich, aber immer ſicherer und hör⸗ barer: „Ihr ſeid gut— beide gut— und die Vereinigung des Guten kann nichts Böſes ſchaffen— ich war im Unrecht— ich werde nicht lange mehr leben— ich möchte gut machen.“ Der Landammann trat vor: „Du haſt gefehlt in der beſten Ueberzeugung, Schwager.“ Der Nationalrath, noch immer die Hände der beiden Knieenden haltend, heftete ſeine weitoffenen Augen auf den Landammann. In ſeine Wangen ſchoß jähe Glut: „Gefehlt?“ ſagte er, und ſeine Stimme klang trotz der raſchem Athemzüge laut und verſtändlich. „Ich hatte Unrecht gegen dieſe beiden— ſonſt gegen macht aus kleinlichen Sorgen.“ —,— 265 Niemanden. Ich hatte nicht das Recht, ihr Glück zu hindern um meinetwillen, der Verkünder der Freiheit und der ewigen Menſchenrechte durfte Niemandem Freiheit und Liebe rauben wollen um ſeinetwillen. Das iſt's was ich gut zu machen habe— ſonſt nichts.“ Ein leiſes Schluchzen in der Nähe lenkte die Blicke des Kranken zur Seite. Da ſtand ihrer Be⸗ wegung nicht mächtig Frau Bertha— an ihre Seite* drängten ſich Anneli und Kläreli. Der Nationalrath ließ die Hände der Verlobten aus den ſeinen und ſtreckte die bebende Rechte nach ſeiner Frau aus. Sie näherte ſich ihrem Manne langſam und mit einer Art Ehrfurcht, dann fiel ſie neben dem Stuhle nieder und verbarg ihr Haupt in ſeinen Kiſſen. Die Kinder ſtanden weinend neben ihr. „Erſt jetzt ſehe ich, was Du mir biſt, Wenggy!“ rief Frau Bertha ſchluchzend.„Erſt jetzt erkenne ich ganz Deine großen und edlen Eigenſchaften.— Ver⸗ zeihe mir, wenn ich Dir ſo oft das Leben ſchwer ge⸗ Der Nationalrath taſtete liebkoſend über das Ant⸗ litz der Gattin. Aus ſeinen Augen leuchtete die innigſte Liebe. „Du haſt es gut gemeint, Bertha,“ ſagte er— „Du warſt für Deine Kinder beſorgt wie die Henne für ihre Küchlein— meine Kinder waren das ganze Volk. Der Schwager hat mir jetzt wieder, wie immer geſagt, daß ich gefehlt, wenn auch in der beſten Ueber⸗ zeugung. Er iſt gut, ich glaube es, und auch ehr⸗ lich— aber er glaubt, daß man nur mit der Ruthe in der Hand die Menſchen glücklich machen könne— ich halte die Freiheit für das erſte und höchſte aller Erdengüter.“ Die Freiheit, die Du träumſt, Wenggy, iſt nur denkbar in der Ordnung,“ ertönte die tiefe Stimme des Landammanns.„Und ich verſpreche Dir, daß wir, wenn auch vielleicht nicht ganz ſo weitgehend, wie Du und Deine Freunde, das uns übertragene Reviſionswerk ſo gewiſſenhaft ausführen, als es feurig angebahnt worden iſt.“ „Willſt Du?“ rief Wenggy und erhob die zitternde Hand vom Haupte des Weibes und ſtreckte ſie dem Schwager entgegen, der ſie warm ergriff.„Ich möchte ſo gern mit dem Glauben aus der Welt gehen, daß nicht alles, was ich gehofft und wofür ich gearbeitet und gelitten habe, mit mir aus und zu Ende iſt. Ich möchte glauben, daß mein Volk einmal Meiſter ſeiner eigenen Geſchicke, frei und glücklich ſein wird. Ich möchte nicht ohne dieſen Glauben ſterben.“ 267 „Ich verſpreche Dir, daß ich auf meine Weiſe alles dazu beitragen werde, das Volk des Kantons dieſem ſchönen Ziele näher zu führen.“ „Dann kann ich auch von Dir verſöhnt ſcheiden, Schwager!“ ſagte der Nationalrath, und ein leichter Schauer ſchüttelte ſeinen Körper.„Jetzt zeig' mir nochmal meine Kinder, Bertha— vor meinen Augen wird es immer dunkler. Was iſt das für ein dunkel⸗ rothes Licht?“ fragte der Nationalrath mit ſchwächer werdender Stimme. „Die untergehende Sonne, Wenggy!“ „Ich werde die aufgehende nicht mehr ſehen!“ Wenggy ſah auch bereits nicht mehr die Geſichter ſeiner beiden Töchter, die man ganz nahe an ſeine Augen hob. Dieſe blieben noch eine Zeit lang offen, dann fielen die Lider herab. Müde ſank ſein Haupt auf die Bruſt. Die Abendröthe goß ihr verklärendes Licht aus über das ruhige friedliche Antlitz des Schlafenden. Niemand wagte ihn zu ſtören. Die Schatten der Nacht ſanken herab— der Mond ging auf und leuchtete auf ein geiſterbleiches Geſicht. Da ſchrie Frau Bertha auf und ſtürzte ſich 268 weinend auf ihren Gatten. Das Geſicht war ſtarr, der Mund offen und die Lider hatten ſich halb zu⸗ rückgezogen von den verglaſten Augen. Der National⸗ rath war todt. V ¹ 8— — Zwanzigſtes Kapitel. Neues Leben auf den Gräbern. Seit dem Tode des Nationalraths ſind zwei Tage verfloſſen. Es war Mittag um ein Uhr, und der Landammann eben im Begriff, nach ſchweizeriſcher Sitte ſeinen Trauermantel umzubinden, einen Doppel⸗ kragen von ſchwarzem Zeug, um ſich als Hauptleid⸗ tragender für ſeinen verſtorbenen Schwager in das Trauerhaus zu begeben. Das ernſte, faſt gedrückte Ausſehen des Landam⸗ manns bewies, daß ihm der Tod ſeines Verwandten ſehr nahe ging. Auch hatte er die läſtige Volksbank⸗ angelegenheit zu ordnen gehabt, um ſeiner Schweſter die Falkenburg als ruhigen Wittwenſitz zu ſichern, und die Erfahrungen, die er dabei gemacht, hatten ihn zu⸗ weilen tief erſchüttert. Wenggy hatte alles, was er 270 ſein nannte, rückhaltslos geopfert— diejenigen, welche ihm einſt zugejauchzt, ja ſolche, welche ſich ſeine Freunde genannt— hatten keine Rückſicht für ſeine Wittwe und ſeine Kinder. Baar Geld macht Frieden, hatte der Landammann endlich gedacht, da ein Vergleich nicht zu Stande kom⸗ men wollte, und die Hälfte des eigenen Vermögens dahingegeben, um der Schweſter die Heimat zu retten. An all das dachte er, und er fragte ſich ſelber, ob all dieſe herzloſen kleinlichen Geſchöpfe werth ſeien, daß man für ſie ſterbe, wie Wenggy, für ſie lebe wie er... Da wurde ihm gemeldet, daß Profeſſor Hermann in Begleitung eines anderen Herrn ihn zu ſprechen wünſche. Gleich darauf traten auch die Angemeldeten ein. In der Geſellſchaft des Profeſſors befand ſich ein jünge⸗ rer Mann, deſſen Auftreten und Ausſehen bewieſen, daß er kein Schweizer war.„Herr Landammann“, ſagte der Profeſſor,„ich ſtelle Ihnen hier meinen ein⸗ ſtigen Zögling und jetzigen Freund, den Herrn Ritt⸗ meiſter von Wolfsegg vor—“ Der Landammann ſchaute betroffen auf. „Den Bruder Angelikas“, fügte der Rittmeiſter in der gewinnendſten Weiſe hinzu, indem er ſich vor 4½ ₰ 271 dem Landammann verneigte.„Ich ſchätze mich glück⸗ lich, den Mann kennen zu lernen, den mein Freund und Lehrer ſo hoch verehrt und deſſen Andenken meine Schweſter nun zehn Jahre treu bewahrt hat. Ich würde mit den Herzensgeheimniſſen meiner lieben Schweſter nicht ſo aufrichtig ſein, hätte mir der Herr Profeſſor die Ihrigen nicht ebenfalls mitgetheilt. Erlauben Sie, daß ich Ihnen eben ſo freundlich als achtungsvoll die Hand reiche.“ Der Landammann ergriff mit beiden Händen die ausgeſtreckte Rechte des jungen Mannes. „Und... Angelika?“ ſtieß er hervor. „Iſt hier und erwartet Sie. Wir ſind abgeſandt, Sie zu ihr zu führen.“ Mit dem Feuer eines zwanzigjährigen Jünglings griff der Landammann zu ſeinem Hut. „Kommen Sie, meine Herren, kommen Sie!“ Auf der Straße war er ſeinen Begleitern ſtets um einige Schritte voraus, und die Leute wunderten ſich, als ſie den ſonſt ſo ernſten Landammann mit Trauermantel und dem glücklichſten Geſichte über die Straße eilen ſahen. „Ein prächtiger Mann!“ ſagte der Rittmeiſter zu dem Profeſſor.„Jetzt begreife ich meine Schweſter voll⸗ kommen, was mir bisher nicht recht gelingen wollte.“ 272 Endlich waren ſie vor den Zimmern Angelikas im Hotel angekommen. Beim Erſteigen der Treppen ſchien es, als ob der Landammann plötzlich ſehr müde geworden ſei. Auch vor der Thüre blieb er ſtehen, bis der lebendige Ritt⸗ meiſter dieſelbe öffnete. Da befanden ſich die drei Männer vor einer hohen bleichen ſchönen Dame, welche regungslos in der Mitte des Zimmers ſtand. Jetzt überdeckte ſich das mar⸗ morne Geſicht mit einer glühenden Röthe, die hohe Ge⸗ ſtalt trat einen Schritt vor, daß das ſchwere Seiden⸗ kleid rauſchte, und ſtreckte die Hand aus... Der Landammann beugte ſich in ſprachloſer Be⸗ wegung auf dieſe Hand nieder. Der Rittmeiſter faßte den Profeſſor unter den Arm und zog ihn an das Fenſter. Dort genoß man eine ſchöne Fernſicht über den See. „Alſo auch Du, mein weiberſcheuer Pädagog!“ lachte der Offizier.„Trotzdem ich immer das Gegen⸗ theil gehört, Liebe und Romantik ſcheinen hier in der Luft zu liegen. Ich ſelber ſpüre beim Anblick des Sees eine ſo unnennbare Sehnſucht... Doch, ſage mir, beſter Freund, was hat denn unſer Rath für ein kurioſes Kleidungsſtück am Leibe. Ich hätte faſt laut aufgelacht, als ich es ſah. Tragen ſich hier die Re⸗ 273 gierungsräthe gewöhnlich ſo, und bekommt meine Schwe⸗ ſter etwa ein ähnliches Koſtüm, wenn ſie ſeine Frau wird?“ „Der Landammann trägt den Trauermantel, um ſeinen Schwager zur letzten Ruheſtätte zu begleiten“, ſagte Profeſſor Hermann ernſt.„Ich als Ausländer kann mich dieſer Sitte eher entſchlagen.“ Dann ſah er auf die Uhr. „Es iſt Zeit. Wir müſſen, ſo hart es iſt, den Landammann darauf aufmerkſam machen.“ Es bedurfte deſſen nicht. Ein paar Glockenſchläge, welche dumpf vom Dome der Stadt herüberklangen, ſagten dem Landammann, daß er Abſchied nehmen müſſe. „Verzeih!“ ſagte der Rittmeiſter zu dem Profeſſor, als er ſah, daß der Profeſſor ſeine Luſtigkeit für nicht recht am Platze hielt.„Ich habe den Todten nie ge⸗ kannt. Und wenn man ſo oft mit knapper Noth dem Tode entronnen iſt, wie ich, freut man ſich doppelt des Lebens. Und dann belebt es mich, daß meine ſo ſchwermüthige Angelika einmal glücklich iſt. Und end⸗ lich entzückt mich der neue famoſe Schwager. Uebrigens werde ich mit zum Begräbniß gehen, denn ich gehöre ja auch bald zur Verwandtſchaft.“ So plauderte der Rittmeiſter weiter, als er gleich v. Schlägel, Die Volksbeglücker. 18 274 dem Landammann ſich verabſchiedete. Er konnte es nicht unterlaſſen, der Schweſter zuzuflüſtern: „Nun, Angelika, habe ich meine Sache gut ge⸗ macht?“ Angelika reichte ihm mit einem ſeligen Lächeln die Hand. * 5* Das Begräbniß war vorüber. Der Nationalrath ruhte auf dem ſchönen Kirchhofe, von dem man den Blick über den weiten See und das Rund der fernen Berge hat. Als die drei Männer auf der Falkenburg wieder anlangten, ſahen ſie neben den ſchwarzgekleideten Schweſtern Frau Bertha und Hedwig noch eine lichtere Geſtalt durch die Büſche ſchimmern. Es war Angelika, deren ſanfte tröſtende Gegen⸗ wart ſchon jetzt ihren lindernden Einfluß auf den Gram der Wittwe äußerte. Hedwig ging dem Profeſſor mit ruhiger ſinnender Trauer entgegen.„Biſt Du nun mein, Hedwig?“ fragte er. „Für immer— der beſte der Menſchen hat unſe⸗ ren Bund geſegnet, und das bringt Glück und Weihe unſerem ganzen Leben.“ „Du betrauerſt Deinen Schwager wol ſehr?“ 27 r „Es konnte nicht anders ſein; wenn er nicht mehr für andere leben konnte, mußte er ſterben.“ ** *— Im nächſten Frühling hielt eine Reihe von Wa⸗ gen vor dem Thor der kleinen Kirche am Friedhofe, welche auch als Begräbnißkapelle diente. Zwei Braut⸗ paare ſtiegen aus denſelben und eine große Menge von Gäſten folgte ihnen nach in die Kirche. Die beiden Bräute waren gleich gekleidet in weiße Seide, und die Krone von Myrthen, die ſie trugen, ſchien der paſſendſte Schmuck für das edle feine Antlitz der einen und für den ſanften ſchwärmeriſchen Liebreiz der ande⸗ ren. Auch eine blaſſe Frau in Wittwenkleidern und zwei ſchwarzgekleidete Mädchen folgten ihnen. Als die Brautpaare wieder aus der Kirche traten, ſtiegen ſie nicht ſogleich in die Wagen, ſondern gingen auf den Kirchhof und ſtanden eine Weile an einem blumengeſchmückten Grabe. Die Wittwe und die Kin⸗ der fingen laut zu weinen an, und aller Augen waren feucht. Hedwig ordnete ſorgfältig einige in Unord⸗ nung gerathene Kränze. Die Gipfel der Berge ſchim⸗ merten noch in ihrem Schneekleide. Der Landammann und Profeſſor Hermann führ⸗ ten die jungen Frauen ſanft hinweg. Man fuhr auf die Falkenburg, wo bereits ein 18* Frühſtücksmahl bereit ſtand. Aber es wollte keine rechte Fröhlichkeit einkehren. Nach genoſſenem Mahle kleideten ſich die damen um. Hedwig erſchien in Reiſe⸗ kleidern, und man fuhr hinunter an den Landungsplatz der Dampfboote. Es war bereits das letzte Zeichen gegeben, und man hatte alle Eile einzuſteigen. Dennoch küßte Hedwig immer wieder ihre kleinen Nichten, die weinend an ihrem Halſe hingen, und reichte der Schwe⸗ ſter die Hand.„Sei glücklich im fremden Lande“, ſagte Frau Bertha,„glücklicher als ich.“ „Mein Mann iſt meine Heimat!“ antwortete Hedwig. Auch Angelika und der Landammann konnten ſich kaum von den Abreiſenden trennen. Aber der Rittmeiſter drängte zum Einſteigen. Endlich hatte man ſich von einander losgeriſſen. Der Dampfer ſtieß ab. Der Rittmeiſter, Hedwig und der Profeſſor ſtanden am Hintertheile des Schiffes und ſchwenkten mit den Tüchern, da rief Hedwig noch ein⸗ mal:„Grüße mir Wenggys Grab!“ Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. — ——— Mii'ninennnnſſſſſſfſſſüſſſſſſſſſiſſſſiſiſiſſſſfnſnſſinſiſſſſſſſſſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 1 4 4 5—