— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Leſehedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 . 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 6 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 3 ,4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: auf 1 Monat: 9 5. Auswärti rückſendung 3 bſt zu ſorgen. verlorene und ge feſtgeſetzt und wird 3„daß das Alelte unal hird 3 cher nicht ſta Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, u ſtehen haben. 11u —— — *ſ —,—— * 2 „ Kaiſerliche Raͤthe. Kammerfraͤulein der Adelheid.— Metzler, Sievers, Link, Kohl, Wild, Anfuͤhrer der Perſonen. Kaiſer Maximilian. Goͤtz von Berlichingen. Eliſabeth, ſeine Frau. Maria, ſeine Schweſter. Karl, ſein Soͤhnchen, Georg, ſein Bube. Biſchof von Bamberg. Weislingen, Adelheid von Walldorf, an des Biſchofs Hofe. Liebetraut, 1 3 Abt von Fulda. Olearius, beyder Rechte Doktor. Bruder Martin. Hans von Selbitz. Franz von Sickingen. Lerſe. Franz, Weislingens Bube. rebelliſchen Bauern. Hoffrauen, Hoflente, am Bamderg'ſchen Hofe. Nathsherrn von Heilbronn. Richter des heimlichen Gerichts. Zwey Nuͤrnberger Kaufleute. Max Stumpf, Pfalzgraͤflicher Diener. Ein Unbekannter. Brautvater, Braͤntigam, Berliching'ſche, Weisling'ſche, Bamberg'ſche Reiter. Hauptleute, Offiziere, Knechte von der Reichsarmee. Schenkwirth.. Gerichtsdiener. Heilbronner Buͤrger. Stadtwache. Gefaͤngnißwaͤrter. Bauern. Zigeunerhauptmann. Zigeuner, Zigeunerinnen. Bauern. Erſter Akt. Schwarzenberg in Franken. Herberge. Metzler, Sievers l(am Tiſche.) Zwey Reitersknechte(beym Feuer.) Wirth. Sievers. Haͤnſel, noch ein Glas Branntwein, und meß chriſtlich. Wirth. Du biſt der Nimmerſatt.— Metzler(keiſe zu Sievers.) Erzaͤhl' das noch ein⸗ mal vom Berlichingen! Die Bamberger dort argern ſich, ſie moͤchten ſchwarz werden. Sievers. Bamberger? Was thun die hier? Metzler. Der Weislingen iſt oben auf'm Schloß beym Herrn Grafen ſchon zwey Tage; dem haben ſie das Geleit geben. Ich weiß nicht wo er herkommt; ſie warten auf ihn; er geht zurück nach Bamberg. Sievers. Wer iſt der Weislingen? Metzler. Des Biſchofs rechte Hand, ein gewalti⸗ ger Herr, der dem Göoͤtz auch auf'n Dienſt lauert. Sievers. Er mag ſich in Acht nehmen. Metzler(leiſe.) Nur immer zu!(laut.) Seit wann hat denn der Goͤtz wieder Haͤndel mit dem Biſchof von Bamberg? Es hieß ja, Alles waͤre vertragen und geſchlichtet. 1 Sievers. Ja, vertrag du mit den Pfaffen! Wie der Biſchof ſah er richt nichts aus und zieht immer den Kuͤrzern, kroch er zum Kreuz und war geſchaͤftig daß der Vergleich zu Stand kaͤm'. Und der getrenher⸗ zige Berlichingen gab unerhoͤrt nach, wie er immer thut wenn er im Vortheil iſt. Metzler. Gott erhalt ihn! Ein rechtſchaffner Herr! Sievers. Nun denk', iſt das nicht ſchaͤndlich? Da werfen ſie ihm einen Buben nieder, da er ſich nichts weniger verſieht. Wird ſie aber ſchon wieder dafuͤr lauſen! Metzler. Es iſt doch dumm daß ihm der letzte Streich mißgluͤckt iſt! Er wird ſich garſtig erbost haben. Sievers. Ich glaub nicht daß ihn lang was ſo verdroſſen hat. Denk auch, Alles war auf's Genaueſte verkundſchaft, wann der Biſchof aus dem Bad käm, mit wie viel Reitern, welchen Weg; und wenns nicht waͤr durch falſche Leut verrathen worden, wollt er ihm das Bad geſegnet und ihn ausgerieben haben. Erſter Reiter. Was raiſonnirt ihr von unſerm Biſchof? Ich glaub ihr ſucht Haͤndel. — — 4 Sievers. Kuͤmmert euch um eure Sachen! Ihr habt an unſerm Tiſch nichts zu ſuchen. 1 Zweyter Reiter. Wer heißt euch von unſerm Biſchof deſpectirlich reden? Sievers. Hab' ich euch Red und Antwort zu ge⸗ ben? Seht doch den Fratzen! Erſter Reiter(ſchlägt ihn hinter die Ohren.) Metzler. Schlag den Hund todt! (Sie fallen uͤbereinander her.) Zweyter Reiter. Komm her, wenn du's Herz haſt. Wirth(reißt ſie von einander.) Wollt ihr Ruh haben! Tauſend Schwerenoth! Schert euch'naus wenn ihr was auszumachen habt. In meiner Stub ſoll's ehrlich und ordentlich zugehen.(Schiebt die Rei⸗ ter zur Thuͤr hinaus.) Und ihr Eſel, was fanget ihr an? Metzler. Nur nit viel geſchimpft, Haͤnſel, ſonſt kommen wir dir uͤber die Glatze. Komm, Kamerad⸗ wollen die draußen blaͤuen. Zwey Berlichingiſche Reiter(kommen.) Erſter Reiter. Was gibt's da? Sievers. Cy guten Tag, Peter! Veit, guten Tag! Woher? Zweyter Reiter. Daß du dich nit unterſtehſt zu verrathen wem wir dienen. Sievers(leiſe.) Da iſt euer Hem Goͤtz wohl auch nit weit? Erſter Reiter. Halt dein Maul! Habt ihr Haͤndel? Sievers. Ihr ſeyd den Kerls begegnet draußen, ſind Bamherger. Erſter Reiter. Was thun die hier? Metzler. Der Weislingen iſt droben auſ'm Schloß, beym gnaͤdigen Herrn, den haben ſie geleit. Erſter Reiter. Der Weislingen? Zweyter Reiter(leiſe.) Peter! das iſt ein ge⸗ funden Freſſen!(laut.) Wie lang iſt er da? Metzler. Schon zwey Tage. Aber er will heut noch fort, hoͤrt' ich einen von den Kerls ſagen. Erſter Reiter(leiſe.) Sagt' ich dir nicht er waͤr' daher! Haͤtten wir dort druͤben eine Weile paſ⸗ ſen koͤnnen. Komm, Veit. Sievers. Helft uns doch erſt die Bamberger auspruͤgeln. Zweyter Reiter. Ihr ſeyd ja auch zu Zwey. Wir müͤſſen fort. Adies!(ab.) Sievers. Lumpenhunde die Reiter! wann man ſie nit bezahlt, thun ſie dir keinen Streich. Metzler. Ich wollt' ſchwoͤren ſie haben einen Anſchlag. Wem dienen ſie? Sievers. Ich ſoll's nit ſagen. Sie dienen dem Goͤtz. Metzler. So! Nun wollen wir uͤber die drau⸗ ßen. Komm, ſo lang' ich einen Bengel hab' fuͤrcht' ich ihre Bratſpieße nicht. 9 Sievers. Duͤrften wir nur ſo einmal an die Fuͤr⸗ ſten, die uns die Haut uͤber die Ohren ziehen. 6 Herberge im Wald. Goͤtz(vor der Thuͤr unter der Linde.) Wo meine Knechte bleiben! Auf und ab muß ich gehen, ſonſt uͤbermannt mich der Schlaf. Fuͤnf Tag' und Naͤchte ſchon auf der Lauer. Es wird einem ſauer gemacht das Bißchen Leben und Freyheit. Daſuͤr, wenn ich dich habe, Weislingen, will ich mir's wohl ſeyn laſſen. (Schenkt ein.) Wieder leer! Georg! So lang's dar⸗ an nicht mangelt und an friſchem Muty, lach' ich der Fuͤrſten Herrſchſucht und Raͤnke.— Georg!— Schickt ihr nur euern gefaͤlligen Weislingen herum zu Vettern und Gevattern, laſſt mich anſchwaͤrzen. Nur immer zu. Ich bin wach. Du warſt mir entwiſcht, Biſchof! So mag denn dein lieber Weislingen die Zeche bezah⸗ len.— Georg! Hoͤrt der Junge nicht? Georg! Georg! Der Bube(im Panzer eines Erwachſenen.) Ge⸗ ſtrenger Herr! Gotz. Woſ ſtickſt du? Haſt du geſchlafen? Was zum Henker treibſt du fuͤr Mummerey? Komm her, du ſiehſt gut aus. Schaͤm' dich nicht, Junge. Du biſt brav? Ja, wenn du ihn ausfuͤllteſt! Es iſt Hann⸗ ſens Krß? 10 Georg. Er wollt' ein wenig ſchlafen und ſchnallt' ihn aus. Göͤtz. Er iſt bequemer als ſein Herr. Georg. Zuͤrnt nicht. Ich nahm ihn leiſe weg und legt' ihn an, und holte meines Vaters altes Schwert von der Wand, lief auf die Wieſe und zog's aus. 1t Goͤtz. Und hiebſt um dich herum? Da wird's den Hecken und Dornen gut gegangen ſeyn. Schlaͤft Hanns? Georg. Auf euer Rufen ſprang er auf, und ſchrie mir, daß ihr rieft. Ich wollt' den Harniſch ausſchnallen, da hoͤrt' ich euch zwey⸗, dreymal. 3 Gotz. Geh! bring ihm ſeinen Panzer wieder und ſag' ihm, er ſoll bereit ſeyn, ſoll nach den Pferden ſehen. Georg. Die hab' ich recht ausgefüttert und wie⸗ der aufgezaͤumt. Ihr könnt aufſitzen wann ihr wollt. Goͤtz. Bring' mir einen Krug Wein, gib Hannſen auch ein Glas, ſag' ihm, er ſoll munter ſeyn, es gilt. Ich hoffe jeden Augenblick meine Kundſchafter ſollen zuruck kommen. Georg. Ach geſtrenger Herr! Goͤtz. Was haſt du? Georg. Darf ich nicht mit? Goͤtz. Ein andermel, Georg, wann wir Kaufleute fangen und Fuhren wegnehmen. Georg. Ein andermal, das habt ihr ſchon oft ge⸗ ſagt. O dießmal! dießmal! Ich will nur hinten drein S — 11 laufen, nur auf der Seite lauern. Ich will euch die ver⸗ ſchoſſenen Bolzen wieder holen. Göͤtz. Das Naͤchſtemal, Georg. Du ſollſt erſt ein Wamms haben, eine Blechhaube, und einen Spieß. Georg. Nehmt mich mit. Waͤr' ich letzt dabey geweſen, ihr haͤttet die Armbruſt nicht verloren. Götz. Weißt du das? Georg. Ihr warft ſie dem Feind an Kopf, und einer von den Fußknechten hob ſie auf; weg war ſie! Gelt ich weiß? Götz. Erzaͤhlen dir das meine Knechte? Georg. Wohl. Dafuͤr pfeif' ich ihnen auch, wenn wir die Pferde ſtriegeln, allerley Weiſen, und lerne ſie allerley luſtige Lieder. Gotz. Du biſt ein braver Junge. Georg. Nehmt mich mit, daß ich's zeigen kann. Goͤtz. Das Naͤchſtemal, auf mein Wort. Unbe⸗ waffnet, wie du biſt, ſollſt du nicht in Streit. Die kuͤnftigen Zeiten brauchen auch Maͤnner. Ich ſage dir, Knabe, es wird eine Zeit werden. Fuͤrſten werden ihre Schaͤtze bieten um einen Mann, den ſie jetzt haſſen. Geh, Georg, gib Hannſen ſeinen Kuͤraß wieder, und bring' mir Wein.(Georg ab.) Wo meine Knechte blei⸗ ben! Es iſt unbegreiflich. Ein Moͤnch! Wo kommt der noch her? Bruder Martin(kommt.) Goötz. Ehrwuͤrdiger Vater, guten Abend; woher ſo ſpaͤt? Mann der heiligen Ruhe, ihr beſchaͤmt viel Ritter. Martin. Dank' euch, edler Herr? Und bin vor der Hand nur demuthiger Bruder, wenn's ja Titel ſeyn ſoll. Auguſtin mit meinem Kloſternamen, doch hoͤr' ich am liebſten Martin, meinen Taufnamen. Gotz. Ihr ſeyd mude, Bruder Martin, und ohne Zweifel durſtig!(Der Bub kommt.) Da kommt der Wein eben recht. Martin. Für mich einen Trunk Waſſer. Ich daf keinen Wein trinken. Gotz. Iſt das euer Geluͤbde?. Martin. Nein, gnadiger Herr, es nicht wider mein Gelubde Wein zu trinken; weil aber der Wein wider mein Gelubde iſt, ſo trinke ich keinen Wein. Götz. Wie verſteht ihr das? Martin. Wohl euch daß ihr's nicht verſteht. Eſſen und trinken, mein' ich, iſt des Menſchen Leben. Götz. Wohl! Martin. Wenn ihr gegeſſen und getrunken habt, ſeyd ihr wie neu geboren; ſeyd ſtaͤrker, muthiger, ge⸗ ſchickter zu euerm Geſchaͤft. Der Wein erfreut des Men⸗ ſchen Herz, und die Freudigkeit iſt die Mutter aller Tu⸗ genden. Wenn ihr Wein getrunken habt, ſeyd ihr Alles 4 doppelt was ihr ſeyn ſollt, noch einmal ſo leicht denkend, noch einmal ſo, unternehmend, noch einmal ſo ſchnell gusfuͤhrend. 1 13 Gotz. Wie ich ihn trinke, iſt es wahr. Martin. Davon red' ich auch. Aber wir— Georg(mit Waſſer.) Goͤtz(zu Georg heimlich.) Geh auf den Weg nach Dachsbach, und leg' dich mit dem Ohr auf die Erde, ob du nicht Pferde kommen hoͤrſt, und ſey gleich wie⸗ der hier. Martin. Aber wir, wenn wir gegeſſen und geirnn⸗ ken haben, ſind wir grad das Gegeutheil von dem, was wir ſeyn ſollen. Unſere ſchlaͤfrige Verdauung ſtimmt den Kopf nach dem Magen, und in der Schwaͤche einer uͤber⸗ fuͤllten Ruhe erzeugen ſich Begierden, die ihrer Mutter leicht uͤber den Kopf wachſen. Götz. Ein Glas, Bruder Martin, wird euch nicht im Schlaf ſtoͤren. Ihr ſeyd heute viel gegangen.(Bringts ihm.) Alle Streiter! Martin. In Gottes Namen!(Sie ſtoßen an.) Ich kann die muͤßigen Leute nicht ausſtehen; und doch kann ich nicht ſagen daß alle Moͤnche muͤßig ſind; ſie thun was ſie koͤnnen. Da komm' ich von St. Veit, wo ich die letzte Nacht ſchlief. Der Prior ſuͤhrte mich in den Garten; das iſt nun ihr Bienenkorb. Vortrefflicher Sa⸗ lat! Kohl nach Herzensluſt! und beſonders Blumenkohl und Artiſchocken, wie keine in Europa! 8 Götz. Das iſt alſo eure Sache nicht.(Er ſteht auf, ſieht nach dem Jungen und kommt wieder Martin. Wollte, Gott haͤtte mich zum Gaͤrtner 14 oder Laboranten gemacht! ich koͤnnte gluͤcklich ſeyn. Mein Abt liebt mich, mein Kloſter iſt Erfurt in Sachſen; er weiß, ich kann nicht ruhn; da ſchickt er mich herum, wo was zu betreiben iſt. Ich geh zum Biſchof von Eonſtanz. Goͤtz. Noch Eins! Gute Verrichtung! Martin. Gleichfalls. Götz. Was ſeht ihr mich ſo an, Bruder? Martin. Daß ich in euern Harniſch verliebt bin. Goͤtz. Haͤttet ihr Luſt zu einem? Es iſt ſchwer und beſchwerlich ihn zu tragen. Martin. Was iſt nicht beſchwerlich auf dieſer Welt! und mir kommt nichts beſchwerlicher vor als nicht Menſch ſeyn duͤrfen. Armuth, Keuſchheit und Gehor⸗ ſam— Drey Geluͤbde, deren jedes, einzeln betrachtet, der Natur das Unausſtehlichſte ſcheint, ſo unertraͤglich ſind ſie alle. Und ſein ganzes Leben unter dieſer Laſt, oder der weit druͤckendern Buͤrde des Gewiſſens muthlos zu keuchen! O Herr! was ſind die Muͤhſeligkeiten eures Lebens, gegen die Jaͤmmerlichkeiten eines Standes, der die beſten Triebe, durch die wir werden, wachſen und — gedeihen, aus mißverſtandener Begierde Gott naͤher zu rucken, verdammt? Gotz. Waͤr' euey Geluͤbde nicht ſo heilig, ich wollte euch bereden einen Harniſch anzulegen, wollt' euch ein Pferd geben, und wir zoͤgen mit einander. Martin. Wollte Gott, meine Schultern fuͤhlten — 15 Kraft, den Harniſch zu ertragen, und mein Arm Staͤrke, einen Feind vom Pferd zu ſtechen!— Arme ſchwache Hand, von jeher gewohnt Kreuze und Friedensfah⸗ nen zu fuͤhren und Rauchfaͤſſer zu ſchwingen, wie woll⸗ teſt du Lanze und Schwert regieren! Meine Stimme, nur zu Ave nnd Halleluja geſtimmt, wuͤrde dem Feind ein Herold meiner Schwaͤche ſeyn, wenn ihn die eurige uͤberwaͤltigte. Kein Geluͤbde ſollte mich abhalten wieder in den Orden zu treten, den mein Schoͤpfer ſelbſt geſtif⸗ tet hat! Goͤtz. Gluͤckliche Wiederkehr!. Martin. Das trinke ich nur fuͤr euch. Wieder⸗ kehr in meinen Kaͤfig iſt allemal ungluͤcklich. Wenn ihr wiederkehrt, Herr, in eure Mauern, mit dem Bewuſſt⸗ ſeyn eurer Tapferkeit und Staͤrke, der keine Muͤdigkeit etwas anhaben kann, euch zum Erſtenmal nach langer Zeit, ſicher vor feindlichem Ueberſall, entwaffnet auf euer Bette ſtreckt, und euch nach dem Schlaf ſehnt, der euch beſſer ſchmeckt, als mir der Trunk nach langem Durſt; da koͤnnt ihr von Gluͤck ſagen! Goͤtz. Dafuͤr kommt's auch ſelten. Martin(feuriger.) Und iſt, wenn's kommt, ein Vorſchmack des Himmels.— Wenn ihr zuruͤck kehrt, mit der Beute eurer Feinde beladen, und euch erinnert: den ſtach ich vom Pferd' eh' er ſchießen konnte, und den rannt' ich ſammt dem Pferde nieder, und dann reitet ihr zu euerm Schloß hinauf, und— 16 Goötz. Was meint ihr? Martin. Und eure Weiber!(Er ſchenkt ein.) Auf Geſundheit eurer Frau!(Er wiſcht ſich die Augen). Ihr habt doch eine? Goͤtz. Ein edles, 9eitefflches Weib! Martin. Wohl dem, der ein tugendſam Weib hat! deß lebt er noch eins ſo lange. Ich kenne keine Weiber, und doch war die Frau die Krone der Schoͤ⸗ pfung! Goͤtz(vor ſich.) Er dauert mich! Das Gefuͤhl ſei⸗ nes Standes friſſt ihm das Herz. Georg(geſprungen.) Herr! ich hoͤre Pſetde im Galopp! Zwey! Es ſind ſie gewiß.. Götz. Führ' mein Pferd heraus! Hanns ſoll auf⸗ ſitzen. Lebt wohl, theurer Bruder, Gott geleit' euch! Seyd muthig und geduldig. Gott wird euch Raum geben. Martin. Ich bitt' um euern Namen. Göoͤtz. Verzeiht mir. Lebt wohl!(Er reicht ihm die linke Hand.) 5 Martin. Warum reicht ihr mir die Linke? Bin ich die ritterliche Rechte nicht werth? Götz. Und wenn ihr der Kaiſer waͤrt, ihr muͤſſtet mit dieſer vorlieb nehmen. Meine Rechte, obgleich im Kriege nicht unbrauchbar, iſt gegen den Druck der Liebe unempfindlich: ſie iſt eins mit ihrem Handſchuh; ihr ſeht er iſt Eiſen. 12 Martin. So ſeyd ihr Goͤtz von Berlichingen! Ich danke dir, Gott, daß du mich ihn haſt ſehen laſſen, dieſen Mann, den die Fuͤrſten haſſen, und zu dem die Bedraͤng⸗ ten ſich wenden.(Er nimmt ihm die rechte Hand.) Laſſt mir dieſe Hand, laſſt mich ſie kuͤſſen! Goͤtz. Ihr ſollt nicht.. Martin. Laſſt mich! Du, mehr werth als Reli⸗ quienhand, durch die das heiligſte Blut gefloſſen iſt, tod⸗ tes Werkzeug, belebt durch des edelſten Geiſtes Vertrauen auf Gott! Goͤtz(ſetzt den Helm auf und nimmt die Lanze.) Martin. Es war ein Moͤnch bey uns vor Jahr und ag, der euch beſuchte, wie ſie euch abgeſchoſſen ward vor Landshut. Wie er uns erzaͤhlte, was ihr lit⸗ tet, und wie ſehr es euch ſchmerzte zu eurem Beruf ver⸗ ſtuͤmmelt zu ſeyn, und wie euch einfiel, von einem gehoͤrt zu haben, der auch nur eine Hand hatte, und als tapfe⸗ rer Reitersmann doch noch lange diente— ich werde das nie vergeſſen. Die zwey Knechte(kommen.) Goͤtz(zu ihnen. Sie reden heimlich.) Martin(faͤhrt inzwiſchen fort.) Ich werde das nie vergeſſen, wie er im edelſten, einfaͤltigſten Vertrauen auf Gott ſprach: und wenn ich zwoͤlf Haͤnd' haͤtte und deine Gnad' wollt' mir nicht, was wuͤrden ſie mir fruchten. So kann mit Einer— Goethe's Werke. VI. Bd. 2 18 Goͤtz. In den Haslacher Wald alſo.(Kehrt ſich zu Martin.) Lebt wohl, werther Bruder Martin.(Kuͤſſt ihn.) Martin. Vergeſſt mein nicht, wie ich euer nicht vergeſſe.(Goͤtz ab.) Martin. Wie mit's ſo eng um's Herz ward, da ich ihn ſah. Er redete nichts, und mein Geiſt konnte doch den ſeinigen unterſcheiden. Es iſt eine Wolluſt einen großen Mann zu ſehn. Georg. Ehrwuͤrdiger Herr, ihr ſchlaft doch bey uns? Martin. Kann ich ein Bett haben? Georg. Nein, Herr! ich kenne Betten nur vom Hoͤrenſagen, in unſrer Herberg' iſt nichts als Stroh. Martin. Auch gut. Wie heißt Du? Georg. Georg, ehrwuͤrdiger Herr! Martin. Georg! da haſt du einen tapfern Patron. Georg. Sie ſagen, er ſey ein Reiter geweſen; das will ich auch ſeyn.. Martin. Warte!(Zieht ein Gebetbuch hervor und gibt dem Buben einen Heiligen.) Da haſt du ihn. Folge ſeinem Beyſpiel, ſey brav und fuͤrchte Gott!— (Martin geht.) Georg. Ach ein ſchoͤner Schimmel! wenn ich ein⸗ mal ſo einen haͤtte!— und die goldene Rüſtung!— Das iſt ein garſtiger Drach'— Jetzt ſchieß' ich nach Sperlingen— Heiliger Georg! mach mich groß und — —— 49 ſtark, gib mir ſo eine Lanze, Ruͤſtung und Pſerd, dann laß mir die Drachen kommen! IJgayxthauſſe u. Goͤtzens Burg. Eliſabeth. Maria. Karl(ſein Soͤhnchen.) Karl. Ich bitte dich, liebe Tante, erzaͤhl' mir das noch einmal vom frommen Kind,'s is gar zu ſchoͤn. Maria. Erzaͤhl' du mir's, kleiner Schelm, da will ich hoͤren ob du Acht gibſt. Karl. Wart e bis, ich will mich bedenken.— Es war einmal— ja— es war einmal ein Kind, und ſein' Mutter war krank, da ging das Kind hin— Maria. Nicht doch. Da ſagte die Mutter: Lie⸗ bes Kind— Karl. Ich bin krank— Maria. Und kann nicht ausgehn— Karl. Und gab ihm Geld und ſagte: geh hin, und hol' dir ein Fruͤhſtuͤk. Da kam ein armer Mann— Maria. Das Kind ging, da begegnet ihm ein alter Mann, der war— nun Karl! Karl. Der war— alt— Maria. Freylich! der kaum mehr gehen konnte, und ſagte: Liebes Kind— 20 Karl. Schenkt mir was, ich habe kein Brot geſſen geſtern und heut'. Da gab ihm's Kind das Geld— Maria. Das für ſein Fruͤhſtuck ſeyn ſollte. Karl. Da ſagte der alte Mann— Maria. Da nahm der alte Mann das Kind— Karl. Bey der Hand, und ſagte— und ward ein ſchoͤner, glaͤnzender Heiliger, und ſagte: Liebes Kind— Maria. Fur deine Wohlthaͤtigkeit belohnt dich die Mutter Goltes durch mich: welchen Kranken du an⸗ rührſt— 4 Karl. Mit der Hand— es war die rechte, glaub' ich. Maria. Ja. Karl. Der wird gleich geſund. Maria. Da lief das Kind nach Haus und konnt' fuͤr Freuden nichts reden. Karl. Und fiel ſeiner Mutter um den Hals und weinte fuͤr Freuden— Maria. Da rief die Mutter: wie iſt mir! und war— nun Karl Karl. Und war— und war— Maria. Du gibſt ſchon nicht Acht!— und war geſund. Und das Kind curirte Koͤnig und Kaiſer, und wurde ſo reich daß es ein großes Kloſter bauete. Eliſabeth. Ich kann nicht begreifen, wo mein Herr bleibt. Schon fuͤnf Tag und Naͤchte daß er weg iſt, und er hoffte ſo bald ſeinen Streich auszufuͤhren. Maria. Mich aͤngſtigt's lang'. Wenn ich ſo einen 21 Mann haben ſollte, der ſich immer Gefahren ausſetzte, ich ſtuͤrbe im erſten Jahr. Eliſabeth. Dafuͤr dank' ich Gott, daß er mich haͤrter zuſammen geſetzt hat. Karl. Aber muß dann der Vater ausreiten, wenn's ſo gefaͤhrlich iſt? Maria. Es iſt ſein guter Wille ſo. Eliſabeth. Wohl muß er, lieber Karl. Karl. Warum?* Eliſabeth. Weißt du noch, wie er das Letztemal ausritt, da er dir Weck' mitbrachte. 3 Karl. Bringt er wieder mit? Eliſabeth. Ich glaub' wohl. Siehſt du, da war ein Schneider von Stuttgart, der war ein trefflicher Bo⸗ genſchüͤtz, und hatte zu Coͤlln auf'm Schießen das Beſte gewonnen. Karl. War's viel? 1 Eliſabeth. Hundert Thaler. Und darnach wollten ſie's ihm nicht geben. Maria. Gelt, das iſt garſtig, Karl? Karl. Garſtige Leut! Eliſabety. Da kam der Schneider zu deinem Va⸗ ter und bat ihn, er moͤchte ihm zu ſeinem Geld verhel⸗ fen. Und da ritt er aus und nahm den Coͤllnern ein Paar Kaufleute weg, und plagte ſie ſo lang' bis ſie das Geld heraus gaben. Waͤrſt du nicht auch ausgeritten? 22 Karl. Nein! da muß man durch einen dicken dicken Wald, ſind Zigeuner und Hexen drin. 4 Eliſabeth. Iſt ein rechter Burſch, fuͤrcht ſich vor Hexen. Maria. Du thuſt beſſer, Karl, leb du einmal auf deinem Schloß, als ein frommer chriſtlicher Ritter. Auf ſeinen eigenen Guͤtern findet man zum Wohlthun Gele⸗ genheit genug. Die rechtſchaffenſten Ritter begehn mehr Ungerechtigkeit als Gerechtigkeit auf ihren Zuͤgen. Eliſabeth. Schweſter, du weißt nicht was du redſt. Gebe nur Gott, daß unſer Junge mit der Zeit braver wird, und dem Weislingen nicht nachſchlaͤgt, der ſo treulos an meinem Mann handelt. Maria. Wir wollen nicht richten, Eliſabeth. Mein Bruder iſt ſehr erbittert, du auch. Ich bin bey der gan⸗ zen Sache mehr Zuſchauer, und kann billiger ſeyn. 3 Eliſabeth. Er iſt nicht zu entſchuldigen. Marig. Was ich von ihm gehoͤrt hat mich ein⸗ genommen. Erzäͤhlte nicht ſelbſt dein Mann ſo viel Liebes und Gutes von ihm! Wie gluͤcklich war ihre Ju⸗ gend, als ſie zuſammen Edelknaben des Markgrafen waren! Eliſabeth. Das mag ſeyn. Nur ſag, was kann der Menſch je Gutes gehabt haben, der ſeinem beſten, treuſten Freunde nachſtellt, ſeine Dienſte den Feinden meines Mannes verkauft, und unſern trefflichen Kaiſer, V 8 23 der uns ſo gnaͤdig iſt, mit falſchen niedrigen Vorſtellun⸗ gen einzunehmen ſucht. Karl. Der Vater! der Vater! Der Thuͤrner blaͤſt's Liedel: Heyſa, mach's Thor auf. Eliſabeth. Da kommt er mit Beute. Ein Reiter(kommt.) Reiter. Wir haben gejagt! wir haben gefangen! Gott gruͤß euch, edle Frauen. Eliſabeth. Habt ihr den Weislingen? Reiter. Ihn und drey Reiter. Eliſabeth. Wie gings zu daß ihr ſo lang aus⸗ bliebt? Reiter. Wir lauerten auf ihn zwiſchen Nuͤrnberg und Bamberg, er wollte nicht kommen, und wir wuſſten doch, er war auf dem Wege. Endlich kundſchaften wir ihn aus, er war ſeitwaͤrts gezogen, und ſaß geruhig bey'm Grafen auf dem Schwarzenberg. Eliſabeth. Den moͤchten ſie auch gern meinem Mann feind haben. Reiter. Ich ſagt's gleich dem Herrn. Auf! und wir ritten in Haslacher Wald. Und da warz's curios, wie wir ſo in die Nacht reiten, huͤtt juſt ein Schaͤfer da, und fallen fuͤnf Woͤlf in die Herd und packten weidlich an. Da lachte unſer Herr, und ſagte: Gluͤck zu, lieben Geſel⸗ len! Gluͤck uͤberall und uns auch! Und es freuet' uns all das gute Zeichen. Indem ſo kommt der Weislingen her⸗ geritten mit vier Knechten. 24 Maria. Das Herz zittert mir im Leibe. Reiter. Ich und mein Kamerad, wie's der Herr befohlen hatte, niſtelten uns an ihn, als waͤren wir zu⸗ ſammengewachſen, daß er ſich nicht regen. noch ruͤhren konnte, und der Herr und der Hans fielen uͤber die Knechte her und nahmen ſie in Pflicht. Einer iſt entwiſcht. Eliſabeth. Ich bin neugierig ihn zu ſehn. Kom⸗ men ſie bald? Reiter. Sie reiten das Thal herauf, in einer Vier⸗ telſtunde ſind ſie hier. Maria. Er wird niedergeſchlagen ſeyn. Reiter. Finſter genug ſieht er aus. Maria. Sein Anblick wird mit im Herzen weh thun. Eliſabeth. Ah!— Ich wil gleich das Eſſen zu⸗ recht machen. Hungrig werdet ihr doch Alle ſeyn. Reiter. Rechtſchaffen. Eliſabeth. Nimm den Kellerſchluͤſſel und hol vom beſten Wein! Sie haben ihn verdient(ab.) Karl. Ich will mit, Tante. Maria. Komm, Burſch.(ab.) Reiter. Der wird nicht ſein Vater, ſonſt ging er mit in Stall! 3 Goͤtz. Weislingen. Reitersknechte. Goͤtz.(Helm und Schwert auf den Tiſch legend.) Schnallt mir den Harniſch auf, und gebt mir mein Wamms. Die Bequemlichkeit wird mir wohl thun. 25 Bruder Martin, du ſagteſt recht— Ihr habt uns in Athem erhalten, Weislingen. Weislingen(antwortet nichts, auf und abgehend.) Götz. Seyd guten Muths. Kommt, entwaffnet euch. Wo ſind eure Kleider? Ich hoffe, es ſoll nichts verloren gangen ſeyn.(Zum Knecht.) Frag ſeine Knech⸗ te, und oͤffnet das Gepaͤcke, und ſeht zu daß nichts abhanden komme. Ich köoͤnnt' euch auch von den mei⸗ nigen borgen. Weislingen. Laſſt mich ſo, es iſt all eins. Gotz. Koͤnnt' euch ein huͤbſches ſaubres Kleid ge⸗ ben, iſt zwar nur leinen. Mir iſt's zu eng worden. Ich hatt's auf der Hochzeit meines gnaͤdigen Herrn des Pfalzgrafen an, eben damals, als euer Biſchof ſo gif⸗ tig uͤber mich wurde. Ich hatt' ihm, vierzehn Tag vor⸗ her, zwey Schiff' auf dem Main niedergeworfen. Und ich geh mit Franzen von Sickingen im Wirthshaus zum Hirſch in Haidelberg die Trepp hinauf. Eh man noch ganz droben iſt, iſt ein Abſatz und ein eiſen Gelaͤnder⸗ lein, da ſtund der Biſchof und gab Franzen die Hand, wie er vorbey ging, und gab ſie mir auch, wie ich hin⸗ ten drein kam. Ich lacht' in meinem Herzen, und ging zum Landgrafen von Hanau, der mir gar ein lieber Herr war, und ſagte: Der Biſchof hat mir die Hand geben, ich wett er hat mich nicht gekannt. Das hoͤrt der Bi⸗ ſchof, denn ich redt laut mit Fleiß, und kam zu uns trotzig— und ſagte: Wohl, weil ich euch nicht kannt hab⸗ 26 gab ich euch die Hand. Da ſagt' ich: Herre, ich merkt's wohl, daß ihr mich nicht kanntet, und hiermit habt ihr eure Hand wieder. Da ward das Maͤnnlein ſo roth am Hals wie ein Krebs vor Zorn, und lief in die Stube zu Pfalzgraf Ludwig und dem Fuͤrſten von Naſſau, und klagt's ihnen. Wir haben nachher uns oft was druͤber zu Gute gethan. Weislingen. Ich wollt' ihr lieſſt mich allein. Götz. Warum das? Ich bitt euch ſeyd aufge⸗ raͤumt. Ihr ſeyd in meiner Gewalt, und ich werd ſie nicht mißbrauchen. Weislingen. Dafuͤr war mir's noch nicht bange. Das iſt eure Ritterpflicht. Götz. Und ihr wiſſt daß die mir heilig iſt. Weislingen. Ich bin gefangen; das Uebrige iſt eins.. Goͤtz. Ihr ſolltet nicht ſo reden. Wenn ihr's mit Fürſten zu thun haͤttet, und ſie euch in tiefen Thurn an Ketten aufhingen, und der Waͤchter euch den Schlaf weg⸗ pfeiſen müſſte. (Die Knechte mit den Kleidern.) Weislingen Gzieht ſich aus und an.) Karl(tommt.) Guten Morgen, Vater. Götz(kuͤſft ihn.) Guten Morgen, Junge. Wie habt ihr die Zeit gelebt? 127 Karl. Recht geſchickt, Vater! Die Tante ſagt: ich ſey recht geſchickt. Göoͤtz. So! Karl. Haſt du mir was mitgebracht? Göotz. Dießmal nicht. 8 Karl. Ich hab viel gelernt. Goͤtz. Ey! Karl. Soll ich dir vom frommen Kind erzäͤhlen? Götz. Nach Tiſche. Karl. Ich weiß noch was. Goͤtz. Was wird das ſeyn? Karl. Jarxthauſen iſt ein Dorf und Schloß an der Jaxt, gehoͤrt ſeit zweyhundert Jahren den Herrn von Berlichingen erb⸗ und eigenthuͤmlich zu. Goͤtz. Kennſt du den Herrn von Berlichingen? Karl(ſieht ihn ſtarr an.) Goͤtz(vor ſich.) Er kennt wohl vor lauter Gelehr⸗ ſamkeit ſeinen Vater nicht.— Wem gehoͤrt Jaxthauſen? Karl. Jarthauſen iſt ein Dorf und Schloß an der Jaxt. Götz. Das frag ich nicht.— Ich kannte alle Pfade, Weg' und Furten, eh' ich wuſſte wie Fluß, Dorf und Burg hieß.— Die Mutter iſt in der Kuͤche? Karl. Ja, Vater! Sie kocht weiſſe Ruͤben und ein Lammobraten.. Gotz. Weißt du's auch, Hanns Kuͤchenmeiſter? 28 Karl. Und für mich zum Nachtiſch hat die Tante einen Apfel gebraten. Götz. Kannſt du ſie nicht roh eſſen? Karl. Schmeckt ſo beſſer. Goͤtz. Du muſſt immer was Apartes haben.— Weislingen! ich bin gleich wieder bey euch. Ich muß meine Frau doch ſehn. Komm mit, Karl. Karl. Wer iſt der Mann? Göotz. Gruͤß' ihn. Bitt; ihn er ſoll luſtig ſeyn. Karl. Da, Mann! haſt du eine Hand, ſey luſtig, das Eſſen iſt bald fertig. Weislingen(hebt ihn in die Hoͤh und tifſt ihn.) Gluͤckliches Kind! das kein Uebel kennt, als wenn die „Suppe lang ausbleibt. Gott laß euch viel Freud am Knaben erleben, Berlichingen. Goͤtz. Wo viel Licht iſt iſt ſtarker Schatten— doch waͤr mir's willkommen. Wollen ſehn was es gibt. (Sie gehn.) Weislingen. O daß ich aufwachte! und das alles waͤre ein Traum! In Berlichingens Gewalt! von dem ich mich kaum losgearbeitet hatte, deſſen Andenken ich mied wie Feuer, den ich hoffte zu uͤberwaͤltigen! Und er— der alte treuherzige Goͤtz! Heiliger Gott, was will, will aus dem allen werden? Ruͤckgefuͤhrt, Adel⸗ bert, in den Saal! wo wir als Buben unſere Jagd trie⸗ ben— da du ihn liebteſt, an ihm hingſt wie an deiner Seele. Wer kann ihm nahen und ihn haſſen? Ach! ich 29 bin ſo ganz nichts hier! Gluͤckſelige Zeiten, ihr ſeyd vor⸗ bey, da noch der alte Berlichingen hier am Kamin ſaß, da wir um ihn durch einander ſpielten, und uns liebten wie die Engel. Wie wird ſich der Biſchof aͤngſtigen, und meine Freunde. Ich weiß das ganze Land nimmt. Theil an meinen Unfall. Was iſt's! Köonnen ſie mir geben, wornach ich ſtrebe. Götz(mit einer Flaſche Wein und Becher.) Bis das Eſſen fertig wird, wollen wir Eins trinken. Kommt, ſetzt euch, thut als wenn ihr zu Hauſe waͤrt! Denkt, ihr ſeyd einmal wieder bey'm Goͤtz. Haben doch lange nicht bey⸗ ſammen geſeſſen, lang keine Flaſche mit einander ausge⸗ ſtochen.(Bringts ihm.) Ein froͤhlich Herz! Weislingen. Die Zeiten ſind vorbey. Goͤtz. Behute Gott! Zwar vergnuͤgtere Tage wer⸗ den wir wohl nicht wieder finden, als an des Markgra⸗ fen Hof, da wir noch beyſammen ſchliefen und mit ein⸗ ander herum zogen. Ich erinnere mich mit Freuden mei⸗ ner Jugend. Wiſſt ihr noch, wie ich mit dem Polacken Handel kriegte, dem ich ſein gepicht und gekraͤuſelt Haar von ungefaͤhr mit dem Aermel verwiſchte? Weislingen. Es war bey Tiſche, und er ſtach nach euch mit dem Meſſer. Goͤtz. Den ſchlug ich wacker aus dazumal, und dar⸗ uͤber wurdet ihr mit ſeinen Kameraden zu Unfried. Wir hielten immer redlich zuſammen als gute brave Jungen, dafuͤr erkennte uns auch Jedermann.(Schenkt ein und 30 bringts.) Caſtor und Pollur! Mir that's immer im Herzen wohl, wenn uns der Markgraf ſo nannte. Weislingen. Der Biſchof von Würzburg hatte es aufgebracht. Gotz. Das war ein gelehrter Herr, und dabey ſo leutſelig. Ich erinnere mich ſeiner ſo lange ich lebe, wie er uns liebkoſ'te, unſere Eintracht lobte, und den Men⸗ ſchen gluͤcklich pries der ein Zwillingsbruder ſeines Freun⸗ des waͤre. Weislingen. Nichts mehr davon! Goͤtz. Warum nicht? Nach der Arbeit wuͤſſt' ich nichts Angenehmers als mich des Vergangenen zu erin⸗ nern. Freylich, wenn ich wieder ſo bedenke, wie wir Liebs und Leids zuſammen trugen, einander Alles waren, und wie ich damals waͤhnte ſo ſollt's unſer ganzes Le⸗ ben ſeyn! War das nicht all mein Troſt, wie mir dieſe Hand weggeſchoſſen ward vor Landshut! und du mein pflegteſt, und mehr als Bruder fur mich ſorgteſt? Ich hoffte, Adelbert wird kuͤnftig meine rechte Hand ſeyn. Und nun— Weislingen. Oh! Gotz. Wenn du mir damals gefolgt haͤtteſt, da ich⸗ dir anlag mit nach Brabant zu ziehen, es wäͤre Alles geblieben. Da hielt dich das ungluͤckliche Hofleben, und das Schlenzen und Scherwenzen mit den Weibern. Ich ſagt' es dir immer, wenn du dich mit den eiteln garſti⸗ gen Vetteln abgabſt, und ihnen erzaͤhlteſt von mißver⸗ 31 gnuͤgten Ehen, verfuͤhrten Maͤdchen, der rauhen Haut einer Dritten, oder was ſie ſonſt gerne hoͤren, du wirſt ein Spitzbub', ſagt ich, Adelbert. Weislingen. Wozu ſoll das alles? Goͤtz. Wollte Gott ich koͤnnt's vergeſſen, oder es waͤr' anders! Biſt du nicht eben ſo frey, ſo edel gebo⸗ ten als einer in Deutſchland, unabhaͤngig, nur dem Kai⸗ ſer unterthan, und du ſchmiegſt dich unter Vaſallen? Was haſt du von dem Biſchof? Weil er dein Nachbar iſt? dich necken koͤnnte? Haſt du nicht Arme und Freun⸗ de, ihn wieder zu necken? Verkennſt den Werth eines freyen Rittersmanns, der nur abhangt von Gott, ſei⸗ nem Kaiſer und ſich ſelbſt! Verkriechſt dich zum erſten Hofſchranzen eines eigenſinnigen neidiſchen Pfaffen! Weislingen. Laſſt mich reden. Götz. Was haſt du zu ſagen? Weislingen. Du ſiehſt die Fuͤrſten an wie der Wolf den Hirten. Und doch, darſſt du ſie ſchelten, daß ſie ihrer Leut und Laͤnder Beſtes wahren? Sind ſie denn einen Augenblick vor den ungerechten Rittern ſicher, die ihre Unterthanen auf allen Straßen anfallen, ihre Doͤr⸗ fer und Schloͤſſer verheeren? Wenn nun auf der an⸗ dern Seite unſers theuern Kaiſers Laͤnder der Gewalt des Erbfeindes ausgeſetzt ſind, er von den Staͤnden Huͤlfe be⸗ gehrt, und ſie ſich kaum ihres Lebens erwehren; iſt's nicht ein guter Geiſt, der ihnen einraͤth auf Mittel zu denken Deutſchland zu beruhigen, Recht und Gerech⸗ 3² tigkeit zu handhaben, um einen jeden Großen und Klei⸗ nen die Vortheile des Friedens genießen zu machen. Und uns verdenkſt du's, Berlichingen, daß wir uns in ihren Schutz begeben, deren Huͤlfe uns nah iſt, ſtatt daß die entfernte Majeſtaͤt ſich ſelbſt nicht beſchuͤtzen kann. Goͤtz. Ja! Ja! Ich verſteh! Weislingen, waͤren die Fuͤrſten wie ihr ſie ſchildert, wir haͤtten Alle was wir begehren. Ruh und Frieden! Ich glaub's wohl! Den wünſcht jeder Raubvogel, die Beute nach Bequemlich⸗ keit zu verzehren. Wohlſeyn eines Jeden! Daß ſie ſich nur darum graue Haare wachſen lieſſen! Und mit unſerm Kaiſer ſpielen ſie auf eine ungnſtandige Art. Er meint's gut und moͤcht gern beſſern. Da kommt denn alle Tage ein neuer Pfannenflicker und meint ſo und ſo. Und weil der Herr geſchwind etwas begreift, und nur reden darf um tauſend Haͤnde in Bewegung zu ſetzen, ſo denkt er, es waͤr' auch Alles ſo geſchwind und leicht ausgefuhrt. Nun ergehn Verordnungen uͤber Verordnungen, und wird eine uͤber die andere vergeſſen; und was den Fuͤrſten in ihren Kram dient, da ſind ſie hinter her, und gloriiren von Ruh und Sicherheit des Reichs, bis ſie die Klei⸗ nen unterm Fuß haben. Ich will darauf ſchwoͤren, es dankt Mancher in ſeinem Herzen Gott, daß der Tuͤrk dem Kaiſer die Wage haͤlt. Weislingen. Ihr ſeht's von eurer Seite. Goͤtz. Das thut Jeder. Es iſt die rage auf wel⸗ 4 33 cher Licht und Recht iſt, und eure Gaͤnge ſcheuen wenig⸗ ſtens den Tag. 46 Weislingen. Ihr duͤrft reden, ich bin der Ge⸗ fangne. Goͤtz. Wenn euer Gewiſſen rein iſt, ſo ſeyd ihr frey. Aber wie war's mit dem Landfrieden? Ich weiß noch, als ein Bub von ſechszehn Jahren war ich mit dem Markgrafen auf dem Reichstag. Was die Fuͤrſten da fuͤr weite Maͤuler machten, und die Geiſtlichen am aͤrgſten. Euer Biſchof laͤrmte dem Kaiſer die Ohren voll, als wenn ihm wunder wie! die Gerechtigkeit an's Herz gewachſen waͤre; und jetzt wirft er mir ſelbſt einen Bu⸗ ben nieder, zur Zeit da unſere Haͤndel vertragen ſind, ich an nichts Boͤſes denke. Iſt nicht Alles zwiſchen uns geſchlichtet? Was hat er mit dem Buben? Weislingen. Es geſchah ohne ſein Wiſſen. Goͤtz. Warum gibt er ihn nicht wieder los? Weislingen. Er hat ſich nicht aufgefuͤhrt wie er ſollte. Gotz. Nicht wie er ſollte? Bey meinem Eid, er hat gethan wie er ſollte, ſo gewiß er mit eurer und des Bi⸗ ſchofs Kundſchaft gefangen iſt. Meint ihr, ich komm erſt heut auf die Welt, daß ich nicht ſehen ſoll wo Alles hinaus will. 3 Weislingen. Ihr ſeyd argwoͤhniſch und thut uns Unrecht. Gotz. Weislingen, ſoll ich von der Leber weg reden? Goethe's Werke. VI. Bd. 3 341 Ich bin euch ein Dorn in den Augen, ſo klein ich bin, und der Sickingen und Selbitz nicht weniger, weil wir feſt entſchloſſen ſind zu ſterben eh, als Jemanden die Luft zu verdanken außer Gott, und unſere Treu und Dienſt zu leiſten, als dem Kaiſer. Da ziehen ſie nun um mich herum, verſchwaͤrzen mich bey Ihro Majeſtaͤt und ihren Freunden und meinen Nachbarn, und ſpioni⸗ ren nach Vortheil uͤber mich. Aus dem Wege wollen ſie mich haben, wie's waͤre. Drum nahmt ihr meinen Buben gefangen, weil ihr wuſſtet, ich hatt' ihn auf Kundſchaft ausgeſchickt; und darum that er nicht was er ſollte, weil er mich nicht an euch verrieth. Und du, Weislingen, biſt ihr Werkzeug! Weislingen. Berlichingen! Goͤtz. Kein Wort mehr davon ¹ Ich bin ein Feind von Explicationen; man betruͤgt ſich oder den Andern, und meiſt Beyde. Karl. Zu Tiſch, Vater. Goͤtz. Froͤhliche Bothſchaft 1— Kommt, ich hoffe, meine Weibsleute ſollen euch munter machen. Ihr wart ſonſt ein Liebhaber, die Fraͤulein wuſſten von euch zu erzählen. Kommt!(ab.) — ——:ʒ—ʒ—ʒ——— 35 Im Biſchoͤflichen Palaſte zu Bamberg. Der Speiſeſaal. Biſchof von Bamberg. Abt von Fulda. Olearius. Liebetraut. Hofleute (an Tafel.) (Der Nachtiſch und die großen Pokale werden aufgetragen.) Biſchof. Studiren jetzt viel Deutſche von Adel zu Bologna? Dlearius. Vom Adel⸗ und Buͤrgerſtande. Und ohne Ruhm zu melden, tragen ſie das groͤßte Lob da⸗ von. Man pflegt im Sprichwort auf der Akademie zu ſagen: So fleißig wie ein Deutſcher von Adel. Denn indem die Buͤrgerlichen einen ruͤhmlichen Fleiß auwen⸗ den, durch Talente den Mangel der Geburt zu erſetzen; ſo beſtreben ſich Jene, mit ruͤhmlicher Wetteiferung, ihre angeborne Wuͤrde durch die glaͤnzendſten Verdienſte zu erhoͤhen. 4 Abt. Ey! Liebetraut. Sag einer was man nicht erlebet. So fleißig wie ein Deutſcher von Adel! Das hab ich mein Tage nicht gehoͤrt. Olearius. Ja, ſie ſind die Bewunderung der ganzen Akademie. Es werden eheſtens einige von den aͤlteſten und geſchickteſten als Doctores zuruͤckkommen. Der Kaiſer wird gluͤcklich ſeyn die erſten Stellen damit beſetzen zu koͤnnen. 5 . 36 4 Biſchof. Das kann nicht fehlen. Abt. Kennen Sie nicht zum Exempel einen Jun⸗ ker?— Er iſt aus Heſſen— Olearius. Es ſind viel Heſſen da. Abt. Er heißt— er iſt— Weiß es Keiner von euch? — Seine Mutter war eine von— Oh! Sein Vater hatte nur Ein Aug'— und war Marſchall. Liebetraut. Von Wildenholz? Abt. Recht— von Wildenholz. Olearius Den kenn ich wohl, ein junger Herr von vielen Faͤhigkeiten. Beſonders ruͤhmt man ihn wegen ſeiner Staͤrke im Disputiren. Abt. Das hat er von ſeiner Mutter. Liebetraut. Nur wollte ſie ihr Mann niemals drum ruͤhmen. Biſchof. Wie ſagtet ihr, daß der Kaiſer hieß, der euer Corpus juris geſchrieben hat? Olearius. Juſtinianus. Biſchof. Ein trefflicher Herr! er ſoll leben! Olearius. Sein Andenken!(Sie trinken.) Abt. Es mag ein ſchoͤn Buch ſeyn. Olearius. Man moͤcht's wohl ein Buch aller Buͤcher nennen; eine Sammlung aller Geſetze; bey jedem Fall der Urtheilsſpruch bereit; und was ja noch abgaͤn⸗ gig oder dunkel waͤre, erſetzen die Gloſſen, womit die gelehrteſten Maͤnner das vortrefflichſte Werk geſchmuͤckt haben. 37 Abt. Eine Sammlung aller Geſetze! Potz! Da muͤſſen wohl auch die zehn Gebote drin ſeyn. Olearius. Implicite wohl, nicht explicite. Abt. Das mein ich auch, an und vor ſich, ohne weitere Explication. Biſchof. Und was das Schoͤnſte iſt, ſo koͤnnte, wie ihr ſagt, ein Reich in ſicherſter Ruhe und Frieden leben, woo es voͤllig eingefuͤhrt und recht gehandhabt wuͤrde. Ole arius. Ohne Frage. Biſchof. Alle Doctores Juris! Olearius. Ich werd's zu ruͤhmen wiſſen.(ie trinken.) Wollte Gott man ſpraͤche ſo in meinem Vater⸗ lande! Abt. Wo ſeyd ihr her? hochgelahrter Herr! Olearius. Von Frankfurt am Main, Ihro Emi⸗ nenz zu dienen. Biſchof. Steht ihr Herrn da nicht wohl ange⸗ ſchrieben? Wie kommt das? Olearius. Sonderbar genug. Ich war da, mei⸗ nes Vaters Erbſchaft abzuholen; der Poͤbel haͤtte mich faſt geſteinigt, wie er hoͤrte, ich ſey ein Juriſt. Abt. Behuͤte Gott! Olearius. Aber das kommt daher: Der Schoͤp⸗ penſtuhl, der in großem Anſehen weit umher ſteht, iſt mit lauter Leuten beſetzt die der Roͤmiſchen Rechte un⸗ kundig ſind. Man glaubt es ſey genug, durch Alter und Erfahrung ſich eine genaue Kenntniß des innern 38 und aͤußern Zuſtandes der Stadt zu erwerben. So wer⸗ den, nach altem Herkommen und wenigen Statuten, die Buͤrger und die Nachbarſchaft gerichtet. Abt. Das iſt wohl gut. Olearius. Aber lange nicht genug. Der Menſchen Leben iſt kurz, und in einer Generation kommen nicht alle Caſus vor. Eine Sammlung ſolcher Fälle von vie⸗ len Jahrhunderten iſt unſer Geſetzbuch. Und dann iſt der Wille und die Meinung der Menſchen ſchwankend; dem daͤucht heute das recht, was der Andere morgen mißbilliget; und ſo iſt Verwirrung und Ungerechti gkeit unvermeidlich. Das alles beſtimmen die Geſetze; und die Geſetze ſind unveraͤnderlich.. Abt. Das iſt freylich beſſer. Olearius. Das erkennt der Poͤbel nicht, der, ſo gierig er auf Neuigkeiten iſt, das Neue hoͤchſt vexab⸗ ſcheuet, das ihn aus ſeinem Gleiſe leiten will, und wenn er ſich noch ſehr dadurch verbeſſert. Sie halten den Ju⸗ riſten ſo arg, als einen Verwirrer des Staats, einen Beutelſchneider, und ſind wie raſend, wenn einer dort ſich niederzulaſſen gedenkt. Liebetraut. Ihr ſeyd von Frankfurt! 3ch bin wohl da bekannt. Bey Kaiſer Maximilians Krönung haben wir euern Braͤutigams was vorgeſchmauſ't. Euer Name iſt Olearius? Ich kenne ſo Niemanden. Olearius. Mein Vater hieß Oehlmann. Nur, den Mißſtand auf dem Titel meiner lateiniſchen Schriften zu 4 ¹ 39 vermeiden, nenn' ich mich, nach dem Beyſpiel und auf Anrathen wuͤrdiger Rechtslehrer, Olearius. Kiebetraut. Ihr thatet wohl, daß ihr euch uͤber⸗ ſetztet. Ein Prophet gilt nichts in ſeinem Vaterlande, es haͤtt euch in eurer Mutterſprache auch ſo gehen koͤnnen. Olearius. Es war nicht darum. Liebetraut. Alle Dinge haben ein Paar Urſachen. Abt. Ein Prophet gilt nichts in ſeinem Vaterlande! Liebetraut. Wiſſt ihr auch warum, Hochwuͤr⸗ diger Herr? Abt. Weil er da geboren und erzogen iſt. Liebetraut. Wohl! Das mag die eine Urſache ſeyn. Die andere iſt: Weil, bey einer naͤhern Bekannt⸗ ſchaft mit dem Herrn, der Nimbus von Ehrwuͤrdigkeit und Heiligkeit verſchwindet, den uns eine neblichte Ferne um ſie herum luͤgt; und dann ſind ſie ganz kleine Stuͤmpf⸗ chen Unſchlitt. Olearius. Es ſcheint ihr ſeyd dazu beſtellt Wahr⸗ heiten zu ſagen. Liebetraut. Weil ich's Herz dazu hab, ſo fehlt mir's nicht am Maul. Olearius. Aber doch an Geſchicklichkeit ſie wohl anzubringen. Liebetraut. Schroͤpfkoͤpfe ſind wohl angebracht wo ſie ziehen. Olearius. Bader erkennt man an der Schuͤrze 40 und nimmt in ihrem Amte ihnen nichts uͤbel. Zur Vor⸗ ſorge thaͤtet ihr wohl wenn ihr eine Schellenkappe trügt. Liebetraut. Wo habt ihr promovirt? Es iſt nur zur Nachfrage, wenn mir einmal der Einfall kaͤme, daß ich gleich vor die rechte Schmiede ginge. Olearius. Ihr ſeyd verwegen. Liebetraut. Und ihr ſehr breit. (Biſchof und Abt lachen.) Biſchof. Von was anders!— Nicht ſo hitzig, ihr Herrn. Bey Tiſch geht Alles drein— Einen andern Discurs, Liebetraut! 1 Liebetraut. Gegen Fraukfurt liegt ein Ding uͤber, heißt Sachſenhauſen— Olearius.(zum Biſchof.) Was ſpricht man vom Tuͤrkenzug, Ihro Fuͤrſtliche Gnaden? Biſchof. Der Kaiſer hat nichts Angelegners, als vorerſt das Reich zu beruhigen, die Fehden abzuſchaffen, und das Anſehen der Gerichte zu befeſtigen. Dann, ſagt man, wird er verſoͤnlich gegen die Feinde des Reichs und der Chriſtenheit ziehen. Jetzt machen ihm ſeine Privat⸗ haͤndel noch zu thun, und das Reich iſt, trotz ein vierzig Landfrieden, noch immer eine Möoͤrdergrube. Franken, Schwaben, der Oberrhein und die angraͤnzenden Laͤnder, werden von uͤbermuͤthigen und kͤhnen Rittern verheeret. Sickingen, Selbitz mit Einem Fuß, Berlichingen mit der eiſernen Hand, ſpotten in dieſen Gegenden des Kaiſer⸗ lichen Anſehens— 41 Abt. Ja wenn Ihro Majeſtaͤt nicht bald dazu thun; ſo ſtecken einen die Kerl am End in Sack. Liebetraut. Das muͤſſt' ein Kerl ſeyn der das Weinfaß von Fuld in den Sack ſchieben wollte. Biſchof. Veſonders iſt der letzte ſeit vielen Jah⸗ ren mein unverſoͤhnlicher Feind, und moleſtirt mich un⸗ ſaͤglich; aber es ſoll nicht lang mehr waͤhren, hoff' ich. Der Kaiſer haͤlt jetzt ſeinen Hof zu Augsburg. Wir haben unſere Maßregeln genommen, es kann uns nicht fehlen.— Herr Doctor, kennt ihr Adelberten von Weis⸗ lingen? Olearius. Nein, Ihro Eminenz. Biſchof. Wenn ihr die Ankunft dieſes Mann's erwartet, werdet ihr euch freuen, den edelſten, verſtaͤndig⸗ ſten und angenehmſten Ritter in Einer Perſon zu ſehen. Olearius. Es muß ein vortrefflicher Mann ſeyn, der ſolche Lobeserhebungen aus ſolch einem Munde ver⸗ dient. Liebetraut. Er iſt auf keiner Akademie geweſen. Biſchof. Das wiſſen wir.(Die Bedienten laufen aus Fenſter.) Was gibts? Ein Bedienter. Eben reit Faͤrber, Weislingens Knecht, zum Schloßthor herein. Biſchof. Seht was er bringt, er wird ihn melden. (Liebetraut geht. Sie ſtehen auf und trinken noch eins.) (ciebetraut kommt zuruͤck.) Biſchof. Was fuͤr Nachrichten? 4² Liebetraut. Ich wollt' es muͤſſt' ſie euch ein Andrer ſagen. Weislingen iſt gefangen. 2 Biſchof. O! Liebetraut. Berlichingen hat ihn und drey Knechte bey Haslach weggenommen. Einer iſt entronnen euch's anzuſagen. Abt. Eine Hiobs Poſt! Olearius. Es thut mir von Herzen leid. Biſchof. Ich will den Knecht ſehen, bringt ihn herauf— Ich will ihn ſelbſt ſprechen. Bringt ihn in mein Cabinet.(ab.) Abt.(ſetzt ſich.) Noch einen Schluck. (Die Knechte ſchenken ein.). Olearius. Belieben Ihro Hochwuͤrden nicht eine kleine Promenade in den Garten zu machen? Post coe- nam Sstabis seu passus mille meabis. Liebetraut. Wahrhaftig, das Sitzen iſt Ihnen nicht geſund. Sie kriegen noch einen Schlagfluß. (Ubt hebt ſich auf.) Liebetraut(fuͤr ſich.) Wann ich ihn nur draux ßen hab, will ich ihm fuͤr's Exercitium ſorgen.(Geht ab.) — 43 Jarthazuſfen. Maria. Weislingen. Maria. Ihr liebt mich, ſagt ihr. Ich glaub' es gerne, und hoffe mit euch, glücklich zu ſeyn, und euch gluͤcklich zu machen. Weislingen. Ich fuͤhle nichts, als nur daß ich ganz dein bin.(Er umarmt ſie.) Maria. Ich bitte euch, laſſ't mich. Einen Kuß hab ich euch zum Gottspfennig erlaubt; ihr ſcheint aber ſchon von dem Beſitz nehmen zu wollen was nur unter Bedingungen euer iſt. Weislingen. Ihr ſeyd zu ſtreng, Maria! Un⸗ ſchuldige Liebe erfreut die Gottheit, ſtatt ſie zu belei⸗ digen. Maria. Es ſey! Aber ich bin nicht dadurch er⸗ baut. Man lehrte mich: Liebkoſungen ſeyn, wie Ketten, ſtark durch ihre Verwandtſchaft, und Mädchen, wenn ſie liebten, ſeyn ſchwaͤcher als Simſon nach Verluſt ſeiner Locken. Weislingen. Wer lehrte euch das?. Maria. Die Aebtiſſinn meines Kloſters. Bis in mein ſechzehntes Jahr war ich bey ihr, und nur mit euch empfind' ich das Gluͤck, das ich in ihrem Umgang genoß. Sie hatte geliebt, und durfte reden. Sie hatte ein Herz voll Empfindung! Sie war eine vortreffliche Frau. 44 Weislingen. Do glich ſie dir!(Er nimmt ihre Hand.) Wie wird mir's werden, wenn ich euch verlaſſen ſoll! 3 Maria.(zieht ihre Hand zuruͤck.) Ein Bischen eng, hoff' ich, denn ich weiß wie's mir ſeyn wird. Aber ihr ſollt fort. Weislingen. Ja, meine Theuerſte, und ich will. Denn ich fuͤhle welche Seligkeiten ich mir durch dieß Opfer erwerbe. Geſegnet ſey dein Bruder, und der Tag an dem er auszog mich zu fangen! Maria. Sein Herz war voll Hoffnung fuͤr ihn und dich. Lebt wohl! ſagt' er bey'm Abſchied, ich will ſehen daß ich ihn wieder finde. Weislingen. Er hat's. Wie wuͤnſcht' ich die Verwaltung meiner Guͤter und ihre Sicherheit nicht durch das leidige Hofleben ſo verſaͤumt zu haben! Du köͤnnteſt gleich die Meinige ſeyn. Maria. Auch der Aufſchub hat ſeine Freuden. Weislingen. Sage das nicht, Maria, ich muß ſonſt fuͤrchten du empfindeſt weniger ſtark als ich. Doch ich buͤße verdient, und welche Hoffnungen werden mich auf jedem Schritt begleiten! Ganz der Deine zu ſeyn, nur in dir und in dem Kreiſe von Guten zu leben, von der Welt entfernt, getrennt, alle Wonne zu genießen, die ſo zwey Herzen einander gewaͤhren! Was die Gnade des Fuͤrſten, was der Beyfall der Welt gegen dieſe einfache „ — 45 einzige Gluͤckſeligkeit? Ich habe viel gehofft und gewuͤnſcht, das widerfaͤhrt mir uͤber alles Hoffen und Wuͤnſchen. Göͤtz(kommt.) Euer Knab iſt wieder da. Er konnte vor Muͤdigkeit und Hunger kaum etwas vorbringen. Meine Frau gibt ihm zu eſſen. So viel hab ich verſtanden: der Biſchof will den Knaben nicht heraus geben, es ſollen Kaiſer⸗ liche Commiſſarien ernannt, und ein Tag ausgeſetzt wer⸗ den, wo die Sache dann verglichen werden mag. Dem ſey wie ihm wolle, Adelbert, ihr ſeyd frey; ich verlange weiter nichts als eure Hand, daß ihr inskuͤnftige mei⸗ nen Feinden weder oͤffentlich noch heimlich Vorſchub thun wollt. Weislingen. Hier faſſ' ich eure Hand. Laſſt, von dieſem Augenblick an, Freundſchaft und Vertrauen, gleich einem ewigen Geſetz der Natur, unveraͤnderlich un⸗ ter uns ſeyn! Erlaubt mir zugleich dieſe Hand zu faſſen, (er nimmt Mariens Hand) und den Beſitz des edelſten Fraͤuleins.. Goͤtz. Darf ich Ja fuͤr euch ſagen? Maria. Wenn ihr es mit mir ſagt. Götz. Es iſt ein Gluͤck daß unſere Vortheile dieß⸗ mal mit einander gehn. Du brauchſt nicht roth zu wer⸗ den. Deine Blicke ſind Beweis genug. Ja denn, Weis⸗ lingen! Gebt euch die Haͤnde, und ſo ſprech' ich Amen!— Mein Freund und Bruder!— Ich danke dir, Schweſter! Du kannſt mehr als Hanf ſpinuen. Du haſt einen Faden 46 gedreht, dieſen Paradiesvogel zu feſſeln. Du ſiehſt nicht ganz rrey/ Adelbert! Was fehlt dir? Ich— bin ganz gluͤcklich; was ich nur traͤumend hoffte, ſeh ich, und bin wie traͤumend. Ach! nun iſt mein Traum aus. Mir war's heute Nacht, ich gaͤb dir meine rechte eiſerne Hand, und du hielteſt mich ſo feſt, daß ſie aus den Armſchienen ging wie abgebrochen. Ich erſchrak und wachte daruͤber auf. Ich haͤtte nur fort traͤumen ſollen, da wuͤrd' ich geſehen haben, wie du mir eine neue lebendige Hand anſetzteſt— Du ſollſt mir jetzo fort, dein Schloß und deine Guͤter in vollkommenen Stand zu ſetzen. Der verdammte Hof hat dich Beydes verſaͤumen machen. Ich muß meiner Frau rufen. Eliſabeth! Maria. Mein Bruder iſt in voller Freude. Weislingen. Und doch darf ich ihm den Rang ſtreitig machen. Goͤtz. Du wirſt anmuthig wohnen. Maria. Franken iſt ein geſegnetes Land. Weislingen. Und ich darf wohl ſagen, mein Schloß liegt in der geſegnetſten und anmuthigſten Gegend. Goͤtz. Das duͤrft ihr, und ich will's behaupten. Hier fließt der Main, und allmaͤhlich hebt der Berg an, der, mit Aeckern und Weinbergen bekleidet, von euerm Schloß gekroͤnt wird, dann biegt ſich der Fluß ſchnell um die Ecke hinter dem Felſen euers Schloſſes hin. Die Fenſter des großen Saals gehen ſteil herab auf's Waſſer, eine Ausſicht viel Stunden weit. 47 Eliſabeth(kommt.) Was ſchafft ihr?— Götz. Du ſollſt deine Hand auch dazu geben, und ſagen: Gott ſegne euch! Sie ſind ein Paar. Eliſabeth. So geſchwind! Goͤtz. Aber nicht unvermuthet. Eliſabeth. Moͤget ihr euch ſo immer nach ihr ſehnen, als bisher da ihr um ſie warbt! Und dann! Moͤch⸗ tet ihr ſo gluͤcklich ſeyn, als ihr ſie lieb behaltet! Weislingen. Amen! Ich begehre kein Gluͤck als unter dieſem Titel. Goͤtz. Der Braͤutigam, meine liebe Frau, thut ei⸗ ne kleine Reiſe; denn die große Veraͤnderung zieht viel ge⸗ ringe nach ſich. Er entfernt ſich zuerſt vom Biſchoͤflichen Hof, um dieſe Freundſchaft nach und nach erkalten zu laſſen. Dann reißt er ſeine Guͤter eigennuͤtzigen Pachtern aus den Haͤnden. Und— kommt Schweſter, komm Eliſabeth! Wir wollen ihn allein laſſen. Sein Knab hat ohne Zweifel geheime Auftraͤge an ihn. Weislingen. Nichts als was ihr piſſen durft. Gotz. Braucht'’s nicht.— Franken und Schwaben! Ihr ſeyd nun verſchwiſterter als jemals. Wie wollen wir den Fuͤrſten den Daumen auf dem Aug halten! (Die Drey gehen.) Weislingen. Gott im Himmel! Konnteſt du mir Unwurdigen ſolch eine Seligkeit bereiten? Es iſt zu viel fuͤr mein Herz. Wie ich von den elenden Menſchen ab⸗ 48 hing die ich zu beherrſchen glaubte, von den Blicken des Fuͤrſten, von dem ehrerbietigen Beyfall umher! Goͤtz, theurer Götz, du haſt mich mir ſelbſt wieder gegeben, und, Maria, du vollendeſt meine Sinnesaͤnderung. Ich fuͤhle mich ſo frey wie in heiterer Luft. Bamberg will ich nicht mehr ſehen, will all die ſchaͤndlichen Verbindungen durch⸗ ſchneiden, die mich unter mir ſelbſt hielten. Mein Herz erweitert ſich, hier iſt kein beſchwerliches Streben nach verſagter Groͤße. So gewiß iſt der allein gluͤcklich und groß, der weder zu herrſchen noch zu gehorchen braucht, um Etwas zu ſeyn! Franz(tritt auf.) Gott grüß euch, geſtrenger Herr! Ich bring euch ſo viel Gruͤße, daß ich nicht weiß wo anzuſangen. Bam⸗ berg, und zehn Meilen in die Runde, entbieten euch ein tauſendfaches: Gott gruͤß euch! Weislingen. Willkommen, Franz! Was bringſt du mehr? Frauz. Ihr ſteht in einem Andenken bey Hof und uͤberall daß es nicht zu ſagen iſt. Weislingen. Das wird nicht lange dauern. Franz. So lang ihr lebt! und nach euerm Tod wird's heller blicken, als die meſſingenen Buchſtaben auf einem Grabſtein. Wie man ſich euern Unfall zu Herzen nahm! Weislingen. Was ſagte der Biſchof? Franz. Er war ſo begierig zu wiſſen, daß er mit —— 49 geſchaͤftiger Geſchwindigkeit der Fragen meine Antwort verhinderte. Er wuſſt' es zwar ſchon; denn Faͤrber, der von Haslach entrann, brachte ihm die Botſchaft. Aber er wollte Alles wiſſen. Er fragte ſo aͤngſtlich, ob ihr nicht verſehrt waͤret? Ich ſagte: er iſt ganz, von der aͤußerſten Haarſpitze bis zum Nagel des kleinen Zehs. 1 Weislingen. Was ſagte er zu den Vorſchlägen? Franz. Er wolltte gleich Alles herausgeben, den Knaben und noch Geld darauf, nur euch zu befreyen. Da er aber hoͤrte, ihr ſolltet ohne das loskommen, und nur euer Wort das Aequivalent gegen den Buben ſeynz da wollte er abſolut den Berlichingen vertagt haben. Er ſagte mir hundert Sachen an euch— ich hab ſie wie⸗ der vergeſſen. Es war eine lange Predigt uber die Worte: Ich kann Weislingen nicht entbehren. Weislingen. Er wird's lernen muͤſſen! Franz. Wie meint ihr? Er ſagte, mach ihn eilen, es wartet Alles auf ihn. Weislingen. Es kann warten. Ich gehe nicht nach Hof. Franz. Nicht nach Hof? Herr! Wie kommt euch das? Wenn ihr wuͤſſtet was ich weiß. Wenn ihr nur traͤumen koͤnntet, was ich geſehen habe. Weislingen. Wie wird dir's? Franz. Nur von der bloßen Erinnerung komm' ich außer mir. Bamberg iſt nicht mehr Bamberg, ein En⸗ gel in Weibzgeſtalt macht es zum Vorhofe des Himmels. Goethe's Werke, VI. Bd. 4 — 6 50 Weislingen. Nichts weiter? Franz. Ich will ein Pfaff werden, wenn ihr ſie ſeht und nicht außer euch kommt. Weislingen. Wer iſt's denn? Franz. Adelheid von Walldorf Weislingen. Die! Ich habe viel von ihrer Schoͤnheit gehoͤrt.. Franz. Gehoͤrt? Das iſt eben das wenn ihr ſag⸗ tet, ich habe die Muſik geſehen. Es iſt der Zunge ſo we⸗ mig moͤglich eine Linie ihrer Vollkommenheiten auszu⸗ drucken, da das Aug ſogar in ihrer Gegenwart ſich nicht ſelbſt genug iſt. ¹ Weislingen. Du biſt nicht geſcheid. Franz. Das kann wohl ſeyn. Das Letztemal da ich ſie ſahe hatte ich nicht mehr Sinne als ein Trunke⸗ ner. Oder vielmehr, kann ich ſagen, ich fuͤhlte in dem Augenblick, wie's den Heiligen bey himmliſchen Erſchei⸗ nungen ſeyn mag. Alle Sinne ſtaͤrker, hoͤher, vollkom⸗ mener, und doch den Gebrauch von keinem. Weislingen. Das iſt ſeltſam. n Franz. Wie ich von dem Biſchof Abſchied nahm, ſaß ſie bey ihm. Sie ſpielten Schach. Er war ſehr gnaͤ⸗ dig, reichte mir ſeine Hand zu kuüſſen, und ſagte mir Vieles, davon ich nichts vernahm. Denn ich ſah ſeine Nachbarinn, ſie hatte ihr Auge auf's Bret geheftet, als wenn ſie einem großen Streich nachſaͤnne. Ein feiner lauernder Zug um Mund und Wange! Ich haͤtt der elfen⸗ 4 9 51 beinerne Koͤnig ſeyn moͤgen. Adel und Freundlichkeit herrſchten auf ihrer Stirn. Und das blendende Licht des Angeſichts und des Buſens, wie es von den finſtern Haaren erhoben ward. Weislingen. Du biſt druͤber gar zum Dichter geworden. Franz. So fuͤhl' ich denn in dem Augenblick, was den Dichter macht, ein volles, ganz von einer Empfin⸗ dung volles Herz! Wie der Biſchof endigte und ich mich neigte, ſah ſie mich an, und ſagte: Auch von mir einen Gruß unbekannter Weiſe! Sag' ihm, er mag ja bald kommen. Es warten neue Freunde auf ihn; er ſoll ſie nicht verachten, wenn er ſchon an alten ſo reich iſt.— Ich wollte was antworten, aber der Paß vom Herzen nach der Zunge war verſperrt, ich neigte mich. Ich haͤtte mein Vermoͤgen gegeben, die Spitze ihres kleinen Fingers kuͤſſen zu duͤrfen! Wie ich ſo ſtund, warf der Biſchof einen Bauern herunter, ich fuhr darnach und ruͤhrte im Aufheben den Saum ihres Kleides, das fuhr mir durch alle Glieder, und ich weiß nicht wie ich zur Thuͤr hinaus gekommen bin. Weislingen. Iſt ihr Mann bey Hofe? Franz. Sie iſt ſchon vier Monat Wittwe. Um ſich zu zerſtreuen haͤlt ſie ſich in Bamberg auf. Ihr werdet ſie ſehen. Wenn ſie einen anſieht, iſt's als wenn man in der Fruͤhlingsſonne ſtuͤnde. 52 Weislingen. Es wurde eine ſchwaͤchere Wirkung auf mich haben.— Franz. Ich hoͤre, ihr ſeyd ſo gut als verheirathet. Weislingen. Wollte ich waͤr's. Meine ſanfte Ma⸗ rie wird das Gluͤck meines Lebens machen. Ihre ſuͤße Seele bildet ſich in ihren blanen Augen. Und weiß wie ein Engel des Himmels, gebildet aus Unſchuld und Lie⸗ be, leitet ſie mein Herz zur Ruhe und Gluͤckſeligkeit. Pack zuſammen! und dann auf mein Schloß! Ich will Bamberg nicht ſehen, und wenn Sanct Veit in Perſon meiner begehrte.(Geht ab.) Franz. Da ſey Gott vor! Wollen das Beſte hoffen! Maria iſt liebreich und ſchoͤn, und einem Gefangenen und Kranken kann ich's nicht uͤbel nehmen der ſich in ſie verliebt. In ihren Augen iſt Troſt, geſellſchaftliche Me⸗ lancholie.— Aber um dich, Adelheid, iſt Leben, Feuer, — Muth— Ich wuͤrde!— Ich bin ein Narr— dazu machte mich Ein Blick von ihr. Mein Herr muß hin! Ich muß hin! und da will ich mich wieder geſcheid oder voͤllig raſend gaffen. Zweyter Akt. Bamberg. Ein Saal. Biſchof. Adelheid.(bielen Schach.) Liebe⸗ traut(mit einer Zitter.) Frauen. Hofleute 4(um ihn herum am Kamin.) Liebetraut(ppielt und ſingt.) Mit Pfeilen und Bogen Cupido geflogen, Die Fackel in Brand, Wollt muthilich kriegen Und maͤnnllich ſiegen Mit ſtuͤrmender Hand. Auf! Auf! An! An! Die Waffen erklirrten, Die Fluͤgelein ſchwirrten, Die Augen entbrannt. Dda fand er die Buſen Ach leider ſo bloß, Sie nahen ſo witzig 54 Ihn all' auf den Schoos. Er ſchuͤttet die Pfeile Zum Feuer hinein, Sie herzten und druͤckten Und wiegten ihn ein. 3 Hey ey o! Popeyo! 4 Adelheid. Ihr ſeyd nicht bey eurem Spiele, Schach dem König!* Biſchof. Es iſt noch Auskunft. Adelheid. Lange werdet ihr's nicht mehr treiben. Schach dem Koͤnig!— Liebetraut. Dies Spiel ſpielt' ich nicht wenn ich ein großer Herr waͤr, und verboͤt's am Hof und im ganzen Land. t Adelheid. Es iſt wahr, dies Spiel iſt ein Pro⸗ bierſtein des Gehirns. Liebetraut. Nicht darum! ich wollte lieber das Geheul der Todtenglocke und ominoͤſer Voͤgel, lieber das Gehenl des knurriſchen Hofhunds Gewiſſen, lieber wollt' ich ſie durch den tiefſten Schlaf hören, als von Laufern, Springern und andern Beſtien das ewige: Schach dem König! Biſchof. Wem wird auch das einfallen! Liebetraut. Einem zum Exempel, der ſchwach waͤre und ein ſtark Gewiſſen haͤtte, wie denn das mei⸗ ſtentheils beyſammen iſt. Sie nennen's ein königlich Spiei, und ſagen, es ſey fuͤr einen König erfunden wor⸗ — 55 den, der den Erfinder mit einem Meer von Ueberfluß belohnt habe. Wenn das wahr iſt, ſo iſt mir's als wenn ich ihn ſaͤhe. Er war minorenn an Verſtand oder an Jahren, unter del Vormundſchaft ſeiner Mutter oder ſei⸗ ner Frau, hatte Milchhaare im Bart und Flachshaare um die Schlaͤfe, eis war ſo gefaͤllig wie ein Weidenſchoͤß⸗ ling, und ſpielte gern Dame und mit den Damen, nicht aus Leidenſchaft, behuͤte Gott! nur zum Zeitvertreib. Sein Hofmeiſter, zu thaͤtig um ein Gelehrter, zu un⸗ lenkſam ein Weltmann zu ſeyn, erfand das Spiel in usum Delphini, das ſo homogen mit Seiner Majeſtaͤt war— und ſo ferner. Adelheid. Matt! Ihr ſolltet die Luͤcken unſrer Geſchichtsbücher ausfuͤllen, Liebetraut.(Sie ſtehen auf.) Liebetraut. Die Luͤcken unſrer Geſchlechtsregiſter, das waͤre profitabler. Seitdem die Verdienſte unſrer Vorfahren mit ihren Portraͤts zu einerley Gebrauch die⸗ nen, die leeren Seiten näͤmlich unſrer Zimmer und un⸗ ſers Charakters zu tapezieren; da waͤre was zu ver⸗ dienen. Biſchof. Er will nicht kommen, ſagtet ihr! Adelheid. Ich bitt' euch, ſchlagt's euch aus dem Sinn. Biſchof. Was das ſeyn mag? Liebetraut. Was? Die Urſachen laſſen ſich her⸗ unterbeten wie ein Roſenkranz. Er iſt in eine Art von Zerknirſchung gefallen, von der ich ihn leicht kuriren wollt. 6 1 56 Biſchof. Thut das, reitet zu ihm. Liebetraut. Meinen Auftrag! o Biſchof. Er ſoll unumſchraͤnkt ſeyn. Spare nichts, wenn du ihn zuruͤckbringſt. Liebetraut. Darf ich euch 4 hinein miſchen, gnädige Frau? Adelheid. Mit Veſche derhelt. Liebetraut. Das iſt eine weitlaͤufige Commiſſion. Adelheid. Kennt ihr mich ſo wenig, oder ſeyd ihr ſo jung, um nicht zu wiſſen in welchem Ton ihr mit Weislingen von mir zu reden habt. Liebetraut. Im Ton einer Wachtelpfeife, denk' ich. Adelheid. Ihr werdet nie geſcheid werden! Liebetraut. Wird man das gnaͤdige Frau? Biſchof. Geht, geht. Nehmt das beſte Pferd aus meinem Stall, waͤhlt euch Knechte, und ſchafft mir ihn her! Liebetraut. Wenn ich ihn nicht herbanne, ſo ſagt: ein altes Weib, das Warzen und Sommerflecken ver⸗ treibt, verſtehe mehr von der Sympathie als ich. Biſchof. Was wird das helfen! Berlichingen hat ihn ganz eingenommen. Wenn er herkommt wird er wieder fort wollen. Liebetraut. Wollen, das iſt keine Frage, aber ob er kann. Der Haͤndedruck eines Fuͤrſten, und das Laͤcheln einer hoͤnen Fran! Da reißt ſich kein Weis⸗ lingen los. Ich eile und empfehle mich zu Gnaden. * 57 Biſchof. Reist wohl. Adelheid. Adieu.(Er geht.) Biſchof. Wenn er einmal hier iſt, verlaſſ' ich mich auf euch.. 1 Adelheid. Wollt ihr mich zur Leimſtange brauchen? Biſchof. Nicht doch. Adelheid. Zum Lockvogel denn? Biſchof. Nein, den ſpielt Liebetraut. Ich bitt' euch, verſagt mir nicht, was mir ſonſt Niemand gewaͤh⸗ ren kann. Adelheid. Wollen ſehn. IFarxrhauſfen. Hanns von Selbitz. Götz. Selbitz. Jedermann wird euch loben, daß ihr de⸗ nen von Nuͤrnberg Fehd angekuͤndigt habt. Goͤtz. Es haͤtte mir das Herz abgefreſſen, wenn ich's ihnen haͤtte lang ſchuldig bleiben ſollen. Es iſt am Tag, ſie haben den Bambergern meinen Buben ver⸗ rathen. Sie ſollen an mich denken! Selbitz. Sie haben einen alten Groll gegen euch. Goͤtz. Und ich wider ſie; mir iſt gar recht daß ſie angefangen haben.— Selbitz. Die Reichsſtaͤdte und Pfaffen halten doch von jeher zuſammen. Goͤtz. Sie haben's Urſach. 58 Selbitz. Wit wollen ihnen die Hoͤlle heiß machen. Gotz. Ich zaͤhlte auf euch. Wollte Gott der Bur⸗ gemeiſter von Nurnberg, mit der guͤldenen Kett um den Hals, käm uns in Wurf, er ſollt ſich mit all ſeinem Witz verwundern. Selbitz. Ich hoͤre, Weislingen iſt wieder auf eu⸗ rer Seite. Tritt er zu uns? Goötz. Noch nicht; es hat ſeine Urſachen warum er uns noch nicht offentlich Vorſchub thun darf; doch iſt's eine Weile genug daß er nicht wider uns iſt. Der Pfaff' iſt ohne ihn, was das Meßgewand ohne den Pfaffen. Selbitz. Wann ziehen wir aus? Götz. Morgen oder uübermorgen. Es kommen nun bald Kaufleute von Bamberg und Nuͤrnberg aus der Frankfurter Meſſe. Wir werden einen guten Fang thun. Selbitz. Wil''s Gott.(ab.) Bamberg. Zimmer der Adelheid. Adelheid. Kammerfraͤulein. Adelheid. Er iſt da! ſagſt du. Ich glaub' es kaum. Fraͤulein. Wenn ich ihn nicht ſelbſt geſehen haͤtte, wuͤrd' ich ſagen, ich zweifle. Adelheid. Den Liebetraut mag der Biſchof in Gold einfaſſen: er hat ein Meiſterſtuͤck gemacht. 59 Fraͤulein. Ich ſah' ihn, wie er zum Schloß her⸗ einreiten wollte, er ſaß auf einem Schimmel. Das Pferd ſcheute wie's an die Bruͤcke kam, und wollte nicht von der Stelle. Das Volk war aus allen Straßen gelaufen ihn zu ſehn. Sie freuten ſich uͤber des Pferdes Unart. Von allen Seiten ward er begruͤßt und er dankte Allen. Mit einer angenehmen Gleichgültigkeit ſaß er droben⸗ und mit Schmeicheln und Drohen bracht er es endlich zum Thor herein, der Liebetraut mit, und wenig Knechte Adelheid. Wie gefaͤllt er dir? Fraͤulein. Wie mir nicht leicht ein Mann gefal⸗ len hat. Er glich dem Kaiſer hier,(deutet auf Marxi⸗ milians Portraͤt) als wenn er ſein Sohn waͤre. Die Naſe nur etwas kleiner, eben ſo freundliche lichtbraune Augen, eben ſo ein blondes ſchoͤnes Haar, und gewach⸗ ſen wie eine Puppe. Ein halb trauriger Zug auf ſei⸗ nem Geſicht— ich weiß nicht— gefiel mir ſo wohl! Adelheid. Ich bin neugierig ihn zu ſehen. Fräulein. Das waͤr' ein Herr fuͤr euch. Adelheid. Naͤrrinn! Fräulein. Kinder und Narren— Liebetraut(kommt.) Liebetraut. Nun gnaͤdige Frau, was verdien' ich? Adelheid. Hoͤrner von deinem Weibe. Denn nach dem zu rechnen, habt ihr ſchon manches Nachbars ehr⸗ liches Hausweib aus ihrer Pflicht hinausgeſchwatzt. Liebetraut. Nicht doch, gnaͤdige Frau! Auf ihre 60 Pflicht wollt ihr ſagen; wenn's ja geſchah, ſchwatzt' ich ſie auf ihres Mannes Bette. Adelheid. Wie habt ihr's gemacht ihn herzu⸗ bringen? Liebetraut. Ihr wiſſt zu gut wie man Schne⸗ pfen faͤngt; ſoll ich euch meine Kunſtſtuͤckchen noch dazu lehren?— Erſt that ich als wuͤſſt' ich nichts, verſtuͤnd nichts von ſeiner Aufführung, und ſetzt ihn dadurch in den Nachtheil die ganze Hiſtorie zu erzaͤhlen. Die ſah ich nun gleich von einer ganz andern Seite als er, konn, te nicht finden— nicht einſehen— und ſo weiter. Dann redete ich von Bamberg allerley durch einander, Großes und Kleines, erweckte gewiſſe alte Erinnerungen, und wie ich ſeine Einbildungskraft beſchaͤftigt hatte, knupfte ich wirklich eine Menge Fadchen wieder an, die ich zer⸗ riſſen fand. Er wuſſte nicht wie ihm geſchah, fuhlte einen neuen Zug nach Bamberg, er wollte— ohne zu wollen. Wie er nun in ſein Herz ging, und das zu ent⸗ wickeln ſuchte, und viel zu ſehr mit ſich beſchaͤftigt war um auf ſich Acht zu geben, warf ich ihm ein Seil um den Hals, aus drey maͤchtigen Stricken, Weiber⸗, Fuͤr⸗ ſtengunſt und Schmeicheley gedreht, und ſo hab' ich ihn hergeſchleppt. Adelheid. Was ſagtet ihr von mir? Liebetraut. Die lautre Wahrheit. Ihr haͤttet wegen eurer Guter Verdruͤßlichkeiten— haͤttet gehofft, 61 da er beym Kaiſer ſo viel gelte, werde er das leicht en⸗ den koͤnnen. Adelheid. Wohl.. Liebetraut. Der Biſchof wird ihn euch bringen, Adelheid. Ich erwarte ſie.(Liebetraut ab.) Mit einem Herzen wie ich ſelten Beſuch erwartete. Im Speſſar. Berlichingen. Selbitz. Georg —(als Reitersknecht.) Goͤtz. Du haſt ihn nicht angetroffen, Georg! Georg. Er war Tags vorher mit Liebetraut nach Bamberg geritten, und zwey Knechte mit. Goͤtz. Ich ſeh' nicht ein was das geben ſoll. Selbitz. Ich wohl. Eure Verſoͤhnung war ein wenig zu ſchnell als daß ſie dauerhaft haͤtte ſeyn ſollen Der Liebetraut iſt ein pfiffiger Kerl; von dem hat er ſich beſchwaͤtzen laſſen. Götz. Glaubſt du, daß er bundbrüchig werden wird? Selbitz. Der erſte Schritt iſt gethan. Goͤtz. Ich glaub's nicht. Wer weiß wie noͤthig es war an Hof zu gehen; man iſt ihm noch ſchuldig; wir wollen das Beſte hoffen. Selbitz. Wollte Gott, er verdient' es, und thaͤte das Beſte! 62 Götz. Mir fällt eine Liſt ein. Wir wollen Geor⸗ gen des Bamberger Reiters erbeuteten Kittel anziehen, und ihm das Geleitzeichen geben; er mag nach Bam⸗ berg reiten, und ſehen wie's ſteht. Georg. Da hab' ich lange drauf gehofft. Goͤtz. Es iſt dein erſter Ritt. Sey vorſichtig, Kna⸗ be! Mir waͤre leid, wenn dir ein unfall begegnen ſollt. Georg. Laſſt nur, mich irrts nicht wenn noch ſo viel um mich herum krabeln, mir iſt's als wenn's Rat⸗ ten und Maͤuſe waͤren.(ab.) — Bamberg. Biſchof. Weislingen. Biſchof. Du willſt dich nicht laͤnger halten laſſen! Weislingen. Ihr werdet nicht verlangen, daß ich meinen Eid brechen ſoll. Biſchof. Ich haͤtte verlangen koͤnnen du ſollteſt ihn nicht ſchwoͤren. Was fuͤr ein Geiſt regierte dich? Konnt' ich dich ohne das nicht befreyen? Gelt ich ſo wenig am Kaiſerlichen Hofe? 4 Weislingen. Es iſt geſchehen; verzeiht mir wenn ihr könnt. Biſchof. Ich begreif' nicht, was nur im gering⸗ ſten dich noͤthigte den Schritt zu thun! Mir zu entſa⸗ gen? Waren denn nicht hundert andere Bedingungen 63 los zu kommen? Haben wir nicht ſeinen Buben? Häͤtt' ich nicht Gelds genug gegeben, und ihn wieder beruhigt? Unſere Anſchlaͤge auf ihn und ſeine Geſellen waͤren fort⸗ gegangen— Ach ich denke nicht, daß ich mit ſeinem Freunde rede, der nun wider mich arbeitet, und die Mi⸗ nen leicht entkraͤften kann, die er ſelbſt gegraben hat. Weislingen. Gnaͤdiger Hetr. Biſchof. Und doch— wenn ich wieder dein Ange⸗ ſicht ſehe, deine Stimme höre. Es iſt nicht möglich, nicht moͤglich. Weislingen. Lebt wohl, gnaͤdiger Herr. Biſchof. Ich gebe dir meinen Segen. Sonſt, wenn du gingſt, ſagt' ich: Auf Wiederſehn! Jetzt— Wollte Gott, wir ſaͤhen einander nie wieder! Weislingen. Es kann ſich Vieles aͤndern. Biſchof. Vielleicht ſeh' ich dich noch einmal, als Feind vor meinen Mauern, die Felder verheeren, die ih⸗ ren bluͤhenden Zuſtand dir ſetzo danken. Weislingen. Nein, gnaͤdiger Herr. Biſchof. Du kannſt nicht Nein ſagen. Die welt⸗ lichen Staͤnde, meine Nachbarn, haben alle einen Zahn auf mich. So lang ich dich hatte— Geht, Weislin⸗ gen! Ich habe euch nichts mehr zu ſagen. Ihr habt Vie⸗ les zu nichte gemacht. Geht! Weislingen. Und ich weiß nicht was ich ſagen ſoll,(Biſchof ab.) 64 Franz ttritt auf.) Adelheid erwartet euch. Sie iſt nicht wohl. Und doch will ſie euch ohne Abſchied nicht laſſen. Weislingen. Komm. Franz. Gehn wir denn gewiß? Weislingen. Noch dieſen Abend.— Franz. Mir iſt als wenn ich aus der Welt ſollte. Weislingen. Mir auch, und noch darzu als wuͤſſt' ich nicht wohin. Adelheidens Zimmer. Adelheid. Fräaͤulein. Fräͤulein. Ihr ſeht blaß, gnaͤdige Frau. Adelheid.— Ich lieb' ihn nicht, und wollte doch daß er bliebe. Siehſt du, ich koͤnnte mit ihm leben, ob ich ihn gleich nicht zum Manne haben moͤchte. Fräaͤutein. Glaubt ihr, er geht? Adelheid. Er iſt zum Biſchof um Lebewohl zu ſagen. Fraͤulein. Er hat darnach noch einen ſhweren Stand. Adelheid. Wie meinſt du? Fraͤulein. Was fragt ihr, gnaͤdige Frau? Ihr habt ſein Herz geangelt, und wenn er ſich losreißen will, verblutet er. 65 Adelheid. Weislingen. Weislingen. Ihr ſeyd nicht wohl, gnaͤdige Frau? Adelheid. Das kann euch einerley ſeyn. Ihr ver⸗ laſſt uns, verlaſſt uns auf immer. Was fragt ihr ob wir leben oder ſterben. Weislingen. Ihr verkennt mich. Adelheid. Ich nehme euch wie ihr euch gebt. Weislingen. Das Anſehen truͤgt. Adelheid. So ſeyd ihr ein Chamaͤleon? Weislingen. Wenn ihr mein Herz ſehen koͤnntet! Adelheid. Schoͤne Sachen wuͤrden mir vor die Augen kommen. Weislingen. Gewiß ihr wuͤrdet euer Bild drin finden. Adelheid. In irgend einem Winkel bey den Por⸗ traͤten ausgeſtorbener Familien. Ich bitt' euch, Weis⸗ lingen, bedenkt, ihr redet mit mir. Falſche Worte gelten zum hoͤchſten wenn ſie Masken unſrer Thaten ſind. Ein Vermummter, der kenntlich iſt, ſpielt eine armſelige Rolle. Ihr leugnet eure Handlungen nicht und redet das Gegentheil; was ſoll man von euch halten? Weislingen. Was ihr wollt. Ich bin ſo geplqgt mit dem was ich bin, daß mir wenig bang iſt, fuͤr was man mich nehmen mag. Adelheid. Ihr kommt um Abſchied zu nehmen. Weislingen. erlaubt mir eure Hand zu küſſen, Goethe's Werke. VI. Bd. V 66 und ich will ſagen, lebt wohl. Ihr erinnert mich! Ich bedachte nicht— Ich bin beſchwerlich, gnaͤdige Frau. A delheid. Ihr legt's falſch aus: ich wollte euch fort helfen; denn ihr wollt fort. Weislingen. O ſagt, ich muß. Zoͤge mich nicht die Ritterpflicht, der heilige Handſchlag— Adelheid. Geht! Geht! Erzaͤhlt das Maͤdchen, die den Theuerdank leſen, und ſich ſo einen Mann wuͤn⸗ ſchen. Ritterpflicht! Kinderſpiel! Weislingen. Ihr denkt nicht ſo. Adelheid. Bey meinem Eid, ihr verſtellt ench! Was habt ihr verſprochen? Und wem? Einem Mann, der ſeine Pflicht gegen den Kaiſer und das Reich ver⸗ kennt, in eben dem Augenblick Pflicht zu leiſten, da er durch eure Gefangennehmung in die Strafe der Acht ver⸗ faͤllt. Pflicht zu leiſten! die nicht guͤltiger ſeyn kann als ein ungerechter gezwungener Eid. Entbinden nicht unſte Geſetze von ſolchen Schwuͤren? Macht das Kin⸗ dern weiß, die den Ruͤbezahl glauben. Es ſtecken andere Sachen dahinter. Ein Feind des Reichs zu werden, ein Feind der buͤrgerlichen Ruh' und Gluͤckſeligkeit! Ein Feind des Kaiſers! Geſelle eines Raͤubers! du, Weislingen, mit deiner ſanften Seele! Weislingen. Wenn ihr ihn kenntet— Adelheid. Ich wollt' ihm Gerechtigkeit widerfah⸗ ren laſſen. Er hat eine hohe unbaͤndige Seele. Eben darum wehe dir, Weislingen! Geh und bilde dir ein, — 67 Geſelle von ihm zu ſeyn. Gehl und laß bich beherrſchen, Du biſt freundlich, gefaͤllig— Weislingen. Er iſt's auch. Adelheid. Aber du biſt nachgebend und er nicht! Unverſehens wird er dich wegreißen, du wirſt ein Sklape eines Edelmanns werden, da du Herr von Fuͤrſten ſeyn koͤnnteſt.— Doch es iſt Unbarmherzigkeik dir deinen zukünftigen Stand zu verleiden. Weislingen, Häͤtteſt du gefuͤhlt wie liebreich er mir begegnete, Adelheid. Liebreich! Das rechneſt du ihm an? Es war ſeine Schuldigkeit; und was haͤtteſt du verlo⸗ ren wenn er widerwaͤrtig geweſen waͤre? Mir haͤtte das willkommner ſeyn ſollen. Ein uͤbermuͤthiger Menſch wie der—. Weislingen, Ihr redet von euerm Feind. Adelheid. Ich redete fuͤr eure Freyheit— und weiß uͤberhaupt nicht was ich vor einen Antheil dran nehme. Lebt wohl. Weislingen, Erlaubt noch einen Augenblick.(Er nimmt ihre Hand und ſchweigt.) Adelheid. Habt ihr mir noch was zu ſagen? Weislingen.—— Ich muß fort, Adelheid. So geht. Weislingen,. Gnaͤdige Frau!— Ich kann nicht, Adelheid. Ihr muͤſſt. 68 Adelheid. Geht, ich bin krank, ſehr zur ungeleg⸗ nen Zeit. Weislingen. Seht mich nicht ſo an. Adelheid. Willſt du unſer Feind ſeyn, und wir ſollen dir lächeln? Geh! Weislingen. Adelheid! A delheid. Ich haſſe euch! Franz(kommt.) Gnaͤdiger Herr! der Biſchof läͤſſt euch rufen. Adelheid. Geht! Geht! Franz. Er bittet euch eilend zu kommen. Adelheid. Geht! Geht! Weislingen. Ich nehme nicht Abſchied, ich ſehe euch wieder(ab.) 4 Adelheid. Mich wieder? Wir wollen dafur ſeyn. Margaretha, wenn er kommt, weiſ' ihn ab. Ich bin krank, habe Kopfweh, ich ſchlafe— Weiſ'ihn ab. Wenn er noch zu gewinnen iſt, ſo iſt's auf dieſem Wege.(ab.) Vorzimmer. Weislingen. Franz. Weislingen. Sie will mich nicht ſehen? Franz. Es wird Nacht, ſoll ich die Pferde ſatteln? Weislingen. Sie will mich nicht ſehen? Franz. Wann befehlen Ihro Gnaden die Pferde? 69 Weislingen. Es iſt zu ſpaͤt! Wir bleiben hier. Franz. Gott ſey Dank!(ab.) Weislingen. Du bleibſt! Sey auf deiner Hut, die Verſuchung iſt groß. Mein Pferd ſcheute wie ich zum Schloßthor herein wollte, mein guter Geiſt ſtellte ſich ihm entgegen, er kannte die Gefahren die mein hier warteten.— Doch iſt's nicht recht, die vielen Geſchaͤfte, die ich dem Biſchof unvollendet liegen ließ, nicht wenig⸗ ſtens ſo zu ordnen, daß ein Nachfolger da anfangen kann wo ich's gelaſſen habe. Das kann ich doch alles thun, unbeſchadet Berlichingen und unſrer Verbindung. Denn halten ſollen ſie mich hier nicht— Waͤre doch beſſer ge⸗ weſen wenn ich nicht gekommen waͤre. Aber ich will fort— morgen oder uͤbermorgen.(Geht ab.) Im Speſſart. Gö tz. Selbitz. Georg. Selbitz. Ihr ſeht, es iſt gegangen, wie ich geſagt habe. Goͤtz. Nein. Nein. Nein. Georg. Glaubt, ich berichte euch mit der Wahr⸗ heit. Ich that wie ihr befahlt, nahm den Kittel des Bambergiſchen und ſein Zeichen, und damit ich doch mein Eſſen und Trinken verdiente, geleitete ich Reine⸗ ckiſche Bauern hinauf nach Bamberg. 70 Selbitz. In der Verkappung? Das haͤtte dir uͤbel gerathen koͤnnen. Georg. So denk' ich auch hinten drein. Ein Rei⸗ tersmann der das voraus denkt, wird keine weiten Spruͤnge machen. Ich kam nach Bamberg, und gleich im Wirthshaus hoͤrte ich erzaͤhlen: Weislingen und der Biſchof ſeyen ausgeſoͤhnt, und man redte viel von einer Heyrath mit der Wittwe des von Walldorf. Goͤtz. Geſpraͤche. Georg. Ich ſah ihn wie er ſie zur Tafel fuͤhrte. Sie iſt ſchoͤn, bey meinem Eid, ſie iſt ſchoͤn. Wir buͤck⸗ ten uns Alle, ſie dankte uns Allen, er nickte mit dem Kopf, ſah ſehr vergnuͤgt, ſie gingen vorbey, und das Volk murmelte: ein ſchoͤnes Paar! Götz. Das kann ſeyn. Georg. Hoͤrt weiter. Da er des andern Tags in die Meſſe ging, paſſt' ich meine Zeit ab. Er war allein mit einem Knaben. Ich ſtund unten an der Treppe und ſagte leiſe zu ihm: Ein Paar Worte von euerm Ber⸗ lichingen. Er ward beſturzt; ich ſahe das Geſtaͤndniß ſei⸗ nes Laſters in ſeinem Geſicht, er hatte kaum das Herz mich anzuſehen, mich, einen ſchlechten Reitersjungen. Selbitz. Das macht, ſein Gewiſſen war ſchlechter als dein Stand. „ Georg. Du biſt Bambergiſch? ſagt' er. d3 bring einen Luf vom Ritter Berlichingen, ſagt' ich, und ſoll 71 fragen— Komm morgen fruͤh, ſagt' er, an mein Zim⸗ mer, wir wollen weiter reden. Götz. Kamſt du? Georg. Wohl kam ich, und muſſt' im Vorſaal ſtehen, lang, lang. Und die ſeidnen Buben beguckten mich von vorn und hinten. Ich dachte, guckt ihr— End⸗ lich fuͤhrte man mich hinein, er ſchien boͤſe, mir war's einerley. Ich trat zu ihm und legte meine Commiſſion ab. Er that feindlich boͤſe, wie einer der kein Herz hat und's nit will merken laſſen. Er verwunderte ſich, daß ihr ihn durch einen Reitersjungen zur Rede ſetzen ließt. Das verdroß mich. Ich ſagte, es gaͤbe nur zweyerley Leut, brave und Schurken, und ich diente Goͤtzen von Berlichingen. Nun fing er an, ſchwatzte allerley verkehr⸗ tes Zeug, das darauf hinaus ging: Ihr hättet ihn uͤber⸗ eilt, er ſey euch keine Pflicht ſchuldig, und wolle nichts mit euch zu thun haben. Goͤtz. Haſt du das aus ſeinem Munde? Georg. Das und noch mehr— er drohte mir— Götz. Es iſt genug! Der waͤre nun auch verloren! Treu und Glaube, du haſt mich wieder betrogen. Arme Marie! Wie werd' ich dir's beybringen! Selbitz. Ich wollte lieber mein ander Bein dazu verlieren als ſo ein Hundsfott ſeyn.(ab.) 72 Beamber g. Adelheid. Weislinge n. Adelheid. Die Zeit faͤngt mir an unertraͤglich lang zu werden; reden mag ich nicht, und ich ſchaͤme mich mit euch zu ſpielen. Langeweile, du biſt aͤrger als ein kaltes Fieber G Weislingen. Seyd ihr mich ſchon müde? Adelheid. Euch nicht ſowohl als euern Umgang. Ich wollte ihr waͤr't wo ihr hinwolltet, und wir haͤtten euch nicht gehalten. Weislingen. Das iſt Weibergunſt! Erſt bruͤtet ſie, mit Mutterwaͤrme, unſre liebſten Hoffnungen an; dann, gleich einer unbeſtaͤndigen Henne, verlaͤſſt ſie das Neſt, und uͤbergibt ihre ſchon keimende Nachkommenſchaft dem Tode und der Verweſung. Adelheid. Scheltet die Weiber! Der unbeſonnene Spieler zerbeißt und zerſtampft die Karten, die ihn un⸗ ſchuldiger Weiſe verlieren machten. Aber laſſt mich euch was von Mannsleuten erzaͤhlen. Was ſeyd denn ihr, um von Wankelmuth zu ſprechen? Ihr die ihr ſelten ſeyd was ihr ſeyn wollt, niemals was ihr ſeyn ſolltet. Koͤnige im Feſttagsornat;, vom Poͤbel beneidet. Was gaͤb' eine Schneidersfrau drum, eine Schnur Perlen um ihren Hals zu haben, von dem Saum eures Kleids, den eure Abſatze veraͤchtlich zuruͤckſtoßen! Weislingen. Ihr ſeyd bitter. 73 Adelheid. Es iſt die Antiſtrophe von eurem Ge⸗ ſang. Eh' ich euch kannte, Weislingen, ging mir's wie der Schneidersfrau. Der Ruf hundertzuͤngig, ohne Me⸗ tapher geſprochen, hatte euch ſo zahnarztmaͤßig heraus⸗ geſtrichen, daß ich mich uͤberreden ließ zu wuͤnſchen: moͤchteſt du doch dieſe Quinteſſenz des maͤnnlichen Ge⸗ ſchlechts, den Phoͤnix Weislingen zu Geſicht kriegen! Ich ward meines Wunſches gewaͤhrt.. Weislingen. Und der Phoͤnix praͤſentirte ſich als ein ordinaͤrer Haushahn. Adelheid. Nein, Weislingen, ich nahm Antheil an euch. Weislingen. Es ſchien ſo—. Adelheid. Und war. Denn wirklich, ihr uͤbertraft euern Ruf. Die Menge ſchaͤtzt nur den Wiederſchein des Verdienſtes. Wie mir's denn nun geht, daß ich uͤber die Leute nicht denken mag, denen ich wohl will; ſo lebten wir eine Zeit lang neben einander, es fehlte mir was, und ich wuſſte nicht was ich an euch ver⸗ miſſte. Endlich gingen mir die Augen auf. Ich ſah ſtatt des activen Mannes, der die Geſchaͤfte eines Fuͤr⸗ ſtenthums belebte, der ſich und ſeinen Ruhm dabey nicht vergaß, der auf hundert großen Unternehmungen, wie auf uͤber einander gewaͤlzten Bergen, zu den Wolken hin⸗ auf geſtiegen war; den ſah' ich auf einmal, jam⸗ mernd wie einen kranken Poeten, melancholiſch wie ein geſundes Maͤdchen, und muͤßiger als einen alten Jung⸗ — 74 geſellen. Anfangs ſchrieb ich's euerm Unfall zu, der euch noch neu auf dem Herzen lag, und entſchuldigte euch ſo gut ich konnte. Jetzt, da es von Tag zu Tage ſchlimmer mit euch zu werden ſcheint, muͤſſt ihr mir ver⸗zeihen wenn ich euch meine Gunſt entreiße. Ihr be⸗ ſitzt ſie ohne Recht, ich ſchenkte ſie einem Andern auf Lebenslang, der ſie euch nicht uͤbertragen konnte. Weislingen. So laſſt mich los. Adelheid. Nicht, bis alle Hoffnung verloren iſt. Die Einſamkeit iſt in dieſen Umſtaͤnden gefaͤhrlich.— Ar⸗ mer Menſch! Ihr ſeyd ſo mißmuͤthig, wie einer dem ſein erſtes Maͤdchen unkren wird, und eben darum geb' ich euch nicht auf. Gebt mir die Hand, verzeiht mir, was ich aus Liebe geſagt habe. Weislingen. Koͤnnteſt du mich lieben, koͤnnteſt du meiner heißen Leidenſchaft einen Tropfen Linderung gewaͤhren! Adelheid! deine Vorwuͤrfe ſind hoͤchſt un⸗ gerecht. Koͤnnteſt du den hundertſten Theil ahnen von dem, was die Zeit her in mir arbeitet, du wuͤrdeſt mich nicht mit Gefaͤlligkeit, Gleichguͤltigkeit und Verachtung ſo unbarmherzig hin und her zerriſſen haben— Du lä⸗ chelſt!— Nach dem üuͤbereilten Schritt wieder mit mit ſelbſt einig zu werden, koſtete mehr als einen Tag. Wi⸗ der den Menſchen zu arbeiten, deſſen Andenken ſo kügnit neu in Liebe bey mir iſt. Adelheid. Wunderlicher Mann, der du den lie⸗ 75 3 ben kannſt den du beneideſt! Das iſt als wenn ich mei⸗ nem Feinde Proviant zufuͤhrte. Weislingen. Ich fuͤhl's wohl, es gilt hier kein Saͤumen. Er iſt berichtet daß ich wieder Weislingen bin, und er wird ſich ſeines Vortheils uͤber uns erſehen. Auch, Adelheid, ſind wir nicht ſo traͤg' als du meinſt. Unſere Reiter ſind verſtaͤrkt und wachſam, unſere Unter⸗ handlungen gehen fort, und der Reichstag zu Augsburg ſoll hoffentlich unſere Projecte zur Reife bringen. Adelheid. Ihr geht hin? Weislingen. Wenn ich Eine Hoffnung mitneh⸗ men koͤnnte!(kuͤſſt ihre Hand.) Adelheid. O ihr Unglaͤubigen! Immer Zeichen und Wunder! Geh, Weislingen, und vollende das Werk. Der Vortheil des Biſchofs, der deinige, der mei⸗ nige, ſie ſind ſo verwebt, daß, waͤre es auch nur der Politik wegen— Weislingen. Du kannſt ſcherzen. Adelheid. Ich ſcherze nicht. Meine Guͤter hat der ſtolze Herzog inne, die deinigen wird Göͤtz nicht lange ungeneckt laſſen; und wenn wir nicht zuſammenhalten wie unſere Feinde, und den Kaiſe auf unſere Seite len⸗ ken, ſind wir verloren. Weislingen. Mir iſt's nicht bange. Der groͤßte Theil der Fuͤrſten iſt unſrer Geſinnung. Der Kaiſer verlangt Hüͤlfe gegen die Turken, und dafuͤr iſt's billig, daß er uns wieder beyſteht. Welche Wolluſt wird mir's 756 ſeyn, deine Guͤter von uͤbermuthigen Feinden zu be⸗ freyen, die unruhigen Koͤpfe in Schwaben auſ's Kiſſen zu bringen, die Ruhe des Bisthums, unſer Aller herzu⸗ ſtellen. Und dann— 7 Adelheid. Ein Tag bringt den andern, und beym Schickſal ſteht das Zukunftige. Weislingen. Aber wir muͤſſen wollen. Adelheid. Winr wollen ja. Weislingen. Gewiß? Adelheid. Nun ja Geht. Weislingen. Zauberinn! Herberge. Bauernhochzeit. Muſik und Tanz draußen. Der Brautvater. Gö tz. Selb tz (am Tiſche). Braͤutig am(tritt zu ihnen). Goͤtz. Das Geſcheidſte war, daß ihr euern Zwiſt ſo gluͤcklich und froͤhlich durch eine Heirath endigt. Brautvater. Beſſer als ich mit's haͤtte traͤumen laſſen. In Ruh und Fried mit meinem Nachbar, und eine Tochter wohl verſorgt dazu! Braͤutigam. Und ich im Beſitz des ſtrittigen Stuͤcks, und druͤber den huͤbſchten Backfiſch im ganzen Dorf. Wollte Gott, ihr haͤttet euch eher drein geben. Selbitz. Wie lange habt ihr prozeſſirt? 7 77 Brautvater. An die acht Jahre. Ich wollte lieber noch einmal ſo lang das Frieren haben, als von vorn anfangen. Das iſt ein Gezerre, ihr glaubt's nicht, bis man den Perruͤcken ein Urtheil vom Herzen reißt; und was hat man darnach? Der Teufel hol' den Aſſeſſor Sapupi!'s is ein verfluchter ſchwarzer Italiaͤner. Braͤutigam. Ja, das iſt ein toller Kerl. Zwey⸗ mal war ich dort. Brautvater. Und ich dreymal. Und ſeht, ihr Herrn, kriegen wir ein Urtheil endlich, wo ich ſo viel Recht hab' als er, und er ſo viel als ich, und wir eben ſtunden wie die Maulaffen, bis mir unſer Herr Gott eingab, ihm meine Tochter zu geben und das Zeug dazu. Goͤtz.(trinkt.) Gut Vernehmen kuͤnftig. Brautvater. Geb's Gott! Geh aber wie's will, prozeſſiren thu ich mein Tag nit mehr. Was das ein Geldſpiel koſt! Jeden Reverenz, den euch ein Procura⸗ tor macht, muͤſſt ihr bezahlen. Selbitz. Sind ja jaͤhrlich Kaiſerliche Viſitationen da. Brautvater. Hab nichts davon gehoͤrt. Iſt mir mancher ſchoͤne Thaler nebenausgangen. Das uner⸗ doͤrte Blechen! Goöͤtz. Wie meint ihr? Brautvater. Ach, da macht alles hohle Pföt⸗ chen. Der Aſſeſſor allein, Gott verzeih's ihm, hat mit achtzehn Goldgulden abgenommen. Braͤutigam. Wer? — 78 Brautvater. Wer anders als der Sapugi n Goͤtz. Das iſt ſchaͤndlich. Brautvater. Wohl, ich muſſt ihm zwanzig er⸗ legen. Und da ich ſie ihm hingezahlt hatte, in ſeinem Gartenhaus, das praͤchtig iſt, im großen Saal, wollt' mir vor Wehmuth faſt das Herz brechen. Denn ſeht, eines Haus und Hof ſteht gut, aber wo ſoll baar Geld herkommen? Ich ſtund da, Gott weiß wie mir's war, Ich hatte keinen rothen Heller Reiſegeld im Sack. End⸗ lich nahm ich mit's Herz und ſtellt's ihm vor. Nun er ſah, daß mir's Waſſer an die Seele ging, da warf er mir zwey davon zuruͤck, und ſchickt' mich fort. Braͤutigam. Es iſt nicht möglich! Der Sapupi? Brautvarer. Wie ſtellſt du dich! Freylich! Kein Andrer! Braͤutigam. Den ſoll der Teufel holen, er hat mir auch funfzehn Goldguͤlden abgenommen. Brautvater, Verflucht! Selbitz. Goͤtz! Wir ſind Raͤuber! Brautvater, Drum fiel das Urtheil ſo ſchel aus, Du Hund! Goͤtz. Das muͤſſt ihr nicht ungeruͤgt laſſen, Brautvater, Was ſollen wir thun? Goͤtz. Macht euch auf nach Speyer, es iſt eben Viſitationszeit, zeigts an, ſie muͤſſens unterſuchen und euch zu dem Eurigen helfen. Braäͤzutigam. Denkt ihr, wir treiben's durch? 6. 79 Goͤtz. Wenn ich ihm uͤber die Ohren duͤrfte, wollt' ich's euch verſprechen. Selbitz. Die Summe iſt wohl einen Verſuch werth. Goͤtz. Bin ich wohl eher um des vierten Theils wil⸗ len ausgeritten. Brautvater. Wie meinſt du? Braͤutigam. Wir wollen, geh's wie's geh. Geo rg(kommt). Die Nuͤrnberger ſind im Anzug. Goͤtz. Wo? Georg. Wenn wir ganz ſachte reiten, packen wir ſie zwiſchen Beerheim und Muͤhlbach im Wald. Selbitz. Trefflich! Göͤtz. Kommt, Kinder. Gott gruͤß' euch! Helf' uns Allen zum Unſrigen!. Bauer. Großen Dank! Ihr wollen nicht zum Nacht Ims bleiben? Göoͤtz. Koͤnnen nicht. Adies. ———— ⸗ Dritter Akt. Angsburg. Ein Garten. Zwey Nuͤrnberger Kaufleute. Erſter Kaufmann. Hier wollen wir ſtehen, denn da muß der Kaiſer vorbey. Er kommt eben den langen Gang herauf. Zweyter Kaufmann. Wer iſt bey ihm? Erſter Kaufman n. Adelbert von Weislingen. Zweyter Kaufmann. Bambergs Freund! Das iſt gut.. Erſter Kaufmann. Wir wollen einen Fußfall thun, und ich will reden. 4 Zweyter Kaufmann. Wohl, da kommen ſie. Kaiſer. Weislingen. Erſter Kaufmann. Er ſieht verdrießlich aus. Kaiſer. Ich bin unmuthig, Weislingen, und wenn ich auf mein vergangenes Leben zuruͤck ſehe, moͤcht' ich verzagt werden, ſo viel halbe verungluͤckte Unterneh⸗ 4 4 2 —— —— mungen! und das alles, weil kein Fuͤrſt im Reich jſo klein iſt, dem nicht mehr an ſeinen Qellen geltoen waͤre als an meinen Gedanken. (dDie Kaufleute werfen ſich ihm zu Füßen) Kaufmann. AAllerdurohlauchtigſter! Großmaͤch⸗ tigſter! Kaiſer. Wer ſeyd ihr? Was gibts? 4 Kaufmann. Arme Kaufleute von Nürnberg, Eu⸗ rer Majeſtaͤt Knechte, und flehen um Huͤlfe. Goͤtz von Berlichingen und Hanns von Selbitz haben unſer drey⸗ ßig, die von der Frankfurter Meſſe kamen, im Bamber⸗ giſchen Geleite niedergeworfen und beraubt; wir bitten Eure Kaiſerliche Majeſtaͤt um Huͤlfe, um Beyſtand, ſonſt ſind wir Alle verdorbene Leute, genoͤthigt unſer Brod zu betteln.— Kaiſer. Heiliger Gott! Heiliger Gott! Was iſt das? Der Eine hat nur Eine Hand, der Andere nur Ein Bein; wenn ſie denn erſt zwey Haͤnde hätten⸗ und zwey Beine, was wolltet ihr dann thun? Kaufmann. Wir bitten Eure Majeſtaͤt unterthäͤ⸗ nigſt, auf unſere bedraͤngten Umſtaͤnde ein mitleidiges Auge zu werfen. Kaiſer. Wie geht's zu! Wenn ein Kaufmann ei⸗ nen Pfefferſack verliert, ſoll man das ganze Reich auf⸗ mahnen; und wenn Haͤndel vorhanden ſind, daran Kai⸗ ſerlicher Majeſtaͤt und dem Reich viel gelegen iſt, daß es Goethe’s Werke. VI. Bd. ———— 8² Königreich, Fuͤrſtenthum, Herzogthum und anders be⸗ trifft, ſo kann euch kein Menſch zuſammen bringen. Weislingen. Ihr kommt zur ungelegnen Zeit⸗ Geht und verweilt einige Tage hier. Kaufleute. Wir empfehlen uns zu Gnaden.(ab.) Kaiſer. Wieder neue Haͤndel. Sie wachſenuzneh wie die Koͤpfe der Hydra. Weislingen. Und ſind nicht auszurotten als mit Feuer und Schwert, und einer muthigen untermehung. Kaiſer. Glaubt ihr? Weislingen. Ich halte nichts für gbunliche, wenn Eure Majeſtaͤt und die Fuͤrſten ſi—. über andern unbedeutenden Zwiſt vereinigen köoͤnnten. Es iſt mit nichten ganz Deutſchland, das uͤber Beunruhigung klagt. Franken und Schwaben allein glimmt noch von den Reſten des innerlichen verderblichen Bürgerkriegs. Und auch da ſind viele der Edeln und Freyen, die ſich nach Ruhe ſehnen. Haͤtten wir einmal dieſen Sickingen, Sel⸗ bitz— Berlichingen auf die Seite geſchafft, das Uebrige würde bald von ſich ſelbſt zerfallen. Denn ſie ſind's, deren Geiſt die aufruͤhreriſche Menge belebt. Kaiſer. Ich moͤchte die Leute gerne ſchonen, ſie ſind tapfer und edel. Wenn ich Krieg fuͤhrte, muͤſften ſie mit mir zu Felde. Iinn Weislingen. Es waͤre zu wuͤnſchen daß ſie von jeher gelernt haͤtten ihrer Pflicht zu gehorchen. Und dann waͤr' es hoͤchſt gefaͤhrlich ihre aufruͤhriſchen Unternehmun⸗ portragen. 83 gen durch Ehrenſtellen zu belohnen. Denn eben dieſe Kaiſerliche Mild' und Gnade iſt's, die ſie bisher ſo un⸗ geheuer mißbrauchten, und ihr Anhang, der ſein Ver⸗ trauen und Hoffnung darauf ſetzt, wird nicht ehe zu baͤn⸗ digen ſeyn, bis wir ſie ganz vor den Augen der Welt zu nichte gemacht, und ihnen alle Hoffnung ſemals wieder empor zu kommen vollig abgeſchnitten haben. Kaiſer. Ihr rathet alſo zur Strenge? Weislingen. Ich ſehe kein ander Mittel den Schwindelgeiſt, der ganze Landſchaften ergreift, zu ban⸗ nen. Hoͤren wir nicht ſchon hier und da die bitterſten Klagen der Edeln, daß ihre Unterthanen, ihre Leibeignen ſich gegen ſie auflehnen und mit ihnen rechten, ihnen die hergebrachte Oberherrſchaft zu ſchmaͤlern drohen, ſo daß die gefaͤhrlichſten Folgen zu fuͤrchten ſind? Kaiſer. Jetzt waͤr' eine ſchoͤne Gelegenheit wider den Berlichingen und Selbitz; nur wollb ich nicht daß ihnen was zu Leid' geſchehe. Gefangen moͤcht' ich ſie haben, und dann müſſten ſie Urfehde ſchwoͤren, auf ih⸗ ren Schlöſſern ruhig zu bleiben, und nicht aus ihrem Bann zu gehen. Bey der naͤchſten Seſſion will ich's 4 Weislingen. Ein freudiger beyſtimmender Zuruf wird Euer Majeſtaͤt das Ende der Rede erſparen.(ab.) 84 Jaxthauſen. Sickingen. Berlichingen. Sickingen. Ja, ich komme eure edle Schweſter um ihr Herz und ihre Hand zu bitten. Götz. So wollt' ich ihr waͤr't eher kommen. Dch muß euch ſagen: Weislingen hat waͤhrend ſeiner Gefan⸗ genſchaft ihre Liebe gewonnen, um ſie angehalten, und ich ſagt' ſie ihm zu. Ich hab' ihn losgelaſſen, den Vo⸗ gel, und er verachtet die guͤtige Hand, die ihm in der Noth Futter reichte. Er ſchwirrt herum, weiß Gott auf welcher Hecke ſeine Nahrung zu ſuchen. Sickingen. Iſt das ſo? Goͤtz. Wie ich ſage. Sickingen. Er hat ein doppeltes Band zerriſſen. Wohl euch, daß ihr mit dem Verraͤther nicht naͤher ver⸗ wandt worden. Goͤtz. Sie ſitzt, das arme Maͤdchen, verjammert und verbetet ihr Leben. Sickingen. Wir wollen ſie ſingen machen. Götz. Wie! Entſchließet ihr euch eine Verlaſſne zu heirathen? Sickingen. Es macht euch Beyden Ehre, von ihm betrogen worden zu ſeyn. Soll darum das arme Maͤdchen in ein Kloſter gehn, weil der erſte Mann, den ſie kannte, ein Nichtswuͤrdiger war? Nein doch! ich V 85 bleibe darauf, ſie ſoll Koͤniginn von meinen Schloͤſſern werden. Goͤtz. Ich ſage euch, ſie war nicht gleichguͤltig gegen ihn. Sickingen. Trauſt du mir nicht zu, daß ich den Schatten eines Elenden ſollte verjagen koͤnnen? Laß uns zu ihr.(ab.) Lager der Reichsexecution. Hauptmann. Officiere. Hauptmann. Wir muͤſſen behutſam gehn und unſere Leute ſo viel möglich ſchonen. Auch iſt unſere gemeſſene Order ihn in die Enge zu treiben und leben⸗ dig gefangen zu nehmen. Es wird ſchwer halten, denn wer mag ſich an ihn machen? Erſter Ofſicier. Freylich! Und er wird ſich wehren wie ein wildes Schwein. Ueberhaupt hat er uns ſein Lebelang nichts zu Leid' gethan, und Jeder wird's von ſich ſchieben, Kaiſer und Reich zu Gefallen, Arm und Bein daran zu ſetzen. Zweyter Officier. Es waͤre eine Schande wenn wir ihn nicht kriegten. Wenn ich ihn nur einmal beym Lappen habe, er ſoll nicht los kommen. Erſter Officier. Faſſt ihn nur nicht mit Zaͤh⸗ nen, er moͤchte euch die Kinnbacken ausziehen. Gutet junger Herr, dergleichen Leut packen ſich nicht wie ein fluͤchtiger Dieb. Zweyter Officier. Wollen ſehn. Hauptmann. Unſern Prief muß er nun haben. Wir wollen nicht ſaͤumen, und einen Trupp ausſchicken, der ihn beobachten ſoll. Zweyter Officier. Laſſt mich ihn fuͤhren. Hauptmann. Ihr ſeyd der Gegend unkundig. Zweyter Officier. Ich hab' einen Knecht, der hier geboren und erzogen iſt. 3 Hauptmann. Ich bin's zufrieden.(ab.) Ia x t hy a u f en. Sickingen. Es geht Alles nach Wunſch; ſie war etwas beſtuͤrzt uͤber meinen Antrag, und ſah mich vom Kopf bis auf die Fuͤße an; ich wette ſie verglich mich mit ihrem Weißfiſch. Gott ſey Dank, daß ich mich ſtellen darf. Sie antwortete wenig, und durch einander; deſto beſſer? Es mag eine Zeit kochen. Bey Maͤdchen, die durch Liebesungluͤck gebeitzt ſind, wird ein Peirgihsporſthlꝛs bald gar. G 6(kommt). Sickingen. Was bringt ihr, Schwager. Gotz. In die Acht erklaͤrt! — — 87 Sickingen. Was? Goͤtz. Da leſ't den erbaulichen Brief. Der Kaiſer hat Execution gegen mich verordnet, die mein Fleiſch den Voͤgeln unter dem Himmel und den Thieren auf dem Felde zu freſſen vorſchneiden ſoll. Sickingen. Erſt ſollen ſie dran. Juſt zur ge⸗ legenen Zeit bin ich hier. Goͤtz. Nein, Sickingen, ihr ſollt fort. Eure gro⸗ ßen Anſchlaͤge koͤnnten darüber zu Grunde gehn, wenn ihr zu ſo ungelegner Zeit des Reichs Feind werden wolltet. Auch mir werdet ihr weit mehr nutzen, wenn ihr neutral zu ſeyn ſcheint. Der Kaiſer liebt euch, und das Schlimmſte das mir begegnen kann, iſt ge⸗ fangen zu werden; dann braucht euer Vorwort, und reißt mich aus einem Elend, in das unzeitige Huͤlfe uns Beyde ſtuͤrzen koͤnnte. Denn was waͤr's? Jetzv geht der Zug gegen mich; erfahren ſie du biſt bey mir, ſo ſchicken ſie mehr, und wir ſind um nichts gebeſſert. Der Kaiſer ſitzt an der Quelle, und ich waͤr' ſchon jetzt unwiederbringlich verloren, wenn man Tapferkeit ſo geſchwind einblaſen koͤnnte, als man einen Haufen zu⸗ ſammen blaſen kann. Sickingen. Doch kann ich heimlich ein zwanzig Reiter zu euch ſtoßen laſſen. Gotz. Gut. Ich hab' ſchon Georgen nach dem Selbitz geſchickt, und meine Knechte in der Nachbarſchaft herum. Lieber Schwager, wenn meine Leute beyſammen 88 ſind, es wird ein Haͤufchen ſeyn, dergleichen wenig Fuͤr⸗ ſen beyſammen geſehen haben. Sickingen. Ihr werdet gegen die Menge venig ſeyn. Goͤtz. Ein Wolf iſt einer ganzen Herde Schafe zu viel. Sickingen. Wenn ſie aber einen guten Hirten haben? Goͤtz. Sorg du. Es ſind lauter Miethlinge. Und dann kann der beſte Ritter nichts machen, wenn er nicht Herr von ſeinen Handlungen iſt. So kamen ſie mir auch einmal, wie ich dem Pfalzgrafen zugeſagt hatte gegen Conrad Schotten zu dienen; da legt er mir einen Zettel aus der Kanzley vor, wie ich reiten und mich halten ſollt, da warf ich den Raͤthen das Papier wieder dar, und ſagt': ich wuͤſſt' nicht darnach zu handlen, ich weiß nicht was mir begegnen mag, das ſteht nicht im Zettel, ich muß die Augen ſelbſt aufthun, und ſehn was ich zu ſchaffen hab. Sickingen. Gluͤck zu, Bruder! Ich will gleich fort und dir ſchicken was ich in der Eil zuſammen treiben kann. Goͤtz. Komm noch zu den Frauen, ich ließ ſie bey⸗ ſammen. Ich wollte daß du ihr Wort haͤtteſt ehe du gingſt. Dann ſchick mir die Reiter, und komm heimlich wieder Marien abzuholen, denn mein Schloß, fuͤrcht' ich, wird bald kein Aufenthalt fuͤr Weiber mehr ſeyn. Sickingen. Wollen das Beſte hoffen.(ab.) OQO(—— 8⁰ Bamberg. Adelheidens Zimmer. Adelheid. Franz. Adelheid. So ſind die beyden Executionen ſchon aufgebrochen? Franz. Ja, und mein Herr hat die Freude gegen eure Feinde zu ziehen. Ich wollte gleich mit, ſo gern ich zu euch gehe. Auch will ich jetzt wieder fort, um bald mit froͤhlicher Botſchaft wiederzukehren. Mein Herr hat mir's erlaubt. Adelheid. Wie ſteht's mit ihm? Franz. Er iſt munter. Mir befahl er eure Hand zu kuͤſſen. Adelheid. Da— deine Lippen ſind warm. Franz(vor ſich auf die Bruſt deutend). Hier iſt's noch waͤrmer!(Laut.) Gnaͤdige Frau, eure Diener ſind die gluͤcklichſten Menſchen unter der Sonne.. Adelheid. Wer fuhrt gegen Berlichingen? Franz. Der von Sirau. Lebt wohl, beſte gnaͤ⸗ dige Frau! Ich will wieder fort. Vergeſſt mich nicht. Adelheid. Du muſſt was eſſen, trinken, und raſten. Franz. Wozu das? Ich hab' euch ja geſehen. Ich bin nicht muͤd noch hungrig. Adelheid. Ich kenne deine Treu. Franz. Ach, gnaͤdige Frau! 90 Adelheid. Du haͤltſt's nicht aus, bernhige dich, und nimm was zu dir. 4 Franz. Eure Sorgfalt fuͤr einen armen Jungen! 1..(ab.) A delheid. Die Thraͤnen ſtehn ihm in den Augen. Ich lieb' ihn von Herzen. So wahr und watm hat noch Niemand an mir gehangen.(ab.) Farthanſe u. 35 menf tim Götz. Georg. Georg. Er will ſelbſt mit euch ſprechen. Ich kenn' ihn nicht; es iſt ein ſtattlicher Mann, mit ſchwarzen feurigen Augen. 1 „öde Beinde ihn hereire in weaerſe(kommt). Götz. Gott gruͤß' euch. Was bringt ihr? Lerfe. Mich ſelbſt, das iſt nicht viel, doch Alles was es iſt biet⸗ ich euch an. Götz. Ihr ſeyd mir willkommen, doppelt willkom⸗ — men, ein braver Mann, und zu dieſer Zeit, da ich nicht hoffte neue Freunde zu gewinnen, eher den Verluſt der alten ſtuͤndlich fuͤrchtete. Gebt mir euern Namen. Lerſe. Franz Lerſe. Götz. Ich danke euch, Franz, daß ihr mich mit einem braven Mann bekannt macht. 91 Lerſe. Ich machte euch ſchon einmal mit mir be⸗ kannt t, aber damals danktet ihr mir nicht daſü Götz. Ich erinnere mich eurer nicht. Lerfe. Es waͤre mir leid. Wiſſt ihr noch, wie ihr um des 3 Pfalzgrafen willen Conrad Schotken feind wart, und nach Haßfurt auf die Faſtnacht reiten lrontet Götz. Wohl weiß ich es. Lerſe. Wiſſt ihr, wie ihr unterwegs bey einem Dorf fuͤnf und zwanzig Reitern entgegen kamt? Götz. Richtig. Ich hielt ſie anfangs nur fuͤr zwoͤl⸗ fe, und theilt meinen Haufen, waren unſer ſechzehn, und hielt Dorf hinter der Scheuer, in Willens ſie ſollten bey 7enn ziehen. Dann wollt' ich ihnen nachrucken, wie ich's mit dem andern Haufen abgeredt hatte. Lerſe. Aber wir ſahn euch, und zogen auf eine Hoͤhe am Dorf. Ihr zogt herbey und hieltet unten. Wie wir ſahn ihr wehter nicht herauf kommen, ritten wir herab. Goͤtz. Da ſah' ich erſt, daß ich mit der Hand in die Kohlen ernlader hatte. Fuͤnf und zwanzig gegen acht! Da galt's kein Feiern. Erhard Truchſes durchſtach mir einen Knecht t, dafur rannt' ich ihn vom Pferde. Haͤtten ſ ſie ſich Alle gehalten wie er und ein Knecht, es waͤre mein und meines kleinen Haͤuſchens be gewahrt geweſen. Lerſe. Der Knecht, wovomihr ſagtet— Goͤtz. Es war der bravſte den ich geſehen habe. Er ſetzte mir heiß zu. Wenn ich dachte, ich bnt ihn 92 von mir gebracht, wollte mit Andern zu ſchaffen haben, war er wieder an mir, und ſchlug feindlich zu. Er hieb mir auch durch den Panzeraͤrmel hindurch, daß es ein wenig gefleiſcht hatte. Lerſe. Habt ihr's ihm verziehen? Goͤtz. Er gefiel mir mehr als zu wohl. Lerſe. Nun ſo hoff' ich daß ihr mit mir zufrieden ſeyn werdet; ich hab' mein Probſtuͤck an euch ſelbſt ab⸗ gelegt. Götz. Biſt du's? O willkommen, willkommen. Kannſt du ſagen, Marimilian, du haſt unter deinen Dienern Einen ſo geworben! Lerſe. Mich wundert daß ihr nicht eh auf mich gefallen ſeyd. Goͤtz. Wie ſollte mir einkommen, daß der mir ſeine Dienſte anbieten wuͤrde, der auf das Feindſeligſte mich zu uͤberwaͤltigen trachtete? Lerſe. Eben das, Herr! Von Jugend auf dien' ich als Reitersknecht, und hab's mit manchem Ritter aufgenommen. Da wir auf euch ſtießen, freut' ich mich. Ich kannte euern Namen, und da lernt' ich euch ken⸗ nen. Ihr wiſſt, ich hielt nicht Stand; ihr ſaht, es war nicht Furcht, denn ich kam wieder. Kurz ich lernt' euch kennen, und von Stund an beſchloß ich euch zu dienen. Goöͤtz. Wie lange wollt ihr bey mir aushalten? Lerſe. Auf ein Jahr. Ohne Entgeld. N 93 Goͤtz. Nein, ihr ſollt gehalten werden wie ein An⸗ derer, und druͤber, wie der, der mir bey Remlin zu ſchaffen machte. 12 Georg(kommt). Hanns von Selbitz läͤſſt euch grüßen. Morgen iſt er hier mit funfzig Mann. Goͤtz. Wohl. Georg. Es zieht am Kocher ein Trupp Reichs⸗ voͤlker herunter, ohne Zweiſel euch zu beobachten. Götz. Wie viel? Georg. Ihrer funfzig. Götz. Nicht mehr! Komm, Lerſe, wir wollen ſie zuſammenſchmeißen, wenn Selbitz kommt d5 er ſchon ein Stuͤck Arbeit gethan findet. Lerſe. Das ſoll eine reichliche Vorleſe werden. Goͤtz. Zu Pferde!(ab.) 1 Wald an einem Moraſt. Zwey Reichsknechte(begegnen einander). Erſter Knecht. Was machſt du hier? Zweyter Knecht. Ich hab' Urlaub gebeten mei⸗ ne Nothdurft zu verrichten. Seit dem blinden Laͤrmen geſtern Abends iſt mir's in die Gedaͤrme geſchlagen, daß ich alle Augenblicke vom Pferd muß. Erſter Knecht. Halt der Trupp hier in der Naͤhe? 8 94 Zweyter Knecht. Wohl eine Stunde den Wald hinauf. Erſter Arecht Wie verlaͤufſt du dich denn hieher? Zweyter Knech 4— Ich bitt dich verrath mich nicht. Ich will aufs naͤchſte Dorf, und ſehn ob ich nit mit warmen Ueberſchlaͤgen meinem Uebel abhelfen kann. Wo kommſt du⸗ her? Erſte, Knecht. Vom naͤchſten Dorf. Sch hab unſerm Officier Wein und Brot geholt. Zweyter Knecht. So, er thut ſich was zu gut vor unſerm Angeſicht, und wir ſollen faſten! Schoͤn Crempel;. Erſter Knecht. Komm mit zurück, Schurke. weyter Knecht. Waͤr ich ein Narr! Es ſind noch viele unterm Hauſon, die gern faſteten, wenn ſie ſo weit davon waͤren als ich. Erſter Knecht. Hoͤrſt du! Pferde! Zweyter Knecht. O weh! Erſter Knech f. Ich klettere auf den Baum. Zweyter Knecht. Ich ſteck michi in' s Rohr. Goͤtz. Lerſe. Georg. Knechte Czu Pferde). Goͤtz. Hier am Teich weg und linker Hand in den Wald, ſo kommen wir ihnen in Ruͤcken. 8(Sie ziehen vorbey.) I bi Sad Erſter Knecht(ſteigt vom Baum). Da iſt nicht gut ſeyn. Michel! Er antwortet nicht? Michel, ſie 95 ſind fort!(Eregeht nach dem Sumpf.) Michel! O weh er iſt verſunken. Michel! Er hoͤrt mich nicht, er iſt erſtickt. Biſt doch krepirt, du Memme.— Wir ſind geſchlagen. Feinde, uͤberall Feinde! 4 1 6 nnn Go tz Georg Gu Pferde). 35%. Halt Keil, oder du biſt des Todes! Knecht. Schont meines Lebens! 2G 5 9. Dein Schwert? Georg, fuͤhr' ihn zu den andern Geſangenen, die Lerſe dort unten am Waldehets Ich muß ihren flüͤchtigen Führer kerreichen.(ab.) Knecht. Was iſt aus unſerm Ritter gemorden der uns fuͤhrte?— Georg. Unterſt. zu vegſ. ſrzb ihn, mein Herr vom Pferd, daß der Federbuſch im Koth ſtak. Seine Weite Püben ſhn aufs Vien und fort, wie Heegſen: E136 u⸗ u6 N 44d,) .82 L g Bug unne r. Hauptmann. Erſter Ni tter.. Erſter NRitter. Sie fliehen von Weitem dem Lager zu. ie nacham G. s Hauptmann. Er wird ihnen an den Ferſen ſeyn. Laſſt ein Funfzig ausruͤcken bis an die Muͤhle; wenn er ſich zu weit verliert, erwiſcht ihr ihn vielleicht, (Ritter ab.) 96 Zweyter Ritter(gefuͤhrt). Hauptmann. Wie geht's, junger Hem⸗ Hubt ihr ein Paar Zinken abgerennt d. Ritter. Daß dich die Peſt! Das ſürkſe Geweiß waͤre geſplittert wie Glas. Du Teufel! Er rannt' auf mich los, es war mir als wenn mich der Donner in die Erde hinein ſchlug. Hauptmann. Dankt Gott daß ühr noch davon gekommen ſeyd. 1 92 Ritter. Es iſt nichts zu dußen. ein Pear Rippen ſind entzwey. Wo iſt der Feldſcher?(ab). 3 r e he ſe v. Gooͤt. Selbit. A Goͤt. Was ſagſt du zu der Achtserklärung, Selbit? Selbitz. Es iſt ein Streich von Weislingen. Goͤtz. Meinſt du? Selbitz. Ich meine nicht, ich weiß. Gotz. Woher? Selbitz. Er war auf dem Reichstag, ſag' ich dir, er war um den Kaiſer. Goͤtz. Wohl, ſo machen wir ihm wieder einen Anſchlag zu nichte. Lr Selbitz. Hoff's. R Goͤtz. Wir wollen fort! und ſoll die Haſenjagd angehn. —— — —— — 97 Laug e r. Hauptmann. Ritter. Hauptmann. Dabey kommt nichts heraus, ihr Herrn. Er ſchlaͤgt uns einen Haufen nach dem andern, und was nicht umkommt und gefangen wird, das laͤuft in Gottes Namen lieber nach der Tuͤrkey als in's Lager zuruͤck. So werden wir alle Tag' ſchwaͤcher. Wir muͤſ⸗ ſen einmal fuͤr allemal ihm zu Leib' gehen, und das mit Ernſt; ich will ſelbſt dabey ſeyn, und er ſoll ſehn mit wem er zu thun hat. 1 Ritter. Wir ſind's all zufrieden; nur iſt er der Landsart ſo kundig, weiß alle Gaͤnge und Schliche im Gebirg, daß er ſo wenig zu fangen iſt wie eine Maus auf dem Kornboden. Hauptmann. Wollen ihn ſchon kriegen. Erſt auf Jaxthauſen zu. Mag er wollen oder nicht, er muß herbey ſein Schloß zu vertheidigen. Ritter. Soll unſer ganzer Hauf marſchiren? Hauptmann. Freylich! Wiſſt ihr daß wir ſchon um Hundert geſchmolzen ſind? Ritter. Drum geſchwind, eh der ganze Eisklum⸗ pen aufthaut; es macht warm in der Naͤhe, und wir ſtehn da wie Butter an der Sonne.(ab.) Soethe’s Werke. VI. Bd. 7 AA 98 Gebirg und Wald. Gotz. Selbitz. Trupp. Gotz. Sie kommen mit hellem Hauf. Es war hohe Zeit daß Sickingens Reiter zu uns ſtießen. Selbitz. Wir wollen uns theilen. Ich will lin⸗ ker Hand um die Hoͤhe ziehen. 4 Goͤtz. Gut. Und du, Franz, fuͤhre mir die funf⸗ zig rechts durch den Wald hinauf; ſie kommen uͤber die Haide, ich will gegen ihnen halten. Georg, du bleibſt um mich. Und wenn ihr ſeht daß ſie mich angreifen, ſo fallt ungeſaͤumt in die Seiten. Wir wollen ſie pat⸗ ſchen. Sie denken nicht daß wir ihnen die Lyibe bie⸗ ten koͤnnen.(ab.) Haidee, auf der einen Seite eine Hoͤhe, auf der andern Wald. Hauptmann. Executionszug. Hauptmann. Er haͤlt auf der Haide! Das iſt impertinent. Er ſoll's buͤßen. Was! den Strom nicht zu fuͤrchten der auf ihn losbrauſt? Nitter. Ich wollt nicht daß ihr an der Spitze rittet; er hat das Anſehn als ob er den Erſten, der ihn anſtoßen moͤchte, umgekehrt in die Erde pflanzen woll⸗ te. Reitet hinter drein. Hauptmann. Nicht gern. 2 82 1 99 Ritter. Ich bitt' euch. Ihr ſeyd noch der Kno⸗ ten von dieſem Buͤndel Haſelruthen; löſ't ihn auf, ſo knickt er ſie euch einzeln wie Rietgras. Hauptmann. Trompeter, blaß Und ihr blat ihn weg.(ab.) Selbitz.(hinter der Hoͤhe hetvor im Galopp.) Mir nach! Sie ſollen zu ihren Hände alent mul⸗ tiplicirt euch.(ab.) Lerſe(aus dem Wand). Goͤtzen zu Huͤlfe! Er iſt faſt umringt. Braver Sel⸗ bitz, du haſt ſchon Luft gemacht. Wir wollen die Hai⸗ de mit ihren Diſtelkoͤpfen beſaͤen.(Vorbey.)(Getuͤmmel.) Eine Hoͤhe mit einem Wartthurm. Selbitz.(verwundet.) Knechte. Selbitz. Legt mich hieher und kehrt zu Goͤtzen. Erſter Knecht. Laſſt uns bleiben, Herr, ihr braucht unſer. G Selbitz. Steig' Einer auf die Warte und ſeh⸗ wie's geht. Erſter Knecht. Wie will ich hinauf kommen? Zweyter Knecht. Steig' auf meine Schultern, da kannſt du die Luͤcke reichen und dir bis zur Oeff⸗ nung hinauf helfen. Erſter Knecht.(ſteigt hinauf.) Ach, Herr! Selbitz. Was ſieheſt du? 100 „Erſter Knecht. Eure Reiter fliehen der Hoͤhe zu. Selbitz. Hoͤlliſche Schurken! Ich wollt ſie ſtun⸗ den und ich haͤtt' eine Kugel vor'm Kopf. Reit' Einer hin! und fluch' und wetter' ſie zuruͤck.(Knecht ab.) Siehſt du Goͤtzen? Knecht. Die drey ſchwarze Federn ſeh ich mitten im Getuͤmmel. 8 e. Selbitz. Schwimm, braver Schwimmer. Ich liege hier! Knecht. Ein weiſſer Federbuſch, wer iſt das? Selbitz. Der Hauptmann. Knecht. Götz draͤngt ſich an ihn— Baut Er ſtuͤrzt. Selbitz. Der Hauptmann? Knecht. Ja, Herr. Selbitz. Wohl! Wohl! Knecht. Weh! Weh! Goͤtzen ſeh' ich nicht mehr. mi Selbitzen So ſtirb, Selbitzz Knecht. Ein fürchterlich Gedraͤng wo er ſtund. Georgens blauer Buſch verſchwindt auch. Selbitz. Komm herunter. Siehſt du Lerſen nicht? Knecht. Nichts. Es geht Alles drunter und druͤber. n. Selbitz. Nichts mehr. Komm! Wie halten ſich Sickingens Reiter? 1 Sa s Hunm Knecht. Gut.— Da flieht Einer nach dem Wald. Noch Einer! Ein ganzer Trupp! Goͤtz iſt hin. Selbitz. Komm herab. 101 Knecht. Ich kann nicht.— Wohl! Wohl! Ich ſehe Goͤtzen! Ich ſehe Georgen! Selbitz. Zu Pferd? Knecht. Hoch zu Pferd! Sieg! Sieg! Sie lliehn Selbitz. Die Reichstruppen? Knecht. Die Fahne mitten drein, Goͤtz hinten⸗ drein. Sie zerſtreuen ſich. Goͤtz erreicht den Faͤhnrich— Er hat die Fahn— Er haͤlt. Eine Hand voll Menſchen um ihn herum. Mein Kamerad erreicht ihn— Sie ziehn herauf. i Bnu. 16 Goͤitz. Georg. Lerſe. Ein Trupp. Selbitz. Gluͤck zu! Goͤtz. Sieg! Sieg! Gotz(ſteigt vom Pferd.) Theuer! Theneet Du iſ verwundt, Selbitz? Selbitz. Du lebſt und ſiegſt! Ich habe n wenig gethan. Und meine Hunde von Reitern! Wie biſt du davon gekommen? 6 A Goͤtz. Dießmal galt's! Und hier Grorgen. dank’ ich das Leben, und hier Lerſen dank' ich's. Ich warf den Hauptmann vom Gaul. Sie ſtachen mein Pferd nieder und drangen auf mich ein. Georg hieb ſich zu mir und ſprang ab, ich wie der Blitz auf ſeinen Gaul, wie der Donner ſaß er auch wieder. Wie kamſt du zum Pferd? Georg. Einem, der nach euch hieb, ſtieß ich mei⸗ nen Dolch in die Gedaͤrme, wie ſich ſein Harniſch in die Hoͤhe zog. Er ſtuͤrzt', und ich Bal euch von einem Feind und mir zu einem Pferde.. 1⁰2 Goͤtz. Nun ſtaken wir, bis ſich Franz zu uns her⸗ ein ſchlug, und da maͤhten wir von innen heraus. Lerſe. Die Hunde die ich fuͤhrte ſollten von au⸗ ßen hinein maͤhen bis ſich unſere Senſen begegnet haͤt⸗ ten; aber ſie flohen wie Neichsknechte. Götz. Es flohe Freund und Feind. Nur du klei⸗ ner Hauf hielteſt mir den Ruͤcken frey; ich hatte mit den Kerls vor mir genug zu thun. Der Fall ihres Haupt⸗ manns half mir ſie ſchuͤtteln und ſie flohen. Ich habe ihre Fahne und wenig Gefangene. Selbitz. Der Hauptmann iſt euch entwiſcht? Goͤtz. Sie hatten ihn inzwiſchen gerettet. Kommt, Kinder! kommt, Selbitz!— Macht eine Bahre von Aeſten;— du kannſt nicht auf's Pferd. Komm in mein Schloß. Sie ſind zerſtreut. Aber unſer ſind wenig, unnd ich weiß nicht ob ſie Truppen nachzuſchicken haben⸗ Ich will euch bewirthen, meine Freunde. Ein Glas Wein ſchmeckt auf ſo einen Strauß. ã a g. 2 r. Hauptmann. Ich moͤcht euch alle mit eigner Hand umbringen! Was, fortlaufen! Er hatte keine Hand voll Leute mehr! Fortzulaufen, vor Einem Mann! es wird's Niemand glauben als wer uͤber uns zu lachen Luſt hat.— Reit 1 103 herum, ihr, und ihr, und ihr. Wo ihr von unſern zer⸗ ſtreuten Knechten find't, bringt ſie zuruͤck oder ſtecht ſie nieder. Wir müſſen dieſe Scharten auswetzen, und wenn die Klingen drüber zu Grunde gehen ſollten. Jarthaufen. Goͤtz. Lerſe. Georg. Goͤtz. Wir durfen keinen Augenblick ſaͤumen! Arme Jungen, ich darf euch keine Raſt goͤnnen. Jagt ge⸗ ſchwind herum und ſucht noch Reiter aufzutreiben. Be⸗ ſtellt ſie alle nach Weilern, da ſind ſie am ſicherſten. Wenn wir zoͤgern, ſo ziehen ſie mir vor's Schloß.(Die Zwey ab.) Ich muß einen auf Kundſchaft ausjagen. Es faͤngt an heiß zu werden, und wenn es nur noch brave Kerls waͤren! aber ſo iſt's die Menge.(ab.) Sickingen. Maria. Maria. Ich bitte euch, lieber Sickingen, geht nicht von meinem Bruder! Seine Reiter, Selbitzens, eure, ſind zerſtreut; er iſt allein, Selbitz iſt verwundet auf ſein Schloß gebracht, und ich fuͤrchte Alles. Sickingen. Seyd ruhig, ich gehe nicht weg. Goͤtz(kommt.) Kommt in die Kirch, der Pater wartet. Ihr ſollt mir in einer Viertelſtund' ein Paar ſeyn. Sickingen. Laſſt mich hier. 104 Goͤtz. In die Kirch ſollt ihr jetzt. Sickingen. Gern— und darnach? Gotz. Darnach ſollt ihr eurer Wege gehn. Sickingen. Götz! Goͤtz. Wollt ihr nicht in die Kirche? Sickingen. Kommt, kommt. „ a g e v. — Hauptmann. Ritter. Hauptmann. Wie viel ſind's in Allem? Ritter. Hundert und funfzig. Hauptmann. Von Vierhunderten! Das iſt arg. Jetzt gleich und gerade gegen Jaxthauſen zu, eh er ſich wieder erholt und ſich wieder in Weg ſtellt. Farxthauſen. Götz. Eliſabeth. Maria. Sickingen⸗ Götz. Gott ſegne euch, geb' euch gluͤckliche Tage, und behalte die, die er euch abzieht fuͤr eure Kinder! Eliſabeth. Und die laß' er ſeyn wie ihr ſeyd: rechtſchaffen! Und dann laſſt ſie werden was ſie wollen. Sickingen. Ich dank' euch. Und dank euch, Ma⸗ ria. Ich fuͤhrte euch an den Altar, und lihr jolli mich zur Glüͤckſeligkeit fuͤhren. 105 Maria. Wir wollen zuſammen eine Pilgrimſchaft nach dieſem fremden gelobten Lande antreten. Goͤtz. Gluͤck auf die Reiſe! Maria. So iſt's nicht gemeint, wir verlaſſen euch nicht. Gotz. Ihr ſollt, Schweſter. Maria. Du biſt ſehr unbarmherzig, Bruder! Götz. Und ihr zärtlicher als vorſehend. . Georg(kommt.) (Heimlich.) Ich kann Niemand auftreiben. Ein Ein⸗ ziger war geneigt, darnach veraͤnderte er ſich und wollte nicht. Goͤtz. Gut, Georg. Das Glüuck fängt mir an wetterwendiſch zu werden. Ich ahnt's aber.(Laut.) Sickingen, ich bitt' euch, geht noch dieſen Abend. Be⸗ redet Marie. Sie iſt eure Frau. Laſſt ſie's fühlen. Wenn Weiber quer in unſere Unternehmung treten, iſt unſer Feind im freyen Feld ſicherer als ſonſt in der Burg. Knecht(kommt.) (Leiſe.) Herr, das Reichsfaͤhnlein iſt auf dem Marſch, grad hieher, ſehr ſchnell. Goͤtz. Ich hab ſie mit Raachenſteichen geweckt! Wie viel ſind ihrer? Knecht. Ungefaͤhr zweyhundert. Sie koͤnnen nicht zwey Stunden mehr von hier ſeyn. Goͤtz. Noch uͤber'm Fluß? Knecht. Ja, Herr. 106 Götz. Wenn ich nur funfzig Mann haͤtte, ſie ſoll⸗ ten mir nicht heruͤber. Haſt du Lerſen nicht geſehen? Knecht. Nein, Herr. Götz. Biet' Allen ſie ſollen ſich bereit halten.— Es muß geſchieden ſeyn, meine Lieben. Weine, meine gute Marie, es werden Angenblicke kommen wo du dich freuen wirſt. Es iſt beſſer du weinſt an deinem Hochzeittag, als daß uͤbergroße Freude der Vorbote künftigen Elends waͤre. Lebt wohl, Marie. Lebt wohl, Bruder.— Maria. Ich kann nicht von euch, Schweſter. Lie⸗ ber Bruder, laß uns. Achteſt du meinen Mann ſo we⸗ nig, daß du in dieſer Extremitaͤt ſeine Huͤlfe verſchmaͤhſt? Goͤtz. Ja, es iſt weit mit mir gekommen. Viel, leicht bin ich meinem Sturz nahe. Ihr beginnt zu le⸗ ben, und ihr ſollt euch von meinem Schickſal trennen. Ich hab' eure Pferde zu ſatteln beſohlen. Ihr müſſt gleich fort. Maria. Bruder! Bruder! Eliſabeth(zu Sickingen). Gebtihm nach! Geht! Sickingen. Liebe Marie, laſſt uns gehen. Maria. Du auch? Mein Herz wird brechen. Goͤtz. So bleib denn. In wenigen Stunden wird meine Burg umtingt ſeyn. Maria. Weh! Weh! Götz. Wir werden uns vertheidigen ſo gut wir koͤnnen. 107 Maria. Mutter Gottes, hab Erbarmen mit ung! Götz. Und am Ende werden wir ſterben, oder uns ergeben.— Du wirſt deinen edeln Mann mit mir in Ein Schickſal geweint haben. Maria. Du marterſt mich. Gotz. Bleib! Bleib! wir werden zuſammen gefan⸗ gen werden. Sickingen, du wirſt mit mir in die Grube fallen! Ich hoffte du ſollteſt mir heraus helfen.— Maria. Wir wollen fort. Schweſter! Schweſter! Götz. Bringt ſie in Sicherheit, und dann erinnert euch meiner. Sickingen. Ich will ihr Bette nicht beſteigen, bis ich euch außer Gefahr weiß. Götz. Schweſter— liebe Schweſter!(Küſſ ſie.) Sickingen. Fort, fort! Goͤtz. Noch einen Augenblick— Ich ſeh' ench wie⸗ der. Troͤſtet euch. Wir ſehn uns wieder. (Sickingen, Maria ab.) 4 Goͤtz. Ich trieb ſie, und da ſie geht moͤcht' ich ſie halten. Eliſabeth, du bleibſt bey mir! Eliſabeth. Bis in den Tod.(ab.) Götz. Wen Gott lieb hat, dem geb' er ſo eine Fraul Georg(kommt.) Sie ſind in der Naͤhe, ich habe ſie vom Thurn geſe⸗ hen. Die Sonne ging auf und ich ſah ihre Piken blin⸗ ken. Wie ich ſie ſah, wollt mir's nicht kaͤnger wer⸗ 108 den, als einer Katze vor einer Armee Maͤuſe. Zwar wir ſpielen die Ratten.. Gotz. Seht nach den Thorriegeln. Verrammelt's inwendig mit Balken und Steinen.(Georg ab.) Wir wollen ihre Geduld fuͤr'n Narren halten, und ihre Ta⸗ pferkeit ſollen ſie mir an ihren eigenen Naͤgeln verkaͤuen. (Trompeter von außen.) Ahal ein rothröckiger Schurke. der uns die Frage vorlegen wird, ob wir Hundsfoͤtter ſeyn wollen.(Er geht ans Fenſter.) Was ſoll’'s?(Man hoͤrt in der Ferne reden.) Goͤtz(in ſeinen Bart). Einen Strick um den Hals⸗ 34(Trompeter redet fort.) en Goͤtz. Beleidiger der Majeſtaͤt!— Die Aufforde⸗ rung hat ein Pfaff gemacht. 8(rompeter endet) Goötz(antwortet). Mich ergeben! Auf Gnad und Ungnad! Mit wem redet ihr! Bin ich ein Raͤuber! Sag deinem Hauptmann: Vor Ihro Kaiſerliche Majeſtaͤt hab' ich, wie immer, ſchuldigen Reſpect. Er aber, ſag's ihm, er kann mich———(Smeißt das Fenſter zu.) Belagerung. Kuͤche. Eliſabet h. G ö tz.(zu ihr.) Götz. Du haſt Arbeit, arme Frau. 1 Eliſabeth. Ich wollt ich haͤtte ſie lang. Wir werden ſchwerlich aushalten koͤnnen. 3 109 Goͤtz. Wir hatten nicht Zeit uns zu verſehen. „Eliſabeth. Und die vielen Leute die ihr zeither geſpeiſ't habt. Mit dem Wein ſind wir auch ſchoͤn auf der Neige. Goͤtz. Wenn wir nur auf einen gewiſſen Punct halten, daß ſie Capitulation vorſchlagen. Wir thun ih⸗ nen brav Abbruch. Sie ſchießen den ganzen Tag und verwunden unſere Mauern und knicken unſere Scheiben. Lerſe iſt ein braver Kerl; er ſchleicht mit ſeiner Büchſe herum; wo ſich einer zu nahe wagt, blaff liegt er. Knecht. Kohlen, gnaͤdige Frau. Goͤtz. Was gibt's? Knecht. Die Kugeln ſind alle, wir wollen neue gießen. Goͤtz. Wie ſteht's Pulver? Knecht. So ziemlich. Wir ſparen unſere Schuͤſſe wohl aus. „-. S aual. Lerſe(mit einer Kugelform), Knecht(mit Kohlen). Lerſe. Stell ſie daher, und ſeht wo ihr im Hauſe Bley kriegt. Inzwiſchen will ich hier zugreifen.(Hebt ein Fenſter aus und ſchlaͤgt die Scheiben ein.) Alle Vor⸗ theile gelten.— So geht's in der Welt, weiß kein Menſch was aus den Dingen werden kann. Der Gla⸗ ſer, der die Scheiben faſſte, dachte gewiß nicht, daß das Bley einem ſeiner Urenkel garſtiges Kopfweh machen 110 konnte! und da mich mein Vater zeugte, dachte er nicht, welcher Vogel unter dem Himmel, welcher Wurm auf der Erde mich freſſen moͤchte. Georg(kommt mit einer Dachrinne). Da haſt du Bley. Wenn du nur mit der Haͤlſte triffſt, ſo entgeht keiner der Ihro Majeſtaͤt anſagen kann: Herr, wir haben ſchlecht geſtanden. Lerſe(haut davon). Ein brav Stuͤck. Georg. Der Regen mag ſich einen andern Weg ſuchen! ich bin nicht bang davor; ein braver Reiter und ein rechter Regen kommen uberall durch. Lerſe.(Er gießt.) Halt den Loͤffel.(Geht ans Fen⸗ ſter.) Da zieht ſo ein Reichsknappe mit der Buͤchſe herum; ſie denken wir haben uns verſchoſſen. Er ſoll die Kugel verſuchen, warm wie ſie aus der Pfanne kommt. Cäͤdt.) Georg(lehnt den Loͤffel an). Laß mich ſehn. Lerſe(ſchießt). Da liegt der Spatz. Georg. Der ſchoß vorhin nach mir,(ſie gießen) wie ich zum Dachfenſter hinaus ſtieg, und die Rinne holen wollte. Er traf eine Taube die nicht weit von mir ſaß, ſie ſtuͤrzt' in die Rinne; ich dankt ihm fuͤr den Braten und ſtieg mit der doppelten Beute wieder herein. Lerſe. Nun wollen wir wohl laden, und im gan⸗ zen Schloß herum gehen, unſer Mittageſſen verdienen. I111 . Goͤtz(kommt). Bleib, Lerſe! Ich habe mit dir zu reden! Dich, Georg, will ich nicht von der Jagd abhalten. (Georg ab.) Goͤtz. Sie entbieten mir einen Vertrag. Lerſe. Ich will zu ihnen hiuuus, und hoͤren was es ſoll. Göͤtz. Es wird ſeyn: ich ſoll mich auf Bedingun⸗ gen in ritterlich Gefaͤngniß ſtellen. Lerſe. Das iſt nichts. Wie waͤrs, wenn ſie uns freyen Abzug eingeſtünden, da ihr doch von Sickingen keinen Entſatz erwartet? Wir vergruͤben Geld und Sil⸗ ber, wo ſie's mit keiner Wuͤnſchelruthe finden ſollten, uͤberlieſſen ihnen das Schloß, und kaͤmen mit Manier davon. Göͤtz. Sie laſſen uns nicht. 51 Lerſe. Es kommt auf eine Prob' an. Wir wollen um ſicher Geleit rufen, und ich will hinaus.(ab.) S a a I. Goͤtz. Eliſabeth. Georg. Knechte(bey Tiſche). Götz. So bringt uns die Gefahr zuſammen. Laſſ'ts euch ſchmecken, meine Freunde! Vergeſſt das Trinken nicht. Die Flaſche iſt leer. Noch eine, liebe Frau. (Eliſaberh zuckt die Achſeh). Iſt keine mehr da? 112 Eliſabeth(leiſe.) Noch Eine; ich hab' ſie fuͤr dich bey Seite geſetzt. Gotz. Nicht doch, Liebe! Gib ſie heraus. Sie brauchen Stärkung, nicht ich; es iſt ja meine Sache. Eliſabeth. Holt ſie draußen im Schrank! Goͤtz. Es iſt die letzte. Und mir iſt's als ob wir nicht zu ſparen Urſach haͤtten. Ich bin lange nicht ſo vergnuͤgt geweſen.(Schenkt ein.) Es lebe der Kaiſer! Alle. Er lebe!.— Goͤtz. Das ſoll unſer vorletztes Wort ſeyn, wenn wir ſterben! Ich lieb' ihn, denn wir haben einerley Schickſal. Und ich bin noch gluͤcklicher als er. Er muß den Reichsſtänden die Maͤuſe fangen, inzwiſchen die Ratten ſeine Beſitzthümer annagen. Ich weiß, er wuͤnſcht ſich manchmal lieber todt, als laͤnger die Seele eines ſo kruͤpplichen Koͤrpers zu ſeyn.(Schenkt ein.) Es geht juſt noch einmal herum. Und wenn unſer Blut anfaͤngt auf die Neige zu gehen, wie der Wein in dieſer Flaſche erſt ſchwach, dann tropfenweiſe rinnt,(troͤpfelt das letzte in ſein Glas) was ſoll unſer letztes Wort ſeyn? Georg. Es lebe die Freyheit! Gotz. Es lebe die Freyheit! Alle. Es lebe die Freyheit! Goͤtz. Und wenn die uns uͤberlebt, koͤnnen wir ru⸗ hig ſterben. Denn wir ſehen im Geiſt unſere Enkel gluͤck⸗ lich und die Kaiſer unſrer Enkel gluͤcklich. Wenn die Diener der Fuͤrſten ſo edel und frey dienen wie ihr mir, 113 wenn die Fuͤrſten dem Kaiſer dienen wie ich ihm dienen moöͤchte— Georg. Da muſſt's viel anders werden. Goͤtz. So viel nicht als es ſcheinen moͤchte. Hab' ich nicht unter den Fuͤrſten treffliche Menſchen gekannt, und ſollte das Geſchlecht ausgeſtorben ſeyn? Gute Men⸗ ſchen, die in ſich und ihren Unterthanen gluͤcklich wa⸗ ren; die einen edeln, freyen Nachbar neben ſich leiden konnten, und ihn weder furchteten noch beneideten; de⸗ nen das Herz aufging, wenn ſie viel Ihresgleichen bey ſich zu Tiſch ſahen, und nicht erſt die Ritter zu Hof⸗ ſchranzen umzuſchaffen brauchten um mit ihnen zu leben. Georg. Habt ihr ſolche Herrn gekannt? Goͤtz. Wohl. Ich erinnere mich zeitlebens, wie der Landgraf von Hanau eine Jagd gab, und die Fuͤr⸗ ſten und Herrn die zugegen waren unter freyem Himmel ſpeiſ'ten, und das Landvolk all herbey lief ſie zu ſe⸗ heu. Das war keine Maskerade, die er ſich ſelbſt zu Ehren angeſtellt hatte. Aber die vollen runden Koͤpfe der Burſche und Maͤdel, die rothen Backen alle, und die wohlhaͤbigen Maͤnner und ſtattlichen Greiſe, und alles fröͤhliche Geſichter, und wie ſie Theil nahmen an der Herrlichkeit ihres Herrn, der auf Gottes Boden unter ihnen ſich ergetzte!. Georg. Das war ein Herr, vollkommen wie Ihr. Goͤtz. Sollten wir nicht hoffen daß mehr ſolcher Fürſten auf einmal herrſchen können? daß Verehrung Goethe's Werke. VI. Bd. 8 114 des Kaiſers, Fried' und Freundſchaft der Nachbarn, und Lieb der Unterthanen, der koſtbarſte Familien⸗Schatz. ſeyn wird, der auf Enkel und Urenkel erbt? Jeder wuͤrde das Seinige erhalten und in ſich ſelbſt vermehren, ſtatt daß ſie jetzo nicht zuzunehmen glauben, wenn ſie nicht Andere verderben. Georg. Wuͤrden wir hernach auch reiten? Goötz. Wollte Gott es gaͤbe keine unruhige Koͤpfe in ganz Deutſchland! wir wuͤrden noch immer zu thun genug finden. Wir wollten die Gebirge von Woͤlfen ſaͤu⸗ bern, wollten unſerm ruhig ackernden Nachbar einen Braten aus dem Wald holen, und dafuͤr die Suppe mit ihm eſſen. Waͤr' uns das nicht genug, wir woll⸗ ten uns mit unſern Bruͤdern, wie Cherubim mit flam⸗ menden Schwertern, vor die Graͤnzen des Reichs gegen die Woͤlfe die Tuͤrken, gegen die Fuͤchſe die Franzoſen la⸗ gern und zugleich unſers theuern Kaiſers ſehr ausge⸗ ſetzte Laͤnder und die Ruhe des Reichs beſchuͤtzen. Das waͤre ein Leben, Georg! wenn man ſeine Haut fuͤr die allgemeine Gluͤckſeligkeit dran ſetzte.(Georg ſpringt auf.) Wo willſt du hin? Georg. Ach ich vergaß, daß wir eingeſperrt ſind — und der Kaiſer hat uns eingeſperrt— und unſere Haut davon zu bringen, ſetzen wir unſere Haut drän Goͤtz. Sey gutes Muths. Lerſe(kommt.) Freyheit! Freyheit! Das ſind ſchlechte Menſchen, un⸗ I115 ſchluͤſſige bedaͤchtige Eſel. Ihr ſollt abzieben, mit Ge⸗ wehr, Pferden und Ruſtung. Proviant ſollt dhr dahin⸗ ten laſſen. Götz. Sie werden ſich kein Zahnweh dran ner⸗ Lerſe(heimlich). Habt ihr das Silber verſteckt? Göͤtz. Nein! Frau, geh mit Franzen, er hat dir was zu ſagen.(Alle ab.) —— Schloßheof. Georg(im Stall ſingt. Es fing ein Knab ein Wögetein Hm! Hmd Da lacht er in den Kaͤfig'nein, Hm! Hm! So! So! 7 7 Hm! Hm! Der ſteut ſich traun ſo laͤppiſch, 1 Hm! Hm! Und griff hinein ſo taͤppiſch, Hm! Hm! Sol So! . Hm! Hm! Da flog das Meislein auf ein Haus, 116 Und lacht den dummen Buben aus. Hm! Hm! So! So! — Hm! Hm! Göͤtz. Wie ſteht's? Georg(fuͤhrt ſein Pferd heraus). Sie ſind geſattelt. Goöͤtz. Du biſt fir. Georg. Wie der Vogel aus dem Käfig Alle die Belagerten. Goötz. Ihr habt eure Buͤchſen? Richt doch! Geht hinauf und nehmt die beſten aus dem Ruͤſtſchrank, es geht in Einem hin. Wir wollen voraus reiten. Georg. Hm! Hm! 3 Sol! Sol Hm! Hm! ca.) S a a l. Zwey Knechte(am Ruͤſtſchrank). Erſter Knecht. Ich nehme die. Zweyter Knecht. Ich die. Da iſt noch eine ſchoͤnere.. Erſter Knecht. Nicht doch! Mach daß du fort kommſt. Zweyter Knecht. Horch! Erſter Knecht(ſpringt ans Fenſter). Hilf heili⸗ 117 ger Gott! ſie ermorden unſern Herrn. Er liegt vom Pferd! Georg ſtuͤrzt! Zweyter Knecht. Wo retten wir uns! An der Mauer den Nußbaum hinunter in's Feld.(ab.) Erſter Knecht. Franz haͤlt ſich noch, ich will zu ihm. Wenn ſie ſterben mag ich nicht leben.(ab.) Vierter Akt. Wirthshaus zu Heilbronn. G oͤ tz. Ich komme mir vor wie der boͤſe Geiſt, den der Ca⸗ puziner in einen Sack beſchwur. Ich arbeite mich 45 und fruchte mir nichts. Die Meineidigen! Eliſabeth(kommt). nen lieben Getreuen? Eliſabeth. Nichts Gewiſſes. Einige ſind erſtochen, einige liegen im Thurn. Es konnte oder wollte Niemand mir ſie naͤher bezeichnen. Goͤtz. Iſt das Belohnung der Treue? des kindli⸗ chen Gehorſams?— Auf daß dir's wohl gehe, und du lange lebeſt auf Erden! Eliſabeth. Lieber Mann, ſchilt unſern himmli⸗ ſchen Vater nicht. Sie haben ihren Lohn, er ward mit ihnen geboren, ein freyes edles Herz. Laß ſie gefangen ſeyn, ſie ſind frey! Gib auf die deputirten Raͤthe Acht, die großen goldnen Ketten ſtehen ihnen zu Geſicht— Goͤtz. Was fuͤr Nachrichten, Eliſabeth, von mei⸗ 119 Gotz. Wie dem Schwein das Halsband. Ich moͤchte Georgen und Franzen geſchloſſen ſehn! Eliſabeth. Es waͤre ein Anblick um Engel wei⸗ nen zu machen. Goͤtz. Ich wollt' nicht weinen. Ich wollte die Zaͤhne zuſammenbeißen, und an meinem Grimm kauen. In Ketten meine Augaͤpfel! Ihr lieben Jungen, haͤttet ihr mich nicht geliebt!— Ich wuͤrde mich nicht ſatt an ihnen ſehen koͤnnen.— Im Namen des Kaiſers ihr Wort nicht zu halten! Eliſabeth. Entſchlagt euch dieſer Gedanken. Be⸗ denkt, daß ihr vor den Raͤthen erſcheinen ſollt. Ihr ſeyd nicht geſtellt ihnen wohl zu begegnen, und ich fuͤrchte Alles.— Götz. Was wollen ſie mir anhaben? 1 Eliſabeth. Der Gerichtsbote! Goͤtz. Eſel der Gerechtigkeit! Schleppt ihre Säcke zur Muͤhle, und ihren Kehrig auf's Feld. Was gibt's? Gerichtsdiener(kommt.) Die Herrn Commiſſarii ſind auf dem Rathhauſe verſammelt, und ſchicken nach euch. Göͤtz. Ich komme. Gerichtsdiener. Ich werde euch begleiten. Goöͤtz. Viel Ehre. Eliſabeth. Maͤßigt euch. Goͤtz. Sey außer Sorgen.(ab.) — 4 120 Ratheh auu s. Kaiſerliche Raͤthe. Hauptmann. Raths⸗ herren von Heilbronn. Rathsherr. Wir haben auf euern Befehl die ſtaͤrkſten und tapferſten Burger verſammelt; ſie warten hier in der Naͤhe auf euern Wink um ſich Bethchagens zu bemeiſtern. Erſter Rath. Wir werden Ihro Kaiſerlichen Ma⸗ jeſtaͤt eure Bereitwilligkeit, Ihrem hoͤchſten Befehl zu ge⸗ horchen, mit vielem Vergnuügen zu ruͤhmen wiſſen.— Es ſind Handwerker? Rathsherr. Schmiede, Weinſchroͤter, Zuncier⸗ leute, Maͤnner mit geuͤbten Faͤuſten und hier wohl be⸗ ſchlagen.(auf die Bruſt deutend.) Rath. Wohl. Gerichtsdiener(kommt). Goͤtz von Berlichingen wartet vor der Thuͤr. Rath. Laſſt ihn herein. Götz(kommt). Gott gruͤß' euch, ihr Herrn, was wollt ihr mit mir? Rath. Zuerſt daß ihr bedenkt: wo ihr ſeyd? und vor wem? Goöͤtz. Bey meinem Eid, ich verkenn' Auchn nicht, meine Herrn. „Rurh. Ihr thut eure Schuldigkeit. Goͤtz. Von ganzem Herzen. 8 5 ““ 121 Rath. Setzt ench. Gotz. Da unten hin? Ich kann ſtehn. Das Stuͤhl⸗ chen riecht ſo nach armen Sündern wie uͤberhaupt die ganze Stube.. Rath. So ſteht! Goötz. Zur Sache, wenn's gefaͤllig iſt. Rath. Wir werden in der Ordnung verfahren. Gotz. Bin's wohl zufrieden, wollt' es waͤre von jeher geſchehen. Rath. Ihr wiſſt wie ühr auf Gnad und Ungnad in unſere Haͤnde kamt. Gotz. Was gebt ihr mir wenn ich's vergeſſe? Rath. Wenn ich euch Beſcheidenheit geben koͤnnte, wuͤrd' ich eure Sache gut machen. Gotz. Gut machen! Wenn ihr das koͤnntet! Dazu gehoͤrt freylich mehr als zum Verderben. —Schreiber. Soll ich das alles protokoliren? Rath. Was zur Handlung gehoͤrt. 6 Goͤtz. Meinetwegen duͤrft ihr's drucken laffen. Rath. Ihr war't in der Gewalt des Kaiſers, deſ⸗ ſen vaͤterliche Gnade an den Platz der majeſtaͤtiſchen Gerechtigkeit trat, euch anſtatt eines Kerkers Heilbronn, eine ſeiner geliebten Staͤdte, zum Aufenthalt anwies. Ihr verſpracht mit einem Eid euch wie es einem Ritter geziemt zu ſtellen, und das Weitere demüthigſt zu er⸗ varten. un G5 6, Wohl, ich bin hier und warte. 1 122 Rath. Und wir ſind hier euch Ihro Kaiſerlichen Majeſtaͤt Gnade und Huld zu verkuͤndigen. Sie verzeiht euch eure Uebertretungen, ſpricht euch von der Acht und aller wohlverdienten Strafe los, welches ihr mit unter⸗ thaͤnigem Dank erkennen, und dagegen die Urfehde ab⸗ ſchwoͤren werdet, welche euch hiermit vorgeleſen wer⸗ den ſoll. 178 n 140 Goͤtz. Ich bin Ihro Majeſtaͤt treuer Knecht wie immer. Noch ein Wort eh ihr weiter geht: Meine Leute, wo ſind die? Was ſoll mit ihnen werden? Rath. Das geht euch nichts an. Goͤtz. So wende der Kaiſer ſein Angeſicht von eu wenn ihr in Noth ſteckt! Sie waren meine Geſellen, ur ſind's. Wo habt ihr ſie hingebracht? Rath. Wir ſind euch davon keine Rechnung ſchuldi Goͤtz. Ahl Ich dachte nicht, daß ihr nicht einm zu dem verbunden ſeyd was ihr verſprecht, geſchweige Rath. Unſere Commiſſion iſt euch die Urfehde o zulegen. Unterwerft euch dem Kaiſer, und ihr wern einen Weg finden um eurer Geſellen Leben nnd Freyh zu flehen. 4 Götz. Euern Zettel. Rath. Schreiber, leſet. 7 Schreiber. Ich Goͤtz von Berlichingen beker oͤffentlich durch dieſen Brief: Daß, da ich mich neu gegen Kaiſer und Reich rebelliſcher Weiſe aufgelehnt Goͤtz. Das iſt nicht wahr. Ich bin kein Rel —— 123 habe gegen Ihro kaiſerlichen Majeſtaͤt nichts verbrochen, und das Reich geht mich nichts an. Rath. Maͤßigt euch und hoͤrt weiter. Götz. Ich will nichts weiter hoͤren. Tret' einer auf, und zeuge! Hab ich wider den Kaiſer, wider das Haus Oeſterreich nur einen Schritt gethan? Hab ich nicht von jeher durch alle Handlungen bewieſen, daß ich beſſer als einer fuͤhle, was Deutſchland ſeinen Re⸗ genten ſchuldig iſt? und beſonders was die Kleinen, die Ritter und Freyen ihrem Kaiſer ſchuldig ſind? Ich muͤſſte ein Schurke ſeyn, wenn ich mich koͤnnte bereden laſſen das zu unterſchreiben... Rath. Und doch haben wir gemeſſene Ordre, euch in der Guͤte zu uͤberreden, oder im Entſtehungsfall euch in den Thurn zu werfen. Götz. In Thurn? mich?. Rath. Und daſelbſt koͤnnt ihr euer Schickſal von der Gerechtigkeit erwarten, wenn ihr es nicht aus den Haͤnden der Gnade empfangen wollt. Goötz. In Thurn! Ihr mißbraucht die Kaiſerliche Gewalt. In Thurn! Das iſt ſein Befehl nicht. Was! mir erſt, die Verraͤther! eine Falle zu ſtellen, und ih⸗ ren Eid, ihr ritterlich Wort zum Speck drin aufzuhaͤn⸗ gen! Mir dann ritterlich Gefängniß zuſagen, und die Zuſage wieder brechen. Rath. Einem Raäuber ſind wir keine Treue ſchuldig. Goͤtz. Truͤgſt du nicht das Ebenbild des Kaiſers, 124 das ich in dem geſudelſten Conterfey verehre, du ſoll⸗ teſt mir den Raͤuber freſſen oder dran erwuͤrgen! Ich bin in einer ehrlichen Fehd begriffen. Du koͤnnteſt Gott danken und dich vor der Welt groß machen, wenn du in deinem Leben eine ſo edle That gethan haͤtteſt, wie die iſt, um welcher willen ich gefangen ſitze. Rath(winkt dem Rathsherrn, der zieht die Schelle). Götz. Nicht um des leidigen Gewinnſts willen, nicht um Land und Leute unbewehrten Kleinen wegzukapern, bin ich ausgezogen. Meinen Jungen zu befreyen, und mich meiner Haut zu wehren! Seht ihr was Unrechts dran? Kaiſer und Reich haͤtten unſere Noth nicht in ih⸗ rem Kopfkiſſen gefühlt. Ich habe Gott ſey Dank noch Eine Hand, und habe wohl gethan ſie zu brauchen. Buͤrger(treten herein, Stangen in der Hand, Weh⸗ ren an der Seite). Gotz. Was ſoll das? Rath. Ihr wollt nicht hoͤren. Fangt ihn. Goͤtz. Iſt das die Meinung? Wer kein Ungriſcher Ochs iſt, kommt mir nicht zu nah! Er ſoll von dieſer meiner rechten eiſernen Hand eine ſolche Ohrfeige krie⸗ gen, die ihm Kopfweh, Zahnweh und alles Weh der Erden aus dem Grund curiren ſoll.(Sie machen ſich an ihn, er ſchlaͤgt den Einen zu Boden, und reißt einem Andern die Wehre von der Seite, ſie weichen.) Kommt! Kommt! Es waͤre mit angenehm, den Tapferſten unter euch ken⸗ nen zu lernen. 125 Rath. Gebt euch. Götz. Mit dem Schwert in der Hand! Wiſſt ihr, daß es jetzt nur an mir laͤge, mich durch alle dieſe Ha⸗ ſenjaͤger durchzuſchlagen und das weite Feld zu gewin⸗ nen? Aber ich will euch lehren wie man Wort halt. Verſprecht mir ritterlich Gefaͤngniß, und ich gebe mein Schwert weg und bin wie vorher euer Gefangener. Rath. Mit dem Schwert in der Hand wollt ihr mit dem Kaiſer rechten? Goͤtz. Behute Gott! Nur mit euch und eurer edeln Compagnie.— Ihr koͤnnt nach Hauſe gehn, gute Leute. Fuͤr die Verſaͤumniß kriegt ihr nichts, und zu holen iſt hier nichts als Beulen. Rath. Greift ihn. Gibt euch eure Liebe zu euerm Kaiſer nicht mehr Muth? Goͤtz. Nicht mehr als ihnen der Kaiſer Pflaſter gibt die Wunden zu heilen, die ſich ihr Muth holen koͤnnte. Gerichtsdiener(kommt.) Eben ruft der Thuͤrner: es zieht ein Trupp von mehr als zweyhunderten nach der Stadt zu. Unverſehens ſind ſie hinter der Weinhoͤhe hervorgedrungen, und drohen unſern Mauern. Rathsherr. Weh uns! was iſt das? Wache(kommt). Franz von Sickingen haͤlt vor dem Schlag' und laͤſſt euch ſagen: er habe gehoͤrt wie unwuͤrdig man an ſei⸗ nem Schwager bundbruͤchig geworden ſey, wie die Herrn 126 von Heilbronn allen Vorſchub thaͤten. Er verlange Re⸗ chenſchaft, ſonſt wolle er binnen einer Stunde die Stadt an vier Ecken anzunden, und ſie der Pluͤnderung Preis geben. Goͤtz. Braver Schwager! Rath. Tretet ab, Goͤtz!— Was iſt zu thun? Rathshexrr. Habt Mitleiden mit uns und unſerer Buͤrgerſchaft! Sickingen iſt unbaͤndig in ſeinem Zorn, er iſt Mann es zu halten. Rath. Sollen wir uns und dem Kaiſer die Ge⸗ rechtſame vergeben? Hauptmann. Wenn wir nur Leute häͤtten ſie zu behaupten. So aber koͤnnten wir umkommen, und die Sache waͤre nur deſto ſchlimmer. Wir gewinnen im Nachgeben. Rathsherr. Wir wollen Goͤtzen anſprechen fuͤr uns ein gut Wort einzulegen. Mir iſt's als wenn ich die Stadt ſchon in Flammen ſaͤhe. 3 Rath. Laſſt Goͤtzen herein. Götz. Was ſoll's? Rath. Du wuͤrdeſt wohl thun deinen Schwager von ſeinem rebelliſchen Vorhaben abzumahnen. An⸗ ſtatt dich vom Verderben zu retten, ſtuͤrzt er dich tie⸗ fer hinein, indem er ſich zu deinem Falle geſellt. Goͤtz(ſieht Eliſabeth an der Thuͤr, heimlich zu ihr:) Geh hin! Sag ihm: er ſoll unverzuͤglich hereinbrechen, ſoll hieher kommen, nur der Stadt kein Leids thun. * * 127 Wenn ſich die Schurken hier widerſetzen, ſoll er Gewalt brauchen. Es liegt nir nichts dran umzukommen, wenn ſie nur Alle mit erſtochen werden. Ein großer Saal auf dem Nathhans. Sickingen. Gö tz. (Das ganze Rathhaus iſt mit Sickingens Reitern beſetzt.) Goöͤtz. Das war Huͤlfe vom Himmel! Wie kommſt du ſo erwuͤnſcht und unverme ithet, Schwager? Sickingen. Ohne Zauberey. Ich hatte zwey, drey Boten ausgeſchickt, zu hoͤren wie dir's ginge? Auf die Nachricht von ihrem Meineid macht' ich mich auf den Weg. Nun haben wir ſie. Goͤtz. Ich verlange nichts als ritterliche Haft. Sickingen. Du biſt zu ehrlich. Dich nicht ein⸗ mal des Vortheils zu bedienen, den der Rechtſchaffene uͤber den Meineidigen hat! Sie ſitzen im Unrecht, wir wollen ihnen keine Kiſſen unterlegen. Sie haben die Befehle des Kaiſers ſchaͤndlich mißbraucht. Und wie ich Ihro Majeſtaͤt kenne, darfſt du ſicher auf mehr dringen. Es iſt zu wenig. Goͤtz. Ich bin von jeher mit Wenigem zufrieden geweſen. Sickingen. Und biſt von jeher zu kurz gekommen. Meine Meinung iſt: ſie ſollen deine Knechte aus dem 128 Gefaͤngniß und dich zuſammt ihnen auf deinen Eid nach deiner Burg ziehen zu laſſen. Du magſt verſprechen, nicht aus deiner Terminey zu gehen, und wirſt immer beſſer ſeyn als hier. Goͤtz. Sie werden ſagen: Meine Guͤter ſeyen dem Kaiſer heimgefallen. Sickingen. So ſagen wir: Du wollteſt zur Mie⸗ the drin wohnen bis ſie dir der Kaiſer wieder zu Lehn gaͤbe. Laß ſie ſich wenden wie Aele in der Reuſe, ſie ſollen uns nicht entſchlüpfen. Sie werden von Kaiſer⸗ licher Majeſtaͤt reden, von ihrem Auftrag. Das kann uns Einerley ſeyn. Ich kenne den Kaiſer auch und gelte was bey ihm. Er hat immer gewünſcht dich unter ſei⸗ nem Heer zu haben. Du wirſt nicht lang auf deinem Schloſſe ſitzen, ſo wirſt du aufgerufen werden. Göotz. Wollte Gott bald, eh ich's Fechten verlerne. Sickingen. Der Muth verlernt ſich nicht, wie er ſich nicht lernt. Sorge fuͤr nichts! Wenn deine Sa⸗ chen in der Ordnung ſind, geh ich nach Hof, denn mei⸗ ne Unternehmung faͤngt an reif zu werden. Guͤnſtige Aſpecten deuten mir. Brich auf! Es iſt mir nichts übrig, als die Geſinnung des Kaiſers zu ſondiren. Trier und Pfalz vermuthen eher des Himmels Einfall, als daß ich ihnen uͤber'n Kopf kommen werde. Und ich will kom⸗ men wie ein Hagelwetter! Und wenn wir unſer Schick⸗ ſal machen köoͤnnen, ſo ſollſt du bald der Schwager eines 5 1²9 Churfürſten ſeyn. Ich hoffte auf deine Fauſt bey di Unternehmung. 3 Goͤtz(beſieht ſeine Hand). O! das deutete der Tr den ich hatte, als ich Tags darauf Marien an Weis gen verſprach. Er ſagte mir Treu zu, und hielt m rechte Hand ſo feſt, daß ſie aus den Armſchienen git wie abgebrochen. Ach! Ich bin in dieſem Augenb wehrloſer, als ich war da ſie mir abgeſchoſſen wurd Weislingen! Weislingen! Sickingen. Vergiß einen Verraͤther. Wir wolt len ſeine Anſchlaͤge vernichten, ſein Anſehn untergraben, und Gewiſſen und Schande ſollen ihn zu Tode freſſen Ich ſeh, ich ſeh im Geiſt meine Feinde niedergeſtuͤn Götz, nur noch ein halb Jahr! Gotz. Deine Seele fliegt hoch. Ich weiß nicht; einiger Zeit wollen ſich in der meinigen keine froͤhl Ausſichten eroͤffnen.— Ich war ſchon mehr im Ung ſchon einmal gefangen, und ſo wie mie's jetzt iſt mir's niemals. Sickingen. Gluͤck macht Muth. Kommt zu den Perucken! Sie haben lang genug den Vortrag gehabt, laß uns einmal die Müͤh uͤbernehmen.(ab.) Adelheidens Schloß. Adelheid. Weislingen. Adelheid. Das iſt verhaſſt! Goethe’s Perke. VI. Bd. 130 Weislingen. Ich hab die Zaͤhne zuſammen ge⸗ n. Ein ſo ſchoͤner Anſchlag, ſo gluͤcklich vollfuͤhrt⸗ am Ende ihn auf ſein Schloß zu laſſen! Der ver⸗ mte Sickingen! Adelheid. Sie haͤtten's nicht thun ſollen. Weislingen. Sie ſaßen feſt. Was konnten ſie ſachen? Sickingen drohete mit Feuer und Schwert, der chmuͤthige jaͤhzornige Mann! Ich haſſ' ihn. Sein An⸗ ſehn nimmt zu wie ein Strom, der nur einmal ein Paar aͤche gefreſſen hat, die uͤbrigen folgen von ſelbſt. Adelheid. Hatten ſie keinen Kaiſer? Weislingen. Liebe Frau! Er iſt nur der Schat⸗ davon, er wird alt und mißmuthig. Wie er hörte was hehen war, und ich nebſt den uͤbrigen Regimentsraͤthen rte, ſagte er: Laſſt ihnen Ruh! Ich kann dem alten Goͤtz l das Plaͤtzchen goͤnnen, und wenn er da ſilll iſt⸗ habt ihr uͤber ihn zu klagen? Wir redeten vom Wohl es Staats. O! ſagt er: haͤtt' ich von jeher Raͤthe ge⸗ habt, die meinen unruhigen Geiſt mehr auf das Gluͤck einzelner Menſchen gewieſen haͤtten! Adelheid. Er verliert den Geiſt eines Regenten. Weislingen. Wir zogen auf Sickingen los.— Er iſt mein treuer Diener, ſagt' er; hat er's nicht auf meinen Befehl gethan, ſo that er doch beſſer meinen Wil⸗ len, als meine Bevollmaͤchtigten, und ich kann's gut hei⸗ ßen, vor oder nach. Adelheid. Man moͤchte ſich gerreißen. 1 131 Weislingen. Ich habe deßwegen noch nicht alle Hoffnung aufgegeben. Er iſt auf ſein ritterlich Wort auf ſein Schloß gelaſſen, ſich da ſtill zu halten. Das iſt ihm unmoͤglich; wir wollen bald eine Urſach wider ihn haben. Adelheid. Und deſto eher da wir hoffen koͤnnen der Kaiſer werde bald aus der Welt gehn, und Karl, ſein trefflicher Nachfolger, majeſtaͤtiſchere Geiiguugen verſpricht. Weislingen. Karl? k iſt noch weder gewaͤhlt noch gekroͤnt. Adelheid. Wer wuͤnſcht und hofft es nicht? Weislingen. Du haſt einen großen Begriff von ſeinen Eigenſchaften; faſt ſollte man denken du ſaͤheſt ſie mit andern Augen.. Adelheid. Du beleidigſt mich, Weislingen. Kennſt du mich fuͤr das? Weislingen. Ich ſagte nichts dich zu beleidigen. Aber ſchweigen kann ich nicht dazu. Karls ungewoͤhn⸗ liche Aufmerkſamkeit fuͤr dich beunruhigt mich. Adelheid. Und mein Betragen? Weislingen Du biſt ein Weib. Ihr haſſt' Kei⸗ nen der euch hofirt. Adelheid. Aber ihr? Weislingen. Er friſſt mir am Herzen, der fuͤrchterliche Gedanke! Adelheid! Adeiheid. Kann ich deine Thorheit kuriren? 13² Weislingen. Wenn du wollteſt! Du koͤnnteſt dich vom Hof entfernen. Adelheid. Sage Mittel und Art. Biſt du nicht bey Hofe? Soll ich dich laſſen und meine Freunde, um auf meinem Schloß mich mit den Uhus zu unterhalten? Nein, Weislingen, daraus wird nichts. Beruhige dich, du weißt wie ich dich liebe. 4 Weislingen. Der heilige Anker in dieſem Sturm, ſo lang der Strick nicht reißt.(ab.) Adelheid. Fangſt du's ſo an! Das fehlte noch. Die Unternehmungen meines Buſens ſind zu groß, als daß du ihnen im Wege ſtehen ſollteſt. Karl! großer, trefflicher Mann, und Kaiſer dereinſt! und ſollte er der Einzige ſeyn unter den Maͤnnern, dem der Beſitz meiner Gunſt nicht ſchmeichelte? Weislingen, denke nicht mich zu hindern, ſonſt muſſt du in den Boden, mein Weg geht uͤber dich hin. — Franz(kommt mit einem Brief.) Hier, gnaͤdige Frau. Adelheid. Gab dir Karl ihn ſelbſt? Franz. Ja. Adelheid. Was haſt du? Du ſiehſt ſo kummervoll. Franz. Es iſt euer Wille daß ich mich todt ſchmach⸗ ten ſoll, in den Jahren der Hoffnung macht ihr mich verzweifeln. Adelheid. Er dauert mich— und wie wenig ko⸗ ſtet's mich ihn gluͤcklich zu machen! Sey gutes Muths, 133 Junge. Ich fuͤhle deine Lieb' und Treu, und werde nie unerkenntlich ſeyn. Franz.(beklemmt.) Wenn ihr das faͤhig waͤrt, ich muͤſſte vergehn. Mein Gott, ich habe keinen Blutstro⸗ pfen in mir der nicht euer waͤre, keinen Sinn als euch zu lieben und zu thun was euch gefaͤllt! Adelheid. Lieber Junge. Franz. Ihr ſchmeichelt mir.(In Thraͤnen ausbre⸗ chend.) Wenn dieſe Ergebenheit nichts mehr verdient als Andere ſich vorgezogen zu ſehn, als eure Gedanken alle nach dem Karl gerichtet zu ſehn— Adelheid. Du weißt nicht was du willſt, usch weniger was du redſt. Franz(vor Verdruß und Zorn mit dem Fuß ſtam⸗ pfend.) Ich will auch nicht mehr. Will nicht mehr den Unterhaͤndler abgeben. Adelheid. Franz! Du vergiſſt dich. Franz. Mich aufzuopfern! Meinen lieben Herrn! Adelheid. Geh' mir aus dem Geſicht. Franz. Guaͤdige Frau! Adelheid. Geh', entdecke deinem lieben Herrn mein Geheimniß. Ich war die Naͤrrinn dich fuͤr was zu halten das du nicht biſt. Franz. Liebe gnaͤdige Frau, ihr wiſſt daß ich euch liebe. 1 Adelheid. Und du warſt mein Freund, meinem Herzen ſo nahe. Geh, verrath mich. * 134 Franz. Eher wollt' ich mir das Herz aus dem Leibe reißen! Verzeiht mir, gnaͤdige Frau. Mein Herz iſt zu voll, meine Sinnen halten's nicht aus. Adelheid. Lieber warmer Junge!(Faſſt in bey den Haͤnden, zieht ihn zu ſich, und ihre Kuͤſſe begegnen ein⸗ ander; er faͤllt ihr weinend um den Hals.) Adelheid. Laß mich! Franz eerſtickend in Thränen an ihrem Hals.) Gott! Gott! Adelheid. Laß mich, die Mauern ſind Verraͤther. Laß mich.(Macht ſich los.) Wanke nicht von deiner Lieh' und Treu', und der ſchoͤnſte Lohn ſoll dir werden. 1(ab.) Franz. Der ſchoͤnſte Lohn! Nur bis dahin laß mich leben! Ich wollte meinen Vater ermorden, der mir dieſen Platz ſtreitig machte. FJarthamuſen. 7 Gtz(an einem Tiſch.) Eliſabeth(bey ihm mit der Arbeit, es ſtebt ein Licht auf dem Tiſch und Schreibzeug.) Gotz. Der Müßiggang will mir gar nicht ſchme⸗ cken, nnd meine Beſchraͤnkung wird mir von Tag zu Tag enger; ich wollt' ich könnt' ſchlafen, oder mir nur ein⸗ bilden die Ruhe ſey was Angenehmes. 135 Eliſabeth. So ſchreib doch deine Geſchichte aus, die du angefangen haſt. Gib deinen Freunden ein Zeugniß in die Hand deine Feinde zu beſchaͤmen; ver⸗ ſchaff' einer edlen Nachkommenſchaft die Freude dich nicht zu verkennen. Goͤtz. Ach! Schreiben iſt geſchaͤftiger Muͤßiggang, es kommt mir ſauer an. Indem ich ſchreibe was ich gethan, ärger' ich mich uͤber den Verluſt der Zeit, in der ich was thun koͤnnte. Elrfabeth(nimmt die Schrift.) Sey nicht wun⸗ derlich. Du biſt eben an deiner erſten Gefangenſchaft in Heilbronn. Goͤtz. Das war mir von jeher ein fataler Ort. Eliſabeth(lieſt.)„Da waren ſelhſt einige von den Buͤndiſchen, die zu mir ſagten: Ich habe thoͤrig gethan mich meinen aͤrgſten Feinden zu ſtellen, da ich doch vermuthen konnte ſie wuͤrden nicht glimpflich mit mir umgehen; da antwortete ich:“ Nun was antworteteſt du? Schreibe weiter: 8 Goͤtz. Ich ſagte: ſetz' ich nicht meine Haut an n⸗ derer Gut und Geld, ſollt' ich ſie nicht an mein Wort ſetzen? Eliſabeth. Dieſen Ruf haſt du. Götz. Den ſollen ſie mir nicht nehmen! Sie haben mir Alles genommen, Gut, Freyheit— Eliſabeth. Es faͤllt in die Zeiten wie ich die von Miltenberg und Singlingen in der Wirthsſtube ſand, 5 136 die mich nicht kannten. Da hatt' ich eine Freude als wenn ich einen Sohn geboren hätte. Sie ruͤhmten dich unter einander, und ſagten: Er iſt das Muſter eines Ritters, tapfer und edel in ſeiner Freyheit, und gelaſſen und treu im Ungluͤck. Gotz. Sie ſollen mir Einen ſtellen dem ich mein Wort gebrochen! Und Gott weiß, daß ich mehr geſchwitzt hab meinem Naͤchſten zu dienen als mir, daß ich um den Namen eines tapfern und treuen Ritters gearbeitet habe, nicht um hohe Reichthuͤmer und Rang zu gewin⸗ nen. Und Gott ſey Dank, warum ich warb iſt mir worden. 1 Lerſe. Geor g(mit Wildbret.) Goͤtz. Gluͤck zu, brave Jaͤger! Georg. Das ſind wir aus braven Reitern gewor⸗ den. Aus Stiefeln machen ſich leicht Pantoffeln. Lerſe. Die Jagd iſt doch immer was, und eine Art vor Krieg. Beorg. Wenn man nur hier zu Lande nicht im⸗ mer mit Reichsknechten zu thun haͤtte. Wiſſt ihr, gnaͤ⸗ diger Herr, wie ihr uns prophezeihtet: wenn ſich die Welt umkehrte, wuͤrden wir Jaͤger werden. Da ſind wu's ohne das. Götz. Es kommt auf Eins hinaus, wir ſind aus unſerm Kreiſe geruͤckt. 1 Georg. Es ſind bedenkliche Zeiten. Schon ſeit acht Tagen laͤſſt ſich ein füͤrchterlicher Comet ſehen, und 137 ganz Deutſchland iſt in Angſt⸗ es bedeute den Tod des Kaiſers, der ſehr krank iſt.⸗ Goöͤtz. Sehr krank! Unſere Bahn geht zu Ende. Lerſe. Und hier in der Naͤhe gibt's noch ſchreckli⸗ chere Veränderungen. Die Bauern haben einen entſetz⸗ lichen Aufſtand erregt. Goͤtz. Wo? Lerſe. Im Herzen von Schwaben. Sie ſengen, brennen und morden. Ich fuͤrchte ſie verheeren das ganze Land. Georg. Einen furchterlichen Krieg gibt's. Es ſind ſchon an die hundert Ortſchaften aufgeſtanden, und taͤglich mehr. Der Sturmwind neulich hat ganze Waͤl⸗ der ausgeriſſen, und kurz darauf hat man in der Ge⸗ gend, wo der Aufſtand begonnen, zwey feurige Schwer⸗ ter kreuzweis in der Luft geſehn. Goͤtz. Da leiden von meinen guten Hettn und Freunden gewiß unſchuldig mit! Georg. Schade daß wir nicht reiten duͤrfen! Fuͤnfter Ak t. ˖— OC— Bauernkrieg. Tumult in einem Dorf und Pluͤnderung. Weiber und Alte mit Kindern und Gepaͤcke. Flucht. Alter. Fort! fort! daß wir den Mordhunden ent⸗ gehen. Weib. Heiliger Gott, wie blutroth der Himmel iſt, die untergehende Sonne blutroth! 3 Mutter. Das bedeut Feuer. Weib. Mein Mann! Mein Mann! Alter. Fort! fort! In Wald.(Ziehen vorbey.) Link. Was ſich widerſetzt niedergeſtochen! Das Dorf iſt unſer. Daß von Fruchten nichts umkommt, nichts zu⸗ ruckbleibt. Plündert rein aus und ſchnell. Wir zün⸗ den gleich an. 2 Metzler(vom Hugel herunter gelaufen.) Wie gehts euch, Link? 13⁰ Link. Drunter und druber, ſiehſt du, du kommſt zum Kehraus. Woher? Metzler. Von Weinsberg. Da war ein Feſt. Link. Wie? Metzler. Wir haben ſie zuſammen geſtochen, daß eine Luſt war. Link. Wen alles? Metzler. Dietrich von Weiler tanzte vor. Der Fratz! Wir waren mit hellem wuͤthigem Hauf herum, und er oben auf'm Kirchthurn wollt guͤtlich mit uns handeln. Paff! ſchoß ihn einer vor'n Kopf. Wir hinauf wie Wetter, und zum Fenſter herunter mit dem Kerl.— Link. Ah! Metzler(zu den Bauern.) Ihr Hund, ſoll ich euch Bein machen! Wie ſie zaudern und trenteln, die Eſel. Link. Brennt an! ſie moͤgen drin braten! Fort! Fahrt zu, ihr Schlingel. Metzler. Darnach fuͤhrten wir heraus den Hel⸗ fenſtein, den Eltershofen, an die dreyzehn von Adel, zuſammen auf achtzig. Herausgefuͤhrt auf die Ebene ge⸗ gen Heilbronn. Das war ein Jubiliren und ein Tumul⸗ tuiren von den Unſrigen, wie die lange Reih arme reiche Sunder daberzog, einander anſtarrten, und Erd' und Himmel! Umringt waren ſie ehe ſie ſich's verſahen, und alle mit Spießen niedergeſtochen. Link. Daß ich nicht dabey war! 140 Metzler. Hab mein Tag ſo kein Gaudium gehabt. Link. Fahrt zu! Heraus! Bauer. Alles iſt leer. Link. So brennt an allen Ecken. Metzler. Wird ein hubſch Feuerchen geben. Siehſt du, wie die Kerls uͤber einander purzelten und quiekten wie die Froͤſche! Es lief mir ſo warm uͤber's Herz wie ein Glas Branntwein. Da war ein Riyxinger, wenn der Kerl ſonſt auf die Jagd ritt, mit dem Federbuſch und weiten Nasloöchern, und uns vor ſich hertrieb mit den Hunden und wie die Hunde. Ich hatt' ihn die Zeit nicht geſehen, ſein Fratzengeſicht fiel mir recht auf. Haſch! den Spieß ihm zwiſchen die Rippen, da lag er, ſtreckt' alle Vier uͤber ſeine Geſellen. Wie die Haſen bey'm Troib⸗ jagen zuckten die Kerls uͤber einander. Link. Raucht ſchon brav. Metzler. Dort hinten brennt's. Laß uns mit der Beute gelaſſen zu dem großen Haufen ziehn. Link. Wo haͤlt er?— Metzler. Von Heilbronn hieher zu. Sie ſind um einen Hauptnann verlegen, vor dem alles Volk Re⸗ ſpect haͤlt. Denn wir ſind doch nur Ihresgleichen, das füͤhlen ſie und werden ſchwurig. Link. Wen meinen ſie? Metzler. Max Stumpf oder Goͤtz von Berlichingen. Link. Das waͤr gut, gaͤb' auch der Sache einen Schein, wenn's der Goͤtz thaͤt; er hat immer fuͤr einen 141 rechtſchaffnen Ritter gegolten. Auf! Auf! wir ziehen nach Heilbronn zu! Ruft's herum. Metzler. Das Feuer leucht uns noch eine gute Sctrecke. Haſt du den großen Cometen geſehen? Link. Ja. Das iſt ein grauſam erſchrecklich Zei⸗ chen! Wenn wir die Nacht durch ziehen, köoͤnnen wir ihn recht ſehen. Er geht gegen Eins auf. Metzler. Und bleibt nur fuͤnf Viertelſtunden. Wie ein gebogner Arm mit einem Schwert ſieht er aus, ſo blutgelbroth. 4 Link. Haſt du die drey Stern geſehen an des Schwerts Spitze und Seit? Metzler. Und der breite wolkenfaͤrbige Streif, mit tauſend und tauſend Striemen wie Spieß', und dazwi⸗ ſchen wie kleine Schwerter. Link. Mir hat's gegrauſ't. Wie das alles ſo bleich⸗ roth, und daxrunter viel feurige helle Flamme, und da⸗ zwiſchen die grauſamen Geſichter mit rauchen Haͤuptern und Baͤrten!. Metzler. Haſt du die auch geſehen? Und das zwi⸗ tzert alles ſo durch einander, als laͤg's in einem blu⸗ tigen Meer, und arbeitet durch einander, daß einem die Sinne vergehn! Link. Auf! Auf!(ab.) 142 F e 1 d. Man ſieht in der Ferne zwey Doͤrfer brennen und ein Kloſter.— 3 Kohl. Wild. Max Stumpf. Haufen. Max Stumpf. Ihr koͤnnt nicht verlangen daß ich euer Hauptmann ſeyn ſoll. Fuͤr mich und euch waͤr's nichts nuͤtze. Ich bin Pfalzgraͤfiſcher Diener, wie ſollt' ich gegen meinen Herrn fuͤhren? Ihr wuͤrdet immer geg wähnen ich thaͤt nicht von Herzen. Kohl. Wuſſten wohl du wuͤrdeſt Entſchuldigung ſinden. G s tz. Lerſe. Georg(kommen.) Goͤtz. Was wollt ihr mit mir? Kohl. Ihr ſollt unſer Hauptmann ſeyn. Götz. Soll ich mein ritterlich Wort dem Kaiſer brechen, und aus meinem Bann gehen? Wild. Das iſt keine Entſchuldigung.. Götz. Und wenn ich ganz frey wäͤre, und ihr wollt handeln wie bey Wemsberg an den Edeln und Herrn, und ſo forthauſen wie rings herum das Land brennt und blutet, und ich ſollt' euch behulflich ſeyn zu euerm ſchaͤnd⸗ lichen raſenden Weſen— eher ſollt ihr mich todt ſchla⸗ gen wie einen wuͤthigen Hund, als daß ich euer Haupt wuͤrde! —— 143 Kohl. Waͤre das nicht geſchehen, es geſchaͤhe viel⸗ leicht nimmermehr. Stumpf. Das war eben das Ungluͤck, daß ſie keinen Fuͤhrer hatten, den ſie geehrt, und der ihrer Wuth Einhalt thun koͤnnen. Nimm die Hauptmann⸗ ſchaft an, ich bitte dich, Goͤtz. Die Fuͤrſten werden dir Dank wiſſen, ganz Deutſchland. Es wird zum Beſten und Frommen Aller ſeyn. Menſchen und Laͤnder werden geſchont werden. Göoͤtz. Warum uͤbernimmſt dus nicht? Stumpf. Ich hab' mich von ihnen los geſagt. Kohl. Wir haben nicht Sattelhenkens Zeit, und langer unnoͤthiger Discurſe. Kurz und gut. Götz, ſey unſer Hauptmann, oder ſieh zu deinem Schloß und dei⸗ ner Haut. Und hiermit zwey Stunden Bedenkzeit. Be⸗ wacht ihn. Goötz. Was braucht's das! Ich bin ſo gut ent⸗ ſchloſſen— jetzt als darnach. Warum ſeyd ihr ausge⸗ zogen? Eure Rechte und Freyheiten wieder zu erlangen? Was wuͤthet ihr und verderbt das Land! Wollt ihr ab⸗ ſtehen von allen Uebelthaten, und handeln als wackre Keute, die wiſſen was ſie wollen; ſo will ich euch be⸗ hülflich ſeyn zu euern Forderungen, und auf acht Tag' euer Hauptmaun ſeyn. Wild. Was geſchehen iſt, iſt in der erſten Hitze ge⸗ ſchehen, und braucht's deiner nicht uns kuͤnftig zu hindern⸗ 4 144 Kohl. Auf ein Vierteljahr wenigſtens muſſt du uns zuſagen. Stumpf. Macht vier Wochen, damit koöͤnnt ihr Beyde zufrieden ſeyn. Goͤtz. Meinetwegen. Kohl. Eure Hand! 3 Gotz. Und gelobt mir den Vertrag den ihr mit mir gemacht, ſchriftlich an alle Haufen zu ſenden, ihm bey Strafe ſtreng nachzukommen. Wild. Nun ja! Soll geſchehen. Gotz. So verbind' ich mich euch auf vier Wochen. Stumpf. Gluͤck zu! Was du thuſt, ſchon' unſern gnaͤdigen Herrn den Pſalzgrafen. Kohl(leiſe.) Bewacht ihn. Daß Niemand mit ihm rede außer eurer Gegenwart. Gotz. Lerſe! Kehr' zu meiner Frau. Steh ihr bey. Sie ſoll bald Nachricht von mir haben. (Goͤtz, Stumpf, Georg, Lerſe, einige Bauern ab.) Metz ler. Link(kommen.) Metzler. Was hoͤren wir von einem Vertrag? Was ſoll der Vertrag? Link. Es iſt ſchaͤndlich ſo einen Ve trag einzugehen. Kohl. Wir wiſſen ſo gut was wir wollen als ihr, und haben zu thun und zu laſſen. Wild. Das Raſen und Brennen und Morden muſſte doch einmal aufhoͤren, heut oder morgen! ſo 145 haben wir noch einen braven Hauptmann dazu ge⸗ wonnen. G Metzler. Was aufhoͤren! Du Verraͤther! Warum ſind wir da? Uns an unſern Feinden zu raͤchen, uns empor zu helfen!— Das hat euch ein Fürſtenknecht gerathen. Kohl. Komm, Wild, er iſt wie ein Vieh.(ab.) Metzler. Geht nur! Wird euch kein Hauſen zu⸗ ſtehn. Die Schurken! Link, wir wollen die Andern auf⸗ hetzen, Miltenberg dort druͤben anzuͤnden, und wenn's Haͤndel ſetzt wegen des Vertrags, ſchlagen wir den Ver⸗ traͤgern zuſammen die Koͤpf' ab. Link. Wir haben doch den großen Haufen auf un⸗ ſrer Seite. Berg und Toh. a l. Eine Muͤhle in der Tiefe. Ein Trupp Reiter. Weislingen(kommt aus der Muhle mit Franzen und einem Boten.) Weislingen. Mein Pferd!— Ihr habt's den andern Herrn auch angeſagt? Bote. Wenigſtens ſieben Faͤhnlein werden mit euch eintreffen, im Wald hinter Miltenberg. Die Bauern zie⸗ hen unten herum. Ueberall ſind Boten ausgeſchickt, der ganze Bund wird in Kurzem zuſammen ſeyn. Fehlen kann's nicht, man ſagt: es ſey Zwiſt unter ihnen. Cocthe's Werke. VI. Bd.. 10 146 Weislingen. Deſto beſſer!— Franz! Franz. Gnaͤdiger Herr. 4 Weislingen. Richt' es puͤnktlich aus. Ich bind' es dir auf deine Seele. Gib ihr den Brief. Sie ſoll vom Hof auf mein Schloß! Sogleich! Du ſollſt ſie abs reiſen ſehn, und mir's dann melden. Franz. Soll geſchehen wie ihr befehlt. Weislingen. Sag' ihr, ſie ſoll wollen!(Zum Boten.) Fuͤhrt uns nun den naͤchſten und beſten Weg. Bote. Wir muͤſſen umziehen. Die Waſſer ſind von den entſetzlichen Regen alle ausgetreten. RFarthauſfen. Eliſabeth. Lerſe. Lerſe. Troͤſtet euch, gnaͤdige Frau! Eliſabeth. Ach Lerſe, die Thraͤnen ſtunden ihm in den Augen, wie er Abſchied von mir nahm. Es iſt grauſam, grauſam! Lerſe. Er wird zuruͤckkehren. Eiliſabeth. Es iſt nicht das. Wenn er auszog ruͤhmlichen Sieg zu erwerben, da war mir's nicht weh um's Herz. Ich freute mich auf ſeine Ruͤckkunft, vor der mir jetzt bang iſt. Lerſe. Ein ſo edler Mann— Eliſabeth. Neny' ihn nicht ſo, das macht neu 1 147 Elend. Die Boͤſewichter! Sie drohten ihn zu ermorden und ſein Schloß anzuzuͤnden.— Wenn er wiederkom⸗ men wird— ich ſeh' ihn finſter, finſter. Seine Feinde werden luͤgenhafte Klagartikel ſchmieden, und er wird nicht ſagen koͤnnen: Nein! Lerſe. Er wird und kann. Eliſabeth. Er hat ſeinen Bann gebrochen. Sag nein! Lerſe. Nein! Er war gezwungen, wo iſt der Grund ihn zu verdammen? Eliſabeth. Die Bosheit ſucht keine Gruͤnde, nur Urſachen. Er hat ſich zu Rebellen, Miſſethaͤtern, Moͤr⸗ dern geſellt, iſt an ihrer Spitze gezogen. Sage nein! Lerſe. Laſſt ab euch zu quaͤlen, und mich. Haben ſie ihm nicht feyerlich zugeſagt keine Thathandlun⸗ gen mehr zu unternehmen, wie die bey Weinsberg? Hoͤrt' ich ſie nicht ſelbſt halbreuig ſagen: wenn's nicht geſchehen waͤr, geſchaͤh's vielleicht nie? Muͤſſten nicht Fuͤrſten und Herren ihm Dank wiſſen, wenn er freywil⸗ lig Fuͤhrer eines unbändigen Volks geworden waͤre, um ihrer Raſerey Einhalt zu thun und ſo viel Menſchen und Beſitzthuͤmer zu ſchonen? Eliſabeth. Du biſt ein liebevoller Advocat.— Wenn ſie ihn gefangen naͤhmen, als Rebell behandelten, und ſein graues Haupt— Lerſe, ich moͤchte von Sinnen kommen.. Lerſe. Sende ihrem Koͤrper Schlaf, lieber Vater 8 148 der Menſchen, wenn du ihrer Seele keinen Troſt geben willſt! 1 Eliſabeth. Georg hat verſprochen Nachricht z zu bringen. Er wird auch nicht duͤrfen wie er will. Sie ſind aͤrger als gefangen. Ich weiß man bewacht ſie wie Feinde. Der gute Georg! Er wollte nicht von ſeinem Herrn weichen. Lerſe. Das Herz blutete mir wie er mich von ſich b ſchickte. Wenn ihr nicht meiner Huͤlfe beduͤrftet, alle Gefahren des ſchmaͤhlichſten Todes ſollten mich nicht von ihm getrennt haben. Eliſabeth. Ich weiß nicht wo Sickingen iſt. Wenn ich nur Marien einen Boten ſchicken koͤnnte. Lerſe. Schreibt nur, ich will dafür ſorgen.(ab.) Bey einem Dorf. Götz. Georg. Goͤtz. Geſchwind zu Pferde, Georg! ich ſehe Mil⸗ tenberg brennen. Halten ſie ſo den Vertrag! Reit' hin, ſag ihnen die Meinung. Die Mordbrenner! Ich ſage mich von ihnen los. Sie ſollen einen Zigeuner zum Hauptmann machen, nicht mich. Geſchwind, Georg. (Georg ab.) Wollt' ich waͤre tauſend Meilen davon, und laͤg' im tiefſten Thurn der in der Turkey ſteht. Koͤnnt' ich mit Ehlen von ihnen kommen! Ich fahr' ih⸗ 119 nen alle Tag durch den Sinn, ſag' ihnen die bitterſten Wahrheiten, daß ſie mein muͤde werden und mich entlaſ⸗ ſen ſollen. 3 Ein Unbekannter. Gott gruß' euch ſehr edler Herr. Ge. Gott dank' each. Was büie ihr? Euern Namen? Unbekannter. Der thut nichts zur Sache. Ich komme euch zu ſagen, daß euer Kopf in Gefahr iſt. Die Anfuͤhrer ſind muͤde ſich von euch ſo harte Worte ſagen zu laſſen, haben beſchloſſen euch aus dem Weg zu räumen. Maäͤßigt euch oder ſeht zu entwiſchen, und Gott geleit' euch.(ab.) Goͤtz. Auf dieſe Art dein Leben zu laſſen, Götz, und ſo zu enden! Es ſey drum! So iſt mein Tod der Welt das ſicherſte Zeichen, daß ich nichts Gemelnes mit den Hunden gehabt habe. Einige Bauern. Erſter Bauer. Herr, Herr! Sie ſind geſchlagen, ſie ſind gefangen. Goötz. Wer? Zweyter Bauer. Die Miltenberg verbrannt ha⸗ ben. Es zog ſich ein Buͤndiſcher Trupp hinter dem Wer hervor, und uberfiel ſie auf einmal. Goöttz. Sie erwartet ihr Lohn.— O Georg! Georg! — Sie haben ihn mit den Boͤſewichtern geſangen— Mein Georg! Mein Georg!— 150 Anfuhrer(kommt.) Link. Auf, Herr Hauptmann, auf! Es iſt nicht Saͤumens Zeit. Der Feind iſt in der Naͤhe und maͤchtig. Goͤtz. Wer verbrannte Miltenberg? Metzler. Wenn ihr Umſtäaͤnde machen wollt, ſo wird man euch weiſen wie man keine macht. Kohl. Sorgt fur unſere Haut und eure. Auf! Auf! Goötz.(zu Metzler). Drohſt du mir? Du Nichts⸗ wuͤrdiger! Glaubſt du, daß du mir fuͤrchterlicher biſt, weil des Grafen von Helſenſtein Blut an deinen Klei⸗ dern klebt? Metzler. Berlichingen! Gotz. Du darfſt meinen Namen nennen und meine Kinder werden ſich deſſen nicht ſchaͤmen. Metzler. Mit dir feigen Kerl! Fuürſtendiener! Gotz(haut ihn uͤber den Kopf daß er ſuͤrit Die An⸗ dern treten dahwiſchen)e Kohl. Ihr ſeyd raſend. Der Feind bricht auf al⸗ len Seiten'rein und ihr hadert! Link. Auf! Auf!(Tumult und Schlacht.) Weislingenr Reitter. Weislingen. Nach! Nach! Sie fliehen. Laſſt euch Regen und Nacht nicht abhalten. Göoͤtz iſt unter ihnen, hoͤr' ich. Wendet Fleiß an daß ihr ihn erwiſcht. Er iſt ſchwer verwundet, ſagen die Unſrigen.(Die Rei⸗ ter ab.) Und wenn ich dich habe!— Es iſt noch Gna⸗ . / 1 7 4 151 de, wenn wir heimlich im Gefangniß dein Todesurtheil vollſtrecken.— So verliſcht er vor dem Andenken der Menſchen, und du kannſt freyer athmen, thoͤrichtes Herz. (ab.) Nacht, im wilden Wald. Zigeunerlagager. Zigeunermutter(am Feuer). Flick das Strohdach uͤber der Grube, Tochter, gibt hint Nacht noch Regen genug. Knab(kommt). Ein Hamſter Mutter. Da! Zwey Feldmaͤus. Mutter. Will ſie dir abziehen und braten, und ſollſt eine Kapp haben von den Fellchen.— Du blutſt? Knab. Hamſter hat mich biſſen. Mutter. Hol mir duͤrr Holz, daß das Feuer loh brennt wenn dein Vater kommt, wird naß ſeyn durch und durch. Andre Zigeunerinn(ein Kind auf dem Ruͤcken). Erſte Zigeunerinn. Haſt du brav geheiſchen? Zweyte Zigeunerinn. Wenig genug. Das Land iſt voll Tumult herum, daß man ſein's Lebens nicht ſicher iſt. Brennen zwey Ooͤrfer lichterloh. Erſte Zigennerinn. Iſt das dort drunten Brand, der Schein? Seh ihm ſchon lang zu. Man iſt der Feuer⸗ zeichen am Himmel zeither ſo gewohnt worden. 152 Zigeunerhauptniann, drey Geſellen(kommen). Hauptmann. Hoöoͤrt ihr den wilden Jaͤger? Erſte Zigeun erinn. Er zieht grad' uͤber uns hin. Hauptmann. Wie die Hunde bellen! Wau! Wan! Zweyter Zigeuner. Die Peitſchen knallen. Dritter Zigeuner. Die Jaͤger jauchzen holla ho! Mutter. Bringt ja des Teufels ſein Gepäck. Hauptmann. Haben im Truͤben gefiſcht. Die Bauern rauben ſelbſt, iſt's uns wohl vergoͤnnt. Zweyte Zigeunerinn. Was haſt du, Wolf? Wolf. Einen Haſen, da, und einen Hahn. Ein'n Bratſpieß. Einen Bündel Leinwand. Drey Kochloͤffel und ein'n Pferdzaum. Schricks. Ein' wullen Deck' hab' ich, ein Pant Stiefeln, und Zunder und Schwefel. Mutter. Iſt Alles pudelnaß, wollen's trocknen, gebt her. Hauptmann. Horch, ein Pferd! Geht! Seht was iſt.— 3 Goͤtz zu(Pferd). Gott ſey Dank! Dort ſeh ich Feuer, ſind Zigeuner. Meine Wunden verbluten, die Feinde hinterher. Heili⸗ ger Gott, du endigſt graͤßlich mit mir! 3 Hauptmann. Iſt's Friede daß du kommſt! Goͤtz. Ich flehe Huͤlfe von euch. Meine Wunden ermatten mich. Helft mir vom Pferd! 153 Hauptmann. Helf' ihm! Ein edler Mann, an Geſtalt und Wort. Wolf l(leiſe). Es iſt Goͤtz von Berlichingen. Hauptmann. Seyd willkommen! Alles iſt euer . was wir haben. Götz. Dank' ench. Hauptmann. Kommt in mein Zelt. Hauptmanus Zelt. 8 Hauptmann. Gotz. Hauptmann. Ruft der Mutter, ſie ſoll Blut⸗ wurzel bringen und Pflaſter. Goͤtz(legt den Harniſch ab). Hauptmann. Hier iſt mein Feyertagswamms. Gotz. Gott lohn's. Mutter(oeerbindt ihn). Hauptmann. Iſt mir herzlich lieb euch zu haben. Göͤtz. Kennt ihr mich? Hauptmann. Wer ſollte euch nicht kennen! Götz, unſer Leben und Blut laſſen wir fuͤr euch. Schricks. Kommen durch den Wald Reiter.»Sind Buͤndiſche. Hauptmann. Eure Verfolger! Sie ſollen nit bis zu euch kommen! Auf, Schricks! Biete den Andern! Wir kennen die Schliche be ſer als ſie, wir ſchjeßen ſte nieder⸗ eh ſie uns gewahr werden. 3 154 Göotz.(allein.) O Kaiſer! Kaiſer! Raͤuber beſchuͤ⸗ tzen deine Kinder.(Man hoͤrt ſcharf ſchießen.) Die wil⸗ den Kerls, ſtarr und treu! 1 Zigeunerinn. Rettet euch. Die Feinde uͤberwaͤltigen. Götz. Wo iſt mein Pferd? Zigeunerinn. Hier bey. Goͤtz(gurtet ſich, und ſitzt auf ohne Harniſch). Zum Letztenmahl ſollen ſie meinen Arm fuͤhlen. Ich bin ſo ſchwach noch nicht.(ab.) Zigeunerinn. Er ſpringt zu den Unſrigen. (Flucht.) Wolf. Fort, fort! Alles verloren. Unſer Haupt⸗ mann erſchoſſen. Goͤtz gefangen.(Geheul der Weiber und Flucht.) Adelheidens Schlafzimmer. Adelheid(mit einem Brief.) Er, oder ich! Der Uebermuͤthige! Mir drohen!— Wir wollen dir zuvorkommen. Was ſchleicht durch den Saal?(Es klopft.) Wer iſt draußen? Franz(leiſe). Macht mir auf, gnaͤdige Frau. Adelheid. Franz! Er verdient wohl di ich ihm aufmache.(Laͤſſt ihn ein.) Franz. A(fäͤllt ihr um den Hals). Liebe gnaͤdige Frau. 155 Adelheid. Unverſchaͤmter! Wenn dich Jemand ge⸗ hoͤrt haͤtte.— Franz. O es ſchlaͤft Alles, Alles! Adelheid. Was willſt du? Franz. Mich laͤſſt's nicht ruhen. Die Drohun⸗ gen meines Herrn, euer Schickſal, mein Herz. Adelheid. Er war ſehr zornig, als du Abſchied nahmſt? 3 Franz. Als ich ihn nie geſehen. Auf ihre Guter ſoll ſie, ſagt' er, ſie ſoll wollen. Adelheid. Und wir folgen? Franz. Ich weiß nichts, gnaͤdige Frau. Adelheid. Betrogener thörichter Junge, du ſiehſt nicht wo das hinaus will. Hier weiß er mich in Si⸗ cherheit. Denn lange ſteht's ihm ſchon nach meiner Freyheit. Er will mich auf ſeine Guͤter. Dort hat er Gewalt mich zu behandeln, wie ſein Haß ihm eingibt. Franz. Er ſoll nicht! Adelheid. Willſt du ihn hindern Franz. Er ſoll nicht! Adelheid. Ich ſeh' mein ganzes Elend voraus⸗ Von ſeinem Schloß wird er mich mit Gewalt reißen, wird mich in ein Kloſter ſperren. Franz. Hoͤlle und Tod! Adelheid. Wirſt du mich retten? Franz. Eh Alles! Alles!. 156 Adelheid(die weinend ihn umhalſt). Franz, dch uns zu retten! Franz. Er ſoll nieder, ich will ihm den zsSuß auf den Nacken ſetzen. Adelheid. Keine Wuch! Du f ſollſt einen Brief an ihn haben, voll Demuth, daß ich gehorche. Und die⸗ ſes Flaͤſchchen gieß ihm unter das Getraͤnk. 6 Franz. Gebt. Ihr ſollt frey ſeyn! Adelheid. Frey! Wenn du nicht mehr zitternd auf deinen Zehen zu mir ſchleichen wirſt— nicht mehr ich aͤngſtlich zu dir ſage, brich auf, Franz, der Maden kommt. Heil br oen n, vor'm Thurn. Eliſabeth. Lerſe. Lerſe. Gott nehm das Elend von euch, Buünide Frau. Marie iſt hier.— Eliſabeth. Gott ſey Dank! Lerſe, wir ind in entſetzliches Elend verſunken. Da iſt's nun wie mir Al⸗ les ahnte le Gefangen, als Meuter, Miſſethaͤter in den tiefſten Thurn geworfen— Lerſe. Ich weiß Alles.. Eliſabeth. Nichts, nichts weißt du, der Jam⸗ mer iſt zu groß! Sein Alter, ſeine Wunden, ein ſchlei⸗ 1 * 157 chend Fieber, und mehr als alles das, die Finſterniß ſei⸗ ner Seele, daß es ſo mit ihm enden ſoll. Lerſe. Auch, und daß der Weislingen Commiſ⸗ ſar iſt. 8 Eliſabeth. Weislingen? Lerſe. Man hat mit unerhoͤrten Executionen ver⸗ fahren. Metzler iſt lebendig verbrannt, zu Hunderten geraͤdert, geſpießt, gekoͤpft, geviertelt. Das Land umher gleicht einer Mezge, wo Menſchenfleiſch wohlſeil iſt. Eliſabetth. Weislingen Commiſſar! O Gott! Ein Strahl von Hoffnung. Marie ſoll mir zu ihm, er kann ihr nichts abſchlagen. Er hatte immer ein wei⸗ ches Herz, und wenn er ſie ſehen wird, die er ſo liebte, die ſo elend durch ihn— Wo iſt ſie? Lerſe. Noch im Wirthshaus. Eliſabeth. Fuͤhre mich zu ihr. Sie muß gleich fort. Ich fuͤrchte Alles. Weislingens Schloß. Weislingen. Ich bin ſo krank, ſo ſchwach. Alle meine Gebeine ſind hohl. Ein elendes Fieber hat das Mark ausgefreſ⸗ ſen. Keine Ruh und Naſt, weder Tag noch Nacht. Im halben Schlummer giftige Traͤume. Die vorige Nacht begegnete ich Goͤtzen im Wald. Er zog ſein 1 158 Schwert und forderte mich heraus. Ich faſſte nach mei⸗ nem, die Hand verſagte mir. Da ſtieß er's in die Scheide, ſah mich veraͤchtlich an und ging hinter mich. — Er iſt gefangen und ich zittere vor ihm. Elender Menſch! Dein Wort hat ihn zum Tode verurtheilt, und du bebſt vor ſeiner Traumgeſtalt wie ein Miſſe⸗ thaͤter!— Und ſoll er ſterben?— Goͤtz! Goͤtz!— Wir Menſchen fuͤhren uns nicht ſelbſt; boͤſen Geiſtern iſt Macht uͤber uns gelaſſen, daß ſie ihren höͤlliſchen Muthwillen an unſerm Verderben uͤben.(Setzt ſich.*) Matt! Matt! Wie ſind meine Naͤgel ſo blau!— Ein kalter, kalter, verzehrender Schweiß laͤhmt mir jedes Glied. Es dreht mir Alles vor'm Geſicht. Koͤnnt' ich ſchlafen. Ach— Maria t(tritt auf). Weislingen. Jeſus Marie!— Laß mir Ruh! Laß mir Ruh!— Die Geſtalt fehlte noch! Sie ſtirbt, Marie ſtirbt, und zeigt ſich mir an.— Verlaß mich, ſeliger Geiſt, ich bin elend genug. Maria. Weislingen, ich bin kein Geiſt. Ich bin Marie. Weislingen. Das iſt ihre Stimme. Maria. Ich komme meines Bruders Leben von dir zu erflehen. Er iſt unſchuldig, ſo ſtrafbar er ſcheint. Weislingen. Still, Marie! Du Engel des Him⸗ mels bringſt die Qualen der Hoͤlle mit dir. Rede nicht fort.— Maria. Und mein Bruder ſoll ſterben? Weislin⸗ gen, es iſt entſetzlich, daß ich dir zu ſagen brauche: er iſt unſchuldig; daß ich jammern muß, dich von dem abſcheulichſten Morde zuruͤck zu halten. Deine Seele iſt bis in ihre innerſten Tiefen von feindſeligen Maͤchten beſeſſen. Das iſt Adelbert!— Weislingen. Du ſiehſt, der verzehrende Athem des Todes hat mich angehaucht, meine Kraft ſinkt nach dem Grabe. Ich ſtuͤrbe als ein Elender, und du kommſt mich in Verzweiflung zu ſtuͤrzen. Wenn ich reden koͤnn⸗ te, dein hoͤchſter Haß wuͤrde in Mitleid und Jammer zerſchmelzen. Oh!, Marie! Marie! Maria. Weislingen, mein Bruder verkranket im Gefangniß. Seine ſchweren Wunden, ſein Alter. Und wenn du faͤhig waͤrſt ſein graues Haupt— Weislingen, wir wuͤrden verzweifeln. Weislingen. Genug.(Zieht die Schelle.) Franz(in aͤußerſter Bewegung). Gnaͤdiger Herr. Weislingen. Die Papiere dort, Franz! Franz(bringt ſie.) Weislingen.(reißt ein Packet auf und zeigt Marien ein Papier). Hier iſt deines Bruders Todesurtheil un⸗ terſchrieben. Maria. Gott im Himmel! Weislingen. Und ſo zerreiß' ich's! Er lebt. Aber kann ich wieder ſchaffen was ich zerſtoͤrt habe? Weine 66 nicht ſo, Franz! Guter Junge, dir 3 mein Elend tief zu Herzen.. 3 Franz(wirft ſich vor ihm nieder und faſſt ſeine deKnie). Maria(vor ſich). Er iſt ſehr krank. Sein An⸗ blick zerreißt mir das Herz. Wie liebt ich ihn! und nun ich ihm nahe, uͤhl ich wie lebhaft. Weislingen. Franz, ſteh auf und laß das Wei⸗ nen! Ich kann wieder aufkommen. Hoffnung iſt bey den Lebenden. Franz.— Ihr werdet nicht. Ihr muͤſſt ſterben. Weislingen. Ich muß?. Franz laußer ſich). Gifl. Gift. Von euerm Wei⸗ be!— Ich! Ich!(Rennt davon.) 1 slingen. Marie, geh ihm nach. Er ver⸗ zweifelt.(Maria gb.) Gift von meinem Weibe! Weh! Weh! Ich fuͤhl's. Marter und Tod. Maria(inwendig). Huͤlfe! Hülfe! Weislingen(oill aufſtehn). Gott, vermag ich das nicht! Maria(kommt). Er iſt hin. aum Saalfenſter hinaus ſtuͤrzt' er wuͤthend in den Main hinunter. Weislingen. Ihm iſt wohl.— Dein Bruder iſt außer Gefahr. Die uͤbrigen Commiſſarien, Secken⸗ dorf beſonders, ſind ſeine Freunde. Ritterlich Gefaͤng⸗ niß werden ſie ihm auf ſein Wort gleich gewaͤhren. Leb wohl, Maria, und geh. Maria. Ich will bey dir bleiben, armer Verlaſſner. ———-—— Weislingen. Wohl verlaſſen und arm! Du biſt ein furchtbarer Raͤcher, Gott!— Mein Weib— Maria. Entſchlage dich dieſer Gedanken. Kehre dein Herz zu dem Barmherzigen. Weislingen. Geh, liebe Seele, uͤberlaß mich meinem Elend.— Entſetzlich! Auch deine Gegenwart, Marie, der letzte Troſt, iſt Qual. Maria.(oor ſich.) Staͤrke mich, o Gott! Meine Seele erliegt mit der ſeinigen.. Weislingen. Weh! Weh! Gift von meinem Weibe!— Mein Franz verfuͤhrt durch die Abſcheuliche! Wie ſie wartet, horcht auf den Boten, der ihr die Nach⸗ richt bringe: er iſt todt. Und du, Marie! 1nnehn biſt du gekommen, daß du jede ſchlafende Erinn ug meiner Sunden weckteſt! Verlaß mich! Verlaß mich, daß ich ſterbe. Maria. Laß mich bleiben. Du biſt allein. Denk, ich ſey deine Waͤrterinn. Vergiß Alles. Vergeſſe dir Gott ſo Alles, wie ich dir Alles vergeſſe, Weislingen. Du Seele voll Liebe, bete fuͤr mich, bete fuͤr mich! Mein Herz iſt verſchloſſen. Maria. Er wird ſich deiner erbarmen.— Du biſt matt. 8 Weislingen. Ich ſterbe, ſterbe und kann nicht erſterben. Und in dem fuͤrchterlichen Streit des Lebens und Todes ſind die Qualen der Hoͤlle. Maria. Erbarmer, erbarme dich ſeiner! Nur Ei Goethe's Werke. VI. Bd,. 11 nen Blick deiner Liebe an ſein Herz, daß es ſich zum Troſt oͤffne, und ſein Geiſt Hoffnung, Lebenshoffnung in den Tod hinuͤberbringe! In einem finſtern engen Gewoͤlbe. Die Richter des heimlichen Gerichts. (Alle vermummt.) Aelteſter. Richter des heimlichen Gerichts, ſchwurt auf Strang und Schwert unſtraͤflich zu ſeyn, zu richten im Verborgnen, zu ſtrafen im Verborgnen Gott gleich! Si re Herzen rein und eure Haͤnde, hebt die Arme 5n über die Miſſethaͤter: Wehe! Wehe! Alle. Wehe! Wehe! Aelteſter. Rufer, beginne das Gericht! Rufer. Ich Rufer rufe die Klag gegen den Miſ⸗ ſethaͤter. Deß Herz rein iſt, deſſen Haͤnd rein ſind, zu ſchwoͤren auf Strang und Schwert, der klage bey Strang und Schwert! klage! klage! Klaͤger(tritt vor). Mein Herz iſt rein von Miſ⸗ ſethat, meine Haͤnde von unſchuldigem Blut. Verzeih mir Gott boͤſe Gedanken und hemme den Weg zum Wil⸗ len! Ich hebe meine Hand auf und klage! klage! klage! Aelteſter. Wen klagſt du an? Klaͤger. Klage an auf Strang und Schwert Adel⸗ heiden von Weislingen. Sie hat Ehebruchs ſich ſchul⸗ n ——Q—᷑—᷑—V—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ͤ— — — dig gemacht, ihren Mann vergiftet durch ihren Kna⸗ ben. Der Knab hat ſich ſelbſt gerichtet, der Mann iſt todt. Aelteſter. Schwoͤrſt du zu dem Gott der Wahr⸗ heit, daß du Wahrheit klagſt? Klaͤger. Ich ſchwoͤre. Aelteſter. Wuͤrd' es falſch gefunden, beutſt du deinen Hals der Strafe des Mords und des Ehebruchs? Klaͤger. Ich biete. Aelteſter. Eure Stimmen.(Sie reden heimlich zu ihm.) 1 8. Klaͤger. Richter des heimlichen Gerichts, was iſt euer Urtheil uͤber Adelheiden von Weislingen, bezuͤch⸗ tigt des Ehebruchs und Mords? Aelteſter. Sterben ſoll ſie! Sterben des bittern doppelten Todes. Mit Strang und Dolch buͤßen dop⸗ pelt doppelte Miſſethat. Streckt eure Haͤnde empor, 163 und rufet Weh uͤber ſie! Weh! Wehl! in die Haͤnde des Raͤchers. Alle. Weh! Weh! Weh! Aelteſter. Raͤcher! Raͤcher, tritt auf. Raͤcher(tritt vor.) Aelteſter. Faß hier Strang und Schwert, ſie zu tilgen von dem Angeſicht des Himmels, binnen acht Tage Zeit. Wo du ſie findeſt, nieder mit ihr in Staub! — Richter, die ihr richtet im Verborgenen und ſtrafet 164 im Verborgenen Gott gleich, bewahrt euer Herz vor Miſſethat und eure Haͤnde vor unſchuldigem Blut. Hof einer Herberge. Maria. Lerſe. Maria. Die Pferde haben genug geraſtet. Wir wollen fort, Lerſe. Lerſe. Ruht doch bis an Morgen. Die Nacht iſt gar unfreundlich. Maria. Lerſe, ich habe keine Ruhe bis ich mei⸗ nen Bruder geſehen habe. Laß uns fort. Das Wet⸗ ter hellt ſich aus, wir haben einen a ſchänen Tag zu ge⸗ warten. Lerſe. Wie ihr befehlt. Heilbron un im Thurn. Goötz. Eliſabeth. Eliſabeth. Ich bitte dich, lieber Mann, rede mit mir. Dein Stillſchweigen aͤngſtet mich. Du ver⸗ gluͤhſt in dir ſelbſt. Komm, laß uns nach deinen Wun⸗ den ſehen; ſie beſſern ſich um Vieles. In der muthlo⸗ ſen Finſterniß erkenn' ich dich nicht mehr. — 165 Göͤtz. Suchteſt du den Goͤtz? Der iſt lang' hin. Sie haben mich nach und nach verſtuͤmmelt, meine Hand, meine Freyheit, Guͤter und guten Namen. Mein Kopf, was iſt an dem?— Was hoͤrt ihr von 1 Georgen: Iſt Lerſe nach Georgen? Eliſabeth. Ja, Lieber! Richtet euch auf, es kann ſich Vieles wenden. Gotz. Wen Gott niederſchlaͤgt, der richtet ſich ſelbſt nicht auf. Ich weiß am beſten was auf meinen Schul⸗ tern liegt. Ungluͤck bin ich gewohnt zu dulden. Und jetzt iſt's nicht Weislingen allein, nicht die Bauern al⸗ lein, nicht der Tod des Kaiſers und meine Wunden.— Es iſt Alles zuſammen. Meine Stunde iſt kommen. Ich hoffte ſie ſollte ſeyn wie mein Leben. Sein Wille geſchehe. Eliſabeth. Willtt du nicht was eſſen? Götz. Nichts, meine Frau. Sieh wie die Sonne draußen ſcheint. Eliſabeth. Ein ſchoͤner Fruͤhlingstag. Goͤtz. Meine Liebe, wenn du den Waͤchter bereden koͤnnteſt, mich in ſein klein Gaͤrtchen zu laſſen auf eine halbe Stunde, daß ich der lieben Sonne genoͤſſe, des heitern Himmels und der reinen Luft. Eliſabeth. Gleich! und er wird's wohl thun. 166 Gaͤrtchen am Thurn. Maria. Lerſe. Maria. Geh hinein und ſieh wie's ſteht. .(Lerſe ab.) Eliſabeth. Waͤchter. Eliſabeth. Gott vergelt' euch die Lieb' und Treu an meinem Herrn.(Waͤchter ab.) Maria, was bringſt du? Maria. Meines Bruders Sicherheit. Ach, aber mein Herz iſt zerriſſen. Weislingen iſt todt, vergiftet von ſeinem Weibe. Mein Mann iſt in Gefahr. Die Fuürſten werden ihm zu maͤchtig, man ſagt er ſey einge⸗ ſchloſſen und belagert. Eliſabeth. Glaubt dem Geruchte nicht, Und laſſt Götzen nichts merken. Maria. Wie ſteht's um ihn? Eliſabeth. Ich fuͤrchtete, er wuͤrde deine Ruͤck⸗ kunft nicht erleben. Die Hand des Herrn liegt ſchwer auf ihm. Und Georg iſt todt. „Maria. Georgl! der goldne Junge! Eliſabeth. Als die Nichtswuͤrdigen Miltenberg verbrannten, ſandte ihn ſein Herr ihnen Einhalt zu thun. Da fiel ein Trupp Buͤndiſcher auf ſie los.— Georg! hätten ſie ſich Alle gehalten wie er, ſie haͤtten Alle das gute Gewiſſen haben muͤſſen. Viel wurden er⸗ ſtochen, und Georg mit; er ſtarb ei en Reiterstod. Maria. Weiß es Goͤtz? 167 Eliſab eth. Wir verbergens vor ihm. Er fragt mich zehnmal des Tages, und ſchickt mich zehnmal des Tags zu forſchen was Georg macht. Ich fuͤrchte ſei⸗ nem Herzen dieſen letzten Stoß zu geben. Maria. O Gott, was ſind die Hoffnungen dieſer Erden! Goͤtz. Lerſe. Waͤchter. Goͤtz. Allmaͤchtiger Gott! wie wohl iſt's einem un⸗ ter deinem Himmel! Wie frey!— Die Baͤume treiben Knoſpen und alle Welt hofft. Lebt wohl, meine Lieben, meine Wurzeln ſind abgehauen, meine Kraft ſinkt nach dem Grabe. Eliſabeth. Darf ich Lerſen nach deinem Sohn in's Kloſter ſchicken, daß du ihn noch einmal ſiehſt und ſegneſt? Goͤtz. Laß ihn, er iſt heiliger als ich, er braucht meinen Segen nicht.— An unſerm Hochzeittag, Eliſa⸗ beth, ahnte mir's nicht daß ich ſo ſterben wuͤrde.— Mein alter Vater ſegnete uns, und eine Nachkommen⸗ ſchaft von edlen tapfern Sohnen quoll aus ſeinem Ge⸗ bet.— Du haſt ihn nicht erhoͤrt, und ich bin der Letzte. — Lerſe, dein Angeſicht freut mich in der Stunde des Todes mehr als im muthigſten Gefecht. Damals fuͤhrte mein Geiſt den eurigen; jetzt haͤliſt du mich aufrecht. Ach daß ich Georgen noch einmal ſähe, mich an ſeinem Blick waͤrmte!— Ihr ſeht zur Erden und weint— Er iſt todt— Georg iſt todt.— Stirb, Goͤtz— Du 168 haſt dich ſelbſt uͤberlebt, die Edeln uͤberlebt.— Wie ſtarb er?— Ach fingen ſie ihn unter den Mordbren⸗ nern, und er iſt hingerichtet? Eliſabeth. Nein, er wurde bey Miltenberg er⸗ ſtochen. Er wehrte ſich wie ein Loͤw' um ſeine Freyheit. Götz. Gott ſey Dank!— Er war der beſte Junge unter der Sonne und tapfer.— Loͤſe meine Seele nun. — Arme Frau. Ich laſſe dich in einer verderbten Welt. Lerſe, verlaß ſie nicht. Schließt eure Herzen ſorgſaͤl⸗ tiger als eure Thore. Es kommen die Zeiten des Be⸗ trugs, es iſt ihm Freyheit gegeben. Die Nichtswurdi⸗ gen werden regieren mit Liſt, und der Edle wird in ihre Netze fallen. Maria, gebe dir Gott deinen Mann wie⸗ der. Moͤge er nicht ſo tief fallen, als er hoch geſtiegen iſt! Selbitz ſtarb und der gute Kaiſer, und mein Georg. — Gebt mir einen Trunk Waſſer.— Himmliſche Luft — Freyheit! Freyheit!(Er ſtirbt.) Eliſabeth. Nur droben, droben bey dir. Die Welt iſt ein Gefaͤngniß. Maria. Edler Mann! Edler Mann! Wehe dem Jahrhundert, das dich von ſich ſtieß! Lerſe. Wehe der Nachkommenſchaft, die dich ver⸗ tanne 3 8* Egmon t. n Trauerſpiel in fuͤnf Aufzuͤgen. p erſonen. Marg arete von Parma, DTochter Karls des Fuͤnften, Re⸗ gentinn der Niederlande. Graf Egmont, Prinz von Gaure. Wilhelm von Oranien. Herzog von Alba. Ferdinand, ſein natuͤrlicher Sohn. Machiavell, im Dienſte der Regentinn. 1 Richard, Egmonts Geheimſchreiber. Silva, 7 3* unter Alba dienend. Gomez,„ C laͤrch en, Egmonts, Geliebte. Ihre Mutter. Brackenburg, ein Buͤrgersſohn. Soes⸗ Kraͤmer, Jetter, Schneider,— 2 zummermann, Buͤrger von Bruͤſſel. Seifenſieder, Buyr, Soldat unter Egmont. jupſum, Invalide und taub. Baz ein Schreiber. efolge, Wachen u. ſ. w. Schauplatz iſt in Bruͤſſel. 7 Er ſter Aufzug. Armbruſtſchießen. Soldaten und Buͤrger(mit Armbruͤſten). Jetter, Guͤrger von Bruͤſſel, Schneider, tritt vor und ſpannt die Armbruſt.) Soeſt,(Buͤrger von Bruͤſſel, Kraͤmer.) Soeſt. Nun ſchießt nur hin, daß es alle wird! Ihr nehmt mir's doch nicht! Drey Ringe ſchwarz, die habt ihr eure Tage nicht geſchoſſen. Und ſo waͤr' ich fuͤr dieß Jahr Meiſter. Jetter. Meiſter und Koͤnig dazu. Wer mißgoͤnnt's euch? Ihr ſollt dafur auch die Zeche doppelt bezahlen; ihr ſollt eure Geſchicklichkeit bezahlen, wie's recht iſt. Buyck, (ein Hollaͤnder, Soldat unter Egmont.) Jetter, den Schuß handl' ich euch ab, theile de Gewinnſt, traktire die Herren: ich bin ſchon lange ho 4 8 17² und fuͤr viele Hoͤflichkeit Schuldner. Fehl' ich, ſo iſt's als wenn ihr geſchoſſen haͤttet.. Soeſt. Ich ſollte drein reden: denn eigentlich ver⸗ lier' ich dabey. Doch, Buyck, nur immerhin. Buyck(ſchießt.) Nun, Pritſchmeiſter, Reverenz! — Eins! Zwey! Drey! Vier!. Soeſt Vier Ringe? Es ſey! Alle. Vivat, Herr Koͤnig, hoch! und abermal hoch! Buyck. Danke, ihr Herren. Waͤre Meiſter zu viel! Danke fuͤr die Ehre. 3 Jetter. Die habt ihr euch ſelbſt zu danken. Ruyſum, (ein Frieslaͤnder, Invalide und taus.) Daß ich euch ſage! Soeſt. Wie iſt's, Alter? Ruyſum. Daß ich euch ſage!— Er ſchießt wie ſein Herr, er ſchießt wie Egmont. Buyck. Gegen ihn bin ich nur ein armer Schlu⸗ cker. Mit der Buͤchſe trifft er erſt, wie keiner in der Welt. Nicht etwa wenn er Gluͤck oder gute Laune hat; nein! wie er anlegt, immer rein ſchwarz geſchoſſen. Ge⸗ lernt habe ich von ihm. Das waͤre auch ein Kerl, der bey ihm diente und nichts von ihm lernte.— Nicht zu dd ſo, auf des Koͤnigs Rechnung, Wein her! Zetter. Es iſt unter uns ausgemacht, daß Jeder— rgeſſen, meine Herren! Ein Koͤnig naͤhrt ſeine Leute; —O—ͦ—ꝛ—ℳ:ꝛ:ꝛ— Buyck. Ich bin fremd und Koͤnig, und achree eure Geſetze und Herkommen nicht. Jetter. Du biſt ja aͤrger als der Spanier; der h ſie uns doch bisher laſſen muͤſſen. Ruyſum. Was? Soeſt(laut.) Er will uns gaſtiren; er will nicht haben daß wir zuſammenlegen, und der Koͤnig nur das Doppelte zahlt. Ruyſum. Laſſt ihn! doch ohne Präjudiz! Das iſt auch ſeines Herrn Art, ſplendid zu ſeyn und es laufen zu laſſen wo es gedeiht. (Sie bringen Wein.) Alle. Ihro Majeſtaͤt Wohl! Hoch! Jetter.(zu Buyck.) Verſteht ſich Eure Majeſtaͤt. Buyck. Danke von Herzen, wenn's doch ſo ſeyn ſoll. Soeſt. Wohl! Denn unſerer Spaniſchen Majeſtaͤt Geſundheit trinkt nicht leicht ein Niederlaͤnder von Herzen. Ruyſum. Wer? Soeſt(laut.) Philipps des Zweyten, Koͤnigs in Spanien. Ruyſum. Unſer allergnaͤdigſter Koͤnig und Herr! Gott geb' ihm langes Leben. Soeſt. Hattet ihr ſeinen Herrn Vater, Karl den Fuͤnften, nicht lieber? 3 Ruyſum. Gott troͤſt' ihn! Das war ein Herr! Er hatte die Hand uͤber den ganzen Erdboden, und war euch Alles in Allem; und wenn er euch begegnete, ſo 124 gruͤßt' er euch wie ein Nachhar den andern; und wenn ihr erſchrocken wart, wuſſt' er mit ſo guter Manier— Ja, verſteht mich— Er ging aus, ritt aus, wie's ihm einkam, gar mit wenig Leuten. Haben wir doch Alle geweint, wie er ſeinem Sohn das Regiment hier abtrat — ſagt' ich, verſteht mich— der iſt ſchon anders, der iſt majeſtäͤtiſcher. Jetter. Er ließ ſich nicht ſehen, da er hier war, als in Prunk und koͤniglichem Staate. Er ſpricht we⸗ nig, ſagen die Leute. Soeſt. Es iſt kein Herr fuͤr uns Niederlaͤnder. Unſere Fuͤrſten muͤſſen froh und frey ſeyn wie wir, leben und leben laſſen. Wir wollen nicht verachtet noch ge⸗ druckt ſeyn, ſo gutherzige Narren wir auch ſind. . Jetter. Der Koͤnig denb ich, waͤre wohl ein gnaͤ⸗ diger Herr, wenn er nur beſſere Rathgeber haͤtte. Soeſt. Nein, nein! Er hat kein Gemuth gegen uns Niederlaͤnder, ſein Herz iſt dem Volke nicht geneigt, er liebt uns nicht; wie koͤnnen wir ihn wieder lieben? Warum iſt alle Welt dem Grafen Egmont ſo hold? Warum truͤgen wir ihn Alle auf den Haͤnden? Weil man ihm anſieht daß er uns wohl will, weil ihm die Fröhlichkeit, das freye Leben, die gute Meinung aus den Augen ſieht, weil er nichts beſitzt, das er dem Durfti⸗ gen nicht mittheilte, auch dem, der's nicht bedarf. Laſſt den Grafen Egmont leben! Buyck, an Euch iſis bie 175 erſte Geſundheit zu bringen! Bringt eures Herrn Ge⸗ ſundheit aus. Buyck. Von ganzer Seele denn; Graf Egmont hoch! Ruyſum. Ueberwinder bey St. Quintin. Buyck. Dem Helden von Gravelingen! Alle. Hoch! Ruyſum. St. Quintin war meine letzte Schlacht. Ich konnte kaum mehr fort, kaum die ſchwere Buͤchſe mehr ſchleppen. Hab ich doch den Franzoſen noch Eins auf den Pelz gebrennt, und da kriegt' ich zum Abſchied noch einen Streifſchuß an's rechte Bein. Buyck. Gravelingen! Freunde! da ging's friſch! Den Sieg haben wir allein. Brannten und ſengten die waälſchen Hunde nicht durch ganz Flandern? Aber ich mein', wir trafen ſie! Ihre alten handfeſten Kerle hiel⸗ ten lange wider, und wir draͤngten und ſchoſſen und hie⸗ ben, daß ſie die Maͤuler verzerrten und ihre Linien zuck⸗ ten. Da ward Egmont das Pferd unter dem Leibe nie⸗ dergeſchoſſen, und wir ſtritten lange hinuͤber heruͤber, Mann fuͤr Mann, Pferd gegen Pferd, Hauſe mit Hau⸗ fe, auf dem breiten flachen Sand' an der See hin. Auf einmal kam's wie vom Himmel herunter, von der Muͤndung des Fluſſes, bav, bau! immer mit Kanonen in die Franzoſen drein. Es waren Englaͤnder, die un⸗ ter dem Admiral Malin von ungefaͤhr von Duͤnkirchen her vorbeyfuhren. Zwar viel halfen ſie uns nicht; ſie mal hoch! und abermal hoch! ſie thut; hielte ſie's nur nicht ſo ſteif und feſt mit den 176 konnten nur mit den kleinſten Schiffen herbey, und das nicht nah' genug; ſchoſſen auch wohl unter uns— Es that doch gut! Es brach die Waͤlſchen und hob unſern— Muth. Da ging's! Rick! rack! heruͤber, hinuͤber! Al⸗ les todtgeſchlagen, Alles in's Waſſer geſprengt. Und die Kerle erfoffen, wie ſie das Waſſer ſchmeckten; und was wir Hollaͤnder waren, gerad hinten drein. Uns, die wir beydlebig ſind, ward erſt wohl im Waſſer wie den Froͤſchen; und immer die Feinde im Fluß zuſam⸗ men gehauen, weggeſchoſſen wie die Enten. Was nun noch durchbrach, ſchlugen euch auf der Flucht die Bauer⸗ weiber mit Hacken und Miſtgabeln todt. Muſſte doch die Waͤlſche Majeſtaͤt gleich das Pfoͤtchen reichen und Friede machen. Und den Frieden ſeyd ihr uns ſchuldig, dem großen Egmont ſchuldig. Alle. Hoch! dem großen Egmont hoch! und aber⸗ Jetter. Haͤtte man uns den ſtatt der Margrete von Parma zum Regenten geſetzt! Soeſt. Nicht ſo! Wahr bleibt wahr! Ich laſſe mir Margareten nicht ſchelten. Nun iſt's an mir. Es lebe unſte gnaͤd'ge Frau! Alle. Sie lebe!. Soeſt. Wahrlich, treffliche Weiber nd in dem Hauſe. Die Regentinn lebe! Jetter. Klug iſt ſie, und maͤßig in Allem was 177 Pfaffen. Sie iſt doch auch mit ſchuld, daß wir die vierzehn neue Biſchofsmuͤtzen im Lande haben. Wozu die nur ſollen? Nicht wahr, daß man Fremde in die guten Stellen einſchieben kann, wo ſonſt Aebte aus den Kapiteln gewaͤhlt wurden? Und wir ſollen glauben es ſey um der Religion willen. Ja es hat ſich. An drey Biſchöfen hatten wir genug: da ging's ehrlich und or⸗ dentlich zu. Nun muß doch auch Jeder thun als ob er nöthig waͤre; und da ſetzt's allen Augenblick Verdruß und Haͤndel. Und je mehr ihr das Ding ruͤttelt und ſchuͤttelt, deſto truͤber wird's.(Sie trinken.) Soeſt. Das war nun des Koͤnigs Wille; ſie kann nichts davon, noch dazu thun. Jetter. Da ſollen wir nun die neuen Pfalmen nicht ſingen; aber Schelmenlieder, ſo viel wir wollen. Und warum? Es ſeyen Ketzereyen drin, ſagen ſie, und Sachen, Gott weiß. Ich hab' ihrer doch auch geſun⸗ gen; es iſt jetzt was Neues, ich hab' nichts drin geſehen. Buyck. Ich wollte ſie fragen! In unſrer Provinz ſingen wir was wir wollen. Das macht daß Graf Egmont unſer Statthalter iſt; der fragt nach ſo etwas nicht.— In Gent, Ypern, durch ganz Flandern ſingt ſie, wer Belieben hat.(Laut.) Es iſt ja wohl nichts unſchuldiger, als ein geiſtlich Lied? Nicht wahr, Vater? Ruyſum. Ey wohl! Es iſt ja ein Gottesdienſt, eine Erbauung. 1 4 Jetter. Sie ſagen aber, es ſey nicht auf die rechte Gveihe's Werke. VI. Bd. 12 178 Art, nicht auf ihre Art; und gefaͤhrlich iſt's doch im⸗ mer, da laͤſſt man's lieber ſeyn. Die Inquiſitionsdie⸗ ner ſchleichen herum und paſſen auf; mancher ehrliche Mann iſt ſchon ungluͤcklich geworden. Der Gewiſſens⸗ zwang fehlte noch! Da ich nicht thun darf was ich moͤchte, koͤnnen ſie mich doch denken und ſingen laſſen was ich will. Soeſt. Die Inquiſition kommt nicht auf. Wir ſind nicht gemacht, wie die Spanier, unſer Gewiſſen tyranniſiren zu laſſen. Und der Adel muß auch bey Zei⸗ ten ſuchen ihr die Fluͤgel zu beſchneiden. Jetter. Es iſt ſehr fatal. Wenn's den lieben Leu⸗ ten einfaͤllt in mein Haus zu ſtürmen, und ich ſitz' an mein Arbeit, und ſumme juſt einen Franzoͤſiſchen Pſalm, und denke nichts dabey, weder Gutes noch Boͤſes; ich ſumme ihn aber weil er mir in der Kehle iſt; gloich bin ich ein Ketzer und werde eingeſteckt. Oder ich gehe uͤber Land, und bleibe bey einem Haufen Volks ſtehen, das einem neuen Prediger zuhoͤrt, einem von denen die aus Deutſchland gekommen ſind; auf der Stelle heiß' ich ein Rebell, und komme in Gefahr meinen Kopf zu verlieren. Habt ihr je Einen predigen hoͤren? Soeſt. Wackre Leute. Neulich hoͤrt' ich Einen auf dem Felde vor tauſend und tauſend Menſchen ſprechen. Das war ein ander Geköch', als wenn unſre auf der Kanzel herumtrommeln und die Leute mit lateiniſchen Brocken erwuͤrgen. Der ſprach von der Leber weg; 95 ſagte, wie ſie uns bisher haͤtten bey der Naſe herumge⸗ fuͤhrt, uns in der Dummheit erhalten, und wie wir mehr Erleuchtung haben koͤnnten.— Und das bewies er euch Alles aus der Bibel. Jetter. Da mag doch auch was dran ſeyn. Ich ſagt's immer ſelbſt, und grüͤbelte ſo uͤber die Sache nach. Mir iſt's lang' im Kopf herumgegangen. Buyck. Es laͤuft ihnen auch alles Volk nach. Soeſt. Das glaub' ich, wo man was Gutes hen ren kann und was Neues. Jetter. Und was iſt's denn nun? Man kann ja einen Jeden predigen laſſen nach ſeiner Weiſe. Buyck. Friſch, ihr Herren! Ueber dem Schwiben vergeſſt ihr den Wein und Oranien. Jetter. Den nicht zu vergeſſen. Das iſt ein rech⸗ ter Wall: wenn man nur an ihn denkt, meint man gleich man könnte ſich hinter ihn verſtecken, und der Teufel braͤchte einen nicht hervor. Hoch! Wilhelm von Oranien, hoch! Alle. Hoch! hoch! Soeſt. Nun, Alter, bring' auch deine Geſundheit. Ruyſum. Alte Soldaten! Alle Soldaten! Es lebe der Krieg! Buyck. Bravo, Alter! Alle Soldaten! Es lebe der Krieg! 8 Jetter. Krieg! Krieg! Wiſſt ihr auch was iht ruft? Daß es euch leicht vom Munde geht iſt wohl ns⸗ 180 tuͤrlich; wie lumpig aber unſer einem dabey zu Muthe iſt, kann ich nicht ſagen. Das ganze Jahr das Ge⸗ trommel zu hoͤren; und nichts zu hoͤren, als wie da ein Haufen gezogen kommt und dort ein andrer, wie ſie uͤber einen Hügel kamen und dort bey einer Muͤhle hielten, wie viel da geblieben ſind, wie viel dort, und wie ſie ſich draͤngen, und Einer gewinnt, der Andere verliert, ohne daß man ſein Tage begreift, wer was gewinnt oder ver⸗ liert. Wie eine Stadt eingenommen wird, die Buͤrger ermordet werden, und wie's den armen Weibern, den unſchuldigen Kindern ergeht. Das iſt eine Noth und Angſt, man denkt jeden Augenblick:„Da kommen ſie! Es geht uns auch ſo.“ Soeſt. Drum muß auch ein Buͤrger immer in Waffen geuͤbt ſeyn. Jetter. Ja, es uͤbt ſich, wer Frau und Kinder hat. Und doch hoͤr' ich noch lieber von Soldaten, als ich ſie⸗ ſehe.- Buyck. Das ſollt' ich uͤbel nehmen.. Jetter. Auf euch iſt's nicht geſagt, Landsmann. Wie wir die Spaniſchen Beſatzungen los waren, hol⸗ ten wir wieder Athem. Soeſt. Gelt! die lagen dir am ſchwerſten auf? Jetter. Verxir' Er ſich. 6 — Soeſt. Sie hatten ſcharfe Einquartierung bey dir. Jetter,. Halt dein Maul. Soeſt. Sie hatten dem Keller, der Stube— (Sie lach Jetter. Du biſt ein Tropf. Buyck. Friede, ihr Herren! Muß der Soldat Friede ruſen?— Nun da ihr von uns nichts hoͤren wollt, nun bringt auch Eure Geſundheite aus, eine buͤrgerliche Ge⸗ ſundheit. Jetter. Dazu ſind wir bereit! Sicherheit und Ruhe! Soeſt. Ordnung und Freyheit! Buyck. Brav! das ſind auch wir zufrieden. (Sie ſtoßen an und wiederholen froͤhlich die Worte, doch, daß Jeder ein andres ausruft, und es eine Art Ca⸗ non wird. Der Alte horcht und fällt endlich auch mit ein.) Alle, Sicherheit und Ruhe! Ordnung und Freyheit! 1 Palaſt der Regentinn. Margarete von Parma,(in Jagdkleidern). Hofleute. Pagen. Bediente⸗ Regentinn. Ihr ſtellt das Jagen ab, ich werde hent nicht reiten. Sagt Machiavellen, er ſoll zu mir kommen. (Alle gehen ab.) Der Gedanke an dieſe ſchrecklichen Begebenheiten laͤſſt mir keine Ruhe! Nichts kann mich ergetzen, nichts mich —44————ÿÿ:——— 182 zerſtreuen; immer ſind die Bilder, dieſe Sorgen vor mir. Nun wird der Koͤnig ſagen, dieß ſey'n die Folgen meiner Guͤte, meiner Nachſicht; und doch ſagt mir mein Gewiſſen jeden Augenblick, das Raͤthlichſte, das Beſte gethan zu haben. Sollte ich fruͤher mit dem Sturme des Grimmes dieſe Flammen anfachen und umhertrei⸗ ben? Ich hoffte ſie zu umſtellen, ſie in ſich ſelbſt zu verſchuͤtten. Ja, was ich mir ſelbſt ſage, was ich wohl weiß, entſchuldigt mich vor mir ſelbſt; aber wie wird es mein Bruder aufnehmen? Denn, iſt es zu laͤngnen? Der Uebermuth der fremden Lehrer hat ſich täglich er⸗ hoͤht; ſie haben unſer Heiligthum gelaͤſtert, die ſtum⸗ pfen Sinne des Poͤbels zerruͤttet und den Schwindelgeiſt unter ſie gebannt. Unreine Geiſter haben ſich unter die Aufruͤhrer gemiſcht, und ſchreckliche Thaten ſind geſche⸗ hen, die zu denken ſchauderhaft iſt, und die ich nun ein⸗ zeln nach Hofe zu berichten habe, ſchnell und einzeln, damit mir der allgemeine Ruf nicht zuvorkomme, da⸗ mit der Koͤnig nicht denke man wolle noch mehr ver⸗ heimlichen. Ich ſehe kein Mittel, weder ſtrenges, noch gelindes, dem Uebel zu ſteuern. O was ſind wir Gro⸗ ßen auf der Woge der Menſchheit? Wir glauben ſie zu beherrſchen, und ſie treibt uns anf und nieder, hin und her. Machiavell(tritt auf). Regentinn. Sind die Briefe an den Koͤnig anf⸗ geſetzt? 183 Machiavell. In einer Stunde werdet ihr ſie un⸗ terſchreiben koͤnnen. Regentinn. Habt ihr den Bericht ausfuͤhrlich ge⸗ nug gemacht? Machiavell. Ausfuͤhrlich und umſtaͤndlich, wie es der Koͤnig liebt. Ich erzaͤhle, wie zuerſt zu St. Omer die bilderſtuͤrmeriſche Wuth ſich zeigt. Wie eine raſende Menge mit Staͤben, Beilen, Haͤmmern, Leitern, Stricken verſehen, von wenig Bewaffneten begleitet, erſt Kapellen, Kirchen und Klöſter anfallen, die Andaͤchti⸗ gen verjagen, die verſchloſſenen Pforten aufbrechen, Al⸗ les umkehren, die Altaͤre niederreißen, die Statuen der Heiligen zerſchlagen, alle Gemaͤhlde verderben, Alles was ſie nur Geweihtes, Geheiligtes antreffen, zerſchmettern, zerreißen, zertreten. Wie ſich der Haufe unterwegs vermehrt, die Einwohner von Ypern ihnen die Thore eroͤffnen. Wie ſie den Dom mit unglaublicher Schnelle verwuͤſten, die Bibliothek des Biſchofs verbrennen. Wie eine große Menge Volks, von gleichem Unſinn ergriffen, ſich über Menin, Comines, Verwich, Lille verbreitet, nirgend Widerſtand findet, und wie ſaſt durch ganz Flandern in Einem Augenblicke die ungeheure Verſchwoͤ⸗ rung ſich erklärt und ausgefuͤhrt iſt. Regentinn. Ach, wie ergreift mich auf's Neue der Schmerz bey deiner Weherholungt Und die Furcht geſellt ſich dazu, das Uebel werde nur groͤßer und groͤ⸗ ßer werden. Sagt mir eure Gedanken, Machiavell! 184 Machiavell. Verzeihen Eure Hochheit, meine Ge⸗ danken ſehen Grillen ſo aͤhnlich; und wenn ihr auch im⸗ mer mit meinen Dienſten zufrieden wart, habt ihr doch ſelten meinem Rath folgen moͤgen. Ihr ſagtet oft im Scherze:„Du ſiehſt zu weit, Machiavell! Du ſollteſt Geſchichtſchreiber ſeyn: wer handelt muß fuͤr's Naͤchſte ſorgen.“ Und doch, habe ich dieſe Geſchichte nicht vor⸗ aus erzäͤhlt? Hab' ich nicht Alles voraus geſehen? Regentinn. Ich ſehe auch viel voraus, ohne es aͤndern zu koͤnnen.— 3 Machiavell. Ein Wort für tauſend: Ihr unter⸗ druͤckt die neue Lehre nicht. Laſſt ſie gelten, ſondert ſie von den Rechtglaͤubigen, gebt ihnen Kirchen, faſſt ſie in die buͤrgerliche Ordnung, ſchraͤnkt ſie ein; und ſo habt ihr die Aufruhrer auf einmal zur Ruhe gebracht. Jede andre Mittel ſind vergeblich, und ihr verheert das Land. Riegentinn. Haſt du vergeſſen, mit welchem Ab⸗ ſcheu mein Bruder ſelbſt die Frage verwarf, ob man die neue Lehre dulden koͤnne? Weißt du nicht, wie er mir in jedem Briefe die Erhaltung des wahren Glaubens auf's Eifrigſte empfiehlt? daß er Ruhe und Einigkeit auf Koſten der Religion nicht hergeſtellt wiſſen will? Halt er nicht ſelbſt in den Provinzen Spione, die wir nicht kennen, um zu erfahren, wer ſich zu der neuen Meinung hinüͤber neigt? Hat er nicht zu unſrer Verwun⸗ desung n uns Dieſen und Jenen genannt, der ſi ch in i unſtet 185 Naͤhe heimlich der Ketzerey ſchuldig machte? Befiehlt er nicht Strenge und Schaͤrfe? Und ich ſoll gelind ſeyn? ich ſoll Vorſchlaͤge thun, daß er nachſehe, daß er dulde? Würde ich nicht alles Vertrauen, allen Glauben bey ihm verlieren? Machiavell. Ich weiß wohl; der Koͤnig befiehlt, er laͤfft euch ſeine Abſichten wiſſen. Ihr ſollt Ruhe und Friede wieder herſtellen, durch ein Mittel, das die Ge⸗ muͤther noch mehr erbittert, das den Krieg unvermeid⸗ lich an allen Enden anblaſen wird. Bedenkt was ihr thut. Die groͤßten Kaufleute ſind angeſteckt, der Adel, das Volk, die Soldaten. Was hilft es auf ſeinen Ge⸗ danken beharren, wenn ſich um uns Alles aͤndert? Moͤchte doch ein guter Geiſt Philippen eingeben, daß es einem Koͤnige anſtaͤndiger iſt, Burger zweyerley Glau⸗ bens zu regieren, als ſie durch einander aufzureiben.. Regentinn. Solch ein Wort nie wieder. Ich weiß wohl, daß Politik ſelten Treu' und Glauben hal⸗ ten kann, daß ſie Offenheit, Gutherzigkeit, Nachgiebig⸗ keit aus unſern Herzen ausſchließt. In weltlichen Ge⸗ ſchaͤften iſt das leider nur zu wahr; ſollen wir aber auch mit Gott ſpielen wie unter einander? Sollen wir gleich⸗ guͤltig gegen unſte bewaͤhrte Lehre ſeyn, fuͤr die ſo viele ihr Leben aufgeopfert haben? Die ſollten wir hingeben an hergelaufne, ungewiſſe, ſich ſelbſt widerſprechende Neuerungen? 2 186 3 Machiavell. Denkt nur deßwegen nicht uͤbler von mir. Regentinn. Ich kenne dich und deine Treue, und weiß, daß einer ein ehrlicher und verſtaͤndiger Mann ſeyn kann, wenn er gleich den nächſten beſten Weg zum Heil ſeiner Seele verfehlt hat. Es ſind noch andere, Ma⸗ chiavell, Maͤnner die ich ſchaͤtzen und tadeln muß. Machiavell. Wen bezeichnet ihr mir? Regentinn. Ich kann es geſtehen, daß mir Eg⸗ mont heute einen recht innerlichen tiefen Verdruß erregte. Machiavell. Durch welches Betragen? Regentinn. Durch ſein gewoͤhnliches, durch Gleichguͤltigkeit und Leichtſinn. Ich erhielt die ſchreck⸗ liche Botſchaft, eben als ich von Vielen und ihm beglei⸗ tet aus der Kirche ging. Ich hielt meinen Schmerz nicht an, ich beklagte mich laut und rief, indem ich mich zu ihm wendete!„Seht, was in eurer Provinz entſteht! Das duldet ihr, Graf, von dem der Koͤnig ſich Alles verſprach?“ Mlachiavell. Und was antwortete er? Regentinn. Als wenn es nichts, als wenn es b eine Nebenſache waͤre, verſetzte er: Waͤren nur erſt die Niederlaͤnder uͤber ihre Verfaſſung beruhigt! Das Uebrige wuͤrde ſich leicht geben. Machiavell. Vielleicht hat er wahrer, als klug und fromm geſprochen. Wie ſoll Zutrauen entſtehen und bleiben, wenn der Niederlaͤnder ſieht, daß es mehr 187 um ſeine Beſitzthuͤmer als um ſein Wohl, um ſeiner Seele Heil zu thun iſt? Haben die neuen Biſchoͤfe mehr Seelen gerettet, als fette Pfruͤnden geſchmauſ't, und ſind es nicht meiſt Fremde? Noch werden alle Statthal⸗ terſchaften mit Niederlaͤndern beſetzt; laſſen ſich es die Spanier nicht zu dentlich merken, daß ſie die groͤßte, unwiderſtehlichſte Begierde nach dieſen Stellen empfin⸗ den? Will ein Volk nicht lieber nach ſeiner Art von den Seinigen regieret werden, als von Fremden, die erſt im Lande ſich wieder Beſitzthuͤmer auf Unkoſten Aller zu er⸗ werben ſuchen, die einen fremden Maßſtab mitbringen, und unfreundlich und ohne Theilnehmung herrſchen? Regentinn. Du ſtellſt dich auf die Seite der Gegner. Machiavell. Mit dem Herzen gewiß nicht; und wollte, ich koͤnnte mit dem Verſtande ganz auf der un⸗ ſrigen ſeyn. Regentinn. Wenn du ſo willſt, ſo thaͤt' es noth, ich traͤte ihnen meine Regentſchaft ab; denn Egmont und Oranien machten ſich große Hoffnung, dieſen Platz einzunehmen. Damals waren ſie Gegner; jetzt ſind ſie gegen mich verbunden, ſind Freunde, unzertrennliche Freunde geworden. Machiavell. Ein gefaͤhrliches Paar. Regentinn. Soll ich aufrichtig reden; ich furchte Oranien, und ich fuͤrchte fuͤr Egmont. Oranien ſinnt nichts Gutes, ſeine Gedanken reichen in die Ferne, er 188 iſt heimlich, ſcheint Alles anzunehmen, widerſpricht nie, und in tiefſter Ehrfurcht, mit giößte Vorſicht thut er was ihm beliebt. Machiavell. Recht im Gegentheil geht Egmont einen freyen Schritt, als wenn die Welt ihm gehoͤrte. Regentinn. Er traͤgt das Haupt ſo hoch, als wenn die Hand der Majeſtaͤt nicht uͤber ihm ſchwebte. Machiavell. Die Augen des Volks ſind alle nach ihm gerichtet, und die Herzen hängen an ihm. Regentinn. Niee hat er einen Schein vermieden; als wenn Niemand Rechenſchaft von ihm zu fordern haͤtte. Doch traͤgt er den Namen Egmont. Graf Eg⸗ mont freut ihn ſich nennen zu hoͤren; als wollte er nicht vergeſſen, daß ſeine Vorfahren Beſitzer von Geldern waren. Warum nennt er ſich nicht Prinz von Gaure, wie es ihm zukommt? Warum thut er das? Will er erloſchne Rechte wieder geltend machen? 1 Machiavell. Ich halte ihn fuͤr einen treuen Die⸗ ner des Königs. Reg entin n. Wenn er wollte, wie verdient koͤnnte er ſich um die Regierung machen; anſtatt daß er uns ſchon, ohne ſich zu nutzen, unſaͤglichen Verdruß gemacht hat. Seine Geſellſchaften, Gaſtmale und Gelage ha⸗ ben den Adel mehr verbunden und verknüpft, als die gefaͤhrlichſten heimlichſten Zuſammenkuͤnfte. Mit ſeinen Geſundheiten haben die Gaͤſte einen dauernden Rauſch, einen nie ſich verziehenden Schwindel geſchoͤpft. Wie oft 189 ſetzt er durch ſeine Scherzreden die Gemuͤther des Volks in Bewegung, und wie ſtutzte der Poͤbel uͤber die neuen Livreen, uber die thoͤrichten Abzeichen der Bedienten! Machiavell. Ich bin uͤberzeugt, es war ohne Abſicht. Regentinn. Schlimm ger g. Wie ich ſage: er ſchadet uns, und nuͤtzt ſich nicht. Er nimmt das Ernſt⸗ liche ſcherzhaft; und wir, um nicht muͤßig und nach⸗ läſſig zu ſcheinen, muͤſſen das Scherzhafte ernſtlich neh⸗ men. So hetzt Eins das Andere; und was man abzu⸗ wenden ſucht das macht ſich erſt recht. Er iſt gefaͤhr⸗ licher als ein entſchiednes Haupt einer Verſchwoͤrung; und ich müuͤſſte mich ſehr irren wenn man ihm bey Hofe nicht Alles gedenkt. Ich kann nicht laͤugnen es ver⸗ geht wenig Zeit, daß er mich nicht empfindlich, ſehr empfindlich macht.* 1 M achiavell. Er ſcheint mir in Allem nach ſeinem Gewiſſen zu handeln. Regentinn. Sein Gewiſſen hat einen gefaͤlligen Spiegel. Sein Betragen iſt oft beleidigend. Er ſieht oſt aus als wenn er in der völligen Ueberzengung lebe er ſey Herr und wolle es uns nur aus Gefäͤlligkeit nicht fuͤhlen laſſen, wolle uns ſo gerade nicht zum Lande hin⸗ ausjagen; es werde ſich ſchon geben. Machiavell. Ich bitte euch, legt ſeine Offenheit, ſein gluͤckliches Blut, das alles Wichtige leicht behan⸗ 190 delt, nicht zu gefaͤhrlich aus. Ihr ſchadet nut ihm und euch. Regentinn. Ich lege nichts aus. Ich ſpreche nur von den unvermeidlichen Folgen, und ich kenne ihn. Sein Niederlaͤndiſcher Adel und ſein golden Vliez vor der Bruſt ſtaͤrken ſein Vertrauen, ſeine Kuͤhnheit. Bey⸗ des kann ihn vor einem ſchnellen, willkuͤrlichen Unmuth des Koͤnigs ſchuͤtzen. Unterſuch' es genau; an dem gan⸗ zeu Ungluͤck, das Flandern trifft, iſt er doch nur allein ſchuld. Er hat zuerſt den fremden Lehren nachgeſehn, hat's ſo genau nicht genommen, und vielleicht ſich heim⸗ lich gefreut daß wir etwas zu ſchaffen hatten. Laß mich nur; was ich auf dem Herzen habe, ſoll bey dieſer Gelegenheit davon. Und ich will die Pfeile nicht um⸗ ſonſt verſchießen; ich weiß wo er empfindlich iſt. Er iſt auch empfindlich. 1 Machiavell. Habt ihr den Rath zuſammen be⸗ uuſen laſſen? Kommt Oranien auch? Regentinn. Ich habe nach Antwerpen um ihn geſchickt. Ich will ihnen die Laſt der Verantwortung nahe genug zuwaͤlzen; ſie ſollen ſich mit mir dem Uebel ernſtlich entgegenſetzen oder ſich auch als Rebellen er⸗ klaͤren. Eile, daß die Briefe fertig werden und bringe mir ſie zur Unterſchrift. Dann ſende ſchnell den be⸗ paͤhrten Vaska nach Madrit; er iſt unermuͤdet und ren; daß mein Bruder zuerſt durch ihn die Nachricht 19¹ erfahre, daß der Ruf ihn nicht übereile. Ich will ihn ſelbſt noch ſprechen eh' er abgeht. . Machiavell. Eure Befehle ſollen ſchnell und genau befolgt werden. ——— Buͤrgerhaus. Clare, Clarens Mutter. Br a⸗ ckenburg. Clare. Wollt ihr mir nicht das Garn halten, Brackenburg? Brackenburg. Ich bitt' euch, verſchont mich, Claͤrchen. Clare. Was habt ihr wieder? Warum verſagt ihr mir dieſen kleinen Liebesdienſt? Brackenburg. Ihr bannt mich mit dem Zwirn ſo feſt vor euch hin, ich kann euern Augen nicht aus⸗ weichen. Clare. Grillen! kommt und haltet! Mutter(im Seſſeel ſtrickend). Singt doch Eins! Brackenburg ſekundirt ſo huͤbſch. Sonſt war't ihr luſtig, und ich hatte immer was zu lachen. Brackenburſg. Sonſt. Clare. Wir wollen ſingen. Brackenburg. Was ihr wollt. 192 Clare. Nur hubſch munter und friſch weg! Es iſt ein Soldatenliedchen, mein Leibſtuck. (Sie wickelt Garn und ſingt mit Brackenburg.) Die Trommel geruͤhrt! Das Pfeiſchen geſpielt! 1 Mein Liebſter gewaffnet 5 Dem Haufen befiehlt, Die Lanze hoch fuͤhret, Die Leute regieret. Wie klopft mir das Herze! Wie wallt mir das Blul! O haͤtt' ich ein Waͤmmslein, Und Hoſen und Hut! Ich folgt' ihm zum Thor»naus Mit muthigem Schritt, Ging' durch die Provinzen, Ging' uͤberall mit. Die Feinde ſchon weichen, Wir ſchießen da drein. Welch Gluͤck ſonder Gleichen, — Ein Mannsbild zu ſeyn! S.(Brackenburg hat unter dem Singen Claͤrchen oft angeſe⸗ hen; zuletzt bleibt ihm die Stimme ſtocken, die Thraͤnen kom⸗ men ihm in die Augen, er laͤſſt den Strang fallen und geht an's Fenſter. Claͤrchen ſingt das Lied allein aus, die Mutter winkt ihr halb unwillig, ſie ſteht auf, geht einige Schritte nach ihm hin, kehrt halb unſchluͤſſig wieder um, und ſetzt ſich.) Mutter. Was gibt's auf der Gaſſe, Bracken⸗ burg? Ich hoͤre marſchiren. 193 Brackenburg. Es iſt die Leibwache der Regen⸗ tinn. 1. Clare. Um dieſe Stunde? was ſoll das bedeuten? (Sie ſteht auf und geht an das Fenſter zu Brackenburg.) Das iſt nicht die täͤgliche Wache, das ſind weit mehr! Faſt alle ihre Haufen. O Bäackenburg, geht! hoͤrt ein⸗ mal was es gibt? Es muß etwas Beſonderes ſeyn. Geht, guter Brackenburg, thut mir den Gefallen. Brackenburg. Ich gehe! Ich bin gleich wieder da.(Er reicht ihr abgehend die Hand; ſie gibt ihm die ih⸗ rige.) Mutter. Du ſchickſt ihn ſchon wieder weg. Clare. Ich bin neugierig; und auch, verdenkt mir's nicht, ſeine Gegenwart thut mir weh. Ich weiß immer nicht wie ich mich gegen ihn betragen ſoll. Ich habe Unrecht gegen ihn, und mich nagt's am Herzen, daß er es ſo lebendig fuͤhlt.— Kann ich's doch nicht aͤndern! Mutter. Es iſt ein ſo treuer Burſche. Clare. Ich kann's auch nicht laſſen, ich muß ihm freundlich begegnen. Meine Hand druͤckt ſich oft un⸗ verſehens zu, wenn die ſeine mich ſo leiſe, ſo liebevoll faſſt. Ich mache mir Vorwuͤrfe daß ich ihn betruͤge, daß ich in ſeinem Herzen eine vergebliche Hoffnung naͤhre. Ich bin uͤbel dran. Weiß Gott, ich betruͤg' ihn nicht. Ich will nicht daß er hoffen ſoll, und ich kann ihn doch nicht verzweifeln laſſen. Goeihe's Werke. VI. Bd. 13 194 Mutter. Das iſt nicht gut. Clare. Ich hatte ihn gern, und will ihm auch noch wohl in der Seele. Ich haͤtte ihn heirathen kön⸗ nen, und glaube ich war nie in ihn verliebt. 1 Mutter. Gluͤcklich waͤrſt du immer mit ihm ge⸗ weſen. 1 Clare. Waͤre verſorgt, und haͤtte ein ruhiges Leben. Mutter. Und das iſt Alles durch deine Schuld verſcherzt. Clare. Ich bin in einer wunderlichen Lage. Wenn ich ſo nachdenke wie es gegangen iſt, weiß ich's wohl und weiß es nicht, Und dann darf ich Egmont nur wie⸗ der anſehen, wird mir Alles ſehr begreiflich, ja waͤre mir weit mehr begreiflich. Ach, was iſt's ein Mann! Alle Provinzen beten ihn an, und ich in ſeinem Arm ſollte nicht das gluͤcklichſte Geſchoͤpf von der Welt ſeyn? Mutter. Wie wird's in der Zukunft werden? Clare. Ach, ich frage nur ob er mich hihi und ob er mich liebt? iſt das eine Frage? Mutter. Man hat nicht's als Herzensangſt mit ſeinen Kindern. Wie das ausgehen wird! Immer Sorge und Kummer! Es geht nicht gut aus! Du haſt dich am⸗ gluͤcklich gemacht! mich ungluͤcklich gemacht. Clare.(gelaſſen.) Ihr lieſſet es doch im Anfange⸗ Mutter. Leider war ich zu gut, bin immer zu gut. Clare. Wenn Egmont vorbeyritt und ich an's Fen⸗ ſter lief, ſchaltet ihr mich da? Tratet ihr nicht ſelbſt an's 195 Fenſter? Wenn er herauf ſah, laͤchelte, nickte, mich grußte; war es euch zuwider? Fandet ihr Sich zich ſelbſt in eurer Tochter geehrt? 54 Mutter. Mache mir noch Vorwuͤrfe. Clare(geruͤhrt.) Wenn er nun öſfter die Straße kam, und wir wohl fuͤhlten daß er um meinetwillen den Weg machte, bemerktet ihr's nicht ſelbſt mit heimli⸗ cher Freude? Rieft ihr mich ab, wenn ich hinter den Scheiben ſtand und ihn erwartete? Mutter. Dachte ich daß es ſo weit kommen ſollte? Clare(mit ſtockender Stimme und zurucegehaltenen Thraͤnen). Und wie er uns Abends, in den Mantel ein⸗ gehuͤllt, bey der Lampe uͤberraſchte, wer war geſchaͤf⸗ tig ihn zu empfangen, da ich auf meinem Stuhl wie an⸗ gekettet und ſtaunend ſitzen blieb? Mutter. Und konnte ich fuͤrchten, daß dieſe un⸗ gluͤckliche Liebe das kluge Claͤrchen ſo bald himreißen wuͤrde? Ich muß es nun tragen, daß meine Tochter— Clare(mit ausbrechenden Thränen). Mutter! Ihr wollt's nun! Ihr habt eure Freude, mich zu angſtigen. Mutter(weinend). Weine noch gar! mache mich noch elender durch deine Betruͤbniß. Iſt mirs' nicht Kummer genug daß meine einzige Tochter ein verwor⸗ fenes Geſchoͤpf iſt? 3n Clare(aufſtehend und kalt). Verworfen! Egnon Geliebte, verworfen?— Welche Fuͤrſtinn neidete nicht das arme Claͤrchen um den Platz an ſeinem Herzen! O 196 Mutter— meine Mutter, ſo redetet ihr ſonſt nicht. Liebe Mutter, ſeyd gut!— Das Volk was das denkt, die Nachbarinnen was die murmeln— Dieſe Stube, dieſes kleine Haus iſt ein Himmel, ſeit Egmonts Liebe drin wohnt.— Mutter. Man muß ihm hold ſeyn! das iſt wahr. Er iſt immer freundlich, frey und offen. Clare. Es iſt keine falſcher Ader an ihm. Seht, Mutter, und er iſt doch der große Egmont. Und wenn er zu mir kommt, wie er ſo lieb iſt, ſo gut! wie er mir ſeinen Stand, ſeine Tapferkeit gerne verbaͤrge! wie er um mich beſorgt iſt! ſo nur Menſch, nur Freund, nur Liebſter. Mutter. Kommt er wohl heute? Clare. Habt ihr mich nicht oft an's Fenſter gehen ſehn? Habt ihr nicht bemerkt wie ich horche, wenn's an der Thuͤr rauſcht?— Ob ich ſchon weiß daß er vor Nacht nicht kommt, vermuth' ich ihn doch jeden Augen⸗ blick, von Morgens an, wenn ich aufſtehe. Waͤr' ich nur ein Bube und koͤnnte immer mit gehen, zu Hofe und üͤberall hin! koͤnnt' ihm die Jahne nachtragen in der Schlacht!— Mutter. Du warſt immer ſo ein Springinsfeld; als ein kleines Kind ſchon, bald toll, bald nachdenklich. Ziehſt du dich nicht ein wenig beſſer an? Clare. Vielleicht, Mutter! wenn ich Langeweile habe.— Geſtern, denkt, gingen von ſeinen Leuten vor⸗ — 197 bey und ſangen Lobliedchen auf ihn. Wenigſtens war ſein Name in den Liedern! Das Uebrige konnte ich nicht verſtehn. Das Herz ſchlug mir bis an den Hals— Ich haͤtte ſie gern zurückgerufen, wenn ich mich nicht geſchaͤmt haͤtte. Mutter. Nimm dich in Acht! Dein heſtiges We⸗ ſen verdirbt noch Alles; du verraͤthſt dich offenbar vor den Leuten. Wie neulich bey dem Vetter, wie du den Holzſchnitt und die Beſchreibung fandſt und mit einem Schrey riefſt: Graf Egmont!— Ich ward feuerroth. Clare. Haͤtt' ich nicht ſchreyen ſollen? Es war die Schlacht bey Gravelingen, und ich finde oben im Bilde den Buchſtaben C. und ſuche unten in der Beſchrei⸗ bung C. Steht da:„Graf Egmont, dem das Pferd unter dem Leibe todt geſchoſſen wird.“ Mich uͤberlief's — und hernach muſſt' ich lachen uͤber den holzgeſchnitz⸗ ten Egmont, der ſo groß war als der Thurm von Gravelingen gleich dabey, und die engliſchen Schiffe an der Seite.— Wenn ich mich manchmal erinnere, wie ich mir ſonſt eine Schlacht vorgeſtellt, und was ich mir als Maͤdchen für ein Bild vom Grafen Egmont machte, wenn ſie von ihm erzaͤhlten, und von allen Gra⸗ fen und Fuͤrſten— und wie mit's jetzt iſt! 3 Brackenburg(kommt). Clare. Wie ſteht'’s? Brackenburg. Man weiß nichts Gewiſſes. In Flandern ſoll neuerdings ein Tumult entſtanden ſeyn; 198 die Regentinn ſoll beſorgen, er moͤchte ſich hieher ver⸗ breiten. Das Schloß iſt ſtark beſetzt, die Buͤrger ſind zahlreich an den Thoren, das Volk ſummt in den Gaſ⸗ ſen.— Ich will nur ſchnell zu meinem alten Vater. (Als wollt' er gehen.) Clare. Sieht man euch morgen? Ich will mich ein wenig anziehen. Der Vetter kommt, und ich ſehe gar zu liederlich aus. Helft mir einen Augenblick, Mutter.— Nehmt das Buch mit, Brackenburg, und bringt mir wieder ſo eine Hiſtorie. Mutter. Lebt wohl. BVrackenburg(ſeine Hand reichend). Eure Hand! Clare(ihre Hand verſagend). Wenn ihr wieder kommt.(Mutter und Tochter ab.) Brackenburg(allein). Ich hatte mir vorgenom⸗ men gerade wieder fort zu gehn; und da ſie es dafuͤr aufnimmt und mich gehen laͤſſt, moͤcht' ich raſend wer⸗ den.— Ungluͤcklicher! und dich ruͤhrt deines Vaterlan⸗ des Geſchick nicht? der wachſende Tumult nicht?— und gleich iſt dir Landsmann oder Spanier, und wer regiert und wer Recht hat? War ich doch ein andrer Junge als Schulknabe!— Wenn da ein Exercitium aufgege⸗ ben war:„Brutus Rede fuͤr die Freyheit, zur Uebung der Redekunſt;“ da war doch immer Fritz der Erſte, und der Rector ſagte: wenn's nur ordentlicher waͤre, nur nicht Alles ſo uͤber einander geſtolpert.— Damals kocht' es und trieh!— Jetzt ſchlopp' ich mich an den Augen 199 des Maͤdchens ſo hin. Kann ich ſie doch nicht laſſen! Kann ſie mich doch nicht lieben!— Ach— Nein— Sie— Sie kann mich nicht ganz verworfen haben—— Nicht ganz— und halb und nichts!— Ich duld' es nicht laͤnget!—— Sollte es wahr ſeyn, was mir ein Freund neulich in's Ohr ſagte? daß ſie Nachts einen Mann heimlich zu ſich einlaͤſſt, da ſie mich zuͤchtig im⸗ mer vor Abend aus dem Hauſe treibt. Nein, es iſt nicht wahr, es iſt eine Luͤge, eine ſchäͤndliche verlaͤum⸗ deriſche Lüge! Claͤrchen iſt ſo unſchuldig als ich ungluͤck⸗ lich bin.— Sie hat mich verworfen, hat mich von ih⸗ rem Herzen geſtoßen—— Und ich ſoll ſo fort leben? Ich duld', ich duld' es nicht.—— Schon wird mein Vaterland von innerm Zwiſte heftiger bewegt, und ich ſterbe unter dem Getuͤmmel nur ab! Ich duld' es nicht!— Wenn die Trompete klingt, ein Schuß fällt, mir faͤhr''s durch Mark und Bein! Ach, es reizt mich nicht! es fordert mich nicht, auch mit einzugreifen, mit zu rettet, zu wagen.— Elender, ſchimpflicher Zuſtand! Es iſt beſſer ich end' auf einmal. Neulich ſtürzt' ich mich in's Waſſer, ich ſank— aber die geaͤngſtete Natur war ſtarker; ich fuͤhlte daß ich ſchwimmen konnte, und ret⸗ tete mich wider Willen.—— Koͤnnt' ich der Zeiten ver⸗ geſſen da ſie mich liebte, mich zu lieben ſchien!— Watum hat mir's Mark und Bein durchdrungen, das Gluͤck? Warum haben mir dieſe Hoffnungen allen Ge⸗ 200 von Weitem zeigten?— Und jener erſte Kuß! jener ein⸗ zige!— Hier,(die Hand auf den Tiſch legend) hier wa⸗ ren wir allein— ſie war immer gut und freundlich ge⸗ gen mich geweſen— da ſchien ſie ſich zu erweichen— ſie ſah mich an— alle Sinnen gingen mir um, und ich fuͤhlte ihre Lippen auf den meinigen.— Und— und nun?— Stirb, Armer! Was zauderſt du? Er zieht ein Flaͤſchchen aus der Taſche.) Ich will dich nicht umſonſt aus meines Bruders Doctorkaͤſtchen geſtohlen haben, heilſames Gift! Du ſollſt mir dieſes Bangen, dieſe Schwindel, dieſe Todesſchweiße auf einmal verſchlingen und loͤſen. Zweyter Aufzug. Platz in Bruͤſſel. Jetter und ein Zimmermeiſter (treten zuſammen.) Zimmermeiſter. Sagt' ich's nicht voraus? Noch vor acht Tagen auf der Zunft ſagt' ich, es wuͤrde ſchwere Haͤndel geben. Jetter. Iſt's denn wahr, daß ſie die Kirchen in Flandern gepluͤndert haben? Zimmermeiſter. Ganz und gar zu Grunde ge⸗ richtet haben ſie Kirchen und Kapellen. Nichts als die vier nackte Waͤnde haben ſie ſtehen laſſen. Lauter Lum⸗ pengeſindel! Und das macht unſre gute Sache ſchlimm. Wir haͤtten eher, in der Ordnung, und ſtandhaft unſere Gerechtſame der Regentinn vortragen und drauf halten ſollen. Reden wir jetzt, verſammeln wir uns jetzt; ſo heißt es, wir geſellen uns zu den Aufwieglern. Jetter. Ja ſo denkt Jeder zuerſt: was ſollſt du mit deiner Naſe voran? haͤngt doch der Hals gar nah⸗ damit zuſammen. —— 202 Zimmermeiſter. Mirr iſt's hange, wenn's ein⸗ mal unter dem Pack zu laͤrmen anfaͤngt, unter dem Volk das nichts zu verlieren hat. Die brauchen das zum Vorwande, worauf wir uns auch berufen muͤſſen, und bringen das Land in Ungluͤck. Soeſt(tritt dazu) Guten Tag, ihr Herrn! Was gibt's Neues? Iſt's wahr, daß die Bilderſtuͤrmer gerade hieher lhnes Lauf nehmen? Zimmerm eiſter. Hier oollen ſie nichts anruͤhren. Soeſt. Es trat ein Soldat bey mir ein, Tobak zu kaufen; den fragt' ich aus. Die Regentinn, ſo eine wackre kluge Frau ſie bleibt, dießmal iſt ſie außer Faſ⸗ ſung. Es muß ſehr arg ſeyn, daß ſie ſich ſo geradezu hinter ihre Wache verſteckt. Die Burg iſt ſcharf beſetzt. Man meint ſogar, ſie wolle aus der Stadt fluchten. Zimmermeiſter. Hinaus ſoll ſie nicht! Ihre Gegenwart beſchutzt uns, und wir wollen ihr mehr Sicherheit verſchaffen, als ihre Stutzbaͤrte. Und wenn ſie uns unſere Rechte und Freyheiten aufrecht erhaͤlt; ſo wollen wir ſie anf den Haͤnden tragen. Seifenſieder(tritt dazu) Garſtige Haͤndel! Ueble Haͤndel! Es wird unruhig und geht ſchief aus!— Huͤtet euch, daß ihr ſtille bleibt, haß man euch nicht auch fuͤr Aufwiegler haͤlt. Soeſt. Da kommen die ſieben Weiſen aus Grie⸗ — Genlan 2⁰3 1 Seifenſieder. Ich weiß, da ſind Viele, die es heimlich mit den Calviniſten halten, die auf die Biſchoͤfe laͤſtern, die den Koͤnig nicht ſcheuen. Aber ein treuer unterthan, ein aufrichtiger Katholike!— (Es geſellt ſich nach und nach allerley Volk zu ihnen und horcht.) Vanſen(tritt dazu). Gott gruͤß' euch Herren! Was Neues? Zimmermeiſter. Gebt euch mit dem nicht ab, das iſt ein ſchlechter Kerl. Jetter. Iſt es nicht der Schreiber beym Doctor Wiets? Zemmermeſſter. Er hat ſchon viele Herren ge⸗ habt. Erſt war er ein Schreiber, und wie ihn ein Patron nach dem andern fortjagte, Schelmſtreiche halber, pfuſcht er jetzt Notaren und Advocaten in's Handwerk, und iſt ein Branntweinzapf. (Es kommt mehr Volk zuſammen und ſteht truppweiſe.) Vanſen. Ihr ſeyd auch verſammelt, ſteckt die Ko⸗ pfe zuſammen. Es iſt immer redenswerth. Soeſt. Ich denk' auch.. Panſen. Wenn jetzt Einer oder der Andere Herz haͤtte, und Einer oder der Andere den Kopf dazu; wir koͤnnten die ſpaniſchen Ketten auf einmal ſprengen. Soeſt. Herre! So müſſt ihr nicht reden. Wir haben dem Koͤnig geſchworen. Vanſen. Und der Koͤnig uns. Merkt das. 209 Jetter. Das laͤſſt ſich hoͤren! Sagt eure Meinung. Einige Andere. Horch, der verſteht's. Der hat Pfiffe. Vanſen. Ich hatte einen alten Patron, der beſaß Pergamente und Briefe von uralten Stiftungen, Con⸗ tracten und Gerechtigkeiten, er hielt auf die rarſten Buͤ⸗ cher. In einem ſtand unſere ganze Verfaſſung: wie uns Niederlaͤnder zuerſt einzelne Fuͤrſten regierten, alles nach hergebrachten Rechten, Privilegien und Gewohn⸗ heiten; wie unſre Vorfahren alle Ehrfurcht für ihren Fuͤrſten gehabt, wenn er ſie regiert wie er ſollte; und wie ſie ſich gleich vorſahen, wenn er uͤber die Schnur hauen wollte. Die Staaten waren gleich hinterdrein: denn jede Provinz, ſo klein ſie war, hatte ihre Staaten, ihre Landſtaͤnde. Zimmermeiſter. Haltet euer Maul! das weiß man lange! Ein jeder rechtſchaffener Burger iſt, ſo viel er braucht, von der Verfaſſung unterrichtet. Jetter. Laſſt ihn reden; man erfaͤhrt immer et⸗ was mehr. Soeſt. Er hat ganz recht. Mehrere. Erzäahlt! erzaͤhlt! So was hoͤrt man nicht alle Tage. Vanſen. So ſeyd ihr Buͤrgersleute! Ihr lebt nur ſo in den Tag hin; und wie ihr euer Gewerb' von euern Eltern uͤberkommen habt, ſo laſſt ihr auch das Regiment uͤber euch ſchalten und walten, wie es kann und mag. 205 Ihr fragt nicht nach dem Herkommen, nach der Hiſtorie, nach dem Recht eines Regenten; und uüber das Verſaͤum⸗ niß haben euch die Spanier das Netz uͤber die Ohren gezogen. Soeſt. Wer denkt da dran? wenn einer nur das taͤgliche Brot hat. Jetter. Verflucht! Warum tritt auch keiner in Zeiten auf, und ſagt einem ſo etwas? 1 Vanſen. Ich ſag' es euch jetzt. Det Köoͤnig in Spanien, der die Provinzen durch gut Gluͤck zuſammen beſitzt, darf doch nicht drin ſchalten und walten, anders als die kleinen Fuͤrſten, die ſie ehemals einzeln beſaßen. Begreiſt ihr das? Jetter. Erklaͤrt's uns. Vanſen. Es iſt ſo klar als die Sonne. Muͤſſt ihr nicht nach euern Landrechten gerichtet werden? Woher kaͤme das? Ein Bürger. Wahrlich! Vanſen. Hat der Brüſſeler nicht ein ander Recht als der Antwerper? der Antwerper als der Genter? Woher kaͤme denn das? Anderer Buͤrger. Bey Gott! Vanſen. Aber, wenn ihr's ſo fortlaufen laſſt, wird man's euch bald anders weiſen. Pfuy! Was Karl der Kuͤhne, Zaiedrich der Krieger, Karl der Fünfte nicht konnten, das thut nun Philipp durch ein Weib. 206 Soeſt. Ja, ja! Die alten Fuͤrſten haben's auch ſchon probirt. Vanſen. Freylich!— Unſere Vorfahren paſſten auf. Wie ſie einem Herrn gram wurden, fingen ſie ihm etwa ſeinen Sohn und Erben weg, hielten ihn bey ſich, und gaben ihn nur auf die beſten Bedingungen heraus. Unſere Vaͤter waren Leute! Die wuſſten was ihnen nutz war! Die wuſſten etwus zu faſſen und feſt zu ſetzen! Rechte Maͤnner! Dafuͤr ſind aber auch unſere Privilegien ſo deutlich, unſere Freyheiten ſo verſichert. Seifenſieder. Was ſprecht ihr von Freyheiten? Das Volk. Von unſern Freyheiten, von unſern Privilegien! Erzaͤhlt noch was von unſern Privilegien. Vanſen. Wir Brabanter beſonders, obgleich alle Provinzen ihre Vortheile haben, wir ſind am herrlich⸗ ſten verſehen. Ich habe Alles geleſen. Soeſt. Sagt an. Jetter. Laſſt hoͤren. Ein Buͤrger. Ich bitt' euch. Vanſen. Erſtlich ſteht geſchrieben: Der Herzog von Brabant ſoll uns ein guter getreuer Herr ſeyn. Soeſt. Gut! Steht das ſo? Jetter. Getreu? Iſt das wahr? Vanſen. Wie ich euch ſage. Er iſt uns verpflich⸗ tet, wie wir ihm. Zweytens: Er ſoll keine Macht oder eignen Willen an uns beweiſen, merkop laſſen, oder gedenken zu geſtatten, auf keiner! ey Weiſe, —— 207 Jetter. Schoͤn! Schoͤn! nicht beweiſen. Soeſt. Nicht merken laſſen. Ein Anderer. uUnd nicht gedenken zu geſtatten! Das iſt der Hauptpunkt. Niemanden geſtatten, auf kei⸗ nerley Weiſe.. Vanſen. Mit ausdruͤcklichen Worten. n Jetter. Schafft uns das Buch. Ein Burger. Ja, wir muͤſſen' s haben. Andere. Das Buch! das Buch! 3 Ein Anderer. Wir wollen zu der Regentinn ge⸗ hen mit dem Buche. 2 Ein Anderer. Ihr ſollt das Wort fuͤhren, Herr Doctor. 3 Seifenſieder. O die Troͤpfe! Andere. Noch etwas aus dem Buche! Seifen ſieder. Ich ſchlage ihm die Zuhnei in den Hals, wenn er noch ein Wort ſagt. Das Volk. Wir wollen ſehen wer ihm etwas thut. Sagt uns was von den Privilegien! Haben wir noch mehr Privilegien? Vanſen. Mancherley, und ſehr gute, ſehr heil⸗ ſame. Da ſteht auch: Der Landsbherr ſoll den geiſtli⸗ chen Stand nicht verbeſſern oder mehren, ohne Verwil⸗ ligung des Adels und der Stände! Merkt das! Auch den Staat des Landes nicht veraͤndern. Soeſt. Iſt das ſo? 849 208 Vanſen. Ich will's euch geſchrieben zeigen, von zwey, drey hundert Jahren her. 2 Buͤrger. Und wir leiden die neuen Biſchoͤfe? Der Adel muß uns ſchuͤtzen, wir fangen Haͤndel an! Andere. Und wir laſſen uns von der Inquiſition in's Bockshorn jagen? Vanſen. Das iſt eure Schuld. 1 Das Volk. Wir haben noch Egmont! noch Ora⸗ nien! Die ſorgen fuͤr unſer Beſtes. Vanſen. Eure Bruͤder in Flandern haben das gute Werk angefangen. Seifenſieder. Du Hund! (Er ſchlägt ihn.) Andere(gviderſetzen ſich nnd rufen). Biſt du auch ein Spanier? Ein Anderer. Was? den Ehrenmann? Ein Anderer. Den Gelahrten? (Sie fallen den Seifenſieder an.) Zimmermeiſter. Um's Himmels willen, ruht! (Andere miſchen ſich in den Streit.) Zimmermeiſter. Buͤrger, was ſoll das? (Buben pfeifen, werfen mit Steinen, hetzen Hunde an, Buͤrger ſtehn und gaffen, Volk laͤuft zu, Andere gehn gelaſſen auf und ab, Andere treiben allerley Schalkspoſſen, ſchreyen und jubiliren.) Andere. Freyheit und Peſolleglent 1 Prioilegien und Freyheit! — 29 O. 209 Egmont(tritt auf mit Begleitung). Ruhig! Ruhig, Leute! Was gibt's? Ruhe! Bringt ſie aus einander! Zimmermeiſter. Gnaͤdiger Herr, ihr kommt wie ein Engel des Himmels. Stille! ſeht ihr nichts? Graf Egmont! Dem Grafen Egmont Reverenz! Egmont. Auch hier? Was fangt ihr an? Buͤr⸗ ger gegen Buͤrger! Haͤlt ſogar die Naͤhe unſrer koͤnigli⸗ chen Regentinn dieſen Unſinn nicht zuruͤck? Geht aus einander, geht an euer Gewerbe. Es iſt ein uͤbles Zei⸗ chen wenn ihr an Werktagen feiert. Was war's? (Der Tumult ſtillt ſich nach und nach, und Alle ſtehen um ihn herum.) Zimmermeiſter. Sie ſchlagen ſich um ihre Pri⸗ vilegien. Egmont. Die ſie noch muthwillig zertruͤmmern werden— und wer ſeyd ihr? Ihr ſcheint mir rechtliche Leute. Zimmermeiſter. Das iſt unſer Beſtreben. Egmont. Eures Zeichens? Zimmermeiſter. Zimmermann und Zunftmeiſter. Egmont. Und ihr? Soeſt, Kraͤmer. Egmönt. Ihr? J Schneider. Egmälnt. Ich erinnere mich, ihr habt mir an den neine Leute gearbeitet. Euer Name iſt Jetter. rke. VI. Bd. 14 210 Jetter. Gnade, daß ihr euch deſſen erinnert. Egmont. Ich vergeſſe Niemanden leicht, den ich einmal geſehen und geſprochen habe.— Was an euch iſt Ruhe zu erhalten, Leute, das thut; ihr ſeyd uͤbel genng angeſchrieben. Reizt den Koͤnig nicht mehr, er hat zuletzt doch die Gewalt in Haͤnden. Ein ordentlicher Burger, der ſich ehrlich und fleißig naͤhrt, hat uͤberall ſo viel Freyheit als er braucht. Zimmermeiſter. Ach wohl! das iſt eben unſre Noth! Die Tagdiebe, die Soͤffer und Faullenzer, mit Euer Gnaden Verlaub, die ſtaͤnkern aus Langerweile, und ſcharren aus Hunger nach Privilegien, und luͤgen den Neugierigen und Leichtglaͤubigen was vor, und um eine Kanne Bier bezahlt zu kriegen, fangen ſie Haͤndel an, die viel Tauſend Menſchen ungluͤcklich machen. Das i*ſt ihnen eben recht. Wir halten unſte Haͤuſer und Kaſten zu gut verwahrt; da mochten ſie gern uns mit Feuer⸗ braͤnden davon treiben. Egmont. Allen Beyſtand ſollt ihr finden; es ſind Maßregeln genommen dem Uebel kraͤftig zu begegnen. Steht feſt gegen die fremde Lehre, und glaubt nicht durch Aufruhr befeſtige man Privilegien. Bleibt zu Hauſe; leidet nicht doß ſie ſich auf den Straßen rotten. Vernünftige Leute koͤnnen viel thun. (Indeſſen hat ſich der groͤßte Haufe verlezufen.) ;, danken Zimmermeiſter. Danken Euer Exc⸗o für die gute Meinung! Alles was an rür aach neueſten Art, nach Spaniſchem Schnitt. 211 mont ab.) Ein gnaͤdiger Herr! der echte Niede Gar ſo nichts Spaniſches. Jetter. Haͤtten wir ihn nur zum Regenten! folgt ihm gerne. Soeſt. Das laͤſſt der Koͤnig wohl ſeyn. Den Platz beſetzt er immer mit den Seinigen.. Jetter. Haſt du das Kleid geſehen? Das war Zimmermeiſter. Ein ſchoͤner Herr! Jetter. Sein Hals waͤr' ein rechtes Freſſen fuͤr einen Scharfrichter. Soeſt. Biſt du toll? was kommt dir ein? Jetter. Dumm genug, daß einem ſo etwas ein⸗ faͤllt.— Es iſt mir nun ſo. Wenn ich einen ſchoͤnen langen Hals ſehe, muß ich gleich wider Willen denken: der iſt gut koͤpfen.— Die verfluchten Executionen! man kriegt ſie nicht aus dem Sinne. Wenn die Burſche V jeden Spaß hab' ich bald vergeſſen; die fuͤrchterlichen ſchwimmen, und ich ſeh' einen nackten Buckel; gleich fallen ſie mir zu Dutzenden ein, die ich habe mit Ru⸗ then ſtreichen ſehen. Begegnet mir ein rechter Wanſt, mein' ich, den ſeh' ich ſchon am Pfahl braten. Des Nachts im Traume zwickt mich's in allen Gliedern; man wird eben keine Stunde froh. Jede Luſtbarkeit, Geſtalten ſind mir wie vor die Stirne gebrannt. gmonts Wohnung. Secretaͤr. (an einem Tiſch mit Papieren, er ſteht unruhig auf. Er kommt immer nicht! und ich warte ſchon zwey Stunden, die Feder in der Hand, die Papiere vor mir; und eben heute moͤcht' ich gern ſo zeitig fort. Es brennt mir unter den Sohlen. Ich kann vor Ungeduld kaum bleiben.„Sey auf die Stunde da,“ befahl er mir noch, ehe er wegging; nun kommt er nicht. Es iſt ſo viel zu thun, ich werde vor Mitternacht nicht fertig. Freylich ſieht er einem auch einmal durch die Finger. Doch hielt' ich's beſſer wenn er ſtrenge waͤre, und lieſſe einen auch wieder zur beſtimmten Zeit. Man könnte ſich einrichten. Von der Regentinn iſt er nun ſchon zwey Stunden weg; wer weiß, wen er unterwegs ange⸗ faſſt hat. Egmont(tritt auf). Wie ſieht's aus? Secretaͤr. Ich bin bereit, und drey Boten warten. machſt ein verdrießlich Geſicht. Secretaͤr. Euerm Befehl zu gehorchen, wart' ich ſchon lange. Hier ſind die Papiere! den, wenn ſie hoͤrt daß ich dich abgehalten habe. Secretaͤr. Ihr ſcherzt. Egmont. Ich bin dir wohl zu lang geblieben; du ———— Egmont. Donna Elvira wird boͤſe auf mich wer⸗ 213 Egmont. Nein, nein. Schaͤme dich nicht. Du zeigſt einen guten Geſchmack. Sie iſt huͤbſch; und es iſt mir ganz recht daß du auf dem Schloſſe eine Freun⸗ dinn haſt. Was ſagen die Briefe? Secretaͤr. Mancherley, und wenig Erfreuliches. Egmont. Da iſt gut daß wir die Freude zu Hauſe haben und ſie nicht auswaͤrts her zu erwarten brauchen. Iſt viel gekommen? Secretar. Genug und drey Boten warten. Egmont. Sag' an! das Noͤthigſte. Secretaͤr. Es iſt Alles nöthig. Egmont. Eins nach dem Andern, nur geſchwind! Secretaͤr. Hauptmann Breda ſchickt die Relation, was weiter in Gent und in der umliegenden Gegend vor⸗ gefallen. Der Tumult hat ſich meiſtens gelegt.— Egmont. Er ſchreibt wohl noch von einzelnen Un⸗ gezogenheiten und Tollkuͤhnheiten? Secretaͤr. Ja! Es kommt noch Manches vor. Egmont. Verſchone mich damit. Secretaͤr. Noch ſechs ſind eingezogen worden, die bey Berwich das Marienbild umgeriſſen haben. Er fragt an, ob er ſie auch wie die Andern ſoll haͤngen laſſen? Egmont. Ich bin des Haͤngens müde. Man ſoll ſie durchpeitſchen, und ſie moͤgen gehn. Secretar. Es ſind zwey Weiber dabey; ſoll er die auch durchpeitſchen? Egmont. Die mag er verwaruen und laufen laſſen. 214 Secretaͤr. Brink von Breda's Compagnie will heirathen. Der Hauptmann hofft ihr werdet's ihm abſchlagen. Es ſind ſo viele Weiber bey dem Haufen, ſchreibt er, daß, wenn wir ausziehen, es keinem Sol⸗ datenmarſch, ſondern einem Zigeuner⸗Geſchleppe aͤhn⸗ lich ſehen wird. Egmont. Dem mag's noch hingehen! Es iſt ein ſchoͤner junger Kerl; er bat mich noch gar dringend eh' ich wegging. Aber nun ſoll's Keinem mehr geſtattet ſeyn, ſo leid mir's thut, den armen Teufeln, die ohne⸗ dieß geplagt genug ſind, ihren beſten Spaß zu verſagen. Secretaͤr. Zwey von euern Leuten, Seter und Hart, haben einem Maͤdel, einer Wirthstochter uͤbel mitgeſpielt. Sie kriegten ſie allein, und die Dirne konnte ſich ihrer nicht erwehren. Egmont. Wenn es ein ehtlich Maͤdchen iſt, und ſie haben Gewalt gebraucht; ſo ſoll er ſie drey Tage hinter einander mit Ruthen ſtreichen laſſen, und wenn ſie etwas beſitzen, ſoll er ſo viel davon einziehen, daß dem Maͤdchen eine Ausſtattung gereicht werden kann. Secretar. Einer von den fremden Lehrern iſt heim⸗ lich durch Comines gegangen und entdeckt worden. Er ſchwoͤrt, er ſey im Begriff nach Frankreich zu gehen. Nach dem Beſehl ſoll er enthauptet werden. Egmont. Sie ſollen ihn in der Stille an die Graͤnze bringen, und ihm verſichern, daß er das Zweytemal nicht ſo wegkommt. 215 Secretaäͤr. Ein Brief von euerm Einnehmer. Er ſchreibt: es komme wenig Geld ein, er koͤnne auf die Wwooche die verlangte Summe ſchwerlich ſchicken; der Tumult habe in Alles die groͤßte Confuſion gebracht. Egmont. Das Geld muß herbey! er mag ſehen wie er es zuſammenbringt. Secretaͤr. Er ſagt: er werde ſein Moͤglichſtes thun, und wolle endlich den Raymond, der euch ſo lange ſchuldig iſt, verklagen und in Verhaft nehmen laſſen. Egmont. Der hat ja verſprochen zu bezahlen. Secretaͤr. Das Letztemal ſetzte er ſich ſelbſt vier⸗ zehn Tage. Egmont. So gebe man ihm noch vierzehn Ta⸗ ge; und dann mag er gegen ihn verfahren. Secretaͤr. Ihr thut wohl. Es iſt nicht uUnver⸗ mögen; es iſt boͤſer Wille. Er macht gewiß Ernſt, wenn er ſieht ihr ſpaßt nicht.— Ferner ſagt der Ein⸗ nehmer: er wolle den alten Soldaten, den Wittwen und einigen Andern, denen ihr Gnadengehalte gebt, die Gebuhren einen halben Monat zuruͤckhalten; man koͤnne indeſſen Rath ſchaffen; ſie möchten ſich einrichten. Egmont. Was iſt da einzurichten? Die Leute brauchen das Geld nothiger als ich. Das ſoll er bleiben laſſen. Secretaͤr. Woher befehlt ihr denn daß er das Geld nehmen ſoll? 2 » 216 Egmont. Darauf mag er denken; es iſt ihm im vorigen Briefe ſchon geſagt. Secretaͤr. Deswegen thut er die Vorſchlaͤge. Egmont. Die taugen nicht, er ſoll auf was an⸗ ders ſinnen. Er ſoll Vorſchlaͤge thun die annehmlich ſind, und vor Allem ſoll er das Geld ſchaffen. Secretar. Ich habe den Brief des Grafen Oliva wieder hieher gelegt. Verzeiht daß ich euch daran er⸗ innere. Der alte Herr verdiente vor allen Andern eine ausfuͤhrliche Antwort. Ihr wolltet ihm ſelbſt ſchreiben. Gewiß, er liebt euch wie ein Vater. Egmont. Ich komme nicht dazu. Und unter vie⸗ lem Verhaſſten iſt mir das Schreiben das Verhaſſteſte. Du machſt meine Hand ja ſo gut nach, ſchreib' in mei⸗ nem Namen. Ich erwarte Oranien. Ich komme nicht dazu; und wuͤnſchte ſelbſt daß ihm auf ſeine Bedenk⸗ lichkeiten was recht Beruhigendes geſchrieben wuͤrde. Secretaͤr. Sagt mir ungefaͤhr eure Meinung; ich will die Antwort ſchon aufſetzen und ſie euch vorle⸗ gen. Geſchrieben ſoll ſie werden, daß ſie vor Gericht fuͤr eure Hand gelten kann. Egmont. Gib mir den Brief.(Nachdem et hin⸗ eingeſehen.) Guter ehrlicher Alter! Warſt du in deiner Jugend auch wohl ſo bedaͤchtig? Erſtiegſt du nie einen Wall? Bliebſt du in der Schlacht, wo es die Klugheit anraͤth, hinten?— Der treue Sorgliche! Er will mein Leben und mein Gluͤck, und fuͤhlt nicht daß der ſchon 217 todt iſt, der um ſeiner Sicherheit willen lebt.— Schreib' ihm er möge unbeſorgt ſeyn; ich handle wie ich ſoll, ich werde mich ſchon wahren; ſein Anſehen bey Hofe ſoll er zu meinen Gunſten brauchen, und meines vollkomm⸗ nen Dankes gewiß ſeyn. Secretaͤr. Nichts weiter? O er erwartet mehr. Egmont. Was ſoll ich mehr ſagen? Willſt du mehr Worte machen; ſo ſtehts bey dir. Es dreht ſich immet um den Einen Punkt: ich ſoll leben wie ich nicht leben mag. Daß ich froͤhlich bin, die Sachen leicht nehme, raſch lebe, das iſt mein Gluͤck; und ich ver⸗ tauſch' es nicht gegen die Sicherheit eines Todtengewöl⸗ bes. Ich habe nun zu der Spaniſchen Lebensart nicht einen Blutstropfen in meinen Adern; nicht Luſt, meine Schritte nach der neuen bedächtigen Hof⸗Cadenz zu mu⸗ ſtern. Leb' ich nur um auf's Leben zu denken? Soll ich den gegenwaͤrtigen Augenblick nicht genießen, damit ich des folgenden gewiß ſey? Und dieſen wieder mit Sor⸗ gen und Geillen verzehren? Secretaͤr. Ich bitt' euch, Herr; ſeyd nicht ſo harſch und rauh gegen den guten Mann. Ihr ſeyd ja ſonſt gegen Alle freundlich. Sagt mir ein gefaͤllig Wort, das den edeln Freund beruhige. Seht, wie ſorgfaͤltig er iſt, wie leiſ' er euch beruͤhrt. Egmont. Und doch beruͤhrt er immer dieſe Saite. Er weiß von Alters her, wie verhaſſt mir dieſe Ermah⸗ nungen ſind; ſie machen nur irre, ſie helfen nichts. — 218 Und wenn ich ein Nachtwandler waͤre, und auf dem ge⸗ faͤhrlichen Gipfel eines Hauſes ſpazierte, iſt es freund⸗ ſchaftlich mich bey'm Namen zu rufen und mich zu warnen, zu wecken und zu toͤdten? Laſſt Jeden ſeines Pfades gehn; er mag ſich wahren. Secretaͤr. Es ziemt euch nicht zu iorgen⸗ aber wer euch kennt und liebt— Egmont.(in den Brief ſehend). Da bringt er wie⸗ der die alten Maͤhrchen auf, was wir an einem Abend im leichten Uebermuth der Geſelligkeit und des Weins getrieben und geſprochen; und was man daraus fuͤr Fol⸗ gen und Beweiſe durch's ganze Koͤnigreich gezogen und geſchleppt habe.— Nun gut! wir haben Schellenkap⸗ pen, Narrenkutten auf unſrer Diener Aermel ſticken laſ⸗ ſen, und haben dieſe tolle Zierde nachher in ein Buͤndel Pfeile verwandelt; ein noch gefaͤhrlicher Symbol fuͤr Alle, die deuten wollen wo nichts zu deuten iſt. Wir haben die und jene Thorheit in einem luſtigen Augenblick em⸗ pfangen und geboren; ſind ſchuld, daß eine ganze edle Schaar mit Bettelſaͤcken und mit einem ſelbſtgewaͤhlten Unnamen, dem Konige ſeine Pflicht mit ſpottender Demuth in's Gedaͤchtniß rief; ſind ſchuld— was iſt's nun weiter? Iſt ein Faſtnachtsſpiel gleich Hochverrath? Sind uns die kurzen bunten Lumpen zu mißgoͤnnen, die ein jugendlicher Muth, eine angefriſchte Phantaſie um unſers Lebens arme Bloͤße haͤngen mag? Wenn ihr das Leben gar zu ernſthaft nehmt, was iſt denn dran? 219 Wenn uns der Morgen nicht zu neuen Freuden weckt, am Abend uns keine Luſt zu hoffen uͤbrig bleibt; iſt's wohl des An⸗ und Ausziehens werth? Scheint mir die Sonne heut, um das zu uͤberlegen was geſtern war? und um zu rathen, zu verbinden, was nicht zu errathen, nicht zu verbinden iſt, das Schickſal eines kommenden Tages? Schenke mir dieſe Betrachtungen; wir wollen ſie Schuͤlern und Hoͤflingen uͤberlaſſen. Die moͤgen ſin⸗ nen und ausſinnen, wandeln und ſchleichen, gelangen wohin ſie koͤnnen, erſchleichen was ſie koͤnnen.— Kannſt du von allem dieſen etwas brauchen, daß deine Epiſtel kein Buch wird; ſo iſt mir's recht. Dem guten Alten ſcheint Alles viel zu wichtig. So druͤckt ein Freund, der lang' unſre Hand gehalten, ſie ſtaͤrker noch einmal wenn er ſie laſſen will. Secretar. Verzeiht mir, es wird dem Fußgaͤn⸗ ger ſchwindlich, der einen Mann mit raſſelnder Eile da⸗ her fahren ſieht. Egmont. Kind! Kind! nicht weiter! Wie von unſichtbaren Geiſtern gepeitſcht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unſers Schickſals leichtem Wagen durch; und uns bleibt nichts als, muthig geſaſſt, die Zügel feſtzuhalten, und bald rechts bald links vom Steine hier, vom Sturze da, die Raͤder wegzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er ſich doch kaum, woher er kam? Secretaͤr. Herr! Herr! 220 6 Egmont. Ich ſtehe hoch, und kann und muß noch hoͤher ſteigen; ich fuͤhle mir Hoffnung, Muth und Kraft. Noch hab' ich meines Wachsthums Gipfel nicht erreicht; und ſteh' ich droben einſt, ſo will ich feſt, nicht aͤngſtlich ſtehn. Soll ich fallen; ſo mag ein Donnerſchlag, ein Sturmwind, ja ein ſelbſt verfehlter Schritt mich ab⸗ warts in die Tiefe ſtuͤrzen; da lieg' ich mit viel Tau⸗ ſenden. Ich habe nie verſchmaͤht, mit meinen guten Kriegsgeſellen um kleinen Gewinnſt das blutige Loos zu werfen; und ſollt' ich knickern, wenn's um den ganzen freyen Werth des Lebens geht?— 3 Secretaͤr. O Herr! Ihr wiſſt nicht was fuͤr Worte ihr ſprecht! Gott erhalt' euch! Egmont. Nimm deine Papiere zuſammen. Ora⸗ nien kommt. Fertige aus was am noͤthigſten iſt, daß die Boten fortkommen, eh' die Thore geſchloſſen werden. Das Andere hat Zeit. Den Brief an den Grafen laß bis morgen; verſaͤume nicht Elviren zu beſuchen, und gruͤße ſie von mir.— Horche, wie ſich die Regentinn befindet; ſie ſoll nicht wohl ſeyn, ob ſie's gleich verbirgt. (Secretaͤr ab.) Oranien(kommt). Egmont. Willkommen, Oranien. Ihr ſcheint mir nicht ganz frey. Oranien. Was ſagt ihr zu unſter Unterhaltung mit der Regentinn? Egmont. Ich fand in ihrer Art uns aufzunehmen 221 nichts Außerordentliches. Ich habe ſie ſchon oͤſtet ſo 8„ ſehen. Sie ſchien mir nicht ganz wohl. Oranien. Merktet ihr nicht daß ſie zuruͤckhal⸗ tender war? Erſt wollte ſie unſer Betragen bey dem neuen Aufruhr des Poͤbels gelaſſen billigen; nachher merkte ſie an was ſich doch auch fuͤr ein falſches Licht derauf werſen laſſe; wich dann mit dem Geſpraͤche zu ihrem alten gewoͤhnlichen Discurs: daß man ihre liebe⸗ volle gute Art, ihre Freundſchaft zu uns Niederländern, nie genng erkannt, zu leicht behandelt habe, daß nichts einen erwuͤnſchten Ausgang nehmen wolle, daß ſie am Ende wohl muͤde werden, der Köoͤnig ſich zu andern Maßregeln entſchließen muͤſſe. Habt ihr das gehoͤrt? Egmont. Nicht Alles! ich dachte unterdeſſen an was Anders. Sie iſt ein Weib, guter Oranien, und die moͤchten immer gern daß ſich Alles unter ihr ſanf⸗ tes Joch gelaſſen ſchmiegte, daß jeder Hercules die Loͤ⸗ wenhaut ablegte, und ihren Kunkelhof vermehrte; daß⸗ weil ſie friedlich geſinnt ſind, die Gaͤhrung, die ein Volk ergreift, der Sturm, den maͤchtige Nebenbuhler gegen einander erregen, ſich durch Ein freundlich Wort beylegen lieſſe, und die widrigſten Elemente ſich zu ihren Füſſen in ſanfter Eintracht vereinigten. Das iſt ihr Fall; und da ſie es dahin nicht bringen kann, ſo hat ſie keinen Weg als launiſch zu werden, ſich uͤber Undankbarkeit, Unweisheit zu beklagen, mit t ſähreitichen Ausſichten in 22² die Zukunft zu drohen, und zu drohen— daß ſie fort⸗ gehen will. Oranien. Glaubt ihr dasmal nicht daß ſi ſie ihrs Drohungen erfuͤllt? Egmont. Nimmermehr! Wie oft habe ich ſie ſchon reiſefertig geſehn! Wo will ſie denn hin? Hier Scteatthalterinn, Koͤniginn; glaubſt du daß ſie es un⸗ terhalten wird am Hofe ihres Bruders unbedeutende Tage abzuhaſpeln? oder nach Italien zu gehen und ſich in alten Familienverhaͤltniſſen herumzuſchleppen? Oranien. Man hält ſie dieſer Entſchließung nicht faͤhig, weil ihr ſie habt zaͤudern, weil ihr ſie habt zu⸗ ruͤcktreten ſehn; dennoch liegt's wohl in ihr; neue Um⸗ ſtaͤnde treiben ſie zu dem lang' verzoͤgerten Entſchluß. Wenn ſie ginge? und der Koͤnig ſchickte einen Andern? Egmont. Nun der wuͤrde kommen, und wuͤrde eben auch zu thun finden. Mit großen Planen, Pro⸗ jecten und Gedanken wuͤrde er kommen, wie er Alles zu⸗ recht rucken, unterwerfen und zuſammenhalten wolle; und wuͤrde heut mit dieſer Kleinigkeit, morgen mit einer andern zu thun haben, ubermorgen jene Hinderniß fin⸗ den, einen Monat mit Entwuͤrfen, einen andern mit Verdruß uͤber fehlgeſchlagne Unternehmen, ein halb Jahr in Sorgen uüber eine einzige Provinz zubringen. Auch ihm wird die Zeit vergehn, der Kopf ſchwindeln, und die Dinge wie zuvor ihren Gang halten, daß er, ſtatt weite Meere nach einer vorgezogenen Linie zu ſe⸗ 223 geln, Gott danken mag, wenn er ſein Sahſſf in dieſem Sturme vom Felſen haͤlt. Oranien. Wenn man nun aber dem Koͤnig zu einem Verſuch riethe? 3 Egmont. Der waͤre? Oranien. Zu ſehen was der Kunuf ohne Haupt aanfinge. Egmont. Wie? — Oranien. Egmont, ich trage viele Jahre her alle unſere Verhaͤltniſſe am Herzen, ich ſtehe immer wie uͤber einem Schachſpiele und halte keinen Zug des Gegners fuͤr unbedeutend; und wie mußige Menſchen mit der groͤßten Sorgfalt ſich um die Geheimniſſe der Natur be⸗ kummern, ſo halt' ich es füͤr Pflicht, für Beruf ei⸗ nes Fuͤrſten, die Geſinnungen, die Rathſchlaͤge aller Parteyen zu kennen. Ich habe Urſach einen Ausbruch zu befuͤrchten. Der Koͤnig hat lange nach gewiſſen Grundſaͤtzen gehandelt, er ſieht daß er damit nicht auskommt; was iſt wahrſcheinlicher, als daß er es auf einem andern Wege verſucht? Egmont. Ih glaub's nicht. Wenn man alt wird und hat ſo viel verſucht, und es will in der Welt nie zur Ordnung kommen, muß man es endlich wohl genng haben. Oranien. Eins hat er noch nicht verſucht. Egmont. Nun? 224 8 Oranien. Das Volk zu ſchonen und die Fuͤrſten zu verderben.. Egmont. Wie Viele haben das ſchon lange ge⸗ fuͤrchtet! Es iſt keine Sorge. Oranien. Sonſt war's Sorge; nach und nach iſt mir's Vermuthung, zuletzt Gewißheit geworden. Egmont. Und hat der Koͤnig treuere Diener als uns? Oranien. Wir dienen ihm auf unſere Art; und unter einander koͤnnen wir geſtehen, daß wir des Koͤ⸗ nigs Rechte und die unſrigen wohl abzuwaͤgen wiſſen. Egmont. Wer thut's nicht? Wir ſind ihm unter⸗ than und gewaͤrtig, in dem was ihm zukommt. Oranien. Wenn er ſich nun aber mehr zuſchrie⸗ be, und Treuloſigkeit nennte was wir heißen auf un⸗ ſre Rechte halten. Egmont. Wir werden uns vertheidigen können. E rufe die Ritter des Vließes zuſammen, wir wollen uns richten laſſen. Oranien. Und was waͤre ein Urtheil vor der Un⸗ terſuchung? eine Strafe vor dem Urtheil? Egmont. Eine Ungerechtigkeit, der ſich Philipp nie ſchuldig machen wird; und eine Thorheit, die ich ihm und ſeinen Raͤthen nicht zutraue.. Oranien Und wenn ſie nun ungerecht und thoͤ⸗ richt waͤren? 8 Egmont. Nein, Oranien, es iſt nicht znoglich 8 225 wer ſollte wagen Hand an uns zu legen?— Uns ge⸗ fangen zu nehmen waͤr' ein verlornes und fruchtloſes Unternehmen. Nein, ſie wagen nicht das Panier der Tyranney ſo hoch aufzuſtecken. Der Windhauch, der dieſe Nachricht uͤber's Land braͤchte, wuͤrde ein unge⸗ heures Feuer zuſammentreiben. Und wohinaus wollten ſie? Richten und verdammen kann nicht der Koͤnig al⸗ lein; und wollten ſie meuchelmoͤrderiſch an unſer Leben? — Sie köͤnnen nicht wollen. Ein ſchrecklicher Bund wuͤrde in einem Augenblick das Volk vereinigen. Haß und ewige Trennung vom Spaniſchen Namen wuͤrde ſich gewaltſam erklaͤren. Dranien. Die Flamme wuͤthete dann uͤber unſerm Grabe, und das Blut unſrer Feinde floͤſſe zum leeren Sühnopfer. Laß uns denken, Egmont. Egmont. Wie ſollten ſie aber? Oranien. Alba iſt unterwegg. „ Egmont. Ich glaub's nicht. Oranien. Ich weiß es. Egmont. Die Regentinn wollte nichts wiſſen. Oranien. Um deſto mehr bin ich überzeugt. Die Regentinn wird ihm Platz machen. Seinen Mordſinn kenn' ich, und ein Heer bringt er mit. Egmont. Auf's Neue die Provinzen zu belaͤſtigen? Das Volk wird hoͤchſt ſchwierig werden. Oranien. Man wird ſich der Haͤupter verſichern. Egmont. Nein! Nein! Gosthe Werke. VI. Bd. 15 226 Oranien. Laß uns gehen, Jeder in ſeine Provinz. Dort wollen wir uns verſtaͤrken; mit offner Gewalt ſaͤngt er nicht an. Egmont. Muſſen wir ihn nicht begruͤßen, wenn er kommt? Oranien. Wir zoͤgern. Egmont. Und wenn er uns im Namen des Koͤ⸗ nigs bey ſeiner Ankunft ſordert? Oranien. Suchen wir Ausfluͤchte. Egmont. Und wenn er dringt? Oranien. Entſchuldigen wir uns. Egmont. Und wenn er drauf beſteht? Oranien. Kommen wir um ſo weniger. Egmont. Und der Krieg iſt erklaͤrt, und wir ſind die Rebellen. Oranien, laß dich nicht durch Klugheit verfuͤhren; ich weiß daß Furcht dich nicht weichen macht. Bedenke den Schritt. 3 Oranien. Ich hab' ihn bedacht. Egmont. Bedenke, wenn du dich irrſt, woran du ſchuld biſt; an dem verderblichſten Kriege, der je ein Land verwuſtet hat. Dein Weigern iſt das Signal, das die Provinzen mit Einmal zu den Waffen ruft, das jede Grauſamkeit rechtfertigt, wozu Spanien von jeher nur gern den Vorwand gehaſcht hat. Was wir lange müuhſelig geſtillt haben, wirſt du mit einem Winke zur ſchrecklichſten Verwirrung aufhetzen. Denk' an die Staͤd⸗ te, die Edeln, das Volk, an die Handlung, den Feld⸗ 2²7 bau, die Gewerbe! und denke die Verwuͤſtung, den Mord!— Ruhig ſieht der Soldat wohl im Felde ſeinen Kameraden neben ſich hinfallen; aber den Fluß her⸗ unter werden dir die Leichen der Buͤrger, der Kinder, der Jungfrauen entgegenſchwimmen, daß du mit Ent⸗ ſetzen daſtehſt, und nicht mehr weißt weſſen Sache du vertheidigſt, da die zu Grunde gehen, fuͤr deren Frey⸗ heit du die Waffen ergreifſt. Und wie wird dir's ſeyn wenn du dir ſtill ſagen muſſt: Fuͤr meine Sicherheit er⸗ griff ich ſie. 5. Oranien. Wir ſind nicht einzelne Menſchen, Eg⸗ 4 mont. Ziemt es ſich uns fuͤr Tauſende hinzugeben; ſo ziemt es ſich auch uns fuͤr Tauſende zu ſchonen. Egmont. Wer ſich ſchont muß ſich ſelbſt ver⸗ daͤchtig werden. Dranien. Wer ſich kennt kann ſicher vor⸗ und ruͤckwaͤrts gehen. G Egmont. Das Uebel das du furchteſt, wird ge⸗ wiß durch deine That. Oranien. Es iſt klug und kuͤhn dem unvermeid⸗ lichen Uebel entgegenzugehn. Egmont. Bey ſo großer Gefahr kommt die leich⸗ teſte Hoffnung in Anſchlag. Oranien. Wir haben nicht für den leiſeſten Fuß⸗ tritt Platz mehr; der Abgrund liegt hart vor uns. Egmont. Iſt des Koͤnigs Gunſt ein ſo ſchma⸗ ler Grund? G 228 Oranien. So ſchmal nicht aber ſchluͤpfrig. Egmont. Bey Gott! man thut ihm Unrecht. Ich mag nicht leiden daß man unwuͤrdig von ihm denkt! Er iſt Karls Sohn und keiner Niedrigkeit faͤhig. Dranien. Die Könige thun nichts Niedriges. Egmont. Man ſollte ihn kennen lernen. Oranien. Eben dieſe Kenntniß raͤth uns ine ge⸗ ſaͤhrliche Probe nicht abzuwarten. Egmont. Keine Probe iſt gefaͤhrlich zu der man Muth hat. Oranien. Du wirſt aufgebracht, Egmont. Egmont. Ich muß mit meinen Augen ſehen. Oranien. O ſaͤh'ſt du dießmal nur mit den mei⸗ nigen! Freund, weil du ſie offen haſt, glaubſt du du ſiehſt. Ich gehe! Warte du Alba's Ankunft ab, und Gott ſey bey dir! Vielleicht rettet dich mein Weigern. Vielleicht daß der Drache nichts zu fangen glaubt, wenn er uns nicht Beyde auf Einmal verſchlingt. Vielleicht zoͤgert er, um ſeinen Anſchlag ſicherer auszufuͤhren; und vielleicht ſieheſt du indeß die Sache in ihrer wahren Ge⸗ ſtalt. Aber dann ſchnell! ſchnell! Rette! rette dich!— Leb' wohl!— Laß deiner Aufmerkſamkeit nichts entge⸗ hen: wie viel Mannſchaft er mitbringt, wie er die Stadt beſetzt, was fuͤr Macht die Regentinn behaͤlt, wie deine Freunde geſaſſt ſind. Gib mir Nachricht——— Eg⸗ mont— Egmont. Was willſt du? 229 Oranien(ihn bey der Hand faſſend). Laß dich uͤber⸗ reden! Geh mit! Egmont. Wie? Thraͤnen, Oranien? Oranien. Einen Verlornen zu beweinen iſt anch maͤnnlich. 4 Egmont. Du waͤhnſt mich verloren? Oranien. Du biſt's. Bedenke! Dir bleibt nur eine kurze Friſt. Leb wohl!(ab.) Egmont.(allein.) Daß andrer Menſchen Gedan⸗ ken ſolchen Einfluß auf uns haben! Mir waͤr' es nie eingekommen; und dieſer Mann traͤgt ſeine Sorglichkeit in mich herüber.— Weg!— Das iſt ein fremder Tro⸗ pfen in meinem Blute. Gute Natur, wirf ihn wieder heraus! Und von meiner Stirne die ſinnenden Runzeln wegzubaden, gibt es ja wohl noch ein freundlich Mittel. 8 D 41et Au z ug en der R egentinn.„ “ v on Hrem a. Ich haͤtte mir's vermuthen ſollen. Ha! Wenn man in Muhe und Arbeit vor ſich hinlebt, denkt man immer man thue das Möglichſte; und der von Weitem zuſieht und befiehlt, glaubt er verlange nur das Mögliche.— O die Koͤnige!— ich haͤtte nicht geglaubt daß es mich ſo verdrießen koͤnnte. Es iſt ſo ſchoͤn zu herrſchen! — Und abzudanken?— Ich weiß nicht wie mein Va⸗ ter es konnte; aber ich will es auch. Machiavell(erſcheint im Grunde.) Regentinn. Tretet naͤher, Machiavell. Ich denke hier uͤber den Brief meines Bruders. Machiavell. Ich darf wiſſen was er enthaͤlt? Regentinn. So viel zaͤrtliche Aufmerkſamkeit fuͤr mich, als Sorgfalt fuͤr ſeine Staaten. Er ruͤhmt die Standhaftigkeit, den Fleiß und die Treue, womit ich bisher fuür die Rechte ſeiner Majeſtaͤt in dieſen Landen gewacht habe. Er bedauert mich, daß mir das unbaͤn⸗ 231 dige Volk ſo viel 1 ſchaffen mache. Er iſt von der Tiefe meiner Einſichten ſo vollkommen uͤberzeugt, mit der Klugheit meines Betragens ſo außerordentlich zufrieden, daß ich faſt ſagen muß, der Brief iſt fuͤr einen Koͤnig zu ſchoͤn geſchrieben, fuͤr einen Bruder gewiß. Machiavell. Es iſt nicht das Erſtemal daß er euch ſeine gerechte Zufriedenheit bezeigt. Regentinn. Aber das Erſtemal daß es redneri⸗ ſche Figur iſt. Machiavell. Ich verſteh' euch gicht. Regentinn. Ihr werdet.— Denn er meint, nach dieſem Eingange: ohne Mannſchaft, ohne eine kleine Armee werde ich immer hier eine uͤble Figur ſpielen! Wir haͤtten, ſagt er, unrecht gethan, auf die Klagen der Ein⸗ wohner unfre Soldaten aus den Provinzen zu ziehen. Eine Beſatzung, meint er, die dem Bürger auf dem Nacken laſtet, verbiete ihm durch ihre Schwere, große Spruͤnge zu machen. 2 Machiavell. Es wuͤrde die Gemuͤther außerſt agf. bringen. Regentinn. Der Koͤnig meint aber, hoͤrſt du?— Er meint, daß ein tuͤchtiger General, ſo einer, der gar keine Raiſon annimmt, gar bald mit. Volk und Adel, Buͤrgern und Bauern fertig werden koͤnne;— und ſchickt deswegen mit einem ſtarken Heere— den Herzog von Alba. Machi avell. Alba? 232 „ Regentinn. Du wunderſt dich? Machiavell. Ihr ſagt: er ſchickt. Er fragt wohl ob er ſchicken ſoll? Regentinn. Der Koͤnig fragt nicht; er ſchickt. Machiavell. So werdet ihr einen erfahrnen Krie⸗ ger in euern Dienſten haben. 3 Regentinn. In meinen Dienſten? Rede gerad' heraus, Machiavell. Machiavell. Ich moͤcht' euch nicht vorgreifen. Regentinn. Und ich möchte mich verſtellen! Es iſt mir empfindlich, ſehr empfindlich. Ich wollte lieber mein Brnder ſagte wie er's denkt, als daß er foͤrmliche Epiſteln unterſchreibt, die ein Staatsſekretär aufſetzt. Machiavell. Sollte man nicht einſehen?— Regentinn. Und ich kenne ſie inwendig und aus⸗ wendig. Sie moͤchten's gern geſaͤubert und gekehrt ha⸗ ben; und weil ſie ſelbſt nicht zugreifen, ſo findet ein Je⸗ der Vertrauen, der mit dem Beſen in der Hand kommt. O mir iſt's, als wenn ich den König und ſein Conſeil auf dieſer Tapete gewirkt ſaͤhe. Machiavell. So lebhaft? Regentinn. Es ſehlt kein Zug. Es ſind gute Menſchen drunter. Der ehrliche Rodrich, der ſo erfah⸗ ren und maͤßig iſt, nicht zu hoch will, und doch nichts fallen laͤſſt, der gerade Alonzo, der fleißige Freneda, der feſte Las Vargas, und noch Einige die mitgehen, wenn die gute Partey maͤchtig wird. Da ſitzt aber der hohl⸗ & 233 aͤngige Toledaner mit der ehrnen Stirne und dem tiefen Feuerblick, murmelt zwiſchen den Zaͤhnen von Weiber⸗ guͤte, unzeitigem Nachgeben, und daß Frauen wohl von zugerittenen Pferden ſich tragen laſſen, ſelbſt aber ſchlechte Stallmeiſter ſind, und ſolche Spaͤße, die ich ehemals von den polikiſchen Herren habe mit durchhoͤren muͤſſen. Machiavell. Ihr habt zu dem Gemaͤhlde einen guten Farbentopf gewaͤhlt. Regentinn. Geſteht nur, Machiavell: In mei⸗ ner ganzen Schattirung, aus der ich allenfalls mahlen könnte, iſt kein Toͤn ſo gelbbraun, gallenſchwarz, wie Alba's Geſichtsfarbe, und als die Farbe, aus der Er mahlt. Jeder iſt bey ihm gleich ein Gotteslaͤſterer, ein Majeſtaͤtsſchaͤnder, denn aus dieſem Kapitel kann man ſie alle ſogleich raͤdern, pfaͤhlen, viertheilen und verbren⸗ nen.— Das Gute, was ich hier gethan habe, ſieht gewiß in der Ferne wie nichts aus, eben weil's gut iſt. — Da haͤngt er ſich an jeden Muthwillen, der vorbey iſt, erinnert an jede Unruhe, die geſtillt iſt; und es wird dem Köoͤnige vor den Augen ſo voll Meuterey, Aufruhr und Tollkuͤhnheit, daß er ſich vorſtellt ſie fraͤßen ſi ſich hier einander auf, wenn eine fluchtig voruͤbergehende Ungezogenheit eines rohen Volks bey uns lange vergeſ⸗ ſen iſt. Da faſſt er einen recht herzlichen Haß auf die armen Leute; ſie kommen ihm abſcheulich, ja wie Thiere und Ungeheuer vor; er ſieht ſich nach Feuer und Schwert um, und waͤhnt ſo baͤndige man Menſchen. 234 Machiavell. Ihr ſcheint mir zu heftig, ihr nehmt die Sache zu hoch. Bleibt ihr nicht Regentinn? Regentinn. Das kenn' ich. Er wird eine In⸗ ſtruction bringen.— Ich bin in Staatsgeſchaͤften alt genug geworden, um zu wiſſen, wie man einen ver⸗ draͤngt, ohne ihm ſeine Beſtallung zu nehmen.— Erſt wird er eine Inſtruction bringen, die wird unbeſtimmt und ſchief ſeyn; er wird um ſich greifen, denn er hat die Gewalt; und wenn ich mich beklage, wird er eine ge⸗ heime Inſtruction vorſchuͤtzen; wenn ich ſie ſehen will, wird er mich herumziehen; wenn ich drauf beſtehe, wird er mir ein Papier zeigen das ganz was anders enthaͤlt; und wenn ich mich da nicht beruhige, gar nicht mehr thun als wenn ich redete.— Indeß wird er, was ich fuͤrchte, gethan, und was ich wünſche, weit abwaͤrts gelenkt haben. Machiavell. Ich wollt' ich koͤnnt' euch wider⸗ ſprechen. Regentinn. Was ich mit unſaͤglicher Geduld be⸗ ruhigte, wird er durch Haͤrte und Grauſamkeiten wieder aufhetzen; ich werde vor meinen Augen mein Werk ver⸗ loren ſehen, und uͤberdieß noch ſeine Schuld zu tragen haben.. 3 Machiavell. Erwarten's Eure Hoheit. Regentinn. So viel Gewalt hab' ich uͤber mich, um ſtille zu ſeyn. Laß ihn kommen; ich werde ihm mit der beſten Art Platz machen, eh' er mich verdraͤngt. 235 Machiavell. So raſch dieſen wichtigen Schritt? Regentinn. Schwerer als du denkſt. Wer zu herrſchen gewohnt iſt, wer's hergebracht hat, daß jeden Tag das Schickſal von Tauſenden in ſeiner Hand liegt, ſteigt vom Throne wie in's Grab. Aber beſſer ſo, als einem Geſpenſte gleich unter den Lebenden bleiben, und mit hohlem Anſehn einen Platz behaupten wollen, den ihm ein Anderer abgeerbt hat, und nun beſitzt und ge⸗ nießt. Claͤrchens Wohnnng. Claͤrchen. Mutter. Mutter. So eine Liebe wie Brackenburgs hab' ich nie geſehen; ich glaubte, ſie ſey nur in Heldengedichten. Clärchen(geht in der Stube auf und ab, ein Lied zwiſchen den Lippen fummend). Gluͤcklich allein Iſt die Seele, die liebt. 1 Mutter. Er vermuthet deinen Umgang mit Eg⸗ mont; und ich glaube, wenn du ihm ein wenig freund⸗ lich thaͤteſt, wenn du wollteſt, er heirathete dich noch. Claͤrchen(ſingt). Freudvoll Und leidvoll, Gedankenyoll ſeyn;⸗ Langen 8 236 Und bangen 2 In ſchwebender Pein;. Himmelhoch jauchzend, Zum Tode betruͤbt; Gluͤcklich allein Ii die Seele⸗ die liebt. Mutter. Laß das Heyopopeyo. Claͤrchen. Scheltet mir's nicht; es iſt ein kraͤftig Lied. Hab' ich doch ſchon manchmal ein großes Kind damit ſchlafen gewiegt. Mutter. Du haſt doch nichts im Kopfe als deine Liebe. Vergaͤßeſt du nur nicht Alles über das Eine. Den Brackenburg ſollteſt du in Ehren halten, ſag' ich dir. Er kann dich doch einmal gluͤcklich machen. Claͤrchen. Er? Mutter. O jal es kommt eine Zeit!— Ihr Kin⸗ der ſeht nichts voraus, und uͤberhorcht unſere Erfahrun⸗ gen. Die Jugend und die ſchoͤne Liebe, Alles hat ſein Ende; und es kommt eine Zeit, wo man Gott dankt wenn man irgendwo unterkriechen kann. Claͤrchen(ſchaudert ſchweigt und faͤhrt auf). Mut⸗ ter, laſſt die Zeit kommen wie den Tod. Dran vorzu⸗ denken iſt ſchreckhaft!— Und wenn er kommt! Wenn wir muͤſſen— dann— wollen wir uns geberden wie wir koͤnen— Egmont, ich dich entbehren!(In Thränen) Nein, es iſt nicht maͤglich⸗ nicht moͤglich. Egmont.. (in einem Reitermantel, den Hut in's Geſicht gedruͤckt). Claͤrchen! Claͤrchen(thut einen Schrey, fährt zuruͤch). Eg⸗ mont!(Sie eilt auf ihn zu.) Egmont!(Sie umarmt ihn und ruht an ihm.) O du guter, lieber, ſuͤſſer! Kommſt du? biſt du da? Egmont. Guten Abend, Mutter! Mutter. Gott grüß' euch, Edler Herr! Meine Kleine iſt ſaſt vergangen daß ihr ſo lang ausbleibt; ſie hat wieder den ganzen Tag von euch geredet und ge⸗ ſungen. Egmont. Ihr gebt mir doch ein Nachteſſen? Mutter. Zu viel Gnade. Wenn wir nur etwas haͤtten. Claͤrchen. Freylich! Seyd nur ruhig, Mutter; ich habe ſchon Alles darauf eingerichtet, ich habe etwas zubereitet. Verrathet mich nicht, Mutter. Mutter. Schmal genug. Claͤrchen. Wartet nur! Und dann denk' ich: wenn er bey mir iſt hab' ich gar keinen Hunger; da ſollte er auch keinen großen Appetit haben wenn ich bey ihm bin. Egmont. Meinſt du? 3 Claͤrchen(ſtampft mit dem Fuße und kehrt ſich unwil⸗ lig um.) Egmont. Wie iſt dir? * Claͤrchen. Wie ſeyd ihr heute ſo kalt! Ihr habt 238 mir noch keinen Kuß angeboten. Warum habt ihr die Arme in den Mantel gewickelt wie ein Wochenkind? Ziemt keinem Soldaten noch Liebhaber die Arme einge⸗ wickelt zu haben. Egmont. Zu Zeiten, Liebchen, zu Zeiten. Wenn der Soldat auf der Lauer ſteht und dem Feinde etwas abliſten moͤchte, da nimmt er ſich zuͤſammen, faſſt ſich ſelbſt in ſeine Arme und kaut ſeinen Anſchlag reif. Und ein Liebhaber— Mutter. Wollt ihr euch nicht ſetzen? es euch nicht bequem machen? Ich muß in die Kuche; Claͤrchen denkt an nichts wenn ihr da ſeyd. Ihr muſſt füͤrlieb nehmen. Egmont. Euer guter Wille iſt die beſte Wuͤrze. (Mutter ab.) Claͤrchen. Und was waͤre denn meine Liebe? Egmont. So viel du willſt. Claͤrchen. Vergleicht ſie, wenn ihr das Herz habt. Egmont. Zuboöͤrderſt alſo.(Er wirft den Mantel ab und ſteht in einem praͤchtigen Kleide da.) Claͤrchen. O je!— Egmont. Nun hab ich die Arme frey.(Er herzt ſie.) Claͤrchen. Laſſt! Ihr verderbt euch.(Sie tritt zuruͤck.) Wie praͤchtig! Da darf ich euch nicht anruͤhren. Egmont. Biſt du zufrieden? Ich verſprach dir einmal Spaniſch zu kommen. Claͤrchen. Ich bat euch zeither nicht mehr drum; ich dachte ihr wolltet nicht— Ach und das zukde Vließ!. Egmont. Da ſiehſt du's nun. Clarchen. Das hat dir der Kaiſer ungehängt? Egmont. Ja, mein Kind! und Kette und Zeichen geben dem der ſie trägt die edelſten Freyheiten. Ich erkenne auf Erden keinen Richter uͤber meine Handlun⸗ gen als den Großmeiſter des Ordens, mit dem verſam⸗ melten Kapitel der Ritter. Claͤrchen. O du durfteſt die ganze Welt üͤber dich richten laſſen.— Der Sammet iſt gar zu herrlich, und die Paſſement⸗Arbeit! und das Geſtickte!— Man weiß nicht wo man anfangen ſoll. Egmont. Sieh dich nur ſatt. Claͤrchen. Und das goldne Vließ! Ihr erzaͤhltet mir die Geſchichte und ſagtet: es ſey ein Zeichen alles Großen und Koſtbaren, was man mit Muͤh' und Fleiß verdient und erwirbt. Es iſt ſehr koſtbar— ich kann's deiner Liebe vergleichen.— Ich trage ſie eben ſo am Herzen— und hernach— Egmont. Was willſt du ſagen? Elaͤrchen. Hernach zergleicht ſ ſi ch's auch wieder nicht. Egmont. Wie ſo? Cläaͤrchen. Ich habe ſie nicht mit Muͤh' und Fleiß erworben, nicht verdient. Egmont. In der Liebe iſt es anders. Du ver⸗ 240 dienſt ſie weil du dich nicht darum bewirbſt— und die Leute erhalten ſie auch meiſt allein die nicht darnach jagen. Claͤrchen. Haſt du das von dir abgenommen? Haſt du dieſe ſtolze Anmerkung uͤber dich ſelbſt gemacht? du, den alles Volk liebt? Egmont. Haͤtt' ich nur etwas für ſie gethan! köͤnnt' ich etwas fuͤr ſie thun! Es iſt ihr guter Wille mich zu lieben. Claͤrchen. Du warſt gewiß heute bey der Re⸗ gentinn? 4 Egmont. Ich war bey ihr. Claͤrchen. Biſt du gut mit ihr? Egmont. Es ſieht einmal ſo aus. Wir ſind ein⸗ ander freundlich und dienſtlich. Claͤrchen. Und im Herzen? Egmont. Will ich ihr wohl. Jedes hat ſeine eigne Abſichten. Das thut nichts zur Sache. Sie iſt eine treffliche Frau, kennt ihre Leute, und ſaͤße tief genug wenn ſie auch nicht argwoͤhniſch waͤre. Ich mache ihr viel zu ſchaffen, weil ſie hinter meinem Betragen immer Geheimniſſe ſucht, und ich keine habe. Claͤrchen. So gar keine? Egmont. Eh nun! einen kleinen Hinterhalt. Je⸗ der Wein ſetzt Weinſtein in den Faͤſſern an mit der Zeit. Oranien iſt doch noch eine beſſere Unterhaltung fuͤr ſie und eine immer neue Aufgabe. Er hat ſich in 241 den Credit geſetzt, daß er immer etwas Geheimes vor⸗ habe; und nun ſieht ſie immer nach ſeiner Stirne, was er wohl denken, auf ſeine Siditts, wohin er ſie wohl richten moͤchte. Claͤrchen. Verſtellt ſie ſich? Egmont. Regentinn, und du fragſt? Claͤrchen. Verzeiht, ich wollte fragen: iſt ſie falſch? Egmont. Nicht mehr und nicht weniger, als Je⸗ der der ſeine Abſichten erreichen will. Claͤrchen. Ich koͤnnte mich in die Welt nicht fin⸗ den. Sie hat aher auch einen maͤnnlichen Geiſt, ſie iſt ein ander Weib als wir Naͤtherinnen und Koͤchinnen. Sie iſt groß, herzhaft, entſchloſſen. Egmont. Ja, wenn's nicht gar zu bunt geht. Dießmal iſt ſie doch ein wenig aus der Faſlung. Claͤrchen. Wie ſo? Egmont. Sie hat auch ein Baͤrtchen auf der Ober⸗ lippe, und manchmal einen Anfall von Podagra. Eine rechte Amazone! 4 Claͤrchen. Eine majeſtaͤtiſche Frau! Ich ſcheute mich vor ſie zu treten. Egmont. Du biſt doch ſonſt nicht zaghaft— Es waͤre auch nicht Furcht, nur jungfraͤuliche Scham. Claͤrchen(ſchlaͤgt die Augen nieder, nimmt ſeine Hard und lehnt ſich an ihn.) Eorihe’s Werke, VI. Bd. 16 242 Egmont. Ich verſtehe dich! liebes Maͤdchen! du darfſt die Augen aufſchlagen.(Er kuͤſſt ihre Augen.) Claͤrchen. Laß mich ſchweigen! laß mich dich hal⸗ ten. Laß mich dir in die Augen ſehen; alles drin fin⸗ den, Troſt und Hoffnung und Freude und Kummer. (Sie umarmt ihn, und ſieht ihn an.) Sag' mir! Sage! ich begreife nicht! biſt du Egmont? der Graf Egmont? der große Egmont, der ſo viel Aufſehen macht, von dem in den Zeitungen ſteht, an dem die Provinzen haͤngen? Egmont. Nein, Claͤrchen, das bin ich nicht. Claͤrchen. Wie? Egmont. Siehſt du, Claͤrchen!— Laß mich ſitzen! —(Er ſetzt ſich, ſie kniet vor ihn auf einen Schemel, legt ihre Arme auf ſeinen Schoß und ſieht ihn an.) Jener Eg⸗ mont iſt ein verdrießlicher, ſteifer, kalter Egmont, der an ſich halten, bald dieſes bald jenes Geſicht machen muß; geplagt, verkannt, verwickelt iſt, wenn ihn die Leute fuͤr froh und froͤhlich halten; geliebt von einem Volke, das nicht weiß was es will; geehrt und in die Höhe getragen von einer Menge, mit der nichts anzu⸗ fangen iſt; umgeben von Freunden, denen er ſich nicht uͤberlaſſen darf; beobachtet von Menſchen, die ihm auf alle Weiſe beykommen moͤchten; arbeitend und ſich be⸗ muͤhend, oft ohne Zweck, meiſt ohne Lohn— O laß mich ſchweigen wie es dem ergeht, wie es dem zu Mu⸗ the iſt. Aber dieſer, Claͤrchen, der iſt ruhig, offen⸗ 243 glücklich, geliebt und gekannt von dem beſten Herzen, das auch er ganz kennt und mit voller Liebe und Zu⸗ trauen an das ſeine druͤckt.(Er umarmt ſie.) Das iſt dein Egmont! Claͤrchen. So laß mich ſterben! Die Welt bat keine Freuden auf dieſe! VWierter Auf zug. Straße. Jetter. Zimmermeiſter. Jetter. He! Pſt! He, Nachbar, ein Wort! Zimmermeiſter. Geh deines Pfads, und ſey ruhig.. Jetter. Nur ein Wort. Nichts Neues? Zimmermeiſter. Nichts, als daß uns von Neuem zu reden verboten iſt. Jetter. Wie? Zimmermeiſter. Tretet hier an's Haus an. Huͤ⸗ tet euch! Der Herzog von Alba hat gleich bey ſeiner An⸗ kunft einen Befehl ausgehen laſſen, dadurch Zwey oder Drey, die auf der Straße zuſammen ſprechen, des Hoch⸗ verraths ohne Unterſuchung ſchuldig erklaͤrt ſind. Jetter. O weh! Zimmermeiſter. Bey ewiger Gefongenſcheſt iſt verboten von Staatsſachen zu reden. Jetter. O unſre Freyheit! 245 Zimmermeiſter. Und bey Todesſtrafe foll Nie⸗ mand die Handlungen der Regierung mißbilligen. Jetter. O unſre Koͤpfe! Zimmermeiſter. Und mit großem Verſprechen werden Vater, Mutter, Kinder, Verwandte, Freunde, Dienſtboten eingeladen, was in dem Innerſten des Hau⸗ ſes vorgeht, bey dem beſonders niedergeſetzten Gerichte zu offenbaren. Jetter. Gehn wir nach Hauſe. Zimmermeiſter. Und den Folgſamen iſt ver⸗ ſprochen daß ſie weder an Leibe, noch Vermögen einige Keaͤnkung erdulden ſollen. Jetter. Wie gnadig! War mir's doch gleich weh, wie der Herzog in die Stadt kam. Seit der Zeit iſt miy's als waͤre der Himmel mit einem ſchwarzen Flor uͤberzogen, und hinge ſo tief herunter daß man ſich bucken muͤſſe um nicht dran zu ſtoßen. Zimmermeiſter. Und wie haben dir ſeine Sol⸗ daten gefallen? Gelt das iſt eine andre Art von Kreb⸗ ſen als wir ſie ſonſt gewohnt waren. Jetter. Pfuy! Es ſchnuͤrt einem das Herz ein, wenn man ſo einen Haufen die Gaſſen hinab marſchi⸗ ren ſieht. Kerzengerad mit unverwandtem Blick, Ein Tritt ſo viel ihrer ſind. Und wenn ſie auf der Schild⸗ wache ſtehen und du gehſt an einem vorbey, iſt's als wenn er dich durch und durch ſehen wollte, und ſieht ſo ſteif und muͤrriſch aus, daß du auf allen Ecken einen 246 Zuchtmeiſter zu ſehen glaubſt. Sie thun mir gar nicht wohl. Unſre Miliz war doch noch ein luſtig Volk; ſie nah⸗ men ſich was heraus, ſtanden mit ausgegraͤtſchen Bei⸗ nen da, hatten den Hut uͤber'm Ohr, lebten und lieſſen leben; dieſe Kerle aber ſind wie Maſchinen, in denen ein Teufel ſitzt. Zimmermeiſter. Wenn ſo einer ruft:„Halt!“ und anſchlaͤgt, meinſt du, man hielte? Jetter. Ich waͤre gleich des Todes. Zimmermeiſter. Gehn wir nach Hauſe. Jetter. Es wird nicht gut. Adieu. Soeſt(tritt dazu.) Freunde! Genoſſen! Zimmermeiſter. Still! Laſſt uns gehen. Soeſt. Wiſſt ihr? Jetter. Nur zu viel! Soeſt. Die Regentinn iſt weg. Jetter. Nun gnad' uns Gott! Zimmermeiſter. Die hielt uns noch. Soeſt. Auf Einmal und in der Stille. Sie konnte ſich mit dem Herzog nicht vertragen; ſie ließ dem Adel melden ſie komme wieder. Niemand glaubt's. Zimmermeiſter. Gott verzeih's dem Adel daß er uns dieſe neue Geiſſel uͤber den Hals gelaſſen hat. Sie haͤtten es abwenden können. Unſre Privilegien ſind hin. Jetter. Um Gottes willen nichts von Privilegien! 247 Ich wittre den Geruch von einem Crecutionsmorgen; die Sonne will hervor, die Nebel ſtinken. Soeſt. Oranien iſt auch weg. Zimmermeiſter. So ſind wir denn ganz ver⸗ laſſen! Soeſt. Graf Egmont iſt noch da. Jetter. Gott ſey Dank! Saͤrken ihn alle Heili⸗ gen, daß er ſein Beſtes thut; der iſt allein was ver⸗ moͤgend.. Vanſen t(tritt auf). Find' ich endlich ein Paar die noch nicht ruterge krochen ſind? 8 Jetter. Thut uns den Gefallen und geht fürbaß. 2 Vanſen. Ihr ſeyd nicht hoͤflich. Zimmermeiſter. Es iſt gar keine Zeit zu Com⸗ plimenten. Juckt euch der Buckel wieder? Seyd ihr ſchon durchgeheilt? Vanſen. Fragt einen Soldaten nach ſeinen Wun⸗ den! Wenn ich auf Schlaͤge was gegeben haͤtte, waͤre ſein Tage nichts aus mir geworden. Jetter. Es kann ernſtlicher werden. Vanſen. Ihr ſpurt von dem Gewitter, das auf⸗ ſteigt, eine erbaͤrmliche Mattigkeit in den Gliedern, ſcheint's. 4 Zimmermeiſter. Deine Glieder werden ſich bald wo anders eine Motion machen, wenn du nicht ruhſt. Vanſen. Armſelige Maͤuſe, die gleich verzweifeln, 248 wenn der Hausherr eine neue Katze anſchafft! Nur ein Bißchen anders; aber wir treiben unſer Weſen vor wie nach, ſeyd nur ruhig. Zimmermeiſter. Du biſt ein verwegner Tauge⸗ nichts. Vanſen. Gevatter Tropf! Laß du den Herzog nur gewaͤhren. Der alte Kater ſieht aus als wenn er Teu⸗ fel ſtatt Maͤuſe gefreſſen haͤtte und koͤnnte ſie nun nicht verdauen. Laſſt ihn nur erſt; er muß anch eſſen, trin⸗ ken, ſchlafen wie andere Menſchen. Es iſt mir nicht bange, wenn wir unſere Zeit recht nehmen. Im An⸗ fange geht's raſch; nachher wird er auch finden, daß in der Speiſekammer unter den Speckſeiten beſſer leben iſt und des Nachts zu ruhn, als auf dem Fruchtboden ein⸗ zelne Maͤuschen zu erliſten. Gehe nur, ich kenne die Statthalter. 8 Zimmermeiſter. Was ſo einem Menſchen Alles durchgeht! Wenn ich in meinem Leben ſo etwas geſagt haͤtte, hielt' ich mich keine Minute fur ſicher. Vanſen. Seyd nur ruhig. Gott im Himmel er⸗ ſaͤhrt nichts von euch Wuͤrmern, geſchweige der Regent. Jetter. Laͤſtermaul! Vanſen. Ich weiß Andere, denen es beſſer waͤre, ſte haͤtten ſtatt ihres Heldenmuths eine Schneiderader im Leibe. Zimmermeiſter. Was wollt ihr damit ſagen? Vanſen. Hm! den Geafen mein' ich. 249 Jetter. Egmont! Was ſoll der fuͤrchten? 8 Vanſen. Ich bin ein armer Teuſel, und koͤnnte ein ganzes Jahr leben von dem was er in einem Abende verliert. Und doch koͤnnt' er mir ſein Einkommen eines ganzen Jahres geben, wenn er meinen Kopf auf eine Viertelſtunde haͤtte. Jetter. Du denkſt dich was rechts. Egmonts Haare ſind geſcheidter als dein Hirn. Vanſen. Red't ihr! Aber nicht feiner. Die Her⸗ ren betruͤgen ſich am erſten. Er ſollte nicht trauen. Jetter. Was er ſchwaͤtzt! So ein Herr! Vanſen. Eben weil er kein Schneider iſt. Jetter. Ungewaſchen Maul! Vanſen. Dem wollt' ich eure Courage nur eine Stunde in die Glieder wuͤnſchen, daß ſie ihm da Unruh machte und ihn ſo lange neckte und juckte, bis er aus der Stadt muͤſſte. Jetter. Ihr redet recht unverſtaͤndig; er iſt ſo ſicher wie der Stern am Himmel. Vanſen. Haſt du nie einen ſich ſchneutzen geſehn? Weg war er! Zimmermeiſter. Wer will ihm denn was thun? Vanſen. Wer will? Willſt du's etwa hindern? Willſt du einen Aufruhr erregen wenn ſie ihn gefangen nehmen? Jetter. Ah! 8 Vanſen. Wollt ihr eure Rippen ſuͤr ihn wagen? 250 Soeſt. Eh! Vanſen(ſie nachaͤffend). Ih! Oh! Uh! Verwun⸗ dert euch durch's ganze Alphabet. So iſt's und bleibt's! Gott bewahre ihn! Jetter. Ich erſchrecke uͤber eure Unverſchaͤmtheit. So ein edler, rechtſchaffener Mann ſollte was zu be⸗ fuͤrchten haben? Vanſen. Der Schelm ſitzt uͤberall im Vortheil. Auf dem Armenſuͤnder⸗Stuͤhlchen hat er den Richter zum Narren; auf dem Richterſtuhl macht er den In⸗ quiſiten mit Luſt zum Verbrecher. Ich habe ſo ein Protocoll abzuſchreiben gehabt, wo der Commiſſarius ſchwer Lob und Geld vom Hofe erhielt, weil er einen ehrlichen Teufel, an den man wollte, zum Schelmen verhoͤrt hatte. Zimmermeiſter. Das iſt wieder friſch gelogen. Was wollen ſie denn heraus verhoͤren, wenn einer un⸗ ſchuldig iſt?/ Vanſen. O Spatzenkopf! Wo nichts heraus zu verhoͤren iſt, da verhoͤrt man hinein. Ehrlichkeit macht unbeſonnen, auch wohl trotzig. Da fragt man erſt recht ſachte weg, und der Gefangne iſt ſtolz auf ſeine Unſchuld, wie ſie's heißen, und ſagt Alles geradezu, was ein Verſtaͤndiger verbaͤrge. Dann macht der In⸗ quiſitor aus den Antworten wieder Fragen, und paſſt ja auf wo irgend ein Widerſpruͤchelchen erſcheinen will; da knuͤpft er ſeinen Strick an, und laͤſſt ſich der dumme 251 Teufel betreten daß er da etwas zu viel, dort etwas zu wenig geſagt, oder wohl gar aus Gott weiß was für einer Grille einen Umſtand verſchwiegen hat, auch wohl irgend an einem Ende ſich hat ſchrecken laſſen; dann ſind wir auf den rechten Weg! Und ich verſichere euch, mit mehr Sorgfalt ſuchen die Bettelweiber nicht die Lumpen aus dem Kehricht, als ſo ein Schelmenfa⸗ brikant aus kleinen, ſchiefen, verſchobenen, verruͤckten, verdruͤckten, geſchloſſenen, bekannten, gelaͤugneten An⸗ zeigen und Umſtaͤnden ſich endlich einen ſtrohlumpenen Vogelſcheu zuſammenkuͤnſtelt, um wenigſtens ſeinen In⸗ quiſiten in effigie haͤngen zu koͤnnen. Und Gott mag der arme Teufel danken wenn er ſich noch kann haͤn⸗ gen ſehn. Jetter. Der hat eine gelaͤufige Zunge. Zimmermeiſter. Mit Fliegen mag das angehen. Die Weſpen lachen eures Geſpinnſtes. Vanſen. Nachdem die Spinnen ſind. Seht, der lange Herzog hat euch ſo ein rein Anſehn von einer Kreuzſpinne, nicht einer dickbäuchigen, die ſind weniger ſchlimm, aber ſo einer langfüßigen, ſchmalleibigen, die vom Fraße nicht feiſt wird und recht duͤnne Faͤden zieht⸗ aber deſto zaͤhere. Jetter. Egmont iſt Ritter des goldnen Vließes; wer darf Hand an ihn legen? Nur von Seinesgleichen kann er gerichtet werden, nur vom geſammten Orden. 232 Dein loſes Maul, dein boͤſes Gewiſſen verfuͤhren dich zu ſolchem Geſchwaͤtz. Vanſen. Will ich ihm darum uͤbel? Mir kann's recht ſeyn. Es iſt ein trefflicher Herr. Ein Paar mei⸗ ner guten Freunde, die anderwaͤrts ſchon waͤren gehan⸗ gen worden, hat er mit einem Buckel voll Schlaͤge ver⸗ abſchiedet. Nun geht! Geht! Ich rath' es euch ſelbſt. Dort ſeh ich wieder eine Runde antreten; die ſehen nicht aus als wenn ſie ſo bald Bruderſchaft mit uns trinken wuͤrden. Wir wollen's abwarten, und nur ſachte zuſe⸗ hen. Ich hab' ein Paar Nichten und einen Gevatter Schenkwirth; wenn ſie von denen gekoſtet haben, und werden dann nicht zahm; ſo ſind ſie ausgepichte Woͤlfe. Der Culenburgiſche Pallaſt. Wohnung des Herzogs von Alba. 1 Silva und Gomez (begegnen einander). Silba. Haſt du die Befehle des Herzogs ausge⸗ richtet? Gomez. Puͤnktlich. Alle taͤgliche Runden ſind beordert, zur beſtimmten Zeit an verſchiedenen Plaͤtzen einzutreffen, die ich ihnen bezeichnet habe; ſie gehen in⸗ deß, wie gewoͤhnlich, durch die Stadt, um Ordnung zu erhalten. Keiner weiß von dem Andern; Jeder glaubt 44 253 der Befehl geht ihn allein an, und in einem Augenblick kann alsdann der Cordon gezogen, und alle Zugaͤnge zum Pallaſt koͤnnen beſetzt ſeyn. Weißt du die Urſache dieſes Befehls? Silva. Ich bin gewohnt blindlings zu gehor⸗ chen. Und wem gehorcht ſich's leichter als dem Herzo⸗ ge? da bald der Ausgang beweiſ't daß er recht befoh⸗ len hat. Wunder, daß du ſo verſchloſſen und einſilbig wirſt wie er, da du immer um ihn ſeyn muſſt. Mir kommt es fremd vor, da ich den leichteren Italiaͤniſchen Dienſt ge⸗ wohnt bin. An Treue und Gehorſam bin ich der Alte; aber ich habe mir das Schwätzen und Raiſonniren ange⸗ wohnt. Ihr ſchweigt Alle und laſſt es euch nie wohl ſeyn. Der Herzog gleicht mir einem ehrnen Thurm ohne Pforte, wozu die Beſatzung Fluͤgel haͤtte. Neulich hoͤrt' ich ihn bey Tafel von einem frohen freundlichen Men⸗ ſchen ſagen: er ſey wie eine ſchlechte Schenke mit einem ausgeſteckten Branntwein⸗Zeichen, um Muͤßiggaͤnger, Bettler und Diebe herein zu locken... Silva. Und hat er uns nicht ſchweigend hierher gefuͤhrt? Gomez. Dagegen iſt nichts zu ſagen. Gewiß! Wer Zeuge ſeiner Klugheit war, wie er die Armee aus Italien hierher brachte, der hat etwas geſehen. Wie er ſich durch Freund und Feind, durch die Franzoſen, Gomez. Gut! Gut! Auch ſcheint es mir kein Koͤniglichen und Ketzer, durch die Schweizer und Ver⸗ bundnen gleichſam durchſchmiegte, die ſtrengſte Manns⸗ zucht hielt, und einen Zug, den man ſo gefaͤhrlich ach⸗ tete, leicht und ohne Anſtoß zu leiten wuſſte!— Wir haben was geſehen, was lernen koͤnnen.— Silva. Auch hier! Iſt nicht Alles ſtill und raßin. als wenn kein Aufſtand geweſen wäre? Gomez. Nun, es war auch ſchon meiſt ſtill als wir herkamen. Silva. In den Provinzen iſt es viel ruhiger ge⸗ worden; und wenn ſich noch Einer bewegt, ſo iſt es um zu entfliehen. Aber auch dieſem wird er die Wege bald verſperren, denk' ich. Gomez. Nun wird er erſt die Gunſt des Koͤnigs gewinnen. Silva. Und uns bleibt nichts angelegner als uns die ſeinige zu erhalten. Wenn der Koͤnig hieher kommt, bleibt gewiß der Herzog und Jeder, den er empfiehlt, nicht unbelohnt. Gomez. Glaubſt du daß der Koͤnig kommt? Silva. Es werden ſo viele Anſtalten gemacht daß es hoͤchſt wahrſcheinlich iſt. Gomez. Mich uͤberreden ſie nicht. Silva. So rede wenigſtens nicht davon. Denn wenn des Koͤnigs Abſicht ja nicht ſeyn ſollte zu kommen; ſo iſt ſie's doch wenigſtens gewiß daß man es glau⸗ ben ſoll. 2355 Ferdinand,(Alba's natuͤrlicher Sohn). Iſt mein Vater noch nicht heraus? Silva. Wir warten auf ihn. Ferdinand. Die Fürſten werden bald hier ſeyn. Gomez. Kommen ſie heute? Ferdinand. Oranien und Egmont. Gomez(leiſe zu Silva). Ich begreife etwas. Silva. So behalt' es fuͤr dich. Herzog von Alba. (Wie er herein und hervor tritt, treten die Andern zuruͤck.) Gomez! Gomez(tritt vor). Herr! Alba. Du haſt die Wachen vertheilt und beordert? 1* Gomez. Auß's Genaueſte. Die taͤglichen Runden— Alba. Genug. Du warteſt in der Gallerie. Silva wird dir den Augenblick ſagen, wenn du ſie zuſammen⸗ ziehen, die Zugaͤnge nach den Pallaſt beſetzen ſollſt. Das Uebrige weißt du. Gomez. Ja, Herr!(ab.) Alba. Silva! Silva. Hier bin ich. Alba. Alles was ich von jeher an dir geſchaͤtzt habe, Muth, Entſchloſſenheit, unaufhaltſames Ausfuͤh⸗ ren, das zeige heut. Silva. Ich danke euch, daß ihr mir Gelegenheit gebt zu zeigen daß ich der Alte bin. Alba. So bald die Fuͤrſten bey mir eiugetreten 236 ſind, dann eile gleich Egmonts Geheimſchreiber gefan⸗ gen zu nehmen. Du haſt alle Anſtalten gemacht, die Uebrigen, welche bezeichnet ſind, zu fahen? Silva. Vertraue auf uns. Ihr Schickſal wird ſie, wie eine wohlberechnete Sonnenfinſterniß, puͤnktlich und ſchrecklich treffen. Alba. Haſt du ſie genau beobachten laſſen? Silva. Alle; den Egmont vor Andern. Er iſt der Einzige, der, ſeit du hier biſt, ſein Betragen nicht geaͤndert hat. Den ganzen Tag von einem Pferd auf's andere, ladet Gaͤſte, iſt immer luſtig und unterhaltend bey Ta⸗ fel, wuͤrfelt, ſchießt und ſchleicht Nachts zum Liebchen. Die Andern haben dagegen eine merkliche Pauſe in ihrer Lebensart gemacht; ſie blieben bey ſich; vor ihrer Thuͤre ſieht's aus als wenn ein Kranker im Hauſe waͤre. Alba. Drum raſch! eh' ſie uns wider Willen ge⸗ neſen. „Silva. Ich ſtelle ſie. Auf deinen Beſehl uͤberhaͤu⸗ ſen wir ſie mit dienſtfertigen Ehren. Ihnen graut's; politiſch geben ſie uns einen aͤngſtlichen Dank, fühlen das Raͤthlichſte ſey zu entfliehen, keiner wagt einen Schritt, ſie zaudern, koͤnnen ſich nicht vereinigen; und einzeln etwas Kuhnes zu thun haͤlt ſie der Gemeingeiſt ab. Sie moͤchten gern ſich jedem Verdacht entziehen, und machen ſich immer verdaͤchtiger. Schon ſeh' ich mit Freuden deinen ganzen Anſchlag ausgeſührt. Alba. Ich freue mich nur uͤber das Geſchehene; 257 und auch uͤber das nicht leicht: denn es bleibt ſtets noch übrig, was uns zu denken und zu ſorgen gibt. Das Gluͤck iſt eigenſinnig, oft das Gemeine, das Nichts⸗ wuͤrdige zu adeln und wohluͤberlegte Thaten mit einem gemeinen Ausgang zu entehren. Verweile bis die Fuͤr⸗ ſten kommen; dann gib Gomez die Ordre die Straßen zu beſetzen, und eile ſelbſt Egmonts Schreiber und die Uebrigen gefangen zu nehmen, die dir bezeichnet ſind. Iſt es gethan; ſo komm hierher und meld' es meinem Soh⸗ ne, daß er mir in den Rath die Nachricht bringe. Silpva. Ich hoffe dieſen Abend vor dir ſtehn zu duͤrfen. Alba(geht nach ſeinem Sohne, der bisher in der Gal⸗ lerie geſtanden.) Silva. Ich traue mir es nicht zu ſagen; aber mmeine Hoffnung ſchwankt. Ich fuͤrchte es wird nicht werden wie er denkt. Ich ſehe Geiſter vor mir, die ſtill und ſi unend auf ſchwarzen Schalen das Geſchick der Furſten und vieler Tauſende waͤgen. Langſam wankt das Zunglein auf und ab; tief ſcheinen die Nichter zu ſinnen; zuletzt ſinkt die Schale, ſteigt jene, angehaucht vom Eigenſinn des Schickſals, und entſchieden iſt's.(ab.) Alba(mit Ferdinand hervottretend). Alba. Wie fand'ſt du die Stadt? Ferdinand. Es hat ſich Alles gegeben. Ich ritt, als wie zum Zeitvertreib, Straß' auf Straß ab. Eur wohlvertheilten Wachen halten die Furcht ſo angeſpannt, Goethe’s Werke. VI. Bd. 17 1 258 daß ſie ſich nicht zu lispeln unſterſteht. Die Stadt ſieht einem Felde aͤhnlich, wenn das Gewitter von Weitem leuchtet; man erblickt keinen Vogel, kein Thier, als das eilend nach einem Schutzorte ſchluͤpft. Alba. Iſt dir nichts weiter begegnet? Ferdinand. Egmont kam mit Einigen auf den Markt geritten; wir grüßten uns; er hatte ein rohes Pferd, das ich ihm loben muſſte.„Laſſt uns eilen Pferde zuzureiten, wir werden ſie bald brauchen!“ rief er mir entgegen. Er werde mich noch heute wiederſehn, ſagte er, und komme, auf euer Verlangen, mit euch zu rathſchlagen.. 1 Alba. Er wird dich wiederſehn. Ferdinand. Unter allen Rittern, die ich hier ken⸗ ne, gefaͤllt er mir am beſten. Es ſcheint wir werden Freunde ſeyn. Alba. Du biſt noch immer zu ſchnell und wenig behutſam; immer erkenn' ich in dir den Leichtſinn deiner Mutter, der mir ſie unbedingt in die Arme lieferte. Zu mancher gefaͤhrlichen Verbindung lud dich der Anſchein voreilig ein. Ferdinand. Euer Wille findet mich bildſam. Alba. Ich vergebe deinem jungen Blute dieſes leicht⸗ ſinnige Wohlwollen, dieſe unachtſame Froͤhlichkeit. Nur vergiß nicht, zu welchem Werke ich geſandt bin, und welchen Theil i, dir dran geben moͤchte. ———ÿyqp— 259 Ferdinand. Erinnert mich, und ſchont mich nicht wo ihr es noͤthig haltet. Alba(nuach einer Pauſe). Mein Sohn! Ferdinand. Mein Vater! Alba. Die Fuͤrſten kommen bald, Oranien und Egmont kommen. Es iſt nicht Mißtrauen, daß ich dir erſt jetzt entdecke was geſchehen ſoll. Sie werden nicht⸗ wieder von hinnen gehn. Ferdinand. Was ſinnſt du? Alba. Es iſt beſchloſſen ſie feſtzuhalten— Du er⸗ ſtaunſt! Was du zu thun haſt, hoͤre; die Urſachen ſellſt du wiſſen wenn es geſchehn iſt. Jetzt bleibt keine Zeit ſie auszulegen. Mit dir allein wuͤnſcht' ich das Groͤßte, das Geheimſte zu beſprechen; ein ſtarkes Band häͤlt uns zuſammengefeſſelt; du biſt mir werth und lieb; auf dich moͤcht' ich Alles haͤufen. Nicht die Gewohnheit zu ge⸗ horchen allein moͤcht' ich dir einpraͤgen; auch den Sinn auszudruͤcken, zu beſehlen, auszufuͤhren, wuͤnſcht' ich in dir fortzupflanzen; dir ein großes Erbtheil, dem Koͤnige den brauchbarſten Diener zu hinterlaſſen; dich mit dem Beſten was ich habe auszuſtatten, daß du dich nicht ſchä⸗ men durfeſt unter deine Bruͤder zu treten. Ferdinand. Was werd' ich dir nicht für dieſe Liebe ſchuldig, die du mir allein zuwendeſt, indem ein ganzes Reich vor dir zittert! 2 Alba. Nun hoͤre was zu thun iſt. Sobald die Fuͤrſten eingetreten ſind, wird jeder Zugang zum Pal⸗ 260 laſte beſetzt. Dazu hat Gomez die Ordre. Silva wird eilen, Egmonts Schreiber mit den Verdaͤchtigſten gefan⸗ gen zu nehmen. Du hältſt die Wache am Thore und in den Höfen in Ordnung. Vor allen Dingen beſetze dieſe Zimmer hier neben mit den ſicherſten Leuten; dann warte auf der Gallerie, bis Silva wiederkommt, und bringe mir irgend ein unbedeutend Blatt herein, zum Zeichen, daß ſein Auftrag ausgerichtet iſt. Dann bleib im Vorſaale bis Oranien weggeht; folg' ihm; ich halte Egmont. hier, als ob ich ihm noch was zu ſagen haͤtte. Am Ende der Gallerie fordere Oraniens Degen, rufe die Wache an, verwahre, ſchnell den geſährlichſten Mannz und ich faſſe Egmont hier. Ferdinand. Ich gehorche, mein Bater. Zum Er⸗ ſtenmal mit ſchwerem Herzen und mit Sorge.. Alba. Ich verzeihe dir's; es iſt der erſte große Tag, den du erlebſt. Silva(tritt herein). Ein Bote von Antwerpen. Hier iſt Oraniens Brief! Er kommt nicht. Alba. Sagt' es der Bote? Silvg. Nein, mir ſagt's das Herz.. Alba. Aus dir ſpricht mein boͤſer Genius.(Nach⸗ dem er den Brief geleſen winkt er Beyden, und ſie ziehen ſich in die Gallerie zuruͤck. Er bleiht allein auf dem Vorder⸗ theile.) Er kommt nicht! bis auf den letzten Augen⸗ blick verſchiebt er ſich zu erklaͤren. Er wagt es, nicht 261 zu kommen! So war denn dießmal wider Vermuthen der Kluge klug genug, nicht klug zu ſeyn!— Es ruͤckt die Uhr! Noch einen kleinen Weg des Seigers, und ein großes Werk iſt gethan oder verſaͤumt, unwiederbring⸗ lich verfaumt: denn es iſt weder nachzuholen noch zu verheimlichen. Laͤngſt hatt' ich Alles reiflich abgewogen⸗ und mir auch dieſen Fall gedacht, mir feſtgeſetzt was auch in dieſem Falle zu thun ſey; und jetzt, da es zu thun iſt, wehr' ich mir kaum, daß nicht das Fuͤr und Wider mir auf's Neue durch die Seele ſchwankt.— Iſt's raͤthlich die Andern zu fangen, wenn er mir ent⸗ geht? Schieb' ich es auf, und laſſ' Egmont mit den Seinigen, mit ſo Vielen entſchluͤpfen, die nun, vielleicht nur heute noch, in meinen Haͤnden ſind. So zwingt dich das Geſchick denn auch, du Unbezwinglicher? Wie lang' gedacht! Wie wohl bereitet! Wie groß, wie ſchoͤn der Plan! Wie nah die Hoffnung ihrem Ziele! und nun im Augenblick des Entſcheidens biſt du zwiſchen zwey Uebel geſtellt; wie in einem Loostopf greifſt du in die dunkle Zukunſt; was du faſſeſt iſt noch zugerollt, dir unbewuſſt, ſey's Treffer oder Fehler!(Er wird auf⸗ merkſam, wie einer der etwas hort, und tritt au's Fenſter.) Er iſt es!— Egmont, Trug dich dein Pfeid ſo leicht her⸗ ein, und ſcheute vor dem Blutgeruche nicht, und vor dem Geiſt mit dem blanken Schwert, der an der Pforte dich empfängt?— Steig ab!— ſo biſt du mit dem einen Fuß im Grab'! und ſo mit beyden!— Ja ſtreich 1 262 es nur, und klopfe fuͤr ſeinen muthigen Dienſt zum Letz⸗ tenmale den Nacken ihm— Und mir bleibt keine Wahl. In der Verblendung, wie hier Egmont naht, kann er dir nicht zum Zweytenmal ſich liefern!— Hoͤrt! Ferdinand und Silva(treten eilig herbey.) Ihr thut was ich befahl; ich ändre meinen Willen nicht. Ich halte, wie es gehn will, Egmont auf, bis du mir von Silva die Nachricht gebracht haſt. Dann bleib' in der Naͤhe. Auch dir raubt das Geſchick das große Ver⸗ dienſt, des Koͤnigs groͤßten Feind mit eigner Hand ge⸗ fangen zu haben.(Zu Silva.) Eile!(Z3u Ferdinand.) Geh' ihm entgegen.(Alba bleibt einige Augenblicke allein und geht ſchweigend auf und ab.) Egmont ttritt auf). Ich komme die Befehle des Koͤnigs zu vernehuner, zu hören, welchen Dienſt er von unſerer Treue verlangt, die ihm ewig ergeben bleibt. Alba. Er wuͤnſcht vor allen Dingen euern Rath zu hoͤren. Egmont. Ueber welchen Gegenſtand? Kommt Ota⸗ nien auch? Ich vermuthete ihn hier. Alba. Mir thut es leid daß er uns eben in die⸗ ſer wichtigen Stunde ſehlt. Euern Rath, eure Mei⸗ nung wuͤnſcht der Koͤnig, wie dieſe Staaten wieder zu beftiedigen. Ja, er hofft ihr werdet kraͤftig mitwirken dieſe Unruhen zu ſtillen und die Ordnung der Provin⸗ zen voͤllig und dauerhaft zu gruͤnden, 263 Egmont. Ihr koͤnnt beſſer wiſſen als ich, daß ſchon Alles genug beruhigt iſt, ja, noch mehr beruhigt war, eh' die Erſcheinung der neuen Soldaten wieder mit Furcht und Sorge die Gemuͤther bewegte.. Alba. Ihr ſcheint andeuten zu wollen, das Raͤth⸗ lichſte ſey geweſen, wenn der Koͤnig mich gar nicht in den Fall geſetzt haͤtte euch zu fragen.. Egmont. Verzeiht! Ob der Koͤnig das Heer haͤtte ſchicken ſollen, ob nicht vielmehr die Macht ſeiner ma⸗ jeſtaͤtiſchen Gegenwart allein ſtärker gewirkt haͤtte, iſt meine Sache nicht zu beurtheilen. Das Heer iſt da, Er nicht. Wir aber muͤſſten ſehr undankbar, ſehr vergeſſen ſeyn, wenn wir uns nicht erinnerten was wir der Re⸗ gentinn ſchuldig ſind. Bekennen wir! Sie brachte durch ihr ſo kluges als tapferes Betragen die Aufruͤhrer mit Gewalt und Anſehn, mit Ueberredung und Liſt zur Ru⸗ he, und fuͤhrte zum Erſtaunen der Welt ein rebelliſches Volk in wenigen Monaten zu ſeiner Pflicht zurück. Alba. Ich laͤugne es nicht. Der Tumult iſt ge⸗ ſtillt, und Jeder ſcheint in die Graͤnzen des Gehorſams zurückgebannt. Aber häͤngt es nicht von eines Jeden Willkuͤr ab ſie zu verlaſſen? Wer will das Volk hin⸗ dern loszubrechen? Wo iſt die Macht ſie abzuhalten? Wer buͤrgt uns daß ſie ſich ferner treu und unterthaͤnig zeigen werden? Ihr guter Wille iſt alles Pfand das wir haben. Egmont. Und iſt der gute Wille eines Volks nicht 264 das ſicherſte, das edelſte Pfand? Bey Gott! Wenn darf ſich ein Koͤnig ſicherer halten als wenn ſie Alle fuͤr Einen, Einer fuͤr Alle ſtehn? ſicherer gegen innere und aͤußere Feinde? Alba. Wir werden uns doch richt uͤberreden ſol⸗ len daß es jetzt hier ſo ſteht? Egmont. Der Koͤnig ſchreibe einen General⸗Par⸗ don aus, er beruhige die Gemuͤther; und bald wird man ſehen wie Treue und Liebe mit dem Zutrauen wieder zurückkehrt.. Alba. Und Jeder der die Mafeſtät des Konigs, der das Heiligthum der Religion geandert, ginge frey und ledig hin und wieder! lebte den Andern zum bereiten Beyſpiel, daß ungeheure Vecbrechen ſtraflos ſind? Egmont. Und iſt ein Verbrechen des Unſinns, der Trunkenheit, nicht eher zu eatſchuldigen, als grauſam zu beſtrafen? Beſonders wo ſo ſichere Hoffnung, wo Ge⸗ wißheit iſt daß die Uebel nicht wiederkehren werden? Waren Köonige darum nicht ſicherer? Werden ſie nicht von Welt und Nachwelt geprieſen, die eine Beleidigung ihrer Wuͤrde vergeben, bedauern, verachten konnten? Werden ſie nicht eben deswegen Gott gleich gehalten, der viel zu groß iſt als daß an ihn jede Laͤſterung rei⸗ chen ſollte? Alba. Und eben darum ſoll der Koͤnig fuͤr die Wuͤrde Gottes und der Religion, wir ſollen fuͤr das An⸗ ſehn des Koͤnigs ſtrkiten. Was der Obere abzulehnen verſchmaͤht. i*ſt unſere Pflicht zu raͤchen. Ungeſtraſt ſoll, wenn ich rathe, kein Schuldiger ſich freuen. Egmont. Glaubſt du daß du ſie alle erreichen wirſt? Hoͤrt man nicht taͤglich, daß die Furcht ſie hie und dahin, ſie aus dem Lande treibt? Die Reichſten werden ihre Guter, ſich, ihre Kinder und Freunde fluch⸗ ten; der Arme wird ſeine nützlichen Haͤnde dem Nachbar zubringen. 3 Alba. Sie werden, wenn man ſie nicht verhindern kann. Darum verlangt der Koͤnig Rath und That von jedem Fuͤrſten, Ernſt von jedem Statthalter; nicht nur Erzahlung wie es iſt, was werden könnte wenn man Alles gehen lieſſe wie's geht. Einem großen Uebel zuſe⸗ hen, ſich mit Hoffnung ſchmeicheln, der Zeit verkrauen, etwa einmal drein ſchlagen, wie im Faſtnachtsſpiel, daß es klatſcht und man doch etwas zu thun ſcheint wenn man nichts thun moͤchte, heißt das nicht ſich verdaͤch⸗ tig machen, als ſehe man den Aufruhr mit Vergnuͤgen , den man nicht erregen, wohl aber hegen moͤchte! Egmont(im Begriff aufzufahren, nimmt ſich zuſam⸗ men, und ſpricht nach einer kleinen Pauſe geſetzt.) Nicht jede Abſicht iſt offenbar, und manches Mannes Abſicht iſt zu mißdeuten. Muß man doch auch von allen Sei⸗ ten hoͤren: es ſey des Konigs Abſicht weniger die Pro⸗ vinzen nach einfoͤrmigen und klaren Geſetzen zu regieren, die Majeſtaͤt der Religion zu ſichern und einen allge⸗ meinen Frieden ſeinem Volke zu geben, als vielmehr ſi e 266 unbedingt zu unterjochen, ſie ihrer alten Rechte zu be⸗ rauben, ſich Meiſter von ihren Beſitzthuͤmern zu machen, die ſchoͤnen Rechte des Adels einzuſchraͤnken, um derent⸗ willen der Edle allein ihm dienen, ihm Leib und Leben widmen mag. Die Religion, ſagt man, ſey nur ein praͤchtiger Teppich, hinter dem man jeden gefaͤhrlichen Anſchlag nur deſto leichter ausdenkt. Das Volk liegt auf den Knieen, betet die heiligen gewirkten Zeichen an, und hinten lauſcht der Vogelſteller der ſie beruͤcken will. Alba. Das muß ich von dir höͤren? Egmont. Nicht meine Geſinnungen! Nur was bald hier, bald da, von Großen und von Kleinen, Klu⸗ gen und Thoren geſprochen, laut verbreitet wird. Die Niederlaͤnder fuͤrchten ein doppeltes Joch, und wer buͤrgt ihnen fuͤr ihre Freyheit? Alba. Freyheit? Ein ſchoͤnes Wort, wer's recht verſtaͤnde. Was wollen ſie fuͤr Freyheit? Was iſt des Freyeſten Freyheit?— Recht zu thun!— und daran wird ſie der Koͤnig nicht hindern. Nein! nein! ſie glauben ſich nicht frey, wenn ſie ſich nicht ſelbſt und Andern ſchaden können. Waͤre es nicht beſſer abzudanken als ein ſolches Volk zu regieren? Wenn auswaͤrtige Feinde draͤngen, an die kein Buͤrger denkt, der mit dem Naͤch⸗ ſten nur beſchaͤftigt iſt, und der Koͤnig verlangt Bey⸗ ſtand; dann werden ſie uneins unter ſich, und verſchwoͤ⸗ ren ſich gleichſam mit ihren Feinden. Weit beſſer iſt's ſie einzuengen, daß man ſie wie Kinder halten, wie Kin⸗ 267 der zu ihrem Beſten leiten kann. Glanbe nur ein Volk wird nicht alt, nicht klug; ein Volk bleibt immer kindiſch. Egmont. Wie ſelten kommt ein Köoͤnig zu Ver⸗ ſtand! Und ſollen ſich Viele nicht lieber Vielen vertrauen als Einem? und nicht einmal dem Einen, ſondern den Wenigen des Einen, dem Volke, das an den Blicken ſei⸗ nes Herrn altert. Das hat wohl allein das Recht klug zu werden.— Alba. Vielleicht eben darum, weil es ſich nicht ſelbſt uͤberlaſſen iſt. 3 Egmont. Und darum Niemand gern ſich ſelbſt uͤberlaſſen moͤchte. Man thue was man will; ich habe auf deine Frage geantwortet, und wiederhole: Es geht nicht! Es kann nicht gehen! Ich kenne meine Lands⸗ leute. Es ſind Maͤnner, werth Gottes Boden zu be⸗ treten; ein jeder rund fuͤr ſich, ein kleiner Koͤnig, feſt, ruͤhrig, faͤhig, treu, an alten Sitten hangend. Schwer iſt's ihr Zutrauen zu verdienen; leicht zu erhalten. Starr und feſt! Zu druͤcken ſind ſie; nicht zu unterdruͤcken. Alba(der ſich indeß einigemal umgeſehen hat). Soll⸗ teſt du das alles in des Koͤnigs Gegenwart wiederholen? Egmont. Deſto ſchlimmer, wenn mich ſeine Ge⸗ genwart abſchreckte! Deſto beſſer fuͤr ihn, fuͤr ſein Volk, wenn er mir Muth machte, wenn er mir Zutrauen ein⸗ floͤßte noch weit mehr zu ſagen. Alba. Was nuͤtzlich iſt kann ich hoͤren wie er.— Esgmont. Ich wurde ihm ſagen: Leicht kann der 268 Hirt eine ganze Herde Schafe vor ſich hintreiben, der Stier zieht ſeinen Pflug ohne Widerſtand; aber dem edeln Pferde, das du reiten villſ⸗ muſſt du ſeine Ge⸗ danken ablernen, du muſſt n ichts Unkluges, nichts un⸗ klug von ihm berlangen. Darum wuͤnſcht der Burger ſeine alte Verfaſſung zu behalten, von ſeinen Landsleuten regiert zu ſeyn, weil er weiß wie er gefuͤhrt wird, weil er von ihnen Uneigennutz, Theilnehmung an ſeinem Schick⸗ ſal hoffen kann. Alba. Und ſollte der Regent nicht Macht haben dieſes alte Herkommen zu verändern? und ſollte nicht eben dieß ſein ſchonſtes Vorrecht ſeyn? Was iſt bleibend auf dieſer Welt? und ſollte eine Staatseinrichtung bleiben koͤnnen? muß nicht in einer Zeitfolge jedes Verhaͤltniß ſich veraͤndern, und eben darum eine alte Verfaſſung die Urſache von tauſend Uebeln werden, weil ſie den gegen⸗ waͤrtigen Zuſtand des Volkes nicht umſaſſt? Ich fuͤrchte, dieſe alten Rechte ſind darum ſo angenehm, weil ſie Schlupfwinkel bilden, in welchen der Kluge, der Maͤch⸗ tige, zum Schaden des Volks, zum Schaden des Gan⸗ zen, ſich verbergen oder durchſchleichen kann. Egmont. Und dieſe willkürlichen Veraͤnderungen, dieſe unbeſchraͤnkten Eingriffe der hoͤchſten Gewalt, ſind ſie nicht Vorboten, daß Einer thun will was Tau⸗ ſende nicht thun ſollen? Er will ſich allein frey machen, um jeden ſeiner Wuͤnſche befriedigen, jeden ſeiner Gedan⸗ ken ausfuͤhren zu koͤnnen. Und wenn wir uns ihm, ei⸗ 269 nem guten weiſen Koͤnige, ganz vertrauten, ſagt er uns fuͤr ſeine Nachkommen gut? d daß keiner ohne Ruͤckſicht, ohne Sch honung regieren werde? Wer rettet uns alsdann von voͤlliger Willk ur, wenn er uns ſeine Diener, ſeine Nachſt ſten ſendet, die ohne Kenntniß des Landes und ſei⸗ ner Bedurfniſſe nach Belieben ſchalten und walten, kei⸗ nen Widerſtand finden, und ſich von eder Verantwor⸗ tung frey wiſſen. Alba(der ſichi indeß wieder um geſehen hat). Es iſt nichts natuͤclicher als daß ein Koͤnig durch ſich zu herr⸗ ſchen gedenkt, und denen dieſe Befehle am liebſten auf⸗ traͤgt die ihn am beſten verſtehen, verſtehen wollen, die inen Willen unbedingt ausrichten. Egmont. und eben ſo natuͤrlich iſt's daß der Buͤrger von dem regiert ſeyn will der mit ihm geboren und erzogen iſt, der gleichen Begriff mit ihm von Recht und Unrecht gefaſſt hat, den er als ſeinen Bruder anſe⸗ hen kann.. Alba. Und doch hat der Adel mit dieſen ſeinen Bruͤ⸗ dern ſehr ungleich getheilt. Egm ont. Das iſt vor Jahrhunderten geſchehen, und wird jetzt ohne Neid geduldet. Wuͤrden aber neue Menſchen ohne Noth geſendet, die ſich zum zweyten⸗ male auf Unkoſten der Nation bereichern wollten, ſaͤhe man ſich einer ſtrengen, kuͤhnen, unbedienten Habſucht ausgeſetzt; das wuͤrde eine Gäͤhrung iechen, die ſich ich lelsli t in ſich ſelbſt aufloͤſ'te. 3 Alba. Du ſagſt mir was ich nicht hoͤren ſollte; auch ich bin fremd. Eßmont. Daß ich dir's ſage, zeigt dir daß ich dich nicht meine. Alba. Und auch ſo, wuͤnſcht' ich es nicht von dir ¹ zu hoͤren. Der Koͤnig ſandte mich mit Hoffnung daß ich hier den Beyſtand des Adels finden wuͤrde. Der Koͤnig will ſeinen Willen. Der Koͤnig hat nach tiefer Ueberlegung geſehen was dem Volke frommt; es kann nicht bleiben und gehen wie bisher. Des Koͤnigs Abſicht iſt ſie ſelbſt zu ihrem eigenen Beſten einzuſchraͤnken; ihr eigenes Heil, wenn's ſeyn muß, ihnen aufzudringen, die ſchaͤdlichen Buͤrger aufzuopfern, damit die ubrigen Ruhe finden, des Gluͤcks einer weiſen Regſerung genie⸗ Ben koͤnnen. Dieß iſt ſein Entſchluß; dieſen dem Adel kund zu machen habe ich Befehl; und Rath verlang' ich in ſeinem Namen, wie es zu thun ſey, nicht was: denn das hat Er beſchloſſen. Egmont. Leider rechtfertigen deine Worte die Zurch des Volks, die allgemeine Furcht! So hat er Ddei be⸗ ſchloſſen was kein Fuͤrſt beſchließen ſollte. e Kraft ſeines Volks, ihr Gemuͤth, den Begriff den 15 von ſich ſelbſt haben, will er ſchwaͤchen, niederdrücken, zerſtoͤren, um ſie bequem regieren zu koͤnnen. Er will den innern Kern ihrer Eigenheit verderben; gewiß in der Abſicht ſie gluͤcklicher zu machen. Er will ſie vernichten, damit ſie Etwas werden, ein anderes Etwas. O wenn ſeine Ab⸗ 221 ſicht gut iſt, ſo wird ſie mißgeleitet! Nicht dem Koͤnige widerſetzt man ſich; man ſtellt ſich nuͤr dem Koͤnige ent⸗ gegen, der einen falſchen Weg zu wandeln die erſten un⸗ gluͤcklichen Schritte macht. 1 Alba. Wie du geſinnt biſt, ſcheint es ein vergeb⸗ licher Verſuch uns vereinigen zu wollen. Du denkſt ge⸗ ring vom Köoͤnige und voruͤchtlich von ſeinen Naͤthen, wenn du zweifelſt das alles ſey nicht ſchon gedacht, ge⸗ pruͤft, gewogen worden. Ich habe keinen Auftrag je⸗ des Fuͤr und Wider noch eitnel durchzugehen. Ge⸗ horſam fordere ich von dem Volke: nd von Euch, ihr Erſten, Edelſten, Rath und That, dis Bieden dieſetn un⸗ bedingten Pflicht. Egmont. Fordre unſre Haͤuptet, 5 iſt es auf Einmal geihan. Ob ſich der Nacken dieſem Joche bie⸗ gen, ob er ſich vor dem Beile ducken ſoll, kann einer edeln Seele gleich ſeyn. Umſonſt hab' ich ſo viel geſpro⸗ chen; die Luft hab' ich erſchuͤttert, weiter nichts gewonnen. Ferdinand(kommt). Verzeiht, daß ich euer Geſpraͤch unterbreche. Hier iſt ein Brief, deſſen Ueberbringer die Aunwott dringend macht. Albg. Erlaubt mir daß ich ſehe was er ent⸗ haͤlt. TTritt an die Seite.) Ferdinand(zu Egmont). Es iſt ein ſchoͤnes Pferd das eure Leute gebracht haben euch abzuholen. Egmont. Es iſt nicht das ſchlimmſte. Ich hab⸗ 272 es ſchon eine Weile; ich denk' es wegzugeben. Wenn es euch gefaͤllt, ſo werden wir vielleicht des Handels einig. Ferdinand. Gut, wir wollen ſehn. Alba(vinkt ſeinem Sohne, der ſich in den Grund zu⸗ rüͤckzieht). Egmont. Lebt wohl! Entlaſſt mich: denn ich wuſfte bey Gott! nicht mehr zu ſagen. Alba. Glluͤcklich hat dich der Zufall verhindert dei⸗ nen Sinn noch weiter zu verrathen. Unvorſichtig ent⸗ wickelſt du die Falten deines Herzens, und kiagſt dich ſelbſt weit ſtrenger an, als ein Widerſacher gehaͤ ſig thun könnte. Egmont. Dieſer Vorwurf rührt mich nicht; ich kenne mich ſelbſt genug, und weiß wie ich dem Koͤnig angehöoͤre; weit mehr als Viele, die in ſeinem Dienſt ſich ſelber dienen. Ungern ſcheid' ich aus dieſem Streite ohne ihn beygelegt zu ſehen, und wuͤnſche nur daß uns der Dienſt des Herrn, das Wohl des Landes bald vereinigen möge. Es wirkt vielleicht ein wiederholtes Geſpraͤch, die Gegenwart der uͤbrigen Fuͤrſten die heute fehlen, in einem gluͤcklichern Augenblick, was heute unmoͤglich ſcheint. Mit dieſer Hoffnung entfern' ich mich. Alba,(der zugleich ſeinem Sohn Ferdinand ein Zeichen gibt). Halt, Egmont!— Deinen Degen!—(Die Mit⸗ telthuͤr oͤfnet ſich: man ſieht die Gallerie mit Wache beſetzt, die unbeweglich bleibt.) Egmont,(der ſtaunend eine Weile geſchwiegen). 273. Dieß war die Abſicht? Dazu haſt du mich berufen? (Nach dem Degen greifend, als wenn er ſich vertheidigen wollte.) Bin ich denn wehrlos? Alba. Der Koͤnig befiehlt's, du biſt mein Gefan⸗ gener.(Zugleich treten von beyden Seiten Gewaffnete herein.) Egmont(nach einer Stille). Der Koͤnig?— Ora⸗ nien! Oranien!(Nach einer Pauſe, ſeinen Degen hinge⸗ bend.) So nimm hin! Er hat weit öͤfter des Königs Sache vertheidigt, als dieſe Bruſt beſchuͤtzt.(Er geht durch die Mittelthuͤr ab: die Gewaffneten, die im Zimmer ſind, folgen ihm; ingleichen Alba's Sohn. Alba bleibt ſte⸗ hen, der Vorhang faͤllt). 7 n Goethe's Werke. VI. Bd. Fuͤnft er Auf zug. Daͤm merung. Claͤrchen. Brackenburg. Bürger. Brackenburg. 1 Liebchen, um Gottes willen, was nimmſt du vor? Clarchen. Komm mit, Brackenburg! Du muſſt die Menſchen nicht kennen; wir befreyen ihn gewiß. Denn was gleicht ihrer Liebe zu ihm? Jeder fuͤhlt, ich ſchwoͤr' es, in ſich die brennende Begier ihn zu retten, die Gefahr von einem koſtbaren Leben abzuwenden, und dem Freyeſten die Freyheit wiederzugeben. Komm! Es fehlt nur an der Stimme die ſie zuſammenruft. In ih⸗ rer Seele lebt noch ganz friſch was ſie ihm ſchuldig ſind! und daß ſein maͤchtiger Arm allein von ihnen das Verderben abhaͤlt, wiſſen ſie. Um ſeinet⸗ und ihretwil⸗ len muüſſen ſie Alles wagen. Und was wagen wir? Zum 275 höchſten unſer Leben, das zu erhalten nicht der Muͤhe werth iſt wenn er umkommt. Brackenburg. Ungluͤckliche! du ſiehſt nicht die Gewalt die uns mit ehernen Banden gefeſſelt hat. Claͤrchen. Sie ſcheint mir nicht unuͤberwindlich. Laß uns nicht lang' vergebliche Worte wechſeln. Hier kommen von den alten, redlichen, wackern Maͤnnern! Hört, Freunde! Nachbarn, hoͤrt!— Sagt, wie iſt es mit Egmont? Zimmermeiſter. Was will das Kind? Laß ſie ſchweigen! Claͤrchen. Tretet naͤher, daß wir ſachte reden, bis wir einig ſind und ſtaͤrker. Wir duͤrfen nicht einen Au⸗ genblick verſaͤumen! Die freche Tyranney, die es wagt ihn zu feſſeln, zuckt ſchon den Dolch ihn zu ermorden. O Freunde! mit jedem Schritt der Daͤmmerung werd' ich angſtlicher. Ich fuͤrchte dieſe Nacht. Kommt! wir wollen uns theilen; mit ſchnellem Lauf von Quartier zu Quartier rufen wir die Buͤrger heraus. Ein Jeder greife zu ſeinen alten Waffen. Auf dem Markte treffen wir uns wieder und unſer Strom reißt einen jeden mit ſich fort. Die Feinde ſehen ſich umringt und uͤberſchwemmt, und ſind erdruͤckt. Was kann uns eine Hand voll Knechte widerſtehen? Und Er in unſrer Mitte kehrt zuruͤck, ſieht ſich befreyt, und kann uns einmal danken, uns, die wir ihm ſo tief verſchuldet worden. Er ſieht vielleicht— gewiß er ſieht das Morgenroth am freyen Himmel wieder. 276 Zimmermeiſter. Wie iſt dir, Maͤdchen? Claͤrchen. Koͤnnt ihr mich mißverſtehn? Vom Grafen ſprech' ich! Ich ſpreche von Egmont. Jetter. Nennt den Namen nicht! Er iſt toͤdtlich. CElaͤrchen. Den Namen nicht! Wie? Nicht die⸗ ſen Namen? Wer nennt ihn nicht bey jeder Gelegen⸗ heit? Wo ſteht er nicht geſchrieben? In dieſen Ster⸗ nen hab' ich oft mit allen ſeinen Lettern ihn geleſen. Nicht nennen? Was ſoll das? Freunde! Gute, theure Nachbarn, ihr traͤumt; beſinnt euch. Seht mich nicht ſo ſtarr und ängſtlich an! Blickt nicht ſchuͤchtern hie und da bey Seite. Ich ruf' euch ja nur zu was Jeder wuͤnſcht. Iſt meine Stimme nicht eures Herzens eigne Stimme? Wer wuͤrfe ſich in dieſer bangen Nacht, eh' er ſein un⸗ ruhvolles Bette beſteigt, nicht auf die Kniee, ihn mit ernſtlichem Gebet vom Himmel zu erringen? Fragt euch einander! frage Jeder ſich ſelbſt! und wer ſpricht mir nicht nach:„Egmonts Freyheit oder den Tod!“ Jetter. Gott bewahre uns! Da gibt's ein Ungluͤck. Claͤrchen. Bleibt! Bleibt, und druͤckt euch nicht vor ſeinem Namen weg, dem ihr euch ſonſt ſo froh ent⸗ gegendraͤngtet!— Wenn der Ruf ihn ankuͤndigte, wenn es hieß:„Egmont kommt! Er kommt von Gent!“ da hielten die Bewohner der Straßen ſich glucklich, durch die er reiten muſſte. Und wenn ihr ſein Pferd ſchallen hoͤrtet, warf Jeder ſeine Arbeit hin, und uͤber die be⸗ kuͤmmerten Geſichter, die ihr durch's Fenſter ſtecktet, fuhr 277 wie ein Sonnenſtrahl von ſeinem Angeſichte ein Blick der Freude und Hoffnung. Da hobt ihr eure Kinder auf der Thuͤrſchwelle in die Hoͤhe und deutetet ihnen: „Sieh, das iſt Egmont, der groͤßte da! Er iſt's! Er iſt's, von dem ihr beſſere Zeiten, als eure armen Vaͤter lebten, einſt zu erwarten habt.“ Laſſt eure Kinder nicht dereinſt euch fragen:„Wo iſt er hin? Wo ſind die Zei⸗ ten hin die ihr verſpracht?“— und ſo wechſeln wir Worte! ſind muͤßig, verrathen ihn. Soeſt. Schaͤmt euch, Brackenburg! Laſſt ſie nicht gewaͤhren! Steuert dem Unheil! Brackenburg. Liebes Claͤrchen! wir wollen ge⸗ hen! Was wird die Mutter ſagen? Vielleicht— Claͤrchen. Meinſt du, ich ſey ein Kind, oder wahn⸗ ſinnig? Was kann vielleicht?— Von dieſer ſchrecklichen Gewißheit bringſt du mich mit keiner Hoffnung weg.— Ihr ſollt mich hoͤren, und ihr werdet: denn ich ſeh's, ihr ſeyd beſtuͤrzt und koͤnnt euch ſelbſt in euerm Buſen nicht wiederfinden. Laſſt durch die gegenwaͤrtige Gefahr nur Einen Blick in das Vergangene dringen, das kurz Vergangene. Wendet eure Gedanken nach der Zukunft. Koͤnnt ihr denn leben? werdet ihr, wenn er zu Grunde geht? Mit ſeinem Athem flieht der letzte Hauch der Frey⸗ heit. Was war er euch? Fuͤr wen uͤbergab er ſich der dringendſten Gefahr? Seine Wunden floſſen und heilten nur fuͤr Euch. Die große Seele, die euch alle trug, beſchraͤnkt ein Kerker, und Schauer tuͤckiſchen Mordes 278 ſchweben um ſie her. Er denkt vielleicht an euch, er hofft auf euch, Er, der nur zu geben, nur zu erfuͤllen gewohnt war. Zimmermeiſter. Gevatter, kommt. Claͤrchen. Und ich habe nicht Arme, nicht Mark wie ihr; doch hab' ich, was euch Allen fehlt, Muth und Verachtung der Gefahr. Koͤnnt' euch mein Athem doch entzuͤnden! koͤnnt' ich an meinen Buſen druͤckend euch erwaͤrmen und beleben! Kommt! In eurer Mitte will ich gehen!— Wie eine Fahne wehrlos ein edles Heer von Kriegern wehend anfuͤhrt, ſo ſoll mein Geiſt um eure Haͤupter flammen, und Liebe und Muth das ſchwankende zerſtreute Volk zu einem fuͤrchterlichen Heer vereinigen. Jetter. Schaff' ſie bey Seite, ſie dauert mich. 6(Buͤrger ab.). Brackenburg. Claͤrchen! ſiehſt du nicht wo wit ſind?— Claͤrchen. Wo? Unter dem Himmel, der ſo oft ſich herlicher zu woͤlben ſchien, wenn der Edle unter ihm herging. Aus dieſen Fenſtern haben ſie herausge⸗ ſehn, vier, fuͤnf Koͤpfe uͤber einander; an dieſen Thuͤren haben ſie geſcharrt und genickt, wenn er auf die Mem⸗ men herabſah. O ich hatte ſie ſo lieb wie ſie ihn ehr⸗ ten! Waͤre er Tyrann geweſen, moͤchten ſie immer vor ſeinem Falle ſeitwaͤrts gehn. Aber ſie liebten ihn!— O ihr Haͤnde, die ihr en die Mutzen grifft, zum Schwert 279 koͤnnt ihr nicht greifen— Blackenburg, und wir?— Schelten wir ſie?— Dieſe Arme, die ihn ſo oft feſt hielten, wns thun ſie fuͤr ihn?— Liſt hat in der Welt ſo viel erreicht— Du kennſt Wege uns Stege, kennſt das alte Schloß. Es iſt nichts unmöͤglich, gib mir ei⸗ nen Anſchlag. 3 Brackenburg. Wenn wir nach Hauſe gingen! Claͤrchen. Gut. Brackenburg. Dort an der Ecke ſeh' ich Alba's Wache; laß doch die Stimme der Vernunft dir zu Her⸗ zen dringen. Haͤltſt du mich für feig? Glaubſt du nicht, daß ich um deinetwillen ſterben koͤnnte? Hier ſind wir Beyde toll, ich ſo gut wie du. Siehſt du nicht das Un⸗ moͤgliche? Wenn du dich faſſteſt! Du biſt außer dir. — Claͤrchen. Außer mir! Abſcheulich! Brackenburg, ihr ſeyd außer euch. Da ihr laut den Helden verehrtet, ihn Freund und Schutz und Hoffnung nanntet, ihm Vi⸗ vat rieft wenn er kam; da ſtand ich in meinem Winkel, ſchob das Fenſter halb auf, verbarg mich lauſchend, und das Herz ſchlug mir hoͤher als euch Allen. Jetzt ſchlaͤgt mit's wieder hoͤher als euch Allen! Ihr verbergt euch da es noth iſt, verlaͤugnet ihn, und fuͤhlt nicht daß ihr un⸗ tergeht, wenn er verdirbt. Brackenburg. Komm nach Hauſe. Claͤrchen. Nach Hauſe? Brackenburg. Beſinne dich nur! Sieh dich um! Dieß ſind die Straßen, die du nur ſonntaͤglich betratſt, 280 durch die du ſittſam nach der Kirche gingſt, wo du uͤber⸗ trieben⸗ ehrbar zuͤrnteſt, wenn ich mit einem freundli⸗ ſchen gruͤßenden Wort mich zu dir geſellte. Du ſtehſt und redeſt, handelſt vor den Augen der offnen Welt; beſinne dich, Liebe! wozu hilft es uns? Claͤrchen. Nach Hauſe! Ja, ich beſinne mich. Komm, Blackenburg, nach Hauſe! Weißt du, wo meine Heumaih i(ab.) —— Gefaͤngniß durch eine Lampe erhellt, ein Ruhebett im Grunde. Egmont qallein). Alter Freund! immer getreuer Schlaf, fliehſt du mich auch wie die uͤbrigen Freunde? Wie willig ſenkteſt du dich auf mein freyes Haupt herunter, und kuͤhlteſt, wie ein ſchoͤner Myrtenkranz der Liebe, meine Schlaͤfe! Mitten unter Waffen, auf der Woge des Lebens, ruht' ich leicht athmend, wie ein aufquellender Knabe, in dei⸗ nen Armen. Wenn Stuͤrme durch Zweige und Blaͤtter ſauſ'ten, Aſt und Wipfel ſich knirrend bewegten, blieb innerſt doch der Kern des Herzens ungeregt. Was ſchuͤttelt dich nun? was erſchuͤttert den feſten treuen Sinn? Ich fuͤhl's, es iſt der Klang der Mordaxt die an meiner Wurzel naſcht. Noch ſteh' ich aufrecht und ein innrer Schauer durchfaͤhrt mich. Ja, ſie uberwin⸗ 281 det, die verraͤtheriſche Gewalt; ſie untergraͤbt den feſten hohen Stamm, und eh' die Rinde dorrt, ſtuͤrzt krachend und zerſchmetternd deine Krone. Warum denn jetzt, der du ſo oft gewalt'ge Sorgen gleich Seifenblaſen dir vom Haupte weggewieſen, warum vermagſt du nicht die Ahnung zu verſcheuchen, die tau⸗ ſendfach in dir ſich auf⸗ und niedertreibt? Seit wann be⸗ gegnet der Tod dir fuͤrchterlich? mit deſſen wechſelnden Bildern, wie mit den uͤbrigen Geſtalten der gewohnten Erde, du gelaſſen lebteſt.— Auch iſt Er's nicht, der raſche Feind, dem die geſunde Bruſt wetteifernd ſich ent⸗ gen ſehnt; der Kerker iſt's, des Graßas Vorbild, dem Selden wie dem Feigen widerlich. Unleidlich ward mir's 8 ſchon auf meinem gepolſterten Stuhle, wenn in ſtattlicher 1 Verſammlung die Fuͤrſten, was leicht zu entſcheiden war, mit wiederkehrenden Geſprachen uͤberlegten und zwi⸗ ſſcchen duſtern Waͤnden eines Saals die Balken der Decke mich erdruͤckten. Da eilt' ich fort, ſobald es moͤglich war, und raſch auf's Pferd mit tiefem Athemzuge. Und friſch hinaus, da wo wir hingehoͤren! in's Feld, wo aus der Erde dampfend jede naͤchſte Wohlthat der Natur, und durch die Himmel wehend alle Segen der Geſtirne uns umwittern; wo wir, dem erdgebornen Rieſen gleich, von der Beruͤhrung unſrer Mutter kraͤftiger uns in die Hoͤhe reißen; wo wir die Menſchheit ganz, und menſch⸗ liche Begier in allen Adern fuͤhlen; wo das Verlangen vorzudringen, zu beſiegen, zu erhaſchen, ſeine Fauſt zu 28² brauchen, zu beſitzen, zu erobern, durch die Seele des jungen Jaͤgers gluͤht; wo der Soldat ſein angebornes Recht auf alle Welt mit raſchem Schritt ſich anmaßt, und in fürchterlicher Freyheit wie ein Hagelwetter durch Wieſe, Feld und Wald verderbend ſtreicht, und keine Graͤnzen kennt, die Menſchenhand gezogen. Du biſt nur Bild, Erinnerungstraum des Gluͤcks das ich ſo lang beſeſſen; wo hat dich das Geſchick verraͤ⸗ theriſch hingeführt? Verſagt es dir, den nie geſcheuten Tod im Angeſicht der Sonne raſch zu goͤnnen, um dir des Grabes Vorgeſchmack im ekeln Moder zu bereiten? Wie haucht er mich aus dieſen Steinen widrig an! Schon ſtarrt das Leben, vor dem Ruhebette wie vor dem Grabe ſcheut der Fuß.— OSorge! Sorge! die du vor der Zeit den Mord be⸗ ginnſt, laß ab!— Seit wann iſt Egmont denn al⸗ lein, ſo ganz allein in dieſer Welt? Dich macht der Zwei⸗ fel fuͤhllos, nicht das Gluͤck. Iſt die Gerechtigkeit des Koͤnigs, der du lebenslang vertrauteſt, iſt der Regen⸗ tinn Freundſchaft, die faſt,(du darfſt es dir geſtehn,) faſt Liebe war, ſind ſie auf einmal, wie ein glaͤnzend Feuerbild der Nacht, verſchwunden? und laſſen dich al⸗ lein auf dunkelm Pfad zuruck? Wird an der Spitze dei⸗ ner Freunde Oranien nicht wagend ſinnen? Wird nicht ein Volk ſich ſammeln und mit anſchwellender Gewalt den alten Freund erretten? O haltet, Mauern, die ihr mich einſchließt, ſo vieler 1 4 283 Geiſter wohlgemeintes Draͤngen nicht von mir ab; und welcher Muth aus meinen Augen ſonſt ſich uͤber ſie er⸗ goß, der kehre nun aus ihren Herzen in meines wie⸗ der. O ja, ſie ruͤhren ſich zu Tauſenden! ſie kommen! ſtehen mir zur Seite! Ihr frommer Wunſch eilt dringend zu dem Himmel, er bittet um ein Wunder. Und ſteigt zu meiner Rettung nicht ein Engel nieder; ſo ſeh' ich ſie nach Lanz' und Schwertern greifen. Die Thore ſpalten ſich, die Gitter ſpringen, die Mauer ſtuͤrzt von ihren Haͤnden ein, und der Freyheit des einbrechenden Tages ſteigt Egmont froͤhlich entgegen. Wie manch' bekannt Geſicht empfaͤngt mich jauchzend! Ach Claͤrchen, waͤrſt du Mann; ſo ſaͤh' ich dich gewiß auch hier zuerſt und dankte dir, was einem Koͤnige zu danken hart iſt, Freyheit. Claͤrchens Haus. Claͤrchen (kommt mit einer Lampe und einem Glas Waſſer aus der Kam⸗ mer; ſie ſetzt das Glas auf den Tiſch und tritt ans Fenſter). Brackenburg? Seyd ihr's? Was hört' ich denn? noch Niemand? Es war Niemand! Ich will die Lampe in's Fenſter ſetzen, daß er ſieht, ich wache noch, ich 1 warte noch auf ihn. Er hat mir Nachricht verſprochen. Nachricht? Entſetzliche Gewißheit— Egmont verur⸗ theilt!— Welch' Gericht darf ihn fordern? und ſie ver⸗ dammen ihn! Der Koͤnig verdammt ihn? oder der Her⸗ 28 ½ zog? Und die Regentinn entzieht ſich! Oranien zaudert, und alle ſeine Freunde!—— Iſt dieß die Welt, von deren Wankelmuth, Unzuberlaͤſſigkeit ich viel gehoͤrt und und nichts empfunden habe? Iſt dieß die Welt?— Wer waͤre boͤſ' genug den Theuern anzufeinden? Waͤre Bos⸗ heit maͤchtig genug den allgemein Erkannten ſchnell zu ſtuͤrzen? Doch iſt es ſo— es iſt— O Egmont, ſicher hielt ich dich vor Gott und Menſchen, wie in meinen Armen! Was war ich dir? Du haſt mich dein ge⸗ nannt, mein ganzes Leben widmete ich deinem Leben.— Was bin ich nun? Vergebens ſtreck' ich nach der Schlin⸗ ge, die dich faſſt, die Hand aus. Du huͤlflos und ich frey!— Hier iſt der Schluͤſſel zu meiner Thuͤr. An meiner Willkür haͤngt mein Gehen und mein Kommen, und dir bin ich zu nichts!—— O bindet mich damit ich nicht verzweifle; und werft mich in den tiefſten Ker⸗ ker, daß ich das Haupt an feuchte Mauern ſchlage, nach Freyheit winſ'le, traͤume, wie ich ihm helfen wollte wenn Feſſeln mich nicht laͤhmten, wie ich ihm helfen wuͤrde.— Nun bin ich frey, und in der Freyheit liegt die Angſt der Ohnmacht.— Mir ſelbſt bewuſſt, nicht faͤhig ein Glied nach ſeiner Huͤlfe zu ruͤhren. Ach leider, auch der kleinſte Theil von deinem Weſen, dein Claͤrchen iſt wie du gefangen, und regt getrennt im Todeskram⸗ pfe nur die letzten Kraͤfte.— Ich höre ſchleichen, hu⸗ ſten— Brackenburg— er iſt's!— Elender guter Mann, dein Schickſal bleibt ſich immer gleich; dein Liebchen oͤff⸗ net dir die naͤchtliche Thuͤre, und ach zu welch unſeliger Zuſammenkunft! Brackenburg(tritt auf). Claͤrchen. Du kommſt ſo bleich und ſchuͤchtern, Brackenburg! was iſt's? Brackenburg. Durch Umwege und Gefahren ſuch' ich dich auf. Die großen Straßen ſind beſetzt, durch Gaßchen und durch Winkel hab' ich mich zu dir ge⸗ ſtohlen. Claͤrchen. Etzähl, wie iſt's? Brackenburg(indem er ſich ſetzt). Ach Elaͤre, laß mich weinen. Ich liebt' ihn nicht. Er war der reiche Mann und lockte des Armen einziges Schaf zur beſſern Weide heruͤber. Ich hab' ihn nie verflucht; Gott hat mich treu geſchaffen und weich. In Schmerzen floß mein Leben vor mir nieder, und zu verſchmachten hofft ich jeden Tag. Claͤrchen. Vergiß das, Brackenburg! Vergiß dich ſelbſt. Sprich mir von ihm! Iſt's wahr? Iſt er ver⸗ urtheilt? Ht Brackenburg. Er iſt's! ich weiß es ganz genau. Clärchen. Und lebt moch? Brackenburg. Ja er lebt noch, Cläͤrchen. Wie willſt du das verſichern?— Die Tyranney ermordet in der Nacht den Herrlichen! vor allen Augen verborgen fließt ſein Blut. Aengſtlich im Schlafe liegt das betaͤubte Volk, und traͤumt von Ret⸗ 286 tung, traͤumt ihres ohnmaͤchtigen Wunſches Erfuͤllung; indeß unwillig uͤber uns ſein Geiſt die Welt verlaͤſſt. Er iſt dahin!— Taͤuſche mich nicht! dich nicht! Brackenburg. Nein gewiß, er lebt!— Und lei⸗ der es bereitet der Spanier dem Volke, das er zertre⸗ ten will, ein fuͤrchterliches Schauſpiel; gewaltſam jedes Herz, das nach Freyheit ſich regt, auf ewig zu zer⸗ knirſchen. Claͤrchen. Fahre fort und ſprich gelaſſen auch mein Todesurtheil aus! Ich wandle den ſeligen Gefil⸗ den ſchon naͤher und naͤher, mir weht der Troſt aus je⸗ nen Gegenden des Friedens ſchon herüber. Sag' an. Brackenburg. Ich konnt' es an den Wachen mer⸗ ken, aus Reden, die bald da bald dort fielen, daß auf dem Markte geheimnißvoll ein Schreckniß zubereitet werde. Ich ſchlich durch Seitenwege, durch bekannte Gaͤnge nach meines Vettern Hauſe, und ſah aus einem Hinter⸗ fenſter nach dem Markte.— Es wehten Fackeln in ei⸗ nem weiten Kreiſe Spaniſcher Soldaten hin und wieder. Ich ſchaͤrfte mein ungewohntes Auge, und aus der Nacht ſtieg mir ein ſchwarzes Geruͤſt entgegen, geraͤumig, hoch; mir grauſ'te vor dem Anblick. Geſchaͤftig waren Viele rings umher bemuͤht, was noch von Holzwerk weiß und ſichtbar war, mit ſchwarzem Tuch einhuͤllend zu ver⸗ kleiden. Die Treppen deckten ſie zuletzt auch ſchwarz, ich ſah es wohl. Sie ſchienen die Weihe eines graͤßlichen Opfers vorbereitend zu begehn. Ein weiſſes Crueifir, 28 das durch die Nacht wie Silber blinkte, ward an der ei⸗ nen Seite hoch aufgeſteckt. Ich ſah, und ſah die ſchreck⸗ liche Gewißheit immer gewiſſer. Noch wankten Fackeln hie und da herum; allmaͤhlig wichen ſie und erloſchen. Auf einmal war die ſcheußliche Geburt der Anh in ihrer Mutter Schoß zuruͤckgekehrt. Claͤrchen. Siill, Brackenburg! Nun ſtill! Laß dieſe Huͤlle auf meiner Seele ruhn. Verſchwunden ſind die Geſpenſter, und du, holde Nacht, leih' deinen Man⸗ tel der Erde, die in ſich gaͤhrt; ſie traͤgt nicht laͤnger die abſcheuliche Laſt, reißt ihre tiefen Spalten grauſend auf, und knirſcht das Mordgeruſt hinunter. Und irgend ei⸗ nen Engel ſendet der Gott, den ſie zum Zeichen ihrer Wuth geſchaͤndet; vor des Boten heiliger Beruͤhrung loͤ⸗ ſen ſich Riegel und Bande und er umgießt den Freund mit mildem Schimmer; er fuͤhrt ihn durch die Nacht zur Freyheit ſanft und ſtill. Und auch mein Weg geht heim⸗ lich in dieſer Dunkelheit, ihm zu begegnen. Brackenburg(ſie aufhaltend). Mein Kind, wo⸗ hin? was wagſt du? Cläͤrchen. Leiſe, Lieber, daß Niemand erwache: daß wir uns ſelbſt nicht wecken! Kennſt du dieß Flaͤſch⸗ chen, Brackenburg? Ich nahm dir's ſcherzend, als du mit uͤbereiltem Tod' oft ingeduldig drohteſt.— Und nun, mein Freund Brackenburg. In aller Heiligen Namen!— Claͤrchen. Du hinderſt nichts. Tod iſt mein Theil! 288 und goͤnne mir den ſanften ſchnellen Tod, den du dir ſelbſt bereiteſt. Gib mir deine Hand!— Im Augen⸗ blick, da ich die dunkle Pforte eroͤffne, aus der kein Ruͤckweg iſt, koͤnnt' ich mit dieſem Haͤndedruck dir ſagen: wie ſehr ich dich geliebt, wie ſehr ich dich bejammert. Mein Bruder ſtarb mir jung; dich waͤhlt' ich ſeine Stelle zu erſetzen. Es widerſprach dein Herz und quaͤlte ſich und mich, verlangteſt heiß und immer heißer was dir nicht beſchieden war. Vergib mir und leb' wohl! Laß mich dich Bruder nennen! Es iſt ein Name, der viel Namen in ſich faſſt. Nimm die letzte ſchoͤne Blume der Scheidenden mit treuem Herzen ab— nimm dieſen Kuß— Der Tod vereinigt Alles, Brackenburg, uns denn auch. 12 Brackenburg. So laß mich mit dir ſterben! Theile! Theile! Es iſt genug, zwey Leben auszulöoͤſchen. Claͤrchen. Bleib! du ſollſt leben, du kannſt le⸗ ben.— Steh' meiner Mutter bey, die ohne dich in Ar⸗ muth ſich verzehren würde. Sey ihr, was ich ihr nicht mehr ſeyn kann; lebt zuſammen, und beweint mich. Beweint das Vaterland, und den der es allein erhalten konnte. Das heutige Geſchlecht wird dieſen Jammer nicht los; die Wuth der Rache ſelbſt vermag ihn nicht zu til⸗ gen. Lebt, ihr Armen, die Zeit noch hin, die keine Zeit mehr iſt. Heut ſteht die Welt auf einmal ſtill; es ſtockt ihr Kreislauf, nnd mein Puls ſchlaͤgt kaum noch wenige Minuten. Leb' wohl! 289 Brackenburg. O lebe du mit uns wie wir füͤr dich allein! Du toͤdteſt uns in dir, o leb' und leide. Wir wollen unzertrennlich dir zu beyden Seiten ſtehn, und immer achtſam ſoll die Liebe den ſchoͤnſten Troſt in ihren lebendigen Armen dir bereiten. Sey unſer! Unſer! Ich darf nicht ſagen, mein. Claͤrchen. Leiſe, Brackenburg! Du fuͤhlſt nicht was du ruͤhrſt. Wo Hoffnung dir erſcheint iſt mir Ver⸗ zweiflung. Brackenburg. Theile mit den Lebendigen die Hoff⸗ nung! Verweib am Rande des Abgrundes, ſchau hinab und ſieh auf uns zuruͤck. Claͤrchen. Ich hab' uͤberwunden, ruf' mich nicht wieder zum Streit. Brackenburg. Du biſt betaͤubt! gehuͤllt in Nacht ſuchſt du die Tiefe. Noch iſt nicht jedes Licht erloſchen, noch mancher Tag!— Clärchen. Weh! über dich Weh! Weh! Grau⸗ ſam zerreißeſt du den Vorhang vor meinem Auge. Ja, er wird grauen der Tag! vergebens alle Nebel um ſich ziehn und wider Willen grauen! Furchtſam ſchaut der Buͤrger aus ſeinem Fenſter, die Nacht laͤſſt einen ſchwar⸗ zen Flecken zuruͤck; er ſchant, und fuͤrchterlich waͤchst im Lichte das Mordgeruͤſt.— Neu⸗leidend wendet das ent⸗ weihte Gottesbild ſein flehend Auge zum Vater auf. Die Sonne wagt ſich nicht hervor; ſie will die Stunde nicht bezeichnen, in der er ſterben ſoll. Traͤge gehn die Goethe’s Werke. VI. Pd. 1 7 19 3 290 Zeiger ihren Weg, und eine Stunde nach der andern ſchlägt. Halt! Halt! Nun iſt es Zeit! mich ſcheucht des Morgens Ahnung in das Grab.(Sie tritt ans Fenſter, als ſaͤhe ſie ſich um, und trinkt heimlich.) Brackenburg. Claͤre! Claͤre! Claͤrchen(geht nach dem Tiſch und trinkt das Waſſer). Hier iſt der Reſt! Ich locke dich nicht nach. Thu' was du darfſt, leb' wohl. Loͤſche dieſe Lampe ſtill und ohne Zaudern, ich geh' zur Ruhe. Schleiche dich ſachte weg, ziehe die Thuͤr nach dir zu. Still! Wecke meine Mutter nicht! Geh, rette dich! Rette dich! wenn du nicht mein Moͤrder ſcheinen willſt.(ab.) Brackenburg. Sie laͤſſt mich zum Letztenmale wie immer. O koͤnnte eine Menſchenſeele fuͤhlen, wie ſie ein liebend Herz zerreißen kann. Sie laͤſſt mich ſtehn, mir ſelber uͤberlaſſen; und Tod und Leben iſt mir gleich ver⸗ haſſt.— Allein zu ſterben!— Weint, ihr Liebenden! Kein haͤrter Schickſal iſt als meins! Sie theilt mit mir den Todestropfen, und ſchickt mich weg! von ihrer Seite weg! ſie zieht mich nach, und ſtoͤßt in's Leben mich zu⸗ ruͤck. O Egmont, welch' preiswuͤrdig Loos faͤllt dir! Sie geht voran; der Kranz des Sieges aus ihrer Hand iſt dein, ſie bringt den ganzen Himmel dir entgegen!— Und ſoll ich folgen? wieder ſeitwaͤrts ſtehn? den unaus⸗ löſchlichen Neid in jene Wohnungen hinuͤber tragen? — Auf Erden iſt kein Bleiben mehr fuͤr mich, und Hoͤll und Himmel bieten gleiche Qual. Wie waͤre der Ver⸗ 291 nichtung Schreckenshand dem Ungluͤcklichen willkon men!— (Brackenburg geht ab; das Theater bleibt einige Zeit un⸗ veraͤndert. Eine Muſik, Claͤrchens Tod bezeichnend, beginnt; die Lampe, welche Brackenburg auszuloͤſchen vergeſſen, flammt noch einigemal auf, dann erliſcht ſie. Bald verwandelt ſich der Schauplatz in das Gefaäaͤngni ß.) Egmont(liegt ſchlafend auf dem Ruhebette. Es ent⸗ ſteht ein Geraſſel mit Schluͤſſeln und die Thuͤr thut ſich auf. Diener mir Fackeln treten herein; ihnen folgt Ferdinand, Alba’'s Sohn, und Silva, begleitet von Gewaffneten. Eg⸗ mont fäaͤhrt aus dem Schlaf auf.) Egmont. Wer ſeyd ihr? die ihr mir unfreundlich den Schlaf von den Augen ſchuͤttelt. Was kuͤnden eure trotzigen, unſichern Blicke mir an? Warum dieſen fuͤrch⸗ terlichen Aufzug? Welchen Schreckenstraum kommt ihr der halberwachten Seele vorzuluügen? Silva. Uns ſchickt der Herzog dir dein Urtheil an⸗ zukuͤndigen. Egmont. Bringſt du den Henker auch mit es zu vollziehen? Siloa. Vernimm es, ſo wirſt du wiſſen was dei⸗ ner wartet.. Egmont. So ziemt es euch und euerm ſchaͤndlichen Beginnen! In Nacht gebruͤtet und in Nacht vollfuͤhrt. So mag dieſe freche That der Ungerechtigkeit ſich verber⸗ 292 gen!— Tritt kuͤhn hervor, der du das Schwert verhuͤllt unter dem Mantel traͤgſt; hier iſt mein Haupt, das freyeſte, das je die Tyranney vom Rumpf geriſſen. Silva. Du irrſt! Was gerechte Richter beſchlieſ⸗ ſen, werden ſie vor'm Angeſicht des Tages nicht ver⸗ bergen. Egmont. So uͤberjſteigt die Frechheit jeden Begriff und Gedanken. Silva(nimmt einem Daſtehenden das Urtheil ab, entfaltet's und lieſ'ts).„Im Namen des Koͤnigs, und Kraft beſonderer von Seiner Majeſtaͤt uns uͤbertragenen Gewalt, alle ſeine Unterthanen, weß Standes ſie ſeyen, zugleich Ritter des goldnen Vließes zu richten, er⸗ kennen wir—“ Egmont. Kann die der Koͤnig uͤbertragen? Silva.„Erkennen wir, nach vorgaͤngiger ge⸗ nauer, geſetzlicher Unterſuchung, Dich Heinrich Graſen Egmont, Prinzen von Gaure, des Hochverraths ſchul⸗ dig, und ſprechen das Urtheil: daß du mit der Fruͤhe des einbrechenden Morgens aus dem Kerker auf den Markt gefuͤhrt, und dort vor'm Angeſicht des Velks zur Warnung aller Verraͤther mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht werden ſolleſt. Gegeben Bruͤſ⸗ ſel im“(Datum und Jahrzahl werden undeutlich geleſen, ſo, daß ſie der Zuhoͤrer nicht verſteht.) „Ferdinand, Herzog von Alba, Vorſitzer des Gerichts der Zwoͤlfe.“ 293 Du weißt nun dein Schickſal; es bleibt dir wenige Zeit dich drein zu ergeben, dein Haus zu beſtellen und von den Deinigen Abſchied zu nehmen. (Silva mit dem Gefolge geht ab. Es bleibt Ferdinand und zwey Fackeln; das Theater iſt maͤßig erleuchtet.) Egmont(hat eine Weile in ſich verſenkt ſtille ge⸗ ſtanden, und Silva ohne ſich umzuſehn abgehen laſſen. Er glaubt ſich allein, und da er die Augen aufhebt, erblickt er Alba's Sohn.) Du ſtehſt und bleibſt? Willſt du mein⸗ Erſtaunen, mein Entſetzen noch durch deine Gegenwart vermehren? Willſt du noch etwa die willkommene Bot⸗ ſchaft deinem Vater bringen, daß ich unmaͤnnlich ver⸗ zweifle? Geh! Sag' ihm! Sag' ihm, daß er weder mich noch die Welt beluͤgt. Ihm, dem Ruhmſuͤchtigen, wird man es erſt hinter den Schultern leiſe liſpeln, dann laut und lauter ſagen, und wenn er einſt von dieſem Gipfel herabſteigt, werden tanſend Stimmen es ihm entgegen rufen! Nicht das Wohl des Staats, nicht die Wuͤrde des Koͤnigs, nicht die Ruhe der Provinzen haben ihn hier⸗ her gebracht. Um ſein ſelbſt willen hat er Krieg gera⸗ then, daß der Krieger im Kriege gelte. Er hat dieſe ungeheure Verwirrung erregt, damit man ſeiner beduͤrfe. Und ich falle, ein Opfer ſeines niedrigen Haſſes, ſeines kleinlichen Neides. Ja, ich weiß es, und ich darf es ſagen; der Sterbende, der toͤdtlich Verwundete kann es ſagen: mich hat der Eingebildete beneidet; mich wegzu⸗ tilgen hat er lange geſonnen und gedacht. 4 29½. Schon damals, als wir noch juͤnger mit Wuͤrfeln fpielten, und die Haufen Goldes, einer nach dem andern, von ſeiner Seite zu mir herubereilten; da ſtand er grim⸗ mig, log Gelaſſenheit, und innerlich verzehrte ihn die Aergerniß, mehr uͤber mein Gluͤck als uͤber ſeinen Ver⸗ luſt. Noch erinnere ich mich des funkelnden Blicks, der verraͤtheriſchen Blaͤſſe, als wir an einem öffentlichen Feſte vor vielen tauſend Menſchen um die Wette ſchoſſen. Er forderte mich auf, und beyde Nationen ſtanden; die Spa⸗ nier, die Niederlaͤnder wetteten und wuͤnſchten. Ich uͤberwand ihn; ſeine Kugel irrte, die meine traf; ein lauter Freudenſchrey der Meinigen durchbrach die Luft. Nun trifft mich ſein Geſchoß. Sag' ihm, daß ich's weiß, daß ich ihn kenne, daß die Welt jede Siegszeichen ver⸗ achtet, die ein kleiner Geiſt erſchleichend ſich aufrichtet. Und du! wenn einem Sohne moglich iſt von der Sitte des Vaters zu weichen, uͤbe bey Zeiten die Scham, indem du dich fuͤr den ſchaͤmſt, den du gerne von ganzem Herzen verehren moͤchteſt. Ferdinand. Ich hoͤre dich an, ohne dich zu un⸗ terbrechen! Deine Vorwuͤrfe laſten wie Keulſchlaͤge auf einem Helm; ich fuͤhle die Erſchuͤtterung, aber ich bin be⸗ waffnet. Du triffſt mich, du verwundeſt mich nicht; fuͤhlbar iſt mir allein der Schmerz, der mir den Buſen zerreißt. Wehe mir! Wehe! Zu einem ſolchen Anblick bin ich aufgewachſen, zu einem lchen Schauſpiele bin ich geſendet! 1 295 Egmont. Du brichſt in Klagen aus? Was ruͤhrt, was bekuͤmmert dich? Iſt es eine ſpaͤte Reue, daß du der ſchaͤndlichen Verſchwoͤrung deinen Dienſt geliehen? Du biſt ſo jung und haſt ein gluͤckliches Anſehn. Du warſt ſo zutraulich, ſo freundlich gegen mich. So lang' ich dich ſah, war ich mit deinem Vater verſoͤhnt. Und eben ſo verſtellt, verſtellter als er, lockſt du mich in das Netz. Du biſt der Abſcheuliche! Wer Ihm traut mag er es auf ſeine Gefahr thun; aber wer fuͤrchtete Gefahr dir zu vertrauen? Geh! Geh! Raube mir nicht die weni⸗ gen Augenblicke! Geh, daß ich mich ſammle, die Welt, und dich zuerſt vergeſſe!— Ferdinand. Was ſoll ich dir ſagen? Ich ſtehe und ſehe dich an, und ſehe dich nicht, und fühle mich nicht. Soll ich mich entſchuldigen? Soll ich dir ver⸗ ſichern, daß ich erſt ſpaͤt, erſt ganz zuletzt des Vaters Abſicht erfuhr, daß ich als ein gezwungenes, ein leb⸗ loſes Werkzeug ſeines Willens handelte? Was fruchtet's welche Meinung du von mir haben magſt? Du biſt verloren; und ich Unglüͤcklicher ſtehe nur da, um dir's zu verſichern, um dich zu bejammern. Egmont. Welche ſonderbare Stimme, welch ein unerwarteter Troſt begegnet mir auf dem Wege zum Grabe? Du, Sohn meines erſten, meines faſt einzigen Feindes, du bedauerſt mich, du biſt nicht unter meinen Moͤrdern? Sage, rede! Fuͤr wen ſoll ich dich halten? Ferdinand. Grauſamer Vater! Ja ich erkenne 296 dich in dieſem Befehle. Du kannteſt mein Herz, meine Geſinnung, die du ſo oft als Erbtheil einer zaͤrtlichen Mutter ſchalteſt. Mich dir gleich zu bilden ſandteſt du mich hierher. Dieſen Mann am Rande des gaͤhnenden Grabes, in der Gewalt eines willkuͤrlichen Todes zu ſehen zwingſt du mich, daß ich den tiefſten Schmerz empfinde, daß ich taub gegen alles Schickſal, daß ich unempfindlich werde, es geſchehe mir was wolle. Egmont. Ich erſtaune! Faſſe dich! Stehe, rede wie ein Mann. Ferdinand. O daß ich ein Weib waͤre! daß man mir ſagen köoͤnnte: was ruͤhrt dich? was ficht dich an? Sage mir ein groͤßeres, ein ungeheureres Uebel, mache mich zum Zeugen einer ſchrecklichern That; ich will dir danken, ich will ſagen: es war nichts. Egmont. Du verlierſt dich. Wo biſt du? Ferdinand. Laß dieſe Leidenſchaft raſen, laß mich losgebunden klagen! Ich will nicht ſtandhaft ſcheinen, wenn Alles in mir zuſammenbricht. Dich ſoll ich hier ſehn?— Dich?— Es iſt entſetzlich! Du verſtehſt mich nicht! Und ſollſt du mich verſtehen? Egmont! Eg⸗ mont!(Ihm um den Hals fallend.) Egmont. Loͤſe mir das Geheimniß. Ferdinand. Kein Geheimniß. Egmont. Wie bewegt dich ſo tief das Schickſal eines fremden Mannes? 1 Ferdinand. Nicht fremd! Du biſt mir nicht fremd. — 4 7. 4 297 Dein Name way's, der mir in meiner erſten Jugend gleich einem Stern des Himmels entgegenleuchtete. Wie oft hab' ich nach dir gehorcht, gefragt! Des Kindes Hoffnung iſt der Juͤngling, des Juͤnglings der Mann. So biſt du vor mir hergeſchritten; immer vor, und ohne Neid ſah ich dich vor, und ſchritt dir nach, und fort und fort. Nun hofft' ich endlich dich zu ſehen, und ſah dich und mein Herz flog dir entgegen. Dich hatt' ich mir beſtimmt, und waͤhlte dich auf's Neue da ich dich ſah. Nun hofft' ich erſt mit dir zu ſeyn, mit dir zu le⸗ ben, dich zu faſſen, dich— Das iſt nun Alles wegge⸗ ſchnitten, und ich ſehe dich hier! Egmont. Mein Freund, wenn es dir wohl thun kann, ſo nimm die Verſicherung, daß im erſten Augen⸗ blicke mein Gemuͤth dir entgegen kam. Und hoͤre mich. Laß uns ein ruhiges Wort unter einander wechſeln. Sage mir: iſt es der ſtrenge, ernſte Wille deines Va⸗ ters, mich zu toͤdten? Ferdinand. Er iſt's. Egmont. Dieſes Urtheil waͤre nicht ein leeres Schreckbild, mich zu aͤngſtigen, durch Furcht und Dro⸗ hung zu ſtrafen, mich zu erniedrigen, und dann mit koͤniglicher Gnade mich wieder aufzuheben? Ferdinand. Nein, ach leider nein! Anfangs ſchmeichelte ich mir ſelbſt mit dieſer ausweichenden Hoff⸗ nung; und ſchon da empfand ich Angſt und Schmerz dich in dieſem Zuſtande zu ſehen. Nun iſt es wirklich, 298 iſt gewiß. Nein, ich regiere mich nicht. Wer gibt mir eine Huͤlſe, wer einen Rath dem Unvermeidlichen zu entgehen? Egmont. So hoͤre mich, Wenn deine Seele ſo gewaltſam dringt mich zu retten, wenn du die Ueber⸗ macht verabſcheuſt die dich gefeſſelt haͤlt, ſo rette mich! Die Augenblicke ſind koſtbar. Du biſt des Allgewalti⸗ gen Sohn und ſelbſt gewaltig— Laß uns entfliehen! Ich kenne die Wege; die Mittel koͤnnen dir nicht unbe⸗ kannt ſeyn. Nur dieſe Mauern, nur wenige Meilen entfernen mich von meinen Freunden. Loͤſe dieſe Bande, bringe mich zu ihnen und ſey unſer. Gewiß, der Koͤnig dankt dir dereinſt meine Rettung. Jetzt iſt er uüberraſcht, und vielleicht iſt ihm Alles unbekannt. Dein Vater wagt; und die Majeſtaͤt muß das Geſchehene billigen, wenn ſie ſich auch davor entſetzet. Du denkſt? O denke mir den Weg der Freyheit aus! Sprich, und naͤhre die Hoff⸗ nung der lebendigen Seele. 1 Ferdinand. Schweige! o ſchweige! Du vermehrſt mitnjedem Worte meine Verzweiflung. Hier iſt kein Ausweg, kein Rath, keine Flucht.— Das quaͤlt mich, das greift und faſſt mir wie mit Klauen die Bruſt. Ich habe ſelbſt das Netz zuſammengezogen; ich kenne die ſtren⸗ gen feſten Knoten; ich weiß wie jeder Kuͤhnheit, jeder Liſt die Wege verrennt ſind; ich fuͤhle mich mit dir und mit allen Andern gefeſſelt. Wuͤrde ich klagen, haͤtte ich nicht Alles verſucht? Zu ſeinen Fuͤßen habe ich gelegen, 2099 1 geredet und gebeten. Er ſchickte mich hierher, um Alles was von Lebensluſt und Freude mit mir lebt, in die⸗ ſem Augenblicke zu zerſtoͤren. Egmont. Und keine Rettung? Ferdinand. Keine! Egmont(mit dem Fuße ſtampfend). Keine Rettung ¹ —— Suͤßes Leben! ſchoͤne frenndliche Gewohnheit des Daſeyns und Wirkens! von dir ſoll ich ſcheiden! So gelaſſen ſcheiden! Nicht im Tumulte der Schlacht, un⸗ ter dem Geraͤuſch der Waffen, n der Zerſtreuung des Getummels gibſt du mir ein fluͤchtiges Lebewohl; du nimmſt keinen eiligen Abſchied, verkuͤrzeſt nicht den Au⸗ genblick der Trennung. Ich ſoll deine Hand faſſen, dir noch einmal in die Augen ſehn, deine Schoͤne, dei⸗ nen Werth recht lebhaft fuͤhlen, und dann mich entſchloſ⸗ ſen losreißen und ſagen: Fahre hin! Ferdinand. Und ich ſoll daneben ſtehn, zuſehn, dich nicht halten, nicht hindern köͤnnen! O welche Stim⸗ me reichte zur Klage! Welches Herz flöſſe nicht aus ſei⸗ nen Banden vor dieſem Jammer? Egmont. Faſſe dich! Ferdinand. Du kannſt dich faſſen, du kannſt ent. ſſagen, den ſchweren Schritt an der Hand der Nothwen⸗ digkeit heldenmaͤßig gehn. Was kann ich? Was ſoll ich? Du überwindeſt dich ſelbſt und uns; du uͤberſtehſt; ich uͤberlebe dich und mich ſelbſt. Bey der Freude des Mahls hab' ich mein Licht, im Getuͤmmel der Schlacht 3⁰00 meine Fahne verloren. Schal, verworren, truͤb' ſcheint mir die Zukunft, Egmont. Junger Freund, den ich durch ein ſon⸗ derbares Schickſal zugleich gewinne und verliere, der fuͤr mich die Todesſchmerzen enpfindet, fuͤr mich leidet, ſieh mich in dieſen Augenblicken an; du verlierſt mich nicht. War dir mein Leben ein Spiegel, in welchem du dich gerne betrachteteſt; ſo ſey es auch mein Tod. Die Menſchen ſind nicht nur zuſammen, wenn ſie beyſam⸗ men ſind; auch der Entfernte, der Abgeſchiedene lebt uns. Ich lebe dir, und habe mir genug gelebt. Eines jeden Tages hab' ich mich gefreut; an jedem Tage mit ra⸗ ſcher Wirkung meine Pflicht gethan, wie mein Gewiſſen mir ſie zeigte. Nun endigt ſich das Leben wie es ſich fruͤher, fruͤher, ſchon auf dem Sande von Gravelingen haͤtte endigen koͤnnen. Ich hoͤre auf zu leben; aber ich habe gelebt. So leb auch du, mein Freund, gern und mit Luſt, und ſcheue den Tod nicht. Ferdinand. Du häͤtteſt dich fuͤr uns erhalten kön⸗ nen, erhalten ſollen. Du haſt dich ſelber getoͤdet. Oft hört' ich, wenn kluge Maͤnner uͤber dich ſprachen, feind⸗ ſelige, wohlwollende, ſie ſtritten lang' uͤber deinen Werth; doch endlich vereinigten ſie ſich, keiner wagt' es zu laͤug⸗ nen, jeder geſtand: ja, er wandelt einen gefaͤhrlichen Weg. Wie oft wuͤnſcht' ich dich warnen zu koͤnnen! Hatteſt du denn keine Freunde? Egmont. Ich war gewarnt. 8 301 Ferdinand. Und wie ich punktweiſe alle dieſe Be⸗ ſchuldigungen wieder in der Anklage fand, und deine Antworten! gut genug dich zu entſchuldigen; nicht triftig genug dich von der Schuld zu befreyen— Egmont. Dieß ſey bey Seite gelegt. Es glaubt der Menſch ſein Leben zu leiten, ſich ſelbſt zu führen; und ſein Innerſtes wird unwoiderſieylich nach ſeinemr Schickſale gezogen. Laß uns darubyt nicht ſinnen; die⸗ ſer Gedanken entſchlag' ich mich liicht— ſchwerer der Sorge fuͤr dieſes Land! doch auch dafuͤr wird geſorgt ſeyn. Kann mein Blut fuͤr Viele fließen, meinem Volke Friede bringen, ſo fließt es willig. Leider wird's nicht ſo werden. Doch es ziemt dem Menſchen, nicht mehr zu gruͤbeln, wo er nicht mehr wirken ſoll. Kannſt du die verderbende Gewalt deines Vaters auſhalten, len⸗ ken; ſo thu's. Wer wird das koͤnnen?— Leb' wohl! Ferdinand. Ich kann nicht gehn. Egmont. Laß meine Leute dir auf's Beſte empfoh⸗ len ſeyn! Ich habe gute Menſchen zu Dienern; daß ſie nicht zerſtreut, nicht ungluͤcklich werden! Wie ſteht es um Nichard, meinen Schreiber?. Ferdinand. Er iſt dir vorgegangen. Sie ha⸗ ben ihn als Mitſchuldigen des Hochverraths enthauptet. Egmont. Arme Seele!— Noch Eins, und dann leb' wohl, ich kann nicht mehr. Was auch den Geiſt gewaltſam beſchaͤftigt, fordert die Natur zuletzt doch un⸗ widerſtehlich ihre Rechte; und wie ein Kind, umwun⸗ 3⁰2 den von der Schlange, des erquickenden Schlaf's genießt, ſo legt der Muͤde ſich noch einmal vor der Pforte des Todes nieder und ruht tief aus, als ob er einen wei⸗ ten Weg zu wandern haͤtte.— Noch Eins— Ich kenne ein Maͤdchen; du wirſt ſie nicht verachten, weil ſie mein war. Nun ich ſie dir empfehle, ſterb' ich ru⸗ hig. Du biſt ein edler Mann; ein Weib, das den fin⸗ det iſt geborgen. Lebt mein alter Adolph? iſt er frey? Ferdinand. Der muntre Greis, der euch zu Pferde immer begleitete? Egmont. Derſelbe. Ferdinand. Er lebt, er iſt frey. Egmont. Er weiß ihre Wohnung; laß dich von ihm fuͤhren, und lohn' ihm bis an ſein Ende, daß er dir den Weg zu dieſem Kleinode zeigt.— Leb' wohl! Ferdinand. Ich gehe nicht. Egmont(ihn nach der Thuͤr draͤngend). Leb' wohl! Ferdinand. O laß mich noch! Egmont. Freund, keinen Abſchied. (Er begleitet Ferdinanden bis an die Thuͤr, und reißt ſich dort von ihm los. Ferdinand, betaͤubt, entfernt ſich eilend.) Egmont(allein.) Feindſeliger Mann! Du glaubteſt nicht mir dieſe Wohlthat durch deinen Sohn zu erzeigen. Durch ihn bin ich der Sorgen los und der Schmerzen, der Furcht und jedes aͤngſtlichen Gefuͤhls. Sanft und dringend fordert die Natur ihren letzten Zoll. Es iſt vorbey, es 3⁰3 iſt beſchloſſen! und was die letzte Nacht mich ungewiß auf meinem Lager wachend hielt, das ſchlaͤfert nun mit unbezwinglicher Gewißheit meine Sinnen ein. (Er ſetzt ſich auf's Ruhebett. Muſik.) Suͤßer Schlaf! Du kommſt wie ein reines Gluͤck ungebeten, nnerfleht, am willigſten. Du loͤſeſt die Kno⸗ ten der ſtrengen Gedanken, vermiſcheſt alle Bilder der Freude und des Schmerzes; ungehindert fließt der Kreis innerer Harmonien, und eingehuͤllt in gefaͤlligen Wahn⸗ ſinn, verſinken wir und hoͤren auf zu ſeyn. (Er entſchlaͤft; die Muſtk begleitet ſeinen Schlummer. Hinter ſeinem Lager ſcheint ſich die Mauer zu eroͤffnen, eine glänzende Erſcheinung zeigt ſich. Die Freyheit in himmli⸗ ſchem Gewande, von einer Klarheit umfloſſen, ruht auf einer Wolke. Sie hat die Zuͤge von Cläͤrchen, und neigt ſich gegen den ſchlafenden Helden. Sie druͤckt eine bedauernde Empfin⸗ dung aus, ſie ſcheint ihn zu beklagen. Bald faſſt ſie ſich, und mit aufmunternder Geberde zeigt ſie ihm das Buͤndel Pfeile, dann den Stab mit dem Hute. Sie heißt ihn froh ſeyn, und indem ſie ihm andeutet, daß ſein Tod den Provin⸗ zen die Freyheit verſchaffen werde, erkennt ſie ihn als Sie⸗ ger und reicht ihm einen Lorberkranz. Wie ſie ſich mit dem Kranze dem Haupt nahet, macht Egmont eine Bewegung, wie einer der ſich im Schlafe regt, dergeſtalt, daß er mit dem Geſicht aufwaͤrts gegen ſie liegt. Sie haͤlt den Kranz uͤber ſeinem Haupt ſchwebend: man hoͤrt ganz von Weitem eine krkegeriſche Muſik von Trommeln und Pfeifen: bey dem lei⸗ ſeſten Laut derſeiben verſchwindet die Erſcheinung. Der Schal 4 wird ſtärker. Egmont erwacht; das Gefaͤngniß wird vom 304 Morgen maͤßig erhellt. Seine erſte Bewegung iſt, nach dem Haupte zu greifen: er ſteht auf und ſieht ſich um, indem er die Hand auf dem Haupte behält.) Verſchwunden iſt der Kranz! Du ſchoͤnes Bild, das Licht des Tages hat dich verſcheuchet! Ja, ſie waren's, ſie waren vereint, die beyden ſuͤßen Freuden meines Herzens. Die goͤttliche Freyheit, von meiner Geliebten borgte ſie die Geſtalt; das reizende Maͤdchen kleidete ſich in der Freundinn himmliſches Gewand. In einem ernſten Augenblick erſcheinen ſie vereinigt, ernſter als lieblich. Mit blutbefleckten Sohlen trat ſie vor mit auf, die wehenden Falten des Saumes mit Blut be⸗ fleckt. Es war mein Blut und vieler Edeln Blut, Nein, es war nicht umſonſt vergoſſen. Schreitet durch! Braves Volk! Die Siegesgoͤttinn fuͤhrt dich an! Und wie das Meer durch eure Daͤmme bricht, ſo brecht, ſo reißt den Wall der Tyranney zuſammen, und ſchwemmt erſaͤufend ſie von ihrem Grunde, den ſie ſich anmaßt, weg! 1 (Trommeln naͤher.) Horch! Horch! Wie oft rief mich dieſer Schall zum freyen Schritt nach dem Felde des Streits und des Siegs! Wie munter traten die Gefaͤhrten auf der ge⸗ faͤhrlichen ruͤhmlichen Bahn! Auch ich ſchreite einem ehrenvollen Tode aus dieſem Kerker entgegen; ich ſterbe fuͤr die Freyheit; fuͤr die ich lebe und focht, und der ich mich jetzt leidend opfte. .305 (Der Hintergrund wird mit einer Reihe Spaniſcher Sol⸗ daten beſetzt, welche Hellebarten tragen.) Ja, fuͤhrt ſie nur zuſammen! Schließt eure Reihen, ihr ſchreckt mich nicht. Ich bin gewohnt vor Spreeren gegen Speere zu ſtehen, und, rings umgeben von dem drohenden Tod', das muthige Leben nur doppelt raſch zu fuͤhlen. (Trommeln.) Dich ſchließt der Feind von allen Seiten ein! Es blinken Schwerter; Freunde, hoͤhern Muth! Im Ruͤ⸗ cken habt ihr Eltern, Weiber, Kinder! (Auf die Wache zeigend.) Und dieſe treibt ein hohles Wort des Herrſchers, nicht ihr Gemuth. Schuͤtzt eure Guter! Und euer Liebſtes zu erretten, fallt freudig, wie ich euch ein Beyſpiel gebe. (Trommeln. Wie er auf die Wache los und auf die Hin⸗ terthuͤr zu geht, faͤllt der Vorhang: die Muſik ſaͤllt ein und ſchließt mit einer Siegesſymphonie das Stuͤck.) Goethe's Werke, VI. Bd. 13 e 4 S t el n E i 1 Perſonen. Stella. Cecilie, Anfangs Sommer. Fernando. 1 Lucie. Verwalter. Poſtmeiſterinn. Annchen. Karl. Bediente. Erſte Ac Im P o 5. (Man hoͤrt eine dion blaſen) 8 Poſtm erinn. Karl! Karl! Der Junge ommt.) Was is?. Poſtmeiſterinn. hat dich de enker wier der? Geh' hinaus; der · vagen konn Führ' di Paſſagiers herein, trag' ih das Gepaͤch hr' dich: Machſt du wieder ein Geſi(Der Jung) Poſtmeiſterinn(il. achrufend). ir'! ich will dir dein muffig Weſen rriben. Ein„wirthsbur⸗ ſche muß immer munter, ner alert ſe wenn ſo ein Schurke Herr.„ſo verdertt ich wieder heirathen moͤchte,„waͤr's nur darum; einer Frau allein faͤllt's gar zu ſchwer das Pack in Ordnung zu halten! 4 310 Madame Sommer, Lucie(in Reiſekleidern.) Karl. Lucie(e inen Mane lſack tragend, zu Karl). Laß Er's nur, es iſt niccht ſchwer; aber nehm' Er meiner Mutter die Schachtel dlb. Poſtm eiſt erinn. Ihre Dienerinn, meine Frauen⸗ zimmer! Sie kommen beyßeiten. Der Wagen kommt ſonſt nimmer ſo fruͤh. G 3 Lucie. Wir haben enen gar jungen, luſtigen, huͤbſchen Sahwager gehabt, nit dem ich durch die Welt fahren mochte, a„nd unſer ſind nur Zwey und wenig beladen. 8 Poſtmeiſterinn. Wenm Sie zu ſpeiſen belieben, ſo ſins Sie wohl ſo guͤtig zu warten; das Eſſen iſt noch nicht gar fert g. 4 Madame Sommer. Duarf ich Sie nur um ein wenig Suppe bitten? Lucie. Ich hab' keine Eil. Woltten ſie indeß meine Mutter verſorgen? Poſtme ſterinn. Sogleich. Lucie. Nur recht gute Bruͤhe! Poſtmeiſterinn. So gut ſie da iſt.(ab.) Madame Sommer. Daß du dein Befehlen nicht laſfen ko. iſt! Du haͤtteſt, duͤnkt mich, die Reiſe uͤber ſchon klug werden koͤnnen! Wir haben immer mehr be⸗ zahlt als verzehit; und in unſern Umſtaͤnden!— Lucie. Es hat uns noch nie gemangelt. Madame Sommer. Aber wir waren dran. Poſtillion(triſt herein). Lucie. Nun, braver Schr ager, wie ſteht's? Nicht wahr, dein Trinkgeld? Poſtillion. Hab' ich Lucie. Das heißt, dient; nicht wahr? Du ſol wenn ich nur Pferde haͤtte Poſtillion. Auch o Lucie. Da! Poſtillion. weiter? Lucie. Wir bleiben Poſtillion. Adies Madame Somme daß du ihm zu viel gegebe Lucie. Sollte er mi war die ganze Zeit ſo fre Danke Mama, ich ſey eigenſinni ich nicht. Madame Sommer. kenne nicht was ich dir ſag wie deinen guten Muth und ſind nur Tugenden wo ſie h Mama, das Und das Haus da druͤben iſt or küͤnftig Geſellſchaft leiſten ſoll? Lucie. gefahren wie Extrapoſt? aſt auch was extra ver⸗ nein Leibkutſcher werden, ferde ſtehe ich zu Dienſten. amſell! Sie gehn nicht eßmal hier. .) ch ſeh' an ſeinem Geſicht rren von uns gehn? Er ch. Sie ſagen immer, enigſtens eigennuͤtzig bin h bitte dich, Lucie, ver⸗ Deine Offenheit ehr' ich, e Freygebigkeit; aber es oͤren. hen a 312 Madame Sommer. Mich freut's wenn der Ort deiner Beſtimmung dir angenehm iſt. Lucie. Stille mags ſeyn, das merk' ich ſchon. Iſt's doch wie Sonntag auf dem großen Platze! Aber ddie gnaͤdige Frau hat einen ſchönen Garten, und ſoll eine 9 gute Frau ſeyn; wir wollen ſehn wie wir zurecht kom⸗ men. Was ſehen ſie ſich um, Mama? Madame Sommer. Laß mich, Lucie! Gluͤckli⸗ ches Maͤdchen, das durch nicht's erinnert wird! Ach da⸗ mals wal's anders! Mir iſt nichts ſchmerzlicher als in ein Poſthaus zu treten. Lucie. Wo fanden Sie auch nicht Stoff ſich zu quaͤlen? Madame Sommer. Und wo nicht Urſache da⸗ zu? Meine Liebe, wie ganz anders war's damals, da dein Vater noch mit mir reiſ'te; da wir die ſchönſte Zeit unſers Lebens in freyer Welt genoſſen; die erſten Jahre unſrer Ehe! Damals hatte Alles den Reiz der Neuheit fuͤr mich. Und in ſeinem Arn vor ſo tauſend Gegen⸗ ſtanden voruͤber zu eilen; dar jede Kleinigkeit mir in⸗ tereſſant ward, durch ſeinen Eſeiſt, durch ſeine Liebe!— Lucte. Ich mag auch woohl gern reiſen. Madame Sommen. Und wenn wir dann nach einem heißen Tag', nach auusgeſtandenen Fatalitaͤten, Weg im Winter, wenn wir eintrafen, in ſchlechtere Fpetverge wie dieſe iſt, und den fachſt Bequemlichkeit zuſammen fuͤhl⸗ 3¹3 ten, auf der hoͤlzernen Bank zuſammen ſaßen, unſern Eyerkuchen und abgeſottene Kartoffeln zuſammen oiſen —— Damals war's anders! Lucie. Es iſt nun einmal Zeit ihn zu vergeſſen. Madame Sommer. Weißt du was das heißt: Vergeſſen! Gutes Maͤdcher, du haſt, Gott ſey Dank! noch nichts verloren, das nicht zu erſetzen geweſen waͤre. Seit dem Augenblick, da ich gewiß ward er habe mich verlaſſen, iſt alle Freude meines Lebens dahin. Mich ergriff eine Verzweiflung. Ich mangelte mir ſelbſt; ein Gott mangelte mir. Ich weiß mich des Zuſtands kaum zu erinnern.. Lucie. Auch ich weiß nichts mehr, als daß ich auf Ihrem Bette ſaß und weinte, weil Sie weinten. Es war in der gruͤnen Stube, auf dem kleinen Bette. Die Stube hat mir am weh'ſten gethan, da wir das Haus verkaufen muſſten. 3 Madame Sommer. Du warſt ſieben Jahre alt, und konnteſt nicht fuͤhlen was du verlorſt. Annchen(mit der Suppe). Die Paſtmeiſterinn. Karl. Annchen. Hier iſt die Suppe fuͤr Madame. Madame Sommer. Ich danke, meine Liebe! Iſt das Ihr Toͤchterchen? Poſtmeiſterinn. Meine Stieftochter, Madame! aber da ſie ſo brav iſt, erſetzt ſie mir den Mangel au eigenen Kindern. 4 314 Madame Sommer. Sie ſind in Trauer? Poſtmeiſterinn. Fuͤr meinen Mann, den ich vor drey Monaten verlor. Wir haben nicht gar drey Jahre zuſammen gelebt. Mahdame Sommer. Sie ſcheinen doch ziemlich getröſtet. Poſtmeiſterinn. O Madame! Unſer eins hat ſo wenig Zeit zu weinen, als leider zu beten. Das geht Sonntag und Werkeltage. Wenn der Pſarrer nicht einmal auf den Text kommt, oder man ein Sterbelied ſingen hoͤrt— Karl, ein Paar Servietten! deck' hier am Ende auf. Lucie. Wem iſt das Haus da drüben? Poſtmeiſterinn. Unſrer Frau Baroneſſe. Eine allerliebſte Frau. Madame Sommer. Mich freut's, daß ich von einer Nachbarinn beſtaͤtigen hoͤre, was man uns in ei⸗ ner weiten Ferne betheuert hat. Meine Tochter wird küͤnſtig bey ihr bleiben und ihr Geſellſchaft leiſten. Poſtmeiſterinn. Dazu wuͤnſche ich Ihnen Gluͤck, Mamſell. Lucie. Ich wuͤnſche daß ſie mir gefallen moͤge. Poſtmeiſterinn. Sie muͤſſen einen ſonderbaren Geſchmack haben, wenn Ihnen der Umgang mit der gnaͤd'gen Frau nicht gefiele. Lucie. Deſto beſſer! Denn wenn ich mich einmal 315 8 nach Jemanden richten ſoll: ſo muß Herz und Wille da⸗ bey ſeyn; ſonſt geht's nicht.— Poſtmeiſterinn. Nun! nun! wir reden bald wieder davon, und ſie ſollen ſogen ob ich wahr ge⸗ ſprochen habe. Wer um unſre gnädige Frau lebt iſt gluͤcklich; wird meine Tochter ein wenig größer, ſo ſoll ſie ihr wenigſtens einige Jahre dienen: es kommt dem Maͤdchen auf ſein ganzes Leben zu Gute. Annchen. Wenn Sie ſie nur ſehn! Sie iſt ſo lieb! Sie glauben nicht wie ſie auf Sie wartet. Sie hat mich auch recht lieb. Wollen Sie denn nicht zu ihr gehn? Ich will Sie begleiten. Lucie. Ich muß mich erſt zurecht machen, und will auch noch eſſen. Annchen. So darf ich doch hinuͤber, Mamachen? Ich will der gnaͤdigen Frau ſagen daß die Mamſell ge⸗ kommen iſt. Poſtmeiſterinn. Geh nur! Madame Sommer. Und ſag' ihr, Kleine, wir wollten gleich nach Tiſch aufwarten.(Annchen ab.) Poſtmeiſterinn. Mein Mäͤdchen haͤngt außer⸗ ordentlich an ihr. Auch iſt ſie die beſte Seele von der Welt, und ihre ganze Freude iſt mit Kindern. Sie laͤſſt ſich von Bauersmaͤdchen aufwarten bis ſie ein Geſchick haben, hernach ſucht ſie eine gute Condition fuͤr ſie; und ſo vertreibt ſie ſich die Zeit, ſeit ihr Gemahl weg 4 316 iſt. Es iſt unbegreiflich, wie ſie ſo ungluͤcklich ſeyn kann, und dabey ſo freundlich, ſo gut. Madame Sommer. Itt ſie nicht Wittwe? Poſtmeiſterinn. Das weiß Gott! Ihr Herr iſt vor drey Jahren weg, und hört man und ſieht nichts von ihm. Und ſie hat ihn geliebt uber Alles. Mein Mann konnte nie fertig werden wenn er anfing von ihnen zu erzaͤhlen. Und noch! Ich ſag's ſelbſt, es gibt ſo kein Herz auf der Welt mehr. Alle Jahre, den Tag, da ſie ihn zum letztenmal ſah, läſſt ſie keine Seele zu ſich, ſchließt ſich ein, und auch ſonſt, wenn ſie von ihm redet, geht's einem durch die Seele. 1 Madame Sommer. Die Ungluͤckliche! Poſtmeiſterinn. Es laͤſſt ſich von der Sache viel reden. 4 Madame Sommer. Wie meinen Sie? Poſtmeiſterinn. Man ſagt's nicht gern. Madame Sommer. Ich bitte Sie! Poſtmeiſterinn. Wenn Sie mich nicht verra⸗ then wollen, kann ich's Ihnen wohl vertrauen. Es ſind nun uͤber die acht Jahre, daß ſie hierher kamen. Sie kauſten das Rittergut; Niemand kannte ſie; man hieß ſie den gnaͤdigen Herrn und die gnaͤdige Frau, und hielt ihn fuͤr einen Officier, der in fremden Kriegsdienſten reich geworden war, und ſich nun zur Ruhe ſetzen wollte. Sie war damals blutjung, nicht aͤlter als ſechzehn Jahr', und ſchoͤn wie ein Engel. 317 Lucie. Da waͤr' ſie jetzt nicht uͤber vier und zwanzig? Poſtmeiſterinn. Sie hat füͤr ihr Alter Betrub⸗ niß genug erfahren. Sie hatte ein Kind; es ſtarb ihr bald; im Garten iſt ſein Grab, nur von Raſen, und ſeit der Herr weg iſt, hat ſie eine Einſiedeley dabey an⸗ gelegt, und ihr Grab dazu beſtellen laſſen. Mein Mann ſeliger war bey Jahren und nicht leicht zu ruͤhren; aber er erzaͤhlte nichts lieber, als von der Glückſeligkeit der bey⸗ den Leute, ſo lang' ſie hier beyſammen lebten. Man war ein ganz anderer Menſch, ſagte er, nur zuzuſehn, wie ſie ſich liebten. Madame Sommer. Mein Herz bewegt ſich nach ihr. Poſtmeiſterinn. Aber wie's geht. Man ſagte, der Herr haͤtte curioſe Prinzipia gehabt, wenigſtens kam er nicht in die Kirche; und die Leute, die keine Religion haben, haben keinen Gott und halten ſich an keine Ord⸗ nung. Auf einmal hieß es: der gnaͤdige Herr iſt fort. Er war verreist, und kam eben nicht wieder. Madame Sommer(vor ſich). Ein Bild meines ganzen Schickſals! Poſtmeiſterinn. Da waren alle Maͤuler davon voll. Eben zu der Zeit, da ich als eine junge Frau hierher zog, auf Michael ſind's eben drey Jahre. Und da wuſſt' Jedes was anders, ſogar ziſchelte man einan⸗ der in die Ohren, ſie ſeyen niemals getraut geweſen; 318 aber verrathen Sie mich nicht. Er ſoll wohl ein vor⸗ nehmer Herr ſeyn, ſoll ſie entfuͤhrt haben, und was man Alles ſagt. Ja, wenn ein junges Maͤdchen ſo einen Schritt thut, ſie hat ihr Leben lang dran abzubuͤßen. Annchen(kommt). Die gnäͤdige Frau laͤſſt Sie ſehr bitten gleich hinüber zu kommen; ſie will Sie nur einen Augenblick ſprechen, nur ſehen. Lucie. Es ſchickt ſich nicht in dieſen Kleidern. Poſtmeiſterinn. Gehn Sie nur, ich geb' Ihnen mein Wort daß ſie darauf nicht achtet. Lucie. Will Sie mich begleiten, Kleine? Annchen. Von Herzen gern! Madame Sommer. Lucie, ein Wort!(Die Poſt⸗ meiſterinn entfernt ſich.) Daß du nichts verraͤthſt! nicht un⸗ ſern Stand, nicht unſer Schickſal. Begegne ihr ehrerbietig. Lucie. Laſſen Sie mich nur! Mein Vater war ein Kaufmann, iſt nach Amerika, iſt todt; und dadurch ſind unſere Umſtaͤnde— Laſſen Sie mich nur; ich hab' das Maͤhrchen ja oft genug erzaͤhlt.(Laut.) Wollten Sie nicht ein Bißchen ruhen? Sie haben's Noth. Die Frau Wirthinn weis't Ihnen wohl ein Zimmerchen mit einem Bett' an. Poſtmeiſterinn. Ich hab' eben ein huͤbſches ſtil⸗ les Zimmerchen im Garten.(Zu Lucien.) Ich wuͤnſche, daß Ihnen die gnaͤdige Frau gefallen moͤge. (Lucie mit Annchen ab.) 7 319 Madame Sommer. Meine Tochter iſt noch ein Bißchen oben aus. 1 Poſtmeiſterinn. Das thut die Jugend. Wer⸗ den ſich ſchon legen, die ſtolzen Wellen. Madame Sommer. Deſto ſchlimmer. Poſtmeiſterinn. Kommen Sie, Madame, wenn's gefaͤllig iſt.(Beyde ab.) (Man hoͤrt einen Poſtillion.) Fernando(in Ofſicierstracht). Ein Bedienter. Bedienter. Soll ich gleich wieder einſpannen und Ihre Sachen aufpacken laſſen? Fernando. Du ſollſt's herein bringen, ſag' ich dir; herein. Wir gehen nicht weiter, hörſt du. Bedienter. Nicht weiter? Sie ſagten ja— Fernando. Ich ſage, laß dir ein Zimmer anwei⸗ ſen, und bring' meine Sachen vorthin. (Bedienter ab.) Fernand o(ans Fenſter tretend). So ſeh' ich dich wieder? Himmliſcher Anblick? So ſeh' ich dich wieder? Den Schauplatz all meiner Glückſeligkeit! Wie ſtill das ganze Haus iſt! Kein Fenſter offen! Die Gallerie wie oͤde, auf der wir ſo oft zuſammen ſaſſen! Merk' dir's, Fernando, das kloͤſterliche Anſehn ihrer Wohnung, wie ſchmeichelt es deinen Hoffnungen! Und ſollte, in ihrer Einſamkeit, Fernando ihr Gedanke, ihre Beſchaͤftigung ſeyn? Und hat er's um ſie verdient? O! mir iſt als wenn ich nach einem langen, freudeloſen Todesſchlaf 320 ins Leben wieder erwachte; ſo neu, ſo bedeutend iſt mir Alles. Die Baͤume, der Brunnen, noch Alles, Alles! So lief das Waſſer aus eben den Roͤhren, wenn ich, ach, wie tauſendmal! mit ihr gedankenvoll aus unſerm Fenſter ſchaute, und jedes in ſich gekehrt, ſtill dem Rin⸗ nen des Waſſers zuſah! Sein Geraͤuſch iſt mir Melodie, ruͤckerinnernde Melodie. Und ſie? Sie wird ſeyn wie ſie war. Ja, Stella, du haſt dich nicht veraͤndert; das ſagt mir mein Herz. Wie's dir entgegen ſchlaͤgt! Aber ich will nicht, ich darf nicht! Ich muß mich erſt erholen, muß mich erſt uͤberzeugen daß ich wirklich hier bin, daß mich kein Traum taͤuſcht, der mich ſo oft ſchlafend und wachend aus den fernſten Gegenden hierher gefuͤhrt hat. Stella! Stella! Ich komme! fuͤhlſt du nicht meine Naͤ⸗ herung? in deinem Arm Alles zu vergeſſen!— Und wenn du um mich ſchwebſt, theurer Schatten meines ungluck⸗ lichen Weibes, vergib mir, verlaß mich! Du biſt dahin; ſo laß mich dich vergeſſen, in den Armen des Engels Alles vergeſſen, meine Schickſale, allen Verluſt, meine Schmerzen, und meine Reue— Ich bin ihr ſo nah' und ſo ferne— Und in einem Augenblick—— Ich kann nicht, ich kann nicht! Ich muß mich erholen, oder ich erſticke zu ihren Fuͤßen. Poſtmeiſterinn(kommt). Verlangen der gnaͤdige Herr zu ſpeiſen? Fernando. Sind Sie verſehen? 3²1 Poſtmeiſterinn. O ja! wir warten auf ein Frauenzimmer das hinuber zur gnͤdigen Frau iſt. Fernando. Wie geht's Ihrer gnaͤdigen Frau? Poſtmeiſterinn. Kennen Sie ſie? Fernando. Bor Jahren war ich wohl anehnnat da. Was macht ihr Gemahl? Poſtmeiſterinn. Weiß Gott. Er iſt in die weite Welt. 1 Fernando. Fort? Poſtmeiſterinn. Freylich! Verlaͤſſt die liebe Seele! Gott verzeihs ihm! 1 Fernando. Sie wird ſich ſchon zu troͤſten wiſſen. Poſtmeiſterinn. Meinen Sie doch? Da muͤſ⸗ ſen Sie ſie wenig kennen. Sie lebt wie eine Nonne, ſo eingezogen, die Zeit ich ſie kenne. Faſt kein Fremdes, kein Beſuch aus der Nachbarſchaft kommt zu ihr. Sie lebt mit ihren Leuten, hat die Kinder des Orts alle an ſich, und iſt, ungeachtet ihres innern Schmerzens, im⸗ mer freundlich, immer angenehm. d Fernando. Ich will ſie doch beſuchen. Poſtmeiſterinn. Das thun Sie. Manchmal laͤſſt ſie uns invitiren, die Frau Amtmaͤnninn, die Frau Pfarrerinn und mich, und diskurirt mit uns von aller⸗ ley. Freylich huͤten wir uns, ſie an den gnädigen Herrn zu erinnern. Ein einzigmal geſchah's. Gott weiß, wie's uns wurde, da ſie anfing von ihm zu reden, ihn zu preiſen, zu weinen. Gnaͤdiger Herr, wir haben alle Goethe's Werke. VI. Bd. 2 32² geweint wie die Hindes, und uns faſt nicht erholen koͤnnen. Fernando(vor ſich). Das haſt du um ſie verdient! —(Laut.) Iſt meinem Bedienten ein Zimmer angewieſen? Poſtmeiſterinn. Eine Treppe hoch. Karl, zeig' dem gnaͤdigen Herrn das Zimmer. — S Fernando mit dem Jungen ab.) Lucie, Ann chen(kommen.) Poſtmeiſterinn. Nun, wie iſt's? Lucie. Ein liebes Weibchen, mit der ich mich ver⸗ tragen werde. Sie haben nicht zu viel von ihr geſagt. Sie wollt' mich nicht laſſen. Ich muſſte ihr heilig ver⸗ ſprechen, gleich nach Tiſch mit meiner Mutter und dem Gepaͤck zukommen. Poſtmeiſterinn. Das dacht' ich wohl! Iſt's jetzt gefaͤllig zu eſſen? Noch ein ſchoͤner langer Offizier iſt an⸗ gefahren, wenn Sie den nicht fuͤrchten. Lucie. Nicht im Geringſten. Mit Soldaten hab' ich lieber zu thun als mit Andern. Sie verſtellen ſich wenigſtens nicht, daß man die Guten und Boͤſen gleich das erſtemal kennt. Schlaͤft meine Mutter? Poſtmeiſterinn. Ich weiß nicht. Lucie. Ich muß doch nach ihr ſehn.(ab.) Poſtmeiſterinn. Karl! Da iſt wieder das Salz⸗ faß vergeſſen. Heißt das geſchwenkt? Sieh nur die Glaͤſer! Ich ſollt' dir ſie am Kopf entzwey ſchmeißen, wenn du ſo viel werth waͤrſt, als ſie koſten! 3²23 6 Fernando(kommt). Poſtmeiſterinn. Das Frauenzimmer iſt wieder da. Sie wird gleich zu Tiſch' kommen. Fernando. Wer iſt ſie? Mle.: Poſtmeiſterinn. Ich kenn' ſie nicht. Sie ſcheint von gutem Stande, aber ohne Vermögen; ſie wird kuͤnf⸗ tig der gnaͤd'gen Frau zur Geſellſchaft ſeyn. Fernando. Sie iſt jung? Poſtmeiſterinn. Sehr jung; und bahmixviſch Ihre Mutter iſt auch droben. ns Lucie(kommt). Lucie. Ihre Dienerinn! h. Fernando. Ich bin glüͤcklich eine e5 ſchanes v⸗ geſellſchaft zu finden. 8 Lucie(neigt ſich). 4 un6. Poſtmeiſterinn. Vwrze, Mamſeut und Sie belieben hierher! unn n Fernando. Wir haben nicht die che on Ihnen, Frau Poſtmeiſterinn? Boſtmeiſterinn. Wenn te h enmal ahe, ruht 2 † Fernande o. Alſo ein Tete a Tete! Lucie. Den Tiſch dazwiſchen, wie ichys A lei⸗ den kann. Fernando. Sie haben ſich eingloſfn de au Baroneſſe kuͤnftig Geſellſchaft zu leiſten? 8 Lucie. Ich muß wohl! 85 324 Fernando. Mich duͤnkt, Ihnen ſollt' es nicht feh⸗ len einen Geſellſchafter zu finden, der noch zntethulten der waͤre als die Frau Baroneſſe. Lucie. Mirr iſt nicht drum zu thun. Fernando. Auf ihr ehrlich Geſicht? Lucie. Mein Herr, Sie ſind wie alle Maͤnner, merk' ich!, Fernando. Das heißt?. Lucie. Auf den Punkt ſehr arrogant. Ihr Herren dunkt euch unentbehrlich; und ich weiß nicht, ich bin doch groß geworden ohne Maͤnner. Fernando. Sie haben keinen Vater mehr? Lucie. Ich erinnere mich kaum daß ich einen hatte. Ich w ar jung da er uns verließ eine Reiſe nach Amerika zu thun, und ſein Schiff iſt untergegangen, hoͤren wir, Fern ando. Und Sie ſcheinen ſo gleichgültig dabey? Luci e. Wie koͤnnt' ich anders? Er hat mir wenig zu Liebe ge than; und ob ich's ihm gleich verzeihe daß er uns verlaſſ en hat; denn was geht dem Menſchen uber ſeine Freyl)eit? ſo möcht' ich doch nicht meine Mutter ſeyn, die vor Kummer ſtirbt. Fer nando. Und Sie ſind ohne Huͤlfe, ohne Schutz⸗ Lucie. Was braucht's das? Unſer Vermoͤgen iſt alle Tage kleiner geworden; dafuͤr auch ich alle Tage größer, und mir iſt's nicht bange meine Mutter zu er⸗ naͤhren. Fernando. Mich erſtaunt Ihr Muth! 325 Lucie. O, mein Herr, der gibt ſich. Wenn man ſo oft unterzugehen fuͤrchtet, und ſich immer wieder geret⸗ tet ſieht, das gibt ein Zutrauen! Fernando. Davon Sie Ihrer lieben Mutter nichts mittheilen koͤnnen? Lucie. Leider iſt ſie die verliert, nicht ich. Ich dank's meinem Vater daß er mich auf die Welt geſetzt hat, denn ich lebe gern und vergnügt; aber ſie— die alle Hoffnung des Lebens auf ihn geſetzt, ihm den Flor ihrer Jugend aufgeopfert hatte, und nun verlaſſen, auf einmal verlaſſen—— Das muß was Entſetzliches ſeyn, ſich verlaſſen zu fuͤhlen!— Ich habe noch nichts verlo⸗ ren; ich kann nichts davon reden.— Sie ſcheinen nach⸗ denkend! Fernando. Ja, meine Liebe, wer lebt, verliert; (aufſtehend) aber er gewinnt auch. Und ſo erhalt' Ih⸗ nen Gott Ihren Muth!(Er nimmt ihre Hand.) Sie ha⸗ ben mich erſtaunen gemacht. O, mein Kind, wie gluͤck⸗ lich!—— Ich bin auch in der Welt gar viel, gar oft von meinen Hoffnungen— Freuden— Es iſt doch im⸗ mer— Und— Lucie. Was meinen Sie? Fernando. Alles Gute! die beſten, waͤrmſten Wuͤnſche fuͤr Ihr Gluͤck!(ab.) Lucie. Das iſt ein wunderbarer Menſch! Er ſcheint aber gut zu ſeyn. Zweyte r Akt. Stella. Ein Bedienter. Stella. Geh hinuͤber, geſchwind hinuͤber! Sag' ihr, ich er⸗ warte ſie. G Bedienter. Sie verſprach gleich zu kommen. Stella. Du ſiehſt ja ſie kommt nicht. Ich hab' das Maͤdchen recht lieb. Geh!— Und ihre Mutter ſoll ja mit kommen! 3(Bedienter ab.) Stella. Ich kann ſie kaum erwarten. Was das fuͤr ein Wuͤnſchen, ein Hoffen iſt, bis ſo ein neues Kleid ankommt! Stella! du biſt ein Kind. Und warum ſoll ich nicht lieben?— Ich brauche viel, viel um dieß Herz auszufuͤllen! Viel? Arme Stella! Viel?— Sonſt da er dich noch liebte, noch in deinem Schoße lag, fuͤllte ſein Blick deine ganze Seele; und— O Gott im Him⸗ mel! dein Rathſchluß iſt unerforſchlich. Wenn ich von ſeinen Kuͤſſen meine Augen zu dir hinauf wendete, mein Herz an dem ſeinen gluͤhete, und ich mit bebenden Lippen ſeine große Seele in mich trank, und ich dann mit Won⸗ aethraͤnen zu dir hinauf ſah, und aus vollem Herzen zu 3²⁷ dir ſprach: Laß uns glüͤcklich, Vater! du haſt uns ſo gluͤcklich gemacht! Es war dein Wille nicht—(Sie faͤllt einen Augenblick in Nachdenken, faͤhrt dann ſchnell auf, und druͤckt ihre Haͤnde an's Herz.) Nein, Fernando, nein, das war kein Vorwurf! 4 Madame Sommer, Lucie(kommen.) Stella. Ich habe Sie! Liebes Maͤdchen, du biſt nun die meine.— Madame, ich danke Ihnen fuͤr das Zutrauen, mit dem Sie mir den Schatz in die Haͤnde liefern. Das kleine Trotzkoͤpfchen, die gute freye Seele. O ich hab' dir's ſchon abgelernt, Lucie. Madame Sommer. Sie fuͤhlen was ich Ihnen bringe und laſſe. Stella(nach einer Pauſe, in der ſie Madame Sommer angeſehen hat.) Verzeihen Sie! Man hat mir Ihre Ge⸗ ſchichte berichtet, ich weiß daß ich Perſonen von guter Familie vor mir habe, aber Ihre Gegenwart uͤberraſcht mich. Ich fuͤhle im erſten Anblick Vertrauen und Ehr⸗ furcht gegen Sie. Madame Sommer. Gnaͤdige Frau— Stella. Nichts davon. Was mein Herz geſteht, bekennt mein Mund gern. Ich hoͤre, Sie ſind nicht wohl; wie iſt's Ihnen? Setzen Sie ſich. Madame Sommer. Doch, gnaͤdige Frau! Dieſe Reiſe in den Fruͤhlingstagen, die abwechſelnden Ge⸗ genſtaͤnde, und dieſe reine, ſegensvolle Luft, die ſich ſchon ſo oft fuͤr mich mit neuer Erquickung gefuͤllt hat, das 328 wirkte alles auf mich ſo gut, ſo freundlich, daß ſelbſt die Erinnerung abgeſchiedener Freuden mir ein angeneh⸗ mes Gefuͤhl wurde, ich einen Wiederſchein der goldnen Zeiten der Ingend und Liebe in meiner Seele aufdaͤm⸗ mern ſah. Stella. Ja die Tage! die erſten Tage der Liebe! — Nein, du biſt nicht zum Himmel zuruͤckgekehrt, goldne Zeit! du umgibſt noch jedes Herz in den Momenten, da ſich die Bluͤte der Liebe erſchließt. Madame Sommer(ihre Haͤnde faſſend). Wie groß! Wie lieb! Stella. Ihr Angeſicht glaͤnzt wie das Angeſicht eines Engels, Ihre Wangen faͤrben ſich! Madame Sommer. Ach und mein Herz! Wie geht es auf! wie ſchwillt's vor Ihnen! Stella. Sie haben geliebt! O Gott ſey Dank! Ein Geſchoͤpf das mich verſteht! das Mitleiden mit mir haben kann! das nicht kalt zu meinen Schmerzen drein blickt!— Wir koͤnnen ja doch einmal nicht dafuͤr daß wir ſo ſind!— Was hab' ich nicht alles gethan! Was nicht alles verſucht!— Ja, was halfs?— Es wollte das— juſt das— und keine Welt, und ſonſt nichts in der Welt— Ach! der Geliebte iſt uͤberall, und alles iſt für den Geliebten. Madame Sommer. Sie tragen den Himmel im Herzen. Stella. Eh' ich mich's verſah, wieder ſein Bild! 3²9 — So richtete er ſich auf, in der und jener Geſellſchaft, und ſah ſich nach mir um— So kam er dort uͤber's Feld her geſprengt, und warf ſich an der Gartenthuͤr in mei⸗ nen Arm.— Dahinaus ſah ich ihn fahren, dahinaus— ach, und er war wiedergekommen—— Kehy' ich mit meinen Gedanken in das Geraͤuſch der Welt— er iſt da! Wenn ich ſo in der Loge ſaß, und gewiß war, wo er auch ſteckte, ich mochte ihn ſehen oder nicht, daß er jede meiner Bewegungen bemerkte und liebte, mein Aufſte⸗ hen, mein Niederſitzen! Ich fuͤhlte, daß das Schuͤtteln meines Federbuſches ihn mehr anzog, als all die blinken⸗ den Augen ringsum, und daß alle Muſik nur Melodie zu dem ewigen Liede ſeines Herzens war:„Stella! Stella! Wie lieb du mir biſt!“ Lucie. Kann man denn einander ſo lieb haben? Stella. Du fragſt, Kleine? Da kann ich dir nicht antworten— Aber mit was unterhalt' ich euch!—— Kleinigkeiten! wichtige Kleinigkeiten— Wahrlich man iſt noch ein großes Kind, und es iſt einem ſo wohl dabey— Eben wie die Kinder ſich hinter ihr Schuͤrzchen verſtecken“ und rufen Pip! daß man ſie ſuchen ſoll!—— Wie ganz fuͤllt das unſer Herz, wenn wir, beleidigt, den Ge⸗ genſtand unſrer Liebe zu verlaſſen bey uns ſehr eifrig feſtſetzen; mit welchen Verzerrungen von Seelenſtaͤrke treten wir wieder in ſeine Gegenwart! wie uͤbt ſich das in unſerm Buſen auf und ab! und wie platzt es zuletzt wieder, auf Einen Blick, Einen Haͤndedruck zuſammen. 330⁰ Madame Sommer. Wie gluͤcklich! Sie leben doch noch ganz in dem Gefuͤhl der innigſten, reinſten Menſchheit. Stella. Ein Jahrtauſend von Thraͤnen und Schmer⸗ zen vermoͤchte die Seligkeit nicht aufzuwiegen der erſten Blicke, des Zitterns, Stammelns, des Nahens, Wei⸗ chens— des Vergeſſens ſein ſelbſt— den erſten fluch⸗ tigen, feurigen Kuß, und die erſte ruhig⸗ athmende Um⸗ armung— Madame! Sie verſinken, meine Theure! Wo ſind Sie? Madame Sommer. Maͤnner! Maͤnner! Stella. Sie machen uns gluͤcklich und elend! Mit Ahnungen von Seligkeit erfüllen ſie unſer Herz! Welche neue, unbekannte Gefuͤhle und Hoffnungen ſchwellen unſere Seele, wenn ihre ſtuͤrmende Leidenſchaft ſich jeder un⸗ ſerer Nerven mittheilt. Wie oft hat Alles an mir gezit⸗ tert und geklungen, wenn er in unbaͤndigen Thränen dis Leiden einer Welt an meinem Buſen hinſtroͤmte! Ich bat ihn um Gottes willen ſich zu ſchonen!— mich! — Vergebens!— Bis in's innerſte Mark fachte er mir die Flammen, die ihn durchwuͤhlten. Und ſo ward das Maͤdchen von Kopf bis zu den Sohlen ganz Herz, ganz Geſuͤhl. Und wo iſt denn nun der Himmelsſtrich füͤr dieß Geſchoͤpf, um drin zu athmen, um Nahrung drunter zu finden? Madame Sommer. Wir glauben den Maͤnnern! 331 In den Angenblicken der Leidenſchaft betrügen ſie ſi ch ſelbſt, warum ſollten Wir nicht betrogen werden? Stella. Madame! Da fäͤhrt mir ein Gedanke durch den Kopf— Wir wollen einander das ſeyn, was ſie uns haͤtten werden ſollen! Wir wollen beyſammen bleiben! — Ihre Hand!— Von dieſem Augenblick an, laſſ' ich Sie nicht! Lucie. Das wird nicht angehn! Stella. Warum, Lucie? Madame Sommer. Meine Tochter fuͤhlt— Stella. Doch keine Wohlthat in dieſem Vor⸗ ſchlag! Fuͤhlen Sie, welche Wohlthat Sie mir thun wenn Sie bleiben! O ich darf nicht allein ſeyn! Liebe, ich hab' Alles gethan, ich hab' mir Federvieh und Reh und Hunde angeſchafft; und lehre kleine Maͤdchen ſtricken und knuͤpfen, nur um nicht allein zu ſeyn, nur um was außer mir zu ſehen das lebt und zunimmt. Und dann doch, wenn mit's gluͤckt, wenn eine gute Gottheit mit an einem heitern Frühlingsmorgen den Schmerz von der Seele weggehoben zu haben ſcheint; wenn ich ruhig erwache, und die liebe Sonne auf meinen bluͤhenden Baͤumen leuchtet, und ich mich thaͤtig, munter fuͤhle zu den Geſchaͤften des Tages: dann iſt mirs wohl, dann treib' ich eine Zeitlang herum, verrichte und ordne, und fuͤhre meine Leute an, und in der Freyheit meines Her⸗ zens dank' ich laut auf zum Himmel fuͤr die Aitelichen Stunden. — 33² Madame Sommer. Ach ja, gnaͤdige Frau, ich fuͤhl's! Geſchaͤftigkeit und Wohlthaͤtigkeit ſind eine Gabe des Himmels, ein Erſatz füͤr ungluͤcklich liebende Herzen. Stella. Erſatz? Entſchaͤdigung wohl, nicht Er⸗ ſatz— Etwas anſtatt des Verlornen, nicht das Ver⸗ lorne ſelbſt mehr— Verlorne Liebe! wo iſt da Erſatz fur?— O wenn ich manchmal von Gedanken in Ge⸗ danken ſinke, freundliche Traͤume der Vergangenheit vor meine Seele bringe, hoffnungsvolle Zukunft ahne, und ſo in des Mondes Daͤmmerung, meinen Garten auf und ab walle; dann mich's auf einmal ergreift! ergreift daß ich allein bin, vergebens nach allen vier Winden meine Arme ausſtrecke, den Zauber der Liebe vergebens mit ei⸗ nem Drang', einer Fülle ausſpreche, daß ich meine, ich muͤſſte den Mond herunterziehen— und ich allein bin, keine Stimme mir aus dem Gebuͤſch antwortet, und die Sterne kalt und freundlich uͤber meine Qual herabblinken! Und dann, auf Einmal das Grab meines Kindes zu meinen Fuͤßen.— Madame Sommer. Sie hatten ein Kind? Stella. Ja, meine Beſte! O Gott, du hatteſt mir dieſe Seligkeit auch nur zu koſten gegeben, um mir einen bittern Kelch auf mein ganzes Leben zu bereiten. — Wenn ſo ein Bauerkind auf dem Spaziergange bar⸗ fuß mir entgegen laͤuft, und mit den großen unſchuldi⸗ gen Augen mir eine Kußhand reicht, es durchdringt mit Mark und Gebeine! So groß, denk' ich, waͤr' meine en 333 Mina! Ich heb' es aͤngſtlich liebend in die Hoͤhe, küͤſſ! es hundertmal; mein Herz iſt zerriſſen, die Thraͤnen ſtuͤr⸗ zen aus meinen Augen und ich fliehe! Lucie. Sie haben doch auch viel Beſchwerlichkeit weniger. 4 Stella l(laͤchelt und klopft ihr die Achſeln). Wie ich nur noch empfinden kann!— Wie die ſchrecklichen Au⸗ genblicke mich nicht getodtet haben!— Es lag vor mir! abgepfluͤckt die Knoſpe! und ich ſtand— verſteinert im innerſten Buſen— ohne Schmerz— ohne Bewuſſtſeyn —— ich ſtand!— Da nahm die Waͤrterinn das Kind auf, druͤckte es an ihr Herz, und rief auf einmal: es lebt!— Ich fiel auf ſie, ihr um den Hals, mit tauſend Thraͤnen auf das Kind— ihr zu Fuͤßen—— Ach, und ſie hatte ſich betrogen! Todt lag es da, und ich neben ihm in wuͤthender graͤßlicher Verzweiflung. (Sie wirft ſich in einen Seſſel.) Madame Sommer. Wenden Sie Ihre Gedanken von den traurigen Scenen. Stella. Nein! Wohl, ſehr wohl iſt mir's, daß mein Herz ſich wieder oͤffnen, daß ich das alles losſchwaͤ⸗ tzen kann, was mich ſo draͤngt!— Ja wenn ich auch einmal anfange von ihm zu erzaͤhlen, der mir Alles war!— der— Ihr ſollt ſein Portraͤt ſehn!— ſein Portraͤt— O mich duͤnkt immer, die Geſtalt des Men⸗ ſchen iſt der Text zu Allem was ſich uͤber ihn empfinden und ſagen laͤſſt. 334 Lucie. Ich bin neugierig. Stella(eroͤffnet ihr Cabinet und fuhrt ſie herein). Hier, meine Lieben, hier! Madame Sommer. Gott!. Stella. So!— So!— Und doch nicht den tau⸗ ſendſten Theil wie er war. Dieſe Stirn, dieſe ſchwar⸗ zen Augen! dieſe braunen Locken, dieſer Ernſt— Aber ach, er hat nicht ausdruͤcken koͤnnen die Liebe, die Freundlichkeit, wenn ſeine Seele ſich ergoß! O mein Herz, das fuͤhlſt du allein! Lucie. Madame, ich erſtaune! Stella. Es iſt ein Mann! Lucie. Ich muß Ihnen ſagen, heut' aß ich druͤben mit einem Officier im Poſthauſe, der dieſem Herrn glich — O er iſt es ſelbſt! ich will mein Leben wetten. Stella. Heute? Du betruͤgſt dich! Du betrugſt mich. 11 L Lucie. Heute! Nur war jener aͤlter, brauner, ver⸗ brannt von der Sonne. Er iſt's! Er iſt's! Stella(Fieht die Schelle). Lucie, mein Herz zer⸗ ſpringt! Ich will hinuͤber! Lucie. Es wird ſich nicht ſchicken. Stella. Schicken? O mein Herz!— Bedienter(kommt).— Stella. Wilhelm, hinuber in's Poſthaus! hinu⸗ ber! Ein Officier iſt druͤben, der ſoll— der iſt— Lucie, ſag's ihm— Er ſoll heruͤber kommen. 7 Lucie. Kannte Er den gnaͤdigen Herrn? Bedienter. Wie mich ſelbſt. Lucie. So geh' Er in's Poſthaus; es iſt ein Of⸗ ficier druͤben, der ihm außerordentlich gleicht. Seh' Er ob ich mich betruͤge. Ich ſchwoͤre er iſt's. Stella. Sag' ihm, er ſoll kommen, kommen! ge⸗ ſchwind! geſchwind! Waͤr' das uͤberſtanden!— Hatt' ich ihn in dieſen, in— Du betruͤgſt dich! Es iſt unmoͤg⸗ lich— Laſſt mich, ihr Lieben! Laſſt mich allein!— (Sie ſchließt das Cabinet hinter ſich.) Lucie. Was fehlt Ihnen, meine Mutter? Wie blaß! Madame Sommer. Das iſt der letzte Tag mei⸗ nes Lebens! Das traͤgt mein Herz nicht! Alles, alles auf Einmal. Lucie. Großer Gott! Madame Sommer. Der Gemahl— Das Bild — Der Erwartete— Geliebte! Das iſt mein Gemahl! Es iſt dein Vater! Lucie. Mutter! beſte Mutter! Madame Sommer. Und der iſt hier! wird in ihre Arme ſinken, in wenig Minuten!— Und wir?— Lucie, wir muͤſſen fort! Lucie. Wohin Sie wollen. Madame Sommer. Gleich! Lucie. Kommen Sie in den Garten. Ich will in's Poſthaus. Wenn nur der Wagen noch nicht fort 336 iſt, ſo koͤnnen wir ohne Abſchied in der Stille— inzwi⸗ ſchen ſie berauſcht von Gluͤck— Madame Sommer. In aller Wonne des Wie⸗ derſehens ihn umfaſſend— Ihn! Und ich in dem Au⸗ genblick da ich ihn wieder finde, auf ewig! auf ewig! Fernando. Bedienter(kommt). Bedienter. Hierher! Kennen Sie Ihr Cabinet nicht mehr? Sie iſt außer ſich! Ach, daß Sie wieder da ſind! (Fernando vorbey, uͤber ſie hinſehend.) Madame Sommer. Er iſt's! Er iſt's— Ich bin verloren! Oritter Act. Stella(in aller Freude hineintretend mit Fernando). Stella(zu den Waͤnden). Er iſt wieder da! Seht ihr ihn? Er iſt wieder dal (Vor das Gemaͤhlde einer Venus tretend.) Siehſt du ihn, Goͤttinn? Er iſt wieder da! Wie oft bin ich Thoͤrinn auf und abgelaufen, hier, und habe geweint, geklagt vor dir. Er iſt wieder da! Ich traue meinen Sinnen nicht. Goͤttinn! ich habe dich ſo oft geſehen, und er war nicht da— Nun biſt du da, und er iſt da!— Lieber! Lieber! Du warſt lange weg— Aber du biſt da!(Ihm um den Hals fallend.) Du biſt da! ich will nichts fuͤhlen, nichts hoͤren, nichts wiſſen als daß du da biſt! Fernando. Stella! meine Stella!(An ihrem Halſe) Gott im Himnmel, du gibſt mir meine Thraͤnen wieder! Stella. O du Einziger! 1 Fernando. Stella! Laß mich wieder deinen lie⸗ ben Athem trinken, deinen Athem, gegen den mir alle Himmelsluft leer, unerquicklich war!—— 4 Goethe⸗„Werke. VI. Bb.— 22 3 4 8 . 1 4 3 338 Stella. Lieber!—— Fernando. Hauche in dieſen ausgetrockneten, ver⸗ ſtuͤrmten, zerſtoͤrten Buſen wieder neue Liebe, neue Le⸗ benswonne, aus der Fuͤlle deines Herzens!—(Er haͤngt an ihrem Munde.) ⸗ Stella. Beſter! Fernando. Erquickung! Erquickung!— Hier wo Du athmeſt, ſchwebt Alles in genuͤglichem, jungem Le⸗ ben. Lieb' und bleibende Treue wuͤrden hier den ausge⸗ dorrten Vagabunden feſſeln. Stella. Schwaͤrmer! Fernando. Du fühlſt nicht was Himmelsthau. dem Duͤrſtenden iſt, der aus der oͤden, ſundigen Welt an deinen Buſen zuruͤckkehrt. Stella. Und die Wonne des Armen? Fernando! ſein verirrtes, verlornes, einziges Schaͤſchen wieder an ſein Herz zu druͤcken? Fernando(zu ihren Fuͤßen). Meine Stella! Stella. Auf, Beſter! Steh auf! Ich kann dich nicht knieen ſehen. Fernando. Laß das! Lieg' ich doch immer vor dir auf den Knieen; beugt ſich doch immer mein Herz vor dir, unendliche Lieb' und Guͤte! Stella. Ich habe dich wieder!— Ich kenne mich nicht, ich verſtehe mich nicht! Im Grunde, was thut 67 Fernando. Mir iſt wie in den erſten Augenblicken unſrer Freuden. Ich hab' dich in meinen Armen, ich 4 ₰ℳ: 339— ſauge die Gewißheit deiner Liebe auf deinen Lippen, und taumle, und frage mich ſtaunend ob ich wache oder traͤume. Stella. Nun, Fernando, wie ich ſpuͤre, geſcheider biſt du nicht geworden. Fernando. Da ſey Gott!— Aber dieſe Au⸗ genblicke von Wonne in Armen machen mich wieder gut, wieder fremm.— Ich kann beten, Stella; denn ich bin gluͤcklich. Stella. Gott verzeih' dir's, daß du ſo ein Boͤſe⸗ wicht, und ſo gut biſt— Gott verzeih' dirs, der dich ſo gemacht hat— ſo flatterhaft und ſo treu— Wenn ich den Ton deiner Stimme hoͤre, ſo mein' ich doch gleich wieder, das waͤre Fernando, der nichts in der Welt liebte, als mich! Fernando. Und ich, wenn ich in dein blaues, ſuͤßes Aug' dringe, und drin mich mit Forſchen verliere; ſo mein' ich, die ganze Zeit meines Wegſeyns haͤtte kein ander Bild drin gewohnet als das meine. Stella. Du irrſt nicht. Fernando. Nicht?— Stella. Ich wurde dir's bekennen!— Geſtand ich dir nicht in den erſten Tagen meiner vollen Liebe dir alle kleinen edenſchute u je mein Herz geruͤhnt 1 tten? Und war ich dir darum nicht lieber?— Fernando. Du Engel! 340 Stella. Was ſiehſt du mich b an? Nicht wahr, das Elend hat die Bluͤte von meinen Wangen geſtreift?— Fernando. Roſe! meine ſuͤße Blume! Stella!— Was ſchuͤttelſt du den Kopf? Stella.— Daß man euch ſo lieb haben kann!— Daß man euch den Kummer nicht anrechnet, den ihr uns verurſachet! Fernando(ihre Locken ſtreichelnd). Ob du wohl graue Haare davon gekriegt haſt?— Es iſt dein Gluͤck, daß ſie ſo blond ohne das ſind— Zwar ausgefallen ſcheinen dir keine zu ſeyn.(Er zieht ihr den Kamm aus den Haaren, und ſie rollen tief herunter.) Stella. Muthwille! Fernando(ſeine Arme drein wickelnd). Rinaldo wieder in den alten Ketten! Bedienter(kommt). Gnaͤdige Frau!— Stella. Was haſt du? Du machſt ein verdrieß⸗ lich, ein kaltes Geſicht; du weißt die Geſichter ſind mein Tod wenn ich vergnuͤgt bin. Bedienter. Und doch, gnaͤdige Frau— Die zwey Fremden wollen fort. Stella. Fort? Ach! Bedienter. Wie ich ſage. Ich ſeh' die Tochter in’'s Poſthaus gehn, wieder kommen, zur Mutter reden. Da erkundigk' ich mich drüben: es hieß, ſie haͤtten Er⸗ trapoſt beſtellt, weil der Poſtwagen hinunter ſchon fort 341 iſt. Ich redete mit ihnen; ſie bat mich, die Mutter, in Thräͤnen; ich ſollte ihnen ihre Kleider heimlich hinuͤber ſchaffen, und der gnädigen Frau tauſend Segen wuͤn⸗ ſchen; ſie koͤnnten nicht bleiben. Fernando. Es iſt die Frau, die heute mit ihrer Tochter angekommen iſt?— Stella. Ich wollte die Tochter in meine Dienſte nehmen, und die Mutter dazu behalten— O daß ſie mir jetzt dieſe Verwirrung machen, Fernando!— Fernando. Was mag ihnen ſeyn? Stella. Gott weiß! Ich kann, ich mag nichts wiſſen. Verlieren moͤcht' ich ſie nicht gern— Hab' ich doch Dich, Fernando!— Ich wuͤrde zu Grunde gehn in dieſen Augenblicken! Rede mit ihnen, Fernando— — Eben jetzt! jetzt!— Mache, daß die Mutter her⸗ uͤber kommt, Heinrich!(Der Bediente geht ab.) Sprich mit ihr; ſie ſoll Freyheit haben.— Fernando, ich will in's Bosket! Komm nach! Komm nach!— Ihr Nach⸗ tigallen, ihr empfangt ihn noch! e Fernando. Liebſte Liebe! Stella.(an ihm hangend). Und du kommſt doch baldd Iein un. Fernando. Gleich! Gleich!(Stella ab.) Fernando.(allein). Engel des Himmels! Wie vor ihrer Gegenwart Alles heiter wird, Alles frey! Fernando, kennſt du dich noch ſelbſt? Alles, was dieſen 41 Buſen bedraͤngt, es iſt weg; jede Sorge, jedes aͤngſt: * — 2*——— 342 liche Zuruͤckerinnern, was war— uud was ſeyn wird! — Kommt ihr ſchon wieder?— Und doch wenn ich dich anſehe, deine Hand halte, Stella! flieht Alles, ver⸗ liſcht jedes andre Bild in meiner Seele! Der Verwalter(kommt). (Ihm die Haͤnde kuͤſſend.) Sie ſind wieder da? Fernando(die Hand wegziehend.) Ich bin's. Verwalter. Laſſen Sie mich! Laſſen Sie mich! + gnaͤdiger Herr!— Fernando. Biſt du gluͤcklich? Verwalter. Meine Frau lebt, ich habe zwey Kin⸗ der— Und Sie kommen wieder! Fernando. Wie habt ihr gewirthſchaftet? Verwalter. Daß ich gleich bereit bin Rechen⸗ ſchaft abzulegen— Sie ſollen erſtaunen wie wir das Gut verbeſſert haben.— Darf ich denn ſtagen wie es Ihnen ergangen iſt? Fernando. Stille!— Soll ich dir Alles ſagen? Du verdienſt's, alter Mitſchuldiger meiner Thorheiten. Verwalter. Gott ſey nur Dank, daß Sie nicht Zigeunerhauptmann waren; ich haͤtte auf Ein Wort von Ihnen geſengt und gebrennt. Fernando. Du ſollſt's hoͤren! Verwalter. Ihre Gemahlinn? Ihre Tochter? Fernando. Ich habe ſie nicht gefunden. Ich traute mich ſelbſt nicht in die Stadt; allein aus ſichern Nachrichten weiß ich, daß ſie ſi ch e einem Kaufmann, ei⸗ 343 nem falſchen Freunde vertraut hat, der ihr die Capita⸗ lien, die ich ihr zuruͤckließ, unter dem Verſprechen groͤ⸗ ßerer Procente ablockte und ſie darum betrog. Unter dem Vorwande ſich auf's Land zu begeben, hat ſie ſich aus der Gegend entfernt und verloren, und bringt wahrſcheinli⸗ cher Weiſe durch eigene und ihrer Tochter Handarbeit ein kümmerliches Leben durch. Du weißt, ſie hatte Muth und Charakter genug ſo etwas zu unternehmen. Verwalter. Und Sie ſind nun wieder hier! Ver⸗ zeih'n wir's Ihnen, daß Sie ſo lange ausgeblieben. Fernando. Ich bin weit herum gekommen. Verwalter. Waͤre mir's nicht zu Hauſe mit mei⸗ ner Frau und zwey Kindern ſo wohl, beneidete ich Sie um den Weg, den Sie wieder durch die Welt verſucht haben. Werden Sie uns nun bleiben! Fernando. Will's Gott! Verwalter. Es iſt doch am Ende nichts anders und nichts beſſers. Fernando. Ja wer die alten Zeiten vergeſſen koͤnnte! Verwalter. Die u uns bey mancher Freude manche Noth brachten. Ich erinnere mich noch an Alles genau: X wie wir Cecilien ſo⸗ liebenswürdig fanden, uns ihr aufe drangen, unſere lugendliche Freyheit nicht geſchwind ge⸗ nug los werden konnten. Fernando. Es war doch eine ſchöne, gluclihe Seit! 344 Verwalter. Wie ſie uns ein munteres, lebhaftes Toͤchterchen brachte, aber zugleich von ihrer Munterkeit, von ihrem Reiz manches verlor. Fernando. Verſchone mich mit dieſer Lebensge⸗ ſchichte. G Verwalter. Wie wir hier und da, und da und dort uns umſahn, wie wir endlich dieſen Engel trafen, wie nicht mehr von Kommen und Gehen die Rede war, ſondern wir uns entſchließen muſſten„entweder die Eine oder die Andere gluͤcklich zu machen; wie wir es endlich ſo bequem fanden, daß ſich eben eine Gelegenheit zeigte die Guter zu verkaufen, wie wir mit manchem Verluſt uns davon machten, den Engel raubten, und das ſchoͤne, mit ſich ſelbſt und der Welt unbekannte Kind hierher ver⸗ bannten. Fernando. Wie es ſcheint, biſt du noch immer ſo lehrreich und geſchwaͤtzig wie vor Alters. 4 Verwalter. Hatte ich nicht Gelegenheit was zu lernen? War ich nicht der Vertraute Ihres Gewiſſens? Als Sie auch von hier, ich weiß nicht, ob ſo ganz aus reinem Verlangen Ihre Gemahlinn und Ihre Tochter wiederzufinden, oder auch mit aus einer heimlichen un⸗ ruhe, ſich wieder wegſehnten, und wie ich Ihnen von Wehr als Einer Seite behuͤlflich ſeyn muſſte- Fernando. So weit fuͤr dießmal. Verwalter. Bleiben Sie nur, dann iſt Ales gut. (ab.) — 345 8 Bedienter(kommt). Madame Sommer! Fernando. Bring' ſie herein. (Bedienter ab.) Fernando lallein). Dieß Weib macht mich ſchwer muͤthig. Daß nichts ganz, nichts rein in der Welt iſt! Dieſe Frau! Ihrer Tochter Muth hat mich zerſtoͤrt; was wird ihr Schmerz thun! 3 Madame Sommer t(tritt auf). Fernando(vor ſich). O Gott und auch ihre Ge⸗ ſtalt muß mich an mein Vergehen erinnern! Herz! Un⸗ ſer Herz! o wenn's in dir liegt ſo zu fuͤhlen und ſo zu handeln, warum haſt du nicht auch Kraft, dir das Geſchehene zu verzeihen?— Ein Schatten der Ge⸗ ſtalt meiner Frau!— O wo ſeh' ich den nicht!(Laut.) Madame! Madame Sommer. Was befehlen Sie, mein Herr? Fernando. Ich wuͤnſchte daß Sie meiner Stella Geſellſchaft leiſten wollten und mir. Setzen Sie ſich! Madame Sommer. Die Gegenwart des Elen⸗ den iſt dem Glucklichen zur Laſt, und ach! der Glückliche dem Elenden noch mehr. Fernando. Ich begreife Sie nicht. Koͤnnen Sie Stella verkannt haben⸗ S Sie, die ganz Liebe, ganz Gott⸗ heit iſt 2 Madame Sommer. Mein Herr! ich wänſchs 346 heimlich zu reiſen! Laſſen Sie mich— Ich muß fort. Glauben Sie, daß ich Gruͤnde habe! Aber ich bitte, laſſen Sie mich! Fernando(vor ſich). Welche Stimme! Welche Geſtalt!(Laut.) Madame!(Er wendet ſich ab.)— Gott, es iſt meine Frau!(Laut.) Verzeihen Sie! (Eilend ab.) Madame Sommer(allein). Er erkennt mich! — Ich danke dir, Gott, daß du in dieſen Augenblicken meinem Herzen ſo viel Staͤrke gegeben haſt!— Bin ichs? die Zerſchlagene! die Zerriſſene! die in der bedeutenden Stunde ſo ruhig, ſo muthig iſt? Guter, ewiger Verſor⸗ ger, du nimmſt unſerm Herzen doch nichts, was du ihm nicht aufbewahrteſt, bis zur Stunde wo es deſſen am mei⸗ ſten bedarf. Fernando(kommt zuruͤck). (Vor ſich.) Sollte ſie mich kennen?—(Laut.) Ich bitte Sie, Madame, ich beſchwoͤre Sie, üſfnen Sie mir Ihr Herz! 2 Madame Sommer. Ich müſt Ihnen mein Schickſal erzahlen; und wie ſollten Sie zu Klagen und Trauer geſtimmt ſeyn, an einem Tage da Ihnen alle Freuden des Lebens wiedergegeben ſind, da Sie alle Freuden des Lebens der wuͤrdigſten weiblichen Seele wie⸗ dergegeben haben! Nein, mein Herr! entlaſſen E Sie mich! Fernando. Ich bitte Sie! Madame Sommer. Wie gern erſpar't icys J 347 nen und mir! Die Erinnerung der erſten, gluͤcklichen Tage meines Lebens macht mir toͤdtliche Schmerzen. 1 Fernando. Sie ſind nicht immer ungluͤcklich ge⸗ weſen? Madame Sommer. Sonſt wuͤrd' ich's jetzt in dem Grade nicht ſeyn.(Nach einer Pauſe, mit erleichterter Bruſt.) Die Tage meiner Jugend waren leicht und froh. Ich weiß nicht was die Maͤnner an mich feſſelte; eine große Anzahl wuͤnſchte mir gefaͤllig zu ſeyn. Juͤr we⸗ nige fühlte ich Freundſchaft, Neigung; doch keiner war, mit dem ich geglaubt haͤtte, mein Leben zubringen zu koͤnnen. Und ſo vergingen die gluͤcklichen Tage der ro⸗ ſenfarbenen Zerſtreuungen, wo ſo ein Tag dem andern freundlich die Hand bietet. Und doch fehlte mir etwas. — Wenn ich tieſer in's Leben ſah', und Freud' und Leid ahnete die des Menſchen warten, da wuͤnſcht’ ich mir einen Gatten, deſſen Hand mich durch die Welt beglei⸗ tete, der fuͤr die Liebe, die ihm mein jugendliches Herz weihen konnte, im Alter mein Freund, mein Beſchuͤtzer, mir ſtatt meiner Eltern geworden waͤre, die ich um ſeinet⸗ willen verließ. Fernando. Und nun? Madame Sommer. Aber ich ſah' den Mann! Ich ſah' ihn, auf den ich in den erſten Tagen unſrer . Bekanntſchaft all' meine Hoffnungen niederlegte! Die Lebhaftigkeit ſeines Geiſtes ſchien mit ſolch einer Treue des Herzens verbunden zu ſeyn, daß ſich ihm das meinige 348 gar bald öffnete, daß ich ihm meine Freundſchaft, und gch, wie ſchnell darauf meine Liebe gab. Gott im Himmel, wenn ſein Haupt an meinem Buſen ruhte, wie ſchien er dir fuͤr die Staͤtte zu danken, die du ihm in meinen Armen bereitet hatteſt! Wir floh er aus dem Wir⸗ bel der Geſchaͤfte und Zerſtreuungen wieder zu mir, und wie unterſtuͤtzt' ich mich in truͤben Stunden an ſeiner Bruſt! Fernando. Was konnte dieſe liebe Verbindung ſtören? Madame Sommer. Nichts iſt bleibend— Ach, er liebte mich ſo gewiß, als ich ihn. Es war eine Zeit, da er nichts kannte, nichts wuſſte als mich gluͤcklich zu ſehen, mich gluͤcklich zu machen. Es war, ach die leich⸗ teſte Zeit des Lebens, die erſten Jahre einer Verbindung wo manchmal mehr ein Bißchen Unmuth, ein Bißchen Langeweile uns peinigten, als daß es wirklich Uebel waͤ⸗ ren. Ach, er begleitete mich den leidlichen Weg, um mich in einer oͤden, fuͤrchterlichen Wuͤſte allein zu laſſen. Fernando(immer verwirrter). Und wie? Seine Geſinnungen, ſein Herz? Madame Sommer. Koͤnnen wir wiſſen, was in dem Buſen der Maͤnner ſchlaͤgt?— Ich merkte nicht daß ihm nach und nach das alles ward— wie ſoll ich's nennen?— nicht gleichguͤltiger! das darf ich mir nicht ſagen. Er liebte mich immer, immer! Aber er brauchte mehr als meine Liebe. Ich hatte mit ſeinen Wuͤnſchen 349 zu theilen, vielleicht wit einer Nebenbuhlerinn;; ich vet⸗ barg ihm meine Vorwurſe nicht, und zuletzt— Fernando. Er konnte?— Madame Sommer. Er verließ mich. Das Ge⸗ fühl meines Elends hat keinen Namen! All' meine Hoffnungen in dem Augenblick zu Grunde! in dem Au⸗ genblick, da ich die Fruͤchte der aufgeopferten Bluͤte ein⸗ zuärnten gedachte— verlaſſen!— verlaſſen!— Alle Stuͤtzen des menſchlichen Herzens, Liebe, Zutrauen, Eh⸗ te, Stand, taͤglich wachſendes Vermoͤgen, Ausſicht uͤber eine zahlreiche wohlverſorgte Nachkommenſchaft, Alles ſturzte vor mir zuſammen, und ich— das uͤberbliebene unglückliche Pfand unſrer Liebe— Ein todter Kummer folgte auf die wuͤthenden Schmerzen, und das ausge⸗ weinte, durchverzweifelte Herz ſank in Ermattung hin. Die Ungluͤcksfaͤlle, die das Vermoͤgen einer armen Ver⸗ laſſenen ergriffen, achtete ich nicht, füͤhlte ich nicht, bis 1 ich zuletzt— Fernando. Der Schuldige! Madame Sommer(mit zuruͤckgehaltener Weh⸗ muth). Er iſt's nicht!— Ich bedaure den Mann, der ſich an ein Maͤdchen haͤngt. Fernando. Madame! Madame Sommer(celinde ſpottend, ihre Nuͤh⸗ rung zu verbergen). Nein, gewiß! Ich ſeh' ihn als einen Gefangenen an. Sie ſagen ja auch immer es ſey ſo⸗ Er wird aus ſeiner Welt in die unſere herüber gezogen, 350 mit der er im Grunde nichts gemein hat. Er betruͤgt ſich eine Zeit lang, und weh uns, wenn ihm die Augen aufgehn!— Ich nun gar, konnte ihm zuletzt nichts ſeyn als eine redliche Hausfrau, die zwar mit dem fe⸗ ſteſten Beſtreben an ihm hing, ihm gefaͤllig, fuͤr ihn ſorg⸗ ſam zu ſeyn; die dem Wohl ihres Hauſes, ihres Kindes, all' ihre Tage widmete, und freylich ſich mit ſo viel Kleinig⸗ keiten abgeben muſſte, daß ihr Herz und Kopf oft wuͤſte ward, daß ſie keine unterhaltende Geſellſchafterinn war, daß er mit der Lebhaftigkeit ſeines Geiſtes meinen Umgang nothwendig ſchal finden muſſte. Er iſt nicht ſchuldig! Fernando(Guu ihren Fuͤßen). Ich bin's! Madame Sommer(mit einem Strom von Thraͤnen an ſeinem Hals). Mein! Fernando. Cecilie!— mein Weib!— Cecilie(von ihm ſich abwendend). Nicht mein— Du verlaͤſſt mich, mein Herz!—(Wieder an ſeinem Hals.) Fernando!— wer du auch ſeyſt— laß dieſe Thraͤnen einer Elenden an deinem Buſen fließen— Halte mich dieſen Augenblick aufrecht, und dann verlaß mich auf ewig— Es iſt nicht dein Weib!— Stoße mich nicht von dir!— Fernando. Gott!— Cecilie, deine Thraͤnen an meinen Wangen— das Zittern deines Herzens an dem meinigen!— Schone mich! ſchone mich!— 3 Cecilie. Ich will nichts, Fernando!— Nur die⸗ ſen Augenblick! Goͤnne meinem Herzen dieſe Ergieſ⸗ 351 ſung, es wird frey werden, ſtark! Du ſollſt mich los werden— Fernando. Eh' ſoll mein Leben zerreißen, eh' ich dich laſſe!— 8 Cecilie. Ich werde dich wieder ſehn, aber nicht auf dieſer Erde! Du gehoͤrſt einer Andern, der ich dich nicht rauben kann—— Oeffne, oͤffne mir den Himmel! Einen Blick in jene ſelige Ferne, in jenes ewige Bleiben — allein, allein iſt's Troſt in dieſem furchterlichen Au⸗ genblicke. Fernando(ſie bey der Hand faſſend, anſehend ſie umarmend). Nichts, nichts in der Welt ſoll mich von dir trennen. Ich habe dich wieder gefunden. Cecilie. Gefunden was du nicht ſuchteſt! Fernando. Laß! laß!— Ja, ich habe dich ge⸗ ſucht; dich, meine Verlaſſene, meine Theure! Ich fand ſogar in den Armen des Engels hier keine Ruhe, keine 9 Frreuden; Alles erinnerte mich an dich, an deine Tochter, an meine Lucie. Guͤtiger Himmel! wie viel Freude! Sollte das liebenswuͤrdige Geſchöpf meine Tochter ſeyn? —— Ich habe dich aufgeſucht uͤberall. Drey Jahre zieh' ich herum. An dem Ort ünſers Aufenthalts ſand ich ach! unſere Wohnung verändert, in fremden Haͤn⸗ den, und die traurige Geſchichte des Verluſt's deines Vermoͤgens. Deine Entweichtung zerriß mir das Herz; ich konnte keine Spur von dir finden, und meiner ſelbſt und des Lebens igendrüßig⸗ ſteckt⸗ ich mich in dieſe Klei⸗ 4 35² der, in fremde Dienſte, half die ſterbende Freyheit der edeln Corſen unterdruͤcken; und nun ſieheſt du mich hier, nach einer langen und wunderbaren Verirrung wieder an deinem Buſen, mein theuerſtes, mein beſtes Weib! Lucie(tritt auf). Fernando. O meine Tochter! Lucie. Lieber, beſter Vater! wenn Sie mein Vater wieder ſind! Fernando. Immer und ewig! Cecilie. Und Stelln?— Fernando. Hier gilt's ſchnell ſeyn. Die Ungluͤck⸗ iche! Warum, Lucie, dieſen Morgen, warum konnten wir uns nicht erkennen?— Mein Herz ſchlug mir; du weißt wie geruͤhrt ich dich verließ! Warum? Warum? Wir haͤtten uns das alles erſpart! Stella! wir haͤtten ihr dieſe Schmerzen erſpart— Doch wir wollen fort. Ich will ihr ſagen, ihr beſtaͤndet darauf euch zu entfer⸗ nen, wolltet ſie mit euerm Abſchied nicht beſchweren, wolltet fort, Und du, Lucie, geſchwind hinuͤber; laß eine Chaiſe zu Dreyen anſpannen. Meine Sachen ſoll der Bediente zu den eurigen packen.— Bleib noch huͤben, theuerſte Frau! Und du, meine Tochter, wenn Alles be⸗ ſtellt iſt, komm heruͤber; und verweilt im Gartenſaal, wartet auf mich. Ich wie mich von ihr losmachen, ſagen, ich wollte euch hinuͤber begleiten, ſorgen, daß ihr wohl fort kaͤmt, und das Poſtgeld für euch bezahlen.— 353 Arme Seele, ich betruͤge dich mit deiner Guͤte!— Wir wollen fort!—. Cecilie. Fort?— Nur ein vernuͤnftig Wort! Fernando. Fort! Laß ſeyn!— Ja, meine Lieben, wir wollen fort! 1 (Cecilie und Lucie ab.) Fernando.(allein). Fort?—— Wohin? Wohin? — Ein Dolchſtich wuͤrde allen dieſen Schmerzen den Weg öffnen, und mich in die dumpfe Fühloſigkeit ſtuͤr⸗ zen, um die ich jetzt Alles dahin gaͤbe!— Biſt du da, Elender? Erinnere dich der vollgluͤcklichen Tage, da du in ſtarker Genuͤgſamkeit gegen den Armen ſtand'ſt, der des Lebens Buͤrde abwerfen wollte; wie du dich fuͤhlteſt in jenen gluͤcklichen Tagen, und nun!— Ja, die Gluͤck⸗ lichen! die Gluͤcklichen!— Eme Stunde fruͤher dieſe Entdeckung, und ich waͤre geborgen! ich haͤtte ſie nie wieder geſehn, ſie mich nicht; ich haͤtte mich uͤberreden oͤnnen: ſie hat dich dieſe vier Jahre vergeſſen, verſchmerzt ihr Leiden. Aber nun? Wie ſoll ich vor ihr erſcheinen, was ihr ſagen?— O meine Schuld, meine Schuld wird ſchwer in dieſen Augenblicken uͤber mir!— Ver⸗ laſſen, die beyden lieben Geſchoͤpfe! Und ich, in dem Augenblick da ich ſie wieder finde, verlaſſen von mir ſelbſt! elend! O meine Bruſt! Goeihe's Werke. VI. Bd. 23 1 Vierter Act. „ Einſiedley in Stella's Garten. Stella(allein). Du bluͤhſt ſchoͤn, ſchoͤner als ſonſt, liebe, liebe Staͤte der gehofften ewigen Ruhe— Aber du lockſt mich nicht mmehr— mir ſchaudert vor dir— kuͤhle, lockre Erde, mit ſchaudert vor dir.—— Ach wie oft, in Stunden der Einbildung, huͤllt' ich ſchon Haupt und Bruſt dahinge, geben in den Mantel des Todes, und ſtand gelaſſen an deiner Tiefe, und ſchritt hinunter, und verbarg mein jammervolles Herz unter deine lebendige Decke. Da ſoll⸗ teſt du, Verweſung, wie ein liebes Kind, dieſe uͤberfuͤll te, draͤngende Bruſt ausſangen, und mein ganzes Da⸗ ſeyn in einen freundlichen Traum aufloͤſen— Und nun! — Sonne des Himmels, du ſcheinſt herein— es iſt ſo licht, ſo offen um mich her, und ich freue mich deß!— Er iſt wieder da!— und in einem Wink ſteht rings um mich die Schoͤpfung liebevoll— und ich bin ganz Leben —— und neues, waͤrmeres, gluͤhenderes Leben will ich von ſeinen Lippen trinken!— Zu ihm— bey ihm— 355 mit ihm in bleibender Kraft wohnen!— Fernando!— Er kommt! Horch!— Nein, noch nicht!—— Hier ſoll er mich finden, hier an meinem Noſenaltar, unter meinen Roſenzweigen! Dieſe Knoͤſpchen will ich ihm brechen—— Hier! Hier!— Und dann fhr' ich ihn in dieſe Laube. Wohl, wohl war's, daß ich ſie doch, ſo eng' ſie iſt, fuͤr Zwey eingerichtet habe— Hier lag ſonſt mein Buch, ſtand mein Schreibzeug— Weg Buch und Schreibzeug!— Kaͤm' er nur!— Gleich verlaſſen!— Hab' ich ihn denn wieder?— Iſt er da?— Fernando(kommt). Stella. Wo bleibſt du, mein Beſter? Wo biſt du? Ich bin lang', lang' allein!(Aengſtlich.) Was haſt 1 du? Fernando. Die Weiber haben mich verſtimmt!— Die Alte iſt eine brave Frau; ſie will aber nicht bleiben, will keine Urſache ſagen, ſie will fort. Laß ſie, Stella. Stella. Wenn ſie nicht zu bewegen iſt, ich will ſie nicht wider Willen— Und, Fernando, ich brauche Geſellſchaft— und jetzt—(an ſeinem Hals) jetzt, Fer⸗ nando! Ich habe Dich ja! Fernando. Beruhige dich! 1 Stella. Laß mich weinen! Ich wollte der Tag⸗ waͤre vorbey! Noch zittern mir alle Gebeine!— Freude! „— Alles unerwartet auf Einmal! Dich, Fernando! Und kaum! kaum! Ich werde vergehen in dieſem allen! 3⁵⁶ Fernando(vor ſich). Ich Elender! Sie verlaſſen? (Laut.) Laß mich, Stella! Stella. Es iſt deine Stimme, deine liebende Stim⸗ me!— Stella! Stella!— Du weißt, wie gern ich dich dieſen Namen ausſprechen hoͤrte:— Stella! Es ſpricht ihn Niemand aus wie du. Ganz die Seele der Liebe in dem Klang'!— Wie lebhaft iſt mir noch die Erinnerung des Tags, da ich dich ihn zuerſt ausſprechen hörte, da all mein Gluͤck in dir begann! Fernando. Gluͤck?, Stella. Ich glaube du faͤngſt an zu rechnen; rech⸗ neſt die truͤben Stunden, die ich mir uber dich gemacht habe. Laß, Fernando! Laß!— Ol ſeit dem Augen⸗ blick, da ich dich zum erſtenmal ſah', wie ward Alles ſo ganz anders in meiner Seele! Weißt du den Nachmit⸗ tag im Garten, bey meinem Onkel? Wie du zu uns hereintratſt? Wir ſaßen unter den großen Kaſtanienbaͤu⸗ men hinter dem Luſthaus!— 8 Fernando(vor ſich). Sie wird mir das Herz zer⸗ reißen!——(Laut.) Ich weiß noch, meine Stella! Stella. Wie du zu uns tratſt? Ich weiß nicht, ob du bemerkteſt daß du im erſten Augenblick meine — 8 Aufmerkſamkeit gefeſſelt hatteſt? Ich wenigſtens merkte bald daß deine Augen mich ſuchten. Ach, Fernando! da brachte mein Onkel die Muſik, du nahmſt deine Vio⸗ line, und wie du ſpielteſt, lagen meine Augen ſorglos auf dir; ich ſpaͤhte jeden Zug in deinem Geſicht, und— 7 357 in einer unvermutheten Pauſe ſchlugſt du die Augen auf — auf mich! ſie begegneten den meinigen! Wie ich er⸗ roͤthete, wie ich wegſah'! Du haſt es bemerkt, Fernando; denn von der Zeit an fuͤhlt' ich wohl, daß du oͤfter uͤber dem Blatt wegſahſt, oft zur ungelegenen Zeit aus dem Tact kamſt, daß mein Onkel ſich zertrat. Jeder Fehl⸗ ſtrich, Fernando, ging mir durch die Seele— Es war die ſuͤßeſte Confuſion, die ich in meinem Leben gefuͤhlt habe. Um alles Gold hätt' ich dich nicht wieder grad anſehen koͤnnen. Ich machte mir Luft, und ging— Fernando. Bis auf den kleinſten Umſtand!— (vor ſich.) Ungluͤckliches Gedaͤchtniß! Stella. Ich erſtaune oft ſelbſt wie ich dich liebe, wie ich jeden Augenblick bey dir mich ganz vergeſſe; doch Alles vor mir noch zu haben, ſo lebhaft als waͤr's heu⸗ te! Ja wie oft hab' ich mir's auch erzaͤhlt, wie oft, Fernando!— Wie ihr mich ſuchtet, wie du an der Hand meiner Freundinn, die du vor mir kennen lernteſt, durch's Bosket ſtreifteſt, und ſie rief: Stella!— und du riefſt: Stella! Stella!— Ich hatte dich kaum reden gehoͤrt und erkannte deine Stimme; und wie ihr auf mich traft, und du meine Hand nahmſt! Wer war confuſer, ich oder du? Eins half dem Andern— Und von dem Augenblick an— Meine gute Sara ſagte mir's wohl, gleich ſelbigen Abend— Es iſt Alles eingetroffen — und welche Seligkeit in deinen Armen! Wenn meine Sara meine Freuden ſehen koͤnnte! Es war ein gutes 8 358 Geſchoͤpf; ſie weinte viel um mich, da ich ſo krank, ſo⸗ liebeskrank war. Ich haͤtte ſie gern mitgenommen, da ich um deinetwillen Alles verließ. Fernando. Alles verließ! Stella. Faͤllt dir das ſo auf? Iſt's denn nicht wahr? Alles verließ! Oder kannſt du in Stella's Mun⸗ de ſo was zum Vorwurf mißdeuten? Um Deinetwillen hab' ich lange nicht genug gethan. Fernando. Freylich! Deinen Onkel, der dich als Vater liebte, der dich auf den Händen trug, deſſen Wille dein Wille war, das war nicht viel? Das Vermoͤgen, die Guter, die alle dein waren, dein worden waͤren, das war nichts? Den Ort wo du von Jugend auf gelebt, dich gefreut hatteſt— deine Geſpielen— Stella. Und das alles, Fernando, ohne Dich? Was war mivs vor deiner Liebe? Aber da, als die in meiner Seele aufging, da hatt' ich erſt Fuß in der Welt gefaſſt— Zwar muß ich dir geſtehn, daß ich manchmal in einſamen Stunden dachte: Warum konnt' ich das nicht alles mit ihm genießen? warum muſſten wir flie⸗ hen? Warum nicht im Beſitz von dem allen bleiben? Haͤtte ihm mein Oakel meine Hand verweigert?— Nein!— Und warum fliehen?— O ich habe fuͤr dich wieder Entſchuldigungen genug gefunden! fuͤr dich! da hat mir's nie gemangelt! Und wenn's Grille waͤre, ſagte ich!— wie ihr denn eine Menas Giſlen babt— wenn s 359 ſich zu haben!— Und wenn's Stolz wäͤre, das Maͤd⸗ chen ſo allein, ohne Zugabe zu haben. Du kannſt den⸗ ken, daß mein Stolz nicht wenig dabey intereſſirt war, ſich das Beſte glauben zu machen; und ſo kamſt du nun gluͤcklich durch. Fernando. Ich vergehe! — Annchen(kommt). Verzeihen Sie, gnaͤdige Frau! Wo bleiben Sie, Herr Hauptmann? Alles iſt aufgepackt, und nun fehlt's an Ihnen! Die Mamſell hat ſchon ein Laufens, ein Befeh⸗ lens heut' verfuͤhrt, daß es unleidlich war; und nun blei⸗ ben Sie aus! Stella. Geh, Fernando, bring' ſie hinuͤber; zahl' das Poſtgeld fuͤr ſie, aber ſey gleich wieder da. Annchen. Fahren Sie denn nicht mit? Die Mam⸗ ſell hat eine Chaiſe zu Dreyen beſtellt, Ihr Bedienter hat ja aufgepackt! Stella. Fernando, das iſt ein Irrthum! Fernando. Was weiß das Kind? Annchen. Was ich weiß? Freylich ſieht's kurios aus, daß der Herr Hauptmann mit dem Frauenzimmer fort will, von der gnaͤdigen Frau; ſeit ſie bey Tiſch Be⸗ kanntſchaft mit Ihnen gemacht hat. Das war wohl ein zaͤrtlicher Abſchied, als Sie ihr zur geſegneten Mahlzeit die Hand druͤckten? Stella(verlegen). Fernando! Fernando. Es iſt ein Kind! 360 Annchen. Glauben Sie's nicht, gnaͤdige Frau! es iſt Alles aufgepackt; der Herr geht mit. Fernando. Wohin? Wohin? Stella. Verlaß uns, Annchen! (Annchen ab.) Stella. Reiß mich aus der entſetzlichen Verlegen⸗ heit! Ich furchte nichts, und doch aͤngſtet mich das Kin⸗ dergeſchwaͤtz.— Du biſt bewegt! Fernando! Ich bin deine Stella! Fernando(ſich unrwendend, und ſie bey der Hand faſ⸗ ſend). Du biſt meine Stella! Stella. Du erſchreckſt mich, Fernando! Du ſiehſt wild. Fernando. Stella! ich bin ein Boͤſewicht, und feig'; und vermag vor dir nichts. Fliehen!— Hab' das Herz nicht dir den Dolch in die Bruſt zu ſtoßen, und will dich heimlich vergiften, ermorden! Stella! Stella. Um Gottes willen! Fernando(mit Wuth und Zittern). Und nur nicht ſehn ihr Elend, nicht hoͤren ihre Verzweiflung! Flieben!— Stella. Ich halt's nicht aus! (Sie will ſinken und hält ſich an ihn.) Fernando. Stella, die ich in meinen Armen faſſe! Stella! die du mir Alles biſt! Stella!—(kalt.) Ich verlaſſe dich!. Stella(verwirrt laͤchelnd.) Mich! 361 Fernando(mit Zaͤhnknirſchen). Dich! mit dem Wei⸗ be, das du geſehen haſt! mit dem Maͤdchen!— Stella. Es wird ſo Nacht! Fernando. Und dieſes Weib iſt meine Frau!— Stella(ſieht ihn ſtarr an, und laͤſſt die Arme ſinkend. Fernando. Und das Mädchen iſt meine Tochter! Stella!(Er bemerkte erſt, daß ſie in Ohnmacht gefallen iſt.) Stella!(Er bringt ſie auf einen Sitz.) Stella!— Hul⸗ fe! Huͤlfe! 3 Cecilie, Lucie(kommen). Fernando. Seht! ſeht den Engel! Er iſt dahin! Seht!— Huͤlfe!(Sie bemuͤhen ſich um ſie.) Lucie. Sie erholt ſich. Fernando(ſtumm ſie anſehend) Durch dich! Durch dich!(ab.) 1 Stella. Wer? wer?—(Aufſtehend.) Wo iſt er? (Sie ſinkt zuruͤck, ſieht die an, die ſich um ſie bemuͤhen.) Dank euch! Dank!—— Wer ſeyd ihr?— Cecilie. Beruhigen Sie ſich! Wir ſind's. Stella. Ihr!— Seyd ihr nicht fort? Seyd ihr?— Gott! wer ſagte mir's?— Wer biſt du?— Biſt du?—(Cecilie bey den Haͤnden faſſend.) Nein! ich halt's nicht aus! Cecilie. Beſte! Liebſte! Ich ſchließ' dich Engel an mein Herz! Stella. Sag' mir,— es liegt tief in meiner Seele— Sag' mir— biſt du— 362 Cecilie. Ich bin— ich bin ſein Weih!— Stella(aufſpringend, ſich die Augen zuhaltend.) Und ich?—(Sie geht verwirrt auf und ab.) Cecilie. Kommen Sie in Ihr Zimmer! Stella. Woran erinnerſt du mich! Was iſt mein? — Schrecklich! Schrecklich!— Sind das meine Baͤu⸗ me, die ich pflanzte, die ich erzog? Warum in dem Augenblick mir Alles ſo fremd wird?— Verſtoßen!— Verloren!— Verloren auf ewig! Fernando! Fernando! Cecilie. Geh, Lucie, ſuch' deinen Vater. Stella. Um Gottes Barmherzigkeit! Halt!— Weg! Laß ihn nicht kommen! Entfern' dich!— Vater! — Gatte!— Cecilie. Suße Liebe! Stella. Du liebſt mich? Du druͤckſt mich an deine Bruſt?—— Nein! Nein— Laß mich!— Verſtoß mich!—(An ihrem Halſe.) Noch einen Augenblick! Es wird bald aus mit mir ſeyn! Mein Herz! Mein Herz! Lucie. Sie muͤſſen ruhen! Stella. Ich ertrag' eucen Anblick nicht! Euer Leben hab' ich vergiftet! euch geraubt euer Alles— Ihr im Elend; und ich— welche Seligkeit in ſeinen Ar⸗ men!(Sie wirft ſich auf die Kniee.) Koͤnnt ihr mir ver⸗ geben? Cecilie. Laß! Laß!(Sie bemuhen ſich, ſie aufzu⸗ heben.) 4 2 363 Stella. Hier will ich liegen, flehn, jammern, zu Gott und euch: Vergebung! Vergebung!—(Sie ſpringt auf.)— Vergebung?— Troſt gebt mir! Troſt! Ich bin nicht ſchuldig!— Du gabſt mir ihn, heiliger Gott im Himmel! ich hielt ihn feſt, wie die liebſte Gabe aus deiner Hand— Laß mich!— Mein Herz zerreißt!— Cecilie. Unſchuldige! Liebe! Stella(an ihrem Halſe.) Ich leſe in deinen Au⸗ gen, auf deiner Lippe, Worte des Himmels. Halt' mich! Trag' mich! Ich gehe zu Grunde! Sie vergibt mir! Sie fuͤhlt mein Elend! Cecilie. Schweſter! meine Schweſter! erhole dich! nur einen Augenblick erhole dich! Glaube, daß der in unſer Herz die Gefuͤhle legte, die uns oft ſo elend machen, auch Troſt und Huͤlfe dafuͤr bereiten kann. Stella. An deinem Hals laß mich ſterben! Cecilie. Kommen Sie!— Stella(uach einer Pauſe, wild wegfahrend). Laſſt mich Alle! Sieh' es draͤngt ſich eine Welt voll Verwir⸗ rung und Qual in meine Seele, und füllt ſie ganz mit unſaͤglichen Schmerzen— Es iſt unmoͤglich— unmoͤg⸗ lich!— So auf einmal!— Iſt nicht zu faſſen, nicht zu tragen!—(Sie ſteht eine Weile niederſehend ſtill, in ſich gekehrt, ſieht dann auf, erblickt die Beyden, faͤhrt mit einem Schrey zuſammen, und entflieht.) 364 Cecilie. Geh ihr nach, Lucie! Beobachte ſie! (Lucie ab.) Cecilie. Sieh herab auf deine Kinder, und ihre Verwirrung, ihr Elend!— Leidend lernt' ich viel. Staͤrke mich!— Und kann der Knoten geloͤſit weren, heiliger Gott im Himmel! zerreiß' ihn nicht. Fauͤnfter Ack. Stellas Cabinek. Im Mondenſchein. Stell a. (Sie hat Fernando's Portraͤt, und iſt im Begriff, es von dem Blendrahmen loszumachen.) Fuͤlle der Nacht, umgib mich! faſſe mich! leite mich! ich weiß nicht wohin ich trete!—— Ich muß! ich will hinaus in die weite Welt! Wohin? Ach wohin?— Verbannt aus deiner Schoͤpfung! Wo du, heiliger Mond, auf den Wipfeln meiner Baͤume daͤmmerſt; wo du mit furchtbar lieben Schatten das Grab meiner holden Mina umgibſt, ſoll ich nicht mehr wandeln? Von dem Ort, wo alle Schaͤtze meines Lebens, alle ſelige Erinnerungen aufbewahrt ſind?— Und du, woruͤber ich ſo oft mit Andacht und Thraͤnen gewohnt habe, Staͤtte meines Gra⸗ bes! die ich mir weihte; wo umher alle Wehmuth, alle Wonne meines Lebens daͤmmert; wo ich noch abgeſchie⸗ 366 den umzuſchweben, und die Vergangenheit allſchmach⸗ tend zu genießen hoffte, von dir auch verbannt ſeyn? — Verbannt ſeyn!— Du biſt ſtumpf! Gott ſey Dank! dein Gebirn iſt verwuͤſtet; du kannſt ihn nicht faſſen den Gedanken: Verbannt ſeyn! Du würdeſt wahnſinnig werden!—— Nun!— O mir iſt ſchwindlich!— Leb wohl!— Lebt wohl? Nimmer wieder ſehen?— Es iſt ein dumpfer Todtenblick in dem Gefuͤhl! Nicht wieder ſehn?— Fort! Stella!(Sie ergreift das Por⸗ traͤt.) Und dich ſollt' ich zuruͤck laſſen?—(Sie nimmt ein Meſſer und faͤngt an die Naͤgel loszubrechen.) O daß ich ohne Gedanken wäre! daß ich in dumpfem Schlaf, daß ich in hinreißenden Thraͤnen mein Leben hingaͤbe! Das iſt, und wird ſeyn— du biſt elend!—(Das Ge⸗ mählde nach dem Monde wendend.) Ha, Fernando! da du zu mir trat'ſt, und mein Herz dir entgegen ſprang, fuͤhlteſt du nicht das Vertrauen auf deine Treue, deine Gute?— Fuhlteſt du nicht welch Heiligthum ſich dir eroͤffnete, als ſich mein Herz gegen dich aufſchloß?— Und du bebteſt nicht vor mir zuruüͤck? Verſankſt nicht? Entfloh'ſt nicht?— Du konnteſt meine Unſchuld, mein Glück, mein Leben, ſo zum Zeitvertreib pflücken, und zerpflücken, und am Wege gedankenlos hinſtreuen?— Edler!— Ha, Edler!— Meine Jugend!— meine goldnen Tage!— Und du traͤgſt die tiefe Tuͤcke im Her⸗ zen!— Dein Weib!— deine Tochter!— Und mir war! 6 frey in der Seele, rein wie ein Fruͤhlingsmor⸗ 367 gen!— Alles, alles Eine Hoffnung—— Wo biſt du, Stella?—(Das Portraͤt anſchauend.) So groß! ſo ſchmeichelnd!— Der Blick war's, der mich in's Ver⸗ derben riß!—— Ich haſſe dich! Weg! wende dich weg!— So daͤmmernd! ſo lieb!— Nein! Nein!— Verderber!— Mich?— Mich?— Du?— Mich?— (Sie zuckt mit dem Meſſer nach dem Gemaͤhlde.) Fernan⸗ do!—(Sie wendet ſich ab, das Meſſer fällt, ſie ſtuͤrzt mit einem Ausbruch von Thraͤnen vor den Stuhl nieder.) Liebſter! Liebſter!— Vergebens! Vergebens!— Bedienter(kommt). Gnaͤdige Frau! wie Sie befahlen, die Pferde ſind an der hintern Gartenthuͤr. Ihre Waͤſche iſt aufgepackt. Vergeſſen Sie nicht Geld! Stella. Das Gemaͤhlde! Bedienter(nimmt das Meſeer auf, und ſchneidet das Gemaͤhlde von der Rahme und rollt's.) Stella. Hier iſt Geld. Bedienter. Aber warum. Stella. einen Moment ſtill ſtehend, auf und umher blickend.) Komm!(ab.) S aal. Fernando. Laß mich! Laß mich! Sieh! da faſſt's mich wie⸗ der mit all' der ſchrecklichen Verworrenheitl— So kalt, ſo graß liegt Alles vor mir— als) waͤr) 368 Welt nichts— ich haͤtte drin nichts verſchuldet—— Und ſie!— Hal! bin ich nicht elender als ihr? Was habt ihr an mich zu fordern?— Was iſt nun des Sin⸗ nens Ende?— Hier! und hier! Von einem Ende zum andern! durchgedacht! und wieder durchgedacht! und immer quaͤlender! immer ſchrecklicher!——(Sich die Stirne haltend.) Wo's zuletzt widerſtoͤßt! Nirgends vor, nicht hinter ſich! Nirgends Rath und Huͤlfe!— Und dieſe zwey? Dieſe drey beſten weiblichen Geſchoͤpfe der Erde— elend durch mich!— elend ohne mich!— Ach! noch elender mit mir!— Wenn ich klagen koͤnnte, koͤnnte verzweifeln! koͤnnt' um Vergebung bitten— könnt' in ſtumpfer Hoffnung nur eine Stunde hinbringen— zu ihren Fuͤßen liegen, und in theilnehmendem Elend Selig⸗ keit genießen!— Wo ſind ſie?— Stella! du liegſt auf deinem Angeſichte, blickſt ſterbend nach dem Himmel, und aͤchzeſt:„Was hab' ich Blume verſchuldet, daß mich dein Grimm ſo niederknickt? Was hatte ich Arme verſchuldet, daß du dieſen Boͤſewicht zu mir fuͤhrteſt?“ — Cecilie! Mein Weib! o mein Weib!— Elend! Elend! tiefes Elend!— Welche Seligkeiten vereinigen ſich um mich elend zu machen! Gatte! Vater! Gelieb⸗ ter!— Die beſten, edelſten weiblichen Geſchoͤpfe!— Dein! Deein?— Kannſt du das faſſen, die dreyfache, unſaͤgliche Wonne?— Und nur die iſt's, die dich ſo ergreift, die dich zerreißt!— Jede fordert mich ganz— ich? †† Hier iſt's zu!— tief! unergruͤndlich!—— 369 Sie wird elend ſeyn! Stella! biſt elend!— Was hab' ich dir geraubt? Das Bewußtſeyn deiner ſelbſt, dein junges Leben!— Stella!— Und ich bin ſo kalt?(Er nimmt eine Piſtole vom Tiſch.) Doch auf alle Faͤlle!— (Er ladet.)* Cecilie(kommt.) Mein Beſter! wie iſt uns?—(Sie ſieht die Piſtolen.) Das ſieht ja reiſefertig aus! Fernando(legt ſie nieder). Cecilie. Mein Freund! Du ſcheinſt mir gelaſſener. Kann man ein Wort mit dir reden? Fernando. Was willſt du, Cecilie? Was willſt du, mein Weib? Cecilie. Nenne mich nicht ſo bis ich ausgeredet habe. Wir ſind nun wohl ſehr verworren; ſollte das nicht zu loͤſen ſeyn? Ich habe viel gelitten, und darum nichts von gewaltſamen Entſchluͤſſen. Vernimmſt du mich, Fernando? 3 Fernando. Ich hoͤre! Cecilie. Nimm's zu Herzen! Ich bin nur ein Weib, ein kummervolles, klagendes Weib; aber Ent⸗ ſchluß iſt in meiner Seele.— Fernando— ich bin ent⸗ ſchloſſen— ich verlaſſe dich! 1 Fernando(ſpottend). Kurz und gut? Cecilie. Meinſt du man muͤſſe hinter der Thuͤr Abſchied nehmen um zu verlaſſen was man liebt? * Fernando. LCecilie! Goethe's Werke. VI. Bd. 24 370 Cecilie. Ich werfe dir nichts vor, und glaube nicht daß ich dir ſo viel aufopfere. Bisher beklagte ich deinen Verluſt, ich haͤrmte mich ab, uͤber das was ich nicht aͤndern konnte. Ich finde dich wieder, deine Ge⸗ genwart floͤßt mir neues Leben, neue Kraft ein. Fer⸗ nando, ich fuͤhle daß meine Liebe zu dir nicht eigen⸗ nützig iſt, nicht die Leidenſchaft einer Liebhaberinn, die alles dahingaͤbe den erflehten Gegenſtand zu beſitzen. Fernando! mein Herz iſt warm und voll fuͤr dich; es iſt das Gefuͤhl einer Gattinn, die, aus Liebe, ſelbſt ihre Liebe hinzugeben vermag. Fernando. Nimmer! Nimmer! Cecilie. Du faͤhrſt auf? Fernando. Du marterſt mich! Cecilie. Du ſollſt gluͤcklich ſeyn! Ich habe meine Tochter— und einen Freund an dir. Wir wollen ſchei⸗ den ohne getrennt zu ſeyn. Ich will entfernt von dir leben, und ein Zeuge deines Gluͤcks bleiben. Deine Ver⸗ traute will ich ſeyn; du ſollſt Freude und Kummer in meinen Buſen ausgießen. Deine Briefe ſollen mein ein⸗ ziges Leben ſeyn, und die meinen ſollen dir als ein lieber Beſuch erſcheinen— Und ſo bleibſt du mein, biſt nicht mit Stella verbannt in einen Winkel der Erde, wir lie⸗ ben uns, nehmen Theil an einander! Und ſo, Fernan⸗ do, gib mir deine Hand drauf⸗ Fernando. Als Scherz waͤr's zu grauſam; als Ernſt iſt's unbegreiflich!— Wie's nun will, Beſte!— 3 371 Der kalte Sinn loͤſ't den Knoten nicht. Was du ſagſt, klingt ſchoͤn, ſchmeckt ſuͤß. Wer nicht fuͤhlte daß dar⸗ unter weit mehr verborgen liegt; daß du dich ſelbſt be⸗ truͤgſt, indem du die marterndſten Gefuͤhle mit einem blendenden eingebildeten Troſte ſchweigen machſt. Nein, Cecilie! Mein Weib, nein!— Du biſt mein— ich bleibe dein— Was ſollen hier Worte? Was ſoll ich die Warum's dir vortragen? Die Warum's ſind ſo viel Luͤ⸗ gen. Ich bleibe dein, oder— Cecilie. Nun denn!— Und Stella? Fernando(eaͤhrt auf und geht wild auf und ab). Cecilie. Wer betruͤgt ſich? Wer betaͤubt ſeine Qualen durch einen kalten, ungefuͤhlten, ungedachten, vergaͤnglichen Troſt? Ja, ihr Maͤnner kennt euch. Fernando. Ueberhebe dich nicht deiner Gelaſſen⸗ heit!— Stella! Sie iſt elend! Sie wird ihr Leben fern von mir und dir ausjammern. Laß ſie! Laß mich! Cecilie. Wohl, glaube ich, wuͤrde ihrem Herzen die Einſamkeit thun; wohl ihrer Zaͤrtlichkeit, uns wie⸗ der vereinigt zu wiſſen. Jetzo macht ſie ſich bittere Vor⸗ wuͤrfe. Sie wuͤrde mich immer fuͤr ungluͤcklicher hal⸗ ten, wenn ich dich verlieſſ', als ich waͤre; denn ſie be⸗ rechnete mich nach ſich. Sie wuͤrde nicht ruhig leben, nicht lieben koͤnnen, der Engel! wenn ſie fuͤhlte, daß ihr Gluͤck Raub waͤre. Es iſt ihr beſſer— Fernando. Laß ſie fliehen! Laß ſie in ein Kloſter! Cecilie. Wenn ich nun aber wieder ſo denke: warum ſoll ſie denn eingemauert ſeyn? Was hat ſie ver⸗ ſchuldet, um eben die bluͤhendſten Jahre, die Jahre der Fuͤlle, der reifenden Hoffnung hinzutrauern, verzwei⸗ felnd am Abgrund' hinzujammern? geſchieden zu ſeyn von ihrer lieben Welt?— von dem, den ſie ſo gluͤhend liebt?— von dem, der ſie— Nicht wahr, du liebſt ſie, Fernando? Fernando. Hal was ſoll das? Biſt du ein boͤſer Geiſt, in Geſtalt meines Weibes? Was kehrſt du mein Herz um und um? Was zerreißeſt du das Zerriſſene? Bin ich nicht zerſtoͤrt, zerruͤttet genug? Verlaß mich! Ueberlaß mich meinem Schickſal!— und Gott erbarme ſich euer!(Er wirft ſich in einen Seſſel.) Cecilie(tritt zu ihm und nimmt ihn bey der Hand). Es war einmal ein Graf— Fernando(gill aufſpringen, ſie halt ihn). Cecilie. Ein deutſcher Graf. Den trieb ein Ge⸗ fuͤhl frommer Pflicht von ſeiner Gemahlinn, von ſeinen Gutern, nach dem gelobten Lande— Fernando. Ha! Cecilie. Er war ein Bidermann; er liebte ſein Weib, nahm Abſchied von ihr, empfahl ihr ſein Haus⸗ weſen, umarmte ſie und zog. Er zog durch viele Län⸗ der, kriegte und ward gefangen. Seiner Selaverey erbarmte ſich ſeines Herrn Tochter; ſie löſ'te ſeine Feſ⸗ ſeln, ſie flohen. Sie geleitete ihn auſ's Neue durch alle Gefahren des Kriegs— Der liebe Waffentraͤger!— Mit Sieg bekroͤnt, ging's nun zur Ruͤckreiſe— zu ſei⸗ 373 nem edeln Weibe!— Und ſein Maͤdchen?— Er fuͤhlte Menſchheit!— er glaubte an Menſchheit, und nahm ſie mit.— Sieh da, die wackre Hausfrau, die ihrem Gemahl entgegen eilt, ſieht all' ihre Treue, all' ihr Ver⸗ trauen, ihre Hoffnung belohnt, ihn wieder in ihren Armen. Und dann daneben ſeine Ritter, mit ſtolzer Ehre von ihren Roſſen ſich auf den vaterlaͤndiſchen Bo⸗ den ſchwingend; ſeine Knechte abladend die Beute, ſie zu ihren Fuͤßen legend; und ſie ſchon in ihrem Sinn das all' in ihren Schraͤnken auſbehaltend, ſchon iht Schloß mit auszierend, ihre Freunde mit beſchenkend— Edles theures Weib, der groͤßte Schatz iſt noch zuruͤclk!— Wer iſt's die dort verſchleyert mit dem Geſolge naht? Sanft ſteigt ſie vom Pferde——„Hier!“— rief der Graf, ſie bey der Hand faſſend, ſie ſeiner Frau entgegen fuͤhrend,—„Hier ſieh das alles— und ſie! nimm's aus ihren Haͤnden— nimm mich aus ihren wieder! Sie hat die Ketten von meinem Halſe geſchloſ⸗ ſen, ſie hat den Winden befohlen, ſie hat mich erwor⸗ ben— hat mir gedient, mein gewartet!— Was bin ich ihr ſchuldig?— Da haſt du ſie!— Belohn' ſie. 2 Fernando(liegt ſchluchzend mit den Armen uͤbern Tiſch gebreitet). 1 Cecilie. An ihrem Haͤlſe rief das treue Weib, in tauſend Thraͤnen rief ſie:„Nimm Alles was ich dir geben kann! Nimm die Haͤlſte deß, der ganz dein ge⸗ hoͤrt— Nimm ihn ganz! Laß mir ihn ganz! Jede X 374 foll ihn haben, ohne der Andern was zu rauben— Und, rief ſie an ſeinem Halſe, zu ſeinen Fuſſen: Wir ſind dein!“—— Sie faſſten ſeine Haͤnde, hingen an ihm — Und Gott im Himmel freute ſich der Liebe, und ſein heiliger Statthalter ſprach ſeinen Segen dazu. Und ihr Gluͤck, und ihre Liebe faſſte ſelig Eine Wohnung, Ein Bett, und Ein Grab. Fernando. Gott im Himmel! Welch ein Strahl von Hoffnung dringt herein! Cecilie. Sie iſt da! Sie iſt unſer(nach der Cabi⸗ nets⸗Thuͤre) Stella! Fernando. Laß ſie, laß mich!(Im Begriff wegzu⸗ gehen.) Cecilie. Bleib! Hoͤre mich! Fernando. Der Worte ſind ſchon genug. Was werden kann wird werden. Laß mich! In dieſem Augen⸗ blick bin ich nicht vorbereitet vor euch Beyden zu ſtehen. (ab.) Fuͤnfter Auftritt. Cecilie, hernach Lucie, hernach Stella. Cecilie. Der Ungluͤckliche! Immer ſo einſilbig, immer dem freundlichen, vermittelnden Wort widerſtre⸗ bend, und ſie, eben ſo! Es muß mir doch gelingen. (Nach der Thuͤre.) Stella! Hoͤre mich, Stella! 375 Lucie. Rußf' ihr nicht! Sie ruht, von einem ſchwe⸗ ren Leiden ruht ſie einen Augenblick. Sie leidet ſehr; ich fürchte, meine Mutter, mit Willen; ich fuͤrchte, ſie ſt ebt.. Cecilie. Was ſagſt du? Lucie. Es war nicht Arzney, fuͤrcht' ich, was ſie nahm. Cecilie. Und ich hätte vergebens gehofft? O, daß du dich taͤuſchteſt!— Fuͤrchterlich— Fuͤrchterlich! Stella(an der Thuͤre). Wer ruft mich? Warum weckt ihr mich? Welche Zeit iſt's? Warum ſo fruͤh? Lucie. Es iſt nicht fruͤh, es iſt Abend. Stella. Ganz recht, ganz wohl, Abend fuͤr mich. Cecilie. Und ſo täuſcheſt du unss Stella. Wer taͤuſchte dich? Du. Cecilie. Ich brachte dich zuruͤck, ich hoffte. Stella. Fuͤr mich iſt kein Bleibens. Cecilie. Ach haͤtte ich dich ziehen laſſen, reiſen, eilen, an's Ende der Welt! Stella. Ich bin am Ende. Cecilie(zu Lucien, die indeſſen aͤngſtlich hin und wie⸗ der gelaufen iſt.) Was zauderſt du? Eile, rufe um Huͤlfe! Stella(die Lucien anfaſſt.) Nein, verweile.(Sie jehnt ſich auf Bepde, und ſie kommen weiter hervor.) An eurem Arm dachte ich durch's Leben zu gehen; ſo fuͤhrt 376 mich zum Grabe.(Sie fuͤhren ſie langſam hervor und laſſen ſie auf der rechten Seite auf einen Seſſel nieder.) Cecilie. Fort, Lucie! Hulfe! Hulfe! (Lucie ab.) Sechster Auftritt. ³tetle, Wecalie⸗ hernach Fernando, her⸗ 2. nach Lucie. Stella. Mirr iſt geholfen! Cecilie. Wie anders glaubt' ich! Wie anders hofft⸗ ich! Stella. Du Gute! Duldende, Hoffende! Cecilie. Welch entſetzliches Schickſal! Stella. Tiefe Wunden ſchlaͤgt das Schickſal, aber oft heilbare. Wunden, die das Herz dem Herzen ſchlägt, das Herz ſich ſelber, die ſind unheilbar und ſo— laß mich ſterben. Fernando t(tritt ein). Uebereilte ſich Lucie, oder iſt die Botſchaft wahr? Laß ſie nicht wahr ſeyn, oder ich fluche deiner Großmuth, Cecilie, deiner Langmuth. Cecilie. Mir wirft mein Herz nichts vor. Gutet Wille iſt hoͤher als aller Erſolg. Eile nach Rettung, ſie lebt noch, ſie gehört uns noch. Stella(die aufblickt und Fernandoys Hand faſſt.) Willkommen! Laß mir deine Hand,(zu Cecilien) und du 377— die deine. Alles um Liebe, war die Loſung meines Le⸗ bens. Alles um Liebe, und ſo nun auch den Tod. In den ſeligſten Augenblicken ſchwiegen wir und verſtanden uns,(ſucht die Haͤnde beyder Gatten zuſammenzubringen) und nun laſſt mich ſchweigen und ruhen.(Sie faͤllt auf ihren rechten Arm, der uͤber den Tiſch gelehnt iſt.) Fernando. Ja wir wollen ſchweigen, Stella, und ruhen.(Er geht langſam nach dem Tiſche linker Hand.) Cecilie in ungedultiger Bewegung). Lucie kommt nicht, Niemand kommt. Iſt denn das Haus, iſt denn die Nachbarſchaft eine Wuͤſte? Faſſe dich, Fernando, ſie lebt noch. Hunderte ſind vom Todeslager aufgeſtan⸗ den, aus dem Grabe ſind ſie wieder aufgeſtiegen. Fer⸗ nando, ſie lebt noch. Und wenn uns Alles verlaͤſſt, und hier kein Arzt iſt, keine Arzney; ſo iſt doch einer im Himmel, der uns hoͤrt.(Auf den Knieen, in der Naͤhe von Stella.) Hoͤre mich! Erhoͤre mich, Gott! Erhalte ſie uns, laß ſie nicht ſterben! Fernando(hat mit der linken Hand ein Piſtol ergrif⸗ fen, und geht langſam ab). Cecilie(wie vorher, Stella's linke Hand faſſend). Ja ſie lebt noch; ihre Hand, ihre liebe Hand iſt noch warm. Ich laſſe dich nicht, ich faſſe dich mit der ganzon Gewalt des Glaubens und der Liebe. Nein, es iſt kein Wahn! Eifriges Gebet iſt ſtarker denn irdiſche Huͤlfe.(aufſtehend und ſich umkehrend.) Er iſt hinweg, der Stumme, Hoff⸗ nungsloſe. Wohin? O, daß er nicht den Schritt wagt, 378 wohin ſein ganzes ſturmvolles Leben ſich hindraͤngte. Zu ihm!(Indem ſie fort will, wendet ſie ſich nach Stella.) Und dieſe laſſ' ich huͤlflos hier. Großer Gott! und ſo ſtehe ich, im fuͤrchterlichſten Augenblick, zwiſchen Zweyen, die ich nicht trennen und nicht vereinigen kann.(Es ſält in der Ferne ein Schuß.) Cecilie. Gott!(will dem Schall nach). Stella(ſich muͤhſam aufrichtend). Was war das? Cecilie, du ſtehſt ſo ferne, komm naͤher, verlaß mich nicht. Es iſt mir ſo bange. O meine Angſt! Ich ſehe Blut fließen. Iſt's denn mein Blut? Es iſt nicht mein Blut. Ich bin nicht verwundet, aber todt krank— Es iſt doch mein Blut. 9 Lucie(kommt). Huͤlfe, Mutter, Huͤlfe! Ich renne nach Huͤlfe, nach dem Arzte, ſprenge Boten fort; aber ach! ſoll ich dir ſagen, ganz anderer Huͤlfe bedarfs. Mein Vater faͤllt durch ſeine eigene Hand, er liegt im Blute. (Cecilie will fort, Lucie häͤlt ſie.) Nicht dahin, meine Mut⸗ ter, der Anblick iſt huͤlflos, und erregt Verzweiflung. Stella(die halb aufgerichtet aufmerkſam zugehoͤrt hat, faſſt Ceciliens Hand.) So waͤre es geworden?(ſich aufrich⸗ tend und an Cecilien und Lucien lehnend.) Kommt, ich fuͤhle mich wieder ſtark, kommt zu ihm. Dort laſſt mich ſterben. Cecilie. Du wankſt, deine Knie tragen dich nicht. Wir tragen dich nicht. Auch mir iſt das Mark aus den Gebeinen. 379 Stella(ſinkt an den Seſſel nieder). Am Ziele denn. So gehe du hin, zu dem, dem du angehoͤrſt. Nimm ſeinen letzten Seufzer, ſein letztes Roͤcheln auf. Er iſt dein Gatte. Du zauderſt? Ich bitte, ich beſchwoͤre dich. Dein Bleiben macht mich unruhig.(Mit Bewegung, doch ſchwach.) Bedenke, er iſt allein, und gehe! (Cecilie mit Heftigkeit ab.) Lucie. Ich verlaſſe dich nicht, ich bleibe bey dir. Stella. Nein, Lucie! Wenn du mir wohl willſt, ſo eile. Fort! fort! laß mich ruhen! Die Flügel der Liebe ſind gelaͤhmt, ſie tragen mich nicht zu ihm hin. Du biſt friſch und geſund. Die Pflicht ſey thaͤtig wo die Liebe verſtummt. Fort zu dem, dem du angehoͤrſt! Er iſt dein Vater. Weißt du, was das heißt? Fort! wenn du mich liebſt, wenn du mich beruhigen willſt. (Lucie entfernt ſich langſam und ab.) Stella(ſinkend). Und ich ſterbe allein. 94 4 — Trauerſpiel. 2— Perſonen. Clavigo, Archivarius des Koͤnigs. Carlos, deſſen Freund. Beaumarchais. Marie Beaumarchais. Sophie Gullbert, geborne Beaumarchais. Guilbert, ihr Mann. Buenco. Saint George. N (Der Schauplatz iſt zu Madrid.) Erſter Ackt. Clavigo'ss Wohnung. — Clavigo. Carlos. Clavigo(vom Schreibtiſch aufſtehend). Das Blatt wird eine gute Wirkung thun, es muß alle Weiber bezaubern. Sag mir, Carlos, glaubſt du nicht daß meine Wochenſchrift jetzt eine der erſten in Euro⸗ pa iſt? Carlos. Wir Spanier wenigſtens haben keinen neuern Autor, der ſo viel Staͤrke des Gedankens, ſo viel bluͤhende Einbildungskraft mit einem ſo glaͤnzenden und leichten Stil verbaͤnde. Clavigo. Laß mich. Ich muß unter dem Volke noch der Schoͤpfer des guten Geſchmacks werden. Die Menſchen ſind willig allerley Eindruͤcke anzunehmen; ich habe einen Ruhm, ein Zutrauen unter meinen Mit⸗ buͤrgern; und, unter uns geſagt, meine Kenntniſſe brei⸗ ten ſich taͤglich aus; meine Empfindungen erweitern ſich, und mein Stil bildet ſich immer wahrer und ſtaͤrker. 384 Carlos. Gut, Clavigo. Doch wenn du mir's nicht uͤbel nehmen wilſt, ſo gefiel mir damals deine Schrift weit beſſer als du ſie noch zu Mariens Fuͤßen ſchriebſt, als noch das liebliche muntere Geſchoͤpf auf dich Einfluß hatte. Ich weiß nicht, das Ganze hatte ein jugendlicheres, blühenderes Anſehen. Clavigo. Es waren gute Zeiten, Carlos, die nun vorbey ſind. Ich geſtehe dir gern, ich ſchrieb damals mit offenerm Herzen: und wahr iſt's, ſie hatte viel An⸗ theil an dem Beyfall, den das Publikum mir gleich An⸗ fangs gewaͤhrte. Aber in der Laͤnge, Carlos, man wird der Weiber gar bald ſatt; und warſt du nicht der Erſte meinem Entſchluß Beyfall zu geben, als ich mir vor⸗ nahm ſie zu verlaſſen? Carlos. Du warſt verſauert. Sie ſind gar zu einfoͤrmig. Nur, dunkt mich, waͤys wieder Zeit, daß du dich nach einem neuen Plan umſaͤheſt, es iſt doch auch nichts wenn man ſo ganz auf'm Sand' iſt. Clavigo. Mein Plan iſt der Hof, und da gilt kein Feiern. Hab' ich's fuͤr einen Fremden, der ohne Stand, ohne Namen, ohne Vermögen hieher kam, nicht weit genug gebracht? Hier an einem Hofe! unter dem Gedaͤng von Menſchen, wo es ſchwer haͤlt ſich bemerken zu machen? Mir iſt's ſo wohl, wenn ich den Weg anſehe den ich zuruͤckgelegt habe. Geliebt von den Erſten des Koͤnigreichs! geehrt durch meine Wiſſen⸗ ſchaften, meinen Rang! Archivarius des Königs! Car⸗ 385 los, das ſpornt mich Alles; ich waͤre nichts, wenn ich bliebe was ich bin! Hinauf! Hinauf! Und da koſtet's Muͤhe und Liſt! Man braucht ſeinen ganzen Kopf; und die Weiber, die Weiber! Man vertaͤndelt gar zu viel Zeit mit ihnen. Carlos. Narre, das iſt deine Schuld. Ich kann nie ohne Weiber leben, und mich hindern ſie an gar nichts. Auch ſag' ich ihnen nicht ſo viel ſchoͤne Sachen, tröſte mich nicht Monate lang an Sentiments und der⸗ gleichen; wie ich denn mit honnetten Maͤdchen am ungern⸗ ſten zu thun habe. Ausgeredt hat man bald mit ihnen; hernach ſchleppt man ſich eine Zeit lang herum, und kaum ſind ſie ein Bißchen warm bey einem, hat ſie der Teufel gleich mit Heirathsgedanken und Heirathsvor⸗ ſchlaͤgen, die ich fuͤrchte wie die Peſt. Du biſt nachden⸗ kend, Clavigo? f. lan d⸗ Ich kann die Erinnerung nicht los wer⸗ „ daß ich Marien verlaſſen— hintergangen habe, 4 ben wie du willſt. Carlos. Wunderlich! mich duͤnkt doch, man lebt nur Einmal in der Welt, hat nur Einmal dieſe Kraͤfte, dieſe Ausſichten, und wer ſie nicht zum Beſten braucht, wer ſich nicht ſo weit treibt als moͤglich, iſt ein Thor. uUnd heirathen! heirathen juſt zur Zeit, da das Leben erſt recht in Schwung kommen ſoll! ſich haͤuslich niederlaſ⸗ ſen, ſich einſchraͤnken, da man noch die Haͤlfte ſeiner Wanderung nicht zuruͤckgelegt, die Haͤlfte ſeiner Erobe⸗ Goethe's Werke. VI. B5. 25 . 386 rungen noch nicht gemacht hat! Daß du ſie liebteſt, das war natuͤrlich; daß du ihr die Ehe verſprachſt, war eine Narrheit, und wenn du Wort gehalten hatteſt, waͤr's gar Raſerey geweſen. A Clavigo. Sieh, ich begreife den Menſchen nicht. Ich liebte ſie wahrlich, ſie zog mich an, ſie hielt mich, und wie ich zu ihren Futen ſaß, ſchwur ich ihr, ſchwur ich mir, daß es ewig ſo ſeyn ſollte, daß ich der Ihrige ſeyn wollte, ſo bald ich ein Amt hätte, einen Stand— Und nun, Carlos! Carlos. Es wird noch Zeit genug ſeyn, wenn du ein gemachter Mann biſt, wenn du das erwuͤnſchte Ziel erreicht haſt, daß du alsdann, um all dein Gluͤck zu kroͤnen und zu befeſtigen, dich mit einem angeſehenen und reichen Hauſe durc eine kluge Heirath zu verbinden ſuchſt. Clavigo. Sie iſt verſchwunden! glatt aus mei⸗ nem Herzen verſchwunden, und wenn mir ihr Ungluͤck nicht manchmal durch den Kopf fuͤhre— Daß man ſo veränderlich iſt!— Carlos. Wenn man beſtaͤndig waͤre, wollr ich mich verwundern. Sieh doch, veraͤndert ſich nicht Alles in der Welt? Warum ſollten unſere Leidenſchaften blei⸗ ben? Sey du ruhig, ſie iſt nicht das erſte verlaſſene Maͤdchen, und nicht das erſte das ſich getroͤſtet hat. Wenn ich dir rathen ſoll, da iſt die junge Wittwe ge⸗ genuͤber.— 38⁷ Clavigo. Du weißt ich halte nicht viel auf ſolche Vorſchlaͤge. Ein Roman, der nicht ganz von ſelbſt kommt, iſt nicht im Stande mich einzunehmen. Car los. Ueber die delicaten Leute! Clavigo. Laß das gut ſeyn, und vergiß nicht daß unſer Hauptwerk gegenwaͤrtig ſeyn muß, uns dem neuen Miniſter nothwendig zu machen, Daß Whal das Gou⸗ vernement von Indien niederlegt, iſt immer beſchwerlich fuͤr uns. Zwar iſt mir's weiter nicht bange;z ſein Ein⸗ fluß bleibt— Grimaldi und er ſind Freunde, und wir koͤnnen ſchwatzen und uns buͤcken— Carlos. Und denken und en was wir wollen. Clavigo. Das iſt die Hauptſache in der Welt. (Schellt dem Bedienten.) Tragt das Blatt in die Dru⸗ ckerey. 3 Carlos. Sieht man euch den Abend? G Clavigo. Nicht wohl. Nachfragen koͤnnt ihr ja. Carlos. Ich möchte heut Abend gar zu gern was unternehmen das mir das Herz erfreute; ich muß dieſen ganzen Nachmittag wieder ſchreiben. Das endigt nicht, Clavigo. Laß es gut ſeyn. Wenn wir nicht fuͤr ſo viele Leute arbeiteten, waͤren wir ſo viel Leuten nicht uͤber den Kopf gewachſen.(ab.) 8 1 38⁸ Guilberts Wohnaug. Coph en Guülhert. Marie Beaumar⸗ chais. Don Buenco. Buenzo. Sie haben eine uͤble Nacht gehabt? Sophie. Ich ſagts ihr geſtern Abend. Sie war ſo ausgelaſſen luſtig und hat geſchwatzt bis eilfe, da war ſie erhitzt, konnte nicht ſchlafen, und nun hat ſie wieder keinen Athem, und weint den ganzen Morgen. Marie. Daß unſer Bruder nicht kommt! Es ſind zwey Tage uber die Zeit. Sophie. Nur Geduld, er bleibt nicht aus. Marie(aufſtehend). Wie begierig bin ich dieſen Bruder zu ſehen, meinen Richter und meinen Retter. Ich erinnere mich ſeiner kaum. Sophie. O ja, ich kann mir ihn noch wohl vor⸗ ſellen; er war ein feuriger, offner, braver Knabe von nerehae Jahren, als uns unſer Vater hieher ſchickte. Marie. Eine edle große Seele. Sie haben den Beief geleſen, den er ſchrieb, als er mein Ungluͤck er⸗ ſuhr. Jeder Buchſtabe davon ſteht in meinem Herzen. „Wenn Du ſchuldig biſt,“ ſchreibt er,„ſo erwarte keine Vergebung; uber Dein Elend ſoll noch die Betrachtung eines Bruders auf Dir ſchwer werden, und der Fluch eines Vaters. Biſt Du unſchuldig! O dann alle Rache, alle, alle gluͤhende Rache auf den Verraͤther!“— Ich zittere! Er wird kommen. Ich zitiere, nicht fuͤr mich, 38⁰9 ich ſtehe vor Gott in meiner Unſchuld.— Ihr muf meine Freunde— Ich weiß nicht was ich will! O lavigo! Sophie. Du hoͤ3rſt nicht! Du wirſt dich umbringen. Marie. Ich will ſtille ſeyn! Ja ich will nicht weinen. Mich duͤnkt auch ich haͤtte keine Thraͤnen mehr! Und warum Thraͤnen? Es iſt mir nur leid daß ich euch das Leben ſauer mache. Denn im Grunde, wor⸗ uͤber beklag' ich mich? Ich habe viel Freude gehabt, ſo lang' unſer alter Freund noch lebte. Clavigo's Liebe hat mir viel Freude gemacht, vielleicht mehr als ihm die meinige. Und nun— was iſt's nun weiter? Was iſt an mir gelegen? an einem Maͤdchen gelegen, ob ihm das Herz bricht? ob es ſich verzehrt und ſein armes jnnges Leben ausquaͤlt? Sn. Buenco. Um Gottes willen, Madem oiſelle! Marie. Ob's ihm wohl einerley iſt— daß er mich nicht mehr liebt? Ach! warum bin ich nicht mehr lie⸗ benswuͤrdig?— Aber bedaͤuern, bedauern ſollt' er mich! daß die Arme, der er ſich ſo nothwendig gemacht hatte, nun ohne ihn ihr Leben hinſchleichen, hinjammern ſoll. — Bedauern! Ich mag nicht von dem Menſchen be⸗ dauert ſeyn. Sophie. Wenn ich dich ihn koͤnnte verachten leh⸗ ren, den Nichtswuürdigen! den Haſſenswuͤrdigen! Marie. Nein, Schweſter! ein Nichtswuͤrdiger iſt er nicht; und muß ich denn den verachten, den eiſſe?— Haſſen! Ja manchmal kann ich ihn haſſen, manchmal, wenn der Spaniſche Geiſt uͤber mich kommt. Neulich, o neulich, als wir ihm begegneten, ſein An⸗ blick wirkte volle, warme Liebe auf mich! und wie ich wieder nach Hauſe kam, und mir ſein Betragen auffiel, und der ruhige, kalte Blick, den er uͤber mich herwarf an der Seite der glaͤnzenden Donna; da ward ich Spa⸗ nierinn in meinem Herzen, und griff nach meinem Dolch, und nahm Gift zu mir, und verkleidete mich. Ihr er⸗ ſtaunt, Buenco? Alles in Gedanken verſteht ſich. Sophie. Naͤrriſches Maͤdchen. Marie. Meine Einbildungskraft führte mich ihm nach, ich ſah ihn, wie er zu den Fuͤßen ſeiner neuen Geliebten alle die Freundlichkeit, alle die Demuth ver⸗ ſchwendete, mit der er mich vergiftet hat— ich zielte nach dem Herzen des Verraͤthers! Ach Buenco!— Auf Einmal war das gutherzige Franzoͤſiſche Maͤdchen wie⸗ der da, das keine Liebestraͤnke kennt, und keine Dolche zur Rache. Wir ſind ubel dran! Vaudevilles, unſere Liebhaber zu unterhalten, Faͤcher, ſie zu beſtrafen, und wenn ſie untren ſind?— Sag, Schweſter, wie machen fie's in Frankreich, wenn die Liebhaber untreu ſind? Sophie. Man verwunſcht ſie. Marie. Und? Sophie. Und laͤſſt ſie laufen. Marie. Laufen! Nun und warum ſoll ich Cla⸗ nicht laufen laſſen? Wenn das in Frankreich Mode 391 iſt, warum ſoll's nicht in Spanien ſeyn? Warum ſoll eine Franzoͤſinn in Spanien nicht Franzoͤſinn ſeyn? Wir wollen ihn laufen laſſen und uns einen Andern nehmen; mich duͤnkt ſie machens bey uns auch ſo. Buenco. Er hat eine feyerliche Zuſage gebrochen, und keinen leichtſinnigen Roman, kein geſellſchaftliches Attachement. Mademoiſelle, Sie ſind bis in's innerſte Herz beleidigt, gekraͤnkt. O mir iſt mein Stand, daß ich ein unbedeutender ruhiger Bürger von Madrid bin, nie ſo beſchwerlich, nie ſo aͤnaſtlich geweſen als jetzt, da ich mich ſo ſchwach, ſo unvermögend fuͤhle, Ihnen gegen den falſchen Hoͤfling Gerechtigkeit zu ſchaffen! Marie. Wie er noch Clavigo war, noch nicht Ar⸗ chivarius des Königs, wie er der Fremdling, der An⸗ kommling, der Neueingefuͤhrte in unſerm Hauſe war, wie liebenswurdig war er, wie gut! Wie ſchien all ſein Ehrgeiz, all ſein Aufſtreben ein Kind ſeiner Liebe zu ſeyn! Fuͤr mich rang er nach Namen, Stand, Guͤtern: er hat's, und ich!—— 438 3 Guilbert(kommt.) (Heimlich zu ſeiner Frau.) Der Bruder kommt. Marie. Der Bruder!—(Sie zittert, man fuͤhrt ſie in einen Seſſel.) Wo? wo? Bringt mir ihn! Bringt mich hin!. 8 Beaumarchais(kommt.) Meine Schweſter!(von der alteſten weg, nach der 39⁰² üuͤngſten zuſtuͤrzend.) Meine Schweſter! meine Freunde! O Schweſter! Marie. Biſt du da? Gott ſey Dank, du biſt da! Beaumarchais. Laß mich zu mir ſelbſt kommen. Marie. Mein Herz, mein armes Herz! Sophie. Beruhigt euch! Lieber Bruder, ich hoffte, dich gelaſſener zu ſehn. Beaumarchais. Gelaſſener! Seyd ihr denn ge⸗ laſſen? Seh' ich nicht in der zerſtoͤrten Geſtalt dieſer Lieben, an deinen verweinten Augen, deiner Bläſſe des Kummers, an dem todten Stillſchweigen eurer Freunde, daß ihr ſo elend ſeyd, wie ich mir euch den ganzen lan⸗ gen Weg vorgeſtellt habe? Und elender— denn ich ſeh' euch, ich hab' euch in meinen Armen, die Gegenwart verdoppelt meine Gefuͤhle, o meine Schweſter! Sophie. Und unſer Vater? Beaumarchais. Er ſegnet euch und mich, wenn ich euch rette. Buenco. Mein Herr, erlauben Sie einem Unbe⸗ kannten, der den edeln braben Mann in Ihnen bey'm erſten Anblick erkennt, ſeinen innigſten Antheil an Tag zu legen, den er bey dieſer ganzen Sache empfindet. Mein Herr! Sie machen dieſe ungeheure Reiſe, Ihre Schweſter zu retten, zu raͤchen. Willkommen! ſeyn Sie willkommen wie ein Engel, ob Sie uns Alle gleich beſchaͤmen! *2 393 nien ſolche Herzen zu ſinden, wie das Ihre iſt; das hat mich angeſpornt den Schritt zu thun. Nirgend, nirgend in der Welt mangelt es an theilnehmenden beyſtimmenden Seelen; wenn nur einer auftritt, deſſen Umſtaͤnde ihm völlige Freyheit laſſen all ſeiner Entſchloſſenheit zu fol⸗ gen. Und o, meine Freunde, ich habe das hoffnungs⸗ volle Gefuͤhl! uͤberall gibt's treffliche Menſchen unter den Maͤchtigen und Großen, und das Ohr der Majeſtaͤt iſt ſelten taub; nur iſt unſere Stimme meiſt zu ſihwach bis dahinauf zu reichen. Sophie. Kommt, Schweſter! Kommt! Legt euch einen Augenblick nieder. Sie iſt ganz außer ſich.(Sie fuͤhren ſie weg.) 8 Marie. Mein Bruder! Beaumarchais. Will's Gott, du b unfchul dig, und dann alle, alle Rache uͤber den Verraͤther. (Marie, Sophie ab.) Mein Bruder! Meine Freunde! ich ſeh's an euern Blicken daß ihr's ſeyd. Laſſt mich zu mir ſelbſt kommen. Und dann! Eine reine unparteyiſche Erzaͤh⸗ lung der ganzen Geſchichte. ur Die ſoll meine Handlungen beſtimmen. Das Gefuͤhl einer guten Sache ſoll meinen Entſchluß beſeſtigen; und glaubt mir, wenn wir Recht haben, werden wir Gerechtigkeit finden. — Zweyter Akt. Da s Haus des Cla vigo. Clavigo. Wer die Franzoſen ſeyn moͤgen, die ſich bey mir haben melden laſſen?— Franzoſen! Sonſt war mir dieſe Nation willkommen!— Und warum nicht jetzt? Es iſt wunderbar, ein Menſch der ſich uͤber ſo Vieles hinausſetzt, wird doch an einer Ecke mit Zwirnsfaͤden ange⸗ bunden.— Weg!— Und waͤr' ich Marien mehr ſchul⸗ dig als mir ſelbſt? und iſt's aine Pflicht mich ungluͤcklich zu machen, weil mich ein Maͤdchen liebt? Ein Bedienter. Die Fremden, mein Herr. Clavigo. Führe ſie herein. Du ſagteſt doch ihrem Bedienten, daß ich ſie zum Fruͤhſtuͤck erwarte? Bedienter. Wie Sie befahlen. Clavigo. Ich bin gleich wieder hier.(ab.) 395 Beaumarchais. Saint George. (Der Bediente ſetzt ihnen Stuͤhle und geht.) Beaumarchais. Es iſt mir ſo leicht! ſo wohl mein Freund, daß ich endlich hier bin, daß ich ihn ha be er ſoll mir nicht entwiſchen. Seyn Sie ruhig; wenig⸗ ſtens zeigen Sie ihm die gelaſſenſte Außenſeite. Meine Schweſter! meine Schweſter! Wer glaubte daß du ſo unſchuldig als ungluͤcklich biſt? Es ſoll an den Tag kom⸗ men, du ſollſt auf das grimmigſte geraͤcht werden. Und du guter Gott, erhalte mir die Ruhe der Seele, die du mir in dieſem Augenblicke gewaͤhreſt, daß ich mit aller Maͤßigung in dem entſetzlichen Schmerz und ſo klug handle als möͤglich. Saint George. Ja dieſe Klugheit, Alles, menn, Freund, was Sie jemals von Ueberlegung bewieſen ha⸗ ben, nehm' ich in Anſpruch. Sagen Sie mir's zu, mein Beſter, noch einmal, daß Sie bedenken wo Sie ſind In einem fremden Koͤnigreiche, wo alle Ihre Beſchuͤtzer, wo all Ihr Geld nicht im Stande iſt, Sie gegen die ge⸗ heimen Maſchinen nichtswürdiger Feinde zu ſichern. Beaumarchais. Seyn Sie ruhig. Spielen Sie Ihre Rolle gut, er ſoll nicht wiſſen mit welchem von uns Beyden er's zu thun hat. Ich will ihn martern. O ich bin guten Humors genug, um den Kerl an einem lang⸗ ſamen Feuer zu braten. Clavigo(kommt wieder). Meine Herrn, es iſt mir eine Freude, Maͤnner von * 1 396 einer Nation bey mir zu ſehen, die ich immer geſchaͤtzt habe. 1 Beaumarchais. Mein Herr, ich wunſche daß auch wir der Ehre würdig ſeyn moͤgen, die Sie unſern Landsleuten anzuthun belieben. Saint George. Das Vergnugen, Sie kennen zu lernen, hat bey uns die Bedenklichkeit uͤberwunden daß wir beſchwerlich ſeyn koͤnnten. Clavig. Perſonen, die der erſte Anblick empfiehlt, ſollten die Beſcheidenheit nicht ſo weit treiben. Beaumarchais. Freylich kann Ihnen nicht fremd ſeyn von Unbekannten beſucht zu werden, da Sie durch die Vortrefflichkeit Ihrer Schriſten ſich eben ſo ſehr in auswaͤrtigen Reichen bekannt gemacht haben, als die an⸗ ſehnlichen Aemter, die Ihro Majeſtaͤt Ihnen anver⸗ trauen, Sie in Ihrem Vaterlande diſtinguiren. Clavigo. Der Köͤnig hat viel Gnade fuͤr meine geringen Dienſte, und das Publikum viel Nachſicht fuͤr die unbedeutenden Verſuche meiner Feder; ich wuͤnſchte daß ich einigermaßen etwas zu der Verbeſſerung des Ge⸗ chmackes in meinem Lande, zur Ausbreitung der Wiſſen⸗ ſchaften beytragen koͤnnte. Denn ſie ſind's allein, die uns mit andern Nationen verbinden, ſie ſind's, die aus den entfernteſten Geiſtern Freunde machen, und die an⸗ genehmſte Vereinigung unter denen ſelbſt erhalten, die leider durch Staatsverhaͤltniſſe oͤfters getrennt werden. Beaumarchais. Es iſt entzuckend einen Mann 397 ſo reden zu hoͤren, der gleichen Einfluß auf den Staat und auf die Wiſſenſchaften hat. Auch muß ich geſtehen, Sie haben mir das Wort aus dem Munde genommen, und mich gerades Weges auf das Anliegen gebracht, um deſſen willen Sie mich hier ſehen. Eine Geſellſchaft ge⸗ lehrter wuͤrdiger Maͤnner hat mir den Auftrag gegeben, an jedem Orte, wo ich durchreiſ'te und Gelegenheit ſände, einen Briefwechſel zwiſchen ihnen und den beſten Koͤpfen des Koͤnigreichs zu ſtiften. Wie nun kein Spanier beſſer ſchreibt als der Verfaſſer der Blaͤtter, die unter dem Na⸗ men: der Denker, ſo bekannt ſind, ein Mann, mit dem ich die Ehre habe zu reden— Bnnn. Clavigo(macht eine verbindliche Beugung).. Beaumarchais. Und der eine beſondere Zierde der Gelehrten iſt, indem er gewuſſt hat mit ſeinen Talen⸗ ten einen ſolchen Grad von Weltklugheit zu verbinden; dem es nicht fehlen kann die glaͤnzenden Stufen zu beſtei⸗ gen, deren ihn ſein Charakter und ſeine Kenntniſſe wuͤr⸗ dig machen. Ich glaube meinen Freunden keinen ange⸗ nehmern Dienſt leiſten zu koͤnnen, als wenn ich ſie mit einem ſolchen Manne verbinde. 3 Clavigo. Kein Vorſchlag in der Welt konnte mir erwuͤnſchter ſeyn, meine Herren: ich ſehe dadurch die angenehmſten Hoffnungen erfuͤllt, mit denen ſich mein Herz oft ohne Ausſicht einer glücklichen Gewaͤhrung be⸗ ſchaͤftigte. Nicht daß ich glaubte, durch meinen Brief⸗ wechſel den Wunſchen Ihrer gelehrten Freunde genug 4 398 thun zu koͤnnen; ſo weit geht meine Eitelkeit nicht. Aber da ich das Gluͤck habe daß die beſten Koͤpfe in Spanien mit mir zuſammen haͤngen, da mir nichts unbekannt bleiben mag, was in unſerm weiten Reiche von einzel⸗ nen, oft verborgenen Maͤnnern fuͤr die Wiſſenſchaften, fur die Kuͤnſte gethan wird: ſo ſahe ich mich bisher als einen Colporteur an, der das geringe Verdienſt hat die Erfindungen Anderer gemeinnuͤtzig zu machen; nun aber werd' ich durch Ihre Dazwiſchenkunft zum Handels⸗ mann, der das Gluͤck hat, durch Umſetzung der einhei⸗ miſchen Producte den Ruhm ſeines Vaterlandes auszu⸗ breiten, und daruͤber es noch mit fremden Schaͤtzen zu bereichern. Und ſo erlauben Sie, mein Herr, daß ich einen Mann, der mit ſolcher Freymüthigkeit eine ſo an⸗ genehme Botſchaft bringt, nicht wie einen Fremden be⸗ handle; erlauben Sie daß ich frage, was fuͤr ein Ge⸗ ſchaͤft, was fuͤr ein Anliegen Sie dieſen weiten Weg ge⸗ fuͤhrt hat? Nicht, als wollt' ich durch dieſe Indiscretion eine eitle Neugierde befriedigen; nein, glauben Sie viel⸗ mehr daß es in der reinſten Abſicht geſchieht, alle Kraͤf⸗ te, allen Einfluß, den ich etwa haben mag, fuͤr Sie zu verwenden: denn ich ſage Ihnen zum voraus, Sie ſind an einen Ort gekommen, wo ſich einem Fremden zu Ausfuͤhrung ſeiner Geſchaͤfte, beſonders bey Hofe. un⸗ zaͤhlige Schwierigkeiten entgegenſetzen. 8 Beaumarchais. Ich nehme ein ſo Gefälligas An⸗ erbieten mit allem Dank an. Ich habe keine Geheim⸗ 399 niſſe für Sie, mein Herr, und dieſer Freund wird bey meiner Erzaͤhlung nicht zu viel ſeyn; er iſt ſattſam von dem unterrichtet was ich Ihnen zu ſagen habe.. Clavigo(betrachtet Saint George mit Aufmerkſam⸗ keit). Beaumarchais. Ein feanzoͤſiſcher Kaufmann, der bey einer ſtarken Anzahl von Kindern wenig Vermoͤ⸗ gen beſaß, hatte viel Correſpondenten in Spanien. Ei⸗ ner der reichſten kam vor fuͤnſzehn Jahren nach Paris, und that ihm den Vorſchlag:„Gebt mir zwey von euern Toͤchtern, ich nehme ſie mit nach Madrid, und verſorge ſie. Ich bin ledig, bejahrt, ohne Verwandte, ſie werden das Gluck meiner alten Tage machen, und nach meinem Tode hinterlaſſ' ich ihnen eine der anlſehn⸗ lichſten Handlungen in Spanien. 2, 4 Man vertraute ihm die älteſte und eine der juͤngſten Schweſtern. Der Vater uͤbernahm, das Haus mit al⸗ len franzöſiſchen Waaren zu verſehen, die man verlan⸗ gen wurde, und ſo hatte Alles ein gutes Anſehn, bis der Correſpondent mit Tode abging, ohne die Franzo⸗ ſinnen im geringſten zu bedenken, die ſich dann in dem beſchwerlichen Falle ſahen, allein einer neuen Handlung vorzuſtehen. Die alteſte hatte indeſſen geheirathet, und unerachtet des geringen Zuſtandes ihrer Glüͤcksgüter, erhielten ſie ſich durch gute Auffuͤt hrung und durch die Annehmlichkeit 1 400 ihres Geiſtes eine Menge Freunde, die ſich wechſelsweiſe beeiferten ihren Credit und ihre Geſchaͤfte zu erweitern. Clavigo(wird immer aufmerkſamer). 1 Beaumarchais. Ungefaͤhr um eben die Zeit hatte ſich ein junger Menſch, von den Canariſchen Inſeln buͤr⸗ 4 tig, in dem Hauſe vorſtellen laſſen. Clavigo(verliert alle Munterkeit aus ſeinem Geſicht, und ſein Ernſt geht nach und nach in eine Verlegenheit uͤber, die immer ſichtbarer wird). 1 Beaumarchais. Ungeachtet ſeines geringen Stan⸗ des und Vermoͤgens nimmt man ihn gefaͤllig auf. Die Frauenzimmer, die eine große Begierde zur franzoͤſi⸗ ſchen Sprache an ihm bemerkten, erleichtern ihm alle Mittel ſich in weniger Zeit große Kenntniſſe zu er⸗ werben. Voll von Begierde, ſich einen Namen zu machen, fͤllt er auf den Gedanken, der Stadt Madrid das ſeiner Nation noch unbekannte Vergnugen einer Wochenſchrift in Geſchmack des Engliſchen Zuſchauers zu geben. Seine Freundinnen laſſen es nicht ermangeln ihm auf alle Art beyzuſtehen; man zweifelt nicht daß ein ſolches Un⸗ ternehmen großen Beyfall finden wuͤrde; genug, ermun⸗ tert durch die Hoffnung nun bald ein Menſch von ei⸗ niger Bedeutung werden zu koͤnnen, wagt er es der uͤngſten einen Heirathsvorſchlag zu thun. Man gilt ihm Hoffuung.„Sucht euer Gluͤck zu machen,“ ſagt die älteſte,„und wenn euch ein Amt, die 401 Gunſt des Hofes, oder irgend ſonſt ein Mittel, ein Recht wird gegeben haben an meine Schweſter zu den⸗ ken, wenn ſie euch dann andern Freyern vorzieht, kann ich euch meine Einwilligung nicht verſagen.“ Clavigo(be wegt ſich in Pbchſter Werdirkung auf ſei⸗ 4 nem Seſſel).— 1 Beaumarchais. Die füngſte ſchlaͤgt verſchiedene anſehnliche Parthien aus; ihre Neigung gegen den Men⸗ ſchen nimmt zu, und hilft ihr die Sorge einer ungewiſ⸗ ſen Erwartung tragen: ſie intereſſirt ſich für ſein Gluͤck, wie fuͤr ihr eigenes, und ermuntert ihn das erſte Blatt ſeiner Wochenſchrift zu geben, das unter einem vielver⸗ ſprechenden Titel erſcheint. Clavigo(iſt in der entſetzlichſten Verlegenheit). Beaumarchais(ganz kalt). Das Werk macht ein erſtaunendes Gluͤck; der König ſelbſt, durch dieſe lie⸗ benswuͤrdige Production ergetzt, gab dem Autor öͤffent⸗ liche Zeichen ſeiner Gnade. Man verſprach ihm das erſte anſehnliche Amt, das ſich aufthun wurde. Von dem Augenblick an entfernt er alle Nebenbuhler von ſeiner Geliebten, indem er ganz oͤffentlich ſich um ſie bemuͤhte. Die Heirath verzog ſich nur in Erwartung der zugeſag⸗ ten Verſorgung.— Endlich nach ſechs Jahren Har⸗ rens, unnnterbrochener Freundſchaft, Beyſtandes und Liebe von Seite des Maͤdchens; nach ſechs Jahren Er⸗ gebenheit, Dankbarkeit, Bemuͤhungen, heiliger Verſi⸗ Goethe's Werke. VI. Bd. 26 4⁰² cherungen von Seiten des Mannes erſcheint das Amt— und er verſchwindet— Clavigo.(Es entfaͤhrt ihm ein tiefer Seufzer, den er zu verbergen ſucht, und ganz außer ſich iſt). Beaumarchais. Die Sache hatte zu großes Auf⸗ ſehn gemacht, als daß man die Entwicklung ſollte gleich, guͤltig angeſehen haben. Ein Haus fuͤr zwey Familien war gemiethet. Die ganze Stadt ſprach davon. Alle Freunde waren auf's hoͤchſte aufgebracht und ſuchten Rache. Man wendete ſich an maͤchtige Goͤnner; allein der Nichtswuͤrdige, der nun ſchon in die Kabalen des Hofs initiirt war, weiß alle Bemuͤhungen fruchtlos zu machen, und geht in ſeiner Inſolenz ſo weit, daß er es wagt den Ungluͤcklichen zu drohen, wagt, denen Freun-⸗ den, die ſich zu ihm begeben, in's Geſicht zu ſagen: die Franzoͤſinnen ſollten ſich in Acht nehmen, er biete ſie auf ihm zu ſchaden, und wenn ſie ſich unterſtaͤnden et⸗ was gegen ihn zu unternehmen, ſo waͤr's ihm ein Leich⸗ tes ſie in einem fremden Lande zu verderben, wo ſie ohne Schutz und Huͤlfe ſeyen. Das arme Maͤdchen fiel auf die Nachricht in Con⸗ vulſionen, die ihr den Tod drohten. In der Tiefe ihres Jammers ſchreibt die aͤlteſte nach Frankreich die offen⸗ bare Beſchimpfung, die ihnen angethan worden. Die Nachricht bewegt ihren Bruder auf's Schrecklichſte, er ver⸗ langt ſeinen Abſchied, um in ſo einer verwirrten Sache ſelbſt Rath und Huͤlfe zu ſchaffen, er iſt im Fluge von 403 Paris zu Madrid, und der Bruder— bin ich! der Al⸗ les verlaſſen hat, Vaterland, Pflichten, Familie, Stand, Vergnüͤgen, um in Spanien eine unſchuldige ungluͤck⸗ liche Schweſter zu raͤchen. Ich komme bewaffnet mit der beſten Sache und al⸗ ler Entſchloſſenheit, einen Verraͤther zu entlarven, mit blutigen Zuͤgen ſeine Seele auf ſein Geſicht zu zeichnen, und der Verraͤther— biſt Du! Clavigo. Hoͤren Sie mich, mein Herr— Ich bin — Ich habe— Ich zweifle nicht— Beaumarchais. Unterbrechen Sie mich nicht. Sie haben mir nichts zu ſagen und viel von mir zu horen. Nun um einen Anfang zu machen, ſeyn Sie ſo guͤ⸗ tig, vor dieſem Herrn, der expreß mit mir aus Frank⸗ reich gekommen iſt, zu erklären: ob meine Schweſter durch irgend eine Treuloſigkeit, Leichtſinn, Schwachheit, Unart oder ſonſt einen Fehler dieſe oͤffentliche Beſchim⸗ pfung um Sie verdient habe. Clavigo. Nein, mein Herr. Ihre Schweſter, Don⸗ na Maria, iſt ein Frauenzimmer voll Geiſt, Liebens⸗ wuͤrdigkeit und Tugend. Beaumarchais. Heat ſie Ihnen jemals ſeit Ih⸗ rem Umgange eine Gelegenheit gegeben ſich uͤber ſie zu beklagen, oder ſie geringer zu achten? Clavigo. Nie! Niemals! Beaumarchais(aufſtehend). Und warum, Unge⸗ heuer! hatteſt du die Grauſamkeit das Maͤdchen zu 404 Tode zu quaͤlen? Nur weil dich ihr Herz zehn Andern vorzog, die alle rechtſchaffener und reicher waren als du. Clavigo. Oh mein Herr! Wenn Sie wuͤſſten, wie ich verhetzt worden bin, wie ich durch mancherley Nathgeber und Umſtaͤnde— Beaumarchais. Genug!(Zu Saint George.) Sie haben die Rechtfertigung meiner Schweſter gehoͤrt; gehn Sie und breiten Sie es aus. Was ich dem Herrn wei⸗ ter zu ſagen habe, braucht keine Zeugen. Clavigo(ſteht auf. Saint George geht). Beaumarchais. Bleiben Sie! Bleiben Sie! Bedde ſetzen ſich nieder.) Da wir nun ſo weit ſind, will ich Ihnen einen Vorſchlag thun, den Sie hoffentlich billigen werden. Es iſt Ihre Convenienz und meine, daß Sie Marien nicht heirathen, und Sie fuͤhlen wohl, daß ich nicht ge⸗ kommen bin den Komoͤdienbruder zu machen, der den Roman entwickeln und ſeiner Schweſter einen Mann ſchaffen will. Sie haben ein ehrliches Maͤdchen mit kal⸗ tem Blute beſchimpft, weil Sie glaubten in einem frem⸗ den Lande ſey ſie ohne Beyſtand und Raͤcher. So han⸗ delt ein Niedertraͤchtiger, ein Nichtswuͤrdiger. Und al⸗ ſo, zuförderſt erkläͤen Sie eigenhaͤndig, freywillig, bey offnen Thuͤren, in Gegenwart Ihrer Bedienten: daß Sie ein abſcheulicher Menſch ſind, der meine Schweſter betrog, verrathen, ſie ohne die mindeſte Urſache ernie⸗ drigt hat; und mit dieſer Erklaͤrung geh' ich nach Aran⸗ 405 juez, wo ſich unſer Geſandter aufhaͤlt, ich zeige ſie, ich laſſe ſie drucken, und uͤbermorgen iſt der Hof und die Stadt davon uͤberſchwemmt. Ich habe maͤchtige Freun⸗ de hier, habe Zeit und Geld, und das alles wend' ich an, um Sie auf alle Weiſe auſ's Grauſamſte zu verſol⸗ gen, bis der Zorn meiner Schweſter ſich legt, befriedigt iſt, und ſie mir ſelbſt Einhalt thut. Clavigo. Ich thue dieſe Erklaͤrung nicht. . Beaumarchais. Das glaub' ich, denn vie eicht thaͤt' ich ſie an Ihrer Stelle eben ſo wenig. Aber hier iſt das andere: Schreiben Sie nicht, ſo bleib' ich von dieſem Augenblick bey Ihnen, ich verlaſſe Sie nicht, ich folge Ihnen uͤberall hin, bis Sie einer ſolchen Geſell⸗ ſchaft uͤberdruͤßig, hinter Buenretiro meiner los zu wer⸗ den geſucht haben. Bin ich gluͤcklicher als Sie; ohne den Geſandten zu ſehn, ohne mit einem Menſchen hier geſprochen zu haben, faſſ' ich meine ſterbende Schweſter in meine Arme, hebe ſie in den Wagen und kehre mit ihr nach Frankreich zuruͤck. Beguͤnſtigt Sie das Schickſal, ſo hab' ich das Meine gethan, und ſo lachen Sie denn auf unſere Koſten. Unterdeſſen das Fruͤhſtuͤck! (Beaumarchais zieht die Schelle. Ein Bedienter bringt die Schokolade. Beaumarchais nimmt ſeine Taſſe, und geht in der anſtoßenden Gallerie ſpazieren, die Gemaͤhlde betrachtend.) Clavigo. Luft! Luft!— Das hat dich uͤber⸗ raſcht, angepackt wie einen Knaben— Wo biſt du, 4⁰⁶ Clavigo? Wie willſt du das enden?— Ein ſchrecklicher Zuſtand, in den dich deine Thorheit, deine Verraͤthe⸗ rey geſtuͤrzt hat!(Er greift nach dem Degen auf dem Ti⸗ ſche.) Ha! Kurz und gut!—(laͤſſt ihn liegen.)— und da waͤre kein Weg, kein Mittel, als Tod— oder Mord? abſcheulicher Mord!— Das unguͤckliche Maͤd⸗ chen ihres letzten Troſtes, ihres einzigen Beyſtandes zu berauben, ihres Bruders!— Des edeln, braven Men⸗ ſchen Blut ſehen!— Und ſo den doppelten, unertraͤgli⸗ chen Fluch einer vernichteten Familie auf dich zu laden! — O das war die Ausſicht nicht, als das liebenswuͤr⸗ dige Geſchöpf dich die erſten Stunden ihrer Bekannt⸗ ſchaft mit ſo viel Reizen anzog! Und da du ſie verlieſſeſt, ſahſt du nicht die graͤßlichen Folgen deiner Schandthat!— Welche Seligkeit wartete dein in ihren Armen! in der Freundſchaft ſolch eines Bruders!— Marie! Marie! O daß du vergeben koͤnnteſt! daß ich zu deinen Fuͤßen das alles abweinen duͤrfte!— Und warum nicht?— Mein Herz geht mir uͤber; meine Seele geht mir auf in Hoff⸗ nung!— Mein Herr! Beaumarchais. Was beſchließen Sie? Clavigo. Hoͤren Sie mich! Mein Betragen gegen Ihre Schweſter iſt nicht zu entſchuldigen. Die Eitel⸗ keit hat mich verfuͤhrt. Ich fuͤrchtete, meine Plane, meine Ausſichten auf ein ruhmvolles Leben durch dieſe Heirath zu Grunde zu richten. Haͤtte ich wiſſen koͤnnen, daß ſie ſo einen Bruder habe, ſie wuͤrde in meinen Au⸗ 407 gen keine unbedeutende Fremde geweſen ſeyn; ich wuͤrde die anſehnlichſten Vortheile von dieſer Verbindung gehofft haben. Sie erfuͤllen mich, mein Herr, mit der groͤße⸗ ſten Hochachtung fuͤr Sie; und indem Sie mir auf dieſe Weiſe mein Unrecht lebhaft empfinden machen, floͤßen Sie mir eine Begierde ein, eine Kraft Alles wieder gut zu machen. Ich werfe mich zu Ihren Fuͤßen! Helfen Sie! Helfen Sie, wenn's moͤglich iſt, meine Schuld austilgen und das Unglück endigen. Geben Sie mir Ihre Schweſter wieder, mein Herr, geben Sie mich Ihr! Wie gluͤcklich waͤr' ich, von Ihrer Hand eine Gattinn und die Vergebung aller meiner Fehler zu erhalten. Beaumarchais. Es iſt zu ſpaͤt! Meine Schwe⸗ ſter liebt Sie nicht mehr, und ich verabſcheue Sie. Schrei⸗ ben Sie die verlangte Erklaͤrung, das iſt Alles was ich von Ihnen fordere, und uͤberlaſſen Sie mir die Sorg⸗ falt einer ausgeſuchten Rache. Clavigo. Ihre Hartnaͤckigkeit iſt weder gerecht noch klug. Ich gebe Ihnen zu daß es hier nicht auf mich ankommt, ob ich eine ſo ſehr verſchlimmerte Sache wie⸗ der gut machen will.— Ob ich ſie gut machen kann? das haͤngt von dem Herzen Ihrer vortrefflichen Schwe⸗ ſter ab, ob ſie einen Elenden wieder anſehen mag, der nicht verdient das Tageslicht zu ſehen. Allein Ihre Pflicht iſt's, mein Herr, das zu prüfen und darnach ſich zu betragen, wenn Ihr Schritt nicht einer jugendlichen unbeſonnenen Hitze aͤhnlich ſehen ſoll. Wenn Donna 406.. Maria unbeweglich iſt; o ich kenne das Herz! o ihre Gute, ihre himmliſche Seele ſchwebt mir ganz lebhaft vor! Wenn ſie unerbittlich iſt, dann iſt es Zeit, mein Herr. 1 Beaumarchais. Ich beſtehe auf der Erklärung. Clavigo(uach dem Tiſch zu gehend). Und wenn ich nach dem Degen greife? Beaumarchais(gehend). Gut, mein Herr! Schoͤn, mein Herr!. 3 Clavigo(ihn zuruͤckhaltend). Noch ein Wort. Sie haben die gute Sache; laſſen Sie mich die Klugheit fuͤr Sie haben. Bedenken Sie, was Sie thun. Auf beyde Fälle ſind wir alle unwiederbringlich verloren. Muſſt' ich nicht für Schmerz, fuͤr Beaͤngſtigung untergehn, wenn Ihr Blut meinen Degen faͤrben ſollte; wenn ich Marien noch uber all ihr Ungluͤck auch ihren Bruder raubte, und dann— der Moͤrder des Clavigo wuͤrde die Pyrenaͤen nicht zuruͤck meſſen. Beaumarchais. Die Erklaͤrung, mein Herr, die Erklaͤrung! Clavigo. So ſey's denn. Ich will Alles thun, um Sie von der aufrichtigen Geſinnung zu uͤberzeugen, die mir Ihre Gegenwart einfloͤßt. Ich will die Erklaͤ⸗ rung ſchreiben, ich will ſie ſchreiben aus Ihrem Munde. Nur verſprechen Sie mir nicht eher Gebrauch davon zu machen, bis ich im Stande geweſen bin Donna Maria von meinem geaͤnderten, reuevollen Herzen zu uͤberzeu⸗ 409 gen; bis ich mit Ihrer Aelteſten ein Wort geſprochen, bis dieſe ihr guͤtiges Vorwort bey meiner Geliebten eingelegt hat. So lange, mein Herr. Beaumarchais. Ich gehe nach Aranjuez. Clavigo. Gut denn, bis Sie wieder kommen, ſo lange bleibt die Erklaͤrung in Ihrem Portefeuille; hab' ich meine Vergebung nicht, ſo laſſen Sie Ihrer Nache vollen Lauf. Dieſer Vorſchlag iſt gerecht, anſtaͤndig, klug, und wenn Sie nicht wollen, ſo ſeys denn unter uns Beyden um Leben und Tod geſpielt. Und der das Opfer ſeiner Uebereilung wird, ſind immer Sie und Ihre arme Schweſter. Beaumarchais. Es ſteht Ihnen an, die zu be⸗ dauern, die Sie ungluͤcklich gemacht haben. Clavigo(ſich ſetzend). Sind Sie das zufrieden? Beaumarchais. Gut denn, ich gebe nach! Aber keinen Augenblick laͤnger. Ich komme von Aranjuez, ich frage, ich hoͤre! Und hat man Ihnen nicht vergeben, wie ich denn hoffe, wie ich's wuͤnſche! Gleich auf, und mit dem Zettel in die Druckerey. Clavigo(nimmt Papier). Wie verlangen Sie's? Beaumarchais. Mein Herr! in Gegenwart Jh⸗ rer Bedienten. Clavigo. Wozu das? Beaumarchais. Befehlen Sie nur daß ſie in der anſtoßenden Gallerie gegenwaͤrtig ſind. Man ſoll nicht ſagen daß ich Sie gezwungen habe. 3 4¹⁰ Clavigo. Welche Bedenklichkeiten! Beaumarchaie. Ich bin in Spanien, und habe mit Ihnen zu thun. Clavigo. Nun denn!(Klingelt. Ein Bedienter.) Ruft meine Leute zuſammen, und begebt euch auf die Gallerie herbey. (Der Bediente geht, die uͤbrigen kommen und beſetzen die Gallerie). Clavigo. Sie überlaſſen mir die Erklaͤrung zu ſchreiben. Beaumarchais. Nein, mein Herr! Schreiben Sie, ich bitte, ſchreiben Sie wie ich's Ihnen ſage. Clavigo(ſchreibt). Beaumarchais. Ich Unterzeichneter, Joſeph Cla⸗ vigo, Archivarins des Koͤnigs— Clavigo. Des Koͤnigs. Beaumarchais. bekenne, daß, nachdem ich in dem Hauſe der Madam Gullbert freundſchaftlich aufge⸗ nommen worden— Claivgo. Worden. Beaumarchais. ich Mademoiſelle von Beaumar⸗ chais, ihre Schweſter, durch hundertfaͤltig⸗wiederholte Heirathsverſprechungen betrogen habe.— Haben Sie's?— Clavigo. Mein Herr! Beaumarchais. Haben Sie ein ander Wort dafuͤr? Clavigo Ich daͤchte— 41¹ Beaumarchais. Betrogen habe. Was Sie ge⸗ than haben, koͤnnen Sie ja noch eher ſchreiben.— Ich habe ſie verlaſſen, ohne daß irgend ein Fehler oder Schwach⸗ heit von ihrer Seite einen Vorwand oder Entſchuldigung dieſes Meineides veranlaſſet haͤtte. Clavigo. Nun! Beaumarchais. Im Gegentheil iſt die Auffuͤh⸗ rung des Frauenzimmers immer rein, untadelich, und aller Ehrfurcht wuͤrdig geweſen. Clavigo. Wirdig geweſen. Beaumarchais. Ich bekenne daß ich durch mein Betragen, den Leichtſinn meiner Reden, durch die Aus⸗ legung der ſie unterworfen waren, oͤffentlich dieſes tugend⸗ hafte Frauenzimmer erniedrigt habe; weswegen ich ſie um Vergebung bitte, ob ich mich gleich nicht werth achte ſie zu erhalten. Clavigo(haͤlt inne).. Beaumarchais. Schreiben Sie! Schreiben Sie! — Welches Zeugniß ich mit freyem Willen und unge⸗ zwungen von mir gegeben habe, mit dem beſondern Ver⸗ ſprechen, daß, wenn dieſe Satisfaction der Beleidigten nicht hinreichend ſeyn ſollte, ich bereit bin ſie auf alle andere erforderliche Weiſe zu geben. Madrid. Clavigo(ſteht auf, winkt den Bedienten ſich wegzu⸗ begeben, und reicht ihm das Papier). Ich habe mit einem beleidigten, aber mit einem edeln Menſchen zu thun. Sie halten Ihr Wort, und ſchieben Ihre Rache auf. 4 41² In dieſer einzigen Ruͤckſicht, in dieſer Hoffnung hab' ich das ſchimpflichſte Papier von mir geſtellt, wozu mich ſonſt nichts gebracht haͤtte. Aber ehe ich es wage vor Donna Maria zu treten, hab' ich beſchloſſen Jemanden den Auf⸗ trag zu geben, mir bey ihr das Wort zu reden, fuͤr mich zu ſprechen— und der Mann ſind Sie⸗ Beaumarchais. Bilden Sie ſich das nicht ein. Clavigo. Wenigſtens ſagen Sie ihr die bittere herzliche Reue, die Sie an mir geſehn haben. Das iſt Alles, Alles, warum ich Sie bitte; ſchlagen Sie mir's nicht ab; ich muͤſſte einen andern, weniger kraͤftigen Vor⸗ ſprecher waͤhlen, und Sie ſind ihr ja eine treue Erzaͤh⸗ lung ſchuldig. Ezählen Sie ihr wie Sie mich gefunden haben! Beaumarchais. Gut, das kann ich, das will ich. Und ſo Adien. Clavigo. Leben Sie wohl!(Er will ſeine Hand nehmen, Beaumarchais haͤlt ſie zuruͤck.) Clavigo(allein). So unerwartet aus einem Zu⸗ ſtand in den andern. Man taumelt, man traͤumt!— Dieſe Erklaͤrung, ich haͤtte ſie nicht geben ſollen.— Es kam ſo ſchnell, ſo unerwartet, als ein Donnerwetter! Carlos(kommt). Was haſt Du fuͤr Beſuch gehabt? Das ganze Haus iſt in Bewegung; was gibt's? Clavigo. Mariens Bruder. Carlos. Ich vermuthet's. Der Hund von einem 413 alten Bedienten, der ſonſt bey Guilberts war und der mir nun traͤtſcht, weiß es ſchon ſeit geſtern daß man ihn erwartet habe, und trifft mich erſt dieſen Augenblick. Er war da? Elavigo. Ein vortrefllicher Innge. Carlos. Den wollen wir bald los ſeyn. Ich habe den Weg uͤber ſchon geſponnen!— Was hat's denn ge⸗ geben? Eine Ausforderung? eine Ehrenerklaͤrung? War er fein hitzig, der Burſch.— Clavigo. Er verlangte eine Erklaͤrung, daß ſeine Schweſter mir keine Gelegenheit zur Veraͤnderung gegeben. Carlos. Und du haſt ſie ausgeſtellt? Clavig o. Ich hielt es füͤr's Beſte. Carlos. Gut, ſehr gut! Iſt ſonſt nicht's vorge⸗ fallen? Clavigo. Er drang auf einen Zweykampf, oder die Erklaͤrung. 4 Carlo s. Das Letzte war das Geſcheidſte. Wer wird ſein Leben gegen einen ſo romantiſchen Fratzen wagen. Und forderte er das Papier ungeſtüm? Clavigo. Er dictirte mir's, und ich muſſte die Bedienten in die Gallerie rufen. Carlos. Ich verſteh'! Ahl nun hab' ich dich, Herrchen! das bricht ihm den Hals. Heiß mich einen Schreiber, wenn ich den Buben nicht in zwey Tagen im Gefaͤngniß habe, und mit dem naͤchſten Transport nach Indien. 4 4 Clavigo. Nein, Carlos. Die Sache ſteht anders, als du denkſt. Carlos. Wie?— Clavigo. Ich hoffe durch ſeine Vermittlung, durch mein eifriges Beſtreben, Verzeihung von der Ungluͤckli⸗ chen zu erhalten. Carlos. Clavigo! Clavigo. Ich hoffe all das Vergangene zu tilgen, das Zerruttete wieder herzuſtellen, und ſo in meinen Au⸗ gen und in den Augen der Welt wieder zum ehrlichen Mann zu werden. 7 Carlos. Zum Teufel, biſt du kindiſch geworden? Man ſpuͤrt dir doch immer an daß du ein Gelehrter biſt. — Dich ſo bethören zu laſſen! Siehſt du nicht, daß das ein einfaͤltig angelegter Plan iſt, um dich in's Garn zu ſprengen? Clavigo. Nein, Carlos, er will die Heirath nicht; ſie ſind dagegen, ſie will nichts von mir hoͤren. Carlos. Das iſt die rechte Hoͤhe. Nein, guter Freund, nimm mit's nicht übel, ich hab' wohl in Komo⸗ dien geſehen, daß man einen Landjunker ſo geprellt hat. Clavigo. Du beleidigſt mich. Ich bitte, ſpare deinen Humor auf meine Hochzeit. Ich bin entſchloſ⸗ ſen Marien zu heirathen. Freywillig, aus innerm Trieb'. Meine ganze Hoffnung, meine ganze Gluckſeligkeit ruht auf dem Gedanken, ihre Verzeihung zu erhalten. Und dann fahr hin, Stolz! An der Bruſt dieſer Lieben liegt 415 noch der Himmel wie vormals; aller Ruhm den ich er⸗ werbe, alle Groͤße zu der ich mich erhebe, wird mich mit doppeltem Gefuͤhl ausfuͤllen: denn das Maͤdchen theilts mit mir, die mich zum doppelten Menſchen macht. Leb' wohl! ich muß hin! ich muß die Guilbert wenigſtens ſprechen. Carlos. Warte nur bis nach Tiſch. Clavigo. Keinen Augenblick.(ab.) Carlos(ihm nachſehend und eine Weile ſchweigend). Da macht wieder Jemand einmal einen dummen Streich. (ab.) Dritter Act. Guilberts Wohnung. — Sophie Guilbert. Marie Beau⸗ marchais. Marie. Du haſt ihn geſehen? Mir zittern alle Glieder! Du haſt ihn geſehen? Ich war nah an einer Ohnmacht, als ich hoͤrte er kaͤme, und du haſt ihn geſehen? Nein, ich kann, ich werde, nein, ich kann ihn nie wieder ſehn. Sophie. Ich war außer mir als er hereintrat; denn ach! liebt' ich ihn nicht, wie du, mit der vollſten, reinſten, ſchweſterlichſten Liebe? hat mich nicht ſeine Ent⸗ fernung gekraͤnkt, gemartert?— und nun, den Ruͤck⸗ kehrenden, den Reuigen zu meinen Fuͤßen!— Schwe⸗ ſter! es iſt was Bezauberndes in ſeinem Anblick, in dem Ton ſeiner Stimme. Er— 8 Marie. Nimmer, nimmermehr! Sophie. Er iſt noch der Alte, noch eben das gute, 417 ſa te, fuͤhlbare Herz, noch eben die Heftigkeit der Lei⸗ de wchaft. Es iſt noch eben die Begier, gelieht zu wer⸗ den, und das aͤngſtliche marternde Gefuͤhl, wenn ihm Neigung verſagt wird. Alles! Alles! Und von dir ſpricht er, Marie! wie in jenen gluͤcklichen Tagen der feurig⸗ ſten Leidenſchaft; es iſt, als wenn dein guter Geiſt die⸗ ſen Zwiſchenraum von Untreu und Entfernung ſelbſt ver⸗ anlaſſt habe, um das Einföͤrmige, Schleppende einer langen Bekanntſchaft zu unterbrechen und dem Gefuͤhl eine neue Lebhaftigkeit zu geben. Marie. Du red'ſt ihm das Wort? Sophie. Nein, Schweſter; auch verſprach ich's ihm nicht. Nur, meine Beſte, ſeh' ich die Sachen wie ſie ſind. Du und der Beuder, ihr ſeht ſie in einem all⸗ zuromantiſchen Lichte. Du haſt das mit gar manchem guten Kinde gemein, daß dein Liebhaber treulos ward und dich verließ! Und daß er wieder kommt, reuig ſei⸗ nen Fehler verbeſſern, alle alte Hoffnungen erneuern will— das iſt ein Gluck, das eine Andere nicht leicht von ſich ſtoßen wuͤrde. 3 Marie. Mein Herz wuͤrde reißen! Sophie. Ich glaube dir. Der erſte Augenblick muß anff dich eine empfindliche Wirkung machen— und dann, meine Beſle, ich bitte dich, halt' dieſe Bangig⸗ keit, dieſe Verlegenheit, die dir alle Sinne zu uͤbermei⸗ ſtern ſcheint, nicht fuͤr eine Wirkung des Haſſes, fuͤr keinen Widerwillen. Dein Herz ſpriche mehr für ihn Goethe's Werke. VI. Bd. 27 4¹8 als du es glaubſt, und eben darum trauſt du dich nicht ihn wieder zu ſehen, weil du ſeine Ruͤckkehr ſo ſehnlich wünſcheſt. Marie. Sey barmherzig. Sophie. Du ſollſt gluͤcklich werden. Fuͤhlt' ich daß du ihn verachteteſt, daß er dir gleichguͤltig waͤre, ſo wollt' ich kein Wort weiter reden, ſo ſollt' er mein An⸗ geſicht nicht mehr ſehen. Doch ſo, meine Liebe— Du wirſt mir danken, daß ich dir geholfen habe dieſe aͤngſt⸗ liche Unbeſtimmtheit zu uͤberwinden, die ein Zeichen der innigſten Liebe iſt. Die Vorigen. Guilbert. Buenco. Sophie. Kommen Sie, Buenco! Guilbert! kom⸗ men Sie! Helft mir dieſer Kleinen Muth einſprechen, Entſchloſſenheit, jetzt da es gilt, 4 Buenco. Ich wollte daß ich ſagen duͤrfte: nehmt ihn nicht wieder an. Sophie. Buenco! Buenco. Mein Herz wirft ſich mir im Leib' herum bey dem Gedanken: Er ſoll dieſen Engel noch beſitzen, den er ſo ſchaͤndlich beleidigt, den er an das Grab ge⸗ ſchleppt hat. Und beſitzen?— warum? wodurch macht er das alles wieder gut was er verbrochen hat?— Daß er wiederkehrt, daß ihm auf einmal beliebt wiederzukehren, und zu ſagen:„Jetzt mag ich ſie, jetzt will ich ſie.“ Juſt als waͤre dieſe treffliche Seele eine verdaͤchtige Waare, die man am Ende dem Kaͤufer doch — 4¹⁹ noch nachwirft, wenn er euch ſchon durch die niedrig⸗ ſten Gebote und juͤdiſches Ab- und Zulaufen bis auf's Mark gequaͤlt hat. Nein, meine Stimme kriegt er nicht, und wenn Mariens Herz ſelbſt für ihn ſpraͤche. — Wiederzukommen, und warum denn jetzt?— jetzt? — Muſſt' er warten bis ein tapferer Bruder kaͤme, deſſen Rache er fuͤrchten muß, um wie ein Schulknabe zu kommen und Abbitte zu thun?— Hal er iſt ſo feig', als er nichtswuͤrdig iſt! Guilbert. Ihr redet wie ein Spanier und als wenn ihr die Spanier nicht kenntet. Wir ſchweben die⸗ ſen Augenblick in einer groͤßern Gefahr, als ihr Alle nicht ſeht. Marie. Beſter Guilbert! Guilbert. Ich ehre die unternehmende Seele un⸗ ſers Bruders, ich habe im Stillen ſeinem Heldenmuth zu⸗ geſehn, und wuͤnſche daß Alles gut ausſchlagen moͤge, wuͤnſche daß Marie ſich entſchließen koͤnnte, Clavigo ihre Hand zu geben, denn—(laͤchelnd) ihr Herz hat er doch.— Marie. Ihr ſeyd grauſam. Sophie. Hoͤr’ ihn, ich bitte dich, hoͤr' ihn! Guilbert. Dein Bruder hat ihm eine Erklaͤrung abgedrungen, die dich vor den Augen aller Welt recht⸗ fertigen ſoll, und die wird uns verderben.— Buenco. Wie? Marie. O Gott! 420 Guilbert. Er ſtellte ſie aus in der Hoffnung dich zu bewegen. Bewegt er dich nicht, ſo muß er Al⸗ les anwenden um das Papier zu vernichten; er kann's, er wird's. Dein Bruder will es gleich nach ſeiner Ruͤck⸗ kehr von Aranjuez drucken und ausſtreuen. Ich fuͤrch⸗ te, wenn du beharreſt, er wird nicht zuruͤckkehren. Sophie. Lieber Gullbert. Marie. Ich vergehe! Guilbert. Clavigo kann das Papier nicht aus⸗ kommen laſſen. Verwirfſt du ſeinen Antrag und er iſt ein Mann von Ehre, ſo geht er deinem Bruder entge⸗ gen und einer von Beyden bleibt; dein Bruder ſterbe oder ſiege, er iſt verloren. Ein Fremder in Spanien! Moͤrder dieſes geliebten Höflings!— Schweſter, es iſt ganz gut daß man edel denkt und fuͤhlt, nur, ſich und die Seinigen zu Grunde zu richten— Marie. Rathe mir, Sophie, hilf mir! Guilbert. Und Buenco, widerlegen Sie mich. Buenco. Er wagt's nicht, er fuͤrchtet fuͤr ſein Le⸗ ben; ſonſt haͤtt' er gar nicht geſchrieben, ſonſt boͤt' er Marien ſeine Hand nicht an.— Guilbert. Deſto ſchlimmer; ſo findet er Hundert 5 die ihm ihren Arm leihen, Hundert die unſerm Bruder tuͤckiſch auf dem Wege das Leben rauben. Ha! Buenco, biſt du ſo jung? Ein Hoſmann ſollte keinen Meuchelmoͤr⸗ der im Sold haben? Buenco. Der Köͤnig iſt groß und gut. 421 Guilbert. Auf denn! Durch alle die Mauern die ihn umſchließen, die Wachen, das Ceremoniel, und alle das, womit die Hofſchranzen ihn von ſeinem Volke ge⸗ ſchieden haben, dringen Sie durch und retten Sie uns! — Wer kommt? Clavigo(kommt.) Ich muß! Ich muß! Marie(thut einen Schrey, und faͤllt Sophien in die Arme.) Sophie. Grauſamer! in welchen Zudand verſetzen Sie uns!(Guilbert und Buenco treten zu ihr.) Clavigo. Ja ſie iſt's! Sie iſt's! Und ich bin Clavigo.— Hoͤren Sie mich, Beſte, wenn Sie mich nicht anſehen wollen. Zu der Zeit, da mich Guilbert mit Freundlichkeit in ſein Haus aufnahm, da ich ein ar⸗ mer unbedeutender Junge war, da ich in meinem Herzen eine unuͤberwindliche Leidenſchaft fuͤr Sie fuͤhlte, war's da Verdienſt an mir? Oder war's nicht vielmehr innere Uebereinſtimmung der Charaktere, geheime Zuneigung des Herzens, daß auch Sie fuͤr mich nicht unempfindlich blieben, daß ich nach einer Zeit mir ſchmeicheln konnte dieß Herz ganz zu beſitzen? Und nun— bin ich nicht eben derſelbe? Warum ſollt' ich nicht haffen durfen? Warum nicht bitten? Wollen Sie einen Freund, einen Geliebten, den Sie nach einer gefaͤhrlichen, ungluͤcklichen Seereiſe lange fuͤr verloren geachtet, nicht wieder an Ih⸗ en Buſen neymen, wenn er unvermuthet wiederkäme, 8 4²² und ſein gerettetes Leben zu Ihren Fuͤßen legte? und habe ich weniger auf einem ſtuͤrmiſchen Meere die Zeit geſchwebet? Sind unſere Leidenſchaften, mit denen wir in ewigem Streit leben, nicht ſchrecklicher, unbezwing⸗ licher, als jene Wellen, die den Ungluͤcklichen fern von ſeinem Vaterlande verſchlagen! Marie! Marie! Wie koͤnnen Sie mich haſſen, da ich nie aufgehört habe Sie zu lieben? Mitten in allem Taumel, durch allen ver⸗ fuͤhreriſchen Geſang der Ettelkeit und des Stolzes, hab' ich mich immer jener ſeligen unbefangenen Tage erinnert, die ich in glücklicher Einſchränkung zu Ihren Fußen zu⸗ brachte, da wir eine Reihe von bluͤhenden Ausſichten vor uns liegen ſahen.— Und nun, warum wollten Sie nicht mit mir Alles erſuͤllen was wir hofften? Wollen Sie das Gluͤck des Lebens nun nicht ausgenießen, weil ein duſterer Zwiſchenraum ſich unſern Hoffnungen ein⸗ geſchoben hatte? Nein, meine Liebe, glauben Sie, die beſten Freuden der Welt ſind nicht ganz rein; die hoͤchſte Wonne wird auch durch unſere Leidenſchaften, durch das Schickſal unterbrochen. Wollen wir uns beklagen daß es uns gegangen iſt wie allen Andern, und wollen wir uns ſtrafbar machen, indem wir dieſe Gelegenheit von uns ſtoßen das Vergangene herzuſtellen, eine zerrut⸗ tete Famtlie wieder aufzurichten, die heldenmuͤthige That eines edeln Bruders zu belohnen, und unſer eigen Gluͤck auf ewig zu befeſtigen?— Meine Freunde, um die ich's nicht verdient habe, meine Freunde, die es ſeyn muͤſſen, 4²³ weil ſie Freunde der Tugend ſind, zu der ich ruͤckkehre, verbinden Sie Ihr Flehen mit dem meinigen. Marie! (Er wirft ſich nieder.) Marie! Kennſt du meine Stimme nicht mehr? Vernimmſt du nicht mehr den Ton meines Herzens? Marie! Marie! Marie. O Clavigo! Clavigo(ſpringt auf und faſſt ihre Hand mit entzuͤck⸗ ten Kuſſen.) Sie vergibt mir, Sie liebt mich!(umarmt den Guilbert, den Buenco.) Sie liebt mich noch! O Ma⸗ rie, mein Herz ſagte mir's! Ich haͤtte mich zu deinen Fuͤßen werfen, ſtumm meinen Schmerz, meine Reue ausweinen wollen; du haͤtteſt mich ohne Worte verſtan⸗ den, wie ich ohne Worte meine Vergebung erhalte. Nein, dieſe innige Verwandtſchaft unſerer Seelen iſt nicht auf⸗ gehoben; nein, ſie pernehmen einander noch wie ehe⸗ mals, wo kein Wink nöthig war, um die innerſten Be⸗ wegungen ſich mitzutheilen. Marie— Marie— Ma⸗ rie.— Beaumarchais(tritt auf.) Ha! Clavigo(ihm entgegenfliegend.) Mein Bruder! Beaumarchais. Du vergibſt ihm? Marie. Laſſt, laſſt mich! meine Sinne vergehn. (Man fuͤhrt ſie weg.) Beaumarchais. Sie hat ihm vergeben? Buenco. Es ſieht ſo aus. Beaumarchais. Du verdienſt dein Gluͤck nicht. 4²⁴ Clavigo. Glaube, daß ich's fuͤhle.. Sophie(kommt zuruͤck.) Sie vergibt ihm. Ein Strom von Thraͤnen brach aus ihren Augen. Er ſoll ſich entfernen, rief ſie ſchluchzend, daß ich mich erhole! Ich vergeb' ihm.— Ach, Schweſter! rief ſie, und fiel mir um den Hals, woher weiß er daß ich ihn ſo liebe? Clavigo(ihr die Hand kuͤſſend.) Ich bin der gluͤck⸗ lichſte Menſch unter der Sonne. Mein Bruder! Beaumarchais.(umarmt ihn.) Von Herzen denn. Ob ich euch ſchon ſagen muß: noch kann ich euch nicht lieben. Und ſomit ſeyd ihr der Unſrige und vergeſſen ſey Alles! Das Papier, das ihr mir gabt, hier iſt's. (Er nimmt's aus der Brieftaſche, zerreißt es und gibt's ihm hin.) Clavigo. Ich bin der Eurige, ewig der Eurige. Sophie. Ich bitte, entfernt euch, daß ſie eure Stimme nicht hoͤrt, daß ſie ſich beruhigt. Clavigo Lſie rings umarmend.) Lebt wohl! Lebt wohl!— Tauſend Kuͤſſe dem Engel.(ab.) Beaumarchais. Es mag denn gut ſeyn, ob ich gleich wuͤnſchte es waͤre anders.(Laͤchelnd.) Es iſt doch ein gutherziges Geſchöoͤpf ſo ein Maͤdchen— Und, meine Freunde, auch muß ich's ſagen, es war ganz der Gedanke, der Wunſch unſers Geſandten, daß ihm Marie vergeben, und daß eine gluͤckliche Heirath dieſe verdrießliche Ge⸗ ſchichte endigen moͤge. . 15 * 4²5 Guilbert. Mirr iſt auch wieder ganz wohl. Buenco. Er iſt euer Schwager, und ſo Adieu! Ihr ſeht mich in eurem Hauſe nicht wieder. Beaumarchais. Mein Herr! Guilbert. Buenco! Buenco. Ich haſſ' ihn nun einmal bis au's juͤngſte Gericht. Und gebt Acht mit was fuͤr einem Menſchen ihr zu thun habt.(ab.) Guilbert. Er iſt ein melancholiſcher Unglucksvo⸗ gel. Und mit der Zeit laͤſſt er ſich doch wieder bereden, wenn er ſieht es geht Alles gut. Beaumarchais. Doch war's uͤbereilt daß ich ihm das Papier zuruͤckgab. Guilbert. Laſſt! Laſſt! Keine Grillen!(ab.) Vierter Act. Clavigo's Wohnung. Carlos(allein.) Es iſt loͤblich, daß man dem Menſchen, der durch Verſchwendung oder andere Thorheiten zeigt daß ſein Verſtand ſich verſchoben hat, von Amtswegen Vormun⸗ der ſetzt. Thut das die Obrigkeit, die ſich doch ſonſt nicht viel um uns bekuͤmmert, wie ſollten wir's nicht an einem Freunde thun? Clavigo, du biſt in uͤbeln Umſtaͤn⸗ den! Noch hoff' ich! Und wenn du nur noch halbweg lenkſam biſt, wie ſonſt; ſo iſt's eben noch Zeit dich vor einer Thorheit zu bewahren, die bey deinem lebhaften empfindlichen Charakter das Elend deines Lebens ma⸗ chen und dich vor der Zeit in's Grab bringen muß. Er kommt. Clavigo(nachdenkend.) Guten Tag, Carlos. Carlos. Ein ſchwermuͤthiges, gepreſſtes: Guten Tag! Kommſt du in dem Humor von deiner Braut? . 42²⁷ Clavigo. Es iſt ein Engel! Es ſind vortreffliche Menſchen! Carlos. Ihr werdet doch mit der Hochzeit nicht ſo ſehr eilen, daß man ſich noch ein Kleid dazu kann ſti⸗ cken laſſen? Clavigo. Scherz oder Ernſt, bey unſerer Hoch⸗ zeit werden keine geſtickten Kleider paradiren. Carlos. Ich glaub's wohl. Clavigo. Das Vergnuͤgen an uns ſelbſt, die freundſchaftliche Harmonie ſollen der Prunk dieſer Feier⸗ lichkeit ſeyn. Carlos. Ihr werdet eine ſtille kleine Hochzeit machen? Clavigo. Wie Menſchen, die fuͤhlen daß ihr Gluͤck ganz in ihnen ſelbſt beruht. b Carlos. In den Umſtanden iſt es recht gut. Clavigo. Umſtaͤnden! Was meinſt du mit den Umſtänden? Carlos. Wie die Sache nun ſteht und liegt und ſich verhaͤlt. Clavigo. Hoͤre, Carlos, ich kann den Ton des Ruͤckhalts an Freunden nicht ausſtehen. Ich weiß du biſt nicht fuͤr dieſe Heirath; demungeachtet, wenn du et⸗ was dagegen zu ſagen haſt, ſagen willſt: ſo ſag's gerade zu. Wie ſteht denn die Sache? wie verhaͤlt ſie ſich? Catlos. Es kommen einem im Leben mehr uner⸗ wartete wunderbare Dinge vor, und es waͤre ſchlimm 428 wenn Alles im Gleiſe ginge. Man haͤtte nichts ſich zu verwundern, nichts die Koͤpfe zuſammen zu ſtoßen, nichts in Geſellſchaft zu verſchneiden. Clavigo. Auffehn wird's machen. Carlos. Des Clavigo Hochzeit! das verſteht ſich. Wie manches Mäͤdchen in Madrid harrt auf dich, hofft auf dich, und wenn du ihnen nun dieſen Streich ſpielſt? Clavigo. Das iſt nun nicht anders. Carlos. Sonderbar iſt's. Ich habe wenig Maͤn⸗ ner gekannt, die ſo großen und allgemeinen Eindruck auf die Weiber machten als du. Unter allen Staͤnden gibt's gute Kinder, die ſich mit Planen und Ausſichten beſchaͤftigen dich habhaft zu werden. Die eine bringt ihre Schoͤnheit in Anſchlag, die ihren Reichthum, ihren Stand, ihren Witz, ihre Verwandte. Was macht man mir nicht um deinetwillen fuͤr Complimente! Denn wahr⸗ lich, weder meine Stumpfnaſe, noch mein Krauskopf, noch meine bekannte Verachtung der Weiber kann mir ſo was zuziehen. Clavigo. Du ſpotteſt. Carlos. Wenn ich nicht ſchon Vorſchläge, An⸗ traͤge in Haͤnden gehabt haͤtte, geſchrieben von eignen zaͤrt⸗ lichen kritzlichen Pfötchen, ſo unorthographiſch als ein orginaler Liebesbrief eines Maͤdchens nur ſeyn kann. Wie manche huͤbſche Duenna iſt mir bey der Gelegenheit unter die Finger gekommen! Clavigo. Und du ſagteſt mir von allem dem nich ¹s2 420 Carlos. Weil ich dich mit leeren Grillen nicht be⸗ ſchaͤftigen wollte, und niemals rathen kounte daß du mit einer Einzigen Ernſt gemacht haͤtteſt. O Clavigo, ich habe dein Schickſal im Herzen getragen wie mein eignes! Ich habe keinen Freund als dich; die Menſchen ſind mir alle unertraͤglich, und du fäͤngſt auch an mir unertraͤglich zu werden. Elavigo. Ich bitte dich, ſey ruhig. Carlos. Brenn' einem das Haus ab, daran er zehen Jahre gebauet hat, und ſchick' ihm einen Beicht⸗ vater, der ihm die chriſtliche Geduld empfiehlt.— Man ſoll ſich fuͤr niemand intereſſiren als füͤr ſich ſelbſt; die Menſchen ſind nicht werth—— Clavigo. Kommen deine ſeindſeligen Grillen wieder? Carlos. Wenn ich auſ's Neue ganz drein verſinke, wer iſt ſchuld dran als du? Ich ſagte zu mir: Was ſoll ihm jetzt die vortheilhaſteſte Heirath? ihm, der es fuͤr einen gewoͤhnlichen Menſchen weit genug gebracht haͤtte; aber mit ſeinem Geiſt, mit ſeinen Gaben iſt es unverantwortlich— iſt es unmoͤglich daß er bleibt was er iſt.— Ich machte meine Projekte. Es gibt ſo we⸗ nig Menſchen, die ſo unternehmend und biegſam, ſo geiſtvoll und fleißig zugleich ſind. Er iſt in alle Faͤcher gerecht; als Archivarius kann er ſich ſchnell die wich⸗ tigſten Kenntkiſſe erwerben, er wird ſich nothwendig ma⸗ chen, und laſſt eine Veraͤnderung vorgehn ſo iſt er Mi⸗ niſter. 43⁰ Clavigo. Ich geſtehe dir, das waren oft auch meine Traͤume. Carlos. Traͤume! So gewiß ich den Thurm er⸗ reiche und erklettere, wenn ich darauf losgehe, mit dem feſten Vorſatze nicht abzulaſſen bis ich ihn erſtiegen ha⸗ be, ſo gewiß haͤtteſt du auch alle Schwierigkeiten üͤber⸗ wunden. Und hernach waͤr' mir fuͤr das Uebrige nicht bang geweſen. Du haſt kein Vermoöͤgen von Hauſe, deſto beſſer; das haͤtte dich auf die Erwerbung eifriger, auf die Erhaltung aufmerkſamer gemacht. Und wer am Zoll ſitzt ohne reich zu werden, iſt ein Pinſel. Und dann ſeh' ich nicht, warum das Land dem Miniſter nicht ſo gut Abgaben ſchuldig iſt, als dem Könige. Dieſer gibt ſei⸗ nen Namen her und jener die Kraͤfte. Wenn ich denn mit allem dem fertig war, dann ſah ich mich erſt nach einer Parthie fuͤr dich um. Ich ſah manch ſtolzes Haus, das die Augen uͤber deine Abkunft zugeblinkt haͤtte, man⸗ ches der reichſten, das dir gern den Aufwand deines Standes verſchafft haben wuͤrde, nur um an der Herr⸗ lichkeit des zweyten Koͤnigs Theil nehmen zu duͤrfen— und nun— Clavigo. Du biſt ungerecht, du ſetzeſt meinen ge⸗ genwaͤrtigen Zuſtand zu tief herab. Und glaubſt du denn, daß ich mich nicht weiter treiben, nicht auch noch maͤchtigere Schritte thun kann. Carlos. Lieber Freund, brich du einer Pflanze das Herz aus, ſie mag hernach treiben und treiben unzäͤh⸗ 431 lige Nebenſchoͤßlinge; es gibt vielleicht einen ſtarken Buſch, aber der ſtolze koͤnigliche Wuchs des erſten Schuſ⸗ ſes iſt dahin. Und denke nur nicht daß man dieſe Hei⸗ rath bey Hofe gleichguͤltig anſehen wird. Haſt du ver⸗ geſſen was fuͤr Maͤnner dir den Umgang, die Verbin⸗ gung mit Marien mißriethen? Haſt du vergeſſen wer dir den klugen Gedanken eingab ſie zu verlaſſen? Soll ich ſie dir an den Fingern herzaͤhlen? Clavigo. Der Gedanke hat mich auch ſchon ge⸗ peinigt, daß ſo Wenige dieſen Schritt billigen werden. Carlos. Keiner! Und deine hohen Freunde ſollten nicht aufgebracht ſeyn, daß du, ohne ſie zu fragen, ohne ihren Ratb, dich ſo geradezu hingegeben haſt, wie ein unbeſonnener Knabe auf dem Markte ſein Geld gegen wurmſlichige Nuͤſſe wegwirft? Clavigo. Das iſt unartig, Carlos, und uͤbertrieben. Carlos. Nicht um einen Zug. Denn daß einer aus Leidenſchaft einen ſeltſamen Streich macht, das laſſ' ich gelten. Ein Kammermaͤdchen zu heirathen, weil ſie ſchoͤn iſt wie ein Engel! Gut, der Menſch wird getadelt, und doch beneiden ihn die Leute. Clavigo. Die Leute, immer die Leute. — Carlos. Du weißt ich frage nicht aͤngſtlich nach Andrer Beyfall, doch das iſt ewig wahr: wer nichts für Andre thut thut nichts fuͤr ſich, und wenn die Men⸗ ſchen dich nicht bewundern, oder beneiden, biſt du auch nicht gluͤcklich. 432 Clavigo. Die Welt urtheilet nach dem Scheine. Ol wer Mariens Herz beſitzt iſt zu beneiden! Carlos. Was die Sache iſt ſcheint ſie auch. Aber freylich dacht' ich daß das verborgene Qualitaͤten ſeyn muͤſſen, die dein Gluͤck beneidenswerth machen; denn was man mit ſeinen Augen ſieht, mit ſeinem Menſchen⸗ verſtande begreifen kann— Clavigo. Du willſt mich zu Grunde richten. Carlos. Wie iſt das zugegangen? wird man in der Stadt fragen. Wie iſt das zugegangen, fragt man bey Hofe. Um Gottes willen, wie iſt das zugegangen? Sie iſt arm, ohne Stand; haͤtte Clavigo nicht einmal ein Abenteuer mit ihr gehabt, man wuͤſſte gar nicht, daß ſie in der Welt iſt. Sie ſoll artig ſeyn, angenehm, witzig!— Wer wird darum eine Frau nehmen? Das vergeht ſo in den einen Zeiten des Eheſtands. Ach! ſagt Einer, ſie ſoll ſchoͤn ſeyn, reizend, ausnehmend ſchoͤn.— Da iſt's zu begreifen, ſagt ein Anderer— Clavigo(wird verwirrt, ihm entfäͤhrt ein tiefer Seuf⸗ zer.) Ach! Carlos. Schoͤn? O! ſagt die Eine, es geht an! Ich hab' ſie in ſechs Jahren nicht geſehn. Da kann ſich ſchon was veräͤndern, ſagt eine Andere. Man muß doch Acht geben, er wird ſie bald produciren, ſagt die Dritte. Man fragt, guckt, man geht zu Geſallen, man war⸗ tet, man iſt ungeduldig, erinnert ſich immer des ſtolzen Clavigo, der ſich nie offentlich ſehen ließ, ohne eine herrliche, hochaͤugige Spanierinn im Triumph aufzufuͤh⸗ ren, deren volle Bruſt, ihre gluͤhenden Wangen, ihre heißen Augen, die Welt rings umher zu fragen ſchienen: Bin ich nicht meines Begleiters werth? und d in ihrem Uebermuth den ſeidnen Schlepprock ſo weit hinten aus im Winde ſegeln ließ, als moͤglich, um ihre Erſchei⸗ nung anſehnlicher und wuͤrdiger zu machen.— Und nun erſcheint der Herr— und allen Leuten verſagt das Wort im Munde— kommt angezogen mit ſeiner trip⸗ pelnden, kleinen, hohlaͤugigen Franzoͤſinn, der die Aus⸗ zehrung aus allen Gliedern ſpricht, wenn ſie gleich ihre Todtenfarbe mit Weiß und Roth uͤberpinſelt hat. O Bruder, ich werde raſend, ich laufe davon, wenn mich nun die Leute zu packen kriegen, und fragen und quaͤ⸗ ſtioniren und nicht begreifen koͤnnen— Clavigo(ihn bey der Hand faſſend). Mein Freund, mein Bruder, ich bin in einer ſchrecklichen Lage. Ich ſage dir, ich geſtehe dir, ich erſchrak als ich Marien wieder ſah! Wie entſtellt ſie iſt,— wie bleich, abge⸗ zehrt! O das iſt meine Schuld, meiner Verraͤtherey!— Carlo s. Poſſen! Grillen! Sie hatte die Schwind⸗ ſucht, da dein Roman noch ſehr im Gange war. Ich ſagte dir's tauſendmal, und— Aber ihr Liebhaber habt keine Augen, keine Naſen. Clavigo, es iſt ſchaͤndlich! So Alles, Alles zu vergeſſen, eine kranke Frau, die die 3 Peſt unter deine Nachkommenſchaft bringen wird, daß alle deine Kinder und Enkel ſo in gewiſſen Jahren hoͤflich Goethe's Werke. VI. Bd. 1 28 434 ausgehen, wie Bettlerslaͤmpchen.— Ein Mann, der Stammvater einer Familie ſeyn koͤnnte, die vielleicht künftig— Ich werde noch naͤrriſch, der Kopf vergeht mir. Clavigo, Carlos, was ſoll ich dir ſagen! Als ich ſie wieder ſah; im erſten Taumel flog ihr mein Herz ent⸗ gegen— und ach!— da der voruͤber war— Mitlei⸗ den— innige tiefe Erbarmung floͤßte ſie mir ein: aber Liebe— ſieh! es war, als wenn mir in der Fülle der Freuden die kalte Hand des Todes uͤber'n Nacken fuͤhre. Ich ſtrebte munter zu ſeyn, wieder vor denen Menſchen, die mich umgaben, den Gluͤcklichen zu ſpielen: es war Alles vorbey, Alles ſo ſteif, ſo aͤngſtlich. Waͤren ſie weniger außer ſich geweſen, ſie muͤſſten's gemerkt haben. Carlos. Hoͤlle! Tod und Teufel! und du willſt ſie heirathen?— Clavigo(ſteht ganz in ſich ſelbſt verſunken ohne zu antworten). Carlos. Du biſt hin! verloren auf ewig! Leb' wohl, Bruder, und laß mich Alles vergeſſen, laß mich mein einſames Leben noch ſo ausknirſchen, uͤber das Schickſal deiner Verblendung. Ha! das alles! ſich in den Augen der Welt veraͤchtlich zu machen, und nicht einmal dadurch eine Leidenſchaft, eine Begierde befriedi⸗ gen? dir muthwillig eine Krankheit zuziehen, die, indem ſie deine innern Kraͤfte untergraͤbt, dich zugleich dem Anblick der Menſchen abſcheulich macht. Clavigo. Carlos! Callos! 435 Carlos. Waͤrſt du nie geſtiegen, um nie zu fal⸗ len! Mit welchen Augen werden ſie das anſehn! Da iſt der Bruder, werden ſie ſagen! das muß ein braver Kerl ſeyn, der hat ihn in's Bockshorn gejagt, er hat ſich nicht getraut ihm die Spitze zu bieten. Ha! werden unſre ſchwadronirenden Hofjunker ſagen, man ſieht im⸗ mer, daß er kein Cavalier iſt. Pah! ruft Einer, und ruͤckt den Hut in die Augen, der Franzos haͤtte mir kom⸗ men ſollen, und patſcht ſich auf den Bauch, ein Kerl, der vielleicht nicht werth waͤre dein Reitknecht zu ſeyn. Clavigo(faͤllt in dem Ausbruch der heftigſten Be⸗ aͤngſtigung, mit einem Strom von Thraͤnen, dem Carlos um den Hals). Rette mich! Freund! mein Beſter, rette mich! Rette mich von dem gedoppelten Meineid, von der unuͤberwindlichen Schande, von mir ſelbſt— ich vergehe! Cuarlos. Armer! Elender! Ich hoffte, dieſe ju⸗ gendlichen Raſereyen, die ſtuͤrmenden Thraͤnen, dieſe verſinkende Wehmuth ſollte voruͤber ſeyn, ich hoffte dich als Mann nicht mehr erſchuͤttert, nicht mehr in dem be⸗ klemmenden Jammer zu ſehen, den du ehemals ſo oft in meinen Buſen ansgeweint haſt, Ermanne dich, Cla⸗ vigo, ermanne dich! Clavigo. Laß mich weinen!(Wirft ſich in einen Seſſel.) Carlos. Weh dir, daß du eine Bahn betreten haſt, die du nicht endigen wirſt! Mit deinem Herzen, deinen 43⁶ Geſinnungen, die einen ruhigen Buͤrger glücklich machen wurden, muſſteſt du den unſeligen Hang nach Größe verbinden! Und was iſt Gröͤße, Clavigo? ſich in Rang und Anſehn uͤder Andre zu erheben? Glaub' es nicht! Wenn dein Herz nicht groͤßer iſt, als Andrer Herzen; wenn du nicht im Stande biſt, dich gelaſſen uͤber Ver⸗ haͤltniſſe hinaus zu ſetzen, die einen gemeinen Menſchen aͤngſtigen wuͤrden, ſo biſt du mit allen deinen Baͤndern und Sternen, biſt mit der Krone ſelbſt nur ein gemei⸗ ner Menſch. Faſſe dich, beruhige dich! Clavigo ceichtet ſich auf, ſieht Carlos an und reicht ihm eine Hand, die Carlos mit Heftigkeit aufaſſt). Carlos. Auf! auf, mein Freund! und entſchließe dich. Sieh, ich will Alles bey Seite ſetzen, ich will ſa⸗ gen: Hier liegen zwey Vorſchlaͤge auf gleichen Schalen. Entweder du heiratheſt Marien und findeſt dein Gluͤck in einem ſtillen buͤrgerlichen Leben, in den ruhigen haͤus⸗ lichen Freuden; oder du fuͤhreſt auf der ehrenvollen Bahn deinen Lauf weiter nach dem nahen Ziele.— Ich will Alles bey Seite ſetzen, und will ſagen: Die Zunge ſteht inne; es kommt auf deinen Entſchluß an, welche von beyden Schalen den Ausſchlag haben ſoll! Gut! Aber entſchließe dich!— Es iſt nichts erbaͤrmlicher in der Welt als ein unentſchloſſener Menſch, der zwiſchen zweyen Empfindungen ſchwebt, gern beyde vereinigen moͤchte, und nicht begreift, daß nichts ſie vereinigen kann, als eben der Zweifel, die Unruhe, die ihn peinigen. Auf, . 437 und gib Marien deine Hand, handle als ein ehrlicher Kerl, der das Gluͤck ſeines Lebens ſeinen Worten auf⸗ opfert, der es fuͤr ſeine Pflicht achtet, was er verdorben hat wieder gut zu machen, der auch den Kreis ſeiner Leidenſchaften und Wirkſamkeit nie weiter ausgebreitet hat, als daß er im Stande iſt, Alles wieder gut zu ma⸗ chen was er verdorben hat: und ſo genieße das Gluͤck einer ruhigen Beſchraͤnkung, den Beyfall eines bedaͤchti⸗ gen Gewiſſens, und alle Seligkeit, die denen Menſchen gewaͤhrt iſt, die im Stande ſind ſich ihr eigen Gluͤck zu ſchaffen und Freude den Ihrigen— Entſchließe dich; ſo will ich ſagen, du biſt ein guter Kerl— 4 Clavigo. Einen Funken, Carlos, deiner Staͤrke, deines Muths. Carlos. Er ſchlaͤft in dir, und ich will blaſen bis er in Flammen ſchlaͤgt. Sieh auf der andern Seite das Gluͤck und die Groͤße die dich erwarten. Ich will dir dieſe Ausſichten nicht mit dichteriſchen bunten Farben vor⸗ mahlen; ſtelle ſie dir ſelbſt in der Lebhaftigkeit dar, wie ſie in voller Klarheit vor deiner Seele ſtanden, ehe der franzoͤſiſche Strudelkopf dir die Sinne verwirrte. Aber auch da, Clavigo, ſey ein ganzer Kerl, und mache dei⸗ nen Weg ſtracks, ohne rechts und links zu ſehen. Moͤge deine Seele ſich erweitern, und die Gewißheit des gro⸗ ßen Gefuͤhls uber dich kommen, daß außerordentliche Menſchen eben auch darin außerordentliche Menſchen ſind, weil ihre Pflichten von den Pflichten des gemei⸗ 8 43⁸* nen Menſchen abgehen; daß der, deſſen Werk es iſt, ein großes Gauze zu überſehen, zu regieren, zu erhalten, ich keinen Vorwurf zu machen braucht, geringe Ver⸗ haͤltniſſe vernachlaͤſſiget, Kleinigkeiten dem Wohl des Gan⸗ zen aufgeopfert zu haben. Thut das der Schoͤpfer in ſeiner Natur, der Koͤnig in ſeinem Staate; warum ſoll⸗ ten wir's nicht thun, um ihnen aͤhnlich zu werden? Clavigo. Carlos, ich bin ein kleiner Menſch. Carlos. Wir find nicht klein, wenn Umſtaͤnde uns zu ſchaffen machen; nur wenn ſie uns uͤberwaͤltigen, Noch einen Athemzug, und du biſt wieder bey dir ſel⸗ ber. Wuf die Reſte einer erbaͤrmlichen Leidenſchaft von dir, die dich in jetzigen Tagen eben ſo wenig kleiden, als das graue Jaͤckchen und die beſcheidene Miene, mit de⸗ nen du nach Madrid kamſt. Was das arme Maͤdchen fuͤr dich gethan hat, haſt du ihr lange gelohnt; und daß du ihr die erſte freundliche Aufnahme ſchuldig biſt— Oh! eine Andre haͤtte um das Vergnuͤgen dei⸗ nes Umgangs eben ſo viel und mehr gethan, ohne ſolche Praͤtenſionen zu machen— und wird dir einfallen, dei⸗ nem Schulmeiſter die Haͤlſte deines Vermoͤgens zu ge⸗ ben, weil er dich vor dreyßig Jahten das Abc gelehrt hat? Nun, Clavigo? Clavigo. Das iſt all gut; im Ganzen magſt du Recht haben, es mag alſo ſeyn; nur wie helfen wir uns aus der Verwirrung in der wir ſtecken? Da gib Rath, da ſchaff Huͤlfe, und dann rede. 439 Carlos. Gut! Du willſt alſo? Clavigo. Mach' mich koͤnnen, ſo will ich. Ich habe kein Nachdenken; hab's fuͤr mich.. Carlos. Alſo denn. Zuerſt gehſt du, den Herrn an einen dritten Ort zu beſcheiden, und alsdann forderſt du mit der Klinge die Erklaͤrung zuruͤck, die du gezwun⸗ gen und unbeſonnen ausgeſtellt haſt. Clavigo. Ich habe ſie ſchon, er zerriß und gab mir ſie. Carlos. Trefflich! Trefflich! Schon den Schritt gethan— und du haſt mich ſo lange reden laſſen?— Alſo kuͤrzer! Du ſchreibſt ihm ganz gelaſſen:„Du faͤn⸗ deſt nicht fuͤr gut, ſeine Schweſter zu heirathen; die Ur⸗ ſache koͤnnte er erfahren, wenn er ſich heute Nacht, von einem Freunde begleitet, und mit beliebigen Waffen ver⸗ ſehen, da oder dort einfinden wolle.“ Und ſemit ſignirt. — Komm, Clavigo, ſchreib das. Ich bin dein Sekun⸗ dant und— es muͤſſte mit dem Teufel zugehen— Clavigo(geht nach dem Tiſche). Carlos. Hoͤre! Ein Wort! Wenn ich's ſo recht bedenke, iſt das ein einfaͤltiger Vorſchlag. Wer ſind wir, um uns gegen einen aufgebrachten Abenteurer zu wagen? Und die Auffuͤhrung des Menſchen, ſein Stand verdient nicht, daß wir ihn fuͤr unſers Gleichen achten. Alſo hör' mich! Wenn ich ihn nun peinlich anklage, daß er heimlich nach Madrid gekommen, ſich bey dir unter —— ——— ——“ 440 einem falſchen Namen mit einem Helfershelfer anmel⸗ den laſſen, dich erſt mit freundlichen Worten vertraulich gemacht, dann dich unvermuthet überfallen, eine Erklä⸗ rung dir abgenothigt und ſie auszuſtreuen weggegangen iſt— Das bricht ihm den Hals: er ſoll erfahren, was das heißt, einen Spanier mitten in der buͤrgerlichen Ruhe zu befehden. Clavigo. Du haſt Recht. Carlos. Wenn wir nun aber unterdeſſen, bis der Prozeß eingeleitet iſt, bis dahin uns der Herr noch aller⸗ ley Streiche machen könnte, das Gewiſſe ſpielten, und ihn kurz und gut beym' Kopfe naͤhmen? Clavigo. Ich verſtehe, und kenne dich, daß bu Mann biſt es auszufuͤhren. Carlos. Nun auch! wenn ich, der ich ſchon fünf und zwanzig Jahre mitlaufe, und dabey war, da dem Erſten unter den Menſchen die Angſttropſen auf dem Ge⸗ ſichte ſtanden, wenn ich ſo ein Poſſenſpiel nicht entwi⸗ ckeln wollte. Und ſomit laͤſſt du mir freye Hand; du brauchſt nichts zu thun, nichts zu ſchreiben. Wer den Bruder einſtecken läſſt, gibt pantomimiſch zu verſtehen daß er die Schweſter nicht mag. Elavigo. Nein, Carlos! Es gehe wie es wolle, das kann, das werd' ich nicht leiden. Beaumarchais iſt ein wurdiger Menſch, und er ſoll in keinem ſchimpf⸗ lichen Gefaͤngniſſe verſchmachten um ſeinet gerechten 2 441 Sache willen. Einen andern Vorſchlag, Carlos, einen andern! Carlos. Pah! Pah! Kindereyen! Wir wollen ihn nicht freſſen, er ſoll wohl aufgehoben und verſorgt wer⸗ den, und lang' kann's auch nicht waͤhren. Denn ſiehe, wenn er ſpuͤrt daß es Ernſt iſt, kriecht ſein theateraliſcher Eifer gewiß zum Kreuz, er ken t bedutzt nach Frankreich zuruͤck, und dankt auf das Hoͤflichſte, wenn man ja ſeiner Schweſter ein jaͤhrliches Gehalt ausſetzen will, warum's ihm vielleicht einzig und allein zu thun war. Clavigo. So ſey's denn! Nur verfahrt gut mit ihm. Carlos. Sey unbeſorgt.— Noch eine Vorſicht! Man kann nicht wiſſen wie's verſchwaͤtzt wird, wie er Wind kriegt, und er uͤberläuft dich, und Alles geht zu Grunde. Drum begib dich aus deinem Hauſe, daß auch kein Bedienter weiß wohin. Laß nur das Nöthigſte zu⸗ ſammenpacken. Ich ſchicke dir einen Burſchen, der dir's forttragen und dich hinbringen ſoll, wo dich die heilige Hermandad ſelbſt nicht findet. Ich hab' ſo ein Paar Mausloͤcher immer offen. Adieu. Clavigo. Leb wohl! Carlos. Friſch! Friſch! Wenn's vorbey iſt, Bru⸗ der, wollen wir uns laben. 442 Guilberts Wohnung. Sophie Guilbert. Marie Beaumarchais (mit Arbeit.) Marie. So ungeſetuͤm iſt Buenco? Sophie. Das war natuͤrlich. Er liebt dich, und wie konnte er den Anblick des Menſchen ertragen, den er doppelt haſſen muß? Marie. Er iſt der beſte, tugendhafteſte Buͤrger, den ich je gekannt habe.(Ihr die Arbeit zeigend.) Mich duͤnkt, ich mach' es ſo? ich ziehe hier das ein und das Ende ſteck' ich hinauf. Es wird gut ſtehn. Sophie. Recht gut. Und ich will paille Band zu dem Haͤubchen nehmen! es kleid't mich keins beſſer. Du laͤchelſt? Marie. Ich lache uͤber mich ſelbſt. Wir Maͤdchen ſind doch eine wunderliche Nation: kaum heben wir den Kopf nur ein wenig wieder, ſo iſt gleich Putz und Band was uns beſchaͤftigt. Sophie. Das kannſt du dir nicht nachſagen; ſeit dem Augenblick, da Clavigo dich verließ, war nichts im Stande dir eine Frende zu machen. Marie(eaͤhrt zuſammen und ſieht nach der Thuͤr). Sophie. Was haſt du? Marie(beklemmt). Ich glaubte es kaͤme Jemand! Mein armes Herz! O es wird mich noch umbringen. Fühl' wie es ſchlaͤgt, von dem leeren Schrecken. 443 Sophie. Sey ruhig. Du ſiehſt blaß; ich bitte dich, meine Liebe! Marie(anf die Bruſt deutend). Es druͤckt mich hier ſo.— Es ſticht mich ſo.— Es wird mich umbringen. Sophie. Schone dich. Marie. Ich bin ein naͤrriſches ungluͤckliches Maͤd⸗ chen. Schmerz und Freude haben mit all ihrer Gewalt mein armes Leben untergraben. Ich ſage dir, es iſt nur halbe Freude daß ich ihn wieder habe. Ich werde das Gluͤck wenig genießen, das mich in ſeinen Armen erwartet! vielleicht gar nicht. Sophie. Schweſter, meine liebe Einzige! Du nagſt mit ſolchen Grillen an dir ſelber. Marie. Warum ſoll ich mich betruͤgen? Sophie. Du biſt jung und gluͤcklich und kannſt Alles hoffen. Marie. Hoffnung! O der ſuͤße einzige Balſam des Lebens bezaubert oft meine Seele. Muthige jugendliche Traͤume ſchweben vor mir, und begleiten die geliebte . Geſtalt des Unvergleichlichen, der nun wieder der Meine wird. O Sophie, wie reizend iſt er! Seit ich ihn nicht ſah, hat er— ich weiß nicht, wie ich's ausdruͤcken ſoll — es haben ſich alle großen Eigenſchaften, die ehemals in ſeiner Beſcheidenheit verborgen lagen, entwickelt. Er iſt ein Mann worden, und muß mit dieſem reinen Ge⸗ fuͤhle ſeiner ſelbſt, mit dem er auftritt, das ſo ganz ohne Stolz, ohne Eitelkeit iſt, er muß alle Herzen wegreißen. — Und er ſoll der Meinige werden?— Nein, Schwe⸗ ſter, ich war ſein nicht werth— Und jetzt bin ich's viel weniger! Sophie. Nimm ihn nur und ſey zluelic.— Ich höre deinen Bruder! Beaumarchais(kommt). Wo iſt Guilbert? Sophie. Er iſt ſchon eine Weile weg; lang' kann er nicht mehr ausbleiben. Marie. Was haſt du, Bruder?—(aufſpringend und ihm um den Hals fallend.) Lieber Bruder, was haſt du? Beaumarchais. Nichts! Laß mich, meine Marie! 9 Marie. Wenn ich deine Marie bin, ſo ſag' mir, was du auf dem Herzen haſt? Sophie. Laß ihn. Die Maͤnner machen oft Ge⸗ ſichter, ohne juſt was auf dem Herzen zu haben.— Marie. Nein, nein. Ach ich ſehe dein Angeſicht nur wenige Zeit; aber ſchon druͤckt es mir alle deine Em⸗ pfindungen aus, ich leſe jedes Gefuͤhl dieſer unverſtellten, unverdorbenen Seele auf deiner Stirne. Du haſt etwas was dich ſtutzig macht. Rede, was iſt's? Beaumarchais. Es iſt nichts, meine Lieben. Ih hoffe, im Grunde iſt's nichts. Clavigo— Marie. Wie? Beaumarchais. Ich war bey Clavigo. Er iſt nicht zu Hauſe. 445 Sophie. Und das verwirrt dich? Beaumarchais. Sein Pfoͤrtner ſagt, er ſey verreist, er wiſſe nicht wohin? es wiſſe Niemand, wie lange? Wenn er ſich verlaͤugnen lieſſe! Wenn er wirklich verreist waͤre! Warum das? Marie. Wir wollen's abwarten. 8 Benumarchais. Deine Zunge luͤgt. Ha! Die Blaͤſſe deiner Wangen, das Zittern deiner Glieder, Alles ſpricht und zeugt, daß du das nicht abwarten kannſt. Liebe Schweſter!(Faſſt ſie in ſeine Arme.) An dieſem klopfenden, aͤngſtlich bebenden Herzen ſchwoͤr' ich dir. Hoͤre mich, Gott, der du gerecht biſt! Hoͤret mich, alle ſeine Heiligen! Du ſollſt geraͤchet werden, wenn er— die Sinne vergehn mir uͤber den Gedanken, wenn er rück⸗ fiele, wenn er doppelten graͤßlichen Meineids ſich ſchul⸗ dig machte, unſers Elends ſpottete— Nein, es iſt, es iſt nicht moͤglich, nicht moͤglich— Du ſollſt Jeriahet werden. Sophie. Alles zu fruͤh, zu voreitig! Schon ihrer, ich bitte dich mein Bruder. Marie(ſetzt ſich). Sophie. Was haſt du? Du wirſt ohnmaͤchtig. Marie. Nein, nein. Du biſt gleich ſo beſorgt. Sophie(leicht ihr Waſſer). Nimm das Glas. — Marie. Laß doch! wozu ſoll's?— Nun meinet⸗ wegen, gib her. 246 Beaumarchais. Wo iſt Guilbert? Wo iſt Buen⸗ co? Schicke nach ihnen, ich bitte dich.(Sophie ab.) Wie iſt dir, Marie? Marie. Gut, ganz gut! Denkſt du denn, Bru⸗ der?— Beaumarchais. Was, meine Liebe? Marie. Ach! Beaumarchais. Der Athem wird dir ſchwer? Marie. Das unbaͤndige Schlagen meines Herzens verſetzt mit die Luft.. Beaumarchais. Habt ihr denn kein Mittel? Brauchſt du nichts Niederſchlagendes? Marie. Ich weiß ein Mittel, und darum bitt' ich Gott ſchon lange. Beaumarchais. Du ſollſi's haben, und ich hoffe von meiner Hand. M arie. Schon gut. 1 Sophie(kommt). So eben gibt ein Kurier dieſen Brief ab; r mmt von Aranjuez. Beaumarchais. Das iſt das Siegel und die Hand unſers Geſandten. Sophie. Ich hieß ihn abſteigen und einige Erfri⸗ ſchungen zu ſich nehmen; er wollte nicht, weil er noch mehr Depeſchen habe. 447 Marie. Willſt du doch, Liebe, das Maͤdchen nach dem Aeczt ſchicken? Sophie. Fehlt dir was? Heiliger Gott! was fehlt dir? Marie. Du wirſt mich aͤngſtigen, daß ich zuletzt kaum traue ein Glas Waſſer zu begehren— Sophie! — Bruder!— Was enthaͤlt der Brief? Sieh, wie er zittert! wie ihn aller Muth verlaͤſſt! 3 Sophie. Bruder, mein Bruder! Beaumarchais(wirft ſich ſprachlos in einen Seſſel und laͤſſt den Brief fallen). Sophie. Mein Bruder!(Hebt den Brief auf und lieſ't.) Marie. Laſſt mich ihn ſehn! ich muß—(will aufſtehn). Weh! Ich fuͤhl's. Es iſt das Letzte. Schwe⸗ ſter, aus Barmherzigkeit den letzten ſchnellen Todesſtoß! Er verraͤth uns!— Beaumarchais(aufſpringend). Er verräth uns! 3 (an die Stirn ſchlagend und auf die Bruſt.) Hier! hier! es iſt Alles ſo dumpf, ſo todt vor meiner Seele, als haͤtt' ein Donnerſchlag meine Sinne gelaͤhmt. Marie! Marie! du biſt verrathen!— und ich ſtehe hier! Wo⸗ hin?— Was?— Ich ſehe nichts, nichts! keinen Weg, keine Rettung!(wirft ſich in den Seſel.) Guilbert(kommt). Sophie. Guilbert! Rath! Huͤlfe! Wir ſind ver⸗ 1 loren! — ——— —— 3 448 Guilvert. Weib! Sophie. Lies! Lies! Der Geſandte meldet unſerm Bruder: Clavigo habe ihn peinlich angeklagt, als ſey er unter einem ſalſchen Namen in ſein Haus geſchli⸗ chen, habe ihm im Bette die Piſtole vorgehalten, habe ihn gezwungen, eine ſchimpfliche Erklaͤrung zu unter⸗ ſchreiben; und wenn er ſich nicht ſchnell aus dem Koͤ⸗ nigreiche entſernt, ſo ſchleppen ſie ihn in's Geſaͤngniß, daraus ihn zu befreyen der Geſandte vielleicht ſelbſt nicht im Stande iſt. Beaumarchais(aufſpringend). Ja, ſie ſollen's! ſie ſollen's! ſollen mich in's Gefaͤngniß ſchleppen. Aber von ſeinem Leichname weg, von der Stäte weg, wo ich mich in ſeinem Blute werde geletzt haben.— Ach! der 1 grimmige, entſetzliche Durſt nach ſeinem Blute fuͤllt mich ganz. Dank ſey dir, Gott im Himmel, daß du dem Menſchen mitten im gluͤhenden unertraͤglichſten Leiden. ein Labſal ſendeſt, eine Erquickung. Wie ich die dür⸗ ſtende Rache in meinem Buſen fühle! wie aus der Ver⸗ nichtung meiner ſelbſt, aus der ſtumpfen Unentſchloſſen⸗ heit mich das herrliche Gefuͤhl, die Begier nach emem Blute herausreißt, mich uͤber mich ſelbſt reißt! Rache! Wie mir's wohl iſt! wie Alles an mir nach ihm hinſtrebt, ihn zu faſſen, ihn zu vernichten! Sophie. Du biſt fürchterlich, Bruder. 2 Beaumarchais. Deſto beſſer.— Ach! Keinen Degen, kein Gewehr! Mit dieſen Haͤnden will ich ihn 449 erwuͤrgen, daß mein die Wonne ſey! ganz mein eigen das Gefuͤhl: ich hab' ihn vernichtet. Marie. Mein Herz! Mein Herz! Beaumarchais. Ich habe dich nicht retten koͤn⸗ nen, ſo ſollſt du geraͤchet werden. Ich ſchnaube nach ſeiner Spur, meine Zähne geluͤſtet's nach ſeinem Fleiſch, mehnen Gaumen nach ſeinem Blut. Bin ich ein raſen⸗ des Thier geworden! Mir gluͤht in jeder Ader, mir zuckt in jeder Nerve die Begier nach ihm!— Ich wuͤrde den ewig haſſen, der mir ihn jetzt mit Gift vergabe, der mir ihn meuchelmoͤrderiſch aus dem Wege raͤumte. O hilf mir, Gullbert, ihn aufſuchen! Wo iſt Buenco? Helft mir ihn finden. Guilbert. Reite dich! Rette dich! Du biſt au⸗ ßer dir. Marie. Fliehe, mein Buudet! Sophie. Fuͤhr' ihn weg; er er bringt ſeine Sechwo⸗ ſter um. Buenco(kommt.) Auf, Herr! Fort! Ich ſah's voraus. Ich gab auf Alles Acht. Und nun! man ſtellt euch nach, ihr ſeyd verloren, wenn iyr nicht im Augenblick die Stadt verlaſſt. Beaumarchais. Nimmermehr! Wo iſt Clavigo? Buenco. Ich weiß nicht. Beaumarchais. Du weißt's. Ich bitte dich fuß⸗ fs llig, ſag' mir's. 5 ethe's Werke. VI. Bd⸗ 450 Sophie. Um Gottes willen, Buenco! Marie. Ach! Luft! Luft!(Faͤll zuruͤck.) Clavigo!— Sophie. Huͤlfe, ſie ſtirbt! Marie. Verlaſſ' uns nicht, Gott im Himmel!— Fort, mein Bruder, fort! Beaumarchais(eaͤllt vor Marien nieder, die unge⸗ achtet aller Huͤlfe nicht wieder zu ſich ſelbſt kommt) Dich verlaſſen! Dich verlaſſen!. Sophie. So bleib', und verderb' uns Alle, wie du Marien getoͤdtet haſt. Du biſt hin, o meine Schweſter! durch die Unbeſonnenheit deines Bruders. Beaumarchais. Halt, Schweſter! Sophie(ſpottend.) Retter!— Raͤcher!— Hilf dir ſelber! Beaumarchais. Verdien' ich das? Sophie. Gib mir ſie wieder! Und dann geh in Kerker, geh auſ's Martergeruͤſt, geh, vergieße dein Blut, und gib mir ſie wieder. Beaumarchais. Sophie! Sophie. Ha! und iſt ſie hin, iſt ſie todt— ſo er⸗ halte dich uns!(Ihm um den Hals fallend)) Mein Bru⸗ der, erhalte dich uns! unſerm Vater! Eile, eile! Das war ihr Schickſal! Sie hat's geendet. Und ein Gott iſt im Himmel, dem laß die Rache. Buenco. Fort! fort! Kommen Sie mit mir, ich verbeige S Sie, bis wir Mittel finden, Sie aus dem Koͤ⸗ nigreiche zu ſchaffs 451 Beaumarchais(faͤllt auf Marien und kuͤſtt ſie.) Schweſter!(Sie reißen ihn los, er faſſt Sophien, ſie macht ſich los, man bringt Marien weg, und Buenco mit Beau⸗ marchais ab.) Guilbert. Ein Arzt. Sophie(aus dem Zimmer zuruͤckkommend darein man Marien gebracht hat.) Zu ſpaͤt! Sie iſt hin! Sie iſt todt! Guilbert. Kommen Sie, mein Herr! Sehen Sie ſelbſt! Es iſt nicht moͤglich!(ab.) 1— — — ͦ— 8 — ————— Herr. Fuͤnfter Act. 4 Straße vor dem Hauſe Guilberts. (Nach t.) (Das Haus iſt offen. Vor der Thuͤre ſtehen drey in ſchwarze Maͤntel gehuͤllte Maͤnner mit Fackeln. Clavigo in ei⸗ nen Mantel gewickelt, den Degen unterm Arm, kommt. Ein Bedienter geht voraus mit einer Fackel.) Clavigo. Ich ſagte dir's, du ſollteſt dieſe Straße meiden. Bedienter. Wir haͤtten einen gar großen Umweg nehmen muͤſſen, und Sie eilen ſo. Es iſt nicht weit von hier, wo Don Carlos ſich aufhaͤlt. Clavigo. Fackeln dort? Bedienter. Eine Leiche. Kommen Sie, mein Clavigo. Mariens Wohnung! Eine Leiche! Mir faͤhrt ein Todesſchauer durch alle Glieder. Geh, frag, ween ſie begraben?— 15 e 45³ Bedienter(geht zu den Maͤnnern.) Wen begrabt ihr? Die Maͤnner. Marien Beaumarchais. Clavigo(ſetzt ſich auf einen Stein und verhuͤllt ſich.) Bedienter(kommt zuruͤck.) Sie begraben Marien Beaumarchais. Clavigo laufſpringend.) Muſſteſt du's wiederho⸗ len, Verraͤther? Das Donnerwort wiederholen, das mir alles Mark aus meinen eſua Bedienter. Stille, mein Hert, kommen Sie. Bedenken Sie die Gefahr, in der Sie ſchweben. Clavigo. Geh in die Hoͤlle! Ich bleibe. Bedienter. OCarlos! O daß ich dich faͤnde, Car⸗ los! Er iſt außer ſich!(ab.) Clavigo(in der Ferne die Leichenmaͤnner.) Clavigo. Todt! Marie todt! Die Fackeln dort! ihre traurigen Begleiter! Es iſt ein Zauberſpiel, ein Nachtgeſicht! das mich erſchreckt, das mir einen Spie⸗ gel vorhaͤlt, darin ich das Ende meiner Verraͤthereyen ahnungsweiſe erkennen ſoll.— Noch iſt es Zeit! Noch! — Ich bebe, mein Herz zerfließt in Schauer! Nein! Nein! du ſollſt nicht ſterben. Ich komme! Ich kom⸗ me!— Verſchwindet, Geiſter der Nacht, die ihr euch mit aͤngſtlichen Schreckniſſen mir in den Weg ſtellt— (geht auf ſie los.) Verſchwindet!— Sie ſtehen! Ha! ſie ſehen ſich nuch mir um! Weh! Weh mir! es ſind Menſchen wie ich.— Es iſt wahr— Wahr?— Kannſt 454 du's faſſen?— Sie iſt todt— Es ergreift mich mit allem Schauer der Nacht das Gefuhl: ſie iſt todt! Da liegt ſie, die Blume zu deinen Füßen— und du— Er⸗ barm dich meiner, Gott im Himmel, ich habe ſie nicht getoͤdtet!— Verbergt euch, Sterne, ſchaut nicht her⸗ nieder, ihr, die ihr ſo oft den Miſſethaͤter ſaht in dem Gefuhl des innigſten Gluͤckes dieſe Schwelle verlaſſen, durch eben dieſe Straße mit Saitenſpiel und Geſang in goldnen Pha hinſchweben, und ſein am heimli⸗ b ſchen Gitter lanſchendes Maͤdchen mit wonnevollen Er⸗ wartungen entzuͤnden!— Und du fuͤllſt nun das Haus mit Wehklagen und Jammer! und dieſen Schauplatz dei⸗ nes Glückes mit Grabgeſang!— Marie! Marie! nimm mich mit dir! nimm mich mit dir!(Eine traurige Muſik tont einige Laute von innen.) Sie beginnen den Weg zum Grabe!— Haltet! haltet! Schließt den Sarg nicht! Laſſt mich ſie noch einmal ſehen!(Er geht auf's Haus los.) Ha! wem, wem wag' ich's unter's Geſicht zu tre⸗ ten? wem in ſeinen entſetzlichen Schmerzen zu begegnen? — Ihren Freunden? Ihrem Bruder! dem wuͤthender Jammer den Buſen fuͤllt!(Die Muſik geht wieder an.) 3 Sie ruft mir! ſie ruft mir! Ich komme!— Welche Angſt umgibt mich! Welches Beben haͤlt mich zuruͤck! — (Die Muſik faͤngt zum drittenmale an und faͤhrt fort. Die Fackeln bewegen ſich vor der Thuͤr, es treten noch drey andere zu ihnen, die ſich in Ordnung reihen, um den Leichen⸗ zug einzufaſſen, der aus dem Hauſe kommt, Sechs tragen 5 4 455 die Bahre, darauf der bedeckte Sarg ſteht. Guilbert, Buenco in tiefer Trauer.)* Clavigo(hervortretend). Haltet! Guilbert. Welche Stimme! Clavigo. Haltet!(Die Traͤger ſtehen.) Buenco. Wer unterſteht ſich den ehrwuͤrdigen Zug zu ſtoͤren. Clavigo. Setzt nieder! Guilbert. Ha! Buenco. Elender! Iſt deiner Schandthaten kein Ende? Iſt dein Opfer im Sarge nicht ſicher vor dir? Clavigo. Laſſt! macht mich nicht raſend! die Un⸗ gluͤcklichen ſind gefaͤhrlich! Ich muß ſie ſehen!(Er wirft das Tuch ab. Marie liegt weißgekleidet und mit gefalteten Haͤnden im Sarge. Clavigo tritt zuruͤck und verbirgt ſein Geſicht.) Buenco. Willſt du ſie erwecken, um ſie wieder zu toͤdten? Clavigo. Armer Spoͤtter!— Marie!(Er fäͤllt vor dem Sarge nieder.) Beaumarchais. Buenco hat mich verlaſſen. Sie i*ſt nicht todt, ſagen ſie, ich muß ſie ſehen, trotz dem Teu⸗ fel! Ich muß ſie ſehen. Fackeln, Leiche!(Er rennt auf ſie los, erblickt den Sarg und faͤllt ſprachlos druͤber hin, man hebt ihn auf, er iſt wie ohnmaͤchtig. Guilbert haͤlt ihn.) Clabigo(der an der andern Seite des Sargs auf⸗ ſteht). Marie! Marie!. 456 Beaumarchais(auffahrend). Das iſt ſeine Stim⸗ me! Wer ruft Marie? Wie mit dem Klang' der Stimme ſich eine glüͤhende Wuth in meine Adern goß! 1 Clavigo. Ich bins.. Beaumarchais(wild hinſehend und nach dem Degen greifend. Guilbert haͤlt ihn) Clavigo. Ich fuͤrchte deine gluͤhenden Augen nicht, nicht die Spitze deines Degens! Sieh hier her, dieſes ge⸗ ſchloſſene Auge, dieſe gefalteten Haͤnde! Beaumarchais. Zeigſt du mir das?(Er reißt ſich los, dringt auf Clavigo ein, der zieht, ſie fechten, Beau⸗ marchais ſtoͤßt ihm den Degen in die Bruſt.) Clavigo(ſinkend.) Ich danke dir, Bruder! Du vermaͤhlſt uns.(Er ſinkt auf den Sarg.) Beaumarchais(ihn wegreißend.) Weg von die⸗ ſer Heiligen, Verdammter! Clavigo. Weh!(Die Traͤger halten ihn.) Beaumarchais. Blut! Blick' auf, Marie, blick' auf deinen Brautſchmuck, und dann ſchließ deine Augen— auf ewig. Sieh, wie ich deine Ruheſtaͤtte geweiht habe mit dem Blute deines Moͤrders! Schoͤn! Herrlich! Sophie(kommt.) Bruder! Gott! was gibt's? Beaumarchais. Tritt näaher, Liebe, und ſchau. 4 Ich hoffte ihr Brautbette mit Roſen zu beſtreuen; ſieh die Roſen, mit denen ich ſie ziere auf ihrem Wege zum Dimmel. 45⁷ Sophie. Wir ſind verloren! Clavigo. Rette dich, Unbeſonnener! rette dich, eh' der Tag anbricht. Gott, der dich zum Raͤcher ſandte, begleite dich.— Sophie— vergib mir!— Bruder— Freunde, vergebt mir! Beaumarchais. Wie ſein fließendes Blut alle die gluͤhende Rache meines Herzens ausloͤſcht! wie mit ſeinem wegfliehenden Leben meine Wuth verſchwindet! (Auf ihn losgehend.) Stirb, ich vergebe dir! Clavigo. Deine Hand! und deine, Sophie! Und eure!(Buenco zaudert.) Sophie. Gib ſie ihm, Buenco. Clavigo. Ich danke dir! du biſt die alte. Ich danke euch! Und wenn du noch hier dieſe Staͤte um⸗ ſchwebſt, Geiſt meiner Geliebten, ſchau herab, ſieh dieſe himmliſche Guͤte, ſprich deinen Segen dazu, und vergib mir auch!— Ich komme!l ich komme!— Rette dich, mein Bruder! Sagt mir, vergab ſie mir? Wie ſtarb ſie? Sophie. Ihr letztes Wort war dein ungluͤcklicher Name! Sie ſchied weg ohne Abſchied von uns. Clavigo. Ich will ihr nach, und ihr den eurigen bringen. Carlos. Ein Bedienter. Carlos. Clavigo! Moͤrder! Clavigo. Hoͤre mich, Carlos! Du ſiehſt hier die Opfer deiner Klugheit— und nun, um des Blutes fport! 458 willen, in dem mein Leben unaufhaltſam dahin fließt! rette meinen Bruder- 8 1 Carlos. Mein Freund! Ihr ſteht da? Lauft nach Wundaͤrzten!(Bedienter ab.) Clavigo. Es iſt vergebens. Rette! rette den un⸗ glücklichen Bruder!— Deine Hand darauf! Sie haben mir vergeben, und ſo vergeb' ich dir. Du begleiteſt ihn bis an die Graͤnze, und— ah!. Carlos(mit dem Fuße ſtampfend.) Clavigo! Cla⸗ vigo! 5 Clavigo(ſich dem Sarge naͤhernd⸗ ſamf den ſie ihn niederlaſſen.) Marie! deine Hand!(Er entfaltet ihre Haͤnde, und faſſt die rechte.) Sophie(zu Peaumargais.) Fort, Ungluͤcklicher! Clavigo. Ich hab' ihre Hand Ihre kalte Todten⸗ hand! Du biſt die Meinige— Und noch dieſen Braͤuti⸗ gamskuß. Ah! Sophie. Er ſtirbt. Rette dich, Bruder! Beaumarchais(fallt Sophien um den Hals.) Sophie(umarmt ihn, indem ſie zugleich eine Bewe⸗ gung macht ihn zu entfernen.) ſſſſſſ üusenn 1 8 * * 4* —ö ———üöB