von J. W. von Goethe. Zweiter Theil. Neue Ausgabe. Reutlingen, bei Fleiſchhauer und Spohn. 1835. Gegenwart. Alles kuͤndet Dich an! Erſcheinet die herrliche Sonne, Folgſt Du, ſo hoff ich es, bald. Trittſt Du im Garten hervor, So biſt Du die Roſe der Roſen, eilie der Lilien zugleich. Wenn du im Tanze dich regſt⸗ So regen ſich alle Geſtirne Mit Dir und um Dich umher. Nacht! und ſo waͤr' es denn Nacht! Nun uberſcheinſt du des Mondes Lieblichen, ladenden Glanz. Ladend und lieblich biſt Du, Und Blumen, Mond und Geſtirne Huldigen, Sonne, nur Dir. Sonne! ſo ſey Du auch mir Die Schoͤpferin herrlicher Tage; Leben und Ewigkeit iſt's. —— — 4— CE h r i fi e.. Hab' oft einen dumpfen duͤſtern Sinn, Ein gar ſo ſchweres Blut! Wenn ich bei meiner Chriſtel bin, Iſt alles wieder gut. Ich ſeh ſie dort, ich ſeh ſie hier Und weiß nicht auf der Welt Und wie und wo und wann ſie mir, Warum ſie mir gefaͤllt. Das ſchwarze Schelmenaug' dad'rein, Die ſchwarze Braue drauf, Seh' ich ein einzigmal hinein, Die Seele geht mir auf. Iſt eine, die ſo lieben Mund, Liebrunde Waͤnglein hat? Ach, und es iſt noch etwas rund, Da ſieht kein Aug' ſich ſatt! Und wenn ich ſie denn faſſen darf Im luft'gen deutſchen Tanz, Das geht herum, das geht ſo ſcharf, Da fuͤhl ich mich ſo ganz! Und wenn's ihr taumlig wird und warm, Da wieg' ich ſie ſogleich An meiner Bruſt in meinem Arm; 'S iſt mir ein Koͤnigreich! Und wenn ſie liebend nach mir blickt Und alles rund vergißzt, Und dann an meine Bruſt gedruͤckt Und weidlich eins gekuͤßt, — 5— Das laͤuft mir durch das Nuͤckenmark Bis in die große Zeh! Ich bin ſo ſchwach, ich bin ſo ſtark, Mir iſt ſo wohl, ſö weh! Da moͤcht' ich mehr und immer mehr, Der Tag wird mir nicht lang; Wenn ich die Nacht auch bei ihr waͤr, Davor waͤr' mir nicht bang. Ich denk, ich halte ſie einmal Und buͤße meine Luſt; und endigt ſich nicht meine Qual, Sterb' ich an ihrer Bruſt! — Rettung⸗ Mein Maͤdchen ward mir ungetreu, Das machte mich zum Freudenhaſſer; Da lief ich an ein fließend Waſſer, Das Waſſer lief vor mir vorbei. Da ſtand ich nun, verzweifelnd ſtumm; Im Kopfe war mir's wie betrunken, Faſt waͤr' ich in den Strom geſunken, Es ging die Welt mit mir herum⸗ Auf einmal hoͤrt' ich was, das rief— Ich wandte juſt dahin den Ruͤcken— Es war ein Stimmchen zum Entzuͤcken: „Nimm dich in Acht! der Fluß iſt tief.“ Da lief mir was durch's ganze Blut, Ich ſeh', ſo iſ's ein liebes Maͤdchen; 6— Ich frage ſie: wie heißt du?„Kaͤthchen!“ O ſchoͤnes Kaͤthchen! du biſt gut. Du haͤliſt vom Tode mich zuruͤck; Auf immer dank' ich dir mein Leben; Allein das heißt mir wenig geben, Nun ſey auch meines Lebens Gluͤck! Und dann klagt' ich ihr meine Noth, Sie ſching die Augen lieblich nieder; Ich kuͤßte ſie und ſie mich wieder, Und— vor der Hand nichts mehr von Tod. —— Gefunden. Ich ging im Walde So fuͤr mich hin, Und nichts zu ſuchen Das war mein Sinn. Im Schatten ſah' ich Ein Bluͤmchen ſtehn, Wie Sterne leuchtend, Wie Aeunglein ſchoͤn. Ich wollt' es brechen;. Da ſagt' es fein: Soll ich zum Welken. Gebrochen ſeyn? Ich grub's mit allen Den Wuͤrzlein aus, Zum Garten trug ich's, Am huͤbſchen Haus, — 27— Und pflanzt' es wieder Am ſtillen Ort; Nun zweigt es immer uUnd bluͤht ſo fort. —— Gleich und Glei ch.. Ein Blumengloͤckchen. Vom Boden hervor War fruͤh geſproſſet In lieblichem Flor; Da kam ein Bienchen Und naſchte fein:— Die muͤſſen wohl beide Fuͤr einander ſeyn. —— Liebhabeer in allen Geſtalten. Ich wollt ich waͤr' ein Fiſch! So hurtig und friſch; Und kaͤmſt Du zu anglen, Ich wuͤrde nicht manglen. Ich wollt' ich waͤr' ein Fiſch! So hurtig und friſch. Ich wollt' ich waͤr ein Pferd! Da waͤr' ich dir werth. O waͤr' ich ein Wagen! Bequem dich zu tragen. — 8— Ich wollt' ich waͤr⸗ ein Pferd! Da vaͤr' ich Dir werth. Ich wollt' ich waͤre Gold! Dir immer im Sold; Und thaͤtſt Du was kaufen, Kaͤm' ich wieder gelaufen. Ich wollt' ich waͤre Gold! Dir immer im Sold. Ich wollt' ich waͤr' treun! Mein Liebchen ſtets neu; Ich wollt' mich verheißen, Wollt' nimmer verreiſen. Ich wollt' ich waͤr' treu! Mein diebchen ſtets neu. Ich wollt' ich waͤrd alt! Und runzlig und kalt; Thaͤtſt Du mir's verſagen, Da koͤnnt' mich's nicht plagen. Ich wollt' ich waͤr' alt! Und runzlig und kalt. Waͤr' ich Affe ſogleich! Voll neckender Streich'; Haͤtt' was dich verdroſſen, So macht' ich Dir Poſſen. Waͤr' ich Affe ſogleich! Voll neckender Streich'. Waͤr' ich gut wie ein Schaf! Wie der Loͤwe ſo brav: ——— Haͤtt' Augen wie's Luͤchschen, Und Liſten wie's Fuͤchschen. Waͤr' ich gut wie ein Schaf! Wie der Loͤwe ſo brav. Was alles ich waͤr', Das goͤnnt' ich Dir ſehr; Mit fuͤrſtlichen Gaben, Du ſollteſt mich haben. Was alles ich waͤr', Das goͤnnt ich Dir ſehr. Doch bin ich wie ich bin, Und nimm mich nur hin! Willſt du Beſſre beſitzen, So laß Dir ſie ſchnitzen. Ich bin nun wie ich bin; So nimm mich nur hin! 1 —— — Der Goldſchmiedsgeſell. Es iſt doch meine Nachbarin Ein allerliebſtes Maͤdchen! Wie fruͤh ich in der Werkſtatt bin, Blick' ich nach ihrem Laͤdchen. Zu Ring' und Kette poch' ich dann Die feinen golduen Draͤtchen. Ach! denk' ich, wann? und wieder, wann 2 Iſt ſolch ein Ring fuͤr Kaͤtchen? Und thut ſie erſt die Schaltern auf⸗ Da kommt das ganze Staͤdtchen — 10— Und feilſcht und wirbt mit hellem Hauf Um's Allerlei im Laͤdchen. n! 1 Ich feile; wohl zerfeil' ich dann Auch manches goldne Draͤtchen. Der Meiſter brummt, der harte Mann! Er merkt, es war das Laͤdchen. Und flugs wie nur der Handel ſtill, Gleich greift ſie nach dem Raͤdchen. Ich weiß wohl, was ſie ſpinnen will: Es hofft das liebe Maͤdchen. Das kleine Fuͤßchen tritt und tritt; Da denk' ich mir das Waͤdchen, Das Strumpfband denk' ich auch wohl mit, Ich ſchenkt's dem lieben Maͤdchen. Und nach den Lippen fuͤhrt der Schatz Das allerfeinſte Faͤdchen. O waͤr' ich doch an ſeinem Platz, Wie kuͤßt ich mir das Maͤdchen! Gluck und Traum. Du haſt uns oft im Traum geſehen Zuſammen zum Altare gehen, Und dich als Frau, und mich als Mann. 1 Oft nahm ich wachend Deinem Munde, In einer unbewachten Stunde, So viel man Kuͤſſe nehmen kann. Das reinſte Gluͤck, das wir empfunden, Die Wolluſt mancher reichen Stunden — 11— Floh, wie die Zeit, mit dem Genuß. Was hilft es mir, daß ich genieße? Wie Traͤume fliehn die waͤrmſten Kuͤſſe⸗ und alle Frende wie ein Kuß. Lebendiges Andenken. Der Liebſten Band und Schleife rauben, Halb mag ſie zuͤrnen, halb erlauben, Euch iſt es viel, ich will es glauben und goͤnn' euch ſolchen Selbſtbetrug: Ein Schleier, Halstuch, Strumpfband, Ringe Sind wahrlich keine kleine Dinge; Allein mir ſind ſie nicht genug. Lebend'gen Theil von ihrem Leben, Ihn hat, nach leiſem Widerſtreben, Die Allerliebſte mir gegeben, und jene Herrlichkeit wird nichts. Wie lach' ich all der Troͤdelwaare! Sie ſchenkte mir die ſchoͤnen Haare, Den Schmuck des ſchoͤnſten Angeſichts. Soll ich dich gleich, Geliebte, miſſen; Wirſt Du mir doch nicht ganz entriſſen: Zu ſchaun, zu tadeln und zu kuͤſſen Bleibt die Reliquie von Dir.— Gleich iſt des Haars und mein Geſchicke; Sonſt buhlten wir mit Einem Gluͤcke Um ſie, jetzt ſind wir fern von ihr. 1 Feſt waren wir an ſie gehangen; Wir ſtreichelten die runden Wangen, Uns lockt’ und zog ein ſuͤß Verlangen, Wir gleiteten zur vollern Bruſt. O Nebenbuhler, frei von Neide, Du ſuͤß Geſchenk, du ſchoͤne Beute, Erinnre mich an Gluͤck und Luſt! Glück der Entfernung. Trink', o Juͤngling! heilges Gluͤcke Taglang aus der Liebſten Blicke; Abends gaukl' ihr Bild dich ein. Kein Verliebter bad' es beſſer; Doch das Gluͤck bleibt immer groͤßer, Fern von der Geliebten ſeyn. Ew ge Kraͤfte, Zeit und Ferne, Heimlich wie die Kraft der Sterne⸗ Wiegen dieſes Blut zur Ruh. Mein Gefuͤhl werd ſtets erweichter; Doch mein Herz wird taͤglich leichter, Und mein Gluͤck nimmt immer zu. Nirgends kann ich ſie vergeſſen; Und doch kann ich ruhig eſſen, Heiter iſt mein Geiſt und frei; Und unmerkliche Bethoͤrung Macht die Liebe zur Verehrung, Die Begier zur Schwaͤrmerei. V ,— —— — 13— Aufgezogen durch die Sonne, Schwimmt im Hauch aͤther ſcher Wonne So das leichtſte Woͤlkchen nie, Wie mein Herz in Ruh und Frende. Frei von Furcht, zu groß zum Neide, Lieb' ich, ewig lieb' ich ſie! —— A*n Lunna. Schweſter von dem erſten Licht, Bild der Zaͤrtlichkeit in Trauer! Nebel ſchwimmt mit Silberſchauer Um dein reizendes Geſicht; Deines leiſen Fußes Lauf Weckt aus tagverſchloſſnen Hoͤlen Traurig abgeſchiedne Seelen, Mich, und naͤcht'ge Voͤgel auf. Forſchend uͤberſieht dein Blick Eine großgemeſſne Weite. Hebe mich an deine Seite! Gieb der Schwaͤrmerei dies Gluͤck; Und in wolluſtvoller Ruh Saͤh' der weitverſchlagne Ritter, Durch das glaͤſerne Gegitter, Seines Maͤdchens Naͤchten zu. Des Beſchauens holdes Gluͤck Mildert ſolcher Ferne Qualen, Und ich ſammle deine Strahlen Und ich ſchaͤrfe meinen Blick; — 14— Hell und heller wird es ſchon Um die unverhuͤllten Glieder Und nun zieht ſie mich hernieder, Wie dich einſt Endymion. ——.. Brautnacht. Im Schlafgemach, entfernt vom Feſte, Sitzt Amor dir getreu und bebt, Daß nicht die Liſt muthwill'ger Gaͤſte Des Brautbetts Frieden untergraͤbt. Es blinkt mit myſtiſch heil'gem Schimmer Vor ihm der Flammen blaſſes Gold; Ein Weihrauchswirbel fuͤllt das Zimmer, Damit ihr recht genießen ſollt. Wie ſchlaͤgt dein Herz beim Schlag der Stunde, Der deiner Gaͤſte Laͤrm verjagt; Wie gluͤhſt du nach dem ſchoͤnen Munde, Der bald verſtummt und nichts verſagt. Du eilſt, um alles zu vollenden, Mit ihr ins Heiligthum hinein; Das Feuer in des Waͤchters Haͤnden Wird wie ein Nachtlicht ſtill und klein. „Wie bebt vor deiner Kuͤſſe Menge Ihr Buſen und ihr voll Geſicht; Zum Zittern wird nun ihre Strenge, Denn deine Kuͤhnheit wird zur Pflicht. Schnell hilft dir Amor ſie entkleiden, Und iſt nicht halb ſo ſchnell als du; —— Dann häͤlt er ſchalkhaft und beſcheiden Sich feſt die beiden Augen zu. —— Schadenfreude. In des Papillons Geſtalt Flattr' ich, nach den letzten Zuͤgen, Zu den vielgeliebten Stellen, Zeugen himmliſcher Vergnuͤgen, Ueber Wieſen, an die Quellen, Um den Huͤgel, durch den Wald. Ich belauſch' ein zaͤrtlich Paar; Von des ſchoͤnen Mädchens Haupte Aus den Kraͤnzen ſchau ich nieder; Alles was der Tod mir raubte, Seh' ich hier im Bilde wieder, Bin ſo gluͤcklich wie ich war. Sie umarmt ihn laͤchelnd ſtumm⸗ Und ſein Mund genießt der Stunde, Die ihm guͤt'ge Goͤtter ſenden, Huͤpft vom Buſen zu dem Munde, Von dem Munde zu den Haͤnden, Und ich huͤpf' um ihn herum. Und ſie ſieht mich Schmenterling. Zitternd vor des Freunds Verlangen Springt ſie auf, da flieg' ich ferne. 4 „Liebſter, komm, ihn einzufangen! Komm! ich haͤtt' es gar zu gerne, Gern das kleine bunte Ding.“ — 16— Unſchuld. Schoͤnſte Tugend einer Seele, Reinſter Quell der Zaͤrtlichkeit! Mehr als Byron, als Pamele Ideal und Seltenheit! Wenn ein andres Feuer brennet, Flieht dein zaͤrtlich ſchwaches Licht; Dich fuͤhlt nur wer dich nicht kennet, Wer dich kennt, der fuͤhlt dich nicht. Goͤttin! In dem Paradieſe Lebteſt du mit uns vereint; Noch erſcheinſt du mancher Wieſe Morgens, eh die Sonne ſcheint. 3 Nur der ſanfte Dichter ſiehet Dich im Nebelkleide ziehn; Phoͤbus kommt, der Nebel fliehet, Und im Nebel biſt du hin. —— Scheinto d. Weint, Maͤdchen! hier bei Amors Grabe; hier Sank er von nichts, von ohngefaͤhr danieder. Doch iſt er wirklich todt? Ich ſchwoͤre nicht dafuͤr: Ein Nichts, ein Ohngefaͤhr erweckt ihn oͤfters wieder. —,— Novemberliie d. Dem Schuͤtzen, doch dem alten nicht, Zu dem die Sonne flieht, — 47—. Der uns ihr fernes Angeſicht Mit Wolken uͤberzieht; Dem Knuaben ſey dies Lied geweiht, Der zwiſchen Roſen ſpielt, Uns hoͤret und zur rechten Zeit Nach ſchoͤnen Herzen zielt. Durch ihn hat uns des Winters Nacht, So haͤßlich ſonſt und rauh, Gar manchen werthen Freund gebracht Und manche liebe Frau. Von nun an ſoll ſein ſchoͤnes Bild Am Sternenhimmel ſtehn, Und er ſoll ewig hold und mild V Uns auf und unter gehn. 3 Blumengruß. Der Strauß, den ich gepfluͤcket, Gruͤße dich viel tauſendmal! Ich habe mich oft gebuͤcket, Ach! woht ein tauſendmal, Und ihn ans Herz gedruͤcket Wie hunderttanſendmal! Im Sommer. Wie Feld und Au So blinkend im Thau! Wie Perlen ſchwer Die Pflanzen umher! Wie durchs Gebuͤſch — 18— Die Winde ſo friſch! Wie laut im hellen Sonnenſtrahl Die ſuͤßen Voͤglein allzumal! Ach! aber da, Wo Liebchen ich ſah, Im Kaͤmmerlein, So nieder und klein, So rings bedeckt, Der Sonne verſteckt, Wo blieb die Erde weit und breit Mit aller ihrer Herrlichkeit! —— Mailied. Zwiſchen Waizen und Korn⸗ Zwiſchen Hecken und Dorn, Zwiſchen Baͤumen und Gras, Wo geht's Liebchen? Sag mir das! Fand mein Holoͤchen Nicht daheim; Muß das Goldchen Draußen ſeyn. Gruͤnt und bluͤhet Schoͤn der Mai; Liebchen ziehet Froh und frei. An dem Felſen beim Fluß⸗ Wo ſie reichte den Kuß, Jenen erſten im Gras, * — 19— Seh' ich etwas! Iſt ſie das? —— Wanderers Nachtlied. (S. auch Th. I. S. 58.) Ueber allen Gipfeln Iſt Ruh', In allen Wipfeln Spuͤreſt Du Kaum einen Hauch; Die Voͤgelein ſchweigen im Walde. Warte nur! Balde Ruheſt du auch. —— Sigenthum. Ich weiß, daß mir nichts angehoͤrt, Als der Gedanke, der ungeſtoͤrt Aus meiner Seele will fließen, Und jeder guͤnſtige Augenblick, Den mich ein liebendes Geſchick Von Grund aus laͤßt genießen. —— Gewohnt, gethan. Ich habe geliebet; nun lieb' ich erſt recht! Erſt war ich der Diener, nun bin ich der Knecht. Erſt war ich der Diener von Allen; Nun feſſelt mich dieſe ſcharmante Perſon, Sie thut mir auch alles zur Liebe, zum Lohn, Sie kann nur allein mir gefallen. Ich habe geglaubet; nun glaub' ich erſt recht! Und geht es auch wunderlich, geht es auch ſchlecht, Ich bleibe bei'm glaͤubigen Orden: So duͤſter es oft und ſo dunkel es war In draͤngenden Noͤthen, in naher Gefahr, Auf einmal iſt's lichter geworden. Ich habe geſpeiſet, nun ſpeiſ' ich erſt gut! Bei heiterem Sinne, mit froͤhlichem Blut Iſt alles an Tafel vergeſſen. Die Jugend verſchlingt nur, dann ſauſet ſe e fant; Ich liebe zu tafeln am luſtigen Ort, Ich koſt und ich ſchmecke bei'm Eſſen. Ich habe getrunken; nun trink' ich erſt gern! Der Wein er erhoͤht uns, er macht uns zum Herrn Und loͤſet die ſklaviſchen Zungen. Ja ſchoner nur nicht das erquickende Naß: Denn ſchwindet der aͤlteſte Wein aus dem Faß⸗ So altern dagegen die Jungen. Ich habe getanzt und dem Tanze gelobt! Und wird auch kein Schleifer, kein Walzer getobt, So drehn wir ein ſittiges Taͤnzchen. Und wer ſich der Blumen recht viele verflicht Und haͤlt auch die ein' und die andere nicht, Ihm bleibet ein munteres Kraͤnzchen.. 85 Drum friſch nur auf's Nene! Bedenke dich nicht: Denn wer ſich die Roſen, die bluͤhenden, bricht, nno Den kitzeln fuͤrwahr nur die Dornen. man So heute wie geſtern, es ſimmert der Stern. — 21— Nur halte von haͤngenden Koͤpfen dich fern, Und lebe dir immer von vornen. —— Kriegsglück. Verwuͤnſchter weiß ich nichts im Krieg⸗ Als nicht bleſſirt zu ſeyn. Man geht getroſt von Sieg zu Sieg Gefahr gewohnt hinein; Hat abgepackt und aufgepackt Und weiter nichts ereilt, Als daß man auf dem Marſch ſich plackt, Im Lager langeweilt. Dann geht das Cantoniren an, Dem Bauer eine Laſt, Verdrießlich iedem Edelmann, Und Buͤrgern gar verhaßt⸗ Sey hoͤflich, man bedient dich ſchlecht, Den Grobian zur Noth; Und nimmt man ſelbſt am Wirthe Recht⸗ Ißt man Profoßen⸗ Brod. 4 Wenn endlich die Kauone brummt Und knattert's klein Gewehr, Trompet' und Trab und Trommel ſumme Da geht's wohl luſtig her; Und wie nun das Gefecht beſiehlt, Man weichet, man ernent's) e Man retirirt, man avankilt— Und immer ohne Kreuz.“ — 22— 4 Nun endlich pfeift Musketen⸗Blei Und trifft, wills Gott, das Bein, Und nun iſt alle Noth vorbei, Man ſchleppt uns gleich hinein Zum Staͤdtchen, das der Sieger deckt, Wohin man grimmig kam; 1 Die Frauen, die man erſt erſchreckt, Sind liebenswuͤrdig zahm. Da thut ſich Herz und Keller los, Die Kuͤche darf nicht ruhn; Auf weicher Betten Flaumen⸗Schoos Kann man ſich guͤtlich thun. Der kleine Fluͤgelbube hupft, Die Wirthin raſtet nie, Sogar das Hemdchen wird zerzupft, Das nenn⸗ ich doch Charpie! Hat Eine ſich den Helden nun Beinah herangeyflegt, So kann die Nachbarin nicht ruhn⸗ Die ihn geſellig hegt. Ein Drittes kommt wohl emſiglich, Am Ende fehlet keins, Und in der Mitte ſieht er ſich Des ſaͤmmtlichen Vereins. 2 Der König hoͤrt von guter Hand, Man ſey voll Kampfes⸗ Luſt; Da koͤmmt behende Kreuz und Band nind zieret Rock und Bruſt⸗ Sagt, ob's fuͤr einen Martismann — 23— Wohl etwas Beſſtes gibt! Und unter Thraͤnen ſcheidet man Geehrt ſo wie geliebt. —— OffneTafel. Viele Gaͤſte wünſch' ich hent Mir zu meinem Tiſche! Speiſen ſind genug bereit, Voͤgel, Wild und Fiſche. Eingeladen ſind ſie ja, Haben's angenommen. Haͤnschen, geh' und ſieh' dich um! Sieh' mir, ob ſie kommen! Schoͤne Kinder hoff' ich nun, Die von gar nichts wiſſen, Nicht, daß es was huͤbſches ſey, Einen Freund zu kuͤſſen. Eingeladen ſind ſie all, Haben's angenommen. Haͤnschen geh' und ſieh' dich um! Sieh' mir, ob ſie kommen! Frauen denk' ich auch zu ſehn, Die den Ehegatten, Ward er immer brummiger, Immer lieber hatten. Eingeladen wurden ſie, Haben's angenommen. Haͤnschen geh' und ſieh' dich um! Sieh mir, ob ſie kommen! — 2—— 3 — —— —— —— Junge Herrn berief ich auch, Nicht im mindſten eitel, Die ſogar beſcheiden ſind Mit gefuͤlltem Beutel; Dieſe bat ich ſonderlich, Haben's angenommen. Haͤnschen, geh' und ſieh' dich um! Sieh' mir, ob ſie kommen! Maͤnner lud ich mit Reſpekt, Die auf ihre Frauen Ganz allein, nicht neben aus Auf die ſchoͤnſte ſchauen. Sie erwiederten den Gruß, Haben's angenommen. Haͤnschen, geh' und ſieh' dich um! Sieh' mir, ob ſie kommen! Dichter lud ich auch herbei, Unſte Luſt zu mehren, Die weit lieber ein fremdes Lied Als ihr eignes hoͤren. 8 Alle dieſe ſtimmten ein, Paben's angenommen⸗ Haͤnschen, geh' und ſieh' dich umt Sieh' mir, ob ſie kommen! Doch ich ſehe Niemand gehn, Sehe Niemand kommen! Suppe kocht und ſiedet ein, Braten will verbrennen. Ach, wir haben's, fuͤrcht' ich nun⸗ b Zu genau genommen! Haͤnschen, ſag' was meinſt du wohl! Es wird Niemand kommen. Haͤuschen lauf und ſaͤume nicht, 3 Ruf mir neue Gaͤſte! Jeder komme, wie er iſt, Das iſt wohl das Beſte! Schon iſt's in der Stadt bekannt⸗ Wohl iſt's aufgenommen. Haͤnschen, mach die Thuͤren auf: Sieh' nur, wie ſie kommen! —— Rechenſchaft. Der Meiſter. Friſch! der Wein ſoll reichlich fließen! Nichts Verdrießlichs weh' uns an. Sage, willſt du mit genießen, Haſt du deine Pflicht gethan? Einer. Zwei recht gute junge Leute Liebten ſich nur gar zu ſehr; Geſtern zaͤrtlich, wuͤthend heute, Morgen waͤr' es noch vielmehr; Senkte Sie hier das Genicke, Dort zerrauft Er ſich das Haar; Goethe's Ged. II.— —— —x——— — — 26— Altes bracht' ich ins Geſchicke, Und ſie ſind ein gluͤcklich Paar⸗ Chor. Sollſt uns nicht nach Weine lechzen! Gleich das volle Glas heran! Denn das Aechzen und das Kraͤchgen Haſt du heut ſchon abgethan. Einer. Warum weinſt du, junge Waiſe? „Gott! ich wuͤnſchte mir das Grab; Denn mein Vormund, leiſe, leiſe, Bringt mich an den Bettelſtab.“ Und ich kannte das Gelichter, Zog den Schaͤcher vor Gericht, Streng' und brav ſind unſre Richter, Und das Maͤdchen bettelt nicht. Chor. Sollſt uns nicht nach Weine lechzen! Gleich das volle Glas heran! Denn das Aechzen und das Kraͤchzen Haſt du hent ſchon abgethan. Einer. Einem armen kleinen Kegel, Der ſich nicht beſonders regt, Hat ein ungeheurer Flegel Hente grob üch aufgelegt. d ich te mich ein Mannſen, —-— 27— Ich gedachte meiner Pflicht, Und ich hieb dem langen Hanſen Gleich die Schmarre durch's Geſicht. Chor. Sollſt uns nicht nach Weine lechzen! Gleich das volle Glas heran! Denn das Aechzen und das Kraͤchzen Haſt du heut ſchon abgethan. Einer. Wenig hab' ich nur zu ſagen: Denn ich habe nichts gethan Ohne Sorgen, ohne Plagen Nahm ich mich der Wirthſchaft an; Doch ich habe nichts vergeſſen, Ich gedachte meiner Pflicht: Alle wollten ſie zu eſſen, Und an Eſſen fehlt' es nicht. Chor. Sollſt uns nicht nach Weine lechzen! Gleich das volle Glas heran! Denn das Aechzen und das Kraͤchzen Haſt du heut ſchon abgethan. Einer. Einer wollte mich erneuen, Macht' es ſchlecht: Verzeih mir Gott! Achſelzucken, Kuͤmmereien! und er hieß ein Patriot. — — — — — — 28— Ich verfluchte das Gewaͤſche, Rannte meinen alten Lauf. Narre! wenn es brennt, ſo loͤſche, Hat's gebrannt, bau wieder auf! Chor. Sollſt uns nicht nach Weine lechzem! Gleich das volle Glas heran! Denn das Aechzen und das Kraͤchzen Haſt du heut ſchon abgethan. Meiſter. Jeder moͤge ſo verkuͤnden, Was ihm heute wohlgeiang! Das iſt erſt das rechte Zuͤnden, Daß entbrenne der Geſang. Keinen Druckſer hier zu leiden, Sey ein ewiges Mandat! Nur die Lumpe ſind beſcheiden; Brave freuen ſich der That. Chor. Sollſt uns nicht nach Weine lechzen! Gleich das volle Glas heran! Denn das Aechzen und das Kraͤchzen Haben wir nun abgethan. Drei Stimmen. Heiter trete jeder Saͤnger, Hochwillkommen in den Saal: Denn nur mit dem Grillenfaͤnger Halten wir's nicht liberal; Fuͤrchten hinter dieſen Launen, Dieſem ausſtaffirten Schmerz⸗ Dieſen truͤben Augenbraunen, Leerheit oder ſchlechtes Herz. Chor. Niemand ſoll nach Weine lechzen! Doch kein Dichter ſoll heran, Der das Aechzen und das Kraͤchzen Nicht zuvor hat abgethan! 8 —— Ergo bibamusl. Hier ſind wir verfammlet zu loͤblichem Thun⸗ Drum, Bruͤderchen! Ergo bibamus. Die Glaͤſer ſie klingen, Geſprache ſie ruhn, Beherziget Ergo bihamus. Das heißt noch ein altes, ein tuͤchtiges Wort: Es paſſet zum Erſten und paſſet ſo fort, Und ſchallet ein Echo vom feſtlichen Ort⸗ Ein herrliches Ergo bibamus; Ich hatte mein freundliches Liebchen geſehn, Da dacht' ich mir: Ergo bibamus. Und nahte mich freundlich; da ließ ſie mich ſiehn. Ich half mir und dachte: Bibamus. Und wenn ſie verſoͤhnet euch herzet und kuͤßt, Und wenn ihr das Herzen und Kuͤſſen vermißt; * — — — nn — So bleibet nur, bis ihr was Beſſeres wißt, Beim troſtlichen Ergo bibamus. Mich ruft mein Geſchick von den Freunden hinweg; Ihr Redlichen! Ergo bibamus. Ich ſcheide von hinnen mit leichtem Gepaͤck: Drum doppeltes Ergo bibamus. Und was auch der Filz von dem Leibe ſich ſchmorgt, So bleibt fuͤr den Heitern doch immer geſorgt; Weil immer dem Frohen der Froͤhliche borgt; Drum, Bruͤderchen! Ergo bibamus. Was ſollen wir ſagen zum heutigen Tag! Ich daͤchte nur: Ergo bibamus. Er iſt nun einmal von beſonderem Schlag; Drum immer aufs neue: Bibamus. Er fuͤhret die Freude durchs offene Thor⸗ Es glaͤnzen die Wolken, es theilt ſich der Flor, Da ſcheint uns ein Bildchen, ein goͤttliches, vor; Wir klingen und ſingen: Bibamus. —— Epiphanias. Die heilgen drei Koͤnig' mit ihrem Stern, Sie eſſen, ſie trinken, und bezahlen nicht gern: Sie eſſen gern, ſie trinken gern, Sie eſſen, trinken, und bezahlen nicht gern. Die heilgen drei Koͤnig' ſind kommen allhier, Es ſind ihrer drei und ſind nicht ihrer vier; Und wenn zu dreien der vierte waͤr', So waͤr' ein heilger drei Koͤnig mehr. — 31— Ich erſter bin der weiß und auch der ſchoͤn', Bei Tage ſolltet ihr erſt mich ſehn! Doch ach! mit allen Specerein Werd' ich ſein Tag kein Maͤdchen mehr erfreun. Ich aber bin der braun' und bin der lang', Bekaunt bei Weibern wohl und bei Geſang. Ich bringe Gold ſtatt Specerein, Da werd' ich uͤberall willkommen ſeyn. Ich endlich bin der ſchwary und bin der klein' Und mag auch wohl einmal recht luſtig ſeyn. Ich eſſe gern, ich trinke gern, Ich eſſe, trinke und bedanke mich gern. Die heilgen drei Koͤnig' ſind wohl geſinnt, Sie ſuchen die Mutter und das Kind; Der Joſeph fromm ſitt auch dabei, Der Ochs und Eſel liegen auf der Streu. Wir bringen Myerben, wir bringen Gold, Dem Weihrauch ſind die Damen hold; Und haben wir Wein von gutem Gewaͤchs⸗ So trinken wir drei ſo gut als ihrer ſechs. Da wir nun hier ſchoͤne Herrn und Fraun, Aber keine Ochſen und Eſel ſchaun; So ſind wir nicht am rechten Ort, Und ziehen unſeres Weges weiter fort. —— Die Luſtigen von Weimar. Donnerstag nach Belvedere, Freitag geht's nach Jena fort: Denn das iſt, bei meiner Ehre, Doch ein allerliebſter Ort! Samstag iſt's worauf wir zielen. Sonntag rutſcht man auf das Land; Zwaͤzen, Burgau, Schneidemuͤhlen Sind uns alle wohlbekannt. Montag reizet uns die Buͤhne; Dienstag ſchleicht dann auch herbei, Doch er bringt zur ſtillen Suͤhne Ein Napuſchehen frank und frei. Mittwoch fehlt es nicht an Nuͤhrung: Denn es gibt ein gutes Stuͤck; Donnerstag lenkt die Verfuͤhrung Uns nach Belveder zuruͤck. Und es ſchliugt ununterbrochen Immer ſich der Freudenkreis Durch die zwei und fuͤnßzig Wochen, Wenn mans recht zu fuͤhren weiß. Spiel und Tanz, Geſyraͤch, Theater, Sie erfriſchen unſer Blut; Laßt den Wienern ihren Prater; Weimar, Jena, da iſt's gut! —⸗ Sicilianiſches Lied. Ihr ſchwarzen Aeugelein! Wenn ihr nur winket, Es fallen Haͤuſer ein, — 33— Es fallen Staͤdte; und dieſe Leimenwand Vor meinem Herzen— Bedenk doch nur eiumal— Die ſollt' nicht fallen! —— Schweizerlied. uf'm Bergli Bin i geſaͤſſe, Ha de Voͤgle Zugeſchaut; Haͤnt geſunge, Haͤnt geſprunge, Haͤnts Naͤſtli⸗ Gebant. In aͤ Garte Bin i geſtande, Ha de Imbli Zugeſchaut; Haͤnt gebrummet, Haͤnt geſummet, Haͤnt Zelli Gebaut. Uf d' Wieſe Bin i gange, Lugr'i Summer⸗ voͤgle g; — 34— Haͤnt geſoge, 1 Haͤnt gefloge, Gar;' ſchoͤn haͤnts Gethan. Und da kummt nu Der Hanſel, Und da zeig i Em froh, Wie ſie's machen, Und mer lachen Und machen's Au ſo. Finniſches Lied. 3 Kaͤm' der liebe Wohlbekannte, Voͤllig ſo wie er geſchieden; Kuß erklaͤng' an ſeinen Lippen, Haͤtt' auch Wolfsblut ſie geroͤthet; Ihm den Handſchlag gaͤb ich, waͤren. 7 Seine Fingerſpitzen Schlangen. Wind! o haͤtteſt du Verſtaͤndniß, Wort' um Worte tuuͤgſt du wechſelnd, Solt' auch einiges verhallen, Zwiſchen zwei entfernten Liebchen. Gern entbehrt' ich gute Biſſen, Prieſters Tafelfleiſch vergaͤß' ich, Eher als dem Freund entſagen, Den ich Sommers raſch bezwungen, Winters langer Weiſ' bezaͤhmte. —— Zigeunerlied. Im Nebelgerieſel, im tiefen Schnee, Im wilden Wald, in der Winternacht, Ich hoͤrte der Woͤlfe Hungergeheul, Ich hoͤrte der Eulen Geſchrei: Wille wan wan wau! Wille wo wo wo! Wito hu! Ich ſchoß einmal eine Katz' au Zaun, Der Anne, der Hex', ihre ſchwarze liebe Katz'; Da kamen des Nachts ſieben Wehrwoͤlf zu mir, Waren ſieben ſieben Weiber vom Dorf. Wille wan wan wan! Wille wo wo wo! Wito hu! Ich kannte ſie all', ich kannte ſie wohl Die Anne, die Urſel, die Kaͤth', Die Lieſe, die Barbe, die Ev', die Beth; Sie heulten im Kreiſe mich an. Wille wau wan wan! Wille wo wo wo! Wito hu! — 36— Da nannt' ich ſie alle bei Namen laut: Was willſt Du, Anne? was willſt Du, Beth? Da ruͤttelten ſie ſich, da ſchuttelten ſie ſich, Und liefen und heulten davon. Wille wan wau wau! Wille wo wo wo! Wito hu ————— z 14 P † 1.. Wirkung in die Ferne. 1 Da Koͤnigin ſteht im hohen Saal, Da brennen der Kerzen ſo viele; Sie ſpricht zum Pagen:„Dn laͤufſt einmal und holſt mir den Beutel zum Spiele. Er liegt zur Hand Auf meines Tiſches Rand.“ Der Knabe der eilt ſo behende; War bald an Schloſſes Ende. V, Und neben der Koͤnigin ſchluͤrft zur Stund Sorbet die ſchoͤnſte der Frauen. Da brach ihr die Taſſe ſo hart an dem Mund, Es war ein Graͤuel zu ſchauen. Verlegenheit! Scham! Ums Prachtkleid iſt's gethan! Sie eilt und fliegt ſo behende Entgegen des Schloſſes Ende. Der Knabe zuruͤck zu laufen kam Entgegen der Schoͤnen in Schmerzen. Es wußt' es Niemand, doch beide zuſamm', Sie hegten einander im Herzen: Und o des Gluͤcks! Des guͤnſt'gen Geſchicks! — 40— Sie warfen mit Bruſt ſich zu Bruͤſten Und herzten und kuͤßten nach Luͤſten. Doch endlich Beide ſich reißen los; 4 Sie eilt in ihre Gemaͤcher; 3 Der Page draͤngt ſich zur Koͤnigin groß Durch alle die Degen und Faͤcher. Die Furſtin entdeckt Das Weſtchen befleckt: Fuͤr ſie war nichts unerreichbar, Der Koͤnigin von Saba vergleichbar. Und ſie die Hofmeiſterin rufen laͤßt: „Wir kamen doch neulich zu Streite, Und ihr behauptetet ſteif und feſt, Nicht reiche der Geiſt in die Weite; Die Gegenwart nur Die laſſe wohl Spur; Doch Niemand wirk' in die Ferne, Sogar nicht die himmliſchen Sterne.“ „Nun ſeht! So eben ward mir zur Seit' Der geiſtige Suͤßtrank verſchuͤttet, Und gleich darauf hat er dort hinten ſo weit Dem Knaben die Weſte zerruͤttet.— Beſorg dir ſie neu! Und weil ich mich freu', Daß ſie mir zum Beweiſe gegolten, 1 Ich zahl' ſie! ſonſt wirſt du geſcholten.“ —,— — 41— Vor Gericht. Von wem ich es habe, das ſag' ich euch nicht, Das Kind in meinem Leib.— Pfui! ſpeit ihr aus, die Hure da!— Bin doch ein ehrlich Weib. Mit wem ich mich traute, das ſag ich euch nicht. Mein Schatz iſt lieb und gut, Traͤgt er eine goldene Kett' am Hals, Traͤgt er einen ſtrohernen Hut. Soll Spott und Hohn get agen ſeyn, Drag' ich allein den Hohn. Ich kenn' ihn wohl, er kennt mich wohl, Und Gott weiß auch davon. Herr Pfarrer und Herr Amtmann ihr,⸗ Ich bitte, last mich in Ruh! Es iſt mein Kind, es bleibt mein Kinde Ihr gebt mir ja nichts dazu. —.‚— Die wandelnde Glocke.. Es war ein Kind, das wollte nie⸗ Zur Kirche ſich bequemen, Und Sonntags fand es ſtets ein Wie, Den Weg in's Feld zu nehmen. Die Mutter ſprach: Die Glocke toͤnt,, Und ſo iſt dir's befohlen; Und haſt du dich nicht hingewoͤhnt, Sie kommt und wird dich holen⸗ — 42— Das Kind es denkt: die Glocke haͤngt Da oben auf dem Stuhle. Schon hat's den Weg ins Feld gelenkt, Als lief' es aus der Schule. Die Glocke Glocke toͤnt nicht mehr. Die Mutter hat gefackelt. Doch welch ein Schrecken hinterher! Die Glocke kommt gewackelt. Sie wackelt ſchnell, man glaubt es kaum, Das arme Kind im Schrecken Es lauft, es kommt, als wie im Traum; Die Glocke wird es decken. Doch nimmt es richtig ſeinen Huſch, Und mit gewandter Schnelle Eilt es durch Anger, Feld und Buſch Zur Kirche, zur Kapelle. Und jeden Sonn⸗ und Feiertag, Gedenkt es an den Schaden, Laͤßt durch den erſten Glockenſchlag,, Nicht in Perſon ſich laden. —— Der getreue Eckart. O waren wir weiter, o waͤr ich zu Haus! Sie kommen. Da kommt ſchon der naͤchtliche Graus. Sie ſind's die unholdigen Schweſtern. Sie ſtreifen heran und ſie finden uns hier, Sie trinken das muhſam geholte das Bier, Und laſſen nur leer uns die Kruͤge. — 43— So ſprechen die Kinder und druͤcken ſich ſchnell, Da zeigt ſich vor ihnen ein alter Geſell: Nur ſtille, Kind! Kinderlein, ſtille! Die Hulden ſie kommen von durſtiger Jagd, Und laßt ihr ſie trinken wie's jeder behagt, Dann ſind ſie euch hold, die Unholden. Geſagt ſo geſchehn! und da naht ſich der Graus, Und ſiehet ſo grau und ſo ſchattenhaft aus, Doch ſchluͤrſt es und ſchlampft es auf's beſte. Das Bier iſt verſchwunden, die Kruͤge ſind leer; Nun ſauſ't es und brauſit es, das wuͤthige Heer, Ins weite Gethal und Gebirge. Die Kinderlein aͤngſtlich gen Hauſe ſo ſchnell, Geſellt ſich zu ihnen der fromme Geſell: Ihr Puͤppchen nur ſeyd mir nicht traurig.— Wir kriegen nun Schelten und Streich' bis auf's Blut.— Nein keineswegs, alles geht herrlich und gut, Nur ſchweiget und horchet wie Maͤuslein. Und der es euch anraͤth und der es befiehlt, Er iſt es, der gern mit deun Kindelein ſpielt, Der alte Getreue, der Eckart. Vom Wundermann hat man euch immer erzaͤhlt; Nur hat die Beſtaͤtigung jedem gefehlt, Die habt ihr nun koͤſllich in Haͤnden. Sie kommen nach Hauſe, ſie ſezen den Krug Ein jedes den Eltern, beſcheiden genng⸗ Und harren der Schlaͤg' und der Schelten. Doch ſiehe, man koſtet: Ein herrliches Bier! — 44— Man trinkt in die Runde ſchon dreimal und vier Und noch nimmt der Krug nicht ein Ende. Das Wunder es dauert zum morgenden Tag; Doch fraget wer immer zu fragen vermag: Wie iſt's mit den Kruͤgen ergangen? Die Maͤuslein ſie laͤcheln, im Stillen ergoͤtzt; Sie ſtammeln und ſtottern und ſchwatzen zuletzt, Und gleich ſind vertrocknet die Kruͤge. Und wenn euch, ihr Kinder, mit treuem Geſicht Ein Vater, ein Lehrer, ein Aldermann ſpricht, So horchet und folget ihm puͤnktlich! Und liegt auch das Zuͤnglein in peinlicher Hut, Verplaudern iſt ſchaͤdlich, verſchweigen iſt gut; Dann fuͤllt ſich das Bier in den Kruͤgen. —— Der Todtentanz. Der Thuͤrmer der ſchaut zu Mitten der Nacht Hinab auf die Graͤber in Lage; Der Mond der hat alles in's Helle gebracht; Der Kirchhof er liegt wie am Tage. Da regt ſich ein Grab und ein anderes dann:: Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann In weißen und ſchleppenden Hemden. Das reckt nun, es will ſich ergoͤtzen ſogleich,, Die Knoͤchel zue Runde, zum Tanze, So alm und ſo jung, und ſo alt und ſo reich; Doch hindern die Schleypen am Danze. Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut, — 48— Sie ſchuͤtteln ſich alle, da liegen zerſtreut⸗ Die Hemdelein uͤber den Huͤgeln. Nun hebt ſich der Schenkel, nun wackelt das Bein,* Gebaͤrden da gibt es vertrackte; Dann klipyert's und klappert's mitunter hinein, Als ſchluͤg' man die Koͤlzlein zum Tacte. Das kommt nun dem Chuͤrmer ſo laͤcherlich vor; Da raunt ihm der Schalk, der Verſucher in's Ohre Geh! hole dir einen der Laken. „Gethan wie gedacht! und er fluͤchtet ſich ſchnell Nun hinter geheiligte Thuͤren. Der Mond und noch immer er ſcheinet ſor heil Zum Tanz, den ſie ſchauderlich fuͤhren. Doch endlich verlieret ſich dieſer und der, Schleicht eins nach dem andern gekleidet einh er, und huſch iſt es unter dem Naſen. Nur einer der teipyelt und ſtoldert zuletzt Und tappet und grapſ't an den Gruͤften; Doch hat kein Geſelle ſo ſchwer ihn verletzt; Er wittert das Tuch in den Lüften. Er ruͤttelt die Thurmthuͤr, ſie ſchlaͤgt ihn zuruͤck Geziert und geſegnet, dem Thuͤrmer zum Gluͤck; Sie blinkt von metallenen Kreuzen. Das Hemd muß er haben, da raſeet er nicht, Da gilt auch kein langes Beſinnen. Den gothiſchen Zierat ergreift nun der Wicht Und klettert von Zinne zu Zinnen. Nun iſes um den Armen, den Thuͤrmer gethan! — 48— Es ruckt ſich von Schnoͤrkel zu Schnoͤrkel hinan, Langbeinigen Spinnen vergleichbar. — q v Der Thuͤrmer erbleichet, der Thuͤrmer erbebt, Gern gaͤb' er ihn wieder den Laken. Da haͤkelt— jetzt hat er am laͤngſten gelebt— Den Zipfel ein eiſeruer Zacken. Schon truͤbet der Mond ſich, verſchwindenden Scheins, Die Glocke ſie donnert ein maͤchtiges Eins, Und unten zerſchellt das Gerippe. — — —₰ Son I. Maͤchtiges Ueberraſchen. Ein Strom entrauſcht umwoͤlktem Felſenſaale, Dem Ocean ſich eilig zu verbinden; Was auch ſich ſpiegeln mag von Grund zu Gruͤnden, Er wandelt unaufhaltſam fort zu Thale. Daͤmoniſch aber ſtuͤrzt mit einem Male— Ihr folgten Berg und Wald in Wirbelwinden— Sich Oreas, Behagen dort zu finden, und hemmt den Lauf, begraͤnzt die weite Schale. Die Welle ſpruͤht, und ſtaunt zuruͤck und weichet, und ſchwillt bergan, ſich immer ſelbſt zu trinken; Gehemmt iſt nun zum Vater hin das Streben. Sie ſchwankt und ruht, zum See zuruͤckgedeichet; Geſtirne, ſpiegelnd ſich, beſchaun das Blinken Des Wellenſchlags am Fels, ein neues Leben. II. Freundliches Begegnen. Im weiten Mantel bis ans Kinn verhuͤllet Ging ich den Felſenweg, den ſchroffen, grauen, Hernieder dann zu winterhaften Auen,— Unruh'gen Sinns, zur nahen Flucht gewillet. Goethe's Ged. II. 5 1 — 50— Auf einmal ſchien der neue Tag enthuͤllet: Ein Maͤdchen kam, ein Himmel anzuſchauen, So muſterhaft wie jene lieben Frauen Der Dichterwelt. Mein Sehnen war geſtillet. Doch wandt' ich mich hinweg und lies ſie gehen, Und wickelte mich enger in die Falten, Als wollt' ich trutzend in mir ſelbſt erwarmen; Und folgt' ihr doch. Sie ſtand. Da wars geſchehen! In meiner huͤlle konnt' ich mich nicht halten, Die warf ich weg, Sie lag in meinen Armen. —— III. Kurz undgut. Sollt ich mich denn ſo. ganz an Sie gewoͤhnen? Das waͤre mir zuletzt doch reine Plage. Darum verſuch' ich's gleich am heut'gen Tage, Und nahe nicht dem vielgewohnten Schoͤnen. Wie aber mag ich dich, mein Herz, verſoͤhnen, Daß ich im wichtgen Fall dich nicht befrage? Wohlan! Komm her! Wir außern unſre Klage In liebevollen, traurig heitren Toͤnen. Siehſt du, es geht! Des Dichters Wink gewaͤrtig, Melodiſch klingt die durchgeſpielte Leier, Ein Liebesoyfer traulich darzubringen. Du denkſt es kaum und ſieh! das Lied iſt fertig; Allein was nun?— Ich daͤcht im erſten Feuer Wir eilten hin, es vor ihr ſelbſt zu ſingen. ⸗ 4—— — 51— IV. Das Maͤdchen ſpricht. Du ſiehſt ſo ernſt, Geliebter! Deinem Bilde⸗ 3 Von Marmor hier moͤcht' ich dich wohl vergleichen; Wie dieſes gibſt du mir kein Lebenszeichen; Mit dir verglichen zeigt der Stein ſich milde. Der Feind verbirgt ſich hinter ſeinem Schilde, Der Freund ſoll offen ſeine Stirn uns reichen. Ich ſuche dich, du ſuchſt mir zu entweichen; Doch halte Stand, wie dieſes Kunſtgebilde. An wen von beiden ſoll ich nun mich wenden? Sollt' ich von beiden Kaͤlte leiden muͤſſen? Da dieſer todt und du lebendig heißeſt. Kurz! um der Worte mehr nicht zu verſchwenden, So will ich dieſen Stein ſo lange kuͤſſen, Bis eiferſuͤchtig du mich ihm entreißeſt. V. Wachsthum. Als kleines artges Kind, nach Feld und Auen Sprangſt du mit mir, ſo manchen Fruͤhlingsmor⸗ gen. „Fur ſolch ein Toͤchterchen, mit holden Sorgen, Moͤcht' ich als Vater ſegnend Haͤuſer bauen!“ Und als du anfingſt in die Welt zu ſchauen, War deine Freude haͤusliches Beſorgen. „Solch eine Schweſter! und ich waͤr' geborgen: Wie koͤnnt' ich ihr, ach! wie ſie mir vertrauen!“ 5* Nun kann den ſchoͤnen Wachsthum nichts beſchraͤnken; Ich fuͤhl' im Herzen heißes Liebetoben. Umfaß ich ſie, die Schmerzen zu beſchwichtgen? Doch ach! nun muß ich dich als Fuͤrſtin denken: Du ſtehſt ſo ſchroff vor mir emporgehoben; Ich beuge mich vor deinem Blick, dem fluͤchtgen. —— . Reiſezehrung. Eutwöhnen ſollt' ich mich vom Glanz der Blicke, Mein Leben ſollten ſie nicht mehr verſchoͤuen. Was man Geſchick nennt, laͤßt ſich nicht verſoͤhuen, Ich weiß es wohl und trat beſtuͤrzt zuruͤcke. Nun wußt' ich anch von keinem weitern Gluͤcke; Gleich fing ich an von dieſen und von jenen Nothwend'gen Dingen ſonſt mich zu entwoͤhnen: Nothwendig ſchien mir nichts als ihre Blicke. Des Weines Glut, den Vielgenuß der Speiſen, Bequemlichteit und Schlaf und ſonſtge Gaben, Geſellſchaft wies ich weg, daß wenig bliebe. So kann ich ruhig durch die Welt unn reiſen; Was ich bedarf, iſt uͤberall zu haben, Und Unentbehrlichs bring' ich mit— die Liebe. —— ⸗ VII. Abſchied. War unerſaͤttlich nach viel tauſend Kuͤſſen, Und mußt mit Einem Kuß am Ende ſcheiden, * Nach herber Trennung tiefempfundnem Leiden War mir das Ufer, dem ich mich entriſſen, Mit Wohnungen, mit Bergen, Huͤgeln, Fluͤſſen, So lang' ich's deutlich ſah, ein Schatz der Frenden; Zuletzt im Blauen blieb ein Augenweiden An fernentwichnen, lichten Finſterniſſen. Und endlich, als das Meer den Blick um graͤnzte, Fiel mir zuruͤck in's Herz mein heiß Verlangen; Ich ſuchte mein Verlornes gar verdroſſen. Da war es gleich als ob der Himmel glaͤnzte; Mir ſchien, als waͤre nichts mir, nichts entgangen, Als haͤtt' ich alles, was ich je geuoſſen. — VIII. Die Liebende ſchreibt. Ein Blick von deinen Augen in die meinen, Ein Kuß von deinem Mund auf meinem Munde, Wer davon hat, wie ich, gewiſſe Kunde, Mag dem was andres wohl erfreulich ſcheinen? Entfernt von dir, entfremdet von den Meinen, Fuͤhr' ich ſtets die Gedanken in die Runde, Und immer treffen ſie auf jene Stunde, Die einzige; da fang' ich an zu weinen. Die Thraͤne trocknet wieder unverſehens: Er liebt ja, denk' ich, her in dieſe Stille, Und ſollteſt du nicht in die Ferne reichen? Vernimm das Liſpeln dieſes Liebewehens; Mein einzig Gluͤck auf Erden iſt dein Wille, Dein freundlicher zu mir; gib mir ein Zeichen! —— IX. Die Liebende abermals. Warum ich wieder zum Papier mich wende? Das mußt du, Liebſter, ſo beſtimmt nicht fragen: Denn eigentlich hab' ich dir nichts zu ſagen; Doch kommt's zuletzt in deine lieben Haͤnde. Weil ich nicht kommen kann, ſoll was ich ſende Mein ungetheiltes Herz hinuͤber tragen Mit Wonnen, Hoffnungen, Entzuͤcken, Plagen: Das alles hat nicht Anfang, hat nicht Ende. Ich mag vom heut'gen Tag dir nichts vertrauen, Wie ſich im Sinnen, Wuͤnſchen, Waͤhnen, Wollen Mein treues Herz zu dir hinuͤber wendet, So ſtand ich einſt vor dir, dich anzuſchauen Und ſagte nichts. Was haͤtt' ich ſagen ſollen? Mein ganzes Weſen war in ſich vollendet. —,.— X. Sie kann nicht enden. Wenn ich nun gleich das weiße Blatt dir ſthickte, Anſtatt daß ich's mit Lettern erſt beſchreibe, Ausfuͤllteſt du's vielleicht zum Zeitvertreibe Und ſendeteſt's an mich, die Hochbegluͤckte. Wenn ich den blauen Umſchlag dann erblickte; Neugierig ſchnell, wie es geziemt dem Weibe, Riß' ich ihn auf, daß nichts verborgen bleibe; Da laͤſ' ich was mich mundlich ſonſt entzuͤckte. — 55— Lieb Kind! Mein artig Herz! Mein einzig Weſen! Wie du ſo freundlich meine Sehnſucht ſtillteſt Mit ſuͤßem Wort und mich ſo ganz verwoͤhnteſt. So gar dein Liſpeln glaubt' ich auch zu leſen, Womit du liebend meine Seele fullteſt Und mich auf ewig vor mir ſelbſt verſchoͤnteſt. „ —— XI. Nemeſis. Wenn durch das Volk die grimme Seuche wuͤthet, Soll man vorſichtig die Geſellſchaft laſſen. Auch hab' ich oft mit Zaudern und Verpaſſen Vor manchen Inſtuenzen wich gehuͤtet. Und obgleich Amor oͤfters mich beguͤtet, Mocht' ich zulett mich nicht mit ihm befaſſen. So ging mir's auch mit jenen Lacrimaſſen, Als vier- und dreifach reimend ſie gebruͤtet. Nun aber folgt die Strafe dem Veraͤchter, Als wenn die Schlangenfackel der Erynnen Von Berg zu Chal, von Land zu Meer ihn triebe. Ich hoͤre wohl der Genien Gelaͤchter; Doch trennet mich von jeglichem Beſinnen Sonettenwuth und Raſerei der Liebe. Chriſtgeſchenk. Mein ſuͤßes Liebchen! Hier in Schachtelwaͤnden Gar mannigfalt geformte Suͤßigkeiten. Die Fruͤchte ſind es heil'ger Weihnachtszeiten, Gebackne nur, den Kindern auszuſpenden Dir moͤcht' ich dann mit ſuͤßem Redewenden Poetiſch Zuckerbrod zum Feſt bereiten; Allein was ſoll's mit ſolchen Eitelkeiten? Weg den Verſuch, mit Schmeichelei zu blenden! Doch gibt es noch ein Suͤßes, das vom Innern Zum Innern ſpricht, genießbar in der Ferne, Das kann nur bis zu dir hinuͤber wehen. Und fuͤhlſt du dann ein freundliches Erinnern, Als blinkten froh dir wohlbekannte Sterne, Wirſt du die kleinſte Gabe nicht verſchmaͤhen. ——ℳõ˖ XIII. Warnun g. Am juͤngſten Tag, wenn die Poſannen ſchallen Und alles aus iſt mit dem Erdenleben, Sind wir verpflichtet Rechenſchaft zu geben Von jedem Wort, das unnuͤtz uns entfallen. Wie wirds nun werden mit den Worten allen, In welchen ich ſo liebevoll mein Streben Um deine Gunſt dir an den Tag gegeben, Wenn dieſe blos an deinem Ohr verhallen? — 357— Darum bedenk, o Liebchen! dein Gewiiſſen, Bedenk im Ernſt, wie lange du gezaudert, Daß nicht der Welt ſolch Leiden widerfahre. Werd' ich berechnen und entſchuld'gen muͤſſen, Was alles unnuͤtz ich vor dir geplandert; So wird der juͤngſte Tag zum vollen Jahre. — XIV. Die Zweifelnden. Ihr liebt, und ſchreibt Sonette! Weh der Grille! Die Kraft des Herzeus, ſich zu offenbaren, Soll Reime ſuchen, ſie zuſammenpaaren; Ihr Kinder, glaubt, ohnmaͤchtig bleibt der Wille. Ganz ungebunden ſpricht des Herzens Fuͤlle Sich kaum noch aus: ſie mag ſich gern bewahren; Dann, Stuͤrmen gleich, durch alle Saiten fahren; Dann wieder ſenken ſich zu Nacht und Stille. Was gnaͤlt ihr euch und uns, auf jaͤhem Stege Nur Schritt vor Schritt den laͤſtgen Stein zu waͤl⸗ zen, Der ruͤckwaͤrts laßet, immer neu zu muͤhen? Die Liebenden. Im Gegentheil, wir ſind auf rechtem Wege! Das Allerſtarrſte freudig aufzuſchmelzen Muß Liebesfeuer allgewaltig gluhen. —— — 58— XV. Maadeche n. Ich zweifle doch am Ernſt verſchraͤnkter Zeilen! Zwar lauſch' ich gern bei deinen Sylbenſpielen Allein mir ſcheint, was Herzen redlich fuͤhlen, Mein ſuͤßer Freund, das ſoll man nicht befeilen. Der Dichter pflegt, um nicht zu langeweilen, Sein Innerſtes von Grund aus umzuivuͤhlen; Doch ſeine Wunden weiß er auszukuͤhlen, Mit Zauberwort die tiefſien auszuheilen. Dichter. Schau, Liebchen, hin! wie geht's dem Feuerwerker? Drauf ausgelernt, wie man nach Maßen wettert, Irrgaͤnglich⸗klug minirt er ſeine Gruͤfte; Allein die Macht des Elements iſt ſtoͤrker, Und eh' er ſich's verſieht, geht er zerſchmettert Mit allen ſeinen Kuͤnſten in die Luͤfte. —— 2——— ——— ———õ——— ——ÿÿ— Vermiſchte Gedichte. 8 Wanderers Sturmlied. Wen du nicht verlaͤſſeſt, Genius, Nicht der Regen, nicht der Sturm Haucht ihm Schauer uͤbers Herz. Wen du nicht verlaͤſſeſt, Genius, Wird dem Regengewoͤlk, Wird dem Schloßenſturm Entgegen ſingen, Wie die Lerche, Du da droben. Den du nicht verlaͤſſeſt, Genius, Wirſt ihn heben uͤber'n Schlammpfad Mit den Feuerfluͤgeln; Wandeln wird er, Wie mit Blumenfuͤßen, Ueber Deukalions Fluthſchlamm, Python toͤdtend, leicht, groß⸗ Pythius Apollo. Den du nicht verlaͤſſeſt, Genius, Wirſt die wollnen Fluͤgel unterſpreiten, Wenn er auf dem Felſen ſchlaͤft, Wirſt mit Huͤterfittigen ihn decken In des Haines Mitternacht. — 62— Wen du nicht verlaͤſſeſt, Genius, Wirſt im Schneegeſtoͤber Waͤrmumhuͤllen; Nach der Waͤrme ziehn ſich Muſen, Nach der Waͤrme Charitinnen. Umſchwebet mich, ihr Muſen!. Ihr Charitinnen!— Das iſt Waſſer, das iſt Erde Und der Sohn des Waſſers und der Erde, Ueber den ich wandle Söttergleich. Ihr ſeyd rein, wie das Herz der Waſſer, Ihr ſeyd rein, wie das Mark der Erde, Ihr umſchwebt mich und ich ſchwebe, Ueber Waſſer, uber Erde, Goͤttergleich. —— Soll der zuruͤckkehren Der kleine, ſchwarze, feurige Bauer? Soll der zuruͤckkehren, erwartend Nur deine Gaben, Vater Bromius, Und hellleuchtend umwaͤrmend Feuer? Der kehren muthig? Und ich, den ihr begleitet, Muſen und Charitinnen alke, Den alles erwartet, was ihr, Muſen und Charitinnen Umkraͤnzende Seligkeit — 63— Rinas um'’s Leben verherrlicht habt, Soll muthlos kehren? Vater Bromins! Du biſt Genins, Jahrhunderts Geunius, Biſt, was innre Glut Pindarn war, Was der Welt Phöbus Apoll iſt. Weh! Weh! Innre Waͤrme, Seelenwaͤrme, Mittelpunkt! Gluͤh' entgegen Phoͤb'⸗Apollen; Kalt wird ſonſt Sein Fuͤrſtenblick Ueber dich voruͤbergleiten, Neidgetroffen Auf der Ceder Kraft verweilen, Die zu gruͤnen Sein nicht harrt. Warum nennt mein Lied dich zuletzt? Dich, von dem es begann, Dich, in dem es endet, Dich, aus dem es quillt, Jupiter Pluvius! Dich, dich ſtroͤmt mein Lied, Und kaſtaliſcher Quell Rinnt ein Nebenbach, — 64— Rinnet muſigen Sterblich gluͤcklichen Abſeits von dir, Der du mich faſſend deckſt, Jupiter Pluvius! Nicht am Ulmenbaum Haſt du ihn beſucht, Mit dem Taubenpaar In dem zaͤrtlichen Arm, Mit der freundlichen Roſ' umkraͤnzt, Taͤndelnden ihn, blumengluͤcklichen Anakreon, Sturmathmende Gottheit! Nicht im Pappelwald, An des Sibaris Strand, An des Gebirgs Sonnebeglaͤnzter Stirn nicht Faßteſt du ihn, Den Blumen⸗ ſingenden Honig lallenden Freundlich winkenden Theokrit. Wenn die Naͤder raſſelten Rad an Rad raſch um's Ziel weg, Hoch flog Siegdurchgluͤhter Juͤnglings Peitſcheuknall, Und ſich Staub waͤlzt' Wie vom Gebirg' herab Kieſelwetter ins Thal; Gluͤhte deine Seel' Gefahren, Pindar! Muth.— Gluͤhte?— Armes Herz! Dort auf dem Huͤgel, Himmliſche Macht! Nur ſo viel Glut, Dort meine Huͤtte, Dorthin zu waten! 705. —y— Königloch Gebet. Ha, ich bin der Herr der Welt! mich lieben Die Edlen, die mir dienen. Ha, ich bin Herr der Welt! ich liebe Die Edlen, denen ich gebiete. O gib mir, Gott im Himmel! daß ich mich Der Hoͤh' und Liebe nicht uͤberhebe. —— Menſchengefuhl. Ach, ihr Goͤtter! große Goͤtter In dem weiten Himmel droben! Gaͤbet ihr uns auf der Erde Feſten Sinn und guten Muth; O wir ließen euch, ihr Guten, Euren weiten Himmel droben! —— — 66— Die Freude. Es flattert um die Quelle Die wechſelnde Libelle; Mich freut ſie lange ſchon; Bald dunkel und bald helle, Wie der Chamaͤleon, Bald roth, bald blau, 6 0 Bald blau, bald gruͤn; Ieh. wiatn O daß ich in der Naͤhe uent n. Doch ihre Farben ſaͤhe! Sie ſchwirrt und ſchwebet, raſtet nie! Doch ſtill! ſie ſetzt ſich an die Weiden. Da hab' ich ſie! Da hab' ich ſie! Und nun betracht' ich ſie genau, und ſeh' ein traurig dunkles Blan— So geht es dir, Zergliedrer deiner Freuden! ——— An Lottchen. Mitten im Getuͤmmel mancher Freuden, Mancher Sorgen, mancher Herzensnoth⸗ Denk' ich dein, o Lottchen, denken dein die Beiden, Wie beim ſtillen Abendroth Du die Hand uns freundlich reichteſt⸗ Da du uns auf reich bebauter Flur, In dem Schooße herrlicher Natur, Manche leicht verhuͤllte Spur Einer lieben Seele zeigteſt. Wohl iſt mir's, daß ich dich nicht verkaunt, Daß ich gleich dich in der erſten Stunde, — 67— Ganz den Herzensausdruck in dem Munde, Dich ein wahres gutes Kind genannt. Still und eng und ruhig auferzogen, Wirft man uns auf einmal in die Welt; Uns umſpuͤlen hunderttauſend Wogen, Alles reizt uns, Mancherlei gefaͤllt, Mancherlei verdrießt uns, und von Stund' zu Stun⸗ den Schwaukt das leichtunruhige Gefuͤhl: Wir empfinden, und was wir empfunden, Spuͤlt hinweg das bunte Weltgewuhl. Wohl, ich weiß es, da durchſchleicht uns innen Manche Hoffnung, mancher Schmerz. Lottchen, wer kennt unſre Sinnen? Lottchen, wer kennt unſer Herz? Ach! es moͤchte gern gekannt ſeyn, uͤberftießen In das Mitempfinden einer Kreatur, Und vertrauend zwiefach neu genießen Alles Leid und Freude der Natur. Und da ſucht das Aug oft ſo vergebens Nings umher, und findet Alles zu; So vertaumelt ſich der ſchoͤnſte Theil des Lebens Ohne Sturm und ohne Ruh; und zu deinem ew'gen Unbehagen Stoͤßt dich hente, was dich geſtern zog. Kannſt du zu der Welt nur Neigung tragen, Die ſo oft dich trog, Und bei deinem Weh, bei deinem Gluͤcke, Blieb in eigen villger ſtarrer Ruh? Sieh, da tritt der Geiſt in ſich zuruͤcke, Und das Herz— es ſchließt ſich zu. Seo fand ich dich und ging dir frei entgegen. O iſt ſie werth zu ſeyn geliebt!. Rief' ich, erflehte dir des Himmels reinſten Segen, Den er dir nun in deiner Freundin gibt. — J d yv l l e. (Es wird angenommen, ein ländliches Chor habe ſich verſammelt und ſtehe im Begriff, ſeinen Feſtzug anzutreten,) Chor. Dem feſtlichen Tage. Begegnet mit Kraͤnzen, Verſchlungenen Taͤnzen Geſelligen Freuden Und Reihengeſang. Damon. Wie ſehn' ich mich aus dem Gedränge fort! Wie frommte mir ein wohlverborgner Ort! In dem Gewuͤhl, in dieſer Menge Wird mir die Flur, wird mir die Luft zu enge. Chor. Nun ordnet die Zuͤge, Daß jeder ſich fuͤge Und einer mit allen, Zu wandeln, zu wallen Die Fluren entlang. (Es wird angenommen, das Chor entferue ſich, der Geſang wird immer leiſer, bis er zuletzt ganz, wie aus der Ferne, verhallet.) — 69— Damon. Vergebens ruft, vergebens zieht ihr mich; Es ſpricht mein Herz; allein es ſpricht mit ſich. Und ſoll ich beſchauen Geſegnetes Land, Den Himmel den blauen, Die gruͤnenden Gauen, So will ich allein Im Stillen mich freu'n. Da will ich verehren Die Wuͤrde der Frauen, Im Geiſte ſie ſchauen, Im Geiſte verehren; Und Echo allein Vertraute ſoll ſeyn.* Chor. (aufs leiſeſte; wie aus der Ferne, miſcht abſatzweiſe in Da⸗ mons Geſang die Worte:) Und Echo— allein— Vertraute— ſoll ſeyn— Menalkas. Wie find' ich Dich, mein Trauter, hier! Du eileſt nicht zu jenen Feſtgeſellen? Nun zaudre nicht und komm mit mir, In Reih' und Glied auch uns zu ſtellen. Damon. Willkommen, Freund! doch laß die Feſtlichkeit Mich hier begehn, im Schatten alter Buchen; Die Liebe ſucht die Einſamkeit; Auch die Verehrung darf ſie ſuchen, g. — 70— Menalkas. Du ſucheſt einen falſchen Ruhm Und wilſſt mir heute nieht gefallen. Die Liebe ſey dein Eigenthum; Doch die Verehrung theileſt du mit allen! Wenn ſich Tauſende vereinen Und des holden Tags Erſcheinen Mit Geſaͤngen, Freudekloͤngen Herrlich feiern, Dann erquickt ſich Herz und Ohr; Und wenn Tauſende betheuern, Die Gefuͤhle ſich erſchliegen Und die Wuͤnſche ſich ergießen, Reißt es kraftvoll dich empor. (Es wird angenommen, das Chor kehre nach und nach aus der Ferne zurück.) Damon. Lieblich hoͤr' ich ſchon von weiten Und es reizet mich die Menge; Ja ſie wallen, ja ſie ſchreiten Von dem Huͤgel in das Thal. Menalkas. Laß uns eiken, feoͤhlich ſehreiten Zu dem Rhythmus der Geſaͤnge! Ja ſie kommen, ſie bereiten Sich des Waldes gruͤnen Sagl. — 21— Chor. (allmäblig wachſend.) Ja wir kommen, wir begleiten Mit dem Wohlklang der Geſaͤnge Froͤhlich im Verlauf der Zeiten Dieſen einzig ſchoͤnen Tag. Alle⸗ Worauf wir zielen, Was alle fuͤhlen Verſchweigt, verſchweiget! Nur Freude zeiget! Denn die vermags; Ihr wird es gluͤcken, Und ihr Entzuͤcken Enthaͤlt die Wuͤrde, Enthaͤlt den Segen Des Wonne⸗Tags! —,—— R in ald o⸗ Chor. Zu dem Strande! zu der Barke! Iſt Euch ſchon der Wind nicht guͤnſtig⸗ Zu den Rudern greifet bruͤnſtig! Hier bewaͤhre ſich der Starke: So das Meer durchlaufen wir. Rinaldo. O laßt mich einen Augeublick noch hier! Der Himmel will es nicht, ich ſoll nicht ſcheiden. — —— — 72— Der wuͤſte Fels, die waldumwachsne Bucht Befangen mich, ſie hindern meine Flucht. Ihr wart ſo ſchoͤn, nun ſeyd ihr umgeboren, Der Erde Reiz, des Himmels Reiz iſt fort. Was haͤlt mich noch am Schreckensort? Mein einzig Gluͤck, hier hab' ich es verloren. Stelle her der goldnen Tage Paradieſe noch einmal, Liebes Herz! ja ſchlage, ſchlage! Treuer Geiſt, erſchaff' ſie wieder! Freier Athem, deine Lieder Miſchen ſich mit Luſt und Qual. Bunte, reich geſchmuͤckte Beete Sie umzingelt ein Palaſt; Alles webt in Duft und Roͤthe, Wie du nie getraͤumet haſt, Rings umgeben Galerieen Dieſes Garteus weite Raͤume; Roſen an der Erde bluͤhen, In den Luͤften bluͤhn die Baͤume. Waſſerſtrahlen! Waſſerflocken! Lieblich rauſcht ein Silberſchwall; Mit der Turteltaube Locken Lockt zugleich die Nachtigall. Ehor. Sachte kommt! und kommt verbunden Zu dem edelſten Beruf: Alle Reize ſind verſchwunden, — 3— Die ſich Zauberei erſchuf. Ach, nun heilet ſeine Wunden, Ach, nun troͤſtet ſeine Stunden— Gutes Wort und Freundes⸗Ruf. Rinaldo. Mit der Turteltaube Locken Lockt zugleich die Nachtigall; Waſſerſtrahlen, Waſſerflocken Wirbeln ſich nach ihrem Schall. Aber alles verkuͤndet: Nur ſie iſt gemeinet; Aber alles verſchwindet, Sobald ſie erſcheinet In lieblicher Jugend, In glaͤnzender Pracht. Da ſchlingen zu Kraͤnzen Sich Liljen und Roſen; Da eilen und koſen In luſtigen Taͤnzen Die laulichen Luͤfte, Sie fuͤhren Geduͤfte, Sich fliehend und ſuchend⸗ Vom Schlummer erwacht. Chot. Nein! nicht laͤnger iſt zu ſaͤumen, Wecket ihn aus ſeinen Traͤumen, Zeigt den diamantnen Schild! Goethe's Ged. I. 7 11 — 1— Rinaldo. Weh! was ſeh ich, welch ein Bild! Chorr. Ja, es ſoll den Trug entſiegeln. Ninaldo. Soll ich alſo mich beſpiegeln, Mich ſo tief erniedrigt ſehn? Chor. Faſſe dich, ſo iſt's geſchehn. Rinaldo. Ja, ſo ſey's! Ich will mich faſſen, Will den lieben Ort verlaſſen Und zum zweiten Mal Armiden.— Nun ſo ſey's! ſo ſey's geſchieden! Chor. Wohl, es ſey! es ſey geſchieden. Theil des Chors. Zuruͤck nur! zuruͤcke Durch guͤnſtige Meere! Dem geiſtigen Blicke Erſcheinen die Fahnen, Erſcheinen die Heere, Das ſtaͤubende Feld. Chor. Zur Tugend der Ahnen Ermannt ſich der Held. — 75— Rinaldo. Zum zweiten Male Seh' ich erſcheinen Und jammern, weinen, In dieſem Thale Die Frau der Frauen. Das ſoll ich ſchauen Zum zweiten Male? Das ſoll ich hoͤren, Und ſoll nicht wehren Und ſoll nicht retten? Chor. Unwuͤrdige Ketten! Rinaldo. Und umgewandelt Seh' ich die Holde; Sie blickt und handelt Gleichwie Daͤmonen, Und kein Verſchonen Iſt mehr zu hoffen. Vom Blitz getroffen Schon die Palaͤſte! Die Goͤtter⸗Feſte, Die Luſtgeſchaͤfte Der Geiſterkraͤfte, Mit allem Lieben, Ach, ſie zerſtieben! Chor. Ja, ſie zerſtieben! 71*☛ Theil des Chors. Schon ſind ſie erhoͤret, Gebete der Frommen.. Noch ſaͤumſt du zu kommen? Schou foͤrdert die Reiſe Der guͤnſtigſte Wind. . Chor. Geſchwinde, geſchwind! Rinaldo. Im Tieſſten zerſtoͤret Ich hab' Euch vernommen; Ihr draͤngt mich zu kommen. Ungluͤckliche Reiſe! Unſeliger Wind! Chor. Geſchwinde, geſchwind! Chor. Segel ſchwellen. Gruͤne Wellen, Weiße Schaͤume, Seht die gruͤnen Weiten Naͤume, Von Delphinen Raſch durchſchwommen. Einer nach dem Andern. Wie ſie kommen! 2*½ Wie ſie ſchweben! Wie ſie eilen! — 177— Wie ſie ſtreben! Und verweilen So beweglich, So vertraͤglich! Zu Zweien Das erfriſchet, Und verwiſchet Das Vergangne. Dir begegnet Das geſegnet Angefangne. Rinaldo. Das erfriſchet, Und verwiſchet Das Vergangne. Mir begegnet Das geſegnet Angefangne. (Wiederholt zu Dreien.) Alle. Wunderbar ſind wir gekommen, Wunderbar zuruͤckgeſchwommen, Unſer großes Ziel iſt da! Schalle zu dem heilgen Strande Loſung dem gelobten Lande: Godofred und Solyma! — — 78— 4 Mignons Klage. lMNur, wer die Sehnſucht kennt, Weiß, was ich leide! Allein und abgetrennt Von aller Freude, Seh ich ans Firmament Nach jener Seite. Ach, der mich liebt und kennt, 4 Iſt in der Weite. Es ſchwindelt mir, es brennt Mein Eingeweide. Nur, wer die Sehnſucht keunt, Weiß, was ich leide! —— Die Kränze. Klopſtock will uns vom Pindus entfernen; wir ſollen nach Lorbeer Nicht mehr geizen, uns ſoll inlaͤndiſche Eichel genuͤ⸗ gen; Und doch fuͤhret er ſelbſt den uͤberepiſchen Kreuzzug Hin auf Golgatha's Gipfel, auslaͤndiſche Goͤtter zu eh⸗ ren! Doch auf welchen Huͤgel er wolle, verſamml' er die Engel, Laſſe beim Grabe des Guten verlaſſene Redliche wei⸗ nen: Wo ein Held und ein Heiliger ſtarb, wo ein Dichter geſungen, Uns im Leben und Tod ein Beiſpiel trefflichen Mu⸗ thes, 1 Hohen Menſchenwerthes zu hinterlaſſen, da knieen Billig alle Voͤlker in Andachtswonne, verehren Dorn und Lorbeerkranz, und was ihn geſchmuͤckt und gepeinigt. Schweizeralpe. War doch geſtern dein Haupt noch ſo braun wie die Locke der Lieben, Deren holdes Gebild ſtill aus der Ferne mir winkt; Silbergrau bezeichnet dir fruͤh der Schnee nun die Gipfel, Der ſich in ſtuͤrmender Nacht dir um den Scheitel ergos. Jugend, ach! iſt dem Alter ſo nah, durchs Leben ver⸗ bunden, Wie ein beweglicher Traum Geſtern und Heute ver⸗ band. —— Sendſchreiben. Mein altes Evangelium Bring' ich dir hier ſchon wieder; Doch iſt mir's wohl um mich herum, Darum ſchreib' ich dir's nieder. Ich holte Gold, ich holte Wein, Stellt' alles da zuſammen. Da, dacht' ich, da wird Waͤrme ſeyn, Geht mein Gemaͤld' in Flammen! à — 80— Auch thaͤt, ich bei der Schaͤtze Flor Viel Glut und Reichthum ſchwaͤrmen; Doch Menſchenfleiſch geht allem vor, Um ſich daran zu waͤrmen, uUnd wer nicht richtet, ſondern fleißig iſt, Wie ich bin und wie du biſt, Den belohnt auch die Arbeit mit Genuß; Nichts wird auf der Welt ihm Ueberdruß. Denn er blecket nicht mit ſtumyfem Zahn Lang' Geſott'nes und Gebrat'nes au, Das er, wenn er noch ſo ſittlich kaut, Endlich doch nicht ſonderlich verdaut; Sondern faßt ein tuͤchtig Schinkenbein, Haut da gut tagloͤhnermaͤßig drein, Fuͤllt bis oben gierig den Pokal, Trinkt, und wiſcht das Maul wohl nicht einmal. Sieh, ſo iſt Natur ein Buch lebendig, Unverſtanden, doch nicht unyelſtaͤndlich: Denn dein Herz hat viel und groß Begehr, Was wohl in der Welt fuͤr Freude waͤr', Allen Sonnenſchein und alle Baͤume, Alles Meergeſtad' und alle Traͤume In dein Herz zu ſammeln mit einander, Wie die Welt durchwuͤhlend Banks, Solander. Und wie muß dir's werden, wenn du fühleſt, Daß du alles in dir felbſt erzieleſt. 4 Freude haſt an deiner Frau und Hunden, Als noch keiner in Elyſium gefunden, 3 Als er da mit Schatten lieblich ſchweifte „ — 31— und an goldne Gottgeſtalten ſtreifte. Nicht in Rom, in Magna Graͤcia; Dir im Herzen iſt die Wonne da! Wer mit ſeiner Mutter, der Natur, ſich haͤlt, Find't im Stengelglas wohl eine Welt. —— Künſtlers Fug und Recht. Ein frommer Maler mit vielem Fleiß⸗ Hatte manchmal gewonnen den Preis, Und manchmal ließ er's auch geſchehn, Daß er einem Beſſern nach mußt ſtehn; Hatte ſeine Tafeln fortgemalt, Wie man ſie lobt, wie man ſie bezahlt. Da kamen einige gut hinaus;. Man banut ihn'n ſogar ein Heiligenhaus. Nun fand er Gelegenheit einmal, Zu malen eine Wand im Saal; Mit emſigen Zuͤgen er ſtaffirt, Was oͤfters in der Welt paſſirt; Zog ſeinen Umriß leicht und klar, Man konnte ſehn, was gemeint da war. Mit wenig Farben er colorirt, Doch ſo, daß er das Aug frappirt. Er glaubt es fuͤr den Platz gerecht Und nicht zu gut und nicht zu ſchlecht, Daß es verſammelte Herr'n und Frau'n Moͤchten einmal mit Luſt beſchaun; Zugleich er auch noch wuͤnſcht' und wollt' Daß man dabei was denken ſollt'. Als nun die Arbeit fertig war, Da trat herein manch Freundesyaar, Das unſers Kuͤnſilers Werke liebt, Und darum deſto mehr betruͤbt, Daß an der loſeu, leidigen Wand Nicht auch ein Goͤtterbildniß ſtand. Die ſetzten ihn ſogleich zur Red', Warum er ſo was malen thaͤt, Da doch der Saal und ſeine Waͤnd' Gehoͤrten unr fuͤr Narrenhaͤnd'; Er ſollte ſich nicht laſſen verfuͤhren Und nun auch Baͤnk und Tiſche beſchmieren; Er ſollte bei ſeinen Tafeln bleiben Und huͤbſch mit ſeinem Pinſel ſchreiben; Und ſagten ihm von dieſer Art Noch viel Verbindlichs in den Bart. Er ſprach darauf beſcheidentlich: Eure gute Meinung beſchaͤmet mich. Es freut mich mehr nichts auf der Welt Als wenn euch je mein Werk gefaͤllt. Da aber aus eigenem Beruf Gott der Herr allerlei Thier' erſchuf, Daß auch ſogar das wuͤſte Schwein, Kroͤten und Schlangen vom Herren ſeyn, Und er auch manches nur ebauchirt, Und gerade nicht alles ausgefuͤhrt, (Wie man den Menſchen denn ſelbſt nicht ſcharf 7 Und nur en gros betrachten darf:) So hab' ich als ein armer Knecht — 383— Vom ſuͤndlich menſchlichen Geſchlecht, Von Jugend auf allerlei Luſt geſpuͤrt Und mich in Allerlei exercirt, Und ſo durch Uebung und durch Gluͤck Gelang mir, ſagt ihr, manches Stuͤck. Nun daͤcht' ich, nach vielem Rennen und Laufen Duͤrft' einer auch einmal verſchnaufen, Ohne daß jeder gleich, der wohl ihm wollt, Ihn'nen faulen Bengel heißen ſollt'. Drum iſt mein Wort zu dieſer Friſt Wie's allezeit geweſen iſt: Mit keiner Arbeit hab' ich geprahlt Und was ich gemalt hab', hab' ich gemalt.“ * Groß iſt die Diana der Epheſer. Apoſtelgeſchichte 19, 39. Zu Spheſus ein Goldſchmied ſaß In ſeiner Werkſtatt, pochte So gut er konnt', ohn' Unterlaß, So zierlich er's vermochte. Als Knab' und Juͤngling kniet' er ſchon Im Tempel vor der Goͤttin Thron, Und hatte den Guͤrtel unter den Bruͤſten, Worin ſo manche Thiere niſten, 6 Zu Hauſe treulich nachgefeilt⸗ Wie's ihm der Vater zugetheilt; uUnd leitete ſein kunſtreich Streben In frommer Wirkung durch das Leben. ——— e ——,= — 84— Da hoͤrt er denn auf einmal laut Eines Gaſſenvolkes Windesbraut, Als gaͤb's einen Gott ſo im Gehirn Da! hinter des Menſchen alberner Stirn, Der ſey viel herrlicher als das Weſen, An dem wir die Breite der Gottheit leſen⸗ Der alte Kuͤnſtler horcht nur auf Laͤßt ſeinen Knaben auf den Markt den Lauf⸗ Feilt immer fort an Hirſchen und Thieren, Die ſeiner Gottheit Kniee zieren; Und hofft, es koͤunte das Gluͤck ihm walten⸗ Ihr Angeſicht wuͤrdig zu geſtalten. — Will's aber einer anders halten, So mag er nach Belieben ſchalten; Nur ſoll er nicht das Handwerk ſchaͤnden; Sonſt wird er ſchlecht und ſchmaͤhlich enden⸗ 4 2 —᷑ — — — — — e — ʒ 4* Ilmenau. 12 Am 3. September 17 88. Anmuthig Thal! du immergruͤner Hain! Mein Herz begruͤßt euch wieder auf das Beſte; Entfaltet mir die ſchwerbehangnen Aeſte, Kehmt freundlich mich in eure Schatten ein, Erquickt von euren Hoͤhn, am Tag der Lieb' und Luſt, Mit friſcher Luft und Balſam meine Bruſt! Wie kehrt' ich oft mit wechſelndem Geſchicke, Erhabner Berg! an deinen Fuß zuruͤcke. O laß mich heut' an deinen ſachten Hoͤhn, Ein jugendlich, ein neues Eden ſehn! Ich hab' es wohl auch mit um euch verdienet: Ich ſorge ſtill, indeß ihr rubig gruͤnet. Laßt mich vergeſſen, daß auch hier die Welt So manch Geſchoͤpf in Erdefeſſeln haͤlt, Der Landmann leichtem Sand den Samen anvertraut uUnd ſeinen Kohl dem frechen Wilde baut; Der Knappe karges Brod in Kluͤften ſucht; Der Koͤhler zittert, wenn der Jaͤger flucht. Verzuͤngt euch mir, wie ihr es oft gethan, Als fing' ich heut' ein neues Leben an. — 88— Ihr ſeyd mir hold, ihr goͤnnt mir dieſe Traͤume, Sie ſchmeicheln mir und locken alte Reime. Mir wieder ſelbſt, von allen Menſchen fern, Wie bad' ich mich in euren Duͤften gern! Melodiſch rauſcht die hohe Tanne wieder, Melodiſch eilt der Waſſerfall hernieder; Die Wolke ſinkt, der Nebel druͤckt ins Thal, Und es iſt Nacht und Daͤmmrung auf einmal. Im finſtern Wald, beim Liebesblick der Sterne, Wo iſt mein Pfad, den ſorglos ich verlor? Welch ſeltne Stimmen hoͤr' ich in der Ferne? Sie ſchallen wechſelnd an dem Fels empor: Ich eile ſacht zu ſehn, was es bedeutet, Wie von des Hirſches Ruf der Jaͤger ſtill geleitet. Wo ich bin? iſt's ein Zaubermaͤhrchen⸗Land? Welch naͤchtliches Gelag am Fuß der Felſenwand? Bei kleinen Huͤtten, dicht mit Reis bedecket, Seh' ich ſie froh an's Feuer hingeſtrecket. Es dringt der Glanz hoch durch den Fichten⸗Saal; Am niedern Herde kocht ein rohes Mahl; Sie ſcherzen laut, indeſſen bald geleeret Die Flaſche friſch im Kreiſe wiederkehret. Sagt, wem vergleich ich dieſe muntre Schar? Von wannen kommt ſie? um wohin? zu ziehen. Wie iſt an ihr doch alles wunderbar! Soll ich ſie grüßen? ſoll ich vor ihr fliehen? Iſt es der Jaͤger wildes Geiſterheer? Sind's Gnomen, die hier Zauberkuͤnſte treiben? Ich ſeh' im Buſch der kleinen Feuer mehr; — 89— Es ſchaudert mich, ich wage kaum zu bleiben. Iſt's der Aegyptier verdaͤchtger Aufenthalt? Iſt es ein fluͤchtger Fuͤrſt wie im Ardenner⸗Wald? Soll ich Verirrter hier in den verſchlungnen Gruͤnden Die Geiſter Shakſpear's gar verkoͤrpert ſinden? Ja, der Gedanke fuͤhrt mich eben rechtt Sie ſind es ſelbſt, wo nicht ein gleich Geſchlecht! Unbaͤndig ſchwelgt ein Geiſt in ihrer Mitten, und durch die Rohheit fuͤhl' ich edle Sitten. Wie nennt ihr ihn? Wer iſt's, der dort gebuͤckt Nachlaͤſſig ſtark die breiten Schultern druͤckt? Er ſitzt zunaͤchſt gelaſſen an der Flamme, Die markige Geſtalt aus altem Heldenſtamme. Er ſaugt begierig am geliebten Rohr, Es ſteigt der Dampf an ſeiner Stirn empor. Gutmuͤthig trocken weiß er Freud' und Lachen⸗ Im ganzen Zirkel laut zu machen, Wenn er mit ernſtlichem Geſicht Barbariſch bunt in fremder Mundart ſoricht. Wer iſt der andre, der ſich nieder An einen Sturz des alten Baumes lehnt, Und ſeine langen feingeſtalten Glieder, Ekſtatiſch faul, nach allen Seiten dehnt, und, ohne daß die Zecher auf ihn hoͤren⸗ Mit Geiſtesflug ſich in die Hoͤhe ſchwingt, Und von dem Tanz der himmelhohen Sphaͤren Ein monotones Lied mit großer Jubrunſt ſingt? Doch ſcheinet allen etwas zu gebrechen. Ich hoͤre ſie auf einmal leiſe ſprechen, 8 — 90— Des Juͤnglings Nuhe nicht zu unterbrechen, Der dort am Ende, wo das Thal ſich ſchließt, In einer Huͤtte, leicht gezimmert, Vor der ein letzter Blick des kleinen Feuers ſchimmert, Vom Waſſerfall umrauſcht, des milden Schlafs ge⸗ . nießt. Mich treibt das Herz nach jener Kluft zu wandern, Ich ſcheide ſtill und ſcheide von den Andern. Sey mir gegruͤßt, der hier in ſpaͤter Nacht Gedankenvoll an dieſer Schwelle wacht! Was ſitzeſt du entfernt von jenen Frenden? Du ſcheinſt mir auf was Wichtiges bedacht. Was iſt's, daß du in Sinnen dich verliereſt, Und nicht einmal dein kleines Feuer ſchuͤreſt? „O frage nicht, denn ich bin nicht bereit, Des Fremden Nengier leicht zu ſiillen; Sogar verbitt' ich deinen guten Willen; Hier iſt zu ſchweigen und zu leiden Zeit. Ich bin dir nicht im Stande ſelbſt zu ſagen Woher ich ſey, wer mich hierher geſandt; Von fremden Zonen bin ich her verſchlagen Und durch die Freundſchaft feſtgebannt. Wer kenut ſich ſelbſt? wer weiß was er vermag? Hat nie der Muthige Verwegnes unternommen? Und was du thuſt, ſagt erſt der andre Tag, War es zum Schaden oder Frommen. Ließ nicht Prometheus ſelbſt die reine Himmelsglut Auf friſchen Thon vergoͤtternd niederfließen? und konnt' er mehr als irdiſch Blut 8 — 91—— Durch die belebten Adern gießen? Ich brachte reines Feuer vom Altar; Was ich entzuͤndet, iſt nicht reine Flamme. Der Sturm vermehrt die Glut und die Gefahr, Ich ſchwanke nicht, indem ich mich verdamme. Und wenn ich unklug Muth und Freiheit ſang Und Redlichkeit und Freiheit ſonder Zwang, Stolz auf ſich ſelbſt und herzliches Behagen; Erwarb ich mir der Menſchen ſchoͤne Gunſt: Doch ach! ein Gott verſagte mir die Gunſt, Die arme Kunſt, mich kuͤnſtlich zu betragen. Nun ſitz ich hier zugleich erhoben und gedruͤckt, unſchuldig und geſtraft, unſchuldig und begluͤckt. Doch rede ſacht! denn unter dieſem Dach Ruht all mein Wohl und all mein Ungemach; Ein edles Herz, vom Wege der Natur Durch enges Schickſal abgeleitet, Das, ahnungsvoll, nun auf der rechten Spur Bald mit ſich ſelbſt und bald mit Zauberſchatten ſtrei⸗ tet, und was ihm das Geſchick durch die Geburt geſchenkt, Mit Muͤh' und Schweiß erſt zu erringen denkt. Kein liebevolles Wort kann ſeinen Geiſt enthuͤllen und kein Geſang die hohen Wogen ſtillen. Wer kann der Naupe, die am Zweige kriecht, Von ihrem kuͤnft'gen Futter ſprechen? Und wer der Puppe, die am Boden liegt, Die zarte Schale helfen durchzubrechen? — 92— Es kommt die Zeit, ſie draͤngt ſich ſelber los Und eilt auf Fittigen der Roſe in den Schooß. 1 Gewiß, ihm geben auch die Jahre Die rechte Richtung ſeiner Kraft. Noch iſt bei tiefer Neigung fuͤr das Wahre Ihm Irrthum eine Leidenſchaft. Der Vorwit lockt ihn in die Weite, Kein Fels iſt ihm zu ſchroff, kein Steg zu ſchmal; Der Unfall lauert an der Seite Und ſtuͤrzt ihn in den Arm der Qual. Dann treibt die ſchmerzlich uͤberſpannte Regung Gewaltſam ihn bald da bald dort hinaus, Und von unmuthiger Bewegung Ruht er unmuthig wieder aus. Und duͤſter wild an heitern Tagen, Unbaͤndig ohne froh zu ſeyn, Schlaͤft er, an Seel' und Leib verwundet und zerſchla⸗ .gen, Auf einem harten Lager ein: Indeſſen ich hier ſtill und athmend kanm Die Augen zu den freien Sternen kehre, Und, halb erwacht und halb im ſchweren Traum, Mich kaum des ſchweren Traums erwehre.“ Verſchwinde Traum! . Wie dank' ich, Muſen, euch, Daß ihr mich heut auf einen Pfad geſtellet, Wo auf ein einzig Wort die ganze Gegend gleich Zum ſchoͤnſten Tage ſich erhellet; Die Wolke flieht, der Nebel fäͤllt, — 93— Die Schatten ſind hinweg. Ihr Goͤtter, Preis und Wonne, Es leuchtet mir die wahre Sonne, Es lebt mir eine ſchoͤnre Welt; Das aͤngſtliche Geſicht iſt in die Luft zerronnen, Ein neues Leben iſt's, es iſt ſchon lang begonnen. Ich ſehe hier, wie man nach langer Reiſe Im Vaterland ſich wieder kennt; Ein ruhig Volk in ſtillem Fleiße Benutzend, was Natur an Gaben ihm gegoͤnnt. Der Faden eilet von dem Rocken Des Webers raſchem Stuhle zu; und Seil und Kuͤbel wird in laͤngrer Ruh Nicht am verbrochnen Schachte ſtocken; Es wird der Trug entdeckt, die Ordnung kehrt zuruͤck, Es folgt Gedeihn und feſtes ird'ſches Gluͤck. So moͤg', o Fuͤrſt, der Winkel deines Landes Ein Vorbild deiner Tage ſeyn! Du kenneſt lang' die Pflichten deines Standes Und ſchraͤnkeſt nach und nach die freie Seele ein. Der kann ſich mauchen Wunſch gewaͤhren, Der kalt ſich ſelbſt und ſeinem Willen lebt; Allein wer Andre wohl zu leiten ſtrebt, Muß faͤhig ſeyn, viel zu entbehren. So wandle du— der Lohn iſt nicht gering— Nicht ſchwankend hin, wie jener Saͤmann ging⸗ Daß bald ein Korn, des Zufalls leichtes Spiel, Hier auf den Weg, dort zwiſchen Dornen ſiel; Nein! ſtreue klug wie reich, mit mannlich ſtaͤter Hand, Den Segen aus auf ein geackert Land; Dann laß es ruhn: die Ernte wird erſcheinen Und dich begluͤcken und die Deinen. —— Gellert's Monument von Oeſer. Als Gellert, der geliebte, ſchied, Manch gutes Herz im Stillen weinte, Auch manches matte ſchiefe Lied Sich mit dem reinen Schmerz vereinte; Und jeder Stuͤmper bei dem Grab Ein Bluͤmchen an die Ehrenkrone, Ein Scherflein zu des Edlen Lohne, Mit vielzufriedner Miene gab: Stand Oeſer ſeitwaͤrts von den Leuten Und fuͤhlte den Geſchiednen, ſann Ein bleibend Bild, ein lieblich Deuten Auf den verſchwundnen werthen Mann; Und ſammelte mit Geiſtesflug Im Marmor alles Lobes Stammeln, Wie wir in einem engen Krug Die Aſche des Geliebten ſammeln. —— An Zacharia. Schon waͤlzen ſchnelle Raͤder raſſelnd ſich und tragen Dich von dem unbeklagten Ort, 98— Und angekettet feſt an Deinen Wagen Die Freuden mit Dir fort. Du biſt uns kaum entwichen, und ſchwermuͤthig zie⸗ hen Aus dumpfen Hoͤhlen(denn dahin Flohn ſie bei Deiner Ankunft, wie vorm Gluͤhen Der Sonne Nebel fliehn) Verdruß und Langeweile. Wie die Stympbaliden Umſchwaͤrmen ſie den Tiſch und ſpruͤhn Von ihren Fittigen Gift unſrem Frieden Auf alle Speiſen hin. Wo iſt, ſie zu verſcheuchen, unſer guͤt'ger Retter, Der Venus vielgeliebter Sohn, Apollens Liebling, Liebling aller Goͤtter! Lebt er? iſt er entflohn? O gaͤb' er mir die Stäͤrke, ſeine maͤcht'ge Leier Zu ſchlagen, die Apoll ihm gab; Ich ruͤhrte ſie, dann floͤhn die Ungehener Erſchreckt zur Hoͤll' hinab. O leih mir, Sohn der Maja, deiner Ferſen Schwin gen, Die du ſonſt Sterblichen geliehn, Die reißen mich aus dieſem Elend, bringen Mich zu der Ocker hin. Dann folg' ich unerwartet ihm am Fluſſe, Allein, ſo wenig ſtaunet er, Als ging' ihm, angeheftet ſeinem Fuße, Sein Schatten hinterher. — 96— Von ihm dann unzertrennlich waͤrmt den jungen Buſen Der Glanz, der glorreich ihn umgibt; Er liebet mich, dann lieben mich die Muſen, Weil mich ihr Liebling liebt. —— Einer hohen Reifenden. Wohin Du trittſt, wird uns verklaͤrte Stunde, Dir leuchtet Klarheit friſch vom Angeſicht, Vom Auge Gutheit, Lieblichkeit vom Munde, Aus Wolken dringt ein reines Himmelslicht. Der Ungeheuer Schwarm im Hintergrunde Er draͤngt, er droht, jedoch er ſchreckt Dich nicht, Wie Du mit Freiheit unbefangen ſchreiteſt, Das Herz erhebſt und jeden Geiſt erweiteſt. So wandelſt Du, Dein Ebenbild zu ſchauen, Das majeſtaͤtiſch uns von oben blickt, Der Muͤtter Urbild, Koͤnigin der Frauen⸗ Ein Wunderpinſel hat ſie ausgedruͤckt. Ihr bengt ein Mann, mit liebevollem Grauen, Ein Weib die Knie, in Demuth ſtill entzuͤckt; Du aber kommſt, ihr Deine Hand zu reichen, Als waͤreſt Du zu Haus bei Deines gleichen. Doch ſchreite weiter, was auch hier ſich finde, Zum Lande hin, dem doch kein andres gleicht, Wo uns Natur befreit, wie Kunſt auch binde, Der Geiſt ſich ſtählt, wenn ſich das Herz erweicht, Vor ſtillem Schaun ſo Zeit⸗ als Volksgewinde — 97— Zum Abgrund wallt, zur Himmelshoͤhe ſteigt: Dorthin gehoͤrſt Du, die Du ſchaffend ſtrebeſt, Die Truͤmmer herſtellſt, Todtes neu belebeſt. Fuͤhr' uns indeß durch blumenreiche Matten, Am breiten Fluß durch's wohlbekannte Thal, Wo Reben ſich um Sonnenhuͤgel gatten, Der Fels dich ſchuͤtzt vor maͤcht'gem Sonnenſtrahl; Genieße froh der engen Laube Schatten, Der reinen Milch unſchuldig wuͤrd'ges Mahl, Und hier und dort vergoͤnn' an Deinen Blicken, An Deinem Wort uns ewig zu entzuͤcken! —— Jubilaͤum am zweiten Januar 1815. Hat der Tag ſich kaum erneuet, Wo uns Winterfreude bluͤhet, Jedermann ſich wuͤnſchend freuet, Wenn er Freund und GSoͤnner ſiehet. Sagt, wie, ſchon am zweiten Tage, Sich ein zweites Feſt entzuͤndet? Hat, vielleicht, willkommne Sage Vaterland und Reich gegruͤndet? Haben ſich die Allgewalten Endlich ſchoͤpferiſch entſchieden, Aufzuzeichnen, zu entfalten . Allgemeinen ew'gen Frieden? Goethés Ged. II. 9 — 95— Nein!— Dem Wuͤrdigen, dem Biedern Winden wir vollkommne Kraͤnze, Und zu aller Art von Liedern Schlingen ſich des Feſtes Taͤnze. Selbſt das Erz erweicht ſich gerne, Wunderſam ihn zu verehren; Aber ihr, auch aus der Ferne, Laßt zu ſeinem Preiſe hoͤren! Er, nach langer Jahre Sorgen, Wo der Boden oft gebidmet, Sieht nun Fuͤrſt und Volk geborgen, Dem er Geiſt und Kraft gewidmet. Die Gemahlin, laͤngſt verbunden Ihm als treulichſtes Geleite, Sieht er auch, der tauſend Stunden Froh gedenk, an ſeiner Seite. Leb' Er ſo, mit Juͤnglingskraͤften Immer herrlich und vermoͤgſam, In den wichtigſten Geſchaͤften Heiter klug, und weiſe regſam. Und in ſeiner Trauten Kreiſe Sorgenfrei und unterhaltend, Eine Welt, nach ſeiner Weiſe, Nah und fern umher geſtaltend. — — 99— R K t h ſel. Viel Maͤnner ſind hoch zu verehren, Wohlthaͤtige durch Werk und Lehren; Doch wer uns zu erſtatten wagt, Was die Natur uns ganz verſagt, Den darf ich wohl den groͤßten nennen: Ich denke doch, ihr muͤßt ihn kennen? ——— Den Drillingsfreunden von Cölln, mit einem Bildniſſe. Der Abgebildete Vergleicht ſich billig Heilgem Dreikoͤnige, Dieweil er willig Dem Stern, der Oſtenher Wahrhaft erſchienen, Auf allen Wegen war Bereit zu dienen. Der Bildner gleichenfalls Vergleicht ſich eben Dem Reiter, der den Hals Darangegeben, Wie Haͤmmling auch gethan, Ein Held geworden Durch ſeine Manneskraft Ritter von Orden. 9* — 100— Darum zuſammen ſie Euch nun verehren, Die zum Vergangenen Muthig ſich kehren, Stein, Heilge, Sammt und Gold— Maͤnniglich ſtrebend Und altem Tage hold— Froͤhlich belebend. —— An Uranius. Himmel ach! ſo ruft man aus, Wenn'’s uns ſchlecht geworden. Himmel will verdienen ſich Pfaff' und Ritterorden. Ihren Himmel finden viel In dem Weltgetuͤmmel; Jugend unter Tanz und Spiel Meint, ſie ſey im Himmel. Doch von dem Claviere koͤnt Ganz ein andrer Himmel; Alle Morgen gruͤß' ich ihn, Nickt er mir vom Schimmel. An Tiſchbein. Erſt ein Deutſcher, dann ein Schweizer, Dann ein Berg⸗ und Thal⸗Durchkrenzer, Roͤmer, dann Nayolitaner, Philoſoph und doch kein Aner, — 401— Dichter, fruchtbar aller Orten, Bald mit Zeichen, bald mit Worten, Immer bleibeſt du derſelbe, Von der TDiber bis zur Elbe! Gluͤck und Heil! ſo wie du ſtrebeſt⸗ Lebe! ſo wie du belebeſt, So genieße! laß genießen! Bis die Nymphen dich begruͤßen, Die ſich in der Ilme baden, Und auf' freundlichſte dich laden. —— An Denſelben. Alles was du denkſt und ſinneſt, Was Du der Natur und Kunſt Mit Empfindung abgewinneſt, Druckſt Du aus durch Muſengunſt. Farbe her! Dein Meiſterwille Schafft ein ſichtliches Gedicht; Doch, beſcheiden in der Fuͤlle, Du verſchmaͤhſt die Worte nicht. —— An Denſelben. Fuͤr das Gute, fuͤr das Schoͤne, Das Du uns ſo reichlich ſendeſt, Moͤge jegliche Camoͤne Freude ſpenden, wie Du ſpendeſt! Moͤge Dir, im nord'ſchen Truͤben, — 102— Aller Guten, aller Lieben Reine Neigung ſo bereiten, Ueberall Dich zu begleiten Mit des Umgangs trauter Wonne, Wie im heitern Land der Sonne! —— An Denſelben. Statt den Menſchen in den Thieren Zu verlieren, Findeſt Du ihn klar darin, Und belebſt, als wahrer Dichter, Schaf⸗ und ſaͤuiſches Gelichter Mit Geſinnung wie mit Sinn. Auch der Eſel kommt zu Ehren Und yaht uns weiſe Lehren. Das was Buͤffon nur begonnen, Kommt durch Tiſchbein an die Sonnen. —— Stammbuchs⸗Weihe. Muntre Gaͤrten lieb' ich mir, Viele Blumen drinne, Und du haſt ſo einen hier, Merk' ich wohl, im Sinne. Moͤgen Wuͤnſche fuͤr dein Gluͤck Tauſendfach erſcheinen; — 108— Gruͤße ſie mit heitrem Blick Und voran die meinen. ——— Der Liebenden Vergeßlichen, zum Geburtstage. 4 Dem ſchoͤnen Tag ſey es geſchrieben! DOift gläͤnze Dir ſein heitres Licht. Uns hoͤreſt Du nicht auf zu lieben, Doch bitten wir: vergiß uns nicht! Mit Wahrheit und Dichtung. Ein alter Freund erſcheint maskirt, Und das, was er im Schilde fuͤhrt/ Geſteht er wohl nicht allen; Doch Du entdeckſt ſogleich den Reim Und ſprichſt ihn aus ganz in's geheim: Er wuͤnſcht Dir zu.... —— Angebinde zur Ruckkehr. Die Freundin war hinausgegangen, Um in der Welt ſich umzuthun; — 104— Nun wird ſie bald nach Haus gelangen Und auf gewohnte Weiſe ruhn. Und neigt ſie dann das art'ge Koͤpfchen, Umwunden reich von Zopf und Foͤfchen, Nach einem kiſſenreichen Sitzhen, So bietet freundlich ihr das Muͤtzchen. . 4 — — — — — — — — Erklaͤrung einer antiken Gemme. Es ſteht ein junger Feigenſtock In einem ſchoͤnen Garten;— Daneben ſitt ein Ziegenbock, Als wollt' er ſeiner warten. Allein Quiriten, wie man irrt! Der Baum iſt ſchlecht gehuͤtet; Und ihm zur andern Seite ſchwirrt Ein Kaͤfer ausgebruͤtett. 4 Es fliegt der Held mit Panzerbruſt Und naſchet in den Zweigen, Und auch der Bock hat große Luſt, Gemaͤchlich außzuſteigen. Drum ſeht ihr, Freunde, ſchon beinah Das Baͤumchen nackt von Blaͤttern; Es ſtehet ganz erbaͤrmlich da und flehet zu den Goͤttern. Drum hoͤrt die guten Lehren an, Ihr Kinder zart von Jahren: Vor Ziegenbock und Kaͤferzahn Soll man ein Baͤumchen wahren! —— — 108— Kahenpaſtete. Bewaͤhrt den Forſcher der Natur Ein frei und ruhig Schanen; So folge Meßkunſt ſeiner Spur Mit Vorſicht und Vertrauen. Zwar mag in Einem Menſchenkind Sich Beides auch vereinen; Doch daß es zwei Gewerbe ſind, Das laͤßt ſich nicht verneinen. Es war einmal ein braver Koch, Geſchickt im Appretiren; Dem ſiel es ein, er wollte doch Als Jaͤger ſich geriren. Er zog beiwehrt zu gruͤnem Wald, Wo manches Wildyret hauſ'te, Und einen Kater ſchoß er bald, Der junge Voͤgel ſchmauſ'te. Sah ihn fuͤr einen Haſen an Und ließ ſich nicht bedeuten, Paſtetete viel Wuͤrze dran Und ſetzt' ihn vor den Leuten. Doch manche Gaͤſte das verdroß, Gewiſſe feine Naſen: Die Katze, die der Jaͤger ſchoß, Macht mir der Koch zum Haſen. —,— — 1⁰9— Seanece. Hier iſt's, wo unter eignem Namen Die Buchſtaben ſonſt zuſammen kamen. Mit Scharlachkleidern angethan Saßen die Selbſtlauter oben an: A, E, J, O, und U dabei, Machten gar ein ſeltſam Geſchrei. Die Mitlauter kamen mit ſteifen Schritten, Mußten erſt um Erlaubniß bitten. Praͤſident A war ihnen geneigt; Da wurd' ihnen denn der Platz gezeigt; Andre aber die mußten ſtehn, Als Pe Ha und Te Ha und ſolches Geton. Dann gab's ein Gerede, man weiß nicht wie: Das nennt man eine Akademie. — L egend e. In der Wuͤſten ein heiliger Mann Zu ſeinem Erſtaunen thaͤt treffen an Einen ziegenfuͤßigen Faun, der ſprach: „Herr, betet fuͤr mich und meine Gefaͤhrt', Daß ich zum Himmel gelaſſen werd', Zur Seligen Freud': uns duͤrſtet darnach.“ Der heilige Mann dagegen ſprach: „Es ſteht mit deiner Bitte gar gefaͤhrlich, Und gewaͤhrt wird ſie dir ſchwerlich. Du kommſt nicht zum engliſchen Gruß; Denn du haſt einen Ziegenfuß.“ — 110— Da ſprach hierauf der wilde Mann: „Was hat euch mein Ziegenfuß gethan? Sah ich doch Manche ſtrack und ſchoͤn Mit Eſelskoͤpfen gen Himmel gehn.“ A u t olren. Ueber die Wieſe, den Bach herab, Durch ſeinen Garten, Bricht er die juͤngſten Blumen ab; Ihm ſchlaͤgt das Herz vor Erwarten. Sein Maͤdchen kommt— O Gewinnſt! o Gluͤck! Juͤngling, tauſcheſt deine Bluͤthen um einen Blick! Der Nachbar Gaͤrtner ſieht herein Ueber die Hecke:„So ein Thor moͤcht' ich ſeyn! Hab' Freude, meine Blumen zu naͤhren, Die Voͤgel von meinen Fruͤchten zu wehren; Aber ſind ſie reif: Geld! guter Freund! Soll ich meine Muͤhe verlieren?“ Das ſind Autoren, wie es ſcheint. Der eine ſtreut ſeine Freuden herum, Seinen Freunden, dem Publikum, Der andre laͤßt ſich praͤnumeriren. Recenſen. Da hatt' ich einen Kerl zu Gaſt, Er war mir eben nicht zur Laſt; Ich hatt' juſt mein gewoͤhnlich Eſſen, — 111— Hat ſich der Kerl pumpſatt gefreſſen, Zum Nachtiſch, was ich geſpeichert hatt'. Und kaum iſt mir der Kerl ſo ſatt, Thut ihn der Teufel zum Nachbar fuͤhren, Ueber mein Eſſen zu raͤſonniren: „Die Supp' haͤtt' koͤnnen gewuͤrzter ſeyn, Der Braten brauner, firner der Wein.“ Der Tanſendſakerment! Schlagt ihn todt den Hund! Es iſt ein Recenſent. —— Dilettant und Kritiker. Es hatt' ein Knab' eine Taube zart, Gar ſchoͤn von Farben und bunt, Gar herrlich lieb, nach Knaben⸗Art, Geaͤtzet aus ſeinem Mund, Und hatte ſo Freud' am Taͤubchen fein, Daß er nicht konnte ſich freuen allein. Da lebte nicht weit ein Alt⸗Fuchs herum, Erfahren und lehrreich und ſchwaͤtzig darum; Der hatte den Knaben manch Stuͤndlein ergoͤtzt, Mit Wundern und Luͤgen verprahlt und verſchwaͤtzt. „Muß meinem Fuchs doch mein Taͤublein zeigen!“ Er lief und fand ihn ſtecken in Straͤuchen. „Sieh, Fuchs, mein lieb Taͤublein, mein Taͤubchen ſo ſchoͤn! Haſt du dein Tag ſo ein Taͤubchen geſehn?“ Zeig her!— Der Knabe reicht's.— Geht wohl an; Aber es fehlt noch Manches dran. — 112— Die Federn zum Exempel, ſind zu kurz gerathen.— Da fieng er an, rupft' ſich den Braten. Der Knabe ſchrie.— Du mußt ſeaͤrkre einſetzen, Sonſt ziert's nicht, ſchwinget nicht.— Da war's nackt— Mißgeburt!— und in Fetzen. Dem Knaben das Herze bricht. Wer ſich erkennt im Knaben gut, Der ſey vor Fuͤchſen auf ſeiner Hut. —— Neologen. Ich begegnet' einem jungen Mann, Ich fragt' ihn um ſein Gewerbe; Er ſagt': ich ſorge, wie ich kann,. Daß ich mir, eh' ich ſterbe, Ein Bauerguͤtchen erwerbe. Ich ſagte: das iſt ſehr wohl gedacht; Und wuͤnſchte, er haͤtt' es ſo weit gebracht. Da hoͤrt' ich: er habe vom lieben Papa Und eben ſo von der Frau Mama Die allerſchoͤnſten Ritterguͤter. Das nenn' ich doch originale Gemuͤther. —-B Kri tkler. Ein unverſchaͤmter Naſeweis, Der, was er durch Stahlarbeitersfleiß X — 113— Auf dem Laden kuͤnſtlich liegen ſah, Dacht', es waͤr' fuͤr ihn alleine da. So tatſcht' er dem geduldigen Mann Die blanken Waaren ſaͤmmtlich an Und ſchaͤtzte ſie nach Duͤnkelsrecht,* Das Schlechte hoch, das Gute ſchlecht, Getroſt, zufriednen Angeſichts; Dann ging er weg und kauſte nichts. Den Kramer das zuletzt verdroß, Und macht ein ſtaͤhlern kuͤnſtlich Schloß Zur rechten Stunde gluͤhend heiß⸗ Da ruft gleich unſer Naſeweis: „Wer wird ſo ſchlechte Waare kaufen! Der Stahl iſt ſchaͤndlich angelaufen.“ Und tappt auch gleich recht laͤypiſch drein Und faͤngt erbaͤrmlich an zu ſchrein. Der Kramer fragt: was iſt denn das? Der Quidam ſchreit:„Ein froſtiger Spaß!“ —— K läaäffer. Wir reiten in die Kreuz' und Quer Nach Freuden und Geſchaͤften; Doch immer klaͤfft es hinterher Und billt aus allen Kraͤften. So will der Spitz aus unſerm Stall Uns immerfort begleiten, Und ſeines Bellens lauter Schall Beweiſ't nur, daß wir reiten. —— 10 — 114— Celebritaäaͤt. Anf großen und auf kleinen Brucken Stehn vielgeſtaltete Nepomuken Von Erz, von Holz, gemalt, von Stein, Coloſſiſch hoch, und puppiſch klein. Jeder hat ſeine Andacht davor, Weil Nepomnk auf der Brucken das Leben verlor. Iſt einer nun mit Kopf und Ohren Einmal zum Heiligen auserkohren, Oder hat er unter Henkershaͤnden Erbaͤrmlich muͤſſen das Leben enden: So iſt er zur Qualitaͤt gelangt, Daß er gar weit im Bilde prangt. Kupferſtich, Holzſchnitt thun ſich eilen, Ihn allen Welten mitzutheilen; 1 Und jede Geſtalt wird wohl empfangen, Thut ſie mit ſeinem Namen prangen: Wie es denn auch dem Herren Chriſt Nicht ein Haar beſſer geworden iſt. Merkwuͤrdig fuͤr die Menſchenkinder, Halb Heiliger, halb armer Suͤnder, Sehn wir Herrn Werther auch allda Prangen in Holzſchuitts⸗gloria. Das zeugt erſt recht von ſeinem Werthe, Daß mit erbaͤrmlicher Gebaͤrde Er wird auf jedem Jahrmarkt prangen, Wird in Wirthsſiuben aufgehangen. Jeder kann mit dem Stocke zzigen: „Gleich wird die Kugel das Hirn erreichen!“ — 115— Und Jeder ſyricht bei Bier und Brod: „Gott ſeys gedankt: nicht wir ſind todt!“ —— ParJabe. In einer Stadt, wo Paritäͤt Noch in der alten Ordnung ſteht, Da, wo ſich naͤmlich Catholiken Und Proteſtanten in einander ſchicken, Und, wie's von Vaͤtern war erprobt, Jeder Gott auf ſeine Weiſe lobt; Da lebten wir Kinder Lutheraner Von etwas Predigt und Geſang, Waren aber dem Kling und Klang Der Catholiken nur zugethaner: Denn alles war doch gar zu ſchoͤn, Bunter und luſtiger anzuſehn. Dieweil nun Affe, Menſch und Kind Zur Nachahmung geboren ſind, Erfanden wir, die Zeit zu kuͤrzen, Ein anserleſ'nes Pfaffenſpiel: Zum Chorrock, der uns wohlgefiel, Gaben die Schweſtern ihre Schuͤrzen; Handtuͤcher, mit Wirkwerk ſchoͤn verziert, Wurden zur Stola traveſtirt; Die Muͤtze mußte den Biſchof zieren, Von Goldpapier mit vielen Thieren. So zogen wir nun im Ornat Durch Haus und Garten, fruͤh und ſpat, — 116— Und wiederholten ohne Schonen Die ſaͤmmtlichen heiligen Functionen; Doch fehlte noch das beſte Stuͤck. Wir wußten wohl, ein praͤchtig Laͤuten Habe hier am meiſten zu bedeuten; Und nun beguͤnſtigt uns das Gluͤck: Denn auf dem Boden hing ein Strick. Wir ſind entzuͤckt, und wie wir dieſen Zum Glockenſtrang ſogleich erkieſen, Ruht er nicht einen Augenblick: Denn wechſelnd eilten wir Geſchwiſter, Einer ward um den andern Kuͤſter, Ein Jedes draͤngte ſich hinzu. Das ging nun allerliebſt von ſtatten, Und weil wir keine Glocken hatten, So ſangen wir Bum Baum dazu. Tergefun wie die aͤltſte Sage, War der unſchuld'ge Kinder⸗Scherz; Doch g'rade dieſe letzten Tage Fiel er mit einmal mir auf's Herz: Da ſind ſie ja, nach allen Stuͤcken, Die neupoetiſchen Catholiken! 2 8 -— — —. — — = S —2 3 — —⁹ 3 8 In wenig Stunden Hat Gott das Rechte gefunden⸗ —— Wer Gott vertraut, Iſt ſchon auferbaut. ——Q—-ſ Sogar dies Wort hat nicht gelogen: Wen Gott betruͤgt, der iſt wohl betrogen⸗ Das Unſer Vater ein ſchoͤn Gebet, Es dient und hilft in allen Noͤthen. Wenn einer auch Vater Unſer fleht, In Gottes Namen, laß ihn beten. —— Ich wandle auf weiter, bunter Flur, Urſpruͤnglicher Natur, Ein holder Born, in welchem ich bade, Iſt Ueberlieferung, iſt Gnade. Was waͤr' ein Gott, der nie von außen ſtieße, Im Kreis das All am Finger laufen ließe! Ihm ziemts, die Welt im Innern zu bewegen, Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen, — 120— So daß was in Ihm lebt und webt und iſt, Nie Seine Kraft, nie Seinen Geiſt vermißt. Im Innern iſt ein Univerſum auch; Daher der Voͤlker loͤblicher Gebrauch, Daß jeglicher das Beſte, was er kennt, Er Gott, ja ſeinen Gott benennt, Ihm Himmel und Erden uͤbergibt, Ihn fuͤrchtet, und wo moͤglich liebt. Wie? Wann? und Wo?— Die(Götter bleiben ſtumm!. Du halte dich an's Weil, und frage nicht Warum? Willſt du in's Unendliche ſchreiten, Geh nur im Endlichen nach allen Seiten. Willſt du dich am Ganzen erquicken; So mußt du das Ganze im Kleinſten erblicken. Aus tiefem Gemuͤth, aus der Mutter Schooß Will Manches dem Dage entgegen; Doch ſoll das Kleine je werden groß, So muß es ſich rühren und regen. Da, wo das Waſſer ſich entzweit, Wird zuerſt Lebendig's befreit. und wird das Waſſer ſich eutfalten, Sogleich wird ſich's lebendig geſtalten; — 121— Da waͤlzen ſich Thiere, ſie trocknen zum Flor, Und Pflanzen⸗Gezweige ſie dringen hervor. Durchſichtig erſcheint die Luft ſo rein Und traͤgt im Buſen Stahl und Stein. Entzuͤndet werden ſie ſich begegnen; Da wird's Metall und Steine regnen. Denn was das Feuer lebendig erfaßt, Bleibt nicht mehr Unform und Erdenlaſt. Verfluͤchtigt wird es und unſichtbar, Eilt hinauf, wo erſt ſein Anfang war. Und ſo kommt wieder zur Erde herab, Dem die Erde den Urſprung gab. Gleicherweiſe ſind wir auch gezuͤchtigt, Einmal gefeſtet, einmal verfluͤchtigt. Und wer durch alle die Elemente Feuer, Luft, Waſſer und Erde rennte, Der wird zuletzt ſich uͤberzengen, Er ſey kein Weſen ihres Gleichen. „Was will die Nadel nach Norden gekehrt;“ Sichsſelbſt zu finden, es iſt ihr verwehrt. — Die endliche Ruhe wird nur verſpuͤrt, Sobald der Pol den Pol beruͤhrt. Gvethe's Gev. II. 11 — 122— Drum danket Gott, ihr Soͤhne der Zeit, Daß er die Pole fuͤr ewig entzweit. Magnetes Geheimniß, erklaͤre mir das! Kein groͤßer Geheimniß, als Lieb' und Haß. Wirſt du deines Gleichen kennen lernen, So wirſt du dich gleich wieder entfernen. Warum tanzen Buͤbchen mit Maͤdchen ſo gern? ungleich dem Gleichen bleibet nicht fern. Dagegen die Bauern in der Schenke Pruͤgeln ſich gleich mit den Beinen der Baͤnke. Der Amtmann ſchnell das Uebel ſtillt, Weil er nicht fuͤr ihres Gleichen gilt. Soll dein Compaß dich richtig leiten, Huͤte dich vor Magnetſtein', die dich begleiten. Verdoppelte ſich der Sterne Schein, Das All wird ewig finſter ſeyn. „Und was ſich zwiſchen beide ſtellt?“ Dein Auge, ſo wie die Koͤrperwelt. An der Finſterniß zuſammengeſchrunden, Wird dein Auge vom Licht entbunden. Schwarz und Weiß, eine Todtenſchau, Vermiſcht ein niedertraͤchtig Grau. Will Licht einem Koͤrper ſich vermaͤhlen, Es wird den ganz durchſicht'gen waͤhlen. Du aber halte dich mit Liebe An das Durchſcheinende, das Truͤbe. Denn ſteht das Truͤbſte vor der Sonne, Da ſiehſt die herrlichſte Purpur⸗Wonne⸗ Und will das Licht ſich dem Truͤbſten entwinden, So wird es gluͤhend Roth entzuͤnden. Und wie das Truͤbe verdunſtet und weicht, Das Rothe zum hellſten Gelb erbleicht. Iſt endlich der Aether rein und klar, Iſt das Licht weiß, wie es anfangs war. Steht vor dem Finſtern milchig Grau, Die Sonne beſcheints, da wird es Blau, 11*† — 124— Auf Bergen, in der reinſten Hoͤhe, Tief Roͤthlichblau iſt Himmelsnaͤhe. Du ſtauneſt uͤber die Koͤnigspracht, Und gleich iſt ſammetſchwarz die Nacht. Und ſo bleibt auch, in ew'gem Frieden, Die Finſterniß vom Licht geſchieden. Daß ſie mit einander ſtreiten koͤnnen, Das iſt eine baare Thorheit zu nennen. Sie ſtreiten mit der Koͤrperwelt, Die ſie ewig auseinander haͤlt, —— Weaun ich den Scherz will eruſthaft nehmen, So ſoll mich Niemand drum beſchaͤmen, Und wenn ich den Ernſt will ſcherzhaft treiben, So werd' ich immer derſelbe bleiben. Die Luſt zu reden kommt zur rechten Stunde, Und wahrhaft fließt das Wort aus Herz und Munde. — Ich ſah mich um, an vielen Orten, Nach luſtigen, geſcheidten Worten; An boͤſen Tagen mußt' ich mich freuen, Daß dieſe die beſten Worte verleihen. —qℳP Im neuen Jahre Gluck und Heil! Auf Weh' und Wunden gute Salbe! Auf groben Klotz ein grober Keil! Auf einen Schelmen anderthalbe. [— Willſt luſtig leben, Geh mit zwei Saͤcken, Einen zum Geben, Einen um einzuſtecken. Da gleichſt du Prinzen, Plunderſt und begluͤckſt Provinzen. 8 —q— 8 — 128— Was in der Zeiten Bilderſaal Jemals iſt trefflich geweſen, Das wird immer einer einmal Wieder auffriſchen, und leſen. Nicht Jeder wandelt nur gemeine Stege: Du ſiehſt, die Spinnen bauen luft'ge Wege, Ein Kranz iſt gar viel leichter binden, Als ihm ein wuͤrdig Haupt zu finden. Wie die Pflanzen zu wachſen belieben, Darin wird jeder Gaͤrtner ſich uͤben; Wo aber des Menſchen Wachsthum ruht, Dazu jeder ſelbſt das Beſte thut. Willſt du dir aber das Beſte thun, So bleib nicht auf dir ſelber ruhn. Sondern folg' eines Meiſters Sinn; Mit ihm zu irren iſt dir Gewinn. Benutze redlich deine Zeit! Willſt was begreifen, ſuch's nicht weit. Zwiſchen heut und morgen Liegt eine lange Friſt. Lerne ſchnell beſorgen, Da du noch munter biſt. Die Dinte macht uns wohl gelehrt, Doch aͤrgert ſie, wo ſie nicht hingehoͤrt. — — 129— Geſchrieben Wort iſt Perlen gleich, Ein Dintenkleks ein boͤſer Streich. Wenn man fuͤt's Kuͤnftige was erbaut, Schief wird's von vielen angeſchaut. Thuſt du was fuͤr den Augenblick, Vor allem opfre du dem Gluͤck. — Mit einem Herren ſteht es gut, Der, was er befohlen, ſelber thut. Thu' nur das Rechte in deinen Sachen; Das Andre wird ſich von ſelber machen. Wenn Jemand ſich wohl im Kleinen daͤucht, So denke, der hat ein Großes erreicht. Glaube nur, du haſt viel gethan, Wenn dir Geduld gewoͤhneſt an. Wer ſich nicht nach der Decke heen Dem bleiben die Fuͤße unbedeckt. Der Vogel iſt froh in der Luft gemuͤthet, Wenn es da unten im Neſte bruͤtet. Wenn ein kluger Mann der Frau beſiehlt⸗ Dann ſey es um ein Großes geſpielt; Will die Frau dem Mann befehlen, So muß ſie das Große im Kleinen waͤhlen. Welche Frau hat einen guten Mann, Der ſieht man's am Geſicht worl an.; — — 130— Eine Frau macht oft ein bös Geſiebt; Der gute Mann verdient's wohl nicht. Ein braver Mann! ich kenn' ihn ganz genau: Erſt pruͤgelt er, dann kaͤmmt er ſeine Frau. Ein ſchoͤnes Ja, ein ſchoͤnes Nein, Nur geſchwind! ſoll mir willkommen ſeyn. Januar, Februar, Merz Du biſt mein liebes Herz, Mai, Juni, Juli, Auguſt, Mir iſt nichts mehr bewußt. Neu Mond und gekuͤßter Mund Sind gleich wieder hell, und friſch und geſund. Mir gaͤb' es keine groͤsre Pein, Waͤr' ich im Paradies allein. Es ließe ſich alles trefflich ſchlichten, Koͤnnte man die Sachen zweimal verrichten. Nur heute, heute nur laß dich nicht fangen, So biſt du hundertmal entgangen. Gehts in der Welt dir endlich ſchlecht, Thu' was du willſt, nur habe nicht recht. Zuͤcht'ge den Hund, den Wolf magſt du peitſchen; Graue Haare ſollſt du nicht reizen. — — 131— Am Fluſſe kannſt du ſtemmen und haͤkeln; Ueberſchwemmung laͤßt ſich nicht maͤkeln. Tauſend Fliegen hatt' ich am Abend erſchlagen; Doch weckte mich Eine beim fruͤhſten Tagen. Und waͤrſt du auch zum fernſten Ort, Zur kleinſten Huͤtte durchgedrungen, Was hilft es dir, du findeſt dort Taback, und boͤſe Zungen. —q—— Wuͤßte nicht, was ſie Beſſers erfinden koͤnnten, Als weun die Lichter ohne Putzen brennten. Lief das Brod, wie die Haaſen laufen, Es koſtete viel Schweiß, es zu kaufen. Will Vogelfaug dir nicht gerathen; So magſt du deinen Schuhn braten. Das waͤr dir ein ſchoͤnes Gartengelaͤnde, Wo man den Weinſtock mit Wuͤrſten baͤnde. Du mußt dich niemals mit Schwur vermeſſen; Von dieſer Speiſe will ich nicht eſſen. Wer aber recht bequem iſt und faul, Floͤg dem eine gebratene Taube ins Maul, Er wuͤrde hoͤchlich ſichs verbitten,* Waͤr ſie nicht auch geſchickt zerſchnitten. Freigebig iſt der mit ſeinen Schritten, Der kommt, von der Katze Speck zu erbitten. — 132— Haſt deine Caganien zu lange gebraten Sie ſind dir alle zu Kohlen gerathen. Das ſind mir allzuboͤſe Biſſen, An denen die Gaͤſte erwuͤrgen muͤſſen. Das iſt eine von den großen Thaten, Sich in ſeinem eignen Fett zu braten. Geſotten oder gebraten! Er iſt ans Feuer gerathen. Gebraten oder geſotten! Ihr ſollt nicht meiner ſpotten. Was ihr euch heute getroͤſtet, Ihr ſeyd doch morgen geroͤſtet. Wer Ohren hat, ſoll hoͤren; Wer Geld hat, ſolls verzehren. Der Mutter ſchenk' ich, Die DTochter denk' ich. Kleid' eine Saͤule, Sie ſieht wie eine Fraͤule. Schlaf ich, ſo ſchlaf ich mir bequem. Arbeit' ich, ja, ich weiß nicht wem. Ganz und gar Bin ich ein armer Wicht. Meine Traͤume ſind nicht wahr, Und meine Gedanken gerathen nicht. —— — — 133— Mit meinem Willen mags geſchehn!— Die Thraͤne wird mir in dem Auge ſtehn. Wohl ungluͤckſelig iſt der Mann, Der unterlaͤßt das, was er kann, und unterfaͤngt ſich, was er nicht verſteht; Kein Wunder, daß er zu Grunde geht. Du traͤgſt ſehr leicht, wenn du nichts haſt; Aber Reichthum iſt eine leichtere Laſt⸗ Alles in der Welt laͤßt ſich ertragen, Nur nicht eine Reihe von ſchoͤnen Tagen. Was raͤucherſt du nun deinen Todten? Haͤtt'ſt du's ihm ſo im Leben geboten! Ja! Wer eure Verehrung nicht kennte: Euch, nicht ihm bant ihr Monumente. Willſt du dich deines Werthes freuen, So mußt der Welt du Werth verleihen. Will Einer in die Wuͤſte pred'gen, Der mag ſich von ſich ſelbſt erled'gen; Spricht aber Einer zu ſeinen Bruͤdern, Dem werden ſie's oft ſchlecht erwiedern. Laß Neid und Mißgunſt ſich verzebren, Das Gute werden ſie nicht wehren. Denn, Sott ſey Dank! es iſt ein alter Brauch: So weit die Sonne ſcheint, ſo weit erwaͤrmt ſie auch. — 134— Das Interim Hat den Schalk hinter ihm. Wie viel Schaͤlke muß es geben, Da wir alle ad Interim leben. Was fragſt du viel: wo will's hinans, Wo, oder wie kann's enden? Ich daͤchte, Freund, du bliebſt zu Haus, Und ſpraͤchſt mit deinen Waͤnden. Viele Koͤche verſalzen den Brei; Bewahr' uns Gott vor vielen Dienern! Wir aber ſind, geſteht es frei, Ein Lazareth von Medicinern. Ihr meint, ich haͤtt mich gewaltig betrogen; Hab's aber nicht aus den Fingern geſogen. Noch ſpukt der babylon'ſche Thurm, Sie ſind nicht zu vereinen! Ein jeder Mann hat ſeinen Wurm, Copernikus den ſeinen.* Dann bei den alten lieben Todten Braucht man Erklaͤrung, will man Noten: Die Neuen glaubt man blank zu verſtehn; Doch ohne Dolmetſch wird's auch nicht gehn. Sie ſagen: das muthet mich nicht an! Und meinen, ſie haͤttens abgethan. In meinem Revier Sind Gelehrte geweſen, — 135— Außer ihrem eignen Brevier Konnten ſie keines leſen. Viel Rettungsmittel bieteſt du! was heißt's? Die beſte Rettung, Gegenwart des Geiſt's! Laß nur die Sorge ſeyn, Das gibt ſich alles ſchon, Und faͤllt der Himmel ein, Kommn doch eine Lerche davon. Dann iſt einer durchaus verarmt, Wenn die Scham den Schaden umarmt. Du treibſt mir's gar zu toll, Ich fuͤrcht', es breche! Nicht jeden Wochenſchluß Macht Gott die Zeche. Du biſt ſehr eilig, meiner Treu! Du ſuchſt die Thuͤr und laͤufſt vorbei. Sie glanben mit einander zu ſtreiten, Und fuͤhlen das Unrecht von beiden Seiten, Haben's gekauft, es freut ſie baß; Eh man's denkt, ſo betruͤbt ſie das. Willſt du nichts Unnuͤtzes kaufen, Mußt du nicht auf den Jahrmarkt laufen. Langweile iſt ein boͤſes Kraut, Aber auch eine Wuͤrze, die viel verdant. — 186— Wird uns eine rechte Qual zu Theil, Dann wuͤnſchen wir uns Langeweil. Daß ſie die Kinder erziehen koͤnnten, Muͤßten die Muͤtter ſeyn wie Enten: Sie ſchwaͤmmen mit ihrer Brut in Ruh, Da gehoͤrt aber freilich Waſſer dazu. Das junge Volk, es bildet ſich ein, Sein Tanftag ſollte der Schoͤpfungstag ſeyn, Moͤchten ſie doch zugleich bedenken Was wir ihnen als Eingebinde ſchenken. „Nein! heut' iſt mir das Gluͤck erbost!“ Du, ſattle gut und reite getroſt! Ueber ein Ding wird viel geplaudert, Viel berathen und lange gezaudert, Und endlich gibt ein boͤſes Muß Der Sache widrig den Beſchluß. Eine Breſche iſt jeder Tag, Die viele Menſchen erſtuͤrmen. Wer auch in die Luͤcke fallen mag, Die Todten ſich niemals thuͤrmen. Wenn einer ſchiffet und reiſet, Sammelt er nach und nach immer ein, Was ſich am Leben, mit mancher Pein, Wieder ausſchaͤlet und weiſet. Der Menſch erfaͤhrt, er ſey auch wer er mag, Ein letztes Gluͤck und einen letzten Tag. — 137— Das Gluͤck deiner Tage Waͤge nicht auf der Goldwage. Wirſt du die Kraͤmer⸗Wage nehmen, So vwiirſt du dich ſchaͤmen, und dich bequemen. Haſt du einmal das Rechte gethan, Und ſieht ein Feind nur Scheeles daran; So wird er gelegentlich, ſpaͤt oder fruͤh, Daſſelbe thun, er weiß nicht wie. Willſt du das Gute thun, mein Sohn, So lebe nur lange, da gibt ſich's ſchon; Sollteſt du aber zu fruͤh erſterben, Wirſt du von Kuͤnftigen Dank erwerben. Was gibt uns wohl den ſchoͤnſten Frieden, Als frei am eignen Gluͤck zu ſchmieden. Laßt mir die jungen Leute nur Und ergoͤtzt euch an ihren Gaben! Es will doch Großmama Natur Manchmal einen naͤrriſchen Einfall haben. Ungebildet waren wir unangenehm; Jetzt ſind uns die Neuen ſehr unbequem. Wo Anmaßung mir wohlgefaͤllt? An Kindern: denen gehoͤrt die Welt. Ihr zaͤhlt mich immer unter die Frohen, Erſt lebt' ich roh, jetzt unter den Rohen. Den Fehler, den man ſelbſt geuͤbt, Man auch wohl an dem andern liebt. —— 12 Willſt du mit mir hauſen, So laß die Beſtie draußen. Wollen die Menſchen Beſtien ſeyn, So bringt nur Thiere zur Stube herein, Das Widerwaͤrtige wird ſich mindern, Wir ſind eben alle von Adams Kindern. Mit Narren leben iſt dir gar nicht ſchwer, Erhalte nur ein Tollhaus um dich her. Sag mir, was ein Hypochondriſt Fuͤr ein wunderlicher Kunſtfreund iſt. In Bildergallerien geht er ſpazieren Vor lauter Gemaͤlden, die ihn vexiren. Der Hyyochonder iſt bald curirt, Wenn auch das Leben recht cujonirt. Du ſollſt mit dem Tode zufrieden ſeyn, Warum machſt du dir das Leben zur Pein? Kein tolleres Verſehn kann ſeyn, Gibſt einem ein Feſt, und laͤdſt ihn nicht ein. Da ſiehſt du nun, wie's einem geht, Weil ſich der Beſte von ſelbſt verſteht. Wenn ein Edler gegen dich fehlt; So thu als haͤtteſt du's niebt gezaͤhlt; Er wird es in ſein Schuldbuch ſchreiben⸗ Und dir nicht lange im Debet hleiben. Suche nicht vergebne Heilung! Unſrer Krankheit ſchwer Geheimniß Schwankt zwiſchen Uebereilung Und zwiſchen Verſaͤumniß. Ja, ſchelte nur und fluche fort, Es wird ſich Beſſres nie ergeben. Denn Troſt iſt ein abſurdes Wort: Wer nicht verzweifeln kann, der muß nicht leben. Ich ſoll nicht auf den Meiſter ſchwoͤren, Und immerfort den Meiſter hoͤren! Nein, ich weiß, er kann nicht luͤgen, Will mich gern mit ihm betruͤgen. Mich freuen die vielen Guten und Tuͤcht'gen, Obgleich ſo viele dazwiſchen belfen. Die Deutſchen wiſſen zu bericht'gen, Aber ſie verſtehen nicht nachzuhelfen. „Du kommſt nicht in's Ideen⸗Land!”“ So bin ich doch am Ufer bekannt. Wer die Inſeln nicht zu erobern glaubt, Dem iſt Ankerwerfen doch wohl erlaubt. Meine DOichterglut war ſehr gering, So lang ich dem Guten entgegen ging; Dagegen brannte ſie lichterloh, Wenn ich vor drohendem Uebel floh. Zart Gedicht, wie Regenbogen, Wird nur auf dunklen Grund gezogen; Darum behagt dem Dichtergenie Das Element der Melancolie. — 140— Kaum hatt' ich mich in die Welt geſpielt Und fing an aufzutauchen, Als man mich ſchon ſo vornehm hielt, Mich zu mißbrauchen. Wer dem Publikum dient, iſt ein armes Thier; Er quaͤlt ſich ab, niemand bedankt ſich dafuͤr. Gleich zu ſeyn unter Gleichen, Das laͤßt ſich ſchwer erreichen: Du muͤßteſt ohne Verdrießen Wie der Schlechteſte zu ſeyn dich entſchließen. Man kann nicht immer zuſammenſtehn, Am wenigſten mit großen Haufen. Seine Freunde die laͤßt man gehn, Die Menge laͤßt man laufen. Du magſt an dir das Falſche naͤhren, Allein wir laſſen uns nicht ſtoͤren; Du kannſt uns loben, kannſt uns ſchelten, Wir laſſen es nicht fuͤr das Nechte gelten. Wer will ſich fuͤr'nen Narren halten laſſen! Daruͤber muß man ſich aber zerreißen, Daß man Narren nicht darf Narren heißen. Kriſtkindlein traͤgt die Suͤnden der Welt, Sankt Chriſtoph das Kind uͤber Waſſer haͤlt, Sie haben es beid' uns angethan, Es geht mit uns von vornen an. Man ſoll ſich nicht mit Erdttern befaſſen; 1 — 141— Epheu und ein zaͤrtlich Gemuͤth Heftet ſich an und gruͤnt und bluͤht. Kann es weder Stamm noch Mauer finden, Es muß verdorren, es muß verſchwinden. Zierlich Denken und ſuͤß Erinnern Iſt das Leben im tiefſten Innern. Ich traͤumt' und liebte ſonnenklar; Daß ich lebte, ward ich gewahr. „Wer recht will thun, immer und mit Luſt, Der hege wahre Lieb' in Sinn und Bruſt. Wann magſt du dich am liebſten buͤcken? Dem Liebchen Fruͤhlingsblume zu pfluͤcken. Doch das iſt gar kein groß Verdienſt, Denn Liebe iſt der hoͤchſte Gewinnſt. — Die Zeit ſie maͤht ſo Roſen als Dornen, Aber das treibt immer wieder von vornen. Genieße, was der Schmerz dir hinterließ! Iſt Noth voruͤber, ſind die Noͤthe ſuͤß. Gluͤckſelig iſt, wer Liebe rein genießt, Weil doch zuletzt das Grab ſo Lieb' als Haß verſchließt. Viele Lieb' hab' ich erlebet, Wenn ich liebelos geſtrebet; Und verdrießliches erworben,. Wenn ich faſt fuͤr Lieb' geſtorben. So du es zuſammengezogen, Bleibet Saldo dir gewogen. Thut dir jemand was zu Lieb, Nur geſchwinde, gib nur, gib. Wenige getroſt erwarten Dankesblume, aus ſtillen Garten. Dopyelt gibt wer gleich gibt, Hundertfach der gleich gibt Was man wuͤnſcht und liebt. „Warum zauderſt du ſo mit deinen Schritten?“ Nur ungern mag ich ruhn, Will ich aber was Gutes thun, Muß ich erſt um Erlaubniß bitten. Was willſt du lange vigiliren, Dich mit der Welt herum vexiren, Nur Heiterkeit und grader Sinn Verſchafft dir endlichen Gewinn. Wem wohl das Gluͤck die ſchoͤnſte Palme beut? Wer freudig thut, ſich des Gethanen freut. Gleich iſt alles verſoͤhnt, Wer redlich ſicht, wird gekroͤnt. Du wirkeſt nicht, alles bleibet ſo ſiumpf, Sey guter Dinge; Der Stein im Sumpf Macht keine Ringe. — 143— In des Weinſtocks herrliche Gaben Gießt ihr mir ſchlechtes Gewaͤſſer! Ich ſoll immer Unrecht haben, Und weiß es beſſer. Was ich mir gefallen laſſe? Zuſchlagen muß die Maſſe, Dann iſt ſie reſpectabel, Urtheilen gelingt ihr miſerabel. Es iſt ſehr ſchwer oft zu ergruͤnden, Warum wir das angefangen; Wir muͤſſen oft Belohnung finden, Daß es uns ſchlecht ergangen. Seh ich an andern große Eigenſchaften, Und wollen ſie an mir auch haften, So werd ich ſie in Liebe pflegen, Gehts nicht, ſo thu ich was andres dagegen. Ich, Egoiſt!— Wenn ich's nicht beſſer wuͤßte! Der Neid, das iſt der Egoiſte; Und was ich auch fuͤr Wege geloffen, Auf'm Neidpfad habt ihr mich nie betroffen. Nicht uͤber Zeit⸗ und Landgenoſſen Mußt du dich beklagen; Nachbarn werden ganz andere Poſſen, Und auch Kuͤnftige uͤber dich ſagen. Im Vaterlande Schreibe was dir gefaͤllt: — 141— Da ſind Liebesbande, Da iſt deine Welt. Draußen zu wenig oder zu viel, Zu Hauſe nur iſt Maas und Ziel. Warum werden die Dichter beneidet? Weil Unart ſie zuweilen kleidet, Und in der Welt iſt's große Pein, Daß wir nicht duͤrfen unartig ſeyn. So kommt denn auch das Dichtergenie Durch die Welt, und weiß nicht wie, Guten Vortheil bringt ein heitrer Sinn; Andern zerſtoͤrt Verluſt den Gewinn. „Immer denk ich: mein Wunſch iſt erreicht Und gleich gehts wieder anders her!“ Zerſtuͤckle das Leben, du machſt dirs leicht; Vereinige es und du machſt dir's ſchwer. „Biſt du denn nicht auch zu Grunde gerichtet? Von deinen Hoffnungen trifft nichts ein!“ Die Hoffnung iſt's, die ſinnet und dichtet, Und da kann ich noch immer luſtig ſeyn. Nicht alles iſt an eins gebunden, Seyd uur nicht mit euch ſelbſt im Streit! Mit Liebe endigt man, was man erfunden; Was man gelernt, mit Sicherheit. Wer uns am ſtrengſten kritiſirt?— 8 Ein Dilettant, der ſich reſignirt. — 145— Durch Vernuͤnfteln wird Poeſie vertrieben, Aber ſie mag das Vernuͤnſtige lieben. „Wo iſt der Lehrer, dem man glaubt?“ Thu', was dir dein kleines Gemuͤth erlaubt. Glaubſt dich zu kennen, wirſt Gott nicht erkennen, Auch wohl das Schlechte goͤttlich nennen. Wer Gott ahnet, iſt hoch zu halten, Denn er wird nie im Schlechten waltenen! Machts einander nur nicht ſauer, Hier ſind wir gleich, Baron und Bauer. Warum uns Gott ſo wohlgefällt? Weil er ſich uns nie in den Weg ſtellt. Wie wollten die Fiſcher ſich naͤhren und retten, Wenn die Froͤſche ſaͤmmtlich Zaͤhne haͤtten? Wie Kirſchen und Beeren behagen, Mußt du Kinder und Sperlinge fragen. „Warum hat dich das ſchoͤne Kind verlaſſen?“ Ich kann ſie darum doch nicht haſſen: Sie ſchien zu fuͤrchten und zu fuͤhlen, Ich werde das Prevenire ſpielen. Glaube mir gar und ganz, Maͤdchen, laß deine Bein' in Ruh, Es gehoͤrt mehr zum Tanz, Als rothe Schuh. Gvethe's Gebd. II. 15 — 146— Was ich nicht weiß Macht mich nicht heiß. Und was ich weiß Machte mich heiß, Wenn ich nicht wuͤßte, Wie's werden muͤßte. Oft, wenn dir jeder Troſt entflieht, Mußt du im Stillen dich bequemen. Nur dann, wenn dir Gewalt geſchieht, Wird die Mener an dir Antheil nehmen; Ums Unrecht, das dir widerfaͤhrt, Kein Menſch den Blick zur Seite kehrt. Was aͤrgerſt du dich uͤber faͤlſchlich Erhobne! Wo gaͤb' es denn nicht Eingeſchobne? Worauf alles ankommt? das iſt ſehr ſimvel! Vater verfuͤge eh's dein Geſinde ſpuͤrt! Dahin oder dorthin flattert ein Wimpel, Steuermann weiß, wohin euch der Wind fuͤhrt. Eigenheiten die werden ſchon haften; Cultivire deine Eigenſchaften. Viel Gewohnheiten darfſt du haben, Aber keine Gewohnheit! Dies Wort unter des Dichters Gaben, Halte nicht fuͤr Thorheit. Das Rechte, das ich viel gethan, Das ſicht mich nun nicht weiter an, ——— — 147— Aber das Falſche, das mir entſchluͤpft, Wie ein Geſpenſt mir vor Augen huüpft, Gebt mir zu thun, Das ſind reiche Gaben! Das Herz kann nicht ruhn, Will zu ſchaffen haben. Ihrer viele wiſſen viel, Von der Weisheit ſind ſie weit entfernt. Andre Leute ſind euch ein Spiel; Sich ſelbſt hat Niemand ausgelernt. Man hat ein Schimpf ⸗Lied auf dich gemacht; Es hat's ein boͤſer Feind erdacht. Laß ſie's nur immer ſingen, Denn es wird bald verklingen. Danert nicht ſo lang in den Landen Als das: Chriſt iſt erſtanden. Das dauert ſchon 1800 Jahr, Und ein Paar druͤber, das iſt wohl wahr! Wer iſt denn der ſouveraine Mann? Das iſt bald geſagt: Der, den man nicht hindern kann, Ob er nach Gutem oder Boͤſem jagt⸗ Entzwei' und gebiete! Tuͤchtig Wort: Verein' und leite! Beſſrer Hort. Magſt du einmal mich hintergehen, Merk' ich's, ſo laſſ ich's wohl geſchehen; 15* — 148— Geſtehſt du mir's aber in's Geſicht, In meinem Leben verzeih' ich's nicht. Nicht groͤßern Vorthe wuͤzt' ich zu nennen, Als des Feindes Verdienſt erkennen. „Hat man das Gute dir erwiedert?“ Mein Pfeil flog ab, ſehr ſchoͤn beſiedert, Der ganze Himmel ſtand ihm offen, Er hat wohl irgendwo getroffen. „Was ſchnitt dein Freund fuͤr ein Geſicht?“ Guter Geſelle, das verſteh' ich nicht. Ihm iſt wohl ſein ſuͤß Geſicht entleidet, Daß er heut ſaure Geſichter ſchneidet. Ihr ſucht die Menſchen zu benennen, Und glaubt am Namen ſie zu kennen. Wer tiefer ſieht, geſteht ſich frei⸗ Es iſt was Anonymes dabei. Mancherlei haſt du verſaͤumet: Statt zu handeln, haſt getraͤumet, Statt zu denken, haſt geſchwiegen, Sollteſt wandern, bliebeſt liegen. Nein, ich habe nichts verſaͤumet!. Wißt ihr denn, was ich getraͤumet? Nun will ich zum Danke fliegen, Nur mein Buͤndel bleibe liegen. Heute geh' ich. Komm ich wieder, Singen wir ganz andre Lieder. — 4149— Wo ſo viel ſich hoffen laͤßt, Iſt der Abſchied ja ein Feſt. Was ſoll ich viel lieben, was ſoll ich viel haſſen! Man lebt nur vom leben laſſen. Nichts leichter als dem Duͤrftigen ſchmeicheln; Wer mag aber ohne Vortheil heucheln. „Wie konnte der denn das erlangen?“ Er iſt auf Fingerchen gegangen. Sprichwort bezeichnet Nationen; Mußt aber erſt unter ihnen wohnen. Erkenne dich!— Was ſoll das heißen? Es heißt: ſey nur! und ſey auch nicht! Es iſt eben ein Spruch der laden Wei iſen, Der ſich in der Kuͤrze widerſpricht. 1 Erkenne dich!— Was hab' ich da fuͤr Laßn⸗ Erkenn' ich mich, ſo muß ich gleich davon. Als wenn ich auf den Maskenball kaͤme Und gleich die Larve vom Geſicht naͤhme. Andre zu kennen, da mußt du probiren, Ihnen zu ſchmeicheln oder ſie zu vexiren. „Warum magſt du gewiſſe Schriften nicht leſen?“ Das iſt auch ſonſt meine Speiſe geweſen; Eilt aber die Raupe ſich einzuſpinnen, Nicht kann ſie mehr Blaͤttern Geſchmack abgewinnen. — 150— Was dem Enkel ſo wie dem Ahn frommt, Daruͤber hat man viel getraͤumet; Aber worauf eben alles ankommt, Das wird vom Lehrer gewoͤhnlich verſaͤumet. Verweile nicht und ſey dir ſelbſt ein Traum, Und wie du reiſeſt, danke jedem Raum, Bequeme dich dem Heißen wie dem Kalten; Dir wird die Welt, du wirſt ihr nie veralten. Ohne Umſchweife Begreife, Was dich mit der Welt entzweit; Nicht will ſie Gemuth, will Hoͤflichkeit. Gemuͤth muß verſchleifen, Hoͤflichkeit laͤßt ſich mit Haͤnden greifen. Was eben wahr iſt aller Orten, Das ſag' ich mit ungeſcheuten Worten. —— Micchts taugt Ungeduld, Noch weniger Reue; Jene vermehrt die Schuld, Dieſe ſchafft neue. Daß an dieſem wilden Sehnen, Dieſer reichen Saat von Thraͤnen Goͤtterluſt zu hoffen ſey, Mache deine Seele frei! —— Der entſchließt ſich doch gleich, Den heiß' ich brav und kuͤhn! — — 41⁵1— Er ſpringt in den Deich, Dem Regen zu entfliehn. Daß Gluͤck ihm guͤnſtig ſey, Was hilfts dem Stoͤffel? Denn regnets Brei, Fehlt ihm der Loͤffel. Dichter gleichen Baͤren, Die immer an ihren eignen Pfoten zehren. Die Welt iſt nicht aus Brei und Mus geſchaffen, Deswegen haltet euch nicht wie Schlaraffen; Harte Biſſen gibt es zu kauen: Wir muͤſſen erwuͤrgen oder ſie verdauen. Ein kluges Volk wohnt nah dabei, Das immerfort ſein Beſtes wollte; Es gab dem niedrigen Kircethurm Brei, Damit er großer werden folite. Sechs und zwanzig Groſchen gilt mein Thaler! Was heißt ihr mich denn einen Prahler? Habt ihr doch andre nicht geſcholten, Deren Groſchen einen Thaler gegolten. Niedertraͤchtigers wird nichts erreicht, Als wenn der Tag den Tag erzeugt. Was hat dir das arme Glas gethan? Sieh deinen Spiegel nicht ſo haͤßlich an. Liebesbuͤcher und Jahrgedichte Machen bleich und hager; — 152— Froͤſche plagten, ſagt die Geſchichte, Pharaonem auf ſeinem Lager. So ſchließen wir, daß in die Laͤng' Euch nicht die Ohren gellen, Vernunft iſt hoch, Verſtand iſt ſtreng, Wir raſſeln drein mit Schellen. ——— Dieſe Worte ſind nicht alle in Sachſen, Noch auf meinem eignen Miſt gewachſen. Doch was fuͤr Saamen die Fremde bringt, Erzog ich im Lande gut geduͤngt. Und ſelbſt den Leuten du bon ton Iſt dieſes Buͤchlein luſtig erſchienen: Es iſt kein Clobe de Compression, Sind lauter Flatterminen. Epigrammatiſſch. ——C—— — Sprache. Was reich und arm! Was ſtark und ſchwach! Iſt reich vergrabner Urne Banch? Iſt ſtark das Schwert im Arſenal? Greif milde drein, und freundlich Gluͤck Fließt, Gottheit, von dir aus! Faſſ' an zum Siege, Macht, das Schwert Und uͤber Nachbarn Ruhm! —.— Vertrauen. A. Was kraͤhſt du mir und thuſt ſo groß: „Hab' ich doch ein köͤſtlich Liebchen!”“— So weiſ' mir ſie doch! Wer iſt ſie denn? Die kennt wohl manches Buͤbchen? B.„Kennſt du ſie denn, du Lumpenhund?“ A. Das will ich g'rad' nicht ſagen; Doch hat ſie wohl auch zu guter Stund Dem und Jenem nichts abgeſchlagen. B.„Wer iſt der Der und der Jener denn? Das ſollſt du mir bekennen! Ich ſchlage dir gleich den Schaͤdel ein, Wenn du ſie mir nicht kannſt nennen!“ — 156— A. Und ſchluͤgſt du mir auch den Schaͤdel ein, Da koͤnut' ich ja nimmer reden; Und weun du denkſt:„mein Schaͤtzel iſt gut!“ Iſt weiter ja nichts vonnoͤthen. Schneider⸗Courage. „Es iſt ein Schuß gefallen! Mein! ſagt, wer ſchoß dadrauß'?“ Es iſt der junge Jaͤger, Der ſchießt im Hinterhaus. Die Spatzen in dem Garten, Die machen viel Verdruß. Zwei Spatzen und ein Schneider Die fielen von dem Schuß; Die Spatzen von den Schroten, Der Schneider von dem Schreck; Die Spatzen in die Schoten, Der Schneider in den— —— Catechiſation. Lehrer. Bedenk', o Kind! woher ſind dieſe Gaben? Du kannſt nichts von dir ſelber haben. 1— 4 Kind. Ey! Alles hab' ich vom Papa. Lehrer. Und der, woher hat's der? — — 157— Kind. Vom Großpaypa. Lehre r. Nicht doch! Woher hat's denn der Großpapa bekom⸗ men? Kind. Der hat's genommen. —— Totalit at, Ein Cavalier von Kopf und Herz Iſt uͤberall willkommen; Er hat mit feinem Witz und Scherz Manch Weibchen eingenommen; Doch wenn's ihm fehlt an Fauſt und Kraft, Wer mag ihn dann beſchuͤtzen? Und wenn er keinen Hintern hat, Wie mag der Edle ſitzen? —— Phyſiognomiſche Reiſen. Die Phyſiognomiſten. Sollt' es wahr ſeyn, was uns der rohe Wandrer ver⸗ kuͤndet, Daß die Menſchengeſtalt von allen ſichtlichen Dingen Ganz allein uns luͤge, daß wir, was edel und albern, Was beſchraͤnkt und groß, im Angeſichte zu ſuchen, Eitele Thoren ſind, betrogne, betruͤgende Thoren? Ach! wir ſind auf den dunkelen Pfad des verworrenen Lebens Wieder zuruͤckgeſcheucht, der Schimmer zu Naͤchten verfinſtert. 3 — 158— Der Dichter. Hebet eure zweifelnden Stirnen empor, ihr Geliebten! Und verdient nicht den Irrthum, hoͤrt nicht bald die⸗ ſen, bald jenen. Habet ihr eurer Meiſter vergeſſen? Auf! kehret zum Pindus, Fraget dorten die Neune, der Grazien naͤchſte Ver⸗ wandte! Ihnen allein iſt gegeben, der edlen ſtillen Betrachtung Vorzuſtehn. Ergebet euch gern der heiligen Lehre, Merket beſcheiden leiſe Worte. Ich darf euch verſyre⸗ chen: Anders ſagen die Muſen und anders ſagt es Muſaͤus. —— Das garſtige Geſicht. Wenn einen wuͤrdigen Biedermann, Paſtorn oder Rathsherrn lobeſan, Die Wittib laͤßt in Kupfer ſtechen Und drunter ein Verslein radebrechen; Da heißt's: Seht hier mit Kopf und Ohren Den Herrn, Ehrwuͤrdig, Wohlgeboren! Seht ſeine Augen und ſeine Stirn: Aber ſein verſtaͤndig Gehirn, 4 So manch Verdienſt ums gemeine Weſen, Koͤnnt ihr ihm nicht an der Naſe leſen. So, liebe Lotte! heißt's auch hier: Ich ſchicke da mein Bildniß dir. Magſt wohl die ernſte Stirne ſehen, Der Augen Glut, der Locken Wehen; — — 159— *s iſt ungefaͤhr das garſt'ge Geſicht: Aber meine Liebe ſiehſt du nicht. ——ᷓ Diné zu Coblenz im Sommer 1774. Zwiſchen Lavater und Baſedow Saß ich bei Tiſch des Lebens froh. Herr Helfer, der war gar nicht fanl, Setzt ſich auf einen ſchwarzen Gaul, Nahm einen Pfarrer hinter ſich Und auf die Offenbarung ſtrich, Die uns Johannes der Prophet Mit Naͤthſeln wohl verſiegeln thaͤt; Eroͤffnet die Siegel kurz und gut, Wie man Theriaksbuͤchſen oͤffnen thut, Und maß mit einem heiligen Rohr Die Cubusſtadt und das Perlenthor Dem hocherſtaunten Juͤnger vor. Ich war indeß nicht weit gereiſ't, Hatte ein Stuͤck Salmen aufgeſpeiſit. Vater Baſedow, unter dieſer Zeit, Packt einen Tanzmeiſter an ſeiner Seit, Und zeigt ihm, was die Taufe klar Bei Chriſt und ſeinen Juͤngern war; uUnd daß ſich's gar nicht ziemet jetzt, Daß man den Kindern die Koͤpfe netzt. Drob aͤrgert ſich der andere ſehr, Und wollte gar nichts hoͤren mehr Und ſagt: es wuͤßte ein jedes Kind, — 160— Daß es in der Bibel anders ſtuͤnd'. Und ich behaglich unterdeſſen Haͤtt' einen Hahnen aufgefreſſen. Und, wie nach Emans, weiter ging's Mit Geiſt⸗ und Feuerſchritten, Prophete rechts, Prophete links, Das Weltkind in der Mitten. —— Jahrmarkt z u Hunfeld, den 26. Juli 1814. Ich ging, mit ſtolzem Geiſts⸗Vertrauen, Auf dem Jahrmarkt mich umzuſchauen, Die Kaͤufer zu ſehn an der Haͤndler Geruͤſte, Zu pruͤfen ob ich noch etwas wuͤßte, Wie mirs Lavater, vor alter Zeit, Traulich uͤberliefert, das ging ſehr weit! Da ſah ich denn zuerſt Soldaten, Denen waͤr's eben zum Beſten gerathen: Die That und Qual ſie war geſchehn, Wohten ſich nicht gleich einer neuen verſehn; Der Rock war ſchon der Dirne genug, Daß ſie ihm derb in die Haͤnde ſchlug. Bauer und Buͤrger die ſchienen ſtumm, Die guten Knaben beinahe dumm. Beutel und Scheune war gefegt, Und hatten keine Ehre eingelegt. Erwarten alle, was da kaͤme, Wahrſcheinlich auch nicht ſehr bequeme. — 161— Frauen und Maͤgdlein, in guter Ruh, Probirten an die hoͤlzernen Schuh; Man ſah an Mienen und Gebaͤrden: Sie iſt guter Hoffnung, oder will es werden. WA * Versus memoriales. Invocavit wir rufen laut, Reminiscere o waͤr' ich Braut! Die Oculi gehn hin und her; Laetare druͤber nicht ſo ſehr. O Judica uns nicht ſo ſtreng! Palmarum ſtreuen wir die Meng⸗ Auf Oſter⸗Eyer freun ſich hie Viel OQuasi modo geniti. Misericordias brauchen wir all“, Jubilate iſt ein ſeltner Fall. Cantate freut der Menſchen Sinn, Rogate bringt nicht viel Gewinn, Exaudi uns zu dieſer Friſt, Spiritus, der du der letzte biſt. WMnhuun Neue Heilige. Alle ſchoͤne Suͤnderinnen, Die zu Heilgen ſich geweint, Sind, um Herzen zu gewinnen, All' in Eine unn vereint. Seht die Mutterlieb', die Thraͤnen, Ihre Reu und ihre Pein! Goethe's Ged. II. 14 — 162— Statt Marien Magdalenen Soll nun Sanct Oliva ſeyn. —— War n un g. So wie Titania im Feen⸗ und Zanberland Klaus Zetteln in dem Arme fand, So wirſt du bald zur Strafe deiner Suͤnden Titanien in deinen Armen finden. —-ꝛ— Frech und froh. Liebesqual verſchmaͤht mein Herz, Sanften Jammer, ſuͤßen Schmerz; Nur vom Tuͤcht'gen will ich wiſſen, Heißem Aenglen, derben Kuͤſſen. Sey ein armer Hund erfriſcht Von der Luſt, mit Pein gemiſcht! Maͤdchen gib der friſchen Bruſt Nichts von Pein, und alle Lnſt. —— Soldatentro ſt. Nein! hier hat es keine Noth: Schwarze Maͤdchen, weißes Brod! Morgen in ein ander Staͤdtchen! Schwarzes Brod und weiße Maͤdchen. — Pr o b l enn. Warum iſt alles ſo raͤthſelhaft? Hier iſt das Wollen, hier iſt die Kraft; — 163— Das Wollen will, die Kraft iſt bereit Und danehen die ſchoͤne lange Zeit. So ſeht doch hin, wo die gute Welt Zuſammenhaͤlt! Seht hin, wo ſie auseinander faͤllt! —— Genialiſch Treiben. So waͤlz' ich ohne Unterlaß⸗ Wie Sankt Diogenes, mein Faß. Bald iſt es Ernſt, bald iſt es Syaß; Bald iſt es Lieb', bald iſt es Haß; Bald iſt es Dieß, bald iſt es Das; Es iſt ein Nichts, und iſt ein Was. So waͤlz' ich ohne Unterlaß, Wie Sankt Diogenes, mein Faß. .— Hy pochonder. Der Deufel hol' das Menſchengeſchlecht! Man moͤchte raſend werden! Da nehm' ich mir ſo eifrig vor: Will Niemand weiter ſehen, Will all' das Volk Gott und ſich ſelbſt Und dem DTeufel uͤberlaſſen! 5 Und kaum ſeh' ich ein Menſchengeſicht, So hab' ich's wieder lieb. Geſellſchaft. Aus einer großen Geſellſchaft heraus Ging einſt ein ſtiller Gelehrter zu Haus. 414 5 — 164— Man fragte: Wie ſeyd ihr zufrieden geweſen? „Waͤrens Buͤcher, ſagt er, ich wuͤrd' ſie nicht leſen.“ Wuhun Probatum egt. 1 A. Man ſagt: Sie ſind ein Miſanthrop! B Die Menſchen haſſ' ich nicht, Gott Lob! Doch Menſchenhaß er blies mich an, Da hab' ich gleich dazu gethan. A Wie hat ſich's denn ſo bald gegeben? B. Als Einſiedler beſchloß ich zu leben. Urſpruͤngliches. 3 A. Was widert dir der Trank ſo ſchal? 1 B Ich trinke gern aus dem friſchen Quall. A. 1 Daraus kam aber das Baͤchlein her! B Der Unterſchied iſt bedeutend ſehr: 's wird immer mehr fremden Schmack gewinnen; Es mag nur immer weiter rinnen. Wunn Den Originalen. Ein Quidam ſagt:„Ich bin von keiner Schule; Kein Meiſter lebt, mit dem ich buhle; — 165— Auch bin ich weit davon entfernt, Daß ich von Todten was gelernt.“ Das heißt, wenn ich ihn recht verſtand: „Ich bin ein Narr auf eigne Hand.“ Nauuu Den Zudringlichen. Was nicht zuſammengeht, das ſoll ſich meiden: Ich hindr' euch nicht, wo's ench beliebt, zu weiden; Denn ihr ſeyd neu und ich bin alt geboren. Macht was ihr wollt; nur laßt mich ungeſchoren! MWMMM Sen Gut en. Laßt euch einen Gott begeiſten, „Euch beſchraͤnket nur mein Sagen. Was ihr koͤnnt, ihr werdets leiſten; Aber muͤßt mich nur nicht fragen. MWWM Den Beſten. Die Abgeſchiednen betracht' ich gern, Stuͤnd ihr Verdienſt auch noch ſo fern; Doch mit den Edlen lebendigen Neuen Mag ich, wetteifernd, mich lieber freuen. VMWömgrun Lahmun g. Was Gutes zu denken, waͤre gut, Faͤnd ſich nur immer das gleiche Blut; — 166— Dein Gutgedachtes, in fremden Adern, Wird ſogleich mit dir ſelber hadern. Ich Ich waͤr' noch gern ein thaͤtig Mann, Will aber ruhn: Denn ich ſoll ja noch immer thun, Was immer ungern ich gethan. —— Truͤge gern noch laͤnger des Lehrers Buͤrden, Wenn Schuͤler nur nicht gleich Lehrer wuͤrden. —— Spruch, Widerſpruch. Ihr muͤßt mich nicht durch Widerſpruch verwirren! Sobald man ſpricht, beginnt man ſchon zu irren. —— d enm u t h. Seh' ich die Werke der Meiſter an, So ſeh ich das, was ſie gethan; Betracht' ich meine Siebenſachen, Seh' ich, was ich haͤtt' ſollen machen. —— Keins von allen. Wenn du dich ſelber machſt zum Kuecht, Bedauert dich Niemand, gehl's dir ſchlecht; Machſt du dich aber ſelbſt zum Herrn, Die Leute ſehn es auch nicht gern; Und bleibſt du redlich wie du biſt, So ſagen ſie, daß nichts an dir iſt. —— X — 167— Lebensart. Ueber Wetter⸗ und Herren⸗Launen Runzle niemals die Augenbraunen; und bei den Grillen der huͤbſchen Frauen Mußt du immer vergnuͤglich ſchauen. —— Vergebliche Müh. Willſt du der getreue Eckart ſeyn Und Jedermann vor Schaden warnen, 's iſt auch eine Rolle, ſie traͤgt nichts ein; Sie laufen dennoch nach den Garnen. —— Bedingung. Ihr laßt nicht nach, ihr bleibt dabei, Begehret Rath, ich kann ihn geben; Allein, damit ich ruhig ſey, Verſprecht mir, ihm nicht nachzuleben. —— Das Beſt e. Wenn dir's in Kopf und Herzen ſchwirrt, Was willſt du Beſſres haben! Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, Der laſſe ſich begraben. 4—— Meine Wahl. Ich liebe mir den heitern Mann Am meiſten unter meinen Gaͤſten: — 168— Wer ſich nicht ſelbſt zum Beſten haben kann, Der iſt gewiß nicht von den Beſten. Wuuann Mement o. Kannſt du dem Schickſal widerſtehen, Aber manchmal gibt es Schlaͤge; Will's nicht aus dem Wege gehen, Ei! ſo geh' du aus dem Wege! Wuhuhu Ein anders. Mußt nicht widerſtehn dem Schickſal, Aber mußt es auch nicht fliehen! Wirſt du ihm entgegen gehen, Wird's dich freundlich nach ſich ziehen. Wlnuaunn Breit wielang. Wer beſcheiden iſt, muß dulden, Und wer frech iſt, der muß leiden; Alſo wirſt du gleich verſchulden, Ob du frech ſeyſt, ob beſcheiden. NMW Lebensregel. Willſt du dir ein huͤbſch Leben zimmern, Mußt dich ums Vergangne nicht bekuͤmmern Das Wenigſte muß dich verdrießen; Mußt ſtets die Gegenwart genießen, 7 — 4169— Beſonders keinen Menſchen haſſen Und die Zukunft Gott uͤberlaſſen. Wuuun Friſches Ey, gutes Ey. Enthuſiasmus vergleich' ich gern Der Auſter, meine lieben Herrn, Die, wenn ihr ſie nicht friſch genoßt, Wahrhaftig iſt eine ſchlechte Koſt. . Begeiſtrung iſt keine Heringswaare, 5. Die man einpoͤkelt auf einige Jahre. WNNwumu Selbſtgefühl. 12 Jeder iſt doch auch ein Menſch!!— 2 Wenn er ſich gewahret, 1 Sieht er, daß Natur an ihm Wahrlich nicht geſparet. Daß er manche Luſt und Pein Traͤgt als Er und eigen. Sollt' er nicht auch hinterdrein Wohlgemuth ſich zeigen? WAWuun Die Jahree. Die Jahre ſind allerliebſte Leut: Sie brachten geſtern, ſie bringen heut. Und ſo verbringen wir Juͤngern eben Das allerliebſte Schlaraffen⸗Leben. 4 Und dann fällt's den Jahren auf einmal ein, 15 — 170— Nicht mehr wie ſonſt bequem zu ſeyn; Wollen nicht mehr ſchenken, Sie nehmen heute, ſie nehmen morgen. Wnhuu Das Alker. Das Alter iſt ein hoͤflich Mann: Einmal uͤber's andere klopft er an, Aber nun ſagt Niemand: Herein! Und vor der Thuͤre will er nicht ſeyn. Da klinkt er auf, tritt ein ſo ſchnell, Und nun heißt's, er ſey ein grober Geſell. Whnn Grabſchrift. Als Knabe verſchloſſen und trutzig, Als Juͤngling anmaßlich und ſtutzig, Als Mann zu Thaten willig, Als Greis leichtſinnig und grillig!— Auf deinem Grabſtein wird mau leſen: Das iſt fuͤrwahr ein Meuſch geweſen! Waahu B ei ſ p i e k, Wenn ich'mal ungeduldig werde, Denk' ich an die Geduld der Erde, Die, wie man ſagt, ſich taͤglich dreht Und jaͤhrlich ſo wie jaͤhrlich geht. Bin ich denn fuͤr was andres da?— Ich folge der lieben Frau Mama. Wahan wollen nicht mehr borgen, 3 2— — 171— Umgekehrt. Sind die im Ungluͤck, die wir lieben, Das wird uns wahrlich baß betruͤben; Sind aber gluͤcklich, die wir haſſen, Das will ſich gar nicht begreifen laſſen; Umgekehrt iſt's ein Jubilo, Da ſind wir Lieb⸗ und Schadenfroh. Wul Fürſtenregel. Sollen die Menſchen nicht denken und dichten, Muͤßt ihr ihnen ein luſtig Leben errichten; Wollt ihr ihnen aber wahrhaft nuͤtzen, So muͤßt ihr ſie ſcheeren und ſie beſchuͤtzen. Wnn Lug oder Trug. Darf man das Volk beluͤgen? Ich ſage nein! Doch willſt du ſie beluͤgen, So mach' es nur nicht fein. WVwWMuau E g a l i t... Das Groͤßte will man nicht erreichen, Man beneidet nur Seines⸗ Gleichen. Der ſchlimmſte Neidhart iſt in der Welt, Der Jeden fuͤr Seines⸗Gleichen haͤlt. WMwun Wie du mir, ſo ich dir. Mann mit zugeknoͤpften Taſchen, Dir thut Niemand was zu lieb': Hand wird nur von Hand gewaſchen; Wenn du nehmen willſt, ſo gib! WV Zeit und Zeitung. A. Sag mir, warum dich keine Zeitung freut? Ich liebe ſie nicht, ſie dienen der Zeit. Wnhunu Zeichen der Zeit. Hoͤr' auf die Worte harum horum: Ex tenui Spes Seculorum. Wiliſt du die harum horum kennen, Jetzt werden ſie dir ſich ſelber nennen. VWAumu Kommt Zeit, kommt Rath. Wer will denn alles gleich ergruͤnden! Sobald der Schnee ſchmilzt, wird ſich's finden. Hier hilft nun weiter kein Bemuͤhn! Sind Roſen, und ſie werden bluͤhn. In h alt des zweiten Theils. Lieder. Gegenwart... 3.... Chriſtel..—..... Rettung....... Gefunden........ Gleich und Gleich—... 4— Liebhaber in allen Geſtalten... 8 Der Goldſchmiedsgeſell..... Gluͤck und Traum...... Lebendiges Andenken...... Gluͤck der Entfernung..... An Luna....... Brautnacht.. 3.. Schadenfreude....... Unſchuld...... Scheintod..... 2.. Novemberlied..... Blumengruß.... 8.. Im Sommer... Mailied........ Wanderers Nachtlied...... Eigenthum.... 3. Gewohnt, gethan...... Kriegsgluͤck—.... 3 Offne Tafel..... 4 Rechenſchaft.... Ergo bihamus! 3... 3 Epiphanias. 4.. Die Luſtigen von Weimar... Sicilianiſches Lied..... Schweizerlied 3..... inniſches Eied....... Zigennerlied....... 1 Balladen. Wirkung in die Ferne.... Vor Gericht.... Die wandelnde Glocke.... — 474— Der getreue Eckart... Der Todtentangz.... 8 Sonette. Maͤchtiges Ueberraſchen. Freundliches Begegnen Au und dnn ſitbt.. Das Maͤdchen ſpricht.. Wachsth* achsthum. Reiſezehrung 3 Abſchted... Die Liebende ſchreibt... Die Liebende abermals. Sie kaun nicht enden.. Chriſtgeſchenee Ntuailgg..„.. Die Zweifelnden. Maͤdchen und Dichter.. Vermiſchte Gedichte Wanderers Sturmlied. Koͤniglich Gebet. Menſchengefuͤhl Die Freude An Lottchen Idylle Rinaldo.. Mignons Klage. Die Kraͤnze.. Schweizeralpe. Sendſchreiben.. Kuͤnſtlers Fug und Recht. Groß iſt die Diang der Epbeſer An Perſonen. Ilmenau, am 3. September 1783. Gellert's Monument von Oeſer. An Zachariaͤ 4. Einer hohen Reiſenden.. Jubilaͤum am 2. Januar 1815. *... 0«· . „.... . .2 e . . «. . . . . «* . . —.* . . «. . .. . . . „.. ⸗. .„.... „... „.„.. . .... — 175— Seite Den Drillingsfreunden von Cölln, mit einem Bidniſſe 99 An Uranius.... An Tiſchbein. An Denſelben.. An Deuſelben.. An Denſelben.. Stammbuchs⸗Weihe. Der Liebenden Vergeßlichen, zum Geburtstage Mit Wahrheit und Dichtung. Angebinde zur Ruͤckkehr.. Paraboliſ c. Erklaͤrung einer antiken Gemme 107 Katzenpaſtete.. 108 Séance.... 109 Legende...— Autoren..... 110 Recenſent. 4— Dilertant und Kritiker 111 Neologen... 112 Krittler.. 3 Klaͤffer... Celebritaͤt... Parabel... Gott, Gemüth und Welt. Gereimte Diſtichen, uͤber fuͤnfzig.. 119 bis 124 Sprichwörtlich. Zwei⸗ und mehrzeilige, uͤber zweihundert 127 bis 152 Epigrammatiſch. Sprache...... 1 15⁵5 Vertrauen......— Schneider⸗Courage. 4.. 156 . ·. . .. 13 . 114 115 Catechiſation.. Totalitaͤt.. Pbyſiognomiſche Reiſen.. Das garſtige Geſicht. 158 Diné zu Coblenz im Sommer 1774.. 159 Jahrmarkt zu Huͤnfeld, den 26. Juli arg.. 160 Versus memoriales„... 161 Neue Heilige..„.— 15⁷ Warnung. Frech und froh Soldatentroſt Problem.. Genialiſch Treiben Hypochonder. Geſellſchaft robatum est Urſpruͤngliches Den Originalen Den Andennglichen Den Guten Den Beſten„ Laͤhmung... Spruch, Widerſpruch Demuth. Keins von allen Lebensart Vergebliche Muͤh dedingung. Das Beſte. Meine Wahl Memento.. Ein anders Breit wie lang Lebensregel Friſches 5 Ey, gutes S Alür gefuͤhl ..... .... ...„. . . . . . .* ·* . = Srapſähriſt. Beiſpiel.. 8 erehr. Furſtenregel Lug oder Trug Egalité. 4 Wie du mir, ſo ich dir 14 Zeünng 8 5 3* der 1' .......(&... — —7 — 1IASI .* 8 ——— 3„uoqph ue e anva Spnv unoob an e e 1g SPloat usbelo ulogu dapg i aoꝓppuc oe 115 191a584915 Svg iee in inwae 819 gualog aalct gun 16 5bo bv PI Inv a 291510 1T 1529 lfopsu 2 Jorplldaoa u* è) 9533 SaH uin 42193 a29 111 0 832128 1oaogab S9 uo 11 48 up ppng 219349 G a0g9 2ue 19„18nut pog ⸗au5 11458 Sp 1— u rct a, S1sadunevg ao nut(oc ualcn un ee og grue u epng 2½2249 3 gun uoadao 5ullaa8 rgnurcplag auL 21uSTouopeog 9 uobaal n? o! 441D gun 1el un ede e n a0Pp 429 bunauspnang gun ⸗ul anl uodv. ueonuodvy 5ᷣ AsnV„& . 4 a 4 2 u 4 6 8 9... 1 c. 3 8 c,. g 1 4 1 12& 1:zpu I Ind : Tollogg 9: Jouong p: Toong 8 Pmiuspäa an! . 5—:1bpaz⸗ gun uagdaae igog ena dnu glol C Auomeudoqv † 7 ga Jonpuaspnanè alur uag gvöpnang’ uollog og cpan 1u H2Jaezuich utmne pacue 115 G10115 4 391195 ulog du Locpnes Sauo 4 SutgvuabobzuH 10 uenut uo uala zuuvzoqun uon e uourutaugbuv uog un⸗= fa ne 341 gobvT§21115 H Al gpeog ch 9 bv uugen s qala Socpnes ue e ob 821 5gvöpn o ‧s1910983,1„ . uolle 4I 8 Sauo, 9i9 adl 2 * 3 34 8010705 ug bpF uce opn 153 5gpöpnge gun zutgvububich 26 ug) ane 10 121☛ 31S NoHlorlqld 1op uIosu*o uobunb990e gun 9 95 a16 N n 0v6g01cS eharg ul unv CIun 3 uUag anzvaeg 40 cp gLuva. aun 926(p 1 1bu„a5c na 1⸗a119cs