Leihbiblioth Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und trägt:. 3 ür ichentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 fl eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 2 1 ½ Q,ÿ VKach uns die Fuͤndflut! 5 3. 5 Roman aus Franhkreichs jüngſter Vergangenheit von 3 NMax von Schlägel. Dritter Band. eipzig, Ernſt Julius Günther. 1872. 5 III. Band. Geſtürzt. v. Schlägel, Nach uns die Sündflut III. — Erſtes Kapitel. Mutter und Sohn. René Mondélion war ſogleich nach Hauſe gefah⸗ ren. Sein Geſicht war ruhig und glücklich, ſeine Züge hatten viel von der Schärfe verloren, welche gewöhn⸗ lich das Zeichen eines mit der Welt im Kampfe ſtehen⸗ den Charakters iſt. Manchmal lächelte er ſogar und dann wurden ſeine Züge weich und mild, wie die winterkalten Fluren ſeiner Heimat unter den erſten Strahlen der Februarſonne. Mondélion war glücklich. Er dachte nicht ein⸗ mal mehr daran, daß er ſich hatte ſchlagen wollen und daß die Gefahr für ſein Leben nun beſeitigt war. Wie die herrlichſte Muſik klang durch ſeine Bruſt der immer wiederkehrende Gedanke: Louiſon, die Stolze, hat 1 4 vor Menſchen, die ſie tief verachtete, den Nacken ge⸗ beugt um deinetwillen. Sie, die von der Entſagung und dem Elend eines ganzen Lebens nie gedemüthigt worden war, hat auf den Knieen gelegen vor der Bru⸗ talität und der Thorheit um deinetwillen! Sie, die im Bruder nicht mehr den Bruder ſah von dem Augen⸗ blick an, da er ſich entwürdigte, hat ſich ſelber er⸗ erniedrigt um deinetwillen, hat ſich für einen Moment der edelſten Aufwallung ſelber die härteſte Buße auf⸗ erlegt um deinetwillen! René Mondélion ſtellte ſich das herrliche Mädchen vor in Gegenwart des tollen Lords und ſeiner häßlichen Geliebten, wie ſie mit bebenden Lippen die Bitte um Vergebung ſtammelte, während ihr die Thränen der Scham unaufhaltſam über die Wangen herabrannen. Er ſtellte ſich die herrliche Büſte, die er nur im Zuſtand einer ſtolzen Ruhe geſehen, vor, wie ſie ſich ſtürmiſch hob und ſenkte über dem hochklopfenden Herzen, er ſah die ſchönen finſtern Augen verſchleiert von einer unendlichen Zärtlichkeit, die blaſſen Marmor⸗ züge verklärt von der Morgenröthe einer Liebe, die plötzlich und allgewaltig über ſie gekommen war, über ſie, die bisher an nichts geglaubt hatte als an ihr Elend und ihren Stolz. René Mondélion gehörte zu den wenigen Men⸗ * 3 5 ſchen, welche die Mitte des Lebens erreichen, ohne mit Beſchämung und Reue auf die Verirrungen ihrer Ver⸗ gangenheit zu blicken oder, noch ſchlimmer, über ihre Vergangenheit zu lächeln. René's Fähigkeiten und Eigenſchaften waren die eines, ſoweit es die Bedingungen unſerer geſ ellſchaftlichen Eriſtenz zulaſſen, normalen Menſchen. Auch er hatte zu verſchiedenen Friſten mit jenem Mangel an Gleich⸗ gewicht zwiſchen den Sinnen und der ſie kritiſirenden Vernunft zu kämpfen, aber das angeborne Ebenmaß ſeiner Natur war, geſtärkt durch ein wechſelvolles und thätiges äußeres Leben, Sieger geblieben, und während es ihn verhinderte, gleich der Welt, in deren Mitte er lebte, in Sinnentaumel und flüchtiger Genußſucht zu verkommen, gab es auch wieder ſeinen Leidenſchaften Kraft genug, da hellauf und gewaltig zu lodern, wo die höchſten Fähigkeiten des Herzens, Bewunderung und Achtung, die reine Flamme entzündeten. René Mondelion konnte ſich das Zeugniß geben, daß ſein erſter überraſchter Blick in das ernſte Antlitz des jungen Mädchens rein geweſen war von jeder ſinnlichen Neugier, daß er die Eigenthümlichkeit ihres Weſens voll und ganz hatte auf ſich wirken laſſen, ehe er nur daran gedacht, ob das Mädchen, das ſich hülf⸗ reich über den Verwundeten beugte, ſchön oder häßlich 6 ſei. Er konnte daher auch jetzt, da er zum Bewußtſein ſeiner Liebe gekommen war, ſich ohne die ſchwüle Ver⸗ legenheit halber Naturen mit einem Schauer des Ent⸗ zückens der Ahnung überlaſſen, was Louiſon Jaccard dem ſein müſſe, den ſie mit der ganzen Kraft ihrer ſtolzen Seele, mit der ganzen Glut ihrer vollen Weiblichkeit umfaſſe. Ohne Erröthen konnte Mon⸗ délion daran denken, daß ſeine Geliebte, wenn das Glück den herben Ausdruck ihres Geſichts gemil⸗ dert, wenn die Wonne des Lebens ihren ebenmäßigen Gliedern Weichheit und Grazie verliehen, wenn der dunkle Hintergrund eines unwürdigen Lebens von ihr gewichen und die tiefen ſchwarzen Augen die ganze Seligkeit eines freien, ohne Rückhalt liebenden Herzens ausſtrömten, entzückend ſein müſſe. Die Glückſeligkeit dieſes Gedankens leuchtete aus ſeinen Blicken, die ahnungsvolle Glut dieſer Wonne brannte auf ſeinen Wangen, als er mit elaſtiſchen Schritten die Stufen ſeines Hotels hinan und in das Zimmer ſeiner Mutter eilte. Die Matrone ſaß in gerader Haltung, als wolle ſie jedes Zeichen von Altersſchwäche ſorgfältig verber⸗ gen, in ihrem Stuhl am Fenſter, das auf den Garten des Hotels hinausging. Nur dumpf drang das be⸗ ginnende Geräuſch der die Champs Elyſées füllenden 7 Menge über die niedern Bäume der kleinen, von rie⸗ ſigen fenſterloſen Häuſermauern auf zwei Seiten abge⸗ ſchloſſenen grünen Anlage, während man dem Hauſe gegenüber über einer weniger hohen Mauer einige größere Bäume der öffentlichen Pflanzungen und das Dach des Induſtriepalaſtes herüberragen ſah. Bei dem raſchen Eintritt ihres Sohnes legte die Baronin die Zeitung, die ſie in der Hand hatte, zur Seite, entfernte die Brille von ihrem Geſicht und erhob ſich, um ihrem Sohn entgegenzugehen. Die Baronin hatte niemals ihren Angehörigen gegenüber die Pflichten einer gegenſeitigen Achtung verſäumt, welche ihr die Anweſenheit des gleichgültigſten Fremden auferlegte. René beugte ſich zu der Hand ſeiner Mutter und drückte ſie an die Lippen. „Du biſt früh weggefahren, René!“ ſagte die Ba⸗ ronin mit mildem Vorwurf.„Ich hätte Dich ſo gern um Manches gefragt; mein alter Kopf wird zu ſchwach, um alles das zu begreifen, was ich leſe. Frankreich erfährt eine Demüthigung um die andere. Wo nur immer in den politiſchen Vorgängen es ſeinen berech⸗ tigten Einfluß geltend machen will, wird es faſt höh⸗ niſch zurückgewieſen, jahrhundertalte Zuſtände in den Nachbarſtaaten, für deren Herſtellung und Erhaltung unſere Väter blutige Kriege geführt, werden beſeitigt 8 durch die Liſt eines Miniſters, und, Frankreich, das große mächtige Frankreich, ſchaut unthätig mit blödem Staunen auf ſtaatliche Veränderungen dicht an ſeinen Grenzen, die ſich über Nacht vollziehen und die ihm zu jeder andern Zeit das Schwert in die Hand gezwungen hätten. Und doch waren wir immer ſiegreich in allen Kriegen, die wir in den letzten Jahren geführt. Iſt es der verderbliche Genius des Mannes, der die Re⸗ gierung an ſich geriſſen, was uns trotz alledem immer mehr zur Ohnmacht zwingt? Sind wir freiwillig herab⸗ geſtiegen von der hohen Rangſtufe, die wir im Rathe der Völker einnahmen?“ Während die Matrone derart ihr Herz von dem befreite, was ſie den ganzen Morgen gequält, war René Mondélion träumend und lächelnd dageſtanden. Was ſeine Mutter ihm ſagte, hätte ihn zu jeder andern Zeit zu ernſtem Nachdenken veranlaßt und ohne Zwei⸗ fel zu einem tiefſinnigen Geſpräch über die neueſten Vorgänge in der europäiſchen Politik geführt. Heute auf einmal erſchien es Mondeélion, als könne Frankreich gar nicht ohnmächtig und verrathen ſein, ſolange er ſo ſtolz, ſo froh, ſo glücklich war. Etwas von dieſem Bewußtſein klang auch in der Antwort wieder, die er ſeiner Mutter gab. „Es kann nicht Aufgabe eines großen, mächtigen —— 9 Volkes ſein, liebe Mutter, mit einer Fauſt von Eiſen jede freie und ſelbſtſtändige Bewegung ſeiner Nachbarn zu erſticken. Frankreich iſt gewaltig genug, um, ſo⸗ lange es nicht in ſeiner eigenen Exiſtenz angegriffen wird, ruhig zuzuſehen, was ſich auch ringsum vollziehen möge. Ich kenne das Spiel nicht, das die gegenwär⸗ tige Regierung ſpielt, ich will es auch nicht kennen, aber ich fühle, daß Frankreich trotz alledem groß und glücklich iſt wie je und daß einem großen und glück⸗ lichen Volke die Politik der Engherzigkeit nicht ziemt, welche Sie ihm zumuthen, Mutter!“ Die Matrone hatte erſtaunt dieſen Worten ihres Sohnes gelauſcht. Ihre Stimme klang faſt ſtreng, als ſie antwortete: „Hätten ſich unſere Väter ſo leichtfertig der Pflich⸗ ten gegen ihr Land entſchlagen, wir hätten vielleicht keine Gelegenheit, uns im müheloſen Beſitze deſſen, was ſie uns hinterlaſſen, mit einer hübſchen Redensart über die Drohungen der Zukunft zu beruhigen. Auch ich fürchte nichts für mein Vaterland in der Spanne Zeit, die ich noch zu leben habe, aber die wahre Vaterlands⸗ liebe baut nicht für die Ruhe und die Erforderniſſe eines Tages, ſondern für kommende Geſchlechter und Jahrhunderte. Das iſt's, wodurch wir uns für ewige Zeiten von der tobenden Menge unterſcheiden werden, welche ſo oft ſchon gegen uns und unſere Privilegien herantobte und uns zur Guillotine ſchleppte und unſere Häuſer verwüſtete; jene treibt der Haß und Hunger eines Tages, uns leitet eine Sendung für alle Zukunft; ich werde das erhebende Bewußtſein derſelben nicht leichtfertig opfern um einer hübſchen modernen Phraſe willen, wie Du, René.“ René war überraſcht. Er hatte ſonſt wirklich anders geſprochen als heute, aber er hatte auch anders gefühlt. Was war die Sendung, von der ſeine Mut⸗ ter ſprach, gegenüber der Aufopferungsfähigkeit, dem inſtinctiven Abſcheu Louiſon's vor allem Gemeinen? Und es machte ihn ſo glücklich, zu wiſſen, daß ſie beſ⸗ ſer war als er; konnte er da noch an eine Sendung glauben, die ihn ſchon in der Wiege über die Geliebte erhoben hatte und ihn glauben machen wollte, er ſei ſchon beſſer als die Geliebte, darum, weil er ſei? René fühlte, daß er ſeine Mutter gekränkt hatte. Auch das that ihm unendlich leid. Er hatte ſonſt Selbſtſtändigkeit genug, ſeine von den Meinungen ſeiner Mutter oft abweichenden Anſichten zu verfechten, ſelbſt gegen ſie und mit einer Energie, die nur durch die Zähig⸗ keit der alten Dame übertroffen ward. Heute konnte er das Geſpräch auf dieſe Weiſe nicht fortſetzen. Er 11 führte die Hand der Mutter, die er noch immer in der ſeinen hielt, an die Lippen. „Erlauben Sie mir, Mutter, das Geſpräch über dieſe Gegenſtände ein andermal wieder aufzunehmen. Ich bin noch zu erregt von all dem, was ich erlebt, als daß ich Ihren Ideen folgen könnte, wie ſie es verdienen. Sie wiſſen, daß es nicht Sitte iſt, ſeine Angehörigen von einem bevorſtehenden Duell in Kenntniß zu ſetzen. Ich ſollte mich heute Morgen mit Lord Watkins ſchlagen.“ Die hohe Geſtalt der alten Dame zitterte. Ihr Geſicht verfärbte ſich, ſie machte mit der zitternden Hand eine Bewegung nach vorwärts, als wollte ſie ſich auch durch das Gefühl von der Gegenwart ihres Sohnes überzeugen. Aber das dauerte nur einen Augenblick, dann war das Geſicht der Matrone wieder ernſt und ruhig und nur durch ihre Stimme zitterte es noch wie unterdrückte Angſt. „Und das Duell iſt verſchoben?“ „Es findetinicht ſtatt, Lord Watkins ſchlägt ſich nicht.“ Ein tiefer Seufzer ſtieg aus der Bruſt der Ma⸗ trone empor. „Deſto beſſer. Ich ſetze voraus, daß Du Dich nur eines ehrenhaften und ernſten Beweggrundes halber geſchlagen hätteſt, wie es einem Edelmann geziemt, und daß Lord Watkins ſein Unrecht einſah.“ 112 René Mondélion ward etwas verlegen vor dem durchdringenden Blick der Mutter. „Sie werden mir zugeben, Mutter, daß es kein ernſteres und ehrenhafteres Motiv geben kann, als ein ehrbares Mädchen vor den Beleidigungen eines rohen Mannes zu beſchützen. Sie werden auch zugeben, daß ich alles für meine Ehre Erforderliche gethan habe, wenn mein Gegner mir auf dem Kampfplatz erklärt, daß er ſich nicht mit mir ſchlagen könne, weil er in⸗ zwiſchen, gerührt durch die Verzweiflung des Weſens, für das ich mich ſchlagen wollte, ſein Ehrenwort ge⸗ geben habe, daß das Duell nicht ſtattfinden ſolle.“ René ſprach ſehr haſtig, das Geſicht ſeiner Mut⸗ ter wurde immer ernſter. „Die Sache klingt abenteuerlich, ungefähr wie die Geſchichten, die ich manchmal in den Feuilletons leſe. Setze Dich, René, und erzähle mir. Ich hoffe, Dein Abenteuer iſt weniger modern, als es ſich im erſten Augenblick anhört.“ René Mondélion, dey eingetreten mit dem Be⸗ wußtſein einer Liebe, auf die er ſtolz war, ſtand befangen vor der alten Frau, welche doch dem Laufe der Natur nach ſeine erſte und innigſte Vertraute hätte ſein ſollen. Aber ſeine Mutter war für ihn eben nicht blos die Erzeugerin, an welche ihn eine natürliche —, 13 Zuneigung feſſelte, ſondern ſie war zugleich die ent⸗ ſchiedenſte Vertreterin der Claſſe, der er angehörte. Als ſie ſich jetzt auf den Stuhl mit der hohen gothi⸗ ſchen Lehne niederließ, erſchien es René, als ſitze ſie zu Gericht über ihn im Namen der ein halbes Jahr⸗ tauſend zurückreichenden Ueberlieferungen ſeiner Fami⸗ lie, im Namen eines ganzen Standes, deſſen Geſetze er zu übertreten im Begriff ſtand, und weniger ent⸗ ſchieden, als man es von ihm hätte erwarten dürfen, ſagte er: „Sie erinnern ſich der beiden Mädchen, welche ich vor einigen Tagen mitbrachte. Sie erinnern ſich unzweifelhaft noch der größern, der Schweſter des Studenten. Sie ſprachen davon, als ob ſie ſelbſt Gefallen an ihr gefunden hätten.“ René ſchwieg. Seine Mutter beobachtete ihn forſchend. „Ich erinnere mich. Das Mädchen heißt Louiſon Jaccard und unterſchied ſich vortheilhaft von ihrem Bruder und deſſen Begleiterin.“ Ermuthigt fuhr René fort: „Nun ja, ich folgte mit der kleinen Geſellſchaft der Einladung eines Bekannten, eines gewiſſen Sta⸗ nowsky.“ „Stanowsky? Der myſteriöſe Fremde? Duzogſt Dich 14 ja ſonſt immer von ihm zurück. Wie kommſt Du plötz⸗ lich dazu, die Einladung dieſes Mannes anzunehmen?“ „Meine neuen Freunde waren durch mich mit Stanowsky bekannt geworden, und eben wegen ſeiner Zweideutigkeit hatte ich die Verpflichtung, ſie zu be⸗ gleiten und nöthigenfalls zu beſchützen.“ Die Matrone nickte, als wolle ſie ſagen, daß ſie die Sache zu begreifen anfange. René Mondélion erzählte nun, was ſich in den Salons Stanowsky's zugetragen. Er verſchwieg ſelbſt nicht die Scene zwiſchen Agenoux und Jaccard. Nach und nach war die Stimme des Barons feſter gewor⸗ den, ſein Vortrag lebendiger. Als er die Art wieder⸗ gab, wie Louiſon die Geliebte des Engländers zurück⸗ gewieſen hatte, wurde ſein Vortrag ſogar feurig, und erregt aufſtehend ſchloß er mit den tiefempfundenen Worten:„Denken Sie ſich, Mutter, welchen Grad von Edelmuth und Selbſtüberwindung dieſes Mädchen be⸗ ſitzen muß, daß es um eines Dritten willen dieſelben Leute auf den Knieen um Vergebung anflehen konnte, welche es auf das roheſte beleidigt hatten.“ Die Matrone hatte aufmerkſam zugehört und manchmal mit dem Kopfe genickt, als beſtätige das, was René geſprochen, nur ihre eigenen Gedanken. Als er geendet, blickte ſie auf. 15 „Nun, und jetzt?“ René erhob ſich. „Ich bin zu Ende, Mutter.“ Die Matrone ſah ihn mit tiefem Ernſte an und faßte ſeine Hand. „Ich fürchte, wir ſtehen erſt am Anfang, René!“ René erwiderte freundlich, aber feſt den Blick ſeiner Mutter und verſuchte zu lächeln. „Sie fürchten, Mutter?“ „René, Du liebſt dieſes Mädchen!“ „Ich glaube, ja, Mutter!“ René Mondélion hatte das ruhig und mit faſt leiſer Stimme geſagt und dennoch drückten die wenigen Worte den unabänderlichen Entſchluß eines ſtarken männlichen Herzens aus. Die Wucht dieſer einfachen Worte jedoch ſchien die alte Frau ſeltſam zu erſchüttern. Es zuckte über ihr Geſicht wie vom härteſten Seelenkampfe und ihre Hand, mit der ſie die des Sohnes losließ, zitterte wie vorhin, da ihr René mitgetheilt daß er ſich habe ſchlagen ſollen. Endlich ſprach ſie wieder, aber ihre Stimme klang umflort, wie von zurückgedrängten Thränen. „René, ich habe Dich dies ernſte Wort nie ausſprechen, nie widerrufen hören, ich weiß daher auch, was es 16 heute bedeutet, und dennoch, ich flehe Dich darum an, laß nicht einen Augenblick edelmüthiger Aufwallung über Dein ganzes Leben entſcheiden, brich nicht vor⸗ eilig mit einer Vergangenheit, um welche Dich jeder Edelmann Frankreichs beneiden kann. Bedenke—“ „Ich habe bedacht, Mutter. Als ich noch keine Ahnung hatte, was ſie für mich gethan, habe ich Loui⸗ ſon Jaccard im Falle meines Todes zu meiner Uni⸗ verſalerbin gemacht. Dies mag Ihnen beweiſen, wie ſehr ich Louiſon liebe und wie ſehr ich Ihr Herz kenne, theure Mutter!“ „Nun, ſo hoffe ich, daß der geſunde Sinn des Mädchens Deiner unglücklichen Wahl eine Verbindung zurückweiſen wird, welche Euch beiden nur zum Unglück gereichen kann. Ich beſtreite den Werth und die Schön⸗ heit des Weſens nicht, ich will gern glauben, daß es Dir aufrichtig zugethan iſt, aber glaube Deiner Mut⸗ ter, Rensé, die glühendſte Leidenſchaft wiſcht nicht die Eindrücke hinweg, die wir von unſerer Kindheit an aufgenommen. Zur Che gehört nicht ein Augenblick glühenden Selbſtvergeſſens, es gehören dazu die gleichen Anſchauungen über alle jene tauſend feinfaſerigen Be⸗ ziehungen, die wir Sitte und guten Ton nennen. Mag ſein, daß Louiſon in großen Dingen edler und erha⸗ bener denkt als wir alle, nicht alle Tage erfordert 17 von uns das Leben große Entſcheidungen; die Schwe⸗ ſter des wüſten Republikaners wird Dich ſtündlich ver⸗ letzen, ohne es zu fühlen und zu wollen, und Du wirſt um ſo elender ſein, je mehr Dein Zartgefühl Dir be⸗ fehlen wird, die Gefühle des Mädchens zu ſchonen, das Du aus Elend und Dunkelheit zu Dir emporge⸗ hoben haſt. Du haſt mir Dein Vertrauen geſchenkt, René— ich ſage Dir offen und rückhaltlos, was ich fürchte.“ Die Stimme der Matrone zitterte bei ihren letzten Worten. René hatte ſeine gewöhnliche Ruhe und Feſtig⸗ keit wiedergewonnen. „Ich ehre Ihre Worte, Mutter, und ſie mögen ja bei gewöhnlichen Menſchenkindern zutreffend ſein, ich kann jedoch nicht annehmen, daß ein Weſen, welches an Schwäche und Laſter gekettet war ein ganzes Ju⸗ gendleben und ſich dennoch rein erhalten hat von jedem unreinen Hauch, jener zarten Gefühle ermangele, ohne welche feiner geartete Naturen verkümmern. Für mich gibt es nur noch eine Frage, die mich quält, Mutter.“ „Und dieſe iſt?“ „Ob Louiſon in Allem, was ſie that, allein aus Edelmuth gehandelt hat, oder ob ſie mich liebt.“ „Und wenn ſie Dich liebt?“ Die Matrone führte die Hand an ihr hochklopfen⸗ 2 v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. III. des Herz. René faßte ihre Linke, die ſchlaff an der Lehne des Stuhls herunterhing, und führte ſie an die Lippen. „Dann werde ich ſie fragen, ob ſie mein Weib werden will, und Sie werden uns ſegnen, Mutter!“ Die Baronin wandte ſich halb zur Seite, um über ihr ſchmerzvoll zuckendes Geſicht die Herrſchaft wiederzugewinnen, dann entzog ſie ihrem Sohne raſch die Hand, und als ſie ſich wieder umwandte, zeigte ihr Geſicht wieder die gewöhnliche ernſte Strenge. „Du biſt meinem Rathe längſt entwachſen, René, und wenn ich auch glaubte, daß wir in unſerer Zeit doppelt die Verpflichtung haben, die Reihen feſter zu ſchließen gegen die Flut, die über uns hereinbrechen will, und keins unſerer heiligen Rechte leichtfertig von uns zu werfen, es muß Jedem überlaſſen bleiben, ob er das Opfer bringen oder ſich der neuen Zeit und ihren Strömungen überlaſſen will. Auch Dir muß das überlaſſen bleiben, René, und nur mit ſtummer Trauer blickt die Mutter auf den verfehlten Traum ihres Herzens. Ich hatte es mir ſo ſchön gedacht, es iſt anders geworden. Vielleicht hatte ich Unrecht und bin eine Thörin, daß ich nicht auch der Flut ent⸗ gegenjuble, die gegen uns heranbrauſt, und vereint mit dem Pöbel, der es herabgeſtürzt, lachend um die Trüm⸗ 19 mer unſeres uralten Wappenſchildes tanze. Aber ich bin zu alt für die neue Zeit und die Haare Deiner Mutter ſind mit ihren Vorurtheilen grau geworden, René.“ Die Greiſin ſchwieg und blickte finſter empor zu dem lebensgroßen Bilde des Maire von Paris, welcher mit einer Hand auf das Wappen der Mondélions ſich ſtützte und mit der andern eine Urkunde auf dem Tiſch feſthielt, von welcher das rieſige Siegel der Stadt Paris, Schiff und Lilien, in ſeiner Kapſel herunterhing. „Sie ſind bitter, Mutter! Wie oft haben ſich die edelſten Geſchlechter neue Tugenden und neue Kraft geholt aus der Mitte des Volks.“ „Aber nicht aus der Mitte der Jakobiner, deren Hand noch roth iſt vom Blute unſerer Väter. Geh zu Deinem Liebchen, René, und feiere die Morgenröthe einer neuen Zeit, ich werde indeſſen in unſer Wappen⸗ ſchild den ſchwarzen Balken einfügen laſſen.“ Mit raſchen Schritten ging die Matrone aus dem Zimmer. René blieb düſter ſtehen. Nach einer Weile hob er das Geſicht, trotzig und traurig zugleich. „Ich hätte meinem Rang jedes Opfer gebracht, weiß Gott, jedes, und wenn es nöthig wäre, unſern Stand vor der Gewalt zu vertheidigen, ich würde mich 2* allein in die Breſche ſtellen, aber das edle unglückliche Weſen von mir ſtoßen, das einem Throne keine Schande machen würde, weil ſein Vater kein Rittergut in der Franche⸗Comté beſaß und ſein Großvater nicht Maire von Paris war, der Himmel ſei mein Zeuge, das kann ich nicht. Ich will meiner Mutter beweiſen, daß unſere Sendung nicht im ſtarren, hochmüthigen Abſchließen von der Welt beſtehen kann, die uns umgibt, ſondern daß wir das Recht und die Pflicht haben, das Edle zu retten, wo wir es finden, und daß wir uns dadurch nicht erniedrigen, daß wir Andere, die beſſer ſind als wir, auch äußerlich zu uns erheben. Louiſon ſoll die ſchönſte Zierde des Faubourg St.⸗Honoré werden und der Balken, der von nun an quer durch mein Wappen⸗ ſchild zieht, ſei golden wie die Stunde, da ich ſie ge⸗ funden.“ Zweites Kapitel. Die Schweſtern. Es war Abend, der letzte, den der Hospodar und ſeine Töchter noch im Grand Hôtel du Louvre zubringen wollten. Am andern Morgen beabſichtigten ſie ihr Hotel in der Rue du Bac zu beziehen. Der Hospodar ſaß in einem Lehnſtuhl vor dem runden Tiſch, der noch eben das Abendmahl der Fa⸗ milie getragen, und das durch weiße Glaskugeln ge⸗ dämpfte Licht einer dreiarmigen Lampe fiel auf eine Zei⸗ tung, in der er nicht las. Die Stirn des alten Mannes war gefurcht und der lange weiße Bart ruhte auf ſeiner Bruſt. In einem dunkelblauen, mit ſchwarzen Schnüren 22 beſetzten Hauskleid, bewegungslos, ein Bild graziöſer Erſchlaffung, ruhte Fürſtin Anna auf einer Chaiſe⸗ longue ihm zur Seite. Die langen ſchwarzen Wim⸗ pern ihrer halbgeſchloſſenen Augen warfen einen tiefen Schatten auf ihr marmornes Geſicht, und manchmal, wenn ſie lächelte, blitzten ihre weißen Zähne. Leopolda ſaß ihr gegenüber und blätterte in ei⸗ nem Buch, über das hinweg ſie dann und wann for⸗ ſchende Blicke auf Vater und Schweſter warf. Die Ruhe der Schweſter ſchien ſie zu beunruhigen, des Vaters Schweigen bedrückte ſie. Sie ſtand auf. Ihre Bewegungen, mit denen ſie ſich dem Lager der Schweſter näherte, hatten etwas von der majeſtätiſchen Grazie einer Löwin. „Schläfſt Du, Anna?“ „Nein, Schweſter, ich träume.“ Leopolda fragte nicht weiter. Von wem konnte Anna träumen als von Iſtvan! Das arme Kind! Und doch miſchte ſich etwas wie Zorn und Eiferſucht in Leopolda'’s Bedauern. Die Thür öffnete ſich. Leopolda wandte ſich raſch um. Die walachiſche Kammerfrau ſchritt leiſe durchs Zimmer, um einige raſch ſabceiwurfene Klei⸗ dungsſtücke Leopolda's zu ſuchen. Leopolda rief ihr ein paar heftige Worte zu. Die 2 23 Kammerfrau erſchrak, ſie hatte das doch alle Abend gethan. Aber ſie erwiderte nichts. Der Hospodar blickte auf. „Es iſt ſonderbar, daß Iſtvan noch nicht da iſt“, ſagte er.„Ich habe nothwendig mit ihm zu reden.“ Anna ſchlug die Augen voll und klar auf und wendete ſie nach dem Vater. Leopolda's Augen begegneten faſt zornig dem fragenden Blick der Schweſter. Sie ſagte: „Iſtvan wird wohl kommen, da er es verſprochen hat. Was willſt Du ihm ſagen, Vater?“ „Der Mann, von dem ich meine ſämmtlichen, Pferde gekauft habe, hat mich beſtohlen. Die Pferde die er mir gegeben, ſind zum Theil krank, zum Theil wegen ihrer Fehler unbrauchbar. Iſtvan hatte den Mann empfohlen.“ „So wird er getäuſcht worden ſein wie Du, Va⸗ ter!“ rief Leopolda heftig und Anna lächelte ihr bil⸗ ligend zu. Der Hospodar erhob etwas das ehrwürdige Haupt. „Ohne Zweifel iſt auch er getäuſcht worden, obwohl ſeine Empfehlung eine ſehr warme war und obwohl er mit dem Mann ſchon längere Zeit verkehrt. Auch er iſt getäuſcht worden, ohne Zweifel; was mich betrübt und beunruhigt, iſt nur, dieſe Erfahrungen — 24 hier zu machen, inmitten einer Nation und Stadt, welche ich wegen ihrer Ritterlichkeit und Gaſtfreund⸗ ſchaft hoch verehrte. Das verſtimmt mich tief.“ Wieder öffnete ſich die Thür und der Erwartete trat ein. Mit einer Wärme, als habe er ein Unrecht wieder gut zu machen, eilte der Hospodar ihm ent⸗ gegen und umarmte ihn. Leopolda umklammerte Stanowsky's Hand mit convulſiviſchem Druck und tauchte ihre brennenden Blicke tief in ſeine Augen, als wolle ſie einen Gruß erlauſchen, der nur ihr gehöre. Sie ſah jedoch nur in ein abgeſpanntes Geſicht und in ein trübes, unruhiges Auge. Stanowsky hatte in der That Urſache, beunruhigt und zerſtreut zu ſein. Er hatte heute Morgen den rothen Fränkel beſucht in der Abſicht, auf Lord Watkin's Koſten ſeiner durch die Bezahlung einiger dringender Schulden ziemlich zu⸗ ſammengeſchmolzenen Kaſſe wieder aufzuhelfen, ſeinen Zweck jedoch nicht nur nicht erreicht, ſondern das Be⸗ nehmen des rothen Fränkel bei dieſer Gelegenheit auch höchſt ſonderbar gefunden. Nachdem er ſeine Forde⸗ rung vorgebracht, hatte ihm der Pferdehändler auf die Schulter geklopft und ihm verſprochen, daß er ihn vor morgen auf Jahre hinaus jeder weitern Sorge für ſein Leben überheben werde; er hatte dabei ganz 25 wahnwitzig gelacht und mit ſeltſamem Ausdruck hinzu⸗ gefügt:„Meine Frau, die ſehr geſcheidt iſt, wie Sie⸗ wiſſen, intereſſirt ſich beſonders für Sie, Stanowsky, und hat mich gebeten, Ihnen Alles zu Gefallen zu thun. Sie haben doch verdammt viel Glück bei den Frauen, Stanowsky.“ Und wieder hatte der rothe Pferde⸗ händler ganz unſinnig gelacht. Aber es war ein ſehr unheimliches Lachen geweſen. Um ſechs Uhr ſollte Stanowsky Eleonore wieder am Tuilerienthor treffen. Er wartete eine halbe Stunde, ſie kam nicht. Sta⸗ nowsky wandte die Schritte zu Bonnefoi, wo ſie zu⸗ ſammentreffen wollten, wenn eins von beiden ge⸗ hindert ſein ſollte, genau die Zeit des Rendezvous einzuhalten. Mit dem Orte vertraut, ſtieg er die Treppen hinauf. Kein Kellner war auf der Treppe und unge⸗ ſehen näherte ſich Stanowsky dem Kabinet Nummer fünfzehn. Die Thür war nur angelehnt. Licht drang durch die Spalte. Vielleicht war Eleonore ſchon da. Stanowsky öffnete leiſe die Thür, zog ſie jedoch blitz⸗ ſchnell wieder zu und eilte davon. Er hatte ein ſelt⸗ ſames Schauſpiel geſehen. Auf dem Sopha, demſelben, auf dem er mit Eleonoren geſeſſen, ſah er den rothen Fränkel und ſeine Frau. Eine geöffnete Champagner⸗ flaſche und die noch vollen Gläſer ſtanden vor ihnen. Eleonore war ſehr bleich und häßlich— die Bläſſe ſtand 26 ihr ſehr ſchlecht— und ſchien zu frieren. Der rothe Fränkel rieb ſich fortwährend die Hände und kicherte vor ſich hin und betheuerte ſeiner Frau fortwährend, daß es ein reizender Ort ſei, wo ſie ſich befänden, und wie glücklich er ſich fühle, ein ſo treues Weib zu beſitzen. Dann ſtieß er mit ihr an und nöthigte ſie zum Trinken, und Eleonorens Hand zitterte, als ſie das Glas an die Lippen brachte, und als ſie trinken wollte, mußte ſie ſo heftig huſten, daß ſie den Inhalt des Glaſes faſt ganz auf ihr Kleid goß. Es war das nämliche Kleid, welches ſie angehabt hatte, als ſie mit Stanowsky hier war. All das beſchäftigte Stanowsky noch lebhaft, als er bei Kragoratſch eintrat. Wie fremd erſchienen ihm Leopolda'’s Blicke, die ruhende Elfengeſtalt Anna's ſah er wie von leichtem Nebel verhüllt und die Um⸗ armung des Hospodars brachte ihn in Verlegenheit. „Es iſt gut, daß Du kommſt, Iſtvan!“ ſagte der greiſe Walache, indem er ſeinen jungen Freund in einen Fauteuil drückte und fortwährend ſeine Hand umfaßt hielt.„Ich habe mit Dir zu reden, Iſtvan! Nimm Dich vor dem Pferdehändler in Acht!“ Stanowsky, ſeiner Unruhe nicht mächtig, ſprang auf und ſchaute dem Hospodar mit einer Art aber⸗ gläubiſcher Furcht ins Geſicht. 27 „Der Pferdehändler— was wißt Ihr davon?“ keuchte er. Fürſtin Anna runzelte die Stirn und Leopolda rief: „Es iſt nicht edel, Vater, Iſtvan zu beleidigen für ſeine Güte.“ Anna belohnte die Schweſter mit einem dankbaren Blick, welcher von dieſer mit trotzigem Hohn erwidert wurde. „Ich wollte Dich nicht beleidigen, Iſtvan, wahr⸗ haftig nicht“, fuhr der gemaßregelte Vater fort.„Wir ſind beide betrogen worden, Du und ich; Du biſt mehr zu beklagen als ich, denn Du vertrauteſt dem Mann, während ich blos Dir vertraute.“ Stanowsky athmete auf. „Erklärt Euch, Fürſt“, ſagte er. Der Hospodar beachtete die flehenden Blicke Anna's und die ungeduldigen Geberden Leopolda's nicht und wollte mit der Zähigkeit des Alters in ſeinen Mit⸗ theilungen fortfahren, als ſich die Thür abermals öffnete und der Portier des Hotels bleich und mit ängſtlichen Mienen eintrat. „Ein Beamter der Polizeipräfectur wünſcht den Herrn Fürſten Stanowsky zu ſprechen. Ich erſuchte den Herrn, morgen wiederzukommen, er behauptete jedoch, daß ſein Geſchäft dringend ſei. Da iſt er ſchon!“ 28 In der That war faſt unmittelbar nach dem Portier ein unterſetzter, ziemlich gemein ausſehender Mann eingetreten, der vor allem einen raſchen Blick über das ganze Zimmer warf und mit einiger Be⸗ friedigung die geſchloſſenen Thüren und Fenſter zu ſehen ſchien. „Bitte, meine Damen und Herren, um Entſchuldi⸗ gung, daß ich ſo ungenirt eintrete“, ſagte er, ſich fort⸗ während die plumpen Hände reibend und das dicke, ungeſunde Geſicht mit dem dünnen, abſtehenden Backen⸗ bart zu einem ironiſch freundlichen Lächeln verziehend, „aber als Sicherheitsbeamter iſt man ſehr oft gezwun⸗ gen, die Höflichkeit außer Acht zu laſſen, die man als ge⸗ 3 bildeter Mann ſo gern beobachtet hätte.„Im Krieg, wie im Krieg“, ſage ich immer zu meinen Collegen, die Ge⸗ ſellſchaft liegt beſtändig im Kampf, da muß man raſch zugreifen, das ſind die Pflichten, welche die Gerechtig⸗ keit ihren Soldaten aufzwingt. Dieſer Herr iſt dem Signalement nach wohl Herr Stanowsky“, ſchloß der Polizeibeamte ſein Geplapper in ſchlechtem Elſaſſer⸗ Franzöſiſch, währenddeſſen er ſich Stanowsky immer mehr genähert hatte, ſodaß er jetzt dicht vor ihm ſtand. Stanowsky war aufgeſprungen, aber wie an⸗ gewurzelt ſtehen geblieben. Der Elſaſſer ließ den prüfenden Blick an ſeiner Geſtalt hinabgleiten. „Es blutet einem oft das Herz dabei, wenn man gegen die hübſcheſten und galanteſten jungen Herren vorgehen ſoll, die mit dem franzöſiſchen Strafgeſetzbuch ſich zu ſpät vertraut gemacht haben. Da mußte ich geſtern einen ſogenannten Herrn von Sartinges mit ſeinem eigenen Wagen nach der Präfectur fahren, ei⸗ nen ſo liebenswürdigen Herrn, wie nur einer bei den Frères Provencaux dinirt hat, und wegen der kleinen Schwäche, daß er ſich für einen illegitimen Sohn des Kaiſers ausgegeben und daraufhin nach und nach die Kleinigkeit von zweimalhunderttauſend Francs ge⸗ borgt hat. Ein wunderhübſcher Mann und ſah un⸗ ſerm Kaiſer ſprechend ähnlich. Der Abſchied von ſeiner Geliebten, für die er alle die liebenswürdigen Streiche gemacht, war wahrhaft rührend, mir kamen die Thrä⸗ nen in die Augen, aber was wollen Sie? Ein Po⸗ lizeibeamter darf kein Herz haben, der Buchſtabe des Geſetzes iſt unerbittlich. Dafür, daß er dem Kaiſer ſo ähnlich ſieht, wird er wahrſcheinlich acht Jahre be⸗ kommen, der arme Junge.“ Stanowsky ſtand noch immer aufrecht da und hielt die Augen ſtarr auf den Mann geheftet, der achſelzuckend und mit ironiſcher Freundlichkeit zwei Schritte von ihm ſeine Rede hielt. Auch der Hospodar war aufgeſprungen und hielt 30 ſich überraſcht an der Lehne des Fauteuils; mit vor⸗ gebeugtem Leibe und ruhigen, aber bis zur Wildheit verzerrten Zügen ſtand Leopolda und heftete ihre Blicke auf den Agenten mit der Wuth einer Löwin, welche ihr Junges vertheidigt. Anna hatte ſich auf ihrer Chaiſelongue aufgerichtet und die weitoffenen ſchwarzen Augen belebten unheimlich das marmorblaſſe Geſicht. Der Agent warf auf Leopolda einen raſchen prü⸗ fenden Blick. Sein Häſcherinſtinkt belehrte ihn, daß er hier, aber auch blos hier das Aeußerſte zu gewärtigen habe. Stanowsky ſelbſt war gelähmt, gebrochen durch das Bewußtſein des Verbrechens. Der Agent ließ noch einmal ſeinen Blick prüfend an ſeinem Opfer hinabgleiten, dann trat er raſch vor und legte Stanowsky die Hand auf die Schulter. „Genannter Etienne Stanowsky, angeklagt des Betrugs, ich verhafte Sie!“ Stanowsky zuckte zuſammen unter der Hand des Häſchers und ſeine Züge verzerrten ſich. Leopolda ſtürzte mit flammenden Augen vor. „Fürſt! Vater! Rette ihn— nach dem Geſetze der Natur und dem Brauche unſeres Volkes iſt er mein Gatte!“— Ein markerſchütternder Schrei ertönte. Mit einer 31 Wucht, unter der die zarte Geſtalt zu zerbrehen drohte, hatte ſich Fürſtin Anna von ihrem Lager emporge⸗ ſchnellt und ſich Stanowsky an die Bruſt geworfen. „Sie lügt, Iſtvan! Sage, daß ſie lügt. Sei ein Verbrecher, ſei ein Mörder, ich werde Dich nicht ver⸗ leugnen, ich folge Dir zu Kerker und Schaffot, nur ſage, daß ſie lügt!“ Etienne Stanowsky log nicht. Er ſchaute ſtumpf und mürriſch zu Boden. Ihm war, als fühlte er in ſeinem zierlich geſcheitelten Haar die Fauſt des Ver⸗ hängniſſes. „Rette ihn, er iſt mein Gatte!“ rief Leopolda noch einmal. Fürſtin Anna brach zuſammen. „Er war auch der meinel“ flüſterte ſie, aber dieſes entſetzliche Flüſtern drang in die entfernteſten Ecken des Zimmers. Dann folgte ein eigenthümlicher gur⸗ gelnder Laut und der Blutſtrom, der zwiſchen Anna's entfärbten Lippen hervorquoll, floß langſam über ihr Geſicht. Stanowsky und der Agent hatten das Zimmer bereits verlaſſen. „Kommen Sie ſchnell“, ſagte er,„man iſt nicht von Stein! Wir haben manchmal harte Pflichten zu erfüllen.“ 32 Leopolda ſchaute ſtarr auf die Leiche der Schwe⸗ ſter. Ihr Vater faßte ſie an der Hand und flüſterte mit erſchrecktem Tone, indem er ſich ſcheu nach allen Seiten umſah: „Komm, komm! Laß uns fliehen von dieſer Stätte des Fluchs.“ Leopolda ſah ihn ſeltſam an. „Flieh'— ich werde bleiben.— Ich muß ihn erſt verenden ſehen!“ murmelte ſie nach einer Pauſe. Dann kniete ſie nieder und ſchloß die Augenlider ihrer Schweſter. Drittes Kapitel. Die Werbung. Mit Louiſon war eine merkwürdige Veränderung vorgegangen. Zum erſten Mal in ihrem Leben hatte ſie eine That vollbracht, nicht blos geduldet, auf die Schickſale eines Andern eine entſcheidende Wirkung geübt. Sie hatte vielleicht den Mann gerettet, der ſie verachtete und an den ſie doch immer denken mußte, in jedem Falle hatte ſie einen Zweikampf verhindert, der um ihretwillen ſtattfinden ſollte. Sie hatte ſich vor Leuten gedemüthigt, welche ſie verachtete, und doch war ihr, als müſſe ſie ſtolzer ſein als je. Und dieſer Stolz, der heute ihre Wangen röthete, ihrem ſchwarzen Auge doppelten Glanz gab und ihre Glieder geſchmeidig und ihren Schritt ſo elaſtiſch machte, war nicht das bittere mißtrauiſche Gefühl von ehemals, v. Schlägel, Rach uns die Sündflut. III. 3 34 ſondern das freie und muthige Bewußtſein, einmal zu etwas Rechtem gut geweſen zu ſein. Nach langer Zeit zum erſten Mal nahm ſie heute eine Stickarbeit wieder auf, die ſie ſchon lange beiſeite gelegt hatte, weil die bunten Farben und das heitere Muſter nicht zu ihrem verdüſterten Gemüth paſſen wollten; ſie ſuchte aus allen Winkeln der Käſten die verſchleuderten Materialien wieder hervor und freute ſich wie ein Kind, als ſie endlich Alles beiſammen hatte. Aber wie ſie beginnen wollte, ließ ſie plötzlich wie⸗ der die Hände im Schooße ruhen und ſtarrte hinaus auf die Dächer der Nachbarhäuſer und lauſchte träu⸗ mend dem Geräuſch der Straße, das dumpf zu ihr heraufdrang. Ob nun ſchon Alles entſchieden war und wie wohl der Baron die Weigerung des Lords aufge⸗ nommen hatte? Gleichviel, was konnte ihr daran liegen, was er über ſie dachte, und wenn er, der zartſinnige, zurückhaltende Ariſtokrat, ſie auch noch viel tiefer ver⸗ achtete als vorher infolge ihres unweiblichen und auffallenden Schrittes, ſie hatte ihm jetzt nicht mehr dafür zu danken, daß er ſich ihretwegen einer Ge⸗ fahr ausgeſetzt hatte, denn er blieb ja auf alle Fälle am Leben. Am Leben! Was hatte ſie ſich denn ſo viel um Mondelion's Leben zu kümmern? Ging er ſie mehr 35 an als Andere, die galant und gütig gegen ſie geweſen und an die ſie nicht mehr dachte? Louiſon runzelte die Stirn über ſich ſelbſt und faßte die Goldperlen wieder auf, die ihr von der Nadel gefallen waren. Sie dachte an ihren Bruder. Er war nicht zu Hauſe, er hatte auch den geſtrigen Tag und den größten Theil der Nacht außer dem Hauſe zuge⸗ bracht. Sie hatte ihn nur geſehen, als er ihr heute Morgen zum Abſchied die Hand gereicht hatte. Er war heute ſehr ruhig und hatte ſie angeſchaut mit einer Ruhe und ernſten Klarheit, wie ſie dieſelbe noch nie an ihm bemerkt. Sie war faſt erſchreckt durch die Feierlichkeit, mit der er ihr die Hand reichte. „Wann kommſt Du wieder, Jean?“ hatte ſie gefragt. „Ich weiß es nicht“, hatte der Student geantwor⸗ wortet.„In dieſer Zeit weiß man nie, ob und wann man wieder nach Hauſe kommt.“ „Jean, es iſt unmännlich, um eines Geſchöpfes willen wie Nini ſo allen Muth zum Leben zu verlieren.“ Jean Jaccard ſchaute mit ſichtbarer Ueberraſchung in das Geſicht der Schweſter, als liege die Erinnerung an das Weſen, welches Louiſon nannte, ſchon Jahre hinter ihm. 3⸗ 36 „Du irrſt, Louiſon, ich denke nicht mehr an jenes Mädchen. Ich habe Muth zum Leben, aber auch keine Furcht vor dem Sterben, und wer den Tod nicht fürchtet, der hat die Pflicht in dieſer Zeit, ſich in Reih und Glied zu ſtellen für die Sache der Menſchheit. Wir ſind am Werk, Schweſter. Niemand weiß, was der Morgen, was die nächſte Stunde bringt. Es iſt nicht anzunehmen, daß man uns ruhig die Minen legen laſſen wird, mit denen wir dieſe verrottete Geſellſchaft in die Luft ſprengen wollen, es kann ebenſo gut mich treffen wie einen Andern, daß ich eines Tages nicht heimkehre, ſondern eine Luſtfahrt nach Lambeſſa antrete oder in den unterirdiſchen Gängen, die von der Conciergerie nach dem Juſtizpalaſt führen, ruhig verſchwinde. Wer weiß! Es würde mir zwar die letzten Augenblicke ver⸗ bittern, wenn ich Dich ſchutzlos zurücklaſſen müßte in dieſer der Auflöſung nahen Welt, aber hat man in dieſer Zeit, wo es Alles gilt, ein Recht, an das Einzelne zu denken? Ich kämpfe ja auch für Dich, für eine würdigere Stellung des Weibes, und wenn ich falle, Du, die Du ſo lang unter den ſchmachvollen Feſſeln der jetzigen Geſellſchaft geſchmachtet, bis Dir jeder Athemzug vergällt war und ein fröhliches Lachen eine Thorheit ſchien, Du wirſt die Hand des ſterbenden Bruders noch küſſen, die das Schwert der Befreiung ja auch für Dich geführt. — 37 Der Student ſtand hochaufgerichtet mit ausge⸗ ſtreckter Hand vor ſeiner Schweſter, ſeine Augen leuch⸗ teten mit ruhigem Glanze und ſeine vollen Lippen um⸗ ſpielte ein ernſtes Lächeln. Louiſon ſank ihm ſchluchzend in die Arme. „Ich weine“, ſagte ſie,„vor Glück, daß ich Dich wieder achten kann. O daß unſer Vater es ſehen könnte, wie der Traum ſeines Lebens, den er mit ins Grab nahm, wiederauferſtanden iſt in ſeinem Sohne!“ An all das dachte Louiſon, als ſie allein war. Jean iſt wieder Mann geworden! jubelte es in ihr, dann ſann ſie wieder nach, und die Goldperlen, welche noch eben luſtig am Faden getanzt hatten, hingen in unregelmäßigen Zwiſchenräumen melancholiſch herunter. Wie kam es, daß Jean das Mädchen ſo ſchnell vergaß, deſſen Verluſt ihn doch noch geſtern ſo ſehr erſchüttert hatte? Es war alſo doch blos das ſtete Wohlgefallen an ihrer Geſtalt, was ihn an ſie feſſelte, vielleicht auch bedurfte des Bruders leichtlebige Natur Nini's Thorheit als Gegenſatz zu Louiſon's tiefſinnigem Weſen. Aber wie kam es denn, daß die Trauer um ihren Verluſt ſich ſo raſch verflüchtigte? Wie die Goldperlen von dem Ende ihres Fadens auf den Boden rollten, ſo entſchlüpften ihrem Geiſte, kaum noch gedacht, alle Löſungen dieſes ſonderbaren 38 Räthſels. Mit ihr war es doch ganz anders! Sie ſträubte ſich mit aller Kraft des ſtolzen Herzens gegen die Macht, die Mondélion über ihren Geiſt gewinnen wollte, ſo⸗ lange ſie in ſeiner Nähe war, ſie ſuchte mit einer in⸗ grimmigen Genugthuung ſich zu beweiſen, daß er der verrottetſte und gefährlichſte Ariſtokrat ſeiner Zeit ſei, und vergrößerte ſich mit ingrimmiger Genugthuung die Schwächen, die ſie an ihm entdeckt zu haben glaubte, und wenn ſie fern von ihm war, trat die Erinnerung an ihn ernſt und mild zu ihr und ſie ſah ihn ohn⸗ mächtig in ihren Armen und hörte noch einmal all die klugen und ſchönen Worte, die er zu ihr geſprochen. Und ſie umarmte mit aller Inbrunſt des unentweihten Herzens das Bild deſſen, den ſie liebte— den ſie liebte— ſie ſaß mit heftigem Erſchrecken bleich vor dem eigenen Wort. Flieht man vor denen, die man liebt? fragte ſie ſich und klammerte ſich an dieſen Einwurf mit letzter Todesangſt. Vielleicht, gab lächelnd der Mondélion ihrer Erinnerung mit ſeiner ſanften und eindringlichen Stimme zur Antwort, vielleicht flieht man blos vor dem, was ihn umgibt und das uns Bewunderung abzwingen möchte, und das man haßt mit einem heiligen ererbten Haß, als die größte Tyrannin der Menſchheit, die Form, die von Menſchen in ſelbſtmörderiſchem Wahnſinn geſchaffene todte Form, 39 in deren thönerner Umarmung ſo viel warmes frohes Leben erſtickt. Wie anders wäre es, wenn Mondélion hier vor ſie träte, hier in dieſem Manſardenſtübchen, als ſchlichter Student, der um ſein Leben kämpfen und für ſeine Studien darben muß. Louiſon ſchrak auf. Es war ihr, als höre ſie einen leichten Schritt auf der Treppe, ganz verſchieden von dem ihres Bruders, auch hatte ſie vorhin ganz deutlich einen Wagen unten auf der Straße halten hören. Ja, ja, und der Schritt näherte ſich der Thür. Louiſon ſprang auf und wankte einige Schritte vor⸗ wärts, aber das zum Herzen dringende Blut benahm ihr den Athem, die Hände feſt an die linke Seite der Bruſt gedrückt, die in verzweifelter Angſt weitgeöffneten Augen auf die Thür geheftet, ſtand ſie da. Da klopfte es. Niemand rief„Herein!“ Es klopfte wieder. Niemand antwortete. Da öffnete ſich langſam die Thür und der Baron erſchien unter derſelben. Louiſon ſah ihn ſtarr an, ſie ſah auch Alles, den einfachen Anzug, die Bläſſe der Erregung auf ſeinen Wangen, ſie wußte auch, weshalb er kam, ehe er den Mund öffnete. „Louiſon!“ Wie die rührendſte Bitte, die flehendſte Sehnſucht 40 klang ihr der Name, er ſagte ihr, daß er ſie nicht ver⸗ achtete, ſondern unausſprechlich liebte, er ſagte ihr, daß der Geliebte ihrer Phantaſie wirklich lebe und daß die Form, die ſein Bild verhüllte und entſtellte, von ihm gefallen ſei, geſprengt von jener Glut, die auch in ihrem Buſen glühte und deren feurige Lohe über ihr zuſammenſchlug. Es waren René's Arme, die ſie umſchloſſen hielten. Sie ruhte an ſeiner Bruſt, ſie hörte das wilde Pochen ſeines Herzens und fühlte ſeinen Hauch an ihrer Stirn— ihr war, als ſei das der Tod, ein ſüßer, langerſehnter Tod, der ſie auf ſeinen ambroſiſchen Wellen ſchaukelte. Ein Schluchzen ohne Thränen drang manchmal herauf aus der Tiefe ihrer Bruſt und manchmal zitterte die ſchlanke Geſtalt in Mondélion's Armen. Er drückte ſie ſanft von ſich und küßte ſie auf die Stirn. Louiſon's Geſicht bewegte ſich nicht, ſie hatte noch keine Macht über die Gewalt der Wonne, die er⸗ drückend auf ihrem Weſen lag. René Mondélion nahm ſie bei der Hand und führte ſie zu der Bank, welche die Stelle des Sophas vertrat. Louiſon ließ ſich führen wie ein erſchrecktes folgſames Kind. Betäubt ſchaute ſie auf den Stuhl am Fenſter, von dem ſie noch eben auf die Nachbardächer hinausgeblickt, und auf den Faden mit den Perlen, 41 der wie eine kleine goldene Schlange ſich am Boden ringelte. „Louiſon!“ begann Mondolion wieder mit derſelben ernſten Stimme, in welcher noch leiſe die Erregung zitterte, und behielt eine der ſchmalen Hände der Ge⸗ liebten in den ſeinen.„Ich wollte Dich nicht über⸗ raſchen, wahrhaftig nicht. Ich wollte Dich recht ruhig und anſtändig um eine Unterredung bitten und Dir Alles ſagen, was ich gefühlt von dem erſten Augen⸗ blick an, da ich Dich ſah, bis zu der Stunde, da ich Dein hochherziges Opfer erfuhr. Ich wollte Dir ſagen, daß ich ohne Dich nimmer leben kann noch mag und daß Du mein ſein mußt.“ „Ich bin Dein!“ ſagte Louiſon tonlos und ſchaute noch immer auf die kleine goldene Schlange am Boden. „Ich wollte“, fuhr Mondélion fort,„nachdem Du mir es erlaubt, bei Deinem Bruder recht ſpießbürger⸗ lich um Dich werben.“ „Um mich werben? Bei meinem Bruder?“ fragte Louiſon und richtete die matten Blicke mit halbem Er⸗ ſtaunen auf den Geliebten. „Ja ſagte Mondélion, indem er ihre Hand küßte. „Es iſt nun anders gekommen und es iſt gut ſo. Wir treten ihm als Verlobte entgegen.“ „Als Verlobte?“ fragte Louiſon, und die Angſt, eine wirkliche Seelenangſt ſcheuchte die letzten träume⸗ riſchen Schatten von ihrem Geſicht.„Du begehrſt mich zum Weibe?“ Mondélion drückte die Hand der Geliebten feſter. „Louiſon, haſt Du einen Augenblick daran zweifeln können, daß ich Dich nur als meine Braut wieder aus meinen Armen laſſe?“ Louiſon machte ihre Hand haſtig aus den Fingern des Geliebten los und ſuchte ſich von ihm zu entfernen. „Deine Braut? René, Du ſpotteſt.“ Mondeélion blickte ernſt lächelnd auf die zweifelnde Geliebte. „Louiſon, Du ſollſt mein Weib werden vor Gott und den Menſchen, bei meiner Ehre!“ Louiſon ſprang auf und ſtreckte abwehrend die Hand aus. Das war daſſelbe Lächeln, das alle Dämo⸗ nen des Stolzes in ihrer Seele wachrief, ſo hatte er gelächelt bei jeder flüchtigen Galanterie, zu der er ſich ihr gegenüber herabließ. „Dein Weib— nie, nie!“ Mondelion hatte ſich erhoben, der Sehnner, der einen Augenblick wild über ſein Geſicht gezuckt hatte, machte einem finſtern Erſtaunen Platz. „Verzeihen Sie, Louiſon! Ich hatte Alles das, was eben zwiſchen uns vorging, für Liebe gehalten. Liebende 43 haben hergebrachtermaßen das Beſtreben, ſich für immer zu vereinigen.“ Louiſon ſtand bleich und mit zuckenden Lippen vor Mondélion. Ihr Buſen wogte heftig auf und nieder. „Sprich nicht ſo, René, Du marterſt mich entſetz⸗ lich. Ich liebe Dich, ja, grenzenlos, unendlich, aber ich kann nicht Dein Weib werden, zu dem Du mich in der Götterlaune des Augenblicks machen willſt. Ich kann nicht. Mir iſt, als ob der Boden unter mir wankte bei dieſem Gedanken und als ob's aus allen Lüften rings um mich her riefe: Nein! Nein!— Sieh!“ ſagte ſie dann ſanfter und trat auf René zu und faßte ſeine Hand.„Ich liebe Dich ja, namenlos, wahnſinnig; verlange von mir jedes Opfer, meine Liebe iſt ſo groß und gewaltig, daß nichts ſie entwürdigen kann, ich will bei Dir bleiben und Dir treu ſein bis zu mei⸗ nem letzten Athemzuge, Dir dienen als Magd, wenn Du willſt, nur Dein Weib will ich nicht ſein, nur danken will ich Dir nichts als Deine Liebe.“ Louiſon beugte ſich zu ihm und liebkoſte die Hand, die ſie hielt, und ſprach mit ſchmeichelnder Angſt: „Sieh, René! Alle Welt würde Dich verhöhnen, Deine Verwandten würden ſich von Dir losſagen und Alles um mich. Und wenn Du Dich in mir getäuſcht 44 fühlteſt und ewig an mich gebunden wärſt, die Dir Alles das genommen, was Du früher hochhielteſt, es wäre gräßlich! So, wenn ich nicht Deine Frau bin, iſt das anders, Du biſt frei und ich habe Dir nichts zu danken. Bleiben wir, wie wir ſind— ich war ja ſo glücklich.“ René Mondelion hatte ihr ernſt und aufmerkſam zugehört. Jetzt ſagte er klar und langſam, als ſolle jedes Wort für ewige Zeiten in Louiſon's Gedächtniß bleiben: „Ich habe die Folgen meines Schrittes wohl er⸗ wogen, Louiſon, ehe ich hierher kam. Ich bin Herr meiner Handlungen und hatte bei dieſer ernſteſten That meines Lebens das Urtheil von Niemand zu fürchten. Ich bin auch nicht Knabe genug, morgen zu verachten, was ich heute angebetet, und nicht ſo erbärmlich, ein geliebtes Weſen deshalb von mir zu ſtoßen, weil An⸗ dere es mit ihrem Haß verfolgen. Doch das Alles ſcheint mir nicht der wahre Grund Ihrer Weigerung, Louiſon, wenn Sie es auch ſelber dafür halten. Sie haben wohl ſchon zu viel von jenen alles zerſetzenden Anſchauungen in ſich aufgenommen, welchen die gegen⸗ wärtige Ordnung der Geſellſchaft zum Opfer fallen ſoll. Sie wollen vor allem frei ſein und ſehen nichts Unehrbares in jener freien Wahl und Liebe, welche die 45 Auflöſung der Familie, des Staates, alles deſſen iſt, was die menſchliche Cultur und Entwicklung ſchützt und fördert. Ich achte das Alles hoch, was Sie ge⸗ ringſchätzen.“ Louiſon ſtand mit zur Erde gekehrtem Geſicht vor ihrem Richter. Sie widerſprach nicht. René Mon⸗ délion fuhr in wärmerem Tone fort: „Wenn ich Sie weniger liebte, Louiſon, würde ich im Glück, das mir Ihre Liebe gewährt, die Berech⸗ tigung deſſelben zu vergeſſen ſuchen. So aber liebe ich Sie zu ſehr, Louiſon, um Sie für Ihre Liebe das ein⸗ tauſchen zu laſſen, was ich Entehrung nenne, und des⸗ halb, Louiſon, da Sie nicht mein Weib werden wollen, vergeſſen Sie mich!“ René Mondelion hatte die letzten Worte mit vor Erregung faſt erſtickter Stimme geſprochen, er blieb noch einige Augenblicke ſtehen, als erwarte er noch eine Antwort. Louiſon erhob den Blick nicht vom Boden, ſagte nichts. „Leben Sie wohl!“ Mondélion wandte ſich raſch um und verließ das Zimmer. Louiſon blieb noch eine Weile ſtehen, dann ſetzte ſie ſich wieder auf ihren Stuhl am Fenſter. Zu ihren 46 Füßen lag die kleine goldene Schlange. Ihr Geſicht war ruhig und bleich und wie ausgeſtorben war auch ihr Inneres. Da klopfte es wieder mit leiſem Finger. Gleich⸗ gültig erhob Louiſon den Kopf— wer konnte es ſein? Mondélion kam nicht zurück, das wußte ſie. Schüchtern öffnet ſich die Thür und herein tritt Pore Androlet. Er iſt anders geworden, ſeit wir ihm zum erſten Mal begegneten; ſein dickes rothes Geſicht hat eine Bleifarbe angenommen, ſeine behäbige Rundung ſcheint von ihrer Feſtigkeit verloren zu haben, die Füße, welche einſt ihre nicht geringe Laſt mit vieler Beweglichkeit trugen, ſind ſchwank und unſicher, die ſonſt ſo ener⸗ giſchen Aeuglein blicken glaſig hervor zwiſchen den verſchwollenen Lidern, die ſchöne Kaiſerweſte iſt ab⸗ gegriffen und ſchmuzig und die ganze Geſtalt des noch vor wenigen Tagen ſelbſtbewußten Krämers ver⸗ wahrloſt. In der That hatte Pore Androlet ſeit jenem ſtürmiſchen Auftritt, der mit der Bezahlung der Miethe 1 endigte, faſt Tag und Nacht in der Kneipe zugebracht. 5 und ſein Geſchäft einem neuangeſtellten Ladenjungen überlaſſen, der ihm noch nicht die geringſte Gewähr ¹ für ſeine Zuverläſſigkeit gegeben hatte. Jeden Tag erhielt er weniger von der gewohnten Einnahme, und ———·— 47 wenn ihm das auffiel, erlaubte ſein Zuſtand gewöhn⸗ lich nicht genauere Nachforſchungen anzuſtellen. Manch⸗ mal begegnete ihm Jean Jaccard und grüßte freundlich; da hatte Père Androlet dann immer ein Gefühl, als ob man ihm mit einem roſtigen Nagel das Herz durch⸗ bohre; wenn er aber nur den leichten Schritt Louiſon's auf der Treppe hörte, ſo verſteckte er ſich hinter ſeine Ladenthür und ſah ihr durch die Ritze nach, ſolange er ſie erblicken konnte, und der Ladenjunge hörte ihn hinter der Thür ſtöhnen. Von der Kneipe, wo Pore Androlet den größten Theil ſeiner Zeit zubrachte, konnte er Alles ſehen, was in ſeinem Hauſe aus und ein paſſirte, aber dieſer Obſervationspoſten hatte nur den einen Zweck, Louiſon ſo oft als möglich zu beob⸗ achten, ohne von ihr geſehen zu werden. Ohne ſie zu hindern, ließ er die Bewohner des dritten Stocks, welchen es noch nie eingefallen war, einen Sou Miethe zu bezahlen, ihre letzten Geräthſchaften wegbringen. Paul Mervin, welcher das Geld Jean Jaccard's ſchon nach zwei Tagen in neuen Erfindungen angelegt hatte, ohne an Androlet oder Mont de Piété oder ſeine hungernde Familie mehr zu denken, trug die letzten Stücke ſeines ärmlichen Hausrathes nach dem Temple, dem Eldorado der Trödler und der letzten Zuflucht deſſen, der noch etwas zu verkaufen hat. Pore Androlet 48 beläſtigte ihn dabei nicht, brannte ihm ja das Geld Jean Jaccard's noch wie Feuer auf der Seele, denn das Geld kam von dem verruchten Ariſtokraten, der ſeinen prächtigen Wagen wie zum Hohn vor ſeinem Laden hatte halten laſſen, damit er recht genau ſehen ſolle, mit welch zärtlicher Rückſicht er die Schweſter des Studenten in den Wagen hob. Androlet hatte die Rückkunft des Wagens nicht bemerkt, in halb be⸗ wußtloſem Zuſtande zertrümmerte er um dieſe Zeit in ſeinem Zimmer die ſämmtlichen Geräthſchaften, die es enthielt, und ſchwur Tod und Verderben allen Ariſto⸗ kraten. Am andern Tage, als er bemerkte, daß Nini Berton weggeblieben und Louiſon zurückgekommen ſei, als er die Verſtörung des Studenten ſah, jubelte er auf und ging ins Wirthshaus und ließ die Ariſtokraten leben, die ganz prächtige Kerle ſeien und zu leben wüßten, denn da habe einer ſeinem Hausbewohner, dem Studenten, mit aller Galanterie ſein Liebchen wegge⸗ ſchnappt. Und Pere Androlet lachte, daß es ihn ſchüttelte. Da kam der Ariſtokrat wieder, ſein Wagen hielt vor der Thür und er machte ein Geſicht, als habe er das ſüßeſte Liebesbriefchen in der Taſche. Und Louiſon war allein, denn ihr Bruder war ſchon früh fortgegangen, und der Ariſtokrat ſtieg zu ihr empor und blieb bei ihr, eine halbe Stunde lang. Pore Androlet, am ganzen Leibe zitternd, mit gerötheten Augen und kurzem, ſchwerem Athem, ſtieg die erſte der fünf Treppen hinauf; es war, als ob ein Centnergewicht an jedem ſeiner Füße hing, und er faßte das an der Wand be⸗ feſtigte Geländer, als fürchte er zu taumeln. Da kam der Beſucher Louiſon's wieder die Treppe herab und an Androlet vorbei. Androlet heftete ſeine blutunterlaufenen Augen auf das Antlitz des Ariſto⸗ kraten, aber dieſer hatte nicht das Ausſehen eines glücklichen Liebhabers. Mit düſterem Geſichte und lang⸗ ſamen Schritten ſtieg Mondélion an ihm vorüber. Pore Androlet ſetzte ſich auf die Treppe und weinte aus erleichtertem Herzen. Da ſchrak er wieder auf. Wer gab ihm denn die Ge⸗ wißheit, daß ſie ſich nicht liebten? Und wenn ſie wirklich eben im Zorn von einander geſchieden, konnte es nicht ein vorübergehendes Zerwürfniß ſein, das die Aus⸗ ſöhnung dann um ſo ſchöner machte? Ein Fieberfroſt ſchüttelte Androlet, als er an eine Ausſöhnung dachte. Mit raſchen Schritten ſtieg er die fünf Treppen empor und hatte die Thür geöffnet, bevor er eigentlich wußte, was er Louiſon ſagen wollte. Er ſtand ihr gegen⸗ über, ſie war aufgeſtanden und ſah ihm ohne Ueber⸗ raſchung ins Geſicht. v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. III. 4 50 „Was wollt Ihr, Androlet?“ fragte ſie. Das war's, was Androlet von allen Dingen am wenigſten wußte. Sein Geſicht erhielt einen matten Schimmer ſeiner ehemaligen Röthe, in ſeiner Bruſt arbeitete es convul⸗ ſiviſch. „Er hat ſie nicht geküßt“, murmelte er mit grim⸗ mer Freude vor ſich hin,„ſonſt wäre ſie nicht ſo bleich.“ Louiſon wartete noch immer auf die Beantwortung ihrer Frage, ſie verſtand nicht, was Androlet murmelte, und wiederholte daher ihre Worte mit einer eintönigen Gleichgültigkeit, als wiſſe ſie von Pére Androlet nichts weiter als ſeinen Namen. Als Pore Androlet die großen glanzloſen Blicke Louiſon's mit gleichgültiger Frage auf ſich gerichtet ſah, blinzte er mit den Augen, wie ein Hund, der in die Sonne ſchaut, und ſtöhnte: „Ihr ſollt mir ſagen, daß der Mann, der eben von Euch ging, nicht Euer Geliebter iſt.“ „Er iſt nicht mein Geliebter!“ ſagte Louiſon mecha⸗ niſch, als habe ſie ſich um nichts weiter zu kümmern als um die Beantwortung der ihr vorgelegten Frage. Aus Androlet's Bruſt ſtieg ein Seufzer der Be⸗ friedigung empor, der einem Walroß Ehre gemacht hätte.— 51 „Und Ihr werdet ihm auch nicht angehören— nie⸗ mals?“ rief er. „Niemals“, wiederholte Louiſon, als habe ſie die Berechtigung des Mannes, ihr dies Verſprechen abzu⸗ fordern, oder ſeine Gründe dazu nicht weiter zu er⸗ forſchen. Androlet ſtieß einen unartikulirten Laut des Be⸗ hagens aus, trat gegen Louiſon heran und ſagte mit gedämpfter Stimme:„Hört, Louiſon Jaccard, Ihr und Euer Bruder ſeid Republikaner, blutrothe Republi⸗ kaner— ich will auch einer werden. Ich haſſe die Ariſto⸗ kraten, Louiſon.“ „Daran thut Ihr wohl, Androlet, und Euer Haß iſt ein gerechter!“ ſagte Louiſon in ihrer vorigen Weiſe. In den trüben gläſernen Augen Androlet's leuch⸗ tete es auf. „In Paris wird es unruhig. Euer Bruder iſt einer von den Erſten, wenn es ans Losſchlagen geht. Sagt ihm, er könne auf Pore Androlet zählen und daß ich viel Einfluß habe im Quartier und daß mich die Behörden für einen ſehr gutgeſinnten Bürger halten und mir volles Vertrauen ſchenken. Ich kann ihm und ſeinen Freunden viel nützen— ſagt ihm das, Louiſon.“ „Ich will es.“ „Und dann“, fuhr Pere Androlet weicher fort und 4* 52 ergriff Louiſon's Hand, die ruhig und kalt zwiſchen ſeinen dicken Fingern blieb,„und dann, wenn ſie mich gefangen genommen und gutllotinirt haben, oder wenn ich auf der Barrikade gefallen bin, dann werdet Ihr den dicken rohen Krämer nicht mehr verachten, Louiſon.“ Ein paar große Thränen fielen auf Louiſon's Hand. Sie zog dieſelbe nicht zurück. „Ich verachte Euch nicht, Père Androlet, dann aber werde ich Euer Andenken verehren.“ 3 Mit dem Reſt von Androlet's Haltung war's zu Ende. Schluchzend ſank er Louiſon zu Füßen. Nur einzelne Worte und abgeriſſene Sätze drangen an ihr Ohr. „Ich weiß es ja— nicht gut genug für Euch— nicht ſo thöricht, zu glauben, daß Ihr mich lieben— wenn nicht leben für Euch, ſterben.“ Louiſon zog ihre Hand zurück, welche naß war von den Thränen des Krämers, und ſagte mild: „Steht auf, Pere Androlet! Ihr ſeid ein guter Menſch, tröſtet Euch, ich bin unglücklicher als Ihr. Wenn es mir auch nicht möglich iſt, Euch mehr zu ſein, ſo wollen wir von nun an gute, recht gute Freunde bleiben. Und nun ſteht auf und ſeid ver⸗ nünftig, Androlet!“ Androlet jedoch war nicht vernünftig. Er blieb 53 auf ſeinen Knieen liegen und ſchaute inbrünſtig zu Louiſon empor und lauſchte ihren Worten und weinte. Louiſon und er waren bereits nicht mehr allein. Unter der Thür, welche der Krämer bei ſeinem Eintritt offen gelaſſen, ſtanden Jean Jaccard und Reymond. Jean Jaccard war ernſt und ruhig, Reymond trug neue Kleider und ſchien gut gegeſſen zu haben. Louiſon ſah an dem Zucken von Reymond's Ge⸗ ſicht, daß ihm eine ſpöttiſche Bemerkung auf den Lippen ſchwebte. Sie ſagte daher raſch: „Pore Androlet theilte mir ſo eben ſeinen Entſchluß mit, daß er der Sache der Freiheit ſich anſchließen und für ſie leben oder ſterben wolle.“ Androlet war aufgeſprungen und rief enthuſiaſtiſch: „Gebietet über mich und Alles, was mein iſt. Ich war blind bis heute. Eure Schweſter hat mich ſehend gemacht! Nieder mit den Ariſtokraten, es lebe die Gleichheit!“ Reymond ſchloß ſeinen vor Erſtaunen weit offenen Mund ſo raſch, daß die Zähne aufeinanderſchlugen. „Der jüngſte Tag iſt nicht mehr fern!“ ſagte er mit ironiſchem Pathos.„Die Gräber öffnen ſich und die Todten ſtehen auf dem Kopf, die Gewürzkrämer und Hauseigenthümer werden Socialiſten. Da bleibt einem anſtändigen Demokraten nichts übrig, als Kapi⸗ taliſt zu werden und des Kaiſers Soldaten zu be⸗ zahlen, um die liebe Canaille todtzuſchießen. Wenn's der Mühe werth wäre, wahrhaftig, ich würde noch heute zur Partei der Ordnung zurückkehren, aber mor⸗ gen bin ich mit Jeanneton's Erſparniſſen wahrſchein⸗ lich am Ende und dann würden mich die anſtändi⸗ gen Leute hinauswerfen. Deshalb iſt's bequemer, zu bleiben.“ „Reymond“, rief Louiſon zürnend,„wenn Ihr ſelbſt keinen Funken Schamgefühl beſitzt, ſchont doch das unſere!“ Reymond, weit entfernt, durch dieſe Zurechtweiſung verletzt zu werden, ließ den Blick von dem dicken Krämer luſtig zu Louiſon hinüberwandern und ſchlug ſich vor die Stirn. „Jetzt begreif' ich's, jetzt iſt mir's auch recht! Wo Louiſon's Augen das Gleichgewicht ſtören, will ſich ihr beſcheidenſter Verehrer nicht anmaßen, die Dinge wie⸗ der an ihren alten Platz zu rücken.“ Jean Jaccard hatte von dem Geplauder des Freun⸗ des keine Notiz genommen und ſich Pore Androlet ge⸗ nähert. „Vergebt, wenn ich Euch im jugendlichen Ueber⸗ muth und gereizt durch meine Lage manchmal verletzt habe, Poère Androlet, und wenn es Euch wirklich Ernſt — —ÿ Heute Abend könnt Ihr einziehen.“ 55 iſt, mit uns eine neue Ordnung der Dinge anzuſtreben und Eure eigenen Sonderintereſſen in dem großen Ziele untergehen zu laſſen, ſo ſeid mir willkommen!“ „Und mir auch“, ſagte Reymond und ſtreckte dem Krämer die Hand hin.„Und damit Ihr Eure gute demokratiſche Geſinnung ſogleich bewähren könnt, zeige ich Euch hiermit an, daß ich noch heute zu Euch ziehen werde. Bedenkt, Bürger, wir werden wahrſcheinlich morgen, wenn unſer Geld zu Ende iſt, aus dem Hotel geworfen, wo wir wohnen. Eure demokratiſche Pflicht iſt es, uns aufzunehmen. Laßt für mich und Jeanneton zwei hübſche Zimmer einrichten, ſchmeißt Jemand an⸗ ders raus, wenn Ihr keine habt, und ich verpflichte mich dafür, Euch in Euren demokratiſchen Vorſätzen bis zu einem Grade zu beſtärken, daß Ihr auch der Geſinnung nach wahrer Kannibale werden ſollt— das Ausſehen habt ihr ohnehin dazu. Nun, wie ſteht's, Bürger Ariſtokratenfreſſer?“ Dabei ſchlug er dem Krämer auf den Bauch. Jean Jaccard warf dem Freund einen drohenden Blick zu. Pore Androlet aber ſagte: „Ihr gefallt mir, junger Mann. Ihr ſeid aufrichtig und, wie es ſcheint, ein heiterer Geſellſchafter. Ihr ſollt die Zimmer haben, ſolange Ihr wollt und umſonſt. 56 Diesmal war das Erſtaunen des Studenten ein ungeheucheltes. Pere Androlet“, ſagte er nach einer Pauſe,„Ihr habt mich geſchlagen, Ihr ſeid der größte Witzbold, dem ich noch begegnet bin. Aber“— Reymond ſtreckte die Hand aus,„traut nicht zu ſehr, ich komme.“ „Ihr ſeid willkommen!“ ſagte Pere Androlet, in⸗ dem er die Hand des Studenten ergriff, ſtrahlend vor Wonne, daß er vor Louiſon ſogleich bethätigen konnte, wie ſehr es ihm mit ſeiner Sinnesänderung Ernſt ſei. „Was Poͤre Androlet iſt, iſt er ganz; was er thut, thut er ganz. Es lebe die Republik!“ „Es lebe die Republik!“ wiederholten Jaccard und Reymond mit gedämpfter Stimme. “ Viertes Kapitel. Monſteur Klaß. Als Stanowsky mit ſeinem Begleiter die Woh⸗ nung des Hospodars verlaſſen hatte, ſah er durch ſeine Betäubung hindurch noch zwei Männer in Civil⸗ kleidung, die ſich zu ihnen geſellten und den beiden zu dem bereitſtehenden Wagen folgten. Auf der Treppe begegnete Stanowsky nur den neugierigen Geſichtern einiger Kellner, welche ſich vor dem den Häſchern Ver⸗ fallenen, den ſie noch geſtern devoteſt bedient, ſcheu zur Seite drückten. Als Stanowsky ſich dem Miethwagen näherte, fuhr ihm wie ein trüber Blitz der Gedanke an Flucht durchs Gehirn; wenn er den Wagen raſch auf der andern Seite verließ, ſo war es möglich, in der Dunkelheit zu entkommen. Raſch ſtieg er ein, der Elſaſſer folgte ihm auf dem Fuße, zugleich aber 58 tauchten auch ſchon am andern Wagenfenſter die rie⸗ ſigen Schultern eines der beiden Kerle auf, die ſich zu ihnen geſellt hatten. Als Stanowsky ſaß, ſtiegen die beiden von zwei Seiten in die Droſchke und nahmen auf dem Rückſitze Platz, ohne während der nun folgenden kurzen Fahrt ihr Gegenüber auch nur einen Augenblick aus den Augen zu laſſen. 4 Neben Stanowsky ſaß fortwährend plappernd der Elſaßſer. Mit widerlicher Vertraulichkeit legte er ſei⸗ nem Gefangenen die Hand bald auf den Arm, bald auf den Schenkel, und Stanowsky ſchien es, als wolle er ſich dadurch ſeiner jeden Augenblick verſichern. „Dies Pariſer Pflaſter hat ſchon Viele in unan⸗ genehme Schwulitäten gebracht“, plauderte der Agent im Tone cordialen Bedauerns,„Leute, die ich, was Liebenswürdigkeit und Lebensart anbelangt, all den ſogenannten ſoliden und anſtändigen Leuten vorziehen würde. Da ſind vor allem die Weiber, die koſten ein unmenſchliches Geld, wie ſie ja ſchon ſeit dem Paradieſe die Wurzel alles Uebels ſind. Hahaha! Nicht wahr, Carlot?“ wendete er ſich an ſein Gegen⸗ über, über deſſen breiten und den kleinern Collegen ſchier erdrückenden Schultern Stanowsky, wenn ſie an einer Gaslaterne vorüberfuhren, nur hier und da eine —, ʒ —j4¼ 59 furchtbare Naſe, einen mächtigen ſchwarzen Schnurr⸗ und Spitzbart und ein paar gewaltige Backenknochen gewahrte. Aus dem Munde des Rieſen kam nun auch eine Stimme, ähnlich dem Ton einer Säge, die ſich durch trockenes Holz hindurcharbeitet. „Sie ſpotten über mich, Monſieur Klaß!“ „Ich über Euch ſpotten, Carlot? Habt Ihr jemals erfahren, daß ich den Reſpekt außer Augen gelaſſen habe, den man Leuten ſchuldig iſt, die zwölf Jahre gedient haben und die Medaille beſitzen und auch das Kreuz bekommen bei dem nächſten glücklichen Griff, den ſie machen? Nein, Meiſter Carlot, ich ſpreche im vollen Ernſt, wenn ich ſage, daß ich Euch um Euer Glück bei den Weibern beneide. Sogar die Tochter des Greffiers wirft Euch verliebte Blicke nach— o, ich hab' es wohl bemerkt! Ich habe ſchon oft bei mir im Stillen ge⸗ dacht, ich bin froh, daß ich nicht verheirathet bin, denn wenn ich es wäre, müßte ich einem Freunde, den ich hochachte, die Thür verſchließen. Wahrhaftig, das müßte ich, denn Madame Klaß würde ſich unfehlbar in ihn verlieben.“. „Hahaha!“ lachte der Rieſe. „Hihihi!“ kicherte ſein magerer Gefährte.„Das iſt ſehr gut, Herr Klaß, ſehr gut!“ 60 Stanowsky ſchwieg. Die Betäubung, die auf ihm gelegen hatte, wich allmälig, und mit der geiſtigen Schnellkraft, die ihm eigen, hatte er ſich bereits in ſei⸗ ner jetzigen Lage zurechtgefunden. Nochmals dachte er an Flucht, aber bereits ſpürte er wieder die Hand des unermüdlichen Herrn Klaß an ſeinem Knie. „Ja, ich verſichere Ihnen, mein Herr, mein Freund und College Carlot iſt ein Teufelskerl— man iſt nicht umſonſt garde d'artillerie und ſechs Jahre in Afrika geweſen. In Afrika ſoll es verteufelt ſchöne Weiber geben, nicht wahr, Carlot? Ihr erinnert Euch doch noch an die Mauresken, die Euretwegen von ihren eiferſüchtigen Gebietern erdroſſelt worden ſind, und an die kleinen braunen Spanierinnen, die ſich unter ein⸗ ander die hübſchen ſchwarzen Augen auskratzten um den ſchönen franzöſiſchen Rieſen. Habe ich Recht, Jean Battiſte?“ „Hahaha!“ lachte der Rieſe. „Hihihi!“ kicherte Jean Battiſte. Stanowsky legte ſich etwas vor, um durch das geſchloſſene Wagenfenſter auf die Straße zu ſehen, und ſtützte den Arm, wie aus Bequemlichkeit, auf die Fenſter⸗ brüſtung, indem er mit den Fingern nach dem Drücker ſuchte. — — —ͤͤͤͤ— —,——— 61 Statt dem Drücker begegnete ſeine Hand der ge⸗ waltigen Muskulatur von Carlot's Arm, der wie eine eiſerne Barre quer vor der Wagenthür lag. Carlot gab einen grunzenden Laut von ſich und auch Klaß war durch die Bewegung ſeines Gefangenen aufmerk⸗ ſam geworden. Er legte ihm die Hand auf die Schul⸗ ter und ſagte in ſeinem bisherigen ſcherzenden Ton: „Müſſen ſich nicht ſo ſehr gegen die Thür legen, mein lieber Herr, denn die Thüren öffnen ſich leicht und Sie könnten hinausfallen und ſich wehe thun. Nicht wahr, Carlot?“ Dabei drückte er ſanft, aber mit einer Kraft, welche die Gewohnheit ähnlicher Beſchäf⸗ tigung verrieth, Stanowsky auf den Sitz nieder. Carlot lachte diesmal nicht, nur glaubte Sta⸗ nowsky zu bemerken, daß ſich der Arm des Rieſen noch weiter vorſchob und die Hand des Herrn Claß ſich feſter auf ſeine Schulter legte, als das für ein Zeichen vertraulicher Theilnahme eigentlich nöthig war. „Habe mit dieſen ſchlecht ſchließenden Thüren ſchon einmal eine ganz merkwürdige Geſchichte erlebt“, fuhr Herr Claß fort, indem er ſeine Hand zwar von Stanowsky's Schulter nahm, aber nur um ſie deſto feſter auf deſſen Schenkel zu legen. „Wollen Sie eine Cigarre, Carlot?“ unterbrach ſich Klaß plötzlich, indem er an allen Taſchen herumgriff. 62 Carlot ſchnarrte eine Bejahung. „Heiliger Donner“, rief Klaß ärgerlich,„jetzt habe ich meine Cigarrentaſche vergeſſen! So geht's mit un⸗ ſerm Dienſt, man hat nie Zeit, an ſich ſelbſt zu denken. Feuerzeug hab' ich, aber damit kann man keine Cigarre anzünden, die man nicht hat, nicht wahr, Jean Battiſte? Haben Sie vielleicht Cigarren bei ſich?“ fuhr Klaß fort, indem er eins jener kleinen Wachskerzchen zum Brennen brachte, welche in ihren mit Caricaturen be⸗ malten Schachteln ſich über die ganze Welt verbreitet haben. Die kleine Flamme erhellte plötzlich den engen Raum und Stanowsky ſah einen Augenblick die Ge⸗ ſichter ſeiner Umgebung ganz deutlich, den Rieſen Carlot, deſſen Arm faſt bis zu ihm herüberreichte, und deſſen kleine ſchwarze Augen ihn aus dem hölzernen Geſicht nichts weniger als freundlich anſtierten, Jean Battiſte, deſſen ſpitziges Geſicht in der Schulterhöhe des Rieſen aus der Wagenecke hervorſah und die ge⸗ meinen, widerwärtig freundlichen Züge des Herrn Klaß. Stanowsky griff in die Taſche und brachte eine Cigarrentaſche zum Vorſchein, die er Klaß reichte. Dieſer hatte indeß ein neues Kerzchen an der ver⸗ glimmenden Glut des andern zum Brennen gebracht und betrachtete ſich die Taſche von allen Seiten, ehe er ſie öffnete. —— 63 „Eine ſchöne Arbeit, dieſe Stickerei, wahrhaftig, aber die Hand, die ſie gemacht hat, muß noch ſchöner ſein. Ich glaube, Sie könnten's mit unſerm Carlot auf⸗ nehmen im Punkte der Weiber, he?“ Das Streichholz erloſch. Gleich darauf ziſchte ein neues, aber Stanowsky ſah bei ihrem Schein, daß die Mehrzahl ſeiner Cigarren verſchwunden war. Die wenigen zurückgebliebenen präſentirte Klaß mit liebens⸗ würdigſter Miene ſeinen Genoſſen. Vergeblich jedoch bot Klaß dieſelben ſeinem Col⸗ legen Carlot; dieſer ließ den Gefangenen nicht aus den Augen, und als jetzt Klaß das ſechste Streichholz angezündet hatte, griff ſeine gewaltige Fauſt mit einer Raſchheit, die man ihren Dimenſionen nicht hätte zu⸗ trauen ſollen, von oben unter den halbgeöffneten Ueber⸗ rock Stanowsky's und zog gleich darauf dieſelbe mit einem zierlichen Taſchenrevolver bewaffnet zurück. „Verdammter Kerl!“ knirrſchte der Rieſe, indem er bald die Waffe, bald den Gefangenen betrachtete. Im Wagen war es nun faſt taghell. Faſt gleich⸗ zeitig mit dem Griff Carlot's hatte Jean Battiſte eine ſeltſam conſtruirte Laterne zum Vorſchein gebracht, welche ein ganz merkwürdig intenſives Licht ausſtrahlte, und ſich durch einen Druck entzündet zu haben ſchien. Herr Klaß hatte ſeine Ruhe und ſein Lächeln nicht verloren. Die Cigarrentaſche war verſchwun⸗ den. „Aber, Carlot“, ſagte er mit gütigem Tadel, in⸗ dem er den Revolver nahm, den der Rieſe mit ſicht⸗ lichem Widerſtreben ablieferte,„wie mögt Ihr Euch ſo bärbeißig benehmen! Monſieur hatte gewiß nicht die Abſicht, als er das Ding da heute morgen einſteckte, armen Leuten, wie wir, die nur beſtrebt ſind, ihm ge⸗ fällig zu ſein, und es ſelber tief bedauern, wenn ſo liebenswürdige feine Herren in Conflicte mit der Juſtiz⸗ kommen— Monſieur, ſage ich, hat nicht im entfernteſten daran gedacht, armen Leuten, wie wir ſind, die Er⸗ füllung ihrer Pflichten zu erſchweren. Nicht wahr, Monſieur?“ „Sie wiſſen ſelbſt, daß ich mich zur Zeit meiner Verhaftung in einer fremden Wohnung befand und dort nichts zu mir ſteckte.“ Es waren die erſten Worte, die Stanowsky ſprach ſeit ſeiner Verhaftung; ſie waren ruhig und geſchmei⸗ dig und bewieſen, daß die Erinnerung an ſeine frühere Stellung, an den Hospodar und ſeine Töchter, ſelbſt der Haß gegen den rothen Fränkel momentan in den Hintergrund getreten war, und daß er ſich nur als den entlarvten Verbrecher fühlte, der ſich mit ſei⸗ ner neuen Lage ſo gut als möglich abzufinden hatte ————— —— — „Gewiß, gewiß!“ beſtätigte Herr Klaß huldvoll, und der zierliche, mit Gold eingelegte Revolver war verſchwunden wie die Cigarrentaſche.„Ich habe es Carlot ſchon oft genug geſagt. Carlot, ſagt' ich, Ihr verſteht nicht mit gebildeten Leuten umzugehen, Ihr glaubt noch immer, Ihr ſeid in Afrika und habt es mit Kabylen zu thun; in Paris iſt das anders, da verlangt auch der Herr Verhaftete ſeine Rückſichten, die größten Spitzbuben ſind oft die liebenswürdigſten Leute, ſagt' ich. Er meint es zwar nicht böſe, er iſt der gutmüthigſte Junge unter der Sonne, aber zu derb. Als der arme Lallier, welcher am beſten die Volte ſchlug in ganz Paris und mit verdeckten Karten drei Partien Piquet zugleich ſpielte, als dieſer Lallier wegen ſeiner unüberwindlichen Paſſion zu Kartenkunſt⸗ ſtücken von mir und Carlot abgeholt wurde, war er auch unvorſichtig genug, ſich gegen die Thür zu legen, daß ſie aufging und er hinausfiel. Da glaubte nun Carlot in ſeinen afrikaniſchen Vorurtheilen, der arme Kartenkünſtler wolle davonlaufen, und ſchlug ihn nie⸗ der, daß der arme Lallier niemals wieder aufgeſtanden iſt. Und als ich ihm Vorſtellungen darüber machte, daß er mit dem liebenswürdigen geſchickten Bürſchlein ſo grob umgegangen ſei, weinte er. Sehen Sie, ſo gut iſt er wieder bei aller Rauheit!“ v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. III. 66 Carlot ſchien in der That gerührt und bewies dies dadurch, daß er die ohnehin ſehr kleinen Augen völlig ſchloß und aus der Cigarre Stanowsky's, die er ſich an der ſeines Collegen Klaß angezündet hatte, gewaltig vor ſich hindampfte. Da nun auch Jean Battiſte und Klaß mit gleichem Eifer derſelben Be⸗ ſchäftigung oblagen, ſo war der geſchloſſene Wagen bald ſo mit Rauch erfüllt, daß ſelbſt Stanowsky die betäubende Wirkung zu ſpüren begann. Die Laterne Jean Battiſte's leuchtete trotz ihres intenſiven Lichtes nur noch trübe durch den narkotiſchen Dunſt. „Ihre Cigarren ſind gut“, unterbrach Klaß das Schweigen.„Wenn Sie noch mehr von der Sorte haben, ſo würde ich Ihnen rathen, Sie lieber einem Freunde wie mir zur Aufbewahrung zu geben, als ſich von dem Greffier und den Gefängnißbeamten be⸗ ſtehlen zu laſſen. Wie ich gehört habe, iſt Ihre Sache nicht ernſt und die Anklage ſteht auf ſchwachen Füßen. Sie werden daher wohl bald wieder in Freiheit kom⸗ men und können Alles, was Sie mir zur Aufbewahrung geben, wieder bei mir abholen. Ich glaube nicht, daß Sie nach Mazas kommen, aber wenn das der Fall ſein ſollte, die dortigen Beamten ſind noch habgieriger als die im Depot. Es blutet mir immer das Herz, 67 wenn ich ſehe, daß ſo liebenswürdige Herren, die ohne⸗ hin durch die criminelle Plackerei unglücklich genug ſind, auf das ſchamloſeſte geplün dert werden.“ „Ich trug nichts bei mir als den Revolver, die Cigarrentaſche, meine Uhr und etwas Geld.“ „Die Uhr und das Geld wird man Ihnen bei der Viſitation abnehmen und Sie werden ſie niemals wieder zu ſehen bekommen.“ Stanowsky ſah die Abſicht des Agenten, ihn zu betrügen, er ſah auch recht gut ein, wie wenig im Fall der Freilaſſung oder Verurtheilung dem wegen Be⸗ trugs Verhafteten eine Reclamation nützen würde, aber er hatte noch nicht alle Hoffnung zu ent⸗ fliehen aufgegeben, und indem er ihm ſeine Uhr und das etwa zweihundert Francs enthaltende Portemon⸗ naie übergab, fügte er bedeutſam hinzu: „Ich bin nicht arm, ich habe Freunde und Freundinnen, welche hunderttauſend Francs geben würden für meine Befreiung.“ Niemand antwortete. Stanowsky war es, als habe er durch den Tabaksdunſt nnd die angelaufenen Fenſter das Geländer und die dichter ſtehenden La⸗ ternen einer Brücke bemerkt. Die Laternen wichen nach links und rechts zurück— ohne Zweifel, ſie hatten die Seine überſchritten. —; 5* Fünftes Kapitel. Im Depot der Polizeipräfectur Stanowsky's Herz klopfte ſtürmiſch. Er kannte den an der Seine liegenden bizarren Steinkoloß, deſſen Grundſteinlegung hinaufreicht in die Römerzeit Lute⸗ tias, der die Reſidenz Ludwig's des Heiligen bildete, an dem jedes Jahrhundert etwas zerſtörte und hinzu⸗ fügte, bis es der wunderliche feſtungsähnliche Bau ge⸗ worden war, der heute die Polizeipräfectur bildet. Nochmals beugte er ſich gegen die Thür. Der Eiſenarm Carlot's drängte ihn ſanft nach dem Innern des Wagens. Man fuhr durch ein hohes Thor, der Wagen hielt. „Da ſind wir nun!“ ſagte Herr Klaß mit einem unzweideutigen Seufzer der Erleichterung, indem er ausſtieg, während zwei Gendarmen der Stadt Paris, —— 4 * 69 kenntlich an ihren langen Leibröcken, weißen Fang⸗ ſchnüren und dreieckiger Wollepaulette, rechts und links an den Wagenſchlag traten. „Iſt's gefällig?“ rief Herr Klaß, der mit den Gendarmen ein paar flüchtige Worte gewechſelt, mit freundlicher Ironie in das Innere des Wagens. Stanowsky ſtieg aus. Carlot folgte ihm in ſolcher Haſt, daß der Gefangene ſeinen Athem im Genick ſpürte. Stanowsky warf einen flüchtigen Blick um ſich. Sie befanden ſich in einem der Höfe der Präfectur. Hohe finſtere Mauern umgaben ſie und am Portal, durch das ſie gefahren, ging ein Gendarm auf und ab, deſſen gelbes Bandelier weithin ſichtbar war, während der Lauf des Karabiners, den er im Arm hielt, manchmal blitzte. Klaß ging mit den Gendarmen plaudernd und lachend voraus, Stanowsky folgte zwiſchen dieſen. Carlot und Jean Battiſte bildeten die Nachhut. Sie ſtiegen die paar ſteinernen Stufen hinan und traten in ein kleines, kahles, von einer Gasflamme erhelltes Gemach, welches mit Ausnahme eines Stehpultes, eines Tintenzeugs und einiger ſchmuziger Federn keine Geräth⸗ ſchaften enthielt. Hier unterſchrieb der Gendarm einen Schein, den Klaß in ſeine Brieftaſche legte, und empfing dafür von dieſem ein Schreiben, welches wohl den vom Procureur impérial ausgeſtellten Verhaftsbefehl enthielt. 70 Dann nahm er von Stanowsky Abſchied. „Alſo auf Wiederſehen nach Ihrer Freilaſſung“, ſagte er bedeutſam und fügte, da die Gendarmen discreter Weiſe eben mit einander ſprachen, leiſe hinzu: „Erwähnen Sie nichts von meiner Gefälligkeit, denn der Revolver könnte beim Unterſuchungsrichter Ihre 1 Sache, die nicht viel auf ſich hat, ernſter machen.“ Stanowsky warf dem Häſcher einen Blick zu, als wollte er ſich deſſen Züge für immer einprägen. Auch Carlot nickte dem Gefangenen mürriſch zu und ſchien es lebhafteſt zu bedauern, ſich von ihm trennen zu müſſen, ehe er Gelegenheit gehabt, ihm einen ebenſo kräftigen Fauſtſchlag zu verſetzen wie dem unglücklichen Kartenkünſtler. Jean Battiſte verſchwand ſo geräuſchlos wie das Licht ſeiner Blendlaterne, nachdem er ſeinen Dienſt gethan. Im Gegenſatz zu dem redſeligen Herrn Klaß wa⸗ ren die Gendarmen ſehr ſchweigſam gegen den Ge⸗ fangenen und wechſelten nur unter einander ein paar Worte. Während ſich bei Klaß und ſeinen Genoſſen trotz aller Routine immerhin das Aufregende der Men⸗ ſchenjagd und die Möglichkeit eines Fluchtverſuchs des Gefangenen geltend gemacht hatten, ſprachen dieſe Leute, ſicher, daß der Gefangene nicht durch ein halb Dutzend ——— —— bewachte Thüren ins Freie gelangen könne, mit einan⸗ der von ihren Privatangelegenheiten und ſchienen die Anweſenheit ihres Gefangenen völlig zu vergeſſen. Nach einer Weile ließ ſich der helle Ton einer elektriſchen Glocke vernehmen. Mit einem„Allons!“ wendete ſich der ältere der Gendarmen an den Ge⸗ fangenen, während der jüngere zurückblieb. Stanowsky ging voraus durch enge, hohe, ziem⸗ lich gut erleuchtete Gänge, der Gendarm folgte, indem er hier und da dem Gefangenen durch ein„Rechts!“ „Links!“,„Geradeaus!“,„Hinauf!“,„Hinab!“ die Rich⸗ tung andeutete, die er zu nehmen hatte. Der Gendarm konnte völlig ſicher ſein, daß ihm ſein Gefangener nicht entfliehe, die ſich kreuzenden, auf⸗ und abwärts und in allen Winkeln und Neigungen zuſammen⸗ und wieder auseinanderführenden Gänge und Treppen ließen jeden Verſuch, einen Ausgang zu finden, von vornherein als Wahnſinn erſcheinen. Endlich ſtand Stanowsky vor einer verſchloſſenen Thür ſtill. „Ziehen Sie!“ rief der Gendarm, der es für höchſt überflüſſig zu halten ſchien, ſich um den Gefangenen im geringſten zu bemühen. Stanowsky zog, die Thür flog durch den Druck einer Feder hinter ihnen wieder zu und er und der Gendarm befanden ſich in einem Gang, welchen rechts und links, ähnlich den Gittern einer Menagerie, Lattenverſchläge begrenzten. Am Ende dieſer Verſchläge befand ſich links in einer Thür eine Art Schubfenſter, aus welchem helles Licht herausdrang, das jedoch ſelbſt im Verein mit den matten und infolge der geöffneten Zug⸗ 1 löcher flackernden Gasflammen nicht ausreichte, die Ge⸗ ſtalten genauer unterſcheiden zu laſſen, welche ſich hin⸗ ter den Lattengittern drängten. Stanowsky hatte nur noch Zeit zu bemerken, daß einer dieſer Verſchläge Weiber und Kinder, der andere männliche Geſtalten enthielt, dann war er auch ſelbſt von einem hin⸗ und herrennenden und offenbar ſehr vielbeſchäftigten Kerl in den letztern geſchoben und hatte Muße, ſich die⸗ jenigen zu betrachten, die ihm hierher vorausgegangen waren. Stanowsky unterſchied fünf bis ſechs Mitgefangene, zum Theil in gewöhnlicher bürgerlicher Kleidung, zum Theil in Blouſe, welche herumſtanden oder auf ihren Kleiderbündeln und Reiſetaſchen an der Erde ſaßen. Einer der anweſenden Herren, welcher offenbar darauf Anſpruch machte, hier bekannt zu ſein, flüſterte Sta⸗ nowsky gleich beim Eintritt in wohlwollendem Tone zu: „Liefern Sie nur kein Geld ab, mein Herr, wenn man es Ihnen abverlangt; verbergen Sie es unter —— der Zunge! Sie bekommen es nicht wieder von dieſen erbärmlichen Mouchards.“ Ein lautes Gekreiſch und Gelächter auf der andern Seite unterbrach den wohlmeinenden Habitué der Prä⸗ fectur. Eben war dort eine offenbar betrunkene Weibs⸗ perſon abgeliefert worden, welche fortwährend lachte und ſchrie und dem Gefängnißbeamten, der ſie ohne Umſtände hinter die Latten ſchob, unaufhörlich ver⸗ ſicherte, er ſei gar kein Franzoſe, weil er nicht wiſſe, was man anſtändigen Dameu ſchuldig ſei. „Ich will ein Zimmer“, ſchrie ſie fortwährend, „ein hübſch möblirtes Zimmer! Mein Ruſſe wird durch ſeinen Geſandten Beſchwerde führen beim Kaiſer. So behandelt man keine Dame, welche eine Wohnung in der Rue Hauteville und zweitauſend Francs Rente hat.“ „Sie müſſen ſich ja erſt ausſuchen laſſen, Madame“, ſagte eine ältere Collegin belehrend,„dann können Sie für fünf Francs täglich eine Piſtolle verlangen, wo Sie ganz allein ſind. Wahrſcheinlich die Controle nicht beachtet, nicht wahr? Nun, da werden Sie wahr⸗ ſcheinlich nach St.⸗Lazare kommen. In dieſem Fall vergeſſen Sie nicht, ſich ſchon vorher die Haare abzu⸗ ſchneiden, ehe die Beamten Hand darauf legen. Ich habe eine Scheere bei mir, die ich ſchon zweimal mit ins Depot geſchmuggelt habe; ſie ſteht Ihnen zu Dien⸗ ſten, und ein paar Sous für Ihre Rattenſchwänze gebe ich Ihnen auch.“ „Aber was thun Sie mit den Haaren, wenn Sie ſelbſt nach St.⸗Lazare kommen?“ fragte eine andere Stimme, während die Neuangekommene vor dem furcht⸗ baren Namen verſtummt war. „Ich komme nicht hin“, ſagte die vorige Stimme mit großer Sicherheit;„morgen früh reclamirt mich mein Gatte und dann müſſen ſie mich wieder frei⸗ laſſen.“ 3 „Ah, Sie ſind verheirathet?“ „Ja, ich bin die Frau des Friſeurs Argelonne am Boulevard du Temple. Die Haare ſind ein wenig theuer jetzt, der Bedarf groß— enfin, was thut man nicht, um zu leben? Da laſſe ich mich denn dann und wann eine Nacht zu den Damen ſperren. Ich brauche mich dazu nur etwas auffallend und in ſchlechten Klei⸗ dern des Abends auf den Boulevards unter die Leute zu drängen und kann nach zehn Minuten ſicher ſein, von einem Mouchard angeſprochen zu werden. Als anſtändige Frau mache ich natürlich Skandal und man führt mich hierher.— Iſt kein rothes Haar hier, meine Damen„anfzig Sous für ſchönes, rothes Haar.“ Einige Stimmen lachten. „Seit ſie mich aus St.⸗Lazare entließen, trage —jj— 75 ich falſche, die ſtehen Ihnen aber für fünf Francs zu Dienſten“, miſchte ſich eine jener rauhen, durch Schreien, Rauchen und Trinken ganz männerartig gewordenen Pariſer Frauenſtimmen ins Geſpräch, die man ge⸗ wöhnlich mit voix rocque bezeichnet. Eine Pauſe entſtand, dann erhob ſich zürnend die kreiſchende Stimme der Haarſpeculantin: „Aber dieſe Zöpfe ſind ja aus Zwirn! Solche macht mein Mann für zwanzig Sous den Meter, und das geben Sie für Haare aus, Sie Betrügerin?“ „Ruhig, Bürgerin, und fünf Francs für die Zwirn⸗ zöpfe!“ rief die voix rocque gebieteriſch,„oder ich de⸗ nuncire Ihr ſchändliches Geſchäft den Beamten.“ „Ei!“ kreiſchte jetzt die Stimme der Friſeursgattin in der höchſten Fiſtel,„meinen Sie, Mamſellchen? Thun Sie's, wenn es Ihnen Spaß macht, mein Täub⸗ chen von der Barrière du Tröne, doch wiſſen Sie, daß man mich hier ganz genau kennt, daß es aber immer wieder einen Mouchard gibt, der dumm genug iſt, mich abzufangen.“ „Man wird Ihnen wenigſtens Ihre Zöpfe abneh⸗ men“, replicirte die voix rocque. „Hm“, höhnte die Andere,„darf mii* meine Haare abnehmen, wenn ich nicht nach St.⸗Lazare komme? Hem!“ 76 „Wenn ſie von allen Farben ſind, warum nicht?“ „Glaubſt Du, Täubchen! Wo beſteht ein Geſetz, daß man blos Haare von einer Farbe tragen darf? 4 Mein Mann, der einen der geſchickteſten Advocaten friſirt, würde den Proceß durch alle Inſtanzen treiben, wenn man ſich ſo etwas gegen ſeine Frau erlaubte.“ „Hier ſind die Zwirnzöpfe, Madame“, ſagte die voix rocque, wie es ſchien, durch die Kraft dieſer Argu⸗ mente überwunden.„Gebt mir fünfzig Centimes dafür, ſoviel ſind ſie noch werth und ich brauche das Geld. Ihr könntet auch mein Haar nehmen, aber das haben ſie mir das letzte Mal in St.⸗Lazare ſo rattenkahl ab⸗ geſchoren, daß ich mir, als ich herauskam, nicht einmal einen Tituskopf machen konnte und eine Zeit lang eine Perrücke tragen mußte. Gebt mir zehn Sous, Madame.“ „Jetzt ſprecht Ihr vernünftig“, replicirte die Fri⸗ ſeurin in huldvollem Ton,„aber fünfzig Centimes für einige Knäuel Zwirn, das geht nicht, wahrhaftig nicht. Ich gebe Euch dreißig. Mein Mann ſchilt mich dafür, ich weiß es im voraus.“ „Le nommé Stanowsky“, rief es, das Revolver⸗ ſchloß des Verſchlags klappte zurück und Stanowsky wurde herausgelaſſen, um in einem ſchmuzigen vier⸗ eckigen Raum auf das genaueſte durchſucht zu werden. Man fand nichts bei ihm als jene Kleinigkeiten, 77 welche man als unerlaßlich für einen Mann von Welt erachtet. Die Viſitenkarten, welche Stanowsky bei ſich hatte, trugen über dem Namen Etienne Stanowsky eine Zeichnung, deren verſchlungene Arabesken einem Fürſtenhut täuſchend ähnlich ſahen. 1 Nachdem die Viſitation beendigt war, gelangte Stanowsky in einen naßkalten, trüb beleuchteten Raum, in dem eine ſchlüpfrige Steintreppe nach aufwärts führte. Der Beamte rief in die unten angebrachte Oeffnung eines Sprachrohrs ein paar unverſtändliche Worte. Dann wurde Stanowsky mit einem barſchen:„Vorwärts! Steigen Sie hinauf!“ eingeladen, die ſchlüpfrigen Stu⸗ fen zu betreten. Am Ende der erſten Treppe ſtand ein dunkelblau gekleideter Schließer, der die Einladung wiederholte und das Vorbeipaſſiren des Gefangenen mittels Sprach⸗ rohrs ſignaliſirte. So war es auch an der zweiten, an der dritten Treppe. Mit bleierner Hand legte ſich Stanowsky das Bewußtſein aufs Herz, daß hier jede Individuali⸗ tät verſchwinde, daß er nicht mehr ſei, als die ein⸗ gelieferten Verbrecher waren, welche die Magaſiniers der ſtrafenden Gerechtigkeit mit größter Gleichgültigkeit einander zuwieſen.. Endlich war Stanowsky am Ende der vierten Treppe angelangt und wurde hier von einem dürren alten Schließer in Empfang genommen, deſſen ausge⸗ trocknetes Habichtsgeſicht mit mächtigem Kaiſerbart und zahlreiche Medaillen bewieſen, daß er ein ganzes lan⸗ ges Leben in der Kaſerne nnd im Felde zugebracht hatte. Der kleine Graukopf ſtellte ſich bolzengerade vor den neuen Ankömmling hin und muſterte ihn mit imponi⸗ renden Blicken. Stanowsky ſtand, die Hände tief ver⸗ graben in die Taſchen ſeines eleganten Ueberrocks, mürriſch und ſchweigend, und wartete, was nun mit ihm geſchehen werde. Das Geſicht des militäriſchen Graukopfs nahm vor Zorn eine ganz ziegelbraune Farbe an und zwiſchen dem dichten Schnurrbart aus einem zahnloſen Munde hervor kam hohl und ſtotternd eine früher wohl ſehr mächtige Commandoſtimme: „Achtung, junger Mann vor Antoine Werroniare, dem Sengent⸗Major vom ſechsundachtzigſten Linien⸗ regiment! Hut ab vor Eurem Commandanten!“ Stanowsky ließ gleichgültig die Hände in den Taſchen ſtecken. „Laßt die Thorheiten, alter Mann, und thut, was Eures Amtes iſt.“ Es war dem Sergent⸗Major Antoine Verronidère wohl noch ſelten begegnet, daß ſeine Autorität derart 79 in Zweifel gezogen wurde. Die meiſten der Ankömm⸗ linge gingen entweder in ironiſcher Weiſe oder in der Hoffnung, ihre Lage dadurch zu verbeſſern, auf die Seltſamkeiten des kriegeriſchen Alten ein und der Sergent⸗Major ſtellte mit ihnen dann oft lang an⸗ dauernde militäriſche Uebungen an, ließ ſie vorwärts und rückwärts marſchiren, kehrt machen, lehrte ſie mit BZlitzesraſchheit ihn militäriſch begrüßen und ſo weiter. Um ſo mehr überraſchte ihn die trockene Zurück⸗ weiſung Stanowsky's. Schon öffnete er den Mund, um eine endloſe Rede zu halten, daß die Subordina⸗ tionswidrigkeit das größte aller Verbrechen ſei, und das mit endloſen Beiſpielen zu erhärten, als ihm der für ſeine Eitelkeit ſehr ſchmeichelhafte Gedanke beifiel, der neue Ankömmling müſſe unzweifelhaft ſelbſt Offi⸗ zier geweſen ſein, um derart ſeiner Autorität zu trotzen. Dieſer Gedanke ſetzte ſich in ſeinem altersſchwachen Gehirn ſogleich ſo feſt, daß er aus dem Alter des Gefangenen ſogar deſſen Charge zu errathen ſuchte und nun ſeinerſeits an die Mütze griff und in tadelloſer Haltung wieder begann: „Wie Sie befehlen, Kapitän! Der alte Verronière weiß ſeine Pflichten mit der Achtung vor einſtigen Vorgeſetzten zu vereinigen. Hat in Afrika einmal vor dem Zelte eines Oberſten Wache geſtanden, der einen 80 Befehl des Generals auszuführen ſich geweigert hatte und vor ein Kriegsgericht geſtellt werden ſollte. Mitter⸗ nacht war vorbei und ich war eben etwas eingeſchlum⸗ mert, da tippte es auf meine Schulter. Der Oberſt war an dem ſchlafenden Poſten vorübergekommen und ſtand vor mir.„Verronière“, ſagte er,„man wird mich wahrſcheinlich morgen verurtheilen und von da bis zur Execution iſt nicht weit, wie Ihr wißt. Draußen vor dem Lager erwartet mich meine Frau, die man nicht zu mir gelaſſen hat. Ich hätte eben entfliehen können, wenn ich gewollt hätte, aber ich that es nicht, um Euretwillen nicht, Verronière. Ich wollte nicht, daß ein ſo braver Soldat wie Ihr an meiner Stelle fünf Kugeln in den Leib bekäme. Laßt mich zu meiner Frau, Verroniére, und ich gebe Cuch mein Chrenwort, in einer Stunde bin ich wieder in Eurem Gewahr⸗ ſam.“ Und er gab mir die Hand.„Geht, Oberſt, ſagte ich, Verronière iſt nur Sergent⸗Major, aber er würde ſich eher auf ein Faß Pulver ſetzen und in die Luft ſprengen, als es brechen. Darum hat er auch kein Recht, an dem Worte eines Oberſten zu zweifeln. Geht, Oberſt, aber wenn Ihr in einer Stunde nicht hier ſeid, ſo wird ſich Sergent⸗Major Verronieère eine Kugel durch den Kopf jagen.“ Und der Oberſt kam in einer Stunde wieder und wurde achtundvierzig Stun⸗ 81 den darauf füſilirt, wie er es verdiente, denn Inſub⸗ ordination iſt ein ſcheußliches Verbrechen, wie Ihr mir zugeben werdet, Kapitän. Zum Andenken gab er mir ſeinen Siegelring, den ich noch trage, zur Erin⸗ nerung an den braven Mann.“ Stanowsky zweifelte ſehr an der Wahrhaftigkeit dieſer Geſchichte, die der Alte ihm mit unterſchiedlichen theatraliſchen Geſten erzählte, um ſo mehr, als der Ring mit dem gelben Glasſtein, auf den Verronidre wies, offenbar von Tombak war. Er beſchloß jedoch den Alten bei dem Glauben an ſeine militäriſche Ei⸗ genſchaft zu laſſen. „Es iſt ſehr hübſch von Euch, Sergent⸗Major, daß Ihr ſoviel Rückſicht nehmt für ehemalige Vor⸗ geſetzte.“ „Nur Pflicht eines alten Soldaten, Kapitän! Wo ſtanden der Herr Kapitän?“ „Beim fünfundneunzigſten der Linie!“ entgenete Stanowsky raſch. „Ah, Fünfundneunziger! Prächtiges Regiment, faſt ſo gut wie Sechsundachtziger. Sergent⸗Major Voltron, mein beſter Freund— kennen wohl Sergent⸗Major Voltron?“ „Ich erinnere mich nicht mehr ſo genau der Na⸗ men, es iſt ſchon Jahre, daß ich ausgeſchieden bin.“ v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. II1. 6 82 „Wie lange?“ fuhr Verronière in ſeinem Verhör fort, dem es aufgefallen ſein mochte, daß ein einſtiger Kapitän vom fünfundneunzigſten ſeinen Freund Voltron nicht kennen ſolle. „Zehn Jahre!“ „Dann ſind Sie wohl ſehr jung ſchon Kapitän geworden, kamen wohl direct aus der Schule von St.⸗Cyr?“ Die Fragen des militäriſchen Schließers waren ſchon nicht mehr ohne Spott. Ein grimmiges Lächeln zog auf einer Seite ſeinen Schnurrbart tiefer. Sta⸗ nowsky hielt es für das Zweckmäßigſte, dreiſt drauf los zu lügen. „Allerdings kam ich aus der Militärſchule und kam dadurch meinen Kameraden voraus.“ „Ah, welche Compagnie commandirte man?“ „Die dritte.“ „Bei der dritten war Voltron zehn Jahre lang Korporal.“ Damit wandte ſich Verronière ab und entfernte einen rieſigen eiſernen Vorlegebalken von der mit Eiſenblech belegten gewaltigen Thür, vor der ſie ſtanden. „Aber vorher, beſter Sergent⸗Major—“ „Später wurde Voltron Sergent bei der dritten 83 und blieb dort auch als Sergent⸗Major. Sein Kapitän hieß Derville— ich kenne ihn ſehr gut— und commandirt die Compagnie ſeit zwanzig Jahren.“ Während der Freund Voltron's das Alles mit vernichtender Ruhe ſagte, hatte er vermittelſt eines rieſigen Schlüſſelbundes verſchiedene Schlöſſer an der eiſernen Thür geöffnet und dieſe ſelbſt bewegte ſich nun in ihren Angeln. Ein ſchwerer Dunſt und ein Geräuſch wie das Athmen vieler ſchlafender Menſchen drang heraus. Dazwiſchen tönte halblautes Sprechen und gedämpftes Lachen. Unwillkürlich trat Stanowsky einen Schritt zurück. „Ich habe gehört, daß es auch Einzelgefängniſſe gibt.“ „Jawohl, eine Piſtolle aber koſtet täglich fünf Francs. Hat man Geld?“ Der Ton, in dem der einſtige Sergent⸗Major das ſagte, war ſehr feindſelig. „Zweihundert Francs und meine Uhr hat mir der Agent, der mich verhaftete, abgenommen, um ſie aufzubewahren bis zu meiner Befreiung. Gebt mir eine Piſtolle, ich werde morgen an ihn ſchreiben.“ „Ich kann die Piſtollen blos gegen Vorausbezah⸗ lung abgeben. Treten Sie ein und ſuchen Sie einen Platz zu bekommen.“ 6* 84 Stanowsky ſtand unter der Schwelle. Die unſicht⸗ bare Geſellſchaft wurde immer lebendiger und eine Stimme beklagte ſich laut mit komiſcher Selbſtironie über dieſe Störung ihrer Nachtruhe. „Aber der Raum ſcheint mehr als gefüllt— ich ſage Ihnen ja, h bezahle morgen!“ Der Sergent⸗Major ſchien es für überflüſſig zu halten, auf dieſe oft gehörte Redensart zu antworten, und machte Anſtalt, die Thür zu ſchließen. „Aber ſo laſſen Sie mir doch das Licht!“ rief Stanowsky. „Gegen die Vorſchrift!“ Damit fiel die ſchwere eiſerne Thür hinter ihm zu und vor Stanowsky lag ein undurchdringliches Dunkel, aus dem jetzt immer lauteres Gelächter und höhniſche Zurufe hervorſchallten. „Er kommt direct von Vachette, er hat dort Trüffelpaſtete gegeſſen, ich kenne den Geruch.“ „Sie irren, Bürger; was Sie für Trüffelpaſtete halten, iſt das neue Parfüm, deſſen Patent der Parfumeur Bertrand an Mademoiſelle Cora verkauft hat, ſodaß er es jetzt nur ihr allein liefern darf. Ich kenne das Parfüm gut genug. Der Herr, der uns für die Nacht Geſellſchaft leiſten will, kommt direct aus den Boudoirs der Cora Pearl. Wie geht'’s dem rothköpfigen Engel? Gedenkt ſie nicht mehr des hübſchen Paul, der ſie einen Monat lang friſirt hat?“ Eine ärgerliche Stimme bat jetzt allen Ernſtes um Ruhe. Lautes Gelächter antwortete. „Aber Sie begreifen doch, Bürger, daß es ſchon die unſerer Nation angeborene Höflichkeit erfordert, dem Herrn bei der Bereitung des Nachtlagers behülf⸗ lich zu ſein. Sie müſſen ſich rechts wenden, mein Herr, um Ihr Bettzeug zu holen— rechts in der Thür!“ Stanowsky ging auf dem feuchten ſchlüpfrigen Steinboden nach rechts und tappte ſich an der Mauer bis zu einer Thür, die er öffnete. Stanowsky ſchleuderte die Thür mit einer Wucht wieder zu, welche auch die letzten Schläfer weckte und die Spaßmacher von vorhin zu einem unbändigen Ge⸗ lächter hinriß. Stanowsky machte einige Schritte vorwärts in der Richtung der Lacher. Da ſtieß ſein Fuß an einen menſchlichen Körper. „Tod und Teufel! Das war gerade meine Naſe“, ſchrie eine brutale Stimme und Stanowsky fühlte ſich von einer derben Fauſt vor die Bruſt geſtoßen. „Auf den Strohſäcken iſt kein Platz mehr, es liegen fünfundſiebzig Menſchen auf dem Raum, der 86 für fünfzig beſtimmt iſt“, rief es von einer andern Seite. Stanowsky hatte ſehr dünne elegante Schuhe an, auf dem naſſen kalten Boden fror es ihn empfind⸗ lich, und auf die gewaltigen Aufregungen folgte eine Ermüdung, welche er kaum mehr zu überwinden vermochte. Nur warme Füße und Schlaf, war ſein einziger Gedanke. Da ſauſte etwas durch die Luft, und ein fauler Apfel zerplatzte an Stanowsky's Wange. Da erwachte die ganze Wildheit des einſtigen Pferdehirten. Mit gleichen Füßen ſprang er in die Schläfer und ſtieg über ſie hinweg. Ein furchtbarer Tumult entſtand. Stanowsky erhielt Fauſtſchläge und Fußtritte und gab ſie wieder, zuletzt wußte keiner mehr den, der ihn angegriffen, jeder hieb auf den ein, der ihm zu nahe kam, und ein Ge⸗ heul erfüllte den Raum, daß es Stanowsky war, als ſei er in der Hölle bei den Verdammten. Die Thür hatte ſich geöffnet, und beleuchtet vom Schein der Laterne, welcher durch die dunſtige Atmo⸗ ſphäre nur matt bis zu dem ſich balgenden und wäl⸗ zenden Menſchenknäuel gelangte, ſah man die dürre Geſtalt des Sergent⸗Major vom ſechsundachtzigſten die ſeltſamſten Pas und Verrenkungen ausführen, während 87 ſein zahnloſer Mund ſich vergeblich bemühte, durch den Lärm zu dringen. Statt ſich zu legen, richtete ſich die Wuth der in ihrem Schlummer geſtörten Gefangenen nun faſt ganz gegen den Alten und eine Flut von Verwünſchungen und Scheltworten brach gegen ihn los, wie dieſelbe in ihrem unerſchöpflichen Erfindungsreichthum nur die erprobteſten Abgeſandten der berüchtigtſten Pariſer Vier⸗ tel hervorzubringen vermochten. Dem Geheul und Geziſch und Geſchimpfe, das gegen ihn losbrach aus den fünfundſiebz ig branntwein⸗ erprobten Kehlen der Anweſenden, vermochte der an Disciplin und Subordination gewöhnte greiſe Unter⸗ offizier der Linie nicht Stand zu halten, er verſchwand daher; aber ehe die Meute noch ihres Sieges froh werden konnte, öffnete ſich ein kleines Schubfenſter an der Thür, und praſſelnd und ziſchend drang es herein und ſiel platſchend nieder auf die Köpfe der Tumul⸗ tanten, daß die eben noch Kämpfenden erſchreckt von der naſſen kalten Flut ſich in die Ecken und auf den Boden drängten und ſich ſchützten, ſo gut ſie es vermochten. Die Handfeuerſpritze, welche Verronidre mit ſolch energiſcher Wirkung hatte ſpielen laſſen, ſtellte ihre Thätigkeit ein und der Sergent⸗Major erſchien mit ſei⸗ ner Laterne wieder an der Thür. 88 Tiefes Schweigen herrſchte. „Ah!“ begann der alte Soldat mit Befriedigung, „meine Kartätſchen haben ihre Wirkung gethan; der Sergent⸗Major Verronidre iſt nicht umſonſt mit dem ſechsundachtzigſten drei Jahre lang in Afrika geweſen. Als in dem Dorf, wo ich mit meiner Compagnie lag, die Eingeborenen revoltirten und es ſich zeigte, daß wir keine Munition für unſer einziges Geſchütz hatten, ſchlug Sergent⸗Major Verronière vor, mit Sand zu laden, und die Wilden liefen ſchreiend davon. Ja, der alte Verronidre läßt nicht ungeſtraft aller Disciplin Hohn ſprechen— die erſte Tugend des Franzoſen iſt die Subordination. Wenn Ihr auch Spitzbuben und Vaga⸗ bunden ſeid, zeigt wenigſtens, daß Ihr gute Franzoſen ſeid, und gehorcht! Bei dem erſten Laut, den ich ver⸗ nehme, erſäufe ich Euch!“! Der alte Verronière hatte geſiegt. Jeder ſuchte ſo geräuſchlos als möglich einen Platz, um ſich auszu⸗ ſtrecken, und ein Endchen Decke, und bald wieder tönte das eintönige Athmen der Schlafenden durch den Raum, wie es Stanowsky beim Eintritt vernommen. Stanowsky hatte bei der allgemeinen Umwälzuug in einer Ecke Platz gefunden. Ein naſſer übelriechender Strohſack lag unter ihm, ein Holzſchuh, der ſich dann und wann im Traume drohend bewegte, ruhte hart an 89 ſeiner Wange und der elaſtiſche Widerſtand, den Sta⸗ nowsky erprobte, wenn er ſeinen Fuß ausſtreckte, konnte nur von einem menſchlichen Haupt mit außerordentlichem Haarwuchs herrühren. Seine Ellbogen waren rechts in Schranken gehalten durch einen in Tuch gehüllten Körper, links durch eine ſchnarchende Leinwand⸗ hülle, welche wohl eine Blouſe ſein mochte und ſtark nach Branntwein roch. Stanowsky verfiel endlich in einen unruhigen Schlummer. Auch dieſe Nacht ging vorüber, wie alle ihre dun⸗ keln Schweſtern, und ein grauer Schimmer des Tages fiel herein durch die niedern ſtarkvergitterten Luken, welche unerreichbar für jeden Arm hoch oben an der einen Wand in dem dicken Mauerwerk angebracht wa⸗ ren, während noch überdies große ſie umgebende Holz⸗ käſten jedem indiscreten Blick nach dem blauen Himmel wehrten. Halbaufgerichtet auf die zitternden Arme, ſchaute Stanowsky zu, wie ſich Geſtalt um Geſtalt loslöſte aus dem dunklern Schatten und hinaustrat in die fahle Dämmerung, welche der helle Frühlingstag, der draußen über Paris lag, hier drinnen zu erzeugen ver⸗ mochte. Geſtern hatte ihn die Aufregung, das Ueberraſchende 90 ſeiner Verhaftung aufrecht erhalten, jetzt aber, wie mit jeder der abenteuerlichen und elenden Geſtalten, die vor ihm erſchienen, auch gleich häßlich grinſenden Fratzen Erinnerung auf Erinnerung vor ihn hintrat, war ihm einen Augenblick, als ſchlage der Wahnſinn ihm die Krallen ins Gehirn und als müſſe er laut und toll hinauslachen in das Elend und all die Gemeinheit, die er um ſich verſammelt ſah. Der alte Verronière trat ein und ſcheuchte mit den letzten der Schläfer auch Stanowsky aus ſeinem Win⸗ kel. Die Art, wie die Strohſäcke entfernt wurden, war ſehr einfach. Sie wurden nach rechts und links gegen die Wand geſtellt, und dann wurde die niedere Pritſche, auf der ſie gelegen hatten, ſenkrecht darauf geklappt. Lange Balken zu beiden Seiten, welche während der Nacht die Pritſchen geſtützt hatten, bildeten jetzt die Bänke der Gefangenen. Somit war der Raum frei⸗ der nun von einigen mit Beſen bewaffneten Gefangenen von der geſtrigen Ueberſchwemmung und dem Unrath eines ganzen Tages gereinigt wurde. Stanowsky trug nach der Mode des Tages einen hellbraunen Ueberrock, welcher zwar während der Nacht ſtark gelitten hatte, aber im Verein mit dem ebenfalls hart mitgenommenen Cylinderhut hinreichte, um die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ihn zu lenken. 91 „Sacré cretin!“ ſagte vor ihm ſtehen bleibend ein etwa achtzehnjähriger Schlingel in Blouſe, Holzſchuhen und einer auf das linke Ohr geſtülpten formloſen Mütze, und man wußte nicht, ob der sacré cretin als Ausdruck der Verwunderung oder als Anrede aufzu⸗ faſſen ſei—„sacré cretin! Hat das einen ſchönen Rock an! Mit ſolch einem Rock möcht' ich mich diesmal in Mazas vorſtellen. Donnerwetter, würde da mein alter Freund, der Greffier, ſagen, Charles Bertholet hat's weit gebracht die zwei Monate, da ich ihn nicht ge⸗ ſehen! Verkauft mir den Rock, und wenn er nicht zu theuer iſt, lieber Herr— sacré cretin, Charles Bertholet erſcheint diesmal mit Anſtand in Mazas. Und auch der unreife, den Ihr da auf dem Kopf habt, gefällt mir. Nun, machen wir einen Handel? Charles Ber⸗ tholet hat Geld und zahlt baar.“ Der Gamin klimperte mit einigen Souſtücken in der Taſche. Bereits hatte ſich ein Ring von Neugierigen um die Beiden gebildet und der ſpaßhafte Antrag des Ga⸗ mins beluſtigte ſie höchlich. Stanowsky befürchtete, daß es wieder einen un⸗ angenehmen Auftritt herbeiführen werde, wenn er nicht antworte, und er ſagte daher: „Ich bedaure, Euch nicht dienen zu können, Charles 92 Bertholet, da ich meine Kleider ſelber nöthig habe, aber deſſenungeachtet laßt uns gute Freunde lein Was ſeid Ihr, Charles Bertholet?“ Die Ecken von Charles Bertholet's ſchmalem, breitem Mund zogen ſich luſtig in die Höhe und ſeine kleinen Augen blitzten ſchlau unter dem zerfetzten Schirm ſei⸗ ner Kopfbedeckung hervor. „Dieb, mein Herr! Und Ihr?“ Die kecke Antwort erregte ein lautes Gelächter. „Ihr ſeid dann wenigſtens ein ehrlicher Dieb, Charles Vertholet!“ meinte Stanowsky. Charles Bertholet zog die Augenbrauen in die Höhe, dann die Schultern, daß ſie in der Höhe der Ohren ſtanden und ſeine langen Fauſtgelenke über die Ta⸗ ſchen der Beinkleider hervorragten, wo ſie noch eben verborgen geweſen waren. „Bah!“ ſagte er mit philoſophiſcher Reſignation, „ich bin kein Freund von Redensarten, und wenn man von einem Mouchard am Kragen gefaßt worden iſt, während man die Hand in eines Andern Rocktaſche hatte, ſo iſt es nur vernünftig, nicht ſich und andere Leute damit zu langweilen, daß man behauptet, man habe die Taſche Monſieurs für ſeine eigene gehalten. Geſunden Sinn vor allem, iſt mein Wahlſpruch. Doch Ihr habt mir noch immer nicht geſagt, weshalb Ihr 93 hier ſeid. Euer Anzug zeigt, daß Ihr nicht die Abſicht hattet, hier zu übernachten. Erzählt, ich höre für mein Leben gern Geſchichten.“ Und Charles Bertholet ſetzte ſich mit überſchlage⸗ nen Beinen neben Stanowsky, rückte die Mütze noch weiter aus dem Hinterkopf, ſteckte die Arme in einan⸗ der und ſchickte ſich an, zuzuhören. Stanowsky rückte ein wenig abſeits— ihn, der ſei⸗ nen Herrn beſtohlen, den entlarvten Betrüger verletzte die Vertraulichkeit des Diebes. Doch es dauerte nicht lange, ſo hatte er dies Gefühl überwunden, er fühlte ſogar das Bedürfniß zu ſprechen, um etwas aus dem qualvollen Cirkel der eigenen Gedanken herauszutreten, und antwortete achſelzuckend: „Was wollt Ihr? In der großen Welt gehen oft ſonderbare Dinge vor. Ich bin hier infolge eines Mißverſtändniſſes, ich bin fremd, erhielt nicht zur rech⸗ ten Zeit meinen Wechſel.“ Charles Bertholet nickte einige Male verſtändnißinnig mit dem Kopfe. „Begreife, begreife, ich weiß jetzt Alles.“ „Was wißt Ihr?“ „Hört“, ſagte Charles Bertholet, der wenigſtens ſo gern Geſchichten zu erzählen als anzuhören ſchien, „hört, als ich das erſte Mal in Mazas war, blos 94 auf drei Monate, weil der Lump, dem ich die Uhr aus der Weſtentaſche ziehen wollte, nur einen Schlüſ⸗ ſel an der Kette befeſtigt gehabt hatte, dachte ich viel darüber nach, ob man ſich nicht auch bequemer und zugleich ſtandesmäßiger ernähren könne, und ich erin⸗ nerte mich, daß mir Leute gezeigt worden waren, welche, ohne reich zu ſein und ohne zu arbeiten— pfui!— doch lebten wie die reichen Leute und immer Geld hatten, ſolange es eben dauerte. Es war mir geſagt worden, daß man blos hübſche Kleider anzuziehen und den Hals in einen ſteifen ſpitzen Kragen zu ſtecken brauche, daß man den Kopf nicht umdrehen könne, und ſich Baron nennen müſſe, dann habe man gar nicht nöthig, den Leuten in die Taſchen zu langen, was immerhin ein riskantes Geſchäft iſt, denn es muß ſehr leiſe geſchehen und manchmal wird man doch dabei erwiſcht, ſondern wenn man Baron ſei, gäben einem die Leute Alles umſonſt und freiwillig, was man nö⸗ thigehabe, Schneider, Schuhmacher, Goldarbeiter, Alles raufe ſich um die Kundſchaft, und man habe immer noble Freunde, die ſich eine Ehre daraus machten, ei⸗ nem Geld zu leihen, ſolange es eben dauere. Das leuchtete mir ein, denn meine bisherige Beſchäftigung hatte ich ſatt, da man mich in Mazas gar nicht gut be⸗ 4 handelt hatte. Ich hatte eben geerbt, ſo tauſend Francs“— 95 Das laute Gelächter einiger Zuhörer veranlaßte Charles Bertholet, ſich zu unterbrechen. „Ja, geerbt!“ wiederholte er.„Man hat es nicht geſehen, daß ich ſie geſtohlen habe, und alſo habe ich ſie geerbt. Alſo mit dieſen tauſend Francs kaufte ich mir Kleider, ungefähr eben ſolche, wie Ihr ſie tragt⸗ miethete mir eine Wohnung in der Rue Richer für hundertfünfzig Francs monatlich, nahm einen Bedien⸗ ten, nannte mich Baron Ventreaterre und wollte vor allem damit beginnen, mir auf billige und ungefähr⸗ liche Art eine Uhr zu verſchaffen. Aber ich weiß nicht, woran es lag, alle Uhrmacher, zu denen ich ging, woll⸗ ten bezahlt ſein; eben ſo ging's mir in allen andern Magazinen, und ich war doch Baron, hatte einen Be⸗ dienten, wohnte in der Rue Richer und legte mich die erſten Tage immer mit Genickſchmerzen zu Bette, ſo ſteif waren meine Hemdkragen. Mit einem Freunde hatte ich mehr Glück. Ich machte ſchon in den erſten Tagen die Bekanntſchaft eines feinen jungen Mannes, des Herrn von Printannier, der mit mir gleich den erſten Abend Freundſchaft auf Leben und Tod ſchloß, am Boulevard des Italiens wohnte und eine reizende Schweſter beſaß. Diesmal beſchloß ich meine Sache ſchlauer anzufangen und ihn erſt warm werden zu laſſen. Ich lud ihn daher mit ſeiner Schweſter ein, mit 96 mir zu diniren, dann gingen wir ins Theater, ſo zwei Wochen lang— die Geſchichte koſtete ein Heidengeld. Der Herr von Printannier und Schweſter Printannidre ließen ſich meine Dejeuners und Diners ausgezeichnet mun⸗ den und nahmen meine Theaterbillets mit der größten Liebenswürdigkeit entgegen. Endlich, als mein Geld zu Ende war, zwang mich die Noth, Sturm zu laufen, aber ehe ich noch den Mund aufgethan, verlangte mein Freund Printannier von mir fünfhundert Francs. Ich mußte lachen bei allem Aerger, und mein Freund Printannier wurde ſehr grob und ſagte, daß er keine Ahnung davon gehabt, welchen Lump er zum Freund habe. Nur die Anweſenheit der Schweſter Prin⸗ tannière hielt mich ab, ihm Lectionen in der Sabatte zu geben.“ Bei dieſen Worten hob Charles Bertholet ſo graziös ſein rechtes Bein und führte mit ſeinem Holzſchuh einen ſo eleganten Stoß bis dicht vor die Naſe des ihm Zunächſtſtehenden aus, daß an ſeiner Kenntniß dieſer echten Pariſer Kampfweiſe nicht zu zweifeln war. „Es blieb mir nichts übrig, als meinem Bedienten, der mich ohnedem genug geplündert— der brave Kerl— einen Theil des Geſtohlenen des Nachts wieder abzu⸗ nehmen und zu meiner gefährlichern, aber ſicherern und anſpruchsloſern Thätigkeit zurückzukehren.“ 29 97 G Bertholet hatte ſeine Geſchichte beendet und blickte Stanowsky fragend ins Geſicht. „Iſt's Euch beſſer ergangen?“ Stanowsky runzelte die Stirn. „Mein Leben hat nichts gemein mit dem Eurigen, junger Taugenichts!“ Weuthulet zog ſeine Achſeln in die Höhe und ſtand auf.„ Nicht? Nun ja, haltets, wies Euch beliebt! Jeder, der zum erſten Mal hierher kommt, iſt nur durch ein Mißverſtändniß da und nimmt es übel, wenn man ihm nicht ſogleich den grundehrlichen Mann anſieht. Wenn man öfters hierher kommt, verliert ſich das, man fühlt ſich unter Freunden hier und weiß, daß man verſtanden iſt; wird auch bei Euch ſo gehen, wie bei allen Andern, wenn Ihr nicht ins Bagno oder in die Colonien ſpaziert, dann könnt Ihr allerdings davon keinen Gebrauch machen.“ Damit drehte der jugendliche Philoſoph Stanowsky den Rücken und pfiff auf und ab gehend das Lied, welches mit der letzten Proceſſion des boeuf gras in Schwung gekommen war: J'ai un pied qui r'mue L'autr' qui ne va guère. Aber ſein Pfeife in ward übertönt durch eine mäch⸗ v. Schlägel, Nach uns die Sündflut 1. 98 tige ſonore Stimme, welche die Garibaldihymne an⸗ ſtimmte. Auf einen Stock geſtützt, hinkte ſie auf und ab, die wilde, zerlumpte Geſtalt; die Knopflöcher des Rocks wurden zuſammengehalten mit Spagat über einer von keinem Hemde bekleideten behaarten Bruſt, in dem gelben waſſerſüchtigen Geſicht glühten die ſchwar⸗ zen ſtolzen Augen, die dem Tod bei Marſala, Aſpro⸗ monte und Mentana ins Antlitz geſchaut, von dem lahmen Fuß hing der Verband einer alten, wieder aufgebrochenen Wunde in ſchmuzigen Fetzen herab, aber der Mann ging im Taktſchritt auf und ab und ſang, daß das feuchte Gewölbe dröhnte:„O Garibaldi.“ Ein langer, knochiger, ſchleichender Geſell mit der⸗ ber jüdiſcher Phyſiognomie nahm den Platz neben Sta⸗ nowsky ein. „Sprechen Se deitſch?“ Stanowsky bejahte es. „Wenn ich Se hob recht verſtanden, ſo hoben Se geſagt, daß Se ſind hier vor Schulden.“ „Ich weiß es nicht beſtimmt, ich vermuthe nur.“ „Ganz main Fall, ich bin aach ganz ungerechter Weiſe hier. Wenn ſe hoben den Andern laafen geloßt, hätten ſe aach ſollen laafen loſſen mich, und wenn ſe mich mochen criminaliſch, müſſen ſe aach criminaliſch mochen den Andern.“ 99 Stanowsky kannte das ſonderbare Deutſch, das der etwa vierzigjährige Mann ſprach, recht gut, er hatte es in ſeiner Jugend oft genug gehört— es war das Deutſch der galiziſchen Juden. Mit Mühe überwand Stanowsky den Widerwillen und die Verachtung des Magyaren gegen dieſe Leute ſo weit, um barſch zu fragen: „Wen ſoll man criminaliſch machen?“ „Den Boron, mainen Freind!“ „Warum?“ „Weil er gegongen iſt und hot gemiethet die Zim⸗ mer im Hotel und, weil er genummen hot die Wooren aus die Läden.“ „Und Sie haben dieſelben ohne Zweifel verkauft?“ fragte Stanowsky verächtlich weiter. „Freilich hob ich ſie verkaaft. Warum ſoll ich nicht verkaafen, was mir mein Freind, der Boron, gibt?“ „Weil Sie wahrſcheinlich wußten, daß es nicht ehrlich erworben war, und den Gewinn getheilt, wenn nicht ganz behalten haben.“ „Hob nicht können thailen, denn er iſt gelaafen davun und hat mich geloſſen ſitzen in die Schlamaſſel. Können mich nicht mochen criminaliſch, wenn ſie nicht aach mochen criminaliſch den Boron.“ „Wenn ſie den aber nicht haben, ſo werden wohl Sie allein daran glauben müſſen.“ 7*½ 100 „Nain, nain“, ſchrie der Jude und ſprang auf, „können mich nicht mochen criminaliſch, wenn ſie nicht mochen criminaliſch den Andern!“ „Wenn man den Andern nicht erwiſcht, hält man ſich eben an den einen, den man hat!“ ſagte Stanowsky achſelzuckend und betrachtete nicht ohne Grauſamkeit den Betrüger, welcher ſich mit der ganzen Kraft ſeiner Feigheit an den kleinlichen Nebenumſtand anklammerte, daß man ſeinen noch feigern Spießgeſellen nicht ge⸗ fangen hatte. Der galiziſche Schwindler hatte ſich bereits ſo ſehr mit ſeinem haltloſen ſophiſtiſchen Rettungsgrunde vertraut gemacht, er hatte ſeinen Mitgefangenen ſo oft bewieſen, daß man ihn ſofort wieder freilaſſen müſſe, dieſe hatten ſeine Ausführungen ſo einleuchtend gefunden, daß ihn der höhniſche Einwurf Stanowsky's anfangs betäubte. Dann packte ihn eine Art zorniger Angſt, er hielt Stanowsky beide Fäuſte vors Geſicht und heulte mit wild verzerrten Zügen: „Ich loß mich nicht mochen criminaliſch, wenn ſe nicht kriegen den Andern. Und wenn ſe mich wollen mochen allein criminaliſch, werd' ich anzeigen, wo ſe kriegen den Andern! Wenn ich muß hinain für acht Johr, ſoll er aach nix davun haben.“ 3 Stanowsky ſtand auf und wendete ſich mit Ekel 101 von dem Geſellen. Und dennoch tröſtete ihn faſt deſſen Erbärmlichkeit. Er fühlte ſich als Verbrecher, ſeit er dieſe Schwelle überſchritten hatte, er wußte, daß er zu dieſen Leuten gehörte, daß er gleich ihnen im täg⸗ lichen Kampf gelegen mit der Geſellſchaft und daß die Geſellſchaft geſiegt und ihn niedergeworfen hatte unter ihre eiſernen Sohlen, vielleicht für immer. Aber den⸗ noch fühlte er eine weite Kluft zwiſchen ſich und der Canaille, die da vor ihm herumkroch und lärmte. Er hatte nicht mit feigem Griff entwendet für die Nothdurft des Tages, er hatte ſich neben die Reich⸗ ſten und Prächtigſten geſtellt und ſie fortwährend ver⸗ höhnt, indem er es ihnen gleichthat oder ſie übertraf in dem Genie der Pracht, in dem Hunger des Ver⸗ gnügens; und jetzt inmitten des Abſchaums der Pariſer Bevölkerung, konnte er jener phariſäiſchen Geſellſchaft zurufen: Seht her, ich, der Pferdehirt, der Verbrecher, vermochte es Euch gleich⸗ und zuvorzuthun und Euch glauben zu laſſen, ich gehöre zu Euch. Wo iſt die Berech⸗ tigung zu Eurer Exiſtenz, wo Cuer Préſtige, wenn die Gewalt der Geſetze Euch nicht einmal davor zu ſchützen vermag, daß der von allen Winden abgewetterte, mit allen Hunden gehetzte Abenteurer Euch gleich iſt? Stanowsky lachte grimmig auf. Wie wenig hatte gefehlt und er wäre ihnen gleich geblieben, und was 102 er in einem Augenblick unerſättlicher Sinnenluſt an den beiden Frauen gefrevelt, die ihn liebten, hätte ihn erhoben für immer über Niedrigkeit und Noth, der Hospodar hätte ſein Schweigen erkaufen müſſen mit der Hälfte ſeines Reichthums. Das Alles war vorbei, vorbei, weil er ſich zu haſtig an einem Feinde hatte rächen wollen, den er ebenſo ſehr verabſcheute als haßte. Der rothe Frän⸗ kel, der filzige, betrügeriſche Pferdehändler, würde von ſeinem Verderben nicht laſſen um den Preis von Milli⸗ onen, das wußte er gewiß, deshalb konnten Stanowsky auch die Millionen des Hospodars nichts nützen. Stanowsky dachte an die Drohungen jenes Pferde⸗ wärters, den Fränkel zum Meineid verleitet, ein wil⸗ des Feuer glühte in den Augen des Gefangenen, aber es erloſch ſogleich wieder, Stanowsky zweifelte nicht daran, daß der Pferdewärter ſich ſchon am Tage nach dem Auftritt auf der Reiſe nach Deutſchland be⸗ funden habe. Es war ſchülerhaft und konnte nur auf ihn zurückfallen, wenn er unerwieſene Anklagen aus⸗ ſprach. Es galt alſo die Partie zu nehmen, wie ſie lag, ſich auf den Boden der Thatſachen zu ſtellen. Mit der Schnellkraft, die ſeinem Geiſte eigen, hatte Stanowsky nach einer Stunde mit Allem abge⸗ 103 ſchloſſen, was hinter ihm lag, er war für ſich ſelber nur noch der Gefangene, der ſich mit dem Gefängniß, der Angeſchuldigte, der ſich mit ſeinem Richter abzu⸗ finden hatte, ſo gut es ging. Raſſelnd öffnete ſich wieder die Thür, und das abſcheuliche Geklapper der für die Gefangenen beſtimm⸗ ten Blechgeſchirre kündigte die beginnende Fütterung an. Mit derſelben militäriſchen Grandezza, mit wel⸗ cher Verronière die Reinigung des Gefängniſſes über⸗ wacht hatte, ſtellte er nun die Gefangenen in zwei Reihen auf. Nachdem jedem derſelben ein kleiner blecherner Napf gereicht worden war, erhob der Ser⸗ gent⸗Major in drei ſtreng abgemeſſenen militäriſchen Tempos den eiſernen Löffel, den er in der Hand hielt, tauchte ihn in den von zwei Gefangenen getragenen Keſſel, voll von einer unbeſtimmbaren dicken braunen Flüſſigkeit, und begann die Vertheilung. Auch Stanowsky, der geſtern noch hoch auf dem ſeidenen Kiſſen ſeines Kutſchirwagens thronend mit ſei⸗ nen vier Pferden elegant um die Ecke der Champs Elyſées eingebogen war, ſtand zwiſchen den Andern und ſtreckte das widerlich ausſehende Geſchirr aus. Verronisre füllte es mit einem vernichtendem Blick. „Guten Appetit, mein Kapitän!“ Stanowsky antwortete nicht. 104 Nach der Suppe brachte ein ſchmuzig ausſehender Kerl ein Gefäß mit Wein, aus dem er mit kleinen Zinnbechern ſchöpfte. Stanowsky brannte der Durſt wie Feuer in der Kehle. Er hatte es noch nicht über ſich vermocht, einen der Krüge an die Lippen zu führen, welche, mit dem ſchlechteſten Pariſer Waſſer gefüllt, zum allgemeinen Gebrauch in den Ecken ſtanden. Er ſtürzte daher vor und griff nach dem eben ge⸗ füllten Zinnbecher. Aber der Menſch, der den Wein vertheilte, ließ ihn nicht los, ſondern ſtreckte mit einer bezeichnenden Geberde die Linke aus. „Zwei Sous! Man bezahlt voraus in meiner Cantine.“ Langſam ließ Stanowsky die Hand ſinken. Er hatte kein Geld. Da berührte einer der Gefangenen ſeinen Arm. „Ich werde für Sie bezahlen.“ Es war ein junger Menſch mit urſprünglich hüb⸗ ſchen, faſt weiblichen Zügen. Dicke Schminke bedeckte die eingefallenen Wangen und ſelbſt Augenlider und Brauen waren gefärbt. Der Anzug des jungen Men⸗ ſchen zeigte eine weibiſche Koketterie von der bunten Cravatte bis hinab zu den ſchmalen lackirten Stiefeln, 105 ſeine Haare, die ein ſtarkes Parfüm ausſtrömten, tru⸗ gen noch deutliche Spuren des Brenneiſens. Der junge Menſch hatte den Becher bezahlt und bot ihn mit einem eigenthümlichen Lächeln, die von einer feingefältelten Manſchette halb bedeckte Hand aus⸗ ſtreckend, Stanowsky. Dieſer hatte einen kurzen Blick auf den jungen Menſchen geworfen, dann ſchob er brüsk den darge⸗ botenen Becher zurück. Der junge Menſch gehörte zu den Männern, für welche die lebenden Sprachen keinen Namen haben. Sechstes Kapitel. Madame Chavandrier. Nachdem Nini Berton ihren Wunſch ausgeſprochen, ſich eine Wohnung zu ſuchen, ſchlug der welterfahrene Kutſcher Stanowsky's ſofort den Weg nach dem Quar⸗ tier Breda ein. Erſt in der Rue des Martyrs fuhr er langſamer, zum Theil, weil die Straße bergan führt, zum Theil auch, um beſſer ſehen zu können, wo Wohnungen zu vermiethen waren. Gleich an einem der erſten Häuſer hielt er. Ein durch Pappe geſtärkter Zettel, welcher anzeigte, daß hier eine reizende kleine Wohnung zu deumieihen ſui hing an der Thür. Der Kutſcher öffnete den Schlag und fragte Nini, ob ſie die Wohnung anſehen wolle. 107 Nini betrachtete ſich die Straße. Die Rue des Martyrs iſt ſo breit und ſieht ſo hübſch aus wie die anſtändigſten Straßen von Paris. „Lauter elegante junge Damen wohnen hier!“ be⸗ merkte der Kutſcher mit ſchlauem Lächeln. Nini Berton trat in den ſchmalen Corridor, der durch die aus buntem Glas beſtehenden Oberfenſter der Thüren eine eigenthümliche bizarre Beleuchtung erhielt. Das Fenſter des Concierge war verhüllt mit einem weißen Vorhang. Dieſer bewegte ſich kaum merklich, als Nini vorüberging, aber keine neugierige Frage hielt ſie an den Stufen der braunen gebohnten Treppe auf. Nini ſtieg empor und blieb vor einer ebenfalls mit weißen Gardinen ſorgſam verhüllten Glasthür ſtehen, an deren weißem Glockenzug in zierlichen Buch⸗ ſtaben zu leſen war: Madame Chavandrier. An dieſem Glockenzug läutete Nini. Eine ganz eigenthümliche Stille herrſchte in dem ganzen Haus, ein ſehr feines unbeſtimmbares Parfüm durchdrang den Raum, als ſeien bei dem Empor⸗ und Herabrauſchen ſeidener Roben die flüchtigſten Theile der hundert Wohlgerüche hier zurückgeblieben, mit denen ſie geſchwängert waren. Die Klingel, an der Nini gezogen, ertönte fein und kaum hörbar, als klinge ſie aus den hinterſten Zimmern der Etage. Nach einer Weile that ſich die Thür auf, ohne daß ά⸗——— 10 8 man das Nahen der Perſon vernommen hatte, die ſie öffnete. Die Perſon war ein etwa dreiundzwanzigjähriges Mädchen mit ſchönen, aber bleichen und krankhaften Zügen, welches etwas Scheues und Haſtiges in ihrem Weſen hatte, das merkwürdigz zu der eigenthümlichen Flüſterruhe des ganzen Hauſes ſtimmte. „Ich möchte die Zimmer ſehen, welche hier zu ver⸗ miethen ſind!“ ſagte Nini Berton nicht ohne Schüch⸗ ternheit. Die Heimlichkeit und Stille ringsum bedrückte ihr leichtes Gemüth. Sie wäre viel lieber ſogleich wie⸗ der umgekehrt, allein ſie hatte ſchon nicht mehr den Muth dazu. Es war ihr bereits in dieſer Umgebung, als gehöre ſie nicht mehr ſich ſelbſt an, ſondern müſſe unwillkürlich dem Geiſte gehorchen, der jedes laute Wort aus dieſen Räumen bannte. Nini ſchien es, als ob das junge Mädchen ſie er⸗ ſchreckt anſchaue bei dieſer Antwort. Das Mädchen trug die weiße Haube und Schürze der Pariſer Dienſt⸗ mädchen und ein graues Kleid aus einfachem Stoff. Ihr Geſicht jedoch ſtimmte nicht zu dieſen Kleidern und ihre Bewegungen waren weniger die einer Magd als die einer Nonne aus hoher Familie. Ohne daß ſich Nini über all das recht klar wurde, fühlte ſie ſich durch das ſeltſame Weſen des Mädchens noch mehr verſchüchtert. 109 Dieſes ſchien ſich von ſeinem Schrecken darüber, daß Nini eine Wohnung ſuchte, noch immer nicht erholen zu können und ſchaute ſie mit ihren großen matten Augen wie beſchwörend an. Da ertönte von dem hinterſten Ende des ſchmalen teppichbelegten Corridors eine feine, aber ſehr deutliche und hörbare Stimme, welche viel Aehnlichkeit hatte mit dem Ton der Klingel, welche Nini ſo eben gezogen. „Heloiſe!“ Heloiſe fuhr zuſammen, als ſei ſie auf einem ſchweren Unrecht ertappt worden, und auch Nini konnte ſich eines bänglichen Gefühls beim Klang dieſer dünnen Stimme nicht erwehren. „Wer iſt da, Heloiſe?“ fragte die Stimme wieder. „Eine junge Dame, welche die Zimmer zu ſehen wünſcht“, preßte Heloiſe hervor. „Warum ſagſt Du mir das nicht ſogleich?“ fuhr Madame fort, immer in demſelben Tone freundlichen Vorwurfs.„Führe die Dame hierher!“ Heloiſe gehorchte, und obwohl Nini ein Gefühl hatte, als ob ſie es vorzöge, wieder umzukehren, folgte ſie doch der Einladung, welche bei aller Freundlichkeit klang, als begegne ſie ſelten einem Widerſpruch. Nini trat in ein mit Möbeln überladenes Zimmer; ein paar hübſche Bologneſer Hündchen ſprangen vom 110 Sopha herab und ihr kleffend entgegen, während ein paar in Käfigen am Fenſter ſtehende Canarienvögel einen betäubenden Lärm machten. Die dünne Stimme der hübſchen und etwas be⸗ leibten Dame in ſchwarzer Seide, welche vor dem jungen Mädchen ſtand, übertönte den ganzen Lärm. „Ruhig, Bijou— ſei beſcheiden, Zephir!“ Die beiden Hündchen ſchienen zu wiſſen, daß ſich dem Befehl dieſer feinen Stimme nicht trotzen ließ, und zogen es daher vor, den Schweif zwiſchen die Hinter⸗ beine zu nehmen und ſich unter das Sopha zu ſchleichen, von wo aus ſie nur noch dann und wann ein leiſes Knurren vernehmen ließen, wenn Nini Berton eine Bewegung machte. Selbſt die beiden Canarienvögel ſchwiegen. Madame Chavandrier hatte indeſſen Zeit gehabt, die Muſterung der Fremden zu vollenden; ein zufrie⸗ denes Lächeln lag auf ihrem Geſichte, das bei aller Regelmäßigkeit und Fülle etwas Starres, Maskenähn⸗ liches an ſich hatte. Nini ihrerſeits warf dann und wann einen ſchüch⸗ ternen Blick auf die ſeltſame Ueberfüllung des Zimmers, das ihre Beſitzerin zu einem Muſeum von Polſter⸗ möbeln und Etagsregegenſtänden gemacht zu haben ſchien. Wenigſtens ein halb Dutzend Uhren pickten in allen — — Tonarten in wahrhaft beunruhigendem Wettlauf rings an den Wänden, Oelgemälde hingen dazwiſchen. Aus einem halbgeöffneten Koffer hingen Theile ſeidener Klei⸗ der von ſo heller Farbe, wie ſie wohl Madame Cha⸗ vandrier nicht mehr trug. Ein Kartenſpiel lag zu einer der bekannteſten Patienceformen geordnet aufgeſchlagen auf dem Tiſch. Das Zimmer ſtrömte noch in erhöhtem Maße jenes unbeſchreibliche Parfüm aus, welches Nini ſchon auf der Treppe aufgefallen war. „Alſo Sie wollen meine Zimmer ſehen, Fräulein!“ begann Frau Chavandrier mit freundlichem Lächeln und einem Tone, wie man etwa zu einem artigen Kinde ſpricht.„Sogleich werde ich Ihnen dieſelben zeigen. Heloiſe, öffne die Laden! Nun, haſt Du nicht gehört? Du ſcheinſt heute ganz beſonders zerſtreut, Heloiſe!“ Heloiſe warf noch einmal einen langen Blick auf Nini und verließ ſeufzend das Zimmer. „Setzen Sie ſich!“ bat Madame Chavandrier und ſtrich ihre Patiencekarten zuſammen.„Sehen Sie, zu ſolchen Zerſtreuungen greift man, wenn man ſo zurück⸗ gezogen lebt wie ich. Sie ſcheinen noch ſehr jung zu ſein, mein Fräulein!“ „Sechzehn Jahre!“ „Ah!“ Madame Chavandrier nickte ein paar Mal mit dem Kopfe, dann fuhr ſie fort:„Mit ſechzehn 112 Jahren hat man noch das ganze Leben vor ſich, mein Fräulein!“ Nini ſeufzte. Sie dachte daran, was ſie ſchon Alles hinter ſich hatte. Aber das war nur ein Augen⸗ blick. Denn als Madame Chavandrier theilnehmend fragte:„So jung und ſchon unglücklich?“ ſchüttelte ſie mit ihrem reizendſten Lächeln den Kopf und ſagte: „O nein, ich bin ſehr glücklich!“ Sie hatte daran gedacht, daß ſie ja eine große Summe Geldes beſaß. Auch Madame ſchien ſehr zufrieden, daß Nini nicht unglücklich war. Wenigſtens nickte ſie ſehr freundlich. „Sie ſehen aus, als müßte Jedermann Ihnen gut ſein“, fuhr Frau Chavandrier in ihrem Verhör fort.„Sie haben wohl viele Freunde?“ Nini ſchüttelte eifrig den Kopf. „Nein, bei Jean wollte ich nicht bleiben und Etienne hat mich fortgeſchickt.“ „Und warum wollten Sie bei Jean nicht bleiben?“ „Weil Jean immer ſo ſonderbar war und mich herumgehen ließ, daß die Leute darüber lachten.“ „Vielleicht war Jean arm!“ Nini nickte. „Und Etienne war wohl reich und liebenswür⸗ dig?“ fuhr Madame Chavandrier lauernd fort. 4113 „O ja, er kaufte mir wunderſchöne Kleider und fuhr immer mit vier Pferden ins Bois.“ „Ah!“ machte Frau Chavandrier gedehnt.„Und warum verließen Sie ihn?“ Nini ſchaute der Frau Chavandrier mit großen Augen ins Geſicht. „Ich verließ ihn nicht. Er ſchickte mich fort. So eben. Vor einer Stunde.“ Die Naſe der Madame Chavandrier erhob ſich. „Und warum, meine Kleine?“ Nini rückte unruhig auf dem mit einem halben Dutzend Kiſſen bedeckten Sopha hin und her. „Wir wohnten im Grand Hötel du Louvre. Ich langweilte mich, da Etienne allein fortfuhr, ohne mich mitzunehmen. Ich ging in ſeine Zimmer und auf den Balkon, der in die Rue Rivoli hinausging; einige Jungen auf der Straße riefen mir zu, ich ſolle etwas hinunterwerfen. Ich gab ihnen ein paar Sous, ſie balgten ſich darum, andere kamen herbei, die ebenfalls etwas wollten, die Leute ſtanden herum, um zu ſehen, wie ſie ſich balgten, die Wagen mußten halten, die Polizei kam— es war zum Todtlachen.“ Und Nini fing bei der Erinnerung wirklich an ganz ausgelaſſen zu lachen. Auf Madame Chavandrier's maskenähnlichem Ge⸗ v. Schlägel, Nach uns die Sündflut III 8 114 ſicht zeigte ſich ein ganz eigenthümliches Lächeln bei der Munterkeit Nini's. „Und da war Ihr Freund wohl recht böſe?“ Nini nickte ernſt mit dem Kopf. „Es war aber auch nicht klug von Ihnen“, fuhr Madame fort,„einem Freunde, der ſo gütig war gegen Sie, Verlegenheiten zu bereiten.“ Nini zog die Lippen zuſammen. „Bah! Ich langweilte mich— ſchöne Kleider allein machen nicht glücklich, ſagt Léonie Lebrun.“ „Die Geliebte des Grafen Entretout?“ Nini nickte. „Ich langweilte mich!“ fuhr ſie dann ſchmollend fort. Das ſeltſame Lächeln auf dem Geſicht der Ma⸗ dame Chavandrier wurde noch ſchärfer. „Sie haben Recht, dieſe Männer begreifen nicht, was wir Ihnen opfern, wir geben ihnen uns ſelbſt. Sie glauben, mit Geld und ſchönen Kleidern ſei Alles abgethan.“ Heloiſe trat wieder ein. Sie war noch trauriger als vorhin und ſchien geweint zu haben. „Die Zimmer ſind bereit, Madame!“ Madame Chavandrier warf ihr einen ſtrengen, forſchenden Blick zu und ſtand auf. 115 „Nun, mein reizendes Kind“— Madame unter⸗ brach ſich—„wie heißen Sie?“ „Nini Berton!“ 3 „Nun, meine hübſche Nini, wenn's gefällig iſt?“ Und ſie machte eine ſo tiefe Verbeugung vor Nini und ließ ihr den Vortritt und lächelte ſo freundlich, daß Nini das bängliche Gefühl, das bei ihrem Eintritt über ſie gekommen war, gänzlich verlor. Noch nie hatte Jemand ihr ſo große Achtung bezeigt. Trotzdem Heloiſe die Laden geöffnet hatte, herrſchte in den Zimmern, welche Nini betrat, nur das ziemlich gedämpfte Licht des engen Hofes, auf welchen die Fenſter hinausgingen.. Im Hoͤtel du Louvre war es ſehr hell geweſen, durch die Manſardenfenſter Jean Jaccard's ſchien die Sonne faſt den ganzen Tag. Nini machte unwillkürlich eine Bewegung der Ueberraſchung, als ſie in die halbdunklen Räume treten ſollte. Madame Chavandrier bemerkte auch das. „Sie finden die Zimmer nicht hell genug, ſchönes Fräulein? Ich kann Ihnen jedoch verſichern, daß ſie ſich des Abends, wenn hier im Salon der Kronleuchter und dort im Schlafkabinet die rothe Ampel angezündet iſt, vortrefflich ausnehmen.“ 8* 446 „Der Kronleuchter?“ Nini Berton ſchaute empor. In der That hing ein ſolches Inſtrument von zweifelhafter Vergoldung von der Decke herab. Auch in dieſen Räumen machte bei aller urſprünglichen Pracht der Stoffe und einem Ueberfluß an Möbeln die Ausſtattung den Eindruck des bunt und zufällig Zu⸗ ſammengewürfelten, ſelbſt die Farben der meiſt damaſt⸗ nen Möbel ſtimmten nicht zuſammen. Die ſchwerſei⸗ denen Gardinen waren roth, der Betthimmel war grün. Nini Berton bemerkte das nicht, ihre kindliche Phan⸗ taſie beſchäftigte ſich noch immer mit dem Kronleuchter. Sie zählte die Lichter. Es waren zwanzig. „Und die ſoll ich alle anzünden?“ „Wenn Sie Geſellſchaft haben, wenn Sie Ihre Bekannten bei ſich ſehen, gewiß!“ „Aber ich habe keine Bekannten!“ ſeufzte Nini, ganz unglücklich darüber, daß es nun mit der ſchönen Beleuchtung wohl nichts werden möchte. „So werde ich einige meiner Bekannten bitten, Ihnen Geſellſchaft zu leiſten. Bei Tage werden Sie ja ohnehin ſpazieren fahren, und abends ſehen wir dann eine kleine muntere Geſellſchaft bei uns, machen eine kleine Bowle, zünden den Kronleuchter an und plaudern und tanzen.“ 117 Nini horchte mit halboffenem Munde der lockenden Schilderung Madame Chavandrier's von ihrem künf⸗ tigen Leben. 1 „Ja, ja, das wollen wir“— Nini verſtummte plötzlich und ihr munteres Geſichtchen wurde traurig— „wenn die Zimmer nicht zu theuer ſind für mich.“ Madame Chavandrier ſchlug Nini auf die Wange. „Sie ſind ein Närrchen! Für ein hübſches Kind, wie Sie, iſt nichts zu theuer. Wegen der Miethe ſprechen wir ſpäter, wenn Sie erſt ſehen, wie es Ihnen bei mir gefällt.“ Und Madame Chavandrier entfernte mit ihrer wohlgepflegten ringbedeckten Hand einige Staubkörner von der Ecke des Sophas. Nini fühlte ſich ein paarmal heftig am Aermel gezogen. Sie wandte ſich überraſcht um und ſah in das bleiche Geſicht Heloiſens, welche energiſch den Kopf ſchüttelte, als ob ſie ſagen wolle, daß ſie das Aner⸗ bieten nicht annehmen ſolle. Nini wandte ſich ärgerlich ab. Madame Chavan⸗ drier war eine prächtige Frau und ſie wünſchte ſich Glück, in dieſes Haus getreten zu ſein. „Nun, wie ſteht's?“ fragte Frau Chavandrier. „Soll ich die Zimmer für Sie herrichten laſſen?“ „Gewiß!“ beeilte ſich Nini zu erwidern. 118 Heloiſe ſtieß einen tiefen Seufzer aus, der ihr einen ſtrengen Blick ihrer Herrin eintrug. „Und wann wollen Sie einziehen?“ fuhr Madame Chavandrier fort. „Wenn es möglich wäre, ſogleich!“ ſagte Nini ſchüchtern. Madame Chavandrier küßte ſie auf die Stirn. „Ob es möglich iſt, liebes Kind! Für Sie iſt Alles möglich, ſage ich Ihnen! Wo ſoll ich Ihr Gepäck holen laſſen?“ „Ich habe es unten, im Wagen.“ „Nun, dann iſt ja Alles gut“, entſchied Ma⸗ dame Chavandrier.„Heloiſe, beſorge ſchleunigſt das Gepäck meiner jungen Fieundin herauf, bezahle den Wagen.“ „Es iſt der Wagen Etienne's, der Kutſcher mag heraufkommen, damit ich ihm ein Trinkgeld gebe“, rief Nini, froh, der freundlichen Dame zeigen zu können, daß ſie nicht arm ſei. Madame Chavandrier lächelte, als Nini ihre Börſe kog und ganz unnöthigerweiſe eine Hundertfrancsnote entfaltete, um ſie wieder zu ſich zu ſtecken und ein Zehn⸗ francsſtück in Gold für den Kutſcher zu wählen. Dieſer kam und entſernte ſich wieder unter tiefen Bücklingen, und Madame Chavandrier, welche beim An⸗ 119 blick der großen Koffer Nini's immer freundlicher wurde, rief pathetiſch aus: „Nun, da ſind wir ja eingezogen! Seien Sie mir herzlich willkommen und betrachten Sie mich als zweite Mutter. Kann ich Ihnen helfen Ihre Sachen aus⸗ packen?“ Nini war damit zufrieden, ihrer neuen Wirthin alle ihre Schätze zeigen zu können. Stück für Stück gingen die Geſchenke Stanowsky's durch die Hände der Madame Chavandrier. Dieſe lächelte und ihr masken⸗ ähnliches Antlitz belebte ſich von einer Art gieriger Freude. Ihre runden weißen Finger befühlten mit Wolluſt die feinen Gewebe und ſchienen ſich gar nicht trennen zu können von den glänzenden Geſchmeiden, den Zeugen der Luſt und Leidenſchaft eines Tages. Manchmal fiel aus dem Auge Madames ein Blick auf Nini, höhniſch und voll von jenem Haß, mit dem ein Raubthier das Opfer anſieht, das ihm verfallen, manchmal entſchlüpfte faſt rauh ihren Lippen die Frage, wieviel das oder jenes Stück gekoſtet habe. Nini wußte es nicht und ſprach Vermuthungen aus, die ihre gänzliche Unerfahrenheit in dieſen Dingen bewieſen. Madame lächelte dann wieder mit ihrem eigen⸗ thümlichen häßlichen Lächeln. * 7 120 Nini bemerkte nichts davon. Sie füllte Schränke und Käſten mit ihrer Garderobe und Madame Cha⸗ vandrier ordnete ſie mit großer Sorgfalt, damit nichts zerknittert werde, als ſorge ſie für ihre eigenen Sachen. Madame Chavandrier war auch ſo freundlich, Nini zu Tiſche zu laden. Nini ſprach dem ihr vorgeſetzten Wein ihrer Gewohnheit nach fleißig zu und wurde ſehr redſelig. Als Heloiſe die letzte Schüſſel ſervirte, wußte Madame Chavandrier über Nini's Vergangenheit ſo ziemlich Alles, was dieſe ſelber wußte. Heloiſe war ſtumm und reſignirt. „Ich bedarf Deiner nicht weiter!“ ſagte Frau Cha⸗ vandrier zu Heloiſen mit jenem milden, aber entſchie⸗ denen Ton, der ihr eigenthümlich war. Heloiſe zog ſich zurück. Es hatte geſchienen, als ob ſich Madame Chavandrier durch die Anweſenheit des ſeltſamen Weſens etwas bedrückt fühlte, und ſie athmete auf, als ſie mit Nini allein war. „Ich lebe in der Regel ſehr zurückgezogen, wie Sie ſehen, liebe Nini“, begann nun Frau Chavandrier leichthin.„Das paß nun allerdings mehr ür eine alte Frau, wie ich— „Aber Sie ſind ja noch ganz jung und hübſch!“ „Sie ſchmeicheln, kleine Freundin“, ſagte Madame Chavandrier in einem Tone, der bewies, daß ſelbſt 421 dieſes für alle weichern Gefühle unempfängliche Herz ſich der Eitelkeit nicht verſchließen konnte.„Wenn man ſo viel erfahren hat wie ich—“ „Ach erzählen Sie doch, ich höre fürs Leben gern Geſchichten.“ „Heute nicht, ein andermal, mein Kind. Wollten wir heute damit beginnen, ſo kämen Sie wohl um Ihre Nachtruhe, welche Sie nach dem aufregenden Tage doppelt nöthig haben. Was ich ſagen wollte, iſt, daß ich Ihretwegen wohl meine eigenen Gewohnheiten etwas beſchränken und dann und wann Geſellſchaft bei mir ſehen muß. Sie ſelbſt haben keine Bekanntſchaften, ſagen Sie, nun wohl, ich kann nicht von Ihnen verlangen, daß Sie die Frühlingstage Ihres Lebens vertrauern, um mir, die ich mit dem Leben abgeſchloſſen habe, Geſell⸗ ſchaft zu leiſten, ich werde daher wohl oder übel dann und wann einen oder den andern meiner Bekannten ein⸗ laden müſſen. Da iſt zum Beiſpiel mein lieber de Lazire— er iſt Unterſuchungsrichter und ein ſehr feiner, geiſtreicher Mann— er war der beſte Freund meines verſtorbenen Gatten, der auch im Palais de Juſtice angeſtellt war, und nahm ſich meiner auf das aufopferndſte an, als mein Mann plötzlich geſtorben war.“ „Herr von Lazire wurde wohl dann Ihr Geliebter?“ fragte Nini raſch. — 8‿ Madame Chavandrier ſchlug Nini leicht auf den neugierig vorgeſtreckten Mund. „Wollen Sie ſchweigen, kleine Unbeſcheidene? Wer ſagt derlei Dinge einer alten Frau ſo geradezu ins Geſicht! Herr von Lazire wird lachen, wenn ich ihm morgen Ihre indiscrete Vermuthung mittheile. Nein, liebe Kleine, Sie werden ſich bald genug überzeugen, daß ich nur ſeine Freundin bin, eine aufopfernde und treue Freundin zwar, der er vielleicht zu danken hat, daß ihn der ernſte Beruf, dem er obliegt, nicht ſchon ſelber um alle Lebensfreude gebracht hat, aber nur ſeine Freundin, weiter nichts. Nun, wollen Sie, daß ich Herrn Lazire für morgen einlade?“ „Iſt er auch luſtig?“ „O gewiß, ein ausgezeichneter Geſellſchafter, und Ihre harmloſe Heiterkeit wird ihn ungemein anregen.“ „Glauben Sie? Und wir werden den Kronleuchter in meinem Salon anzünden und Champagner trinken?“ „Sie trinken alſo Champagner gern? Lazire auch, ich werde für eine gute Marke Sorge tragen.“ „O wie gut Sie ſind!“ „Machen Sie keine Umſtände, liebliche Nini, ich thue das Alles auch für mich. Ich werde ſelber wieder jung, wenn ich Alles um mich her recht glücklich und heiter ſehe. Aber jetzt gehen Sie zu Bette, mein Kätzchen, 123 und ſchlafen Sie recht lange, damit Sie mir recht munter ſind, wenn unſer Freund kommt. Adieu und ſüße Träume!“ Madame Chavandrier führte Nini ſelbſt in ihr Schlafzimmer, wo die kleine Ampel bereits angezündet war, und küßte ſie zum Abſchied auf die Stirn. Nini ſchlief lange nicht ein. Ihr enges Köpfchen konnte all die Güte einer fremden Frau gar nicht faſſen, ſie bekam ordentlich Achtung vor ſich ſelber, weil die Leute ſie ſo ſehr auszeichneten. Sie wählte von den Nachttoiletten, welche ihr Stanowsky geſchenkt hatte, diejenige mit den meiſten Spitzen und Zäckchen, löſte ihre langen blonden Haare auf, daß ſie in dichten Wellen um ihr roſiges Geſicht⸗ chen wallten, ſtellte den Toilettenſpiegel, den ſie im Schlafzimmer gefunden, vor ſich auf das Bett und lächelte. Ihr Ebenbild im Spiegel lächelte ebenfalls. Nini fand dies Lächeln reizend, ſie nickte der kleinen hübſchen Dame im Spiegel zu, dieſe nickte wieder. Nini drückte den Spiegel an die Lippen. Ein leiſes Geräuſch neben dem Bette veranlaßte Nini, ſich raſch umzublicken. Heloiſe ſtand ebenfalls in Nachtkleidung bleich und zitternd neben ihr. Zum erſten Mal fiel es Nini auf, daß dieſes Weſen weder in ſei⸗ nem Benehmen noch in ſeinem Aeußern einer Magd — 124 glich. Und die Dienſte einer ſolchen verrichtete ſie doch offenbar bei Madame Chavandrier. Bei all ihrer naiven Dreiſtigkeit fühlte ſich Nini doch ein wenig verlegen, als ſie bei ihrer Unterhaltung mit ihrem hübſchen Spiegelbilde ſich überraſcht ſah. Ein Blick in das ängſtliche, verſtörte Antlitz Heloi⸗ ſens, welche ſich ſcheu umſah und zitternd näherte, belehrte Nini, daß das alternde Mädchen zu ſehr mit ſeinen eige⸗ nen Gefühlen beſchäftigt war, als daß es ſich viel um die ſelbſtgefälligen Scherze Nini's kümmern konnte. Heloiſe ergriff mit einer etwas theatraliſchen Ge⸗ berde Nini's Hand und flüſterte: „Wenn es noch Zeit iſt, retten Sie ſich, mein Fräulein!“ Nini ſperrte erſchreckt die blauen Aeuglein auf. Sie richtete ſich im Bette halb empor und machte Miene, es zu verlaſſen. Heloiſe hielt ſie mit beiden Händen zurück und blickte ſich ängſtlich um. „Um Gotteswillen, bleiben Sie ruhig, ſonſt iſt Alles verloren!“ Nini Berton ließ ihr reizendes Mündchen weit offen und regte ſich nicht. „Sie ſind ſo jung, ſo hübſch!“ fuhr Heloiſe kla⸗ gend fort. 125 Jenes eigenthümliche Fröſteln, welches man ge⸗ meiniglich Gänſehaut nennt, überlief den zarten Körper Nini's. „Es iſt entſetzlich zu denken, daß Sie demſelben Schickſale entgegengehen, dem ich anheimgefallen bin.“ Nini athmete auf. Heloſſe lebte ja noch. „Alſo man will mich nicht ermorden?“ „Schlimmeres als das!“ gab Heloiſe düſter zur Antwort.„Sie ſollen verkauft werden.“ Nini lauſchte verwundert. „Verkauft? An wen?“ „An den Unterſuchungsrichter Lazire, den uner⸗ ſättlichſten Lüſtling von Paris.“ Nini's Geſicht heiterte ſich wieder auf. „An den? Das ſoll aber ein ſehr liebenswürdiger Mann ſein.“ „Das iſt er, ja“, ſagte Heloiſe dumpf.„Mögen Sie es nie erfahren, wie ich, zu Ihrem Verderben. Madame Chavandrier hat bereits einen Brief an ihn abgeſchickt, worin ſie ihn einladet, morgen Abend hierher⸗ zukommen. Sie hat den Brief dem Concierge zur Be⸗ ſtellung übergeben, er wird kommen— fliehen Sie!“ Nini hatte vor Verwunderung die Hände gefaltet und ſchüttelte verblüfft das blonde Köpflein. „Aber wenn er kommt, das iſt ja recht hübſch, 126 dann bleibe ich ja um ſo lieber. Wir werden den großen Luſtre anzünden und Champagner trinken.“ Helo;ſe rang verzweifelnd die Hände. „Thörichtes Kind, er wird Sie überreden, daß Sie ſeine Geliebte werden.“ „Wenn er ſo hübſch und unterhaltend iſt, wie Madame Chavandrier behauptet, ſo wird er dazu nicht lange brauchen.“ Jetzt war die Reihe, verblüfft zu ſein, an He⸗ loiſe. Nini ſchien ſich um keinen Preis retten laſſen zu wollen. „O dieſe Madame Chavandrier!“ murmelte Heloiſe. „O dieſe Schlange!“ Das war denn Nini doch zu bunt, eine menſchen⸗ freundliche Seele wie ihre Auirtin Schlange nennen zu hile „O, ich halte Frau Chavandrier für eine ſehr lie⸗ benswürdige Dame, gewiß ſehr liebenswürdig!“ ſagte ſie ſchnippiſch. Heloiſe lachte bitter in ſich hinein. „Ja, liebenswürdig iſt ſie, ſehr liebenswürdig! Wie jene große Schlange, von der ich geleſen, beleckt ſie einen ſo lange, bis man ihr recht iſt zum Ver⸗ ſchliggen. Wenn Sie den Scenen der Verzweiflung ſchon beigewohnt hätten, welche ich geſehen habe, wenn 127 ihr Mädchen, die in Noth waren, ihr letztes gutes Kleid verſetzten, wie ſie das Elend der Armen, die ſie zuerſt angelockt und verhandelt, nachher benutzte, um ihnen den letzten Fetzen abzudrücken, den ſie am Leibe trugen, Sie würden ſchaudern!“ Nini ſchauderte auch, aber nicht deshalb, weil ſie ſich eine klare Vorſtellung von dem machte, was ihr Helo;ſe erzählte, als infolge des verzweiflungsvollen Tons, in dem das Mädchen zu ihr ſprach. Da durchkreuzte eine ſehr einfache Frage das enge Köpflein Nini's und ſie gab derſelben ſofort Ausdruck. „Aber wenn Madame Chavandrier ſo böſe iſt, warum bleiben Sie denn bei ihr?“ Ein glühendes Roth übergoß das bleiche Geſicht Helo;ſens bei dieſer Frage, Thränen drangen aus ihren Augen und ſchluchzend ſank ſie an dem Bette Nini's nieder, ihr Geſicht in den Polſtern verbergend. End⸗ lich hob ſie wieder das thränennaſſe Antlitz. „Ja, Sie ſollen Alles wiſſen. Wenn nicht die Sorge für ſich ſelber, vielleicht bewegt Sie das Mitleid mit mir, ihn und dies Haus zu fliehen. Ich kam hierher wie Sie, jung und unerfahren; eine alte Baſe, die mich ſeit dem Tode meiner Aeltern zu ſich genommen hatte, war eben geſtorben und hatte mir ihre wenigen Hab⸗ ſeligkeiten und etwas Geld hinterlaſſen. Ich hatte 128 meine alte Baſe, die immer mit mir zankte und mich ſehr ſtreng hielt, nie geliebt, meine Trauer um ihren Tod dauerte daher nicht lange. Ich glaubte die paar hundert Francs, die ſie mir hinterlaſſen, würden nie ein Ende nehmen, und ging den ganzen Tag ſpazieren. Im Tutlleriengarten lernte ich eines Tages Madame Chavandrier kennen. Auch ich ließ mich blenden, wie Sie armes Kind! Sie war damals noch jünger und einnehmender als jetzt, und da es mir ſchon längſt in der finſtern engen Wohnung meiner verſtorbenen Tante nicht mehr paßte, ſo nahm ich Madame Cha⸗ vandrier's Antrag, zu ihr zu ziehen, mit Entzücken an. Madame Chavandrier verkaufte meine Möbel und ver⸗ ſprach für mich zu ſorgen wie eine Mutter. Ihre erſte zarte Sorge war, mich mit Lazire bekannt zu machen. Ich bin nie ganz klar geworden über das Verhältniß Lazire's zu dieſer Frau. Aus Vielem entnehme ich, daß ſie einmal ſeine Geliebte geweſen iſt, und vermuthe, daß ſie von dem Zeitpunkte an, wo ſie den Einfluß ihrer eigenen Perſon auf den jüngern Geliebten ſchwin⸗ den fühlte, ihre vorige Herrſchaft dadurch wieder zu erringen ſuchte, daß ſie der Begehrlichkeit Lazire’s immer neue Reizmittel vorhielt. Zwiſchen ihm und der un⸗ heimlichen Frau beſteht ein Verſtändniß, welches mich oft zur Verzweiflung brachte, als ich die Geliebte Lazire's 129 war. Ja, blicken Sie mich nur erſtaunt an, mein Täubchen! Ich war vor Jahren das, was Sie morgen werden ſollen. So lange Lazire Gefallen an mir fand, ſtand ich mit Madame leidlich gut, aber als er eine junge Schauſpielerin von der Comédie françaiſe kennen lernte, ward ich unbequem, die Schauſpielerin ſollte hier wohnen, ich konnte alſo nicht bleiben. Da erſt lernte ich die ganze teufliſche Bosheit und Habſucht dieſer Frau Chavandrier kennen. An dem Tage, da ich gehen wollte, erfuhr ich, daß ich nicht nur nichts mehr beſaß von dem, was ich einſt mein genannt, ſon⸗ dern auch noch der Madame eine große Geldſumme ſchuldete. Seit ich Lazire kennen gelernt, hatte ich an nichts weiter gedacht als an ihn, ich hatte mich nach ihm geſehnt, wenn er abweſend war, und in ſeinen Liebkoſungen geſchwelgt, wenn er mich in ſeinen Armen hielt. Madame Chavandrier ſchien ſich ein Vergnügen daraus zu machen, für meine kleinſten Bedürfniſſe zu ſorgen. Fragte ich je einmal nach meinem Eigenthum, das ich ihr übergeben, ſo brachte ſie mich mit vorwurfs⸗ voll gütiger Miene zum Schweigen.„Wer ſpricht zwiſchen uins von Eigenthum und Rechnungen!“ ſagte ſie dann. „Leben Sie fort in Ihrer reizenden Sorgloſigkeit, ſeien Sie und machen Sie glücklich, das iſt Alles, was man von ihnen verlangt.“ Ich betrachtete mich in ſolchen v. Schlägel, Nach uns die Sündflut I:I. 9 130 Momenten als das undankbarſte Weſen, daß ich, wozu mich doch ſo Vieles, was ich bemerkt, veranlaßt hatte, Madame Chavandrier manchmal mißtraute. Jetzt end⸗ lich ſah ich klar, aber es war zu ſpät. Sie werden mich fragen, warum ich Lazire nicht von Allem unter⸗ richtet, eine unüberwindliche Scheu jedoch hielt mich davon zurück. Ich hatte bei meiner Tante ſowohl als ſpäter viele Bücher geleſen und darin ſtand immer, daß die wahre Liebe dulden und entſagen müſſe, um endlich belohnt zu werden. Als das Häßlichſte und Verächtlichſte wurde darin geſchildert, auf den Geliebten eigennützige Pläne zu bauen. Ich hätte mich daher eher tödten laſſen, als daß ich mich Lazire anvertraute. Madame Chavandrier wußte das, ſie wußte auch, daß ich dieſen Lazire noch abgöttiſch liebte, ſelbſt dann, als ich ihn täglich zu der Schauſpielerin kommen hörte. Sie ſagte mir daher, ich ſolle vernünftig ſein, ſie wolle mir Gelegenheit geben, meine Schuld auf anſtändige Weiſe nach und nach abzutragen und mich an Stelle des Mädchens behalten, welches ſo eben ihren Dienſt verlaſſen hatte. Madame Charandrier wußte mir das Alles ſo klar und eindringlich vorzuſtellen, wußte mir ihre Aufopferung für mich und meine Undankbarkeit ſo nachdrücklich zu beweiſen, daß ich endlich ſelber anfing, mich für ein ganz leichtfertiges, verworfenes * — 131 Geſchöpf und Madame Chavandrier für ein wahres Muſter von Güte und Uneigennützigkeit zu halten. Außerdem hielt mich etwas Anderes: ich konnte nicht mehr leben, ohne Lazire dann und wann zu ſehen; ich litt entſetzlich dabei, wenn ich ihm öffnete, damit er in die Arme einer Andern eilen konnte, aber ich litt noch mehr, wenn ich ihn nicht ſah. Auch Lazire ſchien es anfangs peinlich, mich zu ſehen, und er ſprach deshalb mit Madame Chavandrier; dieſe war ſehr auf⸗ gebracht über mich und drohte mir, mich augenblicklich zu entlaſſen, wenn ich meinem frühern Geliebten nicht ſtets ein heiteres Geſicht zeige. Ihn mochte ſie wohl auf irgend eine Weiſe beruhigt haben, denn als er das nächſte Mal wiederkam, war ſein Benehmen ganz verändert, er nickte mir zu und faßte mir unters Kinn, wie er es wohl mit andern Dienſtmädchen auch machte. Und ich duldete es und lächelte dazu. Endlich fing ich ſogar an daran Gefallen zu finden, und dann wie⸗ der weinte ich darüber Nächte lang. So lebe ich nun ſchon Jahre. Dreimal hat Lazire inzwiſchen ſeine Ge⸗ liebte gewechſelt— dieſes Haus dient ihm ſogar zum ſichern Schlupfwinkel für die Galanterie eines Tages— ich habe geduldet und geſchwiegen, zufrieden damit, wenn er mich flüchtig anſah und ſagte:„Aber Sie ſehen heute nicht gut aus, Heloiſe, Ihre Schätze machen Ihnen 9* 132 wohl viel Kummer?“ Ich hätte dann vor ihm nieder⸗ fallen und ihm zurufen mögen: Dir allein gehör' ich, ich lebe von Deinem Athem, Deinem Blick, aber er hätte das nicht hören wollen und Madame Chavandrier hätte mich wohl fortgejagt. Ich habe nie geplaudert, ich trug es mit ſtummer Verzweiflung, wenn eine neue Geliebte Lazire's bei uns einzog, und jubelte mit grauſer Genugthuung, wenn ich merkte, daß Lazire meine Neben⸗ buhlerin ſatt hatte und Madame Chavandrier ſie zu plündern begann. Ich lauſchte dann an allen Thüren und hoffte meinen Namen zu hören— wenn er allen ent⸗ täuſcht den Rücken wandte, mußte er doch endlich wie⸗ der zu mir zurückkehren— da erfuhr ich denn auch, daß Lazire der Madame mit vollen Händen Geld gab für ihre Opfer. Ich hörte ihn ſogar einmal zu Madame Chavandrier lachend ſagen, ihre Freundſchaft koſte ihn ſchließlich ſein ganzes Vermögen. Das gab mir neue Hoffnung, vielleicht liebte er mich wieder, wenn er arm war. Da kamen Sie.“ Heloiſe hielt erſchöpft inne und richtete ihre Augen ängſtlich auf Nini. Dieſe hatte mit regungsloſer Auf⸗ merkſamkeit zugehört. Wenn jedoch Heloiſe glaubte, ſie mit einem tiefen Abſcheu vor Lazire und mit großer Angſt vor Madame Chavandrier erfüllt zu haben, ſo irrte ſie gewaltig. Sie war zu wenig im Leben be⸗ —— —— wandert, um nur den zehnten Theil von dem zu ver⸗ ſtehen, was Heloiſe ihr in fliegender Haſt erzählt hatte. Noch weniger war es ihr möglich, ſich ſogleich die Nutzanwendung zu machen auf ihre eigene Lage. Was die Plünderung durch Madame Chavandrier betraf, ſo war Nini allerdings darob tief erſchrocken und ſie hatte beſchloſſen, ein wachſames Auge auf ihre Kleidungsſtücke zu richten und ihre Kaſten wohl verſchloſſen zu halten. Ueber dieſen Entſchlüſſen war Nini wieder Manches von der Erzählung Heloiſens verloren gegangen, und was ſie von Lazire hörte, machte ſie nur immer gieri⸗ ger, ihn zu ſehen. Die Neugierde, den intereſſanten Mann kennen zu lernen, ließ ſie die Furcht für ihre hübſchen Kleider faſt vergeſſen, ſie wurde ordentlich böſe auf Heloiſe, daß dieſe ſie um jeden Preis entfernen wollte, und ſo kurz ihr Verſtand war, der Inſtinkt des Weibes traf hier das Richtige. „Da kamen Sie“— mit dieſen Worten hatte Heloiſe ihre Erzählung geſchloſſen. „Und das ſcheint Ihnen ſehr unangenehm!“ hatte Nini nach einer Pauſe ſchnippiſch geantwortet. Helolſens Geſicht wurde dunkelroth. Nini hatte den wunden Fleck getroffen. „In der That“, ſtotterte ſie,„Ihre Jugend, Ihre Schönheit—“ 134 „Sie fürchten alſo, daß mich Herr Lazire ſchön findet!“ fuhr Nini mit ſpitzigem Tone fort. Auch ihr Verſtand war geſchärft worden durch das Gefühl der Nebenbuhlerſchaft um einen Mann, den ſie noch gar nicht kannte. Die Verwirrung Heloiſens nahm zu. „Ja, um Ihretwillen, mein Fräulein!“ fuhr ſie dann ſchluchzend fort.„Und um meinetwillen!“ fügte ſie leiſer hinzu.„Ich will es nicht leugnen, daß ich noch nie während der ganzen Zeit dieſer Liebe einen ſolchen Schmerz gefühlt habe, als da Sie kamen. Bei allen Andern war mir das beinahe ſtolze Gefühl geblieben, ſie ſind nicht ſchöner und jünger als ich, es iſt nur der Reiz der Neuheit, was ihn an ſie feſſelt, und ich war Momente lang glücklich in dieſem Gedanken. Aber Sie ſind ſchön, mein Fräulein, tauſendmal hübſcher als ich, Ihr Anblick wird ihn in einen Rauſch des Ent⸗ zückens verſetzen, Sie werden ihn vielleicht länger feſſeln als jede Andere, aber auch Sie werden ihn nicht halten können, auch Sie nicht. Auch Sie wird er, wenn etwas Neues ihn reizt, rückſichtslos beiſeite werfen und Frau Chavandrier wird auch an Ihnen ihr entſetzliches Handwerk üben. Ich ſelber werde das nicht erleben, es wird mich tödten, wenn ich ſehen muß, daß er wahn⸗ ſinnig in Sie verliebt iſt, aber auch Sie werden elend werden. Darum fliehen Sie, um meinet⸗, um Ihretwillen fliehen Sie!“ Heloiſe geberdete ſich bei dieſen Worten wie eine ſchlechte Schauſpielerin, und dennoch ließen die Thränen, die unaufhaltſam über ihre zuckenden Wangen floſſen, nicht zweifeln, daß es ihr mit all den ſonderbaren Ge⸗ fühlen, die ſie ausſprach, wirklich Ernſt ſei. Sie er⸗ reichte jedoch nur, daß ſie die frivole Neugier, welche einen Grundzug von Nini's Weſen bildete, noch mehr entflammte. Auch hatte Nini keine ſehr rege Phantaſie und die düſtern Prophezeiungen Heloiſens brachten daher nicht den geringſten Eindruck auf ſie hervor. Sie ſetzte ſich recht impertinent im Bette zurecht, ſtemmte die Fäuſtchen in die Seiten der ſchneeweißen Nachtjacke und ſagte mit großer Beſtimmtheit: „Ich werde hier bleiben! Und wenn mir Ihr La⸗ zire gefällt, ſo werde ich ſuchen auch ihm zu gefadlen! Gewiß, das werde ich!“ Und dabei nickte ſie recht eigenſinnig mit dem Köpflein. Heloiſe heftete einen langen traurigen Blick auf ſie. „Dann bitte ich Sie nur um eins: erwähnen Sie gegen Madame Chavandrier nichts von unſerer heutigen Unterhaltung!“ ſagte ſie reſignirt.„Wenn es Ihnen 136 gleichgültig iſt, Andere leiden zu ſehen, wenn Ihnen Ihre eigene Zukunft nichts gilt über dem Sieg eines Augenblicks, ſo erhöht vielleicht das Bewußtſein, daß Jemand Sie beneidet, Ihr kurzes Glück.“ Nini verſtand von Heloiſens Rede blos den erſten Satz, das Uebrige kam ihr wieder ſehr unverſchämt vor und ſie antwortete daher wegwerfend: „Bah! Madame Chavandrier und ich wiſſen Beſſe⸗ res zu thun, als uns von Ihnen zu unterhalten, Ma⸗ demoiſelle!“ Nini drehte ſich herum. Heloiſe ging faſt getröſtet. „ Sie kann ihn nicht lange feſſeln, ſie hat kein Herz“, murmelte ſie vor ſich hin, und bis in den Mor⸗ gen hinein brannte das Lämpchen in ihrer Kammer. Sie ſuchte in dem Feuilletonroman eines ſchlechten Blattes die Analogie zu ihrem eigenen Schickſal. Nini ruhte bis tief in den Morgen. Menſchen ohne Herz ſchlafen manchmal ganz prächtig. Siebentes Kapitel. Der Manu mit der Nelke. Man hat die Polizei des zweiten Kaiſerreichs als deſſen vollkommenſte Schöpfung bezeichnet. Und den⸗ noch waren vielleicht zu keiner Zeit die geheimen Geſell⸗ ſchaften zahlreicher. Gegen die wie Pilze nach einem Regentag aus der Erde ſchießenden Geheimbünde war jedoch auch die beſte Polizei der Welt machtlos. An die Stelle einer aufgelöſten Verbindung traten zehn andere, die Entdeckung eines drohenden Attentats und die daraus entſtehende Aufregung gebar den Keim zu einem Dutzend excentriſcher Anſchläge. Die meiſten dieſer Vereine und Anſchläge waren der ganzen Natur ihrer Zuſammenſetzung und Conception nach unpraktiſch und ungefährlich für die beſtehende Gewalt und dienten mehr dazu, die unruhigen Geiſter, die ſich damit ab⸗ 138 gaben, auf eine intereſſante Weiſe zu unterhalten, als denen, gegen die ſie gerichtet waren, zunächſt ernſtliche Gefahr zu bereiten. Es war wohl einer der größten politiſchen Fehler des zweiten Kaiſerreichs, daß es, um gewiſſe Repreſſiv. maßregeln zu entſchuldigen und die feige Zurücknahme gemachter Verſprechungen zu motiviren, die öffentliche Aufmerkſamkeit immer wieder auf jenes Treiben lenkte und ihm ſelbſt eine Bedeutung beilegte, welche nicht ohne Einfluß auf die leicht bewegliche öffentliche Meinnng und die entzündliche Phantaſie ganzer Klaſſen bleiben konnte. Das zweite Kaiſerreich glaubte mit ſeiner ge⸗ heimen Polizei, mit ſeinen employés de la préfecture, vom Volke gemeinhin mouchards genannt, welche ſich aus allen Ständen recrutirten, jenem Treiben ein wirkſames Paroli zu bieten und erreichte durch dieſen poliziſtiſchen Guerrillakrieg in der Geſellſchaft nur, daß ſie den Reiz der Geheimbündlerei um einen Factor er⸗ höhte und in vielen Fällen die Verantwortlichkeit von Handlungen ſich zuſchreiben laſſen mußte, welche dem blinden Eifer, der perſönlichen Rachſucht oder der Un⸗ geſchicklichkeit ſeiner Agenten ganz allein angehörten. Dabei richtete ſich die Wahl der Polizeiagenten nicht immer nach deren Tüchtigkeit für ihr discretes Hand⸗ werk, ſondern wie alles Andere nach Protection, Laune 139 und Zufall, und ſo kam es, daß ſelbſt eine als Spion allgemein bekannte Perſönlichkeit wie Père Barbé oder der Mann mit der Nelke in der ungeſchickteſten Weiſe ſeine Thätigkeit fortſetzen und trotz ſeiner in vielen Fällen nachgewieſenen Unzuverläſſigkeit allwöchentlich ſeinen Rapport abliefern konnte.— Er hatte am Abende des Tages, da wir ihm zuerſt begegneten, einen langen Bericht über orleaniſtiſche Bewegungen an das Polizeiminiſterium geſchickt, der keinen andern Hintergrund hatte als die harmloſen Renommiſtereien des Père Beaupas und von den maß⸗ gebenden Beamten auch einfach als Stimmungsbild zu den orleaniſtiſchen Acten gelegt wurde. Als nun neuer⸗ dings gemeldet ward, daß im Centrum der orleani⸗ ſtiſchen Agitation einige Bewegung wahrzunehmen ſei, war an eine Anzahl Vertrauter der Polizei die Wei⸗ ſung ergangen, die orleaniſtiſchen Hotels der Faubourg St.⸗Honoré im Auge zu behalten. Unter den ver⸗ dächtigen Hotels war beſonders das Hotel Mondélion's angeführt worden, und da man bei einer Reviſion der Rapporte über dieſen Gegenſtand auch den Bericht Barbé's vorfand, der nun an Bedeutung gewonnen hatte, war durch dieſen bei den Behörden der kaiſer⸗ lichen Polizei nicht mehr ganz ungewöhnlichen Zufall die Wahl, dies Hotel zu überwachen und tägliche Rap⸗ 140 porte einzuliefern über die Leute, welche dort verkehrten, auf Vater Barbé gefallen. Der Mann mit der Nelke, durch dieſen wichtigen Auftrag etwas aus der Lethargie aufgerüttelt, in der er ſich gewöhnlich bis zum Genuß des dritten Liters befand, hatte ſein urſprünglich nicht unproductives Ge⸗ hirn in etwas ſchnellere Thätigkeit und ſogar eine Art Feldzugsplan zu Stande gebracht, der ſeinen beſſern Tagen Ehre gemacht hätte und ſich gegen Niemand Geringeres richtete, als den Portier des Hotels Mon⸗ délion, den unentwegten und ehrenfeſten Herrn Winkel⸗ ried Stierliſtecher. So ſehr die kaiſerliche Polizei auch bei der Auf⸗ nahme unter ihre officiellen und officiöſen Agenten den wichtigen Stand der Thürhüter bevorzugte, ſo viele Vertraute bis zu jedem Grade der Innigkeit, von der leicht hingeworfenen Bemerkung an den befreundeten Commiſſar bis zum regelrechten ſchriftlichen Rapport, das vollkommenſte Inſtitut des Kaiſerreichs auch unter den Conciergen aller Viertel beſaß, in den Quartieren der alten Ariſtokratie hatte es verhältnißmäßig wenige ſolcher Organe. Es war der Polizei auch höchſt ſchwie⸗ rig, dort Boden zu gewinnen, da die kaiſerliche Re⸗ gierung immer neue Anſtrengungen machte, die Fami⸗ lien, die ſie ſchweigend desavouirten, zu verſöhnen und — 141 an den Hof zu ziehen. Die Berichte aus den ariſto⸗ kratiſchen Vierteln waren daher viel lückenhafter und unregelmäßiger als aus allen andern Theilen der rieſigen Stadt, da ſich die gutbezahlten und adelsſtolzen Por⸗ tiers ſelten ohne Aufforderung der Polizei zur Verfügung ſtellten. Und eine Aufforderung war aus den ange⸗ führten Gründen ſchwierig. Unter dieſer ſtolzen ehrenhaften Garde mit mächtigen Schiffhüten, rieſigen Stäben und unendlichen Rockſchößen war Vingris unzweifelhaft am unzweideutigſten. Auf ihn baute Vater Barbé ſeinen Plan. Den erſten Tag wollte er dazu verwenden, den einſtigen Por⸗ tier des erzbiſchöflichen Palais einfach zu beobachten. Vingris jedoch blieb unbeweglich in ſeiner Loge. Er hatte nachzudenken über die Verruchtheit des tückiſchen Weinhändlers und die Leichtfertigkeit ſeines Herrn, der die Augen ſchloß vor dem fürchterlichen Anſchlag des Studenten. Vingris fühlte die Verpflichtung, ſeinen Herrn zu retten, hatte aber nicht den Muth, ſeinen Befehlen geradezu entgegenzuhandeln. Er beſchloß daher ſeinerſeits den myſteriöſen Weinhändler zu beobachten. Es dunkelte und Poère Barbé hatte bereits zwölf Stunden das Portal des Hotels Mondélion nicht aus den Augen verloren. Aber der Portier erſchien nicht. Auch ſonſt paſſirte Niemand als die Dienerſchaft aus und 142 ein. Père Barbé war im Begriffe, ſich zurückzuziehen, als endlich das kleine Thürchen im Portal ſich auf⸗ that und ernſten Geſichtes der Portier erſchien. Spähend, ob keine verborgenen Mörder auf ihn lauerten, warf Vingris einen raſchen Blick auf⸗ und abwärts und ging dann entſchloſſenen Schrittes über die Straße. Barbé hatte ſeinen Beobachtungspoſten unter dem offenen Thorweg eines Hauſes gewählt, deſſen zahl⸗ reiche Schilder anzeigten, daß daſſelbe von vielen Ge⸗ ſchäftsleuten bewohnt war. Seine Anweſenheit unter dem Thorgang hatte daher den doppelten Vortheil, daß ſie ihm erlaubte, ſich jeden Augenblick im Hintergrund eines offenen Hofes zu verbergen, und daß ſie an einem Orte, wo alle Welt aus und ein it paſtitte nicht im ge⸗ ringſten auffiel. Als der Mann mit der Nelke daher den Portier des ihm zur Beobachtung übergebenen Hotels mit einem Benehmen, das dem Vertrauten der Polizei mehr als verdächtig vorkommen mußte, über die Straße eilen ſah, verließ er augenblicklich ſein Reduit und folgte ihm. Vingris ging direct nach dem Lokal des Wein⸗ händlers Beaupas und verſchwand in demſelben. Vater Barbé, über den heute der energiſche Geiſt beſſerer Tage gekommen war, betrachtete ſich vor allem das Aeußere des Ladens. Da las er denn: Xavier Beaupas, Weinhändler. 143 Javier Beaupas! Dem halbinvaliden Mouchard war es, als ob er mit dieſem Mann ſchon zu thun gehabt habe, ſein ſchwammiges Gehirn arbeitete in der That langſamer als früher. Endlich aber zuckten ſeine hängen⸗ den Wangen, ſein Auge, das matt und glanzlos zwi⸗ ſchen blauen geſchwollenen Hautſäcken ſchwamm, erhielt Leben, er hatte ſich des kleinen frechen Kerls mit dem engen Hut und der ſpitzen Stimme erinnert, welcher in Longchamps das Volk aufgewiegelt hatte, daß er und ſeine Helfershelfer ſchließlich das Feld hatten räumen müſſen. Ja, noch mehr, er hatte laut den Ruhm deſſelben Barons Mondeélion verkündet, deſſen Portier eben mit dem verdächtigſten Benehmen bei ihm eingetreten war. Dieſer Beaupas hatte ſich laut für die Orleans erklärt. Vater Barbé's abgeſtumpfte Nerven überlief ein Schüttelfroſt der Aufregung, als es ihm klar ward, vor welch ungeheuerer Entdeckung er ſtehe. Er hielt die erſten Fäden des großen orleaniſtiſchen Complots in Händen, bereits ſah er das ganze Hotel Mondélion und die ganze Weinwirthſchaft in Mazas und ſich ſelbſt, wie er in die unmittelbare Umgebung des Kai⸗ ſers berufen wurde, und die Nelke in ſeinem Knopfloch hatte er mit der wirklichen wahrhaftigen Roſette der Ehrenlegion vertauſcht. Doch um dieſes Ziel zu erreichen, galt es vor ſichtig aufzutreten. Er gab daher ſeinem Antlitz wie⸗ der jene glückliche Säuferunbefangenheit, welche noch bis geſtern den gewöhnlichen Ausdruck deſſelben gebil⸗ det hatte, ſchob den ſchäbigen Cylinder weltverachtend in die Stirn und trat ein. Der ſonſt ſo joviale und redſelige Weinhändler war nur noch ein Schatten von ehedem. Sein Ge⸗ ſicht war noch ſpitziger als ſonſt geworden, die ſtete Todesangſt, deren Opfer er war, hatte ſelbſt aus des Weinhändlers Naſenſpitze das letzte Roth vertrieben, und ſie, welche noch vor wenigen Tagen kühn den Vergleich hätte aushalten können mit allen Burgunder⸗ naſen des ſchönen Frankreich, ragte trotz des heißen Juniwetters blau und erfroren in ihre düſtere Zukunft. Peère Beaupas, welcher halb bewußtlos ſeinen Pflichten als Wirth oblag, hätte faſt die Kanne zur Erde fallen laſſen, als Vingris eintrat, deſſen finſtere Andeutungen ihm den Schlaf ſeiner Nächte raubten. Als aber der Portier mit zuſammengezogenen Brauen und einem vernichtenden Blick an den Schenktiſch trat und einen Schoppen verlangte, da tönte ſeine Stimme dem armen Beaupas in den Ohren wie die Poſaune des Weltgerichts. Die Hand, welche die Einſchenkkanne hielt, begann heftig zu zittern, und die aus ſeiner Bruſt 145 hervorgurgelnden Töne bewieſen, daß die Angſt bereits lähmend auf ſeine Eingeweide zu wirken begann. Mit einer letzten und höchſten Anſtrengung hatte er ſich jedoch gefaßt und Vingris ſeinen Schoppen ver⸗ abreicht. Dieſer nahm ihn, ohne den armen Weinhänd⸗ ler aus den Augen zu laſſen. Die Stube war gefüllt wie immer und mehrere durſtige Kehlen verlangten ihren Wein. Père Beau⸗ pas bediente ſie. „Brrr!“ machte da ein dicker Koch aus der Nach⸗ barſchaft, dem eine weiße aufgeſchlagene Schürze unter dem Ueberrock hervorſah.„Brrr! Seid Ihr toll, Pore Beaupas, oder wollt Ihr den erſten Koch der berühmten Reſtauration zu den drei Springbrunnen zum Beſten halten? Sacré bleu! Ich habe ſchon einem den Tod geſchworen und der iſt höher als Ihr, ſpitznäſiger Giftmiſcher! Aber Cäſar Labosque wird ihn erreichen, und sacré coeur de boeuf, auch Ihr ſollt mir an der höchſten Laterne baumeln, wenn Ihr nicht gleich Euren Eſſig auf einen Schluck hinunterſauft.“ Der blutdürſtige Koch mit den ſchwarzen funkeln⸗ den Augen, den feiſten gelben Wangen und vorſtehen⸗ den kleinen, von ſchwarzen Borſten umgebenen Mund ſtand auf und ſtreckte Pore Beaupas das Glas hin. Père Beaupas blieb mit ſchlotternden Knieen v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. III. 10 1 146 ſtehen. Jetzt kannte er den Mann wieder, dem er in der Angſt ſeines Herzens aus dem Eſſigfaß eingeſchenkt hatte; er ſtand einem der grauſamſten vom Bunde der Henker gegenüber, dem blutdürſtigen Koch, welcher ſich zur Rache an den Napoleoniden verpflichtet hielt, weil er für Victor Noir einigemal gekocht hatte. Und dieſer Entſetzliche hatte vom Aufknüpfen an der Laterne ge⸗ ſprochen. Père Beaupas hatte von der ganzen Rede des Mannes nichts verſtanden als das eine Wort. Für Pere Beaupas ſtand es unzweifelhaft feſt, daß infolge ſeines Benehmens gegen einen Verſchwo⸗ renen dieſer ſchrecklichſte aller Köche vom Bunde den Auftrag erhalten hatte, ihn zu überwachen. Er ge⸗ dachte ſchaudernd aller Sünden, die er im Geiſte ſchon gegen ſeinen Schwur begangen, und ihm war, als leſe er in den kleinen ſtechenden Augen des Kochs das end⸗ loſe vernichtende Regiſter derſelben. „Sauf'!“ ſagte dieſer, noch immer das mit dem beſten rothen Weineſſig gefüllte Glas ausſtreckend. Und Pere Beaupas trank. Thränen traten ihm in die angſtgeöffneten Augen, Zunge und Gaumen ſchwollen ihm an und ſeine Kehle wurde immer enger, aber er trank das Glas gewiſſenhaft zu Ende, um den ſchrecklichen Koch nicht noch mehr aufzubringen. Endlich war er fertig. Ein Lächeln auf dem gelben 147 fetten Geſichte des Kochs überzeugte ihn, daß ſein Opfer gnädig aufgenommen worden war. Ein tiefer Seufzer ſtieg aus ſeiner halbverbrann⸗ ten Kehle und er wandte ſich, um das Herz des Kochs durch Vorſetzung eines Glaſes von ſeinem älteſten vollends zu beſänftigen. Aber das Glas entfiel ſeiner Hand und zerſprang klirrend am Boden— wie eine bewegliche Sphinx, deren Antlitz ihm überall folgte, ſaß Vingris da, und unter der Thür ſtand, unzweifelhaft von ihm herbeigerufen, ein Feind, von deſſen Macht ſein unbrauchbarer Cy⸗ linder hinlänglich Zeugniß gab, Barbé, der Mouchard. Der Mann mit der Nelke hatte in einem Augenblick das ganze Lokal überſchaut. Er ſah das ſchuldbewußte Erſchrecken Pére Beaupas' bei ſeinem Eintritt, er er⸗ blickte Vingris in vertraulichſter Nähe am Schenktiſch, ganz ſeltſam ſtarren Blicks mit ſeinem Mitſchuldigen correſpondirend. Vater Barbé ſtand einen Augenblick regungslos und beſpiegelte ſich in ſeiner eigenen Erhabenheit, und wenn ſeine Blicke Dolchſtiche geweſen wären, der arme Pére Beaupas wäre als zerfetzter Leichnam niederge⸗ ſunken. „Wein!“ brüllte der ſchreckliche Koch, welcher das Zögern Beaupas' als eine neue Verhöhnung anſah. 3 10* 148 Beaupas prallte einen Schritt vorwärts, als habe er von hinten einen Fußtritt erhalten. „Wein!“ ſagte auch Vingris und ſtellte ſein leeres Glas mit Oſtentation nieder. Mit entſetztem Blick taumelte Beaupas an ihm vorüber.. „Wein!“ wiederholte der Mann mit der Nelke mit einer Grabesſtimme und trat an den Schenktiſch. Dieſes von zwei Stimmen mit dem ſonderbar⸗ ſten Ausdruck wiederholte Wort konnte nichts Anderes ſein als eine unter den Verſchwörern verabredete Loſung. Père Beaupas war an der äußerſten Grenze ſei⸗ ner Faſſung angekommen. Mit einem verzweifelten Griff packte er drei bis vier Zinnkannen, welche auf dem Schenktiſch ſtanden, und ſtürzte hinaus. Laut raſſelnd fiel die Kellerthür hinter ihm zu. Bei dieſem Ton ſprang Vingris mit einer Schnel⸗ ligkeit auf die Füße, die bei ſeiner rieſigen und unge⸗ ſchlachten Geſtalt etwas Unheimliches, Geiſterhaftes an ſich hatte, und verſchwand durch dieſelbe Thür, durch welche Père Beaupas das Lokal verlaſſen hatte. Der Mann mit der Nelke öffnete dieſe Thür, kaum daß ſie ſich geſchloſſen, und ſah den Portier an der Kellerthür ſtehen, vorſichtig hinablauſchen und dann in der dunklen Oeffnung verſchwinden. 149 Jetzt war der Moment, der Vater Barbé das Kreuz der Ehrenlegion bringen mußte, jetzt war der Wendepunkt in ſeinem Schickſal gekommen. Stolz reckte er ſich empor, er ſchien um zehn Jahre jünger geworden. „Wein!“ brüllte der halbbetrunkene Rächer Victor Noir's und ſchlug auf den Tiſch. Während ſich die allgemeine Aufmerkſamkeit ihm zuwandte, verließ der Mouchard raſch und geräuſchlos das Lokal und ſchob den Riegel vor die Kellerthür. Dann begab er ſich unter die Hausthür und ließ einen gellenden Pfiff ertönen.. Zwei Geſtalten, ſehr verſchieden an Größe und Ausſehen, tauchten aus der Dämmerung auf, es war der rieſige Carlot und Jean Battiſte, der Mann mit der Laterne. In kurzen Worten verſtändigte ſie Vater Barbé von dem, was ſie zu thun hatten, zog leiſe den Riegel der Kellerthür zurück und ließ zuerſt den Rieſen hinab⸗ ſteigen. Dann folgte Jean Battiſte und dann Barbé. Seltſame Töne drangen aus der Tiefe des Kel⸗ lers herauf, eine flehende und eine befehlende Stimme. Während die beiden Handlanger der Gerechtigkeit mit ruhiger Geſchäftsmäßigkeit weiterſtiegen, durchzitterten die Seele des Mouchards alle Schauer des Entzückens; da unten war ohne Zweifel der Herd des Attentats, 150 die Orleaniſten hatten vielleicht ſchon Mord und Men⸗ ſchenraub ihren furchtbaren Anſchlägen beigefügt. Denn immer deutlicher wurde die flehende Stimme, immer lauter die befehlende. Die Häſcher ſtiegen immer tiefer. Neuntes Kapitel. Unterſuchungsrichter Lazire. Die Bureaux des Juſtizpalaſtes zeigten jenen ernſten Comfort, welcher den Beamten den Aufenthalt in den Räumen ihres Berufs ſo angenehm als möglich machen ſoll, ohne der Oertlichkeit etwas von ihrer Würde zu benehmen. Auch das Verhörzimmer des Unterſuchungsrichters 4 Lazire war mit anſpruchsloſer Eleganz ausgeſtattet. Schwere dunkle Gardinen hingen von den hohen Bogen⸗ 5 fenſtern herab, dunkler Damaſt bekleidete die Fauteuils und der maſſive Schreibtiſch ſowohl als der hohe Schrank hätten ſich auch in dem Arbeitszimmer eines reichen Privatmanns ganz gut ausgenommen. Eine vier Fuß hohe durchbrochene Barrière aus 152 Holz trennte den Beamten von denen, die er zu ver⸗ hören hatte, und ſchützte ihn vor Zudringlichkeiten. Der Tag ging zur Rüſte und die hohen Bureaulam⸗ pen mit den grünen Klappenſchirmen brannten bereits. Unterſuchungsrichter Lazire ſaß dazwiſchen. Er hatte die Stirn in die Hand geſtützt und ſchaute ſin⸗ nend auf die hellbeleuchteten Papiere, die vor ihm la⸗ gen. Seine Stirn war ſehr hoch und von blonden Haaren umgeben, deren lockiger Schwung es einiger⸗ maßen verbarg, daß ſie ſehr dünn waren. Die Hand, in welcher die hohe Stirn lag, war ſehr ſchmal, ſehr zart und wohl gepflegt, und die unausgeſetzte Bewegung der Finger deutete auf ein raſtloſes nervöſes Naturell. Auf den Papieren in Kanzleiformat lag ein be⸗ ſchriebener Briefbogen von violetter Farbe und ſehr kleinem Format, ein zerriſſenes Couvert lag auf dem Boden. Die Schrift des Briefchens war klein und unbeholfen zugleich und ſchien von der Hand einer Frau herzurühren, welche mit den Gewohnheiten höherer Ge⸗ ſellſchaftskreiſe vertraut iſt, ohne zugleich den in dieſen Kreiſen gewöhnlichen Grad von Schulbildung genoſſen zu haben. Sogar Verſtöße gegen die Rechtſchreibung kamen in den wenigen Zeilen vor, welche Unterſuchungs⸗ richter Lazire nun ſchon zum dritten Male las. Sie lauteten: 153 „Mein undankbarer blonder Engel! Nicht einmal mehr das Mitleid für meine Sehnſucht nach Ihnen iſt im Stande, Sie in die Behauſung Ihrer alten Freundin zu führen, welche ihre verlorene Jugend doppelt betrauert, wenn ſie ſieht, wie wenige Frauen gemacht ſind, Ihnen zu genügen, Sie zu beglücken. O wäre ich jünger! Kann ich dafür, daß Virginia, die wir beide für ein Muſter von Aufopferung und Sanftmuth hielten, ſich ganz anders gezeigt hat und mich, die ich es ſo gut meinte, verleumdet und Ihnen läſtig gefallen iſt? Ich hatte Sie ſchon wie einen Todten betrauert, da führt mir der Zufall einen Magnet zu, der Sie mir wiederbringen wird, gewiß. Sie werden kommen, wenn ich Ihnen ſage, daß ein wunderhübſches Kind bei mir wohnt, blond und ſchön, als wäre ſie die Schweſter meines undankbaren Unterſuchungsrichters. Und munter wie ein Kobold, mit den Augen eines Engels, zum Todtlachen! Und naiv, gerade, wie Sie ſich immer ein Mädchen wünſchten, und thöricht, als wäre ſie ſechs Jahr alt, und doch ein echtes Pariſer Kind! Mit einem Wort, eine junge Wilde. Ihr Geliebter war ein Fürſt, der, wie es ſcheint, das Kleinod nicht zu ſchätzen wußte, das er beſaß. Kommen Sie! Ich habe der reizenden Kleinen von Ihnen erzählt und ſie tanzt vor Freu⸗ den im Zimmer herum. Morgen Abend erwarte ich Sie.“ 154 Die Unterſchrift fehlte. Das Datum war das geſtrige, alſo heute Abend ſollte er kommen. Ein paar hektiſche Roſen zeigten ſich auf den Wangen des Beam⸗ ten und ſeine Hand, welche von ſeiner Stirn herab⸗ ſank auf den Tiſch, zitterte ein wenig. Das Geſicht des jungen Richters war ſehr eigenthümlich. Eine fein⸗ geſchnittene Hakennaſe trat kühn zwiſchen den tieflie⸗ genden blaugrauen Augen vor, die etwas vollen Lippen ſtanden mit dem nicht unſchönen, aber ſchwächlich zu⸗ rücktretenden Kinn ſowie mit der hohen ſchmalen Stirn nicht ganz im Einklang. Herr von Lazire, den Jeder⸗ mann auf den erſten Blick für einen hübſchen Mann erklären mußte, machte bei näherer Betrachtung einen ziemlich unſtäten Eindruck. Sein Auge war geiſtreich, flackernd, hatte aber weder das Feuer tiefer Leidenſchaft noch die Ruhe des klardenkenden Menſchen. Das Geſicht des Richters glühte eben jetzt in ganz unzweideutig ſinnlichem Verlangen, unter dem der ſchmächtige, in ernſtes Schwarz gekleidete Körper leiſe erbebte, ohne daß dieſe Aeußerung ſtarker Begierden zu der Archi⸗ tektonik von Kopf und Körper paßte. An der Thür ließ ſich ein Geräuſch vernehmen. Unterſuchungsrichter Lazire ſteckte das Billet der Ma⸗ dam Chavandrier raſch zu ſich und ſchien ſich wieder in ſeine Acten zu vertiefen. 155 Die Thür öffnete ſich und von zwei Gendarmen in die Mitte genommen trat Stanowsky ein. Der Be⸗ amte blickte nicht auf von ſeinen beleuchteten Papieren, als habe er den Eintritt mehrerer Perſonen nicht wahr⸗ genommen oder nicht die Abſicht, ſich dadurch in ſeinem Studium unterbrechen zu laſſen. „Le nommé Etienne Stanowsky“, meldete einer der Gendarmen halblaut, auf den Fußſpitzen bis an das Gitter vortretend. Der Unterſuchungsrichter erhob langſam den Kopf. Sein Geſicht war blaß wie gewöhnlich und zeigte keine Spur von Erregung irgend einer Art. „Wo iſt das Individuum?“ Das Individuum ſtand im halbdunklen Hinter⸗ grunde des Zimmers, den Hut in der behandſchuhten Rechten und die Linke nachläſſig auf die Taſche des Sommerpaletots ſtützend. Auf einen Wink des Gen⸗ darms trat Stanowsky an das Gitter. Der Beamte ſchlug mit einer nachläſſigen Bewe⸗ gung der Hand den Lampenſchirm zurück und Sta⸗ nowsky ſtand in der hellſten Beleuchtung. Auf ſeinen Lippen lag noch das Lächeln, mit dem er ſeit ſeinem Eintritt den Beamten beobachtet hatte und das bei deſſen Frage noch ſpöttiſcher geworden war. 156 Der Beamte ſtarrte einen Augenblick überraſcht in das Geſicht Stanowsky's. Den eleganten Mann, den er zu verhören hatte und der ihn offenbar kannte, hatte er verſchiedene Male in der Geſellſchaft der hervorragendſten Cavaliere von Paris geſehen. 4 Das Lächeln auf Stanowsky's Geſicht war ver⸗ ſchwunden, die Zeichen der Ueberraſchung auf des Richters Antlitz machten der ernſten kühlen Beamten⸗ miene Platz. Herr von Lazire blickte auf ſeine Papiere, dann wieder auf den zu Verhörenden und begann: „Sie nennen ſich Etienne Stanowsky?“ „Ja, mein Herr!“ Die Stimme Stanowsky's war ruhig und unbe⸗ fangen, als er antwortete; er hatte ſich rückhaltlos auf den Boden der Thatſache geſtellt, ohne alle un⸗ nütze Angſt vor der Zukunft, ohne Reue über die Ver⸗ gangenheit. Es galt zu kämpfen und die Gegenwart ſo gut als möglich zu geſtalten. Wie ein geübter Fech⸗ ter blieb Stanowsky ruhig in der Auslage und war⸗ tete den Angriff des Gegners ab, den ihm die Geſell⸗ ſchaft gegenüberſtellte. „Sie nennen ſich auch Fürſt!“ fuhr der Beamte fort. 157 „Nein, mein Herr!“ Der Beamte blätterte in den Acten. „Aber Sie laſſen ſich ſo nennen! In den Rech⸗ nungen des Hôtel du Louvre ſtehen Sie als Fürſt.“ Stanowsky zuckte die Achſeln. „Möglich, vielleicht beabſichtigte der Oberkellner auf die Trinkgelder dadurch einzuwirken.“ „Sie empfingen Briefe aus ihrer angeblichen Hei⸗ mat, welche Sie ſo betitelten.“ „In meiner Heimat wird mit Titeln großer Miß⸗ brauch getrieben, eine Speculation auf die Eitelkeit. Ich habe es mehrmals verboten, mich ſo zu nennen.“ „Sie thaten es allerdings, aber in einer Weiſe, welche Ihren angeblichen Rang in den Augen der Leute noch unzweifelhafter machen mußte, ſo ungefähr wie eine hochgeſtellte Perſönlichkeit, welche durch ein Incognito beſchwerlichen Formalitäten ihrer Stellung entgehen will, dieſe verleugnet.“ Stanowsky zuckte die Achſeln. „Ich habe meine Eigenſchaft als Fürſt in Abrede geſtellt. Wenn die Leute meinen Worten nicht glaubten, oder wenn ich ſelbſt meine Erklärung nicht mit dem nöthigen rhetoriſchen Nachdruck abgab, ſo geſchah es ohne mein Verſchulden.“ Der Unterſuchungsrichter, welcher bis jetzt ſeine —ÿ—ꝛ—ꝛ—ꝛ— 158 Fragen mit einer gewiſſen Blaſirtheit geſtellt hatte, wurde lebhafter. Die Gewandtheit, mit der Stanowsky antwortete, ſchien ſein Intereſſe zu beleben. Er ſuchte in den Acten und brachte ein längliches beſchriebenes Papier zum Vorſchein. „Hier auf dieſem dem Pferdehändler Eharles hänkel ausgeſtellten Wechſel unterſchreiben Sie ſich allerdings Etienne Stanowsky, Sie beginnen Ihren Name⸗ jedoch mit einem Zuge, welcher ganz gut für die Abs ürzung des Wortes Fürſt geleſen werden kann und unzweifel⸗ haft ſo geleſen wurde.“ „Ich ſchließe meinen Namen auch mit dennſelben Zug. Wenn eine gefällige Phantaſie denſelben nun als „Fürſt“ überſetzen könnte, ſo müßte die ſinnloſe Wie⸗ derholung des Titels dieſe Lesart ſofort berichtigen.“ „Sie führen auch ein Wappen“, ſagte der Unter⸗ ſuchungsrichter raſch, den vorigen Gegenſtand fallen laſſend, und nahm ein elegantes Petſchaft vom Tiſch und hielt es vors Geſicht,„ein ſehr großartiges, viel⸗ fach zuſammengeſetztes Wappen mit Alliancen und einer ganz prächtigen Krone.“ „Die aber kein Heraldiker für einen Fürſtenhut oder ein anderes für irgend eine Rangklaſſebeſtehendes Ab⸗ zeichen anſehen dürfte. Meines Wiſſens beſteht kein Geſetz, welches die Führung eines Phantaſiewappens verbietet.“ 159 Der Beamte lächelte, es ſchien ihm Freude zu machen, ſein Talent an einem ſo gewitzten Kopfe zu verſuchen. Es ſchien ihm auch gar nicht aufzufallen, daß das Berhör allmälig den Charakter einer Unter⸗ haltung annahm. Er ſtand auf, ſtützte ſich auf das Gelän der, an dem Stanowsky ſtand, und gab den Gen⸗ darmen ein Zeichen, ſich zu entfernen. Die Gendarmen gingen. „E* fällt auch Niemand ein“, ſagte Herr von Lazire leichthin,„Sie wegen der Führung dieſes Wap⸗ pens oder jenes eigenthümlichen Schnörkels anzuklagen, aber dieſe Dinge ſind von Intereſſe für das ſubjective Urtheil des Richters. Sie ſind ein geiſtreicher Mann und ich will uns beide daher nicht mit einem Kreuz⸗ verhör langweilen, dem Sie vollkommen gewachſen wären. Reden wir daher offen mit einander. Die Anklage beſteht vorzüglich darin, daß Sie unter falſchen Angaben ſich einen großen Credit verſchafft haben. So haben Sie bei allen Ihren Creditoren die Meinung erregt, Sie beſäßen große Güter und Revenüen in Ungarn.“ Stanowsky lächelte, wie es ſchien, mit impertur⸗ bablem Gleichmuth. „Allerdings, ich habe das geſagt, weil es mißlich iſt, für arm zu gelten. Es war das eine Citelkeit, die 160 mir vielleicht fatal wird. Aber ich konnte eine betrü⸗ geriſche Abſicht dabei ſchon deshalb nicht haben, weil ich von den Leuten keinen Credit verlangte.“ Herr von Lazire wurde unruhig, er hatte Sta⸗ nowsky im Verdacht, daß er ihn verhöhne. „Keinen Credit? Ihre bis jetzt angemeldeten Schulden belaufen ſich auf fünfhunderttauſend Francs.“ Stanowsky blieb ruhig. „Ich wiederhole, ich habe den Credit der Leute nicht verlangt, ſie haben mir ihn geboten, ſie ſind zu mir ins Hotel gekommen und haben mir Waaren zur Auswahl gebracht, auch Fränkel wie alle Andern kam, nachdem ich in Geſellſchaft eines Bekannten blos einmal bei ihm vorgeſprochen. Ich hatte nicht die Ab⸗ ſicht, Pferde zu kaufen. Fränkel jedoch überzeugte mich ſo eindringlich, daß Pferde zu den erſten Lebensbe⸗ dingungen in Paris gehören, daß ich es endlich ſelber glaubte. Ihr Rechtsgefühl, mein Herr—“ „Halt!“ ſagte Lazire und lehnte ſich leicht und elegant auf die Brüſtung.„Ich bin für alle Inter⸗ pellationen an mein Rechtsgefühl ſchon deshalb unem⸗ 4 pfänglich, weil ich jenes Gefühl nicht beſitze; was ich beſitze, iſt ein ziemlich ausgeprägter formaler Rechtsſinn, und wenn Sie ſich formell gegen die beſtehenden Ge⸗ ſetze vergangen haben, werde ich Sie mit allen mir zu 161 Gebote ſtehenden Mitteln verfolgen, wäre ich auch feſt überzeugt, daß materiell Ihre Creditoren noch zwanzig⸗ mal größere Schurken wären als Sie.“ Mit dieſer mehr originellen als ſchmeichelhaften Wendung ſchloß der Beamte und ging hinter ſeinem Gitter auf und ab. Stanowsky's ſchwarze Augen hatten einen Mo⸗ ment aufgeflammt und ſeine Fäuſte ſich geballt. Sein Fuß war etwas vorgetreten, als wolle er auf den Beamten losſtürzen. Doch das dauerte nur eine Sekunde, dann konnte er lächelnd antworten: „Verzeihen Sie die etwas inhaltloſe Redensart, mein Herr! Soweit ich die Grundſätze des formalen Rechts kenne, legt daſſelbe ein großes Gewicht auf Zeugenbeweiſe und auf den Zeugeneid. Es iſt mir daher ungemein tröſtlich, daß ich diejenigen von meinen zahlreichen Freunden, mit denen ich in vertrauterem Umgang lebte, als Entlaſtungszeugen vorſchlagen kann. Dieſelben werden mir gewiß gern beſtätigen, daß ich nichts gethan habe, um die Meinung von meinen Reich⸗ thümern, die im Umlauf war, zu befeſtigen, daß ich im Gegentheil—“ „Wer ſind dieſe Zeugen?“ „Graf Alfred Entretout—“ v. Schlägel, Nach uns die Sündflut III. 11 162 „Der Freund des Kaiſers?“ G. „Derſelbe. Profeſſor Herbiot—“ „Der Arzt des Prinzen Napoleon?“ 6 „Derſelbe. Auch Herzog von Beaufort in ſeiner Eigenſchaft als Vorſtand des Jockeyclubs, deſſen Mit⸗ glied ich bin—“ Unterſuchungsrichter Lazire hatte Stanowsky mit wachſendem Erſtaunen angeſehen. Seine Wangen zeig⸗ ten wieder das hektiſche Roth von vorhin und ſeine Hand ſchlug heftig auf das Gitter. „Warum laſſen Sie nicht lieber gleich den Kaiſer als Entlaſtungszeugen citiren?“ Stanowsky lächelte verbindlich, der Aerger des jungen Beamten erſchien ihm als der halbe Sieg. „Weil ich nicht die Ehre habe, Seine Majeſtät zu meinen nähern Bekannten zu zählen. Im andern Fall glaube ich nicht, daß das formelle Recht“— Herr von Lazire unterbrach ſeinen haſtigen Spa⸗ ziergang durch den engen Raum, blieb vor dem Ge⸗ fangenen ſtehen und ſchaute ihm ernſt, faſt drohend ins Geſicht.„ „Scherzen wir nicht, mein Herr! Ich weiß, das Sie ſich hohe Bekanntſchaften zu verſchaffen gewußt haben. Sie ſind klug genug zu wiſſen, daß Sie mich mit Ihren Entlaſtungszeugen in eine unangenehme 1 163 Lage bringen. Ich kann unmöglich Beaufort und En⸗ tretout als Zeugen vor die Schranken fordern. Sie wiſſen das ſo gut als ich. Wenn dieſe Herren wirklich ſich von Ihnen täuſchen ließen, ſo ſeien Sie ſelbſt in Ihrer gegenwärtigen Lage anſtändig genug, ſie aus dem Spiele zu laſſen.“ Ueber Stanowsky's Geſicht leuchtete eine wilde Freude: „Bedenken auch Sie, mein Herr, daß es ſich, wenn die Entſcheidung des formalen Rechts gegen mich aus⸗ fällt, für mich um eine vielleicht langandauernde ent⸗ ehrende Strafe handelt. Es wäre ein Verbrechen an mir ſelber, wollte ich aus Gründen der Convenienz nicht dieſes letzte Tau, das mich retten kann, ergreifen.“ „Aber es nützt Ihnen nichts und nimmt alle Rich⸗ ter gegen Sie ein!“ „Und dennoch bin ich mir ſchuldig, es zu ver⸗ ſuchen.“ Wieder machte Lazire einige Schritte durchs Zim⸗ mer. Dann blieb er wieder vor Stanowsky ſtehen. „Solche Fälle ſind nicht neu. Glauben Sie nicht, daß Sie originell ſind, mein Herr, es iſt die alte ver⸗ ächtliche Praxis geſunkener Menſchen, alles Höhere, mit dem ſie in Berührung kamen, mit in den Koth zu ziehen, auch wenn ſie ſich ſelber dadurch nicht retten. 11* 164 Es hat jedoch einzelne Fälle gegeben, in denen einſich⸗ tige Beamte den Skandal vermieden. Würden Sie zum Beiſpiel— ich habe noch keinen Entſchluß und kann dies nur als müßige Frage gelten laſſen— ſich verpflich⸗ ten, nie mehr nach Frankreich zurückzukehren, wenn man Sie an die Grenze brächte und laufen ließe?“ Es koſtete Stanowsky faſt übermenſchliche An⸗ ſtrengung, nicht laut hinauszubrüllen vor wilder Freude. Er bezwang ſich. „Wenn ich nicht geradezu dem Hunger preisgegeben werde, gewiß!“ „Ah, Sie wollen alſo auch noch verdienen bei der Affaire! Ich konnte das vorausſehen. Nun gut, ich denke, auf einige tauſend Francs wird es dann Ihren Freunden nicht ankommen, doch wie geſagt, ich habe hier nur eine rathende, keine entſcheidende Stimme und ich meiner⸗ ſeits geſtehe ganz offen, ich ſähe Sie lieber im Bagno als über der Grenze. Ich werde mir die Sache noch überlegen. Bis dahin ſprechen Sie nicht zu viel von Ihren Bekanntſchaften, ſonſt könnten Sie ſich Alles verderben.“ Stanowsky wollte etwas erwidern. Lazire winkte ablehnend mit der Hand und drückte auf den Knopf eines elektriſchen Telegraphen. Die Gendarmen er⸗ ſchienen. —— ——— 165 Stanowsky verneigte ſich tief. Der Beamte be⸗ achtete es nicht. Durch die unterirdiſchen Gänge, welche den Ju⸗ ſtizpalaſt mit der Präfectur verbinden, wurde Sta⸗ nowsky nach dem Depot zurückgebracht. Lazire ſtand einige Augenblicke ſinnend da. Der junge Beamte, aus einer vom erſten Kaiſerreich geadel⸗ ten Beamtenfamilie ſtammend, war in verhältnißmäßig jungen Jahren zu dem Amt befördert worden, den er einnahm. Aber da ſtockte es. Herr von Lazire war nun ſchon ſechs Jahre auf ſeinem Poſten. Das war ſeinem prickelnden Temperament, ſeiner kurzathmigen Nervoſität zu lange. Wäre er der berüchtigten ſechsten Abtheilung zugewieſen worden, welche die politiſchen Vergehen abzuurtheilen hatte, dann genügte ein ein⸗ ziger geſchickter Griff, um den maßgebenden Kreiſen als brauchbar bekannt und vielleicht zu den discreteſten Stellungen befördert zu werden. Hier aber, wo er ſeit Jahren nur gemeine Diebe und plumpe Betrüger zu verhören hatte, um deren Schickſal ſich Niemand kümmerte als höchſtens ſie ſelber, mußte ſein hervor⸗ ragendes Talent, an dem er nicht zweifelte, langſam in Lappalien zu Grunde gehen. Keine einzige cause célèbre war ſeinem brennenden Ehrgeiz zu Hülfe ge⸗ kommen, keiner der Fälle, welche er bis jetzt zu ver⸗ 166 handeln gehabt, hatte ihm Gelegenheit gegeben, eine hervorragende Perſönlichkeit durch eine kleine discrete Verletzung des Amtsgeheimniſſes ſich geneigt zu machen, die Crême der Geſellſchaft war ihm noch verſchloſſen, und mit dem übrigen Beamten⸗ und Offizierspöbel wurde er jeden Carneval zweimal in den Tuilerien und einmal im Hötel de Ville abgefüttert. Kein rothes Band ſchimmerte an ſeinem Knopfloch, und wenn er eine tonangebende Perſönlichkeit grüßte, entnahm er aus der Förmlichkeit des Gegengrußes, daß man ihn nicht kannte. Lazire lächelte, als er ſich des ko⸗ miſchen Aergers erinnerte, der ihn bei ähnlichen Ge⸗ legenheiten erfüllt hatte. Das mußte ja, Dank dieſem Stanowsky, jetzt anders kommen. Er überlegte ſich bereits ſeinen Brief an den Herzog von Beaufort, ſprach die paar bezeichnenden Worte halblaut vor ſich hin, welche er dem Grafen Entretout ſagen wollte, wenn er ihm und Léonie Lebrun im Caſino d'Or oder an einem ähnlichen Vergnügungsort erſten Ranges wieder begegnete. Und er wollte es einrichten, daß er ihm begegnete. Uud der Profeſſor Herbiot, welcher bei ſei⸗ ner bekannten Unfähigkeit blos durch den Prinzen Na⸗ poleon in Aemtern und Würden erhalten wurde und jeden Skandal auf das ſorgfältigſte ſcheuen mußte, wie unangenehm konnte ſeine Bekanntſchaft mit Sta⸗ 167 nowsky von der Preſſe ausgebeutet werden! Auch Beau⸗ fort hatte ſeit dem ziemlich ſkandalöſen Eheſcheidungs⸗ proceß mit ſeiner Gemahlin wohl kein beſonderes Ver⸗ langen, ſeinen Namen in den Spalten der Tribunal⸗ berichte zu leſen, und Entretout, der geiſtreiche, bla⸗ ſirte Lebemann, wie dankbar mußte er dem ſein, der ihm die Rolle des Gefoppten bei dieſer ſchmuzigen Geſchichte erſparte. Unterſuchungsrichter Lazire ſah ſich bereits zu den Cirkeln der Prinzeſſin Mathilde gezogen, in denen ſich Alles, was Geiſt und Talent beſaß in Paris, verſam⸗ melte, ſah ſich durch Entretout dem Kaiſer vorgeſtellt und durch Beaufort, der ausgedehnte Beſitzungen und viel Einfluß hatte im Departement der untern Loire bei den nächſten Wahlen in den geſetzgebenden Körper als Regierungscandidat aufgeſtellt. Dieſe Träume und Hoffnungen wurden unterbro⸗ chen durch den Bureaudiener, welcher eintrat, um nach⸗ zuſehen, ob er die Lampen auslöſchen könne. Lazire erinnerte ſich an Madame Chavandrier und ihren Brief. Das Bild der kleinen Wilden, das derſelbe einige Mi⸗ nuten lang vor die Phantaſie des ehrgeizigen Beamten gezaubert, erſchien wieder, wenn auch farbloſer und blaſſer. Was galt dem, der auf der erſten Stufe zu Glanz und Macht ſtand, eine neue Liebſchaft! Und doch, 168 alle Männer von Talent ſuchten ſich friſch zu erhalten durch derlei kleine Abenteuer— alſo vorwärts! Madame Chavandrier und ihre Dienſte hatten den hübſchen Un⸗ terſuchungsrichter bereits einen Theil ſeines Vermögens gekoſtet, und in der letzten Affaire mit Virginia hatte Lazire etwas wie Ekel vor ſeiner Bundesgenoſſin em⸗ pfunden. Virginia hatte behauptet, daß ſie von all dem Gelde, das ihr Lazire durch Madame Chavandrier gegeben, nichts erhalten habe. Madame dagegen be⸗ hauptete, ſich für das eigenſüchtige Ding geopfert zu haben, und erklärte Virginia's Klage für eine neue Fi⸗ nanzoperation derſelben. Lazire wußte nicht recht, wo⸗ ran ſich halten, ſein ſprunghafter Geiſt hatte nicht die ausdauernde Energie zu einer längern Unterſuchung, er ſchloß daher ohne Urtheil mit dem ab, was ihm läſtig war. Aber etwas Mißtrauen gegen die Cha⸗ vandrier war zurückgeblieben, es war auch wieder zum Vorſchein gekommen bei Leſung ihres Briefes. Jetzt lächelte Lazire über ſich ſelbſt. Das Kaiſerreich war nicht knauſerig gegen angenehme Diener. Was lag dem jungen Beamten an dem Reſte ſeines kleinen Vermö⸗ gens, jetzt, da er an der Pforte des Erfolgs ſtand? Man mußte vor allem geiſtig friſch bleiben. Unterſuchungsrichter Lazire verſchloß ſeine Papiere, gab dem Bureaudiener den Befehl, einen Wagen zu holen, nahm Hut und Ueberrock und ſtieg langſam über die ſteinernen Treppen des Juſtizpalaſtes abwärts. Der Wagen ſtand bereits vor dem Gitterthor. Einer der Portiers hielt den Schlag geöffnet. „Nach den Tuilerien!“ rief der Beamte dem Kut⸗ ſcher zu. Der Portier trat ehrfurchtsvoll zurück. Der Wagen raſſelte davon. Nach einer Weile klopfte Lazire leiſe ans Fenſter des Wagens, der Kutſcher beugte ſich herunter und die Pferde gingen langſamer. „Rue des Martyrs Nummer—“ ſagte der Beamte leiſe, denn auf der hellbeleuchteten Seinebrücke drängten ſich die Nenſchen und Wagen. Der Kutſcher ſchlug auf die Pferde, aber er konnte nur langſam vorwärts kommen. Richter Lazire lehnte ſich in die harten Polſter zurück und ſchloß die Augen— vielleicht bald fuhr er im eigenen bequemen Coupé zu ſeinen Abenteuern mit den erſten Damen der Geſellſchaft, mit Gräfinnen und Herzogin⸗ nen. Aber vorerſt mußte man geiſtig friſch bleiben. In ihrem ſchönſten, nie benutzten Kleide erwartete Nini Berton den ihr beſtimmten Freund. Einen halben Tag hatte die geübteſte Friſeurin des Quartiers bei ihr zugebracht, und Nini ſchaute mit einer Art von Ehrfurcht auf ihr eigenes Bild, das ihr hellbeleuchtet von den zwanzig Lichtern des Kronleuchters aus dem 170 Spiegel entgegenſtrahlte. Daß ſie ſo ſchön ſei, hatte ſie bis jetzt ſelber nicht einmal gewußt, ſie fühlte etwas wie Beengung zwiſchen all dem Glanze, den ſie aus⸗ ſtrahlte, und wenn ſie ſich bewegte, rauſchte die lange Schleppe, als wolle ſie ihr zuflüſtern mit hundert Zun⸗ gen: Du biſt ſchön, Nini! Madame Chavandrier bemerkte, daß Nini ernſter war als gewöhnlich; um dieſe gedrückte Stimmung zu verſcheuchen, öffnete ſie eine der bereitſtehenden Cham⸗ pagnerflaſchen. Schon das Springen des Korkes elektriſirte Nini; nachdem ſie ein paar Gläſer getrunken, nahm ſie Ma⸗ dame Chavandrier um die Mitte und drehte ſich mit ihr im Zimmer herum. Madame Chavandrier, welche vielleicht mit Recht in Nini's Thorheit deren größten Reiz erblickte, that nichts, um die tolle Laune ihrer neuen Mietherin zu beſänftigen, und ſo kam es, daß ſie beide das Läuten der Glocke überhörten und daß Lazire ſie unter der offenen Thür ſtehend eine Weile betrachten konnte, ehe ſie ihn gewahrten. Neben ihm zeigte ſich marmorbleich, aber verhältnißmäßig heiter das ſentimentale Geſicht Heloiſens. Ihr von der Er⸗ innerung an eine längſt entſchwundene Liebe zehrendes Herz hatte wieder Nahrung für Wochen. Lazire hatte ihr lächelnd auf die Wangen geklopft 4741 und ihr geſagt, daß ſie wieder beſſer ausſehe; er fand ſie alſo wieder hübſcher. Ruhig führte ſie ihn ins Zim⸗ mer; mochte er ſich an Nini's Schönheit flüchtig be⸗ rauſchen, lange konnte ſie ihn nicht feſſeln, denn ſie hatte kein Herz. Und Lazire war in der That berauſcht vom An⸗ blick des herrlichen Geſchöpfes, das im Schmuck ſeiner blonden Locken mit hochgerötheten Wangen und wo⸗ gendem Buſen in der Mitte des Zimmers ſtand und ihn mit den blauen blitzenden Augen neugierig an⸗ ſchaute. Das lange blau und grau geſtreifte Kleid fiel weich und faltig von ihren Gliedern und floß in ſei⸗ denen Wellen über den Teppich. Nini wandte den Oberkörper mit einer reizenden Bewegung nach Madame Chavandrier um und fragte: „Alſo das iſt er?“ Sie hätte den Zauber ihres Weſens nicht über⸗ raſchender offenbaren können als durch dieſen Ausruf. „Das iſt er!“ beſtätigte Lazire und trat auf Nini zu und faßte ſie bei der Hand.„Ich wollte, Du könn⸗ teſt ihn ebenſo hübſch finden, wie er Dich, reizendes Kind!“ Nini betrachtete ſich mit ungemein komiſchem Ernſt die vor ihr ſtehende Geſtalt. Endlich hatte ſie ihre Muſterung beendet, nickte mit dein Kopfe und wandte 172 ſich wieder zu Madame Chavandrier, welche mit einem ſeltſamen Lächeln beiſeite ſtand. „Es geht— Etienne freilich war größer und hüb⸗ ſcher. Fährſt Du auch mit vier Pferden und ſcharlach⸗ rothen Reitern ins Bois?“ wandte ſie ſich wieder an Lazire. Der junge Beamte war ſehr bleich geworden. „Nein“, antwortete er,„ich bin nicht reich genug dazu. Wer iſt Etienne?“ Nini ſchaute ihm ins Geſicht, als ſei es ſehr ko⸗ miſch, Etienne nicht zu kennen. „Ei nun! Mein Fürſt!“ „Welcher Fürſt?“ „Nun ja, der im Hötel du Louvre wohnt.“ Nini hatte in der That ſich nie den Zunamen ihres Geliebten gemerkt.„Ich hatte prächtige Zimmer, viel ſchöner als dieſe“, fügte ſie mit etwas ſchnippiſchem Aufwerfen der Lippen hinzu. Eine ſeltſame Aufregung hatte ſich des Richters bemächtigt. Seine Augen ſchienen alle Reize Nini's mit einem Blick verſchlingen zu wollen, ſeine Geſtalt zitterte, wie beim Leſen von Madame Chavandrier's Brief, nur ſtärker, doch ſeine Lippen waren zornig auf⸗ 4 einandergepreßt, und nur ziſchend wie ein Schlangen⸗ ton konnte die Frage zwiſchen ihnen hervordringen: 173 „Im Hötel du Louvre— Fürſt Stanowsky?“ „Ich glaube, ſo hieß er!“ ſagte Nini zerſtreut und dachte an die vier Pferde und die ſcharlachanthen Rei⸗ ter und ſeufzte. Ein häßliches Lächeln zog die Mundwinkel des Beamten tiefer. „Der ſogenannte Fürſt Stanowsky iſt ſeit geſtern im Gefängniß und ich bin ſein Richter.“ Nini ſperrte ihr kleines Mündchen vor Ueberra⸗ ſchung weit auf. „Und— und man wird ihn nicht mehr loslaſſen?“ fragte ſie. „Wenn ich es verhindern kann, gewiß nicht, ſein größtes Verbrechen in meinen Augen iſt, daß Du ſeine Geliebte warſt.“ Nini verſtand den Sinn dieſer Worte falſch und nickte mit dem Köpfchen. Auch ihr ſchien es auf ein⸗ mal, als habe ihr Stanowsky ein ſehr bitteres Unrecht zugefügt dadurch, daß er ein ſo ſchlechter Menſch war. Madame Chavandrier und Heloiſe waren ver⸗ ſchwunden. Lazire und Nini befanden ſich allein im Zimmer. Lazire legte Nini's Arm in den ſeinigen und führte ſie zu Tiſche. Nini folgte kopfſchüttelnd. 174 „Im Gefängniß— und für immer!“ murmelte ſie kopfſchüttelnd. Mit bebenden Händen umfaßte Lazire die ſchlanke Geſtalt und zog ſie an ſich. Abwehrend ſtreckte Nini Berton dem ſtürmiſchen Liebhaber die Hände entgegen und flüſterte neckend: „Etienne war dennoch hübſcher als Du!“ Die ſtolzen Luftſchlöſſer, die er ſeit ein paar Stun⸗ den in die Lüfte gebaut, ſtürzten praſſelnd zuſammen in der Lohe der Leidenſchaft. „Du haſt ihn verurtheilt, Nini!“ ſtöhnte der Rich⸗ ter.„Laß Dich küſſen!“ Zehntes Kapitel. In froher Erwartung. „Am Meeresſtrande war's—“ Stanowsky lag in hoffnungsvollſter Stimmung auf der langen Bank, welche bei Tage als Sitz, des Nachts zur Stütze der Lagerſtätten der Gefangenen diente, und dachte darüber nach, wohin er ſich zunächſt wenden werde, wenn man ihn mit einem hübſchen Reiſegeld über die Grenze gebracht habe. Mit der Hoffnung auf ſeine Befreiung ſchien ihm auch das Leben mit neuen Reizen geſchmückt, neue Lebenskraft durchſtrömte ſeine Adern, er fand ſogar eine grimme Wonne in dem Gedanken, daß er nun aufs neue, blos auf ſich ſelber angewieſen, das Glück herausfordern und aufs neue mit der Geſellſchaft, ſeiner alten Feindin, kämpfen werde. 176 „Am Meeresſtrande war's—“ Die ſchäbige Geſtalt in abgegriffenen ſchwarzen Kleidern, welche vor Stanowsky ſtand und ihm mit pathetiſch ausgeſtreckter Hand aus einem ſchmuzigen Papier vorzutragen ſich anſchickte, wurde abermals unterbrochen. Es war der Dieb mit Auszeichnung, Charles Bertholet, welcher hinter dem Vortragenden vorüber⸗ ſchlendernd ihm mit einem Tritt des rechten Holzſchuhs das graziös vorgeſtreckte rechte Bein genau in der Kniekehle zum Einknicken brachte. „Am Meeresſtrande war's“, brüllte der Vorleſer, indem er mit der linken Hand einen vergeblichen Griff nach Bertholet machte. Dieſer ſchlüpfte gewandt unter der Fauſt des langen dürren Kerls hinweg, und dieſem ſchien es nicht gerathen, das Opfer, das er glücklich zum Anhören ſeines Gedichts gebracht hatte, auch nur einen Moment aus den Augen zu laſſen. „Am Meeresſtrande war's—“ „O Garibaldi“, brüllte der hinkende Parteigänger. „Oh chüte alors“, fielen einige Pariſer ein. Paris hatte ſeinen eigenen Text zu der Hymne des Helden von Marſala. Der Vorleſer ſah ſich um, als wollte er die Sän⸗ ger mit Blicken erdolchen. 177 Stanowsky erhob ſich lächelnd. „Ihr ſeht, wir haben Unglück mit der Poeſie heute, Mr. Werner. Das Geſindel um uns herum ſcheint einmal ein Vorurtheil gegen Verſe zu haben und auch ich bin der Anſicht, daß die vernünftigſten Dinge bis jetzt doch immer in Proſa geſagt worden ſind. Ihr erwähntet geſtern, daß Ihr Euch in Amerika während des Kriegs ein hübſches Geld damit verdient habt, daß Ihr von einem Regimente zum andern deſer⸗ tirtet und überall Handgeld nahmt. Das war ſehr praktiſch von Euch, Mr. Werner, und noch praktiſcher, daß Ihr dabei nicht erwiſcht und gehenkt wurdet. Dies Amerika muß doch noch ein ſehr intereſſantes Land ſein, ſehr intereſſant. Ihr erzähltet mir auch, wie Ihr es trotzdem infolge Eures ausgeſprochenen finanziellen Talents zum Zahlmeiſter Eurer Compagnie gebracht habt. Das war wieder ſehr klug von Euch, noch klüger aber, daß Ihr in der Nacht vor der Schlacht mit der Kaſſe Eures Regimentes das Weite ſuchtet.“ Stanowsky und Mr. Werner ſprachen deutſch. Letzterer verharrte noch immer in Vorleſerpoſition und ſchien nur zögernd auf die proſaiſche Wendung des Geſprächs einzugehen. Er ſtieß einen tiefen Seufzer aus, verdrehte die rothberänderten Augen und näſelte: „Der Ewige iſt mein Zeuge, daß ich es nur that, v. Schlägel, Nach uns die Sündflut. III 12 um das Meinige zum Aufhören des ſchrecklichen Blut⸗ vergießens beizutragen, nicht in gewinnſüchtiger Ab⸗ ſicht.“ 3 „Und was habt Ihr mit dem Gelde angefangen?“ fragte Stanowsky raſch, als Mr. Werner Miene machte, ſich wieder in ſeine Poeſien zu verſenken. Mr. Werner putzte ſich mit dem ſpiegelblanken Aermel ſeines Rocks die röthliche Spitze ſeiner langen Naſe, welche bleich und melancholiſch von einem ma⸗ gern, waſſerſüchtigen Geſichte herabhing, und antwortete: „Ich betrachtete das viele Geld als eine Fügung des Himmels, der mir Gelegenheit geben wollte, wieder zu der Ausübung meines Talents zurückzukehren, wel⸗ ches bisher die Wonne und das Unglück meines Le⸗ bens machte. Ich dichtete.“ „Eine ſonderbare Leidenſchaft! Und das hat Euch ſoviel Geld gekoſtet?“* Mr. Werner nickte ein paarmal mit dem Kopfe. „Die Welt iſt zu ſehr im Materialismus unter⸗ gegangen, es braucht Zeit, ſie daraus zu wecken, aber die Stunde des Erwachens ſchlägt auch für ſie und das iſt die Stunde meines Ruhms. Meine Kirchen⸗ lieder, welche ich in zwanzigtauſend Exemplaren drucken ließ—“ Stanowsky lachte. — 179 „Na, das mag allerdings Geld koſten, vorzüglich wenn ſie Niemand kauft.“ Die blauen Wangen Mr. Werner's rötheten ſich. ſ„O es wird einſt auch meine Zeit kommen! Die Menſchheit muß in ſich gehen, ſie muß zurückkehren von dem Wege des Verderbens, auf dem ſie wandelt.“ „Ihr ſprecht ja wie ein Pfaffe. Was ſeid Ihr denn früher geweſen?“ „Cantor in einer kleinen Stadt Schwabens.“ „Alſo doch etwas Aehnliches. Und was trieb Euch nach Amerika?“ „Die Hoffnung, in entlegenern Ländern fühlen⸗ dere Herzen und mehr Verſtändniß für mein Talent zu finden. Als ich in Neuyork anlangte, brach der Bürgerkrieg aus.“ 5 „Den Ihr allerdings zu Gunſten Eurer Poeſie ſehr genial ausgenutzt habt“, lachte Stanowsky, indem er Mr. Werner cordial auf die Schulter ſchlug. „Und weswegen ſeid Ihr eigentlich hier?“ Mr. Werner verdrehte wieder ein paarmal die Augen, putzte ſich auf die beſchriebene Art die Naſe, ſenkte kummervoll das Haupt und ſprach: „Es iſt traurig, daß man, ſelbſt der heiligſten Ge⸗ fühle ſchwanger, manche Nothwendigkeiten des Erden⸗ lebens nicht ganz entbehren kann. Ich bin nach Paris 12* — 180 gekommen, um einen Ueberſetzer meiner Lieder ins Franzöſiſche zu ſuchen. O dieſe Menſchen! Unter dem Vorwande, mir einen Verleger zu ſuchen, hatten ſie mir meine letzte Baarſchaft abgelockt. Ich hatte Schuhe ohne Sohlen an und ſtand im Temple vor einem Trödlerladen, wo ein paar Stiefel mit wunderſchönen dicken Sohlen lagen. Ich dachte mir, wie ſchön es ſich in dieſen Stiefeln gehen müßte, und nahm ſie in die Hand, und es jammerte mich, daß ich kein Geld hatte. Inzwiſchen war mir der Text zu einem neuen Liede eingefallen nach der Melodie: Ein' feſte Burg iſt unſer Gott. Ich ſpürte die Näſſe meiner Füße und den Regen des Himmels nicht mehr, ſondern ſang meinen Text vor mich hin und ging weiter. Erſt einige Häu⸗ ſer von dem Trödlerladen bemerkte ich, daß ich die Stiefel noch immer in der Hand hielt. Erſchreckt wollte ich umkehren, aber ſchon lief ein gottloſer Hebräer hin⸗ ter mir drein und ſchrie, ich hätte ihn beſtohlen. Die Menſchen liefen zuſammen und ein leichtgläubiger Stadtſergent führte mich hierher und ich werde wohl hier bleiben müſſen, bis das Mißverſtändniß aufge⸗ klärt iſt.“ „Höchſt wahrſcheinlich.“ Das bekannte Raſſeln von Verronière's Schlüſ⸗ ſelbund hatte eine Menge Neugieriger an die 5 5. 181 Thür gelockt. Auch Stanowsky ſchaute aufmerkſam nach dieſer Richtung, denn er hoffte von Minute zu Minute anf ſeine Befreiung. Die ſchwere eiſerne Thür öffnete ſich raſſelnd, und mit zerfetzter Livree, das Geſicht faſt unkenntlich von Blut und Beulen, erſchien Vingris und ſtarrte mit blöden Augen in den Raum. Vingris' Ausſehen bot das beredteſte Zeugniß, daß er ſich nicht ohne langen und harten Kampf den ihn von rückwärts packenden Fäuſten Carlot's ergeben hatte. In der That lag der Häſcher noch ärger zer⸗ bläut als Vingris zu Hauſe, und der Mann mit der Nelke ſtattete ſeinen Bericht über den wichtigen Fang mit einer Naſe ab, welche ein Fauſtſchlag Vingris' aus allen ihren bisherigen Schranken gedrängt hatte. Nur der vorſichtige Jean Battiſte war mit heiler Haut aus dem Kampfe hervorgegangen. Beaupas war näm⸗ lich bei dem Geräuſch des Kampfes in ein leeres Wein⸗ faß gekrochen, an dem eine Daube fehlte, und dann, als Alles vorüber war und Vingris gebunden am Boden lag, mehr todt als lebendig daraus hervorgezogen worden. Die beiden Verſchwörer waren zunächſt auf den Poſten gebracht und dort geſondert eingeſperrt wor⸗ den. Barbé hatte noch in ſelber Nacht ſeine Meldung erſtattet, und die mit der orleaniſtiſchen Angelegenheit 182 betrauten Beamten waren durch die Abenteuerlichkeit derſelben bereits mit ſchlimmen Ahnungen erfüllt wor⸗ den. Ordnungsgemäß jedoch wurden Beaupas und Vingris ins Depot abgeliefert. Das Erſtaunen Beau⸗ pas' grenzte an Wahnwitz, als er Seite an Seite mit 1 ſeinem Todfeind in eine Droſchke geſetzt und nach der Präfectur gefahren wurde. Beaupas hatte, ſoweit in dem verzweiflungsvollen Wirrwar ſeines Gehirns ein beſtimmter Gedanke ſich Bahn brechen konnte, Vingris als die Urſache ſeiner Verhaftung angeſehen. Vingris war früher aus dem Keller fortgeſchleppt worden als er und er bekam ihn nun im Wagen zum erſten Mal, ſeit er vor ihm aus der Wirthsſtube geflohen war, wieder zu Geſicht. Vingris, der ſich gegen die Ver⸗ ſchwörer zu vertheidigen glaubte und ſich in dem Po⸗ lizeigefängniß des Quartiers wiederfand, war am Ende des Staunens angelangt. Wenn ſein Vater, der Ober⸗ ſenn von der Braunalm, oder der hochwürdige Prälat von Einſiedeln plötzlich neben ihm geſeſſen, er hätte ſie wahrſcheinlich mit derſelben ſtumpfen Gleich⸗ gültigkeit in dem verſchwollenen Geſichte angeſtiert. In— des Weinhändlers Gehirn dämmerte zuerſt ein Verſuch zur Beurtheilung ſeiner Lage. Er hatte in ſeinen Mußeſtunden ſich genug mit der zeitgenöſſiſchen Lite⸗ ratur beſchäftigt, um aus verſchiedenen ſpannenden 183 Romanen zu erfahren, welche diaboliſche Mittel die Tyrannen aller Zeiten oft angewendet hatten, um wich⸗ tige Verbrecher zum Geſtändniß zu bewegen. Beau⸗ pas hatte die grauenhafte Geſchichte der Inquiſition geleſen, und ſo erſchrecklich Vingris zugerichtet war, in dem engen Gehirn des kleinen Weinhändlers ſtand es alsbald feſt, daß dies Alles nur Verſtellung und der furchtbare Portier ihm beigegeben ſei, um jede ſeiner Mienen zu überwachen. Beaupas beſchloß ſtill zu ſein wie das Grab, er biß die Zähne zuſammen, aber nicht lange, dann ſchlug ſie die Angſt wieder klappernd auf einander. Seine erſte Bewegung, als er gemeinſam mit den Portier in das Gefängniß der Präfectur geſchoben wor⸗ den, war denn auch, mit wildem Blick und geſträubten— Haar in die der Thür entgegengeſetzte Ecke ſich zu drän⸗ gen und von dort aus alle Bewegungen ſeines Feindes zu beobachten. Der entgegengeſetzte Proceß ging im Kopfe des Portiers vor. Durch die raſche Folge unverſtandener Ereigniſſe war ihm der letzte Reſt von Energie ver⸗ loren gegangen, er dachte nicht mehr an die Verſchwö⸗ rung, die er belauſcht, nicht mehr an ſeinen Verdacht gegen Beaupas, ſondern ſah, umgeben von all den wüſten Schrecken, in jenem das einzige Bekannte, das 184 ſeine Verbindung mit jener Welt berſtellte, die er ſo plötzlich und überraſchend verlaſſen hatte. Wie ein furchtſames Kind hatte er ſich daher bereits im Wa⸗ gen an den Weinhändler gedrängt, eine Berührung, welcher jener mit tiefſtem Entſetzen auswich. Beim Eintritt ins Gefängniß war der kleine Weinhändler von des Portiers Seite verſchwunden, dieſer ſuchte ihn ängſtlich mit den Augen, hatte ihn endlich entdeckt und ging auf ihn zu. In einem Paroxysmus von Angſt ſtreckte Beau⸗ das die Hände aus und zog die Beine empor bis an das Kinn, ſeine Augen öffneten ſich rund und weit und ſeine Haare ſtanden borſtig und geſträubt vom Kopfe ab. Und immer näher ſchleppte ſich der ſchreckliche Portier heran. Stanowsky und die übrigen Gefange⸗ nen ſchauten erſtaunt auf das ſeltſame Schauſpiel. Sie ſahen, wie der kleine Weinhändler mit den ſelt⸗ ſamſten Grimaſſen ſpuckte und Hände und Füße in der Richtung gegen die ſich nähernde Geſtalt in die Luft ſtieß. Da klirrten abermals die Riegel. Stanowsky wendete ſich um und prallte zurück, an der Seite eines Präfecturbeamten, der ihm achtungsvoll zur Linken ging, trat der Baron Mondeélion ein. 185 „Rechts und links in Linie, marſch!“ ſchrie Verronière, indem er ſeine invalide Stimme zur höch⸗ 4 ſten Anſtrengung zwang und mit ſeinem Schlüſſelbund 1 den Wirbel der Tambours nachahmte Die Gefangenen rangirten ſich ſchweigend. Auch Vingris und Beaupas wurden in die Reihe ge⸗ ſtoßen. „Wenn Ihr verſchwundener Portier ſich hier be⸗ 6 findet, ſo kann dies ſicherlich nur durch ein Mißver⸗ ſtändniß der Fall ſein“, ſagte der Beamte verbindlich, und auf ſeinem verlegenen Geſichte hätte ein Einge⸗ 4 weihter unſchwer leſen können, daß die Vertreter der vollkommenſten Inſtitution des Kaiſerreichs mit ihrer orleaniſtiſchen Bewegung wieder einmal gründlich ge⸗ foppt worden waren. In der Ecke fanden ſie den unglücklichen Portier. Blos an den Fetzen der Livree erkannte ihn ſein Herr wieder. Vingris fiel ſchluchzend auf die Kniee, als er ſeinen Herrn erkannte. Mondélion betrachtete den ihn begleitenden Be⸗ amten mit ſtrenger Frage. „Achtung!“ commandirte Verronière. Baron Mondélion ging an der Seite des Be⸗ amten die Reihe links hinunter. Mondélion ſah ſehr ernſt aus und ſeine Züge waren ſchärfer als ſonſt. V 186 Der Beamte zuckte die Achſeln. „Wahrſcheinlich Trunkenheit oder Straßenexceß. Der Fall wird unterſucht und, ſollte ein Uebergriff der Sicherheitsbeamten ſtattgefunden haben, ſtreng geahn⸗ det werden.“ Derart waren die Verſicherungen des Beamten. Mondelion lächelte etwas verächtlich. Jedermann in Paris kannte die Gerechtigkeit der Polizei gegen ihre eigenen Leute. „Kann der Arme mit mir gehen?“ Der Beamte verneigte ſich verbindlich. „Gewiß! Auf Ihre Reclamation und Bürgſchaft hin ſofort.“ „Komm!“ An der Seite ſeines Dieners ſchritt Baron Mon⸗ délion nach dem Ausgang. Da zuckte er zuſammen. Einer der Lichtſtreifen, die aus den engen Luken lang durch den dämmerigen, dunſtigen Raum fielen, be⸗ leuchtete grell eine hohe Geſtalt unter den übrigen Ge⸗ fangenen. Es war Stanowsky. Seine Zlicke begegneten herausfordernd dem überraſchten Auge des Barons, ſeine Mundwinkel waren höhniſch herabgezogen. Mondelion ging ſchweigend vorüber. Er brauchte nicht zu fragen, er wußte Alles. Stanowsky ſchaute * ihm ſpöttiſch nach. So blickt das triumphirende Ver⸗ brechen— er haßte den Baron. Die Thür hatte ſich hinter dem Baron und Ving— ris geſchloſſen, als ein gellendes Lachen den Raum erſchütterte. „Nieder mit dem Kaiſer! Es lebe das Haus Or⸗ leans, es lebe die ſociale Republik!“ Mit dieſem Ruf und das Geſicht ſeltſam verziehend war Poère Beau⸗ pas ſeinem Nebenmann an die Kehle geſprungen und ſchlug unbarmherzig auf ihn los. „Ein Verrückter! Ein Verrückter!“ Die Gefangenen polterten gegen die Thür. Sie öffnete ſich und Verronidre erſchien, eine bombaſtiſche Rede im Halſe. Ehe er ſie jedoch beginnen konnte, hatte Pere Beaupas ihn bereits überrannt und ſtürzte mit gellendem Lachen die Treppe hinab. „Ein Mann ausgebrochen!“ brüllte Verronière in das Sprachrohr und warf die Thür ins Schloß, um die ſich die Gefangenen mit unheimlichem Murmeln drängten. Nach einer Weile erſchien Verronière wieder in der Mitte von zwei Gendarmen, in der Hand trug er ein Papier, von dem er eine Reihe Namen ablas. Stanowsky zitterte vor Erregung. 188 „Le nommé Etienne Stanowsky!“. Stanowsky ſtreckte den Hals weit vor und ſeine Augen ſprangen faſt aus den Höhlen. „Alle, die ich eben aufgerufen habe“, fuhr Verro⸗ nière mit militäriſcher Umſtändlichkeit fort,„mögen ihre Effecten in Ordnung bringen, in einer Viertelſtunde gehen ſie mit dem Transport nach Mazas.“ — Ende des dritten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. ́́·ů]ůᷓᷓͤͤ“ 8 5 4 5 3 * euuunuuunuuuaunuuaaumummuuna 7 9 10 11 12 13 14 15 16 18